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J ,J
Boston
Medical Library
8 The Fenway,
r.
"1
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^81 (Serie XVII, Heft I) Gynäkologie Nr.
Sammtung
Klinischer Vorträge
begründet von Riqhard von Volkmann
Neue Folge
herausgegeben von
O. Hildebrand "^
Friedrich Müller und Franz von Winckel
Frauenleben und -leiden am Äquator
und auf dem Polareise
von
Prof. Dr. F. v. Winckel
München
1908
Verlag von Johann Ambrosius Barth in Leipzig
Dörrienstraße 16
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_1-, IM «C/\ C"l~— 1~-.-»-
Sdlipyrin
das seit 18 Jabren auf das beste bewSbrte Speziflkum gegen Influenza
leistet aucb ausgezeichnete Dienste bei
211 reicMicber inett$frttation m
M mettstrttdtiotis-Bescbwerdeii
jedes, auch des klimakterischen Alters. (Dosis: Dreimal täglich ein
Gramm.) Vom Beginne der Menses gebraucht, fibertrlfft Salipyrin weit
die Seeale- und Hydrastis- Präparate, indem es die Dauer und Stärke
der Menstrualblutung ganz erheblich vermindert. — Sehr schätzens-
wert ist dabei zugleich die nervenberuhfgende Wirkung des Salipyrins,
das frei von schädlichen Nebenwirkungen ist. Eingehende Unter-
suchungen in den Frauenkliniken von Prof. Dr. Löhlein-Gießen f, Prof. Dr.
Martin-Berlin und Privatdozent Dr. Beuttner-Genf u.a. haben die Be-
deutung des Salipyrlns bei Gebftrmutterblutungen bestätigt.
Scopotnorpbin
(Scopolamin — Morphin)
zeigt von den seitherigen Handelspräparaten in physiologischer Hinsicht die
reine Scopolaminwirkung ohne Nebenwirkung. Nach den Veröffentlichungen
:: :: hervorragender Ärzte mit außerordentlichem Erfolge angewendet :: ::
1. zur Totalnarkose (Scopolamin -Narkose nach
Korff),
2. zur Halbnarkose,
3. als Analgeticum und Sedativum zur Beruhigung
Aufgeregter, zur Schmerzstillung, nament-
lich bei inoperablen Karzinomen*
liquidum
tbiol
siccum
zum Aufpinseln, bildet auf der Haut einen
elastischen unschwer abwaschbaren Firnis.
zum Aufstreuen, ist ein braunes Pulver, wel-
ches zu Trockenverbänden angewendet wird.
Hervorragendes Heilmittel der Schwefel-Therapie (Thioi enthält ca. 12o/o
Schwefel) sowohl bei Hautleiden, Verbrennungen, Gicht und Rheumatis-
mus, als auch besonders bei
Frauenleiden.
Bei den verschiedenartigsten entzündlichen Reizzuständen des Genital-
traktes kommt Thiol mit bestem Erfolge zur Anwendung. Es hat sich als
ein schmerzlinderndes und die entzündliche Reizung beseitigendes
Mittel erwiesen. Eine angenehme Nebenwirkung ist die adstringierende
Tiefenwirkung auf die Schleimhaut. Spezielle Indikationen: Peritonale
Reizungen, Endometritis, Erosionen, para- und perimetrische Exsudate,
Parametritis, Pruritus vulvae, Mastitis, Rhagaden der Brustwarzen usw.
Zur Anwendung gelangen: Thiol liquid,, Thiol-Tampons, Thiol-Glycerin,
Thiol-Collodium, Thiol sicc, Thiol mit Adeps benzoatus,
Thiol hat einen angenehmen, schwach an Thiol Ist beständig in seiner Zusammensetzung,
Juchten erinnernden Geruch und läQt sich wasserlöslich, ungiftig und löst keine Reiz-
aus der Wäsche leicht entfernen. eracheinnngen aus.
Literatur und Proben stehen den Herren Ärzten kostenlos zu Diensten.
J.D. RIEDEL A..G., BERLIN N.39.
/(Sff
(Gynäkologie Nr. 175.)
Frauenleben und -leiden am Äquator und auf
dem Polareise.
Von
F. V. Winckel,
München.
Seit das Deutsche Reich einen großen Kolonialbesitz erworben
hat, hat es auch die Pflicht übernommen^ sich zunächst mit den zahl-
reichen Völkerschaften) die diese Kolonien bewohnen, genau bekannt
zu machen. Wir stehen jetzt erst in den Anfangen dieser Kenntnisse
und das, was wir bisher von denselben erworben haben, ist herzlich
wenig. Dabei ist das uns bereits Bekannte auch nur zum kleinsten
Teil durch Ärzte, zum größten Teil dagegen durch Reisende, Missio-
nare, Kaufleute, Farmer und Offiziere erworben und recht häufig,
namentlich was ärztliche Angaben betriift, auf Mißverständnissen be-
ruhend. Immerhin bildet es eine Basis, von der die weitere For-
schung ausgehen muß; jedes Erforschen ist nur eine Stufe zu etwas
Höherem. Es ist nun interessant zu beobachten, wie die vorhin er-
wihnten Laien bei ihren Wahrnehmungen sich oft auch eingehend
mit dem weiblichen Teil jener Völkerschaften beschäftigt haben und
uns in ihren Schriften eine Menge von Tatsachen, die zur allgemeinen
Gynäkologie gehören, mitgeteilt haben. Ich denke dabei namendich
an die Publikationen des Grafen Joachim Pfeil, Studien und Beob-
achtungen aus der Südsee, Braunschweig 1809, welche sich auf die
Kanaken beziehen, ein Volk, welches noch heutzutage in der Steinzeit
id>t. Mir schweben femer vor die Wanderungen und Forschungen
im Nordhinterlande von Kamerun, die Franz Hutter, ein baye-
Klla. Vortrige N. F. Nr. 481. (GynUologie Nr. 175.) Mal 190& 16
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212 F. V. Winkel, [2
rischer Artilleriehauptmann, bei einem hochkultivierten Negervolke
1801—1803 machte und 1902 publizierte. Mit diesen beiden Schrift-
stellern und ihren Beobachtungen an am Äquator lebenden Völkern
möchte ich dann die Beobachtungen von Schliephake (1885),
V. Nordenskjöld (1886), Nelson (1899), Nansen (1903) und Amund-
sen (1907) an den Frauen der arktischen Zone vergleichen, da die
letzteren, die Eskimos, zum größten Teil auch noch i(i der Stein-
zeit leben und die Bedingungen für ihre Existenz und ihr Fortkonimen
so außerordentlich von denen jener äquatorialen Völker verschieden
sind, daß man a priori die Einwirkung des Klimas, des Lichtes, der
Ernährung und Kleidung, der Beschäftigung, der Bewegung zu er-
kennen vermuten könnte, und jedenfalls gewaltige Verschiedenheiten
zwischen jenen und diesen in jeder Beziehung für sehr wahrschein-
lich halten könnte, was aber, wie wir bald erkennen werden, keines-
wegs den Tatsachen entspricht.
Beginnen wir zunächst mit dem Werke von Franz Hutter,
welches von Forschern wie Wißmann als ein ganz ausgezeichnetes
anerkannt worden ist, so hat derselbe, obwohl er auch kein Arzt,
sondern ein Laie ist, eine Menge trefflicher sozialer, anthropologischer
und ethnographischer Wahrnehmungen in den Jahren 1891 — 1893 in
jenen Ländern gemacht.
Es liegt auf der Hand, daß bei dem Verkehr mit wildfremden
Völkern die Heilkunde immer eine große Rolle spielen muß, und
daß diese gerade in Krankheiten bei dem Fremden Hilfe und Rettung
suchen. So wurde denn auch Hutter bei einer großen Ruhrepidemie
im Balidorf im Jahre 1892 Tag für Tag zu solchen Kranken geholt
und ist von Haus zu Haus mit Opium und Dowerschen Pulvern, mit
Milch und Liebigs Fleischextrakt und mit Karbolsäure zur Desinfektion
gewandert. Ja, noch mehr, eines Tages erschien ein hochschwangeres
Weib in seiner Hütte mit der Bitte, er solle ihr bei ihrer Nieder-
kunft helfen. Darauf hatte er sich zu Hause nun doch nicht vor-
bereitet und so sagte er ihr denn auch, daß er davon nichts ver-
stünde. Aber schon seine Gegenwart beruhigte jene und so bat sie
ihn, gleichwohl in seinem Hause bleiben zu dürfen. Nachdem ihr
dieses gestattet, ging die Geschichte vor sich unter seiner passiven
Assistenz, was, wie er selbst meinte, wohl das beste war.
Ehe wir aber feststellen, was Hutter in anthropologischer, ethno-
graphischer, ärztlicher und gynäkologischer Beziehung uns Neues ge-
bracht hat und wir seine Beobachtungen an der Negerin mit den-
jenigen des Grafen Pfeil an der Kanakin vergleichen, müssen wir
einige geschichtliche Daten vorausschicken: Am 14. Juli 1884 hißte
Dr. Gustav Nachtigal als Reichskommissär tinter dem Donner der
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3] Frauenleben und -leiden am Aqu^^tor und auf dem Polareise. 213
Kanonen der »Möwe"* am Kamerunflusse die deutsche Flagge und
stellte damit dieses Gebiet unter Schutz und Oberhoheit des deutschen
Kaisers. Nachdem der Kaufmann Robert Flegel 1870, 1882—1885
verschiedene Reisen auf dem Benue gemacht hatte, wurden von
Dr. Eugen Zintgraff 1886, 1887—1889 und 1891—1893 drei Expedi-
tionen in das Nordhinterland von Kamerun unternommen, deren erste
1886 die Inangriffnahme- der Erforschungen der unbekannten Hinter-
lander NordlLameruns begann, deren letzte aber durch die siegreichen
Batut- und Bandeng-Aufstände fast vernichtet wurde. Infolgedessen
schickte das Auswärtige Amt den Hauptmann Hutter mit Waffen und
Munition zu seiner Hilfe. Dieser traf im Juni auf der Barombistation
mit Dr. Zintgraff zusammen. Hier wurde der Plan zu einem neuen
Vordringen nach der Station Bali bürg entworfen, von der Zintgraff
vertrieben worden war. Dieser Zug gelang ihnen und sie trafen am
25. August 1891 wieder in Baliburg ein, so daß Hutter, nach Ein-
richtung der Station von Anfang des Jahres 1892 an, seine wissen-
schaftlichen Beobachtungen daselbst anstellen konnte. Leider aber
wurden diese bereits am 1. Januar 1893 auf Befehl des Auswärtigen
Amtes wieder abgebrochen und der Rückmarsch zur Küste angetreten.
In dem ganzen Werk von Hutter ist nun bloß vom Nordhinter-
land von Kamerun, vom Monga-Maloba bis zum Benue die Rede.
Hutter macht mit Recht darauf aufmerksam, daß gründliche und
richtige Einblicke in ethnographische, kulturelle, soziale und sprach-
liche Verhältnisse nur durch monate- und jahrelange Arbeiten auf
einer Station zu erwerben seien. Auf dem Marsche käme natur-
gemäß nur die geographische Forschung, insbesondere die Wege-
aufnahme zustande, das übrige werde höchstens auf Grund von Er-
zählungen und Ausfragen der Eingeborenen ermittelt, ohne es durch
persönliche Beobachtungen und Vergleichungen auf seinen Wert und
Unwert prüfen zu können. Er unterscheidet weiter die hinter der
Küste gelegene Waldlandschaft mit ihren hohen Temperaturen^
ihrem feuchten Boden, ihren schlechten Wegen durch den Urwald
und sein Dunkel von der höher gelegenen Qraslandschaft, wo der
Urwald geendet hat, mannshohes Gras, ein harter Boden, eine dich-
tere, höher kultiviertere und gesündere Bevölkerung sich befindet, in
deren Mitte die Station Baliburg liegt. Bei Schilderung derselben
wendet er sich zunächst zur Besprechung und Widerlegung zahlreicher
falscher Vorstellungen über den Körper und Geist des Negers,
die meist in der Oberhebung der weißen Rasse ihren bewußten oder
unbewußten Grund hätten. Der Neger sei durchaus nicht so häßlich,
wie allgemein angenommen werde, sein Körper sei unverhüllt und
lasse sich mit seinen schönen Formen ebenso wie mit seinen
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214 F- V. Winckel, [4
brechen leicht fibersehen undHutter sagt, er stehe nicht an, gerade-
zu zu behaupten: der vorurteilsfreie Vergleich eines geistig und körper-
lich gut entwickelten Vertreters aus dem Volke eines weißen (kauka-
sischen) Stammes und eines geistig und körperlich gut entwickelten
Vertreters eines der Hochlandstämme im Hinterland von Kamerun-
falle nicht zum Nachteile des Letzteren aus. Vergleiche er aber
minderwertige Repräsentanten der beiden Farben, so komme er zu
demselben Ergebnis, wovon er nur die Kfistenbevölkerung, die Dualla,
ausnehme.
Je weiter Hutter ins Innere vordrang, um so mehr wuchs die Be-
völkerungsdichtigkeit — auf 100 km 10000, auf den nächsten 70km
20000 — und auch die eigene, nicht dem Weißen abgelernte und
abgeschaute Kultur.
In anthropologischer Hinsicht bemerkt Hutter als auffallend
die geringe Breite der mittleren Körperpartie um Hüften
und Becken, namentlich beim weiblichen Geschlechte, so daß man,
hinter einer Anzahl Neger gehend, auf den ersten Blick die beiden
Geschlechter nicht zu unterscheiden vermöge.
Die bei den Männern oft so stark entwickelte Nackenmuskulatur
sei ebenso wie das häufig fibermäßige Hervortreten des Unterleibs
bei Weibern und Kindern und die damit vielfach verbundene starke
Krümmung der Wirbelsäule, eine Folge frühzeitiger, starker Arbeit
und schweren Tragens.
Die Ausdünstung des Waldlandnegers sei ihm, wenn derselbe
nicht schwitze, nicht aufgefallen; wenn er aber schwitze, so sei der
Geruch ein widerlich süßlicher; übrigens sei der Schweiß auch bei
den Weißen bekanntlich nicht wohlriechend; ferner sei der Neger im
Wald- und Grasland sehr reinlich: wo immer nur ein Bächlein riesle,
ein Tümpel sich finde, da bade und plätschere groß und klein
fleißig und mehrmals des Tages, während bei uns doch die Wasser-
scheu in breiten Schichten der IBevölkerung herrsche.
Im Gegensatz zu den Negern fand Graf Pfeil bei den Kanaken
völligen Wassermangel, da auf den kleinen Inseln des Bismarck-
archipels überhaupt keine Quellen sind und die Bewohner das
wenige Wasser, welches sie benötigen, dadurch erhalten, daß sie in
der Nähe des Strandes Löcher in den Sand graben, in die langsam
ein wenig Seewasser einsickert. Es wird dadurch filtriert und seines
Salzgehaltes beraubt, behält aber trotzdem einen so unangenehmen
Geschmack, daß es für Europäer völlig ungenießbar ist. Hieraus er-
klärt er auch die große Unsauberkeit der Kanakin und ihr ge-
ringes Reinigungsbedürfnis, womit übrigens ihr öfters von ihm er-
wähntes Baden in der See nicht recht übereinstimmt.
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5] Frauenleben und -leiden am Äquator und auf dem Polareise. 215
Die Ansiedelungen im westafrikanisclien Urwalde, wozu natürlich
aucli die Pflanzungen, die Farmen, gerechnet werden müßten, seien
nach Hu tt er so recht deutlich ein Gegenbeweis gegen die gedanken-
lose Mär von der Faulheit des Negers; sie widerlegten aufs gründ-
lichste die Redensart, daß in den Tropen den Leuten alles einfach in
den Mund wachse. Die Ansiedler hätten von jeher schwer arbeiten
müssen und müßten es auch jetzt noch, zumal mit ihren primitiven
Messern und Äxten.
Als Beweis der Reinlichkeit der Neger schildert Hutter auch die
Anlage und Benutzung ihrer Aborte. An verschiedenen Stellen
seien lange Schneusen in den Wald gehauen, an deren Enden lange
Baumstämme auf dem Boden oder auf niedrigen hölzernen Gabeln
lägen; dahinter befanden sich meist tiefe Gruben, also genau wie die
Latrinenanlagen bei unseren Truppenbiwakplätzen. Aber die Art und
Weise der Benutzung habe ihn, als er sie das erstemal gesehen, in
einen minutenlangen Lachanfall versetzt. Sie fände nämlich nicht in
der bei uns gebräuchlichen Art statt, sondern Männlein und Weiblein
durcheinander stiegen rücklings vorsichtig und bedächtig hinauf, um
dann, glücklich oben angelangt, die Hockstellung mit tiefer Kniebeuge
einzunehmen. Wie Spatzen auf einem Telegraphendraht habe ihn so
ein Gruppenbild angemutet. Übrigens sei in jedem Graslandgehöfte
ein großer Lehmtopf eingegraben, der, mit Gras bedeckt, von Zeit
zu Zeit in den Bach oder sonstwohin entleert werde.
Als auffallend bezeichnet Hutter die Scheu des Negers, dem
Weißen beim Essen zuzusehen; wolle man sich von der oft so lästi-
gen Neugier der Eingeborenen befreien, so brauche man nur An-
stalten zum Essen zu treffen: sofort ziehe sich alles zurück. Auch
würden nach den Mahlzeiten sorgfaltig die Zähne gestochert und
sehr häufig noch des weiteren durch Reiben mit Holzstückchen ge-
säubert.
Die Tätowierung kommt bei den Weibern derBanyangs ebenso
wie bei den Männern, aber ausnahmslos in ornamentaler Art vor;
in gleicherweise fanden sie Graf Pfeil und Meyer und Parkin-
son bei den Kanakinnen. Aber während die Kanakin ihre Zähne
meist grundlich schwärzt und es besonders modern bei derselben ist,
die der rechten Seite des Ober- und der linken Seite des Unterkiefers
zu schwärzen und die anderen weiß zu lassen und umgekehrt, fand
Hutter bei den Negerinnen keine Spur von Färbung, dagegen wurden
ilinen die oberen Mittelzähne ausgebrochen und vielfach die beiden
unteren Mittelzähne zugespitzt«
Was Nachtigal von den Baghirmis sagt, hebt Hutter auch
von den Balinegern hervor: daß sie psychisch und intellektuell aus->
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216 P« V. WiiKjkel, [Ö
gezeichnet veranlagt seien > und daß kein Gedanke an irgendwelclie
körperliche oder geistige Minderwertigkeit oder Vernachlässigung
seitens der Natur aufkommen könne.
Es komme bei den Negern Sklaverei vor, aber die Form der-
selben sei milde, das gehe schon aus der Sitte hervor, die Sklaven
in eigenen Dörfern wohnen zu lassen. Auch hier habe die Haus-
sklaverei ein patriarchalisches Verhältnis angenommen. Man dflrfe
überhaupt die Bewohner eines Landes, in dem die Eltern ihre Kinder
zum Verkauf als Sklaven anböten, wie Hutter selbst es einige Male
im Waldlande erlebte, nicht mit unserem bisweilen übertriebenen
Gefühlsmaßstabe messen. Sklavenjagden gäbe es nicht, nur Einzel-
verkauf und Wegfangen einzelner, sowie Verwendung kriegsgefange-
ner Männer und Weiber; wobei aber zu bemerken sei, daß die Kriege
nicht zu diesem Zweck geführt würden.
Übrigens herrsche im Kriege Mordgier und Beutelust, Weiber und
Vieh würden weggeschleppt und Hutter beobachtete, wie auf dem
Marktplatze eines erstürmten Dorfes zwei Balikrieger sich um ein
Weib rauften, der eine zog sie am Arme, der andere an ihren Beinen.
Dabei war dem einen durch einen furchtbaren Hieb das ganze Ge-
sicht zerfleischt, der andere aber hielt sich mit der einen Hand die
aus einer breiten Bauch wunde hervorquellenden Eingeweide, ihre
Beute aber ließen sie nicht fahren.
Menschenfresser sind die Balineger nicht, während die Kanaken
in der Tat noch das Menschenfleisch mitsamt ihren Frauen als eine
große Delikatesse betrachten.
Die tödlichste Beleidigung, die der Bali seinem Gegner zufügen
könne, sei die Drohung, daß er die Geschlechtsteile seiner Eltern
verstümmeln werde, offenbar damit letztere unfähig gemacht würden,
nochmals einen solchen Menschen hervorzubringen.
Noch eine den Negern überhaupt aufoktroyierte Eigenschaft be-
spricht Hutter, und das ist der ihm angeblich innewohnende über-
mäßige Geschlechtstrieb. Bei den ihm bekannt gewordenen
Stämmen sei derselbe jedenfalls nicht vorhanden gewesen. Auch
hierin dürften wir uns nicht über den Schwarzen höherstehend dünken,
jener sei eben, wie bei uns auch, individuell verschieden.
Unter den vielen Momenten, die dem Europäer in den Tropen
besonders gefährlich seien, deren Opfer meistens dem sogenannten
tückischen Klima aufgebürdet würden, nennt Hutter besonders den
übermäßigen Alkohol- und Geschlechtsgenuß. Er sei, sagt Hutter,
kein Mäßigkeitsvereinler und ein guter Bayer, aber gerade das schwere
bayerische Exportbier halte er für das tödlichste Gift unter den Tropen.
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7] Frauenleben und -leiden am Äquator und auf dem Polareise. 217
Ein mäßiger Genuß von Alkohol sei als anregendes Mittel in den
sudliclien Breiten bisweilen nützlich, sogar notwendig.
Von jeher war das Klima der westafrilLanischen Küste berüchtigt
und gefürchtet wegen des so oft tödlichen Fiebers, der Malaria. Die
Gefahr desselben, meint Hutter, werde allerdings überschätzt, da
hauptsächlich die ungesunde Lebensweise des Europäers die Schuld
an derselben trage, dann aber auch die Unvorsichtigl^eit, längere Zeit
sich ohne KopfbedeclLung den senkrechten Strahlen der Äquatorial-
sonne auszusetzen. — Eine ebenfalls in den westafrikanischen Tropen
recht häufig vorkommende Krankheit ist die Ruhr, die stets bedenk-
lich und ernst zu nehmen sei, auch weil sich nicht selten ein Fieber-
anfall dazu gesellt. Sie herrsche auch unter den Negern nicht selten
epidemisch, und 1802 fielen ihr im Februar und März vom Bali-
stamme unter 6000 Köpfen nicht weniger als 600 Leute zum Opfer.
In dritter Reihe sind nach Zahl und Häufigkeit ihres Auftretens
im Innern Kameruns Hautkrankheiten mannigfacher Art, fast die erste
Stelle einnehmend, von denen Hutter auch oft in qualvoller Weise
heimgesucht wurde. Auch bei den Kanaken kommen Malaria,
Dysenterie, Hautafl^ektionen, wie wir durch Graf Pfeils Werk er-
fahren, recht häufig vor.
Wenn Hutter beobachtet zu haben glaubte, daß bei beiden Ge-
schlechtem der Neger Nabelbrüche sich häufig fänden, so werden sie
ihm wohl wegen der mangelnden Bekleidung häufiger aufgefallen
sein, da der Europäer auch recht oft daran leidet, sie aber verdeckt
trägt
Mißbildungen des ganzen Körpers wie Höcker, Verwachsungen
u. dgl. sah Hutter beim Neger nie, wohl aber öfter Elephantiasis
scroti mehrmals bis zur Größe eines Kürbis; merkwürdig, daß er
dieselbe nicht auch an den weiblichen Genitalien beobachtete. Einige-
mal fand er bei beiden Geschlechtern stets zwischen der großen und
der zweiten Zehe eine sechste Zehe, aber ohne Nagelglied. — Krebs
htnd Hutter einige Male im Banyangland bei den Frauen an den
Brüsten, bei den Männern an der Nase. Daß Geschlechtskrankheiten
existierten, schloß Hutter aus der Anwendung pflanzlicher Mittel
gegen dieselben, jedoch sollen sie nur leichteren Grades sein, wahr-
scheinlich Gonorrhöe, wogegen die Banyangs einen Absud der
Blätter des Waldbaumes, genannt Ndakwa, verwendeten.
Gegen Erkältung wird Pfeffer gekaut und gegessen. Gegen
Unterleibsbeschwerden wird heißes Palmöl innerlich und äußerlich
gebraucht und außerdem werden Klistiere in einer nachher zu schil-
dernden Weise gesetzt.
Bei der Ruhr suchen die Neger durch Tanz, Geschrei undLärm-
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218 F. V. Winckcl, fg
machen mit allen möglichen Instrumenten die ,,Krankheit in den
Busch zu jagen"*,
Palmwein, Palmöl und Kolanuß spielen bei verschiedenen Krank-
heiten eine große Rolle, außerdem aber auch Umschnürung und Ab-
schnfirung des erkrankten Gliedes; dann ferner Bähungen mit dem
Mist der Haustiere.
Skarifikationen werden an der linken Seite gegen Milzvergröße-
rung ausgeführt und Schröpfen mit Aufsetzen von kleinen Antilopen-
hörnchen; die Blutung wird durch Auflegen von Mist gestillt.
Die allgemein übliche Beschneidung der Knaben wird erst im
Alter von 10—12 Jahren vorgenommen und die Wunde gleichfalls mit
Mist verbunden.
Von einer Kaste von Ärzten oder Medizinmännern existiert bei
den Balis nichts, wohl aber eine große Menge abergläubischer Ge-
bräuche, die den bei uns noch oft angewandten Sympathiemitteln in
vieler Beziehung gleichen.
Die Hauptfeinde des Menschen aus der Tierwelt sind nicht
die Leoparden, Elefanten, Krokodile und Schlangen, sondern die
Ratten, Ameisen, Sandflöhe und Fliegen. Namentlich die Sandfiöhe
bohren sich heimtückisch unter die Nägel der Zehen, erzeugen dort
Geschwüre und machen den Menschen oft für Wochen vollkommen
marschunfähig. Sie sollen, ein Gastgeschenk Amerikas, erst Anfang
der siebziger Jahre durch ein Schiff an der afrikanischen Westküste
eingeschleppt worden sein.
Nach dieser mehr allgemeinen Einleitung wenden wir uns nun zu
den uns hier am meisten interessierenden Beobachtungen Hutters
an der Wald- und Graslandnegerin und begleiten diese von der
frühesten Kindheit bis zum Tode, indem wir auch hier die Angaben
Hutters mit denen des Grafen Pfeil über dieKanakin vergleichen.
Eine Kindererziehung in unserem Sinne gibt es bei der Negerin
nicht. Die meisten Mütter stillen wohl ihre Kinder selbst, gewöhn-
lich fast ein Jahr; bei den Kanaken werden die Kinder gewöhnlich
bis sie laufen können gestillt, ja manchmal, wenn keine neue
Schwangerschaft eintritt, bis zum vierten Jahre. Nicht selten wird
neben der Mutterbrust noch andere Nahrung gegeben ; so beobachtete
Hutter einmal, wie eine in seiner Nähe hockende, völlig nackte
Negerin ihr Kind fütterte, indem sie ihm bald die Brust reichte, bald
im Munde zerkauten Mais in seinen Mund spuckte. Diese ekelhafte
Sitte des Vorkauens ist nicht bloß bei den Negerinnen beobachtet»
sondern kam vor nicht langer Zeit auch noch bei deutschen Ammen
öfters vor. Graf Pfeil sah im Bismarckarchipel, wie ein Kanake ein
etwa einjähriges Kind mit großen Mengen junger Kokosnuß fütterte, die
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9] Frauenleben und -leiden am Äquator und auf dem Polareise. 219
es gierig verschlang; das Kind verzehrte fast eine ganze Kokosnuß,
ohne die mindeste Verdauungsstörung dadurch zu bekommen. Bei
Unterleibsbeschwerden der Kinder werden ihnen von der Negerin
Klistiere gesetzt, indem sie ein ungefähr 20cm langes, hornähnliches
Holzrohr mit dem spitzen Ende in den After einführen, oben Wasser
hineinschütten und nun, den Mund in den Trichter pressend, statt
einer Spritze aus Leibeskräften das Wasser in den Darm blasen;
ebenso werden auch Erwachsenen Klistiere gegeben.
Zur Arbeit werden die Säuglinge, die noch nicht laufen können,
mitgenommen, indem sie rittlings auf der Hüfte der Mutter oder im Rücken
auf einem um die Stirn derMutter und unter dem kleinen Allerwertesten
führenden Bande getragen, sich mit ihren Händchen an Arm, Schul-
tern und Brust anklammern. Die Kanakin schleppt ihre kleinen
Kinder auch in reitender Stellung auf ihrer Hüfte mit; hier fixiert
durch ein in Form eines Schals um sie geschlagenes, auf der ent-
gegengesetzten Schulter geknüpftes Pandänusblatt. Graf Pfeil be-
merkt dabei, daß, solange die Kanakenkinder klein seien, sie mit-
unter ganz niedlich wären, obwohl sie den Negerkindern in keiner
Weise zur Seite gestellt werden könnten.
Bei den Balinegern überwiegen die Langschädel; doch bezweifelt
Hutter, ob dies von Geburt aus das gewöhnliche sei und nicht
bloß zustande komme, weil es bei den Negerinnen allgemeine Sitte sei,
den kleinen Kindern durch Streichen und steten Druck eine lang-
gestreckte, eiförmige Kopfgestalt zu geben.
Der Eintritt der Pubertät wird bei der Negerin festlich be-
gangen. Sie muß sich um diese Zelt in ihre Behausung zurückziehen.
Dann wird ihr Menstrualblut in einer Schale aufgefangen, die ganze
Verwandtschaft sammelt sich im Gehöft der glücklichen Eltern und
besichtigt in Abwesenheit des jungen Mädchens die herumgezeigten
Beweise.
Bei der Beschneidung der Knaben findet dagegen keine Fesdich-
keit statt, ebensowenig bei der Geburt eines Kindes und dessen Namen-
gebung.
Die Ehe trägt den monogamischen Charakter; daher gibt es nur
eine unter gewissen Zeremonien geheiratete Frau als legitime Gattin.
Die Ehe zwischen Blutsverwandten auf- und absteigender Linie und
zwischen Geschwistern ist verboten, gleiche Bestimmungen gelten
nach Graf Pfeil auch bei den Kanaken. Dem Manne der Negerin
ist der Verkehr mit Sklavinnen gestattet, in der Zeit, während sich
seine Frau der Kohabitation enthält, z. B. während der Regel, während
eines Teils der Schwangerschaft und solange sie ihr Kind stillt.
Nicht gestattet ist dem Manne der Verkehr mit andern verheirateten
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120 F- V. Winckcl, [10
Frauen oder anderen als Sklavenmädchen. Während aber beim
Weibe der Ehebruch schwer, oft mit dem Tode bestraft wird, muß
der Verfuhrer nur eine schwere Buße zahlen. Das Verhalten der Kanaken
ihren Frauen gegenüber hat Graf Pfeil nicht ganz klar dargestellt.
Denn wenn er sagt: Ehescheidungen sind bei ihnen nicht häufig, Ehe-
bruch wird als Unart betrachtet und durch eine Geldbuße bestraft —
so steht damit in Widerspruch seine spätere Angabe: Eheliche Un-
treue kommt im allgemeinen selten vor, weil sie am Weibe mit Todes-
strafe geahndet werden darf und die noch spätere: Die Weiber in
Neumecklenburg hätten das Recht, ihre Gunst vor und nach der
Heirat beliebig zu verschenken, in grellem Widerspruch. Viel-
weiberei ist nach Graf Pfeil bei den Kanaken durchaus die Regel, doch
findet man selten mehr als zwei und kaum je mehr als sechs Weiber
im Besitz eines Mannes. Die Weiber selbst sind durchaus nicht
gegen, sondern für dieselbe, weil ihnen dadurch Teilnehmerinnen
ihrer Arbeit in Garten und Feld erwachsen. Wie tief im Obrigen
die Kanakin unter der Negerin steht, geht aus der Angabe des Grafen
Pfeil hervor, daß es die Miteinwohner eines Hauses gar nicht als
lästig empfanden, Zeugen des geschlechtlichen Umganges von Ehe-
paaren zu sein, während Hutter mehrfach betont, daß der Geschlechts-
akt von den Negern nie in der Öffentlichkeit vollzogen werde.
Die mosaische Forderung der Unberfihrtheit des Weibes kennt
der Wald- und Graslandneger nicht; er bevorzugt bei der Wahl seiner
Gattin sogar ein Mädchen, das bereits Kinder in die Ehe mitbringt,
und urteilt von einer Maid ohne solche Aussteuer ,,Die scheine nicht
liebenswert und fruchtbar zu sein, sonst hätte sie wohl schon einen
Liebhaber gefunden^ ganz wie die oberbayrischen Bauern.
Hutter fand bei den Graslandnegerinnen, im Gegensatz zu dem
federnden, elastischen Gang der Männer, einen steifen unschönen
Gang; dagegen die Gelenkigkeit der Füße und namentlich der Zehen,
welche geradezu als Finger benutzt würden, um Gegenstände vom
Boden aufzuheben, sehr überraschend, ebenso wie die schlanken
Hüften an den meist schön gebauten Körpern der Weihen
Trotz dieser schmalen Hüften solle das Gebären leicht und gut
vonstatten gehen. Ober das Verhalten bei der Niederkunft teilt
Hutter mit, daß bei derselben dem eignen Manne der Zutritt zu der
Hütte der Kreißenden untersagt sei. In dem einen, oben schon er-
wähnten Falle, den Hutter in seiner Wohnung beobachtete, war die
Geburt in etwas mehr als drei Stunden in hocke ndör Stellung be-
endet. Kind und Nachgeburt gingen gut ab. Die Nabelschnur wurde
von der Kreißenden selbst, etwa 25 cm vom Kinde entfernt, mit den
Nägeln abgezwickt und durchgerissen, eine Unterbindung derselben
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n] Frauenleben und -leiden am Äquator und auf dem Polareise. 221
fand nicht statt. Gegen Abend kehrte die Mutter mit ihrem Neuge-
borenen wieder ins Dorf zurück. — Auch hat Hutter nicht selten
gehört, daß Weiber, die in den Farmen von den Geburtswehen über«^
rascht werden, ganz allein gebären und an dem gleichen Tage mit dem
Kinde den oft stundenlangen Rückweg nach Hause antraten, eine Be-
obachtung, die man auch bei höher kuhivierten Frauen, den Euro-
päerinnen, wenn sie auf einem Wege, einer Fahrt oder bei der Arbeit
auf dem Felde von der Geburt überrascht werden, häufig machen
kann. Die hockende Stellung und das Abreißen der Nabelschnur
soll bei den Negerinnen ganz allgemein gebräuchlich sein. — Anders
ist das Verhalten der Kanakin bei ihrer Entbindung: Fühlt dieselbe
den Tag ihrer Entbindung herannahen, so begibt sie sich an den
Meeresstrand und wirft sich, belastet mit einem Stein, den sie in beiden
Händen trägt, in die Brandungswelle. Diese ist mitunter so stark,
daß ein Entgegenstemmen und Aufrechtstehen unmöglich ist; das Weib
wird niedergeworfen, steht aber mutig auf, um sich von neuem der
Brandung entgegenzuwerfen. Natürlich ist es unmöglich, dieses Spiel
lange auszuhalten, ein- bis zweimalige Wiederholung genügt. Sie
glauben sich damit eine leichte Entbindung und dem Kinde Wohl-
befinden gesichert zu haben. Darauf zieht sich die Kreißende in die
Hütte zurück, wohin ein bis zwei Freundinnen sie begleiten; während
der Niederkunft nimmt sie eine kniende Stellung ein. Wie, nach
Hutters Angaben, Mißbildungen des Körpers weder im Wald- noch
in Grasland bei den Negern gefunden werden, offenbar weil daselbst
mißgebildete Kinder gleich nach der Geburt getötet werden,
so behauptet auch Graf Pfeil von den Kanakinnen, daß, da man niemals
mißgestaltete Kinder bei ihnen zu sehen bekomme, dies auf die von
den Müttern oft ausgeführte heimliche Tötung des Kindes zurück-
zuführen sei, indem sie durch Zuhatten seines Mundes dasselbe er-
stickten, oder so lange auf sein Herz drückten, bis es zu schlagen
aufhöre.
Auch in bezug auf die Fruchtbarkeit scheinen sich die Kanakin
und Negerin sehr nahe zu stehen. Vier bis fünf Kinder seien bei
der Kanakin schon sehr viel, drei sei die gewöhnliche Zahl — nach
Pfeil; und Hutter bemerkt ebenfalls, daß die Fruchtbarkeit der
schwarzen Rasse nicht so bedeutend sei, als man gewöhnlich annehme.
Hutter fond als Durchschnittsstärke der Familie im engeren Sinne im
Waldland 5 — 6 Köpfe, 2 Eltern und 3 — 4 Kinder, und ebenso im Gras-
land, wo die Bevölkerung ihm viel dichter und kultivierter erschien;
der Unterschied zwischen diesen beiden Völkern und den viel höher
kultivierten in bezug auf diesen Punkt ist also außerordentlich gering.
Das Verhalten der Brüste der Negerin schildert Hutter wie
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222 P- V. Winckcl, [12
Folgt: Im eigentlichen Grasland sitzen die Brüste der Weiber ge-
wöhnlich auf schmaler Grundfläche auf, ragen weit hervor und endigen
in zapfenförmiger Brustwarze. Man kann sie also im allgemeinen
als stark, wenigstens als voll bezeichnen, die Form ist häufig konisch.
Rasch senken sie sich aber und werden häufig bald hängend; bei
jungen Mädchen aber sind sie fast stets straff und fest und man be-
kommt nicht selten bei solchen klassisch schöne, herb jungfräuliche
Formen zu sehen. Bei den Bali-njong sah Hutter ein Weib, dessen
rechte Brust tadellos geformt war, während die linke ganz schlapp
weit herabhing. Aber die hängende Form in der Ausdehnung, wie sie
im Waldlande häufig zu sehen, beobachtete Hutter bei den sehnigeren
und mageren Graslandnegerinnen nie« Bei einer Waldlandnegerin
fand er beide Brüste so schlaff, daO die linke bis zur Scham, die
rechte bis über den Nabel herabhing, jede Brust eine lange Haut-
falte und unten daran kugelförmig noch aufgetrieben mit auffallend
langer Warze. Bei dem frühzeitigen Herabsinken der Brüste ist
offenbar der Mangel der Kleidung und wohl auch das lange Stillen
der Kinder schuld. In Mabesse sah Hutter ein Weib mit ganz zer-
fressenen Brüsten: die eine bot eine große eiternde Fläche dar, die
andere hing „in Fetzen '^ herunter; ob hier Karzinom oder Mastitis
vorlag, ist aus der Beschreibung nicht mit Sicherheit zu entnehmen.
Wie in Deutschland zur Zeit der Minnesänger, so herrscht bei den
Negern jener Gegenden noch jetzt eine Sitte, wonach der Häuptling
eines Dorfes für den angekommenen Weißen außer Ziegen, Schafen,
Schweinen, Hühnern, Palmwein und Durrabier auch junge Frauen
und Mädchen seines Haushaltes als lebende Gastgeschenke sendet.
Hierin haben die Waldstämme ein ziemlich weites Gewissen, indem
das Oberhaupt der Familie oder der Ehemann nicht eben selten aus
den Reizen seiner weiblichen Angehörigen durch Anbieten derselben
zur Benutzung Kapital zu schlagen sucht und auch im Graslande ist
die Sitte allgemein üblich, daß der Häuptling aus seinem Haushalte
junge Weiber, die er als seine Töchter bezeichnet, was übrigens nicht
wörtlich zu nehmen ist, zur geschlechtlichen Benutzung übersendet.
Wie wenig die Kleidung der Negerin als Verhüllung betrachtet
wird, erfuhren Hutter undZintgraff in drolliger Weise. Sie hatten
nämlich zur würdigen Feier eines Tanzes zwei Stationsfrauen ein Paar
weiße, lange Frauenhemden geschenkt; nun stolzierten dieselben damit
an und als sie sich zu jener Füßen zum Palmweineinschenken nieder-
kauerten, hoben sie in gänzlicher Verkennung ihres Zweckes die
Hemden hoch bis über die Hüften, damit sie ja nicht schmutzig würden.
Die jungen Mädchen und Frauen gehen bis nach der Geburt des ersten
Kindes vollkommen nackt; höchstens daß sie bisweilen eine dünne
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13] Frauenleben und -leiden am Äquator und auf dem Polareise. 223
Schnur um die Hüften tragen. Nachher haben sie an dieser Schnur
handbreite kleine SchQrzchen vorn und rückwärts. An Stelle der Be-
kleidung ist das fast ausnahmslos geübte Einreiben des Korpers mit
Rotholz gebräuchlich. Ein Schamgefühl ist den Negern nicht ange-
boren, sondern wird ihnen höchstens anerzogen. Gibt man den Leuten
Zeug zur Verhüllung der Scham , so verstehen sie nicht warum: der
oder die eine hält es sich an den Kopf, sie drapieren es anderswo,
weil es ihnen da besser gefalle, oder lassen es vielleicht am bezeich-
neten Platze, nur weil es dem Geschmack zufällig entspricht.
Worin besteht nun die tägliche Beschäftigung der Weiber?
Hutter spricht von einer Arbeitsteilung zwischen den beiden Ge-
schlechtern. Die Feldarbeit obliege fast ausschließlich den Weibern;
beim Hausbau bestände ihre Arbeit lediglich im Wasserherbeischleppen.
Dagegen werde das Korbflechten, die Anfertigung von Taschen, Stricken
und Mützen, das Spinnen des Fadens mit der Spindel nur von den
Männern besorgt, während die älteren Weiber die Anfertigung stärkerer
Fäden ausführten. Das Herbeischleppen der Lebensmittel aus den
Farmen, sowie von Feuerholz, die Zubereitung der Speisen und die
Kinderpflege sei selbstverständlich auch Sache der Weiber. Das Fleisch
werde in Wasser gesotten, oder in Palmöl gekocht, ebenso die Pfianzen-
nahrung. Vielfach würden aus den Knollenfrüchten allein, oder auch
mit Mais, Maismehl, Erdnüssen und Bananenmehl zusammengeknetet
Klöße geformt, die ihre rundliche Form durch Reiben an den
Bäuchen der die Küche besorgenden Weiber erhielten und in
Palmöl gesotten würden. Aus der heißen Öltunke würden sie dann
mit gespreizten Fingern ganz oder in Stückchen, die noch rasch mund-
gerecht geknetet würden, herausgefischt — jedenfalls eine recht appe-
titliche Bereitung.
Bei den Negern nehmen beide Geschlechter ihre Mahlzeiten in
hockender Stellung gemeinsam ein, bei den Kanaken speisen dieselben
nicht gemeinschafdich, sondern die Männer zuerst und die Frauen be-
kommen nachher den Rest.
Im Behandeln der Haare sind Negerin und Kanakin wieder bei-
nahe einander gleich. Bei der Kanakin werden dieselben entweder
künstlich gekräuselt, oder auch ganz abgeschabt, so daß der Kopf kahl
erscheint; an den Genitalien werden die Schamhaare meist von den
Mädchen und Frauen selbst entfernt. Die Banyangweiber gefallen
sich in den tollsten Haartrachten. Wollte man, sagt Hutter, sie alle
beschreiben, so gäbe es ein eigenes Buch und ein noch dickeres mit
2^ichnungen derselben, denn mit Worten könne man diese Figuren
nicht wiedergeben — so im Waldlande. Bei den Balis rasieren sich
die Weiber den Kopf meist ganz kahl, oder es bleibt in der Mitte ein
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224 F. V. Winckel, [14
von der Stirn nach rückwärts in den Nacken sich ziehender länglicher
Haarwulst. Zur Zeit nach der Regel und nach Geburten rasieren
sich die Weiber die Schamhaare, auch die Augenbrauen und die
Haare in den Achselhöhlen; die abgetragenen Haare werden aber
nicht weggeworfen, sondern in einem Blatte verbrannt. Das Rasieren
selbst üben meist alte Frauen mit kleinen Messern aus, indem sie
zuerst die betreffende Körperstelle mit Rotholz einreiben, mit Wasser
befeuchten, dann die kleinen Messerchen mit ihren Schnittflächen an-
einanderreihend schärfen und nun die Haare abschaben. — Beim
Tragen von Lasten werden die schweren Körbe meist auf dem
Kopf getragen: zur Verminderung des Druckes legen sich die Weiber
kranzförmig aus Blättern geflochtene Polster zwischen Kopf und Korb,
ganz wie bei uns die Bäuerinnen einen flachen Kranz aus Zeug auf-
legen.
Dem jüngsten wie dem ältesten Weibe ein schier unzertrennlicher
Begleiter ist die Tabakspfeife. Hutter sagt, er habe nicht so leicht
ununterbrochene Raucher gesehen, wie im Hinterlande von Nord-
kamerun. Alles rauche daselbst vom Kinde bis zum Großvater und
zur Großmutter. Das Schnupfen komme dagegen im Hochlande nur
in Bamesson noch häufig vor, sonst weit weniger im Waldlande.
Auch bei den Kanaken rauchen beide Geschlechter aus kurzen tönernen
Pfeifen leidenschaftlich und beginnen schon in sehr frühen Jahren.
Graf Pfeil sah, wie ein Kanake einem Säugling sogar die Pfeife
zwischen die Lippen steckte. Schnupfen und Kauen von Tabak will
er dagegen niemals beobachtet haben.
Eine Hauptfreude ist der Negerin und Kanakin der Tanz. Bei
den Kanaken tanzen Männer und Knaben allein, die Weiber aber mit
den Mädchen zusammen. Die Negerin tanzt viel graziöser als die
Kanakin, zum Teil aber auch sehr ausgelassen. Hutter beschreibt
z.B. folgenden Tanz, den Nachtigal auch bei den Baghirmis beob-
achtete: Zwei Tänzerinnen wirbeln, sich fortgesetzt drehend und mit
den Händen über dem Kopfe zusammenklatschend, aufeinander los und
der Gipfel der Kunst besteht darin, in der letzten Drehung mit den
Gesäßen aufeinanderzuprallen. Glückt der Zusammenstoß, so federn
die elastischen Puffer oft derart, daß das Gleichgewicht oft bedenklich
verloren geht, natürlich zum größten Gaudium der Zuschauer.
Grobsinnliches Gepräge zeigen zwei weitere Tänze. Die Weiber
stehen in einer Reihe und wiegen sich tanzend auf der Stelle. Eine
verläßt ihren Platz und kauert sich der Reihe nach vor jeder der
andern nieder, die im Tanz fortfahren, während die Kauernde sie mit
der Hand über den Bauch und namentlich an den Genitalien streichelt.
Ab und zu neigt sich die also Geliebkoste mit dem Oberkörper nieder
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15] Frauenleben und -leiden am Äquator und auf dem Polareise. 225
und reicht der Huldigenden die Brust, woran diese saugt. Derselbe
Vorgang wird von jeder einzelnen mit allen wiederholt.
Der zweite Tanz ist so: Aus dem Halbkreis tritt eins der Weiber
hervor und wiegt sich ein Bein vorwärtsgestellt auf die Hüften ge-
stemmt im gleichen Takt wie die übrigen. Eine zweite folgt und Brust
an Brust mit der Solotänzerin schiebt sie eins ihrer Beine zwischen
die der letzteren. Zusammen ahmen sie nun die Bewegungen der
Kohabitation nach. Der übrige Tanzkreis begleitet diese Bewegungen
mit stets rascher werdendem Gesang, zuletzt wird von allen das Wort
otchakeni ausgestoßen, beide Tänzerinnen treten zurück und werden
durch ein anderes Paar abgelöst. Übrigens tanzen auch bei den großen
Festen der Neger beide Geschlechter stets getrennt.
Bei ihren Tänzen singen die Frauen bald laut, bald leise, in der
Regel obszöne Lieder, zum Teil eintönig, hier und da aber mit einem
gewissen Wohlklang und Rhythmus.
Die Negerinnen berauschen sich zuweilen im Palmwein, die
Kanakin soll sich durch übermäßiges Betelkauen öfter einen tiefen
Rausch verschaffen.
Endlich ist der Negerin wie der Kanakin auch ein bestimmtes
Verhalten beim Tode ihres Mannes vorgeschrieben. Beginnt
nämlich bei einem Neger der Todeskampf, dann rennen die männ-
lichen Angehörigen bald vor das Haus hinaus, bald umtanzen sie das
Sterbelager, schreien und spektakeln mit allen möglichen Musik-
instrumenten, besonders mit der Rassel — 10—20 hohlen halbrunden
an einem Ring befestigten Eisenstäbchen — um die bösen Geister zu
verscheuchen; dabei beginnen die Weiber in der Hütte um das Lager
kauernd Klagegesänge in eigenartigen bald einförmigen, bald gellenden
Tonen. Diese Totenklagen werden auch nach dem Tode mit Unter-
brechungen fortgesetzt. Der Leichnam wird in Stoffe bänderartig
eingehüllt, die Betsetzung erfolgt in ausgestreckter Lage und stets in
dem zu Lebzeiten bewohnten Hause. In Bamesson wird die Leiche
meist unter der Schwelle eingegraben. Viel härter sind noch die Vor-
schriften für die Kanakin: Ehe der Leichnam ihres Mannes in ein
Kanoe gelegt wird, verbleibt er mehrere Tage in dem bisherigen
Wohnhause. Hier haben ihm seine Frauen Gesellschaft zu leisten und
niemand darf währenddessen das Haus betreten. Den Frauen wird
ihre Nahrung hineingereicht. Nur die hervorragenden reichen Kanaken
werden in offenen Kanoes der Verwesung ausgesetzt, die weniger be-
deutenden werden in ihren eigenen Häusern begraben. Der Erdboden
wird aufgewühlt und der Körper langausgestreckt hineingelegt. Die
Frauen müssen nun das Haus weiter bewohnen und ihr Hauswesen
auf dem frischen Grabe des Verstorbenen weiterführen. Die Weiber
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226 F. V. Winckel, [10
ßrben bei jedem TrauerFalle ihre Gesichter schwarz, die Männer nur,
wenn der Verstorbene ein Mann war. — Übrigens kommen auch Ver-
brennungen von Leichen in Neumecklenburg vor und Ferner Versen*
kungen von Leichen in die See, indem dieselben mit einer aus Kokos-
palmenblättem geflochtenen Matte umhaut und mit einem Steine
beschwert werden. Frauen sollen daselbst stets ihre letzte Ruhestätte
in dieser Weise finden.
So ist die Stellung der Frau bei den Kanaken denn doch immer
viel niedriger wie bei den Negern: die Kanakin kann vom Mann ver-
schenkt, verkauft, getötet werden, nur ihre materielle Stellung ist in-
sofern als sie Alleinbesitzerin alles des, von ihr in die Ehe gebrachten
Heiratsgutes bleibt und alles dessen, was sie sich während der Ehe
zu erwerben vermag, besser wie bei der Negerin ja sogar bei der
Europäerin. Durch diese ihre materielle Unabhängigkeit vom Manne
und weil sie in der Ehe der fleißigere, mithin wohlhabendere Teil ist,
ist das Entwürdigende ihrer sonstigen Stellung mehr ausgeglichen und
sie steht doch dem anderen Geschlecht ziemlich selbständig gegenüber.
Auch die Negerin ist physisch und sozial tiefer stehend, als ihr
Mann, für den sie zu arbeiten und dem sie Kinder zu gebären hat;
aber drückend empfindet sie diese Stellung nicht. Ältere Neger,
namentlich Häuptlinge, erweisen ihren alten Müttern oft eine geradezu
liebevolle Verehrung. Solche Matronen sind dann bei den geheimsten
Palavern zugegen und haben geradezu Sitz und Stimme im Rat und
nicht zu unterschätzenden EinfiuO. Wenn diese Vertrauungsstellung
die Hauptfrau auch selten einnimmt, so kommt es doch auch vor. —
Jedenfalls ist das Weib dem Neger zum mindesten ein wertvolles
Eigentum und die Anwesenheit der Weiber in einem Dorfe gibt dem
Weißen das beruhigende Gefühl, daß augenblicklich wenigstens keine
Feindseligkeit geplant ist.
Man darf dabei aber auch nicht vergessen, daß die Kanaken noch
auf der allerniedrigsten Kulturstufe stehen und heute noch in der
Steinzeit leben, d. h. ihre WafPen und Geräte aus Muscheln und Steinen
herstellen und weder Bronze noch Eisen kennen, während der Neger
den Speer und das Gewehr führt, Hämmer und Äxte und Messer kennt
und Eisen und Messing.
Wenn nun auch weder von Dr. Hutter, noch vom Grafen Pfeil
in den von ihnen durchforschten Gegenden besondere sexuelle Ano-
malien wie Elephantiasis der weiblichen Genitalien, Lageveränderungen
derselben, ferner namentlich die Existenz von größeren Geschwülsten
wie Eierstocksgewächse und Tumoren des Uterus gesehen oder erwähnt
worden sind, so ist es darum doch nicht wahrscheinlich, daß dieselben
bei jenen Völkerschaften überhaupt nicht oder auch nur viel seltener.
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17] Frauenleben und -leiden am Äquator und auf dem Polareise. 227
wie bei den höher kultivierten Völkern vorkämen. Es ist )a allerdings
z. B. vom Gebärmutterkrebs längere Zeit behauptet worden, daß er
bei den Negerinnen viel seltener, wie bei der weißen Frau vorkäme,
aber mit Unrecht, denn sowohl durch Middleton Michel und J. S.
Billings ist schon vor IV2 Jahrzehnten festgestellt worden, daß die
Mortalität an Krebs bei den Negerinnen ebensogroß wie bei den
Weißen ist und mit den übrigen genannten Anomalien wird es wohl
ebenso sein. Allerdings gibt es eine ausgezeichnete ärztliche Schrift
über die akuten Infektionskrankheiten bei den Negern der äquatorialen
Küsten Westafrikas von Dr. A. Plehn (Virchows Archiv Bd. 174 Splh.).
Diese stützt sich auf Beobachtungen an 15000 Eingeborenen aus Kamerun
und seiner Umgebung und hat festgestellt, daß die Neger der Bantu-
familien verschiedenen Krankheitseinfiüssen sich ziemlich überein-
stimmend und vielfach anders, als die kaukasische und gelbe Rasse
(Chinesen, Malayen) verhalten. So fehlen bei jenen z. B. Tuber-
kulose, Skrofulöse und Rhachitis fast ganz; Syphilis trat vollkommen
zurück. Während die auf Madagaskar lebenden malayischen Hovas
von der Syphilis völlig durchseucht sind, haben die madagassischen
Neger trotz reichlicher Infektionsgelegenheit nicht von der Syphilis
zu leiden. Bösartige Neubildungen, Lepra sind sehr selten. Puerpe-
ralerkrankungen und Erysipel sind ebenfalls selten. Gonorrhöe ist
außerordentlich verbreitet, soll aber sehr schnell heilen (?!). Charak-
teristisch für die Pathologie des äquatorialen Westafrikas, besonders
des Kamerungebietes sei also das Zurücktreten der chronischen Krank-
heiten hinter den akuten. Und hierin liegt allerdings ein gewaltiger
Unterschied zwischen diesen Völkerschaften und denen in Grönland
und am magnetischen Nordpol lebenden^ wie wir später erfahren
werden.
Wenn wir uns nun vom fernen Süden nach dem äußersten Norden
zu den Bewohnern des Polareises wenden und uns bei den Eskimos
nach der Stellung, den Arbeiten und Pflichten des Weibes umsehen,
so könnte es manchem meiner Leser erscheinen, als ob dieser Ober-
gang zu unvermittelt geschehe, als ob zwischen der Kanakin, der
Kamerunnegerin und der Frau des Eskimos wohl gar keine Verbindung
bestände, als ob deren Existenzen viel zu verschieden seien, um über-
haupt einen Vergleich miteinander zu gestatten. Dem ist aber
durchaus nicht so. Es ist ein besonderes Verdienst von Fritjof
Nansen, nachgewiesen zu haben, daß bei den grönländischen Eskimos
Mythen existieren, deren Wiege im fernen Innern Asiens zu suchen
ist, ja solche Mythen gefunden zu haben, die unzweifelhaft Grönland,
Sudafrika und die Fidschi-Inseln verbinden. Auch hat Nansen (I. c.
p. 257 ff.) konstatiert, daß die Möglichkeit, daß solche Mythen an
Klia. Vortrage, N. F. Nr. 481. (Gynäkologie Nr. 175.) Mai 1906. 17
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228 F. V. Winckel, [18
mehreren Stellen zugleich entstanden sein könnten, hier ausgeschlossen
sein müßte, weil sie zu viele und zu charakteristische Obereinstimmungs-
punkte besäßen. Daraus schließt er also, daß der Verkehr zwischen
den alten Norwegern und Eingeborenen Grönlands durchaus nicht so
oberflächlich sein konnte, wie man gewöhnlich annehme.
Schicken wir aber, ehe wir auf den gynäkologischen Teil dieser
Skizzen eingehen, einige Bemerkungen über die Eskimos im ganzen
voraus, so rechnet Nansen sie (1. c. p. 16) zu den mittelgroßen
Völkern und erwähnt von den Frauen, daß bei ihnen die schmalen
Hüften und die auffallend kleinen Hände und Füße zu sehen
seien; die ersteren erklärt er dadurch, daß die Eskimofrauen soge-
nannte runde, die Europäerinnen aber flache, breite Becken haben.
Dasselbe sagt Hutter von den Kamerunnegerinnen, an denen er die
schlanken Hüften und den meist schön gebauten Körper bewunderte.
Was die Dichtigkeit der Bevölkerung betrifl^t, so zählte Nansen 1889
5614 Personen, darunter 2501 Männer, also 3025 Weiber, also auf
einen Mann kamen 1,16 Frauen; dagegen fand Kapitän Holm (Nansen
1. c. p. 104) in Imarsivik auf der Ostküste Grönlands auf 21 Einwohner
nur 5 Männer. Im ganzen hat aber die Bevölkerung in den letzten
Jahrzehnten in jenen Gegenden sehr abgenommen (von 30000 auf der
Westküste vor IV2 Jahrhunderten auf 10117 i. J. 1889). Denn während
die in das Land übergesiedelten Europäer, die sich ja im Grunde von
den Eskimos ernähren, sich oft Reichtum erwerben und im Überflusse
leben, verarmen die Eskimos.
Die Gesetze, auf denen der grönländische Heidenstaat basiert, sind
dabei nach Möglichkeit in der Praxis durchgeführter Sozialismus und
in dieser Beziehung christlicher, als irgendein christlicher Staat.
Bei der Geburt eines Sohnes jubeln die Eltern, bei derjenigen
einer Tochter sind sie unzufrieden.. Aber die Eskimos hängen mit
auOergewöhnlicher Liebe an ihren Kindern und tun alles, was sie ihnen
an den Augen absehen können. Sie werden auch sehr lange gestillt;
3 — 4 Jahre sind nicht ungewöhnlich, Nansen (1. c. p. 128) erlebte
sogar 10 — 12 Jahre. Zuweilen versucht sogar eine Frau, die noch
nicht geboren hat, ein ihr geschenktes Kind anzulegen, da erzählt
Amundsen (1. c. p. 240) eine reizende Geschichte, wie eine solche
dem Säugling rasch einen Schluck Wasser in den Mund aus dem ihren
einfließen läßt. Bei der Gelegenheit erfahren wir auch, daß dieselbe
Eskimofrau als Lutschbeutel dem Säugling ein einfaches Stück Speck
in den Mund steckt, durch das ein langer Stecken gebohrt ist, damit
jenes Stück nicht verschluckt werden kann. Jede Züchtigung der
Kinder wird vermieden, deshalb sind denn auch die Kinder unter
sich sehr verträglich, nie zänkisch. Die Mutter lebt mit den Kindern
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19] Frauenleben und -leiden am Äquator und auf dem Polareise. 229
Stets in denselben Räumen und trägt sie draußen auf ihrem Rücken
im Amaut mit zur Arbeit. Bis das Kind volle zwei Jahre alt ist, wird
es in diesem Sack nackt auf dem nackten Rücken der Frau getragen
und Amundsen (1. c. p. 240) sah, wie Säuglinge beim Herausnehmen
aus dem warmen Platz mehrere Minuten lang bei einer Temperatur
von bis — 50<> Celsius splitternackt gehalten wurden, ohne daß es ihnen
im geringsten schadete I Schon frühzeitig werden die Kinder an die
Arbeit gewöhnt. Ein kleiner Knirps von 5—6 Jahren kann in einem
Tage große Bündel Dorsche vom Angeln nach Hause bringen
(Amundsen 1. c. p. 245), kleine Bogenschützen vom Netschjillistamme
bildet Amundsen auf p. 283 ab. Die Mädchen werden gleichfalls früh
an ihren Beruf gewöhnt, sie lernen nähen und müssen der Mutter im
Hause zur Hand gehen. Wenn die Eskimos sich begegnen, so be*
grüßen sie sich nicht nach unserer Art durch Küssen, sondern
pressen die Nasen aufeinander und schnupfen sich zu. Mit
den Eskimos teilen auch die Bewohner der Marquesas-Inseln (10<^
sudl. vom Äquator und 14^ westl. Länge) nach Langsdorff die Sitte,
daß sie bei der Begrüßung die Nasen gegeneinander drücken (Stoll,
Das Geschlechtsleben, 1. c. p. 232).
Bei den Eskimos erklärt Amundsen dieses aus den unappetitlichen
Beschäftigungen, die sie mit dem Munde ausführen; so bildet er eine
Eskimofrau ab, die ihrem Manne mit den Zähnen den Stiefel an der
Ferse abzieht (1. c. p. 243), wobei es sie gar nicht genieren soll, daß sie
den Mund voll von dem Schmutz der Nässe bekommt, in die der
Mann den Tag über getreten ist. Aber noch verblüffender wirkt es
auf den Europäer, sagt Nansen (1. c. p. 110)^ wenn wir die Eskimo-
frauen ein Fell aus der stinkendenden Urintonne, die vor ihrer Türe
steht, nehnnen, hineinbeißen und dann zu bearbeiten anfangen sehen.
Für sie ist der Mund die dritte Hand. Daher haben die alten Weiber
dort oben auch auffallend kurze abgestumpfte Vorderzähne.
Merkwürdig ist die Rolle, die der Urin im Leben des Eskimo-
weibes spielt. Zuerst wird er zum Waschen der Haut benutzt: sie
lieben den Geruch, der ihnen von alledem anhaftet, nennen ihn jung-
fräulich und halten ihn für ein wirksames Zaubermittel zum Anlocken
der Männer; dann benutzen sie den Urin um das Haar geschmeidig
und glänzend zu machen und, damit es sich in einen straff und auf-
recht stehenden Knoten recht fest zusammendrehen läßt, baden sie es
vor dem Frisieren in Urin; außerdem wird er zum Erweichen der
Seehundfelle gebraucht. Hinsichtlich des Waschens mit Urin bemerkt
Nansen (1. c. p. 242), daß dies ein uralter Gebrauch zu sein scheine.
Man fände ihn schon in den heiligen Büchern der Parsen erwähnt.
So stehe in der Vendidad 8, 13, daß die Leichenträger sich mit Urin
17*
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230 F. V. Winckel, [20
nicht von Männern oder Weibern, sondern von kleinen Tieren oder
Zugtieren wasciien sollen. Das würde wohl eine religiöse Vorschrift
sein und nicht wie bei den Eskimos sich aus dem Mangel an warmem
Wasser erklären lassen,
Bei den Eskimomädchen tritt während der arktischen Nacht 4
Monate lang die Menstruation nicht ein und obwohl sie meist mit
14 Jahren heiraten und auch konzipieren, bekommen sie die Menses
doch zuweilen erst mit dem 19.— 20. Jahr (Cook, Newyork Journ. of
gynecol. and obstetr. 1894 Febr. — April), v. Haven fand, daß von 100
Grönländerinnen 88 die erste Menstruation zwischen 15—17 Jahren be-
kamen, bei 5 trat sie früher, bei 7 erst nach diesem Alter ein und Mac-
Diarmid hat von den Eskimoweibern behauptet, daß sie nur im Sommer
ihre Regel hätten, er schreibt somit der Winterkälte eine hemmende Ein-
wirkung zu. Von andern wird dieser Einfluß bestritten und bei den Eski-
mos, wo schon nach kaum eingetretener Pubertät ein reger Geschlechts-
genuß beginnt, wird dieser wahrscheinlich für den früheren Eintritt der
Menses und deren Wiederkehr auch in der arktischen Nacht maßgebend
sein. Der Vollbluteskimo verheiratet sich sobald er eine Frau versorgen
kann, weil er weiblicher Hilfe bedarf, um seine Felle zu gerben, seine Klei-
der zu nähen. Er verheiratet sich oft schon bevor er zeugungsfähig ist,
und auf der Ostküste von Grönland ist es nach Nansen etwas ganz ge-
wöhnliches (1. c.p. 116), daß er drei«- bis viermal verheiratet gewesen ist,
ehe jener Zeitpunkt eintritt. Ehezeremonien finden nicht statt. Der Eskimo
schleppt ein Mädchen, was ihm gefällt, ohne weiteres in sein Haus.
Nach Amundsen (1. c. p. 242) soll das Mädchen, wenn sie 14 Jahre
alt ist, den Bräutigam aufsuchen oder er zu ihr kommen und mit ihr
im Hause der Eltern wohnen — so wäre es bei den Neochtjilli-Eskimos
am magnetischen Nordpol. Nach Nansen aber (1. c. p. 117) durfte
sich bei den grönländischen Eskimos das Mädchen unter keiner Be-
dingung merken lassen, daß sie den Freier haben wollte, selbst wenn
sie noch so verliebt in ihn war, und mußte sich bei der Entführung
sehr sträuben, jammern und klagen. Vielweiberei ist bei den
Eskimos gestattet, die meisten guten Seehundsfänger haben daher zwei
Frauen, aber nie mehr. Dalager erwähnt, daß seinerzeit auf der West-
küste Grönlands kaum der zwanzigste Teil der Grönländer zwei, sehr
selten drei und nur ausnahmsweise vier Frauen gehabt, doch habe er
einen Mann, der elf Weiber gehabt, gekannt (Nansen 1. c. p. 120 Anm.).
Bei den Eskimostämmen an der Beringstraße gelten nach Nelson
die zum ersten Male menstruierenden Mädchen als unrein für 40 Tage.
Sie müssen sich in einem Winkel des Hauses aufhalten, mit dem Ge-
sicht gegen die Wand gekehrt, stets ihre Kapuze über ihren Kopf
ziehen und ihre Haare wirr über die Augen hängen lassen. Das
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21] Frauenleben und -leiden am Äquator und auf dem Polareise. 231
Haus dürfen sie nur des Nachts verlassen, wenn alles schläFt. Im
Sommer beziehen sie ein rohes Obdach außerhalb des Hauses. Nach
Ablauf der vorgeschriebenen Frist baden sie, ziehen neue Kleider an
und Icönnen nun geheiratet werden.
Bei dem Kuskokwin-Eskimo am untern Yukon werden nach Nelson
häufig schon Kinder miteinander verheiratet und zwar die
Madchen oft mit 3 — 5 Jahren. Sie bleiben dann bei ihren Eltern und
der junge Gatte zieht zu diesen in ihr Haus. Ebenso bei den Cum-
berland-Eskimos. Und während sonst, wie wir erfahren werden, die
Ehen unter Blutsverwandten bei den Eskimos verpönt sind, heiraten
dieUnalit-Eskimos an der BeringstraOe gern Cousinen und andere
Blutsverwandte, weil man annimmt, daß diese bei Hungersnot ihre
Nahrung mit dem Manne teilen, während eine Frau aus fremder
Familie dem Manne die Vorräte stehlen würde (Nelson). — Nach
Bessels kohabitiert der Inuit (Eskimo) mit besonderer Vorliebe von
hinten. Männer wie Frauen liegen nackt in der Nacht dicht anein-
ander unter einem Seehundsfell, dem Gast macht man Platz, indem
man nur ein wenig rückt. Die Frauen prostituieren sich während der
Abwesenheit ihrer Gatten. Außerdem aber gibt es auch noch Pro-
fessionshuren, jedoch selten.
Ehen zweier Geschwisterkinder untereinander, wie über-
haupt zwischen nahen Verwandten, sind im allgemeinen
nicht erlaubt. Nicht einmal Pflegegeschwister, die zufällig zu-
sammen erzogen sind, dürfen sich heiraten. Dasselbe Verbot findet
sich unter wenig verschiedenen Formen bei den Hindus, den Chinesen,
in der griechischen Kirche, bei den Altkatholiken, zum Teil auch bei
den Slavonen, den Indianern und vielen andern. — Die Scheidung
der Ehe ist ebenso leicht fertig wie die Heirat. Ist der Mann seiner
Frau überdrüssig, so braucht er sich nur von ihr zu retirieren, wenn
er sich schlafen legt und dabei kein Wort zu sprechen, dann sammelt
am nächsten Morgen die Frau ihre Kleider und kehrt in aller Stille
in ihr Vaterhaus zurück.
Der Hauptzweck der grönländischen Ehe ist unbedingt die Kinder-
erzeugung, unfruchtbare Weiber sind geringgeschätzt, unfruchtbare
Ehen werden oft aufgelöst. Die Fruchtbarkeit der Grönländer und
amerikanischen Eskimos ist gering, 2 — 4 Kinder in jeder Ehe ist die
Regel, wenn auch Beispiele von 6—8, ja noch mehr vorkommen.
Zwillinge sind selten. Die Niederkunft der Grönländerinnen ist ge-
wöhnlich leicht, doch kommen bisweilen auch schwere Entbindungen
vor; dann halten sie nach Egede (Nansen 1. c. p. 127) der Gebärenden
ein Nachtgeschirr über den Kopf in der Einbildung, daß die Ent-
bindung dann leichter und schneller gehe. Eine solche Verwendung
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232 F- V. Winckcl, [22
dieses Möbels, sagt Nansen, dürfte einzig dastehen. Die heidnischen
Grönländer töten alle Mißgeburten, die für nicht lebensßhig ge-
haltenen kranken Kinder und alle kleinen, deren Mutter bei der Geburt
stirbt, falls keine andere Frau sie säugen kann. Gewöhnlich werden
die ersteren ausgesetzt oder ins Meer geworfen.
Nach Klutschack wird das Eskimoweib durch die Entbindung
auf volle vier Wochen „unrein*; sie wird schon vier Wochen vorder
Niederkunft von dem Gatten getrennt und in eine separate Behausung
gebracht, zu der nur die Frauen Zutritt haben. Bei den östlichen
Eskimos geschieht die Entbindung von dem ersten Kinde, in dem ge-
wöhnlichen Igloo (Hütte), bei allen späteren muß sie ein besonderes
zu ihrem Gebrauch gebautes Igloo beziehen (Hall), der Mann darf bei
der Entbindung nicht zugegen sein. Auch die in den westlichen
Gegenden wohnenden Eskimofrauen müssen* in einer kleinen Hütte
gebären, in welcher sie zusammen mit dem Aas irgendeines Tieres
eingeschlossen werden. In dieser Hütte bleibt die Kreißende ganz
allein und ohne Hilfe. Smith besuchte mehrere dieser Hütten, deren
jede eine Wöchnerin, ein Neugeborenes, und eine sehr kleine, die eine
Hündin und einen Wurf junger Hunde enthielt. Übrigens durch-
schneiden die Eskimofrauen nach Holm den Nabelstrang mit einer
Muschelschale, die Graslandnegerin zerreißt ihn mit den Nägeln.
Die Eskimofrauen kommen wegen ihres breiten Beckens leicht
nieder und sterben sehr selten im Wochenbett. Nach der Niederkunft
dürfen sie eine Zeitlang die Hütte nicht verlassen, bisweilen erst
nach zwei Monaten; nachdem sie dann ihre Kleider, die sie nie wieder
tragen, mit einem andern Anzug vertauscht haben, besuchen sie alle um-
liegenden Häuser, dürfen aber ein volles Jahr nicht allein essen. Bei
den Grönländerinnen dürfen die Wöchnerinnen nicht unter freiem
Himmel essen, aus ihrem Wassergefäß darf niemand trinken, niemand
bei ihrer Lampe einen Span anzünden, und sie selbst dürfen eine
Zeitlang nicht darüber kochen.
Auch darf der Mann, wenn seine Frau in Wochen liegt, außer dem
allernötigsten Fang, nichts arbeiten, weil sonst das Kind sterben würde;
er ist auch mit der Wöchnerin unrein: Residuen eines sogenannten
Männerkindbettes.
Bei Unfruchtbarkeit wenden sie Hersagen von Zauberformeln
an, oder binden Stücke von Schuhsohlen der Europäer um. Denn
da sie sehen, daß diese fruchtbar sind, meinen sie durch die Sohlen,
die einem Europäer als Unterlage gedient, werde deren Kraft in ihre
Kleider übergehen usw. Aber sie benutzen auch einen Angekok
d. h. einen ihrer Propheten und Gelehrten, die die Männer bezahlen,
um der Unfruchtbarkeit der Frauen abzuhelfen. — Das Anbieten der
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23] Frauenleben und -leiden am Äquator und auf dem Polareise. 233
Frauen der Eskimos als lebende Gastgeschenke, wie es im
deutschen Mittelalter zur Zeit der Minnesänger ja auch noch vorkam,
ist bei den amerikanischen Eskimos noch heute sehr gebräuchlich und
Amundsen lernte nur einen Ogluli-Eskimo kennen: Nulieu, von dem
er sagt: Ich glaube fast, er war der einzige Eskimo, der seine Frau
nicht feilbot (Amundsen 1. c. p. 247). Auch kommt der Frauenaus-
tausch öfter vor. Trotz alledem behauptet Nansen, daß die Eskimo-
frau eine bedeutende Rolle in der grönländischen Gesellschaft spiele,
da sie in der Regel gut behandelt werde und daß, wenn man mit
ihr in ihrem Hause zusammenlebe, man durchaus nicht den Ein-
druck empfange, daß sie irgendwie unterdrückt oder zurückgesetzt
wfirde.^) Alle Männer wie Frauen sind leidenschaftliche Anhänger des
Kaffees und leider auch des Branntweins. Ihre Nahrung besteht
übrigens aus Fischen, Seehundileisch und Speck und Tran. Zu Zeiten
großen Hungers kommt es übrigens aucli vor, daß Frauen sogar
Hundekot, well in demselben Reste von unverdauten Fischen und
Hundetalg sich fanden (Amundsen 1. c. p. 277/278), aufspeisten.
Daß die Eskimofrauen sich auch einer widerwillig konzipierten
Frucht zu entledigen verstehen, geht aus folgender Beschreibung
Bessels hervor. ^Ähnlich wie sich im missionarisierten Grönland
die Schwangeren des Kaminstockes (ein Stück Holz zur Ausweitung
der nassen Fußbekleidung) zu diesem Zwecke bedienen, so benutzen
die Itanerinnen des Smith-Sundes entweder den Peitschenstiel oder
einen anderen Gegenstand und klopfen oder pressen sich damit gegen
das Abdomen, welche Prozedur des Tages mehrmals wiederholt wird.
Eine andere Art der Abtreibung der Leibesfrucht besteht in der Per-
foration der Embryonalhüllen, einer Operation, die uns in gelindes
Staunen versetzt. Eine dünngeschnitzte Walroß- oder Seehundrippe
ist an ihrem einen Ende messerschneidenartig zugeschärft, während
das entgegengesetzte Ende stumpf und abgerundet ist. Das erstere
trägt einen aus gegerbtem Seehundsfell genähten zylindrischen Über-
zug, der an beiden Enden offen ist und dessen Länge derjenigen des
schneidenden Teiles des Knochenstückes entspricht. Sowohl an das
obere als an das untere Ende dieses Futterals ist ein 15 — 18 Zoll
langer Faden aus Renntiersehne befestigt. Wird diese Sonde in die
Vagina eingeführt, so ist der schneidende Teil durch den Lederüber-
zug gedeckt. Wenn die Operierende weit genug in die Geschlechts-
öffnung eingedrungen zu sein glaubt, so übt sie einen sanften Zug
auf den am unteren Ende des Futterals befestigten Faden aus. Hier-
1) Amundsen (1. c. p. 242) sagt: in Wirklichkeit sei die Stellung der Frau bei
den Eskimos auf der Halbinsel Boothia Felix nicht mehr und nicht weniger als die
eines Haustieres.
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234 F. V. Winckel, [24
durch wird selbstverständlich die Messerschneide bloßgelegt, worauf
eine halbe Umdrehung der Sonde vorgenommen wird, verbunden mit
einem Stoß nach oben und innen. Nachdem die Ruptur der Embryo-
nalhüllen erfolgt, zieht man das Instrument wieder zurück; zuvor aber
wird ein Zug am oberen Faden des Messerfutterals ausgeführt, um
den scharfen Teil der Sonde zu bedecken und hierdurch einer Ver-
letzung des Geschlechtskanals vorzubeugen.
B esseis erfuhr, daß diese Operation von den Schwangeren stets
selbst an sich ausgeführt wird. (Ploß-Bartels, Das Weib, XIII. Aufl.,
I. 926, 1905.)
Nelson berichtet außerdem von den Eskimos an der Beringstraße,
daß sie früher die Töchter, wenn sie keinen Mangel an denselben
hatten, gleich nach der Geburt, oft aber auch erst im Alter von
4 — ^6 Jahren töteten. Sie führten sie zu einem Begräbnisplatz, stopften
ihnen Mund und Nase mit Schnee zu und ließen sie liegen, oder sie
brachten sie auf das Eis oder in die Tundra und ließen sie dort in
der Kälte oder im Schneesturm umkommen.
Die Hütten der Grönländer-Eskimos stehen auf dem ausgegrabe-
nen Boden des Landes, in dessen Vertiefung ein schmaler, enger
Gang hineinführt; das Dach ist flach, etwas gewölbt, n/j — 2 m
über dem Boden. Die Eskimo in King Williams-Land bauen sich
gegen Ende des Herbstes Wohnungen aus Eisquadern, die nach oben
durch einen dreieckigen Eisblock geschlossen sind; sie werden tm
Winter durch die Specklampe erleuchtet und erwärmt. Im Sommer
tritt an die Stelle der Eiskammern das Zelt. Dasselbe steht auf
einem mit vielen Renntierfellen bedeckten Moosboden. Die Zelt-
wände selbst sind aus Renntier- und Seehundfellen zusammengenäht
und werden durch große Steine am Rand der Zeltdecke festgehalten;
in den Zelten soll es oft sehr warm sein.
Was die Frauenarbeit betrifft, so ist das Gerben, das Kajak-
beziehen und Nähen der Häute, ferner das Abziehen der Seehunde
und Zerlegen der Beute nach bestimmten Regeln und Verteilung der-
selben, dann das Bereiten des Essens, das Nähen der Kleider und
Verrichten aller häuslichen Arbeiten, außerdem aber das Bauen der
Häuser, Schlagen der Zelte und Rudern der Frauenboote ihre Auf-
gabe, daneben ist noch der Kapelanfang als einziger Fang, den die
Frauen treiben, und manchmal eine gewisse Hilfe beim Seehunds-
fang zu erwähnen. Das Ausnehmen der erlegten Vögel, und, wie er-
wähnt, das Ausziehen der Pelzstiefel des Mannes kommt ebenfalls der
Frau zu. Die Frauen — nur ein einziges Mal sahAmundsen (I.e.
p. 321) einen an der Nase tätowierten 25 jährigen Mann, der von
seiner Kindheit an gelähmt war und als Angekok (Zauberer) in
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25] Frauenleben und -leiden am Äquator und auf dem Polareise. 235
hohem Ansehen stand — der Utchickchalli-Eskimo tätowieren sich
auch an Armen und Schenkeln» wie Amundsen (1. c« p. 288 u. 289)
abbildet, aber auch an den Augen, Wangen und Halse, indem ein mit
Tran getränkter und mit LampenruO geschwärzter Faden mittels einer
Nadel in regelmäßigen Abständen durch die Haut gezogen wird. Der
abgestreifte Ruß bleibt in der Haut zurück und heilt in dieselbe ein
<cf. Otto StoU, Geschlechtsleben, Leipzig, Veit S. 75 und Abbild. S. 79):
der Aberglaube, daß die Schädel der Weiber, die nicht so tätowiert
sind, im Himmel zu Trangeschirren würden (Paul Egede), soll die
Ursache dieser Tätowierung sein.
Die Behandlung der Haare bei den Eskimos geschieht bloß
aus Bequemlichkeit: Kurzschneiden bei den Männern, Zusammen^
drehen und Aufbinden bei den Frauen — wie erwähnt mit Hilfe des
Urins, um sie glänzender und geschmeidiger zu machen. — Von
Krankheiten, welche die Eskimos dem Eindringen der Kultur wahr-
scheinlich zu verdanken haben, ist in erster Linie die Tuberkulose zu
nennen, deren rapides Fortschreiten in Grönland von Nansen (I.e. p.290)
teils auf die schlechtere Kleidung, teils darauf geschoben wird, daß sie
letzt das ganze Jahr hindurch in ihren feuchten, ungesunden Häusern,
wo die Ansteckungskeime den vorzüglichsten Nährboden finden, leben
müssen. Endlich, daß sie europäische Kost haben, während früher
ihre fette Kost und besonders der Speck sie vorzüglich widerstands-
fähig gegen diese Krankheit machte. Weiter haben die Pocken einen
großen Teil der Bevölkerung hingerafft. Merkwürdig aber ist, daß
die Grönländer zum großen Teil freigeblieben sind von Syphilis.
Sie ist dort oben, sagt Nansen (1. c.p. 291), nur an einer Stelle zu
finden, nämlich in Arsuk in Südgrönland, wo man die Krankheit zu
isolieren sucht. Trotzdem hat sie um sich gegriffen und es ist leider
Aussicht vorhanden, daß sie sich ausbreiten und die ganze Bevölke-
rung auch auf diese Weise verseuchen wird.* — Die Sonnenwend-
feier, das Kelandispiel, schildert Amundsen (1. c. p. 278—281) als
einen langweiligen Tanz der Erwachsenen und der Kinder, mit Ge-
sang und Trommelbegleitung, wobei es ihm unbegreiflich erschienen
sei, worin das Vergnügen bei diesem Tanz bestehe. Bei jeder Arbeit
wird gesungen, aber eine einförmige Melodie.
In bezug auf den Tod der Frau sagt Dalager (Nansen, I.e.
p. 113): Einer Frau, die mit dem Tode ringt und sich keines be-
sondern Ansehens erfreut, kann es wohl passieren, daß sie lebendig
begraben wird, wovon wir am Orte vor kurzem ein Beispiel hatten,
das recht jämmerlich war, indem mehrere erzählten, daß sie die Be-
grabene noch lange Zeit im Grabe nach einem Trunk hätten rufen
hören. Der eigentliche Grund hierfür soll bei den Eskimos in der
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236 F. V. Winckel, [26
übermäOigen Furcht derselben vor der Berührung mit einem Toten
liegen. Infolgedessen ziehen sie dem Sterbenden, ganz gleich» ob
Mann oder Frau, oft schon lange vor dem Eintreten des Todes die
Leichenkleider an und trefFen alle Vorbereitungen zum Hinausbringen
und Begraben der Leiche, während der Kranke ihnen von seinem
Lager aus zusieht. Die Toten werden sofort nach ihrem Abscheiden
hinausgebracht und zwar, wenn sie in einem Hause gestorben sind,
'durch das Fenster, wenn in einem Zelt, durch eine eigens für
diesen Zweck in die Hinterwand gemachte Öffnung. Auf der Ost-
käste wird jedoch nach Holm die Leiche auch mittelst eines ihr um
die Beine gebundenen Riemens von Seehundsleder aus dem Hausgang
hinausgeschleift (Nansen, 1. c. p. 217).
Die Toten werden entweder begraben oder ins Meer geworfen.
Den Männern werden ihre Habe wie Kajak, Waffen und Anzüge, den
Frauen ihre Nähutensilien, Krummesser auf oder neben das Grab,
beim Versenken in das Meer an den Strand gelegt.
Wer den Toten hinausgetragen hat oder ihn oder etwas ihm
Zugehöriges berührt hat, ist für einige Zeit unrein und muO sich
nach Vorschrift der Angekoker gewisser Speisen oder Arbeiten ent-
halten.
Der Tod flößte den Eskimos nach Amundsen (1. c. p. 208) nicht
die geringste Furcht ein. Waren sie krank oder ging es ihnen schlecht,
dann nahmen sie mit aller Seelenruhe Abschied vom Leben und er-
stickten sich. Während unsers Verkehrs mit ihnen kamen zwei
solcher Fälle vor. — Die guten Menschen kommen nach ihrer An-
sicht auf den Mond, die bösen in die Erde hinab.
Daß die Eskimos noch heute in der Steinzeit leben, wurde so-
wohl von Nansen (I.e. p. 288) wie Amundsen (I.e. p.227) bewiesen,
da sie keine andere Art des Feueranzündens kennen, wie zwei Stücke
Holz aneinanderzureihen und noch Lanzen, Pfeile und Bogen aus
Renntierhorn gebrauchen, außerdem zum Fangen der Fische sich nur
der Spieße aus Renntierhorn bedienen. Wenn man daraus aber auf
einen minderwertigen Verstand derselben schließen wolle, so täte man
ihnen unrecht, da die anscheinend so primitiven Gegenstände sich
den vorhandenen Bedürfnissen und Verhältnissen so gut angepaßt er-
wiesen, wie sie nur die Erfahrung und ein kluges Ausprobieren durch
die Jahrhunderte hindurch hergestellt haben konnten.
Wenn wir zum Schluß nun uns die Frage vorlegen, welche Ober-
einstimmungen in dem Leben des Weibes am Äquator und am Pole
zu finden sind, so müssen wir zunächst noch die genauere geographi-
sche Lage ihrer Länder angeben: so liegt die Balistation von Zint-
graff etwa ?<> nördlich vom Äquator und auf dem 10. <> östlicher
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27] Frauenleben und -leiden am Äquator und auf dem Polareise. 237
Länge; Kaiser Wilhelmsland» der Bismarckarchipel, Neumecklenburg
und Neupommern liegen 8— 10<> südlich vom Äquator zwischen dem
140. und 155.<> östlicher Länge, und die Gefilde, welche von den
verschiedensten Stämmen der Eskimos eingenommen werden, er-
strecken sich über ganz Grönland vom 60. über den 80.<> nördlicher
Breite und vom 30. — 50.^ westlicher Länge; dann in Nordamerika:
Baffinland, Boothia Felixland, King William-Land, Victorialand bis
nach Alaska und zur Behringstraße in einer Breite von 65 — 80^ nörd-
lich und zwischen dem 60. — I6O.0 westlicher Länge. Sie liegen also
75--800 in vertikaler Richtung und 160—2800 in transversaler Richtung
voneinander entfernt, und während die Nordkamerunneger und die
Kanaken ziemlich eng umgrenzte Völkerschaften darstellen, sind die
Stämme der Eskimos außerordentlich zahlreich und haben schon in
vielen der erwähnten Gegenden unter dem Eindringen der Kultur
sehr gelitten, so daß an manchen Orten fast nur noch Misch-
linge von Europäern und Eskimos existieren. Am unberührtesten
waren wohl noch die von Amundsen besuchten und beschriebenen
(1. c. p. 225^339) Netschjilli-Eskimos; während die Bewohner an der
wesdichen amerikanischen Küste, die Kagmalli -Eskimos, unter der
Zivilisation bereits so gelitten hatten, daß sie, die mehrere hundert
Familien stark gewesen, im Jahre 1005 schon auf ganz wenige zu-
sammen geschmolzen waren.
Werfen wir nun einen kurzen Rückblick auf das bisher Mitgeteilte
zum Vergleich der Lebensgewohnheiten der verschiedenen Stämme, so
können wir beim Vergleich der Eskimostämme mit den Kamerun-
negerinnen und Kanakinnen vier Gruppen unterscheiden:
In der ersten Gruppe finden wir fast völlige Oberein-
stimmung in bezug auf folgende Punkte: Die Ehe zwischen Bluts-
verwandten ist verboten; die Geburten sind in der Regel leicht und
finden in hockender, kniender oder liegender Haltung statt. Die
Kinder werden lang und sehr lang gestillt Mißgestaltete werden
getötet Die Säuglinge werden auf dem Rücken oder der Hüfte
der Mutter getragen. Die Fruchtbarkeit ist nicht beträchtlich, sie
schwankt zwischen zwei und vier Kindern. Tätowierungen kommen
fast ausnahmslos bei Frauen vor. Das Anbieten der Frauen ist allen
gemeinsam.
Sehr ähnlich ist das Verhalten in bezug auf die Ehe. Zwar zeigt
dieselbe bei den Kamerunnegern den monogamischen Charakter, doch
ist dem Manne der Negerin der Verkehr mit Sklavinnen gestattet zu
der Zeit, in der sich seine Frau der Kohabitation enthält, z. B. wäh-
rend der Regel, der Schwangerschaft und Säugungsperiode. Bei den
Kanaken und Eskimos gilt Vielweiberei, jedoch meist nur mit zwei
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238 F- V. ^inckely Frauenleben und -leiden am Äquator und auf dem Polareise. [28
Frauen. — Durch den Eintritt der Menses — - der bei den
Kamerunnegern festlich begangen wird — wird das Mädchen „un-
rein"^ und von der Familie getrennt. In bezug auf die Beschäfti-
gung der Frauen ist dieselbe, was häusliche Arbeit, Pflege und Er^
Ziehung der Kinder, Herstellung von Gerätschaften und Unterstützung
des Mannes In mancherlei Arbeiten betrifft, ebenfalls sehr ähnlich.
Zur dritten Gruppe, die uns zeigt, daß das Verhalten der
Stämme wenigstens ähnlich ist, rechnen wir ihr Verhalten zum
Weibe und die Stellung, die sie dem Weibe einräumen.
Die niedrigste Stellung nimmt offenbar die Kanakin ein; sie
kann vom Mann verschenkt, gekauft, getötet werden, indessen ist sie
materiell von ihm unabhängig, da das, was sie mit in die Ehe ge-
bracht und in ihr miterworben hat, ihr auch bleibt. Auch die Ne-
gerin steht physisch und sozial tiefer als ihr Mann, doch ist sie ein
wertvolles Eigentum desselben und die Matronen haben oft eine hohe
Vertrauensstellung. Von der Eskimofrau aber sagt Nansen, daD
sie eine bedeutende Rolle in der Gesellschaft spiele, da sie in der
Regel gut behandelt werde, und in der Tat: bei den zahlreichen Ab-
bildungen von Ehepaaren, die uns Amundsen geliefert hat, kann
man überall fröhliche Frauengesichter und mit den Kindern zusammen
auch ein wirkliches Familiengliick bewundern — so gering sind ihre
Anspräche an das Leben — so groO ist ihre Genügsamkeit.
Die wichtigsten Unterschiede zwischen den genannten Völker-
stämmen existieren endlich in Beziehung auf Krankheiten, von
denen dieselben befallen werden, und hier sind die Eskimos ent-
schieden in der ungünstigsten Lage, insofern sie durch die immer-
mehr fortschreitende Zivilisation, durch die Abnahme ihrer Haupt-
ernährungsquelle (der Seehunde), durch den zunehmenden Brannt-
weingenuD, durch die Verschlechterung ihrer Wohnungs- und
Kleidungsverhältnisse und ihre um sich greifende Verarmung immer
mehr die Beute von verheerenden Krankheiten, wie Tuberkulose,
Skrofulöse, Rhachitis, Pocken und Syphilis werden. Die weit gün-
stigere Lage, in der sich in dieser Beziehung die Neger und Kanaken
befinden, haben wir früher schon besprochen. Obwohl auch für sie
der Alkohol ein furchtbares Gift ist, welches immer mehr verbreitet
wird, so ist doch die Menge von Momenten, welche die Eskimo-
stämme fortwährend dezimieren, eine so große, daß sowohl Nansen
als Amundsen auf die näherrückende Gefahr einer vollständigen
Vernichtung derselben in ergreifender Weise aufmerksam gemacht
haben. Hoffen wir, daß deren Warnungsrufe nicht ungehört verhallen!
München, 31. Januar 1908.
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Aus der experimentell-biologischen Abteilung des Pathologischen
Institutes zu Berlin. Vorstand: Professor Dr. Ad. Bickel.
482/84.
(Innere Medizin Nr. 144/46.)
Experimentelles und Klinisches
zur Kenntnis der Beeinflussung der Magensaft-
sekretion durch Medikamente.
Von
Dr. P. Rodarit
Privatdozent an der Untveraitit Zürich.
Die genauere Kenntnis der Bedeutung der Magensaftsekretion für
die Diagnose, die Pathologie und die Therapie der Magenkrankheiten
ist eine verhältnismäßig noch junge Errungenschaft der Medizin. Be-
deutend alter sind diesbezügliche Studien der Physiologie, während
die Pathologie bis vor wenigen Jahrzehnten die Erkrankungen des
Magens nur mit geringer Liebe erforscht hat. Dieses Gebiet der
inneren Medizin wurde stiefmütterlich behandelt, bis es Forschern wie
KuOmaul, Ewald, Riegel u. a. gelang, die bisherigen diesbezüg-
lichen Kenntnisse gründlich umzuarbeiten und fruchtbar zu erweitern.
An diese Namen knüpft sich eine neue, moderne Periode in der Pa-
thologie und Therapie der Verdauungsorgane, vor allem charakterisiert
durch eine präzise Diagnose gegenüber den unklaren Begriffen der
alteren Epoche vor diesen Forschern. Mag es beispielsweise angeführt
werden, daß man bei Durchsicht der älteren Literatur in den 40er
Jahren bei der Klassifizierung der Magenaffektionen kaum zwischen
anderen Krankheitsbildern unterscheidet, als zwischen dem höchst
unklaren und fast von jedem Autor anders definierten Begriffe der
.Dyspepsie'', wobei nicht einmal der Unterschied zwischen anatomisch
gegebener Grundlage und funktioneller Art gemacht wird, ferner zwischen
Ulcus und Carcinoma ventriculi, der Magenerweiterung und der seit Jahr^-
zehnten klinisch nicht mehr bekannten Gastromalacie, besonders der
Kinder, welche heutzutage nicht mehr als ein Krankheitsbild sui
KlIiL Vorträge, N. F. Nr. 482/84. (Innere Medizin Nr. 144/46.) Mai 1906. 17
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238 P. Rodari, [2
generis, sondern als eine postmortale Veränderung aufgefaßt wird. —
In den 50er Jahren unterscheidet man noch in der Literatur zwischen
„Magenentzündung^ und „krankhafter Verdauung'^ wie wenn diese
Bezeichnungen wirklich Gegensätze wären. So unklar eben waren
die darunter verstandenen Begriffe. Kaum klarer sind diese im
folgenden Jahrzehnt, in den 60er Jahren, wo man mit dem Worte
„Gastritis"^ einzig das bezeichnet, was die neuere Medizin phleg-
monöse Gastritis nennt, während man für „Gastritis^ im modernen
Sinne noch immer den unklaren, verwirrenden Begriff „Dyspepsie'
braucht.
Einen Fortschritt in der weiteren Aufhellung dieser dunklen Be-
griffe bilden die Arbeiten zweier Engländer, welche in pathologisch-
anatomischer Hinsicht einige Krankheitsbilder des Magens, besonders
die entzündlichen Veränderungen der Schleimhaut, die Gastritis gut
beschreiben: so die mikroskopischen Studien von Handfield Jones')
über die Gastritis atrophicans, den wir damit als Entdecker dieser
Affektion, wenigstens im anatomischen Sinne, bezeichnen können, und
die umfassendere unter Virchows Leitung durchgeführte sehr gute Ab-
handlung von Fox^) über die Mikroskopie verschiedener Magen-
affektionen.
Die neue Ära auf diesem Gebiet beginnt mit der Einführung der
Magenpumpe durch KuOmauP) im Jahre 1869, welcher diese ameri-
kanische Erfindung in erster Linie nicht zu diagnostischen, sondern
therapeutischen Zwecken praktisch anwandte, und zunächst diese
Methode auf die Behandlung der chronischen Magenerweiterung in
Form von Spülungen mit alkalischen Mineralwässern und Medikamenten
(Sodalösungen und Karbolsäurelösungen) beschränkte.
Einen erheblichen Schritt weiter, sowohl in der Diagnose zunächst^
wie nach und nach auch in der Therapie hat uns Ewald^) gebracht
4iirch die Einführung seiner ebenso einfachen wie genialen Unter-
suchungsmethode, des Probefrühstückes. Diese Methode hat vor allem
über die Sekretions Verhältnisse des Magens Klarheit verschafft,
und es ist dabei ein nicht geringes Verdienst Ewalds, die Gastritis
als ein polymorphes Krankheitsbild erkannt und beschrieben zu haben,
bei dessen einzelnen Differenzierungen gerade die Art der Sekretion
ausschlaggebend ist. Damit wurden die alten verworrenen Begriffe
1) Assoc. med. Journ. Oct. 1853.
2) Lancet Juli 1853.
3) Deutsches Arch. f. klin. Med. 1869, Bd. 6.
4) Berl. klin. Wochenschr. 1888, Nr. 36.
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3] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 239
der Gastritis und Dyspepsie des weitern voneinander getrennt, nach-
dem Leube^) 1878 die Dyspepsie als eine Erlirankung, resp. Teil-
erkranlLung ohne anatomisclie Grundlage charakterisiert und damit
von der Gastritis als einer Krankheitsform mit anatomischem Sub-
strate von primär oder sekundär lokalem Charakter scharf geschieden
hatte. — Hand in Hand mit der Abgrenzung der Gastritis von der
Dyspepsie geht auch die weitere Trennung anderer anatomisch gege-
bener Erkrankungen von den rein funktionellen „nervösen"^ Störungen,
und damit erfolgt auch die wissenschaftlich präzisere Feststellung des
BegrifiPes einer Magenneurose. Die Magenneurosen werden nun,
und diese Einteilung besteht noch immer zu Recht, in sensible, moto-
rische und sekretorische unterschieden. Diese Einteilung ist nicht
pathologischer, sondern in erster Linie physiologischer Natur, und so
bilden diese drei Verhältnisse, in denen sich die Hauptfunktionen der
Verdauungsorgane abspielen, die Basis für die Diagnose und die
Therapie auch bei den Krankheiten der Verdauungsorgane, speziell
des Magens mit anatomischer Grundlage. Was diese letztere anbelangt,
lassen sich die anatomischen Veränderungen am kranken Magen nach
folgenden groOen schematischen Grundzfigen unterscheiden, welche
in gewissem MaDe auch bestimmten klinischen Bildern entsprechen:
Ifl der Muskularis unterscheidet man hypertrophische und atrophische
Prozesse, Entzfindungen (Gastritis phlegmonosa), ferner Substanzver-
luste (Ulkus) und Neoplasmen (Sarkome); in der Mukosa spielen
entzQndliche Vorgänge die Hauptrolle, die teilweise zu analogen
Prozessen führen (Hypertrophie und Atrophie der Schleimhaut,
Gastritis hypertrophica und atrophica), ferner sind vorwiegend hier
Substanzverluste (Erosionen und Ulkus), sowie Neoplasmen (Karzinom)
lokalisiert. Hand in Hand mit diesen anatomischen Prozessen, häufig
and teilweise als direkte Folgen dieser lokalen Vorgänge, gehen
Funktionsstörungen der Drüsensekretion vor sich, sei es, daß der
Drfisenapparat anatomisch von der Schleimhauterkrankung mit ergriffen
wird, sei es^ daß er in bloß funktioneller Art nervöse Impulse erhält.
Dies betrifft sowohl die Schleim- als auch die Magensaftdrfisen.
Das Studium dieser Drfisenfunktion unter physiologischen und be-
sonders pathologischen Verhältnissen soll nun die Aufgabe dieser
Arbeit sein, in dem Sinne, daß im folgenden dargelegt werden soll,
wie die Magensaftsekretion durch Medikamente in engerem und wei-
terem Sinne des Wortes (z. B. Mineralwässer) beeinflußt werden kann,
und unter welchen Umständen eine solche Beeinflussung vom klinisch-
therapeutischen Standpunkte aus indiziert ist.
1) Deutsches Arcb. f. klin. Med. 1873, Bd. 23.
17*
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240 P. Rodari, [4
Im Interesse einer einheitlichen Darstellung soll hierbei in erster
Linie die Literatur seit Anfang der 40er Jahre bis auf die neueste
Zeit eingehend berücksichtigt werden. Zur Aufklärung einiger strittiger
Punkte, sowie zur Kenntnis einiger bisher nicht untersuchten Fragen
sollen des weiteren einige tierexperimentelle Untersuchungen einen
Beitrag liefern. Außerdem sollen Beobachtungen aus der eigenen
Praxis versuchen, einige theoretisch-experimentelle Fragen mit der
praktisch-klinischen Therapie in Einklang zu bringen.
Neben der Motilität spielt die Sekretion, d. h. der Chemismus des
Magens eine große Rolle, welche in der Physiologie besonders ein-
gehend gewürdigt worden ist. Freilich verkennt auch die Pathologie
die Wichtigkeit dieser Rolle nicht, soweit es die Diätetik betrifft. Haben
doch besonders die Forschungen des letzten Jahrzehntes, welche durch
Pawlows bahnbrechende Untersuchungen einen mächtigen Impuls
erhielten, nachgewiesen, daß der Verdauungsapparat unter physiolo-
gischen und pathologischen Bedingungen auf die einzelnen Bestand-
teile der Nahrung (Eiweiß, Fett, Kohlenhydrate, Wasser, Salze und
Genußmittel) in geradezu spezifischer Weise reagiert, und aus diesen
Beobachtungen sind wichtige Schlußfolgerungen für die diätetische
Therapie gezogen worden. Nun aber ist das Stiefkind der modernen
Therapie, die Pharmakologie, auch hier etwas stiefmütterlich behandelt
worden. Allerdings treffen wir in der Literatur schon seit manchen
Jahrzehnten klinisch-experimentelle Beobachtungen über die Phar-
makodynamik einzelner chemischer Verbindungen und Medikamente
auf den Verdauungsapparat an, und die letzten Jahre haben uns ver-
schiedene sehr interessante Arbeiten tierexperimenteller Art geliefert,
aber trotzdem waren diese Beobachtungen bisher zu keinen strikten
systematisch aufgebauten Direktiven für die medikamentöse Therapie
der Magendarmerkrankungen verwertet worden. Dieses habe ich in
meinem Buche: „Grundriß der medikamentösen Therapie der Magen-
und Darmkrankheiten'' (Wiesbaden, Verlag J. F. Bergmann, II. A. 1906)
zu tun versucht und möchte hierfür auch in dieser vorliegenden
kleineren Arbeit einen weiteren Beitrag liefern.
Die Erkrankungen, bei denen die Art der Sekretion eine große
Rolle spielt, betreffen in erster Linie die Schleimhaut des Magens in
Form einer diffusen Entzündung und einer Sekretionsanomalie. Diese
bestehen bei den einzelnen Krankheitsbildern entweder für sich allein
(Beispiele: Gastritis chronica simpIex, ohne Sekretionsstörungen,
Hyperchlorhydria nervosa ohne Entzündung der Mukosa), oder sie
sind in den häufigeren Fällen miteinander verbunden (Beispiel:
Gastritis chronica subacida, Gastritis hyperacida, Entzündung und
Sekretionsstörung, ferner Ulkus mit Hyperazidität und sekundärem
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5] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 241
Katarrh). Die Kombination von Entzündung mit Sekretionsstörung
ist das Häufigere. Bei einzelnen Formen ist die Entzündung das
Primare und die Sekretionsanomalie ein Folgezustand hiervon (Bei-
spiek Gastritis chronica simplex, welche nach und nach in eine suba-
zide Form übergeht), in anderen Fällen liegen die Verhältnisse
umgekehrt vor (Beispiel: Nervöse Hyperchlorhydrie, die in eine
Gastritis acida übergeht). Für die Therapie ist nun die Tatsache von
großer Bedeutung, daß der enge Zusammenhang zwischen Entzündung
und Sekretionsanomalie sich auch in der Einwirkung der Pharmako-
dynamik der einzelnen Körper, Nahrung und besonders Medikamente
auf den Magen geltend macht, d. h. diejenigen Mittel, welche die
Entzfindnug bekämpfen, bekämpfen zugleich auch die Sekre-
tionsstörung und umgekehrt, diejenigen, welche die Sekretions-
anomalie in ungünstigem Sinne beeinflussen, verschlimmern
zu gleicher Zeit auch den Ent2ündungsvorgang.
Diese Reaktion des kranken Magens auf die betreffenden chemischen
Koqper vereinfacht die Therapie. Freilich gibt es auch hier, wie auf
allen Gebieten der Medizin Ausnahmen, aber im großen und ganzen
besteht diese Regel zu Recht, wie in folgenden Ausführungen klar-
gelegt werden soll.
Die Beeinflussung der Sekretion durch die einzelnen Arten chemi-
scher Körper resp. Medikamente erfolgt auf keine einheitliche Art
und Weise. Die betreifenden Substanzen setzen den Hebel ihrer
Wirkung an verschiedenen Orten an, das Produkt oder die manifeste
Äußerung dieser Wirkung offenbart sich dann vornehmlich in der Art
der Magendrüsenfunktion, d. h. der Magensaftabscheidung. Nach
pharmakodynamischen Prinzipien kann man folgende Arten von die
Magensekretion beeinflussenden Körpern unterscheiden:
I. Körper, welche vom Zentralnervensystem aus die Sekretion
beeinflussen. Die Reaktion der Magendrüsen ist hier keine spezifische,
sondern eine bloße Teilerscheinung, eine Mitbeteiligung an der Reaktion
verschiedener Organe auf die betreffende Substanz.
II. Körper, welche durch primäre Erregung anderartiger nervöser
Impulse (z. B. Geschmacksnerven) sekundär die Magendrüsenfunktion
beeinflussen.
IIL Körper, die ihre Dynamik lokal im Magen ansetzen, aber
direkt auf die Magendrüsen einwirken.
IV. Körper, die auf dem Blutwege auf die Magensaftabscheidung
einwirken (rektale Anwendung succogener und pepsinogener Sub-
stanzen).
Diese Einteilung ist vom physiologisch -pharmakodynamischem
Standpunkte aus wohl interessant, vom Gesichtspunkte der Therapie
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242 P. Rodari, [6
aus aber empfiehlt sich eine mehr praktische Einteilung nach der
chemischen Beschaffenheit der Substanzen. Bei der Besprechung
der betreffenden Körper soll natürlich obige Einteilung auch berück-
sichtigt werden.
So wollen wir Folgende Hauptgruppen von die Magensaftabscheidung
beeinflussenden Körpern unterscheiden:
I. Das Wasser, die Kohlensäure, die Alkalien und Typen
von Mineralwässern.
IL Gewisse Adstringentien.
IIL Gewisse Metalle.
IV. Gewisse Nervengifte der Alkaloidreihe (nach Schmiede-
berg).
V. Die Stomachika (im engeren Sinne des Wortes).
Wenn nun nach diesem Plane die Beeinflussung der Magensaft-
sekretion in pharmakodynamischem und therapeutischen Sinne unter-
sucht werden soll, so muß man sich zunächst vergegenwärtigen, daß
eine genaue experimentelle Erforschung dieser Verhältnisse erst
durch die von Pawlow eingeführte und von seinen Schülern weiter
ausgebeutete Methode möglich geworden ist. Auch meine Unter-
suchungen, soweit sie tierexperimenteller Natur sind, wurden nach
dieser Methode an der experimentell-biologischen Abteilung des
Pathologischen Institutes zu Berlin angestellt, indem ich hierfür Hunde
benutzte, welche zum Teil von Herrn Prof. Dr. Bickel, zum Teil von
mir selbst nach Pawlow operiert worden waren. Es sei mir gestattet,
an dieser Stelle auf die Art und das Prinzip der Technik dieser
Operation kurz einzugehen.
Die Pawlow sehe Operation hat zunSchst eine Analogie in der viel älteren
Methode von Thiry, der schon im Jahre 1864 am Dünndarm von Hunden einen
nach außen mündenden Blindsack herstellte. Aus einer Darmschlinge schnitt
Thiry ein zylindrisches Stück Darm heraus, bildete aus diesem einen Blindsack,
der nach innen (nach dem Darme zu) abgeschlossen war und nach außen offen in
die Bauchwunde eingeniht wurde. So konnte reiner, nicht mit Darminhalt ver-
mischter Darmsaft gewonnen werden. Diesen Gedanken verwertete später Heiden-
hain, indem er einen solchen Blindsack aus dem Fundus des Magens bildete.
Dieser Blindsack ergoß so sein Sekret nach außen und die Drüsenarbeit in diesem
war in gewissem Grade der Abklatsch in verkleinerten Maßstabe von der Drüsen-
arbeit des großen Magens. Dieses Spiegelbild war aber ein ungenaues, ein ver-
zerrtes, weil Heidenhain durch die Art der Schnittführung bei seiner Operation
die Vaguszweige zum großen Teil durchschnitten hatte. Pawlow ging nun bei der
Verbesserung dieser Methode^) von der Erkenntnis aus, daß die Drüsenfunktion des
kleinen Magens nur dann mit derjenigen des großen Magens parallel läuft und
qualitativ wie quantitativ koinzidiert, wenn die am Magen längs verlaufenden
1) Vgl. Pawlow, Die Arbeit der Verdauungsdrüsen. Verlag von J. F. Bergmann,
Wiesbaden 1898.
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7] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 243
Vigusverzweigungen bei der Operation intakt gelassen werden. Nach diesem Prinzip
vird auch an der experimentell-biologischen Abteilung des Pathologischen Institutes
in Berlin operiert. Hierzu werden nur ausgewachsene, große, kriftige und gesunde
Hunde verwendet. Vor der Operation bekommt das nüchterne Tier eine Morphium-
dosis von 0,05 subkutan, einerseits damit es eventuelle Nahrungsreste noch tüchtig
ansbricht, andererseits zur Erleichterung der Narkose. Auf dem Operationstische
anfgespannt, wird das Tier am Abdomen rasiert, mit Schmierseife gewaschen und
mit Sublimatldsung und Alkohol desinfiziert. Äthernarkose. Die Vorbereitungen
des Operateurs und des Materials zur Operation entsprechen genau den Grund-
atzen der Aseptik wie bei Operationen am Menschen. Mittels eines ca. 15 cm
langen medianen Lingschnittes wird dfe Bauchhöhle eröffbet und der Magen wird
in toto hervorgezogen. In der Längsachse des Organes, im Fundusteile an der
großen Kurvatur, wird dieses nun da, wo man den Blindsack abtrennen will, mit
zwei einander parallel verlaufenden, ca. 2 cm voneinander getrennten Klemmzangen
(Darmklemmen) abgeklemmt.
Nach Unterbindung der auf der Serosa verlaufenden Zweige der Arteria coron.
ventr. wird nun zwischen den Klemmen die vordere und hintere Magenwand ge-
nannt Der Schnitt an der großen Kurvatur, etwa 2 cm von Pylorus entfernt, wird
10—12 cm fortgesetzt, immerhin so, daß am obersten Teile des Fundus noch eine
intakte Brücke von 5—6 cm Breite besteht. Dadurch wird der Magen in einen
großen und einen kleinen Teil geschieden, aus denen der große und der kleine
Magen gebildet werden.
Abnahme der Klemmen, Unterbindung der blutenden kleineren Geßße. Sodann
wird von den Schnittflichen der beiden getrennten Magenteile aus die Mukosa ab-
pripariert, wobei Muskularis und Serosa nicht verletzt werden sollen. Am großen
Magen erfolgt die Abtrennung der Schleimhaut in einer Breite von 1V2— 2 cm, am
Grosser I
Kleiner Magen
kleinen Magen hingegen von 2V2~3 cm. Die beiden Magenteile sollen nun an
ihren Grundflächen verschlossen werden, und zwar zuerst der große Magen. Hierzu
werden zunächst die abpriparierten Schleimhautflichen der vorderen und hinteren
Magenwand durch Tabakbeutelnaht miteinander nach innen vernäht; dann erfolgt
die Naht der Muskularis und der Serosa. Ähnlich ist der Vorgang am kleinen
Magen; nur handelt es sich hier in erster Linie darum, diesen zu einem wirklichen
Blindsacke zu gestalten, in der Art und Weise, daß keine offene Kommunikation
zwischen der intakt gebliebenen Brücke und dem kleinen Magen bestehen darf.
Deshalb wird aus seiner abpräparierten Schleimhaut eine Kuppel gebildet, deren
Konvexität nach der Brücke gerichtet ist. Darauf wird auch der kleine Magen ge-
schlossen, zunächst durch Tabakbeutelnaht die Schleimhaut, resp. die Ränder der
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244
P. Rodari,
(8
Sero6d
Mu6cutdri5
MucMa
eptum
Kleiner Magen
Kuppel, dann erfolgt die Naht der Muskulatur und der Seresa. Großer und kleiner
Magen sind so durch ein zweifaches Septum getrennt: einerseits durch die an dieser
Stelle intakte Sohleimhautkuppel
des kleinen Magens, andererseits
durch die in der Mitte vernähten
eigenen Mukosa (des großen
Magens an der Brücke).
Der kleine Magen stellt so
ein zylinderförmiges distal zu-
gespitztes Gebilde vor, dessen
Öffhung nun in die Bauchwunde
eingenftht wird. Letztere wird
bis auf die AusmQndung des
Blindsackes durch drei Etagen-
nShte geschlossen und mitjodo-
forrogaze und Jodoformkollodium
bedeckt. — Ein solch operiertes
Tier ist bei günstigem Verlaufe
nach etwa einer Woche, höchsten
10 Tagen experimentierfihig, wie-
wohl in den meisten FSllen trotz aller Vorsichtsmaßregeln die Heilung der Bauch-
wunde, d.h. ihrer Muskulatur und Haut per primam nur ausnahmsweise erreich-
bar ist.
Zur Vornahme der unten beschriebenen Experimente wurden nur Tiere ver-
wendet, welche sich von der Operation
-Kleiner Magen 8"* ^^^^^^ hatten, munter waren, mit
gutem Appetit fraßen und keine Tem-
^Perforierter Gummidrain peraturerhöhungen aufwiesen. Auch
wurden die Tiere erst dann benutzt,
wenn das aus dem Blindsack aufge-
fangene Sekret von Wundprodukten
(Blut, Eiter) möglichst rein war. Die
Hauptbedingung zur Versuchsanord-
nung ist nun ein vollständiges Nfich-
temsein der Tiere, d. h. die auf die
Nahrung erfolgende Sekretion mußte
gSnzlich abgelaufen sein. Die Tiere
wurden also nüchtern gestellt. Bei
Fütterung ausschließlich mit Pferde-
fleisch war dies schon nach 10 bis
12 Stunden der Fall, auf eine ge-
mischte auch viel Kohlehydrate ent-
haltende Kost hin mußte man bis
zur völligen Versiegung der Sekretion
durchschnittlich 14— 16 Stunden warten.
— - Das nüchterne Tier wird nun in einem Gestelle aufgestellt und am Vorder* und
Hinterkörper zur möglichsten Ausschaltung der Ermüdung mit Tüchern leicht
suspendiert. Es soll dabei möglichst im psychischen Gleichgewichte bleiben, ds
seine Intelligenz nach Pawlows klassischen Versuchen auf Störungen auch mit
besonderen Sekretipnsvorgingen Im Magen reagieren kann. Vor allem darf das Tier
keine Nahrung sehen oder riechen, denn sofort würde die damit assoziierte Vor-
4ft
Flasche
Klemme — z
Graduierter
Me66cylinder
Qummldraln
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9] Experimentelles und KUnisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 245
stelluns des Fressens, die Freßlust „psychischen Appetitsaft'' auslösen und damit
den Gang der Versuche erheblich verändern. Im umgekehrten Sinne würde Ärger
wirken (z.B. Vorbalten einer Katze nach Bickels Versuch).
In die Öffoung des Blindsackes wird nun ein Gummidrain eingeführt, welches
mit der sog. «Pincussohnschen Magenflasche'' verbunden wird. Der Apparat
wird mittels einer um den Leib des Hundes geschlungenen Binde festgehalten.
Aus dieser Flasche wird von Zeit zu Zeit der Magensaft entnommen und unter*
sacht, wie weiter unten niher beschrieben werden soll.
Betrachten wir nun die BeeinfluObarkeit der Magensekretion in
physiologischer und therapeutischer Hinsicht durch die Körper der
oben aufgestellten Gruppe und zwar zunächst durch:
L Das Wasser, die Kohlensäure,
Alkalien und Typen von Mineralwässern.
Das Quellwasser, wie das chemisch reine destillierte Wasser ist
ffir die Magensaftsekretion keine ganz indifferente chemische Ver**
bindung. Daß es eine geringe Sekretion im Magen hervorruft, werden
wir in den folgenden Versuchen öfters sehen.
Eine erheblich größere Anregung erfährt die Drüsensekretion des
Magens durch die im Wasser suspendierte Kohlensäure. Vom
klinischen Standpunkte aus wird diese schon im Jahre 1884 von
Jaworski') empfohlen, indem dieser Autor ihr einerseits eine Steige-
rung der darniederliegenden Sekretion bei subaziden Formen von
Magenaffektionen nachrühmt, andererseits ihr auch eine tonisierende
Wirkung auf die Atonie der Muskeln zuschreibt. Durch Anregung
der Magensaftabscheidung soll sie auch den Appetit befördern. Diese
Auffassungen bestätigt Pentzoldt.^) Die Salzsäuresekretion des
Magens beginnt nach seinen Beobachtungen früher unter der Ein-
wirkung der Kohlensäure und erreicht höhere Grade, auch die Moti-
lität des Magens wird gesteigert, indem die Aufenthaltsdauer der
Speisen im Magen je nach deren Beschaffenheit um V2— % Stunden
abgekürzt wird. Weidert^) bestätigte neulich diese klinischen Beob«
achtungen. In neuester Zeit hat Pincussohn^) den sekretions-
steigernden Einfluß der COg auf die Magensaftabscheidung an Paw-
lowschen Hunden experimentell nachgewiesen, indem er in der
Mehnahl der Fälle eine quantitative Steigerung und eine qualitative
Erhöhung (erhöhte Konzentration) des Sekretes fand. Schmiede-
1) Berl. klin. Wochenschr. 1884, Nr. 33.
2) Deutsches Arcb. f. klin. Med. 1902, Bd. 73.
3) Inaugoraldisttrtation ErlaDgen 1903.
4) Arbeiten aus dem Path. Inst, zu Berlin 1906.
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246 P. Rodari, [la
berg^) verlegt den Angriffspunkt dieses chemischen Körpers auf die
Schleimhaut bzw. die Drüsen des Magens selbst, indem er sich dar-
über folgendermaßen äußert:
„Die Erklärung für die heilsamen \7irkungen dieser gasförmigen Säure ist darin
zu suchen, daß sie auch bei Gegenwart von Alkalien wirksam bleibt. Sie durch-
dringt die Magenwandung von allen Seiten und wird dann nicht wie andere Säuren
in den Geweben vollständig neutralisiert, sondern ist hier bei genügender Menge
gleichzeitig als Bikarbonat und im absorbierten Zustande erhalten. In dieser \7eise
vermag die C02 die Funktion der Gewebe anzuregen, ohne die wesentlichen Eigen-
schaften der Alkalien aufzuheben. Dazu kommt als weiteres günstiges Moment,
daß die Erregung stets eine mäßige bleibt und daher niemals durch ein Übermali
schaden kann.^
Diese pharmakologischen Wirkungen der CO2 indizieren ihre An-
wendung sowohl bei akuten, wie auch bei gewissen subaziden Formen
von chronischen Gastritiden und anderen mit Sekretionsverminderung
einhergehenden Magenerkrankungen. Auch die Wirkung mancher
Mineralwässer beruht teilweise auf der Anwesenheit von CO2 (siehe
unten).
Von nicht geringerer, eher noch von größerer therapeutischer
Bedeutung für die Sekretionsbeeinflussung der Tätigkeit der Magen-
drüsen sind die Alkalien. Zur Gruppe der Alkalien in engerm
Sinne rechnet Schmiedeberg pharmakologisch „alle Verbindungen
der Alkali- und Erdmetalle, welche basische Eigenschaften (alkalische
Reaktion) besitzen und keine giftig wirkenden Komponenten enthalten'^.
Therapeutisch kämen die Salze der Alkali-, der Erdalkalimetalle und
der Magnesiumgruppe in Betracht, in praktisch-klinischer Hinsicht
und pharmakodynamisch erforscht sind nur einzelne Verbindungen
bestimmter Vertreter dieser Gruppen.
Unter den Salzen der Alkalimetalle, überhaupt unter allen hier in
Anwendung kommenden Alkalien spielt therapeutisch die wichtigste
Rolle das Kochsalz, das Natriumchlorid; in erster Linie deshalb,
weil es neben der CO2 in den Kochsalzq^uellen den einzigen
pharmakodynamisch wirkenden Bestandteil bildet, da andere chemische
Körper nur in minimaler Quantität vorhanden sind. Bei den Phy-
siologen und Klinikern war die Frage der Wirkung von Na Gl auf
die Magensaftsekretion eine langumstrittene. In klinisch-experimeii-
teller Hinsicht standen sich die Stimmen maßgebender Forscher ein-
ander entgegengesetzt gegenüber: Beispielsweise schrieb Frerichs^)
dem NaCl eine günstige Einwirkung auf die Magensaftabscheidung
und auf den Peptonisierungsvorgang im Magen zu, während Reich-
mann^) eine gegenteilige Wirkung des Kochsalzes annahm. Diese
1) Grundriß der Pharmakologie. 1906.
2) Vgl. Boas, Diagnostik und Therapie der Magenkrankheiten. 1907.
3) Arch. f. exp. Pathologie und Pharmakologie 1887, Bd. 24.
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11] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 247
soll Dicht in einer Steigerung, sondern in einer Hemmung der Drüsen-
tätigkeit beruhen und zwar nicht allein bei starken Konzentrationen
(S— 10%), sondern auch bei schwachen Lösungen (1—2%). Die Ab-
nahme der Azidität erklärt Reichmann einerseits durch Annahme
einer den Mageninhalt neutralisierenden Transsudation aus den Blut-
gefäßen, andererseits durch vermehrte Schleimabsonderung. — Löwen-
thal^) weist hingegen auf die klinischen Erfolge hin, die er durch
Berieselung des Magens mit warmer physiologischer NaCl-Lösung
erzielt. Die verminderte Sekretion konnte er hierdurch bedeutend
erhöhen.
Das entscheidende Wort in dieser Kontroverse hat zunächst seit
Jahrzehnten die Empirie gesprochen, welche durch die gewiegten
Stimmen reichlicher Erfahrung von Ewald, Riegel, Boas u. a. ge-
äußert wurde, daß der mehrwöchige Gebrauch gewisser Kochsalz-
quellen subazide Zustände der Magensekretion erheblich bessern, ja
sogar zur Heilung, d. h. zur normalen Azidität führen könne. Solche
Beobachtungen kann auch der Praktiker vielfach machen, und auch
ich ^ habe darauf hingewiesen, daß der zu lange fortgesetzte Gebrauch
einer Kochsalzquelle eine Gastritis subacida in eine hyperacida über-
fuhren kann.
Warum steht in diesem Falle die Empirie in einem Gegensatze
zu den Resultaten der Untersuchung mancher, gewiß auch recht zu-
verlässiger Beobachter, wie z.B. Reichmanns? Aus verschiedenen
Gründen: Erstens ist die Wirkung der NaCl-Lösungen und -Quellen
auf den kranken menschlichen Magen keine rasche, sondern stellt
sich erst nach längerer Anwendung (Kuren von mehreren, 3—4 Wochen)
ein; zweitens ist diese Wirkung an eine bestimmte, besonders nach
oben abgegrenzte Konzentration an Kochsalz gebunden; drittens ist
nicht nur nach klinischen Erfahrungen, sondern auch nach Analogie
meiner eigenen, allerdings mit andern Medikamenten durchgeführten,
unten erwähnten Untersuchungen anzunehmen, daß die entzündlich
veränderte Magenschleimhaut wohl auch auf das Na Gl wenigstens
graduell anders reagiert als die anatomisch intakte Mukosa.
Die empirischen Tatsachen haben im Laufe der letzten Jahre eine
einwandsfreie Bestätigung ihrer Richtigkeit in biologischen Experi-
menten gefunden, welche am Pathologischen Institut zu Berlin an
nach Pawlow operierten Hunden angestellt wurden. So prüfte zu-
nächst Bickel^) die Kochsalzquellen, speziell den Wiesbadener
Kochbrunnen, und kam zu folgenden Resultaten:
1) Berl. lilin. Wochenschr. 1893, Nr. 47 tf,
2) Berl. iLün. Wochenschr. 1906, Nr. 23.
3) Berl. iLlin. Wochenschr. 1906, Nr. 2.
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248 P. Rodarl, [12
«Die KohlensSure und das Kochsalz der Kochsalzwässer begünstigen die sekre-
torische Arbeit der Magenschleimhaut. Bei einem Vergleich des Einflusses der
Kochsalzwässer mit demjenigen gewöhnlichen Leitungswassers findet man, daß
große Unterschiede hinsichtlich der abgeschiedenen Sekretmenge jedenfalls nicht
bestehen, daß man aus den Sekretionskurven höchstens die Tendenz herauslesen
kann, es werde durch die Kochsalzwässer die Saftproduktion befördert. Bei einem
Hunde mit chronischem subazidem Katarrh des großen und des kleinen
Magens erfuhr unter dem Eindruck der Gabe eines Kochsalzwassers der Säuregehalt
des vom kleinen Magen abgeschiedenen Sekretes eine deutliche Steigerung.*
Einen Schritt weiter ging Baumstark^), der ebenfalls zuerst am
Tierexperimente nachwies, daß die Intensität der Saftsteigerung bei
den verschiedenen Kochsalzquellen variiert, indem bei den Hom-
burger Quellen die Fähigkeit der Saftvermehrung als bedeutend
großer festgestellt wurde als die des Wiesbadener Kochbrunnens*
An der Hand vieler einwandfreier Versuche nimmt Baumstark für
die Homburger Kochsalzwässer in Anspruch:
„daß sie nicht wie die von Bickel und seinen Mitarbeitern untersuchten Koch-
salzwässer höchstens die Tendenz einer Saftvermehrung erkennen lassen, sondern
daß sie die Saftsekretion der Magenschleimhaut beim Tier und dem erwachsenen
Menschen in außerordentlich starkem Maße, um durchschnittlich 74,1 % (gegen-
über der Wirkung gewöhnlichen Wassers) erhöhen.^
Von größter Wichtigkeit für die Therapie ist nun der Umstand^
daß dieser Autor durch einen glücklichen Zufall die Frage der
Obertragbarkeit dieser Resultate vom Tierexperiment auf
den Menschen lösen konnte. Baumstark konnte nämlich an einem
von Prof. Gluck wegen vollständiger Ösophagusstenose operierten
23jährigen Mädchen mit gesunder Magenschleimhaut experimentieren.
Der Patientin war vor 8 Jahren eine Gastrostomie und vor einem
Jahre zu therapeutischen Zwecken eine Ösophagotomie angelegt.
Der zentrale Ösophagusteil wurde vernäht und versenkt, der peri-
phere zu einer Ösophaguslistel ausgebildet. Zur Erhaltung des Kau-
aktes, der Einspeichelung des Bissens und zur Ermöglichung der
Speichelverdauung konnten Ösophagus- und Mageniistel durch einen
Schlauch miteinander verbunden werden. An dieser Patientin ex-
perimentierte nun Baumstark mit den verschiedenen Kochsalz-
quellen von Homburg und kam zu dem obenerwähnten, das Tier-
experiment völlig bestätigenden Resultate. Besonders bemerkenswert
dabei ist der Umstand, daß beim Menschenexperiment „die Ver-
dauung der quantitativen Magensaftabscheidung dem Kochsalzgehalt
der verschiedenen Brunnen proportional ist. Das Optimum liegt beim
Landgrafbrunn mit 1,4% Na Gl, dann folgt die Elisabethquelle mit
etwa 1 % Kochsalzgehalt und erst zuletzt der Ludwigsbrunnen mit nur
1) Arch. f. Verdauungskrankheiten 1906, Bd. 12, Heft 3.
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13] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 249
0,7%.* Diese Beobachtungen sprechen gegen die bisher übliche em-
pirische Annahme eines Optimums bei ungefähr 1% und einer Ab-
nahme der Wirk:ungy wenn ein Wasser mehr als etwa 1% Kochsalz
enthalf.
Des weitern ist für die Praxis an dieser Arbeit der Umstand
wichtig, daß Baumstark am Tierexperiment nachweisen konnte, daß
die sekretionssteigernde Wirkung der Na Cl -Wässer nur dann eintritt,
wenn das Wasser erstens nüchtern gegeben, und zweitens die
Nahrung erst dann aufgenommen wird, wenn das Mineralwasser
den Magen vollständig verlassen hat, d. h. die Verdauungs-
periode muß von der Mineralwasserveräbreichung durch eine ge-
nügend lange Pause getrennt sein. Kochsalzbeimengung zur Nahrung
hemmt nämlich die Saftabscheidung in hohem Grade; an Tierexperi-
menten war die Gesamtsaftmenge der Na Cl -Wasserperiode um 43
bzw. 58,8% herabgesetzt gegenüber der Gesamtsaftmenge der Wasser-
periode (150 ccm mit 150 ccm Milch). Diese Hemmung der Sekretion
durch Na Cl- Lösungen, bei oder nach der Mahlzeit aufgenommen,
bestätigt auch Frl. Rozenblat^)an ähnlichen Versuchen, nach welchen
die Intensität der Saftverminderung der Konzentration an Kochsalz
proportional ist, je konzentrierter die Lösung, desto intensiver wird
die Abscheidung des Magensafts gehemmt. Auch die Sekretions-
steigerung vor der Mahlzeit eingenommen wird hier bestätigt, am
besten ist die Wirkung, wenn das Wasser eine Stunde vor der Ver-
dauungsperiode genommen wird.
Mit den gleichen Resultaten studierten Rheinb.oldt die Wirkung
des Kissinger Rakoczy -Wassers, Heinsheimer^) die der Baden-
Badener Hauptstollenquelle und Sasaki^) die des Ostseewassers.
Damit ist durch diese übereinstimmenden Ergebnisse die sekretions-
steigernde Wirkung des NaCl und der Kochsalzwässer endgültig er-
wiesen, aber damit noch nicht die Art und Weise, wie diese Wirkung
zustande kommt: ihr Mechanismus. Schmiedeberg sucht diesen,
soweit es sich um eine Erklärung der günstigen Wirkung bei gewissen
Magenerkrankungen (subaziden Gastritiden) handelt, in einer Art nutri-
tiver Reizung des Gewebes der Schleimhaut und damit auch der
Drüsen* So äuOert er sich folgendermaßen:
«Bei chronischen Erkrankungen des Magens ist der kurgemSße Gebrauch der
Kochsalzquellen in vielen Fällen vorteilhaft. Die Besonderheit der Salzwirkung
gegenüber anderen Reizmitteln ist darin zu suchen, daß die Salzlösung nicht bloß
die Oberfläche bespult, sondern gleichsam in breitem Strome tief in die Schichten
1) Inauguraldissertation Berlin 1907.
2) Arch. f. Verdauungskrankheiten 1906, Bd. 12, Heft 2.
3) Ebenda, Heft 3.
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250 P. Rodari, [14
der Magenschleimhaut eindringt und die Ernährungszustände derselben infolge der
konstanten und ein gewisses Maß nicht überschreitenden nutritiven Reizung
in günstiger Weise verändert.**
Diese Auffassung gewährt uns aber noch keine genauere Einsicht
in den Mechanismus der Salzwirkung auf die Drüsenfunktion. Dies
sucht Wohlgemut hl) an Tierexperimenten zu erreichen, aber trotz
seines interessanten Endresultates muß die Frage, ob hierbei eine
direkte Einwirkung auf die Magen- resp. Drüsennerven stattfindet,
oder ob die Blutintervention zu Hilfe genommen werden muß, offen
gelassen werden. Wohlgemuth hat nachgewiesen, daß das in den Magen
eines chlorarmen Hundes (mehrtägige Fütterung mit ausschließlich
ausgekochtem Pferdefleisch) eingeführte NaCl einen solchen Reiz auf
die Magenschleimhaut bzw. Magennerven auszuüben vermag, daß der
Magen, der bis dahin (im Chlorhunger) nur äußerst spärliche Mengen
von Saft produzierte, fast mit einem Schlage einen reichen Saftstrom
von annähernd normaler Konzentration entwickelt. Ob es sich hier
um eine direkte Einwirkung auf die Magenschleimhaut und Magen-
nerven handelt, oder ob diese vom Blute aus erfolgt, das dabei eine
Anreicherung durch Kochsalz erfahren hat, läßt der Autor dahingestellt.
Daß in der Tat in das Blut eingeführtes Kochsalz die Sekretion der
Magendrüsen erhöht, haben Versuche von Braun, Grützner und
Boas übereinstimmend ergeben.
Bei der Frage nach der Pharmakodynamik der Mineralwässer spielt
in neuester Zeit die Radioaktivität eine gewisse Rolle. So stellten
Bergeil und Bickel^) am natriumhaltigen Wiesbadener Kochbrunnen
eine Erhöhung der fermentativen (Pepsin-) Wirkung des Magensaftes
durch Messung der peptischen Eiweißverdauung nach Mette fest,
während emanationsfreies Wiesbadener Wasser auch die Pepsin-
wirkung, ähnlich wie die Salzsäureabscheidung während der Ver<-
dauungsperiode eingenommen, hemmt, und Rheinboldt^) wies an
der Kissinger Rakoczyquelle, sofern diese frische Radiumemanation
enthält, oder nach deren Verlust (nach 48 Stunden) dieselbe wieder
auf künstlichem Wege nach dem System Bergell^) zugeführt bekam,
eine bakterizide Wirkung (auf den Bacillus prodigiosus) nach. Die
ersten beiden Autoren streifen nur beiläufig die Frage, ob die Radio-
aktivität auch die Menge 'der Salzsäureabscheidung beeinflusse, und
kommen dabei zur Auffassung einer indifi^erenten Einwirkung des
Radiums. Dies veranlaßte mich die Einwirkung radioaktiven Salzes
1) Arb. aus dem Patholog. Institut zu Berlin 1905.
2) Kongr. Wiesbaden 1905 und Zeitschr. f. klin. Med« 1905, Bd. 58, Heft 3.
3) Berl. klin. Wochenschr. 1906, Nr. 20.
4) Arb. aus dem Pharmakol. Institut Berlin 1906.
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15] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 251
auf die Saftabscheidung am Tierexperimente nachzuprüfen. Dazu be-
nutzte ich sog. Emanosalkapseln nach den Angaben von Reitz
durch die Höchster Farbwerke dargestellt. Die Radiumemanation
ist dann an 0,5 g NaCl gebunden. Die Radioaktivität beträgt 20000
Voh pro Stunde, d. h. löst man eine solche Kapsel in einer beliebigen
Quantität Wasser auf, etwa in 200 g, und ^ prüft man den Einfluß
dieser Lösung auf die Leitungsfähigkeit eines abgeschlossenen Luft-
raumes, so erleidet ein in diesen Raum hineingebrachtes Elektroskop
pro Stunde einen Spannungsabfall von 20000 Volt, gemessen am
Sengler-Sievekingschen Apparat (Mitteilung vom Erfinder Dr. Hans
Reitz, Berlin-Schmargendorf)* Die Versuchsanordnung war
folgende: Zwei nach Pawlow operierte Hunde wurden nüchtern ge-
stellt. Zunächst wurde ihnen je 200 ccm Leitungswasser mit Zusatz
von 0,5 bzw. 1,0 g NaCl entsprechend einer resp. zwei Emanosal-
kapseln durch die Schlundsonde eingegossen. Darauf wurde die aus
dem kleinen Magen in der Zeiteinheit von einer halben Stunde sezer-
nierte Saftmenge, sowie das während der ganzen Sekretionsdauer
abgeschiedene Saftquantum gemessen und untersucht. Diese Werte
dienen als Vergleich zu der analogen Versuchsanordnung, bei welcher
an Stelle des Emanosal das entsprechende Quantum gewöhnlichen
Kochsalzes gegeben wurde.
Versuch Nr. 1 am Hund „Karo*.
200 ccm destilliertes Wasser
+ 0,5g NaCl
9h'30
200 ccm destilliertes Wasser
+ 0,5 g NaCl als Emanosal
= V4%
11 h 45
Zelt
10 h —
10 h 30
11h —
11h 30
11h 45
Menge
5,5 .
2,8
0,9
0,6
0,0
Zelt
12 h 15
12 h 45
1 h 15
Ih 45
2h —
2 h 15
Menge
3,8
3,0
1,6
2,0
0,4
0,0
1'/« Stunden
Sekretionsd«
9,8 ccm
Gesamtquant.
2 Stunden
Sekretionsd.
10,8 ccm
Gesamtquant.
Aus diesem und den folgenden drei Versuchen ergibt sich eindeutig,
daß die Radiumemanation auf die Sekretionssteigerung, d. h. auf die
Absonderung der Salzsäure keinen besonderen Einfluß hat. Die Radio-
aktivität verhält sich also gegenüber der Magen saftabscheidung indiffe-
rent und hat für die Verdauung nachBickel und Bergeil nur in dem
Sinne eine positive Bedeutung, daß sie die Aktivität des eiweißver-
dauenden Fermentes, des Pepsins, fördert. Da aber nach den gleichen
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j
252
P. Rodari,
Versuch Nr. 2 am Hund »Max«.
[16
200 ccm destilliertes \7asser
+ 0,5 g NaCl
= V4%
9h 30
200 ccm destilliertes Wasser
+ 0,5 g Na Gl als Emanosal
11 h 45
Zelt
10h —
10h 30
11h —
11 h 15
Menge
0,1
0,2
0,1
0,0
Zelt
11h 45
12 h 15
12h 30
Menge
0,1
0,2
0,0
IV4 Stunden
Sekretionsd.
0,4 ccm
Gesamtquant.
3/4 Stunden
Sekretionsd.
0,3 ccm
Gesamtquant.
Versuch Nr. 3 am Hund „Karo".
200 ccm destilliertes Wasser
+ 1 g NaCl
= 0,50/0
2 h 15
200 ccm destilliertes Wasser
+ 1 g NaGl als Emanosal
= 0,5%
4 h 15
Zeit
2h 45
3 h 15
3h 45
4h —
4 h 15
Menge
2,5
1,8
1,6
0,6
0,1
Zeit
4h 45
5 h 15
5h 30
5h 45
6h —
Menge
4,0
2,2
0,6
0,2
0,0
IV2 Stunden
Sekretionsd.
6,6 ccm
Gesamtquant.
11/4 Stunden
Sekretionsd.
7,0 ccm
Gesamtquant.
Versuch Nr. 4 am Hund „Max*.
200 ccm destilliertes Wasser
+ 1 g NaCl
= 0,5%
12 h 30
200 ccm destilliertes Wasser
+ 1 g NaCl als Emanosal
= 0,5%
2 h 15
Zeit
1 h —
1 h 30
2h —
Menge
0,2
0,3
0,0
Zelt
2h 45
3 h 15
3 h 45
4h —
Menge
0,3
0,8
0,2
0,0
1 Stunde
Sekretionsd.
0,5 ccm
Gesamtquant.
IV4 Stunden
Sekretionsd.
Iß ccm
Gesamtquant.
Untersuchungen jedes Mineralwasser seine Radiumemanation nach
höchstens 48 Stunden verliert, ist exportiertes Mineralwasser nicht
mehr radioaktiv. Die Radioaktivität ist eine Eigenschaft nur des an
der Quelle getrunkenen Wassers und darin dürfte auch ein Faktor
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17] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 253
liegen, warum Trinkkuren am betreffenden Orte besser wirken als zu
Hause durchgeführt.
Wenn wir unter den Alkalien weiter Umschau nach Verbindungen
halten, welche einen unzweifelhaft steigernden Einfluß auf die Salz-
saureabschetdung im Magen haben, so treffen wir nach neuesten
Untersuchungen zunächst auf gewisse Kalkverbindungen, Kalzium-
salze* Birk^) hat das dem NaCl analoge Kalziumchlorid CaCl2
am Menschen geprüft und ist zu dem Resultate gelangt, daß es die
Verdauung des Ewald sehen Probefrühstückes um ca. 15 Minuten ab-
kürzt dadurch, daß es in Dosen von schon 1,0 g eine vermehrte Magen-
saftabscheidung hervorruft. Damit ließe sich die klinische Indikation
aufstellen, bei Subaziditätszuständen das CaCl2 ähnlich wie das NaCl
zu geben, wenn diese Verbindung nicht eine korrosive Wirkung auf
die Magenschleimhaut hätte und eine ungünstige Wirkung auf das
Herz ausüben würde, wodurch ihre klinische Anwendung hinfällig wird«
Eine analoge sekretionssteigernde Wirkung wird nach Mayedas^)
Tierexperimenten auch dem Kalziumhydroxyd Ca(OH)2, d. h. dem
mit diesem Salze gesättigten Wasser, Kalkwasser (Lösungsverhältnis
1 : 600) zugeschrieben und zwar soll die Sekretionssteigerung ungefähr
io dem Maße erfolgen, wie diejenige der weiter unter erwähnten
Lithiumsalze. Aus der folgenden chemischen Gleichung:
Ca(OH)2 + HgO + 2HC1 = CaClg + SH^O
ist meiner Ansicht nach die sekretionssteigernde Wirkung analog den*
Untersuchungen von Birk auf das durch Einwirkung der HCl ent-
stehende Kalziumchlorid CaClg zurückzuführen, so daß dem unzer-
setzten Ca(OH)2 ein spezifischer Sekretionseinfluß nicht zugeschrieben
werden kann. Überhaupt ist bei der Frage der Pharmako-
dynamik der Medikamente nicht das Medikament als solches
als von Einfluß auf die Magensekretion anzusehen, sondern
die durch Einwirkung der Magensalzsäure auftretende
Spaltung der Substanz und eventuell die Neubildung eines
weiteren chemischen Körpers, wie uns auch die folgenden eigenen
Versuche näher Aufschluß geben werden.
Von Heinsheimer^) wurde un^er den Kalksalzen das Kalzium-^
Karbonat CaCOs einer eingehenden tierexperimentellen Prüfung
unterzogen und zwar in Sprozentigen Lösungen. Das Resultat war
ein analoges zur Wirkung des CaClg und des Ca(OH)2. Statt der
bisher angenommenen sekretionshemmenden und säurebindenden
1) Inauguraldissertation Erlangen 1904.
2) Biochem. Zeitschr. 1907, Bd. 2, Heft 4—6.
3) Med. Klinik 1906, Nr. 24.
Klio. Vortrige, N. F. Nr. 482/84. (Innere Medizin Nr. 144/46.) Mti 1908. lg
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254 P- Rodari, [18
Wirkung veranlaßt das CaCOs eine stärmische Steigerung der Saft-
absonderung, eine lange Zeit hindurch anhaltende Sekretion enormer
Saftmengen. Gleichzeitig steigt auch die Gesamtazidität erheblich.
Wie kann nun dieses im Wasser unlösliche Salz einen solchen Effekt
ausüben? Heinsheimer erklärt es folgendermaßen: Größere Mengen
des CaCOs verharren im Magen längere Zeit und unterliegen hier
der Einwirkung der freien Salzsäure, welche Kohlensäure frei macht.
Diese nunmehr schußweise immer wieder frei werdende CO2 ist es,
die als mächtiges Reizmittel auf die Drüsensekretion einwirkt. Meiner
Auffassung nach ist diese Erklärung nicht einwandfrei, aus dem Grunde,
daß, wie wir unten sehen werden, die beim Nas COs und NaOHCOs
ebenfalls stürmisch freiwerdende CO2 hier keine Sekretionssteigerung
auszulösen vermag. Aus diesem negativen Analogon möchte ich die
sekretionssteigernde Wirkung in einem anderen Körper als in der
Kohlensäure suchen, nämlich wiederum in dem sich im Magen unter
Einfluß der HCl bildenden CaCls:
CaC08+H20 + 2HCl = C02+CaCl2+2H20.
Diese Untersuchungen erweisen die bisher üblich gewesene An-
schauung, daß die Kalksalze, speziell das Kalkwasser und der kohlen-
saure Kalk bei der Hyperazidität resp. Hyperchlorhydrie therapeutisch
indiziert seien, als nicht mehr haltbar.
Die Reihe der sekretionssteigernden Alkalien ist in neuester Zeit
durch Lithiumsalze erweitert worden. Mayeda^) hat durch das
biologische Experiment am Lithium hydroxyd und am Lithium-
karbonat eine den entsprechenden Kalkverbindungen analoge Wirkung
auf die Magendrüsen nachgewiesen.
Beim Li2C08 tritt schon bei einer Konzentration von 0,25% eine
deutliche HCl-Steigerung auf, die in stärkerer Lösung von 0,35 und
0,5 % entsprechend intensiver wird. Beim LiOH tritt diese Anregung
der Sekretion schon bei einer Konzentration von 0,16% auf, welche
an Wirkung derjenigen vom LisCOa in 0,25 prozentiger Lösung un-
gefähr gleichkommen soll. Auch bei diesen beiden Verbindungen
liegt die Vermutung nahe, daß die sekretorische Wirkung auf das im
Magen durch die HCl-Einwirkung entstehende Chlorid, das LiCl,
das Analogon zum CaClg in letzter Instanz zurückzuführen ist.
Durch eigene biologische Experimente kann ich die Reihe der
sekretionsfördernden Medikamente um ein weiteres erweitern, über
dessen Wirkung bisher die Ansichten der Autoren entgegengesetzt
lauten. Es ist das Natrium citricum, speziell das neutrale zitro-
1) Bloch. Zeitschn 1907, Bd. 2, Heft 4—6.
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19] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 255
nensaure Natrium. Boas ^) rechnet diesen Körper pharmakologisch
unter diejenigen Verbindungen, welche gleich einzelnen Salzen der
Alkili- und Erdalkalireihe (s. u. Natriumkarbonat, Natriumbikarbonat,
Magnesia usta, Magnesia ammoniophosphorica, Magnesia sulfurica)
die Sekretion herabsetzen, und empfiehlt so das Natrium citricum
allein oder in Verbindung mit den erwähnten Alkalien und Erdalkalien
zur Bekämpfung der Sekretionssteigerungszustände. — Nun aber kommt
Lach6ny>) bei seinen Versuchen mit Natrium citricum zur Annahme,
daß dieses unabhängig von der dabei angewendeten Diät nicht nur
ein gutes Mittel gegen Schmerzen bei Gastritis, Ulkus und nervösen
Hyperästhesien sei, daß es ferner die Motilität anrege, sondern, daO
es auch auf die Magensaftsekretion steigernd wirke, indem bei seiner
Anwendung die Menge der Chloride und der freien Salzsäure zunähme.
Diese der Boasschen Ansicht widersprechende Annahme veranlaßte
mich, das zitronensaure Natrium am Tierexperimente zu prüfen. An
zwei Pawlowschen Hunden wurden je zwei Beobachtungen mit einer
3prozentigen und je zwei mit einer lOprozentigen Lösung von neu-
tralem Natrium citricum angestellt. Der Verlauf der Sekretions^
Perioden bei Leitungswasser ohne und mit Zusatz von zitronensaurem
Natrium war folgender:
Versuch Nr. 5 am Hund „Karo*.
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 6 g Natrium citricum
= 3%
9h 30
10 h —
Z«lt
Menge
Zeit
Menge
9h —
2,4
10 h 30
0,2
9h 30
1,1
11h —
3,0
9h 45
04
11 h 30
1,6
10 h —
0,0
12 h —
3,0
12 h 30
1,2
9h —
0,0
1 Stunde
3,9 ccm
2V2 Stunden
9,0 ccm
Sekretionsd.
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant
Gesamtazidität
dauer
Gesamtaziditat
116
124
1) Diagnostik und Therapie der Magenkrankheiten. 5. Aufl., 1907.
2) Th&se de Paris 1906.
18*
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j
256
P. Rodari,
[20
Versuch Nr. 6 am Hund -Moor«.
200 com Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 6g Natrium citricum
8h 30
= 3%
10 h —
Zelt
Menge
Zeit
Menge
9h —
9h 30
• 9h 45
10 h —
1.0
0,8
0,6
0,0
10 h 30
11h —
11h 30
12 h -<
12 h 30
12 h 45
1 h —
4,0
3,2
2,1
3,0
1,2
0,0
1 Stunde
2,4 ccm
21/2 Stunden
13,7 ccm
Sekretions-
dauer
Gesamtquant.
Gesamtazidität
Sekretions-
dauer
Gesamtquant.
Gesamtaziditit
148
146
Versuch Nr. 7 am Hund „Karo*
200 ccm Leitungswasser .
200 ccm Leitungswasser
+ 20gr Natrium citricum
= 10%
9h 30 1
Ih 10
Zeit
Menge
Zeit
Menge
9h —
2,4
1 h 40
0,5
9h 30
1,1
2 h 10
4,0
9h 45
0,4
2h 40
3,2
10 h —
o;o
3 h 10
0,6
3h 40
0,5
4 h 10
0,3
4h 25
0^
4h 55
0,0
1 Stunde
3,9 ccm
3^/4 Stünden
9,3 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtaziditit
dauer
Gesamtaziditat
116
126
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21] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 257
Versuch Nr. 8 am Hund „Moor"*.
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 20 g Natrium citricum
= 10%
8h 30 1
1 h 10
Zeit
Menge
Zeit
Menge
9h —
1,0
1 h 40
3,7
9h 30
0,8
2 h 10
3,0
9h 45
0,6
2h 40
2,2
10 h —
0,0
3 h 10
2,0
3h 40
1,5
4 h 10
05
4h 25
0,3
4 h 40
0,0
1 Stunde
2,4 ccm
3 Stunden
13,2 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
dauer
Gesamtaziditit
138
144
Diese Versuche ergeben übereinstimmend folgende Tatsachen:
1. Das Natrium citricum steigert in allen Versuchen so-
wohl die Sekretionsdauer, als auch das Sekretionsquantum,
erstere um etwa das 2V2— 3fache, letztere um etwa das 3 bis
Sfache gegenüber der Leitungswasserperiode.
2. Dabei wird auch die Tendenz beobachtet, die Qualität
des Sekretes zu erhöhen, resp. das Sekret prozentual konzen-
trierter zu machen. Die diesbezüglichen Werte der Durch-
schnittsgesamtazidität sind aber so gering ausgesprochen,
daß sie sich innerhalb der physiologischen Schwankungen
bewegen und deshalb eine positive Deutung nicht zulassen.
3. Der Wechsel in der Konzentration der Lösungen (3 oder
10%) ist auf den Sekretionsverlauf in den verschiedenen
Phasen, in der Gesamtmenge der Durchschnittsazidität und
der Zeitdauer der Sekretion ohne Einfluß, d. h. es finden sich
ungefähr die gleichen Werte bei der schwächeren und bei
der stärkeren Konzentration.
Damit ist erwiesen, daß die von Boas vertretene Qualifikation
des Natrium citricum als eines Antazidums nicht haltbar ist, daß wir
im Gegenteil in diesem Präparate ein sekretionssteigerndes Mittel
von ausgesprochener Wirkung besitzen.
Der chemische Vorgang im Magen ist einfacher:
Na citr. + HCl = NaCl + Ac. citr.
Die Sekretionssteigerung ist hier auf beide Produkte in der Glei-
chung zurückzufuhren, sowohl auf das NaCl wie auch auf das Ac. citr.
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258 P. Rodari, [22
Gehen wir unter den Alkalien und Erdalkalien zu denjenigen Körpern
Qber, welche auf die Drfisensekretion des Magens hemmend wirken,
bzw. die Magensaftabscheidung verringern. Die erste Stelle nimmt
nach den neuesten Untersuchungen hier das Natrium bicarboni-
cum ein. Seine Wirkung war bis vor kurzem eine vielumstrittene.
Ältere Autoren, wie du Mesnil, Linossier, Lemoine, Schule u.
a., nahmen an, „daß kleine Gaben die Salzsäuresekretion anregen,
größere hemmen, schließlich aber wieder den Reiz zu erneuter
Sekretion abgeben"^^). So betont besonder Linossier^), daß man
kleinen Gaben von Natr. bic. eine exzitierende, d. h. sekretionsbe-
fördernde Wirkung zuschreiben müsse, während größere Dosen um-
gekehrt wirken sollen. Schwartzkopff^) hat an 24 Selbstversuchen
konstatiert, daß das doppelkohlensaure Natron in Gaben von 1 — 3 g
nach dem Probefrühstfick eingenommen zwar die prozentuale Azidität
herabsetze, während dabei die absolute Säuremenge eine bedeutende
Steigerung erfahre. Zum ersten Male einigermaßen Klarheit in diese
einander widersprechenden Auffassungen brachten die ausgedehnten
Versuchsreihen Reichmann s^), welcher dem Natr. bic. wenigstens
jede Säuresteigerung abspricht. Er kommt zu dem Resultate, daß so-
wohl schwache wie starke Lösungen, mögen sie dem nüchternen
Magen zugeführt, oder kurze Zeit nach der Mahlzeit gegeben werden,
nie eine Steigerung der Sekretion zur Folge hätten. Nach dem Essen
genommen verringert Natr. bic. selbstverständlich durch Neutralisation
resp. Bindung der freien HCl die qualitative Azidität, steigert sie
aber niemals quantitativ. In diesem Zustande erblicken Reichmann
und mit ihm auch Boas u. a. ein ziemlich indifferentes sympto-
matisches Mittel zur momentanen Linderung der Obersäuerung des
Magens. Debove^) schreibt dem« Natr. bic. eine ausgesprochene
sekretionshemmende und säuretilgende Wirkung zu, indem er es bei
Ulcus ventriculi in Dosen von 2,0 vor und 4,0 nach dem Essen gibt,
in der Absicht, dadurch die schädliche Einwirkung des Magensaftes
auf die Geschwüre zu vermeiden.
Der Frage einer ausgesprochenen pharmakodynamischen Wirkung
des Natr. bic. auf die Funktion der Magendrüsen ist man, nachdem
in der Literatur diese Kontroversen jahrelang in Ruhe gelassen wurden,
erst in den letzten Jahren näher getreten und zwar ist es das Verdienst
Bfckels und seiner Schüler, am biologischen Experimente, an
1) Nach Boas zitiert.
2) Bull, th^rap. 1896, p. 155 ss.
3) Inauguraldissertation Würzburg 1892.
4) Ther. Mitt. März 1895.
5) Gaz. h6bd. 1884, no. 18.
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23] Experimeotelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 259
Pflwlowschen Hunden zunächst, sodann auch am Menschen (obener-
wähnte Patientin von Gluck) endlich über die vieiumstrittene Frage
einer relativen Indifferenz, d. h. bloß momentan einer säurebindenden
oder einer -steigernden oder einer hemmenden Wirkung, Klarheit
verschafft zu haben. So wies unter Bickels Leitung Heinsheimer^)
nach, daß das Natr. bic. nur eine Sekretionshemmung, niemals eine
Steigerung zur Folge hat, und zwar eine leichte Verminderung der
Safhnenge und der Azidität schon bei schwachen Lösungen von 1 %,
eine sehr starke und längere Zeit andauernde Herabsetzung bei
höherer Konzentration, 5 ^^ und zwar betrifft diese Herabsetzung
auch hier nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität (Kon-
zentration) der HCl. Zu dem gleichen Resultate kommt auch die Arbeit
von Frl. Rozenblat^), nach welcher die hemmende Kf-aft des Natr.
bic. derjenigen des Natrium carbonicum, der Soda, ungefähr gleich-
kommen soll: Eine ^/sprozentige Lösung beider Salze soll imstande
sein, selbstverständlich nüchtern gegeben, die Sekretion gegenüber
derjenigen von Leitungswasser bis um 30 % herabsetzen, während
4prozentige Lösungen eine Reduktion bis zu 70% bedingen können.
Wie schon erwähnt ist die Wirkung des Natriumkarbonates der-
jenigen des -bikarbonates im Prinzipe gleich. Ober dieses Salz liegen
interessante klinische Beobachtungen von Mathieu und Laboulais^)
vor, welche mit den neuesten tierexperimentellen Forschungen ganz
im Einklang stehen. Nach den klinischen Versuchen dieser Autoren
hatten zwar Gaben von 0,5—1 % NasCOs, eine halbe Stunde vor dem
Ewald sehen Probefrühstück genossen, keinen deutlichen Einfluß auf
die Sekretion, wohl aber Dosen von 3 g. Diese Konzentration setzte
den Prozentgehalt, sowie die Menge der gebundenen und der freien
HCl erheblich herab, besonders 1 Stunde vor dem Probefrühstück
gegeben. Dieser sekretionshemmende Einfluß war nicht nur von
momentaner, sondern auch längerer Dauer und hatte kurativen Cha-
rakter bei einem an Hyperchlorhydrie leidenden jungen Manne, bei
dem die Sekretion nach Htägigem Einnehmen von täglich 4 g, d. h.
von je 1 g Natr. carbon. und 2 g bei der Mahlzeit qualitativ und
quantitativ erheblich herabgesetzt werden konnte. — Experimentell
wurde die Sekretionshemmung durch Soda schon von Pawlow^) be-
obachtet. Er äußert sich darüber:
»Keine einzige der angewandten Sodalösungen von 0,05—1 % vermochte, wie
sie in der Menge von 150 com in den großen Magen eingebracht wurde, auch nur
1) Med. Klinik 1906, Nr. 24.
2) Inauguraldissertation Berlin 1907.
3) Gaz. des hdp. 1894.
4) Arb. der Verdauungsdrüsen, S. 124.
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260 P. Rodari, [24
einen Tropfen Saft aus dem kleinen Magen zu treiben; es floß höchstens Schleim
heraus. Somit hatte die Gegenwart der Soda im Wasser die safttreibende Wirkung des
letzteren herabgesetzt. Diese Tatsachen verdienen eine große Beachtung sowohl
wegen ihres klinischen Interesses, als auch besonders aus physiologischen Gründen.*
BickeU) hat diese Angaben Pawlows vollauf bestätigt und er-
weitert. Auf Sodalösungen von 0,5—1 % bleibt die Bildung eines
sauren Saftes aus, und aus dem kleinen Magen fließt höchstens etwas
Schleim heraus. Auch unter pathologischen Verhältnissen hatBickel
diese hemmende Wirkung festgestellt. So versiegt die durch Pilo-
karpininjektion hervorgerufene mächtige Sekretionssteigerung schon
wenige Minuten auf die Darreichung der Sodalösung hin, und das
Sekret nimmt alkalische Reaktion an. Die vermehrte Speichelab-
sonderung dauert indessen unverändert fort. Die Art der Wirkung
dürfte wohl in einer Lähmung der Drüsenfunktionen zu suchen sein.
— Die Sekretionshemmung resp. -herabsetzung durch Natr. carbon-
ist auch von Heinsheimer und Rozenblat beobachtet worden (s. o.).
Als Beispiel für die sekretionsherabsetzende Wirkung eines alkalischen
Mineralwassers, möchte ich die experimentellen Untersuchungen von
Sasaki2) über das Vichy-Wasser anführen. Dieses bildet einen
deutlichen Gegensatz zu den alkalisch muriatischen Quellen, wie das
Emser- und das Selterswasser und besonders zu den Kochsalzquellen,
welche beide Arten die Sekretion deutlich steigern. — Den sekretions-
hemmenden Einfluß weisen deutlich auch die Bittersalze auf. So
hat Birks) das Analogon zum NaCl und CaClg, das Magnesium-
chlorid, MgClg, einen Bestandteil der Bitterwässer, klinisch geprüft
und seine sekretions- und verdauungsverzögernde Wirkung am Probe-
frühstück festgestellt: Dosen von 2,0 — 4,0 g sollen die Verdauung der
letzteren um ca. 15 Minuten, Dosen von 10 g um etwa 60 Minuten
verlangsamen. — Am Tierexperimente hat Heinsheimer*) beim
Natrium sulfuricum und bei der Magnesia sulfurica schon in Konzen-
trationen von 3 % eine energische Herabsetzung der quantitativen
HCl-Abscheidung konstatiert, während sich der Aziditätsgrad, der pro-
zentuale HCl-Gehalt, schwankend verhielt.
Physiologisch interessant und von klinischer Bedeutung an allen
den erwähnten Resultaten mit den Alkalien und den Bittersalzen ist
die durchweg beobachtete, durch das Mettsche Verfahren nachge-
wiesene, gleichzeitige Herabsetzung auch des proteolytischen
Fermentes, der Pepsinkraft. Tichomicow^) betont vor allem
1) Berl. Klin. Wochenschr. 1905, Nr. 128.
2) Arch. f. Verdauungskrankheiten 1906, Bd. 12, Heft 3.
3) 1. c.
4) 1. c.
5) Wratsch 1905, no. 2.
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25] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 261
den eingreifenden Einfluß der Alkalien auF das Pepsin, in dem Sinne,
daß diese die aktive Form des Fermentes in die inaktive überFühren
sollen, wobei sich möglicherweise Salze des Fermentes bilden können.
Als Prototyp Für die Verkörperung der sekretionshemmenden
Wirkung der Bittersalze figuriert nach den obenerwähnten Unter-
suchungen Sasakis das Hunyadi-Janos-Bitterwasser, dessen graphisch
dargestellte Sekretionskurve zeitlich und quantitativ erheblich unter
derjenigen vom alkalischen Vichy- und besonders vom Leitungswasser
verläuft
IL Gewisse Adstringentlen.
Unter dieser Gruppe sollen einige pharmakologisch wichtige Körper
besprochen werden, welche teilweise schon seit vielen Jahrzehnten
empirisch im Rufe einer besonderen Heilwirkung auf den kranken
Magen stehen.
So eingehend die Alkalien und Bittersalze in ihrem Einflüsse auf
den Sekretionsverlauf im Magen untersucht worden sind, so wenig
Aufmerksamkeit hat man, wenigstens in experimenteller Hinsicht, den
Adstringentlen zugewendet. Aber auch in der Pathologie ist die
pbarmakodynamisch-klinische Bedeutung dieser Körper nicht ein-
gehend berücksichtigt worden. In bezug auf ihre Wirkung auf die
anatomisch-chemische Grundlage jeder Magenerkrankung, die Ent-
zündung und den Chemismus finden sich sowohl in den Lehrbüchern
der Pathologie wie der Pharmakologie nur oberflächliche Andeutungen
ohne präzise Betonung ihres difl^erenten oder indifl^erenten Einflusses
der betrefl^enden chemischen Körper.
Bei der Frage der Indikation zur Anwendung gewisser Adstringentlen
bei Magenerkrankungen bin ich zunäohst theoretisch von der Idee aus-
gegangen, daß ein Adstringens, dessen Wirkung (nach Schmiedeberg)
in praktischer Beziehung darin besteht, ,,die Intensität der Vorgänge
zu vermindern, welche bei der Entzündung Platz greifen, also
Schwellung und Wucherung der zelligen Gewebselemente zu mäßigen
oder zu beseitigen, sowie eine übermäßige Schleimsekretion zu unter-
drücken und die Exsudat- und Eiterbildung zu hemmen'', diesen Ein-
fluß mutatis mutandis auch auf die Schleimhaut des Magens ausüben
und die Sekretionsvorgänge dabei nicht unbeeinflußt lassen sollte.
Durch praktische Erfahrungen von der prinzipiellen Richtigkeit dieser
zwar naheliegenden, aber in der Literatur bisher kaum angedeuteten
Ansicht belehrt, habe ich in meinem „Grundriß der med. Therapie
der Magen- und Darmkrankheiten'' die Indikation aufgestellt, Erkran-
kungen des Magens mit Sekretionssteigerung, besonders entzündlicher
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262 P- Rodari, [26
Art, medikamentös doch lieber mit gewissen Adstringentien, als mit
indifferenten Mitteln (z. B. Amaris) zu behandeln und in einer kleinen
Publikation^) habe ich einige typische klinische Beispiele dafür ange-
führt. Einfach scheinen die Verhältnisse a priori da zu liegen, wo
man zunächst nur mit einer entzündeten Schleimhaut des Magens zu
tun hat. Warum sollten die Adstringentien hier nicht ebensogut
entzündungsbekämpfend wirken, wie bei einer anderen entzündeten
Mukosa? Auch noch einfach dürfte die Frage ihrer Wirkung bei einer
Entzündung mit Sekretionssteigerung sein. Wenn hier die Sekretions-
steigerung ein Folgezustand der Entzündung ist, so dürfte man zum
voraus erwarten, daß Hand in Hand mit den Heilungsvorgängen der
Entzündung auch die Sekretion geregelt würde.' Anders verhält es
sich mit der Frage nach der sekretortschen Wirkung einiger Adstrin-
gentien auf die nicht entzündlich veränderte Magenschleimhaut, weil
bisher diesbezügliche experimentelle Untersuchungen nur spärlich
angestellt wurden, und deren Verlauf noch zu keinem einheitlichen
Resultate geführt hat.
An der Hand von Experimenten an Pawlowschen Hunden soll
nun im folgenden versucht werden, diesen Fragen eine experimentell-
biologisch begründete genauere Antwort zu geben.
Beginnen wir zunächst mit den Wismutverbindungen. — Unter
diesen spielt therapeutisch von jeher eine groDe Rolle das Bismu tum
subnitricum, das Magisterium bismuti von der chemischen
Formel Bi<^Q ^ Die alten Ärzte wandten es als ein Universalmittel
gegen alle Arten von Magenkrankheiten an. Die klinische Beobachtung,
daß es bei Übersäuerungszuständen des Magens besonders indiziert
sei, treffen wir bei Oppolzer^) an, welcher dem Präparate eine
bessere Wirkung als den Antacidis (kohlensaure Magnesia und kohlen-
saurer Kalk) zuschreibt. Hannon^) empfiehlt in ähnlicher Indikation
das Bismutum subcarbonicum, dem er vor dem Bismutum sub-
nitricum den Vorzug gibt. Eine Erklärung für die Wirkung des Bis-
mutum subnitricum bei Magen- und Darmkatarrhen gibt Bricka^)^
indem er hierfür ein Freiwerden von Säure im Magen-Darmkanal an-
nimmt, welche als leichtes Kaustikum auf die Mukosa wirkt, und die
Unwirksamkeit des Bismutum carbonicum wird dadurch erklärt,
daß keine kaustisch wirkende Säure frei werde. Zur Entfaltung dieses
Effektes müsse aber das Präparat in reichlich großen Dosen und mit
1) Berl. klin. Wochenschr. 1906, Nr. 28.
2) Zeitschr. der k. k. Gesellsch. der Arzte, Wien, Januar 1857.
3) Presse m6d. 1856, no. 46/5Q.
4) Thhse Strasbourg 1864.
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27] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 263
einem gewissen Quantum Wasser vor der Mahlzeit gegeben werden.
Femer seien Differenzen im Sauregehalte des Mittels Für dessen Wir-
kung nicht ohne Bedeutung, indem stark basische Präparate unwirksam
seien. — Eine weitere interessante Beobachtung treffen wir bei Dun bar ^)
an, der dem Bismut in solchen Fällen eine besondere Heilwirkung
zuschreibt, wo die Zunge rot und die Papulae fungiformes vergrößert
seien. Dies trifft nun gewöhnlich bei Hyperazidität zu, und daraus
können wir den Schluß ziehen, daß Dunbar bei Sekretionssteigerungen
vom Bismut gute ErFolge sah, bzw. dieses sekretionshemmend wirkte.
— Schwartzkopff«) schreibt bei seinen obenerwähnten klinischen
Versuchen dem Bismutum subnitricum keine ausgesprochene sekre-
tionshemmende Wirkung zu. Die Magensaftabscheidung nach Dar-
reichung einer Wismutaufschwemmung kam meistens qualitativ und
quantitativ derjenigen nach WasserauFnahme gleich.
Die neuere Literatur beschäftigt sich fast nur mit den physikalischen
Eigenschaften der Wismutsalze, d. h. mit ihrer Fähigkeit auf Substanz-
defekte (Erosionen und Ulzera) der Magenschleimhaut eine schätzende
Decke zu bilden und so die lädierten Stellen vor der Einwirkung des
sauren Magensaftes zu schützen. Daneben wird eine Sekretions-
liemmung nur beiläufig erwähnt, ohne darauf des näheren einzugehen.
So äußert sich vom klinischen Standpunkte aus Boas^), nachdem er
die Fle in ersehe Ulkusbehandlung mit großen Wismutdosen (10 bis
20 g pro die) besprochen, folgendermaßen:
^Matthes^) hat die gunstigen Erfolge Fletners bestätigt und führt sie auf
Gmnd experimenteller Erfahrungen darauf zurGck, daß das eingeführte Wismut eine
Schleimseketion hervorruft und das Wismutschleimgemisch eine schützende Decke
für etwaige Substanz Verluste liefert. Fuchs^) konnte diese Beobachtung dahin er-
veitem, daß das Wismut mit Schleim vermischt zu Wismutoxyd reduziert wird.
Diesen schließen sich vom klinischen Standpunkte Rosenheim, Savelieff,
Crimer, Witthauer, Stintzing, Riegel im wesentlichen an."
Pentzoldt und Boas selbst verhalten sich abwartend. — Weiter
sagt Boas:
yKontraindiziert ist die Wismutbehandlung bei Magenaffektionen mit stark
Terminderter Salzsäureabscheidung mit Ausnahme von hämorrhagischen Erosionen
und ulzerierenden Geschwülsten."
Die Auffassung des Pharmakologen über die Einwirkung des Wis-
mutes auf den Magen vertritt Heinz<^) wie folgt:
1) Practitioner, Sept 1882.
2) 1. c.
3) Diagnostik und Therapie der Magenkrankheiten. 1907, 5. Aufl.
4) Zentralbl. f. innere Med. 1894, Nr. 1.
5) Deutsche med. Wochenschr. 1903, Nr. 14.
6) Lehrb. der Arzneimittellehre 1907.
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264 P- Rodari, [28
„Man wendet das Bismutum subnitricum innerlich an bei rundem Magenge-
schwür, bei Hyperchlorhydrie, sowie bei allen Formen von Kardialgie. Die günstige
Wirkung auf das Magengeschwür rührt offenbar davon her, daß das Wismutsubni-
trat auf dem Geschwür einen dasselbe völlig auskleidenden Oberzug bildet, der es
vor mechanischen, wie chemischen Insulten durch die Ingesta schützt. Bei Kar-
dialgie, die durch übermäßige Salzsäureproduktion seitens der sonst gesunden Schleim-
haut bedingt ist (Auftreten der Schmerzen ca. '/^ Stunden nach der Mahlzeit, zur
Zeit des Auftretens der freien HCl im Magen), gibt man das Wismutsubnitrat eine
halbe Stunde nach dem Essen.**
Schmiedebergi) vertritt mehr die Ansicht einer chemischen (nicht
vorwiegend physikalischen) Wirkung des Wismutes auFdieMagenmukosa:
„Das basisch salpetersaure Wismut (Magisterium bismuti) ist in Wasser unlSs-
lich und deshalb unter gewöhnlichen Verhiltnissen unwirksam« Selbst in den Magen
kann das völlig arsenfreie Präparat in größerem Mengen gebracht werden, ohne
Schaden zu verursachen. Doch wird dabei ein kleiner Teil in der sauren Magen-
flüssigkeit gelöst und wirkt dann adstringierend und antiseptisch.
Da die Lösung, d. h. die Umwandlung in die wirksame Verbindung durch die Ver-
dünnung der Magensäure beschränkt ist, so kann man dieses Präparat in solchen
Fällen mit Vorteil anwenden, in denen es darauf ankommt, einen gleichmäßigen
gelinden Grad jener Wirkung längere Zeit, wochen- und selbst monatelang,
zu unterhalten.'*
Experimentell wurde das Bismutum subnitricum bisher nicht ein-
gehend und nur von einem einzigen Autor, Heinsheime r 2), auf
seine Sekretionswirkung im Magen geprüft. In seiner mehrfach
zitierten Arbeit hat Heinsheimer nebenbei das Bismutum sub-
nitricum auf dessen sekretorische Wirkung geprüft und ist zu dem
Resultate gelangt, daß Sprozentige Aufschwemmungen zwar keine deut-
liche Verminderung der Azidität, aber eine entschiedene Herabsetzung
der Saftmenge zur Folge hätten, während a^/sprozentige Aufschwem-
mungen einen nur geringern Einfluß auf die Sekretionsgröße auf-
weisen.
Durch die folgenden Versuche an Pawlowschen Hunden bezwecke
ich nun die Einwirkung einiger Wismutpräparate auf die Magen-
sekretion genauer zu prüfen. — Zunächst das Bismutum sub-
nitricum. Unter den oben beschriebenen Vorbereitungen und Vor-
aussetzungen nahmen die einzelnen Versuche folgenden Verlauf:
1) 1. c.
2) 1. c.
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29] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 265
Versuch Nr. 9 am Hund «Karo*.
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 10 g Bismutum subnitricum
8h 55
= 5%
11 h -
Zeit
Menge
Zeit
Menge
9h 25
9h 55
10 h 22
10 h 55
0,3
3,3
4,0
0,Q
11h 30
12 h —
15 h 30
1 h —
1 h 30
2h —
3,0
1,6
0,7
0,0
U/s Stunden
7,6 ccm
2V2 Stunden
6,7 ccm
Sekretions-
dauer
Gesamtquant.
Gesamtazidität
Sekretions-
dauer
Gesamtquant.
Gesamtazidität
132
128
Versuch Nr. 10 am Hund «Moor*.
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 10g Bismutum subnitricum
8h 55
= 5%
11 h-
Zeit
Menge
Zcit
Menge
9h 25
9h 55
10 h 25
10 h 40
2,0
1,5
1,0
0,0
11 h 30
12 h —
12 h 20
1 h —
2,0
1,6
0,5
0,0
1^/4 Stunden
4,5 ccm
1^/2 Stunden
4,1- ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
dauer
GesamtaziditSt
134
126
Versuch Nr. 11 am Hund »Karo«.
200 ccm Leitungswasser
8h 55
200 ccm Leitungswasser
+ 20 g Bismutum subnitricum
= 10%
2h —
Zell
9h 25
9h 55
10 h 25
10 h 55
Menge
0,3
3,3
4,0
0,0
Zeit
2h 30
3h —
3h 30
4h —
Menge
1.8
1^
0,4
0,0
IVs Stunden
Sekretions-
dauer
7,6 ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
132
1V2 Stunden
Sekretions-
dauer
3,7 ccm
Gesamtquant.
Gesamtaziditit
126
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266
P. Rodari,
Versuch Nr. 12 am Hund .Karo".
[30
200 ccm Leitungswasser
Sil 55
200 ccm Leitungswasser
+ 20 g Bismutum subnitricum
= 10%
2ti 30
Zeit
9h 25
9 h 55
10 h 25
10 h 40
Menge
3,0
1,5
1,0
0,0
Zeit
2h 30
3h —
3h 30
4h —
Menf«
0,0
0,2
0,0
0,0
IV4 Stunden
Sekretions-
dauer
4y5ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
134
1 Stunde
Sekretions-
dauer
O^ccm
Gesamtquant
Gesamtaziditit
?
Versuch Nr. 13 am Hund ,Karo*.
200 ccm Leitungswasser
7li 30
200 ccm Leitungswasser
+ ]0g Bismutum subnitricum
= 50/0
1 h —
Zeit
8h —
8h 30
9h —
9 h 15
9h 30
9h 45
Menge
Iß
2,2
1,8
1,0
0,6
0,0
Zeit
1 h 30
2h —
2h 30
3h —
3h 30
3h 45
Menge
2,0
4,0
1,*
0,6
0,2
Oft
IS/4 Stunden
Sekretions-
dauer
6,9 ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
120
21/4 Stunden
Sekretions-
dauer
8^ ccm
Gesamtquant.
Gesamtaziditit
150
Vers
uch Nr. 14 am Hund »N
ero*.
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+20g Bismutum subnitricum
8h
__
= 10%
3h —
Zeit
Menge
Zelt
Menge
8h 30
9h — .
9h 30
10 h —
10 h 30
2,0
1,8
0^
0,0
3h 30
4h —
4h 30
4 h 45
5h —
5 h 15
5h 30
1,8
2,2
2,0
0,8
0,6
0,3
0,0
2 Stunden
5,2 ccm
2 Stunden
7,7 ccm
Sekretions-
dauer
Gesamtquant.
Gesamtazidität
Sekretions-
dauer
Gesamtquant.
Gesamtazidität
128
130
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31] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 267
Versuch Nr. 15 am Hund »Max*.
200 com Leitungswasser
7h 30
200 ccm Leitungswasser
+ 10g BIsmutum subnitricum
= 5%
1 h 30
Zelt
Sh -^
8h 30
9h —
9 h 15
9h 30
9h 45
Menge
3^
2,4
2,0
1,6
0,8
0,0
Zeit
2h —
2h 30
3h —
3h 30
Menge
2,5
0,2
0,2
0,0
l»/4 Stunden
Sekretions-
dauer
lOyO ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
150
IV2 Stunden
Sekretions-
dauer
2,9 ccm
Gesamtquant.
Gesamtaziditit
120
Wenn wir aus den vorstehenden Bismutversuchen uns die Frage
der sekretorischen Wirkung des Bismut subnitricum auf die Drüsen-
funktion des Magens vorlegen, so müssen wir uns zunächst den
chemischen Vorgang vergegenwärtigen » der durch Einwirkung der
HCl des Magens auf das Bismutsalz vor sich geht. Dieser entspricht
folgender Gleichung:
Bi<(g^»+ HCl = H NO3 + Bl^
In diesem Resultate der Salzsäureeinwirkung ist der sekretorische
Einfluß, wie wir des nähern weiter unten sehen werden, nicht auf
das Bismutoxychlorid, sondern auf die Salpetersäure zurfickzufiihren.
Bei der Durchsicht obiger Versuche treffen wir einen dreifachen
Typus der Reaktion derMagenschleimhaut auf das Bismutum subnitricum
an: l.Eine typische Sekretionshemmung, indem dieQuantität und wahr-
scheinlich auch die Qualität des Sekretes herabgesetzt wird; bei letzterer
sind allerdings physiologische Schwankungen, wie wir im Verlaufe dieser
Untersuchungen mehrfach antreffen werden, in Berücksichtigung zu
ziehen, und dadurch liegen keine eindeutigen Verhältnisse vor. Auf
alle Fälle kann man hier eine Neigung zur Herabsetzung der Magen-
saftsekretion durch das Bismutum subnitricum annehmen. Diese Art
der Reaktion derMagenschleimhaut dürfte den gewöhnlichen Reaktions-
typus der Magensekretion gegenüber dem Bismutnitrat bilden, ist
aber nur bei einer normalen^nicht entzündlichen Schleimhaut,
nach unseren Versuchstieren zu schließen, anzutreffen. 2. Einen rela-
tiven Indifferentismus der Magenschleimhaut gegenüber dem Bismut-
nitrat. Dieses dürfte der seltenere Reaktionstypus und ebenfalls bloß
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268 P. Rodari, [32
bei normaler Magenschleimhaut anzutreffen sein. 3. Einen Reaktions-
typus im Sinne einer ausgesprochenen Hemmung der Sekretion und
zwar bloß bei einer entzündlich veränderten Magenschleimhaut. Die
Erklärung hierfür will ich in den folgenden Experimenten zu geben
versuchen.
Diese in drei verschiedenen Arten verlaufenden Versuche lassen
uns über die Wismutwirkung auf die Sekretionsverhältnisse der
Magenschleimhaut folgende Schlüsse ziehen:
I.Aus allen sieben Versuchen ergibt sich vor allem fibereinstimmend
der Umstand, daß dem^Bismutum subnitricum auf jeden Fall keine
sekretionssteigernde Wirkung zugeschrieben werden kann.
2. In der Mehrzahl der Versuche zeigt in Obereinstimmung mit
biologisch*experimentellen Untersuchungen (Heinsheimer und nach
meinen eigenen klinischen Beobachtungen) das Bismutum subnitricum
eine deutliche Hemmung auf die Magensaftsekretion und zwar aus-
gesprochen auf die Quantität der Salzsäure und andeutungsweise auch
auf die Qualität (prozentualer HCl-Gehalt).
3. Mehr ausnahmsweise reagiert die Magensaftsekretion in ziem-
lich indifferenter Weise auf die Einwirkung des Bismutum subnitri-
cum. Die Erklärung hierfür, warum in den einen Fällen die Drüsen-
sekretion im Sinne einer Irritation, in den anderen in indifferenter
Weise reagiert, ist wenigstens aus manifesten, anatomischen Gründen
nicht ersichtlich, weil es sich in beiden Fällen um eine anatomisch
intakte Schleimhaut handelt. In Ermangelung einer besseren Er-
klärung müßte man sich mit derjenigen einer »individuellen Prä-
disposition" für größere und geringere Empfindlichkeit gegenüber
dem einwirkenden Agens behelfen.
4. Die im Sinne einer Entzündung veränderte Schleim-
haut des Magens reagiert auffallend auf die Einwirkung des
Bismutum subnitricum mit einer erheblichen Sekretions-
herabsetzung, die bedeutend unter der sub 2 angeführten steht
(Versuch am Hunde „Max" mit chronischer Gastritis).
Diese Art der Reaktion der entzündeten Magenschleimhaut,
im Gegensatz zur anatomisch intakten Mukosa, ist nicht nur eine dem
Bismutum subnitricum gegenüber eigentümliche, sondern, wie wir weiter
unten sehen werden, teilweise in allerdings gegensätzlichem Endeffekte
auch gegenüber anderen Wismutverbindungen, sowie auch weiteren
nicht dem Wismut angehörenden Adstringentien.
Die folgenden Experimente befassen sich mit einem neuen Prä-
parate, dem Bismutum bitannicum^), dem doppeltgerbsauren
1) Chem. Fabrik von Heyden.
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33] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 269
Bismutum. Das Bismutum tannicum hat in der Therapie keine
Relle gespielt, wir finden es in der Literatur kaum erwähnt. Bei-
spielsweise spricht ihm Gutmann^) jeden therapeutischen Wert bei
Magen- und DarmaFfektionen ab und empfiehlt an seiner Stelle das
Bismutum salicylicum. — Dem neuen Präparate sollen theoretisch
gewisse Vorzuge vor dem alten eigen sein. So äußert sich die Fabrik
im Prospekte: »Das bisherige Bismutum tannicum enthält ein schwer
abspaltbares Tanninmolekfil, das neue Präparat enthält außerdem noch
ein zweites Tanninmolekül, welches leicht abspaltbar ist. Das Bis-
mutum bitannicum besitzt deshalb eine stärkere Tanninheilwirkung bei
gleichzeitiger Abwesenseit von unangenehmen Eigenschaften des freien
Tannins.*
Zunächst habe ich das Präparat an einem Hunde mit gesunder
Magenschleimhaut geprüf t:
Versuch Nr. 16 am Hund »Nero*.
200 com Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 20 g Bismutum bitannicum
8h
_
-''"^0 5.
_
Zelt
Menge
Zeit
Menge
8h 30
9h —
9h 30
10 h —
10 h 15
3,0
2,2
1,8
0,1
0,0
2h 30
3h —
3h 30
4h —
4h 30
5h —
2,8
5,4
7,0
6,8
4,2
3,4
Fütterung
um 5 Uhr
P/g Stunden
7,1 ccm
Über 21/2 St.
29,6 ccm
Sekretions-
dauer
Gesamtquant.
Gesamtazidität
Sekretions-
dauer
Gesamtquant.
Gesamtaziditat
132
180
Wir sehen aus diesen Versuchen eine erhebliche Steigerung
der Sekretionsmenge und der Sekretionsdauer; die Azidität ist nicht
nennenswert beeinflußt.
Einen anderen Verlauf nimmt das Experiment mit dem Hunde mit
chronischer Gastritis (mit normaler Azidität):
1) Deutsche med. Wochenschr. 1886, Nr. 22.
Kl {o. Vorträge, N. F. Nr. 482/84. (Innere Medizin 144/46.) Mai 1908.
19
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270
P. Rodari,
Versuch Nr. 17 am Hund -Max".
134
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 10 g Bismutum bitannicum
= 5%
8h 30
Uh 30
Zeil
Menge
Zeit
Menge
9h —
3,1
12 h —
1,6
9h 30
3,2
12 h 30
1,6
10 h —
2,2
1 h —
1,8
10 h 30
2,4
1 h 30
0,3
11h —
1,4
2h —
2,0
11 h 15
1,5
2 h 15
0,6
11 h 40
0,1
2h 30
0,1
2V2 Stunden
13,9 ccm
2V2 Stunden
8,0 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
dauer
Gesamtazidität
142
138
Diesem Versuche liegt eine Fehlerquelle zugrunde: Das Tier war
am Abend vorher später als gewohnt gefüttert worden, so daß es am
Morgen des Versuchstages nicht ganz nüchtern bzw. die physiologische
Sekretion auf die Fütterung noch nicht völlig abgeklungen war; des-
halb ist beim Leitungswasserversuch sowohl die Sekretionsdauer als
das Sekretionsquantum im Vergleiche mit ähnlichen Experimenten am
gleichen Hunde erheblich gesteigert. Diese Steigerung beeinträchtigt
dadurch den Resultatwert des darauf folgenden Experimentes. Vgl.
folgenden Versuch:
Versuch Nr. 18 am Hund »Max*.
200 ccm Leitungswasser
8h —
200 ccm Leitungswasser
+ 10 g Bismutum bitannicum
= 5%
lOh 30
Zeit
8h 30
9h —
9h 30
10 h —
10 h 15
10 h 30
Menge
0,4
0,6
0,6
0,4
0,3
9,0
Zeit
11h —
11 h 30
12 h —
Menge
0,6
0,3
0,1
2 Stunden
Sekretions-
dauer
2,3 ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
136
1 Stunde
Sekretions-
dauer
1,0 ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
appr. 120
Sehr interessant ist hier wiederum die Tatsache, daß der sekre-
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35] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 271
torische Apparat, wenn der Schleimhaut entzündliche Veränderungen
zugrunde liegen, anders als bei gesunden Verhältnissen reagiert: statt
der Steigerung der Sekretion haben wir hier eine ausgesprochene
Hemmung. Beide Versuche sind mit dem gleichen Tiere angestellt.
Bei dem einen ist die Sekretionsdauer durch das Präparat nicht be-
einflußt, wohl aber die Sekretionsmenge um ca. 60% geringer; bei
dem anderen ist sowohl die Dauer wie das Quantum erheblich herab-
gesetzt und beträgt kaum die Hälfte der Werte der Wasserperiode.
Im Experiment Nr. 17 liegt aber, wie erwähnt, ein Fehler vor. In
allen drei Fällen ist der prozentuale HCl -Gehalt des Magensaftes
nicht nennenswert, d. h. nicht außerhalb der physiologischen Schwan-
kungen beeinflußt.
Der chemische Vorgang im Magen ist demjenigen beim Bismutum
subnitricum analog:
Bi . bitannic.+ HCl = Bi<^j + Acid. tannic.
Daß auch hier nicht das Bismutoxychlorid das wirksame Agens
sein kann, ergibt sich schon durch den Vergleich mit der Wirkung
der sekre-
des Bism. subnitr. Wäre in beiden Fällen das Bi/^«
tionssteigernde Körper, so müßten das Bismut. subnitr. und das Bis-
mut. bitann. genau die gleiche sekretorische Wirkung sowohl auf den
gesunden wie auch auf den entzündeten Magen ausüben. Da dies aber
nicht der Fall ist, muß diese spezifische Wirkung in der frei-
gewordenen Säure zu suchen sein, also im Tannin, ähnlich wie in
den anderen Versuchen in der Salpetersäure. — Übrigens hat Herr
Prof. Bickel nachträglich auf meine Bitte hin den Einfluß des
Acid. tannic. selbst an Tierexperimenten geprüft und folgendes ge-
funden:
1. Versuch (Bickel).
150 ccm Leitungswasser
150 ccm 1 prozentige wässerige
Lösung von Acidum tannicum
Zelt
llh-bisllh30
Ilh30bisl2h—
12h— bisl2h30
12h30b]slh —
Menge
0,6
0,4
0,6
0,2
Zelt
1 h — bis 1 h 30
1 h 30 bis 2 h —
2h — bis2h30
2h30bis3h —
Menge
0,2
0,0
0,0
0,0
2 Stunden
Sekretionsd.
1,8 ccm
Gesamtquant.
1/2 Stunde
Sekretionsd.
0,2 ccm
Gesamtquant.
19*
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272 P- Rodari, [36
2. Versuch (Bickel).
200ccm 1 prozentige Lösung von Acidum tannicum ruFen überhaupt
keine Sekretion hervor.
Das Tannin hat also nach meinen Versuchen eine sekretions-
steigernde Wirkung und zwar da, wo die Schleimhaut intakt ist. Die
adstringierende Wirkung muß hier eine nur wenig intensive und sehr
oberflächliche sein und äußert sich in ihrem Endeffekte als eine
Irritation, eine Anregung der Drüsennerven bzw. der Drüsentätigkeit.
Im anderen Falle ist der Endeffekt ein umgekehrter, eine Depression,
eine Hemmung. Die entzündete, hyperämische und aufgelockerte
Mukosa läßt eine intensivere Adstringierung zustande kommen, d. h.
die eiweißhaltigen und leimgebenden Substanzen der Schleimhaut
zeigen unter den Vorgängen der Entzündung die schon physiologisch
vorhandene Affinität zum Tannin in erhöhtem Maße. Hand in Hand
mit der Adstringierung geht auch die Hemmung der Sekretion. Es
ist dies ein typisches Beispiel für den engen Zusammenhang zwischen
Entzündung und Sekretionsstörung und für einen gewissen Parallelis-
mus in der medikamentösen, therapeutischen Beeinflußbar-
keit der Entzündung und der Sekretionsanomalie, wie dies
schon in der Einleitung dieser Arbeit angedeutet wurde.
Des weitern wurde eine Bismutsalizylverbindung, ebenfalls ein
neues Präparat, untersucht, das Bismutum bisalicylicum. Die
Fabrik äußert sich folgendermaßen über das Präparat:' Bismutum bi-
salicylicum ist 6ine unlösliche Verbindung von 1 Atom Wismut mit 2Mole-
külen Salizylsäure, von denen daseineMolekül unter Bildung des gewöhn-
lichen Bismutum salicylicum sehr leicht abgespaltet wird. Die abgespaltete
Salizylsäure wird in dem Maße, wie sie entsteht, sofort resorbiert. Die
Abspaltung des anderen Moleküls Salizylsäure aus dem intermediär ent-
stehenden gewöhnlichen Bismutum salicylicum erfolgt wesentlich schwe-
rer. Das neue Bismutum bisalicylicum wirkt mit der einen Hälfte seiner
Salizylsäure sehr prompt, mit der anderen Hälfte dagegen genau wie
das bekannte Bismutsalizylat allmählich. Deshalb zeichnet sich das
Bismutum bisalicylicum nicht nur als Magen-, Darmantiseptikum vor
dem Bismutum salicylicum aus, sondern auch als schnell und stark
wirkendes Salizylmittel.'' Zunächst wurde auch hier das Präparat an
einem Hunde mit intakter Magenschleimhaut geprüft :
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37] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 273
Versuch Nr. 19 am Hund «Karo'
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 10gBismutum bisalicylicum
= 5%
7h dO
9h 45
Zelt
Menge
Zeit
Menge
8h —
\ß
10 h 15
12,5
8h 30
2,2
10 h 45
10.0
9h —
1,8
11 h 15.
5,8
9 h 15
1,0
11 h 45
1,2
9h 30
0,6
12 h 45
0,0
9h 45
0,0
13/4 Stunden
6,9 ccm
21/2 Stunden
29,5 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
dauer
Gesamtazidität
120
132
Die sekretionssteigernde Wirkung ist hier eine auffallende. Die
Sekretionsperiode ist etwa doppelt so groD, die Sekretionsmenge etwa
dreimal stärker als bei der Wasserperiode. Die Azidität scheint ge-
steigert zu sein, immerhin nicht in typischer Weise.
Nun folgen drei Versuche an Hunden mit der chronischen Gastritis.
A priori dürfte man hier vielleicht auf eine Analogie zu den vorher-
gehenden Versuchen gefaßt sein, allein dies ist hier nicht zutreffend,
wie uns folgende Versuche beweisen:
Versuch Nr. 20 am Hund ,Max*
200 ccm Leitungswasser
9h as
200 ccm Leitungswasser
+ 6 g Bismutum bisalicylicum
= 3%
11 h 33
Zeit
10 h 05
10 h 35
11 h 05
11 h 35
Menge
0,2
0,5
0,6
0,0
Zeit
10 h 05
12 h 35
1 h 05
1 h 35
2h 05
Menge
0,2
0,6
1,2
0,2
0,0
U/2 Stunden
Sekretions-
dauer
1,3 ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
ca. 140
2 Stunden
Sekretions-
dauer
2,2 ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
146
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274
P. Rodari,
Versuch Nr. 21 am Hund »Max«.
[38
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 10 g Bismut. bisalicylicum
= 5%
7h 30
9 h 45
Zelt
Menge
Zeit
Menge
8h —
3^
10 h 15
8,5
8h 30
2,4
10 h 45
5.5
9h —
2^
11 h 15
5,4
9 h 15
1,6
11 h 45
2,6
9h 30
0,8
11 h 45
4,2
9h 45
0,0
1 h 15
1,2
1 h 30
0,1
13/4 Stunden
10,2 ccm
31/4 Stunden
27,5 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtaziditfit
dauer
Gesamtazidität
150
125
Versuch Nr. 22 am Hund
,Max«.
200 ccm Leitungswasser
8 h 45
200 ccm Leitungswasser
+ 10 g Bismut. bisalicylicum
= 5%
Ib 45
Zeit
9 h 15
9 h 45
10 h 15
10 h 45
11 h 45
Menge
4,0
1,0
0,2
1,0
0,0
Zeit
2 h 15
2h 45
3 h 15
3b 45
4h —
4 h 15
Menge
4,4
»,2
0,4
0,2
0,0
2V8 Stunden
Sekretions-
dauer
6,2 ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
138
2 Stunden
Sekretions-
dauer
7,4 ccm
Gesamtquant
Gesamtaziditat
142
In allen der drei letzten Versuche wird durch Einwirkung des Bis-
mutum bisalicylicum die Sekretionsdauer und die Sekretionsmenge
erheblich gesteigert: im ersten Versuch etwa um das Doppelte, im
zweiten etwa das Dreifache und im dritten Versuche weniger auf-
fallend, immerhin noch um etwa 25%. Hier dürfte der Umstand die
geringere Sekretionssteigerungsfähigkeit erklären, daO diesem Wismut-
versuche ein Experiment mit Albargin, einer sekretionshemmenden
Substanz, ziemlich unmittelbar vorangegangen und daß als Nachwir-
kung davon die Drüsensekretion weniger erregbar war, als wenn
eine Wasserperiode unmittelbar vorausgegangen wäre. Der Einfluß
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39] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 275
auf die prozentuale Azidität ist auch hier nicht typisch, er schwankt
innerhalb physiologischer Grenzen bald im Sinne einer leichten
Steigerung, bald einer geringen Hemmung. Der die Sekretion direkt
anregende Körper ist hier die im Magen freiwerdende Salizylsäure.
Diese hat also einen sekretionssteigernden Einfluß, sowohl auf die
gesunde wie auf die entzündliche Magenschleimhaut' Das Bismutum
bisalicyücum wie folgerichtig auch das Bismutum salicylicum können
also niemals zur Erzielung einer Herabsetzung der Sekretion ver-
wendet werden. Dieses gegensätzliche Verhalten der Bismutsalizylate
zu dem Bismutum subnitricum und dem Bismutum bitannicum läOt
sich pharmakologisch vielleicht dadurch einigermaßen erklären, daß der
schwer löslichen Salizylsäure, im Gegensatze zur Salpeter- und Digallus-
säure (Tannin) eine lokal ätzende Wirkung abgeht. Dadurch kommt es
auch nicht zu einer Adstringierung der Magenschleimhaut. Die Phar-
makodynamik dürfte also hier eine ganz andere sein und ihr freilich
nicht ein klares chemisch-anatomisches Substrat zugrunde liegen, wie
dem Tanninsalze. Dementsprechend ist auch der Endeffekt der Wirkung
ein anderer.
Zum Abschluß dieser Wismutversuche habe ich, lediglich von
praktischen Gründen geleitet, zwei Körper untersucht, welche in der
neueren medikamentösen Theraipe häufig in Verbindung mit Bismutum
subnitricum verordnet werden, das Anästhesin und Orthoformum
novum. Da die Hauptindikation ihrer internen Anwendung das Ulcus
ventriculi ist, halte ich es für geboten, sich über den Einfluß dieser
Lokalanästhetika auf die Magensaftabscheidung zu orientieren und lasse
deshalb zunächst Versuche über Aufschwemmungen mit Anästhesin resp.
Orthoform ohne Zusatz von Bismutum subnitricum folgen.
Die beiden folgenden Versuche sind am Hunde mit dem Magen-
katarrh vorgenommen.
Versuch Nr. 23 am Hund „Max".
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 2 g Anästhesin
= 1%
7 h 45
10 h 45
Zeit
Menge
Zeit Meage
8 h 05
0,4
U h 15 0,7
8h 45
0,0
11 h 55
0,5
9h -
0,0
12 h -
0,2
9 h 15
0,0
12 h 15 0,0
Va Stunde
0,4 ccm
1 Stunde
1,4 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
dauer
Gesamtazidität
?
140?
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276
P. Rodari,
[40
Versuch Nr. 24 am Hund .Max'
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 2 g Anisthesin
= 1 %
8h 30
lOh 30
Zelt
Menge
Zeit
Menge
9h —
2,5
11h —
2,5
9h 30
1,0
11 h 15
1,6
10 h —
2,1
11 h 45
1,5
10 h 15
0,3
12 h 15
1,2
10 h 30
0,0
12 h 45
0,8
1 h 45
0,8
2 h 15
0,6
2h 45
0,2
3h —
0,0
n/a Stunden
Sfi ccm
4 Stunden
0,2 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
dauer
Gesamtazidität
128
134
Der erste Versuch zeigt die Tendenz zu einer Steigerung, der
zweite eine Steigerung mäßigen Grades in bezug auf die Saftmenge
und eine relativ längere Sekretionsperiode. Auch hier läßt sich keine
besonders typische Beeinflussung der Azidität konstatieren.
Ein ähnliches Bild bieten die drei folgenden Versuche mit Ortho-
form (Orthoformum novum):
Versuch Nr. 25 am Hund «Karo*.
200 ccm Leitungswasser
7 h 45
200 ccm Leitungswasser
+ 2 g Orthoformum novum
= 1 ^L
gh 15
Zell
8 h 15
8 h 45
9h —
9h 15
Menge
0,3
0,2
0,1
0,0
Zelt
9 h 45
10 h 15
10 h 30
10 h 45
1 Stunde
Sekretions-
dauer
Menge
0,0
0,5
0,3
0,0
1 Stunde
Sekretions-
dauer
0,6 ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
?
0,8 ccm
Gesamtquant.
GesamtaziditSt
?
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41] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 277
Versuch Nr. 26 am Hund »Max*.
200 com Leitungswasser
7 h 45
200 ccm Leitungswasser
+ 2 g Orthoformum novum
= 1%
9 h 15
Zeit
8 h 15
8 h 45
9h —
9 h 15
Menge
0,4
0,0
0,0
0,0
Zeit
9h 45
10 h 15
10 h 30
10 h 45
Menge
0,0
0,9
0,4
0,0
1/2 Stunde
Sekretions-
dauer
0,4 ccm
Gesatntquant.
Gesamtazidität
?
1 Stunde
Sekretions-
dauer
1,3 ccm
Gesamtquant.
Gesamtaziditit
140?
Versuch Nr. 27 am Hund „Max*.
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 10 g Orthoformum novum
8h
„
= 0,5%
2h —
Zeit
Menge
Zeit
Menge
8h 30
9h —
9h 30
10 h —
10 h 15
4,0
1,4
1,6
0,4
0,1
2h 30
3h —
3h 30
4h —
4h 30
0,7
1,0
0,3
0,2
0,0
P/4 Stunden
7,5 ccm
2 Stunden ! 2,2 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions- Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
dauer .Gesamtazidität
136
128
Auch hier tritt in zwei Versuchen die Neigung des OrthoForms zu-
tage die Sekretion zu erhöhen, aber in bedeutend weniger aus-
gesprochener Weise als beim Anästhesin. Im dritten Versuch hin-
gegen findet sich eine Sekretionshemmung, welche. ihre Erklärung in
einem unmittelbar vorausgegangenen Albarginversuche finden dürfte.
Die ganz leichte Sekretionssteigerung äußert sich sowohl beim Hund
mit gesunder, als auch beim Hunde mit entzündeter Magenschleim-
haut. Da beim Anästhesin und beim Orthoform der gleiche Hund
(mit der Gastritis) unter den gleichen Bedingungen zum Experimen-
tieren diente, dürfen wir die Anästhesin- und die Orthoformversuche
in ihren Resultaten miteinander vergleichen und wohl den Schluß
ziehen, daß das Orthoform die Magenschleimhaut bzw. die Magen-
drüsen weniger „reizt"' als das Anästhesin. Ob die beiden chemisch
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J
278
P. Rodari,
[42
komplizierten Körper, Derivate der Amidobenzoesäure (Para-Amido-
benzoesäureäthylester = Anäsfhesin), resp. der Oxybenzoesäure (Meta-
amido-para-Oxybenzoesäuremethylester = Orthoformum novum) durch
die einwirkende HCl Veränderungen erleiden, ist Fraglich, jedenfalls
sind aber erhebliche Umbildungen nicht möglich, und so müssen wir
wohl annehmen, daß diese Körper als solche die Wirkung auf die
Sekretion ausüben, und daß diese keine erheblich irritative ist.
Nun folgt je ein Versuch eines Gemisches von Orthoform bzw.
Anästhesin und Bismutum subnitricum im Verhältnis 1 : Og auf 200g
Wasser, also ungefähr in einer therapeutisch üblichen Dosis. Die
Experimente sind am gleichen Tiere (mit Gastritis) durchgeführt.
Versuch Nr. 28 am Hund „Max*.
200 ccm Leitungswasser
8h 30
200 ccm Leitungswasser
+ 9 g Bismutum subnitricum
= 1 g Orthoformum novum
11 h —
Zeit
9h —
9h 30
10 h —
10 h 30
10 h 45
11h —
Menge
1,0
2,0
0,6
1,9
0,8
0,1
Zeit
11 h 30
12 h —
12 h 30
1 h —
Ih 30
Menge
0,2
1,4
1,3
1,0
0,1
2 Stunden
Sekretions-
dauer
6,4 ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
130
2 Stunden
Sekretions-
dauer
4,0 ccm
Gesamtquant.
Gesamtaziditit
128
Versuch Nr. 29 am Hund «Max*
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 9 g Bismutum subnitricum
= 1 g Anästhesin
8h 30
Ih 30
Zeit
Menge
Zelt
Menge
9h —
9h 30
10 h —
10 h 30
10 h 45
11 h
1,0
2,1
0,6
1,9
0,8
0,1
2h —
2h 30
3h —
3 h 15
3h 30
0,6
0,8
1,0
0,6
0,1
2 Stunden
6,5 ccm
11/2 Stunden
3,1 ccm
Sekretions-
dauer
Gesamtquant.
Gesamtazidität
Sekretions-
dauer
Gesamtquant.
Gesamtaziditit
130
132
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43] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 279
Diese Versuche ergeben eine deutliche Herabsetzung der Sekretions-
oienge. Sie sind sehr interessant, weil sie einerseits die obener-
wähnte sekretorische Hemmung des Bismutum subnitricum bestätigen,
andererseits, weil in dem Gemische die hemmende Komponente (das
Bismutum subnitricum) die steigernde (das Anästhesin resp. Ortho-
form) an Wirkung übertrifft, und weil dadurch die Resultante eine
ausgesprochene Hemmung ist. — Ober die prozentuale Azidität läßt
sich auch hier nichts Charakteristisches sagen.
Die Versuche könnten auch den Schluß zulassen, daß das Anästhe-
sin die hemmende Wismutwirkung weniger beeinträchtigen würde als
das Orthoform. Demgegenüber ist zu sagen, daß der Anästhesin-
versuch im Anschluß an das OrthoFormexperiment gemacht worden
ist, wo also eine hemmende Nachwirkung auf den Drüsenapparat
(wegen der Wismutkomponente) nicht ausgeschlossen war. Der Unter-
schied in den gefundenen Mengewerten ist überdies hier zu klein,
um daraus bindende Schlüsse auf eine spezifische Anästhesin- oder
Onhoform-Komponentenwirkung zu ziehen. Das Hauptinteresse ist
das Resultat dieser Versuche, daß ein Gemisch dieser therapeutisch
wichtigen Medikamente sekretionshemmend wirkt.
Seit vielen Jahrzehnten hat das Argentum nitricum sich des
Rufes eines guten «Magenmitteis'' erfreut. Schon im Jahre 1829
wurde es von Johnson^) gegen die Magenschmerzen von Epileptikern
als lokales Analgetikum angewendet. In einer Art Monographie über
das Präparat empfiehlt es Krüger^) bei Gastromalacie, ferner bei
Pyrosis gastrica und cardiaca, sowie auch bei Gastralgia nervosa.
Lane^) schreibt die gleichen therapeutischen Eigenschaften dem
weniger kaustisch wirkenden Silberoxyd zu. Auf die Pharmako-
dynamik des Arg. nitr. geht Küchenmeister^) näher ein, indem er
bei Empfehlung des Medikamentes gegen Ulcus ventriculi darauf hin-
weist, daß es die Eigenschaft habe, mit den Albuminaten gallert-
artige Verbindungen einzugehen und nach erfolgter Ätzung des Ge-
schwüres dasselbe mit einer Decke von koaguliertem Eiweiß zu
versehen, ähnlich wie die Gerbsäure, die arsenige Säure, der Blei-
essig, der Alaun usw. Mit den Jahren hat das Arg. nitr. bei Magen-
krankheiten, besonders beim Ulkus, immer mehr Anhänger gefunden,
wie Ewald, Liebermeister, Rosenheim, Boas, Lion u.a., aber
auch Gegner, wie Rosenthal, Roßbach und Nothnagel.
1) Nach Baibakoff zitiert (siehe unten).
2) Prakt. und krit. Mitteilungen von Pfaff^ 7. Jahrg. 1841.
3) Lancet, July 1841.
4) Wiener med. Wochenschr. 1854, Nr. 14 und 15.
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280 P. Rodari, [44
Die Mehrzahl der Autoren, welche das salpetersaure Silber
bei Magenerkrankungen anwenden, halten besonders diejenigen Zu-
stände als für die Silbertherapie geeignet, welche mit einer Steige-
rung der HCl-Sekretion verbunden sind, von der Annahme aus-
gehend, daß das Präparat sekretionshemmend auf die DrüsenFunktion
des Magens wirke. Diese Frage nach der Beeinflußbarkeit der Magen-
saftabscheidung durch das Arg. nitr. hat neulich Baibakoff^) klinisch
eingehend geprüft und ist zu dem Resultate gelangt, daß in der Mehr-
zahl der Fälle das Medikament eine säuresteigernde Wirkung be-
sonders in quantitativer, prozentualer Hinsicht aufweise. Dieser
Autor hat durch das Probefrühstück von Ewald sowohl Sekretions-
neurosen als auch Gastritiden mit normaler und anormaler Azidität,
sowie Fälle von Ulcus ventriculi geprüft und hat als Resultat seiner
Untersuchungen die Indikation aufgestellt, das Arg. nitr. bei Zuständen
von Subazidität, besonders von schleimigem Katarrh zu verordnen,
während seine Anwendung bei denjenigen Magenerkrankungen, die
mit einer gesteigerten Azidität einhergehen, kontraindiziert sei. Dabei
gibt der Autor aber auch an, daß manche seiner Fälle mit einer
Sekretionsherabsetzung auf die Arg. nitr.- Anwendung reagiert hätten;
mithin ist die Wirkung des Präparates auf die Magendrüsenfunktion
keine einheitliche, d. h. sie kann unter Umständen eine hemmende
sein. Worin dieser doppelte Modus der Sekretionswirkung besteht,
resp. warum der eine Magen im Sinne einer Irritation, der andere
einer Depression reagiert, hat der Autor nicht untersucht und in
dieser Unterlassung liegen, meiner Ansicht nach, die Mängel obiger In-
dikationsaufstellung. Aus Analogie zu den anderen hier besprochenen
Tierexperimenten habe ich nun versucht, in der Frage der Einwirkung
der Silbersalze auf experimentell-biologischem Wege einige Klarheit
zu verschaffen und habe als Prototypen der Silberwirkung nicht das
Arg. nitr. als solches, sondern zwei organische Silberverbindungen
geprüft, denen ich aus pharmakologischen und klinischen Gründen
vor dem Salpetersilber den Vorzug gebe, das Protargol und das
Albargin.
Das Protargol, ein Silbereiweißderivat mit 8,3% Silber in orga-
nischer Bindung, wurde zuerst in einer 0,5 prozentigen Lösung an
einem Hunde mit normaler Beschaffenheit der Magenschleimhaut ge-
prüft ürid der Versuch verlief folgendermaßen:
1) Arch. f. Verdauungskrankheiten 1906, Bd. 12, Heft 1.
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45] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 281
Versuch Nr. 30 am Hund „Nero**.
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 1 g Protargol
= 0,5%
8h
—
10 h 15
Zeit
Menge
Zeit
Menge
8h 30
2,0
10 h 45 5,8
9h —
«^
11 h 15 6,0
9h 30
1,8
11 h 45
6,2
10 h —
0,2
12 h 15
2,3
10 h 15
0,0
12 h 45
2,0
1 h 15
1,8
1 h 45
0,8
2 h 15
0,5
2 h 45 0,4
3h— , 0,2
13 4 Stunden
5^ ccm
41/4 Stunden
26,0 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
dauer
GesamtaziditSt
123
134
Aus diesem Versuche ergibt sich eine hochgradige Steigerung der
Sekretionsmenge in der Zeiteinheit (von ^/g Stunde), des Gesamt-
sekretionsquantums um etwa das Fünffache gegenüber der Wasser-
periode und der Se&retionsdauer um mehr als das Doppelte. In
bezug auf die prozentuale Azidität scheint die Neigung zu einer
leichten Erhöhung . derselben zu bestehen, jedoch auch hier in keiner
typischen Weise.
Ein ganz anderes Bild hingegen bieten die folgenden vier Ver-
suche am Hunde mit der chronischen Gastritis (ohne Aziditäts-
störung).
Versuch Nr. 31 am Hunde ,,Max".
200 ccm Leitungsw
asser
200 ccm Leitungswasser
+ 1 g Protargol
= 0,5%
8h 30
3h —
Zeit
.
Menge
Zeil
Menge
9h —
2,5
3h 30
2,8
9h 30
1,0
4h —
0,6
10 h —
2,1
4h 30
!
0,2
10 h 15
0,3
5h
0,1
10 h 30
0,0
11/2 Stunden
5,9
ccm
11/2 Stunden
3,7
ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtaziditit
dauer
Gesamtazidität
128
122
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Google
282
P. Rodari,
[46
Versuch Nr. 32 am Hund ,Max*.
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 1 g Protargol
= 0,5 %
8h 30
2h 30
Zeit
Menge
Zeil
Menge
9h —
3,1
3h —
0,5
9h 30
3,5
3h 30
1,0
10 h —
2,2
4h —
0,4
10 h 30
2,4
4h 30
0^
11h —
1,0
5h -
0,0
11 h 15
1,6
11 h 30
0,1
2V2 Stunden
13,9 ccm
2 Stunden
2,1 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtaziditit
dauer
GesamtaziditSt
142
134
Nicht ganz
nüchtern !
Versuch Nr. 33 am Hund „Max*
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 1 g Protargol
- 0,2%
8h
—
1 h 30
Zeit
Menge
Zeil
Menge
•8h 30
0,4
2h —
0,3
9h —
0,6
2h 30
0,1
9h 30
0,6
3h —
0,1
10 h —
0,4
10 h 15
0,3
•
10 h 30
0,0
2 Stunden
2,3 ccm
1 Stunde
0,5 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtaziditit
dauer
Gesamtazidität
136
134
Digitized by
Google
47] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 283
Versuch Nr. 34 am Hund «Max*.
200 ccm Leitungswasser
8h —
200 ccm Leitungswasser
+ 1 g Protargol
= 0,5%
10 h 15
Zeit
8h 30
9h —
9h 30
10 h —
10 h 30
Menge
4,0
1,4
1,6
0,4
0,1
Zeit
10 h 45
11 h 15
11 h 45
12 h —
Menge
2,2
0,6
0,2
0,0
2 Stunden
Sekretions-
dauer
7,5 ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
136
n/4 Stunden
Sekrettons-
dauer
3,0 ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
140
Aus allen diesen vier Versuchen ergeben sich hier bei einer ent-
zfindlich veränderten Magenschleimhaut gerade die umgekehrten Ver-
haltnisse wie beim nicht entzündeten Organe: Die Sekretion' ist er-
heblich herabgesetzt, im ersten und dritten Versuche dieser Reihe auf
etwa die Hälfte, im zweiten und vierten auf etwa ein Fünftel gegen-
fiber der Wirkung von Leitungswasser. Die Sekretionsdauer ist der-
jenigen des Wassers ungefähr gleich, eher noch kleiner und beträgt
bloß die Hälfte bis ein Drittel der Absonderungszeit beim entsprechen-
den Versuche am Hunde mit intakter Schleimhaut.
In analoger Weise wurde das AI barg in in den gleichen Konzen-
trationen wie das Protargol geprüft. Zunächst wiederum an einem
Hunde mit intakter Magenschleimhaut.
Versuch Nr. 35 am Hund „Nero*.
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 0,4 g Albargin
« 0,2%
10 h —
2h —
Zeit
Menge
Zelt
Menge
10 h 30
3,0
2h 30
4^
11 h —
3,0
3h —
6,0
11 h 30
1,2
3h 30
3.8
12 h —
2,2
4h —
1,2
12 h 30
2,0
4h 30
0,8
1 h —
1,6
5h —
0,4
Ih 30
1,0
5 h 15
0,2
2h —
0,5
5h 30
0,0
4 Stunden
14,5 ccm
3 Stunden
17,2 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
dauer
GesamtaziditSt
140
144
Nicht ganz
nüchtern!
Digitized by
Google
284
P. Rodari,
[48
An diesem Experimente ist vor allem ein Fehler zu korrigieren:
Das Tier wurde am Vorabend, durch ein Versehen des Wärters, statt
mit Pferdefleisch mit gemischter Nahrung („Charit6-Futter*) gefüttert,
welches, wie oben erwähnt, eine bedeutend längere Sekretionsdauer
zur Folge hat. Daher war der Hund am Versuchstage nicht »ganz
nüchtern'', sonst hätte die Magensaftabscheidung auf Leitungswasser
nicht 4 Stunden beanspruchen kennen. Bei völliger Nüchternheit
beträgt die relativ lange Sekretionsdauer bei diesem Tiere in den
anderen Versuchen nur 1^/2 — 2 Stunden. Trotzdem haben wir im vor-
liegenden Experiment eine Erhöhung des Sekretionsquantums, welche
bei Ausschaltung des erwähnten Versuchsfehlers einen bedeutend
höheren relativen Wert gewinnen würde. Wir kommen damit zu dem
Resultat, daß das Albargin analog dem Protargol auf den anatomisch
intakten Magen eine die Sekretion anregende Wirkung ausübt. Die
prozentuale Gesamtazidität ist nicht wesentlich beeinflußt.
Wie liegen nun diese Verhältnisse bei einer entzündlich ver-
änderten Magenschleimhaut? Die Antwort hierauf geben uns folgende
Versuche:
Versuch Nr. 36 am Hund »Max*.
200 ccm Lei
tungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 1 g Albargin
= 0,5 %
8 h 45
11 h —
Zeit
j Menge
Zeit
1
Menge
9 h 15
4,0
11 h 30
i
0,8
9 h 45
1 1,0
12 h —
2,0
10 h 15
0,2
12 h 30
1
1,8
10 h 45
1 1,0
1 h —
0,6
11 h —
1 0,0
1 h 15
0,2
1
1
Ih 30
5,4
0,0
P/4 Stunden 1 6,2 ccm
2 Stunden
ccm
Sekretions-
I Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
dauer
Gasamtazidität
1 138
138
Nicht ganz nüchtern!
Digitized by
Google
40] Escperimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 285
Versuch Nr. 37 am Hund »Max'.
200 com Leitungswasser
8h —
200 ccm Leitungswasser
+ 0,4 g Albargin
Zeit
8h 30
9h —
9h 30
10 h —
10 h 15
10 h 30
Menge
0,4
0,6
0,6
0,4
0,3
0,0
Zeit
12 h 30
Ih —
Ih 30
Menge
0,2
0,2
0,0
2 Stunden
Sekretions-
dauer
2,3 ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
136
1 Stunde
Sekretions«
dauer
0,4 ccm
Gesamtquant.
GesamUzidität
?
Versuch Nr. 38 am Hund »Max'
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 1 g Albargin
» 0^ %
8h
—
12h-
Zeit
Menge
Zelt
Menge
8h 30
4,0
12 h 30
0,3
9h —
1,4
Ih —
1,3
9h 30
1,6
1 h 30
0,3
10 h —
04
2h —
oll
10 h 30
0,1
2 Stunden
7,5 ccm
IVs Stunden
2,0 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtaziditit
dauer
Gesamtazidität
135
138
Vers
uch Nr. 30 am Hund „Max*.
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 1 g Albargin
= 0,50/0
8h
—
10 h 15
Zeit
Menge
Zelt
Menge
8h 30
1,2
10 h 45
0,2
9h —
0,8
11 h 15
0,2
9h 30
0,7
11h 45
0,2
10 h —
0,2
12 h 15
0,2
10 h 15
0,0
12 h 45
0,0
l*/4 Stunden
2,9 ccm
2 Stunden
0,8 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
GesamtazidltSt
dauer
Gesamtazidität
144
140?
Rita. Vortrige, N. F. Nr. 482/84. (Innere Medizin Nr. 144/46.) Mal 1908.
20
Digitized by
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286 P- Rodari, [50
Bei Versuch Nr. 36 bandelt es sich um den gleichen, vorstehend
erwähnten Versachsfehler; trotzdem das Tier nicht ganz nüchtern
war, ist auch hier eine Reduktion der Sekretion, allerdings unerheb-
lich, zu konstatieren. Viel typischer ist diese sekretionshemmende
Wirkung in den drei folgenden Experimenten ausgedrückt:. Das ab-
geschiedene Magensaftquantum beträgt bloß ein Drittel, ein Viertel,
sogar bloß ein Fünftel der auf Leitungswasser abgeschiedenen Menge.
Die Sekretionsdauer ist in keiner ausgesprochenen Weise beeinflußt,
durchschnittlich überhaupt nicht verkürzt, die prozentuale Salzsaure
scheint auch hier auf Albargin eine leichte Reduktion zu erfahren,
immerhin in den Grenzen der physiologischen Schwankungen und
reagiert also auch auf dieses Adstringens nicht typisch.
Vergleichsweise bestehen zwischen Protargol und Albargin analoge
pharmakodynamische Wirkungen auf den Magendrüsenapparat, ent-
sprechend der analogen chemischen Beschafl^enheit beider Präparate.
Wenn nun aber das Argentum nitricum in beiden Medikamenten der
aktive Bestandteil ist, so könnte man aus theoretischen Gründen er-
warten, daß derjenige Körper, der mehr Arg. nitr. enthält, das Albargin
(15% Ag), auch pharmakodynamisch wirksamer resp. mehr sekretions-
hemmend wäre als das silberärmere Protargol (8,3% Ag). Dies ist
aber, nach den vorstehenden biologischen Versuchen zu schließen,
nicht der Fall: Beide Präparate üben ungefähr die gleiche intensive
Wirkung auf die Magendrüsensekretion aus. Mithin ist der Effekt
nicht vom prozentualen Gehalt an Silber abhängig und somit auch
nicht vom Quantum des bei beiden Körpern durch Einwirkung von
HCl entstehenden Silberchlorids, AgCl. Gewisse, nicht aufgeklärte
Eigentümlichkeiten in der individuellen organischen Beschaffenheit
der Körper scheinen auch hier eine Rolle zu spielen.
In neuester Zeit sind auch einige Adstringentlen der Ferri- und
Ferro reihe auf ihre Einwirkung auf die Magensaftabscheidung unter-
sucht worden und zwar von Feigl.^) Die Eisenverbindungen haben
in der direkten Behandlung von Magenerkrankungen keine große Rolle
gespielt; höchstens zur Behandlung der konsekutiven Anämie wandte
man gewisse Eisenpräparate an. Bourget') hat vor einigen Jahren
eine Eisenbehandlung des Ulcus ventriculi empfohlen, die einerseits
bezweckt, direkt blutstillend zu wirken, andererseits auch die Anämie
zu bekämpfen. Die Methode besteht in Magenspülungen mit 2pro-
zentigen Eisenchloridlösungen mit Zusatz von V2 prozentigem Kali
1) Biocb^m. Zeitscbr. 1908, Bd. 5, Heft L
2) Therap. Monatshefte^ Juni 1900 und Krankh. des Magens und ihre Behandl.
Wiesbaden 1906.
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51] Expenmentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 287
chloricum, ZurücUassung von 50 — 60g dieser Lösung im Magen und
nach 5 Minuten Fällung des Eisens durch Trinken einer/2prozentigen
Natrium bicarbonicum-Lösung. Darin liegt auch ein direktes, die
SelLretion herabsetzendes Moment. : Eine experimentelle Begründung
dieser Methode lieferten die Untersuchungen von Feigl über den
sekretorischen Einfluß des Eisenchlorids FeCls (Ferrum sesqui-
chloratum der Pharmakopoe). Lösungen von 0^5% haben zu dem
Resultate geführt, daß «Ferrichloridlösungen bzw. darin als wesentliches
Moment die Ferri-Ionen eine Verkürzung des Sekretionsvorganges auf
mindestens die Hälfte der Zeit geben. Diese sezernierte Saftmenge
bäh sich durchschnittlich auf ein Drittel der Menge nach der Ver-
abreichung von Wasser." — Im Gegensatz hierzu ist den Ferro-
sulfatlösungen ein wesentlicher, starker Einfluß auf die Drüsentätig-
keit abzusprechen. Sie sollen nur in geringen Grenzen eine Hemmung
verursachen und vor allem die Zeitdauer der Sekretion nicht ver-
kürzen. Eine ähnliche, mehr indifi^erente Wirkung übt das kolloidale
Ferrihydroxyd aus, während das Ferricitrat, welches Feigl, ver-
anlaßt durch meine Versuche mit Natriumeitrat (s. ob.), prüfte, in
analoger Weise, wie dieser Körper, nur in bedeutend geringerem
Grade sich als sekretionstreibend erwies. Von größerer praktischer
Bedeutung sind gleichartige experimentelle Untersuchungen desselben
Autors mit Typen von Eisen wässern. Das Roncegnowasser, in
welchem auf die Magendrüsen die Komplexwirkung des Eisens und
des Arsentrioxyds (arsenige Säure) zur Geltung kommen, erwies sich
als sekretiohshemmend, was auf die Ferri-Ionen zurückzuführen ist,
da das AsOs als solches erregend wirken solle. Umgekehrt steigert
der ebenfalls Eisen enthaltende Schwalbacher Stahlbrunnen die Se-
kretion, und zwar wegen der in ihm enthaltenen freien CO2, deren Phar-
makodynamik auf die Drüsenfunktion in irritativem Sinne stärker
ausgeprägt ist als diejenige depressiver Art des Eisens. Aus dieser
Autagonistenwirkung eines Salzgemisches (resp. Mineralwassers) geht
als Resultante, als Endefi^ekt die stärkere COa-Wirkung hervor. Auf
rein experimentellem Wege gibt die obenerwähnte Arbeit von Rozen-
blat mit einem Gemische von Natrium bicarbonicum und Natrium-
clilorid lehrreichen Aufschluß.
HL Gewisse Metalle.
Der Frage nach der ev. Einwirkung metallischer Elemente auf
die Magensekretion ist zum ersten Male am biologischen Tierexperi-
mente durch meine Untersuchungen nähergetreten worden. Hierzu
20*
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288 P. Rodari, [52
veranlaOte mich eine Publikation von G. Klemperer^). Dieser
Autor ging von dem GrundgedaniLen aus, bei der Behandlung des
Ulcus ventriculi und der Darmblutungen ein Ersatzpraparat für die
unter Umständen, allerdings sehr selten, giftig wirkenden Wismut-
verbindungen (besonders Bismutum subnitrlcum) zu finden, welches
im Magen- wie Darmsaft unlöslich, unresorbierbar und ungiftig sein
solle, ferner die Schleimhäute in keiner Weise reizen dfirfe und sich
mit der Gewebslymphe bzw. dem Magenschleim zu einem festen Ge-
rinnsel vereinigen mfisse. Eine solche ideale Substanz glaubte
Klemperer in feinst gepulvertem, metallischem Aluminium, der
Aluminiumbronze, gefunden zu haben, welche, um eine Aufischwem-
mung In Wasser zu erleichtern, mit einer Glyzerinpaste verrieben ist
Das Präparat wird von den Chemischen Werken in Charlottenburg
hergestellt in Pastillen zu 5 g, d. h, 2,5 g Aluminium pulverisatum
+ 1,5 g Glyzerin + 1,0 g Wasser und Escalin (Schorfbildner, von
eschara = Schorf) genannt. Klemperer erblickt die Indikation zur
therapeutischen Verwendbarkeit des Präparates an Stelle des Bis-
mutum subnitrlcum nicht nur in den oben erwähnten Eigenschaften,
sondern auch in den beiden Umständen noch, daß es einerseits die
Fähigkeit habe, die Magenschleimhaut und besonders Defekte der-
selben (Ulzera) mit einer dichten, fest anhaftenden und damit mecha-
nisch schützenden Decke zu überziehen, andererseits auch, und dies
deutet der Autor allerdings nur indirekt an, daß es die Sekretion
nicht erheblich alteriere. So sagt er: »Auf den Säuregehalt des
Magensaftes hat das Escalin hier keine vermindernde Wirkung aus-
geübt, wie denn auch die Beschwerden bei nervöser Hyperaziditiit
des Magens durch das Mittel nicht beeinflußt wurden. Es schien mir
beinahe, als ob man diese Tatsache differential-diagnostisch verwerten
könnte.«
In Anbetracht der Rolle, welche die Hyperazidität bei Ulcus ven-
triculi spielt, prüfte ich am Tierexperiment nach Pawlow das Es-
calin auf seine sekretorische Wirkung und zwar zunächst an vier ver-
schiedenen Hunden mit gesunder, nicht entzündeter Schleimhaut in
folgenden acht Versuchen:
1) Ther. der Gegenwart, Mai 1907.
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53] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 289
Versuch Nr. 40 am Hund »Karo'.
200 com Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 1 Tablette Bscalin
s 2,5 g metall. Aluminium
9 h 24
llh 03
Zeit
Mence
Zeit
MeAge
9h 40
0,2
11 h 33
3,6
9 h 51
0,9
11 h 53
4,0
10 h 17
3,7
12 h 13
0,8
10 h 27
0,6
12 h 33
1,5
10 h 40
0,6
12 h 53
1,4
10 h 55
0:0
1 h 13
3,0
Ih 33
1,6
2h 03
0,0
n/4 Standen
6,0 ccm
3 Stunden
15,9 ccm
Sekretions*
Gesamtquant.
Sekretions*
Gesamtquant
dauer
GesamtaziditSt
dauer
Gesamtazidität
i 110
108
Versuch Nr. 41 am Hund »Bernhardiner I*.
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Milch
+ 1 Tablette Escalin
s 2,5 g metall. Aluminium
9b26
llh 30
Zeit
Menge
Zeit
Menge
9 h 42
0,0
11 h 50
1,6
9h 53
0,0
12 h 10
1,3
10 h 18
0,2
12 h 30
2,0
10 h 29
0,0
12 h 50
1^0
10 h 39
0,1
1 h 10
2,0
10 h 50
0,0
Ih 30
1,1
1 h 50
0,6
2h 20
0,0
Va Stunde
0,3 ccm
2V2 Stunden
9,6 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
dauer
Gesamtazidität
?
110
Digitized by
Google
290 P. Rodarl,
Versuch Nr. 42 am Hund »Bernhardiner II*.
[54
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
* '
■
+ 1 Tablette Escalin
^ 2,5 g metall. Aluminium .
9h 30
llh 15
Zeit
Menge
Zelt
Menge
9h 45
0,1
11 h 35
0,2
9h 55
0,2
11 h 55
1,4
10 h 20
0,1
12 h 15
3,8
10 h 30
0,1
12 h 35
6,0
10 h 40
0,1
12 h 55
1,2
10 h 50
0,0
1 h 15
2/)
Ih 35
1,0
2 h 15
2,4
2 h 45
2,3
5h —
0,5
Die Sekretion
dauert fort
1 Stunde
0,6 ccm
Ober 5Va St.
20,8 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
beobachtete
Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
Sekretions-
Gesamtzaiditit
?
dauer
142
Versuch Nr. 43 am Hund »Moor**.
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
— 1 Tablette Escalin
— 2,5 g metall. Aluminium
9h 33 i
11 h 22
Zeit
Menge
Zeit
Menge
9h 45
0,8
11 h 42
1,6
9h 55
0,6
12 h 02
1,4
10 h 25
1,4
12 h 22
0,8
10 h 35
0,6
12 h 42
0,6
10 h 45
0,4
Ih 02
2,6
10 h 55
0,3
1 h 22
1,3
12 h 05
0,2
1 h 42
1,0
llh 15
0,2
2 h 22
; 1,0
llh 20
0,0
2 h 52
6,0
5h —
5,0
Die Sekretion
dauert fort
13/4 Stunden
4,5 ccm
Über5Stunden ' 21,3 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
beobachtete Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
Sekretions-
Gesamtazidität
124
dauer
132
Digitized by
Google
55] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 291
Versuch Nr. 44 am Hund ^Karo*.
200 ccm Leitungswasser |
200 ccm Leitungswasser
+ 1 Tablette Escalin
= 2,5 g metaU. Aluminium
8h 35 1
Uh 12
Zeit
Menge
Zeit
Menge
81] 50
2,4
11 h 45
9,0
9h 05
1,6
12 h 15
2,5
9h 20
1,0
12 h 45
3,0
9h 35
0,4
1 h 15
1,8
10 h 05
1,0
1 h 45
1 1,3
10 h 35
1,4
2 h 15
6,1
10 h 05
0,0
2h 45
2,4
3 h 15
2,0
3h 45
i 1,5
4 h 15
4,0
1
4 h 45
! 4,5
Die Sekretion
dauert fort
l^U Stunden
7,& ccm
Über 5 Stunden
38)0 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
beobachtete
Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
Sekretiöns*
Gesamtazidität
130
dauer
135
Versuch Nr. 45 am Hund „Bernhardiner I*.
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 1 Tablette Escalin
= 2,5 g metall. Aluminium
8h40
10h32
Zeit
Meote
Zeit
Menge
8h 55
0,0
11 h 02
2,4
9 h 10
0,0
11 h 32
i 3,4
9h 25
0,0
12 h 02
3,6
9h 30
'■ 0,1
12 h 32
1,6
10 h 10
! 0,0
1 h 02
3,0
1 h 32
3,0
i
2 h 02
2,0
2 h 32
i 5,0
3 h 02
2,5
3h 45
2,0
1
4 h 02
1,8
4 h 32
1,5
Die Sekretion
1
• dauert fort
1 Stunde
0,1 ccm'
Ober 51/2 St..
31,8ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
beobachtete
Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
Sekretions-
Gesamtazidität
\
?
dauer
104
Digitized by
Google
292 P* Rodari,
Versuch Nr. 46 am Hund »Bernhardiner 11^
[56
200 ccm Ltitungsvftsser
200 ccm Leitungsvaster
+ 1 Tablette Escalin
» 2,5 g metall. Aluminium
8b 45
11 h 15
Zeit
Menge
Zeit
Menge
9h —
0^
11h 45
5,0
9 h 15
0,6
12 h 15
10,5
9h 30
0,8
12 h 45
8,5
9 h 45
0,1
1 h 15
8,3
10 h 15
0,4
Ih 41
64
10 h 45
1,0
2 h 15
6,5
10 h 55
0,3
2h 45
5,3
11 h 05
0,0
3 h 15
4:5
3h 45
3,5
4 h 15
6,0
4h 45
4,0
Die Sekretion
dauert fort
2 Stunden
3,2 ccm
Über5Stunden
. 67,7 ccm
Sekretions-
Gestmtqutnt.
beobachtete
Geaamtquant.
dftuer
Gesamttziditlt
Sekretions*
Gesamtaziditit
130
dauer
116
Versuch Nn 47 am Hund »Moor^
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 1 Tablette Escalin
s 2,5 g metall. Aluminium
8h 50
lOh 30
Zeit
Menge
Zeit
Menge
9h 05
0,1
' Uh-
1,0
9h 20
0,0
11h 30
2,0
9h 55
0,1
12 h —
2,2
9h 50
0,0
12 h 30
1,5
1 h —
2,0
Ih 30
2,5
2h —
2,5
2h 30
3,0
3h —
2,0
3h 30
1,0
4h —
2,1
4h 30
1,8
Die Sekretion
dauert fort
V* Stunden
0,2 ccm
Ober 51/2 St.
23,6 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions«
Gesamtquant.
dauer
Gesamtaziditit
dauer
Gesamtaziditit
?
118
Digitized by
Google
57] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 203
Diese Versuche geben ein unerwartetes , verblüffendes Resultat:
durchweg eine sehr bedeutende, teilweise sogar eine stürmische
Steigerung der Sekretionsdauer und der Gesamtsekretion. Die pro-
zentuale Azidität war bald erhöht , bald verringert, immerhin nicht
typisch beeinflußt Dafür, daß nicht die Glyzerinkomponente des
Escalins die Steigerung hervorruft, spricht wohl der Versuch, dessen
Resultat auch beiläufig Kast^) bestätigt.
Versuch Nr. 48 am Hund »Max*.
200 ccm Leitungswasser
7 b 45
200 ccm Leitungswasser
+ 1,5 g Glyzerin
» Gehalt einer Escalinpastile
12 b 15
Zelt
8 h 15
8h 45
9h —
9 h 15
Menge
0,4
0,0
0,0
0,0
Zeit
12 h 45
Ih 15
Ih 45
Menge
0,3
0,1
0,0
V^ Stunde
Sekretions-
dauer
0,4 ccm
Geaamtquant.
Gesamtaziditit
?
Va Stunde
Sekretions-
dauer
0,4 ccm
Gesamtquant.
Gesamtaziditit
?
Diese erhebliche Sekretionssteigerungsßlhigkeit des Escalins wurde
von Bickel^) auch am Menschenexperiment festgestellt, und dieser
Autor äußert sich darüber folgendermaßen; «Alle Metalle, welche bei
Gegenwart verdünnter Salzsäure Wasserstoff entwickeln, wie z. B.
Eisen, Mangan, Aluminium usw. wirken reizend auf die Magendrüsen
und rufen eine lebhafte Sekretion hervor. Metalle, die in dem oben-
genannten Sinne keine Wasserstoffeotwickler sind, wie z. B. metalli-
sches Wismut, Silber, Gold, verhalten sich gegen die Magenschleim-
haut indifferent.
Escalin, eine Aluminiumglyzerinpaste, zersetzt sich im mensch-
lichen Magensafte unter Wasserstoffentwicklung und ruft eine sehr
starke Saftsekretion hervor. Rodari hat letzteres zuerst an Magen-
blindsackhunden entdeckt; Bickel bestätigte es an einem von Gluck
operierten ösophagotomierten Magenfistelmenschen. Das Escalin ist
demnach wegen seiner stark reizenden und safttreibenden Eigen-
schaften beim Ulcus ventriculi nicht indiziert. Auch eine spezifische
blutstillende Wirkung ließ sich im Tierversuche nicht nachweisen.""
1) Arch. f. Verd.-Krankh. 1906, Bd. 12, Heft 6.
2) Bert. Klin. Wochensclir. 1907, Nr. 30 und 33.
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294
P. Rodari,
[58
Ober das mit Escalin angestellte Experimentum ad hotninem äußerte
sich neulich BickeU) folgendermaOen:
1. Versuch (Bickel). 2. Versuch (Bickel).
ISOcctn Wasser ISOccm Wasser
ISOccmWasser
150ccm Wasser
■
— 3Escalintabl.
— 3Escalintabl.
Sekretionsmenge
Sekretionsmenge
9^
12,5
3.7
19,4
9,1
8,0
2,0
2,6
2,15
7,6
9,0
0,9
1,0
3,6
3,2
3,1
1,75
5,8
8,8
14,0
1,8
4,5
8,1
10,2
3,4
5,5
10,8
7.9
1,1
8,8
5,6
0,8
1.1
10,4
1.4
5,4
0,15
9,9
0,2
14,4
0,15
0,0
4,2
0,0
7,6
Die Seliretion
Die Sekretion
dauert fort
dauert fort
Sa. 30,9 ccm 76,6 ccm
52,8 ccm 90,4 ccm
Sekretio
nsmenge
Sekretionsmenge
Klemperer hat nun gegen dieses abfällige Urteil Bickels in der
Publikation von Mai 2) energisch Stellung genommen. Mai stellt
einen sekretionssteigernden Einfluß des Präparates entschieden in
Abrede, indem er die Wirkung des Escalin bei 20 Patienten mit nor-
malen, subaziden und hyperaziden Zuständen des Magens prüft, wo-
bei er allerdings nicht unterscheidet, ob es sich um Gastritiden oder
Neurosen des Magens handelt. Wie verhält es sich nun bei solchen
diametralen Gegensätzen mit der endgültigen Antwort nach der klini-
schen Brauchbarkeit des Escalins? Diese geben zum Teil meine fol-
genden zwei Versuche an eiiiem Hunde mit chronischer Gastritis
(ohne Aziditätsanomalie).
1) Berl. Klin. Wochenschr. 1907, No. 48.
2) Tberap. der Gegenwart, November 1907.
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591
Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 205
Versuch Nr. 49 am Hund »Max*.
200 ccm Leitungswasser
200 ccm Leitungswasser
+ 1 Escalint^blette
= 2,5 metalli Aluminium
8h —
lb30
Zeit
Menge
Zeit
Menge
8h 30
1^
2h — .
0,1
9h —
0,8
• 2h 30
0,1
9h 30
0,7
3h —
0.2
10 h —
0,2
10 h 15
0,0
l»/4 Stunden
2,9 ccm
11/2: Stunden
0,4 ccm
Sekretions-
Gesamtquant.
Sekretions-
Gesamtquant.
dauer
Gesamtazidität
dauer
Gesamtazidität
,
119
p
Versuch Nr. 50 am Hund »Max*.
200 ccm Leitungswasser
8h 30 .
2P0 ccm Leitungswasser
— 1 Escalintablette
— 2,5 g metall. Aluminium
12 h —
Zeit
9h —
9 h 30
10 h —
10 h 30
11h —
11 h 30
Menge
1,8
1,0
0,6
0,4 ^
0,2
0,0
Zeit
12 h 3Ö
1 h —
1 h 30
2h —
2h 30
Menge
0,7
0.4
0^
0,0
0,0
2* '2 Stunden
Sekretions-
dauer
4,0 ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidität
124
IV2 Stunden
Sekretions-
dauer
1,3 ccm
Gesamtquant.
Gesamtazidrtit
appr. 120
Diese Experimente sind von einer prinzipiellen Bedeutung, erstens,
weil sie im allgemeinen einen weiteren Beitrag liefern Für die von
mir festgestellte, andersartige, gewissermaßen spezifische Reaktion der
entzündeten Magenschleimhaut gegenüber derjenigen der intakten Mukosa
auf gewisse Körper; zweitens, weil sie im speziellen den Beweis liefern,.
daß auch das Escalin, bzw. das metallische Aluminium, in seinem
Effekte auf die Magendrüseiisekretion ein Analogon zu diesen Körpern
bildet.
Inwieweit also das Präparat Klemperers, nach: diesen Versuchen
wenigstens zu schließen, zur Behandlung von Magenerkranküngen an-
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296 P. Rodari, [60
gezeigt ist, soll noch in den epikritischen SchluObemerkungen zu
dieser Arbeit näher erörtert werden. An dieser Stelle erübrigt es,
noch auf die Art der Pharmakodynamik der Escalineinwirkung auf die
HCl-Sekretion des Magens näher einzugehen.
Zunächst ist es feststehend, daß die Sekretionssteigerung bei nicht
entzandlicher Schleimhaut eine speziRsche Wirkung des metalli-
schen Aluminiums ist und nicht etwa auf die Glyzerinkomponente
zurückgeführt werden kann (vergl. Versuch Nr. 48). Fei gl hat m^ine
Experimente wiederholt, und zwar erstrecken sich seine Versuche auf
zwei Hunde, deren Magenschleimhaut, den Resultaten nach zu
schließen, intakt war. So kommt Feigl zu dem prinzipiell gleichen
Resultate wie ich in den ersten acht Escalinversuchen.
Auf welche Faktoren soll nun die Sekretionssteigerung zurück-
geführt werden? Da das Aluminium in feingepulvertem Zustande sich
selbst in sehr wenig konzentrierter HCl leicht löst, und dabei diese
Säure verzehrt, sollte man theoretisch erwarten, daß es schon
dadurch die Sekretion in herabsetzendem Sinne hemmen würde.
Außerdem könnte von der dabei entstehenden Chloridverbindung
eine adstringierende und damit auch sekretionshemmende Einwirkung
erwartet werden. Ist doch der chemische Vorgang folgender:
A1+ 3HC1=A1C13 + 4H.
Die experimentellen Versuche (meine ersten acht Versuche und
diejenigen Feigls) ergeben aber gerade das umgekehrte Verhalten:
keine Hemmung, sondern eine ganz erhebliche Steigerung. Bickel
und Feigl erklären dieses Phänomen durch die Einwirkung des frei-
werdenden WasserstoiFes auf die Magendrüsen, bzw. deren Nerven
und suchen eine Erklärung hierfür in dem analogen Verhalten der
Kohlensäure, als eines Sekretionssteigerers par excellence (am Tier-
experimente durch Weidert und Pincussohn nachgewiesen, siehe
oben). — Warum ist nach diesen Autoren gerade der Wasserstoff
das sekretionstreibende Agens? Erstens, weil der im Magen durch die
Salzsäure nicht chemisch beeinflußte Überschuß von unlöslichem
metallischen Aluminium, der neben dem versetzten Aluminium vor-
handen ist, als ungelöster Körper chemisch nicht wirken (»corpora
non agunt nisi soluta""), ebensowenig rein mechanisch eine Wirkung
nach analogen, auf Fremdkörper im Magen bezüglichen Untersuchun-
gen von Pawlow und Bickel (Talk) ausüben könne. Zweitens, weil
das sehr leicht lösliche und zerfließliche Aluminiumchlorid AICI3
rasch aus dem Magen weggeschwemmt werde, so daß es keine erheb-
liche Wirkung entfalten könne. Mithin wäre dies nur in einer Wasser-
stoiFentwicklung, ähnlich der Kohlensäureentstehung und ihrer ent-
sprechenden Wirkung zu suchen.
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01] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 297
Wie können wir diese Theorie mit den letzten Versuchen am
Gastritis-Hunde in Einl^lang bringen, wo das Präparat erheblich se-
kretionshemmend wirkt? Soll in dem einen Falle (gesunde Schleim«
haut) der Wasserstoff auf die Drüsenarbeit irritativ, in dem anderen
Falle (Entzündung der Mukosa) depressiv wirken? Dies wäre zwar
möglich, obwohl sonstige Beobachtungen über derartig gegensätzliche
Wasserstoffwirkungen auf den Magen fehlen. Deshalb läßt es sich
auch denken, und dies scheint mir persönlich die wahrscheinlichere
Deutung zu sein, daß in der chemischen Umsetzung AI + 3 HCl
= AICI3 + 3H die Chloridverbindung das wirksame Agens wäre.
Um so leichter ist diese Theorie erklärlich, wenn wir uns erinnern,
daß wir in AICI3 eine Verbindung besitzen, die trotz des leichten
speziRschen Gewichtes des Aluminiums in ihrer lokalen Wirkung
sich gleich wie die entsprechenden Verbindungen von schweren Me-
tallen verhalt (Schmiedeberg). Wir haben somit ein kräftiges Ad-
stringens vor uns, das auf die kranke (entzündete) Magenschleimhaut
so wirkt, wie das Silberchlorid AgCI, welches bei der Einwirkung
der HCl des Magens auf anorganische und organische Silberverbin-
biadungen (Argent nitricum, Protargol, Albargin, s. oben) entsteht
Nach meiner oben besprochenen Theorie einer größeren AfHnität der
Adstringentien zu den chemischen Bestandteilen einer entzündeten
Schleimhaut behufs Bildung des diffusen, adstringierenden Vorganges
und damit auch der Adstringierung, resp. Hemmung der Sekretion
gegenüber der nicht entzündeten Schleimhaut, ist die Annahme nahe*
liegend, daß hier die Sekretionshemmung auf die Einwirkung
des Aluminiumchlorids und nicht des Wasserstoffes zurück-
zuführen ist. Ebenso dürfte die Steigerung bei gesunden, anato-
misch intakten Verhaltnissen der Magenschleimhaut, nach den oben
angefahrten Versuchen zu schließen, auf der Wirkung der gleichen
Verbindung beruhen, nur mit dem Unterschiede eben, daß es hier
nicht zu einer Adstringierung in chemisch -physikalischem Sinne,
sondern zu einer mehr funktionellen, allerdings noch nicht näher auf«
geklärten Irritation der Magendrüsen resp. ihrer Nerven kommt.
Diese Theorie scheint mir die Doppelwirkung des Aluminiums bzw.
desEscalins besser zu erklären, als die Wasserstofftheorie von Bickel
und Feigl.
Feigl hat, veranlaßt durch meine Escalin- bzw. Aluminium-
versuche, weitere reine, metallische Elemente geprüft: Beim
Mangan fand er eine dem Aluminium analoge lebhafte Steigerung
der Sekretion, bei Zinn eine minimale Anregung, beim Wismut eine
völlige Indifferenz, ebenso beim Silber und Gold. In bezug auf das
Eisen hat Feigl schon vor meinen Aluminiumuntersuchungen eine
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298 P- Rodari, [62
erhebliche Sekretionssteigerung dieses Metalles konstatiert. — Seine
Untersuchungen erstrecken sich teilweise auf von mir operierte und
experimentell benutzte Hunde, teilweise auf andere Tiere, bei denen
es sich jedenfalls um normale, nicht entzündliche Magenschleimhaut
gehandelt hat.
Zum Abschluß meiner eigenen experimentellen Untersuchungen
möchte ich noch einen Umstand erwähnen, der sich wie ein roter
Faden durch die sämtlichen Versuche zieht und den ich jeweilen bei
jedem Experimente angedeutet habe: Es handelt sich um die rela-
tive Konstanz des prozentualen Salzsäuregehaltes des Magen-
saftes gegenüber der auch durch Medikamente bedingten Variabili-
tät der Magensaft- resp. Salzsäuremenge.
Daß es sich um eine Beeinflussung dieser letzteren als solcher,
und nicht etwa beispielsweise um eine Steigerung durch Trans-
sudation von Wasser aus der Magenwand in das Innere des Magens
handelt, beweist der Umstand, daß. die Gesamtazidität bei der Steige-
rung der Quantität nicht herabgesetzt wird. Schon Paw.low hat
betont, daß es ihm so gut wie nie gelungen sei, die prozentuale Salz-
^äurereaktion typisch in einer Weise zu verändern, daß dabei nicht
physiologische Schwankungen diese unerheblichen Konzentrations-
änderungen erklären könnten, und es ist das Verdienst Bickels,
durch viele Experimente diese Andeutungen auch für die klinisch
wichtigen Anschauungen und Erkenntnisse erweitert zu haben. Auch
betont dieser Autor die Konstanz der Magensaftkonzentration gegen-
über der Schwankung in der Magensaftmenge. — Nachuntersuchungen
der Ergebnisse der Tierexperimente und der oben erwähnten öso-
phagotomierten Magenfistel-Patientin von Bickel durch Homberg,
Röder, Sommerfeld und Rubow haben ergeben, daß der reine
unverdünnte Magensaft des Menschen ungefähr identisch ist mit dem-
jenigen des Hundes, indem seine Konzentration zwischen 0^4—0,5%
schwanken soll, innerhalb dieser Grenzen aber auch konstant bleibt.
Diese übereinstimmenden Beobachtungen, welche einen neuen Beweis
für die Übertragbarkeit der Resultate der Tierexperimente auf den
Menschen liefern, veranlaßten BickeM), dem klinisch bisher gut
fundierten Bilde der Hyperazidität (Hyperchlorhydrie) als einer
qualitativen Sekretionssteigerung die physiologische Basis zu
nehmen, indem er nachwies, daß bei gleicher sekretorischer, aber
ungleicher motorischer Leistung des Magens der Mageninhalt ver-
schieden sauer reagieren kann. Je nachdem nämlich das Probe-
1) Bioch. Zeitschr., Bd. 1, Heft 1 und 2, 1906. Deutsche med. Wocbenschr.
No.30, 1907. Zeitschr. f. physik. und diätet. Therapie, Bd. 11, 1907/08.
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63] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 299
frühstück in den Darm befördert worden ist, bekommt man beim
Ausliebern mehr oder weniger reinen Magensaft, der je reiner um
so saurer reagiert, als wenn er mit dem ProbefrühstQck stark ver-
dünnt ist. So kommt Bickel zum Resultate, daO die Motilitäts«
zustande (normale Motilität, Hypermotilität und Submotilität resp.
Atonie) die Konzentration des am Menschen durch das Probefrühstück
eotnommenen Magensaftes in physiologischer Weise beeinflussen. Auf
weitere wichtige Einzelheiten dieser sehr interessanten Arbeit kann
ich hier nicht näher eingehen. Ich möchte nur noch darauf hin-
weisen, daß auch meine Tierexperimente dafür sprechen, daO Hyper-
chlorhydrie und Hypersekretion im Grunde genommen dasselbe sind,
d.h. daß die Hyperchlorhydrie eine durch besondere Moti-
litätsverhältnisse beeinflußte Hypersekretion ist* — Diese
Autoren erwähnen auch bei einzelnen Versuchen einen gewissen
Parallelismus zwischen der Magensaft- bzw. Säuresekretion und der
Verdauungskraft des Pepsins. Ich selbst habe diese Fermentkraft
Dicht bei allen Versuchen geprüft, sondern nur hier und da bei
einzelnen Körpern nach dem Mett sehen Verfahren Stichproben an-
gestellt, wobei ich. den Eindruck bekommen habe, daß die Hemmung
der Sekretion in allerdings unerheblicher Weise auch die peptische
Kraft herabsetzt^ während diese bei der Steigerung der Magensaft-
abscheidung gegenüber der Verdauungskraft der Wasserperiode keine
wesentlichen Unterschiede aufweist.
Im Interesse der Vollständigkeit dieser Arbeit kommen noch zwei
Gruppen von die Magensaftabscheidung beeinflussenden Substanzen
zur kurzen Erörterung.
IV. Gewisse Gifte der Alkaloldrelhe.
Ich gehe auf diese Verhältnisse hier nur summarisch ein, einer-
seits Weil ich an der Hand der wichtigeren klinischen Literatur schon
in meinem Buche ihre therapeutische Bedeutung und Indikation be-
sprochen habe, andererseits weil ich mich in dieser Arbeit mit der
tierexperimentellen Untersuchung dieser Gruppe nicht befaßt habe und
somit darin auch nichts Neues zur Kenntnis ihrer Wirkung auf die
Magensekretion beitragen kann.
Die hier in Betracht kommenden Vertreter der Alkaloidreihe stehen
in der Art ihrer Pharmakodynamik in striktem Gegensatze zu den
chemischen Körpern der bisher besprochenen Gruppen. Diese setzen
ihre Wirkung auf die Magendrüsenfunktion lokal im Magen selbst an,
die Derivate der Alkaloidreihe wirken in erster Linie auf das Nerven-
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300 P- Rodari, f64
System und speziell auf das zentrale Nervensystem, auf dem Blutwege
können sie auch die Magensaftsekretion beeinflussen. Die Reaktion
der Magendrüsen ist hier meistens nur eine Teilerscheinung, eine
Mitbeteiligung an der Reaktion anderer Drüsen.
Die betreffenden Alkaloide spielen gegenüber den obenerwähnten
ersten zwei Gruppen als Mittel zur Regulierung der Sekretion, resp.
BekämpFung der Sekretionsanomalien eine sehr kleine Rolle, einmal
weil sie heftige Nervengifte sind, sodann auch weil sie keine spezifische,
nur den Magendarmkanal betreffende Wirkung ausüben. Sie kommen
nur als Adjuvantien in Verbindung mit den spezifisch wirkenden
Alkalien und Adstringentien zur therapeutischen Anwendung und sind
dabei nicht unentbehrlich.
Folgende sind sekretionssteigernde Alkaloidgifte: In erster Linie
das Morphin. Die alte Lehre über dessen Sekretionswirkung auf die
Magendrüsen lautete bis zu Riegel s^) Untersuchungen gerade umge^
kehrt. Das Morphin sollte eine typische Sekretionshemmung bewirken.
Riegel hat nun sowohl an Pawlowschen Hunden, wie an klinischen
Versuchen den strikten Nachweis erbracht, daß das Morphin bei sub-
kutaner, wie rektaler Anwendung zunächst allerdings die Sekretion
hemmt, ungefähr während der ersten V4— 1 Stunde, daß dann aber
eine Steigerung der Sekretionsmenge nach und nach sich einstellt,
welche diejenige der nicht morphinisierten Versuchsobjekte weit über-
schreitet. V. Aldor^) hat diese Versuche am Menschen wiederholt
und bestätigt und ebenso Hirsch'), der am Hundeexperimente nach
der anilinglichen Hemmung, mit welcher zugleich ein Spasmus des
Pylorus besteht, eine geradezu enorme Saftsekretion beobachtet hat«
die seiner Ansicht nach zentralen Ursprunges ist. Kürzlich hat
Pewsner^) auch das salzsaure Äthylmorphin, das Dionin experi-
mentell geprüft mit dem Resultat, daß der Steigerung hier keine
Hemmung vorausgehe, sondern daß erstere sofort eintrete. Nach dem
gleichen Autor hat das Physostigmin eine dem Morphin analoge
Wirkung: auch zunächst eine Hemmung, dann eine Steigerung, während
das Pilokarpin, wie das Dionin nur in intensiverer Art, eine Sekre-
tionssteigerung ohne vorausgegangene Herabsetzung bewirkt Die
Sekretionsanregung dieses Präparates hat ebenfalls zuerst Riegel an
Tierexperimenten und an klinischen Versuchen nachgewiesen. Alle
diese Mittel beeinflussen nur die Quantität, niemals aber die Qualität
des Magensaftes, dessen Konzentration ziemlich konstant bleibt.
1) Zeitschr. f. klin. Med. 1899, Bd. 27 und ebenda 1900 Bd. 40.
2) Ebenda.
3) Zentralbl. f. innere Med. 1900, Nr. 2.
4) Biochem. Zeitschr. 1907, Bd. 2, Heft 4—6.
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05] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 301
Als sekretionsherabsetzendes Medikament hat das Atropin
eine gewisse therapeutische Bedeutung, besonders in Gestalt des
Extractum belladonnae. Es ist wiederum das Verdienst Riegels,
experimentell und klinisch die hochgradige Fähigkeit des Atropins,
die Sekretionsmenge herabzusetzen, untersucht zu haben. Am Probe-
fruhstfick konstatierte Riegel auch eine qualitative Reduktion des
HCl-Gehaltes. Nach den oben angeführten Ergebnissen Bi ekel s über
Identität von Hypersekretion und Hyperchlorhydrie sind bei diesen
Befunden Riegels Fehlerquellen nicht ausgeschlossen. Die neuesten
Untersuchungen P ewsners am Hunde betonen die Konstanz des HCl-
Gehaltes auch bei der Herabsetzung des Quantums durch Atropin.
Nach diesem Autor hat das Euphthalmin eine dem Atropin analoge
saftherabsetzende Wirkung.
Die gleiche Eigenschaft wird von Pickardt^) dem Skopolamin
(Scopolaminum hydrobromicum) zugeschrieben. Dieser Autor hat das
intensiv wirkende Präparat in mehreren Fällen in Dosen von 0,0003
zveimal täglich bis zu 4 Wochen lang ohne jede Nebenwirkung bei
Gastrosukorrhoe mit sehr gutem Erfolge angewendet.
V. Die Stomachlka.
Trotz des auf eine spezifische Einwirkung auf den Magen hin-
deutenden Namens ist gerade die Pharmakodynamik dieser Mittel
gegenüber derjenigen der vier vorstehenden Gruppen am wenigsten aus-
geprägt, bzw. untersucht. Die Stomachika haben für die sekretorische
Funktion des Magens eine relativ geringe Bedeutung, und ich darf
diese hier wohl nur insoweit kurz besprechen, als dies zu den Aus-
fuhrungen in meinem Buche eine Ergänzung bedeutet.
Zunächst kommen hier die Amara in Frage. Die durch Buch-
heim^) und Schrenk^) begründete und vielfach vertretene Ansicht,
daO die Amara infolge ihres Tanningehaltes die Magensaftsekretion
hemmen, ist durch neuere Untersuchungen an Pawlow sehen Hunden
als unhaltbar erwiesen worden. So fand Borissow*), daO nach ihrer
Aufnahme eine Sekretionssteigerung im Magen auftritt, die aber nicht
durch lokale Drüsenreizung im Magen zu erklären sei, sondern nur
auf reflektorischem Wege (nach Art des Appetitsaftes) durch Reizung
der Geschmacksnerven zustande kommt. Diesen Standpunkt nimmt
1) Therap. der Gegenwart, Juni 1903.
^ Beiträge zur ArzneimitteUehre. Leipzig 1849.
3) Intttg.-Di88ertation Dorpat 1849.
4) Arch. f. exp. Patb. und Pharmak., 1904, Bd. 51, Heft 4 u. 6.
Klin. Vorträte, N. F. Nr. 48^/84. (Innere Medizin Nr. 144/46). Mal 190& 21
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302 P. Rodtri, [W
auch Straschesko^) ein. Einen Scliritt weiter geht Hoppe^), der
diese Steigerung nicht nur als einen Reflex von den Geschmacks-
und Riechnerven ausgehend auffaßt, sondern der daneben auch einen
reflektorisch-chemischen Einfluß von der Magen- und Darmschleimhaut
mitwirken läßt. Nach Hoppe entfalten aber alle Bittermittel ihre
sekretionssteigernde Wirkung nicht an sich, sondern nur wenn nach
ihrer Einnahme dem Tiere Nahrung beigebracht wird. Große Mengen
der Amara hingegen sollen aber eine Hemmung der Sekretion be-
dingen.
Die Salzsäure hat als Stomachikum in den letzten Jahren an
ihrem früheren Ansehen viel eingebüßt, seitdem die Untersuchungen
von Heichelheim und Kramer, ferner Riegels, v. Noordens und
Honigmanns ihr jeden Charakter als Magensafttreiber abgesprochen
haben. (Sie ist ein vorzüglicher Treiber der Pankreassekretion.) Nur
Bickel^) und Heinsheimer^) schreiben ihr, ähnlich Hoppe den
Amaris, eine sekretionserregende Wirkung zu, wenn nach ihrer Ein-
nahme Nahrung verabreicht wird, und zwar besteht diese Sekretions-
erregung nur beim Hunde mit einer chronischen subaziden Gastritis.
Die HCl befähigt nach diesem Autor also nur die kranke Magen-
schleimhaut zu erhöhter sekretorischer Arbeit, während die gesunde
darauf nicht reagiert.
Das Orexinum tannicum soll nach Hoppe auch nur bei Gastritis
eine leichte Sekretionssteigerung bedingen, während bei gesunder
Magenschleimhaut die Sekretion in keiner Weise alteriert wird. Es
ist dies eine Bestätigung analoger Beobachtungen am Menschen von
Glücksziegel«), Mathes<») und Kornfeld?).
Das neueste Stomachikum, das Acidol (Betainchlorhydrat = Chlor-
hydrat von Trimethylaminoessigsäure) ist von Heinsheimer®) auf
seine sekretorische Wirkung an Tierexperimenten geprüft worden.
Das Präparat zerfallt in wäßriger Lösung in HCl + Betainsäure. Es
enthält nach Flatow 23,78 % HCl. Die Betainkomponente ist nach
diesem Autor für die Magensaftsekretion völlig indifferent. Die frei
werdende HCl-Komponente soll, insoweit unmittelbar nach Einnahme
des Präparates Nahrung genommen wird, die Saftsekretion zu Anfang
1) Wratsch 1905, Nr. 2.
2) Berl. Klin. Wochensclir. 1905, Nr. 33, u. Inftug.-Dis8ert. Berlin 1906.
3) Berl. Klin. Wochenschr. 1905, Nr. 28.
4) Arch. f. Verdauungskrankh. 1904, Bd. 12, Heft 2.
5) Prager med. Wochenschr. 1890, Nr. 13, nach Hoppe zitiert.
6) Münchner med. Wochenschr. 1891, nach Hoppe zitiert.
7) Wiener klin. Wochenschr. 1891, nach Hoppe zitiert
8) Arch. f. Verdauungskrankh. 1906, Bd. 12, Heft 2, nach Hoppe zitiert.
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67] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 303
der Verdauungsperiode leicht steigern; diese Reizung soll aber bald
abklingen. Der therapeutische Wert dieses Präparates dürfte also,
nach diesen Tierversuchen zu schließen, nicht hoch anzuschlagen sein.
Epikrise.
Welche Schlüsse für die praktische Therapie können wir aus
den vorstehenden Erörterungen und Untersuchungen ziehen?
Die Konsequenzen aus Untersuchungen am Tierexperimente ge-
zogen, insofern ihnen ein gewisser therapeutischer Wert inneliegen
soll, müssen auf den kranken Menschen übertragen werden können.
Daß eine solche Übertragung zulässig ist, haben die ausgedehnten
Experimenta ad hominem von Bickel, Heinsheimer u. a. nicht nur
wahrscheinlich gemacht, sondern auch bewiesen. Ganz besonders
spricht der Bickel sehe Versuch am ösophagotomierten Magenfistel-
mSdchen (mit gesunder Magenschleimhaut) mit dem zuerst von mir
untersuchten Escalin für die Analogie zwischen der Reaktion des
Hunde- und des Menschenmagens und damit auch für die Zulässigkeit
von Schlüssen therapeutisch-klinischer Natur aus dem Tierexperiment
auf den Menschen.
Von einer prinzipiellen Bedeutung aus meinen Untersuchungen ist
in erster Linie der durch die Prüfung verschiedenartiger Medikamente
eruierte Umstand, daß die gesunde und die kranke Magen-
schleimhaut durchaus nicht in gleicher Weise auf den
gleichen Körper sekretorisch reagieren. Dies ist hier für die
in der Magentherapie wichtigsten Adstringentien nachgewiesen, so für
gewisse Bismutverbindungen, wie z. B. in ausgesprochener Weise für
das Bismutum bitannicum und weniger intensiv für das Bismutum
subnitricum. Damit ist aber nicht gesagt, daß die gesunde und kranke
Mukosa auf jeden Körper der betreffenden Reihe einander gegen-
sätzlich reagieren. Maßgebend für die Art der Sekretion ist die Ein-
wirkung einer der durch die HCl des Magens frei werdenden
Komponente. Beispielsweise wirkt die Salizylsäurekomponente am
Bismutum bisalicylicum unter allen Umständen sekretionsbe-
fördemd, sowohl auf die gesunde wie auf die kranke Magenschleim-
haut. — In typischer Weise haben wir die einander entgegengesetzt
verlaufenden Sekretionzustände beim gesunden und beim entzündeten
Magen, bei den organischen Derivaten des Argentum nitricum,
beim Protargol und Albargin. Noch auffallender sind diese Ver-
hältnisse beim Escalin ausgeprägt.
Welche Schlüsse ergeben sich daraus für die medikamentöse
Therapie einzelner Magenerkrankungen?
21*
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304 P- Rodari, [68
Zunächst die Tatsache, daß der diagnostische Unterschied zwischen
Magenneurosen als einer Erkrankung mit völlig intakter Schleimhaut
und Gastritis, möge sie primärer oder sekundärer Natur sein, möge
sie für sich allein bestehen oder eine Begleiterscheinung eines andern
Magenleidens sein (z. B. Ulkus), auch in therapeutischer Hinsicht,
soweit dabei die Bekämpfung einer Sekretionsanomalie in Frage
kommt, zu Recht besteht. Es ist also nicht gleichgültig, kurzweg von
„subaziden oder superaziden Zuständen^ des Magens zu reden und je
nachdem neben der diätetischen Behandlung ein Medikament zu ver-
abreichen. Die Frage, welches Medikament im individuellen Falle in
Betracht kommt, entscheidet einzig die Untersuchung am Patienten,
nicht seine subjektiven, wenn manchmal auch charakteristisch schei-
nenden Angaben, sondern die physikalische und chemische Prüfung
des Magenchemismus, des Mageninhaltes. Die einfachsten und zu-
verlässigsten Mittel unserer Diagnostik hierfür sind: die Spülung
des nüchternen Magens und die Prüfung des Spülwassers auf das
Vorhandensein oder Fehlen eines wesentlichen Schleimgehaltes und
das altbewährte Probefrühstück nach Ewald. Dieses werde zu-
nächst untersucht auf das Vorhandensein oder Fehlen der die Ent-
zündung charakterisierenden Merkmale (Schleimverhältnisse usw.),
sodann auf die Äziditätsverhältnisse. Sind diese abnorm, so unter-
scheidet man in der Grundlage dieser Abnormität, ob ein entzünd-
licher oder ein rein nervöser Zustand vorliegt. Die anatomische
Beschaffenheit der Magenschleimhaut entscheidet dann in erster Linie,
welches unter den von mir untersuchten Medikamenten zur Anwendung
kommen soll. So würde sich beispielsweise die Indikation ergeben,
eine Gastritis hyperacida mit Protargol oder Albargin zu behandeln,
während bei einer nervösen Hypersekretion diese Präparate strikte
kontraindiziert erscheinen. Umgekehrt erscheinen diese Präparate als
indiziert bei der Behandlung einer nervösen Subazidität, weil sie auf
diesem Boden mächtig sekretionsanregend wirken^ während ihre An-
wendung bei der Gastritis subacida therapeutisch unlogisch, geradezu
paradox sein würde.
Das Bismutum subnitricum hat im Gegensatze zu den erwähnten
Körpern einen relativ indi£Perenten Einfluß auf die Sekretion des
anatomisch intakten Magens; hier und da sieht man in den Ver-
suchen die Tendenz zur Saftherabsetzung, eine solche ist aber ausge-
sprochener bei der entzündeten Magenschleimhaut. Das Anwendungs-
gebiet des Präparates ist also hier ein größeres in dem Sinne, weil
es sowohl bei entzündlichen, wie nicht entzündlichen Hyperaziditäts-
zuständen gegeben werden kann. Die vorliegenden Versuche mit dem
Präparate haben die von mir anderen Ortes geäußerte klinische
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69] Experimentelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 305
Beobachtung, daß das Bismutum subnitricum eine säureherabsetzende
Eigenschaft besitze, bestätigt, während die gleiche Ansicht über das
Argentum nitricum (bei Hyperaziditäten überhaupt) nach Versuchen
mit seinen Derivaten einer Modifizierung bedarf.
Der Umstand, daß die Adstringentien in ihrer Wirkung auf die
Migensaftabscheidung bisher kaum experimentell und überhaupt nicht
vergleichsweise bei gesunder und entzündeter Magenschleimhaut ge-
prüft worden sind, erklärt auch die über ihren sekretorischen Einfluß
in der Literatur einander widersprechenden Angaben, Die Lösung
dieser Widersprüche liegt nun in der Erkenntnis der verschieden-
artigen Reaktionsfähigkeit der Magenschleimhaut gegenüber gewissen
Adstringentien, je nach der anatomischen Beschaffenheit der erstem.
Besonderes Interesse geben die praktischen Ergebnisse dieser Unter-
suchungen für die Frage der Therapie bei Ulcus ventriculi. Es
ist ja eine wesentliche Aufgabe der Therapie, die häufig bestehende
Hypersekretion zu bekämpfen, überhaupt die Sekretion, welche die
Heilung des Ulkus durch chemische Irritation verzögert, herabzusetzen.
Eines alten Rufes für die Behandlung des Ulcus ventriculi erfreut
sich das Bismutum subnitricum. Die meisten Autoren schreiben ihm
nur eine physikalisch-mechanische Wirkung als Deckmittel des Sub-
stanzverlustes zu. Meine Experimente haben erwiesen, daß dem
Präparate auch eine chemische sekretionsherabsetzende Wirkung inne-
wohnt, die bei der nicht entzündeten Schleimhaut zwar gering, bei der
entzündlich veränderten aber intensiver ist.
Die beiden Lokalanästhetika, welche bei der symptomatischen
UliLustherapie sich gut bewährt haben, und gewöhnlich als Zusatz zum
Bismutum subnitricum verordnet werden, das Orthoform und das
Anästhesin, haben zwar keinen sekretionshemmenden Einfluß auf die
Drfisenfunktion, sondern die Tendenz zu einer unerheblichen Steigerung
derselben. In Verbindung resp. in einem mechanischen Gemenge mit
dem Bismut wiegt die Komponente des letzteren in ihrem Einflüsse
auf die Magenschleimhaut vor mit dem Resultate einer Sekretions-
herabsetzung. Diese Medikation hat also nicht nur eine praktische,
sondern auch eine experimentell begründete Basis. — Als Ersatzmittel
ffir das Bismutum subnitricum kann die Bismuttanninverbindung,
das Bismutum bitannicum in Frage kommen, jedoch nur unter ge-
wissen, bei den folgenden Präparaten zu erörternden Umständen. Die
Bismutsalizylverbindungen hingegen erscheinen bei allen Zu-
ständen, wo die Sekretion nicht gesteigert, sondern herabgesetzt werden
soll, als kontraindiziert.
Auch die Ulkusbehandlung mit Argentum nitricum und seinen
Derivaten, die viele Freunde aber auch viele Gegner hat, dürfte
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306 P. Rodari, [70
durch diese experimentell-biologischen Untersuchungen eine pharma-
kodynamisch festere Basis erhalten. Hier ist ausschlaggebend für die
Frage, soll ein Ulkus mit Argen tum nitricum bzw. Protargol oder
Albargin behandelt werden, oder muß man eine andere Therapie ein-
schlagen, die diffuse Beschaffenheit der Magenschleimhaut, d. h. die
Feststellung des Vorhandenseins oderFehlens eines Katarrhs
neben dem Ulkus. — Über das summarische Verhältnis der Ulcera
ventriculi mit und ohne diffuse Gastritis findet man sowohl in der
pathologisch-anatomischen, wie in der klinischen Literatur wenig An-
gaben. Rütimeyer^) erwähnt bei 25 Fällen einen Prozentsatz von
68 % = Va mit und 32 = 1/3 ohne konkomitierende Gastritis.
Das Verhältnis, ob Gastritis da sei oder fehle, ist bisher für die
Therapie kaum verwertet worden, und doch spielt diese Frage für die
Argentumbehandlung nach dem Ergebnis der betreffenden Tierversuche
die Hauptrolle. Darnach zu schließen darf man wohl die Indikation
aufstellen, nur solche Fälle von Ulcus ventriculi mit Argentum
nitricum und seinen Derivaten, wie Protargol und Albargin,
zu behandeln, welche mit einer diffusen Gastritis kom-
pliziert sind, während die Silbertherapie bei Magenge-
schwüren ohne Gastritis kontraindiziert ist und durch die
Bismutbehandlung ersetzt werden soll.
Das Prinzipielle an diesen Beobachtungen findet auch eine Stütze
in der analogen Wirkung des Escalins auf die anatomisch gesunde
und die entzündete Magenschleimhaut des Hundes und in den heftigen
Kontroversen Bickels, der den experimentellen, und Klemperer,
der den klinischen Standpunkt vertritt. Diese heftige Fehde wurde
zunächst durch meine Experimente an Hunden mit intakter Magen-
schleimhaut veranlaßt, indem Bickel diese Untersuchungen ausdehnte,
bestätigte und einen weiteren Beleg in seinem Experimente am
Mädchen mit intakter Magenschleimhaut fand. Die hierbei durchweg
auftretende enorme Sekretionssteigerung veranlaßt Bickel, dem Escalin
jede Brauchbarkeit als Ulkusmedikament abzusprechen, während
Klemperer an klinischen Beobachtungen zu dem Resultate gekommen
sein will, im Escalin ein dem Bismutum subnitricum mindestens
gleichkommendes, wenn nicht dasselbe sogar weit übertreffendes Ersatz-
mittel für dieses gefunden zu haben. — Die Entscheidung, wer hier recht
hat, geben meine Versuche am Hunde mit der chronischen Gastritis.
Diese Experimente zeigen beim Escalin ein gleiches, wenn auch
intensiv stärker ausgeprägtes Verhalten, wie gewisse Adstringentien,
1) Geogr. Verbreitung und Diagnose des Ulcus ventriculi rotundum. Wiesbaden
1906.
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71] Experimeotelles und Klinisches zur Kenntnis der Beeinflussung usw. 307
z. B. Protargol und Albargin. Die nicht entzündlich veränderte Magen-
sclileimhaut reagiert auf das Escalin mit einer stürmischen Sekretion,
die entzündete Mukosa mit einer erheblichen Sekretionsherabsetzung.
Darin liegt des Rätsels Lösung und so kann man sagen , daß beide
Gegner in gewissem Maße recht haben. — Gewiß hat das Escalin
eine enorme safttreibende Wirkung. Diese trifft aber nach meinen
Untersuchungen über Escalin und nach anderen analogen Beispielen
nur für den Fall einer nicht entzündlich veränderten Beschaffenheit
der Magenschleimhaut zu^ während bei einer Gastritis (idiopathischer
oder symptomatischer Art, also auch beim Ulkus) die Wirkung des
Escalins das reine Gegenteil ist: eine typische Sekretionshemmung. —
Die Frage nach der therapeutischen Verwendbarkeit des Escalins beim
Ulcus ventriculi kann mithin folgendermaßen beantwortet werden: Auf
alle Fälle ist das Escalin da strikte kontraindiziert, wo gastritische
Zustände an der Magenschleimhaut fehlen, mithin auch bei
Ulcus ventriculi ohne konkomitierende Gastritis. Wohl aber
scheint, nach dem Tierversuche zu schließen, das Präparat beim Ulkus
mit Gastritis indiziert zu sein. Für solche Fälle mag also
Klemperer seinem Präparate eine gewisse therapeutische Bedeutung
einer sekretorischen Herabsetzung neben der supponierten hämostyp-
tischen Wirkung zuschreiben. —
Es dürfte eine dankbare Aufgabe der klinischen Untersuchung sein,
an einer großen Versuchsreihe von Patienten die hier gezogenen
Schlüsse weiter zu prüfen.
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485.
(Gynäkologie Nr. 176.)
Hyperemesis gravidarum').
Von
Dr. Adam Czyzewicz jun.,
Lemberg.
Es werden wohl nicht viele pathologische Zustände bekannt sein,
wo die Beschreibungen und Ansichten betreffs der Entstehungsursache
so verschieden wären, wie bei Hyperemesis gravidarum. Die ältesten
Zeiten überließen uns in Manuskripten und zahlreichen Publikationen
Andeutungen, welche als Beweis dienen, daß die eigentümliche Krank-
heit schon in den ersten Entwicklungsstufen der ärztlichen Wissen-
schaft bemerkt wurde und daß es nie an Proben fehlte um ihrer Ur-
sache näher zu kommen und sie richtiger zu behandeln. Es kann dies
such nicht wundern, da, wie allgemein bekannt, das Erbrechen sehr
oft in den ersten Schwangerschaftsmonaten vorkommt, und unstillbares
Erbrechen nur ausschließlich bei Schwangeren, die immer mit spe-
zieller Ehrfurcht und Achtung behandelt waren, zu trefiPen ist. Diese
losen Andeutungen, mehr oder weniger gründlichen Beschreibungen
und Proben, der Krankheitsursache näher zu kommen, hat P. Jaffe
in seinem Aufsatze über unstillbares Erbrechen in vortrefflicher Weise
zusammengestellt. Nach seinen Angaben geschieht der Krankheit schon
in den Werken von Paul von Ägina Erwähnung. Schon dieser
trachtet sie als spezielle Krankheitsform zu eliminieren, und gibt ihr
den Namen „Vomitus assiduus*, betrachtet sie aber als nicht gefährlich
für Mutter oder Kind. Seine Lehre blieb lange Zeit unverändert, sie
ist im 16. Jahrhundert in Mercados Werken aufzufinden, und erst
iml8.Jahrhundert forschen nach der Ursachedes Leidens Mauriceau und
1) Aus der Klinik der k. k. Hebammenschule des Prof. Dr. A. Czyzewicz in
Umberg. Vortrag, gehalten am 25. Juli 1007 in der gynftkolog. Sektion des X. Kon-
gretaet polnischer Ärzte und Naturforscher in Lemberg.
Klln. Vortrige, N. F. Nr. 485. (Gynäkologie Nr. 176.) Mai 1906. 18
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240 Adam Czyzewicz jun., [2
Delamotte und glauben dieselbe in einer Sympathie zwischen Magen
und Gebärmutter, was einen gegenseitigen Einfluß ermöglicht, ge-
funden zu haben.
Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hat nicht viel geändert.
Außer einer Arbeit von Burns (1809) hinterließ sie aber die Ober-
zeugung, daß die Krankheit nicht so gefahrlos ist, wie dies Paul von
Ägina geglaubt hat, und doch in einzelnen Fällen schlecht enden
kann. Die Angst vor diesem argen Ausgange hat Simons (1813) be-
wogen, zum ersten Male die Schwangerschaft im 7. Mondesmonate
wegen Hyperemesis zu unterbrechen. Endlich gab 1848 Dubois eine
ausführliche Beschreibung der Krankheit und gleich darauf nahm die
Pariser Akademie die weiteren Forschungen in ihre Hände, um zu-
nächst festzustellen, ob und wann eine Unterbrechung der Schwanger-
schaft berechtigt ist. Von nun an macht die Lehre vom unstillbaren
Erbrechen rasche Fortschritte, und liefert bald den Beweis, daß die
Krankheit gar nicht so einfach ist, wie das früher angenommen wurde.
Trotz zahlreicher Forschungen, die jahrjährlich sie aufzuklären suchen,
und zwar von verschiedenen Standpunkten, bleibt sie bis heute ein Rätsei,
eines von den wenigen, an deren Lösung Arbeiten vieler Gelehrten
scheitern. Der klinische Verlauf, die der Mutter und dem Kinde
drohenden Gefahren, das Verhalten verschiedener Organe und die
Sektionsbefunde sind schon genügend bekannt, die Ätiologie und Heil-
kunde bildet dagegen so ein Gemenge von verschiedenen Ansichten,
daß selbst die Orientierung darin schwer wird. Fast jeder, welcher
daran gearbeitet hat, vertritt eine andere Anschauung, auf eine kleine
Zahl seiner eigenen Fälle gestützt, da angesichts der Seltenheit der
Krankheit niemand über eine größere einheitliche Statistik verfügt,
fast jeder gibt eine Reihe glücklich mit seiner Methode, die in anderer
Händen als vollkommen wertlos erscheint, geheilter Fälle an. Der
Effekt langjähriger Nachforschungen ist dieser, daß ein praktischer
Arzt, nach Durchmusterung der Literatur über Hyperemesis gravi-
darum, nicht nur kein klares Bild über die Ätiologie und Therapie
der Krankheit hat, sondern das Vertrauen zu wissenschaftlichen For-
schungen verliert und in so ein Gemenge von direkt sich wider-
sprechenden Ansichten gelangt, daß er, sich selbst überlassen, zufallig
eine der vielen Thesen aufnimmt und danach handelt, indem er ganz
recht bemerkt, daß bis zur definitiven Entscheidung des Streites exakte
Methoden der Therapie nicht gestellt werden können. Dem thera-
peutischen Effekt entsprechend entstehen Anhänger und Gegner der
einen oder der anderen Ansicht und der wissenschaftliche Kampf ent-
brennt von neuem.
Ehe ich die Ursache erörtere, warum so verschiedene Anschau-
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3] Hyperemesis gravidarum. 241
uogen bestehen können und sie, soweit es geht, in Ordnung bringe,
will ich zunächst l^urz die bisher angegebenen referieren. Eine chrono-
logische Reihenfolge führt hier nicht zum Ziele, da viele ältere schon
langst vergessene Ansichten oft von neuem auftauchen und es scheint
mir besser, alle die Hypothesen nach pathologischen Prozessen, worin
sie die Ursache suchen, einzuteilen, wie dies auch J. W.Williams
getan hat.
Den publizierten Hypothesen entsprechend, kann die Hyperemesis
gravidarum durch folgende Annahmen aufgeklärt werden:
1. Sie kann auftreten bei Krankheiten des Magens.
2. Sie kann auf reflektorischem Wege zustande kommen.
3. Sie kann auf nervöser Basis beruhen.
4. Sie kann als eine Toxämie betrachtet werden.
Ad. 1. Fälle von unstillbarem Erbrechen Schwangerer bei Magen^
krankheiten sind nicht selten beschrieben worden und zwar bei Ent-
zündungen des Magens, Karzinom (Zäborszky), Gastromalakie,
Ulcus rotundum, bei Erosionen der Magenschleimhaut, pathologischen
Zuständen des Darmes usw., überall ist aber von Anfang an die
Meinung vertreten, daß man in diesen Fällen eigentlich nicht von
Hyperemesis gravidarum als klinisch isolierter Krankheitsform sprechen
dtff, da Erbrechen auch bei nicht schwangeren Personen aufgetreten
wäre, und die Schwangerschaft nur als sekundäre Ursache angesehen
Verden kann. Vorwiegend ist aber bei vielen Forschern dieser
Gruppe die Ansicht angedeutet, daß Krankheiten des Intestinaltraktus
das Zustandekommen von unstillbarem Erbrechen erleichtern, daß
sie also zwar nicht als primäre, wohl aber als sekundäre Ursache
gelten können.
Ad. 2. Die lange Zeit sehr verbreitete reflektorische Theorie hat
auch noch jetzt zahlreiche Anhänger. Im allgemeinen beruht sie auf
Anastomosen zwischen den Ästen des N. vagus und N. sympathicus,
wovon der erste den Magen- und Darmtraktus versorgt, der andere
vorwiegend unten in der Bauchhöhle zahlreiche Ganglien im Bereiche
der Genitalorgane bildet und sich auch aber alle Bauchorgane ver-
breitet, überall mit Ästen des N. vagus anastomisierend. Es geht schon
aus diesem Bilde klar hervor, daß Reize, aus den Geschlechtsteilen
stammend, leicht entweder auf direktem Wege oder auf indirektem
durch die Medulla spinalis, übertragen werden und Magensymptome
hervorrufen können. Auf diesem innigen Zusammenhange beider
Nervengebiete und auf dieser Leichtigkeit im Übersenden der Reize
haben viele ihre Ansichten basiert und da, trotz Existenz derselben
Verhaltnisse bei jeder Frau, unstillbares Erbrechen sehr selten vor-
kommt und nur ausschließlich bei Schwangeren, die Tatsache durch
18*
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242 Adam Czyzewicz Jun., [4
Anüahme von pridisponierenden Momenten, z. B. barmtraktuskraok-
heiten, nervöser Reizbarkeit, duröh die Schwangerschaft gesteigert
usw.^ zu erörtern gesucht. Meinungsdifferenzen sind hier Fast nicht
zu finden. Was aber den eigentlichen, die Krankheit hervorrufenden
Reiz anbetrifft, sind die Ansichten sehr verschieden und es werden
fast alle Frauenkrankheiten in Rede gezogen. Es wird nun nach der
Ursache gesucht bei Erosionen des Scheidenteiles, Entzündungen der
unteren Hälfte der Gebärmutter oder der oberen und des Peritoneum
(Horwitz), in endometritischen Prozessen (Jaggard), Krankheiten
der Eihäute, übermäßiger Ausdehnung der Gebärmutter bei Hydram-
nios oder Zwillingen, Bildung von Molen, Rigidität des Muttermundes
(Kehrer) oder auch der Gebärmutter in toto, weiter in ieiner Reiz-
barkeit der Gegend des inneren Muttermundes (Bantock, Mueller),
Cervixrissen (Sänger), in einer reflektorischen Wirkung der wachsen-
den Gebärmutter (Baisch, Oelschläger). Anämie des Peritoneums
wegen starker Spannung auf dem sich vergrößernden Uterus (Tusz-
kai), einer Gehirnanämie beim Aufstehen vom Bette (Evans), in
Schwangerschaftswehen (Gottschalk). Deviationen der Gebärmutter
vorwiegend Retroflexio und folgendem Druck auf die Nervenganglien
(Graily Hewitt), im Drucke auf diese Ganglien durch Exsudate,
oder später zurückbleibende Adhäsionen, vorwiegend im Bereich des
Promontoriums (Müller), einer gesteigerten Magensaftabsonderung
neben reflektorischer Wirkung des schwangeren Uterus (Monin), in
einer reflektorischen Pyloruskontraktion oder Zusammenziehung der
Muskeln des ganzen Intesttnaltraktus (Goffroy), einer reflektorisch
auf Grund von Frauenkrankheiten mit Gravidität kompliziert auf-
tretenden Neurosis ventriculi (Sutugin), einer Reizung des Spinal-
brechzentrums direkt durch Druck der Gebärmutter oder auch indirekt
(Windscheid) und in vielen anderen pathologischen Zuständen.
Wie oben angedeutet, stammt diese Theoriengruppe aus ältester
Zeit und hat auch bis heute zahlreiche Anhänger, verliert aber, an-
gesichts neuer Forschungen, die auf ganz anderem Wege zur Auf-
klärung der Krankheit schreiten, immer mehr ihren Boden. Sie be-
stand immer und besteht auch noch jetzt aus dem Grunde, daß sehr
oft die Heilung bestehender Frauenkrankheiten einen segensreichen
Einfluß auf das Erbrechen hat; es ist nur absolut nicht festzustellen,
ob diese Besserung post hoc oder propter hoc eingetreten war.
Ad 3. Die Neurosentheorie verdankt ihre Verbreitung den Ar-
beiten von Ahlfeld und Kaltenbach, obwohl sie schon viel früher
aufgebaut wurde in den Publikationen von Krieger, Eulenburg,
Anquetin, Braxton Hicks, welche, auf negativen Befund der
Autopsien gestützt, zur Annahme von nervösen Ursachen neigten und
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5] Hyperemesis gravicfarum. 243
war soleheQ, die tödlich sein köanen, ohne Spuren zu hinterlassen.
Ihre Lehre war aber wenig bekannt bis zur Zeit, wo eine Polemik
um Priorität zwischen Chazan, AhlFeld und Kaltenbach sie all-
gemein verbreitet hat« Als Ausgangspunkt in dieser Hypothesen-
gruppe wird eine Nervenkrankheit angenommen, und zwar geben die
zwei ersten als Ursache diverse Neurosen an, die alle einen- identi-
schen EinBuO auf das Entstehen der Hyperemesis haben sollen, der
letztere dagegen speziell die Hysterie. Diesem wissenschaftlichen
Streite haben sicl^ gleich zahlreiche Diskussionen in gynäkologischen
Gesellschaften und Zeitungen angeschlossen, zwischen den Anhängern
der neuen Lehren (Muret, Frank, Gräfe, Dorff, Opitz, Klein,
Schäffer) und ihren Gegnern (Windscheid, Zweifel, Feinberg),
Diskussionen, wo jeder durch immer neue Beweise seine Anschauung
zu begründen suchte und die, trotz enormer Arbeitsausdehnung, nicht
our zu keiner einheitlichen Ansicht fiber die Ätiologie -der Krankheit
geführt, sondern nur den ganzen Standpunkt noch bedeutend mehr
verwickelt haben.
Ad 4. Die jüngste von allen, erst in letzter Zeit aufgestellte, tox-
imische Theorie wurde auch anfangs nicht so allgemein anerkannt,
vie die anderen, und blieb, als mehrere Forscher sie angenommen
haben, auch nicht einheitlich sondern gleich in mehrere Gruppen ein-
geteilt Ihre Grundsteine sind in der Arbeit von Fischl (1884) zu finden.
Er nimmt zwar auch eine nervöse Prädisposition an, glaubt aber, daß
tis eigentliche Ursache eine Koprostase mit Bildung anormaler che-
mischer Prozesse beschuldigt werden kann. Neun Jahre später publi-
ziert Lindemann (1803) ein Sektionsprotokoll nach Hyperemesis
gravidarum und beschreibt ausführlich Veränderungen der Leber,
Milz und Nieren als parenchymatöse und fettige Degenerationen,
Entzfindungszustände der peripheren Nerven, bei wenig Aushungerungs-
erscheinungen und stellt als erster die Meinung auf, daO angesichts
des Sektionsbefundes, der lebhaft an eine chronische Vergiftung er-
ionert, die Hyperemesis als Vergiftung mit noch unbekannten Toxi-
nen angesehen werden darf. Dies war der Ausgang der ganzen
Theorie, und als ihn V. Antouchevitsch (1897) in einer Sitzung
des Ärztekongresses in Moskau von neuem aufgenommen und auf die
Ähnlichkeit zwischen der Hyperemesis und den Symptomen bei
Tieren, denen man eine Nahrung ohne Natrium und Kalium gereicht,
verwiesen hat, beginnen Untersuchungen des Stoffwechsels, Beob-
achtungen der Krankheit vom neuen Standpunkte und die Theorie ist
im Aufschwung begriffen.
Die Anhänger dieser Hypothese sind insofern einig, daß sie als
Ursache des unstillbaren Erbrechens eine Vergiftung mit im Blut
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244 Adaxn Czyzewicz jun., [^
deponierten Stoffen annehmen und insofern verschiedener Meinung, daO
sie verschiedene Stoffe beschuldigen. Immer heben sie aber hervori
daß die Theorie nicht auf alle Fälle von Hyperemesis passen kann.
Alle diese Nachforschungen gaben als Resultat eine Reihe von ver-
schiedenen Ansichten, je nach dem Körper, welcher als Agens be-
schuldigt war. Sie sind folgende:
a) Türen ne sucht die Giftquelle in einer Absonderung des
Corpus luteum, welches als Drüse mit innerer Ausscheidung an-
gesehen werden muß. Ihr Produkt ruft normal eine Hyperämie der
Genitalorgane hervor, vor und während der Periode, allgemeine
Symptome bei amenorrhoischen Frauen, und mutmaßliche Schwanger-
schaftssymptome, die bei nervöser Prädisposition sich bis zur Hyper-
emesis steigern können. Die Ursache, daß die Erscheinungen bei
Nichtschwangeren fehlen, wäre darin zu suchen, daß das Gift vom
menstruellen Blute fortgeschwemmt wird; die Periode wäre nun als
eigentliche, gewöhnliche Folge der Wirkung des Corpus luteum-Giftes
anzusehen. In Fällen, wo die Menstruation aufhört, also auch in
der Schwangerschaft, gelangt das Gift in den Blutkreislauf und ruft
Vergiftungserscheinungen hervor.
b) Dirmoser hält die Hyperemesis für eine Autointoxikation mit
Produkten eines anormalen Stoffwechsels im Darmtraktus und spe-
zialisiert dies folgendermaßen: Die Nerven des Darmes und Magens
stehen in enger Verbindung mit denen der Genitalorgane, und in
normalem Zustande üben die letzteren ihren regulierenden Einfluß
auf den Magen im Wege der Anastomosen zwischen N. vagus und R
sympathicus aus. Die Vergrößerung der Gebärmutter, Veränderung
der Eierstöcke, des Peritoneums usw. in der Schwangerschaft übt
einen mächtigen Reiz auf die hier liegenden Nervenenden und ruft
reflektorisch eine Behinderung der Magenfunktion, ja sogar antiperi-
staltische Bewegungen hervor. Demzufolge kommt es zu anormalen
Fäulnisprozessen, zur Bildung giftiger Körper und angesichts der
verlangsamten Peristaltik zu deren leichter Einsaugung. Das Ganze
kann wohl bei gesunden Frauen, um so eher bei nervös belasteten
vorkommen.
Kurz gesagt hält also Dirmoser das unstillbare Erbrechen für
eine Autointoxikation mit anormalen Stofiwechselprodukten und be-
gründet seine Ansicht in erster Reihe mit atypischen Harnbestand-
teilen, wie Azeton, Indoxyl, Skatoxyl, Schwefelverbindungen usw.^ die
er in seinen Fällen in größerer Menge nachgewiesen hat.
c) Pinard, Champetier de Ribes und Bouffe de Saint Blaise
halten die Krankheit für eine Vergiftung auf Grund einer schlechten
Leberfunktion, und als Stützpunkt nehmen sie Sektionsbefunde an, wo
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7] Hyperemesis gravidarum. 245
in der Leber Veränderungen wie bei Atrophia hepatis flava fest-
gestellt wurden. Auch früher waren schon ähnliche Befunde bekannt,
aur nicht zur Aufklärung der Ätiologie des unstillbaren Erbrechens
herangezogen. Im Jahre 1879 hat sie schon Matthews Duncan ge-
funden, später Stone, Ewing und Edgar, aber erst J. Whitridge
Williams hat im Jahre 1005 auf Grund von drei beobachteten Fällen,
durch grundliche Untersuchung des Stofi^wechsels die Hypothese
wissenschaftlich begründet. Diese Untersuchung lehrte, daß, von An-
fang der Krankheit an, im Urin Ammoniak zu finden ist, und zwar in
großer Menge, bis 46% (gegen normal 3—5%), was entweder für
schwere Schädigung der Leber spricht oder für Existenz eines
saueren Giftes im Blutkreislauf, das zu neutralisieren ist — später
kann man auch Eiweiß konstatieren. Dieser Befund beweist eine
primäre Läsion der Leber und sekundäre der Nieren durch das im
Blut kreisende Toxin.
d) Karl Behm sucht 1903 die Vergiftungsursache im Fruchtei.
Nach dieser Meinung ist die Hyperemesis gravidarum eine Intoxi-
kation, von der Eioberfläche ausgehend, wahrscheinlich synzytialen Ur-
sprunges, und als Beweis dient die Tatsache, daß nicht nur bei
kranken, sondern auch bei gesunden Schwangeren Zottenelemente im
mutterlichen Blute zu treflPen sind. Wenn man dabei beachtet, daß
das Erbrechen gewöhnlich mit Beginn der Schwangerschaft sich ein-
steilt und in 5 — 6 Wochen seinen Höhepunkt erreicht, d. h. zu einer
Zeit, wo an einem großen Teile der Eioberfläche Zotten zugrunde
gehen, das Chorion laeve bildend, so ist es wahrscheinlich, daß
Zottenelemente, speziell das Synzytium, in das mütterliche Blut ge-
langen und die Vergiftung verursachen können. Auch die Tatsache,
daß mit der vollkommenen Entwicklung der Plazenta^ d. h. im 4 bis
5. Schwängerschaftsmonat, das Erbrechen gewöhnlich zu Ende geht,
spricht für diese Ansicht.
Die Ursache der Krankheit wäre somit im Synzytium zu suchen,
und alle Krankheiten des Genitalapparates, Neurosen usw. als prä-
disponierendes oder die Krankheit verschlimmerndes Moment zu
halten.
e) Die letzte Hypothese sucht die Ursache der Vergiftung der
Schwangeren in Produkten des Fruchteies (Clivio) oder in Stoff-
wechselprodukten der Frucht (Czempin, Starzewski). Der erste
von den dreien publizierte 1001 seine Ansicht, daß das Fruchtei
giftige Substanzen absondert, welche, in das mütterliche Blut gelangt,
eine Intoxikation hervorrufen, unter anderem durch Erbrechen ge-
kennzeichnet; bei regelwidriger Funktion des Intestinaltraktus, Krank-
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246 Adam Czyzewicz jun., [8
heiten der Geschlechtsorgane, Neurosen usw. kann dann leicht das
Erbrechen sich zu einer Hyperemesis steigern.
Czempin trat mit seiner Meinung zuerst 1803 in einer Dis-
kussion im Berliner physiologischen Institut auf und muß somit als
Vater der Theorie von der Vergiftung der Mutter durch das Kind
angesehen werden. Zu dieser Kenntnis war er durch Untersuchung
der Plazentastruktur gelangt. Es war ihm klar, daß ein so koiHpli-
ziertes Organ gewiß wohl auch seine spezielle Funktion haben muß
und von dem Standpunkte ausgehend hat er seine Hypothese ent-
wickelt: Die wachsende Frucht bildet eine ganze Menge von Giften,
welche, in das mätterliche Blut gelangt, eine Intoxikation hervorrufen.
Tatsächlich kommt es dazu im Anfange der Schwangerschaft, da die
Plazenta noch nicht fähig ist, das Gift zu neutralisieren. Als Sym-
ptome treten hervor: Erbrechen, Kopfweh, Kopfschwindel usw. Später
binden die Plazentarzellen das Gift und der mätterliche Organismus
bildet Gegengifte, zum Neutralisieren der doch ins Blut herein-
geschwemmten Gifte bestimmt, und die obigen Symptome ver-
schwinden. Bei regelwidriger Funktion des Fruchtkuchens können
die fötalen Gifte in das mutterliche Blut in größeren Mengen gelangen
und unstillbares Erbrechen oder Eklampsie hervorrufen.
Die letzte Arbeit, von J. Starzewski in den Jahren 1895—1897
in unserer Schule durchgeführt und im Jahre 1906 veröffentlicht,
hebt den Begriff einer „Schwangerschaftsinfektion" hervor und klärt
ausführlich die Symptome einer physiologischen und pathologischen
Gravidität mit dem Eindringen von fötalen Stoffwechselprodukten in
das mütterliche Blut auf. Dieses Exkret des Fruchteies übt seinen
Einfluß auf Drüsen des mütterlichen Körpers aus und zwar höchst-
wahrscheinlich auf dem Wege einer atypischen Funktion des Nerven-
systems und auch durch direkte Wirkung auf die Drüsensubstanz.
»Wir dürfen nicht fehlgehen — sagt Starzewski im physio-
„logischen Teile — wenn wir in analoger Weise auch das Er-
ybrechen Schwangerer, jenes so überaus häufige Symptom der
»Schwangerschaftsinfektion, erklären. Auch hier hätten wir zwei
»Ursachen: die eine, die indirekte, die durch das zentrale Nerven-
»system wirkende, die andere, die direkte, der Reizzustand, in
»welchen die Magenwand durch das Fruchteiexkret versetzt wird,
»dessen Ausscheidung vielleicht ebenso, wie die des Morphins,
»durch die Magenschleimhaut in die Magenhöhle erfolgt. In
»unseren gegen dieses Leiden gerichteten therapeutischen Maß-
»nahmen ist auch diese Erklärung gerechtfertigt. Denn einer-
»seits erzielen wir gute Resultate, wenn wir Mittel verabreichen,
»welche die Reizbarkeit des Nervensystems herabsetzen, andrer-
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0] Hyperemesis gravidaram. 247
«seit schafiPen wir den Kranken bedeutende Linderung, wenn wir
»deren Magen einer systematischen Spülbehandlung unterziehen."
Und im pathologischen Teile schreibt er weiter, daß, wenn die
Fähigkeit des mütterlichen Organismus, ein wirksames Schwanger-
schaftsantitoxin zu bilden, bei Schwangerschaftsinfektion zu gering ist,
die Symptome nach Ende der ersten Schwangerschaftshälfte nicht
schwinden, sondern im Gegenteil noch manchmal zunehmen. Hier-
her gehört unter anderen auch die Hyperemesis gravidarum.
So sieht, in kurzen Zügen, das Bild unseres Wissens über die
Hyperemesis gravidarum aus, dies ist das Ansichtengemenge, das wir
von unseren Vorgängern geerbt haben. Wenn jemand daraus eine
klare Vorstellung der Ätiologie der Krankheit gewinnen wollte, ohne
eigene Erfahrung in Frage zu ziehen, so möchte er sehr bald zur
Oberzeugung kommen, daß dies nicht möglich ist. Er dürfte auch
nicht einer von diesen Theorien den Vorzug geben, auf das allgemeine
Ansehen des einen oder des anderen Verfassers gestützt, da hier im
ganzen die glänzendsten Namen sich gegenseitig bekämpfen.
Eine Lösung des Rätsels ist nicht weit zu suchen; sie springt
von selbst in die Augen mit Aufstellung der Ansicht, daß die Krank-
heit, von der alle sprechen, keine einheitliche Form ist, sondern ein
Konglomerat von verschiedenen pathologischen Prozessen, die nur
das Symptom des schwer zu stillenden Erbrechens gemein haben,
sonst aber verschieden voneinander sind. Bis neulich war es
ganz ähnlich mit der InBuenza, von der, auf Grund zahlreicher
Untersuchungen, immer mehr Fälle isoliert werden und die dem-
zufolge immer seltener, aber immer mehr bekannt und speziali-
siert wird.
In vielen Aufsätzen habe ich die Ansicht gefunden, daß das un-
stillbare Erbrechen aus verschiedenen Ursachen entstehen kann, nir-
gends dagegen mit der Meinung, daß man mit dem Namen Hyper-
emesis nur einige Krankheitsformen mit gründlich definierten Sym-
ptomen und Verlauf belegen darf, den Rest dagegen mit ihrer eigenen
Bezeichnung nennen muß. Und doch sollte es so sein, da doch grund-
sätzlich Erbrechen auf hysterischer Basis oder bei Pylorusverengung
wegen Karzinom von einem bei allgemeiner Vergiftung verschieden
ist Wir sind eben nur gewohnt, jedes Erbrechen bei einer Schwan-
geren der Schwangerschaft zuzuschreiben und jedes, welches mit ge-
wöhnlichen Mitteln nicht zu stillen ist, und wobei es zu Sinken des
Korpergewichtes aus irgendwelcher Ursache kommt, mit dem Namen
Hyperemesis zu belegen, mit einem Namen, der eigentlich nur leerer
Schall ist und gar nicht existenzberechtigt. Als Beweis zahlreiche
Protokolle von Sektionen, welche bei Schwangeren mit Hyperemesis
KilB. Vortrige, N. F. Nr. 485. (Gynäkologie Nr.I7a) Mil 1908. 19
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248 Adam Czyiewicz jun., [10
Carcinoma pylori, Peritonitis/ Tuberkulose usw. gefunden haben.
Daß in diesen Fällen nicht eine anormale Krankheitsursache, sondern
ein Diagnosenfehler vorlag, liegt auf der Hand* Und so kann es
nachher nicht wundern, daß einer als Grund der Hyperemesis Hy-
sterie, der andere Retroflexion oder Druck auf Nervenganglien usw.
angibt, und daß jeder in diesen Fällen seine Ansicht mit gutem
therapeutischen Effekte bekräftigt, es kann aber auch nicht wundern,
daß, wenn der andere die Anschauung des ersten annimmt, er leicht
auf einen Fall treffen kann, wo die angebotene Behandlung wirkungs-
los bleibt und der klinische Verlauf eine ganz andere Ursache zutage
fördert. Sie hatten beide zwei verschiedene Krankheiten vor sich,
die nur ähnliche Symptome aufgewiesen haben, was ja leicht vor-
kommen kann. Als Beispiel will ich nur den Schmerz in der Herz-
grube hervorheben. Er stellt sich bei Krankheiten des Magens, des
Herzens, der Leber, bei frühzeitiger Perimetritis usw* ein. Wenn
man diesen Schmerz als selbständige Krankheit ansehen wollte, so
könnte man auch verschiedene Ursachen und Behandlungsmethoden
angeben.
Wie also oben angedeutet, kann ich die Hyperemesis gravidarum,
oder, bei anderer Benennung, den Vomitus gravidarum perniciosus^
nicht für eine selbständige Krankheit halten, sondern muß sie als
Symptomenkomplex bezeichnen, der aus verschiedenen Ursachen
entstehen kann und demgemäß verschiedenen Krankheiten zugeschrieben
werden muß.
Beweise dafür liefert eine Durchmusterung publizierter Beschrei-
bungen des Leidens. Kaltenbachz.B. gibt an, daß er bei seinen Pa-
tientinnen Merkmale der Hysterie gefunden hat, viele andere treten
dem gleich entgegen, Williams konstatierte im Urin größere Ammo-
niakmengen und erst sub ßnem Eiweiß, Dirmoser erwidert ihm
gleich, daß Eiweiß oft von Anfang an vorkommt, Ammoniak ganz
wenig zu finden ist, dagegen Indoxyl und Skatoxyl vermehrt sind
usw. usw. Man kann nicht glauben, daß so ernste Forscher Irrtümer
in kardinalen Untersuchungen begehen, oder nicht wahren Befund
veröffentlichen, und es ist viel rationeller anzunehmen, daß sie vor
zwei verschiedenen Krankheiten gestanden, die sie zwar diagnosti-
ziert und genügend erklärt, aber falsch mit demselben Namen belegt
haben.
Wo ist nun die Ursache dieser Verwirrung zu suchen? Es ist mir
vollkommen klar, daß sie im Namen des Leidens liegt, der keinen
pathologischen Prozeß, sondern nur ein Krankheitssymptom bezeich-
net. „Hyperemesis gravidarum*' sagt nur, daß bei einer schwangeren
Frau Erbrechen vorkommt, welches mit unseren Mitteln nicfiit zu
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11] Hyperemesis gravidarum. 249
sdllen ist — «Vomitus gravidarum perniciosus'' ist insofern eine
bessere Bezeichnung, daß sie gleich den gefährlichen EinfluO auf die
Patientin andeutet. An diesen schon existierenden Namen wurden
erst später Symptome angekettet» welche teilweise, was das Erbrechen,
Verminderung des Körpergewichtes, Verhalten des Pulses usw. an-
betrifft, übereinstimmen, oder wieder sich gegenseitig bekämpfen, wie
z. B. im Verhalten der Temperatur, des Urins, im Krankheitsverlauf,
der Prognose, dem Ausgang usw. Dieser Fehler steht in unserer
Nomenklatur nicht vereinzelt da und beruht auf der Benennung der
Krankheit nach einem ihrer Symptome, wenn auch nach dem am
meisten charakteristischen. Fast bis vor kurzem haben alle »Icterus gra-
vis* bei Neugeborenen diagnostiziert, statt von »Sepsis* zu sprechen,
»Icterus catarrhalis*, statt „Duodenitis* oder »Cholangitis catarrhalis*
mit Ikterus und auch jetzt tun dies noch viele. Ganz ähnlich kann
man heute noch Diagnosen antreffen, wie »Epistaxis*", »Hämaturia*,
»Hamatemesis* usw., obschon sie alle überzeugt sind, daß dies keine Be-
zeichnungen einer selbständigen Krankheit sind. Mit Aufschwung der
aratlichen Wissenschaft werden diese Namen, als Diagnosen, vertrieben
und bleiben nur als Bezeichnung einzelner Symptome, und nirgends
in Krankenhäusern sind sie mehr auf den Tafeln zu sehen. Nur
einzig für Krankheiten, von denen wir eigentlich nicht wissen, was
sie sind, haben sie sich noch erhalten. In der Geburtshilfe gibt es
solcher zweie: die Eklampsie und Hyperemesis. Die erste besitzt
glficklicherweise einen Namen, der nichts sagt von ihren Symptomen,
und daher ungestört auch weiter bestehen kann, die zweite gibt von
Anfang an durch ihre Benennung eine falsche Vorstellung, weil sie
nicht auf die Krankheit selbst, sondern auf ihr Zeichen hinweist.
Nach dem Gesagten sollte man eigentlich die ganze Krankheit,
samt ihrem Namen, aus dem medizinischen Wörterbuche streichen.
Bisher war das, angesichts unserer Angewöhnung, nicht möglich,
ich bin aber fest überzeugt, daß sie später auch wirklich ver-
schwinden wird. Vorläufig will ich sie nur auf einzelne Kom-
ponenten zerlegen, dieselben dort einreihen, wo sie hingehören und
eine Gruppe isolieren, welcher ich den Namen »Hyperemesis
gravidarum vera"* gebe und denselben so lange gebrauche, bis er
durch einen besseren, die eigentliche Krankheitsursache bezeichnen-
nenden, vertreten wird.
Auf diesem Wege müssen zunächst die Fälle eliminiert werden,
deren Ursachen man schon in allgemein bekannten pathologischen
Zuständen gefunden hat. In erster Reihe treten die Fälle zur Seite,
wo Erbrechen durch Magen- und Darmkrankheiten hervorgerufen
wird, da es doch bei Magenkarzinom, Bauchfellentzündung usw. zur
19*
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250 Adam Czyiewicz jun., [12
Regel gehört, auch wenn die Patientin nicht schwanger ist, und da es,
von Kachexie begleitet, auch bei Männern zustande kommen kann.
Die Schwangerschaft ist dabei nur ein zufalliger Befund. Sie kann
zwar den Zustand verschlimmern, indem eine den Schwangeren eigen-
tümliche Reizbarkeit, wahrscheinlich auf Grund der Graviditätsinfektion
im Sinne Starzewskis, hinzutritt, man kann dies aber höchstens als
Kombination zweier Ursachen: der physiologischen Gravidität und
der pathologischen Magenkrankheit, ansehen und von einem ver-
schlimmernden Einfluß der Schwangerschaft z. B. auf Magenkrebs
sprechen, nie aber von einer speziellen Krankheitsform, der Hyper-
emesis und nie deren eigentliche Ursache im graviden Uterus suchen,
die eigentliche Krankheit als Nebensache betrachtend. In diesem
Falle muß die erste Diagnose bestehen und nur hinzugefügt werden,
daß deren Symptome bei bestehender Schwangerschaft verschlimmert
werden. Nur so ein Standpunkt kann einer wahren Kritik wider-
stehen.
Dasselbe gilt auch für die Neurosen theorie. Auch hier kann das, neben-
bei fast immer stillbare, Erbrechen auf Grund einer Neurose mit dem,
welches als Symptom einer oft durch Degenerationen tödlichen Krank-
Tieit auftritt, nicht identifiziert werden. Daß eine bestehende Hysterie ver-
schiedene Symptome zahlreicher Krankheiten nachahmen kann, ist allge-
mein bekannt, aber trotzdem unterscheidet doch niemand als spezielle
Krankheit z. B. eine Hemiplegie und teilt sie nicht in eine auf Grund
von Gehirnveränderungen entstandene und eine zweite funktionelle,
sondern jeder diagnostiziert die Grundkrankheit und fügt eine Be-
schreibung ihrer momentanen Symptome bei. So muß man auch
Hysterie erkennen, wenn man ihre charakteristischen Merkmale ge-
funden, und beifügen, daß sie im gegebenen Falle die Symptome der
Hyperemesis nachahmt. Es kommt dies vorwiegend bei Schwangeren
vor und kann gedeutet werden entweder als Kombination zweier
Krankheitszustände oder als Neurose, die angesichts psychischer Reize
und der Oberzeugung, daß Erbrechen in der Gravidität leicht vor-
kommen kann, diese Form angenommen hat.^ Daß so ein psychischer
Einfluß wohl möglich ist, dafür liefert den Beweis ein mir bekannter
Fall, wo einige Male wegen Hyperemesis ein Abort eingeleitet wurde,
bis endlich dieselben Symptome einmal außerhalb der Schwanger-
schaft zutage getreten — und sehr leicht geheilt wurden. Es ist
vollkommen klar, daß eine antihysterische Behandlung in diesem
Falle auch während der Schwangerschaft prompt wirken und neue An-
hänger der Kaltenbachschen Theorie, die doch ganz auf Fällen von
Hysterie sub forma einer Hyperemesis basiert ist, schaffen möchte.
Dasselbe gilt auch für alle anderen Neurosen, um so mehr, da sie
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13] Hyperemesis gravidarum. 251
in der Gravidität gesteigert sind. Bei der Besprechung der Hyper-
emesis gravidarum müssen nun alle diese Fälle zur Seite gesclioben
Verden, weil sie keine Hyperemesis sind, nur andere Krankheiten,
veil sie eine andere, nicht symptomatische, sondern ursächliche Be-
handlung verlangen und die, wenn nur die Grundkrankheit heilbar
ist, auch sehr leicht geheilt werden.
Die reflektorische und toxämische Hypothese erfordern eine be-
sondere Besprechung. Was die erste anbetrifft, ist es wahrlich
schwer, die Hyperemesis als Symptom von Erosionen, Deviationen,
Entzündungen der Genitalien usw. anzuschauen, da dies mit dem
lokalen Charakter dieser Krankheiten in Widerspruch steht und irre-
leiten muß und es scheint viel begreiflicher, wie dies schon immer
öfter in der Literatur hervorgehoben wird, anzunehmen, daß der Zu-
sammenhang zwischen den beiden Leiden ein zufälliger ist und sie auf-
einander keinerlei Wirkung ausüben. Wenn man in der Praxis alles
genau beobachtet, so trifft man oft Fälle, wo z. B. eine Retroflexion
neben einer ausgesprochenen Hysterie besteht, und trotzdem tritt in
der Schwangerschaft keine Hyperemesis, ja überhaupt kein Erbrechen
auf. Wenn die reflektorische Theorie wahr wäre, so müßten gerade
solche Fälle voranstehen, was aber gar nicht übereinstimmt. Das-
selbe gilt auch für Entzündungen der Genitalien, Erosionen usw. und
diese Tatsachen haben auch viele Forscher gezwungen, den Einfluß
von Frauenleiden auf den Magen zu bezweifeln. — Der Reflex, sei
es direkt oder indirekt, auf dem Wege eines Spinalzentrum, durch
Druck auf neben der Gebärmutter liegende Nervenganglien hervor-
gerufen, kann auch nicht erhalten werden, da sehr oft neben dem
Uterus Geschwülste liegen, die einen bedeutend stärkeren Druck ausüben,
wie die schwangere Gebärmutter, und trotzdem kein unstillbares Er-
brechen außerhalb der Schwangerschaft hervorrufen. Während der
Gravidität ist nur ein Fall von Lapeyre 1901 beschrieben, wo ein
Ovarialkystom neben Schwangerschaft und Hyperemesis bestand und
wo ein Beweis erbracht wurde, daß die letztere nur von der
Schwangerschaft abhängig war und die Exstirpation des Tumor er-
folglos blieb.
Tuszkais Ansicht hat schon vor mir W. J. Brock 1883 widerlegt,
indem er angegeben hat, daß die Hyperemesis vorwiegend bei Mehr-
geschwängerten vorkommt, wo bei Schlafi^heit der Muskeln und des
Muttermundes eine gesteigerte Spannung der Gebärmutterwand und
des Peritoneum nicht annehmbar ist Er fügt nebenbei noch hinzu,
daß die Krankheit bei Rigidität des Muttermundes nicht vorkommt,
was auch wirklich wahr ist und gegen Reizung des Muttermundes
als Ursache spricht.
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252 Adam Czy^ewicz jun., [14
Das Gesagte zusammenfassend, kann man wohl behaupten, daß
bei verschiedenen pathologischen Zuständen der Genitalorgane, ein
bis jetzt mit dem Namen Hyperemesis gravidarum belegter Sym-
ptomenkomplex vorkommen kann, daß aber kein Beweis vorliegt, ihn
als Reflex zu bezeichnen. Im Gegenteil spricht viel dafür, daß er
kein Reflex ist, und daß man nach seiner Ursache in einer ganz an-
deren Richtung forschen muß.
Es bleibt noch zuletzt die toxämlsche Theorie. An sie will ich
mich wenden und nach ihr den mit dem Namen Hyperemesis gravi-
darum belegten Symptomenkomplex zu deuten trachten. Zunächst
sind hier nach Dirmosers Ansicht entstandene Fälle auszuschließen.
Wenn die Krankheit eine Autointoxikation aus dem Darmtraktus sein
sollte, so müßten diese Fälle überhaupt den Darmintoxikationen, wie z.B.
nach Genuß von faulendem Fleisch, nach atypischen Verdauungs-
prozessen usw. angereiht werden und den ganzen Symptomenkomplex
darf man dann wieder nicht für eine selbständige Krankheit, sondern
muß sie für eine Erscheinung der Vergiftung halten. Gegen die An-
nahme, daß die Schwangerschaft reflektorisch die Peristaltik der Därme
hemmt, oder gar Antiperistaltik hervorruft, spricht die Tatsache, daß bei
Uterustumoren, z. B. Myomen, kein Erbrechen vorkommt, nur speziell
bei Gravidität. Es muß somit gerade in der letzteren die Ursache
gesucht werden.
Ganz ähnlich kann man auch die Leber nicht beschuldigen. Ge-
gegebenenfalls müßte es doch einmal vorkommen, daß die Leber
auch außerhalb der Schwangerschaft insuffizient wird, und es müßte
dann zu einer Hyperemesis gravidarum bei einer nicht graviden
Frau oder gar bei einem Manne kommen, wo doch die Krankheit
schon nicht speziell mit der Schwangerschaft zusammenhängen und
ihren Namen verdienen könnte. Viel eher ist es anzunehmen, daß
die Leberveränderungen sekundär sind, durch ein im Blute kreisen-
des, den Schwangeren eigentümliches, also mit der Schwangerschaft
im engen Zusammenhange stehendes Gift hervorgerufen.
Nolens, volens sind wir genötigt, die Ursache der Hyperemesis in
der schwangeren Gebärmutter zu suchen, und da diese sich von einer
nicht schwangeren nur durch das darin sich entwickelnde Ei unter-
scheidet, in dem Eie selbst. Mit Turennes Ansicht, daß diese Ur-
sache in der Ausscheidung des Corpus luteum liegt, kann ich nicht
einig werden, da so ein gelbes Körperchen bei jeder Schwangeren
existiert und trotzdem Hyperemesis zu seltenen Erscheinungen gehört
und da Turenne auch die Menstruation als Folge derselben Aus-
scheidung ansieht, obwohl heute allgemein gelehrt wird, daß die Men-
struation und Ovulationen in keinem ursächlichen Zusammenhange
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15] Hyperemesis gravidarum. 253
Stehen und eine Periode vor der Ovulation zustande kommen kann,
also zur Zeit, wo noch kein Corpus luteum existiert. Wenn man
nun für den Ausgangspunkt das Fruchtei halten will, so ist nur zwischen
der synzytialen Theorie und der Schwangerschaftsinfektion zu wählen.
Vir haben noch zu wenig Belege , um zwischen diesen beiden An-
sichten zu entscheiden, weil deren Anatomie und Chemie kaum an*
gefongen ist, schon jetzt sind aber zwei Punkte zu konstatieren,
welche zur Annahme der Schwangerschaftsinfektion drängen, und
zwar:
1. Hyperemesis kommt bei Dissemination des Chorionepithelioma
malignum nicht vor, obwohl hier das Synzytialgewebe überall in
Metastasen zu finden ist, und es gerade da seine spezifische Wirkung,
Erbrechen hervorzurufen, entfalten sollte, wenn es eine solche besitzt.
2. Es ist allgemein bekannt, daß Erbrechen nach Absterben der
Frucht sistiert, wenn auch eine Fehlgeburt noch gar nicht im Gange
ist und das Synzytium noch seine Lebensfähigkeit bewahren konnte.
Dieser Weg der Deduktion führt also zur Behauptung, daß der
als »Hyperemesis gravidarum* oder ,,Vomitus gravidarum
perniciosus* bekannte Symptomenkomplex die Folge einer
Schwangerschaftsinfektion im Sinne Starzewskis ist oder,
anders gesagt, die Folge der Vergiftung der Mutter durch
Exkrete der Frucht. Ob sich das bei aktiver Mitbeteiligung der
Plazenta vollzieht, wie dies Czempin will, oder auch ohne diese,
bin ich nicht imstande zu entscheiden. Natürlich handelt es sich
hier nur speziell um eine Form der Hyperemesis, wo keine aus-
reichende Ursache zu finden ist, denn anderenfalls ist sie nur ein
Symptom* des bestehenden Leidens, d. h. nur eine Form, für die ich
den Namen Hyperemesis bis zu der Zeit, wo sie entsprechender benannt
wird, bewahrt habe. Jedenfalls auch diese ist nur ein Symptom
einer allgemeinen Toxämie, wo die Frucht als Agens gilt, eines patho-
logischen Zustandes, welcher bei vermehrter Toxizität der Frucht-
exkrete, oder verminderter Widerstandsfähigkeit der Mutter zustande
kommt. Diese Toxämie verursacht aber so zahlreiche pathologische
Veränderungen, daß man darin spezielle Gruppen als einzelne Krank-
heitsformen zu unterscheiden berechtigt ist. Als solche gilt nach
meiner Ansicht die Hyperemesisform, für die ich den Namen , Hyper-
emesis Vera* vorschlage, im Gegensatze zur ,,Hyperemesis
spuria"", die durch verschiedene Krankheiten verursacht sich nicht
als wissenschaftliche Einheit isolieren läßt, ähnlich wie z. B. die
Angina pectoris spuria.
Wenn meine Meinung auch wirklich wahr ist, so müssen die
konstatierten Symptome, nicht nur die klinischen, sondern auch die
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254 Adam Czyiewicz jun., [16
Sektionsbefunde ein Merkmal der Toxämie tragen, die doch ihre
Grundursache ist und dementsprechend möchte ich an diesem Platze
kurze Krankengeschichten von Fällen, die mir in der hiesigen k. k.
Hebammenschule zur Beobachtung kamen, anschließen.
1. Nr. 767, 1903/4. M. S., eine 27]ährige Hausmeistersehefrau aus Lemberg»
aufgenommen am 10. VIII. 1904. Eine NuUipara, die seit 22. V. 1904 amenorrhoiscb
war, und daraus auf bestehende Schwangerschaft schloß. Durch die ganze Zeit
litt Pat. an heftigem Erbrechen, welches zunächst ein paarmal des Tages, später gleich
nach jedem Bissen sich einstellte. Infolgedessen kam es zu Kräfteverfall und Ab-
magerung.
Die Untersuchung ergab eine hochgradige Abmagerung und Erbrechen tatsäch-
lich nach jedem verschluckten Bissen. Das Erbrochene bestand aus unverdauten,
eben genossenen Speisen und Flüssigkeiten, mit Magenschleim vermischt. — Der
vergrößerte Uterus, mit allen Zeichen einer etwa 3monatlichen Schwangerschaft,
reichte bis 3 Querfinger über die Symphyse. Gut beweglich war er vollkommen
frei von krankhaften Veränderungen. Ganz ähnlich auch die Adnexe. Im Bereich
der sensiblen Nerven keinerlei Veränderungen. Neurosen ausgeschlossen. Im Urin
eine Spur von Eiweiß.
Die Diagnose „Hyperemesis gravidarum**, war nach obigem Befunde sicher und
da keinerlei Erkrankungen irgendwelcher Organe einen Anhaltspunkt gaben, mußte
deren Ursache in einer Schwangerschaftsinfektion gesucht werden. Da keine
momentane Lebensgefahr drohte, habe ich beschlossen, das Leiden bei Erhaltung
der Schwangerschaft zu behandeln. Es wurde ausschließlich flüssige Diät gereicht,
vorwiegend Milch, dann nur eiskalte Geträiike in ganz kleinen Dosen, Mittel, welche
die Reizbarkeit des Magens (Kokain) oder die allgemeine (Brom) vermindern, Orexin
usw. Der Zustand blieb unverändert. \7ie früher trat Erbrechen nach jedem
Bissen und Schluck auf, die Kachexie vergrößerte sich immer mehr, der Puls
wurde immer schneller, obwohl gut gespannt, die Temperatur erreichte nur selten
37,20 C. Die Urinuntersuchung ergab weiterhin Eiweißspuren und nicht vermin-
derte Chlorsalze. Es wurde nun eine Ernährung per anum eingeleitet und gleich-
zeitig Kochsalzlösung-Eingießungen auf demselben \7ege gemacht. Mit dem Mo-
mente sistierte das Erbrechen, alle anderen Symptome blieben aber unverändert.
Die Urinuntersuchung ergab am 20. VIIL 1904 einen vermehrten Eiweißgehalt und
im Sedimente waren neben zahlreichen Blasen- und Nierenbeckenepithelien, ein-
zelnen körnigen Zylindern und Leukozyten, auch Kristalle von Leuzin und
Tyrosin und Fettsäurenadeln zu finden. In Angesicht dieses letzten Befundes
— da ich das Erscheinen von Leuzin, Tyrosin und Fettsäure im Harnsediment für
ein Signum mali ominis bei Hyperemesis halte — und der Tatsache, daß jede
Probe einer Ernährung per os Erbrechen von neuem hervorgerufen hat, wurde ein
Abort eingeleitet. Da eine dreimalige Tamponade der Cervix und des unteren
Uterussegmentes keine Geburtstätigkeit hervorzurufen imstande war und der allge-
meine Zustand sich schnell verschlimmerte, wurde am 24. VIIL 1904 der Halskanal
mit dem Bossischen Dilatatorium erweitert und das Fruchtei mit Abortzange und
Curette entfernt. Trotzdem und trotz reichlich angewandter Exzitantien kam die
Frau ad exitum etwa 24 Stunden nach der Fehlgeburt.
Die Autopsie ergab neben allgemeiner Anämie eine hochgradige fettige
Degeneration aller Organe. Am meisten ausgeprägt war sie in der Leber
und den Nieren, in etwas geringerem Grade im Herzmuskel und auf der inneren
Seite der Aorta. Im Genitalapparat war keine Veränderung, die man zur Deutung
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17] Hyperemesis gravidarum. 255
ier Hyperemesis auf reflektorischem Wege heranziehen könnte, zu finden, im Darm-:
traktus kaum eine leichte chronische Gastritis.
2. Nr. 505, 1905/6. A. M., eine 42jahrige Schullehrersfrau aus Rzeszow, am 10. IV.
1906 aufgenommen. Sie hat 4 mal spontan geboren, zuletzt vor 5 Jahren. Die
letzte Periode Anfang Januar 1906. Von nun an Erbrechen, ohne Unterschied, ob
Nahrung genommen war, oder nicht. Die Untersuchung ergab eine hochgradige
Kachexie, bei kleinem, frequenten Puls und normaler Temperatur und Urin. Die
schwangere Gebärmutter reichte 3 Querflnger unterhalb des Nabels, und war, wie
aoch die Adnexe, vollkommen frei von Veränderungen. Zeichen irgendwelcher
Neurose fehlten. Hartnäckiges Erbrechen gleich nach Einnahme irgendwelcher
Nahrung oder Getränk,
Angesichts der hochgradigen Kachexie wurde in diesem Falle von Anfang an
eise Ernährung per clysma eingeleitet und gleichzeitig Brom, anfangs per os, später
per anum gegeben. Nach 2 Tagen hat das Erbrechen aufgehört. Trotzdem ging
die Kachexie immer weiter, der schnelle, leicht zu unterdrückende und verän-
derliche Puls wurde immer kleiner, die Temperatur blieb dauernd unter 37^ C, im
Urin war nur ein normaler Befund zu konstatieren. Endlich erlag Pat. am 23. IV.
1906, 9 Uhr früh.
Der künstliche Abort wurde in diesem Falle nicht eingeleitet, weil das Er-
brechen au^ehört hatte und der schlechte Allgemeinzustand das nicht erlaubte.
Die Autopsie ergab eine hochgradige fettige Degeneration aller
Organe, vorwiegend des Herzmuskels und eine leichte ikterische Verfärbung.
Nebenbei eine Herzdilatation und allgemeine Anämie. Dazu nocli Gallensteine
ohne irgendwelche Komplikation. In der Gebärmutter eine 5 monatliche Schwanger-
schaft und sonst nichts, was zur Deutung der Hyperemesis auf reflektorischem
Vege herangezogen werden könpte. Eine bakteriologische Untersuchung der Milz
ergib negativen Befund.
3. Nr. 587, 1905/6, M. P., eine 21jährige Unterofflziersfrau aus Lemberg, auf-
poommen am 18. V. 1906. Eine Nullipara, die Ende Februar 1906 zum letzten
Male menstruiert hat. Seit dieser Zeit schwanger, litt sie an unaufhörlichem Er*
brechen. Die Untersuchung ergab eine schwach gebaute, sehr heruntergekommene
Person, ohne irgendwelche nervöse Erscheinungen, mit normaler Körpertemperatur
und sehr schwach gespanntem Puls 132. Die schwangere, sukkulente Gebärmutter
lag in Hyperanteflexion und reichte mit ihrem Grunde bis 2 Querfinger oberhalb der
Schamfuge. Sonst war sie sowohl wie die Adnexe frei von pathologischen Ver-
Inderungen. Im Urin 0,05% Eiweiß, Chlorsalze verschwunden, und im Sedimente
zahlreiche hyaline, körnige und mit Epithelzellen bedeckte Zylinder, Scheiden-,
Blasen- und Nierenbeckenepithelzellen nebst spärlichen Leukozyten. Außerdem
▼iel Kreatinin und ein nicht näher zu bestimmender, stark reduzierender Körper
(nicht Zucker). Erbrechen trat gleich nach jedem Schlucke von Nahrung oder
Trank auf.
Es wurde* gleich kalte Milch, \7ein und Brom per os gereicht, da sich aber der
Zustand nicht besserte, schon am nächsten Tage die Kranke per rectum ernährt
neben gleichzeitiger Verabfolgung von Klysmen mit einer physiologischen Koch-
ulzldsung. Trotzdem hörte das Erbrechen nicht auf und ein geringer Ikterus trat
•nf. Erst am 22. V. 1906 war der Vomitus zu Ende und in dem gesättigten Urin
traten Spuren von Chlorsalzen auf. Es schien als ob es der Kranken besser ginge,
nur bei Nacht warf sie sich im Bette herum und phantasierte. Am nächsten Tage
btt sie schon kalte Milch vertragen, verfiel aber am 24. V. 1906 abends in einen
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256 Adam Czyzewicz jun., [18
Kollaps, welcher nach einigen Stunden zum Tode ffihrte. Durch diese ganze Zeit
blieb die Temperatur unter 37°, und der Puls über 120.
Die Autopsie ergab eine parenchymatöse Degeneration des Herz-
muskels und eine fettige der Leber, derintima der Aorta, und der
Nieren, wo nebenbei oder vielleicht aus diesem Grunde schon eine subakute
Entzündung zustande gekommen war. Im Magen eine alte, chronische Gastritis,
im Uterus ein 3 monatliches Fruchtei und daneben, in der Höhe des inneren Mutter-
mundes ein etwa haselnußgroßes, gegen die Höhle wachsendes Fibrom, von alten
Blutgerinnseln umgeben. Sonst keine Veränderungen im Genitalapparat.
Ein Blick auf die Symptome und den Verlauf obiger Fälle be-
stätigt die klinische Diagnose: Hyperemesis gravidarum und der
Sektionsbefund aller, die eigentümliche Ähnlichkeit untereinander,
was die hochgradigen, parenchymatösen und fettigen Degenerationen
aller Organe anbetrifft. Solche Degenerationen sind meistens nach
Intoxikationen mit fertigen Giften oder Toxinen infektiöser Krank-
heiten zu finden, so daß in einem meiner Fälle von der Milz bak-
teriologische Kulturen, zwecks Konstatierung einer Infektion gemacht
wurden, im anderen Falle viel diskutiert war, ob nicht eine Phosphor-
vergiftung vorliegt. Dies ist um so wichtiger, da in diesen zwei
Fällen keine Veränderungen zu finden waren, die für das Entstehen des
Erbrechens verantwortlich gemacht werden könnten* Im dritten Falle
lag ein Fibrom in der Gegend des inneren Muttermundes vor, das
man als Ursache beschuldigen konnte. Da dies aber zur Klärung
der hochgradigen Degenerationen unzureichend ist und auch nicht
als Todesursache gelten kann, bleibt es höchstwahrscheinlich, daß
diesem Fibrom nur eine untergeordnete Bedeutung beikommt und
nach der Krankheitsursache wo anders zu forschen ist.
Es weisen also die obigen Fälle auf eine Vergiftung, mit der Sektion
bestätigt, und wenn man das früher Gesagte heranzieht, auf eine Ver-
giftung mit StoiFwechselprodukten des Kindes, d. i. auf eine Schwanger-
schaftsinfektion.
Ähnliche Sektionsbefunde sind auch mehrere bekannt. Seit der
Zeit, wo Lindemann einen publiziert und, theoretisch erwägend, die
Meinung aufgestellt hat, daß dieses Bild sehr einer Vergiftung ähnelt,
waren schon mehrere Fälle veröffentlicht, so von Duncan, Stone,
Eving, Williams zehn fremde und drei eigene Fälle und alle kon-
statieren Organdegenerationen in dem Grade, daß sie einen Verdacht
auf Vergiftung erwecken.
Das sagen Fälle, wo ein Forschen nach der Krankheitsursache auf
dem Wege der Autopsie möglich war. Die anderen Ansichten ba-
sieren ihre Beweise auf guten klinischen Erfolgen. Wer nicht iurare
in verba magistri will, sondern sich selbst zu überzeugen trachtet,
weiß gut, wie viel höher die erste Methode steht, und daß eigentlich
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19] Hyperemesis gravidarum. 257
nur sie allein zur Aufklärung der Krankheit und ihrer Ursache ge-
schaffen ist. Nur Sektionen können beweisen und diese sprechen
bei der Hyperemesis für eine Vergiftung, d. h. kommen zu derselben
Schlußfolgerung, zu welcher ich früher auf theoretischem Wege
gelangt.
Alles zusammenfassend komme ich zur Überzeugung, daß die
Hyperemesis vera als ein Komplex von, für eine Form der
Schwangerschaftsinfektion im Sinne Starzewskis charakteri-
stischen Symptomen, alle anderen Formen auf anderer Ursache
beruhend, d.i^dieHy per emesisspuria, als Symptomen komplex
verschiedener anderer mit der Schwangerschaft komplizierten
Krankheiten anzusehen sind. So eine Definition ist erst imstande, die
Hyperemesis zu einer einheitlichen Krankheitsform zu erheben, wovon
Dicht nur die Symptome und der Verlauf bekannt sind, wie dies bis jetzt
derFallwar,sondern welche auch eine einheitliche pathologische Anatomie
und Ätiologie besitzt, d. h. alles, was von einem kompletten Krank-
heitsbilde verlangt wird* Und wenn noch die folgenden Jahre einen
anderen, nicht mehr ein Symptom, nur das Meritum der Krankheit
bezeichnenden Namen bringen oder wenigstens einen, der nichts im
voraus sagt, erst dann wird mit dem Worte: Hyperemesis auch das
ganze Gewirr unserer Ansichten verschwinden und ein klares, voll-
kommenes Krankheitsbild hervorkommen.
Schon heute will ich versuchen, ein kurzes Bild dieses Leidens
zu entfalten, die früher besprochene Ätiologie, und die aus Sektions-
befunden bekannte und mit Veränderungen bei chronischer Vergiftung
identische pathologische Anatomie ausgenommen.
Symptome:
Bei Schwangeren, vorwiegend Primiparen, treten fast von Anfang
der Schwangerschaft, Nausea und Erbrechen auf, nüchtern oder in
einiger Zeit nach dem Essen. Nebenbei die mutmaßlichen Schwanger-
schaftszeichen, oft gesteigert, wie Appetitlosigkeit, Verlangen nach
früher nicht genossenen Speisen oder auch nach nicht genießbaren,
vorwiegend nach saueren Speisen, manchmal Speichelfluß, Depressions-
zustande, häufiges Urinieren, Anämie, Stuhlverhaltung usw. Das Er-
brechen wird immer öfter, kommt in immer kürzerem Zeiträume
nach dem Essen und Trinken, so daß endlich ein Zustand eintritt,
vo jeder Bissen oder Schluck Erbrechen hervorruft. Zunächst werden
genossene Speisen und Getränke, später Magenschleim, oft bei leerem
Magen mit Galle, oder sogar Blut vermengt, erbrochen. Gleichzeitig
ist eine rasche Abmagerung und ein Sinken des Körpergewichtes zu
konstatieren.
Sehr bald kommt es zu Erbrechen, ohne Rücksicht aufs Essen. Es
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258 Adam Czyzewicz jun., [20
tritt viele Male, bei Tag und N^cht, auf, sogar bei Kranken, die gar
nichts genießen, sogar bei solchen, die per rectum ernährt werden*
Zu seiner Hervorrufung reicht der Geruch von Speisen, oder sogar
ein Gedanke davon, aus. Ein peinlicher Durst kommt jetzt gewöhn-
lich vor, wenn auch der Hunger nicht die Kranke plagt. Die Zunge
findet man in diesem Stadium trocken, dicht belegt,, oft bilden sich
Zahnfleischgeschwüre und ein Obelriechen aus dem Munde. Neben-
bei Stuhlverhaltung und nicht getrübtes Bewußtsein. Zuletzt kommt
ein Kollaps, Ohnmächten, Delirien, vorwiegend bei Nacht, Halluzina-
tionen,Fälle erweckten unser
besonderes Interesse, bei denen die Operation schon längere Zeit zu- |
rficklag. Daraus ergibt sich von selbst, daß wir unsere Untersuchungen
mit wenigen Ausnahmen nur an solchen Patienten ausgeführt haben,
▼eiche wegen gutartiger Leiden gastroenterostomiert worden sind,
bfolge der enormen Fluktuation des Gros der Berliner Bevölkerung
ist es leider nicht immer gelungen, der früheren Patienten wieder
liabhaft zu werden; zum Teil bekamen wir auch von ihnen die Er^
Uarung, daO sie sich seit der Operation völlig wohl fühlten und des-
halb keinen Grund hätten, eine funktionelle Magenuntersuchung vor-
nehmen zu lassen; sie scheuten sich eben vor der Einführung des
Magenschlauches.
Wir haben infolgedessen von unserem reichen Gastroenterostomie-
1) Aus der chirurgischen Universitätsklinik der Königl. Charit^ zu Berlin
Direktor: Geheimrat Professor Dr. O. Hildebrand.
Klin. Vortrige, N. F. Nr. 486. (Chirurgie Nr. 141.) Mii 1906. 25
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336 Dr. Neuhaus, [2
' Material nur 17 Fälle nachuntersuchen können. 15 von diesen hatten
/ ein benignes Magenleiden; in 2 Fällen bestand ein Carcinoma ven-
triculi. Der Zeitraum, welcher bei den einzelnen Patienten vom Tage
der Anlegung der Gastroenterostomie ab bis zur Nachuntersuchung
/ verstrichen war, differiert sehr. Das Maximum betrug 5 Jahre, das
Minimum 3 Wochen. Entweder ist die Gastroenterostomia antecolica
anterior mit Suspension der zuführenden Schlinge ausgeführt, oder
eine Braunsche Enteroanastomose der Gastroenterostomie ohne Sus-
pension hinzugefügt worden.
Um Wiederholungen zu vermeiden, und um eine Beurteilung und
etwaige Nachprüfung der in den nachfolgenden Tabellen aufgeführten
Ergebnisse zu ermöglichen, geben wir zunächst einige Erläuterungen,
in welcher Weise bei den Untersuchungen verfahren worden ist.
Wir haben zwei Arten von Probemablzeiten gegeben; die eine entspricht etwa der
von Sahli angegebenen und enthält sehr viel Fett: 500 g Butter, 250 g Mehl, 300 g
Wasser und etwas Salz wurden auf dem Herdfeuer miteinander vermengt und ge-
kocht, so daß eine dünnflüssige, graubraune Suppe daraus entstand. Von dieser sehr
fettreichen Suppe wurden etwa 400 ccm verabreicht; die andere Probemahlzeit ent-
sprach der nach Ewald benannten: 1 Becher Tee, ca. 350 ccm, und 1 Schrippe.
Die Probemahlzeit wurde entweder morgens gegen 8V2 Uhr nüchtern gegeben,
nachdem am Abend vorher bei der Abendmahlzeit gegen 6 Uhr etwa 10—12 Back-
pflaumen gereicht worden waren. Zeigten sich nun morgens beim Aushebern, was
ca. 1^/2 Stunden nach der Probemahlzeit geschah, noch Reste von den Pflaumen, so
wurde das Ergebnis dieser Probemahlzeit nicht verwertet, sondern an einem an-
deren Tage nochmals eine Probemahlzeit gereicht, aber nunmehr vorher der Magen
ausgewaschen. Wir sind uns sehr wohl bewußt, daß eine absolut sichere Kontrolle,
ob der Magen leer ist, lediglich dadurch geleistet werden kann, daß mit dem Magen-
schlauch ausgehebert und ausgewaschen wird. Da es uns aber im wesentlichen
auf den Nachweis von Galle und Pankreassaft im Magen überhaupt ankam, und
nicht auf eine ganz genaue Untersuchung des Magensaftes, so haben wir uns im
Gebrauch der immerhin nicht angenehmen Schlundsonde im Interesse der Unter-
suchten auf das allemötigste beschränkt. Übrigens kann man wohl mit Recht für
die meisten Fälle annehmen, daß der Magen leer ist, wenn man morgens von den
abends vorher verabreichten Backpflaumen beim Aushebern nichts mehr findet, da
erfahrungsgemäß Backpflaumen relativ schwer den Pylorus passieren. Für unsere
Zwecke genügte die eingeschlagene Methode völlig; zum einwandsfrelen Studium
der Magensaftsekretion dürfte allerdings wohl eine Auswaschung des Magens vor
dem Probefrühstück unerläßlich sein.
Zur Bestimmung der Motilität des Magens haben wir das von Matthieu an-
gegebene Verfahren zu Hilfe genommen. Es besteht das bekanntlich darin, daß
man nach dem Aushebern dem Patienten durch den Magenschlauch gleich noch-
mals 300 ccm Wasser in den Magen bringt, das Wasser im Magen möglichst ver-
teilt und dann exprimieren läßt. Dann wird der Grad der Gesamtazidität sowohl
des unverdünnten, wie des mit 300 ccm Wasser verdünnten Mageninhalts in der
üblichen Weise mit ^/lo Normalnatronlauge unter Anwendung von Phenolphtalein
300 b
als Indikator bestimmt; darauf wird nach der Formel x » '-z-- der im Magen
a — p
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3] Ergebnisse funktioneller Magenuntersuchungen usw. 337
verbliebene und durch Aushebern nicht gewonnene Rest der Probemahlzeit be>
rechnet, wobei a den Aziditfitsgrad des unverdünnten, b den des mit 300 ccm Wasser
verdünnten Mageninhaltes bedeutet. Die Matthieusche Formel ist allerdings be-
mgWeh ihrer absoluten Zuverlässigkeit angegriffen worden. Jedenfalls gibt sie die
Möglichkeit einer annfihernden Bestimmung des im Magen verbliebenen Restes der
Probemahlzeit und ermöglicht somit einigermaßen die Beurteilung der Magenfunk-
tion hinsichtlich der Motilität. Man kennt dann nfimlich die Menge — in Kubik-
zentimetern ausgedrückt — der durch Aushebern direkt zurückgewonnenen Probe-
mahlzeit und, nach der Matthieuschen Formel berechnet, auch den Rest — eben-
falls in Kubikzentimetern ausgedrückt — der nicht durch Aushebern zurückge-
wonnenen, aber noch im Magen vorhandenen Probemahlzeit. Beide Zahlen addiert
man und zieht ihre Summen von der ebenfalls bekannten Menge der gereichten
Probemahlzeit ab; die sich ergebende Zahl muß die Menge der in den Darm be-
förderten Probemahlzeit angeben.
Zum Nachweis des Pepsins und seiner Wirkung haben wir uns 'des Mett-
schen Verfahrens bedient. Dünne Glasröhrchen von 1 — 2 mm Dicke wurden mit
tössigem Hühnereiweiß durch Ansaugen möglichst gleichmäßig unter Vermeidung
von Luftblasen gefüllt; in siedendem Wasser wurde das Eiweiß zum Gerinnen ge-
bracht. Kleine Stücke von diesem mit Eiweiß gefüllten Röhrchen wurden dann in
der attf Pepsin zu untersuchenden Flüssigkeit in den Brutschrank (370) gestellt;
nach 24 Stunden konnte man an den Röhrchen die Menge des verdauten Eiweiß
ablesen. Wir haben fast immer 2 Schälchen mit Mageninhalt zur Untersuchung auf
Pepsin angesetzt, eins ohne Salzsäurezusatz, eins mit einem Zusatz von Salzsäure,
ond zwar so viel, daß Congo deutlich positive Reaktion gab.
Mit Hilfe des von P. BergelP) aus der Seidenraupe dargestellten Seidenpeptons
varen vir in der Lage, in sehr exakter Weise den Mageninhalt auf Pankreassaft zu
nmersuchen. Die Methode hat sich uns als äußerst scharf und brauchbar erwiesen;
sie hat mit absoluter Eindeutigkeit den Nachweis von Pankreassaft führen lassen, wo
die sonst bekannten Verdauungsproben ein keineswegs sicheres und zweifelsfreies
Resultat ergeben haben. Wir haben nämlich^ als wir unsere Untersuchungen anfingen,
neben der Probe mit Seidenpepton regelmäßig auch eine Probe mit Blutfibrin angesetzt.
Dabei hat sich jiach unseren Erfahrungen die Oberlegenheit der Bergellschen
Seidenpeptonprobe, was Exaktheit und Sicherheit in der Beurteilung anbetrifft, ein-
vandsfrei ergeben. Bergeil hat nämlich gefunden, daß das im Pankreassaft vorhan-
denes Trypsin, das Eiweiß verdauende Ferment des Pankreassaftes, mit dem Seiden-
pepton in alkalischer Lösung, am besten bei Brutschranktemperatur, Tyrosin bildet.
Venn man also zu einer auf Pankreassaft zu untersuchenden Flüssigkeit Seiden-
pepton zusetzt — etwa 5 ccm Untersuch ungffüssigkeit und 0,5 g Seidenpepton --
nod die Mischung nach Alkalisierung mit Ammoniak oder Natron bicarb. für
24—36 Stunden einer Temperatur von 37 C aussetzt, so ist beim Nachweis von
Tyrosinkristallen der Beweis geliefert, daß die zu untersuchende Flüssigkeit Trypsin,
tlso Pankreassaft, enthält. Gewöhnlich haben wir die Kristalle schon nach 12—16
Standen nachweisen können. Mit dem im Magensaft vorhandenen, Eiweiß ver-
danenden Fermente bildet das Seidenpepton kein Tyrosin, auch dann nicht, wenn
man den Magensaft stark alkalisch macht. Wir haben bei 15 Patienten , die nicht
1) Herr Professor Berge 11 war so liebenswürdig, mir eine Portion des von
ihm dargestellten, im Handel schwer erhältlichen Fibrinseidenpeptons für diese Ver-
suche zur Verfügung zu stellen, wofür ich auch an dieser Stelle nochmals bestens
danke.
25*
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338 Dr. Neuhaus, * [4
wegen eines Magenleidens, sondern aus Irgendeinem anderen Grunde sich auf der
Klinik in Behandlung befanden, daraufhin Versuche angestellt, ohne jemals die Bildung
der Tyrosinkristalle feststellen zu können. Die Untersuchung auf Tyrosinkrisulle
geschieht ohne Mühe mit Hilfe des Mikroskops. Man bringt einige Platinösen von
dem Filtrat des in vorstehender Weise behandelten Mageninhalts auf einen Objekt-
träger unter das Mikroskop und sieht meist auf den ersten Blick in sehr schöner,
absolut einwandsft*eier Weise die Tyrosinkristalle in ihrer typischen Form, deut-
licher wie sie in irgendeinem Lehrbuch abgebildet sind. Am leichtesten waren
sie meist am Rande des Deckglases zu finden. Es sind feine Nadeln, die einen
gelblichen Schimmer haben; dieser tritt am deutlichsten in Erscheinung, wenn die
Nadeln dicht beieinander liegen; dann sind sie in Büschel- oder Doppelbüschelform
angeordnet; oft bilden sich auch Rosetten. Um uns vor Verwechselung mit Fett-
säurenadeln zu schützen, ein Einwand, der ja in Anbetracht der reichlich Fett ent-
haltenden Sahlischen Probesuppe gemacht werden könnte, haben wir, wenn irgend-
welche Zweifel auftauchten, durch Zusatz von Reagenzien die Sachlage geklärt.
Tyrosin ist in heißem Wasser, Ammoniak und verdünnter Salz« oder Salpetersäure
leicht löslich, unlöslich in Äther und Alkohol; Fettsäurenadeln werden aber durch
Äther und erwärmten Alkohol aufgelöst, während Säuren sie nicht angreifen.
Der Nachweis von Galle war gewöhnlich schon aus dem bloßen Anblick des
Ausgeheberten zu stellen, wir haben aber immer mittels der Gmellnschen Probe
auf Oallenfarbstoffe eine genauere Kontrolle ausgeübt.
Wir lassen nun» in Gruppen angeordnet, Obersicbtstabellen von den
Ergebnissen unserer Untersuchungen folgen.
Die Gruppe A umfaßt 7 Patienten, bei denen eine Gastro-
enterostomia anterior antecolica gemacht worden ist. Der Zeitraum
zwischen der Anlegung der Magendarmfistel und der funktionellen
Magenuntersuchung variiert zwischen 5 Jahren und 1 V2 Monaten. Wenn
wir zunächst einen Blick auf die in der Tabelle stark umrahmten
Spalten 8 und 9 werfen, welche das Untersuchungsergebnis über Bei-
mengung von Galle und Pankreassaft zum Mageninhalt enthalten, so
finden wir, daß sich bei diesen sämtlichen 7 Fällen Galle und auch
Pankreassaft im ausgeheberten Mageninhalt hat nachweisen lassen.
Wenn wir sagen »Pankreassaft", so ist das in gewissem Sinne nicht
ganz exakt ausgedrückt, indem es richtiger Trypsin heißen müOte«
Da aber das Trypsin einen wesentlichen, integrierenden Bestandteil
des Pankreassaftes ausmacht, so dürfte mit dem Nachweis von Trypsin
der Beweis für die Anwesenheit von Pankreassaft überhaupt als ge-
liefert zu erachten sein. Bei den meisten dieser Patienten haben wir
die Magenuntersuchung zweimal vorgenommen; es hat sich nie eine
Differenz zwischen den beiden Untersuchungen hinsichtlich der Bei-
mengung von Galle und Trypsin ergeben.
Ganz anders gestaltet sich das Untersuchungsresultat bei den unter
Gruppe B untergebrachten 4 Patienten, bei denen auch eine einfache
Gastroenterostomia anterior anticolica angelegt worden ist.
Wir sehen hier in den beiden stark umrahmten Spalten, welche
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5] Ergebnisse funktioneller Magenuntersuchungen usw. 330
den Befund über Galle und Trypsin im Mageninhalt enthalten, immer '
einen negativen Ausfall der Untersuchung verzeichnet; auch hier isti
mit einer Ausnahme in jedem Falle zweimal untersucht worden; ein
Unterschied zwischen den beiden Untersuchungen ist niemals vor-
handen gewesen. Der Zeitraum zwischen Anlegung der Magendarm-
fistel und der Nachuntersuchung schwankt zwischen 2 Jahren 3 Monaten
und 1 Jahr 4 Monaten.
Die dann folgende Gruppe C weicht hinsichtlich der Operation
etwas von den beiden anderen ab; während bei Gruppe A und B nur
eine einfache Gastroenterostomia anterior antecolica angelegt worden
ist, haben wir bei den unter dieser Gruppe verzeichneten Fällen eine
Braunsche Enteroanastomose hinzugefügt«
Betrachten wir zunächst den III. und IV. Fall auf Tabelle C.
Beide haben in der Rubrik 8 und 9 ein positives Ergebnis zu ver-
zeichnen; bei beiden ist also Galle und Pankreassaft im Magen nach-
weisbar gewesen. Wir möchten aber hervorheben, daß die Unter-
suchung relativ kurze Zeit nach der Operation vorgenommen worden
ist (3 Wochen und IV2 Monate post op.). Bei dem Fall II ist in Ab-
ständen von einem oder zwei Monaten im ganzen fünfmal untersucht
vorden; die erste Untersuchung fand einen Monat, die letzte acht
Monate nach der Operation statt. Während nun bei den ersten vier
Untersuchungen immer Galle und Trypsin im Mageninhalt nachweis-
bar waren, fehlte beides bei der letzten , acht Monate nach der
Operation vorgenommenen Untersuchung. Beachtenswert ist auch
bei Fall II die Rubrik 7; bei den ersten vier Untersuchungen fehlte
stets freie Salzsäure, bei der fünften dagegen, wo Galle und Trypsin
nicht nachweisbar waren, fand sich freie Salzsäure. Bei Fall I hat
die Untersuchung alle vier Male keine Galle und kein Trypsin er-
geben; die erste Untersuchung wurde drei Monate post op. ausge-
führt
In der letzten Gruppe D sind zwei Fälle untergebracht, bei denen
der Pylorus völlig geschlossen ist; die einzige Verbindung zwischen
Magen und Darm besteht also an der Gastroenterostomie-Stelle.
Bei dem Fall I handelte es sich um eine ausgedehnte Ätzstriktur
am Pylorus. Die Patientin hatte ein Conamen suicidii mit roher
Salzsäure begangen; sie hatte sich den Ösophagus und auch den
Magen ganz erheblich verätzt. Während sie bei uns wegen ihres
Ösophagus auf der Klinik behandelt wurde, entwickelte sich unter
unseren Augen der völlige Verschluß des Pylorus. Der Magen nahm
eine enorme Dilatation an; er stand schließlich mit seiner großen
Kurvatur an der Symphyse und war wie eine große, die ganze Bauch-
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340
Dr. Neuhaus,
[6
Gruppe
1
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2
3
Wann ntch-
Probe-
Farbe und
untersacht?
mthlzeit
Gerach
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5 Jahre
vor Relapa-
grünlich
wegen chronischer Magenbeschwerden
post op.
rotomie
ranzig
mit Stauungszuständen GE. ant. antecol.
Dezember
mit Murphyknopf.
1907
Dezember 07 auf der Klinik.
Sahli
Relaparotomie wegen Ektasie des Ma-
nach Relapa-
grünlich
gens. Stauungsbeschwerden. Murphy-
rotomie
ranzig
knopf im Magen. Anastomosenöffnung
Februar
für kleinen Finger nicht durchgängig.
1908
Knopf entfernt.
Sahli
IL Arbeiter G. Traumatische Pylorus-
2 Jahre
16. XII. 07
grünlich
stenose; dauernd Erbrechen, Ektasie des
9 Monate
Sahli
ranzig
Magens ziemlich stark.
post op.
5. IV. 07 GE. ant. antecol.
III. Frau S. Wegen Dilatatio ventriculi
2 Jahre
8. VIL 07
grünlich
mit Stauungsbeschwerden am 15. I. 06
post op.
Sahli
ranzig
GE. ant. antecol.
17. I. 08
• grünlich
Sahli
ranzig
IV. Frau R. Dilatatio ventriculi mit chro-
2 Jahre
15. I. 08
grünlich
nischen Magenbeschwerden (Erbrechen).
post op.
Sahli
ranzig
19.1. 06 GE. ant. antecol.
10. II. 08
grünlich
Sahli
ranzig
V. Frau Gl. Sanduhrmagen und Dilatatio
3 Monate
15. VII. 07
grünlich
ventriculi, chronische Magenbeschwerden
post op.
Sahli
ranzig
auf dem Boden eines Ulcus.
17. VII. 07
grün-
12. IV. 07 GE. ant. antecol.
Ewald
bräunlich
sauer
VI. Frl. H. Gare, pylori.
IV2 Monate
4. IX. 07
grünlich
20. VII. 07 GE. ant. antecol.
post op.
Sahli
ranzig
Zur Resektion ungeeignet.
VII. Frau G. Gare, pylori; zur Resektion
IV2 Monate
15. XII. 07
grünlich
ungeeignet, deshalb GE. ant. antecol.
post op.
Sahli
ranzig
am 3. X. 07.
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7J
A.
Ergebnisse funktioneller Magenuntersucbungen usw.
341
4
Moiilitit des
Maiou
5
Reaktion
mitUcicmas
6
Gesamt-
azlditit
7
Freie
HCl
8
Gmelinache
Probe
9
Trypsin-
nachweis
1
Pepsini!
mit HCl-
Zusatz
acbwels
obne HCl-
Zusatz
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sauer
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gut
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schlecht
schwach
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342
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11] Ergebnisse funktioneller Magenuntersuchungen usw. 345
höhle ausfüllende, ziemlich prall gespannte Zyste durch die dünnen
Bauchdecken palpabel. Bei der Operation zeigte sich^ daß der Pylorus
völlig undurchgängig war. Die Magenwand selbst war sehr verändert;
sie war enorm brüchig; die Fäden schnitten bei der Naht sehr leicht
durch; die Serosa zeigte entzündliche Veränderungen; sie war verdickt
und spiegelte nicht wie es normalerweise sein muß. Es wurde in diesem
Falle eine besonders große Anastomosenöffnung angelegt. In dem IL Fall
ist der Pylorus wegen Karzinoms reseziert worden. Die Resektions-
stelle wurde völlig geschlossen und eine Gastrojejunostomie angelegt^
also nach Billroth II operiert. Die einzige Passage zwischen Magen
und Darm bestand also wiederum nur an der Anastomosenöffnung.
Bei beiden Patienten hat die funktionelle Magenuntersuchung dauernd
Galle und Trypsin im Mageninhalt ergeben. Die Untersuchungen
sind nicht etwa gleich nach der Operation vorgenommen worden, son-
dern haben bis zu 9 Monaten nach dem operativen Eingriff statt-
gefunden.
Was lehren uns nun unsere Untersuchungsergebnisse?
Wir haben bei unseren Fällen in den ersten Wochen und Monaten]
nach der Gastroenterostomie stets Galle und Pankreassaft — wenn^'
vir den Nachweis des Trypsins für identisch mit dem Nachweis des!
Panh*eassaftes ansehen — im Magen gefunden ^ das heißt bei der!
Gastrojejunostomia anterior antecolica mit und ohne Anastomose!
Brauns. Hinsichtlich der Gastrojejunostomia retrocolica posterior stehen
uns eigene Erfahrungen nicht zur Seite, da wir diese Methode nur
selten üben; es ist aber nicht einzusehen, warum die Verhältnisse bei-
dieser Methode anders liegen sollten als bei der anterior. Auch über
die sogenannten Y-Methoden haben wir keine eigenen Erfahrungen.
Wir machen für gewöhnlich weder die vonRoux^) besonders geübte
Gastrojejunostomia ypsiliformis retrocolica posterior, noch die von
Rotgans ^ vor einiger Zeit wieder empfohlene Gastrojejunostomia
ypsiliformis antecolica anterior, eine Operation, welche übrigens schon
1883 von Wölfler^, allerdings nur an Hunden, ausprobiert und für
bestimmte Fälle angegeben worden ist. Die Doyen sehe Methode^)
der Gastroenterostomie, welche darin besteht, daß in einer Sitzung
eine Magenjejunumfistel, eine Enteroanastomose zwischen zu- und ab-
führendem Schenkel und schließlich noch eine Resektion der zuführen*
1) Kocher^ Chirurg. Operationslehre. 1907. S. 859.
2) Rotgans, Gastroenterostomia ypsiliformis antecolica anterior. Wien. klin.
Randschau 1904 und Nederl. Tijdschrift vor Genesk. 1902, I, no. 23. Ref. ZentralbL
1902, S. 1100.
3) Wölfler, Vortrag auf dem Chirurgenkongrei^ 1883.
4) Doyen, Revue de Chirurgie 1897, p. 1030.
26»
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346 I^i*. Neuhaus, [12
den Darmschlinge gemacht wird, schaffe dieselben ZirkulationsverhälN
nisse für den Darminhalt wie die Y-Methoden und dürfte infolgedessen,
was das Einfließen von Galle und Panl^reassaft in den Magen anbetriift,
denselben Effekt haben wie die Y-Methoden. Wegen ihrer Kompliziert^
heit und der zeitraubenden Resektion des zuführenden Schenkels ist
sie aber nicht zu empfehlen. Bei der Gastroduodenostomia wird sich
ebenfalls kein Darmsaft im Mageninhalt finden lassen, es sei denn, daß
Doyen mit seiner Behauptung, daß der Duodenalsaft auch rückläufig
in den Magen fiießen kann, recht hat.
Daß bei den Y-Methoden das Einfiießen von Galle und Pankreas-
saft in den Magen fortfällt, ist durchaus plausibel. Wenn sich, wie
in einem von Kaiser^) mitgeteilten Falle, dabei doch Galle im Magen-
inhalt finden sollte, so ist das nicht anders zu erklären, als daß durch
antiperistaltische Bewegungen des Darmes sein Inhalt in den Magen
getrieben wird. Für gewöhnlich bilden die Y-Methoden ein Hindernis
für das Einfiießen von Darminhalt in den Magen. Das beweisen auch
die in der Literatur niedergelegten klinischen Beobachtungen. Sehr
instruktiv ist in dieser Hinsicht die Leidensgeschichte eines fünfmal
laparotomierten Kollegen, welche TaveP) mitteilt Im November 1896
wurde von Sick bei dem Herrn wegen Hyperchlorhydrie zunächst
eine Gastroenterostomia antecolica isoperistaltica nach Kocher an der
großen Kurvatur in der Pars pylorica angelegt. Sehr bald stellten sich
Erscheinungen ein, welche auf ein mangelhaftes Funktionieren der
Magenfistel schließen ließen. Es bestand Anorexie, dauernd fader,
pappiger Geschmack, Aufstoßen und Übelkeiten. Es wurde deshalb
im Januar 1897 von Mikulicz konsultiert, welcher relaparotomierte
und zur Beseitigung der beschriebenen Beschwerden eineBraunsche
Anastomose anlegte; nebenbei machte er eine Gastroenterostomoplastik,
da die Magendarmfistel nur noch bleistiftdick war. Es trat jedoch da-
nach keine Besserung des Zustandes ein.
Kausch^) erwähnt übrigens diesen Patienten in seiner Arbeit aus
der Mikuliczschen Klinik als Beweis für die allerdings nur selten,,
aber doch mitunter vorkommenden Fälle, in denen das Einfließen von
Galle in den Magen schwere Schädigungen mit sich bringt, und in
denen es auch durch weitere Eingriffe nicht gelingt, den Gallenfluß
in den Magen zu beseitigen.
Die anfängliche Besserung nach der von v. Mikulicz vorgenom-
1) O. Kaiser, Ober die Erfolge der Gastroenterostomie. Deutsch. Zeitschr.
für Chirurgie Bd. 61.
2) Tavel, Le reflux dans la gastroent6rostomie. Revue de Chirurg. 1901, no. 12.
3) Kau seh, Ober funktionelle Ergebnisse nach Operationen am Magen. Mit«
teilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie. 4. Bd. 1899.
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13] Ergebnisse funktioneller Magenuntersuchungen usw. 347
menen Operation hielt nämlich nur kurze Zeit an, so daß im Juni 1897
Kocher wegen der genannten Beschwerden zu Rate gezogen wurde.
Es wurde wiederum die Abdominalhöhle geöffnet. Man fand die zu-
fuhrende Schlinge, welche unter ziemlich spitzem Winkel in den Magen
einmündet, als etwas zu kurz; ihr Mesenterium komprimierte das Colon
transversum. Infolgedessen wurde das Mesenterium der zuführenden
Schiinge gedehnt und eine Fältelung und Einengung der letzteren nach
y. Hacker vorgenommen, um auf diese Weise das Einfließen von
Darmsaft in den Magen zu erschweren. Die Besserung der alten Be-
schwerden war nur sehr gering, so daß schon zwei Monate später
zum vierten Male zur Laparotomie geschritten werden mußte. Dieses
Mal trennte Tavel den Pylorus von dem Duodenum, und als hiernach
noch immer keine Beseitigung der geschilderten Magenbeschwerden
eintrat, resezierte Tavel in einer fünften Sitzung die zuführende Je-
juDumschlinge. Nunmehr verschwanden die Beschwerden endgültig,
nachdem also ein Zustand geschaffen war, welcher dem nach einer
Doyenschen Gastroenterostomie entspricht.
Wenn wir uns nun weiter in der Literatur bezüglich des Vor-
kommens von Galle und Pankreassaft im Magen nach Gastroenterosto-
mien umsehen, so finden wir ein nicht unbeträchtliches Variieren in
den diesbezüglichen Mitteilungen. Obalinski und Jaworski^) haben '^^
anscheinend zuerst Untersuchungen über den Einfluß von Operationen
tm Magen hinsichtlich der Wiederherstellung der gestörten Funktion
dieses Organs angestellt und zwar bei einer Patientin, die wegen
Pyloniskarzinom in „typischer Weise* pylorektomiert worden war;
2Vi Monate post op. ist noch mehrfach Galle im ausgeheberten oder |
erbrochenen Mageninhalt gefunden worden. Heins heim er 2) hat an \
2wei Patienten, bei denen wegen Ulcusnarben mit konsekutiver Stenose
eine Gastrojejunostomie gemacht worden war, eingehendere StofP-
vechseluntersuchungen angestellt. Bei dem einen Patienten war die
Nachuntersuchung einen Monat post op. vorgenommen worden. Hier
ergab sich normale Verdauungskraft des Darmes für alle Nahrungs-
stoiFe, insbesondere eine vorzügliche Fettausnutzung. Der andere
Patient war zwei Jahre vor der Stoffwechseluntersuchung operiert
worden; bei ihm fand Heinsheimer eine extrem gute Eiweißaus-^
outzung, aber schlechte Resorption von Fett. Für beide Fälle findet \
rieh jedoch keine Angabe, ob Galle oder Pankreassaft im Magen war. \
Die Arbeit bringt also eigentlich keinen Beitrag zu der uns momentan
1) Obalinski und Jaworski, Wien. klin. Wochenschr. 1889» Nr. 5 und 17.
9 Heinsheimer, Stoffwechseluntersuchungen bei zwei Ffillen von Gastro-
enterostomie. Mitteilungen aus dem Grenzgebiete 1896, 2. Bd., S. 348.
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348 ^^' Neuhaus, [14
interessierenden Frage; sie wird auch von uns nur aus dem Grunde
zitiert, weil in der einschlägigen Literatur diese Mitteilung Heins-
heimers mehrfach Berücksichtigung gefunden hat. Für die Frage,
ob Galle oder Pankreassaft im Mageninhalt sich befanden, kann sie
natürlich nicht in Betracht kommen. Ebenso verhält es sich mit der
stellenweise zitierten Arbeit Siegels ^ über funktionelle Erfolge nach
I Operationen am Magen. In derselben wird zwar hervorgehoben, daß
i in allen Fällen »Rückfluß von Galle in den Magen"^ nicht beobachtet
' sei. Es ist aber damit ofl^enbar gemeint, daß es nicht zum Girculus
vitiosus gekommen sei. Von einer Ausheberung und Untersuchung
des Mageninhaltes post op. ist nichts vermerkt, also auch wohl nicht
vorgenommen. Infolgedessen hat auch die Siegeische Arbeit für die
Beantwortung unserer Frage keine Bedeutung. Ferner hat Kaenschke>>
1802 aus der Mikuliczschen Klinik über drei Fälle berichtet, bei denen
er Untersuchungen über das funktionelle Resultat von Operationen am
Magen angestellt hat; 2 Magenresektionen und 1 Gastroenterostomie
nach V. Hacker unter Anwendung von einer ca. 50 cm langen Jejunal-
schlinge. Von der Gastroenterostomie wird mitgeteilt, daß zunächst
der Erfolg der Operation zufriedenstellend gewesen sei, dann aber
sei es sehr oft zu galligem Erbrechen gekommen, oftmals fünf- bis
sechsmal in der Nacht; bei der Magenspülung sei auch das Spülwasser
anfangs meist grünlich verßrbt gewesen und habe die Gallenfarbstoff-
reaktion gegeben. Offenbar ist also Galle im Magen gewesen; allem
Anschein nach hat aber auch die Anastomose nicht ordentlich funk-
tioniert; die Entleerung nach dem aboralen Darmteil hin scheint Schwie-
rigkeiten gemacht zu haben. Bezüglich der beiden Resektionsfälle
findet sich keine spezielle Angabe hinsichtlich des Befundes von Galle
im Magen. Es wird nur allgemein bemerkt, daß das sekretorische
Verhalten bei allen Patienten in übereinstimmender Weise durch die
Operation nicht beeinflußt worden sei. Leider findet sich in der Arbeit
auch nicht vermerkt, welche Methode der Pylorusresektion angewandt
worden ist. Nur die II. Billrothscbe Methode hat natürlich infolge
Benutzung einer Jejunumschlinge zur Bildung einer Kommunikation
zwischen Magen und Darm nach völligem Verschluß der Resektioos-
stelle dieselben Verhältnisse wie eine Gastroenterostomie, während
bei der I. Billrothschen Methode durch das Einpflanzen des Duo-
denums in den Magen wesentlich andere Wechselbeziehungen zwischen
1) Siegel^ Ober die funktionellen Erfolge nach Operationen am Magen. A^i^
teilung aus dem Grenzgebiet 1806, 1. Bd. S. 328.
2) Kaenschke, Untersuchungen über das funktionelle Resultat von Opera*
tionen am Magen. Deutsch, med, Wochenschr. 1892, Nr. 49.
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15] Ergebnisse funktioneller Magenuntersuchungen usw. 34g
Magen und Darm geschafPen werden. Bei der I. Bit Iroth sehen Me-)
chode ist nur dann Galle im Magen zu erwarten, wenn antiperistaltisch .
der Darminhalt bewegt wird, während bei normaler Peristaltik kein 1
Grund fGr den Eintritt von Darmsäften in den Magen ersichtlich ist
Wurde also die I. Bill rothsche Methode angewandt worden sein, so
wurde der von Kaenschke mitgeteilte Befund (dauerndes Fehlen von
Galle im Magen) u.E. durchaus erklärlich sein. Nun sagen Mikulicz
und Kausch im Handbuch der praktischen Chirurgie 1903 S. 175
Anmerkung, daß »früher"^ in der Breslauer Klinik ,,ausschlie01ich die
I. Billrothsche Methode' angewandt worden sei. Man ist also wohl
in Anbetracht des Umstandes , daß die Kaenschkesche Veröffentlichung
aus der Mikuliczschen Klinik im Jahre 1892 erschienen ist, berech-
tigt zu schließen, daß in den beiden in Rede stehenden Fällen auch
die I. Billrothsche Methode angewandt worden ist. Damit verlieren
aber die beiden Kaenschkeschen Resektionsfälle hinsichtlich der
Frage, ob Galle nach einer Gastroenterostomie im Magen zu erwarten
sei, ihre Bedeutung.
Grundzach und Mintz^) und Mintz^) teilen einen Fall mit, bell
welchem wegen narbiger Pylorusstenose, Hypertrophie des Pylorus
und konsekutiver Magendilatation eineGastroenterostomie nachWölfler
ausgeführt wurde. Neun Monate später stellte sich die Patientin mit
einer Gewichtszunahme von 54 Pfund wieder vor; Magenbeschwerden
bestanden nicht mehr; Magendimensionen waren normal; chemische
ttnd motorische Tätigkeit war ebenfalls normal; nüchtern fand sich im
Magen etwas alkalisch reagierender, speisefreier Inhalt. Von der An- [
Wesenheit von Galle oder Pankreassaft im Magen ist nichts vermerkt.
Rosenhei.m^) demonstrierte in der Berliner med. Gesellschaft'
Oktober 1894 3 Patienten, bei denen Hahn wegen Karzinom (2mal)
resp. wegen gutartiger Pylorusstenose (Imal) Gastroenterostomie ge-v
macht hatte. Die Operation lag 4 resp. 9 Monate zuräck. Rosen-
heim gab an, daß bei den beiden Karzinom fällen eine befriedigende
Besserung hinsichdich Sekretion und Motilität des Magens nach der
Operation zu verzeichnen gewesen sei; bei den Patienten mit gut-
artiger Pylorusstenose sei die sekretorische und motorische Funktion
des Magens durchaus normal geworden. Angaben, ob jemals Galle
oder Pankreassaft im Magen gewesen sind oder ob daraufhin unter-
sucht worden ist, finden sich nicht in der Arbeit.
1) Grundzach und MintZy Medycyna 1803 und Revue de m6d. 1883, no. 11.
2) Mintz, Operative Behandlung der Magenkrankheiten. Zeitschr. f. klin. Med.
1804, Bd. 25.
3) Rosenheim, Ober das Verhalten der Magenfunktion nach Ausfuhrung der
Gastroenterostomie. Berl. klin. Wochenschr. 1804, Nr. 50.
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350 ^r, Neuhaus. [15
I Dumin') hat 3 Fälle mitgeteilt, bei denen wegen gutartiger Stenose
des Pylorus Gastroenterostomie gemacht worden ist^ Die letzten
funktionellen Magenuntersuchungen sind relativ kurze Zeit post op.
gemacht worden (bis zu 5 Monaten). Du min weist am Schluß seiner
I Arbeit ausdrücklich nochmals darauf hin, daß „kein einziges Mal im
I Mageninhalt die Anwesenheit einer ^größeren Quantität^ Galle be-
I obachtet worden sei*. Demgemäß muß sich also doch etwas Galle
im Magen befunden haben. Auf Pankreassaft ist nicht untersucht
worden.
I Carle und Fantino^) haben bei allen ihren Operierten bald nach
der Operation sowohl im nfichternen Zustand als verschiedene Stunden
nach der Mahlzeit Galle im Magen beobachtet. Die Beimengung von Galle
ist bei den nach derWölfl ersehen Methode Operierten meist reichlicher
gewesen als nach der v. Hacker sehen Operation; allerdings ist auch
bei den nach v. Hacker Operierten verschiedentlich recht reichliche
Beimengung von Galle zum Mageninhalt gefunden worden. Carle
und Fantino bemerken dann ausdrücklich, daß der Rückfluß nach
und nach seltener wurde , bis er bei vielen Operierten verschwand;
sie heben ferner hervor: ^»bei vielen, nicht bei allen''. „Dies geschah
in einem bis zu vielen Monaten wechselnden Zeitraum, was auf
Rechnung eines um die neue Öfl^nung gebildeten Sphinkters zu setzen
ist." Sie erklären sich den Rückfluß in der ersten Periode in der
Weise, daß sie zunächst eine mangelhafte oder noch ganz fehlende
Funktion eines an der Gastroenterostomieöffnung neu zu bildenden
Sphinkters annehmen; später, wenn sich der Sphinkter gebildet haben
soll, bleibt der Rückfluß der Galle aus.
I Kausch^) ist der Ansicht, daß nach der Gastroenterostomie in
allen Fällen meist geringe Mengen Galle im Magen sich befinden.
Dieses Verhalten soll das ganze Leben hindurch bestehen bleiben,
indessen nur selten Beschwerden verursachen.
; Hartmann et Soupault,^) welche ziemlich eingehend und ge-
nau über die funktionellen Resultate ihrer Magenoperationen (Pylorus-
1) Dumin, Ober die Resultate der Gtstroenterostomie bei narbiger Verengerung
des Pylorus. Berl. klin. Wocbenschr. 1894, Nr. 4, S. 90.
2) Carle und Fantino, Beitrag zur Pathologie und Therapie des Magens.
Arch. f. klin. Chir. Bd. 56.
3) Kausch, Ober funktionelle Ergebnisse nach Operationen am Magen. Mit-
teilungen aus den Grenzgebteten der Medizin und Chirurgie 1899, 4. Bd., S. 463.
4) Hartmann et Soupault, Les r6sultats 61oign68 de la gastroent6rostomie.
Revue de Chirurgie 1899, p. 137.
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17] Ergebnisse funktioneller Magenuntersuchungen usw. 351
resektionen und Gastroenterostomien) berichten, teilen mit, daß sie
bei allen ihren Gastroenterostomien, einerlei ob nach der Wölfler-
schen oder v. Hackerschen Methode verfahren worden sei, mit Aus-
nahme eines einzigen Falles, stets Galle im Magen gefunden hätten,
oft in ganz beträchtlichen Quantitäten. Dabei ist zu bemerken, daß
alle diese Untersuchungen, welche einen positiven Gallenbefund er-
geben haben, relativ kurze Zeit post operationem (im Maximum ein
halbes Jahr) vorgenommen sind. Nur in dem einen Falle (Obs. VII),
bei welchem keine Galle im Magen gefunden wurde, fand die Unter-
suchung IV4 Jahr post op. statt. Hier wurde nämlich bei einer
56jährigen Frau am 27. Juli 1897 wegen eines Ulcus ventriculi eine
Gastroenterostomia anterior antecolica mit gutem Erfolge angelegt.
Am 16. Dezember 1897 fand sich noch bei einer funktionellen Magen-
untersuchung Galle im Magen. Die nächste Untersuchung fand am
17. Oktober 1898 statt und hierbei wurde keine Galle mehr im Magen
gefunden. Bemerkenswert sind aus der Arbeit von Hartmann et
Soupauit auch noch zwei andere Fälle, bei denen wegen dauernden,
galligen Erbrechens eine Braun sehe Anastomose zur Gastroenterosto-
mie hinzugefügt werden mußte (Obs. V u. IX). Der eine von ihnen
(Obs.V) war am 25. Mai 1897 wegen Gastritis nach Wölfler gastro-
enterostomosiert worden. Wegen galligen, oft rezidivierenden Er-
brechens mußte zu Anfang März 1898 eine Enteroanastomose hinzu-
gefugt werden. Die Beschwerden hörten sofort auf; eine 6 Wochen
nach der Anlegung der Enteroanastomose vorgenommene« funktionelle
Untersuchung ergab aber noch Galle im Magen. Die nächste funk-
tionelle Magenuntersuchung wurde am 20. Oktober 1898, also 1 Jahr
5 Monate nach der Gastroenterostomie, gemacht, und nun fand sich
keine Galle mehr im Magen. Bei dem anderen Falle (Obs. IX) wurde
wegen Carcinoma pylori eine Gastroenterostomie angelegt; es ergab
sich gleich bei der Operation die Notwendigkeit, eine Braunsche
Anastomose hinzufügen zu müssen. Eine funktionelle Magenunter-
suchung wurde in diesem Falle kaum 4 Wochen post op. gemacht.
Es fand sich Galle im Magen. Später konnte nicht mehr untersucht
werden; der Patient erlag seinem Leiden.
Auch Terrier und Hartmann^) haben in der ersten Zeit nach!
der Gastroenterostomie stets die Anwesenheit von Galle im Magen |
konstatiert; andererseits werden mehrere Fälle aufgeführt, bei denen \
spater keine Galle mehr im Magen gefunden wurde. In einem Falle '
(Obs. XVI) fanden sie schon 5 Monate post op. keine Galle im Magen
mehr. Im übrigen ist das Material, auf welches Terrier und Hart-
1) Terrier et Hartmann, Chirurgie de l'^stomac. Paris, Steintaeil 1899.
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352 Dr. Neuhaus, [18
mann sich stützen, ziemlich dasselbe, welches Hartmann und Sou-
pault in ihrer vorstehend zitierten Arbeit benutzt haben.
j Kelling^) hält das Durchströmen von Galle und Pankreassaft
1 durch den Magen mit dem Wohlbefinden für vereinbar.
Kappeier ist anderer Ansicht; er meint, die Galle sei gleich-
gültig für den Magen, der Pankreassaft aber nicht, und Tavel^)
äußert sich in ähnlichem Sinne, wenn er sagt: si la Penetration de la
bile est indifferente ä la digestion stomacale, il n'est pas toujours de
mSme de la p€n6tration du suc pancr6atique.
j Krönlein^) faßte sein Resümee auf dem Chirurgenkongreß 1906
auf Grund der Ergebnisse seiner Zusammenstellung über den Er-
folg der Gastroenterostomie bei Ulcus ventriculi dahin, daß «der
häufig auftretende Rückfluß von Galle in den Magen keine ausge-
sprochenen Beschwerden zur Folge habe und nach längerer Zelt
zu verschwinden scheine; der Rückfluß von Pankreassaft sei relativ
, selten nachweisbar'.
Schließlich ist Katze nst ein ^) durch experimentelle Untersuchungen
an Hunden zu der Ansicht gekommen, daß der Einfluß von Galle und
Pankreassaft in den Magen nach einer Gastroenterostomie (anterior
und posterior) nicht nur nicht schade, sondern zur Heilung eines
Ulcus ventriculi direkt beitrage infolge Neutralisation des aziden resp.
' superaziden Magensaftes. Das Einfließen soll in der ersten Zeit nach
der Operation dauernd, später periodisch erfolgen; und zwar soll der
Fettgehalt der Nahrung infolge reflektorischer Anregung der Ab-
sonderung von Galle und Pankreassaft in quantitativer Hinsicht von
Bedeutung sein.
Eine Bestätigung der Katzen st einschen Theorie hat an drei
gastroenterostomierten Patienten DesideriusBaläs^) gefunden. Wir
möchten aber hervorheben, daß Katzenstein undBaläs ihre Unter-
suchungen immer sehr bald nach Anlegung der Gastroenterostomie
angestellt haben.
Es ergibt sich also, daß die Mitteilungen und Ansichten der Autoren
nicht unbeträchtlich difi^erieren. Die einen haben dauernd Galle im
1) Ke 11 ing, Studien zur Chirurgie des Magens. Langenbecks Archiv 1900, S. 308.
2) Tavel, Le reflux dans la gastroent6rostomie. Revue de Chirurg. 1901, no. 12.
3) Krön lein, Selbstbericht Qber Chirurgenkongreß 1906. Zentralbl f. Chir.
1906, S. 94.
4) Katzenstein, Ober die Änderung des Magen Chemismus nach Gastro«
enterostomie und den EinfluB dieser Operation auf das Ulcus und Carcinoma ven-
triculi. Deutsch, med. Wochenschr. 1907, Nr. 3 und 4.
5) Desiderius Baläs, Beiträge zur Lehre der Hyperazidität. Deutsche med.
Wochenschr. 1908, Nr. 1.
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19] Ergebnisse funktioneller Magenuntersuchungen usw. 353
Magen gefunden, die anderen nicht; die einen glauben an eine Un-
schädlichkeit des Gallenzuflusses zum Magen, die anderen nicht; die
einen sind der Ansicht, daß Galle allein für den Magen indifferent
sei, der Pankreassaft aber nicht; die anderen halten beide Sekrete für
nicht nur nicht indifi^erent, sondern bei Ulcus ventriculi für sogar
heilsam und erwünscht.
Beschäftigen wir uns nun zunächst mit der Frage, ob Galle allein
im Magen vertragen wird, so kann es keinem Zweifel mehr unter-
liegen, daß dieselbe sich auch in größeren Mengen jahrelang im
menschlichen Magen finden kann, ohne irgendwelche Beschwerden zu
verursachen. Freilich werden in der Literatur vereinzelte Fälle mit-
geteilt, wo die Anwesenheit von Galle im Magen nach einer Gastro-
enterostomie Erbrechen, pappigen Geschmack, Unbehagen usw. her-
vorgerufen haben soll. Ob aber in diesen Fällen tatsächlich die
Galle schuld an den geklagten Beschwerden gewesen ist, oder ob sie
nur, weil nach der Gastroenterostomie im Magen vorhanden^ mit dem
Erbrechen herausbefördert worden ist, während der Grund des Er-
brechens ein ganz anderer war, das ist keineswegs mit Sicherheit
klargestellt. Jedenfalls gibt es doch zu denken, daß diesen wenigen
Fallen, wo angeblich die Galle im Magen das den Brechreiz auslösende
Moment gewesen sein soll, so viele Beobachtungen entgegenstehen,
wo die Galle unbeanstandet jahrelang vertragen wird. Sollte nicht mit
weit größerer Wahrscheinlichkeit angesichts der letzterwähnten Tat-
sache die Annahme berechtigt sein, daß bei jenen wenigen Ausnahme-
fallen irgendeine andere Schädlichkeit der Grund der Beschwerden
gewesen ist, z. B. chronischer Circulus vitiosus infolge nicht ganz
funktionierender Anastomose, Fortbestehen der vor der Operation
vorhandenen Sekretionsanomalien, nervöse Beschwerden usw.? Wir
möchten in Übereinstimmung mit Kelling^) und Hartmann etSou-
pault^ besonders letzteren Punkt als Grund für die Beschwerden
annehmen, vorausgesetzt natürlich, daß ein organischer Fehler, z. B.
ein chronischer Circulus vitiosus, fehlt.
Den besten Beweis für die Unschädlichkeit der Galle im Magen
liefern diejenigen Fälle, bei denen mit Sicherheit nur die Galle allein
in den Magen gelangt; in dieser Hinsicht mangelt es uns nicht an
experimentellen und klinischen Beobachtungen an Hunden und an
Menschen: die Unschädlichkeit großer Quantitäten Galle für den
Magen beim Tiere ist experimentell zuerst von M. Dastre^) nach-
1) Ke 11 ingy Studien zur Chirurgie des Magens. Langenbecks Archiv 1900, S. 306.
^ Hartmann et Soupault, Fresse m^dic. 1899, 14.
3) Dastre, Recherches sur Taction de la bile sur la digestion gastrique. Ar»
chiyes de Physiologie Paris 1890, t. II, p. 316.
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354 Dr. Neuhaus, [20
gewiesen worden. Dastre legte bei Hunden Magenfisteln an und
führte durch dieselben Ochsengalle in verschieden großen Quantitäten
und zu verschiedenen Stadien der Verdauung in den Magen ein, ohne
jemals irgendwelchen Nachteil davon zu sehen. Ruggero Oddi^)
hat dann bei Hunden den Ductus choledochus unterbunden und eine
Cholezystgastroanastomose angelegt; die gesamte produzierte Galle
mußte also in den Magen gehen; irgendeine schädliche Folge hat
jOddi davon nicht gesehen.
i Masse^) hat dieses Experiment bei einer größeren Anzahl von
l Hunden nachgeprüft; das Ergebnis war dasselbe wie bei Oddi; die
Tiere haben ein Jahr und länger nach der Operation gelebt und an
Gewicht zugenommen. Bei der Sektion, die bei einigen Tieren 3/4 Jahr
nach der Operation vorgenommen wurde, erwies sich der Verschluß
I des Choledochus als vollkommen intakt. Chlumski^) hat durch seine
i experimentellen Untersuchungen an Hunden ebenfalls die Ungefähr-
Jichkeit der Beimengung von Galle zu Mageninhalt bestätigt.
Aber nicht allein für Tiere, auch für Menschen liegen bereits in
der Literatur Mitteilungen vor, die eine Bestätigung der durch Tier-
experiment gewonnenen Erfahrung bringen. Daß die diesbezüglichen
Mitteilungen nicht zahlreicher sind, erklärt sich aus der Tatsache, daß
für gewöhnlich, falls sich die Notwendigkeit der Anlegung einer
Anastomose zwischen Gallenblase und dem Magendarmtraktus ergibt, der
Darm zur Anastomosenbildung benutzt wird. So hat z. B. im Jahre 1902
Radsiewski^) 56 Fälle von künstlicher Gallenblase-Darmfistel — teils
mit dem Dünndarm, teils mit dem Dickdarm — zusammengestellt.
Hinter dieser Zahl bleiben allerdings die Fälle von Gallenblasen-
Magenfistel zurück.
Wickhoff und Angelberger^) waren die ersten, welche eine
' Cholecystgastrostomie an Menschen machten wegen starker Ver-
wachsung nach Cholelithiasis und Kompression des Choledochus,
welche zu einem völligen Passagehindernis für die Galle geführt
hatte. Der Erfolg der Operation war durchaus zufriedenstellend.
Selbst in den ersten Tagen nach der Operation trat kein galliges Er-
brechen ein. Der Patient verließ 3 Monate nach der Operation ge-
heilt das Krankenhaus, ohne irgendwelche Beschwerden. Er hatte an
1) Ruggero Oddi, Azione della bile sulla digestione gastrica. Perugia 1887.
2) Masse, De la chol^cystogastrostomie. Congr^s fran^ais de Chirurgie, Paris
1898, p. 300.
3) Chlumski, Beitr. z. klln. Chir. Tübingen, Bd. 20.
4) Radsie wski, Mitteüungen a. d. Grenzgebieten der Mediz. u. Chir. 1902, Bd. 9,
S. 659.
5) M. Wickhof und Fr. Angelberger, Wien. klin. Wochenschr. 1893, S.325.
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21 J Ergebnisse funktioneller Magenuntersuchungen usw. 355
Körpergewicht während der Behandlung zugenommen. Terrier^)!
machte wegen einer PankreaskopFgeschwulst dieselbe Operation mit i
gleich gutem Effekt. Monod^) legte bei einem infolge Karzinom des Pan-
kreas ikterisch gewordenen Menschen eine Cholecystgastrostomie an; der |
Patient starb allerdings schon am Tage nach der Operation. Quenu^) ;
undjaboulay^) machten wegen Tumor resp. Verhärtung des Pankreas- '
kopfes je eine Anastomose zwischen Gallenblase und Magen. Die
vor der Operation bestehenden Erscheinungen von Gallenstauung
gingen prompt zurück; die völlige Ableitung von Galle nach dem
Magen hin machte sich in keiner Weise unangenehm bemerkbar.
Krumm ^) legte wegen Neubildung im Pankreaskopf mit Ektasie der
Gallenblase infolge Verschlusses des Choledochus bei einem stark
Ikterischen ebenfalls eine Cholecystgastrostomie an. Das Duodenum
war wegen zahlreicher Verwachsungen nicht geeignet zur Anastomose.
Auch hier wurde die Entleerung der gesamten Galle in den Magen
ohne Erbrechen hervorzurufen und unter allmählicher Entfärbung der
Haut gut vertragen. Ferner hat O. Hildebrand während seiner
Baseler Tätigkeit 4 mal eine Anastomose zwischen Gallenblase und
Magen angelegt. Im Jahre 1902 veröffentlichte Hildebrand <^) einen
Fall, bei welchem er mit gutem Erfolg die in Rede stehende Anasto-
mose wegen dauernden Gallenflusses aus einer nach einer Chole-
lithiasisoperation zurückgebliebenen Fistel vorgenommen hatte. Die
Galle im Magen wurde dauernd gut vertragen; die Fistel schloß sich.
Eine Anastomose mit dem Dünndarm war unmöglich gewesen wegen
ausgedehnter Verwachsungen. Ein Jahr später machte Hildebrand^)
Mitteilung von 3 anderen Fällen, bei welchen er die Fistelbildung
zwischen Magen und Gallenblase mit demselben guten Erfolge aus-
geführt hatte. 2 mal handelte es sich um Karzinom des Pankreas, ein-
mal um ein Gallenblasenkarzinom mit sekundärer Geschwulstbildung.
Die anatomischen Verhältnisse lagen ähnlich so, wie in dem zuerst
beschriebenen Falle. Kürzlich haben wir auf der Klinik in einem
1) Terrier, Kemarques sur deux cas Tun de chol6cystoduod6nostoinierautre
de choI6cysto-gastrostomie. Revue de Chirurg. 1896^ p. 169.
2) Monody Bull, et m6m. de la soc. de Chirurg, de Paris 1896^ p. 546.
3) Qu6nUy Bull, et m^m. de la soc. de Chirurg, de Paris 1896, no. 18, p. 558.
4) Jaboulay, Lyon mödical 1898, no. 47.
5) Krumm, Munch. med. Wochenschr. 1901, Nr. 2.
6) O. Hildebrand, Beiträge zur operativen Chirurgie. Langenbecks Archiv
66 p. 347.
7) O. Hildebrand, Ein weiterer Beitrag zur Cholocystogastrostomie. Deutsche
Zcitschr. für Chir. B. 66 S. 379.
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356 I^r. Neuhaus, [22
Falle von inoperabelem Karzinom an der Papilla Vateri, welches er*
hebliche Gallenstauung mit hochgradigem Ikterus verursacht hatte,
wiederum eine Cholecystgastrostomie gemacht. Der Erfolg war der-
• selbe gute wie in den früheren Fällen. Auch KehrO teilte auf dem
Chirurgenkongreß 1903 mit, daß er solche Cystogastrostomie in
12 Fällen gemacht habe, ohne daß die Galle die Magenverdauung
irgendwie gestört habe.
Wir kommen nun zu der Frage, ob und wieviel Pankreassaft sich
nach einer Gastroenterostomie im Magen befindet und wie es mit der
Toleranz des Magens gegen das Sekret der Bauchspeicheldruse steht?
Wie wir gesehen haben, finden sich zwar in der Literatur zahlreiche
Mitteilungen über das Vorhandensein von Galle im Mageninhalt nach
einer Gastroenterostomie; von Pankreassaft ist aber relativ selten die
Rede. Und doch ist es eigentlich selbstverständlich, daß nicht nur
Galle, sondern auch Pankreassaft in den Magen kommen muß, wenn
einmal eine Anastomose zwischen Magen und Jejunum existiert. Man
hat aber offenbar seltener bisher darauf geachtet. Es erklärt sich das
auch zwanglos daraus, daß die Beimengung von Galle zum Magen-
inhalt infolge ihrer Farbe viel leichter sich manifestiert, als das
Pankreassekret. Katzen stein 2) hat nun, wie gesagt, durch seine
Experimente an Hunden nachgewiesen, daß sich regulär bei der
Gastroenterostomia anterior antecolica und posterior retrocolica einige
Monate nach Operation nicht nur Galle, sondern auch Pankreassaft
im Magen findet, ohne irgendwelche Störungen zu machen« Es kann
sich jedoch dabei immer nur um mehr oder minder große Bei-
mengungen von Pankreassaft zum Mageninhalt handeln. Wenn es
auch für die Galle erwiesen ist, daß das gesamte produzierte Leber-
sekret seinen Weg durch den Magen in den Darm nehmen» kann, ohne
Schädigung des Organismus und anscheinend auch ohne selbst eine
wesentliche Alteration seiner Wirksamkeit zu erleiden. — die Stühle
sind bei Cholecystgastrostomien nicht acholisch — , so ist das für den
Pankreassaft in seiner Totalität anscheinend nicht der Fall. Wenigstens
scheinen die bisher vorliegenden Experimente und klinischen Er-
fahrungen dagegen zu sprechen. Chlumskiy^) hat an Hunden das
Duodenum 10 cm unterhalb der Papilla Vateri durchschnitten, die zu-
führende Schlinge nahe der Kardia in den Magen eingenäht und das
abführende Darmstück mit dem Pylorusteil verbunden, cfr. Fig. a.
1) Kehr, Chirurgenkongreß 1903, S.76.
2) Katzenstein, 1. c.
3) Chlumskig: Ober die Gastroenterostomie. Beiträge zur Klin. Chirurgie 1898
und Weitere Erfahrungen über die Gastroenterostomie. Beiträge zur Klin. Chi-
rurgie 1900.
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23]
Ergebnisse funktioneller Magenuntersuchungen usw.
357
Alle drei in dieser Weise operierten Hunde, bei denen also das
gesamte Sekret von Leber und Pankreas in den Magen gelangte,
starben unter den Symptomen hochgradigen Durstgefühls, der Appetit-
losigkeit und der Abmagerung. Bei zwei anderen Hunden durch-
schnitt Chlumskiy, um nur den Pankreassaft in den Magen zu leiten,
den Dünndarm nahe dem Duodenum; das orale Ende wurde unter-
bunden, das aborale in die vordere Magenwand eingepflanzt, der Ductus
choledochus durchschnitten und unterbunden, und schließlich eine
Verbindung zwischen Gallenblase und dem abführenden Darmstück
hergestellt, cfr. Fig. b.
Zwerchfell
CaUenbLase-""
Fig. a.
Beide Hunde starben unter denselben Symptomen wie oben. So-
mit schien der Beweis gebracht zu sein, daß das Tier zugrunde geht,
wenn der Pankreassaft vollständig in den Magen eingeleitet wird.
Steudel gelang es aber, einen Hund, bei dem er das Jejunum
durchschnitten, den oralen Schenkel durch eine Okklusionsnaht ver-
schlossen und den aboralen Schenkel in den Magen eingenäht hatte,
18 Tage bei normaler Freßlust am Leben zu halten, cfr. Fig. c.
Das Tier starb an einem Nahtdefekt. Es mußte also Galle und
Pankreassaft vollständig in den Magen durch den Pylorus gegangen
sein. Dieses Ergebnis schien gegen die Chlumskiy sehen Versuche
zu sprechen. Chlumskiy selbst, der die Steudelsche Versuchs-
anordnung nachgeprüft und auch bei dieser Modifikation einen Hund
durchgebracht hat, erklärt die Differenz zwischen den Resultaten seiner
und Steudels Versuchen dadurch, daß er das schädigende Moment
bei seinen Versuchen in dem beständigen Zufluß von Galle und Pan-
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358
Dr. Neuhaus,
[24
kreassaft zum Magen sieht, während bei den Steu de Ischen Versuchen
sich Galle und Pankreassaft während der Verdauung im Duodenum
sammle, und der zunächst geschlossene Pylorus erst dann sich öfFne
und den Zufluß von Galle und Pankreassaft in den Magen gestatte,
wenn die Ansammlung von Flüssigkeiten im Duodenum sehr groß und
die Magenverdauung schon beendet sei. Das Einfließen der Sekrete
der beiden großen Unterleibsdriisen finde also bei Steudels Ver-
suchsanordnung nicht kontinuierlich, sondern periodisch statt, und
hierin liege die Erklärung der Differenz der Versuchsergebnisse. Eine
Stütze seiner Anschauung bekam Chlumskiy durch den Fall, den
Ledderhose^) auf dem Chirurgenkongreß 1899 vorstellte. Bei einer
Duodenalsteoose unterhalb der Papilla Vateri durch Tumor mit
kopiösem, galligem Erbrechen hat Ledderhose eine Gastroenterosto-
mia anterior antecolica mit gutem Resultat gemacht. Da das Hindernis
an der Papilla Vateri saß, so wurde sicherlich neben der Galle auch
Pankreassaft in den Magen entleert. Der Patient erbrach nach der
Operation nicht mehr. Ledderhose nahm an, daß die Hauptmenge
der Galle und des Pankreassaftes durch den Pylorus in den Magen
und dann in den Darm fließe, jedoch infolge der vorhandenen nor-
malen Verschlußfähigkeit des Pylorus nicht kontinuierlich, sondern
nur zeitweise, hauptsächlich wohl gegen Ende der Verdauung.
'MiU
Jejutuint>
Fig. d.
Kelling2) ist jedoch nicht der Ansicht, daß der Pankreassaft eine
so unheilvolle Wirkung ausübt, wie Chlumskiy annimmt. Er teilt
mit, daß es ihm gelungen sei, durch Experiment einem Hunde sämt-
liche Galle und sämtlichen Pankreassaft durch den Magen fließen zu
1) Ledderhose, Ein Fall von Gastroenterostomie wegen Stenose des unteren
Duodenums. Chirurgenkongreß 1899.
2) Kelling, Studien zur Chirurgie des Magens. Langenbecks Archiv 1900,
S. 310 u. 313.
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25] Ergebnisse funktioneller Magenuntersuchungen usw. 35g
lassen. Der Hund sei ganz munter gewesen, habe Appetit gehabt/
habe normalen Stuhl abgesetzt und sei 8 Wochen nach der Ope-
ration genau so schwer gewesen wie vorher. Die Art des Kelling-
schen Versuches demonstriert nebenstehende Fig. d.
Das Jejunum wurde dabei unterhalb des Durchtrittes durch die Radix
mesenterii durchschnitten, das obere vom Duodenum kommende Ende
wurde in den Fundus zirkulär eingenäht; der Pylorus wurde ver-
schlossen; das abführende Ende des Jejunums wurde in die hintere
Wand des Pylorusteiles direkt oberhalb der Pylorusunterbindung zir-
kulär eingenäht. Kelling sucht die Todesursache der Chlumskiy-
schen Hunde nicht in dem Zufluß von Pankreassaft zum Magen und
der sich daraus ergebenden Verdauungsstörungen, sondern in moto-
rischen Störungen, welche dadurch bedingt sein sollen, daß das ge-
füllte Duodenum eine Hemmung auf den Magen ausübt. Seine Expe-
rimente haben ihm ergeben, ^daß Füllung des Duodenums die Ent-
leerung des Magens erheblich verzögert*, ein Resultat, welches mit
der v. Meringschen^) Behauptung im Einklang steht, „daß durch die
Füllung des Duodenums eine Sistierung der Magenentleerung statt
hat'. Der Unterschied zwischen den Chlumskiy sehen und Kelling-
schen Versuchen besteht eben darin, daß Kelling der Chlums-
kiyschen Versuchsanordnung noch einen Verschluß des Pylorus
hinzugefügt hat. Dadurch ist die Füllung des Duodenums vom Magen
aus unmöglich geworden; mithin ist nach Kellings Auffassung die
Hemmung weggefallen, welche das gefüllte Duodenum auf den Magen
ausüben kann, damit ist die Ursache beseitigt, daß der Magen nicht
die Kraft entwickeln kann, welche er braucht, um seinen Inhalt durch
die Jejunalfistel auszutreiben.
Wir haben nun die Versuche nach Chlumskiys Anordnung an drei '
Hunden nachgeprüft und sind zu demselben Resultat gekommen wie
Chlumskiy; die Hunde sind sämtlich innerhalb 8 Tagen gestorben
und zwar nicht an Peritonitis; beide Darmschlingen, die also an ver*
schiedenen Stellen in den Magen (Kardia- resp. Pylorusnähe) ein-
genäht waren, zeigten keinerlei Differenz in ihrem Füllungsgrade; sie
waren beide ziemlich leer; dagegen war der Magen außerordentlich
gedehnt und schlaff mit schwärzlichen, dünnflüssigen Massen gefüllt.
Das Bild war bei alten drei Hunden dasselbe.
Auch die Kellingsche Versuchsanordnung — also noch eine
Unterbindung des Pylorus nach dem Einpflanzen der beiden Darm-
enden in den Magen — haben wir an zwei Hunden nachgeprüft. Die
1) V. Mering, 15. Kongreß für innere Medizin 1897. Zur Funktion des
Mtgen8.
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360 ^r- Neuhaus, [26
Tiere sind ebenfalls beide nach 5—6 Tagen eingegangen; das Sek-
tionsergebnis war dasselbe wie bei den nach Chlumskiy operierten
Hunden.
Unseres Erachtens scheint die Frage nach der Anwesenheit und
Schädlichkeit des Pankreassaftes im Magen folgendermaßen zu beant-
worten zu sein. Sicher ist, daß Pankreassaft, und oft in nicht geringen
Mengen, wenn man ein einigermaßen proportionales Verhalten zwischen
Leber und Pankreasabsonderung annimmt, im Magen nach einer Gastro-
' jejunostomie vorkommt. Allem Anschein nach hat aber das perio-
dische Einfließen des Darmsaftes in den Magen, wie das ja bei einer
Gastrojejunostomie ganz zweifellos entsprechend dem periodischen
Verhalten beim Austreten des Sekretes aus den beiden Drüsen in den
Darm der Fall ist, doch eine gewisse Bedeutung. Außerdem fließt
sicherlich bei einem Gastroenterostomierten nicht aller Pankreassaft
i in den Magen. Ob der Magen sämtlichen Pankreassaft verträgt, scheint
noch nicht absolut einwandsfrei klar gestellt zu sein. Praktisch ist
diese Frage hinsichtlich der Gastroenterostomie aber auch von un-
tergeordneter Bedeutung; in dieser Hinsicht ist mit der Erkenntnis
völlig Genüge geschehen, daß der menschliche Magen diejenigen
Mengen von Pankreassaft, welche durch eine Gastroenterostomie-
öfi^nung eintreten, ohne Schädigung enthalten kann. Die Ansicht der
Autoren, welche das Einfließen von Pankreassaft in den Magen
überhaupt als gefährlich ansehen, ist demgemäß als irrtümlich und
widerlegt zu bezeichnen«
Wie haben wir uns nun zu erklären, daß wir nicht bei allen unseren
[ Gastroenterostomierten Galle und Pankreassaft im Mageninhalt haben
1 nachweisen können? Z. B. hat sich bei den unter Gruppe B unter-
gebrachten 4 Patienten der Nachweis niemals führen lassen; auch bei
Gruppe C (Gastrojejunostomie mit Braunscher Anastomose) hat sich
bei Fall I (4mai untersucht) überhaupt nicht, bei Fall II (6mal unter-
sucht) nur in der ersten Zeit post op. Galle und Pankreassaft im
Magen gefunden. Der Grund dafür kann unseres Erachtens nur da-
rin gesucht werden, daß bei denjenigen Fällen, wo wir Galle und
Pankreassaft im Magen nicht nachweisen konnten, die Anastomosen-
öfi^nung nicht mehr funktioniert hat. Es is sonst gar nicht zu ver-
stehen, warum bei gutem Funktionieren der Fistel zwischen Magen
und Darm kein Darmsaft in den Magen eintreten sollte. Wir müssen
uns den Vorgang etwa folgender Art vorstellen: In der ersten Zeit
nach der Gastroenterostomie findet bei allen Patienten ein Einfließen
von Galle und Pankreassaft in den Magen statt, und zwar ist es gleich-
gültig, ob die vordere oder hintere Gastrojejunostomie gemacht worden
ist; das Hinzufügen der Braunschen Anastomose scheint an diesem
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27] Ergebnisse funktioneller Magenuntersuchungen usw. 361
Befunde zunächst nichts zu ändern. Bei den Y-Methoden halten wir
es für wahrscheinlich^ daO Galle und Pankreassaft von vornherein im
Magen fehlen können; eigene Erfahrungen stehen uns in dieser Hin-
sicht, wie gesagt, nicht zur Seite.
Im Laufe der Zeit scheint sich aber unter gewissen Umständen
ein Verschluß des Lumens der Anastomose mehr und mehr auszu-
bilden. Es kann sich allerdings nur um einen Verschluß in funkti-
onellem, nicht in anatomischem Sinne handeln; im Effekt können aber
beide gleich sein. Daß es zu einem anatomischen Verschluß, also zu
einer völligen Verwachsung der Anastomosenränder für gewöhnlich
nicht kommen kann, ist durchaus plausibel, da ja die Ränder der
Anastomosenöffnung mit Schleimhaut oder Narbe bedeckt sind und
. nachträglich ohne blutige Anfrischung nicht verwachsen können.
Ein funktioneller Verschluß der Anastomose ist aber sehr wohl
denkbar. Drei Faktoren sind es, die u. E. den funktionellen Ver-
schluß herbeiführen. Erstens die Narbenschrumpfung der Anasto-
mosenränder. Daß dieselbe eintritt und daß sie besonders dann,
venn nicht ganz exakt die Schleimhautränder miteinander vernäht
sind, ziemlich erheblich sein kann, ist außer Frage. TaveU) hat erst
kfirzlich wieder auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, daß die
Anastomosenränder bei nicht ganz exakter Schleimhautnaht sich bald
nach der Operation sogar wieder völlig vereinigen können, so daß die
ganze Anastomose illusorisch wird. Eine schlechte Mukosanaht dispo-
niere enorm zu narbiger Kontraktion; es könne sogar eine völlige Ste-
nose entstehen. Gräser^) hat sich in ähnlichem Sinne ausgesprochen:
besonders beim Murphyknopf sah er mehrmals nachträgliche Ver-
Uebung der Anastomosenstelle.
Diese unerwünschten Verengungen und völligen Verklebungen der
Anastomose haben auch mit dazu beigetragen, den Murphyknopf zu
diskreditieren und vor allem eine exakte Schleimhautnaht zu verlan-
gen. Rotgans^) hat zur Vermeidung dieses Mißerfolges empfohlen,
ein ovales Stuck aus der Magenwand zu exzidieren. Sicherlich wird
man dadurch die Gefahr einer Stenose der AnastomoseöiFnung ver-
mindern.
Der zweite zur Verengerung führende Faktor liegt in der Änderung,
die der Magen in der Art seiner Entleerung nach der Operation durch-
macht. Wenn nämlich die Gastroenterostomie, wie es sehr oft der
Fall ist, wegen Stauungsbeschwerden mit Dilatation und Atonie der
l)Tavel, 1. c.
2) Gras er, Chirurgenkongreß 1906.
3) Rotgans, 1. c.
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362 Dr. Neuhaus, [28
Magenmuskulatur gemacht ist, so wird zunächst nach Anlegung der
neuen Öffnung eine gute Entleerung des Magens durch die Anasto-
mose stattfinden. Zunächst steht, da doch die Gastroenterostomie bei
einem dilatierten, atonischen Magen am tiefsten Punkte der Curvatura
major angelegt wird, die Anastomosenstelle am tiefsten und wird in-
folgedessen auch als hauptsächlichste Austrittsöffnung vom Mageninhalt
benutzt. Sobald sich aber unter den neuen, günstigen Endeerungs-
bedingungen der Magen von seiner Dilatation und Atonie erholt hat,
d. h. also sich verkleinert und seine Muskulatur wieder gekräftigt hat,
wählt der Mageninhalt nicht mehr, wie zu Anfang, die känstliche
Anastomose als Austrittsstelle, sondern wieder den normalen Pylorus.
Es hängt das zum Teil davon ab, weil bei nicht dilatiertem Magen
der Druck im Pylorusteil am größten ist. Cannon und Blake ^) haben
das durch ihre Experimente an mit Wismutbrei gefütterten Katzen, bei
denen sie den Gang der Nahrung röntgenographisch kontrollierten, in
Übereinstimmung mit den von Moritz und v. Pfungen mitgeteilten
Beobachtungen nachgewiesen. AuchPower^) undRogers^) sind der
Ansicht, daO der Mageninhalt nicht längere Zeit nach Anlegung der
Gastroenterostomose die künstliche Anastomosenöffnung benutzt, son-
dern bald wieder den alten Weg durch den Pylorus nimmt.
Als drittes Moment für die Verengerung des Anastomosenlumens
kommt dann noch folgendes in Betracht: Wir wissen, daO die Schleim-
haut im Magen und Darm sehr reichlich bemessen ist, bedeutend
reichlicher als z. B. die Serosa. Daher kommt es auch, daß bei
Füllung eines Magens oder Darmes bis zum Platzen zunächst nur
Serosarisse entstehen. Die Schleimhaut liegt im Darm und Magen
nicht glatt, sondern bildet zahlreiche Falten und Erhebungen; außer-
dem ist sie gegen ihre Unterlage sehr verschieblich. Wir können
uns davon bei jeder Magendarmoperation überzeugen, haben wir doch
dabei sehr oft mit dem lästigen und störenden Schleimhautprolaps zu
kämpfen. Diese Vorstülpung kann so bedeutend sein, daß bei mäßiger
Füllung des Magens ein nicht zu großer Schnitt in die Magenwand
sogar für Flüssigkeiten völlig verstopft wird. Kelling^) hat bei
Hunden nach Eröffnung der Bauchhöhle ein Stück des Magens an
1)W.B. Cannon and J.B. Blake (Boston) , Gastroenterostomie and pyloro-
Plastik, an experimental study by means of the Röntgen rays. Division of surgery
of the med. school of Harward university. Boston.
2) D'Arcy Power, A years gastrojejunostomies. St. Bartholomews hospital
reports 1905, vol. XLI.
3) Rogers, On the present Status of the Operation of gastroenterostomie.
Annales of surgery 1904, no. 4.
4) Kelling, Studien zur Chirurgie des Magens. Langenbecks Archiv 1900 S. 9.
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29] Ergebnisse funktioneller Magenuntersuchungen usw. 353
das Peritoneum parietale angenäht, wie bei einer zweizeitigen Gastro-
stomie. Wurde dann der Schnitt im Magenfundus angelegt und fielen
die Schleimhautränder so vor, daß sie sich in den Schnitt der Mus-
kularis einklemmten, so entstand daraus ein ziemlich wasserdichter
Verschluß. Auf derselben physiologischen Eigenschaft beruht auch
zum Teil die Erfahrungstatsache, daß ein glatter Magen- oder Darm-
schuß mit einem geringkalibrigen Projektil nicht immer an Peritonitis
zugrunde geht.
Wenn wir also resümieren, so sind es u« E« drei Momente, welche
zu diesem funktionellen Verschluß der Anastomosenöffnung führen.
Erstens die mehr oder minder hochgradige Narbenschrumpfung an der
Anastomosenstelle, zweitens die Verkleinerung der Magendarmfistel,
welche mit der Verkleinerung des ganzen dilatierten Magens durch
Beseitigung der Dilaution Hand in Hand geht, und drittens der bei
der mobilen Schleimhaut so leicht mögliche Schleimhautprolaps in
Verbindung mit der das ganze Hohlorgan verkleinernden Muskel-
kontraktion beim Verdauungsakte, und zwar kommen dabei für die
Anastomose im wesentlichen die Längsmuskeln in Betracht.
Freilich ist auch die Ansicht, vertreten worden, daß ein Ver-
schluß an der Anastomose aus dem Grunde einträte, weil sich
dort ein neuer Sphinkter gebildet habe. Carle und Fantino^) haben
z. B. diese Ansicht geäußert. Das ist aber sicherlich nicht der Fall.
Einmal ist es von vornherein u. E. nicht recht einleuchtend, wie es
kommen soll, daß sich an der Anastomosenstelle ein neuer Schließ-
muskel, der doch immer einen ziemlich komplizierten Apparat dar-
stellt, bilden soll, und zweitens kann man sich, wie wir es an meh-
reren, mit Gastroenterostomose versehenen Hundemägen getan haben,
an mikroskopischen Schnitten keineswegs davon überzeugen, daß an
der Anastomosenstelle eine besondere Anhäufung von Muskulatur vor-
handen ist. Man sieht im mikroskopischen Bilde die vom Darm resp.
Magen herrührenden Gewebsschichten zu einem mehr oder minder
starken Wulst vereinigt. Der Wulst wird, je länger die Anastomose
bestanden hat, um so flacher; man sieht auch an der früheren Naht-
stelle einige Bindegewebszüge, aber von einer besonderen Anhäufung
von muskulären Elementen haben wir nichts finden können.
Mit dieser unserer Auffassung hinsichtlich der Anastomosenstelle
steht die Tatsache im Einklang, daß bei all den Fällen unter Gruppe B,
die also keine Galle und keinen Pankreassaft im Magen nachweisbar
hatten, die Anlegung der Anastomose bereits längere Zeit — Minimum
1) Carle und Fantino, Beitrag zur Pathologie und Therapie des Magens.
Langenbecks Archiv Bd. 56.
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364 I^r- Neuhaus, [SO
i Jahr 4 Monate — zurücklag. Daß während dieses Zeitraumes eine
Reparation der Dilatation und Atonie stattfinden kann, dürfte außer
allem Zweifel sein.
Sehr nahe liegt natürlich der Einwurf, wie es denn kommt, daß
aber bei den unter Gruppe A untergebrachten 7 Patienten Galle und
Pankreassaft im Magen nachweisbar waren. Diese Fälle mit positivem
Ergebnis von Galle und Pankreassaft im Magen scheiden sich in zwei
Klassen. Die erste Klasse umfaßt diejenigen Fälle, welche sehr bald
nach der Operation nachuntersucht worden sind, und bei denen sich
naturgemäß Galle und Pankreassaft im Magen finden mußten, weil
sich in so kurzer Zeit eine etwa vorhandene Dilatation und Atonie
des Magens nicht hat zurückbilden können. In diese Klasse gehören
die Fälle V, VI, VII der Gruppe A. Bei allen diesen hat die Zeit-
dauer von der Operation bis zur Nachuntersuchung im Maximum
drei Monate betragen. Für die Fälle I— IV, die auch Galle und Pan-
kreassaft im Magen haben, kann eine befriedigende Erklärung nur da-
durch gegeben werden, daß man annimmt, entweder hat sich die
Dilatation und Atonie aus irgendwelchen Gründen, die oftmals nicht
völlig klar zutage liegen, nicht zurückgebildet oder es hat von vorn-
herein keine erhebliche Dilatation und Atonie vorgelegen, so daß ein
Schrumpfen des Magens und damit auch der Anastomosenöifnung
nicht eintreten konnte. Sehr bemerkenswert und instruktiv ist in
dieser Hinsicht der Fall I unter Gruppe A. Der Patient ist vor fünf
Jahren auswärts wegen dauernder Magenbeschwerden gastroenterosto-
tniert worden. Es wurde eine Gastroenterostomia anterior antecolica
mit Hilfe des Murphyknopfes gemacht. Das Befinden besserte sich
nicht wesendich und der Patient schleppte sich fünf Jahre lang in
ziemlich desolatem Zustande weiter. Schließlich ließ er sich auf
unsere Klinik wegen seiner dauernden Magenbeschwerden aufnehmen.
Wir fanden bei der funktionellen Magenuntersuchung einen enorm
dilatierten Magen, dessen untere Grenze etwa handbreit unterhalb
des Nabels stand; im Mageninhalt war sehr viel Galle und Pankreas-
saft. Die daraufhin vorgenommene Relaparotomie bestätigte unseren
Befund hinsichdich der enormen Dilatation; wir fanden außerdem im
Magen den 2V2 cm im Durchmesser großen Murphyknopf. Die Ana-
stomosenstelle war kaum für die Kuppe des kleinen Fingers durch-
gängig, also nicht 1 cm im Durchmesser groß. Es ist klar, daß in
diesem Falle die Verengerung der anfänglich doch mindestens 2V2 cm
betragenden Anastomosenstelle lediglich durch Narbenschrumpfung
stattgefunden haben muß, denn eine Verengerung der Anastomose in-
folge Rückgang der Magendilatation im allgemeinen war angesichts des
noch vorliegenden, enorm dilatierten Magens naturgemäß ausgeschlossen.
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31] Ergebnisse funktioneller Magenuntersuchungen usw. 365
Der im Magen liegen gebliebene Murphyknopf hat u. E. den Grund für
das Fortbestehen der Dilatation und Atonie abgegeben; es ist sehr
wohl denkbar, daß der dicke Knopf sich gegen den Pylorus gelegt
und die Entleerung des Magens beeinträchtigt hat. Wir haben den
Knopf entfernt, sonst aber an der Anastomosenstelle, die ja, wenn
auch nur sehr gering, doch noch durchgängig war, nichts gemacht.
Der Patient hat sich nach der Operation sehr erholt und seine bis-
herigen Beschwerden verloren. Er hat nicht mehr, wie vor der Ope-
ration, an kopiösem Erbrechen gelitten, dagegen an Körpergewicht
zugenommen. Leider war die Zeit, während der wir ihn auf der
Abteilung hatten, zu kurz, um die Möglichkeit einer Ruckbildung der
Dilatation des Magens und damit eine Ausschaltung der Anastomosen-
öifnung zu beobachten. ^
In ähnlicher Weise müssen alle die Fälle erklärt werden, welche ^
nach längerer Zeit noch Galle und Pankreassaft im Magen aufweisen.
Die Anastomose ist offen geblieben, weil sich aus irgendeinem
Grunde die Dilatatio ventriculi nicht zurückgebildet hat. So ist z. B.
auch bei Fall n unter Gruppe A das Verhalten des Magens völlig klar.
Der Patient hatte eine Verschüttung mit starker Quetschung des Ab-
domens erlitten und etwa 4 — 5 Monate nach dem Unfall, allmählich
einsetzend, mehr und mehr stärker werdende Stauungsbeschwerden
von selten seines Magens bekommen. Die chemische Untersuchung
seines Mageninhalts ergab die typischen, oftmals für Karzinom ver-
werteten Resultate einer Magenstauung: keine freie Salzsäure, reichlich
Michsäure, schlecht angedautes Probefrühstück, lange Bazillen usw. Wir
konnten unter diesen Umständen ein Pyloruskarzinom nicht mit
Sicherheit ausschließen, machten die Laparotomie und fanden am
Pylorus zahlreiche, bindegewebige Verwachsungen, welche eine Steno-
sierung des Pylorus und anschließenden Duodenums bewirkt hatten.
Wir lösten die Verwachsungen, fügten aber sofort in Erinnerung der
Tatsache, daß sich solche Verwachsungen fast immer wieder bilden,
gleich eine Gastrojejunostomie hinzu* Seit der Operation ist der
Mann wieder arbeitsföhig, ohne Magenbeschwerden zu haben. Er ist,
wie die Tabelle zeigt, 2 Jahre 9 Monate post op. von uns nachunter-
sucht worden. Hier ist der Pylorus ziemlich sicher fast ganz oder
ganz geschlossen. Der Mageninhalt ist also auf einen anderen
Ausgang angewiesen. Den bildet die Anastomose, die sich unter die-
sen Umständen naturgemäß nicht schließen kann. Für die Fälle III
und IV sind wir nicht in der Lage eine detaillierte Erklärung geben zu
können^ warum sich bei ihnen nicht wieder der alte Entleerungsmodus
durch den Pylorus mit sekundärer Unwegsamkeit der Anastomosen-
öffnung eingestellt hat.
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366 I^r- Neuhaus, [32
Daß bei völlig geschlossenem Pylorus die Magendarmftstel sich
nicht schließen kann, ist selbstverständlich. Dementsprechend findet
man auch bei solchen Fällen immer Galle und Pankreassaft im Magen.
Wir verweisen in dieser Hinsicht auf die beiden Fälle unter Gruppe D.
Fall I hatte ein Conamen suicidii mit roher Salzsäure begangen; es
bestand eine schwere Ösophagusstriktur, derentwegen die Patientin auf
der Klinik behandelt wurde; es entwickelte sich unter unseren Augen
eine völlige Stenose des Pylorus. Der Magen wurde ad maximum
dilatiert; er reichte schließlich nach 2 — ^3 Tagen , in denen die Ste-
nose manifest wurde, fast bis zur Symphyse. Wir machten die Laparo-
tomie und fanden den Pylorus völlig undurchgängig. Eine Gastro-
jejunostomie half dem bedrohlichen Zustande ab. Diese Patientin hat
natürlich, da bei völlig geschlossenem Pylorus der Mageninhalt ledig-
lich auf die neue AnastomosenöiFnung angewiesen ist, dauernd Galle
und Pankreassaft im Magen, da ja die Magendarmfistel unter diesen
Umständen naturgemäß offen bleiben muß. Genau so liegen die Ver-
hältnisse bei dem anderen Fall unter Gruppe D. Ihm ist wegen
Pyloruskarzinom eine Pylorusresektion nach Billroth II, also völliger
Pylorusverschluß und Anastomose zwischen Magen und Jejunum, ge-
macht worden. Diese Öffnung ist nunmehr die einzig abführende am
Magen; infolgedessen schrumpft sie nicht wegen des dauernden Ge-
brauches; der Magen enthält aber auch dauernd Galle und Pan-
kreassaft.
Bei den Gastroenterostomien mit Braupscher Enteroanastomose
scheint zunächst stets Galle und Pankreassaft im Magen zu sein,
später jedoch nicht mehr. Wir haben vier derartige Fälle nachunter-
sucht, welche unter Gruppe C untergebracht sind; zwei, Fall III und
IV, bei denen die Zeit zwischen Operation und Nachuntersuchung
allerdings erst sehr kurz war (bis zu IV2 Monaten), hatten Galle und
Pankreassaft im Magen. Bei Fall I (4 mal nachuntersucht) hat sich
vom 4. Monate ab niemals mehr Galle und Pankreassaft im
Magen nachweisen lassen. Der Fall II war besonders bemerkenswert
Hier war bis zum 6. Monate post op. Galle und Pankreassaft im
Magen nachweisbar; die Patientin, eine stark nervöse, um nicht zu
sagen hyste Ärzte, ge-
schweige denn Hebammen, die allerdings an ihre Vorschriften ge-
bunden sind, beachten sie Tag für Tag nicht?
Das an sich logisch richtige und zutreffende Prinzip der chemischen
Abtötung der Hautkeime, die bestenfalls nur die Oberflächen- aber
nicht die Tiefenkeime sicher trefl^en kann, hat die Hautdesinfektion in
eine Sackgasse geführt, aus der sich viele, weil sie gestützt wird durch
die herrschende Lehrmeinung und ihre einleuchtende Folgerichtigkeit,
nicht mehr herausfinden werden.
Die Alkoholwaschung vereinigt in sich die Prinzipien der mecha-
nischen und der chemischen Reinigung, allerdings besonders stark
das erstere in glücklichster Weise. Der Weingeist muß daher voll-
ständig in den Vordergrund treten — bis etwas Besseres mit der Zeit
gefunden werden wird.
Heißwasser und Seife allein ergibt schlechte Ergebnisse, weil die
Haut aufgelockert und der Schmutz aufgewühlt wird. Vielfach erhält
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7] Im Kampfe gegen das Kindbettfleber. . 271
man den Eindruck, daß durch eine solche Reinigung erst recht die
Menge der Keime vermehrt wird. Nur, wenn gleichzeitig eine nach-
druckliche mechanische Scheuerung der Haut mit Sand, Marmor, vor
allem mit Kieselgur (Saposilikseife), gefolgt von einem festen Abreiben
mit einem rauhen trocknen Handtuche stattfindet, kann die Zahl der
Keime einigermaßen vermindert werden. Durch das trockne Abreiben
werden die losgelösten Spaltpilze gründlicher entfernt. Nicht selten
laßt sich eine weitgehende, aber leider noch nicht genügende Keim-
verarmung herbeiführen. Dieser Seifenwaschung noch eine Reinigung
mit irgendeinem Desinfizienz in Wasser folgen zu lassen, kann die
Verhältnisse nicht wesentlich verbessern, weil in so kurzer Zeit kein
Desinfizienz die Keime töten, jene der Tiefe überhaupt schädigen
kann. 1)
Heißwasser und Seife plus Desinfiziens in Wasser ist
nicht besser als eine Heißwasserreinigung mit Sand, Saposi-
likseife plus Abreiben mit einem rauhen Tuche. Diese
Methode muß als unzuverlässig fallen gelassen werden.
Die noch so weit verbreitete Anwendung dieser ^^Desinfektion''
ist zweifellos mit in erster Reihe daran schuld, daß das Kindbettfieber
nicht abnehmen will, sondern im Gegenteil vielfach noch im Zunehmen
begriiFen ist. Diese Art der Reinigung wäre auch schon lange vollstän-
dig verlassen worden, wenn nicht glücklicherweise die gewöhnlichen
Hautkeime einer Tageshand im ganzen genommen eine geringe An-
1) Gewiß bewirkt die Seife eine gute mechanische Reinigung, da sie durch ihr
freies Alkali Schmutzteile auf- und loslöst, diese Teile durch den Seifenschaum,
der durch saure Fettsalze erzeugt wird, lockert und sie einhüllt. Diese mechanische
Reinigung reiner Seife wird in der Saposilikseife durch feine Kieselgurkristalle ganz
aaßerordentlich gesteigert — die Haut wird sichtlich geglättet durch Abscheuem
der lockeren Hornzellen. Zu dieser allbekannten mechanischen Wirkung gesellt
sieb, jedoch nur freiliegenden Keimen gegenüber eine nicht unbeträchtliche keim-
tötende Kraft. Diese ist nach Raß am bedeutendsten bei einer heißen 20prozen-
tigen Seifenlösung, sofern sie mit destilliertem Wasser hergestellt wird. Auch kann
die Wirkung durch Zusatz von Kresol oder Phenol zu gleichen Teilen beträchtlich
gesteigert werden, so daß 3prozentige Phenolseifenlösungen dieser Art genügen.
Jeder Gehalt an Kalk im Wasser vermindert jedoch die Wirkung. Auf Grund dieser
Untersuchungen versuchte ich 20— SOprozentige Seifenlösungen, ich erreichte jedoch
keine Keimverarmung, da die keimtötende Kraft der Seife offenbar für die Keime
der Tiefe, die geborgen liegen, nicht ausreicht.
Wird nach der Seifenwaschung ein Quecksilbersalz angewandt, z. B. Sublimat,
Sttblamin, so liegt die Gefahr nahe, daß durch Reste der Seife, oder durch einen
etwaigen Kalkgehalt des Wassers diese Verbindungen gebunden oder ausgefäUt und
in ihren antiseptischen Wirkungen geschwächt werden. Quecksilberoxycyanat macht
allerdings eine Ausnahme, es müßte daher den obigen Stoffen weit vorgezogen
▼erden.
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272 Otto von Hcrif, [8
griifskraft (Virulenz) besäßen, und daher nur selten schadeten. Wurde
und wird doch noch auf Erden in unzähligen Fällen Geburtshilfe mit
ungereinigten Händen getrieben und dennoch erkranken und sterben
die wenigsten dieser Frauen! Weil nicht jedesmal nach einer solchen
Reinigung, die, wie wir jetzt sicher wissen, ungenügend ist, eine In-
fektion erfolgt, wird bei so manchem Arzte der Trugschluß begünstigt,
daß diese Methode für die Bedürfnisse der Praxis völlig ausreiche.
Wer bürgt aber, meine Herren, dafür, daß sich nicht gelegentlich, viel-
leicht ausnahmsweise auf der Tageshand höchst angriifskräftige Spalt-
pilze Z.B.Streptokokken eingenistet haben? Eine Möglichkeit, die aus
naheliegenden Gründen sicherlich am ehesten und am häufigsten an
den Händen der Ärzte, vielleicht seltener an den Händen der Hebam-
men eintreten kann.
Die Hand eines Arztes, der sich nicht streng von infek-
tiösen Stoffen fernhält, ist erheblich gefährlicher als
eine noch so schmutzige Tageshand einer entarteten Heb-
amme. An ersterer Hand werden öfters gefährliche Keime
haften, an letzterer brauchen sie nicht vorhanden zu sein.
Tausendfältig sind die Beweise für diese Tatsache. Immerhin möge hier darauf
hingewiesen werden, daß Stöckel (Miinch. med. Wochenschr. 1908, S. 45) jüngsthin
wieder ein solch warnendes Beispiel aufführte. Ein Arzt, dessen Hand mit Anginaeiter
beschmutzt wurde, untersuchte seine eigene Frau nach gründlichster Desinfektion —
trotzdem starb sie am Kindbettfieber. Der Fall beweist, daß entweder diese gründ-
liche Desinfektion, deren Methode leider nicht erwähnt wird, trotz der besten Absicht
doch nicht gründlich gewesen ist, weil sie es an sich nicht sein konnte, oder daß
ein anderer ursächlicher Zusammenhang vorgelegen haben kann, der Anginaeiter un-
schuldig gewesen ist. Im ersten Falle wäre das Unglück mit einer der modernen
Alkoholmethoden vermieden worden.
Ganz ungezwungen erklärt es sich, warum so manches Kindbett-
fieber durch das ärztliche Personal, insbesondere durch den Arzt
veranlaßt wird trotz tatsächlich gründlichster und gewissenhaf-
tester Desinfektion — allerdings etwa nach der ungenügenden Heiß-
wasserreinigung plus einem Desinfizienz in Wasser. Man zerbricht
sich den Kopf, man forscht nach allen möglichen entfernten Ursachen
— aber an das Nächstliegende, an die angewandte, notwendig unge-
nügende Reinigung, meine Herren, wird nicht gedacht. Hat doch
diese in so und so vielen Fällen genützt^ freilich nur, und das wird
übersehen, weil die Keime der Tageshand verhältnismäßig harmlos sind
und sich zufälligerweise keine angriffskräftigen darunter befunden
haben. Eine Selbsttäuschung, die schon sehr viel Unheil angerichtet
hat und leider noch weiterhin Unglück herbeiführen wird!
Die großen Opfer, die das Kindbettfleber alljährlich fordert,
müssen das ärztliche Gewissen schärfen^ sie müssen dazu führen, die
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g] Im Kampfe gegen das Kindbettfleber. 273
Methode der Heißwasserseifenreinigung plus einem Desinflzienz geg-
last in Wasser vollständig zu verwerfen.
Asepsis gewährleistet durch mechanische Maßnahmen,
meine Herren, ist das Ziel das erstrebt werden muß — darin
hat Schleich durchaus recht!
Das mechanische Prinzip der Entfernung der Ober-
flächenkeime neben einer Einsperrung der Tiefenkeime
durch Einschrumpfung und Entwässerung der Haut muß in
der Händereinigung den breitesten Raum einnehmen. Eine
solche Reinigung kann einer Heißwasserseifenwaschung
folgen (Ahlfeld). Noch besser freilich ist es diese vollständig
fallen zu lassen, weil sie dem Prinzipe der Eintrocknung
der Haut entgegenarbeitet. Die Desinfektionsmethode wird
denkbar vereinfacht und abgekürzt, sie wird zu einer Schnell-
desinfektion (Schumburg), ohne irgendwie dabei an Zuverläs-
sigkeit einzubüßen.
Der nächstliegende und überall erreichbare Stoff ist der Weingeist.
Ohne Alkohol keine irgendwie genügende Keimarmut oder Keimfreiheit
heißt es überall und mit vollem Recht meine Herren! Folgt aber der
Anwendung des Alkohols, der die Haut eintrocknen und einschrumpfen
laßt, überdies Keime tötet und weithin in die Tiefe der Haut eindringt,
eine Wasserwaschung plus Desinfiziens in Wasser — Fürbringersche
Methode — so wird die Haut wieder aufgeweicht. Das Schlußergebnis
wird verschlechtert, weil das wichtigste mechanische Prinzip einer
Keimverarmung der Haut und damit auch der Alkoholanwendung
vernichtet oder doch ganz wesentlich abgeschwächt wird. Viel zweck-
mäßiger und vernünftiger wäre es doch, wenn jene, die sich nun ein-
mal von der Vorstellung durchaus nicht freimachen können, als ob
z. B. Sublimat oder gar Lysol in wenigen Minuten Spaltpilze, die in
Eiweiß- oder Fetthüllen oder sonstwie geschützt liegen, töten oder irgend-
wie unschädlich machen können, die Alkoholwaschung am Schlüsse
setzen, also Heißwasser, Seife plus Desinfiziens in Wasser plus
Alkohol anwenden. Oder, was kürzer und weit bequemer wäre, dem
Weingeist gleich das gewünschte Desinfiziens zufügen, somit sich
nach Engels Methode reinigen, d. h. Heißwasser, Seife plus Desinfi-
ziens in Alkohol gelöst z. B. 2 % Bazillol, Lysoform oder 5 % Formizin
(Ffith) od. dgl. m. anwenden.
Die Heißwasser-Alkoholdesinfektion mit oder ohne Zu-
satz eines Desinflzienz — Ahlfeld, Engelj ist für alle,
die Heißwasser und Seife nicht fallen lassen mögen, die zur-
zeit beste. Sie gewährleistet die größtmögliche Zuverläs-
sigkeit und Sicherheit ihrer Wirkung. Nicht selten wird
Klitt. Vortrige, N. F. Nr.487. (Gynäkologie Nr. 177.) Juni 1908. 21
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274 Otto von Herff, [10
eine Keimfreiheit erzielt, unter allen Umständen aber eine
Keimverarmungy die an Keimfreilieit grenzt, die daher prak-
tiscti einer solchen gleichkommt.
Ahl Felds Reinigung, wie übrigens die nach Engel empfiehlt sich
auch aus dem Grunde ganz besonders für den Hausarzt und die
Hebamme, weil sie weit bequemer und einfacher ist als die Für-
bringersche Methode.
Seife wie Wasser weichen die Haut auf, sie befördern das Aus-
wandern der Tiefenkeime ohne sie zu vernichten. Sollte es daher
nicht zweckmäßiger sein, diese beiden Mittel in der Händereinigung voll-
ständig fallen zu lassen?
Wasser schaltet die Seifenspiritusreinigung nach Mikulicz
und Vollbrecht aus. Die Endergebnisse sind leider ungleich, wohl
infolge der verschieden starken Aufweichung der Haut durch den
alkalischen Seifenzusatz. Neben weitgehendster Keimverarmung findet
man Fälle mit ungenügender Wirkung, ohne daß der Grund ersichtlich
wäre. Immerhin ist die Methode praktisch brauchbar und wird auch
zurzeit von vorzüglichen Chirurgen durchgehendst angewandt.
Wasser und Seife vermeidet Schumburg, dem unzweifelhaft das
Verdienst zukommt, die Frage der sichern Schnelldesinfektion unter-
sucht und der Lösung nähergebracht zu haben. Schumburgs Ergeb-
nisse werden unter anderen von Kolle und Tavel in Bern, denen
ich mich anschließe, bestätigt Nach Reinigung der Nägel wird die
Tageshand unter Verzicht auf Wasser und Seife mittelst Watte, Gaze
oder Flanell, was ich vorziehe, um die so gefährlichen ungekochten
Bürsten auszuschalten, mit einer Lösung von zwei Teilen Alkohol auf
einen Teil Äther bei einem Zusatz von ^4 % Salpetersäure abgerieben.
MeineVersuche wurden mit und ohne vorgängige Reinigung der Nägel
— letzteres soll natürlich nicht als Vorbild dienen — teils mit einer
Lösung von zwei Teilen Alkohol und einem Teil Azeton, teils tnit
Alkohol und Azeton zu gleichen Teilen ausgeführt. Die Tageshand
wurde mit dieser Lösung und einem Flanelllappen, der einmal ge-
wechselt wurde, kräftig abgerieben. Die Ergebnisse sind in jeder Be-
ziehung zufriedenstellend. Von beiden Händen zugleich gingen in
der Regel nur 2—3—4 Keime, die sehr wohl aus der Luft stammen
konnten, auf, ab und zu blieben die Platten steril — d. h. es wurde
eine Keimverarmung, die an Keimfreiheit grenzt, die praktisch einer
Keimfreiheit gleichkommt, erzielt. Diese Schnelldesinfekiion, die nicht
mehr wie 4 — 5 Minuten in Anspruch nimmt und nur eine einzige
Maßnahme erfordert, ist denkbar kurz und bequem. Durch Eintrock-
nen und Entwässern der Haut wird den Spaltpilzen, die noch an der
Hand haften geblieben sind, die wesentlichsten Bedingungen für ein
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] I] Im Kampfe gegen das Kindbettfieber. 275
Auskeimen entzogen, sie iLÖfifieii sicli während der Dauer einer Ope-
ration nicht vermehren. AIlLohol-Azeton ^irkt daher außerordentlich
emwicklungshemmend auf Reime der Tiefe wie der Oberflache.
Das auffallendste an dieser Desinfektionsmethode ist aber die
Dauerwirkung. Bei einer ganzen Anzahl langdauernder Operationen,
die nach dieser Scbnelldesinfektion und ohne Handschuhe ausgeführt
wurden, bei denen also genug Luftkeime auf die Hände fallen konnten,
fanden sich bei der SchluOentnahme, selbst wenn dieser ein 8—10
Minuten langes Aufweichen der Haut mit ^/lo % Natronlauge vorausge-
gangen war, nur spärliche Keime an beiden Händen zugleich vor. Die
Zahlen schwankten zwischen und 18, nach einer Nafronlaugeauf*
weichung zwischen 1— 36 — d. h. weniger als Luftkefme auf die Hände
wahrend der Operationszeit gefallen sein konnten. Die Dauerwirkung
erstreckt sich auf 1—2 Stunden nach der Desinfektion. Sie wird nicht
durch häufiges Abwaschen der Hände in sterilem Kochsalzwässer oder
dinth Aszites oder durch Blut und sonstige Körpersäfte vermindert.
Die Desinfektion ist so sicher, daß Handschuhe überflüssig erscheinen
konnen.i)
Kein Zweifel, daß die Schumburgsche Metkode, namentlich in
meiner Abänderung mit Azeton, eine ganz ausgezeichnete und zu-
verlässige Sehnelldesinfekiion istj diCy insbesondere letztere, alles
Winschhare leistet.
Scbumburg and neuerdings ▼. Brunn haben auch Versuche mit reinem Wein-
geist, mit des» gewöhnlichen denaturierten Brennspiritus angestellt, die recht zu^
friedenstellend ausgefallen sind. Eigene Versuche habe ich damit noch nicht aus-
föbren können, auch ist mir über eine Dauerwirkung, die doch die Hauptsache bei
allen Desinfekttonsmethoden ist, noch nichts bekannt geworden.
Azeton habe ich statt Äther gewählt, einmal weil es billiger als dieser ist,
sodann und in erster Linie weil es vermöge seiner fettlösenden Eigenschaft ein
itMgezeichnetes Putzmittel für die Haut ist, weil es ein vorzüglicher Ersatz für
Seife ist, das entgegengesetzt der Seife die Haut nicht aufweicht, sondern diese,
gleichzeitig in vorzüglicher Weise eintrocknet und härtet. Die Tiefenkeime werden
derart eingesperrt, daß die ^/lo prozentige Natronlaugenaufweichung nicht genügt,
sie zu befreien, geschweige denn andere Flüssigkeiten, wie steriles Kochsalzwasser,
Aszites, Blut usw. Venig angenehm ist der Geruch des Azetons; immerhin ist er
geringer als jener des Äthers. Leider ist Azeton feuergefährlich, so daß Vorsicht
bei Licht durchaus geboten ist. Meiner Erfahrung nach reizt Azeton die Haut nicht,
im Gegenteil beobachte ich," daß ein eingewurzeltes Alkoholekzem meiner Hände
sich bessert. Die Ketone sollen eine geringe keimtötende Eigenschaft besitzen,
dech scheint diese bei dem Azeton sehr schwach zu sein, indes habe ich über
diesen Punkt nur geringe Erfahrung.
Wederhake (Deutsch, med. Wochenschr. 1907, Nr. 15) empfiehlt eine Jod-
tetrachlormethanlösung, besonders auch, weil sie sehr tief in die Haut eindränge.
Vasser und Seife sind ebenfalls nicht erforderlich. Tetrachlormethan, CCI4, ist
1) Herr Dr. Oeri wird demnächst diese Versuche genauer mitteilen.
21*
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276 Otto von Herif, [12
nicht feuergefihrlich , es Idst mit Leichtigkeit öle, Paraffin, Kautschuk — ich habe
bisher keine Gelegenheit gehabt, mich mit dieser Methode näher zu befassen.
Die Kenntnis, daß es mit keiner der früheren Desinfektions-
methoden, insbesondere der FOrbringerschen, gelingt, eine an
Keimfreiheit grenzende Keimverarmung der Hände auf die Dauer
zu erzielen, führte, da sich die Zwirnshandschuhe Halsteds (1801)
nicht bewährten, zur Einführung der Gummihandschuhe durch
Zoege von Manteuffel (1895). Diese wurden von Friedrich
wesentlich verbessert. Als Vorläufer der Handschuhe kann die Emp-
fehlung Murphys (1894)^) gelten, die Hände mit einer 4prozenti-
gen Guttaperchabenzinlösung, das Operationsfeld mit dem rascher
trocknenden Guttaperchaazeton zu bestreichen — auf welche Vor-
schläge ich noch später zu reden kommen werde. Gummihand-
schuhe lassen sich durch Dampf, weniger zweckmäßig durch Kochen,
im Notfalle auch durch Heißwasserseife und Alkohol sicher keim-
frei machen — das ist nicht zu bezweifeln, doch dürfen sie keine
Löcher haben, das ist unbedingte Voraussetzung. Der Vorteil der
sicheren Keimfreiheit ist so groß, daß manche in deren Gebrauch
das beste Prophylaktikum gegen Kindbettfieber sehen (Döderleio).
Leider haften den Handschuhen mancherlei Nachteile an, die damit
nicht aus der Welt geschafft werden, daß sie als nicht stichhaltig
kurzweg erklärt werden. Auch verfügen wir jetzt über Methoden
der Händereinigung, die eine solche Keimarmut in wenigen Minuten
in der bequemsten Weise gewährleisten, daß man sich füglich fragen
muß, ob die Handschuhe tatsächlich eine solch größere Sicherheit
gewähren, daß ihre nicht unbeträchtlichen Nachteile gerne in den
Kauf zu nehmen wären. Besonders zu erwähnen sind: die Glätte,
ferner die Herabsetzung des Tastgefühles, die geringe Haltbarkeit
und Kostspieligkeit, nicht zu vergessen die Zerreißlichkeit. Ich bin
seit vielen Jahren an Handschuhe und Fingerlinge gewöhnt, aber noch
heute ist mir bei gewissen geburtshilflichen Eingriffen die Glätte und
die Herabsetzung des feinen Tastgefühls höchst unangenehm. So wird
mir das Sprengen der Eihäute außerordentlich erschwert, die Ablösung
der Placenta unsicherer, das Fühlen einzelner Eihautfetzen fast unmög-
lich gemacht. Habe ich doch vor wenigen Wochen erlebt, daß ein
sehr tüchtiger und gewandter Arzt, der das Fehlen eines Plazentar-
lappens erkannte, diesen trotz sorgsamster Abtastung der Uterushöhle
nicht finden konnte, schließlich glaubte sich geirrt zu haben. Aber
einige Tage später wurde ein handtellergroßes Plazentarstück ausge-
stoßen! Grund? Die Austastung war wegen Lues mit Handschuhen
1) Journal of American Association 1904, no. 12.
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13] Im Kampfe gegen das Kindbettfleber. 277
vorgenommen worden« Welche Schwierigkeiten mag drum ein Arzt,
der nicht so wie ich an den täglichen Gebrauch von Handschuhen
und Fingerlingen gewöhnt ist, zu überwinden haben, muß nicht sein
Eingreifen unsicher werden? Man erkundige sich nur einmal da-
nach! Und was die Zerreißlichkeit anbelangt, so sah ich erst neulich
auf meinem Kreißsaale, wie bei einer allerdings etwas schwierigen Ex-
traktion nach Deventer-M Oller ein neuer Handschuh quer einriß und
in Fetzen ging! Das hatte im vorliegenden Falle ja nichts zu sagen, da
zuvor die Hand nach Ahlfeld zum mindesten keimarm gemacht
vorden war, und diese Keimarmut sich unter einem trockenen
Handschuhe nachweislich stundenlang erhält. Wie oft, meine Herren,
entstehen kleine Risse, wie oft haben neue Handschuhe ganz kleine und
kleinste Defekte? Man achte doch nur einmal darauf! Ist die Hand
nicht vollkommen trocken, bildet sich ein »Handschuhsaft'', der oft
genug voll Spaltpilzen ist, so quillt er nach außen und kann infizieren.
Auf der andern Seite können Flüssigkeiten von außen unter den Gummi
eindringen und den Arzt erheblich gefährden. Unter allen Umstän-
den zwingt die Zerreißbarkeit der Handschuhe die Hand zuvor auf
das allersorgfältigste zu reinigen. Geschieht solches mit einer der
besprochenen Alkoholmethoden, die ja eine anhaltende, weitest-
geliende Keimarmut, die an Keimfreiheit grenzt, die unter allen Um-
standen für die Dauer einer geburtshilflichen Operation weit aus-
reicht, sicher gewährleisten, so sind Handschuhe eigentlich überflüssig,
da sie praktisch kaum einen größeren Schutz verleihen können.^)
Das sind Tatsachen, die sich durch noch so volltönende Worte der
eigenen Oberzeugung des Gegenteils nicht aus der Welt schaßten lassen
und die keinen anderen logischen Schluß gestatten als den eben ge-
falirten. Handschuhe haben auch in der Tat die Ergebnisse der Kliniken
nicht im geringsten zu bessern vermocht, was doch unbedingt der
Fall sein müßte, wenn wirklich den Handschuhen ein so großer Vor-
teil zukommen würde. Um diesen Punkt gehen die Anhänger der
Handschuhe herum — aber damit wird diese wichtige Tatsache nicht
ausgeschaltet! Der Nichtgebrauch der Handschuhe bedeutet daher
noch lange nicht einen Mangel an Gewissenhaftigkeit (Jung) oder
gar einen Leichtsinn, wie kurzsichtige Kritik, der die Wertigkeit
1) So schreibt DurUcher in der Ärztlichen Rundschau 1907, Nr. 33 aus der
Praxis heraus: Den geübten Praktiker kann zwar hier (d. h.^bei zuvor mit Eiter be-
scbmutzten Hfinden) das Operieren mit Gummihandschuhen große Vorteile bieten;
der Anflnger wird aber durch die Tastsinnesbeschrfinkung für die Handschuhe weniger
Sjnnpathie bekunden. — Jedenfalls kommen die ganz vereinzelten Keime, die sich von
einer Hand ohne Handschuhe entfernen lassen, nicht in Betracht, gegenüber der
Menge Keime der Scham und Scheide, die mit verschleppt werden.
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278 Otto von Herff, [14
der neueren D^infektionsmethoden offenbar vollständig unbekannt
geblieben ist, behaupten konnte.
Der tuDerordentlich unschätzbare Wert der Handschuhe liegt auf
einem anderen Gebiete:
Schutz der eigenen Hand gegen Beschmutzung mit gefährlichen
Fremdkörpern aas anderen Quellen, Schutz gegen eigene Erkraw-
hang, Ermöglichung der eigenen Tätigkeit, wenn die Hand nicht
ganz frei von kleinsten Rillen, Schrunden und Wunden aller Art
ist. Gerade diese unscheinbaren Hautverletzungen beherbergen Spalt-
pilze, darunter gewiß nicht selten angriffskräftige Formen , die, als
Fremdkeime in frische Geburtswunden eingepflanzt, die schwersten
Erkrankungen auszulösen vermögen.
In der Ermöglichung des Eigenschutzes, der sogenannten Noninfek-
tion, liegt der wahre Wert der Handschuhe, der selbst ein unersetz-
licher wäre, wenn dieser Eigenschutz sich nicht auf dem Wege Mur-
phys in billigerer Weise ermöglichen ließe! Eine tiefe Wahrheit liegt
in Kochers Anschauung, gewiß eines der maßgebendsten Chirurgen
der Jetztzeit, dem nicht Mangel an Gewissenhaftigkeit oder gar Leicht-
sinn vorgeworfen werden kann, daß man nicht während einer Opera-
tion, sondern in der Zwischenzeit Handschuhe tragen solle!
Betont muß werden, daß ein Selbstschutz nur bei unverletzten Handschuhen
vorhanden ist. Zweimal habe ieh trotz Handschuh Wundrose an meinem linken
Arm davongetragen, der Gummi mußte kleinste Lficher besessen haben. Daß in
solchen Pillen die Gefahr bei Handschuhen größer ist als ohne diese liegt auf der
Hand. Immerhin scheinen diese persönlichen Erfahrungen Ausnahmen zu sein.
Der richtige und sachgemäße Gebrauch von Handschuhen verein-
facht nicht die Desinfektion, sondern erschwert und verteuert sie nament-
lich nicht unerheblich« Höhere Ansprüche an die Gewissenhaftigkeit, an
die Bequemlichkeit und an die Zeit des Arztes werden gestellt, als
es irgendeine der bewährten Alkoholmethoden nach Ahlfeld, Engel,
oder Schumburgs Schnelldesinfektion fordern. Das sind Gründe
genug, um danach zu streben, die Handschuhe für die Praxis über-
flussig zu machen«
Die unverkennbaren Nachteile der Handschuhe, das Bestreben,
deren Vorteile auch auf andere Weise zu erreichen, insbesondere das
mechanische Prinzip der Keimeinsperrung in der Händereinigung
(Schleich) zu vervollkommnen, führte zu aussichtsreichen Ver-
suchen, die Hautkeime in ihren Schlupfwinkeln fest zu bannen.
Der Versuche Murphys, eine Art Gummihandschuh zu scha£Fen,
habe ich soeben gedacht, ich selbst besitze darüber keine Erfahrung.
In einfacher, allerdings in wenig sicherer Weise läßt sich der
Forderung der Keimabsperrung nachkommen durch das von alters
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15] Im Kampfe gegen das Kindbettfieber. 279
her bekannie Einreiben der Haut mit Öl, überhaupt mit Fett oder
Vtseline. Ich selbst habe fOr das Operationsfeld mit gutem Erfolge
liogere Zeit Jodipin verwandt. Alle diese Mittel verschmieren, außer-*
dem kann man sich leicht davon überzeugen, daß sie nicht sicher
sind, weil sie sich zusamt den Hautkeimen, die nicht abgetötet wurden,
abstreifen lassen. Durchaus brauchbar ist die Desinfektionsmethode
Heußners: 5 — 10 Minuten langes Abreiben der trockenen Hand mit
IVoo Jodbenzinlösung, — statt dessen habe ich Jodazeton mit gleicher
Wirkung versucht, — welcher etwa 10% ParafSnöl zur Schonung und
Deckung der Haut zuzusetzen ist Verlangt muß aber werden, daß
solche Schutzmittel eintrocknen und der Haut fest anhaften, wenn
sie Gummihandschuhe ersetzen sollen. D öder lein verwendet daher
gelöstes Guttapercha, Gaudanin im Handel genannt, doch ist dieses
Mittel, abgesehen von der Umständlichkeit seiner Anwendung, auf
einem Operationsfeld sehr brauchbar, aber nicht für die Hände ge-
eignet.
Viel zweckmäßiger erscheint das Wichsen (Bohnen) der Haut mittelst
Chirosoter, einer Lösung verschiedener Wachsarten in Tetrachlor-
kohlenstoff, die geßirbt und ungefärbt in den Handel kommt^) Diese
Wachslösung, die besonders von Klapp empfohlen wird, gewährleistet,
selbst wenn sie auf eine völlig unvorbereitete Tageshand aufgetragen
wird, eine solche weitgehende Keimarmut, die an Keimfreiheit grenzt,
wie sie nur mit den Alkoholmethoden erreicht werden kann. Diese
ist zudem dauernd, weil Tiefenkeime nicht mehr auswandern können
und der Wachsüberzug nicht so bald abblättert. Zur Anwendung
eignen sich nach den Versuchen Meißners, dem ich hier folge, so-
wie nach meinen eigenen Erfahrungen — ich verwende seit langem
Chirosoter zur Abdeckung aller Operationsfelder, einschließlich des
der Scham mit allerbestem Erfolge — eine möglichst trockene Haut
oder eine solche, die mit Seifenspiritus oder nach Ahlfelds Me-
thode, oder, noch besser, mittelst der Schumburg-Schnelldesin-
fektion oder mit Alkohol-Azeton gereinigt wurde. Je trockener die
Haut, die Hände sind, desto besser haftet der Chirosoterüberzug, desto
sicherer und dauernder werden die Spaltpilze auf und in der Haut
festgeleimt. Sollen Unternagelräume, deren Bedeutung übrigens über*
trieben wird, gewichst werden, so müssen die Nägel so kurz wie nur
möglich geschnitten werden, eine Forderung, die auch sonst gestellt
1) Chirosoter^ der leicht flüchtig aber nicht feuergefährlich ist, wird von der
Firma Krewel u. Ko., Köln a. Rhein hergestellt. Die mit Sudanrot gefärbte Lösung
ist besonders für das Operationsfeld zu empfehlen, weil dadurch ein Zuviel und
somit unangenehme Hautreizungen leicht vermieden werden.
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280 Otto von Herff, [16
werden muß. Gigerl- und Chinesennägel bei einem Operateur weisen
auf höchst üble Gewohnheiten in der Desinfektion hin. Der Chiro-
soter ist erheblich billiger als Gummihandschuhe, steht jederzeit bereit,
läßt sich leicht mitfOhren und bedarf als nicht feuergefahrlich keiner
besonderen Vorsicht. Ferner ist dieses Mittel ein gutes Hautkosme-
tikum und erleichtert den Selbstschutz. Als Nachteil teilt der Chi-
rosoterüberzug die Schlüpfrigkeit mit den Gummihandschuhen, auch
vertragen einzelne Personen den Tetrachlorkohlenstoff nicht. Ich
wenigstens bekomme eine stark juckende Hautentzündung, die mehrere
Tage anhält, doch bin ich in dieser Beziehung ausnahmsw'eise be-
sonders empfindlich. In den recht zahlreichen Fällen, in denen ich
bei Scheidenoperationen Chirosoter auf die doch so empfindliche
äußere Scham angewandt habe, sind bisher keine besonderen Reiz-
erscheinungen aufgetreten. Mit einem solchen Wachshandschuh
läßt sich das Prinzip des Selbstschutzes, d. h. der Nonin-
fektion, in weitestgehender Weise durchführen. Ich freue
mich hier sagen zu können, daß Kollegen sich dieses Schutzmittels
mit bestem Erfolge z. B. bei Sektionen bedienen und damit sehr zu-
frieden sind. Diese ziehen den Chirosoter entschieden den so leicht
verletzbaren und teuren Handschuhen vor. Meine Herren, ich stehe
daher nicht an zu erklären:
Der Chirosoterüberzug, das Wichsen der Hand, besonders
aber der Haut ist eine Methode, die der Beachtung der Ärzte
in jeder Beziehung wert ist, die namentlich auf dem Gebiete
des Selbstschutzes die so wichtige Handschuhfrage in glück-
lichster Weise zu lösen scheint. Die Handschuhe erscheinen
entbehrlich. Chirosoter und Schumburgsche Schnelldesin-
fektion neben Ahlfelds oder Engels Methode leisten über-
dies auf dem Operationsfeld das zurzeit Erreichbare.
Die Anwendung des Chirosoters ist erheblich einfacher als die des Gaudanins
und daher ist es diesem vorzuziehen. Nach Reinigung der UntemagelrSume wird
auf die möglichst trockene Hand der Chirosoter unter Berücksichtigung der Nagel-
räume aufgesprüht oder auch einfach aufgegossen und in die Haut fest einge-
rieben. Will man die Hand oder die Haut eines Operationsfeldes zuvor reinigen,
was doch gewiß nur von größten Vorteil sein kann, so geschehe dieses nach einer
der Alkoholmethoden, insbesondere mit Alkohol-Azeton, um eine möglichste Trocken-
heit zu erzielen. Jodlösungen erübrigen sich von selbst, ein Punkt, der wegen
etwaiger Hautreizungen nicht ganz ohne Bedeutung ist.
Die Scham einer Frau keimfrei zu machen, ist eine noch un-
gelöste Aufgabe, da die zarte Haut dieser Teile sehr empfindlich ist.
Und doch muß bei dem ungeheuren Reichtum an Spaltpilzen, der
gerade dieser Gegend eigentümlich ist, diese Frage erledigt werden,
weil bei einem operativen Eingriff jederzeit die Gefahr der Keimver-
schleppung in die Tiefe der Teile besteht.
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17] Im Kampfe gegen das Kindbettfieber. 281
Die wohl allgemein übliche und außer mir ohne Narl^ose be-
folgte Reinigung mit Heißwasser-Seife plus Desinfiziens (Sublimat) in
Wasser hat nicht mehr Wert als irgendeine gewöhnliche Seifen-
waschung, welch letztere ja als völlig ungenügend genugsam bekannt
ist. Man untersuche nur einmal diese Gegend auf ihren Keimgehalt
und man wird überrascht sein von dem geringen Ergebnis dieser „gründ-
lichen Desinfektion''. Man begreift aber auch, wie so manche durch
scharfe Logik ausgezeichnete Geburtshelfer von einer solchen Schein-
desinfektion völlig absehen wollen, die Scham unberührt lassen,
um deren Keime nicht noch mehr aufzurühren und in Bewegung zu
setzen zumal auch ein sorgfältig enthaarter Haarboden sich mit solchen
Mitteln nicht im geringsten keimarm machen läßt.
Die besten Ergebnisse an der Scham erhielt ich mit einer Alkohol-
Azetonreinigung. Mehrfach gelang es mir, eine sehr weitgehende
Keim Verarmung zu erzielen, niemals aber Keimfreiheit wie an der
Hand. Bei gynäkologischen Eingriffen suche ich sie mir mit einem
Chirosoterüberzug zu sichern. Aber eine solche Reinigung läßt sich
ohne Narkose nicht durchführen, sie ist somit für die gewöhnliche
Geburtshilfe ausgeschlossen. Gegenwärtig wende ich vor einem ge-
burtshilflichen Eingriffe, sofern er Narkose erfordert, Ahlfelds Me-
thode, auch Mikulicz' Seifenspirituswaschung an. Vielleicht gehe
ich aber zum Alkohol-Azeton über, ob mit Chirosoterüberzug, das
weiß ich allerdings noch nicht. Ich halte diese Frage übrigens für
ziemlich nebensächlich.
Die zurzeit bestehende Unmöglichkeit, die weibliche Scham ohne Narkose
irigendwie keimfrei zu machen, verbunden mit der tfiglichen Erfahrung, daß die hier
hausenden Spaltpilzarten in der Regel verhältnismäßig unschuldig für ihre Trä-
gerin sind, sofern sie nicht in frische Geburtswunden durch ein Trauma eingepflanzt
▼erden, hat, wie gesagt, einzelne Geburtshelfer, so Krön ig, dazu geführt, auf
jedvelche Reinigung der Schamgegend zu verzichten. Ich gehe nicht so weit, weil
ich der Ansicht bin, daß man stets das zurzeit Erreichbare leisten soll, wenn es auch
zunächst noch so unvollkommen ist. Immerhin muß ich nach besserer Erkenntnis der
Sachlage den scharfen Ausdruck, den ich in meiner^Abhandlung über das Kindbett-
fleber gebraucht habe, nämlich, daß die Unterlassung der Reinigung der Scham
ein Kunstfehler sei, als viel zu weitgehend zurücknehmen. Ich betone aber, daß
durch Rasieren der Scham und ihre Reinigung mit einer der Alkoholmethoden eine
recht beträchtliche Keimverarmung erzielt wird, die so ganz ohne Wert doch nicht
sein dürfte, daß bei Anwendung des Chirosoters eine Keimverarmung, die an Keim-
freiheit grenzt, zu erreichen ist.
Die Forderung) die Scheide von ihren Eigenkeimen zu befreien,
läßt sich theoretisch wohl begründen, praktisch stößt aber eine solche
Mafiregel auf große Schwierigkeiten, sicherlich ist sie aber in vielen
Fallen unnötig. Durch Scheidenspaiungen läßt sich eine Keimfreiheit
gar nicht oder doch sehr schwer erzielen, hingegen ist eine weit-
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282
Otto von Herif,
118
gehende Keimverarmung, bedingt durch Abschwemmen der lose sitzen-
den Spaltpilze, eher zu erreichen.
Bei normaler Geburt mit geringstem Geburtstrauma sind die
Scheidenkeime kaum zu fürchten, zumal viele von ihnen unter
der Geburt durch das Fruchtwasser, nachhaltiger jedoch durch den
Fruchtkörper und die Nachgeburt ausgewischt werden. Die übrig-
gebliebenen Spaltpilze steigen erst zu einer Zeit im Verlaufe des
Wochenbettes in die Gebärmutter, zu der die Geburtswunden bereits
geschützt sind, schwere Erkrankungen kaum noch zustande kommen
können. Von Vorteil sind daher nach meiner Erfahrung und Ober-
zeugung — und darin fühle ich mich eins mit Fehling — Scheide-
spülungen vor einer jeden geburtshilflichen Operation. Unbedingt not-
wendig sind sie bei mangelhaftem Schluß des Scheidenmundes infolge
Dammriß, bei Vorfällen aller Art, zumal wenn gleichzeitig Cervixrisse
vorhanden sind. Auch bei einer Infektion, kenntlich an Fieber unter
der Geburt oder an einem übelriechenden Ausfluß» sind sie am Platze,
ferner wenn zwischen dem Eisacke und der Uteruswand operiert
werden muß, z. B. vor und nach Nachgeburtslösungen. Für diese
letzteren beiden Fälle müssen als weitere Vorbeugungsmaßregel neben
den Scheidenspülungen noch Gebärmutterausspülungen ausgeführt
werden. Die Überlegung ist gewiß nicht falsch, die Möglichkeit
muß zugegeben werden, daß mit der Verminderung der Zahl der Keime
die Wahrscheinlichkeit, daß solche in Geburtswunden verschleppt
werden oder selbständig einwandern, entsprechend geringer wird.
Überdies ist die Zahl der eigentlichen Krankheitserreger, deren Angriffs-
kraft infolge ungenügender Ernährung zunächst noch geschwächt ist,
klein. Jedenfalls können solche Ausspülungen nicht schaden, sondern
nur nützen.
Die Berechtigung, ja den Nutzen vorbeugender Scheiden-
und Gebärmutterausspülungen glaube ich, durch meine und
anderer klinische Erfahrung in jeder Beziehung sicher ge-
stützt zu sehen.
Immer und immer wird gegen Scheidenspülungen der Vorwurf erhoben,
daß solche schaden, selbst von Verteidigern der Spülungen vor Operationen,
wiewohl ein etwaiger Schaden sich in solchen Fällen ganz besonders geltend
machen müßte, was aber hierbei direkt verneint wirdi Die glänzenden Er-
gebnisse der Kliniken, bei denen grundsätzlich vorbeugende Scheidenspülungen
gemacht werden, lehren laut das Gegenteil, sie werden daher bei Erörterung dieser
Fragen gern als unbequem beiseite geschoben! Insbesonders die Ziffern Würz-
burgs unter Hofmeier^) mit nunmehr über 9000 Geburten, bei denen Sublimat-
1) Weitere Beispiele siehe Das Kindbettfieber in v. Winckels Handbuch der
Geburtshilfe Bd. 3, 2. Teil.
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19] Im Kampfe gegen das Kindbettfieber. 283
anaspaloiigen gemacht worden sind, beweisen in einwandfreier Weise, weil es sich
am konstante Ergebnisse lundelt, — die Fehlergrenze Hegt unter 1 — daß die
Scheidenspiiluagen keinerlei Schaden angerichtet haben. Beobachtet wurden, bei
11^% GesamtmorbiditSt, 7,3% Kindbettfieber, worunter nur 2,3% schwere Formen
gewesen sind. Einen Nutzen mag man, wenn man durchaus will, weil Vergleichs-
zahlen fehlen, trotz dieser glänzenden Ergebnisse bestreiten, aber einen Sehaden
2tt behaupten erscheint widersinnig.
In solchen heiklen Fragen können kleine Zahlen nichts beweisen. Ich habe
solches bereits Baisch gegenüber an anderer Stelle rechnerisch nachgewiesen und
bin noch nicht widerlegt worden, i) Baisch wiederholt (Medizinische Klinik
1907, S. 281), daß Scheidenspülungen schadeten, da bei seinen Gespülten um das
Doppelte mehr Fieber als bei den Nichtgespülten beobachtet wurde. Urteilen Sie
selbst, meine Herren! Mit der ZuveriSssigkeit eines wissenschaftlichen Experimen-
tes soll bewiesen worden sein, daß Scheidenspülungen vor der Geburt immer
schidlich seien. Denn von
500 Nichtgespülten fieberten insgesamt 8%, davon genital 5,2%
500 Gespülten , „ 12,8%, „ « 10,0%
d.h. es fanden sich Unterschiede zuungunsten der Nichtgespülten von 4,8%. Die Wahr-
scheinlichkeitsrechnung, die Ba isch freilich außer acht läßt,lehrt nun, daß für gleiche
Reihen von 500 Nichtgespülten derProzentsatz der Genitalflebernden zwischen rund 2,4%
QQd 7,9% schwanken kann, bei den Gespülten zwischen 6,2% und 13,7 %, bei den Insge-
samtflebernden bei den Nichtgespülten zwischen rund 3,3% und 12,7% und bei den
Gespulten von 7,5 % und 18,5 % = d. h. beide Reihen der äußersten Möglichkeiten
l>erühren sich. Bei 500 Fällen beträgt die Fehlergrenze ± 0,0276, wenn — = 0,05 = 5%
ist und bei 10% 1— = 0,lo| ± 0>0379I Baisch hat trotz des Unterschiedes von
4^%, der geringer ist als der wahrscheinliche Fehler, daher kein Recht mit der
Sicherheit eines Experimentes zu behaupten, daß ein Schaden durch die Aus-
spülungen entstanden ist, daß das Spiel des Zufalles in seinen Reihen sicher
ausgeschlossen werden kann. Würzburgs Erfahrungen müssen doch zur größten
Vorsicht auffordern! Meine eigenen Untersuchungen auf diesem Gebiete, die
freilich noch nicht abgeschlossen sind, ergaben bei 3 % Therapogenscheiden-
Spülungen und bei einer Fiebergrenze von 37,9^ Achselmessung, daß unter
1800 Gespülten rund 15% fieberten, darunter vom Genital aus 8%, gegenüber
dem früheren Durchschnitt von 11,03% unter 4735 Geburten der Jahre 1902/1906.
Es läßt sich daher eine Besserung von 3% bei den Gespülten ausrechnen. Trotz-
dem würde es einen sehr groben Fehler meinerseits, der ich von der Notwendigkeit
der Wahrscheinlichkeitsrechnung überzeugt bin, bedeuten, wenn ich diese Besserung
schon jetzt als eine sichere Folge der Therapogenausspülungen ausposaunen wollte,
denn bei 1000 beträgt der mögliche Fehler bei 10% noch immer ± 0,0270, bei
2000 ±0,019! Man bedenke nur, daß in dem ersten Viertel dieser Fälle 6,7%, im
zweiten 9,8%, im dritten 8,5% und im vierten 6,5% Genitalfieber gezählt wurden,
Zihlen, die untereinander natürlich gleichwertig sind. N u r d u r c h^H eranziehung
der Wahrscheinlichkeitsrechnung wird die vergleichende Statistik
1) Baisch, Der Einfluß der Scheidendesinfektion auf die Morbidität im Wochen-
bett Arch. f. Gyn. 1906, Bd. 19, Heft 2.
2) Jahresbericht des Frauenspitals Basel Stadt für das Jahr 1906, S. 46.
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284
Otto von Herff,
[20
wissenschaftlich verwertbare Ergebnisse erzielen — diese Erkenntnis
muß sich auch auf dem Gebiete der Medizin unbedingt Bahn brechen I
Unrichtig ist die stets wiederkehrende Behauptung, daß schwere Erkrankungen
oder gar Todesfälle nach Eigenansteckungen nicht vorkommen können, daß Kreißende,
die ausnahmsweise auf diese Art erkranken, nur leichte Fieber bekommen. Die
Ergebnisse aller Kliniken, die ausschließlich mit Handschuhen untersuchen, lehren
eindringlichst, daß trotzdem schwere Erkrankungen, wenn auch vielleicht nur auf
dem Umwege eines Geburtstraumas vorkommen. Auch diese Kliniken haben über
Verluste an Anstaltsinfektionen zu klagen so gut wie die anderen. Zeigten doch
auch in Tübingen unter Döderleins Leitung jene Kreißenden, die wihrend der
Geburt innerlich nicht untersucht wurden, d. h. die leichtesten und gunstigsten aller
Geburten , die an sich die geringsten Aussichten auf eine Infektion darbieten, noch
immer rund 5%, wenn auch zumeist leichtes Fieber (Bai seh). Ganz harmlos sind
die Eigenkeime der Frau durchaus nicht Es kommt nur auf die Bedingungen an,
die sie vorfinden, diese können gelegentlich auch so beschaffen sein, daß die
schlummernde Angriffskraft gesteigert wird. Unter anderen hat ja Natvig das
Aufsteigen eines Streptokokkus der Süßeren Scham in die Tiefe der Geschlechtsteile
und eine dadurch bewirkte Infektion nachgewiesen, die leicht hätte tödlich werden
können.
Keinem Zweifel kann es unterliegen, daß eine zweckmäßige wirk-
lich zuverlässige Desinfektion des ärztlichen Personales — Arzt,
Hebamme — aller Gegenstände, die mit der Kreißenden in Berüh-
rung kommen, sowie der Gebärenden selbst, soweit dieses zurzeit
erreichbar ist, sofort und dauernd die Zahl der schweren oder
tödlich endigenden Kindbettfieber auf eine Mindestzahl sinken lassen
wird. Aussicht ist aber nur dann vorhanden, wenn das Geburtstrauma
möglichst klein ausfällt^ wenn es nicht durch ein Operationstrauma
vergrößert wird. Eine Bedingung, die in ihrer Wichtigkeit gleich
hinter der Forderung einer zuverlässigen Desinfektion kommt.
Betrachten wir einmal, meine Herren, diese wichtige Bedingung
näher!
Eine ganz besonders hervorragende Rolle in der Vorbeugung des
Kindbettfiebers spielt nicht allein die Einschränkung der inneren
Untersuchungen, sondern weit mehr die Vermeidung aller nicht
unbedingt notwendigen Operationen, d. h. die Herabsetzung des
Geburtstrauma auf das physiologisch unvermeidbare Mini-
mum.
Eine bekannte, von Friedrich bewiesene Tatsache ist, daß ein
großer Unterschied darin liegt, ob Krankheitserreger nur locker einer
Wundoberfläche, wie nach einer gewöhnlichen Geburt aufliegen, oder
ob sie mit Kraft in eröff^nete Gewebsspalten eingeimpft werden, wie
es bei Operationen leicht geschieht. Das Trauma ist nicht die
einzige, aber eine der wichtigsten Bedingungen für das Ent-
stehen eines Kindbettfiebers!
Eine uns Ärzte tief beschämende Tatsache ist es leider, daß in
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21] Im Kampfe gegen das Kindbettfieber. 285
allen Landern in der Vorgeschichte und damit auch als Ursache
schwerer Kindbettfieberformen Operationen häufig erwähnt werden.
Von vielen Ärzten werden unnötige Eingrifft — Luxus-, Erlösungs-
vorbeugende Zangen — ausgeführt. Diese bevorzugen merkwürdiger-
weise auch die für eine Infektion gefährlichste Operation, die manuelle
Plazentarlösung. Alle diese Eingrifft nehmen mit der Häufigkeit der
Ärzte zu. Eine merkwürdige Erscheinung, die durch Furcht vor un-
lauteren Wettbewerb, die durch eine gewisse Abhängigkeit einfluß-
reicher Hebammen erklärt, aber nicht entschuldigt wird. Die Narkose,
ein ungerechtfertigtes Vertrauen in eine oft obendrein völlig ungenü-
gende, wenn auch sonst gewiß sehr oft sehr gewissenhaft durch-
geführte Desinfektion — Heißwasser, Seife plus Desinfiziens in Wasser
— verleitet gar zu leicht zu häufigeren Eingriffen als dieses bei unseren
Voreltern, die das Kindbettfieber zu fürchten alle Ursache hatten, üb-
lich gewesen zu sein scheint!
Freilich, eine rasche^ dabei schonende Untersuchung mit kurz
geschnittenen Nägeln, die nicht verletzt, erhöht die Gefahr nicht.
Wenn es sich gezeigt hat, daß bei behandschuhten Fingern die Zahl
der Untersuchungen ohne wesentlichen Einfluß auf das Vorkommen
von Fieber ist (Bai seh), so liegt die Ursache nicht darin, daß die
Keime der Scheide oder der Scham harmlos sind, sondern darin,
daß Schüler, Studenten und Hebammen, mit Handschuhen keine oder
doch nur selten Verletzungen machen können. Die Handschuhe ver-
mindern auf diese Weise die Möglichkeit der Einpflanzung von Eigen-
keimen in die Gewebe — das ist zuzugeben. Weiß doch ein jeder
Lehrer, wie viel Mühe es kostet, bis die Hände der Anfänger in
den Tuschierkursen weich geworden sind — ein Ziel, das zu den vor-
nehmsten Aufgaben eines Lehrers auf diesem Gebiete gehört.
Gestatten Handschuhe eine ausgebreitetere Anwendung der Ope-
ration, ermöglichen sie die Anbahnung einer ungefährlichen echten
chirurgischen Ära der Geburtshilfe? Das sind, meine Herren, wichtige
Fragen, die das Wohl der werdenden Mutter tief berühren. Nein,
und abermals nein, muß die Antwort lauten. Eines nämlich kann keine
noch so sorgfältig gereinigte Hand, kein Gummihandschuh, -kein
Chirosoter, nichts, nämlich die Vermeidung einer Verschleppung von
Keimen aus den äußeren Geschlechtsteilen, aus der Scheide, selbst
aus der Cervix in die Gebärmutterhöhle, gegebenenfalls an und
in die Plazentarstelle , solange es nicht gelingt, eine weitgehende
Keimverarmung der Geburtswege herzustellen! Freilich sind das
Keime, die bei spontanen Geburten sehr selten schwerste Er-
krankungen auslösen, weil sie bei diesen in die Gebärmutterhöhle
nicht verschleppt werden, weil sie in selbständiger Einwanderung
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286
Otto von HerfF,
[22
an 4ie große Wunde des Endometriums erst dann gelangen, wcon
diese Breschen in den gesunden Geweben schon längst geschützt
sind* Die Spaltpilze finden keine günstigen Bedingungen, keine be-
sondere Gelegenheit zur Entfaltung und Wirkung ihrer Angriffskraft.
Werden aber die gleichen Keime in einem Einzelfalle in eben ent-
standene^ oft genug noch gequetschte oder sonstwie geschädigte Wunden,
etwa bei Gelegenheit eines operativen Eingriffes — trotz sonst Tötlig
keimfreier Hand — Handschuh! — unmittelbar eingeimpft, so werden
diese Spaltpilze, die sonst harmlos erscheinen, ihre unheilvolle Tätigkeit
unbehindert durch Schutzvorrichtungen des Körpers, die noch nicht
zur Stelle sein können, entfalten. Das kann nicht oft genug wieder-
holt und gepredigt werden.
So erklärt es sich ungezwungen, wie ein Trauma, insbesonders
die Setzung gequetschter, zerrissener Wunden unter der Geburt, noch
weit gefährlicher allerdings im Wochenbett und bei Eingriffen an
der Piazentarstelle, die allergunstigsten Bedingungen für den Ausbruch
einer schweren Erkrankung abgeben kann.
Die Schwere des Geburtstraumas spielt eine wesentliche
Rolle in der Entstehung des Kindbettfiebers; das Trauma ver-
schuldet, daß nicht nur Fremdkeime, sondern auch harm-
lose Eigenkeime der Wöchnerin gefährlich werden. i) Je
geringer das Geburtstrauma ausfällt, desto ungunstigere
Bedingungen für eine Infektion liegen vor, je ausgedehn-
ter ein Operationstrauma ist, je näher dieses an der Pia-
zentarstelle liegt, desto größer die Gefahr fär die Wöchnerin
— das sind Sätze, die ein jeder Geburtshelfer sich fest einprägen
muß, nach denen er sein Handeln einzurichten hat. Zweifellos läßt
sich der ungünstige Einfluß des Traumas durch eine tadellose Asepsis
und Antisepsis paralysieren, aber wehe, wenn sie irgendwie unge-
nügend sind, wie leider so oft in der Hauspraxis.
Das Übersehen, das Geringschätzen des Traumas, meine
I) Zahlreich sind die Beispiele, die beweisen, daß Eigenkeime durch ein Trauma,
erst ihre wahre Natur zeigen. Hier möge ein solches Platz finden. Während der ersten
Niederschrift dieser Zeilen mußte ich wegen schweren Blutungen, nach bis dahin fieber-
freiem Wochenbett, einige Plazentarreste entfernen. Dies geschah von mir selbst
in schonendster Weise mit dem Finger, die Hand war mit einem sicher keimfreien
Handschuh geschützt, der auch nach dem leichten Eingriffe sich als unverletzt er*
wiesen hat. Vor und nach dem kurzen Eingriffe wurde der Uterus reichlich mit
Jodalkohol durchgespult. Trotzdem rasche Entwicklung einer Staphylokokkämie, Metro-
lymphangttis, Metroplebitis purulenta, Amputatio uteri supravaginalis, erhebliche
Besserung, schließlich Tod an Verschleppungsbakteriamie — alles bedingt durch
Infektion mit Eigenkeimen begünstigt durch ein Trauma.
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23] Im Kampfe gegen das Ktndbettfleber. 287
Herren, ist neben einer ungenügenden Desinfektion eine der
Hauptursachen, daß das Kindbettfieber nicht abnehmen wilK
Hier müssen Sie in gemeinsamer Tätigl^eit den Hebel kräftig ansetzen,
um dieses Hemmnis des Fortschrittes im Kampfe gegen das Kindbett-
8eber wegzuräumen! Besondere Schwierigkeiten gibt es dabei nicht
za fiberwinden. Es heißt nur, keine Eingriffe, keine Operation ohne
strengste Anzeigen ausführen, als welche ohne alle Zweifel nur
gehen können: vorhandene oder sicher eintretende Gefahr für Mutter
und Kind. In allen anderen Fällen wird die Geburt ohne Schaden
für Mutter und Kind verlaufen, wenn der Arzt nicht überflüssiger-
weise sich hineinmischt.
Denken Sie, meine Herren, stets an die möglichen Folgen eines
Traumas, an die Begünstigung einer Infektion durch Eigenkeime, an
eiae Verschlimmerung einer solchen, die durch Fremdkeime im Be-
griffe steht zu entstehen und Sie werden an der Hand einer zuverlässigen
Handereinigung die glänzenden Erfolge der Gebäranstalten über-
trumpfen. Lassen Sie sich nicht durch das leicht mißzuverstehende
Schlagwort „operative Ära der Geburtshilfe* in der Ausübung der bei-
den größten Tugenden des Geburtshelfers, die der Geduld und des
weitgehendsten Vertrauens in die Naturkräfte erschüttern. Leisten Sie
den größten Widerstand der so weit verbreiteten Neigung zu überflüssi-
gen Operationen und Sie werden sich innere Befriedigung holen, Sie
werden sich überzeugen, nur genützt und nicht geschadet zu haben,
Sie werden die innere Kraft finden, standzuhalten gegenüber ab-
sprechendem Urteile dummer Hebammen oder unsauberer Kollegen, die
io unlauterem Wettbewerb ihr Heil suchen! Kein Zweifel, daß Sie
auf die Dauer auf der ganzen Linie den Sieg erringen werden! Frei-
lich werden noch einige Jahrzehnte vorübergehen, bis eine mißver-
standene Ära der operativen Geburtshilfe in ihrer ganzen Gefährlich-
keit erkannt worden ist.
Mit Recht wird Boer als leuchtendes Vorbild genannt. Aber,
meine Herren, es genügt nicht, von diesem großen Geburtshelfer zu
reden, man muß mit der Tat beweisen, daß seine Lehren auch be-
henigt werden!
Das physiologische Geburtstrauma ist beim engen Becken am
größten. Wird dieses noch durch ein Operationstrauma verschlimmert,
so kann an der Hand einer ungenügenden Antisepsis das Schicksal
der Wöchnerin leicht ein trauriges werden. Daher auch die bekannte
Tatsache der so viel schlechteren Voraussage des engen Beckens in
der Hauspraxis. Die Frage der Verminderung des schwereren Ge-
burtstraumas des engen Beckens, sei es durch Vermeidung von Ope-
rationen, sei es durch Näherung des Traumas auf das Maß eines nor-
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288 Otto von Herff, [24
malen Beckens, meine Herren, sind in der Hauspraxis wichtigste
Fragen der Vorbeugung des Kindbettfiebers, die durchaus eingehend
erörtert werden müssen.
Von jeher habe ich gelehrt — und diese Lehre habe ich von
meinen Lehrern Kaltenbach und Fehling übernommen — , daß bei
etwa Vio flli^i' engen Becken keine Kunsthilfe nötig ist. Sie können
dieses in meiner Geburtshilflichen Operationslehre, 1893, Seite 145,
nachlesen. Eine alte Lehre — daher ist es grundfalsch, wenn immer
wieder und wieder betont wird, daß erst die moderne Geburtshilfe
das Ziel erreicht hat, der Natur mehr wie bisher zu ihrem Recht ver-
holfen zu haben. Konservative Behandlung der Geburten des engen
Beckens, heißt es heute auf der ganzen Linie, aber auch früher lautete
die gleiche Losung. Der Konservatismus in der Behandlung des
engen Beckens ist durchaus nicht modern, er ist vielmehr recht alt.
Verschieden sind nur die Mittel, die angewandt werden, wenn der
Konservatismus scheitert oder voraussichtlich nicht zum Ziele führen
wird, wenn es sich darum handelt, der werdenden Mutter die Schrecken
einer Geburt bei engen Becken zu mildern. Letztere Aufgabe wird
allerdings trotz ihrer Humanität heutzutage als unmodern verschrieen
und totgeschwiegen. Und doch besteht ein sehr wesentlicher Unter-
schied, der Sie, meine Herrn der Hauspraxis, ganz besonders inter-
essieren muß. Hier Konservatismus in der Behandlung des engen
Beckens mit Hilfe vorbeugender Eingriffe, die für die Mutter kaum
gefährlich sind, allerdings etwas mehr Kinder fordern, dort Konserva-
tismus mit Hilfe der großen geburtshülflichen Operationen des Kaiser-
schnittes und der Beckenspaltungen, die unter allen Umständen für
die Mütter gefahrlich sind, wenn sie auch einer Anzahl von Kindern
mehr das Leben retten, aber sie fallen für die Hauspraxis aus.
Die moderne Behandlung brüstet sich damit, daß dabei die größte Zahl
von Spontangeburten beobachtet wird, ohne weitergehende Gefähr-
dung der Mütter und der Kinder, ihr stehe die alte Lehre in jeder Be-
ziehung nach. Auch dieser Ausspruch entspricht nicht den Tat-
sachen, ist daher falsch! Hier der Beweis:
Der Konservatismus, der im Frauenspital Basel-Stadt herrscht,
dürfte überall bekannt sein und wird von keiner anderen Anstalt der
Jetztzeit übertroffen. Beweis hierfür: unter rund 8000 Geburten meiner
Leitung sind in rund 0,5 % der Fälle Erzwungene Entbindungen,
so übersetze ich das Accouchement force, vorgenommen worden.
Darunter befinden sich Erweiterungen mit dem vorzüglichen Instru-
mente von Bossi: 5, vaginale Hysterotomien: 3, Erweiterung nach
Harris und Bonnaire: 3, Anwendung von Tarniers Erweiterer: 12,
der Rest betrifi^t Hystereurysen, diese fast alle bedingt durch Placenta
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25] Im Kampfe gegen das Kindbettfleber. 280
praevia. Der Konservatismus wird weiterhin damit bewiesen , daß
bei über 4000 Geburten mit beinahe 400 engen Becken nur siebenmal
die Hebosteotomie ausgeführt worden ist und dabei ist kein einziges
lebendes Kind perforiert worden. Und wie verhält es sich damit
anderswo? Ich las vor kurzem , daß in einer großen Anstalt auf
noch nicht 1000 Geburten sechsmal dieser Eingriff in einem Jahre
voi^enommen wurde! Und wie oft hört man bei viel weniger Ge-
burten, selbst aus der Tätigkeit von Hausärzten heraus , über 30 — 40
vaginalen Kaiserschnitten reden? Konservativ ist daher auch die
Behandlung des engen Beckens, allerdings mit Hilfe vorbeugender
Eingriffe, Insbesondere der künstlichen Frühgeburt. Dieser Eingriff
ist nicht nur im Interesse der Kinder, sondern ganz besonders auch
zu Nutz und Frommen der Mütter vorzunehmen, um ihnen ein größeres
Gebunstrauma zu ersparen — so schrieb ich in meiner vorher er-
wähnten Geburtshilflichen Operationslehre, Seite 03. Das Mildern
eines gesteigerten Geburtstraumas auf das physiologische Maß ist der
Hauptzweck der künstlichen Frühgeburt, nicht etwa die Vermeidung
der Tötung eines lebenden Kindes. Wer das nicht einsehen will, der
schließt absichtlich seine Augen vor einer unbestreitbaren Tatsache,
er will nicht das Wesen dieser so segensreichen Operation erkennen.
Dieser Zweck ist von der größten Bedeutung. Er ist leicht zu er-
reichen, wenn zur Einleitung der Geburt der Blasenstich , der an sich
gar kein Trauma wie etwa die Hystereuryse mit nachfolgender Wen-
dung setzt, vorgenommen wird. Und wie gestalten sich die Er-
gebnisse?
Unter 12420 Geburten (1896—1006) fanden sich in Basel 1150 enge
Becken = 9,3 %. Von diesen 1150 Geburten endigten 917 ohne Kunst-
hilfe =79,8%. Unter den Operationen sind erwähnenswert 14 Kaiser-
schnitte mit zwei Verlusten, drei Schamfugenschnitte mit einem Tode
und vier Schambeinschnitte, d. h. 21 groOe geburtshilfliche Eingriffe
neben allerdings einer großen Anzahl von künstlichen Frühgeburten,
120, neben einigen wenigen vorbeugenden Wendungen, da ich im all-
gemeinen ein Gegner dieses letzteren Eingriffes bin. In Basel betrug
die Summe der groOen Eingriffe 1,9% gegenüber 6,1 % bei Döder-
lein in Tübingen. Geboren wurden 1159 Kinder, von denen 116 tot
geboren oder doch innerhalb der nächsten Stunden oder Tage starben
= 10 % Sterblichkeit. Darunter befanden sich aber 19 vor der Geburt
abgestorbene luetische Früchte. Werden diese, wie billig abgezogen,
so beträgt die Sterblichkeit der Kinder 8,5 %.
Von den 1150 Frauen sind 12 gestorben —• alle bis auf eine bei
operativem Eingriff. Die mütterliche Sterblichkeit beträgt somit rund
10,5% ohne jedwelchen Abzug. Die Todesursachen waren fünfmal
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200
Otto Ton Herff,
[21
•1,
Utertisrüptur, dreimal Verblutung an Atonia uteri (einmal zugleicl
Cervixruptur), viermal an Kindbettfieber, darunter einmal nach Scham'
beinschnitt, zweimal nach Kaiserschnitt, einmal nach Zange, woruntei
zwei dieser Frauen bereits infiziert eingelieFert worden waren. Dei
Behandlung des Beckens erlagen somit zwei Frauen = 0,17 % un<
diese Opfer entsprechen dem modernen Konservatismus in der Be
handlung des engen Beckens und hätten vielleicht durch Opferunj
der Kinder vermieden werden können. 1) Werden alle Temperatur
Steigerungen, die 37,0 <> in der Achsel übersteigen, in Rechnung gesetzt
so fieberten 16%,
Behandlung
5"
3
1'
1
1
II
^1
ä a
Summe der vor-
beugenden Eln-
(rlffe
II
SS
||
flu ;§
a Si
n
J3
4
Kindersterblich-
keit ohne je-
den Abzug
tu
Sterblichkeit
derMQtterohne
jeden Abzug
Leipzig (Zweifel)
7M
21,6
2,1
2,5
0,5
5,1
2,4
4,8 3,7
8,5
9,9
?
t
Tübingen (Döder-
lein) • . . .
80,0
20,6
1,0
0,6
0,5
2,2
0,6
2,1
4,0
6,1
6,5
?
Basel (Bumm, v.
Herff) 1896-1906
79,8
20,2
2,9
2,2
10,4
15,5
0,06
0,6
1,2
1.9
10,2
8,5
10,5
Obersicht d. Ope-
rationen in
917
232
72«)
(6,0%)
633)
(5,3%)
120*)
180
25»)
(2,1%)
7
14
21
119
100«)
127)
Basel 1) . . .
1) In diese Rubrik sind alle operativen Eingriffe jeder Art, mit Ausnahme der
i^enigen Extraktionen aus Beckenendlagen, 29, verzeichnet. 2) Darunter 34 hohe
Zangen. 3) Darunter 26 vorbeugende Wendungen, die in den letzten 6 Jahren nicht
mehr ausgeführt wurden. 4) Durch die kunstliche Frühgeburt wurden 89,4% Kinder
lebend geboren und 79,7% lebend entlassen. 5) Eine Perforation des lebenden
Kindes (1900). 6) 19 Kinder waren vor der Geburt infolge Lues gestorben. 7) Die
Todesffille, ohne jeden Abzug, bestanden aus 5 Frauen, die mit Uterusrupturen
1) Während der Niederschrift dieser Zeilen bildete sich bei einer Kreißenden
mit leicht verengtem Becken, Conj. vera = 9 cm, aber mit einem sehr großen Kinde
mit sehr hartem Kopf rasch eine Physometra aus. Das Kind lebte, so versuchte
ich die Entwicklung mit meiner Achsenzugzange — vergeblich I Da der fötale Herz-
schlag noch gut war, folgte Hebosteotomie nach Bumm. Blasen Verletzung, Epi-
seotomie. Kind frisch lebend. Dieses wurde durch das Fruchtwasser infiziert und
erlag in der dritten Woche einer Lungenentzündung. Die Mutter mußte ein schweres
Krankenlager durchmachen, das jetzt nach drei Monaten noch nicht zu Ende ist
und wahrscheinlich mit einer dauernden Schädigung der Blasentätigkeit endigen
wird. Wäre es für die Mutter nicht zweckmäßiger gewesen , die Frucht angebohrt
zu haben, das Endergebnis wäre fürwahr ein besseres gewesen I
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27] Im Kampfe gegen das Kindbettfieber. 291
zur Vollendung der Geburt der Anstalt überwiesen worden sind (3 mal Kranioklasie,
1 mal Zange, 1 mal Extraktion aus Fußlage). 2 Frauen wurden infiziert eingeliefert
(Imal Zange, Imal Kaiserschnitt); 3 Frauen verbluteten sich an Atonia uteri (Imal
spontane Geburt, 1 mal Zange, 1 mal künstliche Frühgeburt mit Wendung und Per-
foration). 2 Frauen wurden in der Anstalt infiziert (Imal Kaiserschnitt [1896], Imal
Schamfugenschnitt [1897]). Will man die drei Todesfllle an Verblutung der Art der
Behandlung des engen Beckens zuschieben, so wären dieser 5 Mütter = 0,4 % er-
legen.
Meine Herren, das sind genau die gleichen Ergebnisse, wie sie die
modernste Behandlung erzielt. So steht Tübingen, wenn man die
Wahrscheinlichkeitsrechnung berücksichtigt, mit seinen 80 % Spontan-
geburten, 6,6 % Kindersterblichkeit und 0,1 % mütterlichen Verlusten
Basel gegenüber völlig gleich und dabei hat Basel ein Drittel weniger
große Eingriffe zum groOen Vorteil der Mütter zu verzeichnen!^) Es
kann ja nicht ausbleiben, daß auf die Dauer Kaiserschnitte und Becken-
spaltungen die Todesfalle der Mütter erheblich vermehren müssen.
Femer ist zu bedenken, daß nach künstlichen Frühgeburten das
Wochenbett wie ein jedes andere verläuft und keinerlei Dauerschädi-
gungen folgen, daß nach Kaiserschnitten und Beckenspaltungen ein
mehr oder weniger, zum mindesten unbequemes, häufiger schmerz-
haftes, selbst langes Krankenlager folgen kann, daß nach den großen
EiDgriffen dauernde Schädigungen der Gesundheit in Gestalt von
Hernien, Senkungen, Vorfallen, Störungen der Harnentleerung und
Behinderung der Gehfähigkeit durchaus nicht selten sind. Wo in
aller Welt, meine Herren, kann man ein solches langes und trauriges
Sündenregister der künstlichen Frühgeburt, deren Hauptzweck die
Herabsetzung des pathologisch gesteigerten Geburtstraumas des engen
Beckens auf das physiologische Maß ist, aufstellen — es sei denn,
daß man der Wahrheit ins Gesicht schlagen will? Aber totgeschwiegen
wird diese Tatsache in einem fort!
Der Satz ist somit bewiesen: Die abwartende Geburtsleitung ge-
stutzt auf vorbeugende Eingriffe ist in ihren Endergebnissen nicht nur
völl^ gleich, sondern muß auf die Dauer besser sein als die abwar-
tende Geburtsleitung gestützt auf Kaiserschnitt und Beckenspaltungen.
Wer der Richtschnur folgt: vor allem die Mutter und dann das Kind,
wer die Mutter sicher und in jedem Falle vor dauerndem Schaden
1) Bei einer Wahrscheinlichkeit von 0,9953 berechnet sich der wahrscheinliche
Fehler in Leipzig wie in Tubingen auf etwa ± 4% bei 800 Fällen, in Basel auf
±3,5% bei 1000 Fällen und 20% operative Geburten. Daraus folgt, daß die Er-
gebnisse dieser zwei Anstalten mit größter Wahrscheinlichkeit gleichwertig sind,
selbst f&r den Fall, daß die Extraktionen aus Beckenendlagen als „operative Ein-
griffe* einbezogen werden und die Zahl der operativen Geburten in Basel mit
22,7% in Rechnung gesetzt werden.
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292
Otto von Herff,
[28
bewahren will, wer in der allgemeinen Hauspraxis steht^ der weiß
nunmehr, welchem Konservatismus, ob dem älteren oder dem moder-
nen Pinards er zu folgen hat. Lassen Sie sich darin, meine Herrn,
nicht beirren, forschen sie selber nach, denn gar zu leicht werden
heutigen Tages unbequeme Tatsachen übergangen.
Eine Rückkehr zur alten Lehre, zunächst den Verlauf der Geburt
genau zu verfolgen, um Störungen zu verhüten, dann einzugreifen,
wenn wirklich Gefahr droht, vorzubeugen, wenn solche zu erwarten ist,
muß unbedingt verlangt werden, dafür müssen wir Lehrer der Geburts-
hilfe mit allem unsern Einfluß einstehen I Dann, aber nur dann wird
die Zahl der Kindbettfieber in Stadt und Land rasch abnehmen, das
bessere Zeitalter, nach dem sich Semmelweis vergeblich gesehnt hat,
zur Wirklichkeit werden. Fort also mit einer mißverstandenen ope-
rativen Ära der Geburtshilfe! Helfen sie diese zu bekämpfen, meine
Herren, und sie werden sich den Dank der Menschheit, wenn auch
erst in der Zukunft erwerben!
Daß das Trauma, d. h. die Setzung von zerrissenen, gequetschten Wunden, Ge-
websquetschungen, die bis zur Zermalmung der Gewebe gehen können, durch Ope-
ration eine verhängnisvolle Rolle in den Ursachen des Kindbettfiebers spielt, ist
eine Tatsache, die sich nicht wegleugnen läßt. Hierfür habe ich in meiner Ab-
handlung über Kindbettfleber manche Beweise beigebracht. Neuerdings hat Dohrn^)
nachgewiesen, daß unter den Entstehungsursachen der KindbettfieberßUle am häu-
figsten (ca. 25%) ärztliche Eingriffe — manuelle Plazentarlösungen, Wendungen und
Zangen, besonders die ,pLuxuszange^ — aufgeführt werden müssen. In S2% lag
die Schuld nicht an der Hebamme allein, in 18% an der Hebamme — das sind
doch Zahlen die sehr zu denken geben. Mögen doch die Regierungen derartige
höchst wertvolle Untersuchungen anordnen und nachhaltig unterstützen.
Auch He gar 2) kommt in seiner jüngsten Abhandlung: „Die operative Ära der
Geburtshilfe ** auf diese Frage in dankenswertester Weise zurück. Ich entnehme
daraus folgende kleine Tabelle, die die Verhältnisse in Baden beleuchtet.
i.
^ a
i> u L
ö^.
•55 g
Mortalität nach
Operationen In
% aller Todcaf.
Jahrgänge
Zahl der G
burten
1
l
il
1'^
<* s
■^1
Zahl der Op
rationen zu
Zahl der G
burten
5 1
1*
Mortalititln
der Opera
tionen
Mortalität na
Operationen
%der Geburt
1870-72
171832
—
—
6909
1 : 24,8
364
5,2
0,212
. —
1873—77
302070
2444
0,809
13178
1:22,9
763
5,8
0,253
31,3
1878-82
285721
2046
0,716
13204
1:21,6
682
5,2
0,258
33,3
1883—87
271283
2035
0,750
17533
1 : 15,4
555
3,2
0,204
27,2
1) Sonderabdruck aus dem offiziellen Bericht der 22. Hauptversammlung des
preußischen Medizinalbeamtenvereines.
2) Beiträge zur Geburtshilfe und Gynäkologie 1907, 12. Bd., 2. Heft, auch Volk-
manns klin. Vorträge Nr. 351.
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29] Im Kampfe gegen das Kindbettfieber, 293
Hegar (Qhrt aus, daß die Sterblichkeit nach Operationen ^U—^U der Gesamt-
sterblichkeit beträgt. Die Sterblichkeit nach Operationen, in Prozenten der Opera-
tionen ausgedrückt, ist in der Zeit mit gutausgebildeter Asepsis entschieden geringer
als in den Perioden ohne alle oder mit unvollkommener Asepsis.
Die Sterblichkeit nach Operationen, in Prozenten sämtlicher Geburten ausge-
drückt, ist dagegen in der Zeit mit vollkommener und ohne alle Asepsis fast vollständig
gleich. Das berechtigt zum Schluß, daß die größere Frequenz der Operationen in
der aseptischen Zeit 1 :15,4, im Gegensatz zu der geringeren Frequenz 1 : 25 in der
Zeit ohne alle Asepsis, das wieder verdarb, was die Asepsis und wohl auch bessere
Technik Gutes erzielte. Fürwahr, Altmeister Hegar hat leider auch für die neueste
Zeit nur allzusehr recht!
Welch Unheil eine mißverstandene chirurgische Ars der Geburtshilfe an-
zurichten vermag, zeigt eine Empfehlung, die ich soeben lese, nämlich die norm sie
Gebartsdauer abzukürzen, und die sich in der Nummer 1 der Berliner klinischen
Wochenschrift dieses Jahres vorfindet. Unglaublich, aber doch wahr, hier wird die
.prophylaktische Zange* bei weitem übertroffen! Theodor Landau schlägt vor,
die ErÖffnungszeit, wohlgemerkt bei normalen Geburten, durch digitale Erweiterung
des Muttermundes entsprechend dem Verfshren von Bonnaire und Harris abzu-
kürzen. Die Entschuldigung Landaus, daß ja bei Gebrauch von Handschuh und
Desinfektion der Kreißenden (I) keine Infektion zu erwsrten steht, ist so recht be-
zeichnend für unsere Zeit, der man das Motto geben könnte: Nur nicht auf den
Grund gehen, hübsch auf der Oberfläche bleiben I Mag sein — ich kann dies nicht
beurteilen — , daß in einer mehrfachen Millionenstadt für einen vielbeschäftigten
Spezialisten ein dringendes Bedürfnis vorliegt eine normale Eröffhungsperiode ab-
zakürzen — aber mit solchen Vorschlägen verschone man die zahlreichen Ge-
burtshelfer, die über die vornehmste Tugend einer solchen „Geduld*^ noch ver-
logen und die durchaus nicht der Ansicht sind, es müsse nunmehr alles mit
Elektrizitätsgeschwindigkeit gehen. Nein, eine solche üble Vielgeschäftigkeit ver-
dient als wissenschaftlicher Unfug auf das schärfste öffentlich getadelt zu werden.
Solches zu tun liegt im dringenden Interesse der werdenden Mütter, in meinem
eigenen Interesse als Lehrer angehender Ärzte um zu verhindern, daß solche
Ritschläge einer mißverstandenen operativen Ära der Geburtshilfe befolgt werden.
Derselbstverständlichen Forderung, nur auf strengste Anzeige hin zu operieren, wird
mir von Kalt, einem älteren erfahrenen Geburtshelfer, vorgehalten i), daß solches in
der Hauspraxis nicht möglich sei. Es heißt dort: „Solange es viele Frauen gibt, denen
die nötige Geduld zur Abwartung des natürlichen Geburtsverlaufes fehlt, sondern
die mit beharrlichem Ungestüm die künstliche Befreiung von ihren Leiden verlangen,
worin sie vom ängstlich besorgten Ehemann und andern Anverwandten mit kate-
gorischen Imperativen unterstützt werden und das Können und Erwerben des Arztes
noch in Frage gestellt wird, solange dieser Arzt noch vielen Berufspflichten anderer
Rlientelschaft im Momente nachkommen soll, welche Pflichten ihm nicht stunden-
lange Versäumnisse bei Geburten gestatten, so lange ist eben oft die Macht der
Verhältnisse stärker bestimmend, als die exakte wissenschaftliche Indikationsstellung
und — der Arzt unterliegt eben der stärkeren nienschlichen Beeinflussung! >)
1) Die ausschließliche Benutzung von Entbindungsanstalten zur Abwicklung des
Geburtsvorganges und der Wochenbettspflege. Dissert. Zürich 1007.
2) Gewiß ist es sehr erfreulich, wenn ein erfahrener praktischer Geburtshelfer
sich entschließt, öffentlich zu diesen Fragen Stellung zu nehmen. Auch ich habe
in einer fünfjährigen Tätigkeit als Hausarzt diese Umstände gründlichst kennen
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294 Otto von Herff, [30
Die Verhältnisse sind so, wie sie Kalt schildert. Ich gestehe aber offen, daß
ich mich gescheut haben wurde, so ohne weiteres zu sagen, daß die Geburtshelfer
sich von der Kreißenden und ihrer Umgebung, also von Laien, die Operationsan-
zeige gegen besseres Wissen stellen lassen, i) Die tieferen Gründe sind meines
Erachtens andere unid die soll man auch mitteilen. Diese sind in der Furcht vor un-
lauterem Wettbewerb inkoUegiaJer ^rzte zu suchen — tust du meinen Willen nicht,
so wird es ein anderer gerne tun, heißt es gelegentlich — und leider finden sich
solche Ärzte, die der Kreißenden und ihrer Umgebung zuliebe ohne weiteres deren
Wünsche erfüllen, um womöglich den standhaften und gewissenhaften Arzt bloßzu-
stellen und sich als Retter aus der angeblichen Not preisen zu lassen. Ferner die
Abhängigkeit so manchen Arztes von einer einflußreichen, allmächtigen Hebamme, die
sich ärgert, wenn ein Arzt sich erkühnt, ihre Anzeigen nicht zu befolgen usw.
Gewiß sind es sehr traurige Verhältnisse, auch lassen sie es begreifen und selbst
bis zu einem gewissen Grade entschuldigen, wenn Ärzte ihrer Macht unterliegen.
Wo solches stattfinden kann, sind aber die Ärzte schuld, sie haben die Pflicht in
gemeinsamer Tätigkeit sich von diesen Verhältnissen zu befreien. Solches läßt
sjch,^ meiner Erfahrung nach, in weitgehender Weise erreichen — man muß nur
den richtigen Willen haben, unlauteren Wettbewerb zu ersticken und gegen ein-
gebildete und übermütige Hebammen gemeinsam Front zu machen.
Der weitere Einwand Kalts, daß die Asepsis und Antisepsis in der Hauspraxis
nicht durchführbar sei, ist nicht stichhaltig. Jede gut geleitete geburtshilfliche
Poliklinik, die doch nichts weiter ist als Hausgeburtshilfe bei den Ärmsten, beweist
dieses ohne weiteres. So verfügt die geburtshilfliche Poliklinik meiner Anstalt, die von
üerrnDr. Lab hardt geführt wird,über nahe an lOOOHilfeleistungen unter der Ah Ifeld-
schen Heißwasser- Alkoholdesinfektion und dank strenger Operationsanzeige ohne
einen Verlust an Kindbettfieber. Und wie viele ältere erfahrene Geburtshelfer gibt
es — allerdings keine Anhänger einer mißverstandenen chirurgischen Ära der Ge-
burtshilfe, sondern Schüler BoSrs — die in vieljähriger Tätigkeit keinerlei Verlust
An Kindbettfieber erlebt haben! Der Einwurf Kalts ist nicht nur an sich nicht
richtig, sondern er ist sehr bedenklich, weil er gar zu leicht ein schwaches Ge-
wisse9 ganz einzuschläfern vermag, und dem laisser faire das Wort nur zu sehr
jedet. Man muß nur recht wollen , so geht auch die Desinfektion im Hause, in
einer Hütte!
Besonders günstige Bedingungen für die Einpflanzung von Genitalkeimen bietet
das Einlegen von Fremdkörpern aller Art in die Gebärmutter, vor allen die so belieb-
ten Ausstopfungen mit Gaze, selbst wenn sie mit Antiseptika — Xeroform, Vioform,
Jodoform, usw. — durchtränkt sind, aber auch das Einführen von Gder
Genitalien. Ersterer Umstand hat die Narbenhernie Im Gefolge
gehabt, letzterer hat viel schlimmere Obelstände gezeitigt: die Gefahr
tiüer Schädigung des Bauchfells in grOOerem Umfang mit ihren
Folgen für die Rekonvaleszenz und für das Leben der Kranken durch
Eifitrttt perltonitischer Entzündung.
Allein diese Nachteile haben an Bedeutung Verloren durch
Verbesserung der Asepsis und Technik» und wir können
beute sagen, daß es mit großer Sicherheit gelingt» ebenso^
vohl Narbenhernien vollkommen zu vermeiden, wie den
Eintritt einer Peritonitis zu verhüten» vorausgesetzt» daß wir
ta einem aseptischen Operationsobjekt zu arbeiten haben*
Es ist deshalb die Laparotomie das gegebene Verfahren für alle
im Sinne der Asepsis reinen Fälle von Neubildungen» Blutergüssen
und Mißbildungen» aber auch von chronischen Entzündungen der
Geattalien» sie ist also das gegebene Verfahren für die gutartigen Neu-
bildungen des Uterus (Myome), für die Tumoren der Ovarien» Tuben
und Ligamente» für die Extrauteringravidität» für komplizierte Oyna<*
tresien» für die chronische Pelveoperitonitis adhaesiva usw.
Nicht absolut vermeidbar sind die geschilderten Gefahren der ab*
dominalen Köliotomie» wenn es sich handelt um ein nicht asepti«
scbes Operationsobjekt Hier kann der vaginale Wtg der bessere
Mn. Es ist klar» daß man einen intraperitoneal gelegenen abgekapselten
23»
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^2 J* Pfannenstiel, [4
Eiterherd, einen BeckenabszeD oder eine verfauchte Hämaiozele oder
einen im Douglas verlöteten Tuben- oder OvarialabszeO nicht auf
dem Wege an gesunden Därmen vorbei, also abdominal, zur Endeerung
bringen wird. Ebenso kann es wichtiger sein, infizierte Organe, sofern
sie überhaupt der Exstirpation bedürfen, vaginal zu entfernen, also
ein infiziertes Myom oder total vereiterte, mit multiplen Abszessen
durchsetzte chronisch kranke innere Genitalien. Aber es muß auch
die Gewähr gegeben sein, daß das infektiöse Material durch solchen
Eingriff sicher und vollkommen entfernt wird und daß die Prinzipien
des Konservativismus und des Radikalismus je nach der Individualität
des Falles gewahrt bleiben.
Der Scheidenbauchschnitt hat im allgemeinen den Vor-
zug, daß die Operation besser vertragen wird und daß selten
eine sichtbare oder störende Narbe zurückbleibt. Daß die Operation
besser vertragen wird, drückt sich aus in einer besseren Mortalitäts-
statistik und in einer glatteren Rekonvaleszenz. Das trifi^ bei der
vaginalen Köliotomie gewiß zu, allein bei näherer Betrachtung stellt
sich heraus, daß dieser Satz nur für eine bestimmte Kategorie von
Fällen gilt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß eine vaginale Total-
exstirpation des karzinomatösen Uterus bessere Resultate gibt als eine
abdominale, selbst wenn dieselbe nicht radikal ausgeführt wird. Es
ist ebenso sicher, daß bei nicht ganz vollkommener subjektiver
Asepsis die vaginalen Resultate besser sind als die abdominalen.
Darüber hat uns die frühere Zeit zur Genfige belehrt. Aber in
heutiger Zeit hat die vaginale Fixation des Uterus keine bessere
Mortalitätsstatistik als die ventrale Fixation, und auch die vaginale
Ovariotomie steht in den Fällen, in denen sie überhaupt gut ausfuhr-
bar ist, nicht besser als die gleiche Operation vom Abdomen aus-
geführt. Hat man also ein aseptisches Operationsobjekt vor sich, so
stehen sich beide Operationswege von diesem Gesichtspunkte aus
gleich und nur bei der Operation an einem nicht aseptischen Organ,
wie z. B. an einem karzinomatösen Uterus oder auch nur bei unvoll-
kommener Asepsis des Operateurs macht sich der Unterschied geltend.
Die Ursache ist nicht schwer zu finden. Sie liegt in der bereits
vorhin erwähnten Lagerung der Genitalien unterhalb der Därme.
Sind weder am Operationsobjekt noch an den Händen des Operateurs
krankmachende Keime, so schadet die Berührung der Därme nicht.
Sind aber solche Keime vorhanden, so ist der Weg an den Därmen
vorbei geßihrlich, während das subintestinale Operieren besser ver-
tragen wird.
Das gleiche, was von der Mortalitätsstatistik gesagt wurde, gilt
natürlich für die Rekonvaleszenz nach der Operation. Bei der
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5] Ober abdominale und vaginale Köliotomien. 303
heutigen Asepsis und Technik hat die ventrale Fixation oder die
Ovariotomie keine schlechtere Rekonvaleszenz als die Vaginofixation
oder die vaginale Ovariotomie, besonders seitdem die Kranken nach
dem Leibschnitt nicht mehr so unnötig lange Bettruhe halten.
Daß eine Kolpoköliotomie fOr gewöhnlich keine sichtbare Narbe
hinterläßt, ist klar. Aber wenn man überhaupt auf das kosmetische
Resultat Wert legt, was ich für recht unwesentlich halte, so läßt sich
durch eine gut ausgeführte Technik und eine sorgfältige Naht die
Bauchnarbe sehr dünn und fein gestalten, ja, sie kann sogar fast un-
sichtbar gemacht werden, wie ich noch zu erläutern haben werde.
Zuweilen ist die vaginale Narbe zwar »unsichtbar^, aber doch
recht lästig und dauernd schmerzhaft, sowohl die im Scheidengewölbe
liegende als ganz besonders die Scheidendammnarbe, welche nach
schwierigen, eine große Inzision erfordernden Operationen entsteht.
Ich habe sowohl in der eigenen Praxis als in der von andern Ope-
rateuren sehr häßliche Narben gesehen, Narben, welche die Patienten
besonders beim Siezen und Gehen hinderten, Narbenbeschwerden,
wie man sie heutzutage bei der Laparotomie gar nicht mehr zu sehen
bekommt»
Und damit komme ich auf die Nachtelle der Kolpoköliotomie
zu sprechen, welche gipfeln in der zu kleinen Öffnung mit allen
ihren Folgen. In der Zeit, in denen die vaginalen Operationen aus-
gearbeitet wurden, hat diese kleine Öffnung großen Schaden gestiftet
und sogar manches Opfer durch ungenügende Blutstillung, durch
Verletzung von Blase, Urethren und Mastdarm und durch Fehler in
der Asepsis gefordert. Heutzutage, wo die Indikation für diese
Operation enger begrenzt worden ist, ist es besser geworden, aber
der Obelstand der kleinen Öffnung macht sich immer wieder von
neuem geltend, besonders seitdem wir die innigen Beziehungen
zwischen dem Blinddarm und den inneren Genitalien kennen gelernt
und die Notwendigkeit eingesehen haben, die Radikaloperation beim
Karzinom zu erweitern. Alle Operationen, bei denen ein vollständi-
ger Überblick über das ganze Operationsgebiet nebst seiner näheren
und ferneren Umgebung notwendig ist, passen nicht für den vaginalen
Schnitt.
Es eignet sich deswegen die Scheidenoperation im all-
gemeinen nicht für die Karzinome der inneren Genitalien.
Daß die bösartigen Ovarialneubildungen auf vaginalem Wege
radikal und sorgfältig nicht zu entfernen sind, darüber ist man sich
wohl allerseits, im klaren, und ebenso wird das Uteruskarzinonri
von den meisten Führern der gynäkologischen Wissenschaft abdo*
minal erledigt. Nur Seh auta operiert vaginal mit seinem eigens
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304
J. Pfannenstiel,
[«
dazu ausgearbeiteten erweiterten Verfahren. Die Zukunft muß ent-^
scheiden, ob dieses Verfahren in summa die gleiche Leistung aufzu*
weisen hat, wie die abdominale Operation. Daß der Vaginaüst auf
die Drüsenentfernung verzichtet, halte ich nicht fOr so bedenklich,
aber ob die Ausräumung der Parakolpien und Parametrien bezflglich
Radikalismus einerseits und Schonung der Nacbbarorgane andrer-
seits ebenso vollkommen ausfällt wie bei abdominalem Operleren,
das erscheint mir fraglich. Mein Standpunkt bezüglich des Uterus-
karzinoms ist in der Berl. klin. Woche 1005, Nr» 27 gekennzeichnet.
Im allgemeinen soll der Uteruskrebs abdominal erledigt werden.
Aber wir sollten die guten Erfahrungen, die wir in früherer Zeit mit
der vaginalen Exstirpation gewisser Karzinomarten gemacht haben,
ausnützen und solche Fälle auswählen lernen und sie für die zweifel-
los mit geringerer primärer Mortalität belastete vaginale Exstirpation
reservieren. Es sind das gewisse Formen von Portio- und von
Korpuskarzinom, nämlich solche, die sich noch im Beginn der Aus-
breitung befinden, die erst in höherem Lebensalter auftreten und die
hart, bindegewebsreich und zellarm sind. Speziell an der Portio
kommen in Betracht die am eigentlichen Muttermund beginnenden
Karzinome. Alle diese Formen, welche langsam wachsen und wenig
zur Drüseninfektion neigen, können getrost vaginal erledigt werden.
Alle andern, besonders die weiter vorgeschrittenen Fälle, die
weicheren, zellreichen Formen, die jugendlichen Fälle, besonders
aber alle Cervixkarzinome sollten ebenso wie die primären vaginalen
Karzinome vom Abdomen aus so radikal wie möglich in Angriff ge-
nommen werden*
Von den gutartigen Neubildungen der inneren Genitalien
werden die Myome, wenn sie eine gewisse Größe überschreiten, am
besten abdominal erledigt. Ich bin von der weitgehenden Anwendung
der vaginalen Operadon wieder etwas zurückgekommen, nachdem
ich gesehen habe, daß die Resultate in denjenigen Fällen, die durch
ihre geringfügige Größe sich auch für das vaginale Verfahren eignen,
auch bei abdominalem Operieren nicht schlechter sind. Oberkinds«
kopfgroße Myomen werden schonender und sorgfältiger abdominal
erledigt, aber auch bei kleineren Tumoren ziehe ich die Laparotomie
vor, wenn der Introitus und die Scheide eng, virginell und straff sind,
weil mir der Schnitt durch die Bauchdecken schonender erscheint
als der paravaginale Hilfsschnitt. Nur eine Indikation anerkenne
Ich für die vaginale Myotomie^ das ist die Operation bei be-
stehender Infektion eines myomatösen Uterus. Es sind das
meist ziemlich harmlose Infekdonen mit saprämischen Mikroben, bei
denen aber doch die abdominale Operation schlechter vertragen wird
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7] Ober abdominale und vaginale Köliotomien. 305
als die vaginale. In aolchen Fällen soll man sich bemühen^ vorauso-
gesetzt, daÜ der vaginale Zugang nicht 2u eng ist, womöglich auch
noch die flberklndskopfgfoßen Tumoren unter geschickter Zeratilck-
luog vaginal zu entfernen. Dazu gehört besondere Obung^ ein be»
sonderes Instrumentarium und eine gute Assistenz.
Was die Ovarien tum oren anlangt, so sind von vornherein von
der vaginalen Operation auszuschließen alle soliden und alle malignen
Tumoren^ sowie alle durch Verwachsung, intraligamentären Sitz, Stiel-
torsion und andre Störungen komplizierte Fälle. Aber auch die un-
komplizierten, zystischen Tumoren werden besser abdominal entfernt,
weil auf diese Weise am sichersten der Implantation von Geschwulst-
teiichen in der Bauchhöhle vorgebeugt wird. Die kleine Öffnung im
Scheidengewölbe bei der Kolpoköliotomie bringt es mit sich, daß die
Geschwulst oftmals nicht ohne Morcellement zerkleinert werden
kaan, was bei allen epithelialen Neubildungen entschieden zu ver-
werfen ist. Es sollte deshalb die vaginale Ovariotomle allgemein
bllen gelassen werden. In den einfachen Fällen ist sie überflflssig
und der Laparotomie an Erfolg nicht nachstehend. In den schwieri-
|ea Fällen, besonders bei den parvllokulären Kystomen und ganz be-
sonders bei den bösartigen Tumoren ist sie geradezu gefährlich.
Alle diese Zustände sind nun aber ebenso wie die zuvor genannten
Komplikationen nicht mit Sicherheit vor der Operation zu diagnosti-
zieren. Ich lehne deshalb die vaginale Ovariotomle trotz ihrer oft
bequemen Ausführbarkeit im Prinzip ab. Ausnahmen von dieser
Indikationsstellung werden ebenso wie bei den Myomen auch bei den
Ovarialtumoren gemacht werden mfissen. Bei der Einklemmung eines
zystischen Tumors sub partu kann gelegentlich die vaginale Operation
vorzuziehen sein usw.
Eine besondere Stellung nehmen ein die Ovarialabszesse bzw. die
vereiterten, unilokulären. Im Becken liegenden Tumoren. Hier empfehle
ich folgendes Verhalten: Es wird zunächst durch vorsichtige Probe-
punktion mit danner Nadel die Art der in dem Abszeß enthaltenen
Bakterien festgestellt. Findet sich ein septischer Inhalt, so soll vaginal
inzidiert und die Ausheilung der Abszeßhöhle abgewartet werden, um
spater den Tumor abdominal zu entfernen. Bei harmlosen Bakterien,
ebenso bei allen größeren und multilokularen Tumoren ist ohne
Zaudern abdominal zu operieren, mit großem Bauchschnitt und unter
dem Bestreben, den Tumor möglichst unzerkleinert zu entfernen.
Was die entzündlichen Erkrankungen anlangt, so wurde der
abszedierenden Formen schon gedacht. Sofern das infektiöse Material
vollständig entfernt werden kann, soll der vaginale Weg bevorzugt
werden. Bei den chronischen Entzündungen jedoch ist schon mit
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306
J. Pfannenstiel,
I
Rücksicht auf die Erfordernisse des konservativen Handelns der fibei
sichtliche Weg der abdominalen Operation der zweifellos bessere. Sc
viel wie möglich das Ovarium schonen, muß die Losung sein, b<
allen chronisch entzündlichen Erkrankungen einschließlich der Tubei
kulose der Innern Genitalien« Die Tube und der Uteruskörper sin
bei allen entzündlichen Erkrankungen viel stärker gefährdet als de
Eierstock, sie bedürfen deshalb — vorausgesetzt, daß überhaupt eio
Operation indiziert ist — in der Regel viel mehr der radikalen Em
fernung. Vor allem allem aber ist mit Rücksicht auf die so häufig
Mitbeteiligung des Processus vermiformis an der chronischen En
Zündung die Laparotomie angezeigt.
Zu der chronischen . Entzündung der Genitalien gehört auch di
chronische Pelveoperitonitis. Sofern dieselbe andauernde Be
schwerden macht, ist die abdominale Operation auszuführen. AucI
die mit chronischer Pelveoperitonitis verbundene Retroflexio utei
(sog. ,»Retroflexio uteri fixati"*) gehört zu dem Bereich der Laparotomie
nicht der vaginalen Operation.
Auch die Extrauterinschwangerschaft wird am besten pe
laparotomiam erledigt. Gewiß ist es möglich^ die Tube auch durci
die Kolpoköliotomie zu entfernen, aber angesichts des weichen un(
morschen Zustandes der Gewebe ist ein schonendes und exakt blut
stillendes Operieren allein durch die Laparotomie zu gewährleisten
Nur die verjauchte Hämatozele ist wie ein Beckenabszeß zu behandeli
uud vaginal zu inzidieren.
Die komplizierten Gynatresien gehören gleichfalls der Laparo
tomie, während der einfache Hämatokolpos natürlich von unten z(
entleeren ist. Bei allen höher gelegenen Atresien kommt man an
besten abdominal zum Ziele und braucht dabei den konservativen Ge
danken nicht aus dem Auge zu verlieren. Man kann sogar, wie ict
gezeigt habe^), unter Umständen die fehlende Verbindung zwischei
dem durch retiniertes Blut ausgedehnten Uteruskavum und den
Scheidenrest herstellen und zwar mit dem Effekt der vollen Funktioo
Was die Lageveränderungen der Genitalien anlangt, so steb(
ich auf dem Standpunkt, daß hier im allgemeinen viel zu viel operier
wird. Meistens ist überhaupt keine Lagekorrektion angezeigt. Wc
dies der Fall ist, handelt es sich in der Regel um kompliziertere Fälle.
Der Deszensus und Prolapsus der Ovarien kann gelegentlict
Beschwerden machen. Es ist klar, daß hier nur die Laparotomie zu
helfen vermag, durch Ovariopexie.
1) Pfannen'stiel in Festschrift für Fritsch, Leipzig, Breitkopf u. Härte! 190%
S. 344 ff.
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9] Ober abdominale und vaginale Köliotomien. 307
Die Retroflexio uteri bedarf in uDkomplizierteö Fällen niemals
der Lagekorrektion. Zu den Komplikationen gehört die Pelveoperi-
tonitis, von welcher bereits die Rede war. Hier ist die ventrale
Operation angezeigt, bestehend in Lösung der Verwachsungen ein-
schließlich der erforderlichen Operationen an den Adnexen mit nach-^
folgender Ventrlfixur, um den Uterus aus dem Verwachsungsgebiet
herauszuheben. Die andere überaus häufige Komplikation der Retro-
üexio ist die TotalerschlafFung des Organs und die Senkung der
Scheide. Schlaffheit des Isthmus uteri (unteres Uterinsegment) und
Atonie der Beckenbodenmuskulatur gehen fast immer Hand in Hand.
Zu diesem Krankheitsbild gehört dann neben andern splanchnopto*
tischen Erscheinungen (Wanderniere, Senkung des Magens und Quer-
darms usw.) auch die Zystozele. Alle diese Erschlaffungszustände des
Urogenitalapparates lassen sich nicht auf dem abdominalen Wege heilen.
Hier ist die einzige Methode, welche auf einen Dauererfolg bezüglich
der Beckenorgane rechnen kann, eine richtig ausgeführte vaginale
Fixation des Uterus, verbunden mit Kolporrhaphie und Dammplastik.
Weder die Ventrifixur noch die Alexander-Adamsche Operation gibt
gute dauernde Resultate: der schlaffe Uterus, welcher durch ebenso
schlaffe Bandapparate nicht genügend gehalten ist, bleibt trotz ventraler
oder inguinaler Fixation nicht in der durch die Operation hergestell-
ten «Normallage'', wenn man überhaupt von einer solchen sprechen
darf, er senkt sich wieder, ev. unter Ausbildung von langgedehnten
Fixationsbändern, und das Rezidiv ist da. Vor allem aber besteht die
Gefahr der Wiederausbildung einer Zystozele mit ihren Folgen für
Uterus und Scheide. Diese läßt sich durch eine ihren Hebel allein am
Corpus uteri ansetzende Operation nicht beheben, im Gegenteil: durch
eine ventrale oder inguinale Befestigung des Uterus wird die Blase
noch stärker in der Richtung nach abwärts gedrängt, so daß die besten
Kolporrhaphiemethoden nicht standhalten. Und mit dem Zystozelen-
rezidiv tritt das Prolaps- und Retroflexionsrezidiv ein. Hier kann nur
die Interposition des Uterus zwischen Scheide und Blase helfen, also
die vaginale Operation, bestehend in einer Kombination von gut aus-
geführter Vaginofixation mit entsprechender Colphorrhapia anterior,
posterior und Dammplastik.
Mit diesen Ausführungen habe ich natürlich nur die hauptsäch-
lichsten Indikationen besprechen können; es würde mir die Zeit
fehlen, um noch andere, vielleicht auch nicht ganz unwichtige Ge-
sichtspunkte heranzuziehen. Ich kann resümieren, daß nach meiner
Auffassung und nach meiner Erfahrung für die intraperitonea-
len gynäkologischen Operationen die abdominale Kölio-
tomte bei weitem den Vorzug verdient, daß aber auch
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308 J. PfAnnenstiel, [10
für die KolpokOliotomie eine Anzahl ziemlich scharf
umgrenzter Indikationen übrigbleibt. Hat man noch vor nicht
langer Zelt Grund gehabt, das Prinzip aufzustellen: was irgend der
vaginalen Operation zugänglich ist, soll vaginal erledigt werden, so
haben die Fortschritte in der Asepsis und in der Technik der letzten
10 Jahre diesen Grundsatz geändert. Die Asepsis hat bedeutend
gewonnen durch die Einführung des Alkohols in die Händedesinfek-
tion, sowie die Verwendung der Gummihandschuhe und andrer MaD«
nahmen zur Verbesserung des Wundschutzes. Die Technik, welche
eine Zeitlang etwas vernachlässigt war in dem irrigen Glauben, daß
die Antisepsis die Hauptsache sei, ist wieder mehr zu ihrem Recht
gekommen. Wir sind heute mehr denn je überzeugt, daO die Scho*
nung der biologischen Kräfte des Körpers von großer Wichtigkeit
ist, sowohl bezüglich der allgemeinen Vitalität wie ganz besonders der
lokalen Gewebsfunktion, daß wir geschickt, schnell und sorgiSltig
operieren müssen, daß aber die Sorgfalt wichtiger ist als die Schnellig-
keit. Die Organe und Gewebe sind vor unnützen Berührungen und be-
sonders vor stärkerem Druck zu bewahren. Die lang anhaltende Kom-
pression der Bauchdecken durch Spekula, namentlich durch die selbst-
haltenden, ist zu meiden. Das Bauchfell ist vor Luftkeimen und
sonstigen Schädlichkeiten zu schützen, die Därme sollen womöglich
nicht eventrieirt werden. Desinflzientien sind von Wunden und Bauch-
fell fernzuhalten. Die Beckenhochlagerung soll nicht zu steil sein
und nicht zu lange andauern, nicht allein wegen der stärkeren Be-
lastung des Zwerchfells durch Intestina mit ihren Folgen für die
Atmung, sondern auch weil dadurch eine zu intensive Hyperämie des
Peritoneums entsteht. Die Blutstillung soll peinlich genau sein. Die
interperitonealen Wunden sind sorgfältigst mit Peritoneum zu über*
nahen. Drainage und Tamponade sind nach Möglichkeit zu vermeiden.
Als Nahtmaterial ist für die versenkten Nähte Catgut vorzuziehen und
Silkwormgut für die Haut. Die Vor- und Nachbehandlung des Kran-
ken soll auf die Schonung seiner Kräfte Bedacht nehmen und so viel
wie möglich den physiologischen und individuellen Verhältnissen an-
gepaßt sein.
Als beste Methode für die abdominalen Köliotomien
empfehle ich meinen suprasymphysären Faszienquerschnitt,
welcher bei richtiger Anwendung für etwa */io aller gynäkologischen
Laparotomien gut anwendbar ist. Der Schnitt durch die Haut kann
erforderlichenfalls von einer Spina des Darmbeins zur andern geführt
werden, der Schnitt durch die Aponeurosen kann bequem über die
lateralen Ränder der Musculi recti nach außen verlängert werden,
wobei die Musculi obliqui entsprechend ihrer Paserrichtung zu
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11] Über abdominale und vaginale Köliotomien. 30^
spahea siod. Die Ablösyng der Aponeuroscn vom Musculus rectus
soll nach oben bis zum Nabel» nach unten bis zur Symphyse getien»
wobei die Musculi pyramidales an der Faszienplaite bleiben. Wenn als-
dann die Musculi recti und das Bauchfell in der Linea alba getrennt
sind, dann haben vir eine sehr groOe Öffnung der Bauchwand,
welche für die größten und eingreifendsten Operationen geeignet ist
und besonders das Operieren in der Tiefe und in den Seitenteilen
des Beckens erleichtert. Ich habe bei nahezu 1000 Operationen nicht
einmal nötig gehabt, zu dem Querschnitt einen Längsschnitt durch
die Faszie in der Richtung nach oben über den Nabel hinaus hinzu-
zufügen. Die Naht der Bauchdecken wird in vier Etagen ausgeführt:
1. Bauchfell, 2. Rektusmuskeln, 3, Aponeurose, 4. Haut, Die Peri-
toneal- und Muskelnaht wird mit einem fortlaufenden Catgutfaden
ausgeführt, die Fasziennaht ebenso mit einem Catgutfaden, die Haut-
naht mit Silkwormknopfnähten, Auf sorgfältige Blutstillung (zur
Vermeidung von Hämatomen) und genaue Vereinigung und Adap-
tiening der Wundränder lege ich den größten Wert..
Diese Art des Leibschnittes hat den großen Vorteil, daß er den
Därmen schon bei mäßiger Beckenhochlagerung großen Schutz vor
der Außenwelt gewährt und damit einer Reihe von Schädigungen
vorbeugt. Es macht sich dies sehr deutlich bemerkbar in der Mor-
tilitatsstatistiL Ich hatte in der Zeit von 1002—1904 bei 456 Fällen
von Faszienquerschnitt eine Gesamtsterblichkeit von 5,34% und in
der gleichen Zeit bei 104 Längsschnitten in der Linea alba eine
solche von 9,25%, wobei ich bemerken muß, daß in der Summe der
Quersehnittfälle auch die unsere moderne Statistik stark belastenden
Uteniskarzinomoperationen, sowie andere an einem nicht aseptischen
Objekt auszuführenden Operationen enthalten sind.
Die Rekonvaleszenz vollzieht sich leichter und die Heilung geht
rascher vonstatten bei den mit Querschnitt Operierten» namentlich
seitdem ich nach dem Vorbilde amerikanischer Operateure und in
Deutschland nach dem Vorgange Krön igs die Kranken zeitig auf-
stehen und sich bewegen lasse*
Die Heilung der Bauchdecken war eine absolut gute (prima in-
tentio) in 95,4% bei Querschnitt gegenüber 94,4% bei Längsschnitt.
Erscheint auch dieser Unterschied minimal, so spricht er doch in*'
sofern zugunsten des Faszienquerschnittes, als ich gerade die eitrigen
uad infektiösen Erkrankungen durch den Querschnitt zu erledigen
pflege, vor allem auch das Uteruskarzinom, die Peritoneal* und
Geniultuberkulpse und die entzündlichen Ädnexerkrankungen,
In innigem Zusammenhang mit der Bauchdeckenbeilung steht die
Beschaffenheit der zurückbleibenden Narbe und die Frage der Bauch«
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310
J. Pfannenstiel,
[12
hernie. Die Narbe ist äußerst fein, niemals breit oder entstelleircty
sie verschwindet entsprechend der Spaltrichtung der Haut in der
Unterbauchgegend allmählich mehr und mehr, zuweilen bis zur volli-
gen Unsichtbarkelt, meist wird sie verdeckt durch die Querfalte der
Haut, welche dieser Gegend eigentümlich ist. Narbenhernien wurden
in dem Gesamtmaterial beobachtet in 0,94%, wobei ich bemerke, daß
dieselben ausschließlich in den Fällen von Bauchdeckeneiterung ein-
traten. In den Fällen, in denen prima intentio zu verzeich-
nen war, ist Omal eine Hernie beobachtet worden (bei mehr
als 300 nach Jahr und Tag untersuchten Fällen).
In den verhältnismäßig seltenen Fällen, in denen ich einen
Längsschnitt in der Linea alba ausfähre (bei sehr großen, soliden
Tumoren, bei Komplikationen derart, daß eine Operation am Nabel
oder in höher gelegenen Regionen der Bauchhöhle erforderlich ist),
halte ich nach den bisherigen Erfahrungen die Schnittfflhrung nach
Lennander und die von Ch. Noble geübte Fasziennaht für die
besten Methoden.
Bezüglich der Kolpoköliotomietechnik kann ich mich kurz
fassen: Ich halte den Weg durch das vordere Scheidengewölbe, also
zwischen Blase und Cervix, mit Döderlein für entschieden ge-
künstelt, wenn ich auch zugeben muß, daß die Operation eine bessere
Obersicht zu geben pflegt als die Kolpotomia posterior. Da ich beide
Operationen nur noch selten und ausnahmsweise ausführe, so unter-
lasse ich es, an dieser Stelle auf Einzelheiten der Technik dieser
Operationsmethode einzugehen«
Bei Beckenabszessen ist der Weg durch das hintere Scheiden-
gewölbe selbstverständlich. Bei vaginalen Totalexstirpationen indi-
vidualisiere ich, indem ich zuweilen vorn, zuweilen hinten den
Schnitt beginne. Die mediane Durchschneidung des Uterus oder
sonstige Zerstücklung kann ratsam sein. Ist die Radikaloperation
wegen Vereiterung der Genitalien erforderlich, so kann es wünschens-
wert sein, Dauerklemmen für 2 Tage anzulegen und Jodoform-
gazedrainage anzuwenden. Sonst ist, "wenn irgend möglich, das Peri-
toneum und die Scheidenwunde sorgfältig in Etagen zu schließen.
Für die Prolapsoperation ist das vordere Scheidengewölbe der
gegebene Weg. Ich lege hier Wert darauf, die Blase nicht allein in
der Mitte, sondern auch an der Seite vollkommen von Cervix und
Scheide abzutrennen, um sie möglichst vollständig nach oben
schieben und den Uterus zwischen Blase und Scheide einschalten zu
können« Es ist dies die einzige Möglichkeit, um dem Wiedereintritt
einer Zystozele vorzubeugen. Die Annähung des Uterus an die Scheide
soll ferner nicht am Fundus, sondern im oberen Drittel der vorderen
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13] Ober abdominale und vaginale Köliotomien. 311
Korpusflache geschehen. Der vorn auszuschneidende Scheidenlappen
(Colporrhaphia anterior) soll nicht zu breit sein, statt dessen ist die
Scheide seitlich etwas zu unterminieren, um dem Uterus Platz zu
schauen für die Interposition. Die Naht der Scheide soll ausgeführt
werden, ohne daß die Portio vor die Vulva gezogen wird, weil es
sonst nicht gelingt, die Portio hinten und mehr oben zu erhalten.
Eine entsprechende Kolpoperineorrhaphie vervollständigt die Ope-
ration, indem sie den gesunkenen Genitalien einen neuen, festen
Halt und Untergrund verschafft.
Hiermit schließe ich meine Ausführungen, indem ich mir voll-
kommen bewußt bin, daß ich nicht alle bei der operativen Behand-
lung der interperitonealen Genitalerkrankungen in Betracht kommen-
den Gesichtspunkte erörtert habe. Es genügte mir, die allgemeinen
Grundsätze zu besprechen, welche nach meiner Auffassung bei der
Wahl der Operationsmethoden gelten sollten, und zu zeigen, wie es
möglich ist, diesen Grundsätzen Rechnung zu tragen. Im übrigen
muß natürlich das Bestreben walten, so viel wie möglich zu indivi-
dualisieren, zum Heile des Patienten, und weiterhin die Fortschritte
zu verwerten, welche wir von der chirurgischen Kunst noch zu er-
warten haben.
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489/90/91.
(Chirurgie Nr. 142/43/44.)
Ober den heutigen Stand der Erkennung und
Behandlung der Appendizitis. L
Erörtert an 550 von Geheimrat Garre behandelten Fällen.
Von
Dn Ad. Ebner,
Königsberg-Pr.
Nur selten haben sich innerhalb kurzer Zeit auf dem therapeutischen
Gebiet einer ErkranlLung so tiefgreifende Änderungen der Anschau-
ungen sowohl der internen Ärzte, wie der Chirurgen vollzogen, wie
auf dem der Erkrankung des Wurmfortsatzes und ihrer Folgezustände.
Zu danken ist dieser Fortschritt im wesentlichen den immer weiter
gestellten Indikationen der Chirurgen, welche schließlich zum opera-
tiven Eingriff in jedem Stadium der Erkrankung geführt haben. So
gewährte die Autopsie in vivo einen immer größeren Einblick in die
z. T. so außerordentlich verderblichen und heimtückischen Verände-
rungen dieses Organs und warf ein immer helleres Licht auf das grelle
Mißverhältnis, das namentlich auch in einem frühen Stadium schon
zwischen den geringen klinischen Erscheinungen und der Schwere
der anatomischen Veränderungen an dem erkrankten Organ selbst be-
stehen kann.
Durch dieses Mißverhältnis drängte sich dann immer noch mehr
die Notwendigkeit einer möglichist weitgehenden Indikationsstellung
zum operativen Eingriff auf, so daß man heute allgemein die Appen-
dizitis nicht nur bei Ärzten, sondern auch schon großenteils im Pu-
blikum als eine Krankheit anerkennt, bei der dem Chirurgen nicht nur
das letzte, sondern am richtigsten bereits das erste Wort mitzureden
zusteht, welche im wahren Sinne des Wortes als eine chirurgische
Erkrankung zu bezeichnen ist.
Klin. Vortrige, N. F. Nr. 489/90/91. (Cbinirsie Nr. 142/43/44.) Juni 1906. 28
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370
Ad. Ebner,
(
i
Dementsprechend ist innerhalb einer verhältnismäßig kurzen Zei
das Anschwellen der Äppendizitisliteratur — Sprengel fuhrt in seiner
Standärtwerk über Appendizitis allein 117 Seiten Literatur an — eii
so gewaltiges geworden, daß es fär den Spezialisten schwer und fu
den praktischen Arzt kaum noch möglich ist, dieselbe in ihrem vpllei
Umfange zu übersehen und sich in dem zum Teil noch recht ausein
andergehenden Streit der Meinungen zurechtzufinden, die verschieden
artigen Benennungen und Einteilungen dieser Erkrankung auseinander
zuhalten und, was vor allem für den Patienten das wichtigste ist, ii
den verschiedenen Stadien der Erkrankung den richtigen Zeitpunt
zur Operation herauszufinden, in welchem er seinen Patienten den
Chirurgen zu überliefern hat, ohne ihn erst der Gefahr einer Allge
meinperitonitis auszusetzen und damit die Chancen seiner Heilunj
wesentlich zu verschlechtern oder ihn zum mindesten einem langei
und quälenden Krankenlager zu überliefern.
Das idealste im Interesse des Patienten wäre ja fraglos die schoi
von manchen Chirurgen und theoretisch mit Recht gestellte Forderung
zu jeder als Appendizitis auch nur verdächtigen Erkrankung einet
Chirurgen frühzeitig hinzuzuziehen. Demgegenüber darf man abei
nicht verkennen, daß einerseits noch lange Zeit vergehen dürfte, hh
die Berechtigung dieser Forderung allgemeine Anerkennung bei den
praktischen Ärzten finden wird, die ja vielfach noch gewöhnt sind, in
der Appendizitis, bzw. den einzelnen Anfällen, die sie ja meist nui
zu sehen bekommen, eine relativ harmlose Erkrankung zu erblicken.
Andererseits sind aber auch bei dem besten Willen die Ärzte aul
dem Lande oder in kleineren Städten gar nicht in der Lage, gleicli
einen Chirurgen an der Hand zu haben, auf dessen Erfahrung sie bei
Überwachung ihres Falles sich stützen könnten.
Es wird also nach wie vor das Schicksal der meisten Appendizitis-
kranken lediglich in der Hand der praktischen Ärzte liegen, und es
werden nach wie vor diese auch die Verantwortung für den Erfolg
oder Mißerfolg eines operativen Eingriffs zu tragen haben. Denn dar-
über darf heute kein Zweifel mehr herrschen, daß fast niemals die
Operation als solche — unter Voraussetzung der notwendigen Technik
und Erfahrung des Operateurs — die Verantwortung bei einem Miß-
erfolg zu tragen hat, sondern ausschließlich der mehr oder minder
günstige Zeitpunkt, in welchem der Kranke in die rettende Hand des
Chirurgen gelangt^ mit anderen Worten der, welcher diesen Zeitpunkt
zu bestimmen hat, und das wird fast immer der praktische Arzt sein.
Für diesen möchte ich daher in erster Linie die im Laufe von
12 Jahren an der Rostocker, Königsberger und Breslauer chirur-
gischen Klinik gemachten Beobachtungen verwerten, die sich auf 550
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3] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 371
vofi Herrn Geheimrat Garre behandelte bzw. operierte Fälle er-
strecken, für deren gütige Überlassung ich an dieser Stelle nicht ver-
fehlen möchte, meinem ehemaligen, sehr verehrten Chef, Herrn Ge-
heimrat Garr^, meinen ergebensten Dank zum Ausdruck zu bringen.
Dabei gleichzeitig ein möglichst kurzes und übersichtliches Bild
der bisher in der Literatur niedergelegten Anschauungen, soweit sie
für die Betätigung des praktischen Arztes am Krankenbett in Frage
kommen, in dieser anspruchslosen Studie zu liefern, soll in erster
Linie mein Bestreben sein.
Es liegt daher im Interesse der Kürze und Übersichtlichkeit unserer
Abhandlung, wenn wir unsere Aufmerksamkeit vor allem der Be-
nennung, Einteilung, Entstehung, Erkennung und Behandlung
der Appendizitis zuwenden und uns mit anderen Worten auf die
rein klinische Seite der Appendizitis beschränken. Wer sich auch über
die pathologisch-anatomischen Veränderungen näher zu informieren
wfinscht, dem seien die eingehenden Monographien von v. Brunn,
Fowler, Körte, Sonnenburg, Rotter und ganz besonders das
Standardwerk von Sprengel zur eingehenden Durchsicht empfohlen.
Wenden wir uns zunächst der Benennung der Erkrankung des
Wurmfortsatzes zu, so hat sich als die in Deutschland am meisten
gebrauchte von den verschiedenen, vorgeschlagenen Bezeichnungen
die Perityphlitis herausgeschält. Der Ausdruck stammt noch aus jener
Zeit her, in der man den Ausgangspunkt der Erkrankung vielfach in
dem Typhlon, dem eigentlichen Blinddarm, erblickte, woher ja auch
die volkstümliche Bezeichnung der Blinddarmentzündung ihren Aus-
gang genommen hat. Diese Anschauung fand ihren Ausdruck in der
zuerst von Sahli widerlegten Lehre von der Typhlitis stercoralis,
deren Ursache man in Kotstauungen im Typhlon erblicken zu müssen
glaubte. Im Gegensatz zu der intraperitonealen Entzündung um das
Typhlon herum, der Perityphlitis, hat man die extraperitoneal bzw.
retrocöcai gelegene Entzündung als Paratyphlitis bezeichnet. Im Ein-
klang dazu hat dann Küster als dritten Ausdruck die Epityphlitis,
die Entzündung des Epityphlon, des auf dem Typhlon gelegenen An-
hangs, hinzugefügt. Diese letztere Bezeichnung insbesondere kann man
nicht als sehr glücklich betrachten, denn in logische Analogie mit den
ersten Bezeichnungen gebracht heißt sie weiter nichts, als eine auf
dem Typhlon gelegene Entzündung, gleichwie die Perirjrphlitis einer
um das Typhlon gelegenen Entzündung entspricht. Es ist kein lo-
^scher Grund vorhanden, warum hier mit dem Begriff einer Ent-
zündung und ihrer Lokalisation plötzlich der Begriff eines neuen Organs
^ im Gegensatz zum Typhlon — verbunden werden soll, das die
relativ wenig bekannte Bezeichnung Epityphlon trägt. Zum mindesten
28*
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372 Ad. Ebner, [4
setzt diese Benennung voraus , daß jeder Leser wissen muß, was
Küster darunter verstanden wissen will, denn aus der reinen Analogie
mit der Peri- und Paratyphlitis allein geht eine richtige Deutung dei
Epityphlitis im Sinne der Auffassung von Käster doch nicht hervor
Auch Küster hat sich bei seinem Vorschlage wohl von der Er-
wägung leiten lassen, daß es wenig logisch erscheint, eine Erkrankung
unter Übergehen des eigentlichen Ausgangspunktes derselben nacb
einem anderen in der Nähe gelegenen Organ zu benennen, das ic
keiner näheren Beziehung zu derselben steht, als der, welche man aus
früheren und mittlerweile unrichtig befundenen Anschauungen hin-
sichdich der Ätiologie der Erkrankung herleiten kann. Dann müßte
er aber konsequenterweise von der Epityphlitis eine Periepityphlitis
und Paraepityphlitis ableiten, was kaum zu einer wesentlichen Ver-
einfachung und leichteren Unterscheidung der BegrifFe für den Prak-
tiker führen dürfte»
Viel näher liegend, klarer und den tatsächlichen Verhältnissen ent-
sprechend ist wohl für die Erkrankung des Appendix allein die einfache
Bezeichnung Appendizitis, wie sie zuerst in Amerika von Fitz 1886
vorgeschlagen und zunächst von den amerikanischen Ärzten, namentlich
von Senn vertreten und eingeführt worden ist. Diese Bezeichnung
hat denn auch mittlerweile derartigen Anklang gefunden, daß sie heute
die antiquierte Perityphlitis überall, namentlich bei den englisch spre-
chenden Nationen, mehr und mehr in den Hintergrund drängt.
Auch Sprengel hält den Ausdruck Perityphlitis nicht mehr für
zeitgemäß und findet, daß die Bezeichnung Appendizitis entschiedene
Vorzüge hat, wenn man das erste sprachliche Grauen überwunden
hat. »Sie ist kurz, eignet sich für weitere, wenn auch formell nichi
einwandfreie Ableitungen, wie Endoappendizitls, Peri- und Paraappen-
dizitis, ist sachlich unseren heutigen Anschauungen absolut entspre-
chend und in fast allen Kulturländern, außer vielleicht in Deutschland
eingebürgert.*
Küster hält der Benennung entgegen, daß sie den Fehler dei
Zusammenstellung eines lateinischen Namens mit einer griechischeo
Endung habe. Da wir heute aber in der Medizin eine ganze Reihe
ähnlicher Zusammenstellungen bereits haben, an denen niemand An-
stoß nimmt, und da der Gesichtspunkt der reinen Zweckmäßigkeil
doch wichtiger sein dürfte, als der einer sprachreinen Ableitung und
Zusammenstellung unserer Nomenklatur, so wird man trotz der philo-
logischen Bedenken den Ausdruck auch ferner beibehalten dürfen«
Daraus die Möglichkeit einer Verwechslung mit den Appendices epi-
ploicae herzuleiten, wie sie Hoffmann in einer Arbeit bei Küster
für wahrscheinlich hält, erklingt doch etwas gezwungen, da einmal
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5] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 373
reine Entzündungen der Appendices epiploicae äußerst selten sind,
wenn sie idiopathisch überhaupt vorkommen, und da andererseits die
Appendizitis bereits viel zu sehr im Sprachgebrauch auch in Deutsch-
land eingebfirgert ist, als daO jemand einen anderen Begriff damit
verbinden wärde, als den einer Erkrankung des Appendix. In gleicher
Weise entspricht auch der Gebrauch des männlichen Artikels für
Appendix durchaus dem Sprachgebrauch, indem das an Stelle des
deutschen Wurmfortsatzes oder des lateinischen Processus vermiformis
getretene, zunächst weniger gebrauchte Fremdwort den männlichen
Artikel (desselben) übernommen hat. Spricht doch auch der Luft-
schiffer in wissenschaftlichen Werken stets von dem, und nirgends
von der Appendix des Ballons. Man darf eben dem Sprachgebrauch
nicht jede Berechtigung absprechen. Er setzt sich schließlich in der
Praxis dennoch stets durch, wenn auch vom theoretischen Standpunkt
aus die rein wissenschaftlichen Ableitungen, wie die Appendix u. a.
durchaus zu Recht bestehen bleiben.
Wie weit man im übrigen mit rein sprachlichen Ableitungen kommen
kann, zeigt sehr schön die seinerzeit von Nothnagel vorgeschlagene
Bezeichnung Skolekoiditis, die von der griechischen Benennung des
Appendix „Skolekoeides apophysis"" abgeleitet ist und den Vorzug einer
für manche ziemlich schwierigen Aussprache mit einer sprachreinen
Ableitung der Endung verbindet. Zudem klingt die Bezeichnung wegen
des nur wenig bekannten griechischen Ableitungswortes für die Mehr-
zahl so Fremd, daO sie außer vom rein sprachlichen Gesichtspunkt
wohl kaum eine Berechtigung zur Erwerbung des Bürgerrechtes in
unserer Nomenklatur hat. Tatsächlich habe ich sie auch in keiner
Einteilung außer bei Rose erwähnt gefunden.
Der von manchen gebrauchte Ausdruck Perityphlitis appendicularis
ßr den gleichen Krankheitszustand drückt ja die Ätiologie richtig im
Adjektivum aus, warum man aber die Periappendizitis nicht vorziehen
soll, die denselben Begriff ebenso klar, nur kürzer zum Ausdruck bringt,
ist nicht einzusehen.
Früher oder später wird die Bezeichnung aller Voraussicht nach
wohl die alleinherrschende werden, sowohl der Logik, wie der Zweck-
mäßigkeit nach. Einstweilen ist der von früher übernommene Aus-
druck der Perityphlitis ein so festgewurzelter, daß man noch auf Jahre
hinaus mit ihm zu rechnen haben wird. Nur soll man sich dabei
gegenwärtig halten, daß er einen Krankheitszustand betrifft, der bereits
über den Appendix hinausgegriffen hat. Er entspricht somit einem
sekundären Stadium der Erkrankung, in welchem allerdings erst die
meisten Ärzte ihre Patienten zu Gesicht bekommen, und für diese Fälle
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374 Ad. Ebner, [6
besteht wenigstens vom anatomischen Gesichtspunkt aus die Perityph-
litis zu Recht.
Gehen wir nun zu der Einteilung der Appendizitis in die
einzelnen Stadien der Erkrankung über, so finden wir darin bei den
verschiedenen Autoren gewisse prinzipielle Unterschiede, je nachdem
die Einteilung auf rein ätiologisch-genetischer, topographischer, patho-
logischer oder klinischer Basis erfolgt ist. Da nun die meisten Ein-
teilungen weniger auf Grund der rein klinischen Symptome, als auf
Grund der Autopsie — sei es in vivo oder in mortuo — und auf
Grund eines Vergleiches bzw. einer Resfimierung des hierbei gebotenen
Befundes mit den vorherigen klinischen Symptomen aufgestellt worden
sind, so wird naturgemäß für die meisten der Einteilungen der patho-
logisch-anatomische Gesichtspunkt der hauptsächlich maßgebende sein,
während der klinische erst in zweiter Linie kommt.
Daß dabei eine vollständige Übereinstimmung zwischen beiden Ge-
sichtspunkten nur schwer oder gar nicht zu erzielen ist, ergibt sich aus
der Tatsache, daß in vielen Fällen die klinischen Symptome mit den
per autopsiam erhobenen Befunden entweder wenig übereinstimmten
oder gar in einem schreienden Mißklang dazu standen. Es liegt da-
her auf der Hand, daß bei Einteilungen, welche mehr oder weniger
beiden Punkten gerecht zu werden suchen, auch theoretisch der Ein-
klang zwischen beiden Punkten nur schwer herbeizufuhren ist, zum
mindesten wird dieser Einklang für die Praxis vielfach nur ein schein-
barer sein.
Für den Praktiker wird daher in erster Linie eine rein klinische
Einteilung in Frage kommen, und daß diese eine möglichst einfache
sein wird und muß, ergibt sich einmal aus der Forderung einer mög-
lichst großen Übersichtlichkeit und Klarheit derselben, sowie aus der
Erwägung heraus, daß gerade die einfachste und kürzeste klinische
Einteilung am ehesten allen pathologisch-anatomischen Gesichtspunl^ten
gerecht zu werden vermag, ohne durch ein zu subtiles Eingehen auf
die Einzelheiten den Mißklang zwischen klinischen und pathologischen
Befunden unnötig zum Ausdruck zu bringen. So sehr auch die Ein-
teilungen auf rein pathologisch-anatomischer Basis vom theoretisch
wissenschaftlichen Standpunkt aus zu schätzen sind, so sind sie den-
noch praktisch undurchführbar, da sie eben klinisch nicht zu machen
sind.
Daß man namentlich in letzter Zeit seitens unserer klinischen
Autoren immer mehr Wert darauf legt, dieser richtigen Erkenntnis
Ausdruck zu verleihen, ergibt sehr schön eine vergleichende Durch-
sicht der früheren Einteilungen im Gegensatz zu den heutigen. Es
tritt dabei' eine immer größere Einfachheit und ein immer größeres
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7] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 375
Vorwiegen des rein klioischen Gesichtspunktes in die Erscheinung.
Kommt es doch für den praktischen Arzt sowohl) wie für das Wohl
des Kranken vielmehr darauf an, an der Hand einer kurzen und fiber-
sichdichen Einteilung auf rein klinischer Basis schnell und präzise den
richtigen 2^itpunkt zum rettenden operativen Eingriff bestimmen zu
können, als in dem Bestreben, einer möglichst subtilen Einteilung die
Diagnose seines Falles anzupassen, Gefahr zu laufen, daß dieser wich*
tige Zeitpunkt versäumt wird.
Die schönste und subtilste Diagnose nützt eben in solchen Fällen
dem Patienten nichts, wenn sie nicht schnell gestellt wird und wenn
dabei in jedem nicht ganz leichten Fall nicht der Gesichtspunkt der
einzig maßgebende ist: Wann ist es Zeit zum operativen Ein-
griff, wann kann oder wann muß der Arzt pflichtgemäß den
Patienten der Hand des Chirurgen überliefern?
Zum Schluß möchte ich noch einige Sätze Sprengeis anführen,
in denen er in geradzu klassischer Weise für die Vorzüge einer rein
klinischen Einteilung eintritt: »Der von einigen (Sonnenburg) auf-
gestellte Grundsatz, daß nur diejenige Einteilung wissenschaftlich be-
rechtigt sei, welche auf pathologisch-anatomischer Grundlage beruhe,
ist theoretisch anfechtbar, praktisch undurchführbar und tatsächlich
unmöglich. '^ Man darf eben nicht vergessen, daß die angewandte
Wissenschaft in erster Linie für den Praktiker und Patienten da ist.
Ferner: »Jede Klassifizierung nach pathologisch-anatomischen Grund-
sätzen muß in der ideellen Absicht unternommen werden, io der Praxis
ihren Prüfstein zu finden. Solange wir sie nur mit dem exstirpierten
Wurmfortsatz vor uns probat erfinden, bleibt sie von des Gedankens
Blässe angekränkelt.'^
Wenn ich nun auch nicht im einzelnen auf die verschiedenen Ein-
teilungen vorwiegend deutscher Autoren des näheren eingehe bzw.
dieselben besonders anführe, da dieselben lediglich vom theoretischen
Gesichtspunkt aus Interesse darbieten, so möchte ich doch in einem
kurzen Hinweis auf dieselben versuchen, dem Praktiker ein Bild von
dem Reichtum an solchen, sowie den Gesichtspunkten zu geben,
welche für die Autoren dabei maßgebend waren. Diejenigen, welche
sich eingehender dafür interessieren, verweise ich auf die außer-
ordentlich umfassende Zusammenstellung der Einteilungen, welche
Sprengel allerdings nicht nach vergleichenden Gesichtspunkten, son-
dern nach chronologischer Reihenfolge geordnet in seinem Standard-
werk bringt.
Zunächst den rein ätiologisch-genetischen Standpunkt vertritt
eine Einteilung, welche Halm 1905 angegeben hat. Er geht dabei
von dem Grundsatz aus, daß die Appendizitis als eine rein bakterielle
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Ad. Ebner,
[B
'ii
Erkrankung zu bezeichnen sei^ welche endemischen Charakter besitzt,
und macht dementsprechend seine Unterscheidung nach der Art der
verschiedenen Infektionserreger, die dabei in Betracht kommen können.
Einen mehr ätiologisch-pathologischen Gesichtspunkt ver-
treten die Einteilungen vonCzerny, Sonnenburg und Federmann.
Dabei legt Sonnenburg besonderen Wert auf die Betonung des ätio-
logischen Momentes und hebt gleich Czerny den Perforationsvorgang
durch eine besondere Abteilung für denselben besonders hervor.
Federmann vertritt naturgemäß die gleiche Einteilung wie Sonnen -
bürg mit dem Unterschied» daß er zu der Appendicitis Simplex auch
die serös-fibrinöse Exsudation im freien Peritoneum hinzunimmt, nicht
ganz in Obereinstimmung mit der Auffassung seines Chefs Sonnen-
bürg, da eine solche Exsudation nicht stattfinden kann, wenn das Peri-
toneum absolut gesund ist, wie es Sonnenburg für seine Appendicitis
Simplex ausdrücklich hervorhebt.
Im übrigen hebt auch Federmann die Identität der perforativen
Peritonitis mit der zirkumskript-eitrigen Peritonitis und ebenso der
gangränösen Appendizitis mit der freien, progredienten Peritonitis in
der Art seiner Einteilung hervor. Wenn es nun für die Mehrzahl
der Fälle auch zutreffen mag, daß eine Perforation in der Regel von
einer zirkumskripten Peritonitis und eine Gangrän des Processus von
einer progredient-diffusen Peritonitis gefolgt sein wird, so wird es
doch eine große Anzahl von Fällen geben, für welche diese Identität
und somit auch die Einteilung Sonnenburg s nicht zutreffend ist.
Zudem kann erwiesenermaßen der Perforationsvorgang am Appendix
derartig larviert in seinen klinischen Äußerungen verlaufen, daß er
als solcher klinisch überhaupt nicht kenntlich ist, so daß er als Unter-
scheidungsmerkmal für eine Einteilung vom klinischen Standpunkt aus
wenig geeignet erscheint.
Es liegt in der Natur der Sache begründet, daß wir bei den pa-
thologisch-anatomischen Einteilungen auch die der ältesten
Autoren vertreten finden, da diesen ja zunächst die pathologischen
Obduktionsbefunde die einzigen Unterscheidungsmerkmale für eine
Einteilung liefern konnten. So unterscheidet Bamberger 1853 in
einer der ältesten Einteilungen zwischen intraperitonealen Entzün^
düngen, meist vom Processus oder vom Cöcum ausgehend, die schlecht-
hin als Typhlitis bezeichnet werden, und extra^ oder retroperitonealen
Entzündungen in dem. der hinteren Cöcalwand angelagerten Binde-
gewebe, die als Perityphlitis bezeichnet werden. Es fällt hierbei auf,
daß man damals dem Begriff der Perityphlitis dieselbe Bedeutung
unterschob, welche wir heute durch die Bezeichnung Paratyphlitis
zum Ausdruck bringen, während man die Typhlitis in erweiterter
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9] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 377
Bedeutung entsprechend unserer heutigen Perityphlitis für die Intra-
peritoneal lokalisierten EntzQndungsvorgänge in Anwendung brachte.
Oppolzer hebt bereits 1858 diesen Unterschied sehr richtig hervor,
indem er unter Perityphlitis die Entzündung des serösen Oberzuges
der Darmgebilde und unter Paratyphlitis die Entzündungen im retro-
cöcalen Bindegewebe versteht, eine Auffassung, die bis heute ihre
Gültigkeit nicht verloren hat. Von neueren Einteilungen könnte man
hierzu rechnen diejenige von Carl Beck 1898, Bloß 1894 und von
Bfingner 1904. Dieselben vertreten vorwiegend den pathologischen
Gesichtspunkt und geben im einzelnen Unterschiede, die man wohl
mit dem Appendix in der Hand nach Eröffnung der Bauchhöhle —
wie Sprengel sagt — zu machen in der Lage ist, die aber rein kli-
nisch zu machen für den Praktiker unmöglich ist.
Etwas mehr dem pathologisch -klinischen Standpunkt nähern
sich Roux 1892, Rotter 1896, Dörffler 1898, Jonescu 1903. Je-
doch finden wir bei Roux wieder dem Perforationsvorgang eine beson-
dere Abteilung eingeräumt, was aus den oben besprochenen Gründen
nicht sehr glücklich erscheint. Auch Sahli äußert sich mit Recht
gegen eine derartige Gruppierung nach perforativen und nicht perfora-
tiven Formen, weil sie nicht immer wesentlich verschiedene Krank-
heitsbilder hervorzurufen brauchen.
Rotter unterscheidet einfach zwischen der Perityphlitis circum-
scripta und diffusa, indem er dabei den Begriff der primären Appen-
dizitis unter den sekundären derPeriappendizitis unterordnet. Letzteres
erscheint mir etwas unmotiviert, da beide Begriffe klinisch gut von-
einander zu trennen sind.
Den Mißklang des pathologischen und klinischen Prinzips der Ein-
teilungen und die daraus resultierende Unbrauchbarkeit derselben für
den Praktiker hat besonders Hans Dörffler empfunden^ der selbst
als praktischer Arzt tätig ist. Trotzdem hat er bei seinem Versuch
einer derartigen Einteilung vom rein praktischen Gesichtspunkt aus
sich nicht ganz vom pathologischen Prinzip freimachen können, wie
seine Unterscheidung zwischen Periappendicitis serosa und suppurativa
beweist, die man aus dem Vorhandensein oder Fehlen des Fiebers
vor eingetretener Abkapselung doch nicht immer mit Sicherheit machen
kann. Ebenso erscheint mir seine Gleichstellung der perforativen mit
der eitrigen Periappendizitis, von denen die letztere der weitere Be-
griff ist, nicht zweckmäßig, da in vielen Fällen die Perforation als
klinisches Unterscheidungsmerkmal versagt und andererseits nicht jede
eitrige auch eine Perforationsperitonitis zu sein braucht.
Dagegen ist die Einteilung von Jonescu ziemlich frei von patho-
logischen Anklängen bis auf das Hervorheben der septischen oder
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Ad. Ebner,
[K
I
i
eitrigen Peritonitis und die gesonderte Abteilung der AppendicitU
hypertoxica, die wohl richtiger als Periappendizitis zu bezeichnei
wäre. Einen Unterschied zwischen allgemeiner Peritonitis appen-
diculari3 und appendikulärer Septhämie zu machen ist ebenfalls nicb
empfehlenswert, da beide Formen dieselben Veränderungen und Sym-
ptome aufweisen können und sich nur durch größere Virulenz der Er-
reger und entsprechend vermehrte Schnelligkeit des deletären Verlaufes
der Erkrankung voneinander unterscheiden, ein Punkt, der auch bei
Sprengel entsprechende Berücksichtigung gefutiden hat.
Als rein klinisch darf man wohl die Einteilungen von Rose.
Broca, Scholz, Riedel und Sprengel bezeichnen, von denen die
Einteilung von Rose mehr durch ihre Eigenart, als durch ihre Brauch-
barkeit Beachtung verdient Am kürzesten und relativ zweckmäßigste!
erscheinen mir die Einteilungen der letzteren Autoren, von denen
Scholz einfach zwischen leichten, mittelschweren und schweren Fällen
unterscheidet. Auch Riedel hält eine Trennung vom anatomisch-
pathologischen Standpunkt nicht für statthaft und schlägt vor, nui
zwischen Appendicitis non purulenta und purulenta zu unterscheiden.
In beiden Einteilungen haben jedoch meines Erachtens die klinisch er-
kennbaren und trennbaren Erscheinungen des Peritoneums zu wenig
Beachtung gefunden, so daß sie nach dieser Richtung etwas über das
Ziel hinausschießen dürften.
Diesen Nachteil vermeidet die Einteilung von Broca, ohne im üb-
rigen dadurch an Übersichtlichkeit und Kürze einzuhüllen. Es wird
darin nämlich unterschieden:
1. akute einfache Appendizitis (ohne Peritonitis),
2. zirkumskripte Peritonitis (adhäsive oder eitrige),
3. diffuse Peritonitis (septische oder eitrige),
4. chronische Appendizitis (mit oder ohne akute Anfälle).
Die drei letzten Abteilungen faßt Sprengel in eine zusammen, in-
dem er gleichwie Riedel und Scholz nur zwei Gruppen unterscheidet,
die er als Appendicitis Simplex und Appendicitis destructiva bezeichnet
Eine Trennung in A. ulcerosa, perforativa und gangraenosa hält Sprengel
für hinfallig, da sie in der Peritonealhöhle die gleichen Veränderungen
verursachen, worauf bereits oben gelegentlich der Appendicitis hyper-
toxica von Jonescu hingewiesen ist.
Wenn man nun trotz der zahlreichen und zum Teil recht brauch-
baren Einteilungen es wagen darf, eine weitere Einteilung vorzuschlagen]
so werden für dieselbe vom Standpunkt des Praktikers allein das
klinische und das therapeutische Prinzip in Frage kommen. Ersteres
wird vornehmlich beherrscht von den Reiz- bzw. Entzündungserschei-
nungen des Peritoneums. Durch sie allein wird der Stand der Er-
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11] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 379
krankung klinisch erkennbar nach auOen projiziert» ganz gleich ob die-
selben von einer Gangrän, Perforation oder Ulzeration ihren Ausgang
genommen haben. Diese allein können also für eine klinisch verwert-
bare Einteilung in Betracht zu ziehen sein.
Folgen wir von diesem Gesichtspunkt aus dem durchschnittlichen
Entwicklungsgang der Erkrankung, so werden sich gewisse klinisch
in der Regel trennbare Stadien ergeben, bei denen jedoch zu be-
denken ist, daß die Erkrankung günstigenfalls in einem frühen Sta-
dium abbrechen kann, so daß die späteren Stadien fortfallen, daß sie
aber ungünstigenfalls — bei großer Virulenz oder massenhaftem Ein-
bruch der Erreger in das Peritoneum und verminderter Widerstands-
fihigkeit desselben — die früheren Stadien so schnell durchmachen
bzw. überspringen kann, daß diese so gleichfalls in Fortfall kommen
können. Eine Möglichkeit, die ja für die Wandlung der Indikations-
stellung zum operativen Eingriff in den letzten Jahren ausschlaggebend
geworden ist.
Nach dieser Reihenfolge der Vorgänge würde sich dann folgende
Einteilung ergeben, deren klinische Unterscheidungsmerkmale und Vor-
gange wir gelegendich der Besprechung der Symptomatologie der
Appendizitis näher erörtern werden:
1. Appendicitis Simplex. Peritoneum völlig frei. Die Erkrankung
hat noch nicht auf die Serosa übergegriffen und begreift in sich den
Katarrh des Appendix mit vermehrter Schleimabsonderung und die
weiter fortgeschrittene Form der Erkrankung, welche sich durch Granu-
lationsgewebe zwischen den tubulösen Drüsen und Neigung zu Blu-
tungen des Bindegewebes auszeichnet und von Riedel als Appendicitis
granulosa haemorrhagica bezeichnet wird. Diese letztere darf man wohl,
abgesehen von akzidentellen Ursachen, auf die wir später zu sprechen
kommen werden, für die Mehrzahl der Fälle als Ausgangspunkt der
Erkrankung betrachten.
2. Periappendicitis incipiens. Die Erkrankung hat auf die
Serosa des Appendix und seiner näheren Umgebung übergegriffen,
aber sich noch nicht fest gegen die Umgebung abgegrenzt. Ich habe
dieses Stadium bisher in keiner Einteilung erwähnt gefunden, halte
aber dessen besondere Aufstellung und Umgrenzung auch vom klini-
schen Standpunkt aus für berechtigt und notwendig, da vom therapeu-
tischen Standpunkt aus dieses Stadium tatsächlich bereits eingeführt
und benannt worden ist. Es ist dieses das sogenannte intermediäre
Stadium der Erkrankung, das heute besonders aktuell ist durch den
noch nicht einwandsfrei entschiedenen Streit der Meinungen über die
Indikationsstellung zum operativen Eingriff während desselben. Einer-
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380 Ad; Ebner, [12
seits spricht die therapeutische Aufstellung dieses besonderen inter-
mediären Stadiums dafär, daß man es auch klinisch bis zu einem ge-
wissen Grade von den anderen Stadien unterscheiden kann, worauf
wir später näher zu sprechen kommen werden, und andererseits tritt
für die weitere Umgrenzung desselben die Erfahrungstatsache ein, daO
der Zeitraum vom Übertritt der Entzündung auf das Peritoneum bis
zur festen Umgrenzung derselben in der Regel sich bis zum achten
Krankheitstage abzuspielen pflegt. Diese beiden Gründe lassen es
meines Erachtens gerechtfertigt erscheinen, wenn man dieses tatsachlich
vorhandene und therapeutisch bereits im Gebrauch befindliche Stadium
der Appendizitis auch für die klinische Einteilung derselben gesondert
anführt. Wenn die ursprünglich von der zeitlichen Umgrenzung ab-
geleitete Bezeichnung des intermediären Stadiums in unserer Ein-
teilung durch Periappendicitis incipiens ausgedrückt wird, so geschieht
das, um das diesem Zeitraum in der Regel entsprechende Verhalten
des Peritoneums zum Ausdruck zu bringen und damit gleichzeitig eine
Übereinstimmung mit den anderen Bezeichnungen unserer Einteilung
herbeizuführen.
3. Periappendicitis (und Paraappendicitis) circumscripta.
Die über die Serosa des Appendix hinausgegangene Entzündung des
Peritoneums ist zur Abgrenzung und zum festen Abschluß gekommen.
Dieselbe kann serofibrinöser Natur oder der Regel nach mehr purulenter
Natur mit entsprechender Exsudatbildung sein, die meist in einem
deutlich lokalisierten Palpationsbefunde nachweisbar ist. Zeitlich würde
dieses Stadium dem sogenannten Spätstadium entsprechen.
4. Periappendicitis diffusa, entsprechend der Peritonitis appen-
dicularis diffusa purulenta, welche ohne Begrenzung entweder schub-
weise fortschreitend (Peritonitis fibrinopurulenta appendicularis von
Mikulicz), oder gleichmäßig sich in schnellem Tempo verbreitend
(Peritonitis appendicularis libera nach Sprengel oder acuta progre-
diens), oder gewissermaßen mit einem gewaltigem Sprunge auf einmal
innerhalb kürzester Zeit (appendikuläre Septhämie oder Appendicitis
hypertoxica bei Jonescu, foudroyante allgemeine septische Peritonitis
bei Dörffler) das gesamte Peritoneum ergreift. Die Schnelligkeit ihres
Fortschreitens ist abhängig von der Zahl und Virulenz der angreifenden
Erreger einerseits und der natürlichen Widerstandskraft des Perito-
neums andererseits.
5. Die abgelaufene oder chronisch rezidivierende Peri-
appendizitis bzw. das chronische Stadium mit dem völligen Rück-
gang sämtlicher akuten und subakuten Entzündungserscheinungen des
Peritoneums und den aus den zurückgebliebenen Entzqndungsresten
resultierenden, meist nur wenig hervortretenden Beschwerden, welche
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13] Ober den hetttigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 381
klinisch neben der Anamnese der Diagnose die einzige Handhabe dar-
bieten.
Vom rein therapeutischen Standpunkt hat s|ich zur Fest-
legung der operativen Indikationsstellung und Prognose in den ein-
2ehien Stadien der Erkrankung eine etwas andere Einteilung heraus-
gebildety welche nach zeitlichen Umgrenzungen des Krankheitsverlaufes
au^estellt ist, sich aber im großen und ganzeü mit unserer klinischen
Einteilung decken muO, da beide nach denselben Gesichtspunkten, die
klinische nach den tatsächlich vorhandenen und die therapeutische
nach den erfahrungsgemäß vorauszusetzenden Veränderungen des er-
krankten Peritoneums, gemacht worden sind.
Eine entsprechende Zusammenstellung beider Einteilungen würde
sich daher folgendermaßen gestalten:
1. Das Frühstadium der Erkrankung (absolute Frühoperation),
velches umgreift den ersten und zweiten Tag vom Beginn der Er-
krankung gerechnet. Die gewonnenen Operationsbefunde in demselben
entsprechen in der Regel der Appendicitis simplex, sowie häufig der
Periappendicitis incipiens.
2. Das Zwischenstadium (Intermediärstadium) Vom dritten bis
achten Tage der Erkrankung gerechnet, entspricht dem von uns unter
Periappendicitis incipiens verstandenen Erkrankungszustand des Peri-
toneums. (Zwischenoperation = Intermediäroperation.)
3. Das Spätstadium vom neunten Tage der Erkrankung ab ge-
rechnet, entspricht der Periappendicitis circumscripta (Spätoperation).
4. Das Notstadium (Notoperation) oder richtiger Zuspätstadium,
welches naturgemäß zeitlich nicht umgrenzt ist, der therapeutischen
Vollständigkeit halber jedoch ebenfalls angeführt werden muß und der
Periappendicitis diffusa entspricht. Therapeutisch sind bei ihm die
ersten beiden Tage vom Beginn der diffusen Erkrankung ab von
Wichtigkeit wegen der relativ günstigen Prognose für den operativen
Eingriff während derselben (relatives Frühstadium; relative Früh-
operation).
5. Das chronische Stadium, in welchem die Operation die größte
Sicherheit bietet: Sicherheitsstadium; Sicherheitsoperation.
Rein schematisch würde sich also folgende Parallele ergeben:
1. Absol. Frfihstadium » Appendicitis simplex oder Periappendi-
citis incipiens : absolute Frühoperation.
2. Zwischenstadium »Periappendicitis incipiens:Zwischenoperation.
3. Spätstadium => Periappendicitis circumscripta : Spätoperation.
4. Notstadium = Periappendicitis diffusa : Notoperation in 48 Std.;
relatives Frühstadium : relative Frühoperation.
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382
A4. Ebner,
[1
5. Sicherheitsstadium = Periappendicitis chronica : Sicherheitsopc
ration.
Ich glaube, daß eine derartige Einteilung, welche in gleicher W^eis
den klinischen und therapeutischen Gesichtspunkten gleichzeitig ge
recht zu werden vermag ohne an Übersicht und Verständlichkeit z
verlieren, am ehesten dem Bedürfnis des Praktikers genügen dfirfii
zur Orientierung am Krankenbett sowohl, wie in der an einer ver
schiedenartigen Benennung gleicher oder korrespondierender Begriff
noch laborierenden Literatur. Im übrigen hat sie den Vorteil, dal
sie den häufigen Verwechselungen zwischen Intermediär = Zwischen
Stadium und Intervall = Sicherheitsstadium definitiv ein Ende macht.
Das Bestreben für korrespondierende Begriffe die entsprechende!
Bezeichnungen beizubehalten ist auch der Grund gewesen, weswegei
ich in meiner Einteilung die sonst übliche Bezeichnung der Peritoniti:
nicht gebraucht habe, gleichwie Rotter bereits 1896 in seiner Ein
teilung der Perityphlitis circumscripta die P. diffusa als den korre
spondierenden Ausdruck gegenübergestellt hat. Ich glaube, daß siel
dieses aus Gründen der Logik und der Einfachheit empfiehlt. Jed<
über den Appendix hinausgeschrittene Entzündung ist eben eine Peri
tonitis, ganz gleich ob sie umgrenzt oder nicht umgrenzt ist. Für di<
umgrenzte Entzündung hat man der Ätiologie Rechnung getragen, in<
dem man dafür ausdrücklich den korrespondierenden Ausdruck dei
Periappendicitis circumscripta geprägt hat. Für die nicht umgrenzte
Entzündung geht man wenig konsequent von dem eben geprägtei
Ausdruck wieder ab, und bringt die Ätiologie bzw. die primäre Er-
krankung im Adjektivum zum Ausdruck, um eine vorherrschendt
Krankheitserscheinung sekundärer Natur durch den Gebrauch des
Substantivs für dieselbe plötzlich ganz besonders zum Ausdruck zi
bringen.
Das wäre berechtigt, wenn der erstere Ausdruck weniger klar wäre
Das ist aber nicht der Fall. Man kann unter einer diffusen odei
progredienten Periappendizitis unmöglich etwas anderes verstehen
als eine Peritonitis appendicularis diffusa oder progrediens, nur muC
man sich im letzteren Fall zur Bezeichnung desselben Begriffes eines
weiteren Wortes bedienen. Sowohl der Logik, wie der Einfachheil
wegen verdient aber meines Erachtens in solchen Fällen der kürzere
und korrespondierende Ausdruck zur Bezeichnung artgleicher Begriffe
stets den Vorzug.
Sprengel hält dem entgegen, er vermöge nicht einzusehen, warum
man einer Peritonitis, die vom Appendix ausgeht, nicht einen selb-
ständigen Namen geben soll, wenn man andererseits der Peritonitis
nach Magen- und Darmperforationen doch auch ihren richtigen Namen
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15] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 383
L Das wäre berechtigt, wenn man die Peritonitis als selbständige
Erkninkungsform hinstellen will. Letzteres geht aber wohl nicht an,
da sie tatsächlich in einem, wie im anderen Fall den mehr oder
veniger ausgeprägten Folgezustand einer Erkrankung des Appendix,
des Magens oder sonst eines Organs der Abdominalhöhle darstellt.
Jedenfalls ist bisher eine idiopathische Peritonitis von keiner Seite
Bichgewiesen worden. In beiden Fällen scheint mir daher eine be-
sondere Berechtigung nicht vorzuliegen, die primäre Erkrankung
plötzlich durch einen Folgezustand derselben zum Ausdruck zu
bringen.
Die Art dieser Bezeichnung stammt wohl noch aus der Zeit, als
man zunächst nur mit der Peritonitis, als dem äußerlich manifesten
Symptom der Erkrankung zu rechnen pflegte und mangels genügender
ätiologischer Klarstellung in vielen Fällen keine andere Wahl übrig-
blieb. Nachdem sich dieses geändert hat, und man in jedem Fall die
Peritonitis als Folgeerscheinung der Erkrankung eines anderen Or-
gans betrachten muß, scheint mir die Beibehaltung dieses Gebrauchs
ffir die Erkrankung anderer Organe der Bauchhöhle ein gleich kon-
servatives Verhalten gegenüber der im Vordergrund des Interesses
stehenden Appendizitis nicht mehr zu rechtfertigen. Einen Beweis
dtffir darf man wohl in der ausdrücklich geprägten und gebrauchten
Periappendicitis circumscripta erblicken, welche logischerweise auch
eine Periappendicitis diffusa zur Voraussetzung haben muß.
Gehen wir nun zu der Ätiologie und Genese der Appendi-
zitis über, so finden wir, daß einzelne früher mehr weniger willkür-
lich angenommene Faktoren allmählich völlig ausgeschieden sind. So
darf man auf Grund der Ausführungen von Sahli und anderer Autoren
die Theorie von der Typhlitis und Perityphlitis stercoralis heute mit
Recht als der Vergangenheit angehörig betrachten.
Ebensowenig haben sich für den Zusammenhang des häufigeren
Konstatierens der Appendizitis mit dem vermehrten Gebrauch email-
lierter Kochgeschirre, von denen sich abgesprungene Teile im Ap-
pendix festsetzen sollten, irgendwelche Anhaltspunkte ergeben. Viel-
mehr dürfte sich das anscheinend vermehrte Auftreten der Appendi-
zitis erheblich zwangloser erklären lassen durch die wesentlichen
Fortschritte auf diagnostischem Gebiet einerseits und die erhöhte
Aufmerksamkeit, welche seitens der praktischen Ärzte dieser Erkran-
kung zugewendet wird, andererseits. Jeder erfahrenere Arzt wird bei
Erkrankungen des Intestinaltraktus stets die Appendizitis in den Be-
reich seiner Erwägungen mit einbeziehen und wird so dieselbe viel-
fach bereits in ihren ersten Anfängen zu konstatieren in der Lage
sein, Fälle, die früher als Darm- und Magenkatarrhe, Darmkoliken
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384 Ad. Ebner, [16
oder generell als Bauchfellentziindungen angesprochen wurden und so
der Statistik völlig entgangen sind.
Ferner hat man früher dem Vorhandensein von Fremdkörpern eine
alku groOe Wichtigkeit hinsichtlich der Ätiologie der Erkrankung bei-
gemessen. Man hat wohl in einer Anzahl von Fällen Fremdkörper
verschiedenster Art im Appendix gefunden^ die allerdings die Veran-
lassung zu den weiteren pathologischen Erscheinungen bilden konnten
und teilweise auch gebildet haben. Im Verhältnis zu der Gesamtzahl
der Erkrankungen sind jedoch diese Fälle so selten, daß sie für die
Ätiologie der Appendizitis nur eine ganz untergeordnete Bedeutung
in Anspruch nehmen können.
Ebenso hat auch die Annahme einer zerstörenden Wirkung von
Darmparasiten auf den Appendix nach Metschnikoff sich niclit als
haltbar erwiesen. Sie werden vielmehr in der Regel auf den Pro-
cessus die gleiche Wirkung wie jeder andere Fremdkörper ausfiben
durch gelegentliche Okklusion seines Lumens mit nachfolgender Reten-
tion und den entsprechenden Folgeerscheinungen. Eine spezielle Wir-
kung derselben kann nur unter der Voraussetzung in Frage kommen,
daß sie imstande sind, kleine Kontinuitätstrennungen des Epithelbelages
der Schleimhaut zu setzen, welche zur Eingangspforte für eine bak-
terielle Invasion werden könnten. Diese Voraussetzung wird für ver-
einzelte Arten von Darmparasiten zwar zugegeben, aber auch bei
diesen nur in äußerst seltenen Fällen erfüllt sein.
Gänzlich haltlos, wenn auch nicht ohne Interesse ist die von
Rubin aufgestellte Möglichkeit eines Zusammenhanges der Zurück-
haltung von Winden mit pathologischen Veränderungen am Appendix.
Kommen wir nun zu den tatsächlich für Ätiologie der Appendizitis
in Betracht kommenden Ursachen, welche heute allgemeine Anerkennung
gefunden haben, so werden wir dieselben im Interesse einer besseren
Obersicht am besten folgendermaßen einteilen:
1. Somatische Ursachen a) kongenitaler, b) erworbener Natur.
2. Ursachen, die durch das Lebensalter oder das Geschlecht der
Patienten prädisponierend in Frage kommen.
3. Ursachen äußerer Natur bedingt durch a) Lebensweise und Er-
nährung, b) Klima, c) Traumen, d) bakterielle Invasion.
Bezüglich der somatischen Ursachen ist von Wichtigkeit die
anatomische Beschaffenheit des Appendix und seines Mesenteriolums
einerseits, sowie das Verhalten der umliegenden Organe andererseits.
Namentlich bei dem ersten Punkte tritt die Möglichkeit einer mehr
weniger hereditären Disposition zur Erkrankung in den Vordergrund.
Es kann durch eine besondere Länge des Appendix, welche nach ein-
wandfreien Beobachtungen auch erblich vorkommt, eine vermehrte
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17] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 385
Gelegenheit zu Knickungen des Lumens und Retention des Inhalts
gegeben werden, namentlich wenn damit noch ein kurzes Mesenteriolum
verbunden ist, das an sich schon eine gewisse Knickung des Appen-
dix bedingen kann.
Neben einer abnorm geringen Widerstandsfähigkeit der Wandung
überhaupt kann nach Hansemann auch eine herabgesetzte Widerstands-
fihigkeit der Gerlachschen Klappe von besonderer Bedeutung für
die Zirkulation bzw. Stauung von Darminhalt im Processus mit ihren
Folgezustanden sein. Diese verminderte Widerstandsfähigkeit kann
in beiden Fällen sowohl kongenitaler, wie erworbener Natur sein.
Kongenital kann es ferner durch intrauterine Entzündungsvorgänge
zu einer Verwachsung des Testikels mit dem Appendix kommen, wo-
bei der Testikel ihn bei seinem Deszensus mit hinunternimmt, oder
es kann nachträglich der Appendix mit dem Cöcum in den offen
gebliebenen Processus vaginalis hinabgleiten und hier einer Abklem-
mung oder Einschnürung unterliegen, die eine Appendizitis im Bruch-
sack zur Folge hat. Daß diese Fälle nicht ganz selten sind, beweist
die Tatsache, daß in der Albertschen Klinik unter 250 Bruchopera-
tionen der Appendix 9 mal (=3,6%) im Bruchsack gefunden wurde.
Dagegen fand May dl unter 443 Hernien nur llmal das Cöcum mit
oder ohne Appendix im Bruchsack = 2,5% der Fälle.
Desgleichen kann als Folge intrauteriner Entzündungen eine be-
sondere Kürze und Abknickung des Mesenteriolums zurückbleiben
(Sprengel), auf deren Folgen oben bereits hingewiesen ist.
Bezüglich der Einwirkung anderer Organe auf den Appendix hat
Karl Beck 1808 auf das Verhalten der Wanderniere hingewiesen.
Er beobachtete nämlich 3 Fälle, in denen eine rechtsseitige Wander-
niere den nach -hinten gerichteten Appendix gegen das Darmbein
druckte und so nach seiner Meinung zu einer Verlegung des Lumens
und Zirkulationsstörung die Veranlassung abgab. Auch Edebohls
weist auf die Bedeutung der rechtsseitigen Wanderniere für die Ent-
stehungsmöglichkeit einer Appendizitis hin, und zwar soll dieselbe
durch Druck auf die Ven. mes. sup. und sekundäre Stauung im Ap-
pendix zustande kommen. Sprengel, gleichwie Fueth und Hadra,
kann sich diesen letzteren Gründen von Edebohls nicht anschließen,
namendich da Hyperämie heute noch weniger, als früher zu den ent-
scheidenden Bedingungen der Entzündung gehört. Letzteres dürfte
jedoch nur für die warme Hyperämie zutreffen. Sobald es auf Grund
der obigen Vorgänge zu einer kalten Hyperämie wirklich kommen
sollte, dürften die Vorbedingungen für Ernährungsstörungen der Wand
und sekundäres Vordringen der Entzündungserreger durchaus gegeben
sein. Die Richtigkeit der Annahme von Edebohls dürfte also von
KliB. Vortrage, N. P. Nr. 489/00/91. (Chirurgie Nr. 142/43/44.) Juni 1908. 29
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386
Ad. Ebner,
[1^
dem Grade der Stauung abhängig zu machen sein, welche eine rechts-
seitige Wanderniere auf den Appendix ausüben könnte. DaO diesei
so hoch sein sollte, ist allerdings kaum anzunehmen und zum min-
desten bisher nicht bewiesen.
Von erworbenen anatomischen Ursachen werden vor allem Kot-
steine im Lumen, sowie Narbenstrikturen, Knickungen und Verwachsun-
gen als Residuen früherer Entzündungen, sei es am Appendix selbst
sei es in seiner Umgebung, den Anlaß zu den folgenden und meisi
schwerer verlaufenden Anfällen bilden können. Ausnahmsweise kann
auch eine Torsion des Appendix um seine Längsachse, sowie dei
Druck von Tumoren anliegender Organe die Veranlassung zu einei
Störung der Blut- oder Kotzirkulation im Appendix abgeben.
Auch dem Lebensalter kann eine gewisse Wichtigkeit für die
Prädisposition zur Appendizitis nicht abgesprochen werden. So soll
einerseits nach den Untersuchungen von Monti und Sonnenburj
bei Kindern in den ersten Lebensjahren der Appendix eine besondere
Neigung zu Knickungen haben, die dann zu den entsprechenden Folge-
erscheinungen führen können. Andererseits soll nach Mynter aucli
durch ein überwiegendes Vorhandensein von Lymphgewebe im Ap-
pendix während des jugendlichen Alters eine größere Neigung zui
Erkrankung gegeben sein. Trotzdem erkranken jedoch nach Hanse-
mann Kinder vor dem dritten Lebensjahr relativ selten an Ap-
pendizitis, da die Gerlachsche Klappe in diesem Alter noch nichi
genügend ausgebildet ist Der Zusammenhang des Appendix mit dem
Cöcum besteht dann in einer breiten, mehr trichterförmigen Kom-
munikationsöffnung, so daß es seltner zu Stauungen des Inhalts im
Appendix kommen kann.
Ebenso ist auch im höheren Lebensalter die Disposition zur Er-
krankung eine erheblich geringere, da dann ein starker Schwund dei
lymphatischen Gewebsbestandteile der Wandung des Appendix ein-
zutreten pflegt. Gleichzeitig wird erfahrungsgemäß die Disposition
zur Bildung von Kotsteinen im höheren Lebensalter eine wesentlicl]
geringere. So hat Ribbert bei Kindern unter 5 Jahren keinen Kot-
stein und im Alter von 5 — 20 Jahren doppelt so häufig Kotsteine ge-
funden, als nach dieser Zeit. Tatsächlich ist auch nach den über-
einstimmenden Berichten sämtlicher Autoren das häufigste Auftreten
der Erkrankung in das Alter von 10—30 Jahren zu verlegen.
Daß auch das Geschlecht von Wichtigkeit für Ätiologie der Ap-
pendizitis ist, beweist die empirisch erwiesene Tatsache, daß die Er-
krankung bei dem männlichen Geschlecht erheblich häufiger vorkommt^
als bei dem weiblichen. Diese Beobachtung findet ihre Erklärung
nach der Mehrzahl der Autoren in der besseren Blutversorgung des
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19] Ober den heutigen Stand der Erkennung u, Behandlung der Appendizitis. 387
Appendix durch das Llg. appendico-ovaricum bei dem weiblichen
Geschlecht, wobei allerdings zu bedenken ist, daß z. Z. nach Sprengel
die Existenz des Lig. appendico-ovaricum noch keineswegs unbe-
stritten dasteht. Zum mindesten sind über die Häufigkeit seines Vor-
handenseins sichere Angaben bisher nicht gemacht worden. Zwar
erscheint das weibliche Geschlecht während der Zeit der Menses
bföonders für eine Erkrankung des Appendix disponiert wegen der
Starkeren Blutstauung und Schwellung der Genitalorgane in dieser
Zeit, an welcher der Appendix naturgemäß einen gewissen Anteil hat
durch seine Gefäßverbindungen im Lig. appendico-ovaricum. Davon
kann jedoch für die Appendizitis nur eine stärkere Schwellung und
dadurch bedingte Verlegung des Appendixlumens in Betracht kommen,
da nach den neueren Anschauungen in der vermehrten Blutzufuhr zum
Appendix innerhalb dieser Zeit, soweit sie zu einer warmen Stauung
fuhrt, eher ein entzündungsverringernder, als befördernder Faktor zu
erblicken wäre. Ob und wie häufig aber die Schwellung des Appen-
dix auf derartiger Grundlage eine so hochgradige werden kann, wird
von entsprechenden Untersuchungen abhängig zu machen sein, die
z. Z. noch ausstehen.
Gegenüber dieser ganz kurzen Zeit einer vielleicht etwas vermehr-
ten Disposition beim weiblichen Geschlecht ist das männliche Ge-
schlecht durch sein ganzes äußeres Berufsleben in einem viel höheren
Grade Traumen und InfektionsmögUchkeiten ausgesetzt und hat da-
her unter viel zahlreicheren Gelegenheitsursachen zu leiden, als das
veibliche Geschlecht. Dazu kommt noch, daß Männer durch kaltes
Trinken, fibermäßiges Rauchen u. dgl. viel eher zu vorübergehenden
oder chronischen Darmkatarrhen die Veranlassung geben, durch
welche dann eine verminderte Widerstandsfähigkeit und erhöhte In-
fektionsmöglichkeit der Darm Wandung bedingt wird, als deren Locus
minoris resistentiae der Appendix ja ohnedies zu betrachten ist
Von äußeren Einwirkungen auf den Appendix werden vor
allem Lebensweise, Ernährung, Klima, Traumen und Infektionen des
Körpers allgemeiner Natur in Frage kommen.
So ist als ein wichtiges Moment für die Ätiologie allgemein an-
erkannt die übertriebene bzw. sehr reichliche Fleischnahrung, wie sie
namentlich in Amerika, England und Norddeutschland genossen wird,
im Gegensatz zu den Japanern und verschiedenen Eingeborenen-
stammen Afrikas, denen die Fleischnahrung durch Religionskult oder
örtliche Verhältnisse mehr weniger entzogen ist. Die Seltenheit bzw.
das gänzliche Fehlen der Appendizitis bei diesen Volksstämmen steht
im strikten Gegensatz zu der Häufigkeit der Erkrankung bei den er-
steren (Kümmel, Lange, Beck u.a.). Auf Grund dieser Beobach-
29*
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388
Ad. Ebner,
[2C
P
tung ist man wohl früher zu der Annahme einer Prädisposition ge*
wisser Nationen für die Appendizitis gelangt.
Bezüglich des Klimas ist es gleichfalls erwiesen, daß der Aufent-
halt in den Tropen entsprechend der größeren Häufigkeit von Darm-
erkrankungen bei Europäern überhaupt auch eine entsprechende Ver-
mehrung der Krankheitsfalle an Appendizitis zur Folge hat. Ebensc
können die Jahreszeiten insofern von gewissem Einfluß sein, als ii
den Sommermonaten eine vermehrte Gelegenheit zu Magen- und Darm-
störungen gegeben ist.
Auch Traumen verschiedenster Art können, sei es als auslösende
Ursache einer latent bestehenden Reizung, sei es als primäre Ursache
überhaupt den Anlaß zu einer Appendizitis abgeben. So weisen untei
anderen Nimier und Sachs auf Fälle von körperlichen Oberanstren-
gungen hin, die eine Appendizitis zur Folge hatten. Ebenso vertrit
auch Neumann in einer Arbeit an der Bachmannschen Klinik di<
Möglichkeit, daß am normalen Appendix eine Erkrankung auf trau
matischer Grundlage entstehen könne, und stellt selbst 10 Fälle diesei
Art zusammen. Nun dürfte es ja einerseits schwer sein mit Sicher
heit zu beweisen, daß in solchen Fällen tatsächlich ein normaler Ap
pendix vor dem Trauma vorgelegen habe. Spricht doch das Fehlei
subjektiver Beschwerden bekanntlich nicht sicher gegen das Vorhan
densein einer reinen Appendizitis, die noch nicht durch eine stärken
Stauung im Appendix oder durch Obergreifen des Entzündungspro
zesses auf die Serosa zu Reizerscheinungen des Peritoneums geführ
hat. Andererseits kann aber ebensowenig ein zwingender Bewei;
gegen die Möglichkeit angeführt werden, daß es unter besondere]
Umständen, bei besonders dünnen und weiten Bauchdecken, wie z. B
bei Frauen mit Rektusdiastase u. a., gelegentlich durch ein Traum;
zu Quetschungen der Wandung des Appendix kommen kann, welchi
zur Schädigung der Gewebsvitalität bzw. Blutungen und Kontinuitäts
trennungen der Schleimhaut führen und so eine mehr weniger groQi
Eingangspforte für eine bakterielle Invasion schaffen können.
Allerdings kann man mit Neu mann und Hoffmann annehmen
daß in der Regel dazu ein Kotstein erforderlich sein wird. Wem
es dabei nach Neu mann auch durch die Mitwirkung der Bauchpress
allein zu Zerrungen an der Stelle des Kotsteines kommen soll, di
eine nachfolgende Läsion und Infektion der Schleimhaut bedingei
können, so kann man dieser Möglichkeit wohl beistimmen, aus Gründen
die ich inzwischen in einem Gutachten näher entwickelt habe, welche
ich über einen derartigen Fall aus der Prof. Lexer sehen Privat
klinik abgegeben und in der Berliner klinischen Wochenschrift pu
bliziert habe. Sprengel hält es überhaupt für ausgeschlossen, daßdt<
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21] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 38&
mechanische Quetschung eines Kotsteines gegen die Wandung zu Ap-
pendizitis fähren könne oder daß ein mit infel^tiösem Material ge-
füllter Appendix durch einen Stoß gegen die Bauchwand oder die
Bauchpresse allein zum Bersten gebracht werden könne. Diese An-
nahme Sprenglers scheint doch etwas zu weit zu gehen. Bei nor^
malen Bauchdecken dürfte allerdings für einen völlig gesunden Appen-
dix ohne Kotstein ein Trauma ziemlich bedeutungslos sein, was auch
der Anschauung von Sonnenburg entspricht. Bei dem Zusammen-
fallen einer bereits primär am Appendix vorhandenen pathologischen
Veränderung oder eines Kotsteines im normalen Appendix mit einem
Trauma kann letzteres doch als auslösende Ursache eines nachfol-
genden Anfalles sehr wohl in Betracht kommen. Daß ein Trauma
gewissermaßen indirekt schließlich auch auf einen normalen Wurm-
fortsatz ohne Kotstein einwirken kann, scheint mir ein von Fink
veröffentlichter Fall zu beweisen, in dem sich 2 Stunden nach einem
Fall auf den Bauch ein typischer Appendizitisanfall ohne jegliche vor-
ausgegangene Krankheitserscheinungen entwickelte. Nach einem
zweiten Appendizitisanfall wurde die Operation vorgenommen und er-
gab eine Stildrehung des langgestielten Wurmfortsatzes mit nachfol-
gender Behinderung des Sekretabilusses und den entsprechenden Folge-
erscheinungen. Man dürfte nicht fehlgehen, wenn man diese Stiel-
drehung in Anbetracht des Fehlens vorausgegangener Erscheinungen
und des zeitlichen Zusammenhanges der Erkrankung mit dem Unfall
in ursächlichen Zusammenhang mit dem vorausgegangenen Unfall
bringt.
Das wichtigste Moment für die Ätiologie der Appendizitis, das
heute als grundlegend für die Genese dieser Erkrankung in ihren ver-
schiedenen Erscheinungsformen allgemeine Anerkennung gefunden
hat, ist das der bakteriellen Infektion. Tatsächlich hat man den
Appendix sowohl seiner Gestalt, wie seinem makroskopischen und
histologischen Bau nach als einen wahren Prädilektionsort für die An-
siedlung einer jeden Infektion im Digestionstraktus anzusehen. Und
zwar wird in der Regel die Infektion von dem Darmlumen ihren Aus-
gang nehmen. Wenn auch ausnahmsweise wirklich einmal eine In-
fektion auf dem Blutwege zustande kommen könnte, wie es nach den
Versuchen von Josuö an Kaninchen den Anschein hat, so ist diesem
lafektionsmodus für den Menschen zum mindesten eine sehr geringe
Bedeutung beizumessen. Ob die Erreger im übrigen auf endogenem
Wege auch die unverletzte Schleimhaut des Wurmfortsatzes zu pas-
sieren vermögen, wird an mancher Stelle angezweifelt und ist zum
mindesten bis heute noch nicht einwandfrei bewiesen. Andererseits
steht aber auch nichts der Annahme im Wege, daß bei Herabsetzung
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390 Ad. Ebner, [22
der Widerstandskraft des Körpers und der allgemeinen oder 5rt-
liehen, natürlichen Gewebsvitalität durch die Aufnahme von Toxinen
in das Blut in gleicher Weise eine Einwanderung von Bakterien
durch das unverletzte Epithel stattfinden kann, wie andererseits die
nachgewiesene Auswanderung der Leukozyten ebenfalls durch das
unverletzte Epithel tatsächlich stattfindet.
Fär die besondere Prädisposition des Appendix zur Infektion vom
anatomischen Standpunkt aus genügt es auf den Reichtum an Lymph-
knötchen bzw. lymphadenoidem Gewebe der Wandung hinzuweisen,
das nach Mynter besonders im jugendlichen Appendix hervortritt
und diesen somit noch stärker zur infektiösen Erkrankung disponiert.
Dieser Reichtum des Organs an lymphadenoidem Gewebe ist ja auch
für Sahli der Grund gewesen, es in Parallele mit den Gaumenton-
sillen zu stellen, indem es für die häufigen Erkrankungen des Dige-
stionstraktus die gleiche Rolle spielt, wie die Rachen- bzw. Gaumen-
tonsillen für diejenige des Pharynx. In Analogie dazu hat Sahli die
Bezeichnung der Angina des Wurmfortsatzes, der Angina appendicu-
laris, vorgeschlagen, welche recht geeignet ist, die Ähnlichkeit der
Vorgänge zum Ausdruck zu bringen. Daß damit auch ein ganz be-
sonderer ätiologischer Zusammenhang zwischen Angina tonsillaris und
Appendizitis ausgedrückt werden soll, muß ausdrücklich verneint
werden. Auch Sprengel kann nach seinen Erfahrungen dem ätio-
logischen Zusammenhang zwischen Angina tonsillaris und Appendi-
zitis eine besondere Bedeutung nicht beimessen, da er diese beiden
Erkrankungen nicht häufiger nebeneinander gefunden hat, als andere
Erkrankungsformen auch. Sie hat eben den gleichen Einfluß auf den
Appendix, wie ihn andere Infektionskrankheiten schließlich auch
haben können. —
Verfolgen wir nun den Vorgang der Genese der bakteriellen
Appendizitis weiter, so kommt es nach Asch off im mittleren Alter
durch Verminderung des Drüsenreichtums an zirkumskripten Stellen
zum Vorhandensein von Lakunen, so daß auf diese Weise die Epithei-
schicht durch eine Lücke in der Muscularis mucosae direkt mit der
Submukosa in Verbindung treten kann. In diesen Lakunen kann
dann um so leichter eine Retention von Sekret und Infektionserregern
stattfinden, die weiter zu einer Druckarrosion des Epithels mit nach-
folgender Infektion der Wandung des Processus führen kann, gänz-
lich analog den Vorgängen bei der Angina lacunaris.
Was nun die Erreger selbst anbelangt, so wird es sich ja bei dieser
Infektion in der Regel um Bacterium coli commune, meist in Ver-
bindung mit Staphylo- und Streptokokken handeln. Außer diesen ist
es aber Tavel und Lanz gelungen, noch eine große Reihe anderer
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23] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 391
Bakterien im Appendix nachzuweisen, als da sind: B. capsulatus, B.
fusirormis, B. foetidus liquefaciens, B. pyocyaneus, Rotz-, Tetanus und
tecanusähnliche Bazillen, Staphylococcus aureus, Coccus conglomeratus,
Diplococcus intestinalis maj. und min., Spirillen, ferner Typhus und Ak-
tinomyceserreger.
Auffallenderweise haben dieselben Autoren gerade in normalen
Appendizes mehrere Bakterienspezies zugleich (bis zu 6) gefunden,
wahrend unter den pathologisch veränderten Appendizes 10% steril
gefunden wurden. Je weiter die pathologischen Veränderungen der
Appendizes vorgeschritten waren, desto geringer war die Zahl der
verschiedenen Bakt^rienarten, welche sich darin feststellen ließen. Bei
den kalten appendizitischen Abszessen fand man sogar in 75% der
Falle völlige Sterilität, eine Tatsache, welche die Verfasser durch eine
vermehrte Leukozytenansammlung und daraus resultierende verstärkte
Phagozytose während der Entzündung zu erklären versuchen. Es er-
scheint nicht unberechtigt, diese Vorgänge in eine gewisse Analogie
mit der Theorie über die Heilungsvorgänge bei der Bi ersehen Stau-
ung zu setzen.
Als weitere Faktoren für die erhöhte Infektionsmöglichkeit der
Wandung des Processus vermiformis kommen einerseits die ungeheure
Menge von Bakterien im Verhältnis zu dem geringen Lumen, dem
geringen Querschnitt der Wand und der geringen Flächenausdehnung
der Schleimhaut des Processus und andererseits die vielfach durch
Stauungen des Inhaltes gesteigerte Virulenz der Erreger in Betracht.
Diese Verhältnisse in Verbindung mit der lymphadenoiden Beschaffen-
heit des histologischen Baues der Wandung des Processus sind wohl-
geeignet, denselben zu einem Locus minoris resistentiae des gesamten
Digestionstraktus zu machen, der besonders leicht auf eine Infektion
der Verdauungswege reagieren muß.
Diesen unverhältnismäßig reichlichen und virulenten Offensivfak-
toren steht ferner noch gegenüber die relativ leicht herabsetzbare
Defensivkrafk der Wandung infolge der einseitigen Blutversorgung des
Appendix, die ja dem Endbezirk der im Mesenteriolum verlaufenden
Arterie entspricht. Es kann dadurch sehr leicht zu Ernährungsstö-
rungen der Wand kommen, sobald ein genügender Zufluß oder Ab-
fluß des Blutes durch pathologische Gefaßveränderungen primärer
oder sekundärer Natur in Frage gestellt wird, insbesondere ist auch
an die schlechte Gefäßversorgung der Spitze des Appendix bei pri-
märer Kürze des Mesenteriolums zu denken, auf die Karewski hin-
gewiesen hat.
Ob diese Gefäßveränderungen nun primärer oder sekundärer Natur
sind, kommt für die verderblichen Folgen derselben wenig in Betracht
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392 Ad. Ebner, [24
und wird auch nicht immer leicht zu entscheiden sein. So hält
V. Brunn die sekundäre Entstehung der Gefäßerkrankungen für wahr-
scheinlichen Er gelangt zu dieser Anschauung durch einen Vergleich
der Art, des Sitzes und der Ausdehnung der Gefäßerkrankungen mit
den pathologischen Veränderungen an der Wandung des Processus.
Allerdings kann für einzelne Fälle die Möglichkeit zugegeben werden,
daß die Gefaßveränderungen als die primäre Aifektion die Veran-
laßung für weitere und stärkere Entzündungsvorgänge abgegeben hätten.
Jedoch ist die direkte Notwendigkeit eines solchen Zusammenhanges
nirgends ersichtlich.
Ebenso hält O. Nordmann die Thrombose der Mesenterialvenen
stets für eine sekundäre Erkrankung, der primär eine Verengerung
bzw. Stauung im Processus durch Veränderungen seines Lumens
vorausgegangen ist.
Als sicher sekundärer Natur spricht v. Brunn die Veränderungen
an den Lymphgefäßen an, an denen er eine Erweiterung, Anfüllung
mit mono- und polynukleären Leukozyten, Lymphangitis und Throm-
bose in akuten Fällen, sowie Intimaverdickungen und Obliteration in
abgelaufenen Fällen beobachten konnte.
Auch Karewski hält die primären Zirkulationsstörungen und em-
bolischen Vorgänge für selten.
Kehren wir nach dieser kurzen Abschweifung zu der bakteriellen
Invasion des Appendix zurück, so muß in der Regel für dieselbe noch
ein rein mechanisches Moment dazukommen. Dieses wird fast stets
durch Verengerung bzw. Verschluß des Lumen infolge Knickung,
Narbenstriktur oder Kotsteine geboten, welche eine Retention und
Stauung des Inhaltes mit Steigerung der Virulenz und vermehrter Re-
sorption desselben durch die Lymphgefäße zur Folge haben kann.
Insbesondere können nach Roux und Trachenberg die Kotsteine
durch eine Art kugelventiläbnlicher Wirkung die schnelle Entstehung
einer Stauung begünstigen.
Auf diese Weise können dann infolge starker Dehnung der Wand
einerseits kleine Dehnungsgeschwüre im Sinne von Kocher und
Prutz zustande kommen. Andererseits ist es zum mindesten nicht
ausgeschlossen, daß es infolge dauernden Druckes eines Kotsteines
oder Fremdkörpers auf eine Stelle der Wand zu einer Zirkulations-
störung der Wand und oberflächlichen Erosion der geschwollenen
Schleimbaut im Sinne der Dekubitalgeschwüre von Nothnagel
kommen kann. Letzteres kann jedoch nur eintreten, wenn eine Ein-
klemmung des Kotsteins bzw. ein Erlöschen der Peristaltik des Pro-
cessus eine Verlagerung des Kotsteins nicht mehr zustande kommen läßt.
Die Mehrzahl der Autoren neigt zu der Anschauung, daß die größere
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25] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 303
Gefährlichkeit der Kotsteine weniger in ihren mechanischen Eigen-
schaften, denn in ihrer Einwirl^ung als konzentrierte Bakterienanhäu-
fuogenzu erblicken ist. Diese können naturgemäß schon auf dem Lymph-
wege allein zu einer Infektion des Peritoneums und den entsprech-
enden Folgeerscheinungen führen. Gehen wir bei dieser Gelegenheit
etwas näher auf die Bedeutung ein, welche den Kotsteinen für die
Ätiologie und Genese der Appendizitis beizumessen ist, so
Baden wir in der letzten Zeit mehr und mehr die Tendenz, den ur-
sachlichen Zusammenhang zwischen Kotsteinen und Appendizitis er*
heblich einzuschränken, wenn nicht gänzlich zu negieren, namentlich
soweit das rein mechanische Moment in Betracht kommt.
Die hauptsächlichsten Vertreter dieser Anschauung haben wir vor-
nehmlich in Aschoff und Sprengel zu erblicken. Beide sind ge-
neigt dem Vorhandensein eines Kotsteines einen größeren Einfluß
auf den Verlauf, als auf die Entstehung der Erkrankung zuzuschreiben.
Beide gelangen auf Grund ihres Untersuchungsergebnisses, das
Aschoff an 130 exstirpierten Wurmfortsätzen des Rotterschen Ma-
terials und Sprengel an seinem eigenen großen klinischen Material
erhoben hat, zu der Ansicht, daß eine rein mechanische Einwirkung
eines Kotsteines im Sinne einer Appendizitis ohne gleichzeitige bzw.
vorausgegangene Mitwirkung einer Infektion von der Hand zu weisen
sei. Wieweit aber bei der gegebenen Möglichkeit einer Infektion im
Darmtraktus der Stein eine solche erleichtern bzw. begünstigen kann,
scheint mir eine Frage zu sein, die durch die Darlegungen Aschoffs
und Sprengeis nicht genügend klargelegt wird, zum mindesten nicht
IQ negativem Sinne entschieden werden kann. Wenn vielmehr beide
die Bedeutung des Kotsteines ohne gleichzeitige Infektionsmöglichkeit
ganzlich ableugnen, so darf man dem wohl ohne weiteres zustimmen.
Wenn sie hingegen bei gleichzeitiger Infektionsmöglichkeit die Infek-
tion als den primären Vorgang unabhängig vom Kotstein und die Be-
deutung des Kotsteines erst in sekundären Krankheitsvorgängen an-
nehmen zu müssen glauben, so darf man hierin vielleicht doch eine
etwas zu weit gehende Schlußfolgerung aus ihren Untersuchungser-
gebnissen erblicken, wie ich versuchen will im folgenden des näheren
auszuführen.
Wenn Aschoff z. B. sagt, daß eine nicht bakterielle, durch ein-
fache Einklemmung des Kotsteines hervorgerufene Reizung des Wurm-
fortsatzes äußerst selten, wenn überhaupt beweisbar ist, so ist dem
durchaus beizupflichten, was die Schwierigkeit der Beweisführung für
einen derartigen Vorgang anbelangt. Andererseits ist aber nicht recht
einzusehen, warum es nicht ähnlich dem Hydrops der von Asch off
vergleichsweise herangezogenen Gallenblase auf Grund von Steinver-
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304 Ad. Ebner, [26
Schluß gelegentlich auch zu einer Sekretverhaltung im Processus auf
der gleichen Grundlage kommen kann, da doch fragelos ein vorhan-
dener Kotstein durch dauernde Apposition zu einer Größe anwachsen
kann, welche in einem absoluten Mißverhältnis zu der Größe und Deh-
nungsfahigkeit des Lumens des Processus steht, so daß eine Verenge-
rung bzw. Verlegung des Lumens daraus resultieren kann. Wenn da-
gegen die dauernde Peristaltik des Wurmfortsatzes angeführt wird, so
ist dazu zu bemerken, daß diese einmal individuell äußerst verschieden
sein kann je nach Länge, Form, Lage und Haltung des Wurmfort-
satzes und dem sonstigen Allgemeinzustand des Individuums und ferner,
daß gerade diese infolge eines erhöhten Reizes durch den als Fremd-
körper wirkenden Kotstein schließlich zu vermehrten und verstärkten
Kontraktionen an der Stelle des Kotsteines gelangen und so schließ-
lich selbst zu Einklemmung des Steines beitragen kann. Es liegt
ferner auf der Hand, daß trotz einer gewissen Steigerungsfabigkeit
die Leistungsfähigkeit der Wurmfortsatzperistaltik doch immerhin eine
begrenzte ist und daß sie bei entsprechender Vergrößerung des Kot-
steines an einer Grenze anlangen kann, wo sie eine Verschiebung
und Verlagerung des Kotsteines nicht mehr zu bewirken vermag.
Daß daraus dann ebenfalls Einklemmungserscheinungen resultieren
können, ergibt sich von selbst.
Ohne eine derartige Annahme wäre es zum mindesten schwierig,
die tatsächlich vorhandenen und palpatorisch auch durch entsprechen-
des Schmerzgefühl nachweisbaren Erscheinungen der Appendikular-
koliken zu erklären, welche ja vielfach ohne Fieber und sonstige kli-
nische Erscheinungen verlaufen und wieder abklingen können, und
welche somit vielfach das einzige objektive Merkmal vorübergehender
Retentionserscheinungen im Appendix bilden.
Allerdings werden von einzelnen Autoren derartige Koliken auch
auf rein entzündliche Vorgänge allein zurückgeführt. Bei der kurzen
Dauer derselben von bisweilen nur 1—2 Stunden scheint mir aber
eine derartige Erklärung für diese Fälle nicht auszureichen. Da natur-
gemäß die Patienten in einem derartigen Stadium schnell vorüber-
gehender und fieberfreier Appendikularkoliken selten oder fast nie
zur Operation gelangen, läßt sich zum mindesten ebensowenig gegen
als für die Annahme einer derartigen Möglichkeit vorbringen, durch
die aber andererseits allein die klinischen Erscheinungen eine genü-
gende Erklärung finden dürften.
Daß damit in der Regel entzündliche Erscheinungen auf Grund
eines früher oder später einsetzenden, leichteren oder schwereren
Infektionsvorganges der Wandung Hand in Hand gehen, wird auch
von den Vertretern einer größeren Bedeutung des Kotsteines für die
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27] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 395
Genese der Appendizitis ohne weiteres zugegeben, nur wird von den-
selben dem Vorhandensein bzw. der mechanischen und bakteriellen
Einwirkung des Kotsteines auf den Processus durch primäre oder
gleichzeitige Retention des Inhaltes und Dehnung der Wandung des
Appendix eine gewisse Erleichterung des an sich vorauszusetzenden
Infektionsvorganges zugeschrieben bzw. die Möglichkeit einer primären
Beteiligung des Kotsteines bei dem Infektionsvorgange damit ange-
nommen. Asch off selbst gibt das in gewissem Sinne zu, indem er
sagt, dafi bei der Infektion eines einen Stein enthaltenden Wurmfort-
satzes der Stein die Lokalisation der Entzündung an einer bestimmten
Stelle begünstigt und damit dem schwereren Verlauf der Erkrankung
bzw. einer verzögerten Heilung Vorschub leistet. Mithin erblickt doch
Aschoff selbst ein prädisponierendes Moment in dem Vorhandensein
eines Kotsteines im Falle einer gegebenen Infektionsmöglichkeit, das
nach seiner Anschauung allerdings erst sekundär in Tätigkeit tre-
ten soll.
Auch Sprengel gelangt auf Grund seiner zahlreichen Operations-
befunde zu folgenden Schlußsätzen: 1. Ein Kotstein kann einen An-
fall nicht herbeiführen, da er beliebig lange im Wurmfortsatz liegen
lann, ohne daß ein Anfall erfolgt. 2. Ein Kotstein kann nicht durch
einen einfachen Dekubitus zur Perforation führen, da Sprengel ihn
vielfach frei schwimmend im gestauten Sekret gefunden hat. 3. Ein
Kotstein kann eine Abflußbehinderung des Sekretes nicht bewirken,
da Sprengel ihn nicht nur im proximalen Teil der Erweiterung des
Lumens, sondern an beliebiger Stelle gefunden hat. Diesen Thesen
ist, ohne eine gleichzeitig gegebene Infektionsmöglichkeit bzw. ohne
eine bereits vorhandene Infektion des Appendix ohne weiteres zuzu-
stimmen. Wie liegen die Verhältnisse aber im letzteren Falle, mit
dem man es doch in der Regel zu tun hat? Da gibt Sprengel
gleich Aschoff zu, daß der an sich vom Kotstein unabhängig ent-
stehende Infektionsprozeß in der Nähe des Kotsteines intensiver ver-
läuft infolge eines verstärkten Reizes durch den letzteren, und daß
es auf diese Weise eher zur Verschwellung des Lumens an dieser
Stelle mit entsprechenden Folgeerscheinungen kommen kann. Daß
im übrigen der Kotstein eine positive Bedeutung für die Entwicklung
der Appendizitis haben muß, beweist für ihn auch die Tatsache, daß
Ribbert bei Appendizitis 5mal soviel Kotsteine gefunden hat, als bei
nicht an Appendizitis erkrankten Personen, eine Tatsache, die in
gleicher Weise auch für die häufigere und leichtere Entstehung
einer Appendizitis auf der Grundlage eines vorhandenen Kotsteines
sprechen könnte.
Meines Erachtens läßt sich nun aus den persönlichen Beobachtungen
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396
Ad. Ebner,
[28
und Untersuchungsergebnissen der beiden Autoren etwas Positives
weder für noch gegen ihre Anschauung anführen, solange man nicht
in der Lage ist im einzelnen Falle nachzuweisen, ob der Kotstein
tatsächlich primär vorhanden war oder erst sekundär entstanden ist«
Dieses dürfte jedoch im allgemeinen ziemlich schwierig, wenn nicht
unmöglich sein.
Wenn Sonnenburg hierzu ganz allgemein den Grundsatz auf-
stellt, daß jeder Kotstein als ein Zeichen voraufgegangener Entzün-
dung anzusehen und somit als sekundäre Krankheitserscheinung auf-
zufassen ist, so dürfte er sich damit weder mit der Mehrzahl der
Autoren im Einklang befinden, noch einen einwandsfreien Beweis für
diese Anschauung zu erbringen in der Lage sein.
Vielmehr wird fast allgemein die Möglichkeit des primären Vor-
handenseins eines Kotsteines in dem an sich normalen bzw. unver-
änderten Wurmfortsatz als Folge verminderter Peristaltik des Darmes
im allgemeinen und des Appendix im besonderen bei chronisclier
Obstipation usw. ohne weiteres zugegeben. Andererseits liegt es auf
der Hand, daß bei einem katarrhalisch bzw. entzündlich veränderten
Wurmfortsatz die Bedingungen für die Entstehung eines Kotsteines
ungleich günstigere sind und mit entsprechender Einschränkung die
Sonnenburgsche Anschauung für eine große Anzahl von Fällen
zu Recht besteht.
Beweisend wären demnach die Fälle Sprengeis für seine An-
schauung von der primären Bedeutungslosigkeit des Kotsteines hin-
sichtlich der Ätiologie und Genese der Appendizitis erst dann, wenn
bei denselben die sekundäre Entstehung des Kotsteines nach einem
voraufgegangenen Anfall mit Sicherheit auszuschließen wäre, da in
letzterem Falle das Verhalten bzw. die Lage des Kotsteines im Appen-
dix nach ganz anderen Gesichtspunkten zu beurteilen wäre.
Des ferneren will mir die Tatsache, daß ein Kotstein beliebig
lange im Appendix liegen kann, ohne daß ein Anfall erfolgt, nicht
recht als Beweis dagegen einleuchten, daß im Fall einer gegebenen
Infektionsmöglichkeit der Infektionsvorgang und somit die Entstehung
des Anfalls dadurch mehr oder weniger erleichtert und begünstigt
werden kann. Man braucht eben nur anzunehmen, daß in den Fällen«
in denen ein Kotstein beliebig lange gelegen hat, ohne daß ein An-
fall erfolgte, eine entsprechend erhöhte Infektionsmöglichkeit ausge-
blieben ist. Beweiskräftig wären solche Fälle erst dann, wenn bei
allen die gleiche Infektionsmöglichkeit seitens des Darmtraktus sei es
durch Darmkatarrhe, erhöhte Virulenz der Darmbakterien u. dgl. ge-
geben wäre, bzw. wenn sämtliche Fälle unter den gleichen Bedingun-
gen gestanden hätten. Solange etwas derartiges aber nicht experi-
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29] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 397
menceli hergestellt und bewiesen wird, sind doch wohl klinisch die
Bedingungen der einzelnen Fälle zu verschieden, als daß allein das Vor-
handensein eines Kotsteines und das Ausbleiben eines Anfalles trotz
desselben in einer Anzahl von Fällen für die Bedeutungslosigkeit des
Kotsteines hinsichtlich der Erleichterung eines Infektionsvorganges
am Appendix als beweiskräftig zu betrachten wäre.
Ebensowenig will mir die Tatsache, daß Sprengel in einer An-
zahl von Fällen den Kotstein freischwimmend in dem retinierten
Sekret gefunden hat, beweiskräftig dafür erscheinen, daß nicht in
anderen Fällen nach eventuell vorausgegangener Infektion und Schwel-
lung der Wand der eingeklemmte Kotstein in seiner gleichzeitigen
Eigenschaft als Fremdkörper und konzentrierte Bakterienanhäufung
durch seine intensive und dauernde Berührung mit der Wand, welche
ihrerseits durch Kontraktionen der Muskelschicht eine gewisse Rei-
bung der Schleimhaut auf dem Stein erzeugen kann, eine erleichterte
bzw. vergrößerte Möglichkeit des Eindringens der Infektionserreger
gerade an dieser Stelle der Wand gewähren kann, wodurch dann der
Bildung einer Ulzeration mit nachfolgender Perforationsmöglichkeit
ein erheblicher Vorschub geleistet wird. Man kann eben ohne weiteres
die rein mechanische Entstehung eines Dekubitus mit eventueller
Perforation auf der Grundlage eines Kotsteines von der Hand weisen,
ohne deswegen doch jegliche mechanische und bakterielle Mitwirkung
des Kotsteines bei der Entstehung eines intensiveren lokalen Infek-
tionsvorganges ableugnen zu müssen, der zu einer Perforation mittel-
bar auf der Grundlage eben dieses Kotsteines wohl führen kann. Die
Falle Sprengeis beweisen demnach einwandsfrei, daß bei ihnen
selbst und damit sehr häufig ein derartiger Vorgang wohl auszu-
schließen ist. Daraus aber die Unmöglichkeit eines derartigen Vor-
ganges für sämtliche Fälle überhaupt herleiten zu wollen, scheint mir
eine etwas zuweitgehende Schlußfolgerung zu sein.
Was nun schließlich die Verneinung der Möglichkeit einer Behin-
derung des Sekretabflusses im Appendix durch einen Kotstein anbe-
langt, so scheint mir die Tatsache, daß Sprengel den Stein nicht
nur im proximalen Ende, sondern auch an beliebiger Stelle des er-
weiterten Lumens gefunden hat, ebenfalls keinen ganz einwandsfreien
Beweis dafür zu liefern auf Grund folgender Erwägungen. Wenn
man nämlich primär die Einklemmung des Kotsteines und Sekret-
stauung im distalen Ende des Appendix als Folge dieser Einklemmung
zunächst zugibt, so wird im Falle einer fortschreitenden Stauung des
Sekrets und entsprechender Erweiterung des Lumens distal vom Kot-
stein naturgemäß zunächst das Lumen in der Mitte des distalen Endes,
dann aber auch nach der Spitze und der Verschlußstelle zu, mit einem
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Ad. Ebner,
[30
^!
Wort nach den beiden Enden hin im Durchschnitt erweitert werden.
Physikalisch ausgedrückt wird das zunächst einen Zylinder darstellende
Lumen des distalen Teiles das Bestreben haben, in die Form eines
Ovals mit dauernd abnehmendem Längsdurchmesser und zunehmen-
dem Querdurchmesser überzugehen, das ideal gedacht schließlich in
der Kugelform enden würde.
Welches werden nun die Folgen dieses Vorganges auf den ein-
geklemmten Kotstein sein können? Es liegt auf der Hand, daß da-
raus auch eine Erweiterung des Lumens an der Stelle des Kotsteines
resultieren muß, die zur Abhebung der prall gespannten Wand vom
Kotstein und damit zur Aufhebung der Einklemmung führt, dergestalt
daß der Kotstein, sekundär frei geworden, nunmehr im freien Raum
dem Gesetz der Schwere folgend seinen Platz verläßt und später am
tiefsten Punkt der Höhle bzw. »frei schwimmend" im Sekret gefun-
den wird. Letzteres ist naturgemäß stets spezifisch leichter als der
Kotstein, so daß von einem eigentlichen Schwimmen desselben im
Sekret der Höhle keine Rede sein kann. Er wird sich vielmehr in
derartigen Fällen stets am tiefsten Punkt der mit dem Stauungssekret
gefüllten Höhle aufhalten.
Ist es nun proximal neben bzw. vor dem Kotstein durch die in-
tensiveren Entzündungsvorgänge seiner Umgebung inzwischen zu einer
selbsttätigen Verlegung des Lumens vermittelst der geschwellten
Schleimhaut und entzündlich fibrinöser Verklebung derselben gekom-
men, so können sich ohne weiteres Befunde ergeben, wie sie Sprengel
bei seinen Fällen erhoben hat, die dann leicht zu der Annahme ver-
leiten können, daß dieser erst sekundär auf der Grundlage des ein-
geklemmten Steins entstandene, selbsttätige Verschluß des Lumens
primär und ohne Zutun des nunmehr frei im Lumen vorhandenen
Kotsteines zustande gekommen sei.
Ist dagegen der proximal neben dem Kotstein gelegene Verschluß
nicht fest oder nicht dicht genug, so kann sich durch die zwar nicht
fest schließende, aber immerhin verengte Stelle des Lumens ein Teil
des gestauten Sekretes entleeren und man findet dann distal von der
vorhandenen Verengerung in dem mitderweile wieder mehr zusammen-
gefallenen Lumen des Wurmfortsatzendes den Kotstein ^.an beliebiger
Stelle'', scheinbar ohne jeden Zusammenhang mit der stenosierten
Stelle des Lumens vor.
Wenn nun ein derartiger Vorgang auch nicht allen entsprechenden
Fällen Sprengeis voraufgegangen zu sein braucht, so darf man doch
einerseits die Möglichkeit eines derartigen Vorganges vom physi-
kalischen Standpunkt aus, dessen Anwendung berechtigt erscheint,
nicht ganz von der Hand weisen und andererseits müßte Sprengel
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31] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung des Appendizitis. 3gQ
in seinen Fällen einen derartigen Vorgang mit Sicherheit auszu*
schließen in der Lage sein, ehe man die von ihm angeführten Fälle
als einwandsfreien Beweis für seine Anschauung gelten lassen dürfte.
Sie beweisen allenfalls die Möglichkeit, daß eine Behinderung des
Sekretabflusses durch einen Kotstein im Lumen des Appendix nicht
einzutreten braucht, siebeweisen aber meines Erachtens noch lange
nicht die Unmöglichkeit, daß eine Behinderung des Sekretabflusses
durch einen Kotstein eintreten kann, womit dann auch die mecha-
nische Bedeutung der Kotsteine für die Ätiologie und Genese der
Appendizitis doch nicht so kategorisch von der Hand zu weisen sein
würde.
Daß ein Kotstein an sich ohne eine entsprechende Gelegenheits-
ursache in Gestalt einer erhöhten Infektionsmöglichkeit oder eines :
Traumas keine Appendizitis hervorrufen wird, ist zu selbstverständ-
lich, als daß es einem Zweifel unterliegen könnte. Daß deswegen aber [
der Kotstein unter Voraussetzung einer derartigen Gelegenheitsursache !'
als prädisponierendes Moment für die Erkrankung, sei es nun mecha-
nischer oder bakterieller Natur oder beides zugleich, seine Bedeutung
nicht behalten sollte, scheint mir danach eine Annahme, die sehr \
weitgehend und zum mindesten noch nicht genügend bewiesen ist. [
Die heute noch geteilten Anschauungen über die Rolle des Kot-
steines bei der Genese der Appendizitis mögen es gerechtfertigt er- 1
scheinen lassen, wenn ich dieser Frage einen größeren Raum ein- «
geräumt habe, als es eigentlich dem Rahmen dieser Arbeit entsprechen »
durfte. ;
Daß .gelegentlich auch ein Trauma durch umschriebene Gewalt- j
einwirkung gegen den Leib bei latenten pathologischen Veränderungen
des Processus oder einem mit einem Kotstein versehenen normalen -
Processus einen akuten Infektionsanfall durch Kontinuitätstrennungen |
der Wand bzw. Ernährungsstörungen der Wand auslösen kann, ist
ohne weiteres anzunehmen und wird auch von den meisten Autoren j
zugegeben. Für den normalen Processus ohne Kotstein ist jedoch |
eine derartige Einwirkung eines Traumas bisher mit Sicherheit nicht \.
erwiesen, und dürfte sich selbst unter Voraussetzung einer derartigen
Möglichkeit ein Beweis für den vorherigen Normalzustand des Pro-
cessus stets nur aus Wahrscheinlichkeitsgründen bzw. per exclusionem
erbringen lassen. Jedenfalls sprechen die theoretischen Erwägungen
mehr gegen, als für die Möglichkeit eines derartigen Vorganges.
Eine Begünstigung der pathologischen Vorgänge kann nach
Aschoff stattfinden durch ein Hypertrophie der Wurmfortsatztonsille,
die nach seiner Meinung nicht einer chronisch fortschreitenden, de-
struierenden Entzündung entspricht und uns in ihrer Ätiologie noch
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400 Ad. Ebner, [32
ebenso unbekannt ist, wie die chronische Hypertrophie der Gaumen-
tonsillen. Durch die byperplastische Entwicklung und das Aneinander-
rücken der Noduli kann es dann im ersten Stadium der Entzündung
zu der Entstehung einer körnigen, granulösen Beschaifehheit der
Schleimhaut kommen, die zu der Bezeichnung Appendicitis granulosa
geführt hat. In dieser Appendicitis granulosa hat man wohl mit der
Mehrzahl der Autoren das Anfangsstadium der Erkrankung zu er-
blicken, aus dem sich dann die weiteren Folgezustände und patholo-
gischen Veränderungen des Appendix langsamer oder schneller ent-
wickeln, je nach der Virulenz der Entzündungserreger einerseits und
der Widerstandskraft des Gewebes andererseits.
Die vielfach in dem ersten Stadium beobachteten, kleinen, stig-
mataähnlichen, über die ganze Schleimhaut des Processus in mehr
weniger großer Ausdehnung disseminierten Blutungen, über deren
Genese die Akten noch nicht geschlossen sind, haben für Riedel die
Veranlassung zu der Bezeichnung Appendicitis gfanulosa haemorrhagica
gegeben, indem Riedel diese Blutungen als eine primäre Manifestation
der Entzündung auffaßte, gleichwie man dyspeptische oder enteritische
Alterationen am Verdauungstraktus beobachtet hat, die sich ebenfalls
durch punktförmige, flächenhafte oder zirkuläre Blutungen in die
Schleimhaut charakterisierten. Ich möchte dabei besonders auf die an
der Magenschleimhaut bei schweren Infektionen des Darmtraktus
(Peritonitis) beobachteten, stigmataähnlichen Blutungen hinweisen,
welche bekanntlich auf eine destruierende Toxinwirkung der Entzfin-
dungserreger auf die Epithelien der Drüsenausmündungen zurückge-
führt werden, indem die Toxine zugleich mit dem Sekret der Drusen
in den Magen abgesondert werden.
Ob in ähnlicher Weise entweder die Toxine der im Processus
selbst retinierten und gerade hier in unverhältnismäßig reichlicher
Menge vorhandenen, lebenden Bakterien oder andererseits die Endo^
toxine der im Processus infolge erhöhter Schutztätigkeit der Gewebe
abgetöteten Erreger auf die Epithelien der Appendixschleimhaut ein-
wirken können, ist eine Frage, die sich vielleicht zur Diskussion
stellen ließe. Namentlich bei den Endotoxinen dürfte vielleicht durcli
das Freiwerden und die Einwirkung proteolytischer Fermente seitens
der Leukozyten auf die Epithelzellen eine derartige Möglichkeit sich
nicht ganz von der Hand weisen lassen. —
Auch Lotheisen vertritt entschieden die Ansicht, daß diese ka-
pillaren Blutungen als eine Folge bzw. ein Symptom der Appendi-
zitis aufzufassen sind, welches fast immer im geraden Verhältnis zu
den Beschwerden steht, die die Patienten vor der Operation gehabt
haben.
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33] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 401
Aschoff, Bayer, Th. Landau und Fränkel halten dagegen
diese Blutungen für sekundär und fahren sie auf traumatische Insulte
zurück, denen der Processus intra Operationen! ausgesetzt sei. Ka*
revski meint, daß auf traumatischem Wege wohl kleine Sugillationen
entstehen können, daß man diese aber anstandslos von Blutungen patho«
logischer Natur zu unterscheiden in der Lage sei. Lauenstein und
Revenstorff fuhren gegen die Entstehung der miliaren Blutungen
auf artifiziellem Wege an, daß diese Blutungen immer nur in der
Schleimhaut unb niemals in der Serosa oder Subserosa beobachtet
werden. Dieses wäre unverständlich, wenn die Unterbindung die Ver-
anlassung dazu bilden wurde. Auch die Häufigkeit ihres Auftretens
bei an sich verschiedenen Krankheitszuständen des Processus spricht
gegen solche Annahme. Beide Autoren sind daher geneigt, in voraus-
g^angenen Entzündungsvorgängen die Ursache der Blutungen zu er-
blicken.
Daß im übrigen eine Stauung den Blutungen keinesfalls zugrunde
li^en kann, beweist die Tatsache, daß man am Processus zuerst die
Vene und dann die Arterie unterbunden hat, ohne daß derartige Blu-
tungen in die Erscheinung getreten wären.
Sprengel hat ebenfalls durchaus den Eindruck gewonnen, daß
diese Blutungen nicht als Folge eines Traumas, sondern als besondere
hämorrhagische Form der Entzündung aufzufassen sind.
Auch wir haben in einer Reihe von Fällen Gelegenheit gehabt,
derartige kleine, oberflächliche, fast über die ganze Schleimhaut des
Processus disseminierte Blutungen zu beobachten, deren Entstehung
auf traumatischem Wege durch den operativen Eingriff sich mit Sicher-
heit ausschließen ließ. Vielmehr boten diejenigen Sugillationen, die
durch operative Handgriffe, Fassen mit Zangen, Abbinden usw. ent-
standen waren, in jedem Falle ein ganz wesentlich anderes Bild dar,
tls diese sich ganz gleichmäßig über die sonst völlig intakte Schleim-
haut ausbreitenden, punktförmigen Hämorrhagien.
Neuerdings hält Asch off in seiner letzten Arbeit sogar dafür,
daß derartige miliare Blutungen auf der Appendixschleimhaut über-
haupt keine pathologische Bedeutung haben, da er solche Blutungen
viel reichlicher und ausgedehnter in normalen Wurmfortsätzen ge-
funden habe, als in solchen mit beginnender Entzündung. Er glaubt
daher energisch gegen eine Auffassung dieser Blutungen als Zeichen
eines chronischen Reizzustandes Widerspruch erheben zu müssen. Ob
damit die Frage über die Herkunft dieser miliaren Blutungen als ab-
geschlossen zu gelten hat, wird von der Bestätigung dieser Auffassung
und Beobachtung durch andere Autoren abhängig zu machen sein.
KllB. Vortrage, N. F. Sr,4Sß/90J9l. (Chirarfle Nr. 142/43/44.) Juni 190S. 30
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402 Ad. Ebner, [34
Immerhin bleibt selbst bei Annahme dieser Auffassung die Frage nacti
der Entstehung dieser Erscheinung in einem normalen Darmabschoitt
auch ferner noch eine oifene, und diese Tatsache möge es erklären,
daß ich den Anschauungen der Autoren über dieses Thema etwas
mehr Raum gewidmet habe.
Fassen wir nach dieser kurzen Abschweifung das Hauptmoment
bei der Entstehung der Appendizitis noch einmal kurz zusammen, so
entspricht dieses einer endogenen, bakteriellen Infektion nicht
spezifischer Natur vom Darmlumen aus. Zum Eintritt derselben
sind gewisse Voraussetzungen erforderlich, die wir unter dem Aus-
druck einer erhöhten Disposition zur Erkrankung zusammen-
fassen. Diese werden meistens durch Stauungsvorgänge im Appendix
hervorgerufen, die zu veränderten Druckverhältnissen im Appendtx-
lumen, Erhöhung der Virulenz und Menge der Bakterien (Kotsteine!),
Ernährungsstörungen der Wand und Herabsetzung der Widerstands-
kraft des Gewebes führen.
Bevor wir nun zu der Erkennung der Appendizitis übergehen,
empfiehlt es sich zum besseren Verständnis derselben in den einzel-
nen Stadien kurz den Verlauf des Entzündungsvorganges am
Bauchfell zu erörtern. Dieser allein vermag uns ja ein Bild von
dem jeweiligen Stande der Erkrankung zu liefern und nach diesem allein
ist ja demgemäß unsere obige Einteilung getroffen worden, der wir
auch bei der Erörterung der Erkennungsmerkmale in den einzelnen
Stadien nach Möglichkeit entsprechen werden.
Folgen wir zunächst der Anschauung Sprengeis über das Wesen
der Entzündung am Peritoneum, so haben wir deren erste Äußerung
in einer ödematösen Schwellung der Darmserosa zu erblicken. Diese
bildet die Vorstufe zu der Ausscheidung eines serösen Exsudates in
die freie Bauchhöhle, das später eine fibrinöse Beimengung erhalt.
Das seröse Exsudat ist in der Regel als steril zu bezeichnen und ent-
spricht einer Schutzvorrichtung des Körpers vermöge seiner bakteri-
ziden bzw. bakteriolytischen und antitoxischen Eigenschaften. Die
Menge dieses serösen Exsudates wird in der Regel abhängig sein von
der Schwere und Ausbreitung der Infektion einerseits, wie der ent-
sprechenden Abwehrbetätigung des Peritoneums andererseits. Ob es da-
nach berechtigt ist, wenn Moskowicz alle Fälle mit einem freien
serösen Exsudat in der Bauchhöhle als prognostisch besonders schwer
bezeichnet, erscheint mir zweifelhaft, insofern dieses Exsudat wohl für
eine Infektion aber auch gleichzeitig für die Fähigkeit des Körpers
spricht, seinen Angreifern erfolgreich entgegenzutreten. Die fibrinöse
Beimengung des serösen Exsudat entspricht einer weiteren Schutzvor-
richtung des Körpers durch ihre Bestimmung, Verklebungen der
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35] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 403
Dannschlingen und so eine* Umgrenzung des Entzündungsvorganges
herbeizufuhren.
Als letzte Stufe der Entzündung folgt schließlich die Ausscheidung
von Leukozyten in das serofibrinöse Exsudat, deren Menge von der
Starke des Entzfindungsreizes d, h. der Virulenz und Menge der ein*
gedrungenen Erreger abhängig zu machen ist.
Sprengel setzt sich mit seiner Anschauung in einen bewußten
Gegensatz zu Hägler und Sonnenburg, indem er ohne den Vor-
aasgang eines serösen Exsudats die Ausscheidung von Fibrin für un-
möglich halt. Er erblickt eben in der letzteren einen Fortschritt
der Entzündungsäußerung und ist zu dieser Anschauung auf
Grund der Erfahrungstatsache gelangt, daß er an seinem gewaltigen
Material von Frühoperationen nicht einen einzigen Fall ohne dieses
Exsudat beobachten konnte. Sprengel leugnet daher auch naturge-
mäß das Vorhandensein einer selbständig fortschreitenden Form der
tbliäsiven Peritonitis im Sinne Nothnagels vollständig.
Demgegenüber halten Hägler und Sonnenburg den Eintritt
einer alleinigen fibrinösen Verklebung des Appendix mit seiner Um-
gebung ohne ein seröses Exsudat für möglich. Sie erblicken also in
der Fibrinausscheidung eine verschiedene Form derEntzündungs-
außerung, die nach Hägler auf eine geringere Virulenz der Erreger
zurfickzuführen ist. Sonnenburg erblickt in dieser Form den Aus-
druck einer chemisch-toxischen Peritonitis d. h. einer durch die Wir-
kung ausgeschiedener Toxine oder Endotoxine oder beider zusammen
hervorgerufenen Entzündung, bei welcher Bakterien selbst noch nicht
in den Peritonealraum eingedrungen sind.
Wägen wir nun beide Anschauungen gegeneinander ab, so dürfte
zunächst der Beweis für das tatsächliche Vorhandensein einer che-
misch-toxischen Peritonitis im Sinne Sonnenburg s sich schwer er-
bringen lassen. Es müßte dazu nachgewiesen werden, daß die Peri-
tonealhöhle völlig bakterienfrei, und daß vor oder auch zugleich mit
der rein fibrinösen Ausscheidung nicht doch ein mit bakteriziden
Eigenschaften ausgestattetes Exsudat — sei es auch in noch so ge-
ringer Menge — ausgeschieden wäre, das die etwa in den Peritoneal-
raum eingedrungenen Bakterien zum Absterben gebracht haben könnte.
Im anderen Fall wäre es dann keine chemisch-toxische, sondern eine
infektiöse Entzündung, mit der wir es zu tun hätten.
Gibt man selbst diese Möglichkeit ohne weiteres zu, so ist immer
noch für den Begriff der chemisch-toxischen Peritonitis zu erwägen,
daß ja im Grunde die infektiöse Peritonitis ebenfalls auf einer che-
misch-toxischen Wirkung der eingedrungenen lebenden und abge-
storbenen Bakterien bzw. Ihrer entsprechenden Stoffwechselprodukte
30*
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404
Ad. Ebner,
[36
beruht Danach ist also die Art des Reizes bei der chemisch-toxischen
Peritonitis die gleiche, wie bei der infektiösen Peritonitis. Der grund-
legende Unterschied zwischen beiden besteht eben nur in dem Fehlen
oder Vorhandensein der Erreger im Peritonealraum. Es dürfte daher
auch bezüglich des Reizzustandes der Unterschied zwischen beiden
nicht in einer verschiedenen Art, sondern in einem verschiedenen
Grade desselben zu erblicken sein.
Danach erscheint es aber nicht recht verständlich, daß ein an sich
gleichartiger Reiz auf das gleiche Gewebe in verschiedenem Grade
ausgeübt eine gänzlich andere Form der Entzündung bzw. der Ab-
wehrbetätigung des Gewebes zur Folge haben sollte. Dafi auch Hägler
selbst den Reiz als den gleichen, nur in verschiedener Stärke annimmt,
erhellt schon daraus, daß er für die chemisch-toxische Peritonitis
bzw. die primäre Fibrinausscheidung nur eine geringere Virulenz der
Bakterien zur Voraussetzung macht.
Der Begriff der chemisch-toxischen Peritonitis hat daher in diesem
Zusammenhang etwas theoretisch Gekünsteltes an sich, ohne darum
einer Erklärung der biologischen Vorgänge Im Sinne von Hägler und
Sonnenburg zwanglos gerecht werden zu können.
Demgegenüber will es mir als ein Vorzug der Sprengeischen
Anschauung erscheinen, daß er von vornherein auf eine so feine
Unterscheidung der Begriffe verzichtet, vielmehr nur mit einem stär-
keren oder schwächeren Reiz auf das Peritoneum und dementsprechend
sich stufenweise steigernder Abwehrbetätigung des Peritoneums recli-
net. Als Ausdruck der letzteren findet die nachfolgende fibrinöse
Beimengung des vorausgehenden serösen Exsudates vom rein biolo-
gischen Standpunkt aus eine ungezwungenere und logischere Er-
klärung, als im ersten Fall. Wenn nämlich ohne weiteres zuzugeben
ist, dafi gegenüber einem rein serösen, leicht resorbierbaren Exsudat
in einer fibrinösen, viel langsamer zurückgehenden Ausscheidung
und Verklebung der größere Effekt zu erblicken ist, so erscheint es
durch einen einfachen Rückschluß wenig einleuchtend, daß gerade
dieser größere Effekt nach Hägler und Sonnen bürg theoretisch auf
Grund eines geringeren Reizes zustande kommen können sollte.
Den gleichen Vorteil wird uns die Anschauung Sprengeis für
die Erklärung des Verbreitungs- und Umgrenzungsvorganges der Ent-
zündung am Peritoneum gewähren. Werfen wir nämlich die nahe-
liegende Frage auf, warum das serofibrinöse Sekret im Sinne Spren-
geis in der Nähe des Entzündungsherdes zu Verklebungen fSbrt,
während das im Überschuß gebildete Exsudat resorbiert wird, so
finden wir von Sprengel selbst eine Erklärung für diese Frage nicht
angegeben. Die geringere Beweglichkeit des Appendix bzw. die An-
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37] Ül>«r den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 405
nähme einer verringerten örtlichen, auf toxischen Wirkungen be-
ruhenden Darmbewegung dürfte als eine rein mechanische Erklärung
der Vorgänge kaum genfigen.
Treten wir nun an der Hand der Sprengel sehen Anschauung
den Vorgängen naher, so können wir zunächst die Art des Reizes als
ervas Gegebenes betrachten, daß nur in seiner Stärke wechseln wird.
Es liegt nun auf der Hand, daß die Stärke dieses Reizes nach der
Peripherie des Entzündungsherdes eine geringere, der Reiz an der
Peripherie ein schwächerer sein muß, als nach der Mitte des Ent-
zündungsherdes zu. Mathematisch gesprochen muß die Stärke des
Reizes sich proportional der Entfernung vom Ausgangspunkt der Ent-
zündung verringern« Dementsprechend wird auch die Abwehrbe-
titigung des Peritoneums nach der Peripherie hin eine geringere sein
müssen, als nach der Mitte des Entzündungsherdes.
Es wird also im Sinne der Auffassung von Sprengel logischer-
weise nach dem Appendix hin das seröse Exsudat über einen größeren
Reichtum an Fibrin verfügen, als nach der Peripherie zu. Die Folge
dieser äußerst zweckmäßig gesteigerten Abwehrbetätigung des Bauch-
fells wird sich in einer erhöhten Neigung der Darmserosa zu Ver-
Uebungen in der Umgebung des Appendix äußern, während das Pe-
ritoneum in der Peripherie erst die dem geringeren Reiz entsprechende
Vorarbeit geleistet hat. Ist der Zweck der Abwehr erreicht, nehmen
die VerUebungen und die Umgrenzung des Entzündungsvorganges zu,
so wird entsprechend dem Fortfallen des Reizes zunächst distal die
geringe Fibrinausscheidung fortbleiben, die etwa vorher noch nach
den Grenzen der Verklebung zu stattgefunden hat. Es wird dann
weiter die rein seröse Ausscheidung ebenfalls aussetzen, und es wird
dann mit Leichtigkeit die Resorption des im Überschuß ausgeschie-
denen, vorwiegend oder rein serösen Exsudates erfolgen können.
Ist andererseits die Zahl und Virulenz der Angreifer eine der-
artige, daß das Peritoneum nicht mehr zur Entfaltung seiner vollen
Abwehrbetätigung kommt, so wird zwar das seröse Exsudat noch zu-
stande kommen, hingegen die fibrinöse Ausscheidung bereits versagen.
Das Peritoneum vermag den vordringenden Angreifern keinen Wall
mehr entgegenzusetzen und wird von denselben widerstandslos über-
schwemmt und geschädigt.
Eine derartige Erklärung der Entzündungsvorgänge am Peritoneum
scheint mir zwanglos und logisch genug zu sein, um einen Beweis
mehr für die Richtigkeit der auf persönliche Erfahrung am Lebenden
gestützten Anschauung von Sprengel zu bilden. Sie dürfte anderer-
seits auch vom rein biologischen Standpunkt aus der absoluten Zweck-
mäßigkeit der Entzündungsvorgänge am Körper am ehesten gerecht
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406
Ad. Ebner,
[38
werden, wie sie ja neuerdings auch von Bier gelegentlich seiner
Hyperämielehre besonders hervorgehoben wird.
Wohl kann man auf Grund der Annahme einer zeitlich geson-
derten Abwehrbetätigung des Peritoneums einerseits und der Gefäße
andererseits — entsprechend einer zeitlich verschiedenen Einwirkung
der Toxine und Endotoxine auf das eine oder andere der Gewebe
— zu ähnlichen Schlußfolgerungen gelangen, wie sie der Auffassung
von Hägler und Sonnenburg entsprechen. Solange aber eine
derartige, zunächst nur hypothetische Annahme nicht experimentell
bewiesen ist und solange sie nicht eine gleiche ungezwungene und
logische Erklärung der biologischen Vorgänge zu liefern vermag, wie
die Sprengeische Auschauung, dürfte der Vorzug der letzteren An-
schauung unbestreitbar bleiben.
Es erscheint daher berechtigt, wenn wir den weiteren Ausfuhrungen
diese Anschauung von Sprengel zugrunde legen.
Bei der Appendicitissimplex ist nach unserer Umgrenzung
dieses Krankheitsbegriffs jede entzündliche Beteiligung des Peritoneums
ausgeschlossen, wobei wir absichdich den Begriff bzw. den Unter-
schied zwischen einer chemischen und infektiösen Reizung des Peri-
toneums beiseite lassen, den man gewöhnlich unter der Bezeichnung
Peritonismus und Peritonitis auseinanderzuhalten pflegt.
Es liegt danach auf der Hand, daß die äußerlich feststellbaren
Merkmale und Beschwerden der Appendicitis Simplex ganz geringe
sein müssen, so daß sie in der Tat dem Patienten selbst und vielfach
auch der Aufmerksamkeit des Arztes in ihrer eigentlichen Bedeutung
entgehen können.
Demgemäß hebt u. a. auch Karewski besonders hervor, daß die
eigentliche Appendicitis granulosa haemorrhagica — und naturgemäß
ebenso der einfache Appendixkatarrh — ohne jeden klinisch ins Auge
fallenden Anfall verlaufen kann. Wenn jedoch Karewski das gleiche
bei einer Beteiligung der Serosa unter allmählich fortschreitender
Tiefenwirkung des Prozesses für möglich hält, so würde einmal dieser
Krankheitszustand nach unserer Auffassung bereits unter den Begriff
der Periappendicitis incipiens fallen. Des ferneren dürfte bei der
bekannten hohen Empfindlichkeit des Peritoneums ein derartiges Fort-
fallen der Schmerzerscheinungen zu den äußersten Seltenheiten ge-
hören, die dann ein ganz allmähliches Einschleichen des Reizes bzw.
der Entzündung zur Voraussetzung haben müßten.
Am häufigsten wird noch bei der Appendicitis Simplex eine ge-
wisse Neigung der Patienten zu Verdauungsstörungen ins Auge fallen,
insofern häufig eine hartnäckige Obstipation besteht, die bisweilen
durch anfallsweise, nur schwer zu beseitigende Durchfalle unter-
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39] Ober den beutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 407
brochen sein kann. Es kann ferner zeitweilig Neigung zu Flatulenz,
Appetitlosigkeit, leichte Obelkeit, Gefühl von Völle und Aufgetrieben-
heic des Leibes namentlich rechts bestehen. Kurz es handelt sich
meist um leichte Verdauungsstörungen allgemeiner Natur, die zunächst
auf das Vorhandensein eines örtlichen Leidens hinzuweisen wenig ge-
eignet sind.
Erheblich deutlicher kann das Bild werden, wenn es infolge
Schwellung der Schleimhaut, Verschluß durch einen Kotstein oder
Yorübergehende Knickungen zu Stauungserscheinungen im Appendix
kommt Diese können durch eine rein mechanische Dehnung und
Zerrung der bekleidenden Serosa zu deutlich hervortretenden Be-
schwerden und Schmerzanfällen fähren, die meist nach der Magen-
gegend hin ausstrahlen oder einen ausgeprägt örtlichen Charakter
haben und in der Ileocöcalgegend gelegen sind. Es sind dieses die
unter dem Namen Appendikularkoliken allgemein bekannten Er-
scheinungen, die stundenlang ohne Temperatursteigerung oder sonstige
Störungen anhalten können und dann ebenso plötzlich und vielfach
für immer schwinden, wie sie gekommen sind, sobald die Stauung
eine vorübergehende ist
Ausnahmsweise einmal wird dabei auch eine Temperaturerhöhung
zustande kommen können infolge einer erhöhten Aufsaugung von Toxi-
nen und Endotoxinen durch den erhöhten Innendruck im Appendix.
Dieselbe fällt aber meistens in 24 Stunden mit der Lösung der Stau-
ung und dem Rückgang der Schmerzerscheinungen wieder ab.
Eines derartigen Falles erinnere ich mich aus meiner Praxis, den
ich hier kurz anführen möchte. Ein 13jähriger Knabe erkrankte
mit typischen Schmerzen in der Gegend des Mc Burneyschen Punktes
und mit deutlich ausgesprochener lokaler Druckempfindlichkeit Am
Abend desselben Tages zeigte die Temperatur einen steilen Anstieg
auf 39,6, der Processus war durch die dünnen Bauchdecken deutlich
fühlbar und schmerzhaft, so daß ich dem Vater des Pat für den
nächsten Tag die Operation in Aussicht stellte, falls nicht wesentliche
Besserung eingetreten wäre. Am nächsten Tage war und blieb die
Temperatur völlig normal, der Schmerz in der Ileocöcalgegend war
nur noch auf Druck in geringem Grade vorhanden und am nächsten
Tage völlig geschwunden. Der Patient ist seitdem — es ist jetzt
etwa 3 Jahre her — gänzlich beschwerdefrei geblieben. Was mich
trotz der hohen Temperatur bewog zu warten, war das fast völ-
lige Fehlen der reflektorischen Bauchdeckenspannung rechts und der
nur wenig beschleunigte, in seiner Stärke unveränderte Puls des
Patienten. Der Fall beweist wieder den Vorteil der Empfehlung von
Sprengel, erst 24 Stunden abzuwarten und nur dann operativ vor-
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408
Ad. Ebner,
[40
zugehen, wenn innerhalb dieser Zeit nicht eine entschiedene Wendung
zum Bessern eingetreten ist.
Im anderen Falle würde man eben Gefahr laufen, häufig eine
gänzlich rückbildungsfahige Appendicitis simplex vorzufinden und
damit eine Luxusoperation zu machen, die durch nichts gerechtfertigt
erscheint. Allerdings käme man dadurch dem Vorschlag Kare-
ws kis nahe, der am liebsten bereits jede Appendizitis noch vor
dem Anfall operieren möchte. Dieser Vorschlag erscheint aber schon
aus der obigen Erwägung heraus viel zu weitgehend, als daO er
ernstere Beachtung finden könnte.
Im allgemeinen wird also die Appendicitis simplex keine örtlichen
oder allgemeinen, ins Auge fallenden Erscheinungen hervorrufen, es
sei denn, daß durch Stauungsvorgänge im Appendix Schmerzempfin-
dungen oder Resorptionsfieber von meist schnell vorübergehendem
Charakter ausgelöst werden.
Das Bild ändert sich mit dem Übergreifen des Entzündungspro-
zesses auf das viszerale bzw. parietale Peritoneum sofort und wir
haben damit die
Periappendicitis incipiens
vor uns.
Diese ist zunächst eine schneller oder langsamer fortschreitende
bis zu dem Moment, wo entweder eine Umgrenzung des Entzündungs-
vorganges eintritt und sie zu einer Periappendicitis circumscripta
wird, oder wo das unaufhaltsame Fortschreiten des Entzündungsvor-
ganges zur AUgemeininfektion des Peritoneums führt, und sie zur
Periappendicitis diffusa bzw. Peritonitis appendicularis diffusa wird.
Aus der Schnelligkeit oder Langsamkeit des Vorganges noch beson-
dere Bezeichnungen herzuleiten, wie akut fortschreitende Peritonitis,
foudroyante Peritonitis, peritoneale Septhämie u. dgl., trägt wohl zur
Vermehrung der Nomenklatur, nicht aber zum leichteren Verständnis
und zur leichteren Unterscheidung der einzelnen Krankheitssta-
dien bei«
Entsprechend der allgemeinen Entzfindungslehre äußert sich auch,
am Peritoneum der erste Grad derselben in einer starken Hyperämie
der Serosa, die zu einer ödematösen Schwellung des Gewebes führt
Dieser Vorgang wird bei der Empfindlichkeit des Peritoneum bereits
die ersten Schmerzempfindungen auslösen.
Je nach der Heftigkeit und Schnelligkeit des Vorganges wird der
Charakter der Schmerzen ein verschiedener sein, |a er kann wie eben
besprochen ganz oder fast ganz in vereinzelten Fällen ausbleiben,
wenn die Entzündung sich gewissermaßen ins Peritoneum ein-
schleicht. Es können sich dann in der gleichen schleichenden Weise
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41] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 409
die weiteren entzündlichen Vorgänge mehr oder weniger im Peri-
toneum ausbreiten und langsam in das chronische Stadium übergehen,
ohne daß Patient im eigentlichen Sinne des Wortes einen Blinddarm-
anfall durchgemacht hätte.
Dieser gewissermaßen larvierte Verlauf der Erkrankung hat nun
für Ewald die Veranlassung zu ein^r weiteren Vermehrung unserer
Nomenklatur durch die Bezeichnung Appendicitis larvata abgegeben»
womit ausgedrückt werden soll, daß es eigentlich eine Periappendi-
zitis ist, die sich durch eine besonders langsame und leichte Art
des Infektions- und Entzündungsvorganges am Peritoneum auszeichnet.
Ewald hat dafiir noch besondere Erkennungszeichen aufgestellt, die
er als lokaler Druckschmerz» Gurren von Darmschlingen» örtliche
leichte Auftreibung » Magensymptome, Flatulenz und häufig Colica
mucosa bezeichnet. Diese Merkmale sind aber im allgemeinen die-
selben» wie bei jeder anderen Periappendizitis auch» nur daß eben
entsprechend den leichteren örtlichen Entzündungsvorgängen die
örtlichen Erscheinungen mehr in den Hintergrund und dadurch die
leichten allgemeinen Erscheinungen mehr in den Vordergrund treten»
so daß das ganze Krankheitsbild sich mehr der Appendicitis simplex
nähern kann und im großen und ganzen nach der Schwere der Er-
scheinungen ein Mittelding zwischen der Appendizitis und Periap-
pendicitis incipiens bilden wird. Ob es sich darum empfiehlt» die
Appendizitisnomenklatur um einen neuen Begriff mehr zu belasten»
muß dahingestellt bleiben. Auch Geheimrat Garr& kann sich ab-
solut nicht mit der Appendicitis larvata Ewalds befreunden» da
schließlich fast jede Erkrankung hin und wieder einen verschleierten
oder larvierten Symptomenkomplex zeigen kann» wie z. B. die Pneu-
monie und insbesondere die zentrale Pneumonie» die Pankreatitis»
selbst die Osteomyelitis mit wenig virulenten Keimen. Nicht die
Appendizitis hat nach ihm die Larve vor dem Gesicht» sondern eher
der Arzt einen Schleier vor den Augen.
So häufig der Schmerz das erste Anzeichen ist» welches die Auf-
merksamkeit des Patienten und des Arztes auf den Erkrankungszustand
im Abdomen lenkt» so häufig kann die Bestimmung dieser Erkrankung
erschwert werden durch die verschiedenartige Lokalisation des
Schmerzes. Durch eine Ausstrahlung des Nervenreizes im Plexus
meseraicus sup. kann es zu Schmerzempfindungen in der Magen- und
Nibelgegend» ferner in der Leber- und Gallenblasengegend» der rechten
und bisweilen auch der linken Nierengegend kommen. Schließlich
sollen vereinzelt im frühesten Stadium von Karewski als prämoni-
torische Blasenstörungen bezeichnete Beschwerden beim Urinieren vor-
kommen» ohne daß ein krankhafter Befund zu erheben wäre.
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410
Ad. Ebner,
[42
Die Ursache der Schmerzen erblickt Kelling in einem Reiz-
zustand des Plexus ileocolicus durch entzündliche Vorgänge am Ap-
pendix. Von hier aus kann dann eine Ausstrahlung der Schmerz-
empfindungen in andere Plexusgebiete erfolgen.
Sprengel weist darauf hin, daO nur das parietale Peritoneum
empfindlich ist, welches durch die Interkostalnerven» die Lumbal- und
Sakralnerven versorgt wird. Das viszerale Peritoneum hält er für
unempfindlich, da seine Versorgung durch das Gebiet des N.
sympathicus und N. vagus erfolgt. Im übrigen nimmt auch Sprengel
an, daß der Schmerz im Zusammenhang mit den krankhaften Ver-
änderungen am Peritoneum steht, da der zuerst allgemeine Charakter
desselben sich mit der Umgrenzung der Entzündung in einen mehr
örtlichen umzuwandeln pflegt. Auch Sprengel sieht in der akut
entzündlichen Schwellung und dem Ödem des Peritoneums die erste
Ursache zur Auslösung der entzündlichen Schmerzempfindung.
Karewski und Lennander schieben nur einen Teil der Schmerzen
auf den peritonealen Reiz- bzw. Entzündungszustand und erblicken
die Ursache für den anderen Teil der Schmerzen in einer Lymph-
angitis des Mesenteriums, die ihren Ausgang von den Lymphgefäßen
des Mesenteriolum aus nehmen kann.
Daß nebenbei durch etwaige Darmkoliken ebenfalls Schmerzemp-
findungen ausgelöst werden können, liegt auf der Hand. Dieselben
werden in der Regel jedoch nur für das vorgeschrittenere Stadium
der Periappendizitis in Betracht kommen.
Die eigentliche Lage der Schmerzen, sowie ihre größte Heftig-
keit wird sich naturgemäß früher oder später am Ausgangspunkte
der Entzündung, dem Processus, konzentrieren, insbesondere wird
sich hier die Empfindlichkeit auf Druck am stärksten ätißern, was
bekanntlich zu der Festlegung einer typischen Schmerzstelle unter
der Bezeichnung des McBurneyschen Punktes geführt hat. Diese
besteht so oft zurecht, als eben der Appendix entsprechend gelegen
ist. Bei der Verschiedenheit seiner Lage ist dieses jedoch durchaus
nicht immer der Fall, so daß davor gewarnt werden muß, diesem
Punkte eine übertriebene Bedeutung beizulegen. Kelling ist sogar
geneigt anzunehmen, daß dieser Punkt einem rein nervösen Druck-
punkt entspricht, und daß daher die Annahme irrig ist, man müsse
bei ausgesprochener Druckempfindlichkeit an dieser Stelle immer den
empfindlichen Processus unter den Fingern haben. Einen weiteren
Beweis dafür erblickt er in der Tatsache, daß man auch bei einer
Reihe anderer Erkrankungen diese Erscheinung gefunden hat. Eine
weitere Betätigung dafür könnte man ferner in einer Beobachtung
erblicken, auf die Professor Lexer öfters hinzuweisen pflegt, nämlich
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43] Ober den heutigen Stand der Erkennung und Behandlung der Appendizitis. 411
daß man bei verdächtigen Fällen oft an der korrespondierenden
Stelle links die gleiche Druckempfindlichkeit seitens der Patienten
angegeben erhält. Wir haben dieses oft nachgeprüft und bestätigt ge-
funden.
Zur frühzeitigen Erkennung des Ausgangspunktes und der
Umgrenzung der Schmerzen sind nun von einzelnen Autoren beson-
dere Untersuchungsmethoden vorgeschlagen» die namentlich in zweifel-
haften Fällen von Vorteil sein können und z. T. dem Bestreben ent-
sprungen sind, den Appendix der Palpation besser zugänglich zu
machen.
So rät Lenzmann, bei der Untersuchung den Patienten das rechte
Bein aktiv heben zu lassen in der Annahme, dal} auf diese Weise
der sich kontrahierende M. ileopsoas den Appendix gegen die Bauch-
decken hin hebt und ihn so dem untersuchenden Finger näher bringt.
Ob dieser Vorteil aber durch die beim Heben des rechten Beines
sich verstärkende Spannung der Bauchdecken nicht aufgehoben wird,
erscheint zum mindesten fraglich.
In gleicher Weise rät Meltzer zunächst einen tieferen Druck in
der Ileocöcalgegend bzw. der Gegend des McBurneyschen Punktes
auszuüben und während dieses Druckes das rechte Bein des Pat.
zu beugen. Auf diese Weise ist dann der auf dem Ileopsoas liegende
Appendix einem stärkeren Druck ausgesetzt und wird schmerz-
hafter.
Neuerdings weist Blumberg auf ein besonderes Frühmerkmal der
beginnenden Periappendizitis hin, das auch Ewald bestätigen kann.
Es soll danach bei langsamem Eindrücken der Bauchdecken am Sitz
der auf das Peritoneum übergreifenden Entzündung der Schmerz auf
plötzliches Nachlassen dieses Druckes stärker sein, als während des
Druckes selbst. Eine weitere Bestätigung dieser Beobachtung seitens
anderer Autoren steht jedoch zurzeit noch aus.
Ploenies gibt eine besondere Untersuchung der perkutorischen
Druckempfindlichkeit an, die er bei vorsichtiger Anwendung für un-
gefihrlicher hält, als die Palpation. Als Vorzüge seiner Methode
fGhrt er an, daß dadurch eine scharfe Umgrenzung des Krankheits-
herdes ermöglicht werde und daß ferner damit eine Verschleierung
des Bildes durch Umgehung der bestehenden Muskelspannung aus-
geschaltet werde. Neuerdings gibt Rovsing ein Merkmal an, das
recht zeitgemäß sogar in einer großen Anzahl von Tageszeitungen
abgedruckt worden ist Danach soll bei Druck und Aufwärtsstreichen
in der linken Bauchseite, dem rückwärtigen Verlauf des Colon de-
scendens entsprechend, durch das Zurückdrängen des Darminhaltes
gegen die Ileocöcalklappe hin eine deutliche Schmerzempfindung an
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412
Ad. Ebner,
[44
der Stelle des entzfindeten Appendix bzw. in der Ileocöcalgegend aus-
gelöst werden. Es muß sich erst zeigen, ob es ein pathognomonisches
Symptom ist.
SchlieOlich sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt der Hin-
wels Kümmels auf umschriebene Hauthyperästhesien , welche den
Headschen Zonen entsprechen und am häufigsten in der Gegend des
Mc Burneyschen Punktes vorkommen sollen. Ebenso hat auch
Peiser die Beobachtung von Sensibilitätsstörungen der Haut bzw. der
Bauchdecken über Eiterungen in 9 Fällen machen können. Und zwar
bestand in 6 Fällen eine Hypästhesie, in 2 Fällen Hyperästhesie und
in einem Falle erst Hyper- und später Hypästhesie. Letztere Merk-
male sind wegen ihrer Seltenheit nur von untergeordneter Bedeutung
und kommen naturgemäß mehr für die Periappendicitis circumscripta,
als für die beginnende Periappendizitis in Frage.
Als Folge der Schmerzhaftigkeit des Peritoneums kommt es dann
zur Entstehung einer reflektorischen Bauchdeckenspannung
rechts, die man wohl am einfachsten als eine reflektorische Still-
stellung der Bauchdecken zum Schutz des entzündeten und bei jeder
Bewegung schmerzhaften Teiles des Peritoneums auffassen darf.
Sprengel erblickt in ihr die Folge des zum serösen Exsudat Füh-
renden Reizzustandes des Peritoneums und führt sie als ausge-
sprochenes Merkmal für ein vorhandenes bzw. in Entstehung be-
griffenes Exsudat an, mit dessen Verschwinden auch die Spannung
der Bauchdecken zurückgehen soll.
Die weitere Folge dieser reflektorischen Bauchdeckenspannung ist
eine respiratorische Bauchdeckenstarre der rechten Inguinal-
gegend, die bei Besichtigung des Patienten vom Fußende her ins Auge
fällt. Da von Küster besonders auf sie hingewiesen ist, wird sie
auch als Küstersches Symptom bezeichnet. Küster führt sie auf
eine kleinzellige Infiltration im extraperitonealen Gewebe zurück,
welche die Elastizität der tiefen Bauchmuskeln aufheben und die
Folge der beginnenden Eiterung sein soll. Zwangloser erscheint mir
auch hierfür die gleiche Erklärung, wie wir sie für die reflektorische
Bauchdeckenspannung angeführt haben.
Entsprechend dieser respiratorischen Bauchdeckenstarre Küsters
weist Sprengel ebenfalls als Frühmerkmal auf eine Verringerung der
Zwerchfellatmung bzw. einen vorwiegend kostalen Atmungstypus hin,
der namentlich bei männlichen Patienten von Bedeutung ist, da ja
bei Frauen auch im normalen Zustand infolge des Schnürens der
kostale Atmungstypus zu überwiegen pflegt» Seine Entstehung bei
der Periappendizitis verdankt er wohl gleichfalls dem Bestreben der
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45] Cfber den heutigen Stand der Erkennung U.Behandlung der Appendizitis. 413
Padenten durch Einschränkung der Zwerchfellbewegung das Peritoneum
möglichst ruhig zu stellen.
Körte halt die reflektorische Bauchdeckenspannung rechts für das
sicherste Zeichen der beginnenden Periappendizitis. Immerhin muQ
man dabei sicher sein, die bei jeder Berührung auch normaler Bauch-
decken vielfach eintretende Spannung der Muskulatur ausschalten zu
können. Ein Vergleich der rechten Seite gegen die linke wird dabei
in der Regel entscheidend sein und darf daher nie unterlassen werden.
Ferner kommt es wohl durch Schwellung der Serosa einerseits, so-
wie durch toxische Einflüsse auf die Innerv^ation der Darmschlingen
andererseits häufig zu einem geringen Meteorismus, der nach
Dörffler vorwiegend rechts auftritt und sich naturgemäß auf die
Umgebung des beginnenden Krankheitsherdes beschränkt. Dieser
Meteorismus ist so gering, daß er zunächst nicht weiter ins Auge
filit Er bewirkt jedoch nach Sprengel eine Kantenstellung der
Leber, bei welcher die Leberdämpfung in der Mammillarlinie bis-
weilen fast vollständig fehlen kann. Auch Oppenheim weist auf
dieses Fehlen der Leberdämpfung als besonderes Erkennungszeichen
einer vom Processus ausgehenden örtlichen Entzündung hin und führt
diese Erscheinung ebenfalls auf einen äußerlich meist nicht zur Wahr-
nehmung gelangenden Dickdarmmeteorismus zurück.
Daß entsprechend der örtlichen Herabsetzung der Darmtätigkeit
eine meist ziemlich hartnäckige Verhaltung von Stuhl und bisweilen
auch von Winden eintreten kann, ergibt sich nach dem obigen von
selbst
Die Temperatur antwortet in der Regel auf den Einbruch der
Entzündung in das Peritoneum mit einem deutlich erkennbaren An-
stieg und bewegt sich entsprechend dem Fortschreiten der Entzündung
weiter in aufsteigender Linie. Vereinzelt können ausnahmsweise auch
Schüttelfröste auftreten, während andererseits bei geringer Virulenz
und sehr langsamem Fortschreiten der Infektion und des Entzündungs-
reizes auf das Peritoneum die Steigerung der Temperatur bisweilen
gänzlich fortbleiben kann.
Als ein besonderes Zeichen drohender bzw. ausgebrochener Peri-
tonitis weist Krogius darauf hin, daß in solchen Fällen die Mast-
darmtemperatur nicht mehr in dem gewöhnlichen Verhältnis zur
Achselböhlentemperatur steht, sondern wesentlich höher ist als sonst.
Krogius selbst führt an, daß er bei annähernd normaler Achsel-
höhlentemperatur bis 40<> C im After gemessen habe. Dieses Zeichen
ist einerseits um so wertvoller, als es jederzeit leicht nachzuweisen
ist Andererseits ist dabei zu bedenken, daß es von der Entfernung
des £ntzündungsprozesses bzw. der Hyperämie vom Rektum abhängig
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Ad. Ebner,
[4<
ist. Es wird daher bei hoch^itzendem Processus um die Zeit spate
zum Ausdruck kommen, welche die Entzändung braucht bis zu ihre
Entwicklung in die Gegend des Rektums hin.
Rostowzew hebt als weiteres Vorzeichen seitens der Temperatu
für den weiteren Verlauf der Erkrankung hervor, daß bei der Peri
appendizitis die höchste Temperatur in der Regel nicht von 4—6 Uh
nachmittags, sondern von 9—10 Uhr abends gemessen wird. Nac
der Häufigkeit dieser späteren Höchsttemperatur am Abend wil
Rostowzew die Schwere des Falles bemessen und sucht hierfür de
Beweis an der Hand einer selbstgefertigten Tabelle zu erbringei
Weitere Bestätigungen dieser Beobachtung bleiben einstweilen abzu
warten.
Der Puls ist meist entsprechend der Temperatur von größere
Frequenz als normal, jedoch in der Regel nicht kleiner, sondern ehe
noch etwas voller als vorher. Sprengel erblickt in einer wesent
liehen Zunahme der Pulsbeschleunigung eine erhöhte Indikation fü:
die Dringlichkeit des operativen Eingriffs.
Ferner kommt es entsprechend der fortschreitenden entzfindlichei
Reizung auf das Peritoneum zu stärkerer Übelkeit, Aufstoßen um
Brechreiz, sowie in meist größeren Zwischenräumen zu Erbrechen
In ganz vereinzelten Fällen ist Blutbrechen beobachtet worden, da^
dann wohl als Ausdruck einer besonders schweren Allgemeinvergiftuoj
stets von der übelsten Vorbedeutung gewesen ist.
Als Ergänzung zu der perkutorischen Druckempfindlichkeit nact
PI ö nies sei noch daraufhingewiesen, daß man auch in frühen Stadiec
der Entzündung eine leichte perkutorische Dämpfung erhaltei
kann, welche auf den vermehrten Perkussions widerstand durch di(
geschwellten und ödematösen Gewebe zurückgeführt wird. Ein Wider-
spruch gegen diese Annahme ist in dem oben erwähnten geringen
Dickdarmmeteorismus wohl kaum zu erblicken, da durch letzteren nui
die Höhe oder Tiefe des Tones, hingegen durch den vermehrten
Widerstand des Gewebes die Stärke des Perkussionstones geändert
wird.
Entsprechend dieser Schwellung der Gewebe bei geringem ort-
lichen Meteorismus kann man bisweilen an der Stelle der Entzündung
das Gefühl einer undeutlichen, schmerzhaften Schwellung
unter den Fingern haben, falls man nicht in der Lage ist, den ge-
schwellten und meist äußerst empfindlichen Processus selbst nacii-
weisen zu können. Letzteres ist jedoch vielfach wegen der reflekto-
rischen Bauchdeckenspannung mit Schwierigkeiten verknüpft.
Bei sehr tiefem Sitz des Appendix in der Nähe der Blase kann
es ausnahmsweise auch früh bereits zu Blasenstörungen kommen,
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47] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 415
die sich von den sog. prämonitorischen Blasenstörungen Karewskis
dadurch unterscheiden , daß sie einer pathologisch - anatomischen
Grundlage nicht entbehren. In der Regel werden jedoch Blasen-
Störungen, wenn es überhaupt dazu kommt, erst nach einer Zeit ein-
setzen, welche dem Vorrücken der Entzündung bis in die Blasengegend
entspricht
Kommen wir nun schlieOlich zu der in neuerer Zeit mehr und
mehr in Aufnahme gelangenden Bestimmung der Leukozyten-
werte, so leistet nach dem übereinstimmenden Urteil fast sämtlicher
Kliniker diese Methode gerade in den ersten 48 Stunden, wo es am
meisten darauf ankäme, fast nichts zur Klärung der Sachlage. Ebenso
Ist auch für die späteren Stadien der Erkrankung die Methode nicht
als absolut zuverlässig zu bezeichnen.
So hält Rehn die Leukozytenzählung nicht nur für überflüssig,
sondern auch für gefährlich, weil man sich durch derartige Zählungen
in Sicherheit wiegen kann und dadurch unter Umständen den richtigen
Zeitpunkt zur Operation versäumt. Auch er bezweifelt die Zuver-
lässigkeit der Methode für eine Anzahl von Fällen auf Grund seiner
Erfahrungen.
Nach Ch. Juillard ist die Leukozytenzählung in den ersten
48 Stunden ohne Bedeutung, dagegen soll sich bei eiterbildenden
Formen die Kurve 2 — ^3 Tage lang über 25000 erheben.
Wassermann hat ebenfalls einige Mißerfolge dieses Merkmals
gesehen, insofern er Fälle beobachten konnte, bei denen trotz vor-
handener Eiterung keitie Leukozytose da war.
Rüssel kann ebenfalls in der Leukozytosenbestimmung kein aus-
schlaggebendes Merkmal erblicken. Auch Körte kann die Leukozyten-
zahlung nicht für die Frühdiagnose verwerten, da er dadurch oft Ent-
täuschungen erlebt hat.
Nach Nordmann leistet die Leukozytenbestimmung in den ersten
48 Stunden gar nichts. Auch er fand trotz erhöhter Leukozytenzahl
einen normalen Wurmfortsatz. Ebenso konnte trotz starker Vermeh-
rung der Leukozyten in anderen Fällen der operative Eingriff ohne
Schaden hinausgeschoben werden. Im Gegensatz hierzu bestand in
einem Falle eine normale Leukozytenzahl trotz des Vorhandenseins
einer ausgedehnten Eiterung.
Nach Hochenegg kann auch bei Douglasabszessen die Leuko-
zytose vollständig fehlen.
Federmann sieht nicht in einer einzelnen Zählung, sondern In
der Anlegung einer Kurve die Bedeutung der Leukozytose. Damit
spricht er ihr bezüglich ihres Wertes für die Indikationsbestimmung
der absoluten Frühoperation ebenfalls das Urteil. Das Ansteigen und
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Ad. Ebner,
K
Fallen der Leukozytose bewegt sich nach seiner Ansicht parallel d(
Temperatur, demnach kann in den ersten 48 Stunden die Leukozytos
wohl das Zeichen einer Infektion, aber noch keiner Eiterung seil
Die Appendicitis Simplex , womit wohl die Periappendicitis incipiei
gemeint ist, hat nach ihm in den ersten 2—3 Tagen stets unter 2000(
weswegen er für das Frühstadium die Leukozytose ausdrücklich ß
wertlos erklärt Dagegen kann bei einem Empyem des Appendix de
Leukozytenwert bis auf 25000 steigen, während wieder umgekehrt b<
einer derartigen Leukozytenzahl nicht unbedingt ein eitriger Proze
vorhanden zu sein braucht. Nach den ersten 5 Tagen hält Feder
mann eine Leukozytenzahl über 20000 für ein sicheres Anzeiche
einer wachsenden Eiterung, während andererseits das Fehlen de
Leukozytose in diesem Stadium nicht gegen eine vorhandene Eiteruo
zu sprechen braucht. Mit anderen Worten spricht also im Frühstadiur
nach Federmann eine hohe Leukozytose nicht unbedingt für, uni
im späteren Stadium das Fehlen der Leukozytose nicht gegen da
Vorhandensein einer Eiterung.
Sprengel faOt seine Ansicht und Erfahrung über die Leuko
zytose in 5 Thesen zusammen, die ich nachfolgend wörtlich anführe
1. Die Leukozytose ist bei den Frühformen geringer, als bei dei
Spätformen.
2. Die Leukozytenwerte steigern sich anscheinend sowohl in Ab
hängigkeit von den Veränderungen am Wurmfortsatz, als auch voi
denen am Peritoneum. Demnach erreichen sie ihren höchsten Gnu
bei den Fällen von Appendicitis destructiva im Spätstadium.
3. Für die Frühformen sind die Ergebnisse weniger regulär, all
für die Spätformen. Es kommen hohe Leukozytenwerte bei der Appen«
dicitis Simplex und bei geringen Veränderungen am Peritoneum vor
und umgekehrt niedrige Leukozytenwerte bei schweren Veränderungei
am Wurmfortsatz und am Peritoneum.
4. Ein so charakteristischer Unterschied zwischen den Leukozyten«
werten bei Appendicitis circumscripta serofibrinosa und purulenta
wie manche Autoren annehmen, ergibt sich nach meinen Zahlen nicht
5. In allen Stadien der Appendizitis gibt es Fälle, bei denen di(
Leukozytenwerte in keiner Weise die nach den lokalen Befunden zi
erwartenden Änderungen aufweisen.
Sein Urteil faßt Sprengel ablehnend kurz zusammen: Die Methode
ist unzuverlässig und läOt uns gerade in den Fällen im Stich, in denea
es außerordentlich darauf ankäme, für den Kranken etwas daraus
schließen zu können.
Wertvoll kann jedoch die Leukozytenbestimmung zuweilen seio
zur Unterscheidung der Periappendizitis gegen andere Krankheits*-
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49] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 417
zustande. So will Berndt sie zur Unterscheidung zwischen Typhus
und Periappendizitis heranziehen, da sie am Anfang des ersteren
vermindert, bei letzterer hingegen erhöht sei. Das gleiche gilt von
der Unterscheidung der Peritonitis gegen Ileus, worauf von Feder-
mann besonders hingewiesen wird. DaO sie im übrigen bei sehr
schwerer Peritonitis ebenfalls fehlen kann, kommt spSter noch zur
Sprache.
Günstig für die Leukozytose sind anscheinend die Erfahrungen
von Curschmann, der die Leukozytenvermehrung als Merkmal vor-
handener Eiterung noch über die Temperatur stellt, da letztere leicht
duschen könne, die erstere hingegen zuverlässig sei.
Auch G. Nilson hält nächst dem Ergebnis von Eiter bei einer
Probepunktion (!) die Leukozytose f&r das sicherste Zeichen des Vor*
handenseins von eitrigem Exsudat in der Bauchhöhle. Allerdings
meint er dann mit vorsichtiger Einschränkung, dal} dieses Merkmal
den Ausschlag geben könne, wenn die übrigen Erscheinungen ent*
sprechend festgestellt sind. DaO im übrigen die Probepunktion als
diagnostisches Hilfsmittel bei einer periappendizitischen Eiterung heute
nur noch historischen Wert beanspruchen kann, darüber dürfte man
einem Zweifel wohl von keiner Seite mehr begegnen.
Fassen wir nun unsere bisherigen Ausführungen über die Peri-
appendicitis incipiens noch einmal kurz zusammen, so ist für die Er-
kennung derselben auf folgende Anzeichen besonders zu achten:
1. Anamnestisch: Vorangegangene Magen- und Darmbeschwerden
allgemeiner Natur, Neigung zu Verstopfung, bisweilen plötzliche
Durchfalle.
2. Allgemeine, später meist in der Ileocöcalgegend umgrenzte Leib-
schmerzen mit entsprechender Druckempfindlichkeit des Abdomen.
3. Reflektorische Bauchmuskelspannung, vornehmlich rechts.
4. Respiratorische Bauchdeckenstarre, vornehmlich rechts.
5. Oberwiegend kostaler Atmungstypus, bzw. etwas oberflächliche
and entsprechend beschleunigte Atmung.
6. Kantenstellung der Leber mit Schwinden der Leberdämpfung
in der rechten Mammillarlinie.
7. Andauernder, langsamer oder schneller Temperaturanstieg, ver-
einzelt Schüttelfrost.
8. VergröDerter Unterschied zwischen Achselhöhlen- und Mast-
darmtemperatur.
9. Andauernde, schnelle oder langsame Vermehrung der Leuko-
zytenwerte, sobald sie mit dem übrigen Krankheitsbilde übereinstimmt.
10. Übelkeit und Brechreiz, vereinzelt Erbrechen.
KUn. Vortrige, N. F. Nr. 488/90/91. (Chirurgie Nr. 142/43/44.) Juni 1906. 31
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11. Mehr oder weniger ausgesprochene Stuhlverhaltung» bisweile
heftige Durchfälle.
12. Leichte, dem Verhältnis zur Temperaturerhöhung entsprechend
Beschleunigung des in der Stärke unveränderten Pulses.
Es liegt auf der Hand, dal} diese Merkmale sowohl im einzelne
wie in ihrer Gesamtheit mit dem weiteren Vordringen der Entzändui
im Peritoneum stärker hervortreten werden. Andererseits wird ni
mendich in den ersten Anfängen der Entzündung das eine oder andei
von ihnen nur angedeutet sein oder auch gänzlich fehlen könnei
Immerhin wird bei genügender Beachtung der angeführten Merkmal
und entsprechender Bewertung derselben in ihrem Zusammenhao
als geschlossenes Krankheitsbild die Erkennung der Periappendiziti
auch in ihrem frühesten Stadium nicht allzuviel Schwierigkeiten bietei
namentlich, wenn man sich stets den Satz von Karewski gegenwärti
hält, daß jeder Mensch mit chronischen, schmerzhaften Darmstörunge
der Periappendizitis verdächtig ist, solange keine andere Ursache ds
für nachgewiesen ist.
Wesentlich klarer durch die ausgesprochenere Lokalisierung de
Erscheinungen bietet sich im Falle einer Umgrenzung des Entzündungs
Vorganges das Bild der
Periappendicitis circumscripta
dem Untersucher dar.
Vor allem wird fast immer ein abgeschlossenes Exsudat i
Gestalt einer mehr oder minder deutlich durch Perkussion und Pal
pation nachweisbaren Resistenz in der Ileocöcalgegend vorhanden seil
Die Lage dieses Exsudats kann je nach der Lage des Processus ein
erheblich verschiedene sein. Es kann nach oben bis unter die Lebei
nach innen bis über die Linea alba, nach unten bis in den Douglfl
und bei retrocöcaler Entwicklung in die Lumbaigegend verlagert seit
woran in zweifelhaften Fällen zu denken ist.
Die am Anfang recht ausgesprochene Schmerzhaftigkeit un<
Druckempfindlichkeit des Exsudates kann mit der Dauer seines Be
Stehens mehr und mehr zurückgehen und bei länger bestehenden Ab
szessen schlieOlich völlig fehlen.
Die Temperaturerhöhung gelangt in der Regel mit der Um
grenzung der Entzündung zum Stillstand und kann sich dann nocl
eine gewisse Zeit lang in ziemlich gleichbleibender Höhe bewegen
Sie kann aber auch bei groiSen Abszessen nach einiger Zeit wiede
zur Norm abfallen, da die immer stärkeren Verwachsungen und fibri
nösen Beläge der Abszeßwandungen eine Verminderung und schließ
lieh eine Aufhebung der Resorption von Giftstoffen durch den Körpe
herbeizufuhren vermögen. Bei längerem Bestehen kann dann dei
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51] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 419
Inhalt der Abszesse völlig steril werden. So hat Noetzel etwa 75%
der alten periappendizitischen Abszesse als steril nachweisen können.
Der Puls ist entsprechend der Temperatur meist etwas beschleu-
nigt, in seiner Spannung jedoch nicht wesentlich beeinträchtigt.
Als Unterscheidungsmerkmal gegen die noch nicht abgegrenzte
Periappendizitis ist nach Sprengel besonders auf das normale Ver-
halten der Atmung, sowie den Rückgang bzw. das völlige Fehlen
der reflektorischen Bauchdeckenspannung hinzuweisen. Dieses
erklart sich aus dem Fortfallen des nunmehr umgrenzten entzündlichen
Reizes auf das freie Peritoneum, das seinen weiteren Ausdruck in
dem Fehlen bzw. in dem Rückgang des freien Exsudates in der Bauch-
höhle findet.
Aus dem gleichen Grunde hört in dem Stadium der umschriebenen
Periappendizitis auch das Erbrechen auf und fängt erst wieder an
bei weiterem Fortschreiten und neuen Nachschüben der Entzündung.
Zu achten ist auch auf die oben erwähnten Sensibilitätsstö-
rungen der Haut, die Peiser über Eiterungen beobachtet hat.
Besondere Schwierigkeiten für die Erkennung können bisweilen
die retrocöcalen bzw. retroperitoneal gelegenen Abszesse bilden, da
sie durch ihre Lage der Palpation und Perkussion schwerer zugäng-
lich sind. Hier wird meist eine willkürliche Haltung des rechten
Oberschenkels in leichter Beugung und AulSenrotation, sowie
starke Schmerzhaftigkeit bei Bewegung des rechten Oberschenkels ein
deutliches Merkmal zur Klärung der Sachlage bilden. Das gleiche
Zeichen bieten naturgemäß auch die retrofascial gelegenen Abszesse
dar, deren Unterscheidung gegen die retrocöcalen und retroperito-
oealen Abszesse sich im weiteren Verlauf durch ihr Austreten unter-
halb des Poupartschen Bandes auf den Oberschenkel ermöglichen
laßt Bei entzündlicher Verlötung des Processus mit dem Peritoneum
parietale retrocöcal wird sich schon frühzeitig diese Schmerzhaftigkeit
bemerkbar machen infolge einer Zerrung des gereizten Peritoneums
tuf dem M. ileopsoas durch Bewegungen des rechten Beines im Hüft-
gelenk. Dadurch kann bisweilen schon im Stadium der Periappen-
dicitis incipiens ein Hinweis auf die retrocöcale Lage des Processus
gegeben sein. Verstärkter Mastdarm- und Blasentenesmus, sowie
schleimige Beimengung im Stuhl werden häufig auf eine Lokali-
sierung der Eiterung im Douglas hinweisen, welche ihre Bestätigung
durch eine digitale Untersuchung vom Mastdarm aus findet.
Letztere sollte bei der Häufigkeit der Douglasabszesse in keinem Falle
von Periappendizitis unterlassen werden, wenn die Untersuchung be-
gründeten Anspruch auf Vollständigkeit machen will.
Femer kann es in vereinzelten Fällen durch Druck großer
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fl
Abszesse gegen ein Darmlumen, seltner durch Knickungen von Darm-
schlingen infolge breiter oder strangFörmiger Verwachsungen zu aus-
gesprochenem Ileus kommen, über dessen Ursache die Heranziehung
der übrigen Krankheitsmerkmale einen Zweifel kaum übriglasset
wird. Auf der gleichen mechanischen Grundlage kann bei unvoll-
kommenem Darmverschluß ein entsprechender Meteorismus in di<
Erscheinung treten.
Auf die etwas unsichere Rolle der Leukozytose auch in diesen
Stadium der Erkrankung ist bereits oben hingewiesen worden. Mai
wird sie hier in der Regel nachweisen können, solange einerseits
Giftstoffe der Bakterien vom Blute aufgenommen werden, und solang!
andererseits der Körper genügend Kraft besitzt, um sich in ent-
sprechender Weise gegen die Schädigung zur Wehr setzen zu können
Aus diesem Grunde darf man wohl mit Lennander das Vorhanden-
sein der Leukozytose als ein günstiges Vorzeichen für den weiteren
Verlauf der Erkrankung betrachten.
Mit dem Nachlassen des Übertritts von Toxinen in das Blut odei
auch mit dem Versagen der Widerstandskraft des Körpers wird natur-
gemäß parallel dem Fallen der Temperatur auch die Leukozytenmenge
wieder zurückgehen. Der Rückgang der Leukozytose kann daher so-
wohl auf eine Besserung, wie eine Verschlimmerung des Leidens hin-
weisen und sie kann daher auch hier nur einen bedingten Wert im
Zusammenhang mit den übrigen Krankheitserscheinungen zur Ergän-
zung des gesamten Krankheitsbildes beanspruchen.
Kurz zusammengefaßt wird demnach die Periappendicitis circum-
scripta durch den deutlichen Rückgang der vorausgegangenen allge-
meinen Entzündungserscheinungen des Peritoneums, durch die mehr
oder weniger ausgesprochene Umgrenzung der örtlichen Krankheits-
erscheinungen, welche meist leicht den Nachweis einer umschriebenen
intraabdominalen Eiterung gestatten, für die Erkennung von allen
Stadien der Periappendizitis die geringsten Schwierigkeiten darbieten.
Wesentlich schwieriger können die Verhältnisse bei der
Periappendicitis diffusa
liegen, um so mehr als sie sich je nach Zahl und Virulenz der Err^er
einerseits und Widerstandskraft des Peritoneums andererseits so schnell
entwickeln kann, daß fast explosionsartig eine Infektion des gesamten
Peritoneums stattfindet. Auf diese Weise kann man bisweilen im
Augenblick der Periappendicitis incipiens schon vor einer Periappen-
dicitis diffusa stehen, gleichwie andererseits aus einer Periappendicitis
circumscripta durch äußere Insulte oder sonstige Gelegenheitsursachen
jederzeit sekundär eine Allgemeininfektion des Peritoneums zustande
kommen kann.
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53] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 421
Man ist daher vom Beginn der Periappendizitis ab keinen Augen-
blick sicher y plötzlich vor der Tatsache einer Allgemeininfektion des
Peritoneums zu stehen und wenn je, so hängt hier das Leben des
Patienten von einer möglichst frühzeitigen Erkennung des Krankheits-
znstandes und der sofortigen Einleitung des einzig möglichen Heil«
Verfahrens^ nämlich des operativen Eingriffs, ab. Man wird daher gut
mn, sich jederzeit bei Abwägung der Merkmale gegenwärtig zu halten^
daß es für den Patienten und den Arzt von geringerem Nachteil ist^
wenn gelegentlich ein Fall auf Grund einer allzu vorsichtigen Diagnose
noch vor der Peritonitis zur sofortigen Operation gelangt, als wenn
in dem Bestreben eine möglichst exakte Diagnose zu stellen, der Zeit*
pnnkt zum Eingriff versäumt und der Kranke einem sicheren Ende
äberliefert wird.
Jeder einer Peritonitis auch nur verdächtige Fall ist
demnach für die Therapie als eine vollgültige Peritonitis
zu behandeln.
Die Erkennung der peritonealen Allgemeininfektion kann sich
m Anfang gerade der schwersten Fälle um so schwieriger gestalten,
als durch die Schwere der Infektion, durch die Obermacht der An-
greifer die zunächst als gegebene Größe zu betrachtenden Verteidigungs-
kräfte des Körpers über den Haufen gerannt werden, so daO eine
Entfaltung derselben gleich von Anbeginn völlig ausgeschlossen wird.
Auf diese Weise kann der größte Teil der sonst klinisch wahrnehm-
baren Kennzeichen in Fortfall geraten, und von der Erfahrung und
Kenntnis des Arztes wird es abhängen, auch ohne dieselben bzw. ge-
rade wegen des Fehlens derselben die Schwere des Krankheitszu-
standes richtig zu würdigen.
In der Mehrzahl der Fälle wird jedoch der Körper erst nach einer
kfirzeren oder längeren Zeit des Kampfes seiner Schutzkräfte und
Scbutzstoffe gegen den andringenden Feind erliegen. In diesem Sta-
dium werden sich dann naturgemäl} die Anzeichen des Kampfes nach
anfien in der gleichen Weise, wie bei der Periappendicitis incipiens,
nur in entsprechend höherem Grade kenntlich machen.
Der Schmerz ist entsprechend der größeren Ausdehnung der Ent-
zündung des Peritoneums in verstärktem Grade im ganzen Leibe
vorhanden und wird bereits bei leisem Druck auf die Baüchdecken^
sowie bei geringen Bewegungen des Patienten sich besonders heftig
bemerkbar machen. Bisweilen kann daneben noch eine erhöhte Emp-
findlichkeit der Ileocöcalgegend bestehen, die namentlich bei aktiven
and passiven Beugungen des rechten Beines zum Ausdruck kommt.
Ganz zuverlässig ist aber auch dieses Merkmal nicht, insofern als es
bei sehr schweren Fällen wohl durch eine toxische Schädigung der
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Nerven zu einem fast völligen Fortfall der Schmerzempfindung kommt
und man wird daher gut tun, diese Möglichkeit immer im Auge z\
behalten.
Ebenso kann auch bei einem Ausgang der Allgemeininfektion voi
einem tief im kleinen Becken liegenden Appendix die Empfindlichkei
der Bauchdecken verhältnismäßig lange fehlen. Auch hier kann man
wenn man sich zu sehr auf dieses Merkmal verläßt und die erforder
liehe Untersuchung per rectum unterläßt, leicht die ersten 48 Stundet
ungenützt verstreichen lassen und damit die Prognose für die Heilunj
des Patienten nahezu völlig ungünstig gestalten.
Ganz besonders möchte ich darauf hinweisen, daß auf den soge-
nannten Perforationsschmerz wenig oder nichts zu geben ist, di
er in einer großen Anzahl von Fällen völlig fehlen kann, während ei
in zahlreichen anderen Fällen durch die vorausgegangenen Schmerzen
und Beschwerden derart verdeckt wird, daß er dem Patienten nicht
besonders aufßUlt.
Allerdings wird sich namentlich die schnelle Ausbreitung der
Entzündung auf ein größeres Gebiet auch durch schnelle Zunahme
der Schmerzen nicht nur an Ausdehnung, sondern auch an Heftigkell
bemerkbar machen. Da aber diese allgemeine Schmerzhaftigkeit ge-
rade am Beginn der Periappendizitis ebenfalls in gewissem Grade
vorhanden ist, so wird in diesem Stadium eine Unterschätzung. der-
selben in ihrer Bedeutung bisweilen vorkommen können. ^ Dagegen
dürfte in einem späteren Stadium die plötzliche Zunahme der bereits
im Abklingen begriffenen Beschwerden schon eher den Fortgang der
Entzündung ins Auge fallen lassen.
Ein Frühzeichen der diffusen Periappendizitis bildet ferner die
entsprechend der Verallgemeinerung der Entzündung beiderseits
bestehende Rektusspannung im Gegensatz zu der nur rechts-
seitigen Spannung bei der Periappendicitis incipiens.
Diese Spannung kann sich mit der Zunahme der entzündlichen
Veränderungen derart verstärken, daß die Bauchdeeken eingezogen
und bei der Betastung bretthart erscheinen können. Man hat dann
den typischen Anblick des kahnförmig eingezogenen Abdomens
vor sich. Infolge Fehlens der Schmerzhaftigkeit des Peritoneums kann
gerade bei den schwersten Fällen auch die beiderseitige Rektusspan-
nung in Fortfall kommen.
Um eine weitere Ruhestellung des Peritoneums zu ermöglichen,
wird ferner wie bei der Periappendicitis incipiens die Bewegung des
Zwerchfells reflektorisch eingeschränkt und wir werden daher neben
dem Stillstand der Bauchdecken gleichzeitig auf den vorwiegend oder
rein kostalen Atmungstypus zu achten haben. Entsprechend der
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55] ^^^^ ^^ heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 423
geringeren Tiefe der Atembewegung fällt eine erliebliche B es etile u-
nigung der Atmung ins Auge.
Die Temperatur wird in der Regel auf den erhöhten Reiz durch
einen entsprechenden Anstieg, seltner mit Schüttelfrösten antworten.
Sie zeichnet sich im übrigen durch einen völlig atypischen Verlauf
aus und kann bei den schwersten Fällen, gleich den übrigen Anzeichen
völlig versagen. Das ist besonders zu beachten bei denjenigen
schweren Allgemeininfektionen des Peritoneums, welche plötzlich ohne
besondere Vorboten oder vorausgegangene Schmerzanfälle einsetzen
und infolge des Fehlens der üblichen Warnungszeichen bisweilen zu
der Annahme einer leichten Periappendicitis incipiens führen können,
bis der unaufhaltsame Kollaps zu spät die Schwere des Krankheits-
zustandes erkennen läßt.
Im weiteren Verlauf der Erkrankung bildet der Abfall der Tem-
peratur bei Fortbestand der übrigen schweren Allgemeinerscheinungen
ein übles Vorzeichen als Merkmal beginnenden Kollapses und führt
zu der bekannten Kreuzung der Temperatur- und Pulskurve, der fast
ausnahmslos das Kreuz als Abschluß der Krankengeschichte nachzu-
folgen pflegt.
Steiler, plötzlicher Temperaturabfall bei länger bestehender Peri-
tppendizitis soll nach W. H. Bennet das häufigste Zeichen einer
Appendixperforation sein. In der Regel wird dieser Abfall aber von
einem um so höheren Temperaturanstieg bisweilen auch mit Schüttel-
frost gefolgt sein.
Auf die oben erwähnte Differenz zwischen Mastdarm- und Achsel-
hShlentemperatur nachKrogius ist besonders in zweifelhaften Fällen
als wertvolles Hilfsmittel zu achten.
Das sicherste, stets zuverlässige Zeichen bildet allein die Be-
schaffenheit des Pulses, der sich durch zunehmende Beschleuni-
gung bei geringer und immer schwächer werdender Spannung der
Gefaßwand auszeichnet. Durch die Regelmäßigkeit seiner Veränderung
kann er in zweifelhaften Fällen allein ausschlaggebend sein und ver-
dient daher die ebenso zweckmäßige, wie bezeichnende Benennung
des Peritonealpulses in vollem Maße. Auf die besonders üble
Vorbedeutung seines Mißverhältnisses zur Temperatur ist oben hin-
geviesen. Erwähnt sei noch, daß nach Kümmel bei Perforation
des Appendix gleich dem Abfall der Temperatur auch eine vorüber-
gehende Verlangsamung des Pulses auftreten kann, die dann aber
gleich dem folgenden Temperaturanstieg einer zunehmenden Beschleu-
aigung des Pulses Platz macht.
Übelkeit und Erbrechen nimmt zunächst entsprechend dem
Starkeren Peritonealreiz an Häufigkeit und Heftigkeit zu, kann aber
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im weiteren Fortschritt der Erkrankung nach Sprengel schließlich
aufhören. Diese Erscheinung ist wohl ebenfalls als Folge einer toxi-
schen Schädigung bzw. Lähmung der sensiblen Nervenfunktionen auf-
zufassen» welche vermutlich ebensowenig den zentripetalen Reiz nach
dem Brechzentrum zu übermitteln in der Lage sind, wie die moto-
rischen Nerven den zentrifugalen Reiz bei der schwindenden Peri-
staltik der Därme. DaO in schweren Fällen diese Schädigung bereits
sehr früh einsetzen und daher auch das Erbrechen fast gänzlich in
Fortfall kommen kann, liegt auf der Hand. Auf die besonders üble
Vorbedeutung des Blutbrechens ist bereits oben hingewiesen. Es
verdankt seine Entstehung bisweilen aufierordentlich zahlreichen
punktförmigen Blutungen auf der Magenschleimhaut, welche von
Nietzsche und Dieulafoy auf die Wirkung mit dem Magensaft aus-
geschiedener Toxine zurückgeführt werden. Ob diese Erklärung für
alle Fälle zutreffend ist, muO dahingestellt bleiben, daß der Erschei-
nung in jedem Falle rein toxische Ursachen zugrunde liegen, ist wohl
zweifellos.
Der bei der Periappendicitis incipiens bereits erwähnte, sehr Früh-
zeitig einsetzende lokale Meteorismus führt auch hier schnell zu
der Kantenstellung der Leber, so daß das Frühzeichen des Leb er -
hochstandes naturgemäß für diese Fälle erhöhte Geltung behält.
Entsprechend der toxischen oder auch entzündlichen Schädigung
der motorischen Nerven durch eine Lymphangitis des Mesenteriums
kommt es dann schnell zu einer fortschreitenden Lähmung mit nach-
folgenden Meteorismus sämtlicher Darmschlingen. Da nun mit
der fortschreitenden Lähmung der motorischen und sensiblen Nerven
auch die Bauchdeckenstarre entsprechend nachläßt, so werden schließ-
lich die einzelnen geblähten, meist unbeweglichen Darmschlingen
durch die schlaff gewordenen Bauchdecken deutlich sichtbar, und wir
haben dann das typische Bild des paralytischen oder dynami-
schen Ileus vor uns. Solange dieser Ileus auf einzelne tiefer ge-
legene Darmbezirke beschränkt ist, wird er sich gleichzeitig durch
periodisches, grünlich-galliges, später kotiges Erbrechen kenntlich
machen. Bei weiterem Fortschreiten der Lähmungserscheinungen hört
dieses ebenfalls auf und allein die völlige Verhaltung von Stuhl und
Winden weist neben dem meist vorhandenen allgemeinen Meteorismus
auf das Versagen der Darmtätigkeit hin.
Fälle in diesem Stadium lassen die Operation als aussichtslos
erscheinen, da die allgemeine Intoxikation des Körpers dann bereits
zu sehr fortgeschritten ist. Es ist daher nicht Sache des Operateurs,
der solche Fälle noch operiert um dem Kranken die letzte Rettungs-
möglichkeit zu bieten, wenn sie trotzdem tödlich verlaufen, sondern
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57] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 425
Sache des Arztes, der den Fall zu spät der rettenden Hand des Chi-
rurgen überliefert.
Die Leukozytose zeigt auch hier ein der Temperatur ziemlich
parallel laufendes Verhalten. Sie weist eine deutliche Erhöhung auf»
solange der Körper noch verteidigungsföhig ist Der Abfall der
Leukozytose ist stets als Zeichen beginnender Allgemeininfektion auf-
zufassen und spricht bei dem Fortbestehen der übrigen schweren
Erscheinungen gleich dem Temperaturabfall für einen ungünstigen
Ausgang der Erkrankung. Demgemäß ist eine hohe Leukozytose bei
klinischer Annahme einer Allgemeininfektion für den weiteren Ver-
lauf der Erkrankung bzw. für die Heilungsaussichten auf operativem
Wege als günstiges Vorzeichen aufzufassen. In ganz schweren Fällen
wird gleich der Temperatur auch die Leukozytose von Anfang an
versagen und kann dann gänzlich in Fortfall kommen. Erwähnt sei
noch, daß Rüssel in normalen Leukozytenwerten bei Kranken mit
schweren Allgemeinerscheinungen einen sicheren Hinweis auf eine
stattgehabte Perforation erblicken will.
Im Urin kann nach Lennander vereinzelt eine geringe Albuminurie
auf eine allgemeine Infektion bzw. Intoxikation hinweisen, gleichwie
bisweilen Indikan als Folge eines tiefsitzenden dynamischen Ileus
nachweisbar sein kann. Beide Merkmale können wegen der Selten-
heit und des späten Auftretens derselben für die Erkennung vom
Gesichtspunkt der Therapie aus nur untergeordnete Bedeutung bean-
spruchen.
Desgleichen kann es in vereinzelten Fällen zu allgemeinem Ik-
terus kommen, der auf hämatogener Grundlage entstanden , als
Zeichen schwerer Allgemeinintoxikation stets von übler Vorbedeutung
sein wird.
Schließlich möchte ich neben der bekannten Facies abdomi-
nalis, die je nach der Schwere des Falles früher oder später auf-
treten wird, und neben der Trockenheit der Zunge noch auf eine
Injektion der Konjunktiven hinweisen, die mir bisweilen am Be-
ginn schwerer Allgemeininfektionen des Peritoneums aufgefallen ist,
selbst in Fällen, wo die Temperatur, die Spannung der Bauchdecken
und im ersten Beginn auch der Puls in gewissem Grade im Stich liefi.
Kurz zusammengefaßt ist also für die Erkennung der Allgemein-
infektion des Peritoneums vom Appendix aus auf folgende Merkmale
das Augenmerk zu richten:
1. Peritonealpuls mit zunehmender Beschleunigung unter dauern-
der Abnahme der Spannung der Gefäßwand.
2. Hoher Temperaturanstieg mit atypischem Verlauf, Differenz
zwischen Achselhöhlen- und Mastdarmtemperatur.
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426 Ad. Ebner, [58
3. Trockenheit der Zunge, bisweilen Injektion der Konjunktiven.
4. Spontane Schmerzliaftigkeit des ganzen Leibes namentlich bei
Bewegungen und vornehmlich solchen des rechten Beines.
5. Starke Druckempiindlichkeit des ganzen Leibes, namentlich in
der Ueocöcalgegend.
6. Reflektorische Bauchdeckenstarre beiderseits.
7. Beschleunigter, vorwiegend oder rein kostaler Atmungstypus.
8. Fehlen der Leberdämpfung in der rechten Mammillarlinie«
9. Übelkeit mit periodischem, heftigen Erbrechen.
10. Örtlicher, später allgemeiner Meteorismus, dynam. Ileus.
12. Facies abdominalis.
13. Albuminurie, Indikanurie in seltenen Fällen.
14. Hämatogener Ikterus bei schwerer Intoxikation.
15. Vereinzelt Schwellung und schmerzhafte Vorwölbung der vor-
deren Rektalwand.
In ganz schweren Fällen kann fast reaktionslos, allein unter ent-
sprechender Veränderung des Pulses schneller Verfall und Tod ein-
treten.
Kommen wir schlieOlich noch zur Erkennung der chronischen
Periappendizitis, der Periappendizitis im Sicherheitsstadium, so
wird für diese in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle die voran-
gegangene Anamnese bereits entscheidend sein. Die subjektiven
Beschwerden sind meist geringer Natur und äufiern sich in mangel-
hafter Verdauung bzw. Neigung zu chronischer Obstipation, bisweilen
unterbrochen von plötzlichen Durchfällen nach Diätfehlem oder auch
spontan, ferner in einem Gefühl von Druck und Völle in der Ueo-
cöcalgegend, sowie leichtem Meteorismus der rechten Bauchseite.
Objektiv ist vielfach gar nichts, in vielen Fällen jedoch die Reste
früherer Entzündungen in Gestalt einer undeutlichen Resistenz in der
Ueocöcalgegend nachweisbar, die bisweilen auf Druck, seltener auch
spontan etwas schmerzhaft ist.
Wirklich heftige und sogar das Leben bedrohende Beschwerden
können in vereinzelten Ausnahmefällen einsetzen, wenn es durch Ab-
knickung und Abschnürung von Dünndarm- oder Dickdarmschlingen
auf Grund alter Verwachsungen zu einem rein mechanischen Ileus
kommt, der sich dann meist durch entsprechende Unruhe, Steifung
und Auftreibung der höher gelegenen Darmschlingen bei gleich-
zeitigem Fehlen eines Temperaturanstiegs leicht in seinem ursach-
lichen Zusammenhang erkennen läßt.
Derartige FäUe von chronischem Adhäsionsileus hat Federmann
in einer Anzahl von 6 auf 500 Appendizitisoperationen gefunden,
was einem Prozentsatz von 1,2% entsprechen würde. Er weist
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59] Ob^r ^^^ heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 427
darauF hin, daß der Stuhlgang bei diesen Fällen lange Zeit erhalten
sein kann» und rät prophylaktisch zur frühzeitigen Eröffnung von
periappendizitischen Abszessen zwecks Verhütung größerer Ad-
häsionen.
Selbst 10 Jahre nach einer überstandenen Periappendizitis hat
Subbotltsch noch einen derartigen Fall von Ileus beobachten können,
der infolge Abschnürung einer Darmschlinge durch einen alten peri-
tonitischen Strang entstanden war. Auch in der Breslauer Klinik ist
unter Geheimrat Garr^ ein ähnlicher Fall zur Operation gelangt, der
in der nachfolgenden Zusammenstellung der operativen Fälle eine
entsprechende Würdigung gefunden hat.
Die Vermeidung derartiger, wenn auch seltener, so doch um so
schwererer Folgeerscheinungen dürfte einen Grund mehr bilden zur
prinzipiellen Vornahme der Frühoperation oder, wenn die Patienten
erst später zur Behandlung gelangen, zum sofortigen Eingriff auch im
Zwischenstadium, um damit Abszeß- und Adhäsionsbildung möglichst
von vornherein zu verhindern.
Für die Differentialdiagnose der Periappendizitis möchte
ich mich an dieser Stelle nur mit einigen kurzen Hinweisen begnügen,
da es ja auf der Hand liegt, daß bei der Verlagerungsmöglichkeit
des Appendix dafür in vereinzelten Fällen fast jedes Organ der
rechtsseitigen, ja sogar der gesamten Bauchhöhle in Betracht kommen
kann.
Hinsichtlich der Nierenerkrankungen wird bei Wanderniere,
Nierensteinen und Nierentumor in der Regel das Fehlen derTempe-
ratursteigerung vor Verwechselungen schützen, und wenn neuerdings
die am falschen Orte festgewachsene Niere nach Riedel bisweilen
Fieber machen kann, so dürfte das doch nur für außerordentlich
seltene Ausnahmefalle in Betracht zu ziehen sein. Bei Nierensteinen,
Tuberkulose und Tumor der Niere werden gelegentliche Blutungen
im Urin vielfach das erste Anzeichen der Erkrankung bilden. Bei
Pyelitis und entzündlichen Erkrankungen der Niere wird der mikro-
skopische und chemische Urinbefund die Unterscheidung leicht er-
möglichen, abgesehen von den zystoskopischen Untersuchungsme-
thoden, die ja schließlich dem praktischen Arzt nicht ohne weiteres
zugänglich sind. Bei einer großen Mehrzahl der Nierenerkrankungen
ist ferner ganz besonders auf die eigenartigen, in dem Ureter der er-
krankten Niere zur Blase ausstrahlenden Sensationen zu achten, die in
den meisten Fällen den Patienten auch als solche zum Bewußtsein
gelangen und auf Befragen sei es als schmerzhafte, sei es als eigen-
artige Empfindungen angegeben werden. Schließlich sei noch auf
den vielfach deudich gürtelartigen Charakter der Schmerzempfindung
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428 Ad. Ebner, [60
hingewiesen y der gerade bei Nierenerkrankungen häufig in stärkerem
oder geringerem Grade in die Erscheinung zu treten pflegt.
Hinsichtlich der Unterscheidung von Leberaffektionen sei nur
kurz auf das Ausstrahlen der Schmerzempfindung in den Rücken und
vornehmlich die rechte Schulter , auf die meist nachweisbare Ver-
größerung oder Druckempfindlichkeit der Leber bzw. Gallenblase, auf
den meist nach der Einnahme von Speisen einsetzenden und am
Abend nach dem Schlafengehen periodisch sich steigernden Charakter
der Beschwerden, auf die Verschieblichkeit der etwa fühlbaren Re-
sistenz mit der Atmung, auf den vielfach ausgesprochenen Wider-
willen gegen Fleischnahrung, auf. ev. Ikterus, acholischen Stuhl und
Hautjucken hingewiesen, alles Merkmale, deren teilweises oder ge-
samtes Vorhandensein eine Klärung des Krankheitsbildes in der R^el
nicht allzu schwierig gestalten dürfte.
Die rechtsseitigen Adnexaffektionen bei Frauen werden sich
vielfach bereits anamnestisch durch voraufgegangene Menstruations-
störungen, sowie den Nachweis vorangegangener Genitalinfektion er-
kennen lassen. Klinisch wird hierfür als besonderes Unterscheidungs-
merkmal das oben erwähnte Blumbergsche Symptom von seinem
Autor empfohlen, wofür jedoch weitere Bestätigungen außer von
Ewald z. Z. noch ausstehen. Tatsächlich können diese Fälle klinisch
noch am ehesten zu Fehldiagnosen Anlaß geben, wobei allerdings
nicht zu vergessen ist, daß bei der nahen Nachbarschaft der beiden
Organe eine Kombination von Appendizitis mit rechtsseitiger Adnex-
erkrankung nicht gerade als Seltenheit zu betrachten ist.
Daß im übrigen vereinzelt eine fieberhafte Enteritis und auch
Typhus zu Fehldiagnosen führen kann und auch geführt hat, sei
noch nebenher erwähnt. Bei ersterer werden entsprechende schlei-
mige oder zellige Beimengungen im Stuhl, bei letzterem die bakterielle
Diagnose vor Verwechslungen schützen können. Daß andererseits
gerade auf der Grundlage einer infektiösen Enteritis sich äußerst bös-
artige Erkrankungen des Appendix entwickeln können, ist oben bereits
des näheren hervorgehoben worden.
Schließlich sei der Vollständigkeit halber noch an die Magen-
und Pankreasaffektionen gedacht, die gleichfalls bisweilen wohl
Zweifel in der Diagnose entstehen lassen können, aber in der Regel
durch den ausgesprocheneren und lokalisierteren Charakter der Be-
schwerden für die Unterscheidung von Appendixafi^ektionen keine
allzu großen Schwierigkeiten bieten werden.
Wenden wir uns nun der
Therapie der Appendizitis
zu, so liegt es in der Natur der Sache, daß wir uns der heutigen
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61] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 420
Anschauung entsprechend vornehmlich mit der chirurgischen Seite der-
selben zu beschäftigen haben werden. Hierbei wird es sich zunächst
um die Indikationsstellung und Prognose nach der Anschauung der
einzelnen Autoren in den verschiedenen Stadien der Erkrankung
handeln und wir werden uns daher am besten unserer vorausge-
gangenen Einteilung gemäO im einzelnen mit der Früh-, Zwischen-,
Spat-, Not- und Sicherheitsoperation zu beschäftigen haben.
Von diesen allen steht heute im Brennpunkt des Interesses die
Frage der absoluten Fruhoperation und der Zwischenoperation, wäh-
rend bezüglich der Anschauung über die Zweckmäßigkeit der Spät-,
Not- und Sicherheitsoperation wesentliche Differenzen unter den
Autoren kaum noch zu verzeichnen sind. Es erscheint daher gerecht-
fertigt, wenn wir über die ersteren beiden Operationen die Ansichten
der Autoren einer etwas eingehenderen Würdigung unterziehen, wo-
bei manche Änderung derselben nach der radikaleren Richtung hin
auch bei den sich zuerst ablehnend verhaltenden Klinikern im Laufe
der letzten Jahre namentlich hinsichtlich der Frühoperation zu ver-
zeichnen ist.
So macht Kümmel, der sich vorher abwartend verhielt und nur
im äußersten Notfall eingriff, seit März 1904 wegen des stets unbe-
rechenbaren Verlaufes der Erkrankung prinzipiell die Frühoperation,
sobald nach 12—24 Stunden die Erscheinungen nicht geschwunden
sind oder sich gesteigert haben. Er steht auf dem präzisen Stand-
punkt, jede als solche erkannte Appendizitis zu operieren und zwar
je eher, je besser.
Interessant ist auch die Änderung im Standpunkt von Sonnen-
burg, wenn er auch nicht ganz so entschieden, wie die anderen
Autoren für die Frühoperation eintritt. Er versuchte bis 1905 nach
Möglichkeit die Operation stets in das Sicherheitsstadium zu verlegen.
Noch 1905 führt er gegen die Frühoperation den etwas theoretischen
Einwurf an, daß bei hochgradiger Infektion und Toxinwirkung selbst
die früheste Operation versagen kann, und daß es zum mindesten
zweifelhaft ist, ob die Frühoperation immer eine schnellere Heilung
der Krankheit, wie ein später vorgenommener Eingriff erzielen kann.
Trotzdem ist er seit diesem Zeitpunkt zwar nicht zum ausgesprochenen
Anhänger der Frühoperation geworden, betätigt aber dennoch in der
Praxis die Gepflogenheit, alle nicht ganz leichten Fälle innerhalb der
ersten 48 Stunden zu operieren. Merkwürdigerweise glaubt er diese
Erweiterung seiner Indikationsstellung zum operativen Eingriff auf
eine Änderung des Materials zurückführen zu sollen, das ihm in den
letzten Jahren zugegangen ist.
Helferich hält bedingsweise die Frühoperation für berechtigt, da
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430 Ad. Ebner, [62
es besser sei» zu sagen, der Patient wäre auch ohne Operation ge-
rettet worden, als der Patient wäre noch durch die Operation zu
retten gewesen.
Sprengel operiert jede Appendizitis, sobald nicht innerhalb der
ersten 24 Stunden ein entscheidender ROckgang aller Symptome er-
folgt, und zwar in jedem Stadium.
Rehn hält bereits 1901 als einer der ersten neben Sprengel die
Entfernung des Appendix im akuten Anfall für das einzig sichere
Mittel, die Mortalität der Erkrankung auf ein Minimum herabzu-
drucken, indem er ganz besonders hervorhebt, daß die Operation im
Anfall ebenso leicht, oft leichter und sicher nicht gefährlicher als im
Sicherheitsstadium ist. Auch 1905 tritt er wiederum warm fOr die
FrOhoperation ein, indem er den akuten Anfall nur für eine Phase
der meist chronischen Erkrankung erklärt, deren Blitz nicht nur erhellt,
sondern auch zünden kann, ohne daO man sagen kann, was dabei in
Flammen aufgeht. Als besonderen Vorzug der Frühoperation rühmt
er die sichere und radikale Heilung unter Vermeidung späterer Folge-
zustände.
Karewski hält die frühzeitige Entfernung des Appendix ebenfalls
für das einzig rationelle und ist daher dafür, in jedem Falle sofort zu
operieren. Da man den Verlauf der Appendizitis nie mit Sicherheit
voraussagen kann, erscheint ihm die Appendektomie angezeigt, sobald
irgendwelche Krankheitserscheinungen mit Sicherheit auf diesen Teil
des Darmtraktus hinweisen, und zwar möglichst sofort nach dem
Obergreifen der Erkrankung auf das Peritoneum. Wenn möglich, soll
man sogar auch bei leichteren Beschwerden noch vor dem Anfall,
also gewissermaßen vor dem Obergreifen der Entzündung auf das
Peritoneum operieren, eine Forderung, auf die wir später noch näher
zurückkommen werden.
Nach V. Eiseisberg ist die Frühoperation in allen rechtzeitig in
Behandlung kommenden Fällen auszuführen. Den gleichen Stand-
punkt vertritt naturgemäß auch sein Assistent Haber er, wenn er
andererseits auch die Frühoperation nicht für ebenso ungefährlich
halten möchte, wie die Sicherheitsoperation: „Alles in allem ist die
Frühoperation sicher die idealste Behandlungsmethode der Periappen-
dizitis, weil sie, ohne die weitere Entwicklung des Prozesses abzu-
warten, denselben mit einem Male abschneidet "*
Lennander hält es gleichfalls für den Kranken am besten, wenn
er im Verlauf der nächsten Stunden zur Operation gelangt, sobald
die Diagnose auf akute Appendizitis gestellt ist und der geringste
Grund zur Beunruhigung vorhanden ist. Namentlich bei dem zweiten
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63] Ober den heutigen Stand der Erkennung U.Behandlung der Appendizitis. 431
AnftU rat er zum Eingriff» da die Diagnose dann klar ist und der
Anfall damit sofort abgeschnitten wird.
Carl Beck ist ebenfalls dafür» lieber früher» wie zu spät zu ope-
rieren und hält für die sicherste Therapie die frühzeitige Entfernung
des Appendix, besonders da die Operation als solche gänzlich unge-
fiihrlich ist.
Riese führt als weiteren Vorzug der Operation an» daß den Pa-
tienten im Schmerzanfall der Entschluß zur Operation wesentlich
leichter fällt» während sich manche in dem schmerzfreien Sicherheits-
stadium nachträglich eines anderen besinnen und die Operation immer
weiter hinausschieben» bis der nächste schwere Anfall sie in die Hände
des Chirurgen zurücktreibt.
Riedel hält außer bei ganz leichten Fällen die absolute Frühope-
ration» womöglich bereits 5—10 Stunden nach dem Beginn des An-
hlls für weitaus am besten.
Payr ist für die absolute Frühoperation» da man entgegen der
Ansicht von Sonnenburg aus dem klinischen Bilde nie mit Sicher-
heit auf den anatomischen Befund schließen kann» und rät besonders
bei medianer oder nach unserer Benennung mesocöliacaler Lage des
Appendix zwischen losen Darmschlingen möglichst frühzeitig ein-
lugreifen.
Dörffler ist von der Überlegenheit der Frühoperation fest über-
zeugt und glaubt damit dem Patienten das Sicherste zu raten. Als
einen besonderen Vorzug der Frühoperation führt er an» daß sie in
einem Zeitpunkt stattfindet» wo das Peritoneum noch widerstands-
und leistungsfähig ist» daß man dabei eine leichtere Übersicht des
Operationsfeldes und damit auch eine leichtere Entfernung des Appen-
dix hat Er ist überzeugt» daß mit dem Augenblick der Frühoperation
in allen nicht ganz leichten Fällen die Mortalität der Appendizitis auf
0% herabsinken wird.
Tilmann empfiehlt die Frfihoperation bei allen vorher gesunden»
mit akutem Erbrechen erkrankten Appendizitispatienten» während er
bei chronischen und rezidivierenden Formen nur im Falle einer
akuten Verschlimmerung eingreift und sonst im Sicherheitsstadium
operiert
Müller (Hildebrand) drückt sich etwas gewunden aus» wenn
er sagt» daß jede Periappendizitis dem Chirurgen gehört» ob sie ope-
riert werden muß oder nicht» daß ferner am besten eine exakte Be-
obachtung und möglichst frühe» aber nicht Frühoperation sei» denn
die letztere könne zwar manches Leben retten» aber auch manches
lerstören» eine Behauptung» für welche Müller in ihrem Nachsatz
wohl schwerlich Beweise erbringen kann. Namentlich warnt er vor
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432
Ad. Ebner,
164
der Frühoperation bei bestehender Nephritis, die er für sehr gefahr-
lich hält und von der vielfach Todesfälle in der Literatur berichtet
würden, eine Frage, auf die wir bei der zusammenhängenden Er-
örterung der Gegenindikationen der Frühoperation noch näher zurück-
kommen werden.
Körte hält die Frühoperation in 48 Stunden nur in wirklich
schweren Fällen für angezeigt, ein etwas dehnbarer Begriff, da er
von dem klinisch projizierten Krankheitsbild des Kranken, seinem
eventuell gänzlich verschiedenen anatomischen Befund und der äußerst
individuellen Beurteilung des mehr oder minder erfahrenen und
wissenschaftlich durchgebildeten Arztes abhängig ist, und somit in
seinen Grenzen kaum festgelegt werden kann.
Gussenbauer meint kurz und treffend, man müsse mehr um das
Leben des Patienten, denn um seinen Wurmfortsatz besorgt sein.
Hahn hält im Gegensatz zu der etwas pessimistischen Anschauung
Sonnenburg s, daß bisweilen auch die früheste Operation versagen
könne, nach eigener 10 jähriger Erfahrung dafür, daß die Operation
im frühesten Zeitpunkt und bei guter Dränage selbst bei eingetretener
Perforation ebenso gut ist, wie ohne eine Perforation, da er dabei
nicht einen Todesfall hatte. Entscheidend dafür ist naturgemäß der
möglichst geringe Zeitraum zwischen dem Perforationsvorgang und
der nachfolgenden Operation.
Borelius hebt als einen weiteren Vorzug der Frühoperation her-
vor, daß man innerhalb 48 Stunden stets primär nähen kann, selbst
wenn der Appendix gangränös aussieht und sich freies Exsudat in
der Bauchhöhle vorfindet, da dieses in der Regel rein serös und dann
als steril zu bezeichnen ist.
Landau rät auch bei gleichzeitigen Frauenleiden möglichst vor
48 Stunden zu operieren.
S tan ton führt als einen Grund mehr für die Frühoperation an,
daß man am ersten Tage des Anfalls bereits die Erkrankung nicht
allein auf die Schleimhaut des Appendix beschränkt, sondern in allen
Schichten der Wand verbreitet vorfinden könne.
Hoff mann (Küster) operiert ebenfalls, sobald bei der typischen
Erkrankung das Fieber länger als 36 Stunden hoch bleibt.
Von weiteren Vertretern der prinzipiellen Frühoperation in allen
nicht ganz leichten, bzw. in 48 Stunden zurückgehenden Fällen seien
noch genannt: Mynter, Lanz, Bloß, Wette, Dieulafoy, Gallet,
W. Meyer-New York, O. Hartmann, Legueu, Poirier, Segond,
Chaput, Championni^re, Routier, Tuffler, Rüssel, Dennis,
Roux, Rotter, Schnitzler, v. Mosettig, S. Perman, Israel,
Holmes, Ochsner, v. Bergmann, A. C. Bernays, F. Bauer,
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05] Ober den beutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 433
G. Heaton, W. Hagen» Trendelenburg, Ceccherelli, Kleman,
Webster und Dowd.
Dieser kurze Literaturüberblick, der im übrigen durchaus keinen
Anspruch auf Vollständigkeit erheben will» dürfte immerhin bereits
zur Genfige beweisen, eine wie große Obereinstimmung unter der
überwiegenden Mehrzahl der Autoren über den unbedingten Wert
der absoluten Frühoperation herrscht, mit dem einzigen mehr indi-
viduellen Unterschied, daß der eine sie bei etwas leichteren, der
andere sie bei etwas schwereren Erscheinungen bzw. bei fehlender
Ruckbildung derselben in den ersten 24—48 Stunden zum Prinzip
erhebt. Allen gemeinsam ist jedenfalls die Erkenntnis und das Be-
streben, dem Patienten, sobald die Krankheit als solche erkannt ist,
durch eine möglichst frühzeitige und gefahrlose Ausschaltung der
Causa nocens eine sichere und schnelle Heilung zu garantieren, ehe
man ihn den unsicheren und niemals vorherzusehenden Zufällen des
weiteren Krankheitsverlaufes aussetzt.
Den radikalsten Standpunkt von allen vertritt zweifelsohne Ka-
rewski, wenn er rät, die Operation wenn möglich noch vor dem
Anfall zu machen, ein Vorschlag, der wegen allzu großer Möglichkeit
eventueller Luxusoperationen auf «ine prinzipielle Annahme von
irgendwelcher Seite wohl kaum jemals zu rechnen haben dürfte.
Immerhin darf man sich aber nicht verhehlen, daß man bisweilen
dennoch heute vor die Frage gestellt werden kann, in gewissem Sinne
vor dem Anfall zu operieren, vorausgesetzt, daß man unter dem
eigentlichen Anfall das übliche Bild der Periappendizitis versteht, eine
Auffassung, die wohl auch der Ansicht von Karewski entspricht,
wenn er ursprünglich zum sofortigen Eingriff bei den ersten Anzeichen
des Obertrittes der Erkrankung auf das Peritoneum rät. Es kommen
oimlich heute tatsächlich gar nicht so selten Fälle vor, in denen all-
zu ängstliche und vorsichtige Patienten, die eine oder mehrere bis-
weilen ganz kurze, vielleicht nur 1—2 Stunden dauernde Appendikular-
koliken ohne jedes Fieber durchgemacht haben, an den Chirurgen
mit der Frage oder mit dem direkten Verlangen herantreten, sie von
dem vermutlichen Friedensstörer zu befreien, ehe er ihnen zur Quelle
j.
eines ernsten Erkrankungszustandes wird. Dabei ist zu beachten, daß \
i)ei der heute fast allgemein verbreiteten Kenntnis von der Bedeutung
und Lage des sog. Blinddarms im Publikum fast jeder Schmerz von
kolikartigem Charakter in der rechten Unterbauchgegend als Blind-
darmentzündung, und vielfach gar nicht mit Unrecht verdächtigt wird.
Daß in solchen Fällen eine nachträgliche objektive Untersuchung kein
positives Ergebnis zu liefern braucht und daher absolut nicht als
Gegenbeweis von tatsächlich vorausgegangenen Appendikularbe-
Klia. Vortrige. N. F. Nr. 489/90/91. (Chirurgie Nr. 142/43/44.) Juni 1906. 32
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434 Ad. Ebner, [66
schwerden aufgefaßt werden darf» liegt auf der Hand. Vielfach wird
man allerdings vielleicht eine gewisse Bestätigung dafür durch den
behandelnden Arzt erhalten können, wenn eben während des Anfalls
ein Arzt dabeigewesen ist, was bei der Kürze der Schmerzdauer meist
aus Mangel an Zeit oder aus anfänglicher Indolenz seitens der Pa-
tienten nicht der Fall zu sein pflegt.
Ich pflege mich in solchen Fällen damit zu behelfen, daO ich, so-
bald die Patienten am Ort sind und im Falle eines richtigen Pari-
appendizitisanfalles jederzeit sofort in chirurgische Behandlung kommen
können, es ihrem eignen Ermessen freistelle, sich später bei den ge-
ringsten Fiebererscheinungen mit entsprechenden Beschwerden zur
sofortigen Operation einzufinden oder auf ihren eigenen Wunsch hin
die Operation sofort vornehmen zu lassen. Denn es ist menschlich
durchaus verständlich, daO vereinzelte Patienten, ehe sie dauernd das
Damoklesschwert eines nach mehreren Appendikularkoliken nur selten
ausbleibenden Periappendizitisanfalles mit der Notwendigkeit eines
operativen Eingriffs über sich fühlen wollen, sich lieber einer so-
fortigen Operation zwecks sicherer Ausschaltung einer derartigen
Möglichkeit unterziehen, die dann fast ausnahmslos durch die makro-
skopisch nachweisbaren Veränderungen am Appendix, wie Kotsteine,
Schwellung und Injektion der Mukosa oder der ganzen Wandung,
Knickungen, Retention des Inhaltes u. dgl. den Beweis erbringen wird
und auch bei uns tatsächlich im Laufe der letzten Jahre erbracht hat,
daO die Gefahr einer Luxusoperation in derartig vereinzelten Fällen
nicht allzuhoch einzuschätzen ist. Anders liegt in derartigen Fällen
schon die Sache, wenn die Patienten auf dem Lande wohnen, eine
größere Reise vorhaben, kurz, wenn sie sich in Lebensverhältnissen
befinden, wo sie nur schwer oder gar nicht sich jederzeit die Hilfe
des Chirurgen zugänglich machen können. Da erscheint es sicherer,
bereits in diesem Stadium, also gewissermaßen noch vor dem eigent-
lichen Anfall, zur Operation zu raten, da man nicht wissen kann,
unter welchen Umständen sie später einem etwa eintretenden und
möglicherweise recht schweren Anfall ausgesetzt sind. Es sind dieses
eben Fälle, die individuell beurteilt sein wollen und in denen dann
ausnahmsweise aus den Lebensverhältnissen oder der ausgesprochenen
Willensäußerung der Patienten heraus die Operation berechtigt er-
scheinen kann. Derartige Fälle werden sich sicher auch bei anderen
Chirurgen vorfinden, sobald sie ihr Material danach sichten wollten«
Daraus nun aber die Forderung einer prinzipiellen Operation noch
vor dem Anfall herzuleiten, liegt eine Veranlassung nicht vor, so-
lange man sicher ist, daß einem Patienten durch die Ablehnung dieser
Forderung kein Schaden erwachsen kann.
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67] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 435
Um noch kurz die Indikationsstellung ffir die Frühoperation der
Periappendizitis bei gleichzeitiger Gravidität zu streifen, so
sind sämtliche Autoren sich darin einig, daß die Gravidität an sich
eine erhöhte Indikation zum möglichst frühzeitigen operativen Eingriff
bildet, da sie in der Regel einen sehr ungünstigen Einfluß auf den
Verlauf und die Prognose der Erkrankung im Sinne einer wesentlich
erhöhten Gefahr der peritonealen Allgemeininfektfon ausübt. Rosner
geht deswegen so weit, die Operation sogar in denjenigen Fällen an-
zuraten, die nicht ganz sicher sind und einer Periappendizitis nur
verdächtig erscheinen. Ebenso raten Riese, Labhardt, G. Heaton
u. a. zum möglichst frühzeitigen Eingriff in derartigen Fällen mit
Rücksicht auf die erhöhte Infektionsmöglichkeit des Peritoneums.
Kümmel allein rät, wenn es nicht möglich ist, frühzeitig nach Beginn
der Erkrankung zu operieren, lieber bis zum Sicherheitsstadium zu
warten, immerhin ein etwas riskanter Vorschlag, da eben bis zu
diesem Stadium die Patienten dauernd der Gefahr einer Allgemein-
infektion des Peritoneums ausgesetzt bleiben. Gerade hier dürfte
vielmehr stets eine möglichst weitgehende Indikationsstellung zum
operativen Eingriff, sobald die Patientin in chirurgische Behandlung
gelangt, am empfehlenswertesten sein.
Als Gegenindikationen werden bezüglich der Frühoperation
von Ball besonders Tuberkulose, Herzfehler und Nierenerkrankungen
hervorgehoben. Namentlich bei letzteren glaubt auch Müller ganz
besonders vor einem operativen Eingriff im akuten Stadium warnen
zu müssen. Treten wir der Frage etwas näher, so werden wir bei
schweren Herzfehlern oder Nierenerkrankungen der Anschauung Balls
ohne weiteres beipflichten können, da hier der operative Eingriff an
sich gewissermaßen der Tropfen sein kann, welcher des Maß der aufs
äußerste herabgesetzten Lebens- und Leistungsfähigkeit des Körpers
zum Oberfließen bringt. Für die leichteren und mittelschweren Fälle
kann man aber Ball darin doch nicht ganz beistimmen, insofern ge-
rade Patienten mit Herz- oder Nierenerkrankungen um so eher vor
den üblen Zufällen der Periappendizitis zu bewahren sind, als der
ao sich schon in seiner Leistungsfähigkeit herabgesetzte Körper um
so schwerer mit einer Peritonealinfektion fertig werden und dann um
so leichter einer Allgemeininfektion des Peritoneums mit Herz- oder
Niereninsufflzienz erliegen wird. Man könnte daher in nicht allzu
schweren Herz- oder Nierenerkrankungen bei gleichzeitiger Peri-
appendizitis eher eine Indikation mehr zur möglichst frühzeitigen
Ausschaltung der Causa nocens zwecks Verhütung weiterer Kompli-
kationen erblicken, welche für den an sich in seiner Widerstandskraft
erheblich herabgesetzten Patienten eine wesentlich größere Gefahr
32*
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436 Ad. Ebner, [OS
involvieren können, als die vitale Schädigung, welche der kurz
dauernde und ungefährliche operative Eingriff ev. unter Äthernarkose
oder Lumbalanästhesie mit sich bringt. Auch hier wird es sich zum
mindesten dringend empfehlen, zu individualisieren und nicht ohne
weiteres in jeder Herz- oder Nierenerkrankung eine absolute Indikation
gegen einen möglichst frühzeitigen operativen Eingriff zu erblicken,
da die Zufälle des Krankheitsverlaufes wesentlich schlimmere Folgen,
als der operative Eingriff an sich zeitigen können.
Fassen wir nun zum Schluß noch einmal die Gründe, welche
zugunsten der Frühoperation innerhalb der ersten 48 Stunden sprechen,
kurz zusammen, so haben wir dieselben in folgendem zu erblicken:
1. Gegenüber dem stets unberechenbaren Verlauf der Periappen-
dizitis stellt die Frühoperation das einzige Mittel dar zur sofortigen
Beendigung des Krankheitsprozesses und zur sicheren, schnellen und
dauernden Wiederherstellung des Patienten.
2. Die Frühoperation allein vermag dem Patienten mit Sicherheit
die Vermeidung sämtlicher Früh- oder Spätfolgezustände der Peri-
appendizitis, wie Thrombosen, Embolien, metastatische Abszesse,
Pleuriten einerseits, sowie Adhäsionsbeschwerden und Narbenbruche
andererseits in Aussicht zu stellen.
3. Die Frühoperation ist für den Patienten ebenso ungefährlich
und für den Operateur vielfach leichter, wie die früher allgemein
bevorzugte Sicherheitsoperation, da sie wegen des Fehlens von Ad-
häsionen fast stets eine gute Übersicht des gesamten Operationsfeldes
und somit dem Chirurgen die Möglichkeit gewährt, mit kleinen
Schnitten auszukommen.
4. Die Frühoperation hat gegenüber der Spätoperation den Vorteil
einer radikaleren und schnelleren Heilung für den Patienten, da sie
einerseits stets die radikale Entfernung des Appendix und anderer-
seits fast ausnahmslos den primären Verschluß der Bauchwunde durch
Naht gestattet. Selbst bei Einlegen eines kleinen Sicherheitstampons
in zweifelhaften Fällen wird die Heilung immer noch schneller vor
sich gehen, als wenn man zur Inzision von Abszessen gezwungen ist,
nach welcher der Patient in der Regel den Appendix behält und sich
meist noch einer weiteren Operation zur Entfernung desselben unter-
ziehen muß.
5. Der Entschluß zur Operation fällt dem Patienten wesentlich
leichter im Schmerzanfall selbst, als später in dem schmerz- und be-
schwerdefreien Sicherheitsstadium.
In Erwägung dieser zahlreichen und unbestreitbaren Vorteile der
absoluten Frühoperation in den ersten 48 Stunden erscheint es daher
nicht nur berechtigt, sondern dringend geboten, den Praktiker immer
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09] Über den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 437
wieder darauf hinzuweisen, daß er in der Frühoperation das sicherste
Mittel in der Hand hat zur schnellen und dauernden Wiederherstellung
seiner Patienten in allen Fällen , bei denen nicht in 24 Stunden ein
völliger oder zum mindesten doch deutlich merkbarer Rückgang sämt-
licher Erscheinungen zu verzeichnen ist.
So grofi nun die Obereinstimmung der Autoren über die Indika-
tionsstellung und Zweckmäßigkeit der Frühoperation ist, so groß ist
andererseits zurzeit noch die Divergenz der Anschauungen über die
Vorzüge und Nachteile der
Zwischenoperation.
Es ist dieses so ziemlich das einzige Gebiet der Therapie, auf
dem heute noch nicht eine gewisse Übereinstimmung hat erzielt
werden können. Wie oben bereits erwähnt, verstehen wir unter
Zwischenoperation diejenige Operation, welche zeitlich in das
Zwischenstadium fällt, das vom 3. — 8. Tage der Erkrankung gerechnet
wird und demjenigen Zeitraum entspricht, welchen das Peritoneum
erfahrungsgemäß braucht, um durch feste Verwachsungen eine sichere
Umgrenzung und Abkapselung des Entzündungsherdes entstehen zu
lassen. Der Streit der Meinungen dreht sich nun darum, ob in
diesem 2^itraum der operative Eingriff an sich durch die leichtere
Lösung der noch frischen Adhäsionen und nachfolgende Infektion des
freien Peritoneums einerseits oder die Möglichkeit einer spontanen
Verschlimmerung und Allgemeininfektion des Peritoneums bei exspek-
tativem Verhalten andererseits die größere Gefahr für den Patienten
darstellt.
Die Gegner der Zwischenoperation wie Sonnenburg, Körte,
V. Eiseisberg, Haberer^ v. Bergmann, Lanz, Büngner, Israel,
Nordmann, Holmes, A. C. Bernays, W. Hagen, Landau, Treves
u. V. a. vertreten naturgemäß den ersteren Standpunkt. Sie halten
die Gefahr einer Lösung der Adhäsionen mit nachfolgender Allgemein-^
Infektion des Peritoneums in dem Zwischenstadium für so groß, daß
nur eine heftige Verschlimmerung der Erkrankung bzw. die drohende
Gefahr des spontanen Eintritts einer Allgemeinperitonitis das Risiko
eines derartig gefährlichen Eingriffs zu rechtfertigen vermag. Sie
suchen daher prinzipiell alle Fälle nach 48 Stunden ins Sicherheits-
stadium oder zum mindesten ins Spätstadium überzuführen, um dann
die etwa notwendige Spaltung der nunmehr sicher abgekapselten Ab-
szesse vorzunehmen.
Allerdings stellen auch einige der prinzipiellen Gegner der
Zwischenoperation die Indikation zum Eingriff in der Praxis weiter,
als die anderen und nehmen dadurch eine gewisse Mittelstellung zu
der Frage ein. Wenn z. B. Kümmel rät, im späteren Stadium nach
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438 Ad. Ebner, [70
48 Stünden nur bei abklingendem Fieber oder ÜeberFreiem Exsudat
abzuwarten^ so klingt das schon ganz anders , als wenn er ganz all-
gemein den Lehrsatz aufstellt, nach 48 Stunden lieber Eis und Opium
zu geben, falls nicht die Schwere des Anfalles den EingrifF notwendig
macht Im letzteren Fall ist gewissermaßen eine Verschlimmerung,
im ersteren Fall bereits das Ausbleiben eines deutlichen Rückganges
der Erscheinungen für ihn genügend als Indikation für den operativen
EingrifF im Zwischenstadium. Körte, v. Eiseisberg und Tilman
spalten Abszesse sofort nach der Diagnose auch im Zwischenstadium
ohne ihre weitere Abkapselung abzuwarten. Andere wiederum glauben
auch bei Abszessen die festere Abkapselung wenn irgend möglich ab-
warten zu müssen mit dem Messer in der Hand und unter exaktester
Beobachtung auf die Möglichkeit einer Spontanperforation der noch
frischen Verwachsungen hin.
Zu den Vertretern der radikalen Richtung haben wir alle diejenigen
zu rechnen, welche die Periappendizitis prinzipiell in jedem Stadium
und zu jeder Zeit, also auch im Zwischenstadium operativ anzugehen
pflegen, da sie teils auf Grund persönlicher Erfahrungen, teils auf
Grund wissenschaftlicher Erwägungen die Gefahr der peritonealen
Allgemeininfektion als Folge des Eingrifi^s nicht allzuhoch einschätzen
und die Bestätigung dafür in den guten Resultaten ihrer Statistiken
erblicken zu können glauben.
So hat, wenn wir die vorliegende Literatur einer kurzen Durchsicht
unterziehen, u. a. Dörffler seiner eigenen Angabe nach einen glän-
zenden, von ihm nie zuvor erreichten Erfolg erzielt, seitdem er in
seiner Praxis jeden Fall von Periappendizitis sofort operiert, der
irgendwie ernstere Erscheinungen zeigt. Und zwar versteht er unter
letzteren peritonitische Symptome im weitesten Sinne des Wortes.
Er hält jede Operation vor der Etablierung einer allgemeinen Peri-
tonitis für gefahrlos, leicht und sicher ausführbar und meint, daß
durch eine rechtzeitige Operation bei entsprechender Sachkenntnis
und Sorgfalt das Auftreten einer tödlichen Allgemeinperitonitis fast
mit absoluter Sicherheit vermieden werden kann. Selbst in zweifel-
haften Fällen ist er dafür, lieber eine Probelaparotomie zu machen,
als ein Menschenleben zu riskieren.
Auch Rehn stellt die Forderung auf, jede Blinddarmentzündung
operativ anzugehen, ehe sich die verderblichen Folgen der Erkrankung
ausgebildet haben. Sein Schüler Nötzel steht naturgemäß auf dem
gleichen Standpunkt, indem er sagt: „Wir kennen keinen Zeitpunkt,
in dem wir abwarten. Wir operieren jeden Appendizitisanfall nach
seiner Einlieferung ins Krankenhaus zu jeder Tages- und Nachtzeit'
Karewski meint, daß die Überleitung in das kalte Stadium zwar
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71] Ober den heutigen Stand der Erkennung U.Behandlung der Appendizitis. 439
häufig gelingen kann, daß sie aber nicht selten ein Spiel mit dem
Leben des Patienten ist. Da überhaupt jede Zeitbestimmung , jede
Beurteilung der Schwere oder Leichtigkeit der Symptome trügerisch
sein kann, hält er es fQr das richtigste in jedem Falle sofort einzu-
greifen.
Worcester halt die chirurgische Behandlung für das einzig rich-
tige, fügt dann aber etwas diplomatisch hinzu/ die Zeit der Operation
bestimme der Gang der Erkrankung, ein Rat, der bei der Allgemein-
heit seines Ausdrucks für den Praktiker wohl kaum von Wert sein
kann.
Krecke spricht sich für die Operation unter allen Umständen auch
ohne sichere Symptome der Eiterung aus.
Ebenso rät Delag6ni6re stets sofort zu operieren, in welchem
Stadium auch die Erkrankung bei der ersten Konsultation zur Be-
handlung kommt. Desgleichen operieren Rinne, v. Zwalenburg,
Hahn, L C. Stinson, A. H. Cordier jeden Fall zu jeder Zeit, da
Abwarten immer gefährlich sein kann.
Der Hauptverfechter des operativen Vorgehens in jedem, also
auch im Zwischenstadium ist Sprengel, nach dem die Periappendi-
zids am besten sofort nach gesicherter Diagnose operiert wird«
Denn «findet man dabei Eiter, so war die Operation gerechtfertigt,
findet man keinen, so ist sie unschädlich"^. Im übrigen begründet
Sprengel seinen radikalen Standpunkt des näheren damit, daß auch
ohne Operation der Zeitraum des Zwischenstadiums, absolut betrach-
tet, die höchste Zahl an Todesßillen aufweist, da innerhalb dieser
Zeit infolge des freien bzw. in Abgrenzung erst begriffenen Ent-
zfindungsprozesses die Gefahr einer peritonealen Allgemeininfektion
am größten ist und am leichtesten eine entscheidende Wendung zum
Schlimmeren eintreten kann. Gerade deswegen habe man ja, um dieses
gefahrliche Stadium zu vermeiden, den Vorteil der Frühoperation
allgemein anerkannt. Sprengel vermag daher um so weniger einzu-
sehen, weshalb man den Patienten bei späterer Aufnahme im Zwischen-
stadium erst den weiteren Gefahren desselben aussetzen solle, ohne
diesen durch einen sofortigen Eingriff mit Sicherheit vorzubeugen.
Absolute Klarheit über den Vorteil bzw. die Oberlegenheit der Zwi-
schenoperation kann eben nur eine vergleichende Statistik über die
Mortalität einer größeren Anzahl von Fällen bringen, die während
des Zwischenstadiums teils ohne, teils mit prinzipieller Operation
behandelt worden sind und nicht nur auf besonders schwere Indika-
tionen hin operiert sind. Solange eine solche Aufstellung fehlt, ist
ein abgeschlossenes Urteil über diese Frage wenigstens vom prakti-
schen Standpunkt aus nicht möglich und wird immer mehr oder
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440 Ad. Ebner, [72
weniger von den subjektiven Eindrücken und Erfahrungen des ein-
zelnen abhängen.
Vom theoretischen Standpunkt aus möchte ich eine Erwägung her-
vorheben, die von Professor Lexer, als überzeugtem Anhänger der
Zwischenoperation, häufig in seiner Vorlesung angeführt wird, und
die mir doch ganz erheblich zugunsten der Zwischenoperation zu
sprechen scheint. Wenn man nämlich den Entzündungsvorgang am
Appendix in seiner reaktiven Wirkung auf die Umgebung mit den
Entzündungsvorgängen am Furunkel vergleicht, so ist bei letzterem
einwandsfrei der experimentelle Nachweis durch Impfung geführt, daß
die durch Rötung, Infiltration und Schmerzhaftigkeit ausgezeichnete,
sogenannte reaktive Entzündungszone der Haut um den eigentlichen
Infektionsherd herum durch eine erhöhte Produktion von bakteriziden
und bakteriolytischen SchutzstofFen gegen eine Infektion mit dem Virus
des eigentlichen Herdes als immun zu bezeichnen ist.
In gleicher Weise bildet sich nun auch um den eigentlichen Ent-
zündungsherd am Appendix eine reaktive Entzündungszone aus, welche
wir makroskopisch an der stärkeren Injektion und Schwellung des
viszeralen Peritoneums der umgebenden Darmschlingen deutlich ab-
grenzen können. Soweit diese Injektion sich erstreckt, ist das Peri-
toneum analog dem experimentellen Nachweis am Furunkel als immun
zu bezeichnen gegen eine sekundäre Infektion vom primären Entzün-
dungsherd aus, da es bereits durch verstärkte Hyperämie und Er-
zeugung entsprechender SchutzstoH^e gewissermaßen seine Vorposten
als Sicherung gegen einen Überfall der feindlichen Truppen aufge-
stellt hat. Solange also der Operateur sich im Zwischenstadium
innerhalb dieser reaktiven Entzündungszone der Darmserosa hält, und
solange eine Verbreitung des infektiösen Virus über diese Zone hinaus
vermieden wird, ist eine Allgemeininfektion des Peritoneums mit
Sicherheit auszuschließen. Dieses zu erreichen wird im allgemeinen
Sache der Erfahrung und Technik des Operateurs sein. Daß es sich
erreichen läßt, dürften die bisher erreichten, durchaus ermutigenden
Erfolge der oben angeführten Vertreter der Zwischenoperation zur
Genüge beweisen. Man darf daher die Operation als solche wohl
kaum als besonders gefahrvoll bezeichnen, sobald der Operateur über
die nötige Erfahrung und Technik verfügt.
Ziehen wir nach dieser theoretischen Erwägung noch in Betracht,
daß das Spätstadium oder Abszeßstadium einerseits gerade denjenigen
Zeitraum darstellt, in welchem es am ehesten zur Ausbildung der
bekannten schweren Folgezustände der Periappendizitis, Thrombosen,
Embolien, metastatischer Abszesse u. dgl. kommt, und daß anderer-
seits bei dem so häufigen Gegensatz der klinischen Erscheinungen mit
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73] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 44 1
dem anatomisch-pathologischen Befund trotz genauester und sorgfältigster
Beobachtung gar nicht so selten bei der exspektativen Behandlung der
dringendste Zeitpunkt zur Operation noch vor dem Eintritt einer
peritonealen Allgemeininfektion versäumt werden kann, so dürften
vir vohl mit Recht zu dem Schluß gelangen, daß die tatsächlichen Ge-
fahren der Zwischenoperation doch wesentlich geringer einzuschätzen
sind, als die ZuiSUe und Folgezustände, welchen die Patienten gerade
durch das Zwischenstadium bzw. durch die prinzipielle Überleitung
der Erkrankung ins Spätstadium oder Sicherheitsstadium ausgesetzt
sein können.
Es ist daher wohl anzunehmen, daß nach weiteren günstigen Er-
fahrungen der radikaleren Operateure auch bei den heutigen Gegnern
der Zwischenoperation die Furcht vor den Gefahren des Eingriffs an
sich mehr und mehr schwinden wird, so daß sie selbst allmählich ihre
Indikationen weiter und weiter stellen und dann auf Grund eigener
Erfahrungen ihre Anschauung nach der radikaleren Richtung hin re-
vidieren werden. Alles in allem scheint mir die Zwischenoperation
ein Eingriff zu sein, über dessen Indikationsstellung und Zweckmäßig-
keit die Meinungen zwar noch geteilt sind, der aber mit der häufigeren
Anwendung und Erprobung auch seitens seiner heutigen Gegner den
Beweis seiner Berechtigung selbst erbringen dürfte, um so mehr als
bei ihm gleichwie bei der Frühoperation die radikale Entfernung des
erkrankten Appendix die Regel bildet und damit die Patienten gleichr
zeitig der Notwendigkeit eines zweiten operativen Eingriffs zwecks
definitiver Heilung enthoben werden.
Hinsichtlich der Technik ist dabei zu bemerken, daß durch frische
Verwachsungen und ev. in der Bildung begriffene Abszesse um den
Appendix herum die Übersicht des Operationsfeldes erheblich er-
schwert und daher die Anlegung eines größeren Schnittes zur Eröff-
oung der Bauchhöhle von vornherein erforderlich ist. Da man nun
aber bei direktem Vorgehen auf den Krankheitsherd durch die Bauch-
decken hindurch Gefahr laufen würde, durch absichtliche oder unab*
sichtliche Lösung der Adhäsionen die freie und gänzlich ungeschützte
Bauchhöhle zu infizieren, so wird von Rehn, Riedel, Sprengel,
Dörffler, Murphy, Moskowicz u. a. empfohlen, prinzipiell von der
freien Bauchhöhle aus gegen den Entzündungsherd vorzugehen und
zu diesem Zwecke die Bauchhöhle nicht direkt über, sondern dicht
neben dem Krankheitsherd zu eröffnen. Man kann dann unter guter
Obersicht über die gesamte Sachlage das freie Peritoneum durch ent-
sprechende Tamponade um den Entzündungsherd abschützen, um so in
Sicherheit an die Lösung der frischen Adhäsionen und die radikale
Entfernung des erkrankten Organes heranzugehen.
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442 Ad. Ebner, [74
Wesentlich kürzer können wir uns Fassen bezüglich der Operation
im Spät-, Not- und Sicherheitsstadium, über deren Zweckmäßigkeit
bzw. Notwendigkeit heute volle Einstimmigkeit herrscht. Ergibt es
sich doch von selbst, daß für
die Spätoperation
im Stadium der abgeschlossenen intraabdominalen Eiterung der alte
Lehrsatz »ubi pus, ibi evacua' mehr als irgendwo anders seine volle
Geltung behalten muß. Allerdings haben auch hier in den letzten
Jahren die günstigen Erfahrungen der radikaleren Operateure mit der
Sicherung der Bauchhöhle durch Tamponade und die dadurch herab-
geminderte Furcht vor der peritonealen Allgemeininfektion die Indi-
kationsstellung zum operativen Eingriff noch erheblich erweitert.
Während man sich nämlich früher aus Angst vor einer weiteren Ver-
breitung der Infektion nach Möglichkeit auf die Eröffnung der ober-
flächlich, dicht unter den Bauchdecken gelegenen Abszesse zu be-
schränken suchte und womöglich wartete bis sie einer direkten
Eröffnung von außen her zugänglich waren, gehen heute die oben-
genannten Autoren in gleicher Weise wie im Zwischenstadium auch
die abgekapselten Abszesse im Spätstadium prinzipiell durch die freie
Bauchhöhle an, da sie in der größeren Übersichtlichkeit und rich-
tigen Abtamponierung der Umgebung des Abszesses bei diesem Vor-
gehen eine bessere Sicherung des freien Peritoneums erblicken zu
müssen glauben, als in der direkten Eröffnung der Abszesse durch die
Bauchdecken hindurch, bei welcher unabsichtliche Eröffnungen des
freien Peritoneums infolge geringerer Obersicht viel leichter der Be-
obachtung entgehen und infolge Fehlens der schützenden Tamponade
auch leichter zur nachfolgenden Allgemeininfektion des Peritoneums
Anlaß geben können.
So erhält man nach Dörffler die besten Resultate, wenn man
sowohl in den frischen, wie in den verschleppten Fällen ausnahmslos
von der freien Bauchhöhle aus gegen den entzündlichen Tumor vor-
geht. Er eröffnet daher nach dem Vorgange von Rehn, Riedel und
Sprengel prinzipiell von vornherein die freie Bauchhöhle, um dann
unter Abdichtung des freien Peritoneums mit Gazekompressen stumpf
gegen die Resistenz vorzudringen, den Abszeß möglichst in Seitenlage
zu eröffnen und wenn möglich die Radikaloperation anzuschließen.
Sodann Dränage der Höhle durch Tamponade, Auswechseln des
Schutztampons am Peritoneum durch frische sterile Gaze und Verband.
Der nächstgrößere Verbandwechsel bzw. die Entfernung der Tam-
ponade wird nicht vor 8 Tagen vorgenommen, um eine genügende
Festigkeit der abschließenden Verwachsungen zu garantieren. Im
übrigen glaubt Dörffler, daß trotz der Tamponade in derartigen
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75] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 443
Fallen die Gefahr eines späteren Narbenbruches nicht allzugroO sei,
da es bei frühzeitiger Operation noch nicht zu erheblichen Ernährungs-
störungen der Fascie gekommen ist.
Rehn handelt auch hier nach dem Grundsatz, daO stets in der
Erkrankung und nie in der Operation die eigentliche Gefahr zu er-
blicken ist. Er empfiehlt sogar den Processus, wenn möglich, aufzu-
Sachen und zu amputieren und rät auch leichte Verwachsungen vor-
sichtig zu lösen, um sämtliche Buchten des Abszesses freizulegen.
Wenn er dann aber nur unter Einlegen eines Dräns in die Höhle rät,
die Bauchhöhle primär zu schließen bis auf die relativ kleine Öffnung
für das Dränrohr, so mag das ja wohl eine Berechtigung auf Grund
seiner persönlichen guten Erfahrungen haben. Wenn er vom theo-
retischen Standpunkt jedoch dafür anführt, daß gerade dieser exakte
Schluß der Bauchhöhle eine wichtige Vorbedingung für eine gute
Dränage sei, da dadurch der normale intraabdominale Druck wieder
hergestellt werde, so darf man dem vielleicht entgegenhalten, daß
es fraglich und zum mindesten noch nicht bewiesen ist, daß dieser
intraabdominale Druck das Hauptagens bei der Entleerung des Sekretes
ist, sondern daß dabei ein großer Anteil, wenn nicht der Hauptanteil
auf die kapillare Ansaugung seitens der Gazedränage einerseits und
auf die Vis a tergo der von hinten her nachdrängenden mehr und
mehr serösen Exsudation andererseits zu schieben ist. Wenigstens
scheint mir eine derartige Frage nicht unberechtigt, wenn man erwägt,
daß bei analogem Vorgehen an den Extremitäten auch nicht der Ge-
websdruck an sich, sondern die künstlich durch die Bier sehe Stauung
noch gesteigerte Vis a tergo des nachdrängenden serösen Exsudates
das eigentliche, rein mechanische Agens bei der Austreibung und
Entleerung der schädlichen Stoffe darstellt. Des weiteren ist dagegen
vielleicbt noch anzuführen, daß, rein mechanisch gedacht, ein geringerer
Querschnitt der DränageöfFnung unmöglich dasselbe leisten kann,
wie ein größerer Querschnitt, und daß diese Differenz wohl kaum
durch die in ihrer Wirkung noch etwas unsichere Erhöhung bzw.
Wiederherstellung des alten intraabdominalen Druckes ausgeglichen
wird. Im übrigen dürfte sich auch bei der geringsten Retention an
ii^endeiner Stelle der Abszeßhöhle die sekundäre Entleerung der-
selben nach der Methode von Rehn wesentlich schwieriger gestalten,
eine solche Retention aber von vorneherein auszuschließen dürfte
gerade bei dieser auf das geringste Maß beschränkten Anwendung der
Dränage ein genügender Grund nicht vorliegen. Ein besonderer
Anlaß zur Empfehlung der Versorgung der Abszeßhöhle nach dem
Vorgang von Rehn scheint mir danach nicht vorzuliegen, solange
nicht eine tatsächliche Überlegenheit dieser Methode über die alte.
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444 Ad. Ebner, [76
ausgiebigere Art der Dränage praktisch und wissenschaftlich ein-
wandsfrei nachgewiesen ist.
Trotz der guten Erfolge» welche die genannten Autoren mit ihrem
radikalen Vorgehen zu verzeichnen haben , steht die Mehrzahl der
Chirurgen noch auf dem älteren Standpunkt, bei der Inzlsion von
abgeschlossenen Abszessen, wenn irgend möglich, die Eröffnung der
freien Bauchhöhle zu vermeiden und den Appendix nur dann zu ent-
fernen, wenn er sich sozusagen dem Messer von selbst darbietet. Es
bleibt dann die definitive Entfernung des Appendix einer zweiten
Operation vorbehalten, die man bis zum nächsten Anfall verschieben
kann, wenn der Patient in der Lage ist, sich bei den ersten Anzeichen
desselben zur sofortigen Frühoperation einzufinden. Im anderen Falle
wird man bereits vorher im Sicherheitsstadium die Appendektomie
vornehmen, um den Patienten nicht unnötig der Möglichkeit und den
ZufSUen eines weiteren Anfalles ohne sofortige chirurgische Hilfe
auszusetzen.
Hinsichtlich der Indikationsstellung zum Eingriff kann für den
Praktiker nicht genug betont werden, daß der Eingriff am besten statt-
findet, sobald eine fühlbare und schmerzhafte Resistenz auch nur den
Verdacht einer umschriebenen Eiterung nahelegt. Wenn man nämlich
in Betracht zieht, daß immer noch und zwar gar nicht so selten Fälle
zur Operation eingeliefert werden, in denen bisweilen der Abszeß
bereits die Bauchdecken vorwölbt und in denen dann die In-
zision eine Unmenge von Eiter entleert, so fragt man sich immer
wieder, wie es heutzutage noch möglich ist, daß ein Arzt an die Re-
sorptionsmöglichkeit derartiger Exsudatmengen auch nur denken oder
andererseits eine festere Abkapselung des dauernd anwachsenden
Abszesses bei konservativer Behandlung erwarten kann, ohne sich
darüber klar zu werden, daß er auf diese Weise geradezu ein Spiel
mit dem Leben seiner Patienten treibt. Solche Fälle haben dann
nachträglich für den betreffenden Arzt noch das Bedauerliche an sich,
daß sich die mißhandelten Patienten spontan die gleiche Frage vor^
legen und trotz der gut gemeinten Beruhigungsversuche des Chirurgen
in einer für die wissenschaftlichen Fähigkeiten des Arztes wenig
schmeichelhaften Weise selbst zu beantworten pflegen.
Es muß daher immer wieder hervorgehoben werden, daß in jedem
Falle der praktische Arzt am sichersten geht, wenn er bei jeder Appen-
dizitis überhaupt, und um so mehr wenn er sie erst im Spätstadium
zu Gesicht bekommt, möglichst frühzeitig einen Chirurgen zu Rate
zieht, um sich auf dessen größere Erfahrung hinsichtlich der Indika-
tion zum operativen Eingriff zu stützen.
Kommen wir nun schließlich zu demjenigen Stadiun^, in welchem
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77] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 445
durch die eingetretene Allgemeininfektion des Peritoneums die Not
am gröOesten ist, und welches daher mit Recht die Bezeichnung
als Notstadium verdient, so ist bezüglich des operativen Eingriffs in
demselben, der
Notoperation,
zu bedenken, daß die Aussiciiten derselben naturgemäß um so günsti-
ger sind, je früher dieselbe erfolgt, und daO der entscheidende Wende-
punkt für eine günstige Prognose bereits nach Ablauf der ersten
48 Stunden gegeben ist. Es wird daher für dieses Stadium der alte
Grundsatz, lieber zu früh, wie zu spät zu operieren, eine doppelte
Geltung haben müssen, da man besser einen Patienten noch vor der
Allgemeinperitonitis operiert, als daß man in dem Bestreben, eine
Klarung und Sicherstellung der Diagnose herbeizuführen, die kost-
baren Stunden ungenützt verstreichen läßt. Es ist daher mit Recht
jeder einer Allgemeininfektion des Peritoneums auch nur verdächtige
Patient stets so zu behandeln, als wenn tatsächlich eine solche bereits
vorhanden wäre.
Mit Rücksicht auf den grundsätzlichen Unterschied bei der Pro-
gnose der Notoperation vor und nach den ersten 48 Stunden wird der
EingrifF innerhalb der ersten 48 Stunden seit Beginn der Allgemein-
iofektion des Peritoneums auch als Frühoperation schlechtweg be-
zeichnet. Da man aber darunter gemeinhin auch die absolute Früh-
operation in den ersten 48 Stunden der Erkrankung überhaupt ver-
stehen kann, habe ich im Gegensatz zu der letzteren die Benennung
der relativen Frühoperation gebraucht, da es sich dabei ja nicht um
eine absolut, sondern nur relativ frühzeitige Operation handelt, näm-
lich hinsichtlich des zeitlichen Beginns der peritonealen Allgemein-
infektion, und nicht der Erkrankung an sich.
Bezüglich der Indikationsstellung für den Eingriff herrscht mit
Rficksicht auf die günstige Prognose desselben innerhalb der ersten
24 Stunden* eine absolute Einigkeit über die strikte Notwendigkeit der
relativen Frühoperation. Über die eigentliche Notoperation nach
48 Stunden sind die Ansichten jedoch etwas geteilt, indem einzelne
Autoren auch dann prinzipiell stets operativ vorgehen, während an-
dere die Indikation zum EingrifF von Fall zu Fall stellen und sie von
dem Allgemeinzustand der Patienten in erster Linie abhängig machen
wollen. Letztere neigen zu der Annahme, daß der an sich bereits
sehr geschwächte Patient entweder dem operativen Eingriff direkt
erliegen könne, oder daß er zum mindesten dadurch allzusehr ge-
schwächt werde, um mit den im Körper bereits vorhandenen Gift-
stoffen fertig zu werden und so mittelbar den Folgen der Operation
erliegen müsse.
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446 Ad. Ebner, £78
In diesem Sinne macht u. a. auch Dörffler den Vorschlag nach
48 Stunden die Indikation für den Eingriff lieber von Fall zu Fall zu
entscheiden und den Eingriff zu unterlassen bei schlechtem Puls,
rascher Atmung und hochgradigem Meteorismus, kürz bei den üblichen
Anzeichen einer weit Fortgeschrittenen Peritonitis. Zu erwägen wäre
es seiner Meinung nach, ob der Eingriff sich noch lohnt, bei gutem
Puls und leidlichem Allgemeinbefinden des Patienten.
Nordmann will bei allgemeiner Peritonitis erst nach dem 5. Tage
mit Auswahl operieren, da sich dann vielleicht eine Reihe von Pa-
tienten noch erholen könne, welche sonst der Operation erliegen
würden, und namentlich da bei hochgradiger Darmlähmung die Aus-
sichten auf den Erfolg eines Eingriffs sich wesentlich verschlechterten,
wenn nicht gänzlich in Fortfall kämen.
Wieder andere wollen bei der Perforationsperitonitis überhaupt
erst das Schwinden der vorhandenen Shokerscheinungen abwarten,
da in diesem Zeitpunkt die Operation zu gefährlich sei. Dieser An-
schauung darf man wohl mit Lennander entgegenhalten, daß in
derartigen Fällen das beste Mittel gegen den Shok die Operation ist,
denn cessante causa, cessat effectus.
Auch Kocher hält die operative Behandlung der allgemeinen vom
Zwerchfell bis zum Becken sich erstreckenden Peritonitis für äußerst
undankbar, und zwar ebenfalls wegen des Shoks und der gesteigerten
Resorption von Giftstoffen, welche der operative Eingriff zur Folge
habe. Da nun nach experimentellen Untersuchungen von Cirle der
plötzliche Abfall des Blutdruckes, welcher als eigentliche Ursache des
Shokes aufzufassen ist, durch eine vorübergehende Ausschaltung der
arteriellen Blutzufuhr zu den Därmen zu verhindern sein soll, so
meint Kocher, daß danach die Frage diskussionsberechtigt erscheinen
könne, ob zu dem gleichen Zweck die vorübergehende Anlegung einer
Klemmzange am Mesenterium für die kurze Zeit der Eventration und
Reinigung der Därme in Betracht zu ziehen sei. Die Entscheidung
der Frage dürfte davon abhängig sein, ob sich jemand entschließt, dem
Vorschlage Kochers praktische Folge zu geben.
Trotz dieser Einwände der mehr individualisierenden Richtung
darf man wohl doch die z. Z. herrschende allgemeine Anschauung über
die Indikationssteliung zur Notoperation dahin definieren, daß selbst
in aussichtslos erscheinenden Fällen von allgemeiner Peritonitis mit
Darmlähmung der Shok einer unter Lokal- oder Lumbalanästhesie
oder Äthertropfnarkose ausgeführten Operation nicht ein derartiger
ist, daß man dem Patienten deswegen die letzte Chance zur Rettung
entziehen müßte, selbst auf die Gefahr hin, die eigene Operations-
statistik mit einem Todesfall mehr zu belasten. Denn die Fälle,
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79] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 447
welche im Stadium der Allgemeinperitonitis mit Darmlähmung auch
ohne Operation taisäcblicb durchkommen^ dürften zu den Ausnahmen
zu zählen sein, welche die Regel von der absoluten Aussichtslosig-
keit auch der konservativen Behandlung unter derartigen Umständen
bestätigen.
Im übrigen ist selbst in diesen Fällen der operative Eingriff um
so mehr in Betracht zu ziehen , als man ja in der namentlich von
Barth und Heidenhain empfohlenen mehrfachen Enterostomie
gleichzeitig ein Mittel zur Hand hat, die bereits geblähten und pa-
ralytischen Darmschlingen zu entlasten und ihnen dadurch eine
Möglichkeit mehr zur Erholung und Erneuerung der geschwundenen
Peristaltik zu gewähren.
So aussichtslos auch der operative Eingriff im vorgeschrittenen
Stadium der allgemeinen Peritonitis zu sein pflegt, so darf man ihn
mit gutem Gewissen doch wohl kaum unterlassen, da in der Regel
der Nutzen der Operation eine mögliche Shokwirkung derselben weit
überwiegen dürfte, um so mehr als wir heute in den intramuskulären
oder subkutanen Kochsalzinfusionen ein zuverlässiges Mittel gegen
letztere stets zur Verfügung haben.
Hinsichtlich des eigentlichen therapeutischen Prinzipes bei der
allgemeinen Peritonitis sei nur kurz hervorgehoben, daO dasselbe im
tdlgemeinen drei verschiedenen Indikationen zu genügen hat, nämlich
dem Bestreben 1. eine möglichst weitgehende Entlastung des Körpers
von Infektionserregern und deren Produkten zu erreichen, 2. eine
Kräftigung und Hebung der gesamten Körpervitalität im allgemeinen
and damit die Möglichkeit einer verstärkten Produktion von Abwehr-
stoffen herbeizuführen und 3. eine Kräftigung und Hebung der Ge-
websvitalität des Peritoneums und der gesunkenen bzw. gänzlich ge-
schwundenen Darmbetätigung im besonderen herbeizuführen.
Der ersten Indikation läßt sich nur durch den operativen Eingriff
gerecht werden, weicher in ausgiebigen und je nach der Schwere des
Falles mehr oder weniger zahlreichen Inzisionen der Bauchdecken mit
nachfolgender Drainage zu bestehen hat Diese Inzisionen werden in
der Regel beiderseits oberhalb und parallel dem Poupartschen Bande
^S^legt» wobei der Appendix wenn möglich gleichzeitig entfernt wird.
Dazu können dann nach Bedarf eine Inzision in der Linea alba, Ge-
geoinzisionen in der Lumbaigegend beiderseits, sowie Inzision und
Dränage durch Douglas oder Scheide hinzukommen, je nachdem eine
Verbreitung bzw. Lokalisierung der Entzündungsprodukte zu konsta-
tieren ist.
Von einer gleichzeitigen mechanischen Reinigung durch Tupfer,
oder Spülung mit antiseptischen Lösungen ist man längst zurückge-
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448 Ad. Ebner, [80
kommen, da erstere naturgemäß zu einer mechanischen und letztere
zu einer chemischen Schädigung der an sich in ihrer Vitalität herab-
gesetzten Gewebe führen muß. Die Mehrzahl der Autoren begnügt
sich vielmehr damit, durch ausgiebige Spälung der Därme mit physio-
logischer Kochsalzlösung eine vorsichtige mechanische Entfernung der
Erreger und ihrer Produkte bzw. eine Verdünnung derselben herbei-
zuführen, wobei man in schweren Fällen so weit geht, sämtliche Darm-
schlingen vor die Bauchhöhle zu lagern und im einzelnen einer gründ-
lichen Spülung mit Kochsalzlösung zu unterziehen.
Eine geringere Anzahl von Autoren will auch auf diese Spülung
verzichten, da sie glauben, daß der Nutzen der mechanischen Ent-
fernung einer Anzahl von Infektionserregern überwogen werde durch
die Gefahr einer weiteren Verbreitung der Erreger vermittelst der
Spülflüssigkeit in noch freie Buchten und Falten der Bauchfellserosa,
in denen sich diese dann ansiedeln und weitere Schädigungen ver-
ursachen könnten. Beide Teile behaupten mit ihrem Vorgehen gute
Erfahrungen gemacht zu haben, was an sich nicht unverständlich ist,
wenn man nämlich annimmt, daß das Spülverfahren praktisch nur
wenig mehr nützt, aber auch zum mindesten ebensowenig schädigt,
wie das rein konservative Verhalten gegenüber dem infizierten
Bauchfell.
Vom theoretischen Gesichtspunkt aus will mir die Annahme wahr-
scheinlicher vorkommen, daß das Spülverfahren doch eine gewisse
Überlegenheit haben müiite auf Grund folgender Erwägung. Ein un-
leugbarer Vorteil desselben besteht darin, daß es fragelos die absolute
Zahl der im Körper vorhandenen Infektionserreger vermindert und
dadurch die Produktion von Toxinen und Endotoxinen in erheblichem
Maße herabsetzen muß.
Des weiteren werden die noch am Bauchfell übrigbleibenden, zunächst
in gewissem Grade in größeren Haufen, bzw. konzentriert gelegenen
Bakterienansammlungen zwar fragelos in bisher nicht infizierte Gegenden
fortgerissen , aber doch andererseits auch auf eine viel größere und
zum Teil in ihrer Widerstandskraft noch nicht wesentlich herabgesetzte
Fläche des Peritoneums verteilt, das logischerweise durch die verän-
derte Verteilung der auch an absoluter Zahl verminderten Angreifer
auf eine gewissermaßen längere und entsprechend dünnere Front
gegenüber der nunmehr zur vollen Ausnutzung gelangenden und stellen-
weise mit frischen Truppen besetzten Verteidigungslinie der Festung
sicherlich mehr Chancen hat, über die nunmehr in kleinere Gefechts-
einheiten zerlegten Angreifer Herr zu werden, als die letzteren bei
ihrer geringeren Anzahl eine Bresche in die Festung zu legen.
Praktisch mag das vielleicht nicht von allzugroßer Bedeutung sein.
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81] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 449
theoretisch will mir die Entscheidung der Frage in diesem Sinne
jedoch als das wahrscheinlichere bedanken«
Der zweiten Indikation, der Kräftigung und Hebung der Lebens-
kraft und physiologischen Abwehrbetätigung des Körpers im allge-
meinen, dient vor allem die reichliche Verabfolgung von intramusku-
lären oder subkutanen Kochsalzinfusionen, von denen die ersteren
trotz größerer Schmerzhaftigkeit für die Patienten weitaus den Vorzug
verdienen, da sie schneller resorbiert und daher auch in weit größeren
Quantitäten gegeben werden können, ohne doch wie die letzteren
durch zeitweilige Ernährungsstörungen zu den bekannten Fascienne-
krosen zu fuhren, die dann von einzelnen wegen ihrer Resorptions-
temperaturen auf eine Infektion von außen her bzw. mangelhafte
Technik bei der Infusion geschoben zu werden pflegen. Andererseits
ist aber auch nicht zu vergessen, daß durch diese Infusionen überhaupt,
uod durch die subkutanen Infusionen bei ihrer langsameren Resorp-
tion ganz besonders, im Gewebe gegenüber den im Blut kreisenden In-
fektionserregern ein Locus minoris resistentiae geschaffen wird, und daß
es auf diese Weise sehr wohl an den Infusionsstellen zu Abszeßbildung
auf Grund einer Autoinfektion des Körpers kommen kann, die gleichfalls
mit einer Infektion von außen her gar nichts zu tun hat Vielfach wird
dann bereits der für Bact. coli typische, fakulente Geruch des Abszeß-
eiters diese Vermutung zur absoluten Sicherheit erheben können, ja ich
erinnere mich eines Falles, in dem bereits makroskopisch der Abszeß-
inhalt den vollkommenen Eindruck eines dünnflüssigen Stuhles machte.
Diese Autoinfektion ist eine Möglichkeit, an welche man gegebenen-
Mls wohl denken muß; sie ist aber andererseits bei der Seltenheit
ihres Auftretens kein Grund, deswegen die geradezu lebensrettenden
Kochsalzinfusionen zu unterlassen, welche wie oben erwähnt gleich-
zeitig als das sicherste und zuverlässigste Mittel zur Beseitigung einer
ev. vorhandenen Shokwirkung zu bezeichnen sind.
Von den früher beliebten intravenösen Kochsalzinfusionen ist man
inzwischen gänzlich abgekommen, da sie bei wesentlich umständlicherer
Technik absolut nichts mehr zu leisten vermögen, als die erheblich
einfacheren intramuskulären Infusionen.
Des ferneren wäre dann an eine Stärkung und Hebung der Herz-
tätigkeit und Blutzirkulation durch die üblichen Exzitantien, wie Alkohol,
Kampfer und Digitalis zu denken, die man bei häufigerem Erbrechen
entweder per rectum in Gestalt von kleinen Einlaufen oder auch sub-
kutan, soweit Kampfer und Digitalis in Betracht kommt, verabfolgen kann.
Inwieweit man durch die Anwendung spezieller oder polyvalenter
Heilsera, wie sie heute fabrikmäßig erzeugt und teils per rectum teils
subkutan verabfolgt werden, eine weitere Erhöhung der Abwehrbetäti-
Klln. Vortrige, N. F. Nr. 489/90/91. (Chirurgie Nr. 142/43/44.) Juni 190& 33
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450 Ad. Ebner, [82
gung tatsächlich erzielen kann, ist eine Frage, die beute noch nicht als
spruchreif zu bezeichnen und im allgemeinen von den ErFahrungeo
der einzelnen Autoren abhängig zu machen ist. Allerdings sind diese
Erfahrungen zurzeit noch so wenig ermutigend, daO die Mehrzahl der
Autoren auf die Anwendung des Mittels von vornherein verzichtet.
Das gleiche wäre von der perkutanen, intravenösen oder per
rectum empfohlenen Anwendung der von manchen ebenfalls hoch-
gepriesenen Silbersalze in Gestalt der Kollargolzusammensetzungen
zu sagen. Als praktisch wirksam haben sich bisher nur die Kochsalz-
infusion und die bekannten Herzexzitantien erwiesen.
Der dritten therapeutischen Indikation zur Hebung der lokalen Ge-
websvitalität des Peritoneums und der herabgesetzten oder gänzlich
aufgehobenen Peristaltik der Därme werden — abgesehen von der
eventuellen Enterostomle nach Barth — am ersten hohe und häufige
oder permanente Einlaufe mit physiologischer Kochsalzlösung per
rectum gerecht, die heute von allen Autoren ausnahmslos empfohlen
und angewandt werden und an Menge in der Regel 1—1^/2 Liter und
mehr betragen sollen. Wenn einzelne Autoren diesen Einlaufen noch
besondere Zusätze zwecks einer erhöhten Wirkung geben wollen, wie
beispielsweise Lennander mit 5% Traubenzucker und 3% Alkohol
und Weir mit 15 Tropfen einer 0,l%igen Adreanlinlösung statt des
Alkohols, so liegen über den tatsächlichen Wert derartiger Zusätze
zu wenig Erfahrungen vor, um ein abschließendes Urteil darüber zu
ermöglichen. Der Hauptwert der Einlaufe dürfte jedenfalls neben
der besseren Ernährung und Durcbspülung der Darmwandung in ihrer
rein mechanischen Einwirkung auf die Anregung der Darmtätigkeit
zu erblicken sein, indem sie gleichzeitig die Entstehung von Ver-
wachsungen bzw. fibrinösen Verklebungen der Därme unter sich zu
verhindern, wie ev. auch leichtere Verklebungen zu lösen geeignet sind.
Von medikamentösen Mitteln zur Anregung der gesunkenen Darm-
peristaltik sei der Vollständigkeit halber noch hingewiesen auf die
von Nordmann empfohlenen Koifeininjektionen, ferner auf die sub-
kutanen Injektionen von Atropin. sulfuricum und die neuerdings vielfach
in Aufnahme gelangten Injektionen von Physostigmin, das man in der
Maximaldosis von 0,001 dreimal pro Tag anzuwenden pflegt, und von
dem viele Autoren gute Erfolge gesehen haben.
Kurz zusammengefaßt hängt also bei der Allgemeininfektion des
Peritoneums in erster Linie das Leben des Patienten von einer mög-
lichst frühzeitigen Vornahme der lebensrettenden Notoperation ab,
welche jedoch nur als relative Frühoperation wirklich gute Aussicht
für die Heilung des Patienten zu bieten vermag. Nach Verlauf von
48 Stunden verschlechtert sich die Prognose sehr schnell und zwar
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83] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 451
direkt proportional der zeitlichen Entfernung des Eingriffs vom Beginn
der AllgemeininFektion des Peritoneums. Immerhin ist darin kein Grund
zu erblicken, selbst in verzweiFelten Fällen dem Kranken diese letzte
Chance zur Rettung zu versagen, da nach dem heutigen Stande der Tech-
nik die etwaige Shokwirkung eines derartigen Eingriffs die Vorteile des-
selben selbst in den schwersten Fällen kaum jemals überwiegen dürfte.
Es erübrigt sich schließlich noch die Besprechung der Behandlung
Im Sicherheitsstadium, dem Stadium der abgelaufenen bzw. chronischen
Perlappendizitis. Dieselbe hat heute in der Regel ebenfalls in der
radikalen Entfernung des Appendix durch den als
Sicherheitsoperation
von uns bezeichneten Eingriff zu bestehen. Es ist dieses diejenige
Operation, welche sozusagen den Anfang der so überaus segens-
und erfolgreichen chirurgischen Behandlung der Perlappendizitis ge-
bildet hat, und welche aus der Einsicht heraus entstanden ist, daO
eine definitive Heilung der Erkrankung erst mit der Entfernung des
Appendix möglich ist, da man ohne dieselbe nie vor Rezidivanfällen
sicher ist und der Patient sonst, wie Sprengel, glaube ich, sich
ausdrückt, sein Totenhemd in Gestalt des erkrankten Appendix stets
bei sich trägt. Es kann daher auch ohne die Entfernung des Appen-
dix nie von einer absoluten, sondern immer nur von einer relativen
Heilung des Patienten bezüglich des letzten akuten Anfalles, nicht
aber bezuglich der Erkrankung überhaupt die Rede sein.
Dieses ist denn auch der Grund gewesen, weswegen zunächst bei
den Eingriffen im Sicherheitsstadium in gleicher Weise, wie später
auch bei den Eingriffen im akuten Stadium die Indikationen immer
weiter gezogen sind. Während früher nämlich die Mehrzahl der
Autoren auf dem Standpunkt verharrte, nur nach einem schweren
Anfall den Appendix zu entfernen, und bei einem leichteren Auftreten
der Erkrankung, der sog. chronisch rezidivierenden Perlappendizitis,
erst 2—3 Anfälle abzuwarten, ehe man sich zum operativen Vorgehen
entschloß, ist heute hierin ebenfalls ein Umschlag nach der radikaleren
Richtung hin eingetreten insofern, als die Mehrzahl auch der konser-
vativsten Chirurgen bereits nach dem ersten, als solcher deutlich ge-
kennzeichneten Anfall von Perlappendizitis in allgemeiner Oberein-
stimmung die Entfernung des Appendix empfehlen, da man nie wissen
kann, wie schwer sich der nächste Anfall gestalten wird.
Eine Ausnahme davon kann man, wie oben erwähnt, nur bei den-
jenigen Patienten machen, welche durch ihren Wohnsitz jederzeit in
der Lage sind, bei den ersten Anzeichen des nächsten Anfalls sich
zur Frfihoperation einzufinden, und von denen man überzeugt sein
darf, daß sie dieses dann auch tatsächlich tun werden. Man kann auf
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452 Ad. Ebner, [84
diese Welse dem Einwand begegnen , daß die betreffenden Patienten
sonst vielleicht gar keinen Anfall mehr bekommen hätten, was ja schließ-
lich ausnahmsweise einmal zutreffen kann. Jedoch ist auch für diese
Fälle zu bedenken, daß der betreffende Patient selbst nach vielen Jahren
nicht vor einem neuen und schwereren Anfall sicher ist, da fraglos in
den meisten Fällen durch die vorausgegangenen pathologischen Ver-
änderungen am Appendix eine gewisse Prädisposition zum nächsten
Anfall bzw. zu einer neuen Erkrankung des Appendix zurückbleibt,
von der man nie voraussagen kann, unter welchen mehr oder minder
ungünstigen Verhältnissen der Patient von ihr betroffen werden kann.
Das beste Beispiel dafür, wie spät ein derartiger zweiter Anfall
eintreten kann, bietet Geheimrat Garre selbst dar, der mir g^enuber
sich häufig als Beispiel dafür anzuführen pfliegte, daß eine Appendi-
zitis auch bei konservativer Behandlung dauernd ausheilen könne, da
er als Knabe von 13 Jahren einen Anfall durchgemacht habe und
seitdem dauernd von Beschwerden verschont geblieben sei. Der
zweite Anfall trat dann in typischer Weise im Herbst 1007 auf und
erst die im Dezember 1907 erfolgte Sicherheitsoperation bietet nun-
mehr die sichere Gewähr einer dauernden Heilung. Es ist ja frag-
los, daß auch hier in dem zweiten Anfall gewissermaßen eine neue,
vom ersten Anfall unabhängige Erkrankung des Appendix nach so
langer anfallsfreier Zeit zu erblicken ist, es ist aber auch ebenso fhig-
los, daß durch eine gewisse Prädisposition auf der Grundlage der
Residuen des ersten Anfalls ein mittelbarer ätiologischer Zusammen-
hang mit demselben gegeben sein kann.
Im übrigen bietet die Sicherheitsoperation nach dem ersten Anfall
den weiteren Vorteil, daß sie technisch in der Regel äußerst einfacli
ist, da die Verwachsungen dann naturgemäß noch nicht so zahlreich
zu sein pflegen, wie nach mehreren Anfallen, und daß sie daher auch
dem Patienten die größte Sicherheit bietet für eine gefahrlose und
dauernde Wiederherstellung.
Trotz ihrer unbestreitbaren Vorzüge hat aber die Sicherheltsopc-
ration gegenüber der Frühoperation im ersten Anfall den Nachteil,
daß man mit gewissen Verwachsungen im Sicherheitsstadium als Re-
siduen der vorausgegangenen Entzündung fast immer zu rechnen hat
Diese pflegen ja in der Regel nicht derart zu sein, daß sie einen
wesentlichen Einfluß auf den Verlauf und die Technik der Operation
auszuüben vermöchten. Sie können aber auch vereinzelt nach
schweren Anfällen in solcher Anzahl, Ausbreitung und Stärke vor-
handen sein zwischen den um den Appendix herum gelegenen Därmen,
daß dadurch einerseits die Orientierung und das Aufsuchen des
Appendix innerhalb derselben ganz enorm erschwert wird und anderer-
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85] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 453
seits bei dem Versuch einer stumpfen Lösung derselben eher die
Darmwandung selbst nachgibt, als die breiten schwartigen und
schwieligen Verwachsungen zwischen den Därmen selbst. Man ist
dann wohl oder übel gezwungen, diese Verwachsungen mit dem Messer
zu durchtrennen und schwebt so bei der schwierigen Orientierung
ao sich in doppelter Gefahr, eine Verletzung des Darmes selbst her-
beizufuhren. Es können auf diese Welse in Ausnahmefällen Verhält-
nisse gegeben sein, welche den Eingriff technisch zu einer der schwie-
rigsten Operationen der gesamten Abdominalchirurgie gestalten können,
dessen Prognose dann natürlich auch eine entsprechend zweifelhafte ist.
Ich selbst erinnere mich an drei derartige Fälle, deren einer in
der Privatklinik von Professor Lexer und die beiden anderen in
meiner Privatklinik zur Operation gelangten. Alle drei Patienten
kamen nach verlängertem Krankenlager durch, jedoch stellte die
Operation in allen drei Fällen einen derartig schwierigen Eingriff dar,
daß sie zum mindesten den Namen einer Sicherheitsoperation kaum
rechtfertigen wflrde, wenn nicht eben derartige Fälle als Ausnahmen
zu bezeichnen wären, welche im übrigen nur die Regel bestätigen.
Diese Besorgnis vor stärkeren Verwachsungen hat nun zwei ver-
schiedene Richtungen bezüglich des Zeitpunktes für den Eingriff nach
schwereren Anfällen gezeitigt. Während nämlich die einen raten,
möglichst frühzeitig nach dem Abklingen der akuten Symptome ein-
zugreifen, da dann die Verwachsungen noch nicht so fest und relativ
leicht zu lösen sind, wollen die anderen möglichst bis zu einem Jahr
und darüber hinaus mit dem Eingriff warten, da dann erfahrungsge-
miß ein Teil der peritonealen Adhäsionen durch Resorption ge-
schwunden sein kann, oder sie ziehen, falls ein neuer Anfall da-
zwischen kommt, die absolute Prflhoperation im zweiten Anfall vor,
di nach ihrer Meinung infolge der entzündlichen Schwellung und
Durchtränkung der Gewebe während des akuten Stadiums sich die
Lösung der festen Adhäsionen weniger schwierig gestalten dürfte.
Welche von den beiden Anschauungen in diesen Fällen von „Ein-
mauerung des Appendix', wie v. Eiseisberg sie bezeichnet, vorzu-
ziehen ist, dürfte von den individuellen Erfahrungen des einzelnen ab-
liingig sein. Sicherer will mir persönlich die letztere mehr abwartende
Methode erscheinen, da man bei einem allzu frühzeitigen Vorgehen nach
dem Anftill doch zu sehr mit der Möglichkeit des Vorhandenseins voll-
virulenter Exsudatreste und entsprechend erhöhter Gefahr einer opera-
tiven Allgemeininfektion des Peritoneums zu rechnen haben dürfte.
In ganz besonders schweren Fällen dieser Art kann sich daher
bisweilen der Operateur intra operationem vor die Alternative gestellt
sehen, entweder^ wenn er den Appendix unter allen Umständen ent-
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454 Ad. Ebner, [86
fernen will, eine ausgedehnte Darmresektion in Gestalt der Entfernung
des untersten Ileum mit Cöcum und dem Beginn des Colon ascendens
zu machen, oder, falls er den Patienten nicht der Gefahr eines der-
artigen Eingriffs aussetzen will, die Bauchhöhle zunächst unverrichteter
Dinge zu schlieOen und bis zu dem nächsten Anfall abzuwarten. Eine
vermittelnde Stellung hierzu nimmt der Vorschlag v. Eiseisbergs ein,
in derartigen Fällen wenigstens durch die Anlegung einer Enteroana-
stomose zwischen Kolon und Ileum den Verwachsungsbezirk der Darm-
schlingen auszuschalten und so eine Entlastung desselben neben gleich-
zeitiger Vorbeugung eines späteren Verwachsungsileus herbeizuführen.
Wenn nun im übrigen auch die Möglichkeit derartiger Fälle von
schweren Verwachsungen fraglos als ein gewisser Nachteil für die
Sicherheitsoperation gegenüber der absoluten Frühoperation zu be-
zeichnen ist, so sind doch andererseits diese Fälle im Sicherheits-
stadium so auOerordentlich selten, daß sie einen Einfluß auf die günstige
Mortalitätsziifer der Sicherheitsoperation nicht auszuüben, daher auch
die Sicherheitsoperation als solche nicht zu diskreditieren vermögen.
Auf die technische Seite der an sich ja äußerst einfachen Sicher-
heitsoperation näher einzugehen, würde über den Rahmen unserer
Ausführungen hinausführen. Es genügt darauf hinzuweisen, daß heute
an Stelle des früher hauptsächlich bevorzugten pararektalen Schnittes
der sogenannte Zickzack- oder Wechselschnitt nach Riedel den Vor-
zug verdient, welcher lateral von der Rektusscheide angelegt unter
stumpfer Durchtrennung des Muse. obl. extemus, internus und trans-
versus in der Faserrichtung auf das Peritoneum vordringt und durch
eine möglichst ideale Restitutio ad integrum der Bauchdecken den
Vorteil einer absolut sicheren Ausschaltung der Möglichkeit späterer
Narbenhernien bietet. Bezüglich der Amputation des Appendix und
der Stumpfversorgung sei noch erwähnt, daß die Methoden dafür
heute so vielseitige sind, daß es nicht zu viel gesagt sein dürfte, wenn
man. behauptet, daß sich heute dazu fast jeder Chirurg seiner eigenen
Methode bedient. Der einzige Unterschied dieser Methoden besteht
meist nur in der technisch leichteren oder schwierigeren Ausführung
derselben, wobei für den einzelnen noch der Umstand in Frage kommt,
auf welche Methode er gewissermaßen besonders eingeschossen ist.
Bezüglich des Heilungsvorganges selbst läßt sich wohl keiner dieser
zahlreichen Methoden ein besonderer Vorzug und Nachteil nachsagen,
da sie in der Hand eines geübten Operateurs jederzeit gleich gute
Erfolge gezeitigt haben.
Hinsichtlich der medikamentösen Behandlung in denjenigen
Fällen, wo chirurgische Hilfe nicht zu erreichen ist, oder der Patient
— heute ein ziemlich seltener Fall — nicht zu der Erlaubnis eines
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87} Ober den beatigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 455
chirurgischen Eingriffis zu bewegen ist, kann nicht genug vor der
ganzlich mechanischen und kritiklosen Verabfolgung von Abführmitteln
gewarnt werden, wie sie noch heute vom Publikum und leider auch
gar nicht so selten von Ärzten In allen Fällen von Leibschmerzen,
verdorbenem Magen und sonstigen Verdauungsstörungen in Gestalt
von vorwiegend Rizinusöl und Kalomel verabfolgt zu werden pflegen,
vielfach sogar in den Fällen, welche vom Arzt bereits als Blinddarm-
entzündung richtig erkannt worden sind. Wohl kann ausnahmsweise
einmal in einem ganz leichten Falle mit chronischer Obstipation eine
derartige Medikation den Anfall kupieren, wie man die generelle
Anwendung dieses Mißbrauchs zu motivieren pflegt, in schwereren
Fallen kann sie dafär aber um so sicherer zur Beschleunigung der
drohenden Perforation und nachträglichen Verhinderung der schützen-
den Verklebungen in der Umgebung der Perforationsstelle neben
einem vermehrten Austritt von Darminhalt durch die Perforations-
stelle in die Bauchhöhle führen und so zur direkten Veranlassung der
nachfolgenden tödlichen Allgemeininfektion des Peritoneums werden.
Da man nun anerkanntermaßen keineswegs immer aus dem nach
außen projizierten Krankheitsbild auf die tatsächlichen pathologischen
Veränderungen am Wurmfortsatz selbst schließen kann, so ist meines
Erachtens jede Verabfolgung von Abführmitteln per os in derartigen
Fallen unter allen Umständen als ein Vabanquespiel mit dem Leben
des Patienten zu bezeichnen, dem eine wissenschaftliche Berechtigung
nicht zugestanden werden darf, solange nicht diagnostisch eine sichere
Obereinstimmung des äußeren und inneren Krankheitsbildes bei der
Periappendizitis herbeizuführen ist.
Derselben Indikation, den Darm zu endasten, können vorsichtige
Einlaufe mit reinem Öl, Wasser mit Öl und Glyzerin oder ähnlichen
Zusätzen in gleicher Weise gerecht werden, ohne gleichzeitig ein der-
artiges Risiko quoad vitam des Patienten nach sich zu ziehen.
In gleicher Weise ist auch vor der üblichen Verabfolgung von
Narkotizis, insbesondere des so beliebten Opiums zu warnen, welches
einerseits nur geeignet ist, durch Verdeckung der so überaus wichtigen
peritonealen Schmerzreaktion eine Verschlimmerung des Krankheits-
bildes in gefahrlicher Weise zu verschleiern und andererseits die an sich
so notwendige physiologische Darmtätigkeit in unnötiger Weise schwächt
und herabsetzt. In besonders schmerzhaften Pallien oder bei besonders
sensiblen Patienten können wohl ausnahmsweise kleine Morphium-
dosen zur Erleichterung des Patienten angewandt werden, bei denen
dann wenigstens die lokale Einwirkung auf den Darm in Fortfall kommt.
Im übrigen ist die beste Entlastung des Darmes in der Entziehung
bzw. Beschränkung der Nahrungsaufnahme auf das irgend zulässige
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456 Ad. Ebner, Ober d. heut. Stand d. Erkennung u. Behandlung d. Appendizitis [88
MindestmaO zu erblicken , so daO in der ersten Zeit am besten nur
dünner Tee, Schleimsuppe oder geeiste Milch c. stdl. teelöffielweise
und von manchen Autoren in den ersten Tagen überhaupt nichts ver-
abfolgt wird. Die Schwächung, welche die Patienten im allgemeinen
durch diese vorübergehende Nahrungsentziehung per os erleiden
können, steht in keinem Verhältnis zu dem Vorteil, welche diese ge-
wissermaßen rein physiologische Entlastung und Ruhigstellung des
Darmes von jeder Arbeit für den weiteren Entwicklungsverlauf der
Erkrankung selbst bietet, und kann außerdem durch kleine und häufige
Nähreinläufe von c. 2stdl. 200 g oder permanente. Kochsalzinfiision
per rectum bis zu einem gewissen Grade ausgeglichen werden.
Passen wir nun nach den obigen Ausführungen das Prinzip der
heutigen Anschauung über die Behandlung der Erkrankung des Wurm-
fortsatzes und ihrer Folgezustände kurz zusammen, so können wir
dieselbe in folgenden wenigen Sätzen präzisieren:
1. Das sicherste und gefahrloseste Mittel zur Beherrschung und
sofortigen Kupierung des Krankheitsprozesses und damit zur möglichst
schnellen und dauernden Wiederherstellung des Patienten ist die ab-
solute Frühoperation in allen Fällen, welche nicht innerhalb der ersten
24 Stunden einen entschiedenen Rückgang bzw. völliges Schwinden
sämtlicher Krankheitssymptome aufweisen.
2. Aber auch in den Fällen, welche für die Frühoperation zu spat
in die Hand des Arztes geraten, ist der sofortige Eingriff stets vor-
zuziehen, da die Gefahren auch des späteren Eingriffs in keinem Ver-
hältnis zu den Zufällen und Komplikationen des Krankheitsverlaufes
stehen, von denen der Patient bei der Oberführung in das Sicherheita-
stadium dauernd bedroht bleibt.
3. Bei abwartender Behandlung ist am besten eine rein physio-
logische Entlastung und Ruhigstellung des Darmes durch eine mög-
lichst weitgehende, wenn nicht vollständige Entziehung der Nahrungs-
aufnahme per OS in den ersten Tagen der Erkrankung anzustreben.
Der Ausfall an Nährstoffen kann durch entsprechend konzentrierte
und häufige, kleine Nährklistiere in gewissem Grade ersetzt werden.
4. Vor einer medikamentösen Entlastung des Darmes durch Abfuhr-
mittel per OS kann nicht dringend genug gewarnt werden, da durch
dieselben eine erhöhte Möglichkeit zur Beschleunigung der Perforation
und nachfolgenden Allgemeininfektion des Peritoneums gegeben wird.
5. Vor einer medikamentösen Ruhigstellung des Darmes durch
Opium und ähnliche Derivate muß gleichfalls gewarnt werden, da da-
durch gleichzeitig eine gefährliche Verschleierung des Krankheitsbildes
und eine Beeinträchtigung der physiologischen Gewebsvitalität und Be-
tätigung der Darmwand herbeigeführt wird. (Schluß folgt als Nr. 494/95.)
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492/93.
(Gynäkologie Nr. 179/80.)
Der praktische Arzt und die Händegefahr.
Von
Prof. Dr. F. Ahlfeld,
Marburg a. d. Lahn.
Mit acht Tafeln.
Kommt der angehende Arzt von der Universität, nach absolviertem
praktischem Jahre, aus den mit dem ganzen modernen Komfort aus-
gerüsteten Kliniken und Krankenhäusern in die Praxis, dann wird ihm
wohl bange, wie das in Zukunft werden soll. Naturgemäß muß er in
der Alltagspraxis vielerlei missen, wovon der gute Erfolg eines Ein-
griffs in der Klinik abzuhängen schien. — Nur darf er im Unterlassen
prophylaktischer Maßregeln nie unter das absolut Notwendige hinunter-
gehen.
Ganz besonders groß sind die Unterschiede der äußeren Bedingungen
in seiner geburtshilflichen Tätigkeit. Nicht zum geringsten beruhen
hier die Schwierigkeiten auf der in den meisten Kliniken und Lehr-
bfichem gepredigten Lehre vom Unvermögen, die Arzthand ungefährlich
zu machen, eine Lehre, auf der sich notgedrungen ein ganzes Gebäude
moderner Vorsichtsmaßregeln aufbauen muß, eine Lehre, die den ge-
wissenhaften Arzt zu öfteren Unterbrechungen seiner geburtshilflichen
Tätigkeit zwingt, wenn er nicht gar an der Möglichkeit, Geburtshilfe
neben seiner anderen Praxis treiben zu können, verzweifelt.
Meine Erfahrungen, die ich in dieser Abhandlung niedergelegt habe,
die sich gleichzeitig auf zahlreiche Experimente im Bezug auf Hände-
desinfektion stützen, sollten den Kollegen Mut machen, einer sorg-
samen Händedesinfektion zu vertrauen, wo andere Schutzmaßregeln
untunlich sind.
Es wurde meinen Auseinandersetzungen die Beweiskraft fehlen,
wollte ich einfach den jetzt gebräuchlichen Lehren andere entgegen-
setzen. Es war nötig, die Einwände der Gegner einzeln zu besprechen
und damit auch dem Leser zu ermöglichen, sich selbst ein Urteil zu
bilden, auf wessen Seite das Recht sei.
Klln. Vortrice, N. F. Nr. 402/93. (Gynikologie Nr. 179/80.) JuU 1906. 24
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314 F. Ahlfeld, [2
Nimmt der Leser zu dieser Arbeit noch die Nummer 310/11 der
Klinischen Vorträge hinzu, — Die Desinfelition der Hand des Chi-
rurgen und Geburtshelfers — dann kann er sich recht wohl über alle
Fragen, die in der Lehre von der Händedesinfektion und der geburts-
hilflichen Abstinenz haben besprochen werden müssen, Aufklärung ver-
schaffen, und ich hoffe gewiO, er wird sich meiner Überzeugung an-
schließen, daO bei gewissenhafter Händedesinfektion eine Schädigung
der dem Arzte anvertrauten Frauen nicht zu erwarten ist.
Ist es nicht verlorene Zeit und Mühe, immer und immer wieder
den Versuch zu machen, die fahrenden Persönlichkeiten, Chirurgen
und Gynäkologen, von der außerordentlichen Wirkung des Alkohols
als Händedesinfiziens zu überzeugen? Ist zurzeit Aussicht vorhanden,
eine Umstimmung der Meinungen herbeizuführen, wo die überwiegende
Mehrzahl der Fachkollegen sich auf eine bestimmte Ansicht, die Un-
zulänglichkeit der Heißwasser-Alkohol-Desinfektion, festgelegt hat? Ist
nicht gerade der jetzige Zeitpunkt besonders ungeeignet, wo im ver-
gangenen Jahre, auf dem Dresdener Gynäkologenkongreß, die beiden
Referenten über das Thema „Asepsis bei gynäkologischen Operationen^
Fritsch und Küstner, sich abweisend gegen meine Untersuchungen
und Resultate ausgesprochen haben, der erstere in einer ganz beson-
ders entschiedenen Form, und die Anwesenden sich mit diesen An-
schauungen einverstanden erklärt haben? ^)
Hätte ich nicht auf der anderen Seite die Beweise, daß trotz dieser
mächtigen Koalition, die, wie ich früher nachgewiesen habe, in der
Hauptsache einer Schule entspringt, der sich die anderen fügen, weil
die Mehrzahl der Urteilenden selbst keine eigenen Studien gemacht
hat, doch die Stimmen sich mehren, die dem Alkohol sein Recht zu-
gestehen, und hätte ich nicht selbst, bis in die neueste Zeit, weitere
Versuche angestellt, die in ihren Endresultaten mit meinen früheren
übereinstimmen und durch die ich, unter Benutzung überzeugender
neuer Methoden, die Gegengründe widerlegen zu können glaube, so
würde ich wenig Hoffnung haben, mit einem neuen Appell an die
Kollegen etwas auszurichten.
Aber ich will aus der Tätigkeit eines Lehrers für angehende Ärzte
nicht scheiden, ohne nochmals meine Überzeugung auszusprechen und
zu begründen, daß von allen Methoden, die Hand für chirurgische
1) Die Hinweise auf meine Publikationen über HSndedesinfektion gebe ich, um
Wiederholungen zu vermeiden, nur mit Zahlen. Die Zahl in Kursivziifern bezieht sich
auf das am Schlüsse angefügte Verzeichnis, die andere bedeutet die Seitenzahl
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3] Der praktische Arzt und die HIndegefahr. 315
und geburtshilfliche Eingriffe geeignet zu machen, bisher
die HeiOwasser-Alkohol-Desinfektion diesen Zweck am ein-
fachsten und besten erfüllt und daß, wenn auch der Gummi-
bandschuh für Anstaltsärzte und Spezialisten bis zu einem gewissen
Grade einen Ersatz für ungenügende Händedesinfektion bietet, er für
das Gros der Ärzte, für Hebammen und das niedere Heilpersonal
eine Errungenschaft minderen Wertes bleibt.
Ich beginne mit dem Referate über Versuche der Reinigung
der frisch infizierten Hand.
Im Sommersemester 1907 habe ich mich an die Beantwortung
einer Frage gemacht, die im Verhältnis zu ihrer eminenten Wichtig-
keit bisher nur sehr stiefmütterlich behandelt ist. Meine Versuche
sollten Aufschluß darüber geben, ob die mit virulenten Keimen
in Berührung gekommene Hand alsbald nach der Beschmut-
zung in einem Grade zu reinigen sei, daß eine weitere chi-
rurgische und geburtshilfliche Tätigkeit unbedenklich ge-
stattet werden könne.
Zurzeit lautet die Antwort nein. Der Arzt soll eine Handinfektion
zu umgehen versuchen; war sie aber dennoch erfolgt, so soll er eine
zeitliche Abstinenz von chirurgischer und geburtshilflicher Tätigkeit
einhalten, im Notfalle Gummihandschuhe gebrauchen. Eine, auch die
grfindlichste, Händedesinfektion genügt unter solchen Umständen
nicht; das ist die verbreitete Ansicht der Fachgenossen.
Auf die Frage, worauf sich diese Ansicht stützt, folgt unfehlbar
die Behauptung von der Unmöglichkeit einer absoluten Händekeim-
freimachung, und auf die Frage, welche Unterlagen für diese Behaup-
tung vorhanden sind, wird man von vunzähligen"^ Versuchen sprechen,
die alle zum gleichen Resultate geführt hätten.
Weshalb meine Resultate nicht die Berücksichtigung gefunden,
die sie verdienen, daran soll ich, wie mir Kollege Seh äff er sagt,
selbst die Schuld tragen: „Indem Sie den Unterschied zwischen einer
Sterilität in praktisch-chirurgischem Sinne und einer ,absoluten^ Steri-
lität nicht anerkennen, machen Sie es den Gegnern der Alkohol-
desinfektion leicht, Gegenbeweise zu erbringen und damit scheinbar
selbst die Methode zu diskreditieren.'' i)
Zu meiner Rechtfertigung und zur ferneren Berücksichtigung in
dieser Abhandlung folgendes:
Die Frage, ob eine Hand mittels der Heißwasser- Alkoholmethode
absolut keimfrei gemacht werden kann, muß in zwei Unterfragen
getrennt werden:
1) Aus einem Briefe.
24*
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316 F- Ahlfeld, [4
f 1. Dringt Meli einer Vorbereitung mit Heifiwasser und Seife der
[ Alkoliol so tief in die Haut ein, daß er die in den tieferen Sctiichten
befindliehen Keime erreicht, um sie abtöten zu können? und
l 2. werden bei einer gefibten und gewissenhaften Ausfuhrung der
f Methode iille Stellen der Hand vom Alkohol derart erreicht, daß der
^ Alkohol gegenüber den dort befindlichen Bakterien seine Schuldigkeit
tun kann?
' Da ich die erste Frage mit ja beantwortet habe und mit aller Ent-
schiedenheit der Annahme einer Scheindesinfektion entgegengetreten
bin — eine Überzeugung, die von den Gegnern nicht geteilt wird — ^
so habe ich nach dieser Seite hin von einer absoluten Wirkung
I gesprochen.
^ Die zweite Frage habe ich niemals mit ja beantwortet, da die Aus-
fährung der Desinfektion von der subjektiven Tätigkeit, auch von der
mehr oder weniger günstigen Beschaffenheit der Hände abhängt. Ich
kann daher nach dieser Seite hin niemals von einer Garantie für
Keimfreimachung reden. Die zu erreichen, liegt, günstige Bedingungen
vorausgesetzt, nur in der Macht des Ausführenden.
Daß, wenn alle nötigen Bedingungen zusammenkommen, die Hand
wirklich absolut steril werden kann, muß ich annehmen und nehme
ich an. Wie oft dies in Wirklichkeit eintriffst, das zu übersehen sind
wir außerstande. Können wir doch, wie Schaf fer ganz richtig be-
merkt, nicht einmal für die ohne Zweifel sterilisierbaren Gegenstände^
als Instrumente, Verbandmaterial, Gummihandschuhe usw., im Einzel-
falle sagen, sie seien tatsächlich steril. Und doch benutzen wir sie
vertrauensvoll unter Annahme des positiven Erfolges.
Wenn eine absolute Sterilität aber auch nur im Einzelfalle gelänge,
so hätte ich nicht zu viel gesagt, denn ich habe nur die Möglichkeit
einer solchen behauptet. Dabei wahre ich mich ausdrücklich, als ob
ich hiermit einen Rückzug eingeschlagen hätte, und füge deshalb hinzu:
Die Bedingungen, eine wirkliche Sterilität zu erreichen,
sind für viele Hände gegeben.
In einer früheren Arbeit^) habe ich, im bezug hierauf, mich so
ausgesprochen: „Mit der Behauptung, mittels der Heißwasser-Seifen-
{ Alkoholmethode läßt sich die Hand bis in die Tiefe der Haut steril
machen, deckt sich nun keineswegs eine Garantie für diesen Erfolg.
Der Prozentsatz der erreichten absoluten Sterilisierung der Hand
hängt von vielen Faktoren ab, immerhin aber von Faktoren, die bei
nicht zu schlechter Hautbeschaffenheit, bei gutem Willen des Handeln-
V den vorhanden sein können, Ausnahmen zugegeben.*"
\
^ 1) 26. 1838.
t
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5] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 317
EiQ weiterer Grund, weshalb meine Methode sich niclit, wie qs
d^ Fall $^iq müßte, aUgemeine Geltung versclfafft hat, liegt in dem
Umstände, daQ zur Zeit, als sie sieh Terrain eroibern wollte, die Fabri-
kation von Gummibandschuheq gelange Wä^oQ diese nicht erfunden,
so wurde sich jetzt jeder gewissenhafte Operateur mittejls HeißwRSs^r«-
Seife-Alkohol desinfizieren. Vielleicht, daO er noch irgend etw^s
Oberfifissiges hinzufügte.
Der dritte Grund liegt in persdqlichen Verhältnissen, derep ich
in verschiedenen meiner Publikationen^) genügend Erwäbnuqg geti^n
habe. Ware die Empfehlung und das Eintreten für den Alkohol als
HandedesinBzlens von einer anderen Seite ausgegangen, dann wiirde
die Methode längst schon Gemeingut aller Chirurgen und Geburts-
helfer sein, und den Hebammen würde sie als einzige Desinfektion^-
fliethode verordnet werden.
Dies vorausgeschickt, gehe ich nun zu der Frage über, zu deren
Beantwortung ich die angegebenen Versuche gemacht l^abe, inwie-
weit die jetzige Anschauung von der Gefahr eineir Auto-
Infektion berechtigt ist und ob Abstinenz i^nd Gummihand-
schuh wirklich die einzig erlaubten Gegenmittel 8^4«
Von der Beantwortung dieser Fragen hängt meines Erachten^ 4i^
Existenz des praktischen Arztes ab. Fällt die Antwort dflbin aus, daß
eine frisch infizierte Hand in Bälde nicht gereinigt werden kann, so
muß der praktische Arzt, der sich vor derartigen Verunreinigungen
seiner Hand nicht schützen kann, chirurgische und g^burtahil^iche
Falle in der Hauptsache an Krankenhäuser verweisen.
Die Konsequenzen einer derartigen Beantwortung machen MQb
schon geltend. Unter dem Titel „Septicus^^ macht Foges in der
Gyaskologisohen Rundschau, 1007, Nr. 1 den Vorschlag, der Prlvfit-
arzt solle sich so verhalten, wie die Ärzte von gut geleiteten Anstaltf^n
es tun, die, um nicht mit septischem Material in Bertihrung zu kon^men,
die etwa erforderliche Behandlung eines verdächtigen Falles dem yor-
hmdenen aeptiachen Assistenten, dem Septicus, überlassen^ lim
diese Abstinenz auch in der AuOenpraxis sicher durchzuführen» sollen
io den grdOeren Städten wohlausgebildete Spezialisten vorhanden
sein, an die jeder infektiöse und infektionsverdächtige Fall i|bgetret«n
werden müßtet
G^en diesen Vorschlag lassen sich viele Einwand« bringnn* Vor
allem, daß er nur für große Städte in Frage kommen wfir^e, während
das Qpos der Ärzte sich selbst behelfen müßte« Weiter wäre es wohl
1) VerhandL der Deutsch. Gesellsch. für Gyn. 1001, IX, S. 237. — Deutsche
ned. Wocbenschr. 1004, Nr. 50, S. ISSQ. — Zentralbl. für Gyn. 1006, Nr, 3, a 76.
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318 F. Ahlfeld, [6
für das Publikum höchst fatal, wenn es von dem gewünschten Berater
und Helfer an den »Kindbettfieberarzt' gewiesen würde und damit
zugleich eine bedenkliche Prognose ausgesprochen wäre. Wer will
weiter, zumal im Beginn einer Erkrankung, sagen, ob ein Fall ein
septischer ist oder nicht? Sind wir doch gerade zurzeit in einer leb-
haften Diskussion, welche Fieberfalle man Kindbettfieber nennen soll,
welche nicht.
Und so könnte ich mit Gegengründen fortfahren. Ich glaube, der
Vorschlag hat keine Aussicht auf Verwirklichung, wenn auch ein
Düsseldorfer Kollege, Herr Dr. Wederhake, in einem Referate des
erwähnten Vorschlags uns mitteilt, daß Düsseldorf derartige Spezia-
listen schon aufweise, und sein Urteil dahin abgibt: „Man kann diesen
Vorschlag nur mit Freuden begrüßen und im Interesse der leidenden
Menschheit wünschen, daß von ihm recht ausgedehnt Gebrauch ge-
macht würde."
Geht man auf die Materie genauer ein, kritisiert man die einzelnen
Behauptungen, die als Grundlage von der Forderung der Non-Auto-
Infektion und Abstinenz dienen sollen, so kommt man auf so viele
unbewiesene Annahmen, daß man sich verwundern muß, wie eine so
ungenügend fundierte Lehre die Zustimmung unserer hervorragend-
sten Fachvertreter gewonnen hat.
Machen wir uns erst klar, was man unter Auto-Noninfektion und
unter Abstinenz versteht. Im Lehrbuche der operativen Gynäkologie
von Doederlein-Krönlg, 2. Auflage, finden wir, Seite 18, folgende
Definition: „Unter Noninfektion verstehen wir die möglichste Fem-
haltung oder Vermeidung des Kontakts unserer Hände mit infektiösem
Material, z. B. Eiter, Lochialsekret infizierter Wöchnerinnen usw/^
„Unter Abstinenz verstehen wir die zeitweise Suspension von asep-
tischen Operationen, wenn unsere Hände mit septischen oder sapri-
schen Stoffen in Berührung gekommen sind.^^
„Beide Maßnahmen, Noninfektion und Abstinenz, müssen beute
als gleichwertige Faktoren bei der Unsicherheit der chemischen Des-
infektion neben dieser für die Asepsis der Hände verlangt werden.^
Menge verschärft diese Anschauungen noch wesentlich. In v.
Winckels Handbuch der Geburtshilfe, 1. Band, 2. Hälfte, 1904, sagt
er, Seite 1106: „Durch die in der Berufstätigkeit sich immer wieder-
holenden Verunreinigungen mit Infektionsstoifen ist dafür gesorgt, daß
die Geburtshelferhand ihren drohenden Charakter so gut wie nie ver-
liert." „Der Arzt, besonders der allgemeine Praktiker, der sich prak-
tischer Arzt, Wundarzt oder Chirurg, und Geburtshelfer nennt, ist
vielleicht noch gefährlicher wie die Hebamme."
Geht schon aus diesen beiden Zitaten hervor, daß der praktische
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7] Der praktische Arzt und die Hlndegefahr. 319
Arzt, nach Menges Meinung, kaum in der Lage sein kann, jemals
eine ärztlich brauchbare Hand zu besitzen, so geht der folgende,
Seite 11Ö7 ausgesprochene Satz noch weit über diese Zitate hinaus:
Auch das Badewasser spielt als heterogene Infektionsquelle überhaupt
keine oder eine nur ganz untergeordnete Rolle, „vorausgesetzt, daß
das Bad für die Kreißende nicht von der gefährlichen Hand der
geburtsleitenden Person gerichtet wird^^ Also selbst die wohldesin-
fizierte Hand eines Arztes, einer Hebamme darf nicht in Berührung
mit dem für eine Gebärende zurechtgemachten Badewasser kommen,
weil die Gefahr besteht, die Hand könne Keime in das Badewasser über-
tragen, die dann auf dem Wege per vaginam Unheil anrichten könnten.
Da Frltsch, im Anschluß an Doederlein, Krönig und Menge,
sich in allerneuester Zeit als ein Hauptvertreter dieser Lehre bekennt
und in präziser Weise seinen Standpunkt gelegentlich eines Referats
fiber Asepsis bei gynäkologischen Operationen niedergelegt hat, so
halte ich mich im weiteren an diese neueste Publikation und setze
das kurze Referat^) verbotenus meinen Ausführungen voran:
„Abstinenz. Schwieriger liegt die Frage, wie wir die Hände
für die Wunde, die sie anlegen und berühren, ungefährlich machen
sollen. Dazu ist die erste, jetzt überall anerkannte Bedingung, daß
ein Operateur septische Kranke oder Leichenteile überhaupt
nicht anfaßt, daß er ferner unsaubere Sachen nie mit unbedeckten,
ungeschützten Händen resp. ohne Gummihandschuhe berührt. All-
gemein gilt diese Regel: Die Forderung der Noninfektion, wie es
Krönig nennt, und die Abstinenz, d. h. daß, wenn man zufallig oder
mit Bewufitsein septische Gegenstände doch berühren mußte, der
Operateur eine Zeidang, 3 oder 4 Tage, das Operieren unterläßt bzw.
daß ein Arzt, der dergleichen gefahrliche Sachen berührt, bei einer
Operation nicht assistiert, ja nicht einmal zuschaut. Selbstverständ-
lich werden dann Bäder und verschärfte Desinfektion gefordert.
Diese Forderung ist übrigens so alt als die Worte oder Begriffe:
bfektion und Desinfektion. Schon Semmel weis hat ja beides ver-
langt. Ein Operateur soll sich von infektiösen Menschen und Dingen
prinzipiell fernhalten. Kam doch schon vor Jahren ein Operateur in
Anklagezustand, weil er nach Spaltung eines Furunkels eine Laparo-
tomie gemacht hatte, obwohl er vor der Laparotomie sich sorgFältig
desinfizierte. Diese prinzipielle Noninfektion und Abstinenz gilt jetzt
überall als Grundsatz.^^
Soweit Fritsch. Setzen wir nun statt „Operateur'^ »Arzt, der zu
operieren gedenkt oder operieren muß^S übertragen wir, wie es ja
1) Verhandl. der Detttschen Gesellsch. für Gynäkologie 1007, XII, S. 472.
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320 ^ Ahlfeld, [8
auch Frltsch tut, die Frage aus der Klinik heraus auf die allgemeine
Praxis, so stehen wir zuerst vor der Frage: Welches sind ,,septisehe
Kranke^S ^^s sind ,,unsaubere Sachen^', was ,,septische Gegenstände^,
^»dergleichen gefiihrliche Sachen^S ^or deren Berührung sich der prak-
tische Arzt hüten soll?
Nun sind ja einige der gefährlichsten Krankheiten bekannt, deren
Giftstoffe, auf frische Wunden übertragen, mit einer gewissen Wahr-
scheinlichkeit wieder Blutvergiftung erzeugen. Aber können wir wiiiL-
lich diese Fälle in ihrem Beginn, vor der Berührung mit dem Kranken,
immer als solche zeitig genug erkennen, um Vorsichtsmaßregeln zu
treffen, um eine Behandlung abzulehnen? Genügt nicht schon der
Besuch in der Krankenstube, das Reichen der Hand, die der Kranken
den GruO bietet, Giftstoffe aufzunehmen? Soll man die Kranke, die
ihre Hoffnung auf den Arzt gesetzt hat, mit der Weisung wieder ver-
lassen, ein anderer Arzt, der Herr Septicus, solle die Behandlui^
übernehmen? Kann nicht die dadurch entstehende Verzögerung eines
Eingriffs, auch wohl die seelische Erregung, unheilvolle Folgen haben?
Und weiter, wenn nun der praktische Arzt sicher in letzter Zeit
es mit keinem der manifesten septischen, ich will sagen gefährlichen
Krankheitsfällen zu tun gehabt hat, kann er sich dann wirklich mit
ruhigem Gewissen darauf verlassen, daß er nidit doch irgend wo
und wie septische Stoffe berührt habe? Ist es nicht vielleicht rich-
tiger, jede Ärztehand zu jeder Zeit als eine solche anzusehen, die
ohne die sorgfältigste Händedesinfektion keinen chirurgischen, keinen
geburtshilflichen Eingriff wagen soll, bei dem eine Berührung mit
Wunden stattfindet?
Ich mag die Frage ansehen von welcher Seite ich will, es ergibt
sieh für den praktischen Arzt die Unmöglichkeit, operative (auch geburts-
hilfliche) Praxis zu treiben, wenn diese extremen Anschauungen, wie
sie im obigen Referate vertreten werden, sein Handeln bedingen müssen.
Ebensowenig komme ich mit Befriedigung über die Forderung der
Abstinenz hinweg.
Was ihre Dauer anbetrifft, so spricht Frltsch von 3 oder 4 Tagen.
Doederlein-Krönig stützen sich auf Zweifel und schreiben: »Van
Zweifel wird auf Grund klinischer Erfahrungen eine 3 Tage wahrende
Abstinenz verlangt und von einer großen Zahl Operateure gebilligt.*
Die deutsche Prüfungsordnung für das ärztliche Staatsexamen setzt
8 Tage fest. In der Hebammenpraxis werden 8 — 14 Tage Karenzzeit
angeordnet^)
1) Hauptversammlung des Preußischen Medizinalbamten-VereinSy Bericht vom
26. Sept. 1898, S. 25.
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H Der praktische Arzt und die Hlndegefahr. 321
Wie soll nun diese Zeit händereinigend wirken? Findet in diesem
Zeiträume eine Abscfauppung statt, die alle septischen Keime mit fort-
Biaoit? Oder soll die Zeit dazu dienen, durch häufige grfindliche
Reinigungen die »gefährlichen'' Keime zu beseitigen? Ließe sich dies
mit gutem Willen und Verständnis nicht in einer kürzeren Zeit aus-
fuhren?
»Wir gehend schreiben Doederlein-KrSnig, „hiervon der Vor-
aussetztmg aus, daß durch die stets vor sich gehende Abschuppung
der obersten Epidermisschichten die anhaftenden pathogenen Bakterien
mechanisch entfernt werden, oder daß sie durch die ihnen auf der
intakten Hautoberfläche aufgezwungene saprophytische Lebensweise
ihre Virulenz verlieren.*
AttsfOhrlicher geht Menge auf diesen Punkt ein. Seite 1296 im
zitierten Teile des v. Winckelschen Handbuchs setzt er auseinander,
auf welche Vorgänge der Haut die Reinigung zurückzufahren sei.
In keiner dieser Publikationen ist angegeben, auf welche Unter-
suchungen oder praktischen Erfahrungen sich diese Annahmen stützen.
Ob sie überhaupt richtig sind, ist wiederum eine der zu beantwor-
tenden Fr^en.
Kann — eine andere Frage — der Arzt in der Abstinenzzeit nicht
unbewußt von anderer Seite wieder eine Körperinfektion erfahren?
Sclmrierigkeiten fiber Schwierigkeiten, Fragen über Fragen, an deren
Beaatwortung man doch hätte eher gehen müssen, ehe man solche
rigorose Forderungen an den Arzt stellt.
Dieser Vorhalt scheint mir um so berechtigter, da ja F ritsch
selbst die Möglichkeit zugibt, durch eine besonders sorgfältige Hände-
desmfektioo wäre der praktische Arzt Imstande, sich derart zu rei-
nigen, daß er Optative Eingriffe aseptisch und mit gutem Erfolge
nsKhren könne. Im Fortlauf seines Referats heißt es: „Ich möchte
kier aber doch einschieben, daß ich auch nach zufälliger Verun-
reinigung der Hände eine erfolgreiche Desinfektion für möglich halte.
Habe ich doch Jahrzehnte hindurch mit unbedeckten Händen allerhand
septische Operationen gemacht und unmittelbar danach, allerdings
otch soif ßltigster, wenn ich so sagen darf, doppelter und dreifacher
Desinfektion, nach Oberdesinfektion, wieder aseptische Operationen
mit gutem Erfolge ausgeführt. Ich würde es nicht wieder tun, weil
ich es für prinzipiell unrichtig halte, ich habe es auch seit Jahren
eicht wieder getan; aber für möglich halte ich es auch heute nodi,
eine septisch verunreinigte Hand schnell wieder in dem Grade heim-
ürei zu machen, daß sie ungestraft eine aseptische Operation ausfahren
kann. Das muß man zur Beruhigung der Ärzte sagen, die doch oft
nicht anders handeln können."*
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322 F. Ahlfeld, [10
Mit der »Beruhigung' kann sich aber der praktische Arzt nicht
zufrieden geben. Er muß Sicherheit haben* Er muß auch Gewißheit
haben, daß, wenn er sich mittels einer bewährten Methode unter ge-
nauer Berücksichtigung aller zum Erfolg nötigen Punkte desinfiziert
hat, ihm eine Anklage keine Verurteilung bringen kann.
Auch Menge gibt bis zu einem gewissen Grade die Möglichkeit
zu, eine frisch infizierte Hand sofort zu reinigen: »Nachgewiesener-
maßen lassen sich die infektiösen Massen am leichtesten und voll-
kommensten von der Haut mechanisch wieder entfernen, wenn sie
noch nicht eingetrocknet waren/^
Gleich im nächsten Satze schränkt Menge aber den Ausdruck
»vollkommensten* erheblich ein: „Niemals wird aber die mit frisch-
infektiösem Materiale in Berührung gewesene Handhaut durch die
sofort angeschlossene mechanische und chemische Desinfektion ihres
gefährlichen Charakters absolut sicher entkleidet. Sie bleibt auch
nach diesen Reinigungsprozeduren verdächtig und stellt, besonders
wenn sie mit streptokokkenhaltigem Materiale in Kontakt getreten war,
den Geburtsleiter vor die Frage von der sogenannten Abstinenz.'
Versuche über Frischdesinfektion. Die obengestellte Frage
habe ich auf folgende Weise zu beantworten versucht:
Meine eigenen Finger, die meist 48 Stunden mit keinem Desin-
fiziens in Berührung gekommen waren, habe ich, wie es die Praxis
ergibt, mit den verschiedensten Stoffen beschmutzt, die man allgemein
als »infektiöse Stoffe' bezeichnet. Ich habe Mastitiseiter, Karzinom-
jauche, Eiter parametraner Abszesse, Zystitiseiter^ Lochien von puer-
peralkranken Frauen, Darmkot, Lochien nicht fiebernder Personen usw.
an die Hand gebracht und mich nach Beendigung der ärztlichen Mani-
pulation zunächst mit warmem Wasser, Seife und Bürste gereinigt,
wie man es in der Praxis ausführen kann. Dieser Reinigung habe
ich eine Alkoholwaschung mit Bürste oder Flanell folgen lassen und
dann wiederum die Oberfiäche der Hand auf Bakteriengehalt unter-
sucht.
Vorversuche bezogen sich auf die Beschaffenheit der Tages-
hand, d. h. der Hand, die absichtlich die Berührung ^infektiöser'
Stoffe vermieden hatte.
Zu diesen Versuchen benutzte ich Petrischalen, da es darauf an-
kam, die Zahl und Art der Kolonien zu bestimmen. In dieser ersten
Serie begnügte ich mich damit, die Fingerkuppen auf der Volar- und
auf der Nagelseite strichweise über den Agar weggleiten zu lassen.
Schon seit Jahren benutze ich diese Methode, um im Beginne des
Hebammenunterrichts den Schülerinnen zu zeigen, welch große Zahl
von Keimen sie an ihrer Tageshand haben, selbst wenn sie nicht mit
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11] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 323^
Kranken und Wöchnerinnen zu tun hatten. Die so gewonnenen Bilder
sind derart überzeugend, daO sie weit besser wirken als lange Reden
und Auseinandersetzungen.
Für meine jetzigen Versuche war es aber nötig Festzustellen, daß
auch die gepflegte Arzthand, in diesem Falle die meinige, auch wenn
sie nicht in direkte Berührung mit »gefährlichen Fällen'' gekommen
war, stets durch einfaches Bestreichen der Agarplatte eine reiche Aus-
saat bewirkt.
Freilich auch in dieser Beziehung muO mit einiger Vorsicht das
Resultat beurteilt werden, denn tatsächlich sind nicht alle Kolonien,
die auf der Platte wachsen, Handkeime.
Obwohl ich die verwendeten Petrischalen mit einem kräftigen
Gummiring derart versah, daO die überstehende Platte fest an die
überragte angedrückt wurde, obwohl das Öffnen beim Bestreichen des
Agar mit dem Finger nur wenige Sekunden Zeit brauchte, kamen doch
io einem nicht geringen Prozentsatz Luftverunreinigungen vor. Vor
einer Täuschung schützte ich mich, wenigstens in etwas, daO ich die
Aussaat mit dem Finger in ganz bestimmten Figuren machte, die ich
mir dann im Protokoll einzeichnete. Wenn Keime weitab von diesen
Berührungsstellen sich entwickelten, so war ich berechtigt, sie als
nicht vom Finger stammend anzusehen.
Auch Sarwey^) hatte bei seinen Experimenten, obwohl er sich
größere Mühe gegeben hat, das Einfallen von Luftkeimen zu verhüten,
durchschnittlich auf vier bis fünf sterile Platten eine mit je ein bis
zwei aufgefallenen Luftkeimen.
Als Endresultat dieser Vorversuche ergibt sich, was zu erwarten
war: Die Tageshand, wenn sie nicht vorher mit einem Des-
infiziens in Berührung gekommen, bewirkte auf unseren
Agarplatten durch einfaches Bestreichen ausnahmslos eine
reiche Aussaat von Keimen.
Ich kann daher in den weiteren Experimenten mit gutem Recht
eine auffallende Abnahme der Keime als Folge einer ReinigungsmaO-
regel ansehen.
Um dem Leser ein Urteil zu ermöglichen, in welchem Grade die
Oberfläche der Hand ihren Keimgehalt ändert, wenn diese oder
jene Behandlung vorausgegangen ist, benutzte ich die Photographie,
weil damit, was Zahl und Verteilung, bis zu einem gewissen Grade
auch die Art der Kolonien anbetriffst, jede subjektive Deutung wegfällt.
Ich beginne mit der Darstellung der Bilder der Aussaat von der
1) Bakteriologische Untersttchungen fiber Händedesinfektion. Berlin 1005^
S. 25 u. f.
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324 F. Ahlfeld, [12
Tageshand von Frauen, die nichts mit Kranken zu tun hatten. Dazu
wählte ich die Hände von Schülerinoea, die frisch eingeireten waren
und die ersten 8 Tage des Kursus sich — ohne Destnfiziens — reinigen
gelernt hatten. Ich ließ auf die Agarplatte eine 3 schreiben.
Das Resultat zeigen die Abbildungen 1 und 2.^) Jedes Semescw,
wo ich dieses Experiment als Unterrichtsmittel benutzte, ergab sich
der gleiche Erfolg. Ich mache auf die abseits der Zahl befindlichen
Luftkeime aufmerksam.
Auch mit meiner Hand, die am Morgen mit Seife und Wasser ge-
waschen, mit keinem Desinfiziens in Berührung gekommen war, auch
keine Stoffe angefaßt hatte, die als septische oder py(^ene aufzufassen
waren, machte ich das gleiche Experiment und erzielte ähnliche Re-
sultate, wenn auch die Kolonien nicht in der Massenhaftlgkeit sich
zeigten wie auf den Platten der Schülerinnen. Siehe Fig. 3.
Nach diesen Vorversuchen nahm ich nun die Experimente mit
künstlicher Beschmutzung und gleich darauffolgender Reini-
gung vor. Was Plan und Ausführung anbelangt, muß ich die verschie-
denen Serien zunächst zusammen besprechen, um dann an Ort und
Stelle auf die Abweichungen einzugehen. Hingegen mochte ich nicht
unerwähnt lassen, daß, nachdem ich mehrere Wochen lang in kein
Krankenhaus gekommen war, mit Bewußtsein auch keine septischen
Stoffe berührt, mich in dieser Zeit auch nicht desinfiziert hatte, die
Abschabsei meiner Handoberfiäche in die Bauchhöhle mehrerer Miuse
und eines iVIeerschweinchens eingespritzt, keinerlei Entzflndungser-
scheinungen septischer Art hervorgerufen haben. Die Tiere blieben
vollständig munter.
Die Verhältnisse der Praxis nachahmend, nahm ich» nur mit der
Abweichung, keine Desinfektion der Hand vorauszuschicken, eine
Untersuchung von Frauen vor, die an den verschiedensten Erkran-
kungen litten und einen Ausfluß hatten, dessen Bestandteile man all-
gemein unt^ die „gefährlichen* Stoffb rechnet.
In der ersten Serie meiner Versuche strieh ich die so be-
schmutzten Finger alsbald' nach Beendigung der ärztlichen Vornahme
über eine Agarplatte ab, indem ich mit der Volarfläche und dann mit
der Nagelseite Figuren, als Striche, Bogen, Kreise, Zahlen auf die
Platte zeichnete.
Nun wusch ich die beschmutzte Hand zunächst mit warmem Wasser
(Wasserleitungswasser) in den Waschbecken meines Untersuchungs«
Zimmers und mit gewöhnlicher Toilettenseife und fügte dann die
1) Sämtliche Platten sind, wenn nicht speziell anders angegeben, 48 Stunden
nach der Beschickung photographiert worden.
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13] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 325
Abbfirsmiig mit einer gewöhnlichen WurzelbGrste hinzU) die bis kurze
Zeit vorher in Alkohol gelegen hatte, aber etwa 5 Minuten lang in
strömendem warmem Wasser vom Alkohol befreit war. Beide Proze-
duren zusammen dauerten 3—4 Minuten. SchlieOlich wurde die Haut
im strömenden warmen Wasser von der Seife befreit und mit einem
reingewasc^enen, bis dahin nicht gebrauchten Handtuche die Hand^
speziell die Finger, abgetrocknet.
Jetzt erfolgte die zweite Aussaat, indem ich in gleicherweise,,
wie vorher mit den beschmutzten Fingern, nun mit den gereinigten
dieselben Figuren auf eine Agarplatte zeichnete.
Der Reinigung mit Wasser, Seife und Bärste folgte eine Alkohol-
desinfektion nach meiner Methode mit Bürste und Flanell und dann
eine Entlaugung der Hand in strömendem warmem Wasser, um den
Alkohol soviel als möglich zu beseitigen. Die feuchte Hand wurde
danach mit sterilem Mull gehörig getrocknet und eine dritte Aus-
saat vorgenommen, wiederum die gleichen Zeichen, die ich bei der
ersten und zweiten benutzt hatte.
Von den zahlreichen Versuchen gebe ich die Bilder einiger Plattea
und fuge das Gesamtresultat dieser Serie am Schlüsse an.
1. Untersuchung einer Frau mit jauchendem Portio -Karzinom.
Auf der Platte drei nahezu parallel laufende Striche. 48 Stundea
im Brutofen.
a) Testplatte: Zahllose Kolonien längs der drei Striche, mit
Bakterienarten, die nach okularer Besichtigung hauptsächlich
den Streptokokken und den Staphylokokken (aureus und albus)
angehören. Fig. 4.
b) Platte nach der Wasser und Seifenwaschung: Zwei Kolonien,,
keine Streptokokken. Fig. 5.
c) Platte nach der Alkoholdesinfektion: Eine Kolonie.
2. Untersuchung einer Frau, bei der ein jauchender Beckenabszeß
sich in die Scheide öffnet.
a) Testplatte: Drei Striche von drei zur Untersuchung benutzten
Fingern. Zahllose Kolonien. Fig. 6.
b) Platte nach der Wasser- und Seifenwaschung: Vier Kolonien.
Fig. 7.
c) Platte nach der Alkoholdesinfektion: Drei nebeneinander*
liegende Kolonien.
3. Öffnung einer vereiternden Brustdrüse. Der ausfließende Eiter
ergiefit sich über die Finger. I
a) Testplatte: Drei Finger, mit Eiter beschmutzt, sind über die i
Platte weggestrichen. Zahllose Kolonien. Fig. 8.
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328 F. Ahlfeld, [14
b) Platte nach der Wasser- und Seifenwaschung: Drei am Rande
gelegene Kolonien. Fig. 0.
c) Platte nach der Alkoholdesinfektion: Zwei Kolonien.
4. Untersuchung einer Wöchnerin mit übelriechendem Ausfluß.
a) Testplatte: Drei Fingerstriche. Zahllose Kolonien. Fig. 10.
b) Platte nach der Wasser- und Seifenwaschung: Drei Kolonien.
Fig. 11.
c) Platte nach der Alkoholdesinfektion: Eine eng zusammen-
liegende Gruppe aus mehreren Keimen entwickelt,
5. Untersuchung einer Wöchnerin mit Endometritis puerperalis»
hoch fiebernd.
a) Testplatte: Zwei Fingerstriche. Zahllose Kolonien. Fig. 12.
b) Platte nach der Wasser- und Seifen Waschung: Sehr viele
Kolonien.
c) Platte nach der Alkoholdesinfektion: Eine Kolonie ganz am
Rande. Fig. 13.
6. Untersuchung einer Frau mit jauchendem Beckenexsudat.
a) Testplatte: Zwei Fingerstriche mit zahllosen Kolonien. Ab-
seits zwei Luftkeime. Fig. 14.
b) Platte nach Wasser- und Seifenwaschung: Zwei Kolonien;
die eine aus einer Gruppe bestehend. Fig. 15.
c) Platte nach der Alkoholdesinfektion: Steril.
Selbstverständlich habe ich den Einwand zu erwarten, die Ab-
impfungsmethode sei eine viel zu zarte, nicht ausreichende. Der Ein-
wand ist voll berechtigt. Es sollen diese Versuche auch nur zunächst
beweisen, wie eine sofortige Reinigung der Hand, allein schon
mit Wasser, Seife, Bürste und Handtuch, die Zahl der frisch
aufgenommenen infektiösen Keime in staunenswerter Weise
sichtlich vermindern kann.
In einer zweiten Serie der Versuche veränderte ich deshalb die
Abimpfungsmethode, indem ich als zweiten Akt nicht das einfache
Bestreichen der Platte mit dem gereinigten Finger vornahm, sondern
ich faßte kleine sterile Mulläppchen mit einer sterilen Pinzette, rieb
die Finger, besonders die Nagelgegend kräftig ab, breitete das Mull-
läppchen auf der Agarplatte aus und drückte es mit steriler Pinzette
sanft dem Agar so auf, daß es ihm überall anlag.
Und, um das weiter anzuschließen, nahm ich in einer dritten
Serie der Versuche die Abimpfung der Hand, des Nagelsaums und
des Nagelfalzes mit sterilen Hölzchen vor, die mit steriler Schere
abgeschnitten auf die Agarplatte fallen gelassen wurden; auch drückte
ich sie mit zartem Druck gegen die Nährmasse.
Ich kann mich, was das Ergebnis dieser beiden Serien anbetrifft,
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15] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 327
kurz fossen. Es unterschied sich nur sehr wenig von dem der ersten
Serie: Der Erfolg der einfachen \E^aschung mit heißem Wasser,
Seife und BGrste war ein eminenter. Die frisch der Hand auf-
gefugten Keime wurden auf diese Weise fast ganz oder ganz beseitigt.
Die bisherigen Versuche bezogen sich aber immer nur auf die
Quantität der nicht beseitigten Keime und ließen außerdem noch die
Möglichkeit zu, daß ein Teil dieser Keime nicht der Hand angehorte,
sondern als zufallige Verunreinigungen aufzufassen wan
Ich benutzte daher zu den weiteren Versuchen Bakterienarten^ die
man infolge ihrer subjektiven Färbung aus dem übrigen Bakterien-
gemisch herauskennen kann und die nur selten als Luftkeime vor-
kommen, das Bacterium coli und den Prodigiosus.
Von jeder dieser Serien sei ein Versuch als Paradigma beschrieben:
Beschmutzung zweier Finger und des Handrückens mit frischem
Dafmkot. — Abstreichen des Schmutzes auf eine Drigalski-Platte in
Form zweier Bogen mit der Volarfläche der beiden Finger, in Form
eines Striches mit der Ruckenfläche, Nagelgegend (I).
Waschen der Hand mit warmem Wasser und gewöhnlicher Seife,
um den gröbsten Schmutz zu entfernen. Danach Waschen mit Bflrste
und Seife zusammen, ungefähr 4 Minuten lang. Abtrocknen mit
reinem Handtuche. Nun die gleichen Figuren auf eine zweite Dri-
galski-Platte (II)*
Bfirsten der Hand mit Alkohol, 5 Minuten. Entfernen des Alkohols
durch Auslaugen in heißem Wasser, 5 Minuten. Abreiben der vorher
beschmutzten Finger mit einem kleinen sterilen Mulläppchen, das mit
steriler Pinzette gefaßt wurde. Ausbreiten und Gegendrücken dieses
Lappchens auf eine dritte Drigalski-Platte (III).
Als Kontrollversuch wurde ein steriles Mulläppchen ohne jede
sonstige Behandlung auf eine vierte Drigalski-Platte gelegt (IV).
Aller 24 Stunden Besichtigung der Platten und Eintragung in das
Protokoll:
In Platte I entwickelten sich schon nach 24 Stunden zahllose Keime
an der Stelle der Zeichnung, auch zeichneten sich die geimpften Par-
tien schon nach 24 Stunden durch eine deutiiche Rotfärbung aus, die
Wirkung des Bacterium coli, die am nächsten Tage noch intensiver
wurden.
Platte II blieb bis zum zweiten Tage vollständig keimfrei, auch
zeigte sich nirgends eine Rötung. Am 3. Tage waren zwei Kolo-
nien zu bemerken, die sich, nach Bestimmung im hygienischen Institut,
als Streptokokken erwiesen. Rötung trat nie ein.
Platte III blieb zunächst keimfrei. Am 3. Tage waren am Rande,
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328 F- Ahlfeld, [16
außerhalb des Zeichnuagsgebiets zwei Luftkeime au^egangen. Rötung
trat nicht ein.
Platte IV blieb keimfrei , zeigte niemals Rötung. In anderen Ver-
suchen blieben die Platten von Nebeninfektionen ganz frei und von
einem solchen Versuche gebe ich die Abbildung der Photographie.
Die Zeichnung geschah in Form eines Ringes. Natürlich fiel die
Photographie der Färbung der Platten halber nicht so deutlich aus»
wie die übrigen. Fig. 16.
Für die Versuche mit dem Prodigiosus ließ ich mir frische Kul-
turen aus dem hygienischen Institute geben, die, wie ich mich längere
Zeit hindurch überzeugte, sehr prompt sich weiter entwickelten. Ich
machte mir eine Aufschwemmung, die leicht rosa gefärbt war, tauchte
meine Hand in dieselbe ein und ließ die Masse zunächst antrocknen.
Wie sonst bei den beschriebenen Versuchen zeichnete ich nun mit
der Volar- und der Nagelseite Figuren auf eine Agarplatte (I), wusch
dann die Hand mit Wasser und Seife und bürstete sie ca. 4 — 5 Minu-
ten, wie immer die Nagelgegend ganz besonders berücksichtigend, und
zeichnete die gleichen Figuren auf eine Platte (II). Darauf kratzte ich
mit sterilen spitzen Hölzchen Nagelgegend, Nagelbett und Unter-
nagelraum aus und ließ die abgeschnittenen Spitzen in eine dritte
Schale gleiten, wo ich sie mit steriler Pinzette in den Agar etwas
eindrückte.
Die Platten blieben in Zimmerwärme stehen und auf Platte I ent-
wickelten sich regelmäßig zahllose Kolonien des intensiv roten Pilzes
in Form der gezeichneten Figuren.
Platte II blieb in einigen Versuchen ganz frei von Prodigiosus, in
anderen entwickelten sich einige wenige Kolonien.
Auf Platte III zeigten die Hölzchen, die ich zum Abkratzen der
Haut benutzt hatte, meist keine Kulturen, hingegen die, mit denen der
Unternagelraum und das Nagelbett ausgekratzt waren, zeigten, meist erst
nach mehreren Tagen, an der Spitze des Hölzchens eine sich nach
und nach ausbreitende Kultur.
Auch der Frage bin ich näher getreten, ob eine Hand, an der man
die Schmutzteile eine Stunde und darüber hat antrocknen lassen, mittels
heißem Wasser, Seife und Bürste in gleicher Weise oder wenigstens
annähernd so wie sofort nach der Beschmutzung sich reinigen läßt.
Zu dem Zwecke benutzte ich besonders Kotbeschmutzung und den
Prodigiosus. Nachdem ich die Hand mit besagten Stofi^en verunreinigt
hatte, zog ich einen sterilen Gummihandschuh an und behielt ihn 1 bis
IV2 Stunde an der Hand. Danach folgten dieselben Reinigungsproze-
duren, wie ich sie beschrieben habe.
Das Resultat unterschied sich kaum von dem der übrigen. Auch
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17] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 329
nach dieser Zeit vermochte die intensive Waschung die Bakterien in
tuffiilliger Weise zu beseitigen.
Fasse ich nun die Endergebnisse der verschiedenartigen Versuche
zusammen, so darf ich mit Sicherheit behaupten:
Bakterien, die erst kurze Zeit vorher auf die Oberfläche
derHand gekommen sind, ohne daß man sie intensiv einrieb,
lassen sich durch eine gewissenhafte Reinigung mit warmem
Wasser, Seife und Bürste und Abtrocknen mit einem sauberen
Handtuche so weit entfernen, daß sie entweder nur in ein-
zelnen Exemplaren nachgewiesen werden konnten oder gänz-
lich beseitigt wurden.
Beim intensiven Einreiben, ebenso beim Einreiben auf eine schon
verletzte Hand, kann das Resultat negativ ausfallen, die Hand, wenn
es sich um pathogene Mikroorganismen handelt, geschädigt werden,
wie dies u. a. Lauenstein i), Engels^) und Opitz ^) begegnete. Wäh-
rend Lauenstein und Engels ein solches Vorkommnis als nicht
beweiskräftig gegen die Wirksamkeit der Desinfektionsmethode aus-
scheiden, benutzt es Opitz im entgegengesetzten Sinne.
Fügt man der eben beschriebenen gewissenhaften mecha-
nischen Reinigung noch eine genügende Abreibung mit Alko-
hol hinzu, so erreicht man bestimmt Keimfreiheit der Ober-
flache, in der Mehrzahl der Fälle auch eine solche der tieferen
Partien.
Die Bestätigung dieses letzteren Satzes konnte ich nach einer puer-
peralen Streptokokken-Autoinfektion an meiner und meines Assistenten
Hand durch bakterielle Untersuchung erbringen und zwar nicht nur
sofort nach der Reinigung, sondern auch nach einer halben Stunde
nach der Beschmutzung. ^)
AufFallenderweise ist die uns bisher interessierende Frage, inwie-
weit infizierte Hände durch sofortige gründliche Waschung
vom Infektionsstoff befreit werden können, nur sehr vereinzelt
experimentell behandelt worden. In verschiedenen Arbeiten wird von
der Möglichkeit einer sofortigen Beseitigung frisch aufgebrachter Stoffe
als von einer Tatsache gesprochen, aber nicht angegeben, auf welchen
Versuchen diese Tatsache beruht.
1) Munchener med. Wochenschrift 1902, Nr. 30, S. 1251.
2) Klinisches Jahrbuch 1905, 13. Bd., S. 610.
3) Berliner Klin. Wochenschr. 1898, Nr. 39 und Deutsche med. Wochenschrift
1Ö08, Nr. 51, S. 2064,
4) 20. 367.
Klin. Vortrage, N. F. Nr. 482/93. (Gynäkologie Nr. 179/80.) Juli 1906. 25
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330 F. Ahlfeld, [18
In der vorzüglichen Dissertation von Henke^) sind einige hierher-
gehörige Experimente berichtet. Henke wollte feststellen, ob die frisch
infizierte Hand schwerer keimfrei zu machen sei, wie man damals
annahm, als die Tageshand. Er fand das Gegenteil, also eine Be-
stätigung dessen, was auch meine Versuche ergeben haben.
Zu dem gleichen Resultate gelangte Seitz^), der seine Versuche
unter v. Esmarchs Leitung im Göttinger hygienischen Instinite
machte. Seine Ergebnisse decken sich mit den meinigen vollständig.
Selbst nach einer weit kürzeren Waschung (Seife, Wasser, steriles
Handtuch, eine Minute) gelang ihm bei 12 Versuchen die gänzliche
Entfernung der Kolibazillen, die vorher als Bestandteile frischer Fäzes
auf die Hand gebracht waren. Weniger günstig, wie auch in meinen
Versuchen, fielen die Versuche mit Prodigiosus aus.
Auch Gottstein^) benutzte den Prodigiosus. Es gelang ihm in
der Hälfte der Fälle den Prodigiosus schon mit heiOem Wasser, Seife *
und Bürste zu beseitigen, während die normalen Hautepiphyten auf
diese Weise in keinem Falle beseitigt werden konnten. Haegler^)
konnte mit Tusche oder KienruO beschmutzte Hände durch sorgfältige
Waschung wieder gänzlich reinigen. Waren aber die Hände rauh
geworden, gelang das Experiment nicht mehr.
Ziehen wir nun die praktischen Konsequenzen aus diesen gesammel-
ten experimentellen Ergebnissen, so diktieren sie dem Anstaltsleiter
wie dem praktischen Arzte und der Hebamme, in allen Fällen, wo
die Hand oder ein anderer Körperteil mit offenbar oder
zweifelhaft infektiösen Stoffen in Berührung gekommen ist,
sich nicht mit einer gewöhnlichen Waschung der beschmutz-
ten Teile zu begnügen, sondern sofort eine genaue, bestimmt
alle Teile der Hand — ev. anderer Körperteile — treffende
Reinigung mit warmem Wasser, Seife und Bürste vorzuneh-
men. Ist es möglich, auch an Ort und Stelle gleich eine
typische Alkoholdesinfektion auszuführen, dann bringt der
Arzt seine Hand wieder in den Zustand, wie er vor der In-
fektion war.
Wenn Klemm^) schreibt: „Natürlich werden wir ja stets nach opera-
tiven Eingriffen, nach Verbandwechseln, Untersuchungen an Kranken
1) über die Desinfektion infizierter Hände und die Notwendigkeit der geburts-
hilflichen Abstinenz. Inaug. Diss. Tübingen 18d3.
2) Ober Händeinfektion und -desinfektion. Zentralbl. für Bakteriologie usw.
1904, Bd. 37, S. 726.
3) Beiträge zur Klin. Chirurgie, Bd. 25, S. 67.
4) Händereinigung, Händedesinfektion und Händeschutz. Basel 1000. S. 191.
5) Deutsche Zeitschrift für Chirurgie Bd. 75, S. 541.
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19] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 331
USW. die Hände genau so reinigen müssen, als ob wir eine aseptische
Operation ausführen wollen", so folgen dieser »natürlichen* Verpflich-
tung nur wenige, nicht einmal sämtliche Anstaltsleiter. Schindler^)
halt sogar diese Waschung für nutzlos. Auf die Frage: Kann die
Hebamme sich gegen die venerische Ansteckung im Beruf schützen?
antwortet Schindler: „KaumI Desinfizierende Waschungen nutzen
weder vorher noch nachher, sonst würden sich eben nicht fortgesetzt
Hebammen anstecken."" Daß sie vorher nichts nützen, ist selbstver-
ständlich. Wenn sie aber, nachher angewendet, nichts genützt haben,
dann sind sie entweder ungenügend gemacht, oder es hat eine Impfung
unter die Haut stattgefunden.
Hat ein Arzt gewissenhaft in der beschriebenen Weise gehandelt,
und ist er genötigt, kurze Zeit darauf einen Geburtsfall zu übernehmen
.oder eine Operation auszuführen, so braucht er nur die genau aus-
geffihrte verschärfte Desinfektion vorauszuschicken, um mit gleichen
Chancen zu operieren, als wenn er Gummihandschuhe verwendete.
Es braucht wohl nicht betont zu werden, daß er daneben den
Heidungsstficken als Infektionsträger die grollte Aufmerksamkeit zu-
zuwenden hat, die in einem solchen Falle natürlich gewechselt werden
müssen. Besonders wichtig erscheint es mir, auf die Gefahr hin-
zuweisen, die der gewöhnliche Handschuh mit sich bringt, den man,
wenn man den Kranken verläßt, ohne die Hand, soweit es geht, keim-
frei gemacht zu haben, natürlich innen beschmutzt und sobald man
ihn später benutzt, die inzwischen gereinigte Hand wieder infiziert.
Mit diesen meinen Schlußfolgerungen ist die Frage der Abstinenz
in einem anderen Sinne beantwortet, als dies bisher die meisten
Chirurgen und Gynäkologen tun. Es wird nicht ausbleiben, wie dies
früher auch geschehen: man wird Warnrufe vor diesem falschen
Propheten erschallen lassen.
Ich komme gleich ausführlich darauf zu sprechen, wie wenig be-
gründet die Anschauungen derer sind, die von einer Abstinenz einen
Erfolg erwarten. Hier sei das eine vorausgenommen, daß man dem
Studierenden und dem angehenden Arzte gegenüber mit der Anerkennung
eines Wertes der Abstinenz zugleich eine Diskreditierung der Hände-
desinfektion vornimmt „Denn durch diese Prohibitivmaßregel werden
selbstverständlich die Studierenden nicht gelehriger oder geschickter
in der Kunst der Händedesinfektion gemacht werden, als sie es ohne
dieselbe sind und daß die Desinfektion als solche durch das Warten
leichter gemacht würde — diese Vorstellung muß, wie ich genügend
1) Die venerische Ansteckung der Hebamme im Beruf, Berlin 1907, als Manu-
skript gedruckt; S. 21.
25*
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332 F- Ahlfeld, [20
gezeigt zu haben glaube, gänzlich fallen gelassen werden. Möglichst
genaue Vorschriften im Desinfizieren der Hände, möglichst strenge
Überwachung des Desinfektionsverfahrens vor den anzustellenden
Manipulationen an den Kranken^ fortgesetzte Bemühungen, das Hände-
desinfektionsverfahren immer noch vollkommener und sicherer aus-
zubilden, als es bisher ist — das sind die rationellen und wirksamen
ProhibitivmaOregeln gegen die Herbeiführung septischer usw. Infektionen
durch ungenügend gereinigte Hände der Studierenden, nicht aber die
Maßregel der , geburtshilflichen Abstinenz^ welche nur andere wich-
tige Fächer der Medizin schädigt, ohne der Geburtshilfe zu nützen/
So schreibt vor Erfindung der Handschuhe Henke in der obener-
wähnten Dissertation (Seite 38), und ich stimme ihm, die damaligen
Verhältnisse berücksichtigend, vollständig bei.
Um aber nicht mit Laboratoriumsexperimenten und theoretischen
Erwägungen allein meine Anschauungen zu stützen, auch um dem
• Praktikus Mut zu machen, unseren Erfahrungen zu trauen, will ich
zunächst kurz daran erinnern, daß auch schon in der vorantiseptischen
Zeit man mit einer sofortigen gründlichen Reinigung nach Infizierung
der Hand recht gute Erfolge aufzuweisen hatte.
Es ist bekannt, daß die Mehrzahl der Lehrer der Chirurgie früher
den Operationskursus an der Leiche morgens abhielt. Volk m an n^),
V. Bergmann, Schönborn u. a. operierten an der Leiche von
6—8 Uhr und trugen durchaus kein Bedenken, nach vorausgeschickter
gründlicher Händedesinfektion alsbald nachher die verschiedensten
Operationen vorzunehmen. Schönborn ^) spricht sich hierüber bestimmt
aus: „Während meiner Tätigkeit in Königsberg hielt ich im Sommer den
chirurgischen Operationskursus an Leichen morgens von 6—8 Uhr.
Soweit wie möglich vermied ich es allerdings an solchen Tagen, an
denen ich morgens Operationskursus gab, dann am Vormittage eine
Laparotomie zu machen; öfters war dies aber nicht zu umgehen; ich
mußte es doch tun. Der Wundverlauf solcher Fälle wich in nichts
von dem Verlauf derer ab, die ich im Winter, wo ich mit Leichen
nur ausnahmsweise in Berührung kam, ausführte.''
Es wird wohl kein Leser, nachdem ich dies referiert habe, den
Schluß machen, auch jetzt sollte der chirurgische Lehrer beim Unter-
richt die Gummihandschuhe weglassen. Das wäre töricht. Seit wir
in den Gummihandschuhen ein Mittel haben, um unsere Hände vor
Beschmutzung zu schützen, muß der Operateur an der Leiche solche
1) Zentralblatt für Chirurgie 1880, S. 419.
2) Der neue Operations- und Hörsaal der chirurgischen Universitätsklinik in
Wurzburg. Rede zur Eröffnung. Wiesbaden 1890.
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2i] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 333
benutzen, es sei denn, daß für einzelne Operationen der Handscliuh
hinderlich wäre. Denn ich rede nicht der unnützen Selbstbe-
schmutzung das Wort, sondern mache nur auf die Mittel auf-
merksam, eine nicht zu umgehende Selbstbeschmutzung für
andere und für den Arzt selbst ungefährlich zu machen.
Auch ist es nicht ausgeschlossen, daß genaue Temperaturmessungen
doch auch in den Schönbornschen Fällen Unterschiede ergeben haben
wurden, die zuungunsten der nach Leichenbenutzung ausgeführten
Operationen sprechen würden.
Derartige Einwürfe kann man meinen eigenen Erfahrungen nicht
machen, da bei uns, wie bekannt, ununterbrochen die exakteste^ vom
Arzt vorgenommene, von mir kontrollierte Temperaturmessung aus-
geführt wurde, immer in der Absicht, diese Zahlen zu wissenschaftlich
verwertbaren Beweisen zu benutzen. In der mehr denn 25 Jahre
dauernden klinischen Tätigkeit habe ich den Praktikanten gegenüber
niemals Abstinenz eingeführt, habe ihnen nur zur Bedingung gemacht,
falls sie zu einer Geburt gerufen wurden, — was dem einzelnen vor-
her bekannt war — , sollten sie einen Rock anziehen, mit dem sie nicht
in den Krankensälen und bei Sektionen gewesen waren. Wenn aber
wegen einer interessanten Geburt schnell eine große Zahl Zuschauer
gerufen wurde, konnte auch diese Bestimmung nicht innegehalten
werden. Natürlich legte jeder, der den Gebärsaal betrat, vorher den
Rock ab und bekam einen großen weißleinenen Kittel, der den ganzen
Körper bis weit unterhalb der Knie bedeckte, so daß auch beim Sitzen
die müßigen Hände nicht mit den Beinkleidern in Berührung kamen.
Hingegen war die Desinfektion der Herren, die innere Unter-
suchungen oder Eingriffe vornehmen sollten, eine äußerst genaue und
zwar vom Jahre 1805 an ausschließlich mittels der Heißwasser-Alko-
holmethode. Handschuhe wurden nicht benutzt.
Und nun unsere Resultate: Trotzdem seit dieser Zeit bei nahezu
5000 Geburten im Durchschnitt 7 innere Untersuchungen von Prakti-
kanten und Hebammenschülerinnen ausgeführt wurden, sind an septi-
schen Prozessen nur 4 Wöchnerinnen gestorben, die von einem oder
mehreren Praktikanten untersucht waren:
Frau G. 1889, Nr. 288. Placenta praevia, zu Haus tamponiert, kam mit Fieber
in die Anstalt Entbindung durch Wendung und Extraktion; Plazentaldsung. Starb
nach 5 Wochen infolge von Thrombose und Pneumonie.
Frau M. 1891, Nr. 182. Wegen Ileus in der chirurgischen Klinik in Behandlung,
Zttr Entbindung uns zugeschickt. Spontane Geburt. Tod am 16. Tage infolge
Thrombophlebitis, Endometritis und beginnender Peritonitis.
Frau B. 1806, Nr. 40. Mit Fieber aus der Stadt uns zugeschickt. Deshalb
hohe Zange. Infiziert außerhalb durch die Hebamme. Schwere Infektion. Tod am
5. Tage.
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334 F. Ahlfcld, [22
•
Frau Seh. 1002, Nr. 325. Zwei Tage zu Hause gekreißt. Mit 39,0"" Fieber und
128—160 Puls eingeliefert. Perforation des absterbenden Kindes. Septische Peri-
tonitis. Laparotomie am 12. Tage. Tod am 15. Tage.
Nun^ von diesen 4 Todesfällen, an denen überhaupt Praktikanten
und die nicht innegehaltene Abstinenz die Schuld ganz oder zum Teil
tragen könnten, dürfte nur Fall M. 1891, Nr. 182 bei der Schuldfrage
in Anrechnung kommen, da die betreffende Patientin der chirurgischen
Klinik tatsächlich fieberfrei uns zugeführt wurde und bei der Sektion
die Quelle der Infektion nicht festgestellt werden konnte.
Wenn also bei vielen Tausenden von Untersuchungen Gebärender
durch Praktikanten von etwa 5000 Frauen nur eine als tödlich ge-
schädigt in Frage kommen kann, so ist das ein Resultat, das wohl
kaum von einer andern Klinik erreicht sein wird, ein Resultat, das un-
zweideutig dafür spricht, wie man auch ohne Einhalten einer Ab-
stinenzzeit, allein mit einer strengen Händedesinfektionsmethode, die
günstigsten Resultate erzielt.
Während dies Resultat, soweit septische Todesfälle in Frage
kommen, mit dem jeder anderen Entbindungsanstalt, vorausgesetzt,
daO regelmäßig von berufener Seite die Kontrolle durch Autopsie
erfolgt, verglichen werden kann, ist dasselbe mit dem anderen Grad-
messer, der Morbidität, nicht der Fall, da Differenzen von Zehntel-
graden, die für die Statistik ausschlaggebend sind, von der mehr oder
weniger exakten Vornahme der Temperaturmessung abhängig sind.
Ich kann daher nur, um die Wirkung der Untersuchungen von Prakti-
kanten festzustellen, unsere durch Jahre hindurch gleichmäßig vor-
genommenen Temperaturmessungen und Aufzeichnungen benutzen.
Ich scheide die Semesterzeit von der Ferienzeit, in der keine Prakti-
kanten gerufen wurden, und zwar 10 Jahre vor Einführung der Heiß-
wasser- Alkohol-Desinfektion und ungefähr ebensolange nach Ein-
führung der besagten Methode von 1898 bis 1907.
Semester Ferien
10 Jahre vorher 1737 Geburten 1263 Geburten mit
mit 61,4% fiebert. ») Wochenb. 62,0% fieberiosen Wochenb.
10 Jahre nachher 2267 Geburten 1566 Geburten mit
mit 72,5% fiebert. Wochenb. 67,5% fiebertosen Wochenb.
Danach ist in den letzten 10 Jahren das Resultat während der
Zeit, wo Praktikanten und Schülerinnen tätig waren, sogar erheblich
1) Unter fieberlosen Wochenbetten sind solche zu verstehen, die wShrend der
ganzen Zeit des Aufenthalts der Wöchnerin in der Anstalt nicht ein Mal über
dSfi** Temperatur aufwiesen. Auf Seite 529 habe ich die Strenge der Kontrolle
bei den Temperaturmessungen betont.
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23] Der praktische Arzt und die HSndegefahr. 335
besser als in der Zeit, wo nur Schfilerinnen untersuchten. Eine ge-
nügende Erklärung hierfür kann ich nicht geben. Ich käme nicht über
vage Vermutungen hinaus. Mir genügt, bewiesen zu haben, daß ohne
Abstinenzeinhaltung das Resultat für die Wöchnerinnen kein schlech-
teres ist, als nach dem Gesamtdurchschnitt, wie er sich für die letzten
etwa 4000 Geburten ergibt und rund 70% fieberlose Wochenbetten
aufweist.
Diese hohe Zahl für Fiebernde wird denen nicht auffallen, denen
die Verhandlungen über das Thema der Temperaturmessungen im
Wochenbette, das ich 1803 anregte >), bekannt sind. Damals hatte ich
die Genugtuung, daß mit wenigen Ausnahmen anerkannt wurde, wie
mtn bei exakter, streng überwachter Messung zu ganz anderen Resul-
taten kommt, als wenn das Personal die Thermometer besorgt und
nicht in der Absicht, auf Zehntel genau, zu wissenschaftlichen Zwecken,
den Quecksilberhöhestand festzustellen.
Wenn z. B. in neuerer Zeit Bürger berichtet^), an der Schauta-
schen Klinik sei nach Spontangeburten bei engem Becken ein Morbi-
ditatsprozent von 4,1 beobachtet, und Fehling sagt 3), »er habe in
StraOburg gewöhnlich zwischen 6 und 7% Fieber von 38,1 ab (Axilla)
für Fieber gerechnetes so muß dies Resultat unbedingt auf mangel-
hafter Thermometrie beruhen, vorausgesetzt, daß keine Wochenbetten
ausgelassen sind^ es sich um eine größere Reihe handelt und die
Beobachtung bis zum Abgange der Wöchnerin, mindestens — 10 Tage,
fortgesetzt wurde.
Wie wichtig die genaue Bestimmung der Wochenbettstemperatur
ist, erhellt sehr deutlich aus einem Artikel Winters über Meldepflicht
der Hebammen bei Wochenbettfieber*). Winter schätzt die Tempera-
tursteigeningen in der Außenpraxis auf 5—10%! Welcher Irrtum!
Warum beachtet Winter nicht meinen Aufsatz^): »Kreisarzt und
Kindbettfieber', der in derselben Zeitschrift sich befindet, in der er
veröffentlicht hat? Dort habe ich festgestellt, daß in der Außenpraxis
28—30% Fieber bei vortrefflichen Hebammen, und vermutet, daß 40%
bei den gewöhnlichen Hebammen vorkommen.
Auch die Tatsache, daß wir in der Marburger Entbindungsanstalt
keine septische Station hatten, sondern die gering fiebernden Wöch-
nerinnen mit den übrigen zusammenliegen ließen, die schwer kranken
1) Zeitvshr. f. Geb. und Gynäk. Bd. 27, Seite 470 und Bd. 32, Seite 22 und
26, 1837.
2) Die Geburtsleitung bei engem Becken. Wien 1908. S. 122.
3) Hegars Beitrage Bd. XII, S. 494.
4) Zeitscbr. f. Mediz.-Beanite 1906, Nr. 3, S. 73. 5) ebd. 1906, Nr. 21.
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336 F. Ahlfeld, [24
hingegen in ein Einzelzimmer brachten, daß wir keinen septischen
Assistenten hatten, sondern der diensttuende Arzt bald eine gesunde
Wöchnerin zu besuchen, dann auch wieder eine Entbindung vorzu-
nehmen hatte, — und wir doch eine niedrigere Mortalität, als andere
Anstalten hatten, beweist, wie eine Abstinenz bei Vorsicht und ge-
wissenhafter Händedesinfektion überflussig ist
Da wir in den staatlichen Anstalten die jungen Mediziner nicht
für die Krankenhäuser, sondern ffir die allgemeine Praxis erziehen,
so habe ich im Unterricht immer darauf gehalten, Bedingungen zu
schaffen, die denen der Praxis nicht zu grell gegenüberstehen. Be-
sonders für die praktische Tätigkeit am Geburtsbett, die ja bislang
nur zum allerkleinsten Teile in Anstalten ausgeübt wird, meist unter
den wenig günstigen Verhältnissen der Alltäglichkeit, erscheint es mir
geradezu pädagogisch unrichtig, während der Unterrichtszeit einen
hygienischen Komfort und prophylaktische Maßregeln von einer Aus-
dehnung zu benutzen, die nie und nimmer später dem praktischen
Arzte zu Gebote stehen können.
Ich habe daher auch, wie in der allgemeinen Praxis, die jungen
Leute bald zu einer kranken Wöchnerin, bald zu einer Gebärenden
geführt.
Neuerdings hat man dieses Verfahren als eine Gewissenlosigkeit
gestempelt und es als unerlaubt bezeichnet, daß ein Lehrer der Ge-
burtshilfe dem praktischen Arzte mit einem solchen Beispiele vor-
angehe.
Da ich aber der Meinung huldige, der gewissenhafte Arzt kann in
Hinsicht auf Händedesinfektion dasselbe leisten wie ich, wie meine
Assistenten, meine Hebammen und Schülerinnen, so halte ich dafür,
daß dieser mein Rat eher eine Sicherheit bietet, als das Eingeständnis
der Unmöglichkeit der Händedesinfektion, das zweifelsohne im prak-
tischen Leben eine ungenügende Ausführung der Händereinigung zur
Folge haben muß.
In der vorantiseptischen Zeit sind trotz ganz mangelhafter Rei-
nigung der Hände, selbst wenn sie schwer infiziert waren, viele
Operationen und viele Geburtsfälle ohne jegliche Schädigung für die
Patienten und Gebärenden verlaufen. Derartige Fälle dürfen wir aber
keineswegs als Zeugnisse für meine oben vertretenen Anschauungen
anrufen, vielmehr darauf hinweisen, wie zu jener Zeit infolge dieser
Unvollkommenheit viele Menschen geschädigt worden sind.
Wenn man zur Jetztzeit zur Unterstützung der von mir Vertretenen
Ansicht beweisende Fälle bringen will, so muß man nachweisen, daß
man sich der Tragweite seiner Handlung voll bewußt war, also die
Virulenz des infizierenden Stofi^es kannte, die Desinfektion auf das
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25] I^er praktische Arzt und die Händegefahr. 337
gewisseDhafteste ausführte und die Operation oder geburtshilfliche
Vornahme eine solche war, die, was Infektionsgefahr anbetrifft, zu
den gefahrlichen gerechnet wird.
Derartige Fälle habe ich mir aus meiner Tätigkeit der letzten
Jalire genauer aufgezeichnet, wo ich selbst oder einer meiner Assi-
stenten unmittelbar nach Beschmutzung unserer Hände mit hochviru-
ienten Stoffen uns genötigt sahen, geburtshilflich einschreiten zu
müssen und dies aus anzugebenden Gründen ohne den Gebrauch
der Handschuhe getan haben.
Zwei dieser Fälle habe ich schon früher veröffentlicht^) und re-
feriere daher nur ganz kurz:
1. Nach einer Streptokokkenverunreinigung bei tödlich endendem
Puerperalfieber nahm ich die innere Untersuchung einer Ge-
bärenden vor. Wochenbett glatt verlaufend.
2. Schwere Sepsis in partu. Kaiserschnitt. Fast fieberloses Wochen-
bett.
Zu diesen füge ich folgende neueren Beobachtungen hinzu und
zwar etwas genauer, damit der Leser sieht, wie auf jeden einzelnen
Umstand geachtet ist
3. Vormittags zwischen 10 und 11 Uhr wurde ich veranlaßt, ein
jauchendes Scheidenkarzinom zu untersuchen, ob eine Radikal-
operation vorgenommen werden sollte oder nicht. Nach der
Untersuchung nahm ich sofort die ausgiebigste Waschung und
Alkoholdesinfektion vor.
Zwischen 11 und 12 Uhr konsultierte mich eine Dame, von
der ich wußte, sie war in der zweiten Hälfte der Schwanger-
schaft, wegen heftiger Leibschmerzen. Ich nahm vor der inneren
Untersuchung die ausgiebigste Händedesinfektion vor, bediente
mich aber eines sterilen Gummifingerlings. Die Untersuchung
ergab, daß die ahnungslose Dame sich in der Geburt befand,
so daß es zweifelhaft blieb, ob ich sie nach Hause zurückreisen
lassen konnte oder sie gleich in der Anstalt behalten mußte*
Die Entscheidung dieser für die Frau und für mich so wich-
tigen Frage hing davon ab, ob das Fruchtwasser abgegangen
war oder nicht, ob die Blase noch über dem tiefstehenden Kopfe
erhalten war oder nicht. Mit dem besten Willen konnte ich
das mit dem mit Gummistoff bekleideten Finger nicht fühlen,
mußte daher den Fingerling abstreifen und untersuchte nun
mit dem freien Finger. Die Blase stand noch. Doch zog die
1) 20, 307.
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338 F. Ahlfeld, [26
Dame vor, dazubleiben und nach wenigen Stunden trat die Ge-
ilnirt ein. Wochenbett fieberlos. Höchste Temperatur 37,5.
4. In den Weihnachtsferien 1006 war ich mit einem Assistenten
allein in der Anstalt. AuF der Station lag eine schwer puer-
peralkranke Wöchnerin, die auch der Krankheit erlag. Damit
der einzige Assistent freie Hand behielt für alle Geburtsfalle,
übernahm ich persönlich die Behandlung dieser Wöchnerin und
muOte sie am 6. Tage des Wochenbettes bei drohender Peri-
tonitis innerlich untersuchen, da ich einen Uterusriß befürchtete.
Diese Untersuchung geschah am Vormittag.
Nachmittag mußte eine ältere Erstgebärende mit äußerst
engen Genitalien, deren großes Kind in Steißlage sich befand,
entbunden werden. Der Assistent drängte seine Hand mit Muhe
durch die Genitalien, um den Versuch zu machen, einen FuO
herabzuholen. Es gelang ihm nicht. So war ich genötigt,
gleich selbst einzugreifen, was ich nach einer gründlichen Des-
infektion tat. Auch mir gelang es nicht. Ich ließ mir daher
den stumpfen Haken geben und mit großer Mühe glückte die
Anlegung und unter kräftiger Anstrengung auch die Extraktion,
nachdem ein tiefer Sc buch ar dt scher Schnitt die äußeren Geni-
talien weit gespalten hatte.
Das Wochenbett verlief unter geringer Fiebersteigerung.
Höchste Temperatur 38,8^ Mutter und Kind verließen, nacli-
dem die äußere Wunde geheilt war, gesund die Anstalt.
5. Am 28. Januar 1907 brachte man uns einen Fall von ver-
schleppter Querlage mit stinkendem Ausfluß und überaus starker
Gasentwicklung mit pestilenzialischem GestanlL Temperatur
vor Einlieferung 40,0. Dr. R., mein Assistent, nahm nachts die
Dekapitation vor, die ziemliche Schwierigkeiten bot und deshalb
über eine Stunde Hantierens in den Genitalien erforderte.
Gegen Mittag mußte eine Zange bei einer Erstgebärenden
angelegt werden, und Dr. R., nachdem er sich sehr gründlicli
desinfiziert hatte, entwickelte mittels mehrerer Traktionen das
kräftige Kind. Wochenbett absolut fieberlos. Höchste Tem-
peratur 37,8.
Man wird fragen, warum denn von der Benutzung der Gummi-
handschuhe abgesehen worden sei, da sie doch mindestens nichts ge-
schadet haben würden.
Für Fall 1 und 2 erübrigt sich diese Frage, da es zu jener Zeit
noch keine Gummihandschuhe gab. Für Fall 3 ist der Grund in dem
Berichte angegeben. In Fall 4 war ich der festen Überzeugung, daß
beim Eindrängen des stumpfen Hakens und beim Manipulieren mit
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27] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 33g
demselben unzweifelhaft der Handschuh zerfetzt worden und da-
mit nicht nur überflüssig, sondern hindernd gewesen wäre, und das
gleiche befürchtete ich im Falle 5, wo das Zangen1)lau mit Mühe neben
dem eingekeilten Kopfe vorüber in die Höhe gedrängt werden mußte.
Aber auch im allgemeinen sehe ich für meinen Teil gern vom Ge-
brauche des Handschuhs ab, weil mir das feine Gefühl in den Fingern
und die freie Beweglichkeit derselben vermindert wird. Wiederholt
habe ich, mit dem Fingerling versehen, nicht fühlen können, ob die
Haare am vorliegenden Kopfe frei oder noch von den Eihäuten be-
deckt waren. Die Beschaffenheit der Schleimhaut, wie sie z. B. bei
beginnender Ausbreitung des Karzinoms gefühlt werden muß, kann
ich ohne Handschuh mit größerer Bestimmtheit feststellen. Bei der
Diagnose beginnender Schwangerschaft ist für mich die Konsistenz
des die Cervix füllenden Schleims ein nicht unwichtiges diagnostisches
Mittel. Mit dem Handschuh bin ich nicht in der Lage, die feineren
Konsistenzunterschiede zu erkennen.
Ich habe mich aber mit diesen subjektiven Empfindungen in der
praktischen Tätigkeit nicht zufrieden gegeben, sondern habe mit Hilfe
der Instrumente zur Prüfung des Tastsinnes, wie solche dem hiesigen
physiologischen Institute zu Gebote stehen, z. T. unter Mitarbeit des
Privatdozenten Dr. Loh marnn, experimentell den Verlust am Gefühl der
mit feinen Gummihandschuhen versehenen Hand gegenüber der un-
bedeckten Hand festgestellt. Selbstverständlich war nach allen Rich-
tungen hin eine Verminderung der Wahrnehmungsfähigkeit vorhanden,
am geringsten bei der Unterscheidung rauher und weniger rauher
Gewebe oder Gegenstände, stärker bei der Feststellung näher oder
entfernter liegender Tastempfindungen, noch stärker bei Bestimmungen
von Konsistenzgraden flüssiger und harbweicher Massen.
Von vielen Chirurgen und Gynäkologen wird berichtet, daß sie
beim alltäglichen Gebrauche der Handschuhe eine gleiche Feinfühlig-
keit erlangt haben wie zur Zeit, wo sie ohne Handschuhe operierten.
Ich will es gern glauben. Doch fehlt der Gegenbeweis, der nur zu
liefern wäre, wenn sie nun wieder längere Zeit ohne Handschuhe
operieren würden. Dann erst würden sie sagen können, ob nicht
doch der Handschuh einen Nachteil abgebe.
Pur die zahllosen Ärzte aber, die nicht durch fortdauernde Be-
nutzung des Handschuhs sich diese Fertigkeit erwerben, bildet sein
Gebrauch eine Herabsetzung der Fähigkeiten der Hand.
Kurz und gut, ich für meine Person begebe mich bei Be-
nutzung des Handschuhs wesentlicher Vorteile, die ich nur
missen dürfte, wenn ohne Gebrauch des Handschuhs sicher
eine Gefahr für die zu Untersuchende oder zu Operierende
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340 F. Ahlfeld, [28
entstände. Das ist aber bei meiner Hand nicht der Fall; wie ich
auch glaube, daß die meisten Ärzte diese Gefahr auf Null vermindern
können.
Bedenkt man nun noch die große Gefahr, die bei nicht genügend
gereinigter Hand durch Verletzung der Handschuhe entstehen kann,
so soll man doch ernstlich erwägen, ob die obligatorische Benutzung
des Handschuhs berechtigt ist.
Ich habe seinerzeit mich einmal so ausgesprochen i): „Der Gummi-
handschuh ist eine vorübergehende Modesache. "^ Dies Wort ist mir
vorgehalten, und ich gebe zu, daß ich damit meine Ansicht nicht richtig
wiedergegeben habe, denn nach einer Seite hin, nämlich zum Schutze
der eigenen Hand und in Fällen, wo eine Händedesinfektion ausge-
schlossen ist, besitzt der Gummihandschuh unzweifelhaft seinen Wert.
Ich habe in jener Publikation dies Urteil dahin begründet: »Die Hand-
schuhe werden eine Zeit hindurch von Spezialisten Verwendung finden;
in die allgemeine Praxis werden sie sich nicht einbürgern. Wir Lehrer
der Geburtshilfe sollen aber unsere Vorschläge, unsere Methoden,
soweit es geht, den Verhältnissen der allgemeinen Praxis anpassen.'
Mit dem Ausdrucke , vorübergehende Modesache* wollte ich sagen:
Ebenso wie vor Jahren auf die Empfehlung Listers alle Welt unter
Spray operierte, bis sich ergab, daß dieses Verfahren überflüssig,
sogar schädlich sei, so gebraucht auch jetzt alle Welt Gummihand-
schuhe, bis sich herausstellt, daß sie bei vielen Operationen über-
flüssig sind, insofern sogar schädlich werden können, indem sie das
Gefühl beeinträchtigen, das Fassen von schlüpfrigen Organteilen er-
schweren, ihre Vorbereitungen zum Anziehen die Narkose verlängern,
vor allem aber den Glauben an die Notwendigkeit einer exakten Hände-
desinfektion nehmen und damit zu einem Sichgehenlassen in der
Händepflege und Händereinigung führen, was wieder die weitere üble
Folge haben kann, daß bei Verletzungen der Handschuhe während
der Operation Infektionen von der Handoberfläche aus erfolgen.
Als Friedrich im Jahre 1808 die dünnen nahtlosen Gummihand-
schuhe empfahl^), fügte er warnend hinzu: „Will man den Gebrauch
der Handschuhe verallgemeinern, wozu mir eine Berechtigung nicht
vorzuliegen scheint, so ist zu bemerken, daß er der Raschheit des
Operierens auf alle Fälle schadet, den aseptischen Apparat unnötig
kompliziert, die allgemein menschliche Seite des eventuellen Ver-
trauens auf seinen Schutz die Strenge der sonstigen Händesterilisa-
tionsmaßnahmen gefährdet.'
1) 21. 847.
2) Zentralblatt für Chirurgie 1888, S. 449.
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29] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 341
Der letztere Punkt, den ich eben und auch Früher schon öfter
hervoi^ehoben habe, scheint mir von größter Bedeutung. Frage sich
doch jeder Arzt, der einen Handschuh gebrauchen will, vor jedem
Gebrauche offen, weshalb nimmst du den Handschuh? Ich bin über-
zeugt, in der Mehrzahl der Fälle muß er sich sagen: Aus Bequem-
lichkeit, weil ich mich vorher und nachher nicht zu desinfizieren
brauche.
Der hohe Preis der Handschuhe würde nicht in Frage kommen,
hätten wir in den Handschuhen ein absolut sicheres Mittel gegen
den Tod durch Sepsis und gegen Wundeiterung. „Wir müßten lieber
hungern, als das Geld auf Kosten der Gesundheit und des Lebens
unserer Patientinnen sparen!^^ Diesem Ausspruche Fritschs^) fehlt
aber der Nachsatz: Da die Gummihandschuhe aber kein absolut
sicheres Mittel gegen Wundfieber und Tod sind, — und ich setze
hinzu, da wir sie durch eine gründliche Händedesinfektion ersetzen
können — , so kommt auch der hohe Preis in Frage und Fritsch
ist deshalb nicht berechtigt, dies Argument gegen den allgemeinen
Gebrauch „verwerflich" zu nennen.
In diesem Sinne spricht sich auch Bezirksarzt Dr. Walther^) aus:
„Wurden sich die Gummihandschuhe in der Hand der Hebamme
bewähren, so dürfte selbstverständlich der Kostenpunkt, der bei der
raschen Abnutzung von Bedeutung ist, kein Hindernis bilden. Sind
die Handschuhe aber unnötig oder gar in der Hebammenpraxis schäd-
lich, wozu solche unnütze Ausgaben?"
Für die geburtshilfliche Praxis ist es erwiesen, daß der Gebrauch
der Handschuhe keine Vorteile bringt. Es gibt keine Statistik, die
fiberzeugend nachweisen kann, daß bei dem Gebrauche der Hand-
schuhe eine nennenswerte Besserung erfolgte gegenüber den Anstalten,
wo strenge Händedesinfektion gefordert und geleistet wird.
Wie es sich in der Praxis der operativen Gynäkologie verhält,
kann ich nicht beurteilen. Nur erscheint mir die Statistik, dieKüst-
ner^) aufgestellt hat, um das Obergewicht der Handschuh-Operationen
zu beweisen, etwas sehr gedrechselt. Auch läßt Küstner unberück-
sichtigt, daß die Besserung proportional den Jahren erfolgt, also
ebensowohl die zunehmende technische Fertigkeit des Operateurs,
vielfach auch der Assistenten, als auch die strengere Auswahl der
Fälle eine wesentliche Rolle in der Besserung der Resultate mitspielt.
Ich bitte in dieser Beziehung auch die Einwürfe Schickeies und
1) Verband], der Deutsch. Ges. für Gyn. 1907, XII, S. 482.
^ Münchener med. Wochenschrift 1907, Nr. 6, S. 267.
3) Verh. d. Deutsch. Ges. für Gyn. 1907, XII, S. 571 f.
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342 F. Ahlfeld, [30
TauFfers gegenüber der Küstnerschen Statistik zu beachten (Verhandl.
der Deutschen Gesellsch. für Gynäkologie 1907, XII, Seite 682 u. 685).
Auch mache ich auf die neueste Publikation von Chrobak^) auFmerk-
sandy dessen Ansicht der meinigen sehr nahe steht.
Ich bin fest überzeugt, würde Küstner, ein Mann, der eine aus-
gezeichnete Technik besitzt und eine gewissenhafte Händedesinfektion
schätzt, ohne Handschuhe operieren, er würde die gleich guten Resul-
tate haben und einsehen, wie viel einfacher und angenehmer das
Operieren mit unbedeckten Händen ginge.
Es sollten sich doch einmal die Chirurgen und Gynäkologen hören
lassen, die ohne Handschuhe operieren. Von Tavel^) las ich, daß
er die Doederl ein sehen Versuche für durchaus nicht maßgebend
halte, ohne Handschuhe operiere und diese nur zum Schutz gegen
Infektion gebrauche. Auch Vogel 3) teilt aus der Bi ersehen Klinik
mit: „Bezüglich der Desinfektion der Hände des Operateurs wird
stets das Hauptgewicht auf die Prophylaxe zu legen sein. Hier liegt
der Hauptwert der Handschuhe, die von uns bei septischen Opera-
tionen benutzt werden, während wir uns für aseptische noch nicht
mit ihnen befreunden konnten. Die dicken, vor dem Zerreißen
sicheren, stören das Gefühl zu sehr, die dünnen sind zu leicht ver-
letzt und dann gefährlicher als keine Handschuhe.^^
Auf diese Gefahren, die durch Handschuhverletzungen entstehen,
machen Füth^) und Gottstein^) besonders aufmerksam. Unsere
eigenen Erfahrungen habe ich bereits früher veröffentlicht.®)
Im Anschluß an die Versuche über sofortige Reinigung der Hand
nach eben statrgefundener infektiöser Beschmutzung und infolge der
Betrachtung über den Wert der Abstinenz schien es mir nicht un-
zweckmäßig zu sein, den Vorgang der Selbstreinigung der Hand
etwas genauer zu studieren, zumal ich, wie oben schon ausgeführt,
nur Ansichten ausgesprochen fand, die auf Vermutungen beruhen,
sich aber nicht auf Versuche gründen.
Da ich nach meinem Austritte aus der Frauenklinik und nach Aufgabe
meiner Praxis meine Hand mit keinerlei KrankheitsstofiF in Berührung
zu bringen und deshalb auch keine chemische Händedesinfektion nötig
hatte, so benutzte ich einige Wochen zu diesen Versuchen.
Zu dem Zwecke gebrauchte ich den Prodigiosus und den Diplo-
1) Zentr. f. Gyn. 1908, Nr. 14, S. 458.
2) Korrespondenzbl. f. Schweizer Ärzte 1907, Nr. 22, S. 711.
3) Deutsche med. Wochenschrift 1905, Nr. 30, S. 1179.
4) Zentralbl. für Gynäkologie 1902, Nr. 39.
5) V. Bruns, Beitr. zur Klin. Chirurgie, Bd. 25, S. 97.
6) 29. 1957.
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31] Der praktische Arzt und die Händegefabr. 343
coccus citreus. Aus dem hygienischen Institute erhielt ich von beiden
Bakterien frische Kulturen, die sich, was ich gleich vorausschicken
will, durch Kontrollversuche als sehr lebensfähig erwiesen.
Anfiangs in schwächeren, später in stärkeren Aufschwemmungen
badete ich meine eine Hand und ließ die Masse antrocknen. Die
Hand wurde einen halben Tag lang, einmal 10 Stunden lang, nicht
mit Wasser in Berührung gebracht, und wenn eine Waschung dann
ausgeführt wurde, so geschah dies ohne Bürste, nur mit Seifenschaum
und Wasser, so kurz als möglich.
Ich sehe von der Aufführung der einzelnen Versuche ab, sondern
bringe nur die Resultate:
Der Prodigiosus, mochte die Hand schwächer oder stärker be-
schmutzt sein, war nach zweimal 24 Stunden und später nicht mehr
nachzuweisen. Nur bei längeren Nägeln blieb er unter dem Nagel
noch einige Zeit erhalten.
Der gelbe Luftpilz, Diplococcus citreus, mäßig reichlich die ganze
Hand beschmutzend, war 7 Tage lang, wenn auch nur in ganz ein-
zelnen Kolonien, an der Hand nachweisbar.
Inwieweit man die Resultate mit derartigen Bakterien, die nicht
zu den Hautparasiten gehören, auf die mit pyogenen Bakterien infi-
zierte Hand übertragen kann, ist freilich eine andere Frage. Gern
hätte ich auch mit diesen Versuche gemacht, doch weiß ich mit dem
besten Willen keinen Weg zu finden, um den Nachweis zu führen,
daß die zum Zwecke der Untersuchung auf die Haut gebrachte Spezies
nach so und so viel Zeit als Reste oder Abkömmlinge der Infektions-
masse anzusehen seien.
Hingegen sei hier noch eines Versuchs Erwähnung getan, den ich
anstellte, um zu sehen, ob die Hand durch stundenlange Erweichung
in sehr warmem Wasser ihren Keimgehalt auffallend ändere, wenn
von außen keine neuen Keime hinzukommen können.
Meine saubere Tageshand, die wochenlang nichts mit „infektiösen*
Stoffen zu tun gehabt hatte, auch nicht desinfiziert war, steckte ich in
ein steriles Waschbecken mit U/2 1 sterilem Wasser und ließ Becken,
Hand und Vorderarm mit einem sterilen Tuche bedecken. Eine halbe
Stunde lang bewegte ich zum öfteren Hand und Finger, nahm dann
die Hand hervor, rieb sie mit einem sterilen Handtuche ab und
brachte sie sofort in ein zweites und nach wieder halbstündiger Han-
tierung in ein drittes, viertes, fünftes Becken, jedesmal vor dem
Wechsel die Hand abreibend.
Aus jedem der fünf Becken wurden 10 ccm Wasser mit steriler
Pipette entnommen und in fünf sterile Reagenzgläser gebracht.
Am Schlüsse dieses 2V2Stündigen Verfahrens kratzte ich mit
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344 F- Ahlfeld, [32
Sterilen Hölzchen die Haut der Hand an verschiedenen Stellen sehr
kräftig ab und warf die Hölzchen in ein sechstes steriles Reagenzglas.
Unmittelbar nach Beendigung des Versuchs wurde aus den fünf
Reagenzgläsern je 1 ccm Flüssigkeit entnommen , in eine Petrischale
geschüttet und mit flüssigem Agar übergössen. Auch die Holzchen
wurden in einer Petrischale in gleicher Weise behandelt.
Nach 4 Tagen hatten sich in der Schale 3, 4 und 5 ungefähr dop-
pelt soviel Keime entwickelt, als in 1 und 2, während in der Schale
mit den Hölzchen eine mittlere Anzahl zu finden war.
Jedenfalls war ersichtlich, daß mit Aufweichung und Erwärmung
der Hand die Zahl der Keime sich vermehrt hatte.
Da ich infolge Aufgabe meiner klinischen Tätigkeit voraussichtlich
nicht wieder dazu kommen werde, durch experimentelle klinische
Untersuchungen und Beobachtungen weitere Beweise für den Wert
des Alkohols als Desinfektionsmittel der Haut, vornehmlich der
Hand, zu bringen, so sei es mir gestattet, den Stand der Frage bis
zum Schluß des Jahres 1907 zu fixieren.
Dies erscheint mir auch nötig, um der großen Zahl von Fach-
kollegen, die sich bei den widersprechenden Publikationen nicht Rat
wissen, was und wem sie nur eigentlich glauben sollen, einen Weg-
weiser zu verschafiFen.
Hängt doch von der Entscheidung der Frage, ob man, besonders
auch der praktische Arzt imstande ist, wenn er nur gewissenhaft ver-
fahrt, sich derart vorzubereiten, daß er einen chirurgischen, einen ge-
burtshilflichen Eingrifl^ vornehmen darf, ohne die ausgedehnten pro-
phylaktischen Hilfsmittel benutzen zu müssen, die jetzt in den modernen
Operations- und Entbindungssälen eingeführt sind, besonders auch,
ohne sich stets der Gummihandschuhe bedienen zu müssen.
Das Für und Wider den Alkohol ist gerade in den letzten
Jahren in recht auffälliger Weise zutage getreten. Ein Sammelwerk,
wie das v. Win ekel sehe, an dem zahlreiche Lehrer der Geburtshilfe
mitgearbeitet haben, mulJ ja von vornherein mit Dissonanzen in den
Anschauungen rechnen. Immerhin dürften diese doch für den Leser
in etwas gemildert sein, damit er sich selbst ein Urteil nach dieser
oder jener Seite hin schaffen könne. Wenn aber der Inhalt sich so
schroff gegenübersteht, wie in dem von Menge bearbeiteten Kapitel
über Antiseptik und Aseptik, Band I, 2. Teil und in dem v. Herff
geschriebenen über Händereinigung, Band III, 2. Teil, dann ist eine
Vermittlung nicht möglich. Nur der eine kann recht haben, der
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33] Der praktische Arzt und die Händegefabr. 345
andere lehrt etwas Falsches. Auf dem letzten Gynäkologeokoogresse,
Dresden 1007, waren beide Referenten, Fritsch und Küstner, Gegner
der Alkoholdesinfektion und damit auch Anhänger der Gummihand-
schuhe, Beide stützten sich auf das von anderen ausgesprochene
Axiom von der Unmöglichkeit, die Hand auf die Dauer einer Operation
keimfrei zu machen, obwohl ich durch verschiedenartige Experimente
nachgewiesen habe, daß dieses nicht nur mir, sondern vielen meiner
Assistenten und Schülerinnen fast regelmäßig gelungen ist. Wie Fritsch,
steUt auch Küstner an die Spitze seines zusammenfassenden Referats
den bisher noch mit Recht zu bestreitenden Satz: ,Es ist erwiesen, daß
die Haut des lebenden Menschen durch kein Mittel und keine Prozedur
keimfrei zu machen ist.'' Auch Doederlein führt sich in München
wieder mit der Behauptung ein, alle Versuche, die Hand des Opera-
teurs keimfrei zu machen, hätten die Unmöglichkeit ergeben.^)
Selbstverständlich muß sich auf solche Anerkennung der Unvoll-
kommenheit jeder Desinfektionsmethode ein Gebäude von Schutzmaß-
regeln aufbauen, das jetzt eine Höhe erreicht hat, daß der praktische
Arzt nicht mehr folgen kann.
Auf Paraffin- und Wachsüberzug der Hand folgten Handschuhe von
Seide und Leder. Dann Zwirnhandschuhe, Gummihandschuhe. Gummi-
handschuhe plus Zwirnhandschuhe und Zwirnhandschuhe plus Gummi-
handschuhe, Firnisüberzug der Hand und Betupfen des ersten Finger-
glieds mit Jodtinktur. Die unbedeckte Hand, als chirurgisches Werkzeug,
wurde geradezu verpönt und das Nonplusultra dieser Händefurcht
war der oben schon erwähnte Ausspruch M enges, der Arzt dürfe mit
seiner Hand kein Bad für eine Gebärende zurechtmachen.
Wie soll sich nun der Arzt, der selbst keine experimentellen Unter-
suchungen gemacht hat, Klarheit verschaffen, wenn er die wider-
sprechendsten Urteile hört. Auf der einen Seite: »Der Stern des
Alkohols, der so hellstrahlend aufgegangen war, ist wieder im Ver-
bleichen''^), und in demselben Handbuche: »Die Aufgabe des Alkohols
bedeutet einen Rückschritt in der Desinfektionsfrage*^), oder, wie der-
selbe Autor sich an anderer Stelle^) ausdrückt: »Ohne Alkohol keine
ausgiebige Desinfektion.""
Wenn einerseits der Referent^) einer Arbeit Schumburgs^), die
von ausgezeichneten Erfolgen bei der Alkoholdesinfektion berichtet,
sich zu dem Ausspruch veranlaßt sieht: »Dagegen ergibt sich der Sieg
1) Deutsche med. Wochenschrift 1907, Nr. 52, S. 21d9.
^ Menge, V. Winckels Handbuch, Bd. I, 2. Teil, S. 1215.
3) ▼. Herff, in v. Winckels Handbuch, Bd. III, 3. Teil, S. 781. — ^ 4) Münchener
med. Wochenschr. 1907, Nr. 21. — 5) Zentr. f. GynSk. 1907, Nr. 30, S. 949. —
Ö) Archiv für Klin. Chir. Bd. 79, Heft 1.
Klin. Vorträge, N. F. Nr. 4^/93. (Gjmakologie Nr. 179/äO.) Juli 1906. 26
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346 F. Ahlfeld, [34
des Alkohols auf der ganzen Linie des Kampfes gegen die Hande-
bakterien "^^ und andererseits Littauer^) den Handschuh als einziges
Rettungsmittel empfiehlt, „den Ählfeld, verblendet von dem
Werte seiner Alkoholdesinfektion, eine vorübergehende Modesache
nennt*.
Ich habe früher Gelegenheit genommen^), nachzuweisen, wie klein
die Zahl der Experimentatoren ist, soweit sie nach meiner Desinfek-
tionsmethode geprüft haben, auf deren Resultate sich das Axiom der
Unzulänglichkeit der HeiDwasser-Alkohol-Desinfektionsmethode gründet.
Füge ich noch hinzu, daß von den wenigen, die ausgedehntere Unter-
suchungen gemacht haben, die Resultate zum Teil derart waren, daß
bei Fortsetzung der Versuche das Ziel der absoluten Keimfreiheit der
Hand wahrscheinlich erreicht worden wäre^), Engels*), ein Gegner
der Methode, sogar, angesichts der Vorzüglichkeit seiner Resultate,
zu dem Ausspruch veranlaßt wird: »Das Resultat kann in uns mit
Recht den Glauben erwecken, daß nochmal eine Zeit kommen wird,
wo wir mit Hilfe bestimmt zusammengesetzter Desinfektionsgemische
doch eine vollständige Keimfreiheit der Hand erzeugen können*, so
sinkt die Zahl der gegnerischen Veröffentlichungen in ihrer Bedeutung
wesentlich herab.
Überdies sind zu den von mir in einer unvergleichlich größeren
Zahl ausgeführten Untersuchungen immer neue hinzugekommen, die,
auf noch strengeren Untersuchungsmethoden aufgebaut, zu denselben
Ergebnissen gelangen, wie die früheren.
Wenn sich trotz des Widerstandes und einer für wissenschaftliche
Fragen ungewöhnlichen Agitation gegen die Benutzung des Alkohols
als Desinfektionsmittel von selten einer einflußreichen Partei unter
den Gynäkologen dennoch von Jahr zu Jahr die Berichte über erfolg-
reiche bakteriologische Untersuchungen und über ausgezeichnete Resul-
tate bei der praktischen Anwendung mehren, so ist dies wohl ein
Beweis für die Richtigkeit meiner Vorschläge, wie er selten in einer
strittigen Frage erbracht wird.
Wenn Fritsch (Seite 187) sagt: »Gerade der Umstand, daß nie-
mand erreichte, allgemein gültige Gesetze aufzustellen, sondern daß
überall das gleiche Ziel von getrennt marschierenden Forschern erstrebt
wird, sichert auch einen ferneren Fortschritt und verhindert die Er-
starrung in selbstgefälliger Zufriedenheit'', so möchte ich dem ent-
gegenhalten, daß man gerade jetzt durch Empfehlung des uneinge-
1) Zentr. f. Gyn. 1907, S. 883. — 2) 20. 372. — 3) Paul u. Sarwey, Münch.
med. Wochenschr. 1899, Nr. 51, Tab. Nr. 3, Dr. Meyer. — 4) Klinisches Jahrbuch
1905, Bd. 13, S. 606 f.
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35] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 347
schrankten Gebrauchs der Gummihandschuhe auf dem besten Wege
ist, zu »dieser Erstarrung in selbstgefälliger Zufriedenheit* zu gelangen
und möchte weiter zu bedenken geben, wie eine solche Sentenz, in
die allgemeine Praxis übertragen, in das Gegenteil umschlagen würde.
Der praktische Arzt und vor allem die Hebamme und das Warteper-
sooal, sie bedürfen einer festen Richtschnur in der Frage der Hände-
desinfektion. Es ist daher wünschenswert, im allgemeinen einer
Händedesinfektionsmethode den Vorzug zu geben. Dabei ist es jedem,
der das Gebiet vollständig überschaut, unbenommen, an deren Ver-
besserung weiter zu arbeiten oder eine andere, seiner Meinung nach
bessere Methode zu gebrauchen und zu empfehlen, wie auch Ab-
weichungen von der anerkannten Methode sich von selbst ergeben^
wenn ausnahmsweise diese Methode nicht vertragen wird.
Im Laufe der letzten Jahre haben sich durch eigene und anderer
Untersuchungen eine Reihe der strittigen Punkte wesentlich geklärt,
wodurch die Beurteilung der von mir vertretenen Desinfektionsmethode
auch dem Fernerstehenden erleichtert wird.
Ich nehme die Haupteinwürfe nochmals kurz durch, indem ich
in der Hauptsache nur neuere Beweismittel für und wider anführe,
aof ältere, schon zur Genüge besprochene, nur verweise.
Der zeitlich erste, von Krönig gemachte und bis auf den heutigen
Tag festgehaltene und in den Vordergrund gestellte Einwurf ist der
der Scheindesinfektion.
Mit dem Worte »Scheindesinfektion" hat Krön ig, wie die Öster-
reicher sich ausdrücken, einen großen , Schlager' getan. Für die
ungezählten Autpren, die selbst keine Versuche über Händedesinfektion
gemacht haben, — und da sind unsere bedeutendsten Chirurgen und
Gynäkologen nicht ausgeschlossen — genügt dieser Mann und dieses
Wort, um immer und immer wieder den Satz zu wiederholen, der
Alkohol härtet nur die oberste Schicht der Haut; aus diesem Grunde
gibt die Hand zeitweilig keine Keime von ihrer Oberfläche ab. Wird
die Oberfläche aber wieder weich, wie nach einem längeren Wasser-
bade, während einer Operation mit oder ohne Gummihandschuhe,
dann kommen die verheerenden Keime aus der Tiefe hervor und er-
gießen sich über das Operationsobjekt. Der Operateur ist bitter ge-
tauscht worden. Scheindesinfektion.
In der Tat würde der Vorgang sich derart abspielen, wenn man
eine Hand, gänzlich unvorbereitet, mit einem konzentrierten Alkohol
behandeln wollte. Der würde die oberste Schicht härten, in die Tiefe
nicht eindringen und die Bakterien der tieferen Schichten gänzlich
unberührt und lebensfähig belassen.
Anders aber bei unserer Desinfektionsmethode, bei der eine Be-
26*
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348 F. Ahlfeld, [36
seitigung des oberflächlichen Hautfetts und ein Aufweichen der Haut
mit heißem Wasser vorausgehen muß, ehe der Alkohol zur Verwendung
kommt.
Die Scheindesinfektion könnte aber auch dadurch hervorgerufen
werden, daß die durch Alkohol erhärtete Oberfläche der Hand bei der
experimentellen Prüfung die Keime nicht abgeben kann^ wodurch ihre
Abtötung vorgetäuscht würde, ein Fehler des Experiments, der durch
ausgiebige Aufweichung der Oberhaut nach Ausführung der Alkohol-
waschung vermieden werden kann.
Obwohl ich in keiner Veröffentlichung unserer Desinfektionsexperi-
mente zu betonen unterlassen habe, wie die Händeprüfung niemals
ohne vorausgegangenes längeres Aufweichen der Hände erfolgt ist, so
sind doch meine Resultate von den Gegnern, zumeist auf jene Krönig-
sche Behauptung sich stützend, abgetan worden; auch noch, als ich
immer überzeugendere Experimente brachte: die Hand erst nach Auf-
weichung in warmer Fleischbrühe durch eine Stunde lang untersuchte
oder nach über eine Stunde dauernden Operationen unter dem Gummi-
handschuh. Alles half nichts. Es bleibt doch dabei, es war nur eine
Scheindesinfektion.
Auch Fritsch, der früher einmal^) die Tiefenwirkung anerkannt
hatte, als er schrieb: „Ahlfeld hat Keimfreiheit der Finger erzielt.
Daß er dies erreicht hat, hat er bewiesen'',- stellt sich neuerdings ent-
schieden auf die gegnerische Partei. ,^Die Idee, durch Alkohol die
Haut trocken und hart zu machen und dadurch die Abgaben von
Kokken der Hand zu verhindern, ist doch nicht richtig! Nicht fesseln
wollen wir die Kokken, sondern sie wegschaffen.'^ Von dieser
Anschauung der Alkoholwirkung ausgehend, empfiehlt Fritsch, »eine
auflockernde Sublimatwaschung dem Alkohol nachfolgen zu lassen',
„ein crimen laesae majestatis gegen die Alkoholschwärmer''.
Es ist wohl das erste Mal, daß man der kurzen auf den Alkohol-
gebrauch folgenden Sublimatwaschung die Bedeutung einer aufweichen-
den Waschung gegeben hat. In dieser Beziehung ist sie wohl gänzlich
wertlos.
Das Wort „Alkoholsch wärmer'^ kennzeichnet die Situation und
erklärt mancherlei. Einen Schwärmer behandelt man natürlich anders,
als einen ernsthaften Forscher. Man belächelt ihn, man bemideidet
ihn, hat aber nicht nötig, seinen Mitteilungen weitere Aufmerksamkeit
zu schenken. Er ist eben nicht zu bekehren. Habeat sibi.
„Schwärmer" darf man aber, meine ich, einen Kollegen nicht
1) Lehrbuch der Geburtshilfe. 1900. S. 123.
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37] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 34g
oenaen, der unermüdlich einer für die Praxis enorm wichtigen Lehre
das Wort redet, sobald sie sich auf kontrollierbare Tatsachen stützt.
Auch die Folgerungen, die Fritsch aus der Annahme einer Schein-
desinfektion macht, fallen fort, wenn die Tiefenwirkung des Alkohols
bewiesen ist Er schreibt: «Gelänge es aber auch, die Hände für den
Moment des Beginns einer Operation keimfrei zu machen, so wissen
vir doch aus unendlich vielen Untersuchungen, daß am Ende einer
Operation die Verhältnisse ganz anders liegen als beim Beginn, daß
die Hände nicht keimfrei bleiben, obwohl sie es vielleicht einmal
waren,"
Das ist zweifellos richtig. Nur ist damit nicht gesagt und bewiesen,
die im Laufe einer Operation auf der Oberfläche der Hand nachweis-
baren Bakterien seien Handbakterien, die infolge einer bloßen Schein-
desinfektion im Laufe der Operation an die Oberfläche gekommen
wären. Es kann sich ebensowohl um Neuinfektion und dann Ober-
flächeninfektion handeln, die gleicherweise die behandschuhte Hand,
wie die vorher absolut keimfreie unbedeckte Hand betrefi^en kann.
Und, um das hier gleich anzufügen, läßt sich diese oberflächliche,
im Laufe der Operation auftretende Beschmutzung, wie im früheren
Abschnitt bewiesen ist, mit Leichtigkeit durch eine schnell ausgeführte
Waschung und Abreiben der feuchten Hand mit Alkoholflanell mit
Sicherheit beseitigen; eine Hantierung, die schneller auszuführen und
billiger ist, als das Ausziehen der benutzten und Anziehen von frischen
Gummihandschuhen, und überdies den Vorteil hat, daß dabei die
Handoberfläche sicherer keimfrei wird, als wenn unter dem ausge-
zogenen Handschuhe sich Keimmassen angesammelt haben, die beim
Ausziehen an die Außenwelt treten.
Mit der Zeit habe ich aber auch in dieser Frage einige Mitstreiter
bekommen, einen oder den anderen freilich wider seinen Willen.
So Schaf fer^), der dem Alkohol früher nur eine mechanische
Wirkung zusprach. Im Gegensatz zu Haegler, Krönig, Paul und
Sarwey, die sämtlich nach der Aufweichung der Hand im Gefolge
einer vorausgegangenen Desinfektion eine auffallende Vermehrung der
Keime feststellten, berichtet er über 15 Versuche, ,in denen ich 15 bis
35 Minuten die Hand nach der Desinfektion in sterilen Flüssigkeiten
aufweichte (zum Teil im sterilen Kasten) oder 1—2^/2 Stunden die
Hinde mit Gummihandschuhen überzog. In keinem einzigen Falle
stellte sich durch die Aufweichung der Hände eine irgendwie nennens-
werte Verschlechterung der Resultate ein''.
1) Experimentelle und kritische Beiträge zur Händedesinfektionsfrage. Berlin
1902. S. 72.
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350 F- Ahlfeld, [38
Weiter erwähne Ich Vogel ^), der die Kontrolle der desinfizierten
Hand im Schwitzkasten vornahm. „Dieses Resultat spricht gegen die
Annahme von Krön ig u. a., daß der Alkohol nur eine Scheindesio-
fektion bedinge, indem er die Haut gerbe, dadurch die Poren verschließe
und die Bakterien in der Tiefe abschließe.^ »Der Umstand, daß der
Schweiß nur wenig infiziert ist, spricht durchaus besonders für die
von Ahlfeld vertretene Ansicht, daß dem Alkohol eine nennenswerte
bakterizide Kraft und auch Tiefenwirkung zukommt. Eine ,GerbuDg'
der Haut mußte doch wohl auch die Sensibilität der Haut abstumpfen.
Ich betonte aber vorn schon, daß die mit Alkohol gewaschene Hand
gegen die Hitze viel empfindlicher ist.*
Reverdin und Massol^) kommen ebenfalls zu dem Resultat, daß
aus den Schweißdrüsen nur wenige Keime geliefert werden. „Eine
Infektion durch den Schweiß der Hände gibt es nicht. Wenn die
Untersuchung nach dem Schwitzen eine bemerkenswert größere Zahl
von Keimen, als vorher festgestellt war, ergibt, so ist die Waschung
der Hand eine ungenügende gewesen. Reichliche Schweißabsonderung
bedingt keine Gefahr für die Operation.""
Die keimtötende Fähigkeit des Alkohols gegenüber den vege-
tativen Formen der Bakterien, also gegenüber der Sepsis, dem Kind-
bettfieber, dem Wundfieber usw., die anfangs ebenfalls bestritten wurde,
hat jetzt von allen Seiten Bestätigung erhalten und zwar aucji im ein-
zelnen genau entsprechend den Resultaten von Untersuchungen, die
ich zuerst mit meinem Assistenten, Dr. Vahle^), zusammen angestellt
und veröffentlicht habe.
Besonders muß ich erwähnen, wie Schäffer seine frühere Stellung
zu dieser Frage verändert hat. Während er in seiner größeren Arbeit
aus dem Jahre 1902^) dem Alkohol gegenüber den an der Hand be-
findlichen Bakterien keine bakterizide Eigenschaft zuerkennt, sondern
den Erfolg als einen rein mechanischen erklärt, berichtet er 1904^):
»Viele Hunderte von Einzelversuchen aber, die ich seitdem angestellt,
haben mich gelehrt, daß der Alkohol allen bekannten Antiseptizis, auch
dem Sublimat in 1 pro mille Lösung — wenigstens feuchten Ob-
jekten und vegetativen Bakterienformen gegenüber — zum mindesten
gleichkommt.^
Ich halte es für wichtig, zum Verständnis von mancherlei Vor-
gängen etwas eingehender auf diese Anschauungsänderung einzugehen.
1) Deutsche med. Wochenschrift 1905, Nr. 30, S. 1179.
2) Revue mddicale de la Suisse Romande 1905, no. 1, p. 35.
3) 4. (1896). — 4) Experimentelle und kritische Beiträge zur Händedesinfektions-
frage. Berlin 1902. S. 66. — 5) Monatsschrift für Geb. u. Gyn. Bd. 19, S. 097.
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39] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 351
Schaf Fer war durch folgenden Versuch i) zu der festen Oberzeugung
gekommen, der Alkohol besitze keine keimtötende Eigenschaft:
Er infizierte die Hände mit dem gelben Luftpilz, bürstete in einer Schale mit
150 g Alkohol 6 Minuten lang die Hände ab und goß den Alkohol mit den darin
schwimmenden Gerinnseln durch ein steriles Filter. Nachdem der Alkohol durch-
gelaufen war, wurde mit warmem sterilem Wasser der Filter und sein Inhalt von
Alkohol befreit und schließlich die Filterspitze herausgeschnitten und mit steriler
Bonillon in Petrischale gebracht.
Nach 4 Tagen waren 2—3000 gelbe Kolonien angegangen.
Schäffer, der diesem Versuche »ganz besondere Beweiskraft«
zuschreibt, notiert als Endresultat: ,,Aus diesem einfachen Versuch
gebt mit zwingender Notwendigkeit hervor, daß die keimtötende Kraft
des Alkohols nun und nimmer zur Erklärung seiner sterilisierenden
Wirkung ausreicht.''
Ich habe diesen Schaf ferschen Versuch wiederholen tlich nach-
gemacht und kann die Richtigkeit des Resultats nur bestätigen, nicht
aber den verallgemeinernden Schluß Schäffers, der Versuch be-
wiese, daß der Alkohol nicht bakterizid wirke, denn die folgenden
Versuche beweisen das Gegenteil und erklären den Mißerfolg.
Ich benutzte die gleiche Kultur des Diplococcus citreus, vermischte sie mit
10 com Alcohol absol. und schüttelte das Reagenzglas 10 Minuten. Diese Emulsion
vurde in einen sterilen Filter gegossen, um den Bodensatz untersuchen zu können.
Nachdem der Alkohol durch steriles Wasser aus dem Filter ausgelaugt war (ca. 6 Min.),
vurde die Filterspitze mit steriler Schere abgeschnitten, in eine Petrischale ge-
bracht, mit etwas Bouillon beschüttet und Agar darübergegossen.
Resultat: Die Unmasse von Keimen, die in dem Reagenzgläschen
sich vorfanden, wurden durch Alkohol in 10 Minuten bis auf 3 oder
4 abgetötet. Beobachtungszeit Tage.
Dem Schäfferschen Versuche entspricht genau das Sängersche
Experiment«), über das ich früher^) schon berichtet habe. Die mit Sta-
phylococcus aureus vollgesaugten Streichholzstückchen wurden feucht
in absoluten Alkohol gebracht und dennoch zeigten sämtliche Gläschen
Keimwachstum. Auch Sänger machte denselben Schluß wie Schäffer:
»Es war also dadurch bewiesen, daß Alcohol absolutus auf Staphylo-
kokkus keinen nennenswerten desinfektorischen Einfluß besitzt.'' Auch
diese Versuche erwiesen sich, von mir nachgeprüft, als vollkommen
richtig, aber ebenso stellte ich fest, daß eine Staphylokokkenkultur
desselben Stammes, als Emulsion in Alkohol (96% und 64%) ge-
schüttelt, absolut abgetötet wurde.
Beide Versuche und ihre Gegenversuche bestätigen eine nun
1) Zit unter 4), Seite 65, Versuch 13 (ProtokoU Nr. 66).
2) Verhandl. d. Deutsch. Ges. für Chirurgie, 28. Kongr. Berlin 1899. S. 504.
3) 20. 353.
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352 F. Ahlfeld, [40
ziemlich allseits anerkannte Tatsache: Der Alkohol muO die Bak-
terien frei von gerinnbaren und kontraktionsfähigen Stoffen
finden, wenn er sie abtöten soll, und weiter: Mittels einer zu
starken Konzentration ist er im Beginn seiner Einwirkung
imstande, sich selbst solche Bakterienumhüllungen zu
schaffen.
Infolgedessen wirkt er gegenüber feuchten Bakterien abtötend,
trockene bilden um sich eine Hülle, müssen daher erst angefeuchtet
werden, wenn der Alkohol in sie eindringen und sie abtöten soll.
In diesem Sinne sprechen sich die meisten neueren Arbeiten aus.
Unter anderen experimentierten mit trockenen und feuchten Bakterien
Harrington und Walker.^) Sie prüften Bact. coli, B. pyocyaneus,
B. typhi, B. diphtheriae, anthracis, den Staphylococcus aureus und
albus und kamen zu folgenden Resultaten:
1. Auf trockene Bakterien ist absoluter bis 70%iger Alkohol wir-
kungslos.
2. Sporenfreie Bakterien, feucht mit 40 %igem Alkohol zusammen-
gebracht, werden in 5 Minuten getötet. Manche Konzentrationen
wirken schon in einer Minute.
3. Alkohol unter 40% wirkt langsam und unsicher.
4. Als geeignetste Konzentration gegen trockene wie feuchte Bak-
terien erweisen sich 60—70%.
5. Die Hülle der trockenen Bakterien ist für hoch konzen-
trierten Alkohol undurchdringbar. Wasserhaltiger Alkohol
gibt sein Wasser erst an die Hüllen ab und wirkt erst dann.
6. Bei feuchten Bakterien hat Alkohol über 70% keinen Vorteil
gegenüber dem weniger konzentrierten und man kann zur Hautdes-
infektion mit 60— 70%igem auskommen.
7. Gelingt es, die tiefer in der Haut liegenden Bakterien
mit Alkohol in Berührung zu bringen, so werden meist 5 Mi-
nuten zu ihrer Abtötung genügen.
Ruß^), der die vegetativen Formen der Handbakterien, die pyo-
genen Bakterien und das Bact. coli prüfte, konnte diese schnell mit
90— 70%igem Alkohol abtöten. Von 40% ab wird die Wirkung
mangelhaft. „Bei vorheriger mechanischer Reinigung mit Wasser,
Seife und Bürste werden die an der Haut haftenden oberflächlichen
Keime weggeschwemmt, die tiefer liegenden befeuchtet.^ „Bei dieser
Vorbereitung nehmen die Keime wohl soviel Wasser auf, daß ihre
1) Tbe germicidai action of alcool. Boston med. and surg. Journal 1903, Mty.
2) Zur Frage der Bakterizidie durch Alkohol. Zentralbl. für Bakter. usw. 1904,
Bd. 37, Heft 2, S. 280.
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41] Der praktische Arzt und die Händegefabr. 353
Hfille genügend gequollen ist, um den nun nachfolgenden Alkohol, sei
er nun absolut oder geringgradig verdünnt (—80%), vollen Eingang
zu gewähren/^
Auch Hansen^) bestätigt die Einwirkung des absoluten Alkohols
auf feuchte Bakterien und die der Verdünnungen auf angetrocknete.
Hansen, der an ekzemkranker Haut prüfte, bestätigt außerdem
die von mir festgestellte Tatsache^), daß er „weder unter den Haut-
noch unter den Ekzembakterien eine einzige sporenbildende Art^^ ge-
funden, somit seine Versuche sich nur mit vegetativen Formen befaßt
hatten.
Weiter erwähne ich noch, daß auch Füth^) neuerdings die bak-
terizide Eigenschaft des Alkohol anerkennt; wenigstens entnehme ich
dies seinen Worten: „Ahlfeld hat unstreitig recht, wenn er dem
Alkohol eine desinfizierende Wirkung zuschreibt."
Wirgirc^) setzt, „infolge des größeren Eindringungsvermögens^, die
keimtötende Kraft des konzentrierten Alkohols über die von zwei pro
mille Sublimat.
WeigP) verhinderte die Gerinnung der mit Alkohol in Berührung
zu bringenden StofiFe durch tropfenweises Einträufeln des Alkohols
und durch andauerndes Umschütteln und bestätigt ebenfalls die ent-
schiedene bakterizide Wirkung auf vegetative Formen.
Bei dieser Einmütigkeit der Laboratoriumsversuche bleibt nur die
Frage noch zu erledigen, ob der Alkohol auch die tiefsitzenden Bak-
terien der Haut erreicht. Experimentelle Versuche, unter meiner
Mitwirkung von Rieländer<<) und Fett^) ausgeführt, haben dies be-
wiesen. Dafür sprechen auch unsere Desinfektionsversuche, voraus-
gesetzt, daß unsere Verfahren die Kritik bestehen.
In einer umfangreichen Arbeit hat Sarwey^) unsere experimen-
tellen Verfahren als ungenügend darzustellen versucht. Ich will hier
nicht wiederholen, was ich gegen diese Schrift zu meiner Verteidigung
^Dgcgeben habe^), muß hingegen auf Grund neuerer Versuche und
Erfahrungen zunächst auf meine, von Sarwey so in den Hintergrund
gedrängte Befürchtung eingehen, ein Teil der Sarwey sehen Miß-
1) Tötende Wirkung des Äthylalkohols auf Bakterien und Hefen. Zentralbl.
für Bakt. usw. 1907, Bd. 45, S. 470.
2) 20. 346.
3) Zentralbl. f. Gynäk. 1906, Nr. 33, S. 925.
4) Zeitschr. für Hygiene u. Inf. 1904, Bd. 46, S. 617. 5) Arch. f. Hygiene
1902, Bd. 24, S. 273. 6) 22. 7) 23.
8) Bakteriologische Untersuchungen über Händedesinfektion und ihre Ergeb-
nisse für die Praxis. Berlin 1905.
9) 29.
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354 F. Ahlfeld, [42
erfolge, die er den nicht zu beseitigenden Handbakterien zuschreibt»
kommen auf Luft- und andersartige Nebeninfektion hinaus.
Im vergangenen Jahre habe ich, um auch in dieser Frage durch
eigene Versuche und Beobachtungen mir ein eigenes begründetes Ur-
teil zu schaffen, hauptsächlich mit Petrischalen und festen oder er-
starrenden Nährböden gearbeitet. Diese Experimente haben meine
Befürchtung voll bestätigt, daß die Gefahr einer Verunreinigung
bei Benutzung von Petrischalen viel größer ist als bei Ge-
brauch von Reagenzgläsern.
Die im hygienischen Institute gegossenen Schalen blieben dort erst
stets 24 Stunden zur Kontrolle im Brütofen und nachdem sie mir ab-
geliefert waren und ich sie, wie oben beschrieben, mit einem kräf-
tigen Gummiband versehen hatte, damit Deckel und Schale unter
keinen Umständen sich voneinander entfernen konnten, ließ ich sie
vor dem Gebrauche nochmals mindestens 24 Stunden im Brutraume
stehen.
Selbst von diesen unbenutzten, nicht geöffneten Schalen mußte eine
kleine Anzahl ausgeschieden werden. Von den auch nur sekunden-
weise geöffneten, zeigten etwa 20% Verunreinigungen, die ganz be-
sonders deutlich in den Fällen zu erkennen waren, wo ich auf festen
Nährboden Zahlen oder Figuren — wie oben beschrieben — gezeichnet
hatte und dennoch, weitab von dieser begrenzten Aussaat, einzelne
Keime, also Luftkeime, sich entwickelten.
In Obereinstimmung hiermit beobachteten Stähler und Winckler^)
bei Versuchen an 81 Frauen 50 mal Verunreinigung der von ihnen
verwendeten Platten durch Luftkeime, und Schäffer^) stellte experi-
mentell fest, daß es in einem beträchtlichen Verhältnis nicht gelingt,
Luftverunreinigungen von den Platten fernzuhalten. An anderer
Stelle (Seite 88) gibt er dieser Tatsache durch auffallenden Fettdruck
noch besonderes Gewicht: »Daher ist es unzweifelhaft, daß die etwas
größere Zahl von Kolonien, die nach der Alkoholbürstung bei der
Tageshand angegangen sind, lediglich der ganz unvermeidlichen
Luftinfektion anzurechnen ist.*
Bemerkenswert ist, daß auch Engels^) zugesteht, die ganz ver-
einzelten Keime, deren Entwicklung in seinen Versuchen mit 2% igem
Sublamin-Alkohol die absolute Sterilität verhindert haben, könnten
durch Versuchsfehler entstanden sein, indem beim Gießen der Platten
Eiterkeime aus der Luft übertragen worden sind.
1) Monatsschr. f. Geb. und Gyn. 1809, Juni, S. 737.
2) Experimentelle und kritische Beiträge zur Händedestnfektionsfrage. Beriin
1902. S. 32.
3) Klinisches Jahrbuch 1905, Bd. 13, S. 592.
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43] Der praktische Arzt und die HSndegefahr. 355
Gleich im Beginn meiner Desinfel^tionsversuche, 1805, fiel mir
diese Gefahr bei Benutzung der Schalen auf. Aus diesem Grunde
und um schnell viele Versuche machen zu können, wie es bei meiner
Versuchsanordnung notwendig war, verließ ich den Gebrauch der
Schalen und der festen Nährböden und benutzte Bouillon und Rea-
genzgläser, da die Luftverunreinigung beim Gebrauch letzterer auf ein
Minimum herabsinkt.
Seh äff er würde vielleicht zu noch günstigeren Resultaten zu-
gunsten der Heißwasser -Alkoholmethode gekommen sein, wenn er
aicht eine unbegründete Furcht vor dem Gebrauche flüssiger Nähr-
böden gehabt hätte. S. 29 schreibt er: „Manche Versuchsanordnungen
sind derart^ daß es fast verwunderlich erscheinen kann, wie überhaupt
auch nur in einem Falle Keimfreiheit erzielt werden konnte! Es gilt
dies ganz besonders bei der Verwendung flüssiger Nährböden zur
Prüfung der Händesterilität. Da ein einziger in die Bouillon gelangter
Keim innerhalb eines Tages sich vermillionenfacht und Trübung des
ganzen Röhrchens verursacht, da schon ein kurz dauerndes Öffnen
des Wattestopfens hierzu bisweilen genügt, da die Partikelchen, welche
von der Hand abgekratzt und in das Röhrchen versenkt werden, mit
Leichtigkeit Träger eines Luftkeims sein können, so läßt sich aus der
Trübung des Bouillon röhrchens über die Sterilisierbarkeit der Hand
nie und nimmer ein Schluß gewinnen.^^
Diese Folgerung hat doch nur eine Berechtigung, wenn die Bouillon
sich trübt, nicht aber, wenn sie klar bleibt, wie es bei meinen Ver-
suchen tausendfach (wörtlich genommen) der Fall gewesen ist.
Damit ist die Behauptung, flüssiges Nährmaterial im Reagenzglas sei
v^en der Gefahr der Luftinfektion ungeeignet, auf das glänzendste
widerlegt
Auch Sarweyi) findet sich mit diesem Resultat nicht auseinander:
»Müßten da nicht die meisten, wenn nicht alle Bouillonröhrchen
Ahlfelds getrübt sein, da doch bekanntlich bei der Bouillon ein
einziger Luftkeim genügt, um eine diffuse Trübung des ganzen Röhr-
chens hervorzurufen? Und doch erzielt Ahlfeld trotz alledem Steri-
lität seiner Bouillonröhrchen/^ Die beiden von Sarwey gemachten
Erklärungsversuche sind, was den ersten anbetrifft, es sei so viel
Alkohol mit übergeimpft, daß die Luftkeime sich nicht hätten ent-
wickeln können, hinFällig. Den zweiten verstehe ich nicht.
Küstner, in seinem Referate über diese Antikritik Sarweys,
1) Bakteriologische Untersuchungen über Handedesinfektion usw. Berlin 1905.
S.28.
2) Verhandl. der Deutschen Gesellsch. für Gynäk. 1007, Seite 252.
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356 F- Ahlfeld, [44
gebraucht den Ausdruck, im bezug auf die Abhaltung von Luftkeimen
seien meine Untersuchungen ^^aller Kanteten bar^^ Schon das glan-
zende Resultat, was ich eben erwähnt habe und das durch Schaf fers
und Sarweys Hervorheben dieser Tatsache noch mehr ins Licht
gestellt worden ist, müßte doch Kfistner veranlaßt haben, der An-
gelegenheit etwas mehr auf den Grund zu gehen. Er wurde dann
aus meinen Publikationen ersehen haben, daß ich die Versuche in
einem Räume gemacht habe, der abwaschbare Wände hatte, nur eiserne
und Glasgegenstände enthielt, und daß die Schülerinnen bis zu dem
Augenblicke, wo die Abnahme erfolgte, die Hand in sterilem Wasser
liegen hatten.
Daß in der Tat unser Entbindungsraum, wenn er so zum Ver-
suche vorbereitet war, arm an Luftkeimen war, beweist folgender,
alljährlich im Beginn des Hebammenunterrichts wiederholter Versuch.
Um den Schülerinnen zu zeigen, daß überall in der Luft Keime
vorhanden seien, stellte ich im Anfang der Stunde mehrere Petri-
schalen offen hin und ebenso eine Anzahl Reagenzgläser, die ich
bald mit sterilem Harn, bald mit Bouillon gefüllt hatte, und schloß
sie nach der Stunde wieder. Während sich, je nach der Sauberkeit
des Raumes — im Auditorium ungleich mehr, als im Entbindungs-
raume — auf der Agarbouillon der Schalen Keime entwickelten,
blieben die Reagenzgläser des öfteren vollständig klar, und statt
nach zwei, drei Tagen im Unterricht die Folgen der Luftinfektion
zeigen zu können, brachte ich unveränderte Flüssigkeit mit.
Da nun bei meinen Desinfektionsversuchen die Öffnungen der
Reagenzgläser vor Abnahme des Wattepfropfens, wie üblich, erhitzt
werden, und der heißere Luftstrom des Inneren in der Richtung zur
kälteren Außentemperatur abströmt, so ist dies, abgesehen von der
Kleinheit der Öffnung eines Reagenzglases, gegenüber der einer Petri-
schale, wieder ein Grund mehr, in der Luft suspendierte Keime von
der Öffnung wegzutreiben.
Ein einfacher Versuch, den ich oft wiederholt habe, überzeugt am
leichtesten: Stellt man zwei Petrischalen im gleichen Räume, die eine
auf eine erwärmte Unterlage (ich benutzte ein Glas mit heißem Wasser,
bedeckt mit einem Papier), die andere auf eine kalte, so entwickeln
sich auf der kalten Schale annähernd noch einmal so viel Luftkeime,
als auf der warmen.
Für den Gebrauch flüssiger Nährmedien zum Nachweis von Strepto-
kokken tritt auch, auf Grund umfangreicher Versuche, in neuerer Zeit
Zangmeister ein.^) „Ich verfüge heute über große Untersuchungs-
1) Zeitschr. für Geburtsh. und Gynäk. Bd. 58, S. 427.
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45] I^er praktische Arzt und die Händegefahr. 357
Serien, aus denen hervorgeht, daß flüssige Nährmedien zum Nach-
weis (sc. der Streptokokken) absolut nötig sind; in manchen Fällen
fehlte das Wachstum auf Agar (im Gegensatz zur Bouillon), selbst
wenn in dem betreffenden Sekret mikroskopisch der Nachweis der
Streptokokken schon erbracht war. Ich muß mich deshalb der be-
sonderen Empfehlung der flüssigen Nährböden durch Bumm^ an-
schließen.'*
Ich komme nun zum wichtigsten Punkte der Einwürfe gegen meine
Versuchsmethodik, wodurch eine Erklärung gebracht werden soll, auf
welche Weise meine guten Resultate, gegenüber denen „aller übrigen
Experimentatoren** zustande kämen. Es handelt sich dabei um den
Vorwurf der weniger intensiven Abimpfungsmethode.
Diesen Vorwurf machen mir Sarwey, Engels und Schäffer
die drei, die überhaupt allein meine Methode eingebender geprüft
haben.
Ich beschäftige mich zuerst mit den Arbeiten Paul-Sarweys und
Engels, die, wenigstens' in einer Versuchsreihe, mit zusammen 27
Versuchen, ganz gleichmäßig vorgegangen sind.
Daß ihre Versuche in einem sterilen Kasten vorgenommen sind,
hat, soweit es sich dabei um Abhaltung von Luftkeimen handelte, gar
keine Bedeutung für die Aufklärung der Differenz unserer Versuche,
denn bei meiner Versuchsanordnung sind, wie oben (Seite 550 u. flg.)
schon auseinandergesetzt, Luftkeime in störender Weise nicht in Frage
gekommen.
Soweit es sich um die von Sarwey betonte größere Aufweichung
der Hand im Schwitzbade des Kastens handelt, durch die tiefersitzende
Keime eher an die Oberfläche gebracht wurden, wird folgende Be-
trachtung gerechte Zweifel an der Bedeutung dieses Umstandes er-
wecken:
In Kolumne 9 der Paul-Sarweyschen Tabelle ist der Keimgehalt
der Hand nach einem 10 Minuten dauernden Wasserbade, das im
Anschluß an die Alkoholwaschung vorgenommen ist, festgelegt. Bis
zu diesem Stadium gleicht die Ausführung der Desinfektion und die
Versuchsanordnung genau der meinigen, nur daß ich den Keimgehalt
des Badewassers (Kolumne 8) nicht geprüft habe. Ja, ich habe sogar
die Aufweichung der Hand meist 15—20 Minuten andauern lassen.
Während nun in den 12 Versuchen Paul-Sarweys nur in einem
(Nr. 3, Dr. Meyer) danach die Hand keimfrei war, kam ich bei Proben
mit halbwegs geübten Schülerinnen auf 75% und darüber. Also bei
ganz gleicher Methode solch immense Unterschiede. Auch
1) Verhandl. der Deutschen Gesellsch. für GynSk. X, S. 584.
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358 F. Ahlfeld, [46
gegenüber den Engelsschen Resultaten (Tab. Seite 518) ist dieselbe
Tatsache zu berichten, aus der also unwiderruflich hervorgeht, daß
die Ursachen der Differenz nur in der Ausführung der Rei-
nigungs- und Desinfektionsmaßregeln der Hand oder in der
späteren Behandlung der nach dem Wasserbade gewonnenen
Handabschabsel liegen können.
Gewiß ist die auf die eben beschriebene Prozedur folgende Ab-
reibung der Hand mit heißem sterilem Sand oder Marmorstaub und
Untersuchung desselben auf seinen Keimgehalt eine sehr genaue
Prüfungsmethode. Unmöglich aber konnte deren Resultat befriedigend
ausfallen, wenn die Hände im Stadium vorher (Kolumne 9) ein unbe-
friedigendes Resultat ergaben. In dem einzigen Falle (Nr. 3, Dr.
Meyer), wo die Hände nach dem Bade steril waren, zeigte sich auch
der Keimgehalt des Sandes und der Handoberfläche gleich Null.
Gehen wir noch einen Schritt weiter und berücksichtigen wir die
Differenzen der Resultate der einzelnen Untersuchungen untereinander
bei vollständig gleicher Versuchsanordnung, so werden wir der Lösung
der Frage, woher die Differenz, wieder ein Stück näher kommen.
Schon in der Paul-Sarweyschen Tabelle muß es auffallen, daß ein
Experimentator, Dr. Meyer, obwohl der Keimgehalt seiner Hand vor
Beginn der Reinigung und nach der Heißwasser-Seifenwaschung, wie
bei den übrigen Versuchspersonen, ein überreicher war, dennoch
nahezu Keimfreiheit nach der Alkoholdesinfektion erreichte und auch
bei einem zweiten Versuche das beste Resultat aufwies.
So auch bei den Engelsschen Versuchen. Schaf fer^) macht darauf
aufmerksam, daß Engels bei den Kontrollversuchen meiner Methode
persönlich 100% „gute Resultate^^ erlangt habe, während die Ver-
suche der anderen Herren ein schlechteres Gepräge aufwiesen.
Engels^) erklärt diese Behauptung als nicht zu Recht bestehend.
Doch ist dem so, wie Schäffer angibt, denn Engels hat nicht be-
rücksichtigt, daß Schäffer unter „gute Resultate^^ alle die zusammen-
gefaßt hat, die 0—20 Keime aufwiesen.
In der Tat hat dann Engels in den 5 Versuchen, die er selbst
anstellte, 100% „gute Resultate^S in 10, die von anderen Untersuchern
gemacht sind, finden sich unter 130 Platten nur 116 „gute Resultate^
Also auch hier ein deutlicher Unterschied abhängig von der
Versuchsperson.
Und nehme ich nun gar erst die Versuche von Engels mit seinen
Alkoholgemischen hinzu und von diesen nur die mit Sublamin-Alkohol,
1) Monatsschr. für Geb. und Gyn. Bd. 19, S. 693.
2) Monatsschr. für Geb. und Gyn. Bd. 20, S. 249.
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47] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 350
weil Seh äff er ^), und ich^), nachgewiesen haben, daß bei diesen
Versuchen der Alkohol das einzig wirksame Desinfizienz bedeutet,
die Versuche also mit den früheren auf eine Stufe zu stellen sind,
so Blässen die ausgezeichneten Resultate der Versuchsperson Engels
zugute geschrieben werden.
Inwieweit da die Verschiedenheit der Hände, inwieweit die an-
gewendete körperliche und geistige Intensität bei der Desinfektions-
ausfuhrung in Frage kommt, läßt sich aus der Ferne nicht feststellen.
Ich will auf diesen, obwohl für mich ungemein wichtigen Punkt nicht
weiter eingehen, da ich ihn zu wiederholten Malen s) schon be-
sprochen habe.
Nur einige, seit meiner letzten größeren Publikation^) zustimmende
Bemerkungen anderer Autoren seien hier noch erwähnt:
Danieisohn und Heß^) bringen einen sehr überzeugenden Be-
weis von der individuellen Verschiedenheit der Hände. Schon an
der mit Wasser und Seife gründlich behandelten Hand des Dr. Heß
lieflen sich vor der Desinfektion ungleich weniger Keime entnehmen,
«Is von der Hand des Dr. Danielsohn. Weit über 100—1000 bei
letzterem, meist unter 80, ja wiederholt gar keine bei ersterem.
Ein ahnliches Verhältnis bestand auch nach der Desinfektion.
Grasmann^) kommt bei seinen Händedesinfektionsversuchen eben-
falls zur Erklärung auffälliger Unterschiede der Resultate gleichartiger
Desinfektionsverfahren durch die Verschiedenheit der Hände der Ver-
suchspersonen.
Daß ich meine guten Resultate zum Teil den Versuchen an Frauen-
händen gemacht zuspreche, habe ich früher bereits erwähnt. 7)
Ebenso auch, wie körperliche und geistige Anstrengung zu einem
guten Resultate notwendig sind.^) Sehr treffend betont Klemm^) die
Anforderung an Intelligenz von selten des sich Desinfizierenden: „Wir
werden dabei sehen, daß der Vorgang der Händereinigung ein Prozeß
ist, der an die Intelligenz des Betreffenden, sei er nun Arzt oder
Laie, nicht unerhebliche Anforderungen stellt. Wer den ganzen kom-
plizierten Akt schablonenhaft behandelt, darf sich nicht wundern, wenn
seine Resultate hinter seinen Erwartungen und den Anforderungen,
1) Monatsschr. f. Geb. u. Gyn. Bd. 21, S. 193.
2) 29. 1954.
3) 20. 388.
4) 20.
5) Deutsche med. Wochenschr. 1902, Nr. 37, S. 662.
6) Mfinchener med. Wochenschr. 1907, Nr. 42 u. 43.
7) 29. 1955.
8) 20. 365.
0) Deutsche Zeitschr. für Chirurgie Bd. 75, S. 514.
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360 F. Ahlfeld, [48
die man zu stellen berechtigt ist, zurückbleiben. Es gehört zur richtig
durchgeführten Händedesinfektion ein ganz bedeutender Grad geistigen
Konzentrationsvermögens; nur wer über jene bakteriologische Fein-
fühligkeit verfügt und beständig mit einer scharfen Linse vor seinem
geistigen Äuge die einzelnen Etappen der Sterilisation verfolgt, wird
dem angestrebten Ziele, der möglichsten Keimfreiheit der Hand, am
nächsten kommen/^
Bei unseren Versuchspersonen, den Hebammenschülerinnen, habe
ich persönlich diese Aufmerksamkeit übernommen, indem ich während
der Ausführung ununterbrochen darauf hingewiesen habe, wie jetzt
diese, wie nun jene Stelle der Hände bei der Vorbereitung und bei
der nachfolgenden Behandlung mit Alkohol zu berücksichtigen sei,
und da die einzelne Versuchsperson, bei den ungemein zahlreichen
Versuchen, oft an die Reihe kam, so hatten meine Schülerinnen mehr
wie Ärzte und Praktikanten eine wohlgeleitete Desinfektion durch-
gemacht und Erfahrung darin.
Inwieweit in den Versuchen, die Krönig und Blumreich^) einer-
seits, Füth und Meißl^) andererseits angestellt haben, die dabei
tätigen Praktikanten und Hebammen den Anforderungen an die er-
forderliche Genauigkeit bei der Desinfektion entsprachen, kann ich
nicht beurteilen. Die Versuchsanordnung ist eine so komplizierte
und die Zahl der ausgeführten Versuche eine so geringe, daß diese
wenigen negativen Resultate mir nicht beweisend erscheinen gegen-
über meinen Versuchen, die schließlich auch an Genauigkeit der
Abnahmemethode kaum noch eine Steigerung zulassen.
Was würden Krön ig und Blum reich wohl für einen Schluß
gemacht haben, wenn die Hebamme Lahrsow ihre Hand nach be-
endeter Alkoholdesinfektion über eine Stunde lang unter Bewegung
der Finger in ein Standgefäß mit V2 Liter Nährbouillon gehalten hätte
und es wäre kein Wachstum erfolgt, die Bouillon wäre auf Wochen
hinaus klar geblieben? Hätten sie da nicht, wenn sie gerecht urteilen
wollten, sagen müssen: Bei einem derartigen Resultate ist es höchst
unwahrscheinlich, daß noch Keime an und in der Haut vorhanden
waren? Und so fiel ein unter meiner Leitung vorgenommener Ver-
such 3) aus, dem weiter die zahlreichen Versuche entsprechen, in
denen ich statt des Standgefäßes große Nummern von Gummihand-
schuhen benutzte, in denen die desinfizierte Hand in Nährbouillon
suspendiert war.
1) Munchener med. Wochenschr. 1900, Nr. 29, S. 1005.
2) Zentralbl. für Gynäk. 1906, Nr. 33, S. 920 und Arch. f. Gyn. Bd. 72, S. 383.
3) 29. 1955.
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49] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 361
Ich meine doch, daß diese Methode an Genauigkeit den eben
erwähnten mindestens gleichkommt. Und fragt man mich, warum
ich, um die Richtigkeit meiner Behauptung von der Tiefenwirkung
des Alkohol zu beweisen, nicht auch die Krönigsche oder Füthsche
Probe gemacht habe, so muß ich auf die Schwierigkeiten hinweisen,
die ein derart komplizierter Weg mit sich bringt. Fehler sind unge-
mein schwer zu vermeiden und jeder Fehler täuscht einen Mißerfolg
in der Desinfektionsmethode vor, Mißerfolge, die erst ausgeglichen
werden, wenn man in großer Zahl diese Versuche wiederholen würde.
D^egen sind meine Handschuhversuche ungemein einfach auszu-
fuhren und wenn Sarwey ausnahmslos andere, d. h. ungünstige Er-
folge gehabt hat, als ich, was bleibt dann anderes übrig anzunehmen,
als daß doch wahrscheinlich die Händedesinfektion an Genauigkeit
zu wünschen übriggelassen hat, oder die nachträgliche Behandlung
des Handschuhinhalts hat Verunreinigung herbeigeführt.
DieBewertung der Händedesinfektionsexperimentegestaltet
sich, je nach ihrem positiven oder negativen Ausfalle, ganz verschieden.
Fällt nach sorgfältiger Händedesinfektion die bakterielle Untersuchung
ungünstig aus, so ist die Zahl der möglichen Ursachen, die teils bei
der Ausführung der Desinfektion, teils bei der experimentellen Prüfung
das Resultat beeinflußt haben können, eine sehr große. Fällt die
Prüfung aber günstig aus, sind keine Keime auf der Platte oder in
der Nährflüssigkeit aufgegangen, dann können die Ursachen, auch
wenn es sich um einen Scheinerfolg handelt, nicht in der mangel-
haften Händereinigung liegen, sondern nur in Prüfungsfehlern. Die
Zahl der Fehlerquellen ist daher eine viel geringere, der einzelne
Fehler leichter erkennbar.
Deshalb sind meine Resultate nach dieser Seite hin viel leichter
zu prüfen, als die der Gegner, die keine oder nur selten eine Keim-
freiheit erzielten und dies um so mehr, da meine Prüfungsmethoden
weniger kompliziert sind, als die der anderen und infolgedessen
auch in großer Zahl ausgeführt werden konnten.
Beim gegeneinander Abwerten der ungünstigen und günstigen Ex-
perimente darf ich zuletzt noch an den von mir bereits referierten^)
Ausspruch v. Behrings erinnern: „Schlechte Resultate zu bringen
ist leicht, gute sehr schwer.*^
Wenn ich jetzt noch einmal zusammenfassend den Vorgang schil-
dere, in welcher Weise die Heißwasser-Alkohol-Reinigung
desinfizierend auf die Hand wirkt, und daran anknüpfend die
einzelnen Momente der Ausführung der Methode anfüge, so kann
1) 20. 355.
KUn. Vortrige, N. F. Nr. 4821/93. (Gynäkologie Nr. 179/80.) Juli 1908. 27
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382 F. Ahlfeld, [50
der mit den Streitfragen weniger bekanme Leser sjch am schnellsten
einen Überblick verschaffen und dem Praktiker ist ge^au die Richiuiig
angegeben, die er einzuschlagen hat^ venn er a«f eine erfolgreiciie
Desinfektion seiner Hand rechnen wilL
Die Wirkung der Heifiwaaser-Alkohol-Desinfektion setzt
si^ aus mthrenen Komponenten znsammen, deren eincelne keinen
genügenden Erfolg erzielen , während richtige AnfeinandedSolge und
Znsammenwirken den Erfolg der Keitnabtotung bte in die tf^ren
Schichten mit sich bringen.
1. Durdi 4ie der Allcoholanwendung vorausgehende Waschung
der Hand mittels S^ife und BCrsie findet
a) *eine erste Entfernung der oberen Epithelschichton ffm^
b) erfolgt eine Verseifeog des oberfUichlichen HautVeiites nnd
c) eine Aufqueltung der tieferen Hautschichten.
2. Die Enifemang der obersten Epitbellagen wird ver^nillstindigt
durch Abspülen and durch Abreiben mit einem trocknen
mS&ig rauhen Handtnchie.
S. Wird nun auf diese so vy>rbereitete Haut konzentrierter
Alkohol mitreis Bürste oder Flanell verrieben,
a) ^ wirkt <der AHGOhol fettlösend^
b) dringt infolge Diffasion in «Me tieferen Schichten der dureli-
feuchtöten Haut> tätet, wahrsK:heiinlich durdi Wasserenteiehung,
die dott lebenden Bakterfen und, indeaa «r naoh «od nach die
nun obere Hautsdii<dit httwt, ermöglicht
; c) eiii weiteres mechanisches Entfernen der nun femeren Haai-
\ schuppen und mit ififien edner weiteren ScMcht ftakterten.
; Wird die Händedesinfektion unter diesen Gestehtqnmkten aus-
] gefehlt, 90 maß der Erfolg der sevn, dafi nach e^iner spüeren Auf-
weichung der obersten Schicht teine, oder unter Umrstäflden ntn* apSr-
[ liehe Ke^ime aus <der l^fe tiacfh oben traten,
l Der Erfolg muß anders smtfatten, wenn in umgekelniier IMhcn-
I folge verfahren wird:
Wendet mfifn erstt den Alkohol bih ohne ^vortiei4ge A»ftwktung
der H^aifl, so wirkt er getbend) n^riegt sidh «ellist den Weg in die
treferefi Schlch^ten, seJne fetilöseiide Eigenschtfft kann weniger wirk-
sam sein, und der Erfolg würde einfach in einem AMwdrsieny Ent-
fernen der oberen Schiebt bestehen.
Jede nachfolgende Aufwoichuag, m^ sie eiQ^eriiDenieU durch ein
Wassenbad erfolgen, mag sie bei Gek^geohek einer Openatioo, auch
unter dem Gummibandschuh durch Sohweiüproduktioa erftrigeo, oSset
den in der zweiten und tieferen Schicht der Haut sitzenden BiJLterJeo
den Weg auf die Oberfläche.
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51] Der praktische Arzt nad 4ie Händegefahr. 303
Bei dieser Art der Händedesitifekiion ist die Oberfläclie der Hand
fiir eine kur^e Zeit keiiMrm oder gir sieril; |e »ekr aber die Haut
aufircicbt, vin fo ahlreicber weniea cBe JBikterfen auf der Hand
werden, DieaeMetfaode, die wiralsSciiaell*Alkofaoldesinfektion*)
be^idiMii wollen» iac mir im Notfali und nur bei einetn sehr kurz
dauemdeo Eingriff za gebrauciaen.
Verveodet man ohne vnrhergegaiigene Aufareiduiog der Hand
sofort wasserhaltigen Alkohol, 60— 40%igeny so gibt der Alkohol zu-
siebst Waaaer zur AufqueUuag der Haut ab und fuhrt dann seine ad-
stt'ingierende Wirkung nieJu in dem Maße aus, wie der wasserarme.
Seiae bakterizide Wirkung iu deoientspoeehend geringer, wie auch
seiae Tiefenwirkung. Es erklärt aber diese Deuiwig die Differenzen
in den ExperlmenteOt wonaeb eiiuelne Uttteraadier beesens Resultate
mit gering kon^eiitri^rceoi, andere mU üäiker konzeatriertem beob-
achtet habea»
Bei der Ausführung der einzelnen Akte der Hindedes-
iafektiQQ siod« IWAir 3«rfid»$tob«igiuf(g der tten aagefilhrteii Punkte,
Einzelheiten von Wigh^gUH, »o^ 4er £rf<rig gesichert werden, und
» M für taiQU keine Frtge: mmefcer Mißerfolg im Experiment rührt
davon her, deJD mf ^Ufße Eiüi6lkm»% «icht geachiet ist
1, A^n b^mz9 warwee W9§s^^ U—4B'' C
*) l9 ^pu^Tpr Zi^lt 9|^$i Sfi}iviffit>ur^*) uwl v.. HtrfT^ Ifir diese SchneU-
desinfel^tion ein^etretei). Schuipburg eippO^blt diM ßeifenwaschung wegzulassen
and Alkohol von ca. 50 X mit Wattebäuschchen einzureiben. Die Keimver-
aii^eniBg tetrug um 99 X. Bei der Versuchsanordnung Ist die langdauernde Auf-
▼•ifteog d^r H4iid ia iiisKlem Wasser «aiterlassen. Aucfc nSchte ich nicht, wie
SchyQfturg e$ ^f^n )>^ ^j 4ifiP^r Vi^rsii^bsait dam mock an der Hand befind-
licben 4)^ohp} ja^^ EpjtwJPk)u^({9ft«RW4»ng 4j[>sprecben.
Mit Recht fragt proße^: ^pWarvin S^liupiburg nach diesen so ausgezeichnet
wirksamen Prozeduren noch die Anwendung eiiies Antiseptikums vorschlägt, ob-
voU er diese selbst Mr fiberflüssig erklärt, ist nicht einzusehen.*
h> in TH ist »9 daa Iu5«hst OMrk^irdfge Erseheinuag, daß die meisten
^^ri^a tti^lt ßynjlk^liigpf ^tff ^iia anülehfge Alkekoldesjafekdon noch das
Sobliinat fol^eii )aji§p;), p\n J^im^l, da^ a)s Häad^esinfiziens weit unter dem Al-
kohol rangiert und außerdem viele N^cht^ile bl^t.
Aach die neue von v. Herff eippfoh)ene Alkohol-Azeton-Desinfektion, ohne
▼Arhtsige Waschung, hake ich ffir eine Schnelldesfnfektion. Ich bin gerade mit
'^ ^fürwg b^PMMgt*
i^it I^pflit ^mp9el))t ßphuffbu^g %piM Methode ffir Kriegswecke und EilfUle.
Auch V. H^rff bctoi^f cl^i) Vpr^fil «lef Sclinelligkelt.
1) Archiv für Klin. Chirpfjjie, Bd. 79, Heft 1. — Deutsche med. Wochenschr.
i807, Nr. 41, S. 1712. — Deutsche med. Wochenschr. 1908, Nr. 8, S. 330.
2) Oerl, Korresp. f. Schweiser Arzte 1908, S. 50. — Hegars Beitr. Bd. 12, S.493.
^) brillier iUiq- Wapheoschr. IflOT, Nr. 28, S. 889. — Munchener med. Wochen-
«lir. 1897, Nr. W-
ZI*
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364 F. Ahlfeld, [52
2. Ehe man zu bürsten beginnt, schäume man die Hände tfichtig
mit Seife ein, reibe die Handflächen beider Hände gegeneinander,
auch die Finger der einen Hand zwischen die der anderen, krfimme
die Finger der einen Hand krallenartig in die der anderen, damit
auch die Fingerkuppen und der Unternagelraum beim Waschen mit
Seife genügend getroffen werde und spüle die Seife zu wiederholten
Malen im Wasser ab, um diese Prozedur mit Benutzung frischen
Wassers zu wiederholen.
3. Folgt Nagelkürzung und Reinigung des Unternagelraums und
des Nagelbetts. — Entgegen der von Haegler vertretenen und von
Engels akzeptierten Ansicht, der Nagel solle 3 mm lang bleiben,
plädiere ich für eine weitgehende Kürzung, so daß man mit Bürste
und Flanell den Unternagelraum direkt treffen kann.
4. Nochmalige kurze Waschung mit Seife, Abspülen.
5. Abreiben der Hand und der einzelnen Finger mit einem trocke-
nen Handtuche.
6. Nun folgtder Hauptakt der präliminaren Reinigung: das Bürsten
mit einer nicht zu kleinen kräftigen Wurzelbürste.
Die saubere Bürste wird in warmem Wasser ein wenig erweicht
— sie nimmt dann besser die Seife an — und nachdem man sie
mehrere Male über die Seifenfläche weggeführt hat, bürstet man die
Hand, genau achtgebend, daß auch jeder Teil derselben, jedes Fingers,
an Zeit und Intensität bei der Bürstung reichlich bedacht werde. Die
schwer zu reinigende faltenreiche Haut des Handrückens muß man
durch Faustbildung straffen und auch jeden einzelnen Finger beim
Bürsten bald einschlagen, bald strecken. Man denlte dabei besonders
auch an den Daumen, den man für gewohnlich nicht so stark zu
beugen pflegt. Ebenso muß man sorgfaltig darauf achten, daß die
Bürste den Unternagelraum gehörig mit berücksichtigt.
Diese Prozeduren (1—6) können bei Zeitüberfluß auf 10 Minuten
und darüber ausgedehnt werden, unter wiederholtem Erneuern des
warmen Wassers. Jedenfalls sollen sie nicht unter 5 Minuten dauern.
7. Abspülen der Seife und Abreiben der Hand und jedes einzelnen
Fingers mit einem trockenen Handtuche.
8. Zur nun folgenden Alkoholdesinfektion benutze man ein größeres
Gefäß und eine reichliche Menge 80— 00% igen Alkohols. Die Bürste
muß vorher in Alkohol gelegen haben. Wir fuhren sie in der Praxis .
in einem kleinen Glaszylinder mit, der oben durch einen Kork ver-
schlossen ist. Bei der Bürstung muß die Bürste tüchtig und oft in
Alkohol getaucht werden und man muß ebenso, wie bei der Heiß-
Wasserwaschung, genau jeden einzelnen Teil der Hand und jedes
Fingers vornehmen, die Hand also bald strecken^ bald beugen, zur
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53] Der praktische Arzt und die Händegefahr. 365
Faust ballen und die Nagelgegend besonders berücksichtigen. Zeit-
dauer mindestens 3 Minuten.
9. Nach der Bürstung folgt die Abreibung mit Flanell. Der sterile
Flaoellappen, 30 cm im Quadrat, wird in Alkohol getaucht, über die
zu desinfizierende Hand gestülpt und nun besonders die einzelne
Fingerkuppe durch stopfende und drehende Bewegungen mit dem
Alkohol in Berührung gebracht, die beste Methode, um bei kurz ge-
schnittenem Nagel den Alkohol unter die Nagelkuppe und in das
Nagelbett hineinzubringen. Zeitdauer 2 — 3 Minuten.
Damit ist die Desinfektion beendet. Soll aber eine experimentelle
Probe stattfinden, so muß der Alkohol aus der Haut mittels sterilen
Wassers ausgelaugt werden. Wir haben dann so verfahren:
10. Die desinfizierte Hand wird unmittelbar aus dem Alkohol in
eine sterile Waschschüssel, die mit 1^/2—21 sterilem, 45° C. warmem
Wasser gefüllt ist, gebracht. Die Schüssel stand schon vorher bereit
und ist mit einem sterilem Leintuch vollständig bedeckt. Das Tuch
wird an einer Stelle etwas gelüftet und die Hand schlüpft aus dem
Alkohol unmittelbar in die Heißwasserschüssel und bleibt, samt dem
Vorderarm, dauernd vom sterilen Tuche bedeckt.
Alle 5 Minuten wird eine zweite gleiche Schüssel daneben gestellt
und die Hand schlüpft wiederum unter dem Leinentuche in diese
Schussel. Wir haben meist drei Schüsseln benutzt, also 15 — 20 Mi-
outen Zeit • auf die Aufweichung und Auslaugung der Hand verwendet.
Wird von den 9 Manipulationen nur eine nicht mit der nötigen
Aufmerksamkeit gemacht oder gar unterlassen, so ist damit vielleicht
ein Grund gegeben, daß, falls eine bakterielle Untersuchung vorge-
nommen wird, das Endresultat nicht nach Wunsch ausfallt.
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Verzeichnis meiner und meiner Schüler Arbeiten
über Händedesinfektion.
1805.
1. Ahlfeld, Die Pflege der Hftnde und ihre Vorbereitung zur geburtshilflichen
Untersuchung. Allgem. Deutsche Hebammen-Zeitung Nr. 7.
2. — , Welche Faktoren sind bei der Desinfektion der Hand xu berücksichtigen?
Monatsschrift für Geburtsh. u. Gynäkol. Bd. 1, S. 262.
3. — y Die Desinfektion des Fingers und der Hand vor geburtshilflichen Unter-
suchungen und Eingriffen. Deutsche med. Wochenschr. Nr. 51.
1886.
4. Ahlfeld und Vahle, Die Wirkung des Alkohols bei der geburtsbUflicbcQ
Desinfektion. Deutsche med. Wocbenschr. Nr. 6.
5. , Die Bedeutung des Chinosols als Antiseptikum. Zentralblatt ffir Gynä-
kologie Nr. 9.
6. Ahlfeld, Einige Bemerkungen zu der Arbeit des Herrn LeedhamoGreen: Ver-
suche über Spiritusdesinfektion der HInde. Deutsche med. Wocbensebrilt
Nr. 23.
7. Stoltenberg-Lerche, Zur Desinfektion der HSnde. Inaug. Dissert. Marburg.
1887.
8. Ahlfeld, Die Heiflwasser- Alkoholdesinfektion und ihre Einfuhrung io die tU'
gemeine Praxis. Deutsche med. Wochenschrift Nr. 8.
1888.
8. Ahlfeld, Ober Desinfektion der Hände, speziell in der Hebammenpraxis.
Zeitschrift für Medizinalbeamte Nr. 17 u. 18.
10. — , Thesen und Diskussion auf der XV. Hauptversammlung des Preußischen
Medizinalbeamten-Vereins, Berlin, 20. September.
11. — , Bemerkungen zu dem Aufsatze des Herrn Dr. Tjaden über Desinfektion
der Hebammenhände. Zeitschrift für Medizinalbeamte Nr. 23.
1888.
12. Winckler, Beitrag zur Frage der Alkoholdesinfektion. Inaugural-Disserution
Marburg.
13. Ahlfeld, Der Alkohol als Desinflziens, ein Beitrag zur Lehre von der Haut-
und Händedesinfektion. Monatsschrift für Geburtsh. u. Gynäk. Bd. 10, S. 117.
14. ~, Ein Nachwort zur Puerperalfieberdebatte des letzten Gynäkologenkongresses.
Zentralbl. für Gynäk. Nr. 26.
1800.
15. Ahlfeld, Einige Bemerkungen zu den Tübinger Händedesinfektions versuchen.
Zentralbl. für Gynäk. Nr. 37.
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55] Literatur. 387
16. Ahlfeld, Scheindesinfektion. Ein offenes ^ort auf Herrn Privatdozenten Dr.
Krönigs »Bemerkungen''. Zentralbl. für Gynäk. Nr. 45.
17. — , Der Seifenspiritus als HSndedesinfiziens. Eine Antwort auf die Berichtigung
der Professoren Paul und Sarwey. Zentralbl. für Gynäk. Nr. 42.
IS. — , Prüfung des Lysoforms als Händedesinfiziens. Zentralbl. für Gynak. Nr. 51.
1901.
19. Ahlfeld, Demonstration meiner Händedesinfektionsmethode, mit kulturellen
Resultaten. Verhandl. der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie. Gießen.
20. — , Die Desinfektion der Hand des Geburtshelfers und Chirurgen. Sammlung
Klin. Vorträge Nr. 310/311.
1902.
21. Ahlfeld, Die Zuverlässigkeit der Heißwasser -Alkohol -Händedesinfektion.
Monatsschr. für Geb. und Gyn. Bd. 16, S. 843.
22. Rieländer, Der mikroskopische Nachweis vom Eindringen des Alkohols in
die Haut bei der Heißwasser-Alkohol-Desinfektion. Mit einem kurzen Vor-
wort von F. Ahlfeld. Zeitschrift für Geb. und Gyn. Bd. 47, Heft 1.
23. Fett, Ein weiterer Beitrag zum mikroskopischen Nachweis vom Eindringen
des Alkohols in die Haut bei der Heißwasser-Alkoholdesinfektion. Zeitschr.
für Geb. u. Gyn. Bd. 47, Heft 3.
24. Ahlfeld, Ergänzungsblatt 3 und 8 zum Preußischen Hebammen -Lehtbuch.
Lysol, Seifenkresol, Kresolseife. Zentralbl. für Gynäk. Nr. 32.
1904.
25. Ahlfeld, Lassen sich Infektionen mit tödlichem Ausgange in Entbindungs-
anstalten, die dem Lehrzweck dienen, verhüten? Zentralbl. für Gynäk. Nr. 33.
26. — , Plazentalösung und Gummihandschuhe. Zugleich eine kurze Darstellung
des jetzigen Standes der Lehre von der Händedesinfektion. Deutsche med.
Vochenschrift Nr. 50.
27. —y Manuelle Plazentalösung ohne Gummihandschuhe. ZentralbL für Gynäk.
Nr. 11.
28. — , Seifenkresol contra Lysol. Deutsche med. Wochenschr. Nr. 51.
1905.
29. Ahlfeld, Die Rehabilitierung der Hand als geburtshilfliches und chirurgisches
Werkzeug. Deutsche med. Vochenschr, Nr.. 49.
30. —, Die Sublimatgefahr. Allgem. Deutsche Hebammen-Zeitung Nr. 5.
1906.
31. Ahlfeld, Weitere Beweise für die dauernde Tiefenwirkung der Heißwasser-
Alkohol-Händedesinfektion. Deutsche med. Woch. Nr. 42.
32. — , Kommentar zu dem Aufsatze Zweifels in Nr. 1 des Zentralblatts 1906.
Zentralbl. für Gynäk. Nr. 3.
1908.
33. Ahlfeld, Lysol und Kresolseife. Münchener med. Woch. Nr. 11.
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SammlkäiuVorträge, N.F.Nr.492/493. (Gynäkologie Nr, 179/180.)
Taf.L
Flg.1
Fig.2
Verlag von Johann Ambrosius Barth in Leipzig.
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Samml. klin, VorträgBy N. F. Nr, 492/493. (Gynäkologie Nr. 1 79/180.)
Taf.IV.
Flg. 7
Flg. 8
Verlag von Jobann Ambrosius Bartb in Leipzig
uigiTizea oy l^jOOQlC
SammL kUn. Vorträge, N. F. Nr. 492/493. {Gynäkologie Nr. 1 79/180,)
Taf.V.
FIg.9
Fig. 10
Verlag von Johann Ambrosius Barth in Leipzig.
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SammL klin. Vorträge, N. F. Nr. 492/493. {Gynäkologie Nr. 1 79/180.) Taf. VII 1.
Flg. 15
Flg. 16
Verlag von Jobann Ambrosius Bartb in Leipzig.
uigitizea Dy VjOOQIC
494/95.
(Chirurgie Nr. 145/46.)
Übet den heutigen Stand der Erkennung und
Behandlung der Appendizitis. IL
Erörtert an 550 von Geheimrat Garre behandehen Fällen.
Von
Dr. Ad. Ebner,
Königsberg- Pr.
Schluß von Nr. 489/90/91.
Wenden wir uns nun der Betrachtung der Fälle zu, die von 1804
bis 1907 unter Herrn Geheimrat Garr& an der Rostocker, Königs-
berger und Breslauer chirurgischen Klinik zur Behandlung gelangt
sind, so haben wir es im ganzen mit 550 Fällen zu tun, von denen
513 operativ und 37 konservativ behandelt worden sind. Die Bres-
lauer 177 Fälle verdanke ich einer Zusammenstellung von Herrn
Dr. Capelle, die nachträglich organisch in meine Arbeit von mir ein-
gefügt ist
Die operativ behandelten Fälle habe ich nach dem Stadium, in
welchem die Operation stattgefunden hat, in vier Kategorien eingeteilt.
Es werden unterschieden Fälle, die operiert sind:
a) im chronischen Stadium ^ Sicherheitsoperation, die im unge-
fährlichsten Stadium der Erkrankung vorgenommen wird und gleich-
zeitig dem Patienten die größte Sicherheit auf glatte und definitive
Heilung bietet.
b) im Stadium der zirkumskripten Periappendizitis bzw. der um-
schriebenen AbszeObildung = Spätoperation im Gegensatz zu der Fruh-
operation in den ersten 48 Stunden.
c) im Stadium der diffusen Periappendizitis bzw. ausgebreiteten
Peritonitis appendicularis » Notoperation, die im Stadium der äußer-
sten Not erfolgt aus der Notwendigkeit heraus, dem Patienten noch
KUn.Vortrigc, N. F. Nr.494/95. (Chirurgie Nr. 145/46.) Juli 1908. 34
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458 Ad. Ebner, [2
die letzten Chancen bei der vorhandenen Allgemelninfektion des Peri-
toneums zu bieten.
d) Innerhalb der ersten 48 Stunden nach Beginn des Schmerzan-
falls = (absolute) Frühoperation.
Ausnahmsweise iLann man bereits innerhalb 48 Stunden seit Be-
ginn des Anfalls vor einer mehr oder weniger diffusen Perlappendi-
zltls stehen. Dann wurde die Notoperation mit der absoluten Fruh-
operatlon zu Identifizieren sein.
Die Frage der Operation im Intermediären Stadium wird im Zu-
sammenhang mit den Spätoperationen näher erörtert werden, d& diese
Fälle nur ausnahmsweise bei dringender Indikation zur Operation
gelangten und sonst In der Regel erst nach dem 10. Tage operativ an-
gegangen wurden.
Nachfolgende kleine Tabelle gibt eine gedrängte Übersicht über
die Frequenz und die Mortalität der verschiedenen Kategorien in
den einzelnen Jahrgängen. Die Zahl der gestorbenen Fälle Ist darin
in Klammern beigefügt.
Sicherheitsop. Spätop. Notop. Frühop. Nicht op. Summa
1894/95
—
3
—
—
—
3
1895/96
—
2(1)
2(2)
—
2
6
1896/97
2
10
—
—
3
15
1897/98
6
5
—
—
4
15
1898/99
5
9
1(1)
—
2
17
1899/00
9
9
3(1)
—
1
22
1900/01
14
3(1)
—
2
19
1901/02
22
9
3(2)
—
3
37
1902/03
29
10(2)
3(3)
—
1
43
1903/04
43
9(1)
2(2)
1
1
56
1904/05
53
12(1)
2(2)
3
4
74
1905/06
49(1)
2ö(3)
3
7
2
67
1906/07
114(1)
8(6)
16
12(1)
176
Summa 346(2) 113(9) 27(19) 27 37(1) 550(31)
Man ersieht aus obiger Tabelle ein gleichmäßiges Ansteigen so-
wohl der Fälle in ihrer Gesamtheit, als auch der chronischen Fälle
von Jahr zu Jahr. Es ist dieses wohl als die Folge zu betrachten
der nicht nur bei den Ärzten , sondern auch im Publikum immer
weiter verbreiteten Kenntnis von dem schnellen und sicheren Erfolg
einer Operation namentlich im chronischen Stadium, gegenüber der
unsicheren Prognose bezüglich späterer Anfälle bei konservativer Be-
handlung.
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3] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 45g
Auffallend ist es^ daß trotzdem die Spät- und Notoperationen sich
der Zahl nach auf einem ziemlich gleichbleibenden Niveau bewegen.
Dieses konnte vielleicht die Folge der immer zahlreicheren Eingriffe
im chronischen Stadium sein, die bereits nach dem ersten Anfall
vielfach vorgenommen werden , so daß es naturgemäß immer seltner
zur Entstehung der schwereren Krankheitsbilder kommt, welche die
Spat- und die Notoperation erforderlich machen«
Hingegen bewegt sich die Zahl der Frfihoperationen, welche erst
mit dem Jahr 1903/04 einsetzt, in schnell aufsteigender Linie und
wird voraussichtlich mit der immer größeren Tendenz zum möglichst
frfihzeitigen Eingriff auch ferner noch ansteigen.
Bezüglich der Mortalität ergibt naturgemäß die Sicherheits-
operation das beste Ergebnis mit 2 Todesfällen an Peritonitis auf
346 Operationen. Das entspricht einem Prozentsatz von 0,58 Todes-
fallen, der mit den Ergebnissen anderer Statistiken ziemlich über-
einstimmt.
So hat Kümmel auf 695 Sicherheitsoperationen 4 Todesfälle =
0,57% zu verzeichnen. Die Todesursachen waren einmal Peritonitis,
zweimal Lungenembolie und einmal Pneumonie.
Haber er berichtet aus der v. Eiselsbergschen Klinik von 199Sicher-
Iieitsoperationen ohne Todesfall, ebenso hat Mikulicz in 5 Jahren
104 Sicherheitsoperationen ohne Todesfall zu verzeichnen gehabt.
Roux hat von 702 Sicherheitsoperationen einen Fall an Ileus und
einen anderen Patienten an Embolie verloren = 0,28% Mortalität.
Dagegen hat Sprengel auf eine erheblich höhere Zahl von Sicher-
heitsoperationen 0,86 Todesfälle zu konstatieren.
Hierzu ist zu bemerken, daß kleinere Statistiken wie die von
Haberer und Mikulicz leichter günstige Resultate liefern können,
als die größeren, bei denen gewisse Komplikationen leichter das
Gesamtresultat trüben werden. Man wird eben nie an einem größeren
Material aus verschiedenen Altersklassen gewisse postoperative Kom-
plikationen wie Embolien, Bronchopneumonien usw. ganz ausschalten
können. Diese Komplikationen dürften auch für die Zukunft die
Mortalität der Sicherheitsoperation nicht viel unter 1% herunter-
sinken lassen.
Wesentlich höher gestaltet sich nach unserer Tabelle die Mortalität
der Spätoperation im Stadium der umschriebenen Periappendizitis.
Es kommen hier auf 1 13 Operationen bereits Todesfälle = 7,9%
Monalität.
Ein fast gleichartiges Verhältnis konnte Haberer konstatieren, der
auf 51 Fälle von Spaltung periappendizitischer Abszesse 3 Todesfälle
=5 5,9% zu verzeichnen hatte.
34*
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46Ö Ad. Ebner, [4
Auch Silbermark (Mosettig) berechnet bei den einfachen Formen
der Periappendizitis die Mortalität ebenfalls auf 6%.
Sprengel hat 5—10% Mortalität gefunden, wobei er allerdings
unterscheidet zwischen Früh- und Spätoperation der umgrenzten Peri-
appendizitis.
Dann eh 1 hat in der Berliner chirurgischen Klinik auf 44 peri-
appendizi tische Abszesse 5 Todesfälle gefunden » 11)6%, welche Zahl
noch die Kümmeische Mortalitätsziffer etwas übersteigt.
Nach diesen wenigen Vergleichszahlen dürfte die Durchschnitts-
ziffer der Mortalität bei operativer Behandlung der umschriebenen
bzw. abgekapselten Entzündung zwischen 5—10% schwanken. Dabei
ist zu berücksichtigen, daß das Material der einzelnen Statistiken er-
hebliche Verschiedenheiten aufweisen muD. Der Begriff der um-
schriebenen Periappendizitis liegt zwischen ziemlich weiten Grenzen,
je nachdem die Umgrenzung der Entzündung früh oder spät erfolgt
ist, und je nachdem ein kleinerer oder größerer Teil des Peritoneums
davon ergriffen ist. Es kann sich demnach dabei um Fälle von ganz
verschiedener Schwere handeln.
Ferner kann der Zeitpunkt der Operation ein ganz verschiedener
sein, je nachdem der Eingriff kurz nach Vorübergehen des interme-
diären, des Zwischenstadiums, also nach dem 7.— 8. Krankheitstage,
oder erst bei dem deutlichen Nachweis einer vorhandenen AbszeO-
bildung erfolgt. Dementsprechend sind auch die Unterschiede in den
Ergebnissen der einzelnen Zusammenstellungen zu erklären.
Die höchste Mortalitätsziffer finden wir naturgemäß bei der Not-
operation im Stadium der allgemeinen Periappendizitis bzw. Peri-
tonitis appendicularis diffusa. Es kommen daselbst nämlich auf
27 Operationen 19 Todesfälle = 70,4% mit tödlichem Ausgang.
Sämtliche geheilten Fälle außer 2 sind in den ersten 48 Stunden
nach dem mutmaßlichen Zeitpunkt der Perforation bzw. der akuten
Verschlechterung des Leidens, alle übrigen Fälle sind später zur
Operation gelangt. Um gleichwertige Ergebnisse zu erzielen, müßte
man für die Notoperation eigentlich nur die Fälle heranziehen, die
später als 48 Stunden nach erfolgter Perforation operiert sind, da
dieser Zeitpunkt bekanntlich die Grenze bildet zwischen günstiger
und ungünstiger Prognose für den weiteren Verlauf der betreffenden
Fälle. Nur darf man dabei nicht die Fälle vor 48 Stunden schlecht-
weg als Frühoperationen bezeichnen, sondern es empfiehlt sich, diese
Fälle unter dem Namen der relativen Frühoperation gehen zu lassen,
die ja viel später nach Beginn des Schmerzanfalles erst auf die rela-
tive Indikation der Perforation hin unternommen wird im Gegensatz
zu der absoluten Frühoperation, die allein auf die absolute Indi-
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S\ Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 461
katlon des Schmerzanfalles hin in jedem Falle Innerhalb der ersten
48 Stunden unternommen wird. Es liegt auf der Hand, daß mit dem
Hinzunehmen der relativen Frfihoperation das Gesamtresultat der
Spätoperation ein verschiedenes sein wird je nach der Zahl der
Fälle, die in den ersten 48 Stunden nach Eintritt der Perforation
operiert sind«
Dementsprechend erhöht sich in unserer Tabelle nach dem Aus-
scheiden der relativen Frflhoperationen die Mortalität von 70,4% für
alle Fälle bis auf 85%, während auf die (relative) Frflhoperation der
diffusen Periappendizitis bei unserer kleinen Statistik dann das Er-
gebnis von 14,3% Mortalität entfällt.
Haberer berichtet bei 33 Fällen von diffuser Periappendizitis von
25 TodesfiUlen. Das ergibt 76% Mortalität Sprengel findet 1901
die Mortalität der freien Periappendizitis bei Frfihoperation mit 44%,
bei Spätoperation mit 70%. Im Jahre 1005 hat dann derselbe Autor
auf 76 relative Frflhoperationen nur noch 4 Todesfälle « 4%, womit
er das Ergebnis unserer Aufstellung erheblich übertrifft, während auf
160 Spätoperationen nur 40 Todesfalle »25% Mortalität entfallen.
Letzteres Ergebnis namentlich muß als ein überaus gfinstiges bezeichnet
werden und ist wohl mit auf die frühere Operationszeit und die fort-
geschrittene Technik des Operateurs zurückzuführen*
Etwas schlechter, aber immer noch relativ günstig ist das Ergebnis
bei Silbermark, der auf die Frühoperation 10% und auf die Spät-
operation der freien Periappendizitis 45,9% Mortalität findet.
Wesentlich höher ist bereits die Mortalität bei Trendelenburg,
der auf 86 Fälle freier Periappendizitis mit 55 Todesfällen auf 64%
Mortalität kommt Und zwar heilten bei der Operation am ersten
Tage 86,6%, am zweiten Tage noch 48%, später dann 0% der ge-
samten Fälle. Damit übertrifft Trendelenburg noch das ungünstige
Ergebnis unserer Statistik der Notoperation nach 48 Stunden.
Dannehl an der Berliner Chirurg. Klinik unterscheidet bei seiner
Aufteilung zwischen Appendicitis perforativa, gangraenosa, akut pro-
gredienter und allgemeiner Periappendizitis. Fassen wir diese 4
Gruppen unter dem Titel der Periappendicitis destructiva zusammen,
so ergeben dieselben auf 57 Operationen 42 Todesfillle = 74,4 % Mor-
talität
v. Mikulicz hatte 1003 auf 24 Fälle von freier Entzündung nur
4 Heilungen = 83% Mortalität.
Mit am höchsten kommt Kümmel in seiner Aufstellung, der auf
82 Operationen 73 Todesfälle = 89% Mortalität konstatieren konnte.
Es schwanken demnach die Mortalitätsangaben der Notoperation
bei den einzelnen Zusammenstellungen zwischen 25—93%, je nach
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462 Ad. Ebner, [6
der Zahl der früher oder später operierten Fälle, welche darin ver-
treten ist, und nach der Auffassung des weiten Begriffes der allge-
meinen Peritonitis seitens der Autoren. Ein einheitlicheres Ergebnis
wird sich aus eben diesem Grunde gerade bei der Notoperation wohl
kaum jemals erzielen lassen.
Kommen wir schließlich zu der Mortalität der absoluten Früh-
operation in den ersten 48 Stunden nach dem Beginn des akuten
Schmerzanfalles überhaupt, so finden wir dieselbe in unserer kleinen
Zusammenstellung von 27 Fällen mit dem befriedigenden Ergebnis
von 0% vertreten. Den gleichen günstigen Prozentsatz finden wir
auch von Nordmann, C. Dowd, Dannehl, Karewski und anderen
Autoren angegeben^ während Mahar 2,4% und Israel 2% Mortalität
gefunden hat. Das günstige Ergebnis unserer Zusammenstellung wird
auf 2,9% Mortalität herabgesetzt, wenn wir die 7 Notoperationen
innerhalb 48 Stunden nach der Perforation noch hinzunehmen, die
ja in die Kategorie der absoluten Frühoperationen nicht eigentlich zu
rechnen sind, da sie zu einem anderen Zeitpunkt und aus anderer
Indikation heraus unternommen sind.
Die Differenz der Ergebnisse bei den verschiedenen Autoren er-
klärt sich hier wohl zum Teil aus der zeitlichen Verschiedenheit des
Beginns der Erkrankung mit dem Manifestwerden der ersten Sym-
ptome derselben. Der letztere Zeitpunkt kann naturgemäß für die
klinische Zeitberechnung des Operateurs der einzig maßgebende sein.
Da aber der Krankheitsprozeß oft schon eine Zeitlang vorher be-
standen haben kann, so kann der tatsächliche Zeitraum vom Beginn
der Erkrankung bis zu der angeblichen Frühoperation oft auch ein
erheblich längerer sein als 48 Stunden. Daraus erklären sich dann
einmal die auffallend weit vorgeschrittenen pathologischen Verände-
rungen, die bisweilen so früh zu konstatieren sind, und andererseits
eben die Mortalitätsdifferenzen, die einzelne Statistiken aufzuweisen
haben und auch ferner aufzuweisen haben werden.
Die Besprechung der Mortalität im Zwischenstadium, das be-
kanntlich vom 3. — 8. Krankheitstage in der Regel gerechnet wird,
behalte ich mir für die nähere Erörterung der Spätoperationen vor.
Wenden wir uns zunächst der näheren Besprechung der Sicher-
heitsoperationen im chronischen Stadium zu, so können wir die-
selbe ziemlich summarisch gestalten, da die einzelnen Fälle mit we-
nigen Ausnahmen nichts Abweichendes von dem typischen Krankheits-
verlaufe bieten.
Bezüglich des Geschlechts der Patienten finden wir dem Ergebnis
anderer Aufstellungen entsprechend vorwiegend das männliche Ge-
schlecht betroffen. Es entfallen von 346 Fällen 220 Erkrankungsfalle
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7] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 463
auf das männliche, 126 Fälle auf das weibliche Geschlecht. Das ent-
spricht analog den anderen Statistiken einem ganz erheblichen Unter-
schied der beiden Geschlechter, nämlich 63,6% männlichen und 36^4%
weiblichen Patienten,
Dannehl hat in seiner Aufstellung einen erheblich höheren Unter-
schied, nämlich 135 Männer und 52 Frauen gefunden. Diese Zahl
entspricht einem Verhältnis von 72,2%: 27,8%. Fast genau dasselbe
Prozentualverhältnis hat Hoffmann in seiner Sammelstatistik von
2131 Fällen mit 1544 Männern und 587 Frauen berechnet. Er erhielt
üämlich danach ein Verhältnis von 72,4%: 27,6%.
Auch Sprengel hat in seinen zahlreichen gesammelten Aufstel-
lungen der verschiedensten Autoren bis auf wenige Ausnahmen eine
fiberwiegende Beteiligung des männlichen Geschlechts an der Appen-
dixerkrankung feststellen können. Die Gründe fGr diese Erscheinung
haben wir bereits bei der Ätiologie der Erkrankung des näheren be-
sprochen«
Dem Alter nach verteilen sich die Patienten auf die einzelnen
Dezennien folgendermaßen: Von 1—10 Jahren: 16 Fälle, von 11 — ^20:
98, von 21—30: 124, von 31—40: 68, von 41—50: 27, von 51—60:
10 und von 61 — 70 Jahren 3 Fälle. Es ergibt sich hieraus ein er-
hebliches Ansteigen der Erkrankung vom 10. bis 30. Jahre. Danach
erfolgt ein ziemlich steiler Abfall der Frequenz bis auf nur 3 Fälle
Im letzten Dezennium.
Die Zahl der vorausgegangenen Anfälle bewegt sich zwischen
1—17 Anfällen von wechselnder Schwere und zwar war vorausge-
gangen 1 Anfall in 86 Fällen, 2 in 93, 3 in 76, 4 in 38, 5 in 26,
6 in 14, 7 in 4, 8 in 4, 9 in 1, 11 in 3 und 17 AnFälle in 1 Falle. Da-
nach entfällt auf die Mehrzahl der Operationen, nämlich 255, eine
Zahl von 1—3 vorausgegangenen Anfällen. Die darüber hinaus-
gehende Zahl der Anfälle verteilt sich auf nur 91 Fälle. Man ersieht
daraus, daO die Mehrzahl der chronischen Fälle verhältnismäßig früh
zur Operation gekommen ist.
DerZeitpunkt der Operation liegt innerhalb der ersten9Wochen
nach dem letzten Anfall in 208 Fällen. 129 Fälle verteilen sich auf
die 10.— 50. Woche nach dem letzten Anfall, während 9 Fälle nach
1 Jahr und noch später zur Operation gelangten I
Die Behandlungsdauer der chronischen Fälle beträgt 8 bis
20 Tage in 197 Fällen, 21—30 Tage in 106 Fällen, 31—40 Tage
in 22 Fällen, 41—50 Tage in 12 und 51—60 Tage in 9 Fällen.
Demnach liegt für die meisten Fälle, nämlich 303 Patienten, die
Behandlungsdauer zwischen 2 — 4 Wochen. Daß bei den übrigen
43 Fällen ein so langer Zeitraum von 31—60 Tagen zur Heilung
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464 Ad. Ebner, [8
erforderlich war, erklärt sich daraus, daß die Behaodlungsdauer
vom Zeitpunkt der Aufnahme ab gerechnet wird, und daO bei einer
Anzahl von Fällen erst eine gewisse Zeit zum Abklingen des letzten
Anfalles in der Klinik notwendig war, bevor zur Operation ge-
schritten werden konnte. Dazu kommen noch diejenigen Fälle, deren
Heilung sich durch postoperative Komplikationen nachträglich ver-
zögerte.
Der Processus vermiformis ist in sämtlichen 346 chronischen
Fällen entfernt worden.
Von anamnestischen Angaben findet man die fibliche Trias der
Appendizitis fast in allen Fällen vorausgegangen: Schmerz und Dnick-
empfindlichkeit in der Regio ileocoecalis, mehr minder hohes Fieber
und Obstipation. Seltner Übelkeit und Erbrechen und noch seltner
Durchfälle und Urinbeschwerden.
Blasenbeschwerden werden im ganzen in 17 Fällen angegeben.
Sie sind bedingt durch meist ältere Adhäsionen an der Blase als Re-
siduen des Obergreifens einer früheren Entzündung auf den mit einem
Peritonealüberzug bedeckten Teil der Blase. Der Prozentsatz von
5,0% dafür auf 346 Fälle dürfte als auffallend gering zu bezeichnen
sein.
Vorausgegangene Durchfälle sind bei 20 Patienten vermerkt
= 5,8%. Einmal war der betreffende Fall gleichzeitig mit Blasen-
beschwerden verbunden. In 2 Fällen (59 und 194) war früher ein
Durchbruch in den Darm erfolgt, der sich durch Eiterabgänge im
Stuhl äußerlich manifestierte.
Schmerzen in das rechte Bein ausstrahlend werden im Fall
108 und 96 angegeben. Im letzten Fall wurde auch gleichzeitig über
Schmerzen geklagt, die in die rechte Schulter ausstrahlten ähnlich
einem Anfall von Gallenkolik.
Eine Venen thrombose rechts gelegentlich eines früheren An-
falls hatte Fall 7 vor 4 Jahren durchgemacht. Seit 2^/2 Jahren be-
stand in dem Fall noch eine Eierstockentzündung links. Derselbe
Fall bekam dann während des Heilungsverlaufes nach der Appendek-
tomie eine Thrombophlebitis der Vena femoralis links, die die Be-
handlungsdauer auf 26 Tage verlängerte. Das Nähere über diese
Komplikation wird später besprochen werden. Die gleiche Kompli-
kation war in 3 Breslauer Fällen vorausgegangen, so daß sie mit
4 Fällen auf einen Prozentsatz von 1,1 % kommen.
Gallenkoliken ohne Ikterus sollen in einem Breslauer Fall so-
wie in meinem Fall 46 seit 8 Jahren bestanden haben. In letzterem
ist nur ein appendizitischer Anfall 8 Wochen vor der Aufnahme mit
hohem Fieber angegeben. Eine Revision der Gallenblase auf Steine
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9] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 465
ist intra operationem nicht erfolgt Die Gallenkoliken ohne Ikterus
dfirften vielleicht eher früheren katarrhalischen Appendikularkoliken
entsprochen haben, da der Processus in diesem Falle relativ hoch
verlagert gefunden wurde. Der Prozentsatz beträgt mithin 0,6%.
Das vorausgegangene Erbrechen soll in 2 Fällen (2 und 120)
einen blutigen Charakter gehabt haben: ob als Folge eines gleich-
zeitig vorhandenen Magengeschwüres oder einer Schleimhautblutung
durch die Anstrengung des vorausgegangenen Brechaktes Ist aus der
Krankengeschichte nicht zu ersehen«
Brustfellentzündung rechts mit reichlicher Eiterentleerung per
OS war im Fall 171 im AnschluD an einen vor 8 Wochen vorausge-
gangenen Appendizitisanfall aufgetreten und bis zur Aufnahme des
Patienten in die Klinik spontan zur Rückbildung gelangt. Ferner ist
diese Komplikation in 2 Breslauer Fällen verzeichnet ohne nähere
Angabe der Seite.
Ein Typhus war in 3 Fällen vor 1 Jahr vorausgegangen. Ob
dieser in einem ätiologischen Zusammenhang mit der letzten Eiiran-
kung stehen könnte, ist nicht zu sagen, da nach dem Journal eine
Untersuchung auf Typhusbazillen nicht vorgenommen ist Möglich
erscheint mir die Annahme, daß vereinzelt auch der angeblich voraus-
gegangene Typhusanfall bereits einem verkannten Appendizitisanfall
entsprochen haben kann.
Sicherer erscheint ein solcher Zusammenhang mit einer Infektions*
krankheit schon im Fall 168, wo der Anfall in direktem Anschluß an
eine vorausgegangene Masernerkrankung mit hohem Fieber als
erster Anfall überhaupt eingesetzt hatte. Sonst ist anamnestisch nur
noch in 2 Fällen ein Hinweis auf eine vorausgegangene Infektions-
krankheit in Gestalt einer Angina zu finden.
Erwähnt sei schließlich noch, daß in je 2 Breslauer Fällen , Leber-
schmerzen mit Ikterus*, sowie Adnexbeschwerden angegeben
werden. —
Ätiologisch sind äußere Veranlassungen für den Anfall nur sehr
selten, nämlich in 5 Fällen angegeben. Dieselben bestanden 3 mal
in einem Stoß gegen den Leib. In 1 dieser Fälle wurden die be-
kannten kleinen punktförmigen Hämorrhagien auf der Schleimhaut
des Appendix gefunden. Ob dieselben hier möglicherweise auf das
Trauma zurückzuführen sind, möchte ich nicht entscheiden, halte es
aber nicht für wahrscheinlich. In 2 weiteren Fällen war der Anfall
nach schwerer körperlicher Anstrengung bzw. nach schwerem Heben
und Tragen aufgetreten. In 5 Breslauer Fällen sind Appendizitis in
der Familie erwähnt; in diesen Fällen war fast immer die Länge des
Processus auffallend, die einmal sogar bis 17 cm betrug.
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466 Ad. Ebner, [10
Inzisionen zirkumskripter periappendizitischer Exsudate
waren vorausgegangen in 17 Fällen « 5% der Gesamtzahl.
Im Fall 78 hatte dieselbe vor 1 Jahr stattgefunden und war ohne
Fistelbildung geheilt.
Im Fall 122 war vor 3 Jahren ein periappendizitisches Exsudat
inzidiert worden. Im Anschluß daran blieb eine Fistel zurück, die
sich nach Monaten spontan schloß. Es bildete sich dann allmählich
eine Narbenhernie aus, die bis zur Aufnahme bestand. Die Operation
ergab im Bruchsack der Narbenhernie die Flexura hepatica und den
Appendix mit grünlich fibrinösen Massen bedeckt. Die gegen die
Spin. ant. sup. unter der Haut gelegene Tasche war mit einem sero-
fibrinösen Exsudat gefüllt
Im Fall 159 war zuerst eine Heilung der Inzisionswunde eingetreten.
Später brach die Narbe wieder auf und entleerte eine Zeitlang Eiter^
um schließlich spontan zu heilen.
Eine Fistel war zurückgeblieben in 5 Fällen. Im Fall 203 war
bei einem vor 35 Wochen vorausgegangenen Anfall eine dreifache
Inzision wegen multipler Abszeßbildung notwendig geworden. Es
fand sich später eine alte Perforation an der Basis des Processus
vermiformis, die wohl für die Fistel verantwortlich zu machen ist
Im Fall 218 waren früher 2 Abszesse inzidiert worden, ob eine Fistel
zurückblieb ist nicht gesagt Dagegen stellte sich auch bei diesem
Patienten im Laufe der weiteren Zeit eine Narbenhernie ein. In
sämtlichen Fällen wurde die Fistel bzw. die Narbenhernie durch die
Operation glatt beseitigt.]^
Wenden wir uns nun dem intra operationem erhobenen Be-
fund zu, so finden wir zunächst ältere bzw. schwerere Verwachsungen
in 175 Fällen = 50,6% angeführt Leichtere Verwachsungen allein be-
standen in 127 Fällen - 36,7% der gesamten Fälle. Gar keine Ver-
wachsungen sind angegeben in 44 Fällen « 12,7%.
Was die Veränderungen am Appendix selbst anbelangt, so ist
eine Auftreibung bzw. Retention des Inhalts in 79 Fällen == 22,8% an-
gegeben.
Ulzerationen ohne Perforation finden sich in 12 Fällen = 3,4%.
Eine davon saß an der Spitze und befand sich kurz vor der Per-
foration. In 1 Falle fanden sich 2 und in 2 Fällen fand sich 1 bis
unter die Serosa reichende Ulzeration. Man sieht auch hier wieder,
wie dringend bisweilen die Indikation für einen operativen Eingriff sein
kann, ohne besondere äußere Warnungszeichen.
Perforationen am Appendix ließen sich nachweisen in 44 Fällen
= 12,7%. Bezüglich der Lokalisation derselben finden wir 12mal die
Spitze, 5 mal die Mitte und 11 mal die Basis bzw. das untere Drittel
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1 1] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 467
des Appendix angegeben. In 1 Fall zeigte nur noch eine binde-
gewebige Brücke von 6 cm Länge den Zusammenhang mit dem Frag-
ment des Processus an. In 3 Fällen war die Spitze mit dem Cöcum
verwachsen und in dieses hinein perforiert. In 3 Fällen handelte es
sich auch um Perforationen des Darmes in der Nähe des Processus.
Und zwar bestanden in 1 Fall davon gleichzeitig 2 Perforationen am
Dünndarm und 1 am Cöcum, im zweiten Fall eine Perforation an
der Basis des Processus und eine am Cöcum , und im dritten Fall
bestanden schließlich 2 Perforationen am Dünndarm, deren Charakter
als Rückperforationen im Krankenjournal in Erwägung gezogen wird.
Die gleiche Entstehungsmöglichkeit dürfte auch für die Darmperfora-
tionen der beiden anderen Fälle in Betracht zu ziehen sein. In den
übrigen Fällen ist eine nähere Angabe nicht vorhanden.
Eine Verdickung der Wand des Processus wird hervorgehoben
in 75 Fällen = 21,4%. Kleine Hämorrhagien der Schleimhaut
sind erwähnt nur in 4 Fällen = 1,1%.
Keine makroskopisch nachweisbare pathologische Ver-
änderung am Processus fand sich in 12 Fällen = 3,5%, in denen
danach abgesehen von dem mikroskopischen Befund, der in den Jour-
nalen nicht verzeichnet ist, die Operation als überflüssig erscheinen
konnte. Immerhin ist dieser Prozentsatz von 3,5%, in dem die Ope-
ration vielleicht nicht nötig war, doch als ein geringer zu bezeichnen
im Verhältnis zu den Fällen, ^reiche sämtlich die Operation dringend
indiziert erscheinen ließen. Interessant sind die von Dr. Capelle
zusammengestellten anamnestischen Angaben der 7 Breslauer Fälle
ohne makroskopischen Befund, welche ich hier kurz einschieben
möchte. Der erste derselben hatte angeblich vor 9 Jahren einen
einzigen leichten Anfall nach Trauma (Bauchaufschwung) erlebt und
kam wegen chronischer Obstipations- und Blasenbeschwerden zur
operativen Behandlung. Bei dem zweiten sprachen die von vornherein
milden Beschwerden ohne eigentlichen Anfall für eine sog. Appen-
dicitis larvata. Bei dem dritten Fall war 1 Jahr zuvor 1 schwerer,
11 wöchentlicher Anfall vorausgegangen. In 3 anderen Fällen war
schon die klinische Diagnose unklar geblieben, einmal gegen Hysterie,
das zweite Mal gegen eine gynäkologische Affektion (Adnexe) und das
dritte Mal gegen Dickdarmtuberkulose. Bei dieser letzten Patientin
waren seit 1 Jahre Durchfälle vorausgegangen und ziehende Schmerzen
in der Blinddarmgegend zurückgeblieben. Die Operation präsentierte
einen klinisch vorher festgestellten, hühnereigroßen, dem Cöcum auf-
sitzenden Tumor, der makroskopisch aus schwartigem Gewebe bestand
und mit dem Netz verwachsen war. In seiner Nähe lag der Appendix.
Ferner klarer Aszites im Peritoneum.
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468 Ad. Ebner, [12
Die mikroskopische Untersuchung des schwartigen Gewebes (Probe-
exzision) ergab keinen für Tuberkulose charakteristischen Befund.
Trotzdem blieb auch nach der Epikrise der Fall unklar und auf Dick-
darmtuberkulose suspekt.
Kotsteine fanden sich insgesamt in 37 Fällen » 10,7%. Davon
waren in 8 Fällen mehrere Steine gleichzeitig vorhanden und zwar
2 Steine in 4 Fällen, 3 Steine in 1 Fall und 4 Steine in 4 Fällen. In
1 Fall waren die Steine deudich facettiert. Die Gr6ße der Steine
wird zwischen erbsengroß bis bohnen- und mandelgroß, in 1 Fall als
haselnußgroß angegeben. In 1 Fall mit 4 Kotsteinen im Processus
hatten dieselben sämtlich Mandelgröße. Es gehört schon eine recht
starke Dilatation des Appendix dazu, um 4 derartige Steine beherbei^ en
zu können. Die Möglichkeit einer Druckwirkung und Ulzeration der
Wand ergibt sich in solchen Fällen wohl von selbst Ober die Loka-
lisation der Steine ist angegeben, daß in 6 Fällen dieselben außerhalb
des perforierten Appendix lagen. Darunter war 1 Fall mit 2 Steinen,
die beide außerhalb des Appendix gefunden wurden. Der im Innern
des Processus gelegene Stein saß in 3 Fällen über der Basis, in 1 Fall
in der Mitte und in 10 Fällen im distalen Ende bzw. in der Spitze
des Processus. In den übrigen Fällen ist die Lokalisation des Steins
nicht näher angegeben. Auch hiernach scheint entsprechend den Zu-
sammenstellungen anderer Autoren die Spitze und danach die Basis
die Prädilektionsstelle für die Lokalisatton der Kotsteine im Appendix
zu sein.
Der Inhalt des Processus wird, abgesehen von Steinen, ange-
geben als kotig in 11 Fällen, als schleimig-kotig in 10 Fällen, schlei-
mig in 20 Fällen, blutig-schleimig in 5 Fällen, eitrig in 22, schleimig-
eitrig in 3 Fällen und kotig-eitrig in 1 FalL In 1 Fall fanden sich
lebende Oxyuren im Processus. Man ersieht daraus ohne weiteres
entsprechend dem chronischen Stadium der Fälle den vorwiegend
schleimigen Charakter des Inhalts bei 35 Fällen, während nur in
25 Fällen der Inhalt eine mehr eitrige Beimengung zeigte. Ein Fremd-
körper im Appendix fand sich abgesehen von dem Fall mit Oxyuren
nur in 1 Fall in Gestalt zweier Haare, daneben war dünner Kot vor-
handen. In 2 Fällen wird angegeben, daß kein Inhalt gefunden sei.
Strikturen des Processus werden angegeben in 72 Fällen. Loka-
lisiert waren dieselben an der Basis 28mal, an der Spitze 24 mal, in
der Mitte 14 mal. In 5 Fällen ist eine Angabe über die Lage nicht
enthalten. In 1 Falle bestanden 2 Strikturen gleichzeitig, von denen
eine an der Basis und die andere an der Spitze saß. Über die Ätio-
logie derselben ist nur in 5 Fällen angegeben, daß sie von Narben
herrühren. Bei den übrigen muß es unentschieden bleiben, wie viele
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13] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 469
durch narbige Veränderungen von innen heraus, wie viele anderer-
seits durch adhäsive Abschnürungen und Knickungen von außen her
ihren Ursprung genommen haben.
Eine Obliteration des Lumens war vorhanden in 50 Fällen
= 14,4% der Fälle. Entsprechend der Lage der Strikturen saß sie
ebenfoUs am häufigsten an der Basis und Spitze, nämlich in 21 bzw.
15 Fallen. In der Mitte war sie am seltensten, nämlich 9 mal lokali-
siert. In 5 Fällen war das Lumen des gesamten Appendix in toto
obliteriert. Eine besondere Veranlassung für diese ausgedehnte Ob-
literation des Lumen ist aus den Krankengeschichten nicht zu er-
sehen.
Die Lage des Appendix ist angegeben in 124 Fällen. Richten wir
uns nach den in den Krankengeschichten gewählten Bezeichnungen,
so lag der Appendix nach innen oben 22 mal, nach innen unten 29 mal,
nach innen 4mal, nach innen hinten 3mal, nach hinten 13mal, nach
hinten oben 31 mal, nach hinten unten 44mal, nach hinten außen 7mal,
nach vorne oben 3mal, nach vorne unten 8mal, nach unten außen
14mal, nach oben außen 2mal, nach oben 6mal. In 3 Fällen war der
Processus sehr hoch (oberhalb der Nabellinie) gelegen. Danach ist
ßr unsere Fälle am häufigsten die Lage des Processus nach hinten
unten (44), nach hinten oben (31), dann nach innen unten (29), und
innen oben (22). Die übrigen Richtungen werden nur in ganz ge-
ringer und ziemlich gleichbleibender Zahl (2—13) vom Processus ein-
genommen.
Die Haltung des Processus wird beeinflußt durch seine Länge,
deren Angaben in unseren Fällen zwischen 2^/2—16 cm schwanken,
durch die Größe des Mesenteriolums und vornehmlich durch voraus-
gegangene, ihn fixierende Verwachsungen, als Folge früherer Ent-
zündungszustände. Diese begünstigen naturgemäß die Entstehung von
Knickungen und Retentionen und letztere führen dann im Circulus
vitiosus wieder zu neuen Entzündungsnachschüben. Genauere An-
gaben über die Haltung des Appendix sind enthalten in 74 Fällen.
Darunter lag eine Knickung an der Spitze in 16 Fällen, in der Mitte
in 12, und an der Basis in 5 Fällen vor. In 16 weiteren Fällen ist
die genauere Lage der Knickungsstelle nicht näher angegeben. In
5 Fällen war der Processus zusammengeknäult bzw. aufgerollt, in
2 Fällen schneckenförmig gekrümmt. In 6 Fällen wies der Pro-
cessus eine S-formige Krümmung um seine Achse auf, in 7 weiteren
Fällen wird er als spiralig gewunden bzw. geschlängelt bezeichnet. In
2 Fällen war er an der Knickungsstelle in seiner Kontinuität nur noch
durch eine 6 cm lange bindegewebige Brücke verbunden. In 1 Falle
wird die Haltung als „posthornförmig' bezeichnet. Eine doppelte
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470 Ad. Ebner, [14
Knickung lag in 4 Fällen vor, derart daß der Processus in seiner Lage
der Form eines Dreiecks entsprach. In sämtlichen Fällen war der
Processus in seiner Lage durch mehr weniger zahlreiche Adhäsionen
fixiert und wies mehrfach deutliche Retentionserscheinungen auf.
Größere Exsudatreste bzw. kleine, ältere Abszeßhöhlen
wurden in 57 Fällen gefunden « 16,5%. Die Größe der Abszeßhöhlen
schwankte zwischen Linsen- bis Pflaumengröße. In einem Fall war
der Processus in einen faustgroßen Tumor von Exsudatresten einge-
bettet. In einem anderen Fall fand sich eine Tuberkulose der rechten
Adnexe, sowie reichliche Verwachsungen der verdickten Tube mit dem
Cöcum. Die Adnexe wurde ebenfalls exstirpiert. Der Processus
selbst wies nur geringfügige Verwachsungen und sonst keine makro-
skopisch erkennbaren Veränderungen auf. Nach dem Befunde dfirfte
es sich in dem Falle wohl primär um eine rechtsseitige Adnextuber-
kulose gehandelt haben, die* erst sekundär zu einer Aifektion des
Processus geführt hat. Die Lage der Exsudatreste befand sich im
Becken 4mal, am Cöcum 13mal, darunter 2mal retrocöcal, am Ap-
pendix selbst 24 mal, darunter eine zweite Abszeßhöhle an der Wirbel-
säule; zwischen herangezogenen verklebten Dünndarmschlingen 2 mal,
am Mesenteriolum 4 mal, in dem einen Fall mit kleinen Fettnekrosen
verbunden. Letztere dürften vielleicht als Folge thrombotischer Ge-
fäßverschlüsse aufzufassen sein. In 19 Fällen ist über Lokalisation
der vorhandenen Exsudatreste nichts Näheres angegeben. Bezüglich
der Breslauer Fälle, bei denen die bakteriologische Untersuchung der
Eiterreste regelmäßig stattgefunden hat, bemerkt Dr. Capelle, daß
diese Reste keineswegs immer steril gefunden wurden. So konnten
in einem Falle Kolibazillen, in einem anderen Falle sogar Strepto-
kokken gezüchtet werden, trotzdem dieser letzte Fall erst nach einem
3 Monate langen anfallsfreien Zeitraum zur Operation kam. Auf die
12 Fälle der Breslauer Klinik berechnet würden diese 2 Fälle einem
Prozentsatz von 16,6% entsprechen, der jedoch bei der geringen
Zahl der Fälle einen besonderen Wert wohl kaum beanspruchen
dürfte.
Der Fall 124 allein verdient es wegen seines eigenartigen Befundes
näher angeführt zu werden. Von vornherein lag in dem Fall zunächst
der Verdacht auf einen Tumor vor. Der Patient klagte nur über
Schmerzen in der rechten Leistenbeuge beim Gehen. Palpatorisch
konnte man einen überhühnereigroßen, steinharten, beweglichen Tumor
über dem Lig. Poupartii in den Bauchdecken konstatieren. Die Haut
über demselben war verschieblich. Der Muse, rectus drängte bei
Kontraktionen den Tumor nach außen. Die Operation ergab die Mus-
l(ulatur über dem Tumor sulzig verändert. Der Darm saß zwischen
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15] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 471
Fase, transversa und Peritoneum, war der ersteren fest adhSrent und
auch vom Peritoneum nicht abzulösen. Er entsprach dem von oben
in den Tumor ziehenden Appendix. Die Hauptmasse des Tumors
bestand aus außerordentlich derbem Sehnengewebe, an welchem ein
Stfick Darmwand fest angewachsen war. Die Darmschleimhaut ließ
sich in einen Kanal verfolgen, der anscheinend dem Appendix ent-
sprach. In der Nähe der Spitze bestand im Bindegewebe ein fistulöser
Abszeß, der in eine walnußgroße buchtige Höhle überging. Der Tumor
wurde zusammen mit dem Appendix entfernt. Trotz der Tamponade
trat dann später noch ein Bauchdeckenabszeß auf, dem völlige Heilung
nachfolgte. Nach diesem Befunde könnte es sich hier um eine pri-
märe properitoneale Hernie des Appendix in der Bauchwand geban-
delt haben, bei der es erst sekundär zur entzündlichen Veränderung
des Appendix und seiner Umgebung gekommen ist Wenigsteps
scheint mir diese Annahme wahrscheinlicher, als der Vorgang einer
primären Periappendizitis mit Verlötung des Processus am Peritoneum
der Bauchwand und allmählicher Perforation des Peritoneum parietale
als Folge der Abszedierung. Wie es dann nachträglich zur properi-
tonealen Verlagerung des entzündeten und mit höchster Wahrschein-
lichkeit seiner Umgebung adhärenten Appendix gekommen sein könnte,
ist mir nicht recht erfindlich.
Der Verlauf der Fälle nach der Operation war in 266 Fällen
»76,8% ohne jede Störung und ohne Fieber. Eine Dränage der
Wunde war in 23 Fällen notwendig und zwar in 15 Fällen wegen
zurückgebliebener Abszesse und Exsudatreste, in 3 Fällen wegen Ein-
reiOens des brüchigen Appendix während der Auslösung desselben
aus den Verwachsungen.
Die Einnähung der Abszeß wand in die Bauchwunde wurde
bei einem intramural am Cöcum gelegenen Abszeß gemacht.
Die Eröffnung der alten Narbe mit Tamponade wurde nur Imal
am 12. Tage nach der Operation zur Ableitung eines retrocöcal ge-
legenen Abszesses notwendig.
Die Sekundärnäht mit Anfrischung der Wundränder konnte
uach 5 Tagen im Fall 122, in dem es sich um eine Narbenhernie mit
Appendix im Bruchsack handelte, gemacht werden. Der Fall heilte
dann per primam.
Störungen an der Wunde selbst traten ISmal auf. Es fand sich
eine Fadeneiterung in 8 Fällen, ein Hämatom der Bauchdecken in
2 Fallen, ein Bauchdeckenabszeß in 8 Fällen. In dem einen der letzten
beiden Fälle handelte es sich um einen Exsudatrest an der Basis des
Appendix, in dem anderen Fall um einen Appendix, der mit 4 Steinen
und Eiter gefüllt war. Außerdem ist 1 Fall hervorzuheben , bei deng
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472 Ad. Ebner, [16
sich post op. ein tiefer Abszeß bildete, der spontan in die Blase durch-
brach und dann zur glatten Heilung kam.
Störungen seitens der Lungen traten in 16 Fällen » 4,6%
ein. Es fand sich eine Lungenembolie leichteren Grades 3mal, eine
Pleuritis exsudativa dextra 2mal (darunter Imal infolge alter Lungen-
tuberkulose), leichte Bronchitis purulenta 4 mal, eine Pneumonie der
rechten Seite 7 mal, zum Teil sehr leicht. Wieweit bei den Lungen-
komplikationen die Narkose, die fast stets mit Äther ausgeführt wurde,
beteiligt sein kann, läßt sich aus den Krankenblättern nicht entschei-
den. In der Regel handelt es sich dabei um eine von der Bauchhohle
aus aufsteigende Infektion durch die Lymphgefäße des Zwerchfells hin-
durch, seltener durch kleine Gefäßembolien, als deren Voraussetzung
eine Infektion der Lymphgefäße in der Umgebung des Processus an-
zunehmen ist Wo diese jedoch bei dem Fehlen jeglicher Exsudat-
reste nicht als wahrscheinlich anzunehmen ist, muß man wohl an eine
Beteiligung der Narkose dabei durch Infektion der Lungen auf dem
Aspirationswege denken.
Eine Thrombophlebitis der Vena femoralis fand sich insge-
samt in 9 Fällen = 2,6%. Dieselbe war entsprechend den bisherigen
Erfahrungen in der Mehrzahl der Fälle, nämlich 6mal auf der linken
Seite gelegen. Der eine Fall hatte bereits vor 4 Jahren gelegentlich
eines Anfalles eine Thrombose der Femoralis rechts durchgemacht.
Der Fall ist bereits oben bei der Besprechung der Anamnesen naher
erwähnt worden. Die Behandlungsdauer wurde durch diese Kom-
plikation nur in 1 Falle auf 83 Tage verlängert, die übrigen Falle
gelangten trotzdem in 24 — 28 Tagen zur Heilung. Hinsichtlich der
Ätiologie bieten sämtliche Fälle nichts Besonderes dar, es sei denn
der Umstand, daß in sämtlichen Fällen der Schnitt am äußeren Rek-
tusrand angelegt ist Dieses ist von besonderem Interesse für die
Erklärung der Genese gerade der linksseitig gelegenen Trombosen der
Vena femoralis, die von Witzel angegeben ist. Danach kann es bei
gleichzeitiger Ligatur der Art. und Vena epigastrica zu einer Gerinnung
in den Wurzeln der Ven. epigastrica kommen, deren Fortsetzung nach
der linken Bauchseite auf dem Wege der Ven. epigastrica sinistra
zur Thrombose der Ven. femoralis sinistra fuhren kann. Es liegt auf
der Hand, daß der Schnitt am äußeren Rektusrand leicht zu einem
derartigen Vorgang die Veranlassung abgeben kann, insofern bei veit-
greifenden Hautnähten zufällig einmal die Ven. und Art. epigastrica
gleichzeitig mitgefaßt und ligiert werden kann. Von selteneren Kom-
plikationen sind schließlich noch aus der Breslauer Klinik postopera-
tive Stenosenerscheinungen in der Cöcalgegend zu nennen, die 2mal
beobachtet wurden und nach 3—4 Tagen spontan verschwanden. Ferner
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17] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 473
trat 2inal ein intermittierender Ikterus auf, der wohl auf katarrhali-
sclier Grundlage zustande gekommen ist.
Interessant dürfte zum Schluß noch neben einer näheren Erörterung
der tötlich verlaufenen Fälle die Fieberkurve eines Patienten aus der
Breslauer Klinik sein, der im Anfall zur Aufnahme gelangte. Er hatte
ein periappendizitisches Exsudat mit Fiebertemperatur bis 39^ und
einen der Temperatur entsprechend beschleunigten Puls. Plötzlich
zeigte Temperatur und Puls bei dem Patienten einen steilen Ab-
fall, die Temperatur blieb einige Tage unter 36"", der Puls unter 35
Schlägen pro Minute, ohne daß Anzeichen vorhanden waren, die für
eine Perforation eines Abszesses in die Blase oder Mastdarm ge-
sprochen hätten. Der Fall ist dann komplikationslos in das Sicher-
heitsstadium gekommen.
Gehen wir schließlich noch auf die beiden tödlich verlaufenen
Falle etwas näher ein, so handelte es sich bei dem ersten derselben
ttts der Königsberger Klinik um einen 22jährigen Patienten, der bereits
3 Anfalle durchgemacht hatte und 10 Wochen nach dem letzten Anfall
zur Operation gelangte. Klinisch wurde bei dem Patienten eine
hfihnereigroße Resistenz in der Ileocöcalgegend festgestellt. Die Ope-
ration ergab folgenden Befund: Das Cöcum war in reichlichen, alten
Verwachsungen der Bauchwand adhärent, bei Lösung derselben wurde
eine eitrige Lymphdrüse eröffnet. Der Appendix lag nach hinten und
lateral vom Cöcum, seine Spitze war in eine Granulationshöhle der
Wand am Cöcum eingebettet. Nach Entfernung des Appendix und
Auskratzung der Höhle wurde die Operation durch Tamponade der
Höhle beendet. Der Patient starb an einer allgemeinen Peritonitis,
die wohl ihren Ausgang von der eröffneten eitrigen Lymphdrüse ge-
nommen haben dürfte.
Bei dem zweiten Todesfall, der aus der Breslauer Klinik stammt,
handelte es sich um einen 22jährigen Arbeiter, der im 6wöchentlichen
Intervall nach dem ersten schweren Anfall operiert wurde. In ope-
ratione, die durch einen zu klein angelegten pararektalen Schnitt er-
schwert wurde, lagen Dünndarmschlingen mit starken Adhäsionen
vor, die nach unten und lateral teilweise an das Peritoneum parietale
heranzogen. Die Lösung dieser Adhäsionen machte große Schwie-
rigkeiten, ebenso die Entwicklung des Appendix, der 10 cm lang, nach
unten lateral umbog und mit der Spitze fest fixiert war. Bei der
Losung der Adhäsionen wurde eine Dünndarmschlinge angerissen,
die Läsion ging bis auf die Mukosa und wurde übernäht. Der Patient
ging 2 Tage nach der Operation an einer Allgemeininfektion des
Peritoneums zugrunde. Epikritisch wurde angenommen, daß bei der
Lösung der Verwachsungen höchstwahrscheinlich eine noch infektiöse
KUn. Vortrage, N. F. Nr. 494/05. (Chirurgie Nr. 145/46.) Juli 1906. 35
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474 Ad. Ebner, [18
Eiterhöhle eröffnet sei, und daß diese die tödliche Peritonitis
veranlaßt habe. Abgesehen davon stellte die Autopsie noch eine
Unterlappenpneumonie fest.
Wenden wir uns nun den Fällen zu, welche im Stadium der zir-
kumskripten Periappendizitis bzw. der abgekapselten Ab-
szeßbildung zur Operation gelangt sind, so verteilen sich dieselben
auf eo männliche und 43 weibliche Patienten = 61,6% : 38,4%, gegen
63,2% : 36,4% bei den chronischen Fällen.
Die Fälle verteilen sich auf die einzelnen Altersdezennien folgen-
dermaßen: 1.— 10. Jahre 11 Fälle, 11.— 20: 24, 21.— 30.: 29, 31. — 40.:
22, 41.— 50.: 13, 51.-60.: 9, 61.-70.: 3 und 71.— 80. Jahre 1 FalL
Auch hier halten sich die Zahlen vom 2.-4. Dezennium ziemlich
gleichmäßig, um dann steil wieder abzufallen.
Die Zahl der vorausgegangenen Anfälle bewegt sich zwischen
1—6 Anfällen von verschiedener, meist als sehr heftig geschilderter
Intensität der Erscheinungen und zwar ist vorausgegangen nur 1 An-
fall in 93 Fällen, 2 in 12, 3 in 4, 4 in 1, 5 in 1 und 6 Anfalle in
ebenfalls 1 Fall. Es fällt ohne weiteres ins Auge die weit fiber-
wiegende Zahl von 93 Fällen, bei denen 1 Anfall von solcher Schwere
vorausgegangen war, daß im Gefolge desselben der operative Ein-
griff in Gestalt einer Spätoperation notwendig wurde. Es stimmt
dieses mit der mehrfach beobachteten Erfahrungstatsache überein,
daß gerade die ersten Appendizitisanfälle vielfach die schwersten zu
sein pflegen.
Der Processus wurde entfernt nur in 22 Fällen »19,8% und
wurde zurückgelassen in 90 Fällen = 80,2%, entsprechend dem allge-
mein üblichen und anerkannten Grundsatz, den Processus nur dann
zu entfernen, wenn sich dieses ohne längeres Suchen und ohne Lösung
schützender Adhäsionen ermöglichen läßt.
Bezüglich des Zeitpunktes der Operation empfiehlt es sich,
hier von vornherein einen Unterschied zu machen zwischen den Fällen,
die wir nach der heutigen Auffassung als Intermediäroperationen be-
zeichnen müssen, und den Spätoperationen im eigendicben Sinne. Als
Intermediäroperation bezeichnet man bekanndich die Operation in
demjenigen Stadium, welches nach Richardson für die Frühoperation
zu spät und für die Spätoperation zu früh ist. Dieses „Zwischen-
stadium"", wie wir es nennen wollen, liegt also zeidich zwischen der
Früh- und Spätoperation der Periappendizitis.
Anatomisch läßt sich der Begriff des Zwischenstadiums genau um-
grenzen als Zeitraum vom Beginn der Miterkrankung des Peritoneums
bis zum Abschluß des Entzündungsvorganges gegen das freie Peri-
toneum. Zeidich läßt sich naturgemäß dieser Zeitraum nicht so gensu
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19] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 47$
umgrenzen, da namentlich für den Endtermin desselben zu viel ver-
schiedene und wechselnde Faktoren in Betracht kommen, wie Virulenz
der Infektionserreger bzw. Intensität des Entzündungsvorganges, Wider-
standsfähigkeit des Peritoneums, Verhalten des Patienten und auch
des Arztes in diesem Stadium u. a. m. Dementsprechend wird auch
von verschiedenen Autoren die Länge des Zwischenstadiums ver-
schieden berechnet. Der Beginn wird allgemein vom 3. Tage der
Erkrankung ab gerechnet. Der Endtermin schwankt zwischen dem
6. — 10. Tage der Erkrankung. Sprengel schlagt auf Grund seiner um-
fassenden Erfahrungen vor, das Zwischenstadium nur bis zum Beginn
des 6. Tages zu rechnen. Andere Autoren rechnen bei ihren Aufstel-
lungen mit dem 8. — 10. Tage. Dieser Zeitraum vom 6. — 10. Tage ist
wohl mit Sicherheit als die Grenze des Zwischenstadiums gegen das
Spätstadium zu bezeichnen. An welchem Tage innerhalb dieser Zeit
am häufigsten ein vollständiger Abschluß des peritonealen Entzündungs-
vorganges stattzufinden pflegt, läßt sich nach den bisherigen Angaben
noch nicht sicher entscheiden. Wir werden daher am besten als
Mittel des fraglichen Zeitraumes, den 8. Tag für unsere Betrachtungen
als Endtermin des Zwischenstadiums zu wählen haben.
Um präzise Resultate zu erhalten verlangt Sprengel, daß man
nicht die Gesamtzahl der Fälle, sondern nur die gesonderten Resultate
derjenigen Fälle heranziehen müsse, welche im Zwischenstadium bei
freier oder umschriebener (aber noch nicht abgeschlossener) Mitbe-
teiligung des Peritoneums zur Operation gelangt sind. Sprengel hat
nach diesem Prinzip 102 vom 3. — 5. Tag operierte Fälle eingeteilt
Darunter befinden sich 38 Fälle mit freier Peritonitis und 18 Todes-
fallen und 64 Fälle mit umschriebener Beteiligung des Peritoneums
und 2 Todesfallen. Er hat danach im Gegensatz zu anderen Autoren
die äußerst niedrige Mortalitätsziifer von 3 % für die Zwischenopera-
tion berechnen können.
Die Gegner dieser Anschauung, wie Körte, Kümmel, Garr^,
V. Eiseisberg, Sonnenburg u. a. führen gegen dieselbe efne er-
höhte Infektionsgefahr des Peritoneums bei operativem Vorgehen in
diesem Stadium an und stützen sich dabei auf die vqn den meisten
beobachtete erheblich höhere Mortalität 8—16% nach operativem Ein-
griff. Sie schlagen vielmehr ein individualisierendes Vorgehen von
Fall zu Fall vor, indem sie sich nur auf mehr weniger dringende
Indikationen bzw. deutliche Anzeichen einer akuten Verschlimmerung
hin in diesem Stadium zum operativen Eingriff entschließen. In den
übrigen Fällen halten sie es für zweckmäßiger und sicherer, die Pa-
tienten erst in das Spätstadium überzuführen, da ihnen dieses für den
notwendigen operativen Eingriff geeigneter erscheint.
35*
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476 Ad. Ebner, [20
Hierbei ist jedoch der Umstand in Betracht zu ziehen, daß unter
dieser Voraussetzung nur die schweren, auf dringende Indikationen
hin operierten Fälle für die Resultate im Zwischenstadium in Betracht
kommen. Es liegt auf der Hand, daß danach die Resultate schlechter
sein müssen, als bei denjenigen Autoren, die ohne Auswahl auch mit
Einschluß der leichteren Fälle im Zwischenstadium operieren. Eine
Beweiskraft für die Entscheidung der prinzipiellen Operation im
Zwischenstadium kann man somit diesen Zusammenstellungen kaum
unterlegen. Immerhin wird auch hier eine Gegenüberstellung der
Zwischenoperationen und Spätoperationen bzw. der Heilerfolge eines
allgemeinen Interesses nicht entbehren.
Von den gesamten 112 Fällen unserer Zusammenstellung nach
48 Stunden sind von dem 3. — 8. Tage seit Beginn des Anfalles zur
Operation gelangt 24 Fälle. Von diesen sind 2 Fälle gestorben, von
denen nach der Anamnese der eine am 6. Tage, der andere am
4. Tage operiert wurde. Im ersten Falle wurde wegen einer Ex-
sudatansammlung im Douglas die Inzision und Dränage per rectum
gemacht. Später wurde die Spaltung einer Bauchdeckenphlegmone
und verschiedener metastatischer Abszesse der Haut notwendig. Im
Eiter fanden sich Staphylokokken und Stäbchen. Der Patient ging
an multiplen Abszessen zugrunde. Inwieweit man durch ein gleich-
zeitiges Eingehen von oben her den Prozeß hätte beeinflussen
können, ist nachträglich kaum zu entscheiden. Der zweite tödlich
verlaufene Fall zeigte bei der Aufnahme eine deutliche Facies ab-
dominalis, leicht gespanntes Abdomen, sowie eine große Resistenz
in der rechten Beckenseite. Die Temperatur betrug 38"*, der Puls
128 Schläge in der Minute. Die Operation ergab vorliegende, frisch
verklebte Netzpartien, sowie von oben herkommenden stinkenden
Eiter an der Außenseite des Cöcums. Der Abszeßherd wurde nicht
gefunden. Der Patient starb am 4. Tage an fortschreitender Peri-
tonitis. Ein Obduktionsbefund ist nicht vorhanden. Hiernach würde
auf tmsere 24 Zwischenoperationen eine Mortalität von 8,3% ent-
fallen.
Ausgenommen bzw. nicht berechnet sind hierbei die Fälle, welche
mit einer entzündlichen Beteiligung des gesamten Peritoneums zur
Operation gelangten, und die auch nach der Auffassung von Sprengel
für die Beurteilung der Zwischenoperation fortfallen müssen, da für
diese die Prognose nach 48 Stunden heute kaum noch als zweifelhaft
gelten kann. Dieselben sind später unter einer besonderen Kategorie
zusammengefaßt. Es kommen hier auf 17 Fälle, die vom 3.-7. Tag
nach der Perforation operiert sind, tatsächlich auch nur 2 Heilungs-
fälle, was einer Mortalität von 82,2% entspricht.
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21] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 477
Von den übrigen 89 Fällen nach 48 Stunden wurden operiert in
der 2. Woche 21 Fälle, in der 3, Woche 24, 4. Woche 13, 5. Wochel2,
6. Woche 5, 8. Woche 3, 9. Woche 1, 10. Woche 3, 11. Woche und
spater 7 Fälle.
Auf dieselben entfallen im ganzen 7 Todesfälle, was einer Mortali-
tät von 7,9% entsprechen wQrde. Wir finden also bei dieser kleinen
Anzahl von Fällen ein Fallen der Mortalität um nur 0,4% gegenüber
den operativen Eingriffen im Zwischenstadium, ein Umstand, der zum
mindesten die Entscheidung der Frage nicht gegen die Zwischen-
operation beeinflussen dürfte.
Die Behandlungsdauer der gesamten 113 Fälle schwankt zwi-
schen 6 — 116 Tagen. Dieselben verteilen sich folgendermaßen: Die
Dauer der Behandlung betrug 1—10 Tage in 4 Fällen, 11—20 Tage
in 13, 12—30 in 25, 31—40 in 26, 41—50 in 16, 51—60 in 9, 61—70
in 8, 71—80 in 2, 81—90 in 3, 91—100 in 2, 101—110 in 2 und
111—120 Tage in 3 Fällen.
Danach liegt für die Mehrzahl der Fälle die Behandlungsdauer
zwischen 11—70 Tagen, und nur bei 12 Fällen erstreckt sich die Be-
handlung über 70 Tage hinaus. Bei 2 von den Fällen mit einer Be-
handlungsdauer unter 10 Tagen handelte es sich in dem einen um
eine rektale Punktion, die einige Tropfen Eiter lieferte, während die
nachfolgende Inzision ein negatives Resultat ergab. Nach afebrilem Ver-
lauf trat Heilung ein. Bei den anderen Fällen trat innerhalb der ersten
lOTage der Exitus an sekundärer, difl\iser,fibrinös-eitriger Peritonitis ein.
In den übrigen Fällen wurde vielfach erst längere Zeit nach der
Aufnahme operiert, bis ein Abklingen der akuten Erscheinungen zu
konstatieren war. Daraus erklärt sich die lange Behandlungsdauer
der betrefiPenden Fälle.
Bezüglich der Ätiologie sind Angaben nur in 9 Fällen vorhanden.
In 2 Fällen wird ein Diätfehler bzw. starkes Trinken, im 3. und 4.
Fall schwere körperliche Arbeit als Ursache des Anfalls beschuldigt.
Im 5. Fall hatte der Patient bei einem Fall mit dem Revolver, den er bei
sich trug, einen Stoß gegen den Leib erhalten. 10 Tage später stellten
sich die ersten Beschwerden ein. Im 6. Falle hatte Patient vor 4 Wochen
eine vereiterte Verletzung an der Sohle des rechten Fußes gehabt.
Vor 3 Wochen, also 8 Tage später, hatten die ersten Symptome der
Erkrankung eingesetzt. Inwieweit im letzten Fall ein tatsächlicher Zu-
sammenhang beider Erkrankungen besteht, ist mit Sicherheit nicht
festzustellen. Immerhin scheint hier eine solche Annahme nach dem
Prinzip post hoc ergo propter hoc nicht unberechtigt. Ferner werden
2 mal Abführmittel und Imal eine vorausgegangene doppelseitige Par-
otitis als Ursache bzw. als verschlimmerndes Moment erwähnt.
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478 Ad. Ebner, [22
Von den anamnestischen Angaben der einzelnen Falle dürfte
folgendes von Interesse sein.
Spontanperforationen waren dem operativen EingrifiP voraus-
gegangen insgesamt in 8 Fällen. Davon waren per rectum 2 Per-
forationen erfolgt: im Fall 6 vor 3 Jahren und im Fall 73 8 Tage vor
der Aufnahme ohne wesentliche Besserung der Erscheinungen. Per-
forationen in die Blase hatten in 2 Fällen stattgefunden. Fall 6, der
vor 3 Jahren eine Rektumperforation durchgemacht hatte, entleerte
5 Tage vor der Operation plötzlich reichliche Eitermengen mit dem
Urin. Dieselbe Erscheinung zeigte auch Fall 44 am 2. Tage nach der
Aufnahme. Im letzteren Fall war die vordere Vaginalwand der Pat.
stark geschwollen und empfindlich. Im zystoskopischen Bilde sah man
an der vorderen Blasenwand rechts von der Mittellinie ein rundliches,
pfennigstfickgroOes Geschwfir von bläulich-roter Farbe , anscheinend
geschlossen. Merkwürdigerweise wird gerade in diesem Fall in der
Anamnese ausdrücklich angegeben , daß keine Blasenbeschwerden
vorher bestanden.
Schließlich war noch eine Perforation in die Vagina Imal und in
die Bauchwand in 2 Fällen vorausgegangen. Im Fall 20 hatte eine
solche am Nabel vor 3 Tagen stattgefunden, nachdem bereits seit
3 Monaten iSchmerzen um den Nabel herum bestanden hatten. Aus
der Perforationsstelle in der Haut entleerte sich ziemlich reichlich übel-
riechender Eiter, welcher seine Herkunft leicht erraten ließ. Die
Operation ergab in der Abszeßhöhle einen freien Kotstein. 2 vor-
ausgegangene Perforationsstellen in der Bauchwand, deren Zeitpunkt
sich anamnestisch nicht bestimmen ließ, wurden in Fall 56 durch
Inzision rechts von der Linea alba freigelegt. Dieselben fährten direkt
in eine hühnereigroße zwischen den Därmen gelegene Abszeßhöhle.
Unter fieberhaftem Verlauf wurde dann später noch eine zweite In-
zision in der Mittellinie notwendig, worauf die weitere Heilung des
Falles ohne Störung verlief.
Das prozentuale Verhältnis der vorausgegangenen Perforationen
auf die Gesamtzahl der 113 Fälle berechnet sich danach auf 7,1%.
Urinbeschwerden bestanden in 11 Fällen » 9,7%. Dieselben
waren in 4 Fällen durch einen vorhandenen Douglasabszeß bedingt.
Im Fall 46 reichte die große Abszeßhöhle bis zur Symphyse. Im
Fall 48 lag ein Abszeß vor der Blase dicht über der Symphyse. Im
Fall 54 reichte die sehr große Eiterhöhle hinter der Blase bis zur
linken Inguinalgegend hinüber und nach unten bis an das Rektum
heran. Im Fall 57 und 59 ist nur ^ von einem großen Abszeß der
rechten Beckenschaufel die Rede, dessen Grenzen nicht näher ange-
geben werden. Im Fall 66 war auch nach der ErÖfi^nung der Bauch-
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23] Ol>ci' <len heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 479
höhle ein Infiltrat überhaupt nicht zu finden. Der Fall gelangte im
Jahr 1897/98 zur Operation. Man suchte damals, um eine weitere
Infektionsmöglichkeit des Peritoneums auszuschließen, nicht weiter
nach dem Appendix, und es trat dann nach einem Abfall der vorher
fieberhaften Temperatur eine glatte Heilung ein. Ob es sich in diesem
Fall überhaupt um eine Periappendizitis gehandelt hat, dürfte danach
fiist zweifelhaft erscheinen, wenigstens bietet der angegebene Opera-
tionsbefund keine sicheren Anhaltspunkte für diese Annahme dar.
In sämtlichen Fällen erklären sich auch hier die Beschwerden durch
ein Übergreifen des Entzündungsprozesses auf die Blase, soweit ein
solcher überhaupt nachzuweisen war.
Schmerzen in der rechten Brustseite mit Atmungsstörung
und hohem Fieber, also eine rechtsseitige pleuritische Aifektion war
im Fall 8 eingetreten, nachdem bereits 4 Wochen vorher in der
Rückengegend und im Leibe rechts wechselnde Schmerzen bestanden
hatten. Die Operation ergab in dem Fall gleichzeitig einen sub-
phrenischen Abszeß rechts, von dem augenscheinlich die Lungen-
aflPektion ihren Ausgang genommen hatte. Der Fall entspricht 0,9%
der Gesamtzahl.
Durchfälle abwechselnd mit starker Obstipation waren in 22
Fallen » 19,5% vorausgegangen. In 1 Falle bestand seit Beginn der
Erkrankung ein Ausfluß aus der Harnröhre, über dessen mikrosko-
pischen Charakter nichts Näheres angegeben ist. Es handelt sich in
dem Fall um einen Douglasabszeß, der durch eine Mitbeteiligung der
Prostata vielleicht die Veranlassung dazu gegeben hat. Urinbeschwer-
den, die an eine gleichzeitige Gonorrhöe denken lassen könnten, be-
standen in dem Falle nicht.
In 3 Fällen soll das vorausgegangene Erbrechen schließlich einen
fäkulenten Charakter angenommen haben, wohl als Folge einer
Verlegung des Darmlumens durch den Druck der Exsudatmenge.
Unbeweglichkeit bzw. Flexionskontraktur des rechten Beines
bestand in 7 Fällen. Dieselben werden im Zusammenhang mit den
postoperativen Komplikationen näher besprochen werden.
Wenden wir uns nun der klinischen und anatomischen Be-
trachtung unserer Fälle zu, so empfiehlt es sich wohl, zunächst die
9 gestorbenen Fälle im Zusammenhang zu besprechen.
Von diesen können wir zunächst Fall 9 ausscheiden, der an einer
akzidentellen Todesursache zugrunde ging. Es handelte sich dabei
um eine ziemlich frische Exsudatbildung in der Höhe der rechten
Spin. ant. sup. mit geringem Fieber, die ungefähr die Größe eines
Eies hatte. Der adhärente entzündlich veränderte Appendix war in
die Eiterhöhie eingebettet. Der Heilungsverlauf war völlig reaktionslos.
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480 Ad. Ebner, [24
Der betreifende Patient war jedoch in seinem Beruf als Reisender
starker Potator gewesen und ging infolgedessen am 6. Tage post op.
an einer akuten Herzschwäche elend zugrunde; hinzufugen möchte ich,
obwohl die Narkose nicht mit reinem Chloroform, sondern mit Billroth-
scher Mischung gemacht worden war und nicht übermäßig lang ge-
dauert hatte. Der Fall kommt somit für die Mortalität unserer
Statistik eigentlich in Fortfall und ist eher unter die Kategorie der
Spätchloroformtodesfälle zu rechnen.
Gleichzeitig ausscheiden müßte auch der Fall 84, bei dem es
fraglich erscheint, ob eine Periappendizitis überhaupt mit im Spiel
gewesen ist Der Fall bot klinisch durchaus das Bild einer solchen
Erkrankung dar mit einem gänseeigroßen fluktuierenden Exsudat auf
der rechten Beckenschaufel, fieberhafter Temperatur und einer gleich-
zeitigen Flexionskontraktur des rechten Oberschenkels. Das Exsudat
war bis unterhalb des Lig. Poupartii nachweisbar, weshalb hier auch
zunächst die Inzision vorgenommen wurde. Dieselbe entleerte reich-
lich dicken, kotigen Eiter aus einer von dicken Schwarten umgebenen
Höhle oberhalb des Lig. Poupartii. Von dieser aus hatte eine Senkung
längs des rechten Schenkelkanals stattgefunden, so daß die Schenkel-
gefaße freigelegt waren. Infolge weiterer Eitersenkung längs der
Schenkelgefäße wurde dann noch eine Inzision am Oberschenkel not-
wendig. Der Fall ging am 10. Tage post. op. an zunehmender Herz-
schwäche zugrunde. Die Sektion ergab ein Karzinom des Cöcum.
Da auch hierbei der Appendix nicht gefunden wurde, läßt sich weder
für noch gegen das gleichzeitige Vorhandensein einer Appendizitis
eine bestimmte Entscheidung treffen. Als primäre Ursache der Krank-
heitsvorgänge ist hier jedoch in jedem Fall wohl das bestehende
Cöcumkarzinom anzusehen, das ja möglicherweise sekundär zu einer
Affektion des Appendix geführt haben könnte.
War in diesem Falle das bestehende Karzinom übersehen worden,
so ging umgekehrt der Fall 49 an den Folgen einer irrtümlich auf
Karzinom gestellten Diagnose zugrunde. Die klinische Untersuchung
ergab in der Lumbaigegend eine bewegliche Dämpfung ohne eine
deutlich fühlbare Resistenz. Per rectum fühlte man einen das ganze
kleine Becken einnehmenden, teigigen Tumor, der nicht sicher ge-
deutet werden konnte. Die Laparotomie in der Lin. alba entleerte
freie, blutigseröse Flüssigkeit. In der Ileocöcalgegend fand sich ein
von fest verklebten Darmschlingen umgebener Tumor, der als ein
Karzinom angesprochen wurde. Im Mesenterium mehrere harte Drüsen,
die scheinbar diese Diagnose bestätigen mußten. Da eine Entero-
anastomose unmöglich war, wurde ein Anus praeternaturalis angelegt.
10 Tage später trat unter fieberfreiem Verlauf der Exitus unter
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25] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 481
Erscheinungen von Herzschwäche ein. Die Sektion ergab einen alten
periappendizitischen Abszeß ohne Perforation des Appendix und
eine sekundäre, diffuse fibrinös-eitrige Peritonitis, die ihren Ausgang
von dem alten Abszeß genommen hatte. Eine richtige Erkennung des
Operationsstatus bzw. eine rechtzeitige Entleerung de^ Abszesses hätte
hier wohl den bedauerlichen Ausgang verhindern können.
Von den übrigen 6 Todesfällen bieten 4 das typische Bild mul-
tipler metastatischer Abszesse dar, während 2 an fortschreiten-
der Peritonitis zugrunde gingen.
Im Fall 5 war bei dem 32jährigen Pat. zunächst ein Douglas-
abszeß per rectum inzidiert und dräniert worden. 10 Tage später
vurde die Spaltung eines Abszesses per abdomen notwendig. Im
weiteren Verlauf wurde noch die Spaltung einer Bauchdeckenphlegmone
und verschiedener Hautabszesse gemacht Im Eiter wurden Staphylo-
kokken und Stäbchen nachgewiesen. Der Pat. erlag schließlich nach
30tägiger mühe- und qualvoller Behandlung der fortschreitenden In-
fektion. Eine Sektion wurde nicht gestattet.
Im Fall 22 wurden zunächst per abdomen 3 Abszesse eröffnet.
Der Appendix war dicht unter der Spitze perforiert. Er wurde am-
putiert und enthielt in seinem Innern einen Kotstein. Trotz des bis
auf geringe Temperaturen fieberfreien Verlaufs wurde weiter die In-
zision eines periumbilicalen, dann eines retroperitonealen und schließ-
lich noch zweier intraperitonealer Abszesse notwendig. Der Pat.
starb nach 116tägiger Behandlung. Die Sektion ergab einen weiteren
Abszeß links oberhalb des Zwerchfells und multiple Leberabszesse
neben difiiiser Bronchitis.
Im Fall 41 wurde durch Schrägschnitt eine mit gashaltigem, stin-
kendem Eiter gefällte Höhle auf der rechten Beckenschaufel eröffnet.
Der Appendix ragte in die Höhle hinein und wurde amputiert. Von
der ersten erfolgte die Eröffnung einer zweiten nach links hinüber-
reichenden Höhle, die ca. 1 L. gleichartigen Eiters enthielt. Gegen-
inzision, Dränage und Tamponade. Nach 3 Wochen Verschlechterung
und Tod. Die Sektion ergab auch hier multiple, eitrige intraperitoneale
Herde. Daneben eine Thrombose beider Ven. iliacae, die bis in die
Unterschenkel reichte.
Die letzten 3 Fälle stammen aus der Breslauer Klinik. Der eine
von ihnen war am 13. Tage nach Beginn der Erkrankung der Eröff-
nung eines großen Douglasabszesses per rectum unterzogen worden.
Der Tod erfolgte 4 Tage nach der Operation unter den klinischen
Erscheinungen der Peritonitis. Die Autopsie ergab neben einem
großen Abszeß, der die ganze rechte Bauchhälfte vom Subphrenium
bis zur Fossa iliaca ausfüllte und gegen die übrige Bauchhöhle durch
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482 Ad. Ebner, [26
Adhäsionen geschlossen war, multiple kleinere Abszesse zwischen den
verklebten Dfinndarmschlingen. Der Appendix war mit einer Darm-
schlinge verklebt und zeigte eine erbsengroße Perforation in der Mitte«
Die 2 anderen Fälle gingen beide an fortschreitender Peritonitis
zugrunde. Der eine war am 4. Tage nach Beginn der Erkrankung
zur AbszeOinzision gelangt und ist bei den Zwischenoperationen näher
beschrieben worden. Der andere Fall war 5 Tage nach Beginn der
Erkrankung mit erhöhter Temperatur und Puls, sowie einer faust-
großen Resistenz in der rechten Unterbauchgegend zur Aufnahme ge-
kommen. Unter konservativer Behandlung trat am 12. und 13. Tage
eine plötzliche Exazerbation der Erscheinungen mit Schfittelfrost und
peritonitischen Symptomen ein, denen eine vorübergehende Besserung
folgte. Am 19. Tage war eine deutliche Vergrößerung des Exsudates
nachweisbar, die Inzision rechts ergab einen kleinen von reichlichen
Adhäsionen umgebenen Abszeß auf der rechten Beckenschaufel, sowie
median im Becken eine Resistenz, die auf Punktion Eiter entleerte,
worauf daselbst inzidiert und eine Abszeßhöhte entleert wurde. Der
Patient starb am 7. Tage nach der Operation unter dem klinischen
Bilde der fortschreitenden Peritonitis. Die Autopsie ergab eine
Pelveoperitonitis purulenta mit allgemeiner fibrinöser Peritonitis.
Außerdem fanden sich Netzadhäsionen, eine partielle Obliteration des
Appendix, Hepatitis, vereinzelte Abszesse in den beiderseitigen unteren
Lungenlappen und doppelseitige Pneumonie. Man darf den üblen
Ausgang des Falles demnach wohl mit Recht auf die sekundäre
Spontanperforation eines zunächst abgekapselten Abszesses in die
freie Bauchhöhle zurückführen, und die Annahme ist nicht von der
Hand zu weisen, daß dieser unglückliche Zufall bei einer weniger
konservativen Behandlung sich vielleicht hätte vermeiden lassen.
Der Fall spricht somit für die radikalere Anschauung bezüglich eines
operativen Vorgehens im Zwischenstadium, welche dadurch so früh
wie möglich die eigentliche Causa nocens zur Ausschaltung bringen
und den Patienten vor derartigen traurigen Zufällen bewahren will.
Für die Einteilung der gesamten Fälle nach anatomischem
Prinzip werden wir am besten nach dem ältesten Vorschlage Bam-
bergers unterscheiden zwischen den intra- und extraperitoneal ge-
legenen Abszessen.
Für die ersteren scheint mir von den zahlreichen Einteilungen, die
Sprengel anführt, diejenige von Rotter und von Gerster am
besten und einfachsten zu sein. Der letzteren gibt auch Sprengel
den Vorzug. Rotter unterscheidet: 1. Douglasabszesse, 2. Abszesse
der rechten Beckenschaufel, 3. Abszesse der Lumbaigegend, 4. Ab-
szesse der linken Beckenschaufel, 5. subphrenische Abszesse. Etwas
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27] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 483
anders ist die Einteilung von Gerster, der im übrigen ebenfalls 5 Ab-
teilangen unterscheidet: 1. den ileoinguinaleff Typus als den häufigsten,
2. den lumbalen oder posteroparietalen Typus, 3. den anteroparietalen
Typus, 4. den rektalen oder pelvlkalen Typus und 5. den mesocölia-
calen Typus. Den ileoinguinalen Typus könnte man a 'priori wohl
auf beide Seiten gleichzeitig beziehen. Daß Gerster darunter .den
Abszeß der rechten Beckenschaufel verstanden wissen will, ergibt
sich daraus, daß er ihn für den häufigsten Typus erklärt im Gegen-
satz zu dem seltenen Abszeß der linken Beckenschaufel, den er in
seiner Einteilung gar nicht weiter berücksichtigt hat.
Beiden Einteilungen gemeinsam ist L der Douglasabszeß » pelvi-
kaier Typus, 2. der Abszeß der rechten Beckenschaufel » ileoinguinaler
Typus, 3. Abszeß der Lumbaigegend == lumbaler oder posteroparietaler
Typus. R Otter hat dazu noch 4. den Abszeß der linken Becken-
schaufel und 5. die subphrenischen Abszesse angeführt. Gerster
nimmt noch hinzu 6. den anteroparietalen Typus und 7. den meso-
cöliacalen Typus. In den letzten beiden Punkten ergänzen sich beide
Einteilungen sehr glücklich und wir werden daher im folgenden ver-
suchen, unsere intraperitonealen Abszesse nach den obigen 7 Abtei-
lungen zu rubrizieren, zu denen ich noch als 8. Abteilung die mul-
tiplen Abszesse hinzufügen möchte.
Bei der Verteilung der Fälle auf die einzelnen Kategorien ist jedoch
zu bedenken, daß im Laufe der Entwickelung die einzelnen Abszeß-
formen leicht ineinander übergehen können, wenn auch nach Sprengel
dieser Vorgang für die beiden häufigsten Formen, den ileoinguinalen
und lumbalen Typus nur äußerst selten zutrefi^en soll. Ist es doch
bei sehr großen Abszessen selbstverständlich, daß sie sich von der
rechten Beckenschaufel nach irgendeiner Richtung, sei es unter die
Leber, sei es bis in die linke Inguinalgegend oder nach dem Douglas
zu, ausbreiten müssen. Durch spätere Teilung bzw. Verkleinerung
des Abszesses von einer Seite her, falls eben eine Resorption eintritt,
kann dann wohl der eine oder andere Typus der vorherrschende
werden. Solange man aber Abszesse in derartiger Größe vor sich
hat, wird man sie immer zu den Mischformen zählen müssen und im
Zweifel sein, zu welcher der obigen Abteilungen man sie zu rechnen
hat. Ich habe mir da in der Weise geholfen, daß ich derartige Ab-
szesse ohne weiteres zu dem ileoinguinalen Typus rechnete, da sie
nach Lage der Dinge von hier aus entstanden und nur durch ihr
Anwachsen die Grenzen nach der einen oder anderen Richtung ver-
legt hatten.
Des ferneren habe ich bei dem Vorhandensein mehrerer größerer
Abszesse dieselben auch unter den einzelnen Formen angeführt, so
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484 Ad. Ebner, [28
daß die betreffenden Fälle mehrfach angeführt sind. Es erschien mir
dieses wichtig für die Häufigkeit der einzelnen Abszeßformen und es
wären sonst einzelne Kategorien vollständig unter derjenigen der mul-
tiplen Fälle verloren gegangen, wie wir später genauer sehen werden.
Am zahlreichsten vertreten finden wir naturgemäß den 1. ileo-
inguinalen Typus.
Derselbe ist in 72 Fällen « 63,8% vorhanden. In 4 Fällen reichte
der große Abszeß bis in den Douglas' hinab. Sämtliche 4 Fälle bis
auf 1 wurden inguinal eröffnet und bis in den Douglas dräniert Nur
2 von ihnen wurden per rectum entleert, worauf glatte Heilung ein-
trat. In 3 anderen Fällen reichte der Abszeß bis zum Rippenbogen
hinauf. In 1 Fall wurde der alte Abszeß als Karzinom angesprochen
und erst durch die Sektion die Klärung der Sachlage herbeigeführt.
Die übrigen Fälle bieten keine Besonderheit dar und brauchen nicht
näher besprochen zu werden.
2. Der Abszeß der linken Inguinalgegend fand sich nur in
7 Fällen » 6,2% vor. Im Fall 17 bestand neben einem gänseeigroßen
Abszeß der rechten Beckenschaufel ein zweiter faustgroßer Abszeß
der linken Leistenbeuge^ mit gashaltigem stinkendem Eiter gefüllt
Nach einer Inzision beiderseits glatter Heilungsverlauf.
Im Fall 19 fand sich schon bei der Untersuchung nur eine Druck-
empfindlichkeit und Resistenz über dem linken Lig. Poupartii, die
die Inzision und Dränage nur der linken Inguinalgegend notwendig
machte. Es zeigte sich nun, daß die große dickwandige Abszeßhöhle
von vorne oben links sich nach hinten rechts und in den Douglas
hinein erstreckte und mit fäkulentem Eiter gefüllt war. Der Appendix
wurde nicht gefunden. Nach Ötägigem Fieber glatter Heilungsverlauf.
Im Fall 22 handelte es sich um eine walnußgroße Abszeßhöhle
links seitlich an der Bauchwand neben verschiedenen anderen Ab-
szessen. Der Fall wird bei den multiplen Abszessen näher besprochen
werden.
Im Fall 26 reichte die sehr große Abszeßhöhle von rechts unten
nach oben bis zum Rippenbogen und nach links bis zum linken Lig.
Poupartii hinüber. Der Fall ist also richtiger zur ersten Kategorie
zu rechnen und ist dort auch mitgezählt worden.
Im Fall 54 ließ sich sowohl rechts, wie links eine deutliche Resi-
stenz nachweisen. Die beiderseitige Inzision über der Leistengegend
ergab rechts eine mit ca. V2 ^ Ei^^i* gefüllte Höhle, die nach links
hinter der Blase herum bis auf die linke Seite derselben reichte. Die
zweite Höhle links enthielt ebenfalls 1 1 Eiter und erstreckte sich
nach unten bis in die Gegend des Rektums hin. Eine Verbindung
zwischen den beiden Höhlen ließ sich nicht nachweisen. Doch hat
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29] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 485
wohl die linke von der rechten ihren Ausgang genommen und erst
nachträglich ist es durch spätere Verklebungen zu einer Trennung
der beiden Höhlen gekommen.
3. Den lumbalen oder posteroparietalen Abszeß finden wir
nur in 10 von unseren Fällen » 8,8% vertreten.
Bei dem 1. Fall (3) handelte es sich um eine intraperitoneale,
paranephritlsche AbszeOhöhle neben einer gleichzeitigen extraperito-
nealen Höhle. Trotzdem der Fall durch Diabetes kompliziert war,
trat nach Inzision und Gegeninzision glatte Heilung ein.
Im 2. Fall bestand ein sehr hoch, direkt hinter der Leber ge-
legener Abszeß, der dem ebenfalls sehr hoch gelegenen und nach oben
umgeschlagenen Appendix entsprach. Auch hier trat trotz gleichfalls
vorhandenem Diabetes nach breiter Inzision und Dränage glatte Hei-
lung ein.
Im 3. Fall (15) war die Höhle von einem retrocöcal gelegenen
Appendix ausgegangen und bot sonst nichts Bemerkenswertes dar.
Der 4. Fall (31) zeigte bei normaler Temperatur in der rechten
Lendengegend eine handtellergroße Geschwulst ohne entzündliche Er-
scheinungen, von der ein Drittel oberhalb und zwei Drittel unterhalb
der 12. Rippe gelegen waren. Auf Druck ließ sich daselbst ein plät-
scherndes Geräusch hören. Der Inhalt lag dicht unter der Haut vor
der 12. Rippe. Ober der ganzen Resistenz war tympanitischer Darm-
schall vorhanden. Nach Anlegung einer 20 cm langen Inzision vom
unteren Rande der 12. Rippe nach abwärts zeigten sich unter der
ödematösen Muskulatur und Peritoneum harte Schwielen, darunter
schlaffe, glasige Granulationen mit einem unter der 12. Rippe ge-
legenen, freien Kotstein. Von hier aus fährte ein fingerlanger Gang
mit gleichen Granulationen bis hinter das Cöcum. Später erfolgte
Abgang von Winden und einer weißlichen Flüssigkeit aus der Drä-
nagestelle und es blieb eine kleine Kotfistel zurück. 2 Monate später
erfolgte dann die 2. Operation mit Naht einer Perforationsstelle am
Kolon und Tamponade. Der Appendix wurde auch jetzt nicht ge-
funden. Glatte Heilung ohne Fistelbildung.
Der 5. Fall (36) entsprach einem walnußgroßen Abszeß zwischen
Cöcum und lateraler Bauchwand und bietet sonst nichts Besonderes.
Im 6. Fall (67) handelte es sich um eine wurstförmige, hinter dem
Cöcum gelegene Abszeßhöhle mit stinkendem Eiter, die sich bis in
die Blasen- und linke Beckengegend hin erstreckte. Später wurde
dann noch die Eröffnung einer zweiten vor dem Rektum gelegenen
Höhle von der alten Wunde aus notwendig.
Im 7. Fall enthielt die große retrocöcale Höhle neben stinkendem
Eiter eine alte Blutung infolge einer vorausgegangenen Gefäßarrosion.
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486 Ad. Ebner, [30
Nach Inzision auf retroperitonealem Wege und lumbaler Gegen-
inzision trat Heilung mit Zurückbleiben einer kleinen Fistel an der
Dränagestelle ein. Die übrigen 3 Fälle der Breslauer Klinik liegen
mir in einem näheren Bericht nicht vor.
5. Dem anteroparietalen Typus dürften 5 Fälle =4,4% unserer
Zusammenstellung entsprechen, in denen der Abszeß nach vorn oben
hin gelegen war.
Im 1. Fall (8) handelte es sich um eine große, mit grünem, luft-
haltigem und stinkendem Eiter gefüllte Höhle, die an der vorderen
Bauchwand unterhalb des Zwerchfells gelegen war« Der Fall wurde
in seinem Verlauf durch eine Pleuritis serosa über der Leber kom-
pliziert, welche wegen Gefahr der Vereiterung die Resektion der 7.
bis 10. Rippe notwendig machte. Darauf glatte Heilung.
Im 2. Fall (13) bestand eine sehr große Höhle, die vom Nabel
nach oben bis zum Rippenbogen und nach links über die Lin. alba
hinausreichte. Nach Inzision und Drainage derselben wurde später
noch die sekundäre Eröffnung und Drainage eines Senkungsabszesses
vom Douglas aus notwendig.
Im 3. Fall (20) lag eine teils intra-, teils extraperitoneale Abszefl-
höhle vor. Die Patientin hatte seit 3 Monaten an inneren starken
Schmerzen um den Nabel herum gelitten. Auf Umschläge war vor
3 Tagen eine spontane Perforation und Entleerung von übelriechendem
Eiter am Nabel eingetreten, so daß nur noch eine Diszission der
Fistel mit Tamponade nötig war. Danach zeigte sich vom Nabel nacli
links gelegen eine größere Höhle in der Muskulatur (Rektus), während
nach rechts ein langer kommunizierender Gang bis in die Ileocöcal-
gegend führte, in welchem ein freier Kotstein lag. Der Abszeß hatte
sich also von der Ileocöcalgegend nach vorne oben bis zur Bauch-
wand ausgebreitet, hatte allmählich Peritoneum und Fase, transversa
perforiert und sich nun sekundär in der Muskulatur ausgebreitet,
während intraperitoneal bereits eine Resorption und Schrumpfung an
der Ausgangsstelle des Exsudats erfolgte. Der Fall bietet darin eine
gute Illustration zu den hinsichtlich der Einteilung der Abszesse ge-
machten Ausführungen.
Im 4. Fall bestand neben einer intraperitonealen Abszeßhöhle, die
sich von der Ileocöcalgegend bis zum Nabel erstreckte und gegen die
Blase hin abgeschlossen war, eine zweite kleinere Abszeßhöhle, die
vor der Blase dicht über der Symphyse, also vermutlich extraperi-
toneal gelegen war. Von dieser fährte ein breiter Gang nach oben
rechts hin, der jedoch eine weitere Kommunikation nicht erkennen
ließ. Es mußte also auch hier erst eine Perforation des Peritoneums
und der Fase, transv. stattgefunden haben, ehe es zu der Etablierung
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31] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 487
des antevesikal gelegenen Abszesses kommen konnte. Der S. Fall
wurde ebenfalls von oben eröffnet und bot keine Besonderheit dar.
Nächst dem ileoinguinalen Abszeß ist am häufigsten der 5. pelvi-
kale oderrektale Abszeß in unserer Zusammenstellung mit 24 Fällen
«23,9% vertreten. Von diesen verdienen nur wenige Fälle eine
nähere Erwähnung. So war im Fall 13 nach Inzision eines antero-
parietalen Abszesses eine sekundäre Eitersenkung nach dem Douglas
aufgetreten, welche die Eröffnung und Dränage per rectum notwendig
machte.
Umgekehrt wurde im Fall 5 nach Spaltung und Dränage eines
Douglasabszesses per rectum die weitere Spaltung eines zweiten Ab-
szesses per abdomen notwendig. Es war der Fall, in dem später eine
Bauchdeckenphlegmone und zahlreiche metastatische Abszesse der
Haut hinzukamen, an denen der Patient schließlich zugrunde ging.
Eine sehr große Höhle wurde im Fall 29 per rectum eröffnet
Man entleerte aus derselben nicht weniger als 2 1 Eiter. Der Heilungs-
verlauf war glatt.
Im Fall 40 wurde die im kleinen Becken gelegene Höhle von einer
anderen per abdomen inzidierten Höhle aus eröffnet. Es wurde von
oben her, aber auch gleichzeitig durch das Rektum dräniert. Unter
febrilem Verlauf trat Heilung ein.
Fall 42 enthielt neben dem Douglasabszeß weitere multiple Ab-
szesse und wird unter jener Kategorie näher besprochen werden.
6. Der mesocöliacale Abszeß ist nur in 4 Fällen == 3,5% der
Gesamtßille vertreten. Alle 4 Fälle gehören zu der Kategorie der
multiplen Abszesse. Einen Fall von reiner mesocöliacaler Abszeß-
bildung allein habe ich unter unseren 113 Fällen nicht finden können.
Derartige Fälle müssen naturgemäß äußerst selten sein, da bei der
stetigen Bewegung der Därme das Exsudat immer die Tendenz haben
wird, nach dem Punkte der Ruhe auszuweichen. Dieser entspricht
eben der vorderen und seitlichen Bauchwand und dort wird es natur-
gemäß auch am ehesten zu Abkapselungen und Verklebungen der
Darme kommen können.
7. Der subphrenische Abszeß ließ sich nur in 2 Fällen == 1,8%
konstatieren. Im Fall 8 trat später eine Pleuritis serosa über der
Leber ein. Nach Resektion der 7.— 10. Rippe glatte Heilung. Im
Fall 42 war ein subphrenischer Abszeß rechts und links gleichzeitig
mit anderen multiplen Abszessen vorhanden.
Nächst dem ileoinguinalen und pelvikalen Typus sind am häufigsten
8. die multiplen Abszesse mit 17 Fällen = 15% vertreten. Diese
haben naturgemäß auch die höchste Mortalitätsziffer von allen Kate-
gorien, indem auf sie weit über die Hälfte sämtlicher TodesPälle
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488 Ad. Ebner, [32
entfällt Ich habe zu dieser Kategorie alle Fälle mit mehr als einer
Abszeßhöhle gerechnet, da man sonst nach oben hin keine präzise
Grenze für diese Fälle ziehen kann.
Bei den meisten Fällen handelte es sich um eine Kombination
von 2 oder 3 der bereits oben beschriebenen Abszeßformen. Die ein-
zelnen Abszesse sind dort schon näher beschrieben worden, so dafi
wir uns hier damit begnügen können, nur kurz die verschiedenen
Kombinationen anzuführen. So finden wir im Fall 17 einen rechts-
und einen linksseitigen Abszeß der Leistengegend, im Fall 18, 40 und
56 einen ileoinguinalen Abszeß mit einem pelvikalen Abszeß kom-
biniert, während im Fall 77 zunächst ein pelvikaler Abszeß vorhanden
war, dem später ein zweiter Abszeß in der linken Leistenbeuge nach-
folgte. Ferner ist der rektale Typus im Fall 13 mit dem antero-
parietalen und im Fall 67 mit dem lumbalen oder posteroparietalen
Typus kombiniert. Eine Vereinigung von ileoinguinalem mit dem
anteroparietalen Typus findet sich im Fall 13 und mit dem meso-
cöliacalen Typus bzw. weiteren multiplen Abszessen im Fall 63. Eine
Vereinigung von extraperitonealem mit einem intraperitonealem Ab-
szeß bot Fall 3 in Gestalt zweier neben der rechten Niere gelegener
Abszesse, die nicht miteinander in Zusammenhang standen. Neben
diesen mehrfachen größeren Abszessen finden sich multiple Abszesse
im eigentlichen Sinne des Wortes nur in 4 Fällen, die zahlreiche
kleine und kleinste verstreute Abszesse aufweisen. Zu diesen ge-
hören auch die 3 Todesfälle im Fall 5, 22 und 41, die bereits oben
gelegentlich der Erörterung der gesamten 6 Todesfälle so eingehend
besprochen sind, daß hier darauf verwiesen werden kann.
Eine nähere Erwähnung verdient jedoch der einzige geheilte Fall.
Bei demselben (Fall 42) wurde zunächst am 4. Oktober eine große,
bis in das kleine Beeiden reichende Höhle rechts per abdomen er-
öffnet. Am 9. Oktober wurde eine lumbale Gegenöffnung angelegt.
Am 17. Oktober erfolgte die transpleurale Eröffnung des obener-
wähnten subphrenischen Abszesses links. Am 22. Oktober wurde die
Resektion der 11. Rippe und transpleurale Eröffnung des zweiten sub-
phrenischen Abszesses rechts gemacht. Am 7. November erfolgte
schließlich die Inzision eines Abszesses links unter dem Nabel. Der
Patient hatte also während der 64tägigen, mehr weniger fieberhaften
Behandlungsdauer 6 größere operative Eingriffe durchmachen müssen.
Wenn er schließlich als geheilt entlassen werden konnte, so hat wohl
das jugendliche Alter des Patienten von 10 Jahren ein gutes Teil zu
dem glücklichen Ausgang beigetragen.
Wenden wir uns nun den extraperitonealen Abszessen zu, so
teilen wir dieselben am besten in retro- und präperitoneal gelegene
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33] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 489
Abszesse ein und fügen den ersteren noch als besondere Unterabteilung
die retrofoszialen Abszesse hinzu«
Ffir die retroperitoneale Lokalisation können wir im ganzen 11
Falle => 9,7% anführen. Im Fall 3 handelte es sich um den oben er-
wähnten paranephritlschen Abszeß mit gleichzeitigem Diabetes. Im
Fall 22 bestanden gleichzeitig zahlreiche andere Abszesse. Im Fall 43
fand sich eine faustgroße retroperitoneale Höhle auf der rechten
Beckenschaufel, die ohne Eröffnung des Peritoneums auf retroperi-
toqealem Wege entleert werden konnte.
Im Fall 47 erstreckte sich der Eiter bis unter das Lig. Poupartii
hinunter, was allein schon als pathognostisches Merkmal für die retro-
peritoneale Lokalisation des Abszesses anzusehen ist, da sich intra-
peritoneale Abszesse stets oberhalb des Poupartschen Bandes nach
außen hin bemerkbar zu machen pflegen. Auch hier wurde die Ent-
leerung auf retroperitonealem Wege vorgenommen.
Im Fall 48 handelte es sich um eine große Höhle zwischen Peri-
toneum und Beckenschaufel. In der Tiefe war der Muse, psoas frei-
gelegt. Die Höhle stieg seitlich an der Wirbelsäule nach oben empor
und senkte sich nach unten in das Becken hinein bis zur Vagina.
Femer bestand eine Eitersenkung längs der Gefäße nach dem Ober-
schenkel zu. Hiernach ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden, ob
etwa ein retrofaszialer Abszeß vorgelegen haben könnte. Nach der
Art des Befundes will mir das letztere wahrscheinlicher vorkommen,
wenngleich in dem Krankenblatt nur von einem retroperitonealen
Abszeß die Rede ist. Nach retroperitonealer Inzision fieberhafter
Verlauf und glatte Heilung.
Im Fall 68 reichte die große retroperitoneale Abszeßhöhle von der
Darmbeinschaufel bis zur rechten Niere an der Wirbelsäule aufwärts.
Nach Inzision trat unter fieberfreiem Verlauf glatte Heilung ein.
Als retrofaszialen Abszeß dürfen wir mit Sicherheit den Fall 30
ansprechen, bei dem es sich um eine reichliche Eiterentleerung direkt
aus dem Muse, ileopsoas handelte neben einem großen intraperi-
tonealen Abszeß, der von vorne her eröffnet wurde. Der ringförmig
gekrfimmte Appendix war retrocöcal gelegen und konnte entfernt
werden. Glatter Heilungsverlauf ohne Fistelbildung.
Als präperitoneale Abszesse werden in den Journalen die
Falle 51 und 52 = 1,8% bezeichnet. Danach bestanden in beiden Fällen
rechts über der Leistenbeuge vor dem Peritoneum gelegene Höhlen,
deren eine in Faustgröße mit fäkulentem, gashaltigem Eiter geffillt
war, während die andere in Hühnereigröße geruchlosen Eiter ent-
hielt Ob diese Höhlen von einem intra- oder retroperitonealen
Abszeß ihren Ausgang genommen haben, ist aus den Journalen nicht
Klln. Vortrige, N. F. Nr. 494/95. (Chirurgie Nr. 145/4a) Juli 1906. 36
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490 Ad. Ebner, [34
ZU ersehen. Im zweiten Fall scheint mir die gleichzeitig vorhandene
Flexionsstellung des rechten Beines für die letztere Annahme zu
sprechen«
Als dritten Fall könnte man noch hinzurechnen den Fall 56, bei
dem es von einer hühnereigroßen intraperitonealen Höhle aus in-
folge zweier Perforationen des Peritoneum parietale und der Fase*
transvers. zu einer großen Eiterhöhle innerhalb der Bauchwand ge-
kommen war.
Von Erscheinungen am Processus vermiformis im besonderen wird
vornehmlich die Häufigkeit von Perforationen und das Vorhandensein
von Kotsteinen von Interesse sein.
Diejenigen Fälle , in denen eine Perforation des Appendix aus-
drücklich angegeben ist, sind in verhältnismäßig geringer Anzahl ver-
treten. Das erklärt sich ohne weiteres aus der Tatsache, daß nur in
23 Fällen := 20,3% der Appendix aufgefunden bzw. entfernt werden
konnte. Von diesem Gesichtspunkt aus hat auch das prozentuale
Zahlenverhältnis der Perforationen keinen Wert, da in der über-
wiegenden Mehrzahl der übrigen Fälle mit größter Wahrscheinlichkeit
eine vorausgegangene Perforation anzunehmen ist. Mit Sicherheit
kann sie jedoch nur da angenommen werden, wo das Vorhandensein
eines freien Kotsteins in der Abszeßhöhle dafür spricht.
Unter den 23 Fällen von Amputation des Processus ist in 17 aus-
drücklich eine Perforation desselben angeführt. Und zwar lag dieselbe
in der Mitte des Processus 4mal, an der Spitze 7mal und an der Basis
in 2 Fällen. In einem Fall bestanden außer an der Spitze noch zwei
Perforationen an der Basis und in einem anderen Fall eine solche in
der Wand des Cöcum. Ferner fanden sich gleichzeitig bei einem
Fall zwei Perforationen am Dünndarm und eine am Cöcum, der
Processus war nekrotisch zerfallen, so daß man dieselben wohl als
Reperforationen mit Recht auffassen darf. Ebenso fanden sich in
einem anderen Fall zwei alte Perforationen am Cöcum, für die wohl
die gleiche Ätiologie zutreffen dürfte.
Das Vorhandensein eines Kotsteins wird ausdrücklich erwähnt nur
in 14 Fällen. Auch hier geht man nicht fehl in der Annahme, daß
bei der namentlich in früheren Jahren geübten einfachen Inzision der
Abszeßhöhle ohne genauere Revision derselben bisweilen ein in Ad*
häsionen eingebetteter Kotstein zugleich mit dem Processus der Wahr-
nehmung entgangen sein kann, ein Vorgang, der ja auch heute schließ-
lich nicht immer mit absoluter Sicherheit auszuschließen ist. Ob
ausnahmsweise in anderen Fällen eine Verflüssigung des Kotsteins in
dem Exsudat stattgefunden haben kann, ist eine Frage, über welche
die Akten noch nicht geschlossen sind.
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35] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 491
In jedem Fall erscheint die Annahme berechtigt, daß die tatsäch-
liche Zahl der vorhandenen Kotsteine etwas höher zu veranschlagen
ist, als die in den Journalen angegebene.
In den angegebenen 14 Fällen lag lOmal der Kotstein außerhalb
des Processus in der freien Abszeßhöhle , darunter einmal In der
Wand des Cöcum. In 1 Fall fanden sich zwei freie Kotsteine gleich-
zeitig vor. Nur in 2 Fällen lag der Stein innerhalb des Processus.
In 2 anderen Fällen ist eine genauere Lokalisation des Steines nicht
näher angegeben. In 6 von den Fällen wurde der Processus nicht
gefunden, bei den anderen wird ausdrüclüich eine Perforation des
Processus in den Journalen vermerkt. Die 6 Fälle sind trotzdem
mit Sicherheit als Perforationsfälle aufzufassen, so daß dadurch die
Zahl der sicheren Perforationen auf 23 Fälle steigt, eine Zahl, welche
immer noch als zu gering erscheinen muß für die Gesamtzahl von
113 Fällen.
Auf die sonstigen pathologisch-anatomischen Veränderungen am
Appendix näher einzugehen verlohnt sich einerseits nicht im Hinblick
auf die geringe Anzahl von 23 Fällen, in denen er überhaupt gefunden
ist Andererseits sind auch in diesen Fällen nur ganz vereinzelt
nähere Angaben darüber in den Journalen vorhanden, was sich viel-
leicht daraus erklären dürfte, daß auch hier meist das Bild durch
stark fortgeschrittene Nekrosen und Zerfallserscheinungen am Appen-
dix bereits ein stark verwischtes war.
Die Therapie bestand in sämtlichen Fällen in Inzision und Drä-
nage mit Jodoform- bzw. Isoformgaze, die in der Regel durch Ein-
legen eines dicken, durchlöcherten Gummi- oder Glasdräns unter-
stützt wurde. In einzelnen Fällen wurde eine Gegeninzision in der
Lumbaigegend oder im Rektum notwendig, durch welche dann eben-
falls dräniert wurde. Die reinen Douglasabszesse wurden sämdich
mit Inzision und Dränage vom Rektum aus behandelt, nachdem die
digitale Sphinkterdehnung vorausgegangen war. Die Inzision per ab-
domen wurde stets in ausgiebiger Länge gemacht, so daß sie einerseits
einen guten Oberblick über die Wundhöhle und das Operationsfeld
und andererseits eine ausgiebige Entleerung der Höhle durch Tupfer
und Spülungen ermöglichte. Stets wurde nach Möglichkeit die Er-
öffnung des freien Peritoneums zu vermeiden gesucht. Wo dieses
nicht möglich war, erfolgte der Schutz der freien Bauchhöhle sofort
mit provisorisch eingelegten Kompressen von steriler Gaze, die ihren
Zweck vollständig erfüllten. Am Schluß wurden die Inzisionen in der
Regel von den Wundwinkeln her bis auf die für die Dränage not-
wendige Öffnung verkleinert. In fast sämdichen Fällen trat in mehr
weniger kurzer Zeit nach dem operativen Eingriff die völlige Ent-
36*
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492 Ad. Ebner, [36
fieberung ein und hielt bis zur Heilung per granulat. an. Eine Aus-
nahme davon bildeten die Fälle, welche durch das Auftreten weiterej-
Abszesse oder sonstiger Komplikationen von dem gewöhnlichen Krank-
heitsverlauf abwichen. Hervorheben möchte ich noch, daß im Fall 43
nach 9 Tagen die Sekundärnaht gemacht wurde, und die glatte Hei-
lung derselben p. p. eintrat. Nur bei 4 Radikaloperationen der Bres-
lauer Klinik wurde primär geschlossen und zwar 2mal mit und Zmü
ohne Tampon.
Von Komplikationen der Erkrankung finden wir Diabetes
in 2 Fällen erwähnt. Im Fall 3 lag neben der intraperitonealen
eine extraperitoneale paranephritische Abszeßhöhle vor. Im Fall 9
handelte es sich um einen unter der Leber gelegenen Abszeß. In
beiden Fällen läßt die Lage der Abszesse an die Möglichkeit eines
ätiologischen Zusammenhanges der Erkrankung mit dem Diabetes
denken, so daß dann der letztere als sekundär aufeufassen wäre. Be-
wiesen wäre derselbe nur mit dem Aufhören des Diabetes nach Hei-
lung der Periappendizitis. Leider ist eine Angabe darüber in beiden
Krankengeschichten nicht zu finden. In beiden Fällen wurde jeden-
falls der Heilungsvorgang durch den Diabetes nicht beeinfiußt, was
eher für als gegen die Annahme eines derartigen Zusammenhanges
sprechen dürfte.
Erysipel trat bei einem präperitonealen Abszeß von der vorderen
Inzisionswunde aus auf. Der Fall verlief mit entsprechenden Tem-
peratursteigerungen^ kam aber auch zur Heilung. Wie zu erwarten war,
wurden in dem Abszeßeiter mikroskopisch Streptokokken nachgewiesen.
Seröse Pleuritis rechts trat nach Spaltung eines subphrenischen
rechtsseitigen Abszesses auf und machte die Resektion der 7. bis
10. Rippe notwendig. Die Infektion hat hier wohl in einer direkten
Durchwanderung der Erreger durch das Zwerchfell auf dem Lymph-
wege bestanden. Eine embolische Verschleppung auf dem Blutwege
dürfte für den Fall kaum zutrefi^end sein. Ein direkter Durchbruch
durch das Zwerchfell war abgesehen von der späteren Operation
schon durch den serösen Charakter des Exsudates mit Sicherheit
auszuschließen. Auch hier trat später glatte Heilung ein. Ferner
fand ich in je einem Fall eine trockene und eine exsudative PleuritiSy
die beide spontan zurückgingen.
Ein Abszeß links oberhalb des Zwerchfells wurde bei der
Sektion des Falles 22 gefunden, nachdem vorher bereits 5mal Abszesse,
darunter ein periumbilikaler, ein retroperitonealer und die übrigen
intraperitoneal gelegen, inzidiert waren. Auch hier ist nach deno
Sektionsbefund der obige Infektionsmodus als der wahrscheinlichste
anzunehmen.
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37] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 493
Eine Flexionskontraktur des Oberschenkels, die in der
Hauptsache auf eine Psoitis zurückzuführen sein dürfte, fand sich in
5 Fällen.
Dieselbe war im Fall 52 mit einem präperitonealen Abszeß rechts
verbunden. Das Vorhandensein der Flexionskontraktur scheint mir
für die Annahme zu sprechen, daß aus einem ursprünglich retroperi-
tonealen Abszeß durch Senkung bis zur Leistengegend und aufetei-
gende Infektion der Lymphgefäße oder Venen die präperitoneale Ab-
szedierung erst sekundär entstanden sein könnte. Zuin mindesten
dürfte der präperitoneale Abszeß allein kaum für die Ätiologie der
Flexionskontraktur in Betracht zu ziehen sein.
Eine Flexion des rechten Beins bestand ferner im Fall 22 seit
14 Tagen vor der Aufnahme. Es handelte sich um eine sehr große
teils retrocöcal, teils ileoinguinal gelegene Abszeßhöhle, in welcher
der Appendix nicltf gefunden wurde.
Ebenso bestand im Fall 23 bereits seit 4 Wochen vor der Auf-
nahme eine Unbeweglichkeit des rechten Hüftgelenks, die ihre Er-
klärung durch eine faustgroße retroperitoneale Abszeßhöhle mit einer
Senkung längs der Oberschenkelgefäße fand. Ganz ähnliche Verhält-
nisse bot der Fall 58. Auch hier bestand die Flexionskontraktur als
Folge eines auf dem Muse, psoas gelegenen Abszesses, der sich an
den Geßßen entlang nach dem Oberschenkel zu gesenkt hatte. Auch
hier war der Abszeß mit Sicherheit als retroperitoneal anzusprechen.
Als dritter Parallelfall dazu dient Fall 84, in dem bereits seit 10 Wochen
angeblich eine Lähmung des rechten Beins bestanden hatte, so daß der
Oberschenkel in Beugestellung gehalten wurde. Auch hier bietet die
Senkung der großen Abszeßhöhle bis unter das Leistenband die
sichere Gewähr, daß man es mit einem retroperitonealen Abszeß zu
tun hatte. Es war derjenige Fall, bei dem 10 Tage post op. die
Sektion die Diagnose eines Cöcumkarzinoms ergab, ohne daß der
Processus selbst gefunden wurde.
Eine Flexion beider Beine bestand im Fall 61 neben einer sehr
großen intraperitonealen Abszeßhöhle, die bis zur Blase und von
rechts nach links über die Mittellinie hinüber reichte. Der Processus
wurde nicht gefunden und erst später nach dem 12. Anfall im Sicher-
heitsstadium entfernt.
In sämtlichen 6 Fällen finden wir also 3, bei denen wir es un-
zweifelhaft mit einem retroperitonealen Abszeß zu tun haben, und
einen, bei dem es wahrscheinlich aber nicht bewiesen ist. In den
beiden übrigen Fällen wird der Abszeß als ein sehr großer intraperi-
toneal gelegener angegeben. Das Auftreten der Flexionskontraktur
ist bei retroperitonealen, und ganz besonders bei retrofaszialen
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404 Ad. Ebner, [38
Abszessen ein so häufiges, daß man sie heute mit Recht als ein patho-
gnostisches Merl^mal für dieselben bezeichnet Aber auch bei intra-
peritonealen EntzQndungsprozessen kann es leicht zu einer solchen
iLommen, selbst wenn diese zunächst nur in einer rein entzGndlichen
Affektion des retrocöcalen Peritoneum parietale ohne Abszedierung
bestehen.
So hat Sprengel einen solchen Fall beobachtet, in dem objektiv
bei der wegen Verdachts auf Appendizitis vorgenommenen Operation
weiter nichts nachweisbar war, als eine vermehrte Peritonealfiüssig-
keit und nur wenig entzündlich veränderte rechtsseitige Adnexe. Er
fährt in seinem Fall die Erscheinung auf eine entzündliche Reizung
des peritonealen Überzuges des Muse, ileopsoas zurück, die eine
Schmerzhaftigkeit bei jeder Dehnung des Muskels zur Folge haben
muß. Um diese zu vermeiden, wird dann das Bein von den Patienten
in willkürlich flektierter Stellung gehalten. Auch b^i anderen Autoren
findet man häufig Fälle, bei denen auf eine ausgesprochene Schmerz-
haftigkeit bei Bewegungen und namentlich bei Streckung des rechten
Beins im Hüftgelenk hingewiesen wird. Man hat darin wohl mit
Recht ein Frühsymptom einer entzündlichen Reizung des retrocöcalen
Peritoneum parietale zu erblicken, welche in der Regel ihren Ausgang
von einer Periappendizitis, bei weiblichen Patienten seltener auch
von einer rechtsseitigen Adnexitis genommen haben wird.
Bei vorgeschrittener intraperitonealer Abszeßbildung können dann
weiter myogene oder auch neurogene Ursachen für die Flexions-
kontraktur in Frage kommen, indem es zu einer infektiösen bzw.
toxischen Myositis des Muse, ileopsoas oder einer Neuritis des mit
dem Muskel hinter der Faszie verlaufenden Nerv, cruralis kommen
kann. Ebenso ist die Möglichkeit einer rein mechanischen Druck-
wirkung der sich ausdehnenden Abszeßwandung auf den Nerv, cru-
ralis nicht von der Hand zu weisen, deren Folgen sich ebenfalls in
Schmerzhaftigkeit bei Bewegungen und dadurch bedingter willkürlicher
Ruhestellung des rechten Beins in flektierter Haltung äußern werden.
Letztere Erklärung scheint mir auch für unsere beiden Fälle mit intra-
peritonealer Abszeßbildung zutreffend zu sein. Wenigstens spricht
einerseits die Größe der Abszesse für die Möglichkeit einer Druck-
wirkung auf den Nerv, cruralis, während andrerseits für entzündliche
Veränderungen am Muse, ileopsoas durch die Operation ein Nach-
weis nicht zu erbringen war. Alles in allem dürfte die Schmerz-
haftigkeit bei Bewegungen und spätere Kontrakturstellung des rechten
Beins als Frühsymptom beginnender Periappendizitis ein Merkmal
sein, dessen Bedeutung der Beachtung nicht dringend genug empfohlen
werden kann.
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39] Ü^CT den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 405
Eine Thrombose der linken Femoralvene fand sich im ganzen
imsly darunter Imal nach der Operation einer großen intraperitonealen
Abszeßhöhie rechts, die mit braungelbem, stinkendem Eiter angefüllt
war. Ober die Möglichkeit einer vorausgegangenen Unterbindung der
Art. und Vena epigastrica ist aus dem Journal nichts zu ersehen.
Der fieberfreie Verlauf scheint mir dafür zu sprechen, daß die Throm*
böse auf den Zusammenhang mit einer solchen zurückzuführen ist,
auf den ja oben bereits hingewiesen ist. Anderenfalls müßte man auf
die altere Anschauung zurückgreifen, welche die Ursache der links-
seitigen Thrombose in einer Erschwerung des Abflusses aus der linken
Vena femoralis in die rechts gelegenen Vena cava erblickt, indem der
Einmündungswinkel der linken Femoralvene erheblich stumpfer zu der
Vena cava verläuft, als derjenige der rechten Femoralvene.
Thrombose der rechten Femoralvene fand ich nur in 1 Falle.
Eine Thrombose beider Ven. iliac, die bis in die Unterschenkel
hinabreichte, ergab die Sektion des Falles 41. Schon 8 Tage nach
der Einlieferung trat in dem Fall eine klinisch nachweisbare Throm-
bose beider Unterschenkel unter hohem Fieber ein. Die Operation
ergab zwei große intraperitoneale Eiterhöhlen, deren rechts gelegene
200 ccm Eiter enthielt, während die größere links gelegene mit
ca. 1 1 Eiweiß gefüllt war. In diesem Fall ist die rein infektiöse
Natur der ausgedehnten Thrombophlebitis durch das ganze Krank-
heitsbild und den hohen Temperaturanstieg bei ihrem Beginn ein-
wandsfrei bewiesen.
Peritonitische Erscheinungen post op. traten nur in einem
Fall auf, gingen aber spontan zurück. Als ihre Veranlassung nahm
man eine intraabdominale rezidivierende Abszeßbildung auf, die sich
spontan zurückbildete.
Eine Fistelbildung bei der Entlassung der Patienten bestand
in 6 Fällen =5,3% der Gesamtfälle. Im ersten Fall fand sich an der
Basis des Processus eine Perforation neben einer Obliteration im
mitderen Drittel desselben. Nach Amputation des Processus war mit
Jodoformgaze dräniert worden.
Im 2. Fall bestand eine Perforation in der Mitte des Processus
neben einem bohnengroßen Kotstein, der die Basis des Processus
abschloß. Auch hier wurde der Processus amputiert und mit Jodo-
formgaze dräniert. Der Fall verlief subfebril. In beiden Fällen werden
die Fisteln als Kotfisteln bezeichnet.
Mit „eiternder Fistel" entlassen wurde der Patient im Fall 36. Es
handelte sich um einen walnußgroßen zwischen Cöcum und lateraler
Bauchwand gelegenen Abszeß mit stinkendem Eiter gefüllt. Der Pro-
cessus wurde nicht gefunden. Auch hier dürfte aller Wahr-
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496 Ad. Ebner, [40
scheinlichkeit nach eine Perforation des Processus vorausgegangen
sein.
Mit ^lileiner Fistel'' entlassen wurde Fall 30, bei dem ein retro-
faszialer und ein intraperitonealer Abszeß durch lateralen Rektus-
schnitt entleert war. Der Processus wurde gefunden und amputiert.
Es ist der einzige Fall mit Fistelbildung , bei dem ausdrücklich an-
geführt wird, daß am Processus keine Perforation vorhanden war.
Trotzdem bestand bei fast afebrilem Verlauf eine Eiterung fort, die
schließlich eine Fistel bestehen bleiben ließ.
Im Fall 74 blieben bei der Entlassung zwei Fisteln gleichzeitig be-
stehen. Der Processus wurde in dem ileoiaguinalen Abszeß nicht
gefunden. Ob eine Perforation stattgefunden hatte, ist ungewiß.
Ebensowenig ließ sich dieses im Fall 83 feststellen, da auch hier
nach Entleerung des ileoinguinalen Abszesses der Processus nicht
gefunden wurde. Über das spätere Schicksal der Fisteln findet sich
nur im Fall 33 die Angabe, daß nach einem Monat eine Spontan-
heilung eingetreten ist.
In 3 von den 6 Fällen mit Fistelbildung hat also eine Amputation
des Appendix stattgefunden, während derselbe in den anderen 3 Fällen
zurückgelassen werden mußte. In 3 Fällen hat vorher mit Sicherheit
eine Perforation stattgefunden, in 2 Fällen ist sie als wahrscheinlich
anzunehmen und in 1 Fall ist dieselbe mit Sicherheit auszuschließen.
Ob in den obigen Fällen das Lösen der Jodoformgazedränage an
der Stelle der Darmnaht zu einem Aufgehen derselben und Unter-
haltung der Fistelbildung geführt haben kann, läßt sich nachträglich
nicht entscheiden. Immerhin ist vielleicht für einzelne Fälle diese
Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen.
Eine Periappendicitis diffusa ist in 27 Fällen zur Operation
gelangt. Wir haben den Eingriff aus den oben angeführten Gründen
als Notoperation bezeichnet. Auf diese Notoperation entfallen im
ganzen 10 Fälle mit tödlichem Ausgang := 70,4% Mortalität.
Auf die beiden Geschlechter sind die Fälle ziemlich gleichmäßig
verteilt, indem 16 Männer und 11 Frauen davon betroffen sind.
Bezüglich des Alters verteilen sich die einzelnen Fälle folgender-
maßen: Von 1—10 Jahren 4 Fälle, von 11—20 7, von 21—30 4, von
31 — 40 6, von 51—60 3 und von 61—70 Jahren ebenfalls 3 Fälle.
Was die Anzahl der vorausgegangenen Anfälle anbelangt, so finden
wir in 20 Fällen = 74,1% nur 1 Anfall, in 6 Fällen = 22,2% 2 vor-
ausgegangene Anfalle und in 1 Fall = 3,7% 3 vorausgegangene An-
fälle angegeben. Es entspricht dieses der schon bei den Spätopera-
tionen hervorgehobenen und bestätigten Erfahrungstatsache von dem
vielfach besonders schweren Verlauf gerade der ersten Appendizitis-
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41] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 497
anfiUe, so daß man diesen gegenüber bezüglich der Prognose ganz
besonders miOtrauiscIi sein muß.
Der Zeitpunkt der Operation ist in diesen Fällen berechnet von
dem Zeitpunkt der Perforation bzw. des Beginns der Allgemein-
Peritonitis ab, soweit derselbe aus den in der Anamnese angegebenen
alarmierenden Symptomen zu ersehen war. In der Regel ließ sich
dadurch der Zeitpunkt mit ziemlicher Sicherheit festlegen.
Nach diesem Gesichtspunkt sind innerhalb der ersten 48 Stunden
nach der Perforation zur Operation gelangt 7 Fälle. Sämtliche Fälle,
außer 1, sind zur Heilung gelangt. Von den übrigen 20 Fällen sind
am 3. Tage 8 Fälle, am 4. Tage 3, am 5. Tage 4, am 6. Tage 1 und
noch später 4 Fälle operiert worden. Die beiden einzigen geheilten
Fälle davon sind am 3. und 5. Tage zur Operation gelangt.
Während wir hier also in den ersten 48 Stunden das relativ
günstige Ergebnis von 14,3% Todesfällen haben, steigt die Mortalitäts-
ziffer nach 48 Stunden steil auf 00% an.
Der Processus konnte gefunden und entfernt werden in 20 Fällen
*=74,1%, er wurde nicht gefunden und mußte zurückgelassen werden
in 6 Fällen » 22,2%, in 1 Fall ist es nach dem Journal unentschieden.
Die letzteren Fälle sind sämtlich Todesi311e, womit natürlich nicht
gesagt sein soll, daß dieses der alleinige Grund für den tödlichen
Ausgang war. Ein Grund mehr dazu wird das Zurückbleiben eines
in Zerfall begrifFenen Processus jedenfalls sein.
Bei den anamnestischen Angaben ist von besonderem Inter-
esse die Häufigkeit bzw. Konstanz der für die Perforation als patho-
gnostisch zu bezeichnenden Symptome. Von diesen kann wohl oft das
eine oder andere fehlen, immerhin wird das gleichzeitige Vorhanden-
sein der übrigen alarmierenden Symptome die eingetretene Ver-
schlimmerung des Krankheitsbildes nur selten verkennen lassen.
Der mehr weniger heftige und plötzlich einsetzende Charakter des
Schmerzanfalls wird fast in sämtlichen Fällen hervorgehoben. In der
Regel war derselbe mit Übelkeit verbunden und machte sich auch
den Patienten selbst durch seine schnell zunehmende Intensität gegen
den vorhergehenden Krankheitszustand deutlich bemerkbar. Meistens
ist der Schmerz als sehr heftiger Leibschmerz angegeben, seltener
wird derselbe in der Ueocöcalgegend lokalisiert.
Das Erbrechen setzte fast immer gleichzeitig mit dem Schmerz-
anfall ein und ist in sämtlichen Fällen vorhanden gewesen außer im
Fall 9. In diesem Fall ist es trotz einer bereits 4 Tage lang be-
stehenden Verhaltung von Stuhl und Winden nicht zum Erbrechen
gekommen. Über den Charakter des Erbrochenen ist im Fall 1 an-
gegeben, daß derselbe gallig war. Im Fall 7 war das Erbrochene
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408 Ad. Ebner, [42
kothaltig, es bestand seit 2 Tagen Verhaltung von Stuhl und Winden.
Sonst sind nähere Angaben darüber nicht vorhanden.
Verhaltung von Stuhl und Winden bestand in 15 Fällen und zwar
im Durchschnitt seit 2—3 Tagen, nur im Fall 13 allein wird der Zeit-
raum mit 7 Tagen angegeben. Trotzdem war das Erbrochene nicht
kothaltig, jedoch bestand gleichzeitig ein starker Meteorismus, sowie
ein Ödem beider Oberschenkel. In den übrigen Fällen bestand hart-
näckige Obstipation, außer Fall 15, der allein mit Durchfallen und
Erbrechen einsetzte, und Fall 5, bei dem 5 Tage vorher 2 Tage lang
Durchfälle bestanden hatten, und dann erst die übliche Obstipation
I einsetzte.
\ Urinbeschwerden sind nur in 2 Fällen angegeben. Im 1. Fall hatten
sie 1 Tag vor der Perforation, im anderen Fall bereits 14 Tage vorher
eingesetzt.
Die Temperatur war in 22 Fällen mehr oder weniger fieberhaft,
jedoch wird nur in 1 Fall ausdrücklich ein Schüttelfrost angeführt.
Eine vorausgegangene Verabfolgung von Abführmitteln ist nur in
4 Fällen erwähnt, von denen 3 zum Exitus kamen. Es ist aber ohne
weiteres anzunehmen, daß Abführmittel in einer weitaus höheren
i Mehrzahl von Fällen vorher genommen sind, da ja das Publikum und
leider auch noch ein Teil der Ärzte bei einem Anfall von Leibschmerz,
I und sei er auch als Blinddarmanfall angesprochen, den Patienten mit
Abführmitteln zu mißhandeln pflegt. Daß ein derartiges Verhalten
in allen schweren Fällen, die ja klinisch zunächst gar nicht fest-
zustellen sind, die Perforation beschleunigen und die Prognose der
nachfolgenden Peritonitis durch die künstlich angeregte Darmperi-
staltik ganz erheblich verschlechtern muß, liegt auf der Hand. Ob
I solche Fälle dann durch diejenigen aufgewogen werden, bei denen
I der Anfall durch Abführmittel, insbesondere das beliebte OL riclni,
I kupiert worden ist, erscheint doch recht fraglich. Zum mindesten
müßte einmal bewiesen werden, daß die letzteren Fälle ohne Abführ-
I mittel per os, allein durch Einlaufe und entsprechende Regelung der
Diät, nicht auch zur Heilung gekommen wären, und zum anderen
müßte man in der Lage sein, vor einer Ordination von Abführmitteln
I untrügliche klinische Kennzeichen für die Schwere oder Geringfugig-
I keit der am Processus tatsächlich vorhandenen pathologischen Ver-
änderungen anführen zu können. Solange das nicht der Fall ist,
wird jeder Arzt, der nach Ordination von Purgantien gelegentlich
eine sehr virulente und foudroyante Peritonitis auftreten sieht, sich
der schweren Verantwortung nicht entziehen können, durch seine
Medikation ein gut Teil zu dem bedauerlichen Ausgang des Falles
beigetragen zu haben.
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43] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 400
Aus dem klinischen Äufnahmebefund möchte ich nur kurz hervor-
heben, daß eine verstärkte bis brettharte Spannung der Bauchdecken
i^ 15 Fällen angeführt ist. Daneben bestand gleichzeitig im Fall 3
ein stark eingezogenes, kahnförmiges Abdomen, aus dem Magen wurde
mit dem Schlauch fäkulenter Mageninhalt entleert, trotzdem ist ana-
mnestisch das vorher Erbrochene nicht als fäkulent angegeben.
Meteorismus bestand in mehr oder weniger ausgeprägtem Grade
in 20 Fällen. Ein Ödem an der Haut des Abdomens rechts seitlich
fand sich im Fall 6, Ödem an beiden Fußgelenken bestand im Fall 13.
Eine Flexionsstellung beider Beine fand sich allein im Fall 7. Be-
zuglich der Ätiologie derselben verweise ich auf das oben Gesagte.
Vorwiegend kostaler Atemtypus wird hervorgehoben in 4 Fällen allein,
vermutlich dürfte derselbe sich jedoch auch in einem Teil der anderen
Fälle gefunden haben, da er ja bei allen stärkeren Affektionen des
ganzen Peritoneums nur selten zu fehlen pflegt. Bezüglich des Urins
wird im Fall 10 angegeben, daß derselbe Albumen und Indikan ent-
hielt, im Blute wurden bei dem Fall 56000 Leukozyten gezählt. Eben-
falls Indikan im Urin wurde auch im Fall 13 gefunden.
Wenden wir uns nun dem pathologisch -anatomischen Befund
unserer Fälle zu, so empfiehlt es sich wohl zunächst, die innerhalb
der ersten 48 Stunden operierten und geheilten Fälle gesondert zu
besprechen.
Im 1. Fall zeigte sich der Processus sehr verdickt, aufgebläht, mit
einer kleinen Perforation an der Basis. In der Umgebung dünn-
flüssiges, leicht getrübtes Exsudat, ebenso eine reichliche Ansammlung
desselben im Douglas. Das Netz zeigte in der Umgebung des Appen-
dix reichliche Adhäsionen mit dicken, fibrinösen Beschlägen, eben-
solche fanden sich am Cöcum.
Im 2. Fall war der Processus in der Richtung nach hinten oben
geknickt und in der Psoasgegend fixiert. In der Mitte war er voll-
ständig durchgebrochen. Im freien Peritoneum reichlich seröses, eitrig
getrübtes Exsudat, ebenso im Douglas. Das Cöcum war infiltriert,
mit leicht rauher Serosa.
Im 3. Fall war der Processus ebenfalls nach oben umgeknickt, sehr
hoch gelegen und in frische und ältere Verwachsungen eingebettet.
1 cm unterhalb der Spitze eine große Perforation, daneben zwei kleine
Kotsteine gelegen. Unter der Leber, sowie nach dem Becken zu eine
kleine Ansammlung eines serös-eitrig getrübten Exsudats, das sich
in geringerer Menge auch zwischen den freien Darmschlingen vor-
findet.
Im 4. Fall freies trüb-gelbliches Exsudat im Peritonealraum. Serosa
der Därme in der rechten Beckengegend injiziert, daselbst reichlich
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500 Ad. Ebner, [44
Verwachsungen mit dicken grau-gelblichen Belägen. Processus in
frische VerUebungen eingebettet, bleistiFtdick, in der Mitte eine kleine
Perforation.
Im 5. Fall war der Processus nach unten vollständig abgeknickt,
in Verwachsungen eingebettet und zeigte in der Mitte eine kleine
Perforation. Der Inhalt des Processus bestand aus Eiter. In der
Umgebung des Processus fand sich wenig dünnflüssiger Eiter zwischen
den vereinzelt verklebten Darmschlingen, der mit der offenen Perito-
nealhöhle in breiter Verbindung stand.
Im 6. Fall fand sich ein trübseröses Exsudat in der linken freien
Bauchhöhle. In der Ileocöcalgegend war das parietale Peritoneum
mit Darmschlingen verklebt, nach deren Lösung sich aus dem freien
Peritoneum serös-eitrige Flüssigkeit entleerte, nach unten zu ein grün-
lich verfärbtes Gewebe mit 100 ccm stinkenden Eiters. In diesem Ab-
szeß lag der perforierte gangränöse Appendix mit einem Kotstein.
Aus dem kleinen Becken entleerte sich ebenfalls stinkender Eiter.
Dieser Fall kam als der einzige von sämtlichen relativen Frühopera-
tionen zum Exitus an fortschreitender Peritonitis, die auch durch den
Sektionsbefund bestätigt wurde.
Im 7. Fall endlich fand sich ebenfalls ein trübes Exsudat in der
freien Bauchhöhle, sowie mehrere Abszesse zwischen leicht verklebten
Darmschlingen. Der Appendix war ohne frische Erscheinungen ad-
härent und lag in einer anscheinend alten AbszeOhöhle zwischen
Cöcum und Dünndarmschlingen. Der Fall entsprach einer Spontan-
perforation eines alten latenten perityphlitischen Abszesses. •
Allen Fällen gemeinsam ist also außer im 7. Fall eine Perforation
des Processus, ferner ein seröses, mehr oder weniger in Übergang
zur Eiterung begriffenes Exsudat der freien Peritonealhöhle, oder mit
dieser in breiter Verbindung stehend, und schließlich die übliche
Injektion und Trübung der Darmserosa, stellenweise mit fibrinösen
Beschlägen. In sämtlichen Fällen wurde der Processus entfernt und
die Bauchhöhle unter Verkleinerung der Inzisionswunde mit Jodoform-
gaze dräniert. Alle Patienten gelangten in einem Zeitraum von 17 bis
26 Tagen zur Heilung ohne Fistel, mit Ausnahme des Falles 2, bei
dem nach 20 Tagen noch die Inzision eines Douglasabszesses per
rectum notwendig wurde. Kotsteine wurden allein im Fall 3 und 6
gefunden. In ersterem Fall wurde wegen seines reaktionslosen Ver-
laufes 4 Tage post op. die Sekundärnaht gemacht, die dann p. p. zur
Heilung gelangte.
Besprechen wir in gleicher Weise nach dem Zeitpunkt der Ope-
ration geordnet die weiteren 20 Fälle, so finden wir bei den 8 am
3. Tage zur Operation gelangten Fällen folgenden Status :
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45] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 501
1. Fall 6. Freies jauchig-eitriges Exsudat mit abgegrenzten Eiter-
herden im Peritoneum und reichlichen Verklebungen. Processus nicht
gefunden. Die Sektion am 3. Tage post op. ergab eine Perforation
an der Spitze des Processus, daneben einen erbsengroßen Kotstein
in einem abgekapselten Abszeß.
2. Fall 12. Im freien Peritoneum seröses, gallig gefärbtes Exsudat.
Im kleinen Becken gränlich-gelber, mißfarben-jauchiger Eiter. Sämt-
liche Därme gebläht und intensiv gerötet. Processus nach dem kleinen
Becken zu abgeknickt, an der Basis eine bohnengroße und an der
Spitze zwei erbsengroße Perforationen.
3. Fall 14. Freies fäkulent- trübes Exsudat im Abdomen, diffuse
fibrinöse Darmverklebungen. Im kleinen Becken stinkender Eiter.
Processus in Verwachsungen eingebettet, fingerlang, mit der Tube
verklebt, entzfindlich verdickt. Breite Perforation in der Mitte', ein
bohnengroßer Kotstein im Processus. Ein zweiter Stein frei im
Becken liegend. Einige Dünndarmschlingen schwarzbraun, gangränös.
Der Processus wurde amputiert. Bereits einige Stunden post op. trat
der Exitus ein.
4. Fall 15. Eitrig-dünnes Sekret in reicher Menge im Peritoneum,
Fibrinauflagerungen am Cöcum und Dünndarm. Kein Abschluß gegen
die freie Bauchhöhle. Im Becken eine große, jauchig-stinkende Eiter-
ansammlung. Prozessus nicht gefunden. Nach 3 Tagen Exitus.
5. Fall 17. Trübes Exsudat im freien Abdomen, Darmserosa mit
Belägeii, in deren Wand der Processus mit einer Dünndarmschlinge
verwachsen ist, die um 120 "^ gedreht ist. Processus amputiert, Exitus.
6. Freies seröses Exsudat, leichte Injektion der freien Dünndarm-
schlingen und des Cöcum. Appendix ohne Perforation ins kleine,
Becken geschlagen, mit leicht injizierter Wand. Bei der Lösung reißt
die Spitze ab, worauf sich serös-eitrige Flüssigkeit aus seinem Lumen
entleert. Nach 24 Stunden Exitus. In dem makroskopisch klaren
Exsudat Bacterium coli: Exitus durch Endotoxinwirkung.
7. In der freien Bauchhöhle fökulente Exsudatmassen, Appendix
nicht gefunden. Exitus 2 Stunden post op. Die Sektion ergab eine
Kotsteinperforation des gangränösen Appendix mit mangelhafter Ad-
häsionsbildung, davon ausgehend diffuse, fäkulente Peritonitis.
8. Fäkulent-eitrige Peritonitis der rechten Bauchseite, ausgehend
von dem tief im Becken perforierten Appendix, serös-eitrige Perito-
nitis im übrigen Abdomen. Es ist dies einer der beiden noch nach
48 Stunden geheilten Fälle, der Patient konnte nach 5 Wochen ent-
lassen werden.
Auch hier finden wir in sämtlichen Fällen, außer im Fall 6, ein
trübes Exsudat im freien Peritoneum, jedoch bereits mit mehr eitrig-
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502 Ad. Ebner, [46
jauchigem Charakter, sowie größere Ansammlungen von fakulentem
Eiter im Douglas. Die Darmschlingen zeigen in ausgedehnterem
Maße starke, fibrinöse Beschläge und mehr oder weniger ausgedehnte
Verwachsungen, so daß es bereits zur Abkapselung von kleineren
und größeren Höhlen gekommen ist, die aber in allen Fällen mit der
freien Bauchhöhle kommunizieren. In 1 Fall (14) waren bereits
gangränöse Veränderungen einiger Darmschlingen vorhanden, die
vielleicht auf Ernährungsstörungen durch eitrige Gefaßverschlüsse
zurückzuführen sind. Wir sehen hier deutlich die Kennzeichen der
weiter fortgeschrittenen Peritonitis.
Der Processus wurde in 3 Fällen nicht bei der Operation ge-
funden infolge bereits vorhandener Verklebungen, die man wegen
der Infektionsgefahr nicht lösen wollte. In 2 Fällen davon ergab die
nachträgliche Sektion eine Perforation an der Spitze und daneben
einen freien Kotstein.
In den 5 anderen Fällen wurde der Processus gefunden und ent-
fernt. In 3 Fällen davon war eine Perforation an dem Appendix vor-
handen, neben der sich in 1 Fall 2 Kotsteine fanden, von denen einer
innerhalb, der andere außerhalb des Processus gelegen war.
Am 4. Tage wurden 3 Fälle operiert.
1. Fall 11. Fäkulenter Eiter im freien Peritoneum, Appendix in
der rechten Fossa iliaca fixiert, zeigt eine bohnengroße, gangränöse
Stelle mit Perforation, im Douglas reichlich Eiter. Stellenweise eitrige
Membranen auf der injizierten Darmserosa. Die Sektion ergab neben
freiem Eiter zahlreiche, kleine Abszesse und vergrößerte Mesenterial-
drüsen.
2. Fall 0. Stark geblähte und injizierte Dünndarmschlingen mit
freiem getrübtem Exsudat. Ein Appendix epiploic. der Flexura sigmoid.
zieht nach hinten oben und ist an der Radix mesenter. fixiert. Eben-
dahin zieht der in Verwachsungen eingehüllte Appendix. An seiner
Basis in den Adhäsionen ein kleiner Eiterherd. Dicht unterhalb der
Klappe eine Schnürfurche. Die Sektion ergab neben alten peritoni-
tischen Verwachsungen und einem vernarbten Geschwür der Pylorus-
klappe ein hämorrhagisches Infiltrat der Dünndarmwand und allgemeine
Peritonitis.
Der letzte Fall bietet kein klares Bild infolge der früheren, wohl
auf der Basis der PylorusafPektion entstandenen Peritonitis. Diese
hat dann wohl durch Strangulationen und Knickungen zu einer weiteren
Aifektion des Appendix geführt, von dem die zweite tödliche Peritonitis
ihren Ausgang genommen hat. Für die letztere Annahme scheint mir
wenigstens der an der Basis des Processus gelegene kleine Eiterherd
zu sprechen.
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47] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 503
3. Freies trabseröses Exsudat mit difiPus injizierten Dfinndarm-
schiingen. Stärkere grünlich -gallertige Exsudatmassen fuhren von
links durch das Becken nach rechts in die Ileococalgegend. Appendix
retrocöcal, im Bogen nach medial ziehend, perforiert, in einem Ab-
szeß gelegen. Die Dünndarmschlingen zum Teil stark gebläht, zum
Teil kollabiert« Zwischen beiden Abschnitten zieht ein l^/s cm breiter
Netzstrang hinweg, der nach rechts unten fixiert ist
Exitus 15 Tage post op. Autopsie verweigert. Der Fall weist
mit dem vorhergehenden insofern eine gewisse Ähnlichkeit auf, als
er eine Kombination von Perforationsperitonitis mit Strangileus dar-
stellt und der Netzstrang wohl als Residuum einer vorausgegangenen
Periappendizitis aufzufassen ist.
In allen 3 Fällen also ebenfalls freies eitriges Exsudat, nur im 1.
und 3. Fall eine Perforation, dagegen im 2. und 3. Fall die Residuen
einer früheren Peritonitis als Ursache der letzten Erkrankung.
Am 5. Tage nach der Perforation gelangten nur 4 Fälle zur Ope-
ration.
1. Fall 5. Dünner fakulenter Eiter im freien Peritoneum, fibrinös-
eitrige Beläge der Darmschlingen mit reichlichen Verklebungen. Pro-
cessus mit der hinteren Wand des Cöcum verwachsen, an der Spitze
eine linsengroOe Perforation. Im Douglas eine Menge eitrig-fäkulenten
Exsudats. Vor dem zentralen Ende im Processus ein Kotstein.
2. Fall 16. Im Abdomen ein freies, trübes Exsudat, rechtsseitlich
eine große in Abkapselung begriffene Eiterhöhle, Därme mit dünnen
Belägen, Processus gangränös und perforiert.
3. Freies eitriges Exsudat mit Belägen und Verklebungen der
Dannschlingen. Processus an der Spitze kolbig aufgetrieben, per-
foriert und gangränös.
4. Serös-eitriges Exsudat im freien Peritoneum, Appendix nicht
gefunden. Exitus nach 24 Stunden. Sektion verweigert.
In allen 4 Fällen bestand also ebenfalls freies eitriges Exsudat neben
einer Perforation des Processus in 3 Fällen, einmal mit einem Kot-
stein im Inneren des Processus. Nur der 2. Fall kam zur Heilung^
nachdem noch eine zweite Laparotomie oberhalb des Nabels vor-
genommen war zur Lösung einer Darmschlinge, welche durch perito-
oitische Verwachsungen Ileus verursachte.
Reichlich dünnflüssiger Eiter mit Fibrinflocken vermischt fand sich
auch bei dem am 6. Tage operierten Fall 7. Der Processus wurde
nicht gefunden. Die Sektion ergab diffuse Verklebungen der Darm-
schlingen, eine schmierige, gelb-grünliche Verfärbung des Peritoneums,
reichliche, muhiple Abszesse mit eitrig-kotigem Inhalt. Processus am
Cöcum gelegen, fast völlig zerstört. Zahlreiche Perforationen am
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504 Ad. Ebner, [48
Dünndarm, Cöcum und Kolon, die wohl als RackperForationen auf-
zufassen sind. Das in diesem Fall vorausgegangene Koterbrechen ist
nach dem obigen Befunde erklärlich.
Besonderes Interesse bietet der am 7. Tage zur Operation gelangte
Fall aus der Breslauer Klinik, insofern man zunächst einen voll-
kommenen, akuten Obturationsileus mit Sitz der Obturation am Dfino-
darm angenommen hatte, ohne Peritonitis. Die Operation ergab nur
wenig trübes freies Exsudat im Peritoneum mit blaurot geblähten
Darmschlingen. In der Ileocöcalgegend eitrig belegte Darmpartien in
Form eines Darmwandbruches, Dünndarmschlingen im kleinen Becken
kollabiert. Spontane Eröffnung eines rechtsseitigen stinkenden Douglas-
abszesses, in welchem der an seiner Spitze gangränöse und einen
Kotstein aufweisende Appendix fixiert war am Mesenterium einer
Dünndarmschlinge. Es handelte sich demnach um einen Fall von
Kombination eines rein mechanischen Ileus mit Appendizitis, bei
welchem der DarmverschluO eventuell in der Weise zustande ge-
kommen war, daß durch den an seiner Spitze fixierten Appendix eine
Dünndarmschlinge abgeschnürt sein konnte. Wahrscheinlich hatte
früher einmal bereits eine Appendizitis bestanden (Kotstein), die durch
die Einklemmung der Dünndarmschlinge zu neuem Aufflammen ge-
bracht wurde. Der Fall starb wenige Stunden nach der Operation.
Die restierenden 3 Fälle sind erst am 0., 14. und 35. Tage zur
Operation gelangt und nehmen daher eine besondere Stellung gegen
die obigen bis zum 6. Tage operierten Fälle ein. Sie bieten nicht
eigentlich das Bild der akuten allgemeinen Peritonitis dar, sondern
mehr das Bild einer Peritonitis fibrinopurulenta progrediens nach
Mikulicz, zum Teil übergehend in das Bild der akuten, allgemeinen
Peritonitis.
So ergab im Fall 13 die Operation am 0. Tage an der Spitze des
Processus eine Perforation, sowie einen bis in den Dquglas reichenden
Abszeß, der mit einem großen Abszeß der linken Lumbaigegend kom-
munizierte. Der Processus war nach unten umgeschlagen. Erst die
nachfolgende Sektion des kurz nach der Operation verstorbenen
Patienten ergab neben der zirkumskripten die gleichzeitig bestehende
allgemeine Peritonitis.
Ein ähnliches Bild ergab auch die Operation am 14. Tage im
Fall 10. Es bestand eine große, von trocknen, roten, fibrinös belegten
und verklebten Darmschlingen gebildete Höhle mit dickem, fakulentem
Eiter. Ein Gang führte von hier aus nach hinten oben in die Lenden-
gegend, ein anderer nach vorne und unten zwischen Nabel und Sym-
physe. Daselbst zwei Gegeninzisionen angelegt. Sonst überall Ver-
klebungen der Därme, die auch ein Auffinden des Processus unmög-
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49] Ober den heutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. 505
lieh machten. Die Sektion nach 24 Stunden ergab eine Periappendicitis
perforativa, Pelveoperitonitis chron., Peritonitis diffusa acuta punilenta
und Salpingitis sinistra.
Eine chronische, eitrige Peritonitis mit abgeschlossenen intraperi-
tonealen multiplen Abszessen ergab schließlich die Operation am
35. Tage nach Beginn der Beschwerden im Fall 8. Die Spitze des
Appendix war in die Bauchhöhle und nach Verwachsung mit dem
Cöcum in das letztere perforiert« Ferner bestand eine RückperForation
in Kolon und Magen. Der Fall wurde noch dadurch kompliziert, daß
ein operativer Pneumothorax links mit Atelektase der linken Lunge
eine Resektion der linken IL Rippe notwendig machte.
Sämtliche drei letzten Fälle könnten somit nach einem Teil des
Befundes ebensogut unter den zirkumskripten Periappendiziten ange-
führt werden, wenn eben nicht die gleichzeitig vorhandene allgemeine
Peritonitis ihnen diesen gegenüber eine besondere Stellung zuweisen
würde. In allen drei Fällen lag ebenfalls eine Perforation des Appen-
dix vor.
Der eigentliche Zeitpunkt der Perforation läßt sich hier natur-
gemäß bei der langen Dauer der Erkrankung aus den Journalen nicht
mit Sicherheit ersehen, so daß der angegebene Zeitraum sich mehr
auf den Beginn der Beschwerden als auf den Zeitpunkt der Per-
foration beziehen dürfte. Im übrigen stimmen aber die anatomisch-
pathologischen Veränderungen der einzelnen Fälle mit dem angegebe-
nen Zeitraum auch bezüglich der Möglichkeit einer so lange bestehen-
den Perforation so ziemlich überein.
Kurz zusammengefaßt finden wir also in 21 Fällen eine Perforation
ausdrücklich angegeben, dagegen wurde ein Kotstein nur in 7 Fällen
gefunden. Im freien Peritoneum finden wir bis zum 3. Tage in allen
Fällen ein mehr seröses, leicht getrübtes Exsudat, das vom 3. bis
6. Tage eine deutlich eitrig -jauchige Beschaffenheit annimmt und zu
Ansammlungen im Douglas Neigung hat. Gleichzeitig eine fort-
schreitende Verklebung der Darmschlingen auf der Grundlage einer
fibrinösen Ausscheidung des Exsudates. Vom 0. Tage ab entweder
das Bild einer langsam fortschreitenden fibrinösen Peritonitis oder
einer zirkumskripten Periappendizitis mit sekundärer Perforation in
die freie Bauchhöhle und nachfolgender akuter Allgemeinperitonitis.
Die Therapie bestand bei sämtlichen Fällen in breiter Eröfi^nung
der Peritonealhöhle durch Medianschnitt, Schrägschnitt oder Schnitt
am lateralen Rektusrande, zu dem nach Bedarf eine Gegeninzision in
der Lumbaigegend oder auch im Douglas hinzugefügt wurde. Die
Dränage erfolgte stets in ausgiebiger Weise mit Jodoform- bzw. Iso-
formgaze und bisweilen gleichzeitig mit einem dicken, bis in den
KUn. VortrSge, N. F. Nr. 494/95. (Chirurgie Nr. 145/46.) Juli 1908. 37
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506 Ad. Ebner, [50
Douglas eingelegten Glasdrän. In Fällen mit dickem eitrigem Ex-
sudat wurde eine ausgiebige Spülung der Abdominalhöhle mit physio-
logischer Kochsalzlösung vorgenommen. Stark kollabierte Patienten
mit darniederliegender Darmtätigkeit erhielten zur Anregung derselben
reichlich Kochsalzeinläufe per rectum. Die Narkose wurde durchweg
mit Äther gemacht und nur auf eine besondere Indikation seitens der
Lungen wurde ausnahmsweise einmal Billrothsche Lösung verwandt.
Kommen wir zu den absoluten Frühoperationen, d. h. den-
jenigen Fällen, die bereits 48 Stunden nach Beginn der Erkrankung
überhaupt ohne Rücksicht auf das Fehlen schwerer Symptome zur
Operation gelangt sind, so ist deren Zahl verhältnismäßig gering, da
einerseits erst im Jahre 1903/04 mit der Frühoperation begonnen
wurde, und andererseits die Zahl der Fälle, welche so früh bereits
in die Hand des Chirurgen gelangt, an sich schon eine sehr be-
schränkte ist. Diese letzte Tatsache wird sich vermutlich ändern,
sobald auch die ausschlaggebenden Kreise der praktischen Ärzte mehr
und mehr von dem Nutzen der Frühoperation durchdrungen sind,
wie es z. B. von Sprengel aus der Umgebung von Braunschweig
und von Riedel aus der von Jena heute schon hervorgehoben wird«
Wir haben es daher im Laufe der Jahre 1903—1907 nur mit 27
Fällen von absoluter Frühoperation zu tun, die sämtliche glatt zur
Heilung gelangt sind.
Es handelte sich dabei um 16 = 59,2 % männliche und 1 1 := 40,8%
weibliche Patienten im Alter bis zu 40 Jahren. Davon entfallen auf
das erste Dezennium 1 Fall, auf das zweite Dezennium 8 Fälle, auf
das dritte U und auf das vierte 7 Fälle.
In 18 Fällen davon wird der Anfall als der erste angegeben, in
6 Fällen war bereits ein anderer Anfall vorausgegangen und nur in
2 Fällen handelte es sich um den dritten, sowie in einem Falle um
den vierten Anfall.
In sämtlichen Fällen wurde der Processus leicht gefunden und
entfernt.
Die Behandlungsdauer lag zwischen 12—20 Tagen in 7 Fällen,
zwischen 21—30 Tagen in 2, und zwischen 31 — 42 Tagen ebenfalls
in 2 Fällen.
Ein operativer EingrifiP war vorausgegangen allein im Fall 11, der
vor 2 Monaten bei dem ersten Anfall eine Inzision und Dränage des
Douglas durchgemacht hatte. Seitdem hatte der betr. Patient häufig
an Blasenbeschwerden gelitten, wohl als Folge der entzündlichen
Adhäsionen vom ersten Anfall her.
Von sonstigen Angaben aus der Anamnese sei hier einiges hervor-
gehoben, was allgemeineres Interesse bietet.
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51] Ober den heutigen Sund der Erkennung U.Behandlung der Appendizitis. 507
Die Temperatur wird als fieberliaft vor und bei der Aufnalime
angegeben in 20 Fällen. In 3 Fällen wird ein Schüttelfrost angeführt.
In 4 Fällen bestand kein Fieber und in 3 anderen Fällen ist weder
in der Anamnese, noch im Status eine Angabe über die Temperatur
vorhanden.
Erbrechen ging voraus in verschiedener Intensität und Häufigkeit
in 16 Fällen, während in den anderen 11 Fällen nur von Übelkeit
väbrend des Anfalles berichtet wird.
Die Schmerzen begannen mehr weniger heftig in der Magengegend
oder im ganzen Leibe und lokalisierten sich dann schnell in der Ueo-
cocalgegend. Vereinzelt werden sie gleich bei Beginn in der Gegend
des Appendix empfunden.
Im Fall 5 hatte Patient noch an dem Tage nach Beginn des An-
falls eine längere Wagenfahrt unternommen, worauf denn auch prompt
eine schnelle Verschlechterung seines Zustandes eintrat. Im Fall 8
hatte Patient nach Beginn des Anfalls noch die Schule besucht, worauf
am nächsten Tage eine rapide Verschlimmerung der Schmerzen und
häufiges Erbrechen bei jeder Nahrungsaufnahme auf die Schwere des
Leidens hinwies.
Bei der Aufnahme bestand deutlicher Meteorismus und Span-
nung der Bauchdecken in 20 Fällen, in einem Fall wird die letztere
als bretthart bezeichnet, Blasenkrampf war nur einmal vorhanden.
Die Druckempfindlichkeit wird als allgemein angegeben in
2 Fällen, in 24 Fällen war dieselbe besonders in der Ileocöcalgegend
lokalisiert, in einem Fall war eine stärkere Druckempfindlichkeit über-
haupt nicht vorhanden.
Eine deutliche Resistenz in der Ileocöcalgegend ließ sich in
14 Fällen nachweisen, dieselbe schwankte zwischen Hühnerei- bis
MannsfaustgröOe, und nur in einem Fall wird dieselbe als bleistift-
dicker Strang angegeben. In 2 Fällen ließ sich die Resistenz gleich-
zeitig vom Rektum aus nachweisen. In 2 anderen Fällen fehlte jede
klinisch nachweisbare Resistenz.
Indikan wurde im Urin nur im Fall 10 gefunden. In einem Fall
(6) war gleichzeitig eine urethrale Gonorrhöe vorhanden.
Bei der Durchsicht der anatomisch -pathologischen Operations-
befunde dieser Kategorie werden wir öfters finden, daß die patho-
logischen Veränderungen weit mehr fortgeschritten sind, als man nach
der kurzen Zeit seit dem angeblichen Beginn des Anfalls erwarten
sollte. Die Veränderungen entsprechen mit anderen Worten einem
spateren Stadium der Erkrankung, als dem, welches wir nach den
subjektiven Angaben des Patienten vor uns haben. Dieses erklärt
sich ohne weiteres aus der schon oben hervorgehobenen Erfahrungs-
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508 Ad. Ebner, [52
tatsache, daß eben die klinischen Erscheinungen bisweilen in grellem
Gegensatz zu den pathologischen Veränderungen stehen können.
Die subjektiven Beschwerden können an sich schon gering sein,
und werden außerdem noch je nach Sensibilität des Patienten ver-
schieden stark empFunden werden. Sie können daher namentlich bei
Beginn der Erkrankung der Beobachtung völlig entgehen und gelangen
dem Patienten erst bei stärkerem Auftreten zur Wahrnehmung, der
von diesem Augenblick naturgemäß den Beginn der Erkrankung
rechnen wird.
Andererseits kann auch eine virulentere Infektion innerhalb kür-
zerer Zeit zu schweren anatomischen Veränderungen führen, als dieses
bei einer weniger virulenten Infektion der Fall sein wird.
Kurz zusammengefaßt stellen sich nun die Operationsbefunde nach
den Krankengeschichten folgendermaßen dar:
1. Processus in alte und frische Verwachsungen eingebettet, ver-
dickt. Er ist nach außen und unten umgeschlagen, die Wand ist stark
infiltriert und brüchig. Im^Douglas trübseröses Exsudat. Die Schleim-
haut des Processus zeigt grauweißliche, diphtherische Beläge.
2. Retention an der Spitze des Processus, keine Verwachsungen,
dagegen Hämorrhagien der Schleimhaut. Der Processus ist sehr
lang, nach hinten und oben umgeschlagen mit starker Schwellung der
Wand. An der Basis eine Striktur infolge einer alten Narbe. Die
Peritonealhöhle ist frei von Exsudat.
3. In der rechten Darmbeingrube wenig seröses Exsudat, das in
Reinkultur Streptokokken enthält. In einem zusammengeballten Netz-
klumpen der 10 cm lange, dicke und hochrote Processus. Peritoneum
parietale der hinteren Beckenwand stark injiziert, Mesenteriolum
ödematös verdickt.
4. Processus frei nach dem kleinen Becken ziehend, verdickt, ge-
rötet und geschwollen. Nahe der Spitze eine fünfpfennigstuckgroße,
gangränöse Stelle. Eiteransammlung im kleinen Becken. Ein zweiter
Abszeß unterhalb des Nabels nach links zur Mittellinie ziehend. Ver-
klebung der Därme am Peritoneum parietale.
5. Ziemlich reichliches, leicht getrübtes Exsudat im freien Ab-
domen, besonders im kleinen Becken angesammelt. Der entzündlich
veränderte Processus wird von dem zu einem Klumpen verbackenen
Netz in der rechten Beckenschaufel umschlossen. Darin ein Abszeß
mit braunem, stinkendem Eiter. Am Processus eine markstück-
große Gangränstelle, dahinter ein Kotstein in KirschkerngroOe.
6. Processus stark gerötet an der Spitze im kleinen Becken fixiert.
Die Serosa ist mit kleinen Knötchen besetzt, Mesenteriolum derb
ödematös geschwollen, mit einem großen Fibrinfetzen. Im kleinen
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53] Ober den beutigen Stand der Erkennung u. Behandlung der Appendizitis. SQQ
Becken eine geringe Menge nicht eitrigen Exsudates. Im Lumen des
Processus Eiter und Stuhl.
7. Processus nach oben geschlagen, in Netz eingebettet. An der
Basis eine erbsengroße Perforation, die ganze Basis brüchig mit
beginnender Gangrän. Processus stark aufgetrieben, in der Wand
kleine Eiterherde. Blutig-schleimiger Inhalt, ausgedehnte Nekrosen.
Geringes, seröses, freies Exsudat. Neben dem Processus in dem um-
gebenden Netzklumpen ca. ein Teelöffel voll Eiter. Obliteration des
Lumens.
8. Peritoneum ödematös, verbackene Darmschlingen, ein Netz-
klumpen bedeckt das kleine Becken, unter demselben reichlich ßku-
lenter Eiter. Processus in der AbszeOhöhle gelegen, ringförmig ge-
krümmt, an der Spitze eine linsengroOe Gangränstelle, dahinter ein
reiskorngroßer Kotstein.
9. Spitze des geschwollenen Appendix nach oben geschlagen, gegen
die Leber zu verwachsen. Basis des Appendix bis auf Pflaumen-
große aufgetrieben, Wandung stark injiziert. Kein Exsudat, keine
Fibrinbeschläge, Cöcalwand sehr brüchig, so daß die Nähte durch-
schneiden. Das Mesenteriolum wird auf den Stumpf genäht. Nahe
der Spitze eine Striktur. Schleimhaut an der dilatierten Stelle gangränös.
10. Im freien Peritoneum reichlich getrübtes, nicht ßikulentes Ex-
sudat, das sich besonders reichlich im kleinen Becken vorfindet und
dort einen deutlich fäkulenten Geruch annimmt. Processus in der
Nahe des Nabels zwischen Netz und Dfinndarmschlingen frisch ad-
harent. Bei der Auslösung Entleerung von fäkulentem Eiter aus
einem um den Appendix gelegenen Abszeß. Kolonwand ist infiltriert
11. Tiefere Muskelschichten, Faszie und Peritoneum infiltriert,
ödematös. Netz zu einem. Klumpen verbacken, vielfach mit Abszessen
durchsetzt. Resektion des Netzlappens. Zwischen Cöcum und Netz-
lappen eine Abszeßhöhle, die durch das Netz in die Bauchhöhle
durchgebrochen ist. In der Bauchhöhle und im Douglas freier Eiter.
Dannserosa spiegelnd. Processus 6 cm lang, an der Basis stenosiert,
daliinter ein Empyem mit 15(!) flachen, linsengroßen Kotsteinen« Die
Wandung des Processus ist trotzdem nirgends perforiert, nicht einmal
an einer Stelle ulzeriert.
12. Wenig freies seröses Exsudat, vorliegend injiziertes Netz, dar-
unter injiziertes Cöcum. Appendix nach hinten unten gelegen, in
Adhäsionen eingebettet, mit geschrumpftem Mesenteriolum.
13. Vorliegend infiltriertes Netz, nach rechts unten fixiert. Appen-
dix abgeknickt nach hinten oben, stark verändert durch alte und
frische Entzündung, basaler Teil verdickt. Unter dem infiltrierten
Netz dünnflüssiger Eiter.
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510 Ad. Ebner, [54
14. Vorliegend Adhäsionen. Appendix nach oben außen prall eri*
giert, injiziert, 13 cm lang, mit beginnender Perforation in der Mittei
15. Cöcum vorliegend, Appendix frei, 6 cm lang, ins kleine Becken
geschlagen, im ersten Stadium der Entzündung. An einer Stelle ein
gräuliches Infiltrat der Wandung des Appendix, im basalen Abschnitt
ein Kotstein.
16. Vorliegend Netz und Dünndarm, im Becken serofibrinöses,
nicht stinkendes Exsudat. Appendix leicht verklebt, nach unten ge-
schlagen, purpurrot, kleinfingerdick, mit weißen Fibrinfetzen. Keine
Perforation. Inhalt des Appendix eitriger Kot. Mesenteriolum in-
filtriert.
17. Cöcum vorliegend, nicht injiziert. Processus retrocöcal, der
Hinterwand des Cöcum breit aufliegend und hier fest verwachsen,
stark geschwollen und gerötet. Im Lumen ein langer, festsitzender
roter Thrombus, zu einer Stelle zwischen mittlerem und unterem
Drittel führend, wo die Wand gangränös und minimal perforiert ist
Im Becken serofibrinöses, nicht stinkendes Exsudat.
18. Leicht Exsudat im Becken. Appendix in alten, festen Ad-
häsionen, in der Tiefe fixiert, auf dem Cöcum festgewachsen, 10 cm
lang, enorm gebläht, injiziert, mit stinkendem Eiter und Konkrementen
als Inhalt, eines davon Dekubitalgangrän verursachend, die dicht vor
der Perforation steht.
10. Vorliegend Netz. Dem Cöcum anliegend injizierte Dünndarm-
schlingen. Appendix zwischen Cöcum und Dünndarm nach unten
über die Iliacalgefaße ins kleine Becken ziehend, in Adhäsionen ein-
gebettet, mit eitrig infiltrierter Wand. Bei Lösung der Adhäsionen
serös-eitriges Exsudat zwischen Dünndarmschlingen abgekapselt. Im
freien Peritoneum wenig seröse Flüssigkeit.
20. Appendix geschwollen, 6 cm lang, leicht gewunden, nicht ge-
knickt, Mesenteriolum infiltriert. Appendixserosa injiziert, mit leichten
fibrinösen Auflagerungen. Netzverklebungen an der Vorderseite des
Appendix, sein distales Ende frei in der Bauchhöhle.
21. Cöcum vorliegend, mobil, injiziert. Leichte Adhäsionen zwi-
schen Netz, Ileum und hinterem parietalem Peritoneum. Bei ihrer
Lösung einige Tropfen stinkenden Eiters. Daneben Appendix retro-
cöcal, hochgradig infiltriert, in breiten Adhäsionen mit Perforation.
22. Keine Verwachsungen, Appendix lang, frei, nicht injiziert, an
der Spitze derb. Freies Peritoneum ohne Befund.
23. Eigroßes in verdicktes Netz eingebettetes Exsudat dicht neben
dem Lig. Poupartii. Appendix im Exsudat, mit drohender Perforation
in der Mitte. Zwei Kotsteine. In den Adhäsionen zwei Teelöffel
serös-eitriger Flüssigkeit.
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55] Ober den heutigen Stand der Erkennung U.Behandlung der Appendizitis. 511
24. Appendix 7 cm lang, nach auOen oben hinten am Cöcum liegend,
verdickt, prall injiziert, in fibrinöses Exsudat eingebettet, an der Spitze
Perforation« Im freien Peritoneum wenig seröse Flüssigkeit.
25. Appendix nach oben geschlagen, außen am Cöcum, fettes
Mesenterium, fibrinös-eitriger Belag, wenig Serum im Peritoneum.
Processus hochrot, geschwollen, ohne Inhalt mit nekrotischer Schleim-
haut Mesenteriolum brüchig.
26. Appendix durch alte Adhäsionen retrocöcal fixiert. Wand
schwarz infolge beginnender Gangrän, Peritoneum frei von Eiter,
starker Gestank nach Bacter. coli.
27. Sofort nach Eröffnen des Peritoneums quillt stinkender, grün-
licher Eiter heraus, ca. 2 — 4 Teelöfi^el voll. Vorliegend stark ge-
blähtes Cöcum, injiziert im unteren Teil. Appendix nach hinten oben
geschlagen, fest adhärent, stark gerötet. Auf der Grenze zwischen
mittlerem und unterem Drittel eine große Perforation, aus der ein
kleiner Kotstein herauskommt. Der Perforation entspricht ein tiefes
Ulkus. In der Cöcalgegend stinkender Eiter.
Nach obigen Befunden finden wir weder ein seröses Exsudat,
noch eine Eiterung nur in 5 Fällen. In diesen Fällen waren die
Veränderungen vorwiegend auf den Processus beschränkt. Im Fall 2
bestand nur eine Retention an der Spitze mit zahlreichen Hämor-
rhagien der Schleimhaut und starker Schwellung der Wand. Trotz-
dem hatte der Fall mit Schüttelfrost eingesetzt und war bis zur
Operation mit geringem Fieber verlaufen. Der Fall dürfte dem ent-
sprechen, was Riedel unter einer Appendicitis granulär, haemor-
rhagica verstanden wissen will.
Im Fall 9 waren die Veränderungen am Processus erheblich weiter
vorgeschritten. Es bestand eine frische Verwachsung und eine Striktur
an der Spitze, sowie eine Retention und Gangrän der Wand an der
Basis. Bemerkenswert ist, daO, wie im Journal ausdrücklich hervor-
gehoben wird, trotz dieser vorgeschrittenen Veränderungen kein Ex-
sudat und keine fibrinösen Beläge der Serosa in der Umgebung be-
standen. Ob der erste Grad des Exsudats in Gestalt einer ödema-
tösen Schwellung der Darmserosa vorhanden war, wie sie namentlich
von Sprengel hervorgehoben wird, ist aus dem Journal nicht zu
ersehen. Die Ursache für die fehlenden Veränderungen in der Um-
gebung könnte man hier vielleicht in der Annahme erblicken, daO
durch eine Thrombose bzw. Verlegung der Lymphgefäße am Pro-
cessus eine weitere Verbreitung der in ihm enthaltenen Toxine ver-
hindert wurde. Derartige Fälle pflegen dann im Fall einer Perforation
dii übelste Prognose abzugeben, da dem Peritoneum nicht durch das
warnende Vorauseilen der Toxine eine Gelegenheit gegeben ist zur
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512 Ad. Ebner, [56
Vorbereitung von Schutzmaßregeln gegen die plötzliche Invasion der
Infektionserreger.
Einen fast normalen Befund bietet allein Fall 22 dar, bei welchem
es sich um einen langen, freien, nicht injizierten Appendix handelte,
der sich nur durch eine gewisse Derbheit an der Spitze auszeichnete.
Das Peritoneum war ohne Befund.
Erheblich fortgeschrittene Veränderungen am Appendix, wie im
Fall 0, fanden sich auch im Fall 20 und 26. Im ersteren Fall war
der Appendix geschwollen, seine Serosa injiziert, mit leichten fibri-
nösen Auflagerungen, sowie Netzverklebungen an seiner Vorderseite.
Das Mesenteriolum war ebenfalls infiltriert. Peritoneum sonst ohne
Befund. Im letzteren Falle handelte es sich um einen durch alte Ad-
häsionen retrocöcal fixierten Appendix, dessen Wand infolge beginnen-
der Gangrän bereits eine schwärzliche Verfärbung zeigte. Das Peri-
toneum war frei, zeigte aber einen auffallenden Geruch nach Bacter. coli.
Sämtliche 5 Fälle repräsentieren bei dem Mangel eines patho-
logischen Peritonealbefundes gewissermaßen das frühzeitigste Stadium
der gesamten 27 Frähfälle. Sie zeigen aber auch andererseits deut-
lich, in wie weiten Grenzen die Veränderungen am Appendix trotz
fehlender Peritonealreaktion sich bewegen können.
Ihnen am nächsten stehen die Fälle, bei denen wir ein leicht ge-
trübtes, seröses Exsudat im freien Bauchraum finden, ohne eine bereits
abgekapselte AbszeObildung. Dazu gehören im ganzen 10 Fälle.
Im Fall 1 bestand ein trübseröses, nicht abgekapseltes Exsudat im
Douglas. Der Processus war in reichlich alte und frische Verwach-
sungen eingebettet, seine Wand stark infiltriert und brüchig. Das
eben entstandene Exsudat hatte sich naturgemäß zunächst im Douglas
angesammelt.
Fall 3 ergab wenig seröses Exsudat auf der rechten Darmbein-
schaufel, ebenfalls mit reichlich schützenden Verwachsungen um den
entzündlich veränderten Processus. Trotzdem das Exsudat Strepto-
kokken enthielt, heilte der Fall nach primärer Naht der Bauchdecken
völlig reaktionslos. Es bestand nur 2 Tage nach der Operation
eine geringe Steigerung der Temperatur.
Ein geringes, freies seröses Exsudat im Douglas bestand schließ-
lich im Fall 6. Daneben fand sich ein leichtes Empyem des Pro-
cessus und wenig frische Verwachsungen. Sanat. p. p.
Im Fall 12 war neben dem geringen Exsudat ein nur wenig ver-
änderter, in Verwachsungen eingebetteter Appendix mit geschrumpftem
Mesenteriolum vorhanden. Ebenso im Fall 16 leichte Verklebuogen
an dem geschwollenen und geröteten, mit Fibrinfetzen bedeckten
Appendix. Das serofibrinöse Exsudat lag im Becken.
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57] Über den heutigen Stand der Erkennung U.Behandlung der Appendizitis. 513
Auch im Fall 17 und 18 war das leicht getrübte Exsudat im Becken
angesammelt. Im ersteren Fall zeigte der stark geschwollene und
gerötete Appendix, welcher mit der hinteren Wand des Cöcum breit
verwachsen war, in seinem Lumen einen festsitzenden, roten Throm-
bus, der auf eine gangränöse und perforierte Stelle der Wand zwischen
mitderem und unterem Drittel hinführte. Im letzteren Fall war der
Appendix gleichfalls auf dem Cöcum adhärent, enorm gebläht infolge
Retention seines Inhalts, der aus stinkendem Eiter und Konkrementen
bestand. Das eine derselben hatte eine Dekubitalgangrän verursacht,
die dicht vor der Perforation stand.
Im Fall 10 zeigte der in Adhäsionen gelegene Appendix eine eitrig
infiltrierte Wand und es fand sich neben dem freien auch abgekap-
seltes Exsudat zwischen verklebten Dünndarmschlingen vor.
Eine beginnende Perforation zeigte an seiner Spitze auch im Fall 24
der stark verdickte und prall injizierte Appendix, während es sich im
Fall 25 um einen hochroten, geschwollenen Processus handelte, dessen
Schleimhaut bereits nekrotisch war.
Das Charakteristikum dieser Gruppe bilden also neben dem leicht
getrübten, serofibrinösen Exsudat, das sich mit Vorliebe im kleinen
Becken anzusammeln pflegt, entsprechend dem fibrinösen Charakter
dieses Exsudates beginnende Verklebungen und Verwachsungen in der
Umgebung des Entzündungsherdes, aus denen bereits deutlich das
Bestreben des Körpers hervortritt, den Entzündungsherd von dem
übrigen Peritoneum auszuschalten.
Daneben sind die pathologischen Veränderungen am Appendix
durchweg erheblich vorgeschrittener als bei der ersten Gruppe, in
Gestalt von häufiger Retention des Inhaltes, Neigung zu Ulzeration
und Nekrose der Schleimhaut als Vorbereitung für die drohende bzw.
oaclifolgende Perforation seiner Wandung.
Die dritte Stufe nach dem pathologischen Befund würden die Fälle
einnehmen, bei denen es neben einem freien Exsudat bereits zu einer
umschriebenen Abszeßbildung gekommen ist, bzw. bei denen es um-
gekehrt nach älteren Entzündungsvorgängen durch eine neue Infektion
von hier aus zu einem neuen freien Exsudat gekommen ist. Welche
von den beiden Möglichkeiten vorliegt, läßt sich aus den pathologi-
schen Befunden nicht immer mit Sicherheit entscheiden.
Ein typisches Beispiel für den letzteren Vorgang bietet der Fall 11.
Bei diesem war der primäre Abszeß zwischen Cöcum und einem
Netzlappen gelegen. Durch eine Perforation in die freie Bauchhöhle
war es zu einem sekundären, freien, eitrigen Exsudat gekommen.
Im Netzlappen selbst bestanden multiple Abszesse. Der Processus
ragte in den Abszeß hinein und zeigte an der Basis eine Stenose,
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514 Ad. Ebner, [58
hinter der ein Empyem mit 15 flachen, linsengroOen Steinen ge-
legen war.
Zu dem ersteren Vorgang dürften die Fälle 5, 7 und 10 zu zahlen sein.
Im Fall 5 bestand neben einem um den Processus vom Netz ab-
gekapselten, fakulenten Abszeß ein freies, trübes Exsudat der Bauch-
höhle mit einer Ansammlung desselben im Douglas. Am Processus
selbst fand sich eine markstückgroße Gangrän mit einem Kotsteia
dahinter.
Im Fall 7 bestand ein geringes, seröses, freies Exsudat neben einem
kleinen Abszeß am Processus, sowie mehrere ganz kleine Abszesse
in der Wand des Processus selbst. Ferner befand sich an der Basis
des Appendix eine Perforation und umschriebene Gangrän der Wand.
Ebenso bestand auch im Fall 10 ein Abszeß mit frischen Ver-
wachsungen um den Processus herum, sowie ein reichlich serös-trübes,
freies Exsudat mit einer größeren Ansammlung im kleinen Becken.
Nur die letztere hatte einen fakulenten Geruch.
Am weitesten von allen