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Full text of "Schweizerische Monatschrift für praktische Medizin"

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Boston 
Medical Library 

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für 



praktische Medizin 



Dritter 3ajirg<rag. 

1858. 

Herausgegeben unter Mitwirkung schweizerischer Aerzte 

▼OD 

Dr. A. Vogt, 

prtkt. Arzt in fem. 'V^'^V 



BERN, 4858. 
Druck der Ha 11 er 'scheu Bachdruckerei <b.-f. iuiut.) 



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^Ui* 



CATALOGUEÖ I 

JUN 26 1908 

E. H, B. 



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Inhalts-Verzeichniss 

zum dritten Jahrgange (1858)« 



Abendberg, siehe Kretinenanstalt. 
Aneurysmen, Behandlang durch M»nip*JatiQn 
Arthrogryposis spastica 
Asphyxia Neonatorum 
Atelectasis pulmonum . 
Blasenpflaster, schmerzloses . * , 
Bleikolik . . ■ 

Blutflecken, forensische Untersuchung der 
Carcinoma medulläre mediastini . 
Carcinosis miliaris acuta 
Catarakte, siehe Linsentrübung. 
Charlatanerie, di$, und ihre Parteiganger 
Centracturen , consecutive 

„ primitive , der Jünger 

Cretinismus * 

Croup Erwachsener . 
Cystosarcom der Niere 
Diphtheritis .... 
Endocarditis rheumatica . 
Exomphale chez Fenfant negre 
Extractio dentium, siehe Zah n e «U*cli o n . 
Geistesstörungen, Wesen und Ursachen der 

Guggenbühl 

Harnincontinenz der Kinder, Behandlung der 
Harnretention bei der Geburt 
Hernia umbilicalis, den Uterus enthaltend 
Icterus, Benzoesäure gegen 
Incontinentia urin», siehe Harnincontinenz. 
Kretinenheilanstalt auf dem Abendberg 



**• 

159 

33 

379 

95 

1» 

$87 

383 

82 

161, 23$, 257, 289 



282 
44 
%% 
«2 

151 

304 

51 

193, 225, 266 

129, 179 



321, 353 
219 
222 
153 
277 
221 



148, 219, 280 



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IV 



Lähmung, essentielle, der Kinder 

Lebensschwäche der Neugebornen 

Linsentrübung, neues Erkennungsmittel der 

Luftstreifschüsse, Nichtexistenz der 

Lungenprobe, hydrostatische 

Lungenschwindsucht, siehe Tuberkulose. 

Lungentuberkulose, siebe Tuberkulose. 

Luxation de* Scbenkelkopfs 

Mesencephalitis malactica 

Milch, Vertreibung der, mit Jodkali . 

Nabelbruch, sie^e flernia. • r . . 

Nabelbruch beim Negerkind 

Niere, Cystosarcom der 

Orchitis, Belladonna gegen 

Panaritien, Behandlung der . . 

Paralyse, siehe Lahmung. 
"Pericarditis rheumatica .... 

Physiologen an der Berner Hochschule 

Physiologie, ihre Stellung zur Pathologie . 

Psychosen, siehe Geistesstörungen. 

Betroversion des schwangern Uterus . 

Schiesspulververbrennung, Behandlung der . 

Sommersprossen, Behandlung der 

Statistik ; ..... 

Tetanie 

Tracheotomie beim Croup der Kinder . 97, 

Tuberkulosis ....... 

Tuberkulose, über akute . . . 

Tuberculosis pulmonum, Behandlung . 

Typhus , Kali oxymuriat. . ; 

' Verbrennung , siehe Schiesspulververbrennung. 

Zahnextraction, schmerzlose, mittelst Electricität 









Seit« 


. 33 


, 65, 


104 








383 








256 








127 
94 






124 


193, 


225, 


266 

2S6 


• 


129, 


179 
304 


. • 


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222 






96 


103, 


225, 


*266 




316, 


349 




316, 


349 

153 

352 


• 




352 
31 
33 


135,205, 


248, 


343 

85 
369 


* . 




56 
160 








319 



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Schweizerisßha^Monatschrift 

tfpk JtÄ 

Dritter Jahrgang. 1858» Nr. I. Januarheft, 

Diese Monatschrift erscheint monatlich einmal, 2 Bogen stark. Der Abonoe- 
mentspreis ist für die ganze Sehweil 7 Fr. , für das Ausland 10 Fr. Briefe 
und Gelder franko an die Expedition : Haller'sohe Buchdruckerei in Bern. 

=B= II I ■!■ , ■ ■ I I ■ I , Bg 

Ueber die sogenannte essentielle Lfthmung der Kinder. 



Ein Vortrag von Professor Dr. W. Vogt , gehalten den 5. December 1867 
der med.-chir. Cantonalgesellschaft von Bern. 

(Fortsetsang ans Nr. 12, Jahrgang 1857.) 



Es kann keinem Zweifel unterliegen , dass die bereits genann- 
ten Krankheiten die analogen Symptome haben , wie der erste In- 
sult der cerebralen Kinderlähmung, und dass man schon öfter, 
bevor man diese als eine besondere Krankheit ansah, Lähmung 
als einen Ausgang notirte. Diess war auch namentlich der Fall 
bei der Eclampsie, und wenn wir auf deren anatomischen Be- 
stand in den Fällen , wo sie von cerebralen Symptomen begleitet 
war, näher eintreten, so finden wir als Resultate der Leichen- 
öffnungen : 

a. Hyperämie des Gehirns und seiner Häute. Brächet 
(Traiti des cqnvulsions dans tenfance, 1824) machte auf diese 
Hyperämie besonders aufmerksam , Hess aber die Frage zweifel- 
haft, ob sie als Ursache oder als Folge der Eclampsie zu be- 
trachten sei. Weil diese Krankheit oft auch auf anämischem 
Boden vorkommt , neigte man sich immer mehr zur Annahme des 

1 

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2 

alten Grundsatzes, ubi irritatio, ibi affluxus sanguinis, und sah 
die Hyperämie nur als Folge an. Obschon ich die allgemeine 
Anämie durchaus nicht als Beweis anerkennen kann, dass die bei 
derselben vorkommende Eclampsie nicht congestiver Art sein 
könne — denn bei der Anämie ist keineswegs die ganze Blut- 
masse vermindert , sondern nur die Menge der Blutkugeln im Ver- 
hältniss zum Serum, und es kommen darum Anhäufungen in den 
Gefässen einzelner Organe bei der Anämie eben so gut vor, wie 
bei der Plethora, sie sind aber wegen des Mangels der Blut- 
kugeln wehiger sichtlich und durch die Röthe bemerkbar — ' so 
zweifle ich doch nicht , dass viele , besonders die aus consensuel- 
lem Reiz von andern Organen her entstehenden Eclampsieen ge- 
wöhnlich nur von secundärer Congestion begleitet sind. Allein 
ich bin auch überzeugt, dass häufiger noch die Eclampsie von 
primitiver Congestion bedingt wird. Sie bricht ja oft erst aus 
nach den fieberhaften Hirncongestionen , und die ihr vorhergehen- 
den Zeichen dieser Congestionen am Gesichte und allen Theilen 
des Kopfes fangen erst an zu erblassen im eclamptischen Anfall. 
Diese Congestion kann im Gehirn diffus verbreitet sein, und sie 
erzeugt dann den allgemeinen eclamptischen Anfall ; sie kann 
sich aber auch auf einzelne Stellen des Gehirns mehr concentri- 
ren und wird dann theils als Reiz wirken , zumal im Anfang, wo 
sie dann klonische und tQnische Krämpfe vorwiegend in den Thei- 
len hervorruft , deren Nerven in der concentrirten Congestions- 
stelle ihre Wurzeln haben , theils aber besonders bei Andauer 
derselben und bei Blutstockung, wird sie einen Druck auf die 
Nervenwurzeln ausüben und die entsprechenden äussern Theile 
lähmen. Es bedarf nicht einmal einer Exsudation , wie sie Heine 
bei den spinalen Lähmungen annimmt , um die von der localen 
Hyperämie bedingte Lähmung bleibend zu machen , obschon ein 
Exsudat von Blutserum sehr leicht und gewöhnlich erfolgt , wo 
das Blut in den venösen Gefässen zur sogenannten Stase kommt. 
Denn Frederik und Andere haben ja längst nachgewiesen, dass 
Congestionen lange bestehen können, ohne völlige Blutstockung, 
und dann auch ohne Serumexsudat. Dass die beschränkten Gehirn- 
congestionen bei ihrer Andauer auch ihren Druck auf die Nerven- 



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wurzeln fortsetzen, versteht sich von selbst. Je länger dieser 
Druck anhält , desto mehr muss auch die zarte Organisation der 
Nervenwurzeln leiden , und dieselben müssen allmählig ihre Erreg- 
barkeit so weit verlieren , dass sie nicht mehr sich erweckt, wenn 
auch endlich die Blutcongestion ganz verschwunden ist. Am in- 
structivsteir in dieser Beziehung sind unstreitig jene nicht-seltenen 
Fälle von cerebraler Kinderlähmung, wo dieselbe in und unmit- 
telbar nach dem eclamptischen Insult fast über den ganzen Kör- 
per verbreitet ist, aber dann bald schneller, bald langsamer sich 
bessert, und zuletzt in einem oder einigen Gliedern haften bleibt. 
Offenbar schwindet da die allgemeine , auf die meisten Nerven- 
wurzeln im Gehirn drückend^ Congestion allmählich, aber an der 
kleinen Stelle ihrer grössten Intensität haftet sie länger, bis sie 
entweder eine bleibende Veränderung in den Nervenwurzeln ge- 
macht, oder deren Erregbarkeit zerstört hat. — Die Blutcon- 
gestion geht aber auch bis zur Biutausschwitzung in der Arach- 
noidea und bis zu Extravasaten von verschiedener Grösse in der 
Pia Mater , wovon ich mich selbst mehrfach überzeugte , nach 
Tödtungen in einem heftigen Anfall von Eclampsie. Selbst im 
Leben habe ich dabei Blutaustritte in der Kopfschwarte gesehen. 
6. Wir wollen gleich hier die Fälle von Sectionen bei der 
Eclampsie anreihen, wo man nichts von Blutcongestion 
und Exsudat im Gehirn, überhaupt nicht irgend eine orga- 
nische Veränderung in demselben finden konnte , weil in dem 
eben Gesagten schon einige Andeutungen zur Erkläruug derselben 
enthalten sind. Es wäre sehr anmasslich, wenn man solche Fälle 
blos auf ungenaue Untersuchung zurückweisen wollte , wiewohl 
dieselbe auch manchmal stattgefunden haben mag. Ich habe mich 
selbst überzeugt , dass man bei der pathologisch - anatomischen 
Untersuchung mitunter viel gröbere Dinge übersieht , als die ge- 
flammte feine Rosenröthe in der weissen Gehirnsubstanz , die von 
einer Anfüllung der feinsten Capillarien herrührt, und welcher 
wir in unserm Sectionslocal fast constant begegnen , wo im Leben 
starke Cerebralsymptome obwalteten , und unter Umständen , wo 
man keine Hyperämie im Gehirn vermuthen sollte , wie z. B. bei 
sogenannten nervösgewordenen Pneumonien , bei Rühren u. s. w. 



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Andral hat uns längst gezeigt, dass im Leben die heftigste 
Gehirncongestion staltfinden und tödten kann, und dass man doch 
in der Leiche nachher dieselbe nicht mehr nachweisen kann. Je 
mehr das Blut beim Tode bereits seine Gerinnbarkeit verloren 
hat , desto weniger gerinnt es sogleich in den Capillarien , und 
fliesst bei der etwas erhöhten Kopflage der Leiche zurück in die 
tiefer liegenden Theile. Eine bei der Section nicht mehr sicht- 
bare Biutanfüllung ist daher nicht der Beweis, dass sie auch im 
Leben nicht stattgefunden habe. Noch leichter aber als die Blut- 
anfüllungen entgehen der Beobachtung die beschränkten Exsu- 
date von Serum an einzelnen Stellen der weissen Gehirnsubstanz, 
die aber doch schon hinreichend sind, einen lähmenden Druck 
auf die feinen Nervenwurzeln auszuüben. 

c. Man hat bei Eclampsieen, zumal wenn die Tödtung et- 
was später erfolgte , meningitische Produkte gefunden , und ebenso 
nach dem Hydrocephalus Lähmungen mancherlei Art und verschie- 
dener Theile des Körpers beobachtet. Ich habe bei mehreren 
Gelegenheilen schon darauf aufmerksam gemacht, dass man beim 
Hydrocephalus acutus nicht allein aligemeine Symptome von dif- 
fuser Entzündung des Gehirns und seiner Häute bemerke , son- 
dern auch convulsivische Bewegungen und Raideurs tetaniques, 
sowie Lähmungen in einzelnen Gliedern wahrnehme , welche eine 
gewisse beschränkte Läsion in der Gehirnsubstanz voraussetzen. 
Eine prägnante diess beweisende Beobachtung habe ich schon 
früher veröffentlicht. (S. meine Schrift über die Erweichung des 
Gehirns und des Rückenmarks, Heidelberg 1840. S. 81.) Sie 
betraf ein Kind mit Hydrocephalus acutus in seinen gewöhnlichen 
Symptomen , bei welchem im Leben vorwiegend in den beiden 
rechtsseitigen Extremitäten convulsivisches Zittern, Contracturen 
in den Fingern mit Einschlagen des Daumens und tetanische 
Spannungen in den unteren Extremitäten und in den Rückenmus- 
keln beobachtet wurden, und wo wir dann in der Leiche ausser 
der hydrocephalischen Schwellung des ganzen Gehirns Erwei- 
chungskerne in den Corp. striatis beider Seiten , den grössten im 
linken Corp. striatum vorfanden. Wenn dieses Kind genesen wäre, 
würden da nicht Lähmungen in den Gliedern zurückgeblieben 



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«ein , die man als sogenannte essentielle Kinderlähmung ange- 
sehen hätte ? 

Es dürfte wohl erlaubt sein, aus den Resultaten der Lei- 
chenöffnungen , wo Tödtungen im ersten Insult erfolgten , einen 
Schluss zu machen auf das , was sich wohl in späterer Zeit bei 
den cerebralen Lähmungen im Gehirn finden Hesse. Man wird , 
wie aus dem Obigen hervorgeht , auch bei ganz genauer Unter* 
suchung manchmal gar nichts entdecken , weil die Hyperämieen 
und Exsudate , die früher vorhanden waren , längst verschwun- 
den sein können. Daraus sogleich den Schluss zu ziehen , es sei 
die Lähmung nur Folge eines trouble fonctionel du eerveau (R ti- 
li eQ, oder gar nur eine blos peripherische Lähmung (Bou- 
chut) gewesen, ist offenbar zu weit gegangen. Man wird aber 
auch, wenn die Läsion im Gehirn eine beschränkte entzündliche 
war , die verschiedenen spätem Metamorphosen der entzündlichen 
Exsudate in den Gehirnhäuten und im Gehirn selbst noch ent- 
decken, wie z. B. Schwund an den betreffenden Stellen, Verhär- 
tung, Narben und Kystenbildung mit und ohne Gehirntrümmer 
im Innern u. s. w. 

Von den Veränderungen, welche die cerebralen Lähmungen 
im Rückenmark und den Nerven , sowie in den Muskeln der ge- 
lähmten Glieder , secundär hervorbringen , wird unten die Rede 
sein. 

B. Die ersten Insulte der spinalen Lähmungen. 
Die spinalen Kinderlähmungen sind die häufigeren, und darum 
auch , wiewohl mit Unrecht , als die ausschliesslichen angesehen 
worden. Schon die älteren Beobachter der Kinderlähmung be- 
schrieben uns Fälle von der Spinallähmung, und in der neueren 
Zeit haben sich diese Beobachtungen sehr vermehrt, besonders 
durch J. Heine, West (Pathologie und Therapie der Kinder- 
krankheiten, übersetzt von Dr. A. Wegner. Berlin 1853. Seite 
126 ff.) und Andere. Wir wollen darum nur einen , in mancher 
Hinsicht sehr sprechenden Fall hier speciell berichten. 

Zweite Beobachtung. Alfred Möri, von Epsach , 4 Jahre alt, ein 
Knabe ganz gesunder Bauersleute, für sein Alter gross und stark, sehr 
munter und immer ganz gesund, erkrankte am 1. Juni 1857, während 



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seine Eltern auf dem Felde sich befanden. Sie fanden ihn bei der 
Heimkehr auf seinem Bett liegend und , auf Befragen , nur über Bauch- 
weh klagend. Er hatte etwas Hitze und Durst, und erbrach sich ein- 
mal stark. Weder von Krämpfen , noch von Betäubung oder Delirien 
konnten die Eltern etwas bemerkeu, und auch der Knabe wollte von 
einem vorhergegangenen Anfall von Gichtern nichts wissen. Am fol- 
genden Tag klagte er über nichts Besonderes , lag ruhig für sich hin , 
und zwar grösstenteils auf dem Rücken, mit nach hinten gebogenem 
Kopf und hohlem Bücken , so dass man eine Hand unter ihm durch- 
schieben konnte. Dabei war er ziemlich steif, doch nicht so vollstän- 
dig , dass man ihn nicht mehr hätte nach vorwärts aufrichten können ; 
von sich aus konnte er sich aber nicht aufrichten , obschon er die Arme 
und Hände ganz frei bewegte und wie gewöhnlich gebrauchte. Die bei- 
den untern Extremitäten hingegen waren ganz bewegungslos und schlaff, 
und man musste sie ihm im Bette zurecht legen, wie er es haben 
wollte. Das Gefühl in denselben schien ganz natürlich zu sein , und 
von Kälte , Blausein und Geschwulst , sowie von Zittern , Krampf oder 
Contractur wurde durchaus nichts wahrgenommen. Der Kopf war stets 
ganz frei , Hören und Sehen ganz gut , keine Verziehung im Gesicht , 
keine Verdrehung der Augen etc. Nur in der Nacht schien es den in- 
telligenten Eltern manchmal , als ob das Kind nicht ganz bei sich wäre. 
Das Fieber mit seinen bisherigen Zufallen, ohne besonderes Leiden der 
Brust- oder Bauchorgane, aber stets mit sehr starkem, säuerlichem 
Schweiss, dauerte fast 14 Tage an, worauf es sich allmählig verlor. 
Die Steifigkeit des Rückens besserte sich , und auch die totale Lähmung 
der unteren Extremitäten wurde allmählig besser, so dass der Kranke 
selbst wieder im Bette die Beine zurecht legen konnte, das rechte etwas 
besser als das linke , aber doch noch sogleich in den Knieen zusam- 
menknickte , wenn er stehen wollte. Bisher nun ist die Besserung 
fortgeschritten, und jetzt, am 12. October , wo mir der Knabe vor*- 
gestellt wurde , konnte er bereits mühsam, und mit Unterstützung z. B. 
an einem Tisch, sich eine kurze Zeit auf den Beinen halten. Das 
rechte, etwas kräftigere Bein steht dabei ziemlich gerade, das linke 
aber ist in seiner Musculatur etwas schlaffer und dünner, und beugt sich 
beim Stehen im Knie ein wenig hintenüber. Der Knabe kann die Beine 
etwas heben , besonders das rechte ; es sinkt aber dabei die Fuss- 
spitze nach unten, so dass er nur, auf dem Boden mit derselben schlei- 
fend, die Füsse mühsam vorwärts bewegen kann, während er an einem 
Tische sich festhält. Unregelmässige , chancellirende Bewegungen kom- 
men dabei auch vor, besonders mit dem linken Bein. Auf den Knieen 
und Händen zugleich kann sich der Kranke ziemlich gut in der Stube 
herum bewegen. Von Contractur irgend eines Muskels ist noch gar 
nichts zu bemerken. Einige schwache Bewegungen in den Zehen und 
Knöchelgelenken sind bereits wiedergekehrt. Das Gefühl und die Tem- 
peratur der beiden Extremitäten sind vollständig erhalten. Nur die Füsse 
scheinen bei niedriger Lufttemperatur etwas leichter zu erkalten. Am 
Rücken ist weder eine schmerzhafte Stelle, noch eine sonstige Ano^ 



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malte wahrzunehmen , and auch die Rückenmuskeln scheinen wieder 
ihre volle Kraft und Beweglichkeit zu haben. Blase und Mastdarm 
waren niemals leidend. Die Lähmung ist jetzt noch am stärksten in 
den Verzweigungen der ischiadischen Nerven, zumal linker Seite, 
schwächer in den Verzweigungen des N. cruralis und obturatorius , und 
scheint in • den höher hinauf entspringenden bereits wieder ganz ver- 
schwunden zu sein. Im Sonstigen ist der Knabe jetzt völlig wohl , 
gross , stark , blühend , lebhaft und geistig sehr entwickelt. 

Treten wir nun etwas näher ein auf die einzelnen Symptome der 
Spinallähipung , wie sie sich aus dieser und vielen andern Beob- 
achtungen ergeben, welche bereits veröffentlicht worden sind. 

a. Die Vorläufer sind sehr verschieden. Bei den Spinal- 
lähmungen sind seltener selbstständige fieberhafte Krankheiten , 
wie Typhoide , Ausschlagsfieber , innere Entzündungen etc. , vor- 
banden , als bei den primitiven Contracturen , von welchen wir 
unten naher sprechen wollen. Oftmal treten die Lähmungen 
plötzlich ein ohne alle Vorboten ; eben so oft bemerkte man aber 
auch jenes unbestimmte Uebelbefinden , welches gewöhnlich dem 
Ausbruch akuter Krankheiten überhaupt eine unbestimmte Zeit 
vorherzugehen pflegt. Bisweilen waren schon während dieses 
Uebelbefindens schwache Andeutungen des nachherigen Leidens 
sichtlich , wie z. B. leichte choreaartige Bewegungen der untern 
Extremitäten , unsicherer Gang , leichtes Straucheln , Fallen etc. 
Nach mehrtägiger Dauer dieser Vorboten bricht dann gewöhnlich 

b. Fieber von verschiedenem Grade der Heftigkeit und von 
einfacher Qualität aus. Nicht selten kommt mit demselben, oder 
bald nach seinem Ausbruch, auch ein Krampfanfall (siehe unten). 
Schon mit dem ersten Fiebersturm zeigen sich bisweilen die Läh- 
mungen , häufiger aber werden sie erst bei der Fortdauer des- 
selben nach einigen Tagen wahrgenommen. 

Dieses Fieber scheint nicht ein consecutives , nur vom ört- 
lichen Leiden bedingtes zu sein , sondern ein wesentliches Bil- 
dungsmoment der Rückenmarkskrankheit. Schon die Fälle spre- 
chen dafür, wo die letztere erst während des Fiebers nach einiger 
Dauer desselben sich äussert. Abgesehen von den neuen Fieber- 
theorien , die auf ein Rückenmarksleiden zurückführen , finden wir 
nicht blos bei den Ausschlagsfiebern, oder gar bei der Variolois 



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8 

allein (Schönlein), sondern bei den meisten Fiebern der Kinder, 
wenn sie einigermasen stark sind , Schmerzen im Rücken , in den 
Lenden, im Kreuz und von da in die Beine herabziehend, sowie 
auch andere auf eine Reizung des Rückenmarks hindeutende Symp- 
tome , namentlich Zittern , Hastigkeit , inexacte Bewegungen bis 
zu leichten Convulsionen u. dgl. Graves bemerkte schon (Clu 
nical mcdicine 1843. Lecture XXX. S. 395 ) , dass fieberhafte 
Krankheiten, bei welchen statt der gewöhnlichen Kopfschmerzen, 
Schmerzen im Rücken und den untern Extremitäten stattfänden, 
manchmal Spinalparalysen machten. Auch können wir manche , 
bei Fiebern oft sehr stark ausgesprochene Symptome, wie z. B. 
das grosse Krankheitsgefühl im ganzen Körper, die bis zum Decu- 
bitus plumbeüs gehende Abgeschlagenheit der Glieder, die Un- 
möglichkeit zu gehen und zu stehen u. s. w. , nur von einer 
Rückenmarksaffection ableiten. 

Die Heftigkeit des Fiebers entscheidet indessen nichts in der 
leichtern Bildung von Lähmungen. Man hat sie bei nur fragmen- 
tärem Fieber eben so gut eintreten sehen , wie bei den stärksten 
Anfällen desselben. Auch muss es auffallen, dass bei der gros- 
sen Häufigkeit der Fieberanfälle überhaupt im kindlichen Alter die 
Spinallähmungen nicht viel öfter eintreten. Wir müssen daraus 
. scbliessen , dass bei der allgemeinen oder diffusen Wirkung des 
Fiebers auf das Rückenmark noch etwas Besonderes besteht, was 
erst die Lähmung bedingt. Ob diess nur eine an einer beschränk- 
ten Stelle desselben sitzende Affection, oder eine intensere Hy- 
perämie, Blutstase , Exsudation u. s. w. sein möge, müssen wir 
für jetzt noch dahin gestellt sein lassen. 

c. Sehr häufig geht aber auch ein eclamptischer Insult noch 
unmittelbar den Spinallähmungen voraus , welcher hinsichtlich sei- 
ner Heftigkeit, Andauer, Beschaffenheit, öfterer Wiederkehr etc., 
in den einzelnen Fällen sehr verschieden ist. Man sieht gewöhn- 
lich klonische Krämpfe, Convulsionen und Ballismus, und toni- 
sche , die an den Tetanus erinnern , indem sie sich besonders in 
den Nacken- und Rückenmuskeln äussern, gleichzeitig. Ihr ge- 
genseitiges Verhältniss ist aber sehr verschieden, indem die einen 
oder andern auch allein oder überwiegend vorhanden sein können. 



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9 

Hier , bei den Spinallährrtungfen , sind die Krämpfe nicht mit 
jenen Gehirnsymptomen verbunden , wie sie oben bei den cere- 
bralen Lahmungen hervorgehoben wurden , und wenn sie allen- 
falls vorkommen , sind sie nur von geringem Grade und schnell 
vorübergehend. Namentlich ist das Bewusstsein , in so weit man 
diess je nach dem Alter des Kindes constatiren kann, frei oder 
nur unvollkommen aufgehoben. « Das Denkvermögen ist unge- 
« stört, hingegen die Willensäusserung unmöglich» (Bouchut). 

Wie es mit den nachher gelähmten Gliedern während des ec- 
lamptischen Insults sich verhält , ist nicht immer genau beobach- 
tet worden. Nur bei wenigen Fällen wird erwähnt, dass die 
Krämpfe, und namentlich die tetanischen Spannungen, in diesen 
Gliedern heftiger waren. 

Es ist wahrscheinlich, dass geringe oder kurze Anfalle der 
Krämpfe während der Nacht oft nicht beobachtet wurden. Doch 
fehltea sie bisweilen ganz oder reducirten sich auf kurz dauernde 
tetanische Spannungen in den gelähmten Theilen. 

d. Schmerzen in der Wirbelsäule vom Hinterhaupt bis zum 
Kreuzbein. Sie lassen sich nur in wenigen Fällen durch Druck 
oder durch das bekannte Copeland'sche Experiment mit dem 
heissen Schwamm constatiren , gewöhnlich hingegen durch das 
Schreien des Kindes , wenn active und passive Bewegungen statt- 
finden, z. B. wenn man das Kind aus dem Bette aufhebt oder 
aufrichtet , wahrnehmen. Oft schreien die kleineren Kinder auch 
heftig und anhaltend , ohne dass man sie anrührt oder sie activ 
sich bewegen. Es lässt sich dann nicht unterscheiden, ob diess 
von spontanen Schmerzen oder von Night-terrors herrührt. Sel- 
tener hingegen sind die einzelnen heftigen Schreie , welche an 
die hydrocephalischen erinnern. 

Die Schmerzen in der Wirbelsäule können bei den verschie- 
denen Krankheiten des Rückenmarks und seiner Häute ganz feh- 
len , wie diess bereits zahlreiche Beobachtungen nachgewiesen 
haben. Es ist darum zu voreilig, wenn man aus ihrer Abwesen- 
heit den Schluss ziehen will, es sei keine RückenmarksafTeclion 
vorhanden. 

e, Der profuse säuerliche Schweiss, welcher in unserm obigen 



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10 

Fall während des Fiebers vorhanden war, hat in den meisten 
Fallen keine Beachtung gefunden, ist aber nicht unwichtig. Man 
erinnere sich nur an diesen Schweiss beim Tetanus, bei den in- 
termittirenden Fiebern , beim akuten Rheumatismus , besonders bei 
dem Rheum. gonorrhoicus, lithontripticus und dysentericus, welche 
doch nur als eine Reflexaction des Rückenmarks auftreten, um 
seine Bedeutung zu würdigen. 

/". Vom Urin während des Fiebers und den Krämpfen wissen 
wir nur aus einzelnen Beobachtungen , dass er sehr vermindert 
war und alkalisch reagirte. Auch noch im Anfang der Lähmun- 
gen wurde diess bemerkt. Man könnte daraus auf Eiweiss und 
Zuckergehalt schliessen. Dass dieses bei Hydrocephalus und bei 
Meningitis Erwachsener vorkommt , wenn sie sich auf die Me- 
dulla obkmgata und v den oberen Theil der Pars cervicalis medulte 
erstreckt, haben wir in mehreren Fällen, und zwar unter Um- 
ständen, constatiren können, wo vorheriger Eiweissharn nicht zu 
vermuthen war, und auch nicht die anatomischen Veränderungen 
des Morb. Brightii in den Nieren wahrgenommen wurden. Dass 
RückenmarksafFectionen auf die Harnorgane überhaupt zurück- 
wirken , zeigt öfter deutlich das Pott'sche Uebel, indem es con- 
secutiv Blasenkatarrh erzeugt. Vor mehreren Jahren behandelten 
wir im Inselspital einen jungen Mann , der durch einen heftigen 
Sturz auf beide Kniee eine Paraplegie bekommen hatte, wahr- 
scheinlich von Rückenmarkserschütterung, weil gar keine directe 
Beschädigung der Wirbelsäule konnte wahrgenommen werden. Er 
bekam bald nach der Lähmung einen in allen Symptomen prägnant 
ausgebildeten Morbus Brightii. Es ist mir daher wahrscheinlich , 
dass man bei den ersten Insulten der spinalen Kinderlähmung, zu- 
mal wenn der Punkt , von dem sie ausgehen , hoch oben im 
Rückenmark liegt, auch wohl Eiweiss und Zucker als secundäre 
Wirkung der Affection vorfinden wird. 

g. Darmstörungen verschiedener Art sind durchaus nicht con- 
stant und grösstenteils ganz so, wie sie sich bei fast allen akuten 
Krankheiten auch finden. Es ist darum nicht am Orte , sie , wie 
man mitunter gethan hat , als ein wesentliches Bildungsmoment 
der Krankheit anzusehen. 



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i< 

• h. Die Dauer dieser ersten akuten Periode ist sehr ver- 
schieden , sowie auch ihr Ausgang. In der Regel wahrt sie drei 
bi$ vier Tage , und endet mit den Lähmungen oder geht in eine 
andere Rückenmarkskrankheit über, namentlich in Tetanus und 
Meningitis et Myelitis spinalis. Tödtungen sind auch häuflg bei ihr, 
aber sie werden als Ausgang der Eclampsie aufgefasst. Die oft 
schon während der akuten Periode bemerkbaren Lähmungen zei- 
gen verschiedenen Sitz in den Gliedern , verschiedene Stärke und 
Andauer. Manchmal zeigt sich der ganze Körper plump, total 
kraftlof und unbeweglich , manchmal sind noch kleine tetanische 
Spannungen vorhanden, die dann später sich verlieren. Sie blei- 
ben gewöhnlich nicht in allgemeiner Verbreitung, sondern nehmen 
in den obern Extremitäten, im Rumpfe und den Sphinkteren, bald 
schneller, bald langsamer ab, und concentriren sich in beiden 
unteren Extremitäten oder auch nur in einer derselben. Nicht 
selten aber auch verschwinden sie ziemlich bald wieder voll- 
ständig. 

t. Man hat den Eintritt dieser Lähmungen auch nach Krampf- 
zufällen ohne Fieber wahrgenommen. Mitunter ging dann , wie 
bei den primitiven Contracturen , von welchen unten besonders 
die Rede sein wird, ein Fieber kurze Zeit vorher. Bisweilen mag 
auch wohl ein fragmentäres Fieber vorhanden gewesen sein, das 
gerade nicht gut beobachtet wurde. Diejenigen Fälle aber, in 
welchen ohne Fieber und Krämpfe die Lähmungen allmählig ent- 
standen und fortschritten in ihrer Ausdehnung und Stärke , sowie 
diejenige^, wo auf diese Weise nur einzelne Glieder oder Mus- 
keln gelähmt wurden , scheinen in andere Categorieen zu ge- 
hören. 

k. Noch einer Eigentümlichkeit dieser die Spinallähmungen 
einleitenden Krampfinsulte müssen wir besonders gedenken, näm- 
lich ihrer häufigen WteVerkekr. Nicht allein wiederholen sich die 
Anfälle binnen den ersten zwei bis drei Tagen öfter, sondern 
treten auch in unbestimmten Zwischenzeiten von zwei bis drei 
und mehr Wochen wieder auf. Man hat bei der Eclampsie von 
jeher diess beobachtet und dadurch zu erklären gesucht , dass der 
erste Anfall eine gewisse Neigung zum Ausbruch derselben 



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12 

begründe , so dass derselbe bei geringen Veranlassungen aber- 
mals erfolge. Man hat aber auch diese Wiederkehr gesehen, wo 
man einer solchen Neigung eingedenk alle mögliche Sorgfalt zur 
Verhütung eines neuen Anfalles anwendete. Die Ursache davon 
muss darum wohl mehr in der Krankheit selbst, als in äusseren 
Veranlassungen liegen , und es erinnert dieser Umstand sowohl an 
die Rekrudescenzen und Recidive des Wechselfiebers , als wie an 
andere fieberhafte Krankheiten , namentlich an das irische , aber 
auch bereits anderwärts beobachtete Relaps-fever oder Febris re- 
currens , mit welchem auch profuse Schweisse bis zur Friesel- 
eruption verbunden sind. 

Gehen wir nun zur Diagnose der Spinallähmungen Über, so 
liegt auf der Hand , dass sich dieselbe theils auf negative , theils 
auf positive Weise bilde. Es fehlen eben bei ihr jene für die 
Cerebrallähmungen charakteristischen Zeichen, die oben ange- 
geben wurden , und es lassen sich nur diejenigen Spinallähmungen 
nicht von den cerebralen unterscheiden , welche hoch oben im 
Rückenmark ihren Sitz haben. Für das Rückenmarksleiden spre- 
chen direct die bisher erörterten Symptome, ganz besonders die 
Krämpfe , und dienen darum wieder zur Unterscheidung von den 
peripherischen Lähmungen. Wir stossen aber da bei den Spinal- 
lähmungen , welche im Lumbartheil des Rückenmarks sitzen, wie- 
der auf die gleiche Schwierigkeit der Unterscheidung von den 
peripherischen ; — denn diese Lähmungen überhaupt können schon 
in den Nervenwurzeln des Rückenmarks, dann weiter in den 
Spinalganglien und in den noch im Wirbelcanal verlaufenden 
Nervensträngen eben so gut ihren Sitz haben , wie in den Nerven 
ausser dem Wirbelcanal. Man sieht daraus , wie spinale und pe- 
ripherische Lähmungen ineinander laufen , und nicht immer durch 
prägnant ausgebildete Symptome sich voneinander unterscheiden. 

Fragt man nach der inneren Ursache und der pathologisch- 
anatomischen Begründung der Spinallähmungen, so müssen wir 
ebenso antworten, wie oben bei den cerebralen. Sobald wir 
uns nur an die spinalen Lähmungen an sich halten, haben wir 
gar kein anatomisches Material , weil sie nicht tödten. Nur der 
Insult , aus welchem sie hervorgehen , kann mit dem Tode endi- 



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13 

gen , und dann werden die Lähmungen entweder ganz übersehen 
oder nur als ein unwichtiges Symptom einer Krankheit betrachtet, 
welcher man andere Namen gibt. Def Tod war alsdann einge- 
treten in Folge von Eclampsie, Congestion und Apoplexie des 
Rückenmarks und seiner Umhüllungen, Trismus und Tetanus, 
und Meningitis et Myelitis spinalis. Man wird freilich sagen, das 
sind ganz andere Krankheiten , als der erste Insult der Spinal- 
lähmungen. Damit wäre dann jede pathologisch-anatomische Auf- 
klärung abgeschnitten und das leere Feld den Hypothesen eröffnet, 
wie vor der Cultur der pathologischen Anatomie. Allein wir 
sehen bei den genannten Krankheiten nicht allein dieselben Symp- 
tome , wie bei dem ersten Insult der Spinallähmungen der Kinder, 
nur mit der Ausnahme, dass sie bei den letztern weniger heftig 
sind, und leichter und kürzer ablaufen, sondern es liegen auch 
schon Sectionen genug von den andern Spinalkrankheiten vor, wo 
man im Leben bereits die Lähmungen wahrnahm , und wir darum 
schliessen dürfen , dass sie würden zurückgeblieben sein , wenn 
der akute Anfall nicht mit dem T04 geendigt hatte. Wir schlies- 
sen daher, dass der Insult der Kinderlähmung mit jenen genann- 
ten Krankheiten identisch und nur in seiner Quantität, vielleicht 
auch in seiner Ausdehnung , von denselben verschieden ist. Mit 
Ausnahme der wirklichen Apoplexie mit Blutextraväsat sind diese 
mehr allgemeine , diffuse Krankheiten des Rückenmarks und seiner 
Häute , hingegen bei den Spinallähmungen der Kinder können wir 
auch noch eine beschränkte Affection an einer Stelle des Rücken- 
marks voraussetzen. Diese beschränkte Affection ihrer Natur und 
Beschaffenheit nach als etwas ganz anderes anzusehen, wie die 
allgemeine Krankheit, wäre eine ganz unbegründete Willkühr- 
lichkeit. Hingegen liegt es viel näher und natürlicher, sie als 
der verbreiteten Krankheit analog, als eine locale Concentration 
der Hyperämie , Stase , Entzündung , Exsudation etc. , zu be- 
trachten. 

Nehmen wir nun die Sachen nach den hier auseinander ge- 
setzten Ansichten , und fragen wir speciell nach den Ergebnissen 
der Leichenöffnungen , so ergibt sich Folgendes : 

1) Man hat manchmal gar nichts vorgefunden, was man 



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14 

als eine pathologisch - anatomische Veränderung von irgend einer 
Bedeutung hätte ansehen können. Diess war besonders der Fall 
bei den Eclaropsieen und bei dem Tetanus. Den Leichenbefund 
der erstem haben wir eben bei den Cerebrallähmungen , in so 
weit er hier beigezogen zu werden verdient, auseinandergesetzt. 
Es gilt ganz das Gleiche vom Rückenmark , wie von dem Gehirn. 
Hinsichtlich des Tetanus werden wir uns weiter unten bei den 
primitiven Contracturen näher aussprechen. 

2) Hyperämie des Rückenmarks und seiner Häute sowohl, als 
auch des Wirbelcanals , sind bei diesen Krankheiten am öftesten 
gefunden worden. Ich verweise auf das , was oben über diese 
Hyperämieen bei den Cerebrallähmungen gesagt wurde,, indem 
dasselbe auch wieder hier seine Anwendung findet. Dass sie am 
häufigsten tonische Krämpfe und Lähmungen machen (Mauth- 
ner, die Krankheiten des Gehirns und Bückenmarks bei Kindern. 
Wien 1844, S. 402), wird Niemand bestreiten , dass sie aber auch 
Convulsionen hervorbringen , ist mindestens eben so oft beob- 
achtet worden. • 

Die Hyperämieen des Rückenmarks und seiner Umhüllungen 
bilden viel seltener Blutextravasate , als die Hyperämieen des Ge- 
hirns. Nur einzelne Fälle von diesen Extravasaten in der Sub- 
stanz des Rückenmarks selbst sind bis jetzt bekannt worden (von 
Olli vier und Hut in), etwas mehr schon von denen innerhalb 
der Dura mater im Wirbelcanal. Einen Fall der letztern Art be- 
obachteten wir vor mehreren Jahren hier im Inselspital bei einem 
zwölfjährigen Mädchen. Es zeigte bei jeder Bewegung chorea- 
artige Krämpfe, und hatte von Zeit zu Zeit Insulte von Eclamp- 
sie. Hierzu kamen bald meningitische Gehirnzufälle, welche den 
Tod herbeiführten. Bei der Section fand sich, ausser den me- 
fiingitischen Exsudaten in der Pia mater vorzüglich an der Ge- 
hirnbasis , ein grosses Blutextravasat in der Wirbelhöhle , welches 
vom dritten Halswirbel bis unter den zweiten Brustwirbel reichte. 
Das Rückenmark war weder zusammengedrückt, noch sonst ab- 
norm. Der 132ste Fall von Abercrombie (a. a. Orte S. 503 ff.) 
bei einem siebentägigen Kinde ist dem unsrigen ganz analog. Es 
kann also keinem Zweifel unterliegen, dass die Hyperämieen und 



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15 

Blutextravasate um und an dem Rückenmark Convulsionen , nnd 
sobald sie einen Druck ausüben , auch Lähmungen veranlassen. 

Wenden wir diese Thatsachen auf die Krampfinsulte der 
spinalen Lähmungen der Kinder an, so ist leicht einsichtlich, dass 
dieselben oft auf Hyperämieen und Blutextravasaten beruhen. 
Wenn man sie nach Tödtungen im Insult nicht mehr findet, und 
noch weniger in späterer Zeit, so beruht diess auf den Umstän- 
den, die wir bei den cerebralen Lähmungen bereits erörterten. 

Denkt man an die grossen Schwierigkeiten der anatomischen 

Untersuchungen des Rückenmarks, und erwägt man zugleich, wie 

klein die Stelle in der grauen Substanz und den Faserbündeln des 

Rackenmarks zu sein braucht , in welcher die Hyperämie sich 

concentriren oder ein kleines Extravasat gemacht haben kann, um 

eine Gliedlähmung hervorzubringen , so ist einsichtlich , dass oft 

gerade der Punkt, um den es hauptsächlich gilt, nicht gefunden 

wird. 

3) Hit den Exsudaten, seien sie einfach von Blutserum aus 
Blotstase, oder von wirklicher Entzündung, und mögen sie in der 
Höhle des Rückenmarks, zwischen seinen Strängen, in der Pia 
mater, innerhalb der Dura mater oder ausserhalb derselben sich 
befinden, hat es die gleiche Bewandniss, wie mit den Hyperä- 
mieen und Blutextravasaten und mit den Entzündungsprodukten 
bei den cerebralen Lähmungen. 

C. Die peripherischen Lähmungen. 

Wir zählen hierher die Fälle von plötzlicher Lähmung, welche 
ohne ein weiteres Zeichen von Gehirn - oder Rückenmarksaffec- 
tion in einem oder mehreren Gliedern eintreten. Wir halten ihr 
plötzliches Eintreten für ein wesentliches Kriterion , weil die lang- 
sam und allmählig zunehmende Ausbildung der Lähmung gewöhn- 
lich auf andern Ursachen beruht , und Fälle der Art nicht in diese 
Kategorie gehören. 

Die Wissenschaft ist bereits reich an hierher gehörigen Beob- 
achtungen , und wir wollen darum nur kurz einige von uns selbst 
gesehene Fälle hier erwähnen. 

Dritte Beobachtung. Ein vierjähriger, von Gebart an ziemlich 



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16 

gesunder, jedoch etwas zart und gracil gebauter Knabe , war in Gegen- 
wart seines Vaters mit Betrachtung von Bildern , am Tische stehend , 
beschäftigt , als er auf einmal umfiel und über' diesen Fall lachte , weil 
er ihm gar keine Schmerzen verursacht hatte. Als er aber sogleich 
wieder aufstehen wollte , war er es nicht mehr im Stande , weil er das 
rechte Bein gar nicht gebrauchen konnte. Man hatte vorher gar kein 
Unwohlsein an ihm bemerkt. Er hatte die Nacht, wie gewöhnlich, 
ruhig geschlafen , und auch am Morgen sein Frühstück mit Appetit ge- 
nommen. Man legte ihn auf ein Sopha und untersuchte genau das ge- 
lähmte Bein. Ausser der totalen Erschlaffung und Bewegungslosigkeit 
aller Muskeln des Ober- und Unterschenkels konnte man gar keine Ver- 
änderung an demselben wahrnehmen. Nur mit dem Hüftgelenk konnten 
noch einige schwache Bewegungen ausgeführt werden. Das Gefühl war 
.etwas abgestumpft, doch fühlte der Knabe noch alle Berührungen. Auch 
war das gelähmte Bein etwas kühler als das andere, was "man jedoch 
der Entblössung bei der Untersuchung zuschrieb. Der Puls war etwas 
gereizt, die Stirne mehr warm als der übrige Körper; allein im Son- 
stigen klagte der Kranke gar nichts , es war nirgends ein spontaner 
oder dnrch Druck provocirter Schmerz, und bis zum Moment des An- 
falls waren alle körperlichen und geistigen Functionen vollkommen in 
Ordnung. Der Knabe schlief jedoch , was sonst um diese Zeit, näm- 
lich gegen Mittag , seine Gewohnheit nicht war , bald ein , und wäh- 
rend dieses sonst ruhigen Schlafs entwickelten sich deutlichere Fieber- 
regungen, wesshalb er entkleidet zu Bett gebracht wurde. Jetzt hatten 
beide Beine gleiche Temperatur. Nach einem zweistündigen Schlaf er- 
wachte der Kleine wieder, anscheinend ganz wohl und munter, hatte 
jedoch keinen Appetit und immer noch etwas Hitze und Durst. Spie- 
lend im Bette brachte er den Nachmittag zu , und in der folgenden Nacht 
dauerte das Fieber noch in gelindem Grade fort, mit unruhigem Schlaf, 
öfterem Trinken etc. Gegen Morgen minderte die Hitze , es trat etwas 
Schweiss und ruhiger Schlaf ein , nach welchem der Knabe ganz heiter 
sein Frühstück verlangte. Das Bein aber war in dem gleichen Zu- 
stande. Der Tag und die folgende Nacht vergingen , ohne dass man 
irgend ein Unwohlsein wahrnehmen konnte. Auch Stuhl und Urin gin- 
gen wie gewöhnlich ab. Als man ihn nun aufnehmen wollte , hing das 
gelähmte Bein, mit der Fusspitze nach unten gerichtet, ganz regungslos 
herab. Nirgends war eine Spannung darin bemerkbar, und nur im 
Hüftgelenk war noch Bewegung. Ohngefähr zwei Monate hernach wurde 
mir der Knabe vorgestellt. Er konnte nun wieder mühsam mit einem 
Stock und hinkend gehen. Das Hüftgelenk konnte frei und kräftig nach 
allen Sichtungen bewegt werden. Das Knie war schwach und beugte 
sieh beim Auftreten nach hinten. Beim Heben des Beins sank der Fuss 
nach unten, so dass beim Auftreten die Fussspitze den Boden früher 
berührte, als die Ferse. Die Muskulatur war am ganzen Bein schlaffer 
und magerer , an der Hüfte aber ganz normal. Das Gefühl war ganz 
gut. Das gelähmte Glied erkaltete etwas leichter und mehr bei nie- 
derer Temperatur. Von Contractur, Blausein etc. war gar nichts zu 
merken. 



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17 

Der Knabe ist jetzf — 15 Jahre nach dem Eintritt der Lähmung — 
tu einem gesund und kräftig aussehenden jungen Manne erwachsen. 
Er geht immer noch hinkend an einem Stocke. Das Bein ist um einen 
Zoll kürzer und mager. Er kann zwar alle Bewegungen damit aus- 
führen, aber das Knie ist beim Auftreten immer noch nach hinten ge- 
beugt, die Fusspitze sinkt nach unten und er tritt mit der ganzen Fuss- 
sohle zugleich auf. Das Bein ist schwach und kann nur einige Se- 
kunden das Körpergewicht tragen. Contractur ist nicht vorhanden. 

Vierte Beobachtung. Das zweijährige Kind Marie F. schrie hef- 
tig beim Aufwachen nach einer ganz ruhig verlaufenen Nacht. Das 
Schreien vermehrte sich , als man es anfasste , um es aus dem Bette zu 
nehmen. Erst nach mehreren Versuchen entdeckte man, dass die Schmer- 
zen vom rechten Arm ausgingen , der ganz schlaff und unbeweglich 
nur seiner Schwere folgte bei Bewegungen des Körpers. Man glaubte, 
der Arm sei ihm durch festes Liegen auf demselben eingeschlafen, zu- 
mal da das Kind sonst ganz wohl schien und auch keine besondere 
Krankheitsursache vorausgegangen war. Es wurde darum nach dem 
vorsichtigen Aufnehmen aus dem Bettfe mir vorläufig eingehüllt, und 
nahm so auf dem Schoosse seiner Mutter die Milch mit gewöhnlichem 
Appetit. Als es jedoch nach einer Stunde ungefähr angekleidet wer- 
den sollte , bemerkte man , dass der Arm noch in demselben Zustand 
der Lähmung und Schmerzhaftigkeit war. Zwei Stunden nachher unter- 
suchte ich das Kind. In völliger Ruhe war sein Aussehen und sein Be- 
tragen ganz natürlich. Es Hess den gelähmten Arm ohne alle Schmerz- 
äusserung betasten, so lange man ihn nicht passiv bewegte. Nur in 
der Armgrube , und besonders über der Schultcrgräte , war der Druck 
schmerzerregend. Vorsichtige passive Bewegungen mit den ganz re- 
gungslosen Fingern , mit dem Handgelenk und zum Theil auch mit dem 
Ellbogengelenk Hessen sich ohne Schmerz aufführen , aber schon die 
kleinste Bewegung des Schullergelenkes erzeugte Weinen. Ich konnte 
Jedoch an den Gelenken gar keine objective Veränderung wahrnehmen. 
Alle Muskeln am ganzen Arm- waren ganz schlaff. Alle Versuche, das 
Kind zu einer activen Bewegung des Arms zu veranlassen, waren ver- 
geblich. Oberflächliche Nadelstiche und Kneipen der Haut fühlte es, sie 
brachten aber keine Bewegung hervor. Temperatur und Färbung des 
Armes waren ganz normal. Eine kleine Fieberregung und Erhöhung 
der Temperatur des Körpers schien vorhanden , es war aber zweifel- 
haft , ob diess nicht vom häufigen Schreien herrührte. Das Kind wurde 
in ein laues Aschenbad gesetzt und nach demselben die Schulter mit 
einem Ammoniakliniment aus Campher und Bilsenöl eingerieben , und 
mit cardirter Baumwolle eingehüllt. Ein unmittelbarer Erfolg von diesen 
Dingen wurde nicht wahrgenommen. Tags über wurde die Kleine in 
sehr ruhiger Haltung herumgetragen. Sie konnte zwar recht gut lau- 
fen , es schien jedoch, als sei es ihr unbequem und sie fürchte sich 
vor dem Fallen. Den linken Arm bewegte und brauchte sie wie ge- 
wöhnlich. Alle Functionen , und auch die Esslust, waren in der Ord- 
nung. Die folgende Nacht schrie sie öfter, Hess sich jedoch immer 

2 



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18 

bald wieder besänftigen. Der Schlaf war sonst ganz ruhig und natür- 
lich, und Fieber wurde nicht weiter wahrgenommen. Am folgenden 
Morgen war keine belangreiche Veränderung merkbar , nur schienen die 
Schmerzen in der Schulter geringer zu sein. Es wurde darum von 
Blutegeln abstrahirt, und nur mit den Bädern und Einreibungen fort- 
gefahren. In den folgenden Tagen Hess sich das Kind ankleiden , und 
lief, den Arm in einer Schlinge, in der Stube herum. Erst nach fünf 
bis sechs Tagen bemerkte man, dass kleine Bewegungen mit der Schul- 
ter und dem Ellbogen gemacht wurden , während die Finger und die 
Hand noch ganz regungslos waren. Allmählig erst kamen auch hier 
leise Bewegungen. Nach drei Wochen bewegte das Kind die Schulter 
und den Ellbogen leicht und kräftig , mit der Hand aber konnte es 
nichts festhalten. Es dauerte noch über einen Monat bis es diese wie- 
der ordentlich gebrauchen konnte. 

Fünfte Beobachtung. Barbara Schenkel, von Wahleren , 16 Jahre 
alt, zog sich durch einen schlecht gemachten Schuh im Juli dieses 
Jahres eine kleine Wunde unter dem inneren Knöchel des linken Fusses 
zu. Schon nach einigen Tagen entzündete sich diese unbedeutende 
Hautabschülferung sehr stark , so dass Böthe und Geschwulst weithin 
in ihrem Umfang sich erstreckten, und sie wegen starkem Schmerz 
nur hinkend auf den Zehen gehen konnte. Die Wunde fing an zu eitern 
und es schwollen auch die Inguinaldrüsen an. Stärkere Fieberregungen 
nöthigten sie nun das Bett zu hüten. Zeichen einer Affection eines in- 
neren Organes waren nicht vorhanden , nur klagte sie mehrere Tage 
lang über einen heftigen Schmerz in der Gegend der Iocisura ischia- 
dica major. Die Drüsen gingen in Eiterung über , und zugleich ent- 
wickelten sich mehrere kleine Furunkel an verschiedenen Stellen des 
Beines. Erst im Anfang des Novembers waren alle diese eiternden 
Stellen völlig vernarbt. 

Als das Mädchen während dieses Krankseins wieder aufstehen 
wollte , bemerkte sie erst, dass das linke Bein gelähmt und zu jeder 
Bewegung unfähig war. Den Zeitpunkt des Eintritts der Lähmung 
konnte sie nicht angeben. Sie wurde am 26. November 1857 in das 
Inselspital aufgenommen. Sie ist für ihr Alter hinlänglich gross, stark 
und wohlgenährt, wahrscheinlich eben in der Entwicklungsperiode be- 
griffen. Sie befindet sich auch im Sonstigen jetzt ganz wohl. Die 
ganze linke Extremität ist gelähmt und schlaff, jedoch nicht abgema- 
gert, nicht kalt und auch nicht gefühllos. Im Liegen kann sie noch 
kleine Bewegungen im Hüftgelenk machen. Der Fuss ist etwas gestreckt, 
aber an den Zehen sieht man keine Verziehung. Sie kann nur mit 
Unterstützung stehen und mühsam gehen. Um das gelähmte Bein vom 
Boden aufzuheben , hebt sie das Becken auf der linken Seite, und lässt 
dann das Glied mehr durch seine Schwere vorwärts sinken, wobei die 
Fusspitze auf dem Boden hingleitet. Sich irgendwie auf das Bein zu 
stützen ist unmöglich. Die Oberschenkelmuskeln sind alle ganz schlaff, 
und im Knie ist gar keine freiwillige Bewegung möglich. Ebenso ists 
am Unterschenkel und Fusse. Passiv sind alle Bewegungen ohne irgend 



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19 

eine Steifigkeit möglich, aber es fehlt auch jede active Bewegung. Die 
Zehen sind ein wenig gebeugt. 

Wir haben hier die Strychninbehandlung instituirt und hoffen gün- 
stigen Erfolg von derselben, da bereits nach ihrer Htagigen Anwen- 
dung sich ziemliche Besserung zeigt. Das Hüftgelenk ist bereits be- 
weglicher, und auch im Knie zeigt sich einiger Halt, so dass das Mad- 
eben bereits ohne Unterstützung stehen kann. 

4. Januar 1858. Die Strychninbehandlung brachte es binnen vier 
Wochen zu keinem weitern Resultate. Sie wurde darum sistirt und in 
der letzten Zeit die Electricitat angewendet. Diese brachte' die Besse- 
rung in rascherem Schub vorwärts. Die Kranke kann jetzt, obwohl 
immer noch hinkend, an einem Stock in der Stube herum gehen. Das 
Knie hat an Kraft und Beweglichkeit zugenommen , aber der ganze Fuss 
ist noch in ziemlichem Grade gelähmt. 

Analyse der ersten Zufälle der peripherischen Lähmung. 

„ Bisweilen gingen Fieberzustände von verschiedener Heftigkeit 
und Beschaffenheit kurze Zeit vorher, namentlich erst ein unbe- 
stimmtes Uebelbefinden und dann ein atmosphärisches Fieber, das 
ein bis drei Tage dauerte und in seinem Ablauf die Lähmung pro- 
ducirte. Häufiger trat sie aber ein während der ersten Fieb er- 
exacerbation in der Nacht. In den meisten Fällen wurde nur 
etwas nächtliche Unruhe, oder auch gar nichts wahrgenommen, 
wo man am Morgen darauf die Lähmung fand. 

Mit den Schmerzen verhielt es sich dabei ungemein verschie- 
den. Es war nicht allein eine grosse Gradation derselben merk- 
bar , so dass sich von der gänzlichen Schmerzlosigkeit bis zu den 
empfindlichsten Schmerzen eine grosse Stufenleiter bildet, son- 
dern sie waren bald im ganzen gelähmten Theil, bald nur am 
centralen Ende desselben , bald spontan , bald nur durch Druck 
oder Bewegung hervorgehend. Am Häufigsten jedoch concen- 
trirten sie sich am Schulter- und Hüftgelenk, und zeigten sich 
-am stärksten bei der Bewegung dieser Gelenke. 

Primitive Contracturen waren, bei völliger Gleichheit aller 
übrigen Zufälle , manchmal zugleich mit den Lähmungen vorhan- 
den , so dass es schwer war , solche Fälle entschieden zu den 
ersteren oder zu den letztern zu zählen. Ebenso kommt auch 
fcfter bei diesen Lähmungen die rheumatische Starrheit, Steifig- 



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20 

keit und Unbeweglichkeit vor, welche man nicht, mit den primi- 
tiven Contracturen verwechseln muss. 

Das Gefühl war in den leidenden Theilen grösstentheils in- 
tact , oder doch nur wenig vermindert und bald wieder zu seiner 
Normalität zurückkehrend, selten nur konnte eine Erhöhung der 
Sensibilität constatirt werden. Ebenso verhält es sich mit der 
Wärme und der Blulbewegung der leidenden Theile. 

Die pathologische Anatomie lässt uns bei diesen peripherichen 
Lähmungen ganz im Stiche. Man kennt bis jetzt nur drei Leichen- 
untersuchungen derselben. Zwei sind von Rilliet und Barthez, 
die dritte von Fliess; die erste, welche bei einem zweijährigen 
Kinde 35 Tage nach dem Eintritt der Lähmung gemacht wurde , 
also in einem Zeiträume, wo noch keine secundären Veränderungen 
in den gelähmten Theilen eingetreten waren. Man fand weder in 
den Nervencentren , noch im Plexus und den daraus hervorgehen- 
den Nerven irgend eine pathologische Veränderung. (Rilliet 
und Barthez, maladies des enfants, 1843, tome IL page 337.) 
Die andere bei einer Paraplegie gab dieselben Resultate , und' die 
dritte von Fliess, bei einer Armlähmung , zeigte nur eine ein- 
fache Congestion der Häute des Rückenmarks in der Höhe des 
Bronchialplexus , aber durchaus keine Veränderung im Gehirn, 
Rückenmark und den Nervensträngen. Ich zweifle nicht, dass an- 
dere Leichenöffnungen bald nach dem Eintritt der Lähmung ana- 
loge Resultate haben werden , weil die kleine Stelle der Läsion 
in den äussern Nervengebilden zu leicht übersehen wird, und auch 
gewöhnlich bald wieder verschwindet. Die Leichenöffnungen in 
viel späterer Periode ergaben nur consecutive Veränderungen, die 
auf die ursprüngliche Läsion keinen Schluss erlauben. 

Die peripherischen Lähmungen selbst kommen im Sonstigen 
mit den spinalen fast ganz überein, und können in vielen Fällen 
aus den bei den Spinallähmungen angegebenen Gründen nicht von 
diesen unterschieden werden. Wir können nur diejenigen Fälle 
in ihre Kategorie bringen, wo gar kein Gehirn- und Rückee- 
markssymptom bei dem plötzlichen Eintritt sich äusserte. Der 
Ansicht von Bouchut (Kinderkrankheiten , übersetzt von Bischof, 
1854) müssen wir daher ganz entgegentreten, wenn er, um seine 



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21 

vorgefasste Meinung von der Natur dieser Lähmung zu stützen , 
sagt (S. 191) : « Schwieriger wird die Diagnose , wenn die Pa- 
te ralyse auf Eclampsie folgt. Man könnte dann eine Veränderung 
« im Nervensysteme (in den Nervencentren) voraussetzen. Ist in- 
« dess die Eclampsie fieberlos und keine akute Affection vorher- 
cc gegangen oder nachgefolgt, so kann man mit vieler Sicherheit (? ?) 
cc annehmen , dass hier keine organische Veranlassung thätig ge- 
cc wesen ist , und darf die nachfolgende Paralyse nicht darauf 
« zurückführen. In diesem Falle scheint die Paralyse das Resultat 
<c der Muskelerschöpfung (???) zu sein, und man kann sie der 
c< bekannten Alteration der Primitivbündel beimessen , die ihre 
« Quelle in übergrossen Muskelanstrengungen hat. » (Progres- 
sive Muskelatrophie.) Und Seite 195 : cc Die Paralyse eines oder 
cc mehrerer Muskeln, welche auf (fieberlose) Eclampsie folgt, hat 
cc ihren Sitz in den Muskeln selbst. » Die Eclampsie geht immer 
vom Gehirn oder Rückenmark aus, mag sie mit oder ohne Fie- 
ber* seift. Sie deutet daher immer auf ein Leiden der Nerven- 
centren des Rückenmarks, und anzunehmen, dass sie gleichsam 
als eine Reflexerscheinung von einer Affection der Nerven oder 
gat der Muskeln ausgehe, ist weit hergeholt. Unsere Nerven- 
paralyse ist übrigens ganz verschieden von der progressiven Mus- 
kölatrophie, worauf wir unten zurückkommen werden. 

Man hat diese peripherische Paralyse häufig als rheumatische 
angesehen, weil allerdings in manchen Fällen eine Erkältung t 
wenn auch nicht gerade eine cc colossale » , ihr vorher ging. 
Gestützt wurde diese Ansicht durch die Paralyse des Gesichts- 
nerven , die ohne Zweifel oft von Erkältung entsteht , und 
welche darum, sowie die Paraplegie aus gleicher Ursache, von 
Schönlein als Rheumatismus paralyticus bezeichnet wurde. Man 
zählte besonders die Fälle dahin i wo GUederreissen der Lähmung 
vorher ging, un4 auch während derselben der Schmerz und die 
Steifigkeit in den gelähmten Muskeln selbst etwas deutlicher das 
rheumatische Leiden verkündete. Diese deutlicheren rheumatischen 
Symptome fehlen aber oft bei unserer Lähmung, selbst wenn sie 
auch aus Erkältung entsprungen ist, und in den meisten Fällen 
derselben tesst sieb keine rheumatische Veranlassung nachweisen. 



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22 

In beiden Fällen , wenn eine Erkältung als Ursache vorliegt and 
auch einige Nebenerscheinungen für Rheumatismus sprechen , 
oder wenn nichts davon vorhanden ist, bleibt übrigens die Läh- 
mung in allen sonstigen Beziehungen die gleiche. Auch gibt uns 
die rheumatische Entstehung gar keinen Aufschluss über die in- 
nere Beschaffenheit der Lähmung, weil wir nur die einfachen 
Thatsachen kennen, dass Rheumatismus eben so gut Lähmung 
und Krampf, wie Neuralgie und Anästhesie hervorbringen kann.- 
Wie diess geschieht, wissen wir noch nicht. 
(Fortsetzung folgt.) 



Aus der Literatur. 



Auiedee Latours Behandlungsmethode der Lungentuber- 
kulose. 

(Fortsetrang ans Nr. XII. S. 882.) 
Wohnung. Wenn es feststeht , dass die Veränderung der 
ganzen Organisation, welche die Lungen tuberculose erzeugt, von 
allgemein störenden Einflüssen herrührt , so ist es einleuchtend , 
dass die hygienischen Masregeln in der Behandlung der Lungen- 
schwindsucht eine grosse Rolle spielen müssen , und dass man 
vorzüglich von ihnen die organischen Veränderungen erwarten 
muss , welche geeignet sind , den Verlauf jener Krankheit auf- 
zuhalten oder die Einwirkung arzneilicher Behandlung zu begün- 
stigen. Der Phthisiker oder der zur Schwindsucht Prädisponirte muss 
ein eigenes Leben führen. Alles, was ihn umgibt, influencirt 
mehr oder weniger auf seinen Organismus. Seine Wohnung, die 
Luft, welche er athmet, die Kleider, welche ihn schützen, die 
Nahrungsmittel, von denen er lebt, seine Beschäftigung, Alles, 
mit einem Worte , wirkt mehr oder weniger direct auf seine Lun- 
gen , weckt oder unterdrückt die angeborne oder erworbene Dis- 
position , beschleunigt oder verlangsamt den Lauf seiner Krank- 
heit, und erzeugt endlich einen schlimmen oder günstigen Aus- 



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23 

gang. Es ist daher von der höchsten Wichtigkeit, die hygieni- 
schen Bedingungen , in welchen der Kranke lebt , auf das Sorg- 
fältigste zu überwachen. 

Man kann den Einfluss der Wohnung auf die Erzeugung der 
Lungenschwindsucht nicht läugnen : tiefe, feuchte und kalte Orte, 
welche weder von den Strahlen der Sonne , noch von den Strö- 
mungen der Winde erreicht werden, üben direct einen ungünstigen 
Einfluss auf den Gang der Krankheit aus. In Hütten , welche 
einige Fuss unter dem Niveau des Bodens eingegraben , aus Erd- 
mauern aufgebaut und mit halbverfaultem Stroh , welches das Re- 
genwasser durchdringen lässt, gedeckt sind, hat man ganze Fa- 
milien erlöschen gesehen. 

Die Wohnung des Schwindsüchtigen soll gegen Mittag oder 
Sonnenaufgang liegen und trocken sein ; ihre Räume sollen hin- 
länglich geräumig und hell sein, so dass die Luft in denselben 
immer rein und leicht zu erneuern sei und die Sonnenstrahlen ein- 
dringen. Unter der armen Classe grosser Städte ist die Tuber- 
culose nur darum so häufig, weil sich hier zu allen andern anti- 
hygienischen Bedingungen noch der Aufenthalt in feuchten, 
schlecht gelüfteten und schlecht erleuchteten Orten gesellt. Der 
Einfluss der Sonne ist eine unerlässliche Bedingung der Gesund- 
heit; ohne sie verkommt und verdirbt der Mensch, wie die Pflanze; 
auch kann der philanthropische Arzt nur mit wahrem Schmerze 
mit ansehen , wie , entgegen dem Gesetze und der Ueberwachung 
von Seite der betreffenden Behörden , eine grosse Zahl von Haus- 
eigentümern Bauten unternehmen , in welchen die armen Be- 
wohner niemals die Strahlen der Sonne sehen, und kaum luft 
genug haben , um nicht an Asphyxie zu Grunde zu gehen. 

Wenn die Phthisis von einem längeren Aufenthalte an nie- 
dern , feuchten und kalten , schlecht gelüfteten und finstern Orten 
herrührt, so genügt oft der einfache Wechsel des Aufenthaltes, 
um den Gang der Krankheit aufzuhalten. Wiederholte Beispiele 
dieser Art haben uns dazu bewogen , unter solchen Verhältnissen 
hie ein pharmaceutisches Verfahren gegen die Krankheit einzu- 
leiten, bevor nicht wenigstens zwei bis vier Wochen nach dem 
Beziehen einer günstigeren Wohnung verstrichen waren. Erst 



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24 

wenn im Verlaufe dieser Zeil die Natur sich nicht selber hilft ^ 
greifen wir mit medicamentöser Behandlung ein. Nur lasse man 
jenen Wechsel nicht in zu greller Weise vornehmen , weil bei 
Phthisikern,vwelche ungesunde Zimmer in engen Strassen bewoh- 
nen , bisweilen Lungencongestion eintritt , wenn sie plötzlich auf 
das Land übersiedeln und sich ganz einer reineren Luft aussetzen. 

Klima. Reisen. Der Glaube an den günstigen Einfluss ge- 
wisser Klimate auf den Verlauf der Lungenphthisis ist, ich gebe 
es zu, ein rein empirischer Glaube, welchem der Beleg fehlt, 
den eine Sammlung streng beobachteter Fälle geben kann. Aber 
man weiss auch, dass alle Arbeiten über Brustaffectionen, welche 
der Entdeckung Laennec's vorausgegangen , vielen Zweifeln 
unterworfen sind. Ohne. Auscultation keine Möglichkeit der Dia- 
gnostik , ohne Diagnose keine vernünftigen und gerechtfertigte^ 
Folgerungen. Man muss daher dem Belege durch die Geschichte 
und ältere Beobachtungen entsagen, und im Gegentheil unsere 
Tradition durch die neueren Beobachtungen rechtfertigen r zu 
welchem Resultate wir erst gelangen, wenn jeder Praktiker das, 
was er über den Gegenstand weiss und beobachtet hat, zur 
Kenntniss bringt. 

Die englische und deutsche Literatur ist in Bezug auf unse- 
ren Gegenstand seit der Entdeckung der Auscultation reicher an 
Arbeiten als die französische. Mit Ausnahme des schönen Buches 
von Ed. Carriäre, «sur le climat d'Italie,» und einigen interes- 
santen Mittheilungen über die Hyeren, Nizza und andere OerU 
lichkeiten , findet man in der französischen Literatur fast nur 
x die Denkschrift von Jules Rochard, in welcher der Einfluss 
warmer Klimate auf den Gang der Phthisis mit Ernst behandelt 
wäre. Leider kann die Statistik von Rochard, wie wir es bereits 
bemerkten, nicht ganz zur allgemeinen Lösung des Problems 
dienen. 

Um diese Lösung geben zu können, bedarf es einer Verein- 
barung von Bedingungen und Umständen , welche lange auf sich 
warten lassen wird. Man müsste zuerst mit Genauigkeit die me^ 
dicinische Geographie der Phthisis kennen , d. h. den Grad der 
Häufigkeit dieser Krankheit in versphiedenen Breiten und ver- 



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2» 

schiedenen Klimaten. Ueber diesen Punkt siftd wir aber noch 
nicht genau unterrichtet. Und wären wir es , wie viel würde uns 
noch fehlen zur Kenntniss so vieler Bedingungen , um den direc- 
ten Einfluss des Klima's auf die Erzeugung der Phthisis zu beur- 
iheilen ? Es genügt nicht , zu wissen, ob in dieser oder jener 
Locaütät die Krankheit mehr oder weniger häufig vorkommt : die 
Ursachen derselben sind sehr complicirt, und unter dem gesun- 
desten Klima der Welt werden immer die Erblichkeit, die Ent-r 
Gehrungen , das Elend, die Unmässigkeit, das Ueberarbeiten, un- 
gesunde Wohnungen einen ungünstigen Einfluss ausüben. 

Ferner müssen wir genaue Kenntniss von der Meteorologie 
der Oertlichkeiten haben, in welche man Phthisische sendet. Die 
Kenntniss der mittleren Temperatur reicht nicht aus : es ist be-r 
sonders der Grad von Stabilität dieser mittleren Temperatur, wel- 
chen wir in Erfahrung bringen müssen. Ein «Klima kann eine 
hinreichend hohe mittlere Temperatur besitzen und dennoch ther-r 
mometrischen Schwankungen unterworfen sein , deren Häufigkeit 
und Rapidität den Phthisikern sehr schädlich sein würden. Sa 
verhält es sich mit einigen Gegenden Europa'*, in welche man 
jene unglücklichen Kranken in Masse hinzuschicken pflegt. Die 
Stabilität in einem gewissen Grade von Wärme, Feuchtigkeit, 
Luftdruck u* s. w., macht die Güte eines Klima's für Phtjiisiker 
aps. : . 

3ei dem Wechsel des Wohnortes für Phthisiker leitet mich 
als erste Regel der Grundsatz, dieselben so wenig als möglich 
ausserhalb ihres Vaterlandes zu schioken. Frankreich z. B, be-p 
sitzt einige Gegenden, welche sich während des Winters einer, 
hinlänglich milden und gleichförmigen Witterung erfreuen, so dass 
man nicht gezwungen ist, die Kranken den Ermüdungen einer 
weiten Reise und dem Verdrusse, ihr Vaterland vfcrlassdn zu 
müssen, auszusetzen. Für mich setze ich den Aufenthalt in 
Cannes , ferner in Pau und endlich auf den Hyeren über alle 
andern. Ich zweifle nicht , dass diese Winterstation für Auszeh- 
rende, wenn die Bewohner von Cannes , wie «s bereits geschieht, 
comfortable Wohnungen herrichten, und dadurch die Kranken in 
ihr glückliches Klima ziehen , einer der gesuchtesten Aufenthalts- 



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26 

orte in Europa werden wird. Uebrigens erkläre ich, dass ich nur eine 
kleine Zahl von Fällen besitze, um meine Ueberzeugung in Betreff 
des Einflusses dieser oder jener Localität auf eine feste Grund- 
lage zu stellen ; dabei bemerke ich als eines für mich sehr wich- 
tigen Umstandes, dass alle meine Patienten, welche ihren ge- 
wohnten Aufenthaltsort verliessen , consequent den Gebrauch der 
salzhaltigen Geismilch fortsetzten, so dass es sich schwer ent- 
scheiden lässt , ob die eingetretene Besserung in irgend welchem 
Maasse dem Einflüsse des Klima's zuzuschreiben ist. Uebrigens 
schritt bei denjenigen Kranken, welche sich nicht von Hause 
entfernen konnten und ihre angefangene Kur fortsetzten, die 
Besserung langsamer voran , und die Wohlthaten der Behandlung 
zeigten sich erst später. 

Alle diese Angaben sind freilich sehr unbestimmt und unzu- 
reichend, um einen gewissenhaften Arzt in seinem Rathe zu lei- 
ten. Es gilt nicht darum, zu wissen, ob die Phthisis eine Krank- 
heit aller Breiten und aller Klimate ist , was heutzutage eine 
erwiesene Sache zu sein scheint , sondern was aus den Phthisi- 
kern werde , welche man aus einem Klima in ein anderes schickt, 
mit einem Worte , welches der Einfluss der Klimate , nicht auf 
die Erzeugung , sondern auf den Gang und die Heilung der Phthi- 
sis ist. Dujat hat über diesen Gegenstand eine interessante Ab- 
handlung (Gaz, medicale, 3 f&vr. 1838) geliefert, in welcher er 
sich in Betreff der tropischen Länder so ausdrückt: «Diejenigen, 
welche die Phthisis in einem kalten Lande sich 'zugezogen haben, 
befinden sich sehr wohl bei einem Aufenthalte in warmen Län- 
dern. Unter den Auszehrenden der Spitäler in Rio-Janeiro habe 
ich verhältnissmäsig sehr wenig Europäer bemerkt, die noch vor 
nicht langer Zeit daselbst angekommen waren. Brasilianer und 
Bewohner der Antillen haben mich in der Ansicht bestärkt , dass 
die Phthisis zahlreiche Opfer unter den Kreolen und sehr wenig 
unter den Europäern fordert. » Levaches, welcher lange die 
Antillen bewohnt hat, sagt in seinem «Guide medical aux An- 
tilles» : «Wenn ich auf der einen Seite die Phthisis unter den 
Kreolen ihre Verheerungen anrichten sah , so überzeugte ich mich 
auf der andern Seite , dass sich bei den Europäern , welche auf 



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27 

die Antillen kamen, ihre Fortschritte verlangsamten. Diese leb- 
ten wieder frisch auf und verbrachten Jahre ohne ein Symptom 
ihrer Krankheit zu verspüren; Mehrere konnten mit allen Anzei- 
chen einer scheinbaren Heilung wieder abreisen und selbst voll- 
kommen, ihre Gesundheit wieder erlangen. » J. Copland end- 
lich äussert : « Personen , welche zur Phthisis sehr disponirt sind, 
werden in dem Aufenthalt auf den westindischen Inseln eine der 
prophylactischen <Masnahmen finden, auf welche sie am meisten 
zahlen können. » 

Was die Insel Madera anbelangt , auf welche die englischen 
Aerzte ihre Auszehrenden in grosser Zahl schicken , so kann man 
sich am besten aus folgender Tabelle eine Meinung über die Wirk- 
samkeit ihres Klima's bilden : 

1) Beginnende Phthisis (35 Fälle) : 

Gebessert verliessen und gaben später gute Nachrichten 26 Fälle 

Idem , aber ohne später Nachricht zu geben . . 5 » 
Seither verstorben . . • . . 4» 

Summa . • 35 Fälle, 

2) Ausgesprochene Phthisis (47 Fälle): 

Verstorben in den ersten sechs Monaten ihres Aufenthaltes auf 

Madera 31 Fälle 

Im Sommer nach Europa zurückgekehrt und gestor- 
ben 6 » 

Auf der Insel verblieben und später gestorben . . 6 » 
Aus den Augen verloren ......... 4 » 

Summa • * 47 Fälle, 

Aus diesen Angaben muss man, wie es schon Bayle, An- 
dral, Fournet und die Mehrzahl der älteren und neueren 
Schriftsteller thaten , den Schluss ziehen , dass die Reisen und 
der Aufenthalt in den heissen Ländern nur in den ersten Pe- 
riod en der Lungenschwindsucht von Nutzen sind , und dass in 
einer vorgeschrittenen Epoche der Krankheit es nutzlos und oft 
schädlich ist , die Kranken reisen zu lassen. 



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aa 

' Uebrigens hat die constante und allgemeine Erfahrung aller 
Aerzte festgestellt , dass bei langdauernden Krankheiten der Wech- 
sel des Aufenthaltes günstig einwirkt. In den ersten Perioden 
der Phthisis, welche Clarke mit dem Namen der «tuberkulösen 
Kachexie» belegte, sind fortgesetzte Reisen von grossem Nutzen, 
vtenn sie in freier Luft und nicht in geschlossenen Fuhrwerken, 
bald zu Fuss , bald zu Wagen gemacht und so eingerichtet wer- 
den, dass man ungefähr alle zwei Tage ausruhen kann. 

Ueber den Nutzen der Reisen hat Fournet in seinen « Äe- 
cherches cliniques sur Vauscultation» (page 850) folgende schöne 
Stelle niedergeschrieben : «Abgesehen von der Rücksicht des 
Klimawechsels bieten die Reisen, allgemein betrachtet, für Leute, 
welche von der Phthisis bedroht werden, oder vom ersten Grade 
jener Krankheit bereits ergriffen sind , grosse Yortheile. Sie be- 
wirken eine günstigö Diversion im moralischen und physischen 
Laben derselben. Die traurige Eintönigkeit, die gewöhnliche 
Begleiterin, eines engen und abgeschlossenen Lebens , das beun- 
ruhigende Nachdenken .über den eigenen. Zustand, das Gefühl der 
Ohnmacht , welches sich ohne Aufhören neben dem Drange zu 
Bethätigung zeigt, tragen viel dazu bei, jenen Zustand allge- 
meinen Hinschniachtens der Functionen bei sedentären Phthisikern 
m erzeugen und zu unterhalten, welcher am meisten zur Stei- 
gerung der tuberkulösen Kachexie und der Lungenphthisis beiträgt. 
Auf der Reise , im Gegentheil , belebt der häufige Wechsel von 
Gefühlen von Neuem und stachelt die Funktionen des Nerven- 
systems auif. Angezogen nach Aussen durch die Mannigfaltigkeit der 
sich folgenden Gegenstände , beschäftigt sich das Nachdenken mit 
diesen wechselnden Eindrücken , es nimmt eine freundlichere Fär- 
bung , einen beweglicheren Charakter an ; von Neuem erwacht 
die Empfänglichkeit für die Annehmlichkeiten des Lebens ; eine 
heilsame Thätigkeit verbreitet sich über das ganze Wesen des 
Kranken , und jede Funktion nimmt Theil an jener glücklichen 
Stimulation. Der Magen wird weniger wählerisch für Speisen; 
die Assimilation macht sich vollständiger und leichter; die Re- 
spirationsorgane ertragen eine reinere und in ihrer Temperatur 
wechselndere Luft; die Athmung scheint sich besser zu machen; 



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-der Blutkreislauf kommt durch die körperliche B£WegurigMU vep- 
raehrter Thätigkeit ; die leichte Ermüdung des Tages gibt Nachte 
einen tiefern Schlaf. Jene grosse krankhafte Empfänglichkeit 
für äussere Reize, welche im Kranken unaufhörlich das Gefühl 
seiner Schwäche erweckte, mindert mit jedem Tage, und lästit 
in seinem Geiste Gedanken für die Zukunft aufkeimen. Nach der 
Ansicht fast aller Beobachter , welche sich mit dieser Frage be- 
schäftigten 7 und unter denen ich besonders Johnson hervor- 
hebe, ist das Reiseleben den Phthisikern ersten Grades und dem- 
jenigen , welche von der Krankheit, bedroht sind , günstig* Aber 
diese Reisen dürfen nur im Sommer unternommen werden , we- 
nigstens in unsern Klimaten, und man darf nicht vergessen , daäs 
sie nur dann heilsam sein können , wenn man sieh mit alten notb- 
wehdigen hygienischen Einflüssen umgeben kann. Leider kann 
nur der Reiche von diesen Mitteln Gebrauch machen. Die Beob- 
achtung und die Erfahrung setzen die Reisen zu Land und zu 
Meer beinahe auf den gleichen Rang der Nützlichkeit.»' 

Wir theilen nicht vollkommen diese letztere Ansieht. voh 
Fouraet über den gleichen Grad von Nützlichkeit der Meer- 
nnd Landreisen. Wir sind durch mehrere Thatsachen, welche von 
glaubwürdigen Schriftstellern. mitgetheilt worden sind, sowie durch 
eigene Erfahrung, zu dem Schlüsse berechtigt, dass Seereisen 
von ungleich grösserem Nutzen sind y als Reisen zu Land. Gil*- 
christ, welcher über diesen Gegenstand eine interessante Schrift 
veröffentlicht hat, erwähnt sehr hemerkenswerthe Beispiele von 
-Lungenschwindsucht, welche durch mehr oder wenigerlange See- 
reisen vollkommen geheilt wurden. Auch Dujat gesteht ihnen 
unbestreitbare Vortheüe zu. «.Die weiten Seereisen,, sagt er, 
welche in wenigen Wochen durch die verschiedensten Breiten führen, 
sind kränklichen Personen sehr heilsam : die Luft auf dem Meer ist 
reiner, bewegter; man bleibt den ganzen Tag derselben ausge- 
setzt : vielleicht wirkt sie dadurch mehr ein , als durch den Gcär 
halt an eigentümlichen Bestandteilen. » (Dujat kannte, scheint 
es, nicht die wichtigen Arbeiten von Chatin über den gegen 
das Meer zunehmenden , gegen die hohen Gebirgszüge abneh- 
menden Jodgehalt der Atmosphäre , wie der fliessenden Wasser 



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und der Vegetation, oder unterschätzt deren Werth. Auch Gil- 
christ schreibt das Wohlbefinden der Phthisiker auf dem Meere 
dem Einathmen einer mit salinischen Bestandtheilen geschwän- 
gerte Luft zu. Ref.) «Die Bewegung des Schiffes erzeugt eine 
leichte Excitation des ganzen Organismus, und die Seekrankheit 
in den ersten Tagen der Reise bewirkt eine Perturbation, welche 
4er Verdauung sehr förderlich wird. — Auf offener See sind die 
Katarrhe sehr selten, eine von allen Seeleuten anerkannte That- 
sache, welche schon Gilchrist constatirt hatte; sobald man sich 
dem Lande nähert , fangen sie an sich zu zeigen. Die Seereisen 
sind nicht nur vortheilhaft in der tuberculösen Kachexie , sondern 
hemmen auch den Fortschritt der Krankheit bei schon ausgespro- 
chener Phthisis.» Dujat führt dann mehrere Fälle an, wo län- 
gere Seereisen das Uebel vollständig aufhielten , welches dann 
nach der Landung wieder seinen zerstörenden Gang fortsetzte. - 

Aus dem Gesagten geht hervor , dass es sehr schwierig ist, 
den Kranken Klimate zu bezeichnen , welche sie bewohnen soll- 
ten. Der Arzt muss dabei dem mehr oder weniger vorgeschrittenen 
Grade der Krankheit Rechnung tragen. Trotz einiger von Schrift- 
stellern mitgetheilter Thatsachen, ist es im Allgemeinen sehr ge- 
fährlich , einen Phthisiker letzten Grades von seiner Heimath zu 
entfernen. Der rasche Uebergang von einem kälteren Klima in 
ein warmes ist nicht ohne Gefahr, und daher ein schonender 
Uebergang am empfehlenswerthesten. 

Land- und Seereisen, besonders die letztern, scheinen auf 
die Lungenschwindsucht einen günstigen Einfluss auszuüben. Die- 
ser Einfluss wird sich um so mehr geltend machen, je näher die 
Krankheit noch ihrem Anfangsstadium steht. 

Der Aufenthalt in heissen Ländern und die Reisen werden 

fast immer von Vortheil sein, wenn die Kranken das Stadium der 

tuberkulösen Prädisposition oder Kachexie noch nicht überschritten 

haben* 

(Fortsetzung folgt.) 



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31 
Zur gefälligen Beachtung* 



Nachdem die Unterzeichneten von der medizinischen Section 
der diessjährigen Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte 
als « Commission für medizinische Statistik » zu dem Zwecke er- 
wählt wurden , sich der Förderung medizinisch - statistischer Be- 
strebungen in Deutschland zunächst anzunehmen , richten sie an 
sämmtliche deutsche Collegen hiemit die Bitte , diese in letzterer 
Zeit mehrfach angeregten und besprochenen Bestrebungen nach 
Kräften unterstützen und an den einschlägigen Arbeiten thätigen 
Antheil nehmen zu wollen. 

Es bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung , welche Be- 
deutung die in Frage stehenden Bestrebungen für die medizini- 
sche Wissenschaft besitzen. Wir erwähnen vielmehr nur das, 
dass, während die Herbeischaffung eines praktisch und wissen- 
schaftlich brauchbaren Materiales für die Mortalitätsstatistik zu- 
nächst Sache der Regierungen ist , und zum Theil von denselben 
auch bereits als die ihrige anerkannt ist , der freien Thätigkeit 
der Aerzte die Pflege der für die Aetiologie der Krankheiten so 
wichtigen Krankheits-Statistik überlassen ist, und dass wir eben 
für diese die thätige Beihülfe der deutschen Collegen in Anspruch 
nehmen wollen. Ein jeder Arzt ist hiemit um solche Beihülfe 
ersucht. Insonderheit aber ergeht unsere Aufforderung an alle 
diejenigen , denen in der einen oder anderen Weise die Erfah- 
rung aus einer sog. Massenpraxis zu Gebote steht, insbesondere 
an Spitalärzte, an Aerzte in Krankenpflege - Vereinen , an ärzt- 
liche Vereine der einzelnen Städte u. s. w. 

Um in Betreff der Krankheits- Statistik aber zu gedeihlichen 
Resultaten zu gelangen, ist ein überall gleichmassiges Verfahren 
bei der Sammlung des Materiales das erste Bedürfniss, und es 
schien demnach erforderlich , sowohl Krankheitstabellen drucken 
zu lassen , in welchen die Zahl der beobachteten Krankheiten 
allmonatlich verzeichnet werden soll, als auch denselben zugleich 
eine Instruction für die Mitarbeiter beizugeben, durch welche 
irrthümliche Auffassungen von Krankheitsbenennungen vermieden, 



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m 

und eine gleichförmige Art und Weise der Ausfüllung der Ta- 
bellen ermöglicht wird. — Diese Tabellen nebst Instruction sind 
vom Beginn des Jahres 1858 an von jedem der Unterzeichneten — 
vorläufig unentgeltlich ~ zu beziehen, und, sobald sie ausgefüllt 
sind, mindestens vierteljährlich — 

aus Oesterreich und Bayern an Herrn Dr. Carl Ha 11 er, 

Primararzt am allgemeinen Krankenhause in Wien ; 
aus Preussen, Sachsen und Mecklenburg an Herrn Dr. Neu - 

tnarin in -Berlin (Köpnikerstrasse Nr. 110 a); 
aus den übrigen Theilen Deutschlands an Herrn Hofrath 
Dr. ßeneke in Marburg, — 
einzusenden. 

Für die Verwerlhung und Publicatiön des so gewonnenen 
Materiales wird die unterzeichnete Commission dann in noch näher 
zu verabredender und von der grösseren oder geringerin Bethei- 
ligung der Aerzte an den Arbeiten abhängiger Weise Sorge tragen. 
Damit die Anzahl der erforderlichen Tabellen frühzeitig annä- 
hernd taxitt werden kann, ist es wünschenswerth, dass diejenigen 
Herren Gollegen , welche an den Arbeiten Theil zu nenmen ge- 
neigt sind, baldmöglichst an einen der Unterzeichneten eine 
entsprechende Erklärung gelangen lassen , welcher zufolge sodann 
die Tabellen, sobald der Druck derselben beendet ist, übersandt 
werden sollen. 

Im December 1857. 

Die Commission für medizinische Statistik : 
Beneke. Haller. S. Neemann. 
Würden sich unter den schweizerischen Herren Collegen 
welche diesen Arbeiten ansdiliessen wollen, so wäre der Unter- 
zeichnete gerne bereit, die Besorgung der betreffenden Tabellen 
zu übernehmen. Zur näheren Orientirung über diese Bestrebun- 
gen mache ich die Herren Collegen aufmerksam auf die 

« Mittheilungen und Vorschläge betreffend die Anbahnung einer 
wissenschaftlich brauchbaren Morbilitäts- und Uortalttätssta» 
tislik von Dr. F. W. Beneke. » 
Schaffhausen, im Januar 1858. 

Dr. von Mandach. 



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Schweizerische Monatschrift 



für 

praktische Medizin, 

redigirt von 

Dr. A. Vogt. 
Dritter Jahrgang. 1858. Nr. II. Februarheft. 

Diese Monatschrift erscheint monatlich einmal, 2 Bogen stark. Der Abonne- 
mentspreis ist für die ganze Schweiz 7 Fr. , für das Ausland 10 Fr. Briefe 
and Gelder franko an die Expedition: Haller 's che Buchdruckerei in Bern» 

Ueber die sogenannte essentielle Lähmung der Kinder. 



Ein Vortrag von Professor Dr. W. Vogt, gehalten den 5. December 1857 in 
der med.-chir. Cantonalgesellschaft von Bern. 

, r; - (Fortsetzung.) 



D. Die primitiven Contracturen (Idiopathische Contracturen , Re- 

traction musculaire , essentielle , idiopathique , Tetanie. 

Arthrogryposis spastica, Küttner. etc.) 

Sie wurden zuerst von Tonnelö, 1832, und dann von 
Constant, Murdoch, De la Berge, Guersant, Baude- 
loque, Weisse, Küttner, Rilliet et Barth ez etc., als eine 
besondere Krankheit dargestellt. Die Letzteren setzen sie bereits, 
obgleich noch gesondert, neben die Kinderlähmung. Helfft 
jedoch (von den paralytischen und spastischen Affectionen der 
Extremitäten in Rust's Magazin, 1846 Bd. 66) sprach schon die 
seitdem wenig beachtete Ansicht aus , dass diese Contracturen 
mit den Lähmungen, so verschieden sie auch der äusseren Form 
nach sein mögen , identisch wären , weil beide auf der gleichen 
Ursache, auf einer Congestion oder Entzündung der Nervencen- 
tren beruhten und auch öfter zugleich miteinander vorkämen. Wir 

3 



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34 

stimmen dieser Ansicht vollkommen bei , und betrachten sie nur 
aus zwei Gründen im Besondern, eines Theils nämlich, um diese 
Identität desto besser nachweisen zu können , andern Theils um 
ihre Verschiedenheit von den consecutiven Contracturen , mit denen 
sie öfter noch zusammengeworfen werden , gehörig darzuthun. 

Wir wollen zuerst einige Beobachtungen derselben anführen. 

Sechste Beobachtung. Ein Mädchen von 9 Jahren, ziemlich schwäch- 
lich und leicht erregbar, wurde vor ungefähr zwei Monaten von Con- 
vulsionen befallen , wobei sie durchdringende Schreie ausstiess , aber 
das Bewusstsein nicht verlor. Einige Stunden nach diesem Anfall be- 
merkte man eine anhaltende allgemeine Contractur der oberen Extre- 
mitäten. Die unteren waren ziemlich frei , nur in den grossen Zehen 
zeigte sich eine schwache Contractur nach unten , die man leicht stre- 
cken konnte , ohne dem Kinde Schmerzen zu machen. Es konnte nur 
mit Mühe und Unterstützung stehen. Die freie Bewegung der Finger 
war ganz unmöglich. Im Sonstigen konnte man nach dem Anfall durch- 
aus nichts Krankhaftes wahrnehmen. Nach 14 Tagen besserten sich die 
Contracturen , ohne dass eine ärztliche Behandlung stattfand , so dass 
binnen einer Woche das Kind wieder im Stande war, wiewohl mit 
einiger Schwierigkeit, Speisen zum Munde zu führen. Ein Monat nach- 
her kam wieder ein Krampfanfall ganz wie der erste, und nach dem- 
selben blieben auch die Contracturen wieder wie früher zurück. Man 
setzte vier Blutegel hinter jedes Ohr, ohne irgend einen Erfolg, und 
brachte dann die Kranke in das Kinderspital. Bei der Untersuchung 
fanden sich die Handgelenke und die Finger stark contrahirt, so dass 
man sie nur mit einiger Gewalt, aber ohne starken Schmerz, strecken 
konnte. Die beiden Füsse gewaltsam gestreckt, die grossen Zehen halb 
gebeugt, aus freiem Willen ganz unbeweglich. Von Röthe oder Ge- 
schwulst an den afficirten Gelenken ist nichts wahrzunehmen. Ausser 
den Händen und Füssen sind alle andere Gelenke der Extremitäten ganz 
frei beweglich. Das Kind ist sonst ganz wohl und munter, ohne Fie- 
ber oder irgend eine andere Aßection. Dieser Zustand blieb im Ver- 
lauf von acht Tagen derselbe , ohne dass etwas Neues eingetreten wäre. 
Dann erst bemerkte man einige Besserung in den unteren Extremitäten, 
während die oberen im gleichen Zustand blieben. Die Besserung schritt 
indess allmählig fort, erstreckte sich auf die oberen Extremitäten , und 
nach Verfluss von sechs Wochen wurde das Kind völlig geheilt entlas- 
sen. Ausser lauwarmen Bädern und Einreibungen von campherirtem 
Kamillenöl war nichts angewendet worden. (Jadelot, Gazette des 
hopitaux, 1843. Nr. 102, S. 406.) 

Siebente Beobachtung. Elisabeth Krall, von Eggiwyl, 14 Jahre 
alt , stets leidlich gesund , wurde im April dieses Jahres ohne bekannte 
Veranlassung von Frost mit darauf folgender Hitze und den gewöhn- 
lichen Fiebersymptomen befallen. Besonders vorwiegend dabei waren 



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35 

ein Gefühl von Schwere in der Brust, mühsames Athmen , schmerz- 
haftes Zusammenschnüren des Bauchs, und besonders heftige stechende 
Schmerzen in beiden Achselgelenken, die sich eines Theils in den 
Nacken und zwischen den Schultern verbreiteten, andern Theils längs 
der Arme herab bis in die Finger sich zogen. Nach zweitägiger Dauer 
dieses Zustandes wurden in der Nacht im Schlafe, ohne dass sie oder 
ihre Angehörigen etwas von Krämpfen oder sonstige andere Erschei- 
nungen wahrgenommen hätten , die Finger und Handgelenke beider 
oberen Extremitäten gebeugt und ganz steif. Die Finger waren am 
Morgen in die Hohlhände gebeugt und zum Theil übereinander geschlagen, 
und auch die Handwurzeln waren in leichter Beugung. Sie konnte diese 
Theile gar nicht bewegen, um etwa einen Gegenstand damit zu ergrei- 
fen und festzuhalten. Das von Andern versuchte Strecken ging nur mit 
Gewalt und vielem Schmerz. Die Ellenbogen- und Achselgelenke waren 
ganz ohne Spannung und frei beweglich; ebenso auch die ganzen un- 
teren Extremitäten. Das Gefühl in den contrahirten Gliedern war ganz 
erhalten. — Allmählig verschwanden die Fieberregungen, und das Mäd- 
chen fühlte sich wieder wohler, die Hände und Finger blieben aber 
noch längere Zeit in demselben Zustand. Die Arme verloren zwar ihren 
Schmerz, sie fühlte jedoch eine grosse Schwäche darin. Nur sehr lang- 
sam besserte sich die Contractur an der linken Hand und schritt diese 
Besserung allmählig fort , so dass sie diese seit anderthalb bis zwei 
Monaten wieder gebrauchen kann , und man auch keine Entstellung 
mehr an derselben wahrnimmt ; die rechte Hand hingegen besserte sich 
nur sehr wenig und sehr langsam bis zu dem Zustand, in welchem sie 
sich jetzt befindet. Die Schwäche in beiden Armen dauert fort. 

Die Untersuchung am 9. November im Inselspital stellte Folgendes 
heraus : 

Der linke Arm und die linke Hand sind wieder ganz hergestellt. 
Jede Bewegung ist wieder ganz frei. Es fehlt nur noch die frühere 
Kran. 

Der rechte Arm ist schlaff und mager. Im Schulter - und Ellen- 
bogengelenk ist er zwar frei beweglich , aber ohne alle Kraft. Das 
Handgelenk ist gebeugt, die Finger sind in die Hohlhand geschlagen, 
am stärksten in den Phalangocarpalgelenken , weniger in den Gelenken 
zwischen der ersten und zweiten Phalanx gebeugt, während die dritte 
Phalanx ganz gerade steht. Der Daumen liegt ebenfalls in allen seinen 
Gelenken gebeugt in der Hohlhand. Freiwillige Bewegungen können 
noch mit den Fingern gemacht werden , jedoch nur mit grosser An- 
strengung und sehr unvollkommen. Freiwillige Streckung ist nur in 
sehr geringem Grade möglich. Hand und Finger lassen sich ganz ohne 
Schmerz , jedoch mit einigem Widerstreben der Flexoren , passiv in 
ihre natürliche Stellung zurückführen. Das Gefühl ist in der ganzen 
Extremität gut erhalten , und auch von den früheren Schmerzen ist nichts 
mehr vorhanden. 

Das Mädchen ist noch unentwickelt und ein wenig anämisch. Sie 
klagt auch zuweilen über Kopfweh und geringes Herzklopfen beim Treppen- 



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36 

steigen. Die stärkeren Symptome der Bleichsucht fehlen jedoch, und 
die körperlichen Functionen sind ganz in Ordnung. 

Wir wendeten Electricität auf die Streckmuskel der Hand und Fin- 
ger an , so dass der eine Pol an ihre lnsertionsstelle gelegt und der 
andere herabgeführt und abwechselnd an ihrer ganzen Ausdehnung an- 
gelegt wurde. Zugleich wurden nach Art der Heilgymnastik Uebungen 
und passive Bewegungen mit der Hand und den Fingern gemacht , um 
die Dehnbarkeit der Flexoren und die Kraft der Extensoren zu ver- 
mehren. Die Resultate dieses Verfahrens waren auffallend. Schon nach 
einigen Tagen zeigte sich Besserung , und nach drei Wochen war der 
Zustand der Hand ein ganz anderer. Das Handgelenk konnte wieder 
bis zur geraden Stellung gestreckt werden. Ebenso grösstenteils die 
Finger , jedoch mit einiger Verstellung in den Gelenken des Daumens , 
und auch, wiewohl in geringerem Grade, in den Fingergelenken. Sie 
konnte wieder Gegenstände fassen und halten , jedoch mit sehr geringer 
Kraft. Die Magerkeit der Hand war noch auffallend. Jetzt r nach 
sechswöchentlicher Behandlung , ist nur noch eine geringe Verziehung 
am Daumen und nicht ganz vollkommene Streckung des Mittelfingers und 
kleinen Fingers bemerkbar. Zu leichten Verrichtungen aller Art, z. B. 
zum Stricken, ja selbst zum Schreiben, ist die Hand wieder ganz 
brauchbar, es fehlt nur noch die frühere Kraft derselben. 

Die Beobachtungen dieser primitiven Contracturen liegen zahl- 
reich genug bereits in der Wissenschaft vor , und sind noch in 
der neuesten Zeit sehr dankenswerth vermehrt worden von Ra- 
baud (De la contractu™ des extremites chez les enfants. Union 
medicale 1855, n° 97 u. 98) durch ein insiructives Resumg von 
23 Fällen, die er grösstenteils bei Barthez im Höpital St e Eu- 
genie und nur einige im Service von Legendre beobachtete. 
Manche frühere Annahme in Bezug auf diese Contracturen , welche 
nur aus einer geringen Zahl von Fällen entnommen war , findet 
dadurch ihre Berichtigung. 

Es ist merkwürdig, dass weitaus in der grössten Mehrzahl 
der Fälle die äussere Gestaltung dieser Contracturen eine grosse 
Uebereinstimmung zeigt. Sie betreffen häufiger entweder nur die 
oberen Extremitäten allein , oder doch in weit grösserem Mase 
als die unteren. Die Handwurzel ist gebeugt , ebenso die Finger, 
besonders in ihren Metacarpo-phalangal-Gelenken gegen die Hohl- 
hand gezogen. Gewöhnlich sind die Phalangalgelenke gestreckt 
und nur in den heftigeren Fällen gebeugt. Wenn sich die Mus- 
culi interossei in besonderer Spannung befinden , was jedoch nicht 
immer der Fall ist , so stehen Mittel- und Ringfinger voneinander 



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37 

entfernt. Der Daumen ist stets stark adducirt und in die Hohl- 
hand geschlagen. Selten nur erstreckt sich die Contractur auch 
noch auf die Ellenbogengelenke. Aber Schwäche der Bewegung 
findet sich immer in der ganzen Extremität. An den unteren 
Extremitäten findet man den Fuss gestreckt und nach innen ge- 
wendet. Die grosse Zehe grossen Theils gebeugt, selten ge- 
streckt , am öftesten gegen die anderen Zehen gedrängt , so dass 
der Fuss in die Quere gewölbt erscheint. Grösstenteils sind auch 
die übrigen Zehen gebeugt. 

Das Gefühl in den conlrahirten Gliedern ist gewöhnlich nor- 
mal , nur bisweilen erhöht. 

Wenn die Contractur vom Gehirn ausgeht , ist sie ganz 
schmerzlos. Der Kranke hat nicht allein in der Ruhe keine 
Schmerzen, sondern man kann auch die Beugungen mit einigem 
Widerstreben redressiren, die gespannten Muskeln drücken und 
kneten, ohne dass dieses Schmerz verursacht. Wenn sie vom 
Rückenmark ausgeht, ist gewöhnlich Schmerz am Rücken, be- 
sonders oben zwischen den Schultern und im Nacken, die Nacken- 
und Rückenmuskel finden sich dabei oft ebenfalls gespannt, die 
Schmerzen ziehen sich besonders in die oberen Extremitäten, die 
Contracturen lassen sich schwerer und nur mit einigem Schmerz 
zurückführen, die Kranken haben ein Gefühl von Krampf in den 
gespannten Muskeln , was jedoch durch Drücken und Kneten mehr 
erleichtert wird. Am schmerzhaftesten in jeder Beziehung sind 
immer die peripherischen , rheumatischen Contracturen. Die ge- 
ringste Bewegung , sei sie activ oder passiv , der leise Druck etc. 
vermehren die spontanen Schmerzen, welche nicht selten herum- 
wandern , die Glieder sind im Ganzen mehr starr und steif, und 
gewöhnlich auch , wie beim akuten Rheumatismus , die Hände und 
Handgelenke heiss, geschwollen, diffus geröthet. Diese Geschwulst 
beobachtete schon De la Berge in zwei Fällen bei primitiven 
Contracturen, ebenso Rabaud in zwei Fällen. Sie zeigt deut- 
lich die rheumatische Natur mancher primitiven Gontracturen, und 
ist dabei weder sehr selten, noch auch blos zufällig, wie Ril- 
ltet und Barthez meinen. Man muss sie aber vom atonischen 
Oedem, welches sich bisweilen bei Lähmungen und Contracturen 



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38 

auf anamisch - kacbectischem Boden, und mitunter auch über das 
Gesicht und den ganzen Körper verbreitet , vorfindet , sowie auch 
von jener Geschwulst der gelähmten Theile, welche von Stockung 
der Circulation in den Venen herrührt (s. unten) wohl unter- 
scheiden. 

Mit den primitiven Contracturen sind immer Lähmungen ge- 
mischt. Während die ersteren in den Beugerauskeln ihren Sitz 
haben , sind die Streckmuskeln von letztern befallen und un- 
fähig, ihren -Antagonisten eine kleine Ausdehnung zu geben. 
Wenn der tonische Krampf der Flexoren weniger heftig ist, oder 
bereits so weit nachgelassen hat , dass man die Finger oder Zehen 
leicht und ohne Schmerz zurückführen kann , . so fehlt doch den 
Extensoren die Kraft, sie in dieser Stellung zu halten. In man- 
chen Fällen ist der tonische Krampf so schwach, dass man kaum 
ein Hinderniss bei der Ausdehnung der Finger bemerkt , und doch 
sind die Hände unbrauchbar zu jeder Bewegung. So laufen die 
Contracturen über in jene Fälle von Lähmung, bei welchen auch 
anfänglich tonische Muskelspannungen vorhanden sind , ohne dass 
die Natur eine Grenzlinie zwischen beiden gesetzt hätte. Selbst 
in den contrahirenden Muskeln fehlt die Energie und der Wil- 
lenseinfluss dergestalt , dass die Kranken einen Gegenstand nicht 
zu halten vermögen, welchen man ihnen unter die contrahirten 
Finger legt. Bisweilen lässt der tonische Krampf zuerst nach 
und man kann sehr leicht die Finger redressiren , aber der Kranke 
kann keine active Bewegung damit machen. 

Diese primitiven Contracturen unterscheiden sich sehr we- 
sentlich von den consecutiven. Sie sind sogleich mit dem Ein- 
tritt der Krankheit und anfänglich am stärksten vorhanden , und 
vermindern sich allmählig bei ihrer Heilung. Die consecutiven 
Contracturen hingegen beginnen erst nach einer unbestimmten 
Zeitdauer der Lähmung , und vermehren sich allmählig um so mehr, 
je länger die Lähmung dauert. Man findet bei den primitiven 
gleich vornherein , dass sie nach der Heftigkeit des Krampfes sich 
mehr oder weniger schwierig und mit Schmerz redressiren lassen, 
während die consecutiven anfänglich mit grosser Leichtigkeit und 
völliger Schmerzlosigkeit sich zurückführen lassen, und erst ganz 



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39 

allmählig zunehmend die contrahirten Muskeln in widerstrebende 
Spannung gerathen. Es folgt daraus, dass die ersteren ein un- 
mittelbares Produkt der ursprünglichen Krankheit in den Nerven- 
centren oder Nervensträngen sind, wahrend die letztern erst durch 
gewisse Verhältnisse in den gelähmten Theilen selbst zu Stande 
kommen. Die ersteren beruhen auf einem anhaltenden tonischen 
Krampf, die letzteren hingegen auf einer natürlichen Zusammen- 
ziehung der Muskeln , welche noch einige Contractilität besitzen , 
und von ihren stärker gelähmten Antagonisten nicht ausgedehnt 
werden. (S. unten.) 

Die primitiven Contracturen haben eine gewisse Aehnlkhkeit 
mit dem Tetanus, weil sie, wie dieser, auf einem tonischen 
Krampf beruhen. Allein bei dem Tetanus beginnt dieser in den 
Kaumuskeln, in den Hals-, Nacken- und Rückenmuskeln, und 
dehnt sich dann auf den übrigen Körper aus. Wenn er auf die 
Extremitäten übergeht, sind gerade die Hände und Füsse viel 
weniger ergriffen , als die Schenkel und Oberarme. Bei dem Te- 
tanus sind immer häufige , schnell vorübergebende , mehr oder 
weniger heftige Anfälle von klonischen Krampferschütterungen , 
während derselben die tonischen Spannungen ihren stärksten Grad 
erreichen. Bei den primitiven Contracturen kommen auch , aber 
in grösseren Zwischenräumen und nicht immer, klonische Krampf- 
anfülle , die mehr den Charakter der Eclampsie haben , und ent- 
weder gar keinen Einfluss auf die bereits vorhandene Contractur 
ausüben , oder nach ihrem Ablauf eine Verstärkung derselben , 
oder endlich sogar während ihrer Dauer einen Nachlass bewirken. 
Der Tetanus ist eine in den meisten Fällen tödtliche Krankheit , 
während bei den Contracturen selten , und hauptsächlich nur in 
den Fällen Tödtung vorkommt , wo das innere Leiden der Nerven- 
centren zu einer heftigen materiellen Krankheit erwachsen ist, 
als deren Symptom die Contractur auftritt. Trotz dieser bedeu- 
tenden Verschiedenheit lässt sich aber die Verwandtschaft beider 
Krankheiten nicht verkennen , und man könnte die primitiven Con- 
tracturen als einen Tetanus en miniature, als eine Duodez- Aus- 
gabe im Verhältniss zu einer in Folio ansehen. Ob die inneren 
Aflectionen in beiden ihrer Natur nach dieselben sind, und viel- 



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40 

leicht nur durch ihre Intensität und Extensität die Verschiedenheit 
begründet ist, können wir jetzt wohl vermuthen, aber nicht fac- 
tisch nachweisen. 

Gehen wir auf die Entstehung der primitiven Contracturen 
ein, so sehen wir sie unter analogen Verhältnissen auftreten, wie 
die Lähmungen. Sie kommen vor bei den verschiedensten Indi- 
viduen , bei ganz gesunden wie bei schwächlichen , mageren und 
ganz anämischen, möge die Schwäche schon längst vorher be- 
standen haben , oder erst seit kürzerer Zeit durch andere Krank- 
heiten , besonders durch Diarrhöe , entstanden sein. Aus den 
Fällen der letztern Kategorie bildet Rabaud eine besondere 
Abtheilung, weil sie gewöhnlich ganz fieberlos verlaufen, wenn 
nicht etwa eine akute Bronchitis vorhanden ist, und öder mit 
atonischen Oedemen verbunden sind. Es wurde immer von De 
la Berge, Rilliet und Barthez, Jadelot etc. auf das bei 
den Contracturen fehlende Fieber ein besonderes Gewicht gelegt. 
Rabaud zeigt aber, dass nur die kachectischen Fälle, und selbst 
auch diese nur zum Theil ohne Fieber sind. Er leitet es, wo 
es dennoch vorhanden ist, wie seine Vorgänger De la Berge 
und Rilliet, von anderen gleichzeitigen Krankheiten ab, und 
sieht es nicht an als in Beziehung stehend mit der Contractur. 
Lassen wir diess dahin gestellt sein und halten wir uns allein an 
die einfache Thatsache, dass nur in manchen Fällen, besonders 
bei vorhandener Kachexie, kein Fieber die Contractur einleitet 
und begleitet, so kann diess weder eine Verschiedenheit von den 
Lähmungen, noch auch einen Unterschied zwischen symptoma- 
tischen , von Hydrocephalie und Meningitis der Nervencentren be- 
dingten , und essentiellen , ohne deutliche Krankheit des Gehirns 
und Rückenmarks auftretenden Contracturen begründen. Die Läh- 
mungen treten auch oft ohne oder mit so fragmentärem Fieber 
auf, dass diess der Beobachtung von Laien entgeht. Der Unter- 
schied von symptomatischen und essentiellen Lähmungen, wie er 
zuerst von Guersant (dem altern) aufgestellt und seitdem von 
den französischen Autoren adoptirt wurde, lässt sich nur in präg- 
nanten Fällen durchführen und ist in Bezug auf die innere Krank- 
heit der Nervencentren nur ein quantitativer , aber nicht ein qua- 



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41 

litativer. Ich werde bei der Diagnostik und dem Wesen der Con- 
tracturen und Lähmungen näher darauf eintreten. Nur in Berück- 
sichtigung der von Rabaud angegebenen Unterscheidungsmerk* 
male der sogenannten symptomatischen Contracturen von den es- 
sentiellen , welche darin bestehen sollen , dass die Glieder nicht 
geschwollen, von natürlicher Färbung und Temperatur und schmerz- 
los seien, von Convulsionen begleitet wären, die in unbestimm- 
ten Intervallen wiederkehrten u. s. w. , sei hier kurz bemerkt , 
dass nach allem anderwärts von uns Gesagten diese Dinge zum 
Theil von unwesentlichen Nebenumstanden herrühren, und auch 
bei andern primitiven Contracturen vorkommen, welche nicht blosses 
Symptom einer längst gekannten Gehirn- oder Rückenmarks- 
krankheit sind. 

Rabaud bringt diejenigen Contracturen, welche während 
anderer essentieller fieberhafter Krankheiten entstehen , ebenfalls 
in eine besondere Abtheilung , obschon er sie auch nur als symp- 
tomatisch ansieht. Sie kommen vor bei Typhoidfieber , Cholera 
und akuten contagiösen Exanthemen. Ob sie da von Eiweissharn 
begleitet sind bei ihrem Ausbruch, ist nicht angegeben. -Jedoch 
geht aus seinen Bemerkungen hervor, dass sie nicht einmal ein 
Drittel der beobachteten Fälle ausmachen, mithin nicht so häufig 
sind, als früher von Andern angegeben wurde, und dass sie in 
verschiedenen Zeiträumen dieser Fieber bisweilen sogar gleich im 
Anfang derselben und nicht erst nach ihrem Ablauf ausbrechen , 
mithin also immer noch in einer Zeit , wo Congestionen nach den 
inneren Organen vorkommen. Sie treten hier nach vorrangigen 
Blutungen, Delirien und klonischen Krampfinsulten auf. 

In einer grossen Zahl von Fällen leitete ein eclamptischer 
Insult die primitiven Contracturen ganz in derselben Weise ein , 
wie diess bei den Lähmungen der Fall ist. Während des An- 
falls war manchmal das Bewusstsein ganz frei, manchmal waren 
aber auch deutliche Gehirnzufälle , Coma , Delirien , Strabismus , 
Pupillenveränderungen , convulsivische Bewegungen der Augen- 
lieder und des Gesichts u. dgl. vorbanden, die bald von leich- 
terem Grade und schnell vorübergehend , bald aber auch viel stär- 
ker ausgebildet und anhaltender waren. Mit der Wiederkehr der 



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4t 

Krampfinsulte, aufanglich in kürzerer, später in längerer, unbe- 
stimmter Zeit, verhält es sich bei den Conlracturen ganz gleich, 
wie bei den Lähmungen. 

Der Verlauf der Contracturen hat ebenfalls die grösste Aehn- 
lichkcit mit demjenigen der Lähmungen. Im Anfang sind sie 
manchmal mehr verbreitet in den oberen und unteren Extremitä- 
ten , und bei der Besserung bleiben sie in einem oder einigen 
Gliedern sitzen. Sie beginnen in den oberen Extremitäten und 
setzen sich fort in die unteren, und schreiten ebenso wieder 
zurück. Sie heilen in der Mehrzahl der Fälle bald schneller, bald 
langsamer, werden aber auch manchmal bleibend. Sie gehen 
gewöhnlich dann allmählich in Lähmung über, die in später Zeit 
wieder zu consecutiven Contracturen führt. Nur eine relative 
Verschiedenheit ist darin zu bemerken , dass die primitiven Con- 
tracturen viel öfter in den oberen , die Lähmungen hingegen in 
den unteren Extremitäten ihren Sitz haben. 

Rabaud gibt uns kurz die Resultate der Leichenöffnungen in 
zehn Fällen. Fünf davon gehören in seine Kategorie der symp- 
tomatischen Contracturen, und bei diesen fanden sich zweimal 
Meningitis cerebralis purulenta, einmal Hydrocephalie und zwei- 
mal wässeriges Exsudat in den Gehirnhäuten. Zwei Todesfälle 
kamen vor bei Typhoidfieber mit Contractnr, wo im einen ein 
reichlicher Erguss einer milchigen Flüssigkeit im Sacke der Arach- 
noidea, im andern ein wässeriges Exsudat in den Ventrikeln und 
in den Gehirnhäuten , nebst einer starken Anfüllung der Venen , 
wahrgenommen wurde. In der Kategorie der kachektischen Con- 
tracturen kamen drei Sectionen vor. In zweien fand sich eine 
geringe Infiltration der Meningen, und in einem sah man nichts 
von irgend einem pathologischen Produkt in den Nervcncentren. 

Diese Sectionsresultate sprechen deutlich genug für viele Be- 
hauptungen, die wir oben bei Besprechung der Lähmungen mehr 
aus Schlüssen als aus vorliegenden Thatsachen ausgesprochen 
haben , und werfen viel Licht auf die innere pathologische Be- 
gründung dieser Krankheitsprozesse. 

Resumiren wir nun das bisher über die Contracturen Gesagte, 
so geht daraus hervor, dass eine wesentliche Verschiedenheit der- 



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selben von den Lähmungen nicht vorhanden ist. Wir sehen bei 
einer und derselben Krankheit der Nervencentren auch im eines 
Falle mehr tonischen und klonischen Krampf, im andern Falle 
mehr Lähmung. Wir urtheilen dann., dass im erstem Falle mehr 
eine Irritation in den Nervenwurzeln , im andern Falle mehr eine 
Depression in denselben stattfinde , ohne dass wir jedoch in den 
Sectionen immer den Grund dieser Verschiedenheit der Symptome 
nachzuweisen vermöchten. Die anderweitigen geringen Verschie- 
denheiten , die man bei Vergleichung der Fälle von Contractur 
und Lähmung herausfinden kann, lassen sich auf die specielle 
Ausprägung der einzelnen Fälle durch unwesentliche Umstände 
zurückführen. 

IL Die nach der akuten Periode zurückbleibenden 
Lähmungen und Contraturen. 

A. Analyse ihrer Symptome. 

a. Ein sehr verschiedener Grad der Stärke dieser Lähmungen 
wird in einzelnen Fällen beobachtet. Von welchem Punkte sie 
auch ausgehen mögen , sind sie nur selten ganz vollständig in dem 
betroffenen Theil. In einzelnen Muskelparthieen , besonders in 
den Flexoren der Zehen , Finger und Handgelenke , sowie auch 
in den Wadenmuskeln, bleibt noch einige Erregbarkeit. Am 
stärksten ist auch die Lähmung gewöhnlich in den untersten Thei- 
len der Extremitäten , in den Fingern und Zehen , im Hand - und 
Fussgelenk, während Kniee und Ellenbogen noch unvollkommen 
bewegt werden können, Oberarm und Hüftgelenke hingegen nur 
wenig ergriffen scheinen. Die primitiven Contracturen sind eben- 
falls an der Spitze der Extremitäten , in Knieen und Ellenbogen nur 
wenig und in den obersten Gelenken gar nicht bemerkbar. Auch 
sie betreffen hauptsächlich jene Muskeln, die. bei der Lähmung 
gewöhnlich noch einige Erregbarkeit behalten. Das Gefühl ist , 
wenn es auch Anfangs vermindert war, später intact oder doch 
nur wenig verändert. 

b. Neben den Lähmungen in den Muskeln treten auch all- 
mählig Erschlaffungen der Gelenkbänder ein. An den Knieen 
werden sie bei unvollständiger Lähmung am öftesten bemerkt, in- 



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dem sich dieselben beim Stehen rückwärts , selten auch noch nach 
einer Seite beugen. West beobachtete eine völlige Luxation des 
Oberarms nach unten von Erschlaffung und allmähliger Ausdeh- 
nung der Gelenkbänder in Folge von Lähmung. Bisweilen gehen 
die consecutiven Contracturen diesen Bändererschlaffungen voraus; 
die Contractur nimmt dann in Folge derselben noch mehr zu, und 
die Verunstaltung des Gliedes wird dadurch um so grösser. Oefter 
aber ist gerade die Contractur die Ursache , dass die Bänder all— 
mählig ausgedehnt werden. 

c. Eine Haupterscheinung aber sind diese consecutiven Con- 
tracturen , welche sich bei Andauer der Lähmungen allmählig aus- 
bilden. Sie erscheinen früher oder später, schneller oder lang- 
samer , bald in einzelnen , bald in mehreren Muskeln , und zwar 
gleich den primitiven am öftesten , aber nicht ausschliessend , in 
den Beugemuskeln der Finger und Hände, in den Wadenmuskeln 
und Beugern der Zehen , also in den Muskeln , welche beim täg- 
lichen Gebrauch der Glieder auch die meiste Kraft ausüben müs- 
sen. J. Heine hat davon eine Reihe von Beispielen abgebildet, 
welche uns nicht allein anschaulich machen , dass alle Arten von 
Verkrümmungen bis zu den scheusslichsten Missgestaltungen da- 
durch gebildet werden , sondern dass hier auch die Heilkunst 
Mittel besitzt, um in den anscheinend verzweifeltsten Fällen min- 
destens noch die Missgestalt wesentlich zu verbessern. Sie bil- 
den sich manchmal erst in sehr später Zeit , wo man glaubt, dass 
die bereits gebesserte und einigen Gebrauch der Glieder erlau- 
bende Lähmung bald ganz verschwinden werde. Namentlich sieht 
man unter diesen Umständen noch die Ausbildung von Klumpfüs- 
sen. Dass die Kinderlähmungen weit leichter und in viel höherem 
Grade diese consecutiven Contracturen nach sich ziehen , als die 
Lähmungen Erwachsener, ist stets beobachtet worden und hat 
darin seinen Grund , dass in diesem Alter erst allmählig die Be- 
wegungen gelernt und die Muskeln vorzugsweise in denselben 
geübt werden , mithin auch die halbgelähmten durch diese Uebung 
mehr in Anspruch genommen w r erden. Gewöhnlich lassen sich in 
ihrem Anfang noch die Contracturen ohne Gewalt und Schmerz 
leicht redressiren ; allein mit ihrer Dauer wird dieses schwieriger 
und zuletzt ganz unmöglich. 



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45 

Zu diesen Contracturen gesellen sich auch oft noch Verkrüm- 
mungen derjenigen Theile, die gar nicht bei der Lähmung be- 
theiligt waren. Namentlich treffen diese die Wirbelsäule , obgleich 
ursprünglich die Muskeln des Rückens und Rumpfes überhaupt 
gar nicht gelähmt waren. Diese haben ihren Grund nur in der 
fortgesetzten schiefen Haltung des Körpers, welche von der Läh- 
mung und Contractur der Gliedmasen veranlasst wird. 

Todd (Clinical leclures on paralysis, London 1654) hat bei 
den Gehirnlähmungen über die consecutiven Contracturen eine 
von Adams und Andern gebilligte Ansicht ausgesprochen, der 
wir nicht beipflichten können. Er sagt : « An dem Sitze der ur- 
« sprünglichen Gehirnaflection , bestehe sie einfach in einer weis- 
et sen Erweichung , oder in einem apoplektischen Klumpen , oder 
c< in einer rothen Erweichung mit grösserer oder geringerer Zer- 
« Störung der Gehirnsubstanz , beginnt die Natur einen Vernar- 
« bungsprozess. Bei diesem Versuche schrumpft oder zieht sich 
« die Gehirnsubstanz allmälilig zusammen und erzeugt durch Ein- 
« Wirkung auf die zunächst gelegene gesunde Structur eine ge- 
« ringe und fortgesetzte Reizung, welche auf die Muskeln ein- 
« wirkt und sie allmählig zu Contractionen treibt. » Erwägen wir 
indess alle oben bemerkten Vorgänge bei der Bildung der Con- 
tracturen, ihre grössere Häufigkeit und Bedeutsamkeit bei allen 
Kategorieen der Kinderlähmungen , ihr spätes Auftreten , wo die- 
ser Vernarbungsprozess längst beendigt ist , und nicht mehr einen 
permanenten Reiz bedingen kann, so können wir nicht zweifeln, 
dass sie weitaus am öftesten nur von dert Muskeln ausgehen. 
Werner hat nachgewiesen, dass ein contrahirter Muskel nicht 
von selbst sich wieder ausdehnt, sondern dass die folgende Zu* 
sammenziehung seines Antagonisten diese Ausdehnung bewerk- 
stelligt. Wenn die einzelnen Muskelparthieen eines Gliedes nicht 
gleich stark gelähmt sind , so kommen allmählig diejenigen in 
Contractur, welche noch relativ am stärksten dem Willenseinfluss 
unterworfen sind, und also sich noch in einem gewissen Grade 
zusammenziehen, ohne dass sie von ihren stärker gelähmten An- 
tagonisten wieder ausgedehnt werden. Die Zeit, wie lange der 
zusammengezogene Muskel seine natürliche Dehnbarkeit behält, 



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46 

ist sehr verschieden, und wir sehen darum die anfänglich stets 
vorhandene Leichtigkeit der Zurückfübrung der Contractur in die 
normale Stellung bald früher , bald später sich vermindern. Der 
in der Contractur verbleibende Muskel verliert allmählig durch 
Verkürzung seiner Fasern die Dehnbarkeit , die aber durch Uebung 
der Ausdehnung wieder gewonnen werden kann. Später geht 
aber seine Erregbarkeit auch verloren und seine Structur entartet, 
am öftesten in Fettentartung, wo dann von einer Wiederherstel- 
lung seiner Function nicht mehr die Rede sein kann. 

d. Die Reizempfänglichkeit der motorischen Nerven geht aus 
Mangel der Uebung sowonl in den meist gelähmten ausgedehnten, 
als auch in den contrahirten Muskeln allmählig verloren. Selbst 
in den sensiblen Nerven des gelähmten Gliedes mindert sie sich, 
ohne jedoch ganz zu verschwinden. Wenn sie im Anfang ver- 
mehrt war, was selten der Fall ist, oder vermindert, so kehrt 
sie gewöhnlich erst zur Normalität zurück, bevor man ihre nach- 
herige Verminderung wahrnimmt. 

e. Die Temperatur der gelähmten Theile ist häufig gleich 
nach dem akuten Insult vermindert , und die Haut wird cyanotisch 
wenn nur w r enig niedere Temperaturgrade der Atmosphäre ein- 
wirken. Später bessert sich dieses gewöhnlich in der Weise, dass 
die gleichsam selbstständige Erkaltung aufhört. Allein die ge- 
lähmten Glieder erkalten doch schneller und stärker als die ge- 
sunden , wenn eine niedere Temperatur auf sie wirkt. Man sieht 
Fälle, wo sie keine höhere Temperatur zeigen als die Atmo- 
sphäre. Bei der Heilung der Lähmung tritt dann die Reaction 
gegen äussere Kälte allmählig wieder in ihre natürliche Kraft. 
Bisweilen sind die gelähmten Glieder nach dem akuten Anfall cya- 
notisch und kalt, und wenn die Heilung der Lähmung rasch er- 
folgt , wird ihre Temperatur erhöht. Diess erinnert an die Vor- 
gänge bei Arterienunterbindung, nach welcher sogleich die des 
Blutzuflusses beraubten Theile erkalten , dann aber wärmer als 
gewöhnlich , sogar sehr heiss werden , während der Collateral- 
kreislauf sich wieder herstellt. 

Dass die Nervenerregung überhaupt den grössten Antheil an 
dieser Temperaturveränderung hat , geht aus dem Gesagten her- 



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47 

vor, besonders aber sind die vasomotorischen Nerven dabei be-* 
theiligt. So lange sie noch in gutem Zustand sich befinden, sind 
auch die Temperaturveränderungen der gelähmten Glieder gering. 
Sind sie aber ebenfalls gelähmt, so tritt eben die berührte Bläue 
von der Blutstockung in den Venen ein, und mit ihr auch die 
stärkere Erkaltung. Kehrt die Erregung der vasomotorischen 
Nerven wieder zurück , so geht auch mit der Rückkehr der nor- 
malen Blutcirculation wieder die normale Temperatur hervor, und 
wird selbst manchmal höher, wenn die Blutströmung plötzlich 
wieder erwacht. Noch eine andere Erscheinung beobachtete man 
in einigen Fällen , welche ebenfalls von der Afleclion der vaso- 
motorischen Nerven abhängt. Badham, Heine (6te Beobach- 
tung) und wir (in einem der Kinderlähmung ganz analogen Falle, 
den wir unten noch mittheilen werden) beobachteten bei Paraple- 
gie eine leichte Anschwellung um die Knöchel , die später dann 
wieder mit der Kälte und Bläue der Extremitäten verschwand. 
Es ist diese Anschwellung nicht zu verwechseln eines Theils mit 
den bei den primitiven peripherischen Contracturen vorkommenden 
akuten Rheumatismen , andern Theils mit den atonischen Oedemen, 
welche bei anämischen und kachectischen Individuen sich zeigen, 
wenn sie von Lähmungen oder Contracturen befallen werden. 
CS. oben.) Meines Erachtens ist sie Folge der durch die Läh- 
mung der vasomotorischen Nerven bewirkten Blutstockung in den 
Venen. 

/*. Der Schwund der gelähmten Theile erfolgt bald schneller, 
bald langsamer, und um so stärker, je vollständiger nicht allein 
die Lähmung der Motilität ist, sondern je mehr sie sich ausdehnt 
auf die sensiblen und vasomolorischen Nerven. Er trifft zwar 
gewöhnlich zuerst die Muskeln , dehnt sich aber allmählig auch 
auf alle andern Theile aus, sogar auch auf die Knochen. Bei 
Kinderlähmung wird er augenfälliger noch durch das Zurückbleiben 
der gelähmten Glieder im Wachsthum. Man findet daher bei ihnen 
die Glieder nicht allein sehr viel dünner , sondern auch in der 
Länge etwas verkürzt. 

Offenbar hängt diese Verminderung der Ernährung vom dem 
Mangel der Blutzufuhr zu den gelähmten Theilfcn ab, und die 



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48 

dabei anatomisch gefundene Kleinheit der Arterien und Erweiterung 
der Venen war nur die Folge desselben. Schon die Ruhe der 
Muskeln und die Verminderung der Nervenerregungen trgät 
Einiges zur geringeren Blutzufuhr bei, noch mehr aber wird sie 
von der verminderten Erregung in den Gcfässnerven bedingt. Es 
wird dadurch nicht allein die Kraft der Blutbewegung vom Her- 
zen aus , sondern auch die Attraction desselben von den gelähm- 
ten Theilen her, welche Hodgson weiland sehr bezeichnend den 
Bluthunger nannte , herabgesetzt. Die Kleinheit des Pulses in den 
gelähmten Theilen , die träge Capillarcirculation in der Blässe und 
dem mangelnden Turgor, in dem Blauwerden beim Herabhängen 
der Glieder und dem leichteren Erkalten derselben sich ausspre- 
chend , zeigen dieses deutlich. Als Folge der verminderten Blut- 
bewegung muss man die träge Abstossung und Erneuerung der 
Epidermis , die geringere Absonderung des Schweisses und des 
Talges, das langsamere Wachslhum der Nägel u. s. w. be- 
trachten. 

Eine wesentliche Verschiedenheit dieser bisher besprochenen 
Symptome der Lähmungen , je nachdem sie ursprünglich vom Ge- 
hirn, vom Rückenmark oder von den Nerven ausgingen, findet 
nicht statt , und wir können daher aus den Lähmungen selbst nicht 
mehr ihren Ursprung diagnosticiren. 

B. Der Leichenbefund. 

Wir haben von der Kinderlähmung speciell noch zu wenig 
Leichenöffnungen, und können uns daher nur Wahrscheinlichkeits- 
schlüsse aus Analogie von andern Lähmungen machen. 

Die ursprüngliche centrale Läsion der Nervengebilde werden 
wir grösstenteils gar nicht mehr finden , oder doch so verändert, 
dass die Schlüsse vom jetzigen Thatbestand auf den ursprüng- 
lichen schwer und unsicher werden. Man denke nur z. B. an die 
späteren Residuen von Schlagflüssen und Hydrocepbalus acutus 
und deren Beurtheilung, dann weiter an die mögliche Kleinheit 
der ursprünglichen Läsion bei Kinderlähmung und deren schwie- 
rige Auffindung im Rückenmark und den Nervensträngen , wenn 
sie auch noch vorhanden und zu erkennen wäre , so wird man 



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49 

begreiflich finden , dass man auch von zahlreichen Leichenöffnun- 
gen bei denselben keine Aufklärung von Belang über ihre ur- 
sprüngliche innere Ursache zu erwarten hat. 

Sehen wir ab von der ursprünglichen Läsion , und halten uns 
an die Veränderung in den verschiedenen Theilen der gelähmten 
Glieder, so müssen wir aus allen Thatsachen schliessen , dass 
diese bei allen Nervenlähmungen , also mit Ausnahme der primi- 
tiven Muskelatrophie , die gleichen und stets nur consecutiv sind. 
Die zahlreichen und ebenso genauen , wie mit grösster Sach- 
kenntnis gemachten Untersuchungen von aus verschiedenen Ur- 
sachen gelähmten Gliedern von Cruveilher, Türck, Waller, 
Schiff, Bardeleben, Mettenheimer, Förster etc. führen 
uns zu den gleichen Resultaten und geben dadurch den Beweis, 
dass diese nicht der primitiven Ursache der Lähmung ange- 
hören, sondern nur in Folge derselben entstanden sind. Und 
selbst bei der progressiven atrophischen Muskellähmung können 
wir noch nicht klar sehen, in wie weit die von Cruveilher, 
Aran, Meryon, Duchenne und Andern dabei anatomisch ge- 
fundenen Veränderungen, primitiv oder consecutiv sind. 

Die bis jetzt nachgewiesenen Resultate der Leichenöffnung in 
gelähmten Gliedern betreffen hauptsächlich 

a. Die Nerven. Es wird der gelähmte Nerve zunächst atro- 
phisch; dann zerfallen seine Fasern in dunkle, granulirte Masse 
und Fett, und werden endlich aufgesaugt. Zugleich beginnt die 
Scheide zu schwinden ; sie erhält sich aber doch noch viel länger 
als die Nervenstränge selbst. Man konnte dieses Schwinden und 
Entarten der Nerven von den Muskeln an zurück bis zu den Wur- 
zeln im Rückenmark verfolgen (Cruveilher). Türck fand 
bei Hemiplegieen von Gehirnapoplexie in den Rückenmarkssträn- 
gen und den Nervenwurzeln der entgegengesetzten Seite zuerst 
vereinzelte , dann reichlicher werdende KömchenzeHen , zumal 
oberhalb den Ursprüngen der Nervenplexus für die oberen und 
unteren Extremitäten. Das blose Auge unterscheidet noch nicht 
diese Desorganisation am Markstrang, bis er anfängt gelatinös- 
durchscheinend zu werden , worauf er dann atrophisch wird. 
(Zeitschrift der Wiener- Gesellschaft. 1853. 10 u. 11. S. 286 ff. ) 

4 



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(50 

In den Rttckenmarksganglien bemerk! man ebenfalls mit blossem 
Auge keine Veränderung; allein das Mikroskop zeigt die moto- 
rischen Fasern in denselben entartet. Ebenso auch die Gefäss- 
nerven, wenn diese durchschnitten waren (Schiff)» Sowohl 
bei der Durchschneidung der Nerven (Schiff, Waller u. A.), 
als auch bei der Gehirnlähmung (Türck) und bei der progres- 
siven atrophischen Muskellähmung (Cruveilher) waren diese 
Degeneration und dieser Schwund der Nerven immer die gleichen. 

b. Die gelähmten Muskeln erleiden allmählig analoge Ver- 
änderungen. Sie werden zuerst schlaff, dann dünner und bläs- 
ser, ohne dass man mit dem Mikroskop noch eine Veränderung 
in ihrer Structur wahrnimmt. Später lagern sich . Fettmolekülen 
um und in den Ouerstreifenj^_wobei diese zugleich zerfallen 
und allmählig versclnv^w^ ® aAd j^tjmt aber auch die Fett- 
ablagerung zwischeiy^w^ängsfasern und^uhdiese selbst, so dass 
sie auch verfallen Äirfd en<Jj[ipk ^ufgesaugt^brden. Wenn Me- 
r y o n behauptet , dL||diess nur bei der progressiven atrophischen 
Muskellähmung der P^jl sei , Iret'tten Werv^iilähmungen hingegen 
nur die Entartung und zw^i&irag: der ßtferstreifen stattfinde , so 
scheint er durch die verschiedene Zeit der Untersuchung der ein- 
zelnen Fälle dazu veranlasst worden zu sein. Bardeleben, 
Mettenheimer, Förster etc. haben gezeigt, dass diese pro- 
gressive Veränderung in den Muskeln allen Lähmungen eigen ist. 
Sie kommt primitiv und in stärkerem Grade bei der progressiven 
atrophischen Muskellähmung , consecutiv und in späterer Zeit bei 
den Nervenlähmungen. 

c. .Der Schwund und gehemmte Wachsthitm der gelähmten 
Glieder im Ganzen ist analog und geht parallel mit den Verände- 
rungen in den Nerven und in den Muskeln» 

Es versteht sich von selbst , dass nur die vollständige Läh- 
mung die obigen Resultate gibt , während sie nur theilweise vor- 
handen sind und auf niedriger Stufe stehen bleiben bei der un- 
vollständigen. 

(Fortsetzung folgt.) 



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51 



Ein Fall voft diphtherischer Entzündung der Mandeln 
und sftiumtlicher Luftwege. 

(Hieiu eine AMMang *). 

Der nachfolgende Fall von Diphtheritis aller Athmungswege , 
welchen Herr Dr. Im ob erste 7 in Kirchlindach (Bern) die Güte 
hatte uns mitzutheilen , bietet so mannigfaches Interesse dar, dass 
wir ihn gerne einem grösseren Leserkreise durch unveränderte Auf- 
nahme der Krankengeschichte zugänglich machen. 

Anna Maria Zwygart, 16 Jahre alt,, noch nicht menstrairt , 
Waise aus einer armen Familie , deren Vater an Phthisis pulmonal« 
gestorben , selbst torpid-scrophulös , für sein Alter körperlich und gei- 
stig unentwickelt, wurde am 25. März 1857 von Halsweh, Schling- 
beschwerden und trockenem Husten mit Heiserkeit befallen. Die Hei- 
serkeit steigerte sich in den nichsten darauf folgenden Tagen zu voll- 
ständiger Stimmlosigkeit , während der Husten an Häufigkeit nachliess , 
aber immer trocken blieb. Da das Gern einge fühl in geringem Grade er- 
griffen war und die Fieberzufälle massig blieben, so verrichtete das 
Mädchen seine Geschäfte in gewohnter Weise , ohne sich weiter um 
seine Localschmerzen zn bekümmern. Als indess die Krankheitserschei- 
nungen diesem Verfahren nicht weichen wollten , so wurde das Mäd- 
chen am 2. März , also sieben Tage nach dem Auftreten der ersten 
Symptome , zu mir geschickt. 

Das livid - aufgedunsene Aussehen der Patientin , sowie die voll- 
ständige Aphonie , veranlassten mich zu einer näheren Untersuchung , 
welche Folgendes ergab : Puls 100 in der Minute , klein , härtlich ; 
Haut von normaler Temperatur, trocken; Zunge dick belegt; Appetit 
vermindert , aber nicht gänzlich mangelnd ; Stahlgang seit mehreren 
Tagen angehalten. 

Bei der Inspection des Rachens zeigten sich sämmtliche Wefch- 
theile des Schlundes blauroth , geschwollen ; die Mandeln ragten vor , 
und auf der linken Seite befand sich eine kleine , gelbüeh-weisse 
Platsche mit hochrothem , erhabenem Umrandungssaum , welcher bei der 
Berührung mit dem Spatel zu bluten anfing. Schmerzen beim Schlingen, 
Empfindlichkeit beim Drucke äusserlich in der Gegend der Unterkiefer- 
winkel. Die Kehlkopfgegend zeigte sich bei tieferem Drucke etwas 
schmerzhaft. Respiration lang gezogen, hörbar rauh; mühsame Inspi- 
ration. Beim Aufsetzen des Stethoscopes auf die Vorderseite des Hal- 
ses konnte ausser diesen Abnormitäten durchaus nichts Krankhaftes, 
namentlich kein pfeifendes Geräusch , entdeckt werden. Die Percussion 



*) Die betreffende Tafel wird mit dem Marzhtfte näehsthiu ausgegeben 
werden. Anm. d. Kedact. 



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8* 

der Brust ergab hochsonoren Ton in der ganzen Ausdehnung; die Aus- 
cultalion wie/» an manchen Sielten , namentlich nach hinten und unten, 
trockene Geräusche nach. 

Die Beobachtung der Athmungsfunction im Ganzen führte mich zu 
dem Schlüsse, dass hier ein Missverhältniss zwischen den Anstrengun- 
gen der Respirationsmuskeln und der wirklieben Ein - und Austritts- 
masse von Athmungsluft bestehe. Die Inspection , Percussion und Aus- 
kultation , das hochgradige Heben der Thoraxwände , die mühsamen In- 
spirationen und unvollständigen Exspirationen stellten mir die Symptom« 
des Emphysema pulmonum alter Leute dar: was* aber hier dieses Bild er- 
zeuge, was die offenbar ausgedehnte Beeinträchtigung der Lumina der 
Luftwege bewirke, war mir bei der verhältnissmässig schnellen Aus- 
bildung des Leidens und bei dem Mangel auffallend entzündlicher Reac- 
tionssymptome nicht ganz klar. 

Die physicalische Untersuchung des Herzens förderte keine orga- 
nischen Abnormitäten dieses Theiles zu Tage. Herztöne rein , Herz- 
schlag matt. 

Trotz der lividen Gedunsenheit der Gesichtetheile , der thränenden 
Augen , der schwellenden Schlafenvenen wollte das Mädchen von Kopf- 
weh oder Druck im Kopfe nichts wissen. 

Ich verordnete Kalomel mit Sulfur. aurat. , äusserlich Einreibun- 
gen von grauer Salbe und Auflegen von Kataplasmen auf die Vorder- 
seite des Halses ; dazu eine Solution von Crem. tart. als Getränke \ — 
Fieberdiät. 

Bei einem Besuche des folgenden Tages iaud ich das Mädchen in 
der Küche bei seiner Arbeit. Die anginösen Beschwerden hatten sich 
etwas vermindert. Während der Bettruhe in der vorhergehenden Nacht 
war Schweiss eingetreten. Die Respirationsbeschwerden , die Aphonie 
und der Husten waren sich gleich geblieben. Der Urin sedimentirte. 
Der Stuhlgang war mehrmals erfolgt. Puls in der Frequenz gleicfi wie 
gestern, etwas voller; Hauttemperatur höher. 

Ich prakticirte das Mädchen ins Bett und Hess die bisherige Medi- 
cation mit Ausnahme der Sohlt, aus Crem. tart. fortsetzen. 

Abends des nämlichen Tages steigerten sich die Athmungsbeschwer- 
den in hohem Maase. Die Respiration wurde von Stunde an gleich- 
mäasig mühsamer; keine ausgeprägten Paroxysmen von Angst, aber 
anhaltende Orthopnö. Husten selten, klanglos.- Das Gesicht sehr livid, 
Angstsch weiss , Hände und Füsse kühl, Rumpf massig temperirt, tro- 
cken. Die Auscultation der Brust wiess äusserst geringen Lufteintritt 
bei hochgradigem Heben der Thoraxwände nach. Trockene und feuchte 
Schleimgeräusche in den Bronchien ; stürmische Herzaction ; kleiner , 
sehr schneller Puls. 

Ich verordnete ein Brechmittel aus den gewöhnlichen Ingredienzien. 
Unter grosser Anstrengung brach das Mädchen die Fig. 1 abge- 
bildete Membran aus , worauf unter bedeutender Erleichterung aller 
Krankheitssymptome die Patientin den übrigen Theil der Nacht in ziem- 
lich ruhigem Schlafe verblieb. 



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53 

Es, wurde nun wieder Kalomel mit Sutfur. aurat. gereicht, die 
Einreibungen von Ung. einer, mit Kataplasmen fortgesetzt und auf die 
Brust .ein grosses Blasenpflaster gelegt. 

Folgenden Morgens steigerten sich die Respirationsbeschwerden 
mit den übrigen damit zusammenhängenden Krankheitssymptomen neuer- 
dings in sehr hohem Grade, und zwar, wie am vorhergehenden Abend, 
in gleichförmig fortschreitender Weise. Ich verordnete ein Brechmittel 
aus Cupr. sulfur. (10 Gr. auf giij Aq. viertelstündlich 1 Esslöffel voll). 
Es war aber, nicht mehr möglich Erbrechen zu bewirken. Unter zu- 
nehmenden Symptomen, von Adynamie durch gehemmten Respirations- 
prozess verschied , trotz angewendeter Chloroforminbalationen , Essig« 
klystieren , Ableitungen durch Senfteige , das Mädchen nach ein paar 
Stunden. 

Autopsie. Die 30 Stunden nach dem Tode vorgenommene Section 
ergab folgende Data : Die venöse Stase in den Gesichts- und Hals- 
parthien hatte stellenweise ausgebreitete blaue Flecken erzeugt. Im 
Uebrigen bot die Leiche nichts Abnormes dar. 

Es wurde nun der Kehlkopf sammt der Luftröhre lospraparirt und 
mit den Lungen in der Totalität herausgehoben. Hiebei zeigten sich 
die Venen des Unterhautzellgewebes an der Vorderseile des Halses von 
dunkelm Blute strotzend angefüllt; die hypertrophische Schilddrüse 
ebenfalls sehr blutreich. 

Nach Eröffnung, des Kehlkopfes und der Trachea von der. pars 
posterior aus zeigte, sieh . die Innenfläche dieser T heile vollständig mit 
einem weissgelbiichen Exsudate überzogen , so dasa. von der Schleim- 
haut gar nichts siehtbar war. Die Oberfläche des Exsudates stellte sich 
stellenwebe höckerig , granulirt dar , . stellenweise ganz glatt und gleiche 
förmig; im Uebrigen consistent, so dass selbst. durch Abwischen der 
darauf folgenden schleimig-trüben Feuchtigkeit ihr. Aussehen nicht ver- 
ändert wurde. In der Nachbarschaft der Stimmbänder fanden sich ein* 
zelne unregelmässige , geschwürige Stellen. Die Ligamenta vocalia 
super, et infer. waren von der Ausschwitzungsmasse vollständig über- 
zogen, und stellten sich als zwei gegenüberstehende warzenförmige 
Hervorragungen dar. Zwischen ihnen blieb eine kaum Unienbreite Oeff- 
nung für die Stimmritze. 

Das Exsudat reichte nach oben über die Epiglottis bis auf die 
Mandeln , welche letztere nun von einer zusammenhängenden Schichte 
überzogen waren ; die übrigen Parthien des Schlundes, sowie der oberste 
Theil des Oesophagus waren von der Ablagerung frei geblieben. Nach 
unten reichte das Exsudat über die Theilungss teile der Trachea in die 
Bronchi, und Hess sich bis in die Bronchien vierter und fünfter Ord- 
nung als zusammenhangende Membran verfolgen. Einzelne kleinere Bron- 
chien waren von der Ausschwitzungsmasse ganz verstopft , und stellten 
sieb auf dem Querschnitt als weisse Punkte dar. Die feinsten Bron- 
cbialverzweigungen waren von trübem Schleim angefüllt; das Lungen- 
gewebe zeigte sich mit Blut überfüllt, ohne locale Entzündung. 

Bei der nähern Untersuchung des Exsudates und der subjacenten 



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u 

Schleimbaut im Kehlkopfe und der Trachea fand ich Folgendes : Mit 
dem Scalpellhefte üesBen sieh einzelne membranförmige Fetzen ton circa 
*/ 4 Linie Dicke und mehreren Linien Breite und Länge abstossen. An 
den diesen Abschürfungen entsprechenden Stellen zeigte sich , darunter- 
liegend, ein anderes Produkt in Form einer dünnen, mit der Schleim- 
haut verschmolzenen Schichte. Nach dem Abschaben derselben stellte 
sich die Mucosa angefressen und aufgelockert dar. Dass das Gewebe 
der Schleimhaut mit als Ablagerungsheerd gedient hatte, liess sich bei 
dem frischen Präparat am deutlichsten in der Umgebung der Stimmbinder 
nachweisen , wo der Krankheitsprozess selbst schon einzelne offen in 
Tage Hegende Geschwüre erzeugt hatte. 

Die Ausschwitzung zeigte sich am reichlichsten im Kehlkopfe , und 
nach einem Schnitte durch die Vorderwand der Cartilago thyreoid. 
stellte sich das pathische Produkt als eine */? Linie dicke Schichte dar. 
Nach Entfernung der Exsudatmasse auf den Stimmbändern liess sich aas 
jedem Veniricutum Morgagni ein erbsengrosser fester Pfropf heraus-* 
ziehen. Die darunter liegende Schleimhaut war auch hier gesebwürtg 
angefressen. Die oberen und unteren Stimmbänder waren verdickt, rigid 
und sichtlich entartet. 

Die circa 12 Stunden vor dem Tode ausgebrochen* Membran, 
Fig. 1 , zeigte in frischem Znstande folgende Charaktere : Ihre Länge 
und Breite kam derjenigen in der Zeichnung gleich; ihre Dicke betrug 
4/4 bis stellenweise */* Linie. Die den tieferen Bronchial Verzweigungen 
entsprechenden Parthien (a a Fig. 1) zeigten kein oder ein nur äusserst fei- 
nes Lumen. Die äussere Oberfläche der Membran war gleichförmig glatt 
und bot das Bild eines deutlichen Geftssnetzes dar ; die Innenfläche hatte 
ein schwach grannlirtes Aussehen. Das obere Ende der Membran reichte 
nach der Messung bis zur Wurzel der Spigfottis ; die untersten Ver- 
zweigungen reichten , wie die Zeichnung nachweiset, bis in die Bron- 
chialäste vierter und fünfter Ordnung. 

Wir haben schon früher (Jahrg. 1857, Seite 289) ein Bei- 
spiel von Expectoration solcher polypöser Massen bei einem Er- 
wachsenen gegeben, und dabei auf die verschiedene Art hin- 
gewiesen, in welcher sich der Exsudationsprozess auf der Schleim- 
hautfläche ausbreitet. In jenem Falle bildete sich die Pseudo- 
membran wiederholt in den grösseren Bronchien , ohne den Kehl* 
köpf zu erreichen, während in dem soeben mitgetheilten Falle 
von Im ob erst eg ein Hinabsteigen des Prozesses von den Man- 
deln und dem Kehlkopf aus in die Bronchien nicht zweifelhaft 
scheint. 

Das ganze Krankheitsbild in diesem Falle nähert sich übri- 
gens demjenigen der polypösen Bronchitis der Erwachsenen. Ob- 
gleich die Patientin für ihr Alter noch unentwickelt war, ao zei- 



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55: 

gen doch schon die Symptome im Leben , dass die Stimmritze ein 
grösseres Lumen als beim Kinde darbot : das in Bezug zur Dicke 
und Ausdehnung der Pseudomembran geringe Athmungshinderniss 
vor der Expectoration derselben und die Fähigkeit, eine Membran 
von solcher Grösse und Dicke in toto durch die Stimmritze aus- 
zustossen, sprechen dafür. 

Die Beschaffenheit der Pseudomembran bietet deutlich eine 
schichtenweise Ablagerung des Exsudates dar : Unsere Abbildung 
Fig. 2 zeigt unter a, b und c die drei unterschiedenen Schichten 
derselben , von welchen die tiefste mit dem Gewebe der Schleim- 
haut selbst verschmolzen erschien. J. A. Albers in Bremen er- 
klärt daher (in seiner Uebersetzung von Royer-Collard's Ab- 
handlung ober den Croup , Hannover 1814 , S. 62) mit Unrecht 
eine gleiche Angabe von Wallich für falsch. Ebenso muss man 
den Ausspruch C anstatt 's: «Je mehr man sich den Bronchial- 
endigungen nähert, desto mehr zerfliegst das Exsudat, und wir 
müssen uns über des viel erfahrenen , hier aber mit allen andern 
Beobachtern in Widerspruch stehenden Rokitansky Behauptung 
wundern, dass über die grösseren Bronchien hinaus in der fei- 
neren Bronchialverästelung das Exsudat zu soliden Cylindern wer- 
den soll» (Handbuch der mediz. Klinik, Erlangen 1843, Bd. III. 
ß. 489), nach obiger Beobachtung entschieden zurückweisen. 
Dass die volle Ausbitdung der Pseudomembran zu soliden Cylin- 
dern bis in alle feinsten Bronchialäste nicht stattfinden kann, be- 
greift sich von selbst , da schon mit einer so ausgedehnten Ab- 
lagerung plastischen Schleimes der asphyktische Tod erfolgt, bevor 
noch die Erhärtung zu einer Membran möglich ist. 

Sehr bemerkenswert]! ist noch in dem mitgeteilten Falle die 
rapide Wiederbildung der Pseudomembran in einer Nacht , und 
zwar in schichtenweisen Ausschüben. Es gibt uns diess von 
Neuem den wichtigen praktischen Wink , nach der Expulsion der 
Pseudomembran sich nicht trügerischen Hoffnungen hinzugeben, 
und unverweilt die entsprechende Medication einzuleiten. Je aus- 
gedehnter und allsgebildeter die ausgeworfene Pseudomembran 
ist, um so mehr ist der Schlüss erlaubt, dass die unfehlbar nach- 
folgende Exsudativ der Schleimhaut wieder plastisch Erhärtet % 



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56 

und nicht sogleich den einfach katarrhalischen Charakter annimmt. 
Von jeher betrachtete man die langsam sich entwickelnden For- 
men des Croup, welche man hauptsächlich für Trachealcroup 
hielt , als die insidiosesten , da hier , gewöhnlich von einer lym- 
phatischen Constitution unterstützt, die Exsudation in grösserer 
Ausdehnnng , Dicke und Festigkeit sich auszubilden Zeit findet , 
und nach scheinbar gelindem Verlaufe der Tod entweder durch 
Verengerung des Larynx oder durch Verstopfung der Bronchien 
eintritt. Es sind diess auch die Fälle, welche für die Tracheo- 
tomie die gefährlichsten sind. A. V. 

Erklärung der Abbildung : 

Fig. 1. Die in Weingeist aufbewahrte Pseudomembran , welche in der 
Nacht vor dem Tode ausgeworfen wurde. 

aa. Verästelung der Membran in den Bronchialästen vierter und 
fünfter Ordnung. 

bb. Auskleidung des Kehlkopfs. 

c. Der in der Trachea nach vorne offenstehende Halbkanal der 
Pseudomembran geht hier Über der Bifurcationsstelle der Tra- 
chea in vollständige Röhrenform und bei aa in solide Cylinder 
Ober. 
Fig. 2. Der von hinten geöffnete Kehlkopf aus der Leiche. 

a, b und c die drei deutlich erkennbaren Exsudatschichten. 

dd. zwei geschwürige Stellen in der Schleimhaut. 

e. künstlicher Einschnitt , um die Dicke der Exsadatschicht in 
zeigen. 

f. Ventric. Morgagni nach Herausnahme des Pfropfes. 



Abs der Literatur. 



Amidta Latours Behandlungsmethode der Lungentuber- 
kulose. 

(Schluss.) 

Ich weiss wohl, dass die Thatsachen und Ansichten , welche 
ich erwähnt habe, durch die unerbittliche Statistik von J. Ro- 
chard bestritten und bekämpft werden. Ich sehe aber auch» 



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5T 

dass meine Scblussätze über den Punkt sich nicht viel von den- 
jenigen meines ehrenwerthen Collegen entfernen ; allein ich trage 
mehr als er jenen Thatsachen der Tradition und der Beobachtung 
Rechnung, und ich glaube nicht, dass seine Abhandlung das letzte 
Wort über diese interessante Frage gesprochen habe. 

Mineralwasser. Ich komme hiemit zum kitzlichsten und dun- 
kelsten Punkte , zugleich aber dem wichtigsten in der Therapie 
der Lungenschwindsucht. 

Es ist zu bedauern, dass die Aerzte, welche bei Mineral* 
quellen prakticiren , die im Rufe stehen , die Phthisis zu heilen , 
nicht die Resultate ihrer Praxis veröffentlicht, und die Heilkunst 
und Wissenschaft mit einer wahrhaft wissenschaftlichen Arbeit 
über die Indicationen beim Gebrauch von Wasserkuren in der Be- 
handlung jener fürchterlichen Krankheit bereichert haben. 

Ebenso ist es beklagenswert, dass diese gleichen Aerzte, 
welche wissen, oder, wenn sie etwas taugen wollen, wissen 
sollen , welches die wahren Indicationen dieser oder jener Quel- 
len sind, sich in mysteriöses Dunkel hüllen, und ihre Collegen, 
im Angesichte dieser pathologischen Sphynx, nur zu oft als Lie- 
feranten von Schlachtopfern sich dienen lassen. 

Ich bin für mich , gestüzt auf eine grosse Anzahl von That- 
sachen ,' innig überzeugt , dass der irrationelle Gebrauch von Mi- 
neralwassern den Yerlauf und den traurigen Ausgang der Lungen- 
schwindsucht beschleunigt. Die Anwendung der Mineralquellen 
ist ja nur ein therapeutischer Gemeinptatz , und wird doch von 
den meisten Aerzten als eine wirklich ernsthafte Errungenschaft 
unseres Wissens empfohlen. Ich appellire aber an ihr Gewissen 
und bitte sie zu sagen , ob sie wissen und gestüzt auf welche 
Thatsachen der Beobachtung sie wissen : 

Welches die Quellen sind , deren Anwendung den günstig- 
sten Einfluss auf die Heilung der Phthisis ausübt; 

In welchem Stadium der Phthisis sie sich günstig erwiesen 
haben ; 

Bei welchen Formen der Phthisis sie von Erfolg waren; 

Wie lange jene günstige Einwirkung fortgedauert habe. 

Ich für mein Theil erkläre , dass ich von Alledem nicht das 



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erste Wort kenne , und dass mein Geist in de* peinlichsten Un- 
gewißheit schwebt , wenn ich Aerzte , weiche ich achte und ehre, 
hier warme Quellen, dort kaltes Wasser, bald Schwefel-, bald 
Salz«, bald Gas-, bald Brom-, bald Jod-, bald Arsenikquel- 
len empfehlen und rühmen sehe, während Alle von der Quelle 
ihrer Vorliebe das pompöseste Lob singen. 

Wo ist die Wahrheit von dem Allem ? 

Ohne Zweifel überall ein wenig, aber gerade- neben dem 
Irrthum , von welchem man sie fern sollte halten können. , 

Es ist wahrscheinlich , dass Erfolg oder Nichterfolg bei der 
Anwendung der Mineralwasser von der Verschiedenheit der For- 
men der Krankheit abhängt. Von der gleichen Ursache kommt 
die Verschiedenheit der Resultate, welche man bei der Behandlung der 
Phthisis mit andern viel gebräuchlichen Heilmitteln erlangt hat. 

Die Lungenschwindsucht, welche nur der Inbegriff verschie- 
dener pathologischer Erscheinungen ist , bietet dem Therapeutiker 
zwei wichtige und wohl zu beachtende Punkte dar , ohne deren 
Berücksichtigung sich die Behandlung auf unfruchtbare Und ge- 
fährliche Wege verirrt : nämlich auf der einen Seite das locale , 
anatomische Element der Krankheit , der Tuberkel ; und auf der 
andern Seite das allgemeine, diabetische Element, welches jenen 
erzeugt , und in seinem Wechsel und Complicitat der Krankheit 
ihre ganze symptomatische Erscheinung , ihren langsamen oder 
rasdien Verlauf, ihre grössere oder geringere Einwirkung auf 
(tief ganze Oekonomie verleiht, und welches daher noch nicht 
immer notwendigerweise zum Tode führt. 

Die aken Aerzte, welche sich weniger um den localen Zu- 
stand bekümmerten als wir , die wir durch die Entdeckung der 
Auscultation alle Phasen desselben verfolgen können, nehmen 
zahlreiche Formen der Phthisis an, freilich zu zahlreiche, welche 
nicht alle begründet sind ; aber haben wir uns nicht zu weit vom 
wahren Zwecke entfernt , indem wir unsere ganze Aufmerksam- 
keit auf jene locale Verhältnisse concentrirten , und zu wenig den 
augenscheinlichen Veränderungen Rechnung trugen, welche die 
allgemeine Diathese jenen aufdrückt? 

Der Tuberkel, eine Art Fremdkörper, welchen das Blut in 



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&9 

den Lungen ablagert, verhält sich in diesen sehr verschieden, je 
nach dem allgemeinen Zustande der Oeconomie. Er ist ein Sa- 
menkorn , welches je nach dem Boden , auf dem es lagert , und 
den Mediis , welche es umgeben , alle seine Entlvicklungsphasen 
durchläuft ! Sieht man nicht hier die Tuberkulisation mit erschre- 
ckender Schnelligkeit fortschreiten und dort mit unberechenbarer 
Langsamkeit ? Gibt es nicht Tuberkel , welche sozusagen nie auf- 
keimen , und welche , einmal in der Lunge abgelagert , gar keinen 
bemerkbaren Reflex auf das Allgemeinbefinden ausüben? 

Was bewirkt diese Verschiedenheiten , wenn es nicht die 
Constitution , der Allgemeinzustand , die Diathese ist ? Und wie 
sollten wir nun annehmen, dass ein so wirksames, allgemeine* 
Umstimmungsmittet , wie die Mineralwasser, immer in gleicher 
Weise auf ein Allgemeinleiden von so verschiedenem Auftreten 
einwirke ? 

In der Theorie glaube ich nicht daran , und in der Praxis 
habe ich den Beweis vom Gegentheil. Jeder möge sagen, was er in 
dieser Beziehung gesehen hat, und dann wird es vielleicht Licht 
werden : was mich anbelangt, so habe ich Folgendes beobachtet : 

Der Phthisiker, dessen Tuberkel noch im Zustande der Cru- 
ditat sind, welcher aber viel hustet, schnell abmagert, anhaltend 
mit abendlichen Exacerbationen schwach fiebert ; mit einem Worte, 
dessen Krankheit die inflammatorische Form Verschiedenen 
Grades darbietet, dieser Phthisiker zieht keinen Vorthei! aus einen* 
Badeanf enthalte , sei es bei Schwefel- , Salz- oder irgend welchen 
Quellen, deren Anwendung im Gegentheile nur eine neue Auf- 
regung erweckt , welche dem Verlaufe der Krankheit mehr Acti- 
vitftt und Räpiditfit verleiht. 

Uebrigens habe ich einige Ausnahmen von dieser ziemlich allge- 
meinen Erfahrung gesehen, und die Kranken, welche dieselben dar««- 
boten, hatten ihre Kur an einer kalten Schwefelquelle gemacht. 

Bei dieser Form der Krankheit habe ich auch keine Besse- 
rung vom Gebrauch des Leberthranes eintreten sehen , der so all- 
gemein , freilich aber auch bisweilen irrationell , angewendet wird : 
hier ist er mehr schädlich als nützlich; und das ist begreiflich 
denn das Oel ist ein Respirationsmittel par exctlhnce, es ver*- 



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«0 

brennt in der Lunge; es ist im eigentlichen Sinne des Wortes 
Oel, das man ins Feuer . schüttet. 

Wenn man unter diesen leider so häufigen -Bedingungen auf 
einem Punkte des Erdballs ein wahrhaft antiphlogistisches 
Mineralwasser kennt, so schicke man seine Patienten dort hin. 
Ich kenne kein solches , und bin furchtsam bei Anwendung der 
Mineralwasser. Ich verordne solchen Kranken die durch Koch« 
salz raineralisirte Ziegenmilch in kleinen Dosen, bisweilen blos 
Molken, wenn das entzündliche Element vorwaltet, und bin mir 
dabei bewusst und die Resultate beweisen es mir, dass ich so 
rationellere Indicationen erfülle. Ich glaube damit in einer dop-p 
pelten Richtung ein zweifaches Ziel zu erreichen : das locale Ele- 
ment durch die Milchdiät zu beruhigen und zu beschwichtigen, 
und die allgemeine Diathese durch Chlornatrium anzugreifen. 

Der Phthisiker, dessen Krankheit langsamer, ohne unmittel- 
bar auf die Constitution bedeutend einzuwirken, verlauft, aber 
endlich doch bei ihrem langsamen und ununterbrochenen Gange 
die Oeconomie ernstlich beeinträchtigt, wenn sie nicht aufgehal- 
ten wird, jener Phthisiker, sage ich, erfährt bisweilen eine gün- 
stige Umstimmung durch den Gebrauch der Mineralwasser und 
hauptsächlich der Schwefelquellen. 

Nach meiner Erfahrung bieten sich hier zwei Fälle dar: 
Entweder versetzt di$ durch das Mineralwasser erzeugte Exci- 
tation der ganzen Oeconomie einen Peitschenhieb und gibt der 
Phthisis neue Activität, das Fieber erwacht, eine entzündliche 
Beaction tritt ein, die Tuberkel erweichen v und wenn glücklicher- 
weise nur ein kleiner Theil der Lunge tuberkulisirt ist und die 
Diathese schlummert, oder ein geeignetes Verfahren die neuen 
Ausschübe modificirt oder aufhebt, so können die kleinen ent- 
leerten Cavernen vernarben, die Allgemeinerscheinungen schwä- 
cher werden und erlöschen, und ein befriedigender Zustand rela- 
tiver Genesung dem Gewitter folgen. — Oder die Tuberkulisation 
hat einen beträchtlichen Theil der Lungen ergriffen und das her- 
einbrechende Gewitter kann nicht bemeistert werden; die tuber- 
kulöse Schmelzung kommt mit ihrem traurigen Gefolge , ihren un- 
erbittlichen Symptomen , und der Kranke , welcher vielleicht noch 



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61 

mehrere Jahre gelebt halte , unterliegt vorzeitig der hydropathischen 
Excitation. 

Bei dieser Form der Phthisis wirft man also mit der Anwen- 
dung der Mineralwässer der Natur den Handschuh hin ; der Arzt 
fordert sie heraus; er wird als Sieger oder Besiegter aus dem 
Kampfe hervorgehen, je nachdem er mit Vorsicht die Ausdehnung 
der localen Läsion und die Widerstandskräfte der Constitution in 
Betracht gezogen hat. 

Allein zu Gunsten der Mineralwasser spricht eine alte und 
weit verbreitete Tradition, eine so allgemeine Praxis, dass ich, 
der ich die Tradition nicht verachte und den Brauch, selbst den 
empirischen, nicht verschmähe, mir fast Vorwürfe mache, mit so 
viel Freiheit meine persönlichen Eindrücke wiedergegeben zu haben. 
Rechnet man die Uebertreibungen , die Irrthümer der Diagnose und 
die materiellen Interessen ab , so muss doch notwendigerweise 
noch etwas Wahres und Berechtigtes im Grunde dieser Tradition und 
dieses Brauches liegen. Hoffen wir, dass diese heutzutage noch 
dunkle therapeutische Frage eines Tages mit hellerem Lichte über 
dem Horizont der Praxis glänze, gleich den Nebelflecken am 
Himmel, von denen die Astronomen versichern, dass sie allmählig 
in den Zustand mehr oder weniger leuchtender Fixsterne über- 
gehen. 

Wenn es mir bei diesem Halbdunkel in der Wissenschaft in 
Betreff der Anwendung von Heilquellen in der Phthisis erlaubt ist, 
eine Meinung auszusprechen, so ist es die, dass dieselben eher 
eine präventive, als eine kurative Einwirkung auf die Schwind- 
sucht ausüben, dass sie vorzüglich dem Stadium der drohenden 
Krankheit, oder höchstens deren ersten, leichten Manifestationen 
ohne ernstere Rückwirkung auf den Organismus entsprechen, nicht 
aber der ausgesprochenen Phthisis mit febriler Reaction , auf welche 
sie einen schnell tödtlichen Einfluss zu bewirken scheinen. Ich 
stimme hierin überein mit einer grossen Zahl von Aerzten, und 
insbesondere mit Herrn Dr. Darr aide, Badearzt zu Eaux~Bonnes 9 
welches heutzutage in Frankreich die für Brustkranke gerühmte- 
sten und besuchtesten Quellen besitzt. 

Die Quellen von Eaux - Bonne* — ich spreche Mos yon d$r 



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Quelle «FteiZ/e», welche allein getrunken wird — gehören zu den 
salzigen Schwefelquellen. Ihr Schwefelgehalt ist verhältnissmässig 
achwach. (Schwefelnatrium 0^,0214 auf 1 Liter): ihr Salzgehalt 
dagegen bedeutend (Chlornatrium 0* r ,2211 auf 1 Liter). Ver- 
danken sie ihrem Schwefel- oder ihrem Salzgehalte ihre Wirk- 
samkeit auf die Respirationsorgane ? Ich weiss es nicht, und kann 
nur bemerken, dass der Schwefel in denselben dermasen mit dem 
Chlornatrium verbunden ist , dass es sehr schwierig ist , dem einen 
oder dem andern Prinzip seinen Antheil in dem therapeutischen 
Resultate auszuscheiden. Dasselbe gilt von ähnlichen Quellen, wie 
Mpnt-Dore, Saint - Honore , Amelü-les-Bains , Le Vernet, Caute- 
rets, Saint-Sauveur t Allecard , etc. 

Seit einigen Jahren haben die Soolquellen, besonders die- 
jenigen des Herzogthums Nassau, einen ausserordentlichen Ruf 
in Deutschland erlangt, wie z. B. Soden, welches in den letzten 
Jahren besonders von Phthisikern im ersten Stadium der Krank- 
heit, von Schwindsuchtskandidaten und Scrophulosen überfüllt war. 
Soden enthält in seinen verschiedenen Quellen 17 bis 114 Gran 
Chlornatrium auf 16 Unzen Wasser. 

Ich scbliesse hiemit meine Arbeit , die nur eine Art Programm 
ist von einer ausgedehnteren Schrift, welche ich zum Drucke vor- 
bereite; ich werde mein Möglichstes thun, um dieselbe weniger 
unwürdig des Publikums , als diese einfache Note , erscheinen zu' 
lassen. (Union rnidic. 1856.) 



Kritik. 



Die Rettung der Cretinen, von dem geh. Medicinalrath Dr. A. 
Froriep (mit iazdie» langem Personaititei). Zum Besten der Anstalt auf 
dem Ab^ndberge. Bern 1857, bei C. Wüterich-Gaudard. 

Bei Durchlesung des obigen Schriftchens begrüsdten wir lauter 
alte Bekannte, die uns schon öfter begegnet waren. Wort für 
Wort fanden wir aus Guggenbühls Schriften entnommen. Wir 
glaubten erst, Froriep habe sich nur GuggenbübTs Schablone 
entlehnt, mit welcher derselbe seine Schriften verfasst; bei ge- 



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flauerem Nachsehen finden wir aber Alles, isogar ohne Varianten, 
.abgeschrieben. Ist denn das Thema des Cretinismus so versandet, 
dass für die Wissenschaft gar kein neues Goldkorn herauszuwaschen 
wäre ? 

Dass das Schriflchen Froriep's Namen trägt, ist eine Concession 
GuggenbühTs an den öffentlichen Anstand. Wir fanden diesen in Gug- 
genbühl's Schriften vielfach dadurch verletzt» dass dieselben mit 
der unbegreiflichsten Selbstgefälligkeit überall den Panegyrikus ihres 
Verfassers bringen. Herr Guggenbühl steht darin beständig vor 
dem Spiegel und bekomplimentirt sich. Mit richtigem Takte hat 
daher auch Frortep jene widrigen Selbstberäucherungen grössten- 
teils ausgelassen, wodurch die Sache und ihr Gewand gewinnt 

Nach einer kurzen historischen Einleitung über die Entstehung 
der Anstalt auf dem Abendberge, die Ausbreitung des Cretinismus 
und der zu ergreifenden Masregeln gegen denselben , gibt er 
Guggenbühl's Ansicht über die Nichtidentität von Cretinismus und 
Idiotie wieder, Nach dieser Ansicht gehören zum Begriffe des 
Cretinismus wesentlich zwei Elemente : ä) die Geistesschwäche, 
und 6) körperliche Anomalien. Die Idiotie soll sich hingegen durch 
den Mangel einer krankhaften Körperbeschaffenheit charakterisiren. 
Wir finden in dieser Ausschliessung beider Krankheiten ein ganz 
willkürliches Princip. Ist denn die Idiotie nur eine functioneUe 
Störung der Gehirnthätigkeit ohne körperliche AnomaKe (des Ge- 
hirnes) ? Dass bei der Idiotie vor Allem ein Erkranken der grauen 
Rindensubstanz und der Pia mater vorkommt, erklärt den Umstand, 
dass die motorischen Nerven bei derselben weniger beeinträchtigt 
werden und Missbildungen der Glieder seltener vorkommen. Aber 
derselbe Krankeitsprozess, sei er nun chronische Entzündung, Aus- 
schwitzung oder Induration, wird bei seiner Entwicklung in den 
Centraltheilen des Gehirns die mannigfachsten Missbildungen durch 
Beeinträchtigung der peripherischen Nerven erzeugen. Liegt denn 
darin eine wesentliche, i. e. das Wesen der Krankheit aus- 
machende Verschiedenheit zwischen den Prozessen, dass sie nur 
verschiedene Theile desselben Organes befallen? 

In gleicher Weise gibt dann Froriep auch die unlogische E«- 
theilung der Formen des Cretinismus von Guggenbühl wieder; 



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64 

nämlich : a) eine rhachitische Form, 6) eine hydrocephalische 
Form, c) eine atrophische Form, d) einen angebornen Cretinismus. 

Die Rhachitis ist eine ganz unwesentliche Zugabe zum Creti- 
nismus , da der letzte sich beim rhachitischen Kinde durch die ver- 
schiedensten Gehirnkrankheiten , wie Hydrocephalus , Gehirnödem 
u. & w. entwickeln kann, gleichwie auch bei einem nicht rhachi- 
tischen Kinde. Könnte man nicht eben so gut eine krätzige 
Form des Cretinismus bilden? Es folgt dann die hydrocephalische 
Form, wo allein das Gehirn einer anatomischen Berücksichtigung 
gewürdigt wird. Mit der atrophischen Form wird dann wieder vom 
Gejiirne abgesprungen, um endlich noch einen angebornen Creti- 
nismus zu statuiren, als wenn alle vorhergehenden Formen des 
Cretinismus, i. e. die denselben bedingenden Gehirnkrankheiten, 
nicht schon im Fötus auftreten könnten. Bereits zieht sich diese 
unglückselige Eintheilung bandwurmartig durch die Cretinenliteratur 
und wird von den immer bereiten Abischreibern immer wieder ge- 
dankenlos abgeschrieben. Wir gewinnen dadurch weder eine tie- 
fere Einsicht in den Krankheitsprocess , hoch entscheidende Winke 
zur Einleitung einer erfolgreichen Therapie. 

Der Verfasser gibt dann in kurzen Zügen die Methode der medi- 
zinischen und pädagogischen Behandlung der Cretinen. Wir bedauern 
nur, dass sich dabei wieder der animalische Magnetismus eingeschlichen 
hat, zu dem sich in der Guggenbühl'schen Originalschrift noch die 
Homöopathie gesellt, welche auch gelegentlich angewendet wird. 
Ueberall ein Herumtappen im Ungewöhnlichen, Auffallenden. Die 
Cretinenfrage wird erst dann neues Lehenbekommen, wenn wir uns 
vorher klar machen, was wir nicht wissen, und ohne vorgefasste 
Meinung an die Untersuchung gehen. 

Das Schriftchen schliesst mit einigen Bemerkungen über die 
Ursache des Cretinismus, welche Guggenbühl auf eine Art Malaria 
zurückführt. So lange die Gegenwart eine solche Malaria weder durch 
den logischen Schluss, noch durch das Experiment sich uns aufdrängt, 
begreifen wir. nicht, warum die Abwesenheit notwendiger Lebens- 
reize, wie trockener Luft, fliessenden Wassers, mangelnden Lichts etc., 
nicht hinreicht, um darauf die Entstehung des Cretinismus zurückzu- 
fuhren. - 4. F. 

{Hiezu ein Beiblatt.) 



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Schweizerische Monatschrift 



für 

praktische Medizin, 

redigirt von 

Dr. A.Vogt. 
Dritter Jahrgang. 1858. Nr. III. Mänheft. 

Diese Monatschrift erscheint monatlich einmal, 2 Bogen stark. Der Abonne- 
mentspreis ist für die ganze Schweiz 7 Fr., für das Ausland 10 Fr. Briefe 
und Gelder franko an die Expedition : Haller'sche Buchd ruckerei in Bern. 

Ueber die sogenannte essentielle Lähmung der Kinder. 



Ein Vortrag von Professor Dr. W. Vogt , gehalten den 5. Deeember 1857 In 
der med.-ehir. Cantonalgesellschaft von Bern. 

(Fortsetzung.) 



Aetiologie. 
Die Lähmungen und Contracturen der Kinder sind eine durch* 
aus nicht seltene Krankheit , wie man etwa aus der geringen Auf- 
merksamkeit schliessen könnte , welche deutsche Aerzte ihr zu- 
gewendet haben. Ich habe im Spital sowohl, als in der Privat- 
praxis eine nicht unbedeutende Zahl davon beobachtet, leider aber 
diese Beobachtungen nicht immer aufgezeichnet. Im Laufe we- 
niger Monate jedoch , wo ich, durch Heine angeregt, mehr 
darauf achtete, kamen mir schon sieben Fälle in die Hände. 
Colmann berichtet sogar* QLond. med. gaz. 1843. S. 143) von 
einem epidemischen Vorkommen. In einem Bezirk von wenigen 
englischen Meilen sah er binnen drei bis vier Monaten 17 Fälle 
bei Kindern unter zwei Jahren. 

i Wenn man die bis jetzt bekannt gewordenen Fälle zusammen- 
stellt , so ist unverkennbar , das? 

5 



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66 

1) das Alter der Individuen einen entschiedenen Einfluss auf 
ihre Entstehung haben muss. Die grössere Mehrzahl fällt in das 
Alter von einem halben bis drei Jahren. Allein sie wurden eines 
Theils, wiewohl seltener, schon angeboren, oder doch in der frü- 
hesten Kindheit entstanden , beobachte^ ; andern Theils auch nicht 
allein bei älteren Kindern, sondern sogar bei Erwachsenen. Immer- 
hin zeigt sich ihr Zahlenverhältniss mehr abnehmend, je weiter 
es über die drei Jahre hinausgeht. Wir haben durchaus keinen 
haltbaren Grund , die Fälle bei Erwachsenen , welche in allen 
Stücken der Kinderlähmung gleichen, als verschieden von der 
letztern anzusehen. Obschon diess öfter geschah und gegen- 
wärtig noch geschieht, haben doch bereits Kennedy und Ril- 
liet (Gaz. medicale. nov. 1851, n° 45, S. 705) mit vollem Rechte 
Fälle von Lähmungen bei Erwachsenen , wegen ihrer vollständi- 
gen Analogie, zu den Kinderlähmungen gezählt. Sie lassen sich 
leicht vervielfältigen, da sie meines Erachtens gar nicht zu den 
Seltenheiten gehören. Wir haben gerade jetzt zwei der Art auf 
der Klinik, einen bei einem Onanisten von 26 Jahren, wo zwar 
auch die Paraplegie plötzlich entstand mit allen Charakteren der 
Kinderlähmung, und durchaus nicht der gewöhnlichen Tabes dor- 
salis gleicht, und einen bei einer Puerpera. Da sich gegen den 
ersteren noch Manches vielleicht einwenden Hesse , so will ich nur 
den letztern hier erzählen , zumal da er auch in Bezug auf Puer- 
perallähmungen viel Besonderes darbietet. 

Achte Beobachtung. Anna Hänni , von Könitz, 34 Jahre alt, 
Landarbeiterin, von sehr kräftiger und stets gesunder Constitution, 
wurde , nach ganz normal verlaufener Schwangerschaft , Anfangs Octo- 
ber 1857 in der hiesigen Gebäranstalt von einer in allen Dimensionen 
sehr grossen, aber todten Frucht entbunden. Die Geburt begann am 
3. October, wurde aber erst am 7. durch die Zange beendigt. Die 
Operation dauerte über eine Stunde , und die Zange musste mehrmals 
wegen Abgleitens eingeführt werden. Während derselben spürte die 
Gebährende die heftigsten Schmerzen in den Lenden und im Kreuze , 
die sich in die unteren Extremitäten herabzogen. Mit einem Male 
wurden ihr in der Beendigung der Operation die beiden Beine ganz 
gestreckt , starr und steif, jedoch verlor sich dieser Krampf bald wie- 
der.. Nach der Geburt unmittelbar hatte sie in den ganzen unteren 
Extremitäten noch immer Schmerzen und das Gefühl von Eingeschlafen- 
sein. Die Füsse wurden kalt bei der Entblössung und blau beim Her- 



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«7 

unterh8n&en. Sie schwollen lach an bis zu den Unterschenkel* herauf, 
welche Geschwulst jedoch in wenigen Tagen sich wieder verlor. Die 
Lähmung bemerkte die Kranke zuerst, als sie aufstehen und sich Thee 
holen woHte. Es war ihr nicht möglich, sich auf den Beinen zu hal- 
ten. Die Harnausteerung war sehr schmerzhaft und konnte nur durch 
starkes Drängen bewerkstelligt werden. Der Stuhlgang musste mit 
Laxanzen erzwungen werden. Schon in der ersten Woehe nach der 
Geburt ging Urin und Koth wieder gut ab und die Kranke befand sich 
bis auf die Lähmung leidlich wohl. 

Als sie am 6. November, einen Monat nach der Entbindung, hier 
im Inselspital aufgenommen wurde , sah die robuste Person sehr gut 
und gesund , durchaus nicht anämisch aus , obgleich sie bei der Ge- 
burt viel Blut verloren haben will. Alle Functionen der inneren Or- 
gane sind in vollkommener Ordnung. In der Gegend des siebenten 
Brustwirbels empfindet sie bei Druck noch einige Schmerzen , ebenso in 
den Umgebungen des Os sacrum und Os coccygis. Es lässt sich aber 
weder eine Geschwulst , noch auch eine Verbeugung irgendwo am 
Rücken wahrnehmen. Im Liegen kann die Kranke die Hüft- und Knie- 
gelenke ziemlich bewegen , viel weniger hingegen die Fussgelenke und 
die Zehen fast gar nicht. Die Füsse liegen immer gestreckt und die 
Zehen halb gebeugt, beide lassen sich jedoch sehr leicht und ohne 
Schmerz redressiren , nehmen aber sogleich wieder die vorige Stellung 
an. Die ganze Muskulatur der Unterschenkel ist schlaff, von Abmage- 
rung noch nichts wahrzunehmen. Die Kranke kann stehen , wenn die 
Extremitäten gerade gerichtet sind und man das Gleichgewicht unter- 
stützt. So wie aber eine Beugung der Kniee versucht wird , knickt sie 
zusammen. Gehörig unterstützt , bewegt sie füe Schenkel vorwärts , 
indem sie mehr mit Hülfe der Heraufziehung des Beckens, als durch 
Contraction der Hüftmuskel sie aufhebt; es bleiben abör die Füsse strack 
nach unten gerichtet und die Zehen schleifen auf dem Boden. Sie 
klagt noch über Schmerzen in den Fussrücken , die sich beim Gehen 
und Stehen bis in die Unterschenkel heraufziehen. Auch hat sie noch 
öfter das Gefühl von Eingeschlafensein und Ameisenlaufen in den Unter- 
schenkeln. Das Gemeingefühl scheint etwas geschwächt, und die Kranke 
sagt ausdrücklich , sie fühle den Boden nicht unter den Füssen. Re- 
flexerscbeinungea sind keine deutlich vorhanden. Temperatur und Fär- 
bung der Extremitäten sind jetzt ganz natürlich. 

Da man hier den inneren Sitz der Lähmung nach den Schmerzen 
and Krämpfen bei der Geburt, nach den noch jetzt vorhandenen Schmer- 
zen in der Gegend des siebenten Brustwirbels, nach der Gleichförmig- 
keit der Ausbildung der Lähmung in den beiden unteren Extremitäten 
u. s. w. im Rückenmark vermuthen musste, so versuchten wir znerst durch 
den inneren Gebrauch des Jodkali (Dr. Vi in 24 Stunden) und durth 
äussere Ableitung (zwei Moxen neben dem siebenten Brustwirbel) dem 
centralen Leiden zu begegnen. Es hatte auch dieses Verfahren in den 



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68 

ersten zwei bis drei Wochen einen lehr guten Erfolg. Es vermehrte 
sich die Kraft und Beweglichkeil in den Höft- und Kniegelenken so 
viel , dsss die Patientin mit Hülfe zweier Stöcke stehen und mühsam 
gehen konnte. Sie klagte dabei nicht mehr über die früheren unan- 
genehmen Empfindungen, und die beginnenden Contracturen an den 
Füssen und Zehen schienen ebenfalls geringer. Da aber wahrend der 
letzten zwei Wochen (am 12, December) die Besserung keine weitere 
Fortschritte mehr machte , so schritten wir zur Anwendung des Extr. 
Nuc. vomic. in steigender Gabe. Wir konnten keine wesentliche Wir- 
kungen auf die Lähmung davon wahrnehmen, und vertauschten es daher 
mit dem Seeale cornutum. Zugleich wurde aber auch die Electricität 
angewendet. Unter diesem Verfahren schritt die Besserung wieder vor, 
so dass die Kranke jetzt (4. Januar 1858) alle abnormen Empfindungen 
in den gelähmten Extremitäten verloren hat , ohne Unterstützung stehen 
und mühsam einige Schritte ohne Stock gehen kann. Mit zwei Stöcken 
geht sie im Zimmer und auf dem Gang umher. Sie hebt aber immer 
noch die Schenkel mit viel Beihülfe der Heraufziehung des Beckens, 
die Fusspitze sinkt dabei nach unten und sie tritt mit der ganzen Fuss- 
sohle zugleich auf. 

Unter den von Dr. Fleetwood Churchill (im Dublin 
Quarterly Journ. of Med. Sc. Mai 1854 , wovon mir aber nur 
ein dürftiger Auszug in Froriep's Notizen, Nr. II. 1856 zu 
Gebote steht) erwähnten 34 Füllen von Lähmung während Schwan- 
gerschaft und Wochenbett, befinden sich nur drei während der 
Entbindung , von welchen zwei mit allgemeinen Convulsionen ver- 
bunden waren , und nur einer mit unserem Falle in Parallele 
scheint dürfen gesetzt zu werden. Wir wollen damit nur die Sel- 
tenheit solcher Fälle darthun, ohne weiter auf die offenbar ver- 
schiedenen Lähmungert während und nach der Entbindung hier 
näher einzutreten. Aber wir wollen darauf aufmerksam machen, 
dass, abgesehen vom Eintritt der Lähmung während der Entbin- 
dung, unser Fall wohl verdient, den Kinderlähmungen an die 
Seite gesetzt zu werden. 

Obschon also die Kinderlähmung dem Kindesalter nicht aus- 
schliesslich angehört, so kann doch ihre relative Häufigkeit in 
jenem Alter durchaus nicht bestritten werden , wo die Kinder den 
grössten Bewegungsdrang haben, und die Function der Muskeln 
und motorischen Nerven gerade in der stärksten Ausbildung 
begriffen ist. Diese Verhältnisse müssen ähnlich auf das Rücken- 



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mark wirken , wie die vorwiegend geistige Beschäftigung und 
stete Anregung der' Sinnesorgane auf das Gehirn. Man hat in den 
letztern eine wesentlich prädisponhrende Ursache der Eclampsie 
und des Hydrocephalus anerkannt , und werden darum auch jene 
das Rückenmark und die motorischen Nerven so sehr in Anspruch 
nehmenden Verhältnisse als Prädisposition der Kinderlähmung ange- 
sehen werden müssen. Auch spricht der Umstand für diese Ansicht, 
dass die primitiven und consecutiven Contracturen am häufigsten in 
jenen Muskeln vorkommen , deren Ausbildung in der Zeit vom 
Säuglings- bis zu jenem Alter, wo das Kind mit Sicherheit, Be- 
stimmtheit und Kraft die gewöhnlichen Bewegungen ausführen 
kann , am meisten im Fortschreiten ist. Es scheint mir daher die 
Kinderlähmung gewissermasen eine Entwicklungskrankheit zu sein, 
und dadurch auch von der progressiven Muskelatrophie , die man oft 
von zu grosser Muskelanstrengung ableitete, sich zu unterscheiden. 

2) Weder das Geschlecht noch die Constitution scheinen einen 
wesentlichen Einfluss auf leichtere oder schwerere Entstehung 
des Uebels zu haben. Es findet rieh ebenso gut bei vorher ganz 
gesunden und kräftigen Individuen, wie bei weniger oder mehr 
schwächlichen , zarten , bei abgehärteten , wie bei delicaten , bei 
scrophulösen , sei es entweder blos an der allgemeinen Diathese 
oder an Localscropheln bereits leidenden, bei Kindern junger, 
kräftiger Eltern, sowie bei solchen , deren Eltern schwächlich oder 
an irgend einer Dyskrasie leidend waren, in allen Ständen u. s. w. 

3) Ebenso wenig lässt sich bis jetzt herausfinden , dass en- 
demische Einflüsse dabei mitwirken. Man fand bisher die Krank- 
heit in verschiedenen Ländern , Städten , Dörfern etc. unter den 
verschiedensten Umständen der Lebensart. 

4) Der vorhergehende Gesundheitszustand war ebenfalls sehr 
verschieden. Viele Kinder waren vorher gesund, bei andern 
gingen Ausschlagsfieber, Typhoid und Wechselfieber, akute Krank- 
heiten der Digestionsorgane (worauf Bad harn, Kennedy, Un- 
derwood, West und Andere, jedoch mit Unrecht ein beson- 
deres Gewicht legten), oder der Brustorgane, Bronchitis, Pneu- 
monie etc. voraus. Auch chronische Krankheiten mancherlei Art 
sah man vorher , ohne dass sich ein besonderer Zusammenhang 



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derselben mit unseren Lähmungen, sei es durch grössere Häufig- 
keit derselben nach einer solchen Krankheit, oder durch andere 
Umstände hätte nachweisen lassen. Selbst vorhergehende chro- 
nische Nervenkrankheiten , wie z. B. Keuchhusten , Chorea etc. , 
schienen keinen ätiologischen Einfluss zu üben, weil nur in we- 
nigen Fällen bei der grossen Häufigkeit dieser Krankheiten die 
Lähmung als ihre Nachfolge beobachtet wurde« 

5) Vielfältig wurde die Zahnentwicklung beschuldigt , weil 
eben viele Fälle mit derselben zugleich vorkamen. Wir läugnen 
durchaus nicht, dass die physiologischen Vorgänge in den Alveolen 
bei der Zahnentwicklung zum Auftreten der Eclampsie und des 
Hydrocephalus Veranlassung geben können» zumal wenn sich 
diese Vorgänge durch eine grössere Irritation und stürmische 
Entwicklung bemerklich machen. Wenn wir aber die verhält** 
nissmässig sehr geringe Zahl solcher Fälle gegen die ungeheuere 
Menge derer halten, bei welchen die Zahnentwicklung regel- 
mässig und allmählig ohne alle Störung abläuft, wenn. wir selbst 
noch diese Irritation grösstenteils ohne Eclampsie vorübergehen 
sehen , so müssen wir zum Schluss kommen , dass dieselbe für 
clie Eclampsie keineswegs die grosse ätiologische Bedeutung ha- 
ben könne , die man ihr gewöhnlich beilegt. In Bezug auf die 
Kinderlähmungen können wir nur diejenigen als von der Denti- 
tion bewirkt anerkennen, bei welchen der Ausbruch mit einer 
ungewöhnlich starken und stürmischen Zahnentwioklung zusammen- 
traf, und welche ihren inneren Sitz im oberen Theil der Pars 
cervicalis medullse, oder in der Medulla ohlongata hatten. Sieht 
man die bis jetzt veröffentlichten Fälle der Kinderlähmung durch, 
so bleiben nur äusserst wenige übrig, welche in diese Kategorie 
gehören. Für den gegenwärtigen Stand der Medizin ist es un- 
passend , der leeren alten Hypothese noch blindlings zu folgen , 
und alle Krankheiten , die etwa mit regelmässiger und nicht zu 
stürmischer Zahnentwicklung zusammenfallen, ohne weitere Be- 
gründung des ätiologischen Zusammenhangs als von der Dentition 
bedingt anzusehen. Weiter auf dieses * noch einer gründlichen 
Revision bedürfende pathologische Thema hier einzugehen, ist 
nicht am Orte. 



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71 

6) Mit den Würmern kommen wir auf einen ganz ähnlichen 
Standpunkt. Die alte Bequemlichkeit, die Krankheiten der jün- 
geren Kinder vom Zahnen , die der älteren von den Würmern ab- 
zuleiten, und damit sich jeder weitern ätiologischen Forschung 
zu überheben , geht nicht mehr. Man muss nach sicheren Beob- 
achtungen fragen , welche den Zusammenhang der Kinderlähmung 
mit der Wurmkrankheit darthun. Der Abgang von Würmern, 
freiwillig oder durch Wurmmittel bewirkt, kann nicht beweisen, 
dass sie die Krampfinsulte und ihre weiteren Folgen bewirkten; 
denn ältere Kinder sind selten von diesen unsaubern Gästen frei, 
ohne im geringsten von ihnen incommodirt zu werden. Die bis 
jetzt von der Kinderlähmung vorliegenden Beobachtungen lassen 
nur in äusserst wenigen Fällen einen Zusammenhang mit der 
Wurmkrankheit durchblicken. 

7) Erkältungen , durch Sitzen auf kalten Steinen oder auf 
feuchtem Gras , durch Herumtragen mit blossem Rücken oder 
blossen Extremitäten , durch unzweckmässige Modekleidung oder 
wie immerhin bewirkt, wird von Vielen, von Bouchut, West, 
Rilliet u. A. als eine der häufigsten Gelegenheitsursachen mit 
Recht anerkennt. Bouchut sagt darüber: «Eins nur nimmt 
cc mich Wunder, dass man diese Paralyse nicht häufiger findet, so 
« unzweckmässig und verkehrt ist die Art , die Kinder zu be- 
« kleiden,» u. s. w. 

8) Erschütterungen des Rückgrats durch Fallen, das Schau* 
kein, die schnellen Umdrehungen bei den sogenannten Rössli- 
spielen und andere unzweckmässige Spiele, können ebenso, wie 

9) starke Gemüthsaffekte , besonders Schrecken , Angst etc. , 
Gelegenheitsursachen abgeben. 

10) «Die traurige Gewohnheit älterer Kinder, stundenlang an 
«den Genitalien zu spielen,» wird von Mauthner (a. a. 0. 
S. 403) besonders hervorgehoben. Ein Blick auf die Tabes dor- 
salis bei Männern lässt nicht bezweifeln , dass auch bei Kindern 
Genitalreizungen zu den Lähmungen disponiren. Diese Prädis- 
posilion durch Genitalreizung bei Kindern mit unentwickelter Pu- 
bertät setzt aber immer auch noch eine weitere Einwirkung von 
Gelegenheitsursachen voraus , wenn die Lähmung zu Stande kom- 



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72 

men soll. Wir sehen auch bei erwachsenen Onanisteh ganz ähn- 
liche Verhältnisse. Ohne dass noch eine Andeutung der gewöhn- 
lichen, langsam heranschleichenden Tabes dorsalis vorhanden ist, 
tritt die Lähmung bisweilen plötzlich ein, nach einer starken An- 
strengung des Rückens , nach Erkältung u. s. w. Wir haben 
eben jetzt einen solchen Fall auf der Klinik , dessen Aehnlichkeit 
mit der Kinderlähmung sich nicht verkennen lässt, indem nicht 
allein nach einer starken Erkältung und bei Ausbruch eines at- 
mosphärischen Fiebers hier die Lähmung* eintrat , sondern auch in 
ihrer ganzen Ausbildung die Charaktere der Kinderlähmung darbietet. 
11) Kennedy hat die Ansicht geltend zu machen gesucht, 
dass die ohne andere Symptome von Fieber etc. , am Morgen sich 
darbietenden Lähmungen einzelner Glieder wohl öfter durch einen 
im Schlafe von unpassender Lage bewirkten Druck, durch das 
sogenannte Einschlafen der Glieder bewirkt werden. Gewöhn- 
lich indessen hält dieser Druck nicht lange genug an um die 
Nervenfunction dauernd zu hemmen , und es geht daher die- 
ses Eingeschlafensein sehr bald wieder vorüber. Anders ver- 
hält es sich jedoch mit dem leichten Einschlafen der Glieder, 
was man bei rheumatischen Störungen öfter wahrnimmt. Ein un- 
bedeutender Druck auf die Nerven - und Gefässtämme reicht hier 
schon hin, das Einschlafen hervorzubringen und es hält dasselbe 
auch gewöhnlich länger an. Der Druck kann dabei die Veranlas- 
sung geben , dass gerade an dieser Stelle die Wirkung der rheu- 
matischen Störung sich concentrirt , und auf diese Weise die pe- 
ripherische rheumatische Lähmung sich ausbildet. 

Diagnostik und Wesen der Kinderlähmung. 

Man ist bisher von der Ansicht ausgegangen , die Kinder- 
lähmung sei eine essentielle Krankheit, ein Morbus sui generis, 
die sich von andern Lähmungen überhaupt, und besonders von 
den durch bekannte Krankheiten der Nervencentren und der Ner- 
venstränge bewirkten, unterscheide. 

West (a. a. Q. S. 130 ff.) , Rilliet (Gaz. medicale, 1851, 
S. 705) und Andere haben sich bemüht, die Unterscheidungs- 
merkmale der essentiellen Kinderlähmung von den ' secundären , 
nach Hyperämieen , Apoplexieen und verschiedenen Entzündungs- 



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73 

zuständen der Nervencentren und ihrer Hüllen zurückbleibenden 
in einer differentiellen Diagnostik aufzustellen. Bei solchen Ver- 
suchen werden gewöhnlich die recht prägnant ausgebildeten Fälle 
beider Kategorieen gegenübergestellt , und aus ihrer Vergleichung 
die Verschiedenheit eruirt. Die weniger deutlich ausgepräg- 
ten Fälle bleiben entweder ganz frei üeite liegen , oder werden 
mit der Bemerkung abgefertigt, dass bei ihnen die Diagnose 
schwierig , unsicher u. s. w. sei. Wir sehen daher die Resul- 
tate einer auf solche Weise gewonnenen differentiellen Diagno- 
stik überhaupt nicht als wohlbegründet an. Prüfen wir aber die- 
selben etwas genauer in Bezug auf die hier vorliegenden und in 
Frage kommenden Krankheiten. 

Die oben erwähnten mehr diffusen , als an eine bestimmte 
Stelle beschränkten organischen Krankheiten der Nervengebilde 
haben in ihren gehörig ausgeprägten Formen zwar manche Ver- 
schiedenheit von dem ersten Insult der Kinderlähmung. Bei ge- 
nauer Vergleichung sieht man aber, dass diese Verschiedenheiten 
weniger in einer andern Beschaffenheit der Symptome, als viel- 
mehr bei diesen andern Krankheiten in einer grösseren Stärke 
und Verbreitung und in grösserer Andauer derselben bestehen. 
Während bei den Kinderlähmungen der erste Insult weit kürzer 
sich beendigt , bilden diese Krankheiten einen gewissen Verlauf, 
der häufig mit dem Tode, mitunter mit Genesung, verhättniss- 
mässig selten mit Zurücklassung einer Lähmung endigt. Viele 
andere Unterschiede, die man geltend gemacht hat, sind nur re- 
lativ, wie z. B. dass in der Regel der Lähmung nur ein Krampf- 
anfall vorherginge (West a. a. 0. S. 131), bei den Leiden der 
Nervencentren aber mehrere nacheinander folgten, dass bei der 
Lähmung die Eclampsie fieberlos sei, und keine akute Affection 
vorherginge oder nachfolge (Bouc hu t a. a. 0. S. 191, Rilliet 
et Barthez a. a. 0. S. 329 ff.) u. s. w. Wir können aus allem 
diesem schliessen, dass die Kinderlähmung ein geringerer und 
mehr beschränkter Krankheitsprozess sei ; aber nicht eine essen** 
tielle Verschiedenheit desselben daraus ableiten. Heine sucht 
die Kinderlähmungen auf ein Rückenroarksleiden zurückzuführen 
und von den cerebralen ganz zu trennen. In wie weit diess intig- 



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74 



lieh ist , haben wir oben bereits erwähnt. Gehen wir hier aber 
auch noch etwas näher auf die von Heine (a. a. 0. S. 64 ff.) 
speziell in dieser Beziehung hervorgehobenen Unterschiede ein, und 
stellen wir sie zur bessern Vergleichung in einer differentiellen 
Diagnose gegeneinander über , so ergibt sich : 



Bei den spinalen Läh- 
mungen: 

1. Mangel an Störungen der 
Geistes- und Sinnesfunctionen 
und Sprache , des simpelhaf- 
ten Aussehens und unfreiwil- 
ligen Speichelausflusses. 

2. Keine Beschwerden über 
irgend eine schmerzhafte Em- 
pfindung des Körpers. 



3. Grosse Kälte und Atro- 
phie der paralysirten Theile. 

4. Beinahe nie paralytische 
Affection der Blase und des 
Mastdarms. 

5. Erst Jahre lang nach er- 
folgter Lähmung bilden sich 
Deformitäten in den gelähmtem 
Extremitäten, und nehmen in 
diesem Falle einen ganz ei- 
gentümlichen Charakter an. 

6. Grosse Relaxation der 
Theile. 

7. Ein passiver oder relaxirter 
Zustand der Muskeln u. Bänder. 

8. Bei zunehmendem Alter 
seitliche Ab weichung des Rück- 
grats. 



Bei den cerebralen 

Lähmungen: 
Vorhandensein dieser Symp- 
tome. 



Klagen über Kopfweh, Schwin- 
del, Flimmern vor den Augen , 
Sausen in den Ohren und man- 
cherlei Schmerzen der gelähm- 
ten Seite. 

Keines von beiden, oder je- 
denfalls nur in geringem Grade. 
Nicht selten Vorhandensein 
derselben. 

Sie entgehen hier mit der 
Lähmung zugleich , oder we- 
nigstens bald nachher. 



Trotz der Lähmung noch 
viel Spannkraft der Muskeln 
und Bänder. 

Eine gewisse spastische Ei- 
genschaft derselben. 

Hier niemals beobachtet. 



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Die unter Nr. 1 und 2 bemerkten Gehirnsymptome deuten 
allerdings, wenn sie vorhanden sind, auf den cerebralen SiU 
der Lähmung , wenn sie aber fehlen , so ist diess keineswegs ein 
Beweis , dass die Lähmung eine spinale oder eine peripherische 
sei. Schmerzen in den gelähmten Theilen aber kommen eben so 
gut bei den spinalen , wie bei den cerebralen vor. - Die Kälte und 
Atrophie der gelähmten Glieder sind zum grossen Theil abhängig 
von dem Zustand der Gefässnerven. Sie sind weniger angetastet 
bei den cerebralen Lähmungen, aber oft auch bei den spina«? 
len ganz frei, so dass also daraus kein Unterscheidungsmerkmal 
zu entnehmen ist. Bei den spinalen Lähmungen hängt es von der 
Stelle der Läsion im Rückenmark, sowie von der Stärke und Ans* 
dehnung derselben ab , ob "Blase und Mastdarm auch dabei leidem 
Sehr oft findet sich bei ihnen im Anfang die Blasen- und MasU 
darmaffection , verliert sich aber späterhin wieder, und ganz 
dasselbe sehen wir auch bei den Gehirnlähmungen. Aus dem 
oben von den primitiven und secundären Contracturen Erwähnten 
gebt hervor , dass ein wesentlicher Unterschied in dieser Bezie-» 
hung bei den spinalen und cerebralen Lähmungen nicht existirt, 
Das von Heine unter Nr. 5, 6 und 7 Erwähnte ist daher bei 
beiden in einzelnen Fällen vorhanden, oder fehlend, überhaupt 
sehr verschieden» Dass sich bei Kindern die consecutiven Cour 
tracturen , Relaxationen nnd Verbeugungen , überhaupt die Defor- 
mitäten in bedeutenderem Grade ausbilden, und dass auch bei 
ihnen die spinalen Lähmungen häufiger sind , bei Erwachsenen 
hingegen die cerebralen, ist richtig, kann aber einen diagnos- 
tischen Unterschied zwischen beiden nicht begründen. 

Viel wichtiger ist die Unterscheidung unserer hier in Frage 
stehendein Kinderlähmung von andern Lähmungen , welche ent- 
weder ihren primitiven Sitz nicht in den Nervengebilden haben, 
oder doch von andern krankhaften Vorgängen herrühren. 

Wir nennen da zuerst die primitive, progressive Muskelatro- 
phie. Sie muss hier vorzugsweise berücksichtigt werden t weil 
sie auch nicht ganz selten bei Kindern vorkommt (Wach&muth, 
in der Zeitschrift für rationelle Medizin von Henle und Pf euf er, 
neue Folge VII. Band, ltes und 2tes Heft, 1855, zählt unter 



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70 

60 Fällen derselben 10 bei Kindern bis zum 14ten Jahre) , und 
von Bonchut (a. a. 0. S. 191 ff.) versucht worden ist, nicht 
allein die Kinderlähmung als eine essentielle, von den secun- 
dftren in Folge eines Gehirn - oder Rückenmarkleidens entstehen- 
den verschiedene , darzustellen , sondern auch auf « eine eigen- 
tümliche Veränderung im Muskelsystem » zurückzuführen. Wir 
geben hier die Diagnose der progressiven Huskelatrophie mit den 
Worten Wachsmuths: « das Charakterische derselben liegt, 4im 
«es kurz zusammenzufassen, in 'ihrem Bedingtsein durch den 
« Schwund der Muskelfasern ; einer Atrophie , die • sich auf das 
« Muskelsystem beschränkt , ohne gleichzeitige oder vorhergehende 
« Paralyse der motorischen und sensiblen Nerven auftritt , die von 
«einem peripherischen Punkte anfangend in- und extensiv, aber 
tt nicht stetig fortschreitet , für den einzelnen Muskel bei einem 
«gewissen Grade angekommen, stille steht, und in diesem Fort- 
« schreiten von einem eigentümlichen Zittern und Vibriren ein- 
« zelner Muskelbündel eingeleitet wird. » Man halte dieses kurz, 
bündig und scharf gezeichnete Bild gegen die Beobachtungen von 
der Kinderlähmung, so findet sich in jedem einzelnen Zug ein 
treffender Unterschied Besonders halte man fest, dass bei der 
progressiven Muskelatrophie der Krankheitsprozess in denkl Musen 
anfängt, upd erst die überwiegende Atrophie derselben allmählig 
zur Lähmung führt. Ich sah noch kürzlich einen Buchsetzer, bei 
welchem die Muskeln der oberen Extremitäten , besonders der 
Oberarme, allmählig bis zu einem Grade geschwunden waren, dass 
man fast nur noch Haut und Knochen fühlen konnte, und doch 
war der Mensch noch im Stande sein Geschäft fortzusetzen. Bei 
unserer hier in Frage stehenden Krankheit ist hingegen die 
Paralyse oder Cohtractur das Primitive , der Schwund das 
Cönsecutive. Es wäre darum höchstens nur eine Verwechslung 
möglich > wenn die Anamnese gänzlich fehlte und die Kinderläh- 
mung ohne primitive und consecutive Contractu? wäre. 

Nehmen wir die Lähmungen von Arthrocace an der Wirbel- 
säule oder den oberen Gelenken an den Extremitäten, von Cartes 
im Wirbelcanal, von Rhachittsmutf, von Metallern Wirkungen (Blei, 
Arseü , Quecksilber etc.) , von Druck von Geschwülsten , von 



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TT 

Tuberkeln an den Nenvencentren , von Marasmus u* s. w. , so 
gibt die allmählige progressive Ausdildung derselben, sowie die 
Krankheit überhaupt , als deren Folge die Lähmung auftritt, schon 
hintengliche Unterscheidungsmerkmale. Am fernsten liegt aber 
wohl eine Verwechslung mit der hysterischen Lähmung , wenn die 
Kinderlähmung bei einer Erwachsenen vorkommt, indem hier der 
Etat ncrveux, die Hysterie mit ihren zahllosen Nebenerscheinungen, 
das Auftreten und der ganze Verlauf der Lähmung mit ihren 
Wechseln u. s. w. , hinlänglichen Aufschluss geben. Auch können 
wir den Vergleich der Kinderlähmung mit den hysterischen von 
Ducl os keineswegs wie Rilltet (a. a. 0. S. 706) als einen der 
Wahrheit nahe kommenden, sondern nur als einen gänzlich ver- 
fehlten ansehen. 

In Bezug auf das Wesen der Kinderlähmung müssen wir uns 
noch einige Bemerkungen und nähere Bestimmungen erlauben, 
obgleich unsere Ansicht darüder schon aus dem Obigen erhellt. 

Heine führte bereits die Kinderlähmung zurück auf eine 
Xongestion der Nervencentren, vorzüglich des Rückenmarks, unA 
und auf eine in Folge derselben eintretende albuminöse Aus- 
schwitzung im Wirbelcanal. Rilliet (a. a. 0. S. 706) bekämpft 
diese Ansicht, weil Congestion und Erguss im Wirbelcanal noch 
andere Symptome hätten , als Convulsion und Lähmung , nament- 
lich Schmerz in den Wirbeln , tetanische Symptome, Lähmung der 
Sphinkteren, Aufhebung des Gefühls u. s. w. Welcher Praktiker 
von Erfahrung wüsste aber nicht, dass diese Symptome bei den 
materiellen Rückenmarkskrankheiten öfter fehlen , zumal wenn sje 
keine grosse In - und Extensität haben , aber zugleich auch bei 
der Kinderlähmung manchmal vorhanden sind ? Es sind bei den 
primitiven Contracturen auch die materiellen Veränderungen in 
den Nervencentren bereits von Rabaud so deutlich nachgewiesen, 
dass man klar sieht , worauf diese Krankheit beruht. Es ist auch 
einsichtlich , dass diese materiellen Grundlagen wieder verschwin- 
den können, und doch die Lähmung fortdauert. Man kann daher 
aus den wenigen Fällen , wo n\an nichts Materielles vorfand, nicht 
folgern, dass sie nur eine Functionsstörung sei. Rilliet nennt 
dieselbe einen Trouble fonctionel des centres nerveux. Damit ist 



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woH der angenommenen immateriellen Grundlage der Kinder- 
lähmung ein Name gegeben , aber nicht gesagt , worin sie eigent- 
lich bestehe. Jedoch abgesehen davon , würde sich diese An- 
sicht nur auf die leichteren , bald wieder verschwindenden Fälle 
anwenden lassen. Die heftigeren, mit bleibender Lähmung enden- 
den Fälle hingegen setzen auch eine mindestens längere Zeit blei- 
bend gewesene materielle Veränderung in den Nervengebilden voraus. 
Bouchut (ß. a. 0. S. 191) hält die Kinderlähmung für eine 
reine Muskelparalyse , die nicht allein von dem centralen Nerven- 
system , sondern überhaupt von den Nerven unabhängig sei , und 
in einer eigentümlichen Veränderung im Muskelsystem beruhe. 
Er beschränkt sie als essentielle Krankheit auf diejenigen Fälle , 
bei welchen entweder gar keine akuten Symptome, namentlich 
nicht die Symptome einer Meningitis , Apoplexie u. s. w. , son- 
dern höchstens nur einige Anfälle von Eclampsie die Paralyse ein- 
leiten. Es bleiben also für die eigentliche idiopathische Kin- 
derlähmung nur die peripherischen übrig. Wir haben schon oben 
darauf hingewiesen , dass eine scharfe Trennung der peripheri- 
schen von den spinalen unmöglich ist , sowie auch , dass die Hy- 
pothese Bouchut's selbst bei den mit Eclampsie eingeleiteten 
Fällen eine Muskelerschöpfung anzunehmen , sich nicht patholo- 
gisch rechtfertigen lasse. Die peripherischen Lähmungen laufen 
zuviel mit den spinalen zusammen, und haben in ihrer ganzen 
Ausbildung zu viel Analogie mit denselben, als dass man bei ihnen 
einen ganz andern, besondern Krankheitsprozess vermuthen könnte. 
Wollte man aber auch bei der jetzt gerade in der Physiologie 
wieder auftauchenden Lehre von der Muskelirritabilität annehmen, 
dass in den Muskeln der primitive Sitz der Lähmung sei, so 
müsste man denselben entweder mit der progressiven Muskelatro- 
phie identificiren , oder eine ganz andere , specifisch verschiedene 
Muskelaffection substituiren. Die progressive Muskelatrophie ist 
zu scharf von der Kinderlähmung durch ihre ganze Ausbildung 
unterschieden , als dass man beide für den gleichen Krankheits- 
prozess halten könnte. Die Annahme einer ganz andern idiopa- 
thischen Muskelparalyse bei der Kinderlähmung schwebt aber ganz 
im Dunkeln. 



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T9 

Resumiren wir ans dem oben Gesagten unsere Ansicht über 
das Wesen der Kinderlähmung , so geht sie kurzgefasst dahin : 

1) Die Kinderlähmung ist eine Nervenlähmung« 

2) Sie ist das Residuum einer mit materiellen Veränderungen 
in den Nervencentren oder Nervensträngen und ihren Umhüllungen 
verbundenen Krankheit. 

3) Diese materiellen Veränderungen können nur in Conge- 
stion , oder Entzündung und in ihren weitem Folgen bestehen. 

4) Sie können in ihrem weiteren Verlaufe bald früher, bald 
später wieder durch natürliche Vorgänge entfernt werden , worauf 
dann entweder sofort die Heilung der Lähmung erfolgt , oder auch 
dieselbe fortdauert , wenn die Erregbarkeit der Nerven bereits 
erloschen ist. 

Progn o stik» 

Wir wollen hier nicht auf die Prognose des ersten Insults 
eingehen : wir müssten uns sonst zu weit auf das Gebiet der 
Eclampsie, des Hydrocephalus etc. verlieren. Auch können wir 
erst die Diagnose auf Kinderlähmung stellen , wenn der erste In- 
sult vorüber ist und die Lähmung gleichsam als vollendete That- 
sache dasteht. 

Wir können über die Prognostik der Kinderlähmung viel 
theoretisiren, aber in einzelnen Fällen praktisch nur wenig mit eini- 
ger Wahrscheinlichkeit urtheilen. Theoretisch können wir sagen : 

1) Wenn die primitive Läsion in den Nervengebüden nichts 
an denselben zerstört hat, namentlich wenn die Congestion, die 
Extravasate und Exsudate keine Zertrümmerung gemacht haben, 
welche bei der zarten Organisation der Nervengebilde leicht ge- 
schehen kann ; 

2) Wenn die Ergüsse noch keine irreparable Metamorphose 
eingegangen haben , namentlich noch nicht irgendwie organisirt 
oder desorganisirt , und damit zur Resorption unfähig geworden 
sind; 

3) Wenn dieselben nicht so lange unaufgesaugt bleiben, bis 
die Nervenerregung erloschen, und auch schon Schwund der 
Nervenstränge ausserhalb der Stelle , von welcher die Lähmung 
ausging > eingetreten ist ; — 



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so ist völlige Heilung möglich. Allein wir können den ersten und 
zweiten Umstand durchaus nicht diagnosticiren, und für den drit- 
ten haben wir nur in der . Prüfung der Erregbarkeit der einzelnen 
gelähmten Muskeln mit der Electricität nach der Weise von Du- 
ohenne ein kleines 7 wiewohl nicht sicheres Merkmal. Bei un- 
vollständiger Lähmung nämlich, wo noch einiger Willens einfluss 
auf die gelähmten Theile stattfindet , und die Nervenerregung noch 
nicht ganz erloschen ist , hat diese Probe gar keinen Werth. Bei 
diesen Lähmungen sind ihre Resultate unsicher, und wenn sie auch 
noch den Fortbestand der Erregbarkeit der Muskelnerven bewei- 
sen, so bleiben doch immer noch die beiden erstem Punkte un- 
entschieden. 

Nehmen wir die Prognose mehr praktisch , so können die in 
Bezug auf sie aufgestellten Sätze nur mehr oder weniger Wahr- 
scheinlichkeit , nur relative Wahrheit aussprechen. 

1) Gesunde Constitutionen lassen eher eine Heilung erwarten, 
als irgendwie vorher kranke , dyskrasische etc. Est ist bei ihnen 
nicht allein die Naturheilkraft stärker , tkätiger und regelmässiger, 
sondern es werden auch bei ihnen die Produkte der Congestionen, 
Entzündungen etc. , leichter durch Aufsaugung wieder entfernt, 
während diese Produkte , wenn sie nach Fiebern auftreten, wegen 
der durch sie bewirkten Verschlechterung der Blutmasse viel leich- 
ter in eine abnorme Metamorphose übergehen, die nicht mehr die 
Aufsaugung erlaubt. Ebenso verhält es sich mit diesen Produkten 
auf dem Boden der skrophulösen Dyskrasie. 

2) Wenn Kennedy die ohne andere eklatante Zufälle ein- 
tretenden Lähmungen zu den in der Regel vorübergehenden zählt — 
jedoch mit einigen Restrictionen — so stimmen wir ihm insofern 
bei, als gewöhnlich die peripherischen Lähmungen häufiger noch 
geheilt werden , als die centralen. Ja wenn die Lähmung nur 
einzelne Muskeln betrifft, kann man am ersten Heilung erwarten. 
Auch wenn die centralen sich $uf eine Extremität beschränken, 
sind sie öfter heilbar , als wenn sie Hemiplegien und Paraple- 
gien machen. Unter den centralen scheinen die cerebralen noch 
eher Heilung zu versprechen , als die spinalen , was begreiflich 
wird, wenn man die grosse Reconstructionsfähigkeit des Gehirns 



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und seiner UnhüUiwgen bei Kopfveftetfcungen 4er Kinder «m*gt> 
Bei Erwachsenen hingegen verhält «ich diess anders* Die Lab- 
mutigen derselben naeh ßcMigfiüfeen 0» B» ewd g*woh*dich nur 
auf einen gewissen Grad reconstructionsfähig. 

Je unvollständiger die Lähmung ist, desto besser. Wenn die 
Erregung der motorischen Nerven in allen Muskeln des gelähmten 
Gliedes noch zum Theil erhalten ist, kann man am ersten Hei-* 
lung erwarten. Zeigen sich nur in einigen Muskeln Reste von Be- 
weglichkeit, so verspricht diess auch noch mehr, als wenn die 
Lahmung total ist. Leiden zugleich auch die sensitiven und va- 
somotorischen Nerven in einer mehr dauernden Weise , so steht 
auch die Prognose schlecht 

4) Die Zeit, in welcher die Behandlung begonnen wird, ent- 
scheidet sehr viel über den Erfolg. Die richtige Behandlung des 
ersten Insults vermag schon etwas Bedeutendes, und die nach 
demselben um so mehr, je früher sie eingreift. Wie lange nach 
dem Insult noch Heilung zu erwarten sei , lässt sich nicht nach 
einer absoluten Zeit bestimmen , und wenn Manche sagen , dass 
nach 14 nutzlos verstrichenen Tagen« schon die Sachen schlimm 
stünden , so ist diess eine willkührliche Annahme. Wir können 
nur sagen, so lange die gelähmten Theile noch keine organischen 
Veränderungen eingegangen haben , namentlich so lange die con- 
secutiven Contracturen noch leicht redressibel sind, und der 
Schwund noch nicht augenfällig ist, lässt sich immer noch ein 
gewisser Grad von Heilung erwarten. Wenn schon Deformitäten 
und Desorganisation eingetreten sind , so können wir gewöhnlich 
nur die Gestaltung der gelähmten Glieder verbessern und erwar- 
ten, dass damit die kleinen Reste von Beweglichkeit besser ver- 
werthet werden können. 

(Fortsetzung: folgt.) 



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82 

Etat bemerkenswerther Fall von timreinonu* meauttarm 
M%eaia0$4ni. Tuberculisation und Schmelzung eine» 
Theiles mit Durchbrechung der Brustwand. 

N. Lehmann, aus Langnau, 26 Jahre alt, seines Berufes Bäcker, 
hatte nie Spuren irgend einer Dyskrasie oder Vegetationsanomalie ge- 
zeigt. Als derselbe am 6. April 1857 in der klinisch - chirurgischen 
Abtheilung meines Vaters aufgenommen wurde, bot er eine abgeplattete 
Geschwulst von der Grösse einer inneren Handfläche in der rechten 
Sternoclavicular und Sternocostalgegend dar. Sie war wenig geröthet, 
bei Druck ziemlich empfindlich, ungleich und hart anzufühlen. Fluo 
laation fehlte gänzlich. 

Ueber die ätiologischen Momente war vollständiges Dunkel verbrei- 
tet. Der Patient berichtete nur , dass seit einigen Monaten , noch 
bevor äusserlich eine Veränderung siehtbar zu werden begann, 1 
Schlaflosigkeit, Mangel an Appetit, Abnahme der Kräfte, Mattigkeit 
und Schwere in den Gliedern ihn beunruhigt hätten. In der letzten 
Woche sei mit der zunehmenden Entwicklung der Geschwulst bisweilen 
ein dumpfer, drückender Schmerz in der Tiefe der Brust aufgetreten. 
Dieser sei öfters nach dem Verlaufe der Halsgefässe ausgestrahlt. In 
Betreff der übrigen Erscheinungen wollte er eher eine Besserung be- 
merkt haben. 

Fiebererscheinungen fehlten bei seiner Aufnahme gänzlich ; nur fiel 
uns schon damals eine ziemlich bedeutende Anämie auf. Die Percus- 
sion fand im Umkreis der Geschwulst, namentlich über dem Sternum, 
eine ziemlich vollständige Dämpfung. Schon bei blosser Besichtigung 
nahmen wir bisweilen eine pulsirende Bewegung wahr, welche beson- 
ders im innern und untern Tbeile der Geschwulst hervortrat. 

Der aufgelegten Hand und dem Stethoseope wurde in der Ausdeh- 
nung der Percussionsdämpfung öfters ein auffallend hebender Impuls 
mitgetheilt, welcher mit der Systole der Kammern zusammenzufallen 
schien. Er wurde häufig von deutlichem Fremitus und von einem 
schwirrenden Gerdusch begleitet , welches man am stärksten nach inaen- 
vom Sternalende der zweiten und dritten Rippe der rechten Seite hörte. 
Das Herz schien nach der linken Seite zu etwas vergrössert. Sein 
Anschlag war stärker als die Pulsation , welche man oben an der 
Brust wahrnahm. Die Herztöne waren etwas unrein , nicht scharf ab- 
klappend ; die Fortleitung jenes schwirrenden Geräusches liess eine 
sichere Bestimmung derselben nicht zu. Der Radialpuls der rechten 
Seite*) war kräftiger, als der linke. Noch bestimmter trat dieser 
Unterschied an den beiden Subclaviis hervor. Zwischen den beiden 
Carotiden liess sich kein deutlicher Unterschied feststellen. Die Zellen- 
athmnng war auf der rechten Thoraxhälfte, sowohl vornen als hinten, 



t) Selbst wenn wir, mit Stockes, annahmen, da»« eine gewisse Diffc- 
rrni in dienern Sinne cu der physiologischen Ner» gehört. 



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83 

kaum hörbar. An der linken Lunge vernahm man aberall puerilet Atk- 
tnem und vermehrten Wiederhall der Slimme. Die Percussion der lin- 
ken Lunge ergab nichts Abnormes. Die Besichtigung zeigte , dass die 
rechte Thoraxhälfte fast unbeweglich blieb , dass die linke dagegen eine 
verstärkte Ausdehnung darbot. Auf der rechten Seite fehlten auch die 
StimmUbrationen beinahe vollständig. 

Die genaue Untersuchung musste zu der Ueberzeugung füh- 
ren , dass die änsserlich in die Erscheinung fallende Osteoperio- 
stitis nur durch die Vergrößerung einer im Mediastinum befind- 
lichen Geschwulst hervorgerufen worden war. Dafür schien auch 
die ausgebreitete Dämpfung zu sprechen, welche nur durch 
eine beträchtliche Geschwulst erklärt werden konnte, die nahe 
an der Oberfläche lag. Bei der speciellen Diagnose konnte es 
sich wohl nur um ein Aneurysma oder um ein Carcinom 
handeln. Ein grosser Theil der physicalischen Erscheinungen 
schien auf ein Aneurysma des Truncus anonymus oder des Arcus 
«ort« bezogen werden zu müssen. Doch konnten dieselben eben 
§o gut durch ein Carcinom hervorgebracht worden sein. Jenes 
Schwirren und Hauchen in der Gegend des Aortenbogens oder 
des Truncus anonymus konnte durch die Compression dieser Ge- 
fässe entstehen. Die Pulsation liess sich durch den Gefässreich- 
Ihum der Geschwulst oder durch Fortleitung des Herzimpulses 
erklären. Auf die theilweise Compression der Luftwege suchten 
wir auch die ungleiche Respiration beider Lungen zurückzuführen, 
da wir für ein selbstständiges Leiden dieses Organs keine 
hinreichenden Zeichen hatten. Wenn wir uns für die Annahme 
eines Carcinoma entschieden , so stüzten wir uns vorzugsweise 
auf folgende Momente : 

1) Bei der oberflächlichen Lage der Geschwulst, für welche 
die Percussionserscheinungen sprachen , war die Intensität der Pul- 
sation viel au gering, um die Annahme eines Aneurysmas zu 
rechtfertigen. 

2) Es fehlten zwei ausgesprochene Pulsationscentren , und der 
Herzimpuls war mächtiger , als der an der Geschwulst wahrge- 
nommene. 

3) Es fehlte eine doppelte Pulsation der Geschwulst, welch« 
nach Stockes u. A. bei den Aneurysmen des Aortenbogens 
und des Truncus anonymus selten vermisst wird. 



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84 

4) Bei einem Aneurysma fallen die über der puUirenden 
Stelle gelegenen Knorpel und Knochen einer allmähligen Atrophie 
und Resorption anheim. Selten wird eine Osteoperiostitis wie in 
dem vorliegenden Falle beobachtet. 

Jedenfalls konnte die Therapie nur symptomatisch eingreifen, 
während wir vor Allem darauf bedacht sein mussten , die Blatbereitung 
und den Kraftezustand des Kranken zu heben , handelte es sich local 
darum , dem Entzündungsprocesse Einhalt zu thun und die Eiterung der 
Geschwulst zu verhüten. Es wurden in regelmässiger Repetition je sechs 
Blutegel an die Grenzen der Geschwulst gesetzt: Später wurden wie- 
derholt intensive Jodanstriche gemacht. Innerlich erhielt der Patient 
die Tinctura martis salit. Durch öftere Gaben von Opium und Cicuta 
wurden nicht nur die des Nachts auftretenden Schmerzen glücklich be- 
kämpft , sondern zugleich eine Umstimmung des gesammten Nerven- 
systems bewirkt. 

Der Erfolg der Behandlung schien wider Erwarten günstig; finde 
Juli nahm Lehmann, gut genährt und wesentlich gekräftigt, seinen Aus* 
tritt aus dem Spital. Die Geschwulst schien augenscheinlich zurück- 
gebildet. Patient fühlte sich in den Stand gesetzt , seiner Beschäftigung 
wieder nachgehen zu können. Unsern dringenden Rath , sich zu schonen 
und jede Anstrengung zu vermeiden , betqlßle er leider nicht. 

Anfangs September befand sich der Kranke schlimmer denn je. 
Nachdem er sich einige Wochen zu Hause herumgeschleppt hatte, trie- 
ben ihn heftige Schmerzen in der rechten Brost und Schultergegend 
und ein rascher Verfall der Kräfte in das Spital zurück, Als ich ihn 
im Laufe dieses Monats wieder sah, bot er ein äusserst cachectisches 
Aussehen dar. Die Nächte wurden grösstentheils schlaflos zugebracht. 
Es war kectisches Fieber vorhanden. Bisweilen trat Kurzathmigkeit und 
Hüsteln auf. Die sorgfaltigste physikalische Untersuchung der Lungen 
konnte keine sicheren Anhaltspunkte für die Diagnose einer Tuberkulose 
gewinnen. Dagegen dauerten die früher erwähnten Phänomene in der- 
selben Weise fort. Die äussere Geschwulst schien wenig verändert. 
Doch stiess jetzt die eingesenkte Acupunkturnadel auf Knochensplitter 
und drang in Osteoporose Massen ein. Ob hier eine Auftreibung und 
Zerklüftung der Rippen und des Sternalrandes , oder eine osteoide, 
osteosarkomatöse Neubildung vorlag, liess sich vorläufig noch nicht 
entscheiden. 

In Abwesenheit meines Vaters übernahm Herr Dr. Adolf Vogt 
die Behandlung des Patienten. Immer deutlicher werdende Pseudo- 
fluetuation veranlasste denselben zu einer Punctio exploratoria , welche 
aber blos eine blutähnliche Flüssigkeit, keinen Tropfen Eiter entleerte. 
Durch Jodeisen wurde Ernährung und Kraftezustand wesentlich gebes- 
sert, durch Opium und Belladonna die Nachtruhe gesichert. Anfangs 
November erscheint die frühere Punctionsstelle missfärbig , etwas er- 
höht. Kleine Granulationen , welche sich hier erheben , werden mit 



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85 

Agr. nilric. caaterisirt. Trotidem greift bald eine Ulceration um sich. 
Aas der jetzt trichterförmig vertieften Oeffnong flöss eine geringe Quan- 
tität Eiter. Die Clavicula schien in ihrer Gelenkverhindung mit dem 
Stern um vollkommen beweglich. Die frühere Geschwulst nahm jetzt 
mehr and mehr ab , während auf der linken Brusthälfte eine ausgedehn- 
tere, vollkommen abgeflachte Erhebung auftauchte. Wenn man von 
verschiedenen Seiten gegen die genannte Oeffnung strich, wurde eine 
dicklichte , ungleichartige , schmierig fettige oder käsig bröcklige Sub- 
stanz hervorgedrängt. 

Am 26. und 27. November untersuchte ich dieselbe mikros- 
kopisch nnd traf dabei bis in die feinsten Details dieselben Bilder, 
welche ich oft genug bei der Untersuchung der Tuberkelmaterie 
erhalten hatte 0- Ich stattete der Klinik durch eine möglichst 
treue Zeichnung nach der Natur Bericht über den mikroskopischen 
Befund ab ,. indem ich zugleich ausführlich den Standpunkt ent- 
wickelte, den ich bei der Deutung dieser Resultate einnahm. Ich 
hatte mich wiederholt durch Untersuchung der Hodentuberkulose 
und ähnlicher Localaffectionen , welche entschieden ohne eine pri- 
märe Lungentuberkulose vorkommen können , überzeugt , dass die 
Bildung jener den Tuberkel constituirenden Massen der Ausdruck 
einer ebenso ungemeinen regressiven Metamorphose ist, als die Ver- 
fettung, Colloidumwandlung , Verkreidung, Speckdegeneration u 
s. w. , und dass ebenso gut physiologisch gebildete Zellen und 
Fasern als primitiv ergossene Exsudate und ihre Organisations- 
formen der Tuberkulisation anheimfallen können. In neuerer Zeit 
hat bekanntlich besonders Virchow für die Allgemeinheit dieses 
Processes gekämpft und sich durch vielfache Missverständntsse^ 
besonders unter den Klinikern, eifrige Gegner zugezogen. In 
unserm Falle musste ich es demnach gänzlich unentschieden las- 
sen, aus welchen ursprünglichen Gewebselementen die untersuch-* 
ten Tuberkelmassen hervorgegangen waren. Wenn auch diese 
Untersuchung, in Verbindung mit manchen Krankheitserscheinun- 
gen , für die Möglichkeit sprechen konnte , dass hier wirklich eine 
Tuberkelhöhleder Lunge nach aussen aufgebrochen sei (wie ja der- 
artige Fälle in der medicinischen Casuistik aufgezeichnet sind) , 



loa kann hier int Betreff der Abbildung auf Lebert's Atlas der pathel. 
Physiologie, Tafel VIII Fig. 2 and 3, der Kurze wegen verweisen. 



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H5 

so glaubten wir uns doch mit Bestimmtheit der Ansieht zuneigen 
zu müssen, dass hier nur einer jener Fälle von Virchow, 
Rokitansky u. A. vorliege, wo Carcinome ganz oder theilweise 
in Tuberculisation übergegangen waren. Auffallend war unter sol- 
chen Umständen die Thatsache, dass ich bei wiederholt vorge- 
nommenen mikroskopischen Untersuchungen der ausgeschiedenen 
käsigen Massen kein einziges noch mehr oder weniger erhaltenes 
Krebselement aufzufinden vermochte. 

Indem ich zo den weiteren Verlaufe dieses Falles zurückkehre, 
muss ich vor Allem heftige neuraigitche Schmerzen erwähnen, welche 
jetzt zum ersten Male auftraten und vorzüglich den Ramus ophthalmicus 
quinti und seine verschiedenen Verbreitungen auf beiden Seiten be- 
herrschten. Die Paroxysmen dauerten ziemlich lange an und zeigten 
keinen stetigen Typus. Auf der Höhe der Anfalle traten besonders auch 
Schmerzen hinzu, welche sich den Hals hinab nach der Schulter und 
längs der innern Seite der Arme in die Finger zogen. Weder in einer 
prädisponirenden Anlage, noch in einer nachweisbaren Gelegcnheits- 
ursache irgend einer Art konnte diese Prosopalgie eine genügende Er- 
klärung finden. Der Kranke erhielt die Solut. arsenicalis Fowleri in 
steigender Gabe (anfänglich gtt. 15 pro die), und fühlte sich schon 
nach wenigen Tagen wesentlich erleichtert. Eine neuere, hartnäcki- 
gere Invasion der Schmerzen konnte nur durch anhaltenderen Gebrauch 
von Chinin und Eisen bekämpft werden. 

Am 30. November traten zum ersten Haie heftigere Respirations- 
beschwerden auf, welche uns zu einer nochmaligen sorgfaltigen phy- 
sikalischen Untersuchung sämmtlicher Brustorgane veranlasste. Hierbei 
nun wurden vorzüglich folgende Phänomene constatirt : 

Unter der rechten Clavicula , die jetzt wieder vollständig befestigt 
schien, hörte man rechterseits in einem ungefähren Umfang von 2y 2 D " 
ausgesprochene Pectoriliquie und cavernöses Rasseln. Athemgeräusebe 
waren unten und hinten gar nicht mehr vernehmbar. 

Die Phänomene , welche uns früher ein Aneurysma vermuthen Hes- 
sen, hatten sich jetzt mehr oder weniger verloren. Von einer Pulsa- 
tion war nichts mehr zu bemerken. Weit deutlicher als früher liess 
sich jetzt an der oberen Parthie der linken Thoraxhälfte ein abnorm 
heller und voller Ton nachweisen. Auf der linken Seite war starke 
Bronchophonie und pueriles Athmen in noch höherem Grade als früher 
ausgesprochen. Der Herzimpuls war ausgedehnt , unregefmässig , un- 
dulirend. Die Form der Dämpfung deutete auf eine Vergröss&rung des 
linken Ventrikels. In der Gegend der Ursprungsstelle der Aorta war 
ein diastolisches Hauchen vernehmbar, welches auf eine Insufficien* 
der Aortaklappen bezogen wurde. Der erste Herzton war kaum hör- 
bar , von verschiedenen Nebengeräuschen überdeckt. Der Radialpuls 
zeigte ein mit der Inspiration zusammentreffendes Aussetzen. 



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87 

Wiederholt machte mein Yater in der Klinik auf dieses Phä- 
nomen aufmerksam. Es konnte dasselbe nicht durch die am Her- 
zen wahrgenommenen Veränderungen erklärt werden. Wie na- 
mentlich aus einem Fall, welcher in Griesinger's Klinik im 
Sommer 1854 beobachtet wurde, hervorgeht, kann diese eigen- 
tümliche Druckerscheinung in ausgezeichneter Weise bei einer 
fibrinös plastischen Mediastinitis vorkommen. Es wird dasselbe 
hier durch starre Exsudationsmasse hervorgebracht, welche die 
Aorta und ihre Ge fasse umschliesst , und dieselbe bei der inspi- 
ratorischen Hebung des Sternums comprimirt. Ob in unserem 
Falle ähnliche Bedingungen dieses Phänomen erzeugten , das 
konnte vorläufig nicht entschieden werden. Bemerkenswerth ist 
nur, dass sich dasselbe in dem Maase verlor, als die folgenden 
Veränderungen weiter um sich griffen. 

Anfangs December begann sich die rechte Brustwand in der Ge- 
gend , wo wir die Pectoriloquie vernommen hatten , immer mehr ab- 
tuflachen. Aus der exulcerirteji Punctionsöffhung wurde ein ranzig 
riechender, dünner Eiter abgesondert, mit dem jene Taberkelmassen 
gemischt waren. Während die Jauchebildung profuser wurde , erwei- 
terte sich die OefFhung so bedeutend , dass sie bei günstiger Beleuch- 
tung die Einsicht in eine grössere Caverne gestattete , an deren Grund 
neben käsig bröcklichen Massen theils kleinere Splitter and Lamellen, 
theils grössere Fragmente von Knochensubstanz lagen. Die Unter- 
suchung zeigte klar, dass dieselben nicht neugehildet, sondern nur 
durch die zerstörende Entzündung und Zerklüftung des Sternalrandes und 
der betreffenden Rippen und durch die nachmalige Verjauchung entstanden 
waren. Unter der Hautdecke Hessen sich bereits bedeutende Substanz- 
verluste im Knochengerüste des Thorax durchfühlen. 

Am 9. December fingen wir an, die Höhle täglich erst mit Jod- 
kalijodsolution sorgfältig auszuspülen , die .Flüssigkeit mit einer Spritze 
zu entfernen , und dann eine geringe Quantität reiner Jodtinctur zu in- 
jiciren. 

Die günstige Einwirkung dieses Verfahrens war überraschend. 
Nicht nur besserte sich die Beschaffenheit der Secretion bedeutend, son- 
dern es Schossen sogar frische , rothe Granulationen an verschiedenen 
Stellen vom Grunde der Höhle auf. Leider war diess aber nur eine 
sehr vorübergehende Errungenschaft; denn schon einige Tage später 
wurden solche Massen einer brenzlich riechenden , ätzenden Brandjauche 
in der Höhle angehäuft, dass dieselben täglich unter zweien Malen mit 
der Saugspritze entleert werden mussten. 

Beiläufig nur sei es bemerkt, dass auch in diesem Falle die bei der 
Sanies gangraenosa so auffallende rosenrot ke Färbung (Puff, Vir- 



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£8 

chow, Schere r) beim Zusatz von Salpetersäure von jetzt aq constant 
bis zu Ende beobachtet wurde *). 

Die Zerstörung der Knochen griff stets weiter um sich , die Brust- 
wand begann mehr und mehr einzusinken. 

Gegen Mitte December bildete sich in dem vollständig exulcerirten, 
porösen Sternum eine totale Continuitätstrennung zwischen Corpus und 
Manubrium aus , und ohne dass es gehindert werden konnte durchbrach 
das scharfe untere Fragment die Haut und ragte bei jeder Inspiration 
nach aussen vor. Auffallend war es , dass die beiden Perforations- 
öffnungen in der Haut vollkommen beschränkt blieben und eine regel- 
mässige, runde Form beibehielten, während die Zerstörung der dar- 
unter liegenden Theile schon in weitem Umkreis vorgeschritten war. 

Da durch das Ausfliessen der Jodflüssigkeit und der ätzenden Jauche 
die ganze Umgebung bedeutend excoriirt war, bedeckten wir die rechte 
Brust mit einem Ceratläppchen , in welches die entsprechenden Oeffnun- 
gen eingeschnitten waren. Leider erlaubte die zunehmende Athemnoth, 
die ausserordentliche Empfindlichkeit bei jeder Bewegung und die grosse 
Neigung zum Aufliegen nicht die vollständige Bestellung des indicirten 
freien Abflusses der Sekrete. Pat. befand sich am wohteten in der Röcken- 
lage and vertrug nur eine schwache Neigung nach der fechten Seite. 
Das Allgemeinbefinden zeigte bedeutende Schwankungen ; doch hatte jetzt 
die Anämie den höchsten Grad erreicht. Die Athemnoth war oft sehr 
bedeutend, ein stechender und bohrender Schmerz in der Tiefe der 
Brusthöhle nur durch Gaben von Opium und Belladonna erträglich. Der 
Puls war jetzt weniger intermittirend als früher, äusserst frequent und 
klein. Die früheren Phänomene der physikalischen Untersuchung wurden 
mit Vorsicht und Schonung wiederholt , auch jetzt constatirt. Blutcoa- 
gula , welche bisweilen auf dem Grunde der Höhle gefunden wurden , 
schienen durch die Exulceration der Artt. intercostales und der mam- 
mark interna bewirkt zu sein, Die Bewegung der Brustbeinfragmente 
wurde wegen der Möglichkeit einer Verletzung der grösseren Gefasse 
fortwährend sorgfältig überwacht. 

So war der Stand der Erscheinungen , als am 14. Januar zum 
ersten Male Hcemoptoe auftrat. Das Blut war anfänglich nur in Strie- 
men den , übrigen Sputis beigemischt. Seine Farbe schien bereits ver- 
ändert. Bald war der Auswurf vollständig mit bräunlich zersetztem 
Blut durchtränkt. Die Expectoration wiederholte sich schnell , war aber 
mit ausserordentlichen Anstrengungen verbunden. Gegen Mittag werden 
die Auswürfe reichlicher und lassen einen «penetranten , süsslich-faulen 
Geruch wahrnehmen. In den meisten derselben vermag das Mikroskop 
nur die metamorphosirten Elemente des Faserstoffs und der Blutkttgel- 
chel» zu entdecken. In einigen grösseren pulpösen Massen werden auch 
zerstörte Gewebspartbien des Lungenparenchyms , zerflossene elastische 
Fasern, zerbröckelte und nnregelmässige Zelten, nebst jenen Pigment- 



*) Anwesenheit von Krythroproti4 ? 



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molekülen nachgewiesen , welche ich als Brandkörpereken beschrieben 
habe 1 ). Die Diagnose einer Oangrctna pulmonum stand somit fest. 
Von der China und den Mineralsäuren war nichts mehr zu erwarten , 
und wir begnügten uns damit, durch eine Mischung ron Vin. stib. Dr. 2 
und Liq. Ammon. anis. Dr. i ihm wenigstens vorübergehend die Ex- 
pektoration zu erleichtern. 

Am Morgen des 16. Januars ist der Kranke vollständig colla- 
birt. Der Puls ist kaum fühlbar, aussetzend, das Gesicht blass, blei- 
grau ; die Lippen zittern , die Augen sind trübe , glanzlos ; die 
Zunge ist trocken, schwärzlich belegt, der Athens entsetzlich stin- 
kend, die Respiration schnarchend, das Sprechen mit der äussersten 
Anstrengung verbunden. Wiederholt klagt der Kranke über Eingeschla- 
fensein der oberen Extremitäten. Bei der Untersuchung sind dieselben 
kalt , mit klebrigem Schweiss bedeckt. Die Schonung des Sterbenden 
verbot mir eine nochmalige gründliche physikalische Untersuchung der 
Brustorgane. Doch konnte ich am Nachmittage des 16. Januars noch 
folgende Erscheinungen erhaschen : Der Herzschlag war kaum fühlbar; 
an die Stelle jenes schwirrenden und pfeifenden Geräusches war ein un- 
bestimmtes Gurgeln und Summen getreten. Der Nachweis von Brand- 
es vernen gelang nicht. Gegen 7 Uhr Abends wurde Lehmann von sei- 
nen Leiden erlöst. Sein Bewusstsein war bis zum letzten Augenblick 
klar geblieben ; er antwortete noch auf vorgelegte Fragen , und dankte 
für die Sorgfalt und Pflege , die ihm zn Theil geworden war, wenige 
Minuten vor seinem Tode. 

Obductioubericht vom 18. Januar 1858. 

Der Leichnam bietet einen sehr geringen Grad von Todtenstarre ; 
an verschiedenen Stellen bereits Spuren von Fäulniss. Das Gesicht und 
der ganze Körper sind im höchsten Grade abgemagert. Wir beginnen 
mit dem Heerde des Leidens — der Brust kohle. Nachdem man (mit 
Erhaltung der beiden Perforationsöffnungen) die Haut von der rechten 
Thoraxwand abpräparirt hat , liegt eine weitgreifende Zerstörung vor 
nnsern Augen. Die erste, zweite, dritte, vierte und zum Theil die 
fünfte Rippe sind durch mehrere Zoll grosse Substanzverluste unter- 
brochen , die sechste und siebente Rippe vom Sternum losgetrennt. 
Seine Porosität und Zerklüftung waren schon im Leben beobaehtet wor- 
den. Bis zur achten Rippe sind die Mm. intercostales in ziemlicher 
Ausdehnung erweicht und brandig infiltrirt. Durch die zweite Oeffhung 
blickt man in eine geräumige Höhle , welche noch mit Jauche , Blut- 
rinseln und Tuberkelmassen erfüllt ist. Nach vollständiger Entfernung 
dieses Inhaltes zeigt sich , dass der Boden der Caverne durch mehrere 
schmutzig - gelbe , theilweise granulirende und mit Faserstoflllatschen 
überdeckte Krebsknoten gebildet wird. 

Wegen der inneren Verwachsung der carcinomatösen Massen mit 



*) Vergl. meine Untersuchungen über die Veränderungen der Gewebe durch 
Brand. Frankfurt 1857. Seite 10 u. ff. 



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90 

der Brustwand durchschneiden wir diese im weiten Umkreis und heben 
sie mit dem gesammten Inhalt des Cavum thoracis heraus , nachdem die 
zahlreichen Adhäsionen mit der Brustwand losgelöst worden waren. 

Leicht gewinnt man nun die Aussicht auf mehrere umfangreiche 
Geschwülste , welche aus dem weit nach rechts ausgedehnten , colos- 
salen Mediastinum anticum sich auf die Costalplatte der rechten Pleura 
fortsetzen. Die Umschlagstelle des Pericardium auf die grossen Gefässe 
nimmt an der carcinomatösen Entartung innigen Antheil. Ein Ausläufer 
der krebsigen Masse setzt sich in das Innere des Herzbeutels und auf 
die concave Fläche desselben fort. Trachea und Oesophagus sind nach 
links und hinten gedrängt, jedoch nicht in den Bereich der Degenera- 
tion gezogen. Auch nach der linken Seite ist das Mediasticum ver- 
grössert. 

Der ganze Aortenbogen ist deprimirt , in seiner Form total ver- 
ändert. Er ist in die carcinomatöse Masse grösstenteils eingegraben 
und lässt sich nicht isoliren , indem seine vordere Wandung mit der- 
selben verwachsen ist. Das Lumen ist dadurch bedeutend verengt, 
nirgends jedoch unwegsam. Die Krebsknoten schieben sich zwischen die 
Aorta ascendens , den rechten Ast der Pulmonalis , die Vena cava su- 
perior fort. Nirgends zeigen sich jene fibrinösen Exsudatmassen einer 
Mediastinitis. Das freie nicht verwachsene Stück der Aorta ascendens 
ist sackartig dilatirt, mit zurückgestauten, theerartigen Coagulis ange- 
füllt. Die Wandungen sind hier bedeutend verdünnt, in ihrem Bau nicht 
verändert. Ein Aneurysma .verum findet sich nirgends. Der Aorten- 
bogen ist so sehr verkleinert und zusammengedrängt , dass der Truncus 
anonymus mit seinen Aetsen und die linke Carotis und Subclavia dicht 
nebeneinander, gleichsam aus einem kurzen, gemeinsamen Stamm zu 
entspringen scheinen. Die Subclavia dextra ist so sehr erweitert und 
dergestalt in ihrer Richtung verändert , dass sie die directe Fortsetzung 
des Truncus anonymus zu bilden scheint. Das linke Hern ist bedeu- 
tend erweitert. Die Wandungen sind blos verdünnt, in ihrer Struotur 
unverändert. Die Aortalklappen sind insufficient. Das rechte Her» 
ist wenig verändert; die Art. pulmonalis, die Vena cava super, und 
infer. scheinen dem Drucke der carcinomatösen Massen nur in geringem 
Grade ausgesetzt gewesen zu sein. 

Die rechte Lunge ist durch die Geschwulst vollständig comprimirt 
nnd verdichtet; nur wenige Läppchen sind noch lufthaltig, die meisten 
sinken im Wasser unter. Die oberen Parthien der linken Lunge sind 
anämisch und emphysematös. Von Tuberkelherden finden sich keine 
Andeutungen. Der untere Lappen ist im Zustand der Hypostasie. In 
einem mehr oder weniger morschen Gewebe zeigen sich einige cir- 
cumscripte Brandhöhlen, bei deren mikroskopischer Untersuchung ich die 
bereits früher beschriebenen Resultate erhielt. Beiläufig nur erwähne 
ich das Vorkommen des Ino Stearins. Wurden die Höhlen mit einem 
Wasserstrahl ausgespült und die Membranen, welche dieselben ausklei- 
deten, abgehoben, so tritt ein fächeriges Gewebe zu Tage. In diesem 
befinden sich zahlreiche runde Oeffnungen, von denen die einen direct 



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»1 

zu erweiterten Bronchien , die andern zu blindendigen Höhlen führen f 
welche gleichsam Anhänge der Haupthöhle zu sein scheinen. Zu meh- 
reren derselben gehen kleine Bronchial- und Gefassstämmchen. Com- 
primirt man den untern Theil der Lunge , so quillt aus den durch- 
schnittenen Bronchien dieselbe brandig zersetzte Masse , welche die 
Höhlen erfüllt. Mit Ausnahme einiger kleiner Abcesse und der allge- 
meinen Bronchiektasie verhält sich das übrige Parenchym der Lunge nor- 
mal. Es zeigen sich namentlich durchaus keine carcinomatöse Ablage- 
rungen und Infiltrationen. 

Diese fehlen auch in der Bauch- und Schädelhöhle. 

Im Bereich der grossen Gehirnhemisphären findet sich zwischen 
Pia mater und Arachnoidea ein gelatinöses, opalisirendes Exsudat. Die 
Gehirngeflsse enthalten Faserstoffgerinnsel. Die Gehirnsubstanzen sind 
anämisch , sonst durchaus nicht verändert. Beiläufig sei erwähnt, das« 
die sämmtlichen Nähte des Schädels verwachsen sind , und dass unter 
den Processus clinoidei sup. mehrere scharfe und spitzige Osteophyten 
sitzen, welche bis in die Nähe des Ganglion Gasseri reichen. 

Die Unterleibsorgane bieten keine pathologische Veränderung dar. 
Nur erscheinen Leber, Milz und Nieren im höchsten Grade anämisch. 

Sogleich nahm ich die mikroskopische Untersuchung der Ge- 
schwülste vor, so weit diess ohne Zerstörung des schönen Prä- 
parates möglich war. 

Die Massen zeigten sich consistent und gegen das umge- 
bende Gewebe durch eine mehr oder minder dichte Bindegewebs- 
hülle abgegrenzt. Auf der Schnittfläche erscheinen sie ziemlich 
homogen , körnig , graugelb oder ins Röthliche schimmernd/ Bei 
einigem Druck quillt eine milchig - breiige Materie in ziemlicher 
Menge heraus. Man musste sich bei der mikroskopischen Unter- 
suchung getäuscht finden , wenn man aus dem äussern Ansehen 
und der Festigkeit der Geschwülste auf ihre feinere Structur 
schloss. Die faserigen Elemente spielten nur eihe äusserst unter- 
geordnete Rolle. Auch durch die üblichen Reagentien 'vermochte 
ich kein maschiges Stroma zu entdecken , sondern fand nur hin 
und wieder verfilzte, zarte Fädchen, welche nach den verschie- 
densten Richtungen dahinziehen. An einigen Stellen der Geschwulst 
scheint ein ausgebreiteteres Gerüst durch eine streifige, undeut- 
lich faserige, von rundlichen und ausgezogenen Kernen besetzte 
Substanz gebildet. Hier besonders traten gewunden verlaufende 



*) Es wurde dasselbe unter Nr. VII, A. III, 16 der hiesigen pathalogiseh- 
anatomischeo Sammlung einverleibt. 



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93 

und anastomosirende , zartwandige Blutgefäss* deutlich hervor, 
von denen bei einer andern Gelegenheit ausführlich die Rede sein 
soll. Den Hauptbestandteil der sämmtlichen Geschwülste bilden 
einförmige elliptische , blasse , ungeschwänzte Kerne , welche 
circa 0,01 — 0,02"' gross sind. Bei der Vergrösserung von 7$©o 
erkannte man in den meisten derselben 1 — 3 Nucleolos. Ohne 
Zweifel hatte ich jene Elemente vor mir, welche von vielen For* 
schern als « Markschtoammkügelchen » beschrieben wurden *)• 
Ausser diesen jüngsten und unentwickeltem Formen begegnete 
man auch jenen höher stehenden Zellen. Sie wären von verschie- 
dener Grösse , theils rundlich , theils keulenförmig , in eine oder 
mehrere Spitzen ausgezogen , und bargen häufig Tochterzellen 
und Kerne in ihrem Innern. Die Zahl dieser Gebilde trat jedoch 
bedeutend in den Hintergrund. Yon jenen colossalen, geschwänz- 
ten Zellen, die man noch immer als charakteristisches Element 
des Markschwammes aufgeführt findet , war hier keine Spur vor- 
handen. 

Dennoch konnte , in Verbindung mit dem klinischen Bilde , 
nach dieser Untersuchung die Diagnose auf Markschwamm kaum 
einem Zweifel unterworfen sein. Keiner dieser Krebsknoten zeigte 
Spuren einer Fettmetamorphose, Verscfirumpfung , Tuberculisation, 
Erweichung , Yerkreidung oder eines sonstigen Rückbildungspro- 
cesses. Doch war , es unter diesen Verhältnissen klar , dass an 
der Stelle jener nach aussen durchgebrochenen , mit Tuberkel- 
massen angefüllten Höhle ursprünglich ein ähnlicher Markschwamm- 
knoten sich befand , der unter dein zunehmenden Drucke von 
Seiten der Brustwand sich so vollständig zurückgebüdet hatte. 



Bfea hat freilich allzuoft vergessen , dass dieselben auch in verschie- 
denen andern Umbildungen verkommen können nnd nur durch ihr massenhaft 
tes Auftreten bei der Diagnose mancher Formen den Marksehwamms Bedeotäug 
gewinnen. 



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»3 

Die meisten Räthsel, welche sich im Verlaufe dieses Falles 
darboten, sind durch die Resultate der Obduction aufgelöst wor- 
den. Obschon es also nach der genauen Mittheiluog des anato- 
misch en[ Befundes kaum mehr einer weitem Erläuterung der Kran« 
kengeschichte bedarf, so erlaube ich mir doch zum Schluss noch 
einige der bemerkenswertesten Momente aqs derselben hervor- 
zuheben : 

1) Es sind vorzüglich zwei Verhältnisse, welche die Phäno-, 
mene eines Aneurysma simulirten : die Compression und Stenose 
des Arcus aortce und die Insufficxenz der AortaUUappen. Manche 
der später eintretenden Geräusche mögen wohl durch die Dilata- 
tion der Apr|a ascendens und der Subclavia dextra ?u Stande ge- 
kommen sein. 

2) Man hat neuerdings das Aussetzen des Pulses bei der In* 
spiration zur Diagnose des Umscblossenseins der Aorta durch 
starke Exsudatmassen bei der fibrinös~pla*tiscben Mediastinitis be- 
nutzt. Der vorliegende Fall beweist , dass die Bedingung zum 
Zustandekommen dieser Erscheinung auch durch ein reines Car- 
cinom des Mediastinums gegeben sein kann , was man freilich 
schon a priori annehmen musste. 

3) Es liegt hier der anatomische Weg^ welchen eine Krebs- 
geschwulst durch die regressive Metamorphose ihrer Elemente zu 
einer spontanen Heilung durchlaufen kann , wiederum deutlich vor- 
gezeichnet. Zugleich aber bestätigt sich die Erfahrung, dass der 
früher eintretende Tod in der Regel diesen Process nicht zum 
Abschlüsse kommen lässt. 

4) Es kann durch die tuberculisirende Metamorphose eine 
Verwechslung zwischen Carcinom und Tuberkel bedingt werden. 
Wir überzeugen uns aus diesem Falle , dass auch das Mikroskop 
die Sicherheit der Diagnose nicht herzustellen vermag, wenn die 
Rückbildung eine so totale ist , dass neben den atrophischen 
Massen keine der ursprünglichen Krebselemente mehr erhalten 
sind. 

5) Die heftigen neuralgischen Schmerzen , welche entfernt 
von dem Herde des Leidens auftreten , scheinen mit der dyskra- 
sischen Entmischung des Blutes in Zusammenhang zu stehen. 



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Genau dieselbe Prosopalgie beobachtete ich fast gleichzeitig bei 
zwei Fällen von Carcinoma oesophago 

6) Es lasst sich im vorliegenden Falle durchaus keine andere 
ätiologische Bedingung für das Zustandekommen der Bronchiek- 
imsic und des Emphysems der linken Lunge auffinden, als die über- 
grosse vikarirende Thätigkeit derselben. 

7) Wir erhalten hier wiederum ein Beispiel für die oft schlei- 
chende und durch keine physikalischen Zeichen verrathene Ent- 
wicklung des Lungenbrandes. 

8) Die Gangrcena circumscripta pulmonis scheint durch die 
Wanderung eines brandigen Gerinnsels von der nach aussen geöff- 
neten Jauchehöhle aus entstanden zu sein. Im Leben fehlten die 
Symptome einer Pneumonie, und der anatomische Befund spricht 
nicht für hämorrhagische Infarkte. Es konnte vielleicht der ana- 
tomische Befund hier an die von Briquet mitgetheilten Fälle er- 
innern, wo der Brandprocess von einer ampullenartigen Broh- 
chiektasie ausging. 

9) Wir lernen endlich aus diesem Falle, welche eminente 
Verkleinerung der Respirationsflächen ein Individuum zu ertragen 
vermag , wenn dieselbe so alltnählig zu Stande kommt , dass die 
Gewöhnung daran gleichen Schritt zu halten vermag. 

Hermann Demme. 



Aus der Literatur. 



Beitrag zur Lehre von der hydrostatischen Luiigenprobe, 
von Dr. Maschka. 

Das Schwimmen der Lungen Neugeborner wird bedingt, ent- 
weder durch das Athmen , oder durch künstliches Lufteinblasen , 
oder endlich durch die Fäulniss. Letztere kann nur unter gewis- 
sen Bedingungen Schwimmfähigkeit einer Lunge, welche nicht 
geathmet hat, herbeiführen, und diese sind Wärme und Feuch- 
tigkeit; fehlen diese, so erfolgt entweder Eintrocknung oder 
Auflösung der Structur der Lunge. Die Schwimmfähigkeit fau- 
lender Lungen kommt auf diese Weise zu Stande , dass sich Gas 



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95 

unter dem Pleuraüberzuge in Form von Bläschen sammelt; dalier 
eine solche Lunge, wenn die Bläschen aufgestochen werden oder 
von selbst platzen (was bei fortschreitender Fäulniss der Fall zu 
sein pflegt) und nach Anwendung einer geringen Compression im 
Wasser untersinkt , ohne jemals wieder schwimmfähig zu werden. 
Lungen , welche geathmet haben , oder denen künstlich Luft ein- 
geblasen wurde, können nicht durch Compression , wohl aber 
unter der Luftpumpe zum Untersinken in Wasser gebracht wer- 
den. Faulen Lungen , welche theilweise oder vollständig geath- 
met haben , in einem wässerigen Medium , so sinken sie nach 20 
bis 30 Tagen von selbst unter , können aber durch Lufteinblasen 
wieder schwimmfähig gemacht werden , zum Beweise , dass die 
Lungentextur nicht zerstört wurde. Gerade so verhalten sich 
faulende Lungen, denen Luft eingeblasen worden war. Es ist 
daher auf anatomischem Wege allein fast nie möglieh zu ent- 
scheiden , ob eine schwimmende Lunge eines Neugebornen ge- 
athmet habe oder künstlich aufgeblasen wurde; sicher aber ist 
es, dass wenn eine faulende. Lunge noch nach der Eröffnung 
ihrer Luftblasen , nach Ablösung der Pleura , und Compression 
des Lungengewebes schwimmfähig gefunden wird, dieselbe ent- 
weder geathmet hat oder aufgeblasen wurde. Sinkt jedoch eine 
solche Lunge unter, ist in den Pleurasäcken wenig Flüssigkeit ent- 
halten und die Fäulniss weit vorgeschritten, dann ist jede Ent- 
scheidung unmöglich. (Prager Vierleljahrschrift. 1867. I.) 



Erworbene Luitgenatelectasie, von Dr. Carl Gerhardt. 

Die secundäre Atelectasie der Lungen resultirt am häufigsten 
aus Katarrhen und aus der Schwäche der Respirationsmuskeln ; 
als untergeordnete Momente für das Zustandekommen derselben 
sind anzusehen : die Rückenlage der Kinder , das feste Wickeln 
derselben, der Aufenthalt in verdorbener Luft. Bei der Diagnose 
hat man die Zeichen des bronchialen Katarrhs , das fortgeleitete , 
schwächer hörbare Zellenathmenbenachbarter Theile, das Einziehen 
des unteren Theiles des Sternums und der oberen falschen Rip- 



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pea, den zeitweilig aber in heftigen Paroxysmen auftretenden 
Husten, die ungleiche Wärmevertheilung, und die meist sehr ge- 
ringe Cyanose zu berücksichtigen. Von wesentlichem Belange 
ist die Beobachtung des Verlaufes, der eine gewisse Constanz 
der Erscheinungen zeigt. Die Prognose gestaltet sich günstiger 
bei den leichteren' Formen und jener Atelectasie , welche durch 
einen heftigen Katarrh veranlasst wurde. Der Winter und das 
Frühjahr erweisen sich solchen kranken Kindern besonders ge- 
fährlich. Bei der Behandlung hat man vor Allem auf eine gesunde 
Wohnung, öfteres Austragen ins Freie, passende Nahrung und 
Pflege zu sehen ; nebstbei kommen die Tonica , Eisen , China , 
Wein und' die Expectorantia in Anwendung. 

(Virchow, Archiv JS57. 1, 3,) 



Heilverfahren gegen Panaritien, von Dr. Gerhard 
v. Breuning. 

Dieses Verfahren, welches sich dem Verfasser in allen Fällen 
als erfolgreich bewährte , hat zur Hauptaufgabe , die Entzündung 
nach Möglichkeit zu mildern , und von der Beinhaut, somit von der 
nächsten Nähe des Knochens, abzuziehen, und sobald es zur Eiter- 
bildung gekommen ist , dem Eiter möglichst freien Abfluss zu ver- 
schaffen und die Eiterung zu fördern. Diesen Zweck erreicht Verf. 
durch das Lauge nb ad. Der Finger wird stündlich, ja halbstünd- 
lich zu 15 Hinuten in Lauge gebadet und in der Zwischenzeit mit einer 
in Lauge getränkten Compresse bedeckt, und diess auch Nachts fort- 
gesetzt. Je wärmer die Badetemperatur vertragen wird, desto rascher 
wird die Heilung bewerkstelligt. Ist es zur Eiterung gekommen , so 
empfiehlt Verf. dem Patienten den Finger im Bade zu bewegen und 
mit der andern Hand den Eiter hervorzudrücken. In der Zwischen- 
zeit kann der Finger mit Sauerteig oder feuchtem Lehm umlegt, und 
bei grössern Schmerzen mit Extr. Beilad. 5j, Ol. Hyosciam coct. 3üj. 
beträufelt oder einer ähnlichen Salbe bestrichen werden. Bei heftiger 
Entzündung im Beginne sind vorerst Blutegel anzusetzen. So heilte 
Verf. die Panaritien ohne sich zu hinein Einschnitte genöthiget zu 
sehen. (Oester. Zeitschrift f. prakt. Heilkunde. 1857. 6.) 



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i.Wffr 



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Schweizerische Monatschrift 



für 

praktische Medizin, 

redigirt von 

Dr. A. Vogt- 
Dritter Jahrgang. 1858. Nr. IV. Aprilheft. 

Diese Monatschrift erscheint monatlich einmal, 2 Bogen stark. Der Abonne- 
mentspreis ist fSr die ganse Schweiz 7 Fr. , für das Aasland 10 Fr. Briefe 
und Gelder franko an die Expedition: Halle r 's che Buchdruckerei in Bern. 

■ r ' i .ir- ■ • i i B ■, i um 

Ueber die Tracheotouiie beim Croup der Kinder, 

von A. Vogt. 



(Hie*n Taf, I. Fig. III - VI*) 



Als in der letztjährigen Versammlang der Schweiz, naturfor- 
schenden Gesellschaft das Thema zur Sprache kam , mnsste ich 
mich überzeugen, dass die Tracheotomie bei uns noch keines« 
wegs das Terrain gewonnen hat, welche ihr jetzt selbst da einge- 
räumt wird , wo ihre französischen Lobredner anfangs den 
hartnäckigsten Widerstand gefunden hatten, nämlich in Deutsch- 
land und England. In den letztgenannten Ländern findet sie 
aber immer mehr Eingang. Bei uns können wir der Natur 
der Sache nach ein Gleiches erwarten, wenn es uns gelingt, 
durch Beseitigung der Furcht vor den fictiven Gefahren der Ope- 
ration die Nebel zu zerstreuen, und die weit tiberschätzte Hoff- 
nungslosigkeit derselben im Croup auf ihr richtiges Maas zurück- 
zuführen. 

Um zu diesem Ziele zu gelangen , kann man das grosse Ma- 
terial über diesen Gegenstand, welches die neuere medicinische 
Literatur bietet , kritisch durchgehen , oder man kann die Discus- 
sion an die eigene Erfahrung anknüpfen. Ich zog den letzteren 

7 



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Weg vor, eines Theiles weil wir in der französischen und deut- 
schen Literatar schon treffliche Zusammenstellungen der vorhan- 
denen Erfahrungen besitzen , und eine solche Arbeit die Grenzen, 
welche ihr durch diese Zeitschrift gesteckt sind,' zu weit tiber- 
schreiten würde , andern Theils weil die Mittheilung neuer Erfah- 
rungen für den Leser atiregender ist und unmittelbarer an das 
Leben anknüpft. 

Die Erfahrungen, welche wir aus den praktischen Beobach- 
tungen ziehen, sind aber doppelter Art. Die einen sind das Re- 
sultat sehr zahlreicher Beobachtungen , wie sie in grossen Spitä- 
lern den Spectaüsten geboten werden. Diese tragen unbestreitbar 
mehr oder weniger den statistischen Gharakter an sich , und sind 
daher allerdings im Stande , viele schwebende Fragen zu einsehen 
den. Allein je grösser ihre Zahl , desto mehr schwindet die In- 
dividualität des einzelnen Falles und mit ihr die Verfolgung des 
physiologischen Verlaufs des ganzen Vorganges , auf welche be- 
sonders die alte Medicin , welche wir in Bezug auf ihre treue 
Naturbeobachtung iin Leben wohl die klassische nennen dürfen , 
ihre Maxime: «qui bene distinguit bene medebitur» abstellte. 
Neben jener mehr statistischen Erfahrung steht die genaue Beob- 
tong des Einzelfalles, auf welche die grosse Mehrzähl der Aerzte 
angewiesen ist. Nur durch diese ist uns eigentlich die Erforschung 
der physiologischen processe in Krankheiten möglich, und in die- 
sem Sinne wollen wir versuchen an einer einzelnen Beobachtnng 
anzuknüpfen, um den Werth der Tracheotomie, ihre Indicationen, 
die Ursachen ihres Misslingens zu besprechen. ; 



* Krankengeschichte. 

; Am 7. December 1856 wurde ich au Marie S. gerufen. Es war 
jpin, Kind von sieben Jahren , blond , das Gesicht bleich und etwaa auf- 
gedunsen, von feiner, weisser Haut und scrophulöser Constitution. Das 
rechte Auge war von einer chronischen Blepharitis glandularis befallen. 
Es litt schon seit einigen Wochen an Husten , und wurde erst in den 
kitten Tagen wegen Fieber;,, Mattigkeit, Unlust zum Essen, im Bette 
behalten. Nach der Aussage der Mutter wurde es am vergangenen 
Tage von Halsweh mit erschwertem Athem befallen und soll in der 
tfacht Eiter (?) erbrochen haben. 

Ich fand beide Handeln stark geschwollen , aber nicht entfcftndlicli 



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ger&thet* noch mit Pseudomembranen bedeckt; ihre Schleimhaut sab 
blass aus und war von stärkeren Gefassen durchzogen.. Die Ath-* 
mung war behindert : die Inspiration geschah mit einem Kiemlich 
lauten , aber tiefen Tone 1 ) ; die Expiration ging leichter , aber mit 
einem streichenden Geräusche. .Der Kehlkopf wurde bei jeder Inspira- 
tion gewaltsam gegen das Sternum gesogen 2 ). Den Husten hörte ich' 
nicht. Puls massig beschleunigt. — Ord. : Emeticum und in der Nacht 
<> Blutegel an den Hals. 

8. December. Auf das Emeticum vorübergehende Besserung;* 
mehr Erleichterung hatten die Blutegel bewirkt. Doch nahmen die Ath- 
muhgsbeschwerden am Morgen wieder zu, und weder Scarificationen 
der Mandeln , noch Aetzen der Mandeln , des Schlundes nnd der obern 
FartUe des Kehlkopfes mit Höllensteinsolutioh , noch oft wiederholte. 
Einreibungen von Ung. mercur. schafften Erleichterung.» Die heisere 
Stimme und der Husten erschienen zuletzt ganz erstickt und das Ath« 
mungshinderoiss nahm so überhand, dass ich Abends 10 1 /, Uhr cur 
Tracheotomie schreiten musste, bei welcher Herr Dr. Hennann die 
Gefälligkeit hatte; mich, zu unterstützen. 

Operation. Das Kind wurde horizontal auf einen Tisch gelagert 
und ein aufgerolltes Kissen unter den Hals geschoben. Nachdem es in 
dieser Lage chloroformisirt worden war, ergriff ich, zur Rechten, des- 
Kindes stehend, mit Mittelfinger und Daumen der linken Hand verlass- 
lich den auf- und absteigenden Kehlkopf, an dessen unterem Rand ich 
die Fingerspitzen einklemmte. Den Zeigefinger hielt ich mir zum Be- 
tasten frei. Nun legte ich in der Mittellinie des Halses einen Längs- 
schnitt an, weicher, etwas über der Cartüugo cricoidea beginnend, 
bis zum Manubrtum sterni lief , in einer Lange von 1 x fo Zoll. Es tra- 
ten nun die aufgetriebenen Venen mit vielfachen Anastomosen zu Tage; 
Nachdem ich mich mit dem linken Zeigefinger von der Lage des U§am. 
cricothyreoideum überzeugt hatte, senkte ich sogleich mein Kstouri in 
dasselbe ein und eröffnete es durch einen Längsschnitt. In dem glei- 
chen Augenblick schleuderte ein heftiger Hustenstoss sehr zähen, bln-4 
tigen Schleim mit grosser Gewalt und unter zischendem Geräusche aus 
der kleinen Wunde heraus. Das Kind, welches zur Erleichterung des 
Auswerfens aufgesetzt worden war, zog den Athem schon bedeutend 
freier durch die Wunde. Mit dem Freierwerden des Athems fielen so-» 
gleich die geschwellten Venen zusammen nnd die durchschnittenen Ana- 
stomosen hörten auf zu bluten. Da die Traebealwunde aber noch zu 
klein war zur Einfuhrung der Kanüle , so wurde das Kind sogleich in 
seine alte Lage zurückgebracht und die Traebealwunde nach unten ver-» 



*) Ich unterscheide Immer streng den Ton, welcher sich dem musikali- 
schen nähert und also auf einer immer gleichen Behwingangssahl der LurV 
wellen beruht, von dem Geräusche, welches durch das Zusammenwirken 
der verschiedensten Schallwellen entsteht und ein Gewirre von Tönen bildet. 

2 ) Vod nicht, wie Jos. Frank in seinen Präceptis sagt: „larynx suh 
^uavis inspirattone mirum in modum fere ad maxHmm inferiorem usque attol- 



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grössert, sodass sie ausser der Cart. critoidea noch die vier ersten 
Luftröhrenringe trennte« 

. Bei näherer Betrachtung der Wunde konnten wir deutlich erken- 
nen, dass bei jeder Inspiration die Ränder der durchschnittenen Tracheai- 
ringe auseinander wichen und so die Wunde klaffender machten und 
dadurch die Athmung erleichterten. 

Nach einigen misslungenen Versuchen , die Kanüle einzuführen , * 
während die Wunde durch stumpfe Hacken, welche leider zu wenig 
tief griffen, auseinander gebalten wurde, gelangte ich leicht durch 
folgendes Manöver zum Ziele : Mit dem untern Ende der Kanüle drängte 
teh den linken Rand der Trachealwnnde zuerst nach hinten und. schob 
dann , ohne mit der Kanüle zurückzuweichen , ihr unteres Ende über 
jenen Wundrand hin nach rechts , so dass sie hier unter den rechten 
Wnndrand gelangte; dieser liess sieb dann so weit nach rechts drücken, 
dass die Kanüle auch über den linken Wundrand wegglitt , und sogleich 
in die Trachea mit Leichtigkeit eindrang. Die Kanüle wurde in bekann- 
ter Weise mittelst eines Bändchens um den Hals fixirt. 

Die ganze Operation währte kaum eine Viertelstunde , und die Blu- 
tung war, sobald einmal der Athem frei ging, eine so minime, dass 
sie gar keine Beachtung verdiente und mit der Einführung der Kanüle 
für immer ganz versiegte. Gleichwohl folgte auf die ersten ergiebigen 
Athemzttge ein ohnmachtähnlicher Anfall : der Athem stand still , das 
Gesicht entfärbte sich und das Leben schien entflohen. Ich bjies so- 
gleich Luft durch die Kanüle ein , comprimirte dann den Thorax und 
wiederholte das Manöver so lange, bis sich die ersten freiwilligen Athem- 
zttge einstellten, mit welchen auch das Leben wieder zurückkehrte. 

Das Kind würde der trefflichen Pflege einer Diacohissin anvertraut, 
welche bei jedem Hustenstosse mit kleinen Schwämmeken , welche in 
die Branchen einer Sperrpincette eingeklemmt waren, in die Kanüle ein- 
ging, um diese von dem angeworfenen zähen Schleime rein zu fegen. 
Innerlich wurde zweistündlich Calomel gr. */ 3 mit Sulfur. antat, gr. % 
gereicht. 

9. December. Die Nacht war sehr unruhig: immer drohte der 
zähe Schleim die Kanüle zu verstopfen , so dass es der angestrengte- 
sten Aufmerksamkeit bedurfte, um dieselbe wegsam zu erhalten. Bald 
wurde sie mit Schwämmchen gefegt, bald mit dem eingeölten Barte 
einer Feder. Bisweilen drang man mit einer langen Schwanenfeder bis 
zur Bifurcation der Trachea ein , worauf gewöhnlich heftigere Husten- 
stosse neue Massen herauf beförderten und den Athem wieder freier 
machten. Sobald ein Hustenstoss etwas in die Kanüle warf, musste es 
sehr behende mit den Schwämmchen entfernt. werden. 

Eine Zeitlang entfernte ich die Kanüle behufs der Reinigung , und 
konnte sie durch das beschriebene Manöver ohne Schwierigkeit wieder 
einlegen. Mehrmals dauerten die asphyetischen Zufälle fort, nachdem 
die Kanüle entfernt war, weil sich unter derselben in der Trachea ein 
Pfropf gebildet hatte , so dass ich wiederholt gezwungen war , den 
Mund direct auf die Wunde zu appliciren und mit Macht auszusaugen, 



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im 

was wegen des Eindringens von etwa» Luft durch den Kehlkopf jedoch oft 
effectlos blieb. Ich gebrauchte nach dem Aussaugen der Wunde immer 
die Vorsicht , meinen Mund und Rachen mit Salzwasser gehörig zu rei- 
nigen. 

Ueber Nacht waren fünf Stuhlgänge eingetreten.. Das Ijind trank 
ziemlich leicht. Das Auswerfen erforderte aber viel Anstrengung, da 
. sich der Schleim unter der Kanüle zu fangen schien , und nur der ge- 
ringste Theil in die Kanüle gelangte. Gegen Abend wurde es ruhiger, 
atfemete freier und schien sich wohl zu befinden. Der Puls war immer 
sehr wechselnd, je nach der Freiheit des Athmens. 

10. Dec. Das Kind schlief fast die ganze Nacht ruhig, und nur 
selten bedurfte die Kanüle des Ausfegens. Erst gegen Morgen trat ein 
heftiger Hustenaccess ein, bei welchem verhärteter Schleim nicht nur 
durch die Kanüle, sondern noch in geringer Quantität durch Mund und 
Nase ausgeworfen wurde. 

Um Mittag traten bedeutendere Athmungsbeschwerden mit grosser 
Unruhe ein. Trotz des eitrigsten Reinigens der Kanüle konnte sie nicht 
mehr wegsam erhalten werden. Ich entfernte die Kanüle. Die untere 
Oeffnung derselben war an ihrem Innenrande mit einem Kranze verhär- 
teten Schleimes besetzt, der sich mit Federn gar nicht mehr abwischen 
Hess , so leimartig fest war er angeklebt. Zugleich bemerkte man , 
dass eine Pseudomembran sich reitend über den unteren Rand der Ka- 
nüle geschlagen hatte , so dass auch der heftigste Luftstrom sie nicht 
hätte herausbefördern können. Da die äussere Wunde ohne mechani- 
sche Hülfe sich klaffend erhielt und die Trachealwunde durch die Inspira- 
tion immer noch sich erweiterte, so legte ich die Kanüle nur zeit- 
weise ein , und liess mir sogleich durch unsern trefflichen Bandagisten 
Wolfermann zum Ersätze der Kanüle eine Pincette construifen, welche 
in Fig. VI Tafel I abgebildet ist. Ich werde später wieder auf dieselbe 
zurückkommen. 

Bald nach der Entfernung der Kanüle bemerkte die Wärterin, dass 
sich membranöse Theile bei den Hustenstössen gegen den Larynx be- 
wegten, aber immer wieder durch die Inspiration mit , hinabgezogen 
würden. Ich zog dieselben mit einer Pincette aus und erkannte in ihnen 
zwei ungefähr 3 / 4 Zoll lange , mehrere Linien breite Pseudomembranen, 
welche oben deutlich den Abdruck der beiden Stimmbänder trugen. 

Von nun an liess ich einen mit warmem Wasser getränkten gros- 
sen Badeschwamm so über die Halsgegend legen , dass er nicht unmife* 
telbar die Wunde deckte und doch alle inspirirte Luft durch denselben 
streichen musste. Dadurch wurde der zähe Scbleim verflüssigt und nicht 
mehr in halbtrockenem Zustande herauf befördert, wodurch das Kind 
ausserordentlich erleichtert schien. Trotz dem trat am . 

1 1. Dec. , um 3 Uhr Morgens, Schwäche und grössere Frequenz 
des Pulses mit erschwertem, geräuschvollem Athem ein, und die Aus- 
cultation ergab deutlich , dass das Hinderniss am unteren Ende der 
Kanüle liegen musste.? In der Brust liess die physikalische Untersuchung 



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nur das in der Trachea erzeugte Geräusch erkennen , welches Atta 
übertönte. Die Percussion war normal . 

Ich ersetzte nun die Kanüle durch die obige Pincette und verord- 
nete neben dem Calomel mit Sulf. aurat. noch eine Mixtur aus /n/Uff. 
Angehe, mit Liq. ammon. anis. und Tinct. Castorei. 

12. Dec. Ich fand das Kind sehr schwach und bleich, den Puls 
beschleunigt und .schwach; obgleich der Athem frei und geräuschlos 

.durch die Wunde gezogen wurde und der Auswurf seine Zähigkeit ver«» 
loren hatte, so dass er oft ohne vorheriges Beizen der Trachea mit 
einer Feder von selbst durch die Wunde Jieraus befördert wurde. Da 
die dilatirende Pincette wegen der immer klaffenden Trachealwunde nicht 
mehr noth wendig schien , wurde sie entfernt. Die Untersuchung der 
Brust ergab keinerlei Abweichung. 

13. Dec. Grosse Schwäche und Unruhe; sehr beschleunigter, 
schwacher Puls ; 80 Athemzüge in der Minute. Agonie. 

Orq\ : Halbstündlich, dann stündlich 3 bis 4 Tropfen Tr. Moschi. 
j^lle 2 bis 3 Stunden Chloroforminhalationen. 

14. Dec. Die Nacht war verhältnissmässig gut, auf die Chloro- 
forminhalationen trat immer mehr Beruhigung und etwas freierer Athem 
ein. Bei Schliessung der Wunde mit einem Tampon geht der Athem 
ziemlich frei durch den Kehlkopf, doch noch nicht so, wie im Normal-» 
zustand. Wenn das Kind im Aufsitzen Milch trinkt, so kommt sie 
llieilweise unter Husten wieder zur Wunde heraus ; im Liegen , zumal 
bei kleineren Schlucken, ist dfiess nicht der Fall. 

Im Laufe des Morgens stellte sich aber ein starkes feuchtes Bas- 
sein in der Brust ein , deren Percussionston unten und hinten gedämpf- 
ter war. Per Athem war ausserordentlich kurz , und Puls - und Herz- 
schlag schwach und beschleunigt. ' Im Herzen Mess sich nichts hören, 
als die geschwächten Herztöne. 

Ich Hess das Kfnd alle 2 bis 3 Stunden ganz abgekleidet auf einem 
ausgesppnnt. gehaltenen Leintuche mit ganz kaltem Wasser übergiessen, 
dann stark abreiben und wieder in das Bett bringen. Unmittelbar auf 
diese kalte Dousche folgte erst etwas frequenterer Athem , meist mit 
stärkerer Expectoration , dann fiel aber die Athemfrequenz bald von un- 
gefähr 80 in der Minute auf CO herab , und stieg dann allmählig wie- 
der bis zur folgenden Begiessung. Oft ' erfolgte auf sie ein ruhiger 
Schlaf. Zugleich wurden Senfteige auf die Waden und der heisse Ham- 
mer wiederholt auf die Brust applicirt. Bei eintretender Agitation oder 
anstrengendem Husten wurde zu Chloroforminhalationen geschritten , 
welche jedoch nie den Athem so verlangsamten wie die Begiessung; 
den feuchtwarmen Badeschwamm hatte man entfernt. 

15. Dec. Der Zustand war ziemlich der gleiche. Die Begies- 
sungen wurden mit riguröser Strenge fortgesetzt , der heisse Hammer 
noch einmal applicirt und neben dem Calöm. mit Sulf. aurat. die Tinct. 
Moschi forlgesezt. 

, 16. Dec. Besserung, obgleich der Athem immer noch sehr fre- 
quenl bleibt. Nur die innerlichen Mittel werden fortgesetzt. 



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17., Dec. Bedeutende Besserung. Der Athem weniger frequent; 
der Puls langsamer and kräftiger. Die Athmung ging vollkommen frei 
durch den Kehlkopf, wenn man die Wunde schloss ; doch Stimme 
konnte dasselbe noch nicht erzeugen. Der Husten war weniger au- 
strengend , feucht, und der Auswurf bewegte sich leicht nach oben. 
Die mit dem heissen Hammer erzeugten Brandstellen beginnen sich am 
" Bande zu entzünden. — Das rechte Auge war verklebt, die Lider 
schmerzhaft und rosenartig geschwollen ; hei der Eröffnung des Auges 
fand ich die Conjunctiva palpebrarum und den Lidrand mit einer weis- 
sen Pseudomembran bedeckt ; ebenso zwei kleine Stellen auf der Ober- 
Aaat des untern Lides ', welche durch die scharfe Thränenflüssigkeit 
erodirt worden war. Ich zog mit einer Pincette die Membranen ab 
and ätzte den Grund mit Höllensteinlösung. — Das Kind , das seither 
alle Tage ein- bis zweimal Stuhlgang gehabt hatte and dessen Zunge 
Hur etwas schleimig belegt war , zeigte Appetit und wurde mit Hüh- 
nerbrühe , Ei und Milch ernährt. Innerlich wurde nur noch Calo- 
mel mit Sulf. aurat. fortgesetzt und daneben länger dauernde Versuche 
gemacht die Wunde zu schliefen. Die Tinct. Moschi wird ausge- 
setzt. 

18. Dec. Wie gestern. Die Wunde wird durch eine über den 
Hals geformte Guttaperchaplatte geschlossen erhalten, ohne dass sich 
das Kind darüber beklagt. 

19. Dec. Fortschreitende Besserung; dabei aber immer Athmung 
und Herzschlag zu frequent und allgemeine Schwäche. 7 

20. Dec. Die Wunde wird mittelst Collodinmstreifen zugezogen 
und vollkommen geschlossen. 

21. Dec. Ungefähr wie am 19. und 20. 

22. Dec. Um 5 Uhr Morgens werde ich geholt and finde das 
Kind todt. Nach der Aassage der Mutter soll es ungefähr um Mitter- 
nacht, nachdem es wie in den andern Nächten ziemlich ruhig geschla- 
fen habe, anruhiger geworden sein ; es seien Beängstigungen mit Klei- 
ner - und Frequenterwerden des Pulses eingetreten, und kurz vor meiner 
Ankunft sei es ruhig verschieden. Der Tod war also etwas über vier- 
zehn Tage nach der Tracheotomie eingetreten. 

Section, 11 Stunden nach dem Tode. Es wurde mir nur er- 
laubt Hals und Brust zu untersuchen, 

Kehlkopf und Luftröhre : Die Luftröhre wurde nebst ihren Bron- 
cbiatverzweiguugen vollkommen normal, nur etwas bleich gefunden. Die 
Trachealwunde drang V4 Zo11 unter den Stimmbändern in die Cartilago 
thyreoidea, hatte die Cartilago cricoidea nebst vier Tracheairingen ge- 
trennt , und zeigte die ersten Spuren der beginnenden Verteilung. Sie 
lief, wie ich es bei der Operation beabsichtigt hatte, an de> Trachea 
weiter hinab als in den Weichtheilen. Der untere Rand des Röhrchens, 
welches ich also an* dritten Tage bereits entfernt hatte , kam gerade in 
den unteren Winkel derselben zu liegen und hatte hier eine querlau- 
fende, seichte Erosion, bewirkt, welche im Verheilen begriffen war. 



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Lungen : In der Pleurahöhle fand sich etwas wässeriger Erguss. 
Die Langen waren ganz anomisch und etwas emphysematös ; alte und 
neue Adhäsionen hefteten sie hie und da an die Pleura costalis. Im 
linken unteren Lappen , besonders gegen dessen scharfen unteren Rand 
bin, kann man gelbliebte, tuberkelartige Körper im Lungengewebe un- 
terscheiden. Diese geben sich bei der mikroskopischen Untersuchung 
als Exsudatmassen zu erkennen, welche das Innere der Lungenbläs- 
chen, die ihr Epitelium verloren haben, erfüllen. 

Herz: Der Herzbeutel enthält drei bis vier Esslöffel voll hellwäs- 
serigen Ergusses. Der linke Ventrikel enthält wenige weiche schwarze 
Coagula. Der rechte Ventrikel ist von Blut stark erfüllt und von bei- 
nahe schneeweissen Fibringerinnseln durchsetzt , welche fest am Endo- 
cardium adhäriren und weit in die Lungenarterien hineinragen. Diese 
Gerinnsel waren von so fester Consistenz , dass man an ihnen die 
herausgenommenen Lungen sammt Herz freischwebend aufheben konnte. 

(Fortsetzung folgt.) 



Ueber die sogenannte essentielle Lähmung der Kinder* 



i Vortrag von Professor Dr. W. Vogt , gehalten den 5. Deoeatler 1857 k 
der tned.~ohir. Cantonalgesellsohaft von Bern. 

(Fortsetzung und Schloss.) 



Behandlung 
I. des ersten Insults. 

Von fast allen die Kinderlähmung zur Sprache bringenden 
Schriftstellern wird von der Behandlung des ersten Anfalls Um- 
gang genommen. Sie ist aber von besonderer Wichtigkeit , weil 
wir da noch den Krankheitsprozess vor uns haben, und wir bei 
demselben 4nehr ausrichten können , als bei dem bereits fertigen 
Produkt der Lähmung, und weil die öftere Wiederkehr der An- 
fälle* zur intensiven und extensiven Vergrösserung der ersten Lä- 
sion in den Nervengebüden wesentlich beiträgt. 



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Wir nehmen zuerst die Fälle, wo 

A. der erste Insult mit Krämpfen und Fieber 
eintritt, gleichviel ob Gehirnsymptome dabei sind oder nicht. 

Dass hier nur ein antiphlogistisches Verfahren am Orte stfn 
kann, versteht sich nach unsern Prämissen von selbst. 

Man bedient sich dazu : 

1) Der Blutentleerungen durch Blutegel oder Schröpfköpfe an. 
der hauptsächlich leidenden Stelle , am Kopf , Nacken , Wirbel* 
säule bis zu den Lenden, Oberarm- und Beckengegend. 

Der alte , immer wieder sich erneuernde Streit über die An*, 
wendung von Blutentleerung bei akuten Krankheiten überhaupt 
zeigt sich auch wieder. bei den Praktikern in Bezug auf die Be- 
handlung der Eclampsie und akuten Krankheiten des Gehirns und 
Rückenmarks. Während z. B. Mauthner uns Fälle von Ger 
hirn- und Rückenmarks -Congestion, Irritation, Apoplexie und 
Entzündung vorführt , in welchen die Blutentleerungen mitunter 
erst in der zweiten und dritten Anwendung vortreffliche Dienste 
leisteten , und sogar durch den Nutzen der Blutentleerung bei den 
plötzlichen Athembeschwerden blasser , kachectischer , rhachiti- 
scher Kinder (a. a. 0. S. 397) uns lehrt, dass sie selbst noch 
unter Umständen , wo man sie sonst für contraineidirt hält , nicht 
allein nichts schaden, sondern schnell hülfreich sind, erklären 
sich De la Berge, Jadelot und Andere bei dem ersten Insult 
unserer fraglichen Krankheit gegen dieselben, weil sie von ihrer 
einmaligen Anwendung in der Zeit der Remission keinen Erfolg 
sahen. Unsere Ansicht darüber steht zwischen diesen Extremen 
in der Mitte. Wir halten die Blutentleerungen in allen Fällen für 
nothwendig, wo ein Congestivzustand in den Nervengebilden muSs x 
vermuthet werden, wenn er auch nicht gerade durch augenfällige 
Symptome sich ausspricht. Dass das Maas derselben nach den 
bekannten therapeutischen Regeln bestimmt werde , versteht sich 
von selbst. ; Von den Fällen bei grosser Anämie , bis zu denen 
bei gesunden und gut genährten Kindern, wo nebst den äusseren 
Zeichen der Congestion starkes Fieber mit vollem Pube, heftige 



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Krampfanfalle, Schmerzen ira Nacken und in der Wirbelsäule etc. 
vorhanden sind , bildet sich eine grosse Gradation. Sie sind am 
wirksamsten gerade im ersten Krampfinsult, oder bei der Wieder- 
holung desselben. In der Remissionszeit ist ihre Wirksamkeit 
Qine viet geringere und auf diejenigen Fälle, ihre Anwendung zu 
beschränken, wo die Congestion in den Nervengebilden nicht 
nachlässt. Sie sind nicht im Stande die Wiederholung der Krampf- 
insulte nach längerer Zeit aufzuhalten , sondern beschränken nur 
die Häufigkeit und Heftigkeit derselben in der ersten Zeit , wo die 
Anfälle öfter kurz -hintereinander auftreten. Wie lange sie un- 
mittelbar nach den Krampfanfällen noch von Nutzen sein können, 
lässt sich nur aus den gerade obwaltenden Umständen entnehmen, 
namentlich aus dem noch fortdauernden Fieber und den Zeichen 
fortdauernder Congestion in den Nervenorganen. Theils dieselben 
Umstände , theils aber auch die Wiederholung der Krampfinsulte, 
machen Wiederholung der Blutentleerung nöthig, bis die Energie 
des Herzens und, der Blutbewegung überhaupt hinlänglich herab- 
gesetzt ist. 

Die localen Blutentziehungen in ahnlicher Weise, wie die de- 
flatorischen Aderlässe , an die Knöchel , Schenkel etc. anzuwen- 
den, hatte ich für eben so nutzlos, wie zur Ersparung von Blut 
den Gebrauch der grossen Ventouse von Jtinod oder zahlreicher 
trockener Scbröpfköpfe an den Extremitäten. 

3) Die Anwendung des kalten Wassers in Begiessungen und 
Umschlägen auf den Kopf sind bei congestiven Gehirnleidpn der 
Kinde? allgemein üblich. Die Begiessungen vom Kopfe an den 
Rücken hinab und kalte Klystiere empfehlen sich besonders, wenn 
vorzugsweise das Rückenmark ergriffen ist. Adspersionen von 
Haltern Wasser an das Gesicht, an die Brust und die Genital- 
gegend sind bei Coma ohne Krämpfe oft sehr hülfreich. 

3} Wo weniger Turgor, Röthe, Hitze u. s, w. in der Haut 
sich zeigt , wendet man lieber die lauen Bäder an , entweder 
voä blossem Wasser , oder auch vermischt mit Milch und Schleim 
gehenden Dingen , mit Asche und Soda , mit Kamillenblumen und 
aromatischen Kräutern (besonders bei schwächlichen Kindern), 



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mü genfmchl; sowie auch Auflegen von Senfteige« an den Ex- 
tremitäten (besonders bei Hautblässe mit Conia), Uautrtiu aller 
Art werden unter diesen Umständen bülfreieb , namentlich Reiben 
4er Glieder mit wollenen Tüchern , mit reizenden Substanzen, wie 
z, B. mit Senfaufguss, Tinct Capsici annui , Spirituosen Dingen 
u. 8. w. 

4) Ausser den Kaltwasserklystieren wendet man auetfj, je 
nach den Umständen , Klystiere ton verschiedenen Substanzen an. 
Bei mehr Hitze und Turgor nimmt man am besten die Klystiere 
mit Essig oder Brechweinstein , bei Blässe die Klystiere mit Asa 
feetida , Ol, Terebinth. etc. 

5) Bei Coma, Blässe etc. hat man längst schon von erre- 
genden Einathmungen , wie z. B. von Essig, Wein, Ammoniak 
etc. , Gebrauch gemacht , bei den Krampfrafallen hingegen in der 
neueren Zeit vorzüglich die Einathmungen von Aether und Chloro- 
form benutzt. Sie wirken sehr beruhigend, müssen aber in ahn-» 
Kcher Weise hier angewendet werden , wie bei der Pneumonie , 
d. h. nicht bis zur völligen Anästhesie, sondern nur bis zur be- 
ginnenden Beruhigung der Krämpfe. 

Es versteht sich von selbst , dass man sich auf diese bisher 
genannten äusseren Mittel beschränken muss , so lange die Kinder 
nicht schlucken können. Sobald dieses aber wieder möglich ist, 
sind unter den inneren Mitteln 

6) Die Emetica und Nauseosa , so lange noch comatöse und 
krampfige Zufälle vorhanden sind , obenanstehend , weil sie am 
schnellsten einen Nachlass derselben herbeiführen. Man reicht 
entweder förmliche Brechmittel aus Brechweinstein , Ipekakuanha, 
Zinkvitriol , oder gibt den Brechweinstein in ähnlicher Weise, wie 
bei der Lungenentzündung , oder endlich man wendet die Eckel- 
kur mit demselben an. Mauthner gab Kindern von, fünf bis 
sechs Jahren anfänglich einen Gran Brechweinstein in 24 Stunden, 
und stieg mit dieser Gabe bis zu 4, ja bis zu 7 1 / 2 Gran, um auf 
diese Weise Eckel und zwischendurch Erbrechen bis zum Nach- 
lass der heftigeren nervösen Zufälle zu erhalten. — Man glaubte 
diese Mittel vorzugsweise indteirt, wo Uebertadung oder der Genuas 



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von schwer verdaulichen Dingen dem Anfall vorhergingen.- Sie 
werden allerdings dann um so notwendiger; — allein sie sind 
in andern Fällen zur schneiten Verminderung der Energie der 
Blutbewegung und der Congestionen durchaus nicht ausgeschlos- 
sen. • Selbst wo schon sekundäres Erbrechen von der Gehirnrei- 
zung vorhanden ist, sind sie noch nützlich. 

7) Kalomel wird entweder nach den Erbrechen erregenden 
Mitteln, besonders wenn bereits die sogenannte toleranzperiode 
der stärkeren Brectisteihwirkung eingetreten ist , oder auch vorn- 
herein in den Fällen angewendet, wo die Blut- und Gefäss- 
symptome nicht stark entwickelt sind. Obschon man es öfter nur 
aus dem Grunde gebrauchte, weil man glaubte, dass die Gehirn- 
und Rückenmarkzufälle von einem Leiden der Darmschleimhaut 
ausgingen, wie namentlich diess von Underwood, Kennedy 
und Andern geschah, und darum auch hauptsächlich seine abfüh- 
rende Wirkung haben wollte, so kann doch nicht bezweifelt 
werden, dass hier besonders auch seine allgemeine entzündungs- 
widrige und die Aufsaugung der Exsudate unterstützende Wir- 
kung in Betracht kommt. Dass eine massige Beförderung der 
Stuhlgänge, auch in Bezug auf diese Wirkungen von Nutzen ist, 
kann nicht bezweifelt werden , und man wählt daher die Jalappe 
gewöhnlich als Beisatz, wenn die passenden Gaben von Kalomel 
nicht schon die Stuhlgänge vermehren. 

, Es kommt bei Kindern in Folge des Kalomelgebrauchs be- 
kanntlich nicht leicht zum Speichelfluss , und man ist darum all- 
gemein der Meinung, dass dieses Mittel bei ihnen ohne Schaden 
in grösserer Gabe und länger fortgesetzt gereicht werden könne. 
Allein seine Wirkung auf die ganze Constitution ist bei Erwach- 
senen und Kindern gleich , und wir entbehren nur bei letztern am 
beginnenden Speichelfluss den Masstab für die allgemeine Wir- 
kung. Es ist daher rathsam , das Kalomel nicht zu lange fort- 
zusetzen , sondern es nach mehreren Tagen , wenn das Fieber 
schon nachzulassen begonnen hat, mit dem 

8) Jodkali zu vertauschen. Diess Mittel muss anfänglich in 
Erkern Gaben angewendet werden — -Sor. 2 und darüber in 24 



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Runden bei Kindern von 3 Jahren — am besten mit der gleichen 
Menge Bicarbonas Sodae. Nach dem Aufhören des Fiebers ver- 
mindert man die Gabe und setzt es dann noch in kleiner Gabe 
so lange fort, als muthmaaslich noch Reste der primitiven Läsion 
der Nervengebilde vorhanden sind , die stwa durch Aufsaugung 
entfernt werden können. Von seinem Gebrauch geht man später 
zur directen Behandlung der zurückbleibenden Lähmung, oder 
der primitiven Contracturen , über. 

9) Seit Brache t's Empfehlung der Flor., find bei den 
Eclampsien , habe ich mich öfter derselben im Nachlass der 
Krampfzufälle, nach den vorgängigen Blutegeln und Brechmitteln, 
wo diese nöthig erachtet wurden , grösstenteils in Verbindung 
mit dem Kalomel bedient. Eciatante, ihnen vorzugsweise bei- 
zumessende Erfolge habe ich jedoch niemals von ihnen wahr- 
nehmen können. Ich betrachte sie daher nur als ein gelind be- 
ruhigendes Mittel für die Irritation der Nervencentren , das bei 
Reflexeclampsien, die gewöhnlich keine Lähmungen zurücklassen, 
vorzugsweise angezeigt ist, aber bei den von einem idiopathischen 
Leiden der Nervencentren bedingten Krämpfen nur eine symptoma- 
tische Wirkung ausübt. 

10) Ganz ähnlich steht es mit dem Gebrauch der narcotischm 
Mittel zur Beruhigung der irritativen Symptome. Vom Extr. 
Hyoscyami, welches Brächet bei den Eclampsien gewöhnlich 
mit den Zinkblumen verband, erwarten wir sehr wenig, weil wir 
von diesem Präparat , das in der Pharmacie noch nicht durch ein 
besseres und gleichförmiger wirkendes allgemein ersetzt ist, durch 
klinische Versuche uns überzeugt haben , dass seine Anwendung 
in den gewöhnlich üblichen Gaben durchaus illusorisch ist. Da- 
gegen haben wir in dem Opium ein weit sichereres und zugleich 
viel mächtigeres Mittel, als die Zinkblumen, zur Minderung der 
irritativen Symptome der Nervencentren. Das alte Vorurtheil 
gegen seinen Gebrauch in der Kinderpraxis , besonders gegen 
sende Anwenduug bei hitzigen Gehirnkrankheiten , hat be- 
reits durch James R. Ben nett seine Widerlegung gefunden. 
Ich verweise auf. dessen vortreffliche Auseinandersetzung in seiner 
Sohrift : « Dpr hitzige Wasserkopf, übersetzt von Br, Jkaag,» 



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146 

1844, S. 199 ff. Man wird dort gründlich belehrt, welchen 
Nutzen dieses Mittel leistet , wenn nach der Minderung der Blut-* 
congedtion die Symptome der Irritation noch fortdauern , mögen 
sie in vorwiegend tonischen oder klonischen Krämpfen , Unruhe , 
Jactation, Schreien u. s. w. bestehen. Je nach der Heftigkeil 
dieser Symptome wählt mah seltenere und grössere Gaben, die 
schon Percival besonders empfohlen hat (Mtdical facts, etc., 
vol. t), oder kleinere , öfter wiederholte , in Verbindung mit den- 
jenigen Mittel«, welche im Sonstigen der Krankheitszustand ver- 
langt, am öftesten in Verbindung mit Kalomel. 

11) Die Wirkungen der auflösenden Mitlei , besonders des 
Kalomel und des Jodkali, unterstützt man noch durch die Anwen- 
dung von Ableitungen in die Nähe des muthmaslichen Sitzes der 
inneren Lösion. Mit Recht bat man zu diesem Zweck die Brech- 
weinsteinsalbe proscribift, weil die Nach wehen derselben ge- 
wöhnlich grösser sind, als ihr Nutzen, den sie ohnehin noch bei 
akuten Krankheiten zu langsam leistet. Man bedient sich viel 
besser der gewöhnlichen Blasenpflaster in den Naöken oder an 
den Recken, und hält *ie , je nach den Umständen, eine ver- 
schiedene Zeit lang im Zuge. — Auch die lauen kaiischen Bäder 
setzt man fort*' 

12) Es sind die Fülle flicht selten, wo entweder Anämie den 
schweren Gehirn- und Rtickenmarksymptomen vorherging, oder 
während derselben Blässe, Eingefallensein, kleiner Puls u. dgL, 
Zeichen der Adynamie vorhanden sind* Man hielt dies* allgemein 
für eine Aulforderung, erregende Mittel, namentlich Moschus, 
Liquor Amtnon. succin. , Valeriana , Kaffee u. s. w. , anzuwenden, 
und alle Antiphlogistica zu vermeiden. Dieses Verfahren bedarf 
wenigstens einer genauen Erwägung des vorliegenden Falles. Es 
können, wie ich oben bereits angab, unter diesen Umständen 
doch Blatcongestionen im Gehirn und Rückenmark vorhanden sein, 
und man wird alsdann gut fahren, wenn man erst eine massige 
Zahl Blutegel, kalte Umschläge etc. anwendet , und dann bei dem 
Sinken der Kräfte Kalomel mit Moschus u. dgl. zur Anwendung 
bringt« Verhältnissraässig selten sind die Fälle, wo vom ersten 
Kcampfaafaüe an die Schwäche schon so gross ist, dass durch 



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erregende Mittel die Reactionen belebt and gestärkt werden müs- 
sen. Oefter dagegen kommt es vor, dass die zuerst angewende- 
ten antiphlogistischen Mittel etwas zu stark eingegriffen haben , 
oder auch aus andern Ursachen bald nach ihrem Gebrauch die 
Kräfte zu schnell und zu stark sinken , wo dann sogleich das er- 
regende Kurverfahren eingeschlagen werden muss. In allen FäIt 
len aber, wo dasselbe nöthig wird, muss man den Grad der da- 
durch erzeugten Reaclion wohl beachten, und diese weder zu 
stark, noch zu lange andauernd werden lassen. Man kömmt da 
bisweilen in den Fall, teraporjsiren zu müssen, d. h, ohne irgend 
ein stark eingreifendes Kurverfahren hauptsächlich nur äussere 
Mittel und die Resolventien in massiger Gabe, mit Ziakhlutöcm und 
dergleichen , zu geben. . . 

B. Diejenigen Falle, wo zwar mit Fieber die Lähmung ein- 
tritt , aber weder Krämpfe , noch andere Zeichen eines 
stärkern Leidens der Nervencentren , vorhanden sind, 

verlangen ein etwas modificirtes und weniger kraftiges antiphlo- 
gistisches Verfahren, weil auch hier eine spinale Congestton ge- 
wöhnlich vorhanden ist« 

Man muss darum auch hier zuerst an die Blutegel denken , 
im Nacken vorzüglich, wenn die. oberen Extremitäten, und am 
Rücken herab bis zur Cauda equina, mit besonderer Berücksich- 
tigung der etwa empfindlichen Stellen am Rücken , wenn die un- 
teren ergriffen sind. Welchen Nutzen in sokhen Fällen die Blut* 
enüeerungen gewähren , zeigt am besten ein von Joseph Swan 
(Lokalkrankheiten $er Kervm, übersetzt von Fra&ke, 1824, 
S. 245 ff.) erzählter Fall. 

Neunte Beobachtung. Joseph Kay, 3 Jahre und 9 Monate alt, 
legte sich am 17. Februar 1821 , dem Anscheine nach ganz gesund, 
zu Bett. • In der Nacht träumte er , und sein Schlaf war sehr unruhig. 
Gegen Morgen beklagte er sich über Schmerz in seinen Beinen , und 
musste schon sehr zeitig von seiner Mutter aus dem Bette genommen 
werden« Gegen 8 Uhr brachte man ihn zu mir, und ich fand, dass 
er den Gebrauch der unteren Extremitäten vollständig verloren hatte» 
Als ich ihn einen Versuch zu stehen machen Hess, hatte er nicht die 
geringste Fähigkeit hierza , auch konnte er seine Füsse nicht bewegen, 
wenn er wif dem! Schoose der Mutter < aas*. Stirn Pult Wir schneit Mti4 



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w 

seine Zuijfe belegt; Er klagte wieder über Kopfschmerz, noch über 
Rückenschmerz. Ich sah keine Spur von Entzündung , noch irgend 
etwas Fehlerhaftes in der Haut der unteren Extremitäten. 

Ich liess sechs Unzen Blut aus den Armen entziehen, welches sehr 
hell war, liess ein Blasenpflaster in den Rücken legen und verordnete, 
dass alle vier Stunden zwei Gran Hydrargyr. submuriat. genommen 
werden sollten. Im Verlaufe des Tages vermochte er schon seine Beine 
zu bewegen und am nächsten Morgen konnte er wieder gehen. Nach 
einigen Tagen war er wieder vollkommen wohi , was er auch später 
immer blieb. 

In Fällen dieser Art, fügt Swan zu dieser Beobachtung, findet 
ein Zufluss des Blutes nach dem Rückenmark statt, welcher, wenn er 
nickt abgehalten wird, einen Erguss von seröser Flüssigkeit erzeugt. 

Die Emetica und Nauseosa sind in diesen Fällen entbehrlich, 
und : allenfalls nur bei heftigen entzündlichen Fiebern und deut- 
licher Kopfcongestion in Gebrauch zu ziehen. 

Während des gewöhnlich gelinden Fiebers lässt man b$i tro- 
ckener, oder nur unbedeutend dünstender Haut, kühlende Salze, 
wie z. B. Nitrate , Tartrate , Citrate mit Acetäten , Vinum stibiat. 
in schwacher Gabe etc. nehmen, mit der Rücksicht, dass auch 
gelinde Stuhleröffnung erfolgt. Wäre hingegen die Haut stark 
schwitzend, so reiche man Salzsäure und vegetabilische Säuren, 
namentlich Citronensäure , Weinsteinrahm und dergleichen. 

Sobald dann der erste Fiebersturm gebrochen ist, geht man 
zur Anwendung des Kalomel und demnächst zum Jodkali über, 
ganz in ähnlicher Weise , wie oben angegeben wurde. 

Aeusserlich wendet man kalte Umschläge auf den Rücken an, 
wenn stärkere Fieberhitze und Schmerz am Rückgrat vorhanden 
sind, ebenso auch kaltes Abbürsten des Rückens mit Salzwasser, 
kalte und abführende Klystiere mit Salzen, Essig, Brechwein- 
stein und dergleichen. 

Wenn das Fiebefr nachgelasseto hat , gebraucht man die lauen 
kaiischen Bäder, die Ableitungen am Rücken mit Blasenpflastern 
u. s. w. 

C. Die vornherein als peripherische eintretenden Lähmungen 
müssen nach denselben Grundsätzen behandelt werden. 

Die Punkte, von denen sie ausgehen, liegen entweder noch 
in der Rückgratshöhle , oder in den Nervengeflechteü der Extre- 



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Bnitäten und d$n daraus hervorgehenden Nervensträngen: Man 
muss dieselben so. viel als möglich zu ermitteln suchen , und 
Blutegel und Schröpfköpfe , je nach dem Grade der Schmerzhaft 
tigkeit, sowie auch nach der Blutfülle und Kraft des Individuums 
daran setzen. 

Nach den Blulentleerungen kommen dann auch hier die Bäder 
und die Ableitungsmittel in Anwendung , sowie die gegenreizen- 
den Kly stiere. 

Ebenso* wird auch während der Anfangspertode dieselbe inn 
nere Behandlung, wie bei den spinalen Lähmungen, bewerkstel- 
ligt. 

Wenn keine sonstigen Symptome von Fieber oder irgend 
einem Lokalleiden vorhanden waren, so begnügte man sich mit 
einer örtlichen Behandlung der gelähmten Glieder, oder verband 
dieselbe mit dem vom sonstigen Leiden indicirten inneren Verfah- 
ren. Wo weder Schmerzen noch krämpfige Erscheinungen vor- 
handen waren, machte man Einreibungen von reizenden Linimeu- 
ten, warmem Campheröl, Tinct. Capsici annui, Cantbarifhjin und 
dergleichen, oder auch von Salben mit Strychnin, Veratrin etc.* 
besonders in der Gegend der Nervengeflechte und Nervenstränge; 
im andern Falle hingegen von Ol. Hyoscyami, Belladonna- und 
Opiumsalben u. s. w. Bedeutende Effekte von der Anwendung 
dieser Localmittel wird man nicht zu erwarten haben ; sie bleiben 
aber immerhin Beihülfsmittel zur übrigen Kur. 

D. Die primitiven Contracturen f 

wurden bisher auf andere Weise , als es hier vom ersten Insult 
der Lähmungen angegeben wurde, behandelt. 

Schon De la Berge wiederrieth dabei die Blutentleerungen, 
und ihm folgten darin Rilliet und Barthez, Jadelot und 
Andere. Man sah sie nicht allein als unnütz , sondern sogar als 
schädlich an , und scheute überhaupt jedes eingreifende antiphlo- 
gistische Verfahren , eines Theils weil man sie seltener als Ma- 
ladie d'imblee bei gesunden , sondern am öftesten bei solchen 
Individuen beobachtet hatte , die durch vorhergehende Krank- 
heiten oder sonst wie geschwächt waren , andern Theils weil man 

8 



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sie nicht als primitiv congestives Leiden, sondern nur als einen 
JYouble fonctionel des centres nerveux ansah. Man beschränkte 
sich während der allgemeinen Krämpfe auf ein expectatives, gelind 
krampfstillendes Verfahren, namentlich auf laue Getränke , laue Bäder, 
Flor. Zinci mit Extr. Hyoscyami , und nach denselben wendete man 
tonische Mittel innerlich an, in Verbindung mit warmen Einhül- 
lungen und mancherlei Einreibungen an den contracturkten Ex- 
tremitäten. Man musste um so mehr diese Behandlung für die 
allein geeignete halten, da die meisten bisdahin beobachteten 
Fälle dabei glücklich verliefen. 

Nach unseren Prämissen und nach den neuerdings von Ra- 
baud gegebenen Aufklärungen können wir dieses Verfahren nicht 
billigen. Wir haben es da mit der gleichen Grundkrankheit, wie 
bei den Lähmungen zu thun , und unter den gleichen Neben- 
umständen wird darum auch die gleiche Behandlung nöthig. Wenn 
der erste Insult sich so verhält, wie unter den unter A. und B 
subsumirten Fällen, muss auch die Therapie dieselbe sein. Wenn 
aber das Individuum schwach und ohne Fieber ist, so muss man 
ganz von den Blutentleerungen abstrahiren, oder nur eine geringe 
Anzahl von Blutegeln oder Schröpfköpfen an den etwa schmerz- 
haften Stellen des Rückgrats und der Nervengeflechte der Extre- 
mitäten ansetzen. Gegenreize an diesen Stellen , zuerst mit Senf- 
teigen , dann mit Blasenpflastern , sowie auch die lauen kaiischen 
Bäder, sind ebenfalls zu empfehlen. 

Innerlich wendet man auch hier das Kalomel an , und zwar 
auch in Verbindung mit Jalappa, wenn es nicht für sich allein 
hinlänglich auf den Stuhl wirkt, später dann Jodkali u. s. w. 

Zur Minderung der primitiven Contracturen ist wohl der Zidk- 
kalk zu schwach. Will man entschieden ihnen entgegenwirken, 
so kann dieses nur durch Opium in grösseren, aber selten ge- 
reichten Gaben geschehen. Indess erwarte ich von demselben 
auch nicht eklatante Erfolge , weil es bei so isolirtem Krankheits- 
sitz gewöhnlich nicht viel leistet , wenn es nicht in den stärksten, 
ganz überwältigenden Gaben angewendet wird. Zu diesen möchte 
rch aber um so weniger rathen, da die Contracturen nur ein, an 
sich durchaus nicht Gefahr drohendes Symptom sind, und 1 die 



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415 

innere Krankheit, um deren Entfernung es hier hauptsächlich gilt, 
eine solche Anwendung des Opiums nicht verlangt. 

IL Behandlung nachdem alle akuten Regungen 
vorüber sind. 

Wenn nach dem ersten Insult wieder relatives Wohlbeünden 
eingetreten ist , bleiben zunächst zwei Indicationen zu erfüllen : 

1) Die Verflüssigung , Auflösung und Aufsaugung der etwai- 
gen Extravasate und Exsudate zu bewirken. 

Wir haben schon im Vorhergehenden die dazu nöthigen Mit- 
tel angegeben, namentlich das Jodkali, die Kalia fixa, die kaii- 
schen Bäder, die Ableitungsmittel u. s. w. Je weiter man sich 
während des Gebrauchs dieser Mittel von dem ersten Insult ent- 
fernt, und je weniger neue Blutregungen au erwarten und z« 
fürchten sind , um so mehr kann man mit diesen auflösenden 
Mitteln die Flor. Arnica* verbinden. Man reicht sie anfänglich in 
schwächerer , dann in allmählig steigender Gabe , so dass sie 
nicht Blutregungen von Belang hervorbringen. 

2) Die Verhütung der Wiederkehr der Insulte. Wenn sie im 
Anfang noch schnell aufeinander folgen , können nur die .oben 
angegebenen Beharidlungsweisen , je nach der Verschiedenheit der 
conereien Fälle/ fortgesetzt werden. Es gilt am meisten darum, 
einen neuen Blutsturm zu verhüten , und wenn er eintreten sollte, 
ihn sogleich zu brechen. Bei der Fortsetzung der obigen Befaand^ 
hing suche man also alle neuen Blut- und Nervenreizungen, so 
wie Erkältungen und andere Schädlichkeiten abzuhalten ; man 
sorge dafür, dass alle Se- und Excretionen ., namentlich die des 
Darmkanals, der Haut und der Nieren in gehörigem Gange blei* 
ben u. s. w. Wenn ein neuer Anfall eintritt , so wird derselbe 
ganz wie der erste behandelt, wie sich von selbst versteht mit 
gen*u£r Erwägung, in wie weit schon die Krankheit und die. 
bereits angewendeten Mittel eine Verminderung der Energie der 
Blutcirculation bewirkt haben. 

Die spätere Wiederkehr der akuten Insulte kagn nur eines 
Theils durch sorgfältiges Abhalten n£uer Störungen i andern Theils 
durch ein tonisirendes Verfahren verhütet werden. Man verbindet 



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116 

anfänglich das Jodkali mit Chinin oder anderen Roborantien, später 
mit Eisen. In diesen Verbindungen lässt man im Anfange noch 
das Jodkali vorwiegen und ändert allmählig die Mischung dahin, 
dass die tonischen Mittel mehr prävaliren. Es ist daher am be- 
sten , nicht gerade ein currentes pharmaceutisches Präparat von 
Jodeisen zu wählen, sondern dasselbe durch unmittelbare Verbin- 
dung des Jodkali mit Eisenoxydulhydrat darzustellen. Diess geht 
am leichtesten durch eine Vermischung von Eisenvitriol, Bicar- 
bonas sodae und Jodkati , in welcher man das gegenseitige Ver- 
hältnis* von Jod und Eisen nach Belieben ändern kann. 

Die Anwendung des Arseniks zu diesem Zweck ist , meines 
Wissens, noch nicht versucht worden 9 obgleich er sich gegen 
die Wiederausbrüche anderer Krankheiten , z. B. der Exantheme, 
manchmal bewährt hat. 

III. Behandlung der Lähmungen in ihrer späteren 

Periode. 

Es ist begreiflich , dass die Praktiker in erster Linie die ver- 
lorene Erregung der motorischen Nerven wieder zu beleben su- 
chen, und dazu besonders derjenigen Mittel sich bedienen, welche 
eine , entschiedene Wirkung dieser Art auf das Rückenmark 
ausüben« Dahin gehört vorzugsweise die Nux vomica mit ihren 
Präparaten. Heine stellt als erste Indication auf, die Nerven- 
erregtiög im Rückenmark und in den von ihm aisgehenden Ner- 
ven wieder herzustellen. Er bedient sich dazu der Nux vomica 
innerlich und äusserlich, und gibt zuerst die Tinctur zweimal 
täglich zu Gutt. 12 in Verbindung mit Tinct. Pyrethri und Cam- 
pher, während er zugleich Einreibungen mit der Tinct. nucis 
vomicae machen lässt. Nachdem diese Behandlung vier Wochen 
lang fortgesetzt wurde, lässt er eine vierzehntägige Ruhe eintreten 
und bringt dann das Strychnin zur Anwendung, anfänglich zu 
Gr. Vi6, allmählig bis zu Gr. % gestiegen. Er sab bei diesem 
Verfahren Zunahme der Wärme und der Transpiration in den lei- 
denden Theilen , aber nur eine wenig bemerkbare Wirkung auf 
die Lähmung selbst« Diess bestätigt die Ansicht von der Wir- 
kungsweise der Nux vomica, welche man nach vorliegenden phy- 



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117 

siologischen Versuchen mit diesem Mittel ond nach Beobachtungen 
seiner Wirkung bei Lähmungen ziemlich allgemein gefasst hat. 
Es scheint nämlich nicht gerade direct auf Erregung der motori- 
schen Function des Rückenmarks zu wirken, sondern mehr die 
Reizempfindlichkeit der sensiblen Nerven und die Reflexaction des 
Rückenmarks zu erhöhen, und also durch Reflex die motorischen 
und die Gefässnerven anzuregen. Dieser Ansicht gemäss hält man 
die Nux vomica vorzugsweise für indicirt bei torpiden Lähmungen, 
und will ihren Fortgebrauch sistirt oder wenigstens ihre Gabe ver- 
mindert wissen , wenn in den gelähmten Theilen Schmerzen ent-* 
stehen (Romberg). Heine befolgt diese Grundsätze, wie wir 
sehen , insofern als er mit Unterbrechungen das Mittel anwendet. 
Allein er scheint in dieser Beziehung eine zu starre Methode zu 
befolgen, die wohl für eine gewisse Mehrzahl der Fälle, aber 
nicht überall angemessen sein kann. 

Es kommt nämlich bei Anwendung der Nux vomica fürerst 
darauf an , dass sie die Erregung der sensiblen und vasomotori- 
schen Nerven auch wirklich bis auf einen nicht zu hoch stehenden 
Grad steigere. Sie wirkt vornherein bei arischeinend gleichen 
Individuen doch sehr verschieden , indem manche schon von ver- 
hältnissmässig kleinen Gaben sehr bald deutliche Irritations- 
erscheinungen des Rückenmarks bekommen , andere hingegen bei 
starker und erhöhter Gäbe nichts davon erfahren. Das gewöhn- 
liche Verfahren , mit kleinen Gaben anzufangen , ist daher immer 
das beste. Die Steigerung derselben kann jedoch schneller ge- 
schehen, wenn sich die Individuen ziemlich unempfindlich gegen 
das Mittel verhalten, während man nur mit grosser Vorsicht im 
andern Falle steigen und wenn die Gefühlserregung deutlich ge- 
worden ist , die fortgesetzte Anwendung sistiren muss. Auch im 
erstem Falle hört man auf mit dem Fortgebrauch , sobald ein ge- 
wisser Grad von Nervenerregung erreicht ist. Wie gross dieser 
sein müsse, ist in den einzelnen Fällen verschieden. In der 
Regel lässt man ihn nicht höher kommen, als bis das Gefühl bes- 
ser geworden , wovon man sich durch Hautreizungen , Kitzeln u. 
dgl. , oder auch mit dem Weber 9 sehen Tastzirkel überzeugen 
kann, bis die Kranken spontane Schmerzen in verschiedenen Theilen, 



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nnd besonders ih de» gelähmten Gliedern , bekommen , und über- 
haupt eine grössere Empfindlichkeit für alle Nerveneindrücke zei- 
gen, bis die gelähmten Glieder weniger leicht erkalten und die 
Blutcirculation in ihnen wieder besser ist u. s. w. Es gibt jedoch 
auch torpide Fälle, wo man von diesem Grad der Nervenerregung 
noch keinen Einfluss auf die Lähmung wahrnimmt, und man dann 
bei der Wiederholung des Mittels die Wirkung desselben noch 
höher muss steigen lassen. Ich habe bei einer Paraplegie bei 
einem Erwachsenen, die wahrscheinlich von einer Rückenmarks- 
apoplexie herrührte, erst dann Besserung eintreten sehen, als er 
durch die Nux vomiea einen ordentlichen Krampfanfall bekommen 
hatte. Aehnlicbe Beobachtungen, wo erst die Nux vomiea gegen 
Lähmung wirksam wurde, wenn sie Krämpfe hervorbrachte, sind 
auch von Andern gemacht worden. Bei Erwachsenen ist dieser 
Grad der Wirkung nicht so sehr zu scheuen ; — denn gewöhn- 
lich geht er bald wieder von selbst vorüber, oder man kann ihn 
durch einige Gaben Opium mit Campher beseitigen. Bei Kindern 
aber bleibt er etwas misslich , doch auch nicht gerade gefährlich, 
loh sah erst kürzlich leichte Zuckungen bei einem Kinde von einem 
Jahre eintreten, welches % ^ ran Extr. Nucis vomicce im Tag 
genommen hatte , diu bald wieder >. vorübergingen und sein son- 
stiges Befinden durchaus nicht störten. 

Hat die Nux vomiea einmal die stärkere Wirkung gemacht , 
was au* verschiedenen Zeiten eintreten kann, so muss fürerst 
einige Ruhe eintreten , um sie ganz vorüber gehen zu lassen. 
Bann aber fragt es sich , ob es besser sei , die Brecknuss-Bnre- 
gwig zum zweiten Mal durch Anfangs geringere und dann stei-r 
gende Ooae hervorzubringen, oder lieber dafür andere Erreguags* 
mittel in Gebrauch zu ziehen. Die Erfahrung hat in dieser Hin- 
sicht nooh nicht entschieden. Es scheint jedoch am geratensten, 
die Nux vomiea zur zweiten Erregung zu benutzen , wenn die 
orste bereits: einen wesentlichen Einfluss auf die Lähmung machte. 
Wenn diess aber nicht der Fall war, so ist es vorzuziehen, andere 
Mittel zu gebrauchen , auf die ich gleich unten näher eingehen 
verde. 



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Es ist wohl ziemlich gleich viel , welches Präparat der Nu* 
vomica man wählt, wenn es nur yon stets gleicher Kraft ist. Bei 
dem reinen Strychnin ist diess jedoch nicht der Fall, wie mich 
mehrfache Anwendung desselben überzeugte. Ob es bei seiner 
Reinigong bisweilen zu viel geschwächt werde, wie diess schon 
Runge bei mehreren Pflanzenalkaloiden wahrnahm, will ich da- 
hingestellt sein lassen. Ich ziehe daher das unreine Strychnin, 
noch mehr aber das Extr. Nucis vomic» spirit. , vor. 

Von der äusseren Anwendung , sowohl des Strychnin« in Sal? 
ben , als auch der Tmct. Nucis vomica?, habe ich niemals Erfolge 
wahrnehmen können , und ich stimme daher dem Ausspruch von 
Hasse (a. a. 0. S. 338): «dass die innere Anwendung ihrer 
* grösseren Sicherheit halber der endermatischen vorzuziehen sei, » 
aus voller Ueberzeugung bei. 

Unter den anderen Mitteln steht das Seeale cornutum oben 
an» So weit man bis jetzt seine Wirkungen kennt , scheinen sieh 
dieselben vorzüglich auf das -Rückenmark und die Gefässnerven, 
sowie auch direct auf die motorischen Nerven , zu erstrecken. 
Es macht nämlich in stärkern Dosen Krämpfe, ähnlich wie die 
Nux vomica, zugleich aber auch Verlangsamung des Pidsschlaga 
und Eingenommenheit des Kopfs. Pagan empfahl es, wenn ich 
nicht irre , zuerst bei Paraplegien , und seitdem fand es dabei 
öftere Anwendung. Man hat jedoch seine therapeutischen Kräfte 
noch nicht genau studirt, so dass man nicht im Klaren ist , wie 
es sich zu anderen antiparalytischen Mitteln verhält , und an wel- 
cher Stelle es besondere Vorzüge vor denselben hat. Wenn es 
als excitirendes Mittel auf das Rückenmark und die motorischen 
Nerven wirkt, und wenn wir erwägen, dass eine durch den einen 
Reiz gemachte Erregung in den Nervencentren besser durch einen 
andern fortgesetzt wird , weil wir dann weniger Ueberreinung so 
befürchten haben , so müssen wir schliessen , dais das Mutter- 
korn zu einem solchen Wechsel mit der Nux vomica sich eigne. 
Es kann nur dabei die Frage sein , ob es besser sei , zuerst das 
Mutterkorn und dann die Nux vomica anzuwenden, oder die Rei- 
henfolge umzukehren. Wo weder Fiebererregungen noch Blut-» 
andränge gegen die Nervencentren vorhanden sind , scheint diess 



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120 

ziemlich gleichviel zu sein. In Bezug auf die Nux vomica hat 
man jedoch immer gerathen , nicht zu früh , wo noch eine schäd- 
liche Bluterregung zu fürchten wäre, sie zu geben. Von dem 
Mutterkorn haben wir diese nicht zu erwarten , im Gegentheil be- 
wirkt es eher eine Beruhigung des Kreislaufs und dadurch Ver- 
minderung der Congestiönen. Wir setzen daher dieses in die 
erste Linie , wo die Individuen noch eine gewisse Blutfülle und 
leicht bewegliches Gefässystem haben , und verbinden es auch 
noch mit kühlenden Salzen. 

Man gibt das Mutterkorn ebenfalls in steigender Gabe, bis es 
einen gewissen Grad von Erregung gemacht hat. Wir sind aber 
hoch nicht so vertraut mit seiner Anwendung , als dass wir überall 
den geringeren Erregungsgrad desselben zu erkennen vermöchten. 
Jedenfalls aber muss man seine Anwendung sistiren , sobald Ein- 
genommenheit des Kopfes , Kopfschmerzen , Schläfrigkeit , geringe 
Erweiterung der Pupillen, Verlust des Appetits, Aufstossen und 
Uebelkeit, Verminderung der Pulsfrequenz u. s. w. , eintreten. 

Man hat ausser diesen noch eine ganze Reihe von Erregungs- 
mitteln zur Belebung der Nervenfunctionen in den gelähmten 
Theilen empfohlen. Die wichtigsten darunter sind der Phosphor,' 
in der Form der Naphtha phosphorata oder aufgelöst in Ol. Ca- 
jeput, Ol. animale Dippelii , diese und' andere ätherische Oele 
auch für sich , Flor, arnicae , verschiedene Akrien , namentlich 
Tinct. Pyrethri , Cantharidum u. s. w. Meines Erachtcns sind diess 
allgemeine Erregungsmittel , die nicht gerade zum Rückenmark in 
einer besonderen Beziehung stehen. Man braucht sie hauptsäch- 
lich bei kachectischen , anämischen Individuen zum Wechsel mit 
der Nux vomica und dem Seeale cornutum und zur Unterhaltung 
der durch diese bereits gemachten Nervenerregung. Obgleich 
man sie auch in steigender Gabe gibt, und dabei besonders eine 
stärkere Gefassaufregung vermeidet , so werden sie doch weniger 
methodisch bis zu einem gewissen Grade von Erregung ange- 
wendet. ........ 

Während der Anwendung dieser Erregungsmittel bleiben noch 
einige Nebenrücksichten zu erfüllen. Obschon sie nicht in Ge- 
brauch gezogen werden, so lange noch etwas von entzündlicher 



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121 

Regung übrig ist , so können dann doch noch Produkte derselben 
vorhanden sein , deren Aufsaugung unterstüzt werden mus*. Man 
verbindet dann die erregenden Mittel mit den oben genannten auf- 
lösenden. 

Wenn die Constitution des Kranken kachectisch und anämisch 
ist , wendet man zugleich die tonischen Mittel , namentlich China, 
Eisen efc. , an. 

Die Ab - und Ausscheidungen der grösseren Secretionsorgane 

müssen dabei in regelmässigem Gange erhalten werden. Diess 

ist besonders nöthig in Bezug auf den Darmeanal. Verstopfung 

desselben ist eben so schädlich als erschöpfende Diarrhöe. Es 

ist eben so gleichgültig, was man zur gelinden Beförderung des 

Stuhlgangs gebraucht, wenn derselbe zu träge ist. Bei atonischen 

Subjecten und Paraplegieen ist immerhin die Colocynthis ein ganz 

passendes Mittel. Die Diarrhöen müssen je nach ihrer Natur 

verschieden behandelt werden. 

Ueberhaupt aber hege man nicht zu sanguinische Hoffnungen 
von dem Erfolge der inneren Heilmittel der Lähmungen. Möge 
es in der Isolirtheit des Leidens , in dem Mangel des Durchgangs 
der Erregung; von den Centralorganen auf die Nervenstränge durch 
die Stelle der inneren Läsion , oder wo immerhin liegen , man 
wird selten einen eklatanten Erfolg 9 oder doch nur eine lang- 
same Besserung bei ihrem Gebrauch wahrnehmen, von welcher 
es zweifelhaft. bleibt, ob sie von der Natur, oder von den Mit- 
teln bewirkt worden ist. 

Von mehreren äusseren Mitteln haben wir tndess bessere und 
schnellere Erfolge zu erwarten. Wir zählen zu denselben in 
erster Linie die Electricität. Wenn auch immerhin Heine sagt 
(a. a. 0. S. 72), dass sich seine «wiederholten Versuche mit 
« Electricität und Acupunctur als völlig fruchtlos erwiesen » hät- 
ten, so habe ich doch bei atonischen Lähmungen überhaupt in 
gar vielen Fällen den besten Nutzen davon gesehen. Heine be- 
merkt nicht, in welcher Weise er die Electricität versucht hat, 
und dass viel darauf ankommt, wie sie gerade angewendet wird, 
ist bekannt. Eine Menge verschiedenartiger Electrisirmaschineri 
hat die Neuzeit geboren, die alle brauchbar sind, wenn sie nur einen 



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12t 

Strom, gleichviel welchen , lifervorbringen , der sich vom gering- 
sten Grad der Stärke bis zu einem heftigeren ganz nach Belieben 
steigern lässt. Die Anwendung eines andauernden Stroms durch 
eine geschlossene galvanische Kette , früher so vielfach als ner- 
venstärkend empfohlen , und in der Neuzeit durch Chariatanismus 
um allen Kredit gebracht , kann bei diesen Lähmungen gar nichts 
helfen. Man gebraucht nur noch die Stosserschütterungen. An- 
fänglich nimmt man nur einen gelinderen Grad derselben, der 
kaum eine Empfindung in den gelähmten Theilen erregt, und 
nacht nur kurze Sitzungen. AHmähltg verstärkt man den Grad 
and verlängert die Dauer der Sitzungen , Ms der Kranke den Ein- 
druck deutlich empfindet, ihn aber noch gut zu ertragen vermag. 
Nach jedfer Sitzung Ruhe und Einhüllung. Wenn einmal die Wir- 
kung zu stark und die Sitzung zu lange dauernd war , so das* 
4er Kranke nach derselben noch Schmerz; Spannung und andere 
Unannehmlichkeiten 9 in den Gliedern empfindet, muss die neue 
Sitzung etwas länger hinausgeschoben, gelinder Und kürzer ge- 
macht werden. Auf diese Weise kommt man zu dem Grade des 
elektrischen Reizes , der gerade für den concseten Fall passt * 
und verhütet Überreizung, die hier leicht eintritt und von gros«* 
sem Nachtheil ist. 

Diejenigen Muskeln , welche am stärksten gelähmt sind, müs- 
sen zunächst und relativ am stärksten in Anspruch genommen 
werden. Man setzt zu diesem Behufe den einen Pol in die Ge- 
gend ihrer oberen Insertion und des Eintritts des Nervenstranges 
und fährt mit dem andern Pol herab bis zum Anfang der Sehne. 
So geht man die einzelnen Muskeln des gelähmten Gliedes durch, 
stärker und länger den electrischen Reiz wirken lassend in den 
einen , schwächer in den andern , je nachdem der Grad der Em- 
pfindung und Lähmung diess verlangt. 

Wie länge man die electrische Behandlung fortsetze, ist in 
den einzelnen Fällen sehr verschieden. Es gibt auch hier einen 
gewissen Sättigungspunkt, der sich durch grossen Widerwillen 
des Kranken gegen die Electricität und vielfältige unangenehme 
Empfindungen in den gelähmten Gliedern nach jeder Sitzung zu 
erkennen gibt Es wird dann nothwendig, wenigstens eine län- 



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12$ 

gere Zeit , mit der ElectricHät auszusetzen. Von dem Erlalge , 
welche ihre Anwendung hatte , hängt die Entscheidung ab , ob 
eine fernere Kur durchgemacht werde oder nicht. 

Die peripherische und speciell die rheumatische Lähmung, 
wenn sie noch nicht zu lange gedauert hat , erfährt immer von 
der ElectricHät die relativ bessern Erfolge. Viel zweifelhafter 
bleiben dieselben bei den spinalen, und am wenigsten lassen die 
cerebralen von ihr erwarten. 

Ein zweites , zur Kur sehr wesentliches Mittel besteht in der 
passenden Uebung der gelähmten Glieder. Schon die gewöhn«* 
liehen Uehungen im Gehen und Stehen, im Ergreifen und Halten 
etc. , leisten sehr viel > noch mehr aber die auf die einzelnen 
Muskeln wohlberechnete und ausgeführte Heilgymnastik. Diese 
hat bisher gerade bei diesen Kinderlähmungen und consecutiven 
Contrsctnren ihre schönsten Triumphe gefeiert. Ungeachtet ihrer 
Verketzeret, die sie sich selbst durch ihre übertriebenen Anprei- 
sungen und bis zum Absurden gehenden Ausspinnungen zugezo* 
gen hat» wird sie immerhin in des richtigen Bahn, welche in 
neuester Zeit , ihre Anwendung einschlägt, für die Bewegungs-» 
fenetion eins der wichtigsten Mittel bleiben , auf das näher ein-* 
zutreten hier der Ort nicht ist 

Die 90 vielfältig empfohlenen Bäder der mannigfachstes Art, 
seien es kalte oder warme., künstliche oder natürliche, einfache 
Wasser- oder Mineralbäder, und Dampfbäder, Vollbäder oder 
Douchen u. s. w. , blosse Frictionen der Glieder, Einreibungen 
mit mancherlei reizenden Dingen u. dgl. , sind gute Beihülfs- 
mittel zur Kur; man kann ihnen aber keine bedeutende Wirkung 
auf die Lähmung selbst beimessen. 

IV. Behandlung der lange bestehenden und bereits 

mit consecutiven Contraptjiren verbundene« 

Lähmungen. 

Obschop die Lähmung nach langer Zeit ihres Bestandes durch 
das bisher erörterte Verfahren nicht mehr geändert werden kann, 
$o laset sich doch durch Verminderung oder Beseitigung der Con- 
traptnrtn, »wie durch Verbesserung der Gestaltung der Glieder, 



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124 

noch viel thun. Durch Hebung der Missgestalt der Glieder , so- 
weit dress im concreten Fall möglich ist, wird eine bessere Ver- 
werfung der noch vorhandenen Beweglichkeit der ganzen Glieder 
sowohl, als der einzelnen Gelenke derselben möglich gemacht. 

So lange die Contracturen noch redressibel sind, werden 
Electricität und Heilgymnast ick das meiste leisten zur Ausdehnung 
der contrahirten Muskel und zur Vermehrung der Erregung der 
Kraft ihrer Antagonisten. Es muss aber noch die Orthopädik dazu 
kommen , eines Theils um zwischen den gymnastischen Uebungen 
dem Gliede die normale Gestalt zu erhalten , andern Theils um 
den schwachen Muskeln und Gelenken eine Stütze zu geben, da- 
mit die Glieder einigermaßen selbstständig zu gewöhnlichen Ver- 
richtungen gebraucht werden können. 

Widerstreben die contrahirten Muskeln der Ausdehnung, und 
sind ausser der Contractur und der Abmagerung der Glieder noch 
keine ändere organische Deformitäten ausgebildet , so muss zuerst 
durch Heilgymnastik und Orthopädik eine allmählige Ausdehnung 
versucht werden. Bleibt dieser Versuch erfolglos , so ist schon 
eine Desorganisation der Muskeln und anderer Theile zu ver- 
müthen, und es handelt sich dann wesentlich darum, durch Sehnen- 
schnitt und Orthopädik dem Gliede , soweit es möglich ist , seine 
mtfmate Gestalt zu geben und damit es zu befähigen , bessere 
Dienste zu leisten , als im verkrümmten und deformen Zustande 
möglich wäre. 



Aus der Literatur. 



Roser, Ober die Verrenkungen des Sehenkelkopfes. 

R o s e r bemerkt mit Recht , dass man gewöhnlich bei der 
Betrachtung der Schenkelhixationen nur von den Symptomen der 
vollendeten Luxation ausgehe und dieselben darnach eintheile. 
Diese Behandlungsweise , welche auch M a I g a i g n e einschlage , : 
sei sowohl unphysiologisch ab unpraktisch« Einmal seien 



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*2S 

die meisten jener Formen nur secundäre, durch spätere Bewe- 
gungen zufällig entstandene, unwesentliche; anderntheils bieten 
sie keine sichere Anhaltspunkte für die Reduction. Roser legt 
das Hauptgewicht auf die Entstehungsweise der Luxation und un- 
tersucht vor Allem , in welcher Richtung der Gelenkkopf aus der 
Pfanne trat, indem es weniger auf die spätere Lage des Gelenks- 
kopfes ankommt , als vielmehr auf die Lage des Kapselrisses , durch 
welchen derselbe in die Pfanne zurückgeführt werden muss 

Roser gibt das Wesentliche seiner Forschungen über diesen 
Gegenstand in folgenden Sätzen : 

1) Das wesentliche Hinderniss der Einrichtung einer Verren- 
kung besteht fast immer nicht in der Muskelspannung , sonder« 
in der Enge des Kapselrisses. 

2) Die Schwierigkeit der Einrichtung beruht in der Regel nur 
darauf , dass es nicht gleich gelingt , die rechte Richtung und 
Stellung zu finden, in welcher der verrenkte Gelenkskopf dem 
Loch in der Kapsel entspricht. Ist diese Richtung und Stellung 
gefunden , so erfolgt die Reduction vermöge der Muskel von selbst, 
oder es bedarf nur noch eines geringen Impulses;, einer* kleinen 
Drehung , u. s. w. , um den Kopf zum Hineingleiten zu bringen. 

3) Es kommt viel darauf an, welche Lage und Richtung, 
nicht nur welche Grösse , der Kapselriss bei einer Verrenkung 
hat. 

4) Ein verrenkter Gelenkskopf befindet sich in der Regel 
nicht in der primären Stellung , welche er durch die luxirende 
Gewalt erhielt , sondern er nimmt durch eine unmittelbar nach- 
folgende Beugung oder Adduction u. s. w. des verrenkten Glieds 
eine secundäre Stellung an. 

5) Das Einrichtungsverfahren muss darauf ausgehen, den 
verrenkten Knochen erst in die primäre Stellung zurückzuführen 
und von hier aus zum Hineingleiten zu bringen. 

6) Die Einteilung der Verrenkungen eines jeden Gelenks 
muss auf die wesentlichen anatomisch-mechanischen Momente 
gegründet sein. Die symptomatische Eintheilung von Malgaigne 
zeigt sich ebenso unwissenschaftlich als unpraktisch. 

7) Die gewöhnlichste Schenkel Verrenkung ist die n-a<ch 



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126 

wnten, wobei der Gelenkskopf unter der Sehne des Obtürator 
internus heraustritt. . 

8) Diese Verrenkung entsteht bei starker und gewaltsamer 
Beugung des Hüftgelenks durch eine leichte Rotation des Schen- 
kels nach innen. 

9) Die Verrenkung nach unten verwandelt sich in der Regel 
durch eine Streckbewegung (nebst Rotation nach innen) in die 
Verrenkung nach hinten. Luxatio ischiadica. 

10) Sie kann sich durch eine Abduction in die Luxatio ob- 
turatoria verwandeln. 

11) Bei der Einrichtung aHer solcher Fälle, in welchen das 
Loch der Kapsel unten befindlich ist , erscheint stärke Beugung 
als nothwendig, um erst- den Gelenkskopf in die primäre Stel- 
lung , dem Loch der Kapsel gegenüber f zurückzubringen. 

. 12) Die Luxatio obturatoria erscheint als eine blose Va- 
riation der Verrenkung nach unten. 

13) Bei der Luxatio obturatoria stebt der Gelenkskopf unter 
und hinter dem Obtwrator externus. 

14) Malgaigne's Luxation perineale ist nur eine leichte 
Modification der Luxatio obturatoria. 

15) Bei der Verrenkung nach vorrte, zwiScheft die 
Fossa ileopectinsaa und den Psoas , ist als Ursache eine lieber- 
Streckung nebst Rotation nach aussen anzunehmen. Eine secun- 
däre Verschiebung erfolgt dabei durch eine leichte Beugebewegung. 
Die Einrichtung beruht auf Rückführung in die Ueberstreckung 
und Rotation nach innen. 

16) Die Verrenkung hinter den Pectimeus ist als eine blosse 
Modification dieser Luxatio ileopectinaea anzusehen. Sie darf nicht 
zur Luxatio obturatoria gerechnet werden. 

17) Die sehr seltene Verrenkung nach der äusseren Seite der 
Spina anterior inferior hin erseheint als Modification der Luxatio 
Hiaca 9 durch gewaltsame Rotation nach aussen. 



*) Es- ist diese die luxcUion $us-colyloidienne von Malgaigae, welche 
sich nur dadurch von der Luxatio iliaca unterscheidet , dass das Bein stark 
nach aussen rotirt ist , und demgeniäss der Gelenkkopf nach vorne, statt nach 
hinten, wie bei der L. iliaca, schaut Red. 



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m 

48) Die Luxatio iliaca ist wohl die seltenste aller Sehen«* 
kelverrenkmtgen , während sie gewöhnlich für die häufigste gilt 
Die Mehrzahl der Fälle, die man Luxatio iliaca genannt hat, und 
selbst ein guter Theil der Fälle, welche bei Malgaigne diesen 
Namen tragen, gehören zur Luxatio ischiadica. 

19) Die Luxatio iliaca entsteht wesentlich durch Rotation 
nach innen bei Adduction und Beugung des Gelenks. Die Ein- 
richtung wird auf Rotation nach aussen zu basiren sein. 

Es bleiben uns somit nach Roser immer noch vier primitive 
Formen von Luxation des Schenkelkopfes : 

1) nach vorne, die Luxatio pubica oder ileopectin&a, durch 
forcirte Streckung erzeugt; 

2) nach unten, die bei weitem häufigste, durch forcirte 
Beugung erzeugte Luxation, aus welcher durch Bewegungen sich 
bald eine Luxatio obturatoria, bald eine Luxatio ischiadica, selbst 
eine Luxatio iliaca ausbilden kann ; 

3) nach hinten, die Lux. ischiadica; 

4) nach hinten und oben, die Lux. iliaca (und Malgai- 
gne 's Lux. sus - cotyloidienne) , die seltenste der Luxationen, 
welche oft aus der Lux. ischiadica durch Zerreissung der Mm. 
obturator intern, und gemelli entsteht» 

CRoser: «Zur Revision der Verrenkungslehre.» 
Archiv f. phy$. Heilk. 1857. Bd. I. S. 42.) 



Nicht-Existenz der sog. Luftstreifschüsse. 

Da die sog. Luftstreifscbüsse von einigen Aerzlen immer noch 
anerkannt , von andern als Fabel bezeichnet werden , so suchte 
sich Dr. Pelikan in Petersburg dnreh das direkte Experiment zu 
überzeugen , ob Kanonenkugeln in vollem Fluge im Stande sind , 
durch die Compression der sie umgebenden Luft Contusionen zu 
erzeugen , wenn sie in grosser Nähe an dem Körper vorbeifliegen. 

Aus einer Reihe von Experimenten, welche er mit Geschützen 
von grossem Kaliber vornahm , kam er zu folgenden Schlüssen : 

1) Ein an einem andern Gegenstande nah vorbeifliegendes 



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t28 

Gescboss übt auf jenen einen nur unbedeutenden Einfluss aus , 
welcjjfcr von der Bewegung der das Geschütz umgebenden Luft 
herrührt und selbst bei voller Ladung des Geschützes nie so stark 
ist, dass er Contusionen zu erzeugen im Stande wäre, wie Rust, 
Busch u. A. annehmen. 

2) Wenn ein Geschoss sein Ziel erreicht ohne zu ricocheti- 
ren oder andere Gegenstände hinwegzuschleudern , so können 
Solche , welche der Bahn des Geschosses nahe stehen , keine 
Contusion davon tragen , wie sehr auch Aerzte versichern mögen, 
selbst Augenzeuge solcher Zufälle gewesen zu sein. 

(Journal de med. et de chir. prat. 1857, 
livr. 12, p. 554.) 



Schmerzlose Blasenpflaster und Cauterien. 

Piädagnel empfiehlt als solche folgende Mischungen: 
fy Pulv. cantharid. . . 3 Theile. 
Morphii muriat. . . 1 „ 

Dieses Pulver wird dann in der gewöhnlichen Weise zu Bla- 
senpflaster verarbeitet. 

Ferner : 

fy Pulv. caustic. Viennens. . 3 Theile. 
Morphii muriat. ... 1 „ 
mit Weingeist angerührt, in bekannter Weise als Aetzpaste zu ge- 
brauchen. 

Das Morphium soll in dieser Weise jeden Schmerz verhüten, 
ohne toxische Allgemeinerscheinungen zu erzeugen. 

(Boniteur des höpitaux, 1858. N.° 37.) 



±sGS!Ste!r*^ 



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Schweizerische lonatschrift 

für - 

praktische Medizin, 

redigirt von 

Dr. A. Vogt. 
Dritter Jahrgang. 1858. Nr. V. laiheft. 



Diese Menaischrift erscheint monatlich einaal . Z Böge» stark. Der Asoaae- 
meatspreis ist für die gaase Sehweis 7 Fr. , für das Aasland 10 Fr. Briefe 
«ad Gelder franko an die Expedition : Haller'sche Bnehdroekerei in Bern. 



De Texomphale chei l'enfant negre, 

par A. LioTAUD, de la Trinidad (laden oecidentales), 

Dodcor em m id ec u* 4» U b *n I ti <]# Paria. 



La produciion d'une hernie est intimement li£e & la compres- 
sion de la misse intestinale. Celle compression dopend toujours 
de la contractu)» ou de la distenskm des parois abdominales. 

La contraction a lieu^ par exetnple, pendant l'acte respira- 
toire ou au moment d'un effort. Elle räsulte de l'action du sys- 
ieame nerveux sur le syst&me musculaire. La distension däooule 
de. la difficolte que les parois abdominales, repouss&s m&anique- 
ment de dedans es dehors, äprouvent ä se dövelopper au-delä des 
limites .normales. Ce sont deux etats dont Tun est actif et l'autre 
passif.. Les lois physiologiques pr&ident ä Fötat actif , aussi sont- 
ce les muscles qui sont principalement en jeu. Les lois pbysiques 
röglent l'ätat passif, etce sont les aponävroses qui ont alors la 
plus graade part d'action. Ouand les muscles r£claraent le pre- 
mier röle comme pendant le cri, il y a toujours raccourcissement 
des parois abdominales, compression des gaz intestinalis, diminu- 
tion d'uae maniäre absolue . de la cavitl de Tabdomen. Ouand ce 
röle est ctevolu aux aponövroses, comme. durant. la tympanite, il 

9 



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130 

y a inövitablement allongement des parois abdominales, compres- 
sion des gaz intestinaüx et loujours diminution , mais d'une ma- 
ni&re relative , de U cavitö de l'abdoraen. 

La cause productive de la hemie dörive donc de deux modes 
d'action bien differents, qui aboutissent cependant k un m&me r6- 
sultat. Mais il n'y a de commun dans ce rösultat, que le nom 
g£n£rique de la maladie , le nom de Hernie. Quant k l'esp&ce de 
hernie qui se forme, eile vient dönoter que les cons£quences 
qu'entraine la .contraction des parois abdominales sooft tout autre* 
que celles qui sont dues k leur distension. 

Outre la part que prennent k la production d'une hernie, les 
parois abdominales contractäes ou distendues, il y a aussi celle 
que röclame l'intestin dont l'influence varie suivant la quantitö du 
gaz quil contient. M£me les muscles de l'abdomen, par la di- 
rection qu'ils impriment aux vfecöres en se contractant, ne restent 
pas ätrangers k la sortie de l'intestin par teile ou teile Ouvertüre. 

Mais toutes ces causes n'ont d'effet morbide que parce que 
leur action vient modifier l'etat normal des ouvertures de l'abdomen. 

DE L'ÜTAT ACTIF, 

Pendant Vacte respiratoirt. La forme de la cavitl abdomi- 
nale change k chaque mouvement respiratoire. €'est «ne con§6- 
quence n£cessaire de la mobilitä d'une partie de sei parois et de 
la natiire des fonclions qui leur sont assignles» La oapacitö de 
cette cavitä reste nlanmoins toujours la m£me , car si -eile mg- 
mente d'un eöt6 , eile diminue de l'atitrte , ce qui dopend 4e la 
contraction des muscles inspirateurs altersant avec celles des mus- 
cles expirateurs. L'intestin n'est point comprim£. Tont alors est 
k Y6M normal , je pourrais mätne dire k Fötat de repos. Ainsi 
la respiration, tant qu'elle a lieu dans de certaines Hmites, tant 
qu'elle est calme et qu'elle s'accomplit ä notre insu , n'influe sur 
la cavitä abdominale qu'en changeant sa forme. C'est l'^tat nor- 
mal et il n'en peut räsulter aucune cons£quence morbide. 

Pendant leffort. Mais quand la respiration vient eoncourir k 
produire l'effiort, quand les muscles , laut inspirateurs qu'expira- 
teurs , sont fortement contractu et raccourcis, noiwseutement la 






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AU 

forme de J'abdomen prend uue autre apparence, mais, de plus, 
sa capacit£ diimnue. Les visoöres sont comprimes et l'intestin 
tend ä s'echapper au dehors. Mais, certainement, l'effort n'est point 
en dehors des attributs de l'organisme. II se produit trop sou?- 
Yent pendant des actes tout-ä-fait pbysiologiques, pour ne pas 
jencontrer, dans l'äconomie les conditions normales de sa produc- 
tion , saus jamais entrafner de desordres ä sa suite. Mais l'effort 
n'est pas toujours tel , et les puissances qui dement arr&er l'in- 
testin peuvent non pas s'elever ä ce haut degrä d'£nergie qu'ac- 
quierent, quelquefois, les caases qui tendent k les vaincre. Ces 
causes, qui d£coulent de la contraction musculaire, sont soumises 
ä l'empire de la volonte , tandis que la puissance de la r&'stance 
derive de proprit^tes purement pbysiques. Que ces propriötds 
viennent k etre inodifiäes , ä perdre de leur efficacitö , l'öquilibne 
se trouve roropu et l'intestin fait hernie. Teile est la cause prin- 
zipale d'une hernie chez Fhomme bien conformö. 

En effet , chaque eflbrt violent determine une forte tension 
des fibres aponevrotiques qui concourent ä former les ouvertures 
crurales et inguinales sans , pour cela , changer leur forme. Cette 
tension, souvent amen£e par la meme cause, finit par distendre et 
allonger ces m&mes fibres. L'intestin vivement pouss£ tend k s'£chap- 
per et concourt ä distendre et k allonger davantage le pourtour de ces 
ouvertures. L'effort cesse, tout rentre dans l'ordre, mais le tissu fibreux 
prive de l'elasticitö ne revient point k son 6tat primitif, il reste plus 
allonge qu'auparavant. Cet effet, il est vrai, est peu prononce; 
mais, souvent reproduit, il place ces anneaux dans un etat tel 
que leurs bords , au retour de Ja contraction musculaire , n'ae- 
quierent plus de rigiditö, et l'intestin toujours comprim^ peut fa- 
cilement modifier leur direction , changer les diametres des ou- 
vertures qu'ils circonscrivent et s'y engager. Dans ces conditions 
nouveUes, l'intestin döjä herniö repousse fortement le pourtour 
de ces anneaux du centre k la circonf&ence; il rend aux fibres 
aponevrotiques leur rigidite premiere > et en meme terops il con- 
slitue ainsi une poulie de renvoi qui permet aux muscles d'agir 
encore par leur contraction. 

Un tel möcanisme explique jpourquoi la hernie s'observe plus 
souvent chez l'homme livrö ä des travaux qui exigent constam- 



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188 

ment un grand deploiement de forces, chez celui qu'une constipa- 
tiön habituelle oblige ä des efforts constants 9 chez celui dont la 
miction est rendue laborieuse par un retröcissement trts prononcd, 
etc. Dans tous ces cas la puissance de la cause gtt entierement 
dans la duröe et dans le retour fröquent de son action. Sans 
ces conditions , la hernie serait une maladie qui affecterait la plus 
grande partie du genre humain. Sa fräquence cependant a 6t£ 
not£e et avec raison. Mais on sait que certaines conformations 
anatomiques, soit cong&iiales, soit acquises, la favorisent. De 
plus, comme on considäre comme hernie la pr£sence de l'intestin 
hors de la cavitö abdominale , sahs tenir compte de l'ouverture 
qui lui a donnä passage , le nombre des malades r^ellement at- 
teints de hernies que j'appelerai normales se trouve considöra- 
blement accru par celui des personnes chez lesquelles l'intestin 
s'est fait jour , par exemple par une fissure. 

Dans bien des cas , il est vrai , reffet a suivi imm£diatement 
la cause. On a vu des individus 6tre affectös de hernies au mo- 
ment oü ils faisaient des efforts surnaturels pour soulever ou sou- 
tenir un fardeau qui menacait leurs jours. On a vu des en- 
fants ßtre atteints de la meine maladie pendant une violente con- 
vulsion. Mais les fibres aponövrotiques , dans ces cas , n'ont- 
elles pas pu se rompre , comme cela arrive aux tendons , aux 
fibres musculaires dans les meines circonstances? 

Ainsi l'effort tel qu'il s'observe journellement loin d'6tre une 
cause de hernie ä l'afne, tend au contraire k arre*ter l'intestin 
par la rigidite' qu'il donne aux bords des ouvertures crurales et 
inguinales. Mais en se repötant souvent, en conservant toujours 
toute son Energie , il change les conditions anatomiques de ces 
ouvertures et finit par leur permettre de laisser passer l'intestin. 

Teile est l'influence de l'etat actif des parois abdominales sur 
les ouvertures crurales et inguinales. Elle est fein d'gtre la meme 
sur l'ouverture ombilicale qui est percöe dans une paroi convexe 
dont la mobilitä permet de grands changements dans la courbure 
qu'elle präsente normalement. Plus cette paroi tend ä devenir 
plane, comme pendant l'effort, moins est grande l'ouverture om- 
bilicale; dans ce moment, ses bords privös de toute contracting, 



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133 

n'acquiärent aucune tension, car I'action des muscles obliques et 
transverses sur les apon^vroses qui concourent ä former ces bords, 
est neutralis£e par celle des muscles droits. Cette flacciditö des 
bords de l'anneau peut bien faciliter le passage de I'intestin, mais 
Jes muscles droits > en se contractant, se rapprochent et servent 
d'obturateur. Ainsi l'<6tat actif qui , dans cette rggion , n'a de 
cette influence dont je tiens compte, que sur les muscles, ne 
change point l'6tat anatomique du tissu fibreux, et comme il est 
question ici de l'anpeau ombilical avant son Obligation , il räsulte 
de ce qui s'y passa ppndant l'effort que rien ne peut nuire au 
travail de cjcatrißj*tion qui s'y opöre pour l'oblit&er. 

Donc l'effort a toujours pour räsultat d'emp6cher I'anneau om- 
bilical de livrer passage ä I'intestin, et n'oublions pas que le ,<pri 
n'est qu'uae esp£ce d'effort. 

Chez Indulte comme chez le, nouveau-nö, les muscles res- 
pirateurs, en se „contractant simultanänent, agissent de teile ma- 
ntere que la masse de I'intestin grtle vient principalement faire 
effort contre les ouvertures crurales et inguinales, si toutefois le 
corps est dans une position verticale. De plus, chez l'enfant , le 
ioie qui est trAs döveloppä atteint presque l'ombilic quand, pen- 
dant l'inspiration, il est repoussö par ie diaphragme. II semble 
alors vouloir rempkcer l^piploon qui , ä cet ftge , est trop peu 
d£veloppö pour. veair s'interposer entre I'intestin et I'anneau. Ici 
encore tout favorise plutöt la hernie au pli de l'atne. c 

DE l;£tat PASSIF. 

, Bien des causes , comme la tympanite , l'aseite , l'ob&ritä , 
diff&rentes tumeurs, peuvent däterminer la distension des parois 
abdominales. Mais , pour mon sujet, je na dois avoir en vue que 
la tympanite. 

Ouand I'intestin gorg6 de gaz repousse les parois abdomi- 
nales, les bords des ouvertures crurales et inguinales sont dans 
cet ötat de tension que produit l'ötat actif. Les fibres aponövro- 
tiques s'allongent, mais, la cause agissant toujours, la tension se 
maiittient, et I'intestin, quoique fortement compriml, ne peut 
s'öchapper au dehors. 



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134 

Quand, dans de setnblables circönstances , l'mtestift se her- 
nie , c'est qu'une äraillure est venue lai livrer passage. Ainsr oit 
peilt eonsidörer In distension des parois abdominales comme un 
obstaele a la sortie de l'intestin par les ouvertures naturelles du 
pli de 1'afne; m*iS eertainement cet ötüt pathologique, quand il 
est trts prononcö et qu'il dure longtemps , devient pat I'intettsitö 
et snrtout par la eontinuitä de son action une cause prtdispo- 
saftte bien plus puisäante que les contractions , m£me violefltes et 
solvent r6p6t£es $ue d&ermine l'effort. En effet , quand la tym^ 
panite ä disparu tout rentre dans r ordre , exceptö les aponätrosds 
qui , par manque de contractilitö , conservent lenr möme degr< 
d'allongertient. L'intestin, pour peu qa'it soft comprtmd, trouve, 
malgrö Y6M öctif , les bords' des ouvertures du pli de 1'afne , 
m6me ceux d'une Araillure tout-ä-fait flagques, et n'Sfrome au- 
ctme difficaltö & les 4earter et ä les franchir. Ceftt , satis doute, 
um sembtable prädisposition qui existe öhez oes personife* ea sl 
grand norobre qui se toient touM-coup affectäes de hernie, sans 
poüYoir rattacher l'acddent ä m effort quelconque. C'est eette 
tn&ne pr&Usposition qui rend k bernie sl fräqneafte chez la femme 
aprö* certaines grossestes , et cfcea bien des personnes apräs un 
exeessif embonpotnt* 

. tei Effets de la distension des paröft abduninales sur les ou- 
vertures crüfales eft inguinales ne diflerent doao point , par leur 
nature , de ee« que prodrat la (xmtrdction msGulaire pendant 
l'effort. C'est du cötö de l'ombilio que les phönomönes changent 
et laissent voir que Tartnedu est fnflufcirtö cPune maniere bien dif- 
f freute* quaad las parois <to Fabdomen sont fortemtat repous- 
$6e* par les ga* inteitiaaux. La eoavexitö de ces parois, en 
augmentant * distend teutes lös parties qui les constitaent. L'ae* 
tion des muscles obliques et transversa« n'est plus neutralisöe par 
eelle das arascles droits qui s'&oigaent l'un de Fautre; Fairoeau 
a'ottvr* par I'äeartemeot de sea bonto qui sont largemtat liraittes, 
et tos parties qui doivenl fornter lä oicaUice ombilicale ae sont 
pius.dans tos rappovts qn'touge tour ticätrisation* L'euverture 
raste fr&nte? l'iaAeftin a'y eögage ab vien* ooacöürir ä Fagrandir 
davantage. 



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135 

L'intestin grtle gorgd de gas qui sont ä tu haut degrä de 

lensum , refoule le foie de bas en haut , en lui faisant Iprouver 

im mouvement de baaeule qui rend presque ant&ieure sa face in- 

fcrienre* Cet Organe ne vient plus alors chez l'enfant , amsi af- 

fect£ , s'interposer , m£me pendant l'&at actif, entre l'intestin et 

l'ouverture ombilicale. Le diaphragme est aussi refoule vers la 

poitrine; le dlplacement de cee organes et la plus grande con- 

yexitf des parois du ventre donnent ä cette. paftie de la eavitd 

abdominale wie awplptfon qp£ eutrepasse le« limites normales« 

L'intestin grdle que ptaßse le gros kttestin aussi disteudu % maie 

malus, nobile, yienk & cause de la longueur de sott mlsenttee, se 

loger ipm eette. cavitö acwdentelle , dont le point culminant, par 

rapport ä la forme, est l'ombilic. Aiusi l'intestia qui se hernie le plus 

facäemcmt glisse, en quelque sorte , sur les euverturea cruralei 

et inguinales, et vient faire eifert contra l'anneau ombilieal. Cette 

actioaes* rendue plus effieaee par la nouvelle position du foia 

qui, refoute par le diaphragme, agit comme ce muscle suivant 

uoe Ugne qui vient ahoutir k l'ombilic. 

Aiusi la disteasion des, parois abdominales a pour rlsultat 
d'&oigner l'intestin gröle du pli de l'atne f landis qu'elle ie pouss? 
vers 1'ouverUure ombilicale« (L* wu proctoinment.j 



Ueber die Tracheolooiie beim Croup der Kinder» 

voi A. Vogt 
(Farfaaisuig ms Nr. IT. S. 97.)' 



Per erwähnte Krankheitsfall giht von neuem ein Beispiel eines 
nicht aus den ?aoee* niederoteigeuden Croups, wie ihn die 
Franzosen als Norm hinzustellen pflegen* Da die ganze Aufmerk- 
samkeit anfangs auf den Zustand des Rachens und der Mandeln 
gerichtet war , wäre gewiss die geringste croupose Ablagerung 
entdeckt worden % obgleich die später ausgezogenen Pseudomem- 
bran TOwidaitegWt tow $ü* fr Kehlkopf naphwiejen. Wir 



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136 

wollen nicht näher auf diesen Verhalt eingehen , da wir wieder- 
holt in dieser Zeitschrift die Ansicht vertheidigt haben, dass sich 
der Croup durchaus nicht durch diese Exclusivität des Sitzes aus- 
zeichnet; ja wir haben selbst den ganzen croupöften Prozess sei- 
nes essentiellen Charakters beraubt und in die Reihe gewöhnlicher 
Entzündungen gestellt , welche in ihren Producten * die grösste 
Mannigfaltigkeit darbieten können , aber auch in den häufigen 
Uebergängen der Formen deutlich genug zeigen, dass das Ausschwi- 
tzen einer croupösen Membran nicht auf einem eigentümlichen , 
essentiell verschiedenen physiologischen Prozesse beruht. 

• Was die Anwendung der Tracheotomie im Croupe anbelangt, 
so schwindet von Tag zu Tag die Zahl ihrer Widersacher. Be- 
reits hat die Erfahrung die geringe Gefährlichkeit oder gar die 
Gefahrlosigkeit der Operation dargethan. Dafür spricht die Leich- 
tigkeit, mit welcher die complicirtesten Wunden' der Trachea be- 
handelt und geheilt werden. Ferner sprechen dafür besonders 
die vielen glücklichen Fälle von Tracheotomie bei der Gegenwart 
von fremden Körpern in den Luftwegen. : Hier treten die Folgen 
der Operation so ganz in den Hintergrund gegen diejenigen eines 
längern Yerweüens des Fremdkörpers ' in den Luftwegen , * dass 
nach dem Vorbilde von Job er t (de Lamb'alle) in solchen FäHen, 
selbst bei Abwesenheit schwererer Zufälle, immer sogleich die 
Operation zu instituiren ist , bevor eine consecutive Entzündung 
deren Erfolg zweifelhaft macht, oder ein plötzlicher tödtlicher 
Suffocationsanfall dem Zögernden zuvorkommt. « Pour moi ce 
riest guune saignte,» sagte Guersant, Sohn, in einem klini- 
schen Vortrage von der Operation , welche er bereits mehrere 
hundert Male ausgeführt hatte. 

Das ziemlich volkstümliche Vorurtheil von der absoluten Tödt- 
lichkeit der Verletzungen der Luftröhre beruht vorzüglich auf den 
gelungenen Selbstmordversuchen auf diesem Wege. Freilich wird bei 
diesen gewöhnlich nur der Larynx und der Zwischenraum zwi- 
schen diesen und dem Zungenbein , sehr selten aber anderwei- 
tige wichtige Organe getroffen, deren Verletzung der Tod könnte 
zugeschrieben werden , woraus man auf die bestimmte Tödlichkeit 
jener Verletzung l schloss. Allein bei 1 näherer Betrachtung ergibt 



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137 

sich immer, dass zufällige Nebeftumstände und nicht die blosse 
Eröffnung der Luftwege den Tod herbeiführte. Bald findet sich 
die Speiseröhre eröffnet oder der Kehldeckel abgeschnitten, 
und die eingenommenen Nahrungsmittel treten in die Trachea, 
und bewirken entweder Tod durch Lungenaffection oder den Hun- 
ger; bald sind einzelne Theile, wie z. B. der Kehldeckel, so 
zerfetzt, dass die losgelössten Theile ventilartig den Larynx 
schliessen; bald ist die Luftröhre total durchschnitten , und in 
Folge zufälliger Bewegungen das untere Segment durch Verschie- 
bung verschlossen worden; bald verblutete der Verwundete lang- 
sam in einem Verstecke u. s. w. Vielleicht noch<mehr als diese 
zufälligen Complicationen trug jenes Verfahren der alten Aerzte m 
solchen Fällen zur Befestigung einer falschen Ansicht im Volke 
bei, dass sie in der yorgefassten Meinung eines sicheren Todes 
unthätige Zuschauer blieben. So sagte Magatus in seinem gros- 
sen Werk über die Wunden, dass Verletzungen der aspern ar- 
teria fast hoffnungslos seien, und dass sie nur zugeheftet werden 
müssten , um dem Kranken Gelegenheit zur Beichte seiner Sünden 
zu geben; bei Substanzverlust an diesen Tfaeilen sei aber. der 
Fall ganz und gar hoffnungslos, und der Wundarzt habe hier nur 
seine Prognose zu stellen und seiner Wege zu gehen («facto 
prognostico esset discedendum»). 

In neuerer Zeit mag auch das Urtheil Dieffenbach's nicht 
wenig zur Discreditirung der Tracheotomie beigetragen haben. 
Er sagt (in seiner « Operativen Chirurgie,» Bd. IL Seite- 345): 
« Die Eröffnung der Luftwege ist eine an und für sieh schon «Ar 
gefährliche Operation, wit diess zufällige Verwundungen der Luft- 
röhre und des Kehlkopfs zeigen; noch grösser aber ist die Gefahr 
bei der künstlichen Eröffnung, da diejenigen Zustände, welche sie 
begehren, ebenfalls lebensgefährlich sind.» Man braucht aber nur 
einigermasen aufmerksam die medtcmische Literatur über die 
Wunden des Larynx und der Trachea und über die Tracheotomie 
bei Fremdkörpern in den Luftwegen und beim Oedema glottidis 
zu consultiren, um die ganze Haltlosigkeit von Dieffenbach's 
Ausspruch, für welchen er weiter gar. keine Belege gibt, zuer- 
kennen. Um auch den leisesten Zweifel zu heben, verweilen 



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13* 

wir den Leser auf den musterhaften und geistvollen Aufsatz von 
Pitha in der « Prager Vierteljahrschrift für prakt. Heilkunde» 
(Band 53, Jahrg. 1857, I. Bd. Seite 1) über die Bronchotomie. 

Eine vorurtheilsfreie Beobachtung und eine aktivere Halfeleistung 
fai Pillen von Verwundung der Luftröhre und des Kehlkopfs führte 
aHmählig zur Unterscheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen, 
und eine tausendfache Erfahrung zeigte , dass selbst bei unkunst- 
gemässer Eröffnung der Luftwege ohne tödtlkhe Complicaüon der 
Heilungsprozess ein sehr leichter und einfacher , dass die unbe- 
dingte Furcht vor der Athmung durch eine widernatürliche Oeff- 
nung eine chimärische ist , und dass zwischen der einfachen Ope- 
ration und der Wunde beim Selbstmorde ein weiter Abstand be* 
steht. 

Doch, trotz aller dieser Erfahrungen, wire es leichtsinnig , 
alle Gefahren der Operation wegzuleugnen und mit Guersant 
dieselbe einem einfachen Aderiass an die Seite zu stellen. Ein 
gewissenhafter Arzt soll nicht aus Uebersehätzung eines glück-r 
liehen Erfolges oder der manuellen Fertigkeit sich verleiten las-*» 
sen, jene Gefahren zu unterschätzen, statt ihnen auftnerksam in's 
Auge flu schauen , um ihnen im gegebenen Falle ausweichen ZU 
können. Für den Kranken ist es in unserer glaubensarmen Zeit 
ein schlechter Trost, wenn wir ihm mit Ambroi se Par6 sagen : 
a ich hake dich operirt, Gott mag dick kuriren;» da könnte man 
dem lieben Gott ebensogut auch die Operation überlassen. Freude^ 
trunken über den augenblicklichen Erfolg der Tracheotomie bei Er* 
s tiokungsgefabr , hat man zu sehr die erst später eintretenden 
schweren Folgen verkannt , und den später erfolgenden Tod 
einfach zufälligen Complicationen zur Last gelegt und aus dem 
Schuldbucbe des Operateurs gestrichen. Wir können daher auch 
nicht ganz m Pitha's Ausspruch, dass man etwaig* sekundäre 
Nachwehen der Operation Hoch weniger zu besorgen habe , als die 
unmittelbaren Folgen der Verwundung i) , einstimmen , wie wir 
im Nachfolgenden nachzuweisen versuchen wollen« 



*) Präger Vierteljahrsehrift fBr praktische Heilkunde. Band 58, Jahr- 
gang 18B7, Band h Seite 46. 



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m 



I. Die Gefahren der Tracbeotomie an sich. 



Um sich em klares Urtfeeil in der Frage bilden zu kdnie** 
ist es nöthig, sorgfältig die unmittelbar von der Operation ab* 
kängigen Gefahren von denjenigen zu trennen, welthe lediglich 
in dem Krankheftsprozesse selbst liegen, Wegen dessen man op&+ 
ritt hat; dann läast sich erst Gefahr gegen Gefahr abwägen* 

Wenn wir für den Augenblick absehen von den anfälligen 
Verletzungen, der Luftwege, ao frag! es sich vorerst, welche 
Gefahren die kundtgemässe Etölftmng invelvire? Sie beruhen 
thtila in den physiologischen Vorgängen, welche durch die Oper 
saßen in, Activüflt gesetzt werden , tbeils in den Schwierigkeiten 
der Operation in anatomischer, und technischer Beziehung. Wir 
wollen auerAt die letztere Gruppe in's Auge fassen, und uns dlfeei 
immer vorzugsweise an den kindlichen, Organismus halten. 

Vor Alleto verdient hier die Blutung hei der Operation eine 
speoielte Würdigung, welche theils durch Verblutung , theils durch 
Bluteintritt in Trachea das Leben des Operirten hedrohen kann, 
Die Quelle der Blutung liegt bald in verletzten Arterien, bald in 
angeschnittenen Venen, bald ist sie eine parenchymatöse. Die 
beiden letztern gehen nur bei gewissen pathologischen Verhalts 
nassen , in welchen durch gebinderte Atbmung das Blut im Venenr 
Systeme abnorm aufgestauet ist , eine beaehftenswer the Blutung , 
und worden daher bei Betrachtung der Tracbeotomie im Croupe 
speetatter herüoktiebtigt werden. Bei Betrachtung der Operation 
für sich hart* daher utf die arterielle Blutung- in Frage 
kommen. 

Abgesehen von einer möglichen, Verletzung der Carotideut, 
welche nur bei einem ganz verfehlten Operationwodus durch 
allzugrosses Abweichen von der Mittellinie im untern Tbejle der 
Tracfeea möglich ist, sind es blos die Ar*, crico-thyrertdo und die 
Art« thyrtoidta iroa, welche b$i ihrer Verletzung eine ergiebige 
Quelle der Blutung abgeben kannten. Dqr Verlauf der ersteren 
im Bereiche des Ug. crico - thyreoideum mit seinen Anomalien ist 
durch Grub er' s treffliche Untersuchungen hinlänglich bekannt, 

Medix. Jahrbacher des k. k. österr. Staates. Bd. 63, Seite V». 



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140 

und kann nur bei der Eröffnung jenes Ligamentes verletzt werden. 
Sie verdient Mos beim Erwachsenen der Berücksichtigung, da 
sie beim Kinde zu minim ist, um zu Besorgniss Anlass geben 
zu können. Es ist diese Bemerkung, welche durch die Praxis 
hinlänglich bestätigt ist , um so mehr zu beachten , als der von 
Grub er zur Vermeidung jener Arterie angegebene Querschnitt 
im obern Drittheile des Hg. crico-thyreo'ideum kaum beim Erwach- 
senen Raum genug gibt *) , um den Zweck der Operation zu er- 
reichen , geschweige beim Kinde. Wir können also die Furcht 
vor der Verletzung dieser Arterie beim Kinde an der Hand einer 
reichen Erfahrung in das Gebiet der Gespensterfurcht verweisen. 

Wird die Tracheotomie in der unteren Hälfte der Luftröhre < 
unter der Schilddrüse ausgeführt,, so kann man der in seltenen 
Fällen ausserordentlich entwickelten Art. . tkyreotdea ima sive 
Neubaueri begegnen, welche bei 10 Leichen nur einmal vor- 
kommt, und fast immer aus dem Truncus anonymus, seltener aus dem 
Arcus aortce, der Carotis communis dextra, der Thyreoidea tn- 
ferior oder der Mammaria interna entspringt. Zur Beruhigung 
ängstlicher Gemüther lässt sich aber bemerken , dass diese Arterie 
nur selten vorkommt, noch seltener einen so schiefen Verlauf 
nimmt, dass sie bei der Operation interessirt wird. Ferner dringt 
sie nicht, wie die Art. crico-thyreotdea , in das Innere der Luft- 
wege ein , sondern blos zur Schilddrüse , so dass sie vor der 
Eröffnung der Trachea , wenn diese nicht in überstürzter Weise 
vorgenommen wird , zur Seite geschoben , umgangen , oder bei 
anfälliger Verletzung noch vorher unterbunden oder torquirt wer- 
den kann. Auch hier kann also an eine ernstliche Gefahrbei vor- 
sichtigem Operiren gar nicht gedacht werden. 

Aber wenn man auch an die Gefahren einer Verblutung gar 
nicht mehr glaubt, so deutet man doch noch mit Schrecken auf 
jedes Tröpfchen Blut , welches in die Trachea dringen und so 
den Tod bringen könnte. Doch, da die Quelle dieser Blutung 
wohl immer aus den verletzten Venen entspringt , so wollen wir 
später darauf näher eintreten. 

c 

*) Siehe den Fall von Bailot in den Archives gtnirales de midecine, Oe- 
tober 1841. 



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441 

Bei blutigen Operationen am Halse begegnen wir noch unter 
den gefährlichen Zufällen dem Eintritte von Luft in die 
geöffneten cVenen, welcher wegen seiner schnellen Tödt- 
lichkeit hinlänglich in die Phantasie geprägt ist. Glücklicher- 
weise ist dieser Zufall noch nie bei der Tracheotomie im Croupe vor- 
gekommen, obgleich er nach Sestier schon zweimal bei der 
Tracheotomie im Oedema glottidis beobachtet werden ist , wenn 
wir der Mittheilung vollen Glauben schenken wollen. Beim kind- 
lichen Organismus muss man diesen Zufall bei näherer Betrach- 
tung in das Bereich der Unmöglichkeiten setzen. Man vergegen- 
wärtige sich nur die Stockung des Blutes in den strotzenden Hals- 
venen bei beengter Athmung , die mangelnde Citculation und die 
Unmöglichkeit der Aspiration von Luft durch diese Gefässe ! Frei- 
lich ändert sich das Verhältqiss mit der Eröffnung der Luftröhre; 
aHein wie im Zauber fallen dann unter dem Drucke der gewaltig in 
die Trachea einströmenden Luftsäule die zarten Venenwandungen 
zusammen und schliessen ventilartig ihre Oeflnungen. Auch beim 
Erwachsenen kann wegen des beschriebenen Mechanismus ein 
Lufteintritt in die Venen nur bei Verhältnissen stattfinden, welche 
dieselben abnormerweise offen erhalten, wie z. B. in indurirten Ge- 
weben, bei krankhaft rigiden Venenwandungen u. s. w. 

So schwindet das Schreckbild einer arteriellen Blutung bei 
der Tracheotomie , und sie kann so wenig den Arzt von dem 
Einschreiten zurückhalten , als die althergebrachte Furcht vor der 
Epigastrica von dem Bruchschnitte, von welcher Dieffenbach 
so treffend sagte : «Die Furcht vor der Epigastrica hat in einem 
Jahre mehr Menschen das Leben gekostet, als eine Batterie wäh- 
rend einer Schlacht hinopfert. » Wir wollen uns weiter unten 
noch einmal fragen , ob dieser Ausspruch nicht noch in höherem 
Masstabe seine Anwendung auf die Furcht vor der Tracheotomie 
im Croup finden muss. 

Die Möglichkeit eines gefahrbringenden Emphysem' s im 
Zellgewebe , wie man es wiederholt bei Stichwunden des Kehl- 



*) Sestier in den Arch. ginir. de mid. , AoguBt, (Sept., Nov., Dec. 
1860 (Canstatt's Jahresber. für 1860, Bd. III. Seite 244). 



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w 

top fes sah , können wir füglich mit Stillschweigen überguhen : 
«ine kunstgemässe Tracheotoanie wird nie eine so enge Haut- 
wunde geben, dass sieb ein solohes bilden könnte, abgesehen von 
4er Gefahrlosigkeit desselben. 

Die Wunde, welche die Tracheotomie setzt, durchläuft freilich 
alle Chancen, welche jede, auch die einfachste Wunde bis zur Ver- 
narbung zu durchlaufen hat. Die Entzündung der Wundränder , 
-die Eiterung , die Möglichkeit einer Eitersenkung u. s. w , theiH 
sie mit allen Wunden , ohne dass hieraus der Operation besondere 
-Schwierigkeiten erwachsen könnten. Doch bietet die Tracheal- 
-wttnde noch einige specielle Verhältnisse dar, in welchen die Geg- 
ner der Operation ebenfalls Gefahren erblicken wollen* Diess ist 4 
-einerseits ein .unvollständiger Vernarbungsprozess, die Ausbildung 
einer bleibenden TracheaHIstel ; anderseits die Entwiekehing einer 
fast constanten Affection der Lungen , wenn die Umstände einen 
schnellen Schluss der Wunde uicht erlauben. 

Was die zurückbleibende Trachealfistel betrifft, so stim- 
men alle Beobachter darin überein , dass die Wunde nach der 
Laryngotomie, sowie diejenige nach dercomplicirteren Tracheotomie, 
-überraschend leicht heile und vernarbe. Es ist bekannt, dass die 
Trachealwtuidsn in fünf bis zwölf Tagen sich scblies/sep 9 wei>n 
sie nicht durch unzweckmäßige Nähte Cz. B. der Trachealr^nder) 
gestört, o^er gar, wo es der Krankheitsfall gebietet, künstUck durch 
.eingelegte Rßhrchen offen erhalten werden. Ja im letztern Falle 
ist es sogar pft schwer, , die. bisweilen überstarke Granulations- 
: Wucherung an dem Verschlusse der Wunde zw verhindern. Est ist 
-daher jetzt auch gebräuchlich , die Operationswunde , wenn mun 
sie vernarben lassen will,, unter einem einfachen Deckverbantje 
sich selber zu überlassen. Eher habe« wir Ursache zu befürch- 
ten, dass bei jener unzweckmässigen Operationsmethode, welche 
John Wood 1 ) u. A. vorschlugen, nach welcher ein rundes oder 
. viereckiges Stück aus der Trachea ausgeschnitten werden soll , 
später durch Narbencontraction eine irreparable Verengerung der 
Luftröhre erzeugt werde. 

*) J. Wood* über Bronchetomie in den Med.'chir. Transact. of London. 
Toi. XVII p. 129. 



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£46 

Ein Anderes ist es aber .mit den consecutiven Lungen- 
affectionen, welche unter gewissen Verhältnissen, wie wir 
später sehen werden , allerdings in directem Zusammenhang mit 
der Tracheotomie stehen, zumal mit der Art und Weise, wie die- 
selbe jetzt gewöhnlich ausgeführt wird. Es kann nicht verwun- 
dern , dass schon die blosse Eröffnung der Luftwege durch Ver- 
änderung des physiologischen Vorgangs der Athmung auch in den 
entsprechenden Organen durch Ablenkung der Luftsäule Abwei- 
chungen hervorruft. Es sind hier besonders vier Factoreh in's 
Auge zu fassen. Einmal hat man dabei die Erwärmung der Luft- 
säule beim Durchströmen durch die Athemwege zu beachten ; fer<- 
ner die Aufnahme von Wasserdampf in denselben; auch die Stö- 
rung der durch das Flimmerepithel ium der Trachea* veimiUelten 
Bewegung des Tracheaischleimes, und endlich das Eindringen Von 
Fremdkörpern durch die Trachealwunde. 

Es ist klar , dass der bei der Athmung durch eine Tracheal- 
wunde eintretende Luftstrom weniger er wärmt, in die Lunge ge- 
langt, als wenn er vorher die erwärmte Hund- (Nasen-), Ra- 
chen «- und Kehlkopfhöhle durchstreicht. Bedenken wir aber, dass 
in kalten Klimaten und bei uns in hohem Winter , trotz der gros- 
sen Temperaturdifferenz, welche die eingeathinete Luft in den 
- erwärmten Wohnungen und im Freien darbietet, und welche jeden- 
falls die durch die Verkürzung der Luftsäule bei der TnacheOtOme 
-erzeugte Abweichung von der normalen Erwärmungsweise jwett 
übertrifft, dass also hei starker Kälte der Athmosphäre Affectionen 
der Athemwege nicht in einer solchen Häufigkeit eintreten, als 
man auf Grund jener Temperaturdifferenz erwarten sollte , so föUt 
jenes Moment der Schädlichkeit der Tracheotomie ganz ans der 
Rechnung. Schon die Unschädlichkeit rascher Athemzüge, welche 
plötzlioh kühlere Luft in die Lungen führen , sowie des Wechsels 
-zwischen Athmung durch die Nase und Athmung durch den ge- 
öffneten Mund , wobei die Luft bald mehr , bald weniger erwärmt 
wird, muss uns darauf führen. 

Gewichtiger fällt der Feuchtigkeitsgrad der eingeatmeten 
Luft in die Waagschaale. Tritt dieselbe durch eine Trachealwunde ein, 
ohne vorher über die Schleimhautflächen von Nase, Mund, Schlund und 



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4* 

Kehlkopf zo streichen, und daselbst mit zunehmender Erwärmung 
erhebliche Quantitäten von Wasserdampf aufzunehmen , . so wird 
sie sich besonders auf der Stelle der Tracheaischleimhaut zu sät- 
tigen suchen, welche zunächst von der einströmenden Luftsäule 
getroffen wird, d. h. sie entzieht dort dem Tracheaischleim einen 
grossen Theil des Wassergehaltes, welcher ihn flüssig erhalt, sie 
dickt ihn ein und trocknet ihn aus. Es ist diess nicht nur eine 
Erfahrung, die man bei der Tracheotomie im Croup machte , bei 
•welchem man die Erklärung oft allein in dem durch den crour- 
pösen Krankheitsprozess erzeugten Plastischerwerden des Schlei- 
mes suchte, sondern auch wiederholt bei den Tracheotomien., 
welche an Thieren zu physiologischen . Experimenten vollzogen 
wurden. Ich brauche kaum zu erwähnen, dass bei diesen Er r 
scheinungen der jeweilige Feuchtigkeitsgrad der. umgebenden Luft 
eine grosse Rolle spielen muss , welche bis jetzt nur. von wenige^ 
Aerzten, wie z. B. Begin, bei der Tracheotomie, in Betracht 
gezogen wurde. Fragen wir. nun, was. jene Verdichtung des 
Tracjieal - und Bronchialschleimes für Folgen haben könne , so 
springt es in die Augen , dass seine Zähigkeit mehr weniger das 
normale Aufsteigen mittelst der Flimmerbewegung des Epithels 
aufhalten und in den Luftwegen eine dem Katarrhe ähnliche Er- 
scheinung hervorrufen muss., Bewirken besondere Bedingungen, 
welche wir bald näher besprechen wollen, ein vollständiges Austrock- 
nen des Schleimes, so wirkt dieser, wenn er mit der Einath- 
mung in die Lupgen gelangt, vollständig wie ein eingedrungener 
Fremdkörper. Wir können daher sagen, und die Erfahrung 
unterstützt hierin unsern Ausspruch, dass, je länger eine Tra- 
chealwunde offen bleibt , und je weniger für feuchte Einathmungs- 
luft gesorgt wird, um so eher eine Affection der Bronchial- 
schleimhaut zu erwarten ist. Diese Verlangsamung oder Stockung 
der Schleimbewegung findet aber noch eine wesentliche Unter- 
stützung in . . , 

der Unterbrechung des Flimmerepitheliums. durch 
die Trachealwunde. Die Untersuchungen von Schiff, welche 
dieser scharfsinnige Forscher in seinem Lehrbuche 1 ) der Physio- 

*) Schanenbürg's Cyolas organisch verbundener Lehrbücher ßamnat- 
licher medicinischer Wissenschaften. Lahr 1858, 



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145 

Jogie niedergelegt hat , haben gelehrt , dass die scheinbar nach 
den Lungen hin gerichtete Bewegung des Flimmerepithels in den 
Luftwegen in der That den Bronchialschleim continuirlich gegen 
den Larynx hinauf befördert, und dass dieser Schleim bei jeder 
Continuitätsstörung der Schleimhaut jeweilen an dem untern Wund- 
rande aufgehalten wird und sich da aufstaut. Wenden wir diess 
Verhältniss auf unsern speciellen Gegenstand an, so resultirt daraus 
nicht nur ein schädlicher Einfluss einer jeden Trachealwunde , 
sondern ein wichtiger Fingerzeig für das Operationsverfahren bei 
der Tracheotomie , welchen wir nicht unterlassen wollen bei des- 
sen Besprechung zu benützen. 

Die genannten ungünstigen Vorgänge bei Trachealwunden 
scheinen zwar gegen den Umstand in den Hintergrund treten zu 
müssen , dass sowohl jenem Stocken des zäher gewordenen Bron- 
chialschleimes , als auch dem Eindringen vertrockneter Schleim- 
massen in die Lungen durch die Expectoration mittelst gewalt- 
samer Hustenstösse abgeholfen werde. Diess ist aber nur eine 
sehr mangelhafte Abhülfe, da gerade die nothwendige Expec- 
toration beim Setzen einer Trachealwunde eine wesentliche Beein- 
trächtigung erleidet. Es ist natürlich , dass jede Operationswunde 
in der Trachea bedeutend grösser sein muss, als die enge Oeff- 
nung der Glottis, da ihr jene specielle Organisation und Innervation 
fehlt, welche, wie bei der Glottis, dem Eintritte der Luft die Zugangs- 
öffnung erweitert, und da sowohl die Möglichkeit der Verschie- 
bung einer engen Wunde , als die Anschwellung der Wundränder 
durch nachfolgende Entzündung, sowie auch der nothwendig freie 
Zugang für Instrumente eine grössere Oeffnung verlangt« Die 
künstliche Oeffnung der Trachea wird daher im Lumen nicht nur 
die Glottis, sondern selbst die Trachea übertreffen. Der Luft- 
strom tritt nun aus einem engern Behälter in eine weitere Oeff- 
nung und wird hier durch Verlangsamung so bedeutend geschwächt, 
dass selbst kräftige Hustenstösse nur mühsam den Schleim in die 
Wunde werfen ; während bei der engen Oeffnung der Glottis schon 
ein blosses Räuspern ausreicht , um in derse iben einen so rapiden 
Luftstrom zu erzeugen , dass er die unter den Stimmbändern an- 
gelangten Schleimmassen mit sich fortreisst und expectorirt. Dazu 

10 



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M46 

kommt noch, dass die Glottis in gerader Richtung die Trachea 
endet, und beim Husten ein grosser Theil des Schleimes direct 
an die untern Stimmbänder geworfen wird , was bei einer seit- 
lichen Trachealwunde nicht der Fall ist, und dass sie durch die 
Verengerung der Stimmritze bei der Ausathmung den ohnehin 
schon durch den Athemmechanismus geschwinderen Expirations- 
strom noch vehementer macht. Zu diesen ungünstigen Einflüs- 
sen der anormalen Exspiration auf die Expectoration gesellen 
sich noch ähnliche bei der Inspiration. Im Normalzuslande gelangt 
i>ei dieser nämlich der eindringende Luftstrom durch die enge 
Glottis plötzlich in das weitere Strombett der Trachea, wird 
dadurch verlagsamet und verliert die Energie •, bis zur Göttis auf- 
gestiegene Schleimmassen wieder in die Bronchien zurückzuwer- 
fen. Gerade diess geschieht aber bei einer weiten Tracheal- 
ivunde, welche, wie gesagt, in diesen Beziehungen gerade die Ver- 
hältnisse umkehrt. Also Erschwerung der Expectoration von 
Auswurfstoffen und Erleichterung des Eindringens derselben in 
die Lungen ! 

Endlich ist die Ursache der die Trachealwunde begleitenden 
'Lungenübel oft in dem Eindringen fremder Körper zu 
suchen, und zwar theils in solchen von staubförmiger Natur, 
welche in der Atmosphäre suspendirt sind, theils vielleicht im 
Blute, welches aus der Trachealwunde eingeflossen. Wenn das 
eingeflossene Blut nicht asphyktische Zufälle erzeugt, worauf 
wir bald zurückkommen werden , so kann es kaum in der Weise 
eines Fremdkörpers zu einer Lungenaffection Anlass geben; es 
besitzt eines Theils zu wenig reizende Eigenschaften und andern 
Theils wird es mit der grössten Leichtigkeit wieder expectorirt, 
wenn es nicht durch seine Masse Asphyxie erzeugt und keine 
-Ohnmacht die Expirationsmuskeln lähmt. Die staubförmigen Kör- 
per sind zu klein an Volumen , um einzelne Bronchialäste zu ver- 
stopfen und die entsprechenden Lungenparthicn unwegsam und 
atelectatisch zu machen ; daher ist ihre schädliche Einwirkung 
nur eine indirecte, durch den auf die Schleimhaut ausgeübten 
Reiz erzeugte, und kann durch entsprechende Vorsorge leicht 
beseitiget werden. Bei einer bleibenden Trachealfistel , in Folge 



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147 

.von Meiheadem Verschluss der. Glottis, zeigte dieser Umstand 
freilich . Mir zu «dir seinea deletaren Einfiuss in der grossen 
Disposition solcher Unglücklichen zo Katarrhen und Pneumonien» 

Ob in diesen Fällen wirklich das mechanische Moment der 
Ansammlung der staubförmigen Fremdkörper in den Bronchien in 
Anschlag zu bringen ist, kann nicht entschieden werden, da uns 
solche Beobachtungen fehlen. Sollen wir uns einen Schluss aus 
Analogie erlauben , so scheint es höchst unwahrscheinlich , dass 
eine Ansammlung statt finden könne , da sich die Lungenmelanose 
der Arbeiter in den Kohlenbergwerken nach den neueren Unter- 
suchungen nicht jenem mechanischen Niederschlag von (Kohlen-) 
Staub zuschreiben lässt, sondern vielmehr der Beeinträchtigung 
4es Athemchemismus durch unreine, Kohlensäure reiche Luft. 

Der physiologische Vorgang bei der durch die Tracbeotomie 
veränderten Respiration liegt uns demnach ziemlich klar vor 
Augen , und gibt uns Mittel und Wege genug an die Hand , ge- 
iahrlrcben Folgen zuvorzukommen. Bei weitem schwieriger ist 
•es aber , den Krankheitsprozess des consecutiven Lungenleidens 
selbst zu aitalysiren , da uns hier der Boden des physiologischen 
Experiments, sowie der exaeten patbalogiscb-anatomischen Unter- 
suchung so ziemlich verlässt. Und doch müssen wir zur Begrün- 
dung einer rationellen Therapie die Frage, worin jene Lungen- 
affection bestehe, soweit zu beantworten suchen, als uns die 
TJbalsachen und. ein ungekünsteltes Raisonnement führen. 

Sie ist offenbar doppelter Natur. Einmal ist es eine rein 
entzündliche Affection , welche in Folge der vielfachen oben an- 
geführten Reize die Schleimhaut der Atbemwege befällt : der 
einfache Katarrh der Schleimhaut, welcher sich bis zur Pneumo- 
nie steigern kann und die entsprechende Behandlung indteirt. Eine 
ganz andere Reihe von Erscheinungen wird aber durch die me- 
chanischen Störungen erzeugt, welche .der Athmungsmechanismus 
durch die Tracbealwunde erleidet. Hier haben wir die Folgen 
4es Einziehen* von den erwähnten eingedickten, vertrockneten 
.Schleimmassen in die tieferen Luftwege ; Folgen , welche sich in 
weit höherem Maase im Croupe zeigen , da hier der Bronchial- 
schleim schon durch den Krankheitsprozess selbst plastischer ge- 



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148 

worden und theUweise zu Pseudomembranen geronnen ist , und 
welche daher zur Vermeidung von Wiederholungen «m besten 
dort einlässlicher besprochen werden. 

(Kortsetcang folgt.) 



Die Kretinenheilanstalt von Herrn Dr. Guggenbfihl, 

auf dem Abendberg bei Interlaken. 



Vor einiger Zeit stattete der engl. Geschäftsträger in der Schweiz, 
Herr Gordon, der obigen Anstalt einen amtlichen Besuch ab» Bei 
der hohen Gönnerschaft , deren sich die Anstalt in England zu er- 
freuen hatte, musste es ihm von Wichtigkeit sein, sich durch den Au- 
genschein von der Wahrheit oder Grundlosigkeit mannigfacher Be- 
schwerden von Seite seiner Landsleute über dieselbe zu überzeugen. 
Er fand leider nur zu sehr bestätigt , was schon seit langer Zeit 
unsre einheimischen Experten gefunden hatten. Auch die berni- 
sche Regierung ordnete sogleich eine neue Expertise an, deren 
Gutachten wir hier mittheilen, damit sich das ärztliche Publikum 
über die Angelegenheit ein Urtheil bilden könne. 

Von Ausländern wurde uns wiederholt der Vorwurf gemacht, 
dass wir jene Anstalt ihres falschen Nimbus nicht entkleideten und 
dadurch -das Ausland in der 'Täuschung erhielten. Wir erwidern 
darauf , das6 sich bei uns ein ziemlich richtiges Urtheil über das 
Treiben von Herrn Guggenbühl schon längst gebildet hatte, dass sich 
dieses Urtheil .auf wiederholte von einheimischen Regierungen und 
öffentlichen Gesellschaften angeordnete Untersuchungen an Ort 
und Stelle gründete, und dass das Ausland nie unsere einheimi- 
schen Behörden oder Gesellschaften um Aufklärung nachsuchte. 
Decipiatur qui vult deeipi. 

Wir hätten allerdings mehr geredet. Wir hätten auch im 
Auslande den gleissnerischen Schein des Leiters der Anstalt ver- 
nichtet und ihm den papiernen Heiligenschein abgenommen , den 
er in seinen Schriften immer von neuem wieder vergoldet. Allein 
eines Theils hatte man geflissentlich das Urtheil. der einheimischen 



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14» 

Aerzte als ein aus niedrigem Neide entspringendes hingestellt-, 
andern Theils hielten Intriguen im Schoese unserer eigenen ge- 
lehrten Körperschaften , deren Fäden auf den Abendberg liefen , 
das öffentliche Hervortreten derselben nieder. Man liess die Be- 
richte in den Archiven liegen und schwieg. 

Jetzt, wo die Angelegenheit von neuem vor die Behörden 
und das Publicum gezogen wird , wollen wir nicht unterlassen , 
von neuem unsere schwache Stimme zu erheben. « Fiat lux. » 
Wir lassen vor Allem das Gutachten der letzten Experten, welche 
von der Regierung vm Bern auf den Abendberg beordert wurden, 
folgen , um in einer spätem Lieferung der Monatschrift auf den 
Gegenstand zurückzukommen« 

An die Tit. Directien des Innern, Abtheilung Gesundheits- 
wesen. 

Herr Director ! 

Auf Ihre Anordnung bin haben die unterzeichneten Aerzte 
die Kretinen-Btilanstalt des Herrn Dr. Guggenbühl, auf dem 
Abendbtrge, am 20. April letzthin besucht und einer gewissenhaf- 
ten Untersuchung unterzogen , deren Resultat wir Ihnen hiemit 
mittheilen. 

Wir erreichten die Anstalt beim schönsten Wetter am be- 
sagten Tage, begleitet von Herrn Amtschreiber Ritschard, und 
verwandten den ganzen Nachmittag zur Visitation derselben. Herr 
Dr. Guggenbühl war auf einer grössern Reise abwesend , welche 
er im vergangenen November angetreten hatte, und sollte sich 
angeblich noch in Wien aufhalten. In seiner Abwesenheit hatte 
der Oekonora der Anstalt die Gefälligkeit, uns möglichst genaue, 
aber für uns vielfach ungenügende Auskunft über dieselbe zu er- 
theilen. 

Wir fanden 15 Zöglinge, trotz des schönen Wetters, in zwei 
unteren geräumigen Zimmern um zwei Tische herumsitzen : die 
besseren Zöglinge beschäftigten sich in der einen Stube , unter 
Anleitung einer Lehrerin , zum Theil mit Schreiben und Lesen ; 
die geistig Verwahrlosteren befanden sich im anstossenden Ess- 
zimmer, unter der Aufsicht zweier Mägde, ohne besondere Be- 



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159 

sehäftigurtg. Zwei ZögHnge <vare« angeblieh: ausserhalb mit 
Feldarbeit beschäftigt , und ein dritter lag krank )zu Bette. 

Die Anstalt zahlte also bei unserem Besuche 18 Zögling«. 

Wir besichtigten zuerst die Räumlichkeiten des Gebäudes, 
welche uns , mit Ausnahme von drei oder vier Zimmern , die aus- 
schliesslich durch den abwesenden Leiter der Anstalt bewohnt 
werden , bereitwillig geöffnet wurden. Dieselben waren ziemlich 
reinlich , und nur in dem einen Schlafzimmer , welches angeblich 
die schwereren Patienten Nachts aufnimmt, fiel uns der stark 
urinöse Geruch auf. Alle Zimmer ,- welche von den Zöglingen 
bewohnt Werden , runaal die beiden unter dem Dache gelegenen , 
niederen Schlafsäle, deren jeder sieben Kinderbetten und ein Bett 
für die Abwertung enthält, sind höchst mangelhaft oder gar nicht 
ventilirt, und die Betten aus Mangel ait Raum au sehr zusan*- 
mengedrängt. Die letzteren liesseft, was Reinlichkeit anbelangt, 
Manches zu wünschen übrig. ' f 

Das Badelocal schien seit längerer Zeit nicht mehr gebraucht 
worden: zu sein, und besitzt ohnedem nicht den erforderlichen 
Raum und die notwendige Einrichtung, um den Zwecken der 
Anstalt nur einigermasen zu genügen. 

Der Turnsaal , welcher im Winter nicht benutzt werden kann, 
enthält nur wenige und sehr mangelhafte , befehligte Turn- 
geräthe. Ebenso sind die Turngeräthe im Freien grösstenteils 
unbrauchbar. 

An der Südseite des Gebäudes ist ein noch unvollendeter 
Anbau mit ungefähr 14 Zimmern in Arbeit, welcher nach, Westen 
in eine Kapelle mit gemalten Fensterscheiben, ausläuft. 

Bei dem Abendessen y welchem wir -beiwohnten > wurde eine 
Hafergrützesuppe mit eingeschnittenem Brode gereicht uad zwar 
in hinlänglicher Quantität. Die Nahrung lässt überhaupt , nach 
der Aussage der Angestellten , an Quantität nichts zu wünschen 
übrig. Was deren Qualität anbelangt , so schien unp das Vor-* 
walten von Suppen und Kräuterthee (fast allein aus eiQer Abko- 
chung von fol. tussilag. farfare bestehend)* sowie der Gebranch 
allzujungen Kalbfleisches nicht zweckdienlich. 

Was nun speciell die ?ögUnge d$r Anstalt, betrifft, *o her 



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151 

merken wir, dass wir unter ihnen ein buntes Gemisch gesunder und 
mannigfach kranker Kinder vorfanden , von denen höchstens 
der dritte Theil den eigentlichen Kretinen kann zugerechnet wer- 
den. Leider war Niemand der Angestellten im Stande, uns über 
die Entwicklung und den Verlauf der Krankheiten bei den Ein- 
zelnen einen einigermaßen befriedigenden Aufschluss zu geben. 
Der Verwalter selbst wusste nicht einmal die Zahl der Zöglinge 
in der Anstalt anzugeben. Von einem Krankenjournal oder Ver- 
zeicbniss der Zöglinge mit der Angabe ihres Alters, der Zeit 
ihres Eintrittes u. s. w. konnte uns nichts mitgetheilt werden. 

Die Zöglinge schienen uns zweckdienlich gekleidet, reinlich 
und gut genährt. 

So viel wir aus einmaliger Anschauung , ohne anderweitige 
Anhaltspunkte, schliessen konnten, waren vier derselben geistig 
und körperlich gesund und normal entwickelt; fünf waren mehr 
oder weniger geistig schwach bis zum vollkommenen Idiotismus, 
phne irgend eine sichtbare körperliche Missbildung; zwei zeigten 
die, Symptome und Ausgänge eines Gehirnleidens , und zwar der 
eine der Zöglinge mit chorea-artigen Krämpfen , der andere mit 
Lähmungen und Contrakturen, beide ohne körperliche Missbildung; 
zwei zeigten etwas Kretinenähnliches in ihrem Aussehen, und 
fünf endlich schienen sich mehr dem eigentlichen Kretinismus zu 
nähern, obgleich wir zugeben müssen, das$ wahrscheinlich die 
Mehrzahl der letztem nur an den Folgen abgelaufener Gehirn- 
krankheiten leide. Auffallend war es uns, nur bei sehr wenigen 
Zöglingen einen Kropf entwickelt zu finden. 

Fast alle Zöglinge sind zwischen 10 und 20 Jahren alt. Drei 
derselben bedürfen wegen mangelhafter Bewegungsfähigkeit einer 
beständigen Unterstützung beim Gehen, Essen u. s. w., und sind 
höchst unreinlich. 

Für diese 18 Zöglinge. nun besteht das gegenwärtige Wart- 
personal aus zwei Mägden, welche nebenbei, mit Ausnahme 
der Küche und Oeconomie , alle Hausgeschäfte versehen müssen, 
und einer Lehrerin, welche aber est seit ungefähr 14 Tagen 
anwesend ist. 

Eine ärztliche Aufsicht der Anstalt e*istirte gar nicht, 



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152 

und selbst bei Krankheiten der Zöglinge scheint keine ärztliche 
Hülfe in Anspruch genommen zu werden; wenigstens fanden wir 
einen der Zöglinge im Bette liegend , mit einem bedeutenden Hals* 
drüsen-Abscess, welcher schon fluctuirte und tief geröthet und 
sehr schmerzhaft war, ohne dass man ausser dem Anlegen eines 
Halstuches irgend ein ärztliches Verfahren eingeleitet hatte. 

Wir lassen hiemit die Thatsachen sprechen , und erlauben 
uns nur noch einige wenige Schlüsse, welche sich auf dieselben 
gründen. 

Vorerst entbehrt die Anstalt, wenigstens in ihrem gegen* 
wärtigen Zustande, aller Attribute , welche sie als eine Heil- 
anstalt für Kretinen besitzen müsste. Bei Abwesenheit jeder 
ärztlichen Leitung beinahe während eines halben Jahres , und zu- 
mal des Winterhalbjahres, kann von einer ärztlichen Behandlung 
des Kretinismus keine Rede sein. Dasselbe gilt von der psychia- 
trischen und pädagogischen Behandlung. Die letztere kann auch 
bei Anwesenheit der seit 14 Tagen eingetretenen Lehrerin nur eine 
sehr mangelhafte sein , wie wir uns aus den Arbeiten eines der 
geistig entwickelteren Zöglingen zu überzeugen Gelegenheit hatten. 

Aber auch als Pfleganstalt von Kretinen lässt sie, unserer 
Meinung nach , Vieles zu wünschen übrig. Einmal enthält sie in 
überwiegender Mehrzahl Zöglinge , welche nicht Kretinen sind , 
und als Gesunde besser in anderweitige Schulen, und als Geistes- 
kranke zweckdienlicher in Irrenanstalten untergebracht würden. 
Anderntheils lässt sich die längere Abwesenheit jeder ärztlichen 
Pflege nicht mit dem Begriffe einer Pfleganstalt vereinigen. Und 
endlich müssen uns die hygienischen Verhältnisse der Anstalt nach 
den obigen Mittheilungen ungenügend erscheinen. 

Anhangsweise erwähnen wir noch, dass wir an dem Tage 
nach unserem Besuche auf dem Abendberge einen schottischen 
Arzt in Interlaken aufsuchten , welcher sich den Winter über da- 
selbst aufgehalten hatte, um einen Sohn der Anstalt zu über- 
geben. Er machte uns mit verdankenswerther Bereitwilligkeit 
folgende Mittheilungen, die wir, im Falle eine weitere Untersuchung 
sollte angeordnet werden, der Erwähnung werth hielten : 

Er hatte seinen Sohn mit einer eigenen Wärterin , noch bei 



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153 

Anwesenheit von Herrn Dr. Guggenbühl , der Anstalt gegen ein 
Penstonsgeld von 100 Pf. (2,500 Fr.) übergeben , uhd besuchte 
die Anstalt wöchentlich drei- bis viermal. Herr Dr. Guggenbtthl 
reiste dann ab mit der Angabe, eine kurze Erholungsreise 
machen zu wollen. Mit seiner Abreise entliess derselbe das ganze 
Wartpersonal der Anstalt bis auf eine zwanzigjährige Magd. Da 
er nach acht Wochen noch nicht zurückgekehrt war , fand es der 
Vater für gut, seinen Sohn wieder zurückzuziehen. Er klagte 
sehr über die Unreinlichkeit und die mangelhafte Pflege , welche 
während dieser Zeit den Pfleglingen zu Theil würde. Sein Sohn 
erhielt während seines Aufenthaltes auf dem Abendberge, auf 
Guggenbühl's Verordnung, eine Verdünnung von Liq. cupri 
anmon. Köcblini , wobei er den Appetit verlor und sein Zustand 
sich verschlimmerte, der sich seither in Interiaken wieder ver- 
bessert hat. 

Wir scbliessen hiemit unsern Bericht, und indem wir weitere 
Mittheilungen , im Falle sie noch für nöthig erachtet würden, uns 
vorbehalten , zeichnen 

Mit Hochschätzung I 

Bern , den 28. April 1858. 

(Sign.) Dr. A.Togt. 

(Sign) Dr. Verdat, Mitglied 
des beru. ifeniftitsceUeguiM» 



Eine Beobachtung aus der geburtehaHlichen Praxis 

(Harnretention. RetroYcrsion des schwangern Uterus. Heilung durch 

Bauchlage). 

Von Di*. Th. HSBMANif. 
Da schon längere Zeit verflossen, seitdem sich der zu er- 
zählende Fall zugetragen, und ich nur einige Notizen über den- 
selben besitze , so fehlen mir leider mehrere Details der Kranken- 
geschichte , daher sie wohl einigen Collegen lückenhaft erscheinen 
mag. In der Voraussetzung jedoch, dass auch die Mittheilung 
der Hauptzüge derselben einiges Interesse darbiete , erlaube ich 
mir die Mitteilung des Falles, mit höflicher Bitte um grossmüthige 
Nachsicht 



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m 

Eines Tages von einem Freunde und Collagen zur Consulta- 
tion bei einer — wie es hiess — Gebärenden berufen , fand ich 
bei meiner Ankunft eine kräftige Person, welche die Blütbe ihres 
Lebens passirt und schon einige Kinder geboren balle , in den 
Armen ihres rüstigen Ehemannes , in einer halb stehenden , halb 
gebückten Stellung , in welcher sie sich eben blos durch diese 
kräftige Unterstützung halten konnte. Sie behauptete der Schmer- 
zen halber weder liegen noch sitzen tu können , . und in dieser 
ihr einzig möglichen Stellung schon seit mehr als 24 Stunden fast 
ausschliesslich verharrt zu sein» Die Frau hatte. ein. sehr leiden* 
de* Ausseben, einen frequenten kleinen Puls, und ihre Klagen 
waren: über heftige ziehende Schmerzen im Kreutze und der 
Unterbauchgegend , welche Schmerzen , ihrer Beschreibung aaeh, 
yplljioüpneu remitierenden ,. sogenannt organischen Krampfwehen 
glichen , verbunden mit einem schmerzhaften Drängen nach unten. 
Da der Umfang des Unterleibs vollkommen demjenigen einer 
Schwangern zu Ende der Schwangerschaft entsprach , und man 
bei oberflächlicher Palpation des Unterleibs den Fuqdus uteri weil 
über dem Nabel, fast in der Herzgrube, zu fühlen glaubte, so 
wurde die Person von zwei zu Rathe gezogenen Aentfen al* Ge- 
bärende am annähernd normalen Schwangerschaftsende angesehn, 
welche -Ansicht sie- auch festhielten, obschon die Frau behauptete, 
entweder gar nicht , oder jedenfalls erst im dritten oder zu An- 
fang des vierten Monats schwanger zu sein; zwei assistirende 
Hebammen aber bald der Ansicht der Aerzte, bald derjenigen der 
Patitptia sich *90oMo|s$n, Letalere beg rüadete ihre Behauptung 
e^nep Tbeils durch ihre Menstruationsverhältnisse, das Fehlen der 
Kindsbewegungen und übrigen ihr gewöhnlichen Schwangerschafts- 
erscheinungen ; andern Theils aber auch auf den Umstand , dass 
ihr vor wenig Wochen noch gar nicht aasgedehnter Leib seit 
Kurzem schnell an Dicke zugenommen und erst seit wenig Tagen 
den nun. vorhandenen Umfang erreicht habe. 

Ueber den Krankheitsverlauf erhielt ich im Wesentlichen fol- 
gende Auskunft : Die früher ganz gesunde Frau , welche die 
Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft im dritten MonatQ zu- 
gab | a baWfö *icb vor ungefähr 14 Tagen oder 3 Wophen einei 



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15* 

Abends bei einem Johannisbeerenstrauch im Genosse seiner la- 
benden Früchte über die Masen gütlich gethan , legte sich aber 
Abends wohlbehalten und ohne daherige Beschwerden zu Bette. 
Ueber Nacht jedoch stellten sich Harnbeschwerden ein, Strangu~ 
rie, bei öfterem schmerzhaften Drängen konnte sie blos einige 
Tropfen Harn entleeren. Dieser Zustand dauerte einiget Tage 
fort , ohne da,ss mehr dagegen geschah als Theetrinken. Bald fing 
der Unterleib an anzuschwellen, es entstanden Schmerzen in der 
Unterbauchgegend , die Stublentleerung wurde ebenfalls schmerz- 
haft , mit Drang verbunden und am Ende fast unmöglich ; der Leib 
wurde umfangreicher , die Leiden grösser , der Harn aber floss 
unwillkürlich , oder bei einigem Drängen mehrmals im Tage , in 
der Quantität eines halben oder ganzen Glasps auf einmal ab. 
Erst als diese Erscheinungen, begleitet von consecutivem Allge- 
meinleiden , auf einen hohen Grad gestiegen waren , wurde ärzt- 
liche Hülfe gesucht , welche bei unsicherer Diagnose auch un- 
sicher und fruchtlos blieb. 

Diese in mehreren Rücksichten mir etwas zweifelhaft erschei- 
nende Geschichte mit dem vor mir stehenden unläugbaren Bilde 
einer in Krampfwehen sich befindenden Gebarenden zu reimen , 
kam mir allerdings nicht ganz leicht vor; eine genaue gehurtp*- 
hülfliche Untersuchung blos konnte den Schlüssel zum Räthsel 
geben. — Aber zu welchen Irrtbümern bat dieselbe schon grosse 
Celebrttäten verleitet! — wie gross also konnte mein Ver- 
trauen auf dieselbe im vorliegenden sonderbaren Falle sein, nach- 
dem schon zwei ehrenwerthe Collegen im Trüben gefischt und 
eine « b'snnderbar b'rüemti » Hebamme den Nagel nicht auf den 
Kopf zu treffen wusste t — Doch , friseh gewagt , ist halb ge-* 
wonnen. 

Ich Hess die Person in horizontale Rückenlage bringen, mit 
angezogenen Schenkeln , und begann mit der Untersuchung des 
Unterleibs. Deutlich erkannte ich hier eine aus dem Becken stei- 
gende, pralle Geschwulst, von der Form und dem Umfang einer 
schwangern Gebärmutter im letzten Schwangerschaftsmonate, 
welche durch vieles Fruchtwasser ausgedehnt ist. Sie erfüllte 
gleichmässig die ganze Bauchhöhle , und Hess, sowohl durchs Ge~ 



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156 

fühl als durch Percussion ihren Umfang deutlich erkennen ; ihr 
Grund stand höher als eine ganze Hand breit über dem Nabel. 
Bei der für die Frau etwas schmerzhaften Palpation dieser Ge- 
schwulst fiel aber sogleich ihre eigenthümliche Consistenz auf, 
welche weniger die einer schwangern Gebärmutter , als dieje- 
nige einer sehr gespannten Blase war. Fluctuation konnte ich 
indessen nicht mit Bestimmtheit wahrnehmen , aber von Kindes- 
theilen, oder Fötalpuls, oder Irgend welchem Uteringeräusch war 
nicht das Mindeste zu bemerken. Die Exploratio per vaginam 
war etwas schmerzhaft; ich fand eine weite, schlaffe Mutter- 
scheide, in deren sehr erweitertem Grunde nirgends eine Vagi- 
nalportion erkannt wurde , sondern ein unklares Gefühl eines wul- 
stigen, ziemlich derben, von vorn nach hinten laufenden Körpers 
darbot, dessen voluminöserer Theil gegen das Kreuzbein drängte. 
Endlich indessen glaubte ich auch nach vorn , fast oberhalb der 
Symphyse , an diese fest angepresst , den ränglichen , narbigen 
Muttermund mit wenig aufgequollenen , beinahe ganz erweichten 
Mutterlippen zu erkennen. Dass ich keinen vorliegenden Kindes- 
theil touchirte, dessen war ich gewiss. 

Nach dieser vorläufigen Untersuchung rathschlagte ich über 
Diagnose und Therapie , in Erwartung des bald darauf ankom- 
menden Collegen , hin und her , und theilte diesem dann , nach 
einiger Berathung mit ihm , als Resultat dieser Reflexionen , Fol- 
gendes mit : Vor Allem sei mir der Zustand der Person keines- 
wegs klar, da bei dem Mangel positiver diagnostischer Anhalts- 
punkte allerlei Muthmasungen möglich seien. Wenn ich aber den 
Krankenbericht mit dem Ergebniss der Untersuchung zusammen- 
stelle , so neige ich mich zu der Ansicht , dass die in der Bauch- 
höhle zu fühlende Geschwulst nicht der Uterus , sondern die aus- 
gedehnte Harnblase sei , obschon ein solcher Grad von Ausdeh- 
nung mir nie vorgekommen , mir auch kein ähnlicher Fall aus der 
Literatur erinnerlich sei , daher diese Diagnose vielleicht gewagt 
erscheine. ' Jedenfalls aber könne hierüber die immerhin unschäd- 
liche Application des Katheters Aufschluss ertheilen. Sollte dieses 
Experiment meine Ansicht bestätigen, so werde man dann auch 
leichter über meine fernere Vermuthung Aufschluss erhalten können, 



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«7 

dass sich der Uterus im Zustande vollkommener Retroversion be- 
finde , und wahrscheinlich auch im dritten Monate der Schwangerr 
schaft. 

Obschon an der Richtigkeit meiner Anschauungsweise etwas 
zweifelnd, erklärte sich mein Freund doch zunächst mit der An- 
wendung des Katheters einverstanden; er legte zur Beobachtung 
des Vorganges und allfälijgen Hülfeleistung beide Hände flach auf 
die muthmasliche Harnblase und ich führte mit Leichtigkeit eine 
elastische Sonde durch die Urethra. Sogleich fing in starkem Strome 
eine übelriechende, missfarbige, schleimige Harnmasse an auszu- 
fliessen, der vermeintliche Uterus schwand zu unserem beidsei- 
tigen Erstaunen unter meines Collegen Händen , und nachdem drei 
grosse Bauernnachttöpfe voll dieser stinkenden Flüssigkeit aus- 
geflossen waren , konnte man auch nicht mehr die Spur einer 
Gebärmutter oder irgend welcher Geschwulst durch die ganz 
schlaffen Bauchdecken wahrnehmen. 

Welche Erleichterung diese Entleerung der Kranken bracht^, 
bedarf ich nicht zu beschreiben ; wohl aber verdient erwähnt zu 
werden , dass dieses schnelle Verschwinden eines durch die be- 
standene Geschwulst ausgeübten , doch noch nicht gewohnten 
Druckes keine consecutiven Allgemeinerscheinungen hervorrief. 
Dagegen blieb der Uterus in seiner retroversirten Lage, war 
etwas beweglicher, die Diagnose leicht, die Reposition aber, 
trotz Knie-Ellenbogenlage , nicht sogleich möglich ; indessen wur- 
den für den Augenblick keine eingreifenden Versuche zu diesem 
Zwecke vorgenommen, Schwangerschaft im dritten Monat konnte 
nach dem Umfange des nun kaum empfindlich erscheinenden Ute- 
rus wohl nicht mehr bezweifelt werden. 

Die gestellte Diagnose war somit bestätigt; die ätiologischen 
Beziehungen aber der beiden sich cOmplicirenden Zustände, nämr 
lieh der Harnretention mit so enormer Dilatation der Blase zur 
Retroversio uteri lassen verschiedene AufTassungsweisen zu, da die 
erste Ursache der Erkrankung und das primäre Leiden nicht con- 
statirt sind. Mir scheint das Wahrscheinlichste zu sein, dass die 
Krankheit mit den Harnbeschwerden (in Folge jener vorange- 
gangenen Schädlichkeit) begann , die Dilatation der Blase , die 



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158 

Dtslocatitfn des Uterus durch Druck bedingt, und diese wieder 
-mechanisch nachtheilig auf jene zurückwirkte, so dass beide Uebel 
später sich zu gegenseitigen Bedingungen ihrer Verschlimmerung 
gestalteten , und vielleicht bald das secundäre Leiden das domini- 
Tendö wurde, also die Retroversio uteri eine Geburtsdysto- 
cie simulirte. 

Doch , wie ging es unserer Patientin weiter , denn noch war 
'sie natürlich nicht allen Leiden und aller Gefahr entronnen. We- 
nig Worte genügen zur Relation der ferneren Vorgänge. Abends 
7 Uhr verliess ich die Frau in einem Zustande grosser Erleich- 
terung, empfahl ihr aber consequent Innehalten der Bauchlage, 
und ordnete an, dass sie folgenden Morgen zur sorgsamen Pflege, 
welche ihr in der entlegenen Berggegend und ihrer beschränkten 
'ökonomischen Lage, fast ganz abging, in die Gebäranstalt ge- 
bracht werde. Die erste Nacht ging leidlich Vorüber, der Urin 
scheint sich freiwillig entleert zu haben, wenigstens wurde nach 
ihrer Ankunft im Spital sehr wenig durch Katheterisation entleert. 
Die reactiven Fiebererscheinungen und die örtliche Empfindlich- 
keit Hessen wünschen , dass mit Repositionsversuchen noch etwas 
gewartet weide, daher man bei leicht antiphlogistischer Behand- 
lung und Sorge für gehörige , leichte Evacuatio alvi et vesicae die 
Frau in fortgesetzter Bauchlage ruhig liegen Hess. Nach wenigen 
Tagen berichtete die * die zeitweise Katheterisation besorgende 
Hebamme, sie glaube den Uterus in seiner normalen Lage gefun- 
den zu haben; einö genauere Exploration bestätigte auch diese 
•Angäbe *)> und nachdem die Frau, welche bald vollständig ge- 

1) Einen ähnlichen unerwartet günstigen Erfolg der fortgesetzten 
Bauchlage bei Retroversio uteri einer im dritten Monate Schwangeren 
hatte ich ungefähr zur selben Zeit Gelegenheit zu beobachten. Eine 
jüngere Weibsperson wurde iuTs Gebärbaus gebracht, um wegen einer 
erst, Yor Kurzem plötzlich entstandenen Retroversion Hülfe zu suchen , 
nachdem die Reposition schon auf alle mögliche Weisen , selbst ziem- 
lich gewaltthätig , umsonst versucht worden war. Die Folgeerschei- 
nungen der Dislocation waren nicht sehr bedeutend , wohl aber Zeigte 
sich, wahrscheinlich durch die operativen Eingriffe veranlasst, grosse 
Schmerzhaftigkeit des Uterus , und namentlich war die enorme Verlän- 
gerung des nach vorn gedrängten Mutterhalses merkwürdig , welche 
mich an Herpin's Beobachtungen (Ga*. med. d. P. 1856) erinnerte. 



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159 

regelte Verrichtungen in Stuhl und Harnentleerung darbot, im 
Uebrigen such gesund erschien , nach circa 14 Tage meist in be- 
zeichneter Lage das Bett gehütet, dann einige Zeit ohne Spur 
von recidiven Symptomen sich Bewegung verschafft hatte , wurde 
sie als hergestellt entlassen , und kam , wie man spüler vernahm, 
zu Ende der Schwangerschaft glücklich nieder. 



Ans der Literatur. 



Behandlang der Aneurysmen durch Manipulation , 
von Fergusson. 

Bei Aneurysmen, welche wegen ihrer Lage keine Unterbin- 
dung zwischen dem Herzen und ihrem Sitze zulassen, wurde eine 
Art Massirung und Reibung der Wandungen des Aneurysmasacks 
seit 1852 mehrere Male mit dem besten Erfolge ausgeführt. Es 
wird dabei zuerst durch eine Compression das Blut aus dem Sack 
entleert und hierauf eine Aneurysmawandung gegen die andere 
gerieben, wobei die innere Haut des Sackes durch die Oeflfnung 
selbst bis in das Lumen der Arterie getrieben werden kann. Die 
sistirte Circulation stellte sich zwar nach sechs bis sieben Stun- 
den wieder ein. Mit jeder neuen Wiederholung des Aktes wur- 
den auch die Zwischenräume bis zur Wiederherstellung des Kreis- 
laufs länger, bis sich der Collateralkreislauf organisirt hatte. Damit 
trat auch die Obliteration und das Schwinden des Aneurysma ein. 
Bei der Dünnheit der Aneurysmawandungen warnt Verfasser vor 



Das Collum uteri , namentlich seine vordere Lippe , verlängerte sich 
ganz conisch und wenig erweicht mehrere Zoll lang bis zum Introilus 
vaginae, und schien kaum empfindlich. Auch in diesem Falle wollte 
man zunächst der Person etwas Ruhe gönnen, und Hess sie unterdessen 
bei gehöriger Pflege die Bauchlage consequent innehalten. Als ieh aber 
am dritten Tage , bevor neue Repositionsversuche vorgenommen werden 
sollten , die Patientin louchirte , fand ich den vollkommensten Normal- 
zustand und Recidive stellte sieh keine mehr ein. 



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460 



einer Zerreissung. (Joum. de mid. de Brux. t und Med.-chirug. 
Monatshefte, Oct. 1857.) D. 



Das Kali oxymuriaticuni gegen Typhus. 

Die Gaz. hebdomadaire gibt in Nr. 19 (1858) einige Anga- 
ben hierüber, welche zusammengehalten, mit der physiologischen 
Wirkung des Salzes, über welche wir bereits im Jahrgang 1856 
unserer Zeitschrift (S. 254) gesprochen haben , zu weiteren Ver- 
suchen auffordern. 

Chew in Baltimore wandte es seit 1845, Bellen tani in 

Frankreich und Talia ferro in Georgien seit vergangenem Jahre 

in allen Formen des Thyphus zur Verheilung der Darmgeschwüre 

an. Chew Hess bis zur Reconvalescenz zweistündlich einen Ess- 

löffel voll von 

fy Kali oxymuriat . • 5j. 
Natri bicarbon. 
Gummi arabic. 7ä . 3ij. 
Aq. destill. « . . gvj. 

nehmen und soll von 72 Typhuskranken nur zwei verloren haben. 
Taliaferro wendet innerlich das chlorsaure Kali Anfangs zu 
Dr. Va im Tag an , und steigt täglich um 15 Gran bis zu Dr. 2. 
Daneben lässt er viel frisches Wasser trinken und in Klystieren 
geben, und applicirt auf den Unterleib kalte Ueberschläge aus 
folgender Mischung : 

fy Kali oxymur. g/J. 
Acid. muriat. 3i. 
Aqua* fönt. &j. 

Erst mit der beginnenden Reconvalescenz wird diese Medi- 
cation ausgesetzt und der Kranke gut genährt. Bei diesem Ver- 
fahren soll weniger Diarrhö, Tympanitis, Bauchschmerz eintreten 
und das Austrocknen der Mundschleimhaut mit dem üblen Geruch 
weniger stattfinden. Um gleichzeitig auch beruhigend auf die Cir- 
culation zu wirken , setzt T. dann gewöhnlich die Tirict. veratri 
viridis, deren Wirkung mit derjenigen des Veratrin's (siehe Schw. 
Monatschrift 1856, S. 91) identisch zu sein scheint, zu. 



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Schweizerische Monatschrift 

für 

praktische Medizin, 

redigjrt von 

Dr. A.Vogt. 
Dritter Jahrgang. 1858. ffr.VLi.Vfl.Jnii.Mi. 

Diese Monatsohrift erscheint monatlich einmal, 2 Bogen stark. Der Abonne- 
mentspreis ist für die ganze Sehwels 7 Kr. , für das Ausland 10 Fr. Briefe 
ud ttelder franko an die Expedition : Haller'sche Buehd ruckerei in Bern., 

Beobachtungen aber Carcinosis miliaris acuta, 

von Hermann Demme. 

1. Einleitende Bemerkungen. 
Wir müssen Rokitansky das Verdienst beimessen , zuerts 
auf das Vorkommen einer acuten multiplen Carcinose mit Bestimmt- 
heit aufmerksam gemacht zu haben 2 ). Er spricht von dem acu- 
ten Auftreten »kleiner hlrsekorn- oder hanßorngrosser , turberkel- 
artiger Knoten im Parenchyme und besonders auf den serösen 
Säcken. a Er gedenkt auch » einer unter dem Bilde der Pneumo- 
nie verlaufenden acuten Krebsinfiltration der Lungen* 8 ). Wun- 
derlich 4 ) hat dieselben miliaren Knötchen beobachtet. Er sah 
sie einzeln und in grosser Menge tof serösen Hauten , in den 
Lungen und in Exsudatschwarten , besonders in solchen Fällen 
auftreten, wo sich bereits Krebse in andern Organen vorfanden. 
In den Specialwerken von Lebert, Bennet, Bruch etc. fin- 
det sich die acute Carcinose noch nicht erwähnt. Erst in jüng- 

*) Rokitansky, Lehrb. der pfith. Anat. Bd. 1. p. £55 (in der Auflag«' 
von 1856); in der Auflage von 1846, p. 344, 373 und 354. 

2 ) Längst schon wusste man, dass ein lokales, vereinzeltes, primäres 
Carcinom sieh unter besonders günstigen Umständen mehr oder wenige»" 
rapid entwickeln kann, und in diesem Sinne hat man «rohl schon früher von 
einer akuten Krebsentwicklung gesprochen, fis fift diese Thatsache 
allerdinge von grossem Interesse #u> die Entwicklungsgeschichte der Carei- 
nome. Ein besonderes klinisches Bild knüpft sioh nicht daran. 

3) A. a. 0. p. 252. 

*) Wunderlich, Handb. d. Path. u. Ther. Bd. 1. 1851, p. 463, 



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162 

ster Zeit hat man auch angefangen ihrer klinischen Bedeutung 
einige Aufmerksamkeit zu schenken. Ich hebe hier zwei Kranken- 
geschichten von Köhler 1 ) und Friedberg 2 ) (mit begleitenden 
Bemerkungen von Köhler), besonders aber die schönen Beob- 
achtungen von Bamberger 3 ), als bedeutungsvoll hervor. Ge- 
rade die von Rokitansky so deutlich beschriebenen miliaren 
Krebslocalisationen , welche der acuten Carcinose einen so eigen- 
tümlichen Charakter verleihen , und nicht nur für die Patho- 
genese des Krebses , sondern auch für seine klinische Geschichte 
ein hohes Interesse darbieten, fanden dabei noch nicht die ver- 
diente Berücksichtigung. Obschon ich hier eine wirkliche Lücke 
in der speciellen Pathologie erkenne , so reichen doch meine Mit- 
tel zu einer nur einigermasen befriedigenden und vollständigen 
Monographie dieser Form noch nicht aus. Ich darf aber wenig- 
stens hoffen , durch die folgenden Mittheilungen einen kleinen 
Beitrag zur Aufhellung der* pathologisch-anatomischen und klini- 
schen Verhältnisse dieser bisher noch wenig beachteten Form der 
Carcinose liefern zu können. 

Am passendsten glaube ich den Process, den ich hier einer' 
genaueren Betrachtung unterwerfen möchte — vollkommen ent- 
sprechend der Miliartuberculose — als Carcinosis miliaris 
acuta bezeichnen zu können , und hoffe durch die folgende Dar- 
stellung diese Benennung hinlänglich zu rechtfertigen. 

Definition. 

Unter Carcinosis miliaris acuta verstehe ich eine massenhafte 
gleichzeitige Ablagerung kleiner hanfkorn- oder erbsengrosser Krebs- 
granulationen , welche unter mehr oder weniger heftigen febrilen 
Symptomen auf die Oberfläche und in das Pärenchym der ver- 
schiedensten inner n Oryane rapid zu Stande kommt. 



Köhler, „Krebs- und Scheinkrebskrankheiten," p. 110 (1863). 

'; Friedberg, in der „deutschen Klinik," Nr. 32 (1860). 

3) Bamberg er, in der „österr. Zeitschrift für prakt. Heilkunde. u III. 
8 und 9. 1857, und an verschiedenen Stellen seiner „Krankheiten d. cbilo- 
poet. Systems." (Virchow, Path. o. Ther.) 



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163 



II. Beschreibung der von mir beobachteten Fälle. 

Erster Fall. Ein 26jähriger Landarbeiter \on kräftiger Constitu- 
tion war bis zum April des Jahres 1855 immer gesund gewesen. Da 
fdhlte er- nun zum ersten Male schmerzhaften Druck und Spannung in 
der linken Augenhöhle. Im August desselben Jahres halte sich ein 
eigentlicher Exophthalmus ausgebildet. Kopfweh und Schwindel hinderten 
den Patienten an der Arbeit, und nöthigten ihn Hülfe im hiesigen Spital 
zu suchen. Mein Vater fand den Augapfel durch eine Geschwulst nach 
vorn und aussen gedrängt, welche er ohne Verletzung des Bulbus oculi 
exstirpirte. Die mikroskopische Untersuchung wurde von Herrn Pro- 
fessor Valentin vorgenommen, und dieser wies die encephaloide Natur 
der Geschwulst nach. Die Vernarbung ging äusserst rasch vor sich , 
und vier Wochen nach der Operatiou verliess der Patient vollkommen 
geheilt das Hospital. Schon wenige Monate später traten die ersten 
Symptome eines Recidivs ein. Als der Kranke gegen Ende des Jahres 
die Hülfe meines Vaters wiederum ansuchte , war der Augapfel noch 
bedeutender als früher hervorgetrieben. Das Auge war getrübt, das 
Sehvermögen grösstentheils verloren. Aus dem innern Winkel der Or- 
bita ragte eine geröthete, weiche, sammetartige Geschwulst von der 
Grösse einer welschen Nuss hervor , etwa zur Hälfte von dem erhobe- 
nen und gespannten Lide bedeckt. Die Ernährung und der Kräftezustand 
des Patienten lagen so sehr darnieder, dass ein unmittelbarer operati- 
ver Eingriff schon dadurch contraindicirt war. Während die Medication 
von Jodeisen das Allgemeinbefinden ziemlich rasch hob , vergrösserte 
sich der Bulbus und die Geschwulst der Orbita immer mehr. Es erfolg- 
ten wiederholte Blutungen und entzündliche Anschwellungen der Umge- 
bung. Plötzlich klagt der Patient über Eingenommenheit des 
Kopfes, Schwindel und Athemnoth. Der bisher massig frequente 
Puls steigt rasch auf 125. Selbst die leichteste Nahrung wird nicht 
vertragen. Die Magengegend ist bei Druck empfindlich. Der Patient 
klagt über Nausea. Die Hautfarbe ist noch nicht cachek tisch. 
Die Athemnoth wächst, ohne dass Percussion und Auscultation eine 
Veränderung nachzuweisen vermögen. Ordinat. : Tinct, Digitalis mit 
Elixir. aeid. H aller i ; umfangreiches Blasenpflaster auf die Brust ; kalte 
Ueberschläge über den Kopf. Zwölf Stunden später beginnt das Be- 
wusstsein durch Delirien getrübt zu werden. Von Schüttelfrösten keine 
Spur. Es hat das Krankheitsbild grosse Aehnlichkeit mit dem des 
Typhus. Der Urin wird mehrere Male des Tages in gewöhnlicher 
Quantität gelassen Er bietet Anfangs ausser einem hohen speeifischen 
Gewichte nichts Besonderes dar. Innerhalb 24 Stunden tritt plötzlich 
Zucker im Harne auf (Untersuchung von Herrn Apotheker Müller), 
der jedoch am folgenden Tag wieder gänzlich verschwindet. — Die 
oben genannten Symptome steigern sich und zehn Tage nach dem ersten 
Auftreten einer grössern Pulsfrequenz stirbt der Kranke. — Die Dia- 
gnose blieb bis zum Ende schwankend. 



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164 

Obductioasbefand. Von diesem Iheile ich nur die für uns wichtigen 
Verhältnisse mit. Der Leichnam zeigte eine bedeutende Abmagerung , 
intensive Todtenstarre , kaum Andeutuugen hypostatischer Flecke. Die 
bereits erwähnte, aus der Orbita hervorragende Geschwulst geht 
vom Perioste in der Umgebung des Foramen opticum aus und hält den 
N. opticus von seiner Durchtrittstelle an umschlossen. Die Fasern sind 
bis in seine Ausbreitungen in der Retina stellenweise vollständig in 
Fettdegeneration begriffen. Die Markschwammmasse ist hirnartig , spe- 
ckig, innen röthlich , weit gefössreicher als die früher exstirpirte Masse. 
Die Orbita ist mehrfach vom Periost entblöst und porös aufgetrieben. 
Bei genauerer Untersuchung lassen sich zahllose kleine, bläs- 
chenartige Knötchen in den Lücken des Periostes unterscheiden. 
Die mikroskopischen Elemente derselben stimmen vollständig mit 
denen der grössern Geschwulst überein. Der Bulbus selbst ist zusam- 
mengedrückt, aber seine Häute sind nicht in den Bereich der Degene- 
ration gezogen. Gehirn normal. Die Pleura costalis und pul- 
monalis beider Seiten bietet eine grosse Anzahl kleiner, weicher 
Granulationen, welche sich nicht ausschälen lassen und theilweise von 
einem kleineu Kranz iujicirter Capillargefässe umgeben sind. Es können 
mehr oder minder deutlich zwei Generationen Solcher Knötchen 
unterschieden werden , welche in alternirenden Gruppen beisammen- 
stehn. Die kleineren , hirsekorngrossen , sind offenbar Jüngern Ur- 
sprungs. Sie enthalten unter dem Mikroskope beinahe ausschliesslich 
Kerne mit einem oder mehreren Kernkörperchen *)• Die etwa erbsen- 
grossen, älteren bestehen neben den Kernen vorzüglich aus den ein- 
und mehrgeschwänzten und bruttragenden Krebszellen 2 ). In der Lun- 
gen Substanz und im Umkreis der Bronchialverzweigungen finden sich 
ebenfalls einige Markschwammknötchen eingesprengt. Die Respirations- 
wege sind übrigens noch durchaus permeabel für die Luft. Die ober- 
flächlichen Lymphdrüsen sowohl , als die tiefer gelegenen , lassen 
keine carcinomatöse Degeneration erkennen. Es lässt sich jedoch in 
einigen derselben eine tumultuarische Zellenwucherung nachweisen , 
welche aber noch nicht bis zu der Höhe der sogenannten „ medullären 
Infiltration u fortgeschritten ist. Die Leber bietet durchaus keine Ver- 
änderungen dar; ebensowenig die Milz. 

Zweiter Fall. Er betrifft eine Weibsperson von 58 Jahren, welche 
durch tief eingreifende Krankheitsprozesse (Pleuritis, Typhoid) und ein 
Leben voll Kummer und Entbehrung bedeutend geschwächt worden war. 



*) Es scheint mir von Wichtigkeit, da*s die Durchschnitts rosse 
der Kerne 0,0084 mm betrog, also diejenige der Blutkügelchen nicht übertraf, 
wahrend die Kernkörperchen einen mittlem Durchmesser von 0,0025 """ 
darboten. 

2) Diese Zellen schwankten In ihrer Breite häuft* swiaohen 0,02 ""» und 
0,03 «™ , ihre Kern« iwischen 0»0084 und 0,0090 ">m $ die Kcmkörperchea 
«wischen 0,0025 bis 0,0035 **>. 



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165 

Drei Monate vor ihrem Eintritt in das Spital wurde sie zum ersten Mal 
von Schlingbeschwerden befallen, welche sich binnen kurzer Zeit so 
sehr steigerten , dass sie kaum mehr breiige Nahrung zu sich nehmen 
konnte. Eine bestimmte schmerzhafte Stelle wusste Patientin nicht an- 
zugeben. Seit 14 Tagen hatte ein Arzt unseres Kantons die Dilatation 
durch die Schlundsonde vorgenommen , und auch die Ernährung auf 
diese Weise bestellt. Nichtsdestoweniger nahm Anämie und Adynamie 
immer mehr zu. Am 11. Juni 1856 ward die Sonde von meinem Va- 
ter zum ersten Male eingeführt. Er stiess bei Verfolgung der normalen 
Richtung bald auf eiuen Widerstand, der weder durch drehende Bewe- 
gungen , noch durch längeres Zuwarten überwunden werden konnte. 
Bei einer geringen Deviation der Sonde nach Links gelangte dieselbe 
leicht in eine der Entfernung des Magens beinahe entsprechende Tiefe. 
Es nuisste entweder eine Knickung des Oesophagus bestehen oder der- 
selbe war durch eine Geschwulst der Nachbarschaft seitwärts gedrängt. 
Vielleicht bestand gar eine Perforation der Speiseröhre, und die Sonde 
war in einen falschen Weg gerathen Die letztere Vermuthung bestä- 
tigte sich in der Folge. Nach wiederholten täglichen Versuchen gelang 
es nämlich meinem Vater , an der Stelle des Widerstandes einen Durch- 
gang mit der Sonde zu finden. Die Regurgitation der eingegossenen 
Fleischbrühe schien dafür zu bürgen , dass diessmal wirklich der Magen 
erreicht worden war. Während 14 Tagen erhielt Patientin Jodeisen 
mit anscheinend gutem Erfolge. Da klagte sie zum ersten Male Über 
einen furchtbaren Druck in der A*e des Brustbeines. Die Einführung 
der Sonde verursachte ihr die heftigsten Schmerzen. Wegen eines 
Katarrhs , der sie durch die Erschütterungen ausserordentlich peinigte , 
erhielt sie jetzt die Tincf. Mjart. sai. mit einem Zusätze von Liq. 
atnmon. Suis. Wegen der zunehmenden Schmerzen wurde ihr ein In- 
fusum Belladonna? gereicht. In der Nacht vom 28. auf den 29. Juni 
hat Patientin einen tieft igen Schüttelfrost, der gegen $0 Minuten 
andauert. Am folgenden nforgen spiegelt sich ein tiefes Er griffe n- 
sein des gesammjen Nervensystems in ihrem Gesichtsausdruck. 
Sie fühlt sich äusserst maU und niedergeschlagen. Der Puls ist klein 
und schwach, 120 in der Minute, die Atemzüge sind beschleunigt, 
45 in der Minute. Die Temperatur ist merklich erhöht. Das Ge- 
sicht ist livid gefärbt, die Haut sehr trocken. Die Zunge ist leicht 
belegt. Es wird ein Infitsum diaitßlis (ex Gr. X, Unc. VI) mit Am- 
nion, myriat. Dr. 2 verordpet. tfeber Nacht sinkt der Puls auf 75 , 
die Zahl der Athemzüge bis auf 2Q. Die Temperatur wird aqflWtett* 
vermindert. Die Dispno? ist jedoch immer noch bedeutend. Patientin 
spricht zum ersten Mal verworren. Am 30. Juni wird dus fafbs, diait. 
ausgesetzt , dagegen das Amnion, mup. förtgereicht. — Am Abend 
ist die Athmung tief und angestrengt , 38 ; der Puls auf f 20 gebogen. 
Die Delirien sind weniger Tebhaft. Das rechte obere AugenlitJ ist ge- 
lähmt; die Pupille ist erweitert und reagirt nur sehr unvollkommen. 
Der Bulbus steht starr. Der Appetit fehlt, die Zunge ist kTUSttg. 
(fcbetlreit und Ertrediren. Leib aufgetrieben. Mein Vaier macht auf 



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166 

eine der Roseola typkosa oder den Täches leniiculaires ähnliche Erup- 
tion aufmerksam , welche »ich an dem Busen und in der Herzgrube 
zeigte. Die Hautfarbe ist im Uebrigen noch nicht charak- 
teristisch geändert. Der 1. Juli vergeht unter Delirien. Harn- 
und Stuhl abg an g erfolgt spontan. Die Stühle sind zahlreich, 
dünn , typhoidähulich. Der Harn ist intensiv gefärbt , ohne auffallende 
Veränderung ; am Morgen des 2. Juli enthält derselbe ziemliche Mengen 
vou Eiweiss, welche jedoch schon im Laufe des Tages abnehmen. 
Wegen der bedeutenden Dispnoe erhält Patientin das Pulv. Doveri. Die 
physikalische Untersuchung der Brust conslatirt nur die verschiedenar- 
tigsten Schleiingeräusche , welche gegen die Basis der Lungen zuneh- 
men ; keine Dämpfung. In der Nacht vom 2. auf den 3. Juli stirbt 
Patientin , nachdem in den letzten Stunden einige Ruhe eingetreten war. 
Die Diagnose war auf Typhus oder Pyämie gestellt worden. 

Obduktionsbefund (24 Stunden nach dem Tode). Schädeldach be- 
deutend verdickt; die Ven« dipioet. ziemlich plethorisch. Meningen 
injicirt, Arachnoidalzellen maikig infiltrirt. Die Dura mater vou 
Kalkconcremeuten stellenweise durchsetzt. Mehrfache Verwachsungen 
mit der Gehirnsubstanz. Sogleich fällt eine Menge gruppirter, grau- 
röthlicher Knötchen auf , welche namentlich an der Gegend der Fossa 
Sylvii dicht beisammen stehn und eng mit der Fasermasse der Dura mater 
verwachsen scheinen. Die mikroskopische Untersuchung, welche von 
Herrn Professor Valentin vorgenommen wird , weisst in ihnen neben 
Molekularkörnchen , Pigmenten und zerstörten Blutkörperchen, die jüng- 
sten Entwicklungselemente des Krebses nach. Die Hypophysis ist 
ziemlich bedeutend vergrössert, markig infiltrirt. Es findet sich in ihr 
eine ähnliche Zellenbrut, wie sie neuerdings von Virchow, nament- 
lich bei verschiedenen Veränderungen der Lymphdrüsen nachgewiesen 
wurde. Mehrere kleine Knötchen, welche stark pigmentirt sind, sitzen 
zwischen Arachnoidea und Pia mater, fast mit beiden zusammenhängend. 
Die im Leben beobachtete Blepharop tose, und die Lähmung des Bulbus, 
erklärt sich durch eines dieser Knötchen , welches unmittelbar dem N. 
oculomotorius aufliegt. Die Fasern zeigen aber hier ausser der Ge- 
rinnung noch keine weitere Veränderung. Die Pleuren sind mit zahllosen 
feinen Körnchen oder Bläschen übersäet , welche dieselben Elemente 
enthalten, wie die in der Kopfhöhle aufgefundenen Knötchen. Nur fehlt 
in ihnen jede Andeutung eines Pigmentes oder zerstörten Blutkörper- 
chens. Die Lungensubstanz ist normal. In den Bronchialverzwei-, 
gongen zeigen sich neben den katarrhalischen Veränderungen einzelne zer- 
streute Krebsknötchen , welche in der Schleimhaut innig eingekettet sind- 
In ihrer Umgebung ist diese etwas getrübt und mehr gelockert. Herz 
beutel und Herz sind normal. Der Milte des Brustbeins entsprechend 
zeigt der Oesophagus eine kaum zwei Finger breite, bedeutende 
Verdickung der Wandungen , welche nach der Untersuchung des Herrn 
Professor Va le ntin durch eine scirrhöse Degeneration 1 ) hervorgebracht 



*) loh kann nicht umhin, an dieser Stelle auf eine mir unerklärliche An- 



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167 

wird. Die Schleimhaut ist hier und in der nächsten Umgebung exnt~ 
cerirt. Ueber dem oberen Rande des carcinomatösen Geschwürs, auf 
der linken Wand des Oesophagus findet sich eine ziemlich regelmässige, 
runde Oeffnung. Die hier eingeführte Sonde gelangt in einen mit Pseu- 
domembranen und Exsudatschwarten ummauerten Sack, welcher den 
grosslen Theil des Mediastinum posticum ausfüllt, und unmittelbar auf 
der linken Seite der Wirbelsäule aufliegt. Die Innenwände sind durch- 
weg ulcerirt ; die Höhle ist mit Jauche und metamorphosirten Blutextra- 
vasaten ausgefüllt. In den Wandungen hat eine reichliche Neubildung 
von Gefässen stattgefunden. Speiseüberreste finden sich nicht mehr 
darin. Der linke N. vagus ist bedeutend verdickt. Eine genaue mi- 
kroskopische Untersuchung zeigt , dass nur die Bindegewebsscheiden 
stärker entwickelt sind , dass aber keine Vermehrung der Nervenprimi- 
tivfasern besteht. Die Leber ist kleiner als gewöhnlich. Auf der Cap- 
sula Glissonii finden sich Massen gruppenweise beisammenstehender Krebs- 
granulationen von derselben mikroskopischen Beschaffenheit, wie die 
bisher erwähnten. Das Leberparenchym ist normal. Die- Peritoneal- 
, bekleidung des Zwerchfelles ist ebenfalls Sitz miliarer, äusserst zarter 
Krebsablagerungen. Die Milz erscheint normal. Das Pancre-as ist 
wenig vergrössert und zeigt eine höckerig granulirte Oberfläche. Ein- 
zelne Knötchen, welche in der Tiefe stecken und sich hart anfühlen 
lassen, besteben aus tendinösfaserigem Gewebe und nur wenigen Zel- 
len. Sie gehören offenbar keiner acuten Bildung an. Eine dieser scir- 
rhösen Geschwülste ist durch eine von Innen aus fortgeschrittene Ulce- 
ration und Erweichung eröffnet , und von einem stark tnjicirten Rande 
umgeben. Das Pancreas bietet mehrfache Verwachsungen mit den Nach- 
barorganen dar. Magen normal ; Dickdarm atrophisch, beträchtlich 
verengert *)• Die Schleimhaut bietet an mehreren Stellen aufgelockerte, 
erweichte Parteien and medulläre Infiltrationen 2 ). Der Peritoneal- 
Überzug der Blase ist mit kleinen Markschwammknötchen übersäet. Ihre 
Schleimhaut enthält den Beginn medullärer Zellenbildung (vollkommen 



gäbe von Hab er shon („Ursachen der Dysphagie, u Guys Hosp. Rep. 1856, 
III. 3.) aufmerksam zu machen. Er will in der Mehrzahl der von ihm unter- 
suchten carcinomatösen Stricturen Spithelialkrebse gefunden haben. In acht 
Fallen, die ich genauer untersucht habe, konnte ich finf Mal die Elemente 
des Markschwammes und drei Mal diejenigen des Soirrhos nachweisen. , wäh- 
rend ich einen Epühelialkrebs des Oesophagus noch nicht gesehen habe. 

1) Diese durch die Unthätigkeit bedingte Veränderung findet sich ii den 
Lehrbuchern gewöhnlich nicht erwähnt. Ich habe dieselbe nun aber bereits in 
einer Reihe von Fällen caroinomatöser Oesophagus-Stricturen beobachtet 

2 ) Diese interessante, Form von Darmkrebs, bei welcher sich keineswegs 
entsprechende Symptome im Leben «eigen , wurde ohne Zweifel häufig in der 
Leiche übersehen. Marouschek {Wiener Zeüschr. XIII. 2. 1857) gebührt 
das Verdienst, dem ZeÜenkrebs der Darmschleimhaut und ihrer encepfuUoiden 
Infiltration die verdiente Aufmerksamkeit geschenkt su haben. Da sich in ein- 
zelnen von mir untersuchten Präparaten oft noch mehr oder weniger deutlioh 
umschriebene Granulationen entziffern Hessen, scheint es mir nicht unwahr- 
scheinlich, dass diese Form auch. aus einer acuten Miliarcarcinose hervorgehe 
könne. 



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im 

analog der Dartnschleimhaut). Die Vena cava infer. und die Van« 
iliaca dextra lassen in ihrem Lumen mehrere Granulationen erkennen, 
in ihrem Umkreis scheint das Epithel aufgelockert , etwas getrübt. Im 
Uebrigen sind, die Häute in normaler Weise darstellbar. Die oberfläch- 
lich gelegenen Lymphdrüsen sind weniger verändert als die tiefer 
gebetteten, welche sämmtlicb in höherem oder niedrigerem Crade eine 
Jiyperpiastische Zellenbildung zeigen. Wenn wir die ausserordeui liehe 
Maanigfaltigkeit der Formen und Grössenverbältnisse bei diesen Zellen 
und Kernen in's Auge fassen , so müssen wir theilweise eine krebste 
Bildung annehmen. 

Dritter Fati. Er betrifft einen Mann von 38 Jahren, der sei- 
nen Angehörigen schon seit längerer Zeil durch eise zunehmende 
Schwächung und Abstumpfung der Intelligenz, Verwirrung und Schwer- 
fälligkeit aufgefallen war. Er selbst klagte namentlich in dem letz- 
ten Jahre vor seinem Eintritt in das Hospital über heftige Kopf- 
schmerzen , vor 1 y 2 Monaten zum ersten Male über Schwächung der 
rechten Körperhälfte. Auch soll er sich häufig erbrochen haben. Als 
Patient den 16. October 1856 in das hiesige Inselhospital eintrat, bot 
et folgenden Symptomencomplex dar : Die Sinnesorgane , namentlich 
Gesicht und Gehör , sind bedeutend geschwächt. Es besteht rechtzei- 
tig vollständige Hemiplegie. Die Sensibilität ist stumpf, aber nicht 
erloschen. Patient klagt öfter übe« einen plötzlichen zuckenden Schmerz 
in den gelähmten TheUen. Eia ahn begleitender Bruder berichtet , dass 
in der letzten Woche convulsive Zuckungen aufgetreten seien. 
Ein Anfall , den wir zu beobachten Gelegenheit haben , zeigt einen voll- 
ständig epileptischen Charakter. Nor während des Paroxismus 
tritt unWiWkührliche Emission- de» Harnes ein. Nach dem Essen erfolgt 
bisweilen Erbrechen. Puls ohne Veränderung. Athmung natürlich. 
Dm Allgemeinbefinden zeigt tiefe* Ergriffensein. Die äussere 
Untersuchung des Kopfes ergibt «Hoch ans keine Veränderung. ~ Es 
wird mit höchster Wahrscheinlichkeit eine neoplastische Geschwulst des 
Gehirns oder seiner Hüllen diagnosticirt 1). Die in ähnlichen Fällen von 
Herrn Professor Vogt mit günstigem Erfolge eingeschlagene Behand- 
lung trat auch hier in Kraft. Patient erhielt erst einige Tage Calomel- 
puber, dann Jodkali. Vorübergebend fühlte sieh Patient viel wohler. 
Vom 16. October bis zum 8. November war kein epileptischer Krampf- 
anfall eingetreten. Der Kopfschmerz zeigte längere Remissionen. Appetit 
war beaser, Stuhlgang regelmässig. Am 8. November Abends tritt ein 
längerer Krampranfall ein. — Am folgenden Morgen treffen wir das 
Krankheitsbild vollkommen verändert ah. Puls HO. Athmung 40. 
Thierisches Aussehen, blödsinniger Blick ; Husten mit ziemlichem katarrha- 
Uacnem Auswurf. Herzgegend schmerzhaft. Abdomen empfindlich. 



*) Eine vollständige Würdigung der hierbei auftretenden Synateme findet 
nie» in Labert*» Wkftante» Anfette» ( Virahtw'» Arckim, *wad IH; M. 8» 
p. 488 u. ff.). 



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Percussion und Auscnltation der Lungen liefern kein Resultat; dagegen 
wird eine beträchtliche Vergrösser ung der Milz nachgewiesen. 
Trotz einer Venäsection von Unc. XVI ! ) steigerten sich die Erschei- 
nungen rasch. Am Abend des 12. Novembers ist der Puts 128 , die 
Zahl der Respirationen 48. Wachsende Dispno? ; icterische Fär- 
bung. In der folgenden Nacht bedeutende Delirien. Es werden kalte 
Überschläge auf den Kopf mit sehr günstigem Erfolg angewandt; inner- 
lieh Pulver von Calomel und Suffur. anrät, und Pillen von Extr. und 
Pulv. Rhei. Am 13. November erfolgen noch mehrere dünne Stühle 
ohne. Eigentümlichkeit. Der Puls ist weit weniger frequent , aber 
entsetzlich matt; die Temperatur noch immer beträchtlich erhöht. 
Pupillen schlecht reagirend. Am 16. November erscheint der Puls öf- 
ters internutHrend. Delirien permanent. Die unteren Extremitäten 
schwellen ödematös an. Diärese in quantitativer Beziehung völlig nor- 
mal. Keine abnorme Beimischung, fm Laufe des Tages gefingt es, 
den tbrombirten Strang der Vena saphena tnaj. nachzuweisen. Kein 
Schüttelfrost. Abends Tod. — Die Diagnose hatte auch hier ge- 
schwankt. Anfänglich wurde die Meinung wiederholt discutirt, dass 
vielleicht durch eine Eiterung der fraglichen Gehirngesehwulst ein 
pylmischer Process entstanden sein möge. — Später glaubte man, 
sich für ein Typhoid entscheiden zu müssen. 

ObdttCtionsbeftwd (40 Stunden nach dem Tode). Von der Dura maier 
erhebt sich in der Gegend der rechten Fossa Sylvii eine weiche, grauuli- 
rende, graugelbe Neubildung von der Grösse eines Gänseeis , welche 
das Gehirn bedeutend comprimirt und das Schädeldach bereits theilweise 
zy resorbiren beginnt. Die mikroskopische Untersuchung , welche Herr 
j)r. Bellmont und ich vornahmen, liess über die encephaloide Natur 
durchaus keinen Zweifel. Es fanden sich meistens grössere Kerne mit 
Kemkörperchen und Zellen der verschiedensten Formen , welche zwi- 
schen 0,0l nnn und 0,02 m,u schwankten. Ausser einem ziemlich reichlich 
entwickelten Gtfässnetz, welches im Allgemeinen den Charakter der 
Bindegewebscapillaren in etwas colossalem Massstab wiederholte f und 
sich von der Art. basilaris aus ziemlich vollständig injiciren Hess, wur- 
den noch vorzugsweise kleine Blutergüsse und Pigmentherde (Hämuto- 
sin und Hämatoidin) aufgefunden. Ein etwas deutlicheres Bindegewebs- 
strotna fand sich nur an der Basis , im innigsjten Zusammenhang mit 
der Faserung der Dur^a maier. Diese erscheint in der Nähe der Ge- 
schwulst byperämisch , sonst normal. Nach hinten zeigt siel) ein mas- 
siger Erguss. Secundäre Krebsgranulationen finden sich in der Schädel- 
höhle nicht. Die Gl. thyreoidea ist mit vieleu Knötchen durchsetzt; 
die linke Pleura ist mit Tausenden derselben bedeckt. Lungensub- 
stanz und Luftwege normal. Der Herzbeutel zeigt ebenfalls mi- 
liare Ablagerungen , und zwar vorzugsweise auf seiner inneren Fläche. 



*) Der Blutkuchen war braunroth, weich, xeigte keine crusta inffemma- . 
-toria. Die BlatMraerohea waren vermindert. (Veryr. spater hei der pathol. 
Anat. das Nähere. ) 



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470 

Die mikroskopische Untersuchung weist, wie in den bisherigen Fallen, 
die jüngsten Entwicklungsstufen der Krebszellen nach. Die Leier 
zeigt eine geringe Volumszunahme, enthält eine Masse rundlicher Flecken 
von der Grösse eines Fünfcentimestückes in das Parenchym eingeschaltet. 
Die Oberfläche erscheint granulirt. Der rahmähnliche, beim Durchschnitt 
am Messer haftende Saft zeigt unter dem Mikroskop grösstenteils freie 
Kerne und Kernkörperchen ; daneben grössere runde , spindel - und 
keulenförmige Zellen mit endogener Kernbildung. Ein Stroma ist nur 
angedeutet. Ausserordentlich schön lässt sich hier eine Neubildung von 
Geßssen verfolgen , welche nach demselben Typus vor sich geht , wie 
in den Wundgranulationen ). Die Gallenblase ist in ähnlicher Weise 
krebsig infiltrirt , wie die Darmschleimhaut. Auch hier zeigt es sieb , 
dass eine Menge miliarer Knötchen confluirt sind. An vielen Stellen 
sind die einzelnen kleinen Granulationen noch isolirt stehen geblieben. 
Der Magen ist frei. Auf dem serösen Ueberzug des Zwerchfelles 
finden sich mehrere erbsengrosse Krcbsknötchen. Die Milz ist sehr 
gross , auf ihrer Oberfläche mit einer Masse gelbrötblicher Körnchen be- 
deckt. Ihr Parenchym wird von weichen keilförmigen Ablagerungen 2 ) 
durchsetzt , welche dieselben Elemente enthalten , wie die übrigen mi- 
liaren Granulationen. Die beiden Musculi recti und der M. obli- 
quus descendens sinister sind von multiplen Markschwammknöt- 
chen durchdrungen. Auf mehreren Darmschlingen sehen wir kleine 
Krebsknötchen. Die Schleimhaut ist normal. Ha rn- und Geschlechts- 
werkzeuge bieten keine Localisationen. 

Vierter Fall. Er betrifft einen 28 Jahre alten Zimmermann, wel- 
cher den 30. April 1857 im hiesigen Inselspital aufgenommen wurde. 
Schon zu Anfang des Monats März war er von gastrischen Störungen 
heimgesucht worden. Bei seinem Eintritt bot er das vollständigste Bild 
eines Magenkatarrhs dar. Er erhielt zu Anfang Calomel mit Magnesia 
usta in Pulvern , und Ol. Ricini , später die Mixt. Schmidtmannii. Die 
Erscheinungen waren Anfangs Juni so weit beseitigt , dass er seiner 
baldigen Entlassung entgegensah , als mit einer rasch steigenden 
Pulsfrequenz (von 70 auf 125) plötzlich die alten Leiden wieder in 
voller Kraft vor unsern Augen standen : Mangel an Appetit , galligtes 
Erbrechen , Schmerz in der Magengrube und beängstigender, lästiger 
Druck über dem Brustbein bilden am 3. Juni die vorwiegenden Symp- 
tome. Ordin. : Pult). Rhei mit Mag. carb. und Elaeosacch. — Am 
4. Juni traten noch folgende Veränderungen hinzu: Die Frequenz 
der Athemzüge steigt. Patient klagt über Seiten stich. Trocke- 
nes, abgebrochenes Hüsteln. Die sorgfältige physica tische Unter- 



*) Diese kommt bekanntlich entweder durch Zellen «u Stande, welche ttioh 
zu einem Cylinder aneinander legen, indem ihre Wandungen verwachsen und 
perforiren, oder durch den Zusammenstoß von Spindelzellen und Sternsellen. 

*) Diese Form hängt mit der eigentümlichen Capillarverbrei- 
ton g in der Milv eng zusammen. 



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471 

suchung der Brust constatirt an einzelnen Stellen eine Abnahme des 
Respirationsgeräusches , an andern wiederum ein etwas rauhes Athmen 
mit verlängerter Exspiration. Von trocknen oder feuchten Rhonchis keine 
Andeutung. — Am 5. Juni erhält Patient eine Mixtur von Ammon. 
mur. , Vin. stib. und Succ. liqvir. Eine Gabe von Gr. x / t Veratrin. 
(in 10 Pillen) hatte den Puls bis auf 95 herabgedrückt. — Da der- 
selbe Abends wieder auf 120 gehoben ist und der Kräftezustand des 
Kranken sehr befriedigend erscheint, wird eiu Aderlass von Unc. 15 
gemacht. Der Blutkuchen ist sehr we^ich. Es bildet sich keine crusta 
inflammatoria . Die Zahl der Blutkörperchen scheint ziemlich vermin- 
dert. In Betreff der feineren Verhältnisse verweise ich auf eine spä- 
tere Betrachtung. Da sich die Dispnce vermehrt , wird ein grosses 
Blasenpflaster auf die Brust gelegt. 

0. Juni. Pulswelle schwächer, Frequenz nur wenig verminder». 
Der Stuhl, welcher längere Zeit retardirt war, ist jetzt vermehrt. 
Frost und Hitze wechseln ohne folgendes Schweisstadium. Hauttem- 
peratur erhöht. 

7. Juni. Patient schlief die Nacht nur wenige Augenblicke. Er 
klagt über Schwindel und Kopfschmerz, und verliert häufig bei 
Verfolgung einer bestimmten Idee den Faden. Puls 130. — • Noch 
einmal Veratrinpillen; kalte Ueberschläge über den Kopf. 

8. Juni. Die Athmung erscheint heute erleichtert. Wegen der 
bedeutenden Diarrhoe : Wismut hpulv er mit Opium. Die Ausleerungen 
haben nichts Charakteristisches. Kein Ileocöcalschmerz , keine Auftrei- 
bung des Leibes, kein Gurren, keine Andeutung einer Roseola typhosa* 
keine Vergrösserung der Milz nachweisbar. In dem spärlich gelassenen 
Harn erscheint unter zweien Malen Ei weiss, das jedoch bald wieder 
verschwindet. 

9. Juni. Die Züge des Kranken erhalteu mehr und mehr 
einen Ausdruck der Gleichgültigkeit und des Stumpfsinnes. Die Pu- 
pillen reagireu noch ziemlich gut. Die Hautfarbe ist natürlich. Der 
Puls hält sich seit gestern auf 100. Die Temperatur ist in dem 
Verlauf der letzten Tage nie über 40° C. gestiegen. Die Respira- 
tion ist natürlich. Nasenlöcher, Lippen, Zahnfleisch und Zunge zeigen 
einen schleimigen Beleg. Beginnender Collapsus. 

10. Juni. Nur die Cerebralsymptome steigern sich, im Uebrigen 
bleibt das Bild dasselbe. Gegen 10 Uhr Abends tritt nach einigen tie- 
fen Athemzügen der Tod ein. — Die Wahrscheinlichkeitsdiagnose war 
auf Typhus gestellt. 

Obductionsbefund (48 Stunden später). Kein bedeutender Marasmus! 
Geringer Grad von Todtenstarre. Kaum Andeutungen einer Leichen^ 
hypostase. Arachnoidea etwas getrübt durch darunter ergossene. 
Exsudat. Sonst keine Veränderungen in der Schädelhöhle. Weder Hype, 
ramie noch Anämie. Beide Pleuren sind von gruppirten, etwa erbsen_ 
grossen Granulalioneu bedeckt, welche nach der vorgenommenen Unter- 
suchung aus denselben embryonalen Krebselementen bestehn , wie die 
rüher beschriebenen. Auch die Lungen sind von ihnen ziemlich gleich- 



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massig durchsetzt. Das umgebende Gewebe ist äusserst anämisch, sonst 
vollständig gesund. Nur ist im nächsten Umkreis der Granulationen das 
Pigment vermehrt. Die Schleimhaut der Luftwege enthält an ver- 
schiedenen Ste'len kleine , halbdurchsichtige Kiebsknötchen von eigeu- 
thümliclicm Glänze. Eine besonders schön ausgeprägte Gruppe dersel- 
ben befindet sich an der Rückseite der Trachea , dicht über der Thei- 
lung in die beiden Bronchien. Von Tuberkeln nirgends eine Spur. Im 
Pericardium ein geringer Ergnss. Der rechte Ventrikel enthält ein 
gallertiges Ccaguium , das linke+Herz ist leer. Die tiefer (fegenden 
Lymphdrüsen, besonders aber die GIL mesaraicce , sind sämmllicb 
etwas geschwellt , im Zustande der sogenannten medullären Infiltration 
( hypertrophia cellularis ). Das Abdominalblatt des Per i tonaums ist 
mit einer Masse Stecknadelkopf - bis erbsengrosser , rötblicher Krebs- 
knötchen besetzt. Man findet diese in Gruppen zusammenstehend auch 
in den übrigen Theilen des Peritoneums . Auf der grossen Curvatur des 
Magens eine rothschwarze Arborisation. Die Schleimhaut des Magens 
ist aufgewulstet. Im Verlaufe der kleinen Curvatur findet sich eine 
Reibe kleiner pigmentirter Knötchen von weicher Consistenz. Sie sind 
besonders gegen die Cardia dichter zusammengedrängt. Neben einer 
ziemlichen Menge nekrosirter und mehr oder weniger erhaltener Blut- 
kügelchen finden sich in denselben die früher beschriebenen jüng- 
sten Elemente des Markschwamms. An der Cardia sitzt eine flach- 
gedrückte , höckerig-speckige Geschwulst , welche auf ihrer Oberfläche 
IJkerationen zeigt. Das Mikroskop diagnosticirt die Elemente des 
Scirrhus (hier also muss die primitive Krebsbildung angenommen 
werden). Der Oesophagus ist normal, das Pancreas wird von 
zahllosen Markschwammknötchen durchsäet. Das normal gelegene Netz 
wird von denselben gleichfalls bedeckt. Auf dem serösen Ueberzuge 
des Ccecums und lleums werden ebenfalls unzählige Krebskörnchen 
sichtbar. Circa 2 Centim. unter der Cöcalklappe findet sich in der 
Schleimhaut eine grössere, weiche, flockige, gefässreiche Krebs- 
geschwulst, vollkommen analog dem Zottenkrebs der Blase etc. gebaut. 
Die Leber ist von normaler Grösse , am oberen Rande durch frische 
Adhäsionen mit dem Zwerchfell verbunden. Auf seinem Durchschnitt 
zeigen sich zahlreiche hämorrhagische Infarkte von verschiedener 
Grösse eingesprengt. Nur an der unteren Fläche werden kleine Knöt- 
chen entdeckt, welche sich auf die Gallenblase fortsetzen. Die Milz 
vollkommen normal. Die Nieren sind äusserst anämisch, nicht wesent- 
lich vergrössert} jedoch findet sich eine Anzahl kleiner Markschwamm- 
körnchen , besonders in der Corticalsubstanz , eingeschaltet. 

Fünfter Fall. E. Bl. , von Bolligen , 48 Jahre alt, seines Bern- 
fes Schmied, trat den 28. April 1857 in das hiesige Inselhospital ein. 
Er hatte seit einiger Zeit eine zunehmende Schwache in deji unteren 
Extremitäten gefühlt, welche ihn häufig an seiner Arbeit hinderte. Von 
Zeit zu Zeit hatten ihn Eingenommenheit des Kopfes, Frösteln, Sfternrtt 
atr Appetit sehr beunruhigt. In den letzten Wochen hatte sich ein fref- 



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üger , aach allen Seiten aufstrahlender Schmerz in der Kreuzbein- 
gegead festgesetzt. Patient will mit Fortdauer der übrigen Erscheinun- 
gen häufig convulsive Zuckungen in den unteren Extremitäten 
wahrgenommen haben. Sensibilität war nie gestört, Bald stellte sich 
eine Lähmung der Blase und hartnäckige Coustipatton ein. Die 
Beine magerten ab. Der Schmerz in der Regio sacral. nahm immer mehr 
zu. Der Gang wurde äusserst unsicher. Eisen , Extr. nuc. vom* 
wurden längere Zeit ohne Erfolg gereicht; ebenso Jodkali. Es bildete 
sich ein Decubitus in der Sacralgegend aus, der mit Ungt. Elemi und 
Creosot behandelt wurde. Bei der Untersuchung der Wirbelsäule ergab 
sich eine bei Druck äusserst schmerzhafte Stelle in der Gegend des er- 
sten bis zweiten Lendenwirbels. Bald war eine vollständige Para- 
lyse der unteren Extremitäten ausgeprägt. Der Urin wurde 
täglich mit dem Katheter entleert ; er bot ausser seiner alkalischen 
Beschaffenheit keine chemische Eigentümlichkeit dar. Die Electricität 
vermochte keine Besserung des Zustandes zu bewirken. Man hatte die 
Diagnose mit höchster Wahrscheinlichkeit auf eine Neubildung inner- 
halb des Wirbelcanals gestellt. 

Am 3. Mai hebt sich der bisher normale Puls über 1G0. Das 
Gesicht erscheint trotz der bereits weit vorgeschrittenen Abmagerung und 
Anämie congestionirt. Symptome von Druck auf das Gehirn 
werden durch kalte Ueberschläge bedeutend gemildert. Die Sinnes- 
organe erscheinen normal. Eine gesteigerte Hauttemperatur be- 
steht auch noch am Morgen des 4. Mai. Puls steigt auf 125. Die 
bisher duftende Haut ist trocken. Die Athemzüge sind beschleunigt, 
die Dispnoe ist nicht bedeutend, die Magengegend schmerzhaft. 
Stühle vermehrt, breiig. Patient ist öfters geistesabwesend, antwor- 
tet nur auf wiederholte Fragen , und dann nicht selten ungereimt. Die 
objective Untersuchung von Bauch - und Brusthöhle führt zu keinem Re- 
sultat. Es werden Senfteige auf die Schenkel gelegt , fünf Blutegel 
hinter jedes Ohr gesetzt, kühlende Getränke gereicht. 

5. Mai. Abnahme der congestiven Erscheinungen. 
Gesicht bleich. Kein eigentlicher Kopfschmerz mehr, sondern nur noch 
ein Gefühl der Schwere. Blick freier, Athmung ruhig. Es werden 
bisweilen vollkommen richtige Antworten gegeben. Magenschmerzen 
sind verschwunden. Puls ist 95 — 100, sehr klein und schwach. Dieser 
Zustand hält sich während drei Tagen. Patient erhält Chinin Gr. 12 
in einer Auflösung. — Zunehmender Collapsus unverkennbar. 

9. Mai. Patient hat die ganze Nacht delirirt. Meteorismus der 
Därme. Oedem an den Füssen. Puls 100, kaum fühlbar. Fragen 
werden nicht mehr beantwortet. Zittern der Lippen und der Hände. 
Starre Bulbi. Meist Offenstehen des Mundes. Athmung tief, aber ru- 
hig. Temperatur 35° C. Zunge wenig belegt, aber trocken, geröthet. 
Abends Tod. # 

•bdnctionsbefand (36 Stunden post mortem). Abmagerung bedeu- 
tend; kaehectisch-anämisches Bild; bedeutende Todtenstarre. Arach- 
nOidalzellen stark entwickelt, lassen bei Druck einen milchigen Saft 



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austreten, in welchem eine reichliche Zellenprodnction mit Hinneigen 
zum Typus der Krebszelle stattfindet. Die Meningen erscheinen durch 
Tausende von kleinen, halb durchscheinenden Bläschen granulirend. Die 
mikroskopische Untersuchung muss es unentschieden lassen , ob hier das 
Produkt einer Tuberculosis miliaris acuta vorliege ; denn ich habe mich 
bisher noch nicht davon überzeugen könuen , dass in der grauen halb- 
durchsichtigen acuten Tuberkelgranulation die gleichen Elemente , wie 
in dem ausgebildeten Tuberkel bereits enthalten seien. Ich habe in 
ihr jene Tuberkelkörperchen 1 ) , Körnchenzellen und Zellentrümmer 
in der Mehrzahl der Fälle ebensowenig nachzuweisen vermocht , 
als die ausgebildeten „ specifischen tt Krebszellen in der primitiven, mi- 
liaren Krebsgranulation — An der Innenfläche der Dura mater zeigen 
sich einige Knötchen , welche mir dieselben Resultate liefern , wie die 
früher untersuchten Markschwammgranulationen. In ihrer Umgebung ist 
das Gewebe wie von einem gelatinösen Exsudat getrübt. Die H y p o - 
physis ist normal. An der unteren Fläche des Tentoriums sind 
die Blätter der Dura mater und der Arachnoidea mit einander innig ver- 
wachsen. Die Sinns sind mit Blut angefüllt. Dieses ist sehr dünn, 
schmutzig gefärbt, lässt unter dem Mikroskope keine Vermehrung oder 
Verminderung der weissen Blutkörperchen nachweisen. An der Ober- 
fläche der Hemisphären zeigen sich, umgeben von einem rostbraunen, 
pigmentirten Wall, mehrere Krebsgranulationen. Die Hirnsubstanz 
ist trocken, anämisch. Die Centraltheile erscheinen bis zu den Ammons- 
hörnern trüb, körnig. Septum pellucidum normal. Die Oberflächen der 
beiden Seh- nnd Streifenhügel zeigen einige cirenmscripte Blutinjec- 
tionen. Die corpp. quadrigemina sind flach , ebenfalls leicht granu- 
Iirend. An der Basis des vierten Ventrikels zeigt sich ein braun- 
schwarzer Pigmentfleck. Die Pons und Medxll. oblong, sind auf ihrer 
Oberfläche durch ein gelatinöses Exsudat getrübt. Bei Eröffnung der 
Brusthöhle zeigen sich auf der Pleura sinistra mehrere Gruppen 
erbsengrosser , blutreicher Knötchen. Auch in der Substanz der 
linken Lunge finden sich einige- derselben. Rechte Pleura und Lunge 
frei ; die Substanz beider Lungen im Uebrigen bedeutend anämisch ; von 
Tuberkelherden findet sich in ihnen keine Andeutung. Die Luft- 
wege sind frei geblieben. Die Bronchialdrüsen normal. Peri- 
cardium ohne Veränderung. Die Schleimhautfalten des Magens sind 
namentlich am Grunde bedeutend angeschwollen ; ihre Consistenz ist 
lockerer , als im Normalzustand ; ihre Farbe ist die des weissen Ge- 
hirnmarkes. Es finden sich hier die anderwärts nachgewiesenen Mark- 
seh wammelemente. Eine ähnliche Form carcinomatöser Localisation wird 
auch am Jejunum und lleum beobachtet. An der Valv. Bauhini , 
an den GIL Plyerian. und Brunnerian. wird ebenfalls eine eneepha- 
loide Infiltration nachgewiesen. Zwischen den zelligen Hervorragungen 



*) Durch die bedeutungsvollen Untersuchungen Yirchow's sind auch die 
vielfach angegriffenen, berüchtigten Tuberkelkörperchen, freilich nicht als spe- 
cifi.'ch* in ihre Rechte eingesetzt worden. Nach diesem Forscher stellen die- 
selben die veränderten Kerne der zerfallenden Elementartheile dar. 



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häufig Gefässinjectionen. Das Mikroskop entdeckt in ihnen nur seilen 
spindelförmige oder geschwänzte Zellen. Sowohl in den miliaren Kofnchen- 
gruppen, welche um die Infiltrationen herumsitzen, als in diesen selbst, 
sind die embryonalen Elemente des Krebses oft in den zartesten For- 
men vorherrschend. Besondere Erwähnung verdient hei den Infiltra- 
tionen ein bisweilen gegittertes Ansehn der Schleimhaut, welches ähn- 
lich wie beim reticulirten Krebs (Müller) durch eine regressive Meta- 
morphose und Exfoliation in den zwischen das Bindegewebe der Schleim- 
haut eingelagerten Zellenelementen zu Stande gekommen scheint. Ent- 
sprechende Symptome fehlten im Leben. Ob diese Form ebenfalls mit 
den miliaren acuten Localisationen in Zusammenhang gebracht werden 
muss , oder das Ergebniss eines mehr chronischen , localen Processes 
ist , wage ich nach dem Bisherigen noch nicht zu unterscheiden. Die 
Milz ist, wie in den meisten Fällen, gerunzelt, blutreich, leichter 
zerreisslich. Leber und Pancreas sind normal. In der Cortical- 
substanz der linken Niere zeigen sich mehrere kleine Krebsknötchen , 
welche aus denselben embryonalen Elementen bestehen. Das Nieren- 
becken enthält mehrere ecehymotische Flecken. Auch in der rechten* 
Niere , hier namentlich in den Pyramiden , finden sieb einige medulläre 
Granulationen. Der Peritonealüberzug der Harnblase ist mit vielen, 
mehr oder weniger circumscripten Ecchymosen bedeckt. Jedoch finden 
sich keine Krebsknötchen. Innerhalb des Gefässsy sstem fehlt jede 
Localisation von Markschwamm. Von ganz besonderem Interesse ist die 
Untersuchung des Bückenmarkcanals. Die Dura mater und Arachnoidea 
ist gegen die Cauda equina bedeutend injicirt und etwas verdickt.. 
Entsprechend der im Leben schmerzhaften Stelle des Wirbelcanals findet 
sich in einer bedeutenden , sackartigen Erweiterung der Kückenmarks- 
häute eine hühnereigrosse , graurölhlicbe Gesehwulst von hirnähnlicber 
Beschaffenheit, über die sich mehrere Nervenäste spannen. Die Ge- 
schwulst besitzt keine deutliche Hülle, hat in Form kleiner Granulationen 
die Kückenmarkshüllen theilweise durchbrochen. Erster und zweiter 
Wirbelkörper sind bereits angegriffen; ihre Körper beginnen resorbirt 
zu werden. Nach der genauem mikroskopischen Untersuchung erweisst 
sich die Geschwulst als ein Markschwamm , der die höchsten Entwick- 
lungsstufen der Krebszellen , nebst wenigen freien Kernen zwischen den 
Massen eines ausgewachsenen , reichlich vascularisirten Bindegeweb- 
gerüstes, darbietet. 

Sechster Fall. J. V. , von Lanpen , 50 Jahre alt, seines Berufs 
Landarbeiter , war durch Entbehrungen aller Art und durch abusus spi- 
rituosor. früh gealtert. Vor einem Jahr traten zum ersten Mal Schling- 
beschwerden auf, welche jedoch noch während langer Zeit den Durch- 
gang breiiger Substanzen gestatteten. Trotz anhaltender Dilatation durch 
die Sonde nahm die Verengerung mehr und mehr zu. Als er Anfangs 
dieses Jahres das Hospital aufsuchte , regurgitirte er selbst kleine Quan- 
titäten genossener Flüssigkeiten. Schmerz war nicht vorhanden. Das 
Aussehen war äusserst anämisch und cachek tisch. Temperatur und Pute* 



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norm«!. Drüsen des Halses und der Achselhöhle angeschwollen. Vba 
Tage seines Eintritts an warf er blutige Massen aus , welche den Sputis 
eines Lungenbrandes ähnlich sehen. Woher dieselben stammten , lies« 
sich vorlaufig nicht entscheiden. Die Untersuchung der Lungen ergab 
durchaus keine bestimmten Veränderungen. Wiederholt untersuchte ich 
schwarze , langgequetschte Coaguia , welche er auswarf , unter dem 
Mikroskope , ohne jedoch Elemente zu finden , welche den Aufbruch 
eines Geschwürs oder eines Carcinoma wahrscheinlich gemacht hätte«. 
Im Hinblick auf einen kurz vorangegangenen Fall unserer Beobachtung 
(Durchbrach der Carotis bei einem Carcinoma radicis lingum) schien es 
jedenfalls rathsam , eine genauere Untersuchung mit der Sonde in gegen- 
wärtigem Augenblicke zu unterlassen. Von Tag zu Tag nahm der 
Marasmus zu. Nichtsdestoweniger hoben sich am 9. Januar Pulsfrequenz 
und Temperatur, Ein leichtes Hüsteln erweckte keine weitere Aufmerk- 
samkeit, zumal da die genaueste physicalische Untersuchung 
keine abnorme Veränderung aufzufinden vermochte. Wegen Schmer- 
zen auf der Brust und Schlaflosigkeit erhielt er mehrere Gaben 
von Opium. Der Puls stieg auch am 11. Januar nicht über 100, war 
aber äusserst schwach und klein. Die Temperatur war ziemlich 
hoch : 40,3. Die Papillen reagirten nur träge. Die Zunge war 
nicht mehr belegt, als bisher. Sensorium völlig frei. Bewusstsein 
klar. Gegen Abend trat eine gewisse Beschleunigung der Re- 
spiration auf; kein Husten. Die blutigen, stinkenden Auswürfe 
dauerten fort. In der Nacht vom 11. auf den 12. Januar starb Patient 
plötzlich, nach einer wiederholten krampfhaften Inspiration. 

Obdnctiensbefnnd (36 Stunden später). Hoher Grad von Anämie; 
kein Oedem ; gut entwickelte , aber blasse Muskeln. Beinahe alles Fett 
aufgezehrt. Todtenstarre sehr kräftig. Meningen hyperämisch. 
Dura mater an einigen Stellen verdickt. Arachno idaleel I e n 
sehr hypertrophisch, in ihrem Bau nicht verändert. Beiläufig enthalten, 
sie viele Corpp. amylacea. An der vordem, obern Fläche des Gross- 
hirns mehrere feste Adhäsionen und Verwachsungen. An der Innen- 
fläche der Dura mater, theil weise über dieselbe hervorragend, findet, 
sich eine dichtgedrängte Gruppe von graurothen Markscbwammgranula- 
tionen. Die Gefässe der Basis cerebri enthalten Gerinnsel, 
welche grosse Mengen embryonaler und höher entwickelter Krebselemente in 
sich schliessen. Die Lungen ziemlich fest adhärirend. An der Con- 
cavität der Parietallamellen beider Pleuren finden sich zahllose, matt- 
glänzende Körnchen , in denen sich vorzüglich freie Kerne mit 1 — 5 
Kernkörperchen , jedoch nur wenige höher organisirte Krebszellen nach- 
weisen lassen. ^uf den Organlamellen keine Andeutung davon. In der 
Trachea nur wenige zerstreute Knötchen. In den beiden Lungen- 
spitzen obsolete, verkalkte Tuberkelherde. Die Speiseröhre ist 
von der dritten Rippe bis in die Nähe der Cardia von einem graugelb- 
lichen , umfangreichen Markschwsmmknoten umschlossen, welcher das 
Mediastinum grösstenteils ausfüllt.. Die medulläre .Zelleiunasse ist zwi» 
sehen das Bindegeweb - und Muskelstratum inültrirt ; die Schleimhaut. 



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hier grösstenteils zerstört. Unterhalb der .Geschwulst . isJt der Oeso- 
phagus beträchtlich erweitert. Innerhalb derselben ist das Lumen kaum 
für eine Federspule permeabel. Bei sorgfälliger Untersuchung gelangt 
man vermittelst einer Sonde aus einer kleinen brandig-jauchigen Höhle, 
welche in der Gegend der Bronchiehbifurcation in den Oesophagus mün- 
det , in eine PerforationsöfTnung der Trachea , durch welche sich ein 
Theil des Carcinoms hindurchdrängt , um in die beiden Bronchien zungen- 
förmige Auslaufer zu senden. Unmittelbar über der Durcbbruchstelle ist 
das Lumen mit Blutcoagulis und brandigen Faserstoffmassen angefüllt. 
Die sämmtlichen übrigen Organe bieten keine bemerkenswerthe Verän- 
derung, dar. 

Siebenter Fall. N. H. , 5& Jahre alt, ward den 28. Januar die- 
ses Jahres in hiesigem Inselhospital aufgenommen. Er stand gegen fünf- 
zehn Jahre in holländischen Diensten. Im 35. Jahre litt er längere 
Zeit in Herzogenhusch an Intermittens. Auf seiner militärischen Lauf- 
bahn hatte er sich dem Missbrauch geistiger Getränke in hohem Grade 
ergeben. Vor zehn Jahren ward er von Herrn Professor Mi es eher in 
hiesigem Hospital an einer Pneumonie behandelt. Schon diesem soll 
damals eine ausserordentliche Entwicklung des oberflächlichen Hals - • 
und Brustvenensystems aufgefallen sein. Seit Jahren litt H. an Katarrh. 
Im Spätherbste 1857 verspürte er zum ersten Male bestimmlere 
Schlingbeschwerden. Seit Januar dieses Jahres wurden die genos- 
senen Speisen mit bedeutenden Schleimmassen regurgitirt. Bei seinem 
Eintritt klagte Patient über einen allgemeinen , zunehmenden Druck auf 
der Brust. Durch das cachektische Aussehn und durch die Anschwel- 
lung der Lymphdrüsen wurde eine carcinomatöse Strictur höchst wahr- 
scheinlich. Ueber seinen Zustand vor der Dysphagie erhalten wir nur 
unvollkommenen Bescheid. Das oberflächliche Venennetz des Halses und 
der Brust war im höchsten Grade ausgebildet, varicös entartet. — Ord. : 
Tinct. conti maculat. und vin. stibiat. 

Am 6. Februar führte mein Vater zum ersten Male die Schlund- 
sonde ein. Schon in der Gegend des Pharynx fand dieselbe einen be- 
deutenden Widerstand. Sie drang auch nur äusserst langsam und müh- 
sam vorwärts , indem sich dasselbe Hinderniss bis in die Nähe der Car- 
dia fortzusetzen schien. In den grauen , schleimigen Massen , welche 
dem ausgezogenen Instrument anhingen , fanden sich neben grossen 
Mengen von Eiterzellen und Moleculardetritus die verschiedensten Ent- 
wicklungsstufen der Markschwammelemente. 

Am Morgen des 8. Februars klagt Patient zum ersten Mal über 
heftige Schmerzen in der rechten Zwerchfellgegend. Das Gesicht 
ist turgescirend, Stirngegend und Hinterkopf Sitz heftiger Schmer- 
zen. B lick getrübt /Gehör verhüllt. Der Puls, der schon von An- 
fang an eine gewisse Beschleunigung zeigte, ist 112, kräftig und ge- 
spannt. Respiration beschleunigt; Stuhlgang regelmässig. Tem- 
peratur auf 41° C. gestiegen. Gesichtsausdruck ängstlich, verworren; 
Patient klagt über zunehmende D ispnoe. Vergebens sucht man durch 

12 



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178 

Gaben von Opium die Nachtruhe zu sichern. Kopfschmerz, Sinnes- 
täuschung en , Irrreden , Beginn furi b under Deliri en. Kalte 
Ueberschläge über den Kopf. Die Percussion der Lungen liefert 
nach oben einen tympanitischen Ton. Thorax bedeutend gewölbt. Spiel 
der gespannten lntercostalmuskeln sehr unvollkommen. Mangel an Zel- 
le na thmen. Katarrhalische Rasselgeräusche verschiedener Art überall 
hörbar. Herzdämpfung ausgedehnt. Erster Herzton etwas schlep- 
pend , nicht abklappend , leicht hauchend. 

9. Februar. Fortdauer der Delirien; Puls 125— 130, we- 
niger kräftig. — Ordinat. bleibt dieselbe. 

10. Februar. Soporöser Zustand. Nur bei sehr ener- 
gischer , wiederholter Anrede kommt er vorübergehend zum Bewusst- 
sein. Mehrere diarrhoische Stühle erfolgen spontan. — Wieder- 
holung und Steigerung der Opiumgaben. — Urin, bisher normal, ent- 
hält Spuren von Eiweiss , ist im'Uebrigen nicht verändert. 

11. Februar Abends. Puls ist wieder voller und kräftiger, 
weniger frequent, 115. Respiration tief, schnarchend. Herzgrube 
wiederholt tief eingezogen. Temperatur nur 40" C. Aeusserste Mat- 
tigkeit. Gegen Mitternacht erfolgt der Tod, nachdem sich einige Stun- 
den zuvor die Delirien gelegt hatten. Das Krankheitsbild der letzten 
Tage war als eine acute Regung der chronischen Alcohol Vergiftung ge- 
deutet worden. 

Obduktionsbefund (36 Stunden später). Geringe Abmagerung des 
Körpers, schwache Todtenstarre. Schmutzig-graue Hautfarbe. Wenig 
Todtenflecken. Blutmasse dünn, dunkel, ohne Gerinnsel. Cranium 
bedeutend verdickt. Nähte verwachsen. Hyperostosis interna. Dura 
mater in der ganzen Ausdehnung mit dem Cranium verwachsen, ebenso 
mit der Arachnoidea. Bedeutende Hyperämie der Gehirn£efä ss e. 
Beginnendes Oedem der Gehirnsubstanz. Atheromatöse Entartung 
der Art. basilaris; sonst keine Veränderung. Sämmtliche Bronchial- 
drüsen markig infiltrit. Die Gl. thyreoidea mit vielen medullären 
Herden durchspickt. Unzählige KrebsknÖtchen sind theils einzeln, theils 
in Gruppen auf der convexen und coneaven Oberfläche der Pleuren 
und des Pericardiums abgelagert. Der Herzbeutel ist innig mit dem 
Zwerchfell verwachsen. N. phrenicus und N. vagus dexter zeigen 
hypertrophische Verdickung und sind ringsum von kleinen Markschwamm- 
granulis umlagert. Das rechte Herz ist bedeutend vergrössert. Die 
Valvula tricuspitalis zeigt kleine medulläre Vegetationen, beginnende 
Insuffizienz. Im rechten Vorhof ist ein colossales Coagulum altern 
Datums , das ebenfalls von kleinen carcinomatösen Knötchen durchsetzt 
ist. Die Aorta findet sich aneurysmatisch erweitert, zeigt in grös- 
serer Ausdehnung atheromatöse Degenerationen. Auf der Adventitia 
der Aorta , der A. pulmonales, der V. cava sup. et inf. zeigen sich 
ebenfalls miliare Krebslocalisationen , welche sämmtlich unter dem Mi- 
kroskop den bereits öfters beschriebenen Bau zeigen. Sie lassen sich 
nicht in die Intima verfolgen. Die V. cava sup. ist vollkommen auf 
die Seite gedrängt und bis auf eine kleine Durchgaogsstelle cömpri- 



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179 

mirt. Die V. thyreoidea ist von carcinomatösen Knötchen rings um- 
mauert. Die Muskeln des Kehlkopfs und des Halses sind von vielen 
kleine^ medullären Herden durchsetzt. Epiglottis normal. Unter* 
halb der Glottis tauchen Tausende hirsekorngrosse Krebseruptionen aus 
der Schleimhaut auf. ' Sie stehen in kleineren Gruppen von 10 — 
20 beisammen und werden gegen die Bifurcation der Trachea immer 
dichter. Die Schleimhaut scheint nur in nächster Umgebung etwas locker 
und angeschwollen , ist sonst aber vollkommen unverändert. Auf der 
Aussenfläche der Bronchien treten nur seltene und zerstreute Knötchen 
auf. Der Oesophagus ist in seiner ganzen Ausdehnung von dem 
Pharynx an bis zur Cardia vollständig degenerirt. Medulläre Zellen- 
massen sind in die Wandungen infiltrirt. Ausserdem erheben sich zahl- 
lose, kleine, theilweise confluirende Krebsgranulationen auf der Speise- 
röhrenschleimhaut. Dazwischen jauchige Exulcerationen. Das Lumen 
des Oesophagus im höchsten Grade verengert. Einige Gruppen kleiner 
Krebsknötchen sitzen auf der Wirbelsäule. Magen normal. Eine Hy- 
pertrophie der Wandungen ist jedoch im Beginn. Netz und Gekröse 
sind ebenfalls mit massenhaften Krebsknötchen bedeckt. Die Petre- 
quin'sche und Glisson'' sehe Kapsel sind Sitz eines grossen Mark- 
schwammknotens, welcher die Venaportarum, die Art. hepat., die Lymph- 
gefässe und Nerven umschliesst, und die V. cava inf, bedeutend com- 
primirt. Im Leben war keine icterische Erscheinung zugegen. Die car- 
cinomatöse Infiltration setzt sich nicht in das Innere der Lebersubstanz 
fort. Auch Pancreas, Milz und* Nieren tragen carcinomatöse 
Granula auf ihrer Oherfläche. Die Milz scheint ausserdem bedeutend 
vergrössert , mit Blut strotzend angefüllt ; die feineren Veränderungen 
der W i e r ef , welche sich hier sowohl als in den frühem Fällen fan- 
den , werde ich später im Zusammenhang betrachten. Blase normal. 
Das Duodenum enthält einen abnormen Divertikel, keine miliaren Krebs« 
eruptionen. 

(Fortsetzung folgt.) 



De l'exomphale ehez Teufaui negre, 

par A. LioTAUD, de la Trinidad (Indes ocokfentales), 

Doctcur en mederiae de la beulte de Paris. 

(SuÜe et fin.) 

II r£sutte de tous ces dötails que les parois abdominales con- 
tractöes ou distenduetf, quoique döterminant toujöurs la compres- 
sion des intestina, condition indispensable a la formation d'une 
hernie, n'ont plus rien de commun quarrd il s'agit de Touverture 
qui, dans le moment, peut donner passage k l'intestin. 



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180. 

L'ötat actif pr^pare et dötennine la heroie au. pH dp Vatae en 
restant un obstacle constant k sa formation ä l'anaeau ombilical, 
L*#tat passif prepare et determine la Hernie ä 1'anhean, mais \\ 
ne fait que la pröparer au pli de l'aine. L'exomphale naftra de 
la persistance de la distension des parois abdominales, tandis que 
ces parois doivent redevenir souples pour que les consequences 
de l'allongement des bords des ouvertures crurales et inguinales 
puissent avoir lieu. 

Des la naissance, les bords des ouvertures crurales et in- 
guinales n'öprouvent de modifications que celles qüe Energie vi- 
tale imprime ä tous nos tissus. II n'est pas de meme de l'änneau 
ombilical. L'ouverture qui existait pendant la vie intra-uterine 
tend k disparattre par la r&inion, k Taide d'un tissu cicatriciel, 
des trois vaisseaux ombilicaux, de l'ouraque, de lapeau, du pd- 
ritoine et du pourtour de l'ajineau. Avant que cette cicatrice aü 
pris la consistance qui puisse lui permettre de servir d'obturateur, 
eile peut etre troublee dans son travail de consolidation. Ses dif- 
jferents öläraents se dissocient et l'ouverture redevenue libre peut 
livrer passage ä l'intestin. C'est ce qui arrive quand l'&at passif 
vient agir sur l'änneau avant son entiere Obligation. Aussi Rich- 
ter avait-il raison de dire que plus l'enfant est jeune, plus il est 
tixposö ä l'exomphale. Ainsi l'enfant, ä sa naissance, n'a pas at- 
teint son entier ddveloppement, il lui manque Toblit^ration de Fan* 
neau ombilical. Quand ce travail est accompli, il n'y a plus d'ou- 
verture , par consequent plus de condition, comme au pli de l'aine, 
pour la sortie de l'intestin. La hernie , nlanmoins, peut encore 
se montrer dans cette region ; mais eile indique alors que la dis- 
tension des parois abdominales a däterminö une öraillure aux en- 
virons de l'anneau , ou qu'elle a trouvä son Ouvertüre libre par 
suite de ce qui s'est passö pendant la premföre enfance. 

II y a donc encore cette difterence entre F6tat contractu et 
l'dtftt distendu des paroiß abdominales que l'influence , qui m r6- 
sulte, ne cesgse jamais sur les ouvertures du pli de 1'alne, et 
qu'elle devient nulle sur celle de la region ombilicale apres l'äge 
de quelques mois, mais uniquement parce que cette Ouvertüre 
n'existe plus. 



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181 

i 

Si les consid£rations qui pre^cedcnt sont justes que penser 
des difförentes causes assignees ä la productioh de Fexomphale? 
fcst-it juste de dire que les cris, les quintes de toux de la co- 
queluche , certaiiis decubitus, la ceinture qui maintient le cordon 
ombüical, «tc.- f peuvent faire sortir Fintestin par Fanrieau ooibi- 
lical ? " ' 

Presque tous les auteurs admettent , en premiere Iigne , Fin* 
fluence des cris sur ce qui se paisse du cötö de Fombilic. Cepen- 
dartt; d'aplres ce que j'ai dit, cette cause agissant sur un enfant 
place dans des conditions tout-ä-fait physiologiques determinerait 
plutöt la hernie aux eines. .Mais il est certain que Fenfant qui 
porte uhe hernie ombilicale a beaucoup cri6 avant que la hernie 
he se formät, et je he doüte nullemertt que la tension active des 
muscles respiräteurs n'ait «donnö plus de puissance aux causes 
präexistahtes. Cette circonstance neanmoins n'ätait nullement 
n^cessaire; mals eile a frappö les observateurs , eile a ele* prise 
j)our une cause tiriiquö et eile a masque le veritable point de de- 
part. L'enfant crie constamment et il ne peut en etre autrement, 
car il y a souffrance determinöe par le trouble des fonctions di- 
gestives (tympanites). Si ön avait etä ä mfeine de tout observer^ 
de tout reconnaftre chez Fenfant porteur d'une exomphale , on 
öurait aufcsL pü dire avec autant de raison , que de beaucoup man- 
ger expose les etifants ' a cette ihfirmitß; Car crier et divorer i 
guivant Fexpression vulgaire, sont le cachet des enfants donl 
Fombilic pro^mine. Dans de semblables circonstance^ !a disges- 
fion est incomplete , Fassimilation ne räpond pas aux besoiiis de 
F^conomie , il faüt donc que la faim se nSveille ä de courts in- 
tervalles et Fenfant Findique par ses cris. Du reste, chez Fen- 
fant k la mamelle le cri föpete n'est point un phenomene physiolo- 
gique , il est toüjours Fexpression d'un etat morbide. J'ai cepen- 
dant ol>serve un enfant qui pendant les deux mois qui ont suivl 
sa naissance criait presque constamment. Je n*ai jamais pu dd- 
couvrir la cause de ces cris , et une saute* florissante annoncait 
que tout, dir moins du cöte* du tube digestif, etait ä F^tat nor- 
mal. II n'y avait point <le tympanite ; le venire ötait souple, aussi 
la hernie ne se montra pas. 



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18fc 

Les quintes de toux determinöes par la coquetyche agisscnt 
comme le cri sur Penfant, mais avec plus d'energie et surtout 
avec plus d'effct. L'enfant qui tousse convulsivement cede ä une 
cause qui domine Pinstinct et exige le maximum de la puissance 
musculaire. L'anneau ombilieal est plus resserre que jamais , et 
les ouvertures du pli de Paine ont leurs bords tendus de maniere 
ä resister ä tout*ce qui pourrait les ecarter. Toute hernie nor- 
male devient en quelque sorte impossible dans ce moment. Et si 
Pintestin s'öchappe quelquefois, dans ces circonstances, p'est que 
d'autres causes sont revenues annuler reffet produit sur les apo- 
nevroses par Penergie des contractions musculaires. En effet, 
quand on tient compte de la fräquence de la coqueluche et de la 
raretö de la hernie chez Penfant, on est Obligo de reconnaftre 
qu'il faut ä la sortie de Pintestin au pli de l'aine, le travail pr£- 
paratoire dont j'ai parte ou une conformation anatomique particu- 
liere. Yers Pombilic , que ce travail pröparatoire ait eu Heu ou 
non, la hernie reste neanmoins impossible , car la contraction des 
muscles droits s'y oppose. 

Le decubitus horizontal, dont parle Sabatier, devient, d'a- 
pres ma maniere de voir , une cause tout-ä-fait nulle. La cein- 
ture ombiiicale comprimant les parties laterales de Pabdomen (JK. 
Vidal de Cassis) me semble incapable de nuire , car la ceinture 
ne peut comprimer les parties laterales et rester sans actions sur 
les parties antärieures. 

Ainsi la cause indispensable ä la produetion de Pexomphate 
est la tympanite , et la tympanite qui se döclare avant que la ci- 
catrice ombiiicale ait acquis toute sa consistance. D'autres causes, 
comme Pascite, pourraient produire le mdme eilet, mais le temps 
qui s'ecoule de la naissance au moment de Pobüt6ratio,n com- 
plete de Panneau , et bien d'autres circonstances empechqnt que 
Penfant se trouve dans de semblables conditions. La tympanite 
reste donc, en quelque sorte, Punique cause de Pexomphale; 
mais ce sera dans une foule de circonstances que Pintestin se 
mät£orisera , et malgre cette multiplicite de causes > je puis dire 
que le plus souvent c'est le regime qui porte le trouble dans les 
fonetions digestives; 



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183 

Bien des mädecins pensent que peu de temps apres la nais- 
sance une mere doit , outre le sein , donner un peu d'aliments ä 
son enfant. Beaucoup de femmes se croient obligecs de suivre 
un pareil conseil ä cause de la source d'oü il decoule. Un plus 
grand nombre (Celles principalement de la basse classe) ne pou- 
vant, ä cause de leurs occupations, presenter le sein aussi sou- 
vent que l'exigent les besoins de l'enfant, ont recours ä Fallai- 
tement mixte. La routine , de son cötö , conduit une foule de 
meres ä suivre un semblable Systeme d'education. D'autres, qu'il 
serait difficile de compter, sont persuadees que l'allaitement pur 
et simple les £puiserait, elles et leur enfant, et elles ont recours 
au biberon qu'elle* ajoutent au sein. 

L'allaitement mixte est donc une pratique generale, soutenue 
par des circonstances telles que si eile doit disparaitre 9 ce ne sera 
qu'ä la longue. Rien , pourtant , n'est plus contraire aux voeux 
de la nature. Et, sans entrer dans trop de d&ails, je mention- 
nerai certains points qui , servant de termes de comparaison entre 
Tallaitement pur et Tallaitement mixte , me conduiront au but que 
je me suis propose d'atteindre. 

L'enfant qui n'a que le sein de sa mere , et d'une mere qui 
märite le titre de nourrice, ne tete, le plus, que six fois pen- 
dant la journäe et deux fois pendant la nuit. 11 pourra prendre 
le sein avec avidite , mais jamais avec voracite ; c'est plutöt avec 
nonchalence qu'il cherchera ä satisfaire son appötit; aussi quit- 
tera-t-il souvent le mamelon pour sourire ä sa märe , et chaque 
bruit le fera-t-il suspendre son repas. Jamais ä ces moments de 
reläche un cri ne trouble le bonheur de la nourrice. L'enfant 
semble alors jouer avec le sein et la femme se rejouira d'£tre 
mere. Tout est calme , parce que tout est naturel , et le som- 
mert continue cette sörenite , Tapanage de l'enfance , la recom- 
pense de la tendresse maternelle. 

Les evacuations seront rares ; elles ne se renouvelleront que 
toutes les 24 beures , et pourront , fort souvent , n'avoir lieu 
qu'au bout du quatrieme , du cinquieme , meine du huitieme jour. 
II n'y a point constipation ; le ventre est souple et nullement sen- 



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184 

sible. L'assimilation a laisse peu de residus , et ce ne peüt etre 
qu'ä la longuc que leur accumulatiom exige leur expulsion. 

L'enfant qui, outre Je sein, re<;oit une nourriture artificielle, 
röclame ä chaque instant le mamelon ou le biberon, et il s'cn 
empare avec voracite. II n'a aucun sourire pour la nourrice , il 
ne porte aucun attention ä ce qui se passe autour de lui. Qu'on 
lui retira le mamelon, ses cris le redemanderont immödiatement. 
Le sommeil ne viendra pas mettre fin ä ses repas ; il faudra le 
determiner par mille moyens , car quoique Tenfant ait pris au- 
delä de ses besoins , il n'a point satisfait sa gourmandise. 

Les evacuations seront fröquentes (deux ä trois fois par 
jour) et elles contiendront beaucoup de lait coagute. Leur avi- 
ditö sera trop prononcde. Le ventre sera constamment tendu et 
sensible. Les cris s'entendront ä chaque instant, determines soil 
par des coliques (probablemenf) , soit par la faim qui ne s'elait 
apaisee que pour un moment. La digestion est iricomplete et eile 
ofTre peu de matöriaux ä Tassimilation , ce qui explique le besoin 
si frequent de nourriture, la voracite, le manque de sommeil, la 
diarrhöe , les coliques , surtout la tympanite. 

Ce dernier 6tat pathologique est le point saillant, celni qui 
dönote la diffärence de rösultat entre les deux systömes d'educa- 
tion physique , celut qui entralne des consäquences fftcheuses pour 
l'enfant. 

Cette tympanite peut se präsenter ä des Sges bien diffdrents, 
et pour qu'elle amene la sortie de Pintestin par l'anneau , il faul 
qu'elle precede la consolidation de la cicatrice ombilicale. Apres 
cet elat döfinitif de Fanneau , la tympanite cesse d'etre cause de 
la hernie , et la hernie meme cesse d'&re possible. C'est le con- 
traire pour les hernies crurales et inguinales; les conditions h£- 
cessaires ä leur production se rdalisent pendant lä tympanite, et 
ces conditions n'amenent de räsultat qu'apres la disparition des 
gaz intestinaux. 

La tympanite seule ne süffit donc pas ä lä sortie de 1'intes- 
tin par I'ombilic ; il faut, de plus, que les difförentes parties qui 
doivent oblitärer Fanneau puissent se dissocier; II est, des-lörs, 



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185 

facile de comprendre que Pexomphäle ne sera pas toujours unö 
consöquence inövitable de l'allaitement mixte. 

Vn enfant digerera mieux qu'un autre , et quand son estomac 
gouffrira , Tanneau ombilical sera d&jä oblitörö. Une mere don- 
nera k son nourrisson des soinfi bien entendus, et reculera ainsi 
le moment oü la tympanite se döclarera. La Constitution de ces 
petita ßlres viendra aussi influer sur T6poque oü se comptetera 
l'&at de Tombilic. Le söin ne pourra m&ne pas toujours mettre 
Tenfant k Pabri de la tympanite* Le lait sera mauvais et devra 
ses mauvaises qualitös k une foule de circonstances , comme la 
Constitution, le regime, le genre de vie , P6tat moral de la nour- 
rice, 

Ainsi on peut dire , en general , que tout ce qui peiit trou- 
bler les fonctions de l'estömac et d&erminer la tympanite k une 
cerlaine öpoque de la vie de Penfant, est une cause d'exomphale. 
Mais comme Pallaitement mixte commence de bonne heure est und 
pratique generale, et que ce Systeme d'tSducation physique en- 
traine presque toujours Pindigestion par suite de m&äorisme , il 
est pennis de donner la pr££minence k cette cause du trouble qui 
survient dans les fonctions digestives. Et cette cause sera d'au- 
tant plus puissante que Taliment donnä ä l'enfant sera pluä re- 
belle aux forces de PestOmac par la nature, sa mauvaise qualitä, 
sa mauvaise preparation , sa distribution irräguliöre. 

Aussi, m6me en tout reportant k Pallaitement mixte, est-il 
n^anmoins des degrös k etablir , et il importait de les elablir pour 
£claircir les points suivants : la hernie ombilicale est - eile plus 
frdquente chez les negres que chez les enfants blancs ? — est- 
eile plus freqüente dans les pays chauds que dans les paysfroids? — 
est-elle plus fröquente chez les petits gargons que chez les pe- 
tites filles? 

D'apres M. Lesiner de File Bourbon, M. Fortineau de lfc 
Louisiannc , citös par M. Vidal de Cassis , d'apres Popinion gt5- 
n&ralemeftt röpandue, l'exomphale aurait plus de prödilection pour 
Venfant negre. Sil en ötait röellement ainsi en dehors de toute 
cause speciale fournie par les agents exterieurs , il faudrait eher- 
eher däns une conformation anatomique particuliere Pexplicatfoh 



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d'un semblable phenomene. Je n'ai rien trouvö de tcl dans mes 
recherches , et il ne poinait en ctrc autrement , car il me sem- 
ble , d'apres ce que j'ai dit pn§cedemment , qu'une pareille con- 
dition fournie par l'anatomie devient inutile. 

II est hors de doute qu'ici (ä Hie de la Trinidad) comme ä 
Bourbon, ä la Louisianne et ailleurs il y a beaucoup plus d'en- 
fants noirs atteints d'exomplialcs que d'enfanls blancs. Je ne con- 
ieste point ce fait, et j'y ajouterai un autre qui a öte egalement 
nole : c'est que la mortalite chez les enfants noirs est beaucoup 
plus forte que chez les enfants blancs. Et ceux qui ont voulu 
remonter & la source de celte differcnce si grande dans la mor- 
talite, ont reconnu qu'elle decoulait d'une hygiene aussi mal en- 
tendue que possible. S'il est donc certain qu'on observe l'exom- 
phale plutöt chez le negre que chez le blanc , il est aussi cer- 
tain que ce sera dans la population ätheopique qu'on trouvera 
toutes les causes que j'ai assignöes ä la production de la hernie 
ombilicale comme l'allaitement- mixte commencö trop tot, des ali- 
ments peu convenables, difficiles ä digerer, mal prepares, de 
mauvaise qualitö et donnäs irregulierement , comme surtout des 
soins nuls ou fort mal entendus. 

En dehors de ces circonstances et sous l'influence d'une hy- 
giene convenable , je n'ai Jamals vu la hernie ombilicale chez un 
petit negre , tandis que je Tai constatäe chez l'enfant blanc chaque 
foi4 qu'un mauvais Systeme d'education a pu d&erminer la tym- 
panite avant robliteration de l'anneau. 

Maintes fois, pour etudier mon sujet, j'ai pris les mesures 
n£cessaires , afin de deeider quelques negresses ä changer le re- 
gime de leurs enfants dans le but de les döbarasser de leur gros 
nombril. Et comme je les engageais ä supprimer toute nourri- 
ture artificielle , elles ne manquaient jamais de inobjeeter que leur 
lait ne suffirait jamais ä l'entretien du nourrisspn; qu'elles-memes 
seraient bien vite epuisäes par l'enfant qui reclamerait alors le 
sein ä chaque instant , ce qui leur semblait devoir £tre inevitable. 
Quelques-unes cederent ä mes suggestions , et bientöt elles s'a- 
pergurent que les cris avaient cesse ; que la faim se renouvelait 
moins soüvent et qu'elle s'apaisait plus facilement ; que les eva- 



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187 

cuations ötaient plus rares et surtout moins liquides; que le venire 
etait souple et insensible; que le sommeil dtait calme et pro- 
longo , et que le sourire , pendant la veille , avait remplace Ies 
cris. L'enfant avait öchange son etat morbide contre une santä 
parfgite et la hernie n'existait plus. 

Plusieurs nögresses, dont chaque enfant avait portö une her- 
nie ombilicale , ont ete assistees par moi ä une procbaine deli- 
vrance. D'apres nies conseils qui furent suivis, leurs enfants 
furent 6\c\6s uniquement ä l'aide du sein, et jamais la hernie ne 
s'est montree. 

On a remarquö ici que depuis l'abolition de l'esclavage, 
Fexomphale est devenue moins frequente. D'apres les rensei- 
guements que j'ai recueillis , les negresses esclaves remises des 
suites de couches , reprenaient leur travail et ne donnaient le sein 
que trois fois par jour ä leurs enfants. Dans l'intervalle de ces 
repas, des femmes vieilles ou infirmes ötaient chargees du soin 
des enfants et apaisaient leur faim ä l'aide de panade. C'etait 
l'allaitement mixte commencö de bonne heure et probablement mal 
dirige. Depuis l'ömancipation, des motifs dictes par la raison onf 
conduit quelques negresses ä elever convenablement leurs enfants ; 
d'autres , en plus grand nombre , qui n'ont interprete le mot /»• 
berte que dans le sens du pcnchant qui les domine , la paresse , 
n'ont donne que le sein ä leurs enfants pendant les premiers mois, 
parce qu'ii convenait beaucoup mieux k leur apathie de faire töter 
l'enfant que de preparer un peu de panade. Les cas d'exom- 
phale devaient donc diminuer. 

U se trouve dans cette colonie-ci un certain nombre de Coo- 
lis (Hindous). J'ai observe leurs enfants et j'ai ete etonnd, mal- 
gre la maniere miserable dont vivent ces gens , de ne rencontrer 
aueün cas de tympanite, par cons<§quent d'exomphale. Les meres 
que j'ai interrogö m'ont affirme qu'elles n'elevaient leurs enfants 
qu'ä l'aide du sein. 

II y a dans ce moment-ci une damc blanche que j'ai ac- 
couchee , et qui croit devoir elever son enfant comme sa mere a 
eleve les siens. Ouinze jours apres la naissance, le nouveau-ne 
a pris alternativement le biberon et le sein. La Constitution £tait 



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188 

trös bonne et nöanmoins la tympanite s'est d£clarde , et ä sa satte 
la hernie ombilicale. A la mßme dpoque j'acconchai une autre 
dame blanche dont la Constitution avait 616 minöe par tes fiövres 
intermittentes. Le travail fut long et penible , et je fus obligä 
d 'aller detacher le placenta adhörent dans toute sa surfate. Tout, 
chez eile, contrariait la lactation. Le lait etait mauvais, aussi 
Festomac du nouveau - n6 ne tarda pas ä se d^ranger. La tym- 
panite se montra et la hernie se forma. 

Aujourd'hui les deux enfants ont cinq mois ; le premier, tou- 
jours souinis au mßme regime , porte encore sa hernie ; le se- 
cond , qui a fini par trouver de bon lait dans le sein de sa mere 
entierement retablie , est döbarrasse de son infirmite. 

Je fus une fois consulte par une dame blanche , dont 
chaque enfant , au nombre de * cinq , avait port£ une hernie 
ombilicale. Elle desirait savoir s'il y avait possibilitö de sous- 
iraire l'enfant, qu'elle allait mettre au monde, k Finfirmite qni 
avait affectö les autrcs. Je lui conseillai de ne donner que le 
«ein au nouveau-ne jusqu'ä Y&ge de six a huit mois , Suivant les 
circonstances qui se pr&senteraient , et de ne jamais aj outer a ce 
rögime les fäcules dont eile avait enipätä les autres, Le conseil 
Tut suivi , et cet enfant fut exempt d'exomphale. II est probable 
que sans ce changement de Systeme d'education Fintestin serait 
sorti et le fait aurait pu etre mis sur le compte de l'hereditö. 

La frequence de cette maladie chez le petit negre n'est donc 
pas la consequence d'une predisposition , mais bien le fait d'un 
&at social inferieur ä celui des blancs. 

On est meme alte jusqu'ä dire que certains tribus negres 
ätaient plus sujettes que d'autres ä l'exomphale ; pour moi , c'est 
dire indirectement que ces tribus vivent et dlevent plus mal leurs 
enfants que d'autres. 

Sur les marches, la hernie ombicale influait sur le prix pro- 
posö pour un jeune esclave. II est facile de comprendre cette 
d£pr£ciation qui s'adressait , ä l'insu du planteur , non ä FefFet , 
Ina« & la cause, c'est-ä-dire ä la mauvaise Constitution du sujet. 
II ne devait pas 6tre certainemcnt de Fint£r6t de Facheteur de 
tontlure & baut prix, pour ün esclave dont l'estomac etait un 



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gouffire, les goüts deprav£s et l'apparence effttmiiiäe 9 carle grof 
nombril annonce toujqurs un appötit glouton , fort souvent mor- 
bide (pica) et un manque complct d'energie. 

Les infractions aux rogles hygteniques, dans les pays chauds, 
pouvant plus facilement deranger les fonctions du tube digestif f 
et etant plus prejudiciables ä la sante que dans les pays froids , 
je crois pouvoir dire, en I'absence de toute preuve directe , que 
l'exompbale doit £tre plus fr£quente ici qu'en Europe. 

Quant ä l'influence d^terminee par le sexe , je la crois nulle 
et je m'appuie sur le mode de Formation de la hernie. M. Mal* 
gaigne a pu trouver plus de gargons atteints de cette infirmite et 
JM. Girard plus de petiles Alles. Je ne vois dans ces deux re- 
sultats contradictoires qu'une simple coincidance de mauvaises 
conditions bygieniques tantöt avec un sexe , tantöt avec un autre. 
Cependant si on tient compte d'une circonstance qui a etö notde 
(Quetelet), que Tenfant male pendant la vie intra-utörine et m&ne 
apres la naissance, exige, pour se developper, des conditions plus 
Javorables que Celles nöeessaires ä la petite fille, an pourrait 
penser que le tube digestif, chez le pelit ganjon , est plus ex- 
pos£ ä se deranger , par consequent ä determiner la hernie. De 
plus, si j'ai raison de considerer la tympanile du jeune öge 
comme predisposant aux hernies crurales et inguinales , on peut 
encore dire que le sexe male presente plus de cas d'exomphale, 
puisqu'a Fäge adulte la hernie aux afnes est plus frequente chez 
Thomme que chez la femme. Et cette derniere raison ne perdrait 
pas de sa valeur si le fait de H. Girard etait exact , et si reelle- 
ment les petites Alles offraient plus de cas d'exomphale , par con- 
sequent serait plus predisposees ä la hernie au pli de l'aine ; con- 
dition qui amenerait alors ces hernies plus souvent chez la femme 
que chez l'homme , ce qui est contraire aux fails. La prödispo- 
sition peut exister, mais ä part l'influence du genre de vie, la 
respiration costale superieure qui est propre ä la femme , peut 
bien la protäger contre yne affection qui est si intimdment li£e ä 
tout ce qui a rapport ä l'expiration. 

J'arrive au traitement. On devine facilement que faisant tont 
d&ouler de cet etat morbide du tube digestif qui peut produire la 



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lympanite, je rejette tous les moyens contentifs proposös. Mon- 
sieur Vidal de Cassis , les passant en revue et cherchant ä les 
appretier , a parfaitement raison , en terminant sa critique , de 
dire que le plus souvent la nuture fait tous les frais de la gu<§- 
rison. On a cito des cas, oü des enfants retenus au lit pour 
cause de maladie, ont 616 döbarrassäs de leur hernie. Sans doute 
les effets du traitement employö avait rappelt rint£grit6 des fonc- 
tions digestives et fait disparaitre la tympanite. 

Les bandages que röclament les .hernies du pli de l'afne ne 
peuvent mßme pas justifier la mßme pratique pour la hernie om- 
bilicale. II faut contenir une hernie inguinale , parce que l'ou- 
verture qui lui a donne passage ne peut point changer ses dia- 
metres. Mais Tanncau ombilical , quoique conservant toujours ses 
diam&res anormaux, arrive ä des conditions telles, quand la 
tympanite a disparu, quand les intcstins ont pu reprendre lcur 
place dans la cavitä abdominale , quand les muscles droits ont pu 
recouvrer leur £tat normal, que la hernie n'a plus de tendance ä 
se former. II faut qu'une cause , comme la grossesse , par exem- 
ple , rappeile la rfistension des parois abdominales pour que Fin- 
testin s'ächappe par l'anneau , comme je Tai fort souvent constatß 
chez des nögresses eneeintes. 

L'hygiäne est la source ä laquelle il faut puiser pour trouver 
les indications a remplir quand on veut debarrasser un enfant d'une 
exomphale. La hernie se forme , parce que quelque chose ne 
convient pas dans le regime. Le lait n'est pas bon ; il faut agir 
sur la märe ou donner une nourrice. L'enfant, par sa Constitu- 
tion , par un 6tat morbide quelconque , ne digere pas bien le lait 
de sa märe; c'est la Constitution qu'il faut modifier, c'est l'6tat 
morbide qu'il faut combattre. L'allaitement mixte a ete adopte 
pour le nourrisson , il faut tout supprimer et ne lui laisser que le 
r sein. Le plus souvent c'est ce surcroft d'aliments qu'il faut en- 
lever pour combattre des aeeidents qu'eux seuls ont d6termin6s. 
En un mot, il faut decouvrir la cause de la tympanite et l'dcar- 
ter, si c'est possible. Je dis la tympanite, car jamais je n'ai vu 
Texomphale eoineider avec la souplesse des parois abdominales, 
et c'est avec raison que , vulgairement, on dit : gros venire, gro$ 



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nombril. En effet, si la tympanite ne dcHermine pas toujours la 
hernie , la hernie est toujours une preuve cerlaine de l'existence 
de la tympanite. 

Je terminerai par quelques considdralions qui decoulent na- 
turellement de tout ce qui precede: 

Si rdellement la distension des parois abdominales avant ren- 
tiere cicatrisation de Tümbüic est la condition sine qua non de 
Vexomphale , si , par des raisons qu'il est facile de saisir , cette 
distension est toujours due, dans le jeune äge, ä la tympanite; 
comme cette tympanite se lie nöcessairement & un trouble sur- 
venu dans les fonclions digestives, on peut considerer la hernie 
ombilicale comme l'expression de digestions irtcompletes ; puisque 
beaucoup d'enfants blancs ou noirs , confiös ä mes soins et öle- 
\es uniquement ä l'aidc du sein , ne m'ont jamais presente de cas 
de tympanite , par consequent d'exomphale , quand tout ötait con- 
forme aux regles hygiöniques ; et puisque chaque fois , en g£nö- 
ral , que j'ai rencontre* la tympanite et une hernie ombilicale, Ten- 
fant qui ötait ainsi aiTecte etait soumis ä Tallaitement mixte, \\ 
me semble que de Tappreciation de la cause la plus göndrale de 
Texomphale et de la constatation des deux faits prdcödents , dö- 
coule nöcessairement le principe de ne doftner que le sein au 
houveau-nö. 

Comme Panneau ombilical , k Vage de deux mois , est ordi- 
nairement oblitörö , on pourrait croire qu'ft cette öpoqüe une mere 
serait autorisee ä s'aider du biberon. C'est ä cette epoque, en 
effet, que göneralement les dames blanches ont recours ä Tallal- 
tement mixte. Leurs enfants echappent ä la hernie ombilicale , 
mais n'övitent pas toujours la tympanite;' et si j'ai raison de dire 
"que la tympanite , en agissant sur les ouvertures qui se trouvent 
ä Paine, prödispose aux hernies dans cette rögion, si, surtout, 
on a raison de v oir dans le mauvais ötat de Festomac des con- 
ditions tout-ä-fait defavorables ä la santö gönörale cortsidöree 
principalement d'une maniere absolue , il s'en suit rigoureusement 
que Foblitöration complete de Panneau ne peut servir de limite 
pour le moment oü le nouveau-nö doit commencer ö recevoir une 
nourrrture artifictelle. 



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D'apres Yidie si räpandue que les cris produisent la sortie 
de rinteslin , d'apres la confiance qu'on a dans les moyens con- 
tenfifs , on maintient la ceinture qui retenait le cordon ombilical 
longtemps apres la chüte de ce cordon. Par cette prdcaution on 
espfere mettre l'enfant ä l'abri de l'exomphale. Comme , fort sou- 
vent , j'ai observe que cette ceinture irritait non-seulement ia pe- 
tite plaie qui resulte ordinairement de la chüte du cordon, mais 
möme la peau si tendre de l'enfant, je conseille toujours de tout 
enlever aussitöt qu'il ne reste plus rien du cordon. Je suis par- 
venu k g&i&raliser ici cette pratique, et quand rien n'a troublö 
la digeslion, jamais l'exomphale n'a eu lieu. 

Si la tympanite , ä part ce qui se passe du cöte de l'ombilic, 
prädispose aux hernies crurales et inguinales, cette tympanite 
s'observant plus souvent chez le negre que chez le blanc pen- 
dant l'enfance , la hernie au pli de 1'aine doit plutöt afTecter le 
negre que le blanc. Le fait est tel , mais il peut etre du a des 
circonstances tout- ä- fait ötrangöres ä la prödisposition dont je 
parle. Les elements me manquent pour resoudre la question. 

Le temperament lymphatique a 616 not£ comme prödisposant 
ä la hernie aux aines. Mes idctes confirmeraient completement ce 
point de la science , et l'exactitude du fait serait un appui ä mes 
idees. L'etat des tissus permettrait plus facilement leur allonge- 
ment pendant l'etat passif; il diminuerait, apres la tympanite,' l'ä- 
nergie des contractions musculaires et laisserait, pendant l'&at 
actif, plus de flaccidite aux bords des ouvertures. L'intestip 
quoique repoussö avec peu de force trouverait näanmoins plus de 
ft.cilitö ä sortir de la cavitö abdominale. 

Qu'un enfant porte , en naissant , le temperament lympha- 
tique , il rendra plus difficilcs , plus delicats les soins qu'il rä- 
clame. A la moindre infraction aux regles hygtäniques particu- 
lieres prescrites par la nature , la tympanite apparaftra immedia- 
tement. 

Qu'un enfant n6 dans de bonnes conditions offre plus tard 
les altributs de ce temperament lymphatique f il le deyra & un 
mauvais Systeme d'öducatlon. 

Ainsi on peut dire que la prödisposition herniaire determinöe 



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par le tempörament lymphatique d&rive du Systeme d'&Jucation , 
soit que ce Systeme n'ait point combattu l'&at normal de Tenfant, 
soit qu'll Tait d6termin£. % 



Ueber Eudocarditis und Pericarditis rheumatiea und 
Mesenccphalitis malactica , 

von Prof. Dr. W. Vogt. 

Die unten erzählten Beobachtungen Nr. III und IV mögen es 
rechtfertigen, dass wir hier zwei anscheinend ganz diflerente 
Krankheiten zusammenstellen. Um unsere Bemerkungen darüber 
nicht ineinander zu wirren , wollen wir zuerst von den rheuma- 
tischen Herzaffectionen sprechen und mit der 

I. Endocarditis rheumatica 

beginnen. Zuvörderst einige Beobachtungen über dieselben. 

Beobachtung I. Elisabeth Hoffmann von Riggisberg wurde am 
8. April 1858 im Inselhospital aufgenommen. Diese 24jährige kräftige 
Landarbeiterin litt seit fünf Tagen an wanderndem acutem Gelenkrheu- 
matismus, der noch an mehreren Gelenken der oberen und unteren Ex- 
tremitäten vorhanden war. Die localen entzündlichen Erscheinungen 
waren von massigem Grade, ebenso das Fieber von 106 Pulsschlagen 
in der Minute , und eine Affection eines inneren Organes bei der ersten 
Untersuchung nicht wahrzunehmen. Es wurden ihr Pillen von Vera- 
trin zu Vio Gran alle drei Stunden verordnet. Schon bei der fünften 
Pille , nachdem also V 2 Gran Yeratrin gebraucht war , bekam die 
Kranke Erbrechen, worauf die Pillen ausgesetzt wurden. 

Sie blieb am 9. April, wo sie sich noch in demselben Zustand , 
wie Tags vorher , befand , und auch keine Verlangsamung des Pulses 
wahrgenommen wurde , ohne Arznei. Während der Nacht auf den 

10. April hustete die Kranke öfter und richtete sich dabei wegen 
Brustbeklemmung im Bette auf. Am Morgen klagte sie wenig über 
Beengung , dagegen über eine unbestimmte , unbedeutende Schmerz* 
haftigkeit in der Herzgegend. Das Athmen war normal. Der Radialpuls 
war schwach, leicht zusammendrückbar, noch 104 in der Minute. Die 
Percussipn ergab eine Ausdehnung der Vorhöfe des Herzens von drei 
Zoll. Die auf der Brust mit Tinte bezeichnete Grenze des dumpfen 
Percussionstons ergab die Figur eines Dreiecks mit abgerundeten 
Winkeln, dessen untere Spitze der normalen Lage der Herzspitze ent- 
sprach, und dessen drei Zoll messende Basis oben die ausgedehnten 

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Vorhöfe in ihrer normalen Lage bezeichnete. Der Impuls, des Herzens 
war schwach und konnte mit der aufgelegten Hand gar nicht gefühlt 
werden. Die Auscultation ergab Schwäche der Herztöne ohne irgend 
ein abnormes Geräusch. Es wurde hieraus diagnoslicirt eine Anfültung 
und Stagnation des Blutes im Herzen, besonders in den leicht ausdehn- 
baren und wenig activ contractilen Vorhöfen, ohne feste Gerinnungen 
und Einlagerung derselben in die Herzostien , und ohne eine Verände- 
rung der normalen Lage des Herzens. Es wurde eine Aderlässe von 
10 Unzen gemacht und Kalomel zu Gr. 1 alle drei Stunden gereicht. 

Am lt. April fanden sich hierauf bedeutende Veränderungen. 
Schon bald nach der gestrigen Aderlässe hatte sich der Puls in seiner 
Frequenz gemindert. Er hatte jetzt 75 — 80 in der Minute und war 
ausgedehnt, weich und wellenförmig. Die Nacht war ruhig verlaufen, 
ohne die Beengungen, wie in der vorigen. Der gestern so ausge- 
dehnte, dumpfe Percussionston in der Gegend der Herzvorhöfe war 
ganz verschwunden , und nur in der Grösse eines Taubeneies war die 
Anlagerung des Herzens an der Brustwand bemerkbar. Die normalen 
Herztöne waren lauter und deutlicher, der Impuls des Herzens hatte 
sich gehoben und war wieder fühlbar. Die örtlichen rheumatischen 
Affectionen waren überall in bedeutendem Rückschritt. Das aus der 
Ader gelassene Blut zeigte die beim acuten Rheumatismus gewöhnliche 
fibrinöse Beschaffenheit . in bedeutendem Grade. Es wurde heilte keine 
Arznei gegeben. 

Am 12. April waren noch die örtlichen Rheumatismen im Rück- 
schreiten. Auch das Herz war ganz frei , der Puls jedoch etwas mehr 
angeregt. Ein geringer Katarrh der grösseren Bronchien belästigte 
jetzt die Kranke am meisten und es wurde ihr desshalb eine Emulsion 
mit Vin. stib. und Syr. diacodii verordnet. 

Am 14. April war die Kranke in jeder Beziehung in Reconvales- 
cenz. Allein am 

17. April fand sich wieder ohne irgend eine äussere Veranlassung 
neues Fieber mit 100 Pulsen in der Minute und mit reissenden Schmer- 
zen in den untern Extremitäten, jedoch ohne Fixirung des Rheumatis- 
mus in einem Gelenk und ohne erneuerte Herzaffection. Es wurde 
daher wieder Veratrin zu 6 /io Gran * n ^4 Stunden gegeben: 

18. April. Das Veratrin in dieser Gabe erregte auch wieder Er- 
brechen und Purgiren. Jedoch sank der Puls darauf auf 80 und auch 
der Rheumatismus minderte sich ohne sich förmlich zu localisiren. 

Von dieser Zeit an lief der Rheumatismus ganz ab, ohne weitere 
Rekrudescenz , und die Kranke wurde den 26. April völlig geheilt ent- 
lassen. A. Anker ) Praktikant. 

Beobachtung IL Emanuel Hertig von Rüderswyl, 20 Jahre 
alt, Handarbeiter, wurde am 15. April in das Inselhospital aufgenom- 
men. Die Untersuchung am 16. ergab Rheumatismus acutus seit acht 
Tagen , zuerst an den Knie - und Knöchelgelenken der Beine , dann auf 
die oberen Extremitäten wandernd , und jetzt noch an beiden Hand* 



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igelenken in massigem Grade bestehend. Oer Puls 125 , klein, unter« 
drückt, etwas ungleich. Der Herzimpuls schwach, kaum fühlbar. Die 
Zeichnung de* dumpfen Percussionstons der Herzgegend ergab ein ab- 
gerundetes Dreieck, dessen Seiten 3 Zoll maseft. Der innere Sehen* 
kel dieses Dreiecks lief parallel mit der Zwergfellansetzung , und die 
Basis desselben war stark gegen die Mitte der Brust geneigt. Die Aus- 
eultalion zeigte Schwäche der beiden Herztöne ; sie waren beide zu- 
gleich unrein , gedehnt und ineinander fliessend. Der Atliem war dabei 
ziemlich gut und die Beengung nur gering. 

Es wurde diagnosticirt : Blutanfüllung im Herzen , besonders in den 
ausgedehnten Vorhöfen , beginnende Gerinnung mit Einlagerung der Ge- 
rinnsel in die Ostien und Senkung der schweren Vorhöfe nach innen 
und unten, so dass die natürliche diagonale Lage des Herzens bereits 
einigermasen in eine quere verwandelt war. 

Der Kranke hatte seit dem vorigen Tage bereits 6 / 10 Veratrin ge- 
nommen, ohne dass eine Wirkung davon auf den Darmcanal oder auf 
tlen Puls erfolgt war. Es wurden nun noch weitere 4 /io Gran Veratrin, 
eine Aderlässe von 10 Unzen und 1 Gran Kalomel alle drei Stunden 
verordnet. 

17. April. Der Puls hat nur 70 Schläge, ist ziemlich kräftig, 
weich und wellenförmig. Der Rheumatismus an den Handgelenken hat 
bedeutend abgenommen. Der Percussionston des Herzens ist auf die" 
Grösse eines Hühnereies reducirt und das Herz wieder in seiner nor- 
malen Stellung. Die beiden Herztöne sind gehörig stark , klar und 
deutlich geschieden. Der Impuls der Herzspitze ist wieder gut fühlbar. 

18. April. Der Umfang des dumpfen Percussionstons des Herzens, 
tlie Herztöne , der Impuls des Herzens , der Radialpuls u. s. w. ganz 
normal; der locale Rheumatismus beinahe ganz verschwunden, darum 
keine Arzneien mehr und nur gute Pflege des Kranken. 

24. April. In Folge einer kleinen Erkältung ist bei dem noch 
schwachen und anämischen Kranken seit gestern wieder neues Fieber 
und ein neuer Rheumatismus an den Handgelenken aufgetreten. Das 
Herz aber ist dabei gar nicht afßcirt. Der Kranke ist immer noch sehr 
anämisch. Es wird Chinin zu Gr. 8 auf den Tag gereicht. 

1. Mai. Die kleine Verschlimmerung ist wieder verschwunden. 
Völlige Reconvalescenz. Chinin wird noch fortgebraucht. 

5. Mai. Der Kranke wird als geheilt entlassen. 

14. Mai. Hertig hatte sich wahrscheinlich sogleich nach seiner 
Entlassung Erkältungen ausgesetzt und kam nun wieder mit einem 
Rückfall ins Spital. Die acute Periode des neuen Ausbruchs des Rheu- 
matismus , welcher bald nach seinem Austritt wieder eintrat und ihn 
wieder ins Bett warf, ist bereits abgelaufen. Es sind jetzt nur noch 
chronische Rheumatismen in einigen Gelenken bemerkbar , und obgleich 
Brustsymptome vorhanden gewesen sein sollen von derselben Art, wie 
sie früher bei der Herzaffection bemerkt wurden , so ist doch jetzt das 
Herz völlig frei. Der Kranke ist aber sehr matt, anämisch, gegen 
kleine Temperaturwechsel sehr empfindlich , die Esslust ist schlecht , 



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obschon sich keine wesentliche Affection der Verdaunngsoigane vor- 
findet. 

Es wird nun zur Verbesserang des Appetits , der ganzen Ernäh- 
rung und der Blutbereitung, sowie zur Verhütung neuer Ausbräche 
des Rheumatismus, Arsenik (Tinct. Fowleri 4 Tropfen dreimal täglich) 
gereicht. Zugleich täglich ein Bad von 27° R. mit */ 4 Pfund Soda. 

3. Juni. Unter Fortsetzung dieser Behandlung schritt unter ge- 
ringen Schwankungen des Befindens die Besserung vorwärts , so dass 
heute der Kranke in befriedigendem Zustande entlassen werden konnte. 
Am Ende Juni befand er sich noch ganz wohl und ein weiterer Rück- 
fall war bis dahin nicht eingetreten. Herrn. Demme , Praktikant. 

Wir haben in diesen beiden Fällen durchaus nicht eine aus- 
gebildete Endocardilis , sondern vorerst nur eine Blutanfül- 
lung in dem Herzen und davon erzeugte Ausdehnung der Vor- 
höfe und Herzohren , wie sie auch bei vielen andern Krankheiten, 
z. B. Pneumonie , Ruhren etc. , sich oft findet. Da aber die wei- 
tern Folgen dieser Blutanfüllung , namentlich die ausgebildete En- 
docardilis oder Thrombose des Herzens , die Hyperthrophieen des- 
selben und die Pericarditis eine grosse Bedeutung haben, so ist 
die frühzeitige Erkenntniss dieser Blutanfüllung und ihre Behand- 
lung von grosser Wichtigkeit, und wir wollen daher erst einmal 
näher auf sie eintreten. 

In unsern beiden Beobachtungen waren die ohne physica- 
lische Untersuchung sich ergebenden Symptome einer etwaigen 
Herzaffection sehr gering, und nur in einer unbedeutenden Dis- 
pnce bestehend. Sie waren durchaus noch nicht auffordernd^ zu 
einer genauem Untersuchung der Brust , und viele Aerzte, denen 
analoge Fälle noch nicht vorgekommen sind und die nur die deut- 
licheren subjectiven und objectiven Zeichen der Endo- und Peri- 
carditis im Kopfe tragen , mögen wohl beim acuten Rheumatismus 
unter solchen Umständen die genaue Untersuchung des Herzens 
versäumt haben. Es sind mir schon sehr viele den beiden er- 
zählten ganz analoge Fälle vorgekommen , und ich halte es darum 
für eine heilsame praktische Regel , bei dem acuten Rheumatis- 
mus besonders , weil hier die Folgen dieser Herzcongestion viel 
leichter bedeutsam werden , als bei andern Krankheiten , immer 
durch die physicaliscbe Untersuchung den Zustand des Herzens 
genau zn erforschen und sogleich kräftig einzuschreiten, wenn eine 



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Ueberfüllung des Herzens sich herausstellt. Die beiden Fälle 
zeigen , dass die Anfüllung im Anfang die Herzbewegungen 
schwächt, indem dabei der Impuls des Herzens, die Herztöne 
und die Arterienpulse sehr viel an Kraft verlieren. In manchen 
Fällen jedoch (s. Beobachtung III) ist auch starke Herzpalpitation, 
bedeutende Dispnoe und Kurzathmigkeit , gleichsam zur Einleitung 
vorhanden, ohne dass noch bei der Untersuchung eine Vergrös- 
serung der Vorhöfe nachgewiesen werden könnte (ibidem). Ja 
bei manchen Vorgängen, wie z. B. bei starker und ungewohnter 
Anstrengung beim Bergsteigen in starker Hitze , zumal wenn noch 
Lasten auf dem Rücken getragen werden, beim Schwimmen gegen 
den Strom mit Aufbietung aller Kraft , wo dann das kalte Was- 
ser noch das Blut aus den äusseren Theilen zurück gegen die 
inneren Organe drängt, werden die Herzbewegungen aussetzend 
und ganz irregulär , so dass der Kreislauf anfängt zu stocken , 
Ohnmächten erfolgen und selbst ein plötzlicher Tod eintreten 
kann , ohne dass eine beträchtliche Ausdehnung der Vorhöfe vor- 
handen wäre. 

Im Anfang der Anfüllung behält noch das Herz seine nor- 
male diagonale Stellung , so dass das durch die Percussion zu 
umschreibende Dreieck mit seiner Spitze nach links und unten, 
und mit seiner Basis nach oben und etwas schief nach rechts ge- 
richtet erscheint. Je länger aber die Anfüllung dauert, desto 
mehr verändert sich die Lage des Herzens, die schweren, über- 
füllten Vorhöfe sinken immer mehr herab, so dass endlich das 
rechte Herzohr und die Wand des rechten Ventrikels auf den Bo- 
den des Herzbeutels zu liegen kommen. Das Percussionsdreieck 
ist dann mit seiner Basis mehr gegen die Mittellinie der Brust 
gerichtet, und sein rechter Schenkel ganz der Insertion des Zwerg- 
fells entsprechend. Das Herz hat dann mehr eine quere als dia- 
gonale Richtung, wie man sie auch gewöhnlich bei den Herz- 
hypertrophien findet. Dass in massigem Grade vergrösserte Her- 
zen mehr oder weniger nach dem linken Thorax überhängen, und 
erst die sehr vergrösserten und erweiterten diese Querlage an- 
nehmen , habe ich niemals beobachtet , und bezweifle auch die 
Möglichkeit, dass ein hypertrophisches Herz zuerst nach links 



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überhangen , und dann umgekehrt nach rechts sich umdrehen 
kann. Man hat vielleicht die Vergrösserung des linken Vorhofs 
für ein Ueberhängen des ganzen Herzens nach links angesehen. . 

So lange das im Herzen angehäufte Blut noch flüssig ist, sind 
wahrscheinlich die Herztöne noch ziemlich normal , ohne After- 
geräusche , aber mehr oder weniger gedehnt , nicht gehörig ab- 
klappend und ineinander übergehend. Sobald aber Gerinnun- 
gen erfolgen, lagern sich auch dieselben zwischen die Klappen 
in die Ostien. Dann zeigen die Herztöne schon Aftergeräusche 
verschiedener Art , der Durchgang des Bluts durch das Herz ist 
mehr erschwert, die secundären Zufälle vermehren sich und die 
Symptome der Endocarditis fangen an sich zu entwickeln« Wie 
lange es dauert , bis die Gerinnungen anfangen , ist in den ein- 
zelnen Fällen sehr verschieden , und hängt nicht allein von der 
Gerinnbarkeit des Blutes , sondern hauptsächlich von seiner Sta- 
gnation ab. So lange das Blut im Herzen noch in ziemlicher Be- 
wegung ist , geht gar keine oder nur geringe und langsame Ge- 
rinnung vor sich. Mit der Stockung der Bewegung aber beginnt 
sie in den Herzohren , und geht dann in weitern Ansätzen auf 
die Vorhöfe und Ventrikel, sowie in die arteriellen Ostien über. 

Bevor wir auf die weitern Folgen der ßlutanhäufung , Sto- 
ckung und Gerinnung näher eintreten, wollen wir erst noch eine 
weitere Beobachtung beifügen. 

Beobachtung III. Andreas Loosli von Sumiswald , in Aren 
wohnhaft, 30 Jahre alt, trat am 21. December 1857 ins Inselhospital, 
Vor acht Tagen wurde er in Folge öfterer Erkältungen von heftigem 
Frost, mit darauffolgendem Fieber, Kopfweh, brennend keisser Haut u. 
s. w. ergriffen. Starker Schweiss erfolgte in der Nacht vom 14. auf 
den 15. , und dabei von Zeit zu Zeit neues Frösteln. Der spärliche 
Harn war dunkelroth und bildete ein Sediment. Am 15. December ver- 
spürte er zuerst reissende Schmerzen im Kreuz. Dann schwollen der 
linke Fuss und das linke Knie an und die Bewegungen waren mit be- 
deutenden Schmerzen verbunden. Am Abend des nämlichen Tages stell- 
ten sich neue Fieberregungen ein, die darauf folgende Nacht war 
schlaflos , in allen Gliedern verspürte Patient zuckende und reissende 
Schmerzen, die besonders in den schon afficirten, Theilen (Fuss und 
Knie der linken Seite) äusserst lebhaft waren. 

Am 16. Dec. dauerten die Schmerzen fort und waren am Abend 
noch viel heftiger. Am 18. Dec. musste Patient das Bett hüten. Es 
waren jetzt Achsel - , Ellbogen - und Handgelenk dar linken obern Ex- 



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tremität bedeutend angeschwollen. Unter neuen Fieberregungen verbrei- 
tete sich das Uebel auch auf die Gelenke der rechten oberen und un- 
teren Extremität; diess besonders in der Nacht vom 20. December. 

Bei der Untersuchung Montags den 21. Dec. im Inselhospital zeigte 
sich Folgendes : Die Kopfschmerzen , die vorher hauptsachlich bei jeder 
Fieberexacerbation den Kranken belästigten und vorzüglich ihren Sitz in 
der Stirngegend hatten , von da, aber bis in die Hinterhauptgegend sich 
hinzogen, sind gegenwärtig verschwunden. Das Gesicht nicht beson- 
ders injicirt. Patient, ein sonst kräftiges Individuum, liegt wie ge- 
lähmt im Bette , fühlt sich äusserst schwach und klagt noch immer über 
reissende Schmerzen in der Lumbargegend. Es ist copiöser Schweiss 
vorhanden , der Appetit ist gestört , Zunge weisslich belegt , Epiga- 
strium schmerztos bei Druck. Stahl täglich eintretend , trocken. Harn 
nur in geringer Quantität, roth, bildete ein Sediment. Die Percussion 
und AuspulUtion der Lungen und des Herzens sind ganz normal, Herz- 
töne rein, ohne abnorme Geräusche. Der Puls kräftig, 104 in der 
Minute. Alle Gelenke der oberen und unteren Extremitäten (das rechte 
Ellbogengelenk ausgenommen, das seit heute, 21. Dec, freier bewegt 
wird) sind schmerzhaft; die beiden Fussgelenke, das rechte Knie an- 
geschwollen und beim leissesten Druck äusserst schmerzhaft. Eiuige 
Gelenke, namentlich das linke Handgelenk und das linke Knie sind 
nicht mehr so empfindlich wie die vorigen Tage ; es können leichtere 
Bewegungen mit denselben vorgenommen werden. 

Ord. ; Es werden die angeschwollenen Gelenke mit Baumwolle 
eingewickelt« Innerlich 1 Gran Veratrin in 10 Pillen, jede zu Vi Gr. 

22. Dec. Allgemeinbefinden gleich; die letzte Nacht war schlaf- 
los. Reissende Schmerzen in den Extremitäten. Digestionsorgane gleich 
wie gestern.. Puls kräftig, 84 Schläge in der Minute. 

Ord.: Veratrin wird fortgesetzt in der gleichen Gabe. 

23. Dec. Obgleich, einige Besserung im rechten Fussgelenk ein- 
getreten zu sein scheint , ist der Puls seit gestern etwas frequenter 
geworden (zwischen 90 und 100). 

Ord. : Fortsetzung des Veratrins (Gr. 1). 

24. Dec. Affection der Gelenke gleich wie gestern. Der Puls ist noch 
frequenter. Patient klagt über heftiges Herzklopfen, das in letzter 
Naeht eingetreten. Brustbeklemmung uud Kurzathmigkeit. Herztöne 
ziemlich normal. Die Percussion zeigt das Herz etwas vergrössert. 

Ord.: Kalomel mit Dißit. £"a Gr. 1 fünfmal täglich. 16 Blutegel 
in die Herzgegend. 

25. Dec. Herzklopfen dauert fort; Auscultation und Percussion 
gleich gestern. 

Ord.: Digit. mit Kalomel werden fortgesetzt. 

26. Dec. Herzbewegungen sind stürmisch. Das Herz ist in der 
Gegend der Vorhöfe und der Herzohren ausgedehnt. Der dumpfe Per- 
cussionston gibt ein Dreieck , dessen Basis nach oben und innen , die 
Spitze nach unten und links gerichtet ist. Erster und zweiter Herzton 
nicht genau zu unterscheiden ; der zweite scheint undeutlich zu sein. 



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200 

Ord. : Kalomel wird wegen Auflockerung des Zahnfleisches aus- 
gesetzt. Infus, digit. von Gr. viij. pro die cum Liquore kalt acetic. 
Auflegen eines Blasenpflasters auf die Herzgegend. 16 Blutegel. 

21. Dec. Ausdehnung des Herzens etwas grösser. Die linke 
Seite des Dreiecks wölbt sich mehr und der umschriebene Percussions- 
ton ergibt eine rundliche Figur. Der erste Herzton gedehnt und an- 
rein , jedoch ziemlich kräftig. Der zweite klappt nicht genau ab , ist 
schwächer und ähnelt einem feilenartigen Geräusche. Impuls des Her- 
zens nicht stark; die Thoraxwände werden durch die Herzbewegungen 
erschüttert ; die aufgelegte Hand hat die Empfindung eines vibratorischen 
Schwirrens. Der Puls ist ziemlich schwach , trotz der tumultuarischen 
Herzbewegungen, 124 Schläge in der Minute. Die Gelenke beider Hände 
und das rechte Ellenbogengelenk sind weniger beschränkt in ihren Be- 
wegungen. 

28. Dec. Herztöne wie am 27.; der zweite schwächer, unvoll- 
kommen ; Puls 102. Fuss und Knie der rechten unteren Extremität 
bedeutend besser. 

29. Dec. Percussion wie am 27. Die Herztöne werden etwas 
regelmässiger, der erste immer noch gedehnt, der zweite jedoch tritt 
deutljcher hervor, ist aber immer noch schwach. Puls wie gestern. 
Patient klagt über bitteren Geschmack, Eckel u. dgl. — Ord»: die 
Digitalis wird ausgesetzt. 

31. Dec. Puls wieder beschleunigter als die vorigen Tage ; der 
zweite Herzton wieder ziemlich deutlich hörbar, reiner. — Ord.: Ve- 
ratrin Gr. j. pro die. 

1. Jan. 1858. Herztöne wieder besser; Puls matt, zwischen 90 
und 100. Patient ist bedeutend geschwächt, eingefallen, etc., wie- 
wohl die Localaffectionen sich gebessert haben. — Ord.: Chinin 
Gr. viij. pro die. Die darauf folgenden Tage traten nun Fieber- 
regungen ein , Puls wurde beschleunigter , ohne dass von Seite des 
Herzens bemerkbare Verschiedenheiten eingetreten waren. — Ord. : 
Chinin wurde fortgesetzt. 

4. Jan. Die Vergrösserung des Herzens tritt deutlicher hervor. 
Die Herztöne erscheinen ziemlich normal , sind aber undeutlich hörbar 
und unrhythmisch. Der Puls ist aussetzend. Es werden Reibungs- 
geräusche im Herzbeutel wahrgenommen. Die Präcordialgegend ist ge- 
wölbter, der* Impuls des Herzens kräftiger, Dyspnoe grösser!. Der Kranke 
delirirt auf eigenthümliche Weise. Er ist wie halb verrückt. — Ord.: 
Chinin Gr. viij. mit Kali hydrojod. 3/3 pro die. Da* 26. Dec. auf- 
gelegte Blasenpflaster wird ungefähr acht Tage unterhalten. 

7. Jan. Der Percussionston des Herzens ist im Ganzen ausge- 
dehnter dumpf und hat eine andere Form angenommen. Sie bildet 
wieder ein Dreieck, dessen Basis jedoch mit der Zwergfellinsertion 
zusammenfällt, und dessen abgerundete Spitze nach oben gerichtet ist. 
Der Impuls des Herzens nur undeutlich wahrnehmbar, nicht mehr die 
Brustwand erschütternd. Die Reibungsgeräusche im Herzen haben auf- 
gehört. Die Herztöne noch immer schwach , scheinen jedoch ziemlich 



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201 

rein zu sein. - Pols wieder sehr beschleunigt, Harnseeretion gering. 
Die sonderbaren Delirien dauern fort und nehmen zu , zwischendurch 
gibt aber der Kranke vernünftige Antworten. Er hat Visionen und 
Gehörs -Hallucinationen. — Ord. : Digital. Gr. viij. mit Kali acetie. 

9. Jan. Herzvergrösserung noch immer in der angegebenen Form 
zu* constatiren. Herztöne regelmässig; Puls beschleunigt, besonders 
gegen Mittag. Morgens 8 Uhr hatte der Puls 68 Schläge in der Mi- 
nute, um 11 Uhr 100. Patient sieht sehr anämisch aus, Haut schwi- 
tzend ; Urinsecretion besser, 2 Schoppen. Die Delirien fortdauernd. — 
Ord.: Digital, wird ausgesetzt. 

10. Jan. Alle Gelenke sind freier , weniger schmerzhaft. Herz- 
töne regelmässiger. Puls , um 8 Uhr Morgens , 60 Schfäge , um 1 1 Uhr 
zwischen 90 und 100. Starke Diurese ; 6 Schoppen Urin. Delirien 
wie bisher. — Ord. : KaU acetie. mit Spirit. nitr. dulc. 

11. Jan. Das Exsudat im Pericardium fängt an sich aufzusaugen. 
Pols wieder beschleunigt, 120 in der Minute; Diurese gut, 5 Schoppen. 
Nachmittags delirirt Patient wieder stärker. -«Ord. wie oben. 

12. Jan. Puls wie gestern, 120 in der Minute. Herztöne gut 
und regelmässig aufeinander folgend. Die Resorption im Herzbeutel 
schreitet vorwärts ; die Ausdehnung des Herzens geringer. Der. Per- 
cnssionston hat wieder eine rundlichere Form. — Ord. : Veratrin 
Gr. 1 pro die. 

13. Jan. Puls wird unregelmässig, ist verlangsamet, etwas über 
100, zwei Schläge folgen sich rasch aufeinander, der dritte ist immer 
etwas verspätet. Percussion des Herzens wie am 12. Januar. Begin- 
nender Decubitus in der Lumbargegend. — Ord. : Veratrin wird fort- 
gesetzt. 

14. Jan. Patient hat ein stupides Aussehen und unnatürlichen 
Blick. Er delirirt zunehmend Tag und Nacht, ganz in der vorigen 
Weise. Zwischendurch ist er in einem comatösen Zustand , aus dem 
er nur durch lautes Anreden und Rottein geweckt werden kann. Die 
Intelligenz ganz, abgestumpft. Er scheint nur die einfachsten und kür- 
zesten Fragen zu verstehen. Die Sinnesorgane scheinen noch gut zu 
sein. Man bemerkt keine Veränderung in den Pupillen und in der na- 
türlichen Stellung der Augen, keine Hitze am Kopfe. Die Schwäche, 
die Abmagerung, Blässe, das Ein^efallensein etc. haben zugenommen; 
dabei Empfindlichkeit des Bauchs beim Druck, besonders in der Ileocö- 
calgegend; der Stuhl bisher immer sehr irregulär. Die Zunge gelblich 
belegt mit rötblichen Rändern und etwas vergrösserten Papillen , in der 
Mitte trocken. Die Haut schwitzend, Puls klein, wenig beschleunigt, 
Herztöne schwach , nur wenig hörbar. Die Vergrößerung des Herzens 
hat bedeutend abgenommen. Der Kranke bietet nun das Bild eines 
schweren Typhoidfiebers in seinem letzten Zeitraum. — Ord. : Gegen 
den am Rücken an Ausdehnung zunehmenden Decubitus werden Ueber- 
schläge von Aqua Goulardi gemacht; innerlich Chinin und Acid sulf. dil. 
Dr. 1 auf 24 Stunden. 

15. und 16. Jan. Puls klein , 86, Delirien werden immer stär- 



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ker und andauernder. Patient ist bald fröhlich , lachend , bald traurig, 
zornig, im Aerger über seine Umgebung, die er als Feinde seiner 
Person ansieht; dazwischen Coraa. — Ord. : Chinin Gr. 8, Spir. nitr. 
dulc. Dr. %, Acid. sulf. dilut. Dr. 1. 

17. Jan. Erstes Herzgeräusch wieder etwas gedehnt. Percussion 
des Herzens ziemlich normal. Puls klein, 100. Brauner Beleg der 
Zunge und der Zahne. Der ganze Unterleib bei Druck empfindlich. 
Constipation. — Ord. : Klystiere, Pilul. aloetic. neben der vorigen 
Ordination. 

18. Jan. Puls 108. Herztöue schwach. Zungenbeleg wie ge- 
stern. Aloöpillen ohne Erfolg. — Ord.: Klystiere wiederholt und 
gleiche Ordination wie gestern. Die darauf folgenden Tage waren ohne 
wesentliche Veränderung. 

Vom 22. bis 23. Jan. blieb der Zustand im Wesentlichen der 
gleiche. Der Kranke lag immer regungs - und besinnungslos in einem 
halb soporösen Zustande , mit untermischten stillen Delirien. Jede pas- 
sive Bewegung , jede Berührung schien ihm Schmerz zu machen ; er 
stiess dabei bewusstlose Klagen mit weinendem Gesicht aus. Der Blick 
wurde immer stupider und erloschener. Keine wesentliche Verändernng 
au den Augen ; kein Gefühl der natürlichen Triebe mehr ; Stuhl und 
Urin gehen ab , ohne dass der Wärter am Kranken eine Andeutung 
davon wahrnimmt. Die Zunge und der Mund blieben ganz wie bei 
Typhoidfieber. Am Herzen und den Respirationsorganen konnte nichts 
Abnormes wahrgenommen werden. Der Kranke verschied in einem Läh- 
mungszustand am 30. Januar. 

Die Section zeigte Folgendes: Gehirn. Oberfläche desselben 
ohne irgend eine Anomalie. Die Gyri nicht abgeplattet. Die grossem 
Venen an der Oberfläche noch ziemlich mit Blut angefüllt. Kein Erguss 
in die Arachnoidea und Pia maier. Die weisse Substanz zeigt unbe- 
deutende Injectionen ihrer feinsten Gelassenen und normale Gonsistenz. 
In den Ventrikeln kaum etwas mehr Flüssigkeit als im Normalzustande. 
Plexus choroid. wenig blutreich. Das Septum pellucidum, der Fornix 
und seine Schenkel total erweicht, zerflossen, breiig; keine Blut- 
anfüllung in der Umgebung. — Lungen. Der hintere, untere Theil. 
der rechten Lunge im Zustand der Stase; die ganze Lunge sonst ziu- 
noberroth, dazwischen kleinere blutige Infarkte; die linke Lunge zeigt 
diese Röthe in geringerem Grade. — Herz. Das Pericard. ist mit dem 
Herzen so verwachsen, dass es nur mit Schwierigkeit gelösst wird. 
Ein Einschnitt durch Herzbeutel und Herzwandung zeigt eine zwischen 
beiden abgelagerte , hellröthliche , 1 % — 2 Linien dicke, feste Exsudat- 
schiebte. Die Verwachsung ist allseitig ; die Ventrikel und Vorhöfe 
ohne Veränderung , ebenso sind die Klappen durch keine Coagula und 
Verwachsungen in ihren Bewegungen gehemmt. Neuere Blutgerinnsel 
sind in den Kammern nur wenige sichtbar ; es scheint jedoch der linke 
Ventrikel etwas verkleinert. — Darm normal, ohne Geschwüre, ohne 
Injection von Bedeutung , ohne Schwellungen der Gekrosdrüseu. — 
Leber, Milz und Nieren normal. Adolf Anker, Praktikant. 



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203 

Lassen wir die hier vorhandene Gehirnkrankheit zur spätem 
Besprechung bei Seite und halten wir uns zunächst an die Herz- 
krankheit , so führt uns dieses Beispiel zuerst zur Entstehung der 

II. Hypertrophia cordis. 

Wir sehen hier die förmliche Endocarditis , d. h. die Blut- 
gerinnungen in den Herzhöhlen mit der Einlagerung derselben in 
die Ostien sich ausbilden. Zugleich damit begann aber auch eine 
Vergrösserung des Herzens selbst , namentlich des linken Ventri- 
kels , und bald darauf ein Exsudat in den Herzbeutel , worauf 
wir später zurückkommen werden. Die linke Seite des Pereus* 
sionsdreieeks wölbte sich allmählig mehr nach links aus, während 
seine Spitze sich mehr abrundete, nnd dadurch die dreieckige 
Figur mehr in eine rundliche überging. Es war diess die Folge 
des gehemmten Blutdurchganges durch die Aortalmündung, welche 
durch Einlagerung von Blutgerinnsel verengert und im Klappetjschluss 
insufficient war. 

Wenn sich die Coagula wieder auflösen und nicht zu lange 
den Blutdurchgang im linken Herzen hemmen, oder wenn sie 
vornherein gering waren und die Aortalmündung weniger ver- 
stopften , so kommt es nicht zu einer Ventrikelhypertrophie; diess 
war der Fall bei unserm Kranken. Man konnte schon im Leben 
nachweisen , wie die anfängliche Vergrösserung der Vorhöfe und 
die. etwas spätere Wölbung des linken Ventrikels allmählig ver- 
schwanden und die Percussionsfigur des Herzens auf der Brust- 
wand wieder die normale Form des Herzens darstellte. Wenn 
jedoch die Beeinträchtigung des Blutdurchgangs im Herzen bedeu- 
tender tot und länger andauert , so wird die Hypertrophie blei- 
bend. Sie ist anfänglich mehr eine passive Ausdehnung und kann 
um so leichter eine Hypertrophie mit Verdünnung der Wandungen 
werden , je weniger Energie der Herzmuskel hat und je geringer 
der Stand der Kraft und der Ernährung des Individuums ist. Bei 
guter Kraft des Herzmuskels aber nimmt er auch durch die An- 
strengung zur Ueberwindung des Hindernisses des Blutdurchgangs 
an Volum mehr zu , wie jeder Muskel bei seiner stärkern Uebung. 
Es gibt dann eine Hypertrophie mit adäquater Dicke der Wan- 
dungen oder auch mit vorwiegender Dicke derselben. 



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im 

Ich habe oft genug diese Genese der Herzhypertrophien 
beobachtet , so dass bei mir kein Zweifel über ihre grösstenteils 
blos mechanische Entstehung obwaltet. Auch zeigt schon anato- 
misch das gewöhnlich völlig normale Gefüge, die normale Structur 
des Herzmuskels bei den meisten Hypertrophien , dass es ein na- 
türliches Wachsthum und nicht eine Vergrösserung durch ein or- 
ganisirtes Exsudat zwischen den Muskelfasern ist. Auch bei der 
durch Entzündung des innern und äussern Ueberzugs bewirkten 
Atonie des Muskels , sowie bei der primitiven Fettentartung bleibt 
immer das mechanische Moment der grossen Anfüllung der Herz- 
höhlen die eigentliche Ursache der Hypertrophie. Gegen die 
Vermehrung ihrer Ausbildung, durch die Verwachsungen zwischen 
Herz und Herzbeutel spricht unsere Beobachtung. Im Gegentheil # 
scheint die Organisirung des Exsudats und seine Zusammenzie- 
hung wesentlich zur Rückbildung der bereits begonnenen Hyper- 
trophie beigetragen zu haben. ' 

Bei den rheumatischen Endo - und Perikarditen trifft die Ver- 
grösserung fast immer oder doch vorwiegend das linke Herz, 
während bei Hindernissen des Lungenkreislaufes, wie z. B. bei 
Lungenewphysem , das rechte Herz betroffen wird. Wir haben 
aber auch beim Rheumatismus die Gerinnungen des sehr faser- 
stoJFreichen arteriellen Blutes im linken Herzen leichter und grös- 
ser, als diejenigen des venösen Blutes im rechten Herz. Zu- 
gleich ist auch kein Hinderniss für den kleinen Kreislauf in den 
Lungen vorhanden. 

Ganz rein mechanische Hypertrophien des Herzens sieht man 
auch entstehen bei häufig wiederholten Anstrengungen durch Last- 
tragen auf, die Berge. Sie kommen in Gebirgsgegenden , beson- 
ders wo Weinbau stattfindet und der Dünger in die Weinberge 
auf dem Rücken herauf getragen wird, oft genug vor. Es 
geht in solchen Fällen durchaus keine Krankheit des Herzens der 
Hypertrophie voraus. Dagegen haben falsche Innervationen des 
Herzens nur selten und natürlich nur dann Hypertrophien zur 
Folge, wenn die anormalen Bewegungen des Herzmuskels Blut- 
anhäufung und Stockung bewirken. — In nächster Nummer werden 
wir uns zunächst an die Perikarditis wenden. 



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305 



Heber die Tracheotoinie beim Croup der Kinder, 

1 ' von A. Vogt. 

(Fortsetzung aus Nr. V. S. 148.) 



II. Die Gefahren der Tracheotomie im Croup. 

(a. Blatang. Blnieintritt in die Trachea. Statietiek. Zuläasigkeit der Operation 

im Croup.) 

Wir glauben in dem Vorhergehenden zur Genüge bewiesen 
zu haben, dass eine kunstgemässe Anlage einer Trachealwunde 
nicht nur keine Lebensgefahr involvire , sondern , dass sich die 
Gefahren , entkleide! von aller Illusion . auf ein Minimum redu- 
ciren , welches bei richtiger Behandlung , wie wir hoffen , auch 
noch aus der Rechnung fallen wird. 

Im Croup begegnen wir aber einem gefürchteteren Gegner , 
den wir mit dem Tracheotome nur in einer einzigen Position an- 
zugreifen im Stande sind, und welcher, im Falle der Niederlage, 
andere Positionen sucht, vor denen wir vielleicht hülflos die 
Waffe strecken müssen. Widersinnig wäre es aber, desshalb 
jene 'einzig angreifbare Position nicht zu nehmen, wie es die 
Gegner der Tracheotomie empfehlen , und damit die einzige Aus- 
sicht auf Erfolg fahren zu lassen. 

Man wendet uns zwar ein , dass die Tracheotomie im Croup 
ganz andern Gefahren begegnet, als z. B. bei eingedrungenen 
Fremdkörpern, dass durch dieselbe weder die ausgebreiteten 
und festansitzenden Pseudomembranen entfernt; noch der Krank- 
heitsprozess selber geheilt werden könne ; ferner, dass der Croup, 
einmal so ausgebildet , dass der Tod unabwendbar erfolgen müsse, 
auch nach vollführter Operation zum Tode führe, und daher die 
letztere mindestens als nutzlos und barbarisch erscheine; dass 
vielleicht gerade die Tracheotomie zur Beschleunigung des Uebels 
beitrage. 

In der That wird die Tracheotomie vor Allem bei jenen Kehl- 
leiden, welche die Rima glottidis verengern oder schliessen, 
durch die venöse oder parenchymatöse Blutung aus der 
Wunde ungleich gefährlicher, als wenn sie bei wegsamem Kehl- 



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«06 

köpfe ausgeführt wird. Gesiebt, Hals und Nacken sind dort bläu- 
lich und ödematös aufgedunsen , die Augen , wie bei Erdrosselten, 
aus ihren Höhlen vorgetrieben und beim Einschneiden in die Ge- 
webe entleert sich oft stromweise das in allen Venen aufs Höchste 
angestaute , dunkle Blut , zumal aus* einer Wunde an der Vorder- 
seite des Halses, wo die beträchtlichen Venennetze der Schild- 
drüse liegen. Da die Ursache jener Blutanfüllung allein in dem 
Athemhemmnisse liegt , so wird auch einer heftigen Blutung aus 
den Venen am Schnellsten und wirksamsten Halt geboten durch 
die ungesäumte Eröffhung der Luftröhre, wie es auch aus der 
mitgetheitten Krankengeschichte (S. 99) hervorgeht. Pitha 1 ) 
sah sogar bei einer Tracheotomie eine heftige Blutung aus der 
Wunde mit dem Freiwerden des Athems stille stehn und -dann , 
bei jeder wiederkehrenden Athembeschwerde, auch immer wieder 
eintreten. Es Hessen sich aus der Literatur massenweise Be- 
lege noch beibringen. 

Es ist daher auch ein durchaus irriger, aus übergrosser 
Aengstltchkeit entsprungener Rath , vor jener Eröffnung der Luft- 
wege für Stillung der Blutung zu sorgen, gerade wie wenn wir 
beim Aderlasse die angeschnittene Vene zur Stillung der Blutung 
unterbinden wollten , um erst nachher die Compressionsbmde zu 
entfernen. Wie wir hier zuerst mit dem Compressorium die wirk- 
samste Ursache der Blutung entfernen, so dort durch die Eröff- 
nung der Trachea. Es kann diess Verhältniss nicht anschaulicher 
gemacht werden , als es Porter 2 ) bei der Erzählung eines Falles 
von Croup thut , bei welchem die Tracheotomie gemacht wurde. 
Er erzählt : « Beim ersten Schnitte wurden einige oberflächliche 
«Venen verwundet, die eine furchtbare Menge Blut ergossen. 
«Das Kind konnte nicht schreien , aber es sträubte sich hef- 
«ttg , und diese Anstrengungen steigerten die Blutung zu einem 
«wirklich beunruhigenden Grade. Dennoch wurde trotz der gros- 
«sen Schwierigkeit in der Operation fortgefahren , indem die Theile 



1 ) Pitha, Beitrag zur Würdigung der Bronchotomie (Prager Vier- 
teljahrschrift. 1857. Bd. 53. S. 28). 

2) Porter, Beobachtungen über die chirur. Krankheiten des Kehl- 
kopfes und der Luftröhre. Uebers. von Bunge. Bremen 1838. S. 126. 



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um 

«durch das Blut undeutlich gemacht und jeder Zug des Messers 
«vollführt wurde , ohne dass man wusste , was sich gerade unter 
«der Schneide befinden möge. Einige von den Venen der Schilddrüse 
«wurden verwunde! und trugen noch das Ihrige zu der Blutung 
«bei; und doch schien es auch nicht rathsam zu sein, ehe eine 
«halbe Stunde verflossen war, die Luftröhre zu öffnen, da- 
«mit nicht das Eindringen des Blutes in die Luftröhre die Kranke 
«ersticke. Endlich schien das Kind schwach zu werden , obgleich 
«es eben keine sehr grosse Menge Blut verloren , weil man immer 
«Schwämme angedrückt hatte ; sein Gesicht wurde blass und blut-> 
«leer und das Auge starr, die Respiration ruhiger , aber am Halse 
«konnte man deutlich die Anstrengungen der Muskeln sehen, und 
«der Kehlkopf wurde, wenn auch langsamer wie vorher, auf und 
«ab bewegt. In diesem Zustande wurde ein kleines Stück aus 
«der Luftröhre ausgeschnitten , und das Kind hustete und mühte 
«sich ab und warf ein wenig blutigen Schleim durch die Wunde 
«aus mit mehr Kraft, als man ihm hätte zutrauen sollen. Die 
«Schwierigkeit der Respiration war nun beseitigt und 
«eine halbe Stunde nachher schlief es ein. » Desault 
machte die Tracheotomie bei einem Kinde. «Beim ersten Ein- 
«schnitte war die Blutung so heftig, dass er eine Zeit lang inne- 
zuhalten genöthigt war und in der Zwischenzeit starb es» 1 )« 
Aehnliche Fälle Hessen sich noch viele anführen. Wood 2 ), wel- 
cher selbst mehrere solche Fälle erzählt , setzt sehr richtig hin- 
zu : « Man darf jedoch hierbei nicht unterlassen zu bedenken , 
«dass bei drohender Erstickung alle Halsvenen widernatürlich er- 
«weitert sind, und dass die Blutung auf die leichteste Weise 
«durch die Oeffnung der Luftröhre und durch Entfernung der 
«Ursache , von welcher die Turgescenz der Gefässe herrührt , 
«gestillt wird.» 

Wir wollen mit dem Gesagten keineswegs jenen hastigen , 



*) Porter, 1. c. S. 397. 

s ) John W.ood, über die Entzündung der Keklkopfschleimhaut 
und die Bronchotomie ; aus den „ Med.-chirur. Transact. of London. u 
Vol. XVII. Uebersetzt in r „ Neue Sammlung auserlesener Abhandlun- 
gen. Leipz. 1836. Bd. XVI. S. 559. 



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906 

fast blinden Operationsverfahren das Wort reden , sondern suchen 
im Gegentheil die geschwellten Venenstämme bei der Operation 
bei Seite zu schieben oder zu umgehen; allein Wenn sie einmal 
durch Ungeschicklichkeit, Hast oder durch die Unmöglichkeit der 
Umgehung verletzt sind und reichlich bluten , dann ist ein Stich 
in die Luftröhre ein souveränes Mittel der Blutstillung. Man muss 
sich nur einmal selbst überzeugt haben, mit welcher Rapidität 
jene dickgeschwollenen Venengeflechte zusammenfallen , und sich 
dann durch ihre Kleinheit dem Auge völlig entziehen, und wie 
plötzlich jene ergiebigen Quellen der Blutung versiechen, sobald 
der erste freie Athemzug durch die Trachealwunde die Circula- 
tion wieder belebt ! Beobachten wir doch ein Aehnliches bei 
jeder Amputation , wenn wir den Patienten tiefe Athemzüge machen 
heissen , um die venöse Blutung zu stillen. Beim Erwachsenen 
freilich ist vor der Eröffnung der Luftröhre viel sorgfältiger auf 
Stillung der Blutung Bedacht zunehmen, da hier, nach Trous- 
seau's Angabe, bisweilen noch die Blutung auch nach Befreiung 
der Respiration fortdauert, und hier auch die Verletzung der oben 
(S. 140) angeführten Arterienzweige in Frage kommt; 

Und was macht denn/ diese Blutung, welche bei kaltblütigem 
Operiren vermieden werden kann oder aber zu kurz andauert, um 
das Leben durch Anämie zu gefährden, und welche erfahrungs- 
g^mäss nie die alleinige Ursache des Todes bei einer unglück- 
lichen Tracheotomie war? Es ist das gefürchtete Eindringen 
des Blutes in die Luftwege, welches man so oft, ohne wei- 
tere Kritik , als Todesursache angab , und daher seinen schäd- 
lichen .Eirifluss ins Ungeheuerliche vergrösserte. Cheyne 1 ) em- 
pfahl daher das Einstossen eines Troikars mit Röhrchen in die 
Trachea ohne vorherigen Einschnitt in die Haut, Chassaignac 2 ) 
das Einstechen des Bistouri's in einem Akte, bei Fixation der 
Luftröhre durch einen scharfen Hacken, Dujardin 8 ) und Clerc 4 ) 



Cheyne , on the pathology of the membrane of the larynx and 
bronchia. Edinb. 1809. p. 173. 

2) Gaz. des höpitaux. 1853. Nr. 54. 

3) „ „ „ 1856. Nr. 151. 



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3Ö9 

zerstörten die Wetchtheile bis zur Trachea mit Wiener-Aetz- 
paste(l) u. s. f. Man Hess sich mit einem Worte durch eine 
chimärische Furcht zu den abenteuerlichsten , unpraktischsten Ope- 
rations verfahren verleiten, welche glücklicherweise in der Praxis 
keine Sanction erlangen könnten. 

Alle diese verwerflichen Abwege waren durch die Furcht vor 
dem Bluteintritte in die Trachea vorgezeichnet. Lassen wir, um die 
Frage über die Gefährlichkeit dieses Intravasales zu entscheiden, 
vorerst den Experimentator und dann den praktischen Beobachter 
reden. 

Hohmann ') und Volkmann 3 ) machten bei Kaninchen die 
Tracheotomie , schnitten hierauf grobe Aeste der Vena jugularis , 
oder diese Vene selbst an , und leiteten das Blut in vollem Strome 
in die Luftröhrenwunde. Erst «nach einigen (4 — 5) Minu- 
ten» pflegte hier die höchste Atbemnoth bis zur Asphyxie ein- 
zutreten, und dennoch erholte sich ein Drittheil der so behan- 
delten Thiere hernach wieder zu vollständiger Gesundheit. Es ist 
wohl schwer , sich in praxi einen Fall nur zu denken, wo, selbst 
bei einer ungeschickt vorgenommenen Tracheotomie, eine Vena 
jugularis während vier bis fünf Minuten ihren ganzen Blutstrom 
in die Luftwege ungestört ergiessen könnte. Freilich steht ein 
durch andauernde Athemnoth heruntergekommenes croupkrankes 
Kind , dem überdiess bei der Eröffnung der Luftwege noch die 
so häufige Ohnmacht droht, unter ungünstigeren Bedingungen, 
und wir können daher eine überzeugende Entscheidung doch nur 
in der chirurgischen Casuistik suchen. 

P. Guersant, Sohn, welcher den Luftröhrenschnitt schon 
über dreihundertmal ausgeführt hat, erwähnt keines Todesfalles, 
welcher durch Bluteinfliessen in die Trachea erzeugt worden 
wäre; Trousseau, welcher kaum weniger Tracheotomien in 
seiner Praxis zählt, Guersant aber wohl an scharfer Beob- 
achtungsgabe und Kritik weit übertrifft , sagt 3 ) : « Was das Ein- 



*) Ueber den Bluteintritt in die Luftwege beim Luftröhren schnitte. 
Inauguraldissertation. Harburg 1854. 

2) Deutsche Klinik. 1857. Nr. 49 S. 271. 

3) Union mtdicale. 1851. Nr. 91 et seq. 



14 



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210 

«strömen von Blut in die Trachea betrifft, wovon man so viel 
«Wesens gemächt hat , so habe ich nie gesehen, dass dieses Er- 
«eigniss irgendwie bedenklich geworden wäre, vorausgesetzt, dass 
«man sogleich die Wunde in der Trachea geöffnet erhielt.» 1 *). In 
ähnlicher Weise äussern sich Pitha, Passavant und viele An- 
dere. Gegenüber dieser immensen Erfahrung verschwindet die 
kleine Zahl von unglücklichen Fällen , in welchen der Bluteintritt 
den Tod erzeugt haben soll, zumal da diese Fälle nur höchst 
mangelhaft erzählt sind ,. und die Behauptung meist gar nicht durch 
den anatomischen Befund gestützt wurde. 

Wenn z. B. Roser 8 ) glaubt (1), er habe ein Kind, wel- 
ches ihm unter dem Messer 'blieb , durch jenen Bluteintritt ver- 
loren , so glaube ich richtiger aus dieser Ausdruckweise auf einen 
sehr rapiden Tod (durch das Blutintravasat erfolgt er nicht so 
rapid) in Folge von Ohnmacht oder Lähmung schliessen zu können. 
Sehr oft scheint man jene Ohnmacht , wetehe nach der Eröffnung 
der Luftröhre gerne einzutreten und die sonst so prompt durch 
das Freiwerden der Athmung erfolgende Blutstillung zu verhin- 
dern scheint, oder anderweitige Missverhältnisse, als eine durch 
Bluteintritt erzeugte Asphyxie gedeutet zu haben , ohne den ana- 
tomischen Beweis zu leisten. Hieher rechne ich den viel citirten 
Fall von Roux 3 ), bei welchem weder das geringfügige Blut- 
intravasat («petite quantiM de sang»') Asphyxie erzeugte , vielmehr 
blos mit einer formidablen Ohnmacht coincidirte, noch das Aus- 
saugen der kleinen Blulquantität mit einer elastischen Sonde die 
Ursache der Wiederbelebung war, da der Patient noch zwei Tage 
nachher in jenem Ohnmacht ähnlichen Zustand verharrte. Ebenso 
trat bei dem vielerwähnten Falle von Virgili 1 ) die Sticknoth 
nach der Operation keineswegs durch das eingeflossene Blut, 
sondern vielmehr durch die Verschiebung der Wundränder 

*) C. Lceper deutet eine Erzählung von Trousseau falsch, 
wenn er von ihm Inder „deutschen Klinik" (1857. 48. S. 464) sagt: 
„ Trousseau glaube auf diese Weise ein Kind verloren zu haben. a 

2) CanstattV Jahresber. für 1856. Bd, Itf. S. 147. 

3 ) Andral, Clinique medicale, Tome IV. p. 211. 

4 ) Boyer, Abhandl. über die chirar. Krankt*. Aus d. Französ. 
von Textor. Würzburg 1822. Bd. Ytf. S. 131. 



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21 1 

einer zu kleinen Trachealwunde ein, wie der fernere Verlauf 
nach Erweiterung der Wunde beweist. Auch jenen merkwürdigen 
Fall von Schneevogt und d'Ailly 0> bei welchem die schlecht 
eingeführte Kanüle anfangs einen falschen Weg bahnte und da- 
durch wahrscheinlich die spätere Durchbohrung der Art. anonyma 
mit tödtlicher innerer Blutung einleitete , wird man hier wohl nicht 
anrufen dürfen. Solcher falsch gedeuteter Fälle Hessen sich noch 
viele zum Belege anführen. 

Auf der andern Seite findet sich aber in der Literatur eine 
grosse Zahl von Tracheotomien aufgezeichnet, bei welchen bald 
grosse , bald kleine Quanta Blut in die Luftröhre drangen , und 
dann durch den angeregten Husten wieder ausgeworfen wurden , 
so dass sich selbst ein französischer Arzt zu der Behauptung ver- 
leiten Hess , dass das bei dem Luftröhrenschnitt in die Trachea 
tretende Blut nur einen heilsamen Reiz zu Husten und Expecto- 
ration von Pseudomembranen zu erregen im Stande sei. Bekannt 
ist es übrigens, dass schon ältere Chirurgen, wie Casserius 
(1619) und Richter (1782) der Blutung bei der Tracheotomie 
einen heilsamen Einfluss auf die Krankheit zuschrieben. 

Wir glauben damit hinlänglich dem Blutintravasate in die 
Luftwege seinen abschreckenden Schein genommen zu haben f 
wollen uns dadurch aber nicht in volle Sorglosigkeit wiegen las- 
sen, da wir Pitha's Vergleich jenes Intravasales mit einer Pneu- 
monorrhagie, welche nach ihm die Ungefährlichkeit von Blutein- 
tritten in die Luftwege beweisen soll, nicht statthaft finden. Blut- 
eintritt und Blutaustritt ist noch wohl zu unterscheiden. Die 
Quelle bei der Blutung liegt bei der Pneumonorrhagie fast immer 
in einer beschränkten Stelle der Lunge , ergiesst sich durch einen 
einzigen Bronchus nach oben, und wird durch die Rima glottidis 
mit grösserer Leichtigkeit ausgeworfen, während das durch die 
Trachealwunde eingezogene Blut , getragen von vehementen In- 
spirationen , sich mit der eingeathmeten Luft allseitiger vertheilt 
und eine grosse Zahl von Lungenbläschen erfüllt , und hier selbst 
ausgedehnte Pneumonie mit Hepatisation erzeugen kann, wie die 

] ) Archiv für die holland. Beitr. zur Natur - und Heilkunde. Bd. I. 
1857. 



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Experimente von Volkmann *) beweisen. Ueberdiess kann man 
Pitha noch entgegensetzen, dass ja Beispiele genug bekannt 
sind, wo eine Lungenblutung den asphyctischen Tod erzeugte. 
Und wenn auch bei Trachealwunden , trotz bedeutender Blutein- 
tritte in die Trachea , wohl nie durch diese letztern der Tod er- 
folgt, wie es am schlagendsten Langen b eck 2 ) dargelegt hat, so 
vergesse man nie , dass in allen diesen Fällen der Kehlkopf noch 
wegsam war, und daher die Verhältnisse ganz andere, als bei 
Verschluss desselben, wie wir weiter oben (S. 146) nachzuwei- 
sen gesucht haben. 

Wir haben uns nur noch an diejenigen Gegner zu wenden , 
welche in dem Krankheitsprozesse selbst die Contraindi- 
cationen der Tracheotomie finden. Wir wollen versuchen, die 
hauptsächlichsten derselben nach ihren Motiven in einzelne Kate- 
gorien zu gruppiren und zu krilisiren. 

Einer der ältesten Einwürfe war der , dass die Operation 
keine günstige Resultate beim Croup aufzuweisen habe 3 ), wel- 
chen Einwurf man später gezwungen war dahin zu modificiren , 
dass die günstigen Resultate mindestens zweifelhaft seien, da 
wohl anzunehmen sei , dass in diesen Fällen die Krankheit ohne- 
hin auch ohne Operation sich günstig entschieden haben würde 
£Gu6rin 4 ) und Andere.) 

Gehen wir in der Geschichte der Tracheotomie zurück, so 
finden wir, dass die schon in den ältesten Zeiten geübte Operation 
zum ersten Male von Home in seiner Inquiry into the nature 9 
pause and eure of the crovp (Edinb. 1765), der ersten Mono- 
graphie über den Croup in der mediz. Literatur, bei der Be- 
handlung des Croup in Vorschlag gebracht wurde. So viel be- 
kannt , blieb aber der Vorschlag unausgeführt , trotz des grossen 
Preises (Fr. 12,000), welchen Napoleon I im Jahr 1807 auf 
die beste Behandlung des Croup aussetzte, und welcher zwischen 



*) Deutsche Klinik. 1857. Nr. 49 S. 472. 

2 ) Langenbeck, Hosologie und Therapie der chirurg. Krankhei- 
ten. Göttingen 1830. Bd. IV S. 454. 

3) Fast alle älteren Autoren bis auf Bretonneau 1826. 

4) Ga*. mtdicale 1857. Nr. 35 p. 545. 



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213 

L. Jur i n e in Genf und J. A. Alb er s in Bremen getheilt wurde. 
Gewöhnlich schreibt man die erste Traeheotomie bei Croup mit 
glücklichem Erfolge Bretonneau 1 ) von Tours zu. Neben man- 
chen verschwiegen gebliebenen ungünstigen Versuchen sind aber 
auch vor Bretonneau's Auftreten schon manche glückliche 
Fälle vorgekommen, wie z. B. ein solcher von Andrö, im drit- 
ten Bande der Medico-chirurg. Transactions mitgetheilt wird. 
Ebenso finden sich noch zwei glückliche Fülle von Thomas 
Chevalier 2 ) und von Marsch. Hall 3 ) in der gleichen Zeit- 
schrift. Trotz dem muss man aber wohl Bretonneau das Ver- 
dienst zugestehen, die Traeheotomie im Croup in die ärztliche 
Praxis eingeführt zu haben. Dem ersten mit Erfolg gekrönten 
Falle von Bretonneau (1825) folgte bald der zweite von seinem 
Schüler Trousseau (1830), und hiemit beginnt eigentlich erst 
die Geschichte dieser Operation im Croup. Eine statistische Wi- 
derlegung der obigen gegnerischen Einwürfe kann daher nicht 
in jene Zeit zurückgreifen , in welcher Hoyer-Collard 4 ) noch 
mit Recht sagen durfte : «Cette Operation a clepratiquee en Amt- 
«rique, en Espagne, en Dantmärc, en plusieurs parties (FAUemagne, 
«ä Geneve , ä Brest, ä Lyon, a Bordeaux, ä Paris; et nulle part 
«eile a rfassi. » 

Wenn wir nun die Resultate im Croup so vollständig zusam*- 
menstelien , als die uns zu Gebote stehenden beschränkten Hülfs- 
quellen uns erlauben , so verhehlen wir uns dabei nicht , dass hie 
und da eine Lücke in unserer Zusammenstellung existirt , und 
ebensowenig, dass sich in derselben das Resultat günstiger stel- 
len mag , als in der That der Fall ist , da ungünstige Fälle gerne 
verschwiegen, gelungene hingegen um so geräuschvoller auf die 
Bühne gestellt werden. Diesem Uebelstand gegenüber muss man 
jedoch nicht vergessen , dass der letztere Vorwurf die statistischen 



1} Bretonneau, des inflammations speciales du tissu muqueux 
et en particulier de la diphtherite. Paris 1826. 

2 ) Medico-chirurg, Transactions. London 1815. Vol. VI. p. 150. 

3) Ibidem. 1810. Vol. X. 

4 ) Siehe Artikel Croup im Diction. des sciences medicales. 
Paris 1813 p. 488. 



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214 

Angaben von Trousseau, Guersant und vielen Andern, in 
welchen Gelingen und Misslingen gleich berücksichtigt sind , nicht 
treffen kann. Die Statistik gibt uns nun folgende Anhaltspunkte : 





Frankreich. 








Bretonneau (1825) 


operirte 20 Mal und 


zwar 6 Mal mit Erfolg, 


Trousseau 2 ) (1830—185 


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P. Guersant 8 ) (1850—1856) 


, 319 


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Bouchut 4 ) . 




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L. Boyer 5 ) . 




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767 Mal und zwar 193 Mal mit Erfolg, 



*) Bouchut, Handbuch der Kinderkrankheiten, altera, v. Bischoff. 
Würzburg 1854. S. 301. 

2) Nach C. Lop er, in der „deutschen Klinik." 185t, Nr. 49, 
S. 72. — C. Weber gibt (in der „Zeitschrift für ration. Medizin** v. 
Henle und Pfeufer, 1853, Bd. III. S. 35) 222 Tracheotömien v. Trous- 
seau, und zwar mit 127 (! ?) Heilungen an. Dieser Irrthum ging dann 
auch über in das „Hannov. Corresp.-Bl. tt V. 2. 1854 und das „Jour- 
nal für Kinderkrankht." 1858, S. 10. Trousseau hat allerdings in 
seiner Privatpraxis von 1851 — 54 die Operation 34 Mal, und zwar 
davon 14 Mal mit Erfolg, gemacht. 

3) Journ. de med. et de chir. prat. 1858, p. 73. 1850 p. 356 
1851 p. 554. 

4 ) Bouchut, Handb. d. Kinderkrankht. , übersetzt von Bischoff. 
Würzburg 1854, S. 301, und Gaz. des hop. 1855 Nr. 98. 

&) Canstatt's Jahresbericht für 1847. Bd. IV, S. 286. 1850 
Band IV, S. 313. 

6 ) Med. Annal. v. Puchelt, Chelius und Nägele. 1842. Bd. VIII. 
Heft 3. 

7 ) Annales & obste trique. Janvier et fevrier 1844. 

8 ) Journal des connaissances tnedicales. Novembre 1849. 

9) Union midicale. Oct. 1843. Aoüt 1850. Juillet 1854. 
10 ) Archives generales. Mai 1849. 



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215 



Demarquay 5 ) 
Bouland *) 
Gerdy 3) 
B6rard ') 
Dupuy !l ) 
Leclerc 
P&el 
Chassaignac * 2 ) 
Archambault 9 ) 
Bernard «) . 
Brault ,2 ) 
Dujardin 12 ) . 
Lagemard 3 ) . 



Transport 767 Mal und zwar 1 93 Mal mit Erfolg, 



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England, Dänemark und Schweden. 



Andre *») 

Thom. Chevalier«) 
Marsch. Hau ») 
Hewson 14 ) . 
Porter 14 ) 
Henry Smith **) 
Edwards i«) . 
Füller ii) . 
Spence 16 ) 
Jones 16 ) 



operirte 1 Mal und'zwar 1 Mal mit Erfolg, 



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Transport 815 Mal und zwar 220 Mal mit Erfolg, 



*i) Journal de Bordeaux. Septembre 1851. 

12) Qaz. des hop. 1853 Nr. 54. 185* Nr. 44 S. 114. 1857 
Nr. 102. 

13) Medico- Chirurg. Transactions. London 1812, 1815 u. 1819 
Band III, VI und X. — Bd. XXV. 

«) Porter, I. c. 8. 122 und 125. 

15) Medic. Times and Qa*i Mai 1850; Jan. und Oct. 1856. 

16) Edinb. med. Journ. Oct. 1856. Febr. 1858. 

17) Laocet, 1857. p. 143 und Med.-chir. Trantact. vol. XIV. p. 39. 



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216 



Transport 815 Mal und zwar 220 Mal mit Erfolg, 



Wilson «) . 




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Erichsen 18 ) . 


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Arnott 18 ) 




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Hancock 18 ) . 




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cntscliland nud 


Schweiz. 






(Stromberg) 20 ) 


. operirle 19 Mal und zwar 


2 Mal mit Erfolg, 


Roser 51 ) 




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Passavant 20 ) . 




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Weber 22) . 




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Bardeleben 18 ) 




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Volkmann 23) 




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Samter **) . 




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Blasius 28 ) 




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Langenbeck i8 ) 




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Pitha 26 ) 




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Baum > 8 ) 




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[>ort 881 Mal und zwar 


246 Mal mit Erfolg, 



* 8 ) Journal für Kinderkrankht. 1857, S. 210 und 290. 1858, 
S. 9, 15, 27, 387. 588. 

*9) Ugeskriß for Lager. Bd. 21. 

2 °) Archiv für physikalische Heilkunde, 1857, S. 267. 1855, 
S. 546. 

2*) Wiener Wochenblatt, 1856. Nr. 40. 

22) Zeitschrift für rationelle Medicin. 1853, Bd. HI. S. 8. 

23) Deutsche Klinik. 1857, S. 472. 

24) Günsburg's Zeitschrift. 1855, Bd. VI. Heft 2. 

25) Med. Zeitg. vom Verfasser für Heilkunde in Preussen. 1854. 
Nr. 11. 

26) Vierteljahrschrift von Prag. 1857, Bd. 53 S. 34. 



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817 

Transport 887 Mal und zwar 246 Mal mit Erfolg, 
E — g 18 ) • • operirte 3 „ „ 

Uithy^O 1 „ 1 

A. Vogt „ 1 „ „ 

Es genasen also von 892 Operirten : 247. 

Es ergibt sich also ans dieser Zusammenstellung, das« von 892 
tracheotomisirten croupkranken Kindern 247, oder von ungefähr 4 
jedesmal 1, genauer 27,8 °/o geheilt werden. Es ist kaum zu be- 
zweifeln, dass die grösste Mehrzahl dieser Operationen erst bei 
höchster Lebensgefahr gemacht wurde , und dass angenommen wer- 
den muss, es wäre ohne die Operation der Tod in den meisten 
Fällen unvermeidlich gewesen. Diess springt noch mehr in die 
Augen, wenn man mit diesen Resultaten die Erfolge der medika- 
mentösen Behandlung des Croup, soweit diess möglich, vergleicht 

Nach Andral 0» Trousseau und Guersant 2 ) zeigt der 
Croup ein Mortalitätsverhältniss von 80 bis 90 %; ebenso Bou- 
det3); nachPfeilsticker*)55%, Emmerich 5 )56 %, Rieke*) 
und West 4 ) 100 % u - s - w - Freilich stellen einige Andere gün- 
stigere Resultate auf, wie Jurine, Santlus, Luszinsky (un- 
gefähr 10 %)> allein sie stehen in so offenbarem Widerspruch mit 
der grossen Mehrzahl anerkannter Beobachter , dass man annehmen 
muss, sie hatten den Begriff von Croup weiter als Jene ausge- 
dehnt , und viele Fälle, welche wahrscheinlich der Laryngitis Sim- 
plex und spasmodica angehörten, als wahre Croupfälle mitge- 
zählt 

Man kann also mit gutem Fug und Recht sagen, dass im 



27) Schweiz. Zeitschrift för Medicin , Chirurgie und Geburtshülfe 
1853. 

*) Andral, specielle Patbalogie , übersetzt von Unge r. 
Theil I. 

2) Nach Roser I. c. 

3) Journal für Rinderkrankheiten 1858. S. 9, und 1850. 

4 ) Würtemberger Correspondenzblalt 1853. Nr. 10 und 21. 

*) Emmerich, Abhandlung über die heutige Bräune. Neustadt 
1854. 



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218 

Grossen, das heisst abgesehen von den einzelnen Epidemien, dem 
Croup drei Viertheile der Befallenen erliegen , und dass von diesen 
immer noch ein Viertheil durch die Tracheotomie gerettet wurden , 
dass also, wie schon Valleix numerisch nachgewiesen haben 
soll , ebensoviel Croupkranke durch die Operation , als durch die 
Naturhülfe und die innere Medication geheilt werden, und dass 
mit der Tracheotomie die Mortalität im Croup auf 50 % herunter- 
gedrückt wird. Weber (1, c), welcher eine ähnliche Berecln 
nung, aber auf eine viel kleinere Basis gestützt, anstellt, kommt 
zu dem gleichen Resultate und ruft mit vollem Rechte aus : «Wel- 
«che Heilmethode kann sich rühmen, in grösserem Maasse die 
«Chancen der Prognose einer Krankheit verändert zu haben?» 
Schon Boy er 2 ) sprach sich in ganz gleichem Sinne aus, und wir 
sind überzeugt, dass Porter, welcher für anderweitige Kehlkopf- 
leiden so beredt die Tracheotomie empfiehlt , bei der Angina mem- 
bracea aber verwirft , eine andere Ansicht ausgesprochen haben 
würde, wenn er in die gegenwärtigen Akten der Wissenschaft 
Einsicht gehabt hätte. 

Es wären mit dem Nachweise der Unschädlichkeit der Tracheo-? 
tomie und ihrer zahlreichen Erfolge eigentlich schon alle weitern, 
meist theoretischen Einwürfe beseitigt. Wenn ich dennoch auf die 
hauptsächlichsten derselben weiter eingehe , so geschieht es , um 
dabei genauere Anhaltspunkte für die Indication im gegebenen 
Krankheitsfalle zu erlangen und einige zum Theil neue Vorschläge 
in Bezug auf die Operation selbst und die Nachbehandlung zu be- 
gründen, worüber wir in unserer nächsten Nummer sprechen 
wollen. 



*) Nach Pitha, in der „Prager Vierteljahrsehritt. tt Band 53 
Seite 3 S. 

2 ) ßoyer, Abhandlung über die Chirurg. Krankheiten, übersetzt 
von Textor. 1822. Band VII. Seite 119. 



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Verdaniniuiigsurtheil der Schweizerischen naturfor- 
schenden Gesellschaft Ober Dr. Guggenbühl auf dem 

Abendberg. 

Am 3. August letzthin sass in Bern die ungewöhnlich zahlreich 
vertretene medizinische Section der Schweiz, natnrforsctieiidea Gesell- 
schaft über Herrn Dr. Gug gen buhl zu Gericht. Aerzte aus allen 
Gauen des Vaterlandes nahmen Theil. Die Verhandlung war kurz, 
der Beklagte anwesend und der Urteilsspruch entscheidend, denn 
er erfolgte einstimmig. Wie sich in dem die Welle brach, 
welche der Credit-Mobilierschwindel aus Frankreich herübergewälzt 
hatte, wie an Bern auch der Schwindel der Eisenbahnmonopole 
zurückprallt , so bricht sich in Bern nun auch der Guggenbühl'sche 
Cretinenschwindel , der seit Jahren ganz Europa in Contribution 
setzte. Der Opferstock auf dem Abendberg ist damit endlich seiner 
magnetischen Anziehungskraft für fremdes Gold beraubt worden. 

Bereits im vergangenen Jahre hatte die Versammlung der 
Schweiz, naturforschenden Gesellschaft in Trogen die für die An- 
gelegenheit des Cretinismus i. J. 1845 in Genf niedergesetzte 
Commission «wegen vertnuthlicher Fruchtlosigktit ihrer Anstren- 
gungen » aufgelöst. In der diessjährigen Versammlung stellte nun 
Herr Prof. Dem nie, nachdem er auf die mannigfachen und gravie- 
renden Vorwürfe hingewiesen, welche Guggenbühl in der Publici- 
stik seit Jahren stillschweigend über sich ergehen gelassen, den 
Antrag an die medizinische Section : 

cd) Dass, da Herr Dr. Guggenbühl der Aufforderung zu einem 
«jährlichen Berichte an die Gesellschaft theils nur unvollkommen, 
«theils (und zwar während 12 Jahren) gar nicht entsprochen hat , 
«namentlich auch dann nicht, als in der medis*. Section der Ver- 
sammlung in la Chaux-de-fonds 1855 ein bedeutendes Misstrauen 
«gegen seine Anstalt ausgesprochen war ; da Herr Dr. G. hierdurch 
«theils Nichtachtung der Wünsche der naturf. Gesellschaft gezeigt, 
«theils die in la Chaux-de-fonds gegen ihn erhobenen Beschwerden 
«nicht widerlegt hat; da er bisher noch keinen einzigen Fall con- 
«statirter Heilung des Cretinismus vorgestellt hat — dass dem 



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220 

«Herrn Dr. G. alle fernere Theilnahme und Unter- 
«stützung der schweif naturf. Gesellschaft zu ent- 
«ziehen sei; 

c<2) Dass sie die allgemeine Versammlung der Schweiz, naturf. 
c< Gesellschaft in der nächsten Sitzung auffordere , dieser Erklärung 
abeizustimmen. » 

Die Verteidigung des Herrn Dr. G. bestand in der Behaup- 
tung , dass ihm alle jene in die Oeffentlickheit gedrungenen Vor- 
würfe bis jetzt unbekannt geblieben, dass ihn die Gesellschaft nie 
unterstützt habe mit — ihrem moralischen Gewichte, wird man 
denken; nein — mit Geld; endlich dass er eine Untersuchung 
durch eine Expertencommission wünsche. 

Man strafte die erste Behauptung sogleich Lügen , da jene Vor- 
würfe fast alle officiellen Berichten . entnommen seien , welche 
Hpirn Guggenbühl bekannt sein mussten; man strafte auch die 
zweite Behauptung Lügen , indem einer der anwesenden Collegen 
selbst seiner Zeit in der Gesellschaft für ihn collectirt hatte. Von 
der moralischen Unterstützung von Seite der Gesellschaft war nicht 
die Rede, da G. nur Geld, und zwar ohne die Bedingung einer 
Rechnungsablage über dessen Verwendung, verlangt. In Bezie- 
hung auf seinen geäusserten Wunsch einer erneuerten Expertise , 
sollte man ihm die Thatsache entgegen, dass bisher alle Berichte 
von Experten, welche von einheimischen Behörden und öffentlichen 
Gesellschaften für Wissenschaft und Wohlthätigkeit auf den Abend- 
berg abgeordnet waren (und deren sind mehr als ein Dutzend) 
ungünstig für die Anstalt nnd deren Leiter ausgefallen sind. 

Die medic. Section pflichtete einstimmig dem Antrage von 
Prof, Demme bei, und Tags darauf, am 4. August, schloss sich 
auch die Generalversammlung der Schweiz., naturforschenden 
Gesellschaft , nach ein Paar treffenden einleitenden Worten voa 
Prof. Lebert in Zürich, in einem einstimmigen Votum dem 
Beschlüsse an. 

So stand Herr G. da , niedergeschlagen von dem Urtbeile coni- 
petenter Collegen , beschämt und Lügen gestraft. Doch die Heu- 
chelei hatte bereits so sehr jeden Zug von Ehrgefühl in seinem 
Innern erstickt , dass er es nach jener gestrengen Abrechnung noch 



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221 

wagen konnte, mit dem monotonen, süsslichen, Unschuld aflecti- 
renden Tone, in welchem die lange Uebung der Schmeichelei be- 
reits die belebenden Farben edler Leidenschaften abgebleicht hat, 
und mit dem faden, ewig gleichbleibenden Lächeln, in welches die 
Gewohnheit der Verstellung bereits seine Gesichtszüge versteinert 
hat, dass er es wagte, die Anwesenden zum Schlüsse noch zu 
einem Besuche seiner Anstalt bei der projectirten Fahrt der Gesell- 
schaft nach dem Giessbache einzuladen. Die Antwort war ein Sturm 
der Entrüstung Ober eine solche unerhörte Unverschämtheit lind 
Hintansetzung jedes gewöhnlichen Anstandes. 

Doch nicht genug : bei den Festmahlen , wo die Collegen von 
nah und fem sich die Hände drückten, sass G. wie ein Geächteter, 
geflohen von Jedermann; gleichwohl drängte er sich uneingeladeh 
mit der grössten Naivetät zu den reservirten Plätzen der Commit- 
tirten und Ehrengäste der Gesellschaft , und folgte Schritt fiir Schritt 
den fröhlichen Gruppen der Naturforscher auf dem Ausfluge nach 
dem Giessbache , um ihre Langmuth herauszufordern und den bit- 
tern Kelch der Verachtung bis zur Hefe leeren zu können. 

«Was ist Ehre? Ein Wort. Was steckt in dem Wort Ehre? 
«Was ist die Ehre? Dunst. Eine feine Rechnung. — Ehre ist 
«nichts als ein gemalter Schild beim Leichenzuge, und so endigt 
«mein Cathe-hismus.» (Fallstaff.) A. Vogt. 



Aus der Literatur. 



Benzoesäure gegen Icterus, von Fftlck. 

Gestüzt auf die physiologischen Versuche, welche die Um- 
wandlung der Benzoesäure in Hippursäure, durch Verbindung der 
erstem mit Glykokoll , im thierischen Organismus nachwiesen , 
schlug Falck in Harburg vor, die Benzoesäure, sowie die Ben- 
zoesäuren Alkalien, gegen manche mit Gelbsucht verbundene Le- 
berstörungen anzuwenden. Justi theilte hierauf (im Corr .-Blatt 
der Verb. f. gem. Arb. Nr. 30 uirf 31. 1857) sieben Fälle von 
Icterus mit, in denen die Benzoesäure mit sehr gutem Erfolge 
gegeben worden war. Die Fälle betrafen Kinder von 2 l fa bis 12 



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Jahren, welche drei Mal täglich einen halben Gran erhielten und 
nach sechs bis acht solcher Gaben geheilt waren. 



Belladonna gegen Orchitis. 

Nach reichlicher Erfahrung hält Dr. de Larue in Bergerac 
für das beste Mittel gegen die im Gefolge von Blennorhöe der 
Harnröhre auftretende Orchitis das Extr. Belladonna in Salben- 
form (Extr. Bellad. Gr. 16, Axungiae Gr. 60). Diese Salbe wird 
auf die afficirte Parthie alle zwei Stunden leicht aufgetragen und 
mit einer Leinwandcompresse bedeckt. Ausser Ruhe im Bette, 
geeigneter Lage des leidenden Theiles und strenger Diät ist kein 
Mittel weiter nöthig. Die Heilung soll in durchschnittlich acht 
Tagen erfolgen. (Journ. de Bord. Aoüt 1857, p. 490.) 



Zur Behandlung der Harnliicontincnz der Kinder. 

Gegen die nächtliche Hamincontinenz der Kinder hat mao 
sich früher oft durch die grausamsten Mittel zu helfen gesucht, 
da man alle Sorgfalt zur Reinlichhaltung derselben an dem Um- 
stände scheitern sah, dass der Urin fast immer bald nach dem 
Einschlafen abfloss. Die Androhung von Schreckmitteln , die An- 
wendung von Strafen können nur mit Vorsicht angewendet wer- 
den , da Ref. mehrmals die Durchschneidung der Harnröhre durch 
circulär um den Penis gelegte, einschnürende Faden sah, welche 
die geängstigten Kinder vor Schlafengeben umschnürten , um den 
angedrohten Strafen zu entgehen. Nur wo nachweisbar Faulheit 
die Ursache der Incontinenz ist, können Intimidationsmittel mit 
Erfolg angewendet werden. 

Wenn auch nicht in allen Fällen von absoluter Wirksamkeit, 
hat sich doch nach dem Vorgänge Morand's (Bullet, de therap. 
1845, f. S27)y und den vielen Erfahrungen von Trousseau, 



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228 

Bretonneaa, Blache, Nagel u. Ä. , der Gebrauch gewisser 
Narcotica selbst in veralteten Fällen noch als höchst erfolgreich 
erwiesen. Man schloss aus diesen günstigen Resultaten auf die 
Natur des Leidens und schrieb es einem Reiz der Blasennerven 
zu, welcher um so mehr das Uebergewicht erlange , je mehr das 
ganze wfllkührliche Muskelsystem durch den tiefen Schlaf in 
lähmungsartigen Zustand versetzt werde. 

Es scheint , dass bei dieser Incontinentia nocturna der Kinder 
ein ähnliches Verhalten obwalte , wie bei dem Harndrange , wel- 
cher so oft bei Hysterischen beobachtet wird ; wahrscheinlich ist 
es ein Reflexkrampf des M. detrusor urinae, welcher den orga- 
nischen , den dem Willen entzogenen Mm. angehört , wobei der 
willkührliche M. sphincter vesicce durch Schwäche , Lähmung oder 
Inactivität im Schlaf *) nicht mehr widerstehen kann. Es ist da- 
her von höchster Wichtigkeit , vorerst der Ursache nachzuforschen, 
welche jene Reizung des Harnaustreibers erzeugt. Oft beruht 
diese im Genüsse gewisser Nahrungsmittel und Getränke, welche 
dem Harne eine reizende Schärfe mittheilen , oft auch in Erkäl- 
tungen , welche jenen Muskel rheumatisch afficiren. Hat das Uebei 
eine Zeit bestanden , so zieht sich die Blase immer mehr zusam- 
men und kann nur noch kleine Quantitäten Harn aufnehmen. Es 
bleibt daher als erste Indication , nach Entfernung der erzeugenden 
Ursachen, die Abstumpfung der überreizten Nerven des M. detru- 
sor urin« durch geeignete nareofsche Substanzen, und als zweite 



*) Der II . sphincter veeiese scMiesst die Blase nur durch die allen 
willkübrlichen Mm. gemeinsam angehörende Eigenschaft, in der will- 
kührlich erzeugten Verkürzung so lange zu verharren , bis sie passiv 
wieder erweitert werden durch anderweitige Kräfte, z. B. durch Con- 
traclion von Antagonisten u. s. w. Die alte Ansicht von einem perma- 
nenten aktiven Schlüsse durch die Sphinktern muss verlassen werden , 
da Jeder an sich beobachten kann , dass die durch den Willen erzeugte 
Contraction derselben nie lange vorhält, wie z. B. bei einer Diarrhöe, 
wo man bei einer nur einigermasen erhöhten Peristaltik dem Drange 
nur kurze Zeit widerstehen kann : beruhigt sich während dieser kurzen 
aktiven Periode nicht die peristaltische Bewegung und verlässt uns end- 
lich die Kraft , den Sphinkter ferner zu conlrabiren , so tritt wider 
unsern Willen der Stuhlgang oder die Entleerung von Winden ein. 



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m 

Indication die orthopädische Erweiterung der Biese , indem man 
den Patienten anempfiehlt, über Tag den Harn möglichst lange 
zurückzuhalten , damit durch diesen theils die Blase ausgedehnt, 
theils deren Nerven abgestumpft werden. 

In ersterer Beziehung hat nun die innerliche Anwendung der 
Belladonna die meisten günstigen Erfolge aufzuweisen. Trous- 
seau gibt folgendes Verfahren an (Union medicale, 3 juillet 
1852) : Man lässt die Kinder unmittelbar vor Schlafengehen den 
Urin entleeren und nimmt sie dann eine Stunde nachher wieder 
auf. Mit jedem Tage schiebt man das Aufnehmen um einige Mi- 
nuten weiter hinaus, so dass man sie zuletzt erst 2 bis 3 Stun- 
den nach dem Schlafengehen wieder aufnimmt. Oft heilt dies« 
Verfahren schon die üble Gewohnheit. Zu gleicher Zeit gibt man 
Abends eine Pille aus Vs Gr. Extr. Belladonna. Nach acht Tagen 
nimmt man zwei Pillen, dann drei; selten muss nupi bi? auf fünf 
Pillen steigen. Allmählig hört man auf, die Kinder Nachts auf- 
zunehmen und vermindert gleichzeitig die Dosis der Belladonna, 
wenn 14 Tage lang kein Bettpissen mehr stattgefunden hat. Hält 
sich die Heilung, so setzt man das Mittel aus» um es später 
wieder während einiger Wochen aufzunehmen. 

Die Empfehlung der Belladonna durch Trousseau, welche 
Ref. in einer grossen Zahl von Fällen, selbst veralteter Art, bestätigt 
fand , wurde auch von vielen französischen Collegen und in letz- 
ter Zeit besonders von Engländern unterstützt, nämlich von 
Brooke, Cowdell, Massen und Spencer Smith (Brit. 
toed. Journ. 1857. 21. und 28. Febr. f 18. und 25. April.) 



****&&>&>» 



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... Schweizerische Monatschrift ". 

für 

praktische Medizin, 

redigirt von 

Di\ A.Vogt. 
Dritter Jahrgang. 1858. Nr. VIII. Angnstheft. 

■■I ■ * i n ■ I ■■■ ! ! ' ■ M I M , | , |. 

Diese Monatschrift erscheint monatlich einmal. 2 Bogen. stark. Der Abonne- 
mentspreis ist für die ganze Schweiz 7 Fr. , für das Ausland 10 Fr. Briefe 
and Gelder franko an die Expedition : Haller'sche Buch d rockerei in Bern. 

Ueber Endocarditis und Perikarditis rheuniatica und 
Mesencephalitis malactica , 

von Prof. Dr. W. Vogt. 
(Fortsetzung.! 



III. P e r i c a r d i t i s. 

Wir bemerkten in unserm Falle auf der Höhe der Endocar- 
ditis als erstes Zeichen der beginnenden Pericarditis ein deut- 
liches Reibungsgeräusch zwischen dem Herzen und Herzbeutel , 
an der oberen Parthie des Herzens beginnend und allmählig sich 
gegen die Spitze hin verbreitend , ohne dass zugleich im Percus- 
skmAton und den Klappengeräuschen irgend eine Aenderung ein- 
trat. Wir können darnach nicht zweifeln, dass in dieser Zeit 
eine faserstoffige Ausschwitzung auf der Oberfläche des Herzens 
stattfand, die sich auch dem ParietalMatt des Pericwrdium mit- 
theilte. Das Reibimgsgeräusch verschwand in wenigen Tagen 
unter Zunahme der Ausdehnung des Herzbeutels und unter abneh- 
mender Fortdauer der Klappengeräusche. Umschrieb man auf der 
Höhe des nunmehr erfolgten wässerigen Exsudats den dumpfen 
Percussionston des Herzbeutels , so gestaltete sich wieder ein 
ungleichförmiges Dreieck, dessen schiefe Basis der Zwergfell- 

15 



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236 

insertion entsprach , und nach oben in eine abgerundete Spitze 
endigte. Nun begann die Abnahme aller bedeutenderen Zufälle. 
Die Klappengeräuscbe minderten sich immer mehr und verschwan- 
den endlich ganz. Zugleich aber verminderte sich der Umfang 
r T es dumpfen Percussionstons und wurde mehr rundlich. Endlich 
Hess sich durch Percussion und Anscultation gar keine Anomalie 
mehr wehrnehmen. Die reinen Herztöne waren nur sehr schwach, 
der Choc des Herzens kaum zu fühlen und der Puls sehr klein 
lind malt. Die Section wies eine totale Verwachsung de^ Her^ 
zens mit dem Herzbeutel nach, am Herzen aber und in seinen 
Klappen sonst gar keine organische Veränderung. 

Endocarditis und Pericarditis sind eine alltägliche Ver«* 
bindung. Man sieht sie entweder als gleichzeitig miteinander entste- 
hend und verlaufend an, oder wenn von der Priorität der einen die 
Rede ist, sucht man diese hauptsächlich in der Pericarditis. Unser 
Fall zeigt aber unzweifelhaft die Priorität der Endocarditis und 
erst das Aufkeimen der Pericarditis, nachdem erstere auf der 
Höhe stand. Sie begann sich zuriickzubilden , während die Peri- 
carditis im Fortschreiten war. Ich glaube die natürlichste Erklä- 
rung dieses Vorganges ist folgende : Es finden bei der Endocar- 
ditis dieselben Vorgänge statt, wie bei der Venenentzündung von 
-Tferoihbflse und Embolia, Die nächste Wirkung der Thremben 
trifft die. innere Haut der Venen und hier d$r Herzhöhlen, Diese 
}f übt sich , wird dicker und lockerer , und eine Entzündung entr 
wickelt sich in der unter ihr gelegenen Zellfitoffisohickte. Diese 
Entzündung schlägt demnächst . durch auf die äussere Venenhaut 
•und auf die zellstoffige Gefässscheide , und beim Herzen auf den 
serösen äusseren Ucbprzug , und wird somit zur Pericarditis. Es 
sind aber bei den Venenentzündungen nicht die Thromben allein» 
weiche diesen Ursprung und Fortgang der Entzündung bewirken* 
Derjenige Krankheitsprozess , welcher oft die primitive Eatzüa- 
•düng der äusseren Gefasshaut und der Gefäfifisobeide hervorbringt* 
ist dabei thätig, und wenn dieser fehlt, verschwindet auch ohne 
.weitere Entzündung wieder die Thrombose. So sehen wir es 
auch im Herzen. Die Blutgerinnungen in ihm verschwinden oft 
wieder ohne eigentliche Endocarditis und Pericarditis > und. nur 



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83* 

wenn der eigentliche rheumatische Krankheitsprozess noch ob- 
waltel , bilden steh die erwähnten Vorgänge. 

Obgleich ich diese Genese der Pericarditis nicht für die allei- 
nige halte, sondern anerkenne, dass sie auch primitiv ohne vor- 
gängige Bndocarditis häufig vorkommt, so ist sie in praktischer 
Beziehung immerhin beachtungswerth. 

AÄf die weiteren Vorgänge bei der Pericarditis im vorliegen- 
den Falle , wie namentlich die primitive plastische Ausschwilzung 
auf den serösen Flächen , welche durch die nachfolgende seröse 
ausser gegenseitige Berührung gesetzt wurden , und erst wieder 
dazu und zur endlichen Coalition gelangten mich der Aufsaugung 
des serösen Ergusses , wollen wir nicht weiter eintreten , well sie 
zu den gewöhnlichen und oft genug beobachteten gehören. An 
die Möglichkeit , dass bei diesen Vorgängen zuletzt eben die Ver- 
waisung des Herzbeutels mit dem Herzen zurückbleiben würde, 
musste tnan wohl denken , aber sie direct diagnosticiren konnten 
wir nicht; sie machte hier, wie in so vielen andern Fällen, kein 
einziges Symptom, welches sie direct angedeutet hätte. 

Wollen wir die bisherigen pathologischen Bemerkungen für 
die Therapie des acuten Rheumatismus und der dabei auftre- 
tenden Herzafffectionen verwerthen und fragen , wodurch kann 
man tfoM am bebten die letzteren verhüten? — so ergibt sich 
die Indikation : man vermindere die Zuströmung und Anhäufung 
des Blutes im Herzen, und sorge soweit es möglich ist für Defi- 
bririation der Bhittnasse. Das ältere Verfahren, mit oder ohne 
vergängige Aderfässe,den Brechweinsteih in starker Gabe 
(zu Ör. 4—6 auf dfen Tag) anzuwenden', so dass dadurch reich- 
liche RArmentleertingen nach oben und unten entstanden , war 
zur Ausführung dieser Indicatiön nicht ohne Nutzen. Ebenso auch 
das Verfahren von Martin Solo.n mit grossen Gaben Nitrum 
(Vne. 4 und selbst mehr auf den Tag ift hinlänglicher Verdün- 
nung , dass d$r Magen nicht von einer am concentrirten Auflö- 
sung angegriffen wird ) und die Anwendung der Mercurialien , 
unter welchen nach der unbedingten Empfehlung vom alten Neu- 
manu 4*r S«bli«*at besonders als Anttrheumaticum ungesehen 
wurde; ■ Bs worden jedoch in der Neuzeit diese Kurmethoden 



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mehr oder weniger verdrängt durch andere , und zwar nicht durch 
rationelle Aburtheilung , sondern durch die blosse Empirie , indem 
man von ihnen die raschere und bessere Heilung des Rheumatis- 
mus erprobt zu haben behauptete. Da es jedoch nicht in unserer 
Absicht liegt und auch hier der Ort nicht ist , einen Abriss der 
Kur des ganzen Rheumatismus zu geben , so wollen wir uns nur 
an die Frage halten , wie wohl am besten die obige Indieation 
möchte auszuführen sein? 

Wie schnell und sicher massige Aderlässe die eben ctl- 
slandene Blutanhäufung im Herzen beseitigen 9 geht aus den Beob- 
achtungen I tynd II hervor« Bei dem Subjecte der Beobachtung III 
wurde wegen der bereits vorhandenen Schwäche die Aderlässe 
durch Blutegel zu ersetzen, versucht; — der Krankheitsprozess 
schritt aber weiter, und von der prompten Wirknng derselben, 
wie von der Aderlässe in den beiden ersten Fällen konnte man 
nichts wahrnehmen. Obscbon diese einzelnen Fälle noch nichts 
beweisen , so kann ich doch aus einer grossen Zahl analoger 
Beobachtungen versichern, dass sie die allgemeine Regel bilden, 
tyje schnellere und ipit, einem gewissen Choc verbundene Ver- 
minderung der Blutmasse durch die Aderlässe wirkt anders auf 
<J.ie Blutbewegung,, als die Blutegel. Sie befreiet unmittelbar das 
Ilerz von der Anfügung ; die Actioqen desselben werden freier , 
und es erfolgt damit eine gleichförmigere Verkeilung der Säfte- 
massp. 

Die beiden Kranken I und II halten unmittelbar vor der Ader- 
lasse zur Verminderung der Pulsfrequenz Veratrin ■ genommen , 
ohne dass jedoch dasselbe diese Wirkung {bereits vollbracht hatte« 
Sie trat aber fast unmittelbar ein nach der Aderlässe. Bei dem 
Kranken III, bildete sich gleich nach begonnenem Gebrauch des 
Veratrins eine neue Fieberrekrudescenz , welche gerade in die- 
ser ihrer aufsteigenden Erregung von dem Mittel nicht zurück- 
gedrängt wurde. Auch die Digijtalis und die Blutegel vermochten 
dieses nicht und der Krankheitgprozess schritt ohne Aufenthalt 
vorwärts. 

Die Anwendung der Digitalis zur Beruhigung der Puls- 
frequenz bei Herzkrankeren ist bereits sehr alt, und man wusste 



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22d 

auch schon längst , dass sie diese Wirkung gar nicht oder höch- 
stens nur in sehr grosser, beinahe vergiftender Gabe vollbrachte, 
wenn die Energie des Herzens noch gross war und eine gewisse 
Blutfülle noch obwaltete. Daher die alte praktische Lehre , in 
solchen Fällen ihr Blutentleerungen vorangehen zu lassen. In der 
neueren Zeit wendet man zu demselben Zwecke Chinin in berauschen- 
der Gabe und Veratrin an *)• Wir bedienen uns dieser Mittel schon 
seit mehreren Jahren in verschiedenen fieberhaften Krahkheits- 
processen , und haben auch bei ihnen die alte Beobachtung befi 
der Digitalis bestätigt gefunden ; sie bewirken die Verminderung 
der Pulsfrequenz hauptsächlich nur, wenn die Kraft des Herzens 
und die Blutfülle im ganzen Herzens gering sind, oder vorgän- 
gig durch Blutentleerung herabgesetzt wurden. In den beiden 
Fällen I und II kam diese Wirkung erst nachträglich, gleich nach 
der Aderlässe , wo das vorher angewendete Veratrin noch in Wir- 
kung war, aber noch nicht eine Verlangsamung des Pulses be- 
wirkt halte. Im dritten Falle, wo nur Blutegel angewendet wur- 
den , versagte das Veratrin seine Wirkung. Abgesehen davon , 
dass dieses manchmal der Fall ist, ohne dass der Grund davon 
Immer ersichtlich wäre , war aber auch hier noch der Umstand , 
dass die neue Fieberrekrudescenz gerade im Beginne war , wo 
das Mittel angewendet wurde. Gerade in einer solchen Zeit er- 
reicht man damit den beabsichtigten Zweck auch Öfter nicht, wäh- 
rend er viel seltener ausbleibt, wenn die Fieberregungen ohne- 
hin schon ihre Höhe überschritten haben und ein Nachlast der- 
selben bereits vorbereitet ist. 

Die Digitalis muss bei fieberhaften Krankheiten , wenn man 
in verhältnissmässig kurzer Zeit die Zurückdrängung der Pulses 
bewerkstelligen will, in starken Gaben gereicht werden. (Scr. 2 
bis Dr. 1 im Infusum binnen 24 Stunden). Sie führt dann aber 
manche Inconvenienzen mit sich, und ihre Anwendung muss vom 
Arzt sorgfältig überwacht werden. Darmcanal , Kopf und Herz 

*) Weder das englische Verfahren von Todd, mit grossen Gaben 
weingeistiger Mittel, noch das amerikanische von Barker, mit der 
Tinct. Veratri viridis die Minderung der Pulsfrequenz zu bewirken * 
haben bis jetzt auf dem europäischen Continent Eingang gefunden. 



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sind die drei Hauptpunkte, auf welche sie ihre Angriffe richtet, 
die bald in dem einen , bald in dem andern stärker hervortretep 
und sogleich ein Einstellen des Mittels erfordern, wenn man eine 
Vergiftung vermeiden will. Mit dem Chinin erreichen wir den 
Zweck der Pulsvcrlangsamung auch nur mittelst grosser Gaben in 
kurzer Zeit (25 bis 40 Gran in vier bis sechs Stunden) und den 
dadurch bewirkten Chininrausch. Wir haben uns dessen früher 
bei dem acuten Rheumatismus zur Abschneidung des Fiebers und 
iler wiederholten Localausschübe häufig mit den besten Erfolgen 
bedient , und auch jetzt noch sehen wir von seinem fortgesetzten 
Gebrauch zu 8 bis 12 Gran in 24 Stunden besonders m den 
Fällen von Rheumatismus die gewünschte Wirkung , wo in der 
späteren anämischen Periode der Krankheit stets wieder kleine 
Fieberregungen und Localausschübe sich bilden. Seit einiger 
Zeit bedienen wir uns zur Minderung der Pulsfrequenz, beson- 
ders bei Pneumonien, Rheumatismus» Herzkrankheiten u f s. w. 
am öftesten des Veratrins. Es vollbringt diese Wirkung unter 
den geeigneten Umständen sicherer und schneller, als die Digi- 
talis. Es greift niemals den Kopf an und äussert seine excessive 
Wirkung nur in Erregung von Erbrechen., das aber nach der 
Aussetzung des Mittels sehr bald wieder ohne Nachtheil vorüber 
geht , und nur desto sicherer das Langsamerwerden des Pulsos 
herbeiführt 0* Es ist keineswegs ein drastisches Purgans , wofür 
es nach dem Vorgange von Magendi^ u. A. noch öfter gehal- 
ten wird ; — denn wir sahen von ihm in den meiste« Fällen gar 
keine Wirkung auf den Stuhl , und nur wenn es starkes Erbrechen 
machte, zugleich auch einige Stuhlentleerungen. Grösstentheils 



1 ) In einem Fafle von Gesichtsrose , mit fortdauerndem lebhaftem 
l&afcttotosfleber , wtode es tfnls 'Ifoachtsfcihfrteit dtefe WaHpersdnafc noch 
fortgegeben, ifacfafem schob Erbrechen feragetittte* war» & dauerte 
nun dasselbe fort, und wir fanden die Kranke am Morgen mit gauz 
kleinem tuls von r 60 Schlägen, mit hallen klebrigen Extremitäten, äus- 
serster Mattigkeit, ohne starkes Purgiren und ohne Kopfaffeclion. Blü- 
hen einigen Stumlert , wo Brausepulver mit Xetlier gcreicVt wurde , 
Verschwanden Wieder diese excessiveh 'Wirkungen und cler Wlklauf lief 
fttin ab, machte jedoeh spater eine weitere Eruption. 



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23t 

macht es den Puls langsamer , ohae irgend einen Angriff' auf den 
Magen und Darmcanal. 

Wir haben bisher nur das reine Verairin gebraucht, #e wohn- 
lich nur in Pillen und mit Succ. Uquirit, so dpss jede Pille 1 ^ 
Gran enthalt. Manche Individuen sind empfindlicher, so da$s sie 
schon nach dem Einnehmen von %o— 6 /io Gran Erbrechen bekom- 
men; andere sind dagegen unempfindlicher und bedürfen bis zum 
Eintritt der Ptrisverlangsamiiag oder des Erbrechens eine Ge^ 
«atamtdesis von ^/iir-^/io Gran. 

SoWeil wir nach unseren Beobachtungen die Andauer der 
Wirkung von Chinin,. Digitalis und Verairin auf Pulsverlaagsamuog 
beurtheüen kömen^ seheint sie bei dem letztern etwas kürzer zu 
sein , als bei den beiden andern. Allein mit Sicherheit können 
wir dies« «Mit aussprechen , weil die Krankheitsfälle , von wel- 
chen man die Vergleiebuftg macht 9 niemals vollkommen gleich 
sind und auch nicht gerade im gleichen Zeitraum ihres Verlaufes 
stehen. Bei ungarischen Herzkrankheiten hat man die Dauer der 
Wirkung der Digitalis seil Kreysigs Behauptung , dass sie sich 
bifc weilen auf viele Wochen hinaus erstrecke , viel zu hoch ange^- 
-schlag*«^ weil man die Zeit einer vorübergehenden Aufregung, 
in welcher sie gerade angewendet wurde i mit der Zeit des ganz 
chronischen, ruhigen Zustanden verwechselte. Sie ist durchs 
schttiltKch aar wenige Tage anhaltend , und in dieser Beziehung 
von dflrjeaigea des Veratrias nicht verschieden* Chinin in gros*- 
aen Gaben zum Zwecke der Pulsverlangsamung haben, wir bei 
Herzkrankheiten niemals angewendet. Beim acuten Rheumatismijs 
hiagegea konnten wir dasselbe mit dem Veratrin vergleichen. 
Letzteres vermindert sowohl die ursprünglichen, als die rekrur 
descirten Fieberrqguagen schneller und prompter, als Chinin in 
grossen Gaben , worauf dann die örtlichen Affectionen rasch abp 
nehmen. Wenn der Rheumatismus noch nicht lange gedauert ha{, 
ui?d noch nicht in die Neigung zu den stets sich in geringein 
Maasse wiederholenden und mit kleinen Localausschübcn verbun- 
denen Rekrudescenzen gekommen ist, so vordient, abgesehen; von 
der WoMfeilheiti, das Veratrin den Vorzug.. Man erreicht damit 
einen: schnellen Ablauf der. ganzen Krankheit. Allein bei dieser 



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282 

Neigung zu steten Rekrudescenzen ist Chinin, in mittleren Gaben, 
eine Zeitlang fortgesetzt , wirksamer. Es ist diese Neigung mit 
den sich wiederholenden Ausbrächen von Eczem und andern 
Ausschlägen zu vergleichen, und hier wie dort bleibt aber auch 
Chinin biswcileft ohne Erfolg , und man muss dann zum Arse- 
nik greifen. (S. oben Beob. II.) Je eingewurzelter bereits die 
Neigung zu diesen wiederholten Eruptionen ist, desto mehr lei* 
stet dabei der Arsenik. Bei Pneumonien haben wir nur das Ve<- 
ratrin und die Digitalis angewendet, und geben dem erstem dabei 
entschieden den Vorzug. Beide wirken ebensowenig als die Ader- 
lässe auf das Produkt der Krankheit , auf die Hepatisation , und 
wenn man diese nur zur Beurtheiiung ihres Nutzens nimmt , wie 
es Dietl in Bezug auf die Aderlässe gethan hat, so kommt man 
zu ganz falschen Schlüssen. Sie drängen die Fieberregungen 
zurück und vermindern damit die Hyperämie der Lungen und deren 
Weiterbildung zum Engouement, hemmen also entschieden den 
Fortschritt der Krankheit , hindern aber nicht den Fortschritt des 
Exsudats in Gerinnung , des Engouemmt* in Hepatisation. Beim 
Typhoidfieber sind unsere Erfahrungen Über die Anwendung des 
Veratrins noch nicht sehr zahlreich. Wir hatten eben jetzt 
drei Mal Gelegenheit seine Wirkung bei Typboidfiebern zu 
versuchen , die noch nicht über 5 bis 7 Tage gedauert hatten. 
In dem einen Fall eines aus verschlepptem atmosphärischem Fieber 
hervorgegangenen Typhoids, in welchem aber schon die leichten 
Kopfsymptome , ziemlich starke Milzgeschwulst , die typhoide 
Zunge , leichte Diarrhoe etc. , vorhanden waren , gelang die Ab- 
schneidung ganz, so dass binnen fünf Tagen der Behandlung be- 
reits die Reconvalescenz eintrat. Im zweiten Fall von ganz ana- 
logem Grade ging der Ablauf der Krankheit ohne besondere Zu- 
fälle etwas langsamer , weil hier die Darmaffection schon stärker 
ausgebildet war und nach der Niederdrückung des Fiebers noch 
mit Wissmuth behandelt werden musste. Im dritten von Infection 
entstandenen Falle wirkte das Veratrin ungewöhnlich stark auf 
den Magen , so dass schon im Anfang auf 3 /io Gran Erbrechen 
eintrat und später sogar */io Gran diess bewirkte. Dabei war 
die Wirkung auf den Puls nicht so eclatant, wife in den beiden 



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283 

ersten Fällen , aber doch im Ganzen so befriedigend , dass der 
-fernere Verlauf gleichwie bei einem ganz gelinden Typhoid sich 
verhielt. Interessant war in den beiden ersteren Fällen die Beob- 
achtung der Milz grosse. Sie verminderte sich schon bei der 
ersteren stärkeren Gabe des Veratrins, im einen um drei, im än- 
dern um zwei Zoll ihrer Länge , und trat dann täglich in klei- 
neren Sehritten zurück bis zu ihrer Normalgrösse. Ebenso ging 
es mit den Kopfsymptomen. Sie traten in allen drei Fällen so*- 
gleich nach der Anwendung des Veratrins ganz zurück , so dass 
die Deliria taciturna in der Nacht ganz ausblieben , ganz ruhiger 
Schlaf wiederkehrte , die Eingenommenheit , der Taumel und die 
Harthörigkeit sich verloren. Nur die vorhandene Diarrhoe wurde 
etwas vermehrt. Eingedenk der obigen Bemerkung , dass alle 
die Pulsfrequenz mindernden Mittel sicherer diese Wirkung voll- 
bringen , wenn man die Energie des Herzens und die Blutfülle vorher 
durch BlutenUeerung herabsetzt, Hessen wir im ersten Falle bei 
einem robusten Bauernburschen Blutegel hinter den Ohren und 
fJchröpfköpfe am Nacken und zwischen den Schultern vorher 
ansetzen, und gerade dieser Fall verlief am günstigsten. Die 
beiden andern Kranken Waren anämische und ' schwächliche 
junge Weibspersonen , hei denen die vorgängigen Blutentleeruh*- 
gen unterlassen wurden. Die sonstige Methodik der Anwendung 
des Veratrins war : Im Anfang alle 2*/* bis 3 Stunden Vio Gran 
bis entweder Erbrechen oder Pulsverlangsamung eintrat. Danji 
einen Tag völlige Ruhe, und nun wieder Fortgebraudi des Vera<- 
trins zur Hälfte der Gabe in 24 Stunden , als zur Vollbringung 
der ersten Wirkung nöthig war. Sobald sich ein deutlicher Gang 
zur Besserung einstellte , wurde das Mittel ganz ausgesetzt und 
nur bei neuer Fieberrekrudescenz wieder in Gebrauch gezogen. 
In einigen Fällen von Typhoidfieber , wo die Krankheit 14 bis 20 
Tage bereits gedauert hatte , erreichten wir mit dem Verairin 
zwar eine schnelle Niederschlagung der Fieberregungen und der 
Körpertemperatur ; allein diese Wirkung hielt nur 24 bis 48 Stun- 
den an , und war auch nicht von der Erleichterung des Kopfes 
begleitet, wie sie gewöhnlich nach dem Chininrausch eintritt. 
Ueberhaupt war keine nachhaltige Besserung des ganzen Kranfe- 



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38* 

heilszHStandes , keine Umwandlung der schweren Typhötdfälle in 
leichtere , wie man diess manchmal nach dem ChininrauSch wahr- 
nimmt , nach dem Gebrauch des Veratrins zu bemerken. Auch in 
dem oben angeführten Falle yon Gesichtsrose, wo das Veratri« so 
•sehr stark einwirkte, kam nach fünf Tagen wieder eine neue 
-FiefaerregliHg mit neuem Ausbruch der Gesichtsrose , welcher aber- 
mals mit Veratri n coupirt wurde. Dagegen in einem andern Falle 
von acutem Rheumatismus mit sehr . reichlichem Ausbruch von 
Stecken des Erylhema margmalum über den ganzen Körper , 
-wo die Krankheit bereits zehn Tage gedauert hatte, war die 
Wirkung des Veralrins ebenso prompt als nachhaltig. Die Krank- 
heit ging ntach einmaligem Gebrauch des Veratrms wie abgeschnitten 
in die Reconvatenz üben 

Wir halten diese neueren Methoden , die Niederdrücktwg der 
Fieberregungen mit energischen Mitteln zu bewirken , gegenüber 
den älteren, mittelst deren dem Fieber sein (Jung gelassen und 
idieser war durch gelindere Wirkung verschiedener Mittel zur Ge- 
netserrg hinzulenken versucht wurde , für eine bedeutende Berei- 
cherung der Therapie. Soweit bis jetzt unsere Einsicht in die 
fieberhaften Krankheilsprozesse reicht , ist bei denselben entweder 
•ein örtKoher entzündlicher Krankheitsprozess , welcher ein reflec- 
■tirtes Fieber erzeugt , oder es ist vornherein ein allgemeiner, den 
gaöfcen Körper > die ganze Constitution einnehmender Krankheits- 
proaess, dessen Reflex das Fieber anregt. Bei den erster« rein 
«ßectirten Fiebern ist. stets zwischen der örtlichen Grundkrank- 
heit und dem Fieber ein reoiprokes Vcrhäftniss , indem dasselbe 
eben so gut vermehrend *ind gleichsam eruptiv a*f die Localfcrank- 
heit, zurückwirkte, als diese letztere je »Mehr sie inten&v und -ex- 
tensiv zunimmt wieder das Fieber steigert. Die Loculkrankheit , 
soweit sie bereits geworden ist, wird durch die VemindcruHg 
des Fiebers nicht geändert; allein ihre vom Fieber bedingten Fort- 
schritte werden sistirt , es wird ihr gleichsam die fernere Nah- 
rung entzogen , und dadurch tritt sie zurück und geht in Naiur- 
hettung über. Bei den andern mehr essentiellen und wegen der 
Productitm von Localaflectionen mehr eruptiven Fieberpro?essefi 
kennen wir die elementare allgemeine Krankheit noch nicht, uqd 



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881 

haben danim noch keine Anhaltspunkte für eine rationelle Tk^rt^ 
pie derselben. Allein wir wissen doch , dass sie zu Localerupt- 
tionen tendtren k die wieder fiebervermehrend auf den Tolalorga*- 
nismuä zurückwirken, und dass sie allgemeine Veründeruttgea im 
Blute , in den nervösen Functionen und in den Bildung* - «ad 
Abseqderungsprozessen herbeiführen, welche um. so grössere "Ge- 
fahren involviren, je länger das Fieber datert, je heftiger es ist 
u. s. w. In wie ivett die atttifebfUen Mutet auf die etemeit*- 
tare Krankheit wirken , wissen wir zum Theil vom Cfckin bei den 
Malariakrankheiten. Dass es auch bei den Typhoidfiebern in den 
spätem Perioden , sowie bei den Fiebern , welche wiederholte 
Eruptionen bilden, eine bessere Wirkung auf die elementare Krank- 
heit macht , als die andern bis jetzt praktisch geprüften Febrifuga 
scheint aus den Beobachtungen von Dietl, Gietl und den uns- 
rigen hervorwgeke*. Mek-wertn aucfc die ««dem gw keine 
Wirkung auf die allgemeine elementare Krankheit äussern — 
welches indess noch nicht constatirt ist und in welcher Beziehung 
immer noch der Vermuthung ftaum gegeben ist, dass die ver- 
schiedenen Febrifuga auch je ua^h der Verschiedenheit ihrer an- 
derweitigen Wirkungen und der Elementarkrankheit eine Wirkung 
afof ^Heatefoe taalhdh ■*- so tet doch etofcichttlch , dfcss Site Mlen 
Schaden wendAi y der vöh deh Fieberregunfcen Selbst ausgeht. 
Diess ist schon «in unläugbartr grosser Vortheil , welchen die 
einigermaseji gewaltsame Niederdrückung des Fiebers im Ver«- 
gleich. zu den getindera altera Uierapeuti6chea Methoden darr 
bietet. 

Kehren wir nun wieder zurück auf den acuten Rheumatismus und 
die beginnende Endocarditis, so ist einleuchtend und aus den Beobach- 
tungen I und II deutlich ersichtlich, dass Blutentleejruageti und 
Niederdrückung der Fieberregungen, besonders durch Veratrin, 
die prompteste Hülfe leisten , so lange die im Herzen angehäufte 
Blutmasse noch nicht fest geronnen ist. Wir reichen aber, wie 
oben «efcön bewertet wurdo , dantit allein nicht ans , dass wir die 
Blütztitfröfmirrg tmd Anhäufung im Herzen vermindern , sondern es 
muss auch noch so viel wie möglich auf die Defrbrwiation der 
Blutmasse überhaupt gewirkt werden , um die Gerinnungen zu 



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S36 

verhüten , und wo *ie bereifte entstanden sind , sie aufzulösen. 
Diess kann jedenfalls nicht so rasch bewerkstelligt werden , und 
es sind auch die dazu allenfalls dienenden Mittel noch zu wenig 
exact und experimentell geprüft. So lange noch Fieber vorhan- 
den war, habe ich von grösseren Gaben Salpeter in dieser Be- 
ziehung einige Erfolge gesehen. Am meisten aber vertraue ich 
der Anwendung des Kalomel. Dass zugleich sämmtliche grös- 
sere Secretionen in ordentlichem Gange gehalten werden müssen, 
versteht sich von selbst. 

("Fortsetzung folgt.) 



Beobachtungen Aber Carciiiogis miliaris acuta, 

von Hermann Dem Mio. 
(Portsetzung.) 



III. Die pathologisch-anatomischen Verhältnisse 
der Cgrcinosis miliaris acuta. 

Wenn wir die mitgetheiltfen Fälle einer genauem Betrachtung 
unterwerfen, so ergeben sich zunächst für die pathologische Ann- 
iomie der Carcinosis miliaris acuta folgende Thatsachen ') : 

Dieselbe characterisirt sich durch gelblich-graue , weisse oder 
Törtdiche , bisweilen halb durchsichtige Granulationen von der 
Vrösse eines Hirsekornes bis zu der eines Kirschkernes. Sie lassen 
sich bald markig, bald mehr speckig anfühlen, und werden ent- 
weder in regellos disseminirter oder mehr in aggregirkr Form ab- 



') Was die feineren anatomischen Verhältnisse der primitiven chro- 
tuschen Krebsbildungen betrifft, welche in den beschriebenen Fällen an-* 
getroffen wurden , so muss ich hier des Raumes wegen auf die bei den 
einzelnen Sectionsbefunden gegebenen Andeutungen verweisen. 



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287 

gelagert. Sie können bald weit ven einander entfernt , bald se 
dicht beisammen stehn, dass sie mehr oder weniger miteinander 
verschmolzen, und so den Uebergang zu grösseren Herden oder 
Infiltrationen bilden *)• In meinen Beobachtungen findet sich diese 
Form namentlich in den verschiedenen Schleimhäuten» Ich ver- 
weise hier noch einmal besonders auf die im zweiten Fall geger» 
bene Beschreibung der ZeHeninfiltration durch Verschmelzung mir 
liawr Granulationen. Ein Mal fand ich grössere Herde auch an 
der Leber (Fall 3). An manchen Stellen (so z. B. auf den se- 
rösen Häptep) können die einzelnen Knötchen gleich von Anfang 
an mehr plattgedrückt erscheinen« Meist sind sämmtliche Granu- 
lationen in einem Orgfiue ziemlich von derselben Grösse* Kleinere 
Unterschiede können schon durch die Imbibition umgebender Flüs* 
sigkeiten bedingt sein.. Es finden sich aber auch bisweilen in 
einem Organe mehrere Generationen von miliaren Ablagerungen, 
welche einem verschiedenen Datum entsprechend auch durch bedeu- 
tendere Grössendifferenzen von einander abstehen (Vei'gl. beson- 
ders Fall 4). In der Mehrzahl der Fülle sah ich eine chronische 
LocateflTection und eine miliare acute Carcinose durch jene mul- 
tiplen secundären Krebsablagerungen vermittelt, welche sich auf 
eine *mehr chronische Weise entwickeln. Sie sind vorzugsweise 
durch eine vollkommene Ausbildung ihrer Elemente, meistens 
durch eine grössere Unregelmässigkeit in der Form und (fem Sitze 
der Ablagerungen, und durch einen bedeutenderen Umfang cha- 
racterisirt. — Niemals habe ich an der äussern Oberfläche des 
Körpers miliare Krebsknötchen auftreten sehn. Dagegen? scheint 
keihes der inneren Organe Immunität zu besitzen. Stets ergibt sich 
eine innige Beziehung zwischen der Gefässverbreitung eines Theiles 
und der in ihm auftretenden Ablagerung. Wir stossen hier auf manche 



*) Es wurde bereits in der Einleitung daran erinnert, -das* auf 
acute Weise auch grössere Krebsgeschwulste gebildet werden können. 
Hiefür geben sowohl die Fälle von Bamberg er, als meine eigenen 
Beobachtungen hinlängliche Belege. Da sie meistens weder die Massen- 
hafligkeit des Auftretens, noch die begleitenden Symptome mit der in 
Rede stehenden miliaren Form gemein haben , ßo übergehe ich hier ihre 
nähere Beschreibung. 



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988 

Anafofie mit dm multiplen meimtatiiehek Ab$eesnn def Pyämie. leb 
brauche nur daran zu erinnern, dass die carcinomalösen Legali- 
sationen in der Leber , in den Nieren und in der Milz gewöhnlich 
eme keilförmige Gestalt (mit nach aussen gekehrter Basis) , in 
den Lungen dagegen einen lobulären Charatter annehmen. In 
Knochen- , Sehnen* und Borngebilden habe ich nie eine acute 
Ablagerung beobachtet. — Ueber die Frage, welche Organe am 
häufigsten Site einer miliaren Carcinose seien , und welche Ab-» 
lagerungen sich am gewöhnlichsten miteinander combiniren , darf 
ich mir nach meinen bisherigen Beobachtungen natürlich noch 
keinen gültigen Entscheid erlauben. Immerhin mag es von Inte- 
resse sein y, das VerhSltniss kennen zu lernen , welches aus den 
beschriebenen Füllen sich ergibt. 

In diesen sieben Fällen wurden in folgenden Organen mul- 
tiple miliare Localisationen angetroffen : 

In den Pleuren sieben M$l (bald agr in der einen, bald 
in beiden* bald auf 4er Organa bald apf der Pa»ietaliamelle oder 
beiden zugleich) ; in der TrepheaU w\}(\ Broncfcialschlöimr. 
haut vjer Wpl (Fall 3* 4 r 6, 7); in der jungen £U bsianz 
drei Mal CF^ll 1, 4, 5)j auf dein Peritaaemp, dem Netz 
und Gekröse vier Mal (Fall 2, 3, 4, 7); auf den ttennm-* 
gen \iejr Mal (fall ?, 4, 5, 6); in der Gehirnsubstan» 
drei Mal (fall 2 t 4, 5); in der Hypophysjs 1 Mal (Fall 2); 
im Eadocaj<Mtn« 1 Mal (Fall 7); t»i Pericardium &wei Mai 
(Fall 3*. 7); in der Leber drei Mal CFM1 2, 3> 4); ia den Gen 
darben drei Mal (Fall 2, 4, 5>; im Pankreas drei Mal (Fall 
2 9 4 f 7)J im Magen zwei Mal (Fall 4, 5); iß der Milz zwei 
Mal (fall 3, 7); iu def Gallenblase ein Mal (Fall 3); in den 
Nieren dreimal (Fall 4, 5, 7); in der Harnblase ein Mal 
(Fall 2); in der Schilddrüse ?we* Mal (Eall 3, 7); in den 
Arterien und Venen zwei Mal (Fall 2, 7); in dert Lymph- 
drüsen drei Mal (Fall 2, 4,7); in den Muskeln zwei Mal 
(Fall 3 9 7) ; im Periost eia Mal (Fall 1). 

In den 4roi Fällen von Bamberger (a. a. Q.) ergibt sich 
auch die grösste Häufigkeit der acuten Ablagerung für die PI e u r e n. 



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«39 

Sein Fall 3 bringt noch ein Beispiel von Legalisationen im Fett* 
polster der Bauch decken. Weiche, fluotuirende, zuletat 
durchbrechende Geschwülste anter der Haut, denen Köhler 1 ) 
ein besonderes Gewicht beizulegen scheint, kommen weder in 
den von Bamberg er, noch in den von mir beobachteten Fällen 
vor. Gleich hier sei daran erinnert, dass dieselben jedenfalls 
nicht als ein klinisch -^diagnostisches Unterscheidungszeichen der 
acuten Carcinose gegenüber der MiHartüberculose in Anspruch 
genommen werden können, Es würde uns ihr Auftreten hödn 
stens bei Uebereinstimmung des übrigen Krankheitsbildes in der 
Diagnose einer Pyämie bestärken können. Es muss hier noeh 
erwähnt werden , dass die miliaren Krebstocalisattonen auch in 
pathologischen Neubildungen beobachtet werde». Ich erinnere nur 
an ihr Vorkommen in Pseudomembranen und Exsudatschwarten. 
Bisweilen pflanzt sich eine miliare Krebseruption von den hesohrie-r 
bcnen Charakteren auf die Basis und die Blinder eines chronischen 
Carcinoms , zumal wenn dasselbe zu exulceriren begäinL In 
ausgezeichneter Weise liess sich diese Form in dem ausgedehn- 
ten Carcinoma resophagi (Fall 7) verfolgen. — Doch habe ich 
sie auch wiederholt in Fällen beobachtet, wo jede multiple Krebs* 
ablagerung in andern Körperthäilen und im Leben jedes Symptom 
derselben fehlte. 

Meine mikroskopischen Untersuchungen haben mick 
gelehrt, dass die miliaren, acut entwickelten Granulationen stets 
-dem Markschwamm angehören. Diess gilt nicht nur von de* 
Fällen * wo der primitive v chronische Krebs, ein. Markschwamm 
war, sondiarn man überzeugt sich hievon auch j wenn ausge*- 
prägte Faser- und Gallertkrebse vorhergingen. Es wird diess 
zwar auch in der Mehrzahl det multiplen chronischen Krebsabla- 
gerungen- von verschiedenen Forschern als Regel angegeben. Doch 
finden sich in deir Litteratur zahlreiche Ausnahmen hiervon nitge*- 
ibeilt. Ich erinnere nur an die von Lebe rt 2 ) erzählten Fälle 

i) A. a. 0. Seite 110. 

2 ) Lebert, Beiträge zur Kenntniss des Gallertkrebses in Vir- 
chow's Archiv Bd. IY. 2, S. 192. Fall zahlreicher fibroplast. Ge- 
schwülste in Yirch» Arch. XML 2. 18Sß. S. 153. 



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240 

von Gatter tkr ebi , bei welchen in den Acbseldrüsen, Zwischen- 
ffypenmuskeln , in den Lungen, in dem Mediastinum und auf dem 
Zwerchfell zahlreiche Meine Gallertkrebse aufgefunden wurden, und 
an seinen interessanten FaU von massenhaften ßbroptustischen Ge- 
schwülsten. Ich selbst besitze ein schönes Präparat von multiplen 
szirrhösen Herden des Netzes , welche auf einen Scirrhus ventri- 
cuii folgten« — Stannius ist meines- Wissens der Einzige, 
welcher acute (?), zahllose, abgeplattete und rundliche Faser« 
krebse im Bauchfell beobachtet haben will. . kh muss ein be- 
sonderes Gewicht darauf legen, dass sich in den aöut entwickel- 
te» miliaren Krebsknötehen verh&ltttissmässig selten höhere Eal- 
wioklungsformen , sondfern meistens nur die jüngsten , embryonalen 
Stufen der Marksehwamtrielenumte vorfinden, — ' Grössere runde 
und ovale oder auch spindelförmig ausgezogene, nackte Ktrne mit 
einem oder mehreren Kernkörperchen ,» häufig mit Fei tkügelchen , 
immer 'mit Molekularkdrnchen vermischt -— bilden den Haupt- 
bestandteil derselben. Grössere runde oder ovale, keulen- oder 
spindelförmige Mutterzellen (von y 3o Millm.) habe ich mir einige 
Male, und dann in kleiner Zahl gesehen. In keinem der hesciirie* 
benen Fälle konnte ein Gerüst (Stroma) nachgewiesen werden. 
Statt dessen waren bisweilen: längliche Kerne reihenförmig anein- 
ander gelagert. Eine Neub ildung von Blutgefässen habe 
ich einige Male angedeutet gefunden« Besonders schön liess sich 
die&ibe an jenen leicht vulnerablen , acuten Excrescenzen ver- 
folgen ,' welche bisweiten auf. chronischen Krebsen emporschies- 
sen. Ein Mar sah ich diesen Prozess auch an der Leber (Fall 3). 
Er schien hier vollkommen wie bei den Wundgranulationen vor 
sich zu gehen 2). Weit häufiger wird die röihliche oder bräunliche 
(gräuliche) Färbung der miliaren Krebsknötehen durch Ablagerung 
von Pigmenten bewirkt, welche bei dieser Form der Carcinose 
ausserordentlich oft angetroffen werden. Zugleich findet nicht 
selten eine Beimischung von mehr oder weniger nekrotischen Blut- 



1) Casper's Wochenschrift. 1834. Nr. 51. 

*) Der Kürze wegen verweise ich auf BilTroflTs „Untersuchun- 
gen über die Entwicklung der Blutgefässe." Berlin 1856. S. 19 n. ff. 



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kftrperchen statt. Dass die carcinomtösen Miliargranulatiohen 
(vielleicht unter dem Einfiuss wiederholter neuer Congestionen und 
Hyperämien?) zu höher entwickelten Krebsbildungen heranwach- 
sen können, dafür geben meine. Beobachtungen manchen Beleg. 
Es imss nachdrücklich hervorgehoben werden , dass sich durchaus 
nicht immer ein der Dauer der Erkrankung proportionaler Fort« 
schritt in der Ausbildung der carcinomatösen Ablagerungen nach* 
weisen lässt. Auf der einen Seite können längere Zeit beste« 
hende, umfangreichere Krebsgesehwülste ausschliesslich nur em- 
bryonale Elemente aufweisen; auf der andern Seite finden sich in den 
durchsichtigen, hflufig nur durch eine seitliche Beleuchtung zur 
Anschauung kommenden, hyalinen Körnchen oder B löschen, welche 
offenbar einer sehr jungen Bildungsstufe entsprechen , öfters be- 
reits dieseften , namentlich kernigen Elemente, welche ältere Gra- 
nulationen zusammensetzen. 

Im Allgemeinen lassen sich die acuten miliaren Eruptionen 
durch den embryonalen , jugendlichen Charakter ihrer Element» 
von den multiplen chronischen Krebsknötcben unterscheiden. Doch 
bedarf es kaum der Erwähnung) dass durch die mannigfachen 
Uebergänge zwischen acuter und chronischer Bildung die anato- 
mischen Unterschiede vielfach ausgelöscht werden hönnen. Von 
besonderer Wichtigkeit erscheint die mikroskopische Differentialdia- 
gnose zwtschealliliartuberculose und Garcinosis miliaris 
acuta. Lebert hat nachzuweisen gesucht, dass in der grauen, 
halbdurchstcbtigen Tuberkelgranulation dieselben Elemente enthal- 
ten seien, wie in dem ausgebildeten Tuberkel. Ich habe bereits 
erwähnt , dass die Resultate meiner Untersuchungen hiermit 
nicht übereinstimmen , und dass ich z. B. seine «Tuberkelkörn- 
chen» in den primären grauen Granulationen sehr selten aufzu- 
finden vermochte. Ich glaube mich dahin ausbrechen zu müssen, 
dass sieh. die jüngsten, halbdurchsichtigen Granulationen der Mi- 
liartubercmlose und MUiarcarcmote mikroskopisch nicht von einan* 
der unterscheiden lassen. Es ist mir sehr erklärlich , wie dieje- 
nigen Forscher, welche nur diese Stadien der Granulationen an- 
trafen , nach dem äussern Ansehen und nach der mikroskopischen 
Untersuchung eine Combination der totalen Carcinose mit acuter 

16 



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Tubercülose darin erblickten (vargl. Fäll 5 meiner Beobachtungen), 
Etwas weiter fortgeschrittene Krebsknötchen unterscheidet schoa 
das blosse' Auge durch eine bedeutendere Grösse y eine heuert 
Färbimg (wenn dieselben nicht pigroentirt sind) f und häufig durch 
eine speckartige Consi&tenz von. den analogen Tuberkdgriroute- 
tionen. Das. Mikroskop wird durch den Nachweis entgegen- 
gesetzter Eatwicklungsrichtungen in den Elementen der tuber« 
culösen und carcitfomatösea Knötchen meist den sichern Entscheid 
liefern können. In letzter Linie endlich würde immer die £x*t 
gtenz eines primitiven, chronischen Carcinoma den letzten Zweifel 
zerstreuen. 

Es würde. t imr zu unnötigen Wiederholungen Veranlassung 
geben , > wollte ich die miliaren Krehsablagerungen nach ihren 
Vorkommen in den einzelnen Orgaaen einer be*o»dern Betraehiang 
unterwerfen, um so mehr , da ich die dadurch bedingten Gharakter-r 
fiigenthumJichkeiten derselben bereits erwähnt habe, loh beschränke 
mich daher nur darauf , in Folgendem die begleitenden anatomi* 
jtcAeft Yer&ftdmmgen der einzelnen Organe näher £u heleuohteiL 
Ich muss es freilich dabei oft unentschieden lassen, wie viel da? 
von auf Rechnung der früher besteheiwteji Krebsbildung zu setzen* 
und wie viel von dem acuten Prozesse herzuleiten sei. , 

Was zunächst die nervösen Centralorgane betrifft , so 
habe ich liier bestätigt gefanden ., was wir so höa&g in unseres 
Typhoidleichort zu beobachten Gelegenheit haben. Die. meist so 
schweren Cerefbralsymptome wurden nur selten durch den anäto* 
mischen Befund: genügend .erklärt. Häufig fanden sieh gar kerne 
Veränderungen; vor. Doch fehlten dieselben wenigstens in den 
drei Fällen, in denen das Gehirn Sitz carcinonatöser Granulatio- 
nen war, nicht. Es kam sowohl Anämie als Hyperämie, ödema- 
töse Erweichung und exquisite Trockenheit vor. Ein massiger 
Erguss war in Fall 3; eine gramdireade Trübnng der Central 
theile in Fall 5; circumseripte Btatmjection imd Pigraentablage- 
rang in Fall 5 vorhanden. Verwachsungen und Adhäsionen wur- 
den wiederholt angetroffen. Selbst, wo ein peripherischer Nerw 
$tomm durch eine Krebsgrauulation unmittelbar gedrückt wurde* 
fehlte die regressive Metamorphose der Primitivräbreji. Zwei Mal 



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habe fch eine Hyitertfopbie der Scheiden der peripherische* Ner* 
vmfasern beobachtet , wo Exsudate : und Krebsknötchen m det 
nächsten Umgebung gefunden wurden. 

Irf kewem der beschriebenen Fälle waren Spüren einer eigent- 
lichen Entbindung des Lungenparenchyms nachzuweisen 1 « 
Verschiedene Forseber C Waller u. A.) haben hei der Miliar- 
tubereulost hepetisirte Inseln im Umkreis der Knötchen nach- 
gewiesen. Rokitansky scheint etwas Aehnliehes bei der acuten 
CarcinOSe gesehn zu haben. Davon habe ich Nichts gefunden, 
Doch waren die Krtbsgranulationen bisweilen von einem hype-< 
ramischen öder pigmentirten Wall umgeben. Kleinere, oft mi-> 
iroskopisebe. Apoplexien und hämorrhagische Infarkte f Ecchy-* 
mosen und ßugillationen waren hier sowohl als in andern Orga-* 
taen ziemlieh häufig, Splenification oder Atelectasie ward In kei^ 
item Falle beobachtet ; doch fanden sich meistens beträchtliche 
Hypostasien in den Hintern Lungenparthien. In keinem Falle Hess 
sieh eine Tubercatosis der Lungen in vigere nachweisen; ein 
Mal (Fall 6) waren obs&lete Tubertelherde in beiden Spitzen vor- 
handen. Hyperämie der Tracheal- und Bronchialschleimhaut zeigte 
sich nicht so häufig , wie bei dem Typhoid , der Pyaemie , etc; 
Eine Trübung und Auflockerung derselben , verbunden mit mehr 
oder wehiger rechlicher Anhäufting von Schleim, kam einige Mal 
vor. Emphysem sah ich in zwei Fällen; nie zeigte sich ein 
Lungenödem , Lungenabcess oder eine Brandcaverne. In den 
Pleurahöhlen fanden sieh wiederholt ziemlich reichliche Er- 
güsse j in der Hehrzahl der Fälle kleinere oder grössere Pseudo- 
membranen und Adhäsionen. Von besonderem Interesse war : 

Das Verhalten des Gefässsystems. Zuerst ist zu er- 
wähnen , dass sowohl das Herz , als die verschiedenen Gefässe , 
Gerinnsel mit carcinomatösen Elementen enthalten können. Das 
Endocardium und die Intima der Gefässe war meist noch glatt 
und glänzend, nur in der nächsten Umgebung der Knötchen 
locker und getrübt. Grössere blutige Imbibitionen circumscripter 
und diffuser Art waren ziemlich häufig. Weder eine Arterien- 
entzunduÄg , noch eine Phlebitis (durch eingewanderte Krebs- 
pfröpfe) habe ich gesehn. Namentlich unter den serösen Aus- 



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Meldungen waren die Blutgefässe häufig strotzend gefüllt, die 
Capillaren sehr vollständig injieirt. Einzelne Geftssnetze schienen 
durch Blutextravasate, nekrotische Blutkörperchen, Hämatosin- und 
Melaninpigment unterbrochen. An der Grenze kleiner hämor- 
rhagischer Herde schössen bisweilen Krebsfollikel auf. 

Was das anatomische Verhalten des Bauchfeiles betrifft 1 )) 
so habe ich ziemlich constant seröse oder peritonüische Ergüsse 
angetroffen, die jedoch nie reichlich waren und nur einmal san- 
guinolente Beimischungen enthielten« Seltener fanden sich pla- 
stische Exsudate und Verklebungen mit dem serösen Ueberzug 
der Gedärme. Einige Male zeigten sich gruppirte Ecdtyraosen 
auf den Bauchfellüberzügen verschiedener Organe. Ich muss noch 
der eigentümlichen Thatsache gedenken , dass die miliaren cor* 
cinomatösen Granulationen auf dem Peritoneum, dem Netz und 
dem Gekröse bei weitem nicht so innig tmd fest aufsitzen , als 
auf andern Organen. Wenn wir hierzu noch die Schwellung und 
Auflockerung der Krebsfollikel durch Imbibition des Serums etc. 
reebnen, so lässt es sich leicht begreifen, dass wir nicht selten 
in den Ergüssen Fragmente der Granulattonen antreffen. Dass 
durch gruppenweise abgelagerte ltirsekomgresse Krebsknötchen 
eine Zusammenziehung des Gekröses und nachmalige Knickung 
und Verwicklung der Därme entstehen könne, ist eine Beobach- 
tung von Engel, die ich vorlaufig ohne eine bestätigende eigene 
Erfahrung hier erwähne. 

Die miliare Carcinose des Darmcanals blieb bald auf die 
seröse Hülle beschränkt und bot hier distinete, uniforme Follikel 
dar, bald hatte sie ihren Sitz innerhalb der Darmwandungen und 
auf der Schleimhaut. In diesen letztern Fällen ging die miliare 
Form in die Infiltration über. Diese erschien zwischen Schleim** 
haut und Muskelhaut, oder zwischen diesem und • dem serösen 
Ueberzuge. In Betreff des zellenförmigen Hereinmaeksens in die 
Schleimhaut und der Bildung eigenthnmlicher reliculirter Flächen 

') Ich erwähne noch, dass Rokitansky (a. a, 0. S. 289) den 
Gallertkrebs in Form massenhafter kleiner, hirsekorn- bis erbsen- 
grosser Knoten auf serösen Häuten beobachtete , namentlich am Perito- 
neum und Netz. 



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84$ 

verweile ich auf das bei Fall 5 Angeführte, lieber die Bildung 
tief ergreifender carcinomatöser Geschwüre besitze ieh keine Er- 
fahrungen. Auch fand sich in keinem Falle eine typhoide, fol- 
liculäre oder tuberculösc Ulceration. Wiederholt habe ich eine 
medulläre Infiltration und Schwellung an den solitären und Pey er- 
sehen Drüsen gesehn. Ich erwähne gleich bei dieser Gelegenheit 
die analogen Vorgänge in den Lymphdrüsen*') , welche keines- 
wegs immer auf eine krebsige Infardrung , sondern in der Mehr- 
zahl der Fälle auf einfache hyperplastische Wucherung der nor- 
malen zeitigen Elemente zurückzuführen sind. Neben den carci- 
nomatösen Localisationeii zeigten die Darmwandungen bisweilen 
blutig-seröse Imbibitionen, schmutzig-dunkelrothe und bräunliche 
Färbungen, hyperämische Schwellung und Erweichung der Schleim- 
haut. In der Mehrzahl der Fälle konnten aber auch alle diese 
Veränderungen gänzlich fehlen. 

In den anatomischen Befunden des Magens wiederholten sich 
meistens die eben geschilderten Verhältnisse. Namentlich wurden 
in einigen Fällen Auflockerungen der Schleimhaut und Spuren 
eines mehr oder minder heftigen' Katarrhs nachgewiesen. Ge- 
wöhnlich fehlten aUe auffallenderen Veränderungen, selbst wenn 
eich miliare Knötchen vorfanden» 

In der Leber wurden neben der miliaren Krebsiocalisa tion 
und Infiltration keine tieferen Desorganisationen beobachtet. Aus- 
ser der Anämie und der Hyperämie kamen bisweilen noch kleinere 
hämorrhagische Infarkte vor. Die Gallenblase war gewöhnlich 
mit <5alle angefüllt und normal (mit Ausnahme von Fall 3). Ebenso 
tlie Gallenwege. 

In Betreff der Milz wiederholten sich meistens dieselben Ver^ 
Mitnisse, denen wir bei Sectionen von Typhoidleichen ge- 
wöhnlich begegnen. Die Milz war äusserst blutreieh , ge- 



*) Es seheint nach den neuesten Untersuchungen von Ludwig und 
Noll, Kölliker, Brücke, Donders, und namenlich Virchow, 
zur Thatsache geworden , dass die Peyerschcn Plaques und die Lymph- 
drüsen, sowohl in anatomischem Bau, als in physiologischer Bedeutung 
eine grosse Analogie darbieten, und beide als Brutstätten der Lymph- 
körperchen angesehen werden müsses. 



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24» 

ruatelf , coliabirt , morsch (wan wohl mit feine* vorausgegangenen 
Schwellung in Zusammenhang steht)* Eine Ftryrö'sfsraffi;, wie sie 
Louis, John st ob u. A. bei der acuten Tubercutose beschrie- 
ben haben, fand sich in der Beobachtung von Friedberg (a. a. 
fi.)* in Bamberger's Fall 1 und 3, und in Fatt 3 und 7 mei* 
ner Beobachtungen. 

Während ich in keinem einzigen Falle — selbst dt, wo 
Krebskuötchen in die Nieren abgelagert wäre« — tiefere Dege- 
nerationen ihres Parenchyms angetroffen habe, vermochte ich fast 
immer leichtere Veränderungen in ihnen nachzuweisen (wie man 
sie beim Typhus und der Mehn&ahl der acuten Exantheme so ge- 
wöhnlich sieht)« Das äussere Aussehn der Nieren war dabei ver* 
schieden. Das Volumen war nicht wesentlich verändert ; die Con- 
tistenz in allen Fällen normal. Gewöhnlich fand aitih der peri- 
pherische Theil der Lobuli angefüMt, intensiv gerottet , . während 
die centralen blassgräulich oder gelblick erschienen. In den Mal- 
f> ighiachen Körperchen begegnete ich häufig mikroskopischen Apo- 
plexien und Ecchymosen. Iu 4en RJAdekcanAlen fand sich öfters 
.ein trüber ZeUmdetrüue , und beim Dtfuek auf die Pyramiden trat 
einige Male eine milchige Flüssigkeit aua, weiche unter dein Mi« 
kroskope aus Epithelialzellen bestand* Es ist auf diese. Erschei- 
nung, welche zunächst auf eine Lockerung und leifctere Ablö- 
sung der Eptthelten in den Haroeatätebeii zu» beziehe« ist, nicht 
zu viel Werth zu legen. (Magendie'a Physich w* Hofacker. 
U. S. 340.) Einige Male wurden die vo& Rohuu, (Memoire mr 
ffyitMliqm? du rei/n, etc., Ga*. des btpjt, jfägfy beschriebenes 
Pigmentkörnchen in den Uarncanälchen aufgefunden. — Beach- 
i^PfWorth scheint mir auch , daas steh, die miliaren Krebskuötchen 
Jp drei "von mir beobachteten Fällen vorzugsweise ift der Rinden- 
jrubstaqz befanden. 

Das Pancreas bot neben den carcinomatösen Ablagerungen 
gewöhnlich keine abnormen Venänderungea» loh machte jedoch 
besonders auf den ulcerativen Faserkrebs des Pancreas in tfalf 2 
aufmerksam. Indem ich in Betreff der übrigen , minder wichtigen 
Veränderungen auf die betreffenden. Krankengeschichten verweise* 
füge ich hier nur noch einige Bemerkungen über < 



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247 

' D4$ Verhalten der Blutntasse beider acuten Mikwfctrcmose 
hüifltK Genauere Analyse* wurden bisher nur in Fähen chronischer 
Cardinose vorgenommen , und haben im AI/gemeinen noch wenig 
Brauchbares zu Tage gefördert Gegenüber .den Theorien En- 
get' s 1 ) und Rokitansky^ 2 ), welche beim Krebse Faserstoff« 
armutfa und Eiweissübersehuss zu statuiren suchten , haben vor- 
züglich die Untersuchungen von Andral?), (weiche seither von 
Simon, Popp, Heller, Gorifp u. A. bestätigt wurden), die 
Thatsfcche festgestellt , dase die Menge des Fasmrstoffs im Verlauft 
der Krtbsbrankheit stete mmmmi; so lange nicht etwa ein Qtgan 
der Mluibtreitunf ergriffen worden ist. Heller 4 ) sah die Quan-* 
ütät 4ms Faserstoffes im AdeilassUute gewöhnlieh im das Dreifache 
vermährt. Es versteht steh von selbst, dass et sieh bei diesen An* 
gaben nieht um eine absolute Hyperinosts, sondern nur u*n ein 
relative» Vorwiegen des Faserstoffes gegenüber den andern- Be~ 
standtheUen des Blutes handeln kann. — Durch die massenhaften 
miliaren Ablagerungen der acuten Carcinose scheint die gesammte 
Blutmasse an festen Best an dt heilen 9 besonders an Faserstoff ' ß zu 
verarmen. In dem Blute .der Leichen gab ^sich entweder. der Zu- 
stand der Anämie und Bydrämie , oder eine ahnliche dissolut- 
venöse Mischung zu erkennen, wie wir sie so häufig in den Lei- 
chen der an Typhus öder Pyämie Verstorbenen ausgesprochen 
finden. In solchen Fällen war ein dünnflüssiges, schmutziges, 
dunkles Blut ohne gebildete Coagulis , vorzüglich in der rechten 
Herzhöhle abgelagert. Einige Male fand ich in den Gefässen und 
dem Herzen klumpig-gallertige , mit Blut gemischte Coagula oder 
lockere Fibringerinnsel in geringen Quantitäten,. ~ lieber den 
Zustand der Blutmasse vor dem Ausbruche der primären acuten 
Carcinose liegt bis jetzt noch keine einzige Erfahrung vor. In 
untern Fällen mus* ttaeh dem oben Gesagten ver Ausbruch der 



Engel in der Oetterr. med« Wochenschrift. 1841. S. 10 11 , 
und Archiv für phys. Heilkunde. 41. S. 536. 

2 ) Rokitansky, allg. path. Anat. S. 552. 

3) A n d r a l , Essai d'hlmatolog. path. 175—183. Paris 1843. 
*) Heller, Archiv für path. Chemie und Mikroskopie. IL 1. S. 44. 

1846. ...:"•■' 



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248 

miliaren Krebsgranulationen eine Vermehrung des Faserstoffes vor- 
ausgesetzt werden. In den Fällen 3 und 4 , in denen ich fiele-* 
genheit hatte , das Aderlassblut ziemlich früh zu untersuchen , 
bildete sich keine crusta inflammatoria , der Blutkuchen war locker 
und weich, braunroth. Die mikroskopische Untersuchung ergab 
eine Verminderung der Blutkörperchen überhaupt , besonders der 
farbigen. Dass sich dieselben durch eine besondere Grösse aus- 
zeichneten, wie Hellet (a. a. 0.) es behauptet, konnte ich 
nicht finden. — Nur in seltenen Fällen waren Krebselemente mit 
Bestimmtheit in dem Blute nachzuweisen , und dann konnte dress 
nur mit chronischen Krebsbildungen in Zusammenbang gebracht 
werden (so in Fall 5). Heller 1 s kleine, geperlte, gramilirte 
Zellen und eigentümliche, goldgtänzende Flimmerchen (?) sind 
zum grössten Theil wahrscheinlich Kunstprodukte durch Reagen- 
zen, und ich habe ikber dieselben nichts Näheres ermitteln 
können. (Sohlt»« folgt.) 



Heber die Tracheotomie beim Croup der Kinder , 

von A. Vogt. 
(Fortsetzung aus Nr. VI. u, VII. $. 218.) 



Jos. Frank 1 ), Schönlein 2 ), Canstatt^), Royer- 
Collard 4 ), Gu^rin 5 ), Copland 6 ) u. A. verwarfen die Ope- 
ration , einmal weil durch sie die Pseudomembranen , die oft bis 
in die Bronchien hinabsteigen und an der Schleimhaut meist fest 

anliegen , doch nicht könnten entfernt werden , und dann , weil 

i «i i *■ * ii 

') Praxeos med. univ. pneoept. Part. II. vol. H. ; sect. 2. p. 194. 

2) Schön lein, Vorles. über Path. und Ther. Zweite Auflage. 
Würzburg 1832. Band I. S. 519. 

3) Handb. der med. Klinik. 1843. Bd. in. Aßthl. 1. S. 513. 

4 ) Roy er-Collard, Abbandl. über den Croup, übers, von Meyer. 
Hannover 1814. S. 243. 

«) Ga*. medicale 1857. Nr. 35 p. 545. 

6 ) Copland, encycl. Wörterbuch der prakt. Medizin, übersetzt 
von Kaiisch. 1835. Bd. II. S. 512, 



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240 

durch sie auch dem Krankheksptoz&se der exsudativen Entzün- 
dung nicht Einhalt geschehe, im Gegentheil der Reiz der Ver- 
wundung und des eingelegten Röhrchens u. s. w. jene eher 
vermehre, und dadurch die Ausdehnung der Exsudation in die Bron- 
chien und damit die langsame Asphyxie durch mangelhafte Oxy-» 
dation des Blutes befördere. 

Alle diese Einwürfe geben aber von der ganz falschen Vor- 
aussetzung aus, dass mit der Operation eine Heilung des Krank- 
beits prozesses durch Vernichtung der exsudativen Entzündung 
oder durch directe Entfernung der Plasmen bezweckt werde. Die 
Intention kann ja nur die seift, der Heilbestrebung der Natur oder 
der medicamentösen Einwirkung die notwendige Frist zu ihrer 
Entfaltung dadurch zu verschaffen , dass man dem rapiden Stran- 
gulationstod (Starr nannte den Croup schon 1749 treffend den 
morbm strangulatorim) durch Eröffnung der Trachea zuvorkommt« 
Wenn daher Porter (L c. S. 67) seine Gegengründe damit 
beginnt, dass er sagt: «In den früheren Stadien des Croup, 
«wenn die Schleimhaut roth und geschwollen , und noch keine 
«Lymphe ergossen worden ist, kann kein Grund vorhanden sein, 
«einen Einschnitt zu machen» u. s. w. , $o müssen wir den Satz 
gerade umkehren und sagen : gerade dann ist die Tracheotomie indi«? 
cirt, da hier noch allein der Verschluss der Stimmritze, gleichviel ob 
von entzündlicher oder ödematöser Geschwulst , von zähem Schleim 
oder Concrementen herrührend, mit dem asphyctischen Tode droht. 
Bretonneau und Trousseau glaubten zwar, durch topische 
Anwendung von Medicamenten auf die Trachealschletobaut dem 
Exsudationsprozesse Halt zu gebieten , wir hoffen aber bei der 
Betrachtung der Operation die Unbegründetheit dieser Ansicht dar« 
legen zu können. Selbst der blindeste Gegner wird aber doch 
zugeben müssen, dass durch eine Trachealwunde eher die Ex* 
pectoration von losen Pseudomembranen ermöglicht wird , als 
durch eine festgeschlossene Stimmritze ! Und weisen nicht genug 
Fälle gelungener Tracheotomien in der Literatur nach , dass 
bedeutende , selbst bis in die kleineren Bronchien verzweigte 
Concretionen durch die Wunde ausgeworfen wurden , und 
dass fast in allen vorgekommenen Operationsfällen theils durch 



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«KT 

freie Eipectöratkm , tlicils durch Instrumente mehr oder minder 
grosse Pseudomembranen herausbefördert wurden , wie es auch 
in unserem Falle (S. 101) geschah? Auf welchem Wege woll- 
ten wir losgelöste Fetzen entfernen , wenn die verengte Stimm- 
ritze und die Schwäche des erstickenden Kindes keinen so kräf- 
tigen Expiration sstrom mehr zulässt, Um jene heraufzubefördern, 
wenn auch die Brechmittel, wie gewöhnlich im spätem Stadium 
des Croup, ihre Wirkung gänzlich versagen? Gewiss nicht an- 
ders als durch künstliche Wiederherstellung eines Athmungsstro- 
mes von ausreichender Kraft '• in den Luftwegen und durch kräf- 
tige Hustenstösse , erzwungen mittelst directer Reizung der Tra- 
chealschleimhaut durch die Operationswunde. 

Es ist zwar wahr : eine Suffocafion durch Verstopfung der 
Bronchien oder Lungenbläschen, also durch ein unter der Tra- 
chea gelegenes Hinderniss, kann durch eine Tracheotomie nicht 
gehoben werden. Niemand wird daran denken , - einen an aus- 
gebreiteter doppelseitiger Pneumonie erstickenden Kranken durch 
jene Operation retten zu wollen. Es kann sich daher nur fra- 
gen : wird jenes Hinabsteigen der exsudativen Entzündung durch 
die Tratheoto»te begünstigt oder beeinträchtigt; mit andern Wor- 
ten ; bietet dieses Moment eine formelle Contraindication der Ope- 
ration oder nicht ? Kann schon vor dem operativen Eingriffe jenes 
Hinabsteigen mit Sicherheit diagnostichrt werden oder nicht , und 
Metet diese Ausbreitung der Exsudation nach unten ein gewöhn«* 
fctfees , normales Vorkommniss beim croupöscn Prozesse? 
i Wir bemerken vorerst, dass die Mehrzahl unserer Gegner, 
wk Goelis, Canstatt, Copland u. A. , ganz bestimmt die 
Operation, für indicirt halten , wenn der exsudative Proz ess sich 
nur auf den Laryux beschränkt, oder äogar nach Albers, bei 
varheitschehdem Krampf der Stimmritze]. Die letztere Ansicht von 
Alb er s zeigt schon deutlich, wie im Lager der Gegner Jens 
auffallende Diaridenz der Meinungen auf die vollständige Grund** 
lesigkeit ihrer Argumentation hindeutet. Heutzutage, wo wir 
beim Stimmritzenkrampfe , im Falle die Brechmittel ihre Wir- 
kung versagen , immer noch das Chloroform in Händen haben , 
wird Niemand mehr an die Tracheatomie in solchen Fällen den** 



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25t 

Ken, und wir brauchen uns daher blos au diejenigen Gegner zu 
wenden, welche eine allfällige Traebtotomte ton der auf de« 
Kehlkopf beschränkten Localisation des croupftsen Prozesses ab» 
hingig machen wollen. 

Albers und Roy er - Collard haben gefunden, dass 
sich Anfangs die exsudativen Producte «nur im Kehlkopfe und 
«im obem Tbeile der Luftröhre befinden; später findd man sie 
« fast immer in der Luftröhre und im Anfang der Aeste dersel- 
«ben»! 1 ); und Ganstatt ^) stimmt damit überein. Coo* 3 ) hat 
die Seetionsresultate von 193 €roupfflUen , in welchen der Tod 
ohne Operation erfolgt war , zusammengestellt und gefunden, dass 
die Pseudomembran sich 

123 Mal auf Kehlkopf und Luftröhre beschränkte, 
49 » sieh in die Bronchien ausbreitete und 
21 » gänzlich fehlte. 
Summa 193% 

Von 193 starben also i93 in Folge eines auf Larynx und 
Trachea beschränkten Prozesses ! Halte Angesichts dieser That- 
sacke nicht Tiousseau vollkommen Recht, von der Tracheoto- 
mie TM Stegen: «tie pas faire ceüe Operation est un acte cou* 
pöble* ? Gestützt auf d& Angabe der obgenannnten Gegner, 
wäre schon hiemit entschieden * dass die Operation nach ihrer ei- 
genen Ansicht in der grossen Mehrzahl von extremen Croapfältea 
ihre indication finde. Und doch übten sie dieselbe nicht , im 
Grunde ans hergebrachter Scheu vor derselben , scheinbar aber 
unter dem Verwände r dass der Prozess doch bei Verlängerung 
des Lehens: naoh den Bronchien hinabsteige f und weö im gege- 
benen FaHe in der That eine: sichere Biagnose der Beschränkung 
des Uehels auf den Larynx , wie wir bäht zeigen werden , un- 
möglich ist, und somit auf dieser Grundlage jede Tracheolouue 
SU 1 beanstanden wäre. Untersuchen wir daher vorher noch, wie es 
sieh mit jenem Hinabsteigen des Prozesses in die Bronchien und 

milder Diagnose in solch zweifelhaften Fällen eigentlich verhalte. 

f f ■ ■ * 

') Royer-Collard I. c. S. 54 und 55. 

?) Canstatt 1. c. S. 489. 

*) :Jotonal fOr Kinderkrankheiten. 1858. ». 9. 



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252 

Diebesien Beobachter sagen zwar, gestützt a»f Sections- 
ergebnisse, dass der Croup meistens in der obersten Abthei- 
lung der Luftwege beginne , und sich im weitern Verlaufe gegen 
die Lungenbläschen hin auszubreiten pflege. Man hätte also, 
meinen unsere Gegner , bei der momentanen Fristung dei Lebens 
durch die Tracbeotomie doch noch einen tödtlichen Bronchialcroup 
zu erwarten, und mithin mindestens eine Überflüssige Arbeit unter- 
nommen. Wissen denn unsre Gegner , dass jenes Weiterschrei- 
ten der Pseudomembranen notwendigerweise erfolgen müsse , 
und dass, wenn wir diess auch, entgegen mannigfachen exacten 
Beobachtungen , zugäben , der Tod der unabänderliche Ausgang 
davon sei ? Nein , beide Voraussetzungen haben sich nicht be- 
wahrheitet. Bei der grossen Mehrzahl glucklich abgelaufener 
Tracheotomien zeigte sieh Anfangs Ausstosseii einzelner Mem- 
branfetzen , und zwar gewöhnlich (wo eis nämlich ausdrücklich 
erwähnt wird) von einer Conformation , welche gegen deren Ur- 
sprung in den feineren Bronchialästen spricht ; später zeigten sich 
dant\ fast immer nur noch durch Austrocknung verhärtete Schleim- 
massen oder mehr weniger flüssiger Auswurf« Bei einem glück- 
Jichen Falle von Traeheotomie bei Croup, welchen Archam- 
boult mittheilt, bestand der Prozess schon 14 Tage bevor zur 
Operation geschritten wurde, also lange genug um dem Weiter- 
greifen des Prozesses Zeit zu gönnen , und doch wurden blos 
während zwei Tagen einzelne Pseudomembranen expectorirt und 
fpäter nicht ipebr. In unserem Falle war mit der Expectoration 
von Concrementen , welche deutlieh den Abdruck der Stimmbän- 
der an sich trugen (S. 101), der plastische Prozess in den Ath- 
mungswegen erloschen, obgleich nach sieben Tagen der 
d iphtheritische Prozess am rechten Auge (S; 103) fort*- 
bestand. Es beweisst diess genügend , dass jene Ausbreitung 
des Croups auf die Bronchien keine constante ist. Man könnte 
mit grösserem Rechte aus den Beobachtungen glücklick operirter 
Croupfälle seh Hessen , dass jene Ausbreitang durch den Fort- 
bestand einer Kehlkopfverengerung begünstigt werde. Ist es nicht 



*) Journal für Kinderkrankheiten, 1854. Ban4 XUL. S. 58. 



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$53 

viel wahrscheinlicher, dass bei behinderter Inspiration , wo der 
gewaltsam ausgedehnte Thorax gleich einer Juri od' sehen Yen«* 
touse auf die Brustorgane wirkt, die Schleimhaut wie unter einem 
Schröpfkopfe hyperämiseh anschwelle und dadurch der exosmo- 
lisehe Austritt mehr oder weniger plastisch erhärtender Stoffe be-t 
günstig! wird? Wenigstens sprechen die anatomischen Be- 
funde bei Erdrosselten, Erwürgten, das heisst bei Solchen, 
welche durch Unwegbarkeit der Luftwege zu Grunde gegangen 
sind , deutlich genug . zu Gunsten dieser Ansicht. In diesen 
Fällen pflegt sich sogar (ler von der hyperämisohen Schleimhaut 
secernirte Schleim noch durch seine Viscidät, seine Piasticität 
auszuzeichnen. Die pathologische Anatomie sagt uns Mos, das# 
der croupöse Prozess sich Vom Kehlkopf aus nach unten adszu* 
breiten pflegt, wenn er sich überhaupt weiter ausdehnt 
ia den Luftwegen. Es zeigt uns überdiess noch die pathologische 
Anatomie , dass beim Herabsteigen des croupösen Prozesses die 
Piasticität des Exsudats nach den Lungenbläschen hin immer. mehr 
abnimmt , so dass man in den kleinen Bronchien , wenn sie. mit 
ergriffen sind, fast immer nur zähen oder eiterartigen Schleim 
statt der festeren Concremente vorfindet. Dieses mehr schlei* 
mige oder eiterartige Exsudat wird aber mit grösserer Leichtig- 
keit expectorirt als erhärtete Pseudomembranen. Und auf der 
andern Seite sind sogar einzelne Fälle, z. B. von Guersant, 
bekannt, in welchen Heilung durch Tracheotomie erzielt wurde, 
obgleich steh aus den expectorirten Hassen unwiderleglich ergab, 
dass die Bildung fester Pseudomembranen bis in die feineren 
Bronchien reichte. Wir können also weder anerkennen, dass bei 
einem gegebenen Falle von Laryngealcroup mit überwiegender 
Wahrscheinlichkeit ein Weitergreifen des plastischen Prozesses in 
die kleineren Bronchien anzunehmen sei , noch dass dieses er- 
schwerende Verhältniss , wenn es wirklich vorhanden sein sollte, 
eine Gegenanzeige des Luftröhrenschnittes abgebe. Im Gegen-« 
theil müssen wir gerade in jenem Argumente der Gegner, dass 
dem Croup die Tendenz des Niedersteigens gegen die BronchioK 
innewohne, die bestimmteste Indication zur Operation finden, da 
nach jener Thatsache immer, eher der Tod durch den zuerst und 



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an tiefstes ergHffenen Kehlkopf riiit seinem terengferteft Lumen 
eu erwarten ist , als durch das Weitergreifen der plastischen Ans- 
schwitzung» anf die viel weiteren Bronchien. 

Anf einen weiteren Einwurf, welcher sich anf den Reiz be- 
sieht , welchen die Gegenwart der eingelegten Kanüle ausübet 
soll, gehen wir spater bei der specielteu Betrachtung d*r Ope- 
ration näher ein, 

Es geht aut dem Gesagten als ein notwendiger Schluss. hei* 
vor , dass bei alleil Kranttettsprozessen , bei welchen der Tod 
durch Verschluss des Kehlkopfes droht, die Tracheötomie rück* 
sichtslos geübt werden soll, abgesehen von anderweitigen lebend 
gefährlichen Compftcationen. Wer würde auch einem Erhängtes, 
welcher noch Lebensseiehen von sich gibt, nicht vor Allem den 
Strick durchschneiden , weil er möglicherweise oder vielleicht 
wahrscheinlicherweise doch an den Folgen der Verleitung za 
Grunde gehen könnte; wer würde nur zögern mit seiner Hülfe 
mm sieh vorher zu überzeugen , dass keine Durchsehnekhmg der 
Carotiden, keine Verrenkung der Wirbelsäule, kein irreparabler 
Bruch der Kehlkopfknorpel , keine tödtlicbe Stase in Lunge oder 
Hirn stattgefunden habe ? 

Im Croup findet der aasgesprochene Grundsatz eine umso 
treffendere Anwendung , als die Diagnose aller jener Cotnplka- 
tionen , welche den Erfolg der Tracheotomie vereiteln können , 
wohl nie mit Sicherheit zu stellen ist und es eitle Mühe wäre , 
auf jene Diagnose die Anzeige oder Nichtanwendbark'eit der Ope- 
tion zu stützen. Wenn in einein Falle von Croup die Tracheo- 
lernte in Frage kommt , so geschieht es nur dann , wenn sich vor* 
wiegend die Symptome der Kehlkopf Verengerung geltend machen 4 
Aber gerade in diesen Fällen übertönen die im Kehlkopf erzeng* 
tan Reibungsgeräusche alle übrigen auscultatorischen Zeichen. 
Man kann zwar, wie Heidenreich Q nachweinst und wie man 
es bei jedem Kropfigen leicht bestätigen kann , durch Auscirita- 
tion mii grosser Genauigkeit die Stelle gröbster Enge in den Luft-* 
wegen ermitteln; aber in wie weit die unter jener Stelle gröss- 



1} Jfitd. Cornesp.-Blatt boyer. Aerzte. 184 L Nr. 45. und 4$. 



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SU 

ter Enge gelegenen Abschnitte der Athmungswege; obstruirt od$r 
sonst verändert sind , lasst sich wohl bei der Studierlampe , aber 
nicht mehr am Krankenbette mit Genauigkeit unterscheiden. Ef 
sagen daher auch gewiegte Praktiker, wie Graves und Sto- 
k es DM Wood 2) spricht sich ähnlich aus]: «Es ist kaum zu 
«glauben, wie sehr das Dasein einer Verstopfung des Kehl- 
«kopfes die stethoscopischen Erscheinungen , selbst in Fällen von 
«einer schon weit gediehenen Lungenkrankheit zu verstecken im 
«Stande ist.» Wo aber eine genauere Auscultation der Brust- 
organe möglich ist , da. ist eben die Verengerung der Glottis nicht 
so bedeutend , dass das Laryngealpfeifen alle andern Respirations- 
geräusche übertönte, da ist gerade die Tracheotomie nicht indi- 
cirt, weil dann das drohendste Symptom nicht im Kehlkopfe liegt. 
Will man also die Operation von dem Ergebniss der physikalischen 
Untersuchung der Lungen abhängig machen , so setzt man damit 
eine unmögliche Prämisse, man verwirft, mit ändern- Worten, die 
Operation gerade da , wo die verengte Glottis sie am dringend- 
sten verlangt. 

Guöriu (1. c.) und Schar lau 3 ) behaupten, in den zwei 
ersten Stadien des Croup sei die Tracheotomie nicht nöthig, da 
die medicamentöse Behandlung noch ausreiche, und fan letzten 
Stadium komme sie zu spät und helfe nichts mehr. Ist es mög* 
lieh , ernstlich so zu räsonniren ? Haben sie nie jene aeute Croup* 
«nfälle gesehen, wo schon in der ersten Periode bald durch Stimm« 4 - 
ritzenkrampf, bald durch rapide Ausschwitzung von Am , pla* 
süschem Schleime oder Pseudomembranen der Erstickungstod ein* 
tritt? Warum geben denn gerade so viele der Gegner der Tracheo* 
tomie, wie Goelis, Copland, Albers, Canstatt u. A. (veik 
den Vertheidigern gar nicht zu reden) z», dass man früh operi** 
ren müsse, wenn man Aussicht auf Erfolg haben wolle; oder dass 
man nur bei Beschränkung des Prozesses auf den Larynx ein- 
greifen solle, was fast gleichbedeutendist mit der Frühoperation f 
Und was berechtigt jene Gegner , arv der Möglichkeit eines Er«* 



1) Dublin hospit. reports. T< V, p. 80, 

2) Med.-chir. Trans, of London. Vol. XVII. p. 129. 

3) Canstatt's Jahresber. ftr 1849. Bd. IV. S. 371. 



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Soft 

folges in der letzten Periode des Croup zu zweifeln , wo so viele 
entscheidende Erfahrungen auch hier der Operation das Wort 
reden ? 

Wir haben im Bisherigen die Lichtseiten der Tracheotomie 
hervörgestellt ; wir woHen aber auch unparteiisch die Schatten- 
seiten derselben in der nächsten Nummer hervorkehren und dis- 

CUtiren. (Fortsetzung folgt.) 

Aus der Literatur. 



Neues Erkennungsniittel beginnender Linsentrübung. 

Aus den soeben in dem Journal für Ophthalmologie von 
Gräfe , Arlt etc. , veröffentlichten äusserst interessanten Unter* 
suchungen über die Polarisationserscheinungen der 
Krystalllinsen des Menschen und der Thiere, von G. 
Valentin, heben wir vorläufig nur folgende für den praktischen 
Arzt beachtenswertheil Thatsachen hervor, indem wir die Arbeit 
selbst unsern Lesern angelegentlich empfehlen. Es wird uns 
durch das Studium der Polarisationsfiguren ein Mittel geboten , 
uns über Structun erhältnisse der Linsen zu belehren, welche die 
gewöhnliche mikroskopische Untersuchung gar nicht oder nur un- 
vollkommen anzeigt. Die Thatsache , dass die geringsten Abnor* 
mitäten im Bau der Linsen sich auch sogleich durch Abweichung 
gen in den Formen der Polarisationsfiguren verrathen, scheint 
uns eine schöne Bereicherung eines bisher noch wenig aufge- 
hellten Abschnittes der pathologischen Anatomie. Von unmittelbar 
praktischer Tragweite ist die Ansicht Valentins, dass der Um- 
stand, ob die Haidinger'schen Lichtbüschel unter keiner 
Bedingjung, bei vorgehaltenem Nicol oder von Mosern Auge ge- 
sehen werden, durch verschiedene Grade der Durchsichtigkeit 
der Linse bedingt sei. Die Haidinger'schen Büschel würden 
demnach dem Augenarzte ein Mittel abgeben, um geringere 
Stufen der Linsentrübung nachzuweisen. H. D. 



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Schweizerische Monafcchrift ! 

• für 

praktische Medizin, 

redigirt von 

Dr. A. Vogt. 
Icitter Jakrgang. 1858. Hr. IX. Septemberhett. 



««pc Monajaehrift ersebetai moMllUb «inautl . 2 Bog ea atark. De* Afconae- 
„.„^•_ s_4. #«■_ j». __,.__ «._•.„..... m •* ^ fg r j a8 Ausland 10 p r# Briefe 

'sehe Buehdrackerei intern. 



■eatspreis ist für die rahse Schweii 7 Fr. , für da«' Ausland 10 Fr. Briefe 
aad Getier fraake av & ExpdHio*: H aller 's 



n über Carcinosis miliaris acuta, 5 

▼oa tteruana Beatme. 
(PorUetsaag.) 



IV. Das klinisch^ Bild der Carcinosis miliaris 

acuta. 

Es geht aus den angeführten Mitteilungen von K übler und 
Bamberger hervor, dasi eine acute, multiple Carcinose auch 
als primitives Läden Personen befallen kann, welche früher voll- 
kommen gesund und kraftig schienen 1 )- leb habe diese Form 
bisher leider noch in keinem einzigen Falte beobachten können', 
und jedenfalls scheint dieselbe nur aussen* selten vorzukommen *) 
Sie würde sich der primitiven Miliartuberculosc und der sohoa 
vor dem Jahre 1839 von meinem Vater 3 ) richtig erkannten, aber 

') Die Falle einer primitiven , acut verlaufenden , vereinzelten 
Krebsbildung > welche keineswegs so selten sind, müssen wohl hievon 
apterschieden werden (vergl. Einleitung). 

2) Wahrem* bei genauer Prüfung der letzten 40 Jahrgänge des 
hiesigen klinischen Archivs 1 1 Falte von „ Ca rein om', u welche näher 
beschrieben sind , der „ Carcinosis miliaris acuta secundaria tt zugezählt 
werden konnten, fand sich kein einziges Beispiel einer primären acuten 
multiplen Carcinose. 

3) Schon «1 jener Zeit machte Professor Demme in seiner Klinik 
wiederholt auf das Vorkommen einer Pyämie aufmerksam , bei welcher 
„weder suppurativa Entzündung einer Vene , noch Aufsaugung des Eiters 

17 



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258 ' * • • • . > 

erst in flauster Zeit von Wunderlich 9 zur verdienten Geltung 
gebrachten spontanen Pyämie aurmchst an die Seite stellen lassen. 
Jedenfalls tritt die Garciüosis miliaris :acut9 inrdptfffossen Mehrzahl 
der Fälle im Gefolge einer mehr oder weniger chtonischen Locol- 
affeetion krebsiger Natur auf. ' Diese kann freilich häufig bestehn, 
ohne im Leben entsprechende Symptom« hervorgerufen zuhaben, 
und wir dürfen uns dann nicht zu leicht verleiten lassen, auch 
grössere Krebsgeschwülste , 'die wir nach einem entsprechenden 
fteb^fhaftep Kttmkheit$Mlde in <tert Leiche antreffen, für «ytfjf»^ 
standen zu betrachten. Dia mikr os k o pische Untersuchung -wird in 
den/Aeteten Füllen die Frage über tfifc} acute oder chronische Bil- 
dung eines Krebsknotenß entscheiden (vergk die patb. Anatomie}. 
Dass die Reinheit der Symptömerigruppe", wie sie uns Fälle pri- 
märer, .spontaner, 'IRfarfarwiDW*, Hef eim würden 4ünofa/Vet*nde- 
rungen , welche ein bereits früher ■ bestehender carcinomatöser 
Localprozess bedingt, vielfach getrübt werden muss , lässt sich 
zwar nicht in Abrede stellen. Dennoch kann ich meiner folgen- 
den Schilderung nur solche zu Grunde legen.*)*' 

Das Krankheitsbild de? Curcinosis milaris acuta 
Ut, in Beziehung auf Beginn , Symptoroe«conn)lex, Verlauf und 
Dauer, je nach dem frühern Zustande des Kranken 1 dem Sitze 
-der Localisationen und andern individuelle^' Verhältnissen ausser- 
ordentlichen Schwankungen unterworfen. Dieselbe bietet aber im 
Allgemeinen nicht so bedeutende Modifiwtwiven dar , als man nach 
den anatomischen Thatsachen erwarten dürfte. Durch alle beschrie- 
benen Fälle ziehen sich ginige Symptome niit einer gewissen Be*- 
ständigkeit durch. Wir müssen une jedoch gestehn , dass wir 
bis jetzt noch kein constantes Kennzeichen gefunden haben , durch 



Yon einer ursprünglichen Bildungsstelle nacbgftwif&en, , werden könne tf 
(vergl. „die Schuttelfröstje der Wundkfanken ,. w . vo* J* Seiler, Dis- 
sertation. Bern 1839.) ■., ., , . , , 
'.. J ) Wunderlich ( ? Arch. f. pjiys. Hetfk. « 1857. VI.) stellt 
zum ersten Male eine Reihe äusserst genauer, .Beobachtungen über die 
primäre Pyämie zusammen. 

, h Jch muss daran ( er jnp^rn., dass lY^il« p.» Lopis , WaLshe, 
teudet ( u, A.. sich hei der Beschreibung der; JMIiartubercujQse mei- 
stens in derselben Lage befanden. 



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059 

meldtet; sich der Eintritt der acuten Miliarcarcinöse in jedem 
Falle bestimmen Messe. In sämtntlicben Beobachtungen war es 
eio mehr oder minder intensiver Fieberanfall* welcher 
das Bild ekler chronischen Carcinose ziemlich charakteristisch 
unterbrach 0- Weit seltener gingen Hern Fiebefttnrme einzelne 
der später zu beschreibenden Localerseheinungen vorlas (Fall 1). 
Nur ein Hai (Fall 2) wurde derselbe durch einen eigentlichen 
Schüttelfrost eingeleitet. Das Vorhergehen eines epileptischen 
Anfalls (Fäll 8) hudele hur eine znfüllige Complication. In den 
*«l nrir beobachteten Fällen hob sich der Puls gewöhnlich rasch 
bni 120— 135 uftd wnrde in demselben VerhiUniss kleinen Diese 
Frequenz JrieH sich im Allgemeinen ohne merkliche Remission * 
wenn nicht eine darauf bezügliche Medioation (Veratrin> Digital.) 
eine V^ränderang bewirkte. £ln interrnittirender Puls war 
■w in Fall 3 xu beobachten; Wiederholte Schüttelfröste 
kamen in keinem Fall vor. Doch war ein Frösteln häufig. Die 
Temperatur stfceg- awar meistens entsprechend der Pulsfrequenz, 
erreichte aber trotz des todttfcben Ausganges in vier Fällen, in 
denen ich genauere Tkefmömttwmmtungm^ vernahm, nie die 



«. A >!W«hJ Nwwrejajglte Ipcale.Kcehse.', welch© lieh acut «ntwiekelns 
entbehren meistens aller Fiebersymptome , sondern (wie namentlich au' 
Bamberger's Beobachtungen hervorgeht) es können auch acute mul- 
tiple K+cbsöhlagetvngen ohne alte febrile' Symptome zn Stande kommen, 
fetiaser: Barocker > geht so weit, dies* als, da» Gwöhnliohere anzu- 
sehn. Ich werde spater Gelegenheit haben,, zu zeigen, wie bedeutend 
sieft die Fälle von Bamberg er in Betreff der Zeitdauer von den mei- 
fifgert unterscheiden, und ich glaube hierin besonders die Erklärung* des 
ahweicMa&ft Anas*»ttdhe* aufsuchen tu müssen; 

3 ) Es ist vorzüglich Wunderlich , welcher in neuester Zeit tvergf. 
seht Archiv. 1857) die Therthomelrie am Krankenbette auszubilden be- 
nennt ist. Die „ uhe+messticke Bedeutung, * welche nach ihm die Tem- 
peraturverb&ltnisse in diagnostischer und prognostischer Beziehung haben 
sollen, würden eine fortgesetzte Reihe von Unlersuehuhgen auch int 
hiesige* Spital äusserst wünsthbar machen, leine bisherigen Resul- 
tate sind wenig geeignet , mich an die Existenz constanter Temperatur* 
eracheinimgen glauben zu lassen. Vorläafig erscheint jedenfalls Wun- 
derliches Aassprveh etwas köhn , das» durch die Temperatur dfeDW- 
tereotialdiagaoae zwischen ftliliartabereufo&e, Pyämle, Meningitis mii 
Sthnettitfieit 'festgestellt werden können. Yon der absolut lödtlichen 
Fvo&*##e, Welehe «. B. eine Tempefatur toif 42,5^ G. beim Typhus 



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260 

Ziffer von 40,6° C. , erhielt sich aber während einiger Tage auf 
derselben Höhe. — In Allen Fällen trat auch ziemlich plötzlich 
ein allgemeineres Krankheitsgefühl und eine grössere Prosüration 
der Kräfte auf, als vorher bemerkt werde» war. Dass die ge- 
nannten Fiebersymptome auch eine verhältnissm&sig geringe Ent- 
wicklung darbieten können, davon gibt Fall 6 einen genügenden 
Beweis« 

Was mm die weitere Entwickelimg des. Krankheitsbilde« be<- 
trifft , so nahm dasselbe in der Folge bald einen typhösen , ga§* 
frischen , oder acut katarrhalischen Charakter an. Bisweilen tra- 
ten aber, auch einzelne Localsymptome n den Vordergrund und 
näherten dann das Gesammtbild mehr dem einer Meningitis, einer 
Pneumonie oder Peritonitis, etc. 

Es wäre wegen der Launenhaftigkeit in der Gruppirung der 
Symptome mehr ein theoretisches Kunststück, als von wirklich 
praktischer Bedeutung, wollte ich diese einzelnen Formen in der 
Beschreibung scharf auseinanderhalten. Und ich gtaube es einem 
Jeden überlassen zu dürfen, die oben bezeichneten Typen nach 
dem Vorwalten der einen oder andern Symptomenreibe, zu einem 
vollständigen Bilde auszuzeichnen. 

Beinahe in allen mir vorliegenden Fällen wurden mehr oder 
minder schwere Gehirnerscheinungen wahrgenommen , 
ohne dass sich meistens (vergl. pathologische Anatomie) durch 
die Necroscopie entsprechende Veränderungen entdecken ltessem 
Schlaflosigkeit, Eingenommenheit f Schwindel, Kopfschmerz, und 
in der Mehrzahl der Beobachtungen vorübergehende oder länger 
andauernde Delirien 2 ) bildeten die hervorragendsten Symptome; 

liefere, habe ich mich bei den zahlreichen Fällen von Typhus, welche 
im Laufe des Herbstes 1857 auf der medicinischen Abtheiluag des Uro, 
Prof. Vogt behandelt wurden, durchaus nicht zu überzeugen vermocht. 
Jen werde den Gegenstand weiter verfolgen. 

*) Von dieser Betrachtung müssen uatjirlich die. Fälle 3 und 4 ans«* 
geschlossen bleiben, . , 

2 ) Die Delirien boten keine besondern Eigentümlichkeiten dar und 
schienen von denselben individuellen Verschiedenheiten bestimmt zu, w, er- 
den, wie diejenigen, des Typhus, der Pyamie und- die gewöhnlichen 
Fieberd«?lirien. So näherten sie sich z, B. in Fall 7 dem Delirium po- 
talorum. — Besondere fi)erücksichMgnng Sjchejpt mir hierein Umstand 



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261 

In FftHt' gingen diese den eigentlichen Fiebererscheinungen so* 
gar voraus. In Fall 5 waren diese Symptome bis zum Tode am 
vorwiegendsten (Bild feiner Meningoencephatftis). Ohnmächten, 
welcB* bei der primären Miliärtüberculose und der spontanen Pyä- 
mte nicht selten zu sein scheinen, konnten in keinem Falle von 
Calcinosis miliaris acuta beobachtet werden. Bemisstlosigkeit trat 
bald früher, bald später ein ; es wurde jedoch auch vollständige 
Klarheit bis zu Ende beobachtet (Fall 6). Lähmungssympiome wur- 
den in einigen Fällen wahrgenommen. Ich erinnere an die durch 
eine Granulation auf dem Oculomotoris entstandene Btepharop- 
tosis und Paralyse des Bulbus (Fall 2) , und an die Lähmung der 
BUme und des Mastdaniis (Fall 2) , welche analog den ähnlichen 
Erscheinungen bei Typhus erklärt werden muss. Gewöhnlich 
steifte sich auch gegen das Ende eine bedeutende Trägheit und 
Unewtpfindtichkeit der Pupillen ein. Eine allgemeine Unsicherheit der 
Bewegungen ftnd Muskelzittern war in keinem Falle deutlich aus- 
gesprochen; Sensibilität war normal. Auch fehlten Contracturen, 
welche Louis bei der Miliartuberculose beobachtet hat. Spas- 
modifche Erscheinungen kamen in keinem Falle vor *)• Der Ge- 
sichtsausdruck spiegelte , namentlich wo die Dispnoe und Opres- 
riot» sehr bedeutend war, Angst und Unruhe, sonst häufiger grosse 
TheiÜmhmtosigke» ufad Gtefehgältigkeit. 

Symptome eines Leidens der Respirationsorgane nahmen in 
den beschriebenen* FiNön eine der hervorragendsten Stellen ein. 
Wo sich bei der Section eine carcinomatöse Localisation der Lun- 
gen oder Pleuren zeigte, gingen meist auch im Leben entspre- 
chende Symptome voraus. Diese waren freilich nur subjectiv und 



zu verdienen, auf welchen Herr Professor Vogt in seinen Vorlesungen 
ond in der Klinik wiederholt aufmerksam gemacht bat. Nach seiner 
Beobachtung biMet der ■ Charakter der Delirien ein bisher zu wenig 
beobachtetes Unterscheidungsmerkmal zwischen Typhoid und acuter Tu- 
berculose. Bei dieser nämlich zeigen sie gewöhnlich mehr das Bitd 
der chronischen Narrheit. Diese Eigentümlichkeit wurde bei der von 
Herrn Prof. Vogt genauer erforchten „ mesencephalis ma1actica u wahr- 
genommen , und muss auch bei der acuten Tuberculose auf den beglei- 
tenden Hydrocephalus mit centraler Erweichung zurückgeführt werden, 
*)' Auch hier bleiben die Fälle 3 und 4 ausgeschlossen. 



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bestunden in Gefühlen der Knfe und Beklemmung, (torfi stk turri 
gewöhnlich augh objectiv vermehrte Athmmtttwgting , u*4 eine 
mehr oder weniger bedeutende Hespira^omh^hleunigumg, Ein 
eigentlicher pleuritiicker Stich. trat mir in Fall 4 auf, Jfftftflm 
fehlte selten. Er üess keine deutlichen Anfälle unterscheiden »ad 
schwankte in Beziehung auf Heftigkeit sehr feedeutend* Sara Cha- 
rakter war öfters trocken, kurz, abgeflossen. Auswurf ward in 
wenigen Fällen gleich au Anfang beobachtet und bot keutefecsoa* 
dem Unterscheidungsmerkmale gegenüber dw katarrhalia$h$e. 
Hämoptoe fehlte in den beschriebenen Füllen. Ebensowenig konn- 
ten jemals Krebselemaiite in dam Auswurf nachgewiesen werden. 
Aphonie wurde nie beobachtet. — Die pkytikalüche Unttrßucimnq 
vermag die gewöhnlichen miliaren Krcfaßblagerunjen nie m t*t« 
decken. Die Veränderungen , wejphp durch Percuaaten und Aus- 
kultation dennoch, so häufig ermittelt wurden , mttasett Aiekrteiia 
nur auf Rechnung begleitender fteztm CKatanrh , pfeiurKtacber Er- 
gusa, ftppbywm, ete. etc; gesetzt werden *)♦ Nur ausgedehntere 
carpinomatöso Infiltrationen köweu untw Umstünden die Austml- 
tatipna*- und PercuRwn*erscbeinuagen ejner ; fluetfroonie hervor- 
rufen- In Betreff dieses Punktes verweise iph auf die Erfahntitg 
Rokitansky'^ («krebaiga Pneumonie»)* da mir selbst kein 
hierher gehörender Fall zu Gebote tiefet. Bedeutendere pleuri- 
tische Ergüsse wurden in keinem Falle nachgewiesen* 

Die Lecalisiruugeu in Herz und Hera bautet rirfen im Le- 
ben keine entsprechenden fyppiome heryor. Gegen dte Aagabe, 
«daea carctfKujatöse Ablagerungen auf den Klappen: 4ie eötspre- 
che«den physikalischen Zwbeu der Stenosis hervorrufen,» last 
sich a priori Nichts einwenden (vergl. Fall 7) 2 ). Eine peri- 



*) Denen, „wekbs. durch eioe tfellejwpiae Sch^tojng and Ver- 
sthärfuag der Bespit ütlo^ ^ Vurläugewog der EjcapiretMHft uad grössere 
Resistenz der Thorax twuidungt elc,,, eiua multiple pyäjnjsehe Ablag«* 
rung erkennen wuIJcji . * bat wohl mehr ibr Glauke geholfen. 

2 ) lih kann nicht umhin, eine Angabe you liaroharger (tehr- 
huch iJit Ucrz-LraukljuiieA. Wien 1337. S» 51) hJar aptfaftrhrcw» welche 
skIi auf die Tuberculose und den Kreta .des Herzbeutels bezieht: w fti- 
recle Erscheinungen von Seite des Herzen?, fehlen entweder giuzJicb, 
oder es sind die hjMihe&nungeu vua Hydroa perwfidtf vorhanden. 



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268 

phfriache Tirotnboae wittde bei Lebzeiten >iuit in: Fall 5 <diagtoe~ 
stjcort {hier war sie nicht das Ergebfitiss einer krebsige» Embölie), 
I». 4er. Sphäre des Digentiaasapparates zeigten $ich in der 
JtahrsaW dar Fälle aiemlich früh mehr oder minder tiefe gturungan, 
aeeb.da» wa dieselbe niefet.wimittelber an der Krehsbild*ng, betheiligt 
war, &bflolm&deß Appetits oder gänzliche 4 noreooie fehlten inkeiAew 
Falle. () Die Zm*9« .^ar entweder trocke* oder bot einen Beleg 
verschieden Grades dar,«- war aber auch bhweiim $*m rein, 
Bei ,*el*r ausgeprägten Jtyfboide» Bildern miliarer Careinoae sah 
ich ^ulet?) Bptbttfif der Binder, vud spitee, schorfige, fuUginöse 
3escbaffenheft »,4ep Zahnfleisches, der Lippen und Nasenlöcher. 
I^ßlteit wurde f ftfcfet selten, Erbrechen in reinen Fällen nie be- 
obachtet, . D^cb scl^int es nach Bamberger's Angabe bei den 
p^rüfnMiwJigqn FonBen;der ; BauchfeJ^rcino$e sehr heftig wer- 
den *Wi IMNWIöR- (I» fall S.bgtte es ejne* andere Bedeutung^ ; — 
Wahrend in wejir^qen fällen piemliph hartnäckige Ctnstipatim 
vosbRuetap war,JratBft bäMfigerj besonders «egen daß &a4e, «ehr 
oder weiuiger reichbche Diarrhöe* w£ % Die £#tAto,botefl wieder* 
hplt einen geschichteten typhoide*, Charakter- Klagen über 0ur«< 
fehlten- fast [ni,e- IJine xc krebste Peritonitis » , hal^e ich nie gesehn. 
Docfrkatgffn in einigen Fällen Symptome einer enUündlicheuJRei-* 
8lWg 4e# BepebfeUp vqr. , Namentlich in ^wei Fällen seigte;$ich 
eine hedß*tpr$Mei tAußreifangwd ßparwwf de* Leibes. .Dje 
UflOföcfllgegend ¥«r cjinige Mal bei Druck empfindlich > die Magern-» 
gegjwd besonder« in : Fall. 3-, Auch kolikqrtige, Schmm** ka#|en 
vor. Das vom Typhoid so bekannte Ileocöcalgurren (gargoujUer 
went) konnte wiederholt nachgewiesen werden., , 

, W#nn nwfcfc schon eipe4euH#?be^e Krefoscejcbexip.jaae sphmu* 
tzigr erdfahle Hautfarbe gesehaßen hatte, bildete sie sich auch 
während der acuten* Loealisation triebt. In de« primitiv auftre- 



Die KrankhfH pird daher fn der Regel nicht erkannt , und ich habe 
selbst ein paar Male bei mehrfacher Krebsablagerung ziemlich znhlreiche 
Krebikrioten im Herzbeutel gefunden, wo im Leben keine Erscheinung 
darauf hindeutete." < ! 

1) Aal bed4ht0ndstea waren 'dieselben in Fall 2> und 4 f kauai an* 
gedeutet in, Fall 5»| dagegen fehltfn sip gänzlich bei FaH 1 end.ft* - . 



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364 

lernten Fällen der Miliarcardnose wird sie n«ch Bamberger's 
Angabe gänzlich vermaßt. So blieb z. B> in Fall 6 das Aussein 
bis Bum Ende vollkommen noranftL Meistens spiegelte sich auf 
den Schleimhäuten und den Wangen eine bedeutende Anämie, 
welche durth congestive Rothe höchstem vorübergehend über- 
deckt wurde. Livor zeigte sich in den beschriebenen Fällen 
nicht. Ein ictcrische* Colorit traf ich nur in Fall 3. Von der 
Temperatur ist bereits mehrfach die Rede gewesen, und iöh habe 
hier nur noch beizufügen , dass die Haut in der grössern Mehr- 
zahl der 1 Fälle trocken und rauh erschien. Erst später wurden 
klebrige Schweisse beobachtet, welche namentlich m der Nacht und 
gegen Morgen reichlicher auftraten. Eigentlich profus wurden 
dieselben in keinem Falle. Ausgedehntere Bauieruptionen (ana- 
log den Petechialßeeken beim Typhus) fand ich In keinem FaHe« 
In Fall 2 trat ein den (ach es leiiticutoires oder der rotttla typhös* 
ähnliches Exanthem in der Herzgrube auf. Die eine Beobachtung 
genügt aber sohon, uns zu zeigen, wie wenig wir uns +n dieses 
Zeichen bei der Differentialdiagnose zwischen Typhus und Garoi- 
hösis miliaris acuta halten könne*», abgesehen davon, dass die 
Mehrzahl der Typhoide , die in hiesigem Spitale zur Beobachtung 
kommen , keine Hauteruption darbietet. Ausserdem hut Wun- 
derlich (a. u. 0;) auöh bei den Fällen von spontaner Pyämie 
mehrere Male Petechialsugiltatlonen und Roseola? am Trüncus ge- 
seht*. Wiederholt zeigten sich an verschiedenen Theilen des Kör- 
pers, besonders an den unteren Extremitäten, mehr oder weniger 
acut auftretende Oedeme. 

Was den Urin betrifft, so bot derselbe in der Mehrzahl der 
Fälle keine charakteristischen EigenthümlichkeitenMar. Unter vier 
Palten; wo eine genauere 1 Untersuchung Wgfcnommen wurde, 
war ins'spec. Gtwitht zwei Mal toertiiihrt, erreichte jedoch nicht 
die Ziffer, welche Becquerel u. A. als Mittel beim Typhus fest- 
gestellt haben (1024,780). Nur eto Mal war <ter Urih alkalisch , 
$opst stets entschieden sauer. Er war gewöhnlich ziemlich inten- 
siv gefärbt , nur in zwei Fällen ziemlich anämisch. Der Urin 
setzte entweder freiwillig oder bei Zusatz voaAcid. nitr. einen 
grösseren oder geringeren Ueberschuss von Harnsäure ab. In 



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205 

Fall 2, 4 und 7 fanden lieh durch Kochen und Anwendcmg von 
Acid. Ufer, ziemliche Mengen von Ei weiss, welche jedoch in kurzer 
Zeit wieder aus dem Urin verschwanden. Herr Apotheker Mül- 
ler wies in Fall 1 eine ziemliche Quantität Zucker nach« Das 
spec. Gewicht war dabei = 1031,600, die Reaction sauer; die 
übrigen Bestandteile schienen unverändert. Der Zucker verlor 
sich rasch wieder. In den — wenn auch unbedeutenden — Ver-* 
indemngen der Niere fand sich doch die genügende Erklärung 
der Albuminurie. Was dagegen die Mellituria transitoria betrifft, 
so konnte dieselbe nur im Zusammenhang mit dem tiefen Allge- 
meinleiden aufgefasst werden. Doch dürfte ihre Erklärung nach 
den bis jetzt zu Tage geförderten Beobachtungsresultaten äusserst 
schwierig sein. Im vorliegenden Falle konnte keine Leberaffec- 
tiöft und kein Gehirnleiden (resp. d. W. Ventr.) nachgewiesen 
werden. Ebensowenig durfte man eine molekulare Verrückung 
durch Erschütterung der bekannten Himtheile annehmen ')• «feden* 
falls liegen hier ursächliche Verhältnisse vor, von denen wir 
bis jetzt noch durchaus keine klare Vorstellung haben. Beiläufig 
erwähne ich nur , dass ich seither in zwei Fällen von rasch ver- 
laufender Pyaemie vorübergehend Zucker im Harn auftreten 
sah. Beim Typhud konnte ich bisher den Nachweis noch nicht 
liefern *). 

1 ) Fälle von „ Diabetes traumaticus u hat man neuerdings auf diese 
Weise zu erklären gesucht. Ich werde die Beobachtungen , welche ich 
bei Wirbelbrüchen , Gehirn - und Rückenmarkserschütterungen über Mel- 
litüria macht« * bei einer andern Crelegenhtit nittbeüen. 

2 ) Gegenüber der wohiverzeiblicben Skepsis * mit der in diesem 
Augenblicke alle Angaben über das Vorkommen des Zuckers aufgenom- 
men werden, erlaube ich mir zu bemerken, dass ich bei meinen Unter- 
suchungen alle empfohlenen Vorsichtsmassregeln in Anwendung bringe. 
Der Urin wird auf dem Wasserbade zur Trockne eingedampft , der 
Rückstand wird unter Erwärmung mit Alkohol rectificat. behandelt. 
Nachdem der Alkohol aus der Lösung über dem Wasserbad verjagt ist, 
prüfe ich den Rückstand mit der alkalischen Kupferlösung (Trommer). 
Nach zahlreichen Versuchen , welche ich mit Lösungen der bekannten 
normalen Bestandtheile des Urins angestellt habe , konnte ich mich 
nicht überzeugen , dass einer derselben die alkalische Kupferlösung in 
der charakteristischen Weise reducire. Mamentlich sah ich keine Reduc- 
tion durch Harnsäure (Meinung von Dr. Leconte, Arch. gen. aout 
1S57) und Schleim (Prof. Zwengler, Deutsche Klinik 41. 1857). 



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2CS 

Von Bedeölung scheint arir der UmM*»d zu seki, dass irt 
keinem einzigen def bisher beobachteten Fälle Von Calcinosis mhr 
litri* acuta jene rheumatischen und neuralgischen 
S c h merz en , beobachtet wurden , welche hei> djer primäre» und 
secundären Pyäroie gewöhnlich so charakteristisch auftreten. 

. In Betreff der spontanen fyämie bemerkt Wunderlich (a. 
a. 0.)- «Gelenkscbmer^en fehlten in keinem Falte, seihst i» 
denen nicht, in welchen keine Spur ton anatomischer Störung in 
den Gelenken und ihrer Umgebung aufzufinden war. Sie bildeten 
gewöhnlich nächst dep* Durst die vorzüglichste Kltfge d#r Kranken.» 

Constant wurde in den von mir beschriebenen Fällen ein 
rasch zunehmender Collapsu? und eine mehr oder weniger be- 
deutende Abmagerung wahrgenommen», Bamberger (a, a. 
0. ) hat bei multipler, acuter Carcinose häufig sogar reichliche 
Fettbildwig gesehn, und hebt bei den primär .auftretenden Fällen 
gerade den gänzlichen . Mangel der, raschen Abmagerung als 
charakteristisch hervor. 

ifmtens ffhtten schwere Aganmymptyme und der Tod erfolgte 
unter dem Biltfe einer acuten Consumption. Eine Remission der 
Erscheinungen: trat nur vorübergehend ein. In der Mehrzahl d$r 
Fälle blieben dieselben bis zum Eude auf ihrer Höhe stehen oder 
schritten stetig fort. 

(Schluss im nächsten Heft.) 



Ueber Endoearditis und Pericarditie rheunutiftea und 
Mesencephalttfe rtialactica i, 

von Prof. Dr. W. Vo$t. 

(VTortsete»Bg.> '/mm 



In unserer dritten obigen Beobachtung findenwir noch eine 
andere wichtige Localkrankheit ? nämlich e^ne 

IV. Mesencephalltis nialactica. 

Bevor wir zu deren Besprechung übergehen , wollen wir 
noch, eine analoge Beobachtung beifüget : 



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28V 

Beob. IV. Rüdin, Job. , von Maispmk (Basel), ia BfeNi wohnhaft« 
J52 Jahre. ajt t tr#t am S. Febr. 1858 in di* med.-klia. Abtheilung des In- 
selspital*. Der Anfang der gegenwärtige* Krankheit , die Art de« Auf- 
tretens derselben , ihr Verlauf bis zum Eintritt in die Insel — diese Alles 
sind Momente die nicht gehörig eruirt werden können. Nor soviel ist 
bekannt, dass Patient vpr kurzer Zeit die andere medki«i*tne Ab- 
theilupg des Spitals verlies», wo er an Pericarditis behandelt worden 
war. Wegen allgemeiner Schwäche und ziemlich rasch eingetrener 
Taubheit stellte er sich bald wieder vor der Poliklinik; hier wurde sein 
Leiden als ein im Stadium nervosum sich befindendes Typhoid augesebn 
und Patient angewiesen , sich so schnell wie möglich wieder ins £jpita| 
zu begeben. 

Am 8. Februar Nachmittags ergab die Untersuchung folgendes Er-« 
gebniss : 

Der Kranke sieht sehr anämisch aus. Er ist schwach und kann 
nur mühsam sich bewegen ; der Gang ist schwankend , unsicher. Im 
Bette liegt er regungslos; stört man ihn aus seiner Buhe, so gibt er 
seinen Unwillen durch einen eigentümlichen dem hydrocephalischen Schrei 
ähnelnden Laut zu erkennen oder fängt an kindisch zu weinen. Er ist 
ganz ohne Besinnung und wie i es mit der Empfindung der Sinnesorgane 
steht, fässt sich nicht ermitteln. Der Kopf ist nicht injicirl , ebenso- 
wenig die Conjunctiva. Drehung der Augen nach rechts und oben, 
Zunge etwas trocken , nicht belegt. Verstopfung. Alhembewegungen 
normal , nicht beschleunigt. Kein Husten , keine Rasselgeräusche hör- 
bar. Das Herz erscheint etwas hypertrophisch, die Töne desselben 
regelmässig, jedoch schwach. Der Puls ist klein, leicht comprimirbar, 
100 hi der Minute. Lähmungserscheinungen sind keine bemerkbar. !— 
Es wird Kalomel mit Jalappa verordnet und während zwei Tagen gege- 
ben , worauf mehrere Stühle erfolgen ; Patient gibt die Nothdurft durch 
einen klagenden Laut zu erkennen oder geht, aufgehoben, selbst auf den 
Stuhl. Nachts fängt er ron Zeit zu Zeil an zo schreien , ohne dass 
man, ihn in seiner Ruhe stört. Er befindet sich stets in einem sopo- 
rösen Znstand ; aaf gestellte Fragen gibt er keine Antwort , vorge- 
machte Bewegungen ahmt er jedoch nach. Am 10. Februar wird Jod- 
kali i Dr. 2. pro die gereicht. Es erfolgt jedoch auch auf dessen An- 
wendung gar keine Veränderung, ausser einer beginnenden Contractu* 
am rechten Arm. In diesem Zustande verharrt der Kranke bis zu sei- 
nem am 13. Februar erfolgten Tode. 

Section um 15, Februar. Nach Entfernung des Schädeldaches zeigt 
sich eine abnorme Spannung der Dura mater an dem hintern Theil der- 
selben , d.' h. gegen das Hinterhaupt zu. Sie ist nicht besonders inji- 
cirt; beim Einschneiden in dieselbe tritt blutig-seröse Flüssigkeit aus. 
Die Anfüllung der Venen der Gehirnoberfläche ohne Belang; das in der 
Pia mater sich befindende Exsudat ist trüblich , molkig und hat vor- 
züglich zwischen den Gyris seinen Sitz. Letztere wenig abgeplattet« 
Exsudat im Sacke der Arachnoidea ohne Bedeutung. An der Basis ce- 
rebri zeigt, sich , und zwar vor dem Cbiasma nerv. opt. und der rech* 



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m 

ten Foss* Syhii ei» fcdblifhes, fenm Theil geronnenes, zum Tfadl flüs- 
siges Exsudat. IKafssi Qehirnmbttan* : die Geftssstammchen derselben 
ziemlich angefüllt ; sie hat an einigen Stellen einen röthlicheri Anflug. 
Der rechle Ventrikel, ebenso der linke, nicht erweitert*, sie enthalten 
eine hellröthtiche Flüssigkeit; die Plexus choroid. nicht injicirt ; Sep- 
tem pellueidam, Pornix, Crura poster. erweicht, keine vollständige 
Zerfliessnng. Der dritte Ventrikel bedeutend erweitert i mit missigem 
Flüssigkeitsgehalt ; an demselben gleichfalls Erweichung, ebenso an dem 
oberflächlichen Theil des €orp. callos. 

Brust. Die rechte Lunge an ihrem unteren und seitlichen Theil 
mit Diaphragma und Thoraxwand verwachsen; sie enthält gleich der 
linken an ihrem oberen und mittleren Theile zerstreute , zum Theil grau- 
liche, zum Theil gelbliche Tuberkelgruppen bis zu einem Durchmesser 
von einem halben Zoll. Die Substanz der Lungen zwischen den Tuber- 
keln normal. Die Lappen der rechten Lunge sind unter sich verwach- 
sen ; am untern Lappen der linken Lunge zeigt sich nach hinten Stase ; 
die Lungenbläschen sind aber darin der Luft zugänglich. Bronchial- 
drüsen mit Tuberkelmasse angefüllt. Zerstreute Tuberkel sind überall 
an der Pleura costalis bemerkbar. 

Herz. Zwischen Herzbeutel und Herz befindet sieb «ine feste, 
röthüche, auf der linken Seite am linken Ventrikel .fettig entartete Ex- 
sudatschichte , in welcher eine zahllose Menge Tuberkelkörner abgela- 
gert ist. Diese Tuberkel zeigen sich ebenfalls auf dem Pericard selbst. 
Das rechte Herzohr ist verdickt; in seinen theilweisen fettig entarteten 
Wandungen liegen eine Menge Tuberkel ; selbst die in dem rechten und 
dem linken erweiterten Herzen befindlichen Coagula sind von diesen 
Massen (Tuberkel) nicht frei. Auch die untere (Abdominal-). Fläche des 
Ztvergfells ist in der Milzgegend damit besäet. 

Leber anämisch, schlaff, Fettleber nur schwach angedeutet. Die 
bedeutend in die Länge gewachsene, anämische, schlaffe Mi lx zeigt an 
ihrer Oberfläche ebenfalls Tuberkelmassen. Die rechte Niere zeigt an 
ihrer äussern Fläche , und einige Linien ins Inoere dringend , einen klei- 
nen weissen Fleck in beginnender Fettentartung. Innenfläche beider 
Mieren normal. Auf ihrer Oberfläche, sowie am Darm* keine Abla- 
gerungen von Tuberkelkörnern. Adolf Anker, Praktikant. 

Die Beobachtung III bietet uns zunächst ei» seltenes Beispiel 
von totaler weisser Erweichung* der Centraltheile des Gehirns ohne 
irgend eine andere pathologische Nebenerscheinung, namentlich 
ohne Erguss von Serum in die Ventrikel, in den Sack der Arach- 
noidea und die Pia mater* ohne die sogenannte hydrocephaK- 
sohe Durchfeuchtnng und Schwellung des Gehirns. Die in den 
Häuten und Ventrikeln enthaltene Flüssigkeit betrug nicht mehr 
als man zur normalen Cerebrospinalflüssigfceit rechnen muss, war 



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ganz wasserhell, und .an, dflr Grenze dar mit rasch, abnehmender 
Intensität in die gesunde Gehirnsuhstanz verlaufenden Erweichung 
war aueb nicht jene gehenkelte Röthe bemerkbar , die man sonst 
öfter /.in ihrer Nähe vorfindet. Nur in ;der Entfernung von der 
Erweichung heö*erkte man in der weichen Gehirnsubstanz ziemlich 
ach wach die. geflammte Rosenröthe, welche bei Gehirnaffectfonen 
öfter beobachtet wird. Im zweiten unserer oben angeführten 
Fälle/war die Erreichung noch flieht soweit vorangeschritten und 
der Erguss auoh nicht vw Belang ■ . 

, Gehen wir ein auf die pathologische Geschichte dieser Er-* 
weichung des Mesoe^phalon , und zwar, um den Kreis nnseret 
Betrachtungen nicht zu weit auszudehnen , besonders insoweit sie 
im erwachsenen Alter beobachtet wird, so sehen wir sie da am 
öftesten.: bei geschwächten «ad anämischen Personen, sowie nach 
oder während schweren und emaciirenden Krankheiten auftreten, 
namentlich «ich überstandenen schweren Typhen, bei gewöhnln 
eher chronischer Tuberkulose , vorzüglich bei acuter Miliartuber- 
kulose (bei, welcher die sog. typhösen Gehirnsymptome, wie wir 
uns in meJweren Fällen • überzeugen konnten , nur dieser Erwei- 
chung ihr' Dasein verdankten) u. s« w. Andere Beispiele als das 
unsQrige, dasg sie während und nach dem acuten Rheumatismus 
vorgekommen, und besonders bei Verwachsung des Herzens mit 
dem Herzbettet vorgekommen wäre , sind mir bis jetzt noah nicht 
bekannt . geworden« Obschon also in dieser Beziehung unsere 
Falte. ungewöhnlich sind; kann ich sie doch nicht als höchst auf- 
fallend ausüben , da eines Theiles in der spätem Periode des acu- 
ten Rheumatismus immer eine mehr weniger starke Anämie sich 
ausbildet: und die Meningitis rheuraatka in «dein früheren; Perioden 
desselben wenn auch nicht so häufig als die Perikarditis ist, aber 
doch nicht gerade zu den Seltenheilen gehört. Die Erweichung 
der Cenfrahheile des . Gehirns zeigte im ersten - Falle ; öchon t ihren 
Eintritt , wo zwar Anämie iund 'Schwäche des Kranken bereits ein-» 
getreten tfapen, aber doch noch die Geagüla im Herzen und die 
plastischen Aüsschwifzuägen auf dem serösen Ueberzug" des Her- 
zeüs sich. badeten« Man sieht daraus,, welchen Einfluss die ein* 



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zetern Organe und ihr gerade obwaltender Zustand bei entztiftd* 
liehen Krankheiten auf die Krankheitsprodukfe ausüben. 

Den massigen and unfruchtbaren Streit, ob diese Krankheit 
etfte Entzündung sei oder nicht, würden wir mit Stillschweigen 
übergehen, wenn er nicht immer noch einen bedeutenden Einfluss 
anf ihre Therapie hatte. Ihn damit zu schlichten , dass man den 
beiden streitenden Parteien recht gibt und a*ssprfeht, sie sei in 
manchen Fällen eine 'Entzündung, in andern Fällen aber nicht, 
ist wegen der darin liegenden Inkonsequenz verwerflich , obgleich 
damit der Nutzen gestiftet wird , dass man die einzelnen Fälle 
geh an in Bezug auf die Frage erwägen müsste , ab ein entziin- 
dungswidriges oder ein anderes Heilverfahren einzuschlagen sei. 
Der ganze Streit dreht sich nar um den Begriff, den man mit 
dem Worte Entzündung verbindet , und factisch sind die einseinen 
Fätte nur durch: den Blutzustand im Allgemeinen sowohl , als durch 
seine Zvströmung zum Gehirn, durch das Verhalten der nervösen 
Functionen und durch den Stand der organischen ^tecretion und 
Piastick verschieden. In unsern Fällen war wögen der allgemei- 
nen Anämie uhd der sehr verminderten Energie des Herzens, so 
wie wegen gehindertem Blutdurchgang durch dasselbe, 4w Blut* 
zufuhr zum Gehirn eher geschwächt als vermehrt , die* secreto* 
risohe Function nicht wesentlich verändert, hingegen die organi- 
sche Plastik bedeutend vermindert* Doch wWd man nicht bezwei-»» 
fein, dass die Krankheit in ihrer wesentlichen Begründung die- 
selbe war, wie in jenen Fällen , wo sich ein reichlicher Erguss 
einer stark eiweisshabigen und durch Flocken von geronnenem 
Fibrin getrübten Flüssigkeit, gesprenkelte Röthe in der die Er- 
weteboog Umgebenden weissen Gehimsubstanz , statte Injection 
der Gehirnhäute Und des Gehirns selbst u. dgl. erfand. Es ist 
experimentell und durch Beobachtung sicher gesteift, dass Ent* 
«ündungen der Gehirnsubslanz überhaupt ^ sie mögen quantitativ 
und qualitativ verschieden sein , wie iraarertim , auf der Höhe ihrer 
Entwicklung Erweichung und Zertrümmerung hervorbringen. Will 
man den allgemeinen Krankheitsvörgang , den wir gewöhnlieh fint- 
Zündung, zu: nennen pflegen , richtig pathologisch und therapeutisch 
würdige«, so muss <man ihn nicht als eine blosse Krankheit des 



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3H 

Blutet nod «einer €refösse r sondern als eine Gesammtkrankheit 
des ganzen materiellen' und funetionetten Bestandes des betroffen 
iien Organs eüffasisen , und im eoncreten Fatl dann zu ermitteln 
suchen, wie gerade die verschiedenen Lebensrichtungen und Firne* 
tionen leiden. ' Auf das Ergebniss dieser Ermittelung tösst sich 
erst eine rationeile Therapie der eoncreten Entzündungsfülle grün- 
den y und es ist einsichtlich, dass dieselbe nach der pathologischen 
Beschaffenheit der Erkrankung verschieden sein muss , und keifte*-*- 
r wegs lediglich allein in dem sog. antiphlogistischen Heilverfahren 
beistehen kann. 

Der genaue Beobachter und scharfe Bourtheilcr des.Beobach** 
teten, i< Aberercmbie, sprach sehen vor 80 Jahren 'bestimmt 
aus (si^hä dessen Untersuchungen über die Krankheiten des Ge-r 
Wrns. und Rückenmarks, übersetzt von G. von dem Busck, 
6. 185 ii. ff.) : «Die Entzündung der Centraltheile des Gehirns 
^und der die Gehinriiöhlen auskleidenden Haut scheint sich uns 
runter zwei verschiedenen Formen zu zeigen, in der einen 
«scheint die Entzünidurig in dieser Methbran ; in der andern hin* 
«gegen .in der weissen Masse* dit den Fornix, das* Septum pelluci» 
«dum. im d das Corpus callosum bildist, ihren Site. zu haben. b| 
»ersten. FaUe finden wir die Hirnhöhlen hiit einer Flüssigkeit an* 
«gefüllt etc. , im letztern Falle hingegen zeigt sich uns die Krank- 
«heil in Form der Erweichung der Centraltheile des Gehirns.)» 
Obgleich am häufigsten Erguss in die Ventrikel - u»d Erweichung 
des MesoCepfaalon zugleich beobachtet wird, so finden sich dann 
euch solche Fälle nicht selten, wo njur das Eine oder Andere 
allein vorhanden ist. Abercrombie -wies dieses schon nach in 
einer Reihe von Fallen v und erzahlt namentlich zwei bei erwachs 
senen Personen , wo , wie in den unsrigen , die Erweichung der 
Centraltheile allein , ohne Ausschwitzung und ohne anderweitige 
Entzündungsprodukte sich vorfand. Diese sind auch unst r eit i g 
häufiger als diejenigen mit blossem Erguss. « Rücksichtlich des 
«häufigen Vorkommens der Erweichung in den CentraHheilen stinv- 
«men die meisten modernen Autoren darin überein, dass. dies* 
«bei weitem die gewöhnlichste von allen krankhaften Erscheinun- 
«gen ist, welche im Hydrocephalus vorkommen. Nasse behaup- 



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«tet, dass er, mit Ausnahmt einiger ausserordentlicher Fülle; 
«diese fortwährend gefunden habe.» (Der hitzige Wasserkopf 
von James R. Bennett, übers, von Lang, S. 71). D, Char- 
pentier (De la nature et du traitemmt de la maladit dite hydro- 
tephale üigu, 2 e edition, Paris 1837) zählte unter 111 Fällen sogar 
53 ohne Erguss. Wie man Angesichts dieser Thatsachen immer 
noch die Ansicht hegen kann, dass der Erguss m die Ventrikel 
stets das Primitive und Hauptsächliche, die Erweichung hingegen 
das Secundäre sei, und wie man durch die naiven Behauptungen, 
die Erweichung sei nur eine Maceration im Wasser (als ob le- 
bende Theile auch maceriren könnten !!) , und wo kein Erguss in 
den Veritrikeht mehr, gefunden würde , sei er entweder bereits im 
Leben wieder aufgesaugt worden, oder nach dem Tode durch 
Imbibition in die Gehirnsnbstanz gedrungen , weil Gilliot's Ex- 
perimente bewiesen hätten , dass das Gehirn eine Menge Wasser 
gleich seinem eigenen Gewichte aufzunehmen im Stande sei, diese 
Ansicht unterstützen und die klaren Thatsachen umgehen krtnn , 
ist wirklich schwer begreiflich 0- Vielleicht dass nur die gewöhn« 
liehen Namen der Krankheit : Hydroeephalus acutus , Hydroce- 
phalia acuta und die bornirte Behauptung der Wiener Schule, dass 
die Entzündung der Gehirnsubstana niemals diffus , soridern nur 
m beschränkten Kernen vorkomme , zur Festhaltung dieser An- 
sicht das Meiste beitragen. Wir müssen aus den vorliegehden 
Beobachtungen folgern, dass bei dem Hydroeephalus in vielen 
Fällen die Erweichung der Centraltheile unstreitig das hauptsäch- 
lichste und oft auch das primitive Leiden ist, und hier ein ähn- 
liches Verhältniss in der Gehrrnsubstanz lind den Meningen ob* 
waltet, wie in der Lunge und der Pleura, bei Pneumonie und 
Pleuritis. Auch bei der Mesencephalitis ohne Erguss wird die 
Krankheit stets einige Veränderung fn der die erweichten Theile 



*) Anmerk. des Setzers : 

Guckkastenmann. Da selOn Sie die Berneralpenkette ; in der 
Ritte die Jungfrau, wo ausser dem Agassiz noch keiner herauf ge- 
kommen ist. Oben dVauf steht eine Gemse. 

Zuschauer. Ich sehe keine Gemse« 

Guckkastenmann. Nun, so wird sie wohl heruntergesprungen 
sein. 



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überkleideijden ^Haut hervorbringen ;—, sie erweicht ebenfalls, 
und wo dieses etwa nicht der Jfyll ipt, wird sie. weiss, opak, 
verdickt ,u. s. w. Je weiter sich das Leiden über das Ependyma 
ventricülorum ausdehnt , desto mehr kommt es zur Exsudation und 
gewöhnlichen Bildung des Hydrocephalus. Die Ausdehnung und 
Stärke der primitiven Erweichung sieben daher niemals in direc- 
teip Yerbaltniss zum consecuüven Erguss , wie diess bis jetzt alle 
Beobachtungen dargelhan haben. Ob das primitive Leiden des 
Ependyma und der Erguss in Folge desselben auch die Erwei- 
chung der CentralthcÜe nach sich ziehe , scheint mir sehr zwei- 
felhaft , lässt sich aber mit Sicherheit nicht ausmitteln. 

Hinsiclillich der Symptomatologie und Diagnostick dieser Ge- 
hirnkrankheit bei Erwachsenen — denn über die Zeichen und die 
Erkenntniss des Hydrocephalus acutus bei Kindern ist genug ge- 
sagt und geschrieben worden '— wollen wir zuerst auf die Unter- 
scheidung derselben vom Typhoidfiefcer eintreten, weil eine Ver- 
wechslung mit diesem selbst den besten Diagnostikern bisweilen 
begegnet. 

a) Wir* heben zuerst die eigenthümlichen Störungen der In- 
telligenz hervor, welche von den gewöhnlichen Delirien der Ty- 
phoidkranken in mehrfacher Beziehung abweichen. Sie sind zwar 
bei der Mesencephalitis nicht in allen Fällen die gleichen , aber 
doch fast immer dadurch ausgezeichnet , dass sie mehr verschie- 
denen psychischen Krankheiten ähnlich sind , als gewöhnlichen 
Fiebe^delirien. Die Kranken sind blödsinnig, verrückt, vpn fal- 
schen $xen Ideen besessen, obgleich sie noch kurze Fragen rich- 
tig vejgtehn und beantworten , läuft doch bald wieder etwas När- 
risches dazwischen , das Gedächtniss für die neuesten Ereignisse 
scheint sehr stark zu leiden, im Sprechen vergessen sie schon, 
was sie eben gesagt haben, sie sind wie zerstreut, immer etwas 
Anderes denkend , mürrisch , verdriesslich , ärgerlich etc. Mit 
dem Steigen der Krankheit wird ibr Betragen imnier seltsamer, bis 
sie zuletzt in Somnolenz, Coma und Sopor verfallen. 

b) Die Sinnesorgane leiden viel mehr wie bei dem Typhoid- 
fieber. Die Kranken haben Gesichtsvisionen, sehen undeutlich, 
verkennen die Gegenstände und klagen nicht selten über Doppelt- 

18 



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274 

sehen und manche amblyopische Erscheinungen. Der Blick ist 
unstät , gedankenleer, zerstreut und irr. Die Conjunctiva Sclero- 
tien fein injicirt. Die Hornhaut manchmal wie bestaubt , manch- 
mal auffallend gläsern. Die Pupille zeigt verschiedene Veränderun- 
gen , Verengerung , Erweiterung , besonders aber eine Verkehrt- 
heit in ihren Bewegungen , Zusammenziehung in der Beschattung 
und im Coma , Erweiterung in der Beleuchtung und beim Auf- 
wachen. Strabismus ist selten bei Erwachsenen , und Rota- 
tion nach oben kommt erst später im Sopor. Hallucinationen des 
Gehörs, Stumpfheit desselben bis zur Taubheit, weniger hin- 
gegen Klagen über Ohrensausen , Ohrenlauten u. dgl. , öbschon 
auch diese Erscheinungen manchmal vorhanden sind. 

c) Schwindel , Taumel , Eingenommenheit und Schwere des 
Kopfes, bald mehr, bald weniger, ganz wie bei Typhoidfiebern. 

d) Das Gemeingefühl, die Empfindung und Erkennung der 
natürlichen Triebe sind oft merkwürdig abgestumpft. Die Kran- 
ken entleeren manchmal Stuhl und Urin unbewusst, wo ihr gei- 
stiger Zustand diess gar nicht vermuthen lässt, und sind nach 
gesehener Entleerung sehr unwillig und betrübt darüber. Das 
Wartpersonal merkt manchmal bei delirirenden Typhoidkranken 
an kleinen Erscheinungen , dass sie den Stuhl oder Urin entlee- 
ren wollen und verhütet dann die Verunreinigung des Bettes; bei 
dieser Gehirnkrankheit hingegen ist diess viel weniger möglich- 

e) Manchmal leidet die Stimme und Sprache in sehr auffallen- 
der Weise. Während noch die Kranken bei ganz gutem Ver- 
stand zu sein scheinen , können sie einzelne Worte und Aus- 
drücke nicht finden , artikuliren die Worte falsch oder setzen ein 
ganz unrichtiges Wort und werden ärgerlich darüber. In höhe- 
ren Graden der Krankheit vertieren sie bisweilen die Sprache 
ganz oder bringen nur verkehrte, unartikulirte Töne hervor, ob- 
schon sie die Fragen noch zu verstehen scheinen. 

f) Die Motilität der unteren Extremitäten leidet oft in bedeu- 
tendem Grade und auf eine eigentbümliche Weise. Es ist nicht 
allein Schwäche und Taumel , wie beim Typhoidfieber , wenn die 
Kranken auf die Beine gestellt werden , sondern mehr der Aus- 



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.275 

druek einer Paraplegie mit verkehrten Bewegungen, mit Vacelli- 
ren, Chancelliren u. s. w. 

g) Wo das exanthematische Typhoidfieber die herrschende 
Form ist , bietet das Fehlen jedes Ausschlags ein nicht unwich- 
tiges Unterscheidungsmerkmal. In Bezug auf das Abdominal- 
typhoid hingegen hat man ein viel zu grosses Gewicht auf die 
Beschaffenheit des Mundes und der Zunge, sowie auf die Bauch- 
symptome überhaupt gelegt. Im ersten unserer oben erzählten 
Fälle fehlte nicht der rusige Beschlag an den Zähnen, die Aus- 
dörrung und Zerklüftung der Zungenoberfläc^e , die Röthung der 
Zufigenränder etc. Auch im zweiten Falle waren wenigstens An- 
deutungen von diesen Veränderungen im Munde vorhanden. Was 
die wetteren Baucherscheinungen betrifft , so ist zwar bei Jün- 
gern Individuen manchmal das consensuelle Erbrechen vorhanden, 

' was beim Hydrocephalus der Kinder fast constant in seiner er- 
sten Periode obwaltet, bei älteren Individuen fehlt es aber ge- 
wöhnlich. Die gemeinhin angegebenen Symptome des Follicular- 
leidens beim Abdominaltyphoid sind bei demselben bekanntlich 
höchst trügerisch, indem sie häufig genug bei bedeutenderem 
Follicularleiden ganz fehlen, und wieder bei der blossen ery- 

. thematQsen Affection der Schleimhaut der Dünndärme vorhan- 
den sind. Bei der Mesencephalitis finden sich die verschie- 
denartigsten ßaucherscheinungen , welche denen beim Typhoid 
ganz ähnlich sind. Für die Diagnose hat darum nur das gänz- 
liche Fehlen aller Bauchsymptome einigen Werth , indem diess 
allerdings bei der Mesencephalitis öfter der Fall ist , als bei dem 
Typhoid. 

h) Die Milzvergrösserung bei dem Typhoidfieber gibt eben- 
falls kein genügendes Unterscheidungsmerkmal. Hier in Bern, wo 
wir niemals genuine Wechselfieber haben, ist bei Typhoiden die 
Milzgeschwulst oft so gering, dass sie sich gar nicht durch Per- 
cussion nachweisen lässt , und auch in den Leichen nur sehr we- 
nig ihre normale Grösse überschreitend gefunden wird, obgleich 
denn doch die bekannten inneren Veränderungen derselben be- 
merkt werden. Bei der Mesencephalitis finden sich, diese gerin- 
geren Milzvergrosserungen ebenfalls. 



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276 

i) Der Fufa und die Temperatur des Körpers zefgen bei der 
Mesencephalitis eine grosse Veränderlichkeit. Nicht allein findet 
man den Puls in verschiedenen Tageszeiten und Tagen frequenter 
und wieder langsamer, sondern er wird auch überhaupt langsa- 
mer, je mehr die Kopfsymptome zunehmen und in Coma über- 
gehen, so dass er dann bisweilen auf 60, ja auf 50 Schläge 
herabgeht. Bei der Besserung der Kranken gewinnt er dann 
wieder an Frequenz. Bei dem Typhoid verhält es sich gewöhn- 
lich umgekehrt : der Puls beschleunigt sich je mehr die Kopf- 
zufälle steigen. Ebenso wechselnd wie der Puls ist die äus- 
sere Körpertemperatur. Im Durchschnitt ist sie niedriger als beim 
Typhoidfieber. 

k) Ueberhaupt sieht man bei der Mesencephalitis nidht selten 
einen auffallenden Wechsel in der Stärke und Beschaffenheit der 
Symptome in ganz unbestimmten Zeiten. Die vorwiegendsten 
Gehirnsymptome ändern ihre Beschaffenheit oder vermindern sich 
in einem Grade , dass man schon einen Rückgang der Krankheit 
annimmt; aber nachdem diess einen halben bis mehrere Tage ge- 
dauert, bricht ein rteuer , mitunter mehr heftiger Sturm -wieder 
los. Beim Typhoidfieber kommeh zwar auch Nachlässe nnd neue 
Rekrudescenzen sehr oft vor; allein sie treten nicht so plötzlich, 
unerwartet und in so auffallendem Grade auf. 

/) Der ganze Verlauf der Mesencephalitis ist weit unbestimm- 
ter als derjenige des Typhoidfiebers. Man hat ja längst den Hy- 
drocephalus der Kinder in einen acutisshnus, acutus, subchroni- 
cus etc. unterschieden. Bei Erwachsenen treten dieke Verschie- 
denheiten zwar nicht so grell hervor und namentlich die acuteste 
Form kommt da fast niemals vor. Doch sieht man den Verlauf 
zuweilen kürzer und rascher, grfrssteiUhells aber mehr lentes- 
cirend und in die Länge gezogen. Die alte Meinung, daös sich 
einzelne Perioden desselben , namentlich eine Periode der Rei- 
zung, dann eine Periode der vollendeten Krankheit und endlich 
eine Periode der Produktbildung öder Ausscfowitzimg bemerkbar 
machen, scheint mehr wegen der besseren Beschreibung der Symp- 
tome angenommen , als aus der Erfahrung geschttyft zu sein. 
Wenn auch bald kürzere, bald längere Zdt vor ctem 'Tode stets 



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277 

mehr depressive jGeymsymptoi^Q auftreten, so kpmmeji ^ie doch 
auch in vielen Fällen schon sehr früh , und ziehen sich entweder 
durch den ganzen Verlauf hindurch, oder wechseln mit Irritatio- 
nen der Gehirnfuuctiouen bald greller, bald altyiähliger. 

C9<?M«88 folgt.) 



Hernie oiiibilicale eontenant l'utörus chargi du produit 
de la eoneeption. 

Le 2t Qciobre 1856 j'exaiqme Ijtßrie YAfricaine, nögjresse de 
la tribu d^es Ygrabas. Elle porte q la r^gipn ombilicale une tu- 
mppr qu'oü recoonait facüement etre une hernie. 

Cettp tiuneqr pr^ßente assez exactemeitf la forme d'une sphere 
a l?flM$Ue il manqijerait une calotte ä l'epdrpit oü eile repose sur 
rpbdoi^en. Elle est ^epsile et est £gpar£e des parois abdomi- 
nales par un (Hranglement circulaire de 42 centimetres de pour- 
tour. La tumeur, elle-meme, mesure 62 centimetres d ans sa plu$ 
gtiwd? jpifcpnKr^nc^- Li* ligne pl^fty to P**#9gp W '4$f* P ar ~ 
üps tgfifah 

La cicptrice ombilicale entferejnewt eflfyc6 ( e, mais rceonnais- 
Ä&b}e £ h Piouleur fppqöe du siege ^s plijsi ^pi l'accompagnaient, 
$e (tijoftv^ ^ ,sp pajlif inf&rieitfp Cty flialadß £tant debonQ. Elle 
£$t:ptas ^rqs du ;potiiit ( d?«iHa<$e <pje 4p sojpuipt de 4 centi^ares- 

Cötte tuBjpur. pst fluctupnte { et rpi}d r uji ^pp jnat a la percus- 
sion. En d£primant ^es parpis p# ^epQnnptt f^icilement qu'clle 
•cpptifM* Ae§ pvtjes .pup^ipurpp qt nfpyennes d^n foetus de huit 
4i)0is ,ap moip#, <pßfi£ Sf* ppsitipji ^qfl^liqjie. A Tauscultation 
^H ^otep4 tcl^ireoxe^t 4ep ^juit ;fhi qceur <}u 4<Btjif . 

;Catte 4mg?ur: se >p£fluit s^np difficuU<§, pnaj^s jajnsla^e ^prpuye 
alors de la gene dans la respiratffln. ^Vpr^s lp reduction on peut 
^'«SSi^r qw leß^wfyfie l'pflx^tuffe^gui a .^pflpö ^p^sa^ge ä ia 
t1mväß^)9k»^t¥fmP ^öf^|iftp^^sle^^c|p^iU defiriv^nt. 

<,l,ei pwW^aWwißaJesfSioat £ l#tyt ifonnale. JLa Jigae bjpcjhe, 
au-dessous de la tump^, jp!p$re Wime ^xaillure. ,g,op 6tp^ 



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278 

due n'est diminuöe que de la pörtie empietde par la base de la 
tümeur. 

Par le toucher il est iiripossible d'atteindre le col de l'ut&us. 
Les parois vaginales, semblent 6tre un peu tendues. 

La santö gdnärale laisse un peu d£sirer, mais la malade su- 
bit plutöt les consdquences des mauvaises conditions hygiöniques 
qui l'entourent que Celles de l'infirmite qu'elle porte. Cependant 
il y a des douleurs assez penibles aux afnes qui indiquent le 
tiraillement des ligaments ronds et qui force la malade ä rester 
couch6e. 

Le 14 novembre je suis de nouveau aupres de la malade qui 
ressent les premieres douleurs de Penfantement. Pendant les con- 
tractions je fais comprimer avec mönagement la tumeur pour en 
amener la röduction. Le travail marche avec la plus grande xh- 
gularite. II se termine par la naissance d'un enfant vivant da 
sexe feminin, dont le däveloppement annonce un accouchement 
tout-ä-fait k terme. On peut meirie remarquer la vigueur et la 
fermetö des muscles de l'enfant. Les pieds s'ötaient präsentes 
les premiers. 

C'&ait le quatri&nö enfant que cette femme mettait au monde. 
A ces deux premieres grossesses , me dit— eile , eile avait vu se 
former k la rögion ombilicale une tumeur qui 6tait restöe assez 
petite, molle et facile k röduire. A la troisteme grossesse, la 
tumeur avait pris plus de dßveloppement. Elle contenait un corps 
dur et eile ötait souvent le siege de mouvements tr&s prononc£s. 
Marie a töujours cru que ce corps dur qui remuait de temps ä 
autre elaient les pieds de Fenfänt qu'elle portait. 

Dans ce cas je n'ai point trouve" les caräctöres propres k Pob- 
liquite anterieure de la matrice. Les parois abdominales, en de- 
hors de la tumeur , avaient une direction normale et leur disten- 
sion ne rappelait que celle qui existe chez la femme enceinte 
seulement de quatre k cinq mois. 

La forme arrondie de la tumeur, son ötranglement au point 
d'attache limite* ä la rögion ombilicale et däorivänt un cercle bien 
marque" , Pint6grit6 de la ligne blanche du point d'attache au pu- 
"bis encluaient toute id6e d'une evfentration. 



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279, 

Aprös l'accouchement , la continuitä que prösentaient , sous 
forme circulaire , les bords de l'ouverture par oü avait passö la 
hernie , le siege de cette Ouvertüre entierement limine ä la rögion 
ombilicale repr&sentäe alors par l'ouverture möme, me portait ä 
admettre, . sans aucua doute , que l'utärus chargö du produit de 
la conception , s'&ait öchappe de la cavitä abdominale par Tan-, 
neau ombilical meme. L'anneau, certainement , ne s'&ait point 
oblitöre pendant son enfance. 

Je n'ai pu savoir ä quelle dpoque de la grossesse l'uterus 
ayait commence ä s'engager dans l'anneau. D'apres la marche 
prdinaire de la gestation ce n'a pu etre qu'ä partir du cinquieme 
mois. A ce degr6 de developpement que präsente alors l'uterus 
il semble impossible que l'anneau ombilical, libre anormale- 
jnent, puisse lui livrer passage. S'il en dtait autrement, Putö- 
rus contenant un fcetus, ferait assez souvent hernie chez les n£- 
gresses. Car parmi un grand nombre d'entr'elles , comme je Tai 
dit dans mon memoire sur l'exomphale, l'anneau ombilical est 
tout-ä-fait libre et ses bords largement tirailläs sont repouss&s du 
centre ä chaque grossesse, par la distension des parois abdomi- 
nales. Mais chez ma malade deux premi&res grossesses dila- 
tent largement l'anneau par la distension des parois de l'ab- 
dornen. A une troisieme grossesse, le fond de l'uterus, sans 
doute modifte dans la forme par la pr&ence des pieds du foetus T 
a pu s'accommoder des limites de l'anneau et penetrer dans le 
sac herniaire. Les bords de l'anneau ont aide graduellement ä 
la forc$ qui tendait, apres, ä les ^Carter du centre, et ont ac- 
quis un diametre tel qu'ä la quatrieme grossesse , malgrö la Po- 
sition du fcetus , l'uterus a, pu s'engager dans cette Ouvertüre et 
constituer une väritable hernie ombilicale. 

A. LfiOTAÜD, 

D. M. P. 



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28Ö 

Üerichtfgdri^ 



In döni Verdammüngsurtbeil über tir. Gnggeri- 
bühl, welches in dem letzten Doppelheft der «Schweiz. Mönaf- 
schrift für prakt. Medicin » enthalten ist , . findet sich eine Stelle , 
die yon Personen, welche mit den Verhältnissen' mclit gtnaü be- 
kannt sind , leicht falsch gedeutet werften konnte. Herr Dbctor 
A. Vogt, sagt riamli'cli daselbst : « fiereits im vergangenen Jähre 
Habe die Versammlung Schweiz. Naturforscher in trogen die ihi 
JaKr 1846 für die Angelegenheit des 'Cretmismus niedergesetzte 
Commission wegen yerriiulhlicher Fruchtlosigkeit ihret Anstrengun- 
gen aufgelöst 9 in äer diesjährigen Versammlung stelle lAin H^r 
frof.Dmme den Antrag, u. s t ti>.» (imd nun folgt der Abb t)6c- 
Jor Guggenbühl betreffende Antrag , den wir hiet flieht MeiJer- 
hplen wollen). Wenn man nun diese Stelle liest, so sSÜte märt 
glauben, es wäre in der Sache der CrietinenstaÜstit ga^hicfiti 
gethan worden, und es hat fast das Ansehn . die reräonfen, dfe 
sich, mit dem Sammeln der Materialien zur fcrettnenstatistik b&fö&- 
sen sollten, uAd die Behörden und Personen, welchle diese Ma- 
terialien, liefern sollten , seien von der Naturf. Gesellschaft zuerst 
^ewissermasen mit ihrer "Ungnade iesträfV worden , ünÄ Iierhach 
sei an Dr. Gü^enbühl die Reihe gekommen. — das, war wenig- 
stens so ungefähr der Eindruck , den die fraglicne ßfefib *&m defh 
Ünterzeicnneten machte , und dieser feihdrtfcfe ftt dtlrch hteht- 
^maliges Lesen der Steife nicht verwfscßt ärfd* gemildert Wbrdöft. 
Wenn ich nun auch der Loyalität des Herrn Dr. Vogt ger'n 6 ver- 
traue, im^, jiberzßugt bin , dass er es mit dieser ^usamm$&VefÄh& 
nicht so^böse gemeint hat, so scheint es mir doch nöthig, daran 
zu erinnern, dass mit Ausnahme der Kantone Appenzell, Zug 
und Genf allmählig aus allen Kantonen mehr oder minder voll- 
ständige Materialien eingegangen sind-, und dass die bis zum Jahr 
1845 eingegangenen Materialien von mir selbst in Häser's Ar- 
chiv, und die vom Jahr 1845 bis zum Jahr 1853 eingelieferten 
Materialien ebenfalls von mir in der «Schweiz. Zeitschrift», und 



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261 

zwar mit Eirischluss der früher eingelieferten , verarbeitet worden 
sind. Es kann somit von der Fruchtlosigkeit der Anstrengungen 
keine Rede sein, und wenn das der Ausdruck der betreffenden 
Protocofle der Schweiz, naturforschenden Gesellschaft ist, so ist 
dieser Ausdruck unrichtig gewesen. Uebrigens war der Zweck , 
warum im Jahr 1845 in Genf eine zweite Commission nieder- 
gesetzt wurde, blos der, zu bewirken, dass die westlichen (fran- 
zösischen) Kantone mit ihren Materialien eher nachrücken. Im 
Jahr 1848 wurde uns aber in Solothurn, unter Prof. Jung's 
Präsidium , die Oberleitung des Ganzen übergeben , und als nun- 
mehriger Präsident der Commission bearbeitete ich den zweiten 
Bericht, der im Jahrgang 1854 der «Schweiz. Zeitschrift» abge- 
drückt fst. 

Zürich, den 8. September 1858. 

Dr. Meyer*Ahren*» 



Wir nehmen die obige Berichtigung mit Vergnügen entgegen; 
Niemanden in der Schweiz gebührt mehr die öffentliche «Ad dank- 
bare Anerkennung hnermüdticher und erfolgreicher Bemühungen 
tim die Kerinfftiss des endemischen Cretmismus bei uns, als ttn* 
«erm Herrn Collegen, Meyer-Ahrens. Die incriminirte Stellt 
ist wörtlich dem schriftlichen Antrage des Herrn Prof. Demme 
entnommen irnd floss ursprünglich atas dem Protocolle des vor- 
-berathenden Comitels der Schweiz, iraturf. Gesellschaft (Verbaftd- 
lüngen 1857, S. 88^ Trogen); sie hätte«, um Missverständniafie* 
Vorzubeugen , ganz und unverändert mitgetheilt werden solle*- 
r Sie heisst : «DA Kommissionen , die Irren- und Crttinen-An)ge{e*> 
mhhdt'tKtnlfmü, seien, obwohl ih Betng huf letztere noch nicht 
im* allen iJKbfßMM die verlangten Berichte eingegangen, tooftn 
^emwhU&er wbiterer'Anstrengtiwgeto «um Erhalte d#r 
-effbrdfehrH^hfen Referate, aufzulösen.*» Wir varstefeeto ärat 
'jetzt, ria&defoi ins jedes 'Protoedll iugekoitaraen, den eigent- 
lichen Sinn der Stelle, und bemerken nur noch, dass Prof. -Demme 
hiitdferteftefhln^ttehi Afittrbgie dein AdftfetSn ttrtifcr Gü£gen- 
bühl'schen Angelegenheit in der diessjahrigen Versömtolfogmotl- 



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viren wollte, indem er damit auszudrücken scheint, da^s die. 
frovocation eines Misstrauensvotums gegen Guggenbühl , wie es 
die Umstände gerade jetzt gebieterisch verlangten, eigentlich 
jener Commission hätte zufallen sollen , wenn dieselbe nicht in 
Trogen bereits aufgelöst jvorden wäre. A. Vogt. 



Kritik. 



Die Charlatanerie und ihre Parteigänger. Eine naturvvis- 
senschaftlich-commercielle Studie , von Theofrastus Bombastes 
Purcelsw dem Jüngern. Wien, bei R. Lechner. 1858. 

Das Schriftchen ist als heitere Leetüre lesenswerth. Der Le- 
ser wird überall alte Bekannte darin begrüssen , da dieselben mit 
Unverkennbarer Treue gezeichnet sind. Jede Schichte der mensch- 
> liehen Gesellschaft hat ihren Aberglauben , und mithin auch ihre 
Auguren, als Vertreter des niederen wie höheren Blödsinnes. 
Der Verfasser musste daher auch verschiedene Gattungen vou 
Charlatanen unterscheiden und zeichnen. So begegnen wir in 
seinem Schriftchen den humoristischen Porträten «des gemeinen 
Kurpfuschers», «des Gastrollengebers», «des Dunkelreiters», 
xedes Erfinders», des «Inseratenritters» und «des grossen Spe- 
kulanten.» Leporello hat uns aber seine Silhouettenrolle noch 
•bei weitem nicht ganz aufgerollt: geht sie doch um den ganzen 
Erdball. Unter der Rubrik « der Kurpfuscher » kommt uns schon 
die Krötenbrecherin als alte Bekannte entgegen ; auch dem 
überlisteten Quellenauffinder («Wasserschmöcker») haben wir im 
Vorbeigehen die Hand gedrückt, und in der Entfernung den verr 
schollenen Landolfi seine Krebse fangen sehen. Unter den «Dqn r 
-kelreitern» passirt der hochsensitive Freiherr von Reichenbach 



Schweife. Zeitschrift für Medizjn , Chirurgie und Gebortshülfe. 
185t. S. 220. 



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283 

mit den Naturschwiemelern von Schubert , Carus , Gerstenberg; 
u. 8. w. ; ferner die ewig steifleinenen Homöopathen mit verdünn- 
tem Schlangen« , Wurali- und andern erschrecklichen Giften, die. 
Tischrücker, die magnetischen Streicher und Schleicher und ähn- 
liches Gelichter , eine interessante Heerschau. 

Zugleich hat der Verfasser eine freilich noch sehr lücken- 
hafte, aber immerhin noch überreiche «industrielle» Ausstellung 
von verschiedenen Geheim - und Wundermitteln veranstaltet : 
Morrison 'sehe , Lange'sche Pillen, Leroy's Medicinen, Revalenta 
arabica , Halloway's Salbe , Roob Boyveau Laflecteur f etc. etc. , 
sind geschmackvoll ausgebreitet; ganze Tische mit duftenden 
Haarwuchsmitteln werden von einem Walde von Haaren über- 
wuchert. Wir vermissten Fislow's Mittel gegen das Bettpissen, wel- 
ches den Kindern die Prügel erspart , und den grossen Inducttons- 
apparat von Genf, mit welchem den Auszehrenden die Tuberkeln 
aus den Lungen « geseiler t» werden; ebenso die schönen ortho- 
pädischen Maschinen, mit denen man verkrümmte Gypsabgüsse 
kurirt. Dass auch Krüsi's Bruchpflaster vergessen wurde , verletzt 
wirklich unsern Nationalstolz. 

Wie gut übrigens der Verfasser seine Leute kennt , zeigt sich 
in folgender Instruction, welche er Seite 158 den «Master Vorwärts» 
seinem zukünftigen Schwiegersohne auf eine Industriereise mitgeben 
lässt : «In der Schweiz müssen Sie sich unter Anderm auch das 
«berühmte Institut für Cretins anschauen; ich habe es sehr loben 
«gehört, es soll mit grosser Gewandtheit geleitet sein und gute 
«Geschäfte machen. Trachten Sie diese. Anstalt genau kennen zu 
« lernen ; Deutschland hat Mangel an derlei Instituten ; ich ge- 
« denke einst einige der Art auf Actien zu gründen , das wäre 
«so eine gemeinnützige Idee , die eine Zukunft hätte und mit 
« Beifall aufgenommen werden dürfte. » > Armer Guggenbühl mit 
deinen österreichischen und preussischen Ordenskreuzen, Viel- 
verkannter <, der du doch aus hirnlosen Cretinenschädeln Gold zu 
schlagen wusstest, mit dem König Fritz Neuchateller trankst und 
mit der Königin Victoria Rostbeaf assest! 

Wir befürchten nur, der Verfasser werde sich zahlreiche 
Reclamen von allen Seiten zuziehen , dass er die schwedischen 



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38* 

Jfampelmänner mit ihrer chinesischen Tetmraotegie , die R^de- 
macher, Goldberger, Baenscheidt und viele Andere mit SUU- 
schweigen tibergangen. Wir hoffen , er habe sich aus #e$m 
eine starke Reserve gebildet, welche er auoh «och ins Feuer 
führen wird. Endlich verbietet uns die Bescheidenheit , für uns 
itftd unser« allopathischen und hippokratischen CoUegen, schüch- 
tern eine ähnliche Reclame an ihn zurichten, 

A. V, 

Neue galvanische Heilmethode t ). 

Setzt man di$ Pole eines zu diesem Zweck besonders construirten, 
neu erfundeneo Inductionsapparates , anstatt sie mit dem Körper in un- 
mittelbare Berührung zu bringen, blos auf die Kleider auf, so wirkt 
der galvanische Strom nach dem Princip der 4tefctrischen Verkeilung 
in der Art auf den Organismus., dass alle coatra«}iUn Gewebe bedeu- 
tend mehr Tonus erhallen, und die Muskeln in eine kräftige Spannung 
gerathen, die nicht wie bei der gewöhnlichen Anwendungsweise des 
Galvanismus sogleich wieder verschwindet, sondern 12 feis 1$ Stun- 
den lang inunterbnochen anhält. 

Werden die Einatbmungsmuskeln in diese Spannung versetzt wäh- 
rend der Patient bemüht ist seine Brust möglichst auszudehnen , und 
fährt man während vier bis sechs Wochen täglich damit fort, so wind 
«hie bleibende Brusterweiterung von 1 J /j bis 2 y 2 £<*H erzielt. 

Durch diese Brusterweiterung sowohl , als durch die Stärkung , 
welche das Lungengewebe selbst und das Nervensystem der Athmungs- 
organe dabei erleiden , können viele Brustkrankheiten geheilt werden , 
die andern Heilverfähren widerstehen, als: schwache r schmale, eng? 
gebaute Brust, und daraus entstehende Anlagen &ur Lungensohwind- 
£ucht , Congestionen , Blutspeien , ausgebildete Schwindsucht (in eini- 
gen Fällen sogar noch im eitrigen Stadium), nervöses periodisches 
'Krampfasthma, Kurzathmigkeit aus Schwäche, etc. 

Auf den Rücken angewendet , ist dieses Verfahren im Stande ohne 
.Beihülfe von Corset und Streckbrett, Wirbelsäuleverkrümmungen, die 
auf unzureichender Thätigkeit der Muskeln beider Körperhälften beruhen, 
in weit kürzerer Zeit vollständig zu heilen , als dkss mit den bishe- 
*igen orthopädischen Mitteln möglich ist. 

Senkungen und vollständige Vorfälle <t)er Gebärmutter, sowie die 
so häufig sie begleitenden hysterischen Erscheinungen, Nervenkopfweh, 
beständige Kreuzschmerzen , etc. , werden durch die Anwendung ^s 
'Galvanismus durch die 'Kleider hindurch ebenfalls ) in kurzer Zeit und 
bleibend gehoben. Derartige Behandlung übernimmt Dr. Seiler in Genf. 
., , , (Intelligenzblatt der Stadt B^r,n, l. §ept. 1856.) 

*) ftlebe unsere H*n*iö«hrif^ Jahi***« 1857, Seite 010. 



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885 
fftobst wichtige listige fttr Bnchleidende. 

Dem Unterzeichneten ist nach mehrjähriger Praxis und nnermüdeten 
Forschungen gelungen, ein sicheres und unfehlbares Heilmittel gegen 
alle Unterleibsbrüche , für welche man bisher nur das Tragen von Bruch- 
bändern kannte , zu entdecken , und ich ersehe es als die Pflicht des 
Arztes , dieses Heilmittel allen Leidenden zugänglich zu machen. Dies 
Heilmittel sammt Gebrauchsanweisung wird die Dosis zu 6 Franken ver- 
kauft, wobei zu bemerken ist, dass fttr einen neuem Bruch eine Dosis 
. zur vollkommenen • Heilung hinreichend ist , ist aber der Bruch oder die 
Person alt, oder ein Doppelbruch vorhanden , so ist mehr denn eine 
Dosis nothwendig. Der Betrag muss bei der Bestellung an Baar oder 
in Bankscheinen franco eingesandt werden. Noch erlaube ich mir, 
statt alter weiteren Anpreisung , die Bemerkung , dass bei der Expe- 
dition dieses Blattes mehrere hundert Zeugnisse von Aerzten, Beamten 
und Laien , aus der Schweiz , öesterreich , Würtemberg , Bayern , Ba- 
den , Preussen , Sachsen und Hannover , sowie von fast allen europäi- 
schen Staaten deponirt sind, welche wohl mehr werth sind, als ge- 
wöhnliche marktschreierische Anpreisungen in Zeitungen, wie heut zu 
Tage sp viele erscheinen. Dr. med. Krüsi, pra ct. Brucharzt, 

in Gais, Canton Appenzell. 

m^ Zur Ersparung unnöfhigen Porto's können Bestellungen 
auf obiges Mittel auch durch mich besorgt werden. 

Friedr. Wyss, Buchdrucker in Langnau. 
(Emmenthaler-Blatt vom 13. Oct. 185S.) 

ERLASS. 

Ueber Jacob Johann Krüsi, von Gais, wohnhaft im Dorfe 
daselbst, geboren 1825, verheirathet, der beklagt ist: 

1) der medicinisch- chirurgischen Pfuscherei und marktschreie- 
rischen Ankündigung seines angeblichen Bruchheilmittels im 
vierten Rückfalle ; 

2) der betrügerischen Anmasung deis Doctor- und Arzttitels im 
dritten Rückfalle; 

3) wegen Nichtbefolgung zweier Vorladungen vor die straf- 
richterliche Behörde : 

hat der herwärtige Grosse Rath erkennt : 

1) Krüsi soll für die zwei ersten Punkte um 200 Fr. und für 



! ) Warum hat er auch keinen Doctortitel gekauft und sich nicht 
eine Dissertation von -einem Prrvatdoeenten sehreiben lassen ? Red. 



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286 

den dritten Pankt um 4 Fr M zusammen um 204 Fr. , in den 
Landesseckel gebüsst sein; 

2) habe derselbe die in 6 Fr. 45 Rp. bestehenden Unkosten zu 
bezahlen ; 

3) dieses Urtheil sei auf Kosten des Beklagten durch öffent- 
liche Blätter dem Publikum zur Kenntniss zu bringen. 

Trogen, den 8. August 1858. 

Für die Kanzlei des Cantons Appenzeli A.-Rh. : 
L. Schläpfer, Landschreiber. 

Im Canton Bern sagt die «Verordnung, ansehend die Markt- 
schreier, After- und Stümpelärzte», vom 6. September 1785 1 ): 

<c a. In Absicht auf fremde Marktschreier und Stümpelärzte : 
«Es solle von nun Keinem derselben der Verkauf seiner Arznei- 
« mittel an keinem Orte in Ihr Gnaden Landen bewilliget, auch 
« ihnen selbst kein Aufenthalt, weder zu Stadt noch Land, weder 
«zu Markt noch andern Zeiten, gestattet werden.?) 



Aus der Literatur. 



Jodkalium zur Vertreibung der Milch. 

Prof. Rousset wendet das Jodkali beim Beginne der Lac- 
tation an, wenn sich Fieber, Milchknoten, Mastitis einstellen, da 
diese Zustände Verminderung der Milch durch therapeutische Mit- 
tel indiciren, und die gewöhnlich angewandten Masnahmen, wie: 
erweichende Umschlage , Diät und Abführmittel nicht zum Zwecke 
führen. Das Jodkali bewirkt nach ihm eine beträchtliche Ver- 
minderung der Milch und beseitigt dadurch die Milchknoten, be- 
sonders wenn man dabei das Kind nicht anlegen lässt. Die Milch 



!) Die meisten unserer Sanitätsgesetze, ein Flickwerk aus allen 
Zeiten und Systemen, datiren fast alle noch aus jenen vorsündfluth- 
lichen Zeiten, und werden allem Anscheine nach auch noch lange Un- 
sere Medicinalverhältnisse regieren, wenn nicht unserm Medicinalcorps 
einmal der freilich ausserordentlich dicke Faden der Geduld reisst. , 



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<M7 

kehrt schnell zurück , wenn man das Mittel nicht länget» als fcwei 
bis drei Tage lang gebrauchen lässt ; auch ist seine Wirkung ent- 
schiedener, wenn die Dosis von acht bis zehn Gran täglich nicht 
überschritten wird. Die Milchabsonderung kann fast ganz ver- 
hindert werden , wenn man das Jodkali am ersten bis zweiten 
Tage nach der Entbindung verabreicht. Sieben ausführlich mit- 
geteilte Fälle dienen zur Bestätigung obiger Thatsachen. 

(Journ. de Bord. Mai 1868.) 



Pathologisches und Therapeutisches über die Bleikolik , 

vou Briquet. 

Briquet 1 ) findet den Sitz des Schmerzes bei der Bleikolik 
in den Unterleibsmuskeln, was auch schon Giacomini in Padua 
ausgesprochen hatte. Briquet sah ihn bei 43 Fällen 36 Mal in 
den Muse, rectis abdoininis, 19 Mal in den Lendenmuskeln und 
10 Mal in den Muse, obliquis , und zwar öfter in deren oberen 
und unteren Theilen, als in ihrer Mitte sitzen. Er stützt seine 
Behauptung auf folgende Gründe : 

. 1) Brückt man mit einem oder zwei Fingern massig stark 
auf die Bauchmuskeln , so dass die Eingeweide vom JDruck nicht 
afficirt werden , so empfindet der Patient sogleich einen heftigen 
Schmerz, welcher mit demjenigen des Anfalls identisch ist. Der 
Schmerz entsteht ebenso bei Druck auf die Ansätze der Muskel 
an die Rippen, dem Os pubis oder ilei, oder bei Druck auf die 
Mm. quadratus lumb. , sacrolumbalis und latissimus dorsi , wo die 
unterliegenden Eingeweide vom Druck gar nicht erreicht wer- 
den. Nur an den bei Druck schmerzhaften Stellen empfindet der 
Patient den sog. Kolikschmerz. Bei sehr heftigem Schmerze der 
Bauchmuskeln entsteht die Einziehung des Bauches. 

2) Passive und active Bewegungen der schmerzhaften Muskel- 
parthien steigern den Schmerz auffallend , und umgekehrt beein- 
trächtigt dieser die Bewegungen. Daher die Beengung der Re- 
spiration, der Schmerz bei Husten, bei unvorsichtigen Bewegun- 



l ) Arch. gen£r. F£vr. et mars 1858. 



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968 

gen, die gebückte Haltung bei aufrechter Stellung und <Jer hef- 
tige Schmerz bei Streckversuchen. Analog, nur umgekehrt in 4er 
Erscheinung, ist das Verhalten bei Lumbago. 

3) Ruhe kann für sich allein den Schmerz lindern und ganz 
aufheben, wie es Briquet in drei Fällen ohne Anwendung ir- 
gend eines andern Mittels beobachtete. 

4) Die Verstopfung hat keinen deutlichen Einfluss auf dje 
Kolik; sie kann ohne diese fortbestehen. 

5) Auch der Rheumatismus der Bauchwand stört, entgegen 
der Behauptung von TanquerelO? die Verdauung. 

Unentschieden bleibt es für Briquet, ob Störungen dpr 
Baucheingeweide die Schmerzen verursachen , jedenfalls sind sie 
nicht nachgewiesen und stets untergeordneter Natur. Man muss 
daher den Ausgangspunkt aller Symptome der Bleiintoxication nicht 
im Nerv, sympathicus , sondern im Rückenmark selbst suchen, von 
welchem auch die Bleilähmung der Extensoren der Extremitäten 
muss abgeleitet werden. 

Von der Ansicht ausgehend , dass die Bleikolik eine Neuralgie 
der Muskeln sei, erzeugte Br. auf der überliegenden Haut durch 
Electricität oder den galvanischen Inductionsstrom {tocale Fara- 
disatiori) einen heftigen Schmerz mit Röthung der flaut , ohne 
den Strom bis zu den Muskeln dringen zu lassen , und gleich 
nach der Sitzung hörte in allen Fällen der Schmerz auf und die 
Bewegungen wurden vollkommen frei. 

Bei 42 Fällen , welche alle durch ihre Heftigkeit Schlaflosig- 
keit bedingten , genügte in 24 eine einmalige Application , in 10 
war eine Wiederholung nöthig und in 7 Fällen eine dritte Sitzung. 
Mit den Schmerzen der Bauchmuskeln verschwanden auch andere 
sympathische Schmerzen , der Appetit kehrte bald wieder , das 
Erbrechen hörte bald auf; dagegen trat der erste Stuhl, da er 
nicht durch Abführmittel befördert wurde, erst nach dem ersten 
bis siebenten Tage nach dem Verschwinden des Schmerzes ein. 



*) Traitä de maladres de plomb ou saturnines. Paris 1839. 



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Schweizerische Monatsehrift 

rar 
praktische Medizin, 

redigirt vor 

Dr. A.Vogt. 
Dritter Jakrgtag. 1858. Hr. X. Octoberheft. 

Bit*e Meaataeiirift eraofceint moaatfien ehunal . 2 Bogen *tark. Der Aboaae- 
■eatsareia int für die ganze Bchweis 7 Fr. , für da« Aufdaad 10 Fr. Briefe 
aad Gelder franko an die Bipeditioa : Haller'sehe Baehdruckerei in Bern. 

Be oba chtungen Aber Carcinosis miliaris acuta, 

von Hermaan Deronie. 
(Scnlaa*.) 



V. Dauer und Aetiologie. 

Wenn wir den Beginn der miliaren Krebsablagerungen in die 
fol der ersten heftigen Fiebereruption setzen (?), so erhalten wir 
in Allgemeinen einen sehr rapiden Krankheitsverlauf. Aus 
Bimberger's Beobachtungen ergibt sich eine Dauer von 27, 
eine von 49 Tagen und eine von mehreren Monaten. In den von 
■ir mitgeteilten Fällen findet sich eine weit geringere Verlaufs- 
seit. In Fall 1 erfolgte der Tod am zehnten Tage, in Fall 3 und 
4 am achten , in Fall 5 am sechsten , in FaH 2 und 7 zwischen dem 
Werten und fünften und in Fall 6 sogar zwischen dem zweiten 
lad drillen Tage nach dem ersten Auftreten einer grössern Puls- 
freqnenz. 

Was die vergleichsweise Häufigkeit der Carcitrosis miliaris acuta 
*w den primitiven chronischen Krebsen anbetrifft , so mögen sich 

10 



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290 

hierüber noch lange keine sicheren statistischen Resultate ermit- 
teln lassen. Man hat bekanntlich noch nicht einmal das Verhält- 
niss zwischen den primitiven chronischen Krebsen und den secun- 
dären chronischen Ablagerungen mit Zuverlässigkeit zu bestim- 
men vermocht. 

Um über die häufigsten Complicationen ein gültiges Ur- 
theil gewinnen zu können, müssen noch weitere Beobachtungen 
hinzukommen. Die Ergebnisse meiner Erfahrungen hierüber sind 
bereits bei der pathologischen Anatomie erwähnt worden. 

In Betreff des Alters, welches die von Carcinosis miliaris 
acuta befallenen Individuen darboten , weichen die Resultate der 
von mir beschriebenen Fälle von den Beobachtungen Bamber- 
ger 's theilweise ab. Dieser Forscher macht ganz besonders 
darauf aufmerksam (a. a. 0.): «dass die multiple acute Carcinose 
fast stets . das reifere und höhere Mter heimsuche. » Efl fällt 
diess mit dem höhern Alter zusammen, welches die chronischen 
Carcinosen so gewöhnlich auszeichnet, auf deren Boden ja die 
acuten Formen meistens consecutiv entstehen. Allerdings beob- 
achtete ich in Fall 2 und 7 ein Alter von 58, in Fall 6 eines 
von 50, in Fall 5 eines von 48 Jahren. Dagegen kam in Fall 3 
ein Alter von 38 , in Fall 4 eines von 28 und in Fall 1 eines von 
26 Jahren vor. — Immerhin aber glaube ich , dass auch in die- 
ser acuten miliaren Form der Carcinose der J^ltersunter^ohied , 
welchen Tuberculose und Carcinose in ihren chronischen Formen 
so charakteristisch hervortreten lassen , nicht ausgelöscht uerde, 
obschon freilich über diese Frage eigentlich nur primitive Fälle 
acuter Miliarcarcinose Aufschluss geben können. 

lieber den Einfluss, welchen die Constitution auf das 
Krankheitsbild und den Verlauf der Carcinosis miliaris acita mm*- 
übt, erlaube ich mir nach dem geringen Material noch keine Be- 
stimmung. Die Erfahrung, welche Louis in Betreff der Müiar>- 
tpberculose machte, «ffcw. nawtlich eine kräftige Constitution den 
Verlauf beschleunige, scheint für die Miliarcarcinose wenigstens 
durch die geringe Kahl der von mir beobachteten Fälle nicht be- 



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291 

stätigt zo werden. Ueber die Prädisposition eines Geschlech- 
tes lässt sich vorläufig noch nichts angeben. — In wiefern em- 
operativer Eingriff die Entstehung der acuten Hiliarcarcinose be- 
fördere (Wunderlich a. a. 0.), vermag ich nach den vor- 
liegenden Erfahrungen noch nicht zu bestimmen. 

VI. Diagnose, Prognose, Therapie. 

Nach der gegebenen Schilderung der Symptomatologie bedarf 
wohl der Ausspruch keiner weiteren Erklärung , dass die Carci- 
nosis miliaris acuta im Leben weit leichter verkannt als erkannt 
wird. In allen vorliegenden Fällen wurde die richtige Diagnose 
erst am Sectionstische gemacht. Im Leben war entweder eine 
acute Tuberculose, Typhus oder Pyämie vermuthet wor- 
den, wenn nicht ein einzelnes überwiegendes Organleiden die 
Aufmerksamkeit bis zum Tode gänzlich ablenkte (Bild der Menin- 
gitis, Pneumonie, Peritonitis). Es wurde bereits bei der Darstel- 
lung des Krankheitsbildes darauf aufmerksam gemacht, dass die 
Untersuchung der äusseren Lymphdrüsen für die Diagnose der 
Carcinocis acuta durchaus nicht von der Bedeutung ist , wie man 
nach der Angabe mehrerer Forscher zu glauben geneigt ist. Man 
hat bisher durchschnittlich viel zu wenig Rücksicht darauf genom- 
men , dass die Volumszunahme der Lymphdrüsen , die man beim 
Bestehen eines chronischen örtlichen Carcinoms als Zeichen einer 
hochgradigen Krebsdyshrasie zu betrachten gewohnt gewesen ist , 
durch sehr mannigfaltige Verhältnisse hervorgebracht werden 
kann. (Anfüllung der Gefässe, Imbibition mit serösen Flüssig- 
keiten , Proliferation präexistirender , intrafolliculärer Bestandteile 
etc. etc.) Allerdings tritt dieses Zeichen bei chronischen Kreb- 
sen sehr häufig dann ein, wenn secundäre Krebsablagerung be- 
ginnt. Doch hat man es auch unter solchen Umständen fehlen 
sehen. Bei der Carcinosis miliaris acuta wurde eine Volumszu- 
iiahme der dem Gefühle zugänglichen Lymphdrüsen nur selten 6e- 
+bachtet. — Von der Bedeutung der subcutanen, fluctuirenden 
Geschwülste, auf welehe Köhler (a. a. 0.) bei der Diflerential- 



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292 

Diagnose zwischen Miliartuberculose und acuter Carcinose 
Gewicht legen möchte , war bereits die Rede. Die Existenz 
und Nichtexistenz eines Exanthems (Petecchien, Roseolse, etc.) 
hat nach dem gegenwärtigen Stand der Pathologie jedenfalls eine 
sehr untergeordnete diagnostische Bedeutung. Von der Pyaemie 
unterscheidet sich unser Process in der Mehrzahl der Fälle durch 
das Fehlen der wiederholten Schüttelfröste , der Gelenkaftectionen, 
der rheumatischen und neuralgischen Schmerzen und des charak- 
terischen Hautcolorits, wahrscheinlich auch durch die verschiedenen 
Temperaturverhältnisse. Diess kann aber natürlich nur bei sehr 
ausgeprägten Bildern seine Geltung haben Und die beschriebenen 
Fälle zeigen , wie sehr die Krankheitssymptome der Pyaemie und 
Miliarcarcinose in einander übergehen können. Weit schwieriger 
noch ist die Unterscheidung der Miliarcarcinose gegenüber dem 
Typhus, und ich wüsste hier kein einziges Symptom hervor- 
zuheben, das als entscheidend angesehen werden könnte. Nur 
die Entwicklung des Krankheitsprocesses , vor Allem die Dauer 
des Fiebers , vermag hier oft einen Aufschluss zu geben. Die 
Miliartuberculose besitzt keine ausschliesslich ihr zukom- 
menden Symptome, und ihre Casuistik berichtet zahllose diagno- 
stische Fehler. Neben der Constitution des Patienten (vergl. oben) 
verdiente bei der diiferentiellen Diagnose hauptsächlich das bei ihr 
vorwiegende Brustleiden und der Charakter der Delirien eine Be- 
rücksichtigung. Doch haben Miliartuberculose und Miliarcarcinose 
gerade die Dyspnoe bei normaler Percussion miteinander gemein. 
Nach diesen Betrachtungen , welche sich leicht noch bedeutend 
ausdehnen Hessen , glaube ich mich dahin aussprechen zu müs- 
sen", dass wenigstens die sichere Diagnose einer primären acuten 
Miliarcarcinose nach der gegenwärtigen Kenntniss ihres klinischen 
Bildes im Leben unmöglich sei. Ebenso unsicher muss die Dia- 
gnose in den Fällen bleiben, wo ein primitiver chronischer Krebs 
eines innern Organes bis zum Ausbruch der Miliarcarcinose latent 
verlief. Wo dagegen ein chronisches Krebsleiden mit Bestimmt- 
heit nachgewiesen wurde , und in seinem weiteren Verlaufe plötz- 
lich mehr oder weniger heftige Fiebererscheinungen auftreten , 
kann es uns bisweilen per exclusionem gelingen , eine acute 



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293 

Miliarcarcinose richtig zu erkennen. Immerhin dürfen Mir aber 
folgende Momente dabei nicht ausser Acht lassen. Es kommen 
im Verlaufe vieler chronischer Krebsaflectionen mehr oder weni- 
ger acute Regungen vor, welche ein vermehrtes Wachsthum der 
Geschwulst begleiten '}• Schon lange ist es bekannt, dass nicht 
sehen der Eintritt der Erweichung und Vtceration in einem chro- 
nischen Carcinom durch mehr oder minder heftige febrile Symp- 
tome angezeigt werden kann. Wir hatten öfters Gelegenheit , 
uns davon zu tiberzeugen , dass auch jene der Miliarcarcinose 
anatomisch so nahe stehenden secundären chronischen Krebspro- 
ductionen gegen das Ende durch zunehmende Erschöpfung oft 
eine bedeutendere Pulsfrequenz erzeugen können. Endlich erin- 
nere ich an die Erfahrungen Bamberger's (a. a. 0.) , dass 
die acute, multiple Carcinose auch fieberlos verlaufe. 

Was kann man von der Prognose und Therapie eines 
Prozesses sagen , der sich in der Mehrzahl der Fälle auf dem 
Boden einer an sich schon tödtluhen Affection entwickelt? 

Bis jetzt fehlt mir auch jeder anatomische Nachweis einer 
Heilung der Miliarcarcinose durch eine regressive Metamorphose. 
Die Beobachtung solcher Vorgänge bei der Miliartuberculose , 
welche zwar von einigen Forschern angeführt wird , scheint mir 
auch noch weiterer Bestätigung zu bedürfen. 

Unsere ganze therapeutische Aufgabe kann natürlich nur in 
der Erfüllung der symptomatischen Indicationen bestehn. Gegen 
die Pulsfrequenz verdient auch hier Veratrin in den Vordergrund 
gestellt zu werden , auch wenu es die Beschaffenheit des Blutes 
(vergl. path. Anat.) nicht gestattet, die Wirksamkeit des Mittels 
durch eine vorherige Blutentziehung zu erhöhen. In Betreu" der 
Beobachtungen, welche in dem hiesigen Hospital über die Wirk- 
samkeit und die Anwendung des Yeratrins gemacht wurden, ver- 
weise ich auf einen früheren Aufsatz von Herrn Professor 



l ) Wiederholt hat Herr Professor Vogt sowohl in seinen theore- 
tischen Vorträgen , als in seiner medicinischen Klinik auf diesen sonst 
noch wenig berücksichtigten Umstand aufmerksam gemacht 



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294 

Vogt 0- Die Dosis richtet sich natürlich ganz nach der Stärke 
des Präparates. Von der Digitalis in Verbindung mit dem Elix. 
acid. Halleri wurde in den beschriebenen Fällen einige Male Ge- 
brauch gemacht. Das Chinin sulfur. reichte man in einem typhoi- 
den Fall. Alle diese Mittel scheinen nur selten eine Remission 
der Fiebererscheinungeu zu erzielen. Für die Wirksamkeit des 
Infus coct. pruni virginiance , welches Wood bei der acuten 
Tuberculose zur Unterdrückung der Pulsfrequenz nachdrücklich 
empfiehlt , habe ich keine Beweise beizubringen vermocht — Kalte 
Ueberschläge über den Kopf haben sich gegen die heftigen Hirn- 
Symptome wiederholt als sehr nützlich erwiesen. Gegen den Hu- 
sten und die Dyspnoe sah ich mit vielem Erfolg die Mischung von 
Vin. stib. und Liq. ammon. anis. anwenden. Bei Hustenreiz er- 
zeigten sich Gaben von Opium, Exlr. belladon. etc., als wirk- 
sam. Einige Male wurden von Ableitungen durch Blasenpflaster 
und Senfteige eine günstige Wirkung beobachtet. Doch verbietet 
die Schonung des Kranken bei der Hoffnungslosigkeit des Zustan- 
des solche Medicationen. Gegen die Diarrhöen kommen am ge- 
eignetsten Wismuthpülver mit Opium in Anwendung. Der Gebrauch 
der verschiedenen Narcotica wird häufig nothwendig werden. Jeder 
einzelne Fall kann seine besondern Indicationen stellen , wie ja 
die mitgetheilten Krankengeschichten , auf die ich hier verweisen 
muss , hinlänglich zeigen. 

VII. Aphorismen über die Pathogenese der Carcinosis 
miliaris acuta. 

VoF Allem aus muss auch hier zwischen einer primären 
und seeundären Miliarcarcinose streng unterschieden werden. 
Was vorerst die letztere betrifft, so dürfte sich ihre Entstehungs- 
weise zunächst derjenigen der chronischen seeundären Carcinose 
anschliessen. Bekanntlich hat schon Cruv eil hier 2 ) manche 



*) Professor Vogt „über die croupöse lobäre Pneumonie und ihre 
Behandlung, u in unserer Schweiz. Monatschrift. Septemberheft 1856. 
Seite 267 u. ff. 

) Livr. XII. pl. 11 — 14. Seite C. 



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295 

Formen ausgebreiteter secundarer Carcinose (chronischen Ver- 
laufs) der metastastischen oder phlebitischen Abscessbildung in der 
Pyämie an die Seite gestellt. Eine grosse Reihe ausgezeichneter 
Forscher hat die mechanische Transportation von Krebselementen 
durch Lymph- und Blutgefässe und ihre Bedeutung für die se- 
cundären chronischen Krebsbildungen unumstösslich nachgewiesen 1 ). 
Auf die Injectionsversuche von Langenbeck 2 ), durch 
welche Krebsknötchcn (den von mir beschriebenen sehr ähnlich) 
erzeugt worden sein sollen, lege ich desshalb kein besonderes 
Gewicht, weil dieselben in den Händen anderer Forseber — 
Dupuytren, Valentin, Vogel* Ginge u. A. —stets ne- 
gative Resultate lieferten. Die einzigen Versuche , welche in 
neuester Zeit die Angaben Langenbeck's zu stützen scheinen, 
wurden von Follin und Leb er t 8 ) angestellt. Nichtsdestoweni- 
ger ist gerade Lebert einer der entschiedensten Gegner 4) einer 
mechanischen Erklärungsweise der conseentiven chronischen Car- 
cinose. Man würde gewiss irren , wenn man eine und dieselbe 
Verbreitüngsweise eines Carcinoms in allen Fällen annehmen 
wollte. Dennoch hat die Theorie der mechanischen Transporta- 
tion von Krebselementen auch für die Entstehung der acuten Mi- 
liarcarcinose sicherlich ihre Bedeutung 5 )- Bamberger (a. a. 
0.) spricht sich geradezu dahin aus, «dass diess die einfachste 
und nächstliegende Erklärung sei. » Ob die Neubildung von 
Krebsknötchen an entfernten Stellen durch das Wachslhum der 
eingewanderten Krebszelle selbst , oder dadurch zu Stande kommt, 
dass dieselbe in den benachbarten Elementartheilen eine hyper- 



1 ) Der Kürze wegen verweise ich auf die kritisch-historischen Zu- 
sammenstellungen bei Bruch: Diagnose der bösartigen Geschwülste. 
1847. S. 470, und Köhler: Krebs- und Scheinkrebskrankheiten. 
1853. S. 91 u. ff. 

2) Vergl. Schmidts Jahrb. Bd. XXV. S. 99 u. ff. 

3) .Lebert: Tratte* prattque des maladies cancereuses. p. 130. 

4) a. a. 0. S. 51. 

5 ) Wiederholt wurden in den hier beschriebenen Fällen Kreb.s- 
elemente innerkalb des Gefässsystems, besonders in Coagula eingebettet, 
nachgewiesen. 



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296 

plastische Wucherung (mit dem speeif. Typus des erregenden 
Körpers) hervorruft, lässt sich freilich im gegenwärtigen Augen- 
blick noch* nicht bestimmen. 

Die Grösse der Krebszelle, welche man fioch jetzt 
vorzugsweise gegen die Annahme einer Wanderung durch die 
Capillarsysterne ins Feld rührt , scheint mir durchaus nicht die 
Kraft eines Gegenbeweises zu verdienen. Die Thatsache , dass 
der carcinomatöse Charakter einer Neubildung durchaus nicht durch 
die Anwesenheit jener berüchtigten *c macrocyten» , « specifischen» 
Krebszelle bestimmt wird , fängt endlich an , mehr und mehr ein 
Gemeingut zu werden. Gerade in den von mir beobachteten Fal- 
len acuter Carcinose war häufig die primitive Krebsgeschwulst 
nur aus Zellen und Kernen zusammengesetzt , welche tümmtlieh die 
Grösse der Blutkörperchen nicht übertrafen 0- 

Die notwendige Annahme, dass Krebselemente in manchen 
Fallen mehrere Capillarsysterne durchwandert haben müssten , um 
in einer entfernten Stelle Veranlassung zu seeundären Knötchen 
werden zu können , darf gewiss ebensowenig als ein Beweis 
gegen die mechanische Bildungsweise der seeundären Miliarcar- 
cinose angeführt werden. 

Schon mit grössern Schwierigkeiten haben wir zu kämpfen , 
wenn wir die Regelmässigkeit und Einförmigkeit der Ablagerungen 
und ihre Gruppirung auf diese Weise zu erklären versuchen. Auch 
würde es sich gewiss physiologisch nicht rechtfertigen lassen , 
wollten wir «die Fiebererscheinungen von der Aufnahme von 
Krebselementen in das Gefässystem» ableiten. Dann hätten wir 
dieselben Erscheinungen auch bei den erwähnten Injectionsver- 
suchen hervorzubringen vermocht. Wie sollte sich unter solchen 
Umständen der stürmische Verlauf des ganzen Krankheitsprozesses 
erklären lassen ? 

Wenn wir schon hier theilweise auf noch andere genetische 
Verhältnisse hingewiesen werden , sind wir bei der Erklärung der 
primitiven Carcinose vollends genöthigt , von einer mechanischen 



i) Vergl. besonders Fall 2. 



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297 

EnUtehunyttotisc ganz abtusehen. In unserer Rathlosigkert behel- 
fen wir uns gewöhnlich mit mannigfachen Hypothesen. Wir spre- 
chen von einer «Krebsdiathese», einer «Carcinämie», einer 
«sympathischen Verbreitungsweise» oder von einer «medullären 
Krase» (Rokitansky). Doch sind diess eben leider nur Worte, 
denen vorläufig noch kein wissenschaftlicher Gehalt entspricht, 
und hinter denen wir nur unsere Unwissenheit zu verbergen su- 
chen. Nicht viel besser steht es um Engels « speeifisch- kreb- 
sige Exsudate » , welche . gegenwärtig auch allmälig aus der 
Litteratur zu verschwinden anfangen. 

Wie bereits früher erwähnt wurde , hat Rokitansky (a. a. 
0.) an den Stellen oder in der nächsten Umgebung der miliaren 
Ablagerungen Hyperämien, Stasen, Exsudationen nachgewiesen. 
Unzweideutige Spuren davon fanden sich häufig genug auch in 
den von mir mitgetheilten Fällen *)• Derselbe Forscher hat auch 
auf die häufigen Gerinnungen im Capillarsystem bei der acuten 
Carcinose aufmerksam gemacht. Er spricht auch die Vermuthung 
aus 2) , dass Kreftsknötchen sich rasch aus cttpillaren Blutgerin- 
nungen entwickeln können. An einer andern Stelle spricht er 
von «Capillarphlebitis krebsiger Natur.» Ausser diesen Entwick- 
lungstypen scheinen noch folgende Arten der Entstehung aus deti 
imtgetheitten pathologisch-anatomischen und klinischen Thatsachen 
Ztt resultiren. Unter den Erscheinungen eines eruptiven Prozes- 
ses (ähnlich den exanthematischen Ausbrüchen) werden entweder 
1) der Purpura interna analoge , circumsoripte , dissentierte Blut- 
extravasate , oder 2) beschränkte , multiple Eiweissexsudate ab- 
gelagert, aus denen sich unter nicht näher bekannten Bedingun- 
gen , aber in Begleit eines rasch verlaufenden Consumptions- 
fiebers die miliaren Krebsknötchen zu entwickeln scheinen. Für 
jene Bildungsweise spricht das Verhalten der Blutgefässe, die 
häufige Beimischung necrosirter und zum Theil noch erhaltener 

J ) Dabei darf jedoch nicht ausser Acht gelassen werden , dass 
ein grosser Theil dieser Erscheinungen nur consecutiv ist. 

2 ) Rokitansky a. u. 0. Seile 252. 



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Blutkörperchen, die reichliche Pigmentirung vieler Granulationen. 
Die letztgenannte Form scheint hauptsächlich durch die zarten , 
hyalinen Bläschen und Körnchen , und durch die Spuren eines 
primitiven Plasmas in nächster Umgebung der Granulationen ge- 
stutzt zu werden. 



lieber Endocarditfs und Pericardltte rheumatica uud 
Meseucephalitls tualaetlca , 

von Prof. Dr. W. Vo*t. 
(Sch!u»8.> 



Es geht aus den gemachten Bemerkungen hervor, dass sich zwar 
häufig licht prima vista das Typhoidfieber und die Mesencepha- 
litis von einander unterscheiden lassen ; allein bei genauer Beob- 
achtpng der Kranken wird man doch zur richtigen Diagnose ge- 
langen. Immerhin müssen wir aber nicht vergessen , dass es Fälle 
von MesencephalHis gibt, welche ganz unter dem Bilde eioes 
Typhoidfiebers verlaufen. Eine gewisse Verwandtschaft beider 
Krankheiten ist auch unverkennbar , wie sich in der Neuzeit wohl 
am' deutlichsten in der epidemischen Meningitis cerebrospinalis 
herausgestellt hat. Ich hatte Gelegenheit zu beobachten , dass in 
einem Hause alle Glieder einer Familie von typhoidfieber befallen 
wurden. Die fünfzehnjährige Tochter. einer andern Familie, die 
auf demselben Gange wohnte y erkrankte ebenfalls unter Symp- 
tomen , welche zunächst ein Typhoidfieber verum then Hessen, im 
Verlaufe aber stellte sich immer deutlicher die Mesencephalitis 
heraus, welche auch durch die Seation sich bestätigte. Eine 
Wartfrau und die Magd , welche besonders Nachts die Kranke 
gepflegt hatten, wurden nachher vom Typhoidfieber befallen. Dass 
die acute Miliartuberkulose, diese so häufige Grundlage der Mes- 
encephalHis bei Kindern sowohl wie bei Erwachsenen , nicht al- 
lein oft unter dem Bilde des Typhoidfiebers verlauft , sondern 



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29» 

auch von Typhoidinfectioa bei Epidemien hervorgebracht wird , 
haben längst die Beobachtungen dargethan. 

Auf die Unterscheidung der Hesencephalitis von den anato- 
misch unterschiedenen Arten der einfachen und granulirten He* 
ningo-encephalitis peripherica, insoweit sie mehr an der Basis 
oder an den Wölbungen des Gehirns ihren Sitz hat, wollen wir 
hier nicht weiter eintreten. Seit den Bemühungen von Parent- 
Duchatelet und Hartinet (Recherche* sur linflammation de 
tarachnöidt, 1821) die von dem verschiedenen Sitz der Krank- 
heit herrührenden Unterschiede der Symptome festzustellen, hat 
dieses Bestreben fortgedauert , ohne dass es bis jetzt zu einem 
genügenden Resultate geführt hätte. Wenn auch einzelne deut- 
lich ausgeprägte Falle nach dem Sitze der Krankheit sich unter- 
scheiden lassen, so ist dieses dann doch in der Hehrzahl dersel- 
ben unmöglich , weil gewöhnlich der Sitz über mehrere Gegenden 
des Gehirns sich verbreitet. Die haußge Verbindung der He- 
ningo-encephalitis peripherica simplex et granulöse mit der Hes- 
encephalitis zeigt auch klar, dass alle diese anatomisch getrenn- 
ten Krankheiten wesentlich eine und dieselbe Krankheit sind, die 
an verschiedenen Punkten des Gehirns ihren vorwiegenden Sitz 
nimmt. Damit sinkt dann der praktische Werth einer Unterschei- 
dung in letzterer Beziehung , weil man doch immer diese eine 
Krankheit nicht nach einem so geringen Unterschiede ihres Sitzes 
verschieden wird behandeln wollen. 

Fast dasselbe gilt von der Unterscheidung der Mesencepha- 
litis malactica et exsudativa. Beide sind auch eine und dieselbe 
Krankheit , die bald mehr in der Substanz des Hesocephalon , 
bald mehr im Ependyma ventriculorum ihren Sitz nimmt. Die 
Symptome werden von dieser Krankheit an sich bedingt, und nicht 
etwa von der Erweichung der Centraltheile des Gehirns oder von 
dem Erguss in die Ventrikel allein. Abercrombie hat dieses 
schon klar ausgesprochen. Er sagt (a. a* 0. 'S. 196): «Man 
«muss die Krankheitssymptome des Hydrocephalus nicht als die 
«direoten Folgen der Ausschwitzung, sondern des krankhaften 
«Zustandes -des Gehirns ansehen. Es gibt durchaus keine Zeichen 
% <«Jie man mit Sicherheit für Anzeigen einer im Gehirn vorbände- 



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300 

«fteti Ausschwitzung halten kann.« Ebensowenig gibt es be- 
stimmte Zeichen Tür die Erweichung der Centraltheile. Mochte 
diese oder die Ergiessung allein , oder beide zusammen vorhan- 
den sein, so waren die Symptome die gleichen. Wir werden 
also mit der Unterscheidung der Mesencephalitis malactica von der 
Hydrocephalie einerseits und von der Meningitis simplex und gra- 
nulosa anderseits so lange warten müssen, bis ein zweiter Laen - 
nee aufsteht und uns ein Perspectiv in die Hand gibt, mit wel- 
chem wir schon im Leben ins Gehirn schauen können. 

Bei der Betrachtung der Behandlung der Mesencephalitis 
malactica und exsudativa wollen wir nicht auf die Streitigkeiten 
eingehen, welche wegen der verschiedenen Theorien über diese 
Krankheit geführt wurden. Wir wollen hier nur eine kurze Dar- 
stellung derjenigen Grundbehandlung geben, welche erfahrungs- 
getnass bis jetzt noch am meisten dabei geleistet hat. 

Ich habe oben beiläufig angegeben , dass die Behandlung 
nicht in allen Fällen die gleiche sein dürfe, sondern nach dem 
Stande der einzelnen Lebensverrichtungen bestimmt werden müsse. 

Die antiphlogistische Heilmethode, ausgeführt durch Blutent- 
leerungen, Brechmittel, Laxtrmittel u. s. w. , kann nur etwas 
nützen , w enn sich im ganzen Körper Blutfülle mit erhöhter Ener- 
gie und Thätigkeit des Herzens und der Gefässe, sowie Blutan- 
drang nach dem Kopfe wahrnehmen lässt. Bei der Mesencepha- 
litis malactica Erwachsener findet sich dieser Zustand gewiss nur 
ausnahmsweise , wenigstens hab r ich ihn niemals dabei beobachtet, 
und auch in den oben angeführten Fällen war er nicht vorhanden; 
hingegen bei Kindern und bei der Meningitis Erwachsener sieht 
man ihn öfter. Nicht selten dagegen kann man bei der Mesen- 
cephalitis malactica wahrnehmen , dass allgemeine Blutleere und 
gesunkene Kraft der Herz- und Gefässactionen , namentlich klei- 
ner Puls, Blässe, Eingefallensein etc., ohne ein anderes Zeichen 
von Blutanfüllung im Kopfe, als höchstens eine leichte Injection 
der Conjunctiva sclerotic» im Leben vorhanden sind, und man dann 
doch in den Leichen eine geflammte Röthe in der Marksubstanz 
und einige AnfüIIung der grösseren Gefässstämmchen in derselben 
neben Blutleere in den Meningen findet. Ob wir in diesen Fällen,« 



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301 

bei der einzigen Andeutung des erwähnten Zustandet der Mark- 
substanz durch die Injection der Conjunctiva , noch mit gutem 
Erfolge Blutegel an den Kopf und kalte Ueberschläge anwenden 
können, hangt von der Stärke dieser Injection, von der Hitze 
am Kopfe und von dem Stande der Kraft im Allgemeinen ab. 
Sind diese letztern Umstände nicht auffordernd für die örtliche 
Antiphlogose , so wird sie eher schaden als nützen. Die Anwen- 
dung der Kälte auf den Kopf — kalte Umschläge, Eisumschläge, 
kalte Begiessungen — richtet sich eines Theils nach der Wärme- 
entwicklung im Kopfe , andern Theils nach den irritativen Gehirn- 
symptomen und nach dem Blutandrang. Diese Umstände sind nicht 
allein für den Gebrauch der Kälte überhaupt, sondern auch für 
den zu wählenden Grad derselben entscheidend. So nützlich es 
ist , die Darmentleerüngen offen zu halten , so wenig kann von 
der Anwendung der Göl is'schen Regel — 5 bis 7 Stühle in einem 
Tage — die Rede sein , wenn die Kranken ohnehin anämisch und 
schwach sind. Für die Anwendung der emetischen und nauseo- 
sen Heilmittel findet sich ebenfalls bei Erwachsenen nur ausnahms- 
weise eine geeignete Stelle. 

Die Ableitungen durch Blasenzüge im Nacken sind immer ein 
sehr gutes Beihülfsmittel zur Kur; hingegen die Gegenreize an 
den Extremitäten durch Senfteige sind nach meiner Ueberzeugung 
nur zur Qual , aber nicht zum Nutzen der Kranken ; sie machen 
höchstens eine momentane Erweckung , aber niemals eine dauernde 
gute Veränderung in der Krankheit. 

So gut sich auch die Anwendung der narcotischen Mittel, 
besonders das Opium, in den irritativen Formen der Entzündun- 
gen des Gehirns und seiner Häute bewährt, so finden sich doch 
bei der Mesencephalitis malactica und exsudativa nur sehr selten 
solche nervöse Aufregungen , welche zu ihrem Gebrauche auffor- 
dern. x 

Hingegen diejenigen Mittel, welche vorzugsweise auf die 
Erkrankung des plastischen Systems wirken , nehmen bei unsrer 
Krankheit immer die erste und hauptsächlichste Stelle ein. Obenan 
steht das Kalomel; Obgleich ich ihm bei anamischen und geschwäch- 
ten Individuen viel weniger zutraue als dem Jodkali , nehme ich es 



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302 

doch gewöhnlich ab Vorgänger dieses letztern , weil mich die 
Erfahrung gelehrt hat, dass alsdann die guten Wirkungen des 
Jodkali um so schneller und kräftiger eintreten. Dieses scheint 
hingegen bei der Mesencephalitis das wesentlichste und heilsamste 
Mittel zu sein. In fünf Fällen bei Kindern von 3 bis 9 Jahren, 
wo diese Krankheit, so viel sich aus den Symptomen verrmithen 
Hess, vorhanden und in zwei Fällen schon zu einem hohen Grade 
' gestiegen war, verdanke ich die Heilung hauptsächlich den gros- 
sen Gaben des JodkaK. Wenn ich dieses Ziel in den oben er- 
wähnten und allen andern bei Erwachsenen mir vorgekommenen 
Fällen, sowie auch in vielen Fällen bei Kindern, nicht damit er- 
reichte , so kann ich darum dieses Mittel nicht verwerfen. Man 
dlscutirt ja immer noch die Frage , ob überhaupt der eigentliche 
Hydrocephalus acutus- wirklich jemals geheilt worden sei? Waren 
vielleicht die geheilten FäHe nicht die Meseftcephafftis malaetica, 
sondern vielmehr die Mesencephalitis exsudativa oder die Menin- 
gitis der äusseren Umhüllungen des Gehirns? Wo die Krankheit 
ohne alle Folgen vollständig heftte, mag dtesis vielleicht der Fall 
gewesen sein. Allein sie heilt auch, zumal in ihrer mehr schlei- 
chenden Form , mit Hinterlassung von Kretinismus , Idiotismus , 
Amaurose , Taubheit etc. Die Krankheitsgeschichten der meisten 
Kretinen , insoweit steh noch der erste Anfang des Leidens *wt 
Intelligenten Angehörigen ermitteln lässt, führen zurück auf den 
Hydrocephalus , und wo man Sectionen von Kretinen mache« 
konnte, fand sich wieder meistens Wasser in den Ventrikeln und 
Fehler in den einzelnen Theilen des Mesencephalon. Wir können 
hieraus sehliessen , dass der Hydrocephalus wieder vollkommen 
heilen kann, wenn nur aöfsaugungsfähige Exsudate ihm zum Grunde 
liegen, und dass auch die Mesencephalitis malaetica zur völligen 
Heilung gelangen kann, wenn die Theite des Mesencephalon nur 
durchfeuchtet und aufgelockert sind. Sind sie aber bereits zer- 
trümmert , so können stie sich nicht mehr f fecönstruiren , und es 
ist nur noch eine Heilung wie bei der Gehirnerweichung in be- 
schränkten Kernen möglich. Dte zertrümmerten Theile verfallen 
der Aufsaugung , die Grenze derselben vernarbt , aber es Weiht 
ein Substanz verlust , welcher durch einer! Hydrocephalus ex vacuo 



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303 

ausgefüllt wird. Die vollständige wie die unvoljftftndigf Heilung 
lässt sich allerdings bei Kindern , wegen ihres kräftigeren und 
regeren Reproductionsvermögens , eher erwarten wie bei Erwach- 
senen , zumal da bei diesen die Mesencephalitis Fast nur in anä- 
mischen und herantergekommenen Individuen, also unter Umstän- 
den vorkommt, welche der Heilung dieser Krankheit überhaupt 
sehr ungünstig sind. 

Je mehr im Verlaufe der Krankheit der Verfall der Kräfte 
hervortritt; die Kleinheit des Pulses, die Blässe, die Abmage- 
rung u. s* w. zunehmen, desto notwendiger wird die Anwendung 
erregender und tonischer Mittel. Ich stelle zwei davon in erste 
Linie , nämlich die Flor, ernicse und das Chinin. Obgleich Viele 
die Ansicht hegen , die erregenden Mittel vermöchten nur den 
tödtlichen Ausgang etwas weiter hinauszuschieben, aber könnten 
zur Heilung nichts beitragen , so bin ich doch anderer Meinung. 
In der Mehrzahl der geheilten Fälle sah ich von den Flor, anniese, 
anfänglich noch In Verbindung mit Jodkali, später in Verbindung 
mit Chinin, wie die Blässe, der Puls, das Aussehen etc., sich 
wieder hoben , und also diese Medication wesentlich zur fort- 
schreitenden Besserung beitrug. In Bfczug auf die Anwendung 
der reinen und stärker erregenden Mittel, des Kampher, Moschus 
u. 8« wv «chliesse ich mich der andern Ansicht ganz an. 

Das» diese Behandlung in einzelnen Fällen mit Berücksich- 
tigung mancher Nebendinge ausgeführt werden müsse, versfeit 
sieh von selbst und es bedarf dieses keiner weiteren Auseinander- 
setzung. 



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304 

Ein retroperitoneales Cystosarcom mit myelineiii Inhalt, 
von der linken Niere ausgegangen. 

Von Hermann Dem ine. 

Folgender Fall , den ich im Sommer 1857 auf der medizi- 
nisch-klinischen Abtheilung des Herrn Professor Vogt zu beob- 
achten Gelegenheit hatte, betrifft einen Knaben von sieben Jahnen. 
Er soll, nach der Angabe seines Vaters, schon seit längerer 
Zeit gekränkelt haben, ohne dass bis zu diesem Jahre ein be- 
sonderes Localleiden in die Erscheinung trat. Sein Appetit war 
vermindert ; verhältnissmässig kleine Quantitäten leicht verdaulicher 
Speisen verursachten ihm bald nach der Mahlzeit Druekbeschwer- 
den im Hagen und der Unterbauchgegend. Der Stuhlgang war 
äusserst unregelmässig. Längere Perioden der Constipation wech*- 
selten mit Diarrhöen. Im Laufe des Monats Januar trat eine Auf- 
treibung des Unterleibes bestimmter hervor. Die Spannung der 
Bauchdecken nahm zu. Die äussere Erscheinung wtfrd immer 
anämischer und cachektischer. Mattigkeit und Kurzathmigkett 
nöthigten ihn wiederholt das Bett zu hüten. Vier Tage vor sei- 
nem Eintritt in das Inselhospital empfand er plötzlich heftige zer- 
rende Schmerzen in der linken Leisten- und Lendengegend, 
welche sich bei Druck bedeutend steigerten. Weitere Aufschlüsse 
über seine bisherige Krankengeschichte waren durch die Anam- 
nese nicht zn erhalten. 

Status praesens. Der Knabe sieht schlecht genährt, anämisch 
und cachektisch aus. Der Kopf ist im Verhältniss zu den übri- 
gen Organen und dem Alter des Patienten vergrössert; die Ex- 
tremitäten sind in Bezug auf ihre Länge und Form normal ent- 
wickelt, aber furchtbar abgemagert. Die Muskulatur ist schlaff. 
Was bei der Inspection des Körpers vor Allem auffällt , ist die 
bedeutende Auftreibung des Bauches. Die Palpation findet die 
Bauchdecken hart gespannt. Bei tieferem Druck erhält man das 
Gefühl einer massigen Geschwulst , doch stösst man auf keine 
eigentliche Härte. Im linken Hypochondrium ist die Resistenz 
am bedeutendsten ; es verliert sich dieselbe nach oben gegen die 
neunte Rippe , nach unten in der Höhlung des kleinen Beckens. 



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P^äncctjssion vermag uirgends sine, Wasserwelie nachzuweisen. 
Die Percussipn gijbt nach recbt^ durchweg einen tympamüschen 
T«n T nach links aber; in der. genannten .Ausdehnung eine voll- 
ständige Dämpfung. Der Magen ist nach oben und rechts ver- 
drängt, das Zwerchfell , naph der Brusthöhle zu stark gewölbt. 
Die geringe Ausdehnung abgerechnet, verhalt» sich die beide» 
Longen vollkommen normal. Da« Her* ist ebenfalls emporgedrüagt; 
Ausdehnung und die Tone sind regelmässig. Der Impuls ist leiehfc 
durch, die abgemagerte Brustmusculatur hindurchzufühlen. Die 
Leber scheint unverändert z,u sein. Die Milz liisst, sich nicht mit 
Sicherheit umsehreiben. Der Puls ist klein, Jfaeqneut (125— 130) v 
die Körpertemperatur 33° <G. Das Senswinm ist frei i jedoch wird 
Neigung sn Somnoienz teobaohtet. Die Zunge ist wettig hu Legt;. 
Appetit lehiLgattzkeh. , Seit einigen -Tagen keine ;SluhJeiUleemng. 
Urin wird in äusserst geringer Quantität gelassen; er, istintausiY 
gefärbt, trüb-, biisst «laci «inigam Stehenlassen «in gelblich weis- 
ses äedimen* falten ; dasselbe bentefat ans lauter, pfcofpfctrsenrem 
Kalk und kohlensaurem Ammoniak., mit. geringen JJeng^n um 
TityelpJiMphak Der filtrirte Harn enthalt eine ziemliche -QinttitK 
tat von Eiweiss. Die Percusaion 4er, Blase findet dieselbe nicht 
Ausgedehnt. 

v, . Die. Dingnose wird von Herrn, Professor Vogjt auf eipqn 
Tvm*r rttroptriivwaUs gattellt. 

Neben einfacher, leicht iwrdaulicher Diät erhielt der Kleine 
wähnend mehreren Tagen Jodkntt, denn Chinin. ©ertlich wurden 
wanne und narkotische Ucfeef schlafe nngnordnet. Die Geschwulst 
in der Bauchhöhle zeigte ein rapides Waehstfanm. Die Spannung 
in: den, Banchhöhlen nahm fortwährend 211. Profuse Diarrhöen 
wurden selbst anter diesen Umstanden mit Glück durch die Wis*» 
rnntfapülrOr bahämpfL Ute äusserst >vertmnd*tU< Exurtm mit d*m 
&9hmU an ßwmss dmutrte fori. Bin Dwreticum wurde (nicht ge- 
nkht,/ und: die Seetion toHte später teilen , dans ein solches 
veüknnrinen wirkungslos gewenen wäftei Die früher «erwähnte« 
Ertbbnnmgen . iriiehnn '1 dieselten. Die Körpertemperatur zeigte 
eine üetväckftUciie Afebahnte (3P C). »m Jag» vor. nrtnem, 
TWe trat Soper und Gaiua ein. Auoh jetirt noch gab sich in 

20 



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306 

einer vermehrten Dumpfheit des Percussioftstones und grossem 
Resistenz bei der Palpation ein Wachsthum der Geschwulst zu 
erkennen. Vierzehn Tage nach seinem Eintritt in das Hospital 
starb der Knabe. 

Bei der Eröffnung der Bauchhöhle zeigen sich nirgends Ad- 
häsionen der Wandungen. Die Eingeweide sind, wie diess zum 
Theil schon im Leben erkannt worden war, nach der rechtem 
Seile und nach Oben verdrängt. Die Milz ist äusserst klein, 
atrophisch , und zeichnet sich durch eine grosse Menge von Pig-» 
ment aus. Blutkörperchenhaltige Zellen fehlen gänzlich, die Milz- 
bläschen sind vermindert ; die Capsula lienalis und ihre Fortsetzun- 
gen in das Innere des Parenchyms sind verdichtet. Eine Ge- 
schwulst, welche vom verdünnten und durchbrochenen Peritonäum 
überkleidet ist, füllt den grössten Theil der Bauchhöhle aus. Sie 
wiederholt in colossalen Dimensionen die Umrisse der Niere. E» 
lässt sich eine convexe und concave Fläche an ihr unterscheiden; 
letztere ist gegen die Wirbelsäule gewendet. Hehrere Einschnitte 
geben der Geschwulst ein unvollkommen gelapptes Aussehen. Dem 
Verlaufe der Aorta entsprechend, findet sich eine Rinne. Die 
ganze Geschwulst wiegt 10 Pfund. Unter der Bekleidung des 
äusserst verdünnten Bauchfells stösst man , bei genauerer Unter- 
suchung, zuerst auf eine fibröse Kapset, welche in verschiedener 
Dicke die Geschwulst allseitig umschliesst. Ein Durchschnitt zeigte, 
dass von derselben zahlreiche Fortsätze sich nach dem Innern 
senken und hier ein cystoides mulHloculäres Fächerwerk zusammen- 
setzen. Die einzelnen Hohlräume bieten verschiedene Oberflächen 
dar. Diese sind theits zottig oder netzförmig, theito gfatt. 
Manche der zottigen Excrescenzen sind grösser , fester , mehr 
höckerig und bieten eine speckige Beschaffenheit dar ; andere sind 
äusserst zart und flottirend. Das erwähnte Fachwerk besteht vor- 
züglich aus parallel verlaufenden oder verschlungenen lockern 
Bindegewebsfasern , mit längs gestellten Kernen. . Sie werde« 
durch einzelne elastische Fibrillen und spindelförmige Zellen unter- 
brochen. Letztere reihen sich selbst zu Fsserzfigen aneinander. 
Zwischen diesen Elementen finden sich verschiedene Entwicklungs- 
stufen von Zellenbtldungen eingeschaltet, deren genauere Beschreib 



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307 

hwg ich hier übergehe , weil sie nichts Abweichendes von denen 
des zeitigen Sarkoms darbieten, Schon das blosse Auge über- 
zeugte sich von dem Gefüssreichthum des beschriebenen Fächer«* 
werkes. Die Arteria renalis sinistra , in ihrem Lumen eher ver- 
längert als erweitert, tritt auf der concaven Fläche in die Ge- 
schwulst ein, verzweigt sich anfangs baumförmig und löst sich 
dann innerhalb der Cystenwände in ein zartes Gefässnetz auf, 
dessen Stämmchen weder durch, . mikroskopische Struclur, noch 
durch , Kaliber von den normalen CapiUaren abweichen. Auffallend 
sind nur die bedeutenden Lücken, welche oft plötzlich die Ge- 
fässnetze durchbrechen. D$n directen Uebergang in die Venen 
konnte ich nicht auffinden. Die entsprechende Vena renal, scheint 
grösstenteils ohliterirt, gänzlich unwegsam. Nirgends habe ich 
übrigens eine bestimmte Gefässanordnung getroffen , weiche an 
die charakteristischen Glomeruli Malpighii der Niere erinnert hätte. 
Dagegen sah ich öfters an jenen zottigen Verlängerungen und Ex- 
ci-e*cenzen der Cystenwande scblingenarttge Umbiegunge* der 
Capiliarstörtimchen. Vom Ntecenbecken und den Nierenkelcheft 
keine Spur.. Ebensowenig, von den. Kapseln der Glomeruli oder 
dem Verlaufe der Harnkanölchen. Der ganze linke Ureter ist 
obliterirt und Ms in die Nähe der Geschwulst als ein mit theil- 
weiser Fettmetamorphose combinirtes Bindegewebssträngchen zu 
verfolgen. .Gin. besonderes Interesse bietet der inkmU der eystoi- 
den Rümne dar. , Beim Einschneiden: quillt aus den meisten der* 
gelbea eine breiige, gradrötbliohe , eneephaloide Pulpe* Äusser- 
em finden sich massenhafte , mehr oder weniger frische Blut- 
eeagota und einzelne ahgekapselte apoplektische Heerde , bei denen 
jedoch nicht mit Bestimmtheit angegeben werden kann , ob sich 
die Wandung um den Bluterguss . gebildet hat v oder ob die- 
ser in einem präformirten cystoiden Raum stattgefunden hat. In 
Betreff der, bedeutenden Pigmentmengen (Harcatosin und Häma- 
toidin) verweise ich auf meine früher gegebene Beschreibung f >; 
Bei der mikroskopischen Untersuchung der eneephaloidm Massen 



1 > Vergl. meine r Untersuchungen üb«r die Veränderungen der 
Gewebe durch Brand. " Frankfurt 1857. Seite 14 u. f. 



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war^ieliüberraafclit, keine jener Z^lleti - und Kernhilduttgen an- 
zuteilen, Welche dem MarkscJrtvamm eigenthtimKch sind. Dagegen 
fanden 1 sich Elemente, welche sowohl unseito verstorbenen Freund, 
Dr. Iiellment v als auch mich glauben fressen, efc liege hier die- 
selbe» Geschwulstmasse vor, welche Herr Prof. He nie seiner Zeit 
zu der Schöpfung des Syphonoma «) veranlasste. Dieselben 
Sehläuche oder Röhren mit feinkörnigem Inhalt, welche jener ab- 
bildet traten hier massenweise auf. Auch mich frappirte die grosse 
Aehnliol&eit mancher derselben mit Nervenröhren. Ihr Durch- 
messer i£t jedoch im Allgemeinen grösser. Daneben kommen 
Zellen mit concentr&cben Wandungen — ähnlich den Colloid- 
zellen — vor. H^rr Professor Valentin, dem i«h die fragliche 
M^sse ebenfalls fceigte, glaubte auch diesmal, wie frtihfer bei 
dem Syphonoma He nie' s (das aus der Inesigen klinisclwnedi- 
cinisthwn AbthetluHg hervdrgihgOi daas es sich nur um Gerin* 
4*u1igsi(wmm des Fünffstoffes huwdk. Bekanntlich igt aueh Ra- 
kita«ftky dieser Ansicht gewesen, während B tu ch meinte, dtss 
&e Röirengßschwulst nichts Anderes als dafc unreife @efttesgerüst 
eines Jwe. aut* Zerfliessong reichen Marksahwaaimäs sei, weichet 
nach Auiwadcfcen oder AbBiessen der Mafkmnsse übiig bleibe. 
Für dfeae Ansichten, war aus dem torliegenden Falle ketn Beleg 
zu finden. Ebensowenig vermochte ich mich der Ansicht En- 
gel'» mflsufreigen , dftsfc es sich um eine Verwechslung mit sei* 
«eil «Kmmuthiäuchen» handelt! köäne. Dagegen blieb mir nach 
wiederholter sorgfältiger Untersuchung kein Zweifiel übrig, das* 
hier jede dem Nervenmark analoge Substanz vorliege* welche 
V>ircht>\v kl verschiedenen {Jewfcben /auffand andata «Myelin» 
(Merkstoff) b^schbieb, Gharacteriltisch ist -Ais Ausquetlen voa 
Wasser; die doppelte Contour der Röhren, die Bildung glänzen* 
dter ßtbftüni beim Zusatz von Wasser. Me dmtnieohe Prüfung 
lieferte; mir gern« die you Virchow bei settietfr ÜyitHto gefan- 
denen Resultat* *>• ••■•■• ! ' ,,: . 

*) Henle und Pfeufer's Zeitschrift. III. Bd. 1 Heft. S. 130. 
?) Yergl» ausser den. bekannten Arbeiten vda Virehöw noch 
Schlossber$er> Thierdtemie.' 48.55. „Nerv ua4 Muskel." S. 81. 



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90« 

Di$ Masse war in Ämtern Alkohol löslich^ schied sich beim 
Erkalten tbeilweise wieder daraus ab. Im Wasser quoll sie auf 
und bildete dabei die mannigfachsten Formen» Nnr starke Säuren 
C besonders Arid, sulph.') brachten eine noch bedeutendere Auf^ 
quellung zu Stande und Hessen dabei wiederholt blaue oder röth-t 
liehe Farbenveräuderungen hervortreten, bis eidlich eine eigene 
liebe Auflösung »erfolgte. Schwache Säuren und Alkalien bewirk* 
ten eine Schrumpfung; die Chromsäure erhärtete die Masse. 

« Ob hier ein variables Gemenge von Cerebrinsäure und *n~ 
dern eigenthumUcb&i Stoffen mit Eiweiss und Fetten , oder in der 
That (Virchow) eine höchst complietrte chemische Materie voru 
liegt, kann noch nicht beantwortet werden. » (Schlossb erger 
a. a. 0.) 

In mehreren der beschriebenen cystoiden Räume befinden 
sieb auch noch kristallinische M tosen. Neben den bekannten rhom- 
bischen Tafeht , welche durch die Schwefelsäurereaction von 
Vtrehow und Mole sohott 'Unzweifelhaft als Cholesterin er- 
kannt worden, kommen auch grössere Mengen von Harnsäure*) 
und harnsauren Salzen vor. Es wird durch die chemische Unter- 
suchung ven Herrn Apotheker Müller vorzugsweise harrrsaures 
Natron , harnsaure Magnesia und in vorwiegender Quantität harn* 
saurer Kalk nachgewiesen. Tyrosin und Leucin, die man gegen- 
wärtig überall zu finden glaubt , konnten hier wenigstens nicht 
nachgewiesen werden. 

Ton der linken Nebenniere ist keine Spur aufzufinden. Die 
Blase ist vollkommen normal. Die rechte Niere bedeutend ver- 
grössert , ziemlich blutreich. Die Zellen der Tuli. contort. er- 
scheinen angeschwollen, ihr Inhalt ist trüb. Das Stroma in der 



*) Ich kann nicht itfnhjn, hier auf eise Beobachtung aufmerksam 
zu machen, welche Albe rs {Deutsche tilinik. 1857, Nr. 13) mit- 
theilte. Er sah Nierengeschwulst mit Cystenräumen beinahe gänzlich 
von körnigen und kaooheaftbnUohen Massen angefüllt, welche ans Harn- 
säure aad harnsaure* Salzen bestanden. Et statairt eine „ harasjunre 
Dtathese^ weiche während längerer Zeit *«** Ausscheidung : und Aai~ 
Häufung kristallinischer Harnsäure bedingt habe. Dadurch soll die Nie- 
retisubstanz zum Si-hwinden gebracht worden sein..— f!). •.» 



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910 

Corticälis tritt ausserordentlich deutlich hervor, so dass man zwi- 
schen den Cantilen mnschig angeordnete Streifen erkennt. Die 
Gefässe sind strotzend injicirt. In der Umgebung einiger Corpp. 
Malpighii zeigen sich kleinere Apoplexien (hämorrhagische In- 
farkte). Auch die rechte Nebenniere ist im Zustande der Hype- 
rämie. Das Gehirn bietet ausser einer hochgradigen Anämie keine 
weitere)! pathologischen Veränderungen dar. Die Centraltheile 
scheinen vielleicht etwas mürber und zerfliessender als unter nor- 
malen Verhältnissen. Gehirnödem und Hydrops ventriculor. fehlen. 
Die Lungen sind in ihren oberen Lappen empfaysematös. Das 
Herz zeigt keine Veränderungen. — Die oberflächlichen Lymph- 
drüsen normal; die tiefer liegenden zeigen medulläre Inßltra- 
tionen *}. 

Der Raum und die Tendenz unserer Zeitschrift gestattet es 
mir leider nicht« diesen in jeder Beziehung interessanten Fall, 
wie er es verdiente , auszubeuten. Ich beschranke mich dabei* 
darauf, hier nur einige Momente einer nähern Betrachtung zu 
unterwerfen,. 

1) Es liegt nach dem anatomischen Befunde wohl ausser allem 
Zweifel , dass sich die Geschwulst aus einer Degeneration der Hn- 
hm Niere entwickelt hat. Für diesen genetischen Zusammenhang 
spricht namentlich der Eintritt der linken Arteria renalis in die 
Geschwulstmasse , das Fehlen eines andern Theils , der als linke 
N|ere hätte angesprochen werden können , und endlich das Barn- 
säureinfarkt in den cystoiden Räumen; Dieses letztere erinnert 
sehr an die Betrachtungen , welche verschiedene Forscher bei 
colossalen Cystendegenerattonen der Niere gemacht haben. Für 
genauere Entwicklungsgeschichte und besonders für die interes- 
sante Histogenese der Geschwulst lassen sich bei der schon zu 
weit fortgeschrittenen Ausbildung der Elemente und bei dem 



*) Ich werde auf diese Form der pathologischen Veränderung der 
Lymphdrüsen , welche unzweifelhaft eine der häufigsten ist , bei einer 
späteren Gelegenheit wieder zurückkommen, und erwähne nur vorläufig, 
dass sie im Wesentlichsten in einer hgperplastischen Wucherung der 
normalen Zellen besteht. 



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311 

yänzlicken Mangel irgend eines Uekerrestes der normalen Nieren» 
Substanz durchaus keine genügenden Anhaltspunkte auffinden. 
Bekanntlich haben alle an der Niere vorkommenden Neoplasmen 
eine Neigung zur Cystenbüdung, Ueber diese wurden von jeher 
die verschiedensten Meinungen aufgestellt , von denen keine einen 
Vorzug verdient, da sie säramtlich noch des tatsächlichen Be- 
weises entbehren. Bevor noch Rokitansky die Cysten aus 
eiftem Kern bervorwachsen Uess, nahm er an, dass die Nieren- 
cysten aus einer Degeneration der JUalpighisehen Körper hervor- 
gehen. Durch den Druck , welchen die angefüllten und verstopf- 
ten Körpprchen auf ihr Bett ausüben, sollten sich seröse Biilge 
bilden. Frerichs und theihveise auch Bruch neigten sich der 
Ansicht zu , dass die Nierencysten durch Obliteration und Aus- 
dehnung sowohl der Harncanäle als der Kapseln der Glomeruli 
entstehen. We41 betonte vorzugsweise Involuüonsvorgänge , 
Wftlcbe in Verbindung mit Bindegewebswucherung auftreten. Eine 
von der Peripherie fortschreitende Neubildung soHte verschiedene 
grosse Gruppen von Hstrucanälcben umgeben. Diese sollten in 
der Folge geschmolzen werden und entsprechende Hüblungen ent~ 
-sieben lassen. — Für keine dieser Ansichten war hier ein Beleg 
aufzufinden.. — Ich kaue nicht umhin , hier noch einen buchst 
merkwürdigen Fall zu erwähnen, den Barthez in der Sitzung 
der Societe tnedicale des höpitaux in Paris (20. Harz 1856) mit* 
tbetlte. Er betraf einen colofspden Markschwamm von 4 1 /* Kilog. 
Gewicht, welcher den grössten Tbeil der Bauchhöhle ausfüllte. 
Es ergab sich bei . genauerer Untersuchung ebenfalls ein Zusam- 
menhang mit der Niere. Diese aber war in ihren characteristi- 
sehen Bestandteilen zum grössten Theil nodh vollkommen erhal- 
ten (!). Doch waren Rinden- und Tubulwsubstanz nicht mehr 
von einander zu unterscheiden (!). Sie /schienen gtössAentbeUs in 
eine gelb lieh weisse , harte, widerstrebende, fleisehartige- Masse 
umgewandelt. Von dieser gingen Fortsätze oder Stiele in die 
Markschwammmasse über , « und es schien , als ob sich letztere 
allmählig aus diesen Fortsetzungen herausgebildet habe. » Diese 



*) Wcdl, Grundzüge der path. Histologie. 1854, S. 524 u. IT. 



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M2 

Stiele, welche gleichsam ans der Niere hervortrieben und wie 
Wurzeln de* iHarkmasae anzusehn waren, wurden von einer fits- 
ten Blaut unigeben , welche nur als ehie direete Fortsetzung der 
eigentlichen Pfierenkaps'el aufgefasst werden konnte. 

Jedenfalls seheinen bei dem Aufbau der in Rede stehenden 
Geschwulst sehr verschiedenartige nnd eömfrticirte Prozesse äu«- 
samniengewirkt zu haben. 

2) Die meisten Aerzte würden nach der äussern Beschafften- 
helt den Inhalt der cystoiden Räume als « Mdrksehtbdtommnm» 
bezeichnet haben (Cystosarcoma proliferum rtlit medullärem Pa* 
rehchym) *)• Welche Bedeutung die massenhafte Ausscheidung und 
Neubildung des «Myelin» für die Psetidoplasmen hat, ist noch 
gfftfelich unbekannt. Vlrchow hat dasselbe au* kranken Lungen^ 
theilen, tot* Eierstöcken, aus gesunder und kranker Mite, m$ 
der SehilddrftJg , aus dem Blut und Eiter dargestellt \ sprieht aber 
die Ansicht attä, däss <ter MarkstolF iri pathologischen Neubildun- 
gen (Krebsgeschwülsten) eine grosse Verbreitung habe*). * 

3) Die Jugend des Individuums (7 Jahre) Spricht nicht gegen 
den malignen Chmakter der Geschwulst. Dass der MarkschMtamm 
schon im zartesten Alter vorkommen kann , das ergibt- steh unter 
AAde^ni auch aus dem von Bavthez berichteten, bereit» erwähn- 
ten Falle. Hier wurde ein 3*/2 jähriges , gesundes Kind davon 
befallen. 

Vorzüglich aber haben viele der neuern Schriftsteller darauf 
aufmerksam gemacht, d ctss gerade die Niere der kinder eine Aus- 
nahme von dein übrigen Organen bilde und verhähnissmäseig *&**■ 
/ty von Krebs befallen werde. Bekannt sind derartige Erfahrungen 
yon Bayer* Heinrich, Rokitansky. Einige in nettester Zeit 
gemachte Beobachtungen verdienen hier näher tirttgetheilt zu wer* 
den j theilft wegen ihrer Analogie mit unserem Falle , theito wegen 
Ihrer Seltenheit. 
* Van der Byl 3) erzählt von einem achtjährigen Knaben, der 

*) Schuh, Pseudonymen, S. 1SU &. 3. ; 
*) Virchow in seinem Archiv. Bd. VI. Heft 4. KI. Mitth. 
3) Cancer ous growth of the Kidmg , weighing tkirty-one pounds. 
Th» Lancet. Nr. 11. Sept. IS36. . 



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81$ 

bald; rtach deiner Gebart -evrie AnscfcweJhnig der , linken Bauet»? 
Mlfte zeigte. Diese wuchs bis £eohs Monate vor seiner Anf* 
twhine in das Spital langsam, dann aber sehr rasch: Bei der 
Untersuchung haue der Tumor circa 8 Zoll im Durchmesser, war 
ziemlich: beweglich , hie und da elastisch, schmerztet! beim Bei»» 
Bten; Die Baachdecfeen waren von erweiterten Veaeri durchzogen. 
(Seft einem Jaftre vertiess der Kranke das Bett nicht. In den 
letzten Monaten träte» steigende Schmerzen auf; Der Patient 
ward immer kraftloser und starb zehn Monate nach der Aufnahme. 
Di* Geschwulst ward durch die mit den Bauchdecken imd der 
FJexura sigmoidea eng verwachsene linke Niere gebildet, wog 
31 PFuml und hatte 32 Zoll im queren, 36 Zoll im vertikalen Umf 
fang. Sie war rings vom Peritoneum umgeben. Am vordem und 
ttbern Theil lagen* emige vergrößerte Drüsen. > «Beim Einsduieideä 
der Gesehwulst entleerten, sich circa echt Finten trüber Flüssigkeit 
mit zahllosen schmatziggelben Fragmenten (?). Es bestand noch 
ein kleiner Sand' vdm normalem Kierengewtebe , das aber im Um* 
fange der Geschwäfet in eine dicke fibröse Schient überging. Das 
Innere de* Geschwulst War grossentheils -von mfchery gallertiger, 
markiger Materie gebildet , weiche fibröses Gerüst durchzog* 
Einige «Stellen waren in ekie feWige Snbstanz verwandelt An 
«teer Stelle drehte der Inhftlt durchzubrechen. Die rechte Niere 
w*og T Unzen v war ganz normal; ebenso die übrigen Oflgane. 
Di* mikr^opsche Untersuchung ergab die Bestendtheil* ei*$s 
( Jfat6*e$< ~ Jeder wird hier durd* die gresseAnalogie mitdeni von 
mte besohrfefeenen Falle überrascht werden, fiber zugleich mit 
bedauern 5 dass van d er ByLdie pathologisch anatomischen und 
histologischen Verhältnisse der Geschwulst so oberflächlich behalt 
A* hat* Namentlich vernassen Wir in seiner Beschreibung dm 
toewek für^die krebmge Natur der Geschwulst . . .> 

< Von grossem Interesse sind jene Fälle, kl denen Niereu- 
f&xhwülste ein Gtbnrtshindermss bildeten. Siebold 1 ) berichtet« 
schon im Jahr 1854 von einer hierher gehörenden Beobachtn*g. 
Uhde 2 ) erzählte einen ähnlichen Fall. In beiden Beobachtungen 

1 ) Sitroold, dfahresber. von Camistatt. 1854. S. 319.' 

2) Uhde, Monatsfchr. f. Geburtfcfi; 3. Band. S. 26. 



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314 

fehlen genauere anatomische Angaben. Etwas ausführlicher ist 
ein4 von Levy gemachte Mittheiluhg. Sie bezieht sich auf eine 
eolossale Degeneration beider Nieren der Frucht , welche die Em- 
kryotomie nothwendig machte. Der Kopf war unter grossen 
Schwierigkeiten eingeleitet worden. Die beiden Schultern konn- 
ten nur nach Lösung der Arme zwischen die äussern Genitalien 
gebracht werden. Levy entdeckte als Ursache der erschwerten 
Extradtion einen sehr ausgedehnten Unterleib. Die versuchte 
Wendung gelang nicht. Nur durch die Evisceration konnte die 
üeburt beendet werden. Die Nieren waren degenerirt und gli* 
chen den beiden grossen Gehirnhemisphären (Markschwamm 7). 
Weitere Aufschlüsse liefert uns auch diese Beobachtung nicht. 

4) Wie in der Mehrzahl der bis jetzt bekannten Fülle von 
Retroperttonealgesch Wülsten trat auch hier der Tod unter den 
Kennzeichen zunehmender Erschöpfung und Consumptton ein. 
Des grossen Interesses wegen mache ich hier atif eine Beobach- 
tung Yon Arnold 2 ) aufmerksam. Dieser sah nämlich bei einer 
bedeutenden cystoiden Nierendegeneration unter dem Bilde einte 
Typhoide den Tod eintreten« Die Kranke ward mit Symptomen 
eines acuten Gastrointestinalcatarrhs aufgenommen. Kopfschmer- 
zen traten bald hinzu; der Schlaf wich, die Zunge ward trocken,, 
an Spitze und Rändern roth. Das Fieber vermehrte sich; die 
GerebralsyroptOme steigerten sich. Es erschien bald jener nis- 
sig© Beleg der Lippen, des Zahnfleisches und der Zunge. Die 
Cöcalgegend ward gegen Dfrick empfindlich. Detf Puls wurde 
freqfeenter, doppelschlägtg. Stuhlgang war ganzlieh Verstopft, 
Uran stockte. Erst am letzten Tage bemerkte man im Unterleib 
eine hisdskopfgrofcse Geschwülst. Man nahm Entleerung der Blase 
asit dem Gatheter vor. Unter Zunahme obiger Erscheinungen trat 
der Tod ein. Bei der Section fanden sich cysteide Degenerationen 
der bedeutend vergrösserten Nieren. Das Nierengewebe war 
untergegangen; Blase und Ureteren schienen normal. Auch hier 
sind die Angaben über die pathologisch-anatomischen Verhältnisse 



*) Günsburgs Zeitschr. 7. Jahrg. 6. Heft. S. 427. 
*) Memorabilien aus der Praxis, 1857. Nr.. 6. 



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3ts 

s^hr lückenhaft. Arnold wd Cheudon scheinen gepeigt, das 
geschilderte Krankheitibild gerade»! auf ein« urämische Intoxica^ 
tum dfr Blutmasse zurückzuführen. 

5) Wir erhalten in unserm Falle ein Beispiel von Hypertr** 
phit einer Niere nach Zerstörung der andern. Dieser Befund ist 
nach den Ansichten der meisten Autoren seltener als die chro* 
ni&che Entzündung oder Atrophie, Beckmann hat die Hyper- 
trophie der Niere ebenfalls in einem Falte beobachtet, wo. die 
andere Niere yon einer Krebsgeschwulst eingenommen war , und 
die feinere histologischen Vorgänge dabei genauer studirt 0- Zu 
diesem Behufe nahm er Experimente an Thieren vor. Er untftfr 
band den Ureter der einen Niere. In einem Falle sab er bei 
einem Huhn , dem er 23 Tage vorher den rechten Ureter unter- 
bunden hatte , die linke Niere geschwollen , die Gefässe weit über- 
füllt , grosse trübe Zellen > aber das Zwisöhengewebe nicht deut- 
lich. Eine eigentliche Hypertrophie vermochte er nicht zu erzeu- 
gen, da die Thiere meistens zu früh starben. A priori freilich 
sollten wir die Hypertrophie einer. Niere! da * wo die aadere func- 
tionsunfähig ist , für die gewöhnliche Folge hatten , da in diesen 
Fällen die Arbeit der gesunden Niere offenbar vermehrt ist. In 
dem vorliegenden Falle war die Urinmenge vermindert. In der 
Mehrzahl fremder Beobachtungen war dieselbe normal, und es 
wurde also von einer Niere die Harnmenge von zwei Nieren ab- 
gesondert , ohne dass gerade hier eine Hypertrophie der gesun- 
den Niere durch die Sedion nachgewiesen werden konnie. 

6) Zu den stereotypen Behauptungen, welche sich in der Li- 
teratur ohne' genauere Prüfung durch Nachschreiben forterben« 
gehört a*cb die , « dass bei Krebs einer Niere eine häufige Harn* 
eniieenmg und eine raschere faulige Zersetzung beobachtet werde»» 
Diese Phänomene fehlten in unserem Falle * und ich habe auch 
beim Studium der hierher gebärenden Krankengeschichten mei* 
stens Nichts davon erwähnt gefunden. 

7) Was die Albuminurie in unserem Falle betrifft, bo erklärt 
sich dieselbe durch die mit fortwährender Congestion verbundenen 



*) Virchow Ardi. Bd. I. Heft L. S. 52 u. ff. 



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HypertropMfcehen Bildung in der rechten Niere ganz von selbst. 
Christi so h hat darauf auftnericsam gemacht, dass dieses Symp- 
tom bei Geschwülsten der Niete nur sehr ' Vorübergehend vor- 
komme. Hier wurde die Albuminurie während 14 tagen, d. h. so 
hing* constatirt , als der Kranke überhaupt in unsere Beobachtung 
fiel. Es ist höchst wahrscheinlich ^ dass bei einseitiger neoplasti- 
scher Degenertrtion der Niere das gleichzeitige Auftreten von gros- 
*e*n Mengen Biweiss im Urin weit häufiger in consecuthnen Ver- 
aiwterungen der andern functtonsfähigen Niere als rn Beimischun- 
gen von Bhit, Eiter, Krebsefementen , etc., seine Begründung 
«Met. : i . .. .• 



Einige Worte 

über die 

Stöbmq öcr JNJijfMoflte jur Itatipfegte im Affgsmetaea , 
We iHroftofogen an Äer Xetner $odjfdjufe 

und 

Professar loriU Schiffs «Lehrbuch der Physiologie» 2 ). 



«SoH.es der Pathologie wirklich gelingen, sich von den Fes- 
seln 4tner blossen Empirie loszomachen und sich zu der Höhe 
der. übrigen Naturwissenschaften zu erheben, dann bedarf sie des 
engsten Bündnisses mit der Physiologie.» Lange irrte die Patho- 
logie zwischen Inrthüneiu umher , bis sie sich diesen Godmkea 
klar zuta- Ifcwusstsein brtchfte. Uad erst die jüngsten wissen 
sdttftKohen. Bestnebtoagcfn • in. der Medioiti hsben die Bdgründtang 



jt *) Wir bedauert, dasfc obige Arbeit, welche bereits längere Zeit 
in ««sern Händen wsr» erst jetz* Platz finden konnte. Red« 

2 ) In dem Cyclus organisch verbundener Lehrbücher sämmtl. med. 
Wissenschaft, herausgegeben von Dr. C. H. Schauenburg. Bandit. 
Heft 1. ; / . 



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*17 

Gii)et pathologischen Rhwfclogiß , ode* pfoytiotogiwhßP' Jfathokgie w 
ihrem Losifiig^w^rte «rhQben r %$ ist ^elteam, dass gerade die 
Deutschen > bei denen di^ Kluft zwischen Theorie *nd P*a*i$ 
am tiefsten geworden ist, und bvi fanep <Ue Pathologie web an* 
längsten in ihrer Isojinipg: beharrtß , dwaech dö* «rtf# Lthrbucfr 
der pathologischen Physiologie aufzuweisen ba)>efi. (Hecker 1791-+ 
1799.) , Tha($^cI)lioh .war die Ueberzeugung , dass die poetische 
Medicin nur an der Hand 4er Physiologie sicher fofttusc&raiteu 
vermöge, am frühesten bei den England $kp durchgedrungen* 
und wir brauchen nur einen Blick auf die Geschichte der engli T 
gehen Chirurgie zu werfen, um uns zu überzeugen, welchen toft 
lehrenden und befruchtenden Einfiuss die fhätigkeil eines Dart 
yin, John Hunter, C, Beil, auf die Entwicklung 4er prakti- 
schen tytadicin ausübte. Die l'rans^ö^che Jto$i^n he^UxA vor Allem 
das Werk Nystens (Qecherphjes^ &ur la phyaiohfk $t tAdmiöpm* 
thologig^e, J8JXJ+ Yon denjenigen Versuchen,, weitste wfehr dtt^ 
Napien als der ^ac^e nach eip soU^ <Yei^ig»ug$weifk anbaha- 
ten r .sebem wir föer.gpiw ?b. Nm den Mrwws&v jedoch sauten 
wir lernen , dass eine pathologische, Physiologie von den* Faoh* 
physiohgen, d, h. von den$n a^sgjehen «resste v welohe 4i» nor- 
malen Bedingungen: des Lebeos am vollständigsten kennen, und 
in deren Händen die wissenschaftliche Methode die, höchste Am* 
bildung erltngjt hat., Die.. physiologischen j£xperiMmfalß*eu #*•<> 
ge*idiß, QUyde. Bernard> ßijpwn^f&equjaifid,; Jwfren oid 
reiches Material fi(r,;Wie wissenschaftliche Pathologie zu !*$« 
gefordert, wenn aijcl) die französisqhen P^tbolog« hfeteTinii* 
^hei|wqise ; N^tiz davon genomnieu bähen. to Deutschland 
toach mit jQhann es Müller ^iiie n^ue ZeiV an, ]hm i de^idlo 
Phy^olpgie ^rst ibprc*r yo#$n w^SMfßhftftlteheft gmanclpation «,zw 
füfcrtev d ^r das, pbtsipiogüQhe Experiment auehjA stfitteifr Vatar n 
lande einbürgerte, und mit grossartigem .Ueberbtok die weichte* 
dene^ Wi«sensc;hafteij umfasste — ihm verdanke* yrkswck io* t 
ersten Cfrjinjdfteip zu einer wirklich, <wgi*isr;hen fioticMiiigwg 
von Pathologie und Physiologie. Dankbar erkennt es Jeder an, 
mit welch' unermüdlicher Begeisterung und Con$equjenz sqjn Schü- 
ler Virchow, namentlich durch» «ein Atfchiw, für die AutMUkmg 



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$18 

und immer festere Begründung einer physiologischen, streng n«~ 
turwissengehuftlichen Richtung in der Medicm seit anderthalb Jahr- 
zehnten thätig ist. Nicht minder entscheidend als der nun ent- 
schlafene Johannes Müller trat Valentin auf, dar seitdem Jahr 
1836 segensvoll an unserer Bemer Hochschule wirkt, und mit 
Recht auch noch heute unser grösster Stolz ist. Seine ganze 
Bedeutung wird vielleicht erst eine spätere Zeit vollkommen be- 
greifen. Er ist gleich gross als Forscher und als Lehrer. Ob- 
schon er vorzugsweise die physikalisch-mathematische Richtung 
mit seinem schöpferischen und scharfen Geiste auszubilden be- 
müht ist, und dadurch dem Gesichtskreise des praktischen Arztes 
ferner gerückt scheint , so verdankt ihm doch auch die Patholo- 
gie die schönsten Aufklärungen. Wir könnten hier eine gdhze 
Reihe glänzender Arbeiten als Beleg anführen , begnügen uns abefr 
damit, auf eines seiner neuesten Werke hinzuweisen': «Die Bin- 
flüsse der Vaguslähmung <tüf die Lungen und die Bautausdüii- 
shrng* » Mit Recht hat die Kritik bereits hervorgehoben , dass hier 
nicht nur der Physiologe , sondern ganz besonders auch der p fak- 
tische Arzt eine reiche Ausbeute fände. 

Seil dem Jahre 1856 wirkt an unserer Hochschule noch ein 
anderer Mann, der zwar als einer der Ersten unter den jetfct 
lebenden Physiologen, wenigstens in Deutschland» tmcT Frankreich; 
bereits anerkannt wird , » dessen Bedeutung - für die Pathologie aber 
bisher noch Hiebt gebührend hervorgehoben Worden ist. Wir 
meiner* Moritz Schiff, den genialen , sichern Experimentatoren 
im Gebiete der höchsten: physiologischen und pathologischen Fra- 
gen , den nüchternen, scharfen Beobachter und Kritiker. Es liegt 
nicht in unserer Aufgabe, eine Characteristik des seltenen Mannes 
zu entwerfen. Uns ist es hier nur um den Nachweis zu thun, 
dass vielleicht keiner der jetzt lebenden Fachphysiologen das Ge- 
biet der Pathologie so >sehr in den Bereichseiner etiacten Forschung 
gm gesogen hat als eben er. Er wird uns zwar vielleicht nie mit 
dickleibigeil Lehrbuch beschenken 9 , das den anspruebs- 



*) Jedermann wird' hier an das so benannte Lehrbuch von Spie ss, 
Frankfurt 1857, Bd. I, erwnert werden. 



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vollen Titel einer «pathologischen Physiologie» an der Stirne 
trägt. Aber, so sehr wir aach Virchow's Arbeiten über di« 
Entzündung, Embolie etc. zu schätzen wissen, müssen, wir doch 
gestehen, dass unter den Deutschen kaum Einer so viel Material 
für eine pathologische Physiologie oder physiologische Pathologie 
(im reinsten Sinn des Wortes) geliefert hat, als Moritz Schiff. 
Beinahe alle seine Arbeiten geben dem praktischen Arzte eine 
Fülle von fruchtbringenden Anregungen. loh nenne vorerst seine 
bedeutungsvolle Schrift: De vi motoria baseos encephaü, 
inquiiüiones experimeniales. MOCCGXLV Bockenhemü prope Francor 
furtum. Es ist zu bedauern, dass dieselbe nicht weiter ver- 
breitet ist , und zu hoffen , dass die hier niedergelegten Resultate 
in dem Lehrbuch der Physiologie des Verfassers recht ausfuhr^ 
lieh Platz finden möchten« Um nur eines zu erwähnen , flo dürfte 
hierdurch die Lehre von den Geschwülsten innerhalb der Schädel 
höhle «ine bedeutungsvolle Revision erfahren, was zum TheA 
auch schon von Friedreich richtiger erkannt wurde. Ich eri*^ 
nere ferner an die zerstreuten Aufsätze in dem Tübinger «Archiv 
für praktische Heilkunde» : «Ueber den Einßusz der Vagutdurch- 
sthneidung auf das Lungengewebe» (Band IX); «lieber dm Ein- 
flute der Nerven auf die Gefässe der Zunge » (Band .XII) ; sowie 
seine Abhandlung «über die motorische Lähmung,» etc. . \ 

(öchlass folgt.) 



Aas der Literatur. 



Schmerzlose Extraction von Zähnen unter Einwirkung 
der Electricitftt. 

Eine für die Blectrotherapie «eiir nichtige Entdeckung ist in 
letzter Zeil (YAri dentaire. Juin 1858) vom Zahnärzte Francis 
in Philadelphia gemacht worden, nämlich die schmerzlose Extrak- 
tion von Zähnen unter Einwirkung, des electrischen Stromes. 



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Velpeau sah nach . diesfeai Verfahren/, ei^en Zahn iwdlkonrnieu 
schmerzlos tiuszidien , «od verbucht* daher da« gleiche Verfahret} 

bei andern chirurgischen Operationen , wie üeilnungen yon Ab«- 
cesse», Bxstirpation von Geschwülsten u> s. \y. , aber ohne den 
erwarteten Etfolg. Er schloss daraus ironisch in der Sitzung der 
Academie dt midecine vom 12* October 1858, das*, die amerika- 
nische* ■ BJihne von d$n französischen in dieser Beziehung ver~ 
Schiede« sein müssten. Da wir eine andere Logik haben , alg 
der grosse Akademiker, so taüssen wir gleichwohl uoiere Leser 
zu Verbuchen auffordern , aber zu Versuchen bei Zabne&rsctttH 
nen; Wie sie Francis gemacht h?t, und. dicht bei gahz .andern 
Dingen. • Bas Verfahren ist in dem genannten äahnäratliihemJoiuM 
nale folgenitoftncsen beschriebe* : , . : i > . i 

«Die Zahrizange ward: «ut eineil Leitungsdrahte ) de* einem 
Pols {vorzüglich des negativen) einer eiertre*inagnettsQhai Äta-rf 
schifte in Verbindung gesetzt > während r» der Patient! in der Um4 
einen tonduetor hält, welcher mit dem. andern-. Hol. in Verbindung 
steht; Mit dem Ansetzen der Zange an den Zahlt durctattöint ei* 
eonlHNttrUeher (?> «Metrischer Strom das Instrument uftd <tea Pa- 
tienten. Aber man muss vor der Operation die StSjjte des Stro- 
mes regidtam. Zkj dem Zwecke gibt man .vorher die 2angfe deA 
Patienten irt die. andere Hand und verstärkt dann 'de« sitbJvacben 
electrischen Strom soweit, d«sg derselbe deutlich empfunden 
wird. Dieser Grad der Stärke ist hinreichend , am den gewünsch- 
ten Zweck zu erreichen , und man bediene sich nicht eines stär- 
kern Stromes. Man darf auch nur im Momente der Extraction den 
Strom durch den Zahn gehen lassen. » 

Tausende von Extraktionen -fo Änterfka, England und Frank- 
reich, sowie auch in einigen Schweizerstädten, sprechen zu Gun- 
sten dieses Verfahrens. Dass es in vielen Fällen den Dienst ver- 
sagte,' fiess sich zum vorauf erwarten^cla drö Wenigsteft'dfef Ex- 
perimentatoren die nöthigen Kenntnisse in der Electricitätslehre 
besfae« mögetr. Um dkl Fehlerquellen das Verfahrens aa&rintiinen. 

i Weitere Jlittfceiliiftgert «etühftr!, wollen wir Mi* i*K apttt*i 
voibetaüteu, •.. /.<).,.'.,.• -. • i <. ■■•♦. r- Jtv #T* : I H 

- • l - • " » ijtitkcsjf&QiG&Kfly**^* :■ . i. ,...1 .X r- / :* >:i 



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Schweizerische Monatschrift 

•• ..; ■ , für. . , , i 

praktische Medizin, 

f ■ ■ * 

redigirt yon 

Dr. A. Vogt. 
Dritter JakrgMg. 1898. Nr. XL Nmmberkeft. 

ii ! i ' i ■ m i I i i i 

Diese Monatschrift erscheint monatlich einmal. 2 Bogen stark. Der Abonne- 
mentsprä* Ut für 1 die ganze Schweiz 7 Fr., für das Ausland 10 Fr. Briefe 
und Gelder franko an die Expedition : Haller'acbe Bochd ru ckerei ist Bern. 



Wesen und Ursachen der Geistesstörungen. 

Yen Dr. Hasse, in PreYargfer (€ant. Neuenbürg). 



Der Verfasser Reitet seine Arbeit ein mit einer aphoristischen 
Uebersicht über die geschichtliche Entwicklung der wichtigsten 
mediciniscben und philosophischen Lehren in der alten Zeit* als 
Andeutuj^ des Entwicldangsginges der Psychiatrie , wie sie 
Willing in der * Alig- Zeitschrift für Psychiatrie,» 1857, Band 
XIV, Seite 321, gegeben hat. Wir müssen, aus Mangel an 
Raum, den Leser, welcher sich näher für die Sache intereasirt, 
auf jenen Aufsatz verweisen { und geben daher die Arbeit 4ec 
.geehrten Herrn Verfassers von seine» Eintritte in die neuere 
und heqonder/e Geschichte der Psychiatrie an, welche nach Wil<- 
1 jpg mit Pipel und Langermann beginnt. (Med.)* 



Es würde zu weit führen, von Pinel und Langermantt 
an.,, die Ansieht^ ftter unserer ersten Vertreter der. Psychiatrie 
vo^ demAYese* dqr GeiMetetdrungeti dem Leser mitzufreuen; Ei 
sind zwei . Schulen v die sich einander gegenüber stehe*. Die 
^^^ßlvornKAmlkh durch Langer mari«, Heinroth und Ide«- 

21 



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322 

ler: <ji* tndett, zu der sich heutzutage fast alle unsere deut- 
schen Psychiatriker bekennen, oben an durch Jacobi repräsen- 
tirt, und ich begnüge mich damit, diese beiden Schulen in diesen 
Persönlichkeiten .nlifce}' zu* Bezeichnen.. \ ,\ ; 

Langer mann. Dieser nennt den Geisteskranken ein Wesen, 
das den wahren Lebenszweck verfehlt und verkennt, das die 
natürliche und normale Abhängigkeit der verschiedenen geistigen 
Vermögen von einander verkehrt. Des Menschen höchstes Ziel , 
der höchste Ausdruck seiner innern Thätigkeit ist das Wollen . 
<Je*m d^r Wunsch vorangeht. Gleichmässigkeit.iutd Zusammenhang 
ta-aHen seinen Wünschen und Bestrebungen bedingt die Einheit, 
und in Folge dessen die Regelmässigkeit aller unserer Lebens*» 
Äusserungen. Die Richtschnur , deirt sich jeder Willensakt, jede* 
Wunsch , selbst jede geistige Handlung unterwerfen soll , gibt das 
Gewissen. . 

Ideler. Zu einer gründlichen Kenntniss und Beurtheilung 
der Geisteskrankheiten bedarf es nur eines Vergleiches der nor- 
malen und kranken psychischen Erscheinungen. Indem man 
Schritt vor Schritt mit scharfem Blicke 4re verschiedenen Stufen 
t verfolgt <, auf der sich die geistigen Tätigkeiten fortbewegen, 
i*s sie erkranken, hat man zugleich die Mittel gefunden, die 
Geistesstörung zu erkennen und zu behandeln. Da sie aber in 
allen ihrer! verschiedenen Formen , in ihrem Ursprünge nur dem 
fieifete «Rein angehört und nichts mit dem nrraterieHen , stofflichen 
.Wesen feu thun hat, so kann auch die Anatomie, wie Physiologie, 
Mar e\mh »ehr untergeordnete^ Wfcrth tttt 'dak SteAium und die 
Behandlung der Geisteskrankheiten haben; Dfehn wallte man «fc- 
Hfchtoerfiy 4xsA die Störungen dar Intelligtetti 'br^iÄöhefc tFrprtng* 
w&tefc, so müssten diesettten öiiwsehl BrÄeheirtüng'en , dte fcieh irti 
Leben zeigen, entsprechende organische Verletzungen nach dem 
Tode durch die Autopsie ergeben , was indessen die That wider- 
legt* ••'.".. . 

Beittroth. Sieb Von der äussern W*h au trenrtfcn , nur fti 
«dem Meah* des Gutfcn au leben uhd «ich fh ihta »u VflflfeiW, 
diürz da* Gewisse» ober vile Wfenrthe und BegUttMh feitivVeg Äi 
-hebta, hei&tjdem ftenschlicheiv Weteh ti**tüotti*1^e»<*n> tytfMfe 



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S38 

seine Kraft and «eine Gesmdheit bestimmt. Der Mensch, welcher 
ausserhalb der Wdlt lebt, genügt sieb selbst; d«r, weicher mit 
tbr tebt , wird im Gegentheile von immer neu anftaucheftden Wün- 
schen getrieben und geleitet. Das GemUth gerfith in Aulregung 
ohne €entigthMhg « erlangen, ohne befriedigt zu werden. Man 
leidet , and die Fracht dieser schmerzhaften Geburt ist die Leiden«* 
sohtfflt Mit der Leidenschaft verliert das GemUth -seinen: natür- 
Heben Halt, seinen Führer; die mevaüsole Freiheit wird gehemmt, 
und dessen , 4er diesen Stutzpunkt verloren hat , bemächtigt sieh 
tm toftbestftnmles Gefühl von Ünbeh&glicfcfcect und Unentschieden* 
beiW Je mehr diese Unentecteiedentiett wachst, desto mei»r und 
desto »schfer schwindet die Vernunft f und es fehlt nur noch, um 
den Wahnsinn zu erzeugen 7 ein einziges Element , das ist die 
Aofregong. HeinrÄth's Worte sind sämntffidi von der Ide$ 
der siHüci«ft Persönlichkeit des Menschen , von der ethischen 
Theorie der Seelenstörtngen durohttnirigen , und in ihm; /L an* 
gernxänn' und Ide-Jer, haben wir ihre kräftigsten «nd eifnigf 
5ten Vertreter gefundeaK 

Untien gegenüber tritt J a&obi auf. Er sagt : Der Umstand, 
dass die Anthropologie bei der Betrachtung der Seeienstömngef 
«v lange entweder mi gftr keiner Gdkung gelangte, oder aber faei 
dieser Beftrncfctung iheüs der , Psychologie , Ethik und Theologie 
-entlehnten Elementen r theüs den Ergebnissen anatomiscb-physiO'- 
iogischer Fomhurtgefl *»on vornherein untergeordnet ond idainit 
veitoengt ward«, wahread sich auch die Anthropologie ihrerseits 
«von einem «stieben Hinüberstreifen in jene ihr fremden Gebiete 
nicht freihielt, hat die (Psychiatrie: bis jetzt in jttnren Fortschritten 
wesentlich , aufgefcsltan. £0. scheint wir aber, dass hinsichAch 
jener wissenschaftlichen Discipftnen., in Bözag auf die Lehre jwä 
den SetilenPtönmgea, haüptsäciHch Folgende^ itn Auge behalten 
werden .muss. j 

beider Anthcepologie^iii ihrer näshrten iB*&iebqng zum See~ 
Jenleben,, lernen wie *r physisches Element, im ¥ertrfltro*s zu 
ihrem s^matMfchen Elemente, nach fttaftagabe ÄbrjwJrgögeÄaritifen 
Äw^rii^ngcknnnen. Hwhei tjleUt *fch uns: das pstfehifli** 
JWemeat^ w&sifägp : segiea £ebundti*eiAt: a« Raum- Aind Zntih 



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Verhältnisse in * fernem gegftbet&n Organiaaws , ab ein! Aggegrat 
wn verschiedenen Eigenschaften, Kräften und Vh&igkeiten dar, 
die; f tf ir als gesonderte, verschiedenartige,, aber au einem organi- 
schen Ganzen verknüpfte uod eintelne, als zui verschiedenen Sphär 
rea des Organismus in einer nähern Besieh nag stehende, erken- 
nen«, Paneben sehen wir , wies die Wirksamkeit dieses psychi- 
schen Elementes., in den i gegebenen versohiedeinen Modificationen 
seines Bestehens y aJ$;In*eHecte*litat, PhartLafeie , Begehrüngsver- 
mögen u. s.< w. durch dife mannigfaltigen Einflüsse, die der Ge- 
sanöntarganiamufc von atisseit erführt , sowie durch. die Verände- 
rungen* <die derselbe! in seinem ibtnern und in «einem Verhältnis« 
ku der Ausseawelt erleidet, »verstärkt eiler vermindert , >■ gefördert 
oder gehemmt wird :'< Erscheinungen y 4ie «He nur in dem atfthro- 
pologrschen Verhkitwwe begründet Sind, und derfen genaue Et- 
urifteiung und ßestinuatiig ala eine der interessantesten Aufgabe* 
der Anthropologie h zu :bßtoadhten<i ist. -fAusf -jenem organischen 
Vereines v«n anlhropotogisch-psy droschen Eigenschaften und Thätig- 
keiten kann indessen nie allein ein humanes Seeleniebert hervor- 
gehen; sondern tair ein dem thierischön analoges, psychische^. Zu 
jenem gehört der Seele ^ötdicteff Element , vermöge/ dessen sie 
ieiä an sich einfaches, persönliches, selbstständigeis, selbstbewuss- 
tes , mit angeschaffenen Ideein iis Guten und Wahren begabtes 
Wesen erscheint! welches sein* Leben yunfcetf den* an thropologt*- 
ichen (Bedingungen ) in; die es sich versetzt findet , als ein 2ur 
Freiheit' bestimmtes trad zur i Freiheit , zu Gott anstrebendes, sribst- 
machtig führt. Auf der eine« Seite finde* wir also das Leben 
def Seele (terc Bedingungen «nfteröterfen^fen weiter dasselbe durch 
den anthropologischen Organismus geknüpftist r ^der 'in seinen 
AeussehiAge» Frieder ddreh dre Welt , 'dfeauF ihn- ein ^ und auf 
die er iurüclwfcrkfr, bestimm* wird , und sahen j« «vrte »ditrSeele 
nicht nur alle hiemit gegebenen Beschränkungen, sondern auch 
mit den gelegehrt&h^ emtretertdöd Zerrüttungen des ahtoftfpolo- 
gischen Organismus steh irgötendeii VöAüirtinei»titi^a , Jtertitntini- 
f e© und SHjrungcto ihi^es W^frkens 'und Strebens ^ als durch ^Ine 
heifigie Fügung flLr'iihfi dies&Mige* <>n&in ^egebfenV'tt^g^nWiuÄ. 
Aüf v -dir^anctern^&it^iateir>wkenttdn' *wfr >4ü? htuttäti? Seety J 'nkht 



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$25 

minder der ursprünglichen göttüclien Bestimmung t/ach , alfe ßebie- 
tetfh Übe* eben 'jene anthropologisch bedingten Eigenschaften und 
Ifiräfte. Perni diese aftifd , jener ursprünglichen Bestimmung ge- 
mäss -, Hirelu ' GebMuche und Dienste unterworfen , zur ' Führung 
lies ihr eigenthümlieheh göttlicl^freien Lebens. Der Organismus 
^wird dafbef in eMier gewissen Seite seelfech , indem die Seele ihn 
in einer ähnlichen Weise beherrscht , wie der tondichtönde Künst- 
ler sein Instrument , utid der'iüfenschfiche Geist steht zu densel- 
ben in einem analogen Verhältnisse, wie jener zu dieseni. ' Denn 
•auch das Iristroment — die Cremonageige , die Flöte '«- ikann 
durch den Künstler h einem gewissen Sinne veredelt werden: Je 
ttnger imd 1 je unausgesetzter er nur reine Töne urid Harmonie 
auf demselben hervorruft , um ' ä6 mehr stÖigeH sich die FÄhig*- 
keit des Instrumentes für solche 'Hervorrüftmg. Dei Instrument 
Tiann »ber auch durch den Künstler Vernachlässigt , odeir; 1 ohne 
*eftie Sbhiltd zerstörenden Eirifltfssen unterliegend \ verderben und 
feerfftHeft ^'se <ta*s der Tondichter dasfcMbe für die Darstellungen 
seiher Dichtungen' nicht mehr gebrauchen kanri; Aber der dfch^ 
tehde fletet'letot fort,- euch wemier sieh seiner* Umgeb^ durch 
die Töne seinös Insttumeifts nidit rieht kund -geben kann, und 
Ktas In reihen Harnionien auriihnV hervorging, gehört , Terhallt es 
iwch 1 für diese Welt-, ' bleibend dem eWigeh Reiche des Schönen 
an ' Doch so nur ' in" dem Menschen , wie etf schuldlos aus der 
Iftmd de» Schöpfe^ 1 hervorging, nur aiisftrebeftd noch in dem 
Men^5he»-der Sünde 1 , An^dntrr gikrz wieder in dem Erlöstet*. 
Ate die eigenttwhW Atfffettber der s P^ych^k)gie , tiie sie behufs ihrer 
r 8felbstgWtÄltbrtg; , dei >! Ahthropelogie gegenüber,' 1 zd lösen hat, er- 
IfeÄrte^frW'hieröaA einesteils dier WWafenitoh«lfiche Beziehung, 
Abgrenzung lind Züsaftimonördming jenes gegebenen Vereines von 
-Bigenschaften *ind Vermögen der Seele, wie* er derselben, te 
^anthropologischer Bedingtheit 2 war ; aberris einem persönlichen 
Wesen* zugleich mit der < Spontöneitöt der Willertsthötigkeit und 
mfe den Ideen äes'Gtfttltohen, ^ 

^tfg^tüeiif ist;» at^i^MhsMte 'i^r ^d^Dtti^telliMgr ^esittn^n; freien 
^üSS^minw^kew ^ !dw violmigen EtttfaHung, Wfctefrbitööng, 
»wchsetgeltig&i -ftArtgrtg und DUToW*iügün^ ebeh jener ttijjew- 



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Schäften und Vermögen, unter den Einflüssen de* Weltlebens 
nach allen seinen Beziehungen, und das Ergebnis« sowohl ihres 
(jener Eigenschaften) als der Welt Gehrauchs oder Missbraueba 
für die Gestaltung eines humanen *>der a£terhuman*n Daseins, wie 
es sich uns in der Erfahrung darbietet. Und wollen wir.es zu- 
letzt in wenigen Worten zusammenfassen, so ist die AnJhropoto~ 
gie die Betrachtung des Organismus des psychischen Lebens nach 
den Momenten seiner physischen Gebundenheit, die Psychologie 
«einer Betrachtung nach den Erscheinung seiner freithütigen 
Wirksamkeit gewidmet. Insofern wir nun die Ansicht festhalten* 
dass alles Formelle in der Seelenthätfgkeit in oben erwähnter 
Weise anthropologisch bedingt ist , alles Freithqtige in 4ewU*n 
_aber über die anthropologische^ Bedingungen , wenn gleich durch 
diese für die Erscheinung vermittelt* hinaus liegt, 30 ergibt sich 
daraus auch, dass nicht inindpt jede krankbnfte Störung der 
Seelentbatigkeit sich nur in de« Formellen derselbe* darbieten 
keon , dassnur die Firmen des Seelenlebens von dem normalen 
2u4tnn4* krankhaft abweichend werde» Höwen , wie: difss auch 
durah die : Beobachtung bestätigt wird; JEs ante** pich demnach 
»immer nur die einzelnen $ee|pwerfnegfflitt fdia iotellectneljwi 
Jiräfte, das Vermögen der Aufnahme und fiwtifnintbnrk^t. der 
fiepiüthseindrücke, die Einfrld^gsigraft, fos Bf^gehrwgBvewög^n, 
4w Vermögen' de* Wollen m bnth*tig#* t u* s« w. * gelegentlich 
yerleUt, alterirt, abnorm v zerrüttet » »nfc rdröckt, Wimmer hw- 
fegen eprkfankt die. dujrch je*e FwPW »nur in Beziehung *tf < *e 
UmtoßWw* in Raup *ud Zeit bestimmte höto$* eigentUflbe 
S^elenftätigkpit. in sich f das Junorq <fc* hw*nen Iißbens, die 
Suhstan? fler Pfp^nüehkeit, dagenjge,, wa». sie migeUfc jener 
{Carmen: frejthftig » sich selbst winkt» schafft. Ein |t*yj4u*eh 
kranker Zustand ist; demnach nur da»u ytfriinnden, wew die «v- 
Ahitof*4agi*ohe Organisation de« IndividuwM in ; je*** formeUea 
Beziehungen elso aiterifit und verletzt ist,, da**; dabei die «Off- 
male Aewmenwg der panischen ThjifcgfceUfm nicht beistehen: kan*. 
(Ohne eine iigwdwie: in dinier; Beaiehwag vorhandene Yecteteung 
de* individuell gegebnen inopmal^n ^ antbrepojqgwijhen, Z*afend«s 
ta*ebt iwne Meatötewg * mi Mft. besteht w dwtfe #te« 9*s 



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sittliche und religiöse Wesen des Kranken muss dabei als voll- 
kommen unbetheiligt erkannt werden , - wenn nicht auf der einen 
Seite der Begriff von Krankheit , oder auf der andern Seite der 
Begriff von sittlicher Freiheit preisgegeben werden soll. So hat 
es also der Arzt immer raur dein mit wesentlich alterirten For- 
men der psychischen Thätigkeit , nicht aber mit sittlichen Perver- 
gitüen und Degradationen , und ebensowenig mit bfos Verschie- 
denartigen Vorstelhrrigs- und WiHensrfchtungeh , mit so oder 
anders sich darWetenden Leidenschaften und Affekten , Insofern 
sie dem Seelenleben dienen, zu thun. Daher es auch nie vor- 
kommt , dass wii* einen Menschen unmittelbar und an und tut 
sich durch einen sittlichen (wenn aucVhöüfig durch eVnen anthro- 
pologischen) Mifcsbrauch keines psychischen Vermögens , äurch 
seine Hingabe an frrthum, ata *in falsches Empfinden und Begen- 
ren, ah ein feindliches Wollen u, 's. w. in S6elenstörtihg \er-J 
fallen sehen, sondern immer geschieht dieses nur dann eirsf , wenn 
Mnbnrach. und Sünde ZerTittsngen 4es' Orgamsm^ ^d £unc- 
tionsstörung in seinen — den psychischen Thätigkettdn dienenden — 
Ikeifen (bedingt. 'Diesem gemäss tritt der sittliche KaBtend des 
Erkrankten auch immer wieder unverändert , als der frttfeör be- 
ll isiihpiii liiiiiin , 'iinluli die fledenstörwig aufgetobew istyiiivfo- 
fern die Krankheit dem Individuum, naob erlangter ticfflegung , 
nicht -vmMwüm M*tiy seinem siMiffreji ftcfcneratiQ* wird, » 

Noch einmal: n« in jeqqm Bepeichedef Fennen *|es Seelen - 
tetans atf ** MtgbflMimtwd 4ip Erfabrusf psyctarfipr BÄrÄi- 
kling gegeben, nur darin die Möglichkeit), dass einige Grasp Di- 
^tafc^fod Opium , «ii Weohjelfieher «kr ein Menstmadflutes Hie 
gefesselte ^«tenibätigkeit wieder eatf essein töstoen v aber, darin 
aber auch die Ussotttefigkeif <J*r ^nenkennimg meines, solchen 
unmittelbaren Einflusses rein sittlicher jutyi , re^jjö^er Agßntien 
zur Erzeugung, wie zur Bekämpfung.^ ^ejel^st^JCHn^, ^ie^er 
jW<J^>*kpp^ S^n)^ Ufffpl^ Wff4 e « j*t 

~ ' ' ' * : • *[ . »v. ' ** ■ * "Ji'i. r ~ '. .?'.<* ' *»*• ' 1 '• 
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338 

ANHANG. 



pinef uiA (Esquirof. 

ä) Pinel. ?r ist der Erste, der sich in Frankreich mit dem 
Studium der Geisteskrankheiten auf wissenschaftlicher Grundlage 
beschäftigte. Sein, Werk : « Traite medico-phi|o$Qphique ?ur Falie- 
nation mentale» wird dessbalb nicht allein in den Augen seiner 
Landsleute» sondern auch der ganzen übrigen gelehrten Welt, 
einen unsterblichen Namen bewahren. 

Zur Darstellung seiner Ansichten über das Wesen , die Ur- 
sachen und den Charakter der verschiedenen formen d#£ Seelen* 
Störungen genügt schon das Inhaltsverzeichnis* ebengenannten 
Buches , wovon ich hi?r Folgendes hervorhebe : . 

Sektion I. Bases ; propres ä dgtrminer Takerartion mentale. ' 

1. Aliönation orjginaire ou heredüfire. 

2. Influence d'une Institution vicieuse sur l'e^aretnehti de !• 
raison. , • \ «i ««.">'. 

3. Irr6guiarUäs extremes dans la manMre de wie profrtes fc 
■ : - pwdirire l'ali£aation. . i . * ' " t/>' < ■- •• 

4. Passions spaftmorfkpies propre« ä determiae* Patttnation: 
$. DesfoaaiatDS dttilitantes ou oppmsnvts. . t 

6. Des passüns agaces ou expansives otät^hes 4Qttt*ie *prb~ 

pres»ä egarer la raison. . »* ^~' * 

7. Uflfc Constitution »tiaircoliquey cause fnequentq'tiäs passions 
les plus extr&nes et des idöes les iptas exaperees. ' ' ' 
■ 8/ Surceriaines causes physiquet de i'alienation. 

Dahinter stehen oWen anW 
1. L'hAltüde de rivrfes^e. '«■■'" | v 

2/ La tfuppressiori brusque d'tin exutoird'öu d'une hämorrtiägie 

interne. 
3. Les couches, Füge critique des femmes, les suites de di- 
verses fievres, ia goutte, la suppression imprudente des 
dartres, ou de quelque autre affection cutanee, 



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3fe# 

4. Dteis ctoips Yioterit» portes sur !a töte, peut-6lre quelque con- 
formatibh virieuse du cröne. ■ 

5. L'extr&ne abus des plaisirs vöneHefis et des fexcäs opposÄs.- 

, Section IL Caracteres physiques et nioraux de l'aliönation 
jnentale. 

i. Lesions de la sensibilite physique dans Talien^ion mentale. 

2. Lesions de la pei:ceptjon de$ pbjets exterieurs djm? l'alte- 

, ^nation. , 

3.. L^sions de la pensöe dans l'aliönation. 

4. Lesions de . la memoire et du principe de l'association des 
ideep dans l'alienation. 

5 t L&ipns du jugement des alienös. 

„ßi Emotione et affections morales propres aux altene*. ,. . 

7^ jprreurs ou äcarts dp. rimagination, dans Faltenation mentale. 

8. Changement du cajraptere mpral dans l'al^nation. 

6) Esquirol. Dieser, zum Theil noch Zeitgenosse Pinels, 
gilt in Frankreich als die grösste psychiatrische Persönlichkeit, 
und gewiss rtrlt volFetor Recht Ohne midi speciell in seine! An- 
sichten einzulassen und die unendlichen Verdienste diei&s gro&eÄ 
Manne» darzuthun , will ' ich' riur ! Fol^gfid es mittheilen : ^ 

«La fölie, Talföndtron mentale est une affection 6£r£ftft»le dr^ 
dinaiir&neiit (Jhroniqüb,* sans fteVre, cäräclörWSe pär des d6&rdres 
tf£ la sensibHite , de* fW&Hgfehce'V <& l & "'volonte. » r * 

«Les cäu^es* de Wlterfätion mehtäle rt'exferceftt pas Wifj<Htt*fc 
leur action directe sur le cerveau; elles Tfcfcercehtr iaussi' stf des 
organes plus ou moins dloignös. Tantöt les extrdmites du Sys- 
teme nerveux et les foyers de la sensibilite pläc'^s dans diverses 
röglons, taritötle Systeme sangüih et lymphatique, tantöt Tiappa- 
reil dlgestif , tantöt le foie et ses Üependanees , ' tänKVt les örgarräs 
de la rISprodtictiön, söfit le p^emier point de d^patt äeiä nlaladie.» 
' VLes canses prochaines ou excitantes , sofit physiques , ' soft 
morales, agissent brusquement ; le plus souveht leur ö6t ton' est 
lertte, surtotit pour la pfoductioh'defMa dämehce «fciiräfflfe da lb 
1yp£manie. { Je süiaf cönvaincuqüe ces causes n r 3gi^ent brus- 
quement ijue sur les sujets förtertiertt pr6disposäs fr Hä H föüe. 



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m 

Presque tous les ali^mJs offraient avant leur maipdie ^elq^rs al- 
tärations dakis leurs fonctions , aUeratiQOP qui rewofttoieirt 4 plu- 
sieurs Qwnees et m6we & la premiere enfaace ; |a plupart araient 
eu des inflamniations encephaliques aigues , des convulsions , des 
cöphalalgies , des coliques, des crampes, de la constipation , des 
irregularitös menstruelles. Plusieors etaient doues d'une grande 
dctivitö des facultes intellectuelles , et avaient eii les jouets de 
passions v£h6inentes imptftueuses et colöres. D'autres avaient ete 
bizarres dans leurs idöes , dans leurs affections , dan$ leurs ac- 
tions. Quelques-uns, empörtes par leur imaginätion d^sordonnee, 
äuraient 6t6 incapables d'etudes suivies ; d'autres , opiniätres 
jusqu'ä l'exces , n'avaient pu vivre que dans un cfercfe tres ötroit 
d'idees et d'afl'ections , tatidis que plusieurs , sans energie intel- 
iectuelle et morale , avaient 616 timides , mlticuteux , irr£$olus , 
fndlff&rents pour tout. Avec ces dtspositrons, if ne faut (p^tine 
cause accidentelte pour que la folie £ciate. *» 



. ; I<* habe in dem Yft^ergfftend^a yprjfmiß^ 4em Leser $w 
frrtwickUiflgsgang -der P«y;CbMrie ffl be?cfcr$iben ijad ihre& Jjejir 
ligen StandpmiHt in der Aosfclwipiqg^w^ise eine$ unserer grö#fyW 
uffll iwgeretelmeteten PsycbiiitriJtfr,, de# jijjigst verstorbenen 
,J#c*bi, Abzulegen. Ks «ei wr erlaubt, nqp^ ein, zweites %*? 
pitel , das sieb d^n vprigeut > uiupiitelfar a*scbjie9# , das , Kapi*eJ 
der üraacben der Geistesstörungen *u \>f*prGch$n wnd io diesem 
jueii*. AnsjphUw »iederzuiegen. . 

Die Ursachen der Geistesstörungen, 
fliese kenoett *u Jerpe*, den ßodeu flu ^rtpr^beii, ajtf den» 
Wrgtyleftp** erreiche wir euf kefae» Wege sicliere^. *fo «V 
«Miw v^ider Aiwletau«; die?er Krankt in dw wwfciedewn 
JUmdera 4*r W?M ReebenacWfr M. geben, * M^rf 4ie ertönen 
Wffer^ft^eR , mit, d?^ Sitten und Gebräpshen., «mit der J^beijwe i?e, 
tfrit de» Cb^k^yr, .iten^Kiimft, ifcr Pyltw» .rfer.fiiplj^ion» 4er 
Jftegfferiwigifwm« * #*. ^- f . in, .Rjnfclwig ^ brj^geiw, E$- ^ gy 

dj**em£vx?c^^ 



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m 

kranken «rraögltfsfaten Statistiken aufgenommen » die zu dem Re- 
Mtfale fiihrtea, dass in de« mitten Ländern der cirfcsirte* Welt 
der Wahnsinn ziemlich glefcJimätfig veriheilt , ist. Wahr i&\e$ 
aterdmgs, dass hie und da niqht unwesentliche Abweichungen 
stattfanden. Wenn man aber bedenkt , dass die angestellten Noßb~ 
fottchungep nicht immer mit der gehörigen Sorgfalt ausgeführt, 
dass nicht immer sachverständige Männer mit der Aufnahme der 
Zahlen der Seelenkranken betraut wurden , so wird man in diesen 
ümrtfeuiei feicftt ihre Erklärung finden. Da , wo sieb sehr bedeu- 
tend* Differenzen «tgaben, lagen sie in der Natur - der Sache , 
iindi ieh wevde späterhin Gelegenheit beben , diese weiter w \qb- 
werth*n. 

Auf der Andern Seite steht es lest , dass die socialen Ver* 
JtaHattse «Mcroef tavitisitten Welt, wenigstens da, wo ihre Stati- 
stiken et hoben &i»d, wenig von. einander abweichen. Daraus litt* 
sich dann leicht die grosse Schwierigkeil erkennen, aaoh den 
urtbeddtfenden Differttigon der Irrenzahl , m& Rücksicht auf jene 
Wtrhettnitfse Schlftsae i* ziehen, die auf die ursächlichen Ho- 
.roente der Geistesstörungen ein riobUges Licht zu werfen im 
.Stande atad* .. ...■_., 

■- Ein anderer Weg über die Ausdehimug des Wafenauw in 
den verschiedenen Lindem ins Klare zu kommen ist der : im 
langjährigen Umgänge ort einem Volke, durch nnausgestfile. und 
JOtgfilttige Studiepi daß tebens desselben y durch fleiasigfuSpp^ 
4ttkt)wge* arf 4ei» <Jeh|et$ der< Psychiatrie die Haafrgkeü des l*?r 
<ftnui » «art der Wabp sc^inlici^Usrexjhnu^ i« b^sUÄm^n, ; 

Dieses hat ma* zunächst im Oriente, v^rs«£bti uud eine Mengt 
Jahre hindurch fortgesetzter J&ahforsctongen haben zu dem «be*- 
«rinsümmenden Resultate geführt, dass, wenu auch die Kahl der 
4frUteafaa*ken im Oriente beträchtlicher sei., al* man gew^lwllch 
waehme, #ic dennoch hinter der im <)ctfide«ite bei wertem zurtcfe- 
stehe. , 

Tragen wir zugleich die unendlichen DiffeteMea .des ganzen 
iüMtfi und äussern Lebens dieser Völkerschaften in, Reehnung; 
bedenken wir, twe weit ihre Gebmucbe«»d ihre bitten» tfw.Ktim, 
ito*, iejwitweise, ihre, StaeUforsteik, ihre Religion u. :a.. w* Mir 



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S32 

einandergehen , so werden wir aus der NebeneinandeisftalhiMg 
«Her dfeser Verhältnisse, in Übereinstimmung mit der 1 Versefcie* 
denen Frequenz der Geisteskrankheiten zu Resultaten gelangen 
müssen, dte' von der grttesten Wichtigkeit für -die Entdeokwfrg 
ihrer" Ursachen sind. • •■ 

lti dieser Ueberzeugung will ich das Leben deis Orients uhcl 
Occidents vergleichsweise einer nähern Betrachtung unterziehen. 

1 Jfa.« Klrina, Was den* Einfluss desselben auf die Enawtfgung 
von Geisteskrankheiten anbelangt, so sind über diesen Punkt die 
Aittfiobtett noch sehr getheHt und die Verhandlungen tätige noch 
nicht abgeschlossen. Einige wollen ihn ganz und gar aus der 
Reihe* der ursächlichen Momente gestrichen^ wissen *, Ändert, die 
sich auf die Thatsaehe berufen, &**£ die Jahreszeiten -eme weseni^ 
fiche * Rotte 1 beim ; Auslfai0he des > Irrseins 9piele*, ihm die «höchste 
Wichtigkeit beilegen. '•'> *\ -»/h »- .. i ';' 1 -;j ■/> 

' < ' BlHM wahr»'- dass ilen ntthigen NöchforöcTiungen W>er den 
^vifcrön ' W*rth "4äs EittfluSses ktimatisofcer' Vertiähnfeae < *«f : die 
Erzeugung Von See^enstörun gen bedeutende Hin derhiöfeö' in den 
Weg treten. Sich die Sache leicht zu machen und zu «ehtieoserf, 
wie eir so Manche igtitem hoffen : «weit da* 'Klima < des Orients 
tailde und angenehm, 'das des Occid^hts ' rauh mff''lterbe', dte 
Äöhr 4er-€}eistö^rrihl^n im' Oftefötö gering, im O^didente 1 bedöä- 
1fertd%tf M> ftt r ein rauhes und ünfreuhdli<*es 'Klhna'als ein6 Bi*- 
*s¥chfe : d& 'tyalmsinns anzusehen^ >* führt zu de* gröfestefc Hä*wP- 
verzeihHätötert Abfluge*. Es 1 fextefi^ ifoch'-atfdäre ÖifferfcftÄtti 
ztfis&i&l 1 d£n? Ländern^ und Nationeh des ^rie^ts Yind^OcclIents, 
*e iveit^eMu^eidier siiid fll^ klimatrtche Verh^lttkw^. iSotaA^e 
•wir nbftt s im Stande sind , streng die Einflüsse des tftfftias von 
Wifeti andern schädigen Einwirkungen , wie mt 'namentlich die 
socialen Verhöltni^e^n so 'reicher Zahl bieten, '»a trennen/ witä 
eine absolut richtige Entscheidung nicht zu treffen sein. •'* *" 
' •- <%eWtiis&temAw tottritt $chon ! eto'Beispiä^iftV'dfta^itftfMalta 
#Bfc »tt^üCtekhti*«' 'fifiiflB<^(M^^iim'-'fM0ntV' r inr|ltlik^ 
r^ioWtauf die 2&h) bäim Geisteskranken amn ^coidefit: Konnte 
dieser Fall alra&tyfitenä angegeben werden , so wäre 4n»«re 



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Ö93 

Fragfe entschieden. Dwfc ef verdient y , eben wiwI.eF, so viel ich 
weiss 4 1 alldin dA Stellte, venig Berücksichtigung, ,?nd umso weni- 
gst, **& pl^rsiölofiache Thfttft$chen t das >*ip(itigste Argument, für 
den EiirfHissf des Kaunas: auf die Häufigkeit, des Jrr sei na spreche**. 
Das Klima das. Orients unterscheidet sieb von dem- des Oocij 
deftta nicht aHein durch seine toohe Temperatur,, als.yielinehr /durch 
seine grosse Gletehmäftli&keit. 

' tfcfc glaube mit Recht behaupten zu können , dass, wie die 
fflnfölTttfgfkert atmosphärischer Einflüsse bei hohen Tempeitotiuv 
graden auf dös geistige Leben deßrimirtond und erschlaffend ein*- 
wirkt , ein häufiger und rascher Wechsel derselben die ReoeptH- 
vität des Nerv öasystems wesentlich erhöht, und damit qllen pach- 
theHigen, äussern Eiawirkungen leichtern Zugang verschafft. . 

Der Boden und seine Prodt^cte. Es ist von vornherein an- 
zunehmen , dass in einem warmen und zugleich regelmässige*! 
Klima die Productivität des Bodens bei weitem lebhafter ist,' als 
in. solchen Gegenden, wo ein mehr oder weniger rauhes Klima 
gleichzeitig einem unsteten und unzeitigen Wechsel der Tempera- 
tür unterworfen ist. 

r , Die Erfahrung bestätigt, was wir voraussetzen. Die Vege- 
tation des Orients ist durchschnittlich üppig und reich , die des 
Occidentes, wenigstens im Vergleich zu ihr, träge und mager. 
Es i$t selbstverständlich , dass je üppiger diese Vegetation, desto 
.grösser und besser, je träger dieselbe, desto unzureichender der 
Ertrag ist. Nach der Cultur, der Fruchtbarkeit des Bodens und 
,dqr, Menge, und Beschaffenheit seiner Produkte unsst sich aber, 
f ^ßnn nicht andere , außergewöhnliche Verhältnisse wesentliche 
j^njlerpnjgep einführen , im Allgemeinen die Ernährung seiner 
Bewohner; und wir können annehmen, dass, was die ersten und 
jfpU^ejuJigsiten J^dürimsse des Lehens anbelangt > der Orient alu 
nflpK Qt^u#ität un(j Qualität der Erhaltung seiner Gesundheit weit 
^|fPfift()hend^r„Iel?l und leben kann, als der Occidentale. 

-: 7 Eti ist. noch etwas Anderes ^ was berücksichtig* 311 werden 

-^erdientj Der Oti^njtaAe säet #pd Gqttes Jiebe ;Sonne bringt; f ihm 

sicher einön: mi^hUöh«n Segen, jiiiseinrScbeuaen. .;P$r Oc^icjpnr- 



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t*ie Met; aber mit dem ersten Sfefctftentorn, in auf den Aek£r 
fällt, hfegtant für ihn eine Zeit der Sorge and Angst nie Bp» 
träge, dte ** von dem mit unendlicher Aufopfernd^ vate Zeit md 
Mühe gepflegten Boden zu gewinnen hofft, sind •nitoher, und 
ein einziger Stnnrt vernichtet die« Flüchte einer iangwi und schwe- 
ren Arbeit. Während der Orientale in sorgloser Bube der Zeit 
der Erndte entgegen sieht, die ihm sicher verspricht, was er 
gehofft, dnrchlebt der Occidentale Viele schwere Stunde* der 
Antobt und Hoffhung , und das , wofür er ihnen auf immer vejp* 
pflichtet Weihen wird , dasrst die Aufregung, die gemüihliche 
Spannung , die zurüekbleibt. 

ihr Terktkr. Bin Hauptgrund jeglichen Verkehres mit der 
Aussenweft ist zn allen Zeiten und bei den verschiedensten Völ- 
kerschaften ursprünglich gewiss die Noth gewesen , und zunächst 
wohl Mangel an Nahrung , als Folge entweder eines ungünstigen 
und rauhen Klimas, oder was« ziemlich gleichbedeutend ist, der 
Oede und Sterilität des Bodens. 

Die Thatsache steht fest, dass Orient und Occident , hinsicht- 
lich ihres Lebens , ihres Verkehrs mit der Aussenwelt , man kann 
fast sagen, sich widersprechen. Den Occidentalen finden wir in 
der ganzen Welt, sei es um seinen Neigungen und "Laimen zu 
entsprechen , sei es sein materielles Wohl ZU begründen. 

Der Orientale bleibt wo er geboren, und die wenigen, die 
es wagen , sich uns zu nähern , sind ehtweder Persönlichkeiten 1 , 
die der fcwang, namentlich politischer Verhältnisse. mW zugetrie- 
ben hat, oder, und wohl die meisten , solche , die an ©refta^ 
Städten lind Hafenplätzen , die dem Occidentalen durch die Walten 
zugänglich geworden, mit den Sitten Uüd Gebräuchen occidentalen 
Lebens in Berührung gerathen isind, Und sich nath Äntf flach rtftt 
iÄnen befreundet haben. . . h , 4 

Es ist wohl anzunehmen , dass diese Differenzen , ein stren- 
ges Abgeschlossensein bei dem Orientalen', bih vielseitiger' unid 
lebhafter Verkehr nach Aussen btei dem öcfciderrtateh ; vom tiäris 
ans ihre^n wahren und vielleicht Emsigen Grund eben in de* Ver- 
schiedenheit des Klima* und der an Ou«nUm wfceQuäBtat we^en^ 
*<& verschiedenen Pitdttclivität dee Badens gehabt! Indien. . 



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fth wefcs Hicht, Weiches Lobs das frerieidehswertfcere ist:. 

Während der Orientale sich nur fottg&am und wohl nur durch 
sich selbst weiter entwickelt , nahm die Bildung das Occiden taten, 
eben weil er »ich durch Andere weiter Zu bilden 4uoht, rasch 
einen schotten Aufschwung. E$ ist ein natürliches Gesetz, , dass 
nach, dem g eistigen Fortschritte zunächst auch das. materielle .Webl 
stob misst; und wie Handel und Ge werte , Kunst und Winsen*. 
-Schaft aufblühten,. Stieg natürlich «bch der Wohlstand. So lange 
dieser nicht das Maass überschreitet, und so lange derselbe das 
Gemeingut eines Volkes bleibt, fcaim er nur Segen bringen* Aber 
der Wohlstand ist eine Mittelstufe , auf der man nicht stehen bleibt, 
auf der man nicht stehen bleiben kann. Das Geld ist ein gewal- 
tiger Reiz und ein mächtiger Köder, wenn man im Stande ist ^ 
seinen Werth zu beurtheilen. Sollte er unbekannt sein , wo der 
Handel blüht, wo man den Mangel gekannt hat? Unmöglich« 
Aber die Frucht des reizenden Goldes ist die Habgier; und wie 
die Habgier des Occidentalen mit Hülfe eines scharfen Verstandes, 
der List , ja selbst des Betruges , Einfachheit und Einfältigkeit 
gegenüber , die reichen und unermesslichen Fundgruben des 
Orients aufzufinden und zu erschöpfen sich bemühte und verstand, 
fielen ihm Schätze zu, die rasch seinen Reichthum, das Endeziel 
seiner Bestrebungen , begründeten und befestigten. Doch mit 
'diesem beginnt sehr nothwendig der Verfall. Je grösser der 
Reichthum, je rascher erworben, je grösser die Concumertff, 
desto schrankenloser die Ueppigkeit , die zur Verweichlichung, zu 
geistiger und körperlicher Entkräftung führt, desto ausgedehnter 
Und gewagter die Unternehmungen , die das Gemüth erregfen und 
erhitzen. 

Und Sehen wir uns uto , s& werdeh wfr überall , wo auch 
tirt&rr Auge in den Ländern der civißslrteta Weit whheratreifen 
mag , mehr oder Weniger die traurigen Zteithen überhandnehmen^ 
der, efrftkrsftigender Ueppigkeit und dfc unglückseligen Folgeti 
tartsetts gierigen Specotationsgeistes entdecken. Doch weiter. 
Wie dte geistigen Mittel zur Begründung dfes Rgichtham* nach 
Üer individuellen fertönKAkWt verschieden sind , wie die sociale 
oder civile Stellung des Einzelnen bald seine UntefBehttmngfcn 



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fördert, h«id beeinträchtigt, ja ;g*u&üoh zu hindern rat Stande 
ist , m$S8 auch der Barometer der Silber&aulen in jedem einielnen 
Hanshalte fallen oder steigen., ,-....,. 

Je ungleicher sich aber dieser Reichtbam vertheüt , desto 
rascher und furchtbarer entwickelt sich, wie die Erfahrung lehrt, 
die Arrtmth , eifie Annutfi , die durch das Beispiel geleckt , das 
ihr täglich gegeben wird,, haben, besitzen und gemessen Witt, 
ohne au arbeiten« Ein entsetzliches Proletariat, wo die gemein- 
sten und niedrigsten Leidenschaften , Unnrtässigkeit und Lieder* 
keit zu Hause sind, ist ihr notwendiges, aber trauriges End^ 
jesultat. 

Der Orfent , der sich nur längsam aus dem Nichts hervorhebt 
und streng seine Abgeschlossenheit zu bewahren sucht, stellt ein 
ganz entgegengesetztes Bild, dar. Da er nach Aussen, wenig ver- 
mehrt , sind ihm die Genosse fremd , die dem Europäer zur Natur, 
zum ßedürfniss geworden sjnd.. 'Sein Boden gibt ihm hinreichende 
Nahrung. Er ist zufrieden damit, und die erste schöne Eigen- 
schaft , die ihm unverschuldet eigen geworden , ist die Genüg- 
samkeit. 

Sie ist der Grundstein jeder wahren Glückseligkeit^ und hat 
dem, Orientalen, eine Existenz geschaffen , die alle Bedingungen 
erfüllt, den Körper kräftig und das Gemüth lebensfroh und heiter 
%$ ^erhaUem . •, 

, Di* Regierimgsforfß. Wo die MaGht und daa Ansehn ejpes 
Fürsten so .gross ist, das£ alle seine Wünsche von Seiten der 
Nation auf das Bereitwilligste befriedigt und befriedigt werdpn 
mü£SQ*v; dü3S diese ihm als getreue Dienerin, auf, allen seinen 
: Wegen gehorsamst eitfgegpnzuetfen gesiwjjjgqn 4 s t<; J a ü? gMW 
.ujid.^alljeiiHges Streben nur. dahin gerichtet sein darf , Alles zu thun 
.wasührn wohlgefällig i^ wo also die Ersihpifc des Volkes, so be- 
grenzt ist, dass jqde. freie Willensäjussenwg unter dem, Drucke 
/despotischer Gesqtz^ erlabn^ muss;. bleibt die Grufldbedjngung 
jeglichen Fortschrittes unerfüllt und j&dßs selb st3taqd ige .geistige 
, Streben g^hem/nt. : t , , _ j ■• ; .:•, -, k} 



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V> M^< n«n_t«el*ldere* <*ie aofch<i Winde «ril unbedigtefirge- 
b#»hett dtr> Menschenwürde not* so wehig entsprochen werden; 
tMf aadi fci dieser Unwissenheit die eigentliche Würze des Le- 
ite» werteren gehen «ad der einzelnen Persönlichkeit jeder hohe 
gtinltge Genas», der «äs so innig ans Leben fesseh, und uns 
danelto*» liefe »ad theuer macht, entzogen werden : je wettiger 
«h die fhHigkatten des Geistes entfalten können , arid je wehr- 
te* derselbe mit der Aussenwdt 'fcn seiner Fortbildung ' and Ent- 
wicklung te Berührttög tritt, desto 1 entschiedener wird er weh 
«teer Menge schmerzlicher Empfindungen fiberhoben werden , die 
die Gesundheit and zunächst die Ruhe und die Zufriedenheit des 
Menschen za beeintricbtig&v im Stände sind« 

Und je leichter .die Fesseln sind , die den? freien Walten und 
Schalten des Geistes durch die äussern staatlichen Verhältnisse 
aufgelegt sind, desto ungebundener werden* sich seine Kräfte 
entwickeln, und depto ausgedehnter und mannigfacher die Gebiete 
sein, auf denei) er sieb bewegen kann, auf denen er sich fort- 
zubilden sucht. Je reicher aber die Schütze sind, die dem Men- 
schen die hohe und, schöne Ausbildung seiner gqistigeq Fähig- 
keiten und Anlagen zufuhrt, je weiter seine Erfahrung reicht, 
je mehr ?r gesehen, gehört und empfunden , fo mehr ^r geuf- 
theilt und erlernt hat, desto zahlreicher wejfden, auch die Prüfun- 
gen sein , die er zu bestehen hat. Und in gleichem Maa$se, r wi£ 
sein Geist sich bereichert , wie er an Jfrkenntniss zunimmt, in dem- 
selben Verhältnisse w,ird auch die . gpmütyljche ftk&tung , seines 
Lebens ^urch die. mannigfachsten Sorgen und Bekümwniis^e afr- 
"fieift prerden f{ und früher^ oder ipSte* ihre Alter*lH>W ^ -öü- 
kennen ^ebeif,. ; ,,, . ,. , f -, -,., : .; t ^;" !; *. p 

:- Wir Mhm <He*e Gegentftz* durcK deti Orteift hnd Occidfeit 
iV«^*rt. B*r Orientale ist Jm ; wahren Üffline des Wortes der 
Sklave seines Tasten; und wie er mir in dem Willen seines 
Herrn lektty mtfss jeder seftstsMindige Gedanke schon in seinem 
-EnHteb^i »tferdiWkt wetden. Gdttig* Trägtert ist sein h&vör- 
ragender tftartkterzüg, aber geeignet, Alles fern sü hatten, was 
deptioÄefcd M 9m einwirken Könnte. 

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TM8 

-. ß& Q*Mfi*bk » dttr<* ffm&atBlmitiiimmn*^ oder 
;Yf<*M*W »W FfeikiMpt geboren* fct tu<;to»Ä^i^ea!Ädg^«f- 
jep, r wd 4*&« WM.'W.erseifAtf. flfai'tr. göwiart* iü *j*,\$t«k 
«&f "Pf «p^MgW ThMigNik Ifc&ep imuft ßnbfvwwrti wendend; 
umi wie . jtt#*s Sptyrttewwstsem 4en Kfcrgtfz wm***? wW dffr 
Fpr^riH b^cl^uiugl wßijde«*. , Jüwrmükke* SUtobeä wlh 
.eine^i Jtijel?., da« j^c)* ^er y #t , 4JsdBß ir ,W*ä Li«v , 1feettts i .ei&- 

eme ^M>^ f %# |>e$M«Mnt #*, Gr^fle ^»4 jfe« fefc^uMfttar 

ohne <Me $P|rg£ij z« ti^neft, fdi0 ; ll^. MfWM IW*B*I» *JrtWnrtir 
mungen bereiten, sii^t oi(^| : *^€^;djftSJ|^ff^|^ 4#nft4Spft<jl£- 

lationen. 

: tn der itn Vergleich zürn Orient weit freierh Verfassurig ,der 
Staaten des Öccidents 'liegt Über zum grossen TheiTe nocli ein 
'zweiter unti, je höher die geistige Culturupd Bildung, desto 
grösserer 1 ' Üebelstarid. Mit dem freien geistigen Aufschwünge , 
nih dem Fortschritte, der' goldenen Frucht der Selbstständigkeit, 
steigt' die Forderungetf an jede' einzelne Persönlichkeit. ,So 
lange diese' Forderungen nicht da* Maass übersteigen, wird ihr 
Einfltiss nur t wohithätigf s&n köntferf. Aber es kommen und müs- 
seri -Zehen Kommen, wo diesen Förderungen * nicbt rriehr enlspr^ 
"eben, Wer iwr'atrf Kosten un&feref Gesundheit entsprochen wer- 
den katrn/ "■"» '-' *'' : " ] •' :; '/' '^ [ "' ''[ ^ <" : / T* 
' - Werfen Vvir einen Blick auf unsere : heittige <iccJfdentäie ;1 BiI- 
düng, Stf w^rdenf wir der Bcweike genug' finden, Üa'ss sie aiif 
dieser »Slrfe 'fcngetöftgt : tet, { wo clie Erfüllung «nd ! ßfefriedi'gung 
iffre«* AW|¥ö%Tte 4ber un&tfe Xräftcri titoatisieicht und ciiAe AJd>e* r 
Spannung derselben zur Folge hat. Die Erziehüiig der Jugend 
: i*b t eipp id^r «Jti^geB^tefi r . Mv^,** WgenWMgfe, -iWte sie 
..ttlpptybHfr vyipd?, *pt ^{f^r^ijg, mu\ati#* -m gtiük*t.m&t 
Mi& JHI?^ w *Sii 4fl ss t ^e #"utef Wrtpr ;4^lÄ*Wt«tefe«if»Vdi^ 

Grund haben, dass die Fgr^rjNpg^ rf 7< j| 9 ^^ag^^A^Mpi 



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Oft» 

Ie*v f ) <ter ifc* <dtirclii?*e*r seih* H n^ T^te -eigfco^i 

Kräfte eine seinem Stande entsprechende Stellung in* der Welt 

?etfcp9ff%n f^Hi:, Pupk unserer ty^rhäUntese^iHl ifcs: hfheii Gra- 

,de$ ynfQf^S BfWu«g. «ttaatüflic|i ; in dje Höhe geschrobeu sind. ; 

' Ml ßrietyr^ wrt dec s^hmffste arid liärteste Despotismus dem 
-Volke yaMs ;deti>s\9lm<\yge geistige "$taeb*n. untersagt, kann «liefe, 
-wk sii* ¥*» selbst Y*r*te4rt und w*M!*icht weiter möthirt zti 
•jwiwdeB Urariohty voni'eiftetf Dfcterreiznngikier Geisteskräfte keint 
Ked^.seBi; twrtd.dle aohöneö süssen •fipiele^^er Kindheit, ftnr dip 
itriistrft Jngend io gmusfeit hfttnfrgea HÜrd, jdie ihr lieblos eart* 
«ögea werdet, horeit »cht. eher *•£, ab; der Tod ihnen die 

i Dt> Re(ig,ton?rwhältnis$e+ Moreau sagt sehr bezeichnend *n 
jseipen Recfrfrches «st/r Us pljencs en Orient .' «Pen^tr^de sou 
uippp'ssance, e,u face ^s lote qui pre^de^nt aux ph£noni£nes <te la 
oalure,, abimant sa ^poojaneite* daijs Ja Toute-puissanee de Die\i, 
( an£antissant en eile sa volonte, sa.rajson* rhoiume d'Orient ne 
songe poirrt ä lutter contre la destine*e ; il acceple avec räsfgna- 
tion les gvönements qu'il n v *~fes voulu pr^voir. En toute cir- 
constance il rend hommage ä la Toute-puissance et la justice in- 
-fettlMi kte/Di0Ui üAllAteTira!» rf «rfcdkö&nWi'U leite est sa 
devise. Ainsi premunie contre VaÜT*r$?t;e ^ ä fabri de^tttotiöhfe 
JdqvAtoffy'vlttafe du MtJsuktoaus st petf ambitieuse, «Tailleurs si 
peu tourmentäe, serait difficilement empörte en dehörfrdes ümites 
de ?t«t 4tit*manah j> ; : » »-.'. - ! '• •?■ ' *° 

c iu ^Dtor Ösfcblehliüeittt Hiifehr/¥enAantUBm^ab^, ats ndtig und 
geduldig alle Fügungen des Schicksals über sich ergehen fcu las- 
sen, zu sehr VerttanieüartMi «h , »fr als gttiAiger -Christi die 
Prüfungen , die ihm auferlegt sind , mit Ge^W uqi Ergebenheit 
zu tragen. 

Der Orientale niownt in dem aner^hjHteflU^euG Laiben an 
4^$ jjatn^ f in^n^ alle s^Qe H^qcyuagen beherrschenden Gefühle 
setqe*; 9JfWPf|i?ht , , r^g? di#^/fitf fpngsjt kpo* wäbpwrf ; dei* Occi- 
dentalen, da üw eii^^ dem \$fffrwAfi aeBge«chafren\e Religion 
^ fjpJier^ ^ jr^lhargs ^ri^s^a^fe gsgeu.dje jU^rqifcht 



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4eprimirender Einfltttie versagt | die föthMgtf des Mricklfri» m 

Boden drücken. . . » 

Weif ein wir nur einen flüchtigeh Blick auf die religiösen Ver- 
härtnisse der Jetztzeit , auf den traurigen Wi*r#an^ d6fa der ent- 
setzliche Drang * unsere Religion zum Gegenstande philosophischer 
Betrachtungen machen au wollen, hervorgerufen bat; berücksich- 
tigen wif nur , wie viele hundert und hundert verschiedene Ser- 
ien existiren, die sieh im Wesentlichen nur/ durch diese oder 
jene Erklärung dieser oder jener Stelle aus der heiligen- Schrift 
unterscheiden, wie viele noch täglieh entsteheh und entstehen 
werden, so müssen wir begreifen, dass dadurch der reine f un- 
erschütterliche Glaube zu Grunde gerichtet und in den Herzeh 
der Menschen Zweifel rege gemacht werden , die zu Zeiten der 
Noth und Bekümtnerniss jeden' Trost unmöglich machen. v Und 
mag auch' ein Türkenglaube noch so entwürdigend sein; mag er 
noch so wenig unsern Gefühlen und Ideen entsprechen» er hat 
den unendlichen Vortheil , das«i er eine Ruhe dem Gemüthe gibt, 
die 'jedem Ungemach Trotz bietet. 



j.Auä dem kirnen Rtfsurad obiger Mitteilungen , ; waches. da>- 
hin lautet^ dass das Orientale Leibeov ,*.»■/. 

1) die Empfänglichkeit für die Eindrücke der Äussern«* herjd)- 

2) die Thätigkeit und Kräfte des Geistes uriangeregt lässt? 
'3) sorglos macht, dem Innern Ruhe und Zufriedenheit gibt, 

A) zur Ebrfachheit uhd ftenüg*sa«fceit führt; > i- r 

während das ttccidentale i ' * - : 

O die Empfänglichkeit erhöht ; r - ' ' " 

2) die Geisteskräfte Überreizt und tiberspannt} ff ' 

3) gemüthfieh erregt, die Leidenschaften weckt,* eine Äehge 
- "' ,v depriihirender Einflüsse, Wie ^fotliV Sorgen* gekränkten EhN 
r ' geifc, Räue, GewissensBisae hör^ruft^uhd 1 * ^: 

Ji < 4} zur Ueppigkeik uhÄ ; UnmäasigkÖt' iÄder ein^r, M ^ *** 



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Martgel t ImrUhXh «d Entbehrung auf der andern Seite 
Arilass gibt; -^ ^ 

fösrt «rieh nun der Schtoss ziehen, dass in diesen »ehroffen Gegen- 
sätzen die Ungleichheil der Ausdehnung des Wahnsinns im Orient 
und Occlden* begründet liegt und ursächliche Momente der Geretes- 
Störungen in 

*) ehter hohen Empfänglichkeit für die Eindrücke der Aussen- 
* - ■- wcflt;* • 

2) Üebefspartirang der Geisteskräfte ; 

3) gemütMicher Erregbarkeit, Leidenschaftlichkeit, der ganzen 
: Reihe deprhnirender Einflüsse ; 

~ 4) Uöpt>f jg&dit und ürimäisigkeit, Mangel , Nothund Entbehrung 
zu suchen sind.' ' ' l ■ 

'"'' Bfevor ich meine Aufmerksamkeit vom Oriente abziehe, er- 
laube ich mir noch Ems zn berühren ,' das von der^grössten Wich- 
tigkeit ist. --> ;: -'!•■• ».••.:.'-.'....'. :-•: 

: Die im 1 Oriente angestellten Uhtersüchun geh über die dortige 
Ausdehnung des Wähnsinns habetr zugleich die'Thatsachd fest- 
gesMllt , dass der Blödsinn unter allen Formen der Geistesstörung 
die vorherrschende , ja 'fast die ausschliessliche sei. Wenn ich 
vorhin nachzuweisen suchte , dass das Orientale* Leben alle Be- 
dingungen, oder doch die Hauptbedingungen erfülle, das geistige 
Leben vor Alterationen fcu bewahren, damit also auch geeignet 
ist, den Blödsinn als secundäre Form fern zu halten, so kommen Wir 
unwilHiührlich zu dem' Schlüsse , 'dass eines Theils die Formen 
des Blödsinns im Orierft die angebornen und die primär erWtfr- 
benen seien, andern Theils ursächliche Momente vorliegen müs- 
sen, die mit den oben angeführten / die Ausdehnung und Häufig- 
keit des Wahnsinns im Allgemeinen bestimmenden 9 in keinem 
Zusammenhange stehen. 

Wie uns aber ein Gebrauch, eine Sitte, die das Orientale 
Leben charakterisirt , und ich meine den Genuss des Opiums, des 
Haschisch , in den verschiedenartigsten Anwendungsweisen , als 
hinreichend bekannt ist , wie wir uns ferner über die physiolo- 
gischen Wirkungen , namentlich des Opiums , als Berauschungs- 
mittel, Rechenschaft geben können, ist die Behauptung zu moti- 



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94» 

yjfen, i#»a <ei* ,*<**mtUetatf irttotogtetf e* Mörotirt ^ör JWlßgkeh 
jener oben bezeichneten Blödsinnsformen direej' fl%d : inject in 
de» MisrtiwwM ** Opium*, d** IteAto^u** äto*U<**r Mi*-; 
fei W JHtctan tsli - , ■ • -^i, :/;il- : , , 

... Hjeran reibw aich MittbeifctfigM # 4ieufif)li .««T: dsn Occidea 
beziehen. • i . ■ ' .» 

>Vje id$r OrU»t«te in mfisgeiibaftea QwqtttftUJM spi* Opkim 
verschluckt, bezeichnet den Occidentalen die ungeheure -Qonsunw 
Hon bekannter erhitzender ttuej nameptliclf spifttpefteif fi?t£än$[e. 
Pws auph die*? ßipen , wesentliche* flif^ss; aitf $i* £#milt*ng 
der Geisteskräfte ausüben, bew&i#ft ejn^ Th$ü* 4ift Aabujichkeit 
der Wickuqg oriqitfater B^rÄUsc^uugswyti^iirKi da^wWS** 1 » fe- 
iern Theils eine Reihe sorgfältig angestellter Uptersu^Pgeiw 
Ich erlaube mir eip$ Tl^a^ ^y^^^beA r) 4i*^t^ nä- 

S. 687) finden wir einen Bericht über die Irrenzahl tyupj)*'*« 
gs taipat dort *. <$Jjater ey*eK Gf s^i^^o^eniq^ ypiv . ; f 20? 154 
S#Men gahef ( 1343 JMctf*w$ige ittu) ijCß? ,W,^i^ig^ ,i0.ftroiiia 
2370 Uxe t rnitfijn auf 45% Einwohner, ^ii^/(fifis^fkjrj^en t <J t .lu 
a f §93 EinwoJwiJpr «i^ JMi^iiHijgep^ 
siiwigm. „ DHe* üfsach^ , dieser traurig** Er^^iyigp^ ,lipgf in 
<Je» ^ber^^5ig€Ä Br^ntweipU-i^w- ; : Wa^-^wl fl* England 4M*4 
ü^es *, wo . die, genauesten Acpi^eb^e^niffi^^ ftuw tBe^ffget, die- 
uen r i#$ Verbrauch des Qrniipt^4B|QfL ! -iiif) z .9 1 J9gt f||i^4fict.iP0nw» % be^ 
trägt,, in SchftUlftnd 2,16, jn 4 lrlajwi 0,ß* ityd in^e* <^* Könige 
rejcljep v mit Ejascljlwps,, d#r r KMer ,uqte£ 15t Jahren,, iqi Ityrch- 
ssfcnitt, inur 0>82 v findet, nwm dagegen, ^.(ra^a* : wo,.4ie AscUe 
kempswQgs,. so ^nau ,t*eßufsicMg$ yif^ \y^n^n #<*. Kinder 
mUer 15 Jahren mitrechnet ,, 2,45. aurdiePergon ^,^^fi $s mos* 
viel mehr betragen. » '..,,.*.,... 

Ich könnte noefy mehrere decartigf Qeiaßiole anüilyren* wenn 
fH der Raum für diese Arbeit gestaUete. T / c! r :. . • * 



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-■: .' *! >*, -. \ • > . /:. 'TP». A* Vovb.vU * ., .i .'-.'1 ' -y 



* II. f Die Gefahren der tracheotomie Im Öroiip. 

(ForlsrliiMir am Nr. VIII. S. 25f.1 

&< Akvto Mi <*rom4rtoe An>hy*ie, BräicfcHii, P«tii«ooie Hack der 
:. -. :.».-,'* vi - 1- ' t .: PF r *! iQn < ..-.,-■ «,.;. ; ,. : - : \ ' 
i/ l& tst^weinentf m {ifteSg femttkte ßrfehm*g v das* 
Irot* einer mit Geschick und dem tfhicWidhatdi tttraenftaMeJhr* 
(Olf^i tmUgf/Dhrtteu ?r*4t<NftMBifet>im Cftrap^iifd tfota ctiner ftrg- 
&W*f : g»l#ikfcii' SaritefettuU»^, deck n#ch daaiSfeh*«* de* 
DütoM**?«**)* tat* Himpbe de* Qp^rjrten sohw^tt, uadwt s« 
t& d*jh**wfch$)Hm, ItoLlMkhem dw^.sdhwe4rt f MiTeMfcL 
Meist **fa|gr teMosh de* Tod tfiirdi Asffcyxie. ,$«* «ham fwir 
■idfliinMBMs»*,*» tfna itliptafc* BilA de^ a^bjkikdka Tode* 
*u *W sepwteäUieh jfei^iefeiieft. tat* jd neck deift die e»ati-> 
cJmnm*$ Vffia db« » ptettfi dt oder >la«§saitt evntipkt* «der je mtb 
cfoaff 'dftofdb* *« :<* e & ^ffW^f dM S^nohMlkwinPM^dffir in dessen 
V«MWf^gtf90Mi wn4 Kw)ifung<ta *v *Mfcw 4»h > h*. erstem FfU* 
hie^ *#i^i 4Hi^ d^i PiW <fc* < frsttekeftde* dir* #» gewa^Ni« 

g*g<W ev)i*pi*,dw 4#e9 4*w* jw# Mö^? 6 «****»* unter M- 
l^m^iM|RS§c|^(äi4n : i|aid b^c^BWigNTtw 4ft«* wie taiimgftH 
•älwmgk Äwich^in c^eM«»**» ftiewow* ,N iOw#<*efc K*H*^ 
MH«n -^Jfetiff *#W:*WftrtwM tegftWWMtf* ** ** «PW*rt» 
scheinung erfolgt bei beiden Fällen der Tod, djurcb wfigejpdw 
Zutritt von Luft zu den Lungenbläschen , bei der akuten wie b*v 
der. cheenMHfeii' Asplfyxie* • ■ • 

n* btfphai seltenen fätfi, ytriß yv\x gesehen baten, eleu Eintritt« 
Wfilut».fret*fa^ war dton <&t*« 

lethalen Ausgang herbeiführen kann, wenn efr Iiit einfr ÖfonrtfacW 
«WftcteW: «ybrrfAftft ^«tfAl«ft d^f ^ÄWRtMh« fltf A& ?in- 
lidurung der ftanüfe hat man scton ürstickung einfrpteo so^en : 



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9M 

ein Umstand , welcher heutzutage , bei der verbesserte« Teehntek 
der Opertrtiod ,^ rftcM mehr vorkotnnfen sollte.' 'Die bei wettern 
häufigste Ursache der akuten Asphyxie liegt aber in der Ver- 
stopfung der Trachea , eine Ursache , welche freilich meist 9 im 
unerschtttterten Vertrauen auf die Bretonneau'sche Doppel- 
kanüle, unbeachtet bleibt« Noch mangelhafter und daher ganz 
verwerflich ist das Einlegen eines Stückes von einer Kaoutschuk- 
sende, wie es in England vielfach geübt wurde; es erkläret» sich 
daher zum Theil die traurigen Resultate, welche in England mit 
der Tractaeotomie ersielt wurden, so lange man sieh nicht der 
frarizisischen Kanülen bediente. 

- Eine dem Croup eigentümliche Gefchr hei der lYaebeotomi* 
Hegt nämlich, in der Ansammlung-, von Pseudomembranen und veiw 
trednetew Schleim ia der Luftröhre , unmittelbar hinter der Ka- 
nüle , • wie es jich auch in unserem Falte (& 101 ) darbot. Et 
ist bemerkenswert!*, dm diess Phänomen der PftrOpfbildüng ge- 
rade da nirgends Erwähnung Badet * wo aus Mangel eines Röhr- 
chene- die Nachbehandlung* ohne ein solches valteogen werden 
mnsste , oder wo sehe« am folgenden Tage nach der Opera- 
tion das Röhrchen entfernt wurde *>; wflhrtnd es auf 4er andern 
Seite «nen der constantesten Vorfälle bei der ununterbrochenen 
Einlage vo* Kanülen darbietet. Man muss daher in der gebräuch- 
lichen Anwendung der Kanülen einen Hauptttbetetahd erkenne», 
welcher so manche glücklich vdlltogtfne Operation noch nechtrÄg- 
Uch vereitelt. Wie oft ward* nicht die glückliche HeHutag bef 
drohender Asphyxie nach der Traoheotomte nur durefc das Aus- 
werfen eines SchfeimbaHens nach momentaner fintf^rnnng jener 
Kanülen beobachtet! - 



f ) Ich erwähne unter vielen Andern aar die zwei Falle von La» 
glmard (Jowm. de mtd. et de chir. 1851. Art. 4404), Jen ersten 
Fall von Weber (Zeitseh. für rat. Med. Von Henle und Pfeufler. 1852. 
Bd. in. S. 8), den viertel Fall von Volk mann (deutsche Klinik. 
1857) und einen FaU ton Valentin Btrd (Jetrn. fSr Kiadaitoaufc* 
heilen. 1858. ß, fO- 

*) Wie is den iwei Eilleu von Bon 11 and in lisioges CUmpm 
mtdicale. 6. Autus! 1850) und in dem ersten FaU tos Passaranl 
in Frankfurt (I. r). ' T . : : . 



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' Btenkm *fr data*, wie da* Bronohtalftta^ihmli Jwrd die 
FKtamejfcewegung dtr Schleimhaut, theüs durch Hntteortöfse fast 
mir ifngit Ar Trcühealwändt herauf befördert wird* so leuchtet 
ei «n, dqst es sich theils in den Hohlraum des venrnHoaseiten 
Kehlkopfes ziehen *)$ urid die nachträgliche Odflfatig der Glottis ver~ 
kitten, theils in dem curcultiren Ranne zwischen Trachealwamt 
nnd Kamtfe fangen und anhauten muas, bis es sich wi Jetten fe- 
fifhriieken f fröpfen belli, welche das Lnmen der Trachea« vett- 
kommen verstopfen. Senftleben 2 ) glaubt daher auth , das« 
Aian nach der Operation mit der Kanüle besser waiid , bis d*e 
Hustenanfälle den angesammelten Schleim henittSbef ordert haben. 
Dass man mit der Kanüle künstlich die Expectoration verhindere; 
zeigtet* auch daran, data das blosse Reinhalten derselben OiMtatf 
bei doppelter Kanüle) meist nicht ausreicht «um OffenhalWn des 
Weges : gewöhnlich werden noch durch Einträufeln von Waiser,' 
ätzenden oder auflösenden Fähigkeiten, Einführen voft Sonden, 
Wisohenr n. s; w. BftsfeAStÖSse erzwungen, um durch diese* ge^ 
wattsam die angehäuften Hassen in das Röhrchen schleudern in 
lassen. Bisweilen begegnet es daher auch, dass das eperirte 
Kind bei drohender Erstickung durch äusserste Hnstenanstrengungen 
die Kanüle stimmt dem gebildeten Pfropfe aus der Trachea schlen- 
dert und dann wieder frisch aufathmet. Wie Speftce*) inEdi*~ 
birg darauf 'adrmerksam macht, dass die Kanttien die Expöcto^ 
rtfticto erschweren, so rieht man sich auch in Frankreich geiiwtiri- 
gen, von Zeit zu Zeit die ganze Doppelkanüle zn entfernet* 
(TröuSseau und Gdersant). Dass die Röhre bei kunat- 
gerträsser Einführung die Pseudomembran von der Schleimhaut 
loslösen und vor sich herstossen kann, beweist ein Fall von 
Anjoü*}, bei welchem sogleich nach Einführung der Kanute 
der asphyktische Tod erfolgte. Ich glaube daher, dass mit der 
Umgehung der gebräuchlichen Kanülen die Aussichten auf Erfolg 
bei der Tracheotomie noch bedeutend steigen werden. 



*) «feilt Weber (1- c B. 571). 

3) DeuUhc Klinik. 1857. S. 499. 

*) Journ. für Kinderkrankheiteo, 1858« S. 44. 

•J ' » • ' „ " ' 1857. S. 205. 



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«;!> Ktubnl&aJftlfeaifaaBBte IvaiLiie >ntü "sejtiteilrinn Auge* «irtlehe 
ViifliazvttBilftiiifl boi Erwarfhseku» m&hteadiA smi mmkfüUM 
\Mk>nb& wreliht /auf Tafel L. FigJ V (aieto.MirfheCt) tu MttkM 
Mdm^hOsae Aviefergrfebeii oty fct*dahifribt4m>6raapl*der Hi»-> 
d« ab feto anpnH^Ähes riod^ttkricfaBfr lrutrtrinBnt>aai **«äldh- 
tot Siri istriejwHaib auch «schon to« ainer a^ttm ><x>dipeteirtdretf 
Sate^H*»«- Itij0f/^ Wochenschrift >J86&h ä*arfi «ngfi^riim/Wöi* 
dtfe/ «ml at%t* Sie*** ^ wetten Falte von VlolkimanmffdWhdW 
JMfttA., iQ&.-'Nrl>SPl-4fo wibwHdib^ru )8ie aug rfamögia.ibffa« 
Ofegefitfideto» JSiHfeft di*; Entführung: fce*wlWrmi: erieichfcto, u»* 
vmWftf r : fweml i*M frodjiferi4 wf;4w Trt^hflalf«hl«toihwili «i>^ 

IWfHfe iWte«tW>tba?s, ;V**tbaite .Na****** P*k fo* ktäMhr*** 
fM^^ jiTV) Croup *nd b?j . Frepftdfeöif er* fit dftr/^iwttfJMftt ** 

eJA^fai^ ^eülkto* Au^ aiapn W#f **tk4J!n4flriHM3^ 
ö#«fe ^«IfflilW^afc^ f*n der. dü«ttfgiHfep;f wej|e , i; wteteifr 
Vig-nYJ rtg»*¥l4«A irtfin; gseigneAeaa* ?hi^|^i##4 >; V^fPQhN[ W 

jjffcBip. «./, *>..[, , •:.-.; -.:.:>?.. !',:;.•> \ ■;! :• ..: .;;»: l .. * * r 

h^0H^aden^ii^kf schwach fejiwrnden Bwg^9W,^^ilfce£4P^ 
iWtmwPv&V* ^kWflew» i: W****» a^MM«^ V«lv#<M» 

Wfifcfct^Wfc J?*fW» W :^W ««nau oa^lwie^. Zugleich 4ii>4 W 
4q^typ4fn ^es, ß^g^, .atph.a^uwen,, -yofj 4pii| r Anpaj^B dtft HattK 
Itgftäl*, ^jreit? Storni n? iurfixaMpp: 4ep ^^fNWW^»-Wafi^•*^^ 
^ ^bkmialp^ ^^h^^fg^eUlJfnd^^d^^.^i ihre^n 
)Mß ifWtf dip. seUl^bf n ^#eflty#¥j? g <^iau einander paralM 
gta^nr, ^ 4iii*;ibre«r;E&de nicht ,4te, §phleimhai^ pu yierlßtftep*, 
V43"tfA j(u\t , einer iüeinea Yersohiebiwg *o \ f *i*ein*ndes gedtü<;Itf 
wwfd^n^ ^a^j ; »e.wch mit grw&er Leio^igkeii auch-, in eine kleine 
Trachealwunde^nfüJjjfe^ lasse» updjftst .voii. selbst Jfngs der 
Luftröhre hinabgleiten. Sind sie bis zum Ringe eingebracht» ao 
überlässt man sie der federndem Kraft des ; Je totem Undr liadtft die 
beiden Schnüre um den Hals. iHe 1 letzte* A k*mifti ; '>'W er eine 
schlecht klaffende: Wunde- verlangt, (füfeh feeliebigeq Zujg die 



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fod^raft 4^/Rjögß« UHteKSlÄtaen. ; la ticin, früh^-enj^fü^rl^i^ 
F«M* f H9PRlP &K *>)<%> «l^wugen j ..dpsfuttie«* ^»fW^^W« 
#9 r^WOTte .^^ e wl$bkeH, gpH*gpi* ^? r 4?j:, W^. < d W* ff*#F 
a^n der./V^unjd? .terwisragetnde Rtfig vermöge *ei»pr ^i^pnjpje^ 
SteUumj .jede ,b$liebige Bewegung van $apf. und H^ls bei VW* 
tilgen Patienten erlaubt, sowie hinlänglichen Raum hiptei^ MOf 
altfälMg, aufsteigende Pseudomembranen extrqhireq zu ^öRfien, 
Binep. H^npjtyyrtheit die^ejS Instrumentes ernenne ich dann, 'diu?s 
durch dasselbe die flimmernde Schleimhaut auf der ganzen Vorder-* 
wand der Trachea in ihrer Coulinuitäl nicht gestört, und dadurch 
das unmittelbare Aufsteigen des Trachea! schleim es in die Wunde 
ermöglicht wird. Sollte in einen» gegebenen Falle die Notwen- 
digkeit eintreten » ein dilatirendes Instrument längere Zeit wegen 
dauernden Verschlusses der Glottis Hegen zu Lassen, und dabei 
eine übermässige Granulationewucherung mit Verschluss der Wunde 
drohen , 50 reicht meist eine energische Kauterisation zur Besew 
ligung bin , oder man kann im Nothfalle nachträglich zu einer 
gewöhnlichen Kanüle greifen, welche dann nach Ablauf des 
eigentlichen Krankheitsprüccsscs auf der Schleimhaut nicht mehr 
mit den gleichen Gefahren getragen wird. Ich vindicire also 
meiner dilatirenden Fincetlc eine grössere Einfachheit der Con- 
struetion und die Fähigkeit einer leichtem Einlage, ferner die 
Vortheile einer weniger gehinderten Expectoratiou und eines ge- 
ringeren Reizes auf die Tracheaischleimhaut, sowie eines freiereu 
Zutrittes der Luft zum Kehlkopfe, obgleich sie nicht im Stande 
ist , allen Zufällen nach der Operation vorzubeugen und den Ge- 
brauch der Kanülen vollkommen entbehrlich zu machen- 

Den Schleimmassen im verschlossenen Kehlkopfe hingegen 
wird auf keine der besprochenen Weisen Weg gebahnt. Sollten 
dieselben , wie es wiederholt gesehen würde , mit einem hlei-* 
benden Verschlusse der Glottis droben, sa erinnern wir den Ope- 
rateur nur an das Verfahren von Trousseau*) und Passavant 



Rilliet und Barth er, maladies de$ enfants , 1" Edition. 
Tome I. page 377, 

*) Union mSdicaie. 19 novembre 1853. 



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(\. t. &. 566) , weicht bei momentan verschlossener Kanüle 
kräftige Expektorationen durch den Kehlkopf machen lassen, tond, 
wenn diess erfolglös bleibet! sollte, an dasjenige von Gnersan f> 
zweimal mil Erfolg vollzogene Verfahren. Guersant stösst näm- 
lich eine elastische Sonde, durch welche ein Faden gezogen ist, 
von der Trachealwuhde aus in den Larynx uhd dringt so durch 
die Glottis In den Rachen ; dort fasst er dieselbe und zieht sie 
durch den Mund aus, indem er den tfaden in der Wunde zurück- 
hält. An das untere Ende des Fadens heftet er ein fcderkiel- 
dickes Büschel* Baumwolle, das er dann mittelst Träctionen an 
dem zum Munde heraushängenden Ende durch den Kehlhopf zieht 
und diesen so von den verstopfenden Kassen befreit. 

Trotz alier Instriimehtalhülfe aber ist der Operateur immerhin 
gez Wungen , in kurzen Fristen den Patienten zu besuchen, und 
selbst bei intelligenter Abwartung in eigener Person die Nach- 
behandlung zu leiten , um allen Wechselfällen im Augenblick be- 
ge&neh zu können. Auch gebührt der Ruhm einer gelungenen 
Heilung der Tracheotomie zum geringsten Theile dem, blutigen 
Äkld 9 zum gtössten Theile' einer aufmerksamen Nachbehandlung. 
Es 'will uns fast scheinen , als wenn das unaufgeklärte Geheim- 
hifs, dass die ausgezeichneten Operateure das Kinderspitales iii 
tarisim Crdup mit 'weniger Erfolg operiren als ihre weniger ge^ 
übten Internet, in dem ausgesprochenen Satze seine natürliche 
tösung fände. ' Selbst wenn der öbturirende Pfropf nicht eigent- 
liche Erstickung erzeugt , verlangt er die schleunigste Entfernung, 
9a in kurzer Zeit secundäre Erscheinungen eintreten, welche für 
sich , auch nach Entfernung des Athmungshindermsses , einen 
tödtlichen Ausgang hervorrufen: Oedem der Lunge, Coagulation 
des Blutes im rechten Herzen, Blutstauung und wässrige Ergüsse 
iäi Cavuro cranii sind oft die unbesiegbaren Folgen einer zu lange 
dauernden ftespirationshemmniss beim Croup. 

(FortseUong folgt.) 



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&0 

",' Rettung her pljirftofogte juc TrätQofogie im Mgemeinen , 
■, jlfe W^^W 1 an bet Äteuw ^ac^fc§uk 



! MMsir Itrttt Ichiff» «iehrbich der rbyrfoI<*tt». 

(Schlags.) 



v THi* Mlgefaeinste Verbreitung Waben 'Schiffs tfffafciwcfom.- 
! ym ttir Physiologie des Nerversystems mit Berücksichtigung der 
Pathologie» (Frankfurt 1855) gefunden. Seine « BeobathtungAx 
^dr'die nturbpbralytisehc Hyperämie des Auges,» — '«übet dm 
Ein/tuss des Gingt. Gasseri auf die Ernährung des Äuget» sirtd 
vöft' tiö*drätfcb*rem Werthe. Seihe interessanten Forschungen 
«über den Einflute der l Nerventähmungen auf die Erhöhung dir 
ihieHschm Wärme» verdienen gerade ini gegenwärtigen Augen- 
blicke, wo Wunderlich u. A. ein so' hohes Gewicht auf die 
Themometrie am Krankenbette legen, eine besondere Berück- 
sichtigung. Seine umfassenden Untersuchungen über die~Zucket)- 
bilduny im Thurkörper, 4ke Mäütmne tntl die Rette > \weUhed4s 
Nefwnsysteto dabei spielt — bökaimtKch 'Jubelt tbiät Wh der dä- 
nischen Societät der Wissenschaften gekrönten Preisarbeit — sind 
leider i Mch nicht in den» Hände* des ärztlichen PubMkums.* Die 
Artdetrturt£eri, 1 weiefte wir ans dem Hunde de* V6rfa*ser* sdlbet 
erhalten haben , berechtigen namentlich auch den praktischen Arzt 
Wide« höchsten Erwartungen. 

Indem wir uns besonders vorbehalten, auf diese letztgenannt 
ten Arbeiten des Verfassers nach ihrer Veröffentlichung naher ein- 
zutreten , möchten wir für heute nur noch Schiff s letzte» Werk: 
* das Lehrbuch der Physiologie, » dessen erste Lieferung bereits 
In unsem Händen ist, besonders dem praktischen Arzte recht 
*arm ans Herz legen, . Es werden uns hier nicht nur die bisher 
rigen Errungenschaften fremder 1 physiologischer För&hwtg mit 



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scharfem kritischen Geiste, in prägnanter Kürzer und klarer Ueber- 
sicht vorgeführt, sonti#A Afer* fydHM&i' $bt uns auch eine Reihe 
neuer, überraschender Ihatsackenw welche die Früchte seiner eige- 
nen rastlosen Tätigkeit $iq(l. Es gilt auph yon ^em ers^n Hefte 
der Sc In fr sehen Physiologie das Göthe'sctie Wort: «Und wo 
ihr's packt -^ da l£t's interessant >i\ imd es Wirrtite uns gewiss 
schwer fallen, eine oder die. Andere Stelle etwa als besonders 
bedeu^^^^eijxgr^^, \^\^%\ Wmfc^h.mffi* Le ~ 
sern einen kleinen Beleg für un?ßrn obigen Ausspruch zu geben, 
wollen wir beispielsweise Einiges aus dem Capitel «über den 
Nutzen der Flimmer bewegung' (S. TO und 11) hier anführen. 
-^ ^ö#*iNw $,«^iff , jw r 4w:von ^.l^telb^^^e^ Fischer 
,ab\vejc^n4^ ^ffo^tat^el^gf is*,<;$. &&X\, d^s.f tjüs^tgkc^en mg 
jiiv i^^h^ifi(P^e Körjerchen , ^efcl|e jcJip^Mn^rbHr^^ftft- 
jr^irf^^^m qiner ßichimg fortycsc^pben ^^^».jp^n^^to^tfV 
ifä iicfttyng 4fr Flim^^^e^unt ^t^^i^e^ 'if$ tT & \mfm* 
^%^.^rcJi^^chJiy^s, ,thpils durch ^gqn^ :äj»Sf^t *mr 

^9f* i A'JMtPtfiW* T r * e Mr#{lsefa , : wj<jj$e ^at^efc MwtfM 1 
^rKJ^9R ^b^^^^n.Schk/m^as^ij; be^u^ßf^r^^ . > : 

ich, aq Einern Lfraht einen, Körper,, wie eine. kleine purste, oder ein 
ik^nsÄck^irfWhfeii^körfnteV mit dem'fcb * -Ute I ÖberÖiche de> SeMeHft**. 
ikäub.Vcb rier^O^liiifflii taofc iinteb^^gbibMftm \«bAotefite ^»^oejriWi 
jag ^I^n^a^f^r^st^pYiJr^,, so ^abJcb v , da$s,$jcji A(At 4*lHVl«r 
,ßten Stelle an ? dje das Instrument berührt baUe, der, aus jjier IfUnge 
^onimehJe^chfehn^ansöm^eÄd, 1 hier 5 häufte er sich äo knge J bis 'ir 
'*ü! sokbör Ikn^e iioifewaökstfti :w«r^ daii dielinspirdtiompfUfettdifrbrtife 
^M^^fclWf"* #us$fcjs0arl#a H^ten, ajs,wp ,frt ffrffiJii^ftfA 1 

werden jkoflnje. Besondere Versuche zeigten, mir f ,dass £ec hiex sich 
^saiBmetä&f Sciifehii wirklich vöii oVV Lunge herkam < ( t?nd : MBi 1 '» 

durch die starke Reizung an Ort und .Stell* rtÄäfclkfca^fiWiöttrirf^ri«. 

Jfchftl^tt} ,j^ fr R^r f ( i^fft. r Gnn)B>KQ^)^(4^)f ***** 4M T***«* e »n> 
so wurde der Scldejm in diesem angesammelt ;. dnjrcjjschnei$e^ man, einem 
"flanincÜien 1 äfiir 'eirier Satze die Trachea gerade uriteYhä ) ltf i des Läryhx, 
:maobV ä* f tf*e «träU >w*it fr^i^Uad 'brta^ sfe a^MehWun^ m^Ä 
tWWf*; WiWW&mhiit'AfX <*st*A -<Wfe$tfihi* .fceijhS^fei». trHa* 
^ sieht kleine Schlejnwqrtiqnen langsam, a» r flen . Rändern ;r hpau^Jf^mmen* 
"Mef iftfcV einiger Zeil flmgV das tte rausragende Trächealsluck an; durch 
■*tt rtetJibutticferf^nLlftbirdhi zä tröefaieß;'* Die^fmlrnir^^gin^Ver^ 
riWrt^fl j^^ft«*N«L«tol^T di«%aj!.^lpkfp^|ßS9fctef hwH4 <«*>«*■ 



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dann durch, anstrengende Expiration entfernt werden, kann. „ M . . r . 

auf aer Dronchiaiscnleimhaut ist und wie Krankheiten, welche das Epi- 
thel de^ Bronchien an einer Stehe gafra urtd^mrfÖ'fteAWi 2cfr#CoMsrt^Mb 
Ezpectoration in einem gefährlichen Grade stören müssen. Daher er- 
klärt sich die bewährte Regel der praktischen Medizin , im Croup auch 
nach völliger Entfernung des "Exsudats die die Expectoration und die 
Brechneigung befördernden Mittel noch eine Zeit lang in kleiner Dosis 
fortzugeben , weil sich der ihres foithel^ beraubten Schleimhaut Schleim- 
massen anhängen, die nariiaVctt JarßeMMiM&action zu entfernen sind. 
Es zeigt sich ferner , warum sich nach der Tracheotomie die eingelegte 
Röhre stets mit Schleim füllen m'uss, wenn sie auch völlig so weit ist, wie 
die Trachea. Ma^.sieht endlich aus meinen Versuchen, wie geifchrlkh der 
VorselHar'fi*r^ f V»»*»«!^ Wo 

Exsudat ist, wird man es «gliUiifärtt'tttfernen ; wo keine ist, wird 
man neue Gefahren schaffen. a 
'*f-jfjM. J i 'Utn $ /•'•'■■ \'.i* <l n d A ' 7 \ "*.:-■ '<j. ;'':•" y-\**?< n »») r (1 

-r: < ffiiffatodi tdkoiü &to$k Jumra * JfittheflnV#^%ett{%tf«i, T 4ilfl %u i$t- 
^o,"mfefie«d*iÄ 'Verfasser gelangen ist,* *eib^lj4eh|^(g#Hf Ek^- 
^cteinaogett, frelobe foitiher ileai>i Ar zlk am, f er tlüto) gpt'itogtifri 
schienen, eine unmittelbar praktische Seite abzugewink!ik>!'' ; ^sx 
Im f n-Wfe gerne! >möcfiteri>wit «tf etafatae anrifcvä Finkte; auf die 
ffeta^ltet^tik^oklf^^^ 

naif idißifalttdsaarttßn 'ftrigerangen < aus dec vom Ytt fasefer) 4«S- 
-4^ktän *<itttotÄi*h^^ für <tan tpitdctisoktm 

-AitofesD«tiÄe<ld|*h wiöhttgfe ffa*™**»« Wutkrtomms (fit: 80 m. liflTJ) 
-naHör ^IhWeWn^ Der Rbitrti cgbstuHet ,e& «hs;\abfeniiu*t5 doch 
•4»itsgenn wir 'zum^Söhlu^e <fötnrgatdn9 ^Bflch öiaed filknzpn&t: fites 
)^^hÄ^W iJ fWvortrt»Ä : »te> K/jtik debririghä-igfin Mmn <ü%*r 

-*^bf$n*«»d3iÄwlM^ng>^ 4fibucoffip. 

i ^üiioBümlwHtfW br<ec^ft > wtr/^egtmiMehgtlL:*i (AtaB^iüermk^oJin 
Kurzem wird die zweite; Wefcp»ngMdes* i>dhrttudü8 r örft^Heötemutoi 
{«•QCM&d.Vfö ü«l yieHefc^Mwh ftfeg&Aqit bieten, an den In- 
halt dieses Heftes wieder anzuknüpfen. 

Mögen aber diese ivÄrfgen" Worte ^etwas dazu beigetragen 
haben, die innige Beziehung der Schiff* sehen Physiologie zur Pa- 
thologie erkennen jzn If^p^f^ ^ ^ Ilaff^n^ie^ ^^«n wir in diesen kur- 



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%rt AxukmUms» 4m praktischen Ar* > im *$ Itfalg an Bait 
gebrieht, um den neuesten literarischen ErtM&einttngen auf dem 
Gebiete der andern Wissenschaften nächzugehen y auf ein Werk 
Büftnerksam getaiacht, das er stets mit neueni Interesie und CS*- 
jgpss wieder Kur Hand nehmen wird» ... tf. fl. : 



Aus der Literatur. 



»fiel gegen ftommersprowit und SelüesspuJifff- 



Bei den S omm e rs prossen , welche bekanntlich auf Pigment« 

-abtagenmg im JUto Mßlpighii beruhen , Halt ttekra in Wieb eine 

4ftrt* $*blim**tt«jng überschlagen , bis efee eccematiörse Snlr 

; sttndtmg entsteht, nach dferen Abheilen eine flepkenloee Hant 

zurückbleibt •.•••< 

üusih in Bonn verstehte das gleiche Verfahren r mn<die bei 

Schiesl^alyenrerbrennm^eh linker die Epidermis öingedtangariefe 

4frfrerkäraef { welche man sonst mühsam mit sehmUendte to- 

fSttfumfittm msösgsibl^ zu entfernen. Er Hess in etwm>f'aU*ittt$- 

dich während mehrerer Stunden einte U*üng vo* 5 6ran<Sd*- 

mat in einer Unze Wasser auf die leidende Gesinhtshttlfle ÜBte- 

^hla#en, Am fünften Tage hatte sieh ein WOrkes Eeoem f ebifc- 

Kfets wekkös am folgenden T*ge eintrocknete; <&shm 'lüm *flage 

itiartat -kannte man die Bork** mutetet Spfctel abheben , «rid nttt 

üiheuM zwisfcbea der neugebihfeten B^iderrtais m»d der abfd- 

*osstn ftgendeii •ftultnrk&ner; > Nor e4n«e*ne tiefer im Öorium 

^Beende Kfcnichen tticlben, fast unbemerkt, anrttek. -i • ; 

- : fftn***'* ArthM, i«i». Bd; XW. S. 37».) 

4 : : ^ i: : ' (m«si ddiSeift/Ä^Är. &; ' "-'" II1 



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Schweizerische Monatschrift 

für ; •. 
praktische Medizin, 

redigirt von 

Dr. A. Vogt. 
Dritter Jahrgang. :. 1858. Nr. HI. Decemberheft. 

Diese Monatsohrift erscheint monatlich einmal, 2 Bogen stark. Der Abonoe- 
mtnlsprem int Cor die'ganxe Schwein 7 Kr., für das AuMand 10 Fr. Briefe 
und Gelder franko an die Expedition : Haller'sche Bnchdruckerei in Bern. 

'■ ■i ' i — — — — ^ 

Wesen und Ursachen der Geistesstörungen. 

Von Dr. Hasse, in Prefargier (Cant. Neuenbürg). 
(Schluss.) 



Wie ich weiter oben erwähnt habe, sind aus den Nachfor- 
schungen über die Ausdehnung des Wahnsinns in unserer civüi- 
flirten Welt hie und da wesentliche Abweichungen in den Resul- 
taten hervorgegangen. Sie' hatten eines Theils ihren Grund in 
einer unpassenden Verwendung des mit diesen Arbeiten betrauten 
Personals, andern Theils lägen sie in der Natur der Sache be- 
gründet. Ich verwies bei dieser Gelegenheit auf spätere Mitthei- 
lungen und bin jetzt im Stande, derselben zu gedenken. Augen- 
fällig ist die Häufigkeit des Wahnsinns in den verschiedenen Pro- 
vuixen der Lombardei, während das übrige Italien , dem sie nach 
Sitten und Gebräuchen, der Lebensweise, der Religion u. s. w. , 
doch so nahe steht, weit mehr von dieser Krankheit verschont 
bleibt 

Das Pfttagra erklärt uns diese Differenzen. 

B «Herd in i steHte eine Tabelle aller 1830 beohachtefen Fälle 
hlden Provttfzen Mailand, Mantua, Brescia, Bergamo, Como, Pa- 
via , Cremona , Lodi und Sondrio zusammen und fand , dass bei 

23 



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354 

einer Bevölkerung von 1 446 702 Seefcn die Zahl der Pellagrösen 
für das eine Jahr 1830 sich auf 20 282 belief. 

Nach Verga's kurzer Darstellung der Irrenanstalten in der 
Lombardei besteht ein grosser Thetl der Krattk^n (ein Fünftel bis 
ein Viertel) aus Pellagrösen. 

In der weiblichen Irrenanstalt zu Venedig wurden in den Jah- 
ren von 1844—46 von 577 (Gesammtaufnahme) 243 am Pellagra 
leidend behandelt. 

In dem vierjährigen Zeiträume von 1838—41 wurden in Bres- 
cia 1070 Irre untergebracht. Davon litten 214, also ein Fünftel, 
an Pellagra. 

Es verhalten sich femer in sämmtlichen Anstalten der Lom- 
bardei augenblicklich die an pellagrösem Wahnsinn Leidenden zur 
Gesammtsumme wie 116 : 680. 

Nach sorgfältigen Untersuchungen kommt das Pellagra überall 
da vor , wo die Nahrung fast ausschliesslich aus Mais besteht , 
besonders während der kalten Jahreszeit und bei sonstiger, schwä- 
chender Lebensweise. Die Geschichte der Kultur des Mais und 
der Entwicklung des Pellagra zeigt ausserdem in den verschie- 
denen Landern einen merkwürdigen Zusammenhang. Die Haupt- 
ursache ist aber die durch die unvollkommene Reife erzeugte 
eigentliche Maiskrankheit , die besonders in regnerischen Jahren 
vorkommt. . • 

Ueber die Geisteskrankheiten und ihre Ursacien in Dänemark 
haben wir interessante Berichte von, Herrn Dr. Hüb er ty. Er 
belichtet : 

«Ein Umstand, der es mir wahrscheinlich mächt, d&$& das 
Landvolk bei uns häufiger von Wahnsinn befallen werden kann 
ist der , da ss der ärmere Theil desselben wohl im Gante» schleck* 
ter lebt, als der arme Taglöhner» in iden Städten» . Für die Amen 
beider Klassen mag es gleich schwer halten , das Nöthige ztu* 
Unterhalte zu bekommen ; et werben sie aber überhaupt etwtts, so 
lebt, der Fabrikarbeiter besser > indem der nicht wohlhakende 
Landmann seipe besten Waaren zu Markte bringt. > wMto gross*? 
mögliclie Summe dafür zu lösen, und für den .eigenen Gtffrrauffk 



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ttasjschlfccbtepo ^ das muV Mottdrkorn , Schwindelhafer md in an- 
derer Weise verunreinigte Koni zurückbehält. 

«Vor einigen Jahren, als ich mich zu Aalborg aufhielt, ging 
ich darauf aus , durch directe Versuche zu erfahren , wie viel von 
den genannten giftigen oder sonstigen fremden Substanzen, unter 
das ßröd gemischt , das Volk zu sich nimmt. Zu dem Ende unter- 
suchte ich mehrere grössere und kleinere Parthien bei den Pro- 
ducenten in den Mühlen , bei den Kaufleuten u. s. w. , und fand, 
dass einige Parthien freilich als rein zu betrachten waren , die 
meisten aber einen grössern oder kleinern Bruchtheil eines Pro*» 
cents , ein ganzes Procent und darüber an Mutterkorn , mitunter 
etwas Schwindelhafer und sonstiges Unkraut enthielten; und ein-* 
mal habe ich in einem kleinen Quantum Korn aus der Mühle 16 
bis 18 Procent allerlei fremder , theils giftiger , theils auch nicht 
giftiger Substanzen gefunden. » 

Es liegt nach diesen Mittheilungen , zumal da ähnliche Bei- 
spiele vorliegen, wo ungesunde Nahrungsmittel, wie der in regne- 
rischen Jahren zur Reife gekommene Mais beweist, Geistesstön 
rung zur Folge haben , die Wahrscheinlichkeit sehr nahe , dass 
auch' schlechtes , mit Mutterkorn, Schwindelhafer und ähnlichen 
schädlichen Stoffen durchsetztes Brod nach anhaltendem Genüsse 
die geistige Gesundheit trüben kann. 

&er Typhus ah Ursache der Geisteskrankheiten. Es ist eine 
Erfahrungssache , dtfssf Typhusdelirien unmittelbar und ohne sich 
abzugrenzen in maniacalische übergehen; dass dabei der Typhus 
gehörig verlaufen und die Manie als Nachkrankheit zurückbleiben 
kann.' Derartige Fälle werden oft beobachtet, und ibh selbst 
wäre in den Stand gesetzt , eine hierauf bezügliche Krankheits- 
geschichte mitzutheilön , die mir aus meiner frühern Praxis leb- 
haft im Gedächtniss geblieben ist. In welch nahem Zusammen- 
hange überhaupt Nervenfieber "und Irrsinn stehen, davon wird 
sieb jeder meiner College«, der sich längere ZeR und speciell 
mit <*en Geistesstörungen beschäftigt bat, zu wiederholten Malen 
überzeugt haben. So finden wir z. B. in den Annales medico~p$y- 
thohgiques f&es Heft, Seite 140 u. ff.) von anerkannt tüchtigen 



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Irrenärzten mehrere Fälle beschrieben «," wo das Nervenfieber unter 
der Form einer reinen Geistesstörung auftrat. 

Intermittens als ursächliches Moment des Irrseins. Dort, wo 
diese Krankheit endemisch ist, wird sehr oft die Beobachtung ge- 
macht, dass im Herbst und Frühjahr, den verhängnissvollen Jahres- 
zeiten für das Wechselfieber, die Aufnahmen in „die Irrenanstalten 
sich ungewöhnlich häufen. Dass dieselbe in einer sehr nahen 
Beziehung zu Geistesstörung steht, beweisen mehrere Umstände. 
Eines Theils hat man Gelegenheit gehabt, sich unmittelbar aus 
der Intermittens Geistesstörung entwickeln zu sehen ; andern Theils 
liegen Beispiele vor, -wo das Irrsein nach dem Ausbruche einer 
Intermittens plötzlich spurlos verschwand , oder als intermittiren- 
des einen zwei-, drei-, viertägigen Typus innehaltendes Irrsein 
in die Erscheinung trat. Um sich davon zu überzeugen , ver- 
weise ich auf die in der « Zeitschrift für Psychiatrie » und den 
Annales midico-psychologiques zerstreut liegenden Fälle. 

Die Syphilis als Ursache der Geistesstörung. In der psychia- 
trischen Literatur finden wir über die Syphilis und ihr Verhält- 
hiss zu den Psychosen nur sehr wenig erwähnt. Esmarch und 
Jessen haben das Verdienst, diesen Gegenstand wieder auf- 
genommen und wissenschaftlich behandelt zu haben. Gestützt auf 
drei Fälle , die ihnen klar zu beweisen schienen , dass Syphilis 
die Ursache der Geistesstörung gewesen sei, sprachen sie den 
Wunsch aus , die Herren Collagen auf das von ihnen neu ange- 
regte Capitel ihre Aufmerksamkeit richten zu sehen. Es ist aller- 
dings schwer zu unterscheiden, ob die Syphilis als ein Causak» 
pioment oder als Complication zu betrachten ist Doch die zum 
Theil glänzenden Resultate , die durch eine antisyphiLtlsche Kur 
erzielt worden , lassen die Wahrscheinlichkeit jhi , dass Syphilis 
als ein ätiologisches Moment von Irrsein zu betrachten ist. 

Die Mercurialvergifiung , der Mtrcuriali$mu$. Wie sehr das 
Nervenleben durch einen lange fortgesetzten und unvernünftigen 
Gebrauch des Quecksilbers zerrüttet werden Jkann, ist allgemein 
bekannt. Ich erinnere nur an das Mercuriaizittern V die Halktci- 
BitioneQ nach Queeksübergenuss , die sogenannte Mercurialhypo- 



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35fr 

chondrie, den Mercurralblödsinn , die Mercurlalmanie. Esqui- 
rol gibt an, dass anter 351 Geisteskranken nicht weniger als 14 
durch Quecksilber erkrankt waren. 

Manie in Folge von Blei. Lange erwähnt in der «Zeit- 
schrift für Psychiatrie» (7.. Heft, S, 540) eines achtzehnjährigen 
Malers, der wochenlang abwechselnd geklagt, vor sieben Tagen 
von einer heftigen Kolik mit allen Symptomen der Bleikolik her- 
fallen ward, nach sechs Tagen aber genesen erschien.. Uner- 
wartet stellte sich am siebenten Tage Nachmittags ein exaltirter 
Zustand ein, der rasch sich steigerte; Schlaflosigkeit, Erkannte 
Alle, mengte Alles untereinander, war sich keines Bedürfnisses 
bewusst und verschlang gierig, was ihm gereicht wurde. Gestei- 
gerter Geschlechtstrieb , stierer Blick , am Zahnfleische blauer 
Rand. Nach sechs Tagen völlige Heilung durch Opium und Stra- 
monium. 

In der «Zeitschrift für Psychiatrie» (10. Heft, S.689) finden 
wir einen zweiten, höchst interessanten Fall beschrieben, und zwar 
von Herrn Medicinalrath Dr. Blass. Es würde zu weit führen, 
diese Krankheitsgeschichte mitzutheilen ; nur so viel sei erwähnt, 
dass die betreffende Persönlichkeit ebenfalls ein Bleifarbenmaler 
war , und nach vorausgegangener Bleikolik in Tobsucht verfiel. 

Blödiinn in Folge von Kohlmoxydul. («Präger Vierteljahrs- 
schrift » , Bd. 23. ) T. R. schlief eine ganze Nacht hindurch in 
etilem mit Kohlen gebeizten Zimmer, der Ofen war zu früh abge- 
sperrt worden. Des Morgens wurde er soporös gefunden. Eine 
kalte Begiessung brachte ihn soweit zu sich, dass er angerufen 
antwortete , die Zunge streckte ; doch lag er mehr als drei Mo- 
nate mit geschlossenen Augen, schlief viel; immer noch gingen 
Stuhl und Urin unwiUkührlich ab ; Speise und Trank wurden gie- 
rig verschlungen ; —der Mann blieb idiotisch. 



Ehe ich als Schluss dieser Verhandlungen im Zusammenhange 
und in geordneter Reihe dem Leser die Ursachen der Geistesstörun- 
gen vorführe, erlaube ich mir noch kurz meine Ansichten mit- 



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zutheiten, wie der Ausbruch des Wahnsinns unter diesen oder 
jenen gegebenen Bedingungen zu erklären ist. Ich habe bereits 
früher hervorgehoben, dass nach dem heutigen Standpunkte der 
Wissenschaft das Wesen der Geistesstörung nicht anders zu deu- 
ten ist, als durch Zerrüttungen der den psychischen Thätigkeiten 
dienenden Theile, d. h. des Gehirnes. Geistesstörung ist eine Funo 
tionsstörung, und wie die Functionen unsrer Organe zunächst von ihrer 
Ernährung abhängen, so hat die Geistesstörung, alsFunctionsstörung 
des Gehirns, ihren Grund iii einer mangelhaften Ernährung des 
Gehirns. Berücksichtigen wir nun zuerst, was wir als ursäch- 
liche Momente der Geistesstörungen in unsern Betrachtungen an 
die Spitze gestellt haben , die Reizempfänglichkeit für die Ein- 
drücke der Aussenwelt, Ueberspannung der Geisteskräfte, gemüth- 
liche Erregbarkeit, Leidenschaftlichkeit und deprimirende Einflüsse, 
wie Noth, Kummer und Sorgen : so lässt sich ihr Einfluss auf 
den Organismus physiologisch dahin erklären, dass 

1) eine erethiscbe Schwäche, Reizbarkeit erzeugt; 
- 2) die Circulation des Blutes beeinträchtigt, Congestionen ver- 
anlasst ; und endlich 
3) die Blutmischung alterirt wird. (Anämie, Ghlorose). 

Wir erkannten ferner Ueppigkeit und Unmässigkeit auf der 
einen , Noth , Mangel und Entbehrung auf der andern Seite als 
Ursachen des Irrseins. 

Jener, sowie der Unmässigkeit, schliefst sidr auf ganz natür» 
Uchem^Wege Trägheit und, Abscheu vor- jeder ernsten und anhal- 
tenden, sowohl geistigen als auch körperlichen Beschäftigung an, 
was wir vorzüglich in den ersteren und höheren Kreisen unserer 
europäischen Gesellschaft vertreten finden« Es entwickeln sich 
pnter solchen Einflüssen leichter wie sonst Digestionsstörungea , 
habituelle Verstopfungen und plethorische Zustande , die theil* 
als vasa, theils als serosa, theils *ls v$ra sitfi au erkenne* 
geben. 

Entgegengesetzt wirken Hangel und Entbehrung. Als Affekte 
Stimmen sie die Thätigkeiten des Nervenlebens herab \ als nächste 
Veranlassung zu einer qualitativ wie quantitativ unzureichenden 
Ernährung des Gesamratorganisraus führen sie zqr Anämie. 



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369 

- Viß somatischen Zustände lassen sieb demnach in vier Grup- 
pen zusammenfassen : 

1) Hyperästhesie, Reizbarkeit, nervöse Schwäche t 

2) Anämie, Chlorose, 

3) Plethora, und 

4) Digestionsstörungen, habituelle Verstopfungen. 

1) Hyperäitkesie. Die Hyperästhesie, erhöhte Reizbarkeit, 
nervöse Schwäche , Erethismus der sensibeln Nerven , bedingt 
zugleich eine raschere Leitung der Eindrücke zum Centralorgan. 
Personen, die daran leiden, empfinden selbst den geringsten Ein* 
druek ungemein intensiv. Daher ist die psychische Stimmung sehr 
oft wechselnd und zerstreut. Wie unbedeutend dieses Leide« 
auch in seinem Ursprünge «ein mag, so bedenklich wird es, wenn 
es um sich greift, die freie Willensthätigkeit beherrscht oder 
unter steigenden Einwirkungen in Torpor , Anästhesie' überzugehen 
droht. Beide Zustände beeinträchtigen als Innervationsstörungen 
die normale Ernährung des Gehirns. 

* . 9)- Die Anämie. Die Folgen der reinen Anämie, d. h. Vermin* 
derung der Quantität der Riutmasse, lassen sich aus einem dop* 
pelten Gesichtspunkte betrachten. In demselben Maasse wie die 
Quantität des Blutes abnimmt, ziehen sich die Gefässe zusammen» 
In höhern Graden der Anämie wird die Herzthätigkeit unregel- 
mässig und es treten Störungen des Kreislaufes ein , die , wie 
flle andern Organe, so auch das Gehirn befallen. Auf den Stoff- 
wechsel ist die Abnahme der rothen Blutkörperchen , die Träger 
jles Sauerstoffs , von höchst nachlheiligena Einflüsse. Dieses zeigt 
?ich zunächst und am. augenscheinlichsten in Alterationen der 
Nerventätigkeit. Wir beobachten Schwäche, Hinfälligkeit, Schwin* 
d£A der Sinne , Ohnmacht , Hallucinationen u. s. w. 

Die reine Anämie kommt indessen nur selten zur Beobach* 
Jung , und früher oder später gesellen sich complicirtere Zustände 
hinzu, da sich die verschiedenen Bestandteile des Blutes nichj 
leicht und rasch wieder ersetzen können, ja ihre Wiederersetzung 
unter gewissen Umständen unmöglich wird, finden wirwol)l,i$ 
den meisten Fällen die Anämie mit Ifydrämie und relativer Ab- 
nahme der rothen Blutkörperchen verbunden. 



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&6Ö 

f)ie Folgen der Anämie mit Hydrämie und relativer Abnahme 
der rothen Blutkörperchen sind zunächst wässerige Ausscheidun- 
gen und Störungen der Ernährung und Neubildung. 

3) Die Plethora. Wir finden bei der reinen, wahren Plethora 
die Beschaffenheit des Blutes normal , reich an Blutkörperchen lind 
Eiweiss. Störungen treten in der Regel dann erst ein, wenn 
dieser oder jener Abschnitt -des Gefässsystems in unregelmässige 
Thätigkeit versetzt wird. Es entwickelt sich dann die Plethora ad 
spatium, ad vasa. Sind die nachgiebigen, venösen Theile dazu 
berufen, so haben wir es mit einer venösen , das Pfortadersystem 
mit einer abdominellen , und hat zugleich die Blutflüssigkeit durch 
Vermehrung des Ei weisses einseitig zugenommen, mit einer serö- 
sen Plethora zu thun. 

Für den Irrenarzt spielen diese habituellen Hyperämien , Hä- 
morrhoiden, Störungen des Kreislaufes im Pfortadersystem, eine 
grosse Rolle, und Kranke, die den sogenannten Habitus apoplec- 
ticus an sich tragen , sind nichts Ungewöhnliches in unsera An- 
stalten. 

4) Anhaltende Digestionsstörungen, habituelle Verstopfungen. Es 
ist Thatsache Und allgemein bekannt , wie anhaltende Störungen 
der Digestion , namentlich anhaltende Constipationen, auf die Ge- 
müthsstimmung des Menschen einwirken. Diese äussert sich zu- 
nächst als Reizbarkeit oder Verstimmung. Die Erklärung dieses 
Einflusses liegt in der Reizung der sensibeln Nerven des Ver- 
dauungsapparates und Uebertragung der krankhaften Erregung 
auf das Centralorgan. Diese Erklärung gentigt, um den wirk- 
lichen Ausbruch einer Geistesstörung, insofern nämlich die Inner- 
vation des Gehirns , als eines Factors zu seiner Ernährung, beein- 
trächtigt wird, zu motiviren. 

Eine andere Art der schädlichen Einwirkung jener Verdauungs- 
anomalien auf die psychische Gesundheit wird durch Störungen 
im Kreislaufe des Blutes vermittelt. Durch mechanischen Eih- 
fluss wird zunächst die Circulation des Venenblutes im Abdomen 
gehindert. Eine weitere Folge sind Unregelmässigkeiten der 
Herzthätigkeit , die wieder eine Reihe von Erscheinungen hervor- 



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901 

roten, wie ich sie schon bereits als störend auf die Ernährung 
des Gehirns erwähnt habe. 

Wie eine normale Ernährung des Gehirns Verhindert wird , 
erkennen wir demnach auf vierfache Art: 

1) Störung der Innervation, bezeichnet als Reizbarkeit und 
Anästhesie ; 

2) Störung der Circulation des Blutes; , 

3) Vermehrung oder Verminderung der Blutmasse; und 
; 4) Veränderungen der Blutmischung. 

Ich hätte noch der Einflüsse jener ursächlichen Momente, wie 
die des übermässigen und anhaltenden Genusses der verschiede- 
nen Berauschungsmittel, ungesunder, giftige oder schädliche Be~ 
standtheile enthaltender Nahrungsmittel, der verschiedenen durch 
Mineralien herbeigeführten Vergiftungen , des Typhus, der Intermit- 
tens und der Syphilis auf die Ernährung des Gehirns zu gedenken. 

Doch wir kommen, wie wir sie auch physiologisch erklären wol- 
len, immer wieder auf jene Ernährungsstörungen zurück, die theils 
durch Störungen der Innervation, der Blutmiscbung, der Circula- 
tion , theils durch Veränderungen der Blutmenge bedingt werden. 
Sie completiren indessen dieses Schema, und muss ich darauf 
Rücksicht nehmen, so stellt sich uns folgendes Bild von deii 
nächsten Ursachen der Geistesstörungen , der Ernährungsanoma- 
lien des Gehirns , den Trägern des Wahnsinns vor die Augen : 
i. Störungen der Innervation 
<0 Hyperästhesie (Reizbarkeit); 
*) Anästhesie; 

2. Störungen der Circulation des Blutes; 

3. Vermehrung oder Verminderung der Blutmasse , als rein* 
Plethora und Anämie; 

4. Störungen der Blutmischung, als 

a) Vermehrung oder Verminderung einzelner Bestandteile 
des Blutes (Anämie mit Neigung zur Hydrämie und rela- 
tiver Abnahme der rothen Blutkörperchen, Chlorose, se- 
röse Plethora); 

h) Aufnahme dem Blute fremder Substanzen; — dahin 
rechne ich das Opium, das Extract der Cannabis irtdica, 



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m 

- . " - HasehiScb, die Spirituosen wie überhaupt alle erhitzenden 
Getränke mit ihren verschiedenen Bestandteilen und die 
Aurc\\ den Genups unreifen Mais, mit Mutterkorn; Schwindel- 
hafer u. s. w. durchsetzten Brodes , durch Quecksilber, 
Kohleßoxydul veranlassten Vergiftungen; 
septische Blutvergiftung in Folge von Miasmen und Conta- 
gien (Syphilis, Typhus, Intermittens). 
Wenn diese so t er schie denen somatischen krankhaften Zu- 
stände unseres Organismus aber als die Träger des Wahnsinns 
*ü bezeichnen sind, so müssen alle Momente und nicht bfcos die, 
welche ich diesen Betrachtungen zum Grunde gelegt habe, als 
entferntere Ursachen der Geistesstörung angesehen werden , die 
geeignet sind, sie — sei es direct, sei es indirect — zu ent- 
wickeln. 

I. Die Ursachen der Hyper- und Anästhesien. 

Sie können erstens ererbt und angeboren , sodann angesaugt 
sein. Ich muss hier auf die jedem Arzte hinlänglich bekannten 
Thatsachen rücksichtlich der Störungen im Verlaufe der Schwanger* 
gehaft, des Säugungsgeschäftes und ihres Einflusses auf die Frucht 
pnd den Säugling verweisen. 

Die Erziehung spielt eine bedeutende Rolle. In hohem Grade 
kann sich die Empfänglichkeit durch allzuängstliches Abschliessen 
gegen den Wechsel der gewöhnlichen Lebensreize, durch Ver- 
zärtelung, durch vorwiegend geistige Arbeit, durch Nachtwachen, 
Theilnahme an die Einbildungskraft und das Gemüth ungewöhnlich 
erregenden Vergnügungen und Zerstreuungen steigern. (Dahin 
$ecbfi& ich lange und spannende Abendgesellschaften, Theater, 
Leetüre u. s. w. ) Sie stumpft sich dagegen ab hei Personen, 
deren Thätigkeit grösstenteils in der Ausübung motorischer Kraft 
besteht, namentlich je einförmiger die Muskelarbeit selbst ist. 

Beschäftigung, Beruf, einseitige Uebung, Trägheit, unbefrie- 
digte Leidenschaften, Gemüthsaffecte , Kummer und Sorgen sind 
ohne Zweifel wesentliche ätiologische Momente. 

Das Geschlecht scheint einen entschiedenen Einfluss auszuüben. 
Qtßterie. Männliche Individuen unterliegen der nervösen Schwäche 



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Hl 

am leichtesten durch geschlechtliche Ausschweifungen, unter denen 
die Onanie obenan steht. Die Entwicklungsperioden und gewiss? 
physiologische Zustände, sowie Menstruation, Schwangerschaft, 
bedingen vermehrte Reizbarkeit. Die meisten chronischen Krank* 
heiten , die ihre Wirkungen innerhalb des Bereichs der sympa- 
thischen Nerven ausüben, wie bei Herzkrankheiten, Magen- und 
Uterinieiden bringen mehr oder weniger eine erhöhte Sensibilität 
mit sich. Auch die grössere Empfindlichkeit bei Reconvalescen- 
ten und während längerer Krankheiten der Digestionsorgane ist 
bemerkenswerth. 

Der anhaltende Genuss des Mutterkorns, die Bleivergiftung, 
Opium , alcoholische Getränke führen sehr bald und anhaltend zur 
Anästhesie. 

Diese ist endlich in den meisten Fällen der Schlussakt der 
Hyperästhesie. 

II» Störungen der Circulation des Blutes« 

Die passive Congestion, die Blutstockung hat zunächst ihren 
wahren und einzigen Grund in der Verminderung der Herzkraft 
Ch$t vermehrter oder verminderter Pulsfrequenz) neben locale? 
Widerständen. Zu letztern gehört nach Virchow's Einteilung: 

1) die vermehrte Reibung , 

2) die Schwere, 

3) die Stauung, 

4) die Anziehung, 

5) Erweiterung der Gefässdurcbmesser. 

Die Ursachen der Verminderung der Herzkraft liegen eines 
TheUes in einer Reihe fieberhafter Krankheiten, wie die typbösen, 
hektischen find zum Theil die exanthematiseben ; andern Theilp 
in den marastischen und cacbektiseben Formen fieberloser Krank- 
heiten und in der. Degeneration der Muskelprimitivbündel da? 
Herzens begründet. Die vermehrte Reibung bedingen für den 
Capillarstrom die verschiedenen krankhaften Veränderungen des 
Blutes , oder für die grösseren Gefässe Veränderungen. der Gefäss- 
wand. Bei der Schwere kommen die sogenannten Senkungs- 
erscheinungen zur Sprache , und treten diese Zustände in jedem 



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Organe zunächst bei allgemeiner Schwäche, in Folge mangelhafter 
Ernährung , in der Reconvalescenz schwerer, fieberhafter Krank- 
heiten, im Gefolge langwieriger, erschöpfender Localleiden , also 
bei marastischen Individuen , ein. 

Die Stauung. Wir bezeichnen damit alle jene Zustände, wo 
das Fortrücken des Blutes durch ein directes Hinderniss y also 
durch Verengerung der Gefässlichtung , sei diese nun tonischer, 
oder spastischer, oder organischer, oder passiver Art, und durch 
Unterbrechung derselben erschwert wird. Sie werden durch Ge- 
schwülste, durch Schnüren, durch Exsudate, durch Gerinnsel und 
Ooncretionen , und in den meisten Fällen durch Störungen des 
Kreislaufes in denjenigen Organen , durch welche das meiste Blut 
Jassiren muss, wie Lungen, Herz, Leber, veranlasst. 

Die Anziehung. Dahin rechnet Virchow die Stockungen, 
welche in der Nähe sehr reichlicher Absonderungen , Exsudationen, 
Neubildungen und Verwachsungen (Dura maier) entstehen. 

: J Erweiterungen der Gefä&durchmmer. Sie bilden sich zu- 
nächst durch nutritive und organische Veränderungen der Wand- 
efemente aus. Von wesentlichem Einflüsse sind dabei die chro- 
nischen, nicht entzündlichen und entzündlosen Ernährungsstörun- 
gen. Auch die Reize bedingen durch eine gewisse Heftigkeit 
und Dauer eine Ueberreizung , welche zur Lähmung führt. Zu 
diesen gehören allzuangestrengte geistige Arbeit, prolongirte Auf- 
regung, GemüthsaiTecte , Missbrauch der Spirituosen, des Opiums, 
des Extractes der Cannabis indica. Die active Congestion, die 
Blutwältung. 

Virchow sagt: «Die Bedingungen, unter denen die Wal- 
lung überhaupt sich ausbildet, sind im Ganzen sehr klar: 

« 1) Compensatorische Steigerung des collateralen Seiten- 
Drucks durch das Auftreten von Hindernissen des regelmässigen 
Stroms. Jede bedeutende Hemmung im Capillärgebiet , jede Stase 
Icönn eine Vermehrung des Seitendrucks zur Folge haben. Jede 
'Stauungshyperämie, jede grössere Stockung im Venengebiet bringt 
die collaterale Wallung mit sich. So entstehen die oft fulminan- 
ten Hyperämien der wichtigsten inneren Theile. 



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«2) Allgemeine Zunahme des Seitendrucks in» Arterien* ystem 
bei ungleicher Widerstandskraft der Wände« Jede grössere Auf- 
regung , Anstrengung oder Reizung , welche die Moderatoren der 
Herzbewegung schwächt, bringt* für eine gewisse Zeit eine Ver- 
mehrung des Seitendrucks im ganzen Arteriensysteme mit sich. 
De nun das Arteriensystem nicht überall gleich widerstandsfähig, 
die Wandungen nicht gleich dick sind, ausserdem durch indivi- 
duelle, angeborne oder erworbene Eigentümlichkeiten ziemlich 
erbebliche Verschiedenheiten in der Resistenz der Wandetemente 
bestehen, so finden wir darin die Erklärung für so viele uuji oft 
sehr mächtige Hyperämien. 

«3) Absolute Abnahme der Widerstände» Diese kommt zu 
Stande : 
a» bei Abnahme des äussern Drucks ; hieher gehören die par- 
tiellen Congeslionen des Gehirns bei Unterbrechungen der 
. arteriellen Strömung in einzelnen Gefassen ; 
4. Atonie (Ernährungsstörungen) der Wandung; danuas sind 
viele intercurrente Anfälle von Schwindel, Benommenheit, 
Ohnmacht zu erklären ; 
c. Erschlaffung (Lähmung) der Wandungen ohne gröbere Er« 
nährung&störung* 

«Sie entsteht nach längerer Einwirkung stärkerer Reize, durch 
phantastische Aufregung, Gemüthsbewegungen mit dem Charakter 
der Exaltation , bei Reizungen sensitiver Nerven , nach Durch* 
schneidung sympathischer Nerven, bei Anästhesien. Die Wärme, 
die Elektricität in längerer Anwendung, die Friclion, die Kälte 
in den geringeren Graden, verschiedene directe Reizmittel bedin- 
gen endlich eine Erschlaffung der Wandungen.» 

*IH. Veränderungen der Blutmenge, Vermehrung und 
Verminderung derselben, Anämi«e und Plethora» 

Die Anämie,, Die Ursachen, derselben sind zu classiüciren : 
a. Anämie nach Blutverlust, 

6. « «Säfteverlust, namentlich durch profuse Eite- 

rungen, intercurrirende fieberhafte Krankheiten, übermässige 



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Milchabsonderungen, tangfortgesetztes Säugen, profuse Blen- 
norrhoen und Leukorrhoen , Durchfälle , etc. , veranlasst; 
t. Anämie durch unzureichende, unzweckmässige Nahrung oder 
Störungen in der Aufnahme, Assimilation und Sanguificätton der 
Nahrungsmittel. Sie entsteht demnach durch Hungern , Darbet! 
und eine Nahrung, die zu. wenig Protein) enthält , wenn 
Störungen der Verdauung zugegen sind — Magen - , Darm- 
und Leberleiden, Mangel an Musheibewegung, an Luft, 
Licht und Wärme u. s. w. 
NB. Die Häufigkeit des Wahnsinns bei den Gefangenen ist 
gewiss nicht durch die verschiedenen Zellensysteme, 
worüber vieljährige und resultattose Untersuchungen 
angestellt sind, zu erklären, als vielmehr durch die 
mehr oder weniger gut eingerichteten Strafanstalten, 
insofern sie einer genügenden Zulassung von Luft, Licht 
und Wärme entsprechen oder nicht entsprechen; 
d. Anämie, welche durch ein Zusammenwirken mehrerer ,. ;t oft 
sehr vieler ursächlicher Momente entsteht , so z. B. Anä- 
mie durch übermässige geistige und körperliche Anstren- 
gungen , durch fortwährende Aufreguhg, Schmerzen, Sorge, 
Kummer und Strapatzen , — Anämie durch viele akutie, chro- 
nische Krankheiten, wekhe theüs den Blutverbrauefa stei- 
gern, theils die Blutbildung hindern, wie dless unter Um-* 
ständen jede acute Krankheit bewirken kann, wenn sie in- 
tensiv eingreift und* lange genug dauert , — Anämie dutah 
Vergiftung, wie Sumpfgift (die sog. MalariaChlorose) Blei« 
Und Quecksilbervergiftung, — Anämie der Berg^ und Hut* 
tenarl eiter u. s. w. 
Die Plethora. Als Ursachen der Blutfülle , des Blutüber- 
schusses , difc sich als nächste und entferntere unterscheiden has- 
sen , treten als nächste Vermehrung des Eiweisses und der Blut- 
körperchen, als entferntere reichliche Nahrung, namentlich Fleisch- 
kost bei gerfrtger Muskelbewegung , Unterdrückung gewöhnter 
Blutungen, Hämorrhoidalblutungen , Menstruation und eine -eigen- 
tümliche, bis jetzt noch nicht genauer bekannte, constUutionelie 
Anlage hervor. 



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m 

Die Ursachen der unter 4 (S. 361), Störungen der Bhitmtschung', 
angegebenen Zustande, wie Anämie mit Neigung zör Hydrämie 
«nd relativer Abnahme der rothen Blutkörperchen , seröse Pfe^- 
ihora fallen mit den allgemeinen oben bezeichneten der reinen 
Anämie selbstverständlich zusammen. 

Die Chlorose. Die Ursachen derselben sind, soweit sie be- 
kannt: Sitzende Lebensweise, träge Ruhe, Mangel an frischer 
Luft; aber auch übermässige Anstrengungen, übermässiger Genuas 
von Thee und Kaffee, unzweckmässige Nahrung, Merfstruätions- 
atörungen , Schwangerschaft, Wochenbett, Säugen; Einwirkung 
verdorbener , mit Kohlensäure oder Kohiendnnst überladener Luft) 
Furcht y Schrecken, Sorgen, Heimweh, Langeweile, unglücklich* 
Liebe, Masturbation u. s. w. 

. Die unter 4 bezeichneten Unterabtheilungen b und t über- 
heben mich natürlich weiterer Mittheilungen. Nur rrrass ich be- 
merken , dass über die Art ihrer Einwirkung auf die Zerüttung 
der Geisteskräfte noch viel Dunkel verbreitet ist, dessen AnfkläJ- 
rting uns durch sorgsame Beobachtungen, namentlich von* Seiten 
4eA nicht irrenärzUfchen Publikums , das wegen des gewöhnlich 
«ehr raschen Auftretens des Wahnsinns in Folge dieser Mischungs* 
«nomalien des Blutes und seines rapiden Verlaufes , weit mehr 
Gelegenheit hat, hinreichende und belehrende Untersuchungen 
anzustellen als der eigentliche Irrenarzt, zu hoffen steht. - 

Die vorhin bezeichneten somatischen Krankheitszustönde , dte 
ich in vier Rubriken aufgestellt habe und als die Träger, die un- 
mittelbare Ursache der Geistesstörungen anzusehen sind, machen 
aber noch keinen Wähnsinn aus. Ja , wenn man die Häufigkeit 
dieser Krankheiten berücksichtigt und im Vergleich zu ihnen die 
Seltenheit des Irrseins, so sollte man Bedenken tragen, sie als 
Ursachen der Geisteskrankheiten gelten zu lassen. Es fehlt also 
noch Eins, um sich den Ausbruch des Wahnsinns zu erklären. 
Diesfc Erklärung gibt die Anlage , mag diese nun ererbt , ange- 
boren oder erworben sein. Worin sie besteht ist unbekannt und 
wird stets unbekannt bleiben. Nach meiner Ansicht liegt sie in 
einer eigentümlichen chemisch - physikalischen Verbindung der 
feinsten Gehirnmoleküle begründet. Doch es ist eben eine Ansicht 



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N9 

und kwm ab solche , da sie* keine Stützpunkte bat , auch keinen 
besondern Werth beanspruchen. Eine Anlage zu Geisteskrank- 
heiten, das unumgängliche Erforderniss zum Ausbruche dersel- 
be existirt aber» Davon haben wir die schlagendsten Beweise. 
Ich erlaube mir auf Folgendes aufmerksam zu machen. Sorgfal- 
tige Beobachtungen und Statistiken haben ergeben , dass die Juden 
zum Wahnsinn weit mehr disponiren, als die Protestanten und 
Katholiken« 

In der Zeitschrift für Psychiatrie 1857 , S. 354 , finden wir 
ferner folgende Hittheilung : • «Die grösste Disposition zum Irr« 
finn findet sich in der Stadt und dem Gebiete von Trtest unter 
den Slavoniern in der Gegend von Talmino, die geringste unter 
den Serbisch-Kroaten und Italienern, im Districte von Rovigno und 
auf den Inseln des Quarmaro. Dieser auffallende Unterschied 
rührt von der Eigentümlichkeit der Slavonier her , sich , gleich 
den Juden, nur mit ihrer Race zu verehelichen, was bei den 
Italienern und Kroaten nicht stattfindet.» DIess beweist eben, 
dass in Heirathen körperlich wie geistverwandter Persönlich« 
Jteiten , so z. B. auch in Heiratben unter Blutsverwandten im Ali* 
gemeinen ein prädtsponirendes , ätiologisches Moment der Geistes*» 
krankkeiten zu suchen ist, welches einzig und allein in der An- 
Jage seinen Ausdruck findet. Es ist ebenfalls Gegenstand tägli- 
cher Beobachtung, dass Kinder geisteskranker Eltern leicht in 
Wahnsinn verfallen. 



Am Schlüsse dieser Arbeit proponire ich, statt der gewöhn-* 
liehen Einteilung der Geisteskrankheiten folgende zu adoptiren, 
oder wenigstens als eine gleichberechtigte , da sie ein weitaus 
grösseres praktisches Interesse in Anspruch nimmt , gelten zu 
lassen : 

Geistesstörungen in Folge von 

1. Innervationsstorungen, die in Hyperästhesie und Anästhesie 
bestehen. 

2. Störungen der Circulation des Blutes. 

3: Vermehrung oder Verminderung der Blutmasse j und endlich 
4. Störungen der Blutmischung. 



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369 



üeber akute Tuberkulose. 



Bin Vortraf, gehalten in der medle. Seetion der sehweis, naturforsehenden 
Gesellschaft in Bern, den 3. August 1858, 

von Prof. Dr. Leb er t. 



Die akute Tuberkulose ist eine durch Ablagerung von Tuberkel- 
granulationen in der Lunge, sowie andern Organen, charak- 
terisirte Krankheit , welche in wenigen Wochen , oder in 1 — 2 
Monaten, unter zunehmenden Brust- und Kopferscheinungen, mit 
continuirlichem Fieber meist tödtlich verläuft und sehr selten in 
Genesung oder Besserung übergeht. Wiewohl die wichtigste, 
hier zu beschreibende Localisation , die in den Lungen ist, ziehe 
ich dennoch den allgemeinen Namen «akute Tuberkulose» 
vor, da diese auch beim Erwachsenen häußger als man bisher 
geglaubt hat, in vielen andern Organen zugleich vorkommt, und 
wir hier in allen Erscheinungen nicht selten einen Typus akuter 
diathesischer Erkrankung vor uns haben. 

Historischer Ueberblick. 

Die akute Tuberkulose, und namentlich die der Lungen, war 
bereits den alten Autoren, und ist sogar schon lange unter dem 
Namen der « galoppirenden Schwindsucht » unter dem Volke be- 
kannt. Schon Morton und Portal erwähnen dieselbe , indessen 
erst mit Bayle bekommen wir genauere Kenntnis« derselben, 
und sind seine 1., 2 , 4., 6., 8. Beobachtungen unleugbare 
Beispiele akuter Lungenphthise. Indessen sucht er mit Unrecht 
aus granulöser Phthise eine eigene Art zu machen. Nicht blos 
finden sich in seinen eigenen Beobachtungen alle möglichen Ueber- 
gange von dieser zu der gewöhnlichen, sondern sehen wir sie 
auch, namentlich in den Bayle 'sehen Beobachtungen, öfters 
spät im Laufe der gewöhnlichen Phthise eintreten, so dass man 
demnach keineswegs berechtigt ist, sie immer als eine initiale 
Form anzusehen. In historischer Beziehung ist noch von sehr gros- 



') Recherche« sur la phthisie puimooaire, 2* £dit. Paris 1810. 



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3T0 

sem Interesse, dasa BayJe schon in seiner 8. Beobachtung im 
Anfang dieses Jahrhunderts die tuberkulöse Meningitis anatomisch 
und klinisch genau beschreibt, während man doch allgemein an- 
nimmt, dass wir erst in den 30ger Jahren diese Krankheit kennen 
gelernt haben. Es ist eine stehende Phrase in den historischen 
Skizzen über Brustkrankheiten, dass für jede derselben Laen- 
nec so viel gethan habe , dass für seine Nachfolger nur die wei- 
tere Ausführung übrig geblieben sei. Ich habe diess auch in 
Beziehung auf die akute Lungenphthise öfters gelesen; allein 
nichts ist ungenügender als die Laennec'sche Beschreibung der- 
selben. Ebenso sind die meisten An draP sehen Beobachtungen 
der akuten Phthise nicht blos unvollkommen, sondern bezieben 
sich mehr auf früher latente , dann aber akut verlaufende Fälle. 
Weitaus die besten Notizen hierüber finden wir in dem Meister- 
werke von Louis über die Lungenphthise. Neben einigen 
nach seiner gewohnten Weise vollständigen Beobachtungen ist 
eine sorgsame Analyse von 13 eigenen Beobachtungen gegeben. 
Schon in der ersten Ausgabe vom Jahre 1825 findet sich vieles 
auf diese Krankheit Bezügliche; aber viel vollständiger ist die 
Krankheit in der zweiten Ausgabe vom Jahr 1845 beschrieben, 
und somit ist es ein grosser und weit verbreiteter Irrthum, wenn 
man glaubt, dass Waller 2 ) in seiner übrigens sehr verdienst- 
vollen Arbeit vom Jahr 1845 über die akute Lungentuberkulose 
die erste genaue Beschreibung derselben gegeben habe. So viel 
aber ist gewiss, dass derselbe die Louis' sehen Beobachtungen 
nicht gekannt, und daher seine Arbeit nicht minder originell ist 
Ihm verdanken wir auch jedenfalls die erste rationelle Eintheilung 
der verschiedenen Formen dieser Krankheit, und somit ist es aller- 
dings erfreulich , dass ein deutscher Autor zuerst mit einiger Voll- 
ständigkeit diese Krankheit als eine eigenthümliche in die Patho- 
logie eingeführt hat. Wir werden indessen später sehen , dass 
unsere Eintheilung der Formen nach einem freilich viel grossem 



Phtbisie pulmonaire, 2 e edit. Paris 1843, p. 423 et seq. 
2 ) Akute Lungentuberkulose , Prager Vierteljahrschrift , Band VI 
Seile I. 1845, 



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STi 

Beobachtnngsmatcrial von der Wall er' sehen bedeutend abwei- 
chen masste. Die weitaus gediegenste neuere Arbeit verdanken 
wir unserm Freunde Leudet 1 ) vom Jahr 1851. Mehrfache und 
sehr vollständige Beobachtungen , nebst einer scharfen und kräf- 
tigen Kritik des gegebenen Materials, zeichnen diese Arbeit aus. 
Indessen hat auch Leudet kein hinreichendes Material zu seiner 
Verfügung gehabt. Rilltet und Barthez*) sind die einzigen, 
welche die akute allgemeine Tuberkulose für das kindliche Alter, 
wiewohl viel zu kurz und aphoristisch, treffend beschreiben. Eine 
spätere Pariser Dissertation von Gösset 3 ) vom Jahr 1854 hat da* 
Verdienst auch auf die allgemeine Tuberkulose bei Erwachsenen 
aufmerksam zu machen, jedoch mit einigen unvollständigen und 
«ehr exclusiv gedeuteten Materialien. Im Jahre 1855 habe ich 
einem meiner Schüler, Herrn Dr. Meyerhof fer , die akute Lun- 
gentuberkulose zum Gegenstande seiner Inauguraldissertation ge- 
geben und ihm einige hieher gehörige Materialien geliefert. Es 
ist diess eine fleissige Arbeit, welche bereits einige meiner An- 
sichten, wiewohl unvollständig, darbietet. Indessen seit Jahren 
sammle ich die Materialien zu einer grössern Arbeit über diesen 
Gegenstand , welche ich später einmal monographisch zu bear- 
beiten gedenke. Ich habe bereits nicht weniger als 40 eigene 
Beobachtungen über diesen Gegenstand gesammelt , und da mir 
alle frühern Arbeiten über denselben zu Gebote gestanden sind, 
kann ich hier, wenn auch nur kurz und skizzenhaft, dem prak- 
tischen Arzte ein Bild liefern, welches gewiss nur nach natur- 
getreuer Beobachtung gezeichnet ist. 

Pathologische Anatomie. Was zuerst die Lungen betrifft, so 
sind gewöhnlich zahlreiche Granulationen überall durch diesel- 
ben verbreitet, welche grau, halb durchsichtig, oder im Centrum 
schon gelb , oder nach den Lungenspitzen zu oder an den obern 
Lappen überhaupt bereits umfangreicher, bereits gelb und stelleri- 



Recherehes sur la phthisie aigue che* radalte. These. Paris 
1851. 

*) Tr*i14 dts maladie* de l>nfanc*. 2 6 Edition. Paris 1855« 
Tome III. p. 370. 

3 ) De la tuberculjsatiop aigue, These, pari* I3?4r 



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372 

weise erweicht sind. Ebenso ist est gar nicht selten, in einer 
oder beiden Spitzen erbsen- oder haselnussgrosse oder noch 
grössere Cavernen zu finden. Ein paar Mal habe ich auch unter 
der Bronchialschleimhaut kleine Tuberkelgranulationen gefunden. 
Louis gibt an, dass man mitunter eine umfangreiche, graue t 
halbdurchsichtige Infiltration in den obern Lungenparthien treffe. 
Der gleiche Autor hat auch mehrmals an der Basis das Maximum 
beobachtet, während in den obern Parthien die Tuberkeln sonst 
4im gedrängtesten und in ihrer Entwicklung am vorgerücktesten 
sind. In mehr als einem Drittel der Fälle habe ich alte geheilte 
Tuberkulose an den Spitzen gefunden. Auch granulirte Tuber- 
kulose in grosser Ausdehnung habe ich vier Mal geheilt , ganz in 
schwarzes Pigment eingehüllt , aus harten homogenen Knoten be- 
stehend gefunden , während sonst gewöhnlich die Granulationen - 
zwischen Lungenfasern, Bläschen, Gefässen etc. in halbdurch- 
sichtiger Masse zahlreiche Tuberkelkörperchen zeigen , welche 
letztere jedoch in manchen Granulationen in sehr geringer Menge 
bestehen, ja sogar fehlen können. Einen specifisch eigenen Bau 
dieser Knoten, wie ihn Robin angibt, habe ich nie finden können. 
Das Lungengewebe in den Tuberkeln ist nach meinen Beobach- 
tungen in der Mehrzahl der Fälle entweder gesund oder nur mas- 
sig hyperämisch; alle Uebergänge aber habe ich bis zur Carnifi- 
eation , ja bis zur Hepatisation gefunden. Die gewöhnliche Hypo- 
stase der untern und hintern Lungenparthien bietet nichts Ausser- 
ordentliches dar. Louis spricht von sehr häufiger Hepatisation; 
indess war zu seiner Zeit die Carnification noch nicht allgemein 
bekannt. Verhältnissmässig nicht selten habe ich Lungenemphy- 
sem gefunden , meist an den vordem und obern Parthien , und 
mehrmals sab ich um die Granulationen herum viele kleine emphy- 
sematische Hohlräume von der Grösse eines Stecknadelkopfes, 
einer Linse und darüber. Adhärenzen der Pleura sind häufig, 
mitunter findet man auch aus Bindegewebe gebildete Knötchen. 
Einzelne Tuberkeln 4m Brustfell sind nicht selten , wohl aber aus-* 
gedehnte Tuberkulose derselben. In etwas über ein Viertel aller 
•Fälle habe ich frische pleuritische Exsudate gefunden , welche 
zwischen einem halben und anderthalb Quart schwankten» Ein 



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873 

Kai habe ich wachstropfenähnliche Infiltrate unter der Pleura be- 
obachtet. Die bronchiale Schleimhaut war in der Regel hyperä- 
misch, aber nur selten in den Bronchien mit eitrigem Schleime 
bedeckt, und noch seltener stellenweise erweicht. Im Herzen 
finden sich gewöhnlich weiche, schwärze, jedoch stellenweise 
auch mit gallertartigem Faserstoff vermischte Gerinnsel. Throm- 
bose in der Cruralis habe ich einmal, sowie auch in der Jugula- 
ris beobachtet. Das Pericardium ist in der Regel nur der Sitz 
einer vermehrten Exhalation, indessen ein paar Male habe ich es 
entzündet gefunden, und zwar auch in Folge von Ablagerung von 
Tuberkelgranulationen; ein Mal fand sich sogar ein serös-hämor- 
rhagischer Erguss von mehr als zwei Quart im Herzbeutel. Auch 
den Larynx habe ich zwei Mal tief ulcerirt gefunden ; ein Mal 
war ein grosser Theil der Epiglottis zerstört und ein anderes Mal 
die Commissur beider Stimmbänder. Auch Louis beschreibt 
Geschwüre im Kehlkopf und der Luftröhre. Diphtheritis kam nur 
ein Mal vor, mehrmals fand ich die Follikel des Larynx so ge- 
schwellt , dass man hätte glauben können , es handle sich um Tu- 
berkulose derselben. Die Bronchialdrüsen waren in einem Drittel 
der Fälle der Sitz der tuberkulösen Infiltration und mehrfach 
erweicht, selbst im Innern im Eitern begriffen. 

Von grosser Wichtigkeit sind auch die anatomischen Veränderun- 
gen im centralen Nervensystem; nicht weniger als fünf Mal, 
und zwar vier Mal bei Erwachsenen , habe ich Tuberkelgranula- 
tionen in der Pia mater und zwei Mal grössere Tuberkeln im Hirn 
oder seinen Häuten selbst beobachtet. Bei diesen Kranken waren 
die Pacchioniscfaen Körper sehr entwickelt, die Meningen ausser- 
ordentlich blutreich, und gewöhnlich bestand gleichzeitig innerer 
Hydrocephalus mit bedeutender Vermehrung der Flüssigkeit und 
centraler Erweichung. Auch die Wände der Seitenventrikel waren 
mehrmals ödematös infiltrit und leicht erweicht , auch wohl ecchy- 
motisch. Das Septum und der Fornix waren besonders zerfliessend.' 
Bei mehreren Kranken fanden sich auch eine Meningitis der Pia mater, 
der Basis mit fibrinösem Exsudat, ohne gleichzeitige Tuberkelablage- 
rung. Ebenso habe ich Innern Hydrocephalus mit centraler Erwei- 
chung des Septum, de» Fornix ohne Meningealtuberkulose beob- 



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achtet, auch ein paar Mal kamen Capillarapoplexien in der Hirn- 
Substanz , sowie zwei Mal Bluterguss auf der Pia mater vor; so- 
mit können also Meningitis der Basis, Hydrocephalus internus, 
Meningealtuberkulose und Blutung gesondert oder in verschiedenen 
Combinationen vorkommen. Ein Mal war die ganze Hirnmasse 
hypertrophisch. Im Ganzen haben wir jene verschiedenen Ver- 
änderungen des Hirns und seiner Härte in nahezu ein Drittel 
aller Fälle beobachtet. 

Auch der Verdauungskanal befindet sich oft in abnormem 
Zustande. Im Magen findet man zuweilen Ecchymosen, Zei- 
chen des Katarrhs, ja ein paar Mal fand ich im submukösen 
Zellgewebe einen deutlichen Tuberkel. Viel häufiger jedoch ist 
der Dünndarm erkrankt, in nahezu einem Drittel aller Falle : ge- 
wöhnlich findet man alsdann Geschwüre , welche als letzten Grund 
eine submuköse Tuberkulose darbieten. Im Ileum und Coecura 
find diese Ablagerungen am häufigsten, auch die isolirten und 
agminirten Drüsen sind öfters geschwellt , sowie sich andere 
Zeichen des Katarrhs einfinden. Die Geschwüre mögen indess 
wohl auch nicht selten ohne vorherige Tuberkelablagerung bestehn. 
Die Mesenterialdrüsen , sowie andere Drüsen des Lymphgefäss- 
systems, retroperiton&ale Lymphdrüsen, Halsdrüsen etc. , waren in 
mehr als einem Viertel der Falle bedeutend von Tuberkelmassen 
iifiltrirt. Ungefähr in demselben Verhältnis! fand sich Tuberku- 
lose des Peritoneums, und zwar in allen möglichen Formen, 
jedoch in der Regel als zahlreiche Granulationen mit Hyperämie 
und mehrmals mit ascitischem Ergnsse. Die beim Erwachsenen 
sonst so selten tuberkulöse Leber war es nicht weniger als sechs 
Mal in unsern Beobachtungen, so dass also bei akuter Tuber- 
kulose dieses Organ viel mehr als sonst zu derartigen Ablage* 
rangen prädisponirt ist. Auch fettige Degeneration der Leber 
fand sich mehrmals. Merkwürdig ist die nicht selten vorkom-* 
raende Vergrösserung der Milz mit Erweichung. Jedoch habe 
ich sie auch leicht verhärtet , mit bedeutend vergrösserten mal- 
pighischen Granulationen , als sog« Sagomilz , angetroffen. Nur 
zwei Mal war dieses Organ ganz mit gelben Granulationen durch- 
säet. Auch nicht weniger als fünf Mal habe ich in den Nieren 



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ST» 

zerstreute , einzelne oder zahlreiche Tuberkelablagerungen gefun- 
den. Gleichzeitig bestand zwei Mal Morbus Brightii. Auch im 
Hoden fanden sich ein paar Mal Tuberkeln , welche sich früher 
als die Lungengranulationen entwickelt zu haben schienen. In der 
Schilddrüse fand ich nur ein Mal deutliche Tuberkeln , aber nicht 
weniger als sechsmal bestand bedeutende Hypertrophie mit Col- 
toid~ und Cystenbildung, so dass auch hier das Ausschliessungs- 
gesetz von Kropf und Tuberkulose sich keineswegs bestätigt. Ais 
mehr zuverlässigen Leichenbefund erwähne ich einen bedeutenden 
Bluterguss oberhalb des Kniees , mit vorwiegenden weissen Blut- 
zellen, sowie die ein Mal beobachtete bedeutende Gasentwick- 
king in den Gefässen des Duodenums und der Nieren. 

Von grösstem Interesse ist die relative Häufigkeit mehrfacher 
Tuberkulose , wie man sie bei der chronischen Tuberkulose der 
Erwachsenen sonst nicht findet. Diese bestand in nicht weniger 
als 20 Fällen , also in der Hafte , und rechne ich hier die der 
verschiedenen Theile der Athroungsorgane , Pleura , Bronchial«* 
drüsen , Lungen etc. nicht als besondere ein. In fünf Fällen be- 
standen gleichzeitig Tuberkeln in den Athmnngsorganen , im Darm« 
kanal und im Feritonäum. In fünf andern in erstem und in den 
Meningen, und in nicht weniger als 10 Fällen war die Tuber*» 
kniete über viele Organe verbreitet , So dass wir hier beim Er* 
wachsenen zum mindesten eben so häufig allgemeine Tuberkulose 
mit akutem Verlaufe als im kindlichen Alter sehen, und finden 
sich überhaupt in dieser Krankheit alle die gleichen anatomischen 
Veränderungen, wie bei chronischer Tuberkulose, nur viel rascher 
aufeinander folgend und ungleich weiter verbreitet. 

Symptomatologie. Der Anfang der Krankheit ist entweder 
ein latenter, unbemerkter, oder ein akut febriler von ziemlich 
bedeutender Intensität. Ein Schüttelfrost , auf welchen bald Hitze 
und Trockenheit der Haut und grosse Beklemmungen folgen, bil- 
den den Anfang. Die Kranken klagen über Kopfschmerz , Ein- 
genommenheit des Kopfes, Schwindel, Ohrensausen, und sokoa 
sehr frühe fühlen jie steh «att und schwach. Mit einem Wort,, 
der Beginn gieitht sehr dem eines typhösen Fiebers. Nur selten 
bedachtet »*n gleichzeitig katarrhalische Erscheinungen, Hals- 



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9» 

ichmerzen , Schnupfen etc. , oder mehr rheumatoide Schmerzen 
in den Gliedern und Gelenken. Das Fieber ist nun in der Regel 
während der ganzen Zeit vorwiegend , der Puls ist sehr beschleu- 
nigt : 106—120 bei Erwachsenen, 140 — 160 bei Kindern. In 
der Regel ist der Puls in den ersten Tagen voll, und lässt man 
sich zu einem Aderlass verleiten , so findet man auf dem Blute 
höchstens eine dünne, schmutzig-graue, irisirende Kruste, aber 
gewöhnlich keine Crusta phlogistica. Die Temperatur ist erhöht, 
indessen habe ich sie nicht über 39 — 40° C. steigen sehen. Das 
Fieber hat in der Regel den continuirlichen Charakter. Exacer- 
bationen des Abends sind nicht selten. Hehrmals habe ich Re- 
missionen , welche selbst auch einen Augenblick an Intermittens 
glauben lassen konnten , beobachtet. Im Anfang haben die Kran- 
ken geröthete Wangen, späterhin werden sie bleich, und Rippen 
und Wangen bekommen dann ein livides cyanotisches Ansehen. 
Der Blick ist ängstlich, aber matt. Die Kräfte der Kranken schwin- 
den schnell, Und schon früh verfallen sie in äusserste Prostra- 
tion. Dabei ist aber im Anfang in der Regel die Abmagerung 
nicht auflallend , und es ist eine von allen Beobachtern bestätigte 
Bemerkung , dass gerade Individuen von mehr athletischen For- 
men und kräftigem Körperbau nicht selten von akuter Tuberkulose 
befallen werden. Zieht sich aber die Krankheit irgend wie in 
die Länge , so ist namentlich im Verlaufe des zweiten Monats die 
Abmagerung bedeutend und macht schnelle Fortschritte. Bei manchen 
Kranken beobachtet man im Anfang eine allgemeine diffuse Haut« 
rötfae, auf Welche besonders Leudet aufmerksam macht. Ro- 
seola und Petecchien habe ich nie beobachtet, indessen Waller, 
Rilliet, Barthez lind Gösset haben sie gesehen. Sudamina 
hingegen sind nicht selten. Der Harn ist in der Regel derje- 
nige der febrilen Krankheiten, hochgeröthet, trüb, reich an Harn- 
salzen, mit verminderter Quantität , zuweilen verminderten Chlo- 
riden. Vorübergehend enthält er auch Eiweiss , wie bei allen 
akuten schweren Krankheiten. Ist dieses andauernd der Fall, so 
deutet er auf Complication mit Morbus BrightiL 

Schon sehr früh tritt bei den* meisten Kranken Husten ein, 
jedoch habe ich ihn besonders in den Fällen mit latentem Ver- 



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laufe fehlen sehen, bei welchen die Tuberkulose mehr allgemein 
Verbreitet war. Zuweilen tritt auch der Husten nach acht bis 
iehn Tagen auf. Für die meisten Kranken wird er schon früh 
quälend , häufig anfallsweise vermehrt , des Nachts sehr lästig ; 
im Anfang ist er trocken , indess gesellt sich auch bald Auswurf 
hinzu, welcher in der Regel wenig copiös ist, zäh, klebrig, 
lufthaltig, zuweilen mit Blutstreifen gemischt erscheint. Später 
wird dann die Expectoration bei manchen Kranken sehr copiös, 
schleimig-eitrig. Die Sputa können auch mehr in eine gleich-* 
Artige Masse zusammenfassen. Nur einmal habe ich sie übel- 
riechend gefunden. Blutspeien in grösserer Menge und mehrfach 
wiederholt gehört bei der akuten Phthisis zu den Seltenheiten, 
und wird es mehr dann beobachtet, wenn derselben eine latente 
Periode vorangegangen ist. Ebenso gehören auch Heiserkeit, 
Schmerzen im Larynx und Schluckweh zu den seltenen Erschei- 
nungen. In einem Falle habe ich sie sogar so in den Vorder* 
grund treten sehen , dass das Larynxgeschwür die Hauptkrank- 
heit zu bilden schien. Das Athmen dieser Kranken ist in der 
Regel sehr beschleunigt, im Mittleren 36 — 40 — 44 in der Mi* 
nute , indessen auch bis auf 56 und 60 habe- ich es bei Erwach« 
jenen und bis auf 80 bei Kindern steigen sehen. Jedoch habe 
ich auch Einzelne beobachtet, wo das Athmen auf 28 — 32 in 
der Minute während längerer Zeit beschränkt blieb. Der be- 
schleunigte Athem entspricht in der Regel einer schon vom An« 
fange an ziemlich bedeutenden Dyspnoe , welche jedoch bei all« 
gemeiner Tuberkulose , sowie bei vorherrschenden Hirnerschei- 
nungen fehlen kann. Wo aber die Brusterscheinungen ausge- 
sprochen sind , steigert sich dieselbe allmählig bis zu wahrer 
Orthopnoe, so dass am Ende die Kranken nur noch sitzend und mit 
nach vorn überhängendem Kopf athmen können. Brustschmerzen 
gehören keineswegs zu den seltenen Symptomen , und haben bald 
mehr den vagen Charakter wie bei chronischer Tuberkulose , bald 
entsprechen sie mehr einer umschriebenen mit lokalisirter Pleu- 
ritis. Mehrfach habe ich auch unter einer der Clavikulargegenden 
die Percuision schmerzhaft gefunden. Hier zeigt auch nicht sei** 
ten die sorgfältig angestellte Percussion eine leichte oder auch 



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3BB: 

nufchr ausgesprochene Dämpfung, welche bald nur wenige Quer- 
firtger breit Raum einnimmt, bald bis nahezu an die Brustwarze 
herabreicht. Findet man nach unten und hinten auf einer Seite 
eine ausgesprochene Dämpfung , so entspricht dieselbe gewöhn- 
Neh einem pleuritischen Ergüsse, seltener einer Pneumonie. Nur 
^eitert beobachtet man auch Dämpfung in einer Regio supraspi* 
itata in Folge von Tuberkeln. Iu einem Falle habe ich das Ge- 
räusch des zersprungenen Topfes wahrgenommen , ohne dass Ca- 
vernen existirten. 

Bei der Auscultation hört man namentlich mehrere, sowie 
noch hinten in der Gegend der Spitzen gewöhnlich ein rauhes, 
unbestimmtes Alhmen , nicht selten mit verlängerter Respiration. 
Weitaus am häufigsten nimmt man über die ganze Brust, nach 
vorn und nach hinten, und nicht selten bis an die Spitzen hinauf- 
reichend, pfeifende und verschiedenartige sonore Rhonchi wahr, 
neben welchen stellenweise auch die mehr feuchten, knisternden, 
feinen Rasselgeräusche gehört werden. Im Verlaufe der Krank- 
heit constatirt man gar nicht selten in einer der Spitzen , beson- 
ders nach hinten , blasendes ynd später bronchiales Atbraen mit 
vermehrtem Wiederhall der Stimme , und später deutliche Bron- 
ebophonie , was in der linken Spitze mehr Werth hat als in der 
rechten. Alle diese Erscheinungen sind bei der Exspiration am 
deutlichsten. Der Vokalfremitus ist iu der Regel nur geändert« 
und zwar vermindert , wenn ein bedeutender pleuritischer Erguss 
existirt. 

Die Nächte dieser Kranken sind besonders unruhig. Einmal 
habe ich sogar bei einem zweijährigen Kinde vollkommene Schlaf- 
losigkeit während vierzehn Tagen beobachtet. Für manche Kranke 
Sind auch die Nachtschweisse sehr lästig. Mannigfach sind die 
Symptome von Seile des Nervensystems. Von der zunehmenden 
Schwäche haben wir bereits gesprochen, und ist die Athemnoth 
fclcht sehr bedeutend, so verfallen die Kranken bald in den Zu- 
stand von Apaihie und von Stupor * "wie man ihn fast nur beim 
Typhus beobachtet. Als mehr eigentlich cerebrale Symptome 
tritt man iiitensen und andauernden Kopfschmerz, sowie Delirien, 
Welche in der Hegel mehr MiU als geräuschvoll sind. Späterhin 



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wechseln die Delirien mit Coma ab , und allmähüg verfallen die 
Kranken in einen andauernd soporösen Zustand. Die charakteris- 
tischen Delirien des Säuferwahnsinns kommen mitunter als Com- 
plication vor. Manche Kranke stöhnen oder seufzen selbst noch 
im Coma ununterbrochen. Später wird dann auch noch die Sprache 
undeutlich, der Blick stier» die Anfangs normalen oder auch etwas 
verengerten Pupillen werden bei cerebralen Formen allmählig 
trag, unbeweglich und erweitert. Von Bewegungsstörungen bemerkt 
man einen leichten Grad von Zittern verschiedener Körpertheile , 
Mückenfangen, in schweren Fällen Lähmung eines oder mehrerer 
Glieder, Blepharoptose , Krämpfe, in den Extremitäten, in den 
Kaumuskeln (Trismus) und in den Augen, welche nicht seilen 
andauernd nur halb verschlossen sind. Auch paralytischer Yer- 
lust M der Sprache und Dysphagie kommen vor. 

(Schluss im nächsten Heft.) 



lieber den Seheintod neugeborner Kinder und dessen 
Behandlung nach Marshall Hall. 

Das neugeborne Kind sowohl als das Neugeborne vieler Säuge-; 
thiere befindet sich in anatomischer und physiologischer Hinsicht in 
einem eigenthümlichen Zustande. Das eirunde Loch und der Ductus ar-, 
teriosus sind noch offen und bleiben es , nach den Untersuchungen von 
Flourens, bei Menschen noch fast 18 Monate nach der Geburt*. 
Während dieser Zeit ist das Blut des Lungenkreislaufes noch zum T teil 
von den Kanälen abgeleitet, die es später durchströmen soll, und 
gleicht in gewisser Beziehung dem Blute der Amphibien. Da die Ata* 
mung und jeder Reiz filr die Respiration , mit Ausnahme der Tempera- 
tur, fehlt, so existirt zufolge eines vor einigen Jahren von M a r s'h a 1 1 
Hall nachgewiesenen Gesetzes doch die Erregbarkeit des Spinalsysteins 
und die Reizbarkeit des Muskelsystems in ihrem höchsten Grade. Pap 
Neugeborne ist demnach ein Geschöpf von hoher Erregbarkeit und Irri«r 
tabilität , und es kann den Mangel von Reizen lange ertragen , bevor 
die Erregbarkeit und Irritabilität erlischt. Die Respiration ist ehi 
Hauptstimulus und das Neugeborne kann den Hanget der AUtmurig •ehr' 
lange überleben. Die Apnoe oder Asphyxie Neugeborner kann daher, 
lange bestehen ehe das Leben erlischt, und die Hoffnung, solche Kinder, 
Zum vollen Leben zu erwecken, ist demnach stets eine sehr grosse. 
Schon Harvey hat darüber sieh verwundert, dass ein Kind , welch*« 
noch nicht geatbmet hat, weit länger den Mangel der Athmung erträgt 



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98a 

als ein Kind, bei dem die Athmung schon einmal thütig gewesen. Alle 
diese Umstände drängen dazu , bei seheintodten Neugebornen , selbst 
wenn schon längere Zeit vergangen ist, recht tbatig einzuwirken und 
es an Bemühung nieht fehlen zu lassen. Diese Bemühung besteht nach 
Mars ha II Hall: 1) in Masregeln, die Respiration herbeizuführen, und 
%) in Ilasregeln, den Blutkreislauf zu unterhalten. Für erstem Zweck 
sind die Mittel folgende : a) Das Kind muss auf den Bauch gelegt wer- 
den, damit alle Flüssigkeit, welche etwa den Eingang in die Luft- 
röhre verstopft , abfliesscn kann, b) Die Hautnerven sowohl als der 
Trigeminus , diese Hauptfactoren der Respiration, müssen durch Bespri- 
tzen von einigen Tropfen kalten Wassers auf das Angesicht und die 
äussere Haut erregt werden, c) Wird dadurch die Respiration nicht 
herbeigeführt , so müssen die Athmungsbewegungen künstlich nachgeahmt 
werden. Dieses darf aber nicht auf gewaltsame Weise geschehen ; das 
Einblasen von Luft in die Lungen des Kindes dureh ein Instrument oder 
auch dadurch , dass man den Mund auf den des Kindes legt , kann ge- 
fährlich werden und ist verwerflich , weil es leicht das zarte Gewebe 
der fötalen Lungen zerreisst. Es ist besser so auf den Thorax des 
Kindes zu wirken , dass die Luft von selbst in die Lungen des Kindes 
gezogen wird. Dieses geschieht am besten dadurch , dass man das 
Kind rasch auf den Bauch legt, um, wie gesagt, Mund uud Rachen frei 
zu machen , dann sanft auf den Rücken drückt , und nun eben so sanft 
das Kind auf die Seite und ein wenig auf den Rücken wendet, d) Wäh- 
rend der Zeit werden die Gliedmassen gerieben und sanft von unten 
nach oben gedrückt , um die Circulation zu vermehren und das venöse 
Blut nach dem Herzen zu treiben, e) Von Zeit zu Zeit muss man sich 
bemühen, die Respiration auch psychiologisch zu erregen. Das Kind 
wird zu diesem Zwecke auf den Bauch gelegt, und rasch und abwechselnd 
mit Wasser von 60° und 100° R. gedoucht. Hohe und niedrige Tem- 
peratur sind auf gleiche Weise Erreger der Reflexfun ctionen der Ath- 
nrang , und ihre Kraft steht in) Verhältnisse zu der Verschiedenheit 
dieser Temperatur. 

Dieses Verfahren muss man von Zeit zu Zeit wiederholen und noch 
lange nicht die Hoffnung aufgeben, das Kind ins Leben zu bringen. 

Indem wir obige Mittheilung dem Journal für Kinderkrank* 
heiten (Jahrg. XVL 1858. S. 465) entnehmen, müssen wir be- 
merken , dass uns Mars ha 11 Hai Vs Methode der künstlichen 
Athmung beim scheintodten Neugebornen , so guten Erfolg sie bei 
«sphyctischen Todesarten Erwachsener haben mag , eine unzu- 
längliche scheint und hier sicher nicht das directe Lufteinblasen 
aus der Praxis verdrängen wird. Bei dem Erwachsenen, dessen 
Lungen lufthaltig wird, kann das Spiel der Respiration allerdings 
dadurch eingeleitet werden , dass man durch die Bauchlage die 
Brust comprimirt , einen Theit de* vorhandenen Athmungsluft ent- 



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SM 

femt und dann durch Seitwärtswenden des Körpers den Drude 
wieder aufhebt, um die Luft durch die geöffnete Glottis einströ- 
men zu lassen. Das Verfahren hat theoretisch sehr viel für sich 
und hat sich auch schon in der Praxis bewährt. Beim schein- 
todten Neugebornen befindet sich aber die Lunge noch im Zi*- 
stande der Luftleere, der Atelectasis, und der Druck auf den 
Thorax kann das Spiel der Respiration nicht einleiten, so wenig 
als nach aufgehobenem Drucke Luft in die atelectatische Lunge 
dringt. Jedenfalls liegt die Hauptsache bei HalTs Verfahren 
in der Eröffnung der Glottis und der Reizung der Hautnerven, wie 
man es schon von Alters her in der Praxis ausübt. 

Ref. hat vielfach die verschiedenen Metboden der Wieder- 
belebung scheintodter Neugeborner experimentirt , und ist zuletzt 
J>ei dem Einblasen von Luft mittelst eines Federkiels in ein Nasen- 
loch, während der Mund und das andere Nasenloch verhalten 
werden , abwechselnd mit einem sanften Drucke auf den Thorax , 
als dem erfolgreichsten Verfahren stehen geblieben. In einem 
Falle von Wendung des Kindes wegen Querlage trat nach drei 
Viertelstunden dauernder künstlicher Athmung die erste freiwil- 
lige Respiration ein. In einem andern Falle , wo das Kind eine 
Viertelstunde nach der Geburt des Kopfes, wegen mangelnder 
Geburtswehen, extrahirt worden, trat erst nach einer Stunde künst- 
licher Athmung die erste freiwillige Respirationsbewegung ein; 
und beide Kinder wurden gerettet. Freilich waren andere schein- 
todte Kinder, welche noch kurz vor der Geburt gelebt hatten, 
durch das gleiche Verfahren nicht wieder zu beleben. Bei allen 
diesen Fällen machte ich die bestimmte Erfahrung, dassmit dem 
Aufhöre.n des Herzschlages auch die künstliche Ath- 
mung ohne Erfolg bleibt, selbst wenn sehr kurze Frist nach 
dem eingetretenen Scheintode die Wiederbelebung versucht wird. 
Im andern Falle, wenn sich noch eine kaum durch Auscultation 
wahrnehmbare , nur in längern Intervallen wiederkehrende Herz- 
bewegung zu erkennen gab, trat sogleich nach der Einlei- 
tung der künstlichen Athmung beschleunigtere und kräftigere 
Herzpulsation ein, das Gesicht nahm einen lebendigen Aufdruck 
an und die Blaue der Haut machte der normale^ Färbung im 



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{ S82 

Leben Platz. Solche Kinder konnte ich, wie bemerkt, noch nach 
einer Stunde zum Leben zurückrufen, und zwar ohne sichtbaren 
Schaden für ihre Respirationsorgane. 

Man warf der künstlichen Athmung vor: 1) dass bereits ver- 
brauchte Luft aus den Lungen des Operateurs eingeblasen werde; 

2) dasrs die eingeblasene Luft in Magen und Darm eindringe, und 

3) dass durch das künstliche Lufteinblasen sog. lobuläres oder 
interstitielles Emphysem erzeugt werde. 

Diese Einwürfe sind allerdings begründet und beruhen auf 
^tatsächlichen Beobachtungen, allein sie werden durch die prak- 
tischen Erfolge entkräftet. Die eingeblasene Luft enthält immer 
noch hinlänglich viel Sauerstoff um das Blut des Kindes in den 
Lungen zu beleben , und überdiess beweisen die schönen Ver- 
suche von Lallemand über den Chlorotormtod , dass selbst 
das Einblasen von irrespirabeln (aber nicht giftigen) Gasarten den 
durch Chloroformnarcose aufgehobenen Respirationsprozess wie- 
der einleiten kann, wenn, wie Lallemand bei Thieren und ich 
bei Neugebornen erfahren, die Herzbewegung nicht schon sistirt 
ist. Es scheint also die blose mechanische Respirationsbewegung 
sehr wesentlich auf die Belebung der respiratorischen Nervencen- 
tren und die Blutcirculation Scheintodter einzuwirken und ein Haupt- 
moment der Wiederbelebung auszumachen. — Das Eindringen der 
eingeblaseneq Luft in den Verdauungskanal ist nicht von bösen 
Polgen , da man den Druck auf die Brust , bei Nachahmung der 
Exspiration, auch auf die Oberbauchgegend ausdehnen kann, so 
dass mit jener künstlichen Ausathmung jedesmal auch die Luft 
aus dem Magen unter deutlichen Geräuschen wieder ausgestossen 
wird. — Gegen die Ueberschätzung des interstitiellen Emphysems, 
das ich jüngst sehr ausgebildet bei einem Neugebornen , bei wel- 
chem die künstliche Athmung erfolglos während einer halben 
Stunde angewendet worden war, vorfand, und das sich wohl nie 



i) Recherches explrimentates sur les moyent a emptoyer contre 
les accidents determinös par les inhalalions de chloroforme , rappprl & 
la Soci&e' med. d'emulation de Paris, le 13 janvier 1855, par Ludger 
toltemand. (Union medicale, 27 janvier 1855, page 46.) 



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383 

ganz Tenneiden lässt, bemerken wir, dass sich dasselbe bekninfr- 
termasen ausserordentlich häufig in den Leichen Neugeborner fin- 
det, ohne dass entsprechende Symptome im Leben vorhanden 
waren und dass in den beiden von mir erwähnten Fällen , in wei- 
chen die künstliche Alhmung während 3 / 4 und 1 Stunde fortge- 
setzt wurde , nachmals keinerlei Störung im Athmungsprozess *u 
beobachten war. Solche kleine Luftblaschen werden* sicher bei 
freigehendem Athmen immer sehr leicht wieder, resorbirt. Ob die 
bei den meisten wiederbelebten Neagebornen nachmals eintre- 
tende Lebensschwäche von mangelhaftem Athmungsprozess 
herrühre , wage ich nicht zu entscheiden. 

A. Vogt. 



Ans der Literatur. 



Forensische Untersuchung von Blutflecken« j 

Um den Nachweis zu liefern , dass gewisse rothe Flecken an 
Kleidern und Werkzeugen von Blut herrühren, bediente man sich zwar 
schon längst der mikroskopischen und chemischen Untersuchung. Jene 
war jedoch bisher ausschliesslich auf den Nachweis der Blutkör- 
perchen und etwa noch des filzigen Faserstoff gewebes gerichtet; 
diese beschränkte sich auf gewisse Reactionsproben, die die Existenz 
des Eiweisses und des BIutfarbestofTs darthun sollten, aber in Be- 
ziehung auf diesen letztern Punkt entweder ausserordentlich um- 
ständlich oder ungenau waren. Gerade für den wichtigen und 
entscheidenden Nachweis des Blutfarbestoffes liefert die physiolo- 
gische Chemie ein leichtes und untrügliches Mittel , auf welches 
Virchow in jüngster Zeit ( Zellularpathol. S. 131. Berlin 1858) 
unsere Aufmerksamkeit hinlenkt. Neben den oft beschriebenen 
Hämatoidin - und Hämatokrystallintafeln und Säulen fand be- 
kanntlich Teichmann noch eine dritte Art von Krystallen 
(welche aus dem Blutfarbestoff künstlich dargestellt wird) , die 



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384 

er Hamm nannte. Der Nachweis dieser dunkelbräunlichen, plat- 
ten , rhombischen Tafeln , welche spitzere Winkel darbieten ab 
das Hämatoidin, and gegen die Reagentien äusserst indifferent blei- 
ben , besonders nichts von jenem Farbenspiel der Hämatoidin- 
krystalle zeigen , ist für die forensische Untersuchung von Blut- 
flecken sehr bedeutsam geworden. Zur Ausführung dieser Probe 
nrass man getrocknetes Blut in möglichst dichtem Zustande 
mit trocknem, krystallirirtem Kochsalzpulver mengen > dann auf 
diese trockene Mischung Acctum glaciale bringen und bei Koch- 
hitze abdampfen. Durch dieses Verfahren werden die geschil- 
derten Häminkrystalle gebildet. Es gibt keine andere Substanz 
von der solche Krystalle erhalten werden können , als der Blut- 
farbestoff. Was diese Probe neben der leichten Ausführbarkeit 
noch besonders empfiehlt , das ist der Umstand , dass sie auf 
ganz minimale Quantitäten von Blut, bei denen eine gewöhnliche 
chemische Probe gar nicht anzustellen wäre, noch mit grösster 
Sicherheit anwendbar ist. Das einzige Erforderniss Tür die Mög- 
lichkeit der Ausführung dieser Probe ist eine gewisse Dichtig- 
keit und Concentration des zu untersuchenden Blutfarbestoffes. 
Derselbe darf nicht über eine zu grosse Fläche verbreitet sein. 

B. D. 



••c^cXWßfXO'^N* 



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Nr. 1. 



»•Ifrlett 



der 

medizinisch -chirurgischen Gesellschaft 

des 

Kaatoas Bera 

joir 2. Lieferung der „Schweiz, Monatschrift fiir prakt. Medizin, * 
Jahrgang 1858. 



%n*w 



an die 

Tit. Mitglieder der medizinisch -chirurgischen Gesellschaft 

des 

Kantons Bern. 



Verehrte Collegenl 
Das Comitö unserer Gesellschaft hat den 14. Januar letzthin, 
dem ihm ertheilten Auftrage gemäss > mit der Redaction der 
« Schweiz. Monatschrift für prakt. Medizin » eine Uebereinkunft 
getroffen, in Folge welcher diese Zeitschrift in Zukunft unsere 
Verhandlungen, soweit wir es wünschen, veröffentlichen f und 
überdiess den Besprechungen unserer Gesellschaftsangelegenlieiten 
auch zwischen den Versammlungen Raum geben wird. Es wer- 
den nämlich in dem Beiblatte jener Zeitschrift die Verhandlungen 
der Gesellschaft, sowie derjenigen Bezirksvereine, welche sich 
zu Sectionen derselben constituirt haben , ihrem wesentlichen 
Inhalte n*ch zusammengefasst erscheinen. Von den gehaltenen 
wissenschaftlichen Vorträgen wird jedesmal ein gedrängter Aus-»- 
mg geliefert werden. Femer werden sämmtliohe Mitglieder der 
Gesellschaft ersucht, sich in diesem Beiblatte möglichst zahlreich 

1 



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über die wichtigen Gegenstände auszusprechen, welche in dem 
Schoose der Versammlung zur Berathung kommen sollen. Das 
Comitö der Gesellschaft verpflichtet sich, diese Gegenstände, so- 
weit es seihst sie der Gesellschaft vorzulegen gedenkt , jedesmal 
möglichst geraume Zeit vor der nächst bevorstehenden Versamm- 
lung in dein nämlichen Organe anzuzeigen, und die in seinen 
Sitzungen darüber gefallenen Ansichten mitzutheilen. Es bittet 
aber auch die Bezirksvereine , sowie sämmtlichc Mitglieder der 
Gesellschaft, ihrerseits das Nämliche zu thun, damit in Zukunft 
die Versammlungen nicht mehr durch die ihr vorzulegenden, oft 
wichtigen Fragen überrascht werden , sondern ihre Mitglieder 
sämmtlich gehörig vorbereitet erscheinen können , wie diess 
durchaus zu wünschen ist , wenn nicht die Discussionen ebenso 
lang und ermüdend, als erfolglos sein sollen. — Endlich werden 
von dem Comitö in dein bezeichneten Beiblalte die Versammlun- 
gen und ihre Tractanden ausgeschrieben, Personalnachrichten und 
allfällige Nekrologe von Gesellschaftsmitgliedern u. dgl. m. , ge- 
geben werden. 

Gediegene wissenschaftliche Vorträge , welche für das ge- 
sammte ärztliche Publikum Interesse darbieten , werden , ausser- 
dem dass sie in dem Beiblatte im Auszuge wieder gegeben wer- 
den , in extenso in der Monatschrift selbst erscheinen. 

Ueber die gegenseitigen Bedingungen, unter welchen das 
Comite der Gesellschaft und die Redaction der «Schweizerischen 
Monatschrift» die besprochene Uebereinkunft , provisorisch auf 
ein Jahr, abgeschlossen haben, wird in der nächsten Versamm- 
lung der Gesellschaft Bericht erstattet werden. — Hier nur so 
viel, dass die Druck- und Versendungskosten des Beiblattes an 
sämmtliche Mitglieder der Gesellschaft in deren bereits fest- 
gesetztem jährlichen Unlerhaltungsbeitrag mitinbegriffen sein wird. 

Schliesslich erlauben wir uns noch einmal die Bitt# : Betä- 
tigt Euch , verehrte Collegen , recht zahlreich und lebhaft an einer 
Vielseitigen und gründlichen Besprechung aller wichtigen Auf- 
gaben unserer Gesellschaft in dem von uns gewählten Organe. 



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Setzet hiedurch das Comitd , setzet die Versammlungen der Ge- 
sellschaft selbst in den Stand , die Angelegenheiten unserer Ge- 
sellschaft, und in diesen die Interessen unseres Standes, wie 
das sanitarische Wohl des Publikums mit Kenntniss und Berück- 
sichtigung der Ansichten und Wünsche aller Mitglieder zu bera- 
then , was nur auf diese Weise möglich wird. — Bestreben wir 
uns aber auch , durch gediegene Mittheilungen und Discussionen 
im Schoose der Gesellschaft unserem Organe in wissenschaftlicher 
Beziehung ein Material zuzuwenden , das dem arztlichen Stande 
unseres Kantons Ehre mache; ist ja doch die Behauptung einer 
zeitgemässen Höhe in wissenschaftlicher Hinsicht die erste Grund- 
bedingung unseres Ansehens im Publikum, und hiedurch auch 
unserer materiellen Wohlfahrt. 

Bern, den 25. Februar 1859. 

Der Präsident 
. der medic- Chirurg. Gesellschaft : 
Prof. Dr. Jonqnitae. 



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Constitaining 

mtW\nm\)-$mttml\t$m Jgtrkjwrfii« «rot htm. ßWithait 

als 

Section der med. -Chirurg. Kantonalgesellschaft. 



Beseelt von dem Gedanken, der neuaufblühenden Kantonal- 
gesellschaft nicht nur mit Wort, sondern auch mit That in ihrem 
Streben zu festerer Einigung der Medicinalpersonen des Kantons 
Bern beizustehen , hat der Bezirksverein des Hittellandes am 7. 
November 1857 die beifolgenden Statuten angenommen , und 
sich somit als Section der Kantonalgesellschaft angeschlossen. 
Selbst die anwesende Minorität stand nicht an , nach ergangener 
Abstimmung sich der Mehrheit anzuschliessen und ihre Mitglied- 
schaft zu erklären. 

Wir hoffen , die andern Bezirksvereine des Landes werden 
in gleicher Weise Hand bieten, und diese jeweilen bestehenden 
abweichenden Ansichten sich der Mehrheit, in republikanischer 
Weise , unterziehen , statt durch hartnäckiges Beharren die Kraft 
der Einheit zu ihrem eigenen Nachtheile zu brechen. Seit Jahr- 
zehnten wurde diese Einheit angestrebt!, und immer wieder brach 
sich die Welle an dem Eigensinn oder der Theilnahmlosigkeit 
Einzelner, ein trauriges Zeichen unserer Zerrissenheit, eine be- 
dauernswürdige Ursache unserer Machtlosigkeit in unserem eigenen 
sanitarischen Haushalte. 

In unserem Nachbarlande Frankreich haben unsere Collegen 
jene ärztlichen Schutz - und Trutzvereine mit mehr Energie ins 



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Leben treten lassen, als es bei uns der Fall ist, die Wohlthaten 
und Vortheile dieses Enganeinanderschliessens Hessen nicht lange 
auf sieb warten, und in letzter Zeit bedurfte es blos des An- 
stosses des ärztlichen Vereins von Bordeaux , um den Vorschlag 
zu einer allgemeinen ärztlichen Association aller französischen 
Aerzte in kurzer Frist mit tausenden von Unterschriften bedeckt 
zu sehen. 

Wie viel bittere und lange Erfahrungen werden wir noch 
durchzumachen haben, bis nur einmal die Aerzte des Kantons zu 
einem gemeinsamen Handeln zu bringen sind, an eine grössere 
Idee , eine Verbrüderung der schweizerischen Aerzte , das Vor- 
spiel einer einheitlichen Sanitätsverfassung und Facultät, einst- 
weilen gar nicht zu denken. 

Doch das Streben nach einer Schönen Idee gibt auch schon 
seine Befriedigung und ebnet das Feld für spätere Bebauer! — 
Lassen Wir uns daher durch Schwierigkeiten nicht erschrecken« 



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Stftt&te-n •. • 

des 

medicinisch - pharmaceutischen Bezirksvereins 

vom 

6ermse(jen STliffeCTanbe. 



S. 1. 



Jeder patentirte Arzt , - Apotheker und Thierarzt ist Mitglied 
des Vereins , wenn er Mitglied der Karitonalgesellscbaft ist, und 
seinen jährliehen Beitrag für den Bezirksverein geleistet hat. 

§. 2. 

Hauptgegenstände seiner Zwecke und Versammlungen sollen 
sein : 

a. Beratungen über alle Dinge , welche den Stand der Aerzte 
und Apotheker irgendwie betreffen , um ein engeres Anein- 
anderschliessen in collegialischer Freundschaft zu überein- 
stimmendem Handeln , zur Wahrung der Rechte und Würde 
unseres Standes damit zu bezwecken. 

b. Gegenseitige belehrende Mittheilungen über die neuern Fort- 
schritte unserer Kunst und Wissenschaft, über neue Erfah- 
rungen und interessante Beobachtungen , die einer zu 
machen Gelegenheit hatte , etc. , um dadurch das Interesse 
an der eigenen wissenschaftlichen Fortbildung rege zu er- 
halten , und die Bekanntschaft mit den Fortschritten der 
Wissenschaft sich gegenseitig zu erleichtern. 

c. Consultationen über die Erkenntniss und Behandlung wich- 
tiger Krankheitsfälle. 



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•.••■..;•• s . 3. ■-""■;" 

Es findet in der Regel alle Monate eine Versammlung statt , 
mit Ausnahme derjenigen Monate, in welche die Versammlungen 
der Kantonalgesellschaft fallen. 

§. 4. , 

Die Versammlungen werden in einem Umkreise der Stadt von 
zwei bis vier Stunden, an verschiedenen Orten wechselnd, abge- 
halten , so dass in sechs oder zwölf Versammlungen der Kreis 
rings um die Stadt vollendet wird. 

S. 5. 
Jede Versammlung wählt den Ort und Tag der folgenden, so 
wie den Präsidenten derselben. Ist der Erwählte verhindert, 
der anberaumten Sitzung beizuwohnen, so sorgt er für seine 
Stellvertretung. Nach der Sitzung benachrichtigt der Präsident 
seinen Nachfolger von seiner Erwählung , und theilt ihm die Trak- 
tanden , sowie Zeit und Ort der folgenden Sitzung mit. 

§. 6. 
Der Secretär des Bezirksvereins wird jeweilen auf ein 
Jahr gewählt. Neben der Führung des Protokolls zieht er die 
Jahresbeiträge der Mitglieder ein, besorgt die Bekanntmachung 
von Tag und Ort der Versammlungen in zwei vielgelesenen Zei- 
tungen, mindestent acht Tage vorher, und legt am Ende des 
Jahres Rechnung über die Casse ab. 

§. 7. 
Der Bezirksverein wählt alljährlich einen Referenten, 
welcher jeweilen in der Sommersilzung der Kanlonalgesellschaft 
über die Leistungen des Vereins Mitteilungen macht/ Das Re- 
ferat soll alles Wissenswerthe und Neue aus den Verhandlungen 
des Vereins in Kürze wiedergeben. 

S. 8. 
Die Mitglieder entrichten alljährlich, jeweilen zu Anfang 



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Goögk 



8 

des Jahres, einen Beitrag von iwei Franken in die Vereins« 
kasse. 

f. 9. 

Der am Ende des Jahres in der Kasse restirende Activsaldo 
wird jeweilen der Unterstütznngskasse der Kantonalgesellschaft 
zugewiesen« 

S. 10. 

Die Mitglieder des Bezirksvereins betrachten es als eine frei* 
willige Ehrensache , der Unterstützungskasse der medicinisch- 
chirurgischen Kantonalgesellschaft beizutreten. 



^ve^VÄJICC^^^^ 



Hallcr'sche Buchdrucker« (B.-F. Haller) In Htm. ~ 1868. 



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Nr. 2. 

tttlfrfat« 

der 

medicinisch- chirurgischen Gesellschaft 

den 

Kantons Bern 

cur 5. Lieferung der „Schweiz. Monatschrift für prakt. Mediiin, tt 
Jahrgang* 1858. 



Die bevorstehende Sommer -Versammlung der medicinisch* 
chirurgischen Gesellschaft wird vor Allem das Reglement für 
die von ihr im Principe bereits statuirte Unterstützungscasse zu 
beralhen haben. Die Grundlage dieser Verhandlung wird der — 
sämmtfichen Mitgliedern vor mehr als einem Jahre mitgetheilte — 
Entwurf, wie er vom Comitä vorberathen worden , bilden. Da 
nun aber von Seite mehrerer Mitglieder der Gesellschaft wieder- 
holt der Wunsch ausgesprochen worden ist, es möchte mit jener 
Unterstützungscasse zugleich eine Rentenanstalt für Aerzte 
verbunden werden, so haben zwei Mitglieder des Comitö's ein 
« Project- Reglement » im Sinne jenes Wunsches ausgearbeitet. 
Wir theilen diesen Reglements -Entwurf in Folgendem mit, und 
bitten sowohl sämmtliche Mitglieder der Gesellschaft , als nament- 
lich sämmtliche Bezirksvereine , einerseits den Werth der in Frage 
stehenden Idee zu prüfen , anderseits für den Fall , dass dieselbe 
bei der Gesellschaft Anklang finden sollte, das nachstehende be- 
zügliche «Project -Reglement» zu untersuchen , vorzuberathen , 
und die daherigen Ergebnisse in dem vorliegenden Organe zur 
Kenntniss der übrigen Mitglieder und des Comite's bringen zu 
wollen. 



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10 



(Enfmurf eines Otegfements 

für die 

Unterslützungs - und Vorsicht» -Casse 

der 

medicinisch- chirurgischen Gesellschaft 

des 

Kantons Bern. 



§. 1. 



Der Zweck des Institutes ist Unterstützung der Hülfsbedürf- 
tigen unter den Mitgliedern der Gesellschaft und ihren hinter- 
lassenen Angehörigen , sowie die Sicherung einer jährlichen Rente 
für letztere nach Absterben der Einleger. 

§. 2. 

Durch Einkauf mittelst Fr. 20 und regelmässige jährliche 
Einlagen von Fr. (?) können auch Aerzte und Apotheker anderer 
Schweizerkantone ihren Angehörigen den Genuss der Dividende 
(Rente) und den Anspruch auf Unterstützung in Nothfällen , nicht 
jedoch das Stimmrecht in den Hauptversammlungen, erwerben. 

$. 3. 

Das Vermögen der Anstalt wird gebildet : 

a. durch eine bei ihrer Gründung von der med.-chir. Gesell- 
schaft des Kantons Bern zugewiesene Summe von Fr. 1000; 

b. durch die Hälfte der Eintrittsgelder und Unterhaltungsbeiträge 
der Mitglieder der med.-chir. Gesellschaft des Kantons Bern 



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11 

und den jährlich sich ergebenden Saldo nach Bestreitung der 
jährlichen Auslagen derselben; 

c. durch die Einkaufs- und Unterhaltungsbeiträge der Thcilneh- 
mer aus andern Kantonen; 

d. durch freiwillige Beiträge von Gesellschaftsmitgliedern und 
andern TheUnehmern ; 

e. durch fdlfällige Legate und Schenkungen ; 
/, durch die Capitalzinsen; 

§. 4, 

Aus dem Vermögen der Anstalt wird ein Reservefond gebil- 
det; dieser besteht : 

a. aus dem von der med.-chir. Gesellschaft ursprünglich der 
Anstalt zugewiesenen Capitale ; 

b. aus allfälligen Schenkungen und Legaten , sofern deren Geber 
darüber nichts Anderes verfügen; 

e. aus einem zu capitalisirenden Drittheile (Hälfte) des der An- 
staltscasse laut §. 3 zufallenden Antheils an den jährlichen 
Unterhaltungsgeldern der Mitglieder der med.-chir. Gesell- 
schaft und der Theilnehmer aus andern Kantonen \ # 

d. aus einem Drittheil (der Hälfte) der freiwilligen Beiträge; 

e. aus dem in der abgelaufenen Jahresfrist nicht zu Renten, 
Unterstützungen und Verwaltungsauslagen verwendeten Rest 
der Einnahmen (Rechnungssaldo). 

$. 5. 

Aus den nichtcapitalisirten zwei Drittheilen (Hälfte) der Zinsen 
des Vermögens der Anstalt and den zur unmittelbaren Verwen- 
dung durch §. 4 disponibel gelassenen Geldern wird 

1) von der Sommerversammlung der med.-chir. Gesellschaft ein 
Jahrescredit für die Hülfebedürftigen auf das folgende Jahr 
ausgeworfen , welcher in den ersten 10 Jahren nach Grün- 
dung der Anstalt die Hälfte der durch $. 4 disponibel ge- 
lassenen Gelder nicht übersteigen darf; 



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12 

2) die Renten für die Bezugsberechtigten ausgerichtet; 

3) allfällige Verwaltungsauslagen bestritten; 

4) die sich ergebende Restanz an den Reservefond abgeliefert. 

§. 6. 
Die Unterstützungen sind , je nach der Natur der sie erfor- 
dernden Fälle , momentan oder periodisch wiederkehrend. Sie 
werden innerhalb der im §. 1 gezogenen Schranken, durchaus 
nur mit Rücksicht auf die Bedürftigkeit und Würdigkeit ertheilt. 

$. 7. 
Das Comitö der med. - chir. Gesellschaft übernimmt die Ver- 
waltung der Unterstützungscasse , sowie , im Verein mit den Co- 
mics der Sectionen der Gesellschaft, die Geschäftsführung der- 
selben. Jedes Unterstützungsgesuch , welches bei dem Präsidenten 
der Gesellschaft einlangt, wird nämlich von diesem zur Prüfung 
und Begutachtung an den Präsidenten und das Comitö der dem 
Wohnorte des Bittstellers entsprechenden Section der Gesellschaft 
gesandt. Die von dem betreffenden Sectionscomitö an den Prä- 
sidenten der Gesellschaft zurückgelangenden mötivirten Anträge 
werden dann, sofern der Stand der Casse es erlaubt, von dem 
Comit4 der Gesellschaft zum Beschlüsse erhoben. 

§. 8. 
Ein weiterer Ausschuss, bestehend aus dem Comite der 
Gesellschaft und den Comitö's sämmtlicher Sectionen oder über- 
haupt Bevollmächtigten dieser Letztern, hat die Jahresrechnungen 
und das Jahresbudget der Gesellschaft zu prüfen und zu geneh- 
migen. — • Endlich fällt dem. «weiteren Ausschusse» die Entschei- 
dung in allen möglichen Anstandsfällen zwischen dem Comite der 
Gesellschaft and den Comite's einzelner Sectionen anheim. 

S. 9. 
Zum Bezug der Dividende sind berechtigt : die Unterlassene 
Wittwe und Kinder jedes Einlegers , erstere so lange sie sich 
nicht wieder verheiratet, und zwar 



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IS 

1) vom Todestage des Einlegers an , wenn der Einleger seine 
Jahresbeiträge bei Eröffnung der Casse oder bei seinem 
Eintritt auf 10 Jahre vorausbezahlt hat. 

2) zehn Jahre nach Eröffnung der Casse für die {unterlassenen 
der gegenwärtigen Mitglieder der med.-chir. Gesellschaft, 
zehn Jahre nach dem Eintritt oder Einkauf für die später 
Eintretenden , — wenn der betreffende Einleger die Jahres- 
beiträge nur Jahr für Jahr entrichtet hat. Stirbt ein solcher 
vor Ablauf der ersten zehn Jahre, so sollen seine bezugs- 
berechtigten Hinterlassenen die bisherigen Einlagen ohne 
Zinsvergütung zurückerhalten, nnd überdiess werden sie, 
noch sonstige Erben, zu irgend einem Weitern, als auf 
die allgemeinen Unterstützungen, Anspruch auf die Casse 
haben. 

Durch Wiederverheirathung verliert eine Wittwe , nicht aber 
ihre mit dem verstorbenen Einleger erzeugten Kinder, jeden An- 
spruch an die Casse. 

$. 10. 

Je nach dem Ermessen der Versammlung der med.-chir. Ge- 
sellschaft kann auch eine andere Blutsverwandte ersten Grades 
eines ohne Hinterlassung von Wittwe oder Kindern verstorbenen 
Einlegers so lange in den Genuss der bezüglichen Rente treten, 
als sie notorisch kein eigenes Vermögen , oder sonst kein zurei- 
chendes Auskommen hat, wenn sie drei Jahre vor dem Tode des 
betreffenden Einlegers ohne Unterbrechung in seinem Haushalt 
gelebt hat. 

$. 11. 

Wenn ein Einleger sich zum zweiten Male verheirathet , so 
kann er, falls von seiner ersten Frau Kinder am Leben sind, 
eine besondere Bezugsberechtigung für die zweite Frau und deren 
Kinder durch Einzahlung von Fr. 20 neuerdings erkaufen. Ge- 
schieht dieses nicht, so hat sich die Wittwe mit ihren und den 
Kindern der ersten Frau in die einzelne Rente zu theücn. 



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14: 

Abgeschiedene Frauen verlieren jedes Recht auf die Casse, 
ebenso diejenigen Kinder, welche bei Scheidung eines Einlegers 
der Frau zugesprochen werden. 

$. 12. 

In zweifelhaften Fällen gilt eine vom Pfarrer und Gemeinds- 
präsidenten des Wohnortes eines bezugsberechtigten Individuums 
unterschriebene Bescheinigung über deren Leben , als Lebens- 
schein. 

§. 13. 

Die Rente oder Dividende wird berechnet nach der Kopfzahl 
aller Einleger, sowohl der noch lebenden, als derjenigen ver- 
storbenen , deren bezugsberechtigte {unterlassenen notfh am Leben 
sind. Durch diese Zahl wird die nach Aussetzung des Kredites 
für Unterstützungen und Bestreitung- der Verwaltangsauslagen 
jährlich ausser dem Reservefond disponibel bleibende Summe dir- 
vidirt: das Resultat macht dann eine Rente aus. Auf die Kopf- 
zahl der von einem Einleger Hinterlassenen wird , mit Ausnahme 
des im $.11 vorgesehenen Falles, bei Ausrichtung der Rente 
keine Rücksicht genommen. Der Verfalltag ist jew eilen anf i. Ja- 
nuar festgesetzt, und die Bezugsberechtigten haben ihre Renten 
bei dem Cassier, ohne ihm Kosten zu verursachen, spätestens 
j>is zum 1. März gegen eigenhändige Quittung zu reclamiren, an-« 
sonst dieselben in den Reservefond zurückfliessen. 

Das Comitö der med.-chir. Gesellschaft hat jeweilen in der 
Winterversammlung derselben ein Yerzeichniss der Bezugsberech- 
tigten, nach den einzelnen Renten geordnet, vorzulegen. 

§. 14. 

Das Recht zum Bezug von Unterstützungen oder Renten darf 
unter keinen Umständen auf dritte Personen übertragen werden. 
Beim Absterben von Einlegern ohne Hinterlassung von Bezugs- 
berechtigten fallen alle durch die an die Anstalt geleisteten Ein- 
lagen erworbenen Ansprüche an diese zurück. Ebenso die 



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15 

Ansprüche der aus der med.-chir. Gesellschaft Aastretenden und 
derjenigen , welche nach dreimaliger Mahnung des Cassiers ihre 
Jahresbeiträge nicht mehr entrichten. Letzteren steht frei , sich 
zum Wiedereintritt zu melden, wobei sie jedoch kein Vorrecht 
vor jedem andern neu Eintretenden voraus haben. 

§. 15. 

Das Comitd der med.-chir. Gesellschaft hat für sichere zins- 
tragende Anlegung der verfügbaren Capitalien zu sorgen. 

§. 16. 

Die Cassen - und Rechnungsführung übernimmt der jewei- 
lige Cassier der Gesellschaft. Es legt derselbe alljährlich dem 
«weitem Ausschusse» Rechnung ab, und dieser bringt dieselbe, 
nachdem er sie genehmigt , in Verbindung mit einem Jahresberichte 
über die Verwaltung und Leistung der Casse, vor die erste Ver- 
sammlung des Jahres. 



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■r i*a in ■ 



Haller'sche Buchdruckerei (B. F. Hai ler) in Bern. — 1858. 



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Nr. 3. 

der 

medieinisch- chirurgischen Gesellschaft 

de» i 

Kaatoas Bepa 

zur 11. Lieferung der „Schweiz. Monatschrift für prakt. Medizin, * 
Jahrgang 1858. 



Augzug ans den Verhandlungen der Sontnierveroainmlimg, 

den 26. August 1858, in Herzogenbuchsee. 



Präsident: Herr Prof. Dr. Jonquiere. 
Secretär : » » » von Erlach. 
Cassier: » Apotheker Müller. 

Anwesende Mitglieder : 28. 

I. Das ProtocoM der vorigen Versammlung wird genehmigt. 

II. Referate der Bezirksvereine über ihre Thötigkeit im 
letztverflossenen Jahre. 

A. Herr Dr. Adolf Vogt, als Referent des mittelländischen Bezirks- 
verein«;, berichtet : 

Der Bezirksverein des MiUellandes versammelte sich im Jahr 1857 
nur wenige Male. Das Bedürfnis der Vereinigung war n$nilich in 
Folge der Aufregung, welche die Associationsversamrnlung im Winter 
1856— 5T verursacht hatte, etwas abgespannt. Auf eine erhöhte T.bätig- 
keit folgte vorübergehende Ermüdung. — In Folge des leider zu früh- 
zeitigen Todes des damaligen Seerelärs, Dr. Bellmont, standen dem 
Referenten für das Jahr 1857 nur unvollständige Acten zu Gebote, 
wesshalb es ihm unmöglich ist, üher alle Verhandlungen des Bezirks- 
vereins im verflossenen Jahre zu rapporliren. - Die erste Versamm- 
lung fand in Bern statt. Professor Dr. Jonquiere theilte in derselben 
einen Fall von Bronchitis pseudomembranacea chronica mit , in dessen 
Verlaufe zweimal Endocarditis und Pericarditis sieh einstellte». Die 

3 



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18 •• • • • 

Beobachtung, einen 30jährigen Mann betreffend, findet sich mit allen 
ihren Einzelheiten im Octoberhefte 1857 der „ Schweiz. Monatschrift." 
Bei der Discussion Über diesen Fall machte Herr Prof. Dr. Vogt dar- 
auf aufmerksam, dass in croupösen Processen* wie in der Laryngitis, 
Tracheitis und Bronchitis pseudometnbranacea, in der Pneumonie und 
Dysenterie nicht selten Fibrincoagula im Herzen und den grossen Ge- 
fassen dich,; bilden-, vielen« dann ckrecte Todesursache werden können, 
"hi der nämlichen Sitzung trug Herr Dr. Lüthy einen Fall von 
acuter Nekrose des Fersenbeines vor. Nach vorhergegangenem Pseudo- 
erysipels , welches eine Incision noth wendig machte , stiess sich der 
ganze Calcaneus durch die Wunde nekrotisch los. Einige Tage später 
starb das Kind uujter eklamptischen Zufallen. Die Sectjon erga:h Throm- 
bose der grossen Gefässstämtae , besonders der untern Extremitäten, 
mit consecutiver Phlebitis. 

In der folgenden Versammlung berichtete Herr Dr. Schneider 
über die von ihm um jene Zeit behandelten Typhusfälle, in denen ihm 
.namentlich em fest . constantw Nackenschnierz, nicht sielten nwt gleich- 
zeitiger Satyriasis und Spermatorrhöe, sehr aufgefallen war. 

Dr. Bau mann, in BÜmplitz, bestätigte für die Fälle, welche in 
seine Behandlung kamen, die nämliche Beobachtung. Er hebt über- 
diess hervor, dass in seinen Fällen häufig ein pupuraähnliches Exan- 
them, bei ganz trockener und schlaffer Haut, ausbrach, während die 
Roseola typhosa und diö von* Diett beschriebenen Papeln sich nie- 
mals zeigten. •• 

In der nämlichen Satzung wurde von dem mittelländischen Bezirks- 
vereine der Anschluss an die mediciniseh-chirurgische Cantonalgesell- 
schaft einstimmig beschlossen und ein Statutenentwurf genehmigt, durch 
den, er sich als Sektion jpner Gesellschaft förmlich cpnstituirjte* 

In der dritten Versammjung hielt Herr Prof.. Dr. Vogt einen Vor- 
trag über Endo carditis und Pericarditis rheumatica und Mesencephali- 
$is malactica. Die speciellen Krankheitsfälle, welche er seinem inte- 
ressanten Vortrage zu Grunde legte , finden sich bereits im. Juni- und 
Julihefte 1858 dipr „Schweiz. Monatsdmft '" voflsländig mitgetheilt. 
Unter der Schlüssen, welche der Ividnec aus denselben zog, und den 
Betrachtungen, die er daran knüpfte, sind hervorzuheben: 1) dass die 
Endöcarditis beim Hhenmatismus acutus zunächst einer mechanischen 
Ursache zuzuschreiben sei, hiünlich' der Blutstauung* und Thrombus- 
bildung im Herzen , weiche auf letzteres reizend einwirke. Zunächst 
entstehe hiedurch EndocarSilis . zu welcher sich dann Pericarditis 
auf ähnliche Weise gesellen könnt? ■ wie Pleuritis costalis zu Pleuro- 
pneumonie, Es ergebe sich aus dem Gesagten, wie wichtig es sei., 
jene Blutiiberfüllung des Herzens gleich im Beginne zu erkennen und 
dieselbe durch gehöriges Einschreiten "zu heben, um so den bezeich- 
neten fatalen Folgen vorzubeugen, Was die Diagnose der Blutstauung 
im Herzen bei ruft, so finden sich die Momente, welche dieselbe mög- 
lich machen, an dem zuletzt citirten Ürte bereits ausführlich tiiitge- 

6 



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theift. Zur Prophylaxis und Therapie der hl Rede stehenden fttut- 
überflfiflung und Thrombose eigne sich wohl am besten das, nach der 
bezüglichen Richtung anerkannt entschieden wirksame Veratrin , mit 
dem auch ini Inselspital erfolgreiche Versuchte gemacht worden seien. 

2) Die weisse oder unter Umständen sogenannte hydrocephalische Er- 
totichnriy der Centraltheile des Gehirns ist durchaus nicht, wie diess be- 
hauptet wird-, eine Folge der Maceration der Gehirnsubstanz in einem 
wässerigen Exsudate; denn a) fehlt ein solcher seröser Erguss nicht 
selten in Fällen, wo jene Erweichung in hohem Grade sich vorfindet, 
bei der Autopsie völlig; b) erweichen sich lebende Organe in sie he- 
spülende* flüssigen Exsudaten durchaus nicht. Es ist vielmehr die in 
Rede stehende Malade die Folge oder der Ausgang eines entzündlichen 
Processen der Gehirnsubstanz selbst Gegen diese Entzündung ist 
jedoch nicht energisch antiphlogistisch einzuschreiten , indem die meist 
schwächliche Constitution der betreffenden Kranken ein solches Ver- 
fahren contraindicirt Ausgezeichnete Wirkungen beobachtet man da- 
gegen in solchen Fällen von Jodkalium. 

B. Herr Dr. Blösch, in Biel, ist zwar von dem seelandischen Bezirks- 
vereine nicht beauftragt, einen Bericht über die Leistungen dieses letz- 
tem zu geben, findet sich aber bereit, aus eigenem Antriebe der Ge- 
sellschaft einen solchen vorzulegen; 

Der Bezirksverein des Seelandes verdankt seine Gründung der 
Anregung der Herren Doctoren Eugen Neuhaus sei. und Joseph 
Lanz. Die erste Versammlung desselben fand statt am 10. December 
1845. Nach den in der zweiten Versammlung (Februar 1846) ange- 
nommenen Statuten sind eo ipso alle patentirlen, ehrenfähigen Medi- 
cinalpersonen der Amtsbezirke Nidau, Erlach, Aarberg, Courtelary und 
Biel Mitglieder des Vereins, wenn sie nicht förmlich erklären, dem- 
selben nicht angehören zu wollen. Von der Gründung an bis jetzt 
haben im Ganzen . 42 Sitzungen stattgefunden , welche durchschnittlich 
von zehn Mitgliedern besucht und abwechselnd in Biel, Neuenstadt, 
Twann, Sonceboz, Nidau abgehalten wurden. Der Zweck des Vereins 
ist Förderung der Wissenschaftlichkeit und Collegialitat unter den Me- 
dicmalpersonen der resp. Landesgegend, Man sucht diesen Zweck zu 
erreichen durch mündliche Berichte der Mitglieder über die von ihnen 
von einer Sitzung zur andern gemachten Beobachtungen und Erfah- 
rungen, sowie durch collegialische Besprechungen, 

Seit dem Bestehen des Vereins war es vorzüglich das Typhoid- 
ßeber , das zu den häufigsten und einlässlichstcn Diskussionen Stoff 
gab. Es ist nämlich dasselbe im Seelande endemisch, und tritt über- 
diess daselbst von Zeit zu Zeit in Form einer Epidemie auf. Drei 
Fragen waren es namentlich, welche bezüglich jener Krankheit den 
Verein namentlich beschäftigten ; sie b et reffen : I) das Wesen der 
Krankheit; 2) die Contagiosum oder Niehleontagiosilät derselben, und 

3) ihr VernälmiSs zu den gasirischen Fiebern. 

Beifügtich des ersten Punktes machte sich in dem Vereine 



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2P 

immer mehr die Ansicht geltend : 1) das Typhoidfieber sei ein allge- 
meiner, specifischer Krankheitsprocess , welchem eine Infection und 
daherige eigenthümliche , abnorme Mischung des Blutes zu Grunde 
liege, ähnlich wie Masern, Scharlach, Pocken u. s. w.; 2) es könne 
unter verschiedenen, je nach der Localisation des Allgemeinprooesses 
als Cerebral-, Abdominal-, Pulmonaltyphoid bezeichneten Formen auf- 
treten; 3) die pathologisch-anatomischen Veränderungen, welche man 
bei der Seclion findet, sind die Folge und nicht die Ursache des all- 
gemeinen Kranklieitsprocesses. 

In Betreff der Ansteckungsfähigkeit vereinigte man sich 
ziemlich einstimmig dahin, dass dieselbe 1) wirklich ejistire, und 
2) nicht durch ein fixes , sondern durch ' ein flüchtiges Coatagium vef- 
mittell werde, dessen Vehikel die Exhalationeo des Kranken bildeten. 

Die Frage bezüglich der Verwandtschaft des Typbojdfiebers mit 
den gastrischen Fiebern wurde einmal auf die Anregung des Bezirks- 
vereines hin Gegenstand eines ausführlichen Vortrages des Bericht- 
erstatters, welcher dann auch im Jahrgange 1853 der «Schweiz. Zeit- 
schrift für Median" erschien. 

Mehrfach beschäftig: e sich der Verein ferner mit Erörterung des 
Einflusses der atmosphärischen Verhältnisse auf die Entstehung epide- 
mischer Krankheiten. Das Ergebmss der betreffenden Discussionen 
lässt sich in folgende Sätze zusammenfassen : 

1) Die Ursache der Entstehung und Entwicklung von Epidemien 
liegt weder in den Schwankungen der Witterung, noch in den übrigen 
sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften und Veränderungen des Dunst- 
kreises, wie*. Feuchtigkeit und Trockenheit, Wärme und Kälte. 

2) In der Erdrinde selbst oder in der sie umgebenden Atmos- 
phäre, oder in beiden zugleich, müssen nodh andere, uns bis jetzt 
unbekannte Processe stattfinden, von welchen die Enstehung epidemi- 
scher Krankheiten herzuleiten ist. 

Der Referent weist aus den Witterungsverhältnissen der fcwei 
letzten Jahre die Richtigkeit besonders des ersten Satzes nach. So 
zeigte der Herbst 1856, nachdem im Frühling des nämlichen Jahres 
bedeutende Ueberschwemmungen stattgefunden und darauf im Sommer 
eine beträchtliche Hitze geherrscht hatte, eine unerwartete Satubrität. 
Ebenso war der Gesundheitszustand gerade in denjenigen Gegenden , 
welche durch ihre tiefe Lage den Dünsten der Ueberschwemmungs- 
wasser am meisten ausgesetzt waren, im nämlichen Spätjahre, im 
Vergleich mit den höher gelegenen Ortschaften, auffallend günstig. 

Die erste diesjährige- Versammlung des seeländischen Bezirks- 
Vereins (28. April) war hauptsächlich in Anspruch genommen durch 
eingehende Discussionen üher die damals herrschende Influenza. Die- 
selbe nahm ihren Anfang im Monat Januar, und machte dann die 
Runde durch sämmt liehe Ortschaften des Seelandes, \vobei sie meist 
den einfach katarrhalischen, bin und wieder aber auch einen mehr 
entzündlichen oder nervösen Charakter manifeslirte. Der entzündliche 



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21 

Charakter variirte vom einfachen Katarrhe bis zu der heftigsten Bron- 
chitis. Bei der niedrigen Temperatur der ersten Hälfte Februars schien 
die Epidemie sich weiter auszubreiten , jedoch nahm sie in der zweiten 
Hälfte des nämlichen Monats, sowie im März und April, trotz milder 
Witterung, an Intensität noch entschiedener zu. In dieser Periode 
pflegte sich erst nach mehrtägigem unbestimmtem Unwohlsein ein 
Frostschauer einzustellen . auf welchen sehr bald die Hitze folgte. Dazu 
gesellte sich dann sogleich heftiger Kopfschmerz, Husten , Beklommen- 
heit d£r Brost, Abgeschlagen heit in den Gliedern, allgemeine Mattig- 
keit ,' sowie beinahe immer Schmerz beim Schlucken. In der Regel 
fand sich grosse Neigung zu Schweissen. Die Reconvalescenz erfor- 
derte in dieser Periode der* Epidemie längere Zeit als in der ersten. — 
Im Mai, bei nasskalter Witterung, erhielt sich die Epidemie ungefähr 
in der nämlichen Intensität und Ausbreitung wie bisher. Häufige und 
heftige; Kecidiven wurden in dieser Periode der Epidemie beobachtet ; 
die, Reconvalescenz war. durchgehende langwierig. Gegen Ende des 
Monats Mai und im Juni trat nun an die Stella der allmöhlig Jerlöv 
scheadeh Influenza wieder das Typhoidfieber. Es zeigte sich zuerst 
und am ausgebreitetsten in den scheinbar gesundest gelegenen Quar- 
tieren der Stadt 7 in denen vor 18 Jahren eine Epidemie der nämlichen 
Art ihren Ursprung genommen hat. Später verbreitete sieh das Ty* 
phoidfieber in mehr vereinzelten Fällen über alle Strassen der Stadt. -*♦ 
Inferlion Gesunder durch direcle Berührung oder durch längeren Auf- 
enthall in der Atmosphäre der Kranken kam nur in drei Fällen vor. — 
Von den 33 durch den Referenten selbst im Laufe des Sommers be- 
handelten Typhoid fällen nahmen drei den Ausgang in Tod, Die leich- 
testen Fälle schlössen sich unmittelbar an gewöhnliche gastrische Fie- 
ber an. Grosse Prostralfon, Schwerhörigkeit, Stupor , Meteorismua, 
hartnäckig sich proiahirender Verlauf bestimmten vorzugsweise zur 
Diagnose auf Febris typhoides. — Starke Darmblutung wurde in zwei 
Fällen beobachtet , wovon der eine mit Tod endigte. Den nämlichen 
Ausgang nahm ein Fall mit helliger Epistats* — Bedeutende Cere- 
bral Symptome wurden namentlich im Beginne der Epidemie beobach- 
tet, und zwar in manchen Fällen in dem Grade, dass man sich zur 
Stellung der Diagnose auf Meningitis verleiten liess. Meteorismus fehlte 
beinahe niemals. — In therapeutischer Beziehung wurde bei vorwal- 
tender gastrischer Aflection der Tartarus stihiatm f das Natron sul- 
pkuricuMf und dann der Salmiak oder das essigsaure Ammoniak y bei 
vorherrschendem Cerebralleiden vorzugsweise das Calomel in grossen 
Dosen 3 in der Reconvalescenz China und Wein verordnet. 

C. Herr Apotheker Kipfer, aus Herzogenbuchsee , : ergreift im 
Namen des oberaargauischen Bezirksvereins, dessen Präsident und 
Secretär nicht anwesend sind, das Wort, um jenen Verein wegen des 
Ausbleibens eines förmlichen Berichtes zu entschuldigen. Es war näm- 
lich der Secretär, Herr Dr. Geiser, in Langenthai , mit der Abfas- 
sung und Abstattung eines solchen im Schoosse der gegenwärtigen 



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Versammlung beauftragt worden. Fatalerweise erhielt nun aber der- 
selbe , bevor er seinen, Bericht abgefasst hatte , ein militärisches Auf- 
gebot nach Thun, und leider war es bei der nunmehr gar zu kurz 
Jeoiessenen Zeit völlig unmöglich,, ein anderes Mitglied des Vereins zu 
nden , welches sich schnell genug in die Acten hätte hineinarbeiten 
können, um schon heute der Gesellschaft einen Bericht vorzulegen. 
Herr Apoth. Kupfer bedauert, ab Nichtarzt über die Leistungen des 
Bezirksvereins , dem er angehört, soweit dieselben medioinischer Natur 
sind, nicht rapportiren zu können. Er gibt dafür eine kurze Ueber- 
sicht über den Fortgang des Vereins seit seiner Gründung im Jahre 
1839. 

/>. Herr Dr. Fankhatuw, in Burgdorf, theilt ebenfalls, ohne dazu 
beauftragt zu sein, der Gesellschaft einige Notizen über die Gründung 
und den Fortgang des medizinischen Bezirksvereins des Enamenthalesmit. 

IH. Der President verliest ein Schreiben von Herrn Dr. Haret, 
in Oberburg , worin dieser , wegen seines vorgerückten Ahers und der 
damit verbundenem Beschwerden, seinen Austritt aus der Gesellschaft 
erklärt. Das Comüe beantragt, Herrn Maret, sowie den sehe« frih 
hü aua 4er Gesellsehaft getretenen Herrn Dr. Lutz, in Anerkennung 
ihrer grossen Verdienste um die Gesellschaft , zu deren Gründern sie 
beide gebäre» , zu Ehrenmitgliedern zu ernennen , welcher Antrag 
unter eJastummigett Bertolte zum Beschlüsse erhoben wird. 

IV. Vortrag von Herrn Dr. Hermann. Herr Dr. Hermann erzählt 
die Geschichte einer ungewöhnlich schweren Zangen- 
geburt, bemerkt aber einleitend, dass es weiuger ^as Eigentüm- 
liche des Falles selbst sei, welches ihn zu der Mittheilung veranlasse , 
als vielmehr die durch diese sich bietende Gelegenheit zu verschiede- 
nen Bemerkungen aus dem Gebiete der praktischen Geburtshülfe. 

Die Geburtsges, chichte ist kurz folgende: Eine 35 Jahre alte, 
ziemlich rüstige ErstgjebärenaV, mit mehr männlich aussehender Kör- 
per- und namentlich Beckenformätiqn , schien ihren Aussagen zu 
Folge, nach ganz glücklich abgelaufener Schwangerschaft, den nor- 
malen Geburtstermin um 14 Tage überschritten zu haben, als den 
1. März, Morgens um 3 Uhr, die Fruchtwasser ohne gelten abflös- 
sen. Diese stellten sich, ersl in den Mor^eostunderi ein, waren aber 
unregelmässig und schwach, so dass die herbeigerufene ungeduldige 
Hebamme allerlei Künsteleien, namentlich fcber örtliche Reize, in An- 
wendung brachte , um dieselben zu kräftigen. Eine zweite Hebamme 
blieb so viel af$ thatfose Zuschauerin, und erst die dritte, den 4. März 
Morgens herbeibemfehe, sandte sofort nach ärztlicher Hälfe, da die Ge- 
Itfreftde ftber hojjen, Grad vqn EntkräfUmg klagte, $q empfindlich war, 
dass sie fcei jeder Itaführung oder Lagever$oderung ^ufechrie, der Ute- 
rus sich hart uud, schn>e$zhs*&\ anfügen ljess, ehrend der Mutter- 
inund noch» kaum, erjffiipejl ^r Modder, Kjuia>kopf in ^ler ersten, Scheitet- 
Uge, auf dem Bec^e^einjg^ng stand. Beruhigen^ Auf$ch%e und KJy- 
?üere. Hn4 Wjeitfcji ejn^ |4Jxt, 0orjQ. c* Qp, t fcya^n. d*p Frau etftftS 



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23 

Ruhe und eine . normalere Geburtsthätigkeit , welche den Muttermund 
bis Abends auf drei Querfinger breit öffnete, und den Kindskopf, 
an dem eine Geschwulst sich zu bilden begann , in den Beckeneingang 
und auf den Muttermund pressle. Den 5. März Morgens würde dann 
Seeale cornut. verordnet . um diese Geburtsthätigkeit noch zu kräfti- 
gen und durch Tiefertreiben des Kindskopfes die Prognose für eine 
Zangenoperation günstiger zu stellen , da der allgemeine Zustand der 
Frau schon jetzt eine solche in nahe^ Aussicht stellte'. Die Wirkung 
des Mutterkorns war aber eine imerfreuhche, denn es entstand eine 
allgemeine Härte des sehr empfindlichen Uterus; doch war Morgen» 
7/j Uhr der Stand des Kopfes allerdings tiefer, seine Geschwulst stär- 
ker und ragte bis zum Niveau des Arcus pubis. Der noch dicke um! 
derb anzufühlende Muttermund aber spannte sich straff über den vot- 
liegenden Theil und schien das Haupthinderniss seines Vorrttckens zii 
sein, obsehon auch der Beckeneingang als etwas beschränkt erkannt 
wurde. Die Hand genügte zur Dilatation des Muttermundes, doch 
ruckte trotz Beseitigung dieses Geburtshindernisses der Kopf nicht vor, 
das Altgemeinbefinden mahnte zur Vollendung der Geburt , und der 
Kopf stand so zangengerecht, dass Dr. Hermann sich um f ! /2 W* r 
Morgens den 5. März zur Anlegung der SiebolcFschen Zange entschfoss, 
wobei die so sehr empfindliche Gebärende m horizontaler Rücken- 
lage gelassen wurde, um sie durch Vermeidung einer Dislocation zu 
schonen. 

Die seitlichen Tractionen bffeben wegen ungenügender Kraftent- 
wtcklung erfolglos, und als nach Umiagerung der Frau aufs Querbett 
kräftiger am Instrumente gearbeitet wurde, glitt dasselbe vertical ab. 
Der Kindskopf war zwar allerdings etwas vorgerückt , aber offenbar 
stand sein grösster Umfang noch über dem Beckenethgang. Ein leich- 
ter Grad von CMoroformnarcose erleichterte der Mutter und dem Ge- 
burtshelfer wesentlich die Operation. 

Es wurde nun nach vollständiger Chloroform-Anästhesie der Ge* 
bärenden zur Anlegung der Zange mit starker Becken - und Damnv 
krümmung, nach Hermann*), geschritten. Aufhltenderweise war 
aber unterdessen der Kindskopf ziemlich stark zurückgewichen , doch 
gelang die Anlegung,, mit Ausnahme eines eigentümlichen Zufelfes, 
ohne . besondere andere Schwierigkeit, und das Instrument hielt voll- 
fcomrae» fest. Dieser. Z«fcdl bestand darin, dam tote zweit Malen der 
rechte Zangenlöffiel im Momente, wo er au» der rechten Kreuz.-, und 
Dafntfaeinverbindung seitlich an den Kopf empefgeschoben werden 
.sollte, mit eiaer pldUliche* Bewegung in die linke Muttersehe hior 
fiberglitBribk. — Mit diesem Instrumente wurde- am in länger» und 
kürzern üaterbrechungen , zuerst v*m Geburtshelfer einzig und später 



*) U*her «me neu« Oefcartuaage , iitc. Bora 1844. — Frager VfcrtoK 
j»fc>s*>Mffc 1840. Q*. UK Uttir. Aas««**, 8. I, — Sakra«. ÄüiÄwfcWft 
fto *lc*», Ctyr,, aaj fld^hijft, VW* 0, f«, - m % w. { 



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24 

unter Assislenz des Hrn. Cänd. med. K., bis Wj 2 Uhr Mittags äusserst 
krallig gearbeitet Der Erfolg aber war, dass während der Traeta- 
tionen der Kindskopf so weit vorrückte, dass sein Hinterhaupt der 
Beckenenge nahe kam , zwischen den Tractionen jedoch wieder unge- 
fähr einen halben Zoll weit zurückwich. 

Von der Erfolglosigkeit weiterer Zangenversuche überzeugt , wur- 
den diese nun ausgesetzt und Herr Prof. Hermann zur Coosuitation 
zugezogen. Unterdessen erholte sich die Gebärende schnell und voll- 
ständig aus der Chlorofornanarcose uqd glaubte entbunden «zu sein. Sie 
hatte verhältnismässig wenig gelitten, das Allgemeinbefinden war un- 
gefähr das alte, die krampfhafte Contractur des Uterus aber hatte sich zu 
einem förmlichen Tetanus uteri ausgebildet, der am Fundus und Cor- 
pus pieri am aufjallendsten , während , das untere Segment viel weicher 
anzufühlen war. In Folge ärztlichen Conciliums wurde jeder . weitere 
Entbindungsversuch einstweilen aufgegeben und durch Cataplasmen 
(anfapgs einfache, später narcotiscbe) der örtliche Krampf zu beseiti- 
gen, «durch eine roborirende Behandlung aber der allgemeine Kräüezusland 
zu heben gesucht Letztere Behandlung musste bald wegen sich ein* 
stellendem starken ReactUmsfieber mit einer, mehr antiphlogistischen 
vertauscht werden. Der Nachmittag und Ab$nd liefen ziemlich ruhig 
ah, die Schmerzen mässigfen sich, die Spannung des Uterus wurde 
geringer und im Verhältnisse wie der Krampf nachliess, erhob sich etwas 
Welienlhätigkeit ? so dass um Mitternacht eine sichtliche Wirkung auf 
den Kindskopf bemerkt wurde* und derselbe selbst tiefer herunter 
rückte, als es mit der Zange bewerkstelligt werden konnte. Diese 
günstigen Verhaltnisse machten aber gegen Morgen einer bedeutenden 
Erschöpfung Platz, welche auch die Contra« Honen des Uterus allmählig 
unterdrückte, daher Morgens 7 Uhr zum letzten Entbindungsversuch 
mittelst der Hermann Vhen Zange geschritten wurde, da unier obwal- 
tenden Umständen diese ohne Zweifel noch günstigem Erfolg in Aus- 
sicht ^teilte, als die Perforation. Unglücklicherweise wurde wieder, von 
d>m Vorurtbeile der wehentreibenden Kraft, des Seeale bethört, vor der 
Operation diese Panacee in Gebrauch gezogen., das hier wieder, 
wie früher, statt eigentliche Wehen nur Krampf erzeugte, obschon 
nicht im frühern Grade, 

Uni mit dem Instrumente kräftiger arbeiten und in directerer Linie 
*uf den Kindskopf wirken zu können, wurde dasselbe — in Imitation der 
Grenser' sehen Anempfehlung — an seinen runden Oeffnungen der Löf- 
fel für den Zangenansatz mit Schlingen von Packschnur versehen , 
durch welche, nach seiner Application, 1 eine Com presse durchgeführt 
wurde. An dieser zog der Assistent in gerader Linie auf die Direk- 
tion des durch den Kindskopf zu beschreibenden Weges kräftig an , 
während der Geburtshelfer die Zangengriffe leitete, und innert einer 
Viertelstund war der Kindskopf zu Tage gefördert. — Grosse Schwie- 
rigkeit bot noch die Entwicklung der Schultern und des Rumpfes, wo- 
bei wieder die gemeinsamen Kräfte des Geburtshelfers und Assistenten 



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erforderlich waren, offenbar weniger um den Widerstand des Beckens, 
sondern mehr um die festhaltende Gewalt des Uterus zu überwinden. 
Glücklicherweise war die Placenta schon gelöst und folgte sofort dem 
Kinde. Der Uterus reducirte sich auf sein normales Volumen. Der 
Blutverlust war unerheblich. 

Auf dringendes Verlangen der Gebärenden war dieselbe auch diess- 
mal in sogenannt vollständige Chloroformanästhesie versetzt worden, 
aus welcher sie langsamer und schwerer erwachte als früher. Sie 
war aber höchst glücklich über ihre Entbindung, lind dieses Gefühl 
mag wesentlich dazu beigetragen hoben . dass ihre Entkräfhing nicht 
so sichtlich wurde > als die Vorgänge erwarten Hessen und der Puls 
ziemlich zu verlässlich andeutete* Auch waren diese Erscheinungen de$ 
neuen Auflebens blos vorübergehend, denn eine Stunde später sank 
die Frau zusammen , verlor das Bewusstssein , delirirte leicht und ver- 
schied, ehe noch der Arzt zur Stelle gebracht war. 

Seclion kannte keine gemacht werden, doch fand man nach der 
Geburt eine Quetschung und Zerreissung der Scheide hinter der Symphyse, 
sonst keine Verletzung, t— Das männliche, todte Kind war ungewöhn- 
lich gross, zeigte bereits Erscheinungen der Putrescenz, und sein 
Kopf war, ohne Knochenverletzungen oder Wunden darzubieten, nach 
seinem geraden und diagonalen Durchmesser verlängert, nach der vertir 
calen Circumferenz aber sehr comprimirt, und die Kopfknochen wie 
bei einer längst todten Frucht beweglich. 

Der Betrachtungen, zu welchen diese Geburtsgeschicbte Ver- 
anlassung geben kann, wären zwar viele, doch will sich der Spre- 
chende auf Folgendes — Non nova, $ed natatu dignissima! — b& 
schränken. 

Zunächst liefert die erzählte Geschichte einen nicht uninteressant 
ten Beitrag zur Hebammenpfuscherei, und zwar einer der häufig- 
sten Arten derselben, nämlich die vorzeitige Antreibung der Wehen 
durch allerlei * Mittelchen und selbst durch rohe Manipulationen. Dieses 
unverzeihliche Verfahren ist hier offenbar die wichtigste Ursache der 
Geburtsdystocie , und wahrscheinlich eine Häuptschuld ihres Üblen 
Ausganges, ähnlich wie bei so vielen unglücklichen Niederkünften, wie 
der Sprechende noch mehrere Beispiele aufzuzählen im Stande wäre, 
obschon das meiste Unglück der Art nicht bekannt wird. Leider stellen 
die Hebammen durchschnittlich weder in dieser, noch in mancher 
andern Rücksicht unter der so wichtigen Controlle der Aerzte, welche 
sich im Gegentheil nur zu oft von diesen Frauen abhängig machen. 
Das auch hier wahre Sprüchwort: »partout comme che* nous " gilt 
weder als Trost noch als Entschuldigung. 

Interessanter als die Reflexionen über diesen incurabel scheinenden 
Krebsschaden der ärztlichen Politik ist die Betrachtung über Entstehung 
und Wirkung der Uterinkrämpfe auf die Geburt. Die Häupt- 
ursache des Krampfes, liegt im vorliegenden falle , wie so oft, in der 
Üblen Behandlung der Gebärenden , namentlich durch urizeitig ange- 



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wandte. Manipulationen und andere Mitlelchen zur Wehepbeförderung ; 
die mannigfachen anderweitigen prädisponirenden und bedingenden Mo- 
mente übergehen wir hier der Kürze wegen mit Stillschweigen. Auf. 
den Geburtafortgang aber wirkt der Krampf vorzüglich in doppelter 
Weise nachtheilig, nämlich sowohl in seiner Beziehung zur Gehurts- 
dynamik, als. zum Geburtsmechanismus. Während nämlich im gleichen 
Verhältniss , wie der Krampf an Intensität oder Extensität wächst , die 
normale Contractionsthätigkeit des Uterus, und vor Allem ihre reac- 
tive Erscheinung , die Bauchpresse, aufhört oder pervers wird, also die 
austreibenden Kräfte verringert oder ganz aufgehoben werden, umgekehrt 
aber das entgegensetzte Verhältniss stattfindet, so ist er zugleich, je nach 
seinem Sitz oder seiner Art , nicht nur im Stande , die Kindestheile 
festzuhalten, dass jeder Mechanismus unmöglich, und jeder mechanische 
Eingriff zur Förderung der Geburt fruchtlos bleibt, sondern dass selbst ein 
eigentliches Zurückweichen — eine retrograde Bewegung der Kindes- 
theile beobachtet wird , so lächerlich auch diese Behauptung ewigen 
Geburtshelfern erscheinen ui»^ Es ist dieser Einfluss der Uterinkrämpfe 
ein wichtiger Fingerzeig gegen voreilige pperative Eingriffe, und zwar 
um so beherzigenswerlher, wenn man einen Blick auf die Folgen eipes 
expeetaliven Verfahrens und der Behandlung derselben wirft. Wahrend 
nämlich jeder Reiz des Uterus . namentlich mechanischer Art, in der 
Reget den Krampf steigert, lehn die Erfahrung, dass bei GeduW und 
einer einfachen, nicht zn haslfgen und eingreifenden antiphlogistischen, 
umstimmenden , oder beruhigenden Behandlung selbst bedeutende 
Krampfzuslände allmählig weichen und einer normalen Wehenthäfigkeit 
Platz machen, ohschon ntebt tu längnen ist, dass es — glücklicherweise 
höchst seilen - Fälle von Tetanus uteri gibt, <Me jeier Behandlung 
trotzen, aber dann gewöhnlich auch die Entbindung unmöglich machen, 
tlttd fdr Mime* < und Kind (ödtlich enden» 

Bor um und Mutierkorn werden in der gebmlshül fliehen Praxis 
als wehenbefördernde Mittel von den Einen identificirt, von Aadero 
der Borax unterschätzt, und nul dem Secate ein grosser Misshraucb 
getrieben Beide Mittel aber sind tu ihrer Wirkung, und daher auch 
io ihren Jndicationeu , wesentlich verschieden, ergänzen sich aber auch 
in gewisser Beziehung. Der Borax nämlich ist ein sehr mildem, die 
Dynamik des Uterus ums Lim mendes und kaum oder vielleicht gar nicht 
erlegendes Mittel, welches die Frucht vollkommen unbetheiligt lässL: 
das Seeale coruvl. dagegen wirkt direct erregend und erzeugt,' wo es 
seine volle Wirkung entfaltet, eine Art Hyperdynamie des Ulatus. 
auch gefährdet es wohl unzweifelhaft das Leben der Frucht. — Dem 
Gebrauche des Borax (namentlich in Verbindung mit kleinen Dosen 
Opium) tolgi, in der Regel Beruhigung, selbst vollständige Ruhe bis 
ju natürlichem Schlafe * daher Erholung und Erwachen neuer normaler 
GetmitüthätigkeiL Pas Secate bewirkt eine schnelle * ungewöhnliche 
J^altation, des UebmrLsgescuäftes > weicher eine verhältnissinässrge Er* 
scjb4phjw£ eben so rasch folgt, wenn die Geburtsarbeit nicht in Klimm 



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zum Ziele führt* — Der Borax entfallet erfahrungsgemäß «eine- Wir- 
kung vorzugsweise während der Eröfinungsperiode, vor vollständig 
eröffnetem Muttermunde. Das Seeale später, d. h. in der Austreibungs- 
periode. — In Folge der Boraxwirkung werden wohl nie nachtheilige 
Folgen im Puerperium beobachtet, nicht selten dagegen sieht man 
nach Gebrauch des Mutterkorns schmerzhafte Nachwehen, eine unge- 
wöhnliche Irritabilität und Empfindlichkeit der Uteringegend bis zur Ent- 
zündung sich steigernd , u. s. w. 

Aus dieser vergleichenden Zusammenstellung lassen sieh die ein- 
zelnen Indicationen für den geburtshilflichen Gebrauch beider Mittel 
leicht entnehmen und können in Kürje so zusammengefaßt werden, 
dass der Barqx als wehenerregejides Mittel ausschliesslich der Eröft 
nungsperiode angehört, ajs beruhigendes, umstimmendes und antf- 
hp^modisches Mittel aber während de$ gingen Geburtsveriaftfta in Aft 
Wendung gebracht werden kann ; das Seeale dagegen unbedingt dem 
zweiten GeburtsabsehniUe angehört, und in seiner Indicatio* sozusagen 
mit derjenigen zur Zangenanwendung zusammenfallt, sein Gebrauch 
a(so demjenigen, der Zange zunächst vorausgeht« Daher auch die Aear 
demie de medecine zu Paris sogar so weit ging, zu erklären , da* 
Mutterkorn sei in der geburtshilflichen Praxis eigentlich hlpa bei ge- 
wissen Nachgeburtsblutungen rationell in Anwendung zu bringen , da 
vor Ausstossung der Frucht in den für dasselbe passenden Fällen die 
Zange in der nand eines geschickten Geburtshelfers sicherer, zum, 
Ziele führe. 

; Bei diesem Anlasse macht der Sprechende auf den so allgemein 
üblichen sehlendrianmässigen Gebrauch dieses so wichtigen Mittels auf- 
merksam, und namentlich auf die leichtfertige Art, wie das Mutter- 
korn auf blosses Verlangen der Hebamme nach einem Wehen treiben* 
den Mittel von so vielen Aerzten administrirt werde, ohne sich nur 
enrigermasen um den Stand des Geburtsgeschäftes zu erkundigen : ein 
Verfahren», welches schon so viel Unheil gestiftet hat Und ferner oW 
(et ee auf das Gefährliche , ja Unverantwortliche hin , welches m * der 
Uebettassung dieses Mittels zu freiem Gebrauch an die Hebammeti 
liegt , die nicht nur unter den Augen der Aerzte» sinnlos mit demselben 
umspringen, sondern von diesen selbst das Mittet zum beliebigen 6e» 
brauche empfangen. 

Vorübergehend wird im Vortrage des Fernern auf den noch nicht 
ganz geschlichteten Streit über den Vorzug manueller oder operativer 
Erweiterung des durch Rigidität die Geburt erschwerenden Mutter- 
mundes gedacht, wobei die Ansicht ausgesprochen, wird, dass die ma- 
nuelle Dilatation, wo sie keine besonder» Krankheitsprozesse verbieten, 
in Beziehung auf Leichtigkeit der Ausführung dem Verfahren durch 
Incision vorzuziehen sei , prognostisch aber diesem nicht nächstens, 
und dass einzelne Verteidiger des letztern in ihrem. Eifer sich bis zw 
unpassender Übertreibung verleiten lassen. 



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J8 

Ceber Zangengebrauch verbreitet sich Dr. Hermann etwas 
ausführlicher, und vertheidigt namentlich in seinem mit Demonstratio* 
nen begleiteten und ins Einzelne eingehenden Vortrage seine Zange 
gegen die ihr gemachten Vorwürfe; im Besondern gegen Scanzoni's 
hl seinem Handbuche ausgesprochene Verurtheilung derselben. 

Die Zarigenapplicatipn in horizontaler Rückenlage der Gebärenden 
hält der Sprechende für ein — namentlich die Gebärende, aber auch 
den Geburtshelfer — sehr erleichterndes Verfahren , mahnt aber zur 
Vorsicht bezüglich seiner Anwendung, da die seitlichen Tractionen bei 
irgend bedeutenderen! mechanischem Widerstände wegen der Unmög- 
lichkeit stärkerer Kraftanwendu*g leicht fruchtlos bleiben , das Verfah- 
ren also blos für die leichtesten Fälle von Zangenentbindungen wegen 
Wehenmangefs ohne Beckenbeschränkung bei im Beekenausgang stehen- 
den Kindsköpfe passt. Die hier übliche Anlegung beider Zangenbran- 
chen 'mit derselben Hand berührend,' nimmt Dr. Hermann Anlass seine 
Verwunderung auszusprechen, wie die Herren Hatin und Hubert 
(m der Sonette we'dicale de Paris) so viel Aufhebens von diesem Ver- 
fahren bei schwierigem Zangenanlegungen machen können, indem er 
nicht bezweifelt, dass jeder beschäftigtere Geburtshelfer dasselbe schon 
geübt hat, ehe es von diesen ats wichtige Neuigkeit proctaim'rt wurde» 

' Üeber seine Zange bemerkt der Sprechende , dass ihre ursprüng- 
liche Bestimmung blos in der Extraction des in oder jruf dem Becken- 
eingange stehenden Kindskopfes bestanden habe , er aber , durch seine 
Erfahrungen mit dem Instrumente aufgemuntert, dasselbe auch bei be- 
reits eingetretenen ■ Kindsköpfen, an welchen noch in senkrechter Rich- 
tung und bedeutenderem Kraftaufwand gearbeitet werden- muss, ange- 
veo&t wissen möchte. Die theoretischen Grundsätze der Construekon 
4er Zange kurz beröhrend, deren Richtigkeit übrigens wenig Anfech- 
tung : fand^ Wird. namentlich ein Vergleich angestellt, über die Stellung 
fter gewöhnlichen' Zangen in den Geburtstkeüen und am Kindsköpfe 
inil d*r Stellung des neuen Instrumentes, und nachgewiesen, warum 
je&e so oft horizontal öder verlkal abgleiten, während dieses mit leta* 
tem /Instrumente fast gar nicht und blos unter ganz besonder» Be- 
dingungen mtfgliei* sei. Wie nämtich mit. demselben der Kindskopf 
besser und «fester gefräst werden könne, so werde im Fernern, auch 
die Richtung des senkrechten Zuges sicherer, wobei wohl z* berück- 
sichtigen, dass diese so lange eine senkrechte bleiben müsse , bis der 
grösste Umfang des Kopfes die Mitte des Beckens passirt habe, also 
länger ate es gewöhnlich, und namentlich mit den gewöhnlichen Zan- 
gen zu geschehen pflege. In dieser Weise angewendet, nämlich zur 
Vollziehung eines senkrechten Zuges auf den hochstehenden Kindskopf, 
bilde das Instrument ein vervollkommnetes Werkzeug zur richtigem 
und leichtern 'Ausübung der auch von Scanzoni befürworteten 
Osiander'schen stehenden Tractionen. Wenn aber Scanzoni nament- 
lich hier, aber auch im Allgemeinen, den seitwärts wankenden Bewe- 
gungen besondere Vorzüge einräume, so erscheine diess' von einem 



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so geübten und scharfen Beobachter auffallend, , denn Kiljan 's .An- 
sicht sei wohl ganz richtig, dass diese Art der Tractionen roher und 
verletzender seien als die rotirenden. Auch theoretisch betrachtet seien 
sie werthlos , begünstigen dagegen einestheils das Abgleiten der Zange 
und — was vielleicht noch wichtiger — schaden offenbar einer, mehr 

Sleichförmjg anhaltenden Kraftanwendung in gerader Richtung, o\ Jj. 
er Kraft des Zuges nach der Richtung der Medianlinie, welche doch 
ohne Zweifel die Hauptwirkung der Zange darstelle. , , 

Der Grad der möglichen Kräften wendung sei ferner ein wichtiges 
Criterium«zur Beurtheilung eines Instrumentes, welches für die schwer- 
sten Zangengeburten bestimmt ist, und a priori leuchte ein, däss je 
höher diese Möglichkeit stehe, desto besser das Instrument sei' Frei- 
lich müsse auch hier ein gewisses Maass angenommen werden , denn 
„Nichts ist doch gut, als nur beziehungsweise ! B Aber wp ist dieses 
Maass? welcher Geburtshelfer hat hier eine Regel aufzustellen vermocht ? 
Steht dieses Maass nicht durchschnittlich hoher, als der mögliche Kraft- 
aufwand eines Individuums, und muss hierüber nicht das Uctheil voll- 
kommen der Erfahrung und Dexterität des Geburtshelfers überlassen 
bleiben ? — Den Vorzug weit gesteigerterer Kraftanwendung habe nun 
das neue Instrument unstreitig ; derselbe könne aber , nur in der Efand 
eines rohen Empirikers gefährlich werden , und für splche sei <Jie 
Zange nicht bestimmt. 

Wenn nun der Kindskopf durch die mittlere Beckenöffnung vor- 
rückt und sich dem Beckenausgang nähert, so finde man in dem In- 
strumente durch Anlegung des Zangenansatzes in die kleinen Oeff- 
nungen der Zangenlöffel eine passende Realisirung der sonst fast un- 
möglich auszuführenden , in der Idee aber dennoch zweckmässigen 
Grenser' sehen Anempfehlung, welcher vermittelst Durchziehen von 
Schlingen durch die Zangenfenster einen Zug in sozusagen directer 
Richtung auf den Kindskopf ausführen wollte, Obschon nun allerdings 
in leichtern Fällen dieses Verfahren durch ein anderweitiges Manipuli- 
fen mit dfcr Zange entbehrlich gemacht werden könne , so sei es doch 
für schwierigere ein äusserst vorteilhaftes, wie der erwähnte Fall den 
Beweis leiste. 

Was endlich die Leichtigkeit oder Bequemlichkeit der Handhabung 
des Instrumentes betreffe, so sei diesp allerdings eine in mehrfacher 
Beziehung von der gewöhnlichen abweichende und complicjrtere, daher 
ungewohnte und desswegen für Viele . nicht genehme ; namentlich 
scheine die Application desselben auf den ersten Blick etwas schwierig 
und schwerfällig,, was jedoch bei einiger manueller Fertigkeit durch- 
aus nicht der Fall sei. Zu der Ausführung der Tractionen bis zuni 
Vorgerücktsein, des Kopfes an ; den Beckenausgang liege übrigen^ dpfli 
Operateur das Instrument gewiss besser in der, Hand, als jf*des an- 
dere; nur müsse er damit umzugehen wissen, .und seine Construetiop 
und Art der Wirkung im Auge behalten. Zwar sei das. Einschieben 
seiner Löffel sofort- in die, Seiten des ßeckens, wie es »einige ?#jt 



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Mode geworden, so viel als unmöglich ; aber abgesehen davon , dass 
dieses Verfahren im Allgemeinen ein unzweckmässiges genannt zu 
Werden verdiene, lehre die Erfahrung, dass namentlich bei Anlegung 
der Zange an den hochstehenden Kopf, das Einfahren und Vorschie- 
ben der Löffel hinter dem vorliegenden Theil, längs der Kreuz- und 
Darmbeinverbindungen, daher consequenterweise ihre schreibefedef- 
'förtnige Haltung das weitaus sicherere Verfahren sei. Dieses mit der 
neuen Zange auszuführen gehe nun ohne Schwierigkeit , und senke 
iwart «tedann die bisdahin fast horizontal stehenden Griffe allmählig 
weh «lern entgegesetzten Schenkel der Mutter herunter , s§ lege sich 
«der L6ffel wie von selbst an dk Seite des Kindskopfes. 

Weit entfernt jedoch, dem Instrumente jede Schwäche oder Un- 
völlkommenheit ableugnen zu wollen, sondern überzeugt, dass es in 
mehreren Beziehungen noch der Vervollkommnung bedarf, glaubt der 
Sprechende doch, dass es ganz seinem Zwecke entspreche. Und wenn 
auch Scanzoni, dessen Urtheil er übrigens in hohem Maasse respec- 
tirt , dem Instrument diese Eigenschaft sozusagen vollständig abspricht, 
ja sogar beifugt, dass es wegen schwerfälliger Construction unbeque- 
mer zu handhaben und verletzender wirke als andere zu gleichem 
Zwecke dienende Zangen , wobei sich Scanzoni auf seine eigene Be- 
Mobachlung stützt, so erlaubt sich der Sprechende dennoch, ebenfalls 
auf seine Erfahrungen sich berufend, und keineswegs aus blindem 
Wohlgefallen an seiner Erfindung, Scanzoni*s Behauptung aufs Be- 
stimm teste zu widersprechen, ja sogar zu behaupten, dass er vorzugs- 
weise gerne mit seinem Instrumente — wo es indicirt ist — operire, 
da es seine eigenen Erwartungen in praxi weit übertroffen habe. 

Am Schlüsse des Vortrags theüt der Sprechende noch seine An- 
sicht über den Nutzen des Chloroforms in der geburishül fliehen Praxis 
mit Ohne allen Zweifel sei dasselbe für gewisse Fälle ein unschätz- 
bares Mittel . seine allgemeine Anwendung aber , z. fe, bei natürlichen 
Geburten , unbedingt verwerflich. Abgesehen vom Unmoralischen und 
Un physiologischen, das in solchem Missbrauche liege, glaube er, dass 
selbst bei schweren Entbindungen, ohne direct zu seinem Gebrauch 
auffordernde Indurationen , das Chloroform nicht in Anwendung ge- 
bracht werden solle, da einerseits dureb die (Vollständige oder unvoll- 
ständige) 'Anästhesie jede selbstständige Mitwirkung von Seite der 
Muttfer, ein zürn Gelingen dter Operation oft so wichtiges Moment, 
Mrfgfchtttfen, ürid anderseits der Zustand des Individuums der richtigen 
fifeurffrettung durch einen Geburtshelfer entzogen werde, ein z.B. bei Blutun- 
gen, Entkräftüngszu ständen und ähnlichen Fällen höchst wichtiger Umstand. 
•Bios *Wö eine' außergewöhnliche allgemeine oder örtliche Sehsibitität 
•ttttfl frrtWbilität tue Entbindung zu schmerzhaft, zu sehr ersfchwerettd , 
öder* £öt unmöglich zti machen drohe , sei Chlöroformanasthesie am 
Platte. — Dfe Wirkung des Chloroforms auf den Geburts Vorgang be- 
Hftttffe übrigens in kurzen Worten darin : dass es die GebuTtSschmerzeti 
•mindert Vdet verständig unterdrückt , und den Widerstand der Pfetf- 



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n&almnskeln einigermasen aufheben soll , während die Wehenthääg- 
keft selbst nicht gestört wird und das Mittel für Mütter und Rind un- 
schädlich bleibt; bei Ecclampsie ist es in der Regel sehr wirksam, 
dagegen bei örtlichen Uterinkrämpfen meist erfolglos.' Als VerhältungS- 
regeln bei seiner Anwendung in der praktischen GeburtshüTfe gelten 
im Allgemeinen dieselben Vorschriften, wie in der Chirurgie. 

In der Discussion über den eben angehörten Vortrag erzählt Herr 
Dr. fankhauser, von Burgdorf, einen während seiner Studienzeit in 
der geburtshilflichen Klinik zu Bern vorgekommenen Fall, in welchem 
eine, angeblich in der ersten Geburtsperiode in die Anstalt getretene 
Person von dem verstorbenen Herrn Prof. E., für nichtschwanger ge- 
halten wurde , und dennoch ein paar Tage später mit Zwillingen 
nieder kam. Auch hier hatten Krampfwehen den zum Irrthum in 
der Diagnose verleitenden Zustand des Uterus und seiner Vaginal- 
portton herbeigeführt. 

Herr Dr. Büchler, in Renan, aufgefordert, als erfahrener Geburls- 
helfer seine Ansicht über die in dem Vortrage angeregten Punkte aus- 
zusprechen , stimmt namentlich hezüglich der Wirkungsweise des Borax 
und des Mutterkorns vollkommen mit Herrn Dr. Hermann überein, 

Herr Dr. Lanz, in Biel, wendet in l Tillen, wo Krampfwetien als 
Geburtshinderniss auftreten, wie diess häutig der Fall sei, mit gros- 
sem Vortheil unter den Verhältnissen , in welchen Herr Dr. Hermann 
den Borax empfiehlt , die lpecacuanha in kleinen Dosen an ,. während 
er dagegen von Borax, unter den nämlichen Umständen verabreicht , 
keine befriedigende Wirkung beobachtete. 

V. Das Präsidium setzt der Versammlung die Notwendigkeit 
auseinander; in der beutigen Sitzung bezüglich der im Principe be- 
reits vor einem Jahre statuirten Unter Stützungskassie und deren 
seither in Anregung gebrachten Verbindung mit einer Rentenkasse 
für Wittwen und Waisen verstorbener Medicinalpersonen zu einem be- 
stimmten Beschlüsse zu gelangen. Nach dem bereits angenommenen 
Principe würden nur Bedürftige aus unserm Stande unterstützt , wäh- 
rend es sich gegenwärtig darum handle , ob man mit der zu jenem 
Zwecke bestimmten Kasse nicht auch zugleich eine RentenanstaU ver- 
binden wolle, deren Genüsse den Hin (erlassenen sämmllicher Einleger, 
ohne Rücksicht auf ihre Bedürftigkeit oder Niclilbedürftigkeit , zugesi- 
chert wären. Sollte die Versammlung bei der ursprünglichen Idee 
stehen bleiben wollen, so würde das Comite das im vorigen Frühling 
sämmtlichen Mitgliedern gedruckt zugesandte Projektreglenient für eine 
Unterstützungskasse bedürftiger Medirinalpersonen , wenn dagegen die 
Verbindung' einer Rentenanstalt mit jener Kasse beschlossen würde, 
den letzthin allen Mitgliedern zugesandten Statutenentworf Mir eine 
Untersttttznngs- und Rentenkasse als Basis der weitem Verhandlungen 
•vorschlagen. 

Herr Dr. lory Weist, indem er für letztere Stiftung auftritt, den 



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t 

am meisten urgjrten Einwurf dagegen , dass die gebotenen Hülfsmittel 
zur Gründung v'imw Rentenanslalt zu minim seien , zurück , indem er 
einem edeln Werke auch bei kleinem Anfange eine schöne Zukunft 
verspricht, sofern es im richtigen Geiste gegründet und geführt werde. 
Dafür haben wir mehrfache Beispiele in ähnlichen Stiftungen im Can- 
lon , welche auf noch geringerer Grundlage , als die vorgeschlagene, 
angefangen halten, Ueberdiess sei die beste Aussicht auf rasches 
Wachsthum des Unternehmens vorhanden durch Beitritt von Standes- 
genossen aus andern Cantonen , deren Ansichten darüber er in der 
letzten Zeit zu vernehmen Gelegenheit gehabt, so dass er glaube mit 
ziemlicher Sicherheit in zehn Jahren ein Capital von 6000 Fr. beisam- 
men zu sehn, wozu hoffentlich von günstig gestellten Standesgenossen 
bei guter Gelegenheit ein Scherflein erwartet werden dürfe. 

Aus dem Schosse der Versammlung aufgefordert, die Resultate 
mitzutheilen , welche die über den vorliegenden Gegenstand zwischen 
dem Gönnte und den Bezirksvereinen stattgefundenen Verhandlungen 
zu Tage gefördert , liest der Präsident folgende bezügliche Stellen 
vor : T) aus einem Schreiben des oberaargauischen Bezirksvereins vom 
11. August letzthin: n Der oberaargauische Bezirksverein glaubt, in 
Berücksichtigung der schwachen Dotation einer RentenanstaTt, vorläu- 
fig davon abslrahiren und sich vorerst mit der Gründung einer Unter- 
stützungkasse begnügen zu sollen. Die nicht verausgabten Gelder 
sollen capitalisirt werden, um bei hinreichender Aeuffnung derselben 
eine Erweiteruni; irgend einer später zweckmässig scheinenden Art 
eintreten zu lassen. a — 2) Aus einem Schreiben des seeländischen 
Bezirksvereins vom 20. August letzthin : Ä Was die Untersttitzungkasse 
für Aerzte anbetrifft, so waren die Verhandlungen darüber kurz, da die 
meisten unserer Mitglieder gar keine wünschen, und nach der vorge- 
schlagenen Einrichtung eher Almosen als Unterstützung zu gewärtigen 
wäre. " 

Herr Dr, Dtir, aus BurgdorF, als Präsident des Bezirksvereins des 
Emmenlhales, spricht sich Im Namen dieses letztern analog mit der An- 
sicht des oberaargauischen Vereins, aus. 

Herr Dr, Adolf Vogt glaubt die Ansicht des mittelländischen Be- 
zirksvereins auszusprechen , wenn er der Verbindung einer Renten- 
anstalt mit der Liiterstützungskasse entschieden entgegentrete: 1) weil 
er die Tür letztere verwendbaren Mittel nicht zum Vortheil von Leuten 
verwendet wissen will , die derselben gar nicht bedürfen ; 2) wed 
durch die Verbindung mit einer Rentenanstalt der humanen Seite der 
Stiftung die Spitze angebrochen würde. 

Herr Dr. von Erlach mnehte gerade durch Anregung der Interessen 
jedes Einzelnen der ganzen Sache, und somit auch der Unterstützungs* 
kasse, festem Halt, grössere Ausdehnung und kräftige Wirksamkeit 
geben. Er theilt die Resultate einzelner Berechnungen mit und zeigt, 
wie unzureichend einerseits für das wirkliche Bedürfniss die nach dem 



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Projekt der reinen Unterstützungskasse möglichen Unterstützungen im 
einzelnen Falle herauskommen müssten , während man andererseits 
durch Beiziehung der Medicinalpersonen der ganzen Schweiz in Kur- 
zem das Stammcapital einer Rentencasse auf Fr. 10,000 anwachsen zu 
sehen hoffen dürfe. 

Herr Dr. Haller , von Bern , setzt an dem Beispiele der Buch- 
druckerkrankenkasse auseinander, wie mit geringen Kräften Grosses 
geleistet werden könne, und wünscht Nachahmung dieses Beispieles. 
Er wünscht übrigens nur eine Unterstützungskasse für bedürftige Col- 
legen und deren Wittwen und Waisen , nicht aber eine Rentenanstalt , 
deren Vortheile auch wohlhabenden und reichen Standesgenossen und 
deren Hinterlassenen zu Gute kämen. 

Herr Dr. Roth, von Herzogenbuchsee , schlägt vor, das Projekt - 
reglement für eine Unterstützungskasse , wie es in der Sommerver- 
sammlung des vorigen Jahres in Burgdorf vorgelegt worden, proviso- 
risch auf zwei Jahre in Kraft treten zu lassen, indem man so ziemlich 
allgemein von der Verbindung jener Kasse mit einer Rentenkasse ab. 
strahiren zu wollen scheine. 

Obiger Antrag von Herrn Dr. Roth wurde dann auch in der 
Endabstimmung mit grosser Majorität zum Beschlüsse erhoben, somit 
das Projektreglement für eine Unterstützungskasse bedürftiger Medi- 
cinalpersonen und deren Wittwen und Waisen , vom 23. April 1857, 
provisorisch auf zwei Jahre in Kraft erklärt. 



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H all er' sehe Buchdruckerei (B. F. HnUer) in Bern. — 1858. 



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