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FBOM THE BBiaHT LEGACT. 

Received ^■x..4/.C^nei^.ij.AK^.O.* 

Descendants of Henry Bright, jr., who dicd 
at Watertown, Mass., in idS6, are entitled to 
hold scholarships in Harvard College, estab- 
lished in iSSo under the will of 

JONATHAN BROWN BRICHT 
of Waltham, Mass.,with one half the incoroe 
of Ulis Legacy. Such descendants failing, 
other persons are eligible to the scholarships. 
The will rcquires that this announceinent 
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Library nnder its provisions. 



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Bibliothek 



ÄLTERER SCHRIFTWERKE 



DEK 



DEUTSCHEN SCHWEIZ. 



Herausgegeben 

von 

Jakob B^echtold und Ferd. Vetter. 



Fünfter Band : 

Schweizerische Volkslieder. II. 



' ^ * 'KH*-"*^ 



FRAUENFELD. 
Verlag von J. Huber. 

1884. 



o 



SCHWEIZERISCHE 



VOLKSLIEDER. 



'i Mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben 



von 



Dr. Ludwig ^obler 

Professor der deutschen Sprache an der Universität Zürich. 



Zweiter Band, 



" > *• 'KH* 



' FRAUENFELD. 
Verlag von J. Huber. 
1884. 



luis-y. 3^ 



/ 






Gedruckt in J. Huber 's Buchdruckerei in* Frauexfeld. 



L _ - 



XROFILMED 
IMRVSI^RD 



Vorwort. 



Ein zweiter Band dieser Sammlung war ursprünglich 
flicht beabsichtigt ; ich glaubte mit der in dem einen gegebenen 
Ueber sieht und Auswahl das Interesse der Wissenschaft und 
auch weiterer Kreise befriedigt zu haben, da mein eigenes 
Urtheil iiber den Werth unserer Volkslieder sehr bescheiden 
lautet. In der Einleitung zu dem Bande, der nun der erste 
geworden ist (S, XI oben), war gesagt, daß in einer zweiten 
Auflage, welche aber kaum zu hoffen sei, statt der ausfuhr- 
li<hen Einleitung mehr Texte gegeben und dadurch vielleicht 
manche Leser besser befriedigt werden könnten. Ob es statt- 
haft gewesen wäre, eine solche Umgestaltung als « Zweite 
Auflage yi erscheinen zu lassen, kann nun unerörtert bleiben; 
Thatsache ist, daß viele Leser und Käufer des ersten Bandes 
trotz günstiger Aufnahme desfelben sich in Absicht auf die 
Anzahl resp, die spärliche Auswahl der Texte, besonders der 
historischen Lieder, getäuscht gefunden und beschwert haben. 

Ich hatte (a, a, O.) vorausgesehen, daß solche Stimmen 
laut werden würden, aber nicht so viele, und ich hatte geglaubt ^ 
mich auf wenig und gar nicht bekannte oder schwer zugäng- 
liche Lieder beschränken zu dürfen, da ich ja zugleich angab, 
wo die andern, zum Theil leicht zugänglich, zu finden tvären^ 

II. I 



nur nicht alle in kritischen Texten und mit Erklärungen, Ich 
begreife nun, daß man lieher Alles beisammen haben möchte, 
statt es erst selbst zusammensuchen zu müssen; hätte ich aber 
den Stoff, der nun auf zwei Bände vert heilt ist, in einen 
gefasst, so wäre dieser wahrscheinlich weniger gekauft und 
gelesen, also der Zweck doch wieder nicht ganz erreicht worden. 
Immerhin fühlte ich, nachdem jenes Bedauern sich mehrfach 
kundgegeben hatte, mich verpflichtet, nachträglich den Schaden 
zu ersetzen, und daß dies nun in Gestalt eines zweiten Bandes 
geschieht, hat einzig den Nachtheil, daß sachlich und (bei den 
historischen Liedern) auch zeitlich Zusammengehöriges nun 
vom Leser selbst aus zwei Bänden zusammengestellt werden 
muß, wenn er die vollständige Reihe übersehen will. Indessen 
wird das diesem Band beigegebene Gesammtregister jenes 
Geschäft erleichtern. 

Die im ersten Band getroffene, aber nicht von allen 
Kritikern gutgeheißene Unterscheidung zwischen Haupttext und 
Anhang fällt nun weg; aber auch andere Grundsätze und Ge- 
sichtspunkte, von denen ich mich im ersten Band vielleicht 
zu ängstlich leiten ließ, lasse ich nun bei Seite : ich gebe ohne 
Bedenken möglichst viel Stoff ohne Rücksicht auf Verschieden- 
heiten oder Mängel der Form, auch ohne Rücksicht darauf, ob 
gewisse Stücke schon bekannt, vielleicht auch nicht eigentliche 
oder rein schweizerische Volkslieder zu nennen sein mögen. 

Im historischen Theil ist es jetzt darauf abgesehen, 
alle Hauptereignisse unserer Geschichte mit Liedern (wenn auch 
nicht jedes mit allen darauf bezüglichen) auszustatten ; bei 
den übrigen gebe ich eine Auswahl der besten und beliebtesten, 
die in dem Verzeichniß Bd. I, S. CXLVIII— CL enthalten 
sind, dazu noch einiges Neue, was mir noch nachträglich mit- 
getheilt worden oder zur Aufnahme geeignet erschienen ist. 



Auf den Anspruch, den Fachmännern Neues zu bieten, muß 
ich also fast ganz verzichten ; ich wende mich an das größere 
Publikum der Laien, besonders der schweizerischen, welche aus 
patriotischem Interesse eine Sammlung aller in der Schweiz 
gangbar geu'esenen Volkslieder wünschen. Ich gebe ihnen hiemit 
das Meiste und Beste, was ich aus den oben angegebenen 
Gründen noch zurückbehalten hatte; ich gebe ihnen sogar 
Alles, was ich für echt und gut oder wenigstens in irgend 
einer Beziehung merkwürdig halte: aber eine vollständige 
Sammlung alles Vorhandenen, ohne Auswahl, also ohne Rück- 
sicht auf Werth, dessen Bestimmung freilich nie von Sub- 
jectivität zu befreien ist, erhalten sie auch dies. Mal nicht ; 
sonst wäre dieser Band auf das Doppelte seines Umfanges 
(und Preises) gestiegen oder es müsste ihm noch ein dritter 
nachgeschoben werden, womit doch weder der Sache noch den 
übereifrigen Liebhabern gedient wäre. 

Wer Jahre lang mit einem solchen Gegenstand sich ab- 
gegeben hat, sollte die nöthige Unbefangenheit des Urtheils 
über den Werth desfelben erlangt haben, und wenn er eines- 
theils billigen Ansprüchen des Publikums, auch wo sie seiner 
Neigung nicht gerade entsprechen, nachzukommen sucht, so wird 
er gegen weitergehende Zumuthungen, die geradezu seinem Ge- 
schmack und wissenschaftlichen Gewissen widersprechen^ sich 
verwahren dürfen. Daß ich unter die historischen Lieder 
einige Stücke aufgenommen habe, die nicht gut oder nicht recht 
volkstkümlich (zum Theil auch nicht mit den Ereignissen gleich- 
zeitig) sind, geschah theil s aus Rücksicht auf möglichste Voll- 
ständigkeit der Ereignisse, theils um gewissen Lesern einen 
Begriff davon zu geben, daß weitere Proben der historisch- 
politischen Poesie des XVI L und XVIII, Jahrhunderts ihnen 
selbst leicht zu viel werden könnten oder daß wenigstens manche 



Produkte jener Zeit kaum mehr Volkslieder genannt werden 
können. Uebrigens habe ich mir erlaubt, besonders von solchen 
Stücken, die gar weitläufig und im Ganzen nur mittelmäßig 
sind, einzelne Strophen wegzulassen, jedoch immer mit aus- 
drücklicher Bemerkung und meistens auch mit Angabe des 
Hauptinhaltes der weggelassenen Strophen. Ich bin überzeugt y 
daß auch dieses Verfahren von allen Lesern gebilligt würde, 
die sich die Mühe nehmen wollten, den vollständigen Wortlaut 
in den Originalquellen nachzusehen. Es darf nie vergessen 
werden, daß die ganze Sammlung, von der diese zwei Bände 
ein Theil sind, kein rein historisches, sondern ein litterar- 
geschichtliches Quellenwerk sein soll, und diesem Zweck genügt 
für InhcUt und Form eine Auswahl vollkommen; die Historiker 
bleiben, wenn sie überhaupt von den Liedern Notiz nehmen 
und Gebrauch machen wollen, auf. die vollständigen Originale 
und kritische Vergleickung derselben mit den Urkunden und 
Chroniken angewiesen. 

Was die übrigen Lieder betrifft, für welche ich auch jetzt 
keinen bessern Namen weiß als den etwas zweideutigen <iall' 
gemeiney> (der in diesem Gegensatz kaum ernstlich tnissdeutet 
werden kann), so sind darunter allerdings viele gemein 
deutsch und bei uns nur importirt; aber über diese Rücksicht 
setze ich mich, gemäß dem oben Gesagten, nun eben auch hin- 
weg, indem ich Alles geben will, was unserm Volk als geistige 
Nahrung gedient hat, sei es von innen oder außen geflossen ; 
für den letztern Fall dienen die meist im ersten Band ge- 
gebenen Verweisungen und Vergleichungen. Die altern balladen- 
artigen Lieder sind leider meistens nur in verkümmerter Gestalt 
überliefert und können keinen reinen Genuß gewähren; aber 
ich setze den kultur- und litterar -historischen Gesichtspunkt 
über den rein ästhetischen, glaube übrigens, auch vom letztern 



aus dürfen die betreffenden Produkte manchen eintönigen 
Schi acht tiedem an die Seite gestellt werden. 

Wie endlich im ersten Band, obwohl dort nur anhangs- 
weise, auch Gebete eine Stelle gefunden haben, so gebe ich hier 
unter den aSprüchen^ Aehnliches, sogar einige Zaubersprüche, 
dergleichen seit ältester Zeit zur Poesie gezählt haben und die 
jedenfalls durch ihre Alterthümlichkeit merkwürdig sind. Das 
eigentliche Kinderlied bleibt auch dies Mal ausgeschlossen, 
ausgenommen ein Stück, als Probe von einst hochheiligen und 
ernsten Liedern, die zuletzt nur noch im Kinderspiel Zuflucht 
gefunden und manigf altige Variationen erfahren haben. Da 
indessen im Anhang zum ersten Band einige Kinderlieder aus- 
nahmsweise aufgenommen worden sind, so dürfen noch einige 
Parallelen und Nachträge dazu Platz finden, sei es auch nur, 
um die Grenze zu markiren. Daß die kurzen Reimsprüche der 
erwachsenen Jugend eine Nachlese ergeben haben, bedarf 
wohl keiner Entschuldigung, 

Betreffend die Gestalt der Texte, insbesondere auch 
die sprachliche, in Absicht auf Mischung von Schriftsprache 
und Dialekt, geltest die im ersten Band aufgestellten und be- 
folgten Grundsätze, Strenge Consequenz ist aber dabei äusserst 
schwer, weil die Quellen der Mjttheilungen gar so verschieden 
sind, und besonders in der Orthographie wird man Ungleich- 
heiten zu entschuldigen finden, — Die reichlichen Nachträge 
zum ersten Band, auf welche besonderer Fleiß verwendet 
worden ist, empfehle ich zur Beachtung, 

Schließlich bleibt mir noch der Wunsch auszusprechen, 
daß das schweizerische Volk gerade in diesem Band, der ihm 
ganz besonders zugeeignet ist, einen Spiegel seiner Vergangenheit 
erkennen und diese Zeugnisse derselben, trotz ihrer unregel- 
mäßigen Gestalt, in Ehren halten möge! 



Viel reichere Quellen jener Selbsterkenntniß würden frei- 
lich eröffnet, wenn die in den Vorarbeiten zum Schweizerischen 
Idiotikon enthaltenen Sammlungen von Sitten und Bräuchen, 
Sprichwörtern und Redensarten zur Bearbeitung und Heraus- 
gabe gelangen könnten. Aber dazu fehlt den Redaktoren des 
Idiotikons Zeit und Arbeitskraft oder Unterstützung durch 
jüngere Kräfte ; sie müssen sich begnügen, aus jener Fülle von 
Stoff möglichst viel in das Wörterbuch hineinzuziehen und was 
sich dort nicht unterbringen lässt, einem künftigen besondern 
Sammelwerk vorzubehalten. 

Zürich, im August 1884. 

LT. 



Einleitung. 



Ueber die historischen Volkslieder und ihre Verfasser. 

In der Einleitung zu Bd. I, S. LXXV ff. ist über die ver- 
schiedenen Gegenstände und Formen der allgemeinen 
Volkslieder, auch über die Herkunft und Verbreitung der- 
selben, ausführlich gehandelt worden, während ich mich be- 
treffend die Verfasser und den Charakter der historischen 
Lieder auf einen früher geschriebenen Aufsatz bezog, der 
wohl nur den Geschichtsforschern bekannt und zugänglich 
sein kann. Da nun schon die Symmetrie zu verlangen scheint, 
daß auch dieser Band noch mit einer Einleitung ausgestattet 
werde, so wird der Gegenstand derselben eben das sein 
müssen, was dort nur durch ein Citat vertreten war. Die 
treffliche Abhandlung des Herrn Prof. Meyer v. Knönau, auf 
die ich sonst nochmals verweisen könnte, hat wohl nicht die 
verdiente Verbreitung gefunden und könnte allerdings inso- 
fern nicht genügen, als sie sich wesentlich auf das XV. Jahr- 
hundert beschränkt, welches freilich die Blüthezeit jener 
Dichtungen war. Die vielen Nachweise, welche Herr von 
Liebenau im Anzeiger f. Schweiz. Geschichte (s. Bd. I, S. IV) 
über Existenz, Bedeutung und Wirkung einzelner historischer 
Lieder und über Lebensumstände und Schicksale einzelner 
Verfasser von Liedern jener Art gegeben hat, sind in jener 
Zeitschrift zerstreut und den Lesern unserer Texte wenig 
zugänglich. Es soll also hier zusammengefasst werden, was 



II EINLEITUNG 

in den angeführten Spezialarbeiten Wesentliches enthalten 
ist, obwohl der richtige Ort für solche Darstellung die Ge- 
sammtgeschichte der schweizerischen Litteratur wäre. 

Das historische Volkslied der Schweiz hat natürlich keine 
wesentlich andere Entstehung als das allgemein deutsche; 
man kann nur sagen, daß die Anläße zur Entstehung solcher 
Lieder auf unserm Boden verhältnissmäßig zahlreicher und 
manigfaltiger waren als anderswo, nämlich die politischen 
Ereignisse selbst und der durch die Fülle und Wucht der- 
selben gesteigerte Pulsfchlag des öffentlichen Lebens, beson- 
ders von der Mitte des XIV. bis zum Schluß des XV. Jahr- 
hunderts. Abgesehen von Liedern aus der mit mythischen 
Elementen versetzten Heldensage, deren Bekanntschaft in der 
Schweiz wir an mehreren Stellen des ersten Bandes (XXI ff. 
XXIV. LXXV) bemerkt haben, sind im deutschen Reiche 
historische Volkslieder d. h. Dichtungen, welche aus dem 
Schooß des Volkes bei Anlaß bestimmter Ereignisse und unter 
dem frischen Eindruck derselben hervorgiengen, seit dem 
IX. Jahrhundert bezeugt. Aus den zahlreichen Zeugnissen, 
welche Grimm (Deutsch. Sag. Bd. II, S. IX ~XI), v. Lilien- 
cron (Hist. Volksl. Bd. I, S. XXVI), Wackernagel (Gesch. d. 
deutsch. Litt., 2. Ausg., S. 97. 179) beigebracht haben, sei hier 
nur eines hervorgehoben, welches sich bei einem schweizer- 
ischen Geschichtschreiber findet. Der jüngere Eckehard (de 
casib. S. Galli I, 25 bei Goldast) sagt, er wolle den von Erz- 
bischof Hatto von Mainz an Adelbert von Babenberg ver- 
übten Verrath nicht erzählen, weil er durch Volkslieder be- 
kannt genug sei, und ebendaselbst (S. 29) berichtet er, es 
werde von den Thaten eines gewissen Grafen Kuno, genannt 
Kurzibold (einem Gefährten des Kaisers Otto L), noch allerlei 
gesungen, üeberdies wird mehrfach bezeugt, daß solche 
Lieder noch geraume Zeit, z. B. 200 Jahre, nach dem Ereigniß, 
dem sie ihre Entstehung verdankten, gesungen wurden, wie 
wir denn auch auf unserm Gebiet in späterer Zeit ähnliche 
Dauerhaftigkeit einzelner Lieder bemerkt haben (Bd. I, S. XVI. 
XXXIII. 222 — 223). Andrerseits ist allerdings auch der Fall 



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I 

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I 



EINLEITUNG III 

eingetreten, daß die Erinnerung an das historische Ereigniß 
sich verdunkelte und ein dasfelbe betreffendes Lied sagenhaft 
romantische Gestalt annahm. Ein solcher Fall ist bei uns 
noch aus neuerer Zeit die Geschichte von Fridli Bucher 
(Bd. I, S. CIL io6), so daß das jenen Mann betreffende Lied 
nicht mehr unter die historischen aufgenommen werden 
konnte. Umgekehrt ist freilich auch möglich und vielleicht 
bei dem Lied von Roni Sattel (Bd. I, S. 104) der Fall ein- 
getreten, daß einem bereits sagenhaften Lied eine neue Be- 
ziehung auf ein wirkliches Ereigniß untergelegt wurde. 

Wer waren die Verfasser und Verbreiter solcher 
Lieder, zunächst in Deutschland und im früheren 
Mittelalter? Positive Nachrichten darüber haben wir nicht, 
wir dürfen aber und müssen fast vermuthen: es waren die- 
selben sog. fahrenden Sänger, denen auch die Pflege der 
Heldensage anvertraut war. Sie waren nicht ein nach außen 
abgeschlossener, innerlich zunftmäßig gebundener Stand, aber 
immerhin Leute, die zwar nicht «allgemeine», sondern höch- 
stens etwas geistliche Bildung, aber eine gewisse geregelte 
Kunstfertigkeit durch Uebung erworben hatten. Das Publikum 
dieser fahrenden Sänger war bald das Landvolk,^ das etwa 
an großen Festen und Märkten (Messen) in einer Stadt zu- 
sammenfloß, bald die ansäßige Bürgerschaft der Städte auf 
ihren Zunftstuben, dann aber auch der auf Burgen hausende 
Adel und zuletzt sogar Fürstenhöfe, deren höherm Geschmack 
man sich anzubequemen versucht und verstanden hatte. Das 
fahrende Leben dieser Leute einerseits, ihre Sprachgewandt- 
heit andrerseits und das Bedürfniß der Obrigkeiten und Herr- 
schaften brachte es mit sich, daß man die Sänger gelegentlich 
auch als Boten in politischen Angelegenheiten benützte, wofür 
sie dann wohl bestimmten Lohn empfiengen, während die 
Belohnung ihrer künstlerischen Leistungen von der Gunst und 
Freigebigkeit ihrer Zuhörer abhängig war. Beide Verricht- 
ungen ließen sich leicht verbinden ; denn der fahrende Mann, 
der einen bestimmten Auftrag auszurichten hatte, konnte 
unterwegs seinen freien Gesang nach Belieben verwerthen. 



IV EINLEITUNG 

und während, er Kunde von neuen Ereignissen erfuhr und 
verbreitete, konnte er daneben die alten, aber immer wieder 
gern gehörten Sagen auftischen. Auf seiner Wanderung konnte 
er auch die Stimmung der Landesgegenden, durch die er 
kam, erforschen oder dieselbe durch Gespräch und Gesang 
sogar selbst machen helfen, wenn er die Fähigkeit besaß, 
ein frisches Lied oder einen witzigen Spruch in einer Bad- 
oder Trinkstube im richtigen Moment anzubringen. 

Wenn wir uns ungefähr so die Lebensweise fahrender 
Sänger in Deutschland etwa vom XIL bis zum XIV. Jahr- 
hundert zu denken haben, so darf dieses Bild freilich nicht 
ohne Weiteres auf die Schweiz, und zwar vom XIV. bis zum 
XVI. Jahrhundert, übertragen werden. Hier fehlten nicht nur 
einheimische Fürsten, sondern auch der Adel hatte Mühe 
sich zu behaupten ; der Sängfer war also auf die Bürgerschaft 
und die Obrigkeit einiger zu Wohlstand und Macht empor- 
strebender Städte angewiesen. Dagegen war das politische 
Leben eben dort so lebhaft und Wechselfälle aller Art, auch 
kriegerische Ereignisse so häufig, daß Stoff zu Berichten nie 
mangeln konnte und das Vorhandensein von Personen, die 
geeignet waren, auch den gemeinen Mann durch geflügelte 
Worte für schwebende Streitfragen zu interessiren, erwünscht 
sein musste. Fahrende Sänger von Beruf und bedeutendem 
Geschick mag es wohl auf unserm kleinen Gebiet und in 
den immerhin engen Verhältnissen desfelben wenige gegeben 
haben; doch enthalten unsere Lieder manche (nachher zu 
besprechende) Andeutung, daß auch Leute jener Art nicht 
ganz fehlten. Im Uebrigen muß gelten, was schon im ersten 
Band S. LXXVI gesagt wurde, daß die Verfasser historischer 
Lieder neben dieser gelegentlichen Thätigkeit entweder ein 
friedliches Handwerk oder das im XV. Jahrhundert nur allzu 
sehr emporkommende des Krieges betrieben, welches letztere 
seinen Angehörigen allerdings die für Poesie unentbehrliche 
lebendige Anschauung der Ereignisse gewährte, aber den Sinn 
für schöne Sprache und Versform weniger zu pflegen geeignet 
war. Einzelne Liederdichter scheinen auch Inhaber unter- 



EINLEITUNG V 

geordneter Staatsämter gewesen und zu entsprechenden Boten» 
diensten benützt worden zu sein, aber nur wenige werden, 
und gewiß nicht durch ihr Dichten, sondern durch andere 
Leistungen, zu höheren Stellen emporgestiegen sein, wie etwa 
in Luzern Hans Halbsuter (der aber später wieder herunter 
kam) und Hans Birker (s. Bd. I, S. 224). Erst das XVI. Jahr- 
hundert mit seinem erhöhten Streben nach geistiger Bildung 
konnte es mit sich bringen, daß auch Leute von anderweitiger 
litterarischer Fähigkeit und Thätigkeit, wie Hans Salat, Nikiaus 
Manuel, Pamphilus Gengenbach, zugleich des historischen 
Volksliedes sich annahmen, ohne doch Hervorragendes darin 
zu leisten, weil die Blüthezeit dieser Dichtung eben bereits 
vorüber war. 

Beneidenswerth war die Stellung der gewöhnlichen Ver- 
fasser historischer Volkslieder auf keinen Fall; denn wenn 
sie auch etwa für eine tüchtige oder erwünschte Leistung 
einen Lohn aus der Staatskasse erhielten (wie z. B. der Dichter 
des Liedes vom Mulhauser Zug, s. Anzeiger 1877, S. 305 oben), 
so riskirten sie daneben, wenigstens seit den bittern religiösen 
Parteikämpfen des XVI. Jahrhunderts, Anklage, Verfolgung 
und Bestrafung von Seite ihrer kantonalen Obrigkeit auf 
Verlangen benachbarter Regierungen , welche sich durch 
Lieder der Gegenpartei beleidigt und geschädigt fanden, oder 
von Seite der Tagsatzung, welche im Interesse des öffent- 
lichen Friedens jene Ausflüsse des Parteihaders unterdrücken 
zu müssen glaubte*. Die Volksdichter des XV. Jahrhunderts^ 
welche meistens von Kampferfolgen gegen äußere Feinde 
zu berichten hatten, durften ungestraft ihrer Zunge den Lauf 
lassen; aber zu hohen Ehren und Einkünften haben auch 
sie es nicht gebracht; viele von ihnen und besonders die- 
jenigen, welche nicht einmal ihren Namen nennen, klagen 



* Vgl. z. B. Anzeiger 1877, S. 308 zu den Jahren 1546 und 1578^ 
1880, S. 272, I, und noch wegen des neuen Tellenliedes 17 12 Anz. 
1877, S. 310. 1880, S. 274, 12, wegen des Liedes auf die Kämpfe in 
Zug 1733 Anzeiger 1880, S. 311, 19. 



VI EINLEITUNG 

über Armut, so z. B. der Dichter des Liedes von der Schlacht 
bei Grandson (Bd. II, S. 6i oben). 

Was übrigens die Nennung der Namen betrifft, so war 
sie bei diesen Liedern ursprünglich so wenig üblich, als sie 
bei den allgemeinen Volksliedern es je gewesen ist, weil es 
im Wesen des Volksgesanges lag, daß der Sänger eben nicht 
als Person, sondern nur als Organ des Gemeingeistes gelten 
wollte. Erst später mochte es vorkommen, daß der Verfasser 
eines 1 Jedes sich darum nicht nannte, weil er fürchten 
musste, für seine Auslassungen zur Rechenschaft gezogen und 
bestraft zu werden. Im XIV. Jahrhundert, welches aber über- 
haupt erst wenige Lieder aufweist, kommen noch keine Namen 
vor ; denn daß die Schlußftrophe des großen Liedes von der 
Schlacht bei Sempach erst dem XV. Jahrhundert angehört, 
ist am betreffenden Orte gezeigt (Bd. I, S. 222. II, 21 — 22). 
Erst im XV. Jahrhundert, zuerst im Alten Zürichkrieg, werden 
Namen genannt und die Nennung ist dann vorherrschende 
Sitte bis in's XVI., doch keineswegs ausfchließlich, denn 
daneben nennt sich der Verfasser noch oft nur « ein Schwizer- 
knab j»), « ein Eidgenoß i), etwa mit dem Zusatz « ein freier, 
junger», oder er nennt höchstens seinen Heimatkanton ; auch 
kommt vor, daß zwei oder mehrere zusammen gearbeitet zu 
haben versichern, wobei um so weniger Grund war, die Ein- 
zelnen als solche zu nennen. Nicht unbemerkt darf bleiben, 
daß auch Frauen sich in solchen Dichtungen versuchten. 
Das Lied von Frischhans Theiling und Hans Waldmann gibt 
sich als von einem « Töchterlin » verfasst, wahrscheinlich 
der Schwester des Erstgenannten (s. v. Liebenau im Anzeiger 
1877, S. 305), und ein Lied von der Schlacht bei Marignano 
sang nach Angabe von Werner Steiner eine Frau von Ein- 
siedeln, welche wahrscheinlich unter den Opfern jener Schlacht 
einen Angehörigen zu beklagen hatte (vgl. Bd. I, S. XXXVIII 
und XLIII unten). Im XVII. Jahrhundert verschwinden die 
Namen wieder fast ganz und machen den oben angeführten 
unbestimmteren Angaben Platz, etwa mit dem Zusatz, daß 
der Verfasser dem Ereigniß persönlich beigewohnt habe. Was 



EINLEITUNG VII 

das XV. und XVI. Jahrhundert an Namen bieten, soll nun 
aufgezählt werden, verbunden mit den spärlichen Nachrichten, 
die aus den Liedern selbst oder anderen Quellen über die 
Lebensumstände einzelner Dichter geschöpft werden können, 
und mit Angabe der von ihnen verfassten Lieder, welche in 
dem Verzeichniß des ersten Bandes (S. XXXVI ff.) allerdings 
bereits, aber nach der chronologischen Ordnung, angeführt 
sind. Hier empfiehlt es sich, die geographische Reihenfolge 
nach den Kantonen zu befolgen, obwohl bei weitem nicht 
alle XIII Orte der alten Eidgenossenschaft, dagegen auch 
einige zweifelhafte Grenzgebiete vertreten sind. Der Vorrang 
gebührt der Stadt Luzern, welche die meisten Dichter her- 
vorgebracht oder wenigstens zeitweise beherbergt hat. 

Wenn das große Sempacher Lied ganz oder theilweise 
den altern Halbsuter zum Verfasser hat, der von 1382 — 1434 
bezeugt ist (auffallend lange, zumal da er schon 1382 ver- 
heil atet gewesen sein soll !), so ist über diesen nach v. Liebenau 
(Anz. 1877, S. 306) sonst nichts bekannt, als daß er Bürger 
von Luzern gewesen sein muß, da er sich 1434 um die Stelle 
eines Weibels bewarb. Reichlicher sind die (a.a.O. S. 305— 8 
zusammengestellten) Nachrichten über den Jüngern Hans 
Halbsuter von Roth, der ein ziemlich bewegtes Leben 
gefuhrt und verschiedene Berufe ausgeübt haben muß. Als 
Bürger der Stadt Luzern erscheint er 1435 ; ^^ wurde vom 
Rath zu verschiedenen Dienstleistungen beigezogen und für 
dieselben mit Wein und Geld belohnt. Den alten Zürich- 
krieg machte er als Schütze mit und wurde auch Schützen- 
meister. Von 1441 — 1464 war er Mitglied des Großen Rathes; 
1449 Gerichtsweibel, in den 50er Jahren Kornhausmeister. 
Im Plappartkrieg 1458 diente er als Läufer und half beina 
Rechnungswesen. 1468 lieferte er dem Staate Rahmen und 
Zuber, aber auch Pulver und Ledersäcke. Aus dem Feldzug 
von 1476 kehrte er verwundet zurück und bekam Staats- 
unterstützung wie andere Invaliden. 

Ein Zeitgenosse von ihm war Hans Ower (Auer), der 
das Lied von der Schlacht bei Ragatz verfasst hat. Er war 



L 



VIII EINLEITUNG 

nach V. Liebenau (Anzeiger 1873, S. 279. 1879, S. 304) nicht 
von Luzern, sondern wahrscheinlich von SchafFhausen ge- 
bürtig, um 1440 Bürger in Basel, später in Luzern, wo er 
zuweilen als Stadtläufer verwendet wurde. Er war Knecht 
bei einem Klaus Wanner, der seit 1449 als Rathsherr und 
Richter erscheint und von Welti Wanner zu unterscheiden 
ist, der 1373 für eine Wanne das Bürgerrecht von Luzern 
erhalten haben soll. 

Etwas später, bald nach 1468, erscheint in Luzern, aber 
ebenfalls nicht als von dort stammend, Töni (Anton) Stein- 
huser, gebürtig von Wyl, zeitweise in Appenzell wohnhaft. 
Am Schlüsse seines Liedes vom Waldshuterzug, den er mit- 
machte, sagt er, er diene schönen Fräulein und preise ihre 
Ehre. Demnach müsste er ein verspäteter Nachzügler der 
Minnesänger gewesen sein, aber in Luzern wenigstens scheint 
er nicht so harmlos gelebt zu haben ; denn er war in einen 
Streithandel verwickelt, kam 1482 in's Gefängniß, musste 
Urfehde schwören und das Land verlassen, wurde jedoch 
bald wieder begnadigt (v. Liebenau im Anzeiger 1873, 
S. 280—281). 

Der Zeit nach folgt Rudolf Mo ntigel (auch Monzigel 
geschrieben), der das Lied von der Ewigen Richtung und 
eines von der Schlacht bei Grandson verfasste, welches Lütolf 
dem Hans Viol zuschrieb (Anfang : « Oesterrich, du schläfst 
gar lang! »). Daß Montigel Bürger von Luzern gewesen sei, 
ist nirgends ausdrücklich bezeugt ; aber im Bürgerrodel von 
Luzern wird erwähnt, daß er bei Grandson verwundet und 
in Bern verpflegt wurde, was 4 Gulden kostete. Prof. Meyer 
V. Knonau (S. 53) hält ihn nicht für einen Schweizer, sondern 
für ^inen österreichischen Unterthan, jedoch wohl nur auf 
Grundlage des ersten Liedes, da ihm die von Liebenau im 
Anzeiger (1880, S. 272) beigebrachte Angabe aus dem Frei- 
burger Archiv noch nicht bekannt sein konnte. 

Ein Lied von der Schlacht bei Murten (Bd. II, S. 61) 
sang Hans Viol von Luzern, und derselbe bald nachher das 
von der Schlacht bei Giomico (II, 70), an dessen Schluß er 



EINLEITUNG IX 

seine Lebensverhältnisse als armselig darstellt. Ueber seine 
Person wusste Lütolf in seinem Aufsatz « Luzerns Schlacht- 
liederdichter » (Geschichtsfreund XVIII, 187) nichts beizu- 
bringen als die Notiz, daß um das Jahr 1443 im Steuerbuch 
ein Vyola vorkomme. 

Im Schwabenkrieg sang Hans Wick von Luzern das Lied 
von der Schlacht im Schwaderloh (II, 77; und 15 15 ein Lied 
von der Aufnahme Mülhausens in die Eidgenossenschaft (I, 
S. XXXVII). Am Ende des Schwabenkrieges verfasste ein 
Sänger, der sich « ein alter Gris » nennt, ein Lied, welches 
einen Rückblick auf den Ursprung und Verlauf des Krieges 
enthält. Die von Hans Lenz verfasste Reimchronik des 
Schwabenkrieges, welche unter andern auch jenes Lied ent- 
hält, nennt in der letzten Strophe als Verfasser desfelben 
einen Peter Meiler von Rapperswyler, wohnhaft bei Luzern 
und auch in Appenzell wohl bekannt. Herr v. Liliencron 
scheint jenen Namen mit dem des Peter Müller zu iden- 
tifiziren, der das in den Anfang des Krieges fallende Lied 
Bd. I, S. 25 verfasste, und es ist allerdings auffallend, daß 
auch dieser Peter Müller am Zürichsee, dann wieder in Appen- 
zell (und im Rheinthal, dagegen nicht in Luzern) sitzend 
genannt wird. Prof. Meyer v. Knonau bezweifelt die Identität 
der Person; aber Meiler konnte leicht aus Müller verderbt 
werden, besonders wenn man etwa noch an das am Zürich- 
See, nicht weit von Rapperswyl auf demselben Ufer liegende 
Dorf Meilen dachte. Da die anderen Quellen des Liedes 
vom alten Gris keinen Verfasser nennen, so hat wahrschein- 
lich Lenz dasfelbe auf eigene Vermuthung hin dem Verfasser 
des frühern Liedes, dessen Namen er zugleich entstellte, zu- 
geschrieben, nebst dem aus ähnlichen Schlüssen anderer Lieder 
entnommenen Bekenntniß, daß er « viel mehr verthue, als er 
habe », und hat ihn nach Luzern versetzt, weil er wusste, daß 
dort andere Sänger heimisch waren. 

Unzweifelhaft nach Luzern gehört Hans Birker, der den 
Zug nach Genua 1507 (Bd. I, S. XXXV) und den Leinlaken- 
^^»eg (152 1, Bd. I, S. XXXVIII) mitgemacht und besungen 



X EINLEITUNG 

hat und später Schultheiß geworden ist (v. Liebenau, Das 
alte Luzern S. 32 — 33). 

Die Lebensumstände und Schriften von Hans Salat sind 
durch Baechtolds Buch bekannt geworden. Er hat ein Lied 
auf die Schlacht bei Kappel verfasst, nach Baechtold noch 
ein zweites, welches aber in anderm Geist gehalten ist (siehe 
Bd. I, S. XLI), später dann noch ein Lied von dem Zug 
eidgenössischer Söldner in die Picardie 1543 (a. a. O. XLIII). 

Endlich ist hier noch zu nennen Hans Kraft von Zo- 
fingen, später in Luzern, der die Schlacht bei Dreux 1562 
(Bd. I, S. XL VI) mitmachte und besang und den Drucker 
(Apiarius in Bern), der den Text seines Liedes verändert 
hatte, verklagte (s. Anzeiger 1873, S- 3^6 ff.). Betreffend seine 
Lebensumstände entnehme ich den dortigen Angaben, daß 
er 1552 das Bürgerrecht von Luzern erkaufte, 1559— 1566 
die Stadtschreiberei und 1566 — 1567 das Schultheißenamt in 
Willisau versah, wo er seine Erziehung genossen hatte. Von 
dort siedelte er später nach Luzern über, wo er vom Unter- 
schreiber zum Stadtschreiber aufstieg. Vom König von Frank- 
reich bezog er eine ansehnliche Pension. 1573 machte er 
einen zweiten Feldzug nach Frankreich als Hauptmann mit 
und nahm als Oberst an der Einnahme von La Rochelle 
Theil. Heimgekehrt starb er 1575 an der Pest. Rennward 
Cysat, sein Stellvertreter und Nachfolger im Amt des Stadt- 
schreibers, widmete ihm einen ehrenvollen Nachruf. 

Herr v. Liebenau erwähnt im Anzeiger (1873, S* 279) 
unter den Luzerner Dichtern noch einen Batt (Beatus) Rippel, 
von dem mir nirhts bekannt geworden ist. Das Spottlied, 
das Martin Müller 1583 mit Andern bei einem Gelage auf 
den Herzog von Savoyen machte, besitzen wir nicht, und 
ein Spotllied auf Uri und Unterwaiden, das 1603 Jakob 
Widmer von Luzern sang (a. a. O. 281), war vielleicht nicht 
von ihm selbst verfasst. 

In Bern und dessen Gebiet finden wir Namen von Ver- 
fassern historischer Lieder nur wenige, während aus dem 
XVL und XVIL Jahrhundert, wo dort geistlicher Volks- 



EINLEITUNG XI 

gesang blühte (vgl. Bd. I, S. LXXVII ff. 224), auch Namen 
von Dichtern dieser Schule überliefert sind. Der berühmteste 
Name ist der des Nikiaus Manuel, der sein Lied von der 
Schlacht bei Bicocca kurz vor der Zeit sang, wo er durch 
seine Volksfchauspiele der Reformation zum Durchbruch ver- 
half Etwas später fällt Nikiaus Seh orr, Kürschner, derein 
Lied auf den Genfer Zug 1536 und eines betreffend die all- 
gemeine Zeitlage um 1552 (daneben vielleicht noch andere) 
verfasst hat (vgl. Bd. I, S. LIII— IV). Um dieselbe Zeit lebte 
in Bern, wenn auch nicht dort geboren, der namhafte und 
fruchtbare Dichter Benedikt Gletting, dessen theilweise 
gehaltvolle Lieder aber mehr der geistlichen Richtung an- 
gehören. Michael Stettier feierte in einem Liede das Bund- 
niß zwischen Bern und Grau blinden 1603, nachdem er im 
Jahr vorher ein Gedicht über den verwirrten Zustand der 
Welt verfasst hatte. Gwer Ritter dichtete, wahrscheinlich 
auf Bestellung und um Lohn, Loblieder auf einzelne Städte 
und Landschaften (vgl. Bd. I, S. 222), ebenso Ulrich Wirri 
von Aarau, von dem wir auch ein Gedicht über die Schlacht 
bei Dornach besitzen (Bd. I, S. XXXTV). Peter Bichsel von 
Trachselwald , der 1580 ein « Tratzlied wider ein fromme 
Oberkeit von Bern » sang, wurde vom Vogt gethUrmt (An- 
zeiger 1873, S. 283). 

Aus dem benachbarten Frei bürg dürfen wir schon der 
Sprache wegen nicht viel erwarten. Dort « im Saanenlande » 
lebte im Anfang des XVL Jahrhunderts der oben schon ge- 
nannte Hans Lenz, ein geborner Schwabe, später Bürger 
von Freiburg und daselbst fester ansäßig als der dichterisch 
bedeutendere Veit Weber aus der Schwesterstadt im Breisgau, 
der nur vorübergehend im Burgunder Krieg das Lob der 
Eidgenossen sang und darum hier nicht mitgezählt wird, da 
wir ja einheimische Sänger genug haben. Lenz war vor dem 
Ausbruch des Schwabenkrieges Hauslehrer von fünf jungen 
Freiburger Patriziern gewesen, deren Schicksale während des 
Krieges er in seiner Reimchronik desfelben mit erzählt. Daß 
er in diese eine Anzahl Lieder von Andern, aber auch einige 

II. II 



XII EINLEITUNG 

von ihm selbst aufgenommen hat, ist im Bd. I, S. VII. XXXII. 
XXXIII angeführt. Ueber seine Chronik und die von Ludwig 
Sterner, der jene abschrieb und der seinigen anhängte, hat 
neuestens Prof. Vetter im Anzeiger (1884, S. 269 ff.) gründ- 
liche Untersuchungen veröffentlicht. — Ueber Löwenstein von 
Freiburg, der die Schlacht bei Dreux oder Blainville (1562) 
mitgemacht und besungen hat, weiß ich nichts Weiteres an- 
zugeben. 

In Basel finden wir von Namen nur Kaspar Jöppel, 
der den Eintritt der Stadt in den Bund besang, und den 
durch andere Dichtungen und Schriften mehr als durch seine 
Lieder von den Schlachten bei Agnadello (1509) und Novara 
(15 13) bekannten Pamphilus Gengenbach. 

Gehen wir von Basel aufwärts, so gelangen wir in das 
Grenzgebiet der sog. 4 Waldstätte am Rhein, welche mit den 
Eidgenossen zeitweise verbündet, jedenfalls mit den Schick- 
salen derselben nahe verbunden waren. Hier finden wir den 
«Isenhofer von Waldshut» (Tschudi), von dem wir leider 
nur ein Lied (Bd. II, 23) und von dessen Person wir keine 
weitere Kunde besitzen. Aus Lauffenburg stammte Matthias 
Zoll er, der den Zug nach Blomont (II, 52) und die Schlachten 
bei Murten und Nancy besang. Da Zoller im erstgenannten 
Liede sich eine stählerne Stange zuschreibt und der nicht 
genannte Dichter des Nancy -Liedes dasfelbe Attribut, zu- 
gleich aber Wohnsitz in Bern von sich angibt, so ist an der 
Identität der Person kaum zu zweifeln und muß Zoller später 
einmal in Bern gewohnt haben. 

Im Thurgau finden wir einzig Hans von Anwil, Ver- 
fasser des Liedes von der Belagerung von Laufienburg (II, 33). 

In Zürich ist der erste Name, der uns begegnet (da 
der des Schärers von lUnau, der Waldmanns Tod besang, 
wohl nur Appellativ ist), Utz Eckstein, dessen Lied von 
der Disputation zu Baden, sowie das auf dasfelbe Ereigniß 
bezügliche von N. Manuel, freilich an der Grenze der eigent- 
lichen Volkslieder steht, indem es eine geistige Schlacht 
zum Gegenstand hat. Vgl. Bd. I, S. XLIII und 223. Wenig 



EINLEITUNG XIII 

später finden wir Kaspar Suter von Morgen, 1546— 1550 
Schulmeister in Zug, der die Schlacht bei Carmiol (1544) 
besang, die er wahrscheinlich mitgemacht hatte, und 1549 
eine Schweizer Chronik, hauptsächlich auf Grundlage der 
Gessler'schen, zu schreiben unternahm, von der ein hand- 
schriftlicher Auszug existirt. (Diese Angaben verdanke ich 
gütiger Mittheilung des Herrn Prof. G. v. Wyß.) 

Aus dem XVII. Jahrhundert kann genannt werden Hans 
Rynacher, Schulmeister, mit seinem Lied auf den Veltliner 
Mord, und kurz nachher Gottlieb Rainkli (Renggli?) mit 
seinem Lobspruch auf die Prättigauer; gegen Ende des 
XVIII. Jahrhunderts ein Lied auf die Patrioten am See (1794) 
von Bürger Studer von Männedorf und ein Lied auf die 
Rettung der Stadt Zürich (1799) von Heinrich Hotz. Aber 
die letztgenannten Dichtungen und Personen, sowie viele 
ähnliche, berühren jenes zweifelhafte Mittelgebiet zwischen 
Volksliedern und halb kunstmäßigen Gelegenheitsdichtungen, 
welches ich schon im ersten Band (vgl. S. LXXVIII) zu ver- 
meiden suchte und auch jetzt nicht weiter betreten möchte. 
Einzelne Namen tauchen noch manche zerstreut da und dort 
auf, so in Zug Melchior Schell, Verfasser des neuen Tellen- 
liedes 1712 (Bd. I, S. LXVII) und Franz Karl Bengg, Ver- 
fasser eines Liedes auf den Kampf der Harten und Linden 
(a. a. O. LXVIII), aber weitere Notizen über die betreffenden 
Persönlichkeiten weiß ich nicht beizubringen. 

Schließlich muß gesagt werden, daß die bisher aufge- 
zählten Namen zufällig nicht einmal durchgängig mit Liedern 
verbunden sind, die besondern Werth haben, und daß viele 
namenlos überlieferte Lieder an poetischem und histor- 
ischem Werth die erstem übertreffen. Als Beispiele dafür 
führe ich die zwei St. Galler Lieder (Bd. II, S. 39 und 74) 
an, von denen das erstere seine Verfasserschaft am Schlüsse 
witzig versteckt wie das von Solothurn (II, 91), und das Lied 
der zwei Schwizerknaben von der Schlacht bei Nancy (II, 66), 
dem an wahrhaft niederschmetternder Gewalt wohl in unserer 
ganzen Sammlung nichts gleichkommt, 



XIV EINLEITUNG 

Größeres Interesse als die Kenntniß todter Namen oder 
sonst unbedeutender Personalien erwecken einige Eigen- 
thümlichkeiten des Stiles und Geistes der Lieder 
selbst, woraus sich schließlich auch ein Urtheil über den 
poetischen und historischen Werth der Lieder ergeben 
wird. 

Während die Schlußftrophen meist Angaben über die 
Person des Dichters enthalten, tragen die Anfänge der Lieder 
einen allgemeinen Charakter; beide neigen zu formelhaften 
Wendungen. Eine hübsche Ausnahme von der Einförmigkeit 
der Anfänge ist es, wenn der Dichter, wie einst die Minne- 
sänger thaten, von der Jahreszeit seinen Ausgang nimmt; 
aber während dort der Lenz die Liebe erneuert, eröffnet er 
hier Kriegszüge und erfrischt den Kampfesmuth. Vgl. z. B. 
II, 23. I, 15. Veit Webers Lied vom Zug der Eidgenossen 
nach Pontarlier (1475) beginnt: 

Der Winter ist gar lang gesin, 
des hat getrurt meng vögelin, 
das iezt gar frölich singet, 
uf grüenem zwi hört nian's im wald 
gar süeßiglich erklingen. 

Der Mei hat 'bracht gar menig blat, 
darnach man groß verlangen hatt, 
die heid ist worden grüene; 
darumb so ist gezogen uß 
cjar menio^ man so küene. 

Wenn die Zahl der ausziehenden Männer noch ausdrück- 
lich mit derjenigen der entsprießenden Blätter verglichen 
würde, so hätten wir eine Parallele zu einem bekannten 
homerischen Bilde ! 

Oder statt der Jahreszeit erscheint die Tageszeit: 

Oesterrich, du slafest gar lang! 

daß dich nit weckt der vogelsang! 

hast dich der mette (Frühmesse) versumet ! 

Der Burgunner hat sich ganz vermessen, 

er woit zu Bern und Friburg küechlin essen: 

der bar hat im die pfannen gerumet! 

(Rudolf Montigets Lied von der Schlacht bei Grandson.) 



EINLEITUNG XV 

Bilder wie das von der Ernte in der Schlacht bei Sempach 
(II, 16. 34) und Züge wie der von den Bienen (ebd. II, 15) 
sind leider selten. Zu den stehenden Zügen in den besten 
Liedern des XV. Jahrhunderts gehört die rühmende Aufzähl- 
ung der an den Ereignissen, besonders siegreichen Schlachten, 
betheiligten eidgenössischen Orte, auch ihrer Angehörigen 
und Verbündeten. Natürlfch mussten dabei formelhafte all- 
gemeine Redensarten sich einstellen, welche dem Stil nicht 
zum Vortheil gereichen, und es mochten über jenen Lob- 
sprüchen gelegentlich die Thatsachen verkürzt werden; ich 
habe daher in den Texten solche Stellen, wenn sie sich gar 
zu breit machten, weggelassen, immerhin mit ausdrücklicher 
Angabe dieses Verfahrens. Etwas belebter werden jene Auf- 
zählungen, wenn statt der Namen oder neben ihnen die 
Farben und Wappen der einzelnen Orte angeführt werden; 
insbesondere boten die in Wappen vorkommenden Thiere, 
meistens wehrhafte: Löwe, Bär, Stier, Steinbock, bei den 
Feinden auch Pfau, Adler (der in dem Liede II, 81 spöttisch 
zur Krähe herabgesetzt wird, wonach die dortige Anmerkung 
zu berichtigen ist) und Schlange, die Möglichkeit, personifizirt 
und unmittelbar handelnd eingeführt zu werden. Dasfelbe 
gilt in etwas geringerm Grade von den Geschützen, welche 
(wie die Glocken) Namen trugen. Ferner konnte das Interesse 
dadurch erhöht werden, daß neben den weltlichen Helden 
die Heiligen des Himmels, welche als Schutzpatrone einzelnen 
Orten besonders nahe standen, zur Hülfe angerufen und mit 
einem wirksamen Antheil an den Siegen bedacht wurden. 
Daß die h. Jungfrau Maria mit ihrem Sohn besonders häufig 
angerufen wird, versteht sich, auch noch im X VI. Jahrhundert, 
nachdem die Glaubenstrennung eingetreten war; denn die 
meisten Dichter jener Zeit waren Katholiken. 

Aber Beichte und Buße werden schon früher aus dem 
religiösen Gebiet bildlich in's kriegerische gezogen; so im 
Sempacher Liede (II, 10, vgl, Bd. I, S. XXIV), und die Re- 
ligion, hinderte auch sonst nicht, daß neben der Frömmigkeit 
die kriegerische Wildheit jener Zeit in den Liedern zu vollem 



I 



XVI EINLEITUNG 

Ausdruck kam, neben der gerechten Siegesfreude auch bitterer 
Hohn auf die unterlegenen Feinde. Der von unvermeidlichem 
Muthwillen bis an tollen Uebermuth, von erlaubter Beutelust 
bis zu schadenfroher Zerstörungsfucht ausfchweifende Sinn 
der damaligen Krieger zeigt sich am derbsten in den Liedern 
vom Mülhauser und Waldshuter Zug (Bd. II, S. 43. 49) und 
von dem nach Blomont (ebd. S. 52). Wenn die gesunde und 
edle Kraft der Lieder des XIV. Jahrhunderts im XV. theil- 
weise in Derbheit und Roheit, die Kühnheit in Grausamkeit 
übergeht, und wenn im Alten Zürichkrieg, in der Reformations- 
zeit, im Bauernkrieg und in den Vilmerger Kriegen die Partei- 
leidenschaft, zum Theil auch Haß gegen einzelne Personen, 
unverholen hervorbrechen, so mag dies in moralischer Be- 
ziehung ein ungünstiges Spiegelbild des Zeitgeistes und der 
Zeitläufe sein: der poetische VVerth der Lieder wird erst 
gefährdet, wenn statt lebensfrischer Anschauung und kräftiger 
schlagender Kürze Trockenheit, Schwerfälligkeit, Nüchtern- 
heit und Mattigkeit der Darstellung sich einstellen, was seit 
der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts nicht selten zu 
beobachten ist. 

Was endlich die vom geistigen Inhalt nirgends trennbare 
poetische Form in Absicht auf Reinheit und Glätte des 
sprachlichen Ausdrucks, des Versmaßes und Reimes betrifft, 
so darf man nicht vergessen, daß unsere Lieder, auch die 
besten des XV. Jahrhunderts, einer Zeit angehören, wo Sprache 
und Verskunst in allen deutschen Landen darniederlagen; es 
muß also auch in dieser Beziehung zunächst der Maßftab 
der Zeit an sie gelegt werden. 

Die Frage endlich, ob den Liedern irgend welcher Werth 
als historischen Quellen zukomme, gehört zwar mehr in 
das Gebiet der Geschichte als in das der Litteratur, ist aber 
von dem poetischen Charakter der Lieder auch nicht ganz 
trennbar. Abgesehen von einzelnen xA.usnahmen, zu denen 
z. B. gewisse Bestandtheile des Sempacher Liedes, vielleicht 
auch der in mehreren P'ormen überlieferten Lieder von den 
Schlachten bei Dornach und bei Kappel, ferner diejenigen 



\ 



EINLEITUNG XVII 

Lieder gehören, welche einen Rückblick auf den ganzen Ver- 
lauf eines Krieges enthalten, sowie die, welche zum voraus, 
weil nachweislich bedeutend später verfasst, als unecht aus- 
geschieden wurden, tragen die übrigen durchaus den Stempel 
der Gleichzeitigkeit, der freilich noch keine objective Wahr- 
heit im Sinne wissenschaftlicher Kritik, sondern zunächst 
höchstens subjective Wahrhaftigkeit verbürgt. Nicht jeder 
einzelne Zug, den sie berichten, darf als unfehlbares Zeugniß 
einer Thatsache gelten, aber ein Streben, die Thatsachen 
durch absichtliche willkürliche Zuthaten zu entstellen, gibt 
sich nirgends kund, sondern es sollten Nachrichten, die bald 
nach dem Ereigniß aus dem Munde von Augenzeugen oder 
ihnen Nahestehender in Umlauf gekommen waren, in dieser 
Gestalt wiedergegeben werden. Im Eifer mag die Darstellung 
etwas gefärbt, es mögen einzelne Angaben übertrieben worden 
sein, aber beides kaum in höherm Grade, als dasfelbe Ver- 
fahren in prosaischen Geschichtsquellen (Chroniken) zum 
Vorschein kommt. Wo nun gleichzeitige Prosaberichte vor- 
liegen, kann man die Glaubwürdigkeit der Lieder an jenen 
messen, und man mag, wo eine Differenz erscheint, im Durch- 
schnitt jenen den Vorzug geben; keineswegs aber ist man 
berechtigt, Züge von Liedern, welche sich in Prosaquellen 
nicht bestätigt, aber auch nicht bestritten finden, ohne Wei- 
teres als unhistorisch zu verwerfen. Auch die Schreiber von 
Urkunden und Chroniken wussten nicht Alles oder brauchten 
nicht Alles zu sagen, was sie wussten; es kommt also nur 
auf die innere Wahrheit resp. Wahrscheinlichkeit an, und wer 
Spezialangaben eines Liedes, ausgenommen etwa in Zahlen, 
verwirft, muß nachweisen, daß es leichter war, dieselben zu 
ersinnen, als aus der Ueberlieferung zu schöpfen. Die Lieder 
sind im Ganzen zu behandeln wie andere historische Quellen. 
Es ist also auszuscheiden i) was gegen natürliche Möglich- 
keit verstößt; 2) was ausdrücklichen Angaben sonst glaub- 
würdiger anderer Quellen widerstreitet oder im Gegentheil 
als aus parallelen Fällen nachahmend übertragen sich ver- 
räth ; 3) was das Gepräge bewusster Parteitendenz trägt. Im 



./ 



XVIII EINLEITUNG 

Uebrigen mögen manche Einzelheiten fraglich bleiben, andere 
aber erwecken und verdienen durchaus Glauben und sind als 
werthvolle Ergänzungen der übrigen Berichte zu schätzen. Der 
historische Werth der Lieder ist aber überhaupt nicht haupt- 
sächlich nach solchen Einzelheiten zu beurtheilen, sondern 
vielmehr nach dem Gesammteindruck der Stimmung, die sie 
beseelt. Es spiegelt sich darin unmittelbarer und treuer als in 
irgend welchen anderen Quellen nicht nur im Allgemeinen 
Geist und Sitte des Volkes in der betreffenden Zeit, sondern 
Art und Grad der Theilnahme des gemeinen Mannes, 
der Masse des Volkes, an den Ereignissen und Thaten. Dies 
ist in aller Geschichte ein Moment, das zwar bis auf neuere 
Zeit hintangesetzt worden ist, heutzutage aber immer mehr 
in den Vordergrund tritt. Die Urkunden mögen das Knochen- 
gerüst der Geschichte darstellen, die Chroniken Fleisch und 
Blut, aber das eigentliche seelische Leben, der Pulsfchlag 
der Zeit, ist am untrüglichsten aus den Liedern zu vernehmen. 
Der Verfasser einer Chronik, der den Ereignissen räumlich 
und zeitlich fern stand und Berichte von mehreren Seiten 
gesammelt haben mochte, konnte vollständiger berichten und 
darum auch unbefangener, besonnener und gerechter urtheilen 
als der mitten im Sturm und Drang der Ereignisse stehende 
und fortgerissene Dichter, aber eben jene zeitliche und räum- 
liche Ferne musste ihm entziehen, was auf mittelbarem Wege 
schwer zu ersetzen ist, den Lebensathem der unmittelbaren 
Wirklichkeit, der durch Leidenschaft erhöht, aber nicht leicht 
verfälscht werden kann. Denn man hat zu allen Zeiten ge- 
funden, daß eben in der Leidenschaft die innerste Wahrheit 
*des menschlichen Gemüthes sich enthülle, und darum ist sie 
nicht nur die Seele der Poesie, sondern — mit Vorsicht 
gemessen und benützt — auch ein Moment geschichtlicher 
Wahrheit, die von der Dichtung nirgends durch eine Kluft 
geschieden ist. 



^^-^^^0^ 



Historische Lieder. 



Inschriften an dem Teilenhaus in Arth. 

Unter dem Bilde von Wilhelm Teil: 

Ach, ist denn jetzt mein Pfeil und Bogen 

so gar gebrochen und entflogen, 

da Ehrgeiz und der Eigennutz 

bei dieser Zeit der erste Schutz, 

da man durch's schnöde Geld und Gut 

bald ehret eines Jeden Hut. 

Werner Stauffacher : 

Wenn Eigennutz kein V ortheil spielt. 

Auf gVechte Sachen man nur zielt, 

Aufrichtigkeit die Rathschläg stellt, 

Vertrauigkeit sich mit aufstellt, 

Ist dieses dann der rechte Bund, 

Wann mehr das Herz spricht als der Mund. 

Arnold Melchlhal: 

Auf Gottes Hilf sei d' Hoffnung gestellt, 

Mit dieser hat's noch niemal g'fehlt. 

Die alt Treu, Lieb und Einigkeit 

War jezt das Best bei dieser Zeit: 

Wenn Mund und Herz noch war beisammen, 

So hätten wir den alten Stammen. 

Obige Inschriftea wurden den Herausgebern der zweiten Auflage von « Des Knaben 
Wunderhorn » mitgetheilt von Dr. A. Lütolf. 



HISTORISCHE LIEDER. 



Kampf d«r Städte Bern und Biel mit dem Bischof 

von Basel. 1368. 

s. Bd I, s. xxir. 

1. Nu hörent jämerliche klag, 
die man seh im lande; 

im^ möchten ritter und oucli knecht 
iemer wünschen schände. 

2. Den gotes slüssel sint bekam', 
die sint ze röubern worden; 

si stiften mon und ouch brant — 
geschendet si ir ordenl 

3. Der ein* kam gen Biel gerant, 
ir mögent in wol erkennen: 
bischof Hindersich* ist er's genant, 
als in die Basler r 



' beiieht sich auf den in Sir. 3 genannten Bischof. 

ler von diesen; ein solcher. ' Rückwärts, mit Beziehung auf 

n Treubruch, Str. 4, i — i. 



HISTORISCHE 

4. Er schwur in uf die trüwe sin, 

des ist er meineid worden; 

da si in Hessen zu in in, 
i 

5. Mortlichen* stunt 3in sinn 
gegen des bistums lüten; 
grafen und Herren Hatt' er da, 
als ich ücH wil betüten. 

6. Die warent gewapnet weideHcH^ 
mit irem beingewande; 

was die im rieten HeimUcH, 
des hat er iemer schände. 

7. Wenn er verriet sin gebiet, 
si schrüwen spöttigHch: 
«Ist dis dem beren nit Heb, 
der ber der lebet nicht*. 

8. Möchten wir in ze felde han, 
das Sachen wir gerne; 

im wurd wol anders getan 
und aUen den von Berne ! » 

9. Darumbe wolt der bischof geben 
wer der wolt, der näme! — 
fünfzehentusent guldin; 

lebte der ber, er käme^. 



* Die fehlende Zeile könnte gelautet haben wie 2, 4 (sin statt ir) 
oder das Reimwort könnte morden gewesen sein. * mörderisch, oft 
aber auch nur: verrätherisch. ^ stattlich. * er regt, rührt sich doch 
nicht ; vgl. 9, 4. * Der Sinn dieser und der vorigen Strophe ist : Der 
Bischof hätte viel darum gegeben, die Berner zum Kampfe aufs 
offene Feld herauszulocken. 



LIEDER 5 

10. Das vernam der ruche ber; 
er sante so geschwinde 
nach dienern und eidgnossen, 
ein keiserlich^ gesinde. 

11. Er zoch dahin gen Biele; 
not ward den herren 

ab der bürg zu fliehen, 
si gebeiten^ sin nit mere. 

12. Die selbe wol gelegen bürg 
die hat der ber zerbrochen; 

er lag zwölf tag und ouch die nacht, 
er het sich gern gerochen. 

13. Gelegen was ir geschall; 
die mit den langen gleven^ 
und mit dem beingewande 
die fluchent* allesamt. 

14. Der ber der sucht all umb sich^, 
hüser macht er türe^; 

si smucktend'' sich all in die stett, 
das kam von sinem füre. 

15. Das blies er uß sim munde; 
die do wolten edel sin, 

die warent alle verswunden; 
der ber für heim gesunde. 



* stattlich. * warteten. ^ Spiessen. * flohen. * rings herum. 
• selten; d. h. er zerstörte viel. ^ drückten, bargen. 



HISTORISCHE 

i6. Der bischof sant vil zorniglich 
nach sinen Herren allen: 
von Lotringen der herzog, 
von Blankenburg mit schalle, 

17. Von Tierstein, von Viann, 
wol zwenzig landesherren, 
die ich nit all erkant — 
ir orden ist geschant. 

18. Er klagte klagelichen; 
«ab des beren klawen 

wir hand verloren bürg und lant, 
wir gewinnen niemer rawe^. 

19. So die eidgenossen sind enweg, 
so finden wir in alleine 

so ist sin macht gar kleine. 

20. Er hat ein loh*, ist mir geseit, 
das ist der Bremgarte; 

darin so wellen wir des beren 
mit viertusend axen warten. 

21. Den walt wend wir abhouwen; 
es müeßent alle guten stett 
jamer an im schouwen; 

die reise mueß er touwen^!» 



^ Ruhe. * Wald; vgl. 21, i. * er muß diesen Zug verdauen; 
d. h. den ihm dadurch verursachten Schaden leiden. 



LIEDER 

22. Den herren ward der sold geben; 
si ffiren frevenlichen^ 

hin über den Howenstein; 
man sach vil mengen strichen, 

23. Recht als ein fromen^ man, 
der bi drien milen^ 

gegen Bern nie kam; 
die roß in wurden lam. 

24. Ze Grenchen uijd ze Bellach 
da mugent ir wunder schowen: 
von dannen stalent si sich nachts 
als die kranken frowen. 

25. Der ber wolt si erslichen han^; 
daß si im entrunnen, 

das rüwet mengen man; 
si waren an eren lam. 

26. Der ber gedacht in sinem müt: 
wend si dis iemer triben? 

si zennent^ dich und fliend enweg; 
du wilt nit me beliben. 

27. Und ffir all über Aar 

und vor sant Martins kläfter^; 
da ward vil mengem swar' 
uf dem sloß und anderswar^. 



^ tollkühn, frech. * wacker, tapfer; natürlich ironisch gemeint. 
' weiter als 3 Meilen gegen oder von Bern. * hätte sie gern über- 
fallen, ertappt. * reizen, locken. ® Engpaß auf der Straße von Biel 
über Bözingen ins St. Imer-Thal, so genannt, weil nach der Sage 
der h. Martin, in Gefahr über die steile Felswand hinabzustürzen> 
seine Arme betend klafterweit ausftreckte. ^ schwer. * — wo. 



8 HISTORISCHE 

28. In dem gerüte dar er kam, 
das was so s^r verfeilet ^; 

do rümt er mit den klawen; 
er sprach zfi sinen gsellen: 

29. «Wir koment uf den rechten plan : 
si haben hie gehüwen, 

die uns den" Bremgarten ließen stan; 
es wil uns wol ergan. » 

30. Schier^ brach er in sant Imers tal, 
da er ir viel verjaget; 

da ergreif er si mit den klawen, 
da wurden sie verzaget. 

31. Zu dem sloß do stund sin müt, 
darin fand er si uffe/ 

dafür nam er kein gut. 
(sin zorniglicher müt*.) 

32. Er greif si figentlichen^ an, 
daß si sich sere werten, 

mit pfilen und mit steinen groß 
den Sturm si beherten^, 

33. Unz'' daß si der ber bezwang; 
er slug si all ze tode 

mit sinem üblen zand®; 
das hus er schier verbrant. 



* verhauen, durch Verhaue ungangbar gemacht. "^ bald, schnell. 
^ Variante: fand er vil mengen man. * vielleicht: in zorniglichem 
müt. Die Strophe ist aber jedenfalls zerrüttet. * feindlich, erbittert. 
® beherten: behaupten, aushalten. ^ bis. ^ Zahn. 



LIEDER 

34. Der ber begonde wüesten; 
do er sich hat gerochen, 

das hus, den turn ze Taffen^ 
hat er beid zerbrochen. 

35. Münstertal hat er verbrant, 
Münster hat er gewüestet; 

er fand vil schier uf der wal* 
die toten ane zal. 

36. Von Solotern die eidgnossen 
die sind dem beren getrüwe; 
si machtent da ze Grenfeld^ 
der frowen jaraer nüwe. 

37. Man sach's den von Felsberg übel gan*, 
die paner man in nam; 

Solotern fürt s' mit im heim, 
sie hatten schon gefochten. 

38. Der bar zwei länder hat verbrant, 
zwei turn, zwei sloß zerbrochen, 
lüt und gut gar vil geschant 
und sich gar wol gerochen. 

39. — — — — — — 

wirt es nicht understanden^, 

er spricht dem bischof: schach! 
matt ist im gar nach. 



* Tavannes oder Dachsfelden, im Münsterthal. * Wahlstatt. 
• Grandval oder Granfelden. * Str. 37 beginnt im Original mit der 
Zeile: Won (denn) si erslügen mengen man, was sich noch auf 36, 4 
bezieht, aber unnöthig ist und die Strophe überladet, man wolle denn 
Zeile 4 weglassen {schon = schön, rühmlich). * verhindert (durch 
Dazwischentreten eines Dritten, Vermittlung). 



10 HISTORISCHE 

Das Lied ist leider mangelhaft überliefert, immerhin bietet es 
auch in der vorliegenden Gestalt treffliche Stellen und im Ganzen 
mehr Einheit der Form und des Tones als das Lied (oder vielmehr, 
wie Justinger S. 145 sagt: die Lieder) von den Guglern (Bd. I, 
S. XXII, 5), auf dessen Herstellung man verzichten muß. Ich habe 
den obigen Text im Ganzen übereinstimmend mit v. Liliencron, doch 
unter Benutzung einiger von Bartsch (Germania XI, 109) und G. Studer 
(Archiv des hist. Vereins von Bern Bd. VI, S. 258 — 264) raitgetheilter 
Lesarten gegeben. Dem Inhalt nach weicht es betreffend die Zeit- 
folge der von Str. 16 an erzählten Ereignisse in bemerkenswcrther 
Weise von den Chroniken ab; vgl. v. Lil. 1, 64. Studer a. a. 0. 264 — 265. 



■ » j. » ■ - 



Schlacht bei Sempach. 1386. 

s. Bd. I, S. XXIII. 

I. 

1. Die niderländschen^ Herren 
die zugent ins oberland. 
wend si der rei&e pflegen^, 
si sönd sich baß bewaren^, 
si söUent bicht verjehen*; 
von handhaften Schwyzern^ 
ist inen we beschehen. 

2. «Wo ist nun der pfaffe, 
der uns bichten sol?» 

«Zu Schwyz ist er's gesessen, 

er kan wol büße geben: 

mit scharpfen hallenbarten 

so gibt man inen den segen ! » 



^ bezeichnet hier natürlich nur das Gebiet des Oberrheins im 
Gegensatz zum Gebirge. * diesen Zug unternehmen. * vorsehen, 
ausrüsten. * Beichte thun. "^ Lesart von W. Steiner, statt oherländschen 
herren bei Ruß. 



LIEDER 1 1 



3. «Das ist ein scharpfe büße, 
herr pie domine M 

die wir nun tragen müeßen; 

das tut uns iemer w^. 

wir müeßent's iemer klagen, 

daß wir die Herten büße 

von Schwyzern müeßen tragen.» 

4. Von Luzern und von Ure, 
von Schwyz, von Underwalden 
vil menig gut biderman 

zu Sempacii vor dem walde, 
do inen der leu bekam^, 
si waren hochgemeit*: 
«herr leu, wiltu hie fechten, 
es ist dir unverseit.» 

5. Do sprach der leu zum stiere: 
«du füegst* mir eben recht; 
ich han uf diser beiden 

gut ritter und ouch knecht; 
ich wil dich's wüssen hn, 
daß du mir hast vor Loupen 
gar vil ze leid getan. 

6. An dem Morgarten 
erschlügst mir mengen man; 
ich wil dir's hie vergelten, 
ob ich's gefüegen^ kan. » 
«So ruck harzühar^ baß, 
daß dich derselbe pfaffe 
bichte dester baß!» 



* guter Gott ! * begegnete. * erfreut. * kommst gelegen. * an- 
stellen, dazu bringen. ® herzu. 



12 HISTORISCHE 

7. Der leu begunde rußen ^ 
und schmucken sinen wadel^. 
do sprach der stier zum leuen: 
«wöU wir's versuchen aber^, 
so trit herzuhar baß, 

daß dise grüene beide 
von bliit werde naß.» 

8. Si begonden z'samen treten, 
si grifFend's frölich an, 

bis daß derselbe leue 
gar schier* die fluchte nam; 
er floch hin biß an berg: 
«wo wiltu, richer leue? 
du bist nit eren wert. 

9. Wiltu mir hie entwichen 
uf diser beide breit, 

es stat dir lästerlichen^, 
wo man es von dir seit, 
es stat dir übel an; 
du hast mir hie verlassen^ 
gar mengen stolzen man. 

10. Dinen harnesch guten 
hastu mir hie verlan, 
darzfi zechen houptpanner, 
si steckent uf disem plan ; 
es ist dir gar ein schand, 
ich han dir's angewunnen 
mit ritterlicher band. 



^ schnauben, brüllen. *den Schweif einziehen. ® abermals. * bald. 
* schimpflich. ® zurückgelassen. 



LIEDER 1 5 



11. Die von Mümpelgarten 

und die von Ochsenstein — 
man möß ir lang erwarten, 
ob si koment heim: 
si sind ze tod erschlagen, 
zu Sempach vor dem Walde 
ligent si vergraben. 

12. Martin Malterer von Friburg^ 
mit sinem krusen hart, 
darzü die von Hasenburg 
hieltent uf der fart, 

und vil der Oettinger^ 
und ander landesherren, 
den was die reis zu schwer. 

13. Die von Bremgarten 
und die von Wintertur 
und ander landesherren — 

den ward der schimpf * zu sur — 
von Brugg und ouch von Baden: 
ein kfi mit irem schwänze 
hat ir vil erschlagen.» 

14. Kü Blüemle sprach zum stiere: 
«ich muß dir iemer klagen: 
mich wolt ein schwäbischer herre 
gemulchen haben; 

ich schlug in, daß er lag, 
ich [schlug] in dannoch mere, 
daß im der köpf derbrach*.» 



* im Breisgau. * Herren von Eptingen. ^ Spaß. * hier (viel- 
leicht nur Schreibfehler) für j^er-, sonst zuweilen (aber nicht schwei- 
zerisch) für er-. 



14 HISTORISCHE 

15. Nun sprach der stier zum leuen: 
«nun bin ich hie gewesen, 
du hast mir dick^ getröuwet, 
ich bin vor dir genesen^, 
nun k^r du widerumb heim 
zu diner sciiönen frowen; 
din er sind warlich klein ! » 

Obiges Lied ist von dem Chronisten Ruß mitgetheilt als das- 
jenige, welches «nach der Schlacht» gesungen wurde, womit er es 
von einem andern zu unterscheiden scheint, welches erst später auf- 
kam. Die handschriftliche Sammlung von Werner Steiner in Zug, 
aus dem Anfang des XVI. Jahrhunderts, gibt eine kürzere Fassung, 
in welcher Str. 5—6 und 12 — 15 des Ruß'schen Textes fehlen. Auch 
dieser wird aber schwerlich unmittelbar oder bald nach der Schlacht 
so gesungen worden sein, denn innerhalb einer Frist von 100 Jahren 
bleibt kein Volkslied unverändert. Das vorliegende trägt mehrere 
Spuren sekundärer Gestalt. Zwar daß neben dem Bilde vom Beichten 
das von dem Gespräch und Kampf der zwei Thiere steht, möchte 
ich nicht so bestimmt wie Herr v. Liliencron (I, 122) für jene An- 
sicht geltend machen; denn das Bild vom Kampf der Thiere war 
damals so beliebt und geläufig, daß es sich in einem Volkslied (dessen 
Stil ja nie nach dem der Kunstdichtung bemessen werden darf) neben 
das vom Beichten drängen konnte, zumal da auch im Thierepos 
Beichte (neben Wallfahrt) vorkommt. Die Satzfugung in Str. 4 finde 
ich, bei meiner Interpunktion, ebenfalls nicht anstößig. Aber der 
Wortlaut im Einzelnen ist mehrfach mangelhaft und verräth Flick- 
arbeit. Str. 3 enthält etwas matte Wiederholung, und nach Maßgabe 
von Str. 7, 4 ist zu vermuthen, daß auch vor Str. 6, 5 ein Bedingungs- 
satz gestanden habe. Die Form der Wiedereinführung des Bcichtens 
in den zwei letzten Zeilen dieser Strophe ist allerdings ungeschickt. 

Immerhin musste das Lied, weil es einmal aus relativ guter 
Quelle überliefert ist und jedenfalls echte alte Züge enthält, hier 
seine Stelle finden ; daß es, obwohl in überarbeiteter und zerrissener 
Gestalt, Bestandtheil des großen Liedes II geworden ist, trägt nur 
dazu bei, dieses letztere um so mehr als durchgängiges Flickwerk 
erkennen zu lassen. 



^ oft. * am Leben geblieben. 



LffiDER 15 

II. 

1. Im tusend und drüHundert 
und sechs und achzig jar 
do hat auch got' besunder 
sin gnad getan, ist war, 

he, der eidgnoschaft, ich sag, 
tet inen groß bistand, 
uf sant Grillen tag. 

2. Es kam ein herr gezogen 
von Willisouw uß der stat; 
do kam ein imb^ geflogen, 
in d' linden er g'nistet hat, 
he, der irti an'n wagen flog^, 
als do der selbig herre 

wol für* die linden zog. 

3. Das dütet fremde geste! 
so redt der gmeine man. 
do sach man wie die veste 
dahinden z' Willisouw brann. 
he, si redtend uß übermfit: 
«die Schwizer wend wir töten, 
das jung und alte blut ! » 

4. Si zugend mit richem schalle* 
gen Sursee in die stat, 
dieselben herren alle, 

so da die landschaft hat. 
« he, und kost es lib und leben, 
die Schwizer wend wir zwingen 
und inen ein herren geben ! » 



* Bienenschwarm. * Tschudi: an 's herzogen wafFen er flog. 
' an (der Linde) vorbei. * mit lautem Lärm. 



l6 HISTORISCHE 

5. Si fiengend nun an ziehen 
mit ir kostlichen wat*; 
das völklin fieng an fliehen 
gen Sempach in die stat, 
he, das uf den ackern was; 
den herzog sach man ziehen 
mit einem her, was groß. 

6. Welch frouwen si begriffend^, 
namend si zfi der hand, 
hand inen abgeschnitten 

ob dem gürtel ir gewand. 
he, und ließend s' lasterlich* stan; 
da batend s' got von himel, 
er sott 's nit ung'rochen lan*. 

7. An einem mäntag früe 
do man die mäder sach 
ietzt müßen^ in dem touwe, 
davon in we beschach. 

he, do si gemäjet hand, 

man g'lobt^ in z' morgenbrote 

vor Sempach uf dem land. 

8. Gar bald ruft Hans von Küsnacht 
gen Sempach in die stat: 

« gend nun den mädern z' essen, 
denn si sind an dem mad; 
he, das wend die mäder han, 
und tflnd ir das nit balde, 
ir werdind sin' schaden han!» 



^ Kleidung, Rüstung. * ergriffen, trafen. * schmählich. * hier 
folgen im Original die Str. i — 3 von I eingeschoben. * der Muße 
pflegen, von der Arbeit ruhen. * versprach. Tschudi: bracht ' davon. 



LIEDER 1 7 

9. Do antwurt im geschwinde 
ein burger uß der stat : 
«wir wend si schlan um d' grinde 
gar schwer in irem mady 
he, inen gen ein morgenbrot, 
daß ritter und ouch knechte 
am mad wird ligen tot ! » 

10. «Wenn kumt das selbig morgenbrot, 
das ir uns wellend gen?» 

«wann wir. die küew gemelken^ 
so sond ir's wol vernen; 
he, wir wend üch richten an, 
daß üwer etwa menger 
den löffel wird fallen lan ! » 

11. Gar bald si das vernamend 
von Sempach uß der bürg, 
daß d' eidgnossen kamend. 
do reit der von Hasenburg, 
he, er spähet in dem ban; 
do sach er bi einandern 
meng eidgnossen stan^. 

12. Er tet zum leger keren, 
gar bald er zö in sprach: 
«ach, gnädiger fürst und herre, 
hetend ir hüt üwer gemach^, 
he, allein uf disen tag! 

das völkli hab.ich beschouwet, 
si sind gar unverzagt.» 



* Im Original folgt hier eine Strophe, welche unter den Eid- 
genossen die Luzerner hervorhebt und dann auf den von Hasenburg 
zurücklenkt. * würdet ihr euch ruhig verhalten; vgl. S. 23, 6. 

II. 2 



1 8 HISTORISCHE 

13. Do redt einer von Ochsenstein: 
« Hasenburg hasenherz ! » 

im antwurt der von Hasenburg: 
«dine wort bringend mir schmerz; 
he, ich sag dir bi trüwen min: 
man sol noch hüt wol sehen, 
wer der zeger^ werde sin!» 

14. Si bundend uf ir helme 

und woltend s' fürhin* tragen; 
vo'n schüchen huwend s' d' schnäbel, 
man het gefüllt zwen wagen, 
he, der adel wolte vornen dran, 
die armen gmeinen puren 
mfißtend dahinden stan. 

15. Zfisamen si nun sprachend: 
«das völkli ist also klein; 
söltind unser puren schlahen, 
unser lob das wurde klein, 

he, man sprach : die puren hand's getan. » 
die fromen eidgenossen 
rfiftend got im himel an: 

16. «Ach, richer Christ von himel, 
durch dinen herten tod 

hilf hüt uns armen Sündern 
uß diser angst und not, 
he, und tfi uns bistan, 
unser land und lüte 
in schirm und schütz behau ! » 



* zaghafter, feiger. * vorwärts. 



LIEDER 1 9 



17. Do si ir bet volbrachtend 
got zu lob und ouch zfi eer 
und gotes liden gedachtend, 
sant inen got der Herr 

he, strenge^ herz und manneskraft 
und* daß si tapfer kartend* 
iez gegen der ritterschaft*. 

18. Des adels her was veste 

in Ordnung dick und breit; 
verdroß die fromen geste; 
ein Winkelriet der seit: 
«he, wend ir's g'nießen^ lan 
min arme kind und frouwen, 
so wil ich ein frefel^ b'stan. 

19. Trüwen, lieben eidgnossen, 
min leben verlür ich mit; 

si band ir Ordnung bschlossen, 
wir mögendes in brechen nit: 
he, ich wil ein inbruch han, 
des wellind ir min geschlechte 
in ewikeit g'nießen lan!» 

20. Hiemit so tet er fassen 

ein arm vol spießen b'hend, 
den sinen macht er ein gassen, 
sin leben hat ein end; 



^ stark, tapfer. * so. * kehrten, sich wandten. * Im Original 
folgen hier die Strophen 4 — 7 von I eingeschoben, dann noch eine 
Strophe (26) mit der unwahrscheinlichen Angabe, man habe zu den 
Eidgenossen in den Wald hinein geschossen. * entgelten. ® ursprüng- 
lich und noch hier nur: küJme That. 



20 HISTORISCHE 

he, er hat eins löuwen müt, 
sin tapfer manlich sterben 
was den vier waldsteten gut. 

21. Also begunde brechen 
des adels Ordnung bald 

mit houwen und mit stechen, 
got siner seien walt! 
he, wo er das nit het getan, 
müßt menger from eidgnosse 
sin leben verloren han. 

22. Si schlagend unverdrossen 
und stachend mengen man 

und rfiftend, die fromen eidgnossen, 
einandern trülich an. 
he, den löuwen es s^r verdroß, 
der stier fieng sich an sperren, 
dem löuwen gab er ein stoß^. 

23. Der löuw fieng an zfi mauwen^ 
und treten hinder sich'; 

der stier starzt* sine brawen 
und gab dem löuwen ein stich, 
he, daß er gar kum entrann: 
«ich sag dir, ruche(r) löuwe, 
min weid müßt mir hie lan ! » 

Auf Strophe 23 (32) folgen im Original zunächst die Strophen 
8 (im Anfang verändert), 15, 9, 10, von I, dann 4 Strophen, welche 
die Leistungen der vier Waldstätte in der Schlacht der Reihe nach 



* Hier folgt im Original eine (auch bei Tschudi fehlende) Strophe 
(32), welche das entstandene Handgemenge beschreibt. * brüllen. 
^ rückwärts. * Präteritum von steigen, aufrichten. Brauen hier = Stirn 
(Hörner). 



J 



LIEDER 2 1 

rühmen» und eine weitere Strophe (42), welche den Ausgang des 
Kampfes (ähnlich unserer Str. 23) berichtet; Mit dieser Strophe 
bricht auch, was für die Kritik zu bemerken ist, der Text des Liedes 
ab, den die Einsiedler Handschrift von Schodelers Chronik enthält. 
In Str. 43 — 44 wird der Tod des Herzogs Leopold sammt 3 50 Adelichen 
gemeldet. Dann wird (Str. 45 — 50) erzählt, wie der Schiffmann Hans 
von Rot den flüchtigen Herzog von Cleve (bei Tschudi: Herr von 
Grec) in den Sempacher See stürzte und zum Lohne für diese That 
die Hälfte der dem Todten abgenommenen Beute erhielt. Darauf 
wendet sich die Erzählung auf den Herzog von Oestreich zurück, 
dessen Gemahlin die Nachricht von seinem Tod empfangt und ihn 
in Königsfelden begraben lässt (Str. 51 — 53). Sein Schicksal wird 
als Folge des Uebermuthes dargestellt, womit er den Krieg gegen 
die Eidgenossen angefangen und auch einen Wagen voll Stricke mit- 
genommen hatte (Str. 54 — 56). Es folgt eine Reihe von Strophen 
(57 — ^5 ; Str. 57 = Str. 1 1 von I, die übrigen erweitert aus 1, 12 und 13, 
58 und 59 nur bei Tschudi), in welcher der Antheil der einzelnen 
Städte an der Niederlage aufgezählt wird, wobei das Fähnlein von 
Zofingen eine eher mitleidige als rühmende Erwähnung findet. Str. 66 
entspricht der Str. 14 von I ; den Schluß macht die viel besprochene 
Strophe 67: 

Halbsuter unvergessen, 

also ist er genant, 

zö Luzern ist er gesessen 

und was gar wol erkant, 

he, er was ein biderman: 

dis lied hat er gemachet, 

als er ab der schlacht ist kan (gekommen). 
Betreffend die letzten Worte verweise ich auf Bd. I, S. 222. Ein 
Halbsuter wird im Jahr 1382 als in Luzern wohnhaft genannt. Wenn 
die Worte «o^ der Schlacht» bedeuten können aaus der Schlacht », 
so könnte jener Halbsuter unmittelbar nach der Schlacht, die er mit- 
gemacht hätte, ein Lied von derselben verfasst haben, welches aber 
gewiß nicht das ganze große Flickwerk war, das ihm in der Schluß- 
strophe zugeschrieben wird, sondern ein kürzeres, etwa von dem 
Umfang und Inhalt des in unserm Text gegebenen oder von I, viel- 
leicht aber vielmehr dieses selbst, von dem Ruß sagt, es sei nach 
der Schlacht gesungen worden, während er ein anderes nicht zu 
kennen oder in jener Eigenschaft anerkennen zu wollen scheint. 
Bedeuten die fraglichen Worte eine Gedächtnißfeier der Schlacht 



22 HISTORISCHE 

SO müssen sie sich auf den Jüngern Halbsuter (vielleicht Nachkomme 
des altern) beziehen, der ein ziemlich angesehener Bürger von Luzem 
war (vgl. Bd. I, S. 224 und dazu die 4. Zeile der Schlußftrophe), den 
alten Zürichkrieg mitmachte und erst nach 1470 starb. Dieser Halb- 
suter könnte aus älteren kleineren Liedern, die schon neben I vor- 
handen, aber weniger bekannt sein mochten, überdies aus Erinnerungen 
von Zeitgenossen und aus Lokalsagen von Sempach ein größeres 
Lied zusammengestellt haben, in welches auch die That Winkelrieds 
aufgenommen wurde. Es ist nämlich bemerkenswerth, daß die in 
Winkelrieds Worten vorausgesetzte Fürsorge für Hinterlassene von 
im Kriege gefallenen Bürgern in Luzern gerade um die Zeit aufkam, 
in welche da$ Lied zu setzen wäre und in welcher auch durch den 
alten Zürichkrieg, den Thurgauer und Waldshuter Krieg der Kampf 
mit Oestreich neu erweckt war. Ob ein damals entstandenes Lied 
auch schon alk die Bestandtheile enthielt, die in unserm Text weg- 
gelassen sind^ ist ungewiß und nicht wahrscheinlich, da die Hand 
eines spätem Bearbeiters, der ja jedenfalls in der letzten Strophe dem 
Halbsuter als «unvergessenen» ein Denkmal gestiftet haben muß, 
auch andere Anhänge hinzugethan haben kann. In der vollständigen 
Gestalt ist das Lied erst nach dem Jahre 1530 bezeugt und die Kritik 
ist daher vollkommen berechtigt, es auf eine einfachere zurückzufuhren, 
obwohl diese niemals mit Sicherheit herzustellen sein wird. Daß 
die erstere weder im Inhalt noch in der Form ein einheitliches Werk 
ist, daß sie niemals so kann gesungen worden sein und auch heute 
nicht mit Genuß gelesen werden, ist offenbar. Für die Kritik im 
Einzelnen muß ich auf die vortreffliche Leistung des Hm.v. Liliencron 
ven^^eisen, dem ich nur in der Ansicht nicht beistimmen kann, Str. 12 
(16) des Liedes habe nur unter der Vorausfetzung Sinn, daß die 
Eidgenossen an Zahl überlegen gewesen seien, wie die östreichischen 
Berichte sagen. Daß die Episode von dem Schiffmann Hans Rot 
mit der von dem Fischer Bachs in der Zürcher Mordnacht überein- 
stimmt, ist leicht zu bemerken, schwerer zu entscheiden, zu welchem 
von beiden Ereignissen sie ursprünglich gehöre ; denn die historische 
Priorität der Mordnacht beweist noch nichts. 



I <i i !»«- 



LIEDER 23 



Aus dem alten Zürichkriege. 

s. Bd. I, S. XXVI nnd S. 10. 
I. 1443. 

1. Woluf, ich hör ein nüw gedön, 
der edel vogel sang! 

ich truw es kom ein ganze schön; 

unweter hat sin gang 

gerichsnet^ uf der heide, 

die blämen sint erfroren. 

dem adel alls ze leide 

hand puren zesamen geschworen. 

2. Die wulken sind ze berg gedruckt, 
das schafft der sunnen glänz: 

den puren wirt ir gwalt gezuckt^, 
das tfit der pfawenschwanz^. 
Blüemi^ laß din lüejen^ 
gang hein, hab din gemach^, 
es gerät'' die herren müejen, 
trink uß dem mülibach! 

3. Belibest du daheima, 
du hetist güti weid, 
dich betrüepti nieman 

und beschäch dir nüt ze leid! 
Du gerätst ze wit ußbrechen, 
das tfit dem adel zorn: 
Mst nit von dinem stechen, 
man schlecht dich uf die hörn ! 



^ geherrscht. * entrissen. ^ das Zeichen der östreichischen Partei. 
* Kuhname; vgl. Kuh Brüni im Sempacher Liede.. * brüllen. * halte 
dich ruhig. ' beginnt. 



^4 HISTORISCHE 

4. Du hast ein fart.^ din schwänz gereckt 
hin an den Zürichs^; 

damit so hast du si erschreckt, 

die Schmach die tut in w^. 

Wer nun den andren hab betrogen? 

ich reden als die toren^: 

mich dunkt, der pund hab sich gebogen^, 

den si band zsamen geschworen. 

5. Nun lügend zu üch selber: 
ze Zürich, in üwer stat, 

da lüejend küe und kelber*, 
wie^ man's verboten hat. 
Rütend uß den gründe, 
der das unkrut gebirt! 
ir gelebend ^ noch die stunde, 
daß es üch fröwen wirt^. 

6. Die puren tribend wunder, 
ir Übermut ist groß, 
Schwiz und Glaris besunder, 
nieman ist ir genoßt. 

Si tragend iez die kröne 
für ritter und für knecht; 
wird in nun der lone, 
das ist nit wider recht. 



* einmal. ^ ich meine in meiner Einfalt. * im November wurden 
zwischen Zürich und den Eidgenossen Absagebriefe gewechselt. * es 
gab in Zürich eine eidgenössische Partei, welche aber eingeschüchtert 
wurde. * wie sehr auch. ^ erlebt. ^ Statt dieser Strophe hat Tschudi's 
Text 3 andere, in welchen Zürich ermuthigt wird, den Kampf mit 
den Schwyzern aufzunehmen. ® thut es ihnen gleich. 



LIEDER 25 



7. Ich mein iez die von Berne: 
tfind ouch, als üch denn dunkt! 
uns zündt ein nüwer Sterne \ 
heiter ist sin funk; 

Ir heind vil mengen puren : 
gewunn es sinen gang*, 
si brächen üch durch die muren, 
si sparten es nit lang. 

8. Basel, du macht ^ dich fröwen, 
wan* dir wird schier din Ion; 
macht du die spis liit töwen^ 
man git dir purgation; 

die rumet dir din magen, 
darnach wirst du gesund! 
man muß dir vil vertragen ^ 
wan du bist in dem pund. 

9. Es ist nit aus ergangen 
ie, das beschechen sol; 

die fromen gerät belangen', 
die falschen gebeitend* wol. 
Nun hin, es koitiet alles, 
der nun^ gebeiten mag; 
nieman acht' ir schalles, 
es wendt ein halber tag^^. 



^ wohl der Bund mit Oestreich. * wenn es so fort gienge. 
* magst. * denn. ' verdauen. • sich von dir gefallen lassen. ^ lange 
dünken. * warten. • wenn einer nur. ^'^ In 3 folgenden Strophen 
wird das zweideutige Verhalten der aargauischen Städte gerügt, da- 
gegen die Festigkeit von Rappers wyl und Winterthur gerühmt und 
bestärkt. 



26 HISTORISCHE 

10. Die zit hat sich erloufen^ 
die weit ist vil ze toub*: 
man muß die heiden toufen^, 
so meret sich der gloub! 
Unrecht hat sinen gange, 

ir Übermut ist groß; 
vertreit in's der adel lange, 
si sitzen im in die schoß. 

11. Der künig erfordret* ie sin lüt 
und ouch darzfi sin lapd^, 

das recht er für die fürsten büt®; 

das tut den puren and''. 

Ir übermfit der ist nit klin, 

wan das lit an dem tag: 

«wir wein im rechtes ghorsam sin 

nach unser pundbrief sag. 

12. Wan kämin wir für die herren, 
so hetin wir uns erwegen®; 
wir müestend widerkeren, 
daheim der küegen® pflegen; 
unser herrschaft wurd denn knecht, 
klein schmal wurd unser igebiet: 
well der künig von uns das recht, 
so kom gen Beckenried ^®, 



* es hat lange genug gewährt. ^ maii hat zu wenig darauf ge- 
achtet. ^ man muß diesen Leuten einmal den Meister zeigen. * be- 
gehrt zurück. * das Aargau. • will es auf die Entscheidung der 
Fürsten ankorhmen lassen. ^ Unkjst. ® unsern Voftheil preisgegebenv 
® Kühe. ^® dort hielten die Eidgenossen am 6. Januar 1443 eine 
Tngsatzung. 



LIEDER . 27 



13. Da wellen wir im losen!» 
sprechend die melkerknaben ; 

die knüw gond in durch d' hosen, 
graw rock sieht man si tragen. 
Ir was ein michel teile, 
beide jung und alt; 
küng, got geh dir heile, 
wan si müegt* din gewalt. 

14. Si schlügen uf den sumber^, 
daß es im berg erhal; 
doch was es in ein kumber, 
si schrüwen überal: 

«wer gab im den gewalte, 
daß er der küng sol sin? 
daß sin der tüfel walte ! » 
Die forsten von dem Rin^. 

15. Fürsten und ouch heren 
beruft er umb das recht; 
zu im so soUent keren 
ritter und ouch knecht; 
und wer von fromkeit sije, 
der gang mit fröuden dran: 
«Hie Oestrich!» ist die krije*, 
das rfifend frow und man. 

16. Wer unrecht welle temmen, 
dem rat ich zu dem schimpft; 
wend ir es recht bekennen^, 
so heind ir guten glimpf. 



* bemüht» ' Pauke. • König Friedrich verdankte seine Wahl 
hauptsächlich den vier rheinischen Kurfürsten. Auf diese Strophe 
olged zwei, welche den gewählten König preisen. * Kriegsgeschrei. 
* Spiel. • erkennen. ' Recht. 



28 ' HISTORISCHE 

Nu werend bi zit, ir fromen, 
der puren Unvernunft; 
wan wend ir's nit verkomen*, 
es wirt ein große zunft! 

17. Ir sönd üch baß bewaren^, 
denn bißher sig beschechen; 
wend ir's an einander sparen 
und durch die finger sechen, 
so ist die gerst getröschen, . 
daß man üch nüt bekent*: 
wend ir das für nüt löschen, 
e ob* es üch enbrent? 

18. Es sigend stet oder puren, 
klein ist der underscheid, 
es teil ein wenig muren^ 
es ist in allen leid^; 

si wären selb gern heren 
und sind im^ doch ze grob; 
küng, du solt in's weren, 
so meret sich din lob. 

19. Wan es hört dinem adel 
und diner herschaft zfi. 
Erschütt den pfawenwadel, 
es wirt in noch ze frä. 

Man muß das unfich® stöuben, 
so belibt das essen rein: 

# 

mit pfifen und mit töuben^ 
füert man die brüte hein. 



^ verhindern. * sollt euch besser in Acht nehmen. * so daß 
tnan von euch nichts wissen will. * jetzt zusammengezogen eh, ehe. 
* ob ein wenig Mauer dazwischen sei. • sie müssen es alle büßen. 
' dazu. ® Ungeziefer. ® blasen. 



LIEDER 29 



20. Nun helfe got dem rechten 
mit Schild und ouch mit sper; 
wan gat es an ein fechten, 

es kumt noch manger her, 
der umb grechtikeit flehtet, 
man findt noch biderb lüt: 
wirt es nüt änderst gerichtet^, 
si wagend har und hüt^. 

21. Der dises liedli hat gemacht, 
der ist von Isenhofen*; 

die puren hatten sin kein acht, 

wan er saß hinter dem ofen. 

Er loset irem rate 

und was si weltin triben, 

an einem abend spate; 

er hat's nüt mfit* z' verschwigen. 

22. Früe an einem morgen 
hob er sich dannen bald; 
er lufF dahin mit sorgen 
oben durch den wald. 
Do er kam uf die beide, 
in ducht, im war gelungen. 
Den fromen nüt ze leide 
hat er diß lied gesungen. 



* geschlichtet. * Es folgt noch eine Strophe, welche zu den 
Unthaten der Bauern auch den Tod des Herzogs Leopold bei Sempach 
in Erinnerung bringt. * Tschudi nennt den Dichter «der Isenhofer 
von Waldshut ». An einer andern Stelle nennt er einen Isenhofer 
als östrcichischen Vogt in der Feste Freudenberg. * gedenkt es nicht. 



30 HISTORISCHE 

IL 1443. 

1. Nu wellen wir aber heben an 
singen als ich's vernomen han, 
wie es ist ergangen 

in der reis^ ze Loufemberg; 
des seit man nieman schänden. 

2. An einem samstag das beschach, 
daß man die von Bern ziehen sach 
zu Keisten under der Halden; 

das Sachen burger ze Loufemberg, 
si woltent 6re behalten. 

3. Si zugent gan Loufemberg in die reben; 
da verlor menger man sin leben, 

der do wart geschossen 

mit denen büchsen von Loufemberg; 

das hat si sSr verdrossen. 

4. Basel und Bern und all ir eidgnossen 
die brachtent einen großen* 

grus mit gruwelichen büchsen; 
die richtent si vor Loufemberg 
und machtent ein groß gestübe*. 

5. Drig und siebenzig und zwei stein, 
einer groß, der ander klein, 

als si es do band geschossen 
zu den muren ze Loufemberg; 
des sint si* noch unerschrocken. 



^ Feldzug nach. * Das Original hat : grusen. * Staubaufwerfen. 



■^ die Laufenburger. 



LIEDER 3 1 

6. Si schußend zfi^ dem pfawenschwanz; 
im stdnd sin fedren noch alle ganz, 
er spricht uf sinen trüwen : 

das loch, das si gemachet hant, 
si müeßent machen nüwen*. 

7. Si schußend darzü mengen tag, 

bis der pfaw den baren fangen nam^, 
er zoch hinder sin muren; 
der bar sach ruwenklich* hinus, 
im grimmet* von herzen truren. 

8. Do er hieng nebent dem sprachhus^, 
er sach gar ellenklich' harus: 

nu helfen, von Bern ir herren, — 
wand* ich was ein burger zu Bern — 
daß wir 's leben nüt verlieren! 

9. Der^ von Basel ich nüt verschwigen: 
dieselben schußent in die bliden^^, 
drü hüser hant si zerschossen 

und eim ein tumen uß dem lid; 
das hat Clewi^^ Schutz verdrossen. 

10. Und ist das nit ein großi not? 

der von Loufemberg ist ein kätzli tot; 
das hant si inen erschossen; 
si richtend ein groß buchsen daran; 
das hat die ander kätzli verdrossen. 



* nach; ebenso 7, i. * von neuem; weil es nicht groß genug 
oder schon wieder ausgefüllt ist. ' Es scheint, daß die Laufenburger 
bei einem Ausfall Berner gefangen nahmen. ^ (reuiglich) traurig. 

* er fühlte grimmigen Schmerz. • Abtritt. "^ elendiglich. ® denn. 

• derer; ebenso 10, 2. *® Steinschleuder, Wurfmaschine. ^^ Klaus. 



32 HISTORISCHE 

11. Der schütz^ der beschach umb mittennacht, 
das kätzli kont sich nh haben acht; 

und hette geschinen d' sunnen, 
als es tut umb mittentag, 
das kätzli war wol entrunnen! 

12. Si hattend angeleit einen stürm; 
do fürchtend si. den großen wurm 
ze Loufemberg in dem graben; 

si tratend alle hinder sich^, 
dieselben Schwizerknaben. 

13. Arow, Zofingen kent man wol; 
si hant getan, als* man denn sol 
in den offnen kriegen: 
herlich* hant si abgeseit 

mit iren absagbriefen. 

14. Der brief kam für den houptmann, 
als ich's vernomen hän; 

darumb lobt man ir frommen «; 
band das ander stett getan, 
das han wir nie vernommen. 

15. Von Sanen und von Siebental 
die hattend mengen groben man, 

die kommen^ die boum wol schinten, 
do hant si ir manheit verbracht, 
in mocht nüt baß gelingen''^. 

16. WöUent ir hören, was ich in raten wil: 
si sönt® gan heim schießen zu dem zil 



^ Schuß. * wichen zurück. ' wie. * förmlich, ehrlich. * ihr 
Thun, Verfahren. ^ vielleicht kunnen, können. ^ sie vermochten 
nichts Besseres auszurichten. ^ sollen. 



LIEDER 33 

und sönt sich des bedenken — 

der küng zücht wider in das land — 

was si im wellent schenken. 

17. An dem zistag wart gemacht der frid, 
es sol nieman tun darwid\ 

weder rüsten noch sich stärken; 
ist der frid also gehalten, 
das mögend ir wol merken. 

18. Do es wart in der finster nacht, 
si wanent^, ir nem niemand acht, 
si rüsten an den gießen^; 

si woltend darvon nit lan, 
man mfist si zwen* erschießen. 

19. Schwarzwald, got geh dir glück und heil! 
das wünsch ich dir zö minem teil 

und ouch mit ganzen truwen^. 
Füerent holz und wellen® zfi: 
wir wein'' die löcher verbuwen. 

20. Der uns das liedli gemachet hat, 
Hans von Anwil* ist er genant; 
er hat ein gut gedingen^. 

Wer das liedli leren wil, 

der sol mit fröuden singen. 

Das in der Sammlung v. Liliencron's noch fehlende Lied ist aus 
einer Freiburger Handschrift mitgetheilt von Herrn Staatsarchivar 
Schneuwly. 



* dem Frieden zuwider. * wähnten. ' Stromschnellen. * zwei 
von ihnen? In zwei folgenden Strophen wird der Adel der Um- 
gegend und die Bürgerschaft von Waldshut für ihre Laufenbur^ 
geleistete Hülfe gepriesen. * Treuen. ® Reisigbündel. ^ wollen. ® im 
Thurgau. ® Zuversicht. 

IL 3 



34 HISTORISCHE 

III. 1444. 

1. Die Schwizer^ sind ußzogen 
gen Zürich in die ern*; 

den Ion, den si verdienet hand, 
den wil man in gen gern. 

2. Si hand geschniten haber und körn 
v'il mengem biderman; 

si lagen zehen wuchen vor der stat, 
mit schänden zugend s' darvon. 

3. Si hand gestürmet an die stat, 
des hand si nit genossen^: 

wir hand der rußigen puren vil 
erschlagen und erschossen. 

4. Nun tröste got der unsern sei, 
für d' Schwizer sol nieman bitten; 
weit gott si schwebtind in der hell 
und hetind ouch den ritten*! 

5. Si zugend gen Basel für die stat 
mit fröuden und großem schallen; 
der Delphin si empfangen hat, 

es kond in nit gefallen! 



* hier natürlich noch in dem engern Sinn des damaligen Partei- 
verhältnisses. * Ernte, eigentlich und bildlich wie die Mäder im 
Sempacher Lied II, 7 — 9. ^ davon haben sie keinen Gewinn gehabt. 
* das Fieber; oft in Verwünschungen. 



LIEDER 3 5 

6. Der Netstaler ^ der wollt ritter werden 
an dem edlen blfit^, 

er trüg zwei wiße krüz von perlen 
und het ze striten mftt. 

7. Darumb ist er ze tod erschlagen 
ze Basel uf der heid; 
under'm galgen lit er vergraben, 
das ist den Schwizem leid. 

8. Bi im lit menger rußiger pur 
under'm galgen begraben^; 

das band s' verdient am kilchenbrennen, 
dieselben Schwizerknaben ! 

9. Vor Farnsberg hub sich großer strit, 
der wäret wol zehen stunden, 

von früe biß an die vesperzit; 
band d' Schwizer wol empfunden! 

10. Der Seiler von Zug* was ouch daran, 
Zürich wolt er gewinnen; 

der sold ward im ze Basel bar, 
des ist er wol worden innen! 

11. Nun losend, ir Schwizer jung und alt: 
es kost üch üwer leben, 

daß ir dem fürsten von Oesterrich 
sin land nit wider wend geben. 



^ Rudolf Netstaller, Hauptmann des Glarner Zuzugs. * im Kampfe 
gegen den östreichischen Adel und neue Ritter wie Stüßi in Zürich ; 
ygl. Bd. I, S. 13. ' widerspricht der Thatsache, daß die bei St. Jakob 
an der Birs gefallenen Eidgenossen von den ßaslern ehrlich begraben 
wurden. * Hauptmann der von Zürich abgezogenen Zuger Schaar. 



36 HISTORISCHE 

12. Die Schwizer kriegend wider recht; 
das band s' von einer falschen zungen, 
die der ammann Reding treit: 
wett got er war verbrunnen! 

Ob das Lied von einem Zürcher verfasst ist, mag unausgemacht 
bleiben; die darin bezeugte Personenkenntniß spricht dafür. Es athmet 
starken Parteihaß, durfte aber als Gegenstück zu dem in Bd. I, S. lo 
mitgetheilten Lied von schwyzerischer Seite eine Stelle finden, zu- 
mal da es im Uebrigen gut gehalten und auch so überliefert ist (von 
Tschudi). 



IV. 1446. 

1. Gen disem werden sumer 
so wil ich's heben an, 

ein nüwes lied ze singen — 

ir söUent's wol verstan — 

alls von der fromen eidgnoßfchaft ; 

ir lob ist wit und breit; 

das tfit den großen herren zorn 

und ist den rütern leid^. 

2. Ze Wallistat an der letzi 
da was der anefang, 

ze Meienfeld vor dem stetli, 
da inen gar wol gelang. 
Die lieben eidgenossen 
sind wol der manheit ein kern, 
ir lob das wil ich meren 
und tün's von herzen gern. 



* 7 folgende Strophen erzählen rückblickend den bisherigen Ver- 
lauf des Streites: den Abfall der Zürcher vom Bund, die Friedens- 
bemühungen des Pfalzgrafen, die Verheerungen der Feinde, die 
Tapferkeit der Eidgenossen. 



j 



LIEDER 37 

3. In dem Oberlande 
was üwer größte not, 

daß ir umb üwer bar gelte 

nüt fundent ze koufen brot. 

Do sprach sich menig biderb man: 

«got muß es geklaget sin, 

daß wir in disem lande 

von hunger so lident pin! » 

4. An einer alten fasnacht früe 
do was in kund geton, 

wie daß sechstusend rüter 
gen Ragatz wärind kon. 
Die biderben eidgenossen 
sumptend sich nit lang, 
gen Ragatz iltend s' balde 
und woltend s' grifen an. 

5. Ze Ragatz vor dem dorfe 
da was der größte stoß; 
ir fromen eidgenossen, 
üwer fröude die was groß. 
On alles hindersichsechen 
giengend si frölich dran; 

die reine magt, die got gebar, 
die well si niemer verlan! 

6. Do ir an ein fechten kamend, 
do schlagend ir frölich dran; 
die herren gerietend wichen 
und fluchend bald darvan; 

ze fliechen was in gache^, 
hin heim stund inen der sin; 



* hatten sie Eile. 



38 HISTORISCHE 

d' Eidgnossen schlagend ir vil ze tod 
und jagtend s' in den Rin^ 

7. Von Brandis du untrüwer man, 
was hast du geton? 

du warist zfi Bern ein burger — 
das han ich wol vernon — 
und hatest ein eid gesworen 
zu den herren von Bern: 
den Ion, den du verdienet hast, 
den sol man dir geben gern. 

8. Der Ion der ist dir worden, 
als ich's vernomen han; 
darnach hest du geworben, 
du woltist nit müeßig gan; 
des bist wol innen worden 
von der eidgnossen band: 

si band dich g'lert ein orden 
ze Ragatz im Oberland! 

9. Junkher Hans von Rechberg, 
du hatist's wol bedacht, 

daß du den fromen eidgnossen 
spise hatist gebracht* 
gen Ragatz in das dorfe, 
brot, darzü klaren win: 
das wart den eidgenossen, 
selig müeßint s' ewig sin^! 



^ eine folgende Strophe beschreibt die Siegesfreude der Eid- 
genossen. ' es wurden Proviantwagen erbeutet. • $ folgende Strophen 
preisen als Theilhaber am Siege : Schwyz, Glarus, Uri, Unter walden,. 
Zug, Bern und Solothurn. 



LIEDER 39 



10. Die reine magt, die got gebar, 
die sollend wir rufen an, 

und ouch ir liebes kindli, 
daß si uns wellind bigestan, 
und alle gottes beigen^ 
wie die genennet sin; 
der gute herr sant Fridlin 
well unser schirmschild sin! 

11. Der uns diß lied gemachet hat, 
den wil ich üch tun bekant: 
zu Luzem ein gfit gselle, 
Hans Ower ist er's genant; 

er singt's mit frigem mute, 
wo er ist in dem land. 
Gott well die eidgenossen 
behüeten vor laster und schand. 



-•-•II 



Z^st des Abtes von St. Gallen mit der Bürgerschaft. 

1451- 



j s. Bd. I, S. XXVI. 



I. Abt Kaspar von sant Gallen, 
geborn im Turbenthal — 
wem kann es wol gefallen? — 
er büt das gotshus fal^; 
er wolt's nach lang vertuschet han 
dem abt von Petershusen, 
da wolt derselb nit dran. 



' Heiligen. * feil, nach der Mundart jener Gegend. 



40 HISTORISCHE 

2. Er hat versetzt die inflenS 
das doch nit zimlich* ist; 
dabi man mag begrifen 
sin bösen argen list. 

das gotshus wirt sin küm ergetzt*, 
und ist im, als* ich mein, 
der Stab ist och versetzt. 

3. Er meint, er well uns erben ^, 
davor got trülich si! 

wir wend in e verderben, 
und wärind siner dri. 
er wil's da vorne heben an^, 
darumbe unser vordem 
verlorn band mangen man. 

4. Er meint, wir sölnt ihm schweren, 
als ander eigen lüt; 

des wend wir uns erweren, 
und solt's uns kosten d' hüt ! 
er het desfelben wol emborn^; . 
er hat das selb gesechen, 
daß wir dem rieh band gschworn. 

5. Er stund dem küng zer siten, 
do man schwur an das rieh; 
der küng wolt morncnt® riten; 
der abt tet nie des glich, 



* Infel, Bischofshut. * geziemend. * für diesen Verlust entschädigt. 
* verhält es sich wie — . * durch Erbschaftsfteuern und -Abgaben 
ausfaugen. * er will den Streit wieder mit dem anfangen, wogegen 
schon unsere Vorfahren gekämpft haben, 'entbehrt; er hätte wohl- 
g^ethan das zu unterlassen. ® am nächsten Morgen. 



LIEDER 41 



als ob wir warnt sin eigen gsin; 
so^ het er billich gesprochen: 
lat üwer schweren sin! 



6. Er wirbt an- d* eidgenossen 
iez umb ein nüwen pund; 

ich getrüw, er leg ein bloßen^, 
er redt uß falschem grund. 
nend si in an, so sind si tumb; 
er gab ein guldin z' betenbrot^, 
do si z Basel* kamend um. 

7. Wend ir aber hören 
nagelnüwe mär: 

der fürst hat nienen haber, 
die kästen die sind lär; 
da wolt er leisten einen tag^, 
daruf wolt er betrachten, 
daß er och ffiter hab. 



8. Er schickt zwen grade recken 
hinab zum heiigen geist 
mit zweien langen secken, 
daß man im füter leist®; 
der heilig geist hat füters gnug; 
do sprachent die ußern meister, 
es wäre nit ir füg*^. 



* sonst. * Schande einlegen; vgl. Bd. I, S. 11, 4. ^ = botenbrot, 
Lohn für (erwünschte) Nachricht. * bei St. Jakob an der Birs. * eine 
Versammlung halten. ® liefere, als Abgabe. "' ihre Pflicht. 



42 HISTORISCHE 

9. Er hat es überschlagen^^ 
vil witer denn man meint; 
man solt's im nit vertragen; 
plib er in sim convent, 
hülf singen meß und^ ander zit, 
es war dem gotshus wäger^, 
denn daß er z' tage rit*. 

10. Mit fünf und zweinzig pferden 
ist er gen Luzern kon; 

man sieht an sinen geberden, 
er hat doch not darvon*, 
unz das gotshus nüt me hat; 
es git im lützel z' schaffen ^ 
ob der convent zergat. 

11. Si sind darob gesessen 
länger denn man meint; 
si band das ußgemessen, 
der abt und sin convent, 

wie si uns brächtind von dem rieh, 
davor uns got behüete 
und kaiser Friderich! 

12. Das lied das ist gemessen 
in einem schlechten^ sinn 
ob einem morgenessen, 
si^ trunkent guten win. 

mich wundert, wer das hab erdacht 
si sprechent, Johannes Pruner 
hab es von Costanz bracht. 



* ausgedacht. * besser. ' Bezug auf 7, 5. * er wird nicht ruhen (?)• 
* wenig zu sorgen. ® schlichten. ^ die Verfasser des Liedes. 



LIEDER 43 

13. Wär's zu sant Gallen gedichtet, 
das brächt uns ungelimpf; 
sunst, wenn es wirt verrichtet^, 
so Zucht man's in ein schimpft; 
so wirt uns eins zum andern g'schätzt^: 
hand wir hie nidnen^ g'sungen, 
si^ hand da obnen geschwätzt! 

Der überlieferte Text des Liedes hat zwischen Str. 11 und 12 
noch eine, welche aber wesentlich nur Str. 6 wiederholt und darum 
weggelassen ist; sie ist wahrscheinlich, wie vielleicht auch Str. 13, 
erst etwas später zugesetzt, nachdem der Abt in das Landrecht der 
Eidgenossen aufgenommen und sein Zwist mit der Stadt einem 
Schiedspruch von Bern übergeben war. 

Das Lied betrifft zwar kein hochwichtiges Ereigniß, ist aber in 
seiner Art eines der besten, die wir überhaupt besitzen ! Daß es in 
St. Gallen selbst entstand, ist wohl trotz Str. 12, 6 — 7 unzweifelhaft 
und nur um so ergötzlicher. 



• ■ * j* 



Zug in's Sundgau (Mülhauser Krieg). 1468. 

s. Bd. I, S. XXVII. 

I. Ein liedli wil ich heben an: 
wilde mär^ han ich vernan, 
und wil man's d' eidgnossen nit erlan, 
so müßtend s' aber in d' wite kan^; 
da mußtend si stechen und schlan, 
das man frilich kan wol verstau, 
bumperlibum aberdran heiahan! 



* wenn der Zwist geschlichtet wird. * Scherz. * eins gegen das 
andere gerechnet. * unten, in der Trinkstube oder auf der Gasse. 
'" der Abt und sein Convent in ihrer Berathung Str. 11, 1—4. ® selt- 
same Nachricht. ' vgl. Str. 3, 3r— 4. Der östreichische Adel jener 
Gegend hatte die Eidgenossen wiederholt aufgefordert, sie sollten 
einmal aus ihren Bergen in's Flachland herauskommen. Vgl. Str. 14, 3. 
17, 6. 19, 5. 



44 HISTORISCHE 

2. Es wütend^ drü füli durch einen bach, 
hüpscher füli ich nie gesach; 

der vorderst schwamm dem hindersten nach, 
es schuf, daß inen was worden gach*. 
lieben eidgnossen, wir aber tünd in schach^, 
wir sönd nit vergessen diser schmach! 
bumperlibum u. s. w. 

3. Si wend nit glouben an uns han; 
nun land s' uns fröUch grifen an; 
si wellend uns sin nit erlan, 

si jehend wir dörfind nit ußer kan; 
wir mußend s' ein fart* an d' grind schlan, 
das hätend unser vordem zitlich tan. 
bumperlibum u. s. w. 

4. Zu Golpach^ lit ein breiter steg, 
woluf, gevatter, wir müend enweg! 
ir von Weggen, nun sind nit trag, 
nun merkend uf, was ich üch säg! 

und wenn 's fändU von Trachsen bi uns lag, 
so schuchend^ wir weder wind noch reg. 
bumperlibum u. s. w. 

5. Wol naher '^, die von Sumiswald, 
köd ußher^ ab der undern bald, 
von Frütingen köd jung und alt! 



* wateten. Es scheint, daß drei Ritter einen Streifzug über den 
Rhein gemacht hatten, von dem sie bei Annäherung der Schweizer 
«ilig zurückkehrten. ^ Die Ursache war, daß sie hatten eilen müssen. 
^ wir bieten ihnen abermals Schach, greifen sie wieder an. * einmal. 
* Goldbach, im Emmenthal, wie noch mehrere der nachher genannten 
Ortschaften; Trachsen wohl Trachselwald. ^ würden scheuen. ^ näher, 
herbei. * kommt heraus. 



LIEDER 45 

es hat iez g'wunnen ein solche gstalt, 
im winter ist es gwisslich kalt, 
lieben eidgnossen, drum ilend bald! 
bumperlibum u. s. w. 

6. Wol naher, die von Dürenrot, 

und bringend uns naher win und brot, 
daß wir nit werdind hungers tot! 
ziehnd frischlich mit dem panner rot, 
ja bi dem wend wir [stan in not]^ 
und bliben lebend oder tot. 
bumperlibum u. s. w. 

7. Wol naher, die von Sanen, 
die fressind hüener und hauen, 

sind s' nit g'soten, so müend s' dran zanen^. 
biderben eidgnossen, wir wend üch manen, 
daß ir kömind under unser fanen, 
so wend wir trostlich mit üch voran ^. 
bumperlibum u. s. w. 

8. Wol naher, die von Undersibental, 

die tragend halparten breit und schmal; 
was si treffend, das fallt ze tal, 
menger nimt von inen ein fall, 
wol ußher uß den ländern überall, 
ir von stetten, ziehnd dran mit schall! 
bumperlibum u. s. w. 

9. Do zugend wir über den Houwenstein ab, 
meng breiter vierschrötiger Schwizerknab ; 



* die eingeklammerten Worte fehlen in der Handschrift, sind 
aber ziemlich sicher zu vermuthen. * kauen, nagen. ' der Reim ver- 
langt voranen. 



46 HISTORISCHE 

menger hat im seckel lützel hab, 
het er vil, er kam sin wol ab! 
trug uf der achsel ein breiten stab, 
damit ein ieder gut werschaft gab. 
bumperlibum u. s. w. 

10. Da kamend wir gen Liechstal hin, 
darnach stund uns gen Basel der sinn; 
wir meintend, wir wettind all hinin, 
do müßt der merteil hie ußen sin. 

si schiktend uns aber brot und win, 
drum schiktend wir warlich 's gelt hinin. 
bumperlibum u. s. w. 

11. Wir nit ung'fressen^ warend gsin, 
vergangen was uns des hungers pin. 

wir rüwtend derselben nacht neben dem Rin, 
momdes kamend wir gen Kolmar hin; 
da liefend wir in die keller in 
und wurdend me wan' halb voll win. 
bumperlibum u. s. w. 

12. Wir hattend nit vil Silbergeschirr darbin ^ 
wir schanktend in mit kühlen in; 
dennocht wurdend wir voll win, 

er gieng uns tugendliche in, 
verschwunden was uns die schwere pin, 
wir meintend, es sölt wol halb hamist sin*, 
bumperlibum u. s. w. 



^ ohne gefressen zu haben. Die Handschrift hat das g nicht. 
* als. ' darbimtftt, darin. * Der gute Trunk soHte uns fast stärken 
'wie ein Harnisch (?). 



LIEDER 47 

13. Do kamend wir gen Mowenhan^ 
da henkt man türen mit widen an^; 

da ließend wir d' gurren^ im haber gan, 
da hattend wir schier unrecht tan: 
sie jahend*, wir dörftind nit ußher kan; 
si ließend die iren schandlich zergan^! 
bumperlibum u. s. w. 

14. Die herren müßtend uns faren lan, 
si woltend nüt mit uns anfan, 

und wärend s' zfi uns uf d' wite kan, 

si hettind wol ung'schaffen menschen veman®! 

si torstend uns warlich nit bestan', 

si ließend uns tugendlich ziehn darvan. 

bumperlibum u. s. w. 

15. Do kamend wir zum wigerhus^, 

da namend wir die guten karpfen^ uß, 
daselben lebtend wir im sus; 
etlich machtend zinq quater dus^^, 
damit zog das gelt zum seckel uß, 
es machet mengem ein wilden grus. 
bumperlibum u. s. w. 

16. Der schimpf was im besten nun wol dran^^ 
wir w^oltend ein ander gattung fahen an. 



* wahrscheinlich entstellt ; nahe bei Mülhausen liegt ein Moden- 
heim (was freilich auch nicht die ursprüngliche Form des Namens 
sein wirdj. * Weidenbänder um die Thürpfosten gehängt, wie etwa 
an Fallgattern. ^ Stuten. * sagten. * ihre Mannschaft auseinander- 
gehen. ® grobe Leute kennen gelernt. ^ wagten uns nicht Stand zu 
halten. ® Haus bei einem Weiher. * Die Handschrift hat: krapfen, viel- 
leicht nur Schreibfehler. *° franz. cinq, quatre, deux; Würfelspiel. ^^ der 
Spaß war im besten Zug, in vollem Gang. 



48 HISTORISCHE 

daß man baß glouben an uns möcht han: 
wir zuntend das schloß inwendig an, 
daß es in grund und boden verbrann; 
sidhar sind wir nümen ußhin kan; 
si hattind uns gern daheimen g'lan! 

17. Bumperlibum, unrüw das kumt, was tut uns? 
donner blix hagel heiahan aberdran! 

far nun für^ hinder für, troll nahen, Peterman*! 

unser liden gat aber an, 

und wil man uns sin nit erlan, 

müeßend wir aber einmal in d' wite kan. 

bumperlibum u. s. w. 

18. Da kamend wir fürbaß ins Sundgöw hin, 
da stachend wir nider meng feistes schwin, 
wir sließend bränd zü'n wänden in, 

den rouch sach man ouch enet dem Rin; 
die Brisgöwer dachtend : das mögend wild gaste sin, 
got b'hüet uns, daß si nit kömend zu uns hin, 
bumperlibum u. s. w. 

19. Da hattend wir ein wilden hurlebus^, 
die Sundgöwer hattend darab ein grus; 
im brand jagtend wir d' müse hinuß, 
wir hattend ouch eben wild da hus! 

si band der kü sidhar nümen g'rüft heruß, 
si ersorgtend wol aber ein solchen struß! 
damit ist dises liedli uß. 

Daß das Lied von einem Berner verfasst ist, zeigt schon die 
Aufzählung der Ortschaften, dazu einiges in der Sprache. Ton und 



* vorwärts. * ein Petermann von Wabern war Hauptmann der 
Berner vor Waldshut; der Name erscheint aber auch sonst als Lo- 
sungswort. * Lärm. 



LIEDER 49 

Geist des Liedes ist etwas wild und roh, aber eben darin ein Spiegel 
des damaligen Kricgslebens. Die Strophe ist eigenthümlich, weil alle 
Zeilen denselben Reim haben, dazu den Refrain, der Trommelschlag 
und Marschruf bedeutet und nur in Str. i6 ausbleibt, weil dort eine 
kurze Rast anzunehmen ist, nach welcher die folgende Strophe, mit 
Tromraelsignal anhebend, neuen Aufbruch darstellt. 

Eine Amtsrechnung von Grüningen (Kt. Zürich) aus dem Jahr 
1536 enthält die Notiz: i Pfd. 5 S. gab Schmid us dem Fischenthal 
von dem Lied Bumberlibum. 



-■« < A * '- 



Zug nach Waldshut. 1468. 

1. Ein nüwes liedlin heb ich an, 
das singen ich, so best ich kan, 
wie es stat in dem lande. 

Der adel hat gemacht ein pund 
und hat erdacht ein nüwen fand, 
den Schwizern anz'tünd groß schände. 

2. Si fiengend an haben groß müei, 
si meintend, daß zit war nun hie, 
die Schwizer gar z' vertriben : 
«kämend si nun^ zö uns uf d' wit, 
so köndind wir in geben strit, 

ir müest keiner lebend bliben. » 

3. Si redtend alle überlut: 

«wir gend umb niemand nit ein krut, 
wir b'gerend an die eidgnossen. 
Der bär von Bern tar^ nit harus, 
er hat ab uns ein großen grus, 
der stier tar nümmen stoßen. 



* nur. * wagt (sich). 
II. 



50 HISTORISCHE 

4. Der Schwarzwald vermag mengen man, 
mit denen wend wir frölich dran, 

d' Schafhuser zwingen in ir mure. 
Mülhusen das maß liden pin 
und maß ouch unser eigen sin, 
es muß in w^erden sure!» 

5. Solcher anschläg tatend s' vil; 
darumb ich üch nun singen wil: 
mich dunkt, der wan hab s' betrogen, 
des sind s' im Sungöw innen worden; 
die eidgnossen kamend nach ir orden, 
si sind durch 's Elsaß 'zogen. 

6. Die eidgnossen namend in ir m&t^ 
und zugend a'n Rin für Waldshfit, 
ir panem sach man s' erschwingen, 
si zugend durch berg und durch tal, 
vil stolzer eidgnossen one zal 

hört man sin hämisch klingen. 

7. Si schlagend uf ir zeit und hütten 
vor der stat Waldshüt nach ir sitten, 
zenächst wol an ir mure; 

si schußend drin mit gfitem mfit 
und schußend ab dem Wald sin hfit; 
ward denen in der stat sure! 

8. Mit mengerlei büchsen groß und klein 
schußend si mengen henen stein, 

daß es gar wit tat brummen. 
Zehen tusend guldin mäßtend s' geben, 
daß die eidgnossen si ließend leben; 
des hat man s' kum überkumen^. 



^ fassten den Plan. ' dazu hat man sie mit Mühe gebracht. 



LIEDER 5 1 

5. Enge im Hegöw hört och hernach ^ 
d* Schafhuser lasst man us der acht, 
zweitusend gfildin inen darzü 'geben; 
der Schwarzwald ist das underpfand, 
Waldshfit hat's gelobt mit der band; 
es was in nit gar eben*. 

10. Schwarzwald, du lügst nit wol darzü, 
man hat dir g'nomen mengi kü; 

von der letz^ sind ir schnell geflochen, 

do di Schwizer zugend her; 

der hinderst füß was üch unmär*, 

üch hat übel ab in g'schochen*! 

• 

11. Man nam in rinder, roß und schaf; 
abt von sant Bläsi ward ouch gestraft, 
dritusend guldin müßt er geben; 
damit da kauft er s' ab dem Wald; 
do tribend s' iren roub gar bald 

gen Schafhusen, kam in gar eben^. 

12. Von Appenzell so kam der bär 
mit zweien von sant Gallen her^ 



* Wenn diese Zeile richtig überliefert ist, so kann der Sinn der 
folgenden Worte kein anderer sein, als daß Enge (Engen), ein Ort 
im Hegau, nachher auch an die Reihe kam, sich ergeben zu müssen. 
' gelegen, wohlgefällig; ebenso Str. 11, 6; dagegen 12,4: recht. 
' eine Grenzschanze bei Waldkirch. * ihr hattet die größte Eile zu 
entfliehen. * ihr habt vor ihnen arge Scheu gehabt. ^ Eine folgende 
Strophe berichtet von einem gelungenen Streifzug nach Bondorf; 
eine weitere nennt die Namen der 8 alten Orte. ' Die Banner des 
Abtes und der Stadt St. Gallen müssen also ebenfalls Bären enthalten 
haben. 



52 HISTORISCHE 

ZU Waldshüt suchten s' weide. 
Waldshüt, nun halt dich eben und fest! 
du hast gar vil der frömbden gest, 
vier baren tänd dir z' leide. 

13. Darumb sing ich uß gutem müt 
Diß nüwes liedlin von Waldshüt. 
Toni Steinhuser was och im here; 
ze Appenzell gat er uß und in, 
er dienet schönen fröwlin fin 
und priset in ir ere^. 



I <! a * ■ - 



Burgunderkrieg« 

s. Bd. I, S. XXVII und S. 1 5. 

I. Zug nach Blomont. 1475 

I. Ein vereinung ist lobeliche, 
der große pund genant; 
zu trost dem römschen riche 
zugent s' in burgunsch land; 
da haben si gewunnen 
beid, stet und ouch die schloß; 
gar bald es ward verbrunnen, 
si fürten gut geschoß*. 



^ Diese Notiz über Stand und Beruf des Sängers ist zwar nicht 
ganz klar, aber abweichend von den Angaben über andere Sänger 
solcher Lieder ; dieser müsste ein verspäteter Nachfolger der Minne- 
singer gewesen sein ! * In 2 folgenden Strophen wird berichtet, daß 
Straßburg und Basel eidgenössische Kriegsleute besoldet und daß 
auch Colmar und Schlettstadt, Solothurn, Freiburg und Biel an der 
Unternehmung Theil genommen haben. 



LIEDER 5 J. 

2. In Burgunn sind si komen, 
mit einem harten stürm 
band si Lila gewannen, 

es rümpft sich als ein wurm; 
durch wasser warent si schwimmen, 
do häb sich angst und not; 
si mochten nit entrinnen, 
man schlag ir vil zu tod*. 

3. Grahgi ward übergeben 

zu des von Wirtemberg hand; 
das her sach man streben 
vor Blomont in dem land. 
der Struß tet mengen schalle, 
Metz und Keterlin, 
die Reimerin gar balde, 
gieng alls z'en muren in^. 

4. Blomont was ein gut festen, 
als ich's kum ie gesach, 
gebuwen zem allerbesten, 
alls gold ir obertach; 

ir werinen und muren 
das was unmäßiglich, 
sechzechen schuch dick vor truren^ 
und achtzechen desglich. 



^ Ein Tlieil der Besatzung von Lisle wollte auf dem jenseitigen 
Ufer des Doubs entfliehen; da schwammen Eidgenossen durch den 
Fluß und trieben die Flüchtigen in die Festung zurück. Eine folgende 
Strophe berichtet, daß Lisle und einige Schlösser verbrannt und die 
Uebergabe von Oranges angenommen wurde. * Struß hieß ein straß- 
burgisches Geschütz, Käterlin ein östreichisches von Ensisheim, Met:^e 
•ein bemisches, die Rtimerin vielleicht ein baslerisches oder das in 
«inem Lied über den Schwabenkrieg (Liliencron II, S. 416) genannte 
RemilH von Ensisheim. * wenn die Worte richtig sind, so können 
sie wohl nur bedeuten 5 vor Schaden, zur Sicherheit. 



54 HISTORISCHE 

5. Uf einem berg höflichen* 

lag Blomont, schloß und stat, 
vil körb^ so fürsüglichen 
das her gewürket hat. 
Si stürmten die stat frölichen, 
des^ nam menger ein stürz; 
von dannen mästen si wichen, 
die leitern warend zu kurz. 

6. «Müeßen wir von hinnen wichen^ 
das war uns iemer schand, 

der vereinung so lobeliche, 

dem pund in tütschem land!» 

Bern, Basel man besande*, 

vil stet* und Solotar, 

mit panem kament s' zu hande% 

brachten ein große schar. 

7. Gen Blomont in das schlösse 
da kamen ouch die mär, 
wie daß ein macht so große 
der bär im felde war. 

«Nu raten, ir herren freche, 
wir werden liden not; 
w^ellent si den stürm nu rächen, 
si schlachen uns alle tot ! » 

8. Das schloß gabent si uf balle'', 
Blomont die fürstlich stat; 

man brant's mit großem schalle, 
ganz man's geschlissen hat. 



* stattlich; ebenso fürstiglichen Z. 3. * Schanzenkörbe, 'dabei. 
* ließ zu Hülfe kommen. * vielleicht Biel Stadt? « alsbald. ' bald. 



I 

J 



LIEDER 55 



Wer's ie gesach fürstlichen, 
den rüwet sin groß Schönheit, 
daß es ak* jämerlichen 
zu stucken ist geleit. 

9. Von dannen was man keren 
gen Burgunn in schneller il, 
des riches paner zu eren, 
wol m^ dann achthalb mil; 
Gramont ward gewunnen, 
in blüt lag menger rot; 
gar schnell es ward verbrunnen, 
man schlug ir hundert tot. 

10. Vom schloß den einen heren 
im turn man funden hat; 
den fürt man da mit eren 
gen Bern alls* in die stat. 
Valant' was man ufgeben, 

si zugen nackent ab, 
damit frist' man ir leben, 
man brant' vil guter hab. 

11. Die vereinung als lobeliche 
zoch wider in ir land, 

zu trost dem römschen riche, 
der große pund genant. 
Si band ein gut getrüwen 
zu den richsteten hin; 
es mag si nit gerüwen 
und ist ein guter sinn. 



1 o^ 2 



SO. * geradezu. ' Name eines Schlosses. 



$6 HISTORISCHE 

12. Zwölf schloß band si erlangen, 
darzü dri stet so gut. 
Er füert ein stechelin^ Stangen, 
der Zöllner^ es singen t&t. 
Maria, din kind hieng bloße, 
das well es understan*, 
daß die irrung große 
werd scliier ein ende ban! 



IL Von dem strit vor Granson, 

s. ßJ. I, S. XXIX. 

1. In welschem land hebt sich ein struß, 
da mag wol werden etwas uß, 

die klawen well wir wetzen: 
der gir treit großen Übermut, 
der ber und stier gar wol behät 
wend manlich mit im kretzen. 

2. Zü Granson er s' betrogen hat 
und sichert si mit falschem rat, 
das ward an in gebrochen; 

die fromen lüt hat er erhenkt, 
fürwar, das ist im nit geschenkt, 
man hat's an im gerochen! 

3. Dri küng* hat er gehept im feld 
und siben fürsten, die ich meld. 



^ stählern. * Mathis Zoller von Laufenburg, der auch die Schlachten 
von Murten und Nancy besungen hat. ' über sich nehmen, zu Stande 
bringen. * Der Herzog von Burgund war verbündet mit den Königen 
von England, Neapel und Spanien. 



LIEDER 57 



den pund wolt er gewinnen; 
sin herren er begaben wolt, 
ieglicher ein teil besitzen soit; 
des mfist man werden innen. 

4. Das nam der ber gar snelle war 
und zoch mit sin eidgnossen dar 
und taten im zäschriben: 

weit er sin ein biderman, 
so solt er s' ritterlich bestan 
und ouch im felde bliben. 

5. Es beschach an einem samstag fru, 
da zoch man wider Famerku^ zu, 
si wolten's mit im wagen, 

und wisten dennocht wenig das, 
daß in der herzog als nach was 
und gein in gonde gachen^. 

6. Da warend berg und tiefe tal, 

der weg was ruch und darzü smal, 
dadurch si müsten komen. 
Bern und Swiz die hüben sich uf 
und zugen dar mit irem huf ; 
der herzog hat's vemomen. 

7. Der herzog wolt sin nit entbern, 
die Bemer wolt er sechen gern, 
er meint, si wären alleine; 

er hat wol zechen an einen man; 
des achtem si dennocht kleine! 



* Vauxmarciis. * so nahe war und ihnen entgegen zu eilen begann. 



58 HISTORISCHE 

8. Zürich slflg mit fröuden dran 
mit mengem ußerwelten man 
und Luzern desgelichen; 
Unden^^alden, Zug und Glarus gfit 
die slögen dran mit friem mfit, 
die Walchen begonden wichen. 

9. Der stier von Uri lügen ^ ward, 
darab erschrack der Walch so hart, 
die freis* was im zerrunnen. 

ein küng von Napels* was bi im do, 
den treib man von der Wagenburg so, 
die ward im abgewunnen. 

10. Basel das kam ouch zem spil, 

das kond wol schießen z& dem zil, 
der schimpf* der wolt sich machen: 
sin Wagenburg die was nit gar ganz, 
si Sprüngen frölich an den tanz, 
man hört die kürris krachen. 

11. Soloturn was ouch am hatz, 
der ber der tet ein harten kratz 
und Friburg in Oechtlande, 

der widder ouch gestoßen hat; 
Straßburg kam ein teil ze spat, 
das tet im selber ande*. 

12. Der schimpf der wärt ein lange wil, 
man jagt si anderthalbe mil. 



* hier = lüejen, brüllen. * Ungestüm, Kühnheit, Frevelmuth^ 
' Prinz Friedrich von Tarent, Sohn des Königs Ferdinand von NeapeL 
* Spaß. * Leid. 



LIEDER 59 

si fluchen mit gewalte; 
er rant gen Orben in die stat, 
die tor hieß er besließen trat^, 
sin herz gond im erkalten. 

13. Die tütschen rüten die taten im w^, 
man jagt' ir vil in einen s^, 

die swimmen wolten leren; 
vil menger Walch darin ertrank, 
ein großes schiff zu boden sank, 
darin vil welscher heren. 

14. Vil Silbergeschirr und rotes gold 
ward den Eidgenossen zu sold, 
darzü ein güldin sessel; 
vierhundert und zwenzig büchsen gut 
machten inen hochen möt, 

der hat er ouch vergessen. 

15. Sin sigel er verloren hat, 
vil berlin, güldin, sidin wat, 
krön, edelstein so glänze*; 

güldin büecher, kelch, messgewand, 
ein bischofhüt man ouch da fand, 
darzü güldin monstranzen. 

16. Sin tegen rieh, von gold so rein, 
der ist ersetzt' mit edelm g'stein, 
den hat er ouch verloren, 
größer spot im nie beschach, 

w^as man Burgunner kriegen sach; 
das tfit dem wüetrich zoren! 



* mhd. dräte, schnell, von drajen, drehen. * glänzend. ^ lestxzu 



6o HISTORISCHE 

17. Der von Burgunn, der freidig* man, 
der hat den Sachen nit recht getan, 
er hat's nit wol besunnen; 

der* schönen panem hat er vil, 

kam man im zwüschen kuglen und zil, 

darvon ist er entrunnen. 

18. Herzog Karle, hörst du das? 
du treist den Eidgenossen haß, 
des solt du nit genießen; 

kein herr an in nie nit gewann; 
wiku von dinem krieg nit lan, 
es wird dich bald verdrießen! 

19. Din gfit ist ietzunt worden feil, 

in die Eidgnossen komen ein michel teil, 

des machtu dich wol schämen. 

tut dir der spot nit also we, 

so kum harwider und bring noch m6, 

so sol man's von dir nemen. 

20. Die Eidgnoschaft nacht und tag 
in keinen nöten nie verlag*; 
des t&nd si sich bewisen 

mit ir manlichen band; 

des swebt ir lob durch alle land 
hört man si erlich prisen*. 



* Qbermüthig. ^ Der Originaltext hat des, was allenfalls den Sinn 
ergeben könnte: von seinem schönen Panner hat er viel (ironisch 
für: wenig) Gewinn, da er es doch in der Noth hat im Stich lassen 
müssen! ^ blieb unthätig, erschlaffte. * die Worte dttrch alle land 
gehören zu beiden Verben, eine in diesen Liedern öfter und schon 
bei den mhd. Dichtern vorkommende Konstruktion. 



LIEDER 6] 



21. Der uns dis liedlin nüwe sang, 
der^ tut vil manchen irren gang, 
gut leben ist im türe! 
in siner teschen ist er swach^, 
er klaget s^r sin ungemach, 
daß ir im koment zu stüre*! 



III. Schlacht bei Murten. 

s. Bd. I, S. XXIX. 

1. Nun merkend all geliche, 
mit singen so heb ich's an 
von dem pund so kreftigliche 
mit mengem stolzen man; 

er ist ins feld gezogen 
mit werhaftiger hand, 
der gir ist ußgeflogen 
dem baren in sin land. 

2. Er hat in sinem sinne — 

mit im der graf von Remunt* — 
die tütschen land ze zwingen; 
si machten einen pund, 
si schlügend meng hoch gezelte 
für* Murten und für das schloß, 
darvor hat er in dem felde 
dri hufen, die warend groß. 



^ V. Liliencron hat des, vielleicht nur Druckfehler. ^ schlecht 
bestellt. ^ Hülfe. * Romont. * vor — hin. 



42 HISTORISCHE 

3. Er sprach: «nun merkend mich eben, 
die stat ist nit wol b'hfit; 

ir sond si mir ufgeben*, 
ich frist üwer Üb und gfit. » 
si gabend im antwurt balde; 
si kartend sich nüt daran, 
si truwtend s' wol ze behalten*, 
er war ein betrogner' man. 

4. Das tet in ser verdrießen, 
daß man im die antwort gab; 
mit stürmen und mit scliießen 
da woit er nit lassen ab; 

an die muren tet er richten 
zwo büchsen, die warend groß, 
und tet man im das vernichten, 
den büchsenmeister (man im) erschoß. 

5. Am ziestag gegen der nachte 
da nam er für sich ein sinn*, 
er stürmt daran mit machte, 
die stat wolt er nehmen in. 
vil schier^ hat er verloren 
m^ dann tusent man; 

das tet im großen zoren, 
doch müs er si faren lan. 

6. Darnach am samstag morgen 
da hüb sich groß ungemach; 
der herzog lag in sorgen, 
den pund man ziechen sach 



' übergeben. * behaupten. ' trügerisch, wohl im Hinblick auf 
sein Verfahren mit der Besatzung von Grandson. * Vorsatz, Plan. 
* gar bald. 



LIEDER 63 

mit trummen und mit pfifen, 
si namend doch got ze stür; 
si tetend in angrifen 
und machtend im lachen türM 

7. Der herzog tet sich rüsten 
mit sechshundert tütscher man, 
damit wolt er sich fristen, 

si mästend vornen dran, 
für sich hat er genomen 
drißig Schlangenbüchsen ouch; 
die brachtend im kein fromen, 
si schußend doch vil zu hoch. 

8. Der pund tat an in ziehen, 
der herzog satzt sich zu wer; 
man meint er solt nit fliehen 
mit solchem großen her. 

sin Volk was schier zertrennet 
und kam in große not; 
als er es vemame*, 
do floch er mit großem spot. 

9. Do wurdend im erschlagen 
wol achtzehntusend man; 
i'n se tet man si jagen 

vil m^ dann ich zelen kan. 

die sind darin ertrunken, 

ir wer hatt doch kein ffig^, 

die Walchen mochtend wol denken, 

si bettend der Tütschen gn&g! 



' In 5 Strophen werden nun die Mitglieder des Bundes aufge- 
zählt, die an der Schlacht betheiligt waren: Oestreich, Lothringen, 
die eidgenössischen Orte und die mit ihnen verbündeten elsaßischen 
Städte. • sollte wohl etwa lauten : als er das het erkennet. ^ rechte Art. 



64 HISTORISCHE 

10. Diewil man si tet schlachen, 
do tet der graf von Remunt 
zwen schütze in die State; 
erst ward die flucht im kund, 
er hüb sich bald von dannen, 
ein fändli man im schriet^, 
und vierhundert mannen 

die blibend da im ried. 

11. Ir flucht was uß der maßen, 
man schlug si uß dem feld; 
darin hat er gelassen 

mer dann zehnhundert zeit, 
der herzog von Burgunne, 
der graf hand des kein g'winn; 
Murten ist noch nit gewunnen, 
es kumt wol vor in hin^. 

« 

12. Der pund von allen orten 
zog uf der walstat zu rat 
und tet der Walchen warten 
dri tag an derselben stat, 

ob man da wolte komen 
mit werhaftiger hand; 
do warend s' nit also fromen, 
das ist ein große schand. 

13. Zu Zürich sieht man hangen 
zwei panner, acht fändli gut; 
menger Walch ist kum vergangen^, 
si half nit ir übermfit; 



^ schnitt ab, von schroten. * davon, wird gerettet. ^ davon ge- 
kommen, dem Verderben entgangen? 



LIEDER 65 

der zal weiß ich kein namen; 
in allem pund so wit; 
die Walchen sond sich schämen 
der schand zu ewiger zit. 

14. Herzog, du wilt nun kriegen, 
du dunkst dich selb gar frisch: 
damit tust du dich triegen, 

die schanz^ stat under dem tisch, 
du hast geleit ein bloßen^, 
dir feit die meisterschaft, 
dich schlügen die eidgnossen 
mit ritterUcher kraft. 

15. Zu SafFoy in dem lande 
ein edle herzogin — 
ward ir land zu schänden, 
das schafft ir dünner sinn^. 
het si den pund gehalten, 
als ir herr vor hat tan, 

so möcht si in fröuden alten: 
sus* muß si in truren stan. 

16. Etlich^ der sich hat g'spitzet^ 
und hat uf den pund gespilt*^ — 
die in der lügen® sitzend, 

ir anschlag hat in g'felt! 

man mag wol schwigen und dußen^, 

doch sol man's vergessen nit: 

kam es einmal zu schulden, 

man teilte gnad damit. 



* das Glück. * s. Bd. I, S. 11. * daran ist ihr Unverstand Schuld. 
* nun aber. * mancher. * spitzig reden ; sehnsüchtig warten ? 'sich 
lustig machen über — . ® Lauer. * sich still halten. Schon der Mangel 

IL 5 



66 HISTORISCHE 

17. Dis liedii hat gesungen 
Hans VieP uß friem mfit; 
vom pund ist es erklungen, 
von den Eidgnossen gut. 
wo man ir hört gedenken, 
ir lob Wirt offenbar, 
das liedii wil ich üch schenken 
in ein gut selig jar. 



IV, Schlacht bei Nancy. 

s. B4. 1, S. XXX. 

1. Nun wend wir aber heben an 
das best, das ich gelemet han: 
und* wie es ist ergangen 

zu Nansen zu, 

da hatend s' all ein verlangen. 

2. Herzog von Lutringen, das edel blfit, 
er schreib den pundgenossen gfit, 

ja wie er war gelegen 

vor Nansen zu 

mit manchem küenen degen. 

3. Der pund der gab vil lüte dar, 
der eidgenossen ein große schar 



des Reims zeigt, daß die 2 letzten Zeilen nicht ganz richtig über- 
liefert sind. 

* ein Luzerner, der aber schwerlich die auch sonst dort un- 
passenden Zeilen Str. 13, i — 2 geschrieben hat. * nur einführend, 
erklärend: nämlich; ebenso 8, 4. 17, 2; ähnlich fa 2, 3. 10, i. 



LIEDER 67 

mit werhaftigen banden 

ffirt er mit im 

wol in das welsche lande. 

4. Zfi St. Nikiausport* stund in der sinn, 
da lagend vil der Walchen in, 

si wurdend all erschlagen. 

dem Herzog Karl 

von Burgunn tet man's sagen. 

5. Er rieht* die büchsen uf 'em plan, 
er wönt*, der pund solt komen dar, 
der wön hat in betrogen; 

e er sich bedacht, 

da hat man in überzogen. 

6. Er lag in einem tiefen hol, 

man zog im zu, das wüst er wol, 
noch dennocht^ wolt er nit fliehen: 
wol herlich tet 
er inen engegen ziehen. 

7. Es was der Welschen ungelück; 
er hat bestellet mengen strick, 
daran wolt er si henken: 

an sinen tod 

er tet gar wenig denken! 

8. Si knüwtend nider uf dem plan, 
si rüftend Marien gots möter an 



* St. Nicolas-au port, nahe bei Nancy. ' für wänt, wähnte, wön, 
^Wahn^ vgl. Argwohn. ^ nochdenn = dennoch; daraus bern. notten, notti, 
nadisch; Entlib. nüsti. 



68 HISTORISCHE 

mit ufgehepten bänden: 
und kum uns zfi hilf 
an unserm letzten ende! 

9. Si giengend wider uf den plan, 
si griffend s' wider gar frölich an 
mit keiserlichem^ rechte. 
Karl von Burgunn 
der hat vil stolzer knechte. 

10. Ja si lüffend durch studen und dorn, 
das teten si uß ganzem zorn, 

dann inen was so gache*, 

si schuchend* nit 

das kdte noch die lachen. 

11. Do er die scharpfen halpanen sach, 
von den im z' Murten w^ geschach, 
dazu die langen lanzen, 

wolt er nit mfi 

in irem reien tanzen. 

12. Den vortanz solt er han getan, 
do wolt er nit im feld bestan, 
er fieng an zä fliehen; 

do begunden si 
frischlichen nach im ziehen. 

13. Er g'steckte* in eim graben tief, 
menger man rann unde lief, 

bi im wolt nieman bliben; 

sin end müst er 

allein im graben vertriben! 



* herrlich, stattlich, vollkommen. * sie hatten solche Eile oder 
Begier. * scheuten. * blieb stecken. 



LIEDER 69 

14. Ja er ist ie gewesen rieh, 
dem sieht er iez gar ungelich, 
man hat in naket funden; 
naket und bloß 

mit sin verserten wunden. 

15. Nun fröuwe dich, du Hagenbach, 
du heigist leid oder ungemach, 
din herr ist zu dir komen! 

ür beder gwalt 

ist üch uf erden g'nomen! 

16. Man leit den herzogen uf ein bar, 
man fürte in gen Nansen zwar^ 
ze tod ward er erschlagen; 
herzog Reinhart 

hat in zfi Nansen begraben. 

17. Man buwt ein kapellen an die stat 
und da der herzog erschlagen ward, 
mit drien messen zu mSren*; 

di wicht man in 

der helgen dri künegen ere. 

18. Der uns das liedli nüw gesang, 
zwen Schwizerknaben sind si g'nant, 
si hand's gar wol gesungen. 

Karl von Burgunn 

ist nümen heim gekomen! 



» ♦ . ».- 



* wahrlich. * das Andenken, die Stiftung zu vermehren? oder 
:adv.: überdies? fortan? 



70 HISTORISCHE 

Schlacht bei Giomico. 1478» 

1. Nun merkend offenbare 
was iez in kurzer frist 
gegen einem nüwen jare 
ze Girnis geschehen ist: 

die schlang von Mailand ist zogen uß^ 
dem stier von Uri in sin land; 
des ist die schlänge komen ze schond; 
nun merkend uf disen struß! 

2. Bi einem kloster da lagen 

minr herrn der eidgnossen knecht. 
d' Meiländer begondend sagen : 
das spil (das) wird uns recht! 
ein anschlag tetend si behend, 
vil bald si z'samen kamend, 
vil spieß und züg si namend, 
si woltend geben end*. 

3. Si begondend sich besachen* 
mit werhaftiger hand; 

ein lager woltend s' machen 

dem stier von Uri ins land. 

ir anschlag der was hert und scharf^ 

die Tütschen begondend wichen, 

si woltend hinder siehe 

gen Girnis in das dorf. 

4. D' Meiländer das ersachen, 

si rucktend wol uf dem ban^, 
si begondend sere gächen*, 
mer denn vierzechentusend man. 



* einen entscheidenden Schlag fuhren. * rüsten. • Bahn, in der 

altern Sprache auch masculin. ^ eilen. 



LIEDER 71 

si namend für sich, nun merkend das, 
den eidgnossen wib und kind z' erstechen, 
den schaden woltend s' rechen, 
der in geschehen was. 

5. Do si bim klösterli^ sahend 
den büfFelskopf an der mur, 
d' Meiländer ir wafen namend, 
si stakend sich gar sur*; 

si bicktend* in herab mit gwalt, 
mit lüejen* und mit boßen, 
als ob s' in weltind stoßen; 
ir hoffart was mangfalt. 

6. D' Meiländer schruwend sere, 
vor Bellenz da war ein hol, 
die gräber^ wärend lere, 

si machtind s' widerum vol; 
dafür da hulf weder gut noch list! 
si beroubtend 's gotshus unser frowen, 
die bernden® böum tetend s' abhowen; 
vor in hatt man kein frist''. 

7. Mit großer macht si kamend, 
si woltend geben end. 

der eidgnossen knecht das vernamend, 

si rüsten sich ouch behend. 

ir houptman gab in wis und Icr: 

«frisch umb, ir knaben alle! 

ob got will, so gewinnen® 

wir hüte göt und ör ! » 



* Poleggio. * nahmen eine grimmige Miene an. • hackten. 
* brüllen. * der in der Schlacht bei Arbedo (1422) gefallenen Eid- 
genossen. • (Obst) tragenden. ' Ruhe, Sicherheit. ® der fehlende 
Reim könnte etwa gelautet haben: gefalle (werde zu Theil) uns. 



72 HISTORISCHE 

8. Ir ffomkeit tet sich regen: 

der eidgnossen knecht hochgemeldt 

si zugend in entgegen 

alls in demselben feld. 

ir warent kum sechs hundert man, 

gar ritterlich und gar stille, 

nach ires herzen wille 

grifFend vierzechen tusent an. 

9. Ä^ das was ein großer grümel*, 
der schimpf was ungehür'; 
«schüß, stich, schlach in schümel*! 
wir machend d' fiende tür^ 

so gar mit ritterlichem müt, » 
sprach einer zö dem andern; 
man strafet die Meilander 
mit einer scharpfen rüt. 

10. Meilander tet man erschlagen 
wol sechszechen hundert man, 
die andern tet man jagen, 

das feld man in ang'wann; 

man g'wann in an* vil großes gut, 

acht kostbarliche schlangen, 

acht und zwenzig edlen gefangen; 

des hattend s' fröud und müt. 

11. Vil haggenbüchsen schwere, 
dreihundert handbüchsen gut, 
fünfhundert armbrust oder mere 
ließend d' Meilander in der hüt'; 



* Interjektion wie das he im Sempacher Lied. * gerümd, Lärm. 

* der Spaß wurde unheimlich. * auf den Schimel (die Pferde) los? 

* selten. • ihnen ab. ^ in ihrer festen Stellung zurück. 



LIEDER 73 

darzü vil mul* und hüpscher roß 
ließend d' Meilander an der hetze 
den Tütschen zfi einer letze*; 
ei wie übel das si verdroß! 

12. Sant Gotthard sol man prisen, 
er schwebt im land so fri, 

er tet sin kraft bewisen, 

den sinen wonet er bi, 

als ouch den fromen Liviner, 

die sind gewesen bi der selben schlacht 

so gar mit ritterlicher macht; 

des habend si pris und 6r. 

13. Aber tun ich melden: 

der fromen eidgnossen knecht 

bleib keiner tot im felde; 

das schuf das göttlich recht. 

des dankend wir dem herren krist 

und Marien der vil reinen 

und den helgen kindlin kleinen, 

ä an der tag es geschehen ist. 

14. O Meiland, wärstu daheim 'bliben 
mit dim großen Übermut, 
bettest nit z' groß hofFart triben! 
man spricht, es si nit gut. 

man hat in gen* der kindlin tag 
zu einem nüwen jare — 
vememend das für wäre — 
ä biß daß man es bessern mag! 



* Maulthiere. * Abschiedsgeschenk. Es folgen 2 Strophen, in 
welchen Zürich, Luzern, Uri und Schwyz als Theilnehmer am Kampfe, 
dann aber die Eidgenossen insgesammt gerühmt werden. * gegeben. 
Die Schlacht geschah am 28.Dec., dem Tag der Unschuldigen Kindiein. 



74 HISTORISCHE 

15. Der dis liedli am allerersten sang, 
Hans Viol ist er's genant, 
zu Luzem es ze lob erklang 
den eidgenossen allen sant. 
er hat's gesungen uß friem mfit; 
er spricht, es war menger gerne rieh 
und lebte ander lüten glich: 
so^ vermögen wir's nit all am gfit! 



■•-•- 



Rorschacher Klosterstreit. 1489. 

s. Bd. I, S. XXXI. 

1. Wend ir hören nüwe mär: 
ein rotfiichs ist uns komen her 
von Wangen* gen sant Gallen; 
sin balg der gult uns pfening vil, 
kam er uns in die fallen! 

2. Ein nüwes lied ich frölich sing — 
gott well, daß mir darin geling — 
von Abt Uolrichen Röschen; 

sin balg (der) gult uns pfening vil 
kam er uns in die täschen. 

3. An einem zinstag^ es beschach, 
daß man gar frölich ziechen sacli 
die von sant Gallen schnelle 

in die Grub* mit richem schall 
mit denen von Appenzelle. 



* so wie es jetzt ist, nun aber. * im AUgäu. * Dienstag, * Dorf 
oberhalb Rorschach. 



LIEDER 75 

4. Und do si zuchent uß der Gr&b, 
wie bald sich da der schimpf* erhüb 
mit brennen und mit brechen*, 

daß der roch* gen himel für! 
für war mag ich das sprechen. 

5. Sant Gall der hat ein zeichen 'tan 
ze Rorschach, als ich wol verstan, 
won* er doch nit wil haben 

kein ander kloster denn das sin, 
da er in lit vergraben. 

6. Gott der hat uns her gesant 
sant Gallen her us Schottenland, 
das hört man singen und sagen; 

den hett abt Rösch zu Rorschach gern, 
das wil man im nit vertragend 

7. Apt Uoli, laß dich nit herfür! 
groß Unglück lit dir vor der tür, 
darin macht du wol komen, 
won du vil mengem gotshusman 
das sin mit gwalt hast g'nomen. 

8. Ir gotshuslüt, sind stät und fest, 
betrachtent was üch sig das best, 
land üch vom land nit triben! 

so mügent ir mit der landlüt^ hilf 
bi er und gut beliben. 



* Spaß, SpieJ. * des halb fertigen neuen Klosterbau's in Ror- 
schach. ' Rauch. * = wan, weil. * gestatten. * der Appenzeller. 



76 HISTORISCHE 

9. Ein starcher steck gewachsen was^; 
darumb redt ammann Reding« das, 
man sol in in drü zerspalten*. 
Nun machet uns den stecken ganz, 
so mögent wir 's land behalten! 

10. Abt Uoli ist ein roter* man, 
der vil unglück machen kan 
in disem land besonder; 

gat in darin vil unglück an^, 
das nimpt mich nit ein wunder. 

11. Apt Uoli heißt von recht der Rösch^ 
und plät sich gegen uns als ein frösch, 
biß daß er wird zerspringen; 

so*^ wird vil menger gotshusman 
von großen fröden* singen. 

12. Apt Uoli ist ein untrüw man, 
der unser stat kein gfits nit gan®, 
das hat man wol vernomen; 
stand es an mir, er müeßt darzü^® 
sin lebtag niemer komen. 

13. Apt Uoli der hat hus zfi Wil, 
da tut er böser anschläg vil, 
wie er uns mög verderben; 
darmit macht er nach sinem tod 
den tüfel zä sinem erben. 



^ der Bund der Appenzeller, der Bürger von St. Gallen und der 
Gotteshausleute. ^ Landammann Rudolf Reding von Schwyz, einem 
der Schirm orte des Klosters. ' mit den Verbündeten getrennt ver- 
handeln. * er hatte rothe Haare, welche bekanntlich auf einen 
schlimmen Charakter gedeutet werden. * geht an = trifft. ® das Ad- 
jeciiv rösch bedeutet: hart, spröd; barsch, heftig. ^ dann. * Freuden. 
* gönnt. *° zu etwas Gutem, Glück. 



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LIEDER 77 



14. Apt Uoli hat gesprochen frig^ 
wie zu sant Gallen nit mfe sig 
dann achtzechen fromer frowen^; 
darumb hand si ein urtel 'gen, 
daß man in sol zerhowen. 

15. Apt Uoli der hat schmirwi* gnüg, 
das ist gar wol der boten füg*, 
die er damit tut salben 

und uns darumb verlachen tut 
in orten^ allenthalben. 

16. Apt Rösch hat lüt, die gaben nend^ 
und im kein spil verloren gend 

in allen sinen gewerben; 

lat man im nu das für sich gan', 

so muß das land verderben! 



Schwabenkrieg. 

s. Bd. I, S. XXXII und 5.25. 

I. Schlacht im Schwaderloh. 1499. 

I. An einem donstag es beschach 
uf einem witen plan 
zu Ermatingen vor dem wald, 
do greif man die figend an; 



^ frei, offen. * er hatte sein Vorhaben, das Kloster nach Ror- 
schach zu verlegen, unter Anderm mit Klagen über ausfchweifendes 
Leben der St. Gallischen Frauen begründet. ^ Schmiere, Geld zu 
Bestechungen. * das kommt den Gesandten der Eidgenossen zu statten, 
die den Streit vermitteln oder entscheiden sollten. * in den Kantonen, 
die der Abt selbst bereiste, um seine Sache zu betreiben. ^ Geschenke, 
Bestechungen annehmen. ^ so fortgehen, ungestraft hingehen. 



78 HISTORISCHE 

die von Costenz waren uns entrunnen, 
CS kost si mengen man, 
vil Icostparlicher schlangen 
band si dahinden gelan. 

2. Die hauptlüt ritten z'semen 

und machten ein Ordnung schnell: 
«Woluf in sant Jörgen namen, 
daß uns die sach nit feil 
in gotes namen wellen wir dran 
und schlachen frölich drin; 
Maria, laß uns in fröiden stan 
und won uns allzit bi!» 

3. Sie beten sich vermessen 
am selben morgen frä, 

ir büchsen teten si g'rechen^ 
gen Ermatingen zu. 
zwar baten si gewunnen 
mit vorteil und mit rat, 
es ist si aber übel gerüwen 
am selben abend spat*. 

4. Vil ritter und vil knechte 
ließend si uf dem plan ; 

die von Costenz wolten nit mfe fechten, 

si machten sich darvon; 

und welcher nit mocht riten 

und loufen oder gan, 

im feld mästen si bliben, 

den schaden mästen si han. 



' rüsten, richten. * Die Schwaben hatten die Vorhut der Eid- 
genossen überfallen und geschlagen, aber die Hauptmacht der letztem 
führte dann einen Gegenstoß und wetzte die Scharte wieder aus. 



LIEDER 79 

5. Uß Gottlieb tet man schießen 
am selben abend spat; 

es tet si sfer verdrießen, 
daß si verioren band. 
Die trumen hört man klingen 
in der eidgenossen hfit^; 
darumb so wil ich singen 
uß früschem frien müt*. 

6. Vor Gottlieben an dem Rin 
da hüb sich große not; 

da jagt man vil der Schwaben in^, 
die in sich trunken den tod; 
die andern tet man jagen, 
das feld man do gewann, 
darzfi hat man in erschlagen 
drüzehen hundert man. 

7. Alle die im züsatz* sind gesin, 
die ich nit nennen kan; 

was ere hand si geleget in, 
mag man wol verstan. 
Inen ist gar wol gelungen 
im Schwaderloch vor dem wald; 
dri fendlin band si gewunnen 
mit kreftiglichem gewalt. 

8. Nun sag ich das on allen spot 
und bi der trüwe min, 

daß wir band gehept das glück von got 
und von Maria der müter sin. 



* feste Stellung ; Hauptmacht. ■ in 8 folgenden Strophen werden 
als Theilnehmer am Kampfund Siege genannt und gerühmt: Zürich, 
Bern, Luzern, Uri, Schwyz, Unterwaiden, Zug, Freiburg, Thurgau, 
St. Gallen. ^ da — in, da hinein, in den Rhein. * Hülfsheer. 



80 HISTORISCHE 

daß wir also sind obgelegen^ 
und band gewannen den sig. 
Herr gott, frist uns lang das leben 
und send uns din götlich frid! 

9. Tusent und vierhundert 
im nun und nünzig jar 
da haben wir gewunnen 
der büchsen ein loblich zal; 
eine heißt der Seckel*, 
also ist si genant, 
damit wolt man bezalen 
drü ort im Schwyzer land. 

10. Der uns das lied nüwes sang, 
Hans Wick ist er's genant; 
von Luzern ist er geburtig 
und zu Ure wol erkant. 
Er ist im züsatz gewesen 
zu der selben zit, 
gen disem werden meien^, 
der uns vil fröiden git. 



IL Schlacht bei Glurns 

jetzt genannt «an der Calven», früher «auf der Malserheide». 

s. Bd. I, S. XXXII. 

I. So will ich aber singen, 
singen ein nüws gedieht, 
wol von den drien bünden, 
wie es inen ergangen ist. 



^ gesiegt haben. * von Konstanz. ^ Die Schlacht geschah am 
II. April, wert, angenehm, erwünscht. 



LIEDER 8l 

dem Etschland ist wol erkant: 
die krei^ ist ußgeflogen 
dem Steinbock in sin land. 

2. Es tet dem edlen Steinbock zorn, 
do er vernam die gest: 

«krei, du bettest wol emborn^, 
wärest 'bliben in dinem nest! 
es tut dir warlich niemer gut, 
ich will mich an dir rächen, 
du tribst groß Übermut.» 

3. Der Steinbock was sich nit sumen, 
er macht sich uf gar bald: 

«ein letze ^ wend wir rumen 

bi einem grüenen wald; 

die Schmucker* wellen wir grifen an, 

daß menge frow muß weinen 

umb iren elichen man ! » 

4. Die dri pünd kamen gezogen 
am pfingsttag ins Engadin: 
«frölich wend wir es wagen, 
Maria welle bi uns sin! 

si will uns niemermer verlan, 
darzü der bünden künig^ 
sant Lucius mit siner krön.» 



* Krähe, das Wappen Tirols, wie der Steinbock das von Stadt 
und Bisthum Chur. * entbehrt, unterlassen. ^ die von den Tirolern 
aufgeworfene Verschanzung im Engpaß der Calven, am Ausgang des 
Münsterthals. * Bergknappen, wohl von schmuckm, sich ducken. Von 
einem Bergwerk mit Schmelzhütte soll auch die Calve ihren Namen 
haben. * Schutzpatron des Landes. 

II. 6 



82 HISTORISCHE 

5. Am mäntag waren si komen 
gön Münster in das tal; 

die schmucker heten's bald vemomen, 

si nisten sich überall; 

si heten ein letzi fest. 

die rüter waren d' bünd anschowen: 

«da komt uns frömbde gest! 

6. Wir wend's inen wol entbieten, 
den bünden allgemein; 

unser kilbe sönd si sich g'nieten^ 
keiner kompt inen wider heim! 
wir wend in schenken uß einem faß, 
in der Etsch wend wir s' ertrenken, 
so turfend s' niena glas* ! » 

7. Nig von Brandis* begund jechen*: 
«daß üch nit fei die schanz! 

an der steig han ich's gesechen, 

heten d' buren iren fasnachttanz, 

namen mengem Swaben sin junges leben: 

ir sönd si nit verachten, 

den rat will ich üch geben. 

8. Dann ich will ir nit beiten, 
das red ich uf minen eid; 
si spannten mir die selten*, 
wurd ich inen in ir hend. 



^ sie sollen sich an unserer Kirchweih ersättigen. Vielleicht 
stand das Fest irgend eines tirolischen Kirchenpatrons bevor. ' so 
bedürfen sie keine Gläser; vgl. Bd. I, S. 28. * war in einem Gefecht 
am Luziensteig mit den Schwaben gewesen. * sagen. * würden mich 
arg misshandeln. 



LIEDER 83 

fliechen wirt morgen min bester b'scheid; 
der mit mir well von hinnen, 
es wirt im niemer leid^!» 

9. Die schmucker heten für sich g'nomen^, 
die letzi nit zö Verlan: 
«ob fünfzig tusend komen, 
wir wend si wol bestan, 
si siend Swizer oder bündlüt, 
es bringt in keinen fromen; 
umb all weit gebend wir nüt ! » 

10. Die dri bünd giengen zu rate — 
heten mengen wisen man — 

an eim zinstag abend spate: 
wie wend wir s' grifen an? 
«wir wend ordnen ein hinderhüt^, 
zwen hufen wend wir machen.» 
der anslag tucht si gut. 

11. Da es was umb mittenacht, 

wie bald man von dannen zoch! 

der ein huf rückt mit macht 

über ein berg, was hoch, 

die Schlingen ist der berg genant; 

wol uf dem mitten tage 

kam man in der fiend land. 

12. Die dri bünd waren ir fiend anschowen, 
wol funfzehen tusent man: 

si ruften an unser frowen, 
sant Luzi mit siner krön: 



* er wird es niemals bereuen. * sich vorgenommen. ' Hinter- 
halt, vielmehr aber eine Umgehung; s. Str. 11, 3 — 5. 



84 HISTORISCHE 

«die wellen uns hüt hilflich sin!» 
ir Ordnung waren si machen, 
ir hufen der was klein. 

13. In die bündlüt was man schießen, 
der schlangen heten si vil; 

die bünd was es verdrießen: 
«wie stan wir hie still zum zil^?» 
der bünd waren viertusent man, 
si heten löwes mut, 
si griffend s' frölich an. 

14. Der houptman sprach: « wir wellen rücken, 
dann es ist an der zit; 

die krei wirft uns ab die brücken, 
vil hufen hat si mit lüt.» 
den ersten hufen griffen si an, 
von inen was er sich wenken, 
er wolt inen nit bestan. 

15. Do der selbig huf was fliehen, 
di dri bünd wanten sich bald; 
gegen inen Sachen si ziehen 
zwen hufen uß einem wald. 

in Maria namen griffen si s' an; 
noch verborgen in dem walde 
hatt die krei zwen hufen stan. 

16. Noch versorget^ heten s' die letzi 
mit lüten und büchsen vil, 

vier bastien darin gesetzet 
und schußen all zu eim zil; 



* nach der Abrede sollte die Hauptmacht mit ihrem Angriff im 
Engpaß auf ein Zeichen warten, das der über den Berg gezogene 
Haufe geben würde; unterdessen blieb sie dem Feuer der Feinde 
ausgesetzt. * besetzt. 



LIEDER 85 

mit schießen triben si großen gwalt. 
der Steinbock was die kreien jagen 
wol in dem grücnen wald. 

17. «krei, du magst nit gar entrünnen, 
ich han dir's vor geseit; 

groß kumber mustu hüt gewännen, • 

din bosheit wird dir leid! 

ich will dich bringen in jamers not, 

daß diser grüener walde 

von blüt muß werden rot ! » 

18. Die krei was sich schmucken, 
in dem wald si umhar floch; 
die federn ward man ir rupfen, 
die fecken si nachar^ zoch; 

man rupft ir die federn uß irem swanz, 
daß si in dem grüenen walde 
macht mengen krumen tanz. 

19. «Krei, din anslag wend dir feien, 
die dich hand getunkt gar gut; 
mit halebarten wil ich dir strelen 
und zwagen^ mit dinem blüt! 

ich will dich strelen uf den grund, 
daß du fürhin* solt kennen 
die puren im grawen pund! 

20. Krei, du hattest dich vermessen, 
uß dinem Übermut 

mir bereit ein abendessen; 
das kost dich lib und gut; 



^ hinter sich her. fecken, Fittige. * waschen. ^ in Zukunft. 



86 HISTORISCHE 

das trank, das du mir hattest bereit, 
das müstu selbs ußtrinken, 
wär's dir im herzen leid!» 

21. Die büchsen was man inen abeloufen^, 
als uns die warheit seit; 

pulver, stein dorft man nit koufen, 
man fand es darbi bereit; 
daruß schoß menger houptman gfit; 
von dannen begondend s' loufen, 
gestillet was ir übermfit. 

22. «Krei, ich han mit dir gefochten 
wol über die vierden stund; 

an dir han ich mich gerochen 
und an dinem stechlin* bund; 
die letzi han ich dir g'wunnen an, 
dine büchsen und dine banner 
mfistu den pünten lan ! » 

23. Da hat man in erschlagen 
im wald und uf dem feld 
viertusent, hön man klagen, 
die man do hat gezelt, 

on die in der Etsch ertrunken sind, 
der zal mag niemant wüssen; 
des klagt sich menges kind. 

24. Do sach man gar bald brinnen 
das land wol überall, 

kein hus mocht da entrinnen 
im berg und ouch im tal. 



^ im Sturmlauf entreißen? oder: unterlaufen? ' stählern. 



LIEDER 87 

SO erbarmen mich vil kleiner kind, 
daß si durch ire herren 
in jamer komen sind. 

23. Küng, laß von dinem kriegen, 
din anslag hand dir gefeit; 
du wirst dich selbs betriegen, 
die puren hand dir gestrelt. 
die dri bünd woltest du zerbrochen han, 
das ist dir misselungen, 
es kost' dich mengen man. 

26. Die dri bünd hand sich verbunden 
wol zu dem ruchen stier; 

inen ist wol gelungen; 

der beren sind ouch vier^; 

der Steinbock hat mengen stolzen man, 

in träwen und in nöten 

will er ouch bi in stan. 

27. Der uns das lied hat gesungen 
und singt zu diser stund, 
keinem herren ist er verbunden, 
er sitzt im grawen bund; 

zu Cur ist er gar wol bekant, 

sin narung ist er suchen 

in tütsch und welschem land. 



* Es sind wohl die auch in früheren Liedern (Bd. I, S. 28, und 
II, S. 5 1,7) geraeinten von Bern, Abtei und Stadt St. Gallen und Appen- 
zell. Ueber das Historische der Schlacht vgl. die ausführliche und 
gründliche Abhandlung von Prof. Vetter im Jahrbuch für Schweiz. 
Geschichte Bd. VIII, 203 ; über theilweise Entlehnungen des Liedes 
aus anderen ebd. S. 252; nur sind dort gerade die Berührungen mit 
dem in unserm Bd. I, S. 25 ff. mitgetheilten (Str. 8 — 9) übersehen. 



88 HISTORISCHE 

III. Schlacht bei Dorneck. 

s. Bd. I, S. XXXIII. 

1. An einem mändag es beschach, 

daß man die Oesterricher ziechen sach, 
und^ Dorneck wolten si beschowen; 
und Dorneckj du vil hoches hus, 
du tust inen wfe in den ougen. 

2. Si zugent an der Pirs hinab, 

uf Dorneck was menger Swizerknab, 
si band sich erlich gehalten; 
si sprachen: «länt si komen bar, 
so wend wir's got lan walten ! » 

3. Si kament fürbaß uf dem plan, 
die buchsen hant si fürher getan. 
Dorneck wolten si erschießen; 

si buten in vil der snöden wort, 
es begond si sßr verdrießen. 

4. Si zugent noch nächer hinzu, 

si lüejeten recht wie ein Swizer ku, 
es gond* die eidgnossen verdrießen: 
«so wend wir's Maria klagen 
und Jesum dem vil stießen !» 

5. An einem montag es beschach, 
daß man das leger slachen sach 
an Dorneck bi der feste; 

und Domeck, du vil hoches hus, 
dir koment vil frömbder geste! 



y hier öfter in der zum Lied von der Schlacht bei Nancy S. 66 
bemerkten Weise pleonastisch gebraucht. * = begond 3, 5. 



LIEDER 89 

6. Der vogt der was ein wiser man: 
«ach got, wie wellent wir's grifen an, 
daß wir die sacli verenden?» 

er ließ schnell ein bot hinuß, 
gon Liechstall tet er in senden. 

7. Und do der bot gon Liestall kam, 
die eidgnossen warent vor im do, 
si saßen in allem essen: 

«ich biten üch, fromen eidgnossen gut, 
deren uf Dorneck wellent nit vergessen ! » 

8. Der Schultheiß hinder dem tische saß 
und er den boten anesach: 

«und bot, was ist dir angelegen?» 
«ach herr, liebster herre min, 
und Dorneck das ist umbiegen^!» 

9. Der Schultheiß was ein wiser man, 
sin essen das hatt er vor im stan, 
dannocht^ wolt er nit bliben: 
«woluf, ir lieben eidgnossen gut, 

die landsknecht wollen wir vertriben ! » 

10. Si zugend bald ze Liestall uß, 

gegen den Osterrichern hatten si keinen grus, 
keiner wolt daheimen bliben; 
si zugeri uß früschem friem mfit, 
von Domeck wolten si s' vertriben. 

11. Und Dorneck, du vil hoches hus, 
der koch der slug die kuche uf, 



* belagert. * s. zum Lied von der Schlacht bei Nancy S. 67. 



l 



90 HISTORISCHE 

er tet die häfen schumen; 
eb^ es ward ein halbe stund, 
da tet man in die kuche rumen. 

12. Si zugend an dem grüenen wald har, 
der Osterrichern was ein große schar, 
si band sich unerlich gehalten, 

si fluchen über die grüene beide uß, 
die köpf tet man inen spalten. 

13. Die eidgnossen band eine list erdacht, 

si band die Schwaben gen Domeck 'bracht*, 
si und ire gesellen; 
ir sind ein teil von Straßburg gesin, 
es müege^ wem es welle! 

14. Si sind gestanden uf weichem grund, 
di tusend bliben tod und wund, 

das plären* tet man in vertriben: 

die büchsen, die hatten si vor Dorneck 'bracht, 

die sind den eidgenossen 'bliben. 

15. Der uns das liedlin nüwes sang, 

ein früscher eidgenoß ist er's genant, 
er hat's gar frölich gesungen; 
er hat mengen Swaben erstochen 
und mit den Straßburgern gerungen. 



E^- 



^ ehe. ^ durch Verbreitung der falschen Nachricht, die Eidge- 
nossen seien in's Thurgau gezogen. * bemühe, thue leid ? * = lüejen 4, 2. 



LIEDER 9 1 

«Von den JLuther'schen zu Solothum. » 

s. Bd. I, S. XLII. 

1. Nun* wend wir aber heben an 

und singen ein liedlin, weil ich kan, 
und^ wie ich hab vemomen 
und wie der Türk* mit großem gwalt 
in d' eignoßfchaft ist komen. 

2. Und als er ist von Wien entronnen, 
ist er auch gon Zürich kommen, 

do ward er ingelassen; 

er gab dem Zwingli vollen gwalt, 

solt rauben kilchen und Straßen. 

3. Das hat im got nit woln vertragen, 
die fünf ort band in erschlagen; 
thüt etUch stett verdrießen, 

die band aus gloggen buchsen g'macht 
und wolten uns erschießen. 

4. Zu Solothurn kamen auch acht man, 
einen schimpf band si gefangen an, 
das wolt got nit vertragen; 

und betten wir('s) im* recht gethan, 
wir betten s' all erschlagen. 

5. Si betten sich auf einmal vermessen, 

z' Schifflüten^ betten s' z' morgen g'essen 



* Die Handschrift hat und. * hier wie im Lied von der Schlacht 
bei Dorneck. * hier im Sinn von Antichrist, aber mit Beziehung auf 
die damalige Türkengefahr in Oestreich. * ihm, Dativ von es; recht 
als Adverb, nur sollte dann das vorangehende es wegfallen. • ein 
Zunfthaus. 



92 HISTORISCHE 

mit hämisch und mit spießen 
und wolten uns im bett ermorden, 
so wir lägen und schliefen. 

6. Do si sind von den Schifflüten kommen, 
das büchsenhaus hand s' ingenommen, 
die stat wolten si g'winnen 

und wolten ein'r frommen eidgnoßfchaft 
ir alten bund zertrennen. 

7. Und das ist war und nit erlogen, 

uf sant Ursen kilchhof sind si zogen; 
das thet uns all verdrießen; 
uf allerheiligentag es geschach, 
thet man in d' vorstat schießen. 

8. Sant Ursen wend wir rufen an, 

Maria wöU uns beistand thün 

und ir kind für uns bitten, 

daß es in unser großen not 

für uns welle striten. 

i 

9. Die heiligen wend wir nit vergessen, 
wollend bliben bi der messen 

und bi den siben sacramenten, 
die uns gott der herr verlassen hat 
an sinem letzten ende. 

10. Noch eins und das ist auch darbi: 
si sprechen, es si ein ketzeri, * 
der pabst heig uns betrogen, 
und was er uns geleret heig, 
das si alles erlogen. 



LIEDER 93 

11. Darbi kan ich's nit lassen bliben, 

so^ man im evangelium findt geschriben 
von den falschen lerem, 
si werden kommen zur letzten zeit 
und werden das volk verkeren. 

12. Der uns das liedlin new gesang, 

«der Niemand hat's gethan» ist er genant, 
er darf sich selbst nit nennen; 
denn kam er under die luthrischen baurn, 
si thäten in verbrennen! 



-« ♦ x » «- 



Ein iiüpsch nüw lied von der schlacht, 

so die von Bern mit dem herzogen von Savoy by Nu wen' 

gethon habend. 

s. Bd. I, S. XLIII und S. 39. 

1. O Bern, du magst wol frölich sin 
in dinem vaterlande; 

got hat den wenigen mötzli^ din 
groß gnad than und bistande; 
errettet hat er s' uß todes not; 
darumb so land uns danken got, 
siner milten trüwen hande! 

2. Daß wir allein band prist din nam, 
des thet uns menger hassen; 

das hast, herr, nit ung'rochen g'lan, 
das Schwert thetst selber fassen 



^ da (doch vielmehr). ' Nyon. ® = mütiU, junge Bären. 



94 HISTORISCHE 

und gabst's dem beren in sin band, 
als er lag zwüschend roß und wand^ 
enet Neus* in der gassen. 

3. Er was gezogen durch das 'birg 
schier mit fünfhundert mannen, 
denen stand allein ir begird, 

zu erlösen die verbannen* 
in Genf um der gerechtikeit, 
mit den messknechten hart umleit*; 
si wurdend hart empfangen. 

4. In einem trüppel zügend si har 
am suntag früe zu morgen; 
die find namen ir eben war, 

si lagend still verborgen 

hinder einem grüenen dicken hag; 

vergeben schußend s' uf si ab; 

si schrüwend: dran frisch on sorgen! 

5. Die unseren waren heiligt und müed, 
si hattend gar nüt g'essen. 

in drien tagen, der spis gar öd^, 
schlahen s' sich nit vermessen'; 



* beengt, bedrängt. * jenseits Nyon, in einem Engpaß bei Gingins. 
Da der Rath von Bern zunächst für Genf noch nichts thun wollte, 
waren 500 Freiwillige vom Bieler und Neuenburger See der Stadt 
zu Hülfe gezogen. Unter Mangel an Lebensmitteln bis nach Nyon 
gelangt, ließen sie sich am 10. October 1535 in jenen Engpaß locken, 
wo ihrer ein weit überlegenes savoyisches Heer wartete; sie schlugen 
sich aber mit starkem Verlust der Feinde durch. * Gebannten. * von 
den Katholiken umlagert. * ermattet, erschöpft; vgl. behelligen, er- 
müden, plagen. * leer von — . ' (hatten) sich gefasst gemacht auf — . 



LIEDER 95 

den Jenfern haltend s' geben für^, 
vermeintend, die straß war gehür^, 
woltend iez zu in hassen^. 

6. Aber eb man durch die gassen kam, 
der fiend hart thet schießen; 

da hatt einer siben zu bestan, 

vil warend werlos on spießen. 

do spraciiend s': got wird's mit uns han! 

ein ietlicher wolt vornen dran, 

der fiend mocht sin nit g'nießen*. 

7. Do sach man manchen berner knab 
mit spießen gar nit feien; 

die andern brachend durch den hag, 

do gieng es an ein strelen; 

ir keiner mocht mfir z' schießen kan^, 

d' schäft thätend s' in uf d' blatten^ schlan, 

der bar thet also welen^. 

8. Ein herter schimpf® gesach man nie 
mit stechen und mit schlachen; 

ein ieder thet mer dann ich hie 
mög singen oder sagen, 
die mötzli auch, klein, jung und alt, 
trucktend i'n hufen mit gewalt, 
man sach gar keinen zagen. 



* Nachricht gegeben ? * geheuer, sicher. * passieren, hinziehen. 

* der Feind konnte von solchem Muth keinen Vortheil gewinnen. 

* kommen. * Hirnschale, Schädel. ' wählen? (griff zu diesem Ver- 
fahren und hatte wohl auch keine andere Wahl?) ® Spaß, im Sinn 
von: Kampf. 



96 HISTORISCHE 

9. Der fiend sagt selbs, ich hab's gehört, 
es g'schach nie glichs in landen; 
ich glaub, es sig kein spieß enbört\ 
fünf baren sind dran gestanden, 
darbi man spürt groß gottes gnad, 
die er den sinen geben hat, 
der geschmirwten* rott zu schänden. 

10. Gar thür ward menchem des^ baren tanz, 
besunders den gewichten; 

kein gwer in siner band bleib ganz, 
die messknecht thet er strichen; 
mit spießen er den segen gab, 
mit hallebarten zoch er ab, 
büß thet er in verliehen*. 

11. «Das ist warlich ein harte bfiß». 
hört ich von mengen sagen, 

«ich wönd^ er hett ein dorn im fuß, 
so^ thet er's trutzlich wagen.» 
der sich doch alles rechten flißt, 
erzürnt man in, er kratzt und bißt, 
messknecht hat er thün jagen. 

12. Doch so bald im got gab den sig; 
fünfhundert "^ sind umbkomen, 
siben der manne und ouch ein wib, 
zwen knaben allersamen. 



^ erhoben. Die folgende Angabe von 5 Bären an jedem Spieß 
ist wohl auf Str. 6, 4 zu beziehen. Ustcri liest herren statt hären, wohl 
mit Beziehung auf 6, 3. * geschmiert, gesalbt, zunächst Priester, 3ann 
Katholiken überhaupt ; vgl. gewicht, geweiht Str. 10, 2. ^ Die Hand- 
schrift hat der, wovon doch in Zeile 3 auf den Singular übergegangen 
wird. * Dieses Bild wohl aus dem Sempacher Lied I, 2 entlehnt. 
^ für wänt, wähnte. ® nun aber. ^ so viele von den Feinden, die 



LIEDER 97 

si band ußzogen^ nie kein man, 
irs güts si nüt begeret band, 
allein gftt gwer genomen^. 

13. Dis lied das bat ein Berner g'macht, 
von guter gsellen wegen, 
daß si wandlind recbt, tag und nacht, 
gots wort in si ang'legen 
und dis tbujind zu berzen nen, 
daß got den sig mög nen und gen, 
im lob und dank drum sagen. 



« » x * ' 



Ein hüpsch nüw lied von der schlacht im Bemund^ 

beschehen am Ostermontag im 1544 jar. 

s. Bd. I, S. XLIII. 

I. Im namen der beiligen dryfaltigkeit 
so wil icb beben an; 
got vater, sun und beiliger geist, 
die 'wollend uns nit verlan! 



folgenden Angaben beziehen sich auf die Berner, unter denen auch 
einige Frauen gewesen sein sollen. 

' Todte ausgeplündert. * 6 folgende Strophen sind weggelassen, 
welche von Unterhandlungen berichten, die nach diesem Gefechte 
eintraten und die Rückkehr des Freicorps zur Folge hatten, worauf 
doch schon im nächsten Jahre die Berner mit Heeresmacht zur Er- 
oberung der Waadt ausrückten. ® Piemont. Die Schlacht heißt auch 
« bei Carignano ». Berichte über dieselbe s. im Anzeiger f. Schweiz. 
Gesch. 1883, S. 115 — 119. Gegen Ende des zwanzigjährigen Krieges 
zwischen Kaiser Karl V. und Franz L, König von Frankreich, hatte 
der kaiserliche General, der Marquese von Guasto, im Herbst 1543 
die Franzosen (und die mit ihnen verbündeten Türken) zur Auf- 
hebung der Belagerung von Nizza gezwungen und die Städte Mondovi 

II. 7 



L 



98 HISTORISCHE 

wir thund dich trüwlich bitten: 
verlych uns gnad und kraft, 
und^ daß wir mögind behalten 
das lob der frommen alten, 
einer loblichen eidgnoschaft. 

2. Nun merkend uf groß wunder, 
wie es ergangen ist; 

davon so wend wir singen 
uß gnad herr Jesu Christ; 
hat gnad gethan besunder 
den frommen eidgnossen gut. 
o got in dynem himel — 
das glück ist iezund sinwel^ — 
hab uns in dyner hut! 

3. Im tusend und fünfhundert 
und vier und vierzigsten jar, 

do hend die frommen eidgnossen 
ein großen fcldstryt gethan 



und Carignan eingenommen. Die in Mondovi gelegenen, in franzö- 
sischem Dienste stehenden Eidgenossen sollen durch einen erdichteten 
Brief zur Uebergabe verlockt worden sein. Bei ihrem Abzug war 
zwischen ihnen und spanischen Truppen, die über sie herfallen wollten, 
eine Rauferei entstanden. Im März 1544 begann der französische 
Befehlshaber, der junge Herzog von Vendome, den Feldzug mit der 
Belagerung von Carignan, und als der Marquese zum Entsatz heran- 
rückte, brachte er ihm bei Cerisole eine schwere Niederlage bei, zu 
deren Entscheidung besonders 3400 Eidgenossen beitrugen, die mit 
dem Racheruf «Mondovi ! » auf die Spanier eindrangen. König Franz 
ließ der in Baden versammelten Tagsatzung durch einen Gesandten 
seinen Dank ausfprechen. 

^ so. * kugelrund, bildl. wandelbar. Der Reim ergibt sich aus 
der mundartlichen Ausfprache simel; vgl. Simeliberg, 



LIEDER 99 

an dem Ostermontag. 

uf einer grüenen heid, 

da band sy ir fyend g'schlagen 

in's küng von Frankrychs namen; 

ist dem margkysen leid. 

4. Der margkys thüt uns schelten, 
embüt^ uns böse wort, 

er wöU uns all lan henken 
und darzü schlahen z' tod, 
kein Schwyzer lassen blyben, 
und schlan mit synem beer, 
vom küng wöU er sy tryben, 
daß sy daheimen blyben, 
wider in nit kriegind meer. 

5. Türken, ketzer thund s' uns sagen 
und anders noch vil meer; 

wir wend's got trüwlich klagen 
und allem himmelschen beer, 
ja, daß die frommen eidgnossen 
also verachtet sind, 
frisch uf, ir Schwyzerknaben, 
gen fynden wend wir traben, 
wend schlahen sy uf d' grind ! 

6. Sy band's an uns erworben^ 
fürwar an mengem end; 

zu Muntuwig vor der stat, 
daran wir denken wend, 



' entbietet. * es um uns verdient. 



100 HISTORISCHE 

wie sy uns . band gehalten 
kriegsrecht, ouch frid und g'leit. 
wir wend trüwlich uf üch warten 
mit spieß und hallenbarten 
on vorteil uf grüener heid. 

7. Ir sind im land ümbzogen, 
tribend groß Übermut, 
Garyan* yngenommen, 
gemacht pastyen* gfit, 
daselbs vil mutwill triben, 
ouch hoffart und bfibery; 
ir aßend gut kapunen 

und hennen gebraten*, 
rossfleisch zületst darby! 

8. Der margkys kam gezogen 
am heiligen ostertag 

mit zwenzigtusend mannen 
zu fuße, ich üch sag; 
Gary an wolt er spysen*, 
en'tschütten^ mit syner macht, 
die Franzosen möß ich loben, 
sind in die straß fürzogen ^, 
ein scharmutz mit in g'macht. 

9. Uf möntag an dem morgen 
do brach das leger uf ; 

gen fynden ist man zogen 
von Carmiölen uß. 



* Carignano. ^ Basteien, Befestigungen. ' vielleicht: und ouch 
gebraten hüener. * verproviantiren. * entsetzen. * ihnen entgegen, 
gezogen. 



LIEDER 10 X 

uf eine halbe tütsche myl 
sach man den fyend stan, 
vier hufen gwaltiglichen, 
zu roß desfelben glychen, 
glißend^ wie ein Spiegelglas. 

10. Do fieng man an scharmützen, 
das wert' dritthalbe stund, 

das groß gschütz thet zöher rucken, 

ist mengem kriegsman kund; 

's handgschütz gieng wie ein hagel, 

das groß darunder lut. 

fürwar, ich g'sach kein zagen: 

« frisch dran, wir wollendes wagen ! » 

schrüwend die houptlüt gut. 

11. Da thet man z'samen rucken 
uf einer beide grüen; 

ich g'sach sich keinen schmucken, 
die fyend warend küen, 
frölich mit uns zfi wagen, 
schwungend die fendly herfür; 
sy thetend uf uns tringen, 
von mötwill thatend s' springen, 
wir machtend in gut g'schirr^. 

12. Die Schwyzer und die landsknecht 
die griffend einandren an; 

da gieng es an ein fechten, 
es kostet mengen man. 



* sie glänzten. * freundlichen Empfang. 



102 HISTORISCHE 

die Schwj'zer ich drumb loben, 
sy schlögend dapfer dryn, 
sy stachend dryn mit spießen; 
das thet d' landsknecht verdrießen, 
keiner wolt der hindrest syn. 

13. Ein Schwyzer thet lut schryen: 
«mit den hallbarten herfür, 
flux uf die rechten syten ! » 

da wurd in lachen thür^. 
vil edler ritter und grafen 
die woltend wychen nit. 
wir schlagend druf on truren 
glychwie die schwyzer buren, 
schontend des adels nit. 

14. Wir schlögend s' hindersich z' ruggen, 
gar seer sy das verdroß; 

die fyend thatend rucken 
mit irer Ordnung groß 
und thatend heftig stryten, 
sy warend wol gerüst; 
die Schwyzer thatend fechten 
mit houwen und mit stechen; 
den grind band wir in 'bürst'. 

15. Die landsknecht fiengend an wychen, 
ir hoffart hat ein end; 

sy ließend d' fenly schlyclien, 
die flucht sy genommen hend 



^ wurde ihnen das Lachen verleidet. 



LIEDER 103 

alls^ über ein wite beide; 
da was ein graben groß; 
sy stakend sich zu wcren^, 
die Schwyzer ratend s' beren^ 
mit iren Schwertern bloß. 

16. Ir fendly band wir genommen, 
es kam nit eins darvon; 

vil houptlüt, ritter, graven 
und mengen edelman, 
ja die wir band erschlagen, 
mengen kriegsman gut, 
sy möchtend ein erbarmen 
so vil der stolzen armen; 
die heid von blüt was rot. 

17. Sy lagend in den Straßen 
und straktend uf ir hend: 
«bittend üch, frommen eidgnossen, 
daß ir uns g'fangen nend 

und fristind unser leben, 
helfind uns uß diser not. 
wend leben nach üwrem willen, 
durch Jesus Christus willen, 
der für uns leid* den tod.» 

18. «Ir band uns dröuwt zu henken, 
keinen nit lassen gan, 

die Franzosen ufs meer^ verkoufen. 
das ander alls erschlan. 



* an einem fort. * setzten sich zur Wehr. ® schlagen. * litt. 
* auf die Galeeren. 



1 04 HISTORISCHE 

das wend wir üch yntrenken, 

solch hofFart und übermät. 

das leben wend wir üch schenken, 

daß ir daran gedenkend, 

kein Schwyzer verschmähen thund. )> 

19. Die Schlacht die nam ein ende, 
man seit got lob und dank, 
die gefangnen an ein hufen 
und tatend ein widerschwank ^ 
«lugend, liebe eidgnossen, 
über dise wyte heid! 

es ist uns keiner entrunnen, 
ein gfit lob band wir g'wunnen; 
das ist dem margkysen leid.» 

20. D' Franzosen sind gestanden 
bi uns zu rechten syt, 

by den dry tusend mannen, 

band 'than wie biderb lüt. 

die band d' Taliöner* g'schlagen 

und einen reisigen huf, 

die fendly alle g'wunnen; 

ir ist nit vil entrunnen, 

band sy all g'riben uf. 

21. Wyter muß ich melden, 
wie wyt wir s' triben band: 
ein halbe tütsche myle, 

da wir erwunden* band \ 



* wir brachten die Gefangenen zusammen und kehrten dann auf 
das Schlachtfeld zurück (?). * die Italiener. ^ erwinden: ablassen 
(von der Verfolgung). 



LIEDER 105 



in der fynden leger, 
Zirasoli genant, 
nit wyter sind sy gewichen, 
wir hand s' all erstrichen^, 
geschlagen mit unser hand. 

22. Ein Franzos kam getraben, 
der selb schrei überlut: 
«woluf, ir Schwyzerknabeh, 
es ist ein großer huf, 
dieselben sind nit g'schlagen, 
stond dort uf grüener heid. 
frisch dran, wir wollend fechten 
und uf sy houwen und stechen ! » 
zä stryten was man geneigt. 

23. Wir thatend gegen in tringen 
on alle Ordnung hin; 

sy ließend 's gschütz erklingen 
und woltend abziehen fyn. 
wir trungend uf ir Ordnung 
und schlügend dapfer dryn 
mit spießen und hallbarten; 
sy woltend uns nit warten, 
keiner wolt der hindrist syn. 

24. Man thet sy bald umbryten*, 
sy mochtend entrünnen nit, 
sy mfißtend unser beiten 
und warend gefangen lüt, 



' eingeholt. ^ überflügeln, umzingeln. 



106 HISTORISCHE 

die Spanger all erschlagen, 
keinen nit lassen gan; 
wend inen dis mord^ yntrenken, 
keim Spanger gar nüt schenken: 
Muntuwig bezalt den Ion*! 

25. Der künig unverdrossen 
spricht das by syner krön, 

er lobt die frommen eidgnossen, 
daß sy thünd by im stan, 
daß sy ouch helfend b'halten 
stett, schloß und wyte land; 
wo sy nit by im bliben, 
man gloubt, er wurd venriben 
uß Frankrych synem land. 

26. Er spricht zu den eidgnossen, 
er wöU's uns g'nießen lan, 

er wöll uns eerlich halten, 
diewyl er mög 's leben han, 
lieb und leid mit uns lyden, 
uns geben ein guten sold: 
«lönd üch nit von mir tryben, 
thund stät by mir belyben, 
an üch rüwt mich kein gold ! » 

27. Darmit so will ich's enden, 
wol dis gedieht fürwar; 

ich hoff, gott werd uns senden 
vil glück und orfite jar, 



* ihren bei Mondovi begangenen Verrath. * Im Original folgen 
hier 10 Strophen, welche in trockener Aufzählung und zum TheiF 
mit Wiederholungen den Verlust der Feinde und den Betrag der 



LIEDER 107 



und daß wir frommen eidgnossen 
in frid und einigkeit 
unser alt lob emüwen. 
zu got ruf ich in trüwen, 
er hab uns nüt verseit. 

28. Der uns dis lied nüw gesang, 
von nüwem gedichtet hat, 
das hat gethan ein kfiegsman, 
wie bald er kam ab der schlacht. 
er ist wyt umbher zogen 
in tütschem und welschem land; 
kein trüw kan er nit finden, 
die weit ist voller Sünden: 
Caspar Suter^ ist er genant. 



£in Lied von der grossen Schlacht und Niderlag 

vor Montecurt in Frankrych, den 3. Octobris Anno 156g. 

s. BJ. I, S. XLVI. 

I. Zuvor wend wir anrüefen 
den Herren Jesum Christ, 
US ganzen Herzen Tiefe, 
dann er uns big'standen ist; 



Beute angeben (1500 Proviantwagen, Büchsen und Munition, Fahnen, 
Belagerungszeug und Schiffe). Die Eidgenossen sollen nur 40 Mann 
verloren haben, die Feinde über 13000, nicht mitgerechnet die Ge- 
tangenen, worunter 3000 Landsknechte, 900 Spanier. 

* Ein Caspar Suter von Horgen (Kt. Zürich) wird 1 549 als Schul- 
meister in Zug erwähnt und hat eine Chronik verfasst. s. Anzeiger 
f. Schweiz. Gesch. 1865, Nr. 2, S. 22 — 25. Er könnte wohl früher den 
Feldzug mitgemacht und das Lied gedichtet haben. (Nach einer 
Mittheilung von Prof. G. v. Wyß). 



I08 HISTORISCHE 

er hat uns 'geben Stärk und Kraft, 
daß wir band ing'leit Ehre 
der ganzen Eidgnoßfchaft. 

2. Es ist männiglichem künde 
in Frankrich überall, 

wie daß der Prinz von Conde 
mitsamt dem Amiral^ 
hand angerichtet Mord und Brand, 
im Grund wollen verderben 
Frankrich das edel Land. 

3. Und haben understanden 
zu samlen große Macht, 

in tütschen und welschen Landen 
vil der Bündnissen g'macht, 
sich beworben umb Geld und Lüt: 
zwar^ der Menschen Anschläge 
wider Gott die helfen nüt. 

4. Mit gar großen Finanzen^ 
sind sie gegangen um, 

als ob sie wolten pflanzen 
das Evangelium, 
daß man's verkündet überall; 
hand darmit an sich 'zogen 
von Tütschen ein große Zal. 

5. Den Herzogen von Zweibrücken 
hand sie 'bracht in das Spil, 
mit iren g'schwinden Tücken, 
und auch des Adels vil, 



* der Admiral Coligny, das Haupt der Hugenotten. * wahrlich, 
hier fast = aber. * Kniffe, Künste. 



j 



LIEDER 109 



daß er inen zuzogen ist 
wol mit nüntusend Pferden, 
die waren wol gerüst. 

6. Von Landsknechten sind gezogen 
der Fänli zwanzig und acht, 

die sind daher geflogen 
in Uebermöt und Pracht, 
sind damit gefallen in Burgund 
und hand angefangen brennen 
glich wie der türkisch Hund. 

7. Darnach sind sie dem Künig 
gefallen in das Land; 

es bekümmert sie gar wenig, 
ob schon mit Mord und Brand 
vil armer Lüten wurden g'macht, 
all Kirchen Zier zerrissen; 
uf Bosheit hatten s' Acht. 

8. Französisch Hugenotten 
die ritten vornen dran 
mit ihren wißen Rotten ; 
die zündten Dörfer an, 
verschonten weder Wib noch Kind; 
mocht inen ein Priester werden, 

so schlügen s' in z Tod geschwind. 

9. Im Dienst hat vor^ der Künig 
ein und zwanzig FänU gut, 
das ducht im nun zu wenig 
von Schwizer zu siner Hfit; 

vorher. 



HO HISTORISCHE 

darumb beschickt er gar g'schwind und b'hend 
der Fänli noch drizehen, 
ein b'sunders Regiment^. 

10. Das Regiment der alten 
hatt vor oft übel Zit*, 
eerlich band sie sich gehalten, 
als' wol am Tage lit: 

bi Irnack uf der witen Heid 
da ward der Prinz von Conde 
im Scharmutz niderg'leit. 

11. Der Herzog von Zweibrücken 
hat solches wol vernon; 

er wollt versuchen 's Glücke, 
dem Amiral biston; 
zu im zog er in Büberi, 
sin Hut hat in gebissen, 
die ward im 'kratzet fri. 

• 

12. Wir mochten s' nit erstrichen*, 
daß si uns wolten g'ston*; 

uf Vorteil® teten s' wichen, 
zogen allweg darvon, 
bis daß Gott ein Vernücgen hatt^; 
der kann ein Menschen finden 
hie und an jeder Statt. 



* Eine hier weggelassene Strophe rühmt den Eifer dieser neuen 
Truppe. * schwere Noth, harten Stand. ' wie. Irnack: Jamac an 
der Charente. * einholen. * Stand halten. • eine vortheilhafte Stellung 
suchend. ' bis es Gott genug dünkte. Die Wick'sche Handschrift 
hat: einen bim Haar hatt. 



LIEDER 1 1 1 



13. Mit inen hat man g'scharmützet 
am Fritag vor der Schlaclit; 
das hat sie wenig g'nützet, 
dann man ir vii umbracht; 
gern hätt man sie geschlagen gar, 
da wolten si nit gestan, 
wichen darvon mit G'far. 



14. Am Montag früe am Morgen, 
als nach St. Michaels Tag, 
zogen wir unverborgen 
gegen dem Find, ich sag, 
als man zalt nun und sechzig Jar, 
daß man s' lert kirchen berauben, 
und sie erilet gar. 



15. In d' Vorhut tet man stellen 
das nüwe Regiment; 
mit iren starken G'sellen 
hand sie zum ersten ang'rennt, 
mitsamt französischen Schützen gut, 
die sind bi uns gestanden 
bisits in der Vorhut. 



16. Die Ordnung ward gemachet 
an allen Orten fest: 
mit Ernst hat man betrachtet, 
daß man die fremden Gast, 
die dem Künig im Land sind g'sin, 
empfieng mit langen Spießen 
und schenkt inen den Win. 



/ 



112 HISTORISCHE 

17. Sie hattend wiße Kleider 
glich wie die Müllerknecht; 
wir funden s' uf der Heide 
bi Mirabion gar recht. 

ir groß gschütz ließen sie abgan, 
das tet uns wenig Schaden, 
wir zogen manlich dran. 

18. Man hat gar handlich g'schossen, 
unser Geschütz was gut; 

das hat s' übel verdrossen, 
es macht s' nit wolgemut; 
das Herz band sie verloren g'han, 
dann sie mochten wol wissen, 
daß s' übel waren dran^ 

19. Uf d' Knü sind wir da gefallen, 
die helge Drifaltigkeit 

'beten, daß sie uns allen 
mit ir Barmherzigkeit 
verliehe Stärk und Manneskraft, 
daß wir eerlich gesiegend 
zu Lob der Eidgnoßfchaft. 

20. Maria mit irem Kinde 
die soll auch bi uns stan, 
uns helfen überwinden, 
darmit in Hut werd g'han 

der war und alte cristelich glaub 
und daß der Kirchen Zierde 
nit also werd beraubt*. 



* Eine folgende Strophe rühmt die brave Haltung von Offizieren 
und Soldaten. ^ Drei folgende Strophen berichten, daß das junge Regi- 
ment der Schweizer die Landsknechte schlug, das alte die Hugenotten. 




LIEDER 113 

21. Bi uns was Herzog Heinrich, 
künig Karli Bruder fri, 

hat sich gehalten gar cerlich, 
Tütsch Rüter auch darbi, 
vil Reisig und Franzosen göt, 
darzfi etlich Italiener, 
sind gesin all wolgemfit. 

22. Es gieng an allen orten 
und praschlet^ grusam lut; 
man brucht nit vil der Worten, 
es kostet ire Hut; 

groß Hufen hüben ligen tot, 
sind uf einandren 'bürzlet 
und hatten große Not*. 

23. Vom Schimpft wollt man nit lassen, 
bis in die finster nacht; 

wir zogen inen d' Straßen 

und hatten uf sie Acht; 

ich glaub nit, daß ie g'hört wurd, 

daß man mit so kleinem Schaden 

ein solche Tat erwurb*. 

24. Niemand soll Wunder nemen, 
ob sie Gott hat gestraft: 

in irem Prassen und Schlemmen 
band sie's einandern 'bracht: 
Es gilt uf siben Schwizer hin, 
die ich will niderstechen, 
daruf trink ich den Win! 



* prasselte. * Zwei weitere Strophen zählen den Verlust der Feinde 
an Geschütz, Fahnen und Mannschaft auf. ® Spaß, Kampf. * Eine fol- 
gende Strophe berichtet, daß die Schweizer Gott für den Sieg dankten. 

II. 8 



^ 



114 HISTORISCHE 

25. Der Ander tet im gesegnen 
und schwur bim Sacrament : 
Wann d' Schwizer uns begegnen, 
um bring ich schnell und behend 
wol meer dann siben Schwizer stolz, 
sie müeßen niderfallen 

wie von einer Ax das Holz! 

26. Wir band mit langen Spießen 
Bescheid tun uf diß Trank 
und ließend sie des g'nießen, 
daß menger nidersank. 

die Bilder hatten sie zerhackt: 
also g'schach iren köpfen, 
was inen ungeschmackt ^ 

27. Jetzt wollen wir Gott bitten, 
daß er d' Eidgnossen gut 
vor Unfall wöU behüeten, 
beschirmen in siner hüt, 

allzit verheben Kraft und Macht, 
auch allen Christenmenschen, 
daß Einig werde g'macht. 

28. Wer dises Lied hat g'machet, 
der ist g'sin bi der Tat; 

das hat in verursachet, 

daß er's gesungen hat 

allen Schwizern zö Lob und Eer 

er nennt sich Bartli Reygel, 

Unfall der si im feer^! 



^ unschmackhaft. * fem. 



I 

i 

j 



LIEDER 1 1 5 

Der Text ist vorwiegend nach der bei Wick vorliegenden Gestalt 
gegeben, jedoch an einigen Stellen mit Benutzung des spätem Druckes. 
Str. 19, 6 hat Wick: beschinet. Str. 23, 5 hat Wick vil statt ie, 24, 6 
nidcrschlaben, drumb trink ich disen Win. Str. 25, i hat Wick: uns 
l^esegnen. Str. 27, 7 hat der Druck: daß s* einig werden. Einig bei 
Wick ist Subst. Einigung, Friede. Die Ueberschrift lautet im Druck : 
Von dem ritterlichen Streit und Feldschlacht vor Mirabion, geschehen 
im 1 569 Jahr. Schweizerische Berichte über die Schlacht bei Mon- 
contour s. Segesser, L. Pfyflfer Bd. II, S. 648 — 656. 



-» • m. * • 



Ludwig Pfyffer und Melchior Lussi. 

s. Bd. I, S. XLVIII. 

1. Mich dunkt, es welle fehlen 
mit loblicher Eidtgnoschaft, 
dann es sind etlich gsellen, 
die sind mir z' vil verhaft 
mit frembden forsten heren; 
das sol i'n boden nüt^; 

wann man nit bald thut weren, 
kumbt man um land und lüt. 

2. Dann daruf tringt gar stifFer — 
wiewol er's nit hört gern — 
nämlich Ludi der PfifFer, 

ein Schultheiß zu Lucern. 

Ist grad derselbig Ludi — 

wann's ist wie ich hab g'hört — 

der darzu hälfen wurdi, 

daß ein eidgnoschaft wurd zerstört. 



^ das taugt gar nichts. 



1 1 6 HISTORISCHE 

3. Ich kan doch nit vergässen 

der großen schmach und schand, 

die da wurd zugemässen 

dem ganzen schwizerland. 

Noch wil's Ludi nit betrachten, 

daß si ouch deren sind, 

die man mit großem verachten 

wurd tryben von wyb und kind. 

4. Dis lied wil ich verschenken 
den beiden gsellen gemein: 
Melchior Lussi mag wol denken, 
daß ich grad in ouch mein; 
will in zum Ludi kochen, 

dann er hat's wol verdient: 
er hat gar Vil versprochen 
uf dem Concilio z' Trient. 

5. Oft band sy schon angefangen, 
doch hat's Gott alzit g'wendt, 
daß es nit ist für'gangen 

und sy drab wurden g'schendt. 
Das ist iez aber* b'schächen, 
Gott halt uns in siner hut; 
der will uns witer fürsächen 
und all trüw eidtgnossen gut. 

6. Der Ludi ist g'sandt worden 
gen Baden uf den tag, 

da er mit andern orten 
sollt riteUj als ich sag, 

' wieder. 



LIEDER 1 1 7 

mit dem herzogen^ helfen handien, 
daß er Genf ließ mit frieden^; 
uß wetag' kont er nit wandlen, 
ist recht daheime bliben. 

7. Ludi ist gar krank gewäsen, 
ja wie er sich kont klagen! 
ist doch bald wider g'näsen 
so gar in kurzen tagen. 

Es möcht ein wunder nämen, 
wer im hett g'hulfen so glich; 
ich mein, man wird in kännen: 
ein doctor, ist uß Frankrich. 

8. Vom könig ist er g'sandt worden 
wol in ein Eidtgnoschaft ; 

Ludi alsbald innen worden, 
das gab im wider ein kraft, 
daß in sin roß mocht trägen, 
als der Franzos solt komen; 
Ludi reit im entgägen 
und ist wider z'recht komen. 

Die vier letzten Strophen berichten, daß auf der Tagsatzung in 
Solothurn Einer dem Pfyffer sein unsauberes Treiben vorgeworfen 
cind er mit seinem schlechten Gewissen nicht gewagt habe, jenen 
zu verklagen. Am Schluß wird Pfyffer gewarnt, sich in Acht zu 
nehmen: Drum, Ludi, lueg zum Lym! (gib Acht, daß der Leim 
nicht überkocht!) 

Das zweite Gedicht, nur 5 Strophen von je 7 Zeilen enthaltend, 
nimmt den Pfyffer nur ironisch in Schutz, indem es ihn mit Judas 
vergleicht, dem sein Sündensold nicht gedieh; Melchior Lussi mit 
Alalchus, dem Petrus zu Tricnt sein Ohr schädigte. 



■ * M. * ■ 



' von Savovcn. * in Ruhe. * weo^en Krankheit. 



1 1 8 HISTORISCHE 

Der Schweizer Stier. 

s. Bd. I, S. XLIX. 

Es trägt der mächtig Schwitzer Stier 
dreizehen Ort, seins Krantzes Zier, 
in Hörnern cingeflochtcn : 
Lös auf den Kranz, brich ab die Hörn» 
ein Fr3'heit wirt gar bald verlorn, 
drum er lang hat gefochten. 

anno 1584. 

1. Gott hat der Eidgnoßfchaft ingmein 
natürlich Muren 'geben: 

die Alpen, den Roddan, den Rhein, 
Dorf, Schlösser, Stett dameben. 

2. A'n Grenzen sie zwo Vorstett hat, 
zwei Hörnern ich s' vergleiche: 
gegen Teutschland Costanz die Statt, 
Genf gegen Frankenreiche. 

3. Die erst im Teutschen Krieg durch List 
der Spaniern ward abtrungen; 

doch durch der Teutschen Treuwe ist 
inen nit weiters gelungen. 

4. Kompt aber Gent in frömde Hand, 
wirt diser Schlüssel genommen, 
werden so bald in's Schweizer Land 
vil schwarzer Geste kommen. 

5. O küener Stier, sich auf dein Schanz^! 
die Walen* mit Gefärden 

buelen um deiner Freyheit Kranz, 
zum Pfarren^ wirst du werden. 



' sieh auf deinen Vortheil ! * Welschen. • Farren, Opferstier. 



i 



LIEDER 119 

6. Wo du dein Stärke nicht' erhebst, 
Andrer Freyheit z' erhalten, 
nicht den Tyrannen widerstrebst, 
wie g'than hand deine Alten. 

7. Das Feur ist angezündet schon 
in der Nachbawren Hause: 

löschest nicht bei Zeit, wirt auf dich kon 
das Joch durch Krieges Grause. 

8. Die Religion hat dich bißhar 
mit Gwalt nicht können spalten: 
hüet dich, daß nicht durch listig Gfar 

. dein Bündtnuß thüe erkalten! 

Gott möge dinen walten! 



•■ ^ > ■ ■ 



Der heroische wilde Mann. 

Das ist: 

Bin neuw Lied, wie die mannhafte Leut in dem Zehen-Grichten- 

Pundy in Alter Hoher Raetia, durch Gottes Hülf mit ihren 

Brüglen die Spanische und Leopoldische auss dem 

Land geschlagen haben. 

In der Weis :. Wilhelm bin ich der Teile. 

(Titelholzschnitt, darstellend einen wilden Mann, der mit einer Keule einen Feind 

niedergeschlagen hat.) 

(Flieg. Blatt ohne Ort und Jahr.) Vgl. Bd. I, S. LIL 



I. Dein Lob, o Wildermanne, 
dein Stärke, Dapferkeit 
wil ich bei jedermanne 
außkünden weit und breit 



120 



HISTORISCHE 



dem höchsten Gott zu Ehren, 
dem. Vaterland zu gut, 
ihr Lob und Ehr zu mehren, 
sing ich auß frischem Mut. 

2. Als Münstenhal, Veldline 
vom Spanier, Leopold, 
mit Gwalt genomen ine, 
hand sie durch Geld und Gold 
gar vil verblendt im Lande, 
die durch Arglistigkeit 

hand aufgelöst das Bande, 
das Band der Einigkeit. 

3. Als sie zerstört die Trüwe, 
geschach der Ueberfall 

auf Cleven, Prettigöwe, 
aufs Engadin zumal; 
die hand sich zwar gewehret 
mit starkem Widerstand, 
doch endlich übermehret, 
sie hatten kein Beistand. 

4. Das Land war eingenommen 
mit Praktik manigfalt, 

da musten gar vil Frommen 

hinw^ichen von dem Gwalt. 

Auch waren etlich g'fangen 

mit Spott,- mit Schmach und Schand; 

kein Gnad war zu erlangen, 

man fürt sie auß dem Land. 

5. Zu Meyland thaten schmiden 
vil Schmid ein newen Fund, 
Gotts Wort gar zu vertreiben, 
außz'reuten auf den Grund. 



LIEDER 121 



Verkauft war das Veitline, 
da war das Münsterthal, 
ein Pund und 's Engadine 
verlassen überal. 

6. Wer konnte da beschreiben 
die Tyranney und Zwang, 
so die Soldaten triben 

mit plündern, Mord und Brand! 
Das arme Volk hat müssen — 
damit ich kurz abbind ^ — 
mit Embd^ den Hunger büßen, 
Hew fressen wie die Rind. 

7. Bei dem ist es nicht blieben: 
die Seel mußt halten dar^, 

ihr Speis that man abschneiden, 
Gotts Wort verbot man gar. 
Die Hirten von den Schafen 
vertrieb man also g'schwind, 
die Capuziner, Pfaffen 
bald eingerissen sind. 

8. Die Meß hand sie ing'führet, 
die Götzen aufgericht', 

vil Leut hand sie verführet, 
vil Kirchen z Grund gericht', 
gewütet also sehre, 
daß sie schier achtzig Pfarr 
beraubt der reinen Lehre 
in kurzer Zeit fürwar. 



^ mich kurz fasse. ^ Amd, zweites Heu. * herhalten. 



122 HISTORISCHE 

9. Wo bin ich g'rathen hine? 
gedacht der Wildemann; 
wo sind die Pundsleut meine? 
sie hand mich gar verlan; 
ich bin gebunden sehre 
an Leib und auch an Seel, 
kann das nicht leiden mehre, 
sonst komm ich in die Höll. 

10. Vil besser ist der Tode, 
dann leiden diese Band, 
darzu vil Angst und Note, 

groß Hunger, Schmach und Schand, 
Ihr Prettigöwer Knaben, 
wir wend sie greifen an; 
thund gwaltig in sie schlagen, 
Gott wird uns gwüß nicht lan. 

11. Die Waffen hat man g'führet 
hinweg gar auß dem Land: 
der Wildmann sich verfüget 
gar heimlich in sein Wald, 
that da vil Bengel rüsten, 
die trug er all nach Haus, 
damit den Schwaben z bürsten, 
die Spanier z butzen auß. 

12. Den zwölften Tag Aprellen 
bei Tag der Wildemann 

that wild und rauw sich stellen, 
griff d' Schwaben tapfer an, 
erschlug mit grünen Stacken 
in die vierhundert Mann 
zu Grüsch in einem Fläcken, 
kam keiner da darvon. 



i 



LIEDER 125 



13. Also hat man an'griffen 
zu Schiers ganz ritterlich; 
die Schwaben sind gewichen 
daselbsten in die Kirch. 

Von Wunder kann ich sagen: 
die Kirch fiel ein mit Macht, 
die hat sie all erschlagen, 
Gott hat's allein gemacht. 

14. Von Castels sind abzogen 
zweihundert faul Gesind, 
thund mit dem Eid anloben, 
nicht z dienen wider d' Pünd. 
Sie ließen sich bestellen^, 
vergaßen Eid und Ehr; 

Gott straft bei Fläsch die Gsellen, 
Sie thund kein Schaden mehr. 

15. Als Prettigöw gefäget, 
sind sie gezogen fort, 
band Meyenfeld belagert, 
geschanzt an manchem Ort. 
Der Feind that sie oft plagen 
auß Chur, auß Meyenfeld, 
man that sie g waltig jagen 
mit Brüglen auß dem Feld. 

16. Bald kommen ist Reitnawver 
ohngfähr mit tausend Mann, 
wolt tämmen^ d' Prättigöwer, 
hat Fläsch gezündet an. 



* zum Stehen bringen, zum Bleiben bewegen. ^ zähmen, hemmen. 



1 24 HISTORISCHE 

An die thund sich bald wagen 
nur fünf und achtzig Mann, 
sechshundert ihm erschlagen; 
kein Pundsmann da umkam. 



17. Der Obrist Waldirone 
schickt auß gen Haldenstein, 
ein Anzahl streitbar Mannen 
besatzte Lichtenstein. 

Der Wildemann die Gäste 
mit seiner starken Hand 
vertrieb bald aus dem Näste, ^ 
vertrieb sie auß dem Land^ 

18. Dieweil der Wilde Manne 
also behielt das Feld 

und schlug den Waldirone, 
ergab sich Meyenfeld; 
mit Forcht und auch mit Schrecken 
neunhundert wol armirt, 
erschreckt durch grüne Stecken, 
sind d' Steig* hinab passirt^. 

19. Gott that vorzeiten stärken 
den Helden Samgar* gut, 
daß er mit einem Stecken 
sechshundert Mann erschlug. 



* Hier sind 2 Strophen ausgelassen, welche in gleichem Tone 
weitere kleine Gefechte erzählen. ' Luziensteig. * Hier sind 4 Strophen 
^ausgelassen von gleichem Werthe wie bei *. * Buch der Richter 3, 3 1. 



LIEDER 125 



Der Gott dem Wildenmanne 
sein Stecken fest hat g'macht, 
daß er dem Waldirone 
erschlug ein solche Macht ^. 

20. O Wildermann, du haste 
dem Spanier, Leopold, 

mit Benglen 'zwaget faste®; 
dich mancher preisen solt. 
Fahr fort, o Wildermanne, 
und streit für Gottes Ehr, 
so wird dein großer Name 
zunehmen noch vil mehr. 

21. Du hast dich dapfer g'halten, 
den Schwaben 'kappet ab^; 

o Gott, thu ihn erhalten 
und stärke seinen Stab, 
daß er den möge führen 
zu deiner Ehren lang, 
sein Land auch defendiren 
vor Tyrannei und Zwang. 



♦ ^» «- 



Bauernkrieg. 

s. Bd. I, S. LVI-LVIII und S. 47. 

L Spottverse auf die Führer der Bauern. 

I. O du verfluchtes Baurengschlecht, 
vergift'te Natterschlangen ! 
meinst nit, man habe billigs Recht, 
mit dir ein Streit anzufangen? 



* In 2 folgenden Strophen werden noch Simson und David als 
Beispiele angeführt. * arg den Kopf gewaschen. ^ derb geantwortet- 



126 HISTORISCHE 

2. Du grober KnoU, du Unverstand, 
bist du nit ein Bärnhüter? 

du hast gehandlet, 's ist ein Schand, 
glich wie des Tüfels Rüter^ 

3. Was ist der Schölmen Bauren Lohn? 
wie soll man sie traktieren? 

von Streuer* g'macht ein «chöne Krön, 
ihr Haupt damit zu zieren. 

4. Was sagst du, schöner Pannerheer, 
du Edelgstein der Bauren, 

ietz ligst wol in der Mauren! 

5. Vom Meister wirst du g'macht zum Knecht, 
ein schöner Pannermeister ! 

dem Meister Baltz^ g'hört auch sin Recht 
umb solche hoche* Geister! 

6. Du grober Steiner, du grober Gsell, 
du grober Ruodi Stürmli, 

ein Strick, nit länger als ein Ell, 
ist gut für solche Würmli-'^. 

7. Wer Fridli heißt, muß fridli sin, 
sonst ist sein Nam vergeben; 
war Fridli Bücher^ fridli gsin 
und fridsam in sim Leben! 



* berittener Trabant, Vorreiter. * Streu, Stroh; wahrscheinlich 
nach dem Plural Spreuer, Spreu, gebildet. ' Balthasar, appellativ 
= Scharfrichter. * hochfliegende, aufstrebende. * Wurm im Sinne 
von Schlange (vgl. i, 2) oder: Ungeziefer. ® s. Bd. I, S. 106. 



LIEDER 127 

8. Dem Schultheiß gab er bösen Bscheid, 
ganz frech, ganz unbesunnen; 

der Galgen ist dir schon bereit, 
die Schuld gib diner Zungen. 

9. Den Tod hast ausgestanden schon, 
du starker Krummenacher ! 

. din Stärke gab dir diesen Lohn, 
ietz ruow auf dem Gottsacher! 

10. Ietz schwing, ietz ring, ietz stoß den Stein! 
der Tod hat dich gewunnen; 

dem Tod ist weder Groß noch Klein, 
keiner niemol entrunnen. 

11. Oberster Amstein, ihr Strengheit ^ groß, 
die Ehr stellt auf ein Seiten; 

Gnad ist, daß Ihr w^erdt g'lassen los 
und auf dem Meer könnt reiten^ ! 

« 

12. Du, Gundelinger, du richer Bur, 
din Richthumb hast verfallen^; 
ietz luog du süeß oder sur, 
ietz bitter wie ein Gallen! 

13. Dir, Holderen Bur, dir, Hans Amrein, 
dir hat man Guts gerathen; 

das Fleisch ist besser als das Bein — 
bist auch ein feißer Braten! 

14. Du, Krienser Vogt, du falscher Mann, 
luog recht mit dinen Augen: 

wil du nit bist ein Bidermann, 
dem Meister Baltz thust taugen. 



* hier nur Titulatur, wie in : gestrenger Herr u. dgl. * er wurde 
7u den Galeeren «begnadigt». ^ verwirkt. 



1 28 HISTORISCHE 

15. Du, Lötscher, bist auch in der Zal 
' der auserwölten Bauren; 

din Wohnung ist der Kätzer Saal, 
wer will, mag umb dich trauren. 

16. Herr Christoph Wäber ist siner Pfar 
mit Recht und wol vorg'standen ! 

er taugt zur Galioten^ Schar 
in wilde frönde Landen. 

Das obige Stück ist aus der Bd. I, S. LVII, b angegebenen duelle 
geschöpft, aber nur mit Auswahl, immerhin so, daß es in der obigen 
Gestalt ein leidliches Ganzes bildet. Str. i — 15 des Originals haben 
den a. a. O. kurz mitgetheilten Inhalt. In Str. 16 wird bei Anlaß 
der Zerstörung des Vogelherds auf dem Gütsch der Hauptfuhrer der 
Bauern, Schibi, genannt. Str. 17. 18 sind unsere obigen i. 2; 19. 20- 
verheißen Strafe für das Verbrechen; 21. 22 enthalten nichts Wesent^ 
liches. Str. 2303 oben. In Str. 24. 25 werden weitere Strafen aki- 
gegeben, z. B. : 

Ein Zepter von eim Munnithier (Zuchtstier), 

mit dem soll man sie ehren, u. s. w. 
Str. 26 — 37 unsere obigen Str. 4—15. Str. 38 ist nur Einleitung zu 
39 = Str. 16 oben. In Str. 40 — 45 werden noch mehrere Mitschuldige 
genannt, darunter noch zwei Geistliche, einer Namens Moli, der bald 
mit den Bauern, bald mit den Herren hielt. Die letzten Strophen 
(46 — 52) sprechen den Wunsch aus, daß Luzern sein Licht wie vor- 
mals leuchten lasse und sein Regiment behaupte. Der in Str. 4. 5 
besprochene Pannerherr war Joh. Emmenegger. Ueber ihn und die 
meisten der im Gedicht genannten Bauernanfuhrer findet man nähere 
Angaben bei C. Pfyffer, Geschichte von Luzern I, 336 — 342. 386. 



* Galeerensträflinge. 



LIEDER 129 

IL Abmahnung vom Wallfahren zu den Gräbern 

der hingerichteten Rebellen. 

1. Ihr ßauren alle sammen, 

hört zu, wil ihr komt z'samen 
bim Hochg'richt zu Luzern : 
es ist euch hoch verboten, 
wil ihr thüend Gott verspotten 
bim Galgen nah und fern. 

2. Was nützen heilige Oerter, 
Gottshäuser und auch Klöster, 
was nützen die Tempel? 

was nützen der Heiligen Beiner, 
wenn heiliger ist der Steiner, 
der g'west ist ein Rebell! 

3. Was sind ihr doch für Naren, 
daß ir thund Wallfahrt fahren 
wol zu dem Steiner all, 

der euch mit Rebelliren 
alle hat thun verführen, 
euch 'bracht in Angst und Qual! 

Das Gedicht, aus dem hier nur wenige Strophen mitgetheilt 
werden können, umfasst im Original ihrer 32. Vgl. die Angaben 
Bd. I, S. LVII, c. Es beginnt mit der obigen Str. i. In Str. 2. 5* 
wird der Anstifter dieser Wallfahrten, wenn man ihn kennte (!), mit 
Todesftrafe bedroht. Str. 4 = Str. 2 oben. Str. 5 (mitgetheilt von 
Lütolf a. a. O.) erzählt, daß einer der Galgenanbeter mit Erblindung 
gestraft wurde. Str. 6. 7 ohne Bedeutung. Str. 8 = Str. 3 oben. 
Str. 9 — 14 erzählen, wie ein altes Weiblein bei seiner Galgenandacht 
ertappt wurde. Weiterhin werden die Bauern ermahnt, statt an diese 
Stätte nach Werdenstein zu wallfahren; die dortige Maria glaube 
sich abgesetzt; ebenso die h. Emma, die ihren Sitz in Emmen auf- 
geschlagen habe, aber in Rom geblieben wäre, wenn sie gewußt 

II. 9 



130 HISTORISCHE 

hätte, daß sie hier nicht besser geehrt würde. Ebenso wird der 
h. Leontius in Muri empfohlen. In Str. 28 wird geklagt, daß auch 
Leute aus den «Ländern» (den 3 Urkantonen) zu dem Galgen wall- 
fahren. Eine dorthin gestellte Wache hat Einige gefangen genommen, 
die dann barfuß nach Einsiedeln wallfahren müssen (Str. 30). 



Vilmerger Krieg. 

I. Rapperschwylische Buhlschaft des Generals 

Werdmüller. 

s. Bd. I, S. LIX. 

1. Ein reine Magd ihr Kranz noch tragt 
und prangt trutz^ allen Damen: 

sie hat das Prae^ am Zürcher See 
und gar ein großen Namen. 

2. Ihr Adel thut von Grafen Blut 
und hohem Gschlecht her quellen; 
an Gelt und Hab geht ihr nichts ab, 
kann sich gar höflich stellen. 

3. Ein Müller kam, buhlt um die Dam, 
gleich da d' Fasnacht an'gangen ; 

er sucht ihr Ehr, und was noch mehr, 
hat sie schier gar umbfangen. 

4. Die Jungfraw lacht und nur veracht 
des frechen Müllers Bitten; 

sie spricht ihm ab: «kein Lust ich hab» 
sagt sie mit guten Sitten. 



* wetteifernd mit. '^ den Vorrang. 



LIEDER 131 

5. Er bildt ihm ein, es muß doch sein, 
darzu in wenig Tagen; 

setzt wieder an, so stark er kann: 
wird aber^ im abgeschlagen. 

6. Der^ Baum nit gleich den ersten Streich 
der Müller kann umbfällen; 

was ihm durch List nit g'rathen ist, 
soll der Gwalt in's Werk stellen. 

7. Zu Wasser und Land, durch Schwert und Brand, 
mit acht und vierzig stucken; 

fangt an und spielt, den Kranz es gilt: 
o Jungfrau, thu dich ducken! 

8. Fünf Wochen lang samt seim Anhang 
hat er sich also g'sprissen^; 

daß etlich Mahl ein große Zahl 
in's g'frorne Gras gebissen. 

9. Man wurf und schoß Granaten groß, 
auch andere Feurballen, 

die doch ohn Schad, mit Wunderthat, 

auf die Jungfrau gefallen. x 

10. Vor Sturm und Gschütz hat sich beschützt 
die Gräfin außerkoren; 
an disem Danz hat sie ihrn Kranz 
und Keuschheit nicht verloren. 



^ abermals. * = den. ' sich sprtßen, sich anstrengen. 



132 HISTORISCHE 

11. Das hat gemacht und verursacht 
bei Gott Marias Bitten, 

daß sie rein blib an Seel und Lib 
vor, in und nach dem Striten. 

12. Er kratzt im Kopf, der arme Tropf, 
diser un-Werthe- Müller, 

weil er schabab^, drum zieht er ab, 
heimwärts, sein Rad zu trüUen^. 

13. Die Fasnacht wendt sich zu dem End: 
Müller, willt Hochzeit machen, 

so gang und schau umb ein ander Frau; 
die thut dich nur verlachen. 

14. Nichts von ir hast als ein Tannast ^, 
des Müllers Roß mit schlage; 

auf deinen Hut sich schicken thut, 
den Meien^ drumb jetzt trage. 

15. Henk 's Fürfell an, den Beutel spann, 
in deiner Mühle bleibe; 

kein Gräfin mehr zur Eh begehr, 
bei Deinesgleichen weibe! 



* verschmäht, abgewiesen. * drehen, rollen. ^ Ein Tannast war 
seit dem Reformationskrieg das Feldzeichen der Katholiken; siehe 
Baechtold, Hans Salat S. 89. * festlicher Blumenstrauß. 



LIEDER 133 

IL Kurzweiliges Vilmerger-Schlacht-Lied 

Welche geschehen den 24. Jenner des 1656 Jahrs. Componiert 
durch Einen, der sich in währender Schlacht 

ritterlich gehalten. 

Getruckt in disem Jahr, 
Da die Schlacht furüber war. 
s. Bd. I, s. LX. 

1. Nun schweigen still und haben Ruh 
und losen mir ein wenig zu, 

denn ich hab groß Verlangen, 
biß sich der Schimpf hat außgemacht; 
wend singen die Vilmerger-Schlacht, 
wie es ist hergegangen. 

2. Im tausend und sechshundert Jahr, 
sechs und fünfzig, sing ich fürwahr, 
auf Pauli-Bekehr- Abend 

thät Gott beschützen die Seinen gut, 
band Luzemer mit Freien Aemptern gut 
die trutzigen Berner geschlagen. 

3. Der von Erlach zog höflich^ dran, 
dreißig Fahnen thät er wol han, 
vil große Stuck dergleichen; 

er sprach auch wol bei seinem Eid, 
wöU ziehen in d' Luzemer-Weid, 
das Papstthum zu vertreiben. 

4. Er zug auf d' Meien-Grüne gut, 
vierhundert Mann angreifen thut, 
dieselben thät zerstören; 

etlich führt er gefangen daher, 
sprach: Seht, wie ist so stark der Bär! 
diß thät Erlachen freuen. 



stattlich. 



134 HISTORISCHE 

5. Er kam in's Freien- Ampt hinein 
ohn Widerstand, nahm Dörfer ein, 
thät auch Häuser anzünden; 

dem Land ein großen Schaden thut, 
verbracht groß Pracht und Uebermuth, 
wie ich jetzt will verkünden. 

6. Zu Hägligen band s' übel Haus, 
Kirchen und Dörfer 'plünderet auß, 
heilige Bilder sie schänden, 

d' Augen ausgestochen ungeheur, 
drei Kinder würfen s' auch in's Feur, 
den Müttern auß den Händen. 

7. Zu Dottikon band sie mächtig g'schendt, 
die Häuser in die Aeschen 'brennt, 

sie wend sich nit begnügen, 
Bilder d' Nasen abg'hauen band, 
sprachen, Vilmergen muß in Brand, 
thun sich dortliin befügen. 

8. Diß hat Lucern zum Zorn bewegt, 
viertausend Mann zugen auf der Stell 
mit blaw und weißen Zeichen, 

vil Herren, wie ich sagen thu, 
die zugen auf Vilmergen zu, 
den Bären thut man streichen. 

9. Die Büchsen-Schützen zündten an, 
da gieng ein großes Krachen an, 
thut den Bären erwecken; 

die großen Stuck er gleich wol g'hört, 
er meint, er hab ein sichers Ort, 
sein Dapen^ wolt er strecken. 

^ Tatze. 



LIEDER 135 

10. Er zug mit seinen Fahnen dran, 
da stunden zehen tausend Mann 
mit vilen Krieges -Wappen; 

vil Adel zug wol in das Feld, 
ein starke Ordnung g'stellet händ, 
meinten, 's sollt ihnen g'rathen. 

11. D' Lucerner lufFend kecklich dran, 
in Gottes Namen griffen s' an 
mit Spießen und Hellparten; 
schlugen vil Herrn und Bauren z Tod, 
vil lagen in dem Blut gar rot, 

der Bär wollt nimmer warten. 

12. Der ein ruft ach, der ander weh! 
es thut uns jetzt gar übel g'scheh, 
hätten wir d' Sach lassen bleiben! 
Vil Ranzen und Wehr sie ligen lönd, 
Capaunen-Fleisch, wie ihr verstund, 
nit alls ist zu beschreiben. 

13. Drei Stund der Streit wol währen thut, 
vergieng dem Bären Freud und Muth, 
die Flucht mußt er wol nemen; 

das thut dem Bären -Tatzen weh, 
vermeinte nit, daß ihm sollt g'scheh, 
thät sich gar übel schämen. 

14. Zertrennet war sein große Macht, 
flieht wol biß in die Mitternacht 
gen Lenzburg hinder d' Muren ; 
verließ auch seinen großen Pracht, 
lag dort im Schrecken über Nacht 
bei der Bärin in Truren. 



136 HISTORISCHE 

15. Dem Bären wurd gar manchen Stoß, 
zweitausend bliben wund und todt; 
beim Küchlen thund sie sich säumen; 
sie pangetierten^ in Ucbermuth, 

man schenkt ihn' ein, dunkt sie nit gut, 
daran hand sie zu schnaufen. 

16. Zehn Fahnen hend s' dahinden g'lan, 
zehen Stuck g'wünnt man auf Krden stan; 
vil Roß, Karren und Wägen, 
Schauflen, Hauen, Munition, 

vil Pulver, Blei thut man empfohn, 
diß thut man alles nemen. 

17. Und weiters ist es wol bekam, 

wie sie umb die Todten 'beten hand, 
dieselbigen abzutragen; 
von Majoren wurd's ihn' vergönt, 
sechzig Wägen sie b'schicken thünd, 
sie ladten Fuder wie Garben. 

18. Die Berner Bauren gaben B'scheid, 
da sie vernahmen solches Leid: 
das ist ein armes anschauen; 

das Kriegen wend wir bleiben Ion, 

es bringt uns jetzt ein schlechten Lohn, 

nach Friden wend wir schauen. 

19. Maria hat g'spreit ihr Mantel auß, 
gemacht ein Schirm und Mauren drauß, 
drunder sind d' Lucerner g'standen. 
dann ihren sind's so wenig umbkon, 
vier und zwanzig, wie ich vernon, 

in d' Seligkeit seind 'gangen. 



bankctticrten. 



LIEDER 137 

20. Da der Feind hat vil Schütz gethan, 
rufen sie Jesus und Maria an, 

ein hells Liecht ist entsprossen; 
drin hend die Bemer Bauren g'seh 
den Rosenkranz und anders meh, 
darob sind sie erschrocken. 

21. Wir danken dir, Herr Jesu Christ, 
daß du allzeit unser Helfer bist, 
dem g'hört der Sieg und Ehre; 
auch Maria der Jungfrau rein 
und allen Heiligen in's gemein, 
die wollen wir verehren. 

22. Der diß Lied componieret hat, 

ein Baur, ist g'wesen an der Schlacht 
und hat ihm wol gelungen; 
er ist auß dem Rußweiler Ampt, 
zu Wangen ist er wol bekam, 
von neuem hat er's g'sungen. 



-■ » ^ » .- 



Toggenburger Krieg. 

s. Bd. I, S. LXIV. 

I. Die von der Gelbsucht glücklich curierte 

Badanella 

oder der Stadt Baden Capitulation. 
Gedruckt im Jahr 1712. 

I. Zarte Jungfrau Badanella, 

Wie seht ihr so kränklich auß? 
Will der Magen euch geschwellen 
Oder was will werden drauß? 



138 HISTORISCHE 

Eure Augen thun mir sagen, 

Daß die Gelbsucht euch thut plagen. 

2. Es ist ja schon ganz verblichen 
Euer Stirnen Helfenbein; 

Von den Lefzen ist gewichen 

Der gefärbt Corallenschein ; 

Euer zuvor schöne Wangen 

Jetzt mit Rosen nicht mehr prangen. 

3. Euer Leber ist verstopfet, 
Euer Magen ganz verschleimt. 

Merkt, der Pulß drumb ungleich klopfet 
Und zur Gsundheit sich nicht reimt: 
Drum so müßt ihr euch bequemen. 
Gute Mittel einzunehmen. 

4. Weil der Leber kleine Röhrgen 
Bei euch hart verstopfet sein. 
Weil vielleicht noch von Vilmergen 
Alte Grillen stecken drinn, 

Soll ein solches altes Trutzen 
Jetzt des Bären Sieg außbutzen. 

5. Weil der Magen auch ang'füUet 
Mit zu vielem Gut und Geldt, 
Ist ein Mittel, das unwillet^. 
Von Herrn Marte* angestellt, 
Wann dem Bär on Widerstreben 
Ihr zum Schatz die Schlüssel geben. 



^ zum Erbrechen reizt. * der hier als Arzt vorgestellte Kriegs- 
gott Mars. 



LIEDER 139 

6. Dieses wird gar bald außführen, 
Was im obern Magen z viel; 
Hernach müßt ihr auch purgieren 
Mit dem Rha^ zu gleichem Ziel; 
Hierbei muß man Wermut schlucken. 
Daß das Uebel thu fortrucken. 

7. Ihr müßt hierauf von euch geben 
Sechzig Stücke ohnbeschwert, 
Alle Fahnen auch darneben, 

Wie Herr Mars von euch begehrt. 
Wann ihr Glocken* dann auch kaufen, 
Werdt ihr etwas leichter laufen. 

8. Neben diesem müßt ihr schwitzen, 
So das beste Mittel ist. 

Ohne Landvogt niemalil sitzen 
In dem Rath zu keiner Frist; 
Schwitzen müßt ihr noch darneben, 
Schöne Geltsumm herzugeben. 

9. Endlich müßt ihr auch benennen, 
Was des Uebels Ursprung sei. 
Daß Herr Doctor kann erkennen 
Und wohl rathen auch darbei. 
Was inskünftig ihr sollt meiden, 
Wann ihr nicht wollt Krankheit leiden. 

10. Böser Luft vor allen Sachen 
Schadet euerm Temperament, 
Kann im Blut ein Fäulniß machen, 
B'sonders den man Nordwind* nennt. 



* Rhabarber. * Arznei aus Glockenblumen ? * Der Einfluß von 
Norden her ist wohl der östreichische (aus den vorderöstreichischen 
Landen am Rhein). 



140 HISTORISCHE 

Drum solt ihr von selben Enden 
So viel möglich euch abwenden. 

11. G'salzne Speisen müßt ihr lassen, 
Kalte Milch ist auch nicht gut; 
Sauren Essig müßt ir hassen 
Und durch süßer Liebe Glut 
Suchen eurer Oberherren 

Gunst und Gnade zu vermehren. 

12. Löwentappen^ für Jungfrawen 
Hat gewisslich großen Ruhm, 
Bärsanickel lasst sich schawen, 
Ein wohlriechend schöne Blum; 
Diese beiden sollt ihr ehren. 
Können euern Wohlstand mehren. 

13. Nach Gebrauch der Mittel allen 
Fliehet auch Melancholei; 
Lasst euch alles Wohlgefallen, 
Denkt, daß alls von Gott her sei, 
Denkt, daß Er die Mittel 'geben. 
Zu verbessern euer Leben. 

ZSB. XVIII, 1976. 



^ Löwenklau = Bärenklau, hier aber mit Anspielung auf Zürich, 
wie Bärsanickel auf Bern. 



LIEDER 141 

IL Das Bällen-Lied. 

Wahrhafter Bericht, wie's an der Schlacht auf der Bällen 
und selbigen Enden hergegangen. 

Gedruckt in disem Jahr (1712). 

Vgl. Bd. I, S. LXVII. 

1. Ein Liedlin will ich singen thu 

von Streit und Kampf und vil Unruh, 
daß sich nun hat begeben 
in der Eidgnoßfchaft hin und her; 
der Züricher Löu und Berner Bär 
sie fressen Manchen 's Leben. 

2. Wann ich wurd sagen hin und her, 
wie daß alles ergangen war, 

könt ich nicht Wort gnug schöpfen: 
Zürich und Bern ganz unverzagt 
band ihre Feind gar brav verjagt 
und gaben ihn' auf die Köpfe. 

3. Als man zeit sibenzehnhundert Jahr 
und zwölf darzu, — das ist ganz wahr 
und will es nicht vergessen — 

man bauet Schanzen hin und her 
und rüst' sich alls zur Gegenwehr: 
die Schwyzer wend uns fressen. 

4. Auf der Bällen staht ein Schanz fest, 
das gefällt nicht den Schwyzer Gast, 
sie wolten sie gar verstören; 

sie bilden's ihnen vergebUch ein 
und ist alles ein falscher Schein, 
wie ihr jezt bald werd' hören. 



142 HISTORISCHE 

5. An Maria Magdalena Tag 

da ist es 'gangen, wie ich sag: 
sie soffen all Curäschi, 
. um drei am Morgen brachen s' ein 
und brüllend wie die wilden Schwein, 
außlährten ihre Flaschen. 

6. Sie mördten Männer, Weib und Kind, 
auch was noch junge Töchtern sind, 
ganz grausam thäten s' verüben! 

das hat ja manchem Bidermann 
in seinem Herzen weh gethan 
und ängstiglich betrübet. 

7. Da zogen s' von dem Berglein hin 
wohl auf die Schanz zur Hütten fin, 
da thät es ihn' misslingen. 

Major Werdmüller, ein tapfrer Mann, 
er sprach: Nun unerschrocken dran! 
die Büchsen hört man klingen. 

8. Dort wolten s' nicht mehr sein allein 
und zogen auf den Segelrain ^, 

ihr Fahnen thun sie schwingen; 
sie meinten, es sei wohl gethan, 
daß ihrer vil zusam sind kon 
von Aegri und Menzingen. 

9. Aber ihr Freude währt nit lang, 
Zürich macht ihnen angst und bang, 
thut tapfer auf sie knellen; 

es währet nicht ein halbe Stund, 
ihr' blieben etlich tod und wund, 
drum eilten s' auf die Bällen. 



Name einer Anhöhe bei Hütten. 



LIEDER 143 

10. An dreien Orten griffen s' an, 
ihr' waren wohl dreitausend Mann 
und unser kaum dreihundert. 

Der Major Escher sprach uns an: 
keiner soll keinen Grausen han, 
Gott kann hüt thun noch Wunder. 

11. Der Hauptmann Meyer lustig drauf, 
sein' Officier und ganzer Häuf, 

die thäten gar nicht wanken 
und ruften Gott im Himmel an: 
«der wird gewüsslich bei uns stahn, 
deß wollend wir ihm danken. 

12. Wir sind ja alle herzhaft Leut, 

wir wend uns wehren in dem Streit 
und ehender alle sterben 
für unser Heimen, Weib und Kind, 
obschon nur unser wenig sind, 
mit Gott den Sieg erwerben.» 

13. Oringer Hauptmann drauf und dran 
sprach: «jeder thüe was er kann, 
dann es ist an der Zeite. » 

Wir schoßen zu und schlugen druf, 
man hörte nichts, dann bufF bufF buff, 
da gab es alsbald Weite. 

14. Sant Magdalen trugen s' in dem Luft 
an einer Stangen aufgebutzt, 

die solt sie herzhaft machen. 
Sant Magdalen sie hülflos ließ, 
Gott aber uns den Sieg zustieß, 
deß mussten wir herzlich lachen. 



144 HISTORISCHE 

15. Ihr Geistlichkeit ihn' blaset ein, 

vor Stich und Schützen sicher z sein, 

sie seien allsam g'froren, 

und henken ihnen Brieflein an, 

ein jeder schlag jezt zehen Mann — 

und händ's gleichwol verloren! 

16. Ein Pfaff, der von Gallgeten war 
und auch musst beißen in das Gras, 
drei Hauptmann waren auch drunder 
samt andern noch mehr Ofiicier, 
Soldaten und auch Füsilier, 
blessiert und tod vierhundert. 

17. Drauf sind sie g'flohen auß dem Land, 
mit großer Schmach und hoher Schand 
sind sie darvon geloffen; 

man sagt auch, daß noch ihrer vil 
geloffen seien durch die Sihl 
und etlich gar ersoffen. 

18. Ihr Posten band sie all verlan, 
ihr Schanzen ließen s' offen stan, 
das ist ein großes Wunder. 

Der Löu bekam vil Land und Leut, 

an allen Orten große Beut, 

auch Stadt und Schlösser drunder. 

19. Kein Küng noch Fürst ist w^eit und breit, 
der so vil gewonnen in kurzer Zeit, 

und wenig Volk umkommen; 
nur drei und dreißig einzig Mann 
an allen Orten man rechnen kann, 
wie ich es hab vernommen. 



LIEDER 145 

20. Gott hat uns g'führet auß und ein; 
gleich wie ein Hirt die Schäfelein 
vor Wölfen thut bewahren, 

also ist unser Herr und Gott 
bei uns gesein in aller Noth, 
auch in den größten Gfahren. 

21. O Zürich, lobe Gott den Herrn, 
der dich gebracht zu großen Ehr'n 
und sende dir den Frieden; 
dasfelb nicht in Vergessen stell, 
sonder dank ihm mit Leib und Seel, 
so lang du lebst hienieden. 

22. Der dieses Liedlein hat gemacht, 

der selbs ist g'wesen bei der Schlacht; 

Gott helf uns allen samen 

auß Kampf und Streit und allem Leid 

in die ewig himlische Freud 

durch Jesum Christum. Amen! 



» A * — 



Lied für die Jäger von Burgdorf. 

Beschrieben den 3. April 1804 von einem jungen Jäger aus dem 
Militär-Departement Burgdorf. A. W. 

I. Vivat, es leb das Berngebiet 
bis an der Welt ein End! 
Vivat, es lebe auch dazu 
das Jägerregiment! 
Das auserlesne Corps 
kommt wiederum hervor, 
nachdem es jetzt fünf Jahr hindurch 
in Schand hat müssen stehn. 
II. 10 



146 HISTORISCHE 

2. Wer wollte nicht zu Felde ziehn 
für unsre Obrigkeit? 

Für solche sind wir jederzeit 
bis in den Tod bereit. 
Für die sind wir bereit, 
zu ziehen in den Streit; 
ietzund geht es gar tapfer zu, 
drum bleiben wir dabei. 

3. Der Obrist Weber uns komitiandirt, 
als wie ein Schweizerheld; 
Hauptmann von Büren uns exerzirt, 
an dem es auch nicht fehlt. 

Der General ist brav, 

die OflSzier auch all; 

sie geben uns rechte Munition, 

drum laufen wir nicht davon. 

4. Das ist die erste Garnison, 
die wir gewesen sind; 

die werden wir halten brav und schon, 
die Staatswacht werden wir sein. 
Für unsre Obrigkeit 
sind wir all Stund bereit, 
ietzund und alle Zeit, 
wann sie uns nur aufbeut. 

5. Leb wohl, du schönes Bemgebiet, 
wie schwingst du dich empor! 
und unsre gnädige Obrigkeit 
kommt wiederum hervor. 

O Bern, du schöne Stadt, 

du bist gar fein und glatt, 

da du schon sechs Jahrhundert bist 

ein freie Republik. 



LIEDER 147 

Aus dem Sammelband L. 385 der Kantonsbibliotbek Aarau. — 
Das Lied wird hier nur mitgetheilt, weil es offenbar eine Erneuerung 
des im Bd. I, S. 67 enthaltenen Fraubrunnen -Liedes von 1798 ist, 
an einigen Stellen mit ausdrücklichem Gegensatz. Nach Str. 4 folgen 
im Original noch 3 andere, die hier weggelassen sind, weil sie nur 
in matter Weise den Abschied, die erhoffte Rückkehr und besonders 
die gute Verpflegung besingen, welche schon 100 Jahre früher 
«inem andern Berner Soldaten als die Hauptsache erschienen war 
(vgl. Bd. I, S. 61 ff.). Das Aufgebot von Berner Truppen (unter 
welchen «Jäger» die Schützenkompagnien der Infanterie bezeichnen) 
war in Folge des zürcherischen «Bockenkrieges» (s. Bd. I, S. LXXII, 56) 
ergangen. 



-» <i i, » « 



Aufstand der Hailauer Bauern gegen die Stadt 

SchafFhausen, 1831. 

s. Bd. I, S. LXXIII. 

1. Die Hallauerbauern die sind so flink, 

sie haben das Kriegen so recht im Sinn. 

2. Sie sind gegangen mit Gewehr und Pistolen 
und hand zuerst sollen Pulver holen. 

3. Sie sind gegangen in's ober Neuhaus, 
dort haben sie g'habt noch einen Schmaus. 

4. Kanonier und Scharfschütz sind auch dabei 
und Kanonen sind's auch noch drei. 

5. Sie haben sie an das Thor gestellt 

und haben wollen schauen, wie's drin ist bestellt. 

6. Der Ober sprach: «Mit üs hat 's kei Gfohr, 
blibed nu en Schutz wüt vo dem Thor!» 

7. Und als das Thor war aufgemacht, 
da haben sie Einen nidergemacht. 



148 HISTORISCHE 

8. Sie sind gesprungen als wie die Stier, 
wenn man einen schlägt, so springen vier. 

9. Am Morgen haben die SchafFhauser patrulliert 
und haben vierzig Gefangene gekriegt. 

10. Sie haben sie in die Stadt 'reingeführt, 
im Zuchthaus hat man sie einquartiert. 

11. Des andern Tags da länd sie s' ha, 
bis daß der Krieg aufs Neu geht a. 

Fragment. — ha in der zweitletzten Zeile nach der Mundart von 
SchafFhausen = heiCm). 



-I » A > ' 



Das Dufour-Lied. 1847. 

Nach der Melodie von «Prinz Eugen». 

1. General Dufour, der edle Ritter, 

sollt den Schweizern wiederum kriegen 
alle sieben Sonderbundskanton; 
und als Alles wohl beraten, 
greift er an mit sein' Soldaten, 
an die hundert tausend Mann. 

2. Freiburg, du zuerst von allen 
mußt vom Sonderbund abfallen, 
öffnen eilig deine Tor; 

und mit klafterlangen Schritten 

fliehen fort die Jesuiten, 

warten nicht auf « Gottes Zorn » ^ 



* So nannten die Soldaten den Artillerie - Oberst Orelli von 
Zürich wegen seiner grimmigen Miene. 



LIEDER 149 

3. Doch inzwischen ganz verstolen 
die Luzerner zu sich holen ^ 
Hauptmann Forrer von Dietwyl; 
und weil dieß so wohl geglücket, 
sind sie wiederum ausgerücket: 
doch dieß Mal holen sie nicht viel. 

4. Denn der Scheller* lässt bei Lunnern 
tüchtig auf sie niedertunnern, 

bis sie laufen all davon; 
und bei Geltwyl die Aargauer 
nehmen's auch nicht viel genauer, 
jagen sie zum Spott und Hohn. 

5. Am zweiundzwanzigsten November eben 
musst auch Zug sich übergeben, 
schickte seinen Parlementär, 

und mit Mann und Roß und Stucken 
thut der Gmür hinunterrucken 
in die Stadt von Kappel her. 

6. Als General Dufour dieß vernommen, 
lässt er gleich zusammenkommen 
sein' Adjutant' und Obersten all; 

er tat sie wohl instrugiren, 

wie man sollt die Truppen führen 

und Luzern nun greifen an. 

7. Oberst Ziegler sollt angreifen 
mit Infanterie und großen Pfeifen 



* nehmen gefangen. ' Hauptmann Scheller von Thalwyl (Zürich) 
verhinderte durch das Feuer seiner Batterie den Uebergang der 
Sonderbündischen über die Reuß. 



^ 



150 HISTORISCHE 

dort den Feind bei Gislikon; 
er ließ schlagen eine Brücken, 
daß man könnt hinüberrucken 
mit der Armee wol über'n Strom. 

8. Oberst Ziegler in der Mitten 
hat als wie ein Leu gestritten, 
führt den Sturmmarsch selber an; 
und der Feind, um sich zu retten, 
flüchtet vor den Jägerketten 
schnell den Rotherberg hinan. 

9. Denzler auf der rechten Seiten 
thät das Kanonieren leiten, 
hat Haubitzen aufgeführt; 
feuert, bis aus ihren Schanzen 
heim die Sonderbündler tanzen, 
Salis selber wird blessirt. 

10. Gmür auch auf der linken Flanken 
bringt den Feind gar bald zum Wanken, 
Meierskappel nimt er ein; 

und im Entlibuch bei Schupfen 
tut die Feinde wacker tupfen 
die Division Ochsenbein. 

11. In der Nacht nach allen Winden 
die Verräter tun verschwinden 

und Luzern kriecht schnell zum Kreuz. 
Sonderbund, du bist verloren, 
wir ziehn ein zu allen Toren: 
Vivat hoch! es leb die Schweiz! 



12. Held Abyberg kann nicht hallen 
Uri, Schwyz und ünderwalden, 
Gurten nicht das Rhonetal; 
dmm dir ewig Ruhm gebühret, 
daß du uns so gut getühret, 
Dufour, unser General! 



Allgemeine Lieder. 



ALLGEMEINE LIEDER. 



1. Episches. 



1. Mareie wott go wandle, 
wott alli Land ausgehn, 
wott suchen ihren Sohn. 

2. « Hand ihr mein' Sohn nie gesehen, 
mein' allerherzliebsten Sohn, 

den ich verloren hab?» 

3. «Mir händ ihn nacht Spot gesehen 
wol in eim Judenhaus, 

ganz blutig sah er aus. 

4. Er treit auf seinem Haupte 
von Holz ein Domenkron, 
das Kreuz trcit Jesus schon. 

5. Das Kreuz muß Jesus tragen 
durch Jerusalem die Stadt, 
wo er vil g'litten hat.» 



156 ALLGEMEINE 

6. Mareie sitzt nider und weinet, 
sie weinet gar so sehr 

um ihren Lieb Gott und Herr. 

7. Mareie, du solltist nicht weinen, 
du solltest nicht traurig sein; 

's ganz Himmelreich ist dein. 

Wesentlich gleich Mittler Nr. 440. 



-»« a » 



Nr. 2. 

1. Dort hinten, dort hinten 
bei der himlischen Tür 
dort steht eine arme Seele, 
schaut traurig herfür. 

2. Arme Seele mein, arme Seele mein, 
o kom zu mir ein! 

beichte du mir deine Sünden, 
sei'n sie groß oder sci'n sie klein. 

3. Beichte du sie mir, beichte du sie mir, 
beichte du sie mit Fleiß, 

dann werden deine Kleider 
schneechridewiß. 

4. So wiß und so wiß 

und so wiß wie der Schnee; 
wir werden einander 
im Himelrich g'seh. 

5. In dem Himelrich, in dem Himelrich, 
wo du selig dann bist, 

wo Gott Vater, wo Gott Sohne, 
wo Gott heiliger Geist ist. 



LIEDER 157 

6. Keine Krankheit, keine Sünde 
im Himmel regiert, 

weil Jesus im Garten 
herumen spaziert. 

7. O wie fälschlich sind die Juden 
und wie lasterhaft die Welt, 
weil Judas seinen Meister 
verraten hat um das Geld. 

Aus der handschriftlichen Sammlung von Stutz. — Ein mir von 
Herrn Lehrer Fürst mitgetheilter Text hat folgende Abweichungen : 
Str. 2, 2 was schaust du so traurig drein, 3 kom und beicht mir. 
Str. 3, 2 mit allem FL, 4 ja alle schneeweiß. Str. 4, 3 — 4 und dann 
wollen wir mit einander in das H. eingehn. Str. 5, i in das H., in 
das himlische Paradies. Str. 6 und 7 fehlen. 



• JL < ■ 



— ^ 



Nr. 3. Sant Katharinen Segen. 

Sant Katri reist über ein wite Heid, 
vierundvierzig Mil weit und breit. 
Wer bigegnet ere uf der Heid? 
Der heidnisch König, der frieg si, 
eb^ si wett sis Ehwib si. 
«O, ob i wett dis Ehwib si, 
wett 6nder* lo verschulde mi junge Lib ! » 
Der heidnisch König fiel in ein' Zorn 
und er ließ bauen einen Turn; 
dri tat er vil Chrotten und Schlange, 
sant Katri nun Tag drin g'fange. 
Der König cham uf de selbe Grund, 
sant Katri war no früsch und g'sund: 



* ob ; umgekehrt in der folgenden Zeile ob statt eb, eher. * eher. 



158 ALLGEMEINE 

«Jungfrau Katri, wer het di ernehrt?» 

«Wer mi ernehrt het, wird mi emehre, 

Chrotten und Schlange werde mi nit verzehre.» 

Der heidnisch König ließ mache 'nes Rad, 

vierundvierzig Schermesserli dra; 

das Rad das ließ er tribe, . 

sant Katri ihre Lib verschnide. 

Wo das Bluet hi runn, drü Engeli sunge, 

drü Cherzeli brünne, alli glich, 

si zünde sant Katri i's Himelrich. 

Ein Donnerchlapf cham vom Himel herab 

und schuß die Speien* us dem Rad; 

a dene Speie war's nit gnue: 

vierthalbhundert heidnisch Mann derzue. 



Wenn das Gebet all Tag wurd g'sproche, 
wurd kei Biderma no g'hüwe* no g'stoche, 
kei Jungfrau g'schändt, kei schwangeri Frau. 
Helf is Gott zu alle guete Dingen! Amen. 

Aus Lütolf a. a. O. S4i — 542. — Ich habe nur die Verse an 
einigen Stellen, wo sie mit Füllwörtern überhäuft waren, etwas in*s 
Maß geschnitten ; übrigens war solche unregelmäßige Reimprosa seit 
<lem XI. Jahrhundert üblich und findet sich auch noch in einigen 
der reformirten Gebete, die in Bd. I (S. 194 ff.) mitgetheilt sind. Den 
letzten Zeilen nach gehört das Gedicht zu den Segensfprüchen, die 
weiter unten mitgetheilt sind; es ist aber hieher gestellt, weil die 
epische Einleitung besonders ausfuhrlich ist und ursprünglich wohl 
selbständig war. 



-- ^ 



!•-■ — 



* Speichen. * gehauen. 



LIEDER 159 

Nr. 4« Tannhäuser. 

Vgl. Bd. I, S. 102. 

1. Tannhäuser war ein junges Bluet; 
der wott groß Wunder g'schaue; 

(er) gieng (wol) auf Frau Vrenelis Berg 
zu selbige schöne Jungfraue. 

2. Wo er auf Frau Vrenelis Berg ist cho, 
(dö) chlopft er an a d' Pforte : 
«Frau Vrene, wend er mi ine lo? 
will halten eue Orde. » 

3. «Tannhäuser, i will d'r mi G'spile ge 
zu-m-ene ehliche Wibe. » 

«Diner G'spilinne begehr ich nit, 
min Leben ist mer z liebe. 

4. Diner G'spilinne darf* ich nüt, 
es ist mir gar hoch verböte; 

si ist ob 'em Gürtel Milch und Bluet* 
und drunter wie Schlangen und Chrote.» 

5. Tannhauser saß am Figebaum, 
darunter er war entschlafe; 

es chunt em für i sinem Traum, 
er müeß uf Rom wallfahrte. 

6. Wo er in d' Stadt Rom ine chunt, 
wol unter 's höchsti Thor(e), 
frogt er dem oberste Priester no, 
wo in der Stadt Rom war(e). 



* bedarf. * wunderschön. 



l 



^ 



1 60 ALLGEMEIKE 

7. Wo er i d' Chile i-e chunt, 

vor 'em Pobst thet er sich g'neige: 
«Gott grüeze eure Heilige, Pobst, 
mine Sund will i eu a'zeige.» 

8. Der Pobst het do en düre Stab, 
vo Düri war er g' spalte: 

« So wenig de Stab mfe z' grüene chunt, 
so wenig magst du Ablaß erhalte.» 

9. «Und wenn i nümme z' Gnade chum 
und nümme mag werde bihalte, 

so gon i uf Frau Vrenis Berg 
und lebe bi-n-ihr im Walde.» 

10. Es got nit mt als dritthalb Tag, 
so fieng der Stab a z* gruene ; 

er treit es Laub so grüen wie Gras, 
darzue drei schöni Blueme. 

11. De Pobst schickt sini Boten us, 

si wüssed en niene m6 z' g'wahre; 
er schickt si us in alli Land: 
der Tannhuser blibt verfahre^. 

12. Si chömed uf Frau Vrenelis Berg, 
chlopfed a d' Pforte und die ist b'schlosse : 
«Tannhuser soll do use cho, 

sine Sünde sigen em no'g'losse.» 

13. «Zu-n-ech use cho das chan i nit, 
do mueß i bliben inne; 

mueß bliben bis am jüngste Tag, 

(da göt's mer erst wie's cha und mag.*)» 



^ verschwunden. * Dieser Vers ist offenbar unecht ; ebenso die 
zwei noch folgenden Strophen, obwohl die Beziehung der Frau Vrene 







LIEDER l6l 

14. (Tannhuser sitzt am steinige Tisch, 
der Bart wachst im drum umme; 
und wenn er drü Mal ummen isch, 
so wird der jüngst Tag bald chume.) 

15. (Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot, 

ob der Bart es dritt(s) Mol umme göt 
und der jüngsti Tag well chume.) 

Das Lied ist in obiger Gestalt mitgetheilt von Rochholz, Drei 
Gaugöttinnen S. 147 — 149; es soll von einer alten Frau im Bezirk 
Baden (Kt. Aargau) ihrem Arzt in die Feder diktirt sein. Der Text 
ist jedenfalls an manchen Stellen verdorben, aber Vergleichung des- 
felben mit dem in Bd. I (S. 102) mitgetheilten sant - gallischen (G) 
und dem (schon mehrfach gedruckten) entlebuchischen (£) ist nicht 
ohne Interesse. Da der letztere in Bd. I nicht mitgetheilt ist, so soll 
er hier, wenigstens so weit er von dem aargauischen (A) abweicht, 
noch angeführt werden. Alle drei Gestalten beruhen auf einer Grund- 
lage, welcher E (= Uhland, Volkslieder Nr. 297 C, Mittler Nr. 535) 
wohl am nächsten kommt ; doch ist gerade die erste Strophe unsers 
A und G (= Uhland A2) besser als E i — 2. 

E I. Wele (wer) groß Wunder schauen will, 
der gang in grüenen Wald use. 
Danhuser war ein Ritter guet, 
groß W^under wolt er schauen. 

2. Wa-n-er in grüenen Wald use kam 
zue denen schönen Jungfrauen, 

sie fiengen an ein längen Tanz, 
ein Jahr war inen ein Stunde. 

3. «Danhuser, lieber Danhuser mein, 
weit (wollt) ier bei uns verbleiben? 
ich will euch die jüngste Tochter ge 
zue einem eliche Weibe.» 



(Venus, Freia) auf den Freitag (Str. 15, i) einen richtigen Zug ent- 
hält und vielleicht auch die Beziehung des Namens Tawwhäuser auf 
den Aufenthalt im Walde (Ei, A 9) bemerkenswerth ist. 

II. II 



l62 ALLGEMEINE 

4. «Die jüngste Tochter die wil ich nid, 
sie treit den Tüfel in ihre; 

ich g's^'s an ire brun Augen an, 
wie es in ire tuet brinnen.» 

5. «Danhuser, lieber Danhuser mein, 
du sollest uns nicht schelten; 
wann du komst in disen Berg, 

so mucst du es etgelten.» 

6. I. Frau Vrene hat ein Feigenbaum, 
4. Von Sünden sol er lassen. 

7. Danhuser stuend uf und gieng darvon, 
er wolt ge Rom ge bichten; 
wa-n-er ge Rom wol ine kam, 

• war er mit blutten (bloßen, nackten) Füeßen. 

8. 1—2 = 7, 5— 4- 

3. er fiel auch nider auf seini Knie, 
seini Sünden wolt er abbüeßen. 

9. wesentlich = A8. 

IG. Er kneuet für das Kreuzaltar 
mit außgespanten Armen: 
«Ich bitt es dich, Herr Jesus Christ, 
du wellist meiner erbarmen.» 

11. Danhuser gieng zur Kirchen uß 
mit seim verzagten Herzen: 
«Gott ist mir allezeit gnädig g'si, 
iez mueß ich von em lassen ! » 

12. Wa-n-er für's Thor hie uße kam, 
begegnet im üsi Liebi Frauen: 

« Behüet dich Gott, du reini Mae:d ! 
dich darf ich nimmen anschauen. » 

15, 1—2 = A IG, I — 2. 

3. Der Pabst schickt uß in alli Land, 
er ließ Danhuser suchen. 

14. Danhuser ist iez nimmen hier, 
Danhuser ist verfahren, 
Danhuser ist in Frau Vrenen Berg, 
wolt Gottes Gnad erwarten. 



LIEDER 163 

15. Drum sol kein Pabst, kein Kardinal 
kein Sünder nie verdammen; 
der Sünder mag sein so groß er will, 
kann Gottes Gnad erlangen. 

Sagen von Schweizern, die in den Venusberg kamen, gibt 
Lütolf S. 89. Tannhuser kommt' übrigens noch heute in Malters, 
Kt. Luzem, als Geschlechtsname vor; ein Tannhuser war im Jahr 1640 
Pfarrer in Escholzmatt im Entlebuch, wo Stalder das Lied (E) fand ; 
ein Christen Tannhuser kommt urkundlich im Jahr 1 5 1 5 in Graubünden 
vor. Lütolf S. 90. Die Uebertragung der Sage vom Bari des im 
Berg verzauberten Kaisers auf den Tannhäuser (A 14. 1$) war auch 
luzemische Sage. Lütolf S. 87. Ueber Verena = Venus - Freia s. Roch- 
holz (a. a. O. S. 1 50 ff.) und Schweiz. Idiotikon unter Verene. Aus 
jener Gleichung folgt aber keineswegs, daß der Tannhäuser eine 
Vermenschlichung von Wuotan sei. Ueber die Tannhäuser-Sage und 
ihre Parallelen s. noch Herrig, Archiv Bd. 68, S. 43 — 5L 



«•-»- 



Nr. 5. Der König von Mailand. 

s. Bd. I, S. CV. 

1. Weiß mir e Herr, hed sibe Sü 
und nu en einzig Töchterli. 

Der Herr der stellt e Gastmal a, , 
er ladt vil fremdi Herre dra. 

2. Er ladt vil fremdi Herren i, 
de Künig us Mailand au derbi. 

Die Tochter hed Har so gel wie Gold\ 
darum wird ihre der Künig hold. 



* Das Original hat : e Haar, ist gelber weder Gold. Vgl. Dursli 
und Babeli i, 4. 



1 64 ALLGEMEINE 

3. Das Mägdli wött ge schlafe go, 
tritt ihre der Künig us Mailand no^; 
und do-n-er het si Wille 'to*, 

sitzt er ufs Roß und rit't dervo. 

4. Do vierzig Wuche sind ume, 
de Künig der ist nie kumme. 
Dem Mägdli wurd's im Siteli weh, 
zu einem kleinen Kindele. 

5. «Ach Brueder, liebe Brueder mi, 
erlaub du mir di Kämmerli, 
erlaub mir di Schlafgade*; 

klei Kindeli mue-n-i habe.» 

6. «Ach Schwester, liebi Schwester mi, 
's Schlafkämmerli soll di eige si, 
ich will dir ge vil Guet und Geld; 
bring du di Kindli recht uf d' Welt ! » 

7. «Ach Brueder, liebe Brueder mi, 
und hätt i numme no Wiber dri!» 
«Ach Schwester, liebi Schwester mi, 
die Wiber müend gli vorbände si.» 

8. Und do das Kind gebore war, 
die eine zu der andern sprach: 

«Das Kind ist hübsch und minniglich, 
es sieht dem Künig us Mailand glich.» 



* nach. * gethan. Im Original folgt noch die Zeile : In vierzig 
Woche will er wider ko. * Gaden, Kammer. 



LIEDER 165 

9. Die Mueter an de Wände 
erloset de Reden en Ende*; 
sie Sprung dur d' Stegen uf und ab, 
bis daß sie zu 's Mägdlis Vater kam. 

10. «Hand eister^ g'seit, eui Tochter sei fromm, 
iez het si geboren en junge Sohn; 
und war die Tochter eu wie mi, 
die Red mueß uns verschwige si. 



II. 



Das Kind ist wüest und grüselich, 
es sieht 'em leidige Tüfel glich.» 

12. Der Vater fiel in e große Zorn 

er Sprung wol uf die Mure, 
rueft alle sine Nachbure: 

13. «Nachbure, liebi Nachbure, 
müend mir en Galge mure^; 
i will mi Tochter la henke, 
ihre junge Sohn ertränke.» 

14. Der Brueder an de Wände 
erloset de Reden en Ende, 

er loset von Anfang bis zum End, 
bis ihm sini Aeugli Wasser gend. 



* erlauscht die Reden vollständig; vgl. Str. 14 und: Die Braut- 
wahl Str. 5. * immer. Das Original hat gesproche statt g^seiU * Das 
Original hat hier noch die Zeile: dra mue mi Tochter verfule. 



1 66 ALLGEMEINE 

15. «Ach Schwester, liebi Schwester mi, 
mir händ e zomigs Väterli; 

er will di lasse henke, 
din junge Sohn ertränke.» 

16. Das Mägdli setzt si uf im Bett, 

es wünscht, daß 's Tinten und Federe hätt^; 
es tuet e Briefli schribe 
sim Herren i Mailand ine. 

17. «Ach Brueder, liebe Brueder mi, 
hätt ich e kleines Böteli, 
müeßt mir es Briefli trage, 
mim Herren i Mailand sage.» 

18. «Ach Schwester, liebi Schwester mi, 
das Böteli will i selber si, 

will dir das Briefli trage, 
dim Herren i Mailand sage.» 

19. Do-n-er i's Mailand ine kam, 

er so zu selbigem* Diener sprach: 
«Ach Diener, liebe Diener mi, 
möcht euere Herr deheime si?» 

20. «O.nei, min Herr ist nit deheim 



min Herr der ist geritten us, 
(wol) um e zarts Jungfräuli us.» 



^ Original : es heischt Dinte und Federe her. Dann könnte die 
erste Zeile etwa gelautet haben : Dem Mägdli macht der BVicht gar 
schwer. * dortig. 



LIEDER 167 



21. Der Bot der kehrt si nit dara, 

bis er zum Herren i d' Stube kam^; 
was zog er us sim Buese? 



22. «Sieh hie, sieh iiie, o Herre mi, 
darin kannst sehe wer i bi.» 
Eb* er das Briefli ganz lese kauft, 
die Thräne ihm in d' Schoß abe rann. 



23, 



« Stönd uf, stönd uf, ihr Ritter, uf ! 
wir müend a'n Rhinstfom riten us, 
(wol) um e zarts Jungfräuli us. 

24. Und du, o liebe Diener mi, 
gang sattle mir mi Pferdeli, 
und sattle mir das beste Pferd, 

das unter vierthalbhundert war.» — 

25. Und do-n-es war am Fritig früe, 
si füered das Mägdli us so früe; 
frumm Mägdli wend si henke, 
sin junge Sohn ertränke. 

26. Und do-n-es uf die Leiter trat*, 
es den Nachrichter treuli bat: 
«Nachrichter, lieber Nachrichter mi, 
o wart du no ne kleine Wil. 

27. — — — — — — — — 

i g'höre-n-e scharfe Riterei; 

i hoff, es möcht ein drunter si, 
möcht mines Kindlis Vater si.» 



* .Original : trat. * ehe. ^ Original : kam ; vgl. Note *. 



1 68 ALLGEMEINE 

28. Der Nachrichter ist e barmherzige Ma, 
er wartet vierthalb Stunden ab; 

er wartet (und wartet) vierthalb Stund, 
bis daß die Schar vo .Ritere chund. 

29. — — — — — — — — ^ 

er wünschet allen e guete Tag, 
dazu ne guete Morge: 

«wen wend er so früe versorge*? 

30. In unserem Land ist's nit der Bruch, 
daß ma 's Wibervolk tuet henken uf.» 
Was zog er us sim Buese? 

Ein Windel von schönem Tueche^. 

31. «Sieh hie, sieh hie, brun Maidli mi, 
wickle du din kleines Kindli dri.» 
Was zog er us si'r Scheide? 



32. O Wunder! ein schönglänziges Schwert; 
er stach sin Schwägerin* uf die Erd: 
«Wenn i den Adel nit nieße möcht^ 

so stach i min Schwäher uf die Erd. 

33. Ach Anni^, magst 's Riten erlide, 
magst zu mir uf mi Pferd stige? 
Du muest nu riten e halbi Stund, 
bis daß e Gutsche gegen üs chunt.» 



* Die fehlende Zeile muß enthalten haben, daß der König an- 
gekommen sei. * hinrichten (sonst : mit den Sterbesa cramenten ver- 
sehen. ' Das Original hat als erste Zeile der folgenden Strophe: 
Voll Wunder ! ein schönes Tücheli. * Schwäherin, Schwiegermutter. 
* hat wohl ursprünglich gelautet: wenn er seines Adels n. n. m., 
d. h. wenn ich nicht auf seinen Adel Rücksicht nähme. ® Daß hier 



LIEDER 169 

34. «Worum wott i's nit besser erlide, 
als uf de hoch Galgen stige ? » — 
Es stoht nit meh als e halb Johr a, 
der König stellt e Gastmal a. 

35. «Ach Anneli, liebs Anneli mi, 
wend mer au lade di Väterli dri?» 
«O nei, o nei, min Herr, laß si^, 
mi Väterli wend mer nit lade dri.» 

j6, «Es fliegt e Vögeli nit so hoch, 
es lot si wider nider: 
wenn scho di Väterli zornig ist, 
der Zorn der leit^ si wider.» 

Das merkwürdige Lied war den Herausgebern des «Wunder- 
homs» von Wessenberg mitgetheilt worden; es trägt in der Sprache 
einige Merkmale aus der nordöstlichen Schweiz, kann aber natürlich 
nicht in reiner Mundart hergestellt werden; nur einige Unrichtig- 
keiten und Unebenheiten sind im obigen Text ausgeglichen. Leider 
ist das Stück auch sonst unvollständig und besonders in den Reimen 
mangelhaft überliefert. Ich habe nur an den wenigen, in den Noten 
angegebenen Stellen Besserungen versucht, sonst mich begnügt, die 
Vierzeiligkeit der Strophen wenigstens äußerlich herzustellen, während 
das Original einige fünf- und dreizeilige gibt. Daß einige Strophen 
ganz oder theilweise weibliche Ausgänge haben, ist nichts Seltenes ; 
offenbar verderbt oder mangelhaft in Wortlaut und Sinn sind Str. 4. 
24. 32, im Reime Str. 23. 25. 27. 



■•-•- 



die Jungfrau auf einmal diesen Namen trägt, erinnert an die Anneli- 
Lieder Bd. I, S. 115. 118, wo das Mädchen ebenfalls auf's Pferd ge- 
hoben wird. 

^ Das Original hat ein drittes nein und dann Z. 4 drei(n), was 
neben dri Z. 2 unerträglich ist. ' Original: let. 



1 



1 70 ALLGEMEINE 

Nr. 6. Schön Anneli. 

s. Bd. I, S. CV. 

1. Es ritt ein Rüter durch das Ried, 
er sung mit Lüsten ein Tagelied, 
er sung's mit heller Stimme, 

daß 's zwischen zwei Bergen tuet klinge. 

2. Das Anneli under dem Lädeli^ lag: 
«Wer ist iez, der so singe mag? 
Könnt ich nur auch so singe, 
wett* mit ihm vo heime springe!» 

3. «Anneli, wottist du mit mir ga, 

ich will dich lehren alls was ich ka; 

ich will dich lehre singe, 

daß zwischen zwei Bergen tuet klinge^.» 

4. Das Anneli springt dur d' Stegen uf, 
es'kleidt si i Side und Sammet druf, 
i Sammet und sidige Schnüere; 

de Rüter wott 's Anni verfüere. 

5. Er nahm schön AnneU bim Gürtelschloß, 
er schwung's wol hinden uf s höchi Roß* 
und fuer mit ihm so balde 

wohl gegen dem finstren Walde. 

6. Sie ritten zum kühlen Brunnen, 
mit Blut war er überrunnen; 
sie kamen zum Haselstüdeli, 
darhinder rugget* es Tübeli. 



^ Fensterladen. * ich wollte. * Andere Lesart: ein Lied uf 
dreierlei Stimme, oder: drei Liedlein auf einer Stimme (Melodie). 
* s. Bd. I, S. 118, *. * girrt. Den blutigen Brunnen haben andere 
Texte erst später, nach Str. 20. 



LIEDER 171 

7. «Ach Rüter, liebe Rüter mi, 
was rügget echt das Tübeli? 

es rügget, du sigist^ en falsche Ma, 
der mir min Leben nit gönnen mag.» 

8. «Schön Anneli min, es rügget nit das; 
es ist öppis anders, ich weiß wol was*; 
es rügget wege sim rote Fueß, 

wo es im Winter dra früre mueß.» 

9. Er ritet mit ihm über Studen und Stock; 
es schreit: «o we, mini sidige Rock!» 

er ritet mit ihm über Studen und Stei; 
es schreit: «o weh, mini schnöwiße Bei^!» 

K). Er spreitet de Mantel i's grüene Gras, 
er wett, daß 's Anneli zu ihm saß: 
«Ach Anneli, chum mir cho luse*, 
mis chruses gels Haar verzuse.» 

11. So mängi Locke das Anni verzieht, 
so mängi Thräne ihm entfiel; 

er luegt ihm under die Augen: 

«Was weinst du, schönste der Frauen? 

12. Weinist du um dis Vaters Guet.^ 
oder weinist du um din stolze Muet? 
oder weinst du um dine Ehren? 

es mag sie dir niemer verwehren.» 



* seist. ^ Diese Zeile ist von mir ergänzt, weil beide Texte hier 
mangelhaft überliefert sind. * Auch diese Strophe kommt in dem 
andern Anneli-Liede (Bd. I, S. 118, Str. 5. 6) vor, scheint aber hieher 
zu gehören. * hiei* nicht im gemeinen Sinn zu nehmen, sondern 
= liebkosend mit den Haaren spielen. Vielleicht liegt aber darin eine 



1 72 ALLGEMEINE 

13. «Ich weine nid um mis Vaters Guet 
und weine nid um min stolze Muet: 
ich weine-n-um diese Tanne, 

wo elf Jungfraue dra hange.» 

14. «Schön Anneli, wein du nit so gli, 
du niuest ja doch die zwölfti si, 
muest z obrist obe dra hange, 
muest Kaiser! werden ob alle.» 

15. «Ach Rüter, liebe Rüter mein, 

laß du mich schreie drei einzigi Schrei.» 
«Ja frili, schrei du so mänge-n-as d' witt^ 
die junge Waldvögeli lose dir nit.» 

16. Der erste Schrei, wo 's Anneli het than, 
es ruefti Gott im Himmel an, 

er soll ihm zu Hilf kommen balde 
aus diesem finsteren Walde. 

17. Der andere Schrei, wo 's Anneli het than, 
es ruefti die Mueter Gottes an, 

sie soll ihm zu Hilf kommen balde 
aus diesem finsteren Walde. 

18. Im dritten Schreie schön AnneU 
ruefte sim lieben Brüederli: 
«Und hilfst du mir nicht balde, 
so bin ich verloren im Walde* ! » 



Anspielung darauf, daß der Reiter eine Hautkrankheit (Grind) an sich 
hatte, zu deren Heilung er das Blut von Jungfrauen suchte (Blau- 
bart-Sage). 

* willst. * Den drei Schreien entsprechen in dem andern Liede 
(Bd. 1, S. 119) die drei Nägel, mit denen das in ein Pferd verwandelte 
Anneli beschlagen werden soll. — Die beiden letzten Zeilen dieser 



LIEDER 175 

19. Der Brueder hinder dem Tischli saß 
und mit sim Völkli* z* Morgen aß; 
es dunkt ihn in sinem Sinne, 

er g'höri sis Schwesteriis Stimme. 

20. «Ach Knechtli, liebes Knechtli mi, 
gang, sattle mir mis Pferdeli 

und zäum's mit der isige Chette; 
i will mi ^Schwester ga rette* ! » 

21. Und wo-n-er chunt wol mittst i'n Wald, 
der Rüter träiet' es Widenband: 
«Träisch es für mi oder träisch es für di 
oder träisch es für mis Schwesterli ? » 

22. «I träi's nit für mi und nit für di 
und au nit für dis Schwesterli: 

i traie's für mis Rösseli, 

es verzehrt* mir alli die Zäumeli. » 

23. Er bund de Rüter hinten a'n Stiel ^, 
er mag sich wehren wie er will; 
er mueß de Lohn für Alles ha, 
wo er scho i dem Wald het tha. 

24. Er nahm schön Anneli bim Gürtelschloß 
und scliwung's wohl hinten uf sis Roß 
und fuer mit ihm über Studen und Stei 
und fuer mit dem Anneli wieder hei. 



Strophe lauten in dem von mir sonst zu Grunde gelegten Texte 
gleich denen der zwei vorhergehenden Strophen; aber in den deutschen 
Parallelen zeigen sie eine Variation, die ich oben nachgebildet habe. 
* Hausgesinde, Familie. * Diese zwei Zeilen aus dem Text voa 
Rochholz. ^ dreht. * zerreißt. * an den Schweif seines Pferdes. 



1 74 ALLGEMEINE 

Der vorstehende Text beruht gröstenthcils auf dem von Stalder 
im Entlebuch vorgefundenen und in Henne's Schweizerblättem 1833, 
S. 210 mitgetheihen. Rochholz gibt einen erweiterten, vom dem er 
selbst sagt, er sei aus verschiedenen Quellen zusammengestückt, und 
der schon durch sein Versmaß (Strophen von 6 statt 4 Zeilen) von 
den andern abweicht, übrigens neben manchen Verschnörkelungen 
einiges Echte enthalten mag. Ich habe ihn mit dem andern, der 
allerdings auch seine Mängel hat (besonders gegen Ende), stellen- 
weise zu vermitteln gesucht. 



«•-• 



Nr. 7. Der Dursli und d's Babeli. 

s. Bd. I, S. CIV. 

1. Es het e Bur es Töchterli, 
mit Name heißt es Babeli; 

es het zweu Züpfli, si sind wie Gold, 
drum isch ihm au der Dursli hold. 

2. Der Dursli lauft dem Vater na: 

« O Vater, weit ihr mer 's Babeli la ? » 
«Mis Babeli isch no vil zu chlei, 
es schlaft das Jar no wol allei. » 

3. Der Dursli lauft in einer Stund, 
lauft abe bis ge Soleturn, 

er lauft die Gassen i und us, 

bis daß er chunt vor 's Hauptmes Hus. 

4. «O Hauptme, liebe Hauptme mi, 
i will mi dingen i Plauderen i. » 
Der Hauptme zieht de Seckel us 
und git dem DursU drei Taler drus. 



I 



LIEDER 175 

5. Der Dursli geit do wider hei, 
hei zue sim liebe Babeli chlei: 
« O Babeli, du liebs Babeli mi, 

i ha mi 'düngen i Flanderen i ! » 

6. Das Babeli lauft wol hinder 's Hus, 
es grint ihm schier sini Aeugeli us: 
« O Babeli, tue doch nit eso, 

i wott ja wider ume cho. 

7. Und chum i über 's Jar nit hei, 

so will i der schriben es Briefli chlei; 
darinne soll geschribe sta: 
I wott mis Babeli nit verla.» 



Und wenn der Himmel papirig war 
und jede Sterne-n-e Schriber war 
und jede Schriber hätt siebe Hand, 
si schriebe doch miner Liebi keis End! 

Der obige Text ist wesentlich nach dem solothurnischen gestaltet, 
wie ihn zuletzt Schild, Der Großätti aus dem Leberberg, 2. Ausgabe, 
S. 176 — 177 gibt; jedoch habe ich die spezifisch solothurnische Färbung 
der Sprache abgestreift, weil si6 nicht auf originaler Ueberlieferung, 
sondern erst auf mehrfacher Rückübersetzung des Herder'schen Textes 
in die Lokalmundart beruht (s. Schild a. a. O. 184). Von dem Texte 
Herder-Schild (HS) unterscheidet sich der von Wyß (W), der auch 
in die Ausgabe des «Wunderhorns» von 1846 aufgenommen ist, nicht 
nur durch bernische Mundart, sondern auch durch Vermehrung des 
Inhaltes, indem unsere Strophen 2. 4 und 6 zu je zweien erweitert 
sind und am Schluß die Strophe hinzugefügt ist, die nun auch in 
der ursprünglichen Heimat des Liedes solchen Anklang gefunden hat, 
daß dasfelbe dort nur den Namen «Der papirig Himmel» trägt. Die 
fremde Herkunft und weite Verbreitung dieses Spruches (der hier 
immerhin nicht ungeschickt angefügt ist) hat R. Köhler in « Orient 
und Occident» Bd. II, S. 546 — 559 mit glänzender Gelehrsamkeit 



176 ALLGEMEINE 

nachgewiesen. Vgl. Alemannia XI, 57. Die Antiquare von Solothurn 
haben sich bemüht, auch einen historischen Kern der Geschichte 
herauszufinden, und es hat sich aus ihren Nachforschungen in den 
Taufbüchern von Grenchen ergeben, daß das «Babeli» als Barbara 
Marti am 28. Oktober 1670 zu Bettlach geboren war. Seit jener Zeit 
sollen auch die Werbungen nach Flandern begönnet! haben. Der 
Name des mit jener Barbara verlobten Soldaten war freilich nach 
dem amtlichen Register nicht Durs, sondern Franz Abri; er müsste 
also durch den des Kirchenpatrons von Solothurn, St.Ursus, verdrängt 
worden sein. Herr Staatsfchreiber Amiet glaubt sogar die unserm 
Lied angehängten Fortsetzungen (mit demselben zuerst im Soloth. 
Wochenblatt 18 10 gedruckt), weil einzelne Lokalsagen und Familien- 
angaben derselben mit Thatsachen übereinstimmen, als echte Volks- 
lieder aus derselben Zeit betrachten zu dürfen, s. Schild a. a. O. 
232 — 234. Vgl. aber die Schlussbemerkung zu dem Liede der Guggis- 
berger: Simeliberg. 

Ich schließe mit einer Auswahl der wichtigsten Textverschieden- 
heiten, besonders von W gegenüber H S. Str. i, 2 hat S statt : mit 
Name heißt es: Me seit em numme. 3 hat W; gel w. G. Str. 2 W: 
Ätti St. Vater. Str. 3, l W: i vollem Zorn. Str. 4, 2 W: Bruchst du 
ke Chnecht (dieses Wort im altern Sinn = Kriegsmann, vgl. Lands- 
knecht). 3 — 4 hat S: tuet der Seckel uf und g. d. D. d. Chrone 
(Kronenthaler) druf (d. h. als Handgeld auf sein Versprechen, Dienste 
zu nehmen). H hat übrigens: SQckQlschnur, Str. 5, 4 W: 'dinget. 
Str. 6, 3 S: briegg st. tue. 4 W: z' Jahr (nach Jahresfrist) st. wieder. 
Str. 7, I — 2 W: Und chan-i-denn nit selber cho, will dir es Briefli 
schribe lo. 

Zur Worterklärung : Str. 2, i : weit, wollt. 6, 2 : grint, weint ; 
ebenso briegg 6, 3 S. 

Ob die von Kuhn (Kuhreihen und Volkslieder S. 33) gegebene 
Melodie (aus G-Dur) dieselbe ist, die Herder «leicht und steigend 
wie eine Lerche» nennt, weiß ich nicht. Daß Herder den Text 
« verkünstelt » habe, hätte ich Bd. I, S. CIV nicht sagen sollen ; in 
welcher Gestalt er ihn bekommen hatte, wissen wir nicht; er wird 
ihn eben, wie andere und wie es dem Zweck seiner Sammlung an- 
gemessen war, nur etwas verhochdeutscht haben. 



-« » A * » 



LIEDER 177 

Nr. 8. 

Vgl. Bd. I, S. CVI. 

1. Es wend zweu Liebi z'säme, 
wenn's vor 'em Wasser g'si möcht^; 
er schrou 'em Lieben änet^, 

ob es nit zünde wett. 

2. «Wol frili will i dir zünde, 
wenn du da übere schwimst; 
wo mues i das Liechtli stelle, 
daß 's mir nit abewütscht^? 

3. Stell ich's i die Höchi, 

so löscht mir's ab der Wind, 

und stell ich's i die Mitti, 

so lösched mir's ab die Chind. 

4. Und stell ich's i die Teufi, 
dort lit das alti Wib; 

die Hex dort nebe dem Seeli 
verlöscht's mit irem Chib*. 

5. Dann chaust^ du nit übere finde 
und blibst verloren im See. 

Ach Gott, wie will ich dir zünde? 
ha scho keis Liechtli me!» 

6. Das Anneli sprung zu der Mueter: 
«Erlaubet mir's an den See! 

i möcht mini Händeli chüele, 
si tuend mer gar eso^ wo.» 



* stattfinden könnte ; vor im Sinn von Hinderniss. * schrie, rief 
dem Liebchen jenseits. ' herunterwischt. * Zank, Neid, Groll. * kannst. 
Zu ergänzen ist bei finden: den Weg, die Richtung. ® Das Original 
hat «im Herze», was hier offenbar nicht passt. 

IL 12 



lyS ALLGEiMEINE 

7. «Ach Tochter, liebi^ Tochter, 
alleinig muest du nit gö; 

du hast ein chlines Schwösterli, 
dasfelbig muest mit dir 16.» 

8. «Ach Mueter, liebi Mueter, 
mis Schwösterli ist es Chind; 
es günnt die chline BlüemU ab, 
die no nit zitig sind.» 

9. «Ach Tochter, liebi Tochter, 
alleinig muest du nit gö; 

du hast ein chlines Brüederli, 
dasfelbig muest mit dir 16.» 

10. «Ach Mueter, liebi Mueter, 
mis Brüederli ist es Chind; 

es springt de chline Vöglene na, 
die no nit g'federet* sind.» 

11. «Ach Tochter, liebi Tochter, 
alleinig muest du nit g6; 
nimm du der alti SchifFma, 
derselbig chaust du mit 16.» 

12. «Ach Schiffma, liebe Schiffma, 
steck du der Angel ab: 

fahr du dem blauen Striemeli^ na, 
du findst en ertrunkne Chnab ! » 



* Das Original hat hier durchweg lieberi, was jedenfalls nicht 
Comparativ, sondern nur erweiterte Positivform sein könnte. * be- 
fiedert. * schmaler Streifen. 



LIEDER 179 

13. Er zog de Jungchnab use, 
'em Anni uf sini Schoß; 
bihüet ihn Gott im Himmel, 
daß er ihn fahre löt! 

14. Es g'schaut ihn umen und ume', 
es g'schaut ihm sini Hand; 

es geb^ ihm Gott im Himmel 
es guets glückseligs End! 

15. Es g'schaut ihn umen und ume, 
es g'schaut ihm au sin Mund; 
es geb ihm Gott im Himmel 

e gueti glückseligi Stund! 

16. Was zog's ihm ab sim Finger? 
vo Gold es Ringeli: 

«Ach sä^ du liebe Schiffina, 
das soll din Finderlo si ! » 

17. Und nahm der Jungchnab i'n Arfel* 
und Sprung mit ihm i'n See^: 
«Ade, min Vater und Mueter, 

ihr g'sehnd mi nümmemS^!» 



— V 



^ von allen Seiten, immer wieder. * Das Original hat verleih, 
was ganz unvolksthümlich ist. * nimm. * in den Arm, aber eigentlich 
« Arm-voll». * Das Original hat Boddesee, was doch nicht den Boden- 
see, sondern nur «Tiefe des Sees» meinen könnte. Eine ähnliche 
Sage soll allerdings auch am Bodensee gespielt haben (s. Rochholz, 
Aarg. Sagen I, S. 36 oben); in neuerer Zeit findet sie sich nur noch 
am Zuger See. ® Die zwei letzten Zeilen lauten im Original, offenbar 



1 80 ALLGEMEINE 

Nr. 9. 

1. Im Aergäu sind zweu Liebi, 
die hettid enandere gem. 

2. Und der jung Chnab zog zu Chriege; 
wann chunt er widerum hei? 

3. Ueber 's Jar im andere Sumer, 
wenn d' Stüdeli trägid Laub. 

4. Und 's Jar und das war umme, 

und der jung Chnab ist widerum hei. 

5. Er zog dur 's Gässeli ufe, 

wo d's schön Anni im Fenster lag. 



unecht: «Es soll wege minetwille kei Jüngling sterbe daß (als) de», 
d. h. kein anderer mehr. Ich gebe den Schluß der in Deutschland 
verbreiteten Form des Liedes, mit dem das unsrige sonst im Ganzen 
übereinstimmt (vgl Mittler Nr. 57; Simrock Nr. 3; Erk Nr. 21 u. s.w.). 
Im Einzelnen ist unser Text allerdings auch noch an andern Stellen 
eigenthümlich (Str. 2 — 4. 13 — 15) oder mangelhaft (Str. i). Nach 
Str. 5 muß natürlich ergänzt werden, daß das böse Weib das Licht ge- 
löscht habe. Statt Schiffmann Str. 1 1 u. s. w. dürfte wohl Fischer gesetzt 
werden, wie in den Parallelen steht. Unklar sind die letzten Zeilen 
von Str. 13, wo vielleicht vor fahren die Negation zu ergänzen ist; 
auch dürften jene Zeilen und die entsprechenden in Str. 14. 15 viel- 
leicht geradezu als Worte der Jungfrau aufgefasst und bezeichnet 
werden. Geändert habe ich, außer den angegebenen Stellen, an dem 
von Rochholz (a. a. O. S. 33 — 35) gegebenen Texte, der am Hall- 
wyler See aufgezeichnet ist, nichts als einiges Orthographische, 
z. B. ihn statt des enklitischen en, dir für der, wegen der Verständ- 
lichkeit, besonders für nicht schweizerische Leser. Consequenz in 
der Schreibung von Lauten und Formen ist nirgends beabsichtigt, 
weil die Forderungen derselben sich oft mit denen der Deutlichkeit 
kreuzen. Die Ausdrücke :(weu Liebt Str. i und Jungchnab Str. 13. 17 
kommen auch im folgenden Liede vor. 



LIEDER 1 8 1 

6. «Gott grüeß di, du Hübschi, du Feini, 
vo Herze gefällst du mir wol ! » 

7. «Wie chan i denn dir no g'falle? 
ha scho lang en andere Ma, 

8. En hübsche-n-und en riche, 
und der mi erhalte cha.» 

9. Er zog dur 's Gässeli abe 
und weinet und truret so ser. 

10. Do begegnet ihm seini Frau Mueter: 
«Und was weinist und trurist so ser?» 

11. «Was sott i nit weine und trure? 
i ha ja keis Schätzeli me! » 

12. «Wärist du deheime blibe, 
so hättist dis Schätzeli no.» 

Der Text des Liedes bei Wyß (S. 48) und Kurz (S. 112) ist 
nicht ganz übereinstimmend und es wird auch noch mit anderen 
kleinen Abweichungen gesungen ; reine Mundart ist nicht herzustellen, 
schon wegen des Mangels der einfachen Form des Präteritum Ind., 
für welche hier und in andern Liedern entweder die schriftdeutsche 
oder die des Conjunctiv gesetzt wird. So stehen in Str. 5 bei Kurz 
neben einander die Formen ^og (bei Wyß x^g) und lag. Das Ein- 
treten der Conjunctivformen war durch die missverstandenen Indicative 
tat und hätt der ähern Schriftsprache (besonders in Volksliedern) be- 
fördert. In Str. 3, 1 habe ich statt uf das meist gehörte über gesetzt. 
Str. 5, 2 hat Kurz Anneli und Fensierli, Wyß verborge statt im Fenster, 
feini (6, i) und seini (10, i) mit ei statt i habe ich nur stehen lassen, 
weil beide Quellen es haben. 11,2 hat Wyß : ietz han i k. Seh. m. 

Betreffend die strophische Form ist zu bemerken, daß (ähnlich 
wie beim « Simeliberg ») je zwei Zeilenpaare durch einen Reim 
(resp. Assonanz) zu einer Strophe verbunden sind, obwohl die Me- 
lodie nur für die Hälfte ausreicht. So gehören wenigstens Str. i 
und 2, 3 und 4, 7 und 8, 9 und 10 zusammen, während zwischen 
5 und 6, II und 12 keine Verbindung besteht. Indessen ist diese auch 



l82 ALLGEMEINE 

für die anderen Paare weniger eng und passend als beim «Simeli- 
berg». Uebrigens stimmen Str. 4 — 8 zum Theil wörtlich mit Str. 3 — 5 
von Mittler Nr. loi («Nichts Besseres kann mich erfreuen») und das 
Ganze scheint nur eine Umbildung dieses Liedes aus dem Tragischen 
in*s Elegische. 



-V- 



Nr. lo. Die Kindsmörderin. 

s, Bd. I, S. CVI. 

1. Es wollt ein Hirt i'n Wald ustribe, 
er g'hört es chleines Chindeli grine. 

2. «I g'höre di wol, i g'sfe di aber nit, 
i weiß nit, wer dis Müeterli ist.» 

3. «Mis Müeterli wott Hochzit habe, 
es het drü chline Chind vergrabe. 

4. Das erst hat es i's Wasser 'trage, 
das ander undejr de Mist vergrabe 

5. Und mi i grüene Wald use g'steckt, 
mit Laub und Aeste mi zuebedeckt. » 

6. Er nahm das Chind wol uf sin Arm 
und mit ihm in das Wirtshus kam. 

7. «G'se Gott, g'se Gott, ihr Hochzitgäst! 
die oben am Tisch mi Mueter ist. 

8. Ach Mueter, du darfst keis Chränzeli trage, 
du hast drü chleini Chind vergrabe. 

9. Das erst hast du i's Wasser 'trage, 
das ander under de Mist vergrabe, 

10. Und mi i grüene Wald use g'steckt, 
mit Laub und Aeste mi zuebedeckt.» 



LIEDER 183 

11. «Und wenn i soll euere Mueter si, 
so schlag der böse Geist dari. » 

12. Sobald si nur das Wort usfprach, 
der böse Find in die Stube brach. 

13. «Chum weg, chum weg, vom Tisch cweg, 
mit mir muest trinke Schwefel und Pech ! » 

Aus dem Kanton Aargau. — An dem bei Kurz und Simrock 
stehenden Texte habe ich nur einige geringe Aenderungen zum 
Zweck des Reimes und mit Benutzung der deutschen Parallelen vor- 
genommen. Str. 3 und 13 haben im Original eine überzählige und 
auch überflüssige dritte Zeile. Str. 6, 2 lautet dort : und gieng wol 
mit i*s Wirthshus abe. Str. 7, 2 : Die Brut die saß wol oben am 
Tisch. Darauf folgt: 

Wil sie des Chindes Müeterli isch, 

das Chind wird's selber zeigen an. 
Str. 11: Und wenn's au ist, wie 's Chindli seit, 

so schlag der böse Geist hinein. 
Str. 12, 2 habe ich brach statt kam gesetzt. Str. 7 hat das Original 
g'sä, was aus gesegne verkürzt sein könnte, während g*se, aus gesehe, 
auf den Anblick der Mutter bezogen werden kann. 

Stutz, der in seinem Buch (a. a. O.) einen etwas erweiterten und 
verkünstelten Text gibt, hat in seiner handschriftlichen Sammlung 
beim Erscheinen des bösen Geistes folgende merkwürdige Variante : 

Der bös Geist nimt sie bi der Hand 

und führt sie in das Schwabeland, 

i's Schwabeland, i'n höllische Tod; 

dort sitzed drei Gottbhüetis (Teufel) dervor. 

Der erste seit: Willkum herin! 

der andre schenkt ihre gnueg darin, 

der dritte stoßt sie i d' Höll. 
Dazu eine noch weniger passende Schlußftrophe. 



1 



1 84 ALLGEMEINE * 

Nr. II. 

Vgl. Bd. I, S. CVII. 

1. Es ziehnd drei Grafen* über Feld, 
verloren haben sie Sack und Geld. 

2. Sie suchen sich ein schön Mägdlein aus - 
und kommen vor schön Annelis Haus. 

3. Schön Anneli sitzt im grüene Chlee 

und schreit, sie söUed ihm 's Lebe nüd neh. 

4. Der erste seit: «Das Anneli ist min!» 
der andre seit : « Es ist min wie din ! » 

5. Der dritt seit: «Wie ist das Anneli so wert! 
wend's^ teile mit eme güldene Schwert^.» 



. » x »'- 



^ Diese Lesart erklärt sich daraus, daß die drei Diebe, wie in 
den deutschen Parallelen (Mittler Nr. 117. 118) ausdrücklich steht, sich 
als Grafen ausgaben. * wir wollen es. * Der zunächst folgenden 
Strophen erinnerte sich Stutz nicht mehr, gibt aber die Fortsetzung 
der Geschichte in Prosa. Die Drei haben das Anneli wirklich in drei 
Stücke zerschnitten und dann in eine Schlucht («Tobel») hinab- 
geworfen. Nach einiger Zeit sei in. das Wirthshaus am Rheine (wo 
Anneli gewohnt hatte) ein Mann gekommen, welcher der Wirthin 
Kittel zu kaufen anbot. Sie habe dieselben zu sehen verlangt. Dann 
folgen wieder 2 Strophen : 

Er schüttelt ein Kitteli aus dem Sack, 
von Schweiß und Blut ist es noch naß. 

Die Wirtin schreit: Herr Jesus min! 
das ist mines Annelis Chitteli g'sin ! 

Dies habe zur Entdeckung der Mörder geführt und sie seien lebendig 
gerädert worden. 



V 



X 



LIEDER 185 

Nr. la. 

s. Bd. I, S. CVII. 

1. Es wollt ein Jägerli jage 
Drei Stündlein vor dem Tage 
Ein Hirschlein oder ein Reh. 

2. Er sah auf grüner Heide 

Ein Mädchen in schneeweißem Kleide, 
Die er wolt haben zur Eh. 

3. Er nahm sie bei der Mitte 

Und führt sie in sin Schlafhütte, 
Wol in den grünen Klee. 

4. Es schlafen zwei Liebe beisammen, 
Daß sie by einander erwarmen, 
Vom Aben bis an den Tag. 

5. «Stand uf, gut Jäger, gar balde, 
Die Sunne schint vor dem Walde, 
Die Vögel die pfiflen schon. 

6. Stand uf, gut Jäger, denn es ist Zeit! 

Du hast dich verschlafen, das hat mich gefreut; 
Ein reine Jungfrau bin ich noch. » 

In den folgenden Strophen, die Ruckstuhl in Meiringen nicht 
aufschreiben konnte, wird erzählt, daß das Mädchen sich von dem 
Jäger ab und einem Soldaten zuwenden wollte. Der Jäger wollte 
sie dafür erschießen, ließ sie aber auf ihr Flehen am Leben. Dann 
folgte der Schluß: 

Er leit an Stifel und Sporen: 

«lez hab ich mein Schätzli verloren 

Und finden es nimmer mehr.» 



N 



y 
y 



1 86 ALLGEMEINE 



Nr. 13. 



1. Es isch vor der Hütte, 
Es chunt mer schier für^ 
I mein, i hör bitte 

Und klopfen an der Thür. 

2. I mueß doch ga fragen. 
Wer duße möcht sein. 
Es isch nit zu trauen, 

I laß Niemand ein. 

3. «Ich bin halt ein Weidmann, 
Erschrick nit ab mir, 

Ein Jäger, das bin ich, 
Hab d' Büx nit bei mir. 

4. Bin auch nit versehen 
Mit Pulver und Blei, 

Es soll dir nichts geschehen, 
Du bist vor mir frei. 

5. Nehm oft mein Weidmesser, 
Geh mit der Büx aus 

Und bring dann mein Ränzel 
Voll Wildpret nach Haus.» 

6. (• G'sehsch oft en Hirsch springe. 
Meinst schon, er sei dei, 

Er kann dir ertrünnen^, 
Mueßt wieder leer hei.» 



* kommt mir beinahe vor. ' entrinnen. 



N 



LIEDER 187 

7. « Ich geh US uf grün Heide 
Und biete dir Trutz; 
Du willst mir nit traue — 
Bist selber nix nutz ! » 

Mitgetheilt von Herrn B. Wyß in Solothurn, mit einigen Zusatz- 
strophen, die ich weggelassen habe. Der Dialekt ist sehr gemischt. 



■ < w > 



Nr. 14. Die Brautwahl. 

s. Bd. I, S. CXXI. 

1. Es si nes Mal zwo Gspile g'sin — 
Hoff man zue, laß nume ga — 

E Richi und en Armi. 

2. Die Richi zu der Arme sprach — 
Hoff man zue u. s. w. 

«Laß mir den Knab alleine. 

3. Mi jüngste Brueder geb ich's dir, 
Vo d's Vaters Guet es Teili. » 

4. «Di jüngste Brueder mag ich's nit, 
Vo 's Vaters Guet keis Teili.» 

5. Der Jungknab hinter dem Hage lag 
und hört dem Reden ein Ende^. 

6. Weil es ihm eben im Sinne lag: 
Uwedri^ will i's nemen? 



* Vgl. Der König von Mailand Str. 9, 2. 14, 2. * welche von 
beiden. Das dem weder vorgesetzte u findet sich auch in dem Lied : 
Es isch kei sölige Stamme. Zu den sprachlichen Eigenheiten gehört 
auch das pleonastische es, s. Schweiz. Idiotikon Sp. 512; vgl. Bd. I, 
Nr. 51, 4. 



1 88 ALLGEMEINE 

7. Die Richi ißt keis Haberbrot 
und geit nit gern a d' Sunne. 

8. Die Armi die ist hübsch und fin 
und grad die will i's nemen. 

9. I will mit dem Pflueg ga z Acher faren 
und du chast wacker spinne. 

Aus dem Berner Oberland. 



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Nr. 15. 

1. Es wott e Frau i's Wirtshus ga 
und ire Ma wott au mitga. 

2. «Ach Ma, du muest deheime blibe, 
muest mache, daß die Chinder schwige. » 

3. Und als die Frau nach Huse kam, 
da fieng sie sehr zu balgen^ an. 

4. «Sag, Ma, was best denn du getan, 
Sit daß ich uf em Tanzbode war ? » 

5. De Ma de bückt si bis a'n Bode: 
«Ich habe drü Mal abgenommen^.» 

6. Da nahm die Frau den Chunklestock 
und schlug dem Ma es Loch i'n Chopf. 

7. De Ma de springt zum Feister us, 
und chund i sines Nachbers Hus. 

8. «Ach Nachher, was i dir mueß chlage: 
Mi Frau die hed mi grusam g'schlage ! » 



* zanken, schelten. * beim Stricken. 



LIEDER 189 

9. «Ach, wärist du nu gester cho: 
Lueg, mini macht mer's au eso! 

10. Chum, mer wend's dem Amme^ chlage, 
daß is eusi^ Wiber g'schlage. 

11. Ach Amme, was mer dir müend chlage: 
eusi Wiber hend is g'schlage.» 

12. «Hend s' i g'schlage, g'schSt's i recht: 
was sind ir euer Wiber Chnecht ! » 

Stallikon, Kt. Zürich. — Wesentlich = Mittler Nr. 263. Vgl. Bd. I, 
S. CXI. 



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Nr. 16. 

1. Es will e Frau uf Bade^ go 
und will de Ma nit noche lo*. 

2. Wo die Frau vo Bade chund, 
so sitzt de Ma uf em Ofebank. 

3. «Wie mengs Ei hed 's HüenU g'leid?» 
«Eis hed's g'leit und zweu vertreid^.» 

4. «Ma, du hesch si g'esse, 

d' Schale lid i der Aesche. » 

5. Do nimt die Frau de Reche 
und will de Ma versteche. 

6. Do springt de Ma zum Pfeister® us 
und springt i's nächst! Nochbershus. 



* Ammann, Amtmann, Ortsvorsteher. * unsere. ' der berühmte 
Kurort Baden im Aargau. * nach(kommen) lassen. * verschleppt. 
• Fenster. 



190 ALLGEMEINE 

7. «Die Frau die hed mi g'schlage do!» 
« Und mini macht mir's au eso ! » 

8. «Chum, mer wend iez z'säme sto 
und wend die Fraue z'säme schlo!» 

Kt. Luzern. — Im Ganzen = Mittler Nr. 265. 



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Nr. 17. 's bugglig Männli. 

1. Wenn ig in das Chucheli go, 
will go-n-es Süppli choche, 
ist das bugglig Männli do 
mit sine chrumme Chnoche. 
Tag und Nacht kei Rueih nit ha 
's bugglig Männli mueß i ha; 
kei Freud han i m^, 

wenn ig 's bugglig Männli g'se. 

2. Wenn ig in das Stübeli go, 
will ,go Süppli esse, 

ist das bugglig Männli do 
und hat die halbi g'fresse. 
Tag und Nacht u. s. w. 

3. Wenn ig in das Gärteli go, 
will es ßitzli grase, 

ist das bugglig Männli do, 
gramplet^ mer vor der Nase. 
Tag und Nacht u. s. w. 



^ kleine Geschäfte machen. 



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LIEDER 191 



4. Wenn ig in das Ställi go, 
will das Chüeli melche, 
ist das bugglig Männli do 
mit sine chrumme Scheiche^. 
Tag und Nacht u. s. w. 

5. Wenn ig in das Chirchli go, 
will es Bitzli bete, 

ist das bugglig Männli do 

und stüpft^ mi mit dem Stecke. 

Tag und Nacht u. s. w. 

Aus dem Buchsgau, Kt. Solothurn. 



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Nr. i8. Lügenmärchen. 

s. Bd. I, S. CXLIV. 

1. I gang emöl de Berg uf — 

h6 Wunger groß! 
do g'sene-n-i zwe Storke 
in eme Mättli morke'. 
's nimt mi Wunger über Wunger, 
wie die Storke könne morke; 
ungerdesse nimt's mi Wunger. 

2. I gang emöl de Berg uf — 

he Wunger groß! 
do g's6ne-n-i zwo Gräie* 
in eme Mättli mäie. 
's nimt mi Wunger über Wunger, 
wie die Storke könne morke, 
wie die Gräie könne mäie; 
ungerdesse nimt's mi Wunger. 



* Beine (eig. Schinken). * stoßen. ^ = murken, Flachs brechen ? 
* Krähen. 



192 ALLGEMEINE 

3. I gang emöl u. s.w. 

do g's^ne-n-i zwe Frösche 

in ere Tenne drösche. 

's nimt mi Wunger u. s. w. 

4. I gang emöl u. s. w. 

do g'sene-n-i zw6 Schnecke 
in eme Müeltli^ knette. 
's nimt mi Wunger u. s. w. 

5. I gang emöl u. s.w. 

do g's6ne-ni zwo Mucke 
's Brot i'n Ofe schupfe^, 
's nimt mi Wunger u. s. w. 

6. I gang emöl de Berg uf — 

he Wunger groß! 
do g's6ne-n-i zwo Breme 
's Brot US 'em Ofe neme. 
's nimt mi Wunger über Wunger, 
wie die Storke könne morke, 
wie die Gräie könne mäie, 
wie die Frösche könne trösche, 
wie die Schnecke könne knette, 
wie die Mucke könne schupfe, 
wie die Breme könne neme; 
ungerdesse nimt's mi Wunger. 

Wackernagel, Leseb. II, S, IX gibt das Stück als solothurnisch» 
die Mundart ist aber baslerisch gefärbt. Varianten von Stutz s. Bd. I^ 
a. a. O. 



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^ kleine Mulde. ^ schieben; Stutz hat synonym schugge. 



LIEDER 193 

Nr. 19. Amerika-Lied eines ausgewanderten 

Obersimmenthalers. 

s. Bd. I, S. CXIV. 

1. Get Acht, i will ech öppis zelle^ 
vom neue Land Amerika; 

i ha das iezt scho lang geng welle, 
u ha's de näue geng la ga^. 
es ist iezt de es Jar gli scho, 
daß mir von öch hei Abschid g'no. 

2. Wo mir von ech eweg si 'gange, 
do het's is we 'ta nit e chli; 
mer si vor Herzw^ fast vergange, 
bis mer es Mal si von ech g'si; 
dana si mer bi Paris für* 

und über 's Mer dur d's Wasser dür. 

3. I mueß ech z'erst no öppis b'richte 
vom Mer und vo de Welle druff 

u was das mängsmal cha verrichte 
mit Lüt und Guet da obe druff; 
es het mi mängist Wunner g'no, 
iezt bin i us 'em Wunder cho*. 

4. Es ist e grüselichi Glunte^, 

wer's nit g'se het, der glaubti's nit, 
u tüf ist's, daß me cha kei Chlumpe 
ganz z' Bode la am lange Seil ; 
dir chöt^ e Jar druff ummi'' ga, 
dir g's^t no numme Bitz® derva. 



* erzählen. * und habe es dann immer irgendwie unterlassen. 
" vorbei. Paris auf der ersten Silbe betont. * jetzt ist meine Neugierde 
befriedigt. * Masse von Flüssigkeit. ® ihr könnt. ' herum. ® noch 
nur ein kleines Stück. 

II 13 



194 ALLGEMEINE 

5. A Himmel uelii^ und i d's Wasser, 
da cha me gugge wenn es ist*; 
sust g's6t me nit vil schöni Sache, 
as hie u da e große Fisch; 

und mängist si da Welle cho, 

die d's Schiff hei ganz uf d' Site g'no. 

6. E b'hüet is Gott! wie het es g'walplet^! 
gli war es z unnerobe g'heit*. 

Da het me recht g'seit : Gott es walti ! 
u deicht ^ es müeße g'storbe si. 
E Teil hei Aengste übercho 
u d's Lache het's is alle g'no. 

7. Fast all, die uf 'em Mer wei rite^, 
die werde chrank die ersti Stun; 
das Wagle' spürt me scho bi Zite 
u chotze mueß me wie ne Hun; 
mi selber het es tüchtig g'no, 

i ha mi Teil fast® übercho. 

8. Chei Wunner, daß me albe einist ^ 
öpp use gugget über d' Wan 

u da so trurig steit u geinet *^ 
u deicht: o chämi numme Lan! 
Langwilig ist es, das ist war, 
u macht eim d's Heimwß sunnerbar. 

9. Oepp einist a me Morge g'schßt es, 
so säge die, wo's chenne, eim: 
«lezt rückt es de, un ärstig^^ geit es 
mit üs zum neue Uefer hi ! » 



* An den H. hinauf. • wenn es dazu kommt. ' geschwankt. * bald 
wäre es kopfüber gestürzt. * gedacht. ® wollen fahren. ' Wiegen. 
* recht, stark, tüchtig. • etwa einmal. *** gähnt, "ernstlich, emsig. 



I 



LIEDER 195 

Vor Freude wird's eim da schier bang, 
un eismal tönt es: Lan, Lan, Lan! 

10. Me g'set's no numm im Blaue usse 
grad wie nes Wülchli näher cho; 
doch geit's nit lang, so cha me wüsse, 
daß 's Lan ist, me g's^t Hüble^ scho, 

u gli druf hie u da nes Hus: • 
Gottlob, iezt hört de d's Walplen uf. 

11. Me färt g'schwin ihi* zu der Lücke, 
wo d's MSr da numme chlis mö ist: 
Da bist am Lan, du Chetzers Trucke^! 
ma packt si drus, was ,hest was gist^. 
Da steit me uf der neue Wel 

u seit scho englisch: Very well! 

12. Me geit u g'schauet afe d' Gegni 
un öppe d' Stadt u lost o* d' Lüt. 

Da «Help you seif!» so seit der Yankee 
u « Hilf dir selber ! » deicht der Dütsch. 
Wer gnue Geld het, ist obe druff; 
wer keis mfe het, ist hie o uff®. 

13. Die Meiste wotte geng bas ihi^, 
es g'fallt ne® näue niene^ recht 
u wott ne si nit schicke z' blibe, 

's guet Lan ist z' tür u d' Lüt si z* schlecht. 
Z'löst anhi*® chauft me denn e Bitz 
des G'strüpps u baut si druf e Sitz. 



* Hügel. * hinein. * verwünschte Schachtel. * so schnell als 
möglich. * auch. ® oben, flott, wohl bestellt. ^ weiter einwärts. 
• ihnen. ® nirgends. *** zuletzt hin, dann. 



196 ALLGEMEINE 

14. Das Baue ist es g'spässigs Wese 

für de im Busch, wo's chum verma; 
me schleipft e Hufe Trömle* z'säme, 
öpp i d'r Längi so u'g'far; 
dana so bestellt me d' Lüt e Tag 
u lüpft si uf u leit si grad. 

15. De brucht's nüt mfi as Dach u Bode, 
zwei Pfeister dri und öpp e Tür, 

u de no d' Chleck* mit Dreck z' verschoppe', 
sust blast eim ganz der Luft derdür, 
und hindenahi es Kamin, 
das tuet's de fast* u g'heit nit in. 

16. Verwiche ^ hari i afe Schlange — 

de w^as dir numme schös weit g'sS* — 

in User Stube inne g'fange; 

me schücht^ se nit, es soll o g'schö 

daß g'wüssni Lüt ne no expreß 

in ime Stube hei es Nest. 

17. Me het hie Vie u milcht u metzget, 
me gugget öpp und ziet si hi; 

me nimt e Achs u geit u bätzget® 
im Holz a mengem grobe Baum; 
es git ech Arbeit, nit für G*spaß, 
hie z nutz im Wal, uf frischem Platz. 

18. We d's Vie furtlauft, so mueß me flueche, 
das ist e Tusigtüfelsg'schicht ! 

vil lieber wett i no ga sueche 

bi öch uf d' AUmit^ euers G'ficht^®; 



^ Blöcke. ' Risse. • verstopfen. * das leistet genügenden Dienst. 

* neulich. ® und zwar was ihr nur Schönes sehen wollt. ' scheut. 

* hackt. • Allmend. *^ Vieh, bes. kleines. 



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LIEDER 197 

denn disi Allmit geit ech no 
vo Grenlan^ bis ge Mexiko. 

19. Es söUti iezt dem Wylhofherre*, 
dem geschickten Ackerma bi öch, 
hie öppe g'wüssni Stucki g'höre 
und sollti drufF si mit sim Volch; 
er nützti villicht z' halben mfe, 

as wenn er Bemer Schultheiß wä. 

20. Oepp eine söUti Glogge bringe 
u no nes Wüschli^ Geld derzue, 
hie Chüe ha u ne Matte dinge, 
der Schwizerchäs der gülti gnue; 
es wä nes lustigs Lebe da 

für eine, de recht juchze ma. 

21. 's ist nadisch* nit, wie vil Lüt meine, 
hie allz so söfli^ fadegrads; 

wer's recht grad will, ist bas dahinne 
no öppe uf sim alte Platz; 
doch flinggi Lüt, die werche möu^, 
die chömme nunime, we si chöu^. 

22. Dir söUtit chönne dürhi® gugge 
u selber g'se grad wie-n-es ist; 
es würdi villicht Mänge g'luste, 
u Mänge seiti : nei, nei gwüß, 
wenn's si mueß, will i lieber no 
hie um mi lotste Chrüzer cho. 



* Grönland. * der berühmte Landwirth Fellenberg in Hofwyl 
bei Bern. " kleiner Wisch, Handvoll. * doch, übrigens. * alles gar 
so sehr. * arbeiten mögen. ^ mögen nur kommen, wenn sie können. 
* hindurch, hinüber. 



198 ALLGEMEINE 

23. I chan ech wäger* nit recht rate 
u säge: chömit, oder nit; 
denn üsers Lebe ist e Schatte, 
bis daß mer ga i d' Ewigkeit: 
dert finne mer enannere scho, 
will's Gott doch, öppe frisch und fro. 

Das Lied soll am 31. Januar 1835 in Buffalo von einem gewissen 
J. R. abgeschrieben und später in die Schweiz gebracht worden sein, 
wo es besonders im Bemer Oberland gesungen wurde. Weiterer 
Verbreitung ist es, abgesehen von dem fortdauernden und steigenden 
Interesse an der Auswanderung nach Amerika, auch darum werth, 
weil es in ziemlich reiner Mundart des Obersimmenthaies gehalten 
ist und zugleich als Sprachprobe dienen kann. Nur war es nicht 
möglich, mit den gewöhnlichen Schriftzeichen alle Eigenthümlich- 
keiten jener Mundart auszudrücken. Zu denselben gehört, neben dem 
Abfall des Lautes / nach / und d nach n, welcher durch Weglassung 
der betreffenden Buchstaben unmittelbar dargestellt werden konnte 
(Wel, Wan statt Welt, Wand u. s. w.), und nn statt nd, besonders die 
Ausfprache des Doppellautes ei als einfaches trübes i, wodurch 
gewisse Reime richtiger werden, als sie in der Schrift erscheinen, 
z. B. Str. 12, 2. 4 Hm (gesprochen = Schriftdeutsch ihni) : hi(n). Der 
Doppellaut au wird als ein einfacher zwischen und u schwebend 
gesprochen. Bemerkenswerth ist auch das ch statt h in kein, kennen 
Str. 8, I. 9, 2 (aber 12. 6 hat das Original keis). 



wahrlich. 




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LIEDER 199 



2. Lyrisches. 



Nr. 20. Simeliberg. 

s. Bd. I, S. CXX ff. 

1. 's isch eben e Mönsch uf Erde — Simeliberg! 

— und d's Vreneli ab em Guggisberg 

und d's Simes^ Hans Joggeli enet^ dem Berg - 
's isch eben e Mönsch uf Erde, 
daß ich möcht bi-n-im si. 

2. U ma-n-er mir nit werde' — Simeliberg! 

— und d's Vreneli u. s. w. 
und d's Simes u. s. w. 

u ma-n-er mir nit werde, 
vor Chummer stirbe-n-i. 

3. U stirbe-n-i de vor Chummer, 
so leit me mi i d's Grab. 

4. I mines Büelis Garte 
da sta zweu Bäumeli. 

5. Das eini treit Muschgate, 
das andri Nägeli*. 

6. Muschgate die si süeßi 
u d' Nägeli si räß^ 



* dos Simons. * jenseits. * kann er mir nicht zu Theil werden. 
* Nelken. * von scharfem Geschmack. 



200 ALLGEMEINE 

7. I gab's mim Lieb z' versueche, 
daß 's miner nit vergeß. 

8. Ha di no nie vergesse, 
han immer a di 'denkt. 

9. Es si num6^ zweu Jare, 
daß mi han a di g'henkt. 

10. Dort unten i der Tiefi 
da steit es Mülirad. 

11. Das malet nüt als Liebi 

die Nacht und auch den Tag. 

12. Das Mülirad ist 'broche, 
die Liebi het en End*. 

SimeUherg bedeutet ohne Zweifel einen Berg von runder Gestalt; 
simel, simbel, mhd. sinwel, ganz rund. Einen Simelipaß gibt es im 
Kanton Wallis. Der Berg in Grimms Mährchen Nr. 142 wird als 
ein großer kahler Berg beschrieben, heißt eigentlich Semsi und wird 
nur irriger Weise Simeli genannt.^Doch kommt nach Grimm (Mährch. 
Bd. III, S. 225) ein Berg Similes auch in einer alten Urkunde vor. 
Unklar ist auch der Sinn des Wortes in dem Refrain unseres Liedes; 
denn in der Heimat des letztern (Guggisberg, Kt. Bern) kommt ein 
Simeliberg geographisch nicht vor, wohl aber ein Ort dieses Namens 
in Trachselwald und ein Simmel- oder Sindelbüel in Guggisberg. — 
Das Lied hat eine jener Moll-Melodien, welche immer für Echtheit 
und Alterthümlichkeit (Verwandtschaft mit nordischen) sprechen. 
Man erkennt aber leicht an den Reimen, daß eigentlich, wie bei dem 
Lied « Im Aargäu sind zweu Liebi », je zwei Zeilenpaare, hier Str. i 
und 2, 4 und 5, 6 und 7, 8 und 9, 10 und 11 je zusammen eine 
vierzeilige Strophe ausmachen. Str. 3 und 12 würden dann als ungrad 



* Der gewöhnliche Text hat die schriftdeutschen Formen : sind 
nunmehr. ' So wird nach Wyß häufig und besser gesungen statt: 
Mis Lied das h. 



LIEDER 201 

nebenaus fallen und könnten auch wirklich wegbleiben. Doch war 
nach K. Ruckstuhl (Alpenrosen 1823) der Schluß des Liedes: 

Wenn zwei von einander scheiden, 

so geben s' einander d' Hand, 
womit wieder ein Ganzes hergestellt würde. Vgl. auch Bd. I, S. CXX. 
Es soll diesem Lied, wie dem von « Dursli und Babeli », eine wahre 
Geschichte zu Grunde liegen, deren Held Simes Hans Joggeli war. 
Aber es ist ja die «alte Geschichte, die immer neu wird» (Heine). 



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Nr. 21. Der Hochzit-Tanz. * 

s. Bd. I, S. CXXVIII und S. 15^ 

Die Braut: 

Bin alben^ e werti Töchter g'si, 

bin US 'em Hus, cha nümme^ dri, 

eh, nümme dri mir^ Lebe lang! 

Der Aetti, d's Müeti, Brueder u Schwöster u wen-i ha, 

die mueß ig alli iez verla, 

mueß luege, wie's mer dusse gang. 

O du mi trüii werte Schatz, 

iez chumen i, hesch mer Platz? 

Der Bräutigam: 

Bisch frili e werti Töchter g'si, 

muest ebe so ne werti si, 

e werti si dir Lebe lang. 

Der Aetti, d's Müeti, Brueder u Schwöster u wen i ha, 

hätte längist di gern bi ne* g'ha, 

un i ha 'beitet^ scho gar lang. 

O du mi trüli werte Schatz, 

chunst endlig? i ha der Platz. 



^ einst. * nicht mehr. ® meiner (Lebtage). * ihnen (sich). * ge- 
wartet. 



202 ALLGEMEINE 

Die Gäste: 

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Juheien, ir Burs u Meitscheni! 

hüt soll e Tag der Freude si, 

der Freude si mit Spiel u Klang ! 

D' Manne, d' Wiber, Jungi un Alti u Jederma 

soll lustig si u Freud dra ha, 

mit Esse, Trinke, Tanz u G'sang! 

Juhei, sit lustig, sparet nüt, 

ir trülige Hochzitlüt! 

Nach Wyß (Kuhreihen und Volkslieder S. 55) wurde obiges Lied 
ehmals, am längsten noch in der Gegend von Bucheggberg (Kanton 
Solothurn), als Vortanz bei den Hochzeiten gesungen; jetzt ist es 
fast ganz verschollen. Für das Alter desfelben zeugt auch die von 
Kuhn (S. 27) mitgetheilte eigenthümliche Melodie (D-Moll). 



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Nr. 22. Die Klosterfrau. 

s. Ba. I, s. cxxiv. 

1. 's ist keis verdrießlichers Lebe, 
as wenn men i 's Chlösterli göt; 
darinne muest du blibe, 

muest alli Schätzeli mide. 
O Himmel, was han i getan! 
die Liebi ist Schuld daran. 

2. Und wenn ich i d' Chille gange 
und bete mein Brevier, 

und wenn ich das Gloria patri sing, 

so ligt mir mein Schätzeli stets im Sinn. 

O Himmel u. s. w. 



LIEDER 205 

3. Wenn ich in die Stube chume, 
dort stat mei Tischli allei; 

ich isse das Brod und trinke de Wi 
und denke: Hätt i mis Schätzli derbi! 

4. Wenn ich in das Chämmerli cliume, 
dort stat mis Bettli allei; 

i lige darf, daß Gott erbarm, 

und denke: Hätt i mis Schätzli im Arm! 

5. In der Nacht, wenn ich erwache, 
so grif ich hin und her; 

da mag ich grife, wo ich will, 
es blibt doch Alles leer. 

6. Dort chömed mi Vater und Mueter, 
si chömed und sueched mi hei; 

si hend gar schöni Chleideli a, 
und ich mues i der Chutte sta. 



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Nr. 23. 

s. Bd. I, S. CXXI-II. 

1. Ich kann und mag nicht frölich sein; 
wenn ander Lüt schlafen, 

so muß ich wachen, 
muß traurig sein. 

2. «Worum mußt du denn so trurig sein? 
dort will ich dir warte, 

im Rosegarte, 

im grüene Chlee. » 



204 ALLGEMEINE 

3. Hast mir nüd g'wartet, bin ich dir z' schlecht; 
nimm du en Riche, 

der diner gliche, 
do tuest du recht. 

4. So mänge setzt uf Hab. und Guet: 
an Gottes Segen 

ist alles g'lege, 
wer's glaube tuet. 

5. Der's glaube tuet, der ist nicht hie, 
ist furtgegange, 

wird wiederum kumme, 
sei's spot oder früe. 

6. Wer hat uns denn das Lied gemacht? 
es haben's g'sunge 

drei Guldschmids junge 
zur guete Nacht. 

Vgl. Mittler Nr. 903. 904. 1450. Str. 4, i gibt Stutz auch die 
Lesart: Hast g'meint. ich setz — . Str. 5, 3 hat er, offenbar fehler- 
haft, ist statt wird. Nach Str. 5 hat er noch: 

's got Mänge fürt, chunt wiederum hei 
und treit kein guete Strumpf am Bei. 

In der bernischen Gestalt des Liedes lautet 

Str. 2: Du liegst mir Tag und Nacht im Sinn; 
ich muß dich meiden, 
muß von dir scheiden, 
Herzliebste mein! 

3. Und von dir scheiden, das thut weh; 
im Röseligarte 
will ich dir warte, 
im grünen Klee. 



LIEDER 205 

4. « Brachst mir nit z' warte im grünen Klee, 
wart uf ne Riche, 

der dir ist z' gliche, 
der dir ist recht.» 

5. Der mir ist recht, der ist nicht hier, 
ist fortgegange, 

in fremde Lande, 
er ist im Krieg. 



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Nr. 24. 

1. Ach Schatz, was hab ich dir Leides gethan, 
Daß du nüd redst mit mir? 

Was haben die falschen Zungen mitgebracht? 
Sie betriegen ja mich und dich. 

2. Ein falsche Zunge, ein lügenhafter Mund, 
Was wird es helfe dir? 

Hätt ich nur tausend Dugote mitgebracht, 
Dann zog ich wieder herfür ^. 

3. Tusend Dugote das habe aber nüd, 
Drum bin ich dir zu schlecht: 

Ich bin ein armes Mägetlein, 

Für en andere bin ich schon recht. 

4. Ich hoffe emig auh noh rieh zu werde. 
Aber nüd an Geld ond Guet; 

Wenn ich nur die himmlische Freud erwerbe. 
Dann bin ich schon reich genug. 



* würde ich mehr gelten. 



206 ALLGEMEINE 

5. Die himmlische Freud, das ewige Lebe, 
Das wünsch ich meinem Schatz; 
Du bist mein Schatz und bleibst mein Schatz 
Ade zur guete Nacht! 

Stutz, schriftliche Sammlung. Vgl Mittler Nr. 909. 



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Nr. 25. 

1. Was Besseres kann uns erfreuen, 
als wenn uns der Sommer angeht? 
Da blühen die Rosen im Maien, 

d' Husaren marschiren in's Feld. 

2. «Gott grüez dich, du Hübschi, du Feini, 
von Herzen gefallest du mir; 

kein Andre kann so mich erfreuen, 
ich möchte nur bleiben bei dir.» 

3. «Ich brauche dir nicht zu gefallen, 
hab schon ein andere Schatz; 

der ist ein Hübscher, ein Feiner, 
der hat in meim Herzen ein Platz. » 

4. Was zog er aus der Tasche? 
ein Messer so scharf gespitzt, 

und stach's seiner Liebsten in's Herze, 
daß 's rothe Blut gegen ihn sprützt. 

5. Er zog das Messer ausen*, 
es sah rot aus von Blut; 

er sprach: es ist ein Grausen, 
was falsche Liebe tut. 

heraus. 



LIEDER 207 

6, So geht's, wenn Eine zwei Scliätzel hat, 
's thut wunderselten gut; 
wir beide haben's erfahren, 
was falsche Liebe tut. 

Aus der handschriftlichen Sammlung von Stutz. Vgl. Mittler 
Nr. 10 1 und die Bemerkung zu unserm «Im Aergäu sind zweu Liebi». 



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Nr. 26. 

Vgl. Bd. I, S. CXX und CVII. 

1. Ach Mueter, liebi Mueter, 
gib du mir einen Rat: 

es lauft mir alle Morgen 
en rote Schwizer na. 

2. «Ach Tochter, liebi Tochter, 
den Rat den geb ich dir: 
Laß du den Roten fahren, 
bleib noch ein Jahr bei mir.» 

3. Ach Mueter, liebi Mueter, 
der Rat der ist nüd guet; 
der Rot der ist mir lieber 
als all euer Hab und Guet. 

4. «Ist dir der Rote lieber 

als all mein Hab und Guet, 
so pack dis Bündeli z'säme 
und lauf dem Rote zue.» 

5. Ach Mueter, liebi Mueter, 
der Rot der häd nüd vil; 
gib du mir hundert Taler, 
chan i chaufe was i will. 



208 ALLGEMEINE 

6. «Ach Tochter, liebi Tochter, 
der Taler sind nüd viel; 

din Vater hat s' verlumpet 
bi Tanz und Kegelspiel. » 

7. Hat s' mir de Vater verlumpet 
bi Tanz und Chegelspiel, 

so möcht si en Stei drab erbarme, 
daß ich sis Töchterli bi. 

8. (War ich ein Knab gebore, 
wollt ziehen in das Feld, 

wollt folgen Pfeifen und Trommen 
dem Kaiser um sein Geld.) 



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Nr. 27. Treue Liebe. 

Vgl. Bd. I, S CXXIII. 

1. Stets i Trure mueß i lebe; 
säg, mit was han i's verschuldt? 
wil min Schatz isch untrü worde, 
mueß i's lide mit Geduld. 

2. Chumst mir zwar us minen Auge, 
aber nüd us minem Sinn; 
hättist mir wol dürfe glaube, 

daß i trü gewesen bin. 

3. Rechti Liebi gat vu Herze, 
rechti Liebi brennet heiß; 

o wie wol ist einem Mensche, 
der nüd weiß, was Liebi heißt! 



LIEDER 209 

4. Spilet uf, ir Musikante, 
spilet uf das Saitespil, 
minem Schätzli zu Gefalle, 
mög's verdrüße, wen es will. 

5. Bis die Berge tuen sich büge 
und die Hügel senke sich, 

bis der Tod mir nimt das Lebe, 
so lang will i liebe dich. 

6. Bis der Mülstei traget Rebe, 
darus flüßet süeßer Wi, 

bis die Distle traged Fige, 
so lang sollst du blibe mi. 

Kt. Glarus, Semftthal. — Str. i, 2 lautet in der Ueberlieferung ; 
Stets i Trure mueß i si; um das schöne Lied rein herzustellen, habe 
ich diese Zeile der deutschen Parallele nachgebildet. 



-•-•« 



Nr. 28. Abschied. 



1. Jetzund ist der Beschluß gemacht. 
Schönstes Mädchen, guete Nacht! 
Einen Kuß zum Beschluß, 

Weil ich von dir scheiden muß. 

2. Beut mir deine rechte Hand 
Zum getreuen Unterpfand! 

Ich geh fort und du bleibst hier, 
O du allerschönste Zier. 

3. Hast g'meint, du wellist die schönste sein? 
Nein, es gibt, die schöner sein. 

Deine Schönheit wird vergehn. 
Wie die Rosen im Garten stehn. 
II. 14 



210 ALLGEMEINE 

4. Kummt ein Reiflein in der Nacht, 
Nimmt de Rosen iri Pracht, 
Ire Pracht nicht allein, 
Deine Schönheit auch dabei. 

Aus dem zürcherischen Weinland, mitgetheilt von Lehrer Fürst; 
es sollen noch mehrere Strophen fehlen. Das sonst genau ent- 
sprechende «Herbstlied vom Rhein» bei Mittler Nr. 102 1 hat nur 
3 Strophen, deren erste in unserer Fassung zu zweien erweitert ist. 



-« O » 



Nr. 29. 

1. Das Anneli hat en Stricker*, 
es stricket alli Nacht 

an einer sidene Hube; 
si ist no nüd usg'macht. 

2. Die Hube-n-ist vo Side, 

die Bändeli sind vo Schnüer. 
«Chum her, du wackers Anneli, 
bind dini Hörli zue^ ! » 

3. «Cha mini Hörli nüd binde, 
wend s' no chlei blibe lo*; 
will uf einen andere Sumer 
zu-me-n-andere Liebste go.» 

Handschriftlich bei Stutz, vermischt mit dem Liede «Dort oben 
uf em Berge». Vgl. Bd. I, S. CXX und Mittler Nr. 768 ff. 



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* vielleicht: de Stricker; jedenfalls ist gemeint: Fleiß zum Stricken, 
nicht die Person eines Strickers als Geliebten. * Das Zubinden der 
Haare bezeichnet den Eintritt in den Ehestand. Vgl. Bd. I, S. 143, 
Anm. 2. ' (wir) wollen sie noch ein wenig bleiben lassen. 



LIEDER .211 

Nr. 30. 

1. I wäß^ e Schwobetöchterli, 
Es wott gad* nüme diene; 

Es hett gad lieber en rote Rock, 
En schöne mit schmale Rieme. 

2. Witt du gad lieber en rote Rock, 
En schöne mit schmale Rieme, 

So gang go Augsburg in die Stadt, 
Go Herren und Gräfe diene! 

3. «Ond Herren ond Gräfe dien i nüd, 
I ha scho vil versproche; 

I ha die rote Röseli 

Ab grüene Meie 'broche ! » 

Appenzell A.-Rh. 



-» 4» . » » 



Nr. 31. 



1. Wo-n-i chume vor 's Schätzeiis Hus, 
ist mis Schätzeli nümmen^ uf. 

2. Wo-n-i chume vor 's SchätzeHs Tür, 
sind scho alli Rigeli für*. 

3. Ufe g'stigen und d' Red verchert^ 
abeg'heit^ und d' Hose verzSrt^. 

4. Do legg i mi under en Birlibaum, 
bis 's mir vo mim Schätzeli träumt. 

Fragment eines sant-gallischen Kiltliedes. 



« * x * * 



* weiß. * gerade, nur. * nicht mehr. * vorgeschoben. ** verstellt. 
* heruntergefallen. ^ zerrissen. 



212 . ALLGEMEINE 

Nr. 32. 

1. Nachtigall, ich hör dich singe, 

's Herz im Lib tuet mir zerspringe; 
kumme nur und säg mir bold, 
wie ich mich verhalte soll. 

2. Nachtigall, ich hör dich laufe, 
US dem Bächlein tuest du saufe, 
stoßst dein Schnabel in*s Bächlein ein, 
meinst, es sei der beste Wein. 

3. Nachtigall, der hat guet wohne 
bi der Sunne, bi dem Brunne, 
bi der Jungfrau Nachtigall: 
Grüez min Schatz vil tausend Mal. 

Stutz, schriftliche Sammlung. — Gleich Str. i. 2. 4 von Mittler 
Nr. 599, wo aber die Str. 4, 1—2 lautet: 

Nachtigall, wo ist gut wohnen? 
Bei der Linde, bei den Dohnen. 



Nr. 33. Kühreihen der Emmenthaler. 

Vgl. Bd. I, S. CXXXV. 

I. Es isch kei sölige Stamme 
oweder* der Chüej erstand ; 
we de Meie isch vorhange*, 
so fahre die Chüejer z' Alp. 



* weder mit vorgesetztem 0, u, und, in der altern Sprache vor 

ragenden Fürwörtern nicht selten, s. Schweiz. Idiotikon Sp. 321 und 

das Lied «Die Brautwahl», Str. 6. Hier hat aber weder die Bedeutung 

«nur», welche in negativen Vergleichungsfätzen in wie übergeht. 

* vorhanden, gegenwärtig. 



LIEDER 213 

2. Der Meie der isch iez komme, 
die Chüejer gan uf e Berg. 
B'hüet Gott mer alli mini Fromme ^ 
daß keines mer freß der Bär! 

Schon mit Str. 3 beginnt in den gedruckten Texten die Auf- 
zählung und Anpreisung der Berge des Emmenthals und ihrer Sen- 
nereien, offenbares Machwerk. Es ist sogar zweifelhaft, ob auch nur 
die beiden obigen Strophen echt sind ; einzig die mit denselben ver- 
bundene Melodie (A-Moll) spricht dafür. 



-■ 4 %p ■- 



Nr. 34. Weberlied. 

1. I wönde nüd a*, 

Bis i e scliös Schätzele ha. 

2. I träje nüd zue, 

Das mues mi Schätzeli tue. 

3. Lär u-e ge, 

D' Lärli müend g'spuelet se. 

4. D' Spüel abe ge, 

Si müend iez g'wobe se. 

5. Iez hau i gern ab, « 
Wil i e schös Schätzeli ha(b). 

Appenzell A.-Rh. 



« « M * «- 



* = Lohe, Kühe. Vgl. Bd. I, S. CXXXIII. ' amvinden, :(udrehen, 
hinauf' und hinabgehen, abhauen, — technische Ausdrücke des Hand- 
werks. Lär, Spule. 



214 ALLGEMEINE 

Nr. 35. Aus dem «Geistlichen Vogelgesang». 

& Bd. I, S. XCIX. 

I. Wohlauf, ihr lieben Vögelein, 
und was in Lüften schwebt, 
wohlauf, lobt Gott den Herren fein, 
singt all, die Stimm erhebt! 
Dann Gott hat euch erschaffen 
zu seinem Lob und Ehr; 
G'sang, Feder, Schnabel, Waffen 
kommt alles von ihm her. 



2. Die g'schwätzig Schwalb macht Alles toll, 
sie plaudret hin und her; 

früh hat sie Kist und Kästen voll, 

spat ist alls, alles leer. 

Zu Morgens, eh die Sonn aufsteht, 

fangt sie zu schwätzen an; 

zu Abends, wenn sie nidergeht, 

sie's noch nicht lassen kann. 

3. Der Staar schwätzt, schnadert, pfift und singt, 
er ist, der Alles kann; 

in sinen Kopf er Alles bringt, 
was er hört, nimt er an. 
Er tut auf Alles losen 
und merket auf mit Fleiß; 
er wäscht sein schwarze Hosen 
und werded doch nüd weiß. 



. Wann der Storch hört das Qua qua 
spaziert er auf dem Moos; 
er ist dem Fröschlein gern zu nah 
und geht darüber los. 
Er zieht ihm über d' Ohre 
die grüene Hosen ab; 
die Schlacht hat er verloren, 
der gut einfältig Schwab. 



Aus der handschriftlichen Sammlung von Stu«, der aber von 
der ersten Strophe nur die erste Zeile, von der Schwalbe nur Z. 1—4 
und vom Storch Z. i nicht hat. Ich habe das Uebrige aus Waclter- 
nagels Test und dessen Varianten ergänzt. Das Lied hat dort 
4J Strophen. 



Sprüche. 



SPRÜCHE. 



Zauberprüche. 



Zum Stillen von Blutung, dreimal über die Wunde 
zu sprechen. 

Blut stang', 
vergiß den Gang, 
wie unser Herrgott den Mann*, . 
der im Rechten' sitzt 
und ein falsches Urteil spricht 
und* er es besser weiß 
und nicht seit. 
Im Namen Gottes des Vaters u. s. w. 



' -Stand, steh! ' ergänze: vergisst. ' zu Gerichte. * obwohl. 



220 SPRÜCHE 

2. 

Ueber ein verrenktes Bein von Menschen oder Vieh. 

Es gieng ein Hirsch über eine Heide, 
er gieng nach seiner grünen Weide; 
da verrenkt er sein Bein 
an einem Stein. 
Da kam der Herr Jesus Christ 
und schmiert's mit Salz und Schmer, 
daß es gieng wie bisher. 
Im Namen Gottes u. s.w.; (dreimal zu sprechen). 

Beide Sprüche mitgetheilt von Schild, Der Großätti aus dem 
Leberberg I, 136. Zu i vgl. 3; 2 ist eine der zahlreichen und weit- 
verbreiteten Parallelen des altheidnischen Zauberspruches, über den 
Kuhn, Zeitschr. f. vergl. Sprachforsch. Bd. XIII, 5 1 ff. gehandelt hat. 
Der Name Jesus Christ vertritt den eines heidnischen Gottes; der 
Hirsch an Stelle des Pferdes, das in den parallelen Sprüchen erscheint, 
ist wohl das in der germanischen Mythologie und auch in schwei- 
zerischen Sagen mehrfach vorkommende Symbol der Sonne. Vgl. 
Kuhn, Zeitschr. f. deutsche Phil. I, S. 89 ff. Vgl. noch den folgenden 
Segen über ein gelähmtes Pferd (Lütolf, Sagen und Bräuche S. 544): 

Du Roß, bist du verritten, 

wett Gott, es war vermitten! 

Der Mensch der woll dir wieder helfen, 

der am Palmtag einreit 

und weder Sattel noch Zaum überschreit. 



3- 
Gegen Wespenstich. 

Wispeii, Wäspeli, stich mi nit! 
Wie Gott der Herr den Mann vergißt 
und Gott der Herr im Rechte sitzt, 
so hesch^ du di Flug und d's Rechte 
und sellsch^ kei Mönsch m^ steche. 



* hast. * sollst. 



SPRUCHE 221 

Feuer von einem Hause abzuhalten. 

Sei mir gottwiilkommen, Feuers Gast! 

Greif nicht weiter, als was du hast! 

Feuer, ich beschwöre dich bei Gottes Kraft, 

der alle Ding erschaffen hat: 

Feuer, stand still um Gottes willen! 

Feuer, stand still in deiner Glut, 

wie der Herr Jesus ist gestanden in seim rosenfarben Blut. 

Du sollt nicht weiter kommen von dannen, 

sondern behalt deine Funken und Flammen, 

wie Maria ihr Jungfrauschaft behalten vor allen Damen 

vor und nach der Geburt. 

Feuer, ich beschwöre dich bei Gottes Kraft, 

der uns geheiliget hat, 

du legest deine Glut, 

bei Jesus seim rosenfarben Blut, 

das er für uns arme Sünder vergossen hat. 

Feuer, das sei dir um ein Büß gefehlt^. 

Beide Sprüche aus derselben Qiielle wie i und 2. 4, fast gleich- 
lautend bei Birlinger, Volksthuml. aus Schwaben I, 201, fand sich in 
der Thürschwelle eines Hauses in Walperswyl nebst mehrerlei zauber- 
kräftigen Pflanzen. 



-V- 



* wenn das Wort richtig überliefert ist, so war wohl der Sinn 
des Satzes: das Feuer sollte, wenn es der Beschwörung nicht ge- 
horchte, einer Buße verfallen sein. 



222 SPRÜCHE 



Gebetsprüche. 



I. 

Beim Händewaschen. 

lez wasch i mini Hand, 
dem liebe Herrgott i's End^ 
Sant Johannes ist mi HSr; 
b'hüet mi Gott a Lib und Sä! 
B'hüet mer Gott mini feuf Sinn, 
daß mi ke böse Geist überwind! 



2. 

Tischsegen. 

lez wem-mer^ esse, 

's bitter Lide und Sterbe nit vergesse. 

's heilig Chrüz ist euse Tisch, 

die drei Negel sind eusi Fisch, 

das rosefarb Bluet eusi Spis und Trank: 

Herr Gott, mir säge dir Lob und Dank! 

Beide Sprüche aus Hergiswyl, Kt. Luzern, mitgetheilt von A. Lütolf, 
Sagen und Bräuche aus den V Orten, S. s 40— 541. 



Nachtsegen. 

lez liggen ich under das Chrüz Christi, 
iez liggen ich under das Liden Christi, 
iez liggen ich under das rosenfarben Bluet, 
wo^ d' Jungfrau Maria im Herzen trägen tuet. 



^ soll wohl bedeuten ; zum Andenken an den Tod des Heilands. 
^ wollen wir. ' vertritt das Pronom relativ. 



SPRÜCHE 223 

lez empfil ich mi in de heilig Segen, 

wo Christus über die ganze Welt hat 'geben. 

Sant Johannes lauft über Land, 

er treit das h. Sacrament i der Hand, 

de Chelch wie de Wi, 

hinächt^ will ich wo) b'segnet si: 

Roserot^, iez chlag ich dir, 

mine Not die chlag ich dir. 

Wenn mis Herz bricht, 

mi Mund nümme* spricht, 

mini Ore nüd m6 g'höre, 

so gon ich zur liebe Mueter mi: 

Zu Hilf und Trost sto mir bi 

im letsten End. Amen. 

Aus dem Kanton Luzern, bei Lütolf a. a. O. S. 541. 



Weihnachtsfpruch. 

Christchindeli mi. 
Laß mich dir empfole si. 
Mag's i* mir nüd g'werde*. 
So nimm mich von diser Erde, 
Nimm mich uf in's Himmelrich 
Und mache mich den Engle glich. 

Aus Römerswyl, Kt. Luzern. — Wird hergesagt oder gesungen, 
wenn die Weihnachtsfänger in der h. Nacht die Runde von Haus zu 
Haus machen und ein kleines Geschenk in Empfang nehmen. Manchen 
Orts sind es dieselben, die das Jahr hindurch auf der Orgel singen. 



* diese Nacht. ' scheint hier den blutigen Christus selbst zu 
bezeichnen. * nicht mehr. * pleonastische Bezeichnung des Dativ. 
* zu Theil werden. 



224 SPRÜCHE 

S- 

Kindergebet. 

's Chindli tuet es Schläfeli 
Wie-n-en artigs Schäfeli. 
Chum, du herzigs Engeli, 
Mit dim Liliestengeli, 
Sitz du zu mim Bettli zue, 
Denn han ich e gueti Rueh. 
Denn schlaf ich die ganzi Nacht, 
Wenn es Engeli bi mer wacht. 
Wenn ich denn us 'em Bettli stige. 
Darfst du wider i'n Himmel flüge. 

Hedingen und Weiningen, Kt. Zürich. 



-■ » A » I 



Parodien. 



I. 

Schweizerisch Gebet um Frieden. 

Lasst eus abermal bete, 
für eusre Stadt und Flecke, 
» » Wisen und Aecker, 
Küh und Geiße, 
Wittwen und Waise, 
Roß und Rinder, 
Wib und Kinder, 
Hennen und Hahne, 
Kessel und Pfanne, 
Gans und Ente, 
Obersten und Regente, 





» 




» 




)) 




» 




)) 




)) 




» 




» 



SPRÜCHE 225 

Au insonderheit für euser ganzes liebs Vaterland 
Schwiz. Wenn der blutig Krieg wett cho, wett alls 
nä*, so wetten wir eus trüli wehre und ihn niene dure 
lo*, au den Find gar z' Tod schlo und denn singe: 

Eija, Viktoria! 

Der Find ist ko, het alles g'no, 

het d* Feister i'g'schlage, het 's Bli drus 'grabe, 

het Kugle 'gösse und d' Bure erschösse. 

Eija, Viktoria! nu het der Krieg ein Ende. 

Bibliographische Angaben über die njerkwürdige, wahrscheinlich 
im Jahr 1656 verfasste und später mehrmals mit Aendcrungen und 
Zusätzen gedruckte Schrift, aus deren Anhang das obige Gebet ent- 
nommen ist, gibt Dr.Titus Tobler, Alte Dialektproben der deutschen 
Schweiz, St. Gallen 1869, S. 10 — 15. Vgl. Des Knaben Wundcrhorn, 
I. Ausg., Bd. III, 134; 2. Ausg., Bd. II, 623. Vgl. auch unsem Bd. I, 
S. LIII, wo der Feind, der so arg hauste, der Schwede genannt wird, 
mit Beziehung auf den dreißigjährigen Krieg. 



2. 

1. Der David und der Salomo, 
Sind beidi großi Sünder: 

Der eine schlad die Lüt zu Tod, 

Der ander machet Chinder. 

« 

2. Der David und der Salomo 

Bikehred si im Alter: 

Der eini macht die wise Spruch, 

Der ander macht de Psalter. 

Stallikon, Kt. Zürich. 



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^ alles nehmen wollte. ^ nirgends hindurch lassen. 
IL 15 



226 SPRÜCHE 



Reimsprüche. 



I. 

En alte Ma, 

de nüd m^ cha, 

de mues en Fuerme werde, 

und wenn er nümme chlöpfe cha\ 

so tued men en under d' Erde, 

under em Bode wol vergrabe, 

d' Schufte recht druf ane g'schlage, 

under de Bode drü Chlafter tüf, 

daß er nümme füre schlüf. 

Stallikon, Kt. Zürich. — Etwas kürzer auch aus Stein am Rhein 
mitgetheilt, mit der Bemerkung, norddeutsche Sagen deuten an, man 
habe alte Leute früher lebendig begraben. Eine Variante zu Z. 7 — 9 
lautet : 

Mit der Schufte zugedeckt, 

daß er nümme füre schmöckt. 



2. 

Die zv/ci Schnitterinnen. 

Zu Bd. I, S. CXLIV. 

« Guete Tag, Mareieli, 

chum, mer wend i d' Ern! 

i g'sS, de Rogge gelet* scho, 

und 's Chorn stöt au so prächtig do, 

's ist lüstiger as fern.» 



^ nümme chlöpfe chönne, mit der Peitsche nicht mehr klatschen 
können, ist sprichwörtliche Bezeichnung männlichen Unvermögens. 
' wird gelb. 




«Tank dr^ Gott, Zusanneli^ 
mag Wäger* nüd i d' Ern : 
i han e rostigs Sicheli 
und 's tuet mr wS im Rüggeli, 
au schnid i gar nüd gern!» 

Kt. Zürich. — Mitgethcilt von Lehrer Fürst. 



3- 

Es lütet und schlöd: 

de Herren i'n Rot, 

de Buren i's Chöd, 

de Bueben i d' Schuel, 

de Meitschene a' Spinnstuel. 



Luzem. 



4- 

Es lütet Mittag: 

de Herren i's Grab, 

de Bueben i d' Schuel, 

de Meitschene i' Bichtstuel. 



5- 

Es nachtet under de Bänke, 
die Meitli fahnd a denke, 
si heigid* na kei Garn. 
Es chund en Hund 
und bringt es Pfund: 
Wind a, wind a, wind a*! 






SPRÜCHE 227 



^ danke dir. * wahrlich. * haben (Conjunctiv). * anwinden, 
Garn zum Spinnen; vgl. das appenzellische Weberlied, S. 213. 



228 SPRÜCHE 

Der aus Stallikon (Kt. Zürich) mitgfetheilte Spruch bezieht sich 
vielleicht ursprünglich auf den zu gewissen Zeiten eintretenden Besuch 
der den Fleiß der Mädchen prüfenden göttlichen Spinnerin (Bertha, 
Frau Holle), zu deren Begleitung auch ein Hund gehört. 



6. 

Du lustige FilifauseP, 

du Bändelimacher, 

du bist mer nachte 

zum Schätzeli 'gange! 

«I ha dir's nit g'stole, 

i ha dir's nit g'no, 

i ha's nur e chli g'liebet 

und wider lo go. 

Wenn du mit dim Schätzeli 

so eigeli* witt si, 

so nim es Papirli 

und wickle's dari 

und chauf es rots Bändeli 

und bind's fest zue, 

daß kei frönde Schmarotzer 

dir cha derzue.» 



Tägerig, Kt. Aargau. 



7- 

Hut isch hüt und mom isch morn, 
am Mändig isch mis Hochsig. 
D' Bruederlüt» und d' Bettlerlüt 
das sind mini Hochsiglüt. 



* Schelm, Schalk. * genau, wunderlich, wählerisch, unverträglich. 
* Waldbrüder, Einsiedler. Vgl. Nr. 13. 



SPRÜCHE 229 



Ofewüsch und Ofegable 
das sind mini Hochsigchnabe. 
I gib enen e Suppe 
vo hunderttusig Mugge; 
mit Flöhnen isch si g'salze, 
mit Läsen isch si g'schmalze, 
mit Rifen^ isch si 'deckt, 
daß si de Gäste schmöckt. 



Zürich. 



8. 

Los, was s' lüged vo mim Schatz: 
Chräble* chönn's as wie ne Chatz, 
liebli sig's sust überus : 
es Näsli wie-n-es Schneggehus, 
Bäggeli wie Fleugetätsch', 
unden am Mul en große Latsch*, 
Chünni^ und Auge — los au du! 
heig's as wie ne Uzner Su^, 
drü Totzed hagebuechi Zänd^: 
lez hed der grüsli Lug en End. 

Schwyz. 

9- 
Heil und Glück und Gottes Segen 
komm euch zu wie Merzen-Regen. 
Kein Unglück sollt ihr erfahren, 
bis der Tod nach vielen Jahren 
euch das Leben knüpfet ab 
und euch legt in's kühle Grab. 



* Grind. ' kratzen. " Fliegenflecken. * Schlinge, verzogene 
Miene. * Kinn. • Uznacher Schwein. ' Zähne. 



230. SPRÜCHE 

Dann sollt ihr werden lieber Gast 
in dem göttlichen Palast. 
Bevor aber daß das geschieht, 
sag ich euch noch unter's G'sicht: 
Ihr müßt haben einen Mann, 
der beste, der nur leben kann, 
und darzu drü liebe Kind, 
die so schön wie Engel sind, 
zwei Büebli und ein Meiteli 
zu euerm großen Freudeli. 
Geb Gott und St. Elisabeth, 
daß das in Erfüllung geht! 

Den 19. November 181 5 zur Gratulation 

der Elise Sag. 
Schwyz. 



10. 

Es nussbäumigs Redli^, 
e möschigi' Zwing, — 
bim Schätzli bin i g'lege, 
es isch ekei Süng*. 



II. 

Hinger em Hus und vor em Hus 
steit e läri Banne*, — 
Meitschi, tue mer 's Pfeister^ uf, 
so chan ig ine gränne^. 



' Spinnrädchen. * aus Messing. ' Sünde. * Bretterwagen. * Fen- 
• grinsen. 



ster. • grinsen. 



SPRÜCHE 231 



12. 



Mi Mueter die het mi uf Rütschenett geschickt, 
do hei mer die Buebe die Eier verdrückt. 
O Rütschenett hi, o Rütschenett her, 
o Mueter, wenn's nummen all Tag eso war! 



13- 

Der Waldbrueder im Hüttli 
het 's Stübeli g' wuscht, 
het 's Beseli lo falle, 
het 's Jümpferli g'chüsst. 



14. 

Ich und du 
und 's Müllers Sü^ 
und 's Herre* Stier 
sind üsere vier. 



15- 

Drümol siebe sind einezwänzg 
und vieri sind e Chrone*, — 
wer im Winter Geiße hat, 
da het im Sumer Bone*. 



* Sau. * Pfarrer. '25 alte Batzen. * heißt auch der Koth der 
Ziegen. 



232 SPRÜCHE 

16. 

's schönsti Schätzeli, wo-n-i weiß, 
isch im Cheller unde, 
het es hölzigs Hemmeli a, 
isch mit Ise 'bunde. 

Vgl. das altdeutsche Trinklied: 

Den besten Buhlen, den ich hab, 
der liegt beim Wirt im Keller u. s. w 



17- 
I wettS daß mi der Tüfel num* 
und i war i der Hell, 
und daß die Hell voll Jumpfere war 
und i war ihre Gsell. 

Nr. 10 — 17 aus Solothurn. (Schild, Großätti.) 



18. 

Güggeli uf der Stege, 
Hüenli uf em Mist: 
Cha mer niemert säge, 
wo mis Schätzeli ist? 
Obfelden, Kt. Zürich. 



19. 

AUi Vögeli singed schön 
bis am Suntig z' Abed; 
alli Büebeli hette mi gern: 
ach wie bin i 'plaget! 

Glarus. 



* möchte. * nähme. 



SPRÜCHE 233 

20. 

Mer hend de Pfütz^ im Häfeli 
und schütt mer e du nüd us! 
und wenn du wottst es Schätzeli ha, 
so lueg bi Zite druf ! 

Obfelden, Kt. Zürich. 



21. 

Miner Mueter Haschimesser* 
haut uf bede Site: 

Schätzeli, wenn d' mi nümme witt', 
säg mer's denn bi Zite! 

Bern; Solothum. 



22. 

• 's ist mer eigeli* nüd dra g'lege, 
wenn d' mi du scho nümme witt; 
es ist en Andere uf der Stege, 
wo* mi denn na lieber hätt. 

Varianten zu Z. 3 — 4: 

Chanst mer cho am Törli fege®, 
wenn der en Andcri lieber ist. 
Zu Z. 4 : wo mer zeh mal lieber ist. 
Oder: eb^ du nu drab abe bist. 



* Kuchen. Der Reim gehört zu einem Reihenspiel, wo man sich 
zuletzt zu paaren sucht. ' Messer zum Hacken des Fleisches in der 
Küche. ' wenn du mich nicht mehr willst. * wahrlich. * der. * sprich- 
wörtliche Redensart im Sinn von Gleichgültigkeit, Geringschätzung. 
' ehe. 



234 SPRÜCHE 



üsteri. 



23- 
's ist mer eigeli nid so leid, 
wenn mer scho min Schatz abseit; 
seit er mer ab, so bin i fro, 
uf en andere lueg i scho. 



24. 

War i nit e schöns Meitli, 
wenn 's Gsichtli nit war? 
Hätt i nit e schöns Hälsli, 
wenn 's Chröpfli nit war? 



Kinderreime. 

Nachtrag xa Bd. I, S. CXLIV. 



Storchlieder. 
I. 

Storch, Storch, Nickelbei^ 
trag mi über de Weiher hei! 
Laß mi nienet falle, 
bis ge Sant Galle! 
Setz mi uf ene Haselstud, 
daß i sitze wie-n-e Brut! 
D' Brut schlat ume, 
's Vögeli gumpet ume, 
's Chälbli zieht de Rieme, 
im Oberland ist niemer; 



^ Nickel- wahrscheinlich entstellt aus Stichel, Stecken. Rochholz 
Nr. 171 hat Siigelihei, 



SPRÜCHE 235 

im Underland hät's gar vil Lüt, 
si essed Fleisch und gend is nüt 
und schwered, daß de Bode stübt. 



2. 

Storch, Storch, lange Schnabel, 

ich will di l^re Silber zahle. 

Wenn de Rogge rifnet 

und de Müller pfifet 

und de Beck ke Brot mt hat, 

so gät de Storch i d' Müli. 

Dann chunt de Vetter Üeli 

und chauft is zwei Par Schüeli. 

Er nimmt de Stecke-n-i die lingg Hand 

und rüert e bis i's Oberland. 

Im Underland ist Vogelgsang; 

du alte Narr, wie lebst so lang 

mit diner lange Nase ! 

Aus Dielsdorf, Kt. Zürich. Mitgetheilt von Lehrer Fürst. — 
Vgl. Rochholz, Kinderlied S. 83 ff. Vers 7—13 ist in beiden Stücken 
angehängt aus andern Kinderliedchen. Zu 2, 7—9 vgl. die Bettler- 
hochzeit Bd. I, S. 206—207. 



<i |, »» 



Fastnachtbettellieder. 

Vgl. Bd. I. S. CXLIIl. 
I. 

Hinecht ist die Fasenacht, 
gend is au es Chüechli z' Nacht ! 
Chüechli raus, Chüechli raus! 
's ist ein bravner Paur im Haus. 



2)6 SPRÜCHE 

Der Paur hat eine Tochter, 
ire Haare wäre geflochte. 
Drei Roseblüemeiein, 
ir singed dem Pure das Küechelein. 
Das Küechlein ist gibache, 
i g'höre d' Pfanne chrache. 
I g'höre d' Schlüssel chringle^, 
ich hoff, er werded mer's bringe. 
D' Ziegel ligged uf em Tach, 
i weusch i au e gueti Nacht. 
Gueti Nacht ist aller Welt, 
gend is au e Stümpli* Gelt. 

Aus Dielsdorf, Kt. Zürich. Mitgetheih von Lehrer Fürst. 



2. 

Hutzgüri geri, 

Stockfisch und Eri! 

Gebt mir au en Eierinanke*, 

i will ech tusig Male danke. 

Gebt mer Mehl und Brot! 

Lueg, wie 's Hutzgüri stot! 

Wenn der is aber nit weit ge*, 

so wei mer ech Chüe und Chelber ne, 

mer wei ech 's Hus abdecke, 

mer wei ech uferwecke. 



* klingeln, klirren. * Stück, Häufchen. ' ein Gericht, Eier in 
Butter gebacken. ^ wenn ihr uns nicht geben wollt. 



J 



SPRÜCHE 237 

3- 

1. Hut ist Mitti -Faste, 

mer hei kei Chorn im Ch^ste. 
Wie der Winter ist so ehalt! 
Die Röseli vor dem grüene Wald. 

2. Si gebe schöni Sache, 

mer wei drus Chüechli bache. 
Wie der Winter u. s. w. 

3. Mer g'höre 's Schlüsseli chlingle, 
si wei-n-is d' Eier bringe. 

Wie der Winter u. s. w. 

4. Mer g'höre der Brotchorb gire^, 
si wei-n-is Brod abschnide. 

5. Mer g'höre 's Gätterli gäre^, 
si wei-n-is Anke use schäre^. 

6. Mer g'höre d' Frau in d' Chammer go, 
si will is öppis abe lo. 

Wie der Winter ist so ehalt! 
Die Röseli vor dem grüene Wald. 

Heimatkunde der Gemeinde Läufelfingen (Baselland), Liestal 1868, 
S. 155. — In der genannten Gemeinde bestand der Gebrauch, daß 
um die Fastnachtzeit 5 — 6 Knaben sich vereinigten, um Gaben zu 
sammeln. Der Größte von ihnen verkleidete sich in eine maskirte 
Frauenfigur, das Huti(gür, die andern trugen Säcke. Vor den Häusern 
sangen sie das Lied 2. Eine ähnliche Gesellschaft, von Mädchen> 
mit einer Maske genannt Weibelwih, sang das Lied 3. 



I * kirren. * Gitterthüre knarren. ' scharren. 



L. 



238 SPRÜCHE 

Wurstbettellieder. 

Zu Bd. I, S. CXUII und S. 207. 
I. 

's Chrumbbeisinge« 

I weusch en guete-n-Abig, 

Gott g'segni eueri Gabe, 

Gott g'segni eues Essen und Trinke, 

Eueri Sou wird nümme hinke. 

Eueri Sou hat e chrumbes Bei, 

Gemmer* e Wurst, se chan i hei. 

Gemmer nid eso kleini, 

Gemmer zwo für eini. 

Gemmer vu der Lebere, 

Se chan i hei zäbele*. 

Gemmer vu der Lungge, 

Se chan i hei gumpe. 

Gemmer vu der Site, 

Se chan i hei rite. 

Haued ue', haued abe, 

Lönd de Metzgermeister strahle*. 

Im zürcherischen Weinland an «Metzgeten» (Schweinschlacht- 
festen) vor dem Hause des Bauern gesungen. Mitgetheilt von Lehrer 
Fürst in Zürich. 



2. 



I singe-n-um ene Wurst, 
's sind eusen e ganzi Purst '^. 
I singe-n-um ene Hamme, 
I mag si nüd erlange. 



* gebt mir. * zappeln. ' aufwärts. ** emsig arbeiten. * Gesellschaft. 



SPRÜCHE 239 

I singe-n-um ene Chrumbbei, 
Gemmer eis, so gan i hei. 
Gemmer ab ere Site, 
Se Chan i druff heirite. 
Gemmer zwo, so bin i froh, 
Gemmer drei, so sind er frei*, 
Gemmer sechs, so sind er recht, 
Gemmer sibe, so bin i z'fride, 
Gemmer acht, so lupf i d' Chappe-n-und säge 

guet Nacht. 

Aus Dielsdorf, Kt. Zürich. Mitgetheilt von Lehrer Fürst. 



■ * A » '- 



Das Kinderlied von den drei Jungfrauen. 

Rite rite RössU, 

z' Bade stat es SchlössU, 

z' Bade stat es Sumerhus, 

's lueged drei Mareie drus. 

Die erst spinnt Side, 

die ander schnätzlet Chride, 

die dritt spinnt Haberstrau: 

B'hüet mir Gott mis Büebli au! 

Dieser zunächst aus dem Gebiet von Zürich entnommene Text 
zeigt die in den meisten Kantonen verbreitete Grundform ; Abweich- 
ungen in einzelnen Wörtern und Zusätze werden nachfolgend ange- 
geben. Z. 2 : statt Baden kommt Basel vor in : Basel, Aargau Frick- 
thal, Solothurn; Züri oder Sant Gallen im Thurgau; Bare (Bern) im 
Berner Oberland. — Z. 3: Liestel (Liestal) in Basel und Zug; Rom 
in Aargau Baden und Frickthal, Luzem, Unterwaiden Engelberg, 
Solothurn. Vereinzelt finden sich an dieser Stelle, je nach der Landes- 
gegend, auch noch andere Orte genannt, z. B. Winterthur. In Glarus 



freundlich. 



240 SPRÜCHE 

gilt an beiden Stellen die unbestimmte Angabe : det (dort) ohe, doch 
in Kerenzen auch IVesen und Wailenstadt. Sunnehus Zürich Fischenthal. 
Chronehus Zürich Stallikon. Nutmehus Glarus Kerenzen. 's Frau Gotte 
Hus Basel. Gloggehus Berner Oberland. Weierhus Aargau Frickthal. 
In Aargau Zeinigen lautet Zeil« 5 : :(' Wile isch e Wirtshus; in Baden 
ist sie zu dreien erweitert : :(' KUngnau ne Brütmeli, ^' Kaisershul ne 
Sünneli, ;(' Rom stot e guldigs Hus. Goldis oder guldigs Hus gilt auch 
in Zürich Oberland, Appenzell, Aargau, Engelberg, Glarus, Luzern, 
Zug. — Z. 4 : Mareien auch in Aargau Baden, Luzern, Thurgau ; 
Jungfrauen in Aargau, Appenzell, Glarus, Solothurn, Engelberg, Zug. 
Fraue Aargau Zeinigen. hübsch Jumpfere Zürich Oberland, schönt 
Jumpfere Basel, Berner Oberland. — Z. 6: So auch in Aargau, Luzern, 
Solothurn, Thurgau, Zug. wicklet oder chnodtt (knotet, knüpft) Wide 
Zürich Oberland. chJäret (klärt ?) IVide Zürich Zollikon (auch chläri, 
klare), chrat^et Chride Appenzell, rollet Chride Thurgau. spinnt Gold- 
wide Glarus. — Z. 7 : spinnt auch in Thurgau. hackt Zürich Stallikon. 
häcklet Berner Oberland, schnidt Solothurn. Im Bemer Oberland 
lautet Z. 5 : Eini ist wie Side, Z. 7 : Die dritt ist wie luters Gold, in 
Engelberg: Die dritt chochet es Chollermues (ein Leibgericht der Sennen, 
aus Mehl, Rahm, auch Eiern, alles in Butter gebacken, eine Art 
Omelette). Z. 5 — 7 in Baselstadt: Die einti wicklet Wide, die andri 
stücklet Chride, die dritti spinnt das Glesigold, — Z. 8: Chindli Zürich 
Stallikon. Schätxli Zürich Oberland, Thurgau. Die ganze Z. 8 lautet 
in Solothurn: Mi liebs Chindli, schlofmer au. In Baselstadt: D* Büebeli 
sind de Meiteli hold. Berner Oberland : Die viert ist üsem Hansi hold. 
Engelberg: Das i mit ere (ihr) esse mues. 

Mit Zeile 7 zweigt sich eine zweite Gestalt des Liedes ab, 
die einen neuen Zug einführt: 

7. die dritt tuet 's Törli uf 

8. und lat die heilig Sunnen us. 

So in Aargau (Holderbank, Frickthal, Zeinigen, Baden), Luzern, Zug 
{lieH St. heilig). Glarus : Die dritt gat i*s Sunnehus und lat die guldig 
Sunnen us. Luzern auch: Die dritt Itiegt ^um Tor us. St. Gallen 
Rapperswyl: ^^um Fenster us. 

In einer dritten Form wird die zweite fortgesetzt: 

Es ist es Engeli a dr Wand, 
es häd es Glöggli i dr Hand ; 
wenn mer's g'höred chlinge, 
so wend mer alli springe. 



SPRÜCHE 24 I 

So in Luzern und Zug; im erstem Kanton Z. 4 auch: So wend 
wer i' Himmel springe. Weitere Varianten dieser Form sind : Z. i : 
hangt st. ist Baden, St. Gallen Rapperswyl. Chnäheli st. Engeli Aar- 
gau Frickthal. Z. 3 — 4: Und wenn das Engeli chlinglet, so ist eheiligi 
Meß im Himel, St. Gallen Rapperswyl. Z. 4: So springen alli Engeli 
Vn Himel ufe z! Cfjille, Aargau Frickthal ; in Baden : alli Chindli. 
Z. 3 — 4 in Aargau Zeinigen: 

Und wenn das Glöggli schlot, 
so sind mer alli tod; 
und wenn das Glöggli chlinglet, 
so sind mer alli im Himel. 

Ebenso in Basel Aeugst, nur ist dort die dritte Form mit der 
ersten dadurch verbunden, daß die Fortsetzung Z. 7 lautet: 

Die dritti leinet (lehnt) a dr Wand, 
si hed ne Glöggli in der Hand u. s. w. 

In Luzern kommt auch Verbindung mit der zweiten vor: Si 
hed es Glöggli u. s. w. 

Verkürzung und Verflachung in rein weltlichen Sinn zeigt die 
bernische Form: 

Rite rite Rössli, 

z' Basel (oder: z' Thun) isch es Schlössli, 

z' Bern isch es Herrehus (oder : z' Thun isch es Tubehus), 

da luege drei Töchtere zum Fenster us 

(oder: da luege drei schöni Jumpferen us). 

Neigung zu scherzhafter Wendung zeigen schon einige der zur 
Grundform angeführten Varianten ; stärker erscheint dieselbe in fol- 
gender Gestalt: 

Rite rite Rössli, 

z' Bade stad es Schlössli, 

z* Rom stad es guldigs Hus, 

es luegid zehn Jungfraue drus. 

Die erst macht 's Fürli a, 

die zweit leit d' Schitli a, 

die dritt chochet es Haberbri, 

die viert schlat ere d' Nase dri. 

Die föft chauft es nüs Paar Schue, 

die seclist git ere 's Geld derzue. 

II 16 



242 SPRÜCHE 

Die sibet chauft es Fässli Wi, 
daß die acht cha lustig si. 
Die nünt schüttet 's Federebett, 
wo die zeht dri ligge sett. 

Walchwyl, Kt. Zug. 

Gemischt mit einem andern Spruch ist folgende Fassung: 

Rite rite Rössli, 

z' Bade stot e Schlössli, 

z' Klingnau e Brünneii, 

z' Kaiserstuel e Sünneli, 

z' Freiewil e Chäppeli. 

D' Meitli träged Schäppeli, 

d' Buebe träged Maie. 

De Güggel chunt cho chräie: 

Güggehü ! 

T Morgen am drü >^ 

chömed drei Mareie. 

Die eint spinnt Side, 

die ander schnäflet Chride, 

die dritt schnidt Haberstrau: 

B'hüet mer Gott mis Chindli au! 

Rochholz, Alemann. Kinderl. Nr. 274. 

Noch Stärker gemischt, und zwar nicht nur mit der Grundform, 
sondern auch mit den beiden Nebenformen, ist folgende: 

's Sünneli schint, 

's Vögeli grint, 

's hocket under em Lädeli, 

's spinnt e Sidefädeli; 

's spinnt en lange Fade, 

er langet bis go Bade, 

vo Züri bis uf Hauestei, 

vo Hauestei bis widerum hei. — 

Z' Rom ist es guldigs Hus, 

lueged drei Mareie drus. 

Die eint spinnt Side, 

die ander Floride, 

die dritt schnätzlet Chride, 

die viert spinnt Haberstrau, 

die feuft ist eusi liebi Frau. 



J 



SPRÜCHE 243 

Si sitzt enet a der Wand, 
het en Oepfel i der Hand. 
Si got durah zum Sunnehus 
und lot die heilig Sunnen us 
und loi de Schatten ine 
für iri liebe Chline. 
Und wenn mer's g'hört singe, 
chömed alli Engel z' springe. 

Rochholz, a. a. O. Nr. 273. 

Statt grint, zirpt (Z. 2) Var. pfift, singt. Z. 6 auch : 

Es hoppet bis go Bade. 

Z' Bade stot e Sumerhus u. s. w. 

Daß unser Kinderlied, sowohl in seiner einfachsten Gestalt als 
in seinen Varianten und Zusätzen, fast in allen Gauen von Deutsch- 
land, zunächst in Elsaß und Schwaben, dann rheinabwärts und auch 
landeinwärts bis in die Mark Brandenburg, zahlreiche, theils wörtlich, 
theils sachlich übereinstimmende Parallelen findet, ist längst erkannt; 
man findet solche bei Rochholz, a.a.O. S. 141— -142. 144 — 145. 
Stöber, Elsaß. Volksbüchl. Nr. 98 — 102. Vonbun, Vorarlb. Sag. S. 66. 
Meier, Schwab. Märch. Nr. 87. Kinderreime Nr. 14. 15. Simrock, 
Kinderbuch Nr. 169 — 175. Wolf, Beiträge z. deutsch. Myth. 2, 179 — 181. 
Ausgemacht ist ferner, daß alle diese Kinderreime in ihrem Haupt- 
inhalt, den drei weiblichen Wesen, welche das Kind besuchen und 
begaben, einen ehrwürdigen und merkwürdigen Ueberrest heidnischen 
Glaubens darstellen, der am reinsten in der altnordischen Ueber- 
lieferung von den drei Nomen (entsprechend den Parcen oder Moiren 
des klassischen Alterthums) erscheint, aber auch noch in Deutsch- 
land (besonders Baiern) unter allerlei Verkleidung unverkennbar er- 
halten ist. Vgl. Wolf, a.a.O. 167 — 203. Simrock, Myth. 341 — 350. 
Mannhardt, Die Götterwelt der deutschen u. nord. Völker 321 — 328. 
Hier kann vom Zusammenhang und ursprünglichen Sinn aller jener 
Zeugnisse nicht ausführlich gehandelt, sondern nur der schweizerische 
Beitrag zu demselben nach seinem Wortlaut noch mit einigen Be- 
merkungen begleitet werden, wobei auf offenbare spätere Entstell- 
ungen keine weitere Rücksicht genommen wird. 

Die Verschiedenheit der Ortsangaben in Z. 2 und 3 des Grund- 
textes hat natürlich nichts zu bedeuten als eben die weite Verbreitung 
<les Glaubens. Wichtiger sind die Varianten zum Schluß von Z. 3, 
aus denen der ursprüngliche Ausdruck schwer herauszufinden oder 



244 SPRÜCHE 

zu erschließen ist. Eine himmlische Wohnung kam den Schicksals- 
göttinnen jedenfalls zu und das goldene Haus ist von dem Sonnen- 
oder Sommerhaus nicht wesentlich verschieden. Glockenhaus ist na- 
türlich später, kann aber einen Thurm bezeichnen, dergleichen auch 
die heidnische Zeit kannte (z. B. als Wohnsitz der als halbgöttlich 
verehrten Seherin Veleda bei Tacitus, Hist. 4, 65). Weierhaus auf das 
Sitzen der Nornen an einer Qjiielle zu deuten geht nicht wohl an. 
Als Nonnen oder Stifterinnen von Gotteshäusern erscheinen die drei 
Frauen in der deutschen Sage mehrfach; unmittelbare Entstehung 
dieses Wortes aus Nomen ist unmöglich, da der letztere Name in 
Deutschland nie verbreitet war. Ob sie Jungfrauen (was auch in. 
Deutschland die überwiegende Bezeichnung ist) oder Marien genannt 
werden, macht insofern etwas aus, als der letztere Name den Ge- 
stalten ihren heiligen Charakter bewahren half, während der erstere 
leicht zu Jungfern in gewöhnlichem Sinne abgeschwächt werden 
konnte. Daß der christliche Name Maria vielfach an die Stelle von 
Namen heidnischer Göttinnen trat, ist bekannt genug. Betreffend die 
Dreizahl, welche auf christlichem Boden an den drei Marien der 
Evangelien eine Stütze fand, braucht auch nur erinnert zu werden,, 
daß sie dem Heidenthum für göttliche Wesen ebenso beliebt war,, 
wie sie es dem Christenthum geworden ist. Daß in einigen Varianten 
die Zahl sich zu 4 und 5, sogar einmal zu 10 erweitert, ist offenbare 
scherzhafte Entstellung. (Etwas Anderes ist die Erweiterung auf die 
ebenfalls heilige Zahl 12 resp. 13 z. B. im Mährchen vom Dorn- 
röschen.) 

Wichtiger ist, daß den drei Frauen auch drei verschiedene 
Funktionen zugetheilt sind, wobei Wolf an den Merseburger Zauber- 
spruch von den dreigetheilten Idisi erinnert, nur daß deren Thätig- 
keit eben auf den kriegerischen Anlaß ihres Auftretens gerichtet ist 
und sie in ihrer Dreiheit doch nur einem Zweck, einer Partei 
dienen. Bei den Nornen aber und den ihnen entsprechenden weisen 
Frauen der spätem Sage ist es ein stehender Zug, daß sie dem Kinde,, 
an dessen Wiege sie herantreten. Ungleiches, Heil und Unheil, 
schenken oder verkünden, und es fragt sich, wie dieser Gegensatz 
in unserm Liede sich darstelle, auf welcher Seite die Mehrheit sei. 
Hier gehen nun auch die Varianten aus einander, indem ein Theil 
derselben, aber nur der kleinere, zwei günstige Thätigkeiien gegen 
eine ungünstige anfuhren zu wollen scheint, die übrigen aber, und 
zwar die Mehrheit, auf umgekehrten Sinn deuten. Daß die Thätigkeit 
der Schicksalsgöttinnen vorzugsweise als Spinnen gedacht wird,. 



SPRÜCHE 245 

bat das germanische Alterthum wieder mit dem klassischen gemein 
und kann hier nicht weiter erklärt werden; die Verschiedenheit der 
Drei muß also im Stoff ihres Gespinnstes Hegen. 

Daß nun das Spinnen von Seide, welches in allen Parallelen 
übereinstimmend voransteht, günstige Bedeutung habe, unterliegt 
wohl keinem Zweifel; aber auch Goldweiden (Glarus) und Glesigold 
(Baselstadt) kann, wenn überhaupt einen Sinn, nur diesen haben. 
Dasfelbe gilt von der Berneroberländer Fassung, wo die erste, dann 
aber auch wieder die dritte Jungfrau, selbst mit Gold verglichen 
wird. Zu bemerken ist hier nur der Unterschied, daß die glarnerische 
Form das Gold zweimal, also zwei günstige Anzeichen hat, und 
die stadtbaslerische das Gold, also das Glück, erst an dritter Stelle, 
aber darum vielleicht entscheidend. Die Schwierigkeit häuft sich am 
meisten auf die mittlere Stelle und die Bedeutung di^r Kreide oder 
Wade daselbst. Das letztere Wort, welches wohl älter ist als das 
erstere, kann kaum andern als ungünstigen Sinn haben, braucht aber 
nicht gerade auf die Weide als Werkzeug der Todcsftrafe des Hängens, 
sondern nur auf Fesselung, Hemmung bezogen zu werden. (Vgl. cunio- 
widi im Merseburger Spruch, welches übrigens kurzen Stammvokal 
hat.) Kreide erscheint schon bei mittelhochdeutschen Dichtem in 
sprichwörtlicher Reimverbindung mit Seide, aber zunächst als Gegen- 
satz zu Gold, z. B. in der Stelle: 

ir macht uz golde kriden 

und werc (Werg) uz guoter siden (Germ. IX, 51), 

sowie umgekehrt die Verwandtschaft des Goldes mit der Seide be- 
zeugt wird, wenn ein Dichter von der Jungfrau Maria sagt: 

do du Christcs wurde (wurdest) swanger, 
do wand siden zuo dem golde gotes wisheit; 

und ein anderer von der Doppelnatur Christi: 

do menschlich ward din bilde (deine Gestalt), 
do war (wirrte, mischte) sich under siden flahs, 

wo das letzte Wort dem IVerg der ersten Stelle und der Reiste einer 
schwäbischen Variante entspricht, von dem Haberstroh unseres Liedes 
noch beträchtlich abstehend, doch in derselben Richtung absteigend. 
Positiv mit (weißer) Seide zusammengestellt findet sich Kreide nur 
einmal in Beziehung auf die Farbe. In unserm Liedc kommt aber 
neben der stofflichen Eigenschaft der Kreide auch die an derselben 
ausgeübte Thätigkeit, das Schnätieln, Hacken, Krat^^en in Betracht, 



246 SPRÜCHE 

welches dem Spinnen der Seide gegenübersteht und eine für Gefühl 
und Gehör ebenso unangenehme Empfindung erweckt, wie das 
Streichen oder Rauschen glatter Seide eine angenehme, daher als 
Bild ungünstigen Schicksals aufgefasst werden kann. 

Von Haberstroh kann spinnen eigentlich nicht gesagt werden, 
daher die Varianten hacken und schneiden; aber da die Thätigkeit der 
Frauen einmal vorzugsweise als ein Spinnen aufgefasst werden sollte 
(welchem von der ungünstigen Seite das Wickeln oder Knüpfen von 
Weiden einigermaßen entspricht), so mochte auch jene Verbindung,, 
nur dann in ironischem Sinn, annehmbar erscheinen. Wer sich daran 
stieß und zugleich einen günstigen Schluß haben wollte, mochte eine 
Ausweichung nach einer ganz andern Seite versuchen; daher die 
scherzhafte Wendung vom Kochen einer schmackhaften Speise (Engel- 
berg) oder der Uebergang auf die neue Vorstellung, daß die dritte 
Frau das Thor des Himmels dem Sonnenschein öffnet, woran sich 
dann noch weitere Bilder von himmlischen Herrlichkeiten (der Engel 
mit dem Glöcklein u. s. w.) schließen konnten. Daß dies Abweich- 
ungen von dem ursprünglichen Bilde und fremdartige Zuthaten sind,, 
ist wohl unbestreitbar; aber sie finden sich auch in Deutschland, 
neben zwei andern Varianten, von denen die eine die dritte Frau 
ein Kleid (für das Kind) spinnen, die andere ein Kind aus dem 
Brunnen holen lässt. Von der erstem, die nach Wolf das ursprüng- 
liche sein soll, findet sich bei uns keine Spur, von der zweiten nur 
eine schwache. Nur zufällig ist vielleicht das Zusammentreffen der 
drei Jungfrauen unseres Kinderliedes mit dem Anfang des bekannten 
Volksliedes : 

Dort oben auf hohem Berge 

da steht ein prächtiges Haus; 

da schauen drei schöne Jungfräulein 

des Abends und Morgens heraus. 
Mittler Nr. 769; vgl. Bd. I, S. CXX. Noch schwächer ist die Be- 
rührung des Kinderliedes mit dem Anfang des andern (Simrock,. 
Kinderbuch Nr. 67), wo « ein Herr auf einem Rössli » zu einem 
«Schlössli» kommt und die aus dem Fenster lugende Frau nach dem 
Betragen ihrer Kinder fragt. Aber wenn man aus Atn oben mit- 
getheilten erweiterten Formen unseres Liedes und vielen ähnlichen 
Fällen (dergleichen auch in Bd. I vorgekommen sind) erkannt hat, 
wie leicht einzelne Bruchstücke von Liedern sich an einander heften, 
so wird man geneigt, auch im vorliegenden Fall die Möglichkeit 
eines Einflusses offen zu lassen. 



SPRÜCHE 247 

Nachdem im Vorstehenden der Versuch gemacht ist, das Kinder- 
lied im Zusammenhang zu erklären, mögen einige nachträgliche Be- 
merkungen Platz finden, welche sich dort nicht gut einflechten ließen, 
aber vielleicht dazu beitragen, einzelne Punkte noch in helleres Licht 
zu setzen. 

Die spinnenden Marien erinnern zunächst noch an die unter dem 
Namen Marienfäden, Unserer lieben Frau Sommer, Mädchensommer, auch 
Altweihersommer bekannte Naturerscheinung, das Gewebe der Herbst- 
spinne, welches im Norden der Göttin Frigg (Freia) zugeschrieben 
wurde. Daß Sommer hier nicht die Jahreszeit bedeutet, sondern ur- 
sprünglich ein anderes Wort ist (engl, gossamer für godsamer, feines 
Gewebe, vgl. ahd. gatawebbi), muß zur Erklärung mithelfen, und auch 
die Alten Weiber statt der Mädchen stören nicht, denn ihr Geschäft 
ist vorzugsweise das Spinnen wie das Weisfagen, und in einer Variante 
unseres Liedes (aus dem Odenwald) kommen statt der schönen Jungfern 
wirklich alte Weiher vor. — Daß hinter der spinnenden Königin Bertha 
der burgundischen Sage eine spinnende Göttin steckt, ist längst aus- 
gemacht. In der Nürnberger Todtenkapelle befand sich eine sogen. 
Marienspule mit Garn, das nie ein Ende nahm. Auf einem Seiden- 
faden schwebte Maria zur Rettung des belagerten Helmstädt herbei. 
(Rochholz, a. a. O. S. 148.) 

Weidenknoten gelten im Aargau als schädliches Hexenwerk und 
werden aufgelöst. 

Haberstroh im Gegensatz zu Seide kommt auch in einem Volks- 
lied vor, wo ein Bursche von seinem Mädchen verlangt, es müsse 
ihm aus Haberstroh Seide spinnen, worauf es eine ebenso unerfüll- 
bare Forderung an ihn stellt (Uhland 1, 14). Eine Parallele zu unserm 
Spruch vom Hausftand (Bd. I, S. 1 52) lautet: Haberstrau heißt mi Frau. 

Kreide deutet Rochholz (a. a. O. S. 148) auf das Homonym Kreide 
= Kriegsgeschrei, also Strät, was sachlich nicht unpassend wäre ; aber 
die Verba schaben, hacken u. s. w. deuten doch entschieden auf Kreide 
als Stoff. Daß dieses Wort bildliche Bedeutungen hatte, beweist die 
bei G. V. Keisersberg und S. Brant vorkommende Redensart Kreide 
streichen = trügerisch schmeicheln, und vielleicht kann diese Bedeutung 
auch für unsere Stelle geltend gemacht werden. 



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Anhang. 



Berichtigungen und Nachträge 
zu Bd. I. 



S. VII. Ueber Ludwig Sierner und die Reimchronik von 
Lenz s. Vetter im Anzeiger fllr schweizer. Geschichte 1884, 
S. 269—276. 

S. XX, 5. Statt Liedes ist vielleicht lAeder zu setzen, 
wenn Jnstinger (S. 145) darunter nicht Strophen versteht. 

S. XXVII, 15. Die Verweisung auf die Texte soll nicht 
bei a, sondern bei i) stehen. 

S. XXXV fehlt bei 23, c, i Verweisung auf die Texte 
S. 29. 

S. XLVIII unten ist die Verweisung auf die Texte zu 
streichen, s. dagegen Bd. II, K. 115. 

S. LI, 39, b. Das Lied von Rynacher findet sich im Archiv 
der Familie Steiner von Uitikon, handschriftlich, wahrschein- 
lich Original des Dichters, 46 Strophen, Anfang: «Nun will 
ich frölich singen.» — Im selben Archiv noch ein zweites 
Gedicht über die damaligen BUndnergeschichten, in denen 
ein Steiner die Zürcher kommandirte, hauptsächlich ihm zu 
Ehren auf seine Hochzeit gedichtet. Sehr lang, in Alexan- 
drinern. 

S. LIIL Nach Nr. 39 oder zu 40 ist nachträglich ein- 
zuschalten die Notiz von einem Liede, welches kurz nach 



252 ANHANG 

dem Ueberfall in der Klus (20. Sept. 1632) in Solothurn 
entstanden und für Bern verletzend gewesen sein muß, so 
daß der Rath von Solothurn die Verbreitung desfelben mit 
Strafe bedrohen musste. Als Verfasser galt Viktor zur Matten 
von Solothurn, der aber seine Autorschaft leugnete. Noch im 
Jahr 1646 wurde ein Solothurner bestraft, weil er das Kluser 
I^ied gesungen hatte. Mittheilung von Herrn Dr. Fäh. 

Andere Erinnerungen an die Schweden s. Rochholz, 
Aarg. Sagen II, 279 ff. 

S. LV statt Merey zu lesen Mercy. 

S. LXVII, Cy 2. Dieses Gedicht vertritt nicht den Stand- 
punkt von Luzern, sondern von Zürich und Bern gegen 
Luzern und die Länder zugleich. Das Gedicht 3 findet sich 
auch auf der ZSB. XVIII, 1976, nebst einer Antwort. Der- 
selbe Band enthält zwei Lieder von dem für die Katholiken 
günstigen Gefecht bei Sins. 

S. LXXI, c. Das Lied auf die leere Kasse der helvetischen 
Republik ist von Häfliger ; s. dessen « Schweizerische Volks- 
lieder js) S. 79. 

S. LXXII, 57. Im Frühling des Jahres 1815 verfasste der 
Friedensrichter Ringier-Burkhard von Zofingen ein Spottlied 
auf die Berner, was ihm den Verlust seiner Stelle zuzog. — 
Im zürcherischen Bürkli- Kalender 1815 steht ein mundart- 
liches Gedicht « Es Wörtli uf die neu Verfassig im Kanton 
Zürich ». 

S. XCV. Das Lied «c Es will ein Jungfrau reisen » steht 
im Register der Texte unter dem Ansatz : 's will . . . 

S. C. Das parodische Kriegsgebet ist nun im Bd. II, S. 224 
abgedruckt. 

S. CII und 104. Lütolf, Sagen S. 430 gibt eine Sage von 
einem Roni Sattel von Mosen, Kt. Luzern, auf den sich das 
Lied beziehen soll. 

S. CHI oben. Vgl. auch noch Walliser Sagen S. in. 113. 



ANHANG 253 

# 

S. CIV. Das Lied von der frommen Spinnerin wurde in 
der Gemeinde Wald gesungen. 

S. CIV unten. Der Ausdruck « verkünstelt » ist nicht 
richtig; s. nun die Anmerkung zum Liede in Bd. II, S. 176. 

S. CVII oben. Ein Anklang an jene alte Romanze findet 
sich auch noch in einem handschriftlichen Fragment bei Stutz. 
Hieher gehört auch ein in Schaffhausen gefundenes Fragment 
des Liedes von dem Mord im Haslacher Thal. Mittler Nr. 95. 

S. CXV. Auf die Einwohner der zürcherischen Gemeinde 
Fischenthal sangen noch in neuerer Zeit ihre Nachbarn in 
Wald ein Spottlied, dessen Anfang lautete : «. Die Fischethaler 
Nare Ziehnd de Walder Chare» (Karren). 

S. CXXI oben. Eine engere symbolische Beziehung der 
Mühle auf Liebe behauptet Rochholz, Drei Gaugöttinnen 
S. 115 ff. 

S. CXXVI. Zu dem Liedchen «Uf em Bergli bin i 
g'sesse» vgl. noch Alem. XI, 72. Daß Goethe das Liedchen 
gerade so, wie er es unter seine Gedichte aufgenommen hat, 
aus dem Munde des Volkes gehört habe, ist unwahrscheinlich, 
aber ebenso unmöglich ist es, eine Grundform desfelben her- 
zustellen. Die Melodie wird wohl erst zu dem Goethe'schen 
Text. gemacht worden sein. 

S. CXXVIII. In den Texten (S. 153 ff.) sind nur zwei 
Hochzeitlieder mitgetheilt; das dritte steht nun Bd. II, S. 201. 

S. CXXXV unten. Spazier, Wanderung, gibt im Anhang 
noch Stücke von zwei andern Liedchen. 

S. CXXXVI. Der Verfasser des Liedes a De Bur ist doch 
en plagete Ma» war Johannes Merz, Bezirksrichter, von Buch 
am Irchel, Kt. Zürich. Ein Antwortlied erschien im Bürkli- 
Kalender 181 1. 

S. CXLIV. Ein kürzeres Wurstbettellied hat allerdings 
auch Rochholz, S. 98, 205 ; ein größeres s. nun noch Bd. II, 
S. 238; ebendaselbst auch drei Fastnachtbettellieder S. 235 
und zwei Storchlieder S. 234. 



254 ANHANG 

S. CXLVI. Nach Birlinger, Alem. XI, 82 ist Rappetizli 
von Rappen abzuleiten, vielleicht weil man Musikanten, damit 
sie zu einem kurzen Tanzliedchen spielten, nur mit Rappen 
bezahlte. Aber der zweite Theil des Wortes bleibt dabei 
unerklärt. 

S. CXLVII. Der Reim « 's isch no nit lang » u. s. w. steht 
Bd. I, S. 214, 26. 

S. CLL Nach der Angabe « mit Nachtrag » ist Komma 
zu setzen, denn die folgende Zahl gibt nicht die Seite der 
Nachträge. 

S. 43, Anm. Unter dem Wolf kann nicht Zürich, sondern 
nur Freiburg gemeint sein, Zürich war nie «Nachbar» von 
Bern und zur Theilnahme an jenem Zug auch nicht von Bern 
eingeladen ; es nahm vielmehr eine vermittelnde Stellung ein. 
Dagegen passen die Angaben auf Freiburg, dessen Haltung 
allerdings etwas aktiver war als im Liede geschildert ist. 
Sein Antheil an der Beute (die Hamme Str. 14, 6) war Ro- 
mont und Bulle. Der Löwe mit der Krone (Str. 13, 2) kann 
nur Savoyen oder Frankreich sein, aber nicht in heraldischer 
Bedeutung. Jörg Hubelmann (Str. ii, i) wird als Hauptmann 
der Bernei in den Abschieden mehrmals erwähnt. Nägeli 
(Str. 10) ist der Schultheiß Franz N. von Bern. Mittheilung 
von Herrn Prof G. v. Wyß. 

S. 110. Das Hosehändli war in der Tracht jener Zeit 
das Band, womit die kurzen Hosen über dem Knie gebunden 
wurden. Mittheilung von Herrn Konr. Meier in Zürich. 

S. 118. Eine Parallele zu diesem Lied aus Ostpreußen 
s. Alemannia XI, 59. 

S. 1 2 1 oben : besonders an das Ulinger Lied, s. Bd. II, 
S. 170. 

S. 136. Zu dem Liede Nr. t^'^ wurde mir nachträglich von 
Herrn Lehrer Häderli in Zürich folgende Strophe als erste 
mitgetheilt : 



ANHANG 255 

1. Als ich an denselbigen Abend gedenke, 
da ich Abschied von dir nahm, 

und die Sonne scheint allhier 
und ich scheiden muß von dir 
und mein Herz bleibt stets bei dir. 

2. Und mein Mutter hat gesagt u. s. w. 

S. 137. Der Spruch Nr. 40 ist von B. Wyß in Solothurn 
selbst gedichtet. 

S. 155. Um das Jahr 1825 wurde in Neudorf bei Bero- 
münster, Kt. Luzern, ein Spottlied auf ein Brautpaar gemacht 
und diesem mit Katzenmusik bei der Rtlckkehr von der Hoch- 
zeit gesungen, weil der Bräutigam ein Fremder, d. h. nicht 
Ortsbürger war. 

S. 157 unten. Das Citat « Schwab. Volkslieder » sollte 
nach den Varianten stehen. 

S. 202. Das Nachtwächterlied Nr. 8 ist wohl allgemein 
deutsch ; umgekehrt wird das Lied von den 1 2 heiligen Zahlen 
(Erk Nr. 196. 198) auch bei uns gesungen. Einen etwas ab- 
weichenden Text des erstem gibt Herzog, Schweiz. Volks- 
feste, Sitten und Gebräuche S. 314 als alten Nachtwächter- 
ruf in Thusis, Kt. Graubünden. Ebendaselbst S. 313 stehen 
Varianten zu den in Bd. I, S. 199. 200 mitgetheilten kurzem 
Nachtwächterrufen 1. 3. 4. 5, dort als in Chur üblich gewesen. 

S. 205 — 206. Zu den Rufen beim Scheibenwerfen gibt 
Herzog, a.a.O. S. 215— 216 einige Varianten und sachliche 
Angaben von andern Orten. 

S. 208, 2. Die Auffassung des Weibes als Ackerfeld er- 
scheint auch im Koran, Sure 2. Mittheilung von Herrn 
Konr. Meier in Zürich. 

S. 213, 19, 4 ist zu schreiben Leid, 

S. 225. Das Fest der Drei Könige zu Freiburg s. Herzog, 
a. a. O. S. 153. Vgl. noch ebd. 212. 



256 ANHANG 



Nachträge zu BcL II. 



S. 190. Das Lied vom buckligen Männchen steht in 
i( Des Knaben Wunderhorn », i. Ausg., Bd. III, Anhang S. 54 
vollständig mit 8 Strophen. 

S. 191. Parallelen zu Nr. 18 s. Frommann, Zeitschrift für 
deutsche Mundarten V, 417—418. Mittler, Volksl. Nr. 1316. 

S. 207, Nr. 26. Dieses Stück hätte mit dem wesentlich 
gleichen im Bd. I, S. 139 zusammengefasst werden sollen, 
enthält aber fast durchgehende Varianten. 

S. 241. Zu den Versen vom Glöcklein vgl. das Gebet 
Bd. I, S. 193, Nr. 5. 



Berichtigung zu Bd. II. S. 219 lies: Zaubersprüche. 




Inhaltsangabe 

zu Bd. II. 



Seite 

Vorwort. 

Einleitung zu den historischen Liedern .... i — xviii 

Texte. 

1. Historische Lieder 3 — 151 

2. Allgemeine Lieder 155 — 215 

3. Kleinere Stücke. 

Sprüche 219 

Parodien 224 

Kinderlieder 234 

Berichtigungen und Nachträge zu Bd. I . . .251 

» » » » » II . . .256 



II. 17 



1 



Gesammtregister 

der in beiden Bänden enthaltenen Liedertexte. 



/. Historische Lieder, 
chronologisch geordnet nach den Ereignissen. 

1. Ursprung der Eidgenossenschaft (Tellsage) 

2. Alter Bund zwischen Bern und Freiburg (1243?) 

3. Kampf der Städte Bern und Biel mit dem Bischof von 

Basel 1368 

4. Schlacht bei Sempach 1386. 

a. Das ältere Lied 

h. Das dem Halbsuter zugeschriebene Lied 

5. Schlacht bei Näfels 1388 

6. Alter Zürichkrieg 1443 — 1446. 
a. Schmachlied von östreichisch-zürcherischer Seite 
h. Antwort von schwyzerischer Seite . 

c. Belagerung von Laufenburg .... 

d. Nach der Schlacht bei St. Jakob an der Birs . 

e. Schlacht bei Ragatz 

7. Zwist des Abtes von St. Gallen mit der Bürgerschaft 145 1 

8. Zug in's Sundgau (Mülhausen) 1468 

9. Zug nach Waldshut 1468 
IG. Burgunder Krieg. 

a. « Ewige Richtung » 1474 . 
h. Zug nach Blomont 1475 . 

c. Schlacht bei Grandson 1476 

d. Schlacht bei Murten 1476 

e. Schlacht bei Nancy 1477 

11. Schlacht bei Giornico 1478 

12. Frischhans Theiling und Hans Waldmann 1487 



Band Seite 

3 
5 



L 

I] 



IG 

8 



23 

IG 
30 

34 
36 

39 
43 
49 

15 
52 
56 
61 
66 
70 

23 



26o 



13. Rorschacher Klosterstreit 1489 .... 

14. Schwabenkrieg 1499. 

a. Herausforderung 

b. Schlacht im Schwaderloh .... 

c. Schlacht bei Glurns 

d. Schlacht bei Domecjc 

15. Schlacht bei Novara 15 13 

16. Reformation in Bern 

17. Die Lutherischen in Solothurn 1535. 

18. Zug der Berner in's Waadtland. 

a. Gefecht bei Nyon 1535 

b. Bern und Freiburg 1536 

19. Zug eidgenössischer Söldner nach Piemont (Schlacht 

bei Cerisole) 1544 

20. Zug eidgenössischer Söldner nach Frankreich (Schlacht 

bei Moncontour) 1569 

21. Ludwig Pfyffer und Melchior Lussi (1582) 

22. Der Schweizer Stier (1584) .... 

23. Der Prättigäuer Prügelkrieg 1622 

24. Belagerung von Rheinfelden durch die Schweden 1634 

25. Bauernkrieg 1653. 

a. Der neue Wilhelm Teil im Entlebuch . 

b. Artillerei-Lied 

c. Spottverse auf die Führer der Bauern . 

d. Verehrung der Heiligen unter dem Galgen . 

26. Vilmerger Krieg 165^. 

a. Belagerung von Rapperswyl durch General Werd- 

müller 

b, Schlacht bei Vilmergen 

27. Fall von Straßburg 168 1 

28. Zug schweizerischer Söldner nach Griechenland 1688 

29. Toggenburger Krieg 1712. 

a. Feldbericht eines bernischen Soldaten . 

b. Capitulation von Baden 

c. Gefecht an der Bellenschan^e 

30. Aufstand der Liviner 1755 

31. Zug der Zürcher nach Stein a. Rh. 1784 . 

32. Helvetische Revolution 1798. 
a. Gefecht bei Fraubrunnen .... 



Band Seite 
II 74 



I] 
IJ 



IJ 
IJ 



II 
IJ 



25 

77 
80 

88 

29 

179 
91 

95 
39 

97 

107 

IIS 
118 

119 

43 

47 

51 
125 

129 



130 

133 
54 
56 

60 

137 
141 

65 
184 



I 67 



26 1 



k Kampf der Urkantone 

^. ^a ira . 

33. Belagerung von Zürich durch General Anderniatt 1802 

34. Aufgebot bernischer Schützen 1804 . . . . 

35. Kantonale Bewegungen 1830. 

a. Volksversammlung in Baisthal (Solothurn) . 
h. Aufstand der Hallauer gegen Schaflfhausen . 

36. Der Straußenlärm in Zürich 1839 

37. Der Sonderbundskrieg 1847 

Anhang: Die vier Elemente der Eidgenossenschaft (iSS^) 



I 



Band Seite 

68 

70 

71 
145 

71 

147 
188 

148 
183 



//. Allgemeine Lieder, 
alphabeiisch geordnet nach den Anfang sworteti. 



Ach Gott, wem soll ich klagen? 

Ach Mueter, liebe Mueter 

Ach Schatz, warum so traurig? 

Ach Schatz, was hab ich dir Leides gethan? 

Ach, wie ein so harte Krippe . 

Alli Meiteli händ au Manne 

Anneli, stand uf, d' Brutreiher sind do . 

Anneli, wo bist gester g'si? 

Bin alben e werti Töchter g'si 

Buebe, mer wend wollforte go 

Chan i nit gar ordeli tänzele? 

Danuser war ein wundrige Knab 

Das Anneli hat en Stricker 

De Ma hat große Hunger g'ha 

Der Schlüssel zum Himmel 

Der Schwanewirt sprung zum Thor hinaus 

Der Tod und der kam über de Rhi 

Die Buechiberger Bure .... 

Die Fabrikante z' Dideldum 

Die heiligen drei Könige mit ihrem Stern 

Dies ist mein ganzer Lebenslauf 

Die Vögel sie singen lieblich schön 

Dort hinten bei der himmlischen Thür . 

Dort obe vor der himmlische Thür 



vgl. II, 159 



1,139 



I] 
I] 



167 
207 

134 
205 

190 

143 

115 

141 

201 
128 
156 
102 
210 
123 
IUI 
121 

96 

158 

159 

79 
98 

98 

156 

97 



262 



Ei du mein schöne Margret 

Ein Liedlein will ich heben an 

Es chunt en junge Murergsell . 

Es orönd drei Bueben uf Dammerselle 

Es hat ein König ein Töchterlein . 

Es het e Bur es Töchterli 

Es isch kei sölige Stamme 

Es isch vor der Hütte 

Es kam der Tod wol über den Rhein 

Es kamen zwei Böteli von Willisau 

Es ritt ein Reuter den Berg hinauf 

Es ritt ein Rüter durch das Ried 

Es sind drei arm Seele 

Es si nes Mal zwo Gspile g'sin 

Es tuot das Anneli früo ufsto . 

Es war ein heilige Turtilla 

Es war ein Sterbet über em Rhi 

Es wend zweu Liebi z'säme 

Es will e Frau uf Bade go 

Es wolJt ein Hirt i'n Wald ustribe 

Es wollt ein Jägerli jage . 

Es wott e Frau i's Wirtshus ga 

Es ziehed drei Grafen über Feld 

Frisch auf und lustig dran 

Frisch auf wol in das Feld 

Get Acht, i will ech öppis zelle 

Guggü, wo bist über Winter g'si? 

Heida! die liebe Maiezit . 

Helle Sonnen, helle Strahlen . 

Herzhüseli, wie bist nur volle Freud! 

Hilf mir, Gott, letzt muß ich scheiden 

Ich armes Häsli im wite Feld . 

Ich kann und mag nicht fröhlich sein 

Ich lag in einer Nacht und schlief . 

Ich will singen, ich weiß wohl was 

I gang emol de Berg uf . . ■ . 

I ha mim Schatz en Maie g'macht . 

I han es Hämpfeli Haber g'streut 

I loß si grüeße 



Band Seite 

129 
162 
125 
112 

212 
186 

93 
106 

122 

170 

95 

187 
118 

91 

94 

177 

189 

182 

185 
188 
184 
165 
163 

193 
142 

150 

132 

170 

167 

176 

203 

81 

83 
191 
146 
140 

145 



263 



I wäß e Schwobetöchterli 

I wönde nüd a .... 

Im Aergäu sind zweu Liebi 

Im Sommer sind d' Tage lang 

In de Bergele tuet's schneie 

In Mitten der Nacht .... 

Jetzund ist der B'schluß gemacht 

Kommet, ihr Fürsten und Heiden 

Lazarus und seine Schwestern . 

Man geiget der Braut zur Kirchenthür ein 

Mareie wott go wandle . 

Mareili, liebs Mareili mi . 

Marianneli, bist dinne? 

Meine Mutter hat gesagt . 

Mis Büöli geit über Sapüner Steg . 

Morgens wenn die Vögeli singe 

Nachtigall, ich hör dich singe . 

Nun mein Leichnam geht zum Grabe 

O Mensch, steh ab von deiner Sund! 

O Tannebaum! .... 

Regine gieng i'n Garte 

Reich und Arm soll frölich sein 

Roni Sattel hat gewibet . 

Rot sind alli mini Chleideli 

Sant Katri reist über ein wite Heid 

Schönster Obedstern 

Seht an die zwei Herzen . 

's isch eben e Mönsch uf Erde 

's isch keis verdrießlichers Lebe 

's spaziere drei Soldaten . 

Stets i Trure mueß i lebe 

Straßburg mueß ich lassen 

's will eine Jungfrau reise 

Tannhäuser war ein junges Blut 

Und daß der Wald so finster ist 

Und jetzt fängt das Früejahr an 

Und wenn die finstre Nacht thut kommen 

Vo Luzern uf Wäggis zue 

Was Besseres kann uns erfreuen? 



vgl. 



I, 102 



Band Seite 



I 



211 

213 
180 

74 
209 

75 
86 

153 
155 

HO 

148 
136 
138 
149 
212 

99 
100 

174 
88 

77 
104 

163 

157 

135 

85 
199 

202 

III 

202 

135 

92 

159 

137 
149 

147 

171 
206 



264 



Was hei die Chnabe vo Chappel g'macht? 

Was wei wir wetten von eben an? 

Weiß mir e Herr, hed sibe Sun 

Wenn die Bure z' Acher fahren 

Wenn ig in das Chucheli go . 

Wie mache's denn die Becke? 

Wie-n-i a'g'fange ha huse 

Wo kommt denn au der Ehstand her? 

Wo-n-i chume vor 's Schätzeiis Hus 



Band Seite 




126 




172 


II 


163 




158 


II 


190 




.160 




152 




154 


II 


211 



Kleinere Stücke. 



Gebete 

Alpsegen ....... 

Nachtwächterrufe 

Rufe beim Werfen von Scheiben am Fastnachtfeuer 

Zaubersprüche 

Parodien 

Reimsprüche 

Storchlieder 

Fastnachtbettellieder 

Wurstbettellieder 

Das Kinderlied von den drei Jungfrauen . 



I, 191 I 



I, 208 



1,207 



222 
197 
199 
20 s 
219 
224 
226 
234 

235 

238 

239 



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