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Full text of "Siedelung und agrarwesen der Westgermanen und Ostgermanen, der Kelten, Römer, Finnen und Slawen"

mm 




Wanderungen, Anbau und Agrarrecht 






\ öl ker Europas 

Qördlich der Alpen. 



Von 



Au^nsi SEeltzen. 



Erste Abtheilung: 

Siedelung und Agrarwesen der Westgermanen und Ostgermanen, 
der Kelten, Römer, Finnen und Slawen. 



33oL22LCi I. 




lt< Hin 1899. 

Verl d W LI heim Hertz 

Becier'sche Buchhandlung. 



Ec.H 

(A, 515*3 &> 



Siedelung und Agrarwesen 



der 



Westgermanen und Ostgermanen, 



der 



Kelten, Römer, Finnen und Slawen. 



Von 



August Meitzen. 



Band. I. 

Mit 52 Abbildungen. 




t 1 ' 



Berlin 1895. 

Verlag von Wilhelm Hertz 
Besser'sche Buchhandlang. 



.Dem vorliegenden Werke, dessen Absicht und Ergebnisse in 
Abschnitt I 1, 5 und XIII dargelegt sind, habe ich nur wenige per- 
sönliche Worte vorauszuschicken. 

Meine theuren Freunde und Lehrer G. Hanssen, A. v. Midden- 
dorff und K. Müllenhoff, denen die Schrift zu widmen gewesen 
wäre, sind vor deren Vollendung dahingeschieden. Ihrer und vieler 
Anderer Arbeiten, auf die ich mich zu stützen hatte, habe ich ein- 
gehend gedacht. 

Einem jüngeren Kreise aber möchte ich neben der Anerkennung 
solcher Vorarbeiten aussprechen, wie lebendig er im persönlichen 
Verkehr, auf gemeinsamen Studienreisen, oder im wissenschaftlichen 
Seminar, durch Nachrichten und frischen Gedankenaustausch meine 
Auffassungen gefördert hat. Mehr wohl, als ihnen selbst bewusst, bin 
ich Karl Lamprecht, Max Weber, George Hulin, Robert 
Hoeniger, Erich Liesegang, Johannes Peisker, Josef 
Paczkowski, Joan Barbovescu, Gustav Schmidt, Eduard 
Otto Schulze für solche Anregungen dauernd verbunden. Friedrich 
Grossmann hat überdies noch die Last auf sich genommen, jede der 



VI 

Korrekturen zu lesen. Viel verdanken diese auch dem Sprachsinn 
meiner Tochter Gertrud. Frl. Margarethe Lehmann-Filhes aber 
schulde ich die unerwartet schwierig zu erreichende genaue Ueber- 
setzung und dialektische Auslegung der nordischen Quellen und deren 
Kommentare. 

Schliesslich habe ich mit freundschaftlicher Hochschcätzung des 
Herrn Verlegers zu gedenken, der aus seinem persönlichen Verständniss 
den Muth schöpfte, mir die Veröffentlichung eines so weitaussehenden, 
kostspieligen und durch mein Alter unsicheren Unternehmens mit 
liberalem Entgegenkommen anzubieten. 

Berlin, im Juli 1895. A. M. 



Inhalt. 

I. Allgemeine Gesichtspunkte der Aufgabe. 



1. Das Gebiet der modernen Weltkultur. S. 1. 

Die Entwicklung des Anbaues ist von den geographischen Verhält- 
nissen bedingt. 

Europa wird durch die Pyrenäen, die Alpen und den Hämus in einen süd- 
lichen Theil, den Sitz der antiken Kultur, und in einen nördlichen, den Sitz 
der modernen Weltkultur geschieden. 1. Die Kultur des Südens wurde schon 
in dunkler Vorzeit durch die erziehenden Anreize der an Gegensätzen reichen 
Natur des ^Iittelmeerbeckens gefördert. Sie erlangte neue Blüthe durch die 
Griechen.^8. Dem Becken der Nord- und Ostsee dagegen sind grosse Gleich- 
mäesigkeit in Boden und Klima, geringe Hülfsmittel und strenge Ansprüche 
an Arbeit eigenthürnlich. Der Vergletscherung folgte Steppe und "Waldwildniss. 
Alle Nutzpflanzen, Wirthschaftsbedürfnisse und Kunstfertigkeiten brachten die 
Einwandrer aus der Ferne mit. Näheres ergeben Geologie, Ethnographie und 
Sprachforschung. 5. Indess verzichtet die Untersuchung der Siedelung zu- 
nächst darauf, an diese Erkenntniss anzuknüpfen, sondern beabsichtigt die 
noch in der Gegenwart nachweisbaren wirtschaftlichen Thatsachen darzustellen, 
und von diesen zurückgehend den Zusammenhang mit den Anfängen des 
Agrarwesens aufzusuchen. 6. 

2. Stellung von Land und Stadt im Kulturleben. S. 7. 
Die Landwirthschaft schliesst alle Anfänge des wirthschaftlichen Da- 
seins in sich. Handel und Industrie haben sich erst allmählich von ihr los- 
gelöst. 8. Selbständigkeit des Bauern. Abhängigkeit des Handels und 
der Industrie vom Absatz. Treibende wirthschaftliche und politische An- 
sprüche des städtischen Lebens an Gemeinsinn und Regierung. 9. Ein- 
greifen des Staates in das Agrarwesen durch die moderne Landeskulturgesetz- 
gebung. 10. 

3. Zusammenbang der beutigen Zustände mit der ersten Ansiedelung. S. 10. 
Die erste feste Ansiedelung bleibt Grundlage für die gesammte Agrar- 
entwicklung. Auch dem Nomaden-, Jäger- und Fischerleben sind strenge Ge- 



VIII 

bietsabgrensungen, einiger Ackerbau und bleibende Wohnstätten bekannt. 11. 

Der Gegensatz der festen Ansiedelung als Form des Volksdaseins liegt in der 
dauernden Niederlassung eines Kreises von Stammesgenossen, der seine 
Lebenserhaltung auf Anbau in bestimmten Grenzen und als Gemeinwesen mit 
nachbarlichen Rechten und Pflichten begründet. 14. Die Bedingungen sind 
in Nordeuropa besonders klar erkennbar. 15. Gründe, weshalb deutliche 
der ältesten Einrichtung sieb unverändert bis auf die Gegenwart er- 
balt eii haben. 16. Die Spuren der alten Anlagen zeigen sieb in den be- 
stehenden Formen der Wohnplätze, der Vertheilung der Grundstücke zu Be- 
sitzungen und in der Art ihres gegenseitigen Rechts. 19. 

4. Begründung 

der Agrargeschichte auf die Anschauung der Siedelungsformen. S. 19. 

.1. Mosers lange massgebende Auffassung der Einzelhöfe Westfalens. 
C. F. Eichhorn. 20. O. C. Olufsens Untersuchung der Dorffluren mit Gevvann- 
eintheilung erkennt G. Hanssen in ihrer wissenschaftlichen Bedeutung und 
Bchliesst das Bild des deutschen Agrarwesens an die Gehöferscbaften im 
Reg. -Bez. Trier an. 24. Die weiteren agrarbistoriseben Forschungen von 
A. v. Haxthausen, W. Röscher und G. Waitz, 25. von V. Jakobi, H. Landau, 
Fr. Seebohm, H. Ranke, K. Lamprecht. 27. 

5. Grundlagen und Ziele der Darstellung. S. 28. 
Betheiligung des Verfassers an den bisherigen Forschungen. Befrie- 
digende Ziele sind nur durch die Erschliessung des allgemeinen nationalen und 
historischen Zusammenbanges der verschiedenen agrarischen Erscheinungen 
zu gewinnen. 29. Plan der Darstellung, zwei Abtheilungen: I. Siedelung und 
Agrarwesen der betheiligten Völker von ihrem ersten Auftreten nördlich der 
Alpen durch die Zeitläufe, während welcher ihre Entwicklung den Charakter 
der im wesentlichen bäuerlichen Kleinwirthschaft bewahrte. IL Die deutsche 
Kolonisation des Ostens, der Grossbetrieb und die Fortschritte und Aussichten 
der modernen Landwirth schaff. 31. 



IL Die nationalen Eigentümlichkeiten der Siedelung der Germanen, 



1. Gebiet der volkstümlichen germanischen Siedelung. S. 33. 
Reste der ältesten nationalen Siedelung sind am sichersten bei den Ger- 
manen zu finden, weil diese allein Volksland besitzen, welches nie unter 
fremden Einfluss kam. Abgrenzung ihres Volkslandes. 34. Im Westen und 
Süden : gegen Kelten und Römer die Weser vom Meer bis zur Porta und die 
Höhen von Rothhaar, Westerwald, Taunus, Rhön und Thüringerwald; im 
Osten : uralter Grenzzug zwischen West- und Ostgermanen, Reckenitz, Tollense, 
Randau, Oder, Neisse, Sudeten bis Jablunka. 36. Er wird seit Attila von den 
Slawen überschritten. Karls d. Gr. Limes sorabicus: Regensburg, Fürth, Regnitz, 



IX 

li/, Saale, Elbe, Ohre, Ilmenau, Delvenau, Schwentine, Kieler Foerde. .'IT. Im 
Norden: gegen 'li«' Finnen Drontheim, Qedemarken, die Gebirge von Werme 
land und Dalarne, Bowie Balogaland. 38. 

2. Die germanischen Ansiedelungen nach Gestalt und Grösse. S. 42. 
Schwierigkeil der Unterscheidung der alteren Ansiedelungen von den 
neueren. Ortsnamenforschung Arnolds. 43. Die typische Debereinstimmung 
der Durfanlagen ist aus den topographischen Karten zu beurtheilen. 45. I>ie 
Hnfendörfer des germanischen Volkslandes. 47. Jenseits der Grenzen des- 
selben liegen im Westen Marschdörfer längs der Nordseeküste (Aid. 86, tl8) 18; 
und Einzelhöfe in Westfalen (Aal. /, 1\ 69, 73, 89 und 92) 49; im Osten 
Reihendörfer der Gebirgskolonisation (Anl. 4, 1KJ, l'lo; 50; sowie slawische 
Runddör fer (Anl. -V, 107, 136, 138) 52, und Strassendörfer (Anl. 129, 134, 
t35, 139). Die Verschiedenheil der Dorfformen bedingt die Verschiedenheil 
des Wegenetzes (Anl. 4) 54, und der Grössenausdehnung des Kulturlandes. 
55. Notwendigkeit auf den Zustand vor den Verkuppelungen der Neuzeit 
zurückzugehen, namentlich in Norddeutschland, Dänemark und Skandinavien. 
(Anl. 16, 17.) 56. 

3. Wirthschaftseinrichtung und Betrieb. S. 60. 

Wesen uud Bedeutung der Flurkarten. 60. Gleichartigkeit der Eigen 
thumsvertheilung in den Dörfern des germanischen Volkslandes. Der Besitz 
des einzelnen Gutes gleichmässig über die Flur zerstreut. (Anl. 5—19.) 61. 
Viele Parzellen völlig unzugänglich. 62. Das Wegenetz später als die Acker- 
theilung entstanden. Bestimmungen der skandinavischen und der deutschen 
Gesetze über die Wege. 63. Notwendigkeit des Flurzwanges. 66. Ein- 
theüung des Ackerlandes in mehrere Wirthschaftsscbläge. Verbreitung der 
Felderwirthschaft. Beginn mit Brennkultur, dann Hackwirthschaft, wilde 
Feldgraswirthschaft 69, später regelmässige Schlag- und Felderwirthschaft. 
70. Die einzelnen Wirthschaftsscbläge unter sich an Fläche ziemlich gleich, 
ebenso die Besitzstücke der einzelnen Bauern auf jeden Schlag gleichmässig ver- 
theilt. 70. Zwang gleichzeitiger Bestellung und Ernte verschärft durch das 
gemeinschaftliche Weiden des Viehs. Wirtschaftliche Bedeutung des Flur- 
zwanges. 71. 

4. Die Hufenverfassung der Germanen. S. 72. 

Grundlage der Eigenthumsvertheilung ist die Hufenverfassung. Allge- 
meine Vorschriften Karls des Grossen über denHeerbann. 72. Begriff der Hufe. 
Wortsinn. 73. Grösse verschieden, aber in derselben Flur stets gleich. 75. 
Das Hufengut gilt als Persönlichkeit. 76. Auch Morgen, Acker, Tagwerk- 
verschieden. Wegen der Gewanne kein Bedürfniss fester Maasse. 17. Die 
verschiedenen Grössen, häufige Theilungen und Standesunterschiede der Tneil- 
besitzer führten zu neuer Klassifikation der Besitzungen. Höfe, Voll- und 
Halbhöfe, Kötter, Anbauer. Wiederherstellung der richtigen Hufenantheile 
in der Flur, erläutert durch die nordischen Gesetze des 13. Jahrhunderts über 
die Beebningsprozedur. 79. Hülfsmittel für die Ermittelung der Anzahl und 
der Grösse der Hufen in der Dorfflur. 81. 



5. Grundsätze und Verfahren der Gewannmessung. S. 83. 

Einfachstes Verfahren rechteckige Gewanne abzugrenzen, jedes in soviel 
gleiche parallele StreifeD, als Hufen bestehen, zu theilen und diese nachdem 

zuzuweisen. Erleichterung durch das übliche Pflügen in Beete. 84. 
Die Geeren. 86. Raine oder Grenzsteine nicht üblich. Wo die Pflüge 
wenden mussten, entstanden Anwände. 87. S-förmiges Verpflügen der 
Ackerst reifen allgemein. (Anl. 5, 6, 7.) 88. Beseitigung der Grenzverwirrungen 
in Skandinavien durch die Reebningsprozedur, in Deutschland durch die Feld- 
geschworenen. 89. Die Messwerkzeuge. Verfahren regelmässiger Aufmessung 
nach Breiten. 91. Beispiele. (Anl. 5—7). Breitenmaasse. 95. Messungs- 
verfahren für unregelmässige Gewannstücke nach den Flächengrössen. 96. 
Beispiele. (Anl. 12—15). Flächenmaass sind Flur- oder Lagemorgen. 101. 
unentwirrbare Flächenverschiebung konnte nur durch Breitenmessung wieder 
berichtigt werden. 105. Die ältere Messung nach Flächen, die jüngere nach 
Breiten. 106. 

6. Alter und Veränderungen der Gewanneintheilung. S. 106. 
Feldeintheilung nach Morgen erweisen auch die Urkunden als die 
älteste. 107. Hufen nach Morgen, jugera und carrada in kirchlichen Re- 
gistern und in den Reebningsgesetzen bezeichnet. 108. Regulirung durch 
Feldgeschworene und durch Reebning in langen Streifen nach Verhältniss- 
grössen. 112. Beide Verfahren nur juridisch, nicht praktisch verschieden. 
Auch grundherrliche Regulirungen bekannt. 113. Zusammenziehung meh- 
rerer Gemarkungen zu grossen Dorf- und Stadtfluren. (Anl. 18, 19) 114. 
Alle Regulirungen der einzelnen Flur lassen die wesentliche Grundlage der 
ursprünglichen Siedelung unberührt. 118. Dafür bleibt die Frage des Ge- 
meindebesitzes und der periodischen Ausloosungen unwesentlich. (Anl. 145, 
151.) 118. Die Regulirungen gehen bis vor die Karolingerzeit zurück und 
stellen stets die Gew r anneintheilung nach gleichen Hufen anrechten wieder her, 
welche schon der ersten festeu Ansiedelung angehört. (Anl. 20.) 119. 

7. Marken und Markgenossenschaften. S. 122. 
Ausdehnung der unangebauten Ländereien auf dem Gebiete der natio- 
nalen Siedelung. 122. Verschiedenartigkeit der Besitzverhältnisse. 123. 
Marken im engeren Sinne stehen in genossenschaftlichem Eigenthume. 124. 
Organisation der Markgenossenschaften. Markgerichte. Holtdingsprotokolle. 
125. Ihre Geschichte ist nur örtlich klar zu stellen. 126. Untersuchungen 
V. Hammersteins über den Bardengau. (Anl. 21.) 127. Fortschreitende Auf- 
lösung der Marken. 128. Marken und Gaue müssen auf verschiedenen 
Grundlagen beruhen. Marken sind Trümmer des alten Volkslandes, die An- 
rechte der Markgenossen Reste herkömmlicher Nutzungsrechte der Volks- 
genossen. 129. 

8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. S. 131. 
Deutschland zur Zeit des Tacitus bereits fest besiedelt. Nicht lange 
vorher noch Nomadenthum vorherrschend. Angaben der Römer und Griechen. 
132. Sueven, Bastarnen, Cimbern. 133. Die Uebervölkerung führte früh 



XI 

zu Wanderungen nach der Nordseeküste, Rheinland und Ungarn; später zur 
festen Ansiedelung. 134. Die festen Ansiedelungen sind nicht vereinzelt 
vorgeschoben oder allmählich entstanden, auch nicht als Bifänge. 136. 
Eine in einem Jahrhundert lebhaft fortschreitende Krisis des Volkslebens 
erzwang sie. 137. Nachrichten Cäsars. 139. Die ärmere Hauptmasse der 
Gemeinfreien wurde auf kleinem Kaum in Dörfern sesshaft und durch Acker- 
bau selbständig. Auf dem grossen Rest des Volkslandes bestand der bis- 
herige Weidebetrieb der Besitzer grosser Heerden fort. Nach deren Siedelung 
blieben die Marken übrig. 139. Erklärung durch die Hundertschaften. 140. 
Sie sind weder Geschlechter noch Heereskörper, sondern Weidegenossen- 
schaften von etwa 120 Familien oder 1000 Seelen. 141. Ihre Weidereviere 
sind in den Harden Dänemarks, Norwegens und Schwedens erhalten S. 142. 
Bedarfs- und Gebietsberechnung. 145. In Dänemark 2 bis 6 D Meilen. 
(Anl. 22.) 147. Im Suevenlande ebenso. 150. Anwachsen der Volkszahl zwingt 
zum festen Anbau. Entstehung der Dörfer. Bei der Anlage schon Abgrenzung 
des Dorf landes gegenüber dem Weidebetrieb und Regelung der Waldnutzungen 
nothwendig. 151. Voraussetzung sind überall vertragsweise Auseinandersetzungen 
in den Gaugemeinden. 152. Die Theilung des überwiesenen Dorflandes 
unter gleichberechtigte freie Anbauer ergab Hufenverfassung und Gewann- 
eintheilung. 158. Gemeinbesitz bestand für alles ungetheilte Land. Ob 
auch für das getheilte lässt Tacitus zweifelhaft. Für die Gesammtgestaltung 
der Anrechte und des Betriebes unerheblich. 160. 

9. Almen den und Almendberechtigte. S. 162. 
Die zur Dorfmark gehörigen unvertheilten Grundstücke bilden die Al- 
mende. Unterschied zwischen Almende und Mark. 162. Verhältnis* der 
Almende zum Sonderland. Die Hufen ursprünglich ideelle Theile der Almende. 
Aus ihr das Hufschlagland ausgesondert, die Almende nirgends ganz aufgetheilt. 
163. Der Nachwuchs der Bevölkerung wird in der Almende sesshaft, an Stelle 
der Hüfnergemeinde entsteht die Gemeinde der ansässigen Wirthe. 164. 
Almende im neueren Sinn des Wortes. Die alten Hüfner oft bevorrechtet. 
Auch gelten die Almenden als Bürgervermögen oder Eigenthum der politi- 
schen Gemeinde. 165. Einfluss der Gutsherrlichkeit in älterer Zeit. 165. 
In der Neuzeit wurden die Rechte der Dorfgenossen an der Almende meist 
zu Servituten. 167. Servitutsablösungen, Gemeinheitstheilungen. 168. 

10. Bäckblick auf die germanische Siedelungsweise. S. 168. 
Gebietsgrenzen der germanischen Siedelungsweise. Anlage der Ort- 
schaften. Das zugehörige Kulturland. 169. Die einzelnen Besitzungen. 
Hüfner, Käthner, Gärtner, Fremde, Pfarrei, Dominium, Gemeinde. 170. 
Gewanne, ältere, jüngere, Flächengrössen , Regulirungen, 171. Bewirth- 
schaftung, Schläge, Flurzwang, gemeinsame Ackerw r eide. Almende. 172. 
Gemeine Marken, Markgenossen, Marknutzungen, Abfindungen. Dorf- und 
Gutsgemeinden. 173. 



XII 

III. Nationale Siedelung und Agrarwesen der Kelten. 



1. Die Kelten in Irland. S. 174. 
Lage and Bodenbeschaffenheil Irlands. 174. Besiedelung aus den 
Surveykarten deutlich. 175. Herkömmliche Landeintheilung in townlands zu 
je 1 quarters, jeder zu 4 oder 6 tates. Schon im 7. Jahrh. bestanden 184 Clane 
zu je o(> townlands. Die tates sind Einzelhöfe mit geschlossenem, blockförmig 
eingehegtem Grundbesitz. 176. Unveränderter Bestand unter der Bewirth- 
schaftung in Kleinpacht. 179. Aufschlüsse über Recht und Agrarverfassung. 
Quellenschriften über Irland und Wales. 180. 

2. Die Clanverfassung und die Ständeunterschiede. S. 182. 
Clan, Bedeutung, Organisation und Verwaltung. 182. Väterliche Ge- 
walt des Häuptlings. Kein erblicher Grundbesitz der Clanmitglieder, nur 
Recht auf genügende Landausstattung. 183. Bauweise und Einrichtung 
der Häuser. (Aul. 23, 84.) 184. Hausgemeinschaften von je 16 Familien. 
186. Entsprechende Theilung der Ländereien beim Uebergang zur Sess- 
baftigkeit. (Anl. 150.) 187. Schroffe Standesunterschiede. Stellung der 
Aristokratie. Die Kerne gegenüber dem Volk, den Fene, und den Sklaven. 188. 
Nicht Geburt, sondern Heerdenreichthum begründet den Adel. 189. Landes- 
regierung: 1 Oberkönig, 4 Könige, 184 Clanhäuptlinge. 190. 

3. Der keltische Grundbesitz und seine Bewirtschaftung. S. 190. 
Die bekannten Townlands sind Ergebniss der festen Ansiedelung. Die 
alten Hirten -Clane entsprachen den germanischen Hundertschaften. 191. 
Bauten aus der Vorzeit. (Anl. 28.) Nachrichten über den Uebergang zur Sess- 
haftigkeit. 193. Seebohms Auffassung. 194. Durchführung der festen 
Ansiedelung um 600 n. Chr. 196. Verfahren bei der neuen Einrichtung. 
197. Die Tates gleichen den Hufen in Deutschland. Fortdauer der patri- 
archalischen Stellung der Häuptlinge. 198. Verfall der Clanverfassung in 
Folge Erblichkeit des Besitzes. Gleiche Entwickelung in Wales. 199. 

4. Dauernder Einfluss der Clanverfassung. S. 202. 
Vermehrung der Tates. 202. Die Häuptlinge vergeben ihr Demesnegut 
und das gemeinschaftliche Land des Clans gegen Rente. 203. Die Häupt- 
linge werden durch englisches Recht Grund- und Gutsherren. 204. Gavel- 
kind und Tanistrysystem. 205. Unter Jakob I. werden die Clanmitglieder per- 
sönlich frei, erlangen aber kein Eigenthumsrecht. 206. Das Landvolk wird 
Zeitpächter der Landlords, ausnahmsweise nach Ulster-Custom gesicherter. 207. 

5. Das Runrigsystem und das Zusammenpflügen. S. 207. 
Begriff des Runrigsystems. 208. Beispiele. 209. Wesen und Noth- 
wendigkeit des Zusammenpflügens, cyvar. Verbreitung in Nordwales und Ir- 
land. 210. Das Runrigsystem steht nicht im Widerspruch mit der Einzel- 
hofsiedelung, ist auch kein Rest einer älteren Agrarverfassung. (Anl. 27.) 215. 
Erklärung seines Ursprungs 218. 



XIII 

6. Die irischen Pachtzustände. S. 218. 
Die Pachtverhältnisse nach und nach immer drückender. I>as Bewnsstsein 
des alten Clanrechtes bleihl erhalten. 219. Versuche der Gesetzgebung die 

Besitzverhältnisse zu hessern. 220. 

7. Das Volksthum der Kelten in Britannien, Gallien und Helvetien. S. 220. 
Nationale Eigentümlichkeiten des keltischen Wirthschafts- und Familien- 
lebens in Irland, Wales und Schottland. 221. Spuren analoger Verhältnisse 
in den von den Kelten besiedelten Gebieten Britanniens, Galliens und Süd- 
dentschlands. 222. Nachrichten Strabos und Caesars über Süddeutschland 
und Gallien. Dichte Bevölkerung. Viele Städte 223. Einzelhofsiedelung 224. 
Gebäude. (Aul. 28, 94.) 225. Ackerbau gut entwickelt. 227. Stellung des 
Adels und der Priesterschaft. 228. In Gallien vorgeschrittene Kultur ohne 
Spuren der Clanverfassung. 229. Die Verhältnisse in Britannien stehen den alt- 
irischen nahe. Beste der Clanverfassung. 230. Weibergemein schaff bei den 
Kelten, Mutterrecht. 231. 



IY. Grundbesitzverhältnisse , Kolonien und Landwirtschaft der Römer. 



1. Die älteste Siedelung in Italien und in den Alpenländern. S. 233. 

Das Festhalten der Römer am Althergebrachten, ein Hilfsmittel für 
das Verständniss der ältesten Zustände. 234. Italien vor der römischen 
Herrschaft besetzt durch Ligurer und Siculer, später Italer, Etrusker und 
Gallier. 335. Die älteste Kulturentwicklung aus den Terramares zu erkennen. 
237. Pfahlbauten Italiens und der Schweiz wahrscheinlich ligurisch. 241. 
Runde Hütten der Italer in Umbrien. 243. Dorfmässige feste Ortschaften 
mit Ackerbau und mit den Nutzpflanzen und Hausthieren der Neuzeit vor der 
Gründung Roms. 245. 

2. Agrarische Alterthümer Borns. S. 246. 
Handelslage der Stadt. 246. Ursprung der landwirtschaftlichen Nieder- 
lassung. 247. Die Gebäude rund. Stroh- und Lehmhütten. (Anl. 28.) 248. 
Aelteste agrarische Einrichtungen. Bina jugera als heredium der einzelnen 
Bürger. 250. Des ager romanus Grösse, 251. Ertrag und Bedarf. 252. 
Er genügt als Weide 3000, bei Ackerbau 20000 Bürgern. 255. Bevölkerung 
Roms in älterer Zeit. 256. Eintheilung in Curien, Dorfgenossenschaften. 257. 
Landbesitz einer Familie und Vererbung desselben. Ver sacrum. Testamenti- 
factio. 259. Verschiedenheit des patrizischen und plebejischen Grundbesitzes. 
Entstehung der Dorfplebejer. 260. Sie waren Freigelassene unter patrizischen 
Patronen und verarmte freie Bauern, Pächter und Kolonisten. 261. Da- 
durch in derselben Gens Patrizier und Plebejer. 262. Grosser Viehbesitz der 
Patrizier, geringer Ackerbau der Plebejer. 263. Curiat- und Tributcomitien. 2G4. 
Wesen und Organisation der pagi. 265. Dorfmässige Niederlassung. Ent- 



XIV 

wicklang der gentes. 267. Begrenzte compascua. 268. Vergleich der alt- 

rOmischen and der germanischen Siedelung. 269. Entwicklung des Grund- 

es in den pagi. 270. Charakteristik der altrömischen Siedelangen. 271. 

3. Die römische und die germanische Ackerbestellung. S. 272. 
Römischer Ilaken und deutscher Pflug. 273. Der Pflug schneidet den 
Ackerboden in krümelnde Streifen, der Haken durchwühlt ihn in Rinnen. 
875. Plinios kennt den Pflug, das plaumoratuin, in Rhätien. Römische Be- 
stellung, das Querpflögen. 276. Daher das Ackermaass quadratisch. 277. 
Ackerinstrumente der Gallier. Maass des Arepennis. 278. Die gothische 
Boha. Alter des Pflugs bei den Germanen. 280. Ursprung des Wortes 
Pflog. 282. Die Verschiedenheit der Werkzeuge bedingt die Unterschiede 
der germanischen und römischen Ackerbestellung und Feldeintheilung. 284. 

4. Die römischen Landmessungen und Flureintheilungen. S. 284. 
Schriften der römischen Feldmesser. 284. Messinstrumente der Römer, 
Stella, pertica, groma. 285. Die Karte, forma. Grenzversteinung. 286. Arten 
des vermessenen Landes. 287. I. Agri divisi et assignati. Decumani und 
Cardines. 288. Centurien. 290. Strigae et Scamna. 292. Unregelmässige 
Formen. 293. II. Agri mensura per extremitatem comprehensi. 298. 
III. Agri areifinii. 300. Staatliches Messungswesen in älterer Zeit. 301. Bei 
der Ansetzung von Kolonien eine Art von Verkoppelung. 303. Im ager 
Romanus sacrale Limitation mit Orientirung. 304. Wegeanlagen. 305. Durch 
Assignatio inter limites wird das Land res maneipi. 306. Indess der An- 
theil an der Centurie nur berechnet. Zusammenhang der Assignationen und 
der Tribuseinrichtung. 309. Controversia de modo und de loco. Usucapio. 
311. Assignatio inter rigores in unregelmässiger Lage, eine Form des quiri- 
tarischen Eigenthums. 313. Spuren der römischen Flureintheilung noch heute 
im Wegenetz erkennbar. Beispiele. (Anl. 29—31.) 320. 

5. Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung der nördlichen Provinzen. S. 322. 
Allgemeiner Charakter der römischen Provinzialherrschaft. 323. Orga- 
nisation und Verwaltung der nördlichen Provinzen. 324. Die civitates und 
munieipia im wesentlichen autonom. 326. Provinzialvertretungen, Lugdunum. 
327. Grundbesitz milde behandelt. 329. Veteranenkolonien mit limitirtem 
ager assignatus hier sehr selten. 330. Bedeutung der allgemeinen Landesver- 
messungen unter Cäsar. Karten und Itinerarien. 331. Lasten der römischen 
Bürger. 332. Tributuni, Frohndienste, Pacht für Staatsland. 333. In den 
Provinzen Vasallenstaaten oder Civitates unter Decurionen. 335. Herkömm- 
liche Steuerverfassungen. Rekrutengestellung, sordida munera und Stipendium 
für das Heerwesen. Census. 336. Staatsland verpachtet gegen vectigal. 
Kleinpacht. 337. Grossverpachtung. Der Stand der possessores. 338. Steuer- 
verfassung Diocletians. Jugatio und Capitatio. 340. Steuerhöhe. 342. 
Steuererlasse. 343. Veranlagungsverfahren des Census. 344. Indictions- 
perioden, Registerrevisionen. 346. Einfluss der Provinzialbesteuerung auf 
das Agrarrecht. 347. Ausbildung der Grund- und Gutsunterthänigkeit. 348. 



XV 

6. Recht und Betrieb der Pächter, Possessoren, Kolonen und Benefiziaten. S. 349. 
Charakter des römischen Pachtrechts. 350. Verpachtung des Staats 
landes an Kleinbesitzer. Einrichtungeines Decumatenhofes. (Avil. 32.) 352. 
Beste bäuerlicher Höfe im Decumatenland. (Anl. 33. 34.) 851. Durch die 
Raubzüge der Germanen verschwinden die wohlhabenden Bauerschaften. 354. 
Grosspacht und Grossgrundbesitz. Verpachtungen an Societäten. 355. Der 
Betrieb zwar auf eigne Rechnung, indess getheilt in kleine Höfe von 200 jugera 
unter je einem villicus mit Sklaven. 356. Wirklicher Grossbetrieb nur selten, 
z. B. auf den Hochäckern. (Aid. 35.) 358. Aenderung der Wirtschaftsweise 
nach dem Schluss der germanischen Grenze. 359. Ansetzung von Kolonen 
gegen Zins und Dienste. 360. Rechtsverhältnisse des Kolonats. 361. An- 
siedelungen der Barharen als Laeti. Aehnlich die alten beneficiati, navicularii, 
limitanei, ripenses. 365. Rechtsverhältnisse der Laeti. 366. Wirtschafts- 
weise. 368. Die ländliche Bevölkerung beim Verfall der Römerherrschaft. 
36'». Civitates der peregrinen. 372. Sordida munera. 373. Verfall der 
Possessoren und Decurionen. Kleine Besitzer im patrocinium von Reichen 
und Beamten als deditieii. Die Kirche und ihre Benifiziatenverhältnisse. 375. 
Verschwinden der freien bäuerlichen Bevölkerung. Schwierige Lage der 
Possessores am Ende der Römerherrschaft. 376. 



Y, Suevisch - oberdeutsche Wanderungen und Agrarverhältnisse. 



1. Wanderung der Westgermanen vor Errichtung des Limes. S.378. 

Einwanderung der westdeutschen Stämme. 379. Die ältesten Sueven- 
gebiete am Zusammenfluss der Saale und Elbe. 380. Vorzüge der Saale- 
gegenden. Salz und gute Weiden. Centum pagi der Sueven. 381. Wander- 
ungen elbabwärts, Ingvaeonen 882; nach Süden und Westen, Hermunduren, 
Chatten. Die Istvaeonen 384. Dreissigjährige Perioden des Vordringens der 
anwachsenden Bevölkerung. 386. Vorstösse der Römer und Kelten. Marko- 
mannen in Böhmen. Vanninische Sueven in Ungarn. 387. Seit Tiberius 
scheiden sich drei Gebiete für das Vordringen der Deutschen: 1. das suevisch- 
oberdeutsche, 2. das fränkisch-vandilische, 3. das sächsisch-friesische. 388. 

2. Der oberdeutsche Limes und seine Anwohner. S. 388. 
Oberdeutschland von den Deutschen am frühesten in Besitz genommen 
und am meisten nationaldeutsch. 388. Zweck und Zug des Limes. 390. 
Der Grenzstein inter Toutonos bei Miltenberg. 392. (Anl. 36.) Die civitates 
der Germanen. Dienste der Deutschen als Auxiliaren. 394. Vorschieben des 
Limes über das Remsthal. 395. Befestigung des Limes. 396. 

3. Alemannen, Juthnngen, Hermunduren und Bajuvaren. S. 396. 
Raubzüge der Alemannen im 3. Jahrhundert. Allmähliches Vordringen 
in den Elsass und nach Süddeutschland. 397. Grenzen der römischen Herrschaft. 



XVI 

399. Ost lieh von den Alemannen die Juthuugen. 402. Schon seit Domitian 
bekannt. 403. Später ausgebreitet bis Hier und Lech. 404. Die Burgunden 
in Pannonien. 405. Im 4. Jahrhundert am Limes bei Schwäbisch Hall. Vor- 
dringen nach dem Kocher- und Jaxtgebiet. 406. Hermunduren. 407. 

4. Entwicklung Schwabens und Bayerns in der Völkerwanderung. S. 408. 
Schicksale der Burgunden. Verpflanzung aus der Rheinpfalz nach Sa- 
voyen. 409. Bas alpine Rhätien, Tyrol, Noricurn. 410. Im 5. Jahrhundert 
Alemannien und Bayern unter fränkischer Herrschaft. 411. Staimnes- 
verbreitung der Deutschen in Oberdeutschland. 412. Grenze der Alemannen, 
Schwaben und Bayern. 413. Reste der Romanen in den Alpen. 414. 

5. Die volkstümlichen deutschen Gewanndörfer in Oberdeutschland. S. 415. 
Charakter der Besiedelung Oberdeutschlands. 416. Bis zur Slawengrenze 
Dörfer, Weiler und Einzelhöfe. Kataster-Karten. 417. Verbreitung der volks- 
mässigen geschlossenen Dörfer mit Gewannfluren. Pfalz. (Anl. 34.) 418. Her- 
munduren. (Anl. 39, 40.) 422. Alemannen. (Anl. 33, 34, 41 und 44.) 424. 
Schwaben. (Anl. 38, 45, 46.) 428. Bayern. (Anl. 47, 48.) 429. 

6. Die grundherrlichen Weiler und Dorfansetzungen. S. 431. 
Charakteristik der Weiler. Gegensatz ihrer blockförmigen Auftheilung 
zu der Gewannauftheilung. (Anl. 49—53), 432. Entstehung durch grund- 
herrliche Austhuung. Hufeneintheilung. 433. Namen. 434. Erweiterung zu 
Dörfern. (Anl. 54—60.) 436. Verbreitung der Weiler. 440. 

7. Die alpinen und die romanischen Einzelhöfe und Weiler. S. 441. 
Reste keltischer Siedelung in den Weileranlagen. 442. Eigenthümlich- 
keit der alpinen Einzelhofsiedelung. (Anl. 61.) 445. Die älteste Besiedelung 
der Alpen. Pfahlbauer und sehr verschiedene Völkersplitter. 446. Erhaltung 
der romanischen Landbevölkerung. 448. Romanische Höfe im südöstlichen 
Bayern. (Anl. 62—64.) 449., Romanischer Hausbau. (Anl. 65, 122.) 452. 

8. Die Besitz- und Wirthschaftsverhältnisse. S. 453. 

Die Volksgesetze erwähnen für die genossenschaftlichen Dörfer genea- 
logiae, vicini, commarcani. Das Erbrecht. 454. Genauer ist der ausgedehnte 
grundherrliche Besitz behandelt. 456. Fiskus, Kirche, Herren. Die Lage 
der bäuerlichen Bevölkerung. Der Wirthschaftsbetrieb. 459. Abgrenzungen, 
Wege. 460. Feldsysteme der einzelnen Landschaften. 461. 

9. Unkultivirtes Land, Marken und Almenden. S. 464. 
Gegensatz der Besiedelung im alten Volkslande und in Oberdeutschland. 
465. Verschiedener Charakter der Hundertschaften. 467. Oberdeutschland 
besitzt keine eigentlichen Marken. Der Waldbesitz beruhte auf Okkupation 
durch die Dorfgenossen oder durch den König. 469. Die Waldnutzungsrechte 
sind durch Verleihung oder Ersitzung erworben. 470. Lex Aleni. und Bajuv. 
über gemeinsame Grundstücke. 471. Nach den Weissthümern im Norden 
markenähnliche Organisationen für Wald- und Weidebenutzung, 472. im 






XVII 

Buden fast ausschliesslich Almenden oder Sondereigen. 475. Auf den Ahnen- 
den des württemhergischen Oberlandes finden Bicb Wechselacker Dach Loos 
oder Anwartschaft. 477. 

10. Die Entwicklung der Alpenwirthschaft. 8. 478. 
Abgrenzung der Gemarkungen in den Alpen. 47!). Alpennutzung in 
alterer Zeit. 480. Eigentliche Alpenwirthschaft, Grossbetrieb seil dem 14. Jahr 
hundert. 481. Charakteristik. 482. Alpstuhlung. 484. Statistik der Alpen- 
wirthschafl der Schweiz und Tyrols. 4H5. Forstwirtschaft in den Alpen seil 
Ende des Mittelalters bis zur neusten Zeil. Forstgesetze. 487, Entwicklung 
der Alpenalmenden. 489. Alpengenossenschaften. 490. Organisation und 
Betrieb. 491. 



YI. Fränkisch -vandilisches Agrarwesen in Rheinland und Frankreich. 



1. Das Auftreten der fränkischen Stämme in Deutschland. S. 494. 
Der Name Franken war Bundesbezeichnung für die Stämme rechts des 
Rheines. 495. Beziehungen und Kampfe der Urnner mit den Franken. 496. 
Ausbreitung in Gallien. 499. Entwicklung der salischen Franken. 500. Die 
Ripuaren. 502. Wirtschaftliche Zustünde in Gallien unter römischer Herr- 
schaft bis zum 4. Jahrhundert. 505. 

2. Die Reiche der Westgothen, Burgunden und Franken. S. 506. 
Auftreten und Feldzüge der Sueven, Vandalen und Alanen in Gallien. 
606. Niederlassungen der Westgothen, Alanen und Burgunden. 507. Die 
salischen Kranken im 5. Jahrhundert. 508. Sächsische, dänische und nor- 
wegische Raubzüge und Festsetzungen in Gallien. 513. Normannen. 514. 

3. Die Gruppirung 
der Einzelhöfe und der Dorfanlagen auf fränkisch-vandilischem Gebiet. S. 515. 
Keine Spuren römischer Centuriateintheilung in Gallien. 515. Gegen- 
satz der Besiedelung in Einzelhöfen und geschlossenen Dörfern. (Anl. 66.) 516. 
Die Gebiete der gallischen und der deutschen Einzelhöfe. (Anl. 67, 68.) 517. 
Beide keltischen Ursprungs. (Anl. 23, 27, 69—73.) 518. Die Dorfanlagen 
rühren von Eingriffen der Germanen in das Gebiet der Einzelhöfe her. 
(Anl. 74 — 82.) 520. Aufnahme der Ostgermanen in die aquitanischen Einzel- 
höfe. 521. Die Festsetzung der Ingvaeonen und Istvaeonen in den Einzel- 
höfen von AVestfalen und Niederrhein gehört noch in deren Hirtenzeit. 522. 
Dorfbesiedelung der chattischen Marsen auf dem Hellwege. (Anl. 83.) 523. 
Spätere Dorfansiedelung der Franken in Frankreich. (Anl. 81, 82, 84.) 525. 

4. Die Besitzverhältnisse der Westgothen und Burgunden. S. 526. 
Aufnahme der Ostgermanen als hospites in den Grundbesitz der Pro- 
vinzialbevölkerung. Einquartirungsgesetz. 526. Das Tertiaverfahren nach 



xvm 

der lex Wisigothorum, 527; nach der lex Burgundionuin. 529. Fortbestand 
der alten keltischen Einzelhöfe. 531. Dorfanlagen auf Eroberungsland. 532. 
Die Hafenverfassung der Westgothen. 533. 

5. Die Dörfer und Ortsnamen auf den fränkischen Gebieten. S. 535. 
Unterschiede zwischen der Besitznahme auf dem fränkisch-chattischen 
und auf dem westgothiseh-burgundischen Einwanderungsgebiet. Die ge- 
schlossenen Dörfer im südlichen Gallien. 536. Im nördlichen Gallien sind 
die Dörfer durch Laeti und durch volksmässige deutsche Besitznahme ent- 
standen. (Anl. 66.) 538. Zeugnisse. Die Ortsnamen. Keltische und deutsche 
in Uipuarien 540, in Salfranken 545, in Thuringien, in Toxandrien 546, in 
Hasbanien 547, in Mempiscus 552, in Artois 553, in Nordfrankreich. 554. 
Fränkische Anlagen unter Chlogio und Chlodwig. 556. Einfluss der Grund- 
herrlichkeit. 557. 

6. Grundbesitz, Feld und Forst im Ripuarenreich. S. 557. 
Geschichte des Ripuarenreiches. Geltungsgebiet der lex Eipuaria. 559. 
Wirth schaftsweise in Einzelhöfen. 562. Unterschied des dorfweisen und hof- 
weisen Betriebs nach der lex Ripuaria. 566. Keine volksmässigen Marken 
und Markgenossenschaften. 569. Waldungen grundherrlich. Hundertschaften. 
Almenden. 570. Bannwälder. 572. Unbestimmte Begriffe von Mark und 
Almende. 573. Waldrechte. 574. 

7. Verfassungs- und Agrarzustände im Salier-Reiche. S. 576. 

Die lex salica im Allgemeinen. 577. Verfassungszustände. 578. Lebens- 
verhältnisse, Baulichkeiten. 581. Das Kulturland und seine Bewirtschaftung. 
584. Die Vicini. 588. Das unkultivirte Land. 591. Viehhaltung. 593. 
Waldungen. 595. Königsland, Medem. 596. 

8. Die fränkische Landwirthschaft bis auf Karl den Grossen. 8. 598. 

Wachsender Einfluss der Kirche. 598. Entwicklung des Bauwesens. 
(Anl. 94.) 599. Neue luxuriöse Ausgestaltung des häuslichen Lebens. Ver- 
mehrung der Dienerschaft. 601. Wirthschaftsbetrieb wird im Capitulare de 
villis und im Breviarium rerum fiscalium erkennbar. 603. Beschreibung 
der Kirchengüter und königlichen Pfalzen. 605. Verwaltung und Betrieb 
nach dem capit. de villis. 610. Die Fortschritte der Organisation herrschaft- 
licher Wirtschaftsverwaltung liegen nicht im eigentlichen Ackerbaubetrieb. 613. 
Aufblühen nach den Wanderungen. 614. Entwicklung eines neuen grund- 
herrlichen Adels. 616. 



Yerzeichniss der Figuren in Band I. 



Fig. 1 8. 47: Geusa, Kr. Merseburg, volksthümliche deutsche Dorfanlage. 
2 = 48: Siebenhöfen, Kr. Jork, Marschhufen. 
= 3 = 49: KrechtiDg, Kr. Borken, westfälische Ginzelhöfe. 

4 » 51: Frankenau in Sachsen, "Waldhufenkolonie. 

5 = 52: Witzeetze, Kr. Lüchow, slawisches Runddorf. 

* 6 ' 53: Trebnitz, Kr. Merseburg, slawisches Strassendorf. 
= 7 * 58: Mesing in Jutland, verkoppelte Flur. 

* 8/9 « 85: Breitenmessung der Gewanne. 

« 10/11 * 87: Anwand zwischen den Gewannen. 

* 12 * 97: Mögliche Aenderungen im Gewanne. 
= 13 « 98: Uebliche Aenderungen im Gewanne. 

* 14/15 = 104: Flächenmessungen. 
16/17 * 105: Gewannregulirungen. 

18 * 170: Schema des deutschen Gewanndorfes. 

19 * 178: Altirische Einzelhöfe und Feldeintheilung. 
20/21 = 184: Irisches Stammhaus. 
22/26 * 226: In Bibrakte aufgedeckte Häuserreste. 

27 == 244: Terramare von Gorzano. 
28/33 * 273: Altrömische Hakenpfiüge. 

34 * 274: Moderner römischer Haken. 

35 * 274: Altgriechischer Pflug. 

36 * 274: Deutscher Bauernpflug. 

37 « 280: Der Bonner Hunspflug. 

38 * 282: Die litthauische Socha. 
39/41 = 288: Fron tins Zeichnungen des ager per strigas et scamna limitatus. 

42 * 291: Schema der Forma von Arausio. 

43 * 297: Frontins Zeichnung des in unregelmässigen Stücken assig- 
nirten Ackers. 

44/45 * 299: Frontins Zeichnung des ager mensura per extremitatem 

comprehensus. 
Reste des römischen Wegenetzes bei Padua. 
Rekonstruktion eines römischen Bauernhofes im Dekumaten- 

laude. 
Villa rustica des Vitruv. 
Blockförmige Flureintheilung zu Nehmetsweiler , Oberamt 

Ravensburg. 
Weiler Hinter-Dux in Tyrol. 
Häuser zu Wörgl in Tyrol. 
Blockförmige Flureintheilung zu Ellicum bei Maaseyk. 



46 


* 321 


47 


= 353 


48 


* 356 


49 


* 432 


50 


* 444 


51 


* 452 


52 


6 561 



L Allgemeine Gesichtspunkte der Aufgabe. 



I. Das Gebiet der modernen Weitkultur. 

Die Entwickelung des landwirtschaftlichen Anbaues unseres 
Welttheiles findet für ihre Erklärung sichere Ausgangspunkte in der 
allgemeinen Gestaltung der geographischen Verhältnisse. 

Europa wird durch die charakteristischen, von West nach Ost 
verlaufenden Gebirgsketten der Pyrenäen, der Alpen und des Hänius, 
die noch im Kaukasus ihre Fortsetzung finden, in zwei sehr un- 
gleiche Theile geschieden; beide gruppiren sich um grosse Binnen- 
meere. Der südliche umfasst das Gebiet des Mittelmeerbeckens, 
Südeuropa, Vorderasien und Nordafrika, und war der Sitz der an- 
tiken Kultur. Im Norden breitet sich das Becken der Nord- und 
Ostsee von den Alpen bis zu den Orkneys und Kiölen aus, umfasst 
das gesammte Siedelungsgebiet der Germanen, Kelten und Slawen 
und ist das Hauptcentrum der modernen Weltkultur geworden. 

Jeder Versuch, in das Verständniss und die Voraussetzungen 
dieser beiden Phasen der Entwickelung der Menschheit einzudringen, 
ist zuerst auf die Frage hingewiesen, welche Bedingungen diese 
grossen Länderkreise dem Agrarwesen bieten. Denn alles Völker- 
dasein begann unstät, erreichte mehr und mehr planmässigen Ge- 
brauch der Früchte, die die umgebende Natur bot, und that durch 
die feste Ansiedelung den nächsten Schritt zu wahrhaft humanen 
Lebenszielen. Alle Kulturgeschichte findet also ihre Anfänge und 
Grundlagen in den Agrarverhältnissen, und nur von ihnen aus er- 
kennen wir den allgemeinen Zusammenhang der allmähligen Fort- 
schritte der Menschheit. 

Wir schliessen, dass der tropische Süden mit seiner mühelosen 
Existenz den Ursprung des Menschen zuliess, und dass seine bis 
heut noch nicht über die Kindheit hinausgekommenen Völkerreste 

Meitzen, Siedelung etc. I. 1 



1. I»;i> Gebiet der modernen Wcltkultur. 



die ältesten Verhältnisse auf uns brachten. Nur anberechenbare 
Zeiträume machten die Scheidung der Hassen möglich, deren Staunens 
werthe Konstanz den einzigen festen Anhalt für die Vermuthungen 
vorgeschichtlicher Wanderungen bietet. Aus diesen frühen IV 
zuständen konnte auch kein anderer denkbarer Vorgang, als der 
Langsame stufenweise Fortschritt von Aeonen, wie ihn die ägyptische 
Ueberlieferung behauptet, zu der hohen, fast schon wieder im 
Sinken begriffenen Blüthe der Bildung führen, in der wir die Mittel- 
meervölker beim ersten Lichte beglaubigter Geschichte vorfinden. 
Auf der Höhe der damaligen Entwickelung Aegyptens und Mesopo- 
tamiens nutzte das klassische Alterthum mit der genialen Kraft 
phantasievoller energischer Fremdlinge nur zuletzt noch die Summe 
der aufgehäuften Arbeit Tausender von Generationen zu einer kurzen, 
überreichen Ideall »ildung. 

lieber die von jeher bestimmenden Einflüsse belehren uns die 
bleibenden Bedingungen der Natur. Diesen Erdstrich unter 
seinem selten getrübten Himmel charakterisiren die schmeichelnd 
zum Wagniss erziehenden Gewässer des Mittelmeeres, die Mannig- 
faltigkeit und Vereinzelung der Küstenländer, und der Wechsel 
zwischen Fels- und Sandöden und überschwellendem Reich thum des 
Bodens, zwischen Wüsten und breiten, jährlich wieder neu ver- 
jüngten Ueberschwemmungsflächen. Die grosse Verschiedenheit der 
Produkte und Bedürfnisse musste die Bewohner aus ihrer Sonderung 
unmittelbar zum Verkehre führen. Landbau aber fordert unter dieser 
Sonne zwar zu Zeiten harte, gern dem Sklaven überwiesene Arbeit, 
darf dagegen auch auf lange pfleglos bleiben. Die Massen der 
artenreichen Fruchtbäume und perennirenden Stauden, welche, einmal 
gepflanzt, auf Menschenalter ihre Gaben spenden, sind recht eigent- 
lich die Kinder dieser glücklichen Zone. 

Das Alter der so weit zurückliegenden Kulturanfänge bedingt 
jedoch, dass uns hier der Gang der Entwickelung im wesentlichen 
Rätheel, ja schwerlich jemals zu erforschendes Geheimniss bleibt, 
während auf dem nordischen Gebiete die besondere Verkettung der 
Umstände Hoffnung giebt, den Verlauf der Vorgänge, die es zum 
Centrum der modernen Welt gestaltet haben, im vollen Zusammen- 
hange von den frühesten Anfängen der Bewolmung bis zur lebens- 
vollen Gegenwart befriedigend aufgehellt zu sehen. 

Schon die Gestaltung des nördlichen Meeresbeckens tritt der 
Beobachtung in eigenartiger, leicht verständlicher Uebersichtlichkeit 
entgegen. Die Hochgebirge liegen auf den Aussengrenzen. Nach 



1 l'as Gebiet der modernen Weltkultur. 



Innen senken Bich von allen Seilen breite, wenig bewegte Flächen 
allmählich wie in eine mächtige Ueberfluthung hinab. Diese weit 
verzweigten Meere haben Sache schutzlose Küsten, hohe Fluthen 
toben iit't über untiefe wechselnde Bande. Sturm und Nebel, und zu 
Zeiten eisige Gestade fordern vom Schiffer ein hingebendes, un 
belohntes tleldenthum. Auch das die Seeflächen umschliessende 
Land bietet geringen Anreiz zur Völkerverbindung. Es ist von 
überraschender Gleichförmigkeit. Von dem schneebedeckten Süd 
rande der Alpen stuft sieh das offene, überall baufähige Ackergebiet 
nach Norden über Hochebenen und immer niedriger werdende 
Höhenzüge allmählich in das weite Tiefland der Küsten ab, und die 
nördliche Abdachung gleicht für das Klima den Einflnss der Breiten 
zu wenig erhebliehen Unterschieden aus. Wo aber in Schuttland, 
Norwegen und Schwellen die Nähe des Polarkreises sich geltend 
machen würde, verbreitet der Golfstrom und die erwärmte Luft 
masse, die über ihm schwebt, eine so hohe Temperatur, dass die 
Winter Ungarns wesentlich kälter sind, als die Borgens und Dront- 
heims. In Norwegen gedeiht Weizen bis zum 64., Sommerroggen 
mit schwerem Korn bis zum 67. und Gerste sogar bis zum 
71. Breitengrade. Im Meridian von Petersburg liegen diese Grenzen 
bei 60,5, 64 und 68°, und am Ural schon bei 58, 60 und 63° der 
Breite. Auf dem gesammten Länderkreise von den schottischen 
Hochlanden, den Kiölen und den finnischen Seen bis in die Alpen 
und Pyrenäen giebt es sehr wenig unnutzbares Oedland. Ueberall 
hallen Wald- und Grasmassen den Boden bedeckt. Alle Nahrungs- 
früchte aber, vor allem das Getreide, sind erst mit dem Menschen 
eingewandert, und der Getreidebau ist der Schwerpunkt der Land- 
wirthschaft geblieben. Für ihn sind die weiten Ackergefilde vor- 
zugsweise geeignet. Wenn südlich der Alpen die Vegetation um 
die Sonnenwende durch dörrende Hitze und Trockenheit unter- 
brochen wird, lassen ihr nördlich der Alpen die Sommerregen die 
Wärme des Mittsommers in vollem Maasse nutzbar werden, und 
der höhere Norden ersetzt die Kürze der Sommerzeit durch die in 
tensive Wirkung des langen Tageslichtes. Das gesammte Gebiet 
unserer nördlichen Kulturstaaten ist im Landwirtschaftsbetriebe 
fast ganz übereinstimmend. Auch der Weinbau bildet keine Aus 
nähme. Er überschreitet zwar jetzt selten noch den 50, Grad, war 
aber ruher, als man den Ertrag noch weniger beachtete, bis jen- 
seits der Ostsee ausgedehnt. Ueberdies beschränkt er wegen seines 
besonderen Standortes die Getreidefelder wenig. 



1. P;is Gebiet der modernen AVeltknltur. 



Diese Uebereinstimmung des Anbaues giebt allen Landstrieben 
Europas nördlich der Alpen einen wesentlich ähnlieben Typus. 
I 'eherall herrschen die gleichen Hauptprodukte, fast jedes kleine 
Gebiet könnte unabhängig vom anderen bestehen. Die gleiche Boden- 
kultur wirkt auch tiefer auf gleichartiges Leben der Völker. Sie 
bedingt einen gleichen jährlichen Kreislauf der ländlichen Geschäfte, 
und fordert dabei eine gewisse stetige Fürsorge und Pflege. Für die 
Wirthschaft dieser Zone beruhen die Unterschiede der Erträge vor- 
zugsweise auf der Behandlung von Boden und Saat. Dadurch be- 
kommt die eigene Arbeit ihren Reiz und ihre Ehre, eine Besonder- 
heit, welche im gesammten Norden Sitte und Lebensauffassung 
eingreifend bestimmt. 

Wie die Oertlichkeit in ihren natürlichen Voraussetzungen, ist 
auch die Entwickelung der Kultur des Nordens aus den zwin- 
genden Bedingungen gegebener Verhältnisse viel leichter zu ver- 
stehen, als die des Südens. Seitdem uns Geologie und Paläontologie 
über die Eiszeit belehrt haben, wissen wir, dass in nicht allzu- 
ferner Vergangenheit, als die nördlichen Länder bereits in allem 
Wesentlichen ihre gegenwärtige Bodengestaltimg gewonnen hatten, 
aus unbekannten Gründen eine Vergletscherung eintrat, welche 
von den Kiölen, dem Schottischen Hochlande und dem Ural her 
Nord- und Ostsee ausfüllte und das Festland bis zu den Ardennen, 
den deutschen Mittelgebirgen, den Karpathen und der Platte von 
Charkow mit einer dichten nach dem Gefäll geebneten Eisschicht 
bedeckte, die am Riesengebirge noch 400 Meter Seehöhe erreichte. 
Ihr begegneten vom Süden bis tief in die Ebene vordringende 
starke Gletscher der Pyrenäen, Alpen und Mittelgebirge. Diese 
Eis- und Sehneemassen und das herrschende Klima vernichteten die 
vorher bestehende subtropische Flora und Fauna und schufen eine 
Polarwüste, welche erst nach mehreren Schwankungen schwand und 
noch lange nur öden Flugsand zurückliess. Es ist auch erwiesen, 
dass in dieser Zeit die südlicheren Regionen der Erde bereits von 
zahlreichen, bis zu einem gewissen Grade der Kultur vorgeschrittenen 
Völkern eingenommen waren. Denn schon auf dem zuerst vom Eise 
verlassenen Gletscherschutte finden sich die Spuren von Menschen, 
welche aus milderen Gegenden in dieses unwirthliche Dasein ver- 
drängt, hier noch den Polarthieren begegneten, und nur bei schon 
hinreichenden Kulturhülfsmitteln bestehen konnten. Wie der Mensch 
wanderte mit der Besserung des Klimas die heutige Pflanzen- und 
Thierwelt erst allmählig wieder ein. Die Wege dieser Einwanderung 



1. Das Gebiet <ln- modernen Weltkultur. f> 

sind durch die fortschreitende Zugänglichkeit und Bewohnbarkeit 
gegeben, welche nothwendig auf den klimatisch gunstigsten Land 
strecken beginnen musste. 

Das Bild der Folge und des Zusammenhangs der Zuwande- 
rungen, welches Ethnographie und Sprachforschung aus der geo- 
graphischen Verbreitung und der sprachlichen Verwandtschaft der 

seit der ersten geschichtlichen Kunde aufgetretenen Völker ent- 
wickelt halien, ist leicht zu überblicken. Ihre Untersuchungen 
weisen auf die finnischen Stämme im Norden, die iberischen und 
ligurischen im Süden als diejenigen hin, welche als die ältesten 
zuerst eingedrungenen erkannt werden können. Später erschienen 
die Arier. Die wahrscheinlichsten Vermuthungen lassen sie als ein 
wandernde Nomaden aus einer centralasiatischen Heimath hervor 
gehen und als Kelten, West- und (Istgermanen, Lithauer und Slawen 
ihre bekannten Sitze in Mitteleuropa einnehmen. In Zwischenperioden 
diaugen auf dem gleichen Wege von Norden Italer in Italien, Grie- 
chen in die Hämushalbinsel ein. Dunkler ist die Ausbreitung der 
lllvrier, Rasener, Daken und Scythen. 

Besondere Bedeutung aber gewinnt für unseren Ideenkreis, dass 
die Sprachvergleichung aus den übereinstimmenden Wurzel- 
worten der indogermanischen Yölkersprachen einen ziemlich aus- 
gedehnten gemeinsamen Wortschatz zu erkennen vermag, welcher 
der Ursprache angehört, die den Ariern vor ihrer Trennung eigen 
war. Diese schon durch das Urvolk erworbenen Begriffe lassen eine 
Vorstellung von den örtlichen Verhältnissen und von den Kultur- 
zuständen zu, in welchen dasselbe gelebt haben muss. Sie geben 
ein Bild, das eine nähere Vergleichung mit den Zuständen, Sitten 
und Anschauungen gestattet, unter denen wir die weitverzweigten 
Nachkommen geschichtlich vorfinden. Dieses früheste Bild erhält 
auch einen Maassstab an der Lebensweise, den Gebräuchen und den 
Eigentümlichkeiten späterer Wanderstämme, die den Westen über- 
fiutheten, und es wird möglich, die Bedingungen dieses Daseins an 
den stammverwandten heutigen Bewohnern Centralasiens zu erkennen, 
welche neuerdings Beobachtern zugänglich wurden. 

Diese Vergleichung ergieht in hohem Grade überraschende 
Züge innerer Uebereinstimmung, und hat bereits zu überzeugenden 
Folgerungen und eingehenden Aufklärungen über das vorgeschicht- 
liche Bestehen und die Verknüpfung der fortschreitenden politischen 
und wirthschaftlichen Entwicklung der europäischen Kulturvölker 



1. Pas Gebiet der modernen Weltkultur. 



mit den Lebensformen geführt, unter denen wir sie in den ersten 
geschichtlichen Zeugnissen auftreten sehen. 

So naheliegend es aber erscheinen kann, an diesen Vorstellungs- 
kreis über die Wanderungen der nordischen Stämme unmittelbar 
auch die Frage nach deren fester Siedelung und nach dem durch 
diese bedingten Agrarwesen zu knüpfen, gebt die Absicht der 
vorliegenden Untersuchung doch dahin, darauf zu verzichten. 

Sic will vielmehr die unmittelbar noch in der (regenwart nach- 
weisbaren wirthschaftlichen Thatsachen darstellen, und von diesen 
aus zurückgehend den Zusammenhang mit den Anfängen des Agrar- 
wosens aufsuchen. Aus diesem Zusammenhange hofft sie, wo mög- 
lich neues und selbstständiges Licht für die anziehenden Probleme 
der Vorzeit, aber auch klareres Verständniss für die agrarpolitischen 
Fragen unserer Tage und der Zukunft zu gewinnen. 

Es sollen also in den einzelnen Völkergebieten des nördlichen 
Europas die bestehenden Ansiedelungen nach der Art ihrer Anlage, 
Besitzvertheilung und Wirtschaftsweise näher charakterisirt und an 
der Hand der Geschichte nach ihrem nationalen Ursprünge unter- 
schieden werden. Daraus wird sich ergeben, welche ihrer Eigen- 
tümlichkeiten veränderliche, welche dagegen unveränderliche sind 
und schon der Begründung der festen Wohnplätze angehört haben 
müssen. Aus diesen thatsächlichen Grundzügen der ersten Anlage 
und Bewirthschaftung wird im Anhalt an die geschichtlichen Ueber- 
lieferungen Belehrung über die früheren Kultur- und Agrarzustände 
und über die eingetretenen Veränderungen zu suchen sein. Es 
wird sich auch nach den Gründen "der bisherigen Entwickelung und 
nach den Bedingungen künftiger Weiterbildung fragen lassen. 

Diese Art der Untersuchung ist keineswegs aussichtslos. Sie 
ergiebt zugleich die wesentlichsten Anhaltspunkte für eine Kultur- 
geschichte des platten Landes; denn die Kulturentwickelung 
der von Landwirthschaft lebenden, über das Anbauland verbreiteten 
Bevölkerung ist viel mehr, als es ohne nähere Erwägung scheinen 
kann, an den Charakter der ersten Ansiedelung und an die Be- 
sonderheiten der ersten Anlage der Wohnplätze und Besitzungen 
gebunden und bekommt durch die Bedingungen dieses ländlichen 
Lebens ihre bestimmte Stellung zu der allgemeinen Geschichte der 
staatsbürgerlichen Gesellschaft und der Leitung derselben. 

Dies wird am einfachsten aus dem Gegensatze des ländlichen 
und städtischen Erwerbslebens deutlich. 



2. Stellung vmi Land uml StacH im Kulturleben. 



2. Stellung von Land und Stadt im Kulturleben. 

Unbestreitbar war ursprünglich alle Wirthschafl des Menschen, 
alle Sorge für den Unterhalt der Familie eine landwirtschaftliche. 
Die Landwirthschafl enthält alle Anfänge des wirthschaitlichen 
Daseins in sich. Sic beginnl den Handel durch Austausch der Er 
Zeugnisse mit den Nachbarn und begründet die Industrie, indem 
sie die Fertigkeil entwickelt, Gegenstände aller Art für Gebrauch 
und Schmuck in ihrem nächsten Kreise herzustellen. Handel, Kunst 
und Industrie entstehen zunächst als Nebenthätigkeiten im Schoog e 
dos landwirtschaftlichen Lebens. 

Ganze Völker und grosse Bevölkerungsgruppen sind dauernd oder 
lange im Lediglich ländlichen Zustande verblieben. Auch bei uns 
hat bis nahe an unser Jahrhundert der Bauer last alle seine Be 
dürfnisse seihst beschafft, Lein und Wolle gezogen, gesponnen und 
gewebt, und für die Kleidung keine fremde Hand gebraucht, Brod 
gebacken, Bier gebraut, Graupe und Mehl auf dem Reibstein ge- 
wonnen, alle Ackerwerkzeuge, Geschirr und Wagenfahrt in der 
eigenen Schirrkammer gefertigt; er hat Leder gegerbt, Seife gekocht 
und selbst ßaseneisenstein geschmolzen und geschmiedet. Sogar 
sein Hans zimmerte, richtete, klebte und deckte er seihst, höchstens 
mit Hülfe der Nachbarn. Ganz ähnlich verläuft noch immer die 
Wirthschafl des höheren Nordens in Norwegen, Schweden und Finn- 
land, wo Unsicherheit der Ernten und Unwegsamkeit den Landmann 
auf seinem abgeschiedenen Hofe in Einfachheit und Selbstgenüg- 
samkeit erhalten. Nicht anders aber ist die Lage der Auswanderer 
und Settier, sei es im Westen Amerikas oder in anderen,- neu ZU 
besiedelnden kulturlosen Landstrichen. 

Handel und Industrie hohen sieh also erst allmählich als 
eigene wirtschaftliche Erwerbsweisen von der Landwirthschaft los- 
gelöst. Dass sie selbstständig wurden, war anfänglich vielleicht 
wenig beachtet, aber es bedeutete das Auftreten eines ganz neuen 
Volkselementes und einen erheblichen Fortschritt der Kultur, der 
tiei' in die sozialen Verhältnisse eingriff. 

Der Landwirth lebt auf und von seinem Grundstücke und kann 
nöthigen Falls allen Verkehr und allen Verkauf seiner Produkte 
entbehren. Die gewerbliche Bevölkerung dagegen ist schlechterdings 
auf Absatz und Umschlag ihrer Produktionsergebnisse angewiesen 
und drängt sieh in Mittelpunkte zusammen, welche diesen not- 
wendigen Verkehr möglichst erleichtern und unterstützen. 



v B. Stellung von Land und Stadt im Kulturleben. 

Die Städte entstehen durch Markt und Mauerschutz. Sie be- 
dürfen Münze, Maass und Gewicht, schnelle Rechtspflege, sichere 
und gute Land- und Wasserwege, Nachrichtenwesen, handhafte Po- 
lizei für die Strassen, nachbarliche Sitte, Ruhe und Ordnung in den 
Häusern und mancherlei Hülfen des Zusammenlebens. Der gewerb- 
treibende Hausvater muss täglich und dauernd Sorge tragen, dass 
er seine Familie aus dem Ueberschuss erhalten kann, den der Aus- 
tausch bestimmter Leistungen und gefertigter oder erworbener Werthe 
bringt. Jeder bedarf und beansprucht vom Gemeinwesen förderliche 
Mittel und Einrichtungen für diesen Verkehr. Der Unterschied 
gegen den Bauer ist ein principieller und macht sich, je einfacher 
und ursprünglicher die Zustände sind, um so mehr geltend. 

Die Landwirthschaft ist eine Lebenslage, das städtische Gewerbe 
eine stündlich sich erneuernde, wechselvolle und unsichere Unter- 
nehmung. 

Die Landwirthschaft kann erst durch städtische Bevölkerungen 
und deren Handelsbetrieb Absatz erlangen und zur geschäftlichen 
Unternehmung werden. Aber sie büsst dadurch Vieles von ihrem 
Charakter ein, und kann sich meist in diese Lage noch in unserer 
Zeit nicht finden. Allerdings hat der grundbesitzende Adel sich 
schon im Verlaufe des Mittelalters weit über das übliche ländliche 
Dasein emporgehoben, aber er stützte sich erst in neuer Zeit auf 
entwickelten Landwirtschaftsbetrieb, vielmehr gaben ihm militärisch- 
politische Leistungen und die Herrschaft über zahlreiche Zinsbauern 
seine Stellung. 

In den Städten dagegen ist schon mit ihrem ersten Aufblühen 
eine neue bürgerliche Gesellschaft entstanden, gegen deren unruhige 
Beweglichkeit und stets erhöhte konzentrirte Leistungsfähigkeit die 
landwirtschaftliche in sich abgeschlossene und weithin zerstreute 
in den Hintergrund treten musste. Der Landwirth mit seinen Be- 
dürfnissen und Produkten ist unbemerkt zum Objekt für Händler 
und Gewerbtreibende geworden. Was er wünscht und nöthig hat, 
wurde ihm mehr und mehr zugetragen, und damit sein kaum ver- 
meidliches Beharren in dem Kreise enger Lebenszustände in hohem 
Grade unterstützt und befördert. 

Zu diesem wirthschaftlichen Gegensatze kommt die Entwicke- 
lung des Staates und des öffentlichen Lebens. 

In einer Staatsorganisation, welche eine ausschliesslich ländliche 
Bevölkerung umfasst, werden sich noth wendig dieselben Charakter- 
züge zeigen, welche dem ländlichen Dasein als solchem eigen sind. 



2. Stellung von Land and St:uÜ im Kulturlosen. 



Die obere Leitung wird mir die Qothwendigste Fürsorge für Friedens- 
und Rechtsschutz treffen, die meisten Wohlfahrtseinrichtungen werden 
der lokalen Selbstbestimmung überlassen sein und möglichst auf 
dem Standpunkt des Herkommens stehen bleiben. 

Handel und Gewerbe dagegen sind mit ihren Bedürfnissen 
und Ansprüchen auch das treibende Element im Staate. Sie treten 
an ihn auf den verschiedensten Gebieten heran. Im städtischen 
Erwerbe sammelt sich als eine natürliche und unentbehrliche Vit 
Stärkung der individuellen Kraft das Geldkapital. Leicht bewegliche 
Kredite gewähren dem Verkehr selten versagende Hülfsmittel. Da. 
mit haben die reichen Bürgerschaften ihre Macht erreicht, aber ebenso 
von jeher den Finanzbedürfnissen der Staatsverwaltungen gedient. 
Von den Städten gehen auch die entfernten Geschäftsbeziehungen 
im nationalen und internationalen Verkehre aus. Berechenbarkeit 
und Zuversicht der Unternehmungen sind aber von dauernder Sicher- 
heil und Gleichartigkeit des Rechts- und Finanzverfahrens bedingt. 
Deshalb haben die Städte das grösste Interesse an Einheitlichkeit 
der Gesetzgebung im eigenen Staate und an gleichmässigen Gesichts- 
punkten in der Politik gegenüber anderen. Nicht weniger machen 
sich in den städtischen Gewerben überall die Erfolge technischer und 
wissenschaftlicher Ausbildung geltend und fördern Unterricht und 
freie geistige Bewegung. 

Allen diesen Bestrebungen folgt der Staat, durch wen er auch ver- 
treten wird, autokratische Fürsten, Bureaukratie, oder demokratische 
Wahlbeamten. Die Regierenden werden in den Nexus der höheren 
Kulturbedürfnisse hineingezogen, Staat und Regierung gestalten sich 
auf dem Boden städtischen Lebens zum modernen Staatswesen. 

Diesem aber ist das Staatsgebiet mehr als Ackerareal, auch 
mehr als Verkehrsraum, es ist ihm Existenzmittel für die gesammte, 
immer stärker anwachsende Zahl der Staatsbürger. 

Stets erkannte die Staatsverwaltung, die erwachende Wohlfahrts- 
pflege, leicht, dass das Land nicht so ausgenützt wird, als möglich 
wäre, dass viel grössere Hülfsmittel aus dem Landgebiete zu ge- 
winnen wären, dass die bestehenden Anlagen, Einrichtungen, Rechte 
und Lebensgewohnheiten dem Fortschritt der Kultur, der Steigerung der 
Gütererzeugung und der Kraftentwickelung der Nation Hindernisse ent- 
gegensetzten. Diese Hemmungen aber sind auf die herkömmliche Lage 
der Dinge begründet, sie können kaum freiwillig behoben werden. 
Jeder Aenderung stehen wohlerworbene Rechte Einzelner entgegen. 

Daher drängte sich der Gedanke der gesetzlichen Abhülfe auf. 



1< » 8. Zusammenhang der heutigen Zustände mit der ersten Ansiedelung. 

Wirkliches Eingreifen aber erfolgt der Natur der Sache nach immer 
eher zu späi als zu früh. Darin liegl der Grund, weswegen die 
Geschichte des Agrarwesens aller unserer Kulturstaaten his in das 
L9. Jahrhundert im Wesentlichen passiv verläuft und erst in der 
Zeit der modernen Umgestaltung mit einer Katastrophe endet, die 
wir als Durchführung der Landeskulturgesetzgebung hezeiehnen. 
Diese Gesetzgebung hebt im Sinne des allgemeinen Wohles zu Gun- 
sten der besseren Kultur des Landes, unter Befreiung des Indivi- 
duums und der Grundstücke und unter neuer Eintheilung des 
Besitzes die herkömmliche, dem Einzelnen unlösbar gewordene Ver- 
kettung der Rechte und Einrichtungen, sowohl der nachbarlichen 
wie grundherrlichen, soweit sie als schädlich erkannt sind, auf, sucht 
soviel als irgend möglich durch Entschädigungen jede fühlbare Ver- 
letzung des Einzelnen zu beseitigen, behebt aber im Wesen der 
Sache doch einen unerträglich gewordenen Konflikt der Zustünde 
auf Grund des Staatsgewissens zwangsweise und gewaltsam. 

Der Gegensatz zwischen den stabil gebliebenen Bedingungen 
der ersten Besiedelung und den Forderungen des wirtschaftlichen 
Lebens der Nation, also zwischen zwei entgegenstehenden Principien 
im Dasein jedes zur Kultur vorschreitenden Volkes, bildet mit dem 
Ergebnisse der erfolgten Ausgleichung den Inhalt der Geschichte 
des Agrarwesens aller modernen Staaten. Er ist zugleich ein wesent- 
licher und besonders einflussreicher Theil der allgemeinen Wirth- 
Bchaftsgeschichte überhaupt. 

3. Zusammenhang der heutigen Zustände mit der ersten An- 
siedelung. 

Aus dem geschilderten Bedürfnisse der Staaten der Gegenwart, 
Landeskulturgesetze durchzuführen, wird erkennbar, welche Bedeu- 
tung für die gesammte Agrarentwickelung die erste feste An- 
siedelung besitzt. Ueberall, wohin sich der feste Anbau erstreckte, 
musste eine spezielle dauernde Vertheilung und Bewohnung des 
Landesgebietes und eine bestimmte Feststellung unstreitiger Wirth- 
schafts- und Nachbarrechte zur Durchführung kommen. Gegen diese 
frühe Grundlage aber konnten alle späteren Gestaltungen nur Ab- 
änderungenbieten, welche im Zweifel die Vermuthung für sich haben, 
von der früheren mehr oder wehiger beeinflusst zu sein. 

Näher erwogen sind allerdings die unterscheidenden Merkmale 
der Form des Volksdaseins, w r elche wir als feste Ansiedelung be- 



3. Zusammenhang der heutigen Zustände mit der ersten Ansiedelung. 11 



zeichnen, nicht so äusserlich und einfach erkennbar, als es scheinen 
kann. Zwar steht dieselbe in starkem Gegensatze zu den Zuständen 
des Noinadenthums, wie des Jäger- und Fischerlebens. Aber dieser 
Gegensatz beruhl weder darin, dass vor der festen Ansiedelung kein 
Anbau von Feldfrüchten, noch dass keine bestimmte Abgrenzung 
des Grundbesitzes stattgefunden habe, ja selbst nicht darin, dass 
vorher keinerlei bleibende Wohnstätten errichtet worden seien. 

Der Mensch ist von Natur so beschaffen, dass er nur von dem 
thranreichen Fleisch der Seethiere und der Fische bei hinreichender 
Gewöhnung ausschliesslich zu leben vermag. Die Produkte der 
Landthiere reichen zu seiner Ernährung nicht dauernd aus. Neben 
der Jagd nutzen deshalb südliche Völker wildwachsende Früchte 
aller Art. Die Jägerstämme der Polargegenden aber gemessen Wur- 
zeln und Rinden und die verschiedenen saftigen Beerenarten der 
Wälder und Haiden. Sie schweifen so vereinzelt umher, dass sie 
an diesen Zuspeisen keinen Mangel leiden. Den dichter zusammen- 
lebenden Nomaden, welche für ihre Heerden auf den w r eiten Steppen 
Centralasiens bis zum Ural und Don Weide finden, bietet dagegen 
der Steppenboden keinerlei hinreichende vegetabilische Nahrung. 
Deshalb haben sie, soweit die Erinnerung zurückreicht, Getreidebau 
getrieben, 1 ) allerdings nur durch ihre Knechte, und ohne dass sie 
sich den Sommer über bis zur Ernte um die auf geeigneten ein- 
gehegten Plätzen eingebrachte Saat kümmern. Aber ihr Anbau war 
nicht unbedeutend, und sie beschränken ihn erst in neuster Zeit 
mehr und mehr, seitdem sie von den benachbarten Russen und 
Sibiriern Getreide und Mehl gegen Hammel eintauschen können. 
Auch die Beduinen Arabiens müssen Gerste bauen, wo es ihnen 
nicht gelingt, regelmässige Lieferungen von ihren gegen Mesopo- 
tamien und das Hauran hin ansässigen stammverwandten Nachbarn 
zu erpressen. Der Landbau ist also den Nomaden keineswegs völlig 
fremd. 

Ebenso wenig leben sie ohne Landvertheilung. Schon die 
Fischer und Jäger nehmen gewisse Bezirke in Anspruch, in welche 
einzugreifen für Fremde wie für Genossen nicht ohne Gefabr ist. 
Bei den Nomaden Hochasiens aber ist keine auch der ödesten 
Steppenweiden ohne Herrn. Jedes ihrer Gebiete bildet den rechts- 



V W. Radioff, Observ. sur les Kirghis. Journ. Asiat. Bd. II, 18G3. — Erinne- 
rungen des Generals v. Blaramberg, Berlin 1876. — A. v. Middcndorfl', das Fcrghana- 
Thal, Sehr. d. Petersb. Akadem. Toni. 29, No 1, 1881. 



12 3. Zusammenhang der heutigen Zustände mit der ersten Ansiedelung. 

verjährten Besitz eines bekannten Stammes, innerhalb dessen gewisse 
Gruppen von Familien unter einem der Familienhäupter bestimmte 
Reviere von meist sehr grosser Ausdehnung inne haben, und deren 
einzelne Strecken sie in fester, alterprobter, der Jahreszeit ange- 
passter Ordnung mit ihrem Vieh beziehen. Da jede Familie meh- 
rerer Hundert Stück nothwendig bedarf, die Heerden der Reichen 
aber bis zu vielen Tausenden steigen, ist die Besetzung der Weide- 
plätze Gegenstand sorgsamer Auswahl und scharfer Aufsicht. Die 
Grenzen dieser Weidereviere sind zwar nur dem völlig kundigen 
Auge erkennbar, aber jedem Nachbarn bekannt und deutlich, und 
er weiss, dass ein unbefugtes Ueberschreiten ihn mit der ganzen 
Strenge des Kriegsrechts bedroht. 

Feste Wohnungen errichten zwar die Steppennomaden nicht, 
sondern überstehen auch die härtesten Winter in Zelten oder Jurten, 
welche, am Morgen abgebrochen, auf Thieren und Wagen fortge- 
schafft, und zum Abend wieder an anderer Stelle errichtet werden 
können. Aber die Jäger und Fischer des hohen Nordens besitzen 
höhlenartige Erdbaue, in welche sie gelegentlich wieder zurück- 
kehren, ohne deshalb ihr umherschweifendes Dasein aufzugeben. 

Dazu kommt, dass schon bei Jägern und Fischern der gruppen- 
weise Betrieb leitende Führer, Häuptlinge und priesterliche Heil- 
und Sachkundige über die einzelnen Familien erhebt. Das Nomaden- 
thum aber vermag, wie das Mongolenreich erweist, sogar sehr 
selbstbewusste, vielfach gegliederte und wirksam durchgeführte Staats- 
organisationen zu entwickeln. 

Die Entstehung der festen Ansiedelungen fällt also begrifflich 
wie thatsächlich unter engere Gesichtspunkte. Ihr Wesen beruht 
in dem Entschlüsse des Familienvaters, sich für den Unterhalt seiner 
Familie dauernd an dieselbe Oertlichkeit zu binden, in ihr ein blei- 
bendes Heimwesen zu begründen und die Hülfsmittel seiner Lebens- 
fristung in der nächst umgebenden Natur von der festen Wohnstätte 
aus durch Anbau von Feldfrüchten mit entsprechender Viehhaltung 
zu gewinnen. Er verzichtet darauf, den Unterhalt der Seinen ohne 
berechnete Fürsorge von der gelegentlichen Jagdbeute oder dem un- 
sicheren Zuwachs obdachloser Heerden zu erwarten. In den Grenzen 
seines Besitzes entsteht also ein verändertes Leben, das durch dessen 
hinreichenden Ertrag planmässig gesichert werden muss. Auch bei 
den rohesten Anfängen muss ein gewisser Anschlag der Ernte vor- 
sehweben, und eine genügende Kenntniss der Bedingungen derselben 
erworben sein. Ueber Anbaufläche, Arbeitskraft, Aussaat, Erntezeit, 



3. Zusammenhat)-.: <Iit heutigen Zustünde mit <1<t ersten Ansiedelung. 13 

und Ertrag Bind einigermassen bestimmte zutreffende Vorstellungen 
onentbehriich. Es muss auch thatsächlich die Ernte im richtigen 
Verhältniss zu der Arbeitskraft stehen, die für sie thätig ist, und 

die aie ernähren soll. Ackerwerkzeuge verschiedener Art. Saatkorn, 
Viehkörper und Baumaterialien müssen vorhanden sein oder herbei 
geschafft werden. Auch ist der tägliche Wasserbedarf zu sichern, und 
die Gefahr der Verwüstung durch Dürre, Ueberschwemmung oder 
Wildfrass zu beachten. 

Wo aber Nachbarn mit ihrem Besitz zusammenstossen, gehen 
die Anspräche auf Frieden sehr weit. Es sind nicht blos Raul), 
Gewalt und Diebstahl, auch nicht lediglich absichtliche Grenzver- 
letzungen und mögliche Schädigungen, welche ferngehalten werden 
und ihren Richter und Rächer finden müssen, sondern es ent- 
stehen zahlreiche zweifelhafte Fragen des Nachbarrechtes, welche zu 
sehlichten sind. Die einbrechende Heerde des Nachbars zerstört 
die Saaten, er leugnet Ersatzpflicht. Er bestreitet die Richtigkeit 
der Grenze. Er leitet das ablaufende Wasser von seinem Grund 
auf den anstossenden. Er fährt im Mangel des Weges über fremden 
Anbau. Er nimmt die Früchte überhangender Zweige ab. Er ver- 
weigert die Benutzung der Quelle und schliesst ihren Zugang. Er 
beansprucht gemeinsame Nutzung unangebauten Bodens. Er weigert 
Hülfeleistung, weil er keinen Schaden befürchtet. Diese und viele 
andere werden Lebensfragen für die neue Ansiedelung. Führen sie 
immer wieder zum Streit, dann ist blutiger Hader und Verfall und 
Vernichtung der wirthschaftlichen Anlage unvermeidlich. Sie fordern 
nothwendig friedliche Entscheidung und bedürfen einer Gewalt, 
welche das als Recht Erkannte durchführt und aufrecht erhält. Mit 
der wirthschaftlichen Anlage muss sich also unmittelbar ein poli- 
tisches Gemeinwesen verknüpfen, dessen Leitung anerkannte Einsicht 
in die Zwecke und Bedürfnisse der entstandenen Schöpfung besitzt. 

Allerdings wird die Erwägung und Beseitigung eines grossen 
Theiles dieser zahlreichen und weitgreifenden Ansprüche von den 
Ueberlegungen und EntSchliessungen der Betheiligten erst an dem Zeit- 
punkte erwartet werden dürfen, an welchem das Bedürfniss auftritt. 
Aber in keinem Falle sind solche Entscheidungen befriedigend 
denkbar ohne eine hinreichende Vorbereitung von Kenntnissen und 
Erfahrungen, und es steht ausser Frage, dass die Hauptsumme von 
technischem Wissen und Können und von praktischer Auffassung 
des Rechts und der Sitte, welche zur Begründung eines solchen 
wirthschaftlichen Gemeinwesens gehören, eine sehr allmählige Ent- 



14 3. Zusammenhang der heutigen Zustande mit der ersten Ansiedelung. 

Wickelung voraussetzt und in wichtigen Erfindungen und Erfahrungen 
das Erbtheil langt' vorhergegangener Vorfahren und schon seit un- 
vordenklicher Zeit stattgehabter friedlicher oder feindlicher Berüh- 
rungen mit kultivirteren Stämmen ist. 

Deshalb kann für die Entstehung der festen Siedelung, als einer 
Form des Volksdaseins, nicht in Betracht kommen, wenn eine ein- 
zelne Familie oder eine Gruppe von Familien in eine noch von 
Niemand bewohnte oder benutzte natürliche Einöde von Wald oder 
Saide vordringt und sich dort auf Räumden oder Rodungen land- 
wirthschäftlich niederlässt. Solches Settlerthum ist nicht selten und 
aus verschiedenen Zeiten • in allen Weltheilen bekannt. Aber es hat 
nur den Schein der Ursprünglichkeit und Einfachheit. Es sind bei 
diesem Vorgange allerdings Ansprüche derer nicht zu befriedigen 
oder zu beseitigen, welche das Land vorher schon in Besitz ge- 
nommen haben. Im Uebrigen aber unterscheidet sich eine solche 
Ansiedelung in ihrem Wesen nicht von solchen, welche früher oder 
später Strecken unangebauten Landes zwischen bereits bestehenden 
Ortschaften ausfüllen. Die Begründer werden manche Erleichte- 
rungen entbehren, welche die Nachbarschaft bewohnter Orte bietet. 
Aber sie müssen ebenso eine altüberkommene Kultur in Vorkennt- 
nissen und Hülfsmitteln bereits mit sich bringen. Sie würden in 
der kurzen Zeit, in der sie ihren Lebensunterhalt begründen müssen, 
völlig ausser Stande sein, die Erfindungen und Erfahrungen ihrer- 
seits zu machen, welche die Herstellung und Führung eines der- 
artigen landwirtschaftlichen Heimwesens, selbst auf der niedrigsten 
Stufe erfordert. 

Der Uebergang von roher, ungebundener Lebensweise zur festen 
Ansiedelung kann demnach nur innerhalb der Entwicklung eines 
grossen Kreises von Volks- oder Stammesgenossen gedacht werden, 
in welchem aus der Kenntniss und dem Gebrauche von mehr oder 
weniger Hülfsmitteln, aus einzelnen Anregungen, Vorgängen und 
Versuchen und durch die Auffassung und Einsicht überwiegender 
und schöpferischer Geister die Vorbildung und die richtige Beurtheilung 
der Umstände zu gewinnen ist, welche die feste Ansiedelung als 
zweckmässig und wünschenswerth erscheinen und schliesslich zur 
That werden lässt. 

Diese Vorbereitung wird bei südlichen Völkern wegen der reichen 
Mittel, die ihnen die Natur bietet, in sehr mannigfacher Weise und 
unter vielen Schwankungen und Rückschlägen gedacht werden können, 



3. Zusammenhang der heutigen Zustände mit der ersten Ansiedelung. 15 

bo dass ee vergeblich acheint, dafür aach bestimmten anschaulichen 
Vorstellungen zu Buchen. 

In dem ausschliesslich von Wald und Gras eingenommenen 
gleichmässigen Ländergebiete Europas nördlich der Alpen sind da- 
gegen die Bedingungen ungleich sicherer gegeben. Die Stätten der 
modernen Kultur haben noch Lange, nachdem sie von Menschen 
betreten wurden, nur bestimmt bekannte und sehr beschränkte 
Arten der Lebenserhaltung zugelassen. 

Das blosse Jäger- und Fischerleben würde hier ohne fremden 
Einfluss niemals zu der nöthigen Vorbereitung und den besonderen 
Bülfsmitteln für den Ackerbau geführt haben. IIausthie.ro und Ge- 
treide sind, mindestens so weit die Vereisung Europas gereicht hat, 
aothwendig aus der Ferne eingewandert. Sie können nur entweder 
von Zuwanderern mitgebracht oder durch Verkehr mit Fremden über- 
tragen worden sein, welche Viehzucht und Feldhau in ihrer Heimath 
übten. 

Für beide Vorgänge wird es sieh allerdings darum handeln, oh 
nach den Umständen daran zu denken ist, dass die so erlangte 
Vorbildung zunächst nur zu einzelnen, erst allmählig im Laufe 
längerer Zeiträume vermehrten festen Niederlassungen geführt halte, 
oder ob man Grund hat, einen mehr gleichzeitigen und weit ver- 
breiteten, auf allgemeinem Entschlüsse beruhenden Beginn des festen 
Anbaues anzunehmen. 

Die Beantwortung dieser Frage aber darf zunächst offen bleiben. 
Sie hängt von dem Bilde ab, welches sich von der Beschaffenheit 
der Ansiedelungen gewinnen lässt. 

Diese Anlagen werden verschiedene Typen zeigen. Dass sich 
aber in zahlreichen Ortschaften noch heut Reste ihrer ältesten Ein- 
richtung erhalten haben, dafür sprechen mannigfache Gründe. Zwar 
reicht fast in der gesanmiten gemässigten Zone die feste Besiede- 
lung vor die historische Zeit hinauf und sie war im Jahrhundert 
nach dem Beginn unserer Zeitrechnung überall im Wesentlichen voll- 
zogen. Aber die allgemeinen Schicksale dieser Ansiedelungen seit 
dem Abschlüsse der Völkerwanderung sind uns nicht unbekannt. 
Wir vermögen zu beurtheilen, wann und wo sie durch eiligreifende 
Erschütterungen, das Eindringen der Slawen, die deutsche Koloni- 
sation des Ostens, die Verkuppelungen der letzten Jahrhunderte, 
eigenartig umgestaltet sein können. Wo aher solche wesentliche Ein- 
griffe nicht bekannt oder wahrscheinlich sind, kann es sich nur um 
die im gewöhnlichen Laufe der Dinge eingetretenen Veränderungen 



l(J 8. Zusammenhang der heutigen Zustände mit der ersten Ansiedelung. 

handeln, wie solche durch die lange Folge der wechselnden Besitzer 
und die Wirkungen des fortschreitenden Wirthschaftsbetriebes, durch 
gesteigerte Lebensansprüche, wandelbare Rechtsverhältnisse und mög- 
liche Unfälle herbeigeführt werden. Unter solchen Umständen lässt 
sich voraussetzen, dass die eigentümlichen Grundzüge der ersten 
Anlage wenigstens in gewissen Spuren nicht verschwinden konnten 
und an bestimmten Merkmalen noch aufzufinden und zu beurtheilen 
sein müssen. 

Die Berechtigung zu dieser Annahme beruht zunächst darauf, 
dass im Grossen und Ganzen die Zwecke aller dieser Anlagen bis auf 
unsere Zeit sehr wenig verändert sind. Noch immer liegt das 
Hauptgewicht auf dem Getreidebau und der auf ein gewisses ent- 
sprechendes Maass beschränkten Viehzucht. Noch immer bilden 
auch den Hauptbestandteil der ländlichen Besitzer, die nach Grund- 
besitz, Lebensweise und Lebensanschauung den ersten Ansiedlern am 
nächsten stehenden, aus ihnen hervorgegangenen Bauernschaften. 
Sie bearbeiten, wie die ersten Siedler, ihre Felder selbst mit ihren 
Angehörigen und wenigem Gesinde, und die Grösse und Bewirt- 
schaftung ihrer Güter ist deshalb auch, wie ursprünglich, diesen 
Arbeitsverhältnissen im wesentlichen angepasst geblieben. 

Die eingreifendsten Zerstörungen bewirkte die Errichtung von 
Grosswirthschaften. In den meisten Fällen aber ist ein Bauerndorf 
nur theilweis in ein grosses Gut aufgegangen, und der Rest lässt 
noch den Schluss auf den Charakter der alten Anlage, nicht selten 
sogar die völlige Rekonstruktion zu. Die Zertheilungen der Bauer- 
stellen in kleinere Güter sind nicht selten schon früh durch den 
Brauch, durch Anrechte von Grundherrn und durch gutsherrlich- 
bäuerliche Beziehungen ausgeschlossen gewesen. Wo sie aber statt- 
fanden, sind sie ihrem Wesen nach nicht geeignet, Veränderungen 
in den alten Hauptgrenzen herbeizuführen. Sehr häufig ist allerdings 
der alte Zusammenhang der einzelnen Grundstücke aufgehoben, und 
es ist eine neue Gruppirung der Besitzungen entstanden. Durch 
Erbgang, Heirathsgut, Umtausch und Veräusserung ist es im Laufe 
der Zeit möglicherweise dahin gekommen, dass ein grosser Theil 
der ursprünglich zu einer bestimmten Hofstätte gehörigen Ländereien 
an andere Höfe übergegangen ist, deren alter Besitz an ihre Stelle 
trat. Da aber dieser Wechsel überall nur innerhalb der Nachbar- 
grenzen vorgegangen ist, welche ihrerseits nur mit den grössten 
Schwierigkeiten und Weiterungen zu verändern gewesen wären, be- 
rührt er das Bild der alten Anlage fast gar nicht. Das Feldsystem 



3. Zusammenhang der heutigen Zustände mit der ersten Ansiedelung. 17 

die dem Bedarf entsprechende Grösse, die Anforderungen des schlag- 
mässigerj Wirthschaftsbetriebes und die Gleichartigkeit der einzelnen 
Bauernstellen im Orte machen mit seltenen Ausnahmen möglich, 
das Gesetz der alten Vertheilung zu erkennen, und wenn nicht 
die einzelne Besitzung, doch die Gesummt Verhältnisse aller Be- 
sitzungen, überhaupt den Grundgedanken der ersten Einrichtung 
festzustellen. 

Indess hat auch für die einzelne Wirthschaft die Ueberlieferung 
gewisser alter Reste sehr viel Wahrscheinlichkeit; vornehmlich 
schon, weil sich kein Interesse durchgreifender Umänderungen er- 
sehen lässt. Thatsächlich ist die Begründung jeder Ansiedelung 
mit der Ausführung einer Reihe mühsamer Arbeiten verknüpft, 
welche kein späterer Besitzer unnöthig wiederholen wird. Jeder ein- 
mal behackte oder bepflügte Boden, jeder errichtete Bau bildet einen 
gewonnenen Nutzungswerth. Was geschehen ist für Bodenebenen, 
Grund für die Bauten legen, Zäunesetzen, Grabenmachen, Bäume- 
pflanzen, Brunnengraben, Avird jeder Nachfolger gern übernehmen. 
Ebenso wird Niemand den Platz um die Häuser, den Anger in der 
Dorfschaft, den nächsten Weg auf das Feld ohne Noth verlegen. Im 
Ackerlande erlangen die anfänglichen Nutzungsweisen und nicht 
blos die Aussen-, sondern auch die Binnengrenzen, grosse Beständig- 
keit. Was im ersten Jahr zum Anbau kultivirt und bestellt worden 
ist, kann von keinem Wirthe ohne Weiteres mit dem zusammen- 
geworfen werden, was im zweiten Jahr zur Kultur gekommen. Dem 
würden wesentliche Schwierigkeiten in Fruchtordnung und Arbeits- 
zeit begegnen. Es entstehen also dauernde Feldabschnitte, nach 
denen sich der Wirthschaftsbetrieb einrichtet, und welche viel ein- 
facher beibehalten , als umgestaltet werden. Jede Veränderung 
bringt auf Jahre hinaus unvermeidliche Unbequemlichkeiten und 
Aufwendungen. Jeder Uebernehmer zieht darum vor, die Anlagen des 
Vorgängers zu nutzen, wie er sie findet. Diesem natürlichen Gesetz 
folgt nicht nur der friedliche Erbe , sondern auch der erobernde 
Feind, selbst wenn er sich in den Trümmern festsetzt. Dass die 
Gebäude mit der Zeit umgebaut, vergrössert und vermehrt werden, 
ist sicher, wirkt indess nicht auf die Grundvertheilung. Selbst das 
völlige Niederbrennen einer Ortschaft hat sehr selten einen neuen 
Plan oder überhaupt eine wesentliche Umgestaltung der Strasse, 
oder der Haus- und Hofgrundstücke zur Folge. Denn jeder Wirth eilt 
so bald als möglich und mit den geringsten Hülfsmitteln wieder ein 
Unterkommen in der Brandstätte herzurichten und vermag zu Neue- 

Meitzen, Siedeluog etc. I. 2 



Ig 3. Zusammenhang der heutigen Zustande mit der ersten Ansiedelung. 



rangen in Bau und Betrieb weder selbst zu greifen, noch seine Nach- 
barn zu bestimmen. 

Aber auch in gewöhnlichen und glücklichen Tagen hat er keine 
Neigung zu Aenderungen. Dies liegt schon im Hange der Wirth- 
schaft, im Kreisläufe von Ackerung, Aussaat, Ernte und Ausdrusch. 
Jeder Tag hat seine Ansprüche; Arbeit und Kräfte sind einander 
entsprechend, und alles Thun und Lassen ist den Forderungen des 
Betriebs nach Boden und Witterung angepasst. Ob das Gut kleiner 
oder grösser, ob es der Herr oder der Knecht bewirthschaftet, die 
gleiche Fläche fordert ungefähr das Gleiche, und Jahr aus Jahr ein 
ist der Wirth froh, wenn er nur das Tagewerk vollbringt, welches 
Haus und Hof, wie sie stehen und liegen, nothwendig fordern. Für 
Neues bleibt nicht viel Neigung und Zeit. Wenn er aber darüber 
noch mit Nachbarn einig werden soll, muss er endlose Weiterungen 
durch Misstrauen, Widerspruchsgeist und Lässigkeit erwarten. Selbst 
für alle Betheiligten zweckmässige Aenderungen sind unter den länd- 
lichen Verhältnissen sehr selten zu erreichen. 

Dazu kommt die weitgehende Verknüpfung entgegenstehender 
Rechte und Pflichten, die schon mit der ersten festen Anlage ge- 
geben war und im Laufe der Zeit immer bindender werden musste. 
Genossenschaftliche Anrechte an einem Kreise von gemeinsamen 
Grundstücken, gemeinschaftliche, verhältnissmässig zu beanspruchende 
Nutzungen, gegenseitige Grundgerechtigkeiten zu Weide, Trieb und 
Trift, zu Wassergebrauch und Wasserschutz sind durch die Natur 
und die Bedürfnisse dieser wirthschaftlichen Gemeinwesen von selbst 
gegeben. Auch Herren und Knechte bestanden von jeher, und ebenso 
geht der Brauch, Wirthschaften gegen Abgaben oder Dienstverpflich- 
tungen anderen zu überlassen, auf die früheste Zeit zurück. Je 
weniger dem Einzelnen ausgedehnter Anbau thunlich war und Nutzen 
bringen konnte, desto mehr strebten Mächtige, eine Anzahl von 
Knechten oder Abhängigen auf ihr Land anzusetzen, deren unvoll- 
kommene Verfügungsrechte zur Erhaltung des bestehenden Zustandes 
beitrugen. Alle entstandenen Rechte und Pflichten aber erlangten 
die Eigenschaft besonderer Dauer, weil sie nicht an der Person hingen, 
sondern am Grund und Boden. Sie erloschen nicht mit dem Tode, 
oder gingen mit einer veränderlichen Sache unter, sondern der Nach- 
folger im Besitze der gegründeten Landgüter trat stets und selbst- 
verständlich in den Rechtskreis des Vorbesitzers ein. Die Zerthei- 
lung einer Besitzung oder die Vereinigung mehrerer in einer Hand 
schuf so wenig in den Rechtsverpflichtungen erheblicbe oder unklare 



3. Zusammenhang der heutigen Zustände mit der ersten Ansiedelung. 19 

Veränderungen, wie in der Grundeintheilung und den ßesitzverhiilt 
aissen. 

Alle diese Erwägungen sprechen dafür, dass, w<> im einzelnen 
Fall nicht Gegengründe ersichtlich werden, in der That die Ver- 
muthung Platz greifen darf, <li«' thatsächlichen Arbeiten und Ein- 
richtungen der ersten Anlage seien nicht spurlos verschwunden. 

Bei hinreichender Sichtung läset sich also hoffen, in den auf 
die Gegenwart gekommenen Formen der Wohnplätze, der Vertheilung 
der Grundstücke zu Besitzungen und in der Art ihrer gegenseitigen 
Rechte gewissermassen einen urkundlichen Aufriss, eine, wenn auch 
theilweis verwischte Skizze der alten Anlagen zu erkennen, welche 
als ein Zeugniss der Ideen und Zustände der ersten Schöpfung ver- 
werthet werden darf. Diese Auffassung ist nicht neu. Sie tritt viel- 
mehr schon im Beginn der modernen agrargeschichtlichen Forschung 
und hei allen wesentlichen Fortschritten, welche dieser Zweig der 
Kulturgeschichte gemacht hat, immer wieder bestimmend hervor. 

4. Begründung der Agrargeschichte auf die Anschauung der 
Siedelungsformen. 

Gedanken über Siedelung und Agrarwesen haben unmittelbar 
massgebenden Antheil an der ersten Begründung der historischen 
Auffassung des Rechtes und der Kultur in Deutschland gehabt. Schon 
Just us Moeser brach durch die deutsche agrarhistorische For- 
schung den germanistischen Studien Bahn. Ihn bewegte, wie er 
selbst in der Vorrede seiner Osnabrückischen Geschichte 1 ) sagt, die 
Idee, »dass die Geschichte Deutschlands eine ganz neue Wendung 
zu hoffen habe, wenn sie die gemeinen Landeigentümer , als die 
wahren Bestandtheile der Nation, durch alle ihre Veränderungen ver- 
folge, und aus ihnen den Körper bilde, an welchem sich Einflüsse 
und Ereignisse aller Art als böse oder gute Zufälle, und grosse und 
kleine Machthaber, Gesetzgeber und Beamte, gleich weisen oder 
schlimmen Aerzten, als heilend oder störend erweisen mussten.« 

Diese Landeigentümer aber schwebten ihm nicht in unbe- 
stimmten Gestalten vor. Er kannte sie und beurtheilte sie durch- 
aus sicher aus den wirklichen Verhältnissen seiner Heimath. Er lebt 
in der täglichen Anschauung der Einzelhöfe Engern s und West- 
falens und ihres Zubehörs an Wald- und Heidemarken. Er legt 



') Bd. I. Vorrede von 1768. 

2* 



oq 4. Begründung der Agmggeschichte auf 

auch solchen Werth auf völlige Klarheit über Lage und Grenzen 
ihrer Besitztümer, dass er spezielle Kartirung und Registrirung aller 
einzelnen Parzellen und ihrer Eigenthümer als dringendes Bedürfniss 
fordert. 1 ) Die Art der BesiedelUng und die daraus entstandenen 
Rechte und Wirthschaftsbedingungen sind ihm Grundlage und Aus- 
gangspunkt aller seiner geistvollen Untersuchungen über Feld und 
Haus, über Genossenschafts- und Nachbarrecht, über die aktienartige 
Natur des Hofes in der Bauernschaft 2 ) und des Echtworts in der 
Mark, über Landes- und Gutsherrlichkeit und die zahlreichen Ab- 
stufungen von Freiheit und Unfreiheit. 

In seiner Auffassung der örtlichen Verhältnisse steht ihm aber 
unmittelbar und nicht mit Unrecht das taciteische: colunt discreti 
ac diversi ut fons, ut campus, ut nemus placuit, vor Augen. Er 
sieht in seiner Umgebung die entscheidenden Charakterzüge des ur- 
germanischen Agrarwesens und die mit ihnen gegebenen kaum ver- 
änderten Bedingungen des frühmittelalterlichen Daseins. 

Dieser lebensvoll erfasste Kreis seiner Anschauungen hat lange 
alle Vorstellungen von dem Beginn der Entwickelung der deutschen 
Agrarverfassung beherrscht. Sie wirkten erkennbar in Eichhorns 
bewundernswürdiger erster Schöpfung der deutschen Staats- und 
Rechtsgeschichte. Von der ausschliesslichen Richtigkeit derselben 
uns zu überzeugen, hat sich noch in der jüngsten Gegenwart ein 
Amerikaner Denman Ross bemüht. 

Aber schon während Moeser seine Patriotischen Phantasien den 
Osnabrückischen Intelligenzblättern übergab, bereitete sich, zunächst 
entfernt und verborgen, ein ganz anderer Ideengang vor, der dieselbe 
Frage in fast entgegengesetzter Weise beantwortete, aber ebenfalls 
wieder die Stärke seiner Beweise aus der unmittelbar praktischen 
feldmesserischen und kartographischen Erkenntniss und Bearbeitung 
der bestehenden Vertheilung des Grundeigenthums in den Fluren 
eines germanischen Landstriches schöpfte. 

Der 1764 zu Viborg geborene, 1827 zu Kopenhagen verstorbene 
dänische Feldmesser, spätere Professor und Akademiker Oluffsen 
war einen grossen Theil seines Lebens mit Flurvermessungen in 
Dänemark beschäftigt und wurde dabei auf die Eigenthümlichkeiten 
der Dorfansetzung und der Gestalt und Lage der zu jedem bäuer- 
lichen Hofe gehörigen Grundstücke aufmerksam. 



') Patr. Phant. III, S. 144; II, 142. - 2 ) Ebd. II, S. 127, St. XX. — 3 ) Osnab. 
G., Bd. I, S. 2. 



die Anschauung der Siedelungsformen. 21 

Er fand, wie er ausführlich darlegt, 1 ) in den ihm bekannt 
gewordenen Landestheilen nicht Einzelhöfe, sondern üherall ge- 
schlossene Dorfer vor. Er schildert ihre Gehöfte, nicht Mauer an 
Mauer, sondern strassenweise nebeneinander gebaut, und hinter ihnen 
Gartengrundstücke, deren Zäune sie nach aussen in ziemlich regelmässig 
fortlaufenden Linien abschliessen. Dadurch entsteht für die Dorflage 
annähernd ein Rechteck, welches von der Dorfstrasse so durchzogen 
wird, dass der innere Dorfbereieh durch zwei sich gegenüberliegende, 
oder falls ein <,>uerweg denselben kreuzt, durch vier Thore völlig 
geschlossen werden kann. Er sah auch bei seinen Kartirungen, dass, 
abgesehen von einigen kleineren Weidestücken oder Gemüseländereien 
das gesammte Ackerland der Dorfgemarkung zunächst in eine An- 
zahl ziemlich grosser, möglichst viereckiger Hauptabschnitte zerlegt 
war, denn Grenzen meist mit Unterschieden in der (Jute und Be- 
schaffenheit des Hodens zusammenfielen. Zwei dieser Hauptabschnitte 
lagen in der Regel so, dass der eine auf der einen, der andere auf 
der anderen Seite des Dorfes an die Gärten der Gehöfte anstiess, 
und sieh von diesen je bis an die Grenze der Feldflur ausbreitete. 
Die übrigen waren als mehr oder weniger regelmässige Parallelo- 
gramme von verschiedener Richtung an die Hauptgrundstücke an- 
geschlossen, wie es gerade die gleichmässig eben verlaufende Lage 
oder die gleichartige Bodenbeschaffenheit für jeden der Abschnitte 
zu empfehlen schien. Alle diese Abschnitte aber waren der Länge 
nach in viele meist schmale Parallelstreifen zerlegt. Es zeigte sieh 
auch, dass der Gesammtbesitz jedes dieser Dörfer in eine bestimmte 
Anzahl unter sich gleicbgrosser Hufen zerfiel, von denen indess 
der einzelne Bauer mehrere oder auch eine halbe oder einen anderen 
Bruchtheil besitzen konnte. In der Ackertheilung aber hatte jede 
Hufe in jedem Abschnitte nachweisbar ihren verhältnissmässigen 
Antheil erhalten. 

Ueber das Charakteristische, Gesetzmässige und Zweckent- 
sprechende dieser Anlagen konnte Oluffsen nicht im Zweifel bleiben. 
Es war klar, dass der Platz der Dorf läge schon von Anfang da ge- 
wählt war, wo die Gehöfte und ihre Gärten passenden Boden, Wasser 
und festen Wegegrund fanden, und wo sie das bessere Ackerland 
in möglichster Nähe hatten. In der Dorfmark aber wurde offenbar für 



1 Fünf Vorträge in der Kopenhagener Gesellschaft der Wissenschaften von 
Oluft'sen zuaammengefasst als Bidrag til Üplysing om Danmarks indvortes Forfatning 
in de aeldre Tider isaer i det trettende Aarhundrede, 1821 Kopenhagen. Vergl. 
G. Hanssen, A. ü. Bd. I, S. 4 ff. 



22 4. Begründung der Agrargeschichte auf 

alle Hufen gleiche Grösse und nahezu gleicher Werth hergestellt, 
wenn man die Flur nach der Bodenbeschaffenheit in Hauptabschnitte 
theilte, und jeder Hufe in jedem dieser Abschnitte je einen gleichen 
Antheil gab. In der Güte und selbst in der Entfernung der zu 
jeder Bauerhufe gehörigen Ländereien konnte dann kein wesentlicher 
Unterschied bestehen. Es musste also auch jede im Stande sein, 
gleiche allgemeine und grundherrliche Lasten zu tragen. Dabei 
konnte jedes schlagmässige System des Ackerbaues, z. B. Dreifelder 
wirthschaft, stets von allen Hufenbesitzern, vom einzelnen wie von 
der Gesammtheit, gleichmässig durchgeführt werden. Immer einer 
oder mehrere Hauptabschnitte bildeten zusammen einen Schlag und 
wurden übereinstimmend von allen Wirthen mit Winterung oder 
Sommerung bestellt, oder als Brache liegen gelassen. Es entstand 
dann trotz der Kleinheit der einzelnen betheiligten Grundstücke stets 
ein grosses Terrain, welches zu gleicher Zeit in gleicher Bestellung 
war, auf welchem also auch Bracharbeit, Saat und Ernte aller Wirthe 
in die gleichen Zeitpunkte fiel. Das Vieh des ganzen Dorfes konnte 
als eine gemeinsame Heerde in dem Brachschlage und in den 
Stoppeln gehütet werden, ja diese gemeinsame Heerde durfte fast 
ohne Hirten gehen, weil die bestellten Schläge durch vom Dorfe um 
ihre Grenzen fortlaufende Zäune, welche allerdings jedes Jahr ver- 
setzt werden mussten, von dem für die Hütung offenen Lande ge- 
schieden wurden. Die ursprüngliche Dorfanlage und Ackereintheilung 
zeigte sich also vollkommen im Einklänge mit den Gewohnheiten 
und Bedürfnissen der noch zu Oluffsen's Zeit üblichen Bewirth- 
schaftung. 

Bei der sehr speziellen Anschauung und Durchforschung dieses 
eigenthümlichen Besiedelungssystems , für welche er bei seinen ge- 
nauen Messungen und dem Zwecke der Verkoppelungsarbeiten nahe 
Veranlassung hatte, ergaben sich indess noch weitergreifende Mo- 
mente ganz besonders genauer und bewusster Ordnung und Gerech- 
tigkeit. Die Folge der Ackerstücke in jedem der Hauptabschnitte, 
Gewanne, entsprach in der Regel der Reihenfolge der Hausstellen 
an der Dorfstrasse. In der Grösse der Streifen des einzelnen Ge- 
wannes fanden sich hier und da Ausgleichungen, wenn die Güte 
wechselte, ohne dass deshalb ein besonderes Gewann ausgeschnitten 
worden war. Namentlich aber erwiesen sich solche Entschädigungen 
allgemein, wenn ein Besitzer durch einen an seinem Streifen der 
Länge nach vorbeiführenden Viehtrieb gefährdet war; ebenso dann, 
wenn an einen solchen Längsstreifen die Köpfe aller Streifen eines 



die Anschauung dei Siedekmgsformen. 23 

Nachbargewannes senkrecht anstiessen, so dass er heim Wenden der 
Pflüge auf der Anwand mehr oder weniger betreten werden musste. 

Es ist nicht näher bekannt, aus welchen Theilcn Dänemarke 
Oluffsen die Grundlagen für seine Beobachtungen gewonnen hat 
Ihm— en hat Bchon bemerkt, 1 ) dass seine Schilderung der Lage der 
Gehöfte, Gärten \u\^\ Dorfstrassen mit den unregelmässigen Dorflagen 
nicht übereinstimmt, welche die alten ursprünglich deutschen Dörfer 
Schleswig-Holsteins, Jutlands und der dänischen Inseln zeigen. Wohl 
aber stimmt das Bild, das er giebt, in jeder Einzelheit 2 ) mit den 
üblichen Umgestaltungen slawischer Dörfer, sowie mit den meisten 
neuen Anlagen überein, welche seit dem 12. Jahrhundert von den 
deutschen Kolonisten in allen ebenen Theilen der Slavenländer öst- 
lich der Elhe, in Wagrien und Mecklenburg ebenso wie in den 
Marken. Schlesien, Pommern, Posen und Preussen in grosser Zahl 
ausgeführt worden sind. Es muss also angenommen werden, dass 
Oluffsen sich an einige Beispiele der Kolonisation von Wagrien oder 
Fehmarn gehalten hat. 

Indess haben seine Angaben gleichwohl auf die Beurtheilung 
der viel früheren, schon in der vorgeschichtlichen Zeit begründeten 
deutschen Dörfer grossen Einfluss geübt. 

Sie erläuterten in überzeugender Weise eine Anzahl Stellen des 
Erich -Seeländischen Gesetzes von 1290, des Jütisch low von 1240 
und des Schonenschen Gewohnheitsrechtes von 1204- 121 5, welche 
bis dahin völlig unverständlich schienen, und auf welche im Ein- 
zelnen zurückzukommen sein wird. 

Die Bestimmungen dieser Gesetze fallen nicht genau unter die 
von Oluffsen gegebenen Gesichtspunkte. Sie behandeln vielmehr un- 
zweifelhaft uralte agrarische Vorkommnisse, welche bei der Samm- 
lung dieser Vorschriften in fester herkömmlicher Uebung standen. 
(»Heilbar hatten auch die Gesetzgeber nicht in Absicht, noch nöthig, 
über die allgemein bekannte und verbreitete Agrarverfassung, auf 
die sich ihre Aussprüche beziehen, eine nähere Erklärung zu geben. 
Die Festsetzungen bestimmen nur kasuistisch einzelne Punkte, welche 
häufiger streitig geworden sein mochten. Aber sie ergeben hin- 
reichend deutlich, dass dieses Herkommen in der Grundidee und in 
allen wesentlichen Punkten der Ausführung mit der von Oluffsen 
entwickelten Dorfverfassung übereingestimmt haben muss. 



') Agrarhist. Unts. I, 41 a. 

2 ) Nur bildet die gleiche Reihenfolge in jedem Gewann die Ausnahme, in der 
Regel ist die Untertheilnng jedes Gewannes besonders ausgelost. 



24 4. Begründung der Agrargeschichte auf 

Gleich bedeutsam gaben diese mit thatsächlicher Bestimmtheit 
festgestellten agrarischen Einrichtungen eine nahe Anknüpfung an 
die leider sehr kurzen und vieldeutigen Aeusserungen des Caesar und 
Tacitua über die Siedelung und den Ackerbau der Germanen. 

Diese Uebereinstimmung der Grundgedanken erörterte eingehend 
G. Hanssen, der die Oluffsen'schen Entdeckungen zuerst allgemeiner 
in die wissenschaftliche Welt einführte. Er fand dieselben wie einen 
vergrabenen Schatz und bereicherte sie mit allen historischen und 
literarischen Beziehungen, die ihm damals zu Gebot standen. So 
liegen sie als »Ansichten über das Agrarwesen der Vorzeit« in zwei 
Abhandlungen in Falk's Neuem Staatsbürgerlichem Magazin, Bd. III 
1835 und Bd. IV 1837, und neuerdings in den Agrarhistorischen 
Untersuchungen Bd. I vor. 

Sie wurden von Hanssen mit der sehr merkwürdigen Erschei- 
nung der sogenannten Gehüferschaften im Trierschen und auf 
Eifel und Hunsrück in Verbindung gebracht. Hanssen stellte zu- 
nächst aus Schriften von Schwerz und von v. Briesen, dann durch 
direkte Ermittelungen bei den im Verwaltungsdienst mit den Ge- 
höferschaften beschäftigten Landeskultur- und Forstbehörden, fest, dass 
hier in zahlreichen Dorffluren umfangreiche Landflächen bestanden, 
welche seit alter Zeit bis auf die Gegenwart periodisch jedes 3., 6. oder 
12. Jahr neu in Gewanne eingetheilt und innerhalb jedes Gewannes 
an die berechtigten Stellen in bestimmten, den Anrechten verhält- 
nissmässigen Antheilen nach Massgabe des Looses zum Anbau zu- 
gewiesen wurden. Es waren dies zum Theil Lohhecken und Zwischen- 
nutzungen im Niederwald, vielfach aber auch dauernde Aecker und 
Wiesen, und es fanden sich Dörfer, in welchen fast alles Kultur- 
land diesem Wechsel durch periodische Verloosung unterlag. 

Er war durchaus berechtigt, in dieser alterthümlichen , durch 
Jahrhunderte fortgesetzten Praxis der Gewanneintheilung die letzten 
Reste der ursprünglichen Verfassung der in Gewannen angelegten 
Dorffluren überhaupt zu erblicken. Sie erschienen nicht allein als 
deutliche Beispiele zu des Tacitus: agri pro numero eultorum ab 
universis in vices oecupantur, quos mox inter se seeundum dignitatem 
partiuntur. Es lag auch nahe, mit ihnen als nähere Erklärung oder als 
den verständlichsten früheren Zustand die Angabe Cäsars über die 
Sueven: privati ac separati agri apud eos nihil est, neque longius 
anno remanere uno in loco incolendi causa licet, sowie die ähnliche 
über die Germanen (b. g. VI, 22) zu verknüpfen. Damit war also 
das Bild und der praktische Inhalt für die weitere Vorstellung und 



die Anschauung der Siedelungsformen. 25 

den Schluss gewonnen, dass Bich bei den Germanen das private Grund- 
eigentum) erst allmahlig aus dem Gemeineigenthum grösserer p<» 
litischer Verbände, Verwandtschaften oder Markgenossenschaften und 

aus den an die Einzelnen ursprünglich nur auf Zeit zur Nutzung 
vertheilten Ländereien entwickelt hahe. 

Diese Auffassung fand sehr bald in A. v. Haxthausen neue 
Unterstützung. Haxthausen hatte anscheinend unabhängig von OlufFsen 
auch in Beiner Heimath die entsprechenden Hauptgedanken der Hufen 
und Gewann Verfassung aufgefunden und 1829 in der Schrift: 
»Ueber die Agrarverfassung in dem Fürstenthum Paderborn und 
Corvey« ausgesprochen. Zu einer Reise durch Russland berufen, 
veröffentlichte er als Resultat drei Bände »Studien über Russland 
(Berlin 1847 — 52). Die russische weit verbreitete Gemeinde \'cr 
fassung des Mir, die er vorfand und zuerst bekannt machte, 
stimmte mit den Gehöferschaften sowohl in der Gewanneintheilung 
als in den periodischen Ausloosungen überein, beruhte auf anerkanntem 
Gemeineigenthum und wurde von den Russen für die urslawische 
Volkssitte erklärt. 

In überraschender Weise gelang es dann W. Rosche'r aus ver- 
schiedenen Ländern der Welt, aus Russland, Polen und der Balkan- 
halbinsel, aus Schottland, Irland und Sardinien, ebenso auch aus 
China, Afghanistan und Indien, und selbst von den amerikanischen 
Indianern und aus dem Inkareiche, Beispiele oder Anklänge 
ähnlicher Agrarverfassung zusammenzutragen. Er erklärte sie 1859 
in seinem »System der Volkswirtschaft«, für ein allgemeines 
soziales Prinzip, für eine Kulturstufe zwischen dem Nomaden- 
thum und der festen Siedelung zu Privateigenthum , welche wahr- 
scheinlich von den meisten Völkern durchlaufen worden sei, bei 
dem einen aber schnell und spurlos vorübergegangen, bei dem 
anderen dagegen durch Charaktereigenthümlichkeiten, Abgeschieden- 
heit und besondere Lebensbedingungen lange erhalten geblieben 
sein könne. 

Dadurch wurde dieser Gedanke auch für die Auffassung der 
deutschen Vorzeit zur allgemeinen Ueberzeugung , obwohl G. Waitz 
in seiner Untersuchung »über die altdeutsche Hufe« 1854 zeigte, 
dass, soweit als Urkunden zurückreichen, sich bei den Deutschen 
das private Grundeigenthum in Geltung findet. 

Von einer anderen Seite knüpfte Victor Jacobi an das that- 
sächliche Bild, das die Flurkarten der Gegenwart von dem Zu- 



26 4. Begründang der Agrargeschichte auf 

stände der Dörfer geben, zur geschichtlichen Erläuterung der Be- 
siedelung und der Agrar Verfassung an. In den »Forschungen über 
das Agrarwesen des altenburgischen Osterlandes« (1845) zog er vor 
allem die Beziehung der Art der Dorfanlage zu der Abstammung 
ihrer Bewohner in Betracht. Mit glücklichem Takte fand er die 
charakteristischen nationalen Unterschiede der Lage der Gehöfte im 
Dorfe auf. Er wiess den ursprünglich von den Slawen gewählten 
sehr regelmässigen, entweder fächerförmigen, fast kreisrunden, oder 
Btrassenförmigen Plan für die gegenseitige Stellung aller Gehöfte und 
Hausgärten in der Dorf läge nach, und stellte ihn den bei den 
Deutschen üblichen Anlagen gegenüber. An letzteren unterschied 
er den unregelmässigen, haufenartigen Zusammenschluss des Dorfes, 
und die weite, meist durch die ganze Flur ausgedehnte Reihe, 
in welcher die Höfe fast vereinzelt stehen. Er wiess auch darauf 
hin, dass solche Reihendörfer der vorschreitenden Rodung und Ko- 
lonisation des Berg- und Hügellandes angehören, und dass bei ihnen 
vom Gehöft aus das gesammte Land der Hufe am Thalhang aufwärts 
bis zu der meist auf der Wasserscheide laufenden Flurgrenze in einem 
einzigen geschlossenen Streifen zusammenliegt, so dass sie den 
Charakter der Einzelhöfe haben, während sich mit der haufen- 
förmigen und der slawischen Gestalt der Dorflage in der Regel die 
Flureintheilung in Gewannen verbunden findet. 

Diesen Ermittelungen fügte Georg Landau in den »Territorien« 
(1854) seine Beobachtungen über die besondere Anlageform der 
Dörfer in den Marschen hinzu, deren Ländereien in der Regel in 
sehr lange, genau parallele und nur ruthenbreite auf beiden 
Seiten von tiefen Gräben eingefasste Streifen getheilt sind, von 
denen eine gewisse Zahl zu einem Hofe gehört. Die Gehöfte sind 
am Kopf der Streifen auf oder nahe dem Deiche, der die Marschen 
schützen muss, erbaut. Auch machte er zuerst auf Hufenbestand 
bei ganz unregelmässiger Lage der einzelnen Grundstücke aufmerk- 
sam. Alle bis dahin beschriebenen Dorfanlagen unterschied Landau in 
fünf Arten von Hufen, 1. den westfälischen Einzelhof, 2. die Königs- 
hufe, unter welcher er die gedachten deutschen Gebirgsdörfer ver- 
stand, und zu der er auch die Marschhufe zieht, 3. eine Hufenart, 
welche nur drei Stücke je eins in einem Felde besitzt, 4. die Hufe, 
deren Land gewannförmig aufgetheilt ist, endlich 5. diejenige Hufen- 
anlage, bei der die Hufengrösse nur durch das Mass bestimmt ist, 
die Ländereien der verschiedenen Hufen aber in ganz ungeregelter 
planloser Weise durcheinander liegen. 



die Anschauung der Siedelungsformen. 27 

In neuerer Zeit hat Fr. Seebohm 1 ) eine sehr eingehende 
Untersuchung an die Flurkarte von Hitschin bei London geknüpft. 
An der Hand der in England in völlig beweisendem Zusammen- 
hange erhaltenen Zins- und Hufenregister verfolgt er die unveränderte 
Dauer der durch die Gewanneintheilung und die Acker- und Hufen- 
maasse der Karte charakterisirten bäuerlichen Zustände bis zurück auf 
Eduard III. und I. und weiter durch das Domesdaybook in die 
angelsächsische Zeit, zu den Urkunden und Gesetzen Ethelreds und 
Edgars, endlich auch bis zum Erzbischof Egbert und bis zu den ins 
7. Jahrhundert zurückreichenden, von König Alfred von neuem vi t 
öfifentlichten Gesetzen des Königs Ines. Dieser strenge Beweis des 
im wesentlichen gleichen Bestandes der Anlagen bis zurück auf die 
älteste Zeit ist ein sehr erwünschter wissenschaftlicher Gewinn. 

Aehnlich giebt Seebohm für die Siedelung und den Anbau der 
Kelten in Wales und Irland, indem er ebenfalls von der einzelnen 
Flurkarte ausgeht, ein bis dahin nicht gekanntes der Beurtheilung 
zugängliches Material. Er zeigt das Bild einiger der zahlreichen 
Townships oder Clanniederlassungen, in welche Irland getheilt war 
und zum Theil noch getheilt ist, beschreibt aus den reichen irischen 
Quellen ausführlich und anschaulich das Clanleben, und macht um- 
fassende Angaben über das keltische Agrarwesen, welches in den 
Bearbeitungen des irischen und wallisischen Rechtes hinreichend 
aufklärende Behandlung noch nicht gefunden hat. 

Auch H. Ranke vermochte die bayrischen Weiler Kreuz-Pullach, 
Oeden- Pullach und Daigstetten, südlich München, von der Kataster- 
karte aus bis ins 8. Jahrhundert und in die Zeitverhältnisse der 
Agilolfmger zur ückzu verfolgen. 

K. Lamprecht aber empfand für die Darstellung des mittelalter- 
lichen Wirtschaftslebens im Mosellande in gleichem Sinne das Bedürf- 
niss, seine auf die speziellsten Fragen der Topographie und Geschichte 
eingehenden Erörterungen der Agrarverfassung und des Landwirt- 
schaftsbetriebes nicht lediglich auf den Wortlaut der wenn auch 
sehr reich vorhandenen Urkunden zu begründen, sondern sie an 
die unmittelbar anschauliche Erläuterung durch die Katasterkarten 
aus den ersten Dezennien unseres Jahrhunderts anzuschliessen. Er 
führt den sichern Nachweis, dass die Entstehung der Gehöferschaften 
eine gutsherrliche und nicht früher als in das 12. Jahrhundert zu 



1 The Englisb rillage Community (London 1883). Uebers. von Th. v. Bunsen 
(Heidelberg 1885). 



28 5. Grundlagen und Ziele der Darstellung. 

setzen ist, und giebt Karten von Gewannfluren mit und ohne Ge- 
höferschafben. Auch zeigt er an Beispielen von Königshufen, die 
am Rhein unter sehr verschiedenen Gestalten auftreten, wie deutlich 
alle Hauptzüge der frühmittelalterlichen Anlage erhalten, und wie 
erkennbar und geringfügig die meist nur in Untertheilungen und 
Umtauschen bestehenden Veränderungen sind. 

Alle diese Forscher also stimmen darin überein, dass wir in 
den Hauptlinien der heutigen Ortslage und Grundstücksvertheilung 
innerhalb der Dorfschaften hinreichend sichere Anhaltspunkte für 
deren ursprünglichen Charakter besitzen. Jedes Dorf bildet einen 
lebenden Organismus, der zwar zunächst der Gegenwart genügen 
muss, der aber, ähnlich wie die Sprache, seine Grundlagen unter 
frühen, sehr ursprünglichen Beziehungen gewonnen hat, und be- 
merkenswerthe Züge dieses Ursprungs in sich bewahrt, für deren 
leichtes Verständniss es nur darauf ankommt, unser Auge zu schärfen. 

In der That wandeln wir in jedem Dorfe gewissermassen in den 
Ruinen der Vorzeit; und zwar in Ruinen, die an Alter die ro- 
mantischen Trümmer der mittelalterlichen Burgen und Stadtmauern 
weit hinter sich lassen. Bei jedem Schritt, überall in Hof und Feld 
können wir Spuren der ältesten Anlage begegnen, und das Karten- 
bild der Besitzungen ist eine eigenartige Schrift, die uns Ideen und 
Zwecke der Begründer wie in Hieroglyphen lesbar übermittelt. 



5. Grundlagen und Ziele der Darstellung. 

An dem Verlaufe der vorstehend besprochenen Untersuchungen 
hat sich auch der Verfasser der vorliegenden Darstellung 
seit mehreren Jahrzehnten, nicht ohne lebhaften persönlichen Verkehr 
mit den gleichzeitigen Trägern derselben, namentlich mit G. Hanssen, 
betheiligt. Auch er bemerkte ähnlich wie v. Haxthausen, die ent- 
scheidenden Eigenthümlichkeiten der Flureintheilung zunächst bei 
langjähriger Amtstätigkeit als Kommissar für gutsherrlich-bäuerliche 
Auseinandersetzungen und benutzte sie als Hülfsmittel bei den- 
selben. Abkommen, Vergleiche und Prozesstreitigkeiten Hessen sich 
um so leichter erledigen, je einfacher die Vorschläge an die her- 
kömmliche Hufen Verfassung anknüpften. Zu eingehenderen Studien 
standen ihm dann die Karten und Akten der General-Kommission 
für Schlesien und die Urkunden des Provinzialarchivs offen. Für 
die Einführung in die reichen schlesischen Urkundenschätze weiss 



5. Grundlagen und Ziele der Darstellung. 29 

er. sich der bereitwilligen Leitung W. Wattenbachs zu besonderem 
Danke verpflichtet. 

Das ErgebnißS der Vergleichung dieser Materialien ist der 
IV. Band des Codex diplomaticus Silesiae »Urkunden schlesischer 

Dörfer zur Geschichte der ländlichen Verhältnisse und der Flurein 
theilung Insbesondere« (Breslau 1863). Der Zweck der Bearbeitung 

war, an einzelnen Beispielen zu zeigen, mit welcher Spezialität und 
Sicherheil Anlage und Zustand der deutschen Kolonien im 13. Jahr- 
hundert nachgewiesen werden kann, und unter welchen hesonderen 
Gesichtspunkten und Einwirkungen sie zu Stande kamen. 

Schon bei dieser Darstellung ergab sich indess die Notwendig- 
keit einer umfassenderen Behandlung der Frage. Die Flur von 
Domnowitz war ohne Kenntniss südslawischer und älterer west- 
slawischer Zustände nicht zu beurtheilen. Die fränkischen Hufen 
von Schönbrunn wiesen auf frühere Vorgänge in Franken, die llämi 
sehen von Zedlitz auf solche in der Altmark und in den Bremischen 
Marsehen hin. Die Erklärung für Krampitz, Tschechnitz und 
Domslau aber forderte Verständniss der verschiedenen Stadien der 
Germanisirung des sächsischen und thüringischen Saalelandes bis 
zurück zu den urgermanischen Siedelungen in Hessen und an der 
Unter elbe. Weitere Blicke endlich nach Westfalen und dem Rhein 
waren nothwendig durch genügende Einsicht in keltisches und römi- 
sches Agrarwesen vorzubereiten. Ueberhaupt musste einleuchten, dass 
zwar bereits ein weiter Kreis interessanter Einzelheiten und Gesichts- 
punkte bekannt geworden ist, dass aber das eigentlich befriedigende 
Ziel dieser Untersuchungen nur in dem Gewinn des allgemeinen 
historischen und nationalen Zusammenhanges der verschiedenen 
agrarischen Erscheinungen gefunden werden kann. Dieser aber fordert 
als Voraussetzung eine umfassende, möglichst lückenlose, fast stati- 
stische Beobachtung und räumliche und zeitliche Sichtung aller der 
verschiedenen Besonderheiten der Besiedelung auf dem gesammten 
Gebiete unserer modernen Kulturstaaten. 

An dieser Aufgabe hat sich der Verfasser seit mehr als einem 
Vierteljahrhundert mit dem Bewusstsein versucht, dass sie für ihn 
nur in sehr bedingten Grenzen lösbar sein kann. Aber er hat sich 
gesagt, dass, wenn einmal die Hauptlinien des Gesammtbildes mit 
einer gewissen Evidenz gezogen sind, es der weiteren unentbehr- 
lichen Lokalforschung erheblich leichter und sicherer möglich werden 
werde, Irrthümer und Lücken zu berichtigen und zu ergänzen. Diese 
begründenden Hauptlinien festzulegen schien ihm nur aus einer 



30 5. Grundlagen und Ziele der Darstellung. 

und derselben Hand möglich. Er hat für dies sein Vorhaben auch 
immer wieder in dem ausnahmsweise günstigen Umstände eine Er- 
muthigung gefunden, dass es ihm in Verbindung mit dem Auftrage, 
den ■» Boden und die landwirtschaftlichen Verhältnisse des preussi- 
schen Staates in einem beschreibenden Werke darzustellen, ermöglicht 
war, alle preussischen Provinzen zu besuchen, und bei allen Behörden 
leichten und fördernden Eingang zu finden. Auch seine anderen Reisen 
im In- und Auslande sind benutzt worden, um Flur- und Kataster- 
karten, wo möglich im Zusammenhange grösserer Bezirke einzusehen, 
charakteristische Beispiele zu kopiren und die darüber sprechenden 
Register und Urkunden aufzusuchen und auszuziehen. Ueberall hat 
er bei den Kataster-, Finanz- und Landeskulturbehörden die ent- 
gegenkommendste Unterstützung gefunden, wie in Preussen, so auch 
in Lübeck, Eutin, Hamburg und Bremen, in Dresden, Koburg, 
München, Stuttgart, Karlsruhe, Darmstadt und Strassburg, und nicht 
weniger in Prag, Wien, Salzburg, Innsbruck und Zürich. Vielleicht 
ist für die, welche ähnliche Arbeiten vornehmen wollen, die Ver- 
sicherung besonders anregend und erfreulich, dass es wesentlich 
das an allen diesen Stellen leicht and schnell erwachende Interesse 
an der Sache selbst, und an den Aufschlüssen über die Natur der 
erfragten Erscheinungen war, welche ihm bei der Durchsicht einer 
nach und nach 10 000 erheblich übersteigenden Zahl von Flur- 
und Katasterkarten stets die freundlichste Aufnahme, bereitwillige 
Auskunft und mancherlei Hülfeleistung erfahren Hessen, für die er 
eine lebhafte, höchst angenehme und dankbare Erinnerung bewahrt. 
Auf diese Weise hat das hier veröffentlichte Kulturbild Gestalt 
gewonnen, dessen Ergebnisse inzwischen nur gelegentlich und den- 
noch in Einzelheiten verfrüht in kleineren Abhandlungen 1 ) des Ver- 



') Die Kulturzustände der Slawen in Schlesien vor der Kolonisation (Abh. d. 
Schles. Geselsch. für vaterl. Kultur. Phil.-histor. Abth. 1861, Heft II). — Ausbreitung 
der Deutschen in Deutschland und ihre Besiedelung der Slawengebiete (Conrad's Jahr- 
bücher für Nat.-Oek. u. Statist. Neue Folge Bd. I, Heft 1, Jena 1879). — Der älteste 
Anbau der Deutschen (Ebd. Bd. II, 1881). — Individualwirthschaft der Germanen 
(Ebd. Bd. VI, Heft 1, 1883). — Die deutschen Dörfer nach der Form ihrer Anlage und 
deren nationale Bedeutung (Zeitsch. d. Berl. Ges. für Anthropol., Ethnologie u. Ur- 
geschichte Jahrg. IV, 1872). — Landwirthschaft n. Theil in Schönberg's Hand- 
buch der politischen Oekonomie, II. u. III. Aufl., 1885 u. 1891. — Beobachtungen 
über Besiedelung, Hausbau und landwirtschaftliche Kultur, in A. KirchhofFs An- 
leitung zur Deutschen Landes- und Volkskunde, Stuttgart 1889. — Volkshufe und Königs- 
hufe in ihren alten Massverhätnissen, in der Festgabe für G. Hanssen, Tübingen 1889. — 
Artikel: Ansiedelung und Feldgemeinschaft im Handwörterbuch der Staatswissenschaften 



5. Grundlagen und Ziele der Darstellung. 31 

fassera benutzt worden sind. Auch jetzt erfolgt die abschliessende 
Darstellung nicht ohne ein gewisses Widerstreben. Es wäre offen- 
bar möglich, in manchem Punkte weiter zu gelangen, und manches 
hypothetisch Hingestellte zu entscheiden. Aber viele Jahre würden 
ihm dazu nicht mehr zu Gebote stehen, und die Hauptfragen dürften 
so weit beantwortet erseheinen, dass auch da, wo sichere Ergebnisse 
nicht erreicht werden konnten, gezeigt ist, welche Probleme bestehen, 
und auf welchen Wegen sieh ihre Losung hoffen lässt. 

Der Plan der Darstellung ist durch die Natur des Stoffes 
ebenso wie durch den Gang der Geschichte gegeben. 

Die Untersuchung musste sich auf den gesammten Umkreis unserer 
Kulturstaaten erstrecken. Dabei bedingte der nationale Charakter 
der Siedelung und die verschiedenartigen Uebereinanderschiebungen 
der volkstümlichen Siedelungsweisen die Gebiete der Beobachtung. 
Diese mussten bestimmt auseinandergehalten und in der Reihenfolge 
behandelt werden, in der jedes durch das vorhergehende Erläuterung 
findet. 

Die ursprünglich und ausschliesslich deutsch besiedelten und 
immer deutsch gebliebenen Landstriche waren deshalb zuerst ab- 
zugrenzen und in ihren Eigentümlichkeiten darzustellen. Dann war 
zu versuchen, ein Bild des un vermischt keltischen Agrarwesens zu 
gewinnen, um auf dieser Grundlage die Zustände derjenigen Gebiete 
vorzuführen, auf welchen die Berührung deutscher Agrarverfassung 
mit der keltischen ohne Dazwischenkunft römischer Landwirthschaft 
sich vermuthen lässt. Ebenso aber wurde erforderlich, die römischen 
Agrareinrichtungen an sich und in ihrem Einflüsse auf die keltischen 
zu beurtheilen und zu zeigen, wie weit die Deutschen auf dem kelto- 
romanischen Boden Veränderungen herbeigeführt haben. Ferner musste 
das Agrarwesen der Finnenstämme untersucht und die Kulturthätig- 
keit nachgewiesen werden, durch welche ihre Nordlande bewohnbar 
wurden. Endlich blieb die nationale Siedelung der am spätesten 
vordringenden Slawen zu schildern, sowie die Vorgänge, durch welche 
sie zum Theil von den Deutschen germanisirt wurden, und deren 
Kolonien bis tief nach Russland, Polen und Siebenbürgen ausge- 
breitet worden sind. 

Für alle diese Fragen boten die Wanderungen unserer Kultur- 
völker, namentlich die der einzelnen deutschen Stämme den haupt- 
sächlichsten historischen Anhalt, auf welchen die Darstellung als 

von Conrad etc. Jena. — Land und Leute der Saalegegenden in Zeitschrift d. Vereins 
für Volkskunde, H. II, Berlin 1891. 



32 5. Grundlagen und Ziele der Darstellung. 

Beweismittel Bezug zu nehmen hatte. Dies wäre ohne die maass- 
gebenden Forschungen, die wir Zeuss, Waitz und Müllenhoff ver- 
danken, unmöglich gewesen. Deren Arbeit habe ich mich nur bemüht, 
richtig zu benutzen, und dabei zu zeigen, was an der Hand solcher 
Grundlagen die Vergleichung der Ansiedelungen Eigentümliches zu 
lehren vermag. Die hauptsächlichsten Schriften meines unvergess- 
lichen Freundes Müllenhoff haben leider von ihm selbst nicht ab- 
schliessend beendet werden können, und die sehr dankenswerthe 
Bearbeitung und Veröffentlichung seines Nachlasses ist noch im 
Werden. Wenn ich mich deshalb auf seine Anschauungen ohne 
Angabe der veröffentlichten Quelle beziehe, so geschieht dies auf 
Grund häufiger und ausführlicher Unterredungen, die von ihm in 
seinen letzten Lebensjahren mit mir ausdrücklich für die Zwecke 
meiner Bearbeitung geführt worden sind. Wo ich diese Ueberliefe- 
rungen benutzt habe, kann ich versichern, dass ich seine mir aus- 
gesprochene und jedenfalls letzte Auffassung richtig wiedergebe. 1 ) 

Was ich anderen Bearbeitern einschlagender Fragen verdanke, 
ist überall in den betreffenden Abschnitten angegeben und nach dem 
Quellenverzeichniss aufzufinden. 

Der umfangreiche Stoff zerfällt seinem Inhalte nach in zwei Ab- 
theilungen. Die erste hat Siedelung und Agrarwesen der verschiedenen 
betheiligten Völkerstämme von ihrem ersten Auftreten auf den Gebieten 
Europas nördlich der Alpen an, während aller der Zeitläufe darzustellen, 
durch welche ihre örtlich und national bedingte Entwicklung den 
Charakter der im wesentlichen bäuerlichen Klein wir th schaff be- 
wahrte. 

Die zweite Abtheilung soll die deutsche Kolonisation des Ostens 
und die Umstände und weiteren Einflüsse zeigen, durch welche aus 
dieser der fabrikähnliche Grossbetrieb und die Fortschritte der 
modernen Landwirthschaft überhaupt mit ihren Aussichten für die 
Zukunft hervorgingen. 



') Insbesondere stand bei Müllenhoff als grundlegende Ueberzeugung fest, dass 
alle ingväonischen und istväonischen Stämme aus den herminonischen hervorgegangen 
und aus deren Gebieten fortgewandert sind, sowie dass Frisonofeld, Engili und Wareno- 
feld von der ältesten Zeit her und anscheinend noch lange im Besitze der alten 
friesischen, anglischen und warnischen Stammesgenossen waren, und für deren Ursprung 
dauernd sprechende Zeugnisse bleiben. 



IL Die nationalen Eigenthümlichkeiten der Siedelung 

der Germanen, 



I. Gebiet der volkstümlichen germanischen Siedelung. 

Wenn man sich die Frage stellt, wo und bei welchem Volke 
in Europa nördlich der Alpen mit Sicherheit alle Reste der ältesten 
festen Besiedelung, welche auf die Gegenwart gekommen sind, den 
ausschliesslichen Charakter eines bestimmten Volksthums an sieh 
tragen müssen, so kann mir an die Germanen gedacht werden. Sie 
allein besitzen Volksland, welches nie unter fremden Einiluss kam. 

Den gesammten keltischen und römischen Süden haben in der 
Völkerwanderung Ost- oder Westgermanen in Besitz genommen und 
sind, wenn auch zum Theil romanisirt, dessen Herren geblieben. Die 
brittischen Inseln eroberten allmählich Angelsachsen und Dänen. 
Kussland kam früh in die Hände der "Waräger, dann in die der 
Tataren. Lappen und Finnen wurden von den Skandinaven unter- 
worfen. Die Westslawen aber sind, wo sie nicht auf altem römi- 
schem Boden sitzen, seit dem Ausgang des Mittelalters überall tief- 
greifend von der deutschen Kolonisation erfasst worden. 

Daraus darf nicht gefolgert werden, dass durch den fremden 
Einfluss die ursprüngliche nationale Siedelung völlig vertilgt oder 
unerkennbar gemacht worden sei. Aber im einzelnen Falle muss 
stets in Frage kommen, wie weit sich dieselbe noch rein und un- 
berührt darstellt, und wie viel von den älteren Verhältnissen die 
Einwirkung der übereinandergeschobenen Kulturweisen mit ver- 
schiedener Wirthschaft und Lebensanschauung dem Auge der Gegen- 
wart noch übrig gelassen hat. 

Auch die germanischen Stämme sind zwar in ihrem ursprünglichen 
Länderbesitz zeitweise erheblich beschränkt worden, aber sie haben 

Mcitzen, Siedelung etc. I. Q 



34 II. 1. Gebiet der volksthümlichen germanischen Siegelung. 

noch heui bestimmte uralte Volksgebiete inne, welche sie selbst zu- 
erst besiedelten, und in welchen sich während des gesammten Laufes 
der Geschichte niemals eine andere Nation soweit festzusetzen ver- 
mochte, dass daraus eine Einwirkung auf die Gestaltung der An- 
siedelungen folgen konnte. 

Wo sich dieser nationale Boden abgrenzt, lässt sich aus be- 
kannten Ueberlieferungen und Vorgängen genügend beantworten. 

Tacitus, dem wir das erste geschlossene Bild der Ausdehnung 
Germaniens verdanken, standen hinreichend ausgiebige Nachrichten 
römischer Heerführer und in Rom lebender deutscher Grossen zu 
Gebote. Die Völkertafel, durch welche er die Geschichte des nörd- 
lichen Europas begründete, zeigt uns die damalige Verbreitung der 
Germanen vom Rhein und von der Donau bis zur Nordsee und 
Weichsel und jenseits der Ostsee bis zur Grenze der Finnen an 
der Dalelf. 

Dass aber anderthalb Jahrhunderte vorher das so begrenzte 
Gebiet noch nicht überall von Germanen bewohnt war, erweisen die 
Kriegsberichte Caesars, nach denen zu dieser Zeit das Land rechts 
des Rheins in den Gegenden der unteren Lippe, und nördlich der 
Donau bis zum Thüringer W T alde, noch in keltischem Besitz war. 
Dort lebten die Menapier, hier die Helvetier mit ihren Stammes- 
genossen schon seit lange in Ortschaften mit ausgebauten Gehöften. 
Somit bestand in ihren Landschaften bereits feste Besiedelung vor 
der deutschen Besitznahme. Gleichzeitig hatten die Bojer Böhmen inne. 

Wie weit die Ansiedelungen der Kelten ursprünglich vom 
Niederrhein nach Norden gereicht haben, darüber belehrt keine über- 
lieferte Nachricht. Die Sprachforschung erklärt aber, dass sämmt- 
liche rechtsseitige Nebengewässer des Rheins, ebenso die Ems und 
auch die Weser keltische Namen führen, die Weser allerdings nur 
einseitig, insofern Wirraha, Wiseraha die deutsche, Visurgis die kel- 
tische Bezeichnung ist. Auch soll Soest das keltische Susudata sein. 1 ) 
Unter diesen Umständen ist es ohne näheren Beweis unzulässig, 
links der unteren Weser als erste und ursprüngliche Besiedelung 
eine national deutsche vorauszusetzen, vielmehr muss die Möglich- 
keit und Wahrscheinlichkeit keltischen Einflusses vom Unterrhein 
bis zur Weser und von der oberen Donau bis zu den Abhängen des 
Thüringer Waldes, so weit ihn nicht Caesar als wilden und unzugäng- 
lichen heidnischen Wald bezeichnet, anerkannt werden. Für die 



') Müllenhoflf, Deutsches Alterthum Bd. II, S. 222. 



II. 1. Gebiel <1<t rolksthümlichen germanischen Siedelung. 35 

Untersuchung des rein deutschen Volksthums ist also die alte nörd- 
liche Grenze der Kelten längs der Weser, dem Osning und Rothhaar- 
gebirge, dem Wester wald, Taunus und den das rechte Ufer des Mains 
begleitenden Höhenzügen bis zum Fichtelgebirge, Erzgebirge und den 
►Sudeten zu ziehen, wie sie die Uebersichtskarte in der Einleitung 

dritten Bandes angiebt. 

Fast alle nordeuropäischen Kelten sind seit Caesar von den 
Römern unterworfen worden. Die Körner haben ihre Feldzüge 
auch bis tief nach Germanien ausgedehnt. Aber zu einer wirth- 
schaftlichen Besitznahme sind sie sowohl nördlich des Rheins als 
der Donau nur auf sehr geringen Strecken geschritten. 

Schon Tiberius, der als unbestritten meisterhafter Feldherr und 
ruhmreicher Sieger diesen Entschluss fassen konnte, gab es auf, erfolg- 
lose Schlachten mit den Deutschen zu schlagen. Er zog den Limes 
als Grenze des Römischen Reichs und überliess die jenseitigen 
deutschen Völker sich selbst. Dieser Limes, der Anfangs nur als 
eine bewachte Reichsgrenze bestand, wurde seit Domitian und Hadrian 
mit Befestigungen von Palisaden, Mauern, Wachtthürmen und Ka- 
stellen versehen. Sein Zug ist noch heut als Pfahlgraben in hin- 
reichend erhaltenen Resten erkennbar. Unterbrechungen der Linie 
lassen sich kaum denken. Man glaubt ihre Spuren von Emmerich 
in der Nähe des Drususkanals bis nach Wipperfürt gefunden zu 
haben, von da bis zur Wied fehlen sie noch. Von der Grenze Ober- 
germaniens am Rhein gegenüber dem Vinxtbach aus führt die Linie 
dagegen mit voller Deutlichkeit bis zur Donau. Sie zog sich, wie 
die Uebersichtskarte genauer verzeichnet, von Niederbieber längs der 
Höhen der rechtsrheinischen Berge bis nach dem Taunus, um- 
schloss in nördlichem Bogen die Ebene der Wetterau und erreichte 
den Main bei Krotzenberg. Vom Mainknie bei Miltenberg setzte sie 
sich südlich zur rhätischen Grenze im Remsthal und auf dessen 
Nordabhange östlich über Aalen und Gunzenhausen nach Pföring fort. 
Unterhall) Pföring galt bis Pannonien die Donau als Reichsgrenze. 

Im Schutze des Limes hatte sich eine gemischte Bevölkerung 
unter der Herrschaft und Verwaltung der Römer häuslich und land- 
wirtschaftlich eingerichtet. Er bildet also eine zweite bestimmte 
Grenzlinie, südlich welcher nicht bloss eine ursprünglich keltische 
Besiedelung zu vermuthen ist, sondern wir auch schon zu Caesars 
Zeit deutsche Einwanderer kennen lernen, und die Ansiedelungen 
beider Nationen überdies unter dem überlegenen Einflüsse der römi- 
schen Kultur gestanden haben. 



3(3 II. 1. Gebiet der volksthürnlichen germanischen Siedelung. 

Durch die Völkerwanderung wurde diese Südgrenze der zweifel- 
los volksmässigen deutschen Ansiedelungen nicht verändert. Deut- 
Bchei Anbau breitete sich erheblich weiter aus, aber überall wo 
sich die deutschen Schaaren im Römerreiche festsetzten, entsteht 
zunächst die Frage, ob sie arn einzelnen Orte Neues schufen, oder in 
wie weit die frühere keltische Besiedelung erhalten blieb, und ihre 
Einwirkungen für uns erkennbar sind. 

Dagegen wurden seit diesen Wanderungen die weiten östlichen 
Gebiete, welche die Ostgermanen verliessen, durch die mehr und 
mehr vorschreitenden Slawen besetzt. 

Seit uralter Zeit muss zwischen West- und Ostgermanen 
ein fester Grenzzug bestanden haben. Er ist in den römischen 
Nachrichten und im Terrain selbst deutlich ausgesprochen. Vom 
Ostseestrande westlich Rügens ist diese Völkerscheide längs der 
tiefen und zusammenhängenden Sümpfe an der Recknitz und Tollense, 
am Landgraben, der Ucker und der Randau bis zum Oderbruch zu 
suchen. Südlich des letzteren lag sie in den Heiden längs Neisse und 
Bober bis zum Riesengebirge, und weiter in den massigen Wald- 
gebirgen der Sudeten und Beskiden bis zu den Karparthen. Caesar 
erzählt, 1 ) die Sueven wurden auf der einen Seite von den Ubiern 
(am Rhein), auf der anderen von einer 120 Meilen langen und er- 
heblich breiten Einöde begrenzt, in deren Erhaltung sie ihren Stolz 
setzten. Die Länge der Grenze von der Ostsee bis zum Jablunka- 
pass stimmt genau, und ebenso die von Natur öde Beschaffenheit 
dieses Grenzgebietes. Nordöstlich desselben bis zur Weichsel wohnten 
die vandilischen Ostgermanen. Rugier, Helvaeonen, Burgunden, 
Silingen und Lugier folgten sich längs des Grenzzuges nach Osten, 
südwestlich dieser Hauptscheide sassen nur herminonische West- 
germanen, sämmtlich Stämme der Sueven. Schon der erste östliche Zug 
der suevischen Bastarnen um 182 v. Chr. erscheint nicht in Schlesien, 
sondern in Mähren und Ungarn. Ebenso gelangen die Kimbern von 
Westen her nach Böhmen, und werden hier von den Bojern nach 
Mähren abgewiesen. Beide westgermanischen Stämme konnten Böhmen 
am leichtesten längs des Oberlaufs der Spree und der Lausitzer Neisse 
erreichen. 

Auch von Osten her hat selbst in der Völkerwanderung diese 
Scheidelinie, wenigstens westlich der Oderquellen, nie ein ostgermani- 



') D. b. g. IV, 3. Publice maximam putant esse laudem, quam latissime a 
suis finibus vacare agros. . . . Itaque una ex parte a Suebis cireitcr millia passuum 
sexcenta agri vacare dieuntur. Ad alteram partem succedunt Ubii. Vergl. VI, 23. 



TT. 1. Gebiel der volkethümlichen germaniBchen Siedelung. 37 

sches Volk durchbrochen, obwohl hier der nächste und natürlichste 
Weg nach Westen gelegen hätte. Die ersten, welche aus dem Osten 
den Stoss gegen sie wagten, scheinen die Hunnen Attilas gewesen 

zu sein. Dass ihre Züge nicht lediglich die Donau entlang, sondern 
auch durch Schlesien, Sachsen und Thüringen gingen, überliefern 
allerdings nur Sagen. Aber deren Angaben stehen, wie sich zeigen 
wird, mit den sonstigen historischen Nachrichten und mit den 
geographischen Bedingungen in gutem Einklang. 

Jedenfalls stand hier bald darauf den Slawen die Pforte nach 
Mitteldeutschland offen. Sic drangen aus den verlassenen Gebieten 
der Vandilier schon im (i. Jahrhundert mit ihren Ansiedlungen, an- 
fänglich wie es scheint friedlich, in die Eibebenen nach Böhmen 
und nach Thüringen ein. Seit 600 wurden sie gefürchtete Feinde, 
die in weiten Raubzügen tief nach der Weser und selbst bis an den 
Rhein schweiften und in kurzer Zeit nicht allein Thüringen bis zur 
Saale und Oberfranken, sondern auch alle rechtselbischen Gebiete 
bis nach Wagrien besetzten und in ihrer eigentümlichen nationalen 
Weise besiedelten. 

Karl der Grosse, der ihnen noch während der Sachsenkriege 
Land an der Unterelbe einräumte, setzte ihrem Vordringen zwar 
durch die ruhmreichen Awarenfeldzüge 791 — 796 ein Ziel. Nachdem 
er aber 804 auch die Sachsenkriege beendet, beschloss er ähnlich 
wie Tiberius die Kämpfe durch eine feste Scheidelinie zu beruhigen. 

Er zog 805 den limes sorabicus, welcher feststellt, dass da- 
mals die deutsche Grenze kaum die Hälfte des heutigen deutschen 
Reiches auf deutscher Seite Hess. Diese Linie führte von Lorch 
bei Linz längs der Donau aufwärts bis Regensburg, von da zur Reg- 
nitz nach Bremberg (bei Nürnberg), nach Forchheim und Bamberg, 
dann über den noch 1080 als ungeheure Einöde 1 ) bezeichneten Franken- 
wald nach Erfurt und die Saale entlang nach Naumburg, Merseburg, 
einem unbekannten, bei Gifhorn, Brohmte oder Wittingen belegenen 
Grenzorte Chesla und nach Bardowiek an der Ilmenau. Von hier 
wurde 808 eine weitere bewachte Grenze über Lauenburg längs der 
Delvenau nach der Trawe und über Plön an der Swentine nach der 
Kieler Bucht gezogen. 

Nordlich Kiel ist damit im Dänisch -Wohld und in Angeln 
das damals west- und ostgermanisch gemischte Gebiet erreicht, 
welches sich, wie es scheint, über die eimbrische Halbinsel und die 



') Fumlatio Brunwilar. coen. c. 25 Mon. Germ. SS. XII, 137. 



[Jg TT. 1. Gebiet der volksthümlichen germanischen SiedeTung. 

Südküste Norwegens bis an die Nordgrenze des Bergenstiftes erstreckt. 
Die ursprünglich und ausschliesslich ostgermanische Besiedelung 
aber hatte sich über die dänischen Inseln und den ganzen Süden 
von Schweden, längs der Küste von Goethaborg bis weit über das 
Christianiastift, in den Landschaften der Ostküste bis zur Dalelf, 
im Innern aber bis jenseits des Wenersees, verbreitet. Norrköping 
gilt als die letzte Grenze von Ostro-Gothland und Götarike. Daran 
schliesst sich im Norden Suearike, das Land der Taciteischen Sueonen, 
welches über Upsala hinaus bis in die offenen Lagen von Dalekarlien 
anzunehmen ist. 

Wie weit die Germanen früher oder später finnische Gebiete 
besetzt haben, kommt deshalb wenig in Betracht, weil sich nirgends 
in Skandinavien eine bleibende Spur finnischen Anbaues muthmassen 
lässt. Nur in Upland, das Tacitus schon im Besitz der Sueonen 
kennt, scheint vorher eine gewisse finnische Staatsentwickelung be- 
standen zu haben. Wo Finnen noch in geschichtlicher Zeit südlicher 
bekannt sind, wie in Wermeland und vielleicht in Smaland, lebten 
• sie als kulturlose Jäger und Nomaden in Waldöden. Als solche 
werden sie auch an der Küste des Bottnischen Meerbusens immer 
weiter nach Norden gedrängt. 

Für die Vergleichung der verschiedenen Siedelungsformen lässt 
sich versuchen, diese Abgrenzung des ursprünglichen, stets ungestört 
gebliebenen germanischen Gebietes örtlich bestimmter festzustellen. 
Neben anderen Nachrichten geben namentlich die karolingischen 
Gauabgrenzungen 1 ) Anhaltspunkte, welche für diese Betrachtung 
hinreichen können, weil dieselben ihrem Wesen und Zwecke nach vor 
allem die alten Völkerscheiden festhielten. 

Geht man also von den Gestaden der eimbrischen Halbinsel 
aus, so sprach dieselben schon Pytheas den germanischen Guttonen 
zu, und um 4 v. Chr. bekundeten die Flotten des Augustus auch 
östlich des Skagerraks bis zu den dänischen Inseln die Bewohner als 
Deutsche. Die Eibmündungen waren nach Plinius bis in die 
Wesermarschen hinein von Chauken bewohnt, an sie grenzten west- 
lich damals schon die Friesen. Die Wesermündung lag mit dem 
Hauptstrom oder wenigstens mit einem Arme in der Jade. Von 
Bremen aufwärts hatte der Stromlauf seine heutige Lage. Er darf 
bis in die Nähe von Rinteln als alte Keltengrenze vermutbet werden. 
Südlich der Porta lag rechts vom Stromknie das Schlachtfeld von 



') K. Spruner, histor. geograph. Handatlas, beärb. v. Th. Mcnke 1880. 



Tl. 1. Gebiet der volkstümlichen germanischen Siedelung. 39 

Idistavisus schon auf cheruskischem Gebiete. Von hier ist die 
Volksscheide der Istvaeonen, wie noch die heutige von Lippe-Det- 
mold, auf den Westgrenzen der Gaue Waizagawi, Netga und Nithersi, 

nach Süden über den Kamm des Osning und weiter auf dein soge- 
nannten Walde zur Egge und dem Sintt'elde und Matfelde Qach dem 
Winterberge bei Brilon zu ziehen. Wie weit sie auch den Pather- 
gau bis gegen Lippstadt umfasste, bleibt zu erörtern. Vom Winter- 
berg und Astenberg darf man die Linie längs der Höhe des Roth- 
haargebirges zum Giebelwalde, westlich Siegen, und zur Sieg bei 
Scheuerfeld fortführen. Von diesem altbekannten Punkte aus läuft sie 
dann der grossen Nister entlang auf den alten Grenzen des Chattcn- 
landes und umschliesst die Höhe des Westerwaldes ungefähr im 
Laufe der Wied, bis sie an dieser den noch nicht näher festgestellten 
Zug des limcs Romanus anscheinend bei Altenwied begegnet. Weiter 
folgt sie, wie gezeigt, den noch heut überall erkennbaren Spuren des 
Pfahlgrabens über Ems und Kernel längs der Höhe des Taunus 
nach Grüningen bei Giessen, und wendet sich mit ihm über Arns- 
burg und Altenstadt nach Gross-Krotzenberg zum Main. 

Im Maingebiet darf des gebirgigen rechten Ufers wegen der Strom- 
lauf aufwärts bis nahe Bamberg als alte Keltengrenze angesehen 
worden. An der Grenze des Hasagaues und Grabfeldes aber wird 
die erst ein halbes Jahrtausend später gewonnene Grenzmark der 
Slawen erreicht. 

Die Slawengrenze lässt sich mit genügender Sicherheit vom Main 
aus die Itz aufwärts bis nahe ihrer Quelle am Blessberg zur dürren 
Fichte und dem Rennsteige verfolgen, auf welchem sie östlich 
bis ungefähr zum Brandberge zu ziehen ist. Hier auf der Höhe 
wendet sie sich nordwestlich über die Grenzberge der Gaue Langwizi 
und Hositin, den Burzelberg, Frankenberg und das Schöne Feld nach 
Rudolstadt zur Saale. 1 ) Von diesem Punkte ab liegt sie dann bis 
weit nach Norden ohne Unterbrechung in den Flussläufen der Saale, 
Elbe und Ohre und führt über den Drömling und auf der Ostgrenze 
des Bardengaus 2 ) längs der rechtsseitigen Wasserscheiden der Ilmenau 
durch die Göhrde zur Elbe bei Bleckede. Jenseits der Elbe folgt 
sie, die Delvenau aufwärts, der Linie des Limes von Hornbeck 
westlich zur Bille gegen Trittau, von da nördlich nach Nesenberg 



') Erst Königin Richenza gründete 1057 das Kloster Salfeld, und noch um 1080 
sagt Marianus Scottus: in regione Slavorum in loco, qui dicitur Salepheld. Ebenso 
Lambert von Hcrsfeld (Mon. Hist. Germ. V, p. 451 u. 238). 

2 ) Vergl. Anlage 20 in Bd. III. 



40 II- I- Gebiet der volksthümlichen germanischen Siedelung. 

an der Trave und weiter über Segeberg zum Plünersee, aus diesem 
aber längs des Swentinethals zur Kieler Föhrde. 

Dieser in Deutschland zwischen Weser, Taunus, Saale und Königs- 
ane belegene südliche Theil des germanischen Volksgebietes ist ziem- 
lich beschränkt. Dasselbe erweitert sich aber dadurch erheblich, dass 
ihm ganz Dänemark und die südliche Hälfte Schwedens mit einem 
Theile Norwegens ebenfalls angehören. 

Die Dänen werden zuerst 512 von Procop (II, 15) bei Ge- 
legenheit des Zuges der Heruler nach der cimbrischen Halbinsel als 
dort wohnhaft, aber als von den Inseln oder vielleicht aus Schonen 
herübergekommen genannt. 

Die südlichen Völker Skandinaviens unterscheidet Ptolemaeus 1 ) 
genauer. Er nennt die einzelnen Stämme der Chaideinoi gegen 
Abend, Phauonoi und Phiraisoi gegen Morgen, Gautoi und Dauciones 
gegen Süden und die Leuonoi in der Mitte. Alle sind ihm Ger- 
manen, ob aber die Orientirung richtig und ob nicht die gegen 
Morgen genannten die nördlichen Finnen sind, ist nicht zu ent- 
scheiden. Nach Jornandes und Procop nahmen die Gothen bereits 
früh Westro- und Ostrogothland ein, und die Leuones oder Liothiod 
stellen sich als die nördlich von ihnen den Mailarsee umwohnenden 
eigentlichen Schweden heraus. Der alte bis ins 2. Jahrhundert zu- 
rückgehende Sagenkreis der Heiligthümer von Sigtuna und Upsala, 
sowie die Namen Süder- und Westermanlancl lokalisiren sie dort 
genauer. 

Was die Finnen betrifft, so kennt Tacitus nördlich von den 
Suionen die von einem Weibe regierten Sitonen. Es ist unbestritten, 
dass dies die Kwänen, Kajanen, Kajanalaiset, Niederungsfinnen sind, 
deren Benennung sich im deutschen Munde in Quino, Queene, Weib, 
verkehrte. Westlich derselben in den Gebirgen werden die Skride- 
finnen genannt, deren Namen von Skri der Gleit- oder Schneeschuh 
hergeleitet wird. Nördlicher folgen die Terfinnen oder Holzfinnen, 
endlich die Lappen oder Tröllar, welche sich selbst Same, Samalad 
nennen und als Lappir zuerst bei Saxo Grammaticus erwähnt werden. 
Finnheidi in Smaland und Finskog und Finnsiö in Upland sind 
Erinnerungen an die Ausbreitung des Volkes vor der germanischen Zeit, 
und an letzte Zufluchtsorte der finnischen Bevölkerungsreste. 

Norwegen ist sehr viel schwerer zugänglich als Schweden, in- 
dess sind auch seine Südgestade und mehrere der südwestlichen 



! ) Zeuss, Die Deutschen und ihre Nachbarn, 1837, S. 157, Anm. 



II. 1. Gebiet der volkstümlichen germanischen Siedelung. 41 

Tfaäler schon früh von Germanen besetzt worden. Es findet sich 
liier Rogaland von den Rygir, Rugi, und Hördar am Ilardangeiiiord 
von den Harnden besiedelt. Bei Arendal scheidet sich noch heut 
westlich ein weicherer, östlich ein härterer Dialekt. Die Bewohnimg 
von Drontheim und Nordland führt die Sage mindestens in das 
4. Jahrhundert zurück, und Others Bericht an König Alfred kennt 
die Finnen nur noch im Besitz von Halogaland nördlich Drontheim. 

Eine Anzahl der durch die Natur des Landes weit getrennten 
einzelnen normannischen Häuptlinge vereinigte zuerst um 600 der 
Schwede Olaf Trätelgja (Holzaxt). Er gründete den Sitz seiner Herr- 
schaft in Skiringssal in der jetzigen Landgemeinde Tjödling östlich 
von Laurvik an der Mündung des Christianiafjords. Da er Schweden 
als Flüchtling verliess, liegt nahe, an die ostgermanischen Skiringe 
von der Südküste der Ostsee, als seine Beschützer oder Begleiter zu 
denken. Wie weit seine Macht und die seiner Nachfolger gereicht, 
ist zweifelhaft. Bestimmt als Beherrscher des ganzen Landes lässt 
sich erst Halfdans des Schwarzen Sohn Harald Harfagar erkennen, 
welcher den Widerstand aller kleinen Könige brach, und aus Nor- 
wegen 875 einen Lehnsstaat schuf. Damit veranlasste er die massen- 
hafte Auswanderung der Widerstrebenden theils nach dem südlichen 
Europa, theils nach Irland, der Insel Man,- den Orkneys und nach 
Island und Grönland. 

Ilakon I. eroberte um 950 Wermeland, Jemtland und Helsing- 
land. In das nach dem Weenersee offene Wermeland, Nordhelsing- 
land und Medelpad waren aber bereits seit lange vereinzelte schwe- 
dische Niederlassungen eingedrungen, welche der norwegischen 
Herrschaft nach einigen Jahrzehnten in diesen Gebieten ein Ende 
machten. Dadurch wurden indess die Queenen und Skridefinnen nicht 
als Unterworfene ansässig, sondern wichen als gefürchtete Räuber 
von unerreichbarer Schnelligkeit nach Norden in immer unwirk- 
lichere Gegenden aus. 1 ) 

Die Grenze für Skandinavien, innerhalb welcher die Siede- 
lungen als ursprünglich und dauernd germanisch zu betrachten sind, 
ist also von der Kieler Bucht östlich durch den Fehmarn-Belt so 
zu ziehen, dass sie Fehmarn nach Süden ausschliesst, dagegen alle 
dänischen Inseln und auch weiter in der Ostsee Bornholm, sowie die 
schwedischen Inseln Oeland und Gothland einschließet. Die Alands- 
inseln dagegen bleiben ihr östlich, und sie erreicht die Küste des 



*) Müllenhoff, Deutsches Alterthura, Bd. II, 58 ff. 86. 



42 II- 1« Gebiet der volkstümlichen germanischen Siegelung. 

Festlandes wieder an der Mündung der Dalelf. Diese begleitet sie 
bis Avesta aufwärts und läuft dann über die Wasserscheiden des 
Mälar und Iljelmarsees zum Wecnersee. Von diesem aus aber muss 
Bie die höheren Gebirge von Wermeland ausschliessen, und etwa 
auf der schwedisch -norwegischen Grenze längs den Abhängen der 
Berge um den Christianiafjord so gelegt werden, dass sie das Küsten- 
land von Christiansand, Mandal und Lister, sowie Stavanger und 
das Bergenstift noch umfasst und von da aus an Skagen wieder 
anschliesst. 

Auch ausserhalb dieses nördlichen Gebietes dehnt sich ger- 
manisches Kolonialland noch weit aus. Die Besiedelung desselben 
ist aber nur in Wald- und Bergeinöden allmählich eingedrungen und 
war von der besonderen Natur der Oertlichkeit abhängig. 

2. Die germanischen Ansiedelungen nach Gestalt und Grösse. 

Die Sicherheit, innerhalb bekannter Grenzen, zwischen Weser 
im Westen und Saale im Osten und zwischen Taunus im Süden 
und Dalelf im Norden, nur Ansiedelungen rein germanischen Cha- 
rakters zu finden, scheint gleichw r ohl dessen Erkennbarkeit nicht hin- 
reichend zu gewährleisten. Wenn man auch die Vermuthung gelten 
lässt, dass bei den aus der ältesten Zeit herstammenden ländlichen 
Wohnplätzen wesentliche Züge der ursprünglichen Anlage bis heut 
erhalten geblieben sind, müssen doch auf dem ausgedehnten Gebiete 
im Laufe der Zeit mit steigender Volksmenge und zunehmender 
Kultur zahlreiche Ortschaften die Lücken der ältesten Siedelung ge- 
füllt haben, und es Hesse sich denken, dass die typisch überein- 
stimmenden Erscheinungen, auf welche die Beobachtung gerichtet 
werden muss, vorzugsweise den in jüngeren Zeitläufen begründeten 
Ortschaften, und den von ihnen aus verbreiteten Sitten und Bedürf- 
nissen angehörten, so dass hinter ihrem Eindrucke die älteren An- 
lagen und ihre Besonderheiten dem Ueberblicke entgehen könnten. 

Eine solche Unterscheidung der älteren von den jüngeren Ansiede- 
lungen begegnet indess erheblichen Schwierigkeiten. 

Viele in der neueren Zeit entstandene Wohnplätze und Ort- 
schaften sind allerdings bekannt und leicht auszusondern. Alle An- 
lagen des modernen Verkehrs, alle Fabrikanlagen, Bergwerke, Gast- 
höfe, Mühlen, Forsthäuser, Gutsvorwerke, scheiden ohne weiteres aus 
der Betrachtung aus. Ebenso ist von den Städten abzusehen. Es 
giebt auch eine Anzahl ländlicher Orte, deren Begründung in der 



IT. 2. T>ir germanischen Ansiedelungen nach Gestall und Grösse. 43 

Neuzeit oder im Bpäten Mittelalter bestimmt beglaubig ist. Dahin 
gehören die erst Beil L720 beginnenden Veenkolonien, und die o. 8. 26 
gedachten im weiteren Znsammenhange näher zu behandelnden 
Marsch- and Waldhufen. Diesen <lr<*i jüngeren Arten von Dorfanlagen 
ist als besondere und ausschliessliche Eigentümlichkeit gemeinsam, 
dass ihre Gehöfte sich in langer Reihe über den grössten Theil der 
Gemarkung hinziehen, so dass sie sich auf jeder grossen Karte deut- 
lich hervorheben. 

A.ber diese neueren Ortschaften treten völlig gegen die grosse 
Zahl der älteren zurück, über deren Entstehung kein unmittelbarer 
Schluss möglich ist. Zeitangaben über die Begründung von Ort- 
schaften linden sich für das Volksgehiet überhaupt sehr spärlich und 
Bpät. Aus der Karolingerzeit sind meist nur Erwähnungen bc- 
stehender Orte bekannt, Leider aber erweisen sich auch die Haupt- 
quellen, welche für die topographische Fixirung dieser Erwähnungen zu 
benutzen wären, durch die Art ihrer Erhaltung sehr getrübt, weil von 
den Corvcyischen und Fuldischen Traditionen nur geringe Fragmente 
der alten Originalurkunden erhalten sind. Die späten und meist 
nur auszugsweisen Abschriften machen wegen der unsicheren Schreib- 
weise der Namen und wegen der mangelhaften Angabe der näheren 
Umstände die sichere Beziehung der Orte auf gegenwärtig be- 
stehende nur selten möglich. Wo diese Feststellung aber auch hin- 
reichend gelingt, vermag sie nicht zu erweisen, in welcher Zeit und 
unter welchen Verhältnissen die Gründungen zu denken sind. 

Deshalb hat die Forschung über die Geschichte der Orts- 
benennungen grossen "Werth. Sie stellt nicht allein die zweifelhaften 
Namen sprachlich richtig und erläutert ihre Bedeutung, sondern es ist 
ihr auch gelungen, Anhaltspunkte für die Sitten zu gewinnen, welche 
in den aufeinanderfolgenden Zeiten, und unter den sich allmählich 
verändernden wirthschaftlichen Zuständen in Betreff der Namen- 
gebung bei Ortsgründungen geherrscht haben. 

Es ist wesentlich das Verdienst W. Arnolds 1 ) gerade aus Be- 
obachtungen in Hessen, auf dem Gebiete der zweifellos volksthümlichen 
Siedelung, Grundsätze für die Beurtheilung der Namen aufgestellt 
zu haben, welche als ein dauerndes Hülfsmittel für die geschichtliche 
Betrachtung gelten dürfen. 



! ) Ansiedelungen unil Wanderungen deutscher Stämme. Marburg 1875, S. 425. 
— Die Ortsnamen als Geschiehtsimelle, in den Studien zur deutschen Kulturgeschichte. 
Stuttgart 1882, S. 28. Vergl. E. Fürstemann, Altdeutsches Namenbuch B. 2. Orts- 
namen 1871. 



44 n. 2. Die germanischen Ansiedelungen nach Gestalt und Grösse. 

Er erklärt, dass Ortsnamen, welche der Urzeit angehören, sich 
nieist in offenen fruchtbaren Flussniederungen linden und sich be- 
sonders auf die Oertlichkeit beziehen, dass dagegen Namen, welche 
aus der Zeit der lebhaften späteren, schon tiefer in ungünstiges 
Land eindringenden Kolonisation des 7. bis 8. Jahrhunderts stammen, 
meist von Personen- oder Geschlechternamen hergenommen wurden 
und Bezeichnungen enthalten, welche sich auf Ansiedelungen in 
festen Wohnstätten beziehen, wie leben, büttel, hausen. Erst in der 
letzten Periode der Ortsgründung des 12. und IB. Jahrhunderts, 
welche weiter in die Seitenthäler, Wälder und Berge aufsteigen 
musste, findet er in den Namen die entsprechende Erinnerung an die 
Waldlichtung durch die Endungen rode, reut, hagen, brand, schwend, 
schlag, häutig aber auch den Bezug auf den geistlichen oder welt- 
lichen Herren, von dem die Rodung ausging, in den Endungen auf 
kirchen, kappel, zelle, oder bürg, fels, stein. 

Die Namen aus vorgeschichtlicher Zeit sind, wie er zeigt, 
um so sicherer als solche anzuerkennen, je mehr sie sich an die 
älteste Sprache anschliessen , allerdings können auch ältere derartige 
Bezeichnungen allmählig im Gebrauche zu modernen von gleichem 
Sinne umgestaltet worden sein. Am häufigsten findet er in diesen 
ältesten Namen die Hindeutung auf Sumpf oder Wasser, selten 
direkt sunft, aber häufig Bruch, Ried, stagnirende Quelle (mar, sal, 
sol), sumpfigen Bach (siek, siech), schlammige Lache (schlade, Schlote), 
Teich, Weiher (seo), kothiger Sumpf (horo), tiefgründiger Sumpf 
(moos, moor), Faulbruch (fenna), sumpfige Waldwiese (brühl, seif), 
tiefes sumpfiges Ackerland (marsch, masch) und viele born und bach, 
wo gegenwärtig oft der Boden völlig trocken geworden ist. 

Der Wald kommt in ältester Zeit als feuchter Hain (loh), wilder 
Urwald (strut), waldige Anhöhe (hart), niedriges Gestrüpp (hörst), 
buschiges dorniges Gesträuch (hecke) vor. Dabei findet sich keinerlei 
Hindeutung auf Rodung, wohl aber werden oft die Waldbäume, Eiche, 
Buche, Linde, Birke, Ulme, Erle, Espe, Esche, Tanne, Wachholder, 
Apfelbaum, Birnbaum, genannt. 

Acker und Saat erscheinen dagegen nur in einem verschwindend 
kleinen Theile der alten Namen. 

Zur Geschichte bemerkt Arnold noch, dass affa, aha (aqua), mar 
(stagnum), loh (lucus), tar (arbor) und lar (locus) auf die altfränkische 
Zeit vor 450 n. Chr. zurückweisen, und im 10. Jahrhundert kaum 
noch verstanden wurden. 

Diese Anleitung ist in hohem Grade belehrend und dankens- 






II. 2. Die germanischen Ansiedelungen nach Gestalt und Grösse. 45 

werth. Aber meist lassen sich Leider für die einzelne erfragte Oert- 
lichkeit mancherlei mögliche Einflüsse äusserer und sprachlicher Um- 
stände nicht völlig ausschliessen, welche die Anwendung zu sicheren 
Folgerungen zweifelhaft machen, und die Unterscheidung der Vorzeit 
und des älteren oder jüngeren Mittelalters nur unter Einschränkungen 
gestatten. 

Glücklicherweise hängt jedoch die vorliegende Untersuchung 
nicht von der kaum lösbaren Aufgabe des Aufsuchens und Ver- 
gleichens der ältesten Dorfanlagen ab. Sie ist vielmehr durch die 
thatsächlichen Verhältnisse in hohem Grade vereinfacht. Wenn man 
die gedachten, verhältnissmässig geringfügigen Gruppen der bekannten 
neueren Wohnplätze ausscheidet, zeigt sich nämlich der Hauptbestand 
aller übrigen Ortschaften des gesammten rein germanischen Länder- 
gebietes als ein so gleichartiger, dass es auf die Frage, welche von 
ihnen die ältesten sind, zunächst nicht ankommen kann. 

Die Gleichartigkeit ergiebt sich in überraschender Weise in 
jeder entscheidenden Eigentümlichkeit, in der äusseren Gestalt und 
Grösse der Ansiedelungen, in ihrem Wirthschaftsbetriebe, ihrer Besitz- 
vertheilung und Verfassung, und in dem Verfahren, durch welche 
dieselbe aufrecht erhalten wurde, ebenso aber in dem Verhältnisse der 
Ansiedelungen zu dem theils ausserhalb, tbeils innerhalb ihres Flur- 
bezirkes vorhandenen nicht verthcilten Lande, den Marken und Al- 
menden, endlich auch nothwendig in den, allen diesen Beziehungen 
zu Cirunde liegenden Ideen und Rechtsanschauungen. 

Dies im Einzelnen zu erweisen, sind die Hülfsmittel für 
die Beurth eilung ungleich. Die einfachsten bieten sich für die 
Anschauung der übereinstimmenden Formen und Grössen der An- 
siedelungen dar. 

Es genügt für diesen Zweck, lediglich die sogenannten General- 
stabskarten der betheiligten Staatsgebiete in ihren einzelnen Blättern 
einer genauen Betrachtung zu unterwerfen. Diese topographischen 
Karten, die im Maasstabe von 1/100000, 1/80000 oder 1/50000 
der wirklichen Länge für alle diese Landestheile käuflich vorhanden 
und in vielen öffentlichen Anstalten leicht zugänglich sind , geben 
ein hinreichend deutliches Bild der Vertheilung der Wohnplätze über 
das Land, der Lage der einzelnen Gehöfte in den Ortschaften und 
ihrer Stellung zu einander, sowie zu den Gärten und Dorfstrassen, 
die sie umgeben. Sie verzeichnen auch die Wege, welche auf die 
Felder und zu den Nachbarorten führen, ebenso entsprechend stärker 
oder schwächer nach ihrer Bedeutung alle Gewässer, Teiche, Bäche 



d; II. 8. l >ic germanischen Ansiedelungen nach Gestalt und Grösse. 

und Gräben mit ihrer Gefällrichtung. Sie geben ferner die Aus- 
dehnung der Wiesen, Weinberge, Laub- oder Nadelwaldungen, Büsche, 
Brüche, Torfmoore, Heiden, Sünde und Steinbrüche durch besondere 
gleichbleibende Signaturen an, so dass nur die Aecker als weisse 
Flächen erscheinen. Endlieh weisen sie auch die Höhenlage und 
die Gestalt des Terrains durch Bergschraffirung oder durch fort- 
laufende Linien äquidistanter Höhe nach. 

Die Zeichnung einer Karte im Maasstab von 1/50000 ist er- 
heblich deutlicher, als die der Karte von 1/100000, denn sie giebt 
der Fläche nach dasselbe Bild viermal grösser. Noch deutlicher er- 
seheint dasselbe auf den zur Aufnahme benutzten Messtischblättern, 
welche von mehreren Staaten im Maasstabe von 1/25 000 veröffent- 
licht werden, denn es wird durch sie auf der 16 mal grösseren Fläche 
gezeigt. Indess ist bei allen diesen Karten der Inhalt der Zeichnung 
nicht wesentlich reicher, weil die Messtischblätter die gemeinsame 
Quelle aller dieser Veröffentlichungen in verschiedenen Maasstäben 
sind. Dagegen wird die Uebersicht des Kartenbildes nothwendig in 
demselben Grade erschwert, als es sich auf grössere Flächen und 
zahlreichere Kartenblätter ausbreitet. 1 ) 

Die Durchsicht dieses Kartenmaterials erweist, dass alle älteren 
Ansiedelungen des deutschen Volksgebietes in Dorf form angelegt sind. 
Der Hausbau ist verschieden, fränkisch, sächsisch oder nordisch, 2 ) 
auch können je nach der Sitte der Gegend mehr oder weniger Baulich- 
keiten zu dem Gehöft einer Besitzung vereinigt sein. Die Gehöfte 
jeder Ortschaft aber sind in einer ziemlich eng geschlossenen Gruppe 
nachbarlich zusammengebaut, keines steht in weiterer Entfernung 
ausserhalb des Bereiches der Dorflage. Die einzelne Ortschaft ist 
von einer verhältnissmässig ausgedehnten Flur umgeben, welche 
lediglich als Acker, Wiese, Weide oder Wald genutzt wird. 

Die Karten lehren ferner, dass diese Dörfer auf dem gesammten 
deutschen Volkslande ein gewisses mittles Maass in der Zahl der 
Wohnstätten inne halten. Sie bestehen nicht weilerartig aus nur 



') Die sogenannte Reymannsche Karte im Maasstab von 1/200 000 giebt leider 
die Gestalt der Orte nicht hinreichend an, ist aber für die Oricntirung über das Terrain 
und die Lage der Orte gegeneinander genügend, und empfiehlt sich als Hülfsmittcl der 
Studien durch die Möglichkeit, sie ohne übermässige Ausgabe in allen ihren Blättern 
anzuschaffen. 

"j A. Meitzen, Das deutsche Haus in seinen volksthümlichen Formen. Berlin 
1882. R. Henning, Das deutsche Haus in seiner historischen Entwickelung. Strass- 
burg 1882. 



II. 2. Die germanischen Ansiedelungen nach Gestall und Grösse. 17 



wenigen Gehöften, noch Bind in ihnen Btadtmässig Hunderte BÖlchei 
Wohnstellen zusammengedrängt. Auch liegen die Häuser dieser Ge- 
höfte, wie schon TacitUB aber die vici der Deutsehen von seinen 
Gewährsmännern belehrt worden ist, nicht wie in Italien städtisch 
Mauer an Mauer aneinander, Bondern die Gebäude jedes Gehöftes 
Ettehen einzeln, haben neben "der zwischen sich einen für die Wirth- 
schaftszwecke bestimmten Hofraum, und sind von einem kleineren 
oder grösseren eingehegten Garten umfasst. 

Die Vergleichung der Stellung dieser Gehöfte gegeneinander, 
also des (iesamnithildes der Dorflage, wie es beispielsweise Fig. 1, 
und ähnlich die Anlagen 5 — 17 in Bd. III wiedergeben, lässt 

1 



-3-_ . ...■ --^v^\ 




Fig. 1. Geusa (Beg.-Bez. und Kr. Merseburg, '/a Meile SW.). 

weiter erkennen, dass dieselben zwar in ziemlich gedrängter Ge- 
schlossenheit, aber doch durchaus verschiedenartig und unregel- 
mässig sowohl im Ganzen als in ihren einzelnen Gebäuden an- 
geordnet sind. Sie stehen in allen volksmässig angelegten Dörfern 
wie zufällig, zwar gedrängt, aber in verschiedenen Richtungen gegen- 
einander. 

Auch darin lässt sich der typische Charakter nicht verkennen. 
Wie das Wort Dorf, Turf, Trupp dem Sinne nach einen Haufen be- 
zeichnet, so ist auch haufenförmig oder Haufendorf der geeignetste 
Ausdruck für diese Art der Dorfanlage. Dass eine oder einige 



4S II- 8. Die germanischen Ansiedelungen nach Gestalt und Grösse. 



Strassen die Ortschaft durchziehen, ist nothwendig, aber es gelingt 
nicht, für die Gesammtlage ein Gesetz oder einen ursprünglichen 
Plan aufzufinden. Selbst die Hauptwege laufen willkürlich nach 
verschiedenen Richtungen und das Ganze bildet im Aufrisse ein Netz 
von krummen und winklichen Gassen und Zugängen. Auch die Ab- 
grenzungen der Gehöfte stehen in keiner bestimmten Beziehung zu 
einander. Der Ueberblick des Ganzen lässt keinen anderen Schluss 
zu, als dass innerhalb der meist wenigstens in Resten noch vorhan- 
denen Bewehrung durch Hecke und Graben, wie sie der Sachsen- 
spiegel (IL 66 § 1) voraussetzt, sich zu Zeiten die anwachsende Be- 
völkerung enger als anfänglich zusammengedrängt und den von Beginn 
an planlos vertheiltcn Raum noch unregelmässiger zerstückelt hat. 




Fig. 2. Siebenhöfen (Reg.-Bez. Stade, Kr. Jork, s / 4 Meile O. v. Stade). 

Auch ist zu vermuthen, dass die Gebäulichkeiten ursprünglich sehr 
viel weniger Platz einnahmen. Die Bauweise veränderte sich viel- 
fach und entwickelte sich erst spät. Durch das wachsende Bedürfniss 
der Vergrösserung der Räume in Haus und Hof aber entstanden die 
kleinen winklichen Sack- und Nebengässchen, die nur mit Schwierig- 
keiten der Wagenfahrt zugänglich sind, Schwierigkeiten, welche täglich 
empfunden werden, aber sich nur durch fast vollständigen Umbau 
des ganzen Dorfes beseitigen lassen würden. 

Dass in allen diesen Zügen charakteristische Eigentümlichkeiten 
der Besiedelung des germanischen Volkslandes erkannt werden müssen, 
ergiebt überzeugend die Vergleichung mit den Nachbargebieten. 



II. 2. Die germanischen Ansiedelungen nach Gestalt und Grösse. 49 



Hier tritt zuerst an der Westgrenze des deutschen Gebietes längs 
der Nordseeküste auf jeder topographischen Karte die auffallende 
Erscheinung der Marschdörfer mit ihren eigentümlichen ruthen- 
breiten, dammähnlichen, zwischen tiefen Gräben schnurgerade und 
parallel fortlaufenden Beeten hervor. Diese mühevolle Anlage ist für 
die Entwässerung der überall unter der Höhe der Fluth liegenden 
Marschen ebenso nothwendig, wie die Eindeichung. Die Deiche 
müssen der Sturmfluthen wegen von grosser Stärke sein, sie bilden 
deshalb auch die Hauptstrassen. Dadurch ist gegeben, dass die Ge- 
höfte der Ortschaften meist an der inneren Böschung angebaut wurden. 
Sie bleiben dadurch selbst bei Deichbrüchen und Ueberschwemmungen 




Fig. 3. Krcchting (Rcg.-Bcz. Münster, Kr. Borken, l'/o Meile W.). 

noch zugänglich und gestatten wenigstens die Flucht. Das Bild 
einer solchen Ortschaft zeigt Fig. 2. Siebenhöfen in der Gemeinde 
Hollern (istlich von Stade. Wie aber schon der Name ergiebt, ge- 
hört Hollern mit Siebenhöfen zu den Holländerkolonien, welche im 
12. Jahrhundert angelegt wurden. Die erste entstand in Vahr bei 
Bremen 1106. Die Marschhufen haben also für die älteren Verhält- 
nisse keine Bedeutung. 

Dagegen ist der Gegensatz der Dorf besiedelung des alten Volks- 
landes zu den Einzelhöfen jenseits der Weser ein jedenfalls uralter 
und von grosser historischer Wichtigkeit. Aus dem Kartenbilde ist 

Mcitzen, Sicdelung etc. I. 4 



50 n. 2. Die germanischen Ansiedelunge* nach Gestalt und Grösse. 

.-owohl die durchaus abweichende Gestalt der Ansiedelungen, wie 
die scharfe Grenzlinie, welche beide Siedelungsformen scheidet, ohne 
"Weiteres erkennbar. 

Fig. 3 zeigt diese Einzelhöfe in ihrer gegenseitigen Lage. 

Charakteristisch ist bei ihnen nicht so sehr die Form der nicht 
überall sächsischen Gehöfte, als die Besonderheit, dass jedes der- 
selben im Wesentlichen von den zu ihm gehörigen Ländereien um- 
geben ist, und dass dieser Besitz in Kämpen, d.h. in quadratisch 
oder rundlich geformten Abschnitten liegt, deren jeder von Hecken 
oder Gräben eingezäunt ist. Dieser Geschlossenheit jeder der Be- 
sitzungen entspricht, dass dieselben vereinzelt über die gesammte 
Flur der Ortschaft liegen. Einem Dorfe des Volkslandes steht im 
Gebiete der Einzelhöfe ungefähr eine Bauerschaft gleich. Sie enthält 
aber nur ausnahmsweise auch eine dorf- oder weilerähnlich geschlossene 
Gruppe von Hausstellen, welche die Kirche oder einen Marktplatz 
umgeben, und diese Häuser sind in der Hauptsache nicht von Land- 
wirthen, sondern von Beamten und Gewerbtreibenden bewohnt, welche 
sich hier angebaut haben. 

Anlage 1. zeigt näher, wie scharf und deutlich die Weser die 
Haufendörfer des Volkslandes von den Einzelhöfen auf dem linken 
Ufer des Stromes scheidet. Ueber denselben schroffen Gegensatz auf 
.der gesammten Westgrenze des deutschen Volksgebietes belehren die 
Blätter 30 und 39 der Papenschen Karte, und Blatt 4, 10, 16/17, 
24 der Generalstabskarte von Rheinland und Westfalen. Sie ergeben, 
dass er nicht allein längs des Stromes bis oberhalb der Porta, sondern 
auch auf der Grenze von Detmold und auf den Scheiden des Teuto- 
burger Waldes, der Rothhaar- und der Westerwaldketten bis zum 
Giebelwald bei Siegen besteht. Nur das Paderborner Land und der 
Hellweg bilden eine Ausnahme, welche im Laufe der Darstellung 
ihre Deutung finden wird. Diese Hochebene ist mit Dörfern wie 
Hessen besiedelt. Die hier ebenso unvermittelte Abgrenzung der- 
selben gegen die Einzelhöfe erweist die Anlage 2. 

Aber auch auf der entgegengesetzten Ostgrenze des Volkslandes 
gegen die Slawengebiete, wo keine Einzelhöfe, sondern überall ge- 
schlossene Dörfer bestehen, ergiebt sich ein ähnlich scharfer Unter- 
schied. Er beruht auf verschiedenen hier ersichtlich planmässigen 
Formen, in weichen diese geschlossenen Orte angelegt sind. 

Auf dem Thüringer Walde wird die Ostgrenze von den o. S. 43 
gedachten Waldhufen berührt, welche sich weiter auf dem Erzgebirge 



II. 2. l>ic germanische« Ansiedelungen nach Gestall and Grösse. 51 

und Lausitzergebirge und auf den Sudeten in grosser Zahl ausbreiten, 
Die C! estalt ihrer Anlage zeigt Fig. 4. 

Sie lassen sich, wie die Marechhufen, mit Recht als Reihen- 
dörfer bezeichnen und sind wir diese durch die weitläufige auf jeder 
topographischen Karte deutlich erkennbare Linie charakterisirt, in 
der die überall fränkischen Gehöfte die gesammte Gemarkung durch- 
ziehen, sowie dadurch, dass jedes Gehöft in der Regel auf dem zu- 
gehörigen Lande erbaut ist, welches in einem einzigen geschlossenen 




Fig. 4. Frankenall (Kgr. Sachsen, % Meile W. Mittwcida). 



Streifen von der Dorfstrasse im Thal zur Flurgrenze auf der Höhe, 
oder auch quer durch das Thal von einer Grenze zur andern ver- 
einigt liegt, wie dies Fig. 4 näher angiebt. Indess sind diese An- 
lagen auch hier erst im späten Mittelalter auf unkultivirtes Waldland 
gegründet worden. \, 

Dagegen gehören die Dörfer der an die Ostgrenze anstossenden 
Ebenen grösstenteils schon der Zeit an, in welcher sich die Slawen 

4* 



52 II. 8. Die germanischen AnsiedelungÄ nach Gestalt und Grösse. 

In diesen Gegenden festsetzten, und besitzen ihrerseits den Reihen- 
dörfern sehr unähnliche, aber ebenfalls durchaus eigenthümliche und 
von den Haufendörfern bestimmt verschiedene Formen. 

Diese Slawendörfer haben zwei bestimmte Grundpläne. 

Die einen sind fächerförmig, oder wie sie Victor Jacobi be- 
zeichnet hat, als Rundlinge angelegt. 

Fig. 5 zeigt sie näher. In diesen Runddörfern umgeben die 
Gehöfte stets einen runden oder ovalen, ursprünglich nur durch einen 
einzigen Weg zugänglichen Platz, auf welchem das Vieh stehen und 




Fig. 5. Witzeetze im Drawchn (Reg.-Bez. Lüneburg, Kr. Lüchow, l 1 /., Meile NW. 



leicht abgeschlossen werden kann. Die Höfe und Giebelseiten der 
Wohnhäuser drängen sich nach diesem Platze eng zusammen; hinter 
den Häusern aber breiten sich die nach Aussen mit hohen Bäumen 
bestandenen Gärten keilförmig aus, und schliessen mit einer das 
Ganze fast kreisförmig umziehenden Hecke ab. Dieser Plan überwiegt 
im Westen, im alten Sorbenlande. 1 ) 



') Vergl. die Uebersichtskarte Bd. III und die Anlagen, Diahrcn, Reddebeitz, 
Klein Heide, Domnowitz u. a 



TT. 2. Die germanischen Ansiedelungen nach Grestall und Grösse. ~>;\ 



Der andere Plan ist der des Strassendorfes, den Fig. 6 er- 
läutert. Diese Anlagen finden Bich westlich der Oder nur vereinzelt, 
herrschen aber theils klein, theils gross in der Ebene «'istlich der 
Oder ausschliesslich. Die Dorflage zeigt das Bild einer regelmässigen 
graden und verhältnissmassig kurzen Strasse, an welche die Gehöfte 
zu beiden Seiten in gedrängter rechtwinklicht gestellter Reihe an- 
Btossen. Die Strasse ist so breit, dase rechts und links vor den Ge- 
höften Wege fortlaufen, in der Mitte aber ein Anger bleibt, der nicht 
selten zu Kirche und Kirchhof benutzt ist, und fast ohne Ausnahme 
ausgegrabene Wasserlöcher zeigt, aus denen Bauich m genommen wurde 
und das Vieh getränkt werden kann. Die Hausstellen sind erheblich 
tiefer als breit. Von ihrem früheren slawischen Charakter haben sich 
nur im entfernten Osten Spuren erhalten. Das fränkische Haus ist in 
alle diese Dörfer offenbar schon mit der deutschen Kolonisation des 



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^ .. lyLu 



Fig. C. Trebnitz (Reg.-T?ez. and Kr. Merseburg, \' i Meile SO.). 

L3. und 14. Jahrhunderts eingedrungen. In den grösseren Gehöften 
stehen sich Wohnhaus und Stallungen gegenüber, beide mit dem 
Giebel gegen die Strasse. Dazwischen liegt ein Hof, den ein Thor 
oder ein Thorhaus gegen den Dorfweg schliesst. Die Dachtraufen 
der Nachbarn berühren beinahe den Zaun, der stets die Gehöfte 
trennt. Hinter den Gebäuden liegt ein Garten von der gleichen 
Breite. Alle Gärten stossen mit der Hinterseite an eine in der Regel 
ziemlich gleichmässig fortlaufende, das Dorf zu einem oft sehr genau 
rechteckigen Parallelogramm abschliessende Hecke. 1 ) Zu beiden Seiten 
öffnet sich die Dorfstrasse nach den Wegen auf das Feld; häufig wird 



') Vergl. clie Anlagen Bd. III: Wach.au, Zeschwitz, Zahn, Domslau, Kram- 



pitz u. 



o4 II- 2. Die germanischen Ansiedelungen nach Gestalt und Grösse. 



sie noch durch einen zweiten "Weg in der Mitte gekreuzt. Feldwege 
aus der Rückseite des Gehöftes, welche die Dorfstrasse nicht be- 
rühren, sind durchaus ungebräuchlich und deuten auf besondere Um- 
gestaltungen der späteren Kolonisationszeit. 

Am Harz und in Thüringen greifen diese planmässigen Dorfformen 
der Slawen allerdings auch sporadisch auf das ursprünglich deutsche 
Gebiet herüber. Sie finden aber ihre Erklärung durch bekannte An- 
setzungen slawischer Kolonen und Höriger. Der charakteristische 
Unterschied bleibt deutlich. Wie scharf der Gegensatz zu den 
Haufendörfern des Volkslandes ist, und wie erkennbar er selbst bei 
der Verkleinerung der Generalstabskarte bleibt, zeigt Anlage 3 im 
Bilde der Umgebung von Halle. Links der Saale liegen die deutschen 
Haufendörfer Lettin, Cröllwitz, Boelau, Lieskau, Nietleben, Zscherben, 
Passendorf, Schiettau, zu denen noch Brachwitz, Giebichenstein und 
Bölberg auf den rechten Uferhöhen gehören. Rechts des Flusses 
aber lassen sich trotz der zahlreichen Anbauten aus neuerer Zeit die 
slawischen Runddörfer Maschwitz, Tornau, Braschwitz, Rabatz, Dolbau, 
Kugel deutlich erkennen, ebenso die Strassendörfer Sennewitz, Seeben, 
Metzlich, Zoebernitz, Diemitz, Schönnewitz, Stennewitz, Nauendorf, 
Canena, Zwintschoena, Bruckdorf und an der Saale Wörmlitz. Der- 
selbe Unterschied findet sich bei den beiden in Fig. 1 und 6 wieder- 
gegebenen Orten. Fig. 1 das Haufendorf Geusa liegt Va Meile westlich 
Merseburg nahe dem linken Saaleufer, Fig. 6 das Strassendorf Treb- 
nitz Vi Meile östlich Merseburg auf dem rechten Saaleufer. Auch 
sind die meisten Trebnitz benachbarten Dörfer slawische Runddörfer 
wie Fig. 5. Alle ihre Gehöfte aber sind fränkisch ausgebaut, während 
das ihnen im übrigen völlig entsprechende Witzeetze die unwesentlich 
modifizirten sächsischen Gehöfte des Wendlandes besitzt. 

Den auffallenden auf der Dorfform beruhenden Gegensätzen der 
Haufendörfer des alten Volkslandes gegen die Einzelhöfe an seiner 
Westgrenze und gegen die Slawendörfer an seiner Ostgrenze lässt sich 
noch ein weiterer aus dem abweichenden Kartenbilde der Wege an- 
schliessen. 

Die haufenförmig zusammenliegenden Gehöfte der ursprünglich 
deutschen Dörfer gestatten von ihrer unregelmässigen Lage aus leicht 
Ausgänge der Wege in direkter Richtung nach dem Punkte hin, der 
das Ziel des Weges ist. Da dies entweder die rings umherliegenden 
XiKhbarorte oder nahe Forsten sind, welche Anfuhr erfordern, ist 
das allgemeine Bild des Wegenetzes dieser Dorffluren, so weit nicht 
etwa steile Berge hindern, ein sehr regelmässig sternförmiges, wie 



IT. 2. Die germanischen Ansiedelungen nach Gestalt und Grösse. 55 

es Anlage 1 und 2 und die topographischen Karten des gesammten 
Volkslandes erkennen lassen. 

Ein solches Zusammenlaufen der Wege zur Ortschaft wäre auf 
dem westlich jenseits der Weser beginnenden Gebiete der Einzelhöfe 
unmöglich. Hier durchziehen das Land, wie Fig. 3 und Anlage 1 
wiedergehen, nur Hauptstrassen von Stadt zu Stadt, welche meist die 
Kirchplätze berühren, auf die einzelnen Höfe aber gar keinen Bezug 
haheii. sondern von diesen her auf meist sehr gewundenen Neben- 
wegen erreicht werden müssen. Fussteige, die in gerader Linie quer 
über Felder, Hecken und Gräben hinweg führen, bilden landesüblich 
die direkten Kommunikationen. 

Noch eigenthümlicher und auf jeder grösseren Karte erkennbar, 
ist das Wegenetz der Waldhufendörfer. Der lang fortgeführten weiten 
Reihe der Gehöfte, und dem in einem einzigen Streifen geschlossenen 
Besitze jeder Bauernstelle entspricht, dass von jedem Gehöft auch 
ein besonderer Weg durch dieses langgedehnte Besitztimm führt. 
Dadurch laufen, wie schon Fig. 4 erkennen lässt, die Wege in der 
Form eines Blattstiels mit seinen Rippen zusammen. Anlage 4, die 
zugleich den Gegensatz der Reihendörfer zu den slawischen ge- 
schlossenen Dörfern verdeutlicht, macht ersichtlich, dass, wo in einer 
Gegend die Waldhufen die Mehrzahl der Fluren einnehmen, ihr Bild 
sich sprechend mit Ulmen- oder Lindenblättern vergleichen lässt, die 
in verschiedener Richtung nebeneinander liegen. 

Aber auch die Runddörfer und ebenso die Strassendörfer be- 
dingen durch ihren Grundplan die Wege. Denn sie gestatten den- 
selben nur bestimmte Ausgänge aus der Dorf läge und beeinflussen 
dadurch auch ihren weitern Verlauf. Ein Theil dieser Wege muss 
sich in scharfen Biegungen aus den Dorfausgängen in die Richtung 
nach den "Nachbarortschaften wenden. Auch dies lassen die als Bei- 
spiele angezogenen Karten erkennen. 

Endlich ergeben die Generalstabskarten noch als charakteristische 
Eigentümlichkeit des deutschen Besiedelungsgebietes die weitgehende 
Uebereinstimmung der Dorftluren in der Grössen ausd eh nun g 
ihres Kulturlandes. 

Die Agrarstatistik der betheiligten Staaten gestattet nicht immer 
das Kulturland ortschaftsweise von den zugehörigen Wiesen-, Holz- 
und Weideländereien zu trennen. In der Regel sind die Kulturarten 
der Gemeindebezirke nicht nachgewiesen. Diese Bezirke schliessen sich 
aber auch nicht durchweg an die Lage des Ortes als eines Dorf- 
ganzen an, sondern beziehen sieh auf politische oder steuerliche Ein- 



56 Tl. 2. Die germanischen Ansiedelungen nach Gestalt und Grösse. 

theilungen, umfassen deshalb oft mehrere Dörfer und verschieden- 
artige Wohnplätze, oder stellen Theile derselben, namentlich den Besitz 
grosser Güter, besonders auf. Deshalb empfiehlt sich für den vorliegen- 
den Zweck als das einfachste, die durchschnittliche Ausdehnung des 
Kulturlandes der einzelnen Dorfschaften nach dem Kartenbilde zu 
überschlagen, welches zugleich den Einblick in die speziellen Boden- 
viihältnisse gewährt. Da der Flächeninhalt des ganzen oder halben 
Blattes bekannt ist, lässt sich der verhältnissmässige Theil desselben 
ausscheiden, der nur Forst, Oeden oder Wasser oder auch Stadtfluren 
und sonst fremdartige Bestandtheile enthält. Der Rest ist dann auf 
die Zahl der Dorfschaften zu vertheilen. 

Im Grossen und Ganzen belehrt indess schon der blosse Ueber- 
blick der Karten, dass die Flächenausdehnung des die einzelnen 
Dürfer umgebenden Kulturlandes im volksthümlich deutschen Ge- 
biete gegenüber den Nachbargebieten eine mittle ist, und die Grössen 
unterschiede innerhalb desselben bei weitem nicht so bedeutend 
wechseln, als ausserhalb desselben. 

Die zunächst jenseits der Saale belegenen Slawendörfer sind bei 
der deutschen Besitznahme im späten Mittelalter zu gleichem Um- 
fange umgestaltet worden. Aber schon die slawischen Ortschaften 
im hannoverischen Wendlande erweisen sich erheblich kleiner. In 
noch höherem Grade drängen sich die den Slawen zuzuschreibenden 
Dürfer in Sachsen und Altenburg (Anlage 4), um Rochlitz, Lommatzsch, 
Meissen, Dresden und besonders um Bautzen und Kamenz zusammen. 
Andererseits umfassen die mehrerwähnten Reihendörfer der sächsischen 
und schlesischen Gebirge, ebenso wie die Marschdürfer ungleich 
grössere Gemarkungen. Auch der Vergleich mit den Einzelhüfen 
Westfalens und Oldenburgs zeigt die dortigen Bauerschaften über 
mehrfach so grosse Flächen ausgebreitet, als die Dürfer der rechts- 
seitigen Wesergebiete. 

Alle diese Besonderheiten der volksthümlichen deutschen Sie- 
delung lassen sich für das in Betracht kommende westgermanische 
Deutschland aus den topographischen Karten mit befriedigender Be- 
stimmtheit im Einzelnen erkennen. 

Weniger günstig für die kartographische Anschauung liegen die 
Verhältnisse nördlich der Elbe, in Schleswig-Holstein, Dänemark und 
Schweden, wo schon vor der Aufnahme der topographischen Karten 
wesentliche Veränderungen mit der alten Gestalt der Dürfer vor- 
genommen worden sind. 

In Schleswig-Holstein suchte nach G. Hanssen (I, 309) der Adel 



II. 2. ]>ic germanischen Ansiedelungen nach Gestalt und Grösse. 57 

schon um 1G00 seine Ländereien aus der Feldgemeinschaft der Dorf- 
gemarkungen herauszuziehen, and legte auf ihnen Koppeln an, welche 
mit lebendigen Hecken eingefriedet wurden. Diesem Beispiele sind 
bald auch die Dauern theils freiwillig, theils auf Veranlassung der 
Gratsherren gefolgt, welche dadurch von der Hergabe des Holzes zu 
den Feldzäunen frei wurden. Dieser Vorgang hat sich fortgesetzt, 
bis um 17C>t*> die Verkoppelangen durch landesherrliche Verord- 
nungen allgemein und so energisch aufgenommen wurden, dass sie 
am Ablauf des Jahrhunderts bis auf wenige Streitsachen völlig durch- 
geführt waren. Bei diesem Verfahren ist keineswegs allein die Zu- 
sammenlegung des zerstückelten Besitzes in gut arrondirte und ein- 
gehegte Kämpe und die Herstellung der erforderlichen Zugangswege 
zur Ausführung gebracht worden, sondern auch in sehr grosser Aus- 
dehnung der Ausbau möglichst vieler Gehöfte aus den bis dabin 
enggedrängten Dörfern. Der gesammte Besitz jedes ausgeschiedenen 
Hofes wurde in grösserer Entfernung geschlossen zusammengelegt und 
das Gehöft auf demselben neu errichtet. 

Ganz entsprechend wurden auch im Königreich Dänemark von 
177(1 — 1800 alle ländlichen Ortschaften durchweg unter zahlreichen 
Ausbauten verkoppelt. 

Nur in Norwegen sind die Verkoppelungen im wesentlichen erst 
durch Gesetze von 1821 und 1857 in Gang gebracht worden und 
im Ganzen nur langsam vorgeschritten. 

In Schweden 1 ) dagegen wurde schon 1628 ein Landmesserkorps 
ursprünglich zu topographischen Arbeiten begründet, welches bald 
darauf den Auftrag erhielt, auf Antrag Betheiligter die zersplitterten 
Grundstücke einer Feldlage unter Vermessung und Graduirung durch 
Austausch zu besserer Bewirtschaftung zu arrondiren, auch zu be- 
fördern, dass der eine oder andere Bauer aus dem Dorfe herausziehe 
und sieh auf dem ihm zugetheilten Felde seine Wohnung errichte. 
Dieses Vcreinödungsverfahren hat das stark anwachsende Landmcsser- 
korps durch zwei Jahrhunderte geübt. Dadurch sind die Dorfschaften 
auf dem Lande immer mehr zersprengt worden. Ein Bauerndorf 
von 20 und mehr Nachbarn gehört gegenwärtig schon zu den Aus- 
nahmen, die schwedischen Dörfer bestehen gewöhnlich nur noch aus 
5, 10 bis 15 Nachbarn. 

In Folge dieser Veränderungen zeigen die erst in neuerer Zeit 



') Sietlenblath, Schweden, Statist. Mittheilungen für die Weltausstellung zu 
Wien 1873. 



58 II. -■ Die germanischen Ansiedelungen nach Gestalt und Grösse. 

aufgenommenen und veröffentlichten topographischen Karten Schles- 
wig- Eolsteins, Dänemarks und Schwedens einen Zustand, der die 
alten Verhältnisse nur bei Kenntniss dieser Vereinödungsvorgänge 
vermuthen lässt. Ein Bild davon gewährt Fig. 7. 

Die alten Dörfer sind zwar erhalten, doch wesentlich gelichtet und 
von einer Anzahl Höfe in gewissen Entfernungen umgeben. Die 
Wege bilden jetzt in der Regel ein nach allen Seiten geradlinig ge- 
zogenes und in sich verbundenes Netz. Von dem früheren Zustande 
lassen sich auf den Generalstabskarten also nur noch die gegen- 




I s 



Fig. 7. Mesing (Jütland, '/a Meile N. Skanderborg). 



seifigen Entfernungen der ursprünglichen Mittelpunkte der Orte und 
die geringe Regelmässigkeit erkennen, welche die Lage der alten 
Gehöfte um diese Mittelpunkte noch immer behalten hat. Aber die 
frühere Geschlossenheit ist notorisch und geht aus den vorhandenen 
Akten und Karten der Verkuppelungen mit Bestimmtheit hervor. 
Dies ergeben schon die Kartenbilder von Anlage 16 (Olderup) und 
Anlage 17 (Winterhude). Es wird sich weiter zeigen, dass auch in 
allen anderen Beziehungen diese Dörfer mit denen zwischen Weser 



IT. 3. Wirthechaftseinrichtungen and Betrieb. 59 

und Saale übereingestimmt haben. Selbst in Betreff der Ausdehnung 
des Kulturlandes ergiebt sich, dass zwar schon auf der eimbrischen 
Halbinsel und in noch viel höherem Maasse im Innern Schwedens 
die Dorfgemarkungen in ihrer Grösse erheblich weiter anwachsen, 
ohne dass sich die Zahl der Gehöfte vermehrt; dass die Ackerfluren 
alicr gleichwohl in Schleswig -Holstein und Dänemark denen südlich 
der Elbe gleichstehen, und erst im inneren Schonen grösser werden, 
auch im nördlichen Gothland und Smaland aber nur etwas mehr 
als die doppelte Fläche umfassen. Ein solches Mehrmaass ist 
nöthig, weil hier vieles lange zu Gras liegendes Land besteht und 
der ohnehin vom Klima benachteiligte Boden seiner überall felsigen 
Beschaffenheit wegen nur auf dem Doppelten oder Dreifachen der 
Ausdehnung den für den Hof erforderlichen Ertrag zu bieten vermag. 

3. Wirthschaftseinrichtungen und Betrieb. 

Die bestimmten Gegensätze, welche aus dem Bilde der topo- 
graphischen Karten zwischen der Besiedelung der national -deutschen, 
und der der westlichen wie östlichen Nachbargebiete in der Gestalt 
und Grösse der Ansiedelungen nachgewiesen wurden, sind aller- 
dings nur äusserliche. Aber sie können nicht ohne innere Gründe 
gedacht werden. Sie müssen auf umfassenderen Beziehungen der 
agrarischen Grundanschauungen beruhen. Dieser eigentliche Sinn 
und Inhalt der Ansiedelungsweise lässt sich nur aus den wirtschaft- 
lichen Einrichtungen, aus der Besitzvertheilung innerhalb der Dorf- 
Auren und aus den Bedingungen und Verhältnissen des Betriebes 
erschliessen. 

Für eine solche Beurtheilung aber reichen nicht mehr die topo- 
graphischen, sondern nur die Parzellarkartirungen aus. 

Karten, welche die Wirthschafts -Verbände und die Vertheilung 
des Grundbesitzes im Einzelnen nachweisen, bezeichnet man als 
Flurkarten. 

Das Charakteristische solcher Flurkarten und der sie erläutern- 
den Dokumente ist jedem Geometer bekannt und überall überein- 
stimmend. Sie gründen sich auf spezielle Vermessung des Ortschafts- 
gebietes. Die Aufnahme im Felde erfolgte früher mit dem Messtische, 
oder mit der Boussole und Messkette, neuerdings auf trigonometrischer 
Grundlage. Die Ergebnisse der Winkel- und Linienmessung werden 
im entsprechenden verkleinerten Bilde, in der Regel nach dem Maass- 
stabe von nicht weniger als 1 : 5000 der natürlichen Länge, bei 



60 TT. 3. Wirthschaftseinrichtungen und Betrieb. 

mittler Besitzzerthcilung von etwa 1 : 2500 und bei sehr starker Zer- 
stückelung bis 1 : 1250 und grösser auf das Papier aufgetragen. 
Der Flächeninhalt wird nur aus den Figuren berechnet, die auf dem 
Papier entstehen. Alle vorgefundenen Eigenthumsgrenzen , sowie 
alle Grenzen der Haupt kulturarten werden in die Zeichnung aufge- 
nommen. Sie ergeben ein Netz zahlreicher Kartenabschnitte, deren 
jetler eine fortlaufende Nummer erhält. Zur Erleichterung des Ueber- 
blicks ist auf manchen Karten der Nummer auch ein Buchstabe 
beigefügt, der den Eigenthümer bezeichnet. Das zur Karte gehörige 
Register (Vermessungs-Register, Flurbuch) weist nach dieser 
Nummernfolge für jeden der Kartenabschnitte Eigenthümer, Grösse 
und Kulturart nach. Ein besonderer Besitz nach weis (Besitzauszug, 
Extrakt, Erdbuch, Mutterrolle, Grundbuch) stellt für jeden Eigen- 
thümer (oder für jede Hypothekennummer) die Kartenabschnitte, 
die ihm gehören, zusammen, so dass sich die Grösse jeder Besitzung 
in der Flur nach ihren einzelnen Besitzstücken, sowie nach ihrer 
Gesammtfläche und nach der Fläche ihrer verschiedenen Kulturarten 
ersehen lässt. Ist mit der Vermessung auch eine Werthschätzung 
(Bonitirung) verbunden worden, so wird in den Registern neben jeder 
Flächenangabe auch die Werthangabe gemacht. 

Für die Beurtheilung der altherkömmlichen Flurverhältnisse 
können selbstredend nur solche Vermessungs- oder Katasterkarten 
mit ihren zugehörigen Registern dienen, welche vor dem Einwirken 
der modernen Landeskulturgesetzgebung, vor den Verkuppelungen, 
Zusammenlegungen oder Gemeinheitstheilungen, aufgenommen wurden. 
Wo also das Kataster später entstand, als die Zusammenlegung statt- 
fand, müssen die für die Zusammenlegungen aufgemessenen Karten ge- 
braucht werden. Auch von diesem bei den Auseinandersetzungsbehörden 
vorhandenen Kartenmaterial können aber nur die sogenannten Ur- 
karten oder Brouillonkarten benutzt werden, in welche der alte Be- 
sitzstand vor der Zusammenlegung verzeichnet ist. 

Das Aufsuchen und die Benutzung solcher Karten, welche den 
Einblick in die Sachlage vor den Zusammenlegungen gestatten, ist 
auf den in Rede stehenden deutschen Gebietstheilen zur Zeit noch 
ohne wesentliche Schwierigkeiten und in den meisten Fällen aus- 
führbar. Für Dänemark und Schweden (o. S. 57) scheint, wenn sich 
nicht Ausnahmen finden, darauf verzichtet werden zu müssen, das voll- 
ständige Kartenbild zu erlangen. Denn bei dem dortigen, schon in 
älterer Zeit in Uebung gebrachten Verfahren der Zusammenlegung 
wurden in der Regel Karten des alten Besitzstandes überhaupt nicht 



H. .'!. Wirthschaftseinrichtungen und Betrieb. Gl 

aufgenommen. Man begnügte sich damit durch Messung und Kar- 
tirung das Bild und die Grösse der Hauptabschnitte zu gewinnen, 
stellte das Verhältnisß der Theilnahme und die Art der Abfindung 
eines jeden Betheiligten durch Abkommen unter denselben, und so- 
weit nöthig durch Verwaltungs- Entscheidung, fest, und verzeichnete 
dann in der Karte nur die neue fortan geltende Phinlage. (Vgl. An- 
lage 16.) Indess gewähren hier andere historische Zeugnisse die 
nöthige Ergänzung. 

Die Durchsicht der vorhandenen Flurkarten grosser zusammen- 
hängender Bezirke des deutschen Gebietes, erläutert durch die zu 
Gebote stehenden aktenmässigen und urkundlichen Nachweise und 
durch Auskunft der Katasterbeamten und erfahrener Feldmesser, 
welchen die Vermessungen in verschiedenen Orten der fraglichen 
Landestheile lange obgelegen haben, ergeben nun überzeugend, dass 
auch die Eigenthumsverth eilung auf den Fluren der national- 
deutschen Besiedelung eine überall gleichartige ist. 

Wie die Beispiele der Anlagen 5 — 19 näher anschaulich machen, 
lag das Kulturland aller älteren deutschen Dorfgemarkungen in auf- 
fallender Zerstückelung und liegt, wo die neuere Zeit nicht ein- 
gegriffen hat, noch gegenwärtig so. 

Diese Zerlegung des Ackerlandes in zahlreiche Parzellen ist all- 
gemein, nur die Grösse der Parzellen ist verschieden. Auf der einen 
Flur und an der einen Stelle geht sie, wie die Beispiele zeigen, zu 
solcher Kleinheit und Schmalheit herab, dass die Nutzbarkeit des 
Grundstückes bezweifelt werden kann, auf anderen Fluren oder an 
anderen Stellen finden sich grössere und ziemlich regelmässige Stücke 
abgegrenzt. Im allgemeinen zeigen dieselben indess streifenförmige 
Figuren von geringer Breite bei häufig grosser Länge. 

Schon aus der Summe der Parzellen und der der Besitzungen 
im Dorfe geht hervor, dass erstere ausserordentlich viel zahlreicher 
sind, als die letzteren. Sucht man aber, wie es in den Beispielen ge- 
schehen ist, für eine Besitzung von mittler Grösse im Dorfe sämmt- 
liche zugehörige Grundstücke auf, und bringt auf der Karte ihre Lage 
zum Ueberblick, so zeigt sich dieser Besitz stets in überraschender 
Weise über die gesammte Gemarkung zerstreut und ver- 
einzelt. 

Allerdings lassen sich hier und da Gründe dieser Zerstückelung 
und zerstreuten Lage wahrnehmen. Sie ist stärker im Gebirge als in 
der Ebene, und die einzelnen verschieden durcheinander laufenden 
Gruppen sind zum Theil durch nasse und trockene Lage, durch den 



ß2 Tl. 3. Wirthschaftseinrichtungfen und Betrieb. 



Wechsel guten und schlechten Bodens oder durch die wenn auch viel- 
leicht nur geringe Abhängigkeit des Ackers für den Wasserabfluss 

bedingt. Aber wenn man auch der fortgeschrittenen Kultur die Ver- 
wischung manches früheren Bodenunterschiedes zuschreiben kann; 
es linden sich bei genauer Durchsicht der auf den Karten verzeich- 
neten WerthschätzuDg und bei Besichtigung an Ort und Stelle nach 
dem Urtheile der Lokal- und Sachkundigen sehr viele solcher Ab- 
schnitte, welche wirtschaftlich aus irgend einem Nützlichkeitsgrunde 
schlechterdings nicht erklärt werden können. 

Dabei liegt sehr nahe und wird durch den Vergleich älterer 
Karten 1 ) bestätigt, dass diese Zerstückelung und damit auch die 
gleichmässige Verbreitung der Grundstücke derselben Besitzung in 
früherer Zeit noch grösser sein musste, als sie der verhältnissmässig 
moderne Zustand der Dinge in den vorliegenden Beispielen zeigt. 
Denn es ist klar, dass jeder Besitzer eher danach getrachtet haben 
wird, durch Umtausch oder Ankauf Grundstücke, die an die seinigen 
angrenzten, zu erwerben, als davon entfernt liegende. Zwar ist es, 
wenn Erb- oder andere Theilungen einer ganzen Besitzung eintraten, 
im Allgemeinen Gebrauch gewesen, alle einzelnen Grundstücke der- 
selben zu theilen. Häufig aber ist noch an der Lage der beiden Theil- 
besitzungen zu erkennen, dass einzelne Parzellen ganz der einen 
Partei, andere der anderen zugefallen sind, denn jede der Theil- 
besitzungen schied damit aus einem Abschnitte des Feldes völlig 
aus, ist dagegen in einem anderen, gegenüber gleich grossen Be- 
sitzungen, doppelt stark vertreten. 

Betrachtet man auf den Kartenbildern die Lage der zerstreuten 
Parzellen welcher Besitzung immer näher im einzelnen, so muss 
vor allem auffallen, dass eine sehr grosse Zahl völlig unzugäng- 
lich belegen ist. Sie sind, wie die Beispiele erweisen, von den Nach- 
bargrundstücken nach allen Seiten so umgeben, dass nur über diese 
hinweg Pferde, Wagen und Menschen zu ihnen gelangen können. 
Für die Zugänglichkeit sind also die Wege nicht Bedingung gewesen, 
sie muss auf gegenseitigen Berechtigungen, auf Ueberfahrt und 
Uebergang über die Nachbargrundstücke, beruht haben, und diese 
Rechte bestanden in der That überall bis zu den modernen Zu- 
sammenlegungen. 

Auch die Lage der vorhandenen Wege lässt kaum zweifel- 



l ) Z. B. des Kurhessischen Parzeilarkatasters von 1764/90 mit dem gegen- 
wärtigen. 



II. .">. Wirthschaftseinrichtungen and Betrieb. G3 

haft erscheinen, dass auf* sie liei der Eintheilung des Grundeigen- 
thunis keinerlei Rücksicht genommen worden ist. Die Wege durch- 
schneiden die Parzellen auf das ungünstigste. Oft liegen auf der 
einen Seite des Weges grössere Flächen derselhen, jenseits des Weges 
nur ganz kleine, kaum irgend wie nutzbare Ecken. Manche Parzelle 
wird durch den Weg so zugespitzt, dass das Pflügen sehr erschwert 
sein mußS. Zwei oder mehrere Xachbargrundstücke sind sämmtlich 
mitten zerschnitten, obwohl sich in der einfachsten Weise die Hälfte 
auf der einen, die andere Hälfte auf der anderen Seite hätte 
arrondiren lassen. 

Diese unwirtschaftlichen Sonderbarkeiten können dadurch nicht 
abgeschwächt werden, dass die Wege auch häufig den Grenzen der 
Parzellen entlang laufen. Dies müsste bei allen Wegezagen der Fall 
sein, wenn man annehmen wollte, dass das Wegenetz mit der Acker- 
cintheilung gleichzeitig ausgelegt worden sei. Es würde auch die 
vernunftgemässe Anordnung sein, wenn die Wege schon früher als 
die Ackereintheilung bestanden hätten. Man kann also nur urtheilen, 
dass das Wegenetz erst später als die Ackertheilung ent- 
standen ist, und dass ursprünglich überhaupt kein Bedürfniss für 
Wege vorhanden war. 

Es lässt sich auch denken, dass die Wege als Fuss- oder Reit- 
stege begannen, welche, wie noch jetzt Fusswege, jährlich verackert 
und erst von denen, die sie gebrauchen, wieder festgetreten wurden, 
dass sie sich also erst allmählich zu den dem Pfluge widerstehenden 
festen Fahrwegen entwickelten, als welche wir sie heut vorfinden. 
Noch immer gilt bei diesen das Recht, dass man auf den Acker 
ausweichen darf, wenn der Weg unpassirbar geworden ist. Darin 
ist die Erklärung für den oft ganz unverständlich unregelmässigen 
Lauf dieser Wege zu suchen. 

Die Erwägung aber, dass im Wesentlichen die Wege eine Last 
und der Dorfschaft selbst nicht nöthig erschienen, verknüpft sich 
auf das natürlichste mit gewissen Bestimmungen der schon o. S. 23 
erwähnten alten dänischen Gesetze. In diesen Gesetzen wird deut- 
lich ausgesprochen, dass die öffentliche Gewalt ihrerseits den 
Durchzug durch das Dorf, und ausserhalb des festen Zaunverschlusses 
der Ortschaften die nothwendigen Kommunikationswege zu den 
nächsten Orten erzwang. Nach dem Erich -Seeländischen Gesetz von 
1290 (H, 53) und dem Jütisk low von 1240 (I, 51) 1 ) lag in einem 



') Kolderup Rosenvinge, Sämling of gauüe denske Lowe, 1827. 



[\\ II. 3. Wirthechaftseiiiricht\jngen und Betrieb. 

Dorfbereich der Anger, das forta, als Hauptpassage. Niemand durfte 
meinen Hof nach dem forta hin erweitern, noch ein Haus auf dem- 
selben erbauen. Nur wenn das ganze Dorf abgebaut werden sollte, 
wurde auch das bisherige forta, weil es nicht länger als Anger ge- 
braucht wurde, unter die Interessenten wie anderes Land vertheilt 
(Jüt. low I, 51, 8). Das forta musste wenigstens 12 Faden, d. h. 
72 Fuss breit sein. Die Ausgänge des Dorfes sollen mit Gattern, 
Gitterthüren (Gadeledder im Erich- Seel. Ges.) versehen werden, und 
zwischen den Ausgängen musste ein Hauptzaun fortlaufen, dass also 
das Dorf ein geschlossenes Ganze bildete. 1 ) 

Was die Aussenwege betrifft, so gehörten nach dem Jütisk low 
(I, 56) von Alters vier Wege zu jedem Dorfe. 2 ) Diese Bestimmung 
muss gegenüber der Lage der Ackerstücke nothwendig als ein Schutz 
gegen die Verackerung der Wege erscheinen, da die Wege, wie ge- 
zeigt, nicht für die Bewirthschaftung nöthig oder erwünscht waren, 
sondern nur für die Landeskommunikation. Neue Wege wurden 
nach dem Jütisk low (I, 56, 5) im Gegensatz zu den alten ausdrück- 
lich eingeschworen. 

Dass es sich bei diesen Wegen um den Verkehr nach aussen 
handelt, zeigen die Anordnungen über innere Verbindungswege. Das 
Jütisk low sagt I, 48 und 56, 6, dass, wer in das Feld abgebaut 
ist, auch einen Weg haben muss, aber in terra propria ad forta et 
feegangh, das will sagen zu Dorfanger und Viehtrieb (oder zu dem 
gemeinen Wege). Auch das Erich -Seeländische Gesetz (II, 56) 
schreibt vor, dass der Abbauer für seinen eigenen Weg selbst sorgen 
muss. Während also die vier Wege Niemand verackern darf, ver- 
mag der Abbauer dagegen einen Weg über fremdes Land nicht zu 
erzwingen. 

In den deutschen Rechtsquellen erscheint die landespolizeiliche 
Fürsorge für die Wege im Wesentlichen nur auf die viae publicae 
oder regiae, die grösseren Landstrassen, an denen die Zollstätten 
lagen, gerichtet. Von diesen und namentlich von den Brücken, die 
sie nöthig machten, handeln die Volksgesetze und die Kapitularien 
und ebenso die späteren Konstitutionen der Kaiser häufig, und auch 
der Sachsenspiegel II, 66 beschränkt sich auf die Heerstrasse. In- 
dess unterscheiden doch schon die lex Burgundionum im Tit. XXVII 



') Hansscn I, 39 meint zwar im Innern um das forta, nicht aussen, aber der 
Anger reicht immer so weit als die Gartenzäune. 

^ Die viereckige Form der Dörfer ist nicht damit gemeint, denn sie findet sich 
nur bei den Wenden und den Kolonien im Slawenlande, o. S. 50 und Hansscn I, 41. 



II. :;. Wlrthschafteeinrichtungeii und Betrieb. 65 

und die Lex Bajuwariorum im Tit. X X. 20, von den viae publicae 
die viae vicinales oder convicinales und pastorales. Beide Gesetze 
fordern nur v<»n dem. der diese widerrechtlich Bperrt, die Oeßhung 
unter einer Busse von 12 bezw. <> Solidi. (Mon. Germ. LL. 111, 
p. 5 l l ii. 310. 3 Diese Bestimmung kehrt bei Benedictus Levita in 
cap. 353 u. 354 des 5. Buchee der Kapitularien fränkischer Könige 
wieder Mon. Germ. LL. Jl. '1. p. 67). Auch darin liegt, wie in 
den dänischen Gesetzen die Auffassung, dass ein Schutz der Feld 
wege nicht nöthig, weil sie durch Ueberfahrtsrechte ersetzbar sind, 
der Kommunikationsweg von Ort zu Ort dagegen Landespolizei- 
Bache bleibt. J)ass diese Auffassung auch auf dem Boden des 
deutschen Volkslandes bestanden und bis in die Neuzeit fortge- 
dauert hat, wird durch einige Weisthümer helegt. Der Schöffen 
spruch aus Liebenscheid im Oberwesterwaldkreise hei Marienberg 
von 1559 (Grimm W. IV, S. 587, (i) sagt: »Wo jemant were, der 
rechte Wege zumachte und ohnrechte Wege öffnet oder uffthete, 
weiset der Scheffen nach altem Rechten ein solchen Theter oder 
Frevler unsern gnädigen Herrn in die Buss.« Also das Schult- 
heissengericht straft nicht, sondern der Graf von Nassau. Die Ur- 
theile im (iohe zu Velilen hei Büekehurg ((Trimm W. III, S. 313 ff.) be- 
antworten die Frage: »Was de gogreve für sinen gohanern und 
honer wederumb tho donde schuldigkV Darum schal he verpflichtet 
sin, tho befordern, dat wege und Stege gebetert und in Wolstande 
geholden werden. < Ferner wenn über jemandes Ackerbreite ein 
Voigtsteg gelegt worden und vorher kein Voigtpfad darüber gegangen 
sei, verfällt der, der nicht den rechten Weg behalten hat, dem gnä- 
digen Herren zu Schaiunburg »in eine sülft'walt«, will sagen in eine 
Busse nach dessen Ermessen. Schon die Ausdrücke Voithstich und 
Voithpat sind charakteristisch. Das Landrecht des Edagser Gohes, 
im Westen von Hildesheim, vom Jahre 1557 (Ebd. IV, S. 659) fragt 
zu 7. »Wo breit eine gemeine Heerstrate sin schulle und wo feer 
man der blieven schulle"? Dat ein Rüther könne im Wege holden 
und mit der Btangen, so he föret, umher wenden. 8. Wo wiet ein 



! ) Die lex romana Bnrgondionam Mon. Germ. LL. III, p. 107' sagt über die 
Wege und Wegerechtigkeiten viel eingehender, aber nach nur wenig modifüirten 
römischen Grundsätzen, im Tit. XVII: Viam pnblicam, vel inter agros communiter 
divisam, nee possideri, nee intercludi nee exurari posse. Quod si factum fuerit, 
auetorem facti ad ejus munitionem solum compelli, et ad munitionem viarum pro 
modo patrimonii nullum penitus excusari", und „Viam, iter, actum, hoc est, ubi car- 
penta vel carra conversari possunt, biennio adquiri et amitti posse. 

Meitzen, Siedelung etc. I. 5 



gß II. 3. Wirthsrhaftseinni'htungen und Betrieb. 



gemeiner Kerkweg sin schulde? Dat ein Man mit Biner Fruwen 
könne gähn, dat se de Dau (der Thau) nicht beschütte im Wege. 
11. Ein gemeiner Holt weg, wo breit de sin sehulle? Drey Wagen- 
spoer breit sol hei sin. 12. Wen nun einer bei solchen Wege land 
her hette, ob man sehulle nicht up dem Lande herfahren, so lange 
desülve sins wert, solchen fchom wege ligen tho latende? Wen man 
solches befände, mag man upen lande herfahren. 13. So ein Weg 
durch dat körn gehet, wer de horde (Zäune) schulde holden, dat 
kein Schade gescheige? obs der negiste thun solle? Es soll it thon 
de ganze gemeine, so in dem sulvigen Felde Ackerbuw hefft. In 
dem Weisthum von Sandweiler aus 1604 § 84 1 ) kehrte sogar wieder: 
dasa in dem Dorf Sandweiler und jederem anderen . . Dorferen 
1 Weg sein sollen, die man nennet die Landstrassen, und eine jede 
32 Schue breit sein, auch von dem einen Ban zu dem anderen gehen 
müssen, die auch die landfürstliche Meier und Schoflen ausweisen und 
marken.« Diese 4 Wege sind hier wie in den dänischen Gesetzen 
nur ein Rechtssprüchwort und scheinen, wie Lamprecht treffend be- 
merkt, auf alten rechtssymbolischen Vorstellungen im Hinblick auf 
die 4 Windrichtungen zu beruhen. — 

Die nahe liegenden Vermuthungen über die ursprünglichen Ver- 
hältnisse der Siedelungsanlagen und über das Alter der Ackerein- 
theilung, welche sich aus dem Laufe der Wege durch die Acker- 
gewanne und aus dem späteren Wegerechte ergeben, dürfen vorläufig 
dahin gestellt bleiben. Für die Erkenntniss der dauernden Wirth- 
schaftseinrichtungen ist dagegen von der grössten und bis zur Gegen- 
wart entscheidenden Bedeutung, dass dieser völlig typisch auf dem 
gesammten alten Volksgebiete bestehende Mangel an Wegeverbin- 
dungen für den Wirthschaftsbetrieb die Noth wendigkeit des Flur- 
zwanges begründet. Der Flurzwang hat auf allen diesen Gemar- 
kungen seit Menschengedenken und bis zum Eingreifen der Landes- 
kulturgesetze bestanden, und hätte wegen der mangelnden Wege ein- 
geführt werden müssen, wenn er nicht schon mit der Idee der ganzen 
Anlage gegeben gewesen wäre. 

Die Notwendigkeit, dass fast alle Nachbarn über Grundstücke 
anderer zu gehen und zu fahren hatten, um die ihrigen zu bestellen, zu 
besäen und abzuernten, bedingte, dass Bestellung, Saat und Ernte 
für ganze Feldlagen gleichzeitig beginnen und enden mussten. Da 
dies aber nur bei dem Anbau gleicher Fruchtarten möglich ist, wurde 



') Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben Bd. II, S. 237. 



II. 3. Wirthschaftseinrichtangen und Betrieb. 67 

dadurch auch Wahl und Folge der anzubauenden Früchte einem nur 
durch gemeinsame Entschlüsse zu verändernden Herkommen unter 
worfen. Dieses Hierkommen bedarf selbstverständlich einer gewissen 
Leitung durch den Gemeindevorstand. Den Zwang ahn- übt es durch 
die Natur der Sache aus. Wer ihm nicht folgen wollte, würde sich 
seihst unausbleiblichen Schaden zugefügt haben. (Sachsenspiegel 
II, 18.) Die nothwendig durch den Flurzwang geforderten Einrich- 
tungen, welche auf dem gesammten Volksgebiete in Ucbung waren, und 
in den südlichen Gebirgsgegenden desselben noch in der Gegenwart 
bestehen, greifen daher sehr tief ein und sind oft erörtert. 

Alles Ackerland niusste ohne nähere Beziehung auf die gedachte 
speziellere Besitzvertheilung in eine Anzahl ziemlich gleiche Wirth- 
Bchaftsschläge eingeordnet werden. Am verbreitetsten waren schon 
seit dem frühen Mittelalter die drei »Schläge der Dreifelderwirthschaft. 
Sie herrschte in weiten Landstrichen, wie in Thüringen, Hessen und 
Ost Talen, fast ohne Ausnahme. Es hat aber auch, wie Haussen 
I. 271) näher nachgewiesen, im Hildesheimischen, Calenbergischen 
und Erfurtischen alte Vier- und Fünffelderwirthschaft, auf der nord- 
hannöverischen Geest Einfelderwirthschaft, am Nordhang des Süntel 
Zweifelderwirthschaft und am Harz, wie es scheint, Feldgraswirth- 
schaft bestanden. Letztere nimmt Haussen mit Grund als ursprüng- 
lich sehr weit verbreitet an. 

In Schleswig -Holstein und Dänemark hat sich zwar durch die 
Verkuppelungen überall eine moderne freie Koppel- und Feldgraswirth- 
schaft eingeführt. Vorher war indess mit der Gemenglage der Flur- 
zwang auch hier allgemein. So wird in Berichten von 1768 zur 
Vorbereitung der Einkoppelungs -Verordnung im Amte Segeberg 1 ) ge- 
sagt: »Hier hat fast Niemand unbefriedete Ländereien, sondern alles 
liegt in Kampschlägen, 2 ) worauf die Gemeinschaft herrscht, und der 
eine sich nach dem andern richten muss.« »Die sogenannten Pfiug- 
und Ackerländereien sind durchgängig in gewisse sogenannte Acker- 
schläge eingetheilt, welche wegen des sehr sandigen Bodens alle 
3 Jahre wechseln, und ein Theil davon nur besaamt, ein anderer 
aber wieder zur Ruhe und Erholung frischer Kraft in Weide liegen 



') Denkschrift des Reg.-Raths Vezin in den Akten des Landwesensbureaus unter 
dem früheren Ministerium für Holstein betr. die Landwesensverhältnisse des Amtes 
Segeberg von 1858. 

2 ) Will sagen: Gewannen, der Sprachgebrauch schwankt leider. In der Regel und 
richtiger wird mit Kamp nicht ein unter die Hüfner getheiltes, sondern ein einem Ein- 
zelnen gehöriges eingehegtes Feldgrundstück von abgerundeter Figur bezeichnet (o. S. 50). 

5* 



II. o. Wirthscliaftscinrichtungen und Betrieb. 

bleibt. In diesen Feld- oder Ackerschlägen ist einem Jeden nach 
Pflugzahl sein Antheil, je nach Grösse der Sehläge mit ein oder zwei 
Stücken, wechselsweise beigelegt. Auch linden sich hin und wieder 
solche Ackerfelder, die alljährlich besaamt werden. Auch bei ihnen 
ist gleichfalls eine solche weit auseinander liegende und besondere 
Abtheilung geschaffen, und daneben eine solche Verschiedenheit der 
Güte des Bodens anzutreffen, dass die schon in älterer Zeit ange- 
stellten Versuche, die in diesen Feldern einem jeden zustehenden 
Theile in engere Bezirke und näher aneinander zu bringen, stets 
vergeblich gewesen.« »Die Ackerländereien liegen in grossen Kämpen, 
in diesen hat jeder Hüfener seinen Strich Landes oder mehrere nach 
Pflugzahl der Länge nach und neben einander abgetheilt. Dieser 
ist sein Eigenthum, aber in der Bewirtschaftung ist er an die Dorf- 
regel gebunden. Der Wechsel der Saatfolge ist ein gemeinschaft- 
licher, ebenso ist die Brache von allen gleichzeitig zu beobachten. 
Im Herbst nach der Ernte dient der Kamp zur gemeinschaftlichen 
Viehweide, ebenso in der Brache.« 

Für die nach dem üblichen dänischen Verfahren verkoppelten 
Fluren lässt sich wie bei Olderup (Anlage 16) gezeigt ist, nur aus 
den Protokollen über die Antheilsrechte und über die Planvertheilung 
die alte Lage der im Gemenge liegenden Parzellen ersehen. Indess 
kann auch ein Beispiel einer solchen nördlich der Elbe liegenden 
Flur vorgeführt werden, welche auf Hamburgischen Gebiete liegt, 
und in welcher vor der Verkuppelung eine Parzellarkarte aufge- 
nommen worden ist. Es ist dies das Dorf Winterhude 1 ) (Anlage 17). 
Hier bestanden im 13. und 14. Jahrhundert zwei verschiedene durch 
eine Grenze geschiedene Gerichtsbarkeiten. Zu der einen gehörten die 
Höfe 1 , 2 und 3 mit dem zugehörigen Lande , welches schon vor 
1700 in grösseren arrondirten Kämpen lag. Die andere Gerichts- 
barkeit aber besass die Höfe 4 bis 7, welche erst nach dem Jahre 
1779 verkoppelt worden sind. Die nach dem Stande des Jahres 
1700 gezeichnete Karte erläutert anschaulich die obigen Angaben 
des Segeberger Berichtes über die herkömmlichen gesonderten Ge- 
wanne und deren Untertheilung für die einzelnen Hufen, sowie über 
die Unzugänglichkeit dieser Theilstücke und die daraus folgende 
Notwendigkeit des Flurzwanges innerhalb des einzelnen Feldtheiles. 



') Dr. W. Hübbe, Einige Mittheilungen über Kulturverhältnisse, Sitten und Ge- 
bräuche im Landgebiete Hamburgs. Zeitschr. des Vereins für hamburgische Geschichte. 
N. F. II, S. 429. Hamburg 1865. 






TT. .'5. Wirthschaftseinrichtungen and Betrieb. 69 



In Schweden und Norwegen ' ) aber ist man nicht ohne Erinne 
rung, dasa die älteste Landwirthschafi in der Brennkultur be- 
stand. Der Wald wurde gehauen oder gestürzt, und EJolz und Wurzeln, 
soweit die Stämme nicht benutzi wurden, in Haufen verbrannt. 
Dann wurde das Land geebnet, eingefriedet und mit Eloggen besäet. 
IuVs Verfahren des Getreidebaus ist noch gegenwärtig hier und da 
in Wermeland und einigen anderen Waldgegenden in (Jebung. Den 
oächsten Fortschritt bildete die Rackwirthschaft. Die Räumden wurden 
mit der Hacke bearbeitet, dabei die Steine herausgehoben und in 
grösseren oder kleineren Haufen zusammen geschichtet, das aufge- 
brochene Land dann aber alljährlich besäet, so lange es Getreide 
trug. Wenn es die Saat nicht mehr durch ziemlich reichlich bean- 
spruchte Ernten vergalt, wurde es der Natur wieder überlassen. Es 
bedeckte sich dann mit Wald, in welchem die Steinhaufen und die 
Reste von Abzugsgräben die alte Bearbeitung bezeugen. 

Je nach den Umständen ging aus diesem Anbau auch eine 
einfache Feldgraswirthschaft hervor, die in den nördlichen 
Länen, wo Winterung nicht gebaut werden kann, noch sehr ver- 
breitet ist. Das urbare Land wird jährlich mit Sommerkorn, Kar- 
toffeln oder Flachs bestellt, und wenn sich dies nicht länger lohnt, 
als Grasland zu Wiese und Weide liegen gelassen, nach einer Reihe 
von Jahren aber von neuem zu Acker aufgebrochen. 

Diese Wirthschaft findet sich indess gegenwärtig nur noch auf 
dem Boden der mehr und mehr zur Rodung gekommenen und vor- 
zugsweise in Einzelhöfen kultivirten Gebirgswaldungen. 

W r o genossenschaftliche Dorfanlagen begründet sind, auf den ebe- 
neren alt besiedelten Gebieten im Süden, besteht meist Schlagwirth- 
Bchaft, Zwei- oder Dreifelderwirthschaft, an manchen Stellen aber 
auch verschieden geordnete Wechsel- und Koppelwirthschaft. Zwei 
felderwirth.8cb.aft ist sehr allgemein in den Landschaften, die den 
Mälarsee umgeben, in Upland, Westmanland und Södermanland. Die 
Dreifelderwirthschaft kommt am verbreitetsten in Oster- und Wester- 
gothland, in Nerike, auf Oeland und Gotland, sowie in den Länen Gelle- 
borg, Westernorrland und in einigen Gegenden von Kopparberg vor. 
Vierfelderwirthschaft ist seltener, sie wird aber in Falbygden und 
gewissen anderen Gegenden von Westergothland und Dalsland, sowie 



') Sicdenblath, Schweden für die Weltausstellung zu Wien 1873 S. 40 nach Prof. 
Arrhenius. — Schübeier, Die Kulturpflanzen Norwegens mit Anhang über die alt- 
norwegische Landwirthschaft, Christiania 1862. — Strödda Utkast rüvande Svenska 
Jordbrukets historia af P. v. Müller, Stockholm, 3 Hefte. 



"70 tt 3. Wirthschaft Seinrichtungen und Betrieb. 

in Smaland, Blekinge und Roslagen, auch in den Vogteien Nedan- 
mul Of van -Sil jan vom Län Kopparberg, hier neben der Dreifelder- 
wirthschaft, gefunden. Wechselwirthschaften kommen allgemein in 
Schonen sowohl auf Gütern wie bei Bauern vor, in den mittleren 
Provinzen nur auf den Gütern. Koppelwirtschaften bestehen am 
meisten in Wermeland und Dalarne und zwar mit mehrjährigem 
Klee und mit Grasfeldern. Hier dient auch der Hafer als Brodfrucht. 
In dem Gebiet der Dörfer ist dagegen überall Roggen die Haupt- 
frucht, nur in dem unfruchtbaren Smaland wird Hafer zu Knäkebrod 
verwendet. Im höheren Norden in Norrland ist die Gerste die 
Brotfurcht. Für Norwegen war gesetzlich vorgeschrieben, dass der 
4. Theil des urbaren Landes jedes Jahr brachliegen solle; diese Be- 
stimmungen stammen schon aus der Zeit Olafs des Heiligen , wurden 
im 13. Jahrhundert aufgezeichnet und auch in die späteren Gesetze 
Christians IV., Norsge low VI, 8 und Christians V. 3. 14. 42 über- 
nommen. 

Obwohl für das westgermanische Volksgebiet bestimmte Zeug- 
nisse mangeln, darf man doch annehmen, dass die in Skandinavien, 
wegen des dortigen Bodens und Klimas bis auf unsere Zeit erhaltenen 
unentwickelteren Betriebsarten auch im alten Deutschland die ur- 
sprünglichen und lange geübten waren. 

Keine dieser Wirthschaftsweisen aber, auf welchem Gebiete des 
Nordens oder Südens immer sie getrieben wurden, auch nicht die 
Feldgraswirthschaft mit langjährigem Wiesen- und Weidelande, war 
mit der Einrichtung bestimmter Schläge in der Gemarkung unver- 
einbar; im Gegentheil sie forderte sie als unentbehrlich, wenn auf der 
Gemarkung der Grundbesitz einer grösseren Anzahl Nachbarn nicht 
in Koppeln, sondern im Gemenge durch einander lag und nur durch 
Ueberfahrten zugänglich war. Aus der wirthschaftlichen Natur und 
Absicht dieser Schlageintheilung folgte weiter, wie sich überall that- 
sächlich bestätigt, dass nicht allein diese Wirthschaftsschläge im 
Ganzen, so viele es nach dem Brauch des Ortes waren, unter sich 
ziemlich gleiche Fläche hatten; sondern auch der Besitz des ein- 
zelnen Nachbarn dem Verhältniss seines Gesammtbesitzes ent- 
sprechend in jedem Schlage annähernd gleich vertheilt lag. 

Dies wird durchaus nothwendige Bedingung, weil jeder Wirth für 
seine Wirthschaft in jedem einzelnen Jahre ungefähr gleiche Ernten 
der üblichen Früchte wünscht, und stets wünschen muss, um nicht 
von Jahr zu Jahr verschiedene Einrichtungen und ungleiche Zahl 
von Gespannen und Arbeitskräften nöthig zu haben. Wie zer- 



Tl. 3. Wirthschaftseinrichtüngen ohd Betrieb. 71 

Btückell and auf verschiedene Gewanne verstreut also auch seine 
Grundstücke in < h-m einzelnen Schlage liegen mochten, für deren 
Vertheilung über die ganze Flur musste zutreffen, dass er in jedem 
Schlage ziemlich gleichviel Land besass, weil die Schlaggrenzen mit 
ihrer Fruchtfolge feststanden. Dies kam ebenso bei allen Veräue 
rangen und Theilungen in Betracht, denn trotz einer Verkleinerung 
oder Vergrösserung bliel» für jede Wirthschaft Bedürfnies, jährlich 
gleichen Betrieb und gleiche Erträge erwarten zu können. — 

Dieser Zwang gleichmässiger Bestellung, der auf den W'oge- 
gerechtigkeiten beruhte, wurde überdies wesentlich durch die ge- 
rn ein sann 1 Weide verschärft. 

Die Weide für die Heerden der Dorfgenossen galt um so mehr 
als eine Bauptgrundlage der Wirthschaftseinrichtungen , als die Ge 
markungen häutig dem Vieh keinen sehr reichen Futterstand boten. 
Deshalb sollte die Grösse der Heerde jedes Wirthes in gleichem 
Verhältnisse zu der Ausdehnung seines Grundbesitzes stehen, und 
jedes Grundstück in der Gemarkung ausser Haus und Garten galt 
als weidepflichtig, sofern es nicht aus besondern Gründen davon 
freigegeben war. 

Die Ackerschläge blieben entsprechend nur so lange weidefrei, 
als Frucht darauf stehen durfte, denn auch Brach- und Stoppelweide 
waren gemeinsam. 

Wo die Schläge nicht, wie in Holstein, mit natürlichen Hecken 
umgehen waren, wurde der Acker gegen das Weidevieh bei auf- 
gehender Saat mit einem den gesammten Schlag umziehenden Holz- 
zaun geschützt, welcher jährlich nach Verhältnise des Besitzes er- 
richtet werden musste. Nachdem aber die Ernte angesagt, und die 
für ihre Beendigung geltende Frist abgelaufen war, wurden die Zäune 
entfernt, und wer seine Ernte nicht eingebracht hatte, verlor sie 
ebenso, wie er auf die Bestellung seines Ackers verzichten musste, 
sobald die Zeit der offenen Wegegerechtigkeiten verstrichen war. Diese 
Einzäunung war so verbreitet und noth wendig, dass nach ihr die 
Schlüge auch Zeigen (von Teig, Ast , Stabholz, Heckenstock) be 
nannt wurden. — 

Es ist klar, dass die im Flurzwang liegenden Bedingungen 
des Wirthschaftsbetriebes die Uebelstände der Zerstückelung 
wesentlich verringerten. Er ermöglichte, dass die Wege zu Gunsten 
der beackerten Fläche erspart wurden, und riss mit treibender Ge- 
walt den Trägen, Leichtsinnigen und Unverständigen zu vernünftiger 
Arbeit fort. Aber er gestattete auch kaum irgend einen Fortschritt, 



IT. 4. "Die Hufenverfassttng der Germanen. 



sondern hielt Alle auf der Stufe gleicher, vielleicht behaglicher, aber 
nothwendig abstumpfender Mittelmässigkeit. Wo das Wirtschafts- 
system, wie es die Dreifelderwirthschaft leicht thut, dem Boden zu 
viel zumuthete, lag auch die Gefahr allmählicher Verarmung nahe. 

4. Die Hufenverfassung der Germanen. 

Die eigentümlich enge Verkettung der Besitz- und Betriebs- 
verhältnisse aller Genossen der germanischen Dörfer lässt nahe Be- 
ziehungen zu ähnlich verknüpften Eigentumsrechten erwarten. 

In der That führt die nähere Untersuchung des Charakters der 
Eigenthumsrechte auf grundlegende und gleichartige bis in frühe 
Vorzeit zurückleitende Besonderheiten. 

In allen diesen Dörfern ist die Hufenverfassung die Grund- 
lage der Eigenthumsvertheilung. 

Dass dieselbe in grösster Verbreitung auf dem gesammten Ge- 
biete südlich der Elbe bestand, ergeben zahlreiche urkundliche Er- 
wähnungen von den Fuldischen und Corveyischen Traditionen an bis 
auf die späteste Zeit. 

Däss sie aber auch schon im frühen Mittelalter als selbstver- 
ständliche und ganz allgemein nothwendige Grundlage der politischen 
und agrarischen Verfassung anerkannt war, beweisen die Vor- 
schriften Karls des Grossen über den Heerbann. (Mon. 
Germ. LL. Sect. II, Capit. regum Franc. Tom. I 8. 134. 137.) 

Das Memoratorium Karls von 807 erleichtert, trotz des grossen 
Bedarfes seiner vielen blutigen Kriege, die durch die Entfernung 
dieser Heereszüge drückend gewordene Heerbannlast dadurch , dass 
es anordnet: »Alle, die Lehen haben, sollen zum Heere kommen. 
Welcher Freie fünf Hufen zu Eigenthum hat, soll gleichfalls kommen; 
ebenso wer vier Hufen hat, und wer drei Hufen hat. Wo aber 
zwei gefunden werden, von denen jeder zwei Hufen hat, soll einer 
den andern ausrüsten, und wer von beiden am besten kann, kommen. 
Wo zwei gefunden werden, von denen einer zwei Hufen hat und 
der andre eine, sollen sie sich ebenso vereinigen, einer den andern 
ausrüsten und welcher besser kann, kommen. Wo aber drei gefunden 
werden, von denen jeder eine Hufe hat, sollen zw r ei den dritten aus- 
rüsten, so dass wer am besten kann, auszieht. Von denen aber, 
welche halbe Hufen haben, sollen fünf den sechsten ausrüsten. Wer 
aber so arm gefunden wird, dass er weder einen Hintersassen noch 
eigenen Grundbesitz hat, aber fünf Solidi an Werth besitzt, von 



TT. 4. Die Hufenverfassung der Germanen. 7.") 

denen sollen fünf den sechsten ausrüsten, von denen aber, welche 

kleine Landbesitzungen haben, zwei den dritten. Und v len ge 

dachten Annen, welche keinen Landbesitz haben, sollen fünf Solidi 
für jeden von ihnen, der zum Beere zieht, zusammengebrachl werden. 
<>1> dies«' Anordnung nur für Feldzüge jenseits der Seine getroffen 
ist, kommt nicht in Betracht. Las folgende Capitulare von 808, 
welches die-. 'Ihr Pflichl bezüglich der je vierton Hute ausspricht, 
hat überdies ohne Zweifel allgemeine Geltung. Die Hufenverfassung 
bezeugen beide gleichmässig, dabei beziehen sich die Vorschriften 
des iVfemoratoriums ausdrücklich nicht bloss auf die Franken, sondern 
auch auf die Sachsen, lieber die Friesen alter wurden andere Be- 
stimmungen ge trollen. Da bei lel^teren wenigstens in der älteren Zeit 
die Bufen Verfassung unbekannt war, beruht die Anordnung ersieht 
lieh auf durchaus hewusster Unterscheidung der in dieser Beziehung 
bestehenden Verhältnisse. 

In einem Kapitulare von 805 (Ebd. S. 123) wird angeordnet, 
dass Jeder, der 12 Hufen besitzt, einen Brustharnisch halten und 
im Heere tragen solle. 

Die allgemeine und schon vorkarolingische Verbreitung der 
Hufen in dem eben erst unterworfenen Sachsen geht auch aus der 
Capitulatio de partibus Saxoniae (Ebd. 8. 69, XV) hervor, welche an- 
ordnet , dass die Insassen des Sprengeis zu jeder Kirche ein Gehöft 
und 2 Unten Land und auf je 120 Adlige, Freie oder Liten einen 
Knecht und eine Magd der Kirche zu geben hätten. Allgemeiner 
spricht das Capitulare ecclesiasticum Ludwigs des Frommen (Ebd. 
S. 277, X) aus, dass festgesetzt sei, jeder Kirche stehe eine volle 
Hufe frei von jeder Leistung zu. 

Der alte Bestand der Hufenverfassung östlich der Weser und 
der Zusammenhang mit der sonst kaum zu erklärenden Art der 
Vertheilung der Ackerflur in den Dörfern des deutschen Gebietes ist 
also nicht zu bezweifeln. — 

Den Begriff der Hufe bat schon Justus Moeser als den 
einer Aktie an dem Gemeinwesen einer Bauerschaft aufgefasst. 1 ) 

G. Waitz aber erklärt in seiner eindringenden Untersuchung 
über die altdeutsche Hufe aus den ältesten vorkarolingischen Quel 
len- . dass man sie in ihrem eigentlichen Sinne als den Komplex 
von Land und dazu gehörigen Rechten auffassen müsse, den regel- 



') J. Moeser, Patriotische Phantasieen. Stück 20. 2. Aufl. 1778. 

2 ) Bd. VI der Al.li. d. K. Ges. d. Wissensch. zu Güttingen 18Ö4. S. Id. 



II. 4. r>ie Hufenverfassung der Germanen. 



massig clor Einzelne hat, und dessen er für seine Bedürfnisse als 
Landbauer bedarf, genug, um die Arbeit eines Landbauers mit einem 
oder zwei Knechten in Anspruch zu nehmen, und um ihn und die 
Seinen ausreichend, wie es die Gewohnheit fordert, zu ernähren. 
\V;iitz ist auch mit Landaus Erklärung (o. 8. 26) einverstanden, das 
Wort Hufe bezeichne ein landwirtschaftliches Gut, welches mit 
einem Pfluge bestellt werden kann, und demnach der Arbeitskraft 
einer Familie entspricht. 

Die Klassifikation der Freien in der karolingischen Heerbanns- 
ordnung nach solchen, welche 5, 4, 3, 2, 1 und Va Hufe besitzen, 
beweist indess, dass mindestens schon damals die Hufe mit dem 
Besitzthum eines Einzelnen keinesweges übereinstimmte, dass viel- 
mehr unter Hufe eine von der Grösse der Besitzung und der Wirth- 
schaft des Einzelnen ganz unabhängige, hinreichend gleiche 
Einheit verstanden wurde, ein ideelles Theilstück einer Gemarkung 
von ungefähr gleicher öffentlicher Leistungsfähigkeit wie alle anderen 
Hufen, so dass diese gleichen Besitzeinheiten thatsächlich als eine 
Art Landeskataster zu dienen vermochten. 

Dass auf diesen Begriff auch die volksthümlich gebrauchten Be- 
zeichnungen führen, zeigt Waitz eingehend und mit Bezugnahme auf 
Müllenhoff. Das Wort Hufe, hoba, huoba, huba auch oba, hopa, 
hova, oder hobo, hobonia, hobunna lässt sich mit Hof nicht identi- 
fiziren. Die Wortformen gehen in einander über, aber die Sprache 
seihst unterscheidet sie. Auch die Ableitung von uoban (bearbeiten, 
anlegen) ist nicht zutreffend, denn das h fehlt sehr selten, und er- 
scheint als wurzelhaft. Eher giebt Müllenhoff eine Verbindung mit 
dem Stamme hab zu, also, was Jemand hat, besitzt, oder eine Ab- 
leitung von hefan, huob, gihoban (heben). Dann würde Hufe zu- 
nächst das Ackerland bezeichnen. Neuerdings hat indess Müllenhoff 
bestimmt erklärt und festgehalten, dass das Wort aus dem in 
»Behuf« enthaltenen Stamme erklärt werden müsse, der Behuf, das 
was Jemand zukommt, der Antheil oder das Anrecht, also auch sein 
Loos. 1 ) Dem entspricht das deutsche hluz, 2 ) das lateinische sors, 
ebenso auch pars, portio. 

Diese Bezeichnungen deuten alle auf den gleichen Sinn. Gleich- 
wohl bestätigen sie zugleich die Besonderheit, dass Hufe nicht ein 



l ) Vgl. Schindler, Bayrisches Lexikon unter Hube. 2. Aufl. Bd. I, S. 1039. 
*) G. Landau, Territ. S. 11. — G. L. v. Maurer, Einleitung zur Geschichte 
der Mark-, Hof- und Dorfverfassung, S. 54. 



II. 4. Die ffofenverfaBsting der Germanen. 75 

ursprünglicher und ausschliessender Ausdruck für den Begriff ist, 
für den er in Deutschland ganz allgemein gebraucht wurde. In 
Schweden heisst sie Mantal, Mannstheil. In Dänemark und in 
Schonen wurde sie bool, boele genannt, womit wahrscheinlicher, als 
Brett "der Balken, eine Grube, Heide, der älteste Wohnplatz be 
zeichnet ist. Die Angelsachsen brauchten in England den Ausdruck 
livd oder liyde, von goth. hiva, heiva, Hausherr; angls. hiva, Haus 
genösse; bind, Kerl, Bauer; hyde, higede, Familie, welche Bedeutung 
aich auf die \\u\'r übertragen hat. 

Die katastermässige gleiche Würdigung der Hufen aber ist 
überall anerkannt. In England wurde schon von 1003 bis ins 
12. Jahrhundert die Danegilte mit 1 Schilling auf die Hufe erhohen. 
In Dänemark kamen 1231 bei der Landeinschätzung, die dem Erdbuch 
Waidemars II. 1 ) zu Grunde liegt, die Hufen gleichmässig zu 1 Mark- 
Goldes in Ansatz. Ebenso ist die Pflugsteuer Erichs IV. 1241) nach 
der Boole umgelegt. Es wurden also auch hier, wie für den Heer- 
bann Karls, und entsprechend fast für alle mittelalterlichen Lasten 
und Steuern der deutschen Landschaften, die Hufen als im Wesent- 
lichen in gleichem Maasse leistungsfähig betrachtet. Für alle Hufen- 
arten galt dieselbe Auffassung, dass ihr Besitz an Hof und Garten, 
an Acker in der Flur und an Anrechten am Gemeinland genüge, 
eine bäuerliche Familie zu ernähren, und sie zu befähigen vermöge, 
die nöthigen öffentlichen Lasten zu tragen, auch wurden für die Be 
wirthschaftung und Bearbeitung die Kräfte der Familie als aus 
reichend erachtet. — 

Dass dabei die Grösse der Hufen je nach Ort und Um- 
ständen eine sehr verschiedene gewesen ist, hat Waitz schon aus 
den urkundlichen Angaben über die Zahl der Morgen festgestellt, 
welche in einzelnen Fällen auf die Hufen gerechnet, werden. Es 
ergiebt sich ebenso aus der Fläche solcher Gemarkungen, für welche 
in älteren Urkunden die Hufenzahl erwähnt ist. 

Dagegen waren die Hufen derselben Gemarkung bei den 
volksmässigen Anlagen stets gleich gross. Dies lag im Wesen 
der Genossenschaft. Es zeigt sich nirgends ein Grössenunterschied 
der mansi ingenuiles und serviles, des Besitzes der Edelinge, der 
Freien, Liten oder Unfreien. Ein solcher Unterschied wäre auch 



') Langenbcck Script, rerum ilanic. VII. 1792. — Schlegel, Ueber den Zustand 
des Ackerbaues und der LandwiithschaCr in Dänemark vor und unter den ersten Waide- 
maren. (Falcks Neues staatsb. Magazin Bd. II, 735.) — Faleks Beiträge zur Geschichte 
der Schlesw.-Holst. Landwirtschaft, Kiel 1847. 



IT. 4. "Die Hufenverfassnng der Germanen. 

gar nicht aufrecht zu erhalten gewesen, weil Freiheit und Unfreiheit 
nach dem Zeugniss der Volksgesetze und der zahlreichen Eigengabe- 
und Freilassungsurkunden ebenso häufig in der Person des Besitzers 
Belbst wechselte, als der Stand der Besitznachfolger bei Veräusserungen, 

Vergebungen und Verleihungen des Gutes. Die Nobiles und Schöffen- 
1 unfreien besassen nicht grössere Hufen, 1 ) sondern eine grössere An- 
zahl von Hufen, als die gewöhnlichen Freien. Vom Schöffenbarfreien 
wird nach dem Sachsenspiegel (III, Art. 81) ein Eigenthum von 
drei Hufen oder mehr gefordert. Jede Hufe eines Edlen oder Freien 
konnte aber von demselben auch stets an Censualen oder Hörige 
vergeben werden. 

Der Wirth trat sogar vor dem Hufengute in Hintergrund. Viel- 
fach gab es ihm selbst den Namen. Es galt als eine Persönlich- 
keit mit bleibenden wirtschaftlichen Rechten und Pflichten, im 
wesentlichen unabhängig davon, ob sein Wirth persönlich Eigen- 
thümer, Zinsmann, Pächter oder Verwalter, edel, frei, hörig oder 
eigen war, und ob das Gut in Theilen oder im Ganzen die ver- 
schiedenen Besitzer wechselte. 

Da nun die Hufe ursprünglich ein verhältnissmassiger Antheil 
an der Dorfmark war, musste es von dem Fortschreiten der 
Vertheilung der Ländereien abhängen, welche Grösse zu gegebener 
Zeit der Umfang des privaten Landes jeder dieser Hufen hatte. 
Jeder Hüfner durfte den verhältnissmässigen Theil des noch gemein- 
sam gebliebenen Grundes seinem Besitze zurechnen. Aber die alte 
Wirtschaftsführung hatte wegen der Schwierigkeit oder Unmöglich- 
keit einer auswärtigen Verwerthung der Produkte kein Bedürfniss, 
das zu bearbeitende Kulturland über eine gewisse, sicher schon früh 
erreichte Grenze auszudehnen. Nachdem die Anforderungen des Unter- 
haltes für die einzelnen Haushaltungen erfüllt waren, vermochte die 
gemeinsame Wald- und Weidenutzung des vorhandenen Restes der 
Dorfmark den bestehenden wesentlich auf Viehzucht gerichteten Wirth- 
schaftszwecken und Lebensgewohnheiten leicht hesser, als dessen 
Theilung, zu entsprechen. Auch lagen Einsprüche gegen weitere 
Rodung zu Gunsten der bequemeren Wirthschaft nahe, weil alle be- 
rechtigten Dorfgenossen in weitere Aufteilungen einwilligen mussten. 



') Ueber ersichtlich missbräuchliche, nach Hajek angeblich von Ottokar ange- 
ordnete, anscheinend im 16. Jahrhundert in Böhmen angewendete verschiedene Masse 
rergl. Cod. dipl. Siles. IV Einl. S. 48 n. 3. Die für Fiskus, Geistlichkeit, Adel und 
Zinsbauern um den 11., 10. und 8. Theil verringerte Furchenzahl der Messung wird 
hier nur durch die gleiche Aussaat gerechtfertigt. 



II. 4. Die TIul' ung der Germanen. 77 



Es ergab sich also für den einzelnen Ort ein gleiches, für die ver- 
schiedenen Ortschaften aber ein Behr verschiedenes Hufenmass. — 

Dasselbe fand seinen Ausdruck in Morgen. Morgen, auch 
A-cker, jugerum, bedeutet eine Fläche, diu an einem Vormittage ge 
pflügt werden kann. Tagwerk, jurnale, bezieht sich auf den ganzen 
Tag, der aber in alter Zeit nur bis Mittag gerechnet wurde. Diese 
Maassbezeichnungen wechseln, wie die Anlagen zeigen, nach den 
einzelnen Gegenden. Auf dem alten Volksgebiete ist Tagwerk Aus- 
nahme, Acker herrseht in Hessen und Thüringen vor, im Allgemeinen 
wird Morgen gebraucht. Bei dem Sehwanken der Grössen ist aber 
ein konsequentes Auseinanderhalten dieser Bezeichnungen nirgends 
vorauszusetzen. Diese Maasse kommen schon in den frühesten Ur- 
kunden hei Landverleihungen und Yerüusserungen einzeln und in 
.Mehrheit, wie in Halbirungen häutig vor. Sie sind in den meisten 
Fällen als Bruchstücke von Hufen anzusehen, und dies ist um so 
erklärlicher, als die Hutenantheile , wie sich zeigen wird, in den 
älteren Gewannen in der Regel je einen ganzen, zuweilen auch einen 
halben Morgen hetrugen. Dabei ist allerdings zu beachten, dass der 
Morgen und seine verwandten Maasse von der gepflügten Fläche her- 
genommen sind. Sic wurden auch gelegentlich durch «las Maass der 
darauf gewöhnlichen Aussaat bezeichnet. Ans diesem Grunde hatten 
sie thatsäehlich selbst innerhalb derselben Flur keine genau be- 
stimmte Grosse. 1 ) Sie waren für guten Boden in der Regel etwas 
kleiner als für schlechteren, für Waidboden grösser als für Acker- 
land, und wenn auch gegendweise gewisse Durchschnitte für das 
Maass geltend wurden, so wich dasselbe auch wieder in verschiedenen 
benachbarten Landstrichen nicht unerheblich ab. 

Daraus ergiebt sich aber, dass ebenso das Hufenmaass nicht nur 
an sich, sondern auch bei seiner üblichen Angabe nach der Morgen- 
oder Ackerzahl selbst da sehr verschieden blieb, wo für das Maass 
das Zuhehör an nicht aufgetheilten Almendgrundstücken nicht mehr 
in Betracht kam. Wirklich gleiche Hufenmaasse lassen sich, wie 
daraus ersichtlich ist, für die alten volkstümlichen Dorfanlagen, 
seihst in nahe benachbarten Orten niemals erwarten, und waren auch 
kein Bedürfniss. Es kam nur darauf an, dass die einzelnen Hufen 
der Genossen desselben Dorfes ohne jeden Streit und Zweifel aus- 
geglichen waren. Das aber wurde durch die Gleichheit der Antheile 
in jedem der einzelnen Gewanne vollkommen erreicht. 



') Hanssen, Agrarhist. Abhandlungen II, S. 254 ff., 293 ff. 



7 s II. 4. Die Hufenverfassung der Germanen. 

Bestimmte Eufenmasse und Aufmessungen von Hufen .sind 
/war urkundlich bereits im 7. Jahrhundert bekannt, sie gehören aber 
Vorgängen auf den Eroberungsgebieten der Völkerwanderung an, 
und halien sich auf die volksthüinlich besiedelten Theile Deutsch- 
lands nur vereinzelt unter Bedingungen, die besonders zu erörtern 
sein werden, übertragen. Die Ungleichartigkeit der Hufen des alten 
Volkslandes hat aber später dazu beigetragen, den amtlichen Ver- 
waltungen bei dem fortschreitenden Streben nach grösserer Genauig- 
keit die allmähliche Durchführung allgemeiner Landesmasse unent- 
behrlich zu machen, welche die örtlichen Hufenmasse verdrängt und 
zum Theil in Vergessenheit gebracht haben. 

In manchen Gegenden hat auch die häufige Theilung der Hufen 
eine neue Klassifikation der Besitzungen nach Höfen, Voll- 
höfen und Halbhöfen; oder Vollbauern, Halbbauern, Viertelsbauern; 
Vollspännern, Hall »spännern, Wirthen, und ähnlichen Bezeichnungen 
verbreitet. Stellen, welche wenigstens theilweis aus Bruchtheilen der 
alten Hufen gebildet sind, aber nicht mehr in die Reihe der Bauern 
gezählt wurden, erhielten in der Regel die Namen Kötter, Kott- 
sassen. Dies geschah ersichtlich nicht wegen ihres geringeren, meist 
allerdings weniger als X U Hufe betragenden Besitzes, denn es gab Rest- 
bauern von wenigen Morgen. Auch knüpfte sich die Unterscheidung 
nicht an den Hof, denn Kötter besitzen sehr häufig alte Bauerguts- 
gehöfte. "Wahrscheinlich dürfen die Kötter ursprünglich als Hinter- 
sassen der Hüfner gedacht werden, sodass eine niedere Standesstufe 
begründet war. Sie verschwand bis auf die neueste Zeit auch dann 
nicht, wenn ein Kötter seinen Besitz weit über das Maass einer 
Bauerhufe vergrösserte. 

Stellen, die auf einzelnen Morgen, auf den Angern oder auf 
Grundstücken aus der Almende oder auf Forstland begründet wurden, 
werden Anbauer, Brinksitzer, Häusler genannt. Alle diese Erschei- 
nungen aber gehören der späteren Entwickelung an, und vermögen 
zum Verständnisse des Wesens der ursprünglichen Siedelungsverhält- 
nisse nichts beizutragen. — 

Für die Erklärung der älteren Zustände und namentlich 
der Einzelheiten der Hufenverfassung und der Gesichtspunkte des 
Hufenrechtes sind dagegen die o. S. 63 schon erwähnten nordischen 
Gesetze des 13. Jahrhunderts 1 ) von besonderem Werthe, weil sie sich, 



') Zu den dänischen vergl. die schwedischen: Corpus juris Sueo-Gotorum antiqni. 
Sämling af Sweriges Gamla Lagar utgiven af H. S. Collin o. C. J. Schlüter. Bd. I 



II. 4. I'i.' lliifi'ii Verfassung der Germanen. 79 

u.i- Bonsl nirgends überliefert ist, über die Wiederherstellung der 
Grenzen alter Hufeneintheilungen , und die Art der Dorfanlage auf 
dem Volkslande bestimmt aussprechen. 

Das Erich- Seeländische Gesetz von 1290 giebt ganz aus- 
führliche Bestimmungen darüber, dase jeder Dorfinteressenl ein 
gleiches Loos haben solle, und dass die Gleichheit der Land 
stellen, nämlich nach ganzen, halben und viertel« Hufen, erforder 
liehen Falles zu jeder Zeit durch die sogenannte Reebningspro 
zedur, d. h. eine neue Regulirung durch Aurmessung mit dem 
Messseil restituirt werden könne. Bei einer solchen Neuaufmessung 
soll auch den Toften, d. h. den Hof- und Gartenstücken in der Dorf- 
lage, auf denen die Gehöfte stehen, eine beliebige Grösse gegeben 
werden können, wenn Stimmeneinheit der Nachbarversammlung 
darüber herrsche, sonst habe deren alte Verfassung die Vermuthung 
der Richtigkeit für sich. Auch solle bei ungleicher Bodenbeschaffen- 
heit die Gleichheit dieser Toftstellen durch die grössere oder ge- 
ringere Breite derselben bewirkt werden. Die Reihenfolge der Tofte 
im Dorfe solle ausgeloost, dieselbe Reihenfolge aber nach dem Laufe 
der Sonne im Kamp (in den Gewannen) festgehalten werden (Solfall). 1 ) 
Die Reebningsprozedur habe auf sachkundiges Gutachten von Harde- 
männern bei Grenzverwirrung und bei grosser Zerstückelung einzu- 
treten. 

Dem entsprechen genauere Anordnungen des Jütisk low von 
1240. Von solchen neuen Regulirungen sollen die Haustofte und 
der Dorfanger und ebenso die Wege ausgeschlossen werden, soweit sie 
von Alters bestanden. Neue Haustofte müssen aus dem Acker aus- 
geschwiiren werden (Svorne Tofte). Wer ein Haus auf seinem bis- 
her besessenen Acker gebaut hat (also ausserhalb der Dorflage) und 
es nicht hergeben will, muss sich gefallen lassen, dass der, dem 
dieser Acker zufällt, sich dafür eines seiner andern Ackerstücke nach 
Belieben aussucht. Wiesen werden mit getheilt, können aber auch 
jährlich dem Koppelwechsel unterliegen. Auch Holzungen können 
ungetheilt bleiben. Sind die Antheile nicht zu ermitteln, soll die 
Theilung nach dem Abgabenverhältniss erfolgen. 



Cod. juris Vestrogotici (1827). Bd. II Cod. juris Ostrogotici (1830). Bd. III Cod. juris 
Uplandici (1834), sämmtlich mit lateinischen Vorreden und Indices, sonst nordisch. 

') Es ist allerdings bestritten, ob nicht Sol das Seil, reeb, und nicht Sonne be- 
deutet. Das Jütisk low I, 65 spricht von solskifting als Reebningsverfahren. In der 
Sache würde selbst dadurch nichts geändert, wenn, wie in Deutschland, jedes Gewann 
für sich ausgeloost worden wäre. K. Anscher, Danske Lovhistorie 1783 Bd. I, S. 529. 



^ii TT. -i. Die Hufen Verfassung der Germanen. 

Auch eine Stelle im Schonenschen Gewohnheitsrecht, 
welches bereite L204 L215 vom Erzbischof Andreas Sunesen latei- 
nisch bearbeitet ist, lautet: Cujus (funiculi) dimensione tota villa 
in aequales redigitur portiones, (juas materna lingua vulgariter Boel 
appellant, et nos in latino sermone Mansos possumus appellare, 
earum fundis inter se prediisque inter se fundis ipsis adjacentibus, 
adaequandos. 1 ) 

Dass die Hufen der verschiedenen Orte auch im Norden sehr 
ungleich, bis zum zwei- und mehrfachen der gewöhnlichen Crosse 
waren, zeigen amtliehe Ermittelungen, die noch neuerdings in Schles- 
wig-Holstein angestellt worden sind. 2 ) 

Schweden nmfasst für die Verwaltung noch gegenwärtig 
<)7 77<> Mantal (Manntheil) oder Hemman (Mannsheini) d. h. Hufen, 
welche in früheren Zeiten den Höfen entsprachen, die von einer 
Bauernfamilie hewirthschaftet wurden, mit der Länge der Zeit und 
dein Furtschritt des Anbaus aber zur Theilung gekommen sind und 
nunmehr nur ideelle Einheiten bilden. 3 ) Von diesen Hufen können 
kleinere »Gelegenheiten« theils auf immer, theils auf eine gewisse 
Zeit, abgesondert werden, wodurch besondere Köthenerstellen (Torp) 
entstehen. Da an Acker und anderem Kulturland in Schweden rund 
3,9 Mill. Hekt. vorhanden, 4 ) so würde sich eine alte Hufe auf 57 h 
Kulturland durchschnittlich berechnen, wozu meist sehr ausgedehnter 



') Lcges provinciales terrae Scanicac ante 400 annos latine redditae per Andreum 
Simonis arrhiepiscopum Lundenensem, Hafniae 1540. Westfalen Monum. Cinibric. 
Tom. IV, p. 2029. 

2 ) Nach, diesen Ermittelungen, welche zwar ohne Anrechnung von Wald vor- 
genommen sind, für welche indess dennoch in Betracht kommt, dass in der Kegel 
dem alten Hufenlande grössere oder kleinere, möglicherweise sogar sehr grosse Stacke 
aus in älterer und neuerer Zeit aufgeteilten Gemeinheiten zugewachsen sind, enthielt 
eine Hufe in Hectar: a) im Kreise Flensburg: in Eggebeck 95,0, Jollerup 96,8, 
Nordhackstedt 68,3, Tarup 44,5, Niehaus 30,6, Gammelby 49,0, Jerrishoe 28,6, 
Jöri fi7,7, Boltoft 47,4, Flatzby 17,0; b) im Kreise Eckernförde: Broderaby 22,3, 
Tüllendorf 37,8, Winnemark 44,8, Holzdorf 52,8, Hammelfeld 125,6, Thumby 26,8, 
Olpenitzdorf 31,4, Hab} Lehmrick 124,8, Borgstedt 104,4; c) im Amte Pinneberg: 
Bökel 59,7, Heedc 22,7, Quickborn 75,6, Schneisen 187,2, Uetersen 26,8, Grossen- 
dorf 133,6, Langein (Vollhufe) 44,7, Kummerfeld 148,8, Wedel 45,0, Hasloh 200,0, 
Thesdorf 78,2, Garstedt 276,8, Neuendeich 27,1, Bevern 76,3, Ellerhoop 72,5, Oster- 
horn 32,2, Eichholt 74,0, Morrege 28,0, Hastenbeck 46,7, Haselau 23,3, Ellerbeck 148,8, 
Qnickborn 133,2, Appen 160,0, Haseldorf 19,0, Othmarschen 24, n, Kostenmoor 102,0, 
Brande 50,0, Westerhorn 72,0, Niendorf 144,0, Bökel (Vollhufe) 71,0 h. 

3 ) E. Sedenblath, Schweden, S. 39. 

4 ) J. E. Wappaeus, Handbuch der Geographie u. Statistik, Bd. III, Abth. I, S. 452. 






EL 4. Die Qafenverfaesung der Germanen. 81 

Almendebesitz tritt. Es werden jetzt in Schweden etwa oüOüOO be- 
sessene Anbauer, d. h. Stellen, in denen eine Haushaltung von 
wenigstens drei arbeitsfähigen Personen ihr Auskommen haben kann, 
und 185 000 Köthenerstellen gezählt. — 

Diese Ausführungen erweisen für das gesammte alte Volksgebiet 
der Germanen, dass die Besiedelung überall die Form von Dorf- 
gemarkungen hatte, und dass jede Dorfgemarkung in eine gewisse 
Zahl unter einander gleich gedachter Hufen zerfiel, welche ihrem 
Wesen nach ideelle Antheile an den zur Kultur vertheilten, wie an 
den ungetheilten Ländereien der Gemarkung bildeten. 2 ) Solehe gleich- 
werthige Antheile würden sich aber bei sehr verschiedenartigen Feld 
eintheilungen denken lassen, und kommen, wie sich zeigen wird, 
auch thatsäehlich bei ihnen vor. Die wesentlich charakteristische 
Eigentümlichkeit ist also, dass diese Hufenantheile auf dem altger- 
manischen Kulturlande stets in Gemenglage als verhältnissmässige 
Untertheile zahlreicher Gewannabschnitte ausgewiesen wurden. 

Diese Eintheilung in Gewanne gestattet häufig noch einen Schritt 
weiter zu gehen. Für Fluren, auf welchen nicht besondere meist 
erkennbare Zerrüttungen eingetreten sind, wird es in der Regel mög- 
lich , aus den Grössenverhältnissen der Untertheile in den einzelnen 
Gewannen die Zahl der in ihnen gemachten gleichen Antheile, und 
aus der Uebereinstimmung dieser Zahl in den verschiedenen Ge- 
wannen die Anzahl der Hufen im Dorfe festzustellen. 

Die Hufenzahl ist zwar für die meisten Ortschaften in den 
Landbüchern des 14. oder wenigstens in den zahlreichen Zinsregistern 
und Gerichtsbüchern des 15. und 16. Jahrhunderts, für einzelne 
auch in sehr alten Urkunden erwähnt, und es bildet stets eine 
wesentliche Erleichterung, von einer solchen Angabe ausgehen zu 
können. Indess lassen dieselben in der Regel Zweifel und erlangen 
nur durch anderweite Bestätigung volle Sicherheit. Schon die Identi- 
lizirung der Oertliehkeit ist oft schwierig. Nicht bloss, dass zwischen 
gleichen und ähnlichen Namen mit mehr oder Aveniger verderbter 
Schreibweise zu entscheiden ist. Es fragt sich, ob nicht der Bestand der 
Ortschaft nach der Urkunde ein wesentlich anderer, als der nach der 
Karte ist. Die Urkunde kann Nachbarorte, ausserhalb hegende 
Frohnhöfe, Wüstungen oder Kolonien einschliessen , oder sie kann 
sieh nur allein einen solchen Theil oder auf eine der Gerichtsbarkeiten, 
in welche die meisten Dörfer in älterer Zeit zerfielen, beziehen. 



2 ) Vergl. O. Gicrke, Das deutsche Genossenschaftsrecht Bd. II, S. 76. 
Mcitzen, Siedelung etc. I, u 



IL 4. Die Hufenverfassung der Germanen. 



Auch darf bei feststehender Übereinstimmung der Oertlichkeit die 
für das Dorf genannte Ilufenzahl im Zweifel nur als eine Minimal- 
zahl betrachtet werden, bei der unklar bleibt, ob nicht lediglich 
gewisse Hufen, z. B. die zinsbaren, ohne die in eigener Wirthschaft 
des Gutsherrn stehenden, oder ohne die zur Pfarrei gehörigen, ge- 
nieint sind. In späterer Zeit wurden auch oft statt der alten grösseren 
Hufen die halben als ganze Hufen gerechnet, die Hufen also durch- 
weg an Zahl verdoppelt, oder es wurde überhaupt nur eine aus 
der Fläche nach Landesmaassen berechnete Hufenzahl angegeben. 

Es bleibt deshalb immer die Untersuchung der Gewanne auf 
ihre gleichen Untertheile der sicherste Anhalt für die Feststellung 
der Hufenzahl. 

In der Regel ist bei einer oder mehreren Besitzungen ihr Be- 
stand als herkömmliche Hufen, sei es als Ganze oder Mehrfache, 
oder als Bruchtheile wie Halbe oder Viertel, durch Register oder Be- 
nennungen überliefert, auch nach Umständen aus der Lage der Hof- 
stelle und der gleichmässigen Vertheilung des Besitzes in der Flur 
genügend zu erkennen. Die Erhaltung einer solchen Hufenbesitzung 
ist namentlich da zu vermuthen, wo durch das Meierguts- oder das 
Stammgutssystem der alte Gutsbestand auf lange hinaus unverändert 
bleiben musste, oder wo die Höfe durch Hörigkeit oder Leibeigen- 
schaft dauernd in der Hand des Grundherrn verblieben, und von 
ihm von Wirth auf Wirth ungetheilt und unverändert weiter ver- 
geben wurden. Sie lässt sich auch da mit einiger Zuverlässigkeit 
erkennen, wo im Dorfe neben den gewöhnlichen Zinshufen, erb- 
liche Scholzenhufen oder besondere Freihufen unterschieden wurden. 
Namentlich aber ist von jeher der Besitz der kirchlichen Stiftungen 
so bestimmt gewahrt worden, dass der Pfarreihof und sein zuge- 
höriger Grundbesitz mit grosser Sicherheit, im Sinne der auch in 
späterer Zeit immer wieder geltend gemachten karolingischen Be- 
stimmungen (o. S. 72), als der Maasstab für die Grösse von einer 
oder zwei der ursprünglichen Hufen benutzt werden kann. Indess 
ist schlimmsten Falls die wahrscheinliche Zahl der Hufen auch aus 
den Grössenverhältnissen der Gewanntheile zu berechnen, wenn für 
ein Gewann oder mehrere, welche eine hinreichend feste, schwer ver- 
änderliche Abgrenzung durch die Lage der Nachbargewanne besitzen, 
die Grösse einiger Antheile zu dem muthmasslichen Hufenverhält- 
nisse stimmt, und sich durch eine grössere Anzahl von Gewannen 
eine gleiche Zahl verhältnissmässiger Antheile ergiebt. 

Selbstverständlich kann aber auf allen diesen Wegen nur fest- 



II. 5. Grundsätze und Verfahren der Gewannmeseung. g3 

gestellt werden, wie gross die Zahl der Hufen oder der gleichberech- 
tigten Antheile an der Flur zu der Zeit gewesen ist, in welcher die 
von dem vorliegenden Bilde der Karte wiedergegebene Eiutheilung 
der Gemarkung geschaffen wurde. Ueber den Ursprung dieser Art der 
Anlage lässt sich daraus nicht unmittelbar Näheres entnehmen. 
Schlüsse auf die Dauer dieses Bestandes oder gewisser Hauptver- 
hältnisse desselben können nur aus einer auf die Einzelheiten ein- 
gehenden Prüfung und Unterscheidung des Charakters der Gewann- 
anlagen nach den Bedingungen und Eigenthümlichkeiten ihrer Auf- 
messung und, soweit historische Anhaltspunkte vorhanden, aus deren 
Beziehung auf diese Messungen versucht werden. 



5. Grundsätze und Verfahren der Gewannmessung. 

Die Planmässigkeit der Gewanneintheilung ist aus den Karten- 
bildern einleuchtend. Die einzelnen Gewanne aber weichen in Grösse, 
Gestalt und Unterteilung so erheblich ab, dass sich aus der Ver- 
gleichung mit Grund weitere Aufklärungen über maassgebende Ideen 
oder bestimmende Umstände der Einrichtung erwarten lassen. Für 
diese Betrachtung ist der Schlüssel in der Technik der Messung zu 
suchen. 

Im Sinne gleichmassiger Zuweisung des Anbaulandes nach solchen 
in eine bestimmte Zahl gleicher Theile zu zerlegenden Abschnitten 
war offenbar das natürlichste und einfachste Verfahren, jedes Gewann 
möglichst als ein Rechteck von gleichwerthigem Boden abzugrenzen. 
Dann konnten dessen zwei gegenüberliegende Seiten je in so viele 
gleiche Theile eingetheilt werden, als Hufen berechtigt waren, und 
es Hessen sich zwischen je zwei entsprechenden gegenüberliegenden 
Theilungspunkten ohne Weiteres mit dem Pfluge die geforderten 
Grenzlinien ziehen. Alle Hufen, wie auch ihre Reihenfolge festgestellt 
wurde, erhielten auf diese Weise gleichgrosse und gleichwertige Theil- 
stücke. Zugleich bildete jedes dieser Theilstücke einen Parallel- 
streifen, welcher gleich viele Pflugfurchen von einem Ende bis zum 
anderen durchzuführen erlaubte. 

Die mögliche Ungleichheit, welche dabei zwischen den einzelnen 
Theilen in Bodengüte und Entfernung bestehen blieb, konnte nie- 
mals so gross sein, dass sie nicht, nach der allgemein germanischen 
Sitte, strcitlos durch das Loos auszugleichen gewesen wäre. 

6* 



34 II- 5. Grundsätze und Verfahren der Gewannmessung. 

Dieses Loosen hat schon Tacitus 1 ) beschrieben und Hohmeyer 
hat überzeugend nachgewiesen, dass die Nachricht allgemeinere Be- 
deutung hat, als die einer Schilderung, wie die Germanen Orakelsprüche 
erfragten. Vielmehr galt jedes Loosen gewissermassen als eine höhere 
Entscheidung, der sich alle fügten. Es fand bei Landtheilungen 
allgemein statt, und hat sich sogar genau in der von Tacitus be- 
richteten Form des Looses bis auf die Gegenwart erhalten. Der 
Gebrauch der kleinen Zweigstückchen, in welche Hausmarken 
oder entsprechende persönliche runische Zeichen geschnitten wurden, 
blieb, wie es scheint, unter der bäuerlichen Bevölkerung zu jeder 
Zeit die volksthümliche Art der Ausübung. Im Sinne von Luthers 
Ausspruch: »Man stellt's im Loose frei dahin auf Gottes Berat«, 
war stets ein Jeder, wie auch das Loos fiel, sich zu fügen gewohnt 
und gehalten. 

Ob nun die Gewanntheile für jedes einzelne Gewann besonders 
verloost, oder nach einer für die ganze Flur geltenden Loosung den 
einzelnen Berechtigten zufielen, begründet ebenso wenig einen Unter- 
schied, als die nicht selten erkennbare Mehrbewilligung von Land, 
wenn für die ungünstige Lage eines Antheiles Ausgleichung nöthig 
erschien. 

Diese Theilungsweise der Gewanne in parallele Streifen ent- 
sprach ebenso der angemessensten und leichtesten Handhabung des 
Pfluges, als dem in der alten deutschen Landwirthschaft ganz allge- 
meinen Gebrauch der Beete. Ueberall und auf jedem Boden war 
Sitte, den Acker in Rücken von 4 — 8 meist aber etwa 6 Fuss Breite 
zu pflügen. Sie stiegen beträchtlich an, und erhielten zu beiden 
Seiten tiefe Wasserfurchen, weil der Boden beim Pflügen stets von 
den Seiten aus durch 4 — 6 Furchen nach der Mitte hin geworfen wurde, 
ohne dass man ihn wieder auseinanderpflügte. Der Zweck war, bei 
Nässe und Trockenheit, wie bei starkem Wind und Schneelager 
wenigstens auf der Höhe, der Tiefe oder auf einer Seite des Beetes 
eines Theils der Frucht sicher zu sein. Auf nassen Heiden wurden 
die Rücken auch erheblich breiter und tiefer gepflügt. Reste dieser 
Beete finden sich noch gegenwärtig auf unseren Bauernäckern, 
namentlich aber in Heiden und Waldungen, in denen der Ackerbau 



') Germ. 10. „Virgam frugiferae arboris decisam in surculos amputant, eosque 
notis quibusdam discretos super candidam vestem temere ac fortuito spargunt. — C. Ho- 
meyer in den Verhandlungen der Berliner Akademie d. W. von 1853, S. 747 „Uebr 
das germanische Loosen" und in der Abhandlung „Die Loosstäbchen" in den Symbolae 
Bethmanno Ilolhvegio oblatae. Berlin 1868. 



II. 5. Grunds&tze und Verfahren der Gewannmessung. 



sä 



wieder aufgegeben wurde. Sie sind zum Theil so alt, dass schon 
Saxo Grammaticus an ihnen die von den Angelsachsen vor ihrem 
Auszüge nach England besiedelten Landstriche erkennen will. 1 ) — 

Die rechteckige Gestalt der Gewanne ist indess nach dem Zeug- 
niss der Karten zwar häufig, aber weder die ausschliessliche noch 
iil mi wiegende. Sie lässt sieh auch nicht allgemein in denjenigen 
Lagen linden, welche man zur ersten Kultur nach Boden und Oert- 
lichkeit besonders geeignet vermuthen könnte. Wenigstens wäre die 
Annahme nicht gerechtfertigt, es sei anfänglich zunächst das freie 
Feld, der Bequemlichkeit und Zeitersparniss wegen, nach ziemlich 
regelmässigen Quadraten oder Oblongen in Besitz genommen worden, 
und dadurch erst später die Notwendigkeit entstanden, die da- 
zwischen liegen gebliebenen Lücken durch unregelmässigere Formen 
der Fintheilung auszufüllen. So häufig es ist, dass solche ursprüng- 
lich gemeinsam verbliebene Ländereien an geringerem Heide- oder 
Bruchboden, an steileren Hängen oder auch an Wiesen und Vieh- 

ß 6 




Fi". 8. 



Fi". 9. 



triften, später in sehr kleinen oder sehr unförmlichen Stücken zur 
Vertheilung kamen, so wenig zeigen doch die zweifellos älteren und 
ältesten Gewanne überall die regelmässige Gestalt. 

Fbenso wenig ist der Parallelismus der Untertheilung innerhalb 
des einzelnen Gewannes ein allgemeiner. Schon die sehr häufigen 
sogenannten Geren machen eine solche Ausnahme. Es sind dies 
Figuren, welche dann entstehen, wenn das Gewann Trapezform hat. 
Es muss dann entweder so wie in Fig. 8 verfahren werden, dass 
man zunächst ein Rechteck mit Parallelismus herstellt, und in dem 
übrigbleibenden Dreieck die Grundlinie in ebenso viele gleiche Theile, 
als im Rechteck zu machen sind, eintheilt; werden dann von allen 
Theilungspunkten Pfiugfurchen nach der Spitze des Dreiecks ge- 
zogen, so entsteht die gleiche Zahl wirklicher Spitzen, Geren (Lanzen- 
spitzen). Oder es können, wie in Fig. 9, die beiden gegenüber- 



') Dass damit nach der ganzen Art ihrer Anwendung die sogenannten Hoch- 
äcker nicht zusammenzuwerfen sind, darüber vergleiche die Darstellung der Hochäckcr 
in den Anlagen Bd. III. 



gß II. 5. Grundsätze und Vorfahren der Gewannmessung. 

stehendeo Seiten des Trapezes, die kürzere wie die längere, in 
gleich viele gleiche Theile getheilt werden; dann erhält jeder Antheil 
eine Bich nach der kurzen Seite zuspitzende Form. Auch diese pflegt 
man als Gere zu bezeichnen, und sie bedingt nicht viel geringere 
Srhwierigkeiten, als die völlig spitzen, weil bei beiden die gleiche 
Zahl von Pflugfurchen und entsprechend von Beeten nicht durch 
die ganze Länge des Grundstückes fortgeführt werden kann. Diese 
Geren setzen indess kein anderes Messungsprinzip als die Parallelen 
im Rechteck voraus. 

Wenn dagegen die Gestalt des Gewannes eine unregelmässige 
ist, können gleiche Theile durch. Parallelen von gleicher Breite nicht 
hergestellt werden, sondern es bedarf dazu die Berücksichtigung der 
ungleichen Länge der entstehenden Streifen, es muss also eine wirk- 
liche Flächenberechnung eintreten. Obwohl nun im Allge- 
meinen schon des Pflügens wegen Grundsatz ist, alle Ackerstücke 
womöglich so aufzumessen, dass die zwei ihrer Seiten, welchen der 
Pflug folgen soll, unter einander parallel sind, so sind doch alle 
diese Parzellen danach unterschieden, ob ihre gleiche Grösse für die 
Zuweisung durch blosse Breitenbestimmung oder nur durch Flächen- 
berechnung erreicht werden konnte. Die Bedeutung dieses Unter- 
schiedes wird sich noch im Einzelnen ergeben. — 

Als Grenzbezeichnung der Gewanntheile sind weder Raine, d. h. 
etwa zwei Fuss breite unbeackert gelassene Streifen des gewachsenen 
Bodens, noch das Setzen von Grenzsteinen althergebracht und üblich. 
Wo sie gefunden werden, sind sie als eine Einführung der neueren 
Zeit zu erachten. 1 ) 

Ueberhaupt findet sich allgemein auf den Fluren des alten Volks- 
gebietes, dass für die feste Abgrenzung der einzelnen Besitzstücke 
äusserst wenig gesorgt ist. Es giebt Grenzbäume, Grenzwege und 
Grenzraine, aber sie bestehen in der Regel nur Nachbarfluren gegen- 
über. Innerhalb der eigenen Flur sind selbst die Gewanne nur zu- 
fällig durch unbebaute Landstreifen gegeneinander abgegrenzt. Wo 
nicht ein natürlicher Abschnitt, eine Bodensenkung, ein Wasserlauf, 
ein Wiesengrund oder ein Viehtrieb zwischen ihnen liegt, stossen 
die Aecker der verschiedenen Gewanne unmittelbar aneinander. 

Wo die Beete ohne Wechsel im Terrain gleichlaufen, wie in 



') Auf dem Kolonisationslande des Ostens sind Raine dagegen seit dem 12. Jahr- 
hundert allgemein, und wo die Deutschen mit den Römern in Berührung kamen, wie 
hei den Angelsachsen und nach der lex Iiajuvariorum bei den Bayern, kommen sie, wie 
zu zeigen sein wird, schon in der frühesten Zeit ebenso vor, wie Grcnzversteinung. 



Tl. 5. Grundsätze un>l Verfahren der Gewanmnessufig 



87 



1- i _r LO, besteht kein«- Scheide als die sogenannte Anwand, d. 1). 
die Stelle, auf welcher die Pflüge umgewendet werden (aa). Wenn 
dagegen /.weidewanne bo aneinander grenzen, dass die Ackerstreifen 
in entgegengesetzter Richtung liegen, wie in Fig. 11, müssen alle 
Pflüge des einen Gewannes (A) auf «lein letzten Streifen (aa des 
anderen Gewannes (B) wenden. Deshalb pflegt man diesem Streiten aa 
ein Uebermaass von etwa r> Fuss Breite zu gewähren. 

Wenn aber wie in Fig. 10 die Streifen der Gewanne B und C 
jenseits der Gewanngrenze von A in derselben Richtung lauten, 
wendeten 1 »eid< -rseits die Pflüge auf der Grenze aa, bb. Es entstand 
dort in der Regel eine kleine Bodenerhöhung, und es kam vor, dass 
dieses Grenzland mit der beiderseitigen Anwandslast einer kleinen 
Stelle oder einem der Betheiligten als Entschädigung für irgend eine 
Forderung, die er an die Gemeinschaft hatte, al)getreten, dass es 
der Schule oder einem Neubauer überlassen, oder anderweitig ver- 
äussert wurde. In Westdeutschland bezeichnete man ein solches 
. ah 



ab 



S 



■A- 



10. 



Für. 11. 



Zwischenstück als Vorjard. Der Flurzwang machte für den Besitzer 
die Verpflichtung, innerhalb gewisser Fristen das Wenden der Pflüge 
darauf zu gestatten, wenig fühlbar. 

Hatten die Streifen eines Gewannes eine sehr grosse Länge, so 
pflegte man auch auf dem eigenen Stücke nach Zurücklegung einer 
gewissen Entfernung zu wenden. Wenn dies von allen in dem Ge- 
wanne Betheiligten an der gleichen Stelle geschah, musste auch hier 
eine merkbare Anwand durch das Anpflügen des Bodens entstehen, 
und dieselbe konnte als Gewanngrenze erscheinen, obwohl sie es 
ihrer Natur nach nicht war. 

Die Länge eines Gewendes hängt von Umständen ab. Wo 
mit Ochsen gepflügt wird, pflegt es viel kürzer zu sein, als für Pferde- 
gespann. Auch wird dies vom Boden bedingt. 250 Meter ist selbst 
für Pferdegespann ein langes Gewende. Die Ackerdienste der Bauern 
waren in späterer Zeit häufig nach Gewenden normirt, und es war 
ein Gegenstand der Beschwerde, dass die grundherrlieben Gewende 
zu lang seien, dass man aus vier fünf machen solle u. dgl. Der 



gg II. 5. Grundsätze und Vorfahren der Gewannmessung. 

einzelne Besitzer theilte seinen Streifen für das Wenden jedenfalls 
in deiche Theile. Wenn nun die Streifen der Nachbarn ungleiche Länge 
hatten, oder auch nur in schräger Richtung liefen, trafen diese Ge- 
wendetheilungen und die dadurch angehöheten Anwände auf den 
Nachbarstreifen nicht an dieselbe Stelle. Daraus entstehen die eigen- 
thümlichen verschieden, wie treppenartige Absätze liegenden Ab- 
schnitte in den Streifen sehr langer Gewanne, die dadurch oft um 
so auffälliger werden, dass bei Erb th eilungen oder bei theilweisen 
Vcräusserungen solcher Streifen, die willkürlich entstandenen An- 
wände häufig als Grenzen der Parzellirung angenommen wurden. 
Vcrgl. z. B. Anlage 9 Bischleben und 18 Grossengottern. 

Zwischen den einzelnen Besitzstücken der Nachbarn bestand 
das sogenannte Schw'engel recht, die Berechtigung beim Pflügen 
das Pferd und Pfluggestell halb auf des Nachbars Grundstück hin- 
gehen zu lassen. 

Beiden Nachbarn war die Grenzfurche gemeinsam. — 
Der Grundsatz aber, dass überall nur diese Grenz furche und 
das unter den Nachbarn bekannte Maass im Gewann als genügende 
Sicherung des Besitzes galt, hat die gesammte Entwickelung der 
volksthümlichen Flurverfassung wesentlich beeinflusst. 

Es besteht nämlich praktisch eine erhebliche Schwierigkeit für 
den Pflüger, eine Ackerfurche genau gradeaus in immer gleich- 
bleibender Richtung nach einem bestimmten Punkte zu fahren. Der 
alte deutsche Pflug mit seinem zur rechten Seite der Schaar grade 
und senkrecht stehenden hölzernen Streichbrette, welches den Boden 
mehr bei Seite schiebt, als umwendet, wird sehr leicht abgelenkt. 
Diese Ablenkung geschieht fast gesetzmässig so, dass der Pflug zu- 
erst beim Einsatz zu weit nach links gedrängt wird, dann zur Kor- 
rektur eine W 7 endung nach rechts bekommt, und endlich wieder nach 
links ausläuft; die Furche muss dann die Figur eines umgekehrten 
S zeigen. Dass dies eine konstante Regel ist, die sich nur mehr 
oder weniger stark äussert, erweist das Bild aller Flurkarten; und sie 
würde sich noch deutlicher aussprechen, wenn nicht die Feldmesser 
die Messung nur auf einzelne Punkte beschränkten, und beim Auf- 
tragen möglichst gerade Linien zwischen denselben zögen. Etwas 
unebenes Terrain verstärkt die Verschiebung. Durch höhere Beete 
ist dieselbe offenbar in gewissen Grenzen gehalten und jedenfalls 
verlangsamt worden, indess wie alle Karten erweisen, keineswegs ver- 
hindert, Hat die erste Furche diesen Fehler gemacht, so wieder- 
holen ihn alle anderen , denn der Pflüger hat vor allem darauf zu 



II. 5. Grundsätze und Verfahren der Gewannmessung. 89 

achten, dasa jede Furche der anderen möglichst parallel läuft. Ein 
Nachbar drängt auf diese Weise auch den anderen seitwärts. Wenn 
der nächste nicht streiten will, schliesst er sich an die letzte Furche 
raten an. In dem nächsten Jahre hält jeder schon die etwas 
schräg gewordene Grenzfurche als die richtige fest; und im Laufe 
der Zeit kann das ganze Gewann eine umgekehrt S förmige Lage be- 
kommen. 

Solche Verpflügungen können auch weiter greifen. Auf einem 
wüsten, oder von auswärts, unter Vormundschaft, oder von einem 
kranken oder nachlässigen Wirthe bewirtschafteten Gute, kann ein 
Ackerstreifen, der von einer Seite abgepflügt wird, an der anderen 
Seite aber an eine feste Grenze oder an einen widerstrebenden und 
hartnäckigen Nachbar stösst, nach und nach so viel Land verlieren, 
dass er sich mehr und mehr zu einer Gere zuspitzt, oder an einem 
Ende auch ganz aus der Reihe herausgedrängt wird. Beispiele hier- 
von zeigen die meisten als Anlagen beigefügten Flurkarten, z. B. 
Anl. 5 Eyckse (Ia, IX c, Xe, VIII m), Anl. 6 Gretenberg (XIV i, 
XVIII a), Anl. 7 Einem (7d, 30 f, 32 c, besonders 34). Die Art der 
Untertheilung mancher Gewanne lässt sich gar nicht anders als durch 
ein solches Vordrängen übermächtiger Nachbarn erklären. — 

Dass nun dagegen eine wirksame Hülfe vorgesehen sein musste, 
gebot die Natur der Sache. Sie lag in der Berechtigung jedes Nach- 
barn, sein bekanntes Maass im Gewanne zu fordern, also die Wieder- 
herstellung der verhältnissmässigen Theilung herbeizuführen. 

Die Beseitigung der Grenzverwirrungen durch neues Aufmessen 
der Antheile im Gewann sprechen für Dänemark die o. S. 63 er- 
wähnten Gesetze ausdrücklich aus, hier erfolgte sie durch die soge- 
nannte Reebningsprozedur, welche nöthigen Falls bis zur völligen 
Neueintheilung, gewissermassen bis zur Neuanlage der gesammten 
Feldflur gesetzlich nach Ermessen der Hardesmänner erzwungen 
werden konnte. 

In Deutschland sind ähnliche Vorschriften nicht bekannt. Wohl 
aber bestand hier auf dem alten Volksgebiete in allgemeiner Ver- 
breitung das Amt der Feldgeschworenen oder der Märker, Pfahl- 
herren, Pfähler, Steinsetzer, Gemeindemesser. Sie waren einge- 
schworene und hinreichend kundige Männer, deren, wie es scheint, 
im Wesentlichen in jeder grösseren Dorfgemeinde einige angerufen 
werden konnten, und welche in ähnlicher Weise, wie es die däni- 
schen Gesetze angeben, die verwischten oder streitig gewordenen 
Grenzen herstellten. Ihr Ausspruch galt so unbedingt, dass keine 



90 IL 5. Grundsätze und Verfahren der Gewannmesßung. 

gerichtliche Anrufung gegen einen solchen bekannt ist. Das ganze 
[nstitut war überhaupt ein lediglich dorfnachbarliches, und es erscheint 
in keiner Behördenreihe, obwohl es in reger und wohlthätiger Wirk- 
samkeit stand. 1 ) 

Die Feldgeschworenen pflegten sich bekannter sehr einfacher 
Messwerkzeuge zu bedienen. Sie besassen Stäbe, auf welche die 
aliquoten Theile eingeschnitten wurden, so dass sie den verkleinerten 
Maasstab der Theilung darstellten. Das Maass selbst war in alter 
Zeit der Spiess oder die Gerte, Ruthe. Je nach der Grösse des 
üblichen Fusses enthielt die Ruthe 12 — 16 Fuss, und hatte die Länge 
der Ritterlanze, die halbe Ruthe aber war der Jagdspiess, Schecht, 
Schaft, Skift. Daher kommt der nordische Ausdruck Skiften für 
Verkoppeln. In späterer Zeit führten die Geschworenen den soge- 
nannten Erdzirkel, einen zirkelartigen Rahmen, oder eine Latte mit 
einem Griff in der Mitte. Beide fassten zwischen zwei Spitzen genau die 
Länge von Va Ruthe. Diese Spitzen markirten im Boden die Messung, 
die der Feldgeschworene vornahm, indem er sich sprungweise mit 
dem Instrument auf der Messungslinie fortbewegte. Das Seil, funi- 
culus, scheint erst im 12. Jahrhundert in Gebrauch gekommen zu 
sein, und die Kette erst im 16. 

Anerkannt war, dass durch ihr Eingreifen die Gewanne in 
befriedigender Ordnung gehalten werden konnten. Bei Parallelis- 
mus der Ackerstreifen wurde die ursprüngliche verhältnissmässige 
Breite jedes dieser Streifen im Gewanne wieder hergestellt. Wo 
die Streifen zwischen parallelen Grenzen des Gewannes gleiche Länge 
hatten, war dies sehr einfach. Die den einzelnen Antheilen ent- 
sprechenden Breiten konnten durch verhältnissmässige Untertheilung 
einer einzigen Querlinie ermittelt werden. Auch wo durch schräge 
oder gekrümmte Aussengrenzen ungleiche Längen für die nebenein- 
ander liegenden Parallelstreifen bedingt waren, vermochte eine solche 
blosse Breitenbestimmung dem Zwecke zu genügen, weil durch die 
richtige Breiteneintheilung jeder Besitzer mit seinem Streifen wieder 
an die ihm zukommende Stelle, also auch zu der richtigen Länge 
gelangte. 2 ) In den meisten Fäden standen, wie sich annehmen lässt, 

') Noch in neuester Zeit erachteten nach den Akten die Bewohner von Pudcr- 
Btedt im hannoverischen Eichsfeld ganz unzulässig, dass sich prozessirende Angrcnzer 
aus preussischen Gemeinden der Entscheidung der Pfahlherren nicht widerspruchslos 
unterwerfen wollten. 

2 ) Vergl. die Urtheile zu Vchlen (Grimm, Weisth. III, S. 315). Wen eine brede 
Landes lege, oh auch morgen, dronc, forlinge, von brede und lenge gleich syn? Sie 
moiten glich sin mit der brede, mit der lenge wil die wände wohl uthwisen. 



TT. 5. Grandsätze and Verfahren der Gewannmessung. 91 

überhaupt nicht die gesammten Stücke eines Gewannes oder an- 
grenzender Gewanne in Frage, sondern es stritten einzelne Nachbarn, 
und es konnte versucht werden, an erkennbar gebliebene Punkte der 
alten Grenzen möglichst anzuschliessen und die Flüchen durch Alt- 
schreiten oder durch Messung nach Länge und Breite zu berichtigen. 

Indess zeigen die Flurkarten aller Gegenden, dass diese Maass- 
regeln nicht überall angewendet wurden oder gelangen. Vielmehr 
blieben in grosser Verbreitung Unordnungen innerhalb der Ge- 
wanne bestehen, welche theils aus den Mängeln des Verfahrens, 
theils aus den Umständen zu erklären sind. 

Hatte Vernachlässigung oder Vergewaltigung durch längere Zeit 
gedauert, war Krieg, Verwüstung oder auch nur hartnäckiger »Streit 
und Widerstand die Ursache, dass die Feldgeschworenen ihr Amt 
nicht immer versahen, oder dass sie die in der Regel unbedingte 
Folge nicht fanden, so konnte die Verwirrung wohl verjähren und 
Bilder erzeugen, welche unbedingt die Vermuthung gegen sich haben, 
dem ursprünglichen Zustande zu entsprechen. 2 ) 

Dennoch hat das Eintreten der Feldgeschworenen in jedenfalls 
ganz überwiegendem Maasse den Erfolg gehabt, die Eintheilung der 
Fluren und die Anrechte der einzelnen Besitzer vor völliger Rechts- 
unsicherheit und Zerrüttung zu sichern. 

In neuerer Zeit ist ihr Verfahren mehr und mehr auf Schieds- 
sprüche eingeschränkt und durch die viel höheren Anforderungen 
der Messung, sowie dadurch verdrängt worden, dass die Gerichte im 
Mangel des Gegenbeweises lediglich den Besitzstand als richtig an- 
erkannten. — 

Aus der speziellen Betrachtung bestimmter Beispiele wird näher 
verständlich, welche Veränderungen durch alle diese Einwirkungen 
in der Feldeintheilung eintraten, und welche Grundlagen derselben 
dauernd erhalten blieben. 

Es ist ein glücklicher Zufall, dass sich von der Flur Eyckse 
an der Fuse eine der ältesten Parzellarkarten mit vollständiger Aus- 
führung erhalten hat, deren Aufmessung von dem gewöhnlichen 
Messungsverfahren abweicht. Sie ist 1740 nicht von einem Land- 
feldmesser, sondern von einem Artillerie-Offizier aufgenommen worden, 
und hat, wie es scheint, aus diesem Grunde Eigen thümlichkeiten 



2 ) Wie z. B. in Anlage 5 Eyckse Gewann VI und X; in Anlage G Gretcnbcrg 
Gewann XXIII; in Anlage 7 Einem Gewann 23 oder 34: in Anlage 5 Ilaimar der 
grösste Theil der Flur. 



(>"> II. 5. Grundsätze und Verfahren der Grewannmessung. 



aufbewahrt, welche sich in der gewöhnlichen feldmesserischen Praxis 
verwischt hätten. 

Die Messung (Anlage 5 in Bd. III) giebt nicht allein die richtigen 
Antheile der einzelnen Hufen in jedem der Gewanne wieder, sondern 
sie zeigt auch, dass diese Hufenantheile nicht im Ganzen, sondern 
in kleineren Zutheilungseinheiten ausgewiesen wurden. Von 
diesen kleineren Einheiten liegen in der Regel 2 oder 3, die zu der- 
selben Hufe gehören, nebeneinander. Sie sind aber ebenso, als ob 
sie verschiedenen Besitzern gehörten, individuell als besondere Par- 
zellen begrenzt. Ihre Abgrenzung kann nicht in Rainen bestanden 
haben , denn mehrere dieser Untertheile sind bis zu völliger Zu- 
spitzung verpflügt, was bei Rainen nicht denkbar ist. Aus dem- 
selben Grunde können sie aber auch nicht bloss gedachte oder rech- 
nungsmässige Untertheile sein. Vielmehr müssen die an mehreren 
Stellen ersichtlich durch Verrückung falsch gewordenen Zwischen- 
grenzen, die ein anderer Feldmesser als überflüssig voraussichtlich 
überhaupt nicht aufgemessen hätte, weil sie nur den Besitz desselben 
Eigenthümers schieden, auf dem Felde nothwendig erkennbar ange- 
zeigt gewesen sein. Auch die Unterschiede der Flächengrössen er- 
geben, dass sie dem Befunde nach einzeln aus der Messung berechnet 
wurden. Dieselbe Grundlage einzelner Stücke zeigt die Tab. B, Eyckse, 
in der Art der Vertheilung der 7 Hildesheimischen Hufen unter 6 Kötter. 
Die Grösse dieser Stücke ist sehr ungleich. Ihre Fläche beträgt in 
Gewann IV nur 82,5, in Gewann VI 201 D Ruthen, und schwankt 
in den übrigen zwischen diesen Extremen. Diese Grössenverschieden- 
heit ist indess nur durch ihre Länge bedingt. Abgesehen von wenigen 
durch Verpflügen entstandenen Ausnahmen ist ihre Breite in allen 
Gewannen 2 Ruthen. Zwischen je 2 Ruthen Breite muss also überall 
eine Theilungsgrenze gedacht werden, welche dauernd festgehalten 
wurde. 

Eine solche vom Besitzer unabhängige Stückabgrenzung ist gegen- 
wärtig ganz in Vergessenheit gerathen. Es finden sich aber dafür 
weitere Bestätigungen. Für das Calenbergische ist die Sitte bekannt, 
auf den grossen Ackerstücken zwischen je 4 Ruthen eine tiefe Furche 
zu ziehen. Nach v. Hammerstein -Loxten, der Bardengau (S. 628), 
wurde im Gohgericht Verden noch 1597 das Weisthum gefunden: 
»Acker in einer Bauerschaft sollen gleich breit sein, und jede Breite 
soll 2 Acker geben, und für jede abgepflügte Furche muss 1 Thlr. an 
den Herrn gebüsst werden.« Auch das schon oben S. 65 gedachte 
Landrecht des Eldagser Gohe von 1557 sagt zu 10.: »Wenn einer drei 



II. ;"). Grundsätze and Verfahren «l»-r Gewanninessung. 93 

Stücke Lands hette bei einander liegende, ob sie nicht schullen glieke 

breit .sin? Sie schullen glieke breit sin.« 

Weitere Aufklärung über diese Art der Theilung giebt das Bei 
spirl von Gretenberg. Gretenberg ist, wie Anlage 6' nachweist, eine 
sehr alte Ortschaft, deren Besitzungen nach Anlage 20 (Die Freien vor 
dem Walde) in die vorkarolingische Zeit der Gemeinfreiheit zurück- 
reichen. Auf der Flur sind deshalb andere Veränderungen, als sie 
das volksthümliche Gewohnheitsrecht gestattete, nicht vorauszusetzen. 

Das Messungsverfahren, nach welchem 1853 die in der Anlage 6 
verkleinerte Karte der Flur aufgenommen wurde, ist das damals 
vorschriftsmässige für die amtlichen Feldmesser. Die wirklich vor- 
gefundenen Eigenthumsgrenzen sind mit Kette und Boussole ge- 
messen, und die in das Vermessungsregister verzeichneten Grund- 
stücksgrössen nach den auf die Karte aufgetragenen Figuren be- 
rechnet worden. Das Kartenbild zeigt auch überall die umgekehrt 
S-förmig verpflügten Ackerstreifen. Der Feldmesser hat indess, wie 
der Rezess besagt, den herrschenden Anschauungen der Interessenten 
Rücksicht getragen. Er hat sie protokollarisch über die sich nach 
der Breite gleichenden oder nicht gleichenden Stücke eines jeden 
Betheiligten befragt, und diese Angaben anerkennen lassen, auch die 
für jede Parzelle angegebene Zahl der Stücke in Karte und Register 
verzeichnet. Die in Tab. B Gretenberg gegenübergestellten Zahlen einer- 
seits der Stücke, andrerseits der Flächengrössen und der verhältniss- 
niiissigen Hufenantheile erweisen, dass diese Stückzahl gleichwohl 
auf die Messung und Berechnung des Feldmessers keinerlei Einfluss 
geübt hat. Die Stückzahl stimmt zwar in einigen Gewannen, wie 
XX, XIX, X, nahezu mit den Hufenantheilen überein, in den meisten 
aber weicht sie, möglicherweise wegen allmählich eingetretener Grenz- 
verwirrung, erheblich ab. Die Stücke sind auch in den verschiedenen 
Gewannen sehr verschieden gross, zwischen 66 und 183 Q Ruthen. 
Ihre Unterscheidung und früher wohl auch bestandene Abgrenzung 
aber bezieht sich, wie in Eyckse ersichtlich, auf ihre Breite, denn 
die meisten sind 4 Ruthen oder beinahe 4 Ruthen breit, und die 
äussersten Breitenextreme sind nur 3,3 und 5 Ruthen. Als weiteres 
Anzeichen der grundsätzlichen Uebereinstimmung der Eintheilung 
von Gretenberg mit der von Eyckse tritt besonders der Umstand 
hervor, dass nur ausnahmsweise in zwei Gretenberger Gewannen der 
Antheil der einzelnen Hufe eine einzige geschlossene Parzelle bildet. 
In allen andern Gewannen ist jeder einzelnen Hufe ihr Antheil am 
Gewann in der Regel in vier oder fünf derart auseinanderliegenden 



94 II. 5. Grundsätze und Verfahren der Gewannmessung. 



Stücken zugetheilt, dass an einen früheren geschlossenen Zusammen- 
hang derselben nicht gedacht werden kann. 

Ein drittes Beispiel für die Flurtheilung und das Messungsver- 
fahren giebt Einem (Anlage 7). Einem grenzt an die Stadtflur von 
Hildesheim und reicht ebenfalls in sehr hohes Alter hinauf. Die 
Gemarkung ist 1845 noch zum Theil nach dem herkömmlichen ein- 
fachen Verfahren der Breitenbestimmung aufgemessen. Der Feld- 
messer sagt ausdrücklich : »Die auf dieser Feldmark liegenden Acker- 
ländereien messen sich theilweise der Breite nach in einem gewissen 
Verhältnisse j wohingegen die übrigen Ackerländereien der jetzigen 
Lage nach zur Aufmessung gekommen sind. Es ist dieserhalb auf 
der Karte die Verhältnisszahl der Grundstücke, die sich nach be- 
stimmtem Verhältnisse messen müssen, eingetragen. Wieder andere 
Ackerstücke messen sich nur theilweise mit den benachbarten, wäh- 
rend der übrige Theil der jetzigen Lage nach aufgemessen worden 
ist.« Die Karte in Anlage 7 und die Tab. B Einem verzeichnen die 
vom Feldmesser in die Flurkarte eingetragenen Breitenzahlen und 
ihren Wechsel, so wie diejenigen Stücke, welche er nach ihrer Lage 
aufgemessen hat. Sein Verfahren ging im wesentlichen dahin, dass 
er von allen Gewannen die Aussengrenzen wirklich so aufmass, wie 
er sie im Felde fand. Ebenso kartirte er innerhalb des einzelnen 
Gewannes alle Stücke, für welche er Breitenbestimmungen nicht er- 
halten hatte, nach ihrer wirklichen Lage. Endlich nahm er alle die 
Grenzen auf, welche Besitzstücke trennten, für deren Bestimmung 
verschiedene Breitenmaasse in Anwendung kommen sollten. Zwischen 
den auf diese Weise innerhalb des einzelnen Gewannes erhaltenen 
festen Linien trug er aber die bestehenden Grenzen derjenigen Besitz- 
stücke, welche das Einfache oder Mehrfache derselben Breite besitzen 
sollten, nicht nach der vorgefundenen Lage ein, sondern bestimmte 
diese Zwischengrenze rechnungsmässig nach der verhältnissmässigen 
Breite. Dabei kam es selbstverständlich nur auf die aufgemessenen 
festen Grenzen an, ob diese gleichen Breiten zwischen genauen Pa- 
rallelen verliefen, oder ob sie an dem einen Ende des Streifens breit, 
an dem anderen schmal wurden. Sämmtliche Stücke konnten auch mehr 
oder weniger die Form von Geren erhalten. Aus diesem Verfahren 
ist erklärlich, dass das Kartenbild von Einem ziemlich regelmässige 
Streifen in den Gewannen zeigt, dass dieselben aber gleichwohl selten 
gerade verlaufen, weil sie allen durch das Verpflügen entstandenen 
Krümmungen der im Gewanne aufgemessenen festen Grenzlinien 
folgen mussten. (Vgl. Geren in 36, 37, Verpfiügungen in 23, 24.) 



II. .">. Grundsätze and Verfahren der Gewannmeesung. 95 

Es ergiebt aber auch hier die Tab. B Einen), wenn in derselben 
Lediglich diejenigen Besitzstücke berücksichtigt werden, für welche 
Breiten angegeben wurden, dass die Grösse der Stücke sehr ungleich 
ist, und zwischen 102 und 228 □Ruthen in verschiedenen Ali 
stufungen schwankt, dagegen scheint den Breiten im Allgemeinen 
die Breite von 2 Ruthen, wie in Eyckse, zu Grunde zu liegen. Denn 
es geht ihr Maass in einigen ^Gewannen zwar bis auf 1,4 Ruthen 
herab, und steigt bis zu 2,8 Ruthen; in 3 von diesen 13 Gewannen 
beträgt es aber genau 2 Ruthen und die meisten anderen stehen 
dem sehr nahe. Die Hufenantheilc liegen auch in Einem nicht 
selten in mehrere Stücke getrennt im Gewanne. — 

Aus den Messungsergebnissen dieser Beispiele zeigt sich also, 
dass bei der l'ntertheilung der Gewanne den berechtigten Hufen ihr 
Antheil nicht nothwendig oder in der Regel in einem einzigen Stücke 
zugewiesen wurde. Vielmehr stand im Wesentlichen ein Prinzip der 
Gewanntheilung nach gleich breiten Parallelstreifen in Geltung, deren 
mehrere entweder nebeneinander oder in getrennter Lage den Hufen 
antheil bildeten. Darin lässt sich ein Mittel erkennen, die Hufen- 
antheilc durch eine Mehrheit von Stücken gleicher Breiten aber ver- 
schiedener Länge zu gleicher Fläche auszugleichen. Wie weit kleinere 
Unterschiede, sei es durch geringe Verbreiterungen, sei es durch die 
verschiedene Lage im Gewann Berücksichtigung fanden, ist bei der 
Unsicherheit der meist etwas verpflügten Grenzen schwer zu ent- 
scheiden. 

Die weite Verbreitung des Grundgedankens dieses Messungs Ver- 
fahrens wird durch den volksthümlichen Gebrauch der entsprechenden 
Maass Verhältnisse und durch auf ihm beruhende Maassbezeich- 
nungen bezeugt. 

Im Calenbergischen heisst ein Stück in Breite von 4 Ruthen 
eine Breite, ein Stück von 3 Ruthen ein Dreier, von 2 Ruthen ein 
Acker oder auch ein Schwadteiscnstück, von IV2 Ruthen ein Helver- 
ling oder halber Dreier, von 1 Ruthe eine Gert (Gerte). In Thüringen 
wird das Gewann mit Geschrote bezeichnet, und ein Ackerstreifen 
von 4 Ruthen Breite heisst ein Gelänge, von 3 Ruthen eine Drei- 
gerte, von 2 Ruthen eine Sottel, von 1 Ruthe ein Striegel oder 
Strichel, ein Grundstück aber, welches 4 Ruthen Breite übersteigt, 
Gebreite. Völlig genaue Breite von 4 Ruthen für das Gelänge ist 
indess nicht gefordert. Es giebt grosse und kleine Gelänge, welche 
etwas mehr oder etwas weniger als 4 Ruthen breit sind. Bei der 
Verschiedenheit der Ruthen in den verschiedenen Orten stimmen 



mi; II. ."). Grundsätze und Verfahret! der Gewannmessung. 

alle diese Maasse nicht genauer überein. Aber in demselben Ge- 

wanne sind die Gelänge von gleicher Breite, »sie breiten sich mit 
einander«; und es kommen Feldmarken vor, in welchen alle Ge- 
wanne bo nebeneinander liegen, dass sich die Nachbarn über die 
gesammte Flur in gleichen Breiten messen. Dies ist z. B. in Sachsen- 
burg und in Cannawurf, Kr. Eckartsberga, der Fall, und zeigt sich 
annähernd im Bilde der Anlage 18, Grossengottern. 

Passelbe Verfahren der Gewannmessung ist auch für Skandi- 
navien bezeugt. Die Nachrichten über die dortigen älteren Ver- 
messungen, welche Testrupp's Kriegsarmatur (S. 413 ff.) mittheilt, 
sprechen ausschliesslich nur von den Breiten der Grundstücke. — 

Gleichwohl genügt der Ueberblick über die Anlagen 5 — 15, zu 
erweisen, dass dieser Theilung der Gewanne in parallele oder sich 
gleichmässig zuspitzende Ackerstreifen (Riemen, Flaggen) eine andere 
unregelmässige Aufmessung gegenübersteht, welche sowohl Form 
und Lage der einzelnen Theilstücke als die äussere Gestalt und 
Abgrenzung der Gewanne betrifft. 

Bei näherer Vergleichung zeigen die Kartenbilder dieser Anlagen 
eine deutliche Reihenfolge. Die in Eyckse, Gretenberg und Einem 
noch fast ausschliesslich regelmässigen Gewanne haben in den fol- 
genden Beispielen eine immer grössere Zahl unregelmässiger neben 
sich, welche schon in Laazen (12) überwiegen, in Geismar (13) und 
Barum (14) völlig herrschen, bis in Maden (15) (abgesehen von einer 
modernen Waldabfindung c) regelmässige Gewanne überhaupt nicht 
mehr aufzufinden sind. 

Man muss sich nun allerdings sagen, dass gewisse Unregel- 
mässigkeiten kaum vermeidlich scheinen, und dass auch mancherlei 
Ursachen ursprünglich regelmässige Gewanne zu unregelmässigen um- 
zugestalten vermögen. 

Unvermeidlich erscheint die Unregelmässigkeit überall da, wo 
zwischen der ursprünglichen Anlage regelmässiger Gewanne kleine 
Stücke unaufgetheilten Landes liegen geblieben sind, und zu irgend 
einer späteren Zeit die Auf theilung der Reststücke wünschenswerth 
wird. Das Kartenbild von Eyckse (Anl. 6) giebt dafür hinreichenden 
Anhalt. Falls die gemeinschaftlich gebliebenen Grundstücke A, B, C, D 
vertheilt werden sollten, würde eine gleiche Vertheilung unter 10 Hufen 
nach parallelen Streifen gleicher Breite der genügenden Ausgleichung 
so grosse Schwierigkeiten entgegenstellen, dass man jedenfalls die 
Längen im Einzelnen in Rücksicht ziehen müsste. Es würde also 
Flächenberechnung erfolgen müssen. Dann bestände aber kein 



II. 5. Grundsätze und Verfahren der Gewannmessung. 



97 



zwingender Grand, die Streifen der zu bildenden Gewanne alle in 
gleicher Richtung nebeneinanderzulegen, Bie konnten mit besserer 
Rücksicht auf die BodenbeBchaffenheit auch verschieden gerichtet 
und ungleich gestaltet werden. 

Solche Fülle Lassen dch erkennen. In Gretenberg füllt Ge 
wann XXI unter diesen Gesichtspunkt. Es bildet die Ausfüllung 
einer hiieke der alteren Auftheilung und ist zwar nach Streifen, die 
sieh breiten, getheilt worden, aber dieselben mussten wegen ihrer 
verschiedenen Lungen nach der Flüche ausgeglichen werden, und sind 
gruppenweise in drei verschiedenen Richtungen gelegt. Gewann IV 
ebenda ist überhaupt nur nach Flächen getheilt. In Einem sind 
di. Gewanne 6, 17, 30, 33 in verschieden belegenen Streifen, 24, 
27 , 28 nach Flächen vertheilt. Auch die anderen Beispiele zeigen 
die engen und ungleichen Hänge, Wiesen und Triften, welche zwischen 
den älter kultivirten Ackerländereien erst nach und nach zur Thei- 
lung gekommen sind, selten in gleichmässigen Parallelstreifen. Nur 
für ausgedehnte Weide- und Bruchländereien ist die einfachere Parallel- 
Theilung die natürliche und übliche. Alle solche Theilungen von 
Nebenland blieben aber immer nebensächliche. Die Fläche war offen. 
Unbequeme Absplisse konnten als Gemeinland liegen bleiben oder 
wie andere Almendstücke zu Zins vergeben werden. Neben den alten 
Hufen wurden meist auch andere Stellen betheiligt. 

Von wirklicher Bedeutung für das Prinzip der Flurverfassung 
ist desshalb nur, ob unregelmässige Gewanne, die auf alten Kultur- 
stücken der Ackerflur vorkommen, aus der Umwandlung von regel- 
müssigen hervorgegangen sind? Diese Frage, was da geschah, wo 
man nicht mehr freie Hand hatte, ist eine sehr wichtige und bedarf 
eingehender Erwägung. 

Bei Erwähnung der Gewende ist (o. S. 87) darauf hingewiesen, 
dass zwischen zwei Gewannen Fig. 10, A und B, deren Parallelstreifen 
in derselben Richtung diesseits und jen- 
seits der Grenze zusammenstossen, die 
nothwendige Anwand a in fremden 
Besitz übergehen, und dadurch ein 
dem Gedanken der Theilung anschei- 
nend völlig widersprechender Zwischen- 
streifen von entgegengesetzter Rich- 
tung entstehen kann. Es lässt sich denken, dass auch, wie Fig. 12 
durch b andeutet, etwa wenn dort schon die Bodenbeschaffenheit auf 
allen Streifen in A wechselt, über alle oder über einen Theil der 

Mcitzen, Siedelung etc. I. y 



^L 



"!"&! 



iB: 



Fig. 1! 



gg II. 5. Grundsätze und Verfahren der Gewannmessung. 

Streifen der Erwerb eines zweiten der Anwand parallel liegenden 
Grandstückes gelingen kann. Andererseits ist möglich, dass der Be- 
sit/rr des Streifens 2 vorzieht, mit seinen Nachbarn 1 und 3 seinen 
Streifen so zu tauschen, dass er den breiten Block c übernimmt, und 
1 und 3 dafür Ersatz durch den Rest von 2 in d und e erhalten. 
Auch konnte bei Erbtheilungen oder Parzcllirungen ein Theil des 
Streifens, z. B. aus 6 zu i, vom Nachbar übernommen werden. Bei 
solchen und weiteren arrondirenden Umtauschen konnte auch die 
Absicht leitend sein, der Pflugfurche eine andere, dem allmählich 
trockener gewordenen Boden mehr entsprechende Richtung zu geben. 
Alle diese Veränderungen konnten vorkommen, und einzelne 
Gewanne durch sie eine der alten Auftheilung sehr unähnliche Ge- 
stalt gewinnen. Aber die allgemeine Erfahrung spricht dafür, dass 
sie durchaus ungewöhnlich und sehr selten waren. Praktisch stand 
solchem Wechsel nicht bloss die Schwierigkeit, die Nachbarn dazu 
zu bewegen und die Scheu vor den Weiterungen der Gerichtsbarkeit 
entgegen, sondern namentlich der Umstand, dass dadurch neue unbe- 

rechtigte Anwände nöthig 

i wurden, welche die An- 

. grenzenden gefährdeten. 

p Der gewöhnliche Grund- 

Stücksverkehr übte dagegen 

Fig.j3. keinen wesentlichen Ein- 

fluss. Kaufte oder erbte ein Besitzer des Nachbars Stelle, und ver- 
einigte ganz oder theilweise deren Grundstücke mit den seinigen, 
so änderte dies den Charakter der Gewanntheilung nicht. Theilungen 
der Hufen oder der Grundstücke kleinerer Stellen fanden bis minde- 
stens zum Strich, d. h. zur Breite von 1 Ruthe überall durch Spalten 
der Sottein, Acker und Breiten statt. Auch halbe Ruthenbreite, 
d. h. Besitz nur eines Beetes, ist sehr häufig. Konnte oder sollte 
indess der Streifen nicht mehr in die Länge gespalten werden, so 
strumpfte man, d. h. man theilte ihn quer. Aber der Zuwachs, den 
ein Nachbar durch den Ankauf eines solchen Theilstückes ge- 
winnen konnte, war unbedeutend. Die so entstandenen, wie in Fig. 13 
in Haken ausspringenden Verbreiterungen sind auf den Karten- 
bildern häufig genug, um zu zeigen, dass sie die Theilung im Ge- 
wanne nur geringfügig und leicht erkennbar veränderten. 

Häufiger haben hier und da die Gutsherren seit der Einrichtung 
grösserer Wirthschaften Umtausche ihrer im Gemenge liegenden 

Grundstücke mit bäuerlichen, theils als Obereigenthümer , theils 



II. 5. Grrundsat/.t' und Verfahren der ( iewaniuuessimj ',(»,1 

wegen der besseren Kultur der Dominialäcker freiwillig, von den 
Bauern erreicht Aber dabei kamen nicht Theile einzelner Streifen 
im Gewann, sondern ganze Streifen von gleicher Grösse in Frage. 

Wenn indese immerhin zweifelhaft bleiben kann, wie weil auf 
Feldmarken, welche eine gewisse Anzahl regelmässiger Gewanne zeigen, 
die nelien diesen bestehenden unregelmässigen aus einem oder ans 
der Kombination mehrerer der angeführten Einflüsse hervorgegangen 
sind, so ist doch ausgeschlossen, dass ganze Fluren, welche 
durchweg aus Gewannen mit ungleichmässigen Aussen- 
grenzen und verschiedengestalteter innerer Untertheilung 
bestehen, auf eine totale Umgestaltung aus einer regelmässigen An- 
lage zurückgeführt werden dürfen. Vielmehr muss untersucht werden, 
ob Bich nicht auch bei ihnen ein bestimmtes, ihre Unregelmässigkeit 
grundsätzlich erklärendes Verfahren der Auftheilung ermitteln lässt. 

Unter diesem Gesichtspunkte ist von den vorliegenden Beispielen 
Maden (Anlage 15) als das entscheidende zu erachten. 

Maden, das alte Mattium, besitzt als die einzige von Tacitus ge- 
nannte deutsche Ortschaft den Vorzug gesicherten hohen Alter- 
thums. Maden blieb unbestritten die höchste Gerichtsstätte des 
pagus Hassiae. Sollte sich trotzdem die Identität mit Mattium be- 
zweifeln lassen, und an das nahe Dorf Metz gedacht werden, so lässt 
sich aus der Einsicht der Flurkarten versichern, dass die Auftheilung 
von Metz, sowie die aller Gudensberg benachbarten Orte völlig mit der 
von Maden übereinstimmt. Maden entspricht ferner allen Anforde- 
rungen, welche eine solche Untersuchung, wenn sie Willkürlichkeit 
vermeiden soll, voraussetzt. Einerseits treten die Figuren der Ge- 
wanne ungewöhnlich scharf und entschieden aus ihrer Umgebung 
heraus. Der grösste Theil ihrer Grenzzüge lässt sie an sich schon 
als solche deutlich erkennen. Die Gewannabgrenzungen sind aber 
überdies bei der Vermessung dem Feldmesser durch die bäuer- 
lichen Besitzer ausdrücklich so vorgewiesen worden, wie sie die Karte 
und das Register verzeichnet. Andererseits besteht über die Zahl 
der in der Flur vorhandenen Hufen seit alter Zeit kein Zweifel. 

Dies sind Bedingungen, welche, wie gezeigt worden ist, für Fluren 
mit regelmässigen Gewannen durch gewisse einfache Anzeichen er- 
setzt werden können, bei unregelmässiger Gewanntheilung aber un- 
entbehrlich sind. Denn wenn die Rechnungsgrundlage fehlt, welche 
der gleichmässige Parallelismus bietet, muss sie durch die festen 
Anhaltspunkte der Gewanngrenzen und der Hufenzahl gewonnen 
werden, welche leider sehr selten zu beschaffen sind. 



100 E- 5. Grundß&tee und Vorfahren der Gewannuiessung. 



Für Maden kommt noch hinzu, dass der etwas gebirgige Boden 
deutlich bestimmte Unterschiede hat, und der Wechsel der Be- 
schaffenheit hei einer grossen Zahl der Gewanne mit den Gewann- 
grenzen genau zusammenfällt, 

Diese Umstände haben, wie Anlage 15 in der Tab. C nachweist, 
die Feststellung und spezielle Berechnung der 40 Gewanne ermög- 
licht, welche die alte Anlage von Maden bilden. Diese Berechnung 
ergiebt, dass jedes dieser 40 Gewanne, ohne dass über ihre 
Grenzen hin weggegriffen wird, oder Lücken zwischen ihnen entstehen, 
in 1(5 gleichgrosse Hufenantheile zerfällt, welche nach ganzen, halben 
oder Viertelhufenantheilen sich in bestimmten Grenzen vorfinden. 
Diese Flächen können nicht immer völlig die richtige Grösse haben, 
dass zwischen ihnen keinerlei Verkleinerungen oder Vergrösserungen 
durch Abpflügen und Grenzverwirrung eingetreten seien, ist undenkbar, 
im Allgemeinen aber stimmen ihre Maasse mit oft ganz über- 
raschender Genauigkeit. Die Anforderungen der volkstümlichen 
Gewannverfassung sind ganz klar und zweifelfrei erfüllt und bis heute 
gewahrt. 

Dabei ergiebt sich aber aus der Art der Vertheilung deutlich, 
dass die Unterteilung der Gewanne nicht durch linearen Paral- 
lelismus, d. h. durch Breiten, sondern lediglich durch wirkliche 
Flächenfeststellung geschehen sein konnte. Es hat also für Anlagen 
dieser Art thatsächlich ein Prinzip der Theilung nach Flächen- 
grössen bestanden, und dasselbe kann ebenso wie in Maden, in 
allen anderen Fluren zur Anwendung gekommen sein, wo die Ge- 
wanne eine ähnlich unregelmässige Gestalt haben. Man ist daher 
bei unregelmässigen Gewannen keineswegs genöthigt, die schwierig 
zu erklärenden Umwandlungen aus einem früheren regelmässigeren 
Zustande zu vermuthen, sondern darf im Zweifelfall die ursprüng- 
liche Theilung nach Flächen voraussetzen. 

Darüber führt die Berechnung der Madener Flur auch zu be- 
stimmteren Anschauungen. Es zeigt Tab. C, dass alle diese Ge- 
wanne verhältnissmässig klein sind. Nur bei einem derselben 
erreicht der einzelne Hufenantheil 35 Ar. In den meisten beträgt der 
Antheil der einzelnen Hufe 28— 33 Ar, oder die Hälfte 16—17. Daneben 
kommt eine Anzahl Gewanne vor, in denen der Antheil 22—26 Ar 
enthält. Nur einmal geht diese Grösse auf 12 Ar herab. Es ist 
sehr wahrscheinlich, dass der Theilung ein Maass von ungefähr 31 Ar 
zu Grunde gelegt worden ist, welches in ganzer, drei Viertels- und 
halber Grösse angewendet wurde. Jedenfalls ist keine dieser Flächen 



Tl. 5. Grundsätze and Verfahren <U-v Gewannmessung. \Q\ 

erheblich grösser, als eins der üblichen Morgenmaasse, dessen Grösse 
jeder Bauer durch Ausschreiten mi1 annähernder Genauigkeil zu be- 
Btimmen vermag, weil er es bei der Aussaat und bei der sonstigen 
Bestellung in seiner Schrittsah] immer wieder durchmissi 

Wenn man also im Falle von Maden einen Abschnitt gewisser 
Bodenbeschaffenheit auf der Flur unter die einzelnen Hufen ver- 
theilen wollte, so war mir der allgemeine Ueberschlag zu machen, 
ob der zu vertheilcnde Bodenabschnitt IG, 12 oder 8 Morgen umfasste. 
Danach musste jeder der 16 Antheile 1, 3 A oder l /a Morgen enthalten. 
Diese schritt man einzeln in der Richtung neben einander ab, in 
welcher der gleichartige Boden verlief. Die Form der einzelnen 
Theilstüeke war am einfachsten eine rechteckige, im Uebrigen aber 
kamen weder gleiche Stellung noch gleiche Breiten oder Längen in 
Betracht; nur für Ausmaass und Bodengüte war völlige Ueberein- 
stimmung erforderlich. Die Zuweisung an die einzelne Hufe be- 
stimmte dann das Loos. Ein solches Verfahren konnte nur zufällig 
zu einer gegebenen Gestalt der Aussengrenzen des Gewannes führen. 
Der Lage des Bodens und der abgeschrittenen Figuren gemäss konnten 
die Hauptgrenzen sehr unregelmässig mit verschiedenen ein- und aus- 
springenden Ecken verlaufen. Nachtheile entstanden daraus nicht. 
Das nächste Gewann konnte in gleicher Art an das erste ange- 
schlossen werden. Auf diese Weise wurde, sogar ohne Messinstrument, 
der Zweck ebenso erreicht, wie durch die lineare Theilung regel- 
massiger Rechtecke. — 

Die Theilung nach Flächen ist nun auch neben dem Gebrauch 
der linearen Theilung durch Breiten wohl bekannt und weit ver- 
breitet. Ihre Eigentümlichkeit sind die Maassangaben nach so- 
genannten Flur- oder Lagemorgen. Es hat dieser Gebrauch von 
Flur- oder Lagemorgen keinen anderen Sinn, als dass die in einem 
Gewanne Betheiligten das Verhältniss ihres Antheiles an demselben, 
nicht, wie oben gezeigt, in Breiten oder Stücken, sondern in Ganzen 
oder Bruchtheilen eines nominellen Morgens angeben. Soll also das 
Gewann vermessen oder in seinen Grenzen neu festgestellt werden, 
so wird in neuerer Zeit, ebenso wie beim Breiten, der Gesammt- 
umfang des Gewannes aufgemessen, und die innere Theilung so vor- 
genommen, dass die angegebenen Maasse als aliquote Theile gelten. 
Während aber beim Breiten diese aliquoten Antheile durch geo- 
metrische Theilung hergestellt werden, werden sie bei Flur- oder 
Lagemorgen der Fläche nach berechnet. Die Folge ist, dass, wenn 
das Gewann, das in eine bestimmte Zahl Flurmorgen zu theilen war, 



I(i-J II. 5. Grundsätze and Verfahren der Gewannmessung. 

genau diese Anzahl orts- oder landesüblichen Morgen enthält, jeder 
Flur- oder Lagemorgen auch wirklich einen Morgen gross ist, wenn 
das Gewann aber kleiner ist, auch alle Flur- oder Lagemorgen in 
diesem Flurtheil oder dieser Lage kleiner, umgekehrt, wenn das Ge- 
wann grösser ist, auch diese nominellen Morgen grösser sind. 

In den Aemtern Hameln, Weningsen, Hannover, in den Schwarz- 
burgischen Unterherrschaften und in dem Landstriche zwischen Eis- 
leben und Nordhausen, ebenso im Göttingenschen und in den meisten 
Gegenden Kurhessens sind die Flur- oder Lagemorgen ganz über- 
wiegend üblich. 

Ihre Voraussetzung ist, dass sie im Gewann gleich gross sind. 
Dabei ist aber ihre Abweichung gegen das übliche Morgen- 
maas s oft recht beträchtlich. Auf nahen Feldern finden sich in der 
Regel kleinere Lagemorgen, als auf entfernten, und auf schlechterem 
Boden grössere, als auf besserem. Der halbe Lagemorgen wird ein 
Vorling, drei Viertel des Lagemorgens ein Drohn genannt. Die Maasse 
von Maden bestätigen, dass ebenso nach Vorlingen und Drohnen, wie 
nach ganzen Morgen getheilt werden konnte, und dass diese kleinen 
Maasse in den Gewannen dieselben verhältnissmässigen Differenzen 
zeigten, wie die ganzen Morgen. 

Hanssen hat in den agrarhistorischen Untersuchungen (Bd. II 
S. 268 u. 302) ausführlich und mit gewohnter Klarheit über die 
Lagemorgen gehandelt. Er hat in den Willichschen Vermessungen 
aus der Umgegend von Göttingen gefunden, dass dort der Lage- 
morgen zwischen 95 und 127 Calenbergischen □ Ruthen (= 20,736 
und 27,72 Ar), der Vorling zwischen 52 und 72 D Ruthen schwankte, 
aber auch Extreme von 21 Q Ruthen und 104 D Ruthen zeigte. 
In Geismar erwies sich der Lagemorgen nach seinen Angaben 
(S. 302) zwar in vielen Lagen kleiner, als der Calenbergische, nur zu 
88, 89 oder 114 □ Ruthen, aber doch viel öfter, als auf den Willich- 
schen Feldmarken, auch grösser, z. B. 1 Morgen 19 □ Ruthen, 
1 Morgen 51 □ Ruthen, 1 Morgen 66 O Ruthen, in einem Felde 
sogar gleich 2 Morgen 18 □ Ruthen. So grosse Differenzen kommen 
in Maden, wie Anlage 15 Tab. C nachweist, nirgend vor. — 

Für die nähere Beurtheilung der Flureintheilung nach Lage- 
morgen muss jedoch beachtet werden, dass die Anwendung der Lage- 
morgen ganz bestimmten Bedingungen unterliegt. Ein moderner 
Feldmesser vermag allerdings jede beliebige Figur nach ihrer Grösse 
festzustellen und sie auch in jede Zahl unregelmässig gestalteter 
gleicher Theile zu zerlegen. Er vermag auch, wenn diese Theile 




II. "). Grundsätze und Verfahren der Gewarmmesgung. 103 

nach ihrer Lage projektirt sind, sie zur Einpassung in die Haupt- 
figur säinintlich mit Leichtigkeit in gleichem Verhältnisa zu ver 
kleinen] oder zu vergrössern, ohne ihre Lage zu verändern. Er 
kartirt seine Messungen im verkleinerten Maasstabe auf daa Papier, 

fahrt alle Berechnungen auf der Zeichnung aus, wo er jede Linie 
rücken kann, und steckt in der Oertlichkeit nur die im Kleinen 
richtig gewonnene Figur mit Boussole und Kette im Grossen ab. 
Diese zeichnende Feldmesskunst hat sich aber erst im lii. Jahr- 
hundert entwickelt und ist von den fürstlichen Landvermessungen 
aus nur sehr allmählich in den Dienst der Privaten getreten. Für 
die Dorfstreitigkeiten war sie viel zu theuer und fremdartig. Deren 
M' -ungsaufgaben lagen bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts fast 
ohne Ausnahme in den Händen der Landwirthe selbst. Für die 
Beurtheilung älterer Flurtheilungen und Flurveränderungen kann 
also nur die Thätigkeit der Feldgeschworenen in Betracht kommen. 
Diese aber wussten nichts von Kartirung, sondern führten die 
Messung und Berechnung nur örtlich aus. Alle ihre Flächen- 
berechnungen beruhten nur auf örtlich aufgesuchten Coordinatenlinien, 
und für diese allein langten auch ihre Hülfsmittel aus; sowohl Theil- 
stab, Ruthe und Erdzirkel, wie das blosse Abschreiten konnten nicht 
mehr erreichen. Sie steckten Parallelen gleicher Breite von ein bis 
vier Ruthen aus und maassen ihre Länge oder schritten sie ab. Dass 
der Morgen, wie angegeben, zu 2 Ruthen Breite bei 60 Ruthen Länge 
gerechnet wurde, bestätigt dies. Auch beim Abschreiten wurde 
nicht anders verfahren. Der Schritt galt in der Regel 2V2 Fuss, der 
Doppelschritt 5 Fuss, die Ruthe je nach dem Brauch 2 oder 3 Doppel- 
schritt. Dies hängt nahe mit dem Rechnen nach der Aussaat zu- 
sammen, weil der Sämann gleichviel Saat auf gleiche Schrittlänge 
wirft, 1 ) und seine Gänge genau parallel bleiben müssen. 

Der Feldgeschworene vermochte also allerdings jede, selbst die 
ziemlich unregelmässig abgegrenzte Figur eines Gewannes ohne über- 
mässige Schwierigkeiten in verhältnissmässige Theile zu theilen. Er 
hatte nur nöthig, über die gegebene Fläche von einer ihrer Seiten 
aus Parallelstreifen von gleicher Breite zu ziehen, und die Länge 
aller dieser Streifen auszumessen. Die Summe der Ruthen oder 
Schritte dividirt durch die Anzahl der erforderten Antheile ergab 



J ) v. Ilammerstein-Loxten (Bardengau S. 315) thcilt ein Gerichtsprotokoll von 
1574 mit, wonach in der Heide, wer einen neuen Bienenstock aussetzen will, so weit 
von des anderen Stock wegbleiben soll, dass man dazwischen einen Himten Sommer- 
roggen in einem Worpe oder Gange aussäen kann. 



104 



II. 5. Grundsätze und Verfahren der Gewannmessung. 



dann die der einzelnen Hufe zuzuweisende Streifenlänge. Bei diesem 
Verfahren konnte anscheinend am einfachsten jedem Antheil der 
Reihenfolge nach seine richtige Fläche abgeschnitten werden, wie 
dies Fig. 14 zeigt. Dabei waren die schrägen Enden der Streifen 
und etwaige Absplisse leicht hinreichend auszugleichen. Ein solcher 
Besitzstand kommt jedoch der unzweckmässigen Figuren wegen niemals 
vor. Statt dessen Hess sich eine bessere Eintheilung in der Weise 
bewirken, dass jeder Antheil zunächst einen der Parallelstreifen ganz 
erhielt, und das an seiner Länge fehlende Maass durch kürzere 
Parallelstreifen von ganzer oder halber Breite ausgeglichen wurde. 
Diese Eintheilung des Gewannes giebt Fig. 15 wieder. Sie ist eine 
sehr gewöhnliche, und erklärt auch bei Flächenmessungen die Erschei- 
nung, welche o. S. 93 ebenso bei den Breitenmessungen erwähnt ist, 
dass die Hufenantheile im Gewann selten nur aus einem einzigen 
Planstück bestehen. 





Fig. 14. Fig. 15. 

Es lässt sich also nicht bezweifeln, dass die Feldgeschworenen 
auch Flächenmessungen vornehmen konnten, und oft ausgeführt 
haben. In Folge der Anforderungen ihres technischen Verfahrens 
standen sich sogar bei allen nicht völlig rechteckigen Gewannfiguren 
Flächen- und Breitenmessung ziemlich nahe und führten zu kaum 
zu unterscheidenden Bildern der Eintheilung. 

Aber gerade darauf liegt besonderes Gewicht. Es erweist sich 
daraus, dass diese bäuerlichen Landmesser nicht allein bei Breiten- 
messungen, sondern auch bei Flächenmessungen das Gewann in 
Parallelstreifen vertheilten und vertheilen mussten, und dass aus 
ihren eingreifenden Regulirungen überall keine anderen als regel- 
mässige Gewanne, wie sie die Anlagen 5 — 7 im Gegensatz zu den 
Anlagen 13 — 15 zeigen, hervorgingen. 

Nimmt man unter diesem Gesichtspunkte beispielsweise für die 
Flur von Maden an, dass von den benachbarten Gewannen 19, 20 
und 23 (Anlage 15) No. 20 durch Grenzverwirrung so weit in Un- 
ordnung gerathen sei, dass die Notwendigkeit entstanden wäre, die 



IT. 5. Ghnmdsätee and Verfahren 'I<t Grewannmessang. 



105 



16 Hufenantheile desselben durch Berufung der Feldgeschworenen zu 
ordnen, bo würde Sachkunde und Brauch derselben nicht ausgereicht 
haben, die Eintheilung des Gewannes innerhalb der gegebenen 
Grenzen so zu bewirken, wie sie die Kurte vorzeichnet. Diese ver- 
schiedenartigen Theilstücke hätten Bie nur dann unter sich gleich 
herzustellen vermocht, wenn die früheren Grenzen derselben noch 
so weit vorhanden und anerkannt waren, dass es sich nur um Be- 
richtigung einzelner Zwischengrenzen nach den gleichen Flächen 
zweier Nachbarn handelte. Dann würde aber auch keinerlei wesent 




Fig. 16. 




Fig. 17. 



liehe Veränderung eingetreten, sondern das alte Netz der Theilungs- 
linien wieder entstanden sein, wie es vor der Grenzverschiebung vor- 
handen gewesen war. Waren für eine solche Wiederherstellung der 
alten Lage die nöthigen Anhaltspunkte aber nicht zu erreichen, dann 
blieb den Feldgeschworenen kein Ausweg als eine wirkliche Neu- 
theilung. Diese hätte jedoch nach ihren Hülfsmitteln nur das in 
Fig. 16 punktirt angedeutete Bild oder ein ganz ähnliches ergeben, 
und damit die nach Richtung und Form verschiedene Lage der 
Theilstücke durchgreifend beseitigt. 



\0(\ IT. 6. Alter and Veränderungen »lor Gewanneintheilung. 

Nimmt man aber an, dass auch die Grenzlinien zwischen dem Ge- 
wanne 20 und seinen Nachbargewannen 19 und 23 gestört und nicht 
mehl streitlos festzustellen gewesen wären, so würden sich die Feld- 
geschworenen sogar ausser Stande gesehen haben, das Gewann 20 
auch nur im Sinne von Fig. 16 zu reguliren. Es würden dann die 
Gewanne 19 und 23 nothwendig vom Verfahren ergriffen worden 
Bein. Dasselbe würde unvermeidlich zu einer Regulirung aller drei 
Gewanne geführt haben, welche am einfachsten und zweckmässigten 
in der in Fig. 17 angedeuteten Weise erfolgen konnte. Bei der An- 
lage eines solchen Streifensystems blieb die Vertheilung selbst dann 
noch richtig, wenn diese Gewanne unter sich verschiedene Bodenbe- 
schaffenheit hatten. In jedem Falle wurde sie für die Ackerarbeiten 
der Besitzer eine günstigere. Wegen dieser Vortheile ist anzunehmen, 
dass nicht selten auch in solchen Fällen, in denen die alten Grenzen 
noch nicht völlig untergegangen waren, vorgezogen wurde, statt der un- 
vermeidlichen Mühwaltungen und Weiterungen, sie wieder unstrittig 
aufzunehmen und die einzelnen Flächen so lange versuchsweise zu 
vergrössern oder zu verkleinern, bis die richtige Grösse der Lage- 
morgen überall gefunden war, lieber die grösseren aber leichteren 
Regulirungen, wie sie Fig. 17 andeutet, auszuführen. 

Da aber alle diese Messungsschwierigkeiten nicht die erste Ein- 
richtung trafen, vielmehr nur entstanden (o. S. 101), wenn es sich darum 
handelte, Grenzverwirrungen innerhalb der bestehenden alten Ver- 
theilung gerecht zu beheben, lässt sich nicht anders urtheilen, als 
dass Fluren in Lagemorgen, welche wie Maden fast ganz oder durch- 
weg in unregelmässigen kleinen Gewannen mit Untertheilen von 
verschiedener Richtung und Form liegen, seit ihrer Eintheilung 
keine anderen Störungen erlitten haben, als solche, welche eine aus- 
gedehnte Thätigkeit der Feldgeschworenen nicht erforderten, sondern 
durch den Anhalt an hinseichend sicheren unstrittigen Spuren immer 
wieder nach der alten Gestalt der Feldlagen hergestellt werden 
konnten. 

6. Alter und Veränderungen der Gewanneintheilung. 

Ueber die Zeit, in welche die Gewanneintheilung der Fluren 
des germanischen Volksgebietes zu setzen ist, können die Bilder der 
Flurkarten, die uns gegenwärtig vorliegen, erklärlicherweise nur in 
so weit Schlüsse erlauben, als die Unterschiede dieser Eintheilung trotz 
der geringen Abweichungen Folgerungen auf ihr gegenseitiges Verhält- 



IL 6. Alter und Veränderungen der Gewanneintheilung. 107 

niss, auf ihre frühere oder spätere Entstehung zulassen. In Betreff 
dieses verhältnissmässigen Alters macht der Gegensatz zwischen den 
kleinen, unregelmässig gestalteten und den regelmässigen grossen, 
durch gleichlaufende Parallelstreifen getheilten Gewannen den Ge- 
danken unabweisbar, dass erstere die älteren, letztere die jüngeren sind. 

An sich könnten dafür schon die geschilderten Besonderheiten 
des Messungswesens als genügender Beweis gelten. Es führen darauf 
aber auch weitere sachliche Erwägungen. 

Zunächst der Umstand, dass die unregelmässigen Gewannfluren, 
wie Maden, nach Lagemorgen, also überhaupt nach Morgen vertheilt 
sind. Die Feldeintheilung nach Morgen ist die einfach und 
natürlich begründete, während die nach Breiten ausser jedem wirt- 
schaftlichen Zusammenhange steht und ohne Flächenanschlag keine 
Berechnung weder der Arbeit, noch der Aussaat oder Ernte zulässt. 
Nach Morgen wird angebaut, nach Breiten nur gemessen. 

Waitz (Ad. H. S. 28) hat schon mit Bestimmheit geltend gemacht, 
dass der Besitz in Morgen eine ganz ursprüngliche Erscheinung sei. 
Bereits in den ältesten Urkunden sind Angaben in Morgen und Ver- 
äusserungen von Morgen sehr gewöhnlich. 

Das Wesen der Hufen als genossenschaftliche Antheile an der 
Flur bedingte als natürlichste und ursprünglichste Art der Ver- 
äusserung die nach Ganzen oder nach Bruchtheilen. Das ausgedehnte 
Gemeinland und der in dasselbe verschieden fortschreitende Anbau 
mussten auch jede Flächenangabe der Hufe oder ihrer Theilstücke 
schwierig und unsicher machen. In der Mehrzahl verstehen deshalb 
die Urkunden, wie insbesondere die Fuldischen und Corveyischen 
Traditionen, unter mansus und huba die gesammte Hufe und er- 
wähnen auch halbe und Viertelshufen. Aber die Verzeichnungen 
der Traditionen ziehen doch sehr oft vor, obwohl sie ersichtlich von 
Hufen sprechen, dieselben nach ihren einzelnen Theilen zu nennen. 
Sie erklären, dass eine .area oder ein mansus (im Sinne von Wohnung, 
Gehöft) übertragen worden sei, bei Hörigen auch eine familia, und 
fügen mit et die Zahl der jugera an Ackerland 24, 30, 40, 60 
u. ähnl. hinzu, oft auch einige prata oder jurnales Wiesenland und 
häufig noch cetera appenditia und adjacentia oder omnis substantia. *) 



') Es ist nicht zu verkennen, dass die Fuldischen und Corveyischen Traditionen 
in diesen Maassangaben die volksthümliche Anschauung über die Hufenbesitzungen 
nicht wiedergeben. Diese spricht sich vielmehr in Bezeichnungen aus wie : VII hubas 
cum totidem areis et cum ceteris sibi adjacentiis et maneipiis (F. Tr. S. 39 N. 115); 
III hobas et V areolas et quidquid ad eas pertinet (Ebd. S. 32 N. 163); unam hubam 



105 IT. 6. Alter und Veränderungen der Gewanneintheilung. 

An eine Messung der Ländereien bei der Verbriefung dieser Schen- 
kungen kann nicht gedacht werden, die Angaben bezeugen aber, 
dass den Betheiligten gleichwohl die Fläche nach Morgen hinreichend 
bekannt war. Diess lässt sich nur aus der Art der Feldeintheilung, 
aus den Lagemorgen, erklären. 

Morgen bilden aber in den Urkunden auch für sich allein oder 
neben den Hufen kleinere selbständige Grundstücke. Dies entspricht 
derselben Auffassung. 10 jugera sind am häufigsten, und dürfen 
noch als Bruchtheil einer Hufe, als Drittel- oder Viertelhufen be- 



et omnem substantiam suam (Ebd. S. 13 N. 171); duas hubas cum omnibus appendiciis 
suis (Ebd. S. 25 N. 22 u. 33) u. äbnl. Nöthig sind auch diese Zusätze nicht, sie gelten 
stets als selbstverständlich, sobald ohne Vorbehalt ein oder mehrere hubae oder mansi 
übergeben werden. 

Die geistlichen Stifter aber übernahmen die Güter unter grundherrlichen Gesichts- 
punkten und wollten durch ihre Urkunden ihren Besitz feststellen und sichern, deshalb 
nennen die Schreiber namentlich in älterer Zeit mit Vorliebe die einzelnen Theile : die 
area, oft mit Breite und Länge, die jugera agri, die carrada feni und die pertinentia, 
z. B. areas duas et vineam I, XL jugera araturae (Dronke Fuld. Trad. S. 9 N. 63, 81), 
X jugera et pratum ad IH carradas feni (S. 12 N. 134), XXX jugera et prata ad 
VI carradas (S. 13 N. 177), aream unam X virgarum et XXX jugera (S. 99 N. 66) 
u. ähnl. In den Corveyischen Traditionen ist es vorzugsweise Sitte, die familia oder 
die Zahl der mancipia vorweg zu stellen und ihnen nur die jugera des Ackerlandes 
hinzuzufügen, z. B. I familiam et XXX jugera (P. Wigand C. Tr. § 30, 42, 52, 58, 
63, 69, 75 u. a.), I familiam et XL jugera (§ 43, 44), I familiam et LI jugera (§ 46), 
II mancipia et XXX jugera (§ 56). Die Wiesennutzung wird hier in jurnales angegeben, 
nicht in carrada wie in den Fuldischen Urkunden. Die in allen Angaben unverhält- 
nissmässig geringen Flächen in jurnales können, neben den dem üblichen Ackerlande 
einer Hufe entsprechenden Zahlen der jugera, keinen anderen Sinn haben, als dass sie 
Tagewerke Wiesenmahd bedeuten sollen. Z. B. 50 agros 2 jurn. (P. Wigand § 5), 
90 jug. 2 jurn. (§ 65), 60 jug. 4 jurn. (§ 70), 110 jug. 5 jurn. (§ 71), 72 jug. 1 jurn. 
und 20 jug. 1 jurn. (§ 72), 40 jug. 1 jurn. (§ 91), 24 jug. 2 jurn. (§ 99) u. s.w. In 
den Fuldischen wie in den Corveyischen Registrirungen aber entsteht durch den Ge- 
brauch von mansus für Gehöft die häufige Formel: 1 mansam et XXX jugera (Wig. 
§ 24, 44, 53, 59, 82 u. öfter), unum mansum et XXDJ jugera et quidquid ibi habuit, 
oder II mansos CXX jugera et III jurnales (Ebd. § 90), auch I familia et XXX jug. 
et 1 mansum (§ 93). Von dem auf das Jahr 1037 datirten § 224 des Corveyischen 
Registers beginnt indess eine andere Art der Verzeichnung. Die Maasse und auch die 
Bezeichnung der Güter fallen fast überall weg. Es heist meist: tradidit, quidquid 
habuit, und es wird wesentlicher Werth auf Benennung der Zeugen gelegt. 

Die Stellen aus dem Fuldischen Cod. dipl. hat v. Inama - Sternegg (Deutsche 
Wirthschaftsgeschichte Bd. I S. 503) mit anderen Urkunden zusammengestellt. Fast 
alle diese Angaben haben denselben Charakter wie die Fuldischen, sie gehören aber 
in das süddeutsche Eroberungsland, und fallen deshalb unter etwas veränderte Gesichts- 
punkte. 



n. 6. Alter und Veränderungen der Gewanneintheilung. 109 

trachtet werden. 1 ) Andere Angaben lauten: 1 mansus 7 jurnales; 
1 area 2 jugera, oder auch lediglich 1. 3. 5. 9. jugera oder jurnales. 
In manchen dieser Fälle kann mit der Hufenangabe das eigene 
Hufenland des Ver äusserer s, mit der Angabe in jugera aber solches 
Land bezeichnet worden sein, welches ausserhalb des den Hufen 
zugewiesenen Besitzes in der Gemarkung oder auf einem ausserhalb 
der Dorfgemeinschaft erworbenen Sondereigen belegen war. Dieses 
Verhältniss ist aber auf dem alten Volkslande nur ausnahmsweise 
und um so seltener zu erwarten, je älter die Urkunde ist. Dagegen 
erweisen alle Flurkarten der mitgetheilten Beispiele, wie häufig die 
Veräusserung ganzer und halber Besitzantheile in den einzelnen Ge- 
wannen des Hufschlaglandes war. Solche Erwerbungen konnten 
ebenso durch Bauern, wie durch Kötter, oder Brinksitzer (o. S. 78) 
geschehen. Die Parzellen folgten stets der Stellung, welche der Er- 
werber in der Hierarchie der Dorfgenossen durch seinen sonstigen 
Besitz einnahm, aber sie lösten sich von den Pflichten der Hufe 
nicht los, sondern mussten zu ihnen pro rata beitragen. In den 
Rechten wurden sie nach dem Institut der sogenannten Einmännerei 
durch die Resthufe oder einen der Parzellenbesitzer vertreten. Auch 
nach den dänischen Gesetzen galten sie dauernd noch als Theil der 
Hufe, wie die Bestimmungen über das Stufland ergeben. 2 ) Die 
einzelnen Morgen neben ganzen Hufen erklären sich also leicht. Die 
Angabe nach Hufen ist, sofern es sich nicht um eins der später 
angeordneten Landmaasse handelt, stets für den zeitweiligen Bestand 
des Besitzes zu verstehen, welcher gegen die örtliche Grösse durch 
Veräusserungen um gewisse Bruchtheile verringert, oder auch durch 
Zukauf vergrössert sein konnte. Die besonders genannten Morgen 
aber sind als solche anzusehen, welche anderen Hufen angehört 



f ) Fuld. Trad. S. 12 N. 134; S. 13 N. 180; S. 24 N. 26; S. 25 N. 27; S. 26 
N. 46; S. 36 N. 49; S. 37 N. 68; S. 44 N. 29; S. 73 N. 170; S. 74 N. 192; S. 104 
N. 34, 41; S. 108 N. 126. Corv. Trad. Wig. § 49, 51, 52, 217, 397, 431 u. a. 

^ Vergl. über Stuf, Hanssen, Agrarhist. Unters. (Bd. I, S. 52 ff.). Stuf kommt 
in Jütisk low (I, 49 u. 55; II, 21; III, 57 u. 58) und im Erich-Seeländ. Ges. (II, 55) 
ausdrücklich als Parzellen in Frage, welche solidarisch mit dem Hauptgute haftbar 
waren, aber nicht in die Reebningsmessung hineingezogen wurden, sondern nach Jüt. 
low (II, 21. 79) ihre Grenzsteine behielten und vom Hauptgute in Abzug gebracht 
wurden. Velschow (De institut. militar. Danorum, 1831, p. 133 n.) sagt' darüber: 
Stuf terra erat ad campum vicanum revera pertinens, a manso, cujus pars erat, ea 
lege alienata, ut magnitudo ejus divisione mansi non invenienda, certa longitudine et 
latitudine definiretur. Manso igitur iterata campi dimensione vel aucto vel deminuto 
stuf eandem extensionem immutatam semper retinebit. 



110 II. 6. Alter und Veränderungen der Gewanneintheilung. 

haben, und mit ihnen noch in bleibendem Verbände in Betreff der 
Lasten stehen. 

Auch diese Theilungsart der Hufen spricht dafür, dass die Morgen- 
grösee bei der Abgrenzung vorschwebte, nicht eine mathematische 
Figurentheilung. Die Anlagen .5 — 7 erweisen, wie trotz der Breiten- 
messung die Theilstücke sich so überwiegend innerhalb des Morgen- 
maasses halten, dass dieses und nicht die Breite von 2 oder 4 Ruthen, 
als der ursprüngliche Gedanke erscheinen muss. 

Dieselbe Anschauung zeigen die gedachten dänischen Gesetze. 
Sie geben als eigentlichen Zweck der Reebningsprozedur jedem Hüfner 
den Anspruch, die Eintheilung der Flur immer wieder dahin zurück- 
zuführen, dass alle Genossen den Besitz ihres verhältnissmässigen 
Antheils erlangen, und nicht mehr. Die Ausdehnung des Antrags- 
rechtes ist aber in eigenthümlicher Weise ausgesprochen. Das 
Schonensche Gesetz (IV, 11) und das Waldemar-Seeländische (III, 5) 
besagen, dass, wenn auch die Ländereien einer Hufe veräussert 
wurden sind, das Reebningsverfahren gleichwohl Seitens jedes Rest- 
besitzers gefordert werden kann, welcher ausser dem Haustoft wenig- 
stens noch drei Acker zu demselben besitzt, und zwar sofern das 
Dorffeld in drei Vongs 1 ) (Schläge, Felder) getheilt sei, in jedem Vong 
einen Acker, dass er aber nur zwei Acker zu besitzen braucht, wenn 
das Dorf zwei Vongs hat, und zwar in jedem Vong einen Acker, und 
sogar nur einen Acker, wenn das Dorf nur einen Vong hat. Die 
Resthufe verliert also das Recht auf Reebning erst, wenn sie nicht 
mehr in jedem Schlage oder Felde, seien es nun 3, 2 oder 1, d. h. 
bestehe Drei-, Zwei- oder Einfelderwirthschaft, noch mindestens einen 
Acker Bauland besitzt. 

Diese Bestimmung bestätigt deutlich, dass das Gesetz nicht Zer- 
stückelungen beheben will, denn die Aecker aus verschiedenen Vongs 
können nicht zusammengelegt werden. Es ist auch weder von einem 
zersplitterten Acker die Rede, noch ist dem vollständigen Acker in 
jedem Vong das Antragsrecht abgesprochen. Ueberdies wäre die Un- 
billigkeit klar, dass Jemand, der sein Land bis auf den letzten Acker 
verkauft hat, alle seine Nachbarn zwingen könnte, eine Neueinthei- 
lung vorzunehmen, damit er die etwa zerstreut liegen gebliebenen 
Reste dieses Ackers in einen zusammenhängenden Plan zu vereinigen 



') Grimm, Geschichte der deutschen Sprache S. 347. Vong ist Goth. vaggs, 
ahd. wanc (Gewann), ags. vong, altnord. vänge, Feld, campus. Zahlreiche Ortsnamen 
auf wangen bei den Alemannen und Schwaben stammen daher. 



II. 6. Alter und Veränderungen der Gewanneintheilung. \\\ 

vermöge. Dagegen handelt es sich um ernstliche Herstellung des 
gegenseitigen gleichen Rechtes. Wenn die entstandene Besitz- 
verwirrung nicht anders gelöst werden kann, soll sogar Der die Neu- 
eintheilung der ganzen Flur fordern dürfen, der nur noch einen 
Acker von seiner Hufe auf jedem Vong im Besitz behalten hat. 
Dass dieser Satz nur eine rechtssymbolische Ausdrucksweise ist, und 
schwerlich praktisch geworden sein würde, ist ersichtlich. Er will 
nichts sagen, als dass jedem Betheiligten sein Recht werden solle. 
Aber der Ausspruch hat eine thatsächliche Bedeutung darin, dass 
auch hier dem Rechtsbewusstsein der Acker, d. h. der Morgen, 
als die eigentliche Grundeinheit der Flureintheilung vorschwebte. 
Entsprechend sagt auch das Neuere Seeländische Recht (Pass. 1 c. 58) 
ausdrücklich, dass bei Herstellung von Gewannen durch das Reeb- 
ningsverfahren jede Boole ihre Ländereien Acker um Acker mit den 
übrigen Boolen im Dorfe besitze. Es werden also auch hier die 
Antheile der einzelnen Hufen im Gewann in Morgengrösse auf- 
gefasst. 

Obwohl somit in Deutschland wie in Skandinavien die Hufe 
unbedingt als ein verhältnissmässiger und gleicher Antheil an der 
Gemarkung anerkannt wurde, ist doch die alte volksthümliche An- 
schauung nicht die, dass diese Antheile am Baulande in beliebigen 
verhältnissmässigen Stücken zugewiesen und in Besitz genommen 
werden, sondern dass dies morgenweise geschieht. Es ist deshalb 
auch die Gewannanlage nach Morgen, nicht die Theilung abgegrenzter 
Gewanne nach unbestimmt grossen, möglichst langen, parallelen An- 
theilsstücken , als die natürliche, alterthümliche und ursprüngliche 
zu betrachten. — 

Von dieser Grundlage aus aber ergiebt sich, dass das Reeb- 
ningsverfahren und die Thätigkeit der Feldgeschworenenen nur juri- 
disch verschieden sind. Bei der völligen Uebereinstimmung der 
Flurverfassung in Skandinavien und in Deutschland müssen die 
gleichen Bedürfnisse und Hülfsmittel auch zu gleichen Maassregeln 
geführt haben. Da der dänische Gesetzgeber gar nicht für nöthig 
fand, Reebnings - Regulirungen anzuordnen, sondern sie als selbst- 
verständlich behandelte, und nur das Bedürfniss erkannte, schwierige 
Fragen, die sich dabei ergaben, bestimmt zu ordnen, und die An- 
sprüche in gewissen verwickelten Fällen theils durch die Hardes- 
männer zu beschränken, theils gesetzlich ' erzwingbar zu machen, 
müssen sie in bekannter häufiger Uebung gewesen sein. Auch waren 
sie nur im äussersten Fall auf eingreifende Neutheilung gerichtet, 



] 12 II. 6. Alter und Veränderungen der Gewanneintheilung. 

bo weit möglich sollten lediglich die einzelnen Beschwerden behohen 
werden. Dass dabei in Dänemark die Hardesmänner (d. h. im deut- 
schen Sinne die Centschöffen), zur Entscheidung herangezogen wurden, 
begründet keinen sachlichen Unterschied, denn für das praktische 
Verfahren und dessen mögliche Ergebnisse besassen diese keine anderen 
Vorkenntnisse und Hülfsmittel, als die Reebningsmänner des ein- 
zelnen Dorfes, und als die Feldgeschworenen in Deutschland. Dagegen 
war von wesentlicher Bedeutung, dass alle nöthigen Messungs- 
und Eintheilungsarbeiten von den dazu erwählten bäuerlichen Hof- 
besitzern ausgeführt wurden, und hier wie dort durch den geschil- 
derten Stand des mittelalterlichen Messungswesens bedingt blieben. 
Mochte nach Breiten oder Flächen gemessen sein, immer mussten die 
verhältnissmässigen Theile der Gewanne in Parallelstreifen zur Anlage 
und Berechnung kommen. Deshalb ist bei der Regulirung einge- 
tretener Grenzverwirrrungen die Zuweisung unregelmässig gestalteter 
Gewannantheile an Stelle vorher in regelmässigen Parallelen liegender 
unter keinen Umständen denkbar. 

Dagegen war umgekehrt die Umwandlung unregelmässiger 
Gewanne in regelmässige nicht bloss leicht, sondern in zahl- 
reichen Fällen unabweisbar und beabsichtigt. Die durch viele Jahr- 
hunderte dauernde Erhaltung der unregelmässigen Gewanne auf Fluren 
wie Maden und ihr Schutz gegen tiefeingreifende Grenzverwirrungen 
waren gewiss nicht so schwierig und zweifelhaft, als es uns im Rück- 
blick erscheinen kann. Aber wenn sie zu irgend einer Zeit nicht 
wieder hergestellt werden konnten, und nicht in immer aufs Neue 
streitiger Abgrenzung liegen bleiben sollten, musste die Ungleichheit 
stets durch das bestimmte Verfahren der Koordinatenmessung behoben 
werden. Dasselbe schuf aber nicht allein die geforderte gerechte 
Vertheilung, sondern es war auch durch die langen und gleich- 
massig verlaufenden Parallelstreifen für die Ackerarbeiten aller Be- 
theiligten unzweifelhaft günstig, und konnte häufig die Zutritts- und 
Ueberfahrtsgerechtigkeiten über Nachbargrundstücke beseitigen oder 
doch wesentlich einschränken. Daraus wird völlig verständlich, 
dass solchen Umgestaltungen kein erheblicher Widerstand begegnete, 
dass sich vielmehr in Deutschland wie in Dänemark auf sehr vielen 
Fluren schneller oder langsamer eine stetige Entwickelung zu immer 
regelmässigeren Gewannen vollzog. 

Die Verschiedenheit zwischen den nahe benachbarten Fluren 
Maden und Waldau, und ebenso zwischen den unter ganz gleichen Ver- 
hältnissen aus der karolingischen Zeit auf uns gekommenen Dörfern 



II. 6. Alter und Veränderungen der Gewanneintheilung. H3 

Laazen und Gretenberg erklärt sich also nach allen vorstehenden Er- 
wägungen damit, dass in Maden der alte Zustand immer wieder 
völlig hergestellt werden konnte, in Laazen wenigstens nur einzelner 
Eingriffe bedurfte, durch die er sich für uns fast unlösbar gestaltete, 
dass dagegen in Waldau und Gretenberg die Regulirungen mehr und 
mehr fortschritten, sodass, wie für Gretenberg gezeigt werden konnte, 
die einzelnen Gewanne mit ihrer Paralleltheilung völlig berechenbar 
auf uns kamen. Auf der Maden an Alter gleichzuschätzenden Flur 
Geismar erweist sich sogar das Altersverhältniss der beiden Auf- 
theilungsweisen der Gewanne ganz bestimmt, denn alle älteren Aecker 
der Flur liegen in unregelmässigen, nach einzelnen Lagemorgen ge- 
theilten Gewannen, dagegen sind die erst viel später, zur Zeit, als 
der Dominialhof schon bestand, gerodeten und vertheilten Flurstücke 
Röderfeld (F) und Röderbruch (K der Karte Anlage 13) in langen Pa- 
rallelstreifen von meist erheblich mehr als 1 Morgen Fläche ausgelegt. 

Indess sind bestimmt lokalisirte Zeugnisse für eine ausgedehntere, 
ganze Fluren umgestaltende Regulirungsthätigkeit der deutschen Feld- 
geschworenen, als der zuständigen Organe der Bauernschaften, bisher 
nicht bekannt, obgleich sie aus erhaltenen Gerichtsbüchern wohl noch 
aufzufinden wären. Leverkus nimmt (brieflich an Hanssen) auf Grund 
einer im Oldenburgischen Archiv vorhandenen Urkunde des Klosters 
Hude vom 30. Juli 1448 an, dass bis tief in das Mittelalter selbst 
die Hausstellen durch gemeinsamen Beschluss der Bauerschaft ver- 
legt werden konnten. Dies würde mit den dänischen Gesetzen über- 
einstimmen. 

Schon im frühen Mittelalter waren aber auf einem grossen Theil 
der Gemarkungen eingreifendere Regulirungen ohne das Einverständniss 
und die Betheiligung von weltlichen und geistlichen Grundherren 
nicht denkbar, deren Gerichtsobrigkeit auch eine gewisse Oberleitung 
begründen musste. Von solchen grundherrlichen Regulirungen 
sind einige Spuren erkennbar. 

An ausdrücklichen Beurkundungen ist allerdings nur eine einzige 
zu nennen (Monument, boica XI p. 32). Sie rührt von 1247 her 
und zeigt, dass in dem Dorfe Langenisarhofen durch den Grund- 
herrn eine Neutheilung veranlasst wurde, welche die Flur in nur 
drei grossen Gewannen zur Zumessung brachte. Die Gemarkung, 
welche noch heut in diese Gewanne getheilt ist, liegt zwar im Amts- 
gericht Oberhofen bei Deggendorf in Niederbayern, indess sind die 
Dörfer dieser Landschaft bei der Bajuwarischen Besitznahme, völlig 
in der Weise des alten deutschen Volksgebietes angelegt worden. 

Meitzen, Siedelung etc. I. q 



114 II- 6- Alter und Veränderungen der Gewanneintheilung. 

Nach einer Urkunde über das Dorf Linsburg (SO. 1 Meile von 
Nienburg), in welchem die Lehen von Nienburg an das Kloster Neu- 
dorf, und die der Grafen von Hoya an das Kloster Mariensee über- 
gingen, ordneten 1477 der Probst zu Mariensee, der Amtmann zu Wölpe 
und der Bürgermeister zu Nienburg die Feldeintheilung neu, u. a. 
unter Ausweisung von Kohl- und Kälbergärten. Dabei behielten 
sieh der Probst und der Amtmann ausdrücklich vor, »wenn sie es 
für gut fänden, allen Acker gleich zu theilen, einem Jeglichen soviel 
und so gut als dem anderen«, und sie fordern für den Fall einer 
solchen Regulirung, dass dann jeder die Stellung und Gare (Düngung), 
welche er in dem, einem Anderen zufallenden Acker habe, nach Mög- 
lichkeit aussäen und ihm den Acker in billiger Beschaffenheit ab- 
geben möge. 1 ) Sie waren sich also auch der wirth schaftlichen 
Schwierigkeiten der Neutheilung nach den gleichen Anrechten wohl- 
bewusst und beugten ihnen im Voraus vor. 

In ausgedehntem Maasse aber lassen sich solche ritterschaftliche 
und städtische Regulirungen auf einem Gebiete erkennen, welches seit 
alter Zeit der Schauplatz vieler Kriege, Fehden und Verwüstungen 
war, auf den Ebenen, die den Ostharz umgeben. Nirgends sind so 
viele wüste Dörfer den benachbarten Städten und Dorfschaften ein- 
verleibt worden, als hier. Deshalb sind hier um die zahlreichen 
Städte und bei einer bedeutenden Zahl der grossen ländlichen Ort- 
schaften ausserordentlich umfangreiche Feldfluren entstanden, welche 
weit über das Maass der Zweckmässigkeit hinausgehen, und sich nur 
aus besonderen Umständen, wesentlich aus dem jede andere Rück- 
sicht zurückdrängenden Bedürfniss des Schutzes und der leichteren 
Abhülfe augenblicklicher Noth erklären lassen. 

Am frühesten bekannt ist dies Zusammenziehen der Gemarkungen 
bei den grösseren dortigen Städten. Braunschweig wurde nach Er- 
bauung der Burg Dankwarderode aus vier Dörfern zu einem städti- 
schen Orte vereinigt, angeblich um 860. 923 Hess Heinrich I. 
Goslar aus einem Jagdhause und den benachbart belegenen Dörfern 
Bergdorf, Sudburg und Bardeleben zu einem von der Gose um- 
flossenen befestigten Platze zusammenbauen. Die Feldflur der Stadt 
Wernigerode von gegen 6000 h Fläche ist 1480 durch Ankauf 
des Dorfes Reddeber und acht wüster Fluren entstanden. Von 
Reddeber blieben die Hausgärten bis heut bestehen. Aschersleben um- 



') C. Stüve, Wesen und Verfassung der Landgemeinden. Jena 1851, S. 41. — 
Treuer, Geschlechtshistorie des Hauses d. H. v. Münchhausen , Göttingen 1740, An- 
lage S. 96. 



II. 6. Alter und Veränderungen der Gewanneintheilung. H5 

fasst 5274 h mit 4691 h Acker, Halberstadt besitzt eine Flur von 
6100 h Fläche mit 4692 h Acker, Quedlinburg 8784 h mit 6525 h 
Acker. Auf beiden Stadtgemarkungen sind eine sehr grosse Zahl 
Wüstungen nachgewiesen. 1 ) Kroppenstedt umfasst bei 3988 h Fläche 
mit 3790 h Acker mindestens fünf bekannte wüstgewordene Dürfer. 
Die Erinnerung an solche in die Städte aufgenommene Bauernschaften 
ist vielfach nur noch in den Gewannbenennungen erhalten. Aehnliche 
Vereinigungen haben auch bei Landgemeinden stattgefunden, deren 
Besitzer den Zuziehenden hinreichendes Unterkommen zu gewähren 
vermochten. So sind Altenweddingen auf 2589, Barleben auf 2654, 
Ditfurt auf 2364, Harsleben auf 2793 h angewachsen. Der Lage 
nach bildet Halberstadt eine Art Mittelpunkt für das Gebiet nörd- 
lich des Unterharzes, auf welchem diese Veränderungen vorzugsweise 
stattgefunden haben. Südlich des Harzes sind Sangerhausen mit 
3521 und Nordhausen mit 2170 h ähnlich entstandene Stadtfluren. Ein 
Kreis solcher aus untergegangenen Orten zusammengewachsener 
städtischer und ländlicher Gemarkungen liegt auch um Langensalza. 
Hier besitzen Mühlhausen 6295 h mit 4356 h Acker, Tennstedt 
2710 h mit 2466 h Acker, Langensalza selbst 2205 h mit 1705 h 
Acker, und unter den Landgemeinden finden sich Grossengottern, 
Altengottern, Vargula, Kirchheiligen, Neunheiligen und Uffhoven, 
welche jede über 1000 h Acker umfassen. Alle diese übermässig 
ausgedehnten Fluren aber liegen in ganz grossen auf weite Ent- 
fernungen hin in enge Parallelen getheilten Gewannen. 

Als Beispiel einer solchen Flur kann Grossengottern (Anlage 18) 
gelten. Grossengottern nimmt 1912 h Gesammtfläche mit 1475 h 
Acker ein. Es bestehen darin zwei Kirchen und Pfarreien, neun 
Rittergüter und über 600 bäuerliche Wirthe. Die Flur von unge- 
fähr 260 Hufen muss mindestens vier alte Dorfschaften aufgenommen 
haben. Vergleicht man aber die auf der Karte schwarz angegebene 
Lage und Vertheilung des Besitzes der Kirche und Pfarrei St. Wal- 
purgis von 35 h, oder etwa vier örtlichen Hufen, so wird klar, 
dass eine solche Eintheilung auf dem Wege der üblichen Regu- 
lirung durch die Feldgeschworenen niemals zu erreichen gewesen 
wäre. Diese Geschworenen künnen zwar durch Zusammenziehung 
der in Unordnung gerathenen Gewanne und neue Anweisung der 
ausgeglichenen Antheile jedes Betheiligten die Planlage ihrer Dorf- 



') Vergl. die Karte: Das Gebiet des vormaligen Reichsstiftes Qaedlinburg mit 
Angabe der Wüstungen von Dr. G. Brechs, 1885. 

8* 



116 II. 6. Alter und Veränderungen der Gewanneintheilung. 

llur in regelmässigen Figuren wieder herstellen, aber die Wirthe 
von vier oder mehr Dörfern, einschliesslich der dabei betheiligten 
gul -herrlichen Höfe und kirchlichen Institute, völlig aus ihrem alten 
Besitz herausverlegen und alle diese Betheiligten über eine zufrieden- 
stellende Rückgewähr des entsprechenden Bodenwerthes streitfrei 
einigen, das würde die sachkundige Kraft und das denkbare An- 
sehen dieser bäuerlichen Institution weit überstiegen haben. Wie 
man sich auch die Zustände vor einem solchen Zusammendrängen 
bisher vereinzelter Dorfschaften vorstellen mag, selbst wenn die be- 
theiligten Besitzer als Abgebrannte oder Vertriebene in augenblicklicher 
Noth untergebracht worden waren, mussten doch erfahrungsmässig, 
sobald es sich darum handelte, ihr Land wieder in Besitz zu nehmen, 
oder dafür Entschädigung zu erhalten, alle ihre Ansprüche um so leb- 
hafter auftreten. Klagen und Beschwerden aber waren unvermeidlich, 
weil alle Entfernungen sehr viel grösser, und für alle Neusiedler 
vielerlei neue und ungewohnte Einrichtungen nöthig wurden. Des- 
halb sind alle derartige Regulirungen nur dem Willen und den 
obrigkeitlichen Befugnissen der Grundherren zuzuschreiben. 

Da diese ausgedehnten Anlagen erst nach dem Wüstwerden der 
letzten selbstständigen Gemarkung, welche in die neue Besitzverthei- 
lung mit einbezogen ist, möglich wurden, würde sich bei vielen der- 
selben wenigstens der früheste Zeitpunkt, an dem sie ausgeführt 
worden sein können, feststellen lassen. Die Einrichtung, in der wir 
sie vorfinden, kann allerdings auch viel später und durch wiederholte 
Umgestaltung geschaffen sein. Doch ist die Praxis, möglichst lange 
und grade Gewanne anzulegen und ihre genau parallelen Theilungen 
soweit es das Terrain erlaubte, nebeneinander zu reihen, schon im 
12. Jahrhundert eine allgemein bekannte gewesen. Denn sie tritt 
bereits mit dem Beginn der deutschen Kolonisation der Slawenländer 
in vielen Hunderten von Anlagen auf, an denen sächsische und 
thüringische Ritter und Lokatoren lebhaft betheiligt waren. In diesen 
Kolonien war sie, wie sich zeigen wird, sogar mit verschiedenen 
wirthschaftlichen Verbesserungen verknüpft, namentlich mit sicherer 
Abgrenzung durch Raine, welche wesentliche Grenzverwirrungen aus- 
schlössen. Aber auf alten Fluren waren die Raine wegen des Land- 
verlustes nicht leicht anwendbar und verstiessen auf dem Volkslande 
auch gegen den Brauch. Die grossen Anlagen im Halberstädtischen 
und in Thüringen gingen deshalb nicht nothwendig der Kolonisations- 
zeit vorauf. Ein Theil derselben wird erst dem Ausgange des Mittel- 
alters und noch späterer Zeiten angehören. 



IL 6. Alter und Voränderungen der Gewanneintheilung. ] 17 

Auch anderwärts wurde noch im vorigen Jahrhundert, als die 
Boussolenmessung bereits völlig in Gebrauch gekommen war, die Re- 
gulirung der Gewanne nach gradlinigen Paralleltheilen in der Regel 
als das Zweckmässigste angesehen. Dies erweist die 1745 in Braun- 
schweig eingeleitete allgemeine Landesvermessung, welche zugleich 
ein Zeugniss ist, dass auch der Gedanke und das Bewusstsein 
des Nachbarrechts, auf Richtigstellung der Gewanne nach den ver- 
hältnissmässigen Antheilsansprüchen, dauernd im Landvolke fortlebte. 
Bezüglich dieses durchgreifenden Verfahrens, welches sich allmählich 
über das ganze braunschweigische Land ausdehnte, spricht eine In- 
struktion für die Vermessungsbeamten vom 28./11. 1755 *) als Ab- 
sicht aus: »dass die Unterthanen die zerstreut Hegenden Aecker bei 
einander bekommen, dass dadurch und durch Beziehung der grad- 
linigen Grenzen den Prozessen wegen des Grenzens, des Abpflügens etc. 
abgeholfen* und durch eine Egalisirung der Morgen, so viel ohne 
eines Dritten Nachtheil geschehen kann, jedem zu dem Seinigen ver- 
holfen werde.« Karten und Register zeigen, wie das Beispiel von 
Wittmer (Anlage 19) näher darthut, dass dies ganz im Sinne der 
Reebningsprozedur geschah, und es scheint, dass die Zulässigkeit 
dieses Verfahrens, ähnlich wie die Herstellung der Breiten durch die 
Feldgeschworenen, im ganzen Lande als selbstverständlich und als 
einwandsfrei angesehen worden ist. 

In Dänemark war das Reebningsverfahren durch die alten Rechts- 
bücher gesichert, aber es antiquirte keinesweges mit dieser mittel- 
alterlichen Gesetzgebung. Vielmehr bestand es unter dem dänischen 
Gesetzbuche Christians IV. vom 2S./6. 1683 unverändert fort, bis 
es endlich durch die S. 57 erwähnten Verkuppelungen verdrängt 
wurde. Die vollständige Durchführung dieser Verkuppelungen aber 
wurde, wie die Verhandlungen in Olderup (Anlage 16) näher zeigen, 
in Schleswig -Holstein wie in Dänemark nur dadurch innerhalb der 
Jahre 1770 — 1800 möglich, dass die Betheiligten fast ohne Ausnahme 
nicht in Zweifel oder Streit über ihre Antheilsrechte waren, und die 
Parzellarvermessungen ihres Besitzstandes unterbleiben konnten, weil 
sie die diesen Antheilsrechten verhältnissmässige Theilung überall 
ohne Rücksicht auf den thatsächlichen Besitzstand als Recht an- 



') C. Gesenius, Das Meierrecht mit vorzüglicher Hinsicht auf den Wolffenbüttel- 
schen Theil des Herzogthums Braunschweig -Lüneburg, Bd. II, 1808. — Lüdersen, 
Befreiung und Mobilisirung des Grundbesitzes im Herzogthum Braunschweig, 1881, 
S. 26. 36. 



Hg H- & Äife* uu, l VerÄhderüfigeii der Gewanneiiitheilung. 

erkannten. Darin sprach sich also immer wieder die alte Auffassung 
von dem gleichen Werthe aller Hufen in derselben Gemarkung aus. — 

Fasst man die Ergebnisse dieser Untersuchung zusammen, so 
Bind dieselben anscheinend sehr unbefriedigend. Denn sie lassen 
für die sehr grosse Zahl der Fluren des germanischen Volkslandes, 
welche in regelmässigen Gewannen liegen, keinen Zweifel, dass diese 
Regelmässigkeit in jedem fraglichen Falle durch Besitzstands - Re- 
gulirungen herbeigeführt sein kann, deren Zeit unbestimmt ist, welche 
sich sogar möglicherweise mehrmals wiederholt oder einzelne Theile 
der Flur zu verschiedenen Zeitpunkten ergriffen haben. 

Bei näherer Erwägung hat sich aber auch der Beweis dafür er- 
geben, dass alle diese Regulirungen nur den bisherigen Rechtszustand 
erhalten wollten, dass sie nur eintraten, weil dieser gestört war, und 
dass dessen Wiederherstellung keine andere als eine äusserliche 
Abhülfe beanspruchte, welche lediglich die Form der einzelnen Be- 
sitzstücke umgestaltete. Ein tieferer Eingriff in das Wesen der 
volksthürnlichen Dorfverfassung ist darin in keiner Richtung zu 
suchen. Vielmehr beweist die im übrigen unberührte völlige Gleich- 
artigkeit der deutschen Ansiedelungen in der Form der Dorf- 
lage, der Hufen- und Gewanneiiitheilung, der Gemenglage, der ge- 
meinsamen Weide und der massigen Ausdehnung der Besitzungen, 
dass alle wesentlichen Grundlagen der ursprünglichen Siedelung auch 
für alle regulirten Anlagen maassgebend geblieben sind. 

Daraus läsist sich zunächst folgern, dass die Frage als eine neben- 
sächliche zu betrachten ist, ob auf den alten volksmässigen Anlagen 
periodische Ausloosungen des Anbaulandes stattgefunden haben, wie 
sie auf den o. S. 24 gedachten Gewannen der Gehöferschaften be- 
kannt sind. Denn vom ursprünglich gemeinsamen Besitz der Ge- 
markung müssen alle germanischen Hufenanlagen ausgegangen sein. 
"War aber mit der periodischen Ausloosung der Gewannstücke noth- 
wendig die Regulirung in regelmässige Antheilstreifen verknüpft, so 
würden die in unregelmässigen Gewannen mit Lagemorgen, wie 
Maden, liegenden Dorffluren nicht der periodischen Neuloosung unter- 
legen haben können. War es aber thunlich und üblich, auch diese 
Fluren periodisch umzulosen, so hat diese Form des Gemeinbesitzes 
überhaupt keinen Einfluss auf die thatsächliche Gestaltung der volks- 
mässigen Flureintheilung der Germanen und auf die von ihr ab- 
hängige Wirtschaftsweise geübt. Sie darf dann nicht wirthschaft- 
lichen Gründen, sondern nur Sitten und Rechtsanschauungen zu- 
geschrieben werden, welche mehr auf völkerps3 r chologischem Boden 



II. 6. Alter und Veränderungen der Gewanneintheilung. H9 

liegen, und deren Beurtheilung erst versucht werden kann, wenn die 
Darstellung aus den Erscheinungen auf keltischem und slawischem 
Anbau einen viel allgemeineren Zusammenhang gewonnen haben wird. 

Ferner hat sich gezeigt, dass das Auftreten der Regulirungen 
die Anknüpfung an einige historische Anhaltspunkte erlaubt. 

Die Zeit der dänischen Gesetze fällt erst mit der der Kolonisation 
der rechtselbischen Slawenländer zusammen. Für diese Kolonieanlagen 
fand das Prinzip und das Verfahren der Regulirungen bereits all- 
gemein und mit sehr wohldurchdachten Verbesserungen bei der 
Neueinrichtung des slawischen Kulturlandes Anwendung. 

Die Regulirungen müssen aber bereits in sehr viel früherer 
Zeit bekannt gewesen und durchgeführt worden sein. Denn schon 
als die Dorfgründungen in der Karolinger -Zeit ganz überwiegend 
Sache der Grundherren wurden, wurde auch die volksthümliche Form 
der Gewanneintheilung als eine unzweckmässige und veraltete erkannt. 
Die unter Karl dem Grossen im alten Volkslande, wie auf den zuerst 
eroberten Slawengebieten an der Donau, in Franken und an der 
Saale lebhaft beginnenden grundherrlichen Kolonisationen verwarfen, 
wie bei der Betrachtung dieser Vorgänge zu zeigen sein wird, die alte 
Form der Besiedelung entweder völlig und entwickelten die o. S. 51 
besprochenen Waldhufen, oder, wo sie Gewanne für die Vertheilung 
der Ländereien anwendeten, gaben sie denselben, wie die in den An- 
lagen (Bd. III) dargestellten Fluren von Bischhausen aus der Zeit von 
spätestens 780 und von Effeltern aus dem neunten Jahrhundert er- 
weisen, Gewanne von sehr grosser Ausdehnung, in welchen jeder 
Hufenstreifen das Maass eines Morgens um das Vielfache überstieg. 

Danach müssen also die Regulirungen, welche auf diesen Ge- 
danken verbesserter Gewanne leiteten, schon vor der Karolinger-Zeit 
in Uebung gestanden haben, und es wird wahrscheinlich, dass die 
geometrische Aufmessung in regelmässigen Gewannen bereits auch früh 
in den Ländern der alten Besiedelung für neu entstehende Anlagen, 
mit denen sich die Waldungen und Almenden füllten, gelegentlich 
zur Anwendung gebracht wurde. Solche ursprünglich alsbald regel- 
mässig eingetheilte Fluren von den erst später regulirten zu unter- 
scheiden, haben wir keine hinreichenden Anhaltspunkte. Es kann 
indess auch in Betreff ihrer genügen, dass wir in den unregelmässigen 
Anlagen das ältere Bild des festen Besitzstandes vor uns haben. 

Fragen wir aber schliesslich nach dem bestimmten, nicht bloss 
nach dem verhältnissmässigen Alter dieser ursprünglicheren Art der 
Flureintheilung, so bleiben wir auch dafür nicht ganz ohne Anhalt. 



120 II. G. Alter und Voränderungen der Gewanneintheilung. 

Für eine sehr frühe Zeit bürgt bei den Flureinrichtungen, wie 
sie Maden besitzt, schon die Alterthümlichkeit der Anlage selbst, 
weil sich, wie gezeigt ist, die Abgrenzung und Untertheilung der 
unregelmässigen Gewanne nicht anders denken lässt, als auf einer 
noch freien Fläche begonnen und fortgeführt, und weil die Zuweisung 
der Besitzstüeke noch unter Zuständen stattgefunden haben muss, 
in denen Verbindungswege zu den nächsten Ortschaften (o. S. 63) 
noch nicht gebraucht wurden, und die Landespolizei noch keine Ver- 
anlassung nahm, sie zu erzwingen. 

Man darf sich auch sagen, dass Fluren, die in ihrem wesent- 
lichen Bestände unzweifelhaft durch ein Jahrtausend von der Karo- 
linger-Zeit bis auf die Gegenwart gekommen sind, wie dies Seebohm 
auch anderwärts (o. S. 27) nachgewiesen hat, ebenso leicht, ja noch 
leichter, in den vorhergehenden 800 Jahren in gleicher Weise be- 
standen haben können. Denn die Periode vor den Karolingern hat 
unbestreitbar die Einrichtung der ersten Anlagen sicherer gewahrt, 
als irgend eine spätere, in welcher die volle Selbstständigkeit der 
alten gemeinfreien Hufengenossenschaften und die strenge Achtung 
der Anrechte jedes Einzelnen weniger kampfbereite Verteidigung 
fand. Auf dieselbe Zeit führt, dass die Gegenden des südlichen 
Chattenlandes bis zum Khein bereits vor unserer Zeitrechnung fest 
besiedelt waren, denn Germanicus brannte 15 v. Chr. Mattium selbst 
und die benachbarten vici im Innern des Chattenlandes nieder 
(Annal. I, 56), wie dies Caesar schon 55 v. Chr. mit denen der 
Sigambern gethan hatte. 

Die feste Ansiedelung fordert aber auch festen Landbau, der 
zwnr noch unter Gemeinbesitz betrieben worden sein könnte, aber, 
wie gezeigt, auch unter periodischem Wechsel auf diesen Fluren 
andere Formen der Besitzvertheilung, als die uns bekannten, nicht 
zulässt. 

Die beweisfähigeren Gründe für ein so hohes Alter der auf dem 
Boden des germanischen Volkslandes auf unsere Zeit gekommenen 
Form der Ansiedelungen können allerdings erst aus der Uebertragung 
der Anlagen auf die keltoromanischen Gebiete erbracht werden, was 
im weiteren Zusammenhange geschehen muss. Doch lässt sich vor- 
weg darauf hinweisen, dass die Ubier, als sie Agrippa 37 v. Chr. 
aus den südlichen Abhängen des Westerwaldes auf das linke Rhein- 
ufer in die Ebene zwischen Bonn und Neuss aufnahm, weder in 
römischer Weise angesetzt wurden, noch sich wie die Bataven und 
Chattuaren in der keltischen Siedelungsweise der Einzelhöfe ein- 



II. 6. Alter und Veränderungen der Gewanneintheilung. 121 

richteten. Vielmehr legten sie auf dem neu erhaltenen Gebiete überall 
dieselben deutschen Dörfer an, welche wir aus dem Innern des Volks- 
landes kennen. Die in den Anlagen abgebildeten Fluren von Kempen 
und von Kessenich belegen dies und zeigen zugleich, dass auch die 
ubischen Dörfer theils in der Form der unregelmässigen, theils in 
der der regulirten Gewanne auf uns gekommen sind. In ähnlicher 
Weise überliess Domitius Ahenobarbus den um 10 v. Chr. von den 
Markomannen verlassenen Landstrich am Main und Frankenwald bis 
zur Altmühl bald darauf den Hermunduren, und auch diese legten, 
wie die Flur von Höttingen in den Anlagen zeigt, Dörfer in unregel- 
mässigen Gewannen an. Diese Dörfer bedecken fast das gesammte 
Gebiet der Hermunduren, indess kommen unter ihnen auch solche 
mit regulirten Gewannen wie Bauernfeld (vgl. die Anlagen) vor. Da 
keine der beiden Völkerschaften ihre von den Römern erlangten 
Sitze wieder verlassen hat, ein nomadisirendes Leben in den be- 
schränkten Grenzen derselben auch weder möglich, noch von den 
Römern gestattet gewesen wäre, bleibt keine andere Annahme zu- 
lässig, als dass dieselbe Art der volksthümlichen Ansiedelung, welche 
wir am Rhein und Main vorfinden, und welche auch unter den be- 
stehenden Verhältnissen der deutschen Stämme als die natürlichste 
und einfachste erscheinen muss, damals bereits im Innern Hessens 
und Thüringens hinreichend bekannt und verbreitet gewesen und 
von dort sowohl nach Rheinland als nach Mittelfranken übertragen 
worden sei. 

Dieser Beginn der festen germanischen Siedelung kurz vor unserer 
Zeitrechnung war den benachbarten Kelten gegenüber ein beträchtlich 
späterer, und würde mit Unrecht als ein völlig unerfahrener und un- 
beholfener beurtheilt werden. Die Anforderungen, welche die Ein- 
theilung von Maden stellte, erscheinen auch keinesweges besonders 
hohe. Wesentlich aus der Einfachheit der Theilung folgt ihre Unregel- 
mässigkeit, und damit der Umstand, dass das eigenthümliche Gefüge 
der entstandenen Gemenglage kleinen Aenderungen allzu grosse 
Schwierigkeiten entgegensetzte. Sie musste entweder fortbestehen, 
wie sie angelegt war, oder durchgreifend in neue Formen umgestaltet 
werden, deren Einwirkung wir leicht erkennen würden. 

Muss aber die Beurtheilung von diesem Sachverhalt ausgehen, 
so ist nicht zu verkennen, dass das Hauptgewicht, so wenig als auf 
möglichen periodischen Wechsel, auch nicht auf die unregelmässige 
oder regelmässige Form der Gewanntheilung gelegt werden darf, 
sondern dass die eigentliche Bedeutung der germanischen Feldein- 



122 H- ?• Marken umt Markgenossenschaften. 

thoilung in der bei beiden Theilungsweisen völlig gerecht nach gleichen 
Hufenanrechten geordneten Gemenglage der Besitzstücke zu suchen 
ist. Der Gedanke ihrer Einrichtung beruht auf dem nachbarlichen 
Bestände dauernder Hufengüter und auf ihren gleichen Anrechten 
an jedes Gewann und an die Almende. Damit war die Organisation 
eines genossenschaftlichen Gemeinwesens geschaffen, welche zur Grund- 
lage gleiche, bestimmte, zur Ernährung einer bäuerlichen Familie 
fähige Grundbesitzungen nahm, alle korporativen Rechte und Pflichten 
nach gleichen Verhältnissen dinglich an diese Grundvertheilung 
knüpfte und den einzelnen Generationen der Besitzer überliess, sich 
innerhalb dieses festen dauernden Verbandes persönlich einzurichten, 
wie ihre wechselnden Umstände und Bedürfnisse es forderten und 
erlaubten. 

Diese alten realen Hüfnergemeinden also, welche das öffentliche 
wie das bürgerliche Recht der modernen Zeit mehr und mehr auf- 
gelöst hat, sind uns noch auf den Flurkarten aller Gewanndörfer 
als thatsächliches Zeugniss des eigenartigen Charakters, den die volks- 
tümliche rein germanische Siedelnng an sich trug , in . Bildern von 
überzeugend typischer Uebereinstimmung erhalten. 

7. Marken und Markgenossenschaften. 

Die bisherigen Erörterungen über die Besiedelung der ursprüng- 
lich germanischen Gebiete haben sich im Wesentlichen auf die Be- 
trachtung der Wohnstätten und des von ihnen aus besessenen und 
bewirthschafteten Kulturlandes bezogen. Alles dieses Kulturland 
aber bildet nur grössere oder kleinere, oft oasenartig belegene Aus- 
schnitte aus den umgebenden unangebauten Ländereien. 

Das un angebaute Land und seine Beziehungen zu den Ort- 
schaften kommen deshalb ebenfalls für den Charakter der Besiedelung 
entscheidend in Betracht. 

Unangebaute Ländereien haben auf dem Gebiete der nationalen 
germanischen Siedelung sehr beträchtliche Ausdehnung. Nach der 
Agrarstatistik 1 ) der betheiligten Staaten sind im deutschen Volks- 
lande noch gegenwärtig 27 % der Fläche von Waldungen, 19 % von 
Weiden und Hutungen und etwa 1 % von Oedland eingenommen, 
in Dänemark betragen Wälder und unkultivirte Landfiächen 12, in 
Norwegen 96, in Schweden 89 %. Auf den Generalstabskarten lässt 



') Bodenkultur des deutschen Reiches. Berlin 1881. — Brachelli, Statistische 
Skizzen. Leipzig 1887. — Norwcg. Jahrbuch d. Statistik 1888. 



II. 7. Marken und Markgenossenschaften. 123 

sich die Vertheilung dieser unangebauten Ländereien der Oertlichkeit 
nach überblicken. 

Die Besitzverhältnisse aber sind nicht leicht zu erkennen. Ein 
grosser Theil der zwischen den bewohnten Ortschaften verbreiteten 
Wald- und Grasländereien gehört zu bestimmten Dorf- oder Stadt- 
gemeinden, oder zu vereinzelten grosseren Landgütern, und fordert 
in seinen näheren Beziehungen zu dem Betriebe und dem Agrarrecht 
dieser festen Ansiedelungen besondere Betrachtung. Ein anderer 
Theil aber bildet geschlossene Waldmassen, die sich von den Höhen 
der Gebirge nach den steileren Thalabhängen hin verbreiten, oder 
nimmt in den Ebenen als lichtere Räumden und Holzungen die 
geringeren Heide-, Sumpf- und Moorböden ein. Diese Grundstücks- 
komplexe werden vom Staate, von weltlichen und geistlichen Körper- 
schaften oder von einzelnen Privaten besessen und bewirthschaftet, 
und stehen im Wesentlichen als unbewohnte und unangebaute Ge- 
biete den Gemarkungen der bewohnten Ansiedelungen selbständig und 
in sich abgeschlossen gegenüber. 

Solche öde Wald- und Grasreviere zu politischen Gemeinden zu 
erheben oder, wenn auch nur unorganisch, bestehenden politischen 
Gemeinden anzuschliessen , ist erst ein Gedanke der neuesten Zeit, 
der nur zum Zwecke des sichereren Ueberblickes und der einfacheren 
Handhabung der allgemeinen Staatsverwaltung durchgeführt wurde. 
Noch im laufenden Jahrhundert und bis zu den modernen Gemeinde- 
ordnungen bestand zwischen den Gemarkungen der bewohnten Ge- 
meinden oder Güter und den ausserhalb ihrer Abgrenzungen liegenden 
unbewohnten Revieren in der Regel kein politischer Zusammenhang. 

Nur ein verschwindender Theil dieser Oeden ist aus wüst ge- 
wordenen Ansiedelungen entstanden. Der gesammten Hauptmasse 
derselben kommt hohes Alterthum zu. Sie bilden den meist gering- 
werthigen Rest des Landes, welcher von festen Ansiedelungen nicht 
in Anspruch genommen worden ist, und diese Wald- und Weide- 
bezirke sind, je weiter wir in der Geschichte zurückblicken, desto 
ausgedehnter zu denken. 

Im gesammten germanischen Volksgebiete wurden mit dem Ent- 
stehen der vollen Königsgewalt grosse Waldungen von den Fürsten in 
Besitz genommen und blieben theils dauernd Staatseigen thum, theils 
kamen sie durch Verleihung an Grosse oder an die Kirche. Dies 
geschah ebenso durch die Frankenkönige bei der Eroberung der 
alten fränkischen und sächsischen Stammgebiete, wie durch die 
skandinavischen Könige bei der Unterwerfung der kleinen Dynasten. 



1 "24 II. 7. Marken und Markgenossenschaften. 

Aber ohne Nutzung waren diese grossen Reviere niemals. Aller- 
dings ist die wohlgeordnete Holz- und Graswirthschaft, der wir sie 
später unterworfen sehen, erst das Ergebniss gesteigerter Werthe der 
Erzeugnisse und wachsender Einsicht in deren Verwendung. Aber 
die Volksgesetze und die Kapitularien belehren uns, dass schon in 
frühester Zeit die Verwerthung bewusster Zweck war. Allgemein 
wurde die Jagd geübt und oft weithin gebannt. Die Forstverwalter 
aber Hessen die Waldprodukte theils für eigenen Bedarf werben, 
theils verpachteten sie sie, oder verliehen die Nutzungen gegen Zins 
oder ohne Zins weiter. Auch konnten überall Ansprüche durch 
rechts verjährte Ausübung entstehen. Soweit sich auf diese Weise 
dauernde Nutzungsrechte irgend welcher Art für die Besitzungen 
einzelner Wirthe, bestimmter Genossenschaften oder ganzer Gemein- 
den bildeten, hatten sie den Charakter wirklicher Grundgerechtig- 
keiten, die in grosser Zahl auf die Gegenwart gekommen sind. 

Solche selbständige Wald- und Heidereviere finden sich indess 
nicht lediglich im fiskalischen, kommunalen oder privaten Eigenthum, 
sondern es bestehen neben ihnen, und zum Theil innerhalb ihrer 
Grenzen auch solche, über welche eigenartige, als Markgenossen- 
schaften bekannte Körperschaften, verfügen. Derartige genossen- 
schaftliche Reviere sind als Marken im engeren und eigentlichen 
Sinne des Wortes zu bezeichnen. 

Dem Wesen solcher wahrer Marken gemäss setzt sich die Mark- 
genossenschaft nicht aus Bewohnern derselben zusammen, sondern a.us 
Eigenthums- und Nutzungsberechtigten, welche meist in benachbarten 
Ortschaften ansässig sind, aber auch sehr entfernt wohnen können. 
Ihre Rechtsansprüche hängen in der Regel dinglich an ihren Be- 
sitzungen, können indess auch persönlich geworden sein. Aber sie 
sind nur ausnahmsweise auf späte oder überhaupt bekannte Ent- 
stehungsgründe zurückzuführen, sondern beruhen im Wesentlichen 
auf einem anerkannten Herkommen, dessen altüberlieferte Grund- 
sätze auch über die Natur dieser Rechte entscheiden müssen. Ebenso 
halten allein auf dem Boden des Herkommens die Markgenossen- 
schaften ihre Organisation mit Vorstand und Kassenführung aufrecht 
und verwalten die Mark nicht lediglich wirthschaftlich, sondern, üben 
auch die obrigkeitliche Gewalt und die Gerichtsbarkeit über dieselbe 
aus, so weit dies nicht Sache des Staates geworden ist. 

Die Marken sind im vorigen und im laufenden Jahrhundert mit 
den Gemeinheitstheilungen fast durchweg durch Theilung unter die 
Berechtigten zur Aufhebung gebracht worden, und haben auch in 



IL 7. Marken und Markgenossenschaften. 125 

allen früheren Zeitläufen vielen Abzweigungen kleinerer Marken und 
Ausscheidungen von Sondereigen unterlegen. Sie sind aber in ihrem 
alten Rechtszustande, namentlich auf den Gebieten der Braunschweig- 
Lüneburgischen Lande so lange ungestört erhalten geblieben und 
aus ihren zahlreichen bis in die Neuzeit reichenden Weisthümern 
und Gerichtsprotokollen so bekannt, dass über diese Rechtsverhält- 
nisse keine Zweifel bestehen. 

v. Langwerth 1 ) fasst dieselben in folgenden Sätzen zusammen: 
»Der Versammlung aller Genossen, dem sogenannten grossen Holt- 
dinge, Märkerdinge, Markgericht, welches zu bestimmten Zeiten zu- 
sammenkommt, stehen die Hauptentscheidungen zu. Von ihm gehen 
die allgemeinen Anordnungen in Verwaltungssachen, z. B. über Holz- 
kultur, Holzanweisungen, Weidereviere und Weidezeiten, Befrie- 
dungen, Wege, Gräben, Deiche, und Verkauf, Verleihung oder Ver- 
pachtung von Markengrund aus.« Jede Veräusserung von Marken- 
grund scheint im Sinne von Grimm, W. I, 400 bei Widerspruch des 
einzelnen Märkers unzulässig gewesen zu sein. 

»Die Ausführung der Beschlüsse und die Handhabung der Polizei 
liegt unter Leitung des Grossen Holzgräfen, Obermärkers, Holz- 
herren, als obersten Vorstandes, dem Kleinen Holzgräfen und den 
Geschworenen ob, welche zusammen das kleine Holtding bilden. In 
eiligen wichtigen Sachen kann der Grosse Holzgräfe auch ohne das 
Holtding handeln. Der Kleine Holzgräfe und die Geschworenen sind 
verpflichtet, dem Grossen Holzgräfen die Rügefälle (Wrogen) anzu- 
zeigen. Dieser untersucht den Thatbestand und beruft das kleine 
Holtding zur Sachfeststellung. Die Versammlung des grossen Holt- 
dings tritt zur Rechtsfindung zusammen und bestimmt die Strafe. 
Solche Strafen darf der Kleine Holzgräfe zwar mindern, aber nicht 
erhöhen. 

»Die Kompetenz dieser Markengerichte und Verwaltungen ist 
vor allem auf Klarhaltung und Schutz der Eigenthums- und Nutzungs- 
anrechte der verschiedenen betheiligten Genossen gerichtet. Indess 
besteht die Gerichtsbarkeit nur zwischen Genossen. Auswärtige müssen 
von der Genossenschaft vor ihrem ordentlichen Richter belangt werden, 
und können ihrerseits gegen die Genossenschaft das Landesgericht 
anrufen. Jeder Genosse aber, der Sondereigenthum in der Mark 



') v. Langwerth, Darstellung der im Herzogthum Bremen bestehenden besonderen 
und abweichenden Jurisdiktionen. Zeitschrift des hist. Vereins für Niedersachsen. 
Jahrg. 1856, Heft I, S. 84. 



126 n. 7. Marken und Markgenossenschaften. 

besitzt, oiler dasselbe in Anspruch nimmt, ist im Mangel der Einigung 
in Betreff' desselben als Auswärtiger zu erachten. Im Uebrigen liegt 
die Entscheidung über alle Benutzung des Landes, über Gemein- 
heiten, Servituten, Grenzen und Binnenwege, über alle Nachtheile 
ans Polizeivergehen, über Viehschaden, Anbau und Bauten auf Marken- 
grund, Abpflügen, Ungehorsam gegen Holz- und Feldpolizei in den 
Hunden des Markengerichtes. Die öffentlichen Kommunikationswege 
durch die Mark unterstehen dagegen der Landesobrigkeit und zwar 
in der Regel soweit man mit der Lanze reichen kann, also auf eine 
Ruthe zu beiden Seiten der Strasse. 

»Kein Markgenosse ist wegen seines Standes oder seines Besitzes 
von dieser Gerichtsbarkeit exemt, auch jeder betheiligte adlige Guts- 
herr ist ihr unterworfen. Die Strafen sind erst in neuester Zeit in 
Geld angesetzt worden. Früher mussten sie meist in Tonnen Bier 
oder anderen Naturalien, die das Gericht verzehrte, bisweilen auch 
in Gewichten Flachs u. ähnl. geleistet werden.« 

Dem Grossen und dem Kleinen Holzgräfen sind häufig besondere 
Grundstücke zur Nutzung überwiesen. Ihnen unterstehen in grösseren 
Marken auch besonders angestellte Holzknechte. Der Inhalt der 
Holtdingsprotokolle überliefert meist die feierlichen Formeln der 
Hegung des Gerichtes, und dem Charakter des Weisthums gemäss als 
Einleitung die Angaben der für die Märkerversammlung Sprechenden 
über die am Eigenthum und an den Nutzungen Berechtigten, über 
die Art dieser Nutzungen, die Vorschriften über verbotene Hand- 
lungen und ihre Bestrafung, und häufig auch die nähere Bezeichnung 
der Markengrenzen und der verschiedenen Bestandteile , aus denen 
sich die Mark zur Zeit zusammensetzt. 

Aus dieser Art der Geschäftsführung ist für einen grossen Theil 
der Marken bis in das 15. Jahrhundert zurück eine erhebliche Menge 
urkundlicher Aufzeichnungen entstanden. Umgestaltende Vorgänge 
konnten ohne Holtdingsbeschlüsse, Gerichtsverhandlungen, Abtretungs- 
urkunden, sowie notarielle Verträge und obrigkeitlich bestätigte Re- 
zesse in der Regel nicht eintreten. Solche Dokumente sind auch 
bereits in nicht geringer Anzahl veröffentlicht. Indess ist damit die 
Masse der vorhandenen Materialien bei weitem nicht erschöpft. Sie 
sind in den Staatsarchiven und bei den Auseinandersetzungsbehörden, 
namentlich aber in den Marken selbst, bei Gütern und Pfarreien, auf 
den Sitzen der früheren Holzgräfen aufzufinden, und für manche 
Marken so zahlreich und so im Zusammenhange erhalten, dass es 
sehr wohl möglich sein würde, die Geschichte derselben darzustellen. 



II. 7. Marken und Markgenossenschaften. 127 

Mit Hülfe der topographischen Karten und der nicht seltenen Marken- 
risse Hesse sich von Rezess zu Rezess die Art und Ausdehnung der 
aufgehobenen Berechtigungen, die Oertlichkeit, Flächenausbreitung 
und Abgrenzung der Grundstücke, auf denen sie bestanden, sowie 
die Lage und der Charakter der Besitzungen, die sie ausübten, ver- 
folgen. Ebenso würde sich entnehmen lassen, wer bei jeder Ab- 
zweigung die noch übrigen in der Markgenossenschaft Verbleibenden 
waren, und wie ihre Nutzungs- und Verwaltungsrechte geordnet wurden. 
So könnte rückgehend einerseits die Ausdehnung und Abgrenzung 
des markgenossenschaftlichen Besitzes und die geographische Er- 
streckung der zu den Nutzungen berechtigten Besitzungen, anderer- 
seits die bleibende oder wechselnde Organisation mit ihren genossen- 
schaftlichen Befugnissen und die Stellung des einzelnen Verbandes 
zur Landes- oder Territorialherrschaft mehr oder weniger weit in das 
Mittelalter zurück ermittelt werden. 

Solche Untersuchungen können indess nur örtlich, und unter 
mancherlei besonders günstigen persönlichen Vorbedingungen geführt 
werden. Für das alte deutsche Volksgebiet sind bis jetzt nur die 
Marken des Bardengaues bis zu hinreichender Vollständigkeit 
und Begründung durchgearbeitet. Es ist dies in der vorzüglichen 
Schrift des Staatsministers v. Hammerstein-Loxten »Der Barden- 
gau« (Hannover 1869) geschehen, zu welcher die Abhandlung des 
Forstmeisters Seiden sticker, Ueber die genossenschaftlichen Hol- 
zungsrechte und Holzgerichte im alten Amte Medingen (1 Supplbd. 
der forstlichen Blätter von Grunert und Leo, Neue Folge, Leipzig 
1872), für diesen Theil des Bardengaus speziellere Beiträge geliefert hat. 

In Anlage 21 sind in die durch v. Hammerstein entworfene 
Gaukarte des Bardengaus die einzelnen Holzmarken so eingetragen 
worden, wie sie nach seiner Beschreibung am Anfang des 16. Jahr- 
hunderts bestanden haben; dadurch wird möglich, die ausführlichen 
Urkunden, Weisthümer und Holtdingsprotokolle , sowie die Ueber- 
lieferungen über die Verfassung an die einzelne Oertlichkeit anzu- 
schliessen, und das Verhältniss der Abgrenzungen der Marken zu 
den Grenzen des Bardengaues und seiner Untergaue zu beurtheilen. 

Die nähere Vergleichung ergiebt eine lebendige Anschauung von 
der Bedeutung und Wirksamkeit der Markgenossenschaften und der 
Beziehungen der Holzgerichte zu der öffentlichen Gewalt des Landes, 
zum Herzoge und seinen Voigten. 

Es zeigt sich aber auch, dass diese Marken seit der geschicht- 
lichen Zeit in fortschreitender Auflösung begriffen waren. Früh 



[28 II. 7. Marken und Markgenossenschaften. 

schon entstanden auf Markentbeilen Billungische und andere Höfe. 
Ans Halteplätzen und Stallungen für die Heerden entfernter Ge- 
meinden entwickelten sich Tochterdörfer. Die Landesherren, die 
Klöster und andere an den Marken berechtigte Gutsherrschaften ver- 
mochten bestimmte Forst- und Heidereviere als Sondereigen auszu- 
scheiden. Sehr häufig finden sich Wald- und Weidegrundstücke, welche 
einzelne Ortschaften als gesonderte, denselben ausschlieslich zuge- 
hörige umgeben, und welche nach mancherlei Anzeichen als frühere 
Theile grösserer, weit ausgedehnten Verbänden zustehender Marken 
zu vermuthen sind. 

Es scheint auch beachtenswerth, dass im Bardengau und ebenso 
in vielen anderen Marken 1 ) schon bei den ältesten bekannten Ab- 
grenzungen die Grenzlinien vielfach so angegeben werden, dass sie 
durch bewohnte Orte, Dörfer und Gehöfte, selbst über einzelne Ge- 
bäude führen. Dies ist viel zu häufig, als dass es, wie Landau 
meint, den Sinn haben könnte, diese Dörfer und Gehöfte seien von 
zwei benachbarten Markgenossenschaften grade auf der Grenze an- 
gelegt worden. Vielmehr schliessen die angrenzenden Ortschaften 
am natürlichsten und übersichtlichsten die Mark als den Rest des 
unkultivirten Landes ein, welches zwischen dem Anbau liegen ge- 
blieben ist. Dass diese Orte selbst nicht unter die markgenossen- 
schaftlichen Berechtigungen fallen, konnte kein Betheiligter bezweifeln. 
Vielleicht aber hängt diese Bezeichnungsweise mit einem Recht der 
markgenossenschaftlichen Beamten zusammen, den bei Holzfrevel und 
ähnlichen Vergehungen Betroffenen bis an diese weitere Grenze zu 
verfolgen. 

Das bedeutsamste Ergebniss dieser topographischen Grenzver- 
gleichung ist indess, dass die der Karolinger - Zeit angehörige Ab- 
grenzung des Gaues sich von keinerlei Einfluss oder Beziehung auf 
die Grenzen der im Bardenlande vorgefundenen Marken erweist. 
Weder die Grenzen der Untergaue noch die des Hauptgaues fallen 
mit denen der einzelnen Marken zusammen, und dieser Mangel an 
Uebereinstimmung wird nicht behoben, wenn man, wie unzweifelhaft 
richtig, diese Marken als zersplittert betrachtet, und zu grösseren Ganzen 
zusammenzieht oder nur eine einzige umfassende Mark als ursprüng- 
lich voraussetzt. Da dann die Hauptgrenze zum Theil über den 
Bardengau hinaus in die benachbarten Gaue übergreift, und anderer- 
seits Marken der benachbarten Gaue sich mehr oder weniger weit 



') Vergl. Landau, Territorien, S. 120 ff. 



II. 7. Marken und Markgenossenschaften. 129 

in den Bardengau hinein erstrecken, lässt sich auch bei allen diesen 
benachbarten Gauen an eine Uebereinstimmung der Gebiete von Gau 
und Mark nicht denken, selbst wenn sie bei anderen Gauen in 
einzelnen Fällen nachweisbar werden sollte. Damit ist von selbst 
ausgeschlossen, dass Organisation und Gerichtsbarkeit der Marken- 
verwaltung mit der Gaugerichtsbarkeit und Gauverwaltung zusammen- 
gefallen sein könnten. 

Marken und Gaue müssen also auf verschiedener Grundlage 
beruhen. 1 ) Für ihr ursprüngliches Verhältniss würden sich möglicher- 
weise nähere Anhaltspunkte in dem ausgedehnten, seit den ältesten 
Zeiten unberührten und auch von Karl dem Grossen in seinen 
Grenzen belassenen, nicht untergetheilten pagus Hassiae gewinnen 
lassen. Zweifellos ist allerdings, dass die Gauabgrenzungen Karls 
des Grossen, obgleich sie sicher nach Möglichkeit an ältere Stammes- 
scheiden anschlössen, dennoch willkürlichere Linien gezogen haben 
können, als die örtlich herkömmliche Uebung der Markenrechte, 
welche verschiedenen altbestehenden, nahen und entfernten Ansiede- 
lungen aus den weiten Oedungen einen Bedarf an Holz, Gras und Streu 
gewähren mussten, ohne den ihre Wirthschaften , wie sie einmal 
eingerichtet waren, kaum bestehen konnten. 

Von solchen Thatsachen der praktischen Wirthschaft und der 
topographischen Lage aus sind die Markenverhältnisse allerdings noch 
nicht näher untersucht worden. Die grosse Ausdehnung der er- 
wähnten urkundlichen Ueberlieferungen hat indess auch ohne diesen 
lokalen Anhalt eine reiche Litteratur an rechtshistorischen Forschungen 
über die Marken und ihre Beziehungen zu der Rechts- und politi- 
schen Verfassung der älteren Zeit hervorgerufen. 

Danach hat sich als die im Wesentlichen unbestrittene wissen- 
schaftliche Auffassung zur Geltung gebracht, dass in den Marken 
die Trümmer des alten Volkslandes zu sehen seien. Entsprechend 
werden die Anrechte der Markgenossen als erhalten gebliebene und 
im Wechsel der Zeiten eigenthümlich gestaltete Reste der volksthüm- 



') Dies erklären auch J. Moeser in der Osnabrückischen Geschichte I; 9 und 
Landau in den Territorien S. 190. Bluntschlis und Tudichums entgegengesetzte 
Meinung gründet sich auf die Schweiz und die Wetterau. Da diese aber noch in 
später Zeit römisch waren, können sie nicht als beweisende Beispiele dienen. Vergl. 
Bluntschli, kritische Ueberschau 2. S. 300 und Rechtsgeschichte von Zürch I, 86 und Tu- 
dichums, Gau- und Markverfassimg in Deutschland, 1860, S. 131. Dagegen zeigt 
Landau, Territorien S. 142, dass auch die Mark von Fulda in zwei Gauen im Grab- 
felde und in Wettereiba belegen war. 

Meitzen, Siedelung etc. I. 9 



[an ii. 7. Marken and Markgenossenschaften. 



liehen Nutzungsrechte des Volksgenossen auf Weide für seine Heerde, 
Holz zu Feuerung, Bauten und Geräth, auf Jagd, Fischerei, Zeidelei 
und auf sporadischen Ackerhau betrachtet, wie sie bestanden, ehe 
noch die feste Besiedelung begann. 1 ) 

Diese Auffassung vereinigt offenbar am einfachsten und natür- 
lichsten alle die geschilderten eigentümlichen Erscheinungen des 
Markenrechtes. Sie erklärt, weshalb die Marken als viel ältere Ver- 
bände von den Gauen wesentlich abweichen. Auch erhält der Um- 
stand Licht, dass die Eigentumsverhältnisse an den Marken häufig 
unbestimmt erseheinen und in ihrer Bedeutung gegen die Nutzungs- 
rechte zurücktreten. Dies kommt namentlich in Betreff der Besitz- 
nahme des unbesetzten Landes durch den Fiskus in Betracht. Diese 
Besitznahme fand unter den fränkischen Königen als eine im Wesent- 
lichen allgemeine statt. Hätte sie die Markungen nicht mit inbe- 
griffen, so würde sie, etwa mit Ausnahme einiger Heiligthümer, 
erhebliche Waldungen überhaupt nicht haben vorfinden können. 
Doch hatten an diesem Markenlande allein die Nutzungen tatsäch- 
lichen Werth. Eigentumsrechte und ihr Wechsel blieben ohne 
wesentliche Bedeutung, wenn sie in der Ausübung der Nutzungen 
nichts änderten. Wenn der Eigenthümer die herkömmlichen 
Nutzungen nicht ausschliessen konnte oder wollte, erschien er nur 
als Mitberechtigter. Da nun Marken in den dem Frankenreiche ein- 
verleibten hessischen und sächsischen Gebieten in so erheblichen 
Flächen fortbestanden haben, wie es bis zur Gegenwart der Fall war 
und für das Mittelalter in noch viel ausgedehnterem Maasse bekannt ist, 
beweist dies, dass die fiskalische Besitznahme derselben die bestehenden 
Märkerrechte doch nur nach gewissen Richtungen, wie bezüglich der 
hohen Jagd und vielleicht der Gerichtsbarkeit, beschränkte. Die 
Weissthümer und Holzgerichtsprotokolle zeigen oft ein ziemlich 
strenges geltendes Recht. Aber ein Unterschied zwischen den landes- 
herrlichen und anderen Marken ist nur insofern zu bemerken, als in 
ersteren in der Regel ein landesherrlicher Beamter oder ein vom 



! ) J. Grimm, Deutsche Rechtsalterthümer , 1828, S. 496. — Dsl. Weisthümer 
1840 — 1869. — 0. Gierke, Das deutsche Genossenschaftsrecht, Berlin 1868. — Frhr. 
v. Low, Ueber die Markgenossenschaften, Heidelberg 1829. — G. Waitz, Deutsche 
Verfassungsgesch., Bd. 1, 93 f., n, 258 f. — Dsl., Die Nachrichten der Alten über den 
Grundbesitz der Germanen, Allg. Monatsschr. 1854, S. 105 f. — G. L. Maurer, Einlei- 
tung in die Geschichte der Mark-, Hof-, Dorf- und Stadtverfassung, München 1854. — 
Dsl., Geschichte der Markenverfassung in Deutschland, Erlangen 1856. — Tudichum, 
Gau- und Markenverf. in Deutschland, 1860. 



II. 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 131 

Fürsten beliehener Vertreter den Vorsitz im Märkerding zu führen 
scheint. 

Unter diesem Gesichtspunkte lassen sich die Nutzungen der 
Märker auch nicht als erworbene Prädialservituten ansehen, sondern 
haben die Natur von Rechten an der eigenen gemeinsamen Sache, 
als welche das Volksland gelten darf. 

Die Auffassung der Marken als Trümmer dieses alten Volks- 
landes wird bei näherer Erwägung auch von den Umständen und von 
der Art der festen Besiedelung der rein germanischen Völkergebiete 
gefordert. In der That handelt es sich nicht eigentlich um das 
Land allein, sondern bestimmter um Reste des alten Volksdaseins 
überhaupt, und die Entstehung der Ansiedelungen, wie der Marken 
kann nur aus dem Charakter dieses Stammeslebens und als eine 
Entwickelungsphase desselben richtig aufgefasst werden. 



8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 

Aus Tacitus Ausspruch: agri pro numero eultorum ab uni- 
versis in vices oecupantur, lässt sich keine Auslegung begründen, 
welche einen Wechsel des Besitzes der Feldfluren unter allen Genossen 
eines deutschen Gaues annimmt (Leverkus bei Hanssen I. 92). Viel- 
mehr darf man für die Frage nach der Zeit, in welcher die Begründung 
der ersten Ansiedelungen der germanischen Stämme und der den 
Rest des Volkslandes einnehmenden Marken eintrat, voraussetzen, dass 
Tacitus seinerseits keine andere Angabe über Deutschland erhalten 
habe, als dass es überall fest besiedelt sei. Seine Schilderung steht 
dem nirgends entgegen. 

Aber dass der Zustand der Deutschen wenigstens nicht lange 
vor ihm ein anderer war, darüber sind wir nicht ohne Nachricht. 

Strabo sagt, unzweifelhaft unabhängig von Caesar, als Ergebniss 
der Beobachtungen auf den Feldzügen des älteren Drusus (VII, 1): 

»Die suebischen Völkerschaften wohnen vom Rhein bis an die 
Elbe hin, ein Theil hat auch jenseits der Elbe Land, wie die Her- 
mondoren und Lankosargen. Eine gemeinsame Eigenheit aller Völker 
dieser Gegend ist, dass sie mit Leichtigkeit ihre Wohnsitze wechseln, 
wegen der Spärlichkeit ihrer Lebensweise, und weil sie kein Land 
bauen und keine Schätze sammeln, sondern in Hütten leben, nur 
mit dem Bedarf eines Tages versehen. Ihre Nahrung gewähren 
ihnen meistentheils ihre Heerden, wie bei den Nomaden, weshalb 

9* 



132 "• 8- D* e Entstehung der Dörfer und der Marken. 

^ic auch wie jene, alle ihre Habe auf Wagen packen und sich mit 
ihrem Viehe hinwenden, wohin es ihnen gefällt.« 

Caesar bemerkt in der bekannten Stelle bell, gallic. IV, 1 von den 
Sueven; Sueborum gens est longe maxima et bellicosissima Germa- 
aorum onniium. Hi centuin pagos habere dicuntur, ex quibus quot- 
annis singula millia armatorum bellandi causa ex finibus educunt. 
Reliqui, qui domi manserunt, se atque illos ahmt. Hi rursus in 
vicem anno post in armis sunt, illi domi remanent. Sic neque 
agricultura nee ratio atque usus belli intermittitur. Sed privati ac 
separati agri apud eos nihil est, neque longius anno remanere uno 
in loco incolendi causa licet. Neque multum frumento, sed maximam 
partem lacte atque pecore vivunt, multumque sunt in venationibus. 
Später sagt er VI, 21. 22 von den Germanen im Allgemeinen: Vita 
omnis in venationibus atque in studiis rei militaris consistit . . . 
Agriculturae non student, majorque pars eorum victus in lacte, caseo, 
carne consistit. Neque quisquam agri modum certum aut fines 
habet proprios sed magistratus ac prineipes in annos singulos gentibus 
cognationibusque hominum, qui una coierunt, quantum et quo 
loco visum est agri attribuunt, atque anno post alio transire cogunt. 

Auch für diese Schilderung giebt es Auslegungen, welche die- 
selbe lediglich auf die Sueven des Ariovist und deren Leben be- 
beschränken wollen, und annehmen, dass Caesar seine Beobachtungen 
von dem Kriegszuge auf die Heimath der Sueven und auf die ge- 
sammten Germanen überhaupt übertragen und verallgemeinert habe. 

Diese Annahme ist jedoch unbedenklich zu verwerfen. Caesar 
kann bei diesen Nachrichten Irrthümern unterlegen haben , aber die 
Beziehung auf Ort und Volk ist bestimmt und klar, und er erfuhr 
soviel über dasselbe, dass man ihn bewusster Leichtfertigkeit zeihen 
müsste, was der sonstige Inhalt seiner Kommentare in keiner Weise 
begründet. Er sah und zerstörte selbst jenseits des Rheins deutsche 
vici und oppida in der Nähe des Stroms (b. g. IV. 19). Jahrelang 
aber bildeten die rechtsrheinischen Ubier seine beste Reiterei (VII, 13, 
65). Sie waren seine bereitwilligen Kundschafter gegen die Sueven 
(VI, 10), und mit deren Zuständen und Streitkräften genau bekannt. 
Ueberdies sassen die mit Ariovist gekommenen suevischen Vangionen, 
Nemeter und Tribocer bereits links des Rheins auf dem von den 
Sequanern abgetretenen Lande. Es ist also ganz unmöglich, dass 
Caesar keine hinreichende Kunde von den heimischen Verhältnissen 
der Sueven gehabt habe, und mit denselben ihr Leben auf dem 
Kriegszuge verwechseln konnte. 



IL 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 133 

Auch führt seine Schilderung keinesweges auf eine weit zurück- 
gebliebene Kultur, sondern zeigt dem ihm vorhergehenden Jahrhundert 
durchaus angemessene Zustände, wenn man sie mit den ältesten und 
bekannten Nachrichten über die suevischen Bastarnen vergleicht. 

Um 180 v. Chr. erschienen zahlreiche Schaaren dieses Stammes 
an der Donau, und suchten vergeblich nach Thrazien einzudringen. 1 ) 
Polybius schildert sie als ein zahlreiches, streitsüchtiges, verwegenes 
und ruhmrediges Volk von gewaltiger Leibesgrösse und Schrecken 
erregendem Aussehen, das weder Ackerbau noch Schiffahrt kannte 
und von der Viehzucht zu leben verschmähte, indem es nur auf 
Krieg und kriegerische Uebung und Ausbildung bedacht war. Sie 
behielten dauernd das östliche Ungarn in Besitz, erschienen öfters 
jenseits der Donau und hatten Beziehungen mit den macedonischen 
Königen und mit Mithridates. Daher berichten Plutarch, Strabo, 
Livius, Appian und andere häufig über sie, namentlich in der Zeit der 
mithridatischen Kriege, also unmittelbar vor den Beobachtungen 
Caesars. Sie zerfielen in mehrere Stämme und Abtheilungen, und 
standen unter Königen, Kleinkönigen und Häuptlingen aus edlem und 
königlichem Geschlechte, deren Dienst und Gunst durch Geschenke an 
Rossen und Pferdeschmuck, Gewand und Gold und Silber zu ge- 
winnen war, und von denen einer im Heerzug als Führer an die 
Spitze trat. Ihre Reiter kämpften mit Fussvolk gemischt, so dass 
jeder Reiter einen Parabaten neben sich hatte. Auf ihren Zügen 
aber führten sie hinter dem Heere Weiber und Kinder auf Wagen 
mit sich. 

Gleiche Zustände bezeugen auch die Nachrichten über die eben- 
falls westgermanischen Cimbern und Teutonen. Die Cimbern werden 
zuerst in Böhmen bekannt, wo sie hergekommen, wissen wir nicht. 
Ihr Ursprung auf der cimbrischen Halbinsel ist durch nichts be- 
glaubigt, sondern wie Müllenhoff (DAK. Bd. II, S. 116. 283) zeigt, nur 
aus Namensähnlichkeiten hergeleitet worden. W T ir vermögen ihre Züge 
aber noch von Böhmen aus durch 13 Jahre zu verfolgen, und Plu- 
tarch (Mar. 11) konnte aus glaubhafter Ueberlieferung sagen: Sie 
seien Ausgewanderte, aber nicht wie mit einem Stosse, noch in un- 
unterbrochenem Zuge, sondern Jahr für Jahr wären sie in der ge- 
eigneten Jahreszeit immer vorwärts gerückt und hätten so in langer 
Zeit das Festland unter Kampf und Krieg durchzogen. Diese Jahres- 



') K. Müllenhoff, Deutsche Alterthumskunde Bd. II, S. 104 ff. Polyb. 26, 9. 
Liv. 40, 3, 57 ff., 41, 19. 23. Appian 7. 9. Dio. Cass. 51, 24. Oros. 4, 20. 



| g | IT. 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 

raston können nur auf Anbau von Getreide, wie in Caesars Bericht 
über die Sucven, gedeutet werden, denn durch blosse Plünderung 
hätte pich die trotz aller denkbaren Uebertreibung ausserordentlich 
grosse Volksinasse nicht erhalten können. 

In dem Hirtendasein ohne festes Kulturland, wie es Caesar 
für die Germanen und für die Sueven insbesondere schildert, lässt 
sich also nur entweder reines Nomadenthum oder ein gewisser halb- 
nomadischer Zustand von etwas beengterem Weidebetrieb und des- 
halb ausgedehnterem sporadischen Anbau sehen. Aber wie viel 
man auch in dem Bilde generalisirt oder allzu schematisch gedacht 
finden will, mit den später vorgefundenen volkstümlichen Dorf- 
anlagen oder überhaupt mit fester Ansiedelung lässt es sich in keiner 
Weise vereinigen, ohne der gesammten Darstellung Gewalt anzuthun, 
und ohne mit Strabo in Widerspruch zu kommen, welcher alle 
wesentlichen Züge bestätigt. — 

Für eine genauere Vorstellung von den Verhältnissen vor der 
allgemeinen Ausbreitung der uns bekannten Dorfanlagen, welche schon 
in der Karolinger -Zeit nur unbewohnte Marken neben sich haben, 
stehen uns wenig Anhaltspunkte zu Gebote. Eine entscheidende That- 
sache aber ist uns sicher bekannt. Das gesammte Volksland war für 
die bestehenden wirthschaftlichen Zustände so stark bevölkert, dass 
die Schwierigkeit, in den Stammländern noch hinreichenden Platz 
für die übliche Lebensweise zu finden, einen lebhaften Drang zu 
Wanderungen und zur Eroberung auswärtigen Landbesitzes hervorrief. 

Diese Erscheinung war keineswegs neu. Schon um 320 v. Chr. 
hatte Pytheas die Nordseeküste von deutschen Stämmen besetzt ge- 
funden, von deren Namen er die der Guttonen und Teutonen über- 
liefert. Sie bilden Theile des ingväonischen Völkerbundes in Nieder- 
deutschland, von dessen Stämmen die Friesen die am weitesten nach 
Südwest bis über die Rheinmündungen, die Eudosen oder Juthungen, 
seien sie die Guttonen oder nicht, die am meisten nördlich nach 
Jütland vorgedrungenen sind. Zwischen ihnen werden auch die Ammri 
an der Hunte und Wapel, und die Angli an der Eyder und Trave ge- 
nannt. Letzteren benachbart breiteten sich von der Schaale über die 
Warnow gegen Reckenitz und Havel die herminonischen Warnen 
aus. Für alle diese Stämme finden sich im suevischen Herminonen- 
lande um den Ost- und Nordharz alte Stammsitze, die ihre Namen 
noch nach der Karolinger - Zeit führten und bis auf die Gegenwart 
gebracht haben. Dort liegt Frisonofeld im Mansfeldischen zwischen 
Unstrutt und Schwende, Engili längs der Hainlaite, Schmücke und 



II. 8. Die Entstehung der Dörfer und <ler Marken. 135 

Finne, Warenofeld rechts der Saale bis zur Elster, endlich im Nord- 
harz an der Nette und Innerste der Ambrigau. 1 ) 

Stammesgenossen der Teutonen treten auch in den Cimbernzügen, 
Haruden in Schleswig und bei Ariovist, Chasuaren an der mittlen 
Weser und unter den Alemannen auf, und Juthungen, welche als sem- 
nonische Sueven oder Ziuvaren bezeichnet werden, am Main zwischen 
Hier und Lech. Sie alle sind aus der dem Tacitus als die Wiege 
Germaniens bezeichneten suevischen Heimath herzuleiten und er- 
weisen die Notwendigkeit immer erneuter Auswanderungen aus 
Mitteldeutschland. Den Zug der Bataver aus dem Chattenlande er- 
wähnt Tacitus (hist. 4, 12) ausdrücklich. Caesar schreibt auch den 
Eburonen, Segni, Paemanen, Condrusiern und Caeroesen an der Maas, 
und in der Eifel und den Ardennen germanische Herkunft zu. Zu seiner 
Zeit aber werden erst die letzten keltischen Menapier vom rechten 
Rheinufer durch die Tencterer und Usipeter verdrängt. Das gesammte 
Gebiet zwischen Rhein und Weser ist bis zu Tacitus Zeit der Schau- 
platz steter Bewegungen und Kämpfe. Die ingvaeonischen Chauken, 
Angrivaren und Bructerer, wie die istvaeonischen Ansivaren, Sigam- 
bren und Chamaven, suchen dort feste Sitze und treten deshalb 
ebenso wie die Ubier zum Theil auf römisches Gebiet über. Der Zug 
des Ariovist hatte gleichen Anlass. Auch am mittein Main, wo 
Caesar noch die keltischen Helvetier und Tauriner antraf, gestattet 
bereits Ahenobarbus den Hermunduren Sitze, die sich bis gegen die 
Altmühl ausbreiten. Neben ihnen erscheinen Varisten und Marko- 
mannen. 

Deshalb lässt sich auch bei starker Herabsetzung der hohen 
Zahlenangaben über die Volksmasse der Cimbern und Teutonen, 
und über das Heer des Ariovist nicht bezweifeln, dass das Innere 
der kleinen deutschen Stammgebiete in der entscheidenden Zeit vor 
Tacitus für deren mögliche Ertragsfähigkeit bei der damaligen 
Nutzungsweise verhältnissmässig sehr reich bevölkert war, und dass 
die seit den Cimbern bekannte Landnoth der Germanen durch das 



! ) Vielleicht gehört auch der Name des Hassagaues links der Saale unterhalb 
der Unstrutt zu den alten Stammnamen. Der Bezug auf einen Grafen Hasso ist wenig 
wahrscheinlich. Das ihm zugeschriebene Hasserode oberhalb Wernigerode lautet ur- 
sprünglich Harterode. Winidon im Altgau an der Helbe um Thüringshausen ist nach dem 
Namen und der Form der Dorfanlagen als eine schon früh mit Wenden, vielleicht von 
den Sachsen nach dem Fall des Thüringer Reichs besetzte Landschaft anzusehen. Dass 
aber die anderen Namen nicht mit einer Heranziehung von Friesen und Angeln aus 
Anlass dieses noch darzustellenden Ereignisses zusammenhängen, ist schon aus der 
Lage von Warenofeld und Ambriffau klar. 



136 II- 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 

Vorgehen der Römer unter August und den festen Schluss der Grenze 
unter Tiberius wesentlich gesteigert werden musste. 

Wie man sich also auch die nomadische oder halbnomadische 
Nutzungsweise vorstellt, zur Zeit Caesars muss alles vorhandene Land, 
wenn es auch nur zu Weide und Jagd nutzbar war, von den Stammes- 
genossen soweit möglich zum Unterhalt von Vieh und Menschen 
wirthschaftlich herangezogen worden sein; so dass es nicht mehr als 
besitzlos gelten konnte. 

Unter diesen Umständen lässt sich nicht daran denken, dass 
die festen Ansiedelungen des deutschen Volksgebietes nach und nach 
in Einöden vorgeschoben worden seien. Es hätte dies schon sehr be- 
gründete Bedenken, weil es bereits kultivirte Stützpunkte voraussetzen 
würde (o. S. 14). Auch hätte ein nur allmähliches und individuelles 
Eindringen in öde Wälder und Heiden unter verschiedenen Zeit- 
läufen und Stammesverhältnissen niemals die völlig gleichartigen, 
nach sehr entwickelten Gesichtspunkten, sowohl wirthschaftlich wie 
politisch folgerecht durchgeführten Anlagen zu schaffen vermocht, 
wie sie uns vor Augen Hegen. Wirklich durchaus öde, von Niemandem 
in Anspruch genommene Wildnisse müssen aber für die damalige 
Zeit überhaupt auf dem deutschen Boden in Abrede gestellt 
werden. Gewiss waren ausgedehnte Wald-, Sumpf- und Heidestrecken 
vorhanden. Aber sie wurden vom W eidegange benutzt, und wo dies 
nicht der Fall sein konnte, waren sie die einzige Stätte ertragreicher 
Jagd. Die festen Ansiedelungen der ältesten Zeiten sind auch keines- 
weges in solchen abgelegeneren, wenig beachteten Landstrecken ange- 
legt worden. Die örtliche Beschaffenheit und die Namen der als die 
frühesten zu vermuthenden Wohnplätze führen uns vielmehr überall 
in die verhältnissmässig fruchtbarste Gegend, welche unzweifelhaft 
schon lange vor der festen Besitznahme den Stammesgenossen in 
mehr oder weniger ausgiebiger Weise nicht allein für ihr Weidevieh, 
sondern auch zum sporadischen Anbau gedient hatte. 

Es liegt also eher der Gedanke an die sogenannten Bi fange 
nahe. Bifänge sind bei den Nomaden eine sehr bekannte Erscheinung. 
Allgemein gilt bei ihnen der Brauch, dass Jeder das Recht hat, 
in den Weiderevieren seines Stammes ein Stück geeignetes Land 
in Kultur zu nehmen, wenn er es hinreichend fest einzäunt. Erst 
wenn der Zaun nicht erhalten, oder durch etwa drei Jahre die Kultur 
unterlassen wird, fällt das Grundstück wieder in die allgemeine Weide 
zurück. Da einige noch zu erwähnende Spuren andeuten, dass dies 
Recht auch in deutschen Marken gegolten hat, wird es auch für 



II. 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 13? 

das alte Volksland anzunehmen sein. 1 ) Nach der Natur dieses Brauches 
und wegen der Forderung der Verzäunung ist jedoch bei ihm nur an 
kleine Grundstücke von wenigen Morgen zu denken. In späterer 
Zeit wurde der Ausdruck Bifang allerdings auch für grössere Güter 
und Gutskomplexe gebraucht. Diese wurden aber vom Landesherren 
oder dessen Vertretern aus unkultivirten Ländereien abgegrenzt, und 
einem Beliehenen oder Berechtigten zur eignen Kultur oder zur Be- 
setzung mit Kolonen überwiesen. 2 ) Dabei kam auch kein Zaun in 
Frage, sondern die Grenzen des Grundstückes wurden unter feierlichen 
Formen umritten. Sie werden deshalb überwiegend als circuitus 
bezeichnet. Solche Abgrenzungen und Verleihungen beruhten also 
auf grundherrlichen Verhältnissen, welche für das alte Volksland 
ausgeschlossen sind. Dagegen hat das Beispiel von Wolfskopfs Kamp 
in Laazen (Anlage 12) gezeigt, dass die als unaufgetheilte Kämpe 
in den Feldfluren belegenen, in der Regel von der gemeinschaftlichen 
Weide ausgeschlossenen Bifänge, die auch von der erforderlichen 
Umzäunung Beunden, Peunten, Binnen heissen, in manchen 
Fällen auf die Zeit vor der Anlage des Ortes, und vor Ausführung 
der Gewann - Eintheilung der Flur bezogen werden dürfen. Beun- 
den innerhalb der Flur sind aber überall nur von geringem Um- 
fange, die meisten gehören dem aus Almenden oder Marken ge- 
wonnenen Wirthschaftslande gutsherrlicher Frohnhöfe an. Wenn 
also auch für einige Beunden ein alter Ursprung vorausgesetzt werden 
darf, ist ihnen eine nähere Beziehung zu der Entstehung der festen 
Ansiedelungen nicht zuzuschreiben. Es ist nur anzunehmen, dass 
für beide voraussichtlich die fruchtbaren, zum Anbau geeigneten 
Lagen gewählt wurden, so dass die Ansiedelung durch bereits vor- 
handenes kultivirtes Beundenland erleichtert werden konnte. Jeden- 
falls waren aber diese Bifänge, wie der gesammte sporadische Anbau 
in der Zeit vor Caesar nicht mit festen Wohnplätzen verbunden. — 
Nach allem lässt die gesammte Sachlage bei eingehender Erwä- 
gung keinen anderen Schluss zu , als dass in dem Entstehen der 
festen Ansiedelungen eine nothwendig eintretende und deshalb ver- 
hältnissmässig schnell in der kurzen Frist eines Jahrhunderts lebhaft 
vorschreitende Krisis des germanischen Volkslebens zu sehen ist. Diese 
Wandlung kann sich langsam, selbst mit grossen Unterbrechungen von 
Gau zu Gau verbreitet haben. In der Hauptsache aber müssen für 

Vergl. Wigand, Trad. Corbeiens. 1843, § 351 bivangium in riudiana marca. 
*) Thudichum S. 174. — Grimm, Rechtsalterth. S. 538. — v. Maurer, Einleit. 
S. 184. — Gesch. d. Marken S. 183. — Landau, Territ. S. 154. 



138 Tl. 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 

jeden Gau oder Stamm, der sich ansiedelte, die Dinge soweit vor- 
bereitet gewesen sein, dass dem überwiegenden Theile der Volks- 
genossen die Umgestaltung des wirtschaftlichen und politischen 
Daseins unvermeidlich erschien, und dass die Entscheidung bereits 
den nicht geringen Grad von Sachkenntnis? , Einsicht und Bereit- 
willigkeit linden konnte, welcher nöthig war, um die neuen agrari- 
schen Anlagen streitfrei und ohne ernste Nothstände durchzuführen. 

Diese Auffassung erhält überzeugende Unterstützung durch 
Aensserungen Caesars, welche zwar als rednerisch erfunden ange- 
fochten worden sind, in Wahrheit aber aus dem vollen Leben ge- 
griffen sein dürften. Er fügt der oben wiedergegebenen Bemerkung, 
dass die Germanen kein festes Anbauland besitzen, sondern dass ihre 
Vorsteher und Vornehmen ihnen beliebig Aecker zuweisen und sie das 
folgende Jahr an andere Orte zu gehen zwingen, die Worte bei: 
Ejus rei multas afferunt causas: ne assidua consuetudine capti 
Studium belli gerendi agricultura commutent; ne latos fines parare 
studeant; potentioresque humiliores possessionibus expellant; ne 
aecuratius ad frigora atque aestus vitandos aedificent; ne qua oriatur 
peeuniae cupiditas, qua ex re factiones dissensionesque naseuntur; 
ut animi aequitate plebem contineant, cum suas quisque opes cum 
potentissimis aequari videat. 

Diese Gründe erhalten aus den Anschauungen des Nomaden- 
lebens nähere Erklärung und volle Bedeutung. Bei den Nomaden 
Centralasiens , über welche seit dem Vordringen der Russen genaue 
Beobachtungen (o. S. 11) bekannt sind, bedarf eine Familie zu ihrem 
Unterhalt bei einiger Behaglichkeit 300 Stück Vieh, zum 5. Theil 
Pferde, einige Rinder und Kamele, die Mehrzahl Schafe und Ziegen. 
Mit 100 Stück lebt sie schon karg, wenn davon aber noch eine Anzahl 
verloren geht, verarmt und verschuldet sie. Sie wird von dem Schuld- 
herrn abhängig, der 100% d. h. das geliehene Stammvieh mit einem 
grossen Theile des Nachwuchses beansprucht oder sie völlig der 
Knechtschaft unterwirft. Herr und Knecht unterscheiden sich aber 
ausser in der besseren und geschmückteren Kleidung nur in Einem : 
der Herr zwingt den Knecht, den wenigen Getreidebau zu besorgen, 
den die Nomaden nur bei Handel entbehren können. Ackerbau, 
auch der nur vorübergehende, ist Knechtes Arbeit. Zum dauernderen 
Anbau entschliesst sich der Nomade nur im äussersten Falle, wenn 
er weder Vieh erlangen, noch bei fremden Heerden dienen kann. Er 
gilt als ein Unglück, das nicht länger als unabweisbar bleibt, er- 
tragen wird. Gleichwohl ist sicher, dass, wenn solche verarmte Fa- 



II. 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 139 

milien brauchbares Land finden, zu dessen fester Besiedelung sie sich 
entschliessen, und von ihr nicht zurückgehalten oder vertrieben werden 
können, sie dadurch ihre Unabhängigkeit von den reichen Heerdcn- 
besitzern zu begründen vermögen. Dagegen können in beschränkten 
Weidegebieten bei solcher Ansiedelung einer Ueberzahl weniger Wohl- 
habender die vornehmen Eigenthümer der grossen Heerden sowohl 
durch den Mangel an geeigneter Weide, als durch die Schwierigkeit 
bedroht werden, die ziemlich zahlreichen Knechte und Gefolgsleute 
um sich zu behalten, welche sie für die Fortführung ihres gewohnten 
Lebens nöthig haben. 

Wendet man dies auf die Zustände der Germanen und auf die 
Art des in jährlichem Wechsel von den Principes angeordneten An- 
baues an, so kann man nur urtheilen, dass sich die Weidegründe 
in Deutschland, obgleich sie durchschnittlich reiche Nahrung boten, 
dennoch schon früh als zu beschränkt erwiesen, und Ergänzung durch 
Getreidebau forderten, und dass sich, trotz aller auch von Caesar und 
Tacitus betonten Abneigung gegen die schwere Ackerarbeit, die Masse 
der ärmeren Freien so lange bereit finden Hess, diesen Anbau im Sinne 
derer, die durch den allen unentbehrlichen Heerdenbesitz herrschten, 
auszuführen, bis sie mehr und mehr erkannte, wie stark sie die 
geschilderte sporadische Nutzung zur Arbeit heranzog, ohne dabei 
die Vortheile der festen Ansiedelung für die persönliche Selbst- 
ständigkeit und für eine allmählich leichtere Kultur und regelmässigere 
Erträge zu bieten. Deshalb ist es sehr glaublich, dass die Vor- 
nehmen sie mit allen den Gründen, welche Caesar hinterbracht wurden, 
bei öffentlichen wie privaten Veranlassungen zu bestimmen suchten, 
die bisherige Lebensweise nicht aufzugeben. Der Hauptgrund der 
Principes aber, dass ihr Heerdenreichthum und ihre ganze Lebens- 
stellung dadurch in Gefahr kamen, ist dabei gar nicht zum Aus- 
druck gebracht, sondern, trotzdem er offenkundig sein musste, ver- 
schwiegen. Grade dies aber spricht dafür, dass die Angabe Caesars 
aus öffentlichen Reden vornehmer Deutscher richtig entnommen ist. 

Durch diese Gegengründe gegen die feste Ansiedelung wird also 
der Zustand, der vor derselben in den deutschen Stammgebieten be- 
stand, ebenso scharf gezeichnet, wie die besorgte Anschauung der Vor- 
nehmen, dass er unvermeidlich zur festen Ansiedelung führen werde. 
Die Organisation der kleinen demokratischen deutschen Stammstaaten 
mit ihren souveränen Volksversammlungen schildert Tacitus deutlich. 
Allerdings leiteten und bestimmten die Principes meist die Beschlüsse, 
aber schliesslich hing in Interessenfragen doch alles von der Mehr- 



140 H- 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 

heit der Waffenfähigen ab, welche ihren Willen nötigenfalls mit 
Gewalt durchzusetzen vermochte. Wenn sich also die Ueberzeugung 
allgemeinei befestigte, dass es unter den obwaltenden Umständen 
das Zweckmässigste und das Wünschenswerteste sei, zur festen An- 
siedelung überzugehen, und Ueberredungen, Drohungen und Kämpfe 
nicht dagegen halfen , mussten die Principes ihren Widerstand auf- 
geben, und konnten nur streben, die Umwälzung zu leiten und 
so zu gestalten, dass ihre Interessen und ihre Wünsche so viel als 
thunlich geschont wurden. 

Diese aber gipfelten der Sachlage nach vor allem darin, dass 
die Weideplätze für ihre Heerden so wenig als möglich beschränkt 
wurden, dass also ein Verfahren der Ansiedelung zur Durchführung 
kam, welches die Hauptmasse der Gemeinfreien auf verhältnissmässig 
kleinem Räume befriedigte, und hinreichend grosse Landstrecken der 
bisherigen Nutzungsweise durch Viehzucht nach wie vor offen Hess. 

Es ist nun nicht zu verkennen, dass die Hauptzüge grade der- 
jenigen Siedelungsweise, welche uns in dem Bilde der Dörfer und 
Marken und in dem gegenseitigen Verhältnisse der wirtschaftlichen 
Nutzungen überliefert ist, eine Lösung der Ansprüche der Parteien 
enthält, in welcher sich beider Wünsche friedlich und am leichtesten 
vereinigen konnten. 

Der Hauptmasse der Familienväter, welche sich ansiedeln wollte, 
wurden danach nach Gruppen von massiger Anzahl die geeignetesten, 
fruchtbaren und bereits zum sporadischen Anbau benutzten Stellen 
des Stammgebietes in solchem Umfange zugewiesen, dass jede Gruppe 
• so viel Land erhielt, als zum auskömmlichen Unterhalt ihrer Familien 
genügend schien und bei der Bearbeitung die gewöhnlichen Kräfte 
des bäuerlichen Haushaltes nicht überstieg. Das übrige Land blieb 
wie bisher für die sich nicht Ansiedelnden zur wirtschaftlichen 
Nutzung unter völligem oder theilweisem Ausschluss der Ansiedeier 
liegen. 

Damit war also der Gegensatz zwischen Dörfern und Marken 
in der Hauptsache gegeben. — 

Eine nähere Vorstellung von diesen Vorgängen lässt sich aus 
den Hundertschaften gewinnen. 

Dass innerhalb der germanischen Völkerschaften die Masse der 
freien Stammesgenossen in Gruppen von Hundert zusammengefasst 
wurde, ist, wie Waitz (DVG. I, 150) in ausführlichen Quellenangaben 
zeigt, eine der ältesten und sichersten Ueberlieferungen des deutschen 
Alterthums. Das Hundert wird dabei in der alten volkstümlichen 






II. 8. 1 >if Entstehung <1<t Dörfer und der Marken. 141 

Auffassung als 10 Dutzende oder 120 Genossen gedacht. Diese 
Hundertschaften erscheinen in der Gerichtsverfassung, im Heere und 
in der Landeintheilung. In den ersteren Beziehungen ist Niemand 
in Zweifel, dass es sich um 120 waffenfähige Freie, im Wesentlichen 
also um 120 Familienväter handele. In Betreff der Landeintheilung 
der huntari, herad, herred, Harden, ist unsicher, oh dieses Land- 
gebiet auf 120 Familien mit 120 Höfen oder auf eine gewisse Zahl 
von Ortschaften oder einen sonstigen Grundgedanken bezogen werden 
müsse. Indess entsteht die Schwierigkeit der Deutung wesentlich durch 
das häufige Vorkommen von Hundertschaften in den alemannischen 
Gebieten und im Rheinlande, wo sie unter sehr verschiedenen Formen 
als Bezirke der Organisation des Eroberungslandes bekannt werden. 
Hier ist indess nach Ort und Zeit eine ursprünglich volksthümliche Ent- 
stehung, wie die in den alten Volksgebieten, ganz unmöglich. Namen 
wie Munigiseshuntare , Ruadolteshuntare , Goldineshuntare, Hatten- 
buntare lassen auch offenbar ganz unbestimmt, ob sich in den benannten 
Gebietsabschnitten eine Hundertschaft des Heeres unter Anführern, 
wie Munigis oder Ruadolt, festgesetzt, oder ob diese Führer aus 
heimischen Herads Mannschaften herbeigeführt, welche dies Gebiet 
in Besitz nahmen, ohne dass ihre vielleicht viel grössere Anzahl in 
Betracht kam, oder ob mit huntare nur ein CJntergau bezeichnet 
werden soll, der seinen Namen von dem ersten Vorstand oder dem 
Stamme der Schaar erhielt. 1 ) Solche Wechsel in dem Begriffe der 
Hundertschaft können bei den Eroberungen örtlich in verschiedener 
und zufälliger Weise stattgefunden haben. Die eigentliche volksthüm- 
liche Natur der Hundertschaften darf deshalb nur nach den Spuren 
der Einrichtung beurtheilt werden, w T elche auf dem alten ursprüng- 
lich germanischen Volkslande erhalten blieben. 

Es ist vielleicht möglich, in Hessen und in Niedersachsen noch 
Abgrenzungen alter Hundertschaften aufzufinden. Leider ist un- 
sicher, ob der Go in Engern und im Bardengau wirklich der Centene 
gleichzustellen ist. 2 ) Deutlich erhalten aber haben sich die Herads 
oder Harden in Schleswig, Jütland und den dänischen Inseln. Hier 
haben die Harden von jeher, wie die dänischen Gesetze des 13. Jahr- 
hunderts (o. S. 111) zeigen, die bestimmte Grundlage der Gerichtsver- 
fassung und Verwaltung gebildet, und wenn sie auch später durch 



') Eine ähnliche Uebertragung dürfte auch in dem Namen der villa Camminge- 

hunderi in pago Vvestracha liegen. Erhard. Reg. hist. Westfal. I, Cod. dipl. S. 11, N. 13. 

2 ) Thudichum, Mark- u. Gauverf., S. 26 ff. — Rechte der Wetterau I, S. 318 ff. 



142 



II. 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 



die Aemter zum Theil zusammengefasst, und in ihren Befugnissen 
beschränkt wurden, so sind doeh ihre Grenzen genau bekannt, und 
lassen sich noch mit Sicherheit auf den Bestand zurückführen, den 
sie 1231—54 zur Zeil des Erdbuches Waidemars II. hatten. 

Die Anlage 22 verzeichnet deren Abgrenzung und Namen nach 
Langebek und Suhm (Script, rerum Danicarum medii aevi Tom. 
VII, S. 507) im Einzelnen. 

Nach der Statistik Dänemarks (Wappäus Handb. 1864 III, 1. 
S. 388) lassen sich Zahl und Grösse dieser Herads wie folgt übersehen. 



Land seh alten 



1860 
Flüche in 
□ Meilen 



1800 

Zahl ilcr 

Dörfer 



1254 

Zahl der 

Harden 



Durehschn. 
Grösse in 
□ Meilen 



Durehschn. 

Dörfer 
in der Haide 



Schleswig 

J ü 1 1 a n d. 

a. Lofracth, Harthae, Jahn, 
Warwith u. Almundae- 
Syssel 

b. Abo-Syssel .... 

c. Hirubcr- und Ornungaer 
Syssel 

d. Waendle, Thythae und 
Salyngs Syssel . . . 

Inseln. 

a. Fühnen 

b. Laaland 

c. Seeland 



163,0 


1118 


43 


3,8 


181,9 




26 


7,0 


44,9 


2625 


13 


3,5 


99,2 




15 


6,6 


135,2 




18 


7,5 


60,3 
30,3 


■ 2300 


14 
5 


4,3 
6,1 


131,9 




27 


4,9 



26 



36 



48 



Zusammen . . . . | 846,7 6043 161 5,3 37 

Diese Zahlenverhältnisse entscheiden ohne Weiteres, dass die 
Harden unmöglich als Gebiete von. 120 Dörfern aufgefasst werden 
können, so dass nur übrig bleibt, die Hundertschaft, wie es als 
das Natürlichste erscheinen muss, auch örtlich als eine Zahl von 
120 Familienvätern, also als ebenso viel Familien mit den zum 
Haushalt gerechneten Angehörigen, zu denken. 

Erschien es aber nothwendig oder auch nur zweckmässig, zu 
irgend einer Zeit bestimmte Gebiete für ungefähr 120 Familien im 
Volkslande abzugrenzen, so ist für diese zahlenmässige Scheidung 
der Familien ein hinreichender Grund zu suchen, und die Land- 
abschnitte müssen von dieser Scheidung abhängig gedacht werden. 

Als solcher genügt nicht, dass bei den Kriegszügen der Völker- 
wanderung die deutschen Heere in Hunderte getheilt auftraten. 
Denn die Zusammenziehung und Eintheilung dieser starken Heeres- 



II. 8. Die Entstehung <ler Dörfer und der Marken. 143 

schaaren kann nicht als der Anfang und Grund der Volksorganisation 
aufgefasst werden. Für grosse taktisch geordnete Massenkämpfe ist 
anfänglich und vor dem Herandrängen gegen die Römergrenze keine 
genügende Veranlassung zu erkennen. Die Einwanderung der Ger- 
manen war kein Kriegszug, der einen ernsthaften Feind vor sich hatte. 
Nach der Besitznahme mochten sich die benachharten Völkerschaften, 
einander befehden, aber sie waren klein. Wir wissen auch, dass sich 
die einzelnen Gaue schwer und zögernd zur Theilnahme an dem 
Kriege entschlossen, der den Nachbargau bedrohte. Die meisten 
Kämpfe waren Streitigkeiten unbedeutender Haufen. Nach dem Gesetz 
König Ines (§ 13) bildeten mehr als 35 ein Heer 1 ) und in der Lex 
Bajuvar. (IV, 23) heisst es noch: hostili manu, quod heriraita 
dicunt, id est cum 42 clypeis. Im grossen Kriege aber konnte die 
durch die Schlachtordnung bestimmte, und nach dem mehr oder weniger 
blutigen Ausgange jeder Schlacht, wie bei den sonstigen Vorgängen 
des Feldzuges nothwendig oft veränderte Gruppirung in Hunderte 
nicht auf der Grundlage einer Landeintheilung erfolgen. Eine land- 
schaftliche Heeresergänzung ist für die damaligen Zeiten undenkbar. 
Dann war aber die Landeseintheilung nicht die Folge der Heeres- 
eintheilung, sondern lässt sich nur in einem anderen älteren Zu- 
sammenhange denken. 

Am natürlichsten und einfachsten ist der Grund für die bestimmte 
Zahl der Genossen, wie für die Grösse des ihnen zustehenden be- 
grenzten Territoriums zunächst und ursprünglich in wirthschaftlichen 
Bedürfnissen und Anforderungen zu suchen. 

Wollte man aber in diesem Sinne annehmen, dass je 120 Volks- 
genossen der Landabschnitt der Harde überlassen worden sei, um 
sich darin anzusiedeln, so würde weder für diese Zahl noch für die 
durchschnittliche Grösse der Harden eine genügende Begründung 
erkennbar sein. 120 Hufen würden nach ihrer gewöhnlichen Fläche 
von 15 h nicht mehr als 1800 h in Anspruch nehmen. Auch wenn 
man die doppelte Hufengrösse zu Grunde legte, blieben von den 
5,3 G Meilen oder 30067 h noch 25 467 unbesetzt. In den die 
Durchschnittsgrösse übersteigenden Harden vergrössert sich die über- 
schiessende Fläche noch mehr. Zieht man dagegen die kleinsten 
Harden in Betracht, welche bis auf etwa 2 □ Meilen oder 10847 h 
Fläche herabgehen, dann wird das Missverhältniss zu dem viel 
grösseren Ueberschuss in den meisten anderen nur noch auffallender, 



') Rh. Schmid, Die Gesetze der Angelsachsen, Leipzig 1858, S. 26. 



144 II- 8- r*' 1 ' Entstehung der Dörfer und der Marken. 

denn die Fruchtbarkeit des Bodens in den kleinen Horden z. B. im 
Sundewitt und Cappeln, ist von der der grossen Harden der däni- 
schen Inseln keineswegs verschieden. Wäre also die Landeintheilung 
zum Zwecke der Ansiedelung gemacht worden, so Hesse sich weder 
einsehen, weshalb einer gewissen Zahl von Ansiedlern eine so sehr 
verschiedene Fläche zur Verfügung gestellt worden sei, noch wes- 
wegen nicht der einzelnen Ansiedelung ein bestimmtes Gebiet über- 
wiesen worden wäre. Die Abgrenzung für 120 Familien kann des- 
halb nur auf einem, in ihnen selbst liegenden, weniger künstlichen 
Verhältnisse beruhen. Da nun auch Verwandtschaften unmöglich 
zu solchen zahlenmässig ungefähr gleichen Gruppen führen können, 
bleibt nur übrig, an die Zustände und Bedingungen des nomadi- 
schen Hirtenlebens zu denken. 

Aus diesem ergeben sich allerdings befriedigende Anhaltspunkte. 
Alle Erscheinungen des Hirtendaseins hängen nicht so sehr von den 
Menschen, als von den Besonderheiten der Viehwirthschaft ab. Das 
Vieh der Nomaden kann nicht vereinzelt in der Wildniss herum- 
schweifen, Hütung ohne Hirten wird erst bei viel geordneteren Zu- 
ständen möglich. Es muss in Heerden vereinigt und von hinreichend 
zahlreichen, gegen Räuber und wilde Thiere bewaffneten Hirten 
auf den Weideplätzen bewacht werden. Diese Tag und Nacht er- 
forderliche Bedeckung der nach Tausenden zählenden Heerde eines 
Stammes muss um so stärker sein, weil das Vieh gleichwohl in kleineren 
Abtheilungen von üblicher Zahl auseinandergehalten werden muss. 
Denn für grosse Massen wird das Futter derselben Raststelle in kurzer 
Zeit unzureichend. Auch ist die Weide je nach dem Boden, sowie 
in Wald, Heide und Sumpf, nicht für alle Vieharten gleich ge- 
eignet. Es wird also nöthig, um den meist ohnehin spärlichen 
Futterbestand auszunutzen, das Vieh nach Gattung, Alter und Ge- 
brauch in besondere Heerden zu scheiden. Melkvieh muss näher 
dem jedesmaligen Aufenthaltsort der Frauen und Kinder bleiben, 
anderes kann auf entfernte Plätze getrieben werden, von wo die 
Hirten erst nach längerer Zeit die Ihrigen wieder aufsuchen. Dazu 
kommt, dass die Jagd einige Kräfte in Anspruch nimmt, und dass 
an geeigneten Stellen etwas Anbau zu treiben ist. Gleichwohl muss 
eine genügende Zahl von Männern das Lager der übrigen Familien- 
angehörigen beschützen. Daraus ergiebt sich, dass die Natur der 
Verhältnisse von selbst eine geAvisse durchschnittliche Zahl der 
Familienväter als nöthig und zweckmässig fordert, welche sich zu 
einem Lagerverbande vereinigen, und ihre Viehwirthschaft gemeinsam 



II. 8. Die Entstehung der Dorfer und der Marken. 145 

betreiben müssen. Genügen dazu die Verwandten nicht, so müssen 
entferntere Stam niesgenossen herangezogen werden. Ist aber die 
Zahl der Verwandten zu gross, oder wächst sie zu stark an, so 
müssen sich diese Hirtenschaaren nothwendig trennen, denn es dürfen 
die Heerden nicht in allzu grosser Zahl vereinigt werden. Schon 
wegen der Aufrechthaltimg der Ordnung, wegen des Streites über 
das Eigenthum an Stücken und Nachwuchs, und weil allzu viel Vieh 
von demselben Punkte aus weder getrieben noch benutzt werden 
kann, muss auch für die Stückzahl ein gewisses Maass üblich bleiben. 
Reiche Eigenthümer zweigen deshalb, wenn sie die Weidereviere aus- 
zudehnen vermögen, je nach Umständen grössere Heerdengruppen 
für entferntere "Weiden unter besonderer Aufsicht ab. Die gewöhnliche 
Zahl unter ein gewisses Maass zu verringern aber ist unmöglich, 
ohne den Unterhalt des Lagers zu gefährden. 

Dieses geringste Maass des Viehstandes, welcher für das Lebens- 
bedürfniss der vorausgesetzten 120 Hirtenfamilien ausreichen kann, 
lässt sich für bekannte Gegenden einigermaassen überschlagen. 

Es ist o. S. 138 gezeigt, welcher Bedarf für eine Nomaden- 
familie in den zentralasiatischen und orenburgischen Steppen er- 
mittelt worden ist. Obwohl man bis drei Viertheile der 300 Stück 
Vieh auf Schafe und Ziegen rechnen darf, erscheint er ungemein 
hoch. Er erklärt sich aber nach denselben Beobachtungen daraus, 
dass bei den Vegetationsverhältnissen dieses Steppenlandes auf der 
□ Meile nur 1800 Stück Vieh ihr Dasein fristen können. Es be- 
steht hier ein solches Missverhältniss zwischen Weg und Futter, dass 
in Verbindung mit den Unbilden des Klimas in extremer Dürre und 
Kälte die Ernährung dieses Viehes eine äusserst karge bleibt. Sie 
drückt seinen Ertrag auf ein entsprechend geringes Maass herab, 
sodass nicht mehr als sechs Familien auf der □ Meile auskömmlich 
zu leben vermögen. 

Zu den östlichen Steppen stehen die natürlichen Fettweiden des 
westlichen Europas von jeher im äussersten Gegensatz. Zu ihnen 
gehören manche Ueberschwemmungsauen der Ströme und vor allem 
die Marschen, so weit der Fluthwechsel und der Mangel an Trink- 
wasser dem Vieh den Weidegang über sie erlauben. Solche Weiden 
vermögen auf 1 h eine Kuh reichlich in guter Nahrung zu erhalten. 

Zwischen diesen Extremen liegen alle die Abstufungen, welche 
auf mehr oder weniger Graswuchs, Bewaldung und Gunst des Klimas 
beruhen. Je besser die Ernährung, desto ertragreichere Viehgattungen 
werden die überwiegenden. Ziegen und Schafe weichen dem Rind- 

Meitzen, Siedelung etc. I. -ja 



146 II- 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 

vieh and den Schweinen. Je besser das Vieh, desto geringer die 
Zahl, die für den Lebensunterhalt ausreicht. Andererseits je schwie- 
liger wegen Dürre oder Schnee und Eis die Ernährung der Heerden, 
desto früher treten gewisse Kulturarbeiten als Fürsorge auf. Die 
Menschen erhalten sich durch Fleisch und Getreide. Das zahlreiche 
Vieh alier muss im Winter der Hungersgefahr ausgesetzt bleiben. 
Die Steppe bietet ihm nur das, was der Huf unter Schnee und 
Glatteis hervorzuscharren vermag, wenn nicht etwa Rohrdickigte 
darüber emporragen. In den Waldungen lassen sich dagegen in der 
Noth Bäume stürzen, damit die Thiere die Rinde abnagen können, 
und auf graswüchsigem Lande vermögen die Hirten einiges Heu für 
den Winter zusammenzuhalten. 

Alles das müsste in Rücksicht gezogen werden, wollte man für 
die verschiedenen Länderstrecken die Anforderungen des Unterhaltes 
einer bestimmten Anzahl Familien, die Art und Zahl des Viehes, 
und die Ausdehnung der Weidebezirke veranschlagen, welche für 
diese Heerden als nothwendig zu erachten sind. 

Indess wird ein hinreichend zutreffendes Urtheil über den 
Familienunterhalt dadurch erleichtert, dass es entbehrlich ist, Zahl 
und Art des Viehes für die Hirtenwirthschaft festzustellen, sondern 
der Futterbedarf der Heerden und der Nahrungsertrag für die Menschen 
nach Haupt Grossvieh berechnet werden kann. Die Viebgattungen 
gleichen sich in ihrem Futterbedarf dahin aus, dass nach bekannten 
Erfahrungssätzen 1 Stück Grossvieh oder 1 Kuh gleich 2 /s eines 
Pferdes, 12 Ziegen, 10 Schafen oder 4 Schweinen angesetzt werden 
darf. Der Ertrag aber entspricht unter gewöhnlichen Verhältnissen 
in richtigem Maasse der reichlicheren oder spärlicheren Fütterung. 
Deshalb kommt es nur darauf an, den Verbrauch der Familie, den 
Futterbedarf des Hauptes Grossvieh bei einem bestimmten Ertrage, 
und die Ausdehnung der Weidefläche in Anschlag zu bringen, welche 
nach der durchschnittlichen Ertragsfähigkeit der beweideten Ländereien 
den angesetzten Bedarf eines Hauptes Grossvieh zu gewähren ver- 
mögen . 

Der Verbrauch einer deutschen Hirtenfamilie an Nahrungsstoffen 
ist auf den Kopf jährlich etwa zu 200 kg Fleisch, 2400 Liter Milch 
und 50 kg Getreide anzusetzen. Die Familie, mit ihren Angehörigen 
zu acht Köpfen, jung und alt, gerechnet, vermag deshalb mit dem 
Ertrage von 30 hinreichend gut ernährten Kühen auskömmlich zu 
leben. 120 Familien werden also einen Viehstand besitzen müssen, 
welcher 3600 Kühen gleich käme. 



IL 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 147 

Da eine Kuh, welche den hier vorausgesetzten Milch- und Fleisch- 
ertrag gewähren soll, ein tägliches Futter von etwa 8 kg gutem und 
5 kg geringerem Heu, im Jahre also 4745 kg Heu erfordert, so be- 
trägt das Bedürfniss von 3600 Kühen im Jahre 16 Millionen kg Heu. 
Der Heuertrag der Hektare in Deutschland hat nun auch in früherer 
Zeit, Grasland aller Art, Ackerboden, "Wiese, Wald, Heide und Bruch 
zusanmiengefasst, durchschnittlich schwerlich mehr als 1000 kg Heu- 
werth für den Weidegang dargeboten, es bedurfte also die Hundert- 
schaft ein Weiderevier von durchschnittlich 3 Q Meilen. Je nach 
der Bodenbeschaffenheit konnte dieselbe vielleicht auf der Plälfte be- 
stehen, in vielen Fällen aber musste sie die doppelte und mehr als 
die doppelte Fläche zur Verfügung haben. — 

Diese Berechnung des Hundertschaftsbedarfs kann und soll nicht 
mehr sein, als ein höchst unsicherer Ueberschlag. Der oft ganz 
übermässige Nahrungsverbrauch unkultivirter Stämme in günstigen 
Lagen ist durch ihre uns kaum verständliche Ausdauer in langer 
Entbehrung und Hunger ausgeglichen gedacht. Jagd und Fischerei 
sind gar nicht in Anschlag gebracht, weil bei voller Ausnutzung der 
Weide die Jagd spärlich wird, die Fischerei aber auf bestimmte 
Oertlichkeiten beschränkt ist. Das Ergebniss soll nur den all- 
gemeinsten Anhalt bieten. So viel aber lässt sich aus ihm ent- 
nehmen, dass der gesammte Vorstellungskreis keinen Widersinn 
einschliesst. Die Verhältnisszahlen zeigen, dass auf den Gebieten 
der alten Harden je 120 Hirtenfamilien durchaus nicht überreichlich, 
sondern auf den kleineren nur knapp, den Unterhalt für ihre nöthigen 
Heerden, und damit ihren eigenen zu finden vermochten. Es ist 
deshalb auch keine Veranlassung, nach irgend einem besonderen 
Grunde der Hardenabgrenzung zu suchen. Ungefähr 120 Familien 
sind ganz angemessen als die zweckmässige und übliche Personen- 
zahl zu betrachten, durch welche diese nothwendig gemeinsame 
Hirten wirthschaft von den nach dem Weidegang und der Jahreszeit 
wechselnden Lagerplätzen aus betrieben wurde. Das Weideland nahm 
jedes Lager ursprünglich nach Bedarf in Besitz. Es ist auch möglich, 
dass innerhalb einer Völkerschaft ein Wechsel nach bestimmten Fest- 
setzungen bestand. Einmal aber fixirten sich die Grenzen, sei es 
durch Gewalt, sei es durch friedliche Abmachung und Herkommen. 
War dann das Revier der Hundertschaft gross genug, so konnte es 
den Nachwuchs derselben aufnehmen, war es dafür nicht ausreichend, 
so musste derselbe in der Ferne eine neue Heimath suchen. In der 
Natur des Lagerhaufens und seiner Leitung änderte sich dadurch nichts. 

10* 



14s II. 8. Pie Entstehung der Dörfer und der "Marken. 

Sicher al»or ist, dass auch die kleinste dieser Harden, wenn es 
Bur festen Ansiedelung, sei es aller oder nur eines Theiles der Ge. 
nossen kam, gegenüber der bisher von der Hürtenwirthschaft be- 
anspruchten Flüche einen grossen Ueberschuss an unbesetztem Lande 
behielt. Wo die Harde die durchschnittliche Grösse von 5,8 □ Meilen 
hatte, konnte die Hundertschaft auf das Dreifache der Familienzahl 
angewachsen sein, ohne die Fortsetzung der Hirtenwirthschaft völlig 
auszuschliessen. Wenn 360 Ansiedler für ihre Hufen je 30 h, also 
L0800h Anbau- und Almendland in ausschliesslichen Besitz über- 
kamen, blieben gleichwohl noch 14 165 h zur herkömmlichen Nutzung 
liegen. Auf denselben konnte noch ein ziemlich grosser Kreis der 
alten Heerdenbesitzer ihre gewohnte Weidewirthschaft fortführen, 
und sie konnten zugleich den Angesiedelten ganz oder theilweise, je 
nachdem sich beide Theile auseinandersetzten, für Holz- und andere 
Markennutzungen dienen. 

Aus der Hundertschaft selbst, dem alten Hirtenhaufen, wurde 
auf dem zum Theil besiedelten Weidereviere, ohne dass sich die 
(.1 rundlagen von Gerichtsbarkeit und Polizei und überhaupt die Herr- 
schaft der herkömmlichen Häuptlinge zu verändern brauchten, eine 
bürgerliche Gemeinde, die Harde mit festem Sprengel, welcher unter 
der Betheiligung aller freien Hausväter oblag, Recht und Ordnung 
aufrecht zu halten, und Kriegshülfe zu leisten. Innerhalb der ein- 
zelnen Gemarkung stellte dagegen der Anbau seine spezielleren 
wirthschaftlichen Anforderungen lediglich an den engeren Kreis ihrer 
auf ein oder zwei Dutzende beschränkten Hüfnergenossen. — 

Diese Verhältnisse lassen sich unmittelbar auf die Harden oder 
Herreds in den südlichen Landschaften Schwedens übertragen. 
Für diese ist, wie die nachstehende Uebersicht zeigt, sogar die Hufen- 
zahl bekannt. 

Indess unterscheidet sich Schweden von Dänemark durch die 
ausserordentlich grosse Ausdehnung seines fast kulturunfähigen Oed- 
landes und seiner Waldungen. Die dänischen Inseln haben beinahe 
gar kein Unland, auch in Schleswig beträgt dasselbe nach dem 
Kataster nur 1 %, und einschliesslich der geringeren Weiden höchstens 
10 %• Dieser Prozentsatz wird selbst in Jutland durch Dünen und 
Moor nicht überschritten. Das südliche Schweden besitzt dagegen, 
abgesehen von den Waldungen, nur 19,1 % Kulturboden. Wollte 
man der Beurtheilung seiner Hundertschaften die Gesammtfläche 
ihrer Gebiete zu Grunde legen, so würde die Vergleichung wesentlich 
von Dänemark verschiedene Grundlagen der Besitz- und Besiedelungs- 



II. 8. Die Entstehung <ler Dörfer und der Marken. 



149 











darin 






das Herred enthält 


u U 


Seh w e il e n 


Gesammt- 
fläche in 

geogc. 
DM. 












durchschnittlich 




II 

DM. 


— - 

a| 

DM. 


a B <a 
DM. 


Zahl der 




(Wappacus, Handb. 


i § o 
C B :=s 

DM. 


3 -g B 

S 5 ,5 
a = "~ 

Dm. 1 


rs >2 


d. Qeogr. u. Stat. 
i ltd.IIS.450.) 




o 
3 

n 


21 


Bfalmöhns-Län . 


82,01 


45,4 


9,9 


55,3 


4068,5 


13 


6,3 


4,25 


313 


77 


Christianstadt- . 


112,34 


22,9 


12,7 


45,6 


2782,0 


10 


11,2 


4,55 


278 


93 


Blckinge- . . . 


51,86 


4,6 


2,9 


7,5 


1079,3 


4 


12,9 


1,88 


269 


40 


Kronsbergs- . . 


152,72 


7,0 


20,8 


27,8 


2815,4 


6 


25,4 


4,62 


469 


56 


Jönköpings- . 


183,28 


11,3 


29,3 


40,6 


3872,3 


9 


20,4 


4,52 


431 


59 


Calmar- 


195,65 


18,4 


18,7 


37,1 


3373,5 


15 


1 3,0 


2,47 


225 


62 


Ostergüthlands- . 


176,59 


24,2 


19,2 


43,4 


5492,5 


21 


8,4 


2,06 


261 


45 


Hailands- . . . 


86,30 


13,1 


7,2 


20,3 


2945,4 


8 


10,8 


2,54 


368 


39 


Skaraborgs- . 


147.73 


37,7 


15,9 


53,6 


4705,5 


15 


9,8 


3,57 


314 


64 


Elfsborgs- 


213,88 


16,8 


16,4 


33,2 


4189,5 


18 


11,9 


1,84 


233 


45 


Göthcborgs- . 


87,96 


10,6 


2,8 


13,4 


2874,8 


20 


4,4 


0,67 


143 


20 


Gothlands . 


52,02 


5,0 


5,2 


10,2 


1128,7 


2 


26,0 


5,09 


564 


51 


Gotha Rike . 


1542,35 


217,0 


161,0 


378,0 


39330,6 


141 


11,0 


2,68 


279 


54 


Stockholms-Län . 


127,91 


14,7 


11,5 


26,2 


4053,4 


19 


6,7 


1,41 


213 


37 


Upsala- . . . 


85,62 


13,2 


8,8 


22,0 


3559,7 


13 


6,5 


1,71 


273 


35 


Südermannlands- 


105,67 


12,6 


9,6 


22,2 


3324,9 


10 


10,5 


2,22 


332 


38 


Westmannland s- 


112,37 


13,8 


12,5 


26,3 


2851,5 


13 


8,6 


2,03 


219 


52 


Orebro- . . . 


146,16 


16,9 


10,3 


27,2 


2869,5 


16 


9,1 


1,70 


179 


54 


Wermlands- . 


277,09 


25,3 


8,5 


33,8 


1736,2 


15 


18,5 


2,26 


116 


110 


Stora Koppar- 






















bergs- . 


534,25 


12,1 


14,3 


26,4 


1860,1 












Svea Rike . . 


1388,98 


108,6 


75,5 


183,5 


20201,1 


86 


16,1 


2,13 


235 


51 


Altes Volksland . 


2931,33 


325,6 


236,5 


561,5 


59531,7 


227 


12,9 


2,48 


262 


53 



Verhältnisse vermtithen lassen. Wird aber, wie in vorstehender Ueber- 
sicht geschehen, das kulturfähige Land besonders berechnet, dann er- 
giebt sich überzeugend die Uebereinstimmung. Da die einzelnen 
Herreds durchschnittlich nur 2,48 D Meilen Kulturland umfassen, 
hat ihre durchschnittliche Grösse von 12,9 D Meilen keine grössere 
Bedeutung, als die der dänischen von 5,3 □ Meilen. Trotz der an- 
scheinend ausserordentlich grossen Ausdehnung der schwedischen 
Hufen oder Mantals umfasst jede derselben durchschnittlich nicht mehr 
als 53 h Kulturboden, und im einzelnen Herred hat sich die Zahl 
der ursprünglich zu vermuthenden 120 Familienväter seit der An- 
siedelung auf nicht viel mehr als die doppelte Anzahl Hufenbesitzer 
gesteigert. Dies würde der Zahl von 12 Hufen auf das Dorf in 
Dänemark entsprechen. — 



150 II- 8. "Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 

Diese im Einzelnen für die Hundertschaften der cimhrischen 
Halbinsel und Skandinaviens gewonnenen Gesichtspunkte und Ueber- 
Bchläge lassen sich auch auf das innere deutsche Suevenland an- 
wenden. 

Caesar sagt (IV, 1): Suevi centurn pagos habere dicuntur, ex 
quibus quotannis singula millia armatorum bellandi causa ex finibus 
educunt. Reliqui, qui domi mansuerunt, se atque illos ahmt, hi rursus 
in vicem anno post in armis sunt. Ihm kam es nur darauf an, 
wie bei den Galliern, die Zahl der Krieger, die er gegen sich haben 
konnte, zu ermitteln, und diese für ihn entscheidende Zahl stellte 
er auf Grund der Berichte der Ubier (o. S. 132) jedenfalls mit der 
vollen Umsicht des Feldherrn fest. Was er also unter den pagi versteht, 
Lsi dabei unerheblich. Er zählt 200000 Waffenfähige. Die Hälfte 
der Bevölkerung männlich, und davon die Hälfte Kinder, und vom 
Rest ein Fünftheil Greise und Untaugliche gerechnet, ergiebt eine 
Volkszahl von rund 1 Million Seelen. Dieselbe würde, die Haus- 
haltung zu acht Köpfen angeschlagen, in 125 000 Familien zu- 
sammengelebt haben, und diese Zahl genügte für rund 1000 Hundert- 
schaften. 

Da nun das Suevenland von den Ubiern am Rhein bis zu der 
Grenze der Ostgermanen reichte, also Brandenburg bis zur Oder, 
Provinz und Königreich Sachsen, die sächsischen kleinen Staaten 
ausser Coburg, ferner die Hälfte von Hessen, von Braunschweig und 
von Hannover, und von Mecklenburg das Land östlich der Schaale 
umfasste, so waren für diese 1000 Hundertschaften ca. 2400 □Meilen 
oder für jede 2,4 □ Meilen durchschnittlich vorhanden. Dies ent- 
sprach noch dem Bedarf des Hirtenlebens. Dabei macht es keinen 
Unterschied für die Berechnung, ob die Zahl der Hundertschaften 
kleiner, ihre Gebiete also grösser, und die Familien der Hundert- 
schaften zu Caesars Zeiten bereits zur doppelten oder dreifachen Zahl 
angewachsen waren. Auch ist es gleich, ob die Principes des Caesar 
Vorstände der Hundertschaften, oder der Gauverbände waren. Es 
bleibt als Ergebniss, dass die Volkszahl damals sich noch von der 
Hirten wirth schaft ernähren konnte, dass aber das Land schon knapp 
bemessen war, und eine Verdoppelung der Bevölkerung, wie sie in 
40 Friedensjahren eintreten konnte, ohne feste Besiedelung nicht 
mehr zu tragen vermochte. Unter diesen Umständen waren die 
wirthschaftlichen Verhältnisse des suevischen Volkslandes von dem 
ingvaeonischen und dänischen so wenig verschieden, dass das deut- 
lichere Bild, welches diese nördlichen Hundertschaften von den An- 



II. 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 151 

siedelungsbedingungen gewähren, in gleicher Weise auch für die 
smllichen Stammesgenossen gelten darf. 

Danach ist also die Entstehung der Dörfer und ihr Gegensatz 
zu den Marken durch die natürliche Entwicklung der ursprünglichen 
Hirtenwirthschaft gegeben. Die Sitte, in Lngergenossenschaften von 
etwa 120 Familien zu leben, war zweckentsprechend. Diese not- 
wendigen Wirthschaftsverbände konnten sachgemäss weder wesentlich 
grösser noch kleiner sein. Welches Revier sie aber auch in Besitz 
zu nehmen vermochten, nachdem es von Nachbarn begrenzt wurde, 
konnte es den Zuwachs der Bevölkerung nur noch durch beschränkte 
Zeiträume ohne festen Anbau ernähren. Wurde deshalb gegen 
Neigung und Lebensgewohnheiten von der Hauptmasse des Volkes dann 
zur Siedelung geschritten, so blieb ein bedeutender, noch auf lange 
Zeit durch Ackerarbeit nicht zu bewältigender Landüberschuss, der 
streitfrei den reichen Heerdenbesitzern zur Fortsetzung ihrer Weide- 
wirtschaft offen stehen konnte. — 

Es entsteht daher die Frage, wie nahe sich mit dieser ersten 
Ansiedelung der Hundertschaften die Art der Flureintheilung und 
Wirthschaftsweise verknüpfte, welche wir in der Karolinger-Zeit vor- 
finden, und wie das verbleibende Weideland die spätere Organisation 
der Marken gewonnen hat. 

Wenn man für diese Betrachtung auch nur die einfachsten und 
ursprünglichsten Zustände voraussetzt, zeigen sich gleichwohl gewisse 
nothwendige Bedingungen, welche die Entwickelung von Anfang an 
und dauernd beeinflussen mussten. 

Für Dörfer wie Marken ergiebt sich vor allem, dass ein der früheren 
Nutzungsweise weiter unterworfenes Volksland, oder die uns noch 
zum Theil erkennbaren Markenländereien, unmöglich neben den neu 
ausgewiesenen Ansiedelungen fortbestehen konnten, ohne dass für die 
Gebiete dieser Ansiedelungen hinreichend bestimmte Abgrenzungen 
gegen das alte, in herkömmlicher W T eise von Vielen gemeinsam be- 
nutzte Aussenland festgestellt wurden. 

Den Ansiedlern musste die Stelle des Wohnplatzes und das 
nöthige Anbauland für ihren Unterhalt zur Verfügung gestellt sein. 
Welches aber auch die Art ihres Anbaues war, ihr Verfügungsrecht 
konnte keinesfalls in der Weise ausgeübt werden, dass immer nur 
das von ihnen beackerte Land von den allgemeinen Nutzungs- 
berechtigungen der nicht zur Ansiedelung gehörigen Volks- oder 
Markgenossen freigelassen worden wäre. Die Grenze konnte enger 
oder weiter gezogen sein, aber sie musste hinreichende Bestimmtheit 



[52 II- 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 

haben. Wenn die Ansiedelungen in weite, öde, nur als Jagdgründe 
benutzte "Waldungen gegründet worden wären, hätte die Abgrenzung 
Bpäteren Zeiten überlassen bleiben können. Da sie aber innerhalb 
der Weidereviere entstanden, weil dieselben der starken Bevölkerung 
zu eng wurden, war die Begrenzung der gegenseitigen Rechte durch 
die wesentlich verschiedene Art der Wirthschaft unbedingt ge- 
fordert. 

Die stehenden Früchte des Anbaulandes der neuen Anlagen 
wurden zwar eingezäunt, obwohl dies gegen das eigene Vieh der 
Dorfschaft leichter ist, als gegen die zahlreichen Heerden der fremden 
Hirten. Diese grossen auswärtigen Heerden würden aber, wenn sie 
dazu berechtigt waren, die besseren und bequemeren Weiden auf 
Brache und Stoppeln und alle räumen Feldgrasschläge vorzugsweise 
besetzt und dem Vieh der Ansiedler entzogen haben. Für die kleine 
Heerde des Nutz- und Zugviehes der Hüfner konnten diese Acker- 
hütungen und die nächsten Wiesen- und Waldweiden so eingetheilt 
werden, dass sie das ganze Jahr hindurch ihren Bedarf darauf fand. 
Auf ihnen konnte das Zugvieh auch täglich zur Arbeit abgeholt und 
am Nachmittag wieder ausgetrieben, und das Milchvieh zweimal ge- 
molken werden. Dies wurde aber unmöglich, wenn die fremden 
Heerden bis zwischen die Ackergewanne eindringen oder überhaupt 
nur die Umgebung der Ansiedelung bis in solche Nähe abgrasen 
durften, dass das Vieh derselben hier das nöthige Futter nicht fand. 
Das Dorfvieh hätte dann für seine Erhaltung ebenso wie die Heerden 
der Hirtenwirthschaften auf das stete Wandern zwischen wechselnden 
entfernten Weideplätzen angewiesen bleiben müssen. Eine dem 
Bedarf entsprechende Abgrenzung der Gemarkung, über welche die 
auswärtigen Hirten ihre Heerden nicht übertreten lassen durften, 
war also eine wirthschaftliche Notwendigkeit, ganz abgesehen von 
den unvermeidlichen Beschädigungen, Hinderungen und Einsprachen, 
welche bei Gemeinsamkeit oder Unbestimmtheit der Anrechte die 
Quelle fortdauernder Streitigkeiten und Beunruhigungen werden 
mussten, und bei jeder Erweiterung des Ackers oder der Wiesen zu 
Anfechtungen geführt hätten. Eine friedliche Kulturarbeit des kleinen 
Kreises der Dorfbewohner gegenüber der Masse der Markgenossen 
ist undenkbar, wenn nicht zu jeder Zeit ein bestimmt begrenzter 
Kreis von Grundstücken den Ansiedlern ausschliesslich und unbe- 
streitbar zustand. 

Diese abgegrenzte Zone, nicht die einzelne Rodung oder das be- 
säte Ackergewann, bildete die Dorfmark, die Gemarkung, die Flur. 



II. 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 153 

Ausserhalb derselben lag, soweit nicht andere Dorfmarken anstiessen, 
die eigentliche oder gemeine Mark, das alte Volksland. 

In jeder Dorfmark musste die Kultur anfänglich erst beginnen, 
und in vielen hat der Anbau nie die gesammte Gemarkung ausge- 
füllt. Es bestand also auch innerhalb des Besitzes der Ansiedler 
unkultivirtes Land. Aber es war kein Stück der gemeinen Mark 
mehr, sondern gehörte, so lange es nicht vertheilt wurde, nur den 
Ansiedlern im Dorfe gemeinschaftlich. Es wird am besten als 
Almende von dem vertheilten Flurlande, wie von den eigentlichen 
Marken unterschieden. — 

Wie in den Dorfmarken musste sich aber auch in den ge- 
meinen Marken, auf den Resten des Volkslandes, die Betheiligung 
an den Nutzungen zweifelfrei regeln. 

Ursprünglich werden noch erhebliche Bruchtheile des Stammes, 
besonders die Reicheren und Vornehmeren, in alter Art ohne feste 
Wohnsitze diese Ländereien revierweise mit ihren Heerden bezogen 
haben. Als sich aber in kürzerer oder längerer Zeit Alle ansiedelten, 
konnte für den Ueberrest, welcher keiner der entstandenen Ort- 
schaften als ausschliessliche Gemarkung zugefallen war, nicht un- 
bestimmt bleiben, wer daran berechtigt sei, ob alle oder nur ge- 
wisse Stammesgenossen. Die Nutzungsanrechte aber mussten auch 
über die Pflichten und Lasten der Verwaltung und die Organisation 
von Rechts- und Friedensschutz entscheiden. 

Dabei konnten die Hüfener der ältesten, wie der jüngsten An- 
siedelungen in Frage kommen. An sich läge zwar nahe, dass, wenn 
ein Theil der Stammesgenossen sich ansiedelte und zur Erwerbung 
seines Unterhaltes Grund und Boden aus dem alten Stammeslande 
entnahm, er dadurch für seine Ansprüche an dasselbe abgefunden war, 
und aus den Nutzungen des Restes ausschied. Aber die Verbreitung 
der Markennutzungsrechte und die Berechtigungen grade der an- 
scheinend ältesten Besitzungen, das sogenannte Echtwort der alten 
erbgenossenschaftlichen Höfe in den Bauerschaften, spricht nicht 
dafür, dass diese völlige Ausscheidung das Uebliche war. Es kommt 
auch in Betracht, dass den Ansiedlern für ihren Bedarf mehr Land 
gewährt werden musste, wenn ihnen keine Nutzungen verblieben, und 
dass durch völligen Ausschluss derselben, der vorbehaltene Rest des 
Volkslandes ersichtlich unnöthig eingeschränkt wurde, weil von dessen 
Nutzungen für die nicht angesiedelten Volksgenossen im Wesentlichen 
nur Weide und Gras Bedeutung hatten, andere dagegen, wie be- 
sonders Holz, in solchem Ueberfluss vorhanden waren, dass sie den 



154 II- 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 

Ansiedlern unbedenklich weiter gestattet werden durften. Die An- 
sprüche an die Mark konnten also sowohl in Betreff der Berechtigten, 
wie in der Art ihrer Anrechte sehr mannigfach und ungleich sein, 
und bedurften streitfreier Feststellung und der auf den Märkerdingen 
üblichen öfteren Bekanntmachungen. — 

Alle diese Erwägungen sowohl über die Vorgänge der festen 
Siedelung als der Ordnung der Marken führen allerdings auf ziem- 
lich genaue vertragsweise und gesetzgeberische Auseinander- 
setzungen, welche auch örtlich manche Prüfungen und Festsetzungen 
erforderten. Diese können den Zuständen der Ansiedelungszeit gegen- 
über als zu hohe und zu künstliche Ansprüche erscheinen. Alle solche 
Bedenken beheben sich indess. 

Zur Technik lässt sich sagen, dass Niemand eine schärfere, ge- 
wissermaassen geographische Auffassung des Terrains und eine 
grössere Fähigkeit, sichere Abgrenzungen in demselben zu ziehen und 
festzuhalten, besitzt, als der Nomade. Sie sind ihm für seine um- 
herschweifende Lebensweise unerlässliches Bedürfniss der Orientirung. 
Was ihm in den Steppen Zentralasiens die Wasserscheide, eine ent- 
fernte Höhe oder Bodenanschwellung, ein Bach, ein Busch, ein Stein, 
an Anhalt gewähren, das vermag er ebenso leicht in den kleinen 
Verhältnissen einiger Quadratkilometer zu ersehen und zu benutzen. 
Wer die Grenzen unserer Feldgemarkungen daraufhin beobachtet, 
wird unschwer bemerken, dass sie zumeist bis auf den heutigen Tag 
noch zwischen solchen natürlichen Scheidelinien abgrenzen, welche 
dem einigermaassen Ortskundigen ersichtliche und bekannte Zeichen 
werden konnten. 

Auch einen schnellen Ueberblick und eine richtige Würdigung der 
möglichen Markennutzungen und des Bedarfes für die wirthschaft- 
lichen Zwecke erforderte das Hirtenleben in hohem Grade. Ebenso 
setzte der Getreidebau innerhalb der neuen Ansiedelungen die lange 
geübte Praxis der Bestellung und Ernte und die Erfahrungen über 
die nöthige Aussaat, die wahrscheinlichen Erträge, die Ausdauer des 
Bodens, den Jahresbedarf der Menschen und Thiere, die erreichbare 
Arbeitsleistung und mehr dgl. bereits voraus. 

Es wäre also sehr irrig, für die wirthschaftlichen Zustände 
jener frühen Zeit Mangel an Uebung und Kenntniss oder gedanken- 
lose, rohe Wildheit anzunehmen. 

Ebenso wenig aber ist dies für die rechtlichen und politischen 
Beziehungen zulässig. Dies hat schon Tacitus hinreichend dargethan. 
Es ist gar kein Grund zu meinen, dass der Uebergang zur festen 



II. 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 155 

Ansiedelung nicht Gegenstand vieler Anträge, Kämpfe und Be- 
ratlmngen der Stammesversammlungen gewesen, und dass die Ansiede- 
lungen nicht auf Grund von Einwilligungen dieser regierenden Gewalt 
erfolgt seien, wobei nothwendig Vorschläge, Abreden und feste Ver- 
träge unter den Betheiligten in Frage standen. Ein anderer Gang 
der Sache ist gar nicht möglich. Diese Dörfer von ziemlich gleich- 
massigem Umfange, die sich in der ganzen Art ihrer Einrichtung 
deutlich als dauernde Anlagen charakterisiren, konnten weder heim- 
lich entstehen, noch auf dem Gebiete irgend eines Stammes von 
dessen übrigen Genossen achtlos zugelassen werden. Wenn man 
auch wenig Werth auf den Boden selbst legte, blieben die verschie- 
denen Nutzungen und die Freiheit der Bewegung keinem Theile der 
Bevölkerung gleichgültig. Andererseits kann auch nicht von Zwang 
zur Ansiedelung, am wenigsten von einem gesetzlichen die Rede sein. 
Knechte konnten von ihren Herren zur Mitarbeit gezwungen und 
als Hintersassen aufgenommen werden, aber die Masse der freien 
Familienväter musste sich aus eigenem Antriebe entschliessen. Nur 
die Ueberzeugung von der Notwendigkeit und die einleuchtende 
Zweckmässigkeit der neuen Einrichtungen konnte sie bestimmen, die 
herkömmlichen Gewohnheiten selbst bis auf die bisherigen Haupt- 
nahrungsmittel aufzugeben, und sich den grossen Anforderungen zu 
unterwerfen, welche diese Umgestaltung aller Lebensverhältnisse an 
jeden Einzelnen stellte. Es war auch nur dann möglich, solche An- 
lagen durchzuführen, wenn ihnen weder von Aussen Drohungen, 
Widerstand oder Gewalt Hindernisse bereiteten, noch im Innern der 
Fortgang durch Streit, Neid und'Beschwerden über Unrecht und Un- 
billigkeit gestört wurde, welche sich nicht friedlich schlichten Hessen. 

Die technischen und rechtlichen Vorbedingungen, welche die 
Ansiedelungsvorgänge immerhin nur von Einzelnen forderten, sind 
also durchaus nicht höher anzuschlagen, als die Ansprüche an In- 
telligenz, Thatkraft, Gerechtigkeitssinn und Fügsamkeit, welche diese 
Zeit der Umwandlung nothwendig an die grosse Masse des Volkes 
stellte. — 

Unter diesen Umständen lässt sich weiter sagen, dass auch der 
Gedanke und die erste Anwendung der Hufenverfassung nicht 
höhere Einsicht und mehr Organisationsgeist voraussetzten, als die 
anderen Anforderungen der Neusiedelung. 

Die Dorfgemarkung konnte den Ansiedlern, welche sie besetzten, 
nicht ohne ein klares Bewusstsein der Art ihrer Anrechte bewilligt 
und zugewiesen werden. Eine kommunistische Uebernahme mit nur 



-(56 TT. 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. 

gemeinschaftlicher Bewirtschaftung schliesst schon des Tacitus Satz 
aus: Agri pro numero cnltorum ab universis in vicem occupantur, 
quos mox inter sc secunduni dignationem partiuntur. Es wider- 
sprechen ihr auch alle sonstigen Ueberlieferungen und alle Reste 
der Feldeintheilung. 

In der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle war gewiss an 
gleichberechtigte Familienväter gedacht. Dann ergaben sich ihre 
gleichen Antheile und die Vorstellung der Hufe, oder dessen, was 
jedem zukam, von selbst. Ehe diese gleichen Stätten bäuerlichen 
Familiendaseins begründet waren, bestanden sie nur als ideelle An- 
theile, waren sie begründet, so stützten sich alle ihre Ansprüche 
immer wieder auf diesen Gedanken des gleichen Anrechts. Da neben 
dem ersten Anbau vieles unkultivirte Land in der Flur ungetheilt blieb, 
umfasste eine vererbte oder veräusserte Wohnstätte mit ihrem Kul- 
turlande die in Frage stehende Besitzung nicht vollständig, sondern 
der ideelle Antheil an dem noch ungetheilten Lande konnte einen 
sehr erheblichen Bestandtheil derselben bilden, und machte immer 
wieder eine Erinnerung und einen Ausdruck für dieses Besitz- und 
Rechtsverhältniss nöthig. 

Es ist aber auch an eine gewisse Zahl von Vornehmen und 
Reichen zu denken, welche Andere mit Vieh und Geräth ausstatten, 
Freie oder Knechte zur Arbeit in der Flur stellen, und wegen solcher 
Hintersassen mehr Land als ein einzelner Antheilsberechtigter in 
Kultur nehmen konnten und wollten. Wenn man ihnen statt eines 
Antheils, zwei, drei oder mehr Antheile anrechnete, welche gleiche 
Lasten für das Gemeinwesen , wie ' die anderen trugen , dafür aber 
auch mit Land gleich betheiligt wurden, ohne Rücksicht, wer es 
bearbeitete, war der Gedanke der Hufenverfassung bereits zur prak- 
tischen Durchbildung gekommen. Ebenso konnte von zwei Brüdern 
oder Verwandten ein einzelner Antheil, der beiden genügte, gemein- 
sam übernommen werden, und diese konnten sich auf halbes Recht 
und halbe Pflichten theilen. 

Endlich sind die Dörfer nach dem Werth, den Caesar und Tacitus 
den cognationes beimessen, und nach den vielen patronymischen 
Namen, sowie den Bezeichnungen wie Athelbey, Geschlechtsdorf, 
Adelsweg, Geschlechtsweg, oder maegdh Geschlechtsland, als Familien- 
oder Sippenansiedelungen zu denken. In Sippen konnte jede Hun- 
dertschaft verschiedentlich zerfallen, und die Grösse der Ansiedelung 
Hess sich der Zahl der Sippe anpassen. Da die Volksgesetze von den 
Dorfgemeinden mehrmals als von genealogiae und faramanni 



IL 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. lf)7 

Bprechen, 1 ) sind diese Dorfverbände der Familie auch noch auf die 
Eroberungsgebiete der Völkerwanderung übertragen worden. Inner- 
halb solcher Sippen sind aber ebenfalls Ungleichheiten, namentlich 
Vorrechte des Geschlechtshauptes und wechselnde Ansprüche bei 
Erbgang unvermeidlich, denen gegenüber die Hufen unwandelbare 
Einheiten blieben. 

Diese durch die Sachlage unmittelbar und einfach gegebene Auf- 
fassung, dass die Hufen als gleiche Antheile an der Ansiedelung 
unabhängig von ihrem Wirthe, also auch von der Lebenslage und 
Freiheit oder Unfreiheit desselben, als selbstständige Persönlichkeiten 
mit gleichbleibenden Rechten und Pflichten galten, begründete alle 
Eonsequenzen der Hufenverfassung. Es ergab sich nach diesem 
Grundgedanken ohne irgend ein künstliches System von selbst, dass 
die Hufen bei aller Verschiedenheit übereinstimmend als zur Er- 
nährung einer bäuerlichen Familie geeignete Besitzeinheiten von un- 
gefähr gleicher privater und öffentlicher Leistungsfähigkeit auch zu 
allgemeiner politischer Geltung kamen. 

Was den anfänglichen Wirthschaftsbetrieb betrifft, so führen 
uns die wenigen Worte, die wir darüber besitzen, nicht in die dichten 
Waldungen, von welchen in der damaligen Zeit Deutschland weit 
und reich bedeckt war. Tacitus Sätze: Arva per annos mutant, et 
superest ager, zu denen noch: facilitatem partiendi camporum spatia 
praestant, gezogen werden darf, deuten weder auf nothwendige und 
beginnende Rodungen, noch auf die oben S. 69 geschilderten im Wald- 
dickicht vorschreitenden Brennkulturen. Diese wurden in grösserer 
Ausdehnung erst für die späteren Rodungen beim Anwachsen der 
Volkszahl und der Wohnstätten nöthig. In der Taciteischen Zeit 
scheinen zunächst nur Aecker und offene Räumden, welche bestellt 
werden konnten, in Betracht zu kommen. Darauf haben Felder und 
Neubruch genügenden Platz, beliebig zu wechseln. Dass dies nicht 
auf Dreifelderwirthschaft bezogen werden darf, hat Hanssen (AU. I, 
127) mit Schärfe gezeigt. Sehr erklärlich aber sind die ersten An- 
siedelungen auf alten Lichtungen angelegt worden. Das räume Land 
muss wenigstens um die für die Dorfplätze geeigneten Lagen schon 
ziemlich weit verbreitet gewesen sein, w^enn es nur nach längeren 
Fristen wiederholt zum Anbau benutzt wurde. 

Dies begründet sich genügend aus der Weidewirthschaft. Die 
meisten unserer Waldbäume, Eichen, Buchen, Ahorn, auch Kiefern 



') Lex Alamann. LXXXVII. — L. Burgund. LIV. — Vergl. Waitz DVG. I. 78 n. 3. 



158 " 8, IM«' Entstehung der Dörfer und der Marken. 

stellen sieh zwar im höheren Alter lieht, und unterdrücken durch 
ihre Krone und ihr weites Wurzelgeflecht das Unterholz, so dass sie 
Weide gestatten. Aber je nach dem Untergrund kranken sie auch, 
und das Gehölz wird dicht. Die pyramidal wachsende Fichte bildet 
stets ein wenig zugängliches Dickicht. Deshalb werden die Hirten 
in Deutschland wie anderwärts die Waldungen der Weide wegen 
niedergebrannt haben. Zu dem sporadischen Ackerbau der Hirten- 
zeit brauchten die Hundertschaften nur wenig Raum. 1 Ctr. Ge- 
treide auf den Kopf, erforderte nur 1000 Ctr. für die ganze Hundert- 
schaft. Da die Nomaden diesen Anbau auf dem besten Neuland 
ausführen und sehr hohe Erträge, vom Korn der Aussaat mindestens 
8 — 10 beanspruchen, waren 1000 Ctr. Ertrag nach Abzug der Saat auf 
noch nicht 50 h Fläche zu gewinnen. Nur der stete Wechsel konnte 
solche Räumden erheblich vermehren, die Hauptsache bewirkte die 
Weide. Auf Waldblössen, die einmal entstanden waren, Hess das 
Weidevieh nur schwer wieder Waldaufschlag aufkommen. 

Mit der festen Ansiedelung wurde aber der Bedarf an Anbaufläche 
viel grösser. Da das Milchvieh wesentlich verringert, dagegen mehr 
Zugvieh gebraucht wurde, musste die Milchkost dem Getreide weichen. 
Der Getreidebedarf auf den Kopf stieg bei der gewöhnlichen Wirth- 
schaftsführung, wie anzunehmen, auf 4 oder 472 Ctr. Ausserdem 
war Futter für das Arbeitsvieh und für die DurchAvinterung des 
Milchviehes erforderlich. Für diese Steigerung des Getreidebaus 
musste auch das geringere Land in Anspruch genommen werden. 
Das spätere Mittelalter rechnete von seinem Ackerlande nur noch 
3 — 6 Korn, das frühere mag vom Boden noch 4 — 7 Korn erlangt 
haben. Dann waren durchschnittlich nach Abzug der Saat 4 h Ge- 
treidebau für die Hufe erforderlich, in der Hundertschaft also 480 h. 
Die gleiche Fläche nahm bei Feldgraswirthschaft das Weidegras ein. 
Es blieben also der Hufe von. 15 h nur noch 7 h Almendland, der 
von 30 h allerdings 22, übrig, auf welche die Bewirtschaftung all- 
mählich ausgedehnt werden konnte. Wurde von der Hufe, wie später 
häufig, noch ein Wispel Zinsgetreide gefordert, so bedurfte der Anbau 
und entsprechend das Grasland je 1 h Fläche mehr. Diese Zahlen 
ergeben die nothwendigen Ansprüche für den Lebensunterhalt der Be- 
völkerung. Sie mochten zu Zeiten karger sein, aber lange durften 
sie nicht unter dieses Maass sinken. Es lässt sich vielleicht auch 
annehmen, dass für die sich ansiedelnde Bevölkerungsmasse an- 
fänglich ein gewisser nicht mehr verwendbarer Ueberschuss an Vieh 
zur Konsumtion verfügbar gewesen ist. 



IL 8. Die Entstehung »1er Dörfer und der Marken. 159 

Ersichtlich erweist sich aus dieser Sachlage, dass an ein nur lang- 
sames durch eine längere Reihe von Jahren allmählich vorgehendes 
Fortschreiten des Anbaues auf den zur Ansiedelung übernommenen 
Gemarkungen, nachdem die Einrichtungsarbeiten einmal begonnen 
hatten und die bisherige Lebensweise aufgegeben war, nicht gedacht 
werden kann. Die Ausdehnung von 2 h für die Hufe musste die 
Ackerkultur womöglich schon im ersten Jahr erreichen, wenn nicht 
Mangel eintreten sollte. — 

Das überlieferte Bild der deshalb alsbald erforderlichen Feldver- 
theilung und der dadurch entstandenen Besitzverhältnisse hängt 
indess wieder von Auslegungen ab. 

Nach Tacitus Ausspruch nahmen die Ansiedler die agri in Besitz, 
quos mox inter se seeundum dignationem partiuntur. Die Deutungen 
der Worte seeundum dignationem sind sehr verschieden, entweder 
nach Ermessen, oder nach der Würde des Betheiligten, oder endlich 
nach Würdigung des Bodens. Nach Ermessen lässt jedes denkbare 
Verfahren offen. Die Würde des Betheiligten findet in der deutschen 
Gewanneintheilung und ebenso in der Hufenverfassung keinerlei Be- 
rücksichtigung. Grade dieser Zug ist ein für die deutsche Siedelung 
durchaus charakteristischer. Indess kann Ansehen allerdings dadurch 
in der Theilung wirksam erscheinen, dass der Besitzer mehrerer Hufen 
unter den Genossen von jeher, wie noch heut, als der Vornehmere 
galt. Dem Sprachgebrauche des Tacitus scheint die Beziehung von 
dignatio auf die Würde der Person am meisten zu entsprechen, 1 ) 
und diese Auslegung unterstützt auch der Satz : facilitatem partiendi 
camporum spatia praestant, der offenbar eher den Sinn haben kann, 
dass man Jedem nach seiner Würde, so viel Land als er bean- 
spruchen darf, geben kann, als den, dass die Gewanneintheilung 
durch die Ausdehnung der Ländereien erleichtert werde. 

Zieht man aber sprachlich oder dem Sinne nach die Auslegung 
vor, dass dignatio die Schätzung des Bodens in Betreff seiner Güte 
bedeute, so lässt sich damit schlechterdings nur die Auffassung ver- 
einigen, dass die Berichterstatter des Tacitus die noch auf uns ge- 
kommene Gewanneintheilung im Auge hatten. Denn, wenn auf 
Grund einer solchen Bodenschätzung nicht eine unserem modernen 
Verfahren gleiche, für jene Zeit offenbar zu künstliche, feldmesserische 
Berechnung und Vertheilung vorgenommen werden soll, konnten die 
Betheiligten nur durch das volksthümliche Verfahren der Gewannein- 



l ) Vergl. Annalen lib. 30 c. 20. — Histor. Hb. I. c. 19. 



160 H- 8 - Die Entstehung der Dörfer und der Maxken. 

theilung, welches überdies auch gleiche Flächen erzielt, auf gleiche 
Antheile gleichen Bodenwerth erlangen. Da nun gezeigt ist, dass als 
die alterthümlichste Form der Gewanneintheilung die unregelmässige, 
nach Lagemorgen entstandene angesehen werden muss, würde die auf 
Bodenwürdigung gerichtete Auslegung das Bild der Gewanneinthei- 
lung, wie es Maden (Anl. 17) zeigt, unmittelbar mit dem Berichte 
verknüpfen. Die Ungenauigkeit, dass hei der Gewanneintheilung 
die Coloni nicht inter se nach der »Schätzung des Bodens theilen, 
sondern auf gleichem Boden gleiche Theile erhalten, Hesse sich da- 
bei übersehen. Unleugbar aber gewähren die Worte des Tacitus bei 
den Zweifeln der Auslegung nur sehr unsicheren Anhalt. 

Es bleibt als feste Kunde wenig mehr bestehen, als der aller- 
dings sehr werth volle Satz: cultores agros mox inter se partiuntur, 
der direkte Gegensatz zu dem Caesarianischen : neque quisquam agri 
modum certum aut fines habet proprios. — 

Tndess stellen gegenüber der Erörterung des Wortlautes der 
römischen Ueberlieferungen gerade für die Auffassung dieser ersten 
Zustände der Einrichtung die schon oft erwähnten Beobachtungen 
Hanssens über die gehöferschaftlichen Fluren im Regierungsbezirke 
Trier und die sich daran knüpfenden historischen und ethnographi- 
schen Forschungen Boschers der Untersuchung erheblich erweiterte 
Anhaltspunkte in Betreff der Erscheinungen des Gemeinbesitzes 
zu Gebote. 

Es ist schon o. S. 118 darauf hingewiesen worden, dass die ger- 
manischen Ansiedler unter allen Umständen die ihnen zugewiesene 
Gemarkung als einen gemeinsamen, alle anderen Volksgenossen aus- 
schliessenden Besitz übernehmen, und alle wesentlichen Grundlagen 
der späteren Dorfverfassung alsbald auf demselben schaffen mussten. 
Die Anlage der Gehöfte und Hofstellen, die Zuweisung des Kultur- 
landes in Gewannabschnitten, in deren jedem der Einzelne sein 
Bauland erhielt, die Befugnisse am unvertheilten Gemeingut und 
die Pflicht zu genossenschaftlichen Leistungen, alles dies richtete sich 
nach dem verhältnissmässigen Anrechte eines Jeden, als dessen Maass- 
stab gleiche Hufengüter galten. Auf die äussere Gestalt und die 
Gesammteinrichtung der Ansiedelung, ebenso auch auf die durch 
die Gewanneintheilung bedingte Wirthschaftsweise konnte es also 
keinen wesentlichen Einfluss üben, ob der einzelne Hüfner die ihm 
in den Gewannen zugeloosten Grundstücke als seinen dauernden 
Besitz betrachten durfte, oder ob er sie in ein- oder mehrjährigen 
Perioden wieder in die Masse einwarf, und durch das Loos in gleichem 



II. 8. Die Entstehung der Dörfer und der Marken. \Q\ 

Werthe an benachbarter, wenn auch anderer Stelle zurückerhielt. 
Grösse, <iüte und Entfernung der Feldgrundstücke mussten dieselben 
bleiben, in allen übrigen Verhältnissen fand auch bei Gemeinbesitz 
and periodischem Wechsel der Gewanntheile keine Veränderung statt, 
welche nicht bei Fluren in Privatbesitz eben.su eintreten konnte. Ob 
die Hüfener reale Hufenantheüe veräusserten, vertauschten und ver- 
erbten oder nur ideelle, welche gleichwohl jährlich nach demselben 
Werthe realisirt wurden, konnte bei dem primitiven Betriebe keinen 
fühlbaren Unterschied begründen. 

Deshalb greift die Frage nach einem ursprünglichen Wechsel de.s 
Besitzes in das Wesen der germanischen Siedelungsweise und in die 
Gestaltung des wirtschaftlichen Betriebes, überhaupt in die Be- 
ziehungen des praktischen Agrarwesens nur unerheblich ein. Falle 
ein Bolcher Wechsel stattfand, kann bezweifelt werden, ob der ein- 
zelne Hüfner sich überhaupt eines Unterschiedes gegenüber dem 
Privateigenthum bewusst war. Sein Hufengut konnte er als sein ganz 
bestimmtes unbestrittenes Eigenthum ansehen, gleich denen aller 
seiner Nachbarn, als eine Wohnstätte mit einem bekannten Kreise 
gleicher Nutzungsrechte. Ebenso wie die Entnahme seiner Nutzungen 
in der Almende und in den Wiesen wechselte, konnte sie auch im 
Felde wechseln, ohne dass dadurch der Bestand seines Eigenthums 
an der Hufe berührt schien. Da nun unter den Karolingern unbe- 
stritten überall Privateigenthum am Hufenland bestand, richtet sich 
die Frage, ob vorher Gemeinbesitz in Geltung war. überwiegend 
auf die volksthümlichen Ideen und Auffassungen der ältesten Zeit und 
auf die davon verbliebenen Spuren und Nachklänge. In diesem Sinne 
aber hat sie hohes Interesse, und ist sie nicht ohne wesentlichen Ein- 
ßuss auf Rechts- und Kulturanschauungen und selbst auf die wirth- 
sehaftlichen Bewegungen der Gegenwart geblieben. Sie fordert deshalb 
eine auf die Einzelheiten eingehende Untersuchung. Dazu aber ist ein 
Kreis von Vorstellungen unentbehrlich, welche den Verhältnissen der 
rein germanischen Besiedelung nicht entsprungen sind. Sie gehören 
der Entwicklung an, die auf dem Vordringen der Deutschen in den 
romanischen Süden beruht, und erst durch die fränkische Monarchie 
bestimmtere Gestalt im gesammten deutschen Volksdasein gewann. 
Deshalb darf hier die Darlegung der Frage des Gemeinbesitzes und 
der periodischen Ausloosungen zunächst dahin gestellt bleiben. 

Es genügt, dass sich auch ohne die Lösung dieser Aufgabe die 
Entstehung der Dörfer und Marken der Germanen in bestimmtem 
folgerichtigem Zusammenhange erklären lässt. 

Meitzen, Siedeluag etc. I. ^1 



[62 II- 9. Almenden und Almendberechtigte. 



9. Almenden und Almendberechtigte. 

Aus dem Verhältnisse der deutschen Dorfgemarkungen zu den 
gemeinen Marken (Holzmarken) geht hervor, dass zur Dorfmark ge- 
hörige unvertheilte Grundstücke nicht zur gemeinen Mark gerechnet 
werden können, sondern noth wendig unter einen anderen Begriff 
fallen, der zweckmässig mit dem Worte Almende ausgedrückt werden 
darf. 

Allerdings werden leider in der Praxis, wie in der Theorie, die 
Bezeichnungen Mark und Almende nicht hinreichend unterschieden. 
Bei vielen, auch bei den frühesten Erwähnungen des Wortes Almende 
1133 und 1150 1 ), geschieht dies nicht, weil sie dem alemannischen 
oder fränkischen Süden angehören, dem die wahren Marken des 
Volkslandes fehlen. Doch ist es in jedem Falle wichtig, die beiden 
Rechtskreise der Sache wie dem Worte nach scharf auseinanderzu- 
halten. 

Die Almende umfasste anfänglich, ehe die Kulturarbeit der An- 
siedler begonnen hatte, den gesammten für die Ansiedelung ge- 
wonnenen Boden als Gemeingut. Ohne Rücksicht, ob den Siedelungs- 
genossen ausserhalb dieser Dorfgemarkung noch Markennutzungen 
vorbehalten geblieben waren oder nicht, war gegenüber dem be- 
nachbarten Markenlande alles dasjenige Land Almende, welches den 
Genossen des einzelnen Dorfes ausschliesslich zur Verfügung stand. 

Nach Aussen musste diese Almende, gleich ob sie gross oder klein 
war, wenn die Ansiedelung überhaupt gelingen sollte (o. S. 151), 
von Anfang an gegen die gemeine Mark klar abgeschlossen und 
gegen die in derselben Nutzungsberechtigten sicher geschützt sein. 
Zwar konnte sie später durch etwaige Abtretungen sich verkleinern, 
oder auch durch Abfindungen aus Marken, oder aus privaten oder 
fiskalischen Sonderländereien anwachsen, aber sie musste, wenn 
sie nicht den Grund fortdauernden Streites bilden sollte, zu jeder 
bestimmten Zeit bestimmte Grenzen besitzen, welche vor dem 
Richter erwiesen werden konnten. 

Im Innern bildet das Verhältniss der Almende zum Sonderlande 
der Hufen die wichtigste Frage der Entwicklung der Gemarkung. 

Da die Hufen ihren Charakter als Antheile an der beabsichtigten 
Ansiedelung schon erhielten, ehe deren Kultur begann, waren sie 



') Diese Urkunden sagen Almeinde, Würdtwein, Nova subsidia dipl. VII 79 und 
XII 89 (vergl. Maurer, Markenverfassung S. 159). 



II. 9. Almenden und Almendberechtigte. 1(33 

ursprünglich ideelle Theile der Almende. Jede Zuweisung von An- 
bauland an die Hufen geschah auf Kosten der Almende, jedes Fort- 
schreiten des Sonderbesitzes verkleinerte dieselbe. Die Hüfner wären 
auch berechtigt gewesen, alles Almendland ganz und gar unter sich 
aufzutheilen. Das geschah, wie o. S. 76 gezeigt ist, nicht. Gewisse 
Theile der Almende, wie Anger, Gräben, Viehstehplätze, Sandgruben, 
konnte keine Dorfgemeinde entbehren und besitzt sie bis zur Gegen- 
wart gemeinschaftlich. Auch bildete sich in den meisten Gemar- 
kungen der Begriff des sogenannten Huf sohl aglan des aus. Nachdem 
das für den üblichen Betrieb der Wirtschaften nöthige Anbauland 
in Gewannen aufgetheilt war, und in der Hüfnergemeinde keine Ab- 
sicht bestand, weitere Aecker unter den Pflug zu nehmen, pflegte 
man mit diesem Ausdruck das bis dahin unter die Hüfner vertheilte 
Land zu bezeichnen. Oft wurde auch das Maass der Hufe allein 
auf den durch das Hufschlagland gegebenen Grundbesitz bezogen. 
Darunter konnte es allerdings gewisse Grundstücke geben, welche 
zwar dem einzelnen Hofe nicht nach gleichbleibenden Flächen zu- 
gewiesen waren, aber doch als Hofland galten. Dies war namentlich 
bei Wiesen Brauch, welche an vielen Orten bis auf die neueste Zeit 
jährlich nach dem Stande des Grases vertheilt und verloost oder 
auch gemeinsam gemäht und nur durch Vertheilung der gleichen 
Haufen des Heus nach den entsprechenden Hufenantheilen genutzt 
wurden. Die weiteren Ansprüche an die Almende bestanden un- 
verändert als Nutzungsrechte der Hufe fort. 

Eine wirkliche Umgestaltung der Rechte an die Almende trat 
jedoch durch Einflüsse ein, welche ausserhalb des Wirthschaftsver- 
bandes der altangesessenen Hüfner geltend wurden. 

Noth wendig entstand in den Hüfnergemeinden aus dem Nach- 
wüchse der Bevölkerung ein Element, welches nicht dauernd 
in abhängiger Lage innerhalb der alten Höfe erhalten werden konnte, 
und dessen Versorgung im allgemeinen Interesse lag. Die Hüfner 
vermochten ihre Familienangehörigen nur in beschränkter Zahl zu 
beschäftigen und zu beherbergen, und deren Forderung eigenen 
Haushaltes drängte unvermeidlich schon früh zum Ansässigwerden 
auf selbstständigen Stellen. Diese Stellen konnten allerdings auf 
Hufenantheilen errichtet werden. Indess die noch unvertheilte Almende 
bot dazu theils durch Rodung zu Neuland, theils durch Einräumung 
von anderen Nutzungsbefugnissen gute und leichte Gelegenheit. 

Mit dem Ansässigwerden der jüngeren Söhne und ihrer Ein- 
weisung in die Nutzung von Almendestücken bildeten aber die 

11* 



K34 II- 9- Allmenden und Almendberecbtigte. 

Hüfener nicht mehr allein die Dorfgenossensehaft. Es entstand die 
Gemeinde der ansässigen Wirthe. 

Auch die Neubauern in diesen Ideinen Stellen waren nunmehr 
bei der Nutzung der noch nicht vertheilten Dorfmark interessirt, 
und suchten ihren besonderen Wirthschaftsbedürfnissen entsprechende 
Vortheile daraus zu ziehen. Ohne die Rechte Anderer zu verletzen, 
war dies nur unter Entschädigungen zu bewirken. Man zahlte Hut- 
geld an die Dorfgenossen für das eingetriebene Vieh, Gräsereizins 
für Antheil am Grasen, Ackerzins für zur Kultur überlassenen Acker. 
Solche mühelose Einnahmen konnten den berechtigten Wirthen sehr 
wünschenswerth erscheinen. Aber sie wurden auch zu einem un- 
abänderlichen Herkommen, und schlössen Umwandlungen in der Art 
der Benutzung der Almendeländereien mehr und mehr aus. 

Je bestimmter sich dadurch die Nutzungen an der Almende ge- 
stalteten, desto leichter schien es thunlich, derartige Anrechte, wenn 
eine Hufe in Erbschaft oder sonst getheilt wurde, theilweis oder 
ganz auf eine andere bisher nicht vollberechtigte Stelle zu übertragen, 
oder das Anrecht mit den aus ihm fliessenden Einnahmen selbst- 
ständig in den Händen eines Altentheilers oder sonst Abzufindenden 
zu belassen. 

Auf diese Weise wurden die Reste der alten gemeinschaftlichen 
Dorfmark der ausschliesslichen Gewalt der Hüfener ganz allgemein 
entzogen. Es entstand das, was man im neuen Sinne Alm ende 
nennt, ein Komplex von Grundstücken, der zwar in der Hauptsache 
den Mitgliedern einer Dorfgemeinde gehört, im einzelnen aber unter 
sehr verschiedenen, theils auf ursprüngliches Eigenthum, theils auf 
erworbene Nutzungsansprüche begründeten Rechten verschiedenartiger 
Genossen unterliegt, im kleinen das Abbild der Reste der alten Mark- 
genossenschaft des Volkslandes. 

Dabei sind indess in ziemlich grosser Verbreitung bis auf die 
neueste Zeit Erinnerungen an das alte Recht der Hüfner bestehen 
geblieben. Die Besitzer der Hufen oder ihrer Theilstücke bilden 
häufig eine besondere Genossenschaft, welcher nach Verhält niss der 
Hufenantheile besondere Grundstücke, eine Wiese, ein Wald, eine 
Hutung oder bestimmte Nutzungen an solchen Grundstücken, offen- 
bar als Rest der alten Almendanrechte zustehen. So sind in Hessen 
die Erbenwaldungen in weiter Verbreitung erhalten, wo das Gebirgs- 
land andre Nutzungsweisen erschwerte. Hierher gehören auch die 
meisten sogenannten Reihestellen, wie sie in Gretenberg, Einem, 
Laazen, (Anlage 6, 7, 12) erwähnt sind. Für Norwegen ist historisch 



II. 9. Almenden und Almendberechtigte. Iß5 

festgestellt, dass zur Zeit des Königs Harald Harfagr in den Dorf- 
schaften Odalbauern bestanden, welche die Eigenthümer eines ihnen 
speziell ausgewiesenen Gutes und zugleich Eigenthümer des gemein- 
Bchaftlich besessenen Landes im Dorfschaftsbezirke, also der Almende 
waren. Sie allein galten als die rechten haushältlich angesessenen 
Bauern und waren allein berechtigt in der Gemeinde zu regieren und 
zu bessern. An diesem Rechte änderte sich dadurch nichts, dass 
der König Harald die Almende in seinen Besitz nahm. Allerdings 
entstand durch den Bevölkerungszuwachs die Klasse der Almend- 
bauern. Aber diese machten sich nur auf Erlaubniss der Odalbauern 
nnd gegen Grundzins an dieselben auf der Almende ansässig und 
hatten keines der Rechte, auf welche der Odalbauer sehr stolz und 
eifersüchtig war. Insbesondere blieb den Odalbauern das nutzbare 
Eigentimm der Almende, und ihnen, nicht der Gemeinde, wird der 
Hans- und Weidezins gezahlt. 1 ) Dies ist die konsequente Durch- 
führung des alten Hufenrechtes gegenüber den späteren Anbauern. 
So unberührt konnte sich dasselbe in keinem der deutschen Lande 
erhalten. 

Im Wesentlichen hat überall die moderne Entwickelung des 
politischen Gemeinderechtes auch für die Anrechte an der Almende, 
welche die frühere Zeit grundsätzlich immer mit den Besitzungen 
in der Gemarkung und nur durch deren Vermittelung mit den in 
dieselben aufgenommenen besitzlosen Insassen verknüpfte, zu neuen 
begrifflichen Auffassungen geführt. 

Die Almenden wurden hier und da als sogenanntes Bürger- 
vermögen angesprochen, d. h. wer Mitglied der Dorfgemeinde ist, 
hat als solcher ein verhältnissmassiges Anrecht daran. In ziemlicher 
Verbreitung, namentlich überall da, wo die französische Verwaltung 
Einfluss gewonnen hat, ist aber die Almende auch zum Eigenthum 
der politischen Gemeinde erklärt worden. Der Unterschied ist, 
dass über das Bürgervermögen in den Formen der Genossenschaft 
verfügt werden muss , während über das Almendeigenthum der 
politischen Gemeinde wie über anderes Grundeigenthum derselben 
beschlossen wird. Solche Verschiedenheiten der Besitzrechte kommen 
bei Almendetheilungen entscheidend in Frage. — 

Neben diesen aus den Dorfgenossenschaften selbst hervor- 
gegangenen Veränderungen machte sich aber nicht weniger die seit der 
Karolinger -Zeit lebhaft entwickelte Gutsherrlichkeit als ein Ein- 



') Conrad Maurer, Entstehung des isländischen Staates, 1852, S. 24. 



16(3 II. 9. Aluienden und Alniendberechtigte. 

fluss geltend, der eine grosse Zahl deutscher Dorfgenossenschaften in 
ihrem gesammten Wesen ergriff, und auf ihre Almenden eine auf- 
lösende, wenn auch häufig ihre Ertragsfähigkeit schützende Gewalt 
ausübte. 

Die ausführliche Darstellung der Entstehung und der Wir- 
kungen der Gutsherrlichkeit muss im allgemeineren Zusammenhange 
stattfinden. Indess ist hinreichend bekannt, wie schnell und weit 
sich die Eigengabe und Unterwerfung der Freien unter die Kirche, 
und unter die seniores und milites, die den Heeresdienst leisteten, ver- 
breitete, und dass die Auflösung der Staatsgewalten nach Karls Tode 
die hofrechtliche Gerichtsbarkeit fast zum Bedürfniss machte. 

Die eigenen Wirthschaften der Grund- und Gerichtsherren 
dürfen in alter Zeit nicht gross gedacht werden. Ihre Kurien und 
Frohnhöfe lagen zwischen den Gehöften der übrigen Hüfner und ihre 
Aecker waren mit unter dem Gemenge aller Gewanne verstreut. Es 
konnte ein Zufall sein, welcher der Hüfner zum Reiterdienst und 
durch Glück allmählich zu der neuen Würde gelangte. Wo jedoch ein- 
mal ein solcher Herrenhof an der Dorfmark mit betheiligt war, 
musste sein Einfluss selbst auf diejenigen Hüfner, welche ihm nicht 
unterworfen waren, unbedingt ein übermächtiger werden. Sanken 
aber alle Hüfner eines Dorfes in Hörigkeit, dann standen die Hufen 
und damit auch die ganze Almende im Obereigentum des Gutsherrn, 
und es lag nahe, dass er dieselbe gegen weitere Verkleinerung schloss 
und dahin strebte, sie auch für sich möglichst nutzbar zu machen. 
Er brauchte dabei die Insassen in der bisherigen Entnahme ihres Be- 
darfes nicht einzuschränken, ja er konnte alle herkömmlichen Formen 
der Verwaltung bestehen lassen. Dennoch war er in der Lage, weit- 
gehende Verfügungen zu treffen. Er vermochte Anbauer, Handwerker, 
Händler in das Dorf aufzunehmen, und, wenn auch zunächst auf 
seinen Antheil, in die Almendenutzung mit einzuweisen. Er erreichte 
es leicht, Theile der Almende für sich zu reserviren und andere den 
Hüfnern ausschliesslich zu überlassen. Er konnte auch fremde, aus 
Königsland oder aus gemeinen Marken gewonnene Stücke Sonder- 
eigen in die Almende zu seiner Wirthschaft ziehen, und durch die 
Bewohner des Dorfes zu verwerthen suchen. — 

So war die Entwicklung der Almende in hörigen wie in freien 
Gemarkungen im Wesentlichen gleich. Durch Jahrhunderte nahmen 
Dorfgemeinde und Almende auch unter Gutsherrlichkeit denselben 
Gang, wie unter freier oder annähernd freier Selbstständigkeit der 
Dorfgenossen. Beide schritten zur Aufnahme von Anbauern und 



II. 9. Almenden und Almendberechtigte. 167 

beide verwertheten die Ahnende durch Verstattung von Holz-, Weide- 
oder Ackernutzungen gegen Leistungen oder Entgelt. 

Als aber um die Wende der Neuzeit der Gedanke der Gross- 
wirth schaft und überhaupt einer einträglichen und planmässigen 
Aufnahme des herrschaftlichen Wirthschaftsbetriebes entstand, richtete 
er sich auch auf die Almenden. 

Obwohl vorzugsweise wüste oder niedergelegte Bauerhufen zur 
Vergrößerung der Ackerfläche der Güter benutzt wurden, boten doch 
die Almendeantheile die leichteste Gelegenheit, die Gutswirthschaft 
auszubreiten. Vor allem aber wurden nicht ohne Grund die fort- 
bestehenden Almenden selbst ebenso Gegenstand verbesserter Wirth- 
schaftsführung wie das Ackerland. Dass die Waldungen und Hutungen 
der Dorfgenossen durch die Art der gemeinsamen Ausnutzung meist 
in sehr schlechten und wenig nutzbaren Zustand verfielen, ist durch 
die spätere Beschaffenheit derer nur allzu bestimmt bezeugt, welche 
unter viel pfleghafterer Aufsicht der Gutsherrschaften und selbst der 
Landespolizei auf unsere Zeit kamen. Wo so Viele in der augen- 
blicklichen Nutzung ihren möglichsten Vortheil suchen, ist, selbst 
wenn sie die Grenzen ihres Rechtes innehalten, die unvermeidliche 
Folge, dass mehr und mehr die Nachhaltigkeit der Substanz ange- 
griffen wird. 

Deshalb nahmen die Gutsherren, auf ihr Obereigenthumsrecht 
gestützt, in vielen Gemarkungen die Verwaltung und Bewirtschaf- 
tung der Almenden in ihre Hand und setzten ihre Förster und 
Wirthschaftsbeamten zur Aufsicht. Wenn sie nun die Rechte der 
Dorfgenossen in dem Sinne der Servituten behandelten, den Bedarf 
gewährten, wenn er vorhanden war, und ihn gleichmässig kürzten, 
wenn er nicht beschafft werden konnte, so lag darin offenbar kein 
Unrecht, im Gegentheil, es war der Weg, die Grundstücke wieder 
zu besseren Erträgen zu bringen. Aber freilich die Auffassung der 
Bauern war eine andere. Sie forderten die bisherige Freiheit, Forsten 
und Hutungen nach ihrem Ermessen zu benutzen, und alle die 
Fragen, die im Beginn der Neuzeit zwischen Gutsherrn und Bauern 
schwebten und in den Schrecken des Bauernkrieges ihren äusseren 
Ausdruck fanden, wurden, wie die Artikel der Bauern bezeugen, 
durch die Umwandlung der Almendebewirthschaftung nicht wenig 
verschärft. Härten kamen gewiss vor. Sie lagen schon in der 
neuen und den Bauern unbegreiflichen Anwendung der römisch- 
rechtlichen Begriffe von dominium und servitus. Aber im Wesent- 
lichen hatte grade in dieser Frage der moderne Staat am ersten 



Iilg II. 10. "Rüokbliok auf die germanische Sicilclmiesweise. 

juridische und wirthschaftliche Veranlassung, die hörigen Bauern- 
schaften zur Ruhe zu verweisen. 

Dass aber dadurch für viele solche Grundstücke nach und nach 
der Charakter der Almende ganz in Vergessenheit kam, lag namentlich 
für Forsten nahe. Sie wurden später durch Servitutablösungen 
von den der Wirthschaft beschwerlichen Ansprüchen der Bauern be- 
iVeit. Diese erhielten dafür entweder im Einzelnen Landentschädigimg 
oder wurden auch im Ganzen durch neue ausschliessliche Almenden, 
Bauerwaldungen, Hutungen oder andere gemeinsame Grundstücke 
abgefunden. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts haben dann neben 
den Markentheilungen und Forstablösungen die eigentlichen Gemein- 
heitstheilungen lebhaft begonnen, welche lange Zeit vorzugsweise nur 
Almendetheilungen, nicht Ablösungen von Ackerservituten oder Flur- 
regulirungen betrafen. 

Die Ergebnisse solcher Abfindungen und Theilungen, bei denen 
meist eine grosse Zahl kleiner Stellen neben den alten Hüfnern be- 
theiligt war, lassen sich auf vielen Flurkarten leicht erkennen. Die 
Abfindungsstücke der einzelnen Betheiligten sind selten gross, liegen in 
gradlinigten, gewannartigen, sehr regelmässigen Figuren und sind 
sämmtlich durch Wege zugänglich gemacht, so dass sie vom Flur 
zwang freibleiben konnten. Auf das Beispiel von Maden (Anl. 15) 
ist schon hingewiesen. Auch Waldau N. 82. 86 (Anl. 11), Laazen 
N. 1. 12. (Anl. 12), Olderup N. 65—67 (Anl. IG) zeigen dieselben 
Formen. 

10. Rückblick auf die germanische Siedelungsweise. 

Die Darstellung der Eigenthümlichkeiten der Siedelung und des 
Agrarwesens auf den ursprünglich und zu jeder Zeit ausschliesslich 
von deutschen oder skandinavischen Germanen besessenen Volks- 
gebieten ist von den thatsächlichen Resten der wirthschaftlichen An- 
lagen und ihres Betriebes ausgegangen. 

Zum vollen Verständnisse dieses volksthümlichen Agrarwesens 
gehört noch der Einblick in einen weiteren Kreis persönlicher 
Rechtsverhältnisse der ländlichen Bevölkerung. Derselbe umfasst 
Freiheit und Unfreiheit der Dorfgenossen, Gerichtsbarkeit und Polizei, 
Gutsherrlichkeit und Unterthänigkeit, unbeschränktes und beschränk- 
tes Eigenthum, Lehn, Lassgut und Leihe, Zinsungen und Dienste, 
und die dadurch bedingten Erbrechte und Theilbarkeitsgrundsätze, 
Veräusserungs- und Verpfändungsrechte. Ohne den Zusammenhang 



IL' 10. Rückblick auf die* germanische 8iedelung8wei.se. 109 

dieser Beziehungen entbehrt dun Bild des Agrarwesens vieler bedeut- 
samer und lebensvoller Züge. 

Sofern man diese Fragen aber nicht wesentlich aus Verimitbungen 
und Bedingungen, die vor der Geschichte liegen, zu lösen versuchen 
will, finden sich feste historische Anhaltspunkte, welche ihre Ge- 
staltung hinreichend charakterisiren und ihren lebendigen Antheil 
an den agrarischen Zuständen erweisen, erst in einer Zeit, die für 
das volksthümlich germanisch besiedelte Gebiet eine späte und anter 
fremdartigen Bedingungen stehende ist. In dieser Zeit ist die Siede- 
lung auf allen betheiligten Gebieten Europas längst beendet, und 
hat auf romanischer Grundlage unter mächtiger Einwirkung deutscher 
Zuwanderer bereits Gestaltungen gewonnen, welche nur auf dem 
Boden, auf dem sie entstanden, Gründe und Vorgänge ihrer Rechts- 
entwickelung deutlich erkennen lassen. Durch die Rückwirkung dieser 
fremden Verhältnisse wurden die in Rede stehenden Erscheinungen 
auf dem ursprünglich germanischen Gebiete entscheidend beeinflusst. 

Deshalb bleibt die Erörterung ihrer Gesichtspunkte zunächst 
vorbehalten, und es soll nur im Rückblick das bisher gewonnene 
Bild der Wirtschaftsbeziehungen eng zusammengefasst werden. 

1. Auf dem gesammten Gebiete zwischen Weser, Osning und 
Rothhaargebirge im Westen, und Saale, Ilmenau und Schwentine 
im Osten und vom römischen Limes bis zum Skagerrak, sowie auf 
den dänischen Inseln, in Südschweden bis zur Dalelf und auf den 
südwestlichen Küsten Norwegens bis Bergen (o. S. 38) haben alle alten 
Ansiedelungen, welche nicht in ihrer Gestalt durch die Neuzeit 
verändert sind, im Wesentlichen die Züge des schematischen Bildes 
Fig. 18. Dasselbe zeigt zwar nur eine geringe Anzahl Wohnstätten, 
entspricht aber darin der älteren Form der Ansiedelungen. 

2. Die Anlage der Ortschaften ist überall die eines ge- 
schlossenen, nach aussen umzäunten Dorfes (o. S. 46). Diese Dörfer 
zeigen in ihren Dorf beringen keinerlei übereinstimmenden Plan. Ihre 
Gehöfte liegen unregelmässig an krummen, engen, verschieden in 
einander, oder auch nur in Höfe mündenden Strassen. Ihre Stellung 
lässt erkennen, dass ursprünglich eine gewisse Zahl ungefähr je 
Va Hectar umfassender Hofstätten bestand, welche erst zum grösseren 
oder geringeren Theile durch Untertheilungen und Einbauten ver- 
kleinert und verändert worden sind (Fig. 18, h. g. D). 

3. Das Kulturland dieser Dörfer umfasst, wenn es nicht 
erst im Laufe der Zeit durch Fluren wüst gewordener Nachbardörfer 
oder durch Markentheilungen vergrößert worden ist, eine nicht weit 



170 



IT. 10. Rückblick auf die germanische Siedelungsweise. 



schwankende, auf 300 — 400 h anzuschlagende Fläche, Avelche in eine 
sehr grosse Zahl meist kleiner, und für das Bedürfuiss der Pflug- 
arbeit streifenartig gestalteter Besitzstücke zerschnitten ist (o. S. 55). 
4. Die im Dorfe vorhandenen Besitzungen lassen sich auf 
etwa 10 — 30 Hufen zurückführen, d. h. gleiche ideelle Antheile an 
dem Dorfgebiete, deren Landflächen und Nutzungsrechte für den 
Unterhalt eines bäuerlichen Familienhaushalts hinreichend gedacht 
sind, und durch die Arbeitskräfte eines solchen bewirtschaftet 
werden können (o. S. 72). Die thatsächlich vorhandenen Wirtschaften 




Fig. 18. 

bestehen aus 1, 2, 3 und mehreren Antheilen, oder auch nur aus 
halben, Drittel, Viertel, Achtel und kleineren Bruchtheilen derselben. 
D des Bildes, das Dominium, umfasst 3, P die Pfarrei 1, S die 
Scholtisei 2, die Bauern a 3 A, b lVa, d und f je 1, e V2 und die 
3 Käthner in h jeder Va Hufe, zusammen 12 Hufen, c ist der 
in Folge Veräusserung des Landes an die Scholtisei ackerlose Krug, 
g sind Gärtner, x Fremde, G Gemeindegrundstücke. 

5. Die Gleichheit der Hufen ist dadurch hergestellt, dass die 
Flur in zahlreiche Gewanne, d. h. fest begrenzte Abschnitte von in 






II. 10. Rückblick auf die germanische Siedelungsweise. 171 

sich gleicher Bodenbeschaffenheit, Güte und Lage zerlegt ist (5 — 18, 
21 — 48), die einzelne Hufe aber in jedem dieser Gewanne einen 
gleich grossen Antheil nach Loosfolge zugewiesen erhalten hat. Da- 
durch sind die 12 Hufen untereinander nach Umfang, Werth und 
Entfernung der Besitzstücke durchaus gerecht ausgeglichen (o. S. 83). 

6. Die vorhandenen Gewanne lassen sich nach älterer und 
jüngerer Zutheilung und Kultur unterscheiden. Der älteren Kultur 
gehören die besseren, ebeneren und trockeneren Ackerlagen an, welche 
sich von der Umgebung des Dorfberinges desto weiter nach aussen 
erstrecken, je mehr sie durch Wiesen und Gewässer, sowie durch 
ungünstige, schwere, nasse, oder flache und dürre Gründe, steile 
Hänge, Heide oder Unland unterbrochen sind. Nothwendig musste 
ihre Ausdehnung von Anfang an gross genug sein, um den wirth- 
schaftlichen Bedarf der Ansiedeier zu decken. Man muss deshalb 
annehmen, dass 20 und mehr Morgen für die einzelne Hufe im 
Laufe weniger Jahre dem Anbau unterworfen wurden (o. S. 168). Danach 
ist Zahl und Lage der ältesten Gewanne zu beurtheilen (8, 10 — 18, 
22 — 38). Die Kultur der schlechteren Böden fand erst bei steigender 
Einwohnerzahl undTheilung der Wirtschaften und nach hinreichender, 
durch den allgemeinen Anbau des Landes eingetretener Entwässerung 
und Abtrocknung statt (5 — 7, 9, 21). Die ihr angehörigen Gewanne 
zeigen häufig auch in ihrer Form, dass sie zwischen die älteren nach 
Umständen eingeschoben wurden (5, 7, 9). Wiesen und Busch- 
gewanne gehören erst der neueren Zeit an (39, 40) (o. S. 163). 

7. In den älteren Theilen der Flur umfasst der einzelne Hufen- 
antheil im Gewann meist einen, seltener nur einen halben Morgen, und 
diese Antheile liegen unregelmässig in verschiedenen Richtungen und 
Formen (o. S. 99). Die Flächengrösse der Morgen war von Ort 
zu Ort und nach der Bodenbeschaffenheit ungleich, und bedeutete 
das an einem Vormittage fertig zu pflügende Feld (10, 11, 13, 17, 
18, 22, 24, 30, 32, 34, 35) (o. S. 107). Die Zumessung konnte 
bei der ersten Anlage durch Abschreiten geschehen. Später ein- 
tretende erhebliche Grenzverwirrungen aber konnten wegen des mittel- 
alterlichen Messungsverfahrens nur durch Regulirungen ausgeglichen 
werden, welche die gleiche Theilung durch möglichst rechteckige Form 
des Gewannes und gleiche Breiten der Ackerstreifen in demselben 
erreichten (21, 36, 37, 38) (o. S. 89). Deshalb wurden die kleinen 
unregelmässigen nach Flächen vertheilten Gewanne auf sehr vielen 
Fluren in regelmässige und ausgedehntere Gewanne mit grösseren in pa- 
rallelen Streifen liegenden Hufenantheilen zusammengefasst (o. S. 102). 



1 72 TT. 10. Rückblick auf <lio germanische Öiedelungsweiae. 

S. Die Bewirtschaftung fand überall im Flurzwange statt. 
Die Gewanne waren in gewisser Zahl zu einem der bestimmten 
Schläge der Feldgras- oder der Felderwirthschaft znsammengefasst 
(zum I. Feld gehörten 10—18, 22—27, zum II. 8, 13—15, 28—35, 
zum III. 36 — 38; später wurde zu I noch 21 gelegt, zu III noch 8, 
13—15 und zum Rest von II 5, 6, 7, 9) (o. S. 67, 157). Jeder 
Schlag musste mit gleicher Frucht bestellt, und zu gleichen fest- 
gesetzten Zeiten beackert, besät und abgeerntet werden. Um das 
jedesmalige Ackerfeld wurde jährlich ein Zaun errichtet. Alles nicht 
bestellte Land aber, auch Brachen und Stoppeln, standen den gemein- 
sam weidenden Viehheerden der Dorfgenossen offen. Die einzelnen Be- 
sitzstücke hatten meist keine dauernden Zugänge, und konnten nicht 
mehr erreicht werden, wenn die bestimmte Zeit der für Bestellung 
und Ernte geltenden Ueberfahrtsrechte versäumt war (o. S. 71). 
Die öffentlichen Wege erweisen sich durch die Art, wie sie die Ge- 
wanne durchschneiden (14, 15, 18; 27, 26, 23, 22; 28, 30, 32, 33), 
als spätere landespolizeilich geforderte Verbindungen zwischen den 
Ortschaften. Das Anschliessen der Gewanne an solche Wege (38, 
37, 37) unterscheidet die in neuerer Zeit regulirten von den alten 
(o. S. 62). 

9. Die Dörfer des ursprünglich germanischen Volksgebietes 
sind nicht in herrenlosen und unbewohnten Oeden, sondern auf stark 
bevölkerten, unter Weidewirthschaft und sporadischem Ackerbau der 
Stammesgenossen stehendem Volkslande angelegt (o. S. 134). Den 
Ansiedlern hat deshalb von Anfang an ein bestimmtes Terrain zur 
ausschliesslichen Verfügung ausgeschieden werden müssen (o. S. 151). 
Diese Dorfgemarkung wurde nur allmählich vom Anbau in Anspruch 
genommen, der Rest blieb als Almende bestehen, welche Ursprung 
lieh den Dorfgenossen nach denselben gleichen Hnfenantheilen zu- 
stand (41 — 45) (o. S. 162). Sie diente als offene Hutung und Wal- 
dung der gemeinsamen Benutzung der Dorfgenossen, oder es konnten, 
sei es von ihnen autonom, oder durch die entstandene Grundherr- 
schaft, besondere Anordnungen über die Nutzung getroffen, z. B. 
Waldschläge (42), Wiesenschonungen (41), Hutungsplätze (44) ein- 
gerichtet werden, endlich konnten auch an Dorfgenossen, an Zu- 
zügler oder an Fremde Stücke der Almende oder des Angers ver- 
äussert , verliehen oder gegen Zins vergeben werden (41 , 43 , 45), 
sodass neben den alten Hufenbesitzern andere an Dorf- und Almend- 
land Betheiligte entstanden, die mit jenen zur Dorfgemeinde ver- 
schmolzen, und bei Almendetheilungen als Mitberechtigte auftraten. 



II. 10. Rückblick auf die germanische Siedelungsweise. 173 

10. Die den einzelnen Dorfansiedelungen ausschliesslich zu- 
gewiesenen Ländereien umfassten nicht das gesammte alte Volksland. 
Es blieben je nach Uniständen Forsten, Weidegründe, Heiden und 
Moore von grösserer und geringerer Erstreckung zwischen den be- 
siedelten Gemarkungen als Holzmarken, gemeine Marken, liegen. 
An diesen konnten den Dorfgenossen Nutzungsrechte, sei es alte, 
niemals aufgegebene, sei es erworbene, zustehen. Alle Berechtigten 
waren dadurch Markgenossen und nahmen Theil an der Verwaltung 
der Nutzungen und an der Gerichtsbarkeit über die Markengrund- 
stücke (o. S. 124. 153). 

Schon im Mittelalter aber haben Ausscheidungen von Sonder- 
eigen für Mitmärker, und Theilungen der Marken unter die Berech- 
tigten mehr und mehr zur Auflösung der Marken verbände gefühlt. 
Solche Abfindungen ganzer Dorfschaften oder gewisser Klassen ihrer 
Einwohner konnten die Gemarkung des Dorfes durch Aufnahme in 
die Almende (19) oder durch Einfügung der den einzelnen Mit- 
gliedern zugefallenen Stücke in die Reihe der Gewanne (20) ver- 
grössern. Sie konnten aber auch für einzelne Berechtigte auf dem alten 
Markengrunde (M) ausserhalb des Bereiches der Dorfgemarkung und 
ohne Zuständigkeit der Dorfgemeindeverwaltung liegen bleiben (S 2, 
D 3). Für derartige fast vergessene Grundstücke haben erst die 
Gemeindeordnungen unseres Jahrhunderts verfügt, dass sie überall 
einer der benachbarten Dorf- oder Gutsgemeinden zuzuschlagen sind. 



III. Nationale Siedelung und Agrarwesen der Kelten, 



I. Die Kelten in Irland. 

Eine Untersuchung darüber, wie weit sich gegenwärtig noch 
hinreichend deutliche Spuren und Erinnerungen für die national 
keltische Besiedelung auffinden lassen (o. S. 31), kann thatsächliche 
Reste und historische Beweismittel nirgends sicherer und ergiebiger 
als in Irland erwarten. 

Scli on äusserlich und topographisch lässt sich über die 
charakteristische Form, in welcher Irland besiedelt ist, verhältniss- 
mässig leicht Aufschluss gewinnen. 

Die Grüne Insel hat bei einer Fläche von 1493 geogr. D Meilen 
ziemlich abgerundete Gestalt, und bildet ein Becken, welches sich 
in seinem mittlem, ebeneren Theile nur 50 m über das Meer er- 
hebt, an den Küsten aber meist höher als 300 m, in einzelnen Ge- 
birgszügen und Kuppen sogar bis zu 1000 m ansteigt und mit 
Ausnahme weniger Stellen steil zum Meere abfällt. Diese hohe Ge- 
birgswand ist indess durch enge Fiorde bis tief in das Innere 
der Mulde durchbrochen, so dass deren Gewässer nach allen Haupt- 
richtungen in schiffbaren Stromläufen abziehen. Für deren Ver- 
tiefung ist vieles geschehen, und um die Mitte unseres Jahrhunderts 
haben grossartige Entwässerungsanlagen sehr beträchtliche Meliorations- 
gebiete trocken gelegt. Gleichwohl stehen in den niedrigeren Stellen 
des Landes sehr grosse Seeflächen, und der Boden ist noch auf weite 
Strecken versumpft. Im Ganzen werden jetzt etwa 6 Millionen acres 
Ackerland, 10 Mill. acr. Wiesen und Weiden und 4 Mill. acr. 
Wüstungen gezählt. Der Acker ist zum grossen Theil schwer, aber 
sehr gut und nachhaltig, die Wiesen sind vortrefflich, die Berge 
aber entwaldet und theils öder Felsboden, theils Weideland. Tage- 
reisenweit sieht man im Lande keinen Baum. Alle grösseren Orte 



ni. 1, Die Kelten in Irland. 175 

liegen an den schiffbaren Ausgängen zur See. Sie sind indess bis 
heute sehr wenig zahlreich und anscheinend schon früh vorzugsweise 
Verkehrsplätze für Fremde gewesen. Noch gegenwärtig erhebt sich 
allein die Bevölkerung von Dublin, Cork und Belfast über 50000 
Seelen. 11 Orte haben über 10000 und nicht mehr als 48 über 
3000 Einwohner. 

Der Einblick in die kleinen Karten des Ordnance Survey of 
Ireland erklärt dies Verhältniss. Bei dem Maasstal) der Kartirung 
von 1 : 63 360 wird deutlich erkennbar, dass über das gesammte 
Land, mit Ausnahme der wüsten Berge, einzelne Hausstellen in 
massiger Entfernung von einander zerstreut liegen, die sich nur hier 
und da, wo die Strassen sich kreuzen oder Kirchen erbaut sind, 
weilerartig zu dichter gedrängten Gruppen zusammenziehen. Auch 
diese dorfähnlichen Orte sind aber so selten, dass schon Karten von 
sehr kleinem Maasstabe, wie die des Stielerschen Atlas von 1 : 1 500 000, 
sie sämmtlich zu verzeichnen vermögen. Wollte man für das ur- 
sprünglich deutsch besiedelte Gebiet in ähnlicher Weise die Wohn- 
plätze von gleicher Grösse in eine Karte eintragen, so würde für 
gleiche Gebiete eine 20 mal so grosse P'läche der Namenangabe noch 
nicht den nöthigen Raum gewähren. Dabei ist die Zahl der Be- 
völkerung der bew r ohnten Strecken beider Länder nicht wesentlich 
verschieden. Dadurch schon wird die Vereinzelung der Bewohnung 
und der Wohnstätten erkennbar ausgesprochen. 

Ueber Grösse und Gestalt dieser zertreut belegenen Besitzungen 
können im Mangel besonderer Flurkarten die grösseren Kartirungen 
des Survey, die Blätter der sogenannten Six inch map im Maasstal» 
von 1:10 560, genügenden Aufschluss geben. Ihnen sind die Bei- 
spiele in den Anlagen 23, und 25 — 27 entnommen. 

Alle Karten erweisen die Eigenthümlichkeit, dass, abgesehen von 
den Stadtgebieten, das gesammte Land in bestimmt benannte, ge- 
schlossene Abschnitte von in der Regel 160 oder 320 engl, acres, d. h. 
64,8 oder 129,6 h zerfällt. Diese Abschnitte haben für die neuere 
Zeit keinerlei Bedeutung. Die meisten derselben sind gegenwärtig in 
mehrere Pachtfarmen zertheilt, dagegen liegt das Eigentumsrecht 
gewöhnlich für eine grosse Anzahl auf weite Strecken hin in der- 
selben Hand. Sie haben auch keine kommunale Beziehung. Gleich- 
wohl sind sie als herkömmliche Landeintheilung überall be- 
kannt und besitzen besondere, bis in frühes keltisches Alterthum 
zurückführende Namen. Diese Namen sind sehr häufig mit Cartron, 
Carrow oder Quarter in Verbindung. Die Bezeichnung als Cartron, 



ITC III. 1. Die Kelten in Irland. 

Quarter oder Viertel kommt noch auf den Irischen Surveykarten 
mehr als 600 mal vor, 1 ) und ist ganz allgemein üblich und ver- 
ständlich als Viertel eines Townland oder Baile. Obwohl neuerdings 
der Ausdruck Townland gelegentlich auch für Quarter gebraucht 
wird, bedeutet Townland oder Baile doch einen, vier bestimmte 
Quarters umfassenden Bezirk und trägt ebenfalls einen besonderen 
Xainen. Der Quarter zerfiel in älterer Zeit allgemein in 4 Tates, also 
in Besitzungen von meist 40 oder 80 acres, je nach der einfachen 
oder doppelten Grösse des Quarters. Auch diese Unterscheidung ist 
häutig noch mit den bestimmten Abgrenzungen der einzelnen Tates 
bekannt, und ist nicht selten in den Namen solcher kleinerer Ab- 
schnitte ausdrücklich angedeutet. Unter Täte wurde keltisch ein 
Bauernhof verstanden. Die Grösse ist nicht überall gleich zutreffend, 
theils wegen des verschiedenen Bodens, theils weil statt 4 auch 6 Tates 
im Quarter vorkommen, und weil, wie sich zeigen wird, die Häupt- 
linge noch Ueberland bei ihrer Täte besassen. Aber im Allgemeinen 
stimmen die Maasse überraschend genau. Das doppelte Maass be- 
stand für ganze Grafschaften in gewissen unfruchtbaren Gegenden. 
In Galway wird das Quarter durchgehends zu 160 Statute oder 120 
irischen acres gerechnet, die einzelne Täte zu 40 englischen oder 
30 irischen acres und das Townland oder die Baile zu 640 englischen 
oder 480 irischen acres. In Monaghan aber hat die Täte 80 acres 
engl, oder 60 irisch, das Quarter 320 acres engl, oder 240 irisch 
und das Townland 1280 acres engl, oder 960 irisch. — 

Diese Eintheilung und ihre Maasse sind schon ein sehr altes 
Herkommen. 

Als Sir John Davies, der Attorneygeneral für Irland unter 
Jacob L, 1607 die Zustände des nicht englischen Irlands (Ireland 
outside the pale) untersuchte und darüber die ausführlichen Berichte 
erstattete, welche im Calendar of the state Papers aus 1606 — 1608, 
und in Davies Discovery of Ireland veröffentlicht sind, fand auch er 
die Townland- und Quartereintheilung als überall bestehende Ein- 
richtung und auch den Grössenunterschied der Quarters der ver- 
schiedenen Grafschaften, insbesondere in Galway und Monaghan vor. 

Hogan's description of Ireland in 1598 sagt, dass in dieser Zeit 
die Zahl der Townlands auf 6814 angegeben wurde. 



l ) Fr. Seebohm, The English village Community, London 1883. 3. Aufl. 1884, 
S. 223. Uebersetzt von Th. v. Bimsen. Die englische Dorfgemeinde. Heidelberg 
1885. S. 148. 



III. 1. Die Kelten in Irland. 177 

Nach Sullivans Einleitung zu 0. Curry's Manners and Customs 
of the Ancient Irish p. 96 geht aus einem beachtenswerthen Liede 
des 10. Jahrhunderts hervor, dass Irland im 6. oder 7. Jahrhundert 
in 184 Tricha Ceds getheilt gewesen, von denen jedes 30 bailes oder 
townlands, alle zusammen also 5520 bailes enthielten. Die Balei 
oder das Townland ist dadurch beschrieben , dass gesagt wird : Eine 
baile unterhält 300 Kühe, 4 volle Heerden mögen darin umher- 
schweifen. Auch das Lied beschreibt die bailes oder townlands als 
in 4 quarters getheilt, rechnet also einen Quarter für jede der 4 Heerden 
von 75 Kühen. Sein Inhalt ergiebt ferner, dass das Townland 
gleich war 12 Seisrighs, und dass das Landmaass des seisrighs 
120 acres ist, sodass das Quarter gleich 3 seisrighs oder 360 acres 
irisch anzunehmen wäre. Indess ist der Sinn von Seisrigh nicht ge- 
nauer bekannt, das Maass kann auch kleiner oder lokal sein. In den 
sonstigen Quellen und bei den bestimmten Feststellungen am Ende 
des 16. Jahrhunderts wird der Quarter in verschiedenen Gegenden 
Irlands immer zu 120 oder 240 irischen acres angegeben. Darüber 
sind von Seebohm (S. 215 ff.) bestimmte quellenmässige Nachweise 
beigebracht, obwohl die Karten auch Ausnahmen ergeben. 

In Betreff der Lage der Townlands gegeneinander muss auf- 
fallen, dass ihre Grenzen auf sehr weite Strecken, nahezu über ganze 
Grafschaften, ebenso unmittelbar aneinanderschliessen , wie dies in 
ihrem Innern bezüglich ihrer Quarters und Tates der Fall ist. 
Kleinere Seen, Sümpfe und Moore sind zwischen ihnen getheilt, wie 
die Anlage 24, der Quarter von Scariff, im Beispiel zeigt. Nur grosse 
Gewässer und öde Berge sind nicht in die Theilung hineingezogen. 
Gegenwärtig sind diese nicht vertheilten Ländereien fast überall im 
Besitze von Landlords, bestimmten Personen, Gesellschaften oder 
Stiftungen. Es wird sich nur sehr schwer entscheiden lassen, ob sie 
in älterer Zeit den einzelnen Townlands in gewissem Verhältnisse 
als Gemeinland zustanden. Für viele würden sie sehr entfernt und 
kaum nutzbar gelegen haben. Eher lässt sich denken, dass die 
Häuptlinge der Clane über sie verfügten. 

Auch die Feldeintheilung im Innern der Townlands, inner- 
halb der Abschnitte der Tates und Quarters, ist eine ganz charak- 
teristische und überall in allen Grafschaften gleiche. Sie bildet zahl- 
reiche unregelmässige, vierseitige und trapezoidische, auch dreieckige 
oder abgerundete Grundstücke von verschiedener Grösse, selten unter 
V2, doch auch selten über 4 h, etwa 1 — 8 acres irisch, wie sie 
Fig. 19 wiedergiebt, und die Anlagen 23 — 26 deutlich erkennen lassen. 

Meitzeu, Siedeluug etc. I. 12 



178 



III. 1. Die Kelten in Irland. 



Diese Feldtheile sind durch Gräben, Hecken oder Mauern von ein- 
ander abgegrenzt, aber die Abgrenzung ist nicht im Sinne von 
Eigenthumsgrenzen , sondern für den Zweck der Bewirtschaftung 
erfolgt. Die bestimmten Aussengrenzen der Tates gegeneinander und 
die für diese geschlossenen Grundstückskomplexe dauernd erhalten 
gebliebenen alten Namen, endlich auch die nur für das Bedürfniss 
einer selbstständigen Bauernwirthschaft hinreichende Grösse der Tates 
erweisen, dass dieselben ursprünglich im vollständigen Zusammen- 
hange, als Einzelhöfe, ausgewiesen worden sind. Ihre Grundstücke 
von zusammen nicht mehr als 16 h in guter Gegend, 32 h in 




Fig. 19. 

schlechter umgaben geschlossen den Wohnplatz, von dem aus sie der 
Besitzer bewirtschaftete. Auch gegenwärtig sind in der Regel alle 
diese verschiedenen Kämpe und Flurtheile in der Hand desselben 
Eigenthümers. Die Grenzen der Tates haben sich sogar häufig ver- 
wischt, weil der ganze Quarter demselben Eigenthümer angehört. 

Es ist zweifellos, dass schon mancherlei Besitzveränderungen 
auf ihnen vorgegangen sein können, ehe sie aus dem Besitze der 
zuerst eingewiesenen Clanmitglieder in das Eigenthum der Landlords 
gelangten. Von diesen wurden sie dann seit mehreren hundert Jahren 
theils im Einzelnen, theils in grösseren Farmen verpachtet. Der 



III. 1. Die Kelten in Irland. 



179 



heut bestehende Pachtbesitz, wie ihn z. B. die Anlage 24 in Skariff zeigt, 
kann also über den früheren Zusammenhang nicht entscheiden. Die 
vorliegende Karte von Skariff umfaest nur einen, als Townland be- 
zeichneten Quarter von 156 stat. acres, der richtigen Grösse des 
Qnarters in Galway. Die jetzt auf ihm vorhandenen nach ihren Be- 
sitzstücken verzeichneten 7 Farmen sind viel zu verschieden in Grösse 
und Lage, als dass sich auch nur in der Hauptsache noch eine Ueber- 
einstimmung mit den 4 alten Tates denken Hesse. 

Vielmehr kann allein die Surveykarte, welche nicht die Besitz- 
grenzen, sondern nur die Feldeintheilungsgrenzen wiedergiebt und 
den über ganz Irland völlig übereinstimmenden Charakter dieser Ab- 
grenzungen nachweist, über den alten Zustand der Grundstücksein- 
theilung der Tates entscheiden. — 

Die Bewirthschaftung dieser verzäunten Kämpe und Schläge 
ist gegenwärtig bei Kleinpacht fast ausschliesslich auf Bestellung von 
Kartoffeln gerichtet. Auf grösseren Pachten aber wird ein freier, 
meist der Feldgraswirthschaft entsprechender Anbau durchgeführt, 
und bei diesem kommen die Vortheile dieser Verzäunungen in der- 
selben Weise zur Geltung, wie sie von denen gewürdigt worden sein 
müssen, die sie anlegten. 

Die zahlreichen Gräben dienen zu der fast überall sehr noth- 
wendigen Entwässerung, die Hecken und Mauern bieten dem Getreide 
und den Blüthen und Früchten aller im Felde wachsenden Pflanzen 
Schutz gegen die in Irland oft sehr heftigen Stürme. Beide Ab- 
grenzungen aber ermöglichen es, das Weidevieh ohne Hirten in den 
Schlägen Tag und Nacht sich selbst zu überlassen. Ueberdies schloss 
die Verzäunung jeden herkömmlichen Gebrauch des Grundstückes durch 
andere Volksgenossen zu Jagd, Vogelfang u. s. w. völlig aus. 

Die Zahl der fast ohne Ausnahme verpachteten Ackerwirthschaften 
hat in neuerer Zeit sehr gewechselt. Es bestanden auf der Insel 1 ) 



Holdings 


mit über 1 


mit über 5 


mit über 15 


mit über 


zusammen 


anno 


bis 5 acres 


bis 15 acres 


bis 30 acres 


30 acres engl. 


Holdings 


1841 


310 436 


252 799 


79 342 


48 625 


691212 


1879 


65 269 


162 233 


136 649 


161749 


526 900 



Durch diesen Wechsel wurden indess die bestehenden festen Ab- 
grenzungen der Feldstücke nicht berührt. Die Zugänglichkeit der- 
selben musste, wo ausgelegte Wege fehlten, durch vorbehaltene Ueber- 
fahrtsrechte erreicht werden. Zugang hatte der Wirth, auch so lange 



') Agricultural statistics of Ireland for the year 1879, Dublin 1880, p. 10. 

12* 



]£0 in. 1. Die Kelten in Irland. 

die Täte in einer Hand war, zu den meisten seiner eignen Schläge 
nur über sein Feld. Aber davon abgesehen konnte er, ohne jede 
Abhängigkeit von seinen Nachbarn, seine Grundstücke ganz frei be- 
nutzen, wie es nach Boden und Umständen am vortheilhaftesten er- 
schien. Die wirthschaftliche Zweckmässigkeit dieser geschlossenen 
Einzelhöfe steht deshalb ausser Zweifel. Sie sind das Ideal der 
modernen Verkuppelungen, welches in Deutschland und Skandinavien 
nach Möglichkeit durch Ausbauten aus den Dörfern (o. S. 57) er- 
strebt worden ist. — 

Diese in allen Theilen Irlands gleichmässig durchgeführten agra- 
rischen Einrichtungen können nur aus Ideen und Sitten hervor- 
gegangen sein, welche auf bestimmten Richtungen des gesammten 
Volkslebens beruhten. Ob sich diese Anlagen aber unmittelbar mit 
den ursprünglichen Bedingungen und Zuständen der volksthümlichen 
festen Besiedelung verknüpft haben, oder ob eine so durchgreifende 
und systematische Regulirung erst im späteren Verlaufe der Ge- 
schichte eintrat, darüber lässt sich mit Grund hinreichender Auf- 
schluss in der historischen Uebeiiieferung erwarten. Denn grade 
Irland ist überaus reich an alter beschreibender Litteratur und urkund- 
lichen Nachrichten über Sitten, Gebräuche und Gesetze. Auch wird 
die Untersuchung seiner agrarischen Verhältnisse dadurch erleichtert, 
dass den irischen Urkunden parallel ganz ähnliche über die älteren 
Zustände der keltischen Reiche in Wales erhalten sind, welche 
durch die Uebereinstimmung gleicher volksthümlicher Grundlagen 
und durch schärferes Hervortreten mancher besonderen Züge zur 
Lösung zweifelhafter Fragen wesentlich beizutragen vermögen. 

Die eigenen historischen Quellen der Iren sind ursprünglich 
aus einer eigenthümlichen Spruchweisheit hervorgegangen. Sie sind 
epigrammatisch in Triaden überliefert, d. h. in versifizirten Sätzen, 
welche je drei Gedanken, Lebensregeln oder Gesetzes Vorschriften gegen- 
überstellen. Diese Verse sind anscheinend von sehr hohem Alter, da 
schon Caesar berichtet, dass sie von den Priestern auswendig gelernt 
wurden, und damals noch nicht aufgeschrieben werden durften. Seit 
dem 9. Jahrhundert sind sie schriftlich aufbewahrt. König Cormac, 
903 — 908, selbst Dichter und Schriftsteller, soll sie zu sammeln und 
aufzuschreiben befohlen haben. Schon zu dessen Zeit hat sich die alte 
Sprache der Iren im Zustande grösserer lautlicher Zersetzung, als irgend 
eine andere indogermanische Sprache befunden. Auch die politischen 
und sozialen Verhältnisse hatten sich offenbar bereits wesentlich um- 
gestaltet. In die Sprüche selbst mag also manches Missverständniss 



III. 1. Die Kelten in Irland. 181 

und manche Umänderung gekommen sein. Die Hauptzüge aber sind 
nicht undeutlich und ersichtlich volksthümlich. 

Die Sammlungen dieser Triaden werden als Brehon laws be- 
zeichnet. Brehons sind die Rechtsgelehrten, die in Irland einen 
erblichen Stand bildeten. 1 ) Zwei solcher Sammlungen sind bekannt: 
Aicill, die nach Manuskripten und Sprache aus dem 10. Jahrhundert 
stammen soll, und Senchus Mor, die, wie man annimmt, dem 11. 
angehört. 1865 hat sie die Regierung als Ancient laws and institutes 
of Ireland herausgeben, vortrefflich übersetzen und mit historischen 
Einleitungen von grossem Werth versehen lassen. Es sind aber noch 
andere ungedruckte vorhanden. 

Sie standen in Geltung, bis im 17. Jahrhundert das englische 
Common Law in Irland eingeführt wurde. 

Auch die alten Gesetze von Wales sind mit sehr guter Ueber- 
setzung als Ancient laws and Institutes of Wales 1841 herausgegeben 
worden. Die Handschriften derselben sind indess nicht älter als 1300. 

Neben dieser Gesetzgebungslitteratur finden sich auch schon 
sehr früh Schriftsteller, welche die Zustände eingehend schildern. 

Aus dem Jahre 547 ist die Epistola des wälischen Geistlichen 
Gilda an die britischen Könige und Geistlichen, und aus 560 sein liber 
querulus de exidio Britanniae, eine Geschichte Britanniens, erhalten. 

Von 950 stammt Nennius historia Britonum, welche aus alten 
Quellen schöpfte und, mit Zusätzen über die Zustände zur Zeit der 
Abfassung versehen, in einer Handschrift des 10. Jahrhunderts im 
Vatican vorhanden ist. 

Dem Abte Tigernach, welcher um 1088 starb, werden Annales 
Hibernici, die bis in das erste Jahrhundert zurückreichen, und 
ein Chronicon Scotorum zugeschrieben. 

In der Zeit vor 1139 schrieb Galfried (Gottfried) von Mon- 
mauth oder Gruffold ab Arthur (Sohn) 12 Bücher de gestis rerum 
Britanniae. 

Endlich hat Giraldus de Barri (Cambrensis genannt), der 
um 1188 Irland und Wales bereiste, seine Beobachtungen in den 
drei Schriften: Cambriae descriptio; De illaudabilibus Walliae; und 
Topographia Hiberniae niedergelegt. In der letzteren vergleicht er 
Irland mit Wales. 

Zu den wichtigsten Darstellungen der späteren Zeit gehören die 
gedachte Beschreibung Irlands, welche Hogan nach dem Manuskript 



') Summer Maine, Lectures on the early history of institutions, London 1875. 



]>•_' III. 2. Die Clanverfassung und die Ständeunterschiede. 

eines Unbekannten: The description of Ireland and the state there- 
of, as it is in anno 1598, (London 1878) herausgegeben hat, und 
die angeführten Berichte Sir John Davies, die in dem Calendar of 
the state Papers relating to Ireland of the reign of James I 1606 bis 
1608 (London 1874) enthalten sind, sowie desselben Historical tracts 
or Discovery of the state of Ireland (London 1612). 

Diese ausgiebigen Quellen sind in Deutschland von Lappen- 
berg, Geschichte von England, Hamburg 1834, und von Ferdinand 
Walter, Das alte Wales, Bonn 1859, in England aber u. a. von 
Johnston and Roberts, the historical geography of the Clans of 
Scotland, London 1872, 0' Curry, Manners and customs of the 
ancient Irish, eingeleitet von Sullivan, Dublin 1873, Skene, 
Celtic Scotland, a history of ancient Alban, Edinburg 1876, neuer- 
dings aber von Seebohm, English village Community, London 1883, 
eingehend bearbeitet worden. 

2. Die Clanverfassung und die Ständeunterschiede. 

Aus den urkundlichen Ueberlieferungen der Iren ergiebt sich 
als eigenartige und bedeutsame Grundlage der volksthümlichen 
Lebensanschauung die Clanverfassung, deren Gedanken in erkenn- 
barer Weise auf die wirthschaftlichen und politischen Verhältnisse 
bis zur Gegenwart fortgewirkt haben. 

Clan bezeichnet Kinder, Nachkommen, Familie, und es ist be- 
kannt, dass alle Mitglieder des Clanes von demselben Ahnherrn ab- 
zustammen meinten, denselben Namen trugen und ihr Gebiet als 
gemeinschaftlichen Familienbesitz betrachteten. Einem solchen Clan 
oder Sept stand ein Häuptling (Cean Cinneth, Cean Finne) vor, der 
seine Rechte an Würde und Land aber nicht vererben konnte. Viel- 
mehr wurde für ihn schon bei seinen Lebzeiten durch Zustimmung 
oder Wahl der Stammesgenossen ein geschäftskundiger Nachfolger 
(Tanaist) ernannt, welcher nicht immer einer der Söhne des Häupt- 
lings w r ar, in der Regel aber aus dessen Geschlechte stammen musste. 

Die Clanhäuptlinge waren innerhalb eines gewissen Distriktes 
dem angesehensten unter ihnen untergeordnet. Als Hauptdistrikte 
zerfiel Irland in ältester Zeit in Fünftel (Coiced), unter diesem Namen 
bestehen noch heut die vier Königreiche Lagenia (Leinster), Ultonia 
(Ulster), Connacia (Connaught) und das aus Momonia und Midia 
vereinigte Munster. Je einer der Oberhäuptlinge der vier Reiche 
war Herrscher über ganz Irland. Temair (jetzt Tara), wo die Grenzen, 



III. 2. Die Clanverfassung und die Ständeunterschiede. 183 

wie noch heut, zusammenstiessen, war gemeinsames Gebiet als Ver- 
sammlungsort und als Sitz der Verwaltung des jedesmaligen Ober- 
königs. 

Die Gewalt des Clanhäuptlings war weniger eine obrigkeitliche 
als eine patriarchalische. Er leitete, wie aus väterlicher Gewalt, den 
Stamm. Die Art der Verwaltung des Clanes und die Berechtigungen 
der übrigen Clanmitglieder lernen wir in der Gesetzgebung und 
Litteratur zunächst aus der Zeit kennen, in welcher die ganze Insel 
bereits fest besiedelt war, und die in ihren eigenthümlichen topo- 
graphischen Verhältnissen o. S. 175 geschilderte Vertheilung des 
Landes schon überall bestand. Denn in diesen Ueberlieferungen 
tritt gleichmässig als geltende Rechtsanschauung auf, dass 
Niemand erblichen Grundbesitz hatte, aber jedem Clanmitglied das 
Recht auf genügende Ausstattung mit Grund und Boden zustand. 
Für diese Vertheilung des Landes unter die Stammesmitglieder hatte 
der Häuptling Sorge zu tragen. Die Benutzung der überwiesenen Be- 
sitzung stand jedem wenigstens dem Grundsatze nach lebenslänglich zu. 
Indess scheinen auch sonst Veränderungen in der Vertheilung nicht 
ausgeschlossen gewesen zu sein. Nach dem Tode aber fiel das Land 
an den Clan zurück und wurde durch die Hand des Tanaist, als des 
dazu beauftragten und sachkundigen Vertreters des Clanhauptes, neu 
vergeben. Nur das bewegliche Vermögen eines Familienvaters wurde 
vererbt, und zwar unter völligem Ausschluss der Töchter von jedem 
Erbrechte, an alle seine Söhne zu gleichen Theilen. Dabei erbten 
nach der Sitte des sogenannten Gavelkind uneheliche Söhne stets 
gleich den ehelichen. 

Dem Häuptling stand ausser seiner patriarchalischen Macht- 
stellung die ausschliessliche Verfügung über das sogenannte Demesne- 
land zu, auf welches er seine Knechte ansetzen konnte. Die Mit- 
glieder des Clanes aber mussten seinem Aufruf zum Kriegsdienste 
Folge leisten, und ihm verschiedene Naturallieferungen zu seinem 
und seiner Gehülfen Unterhalt und zu den sonstigen Bedürfnissen 
des Gemeinwesens gewähren, namentlich hatten sie ihn und sein Ge- 
folge auf Reisen aufzunehmen und zu bewirthen. Persönliche sowie 
Ackerdienste waren dagegen unbekannt. — 

Ausser diesen, aus der Masse der gedachten Schriften als gel- 
tendes Recht entnommenen Grundgedanken der nationalen Clan- 
verfassung haben sich nach zwei Richtungen thatsäcb liehe Anhalts- 
punkte ergeben, welche in lebensvollen Zügen auf die ursprünglichere 
Gestaltung in der Zeit vor der festen Besiedelung zurückführen. 



184 



III. 2. Die Clanverfassung und die Ständeunterschiede. 



Fr. Seebohm hat für das Clanleben einen bestimmteren Vor- 
stellungskreis durch die Ueberlieferungen erlangt, welche sich über das 
häusliche Dasein der Stammesgenossen ermitteln Hessen. 1 ) Auf 
dieses wirtschaftliche Leben wirft namentlich die eigentümliche 
Hauseinrichtung der Iren deutliches Licht. 

Die Iren wohnten nach den Brehon laws wenigstens für den 
Winter in grossen Häusern, welche eine beträchtliche Anzahl 
Familien gemeinsam aufnahmen. Diese Häuser wurden für die 
Häuptlinge, wie für die gewöhnlichen Stammesgenossen und selbst 
für Knechtsfamilien nach demselben Muster erbaut. Sie ruhten, wie 
Fig. 20 und 21 veranschaulichen, in sehr einfacher Weise auf einem 
Gerüst von 6 starken Säulen, welches unmittelbar das Dach trug. 
Es wurden 6 gerade Stämme frisch geschlagener Waldbäume von 
ungefähr gleicher Grösse in gleichen Abständen, je 3 in 2 Parallel- 
reihen, in die Erde eingelassen. Von je 2 gegenüberstehenden 




Für. 20. 



^L 



B 



H 



^ 



Fig. 21. 

Stämmen wurden die oberen Enden, oder, wie es scheint, die ge- 
eigneten stehengelassenen Aeste, in Spitzbogengestalt gegeneinander ge- 
bogen und zusammengebunden. Auf ihre Kreuzungen konnte des- 
halb der Firstbaum (nen bren), eine lange gerade Stange, aufgelegt 
werden, an welchen das grosse breite Zeltdach von Aesten, Rohr und 
Stroh befestigt wurde. Die den Dachbaum stützenden Stämme werden 
Gabeln (Gavaels) oder Säulen (nen fyrch oder colovyn) genannt. Sie 
bilden das Hauptschiff. Dasselbe hat zu beiden Seiten je eines der 
Nebenschiffe neben sich, welche durch das weite Ueberhängen des 
Daches gebildet und von Einfassungen aus Pfählen und Flechtwerk 
(bangor) abgeschlossen werden, auf denen der untere Theil des Daches 
ruht. In die grosse Halle zwischen den Säulen gewähren geflochtene 



') Fr. Seebohm a a. 0. S. 223, 239. Vergl. Sullivans Einleitung zu O'Curry, 
Manners and customs of tlie ancient Irish, p. 296 u. 345. 



m. 2. Die Clanverfassung und die Ständeunterschiede. 185 

Gitter zu beiden Enden Zutritt. Längs der beiden Nebenschiffe, also 
zwischen der Halle und den äusseren niedrigen Seitenwänden, liegen 
Binsenlager, auf denen die Bewohner schliefen. Bretter am Fuss- 
ende der Ruhelager zwischen den Säulen bildeten am Tage ihre Sitze. 
In der Mitte des Hauptschiffes zwischen den Mittelsäulen brannte 
auf offenem Heerde das Feuer. In den Häusern der Häuptlinge 
lief ein Schirm zwischen den Mittelsäulen und der Giebelwand und 
sonderte theilweise das obere Ende, wo der Häuptling, der aire, und 
die vornehmsten Angestellten ihre bestimmten Plätze hatten, von 
dem unteren Ende ab, wo die bescheideneren Mitglieder des Haus- 
haltes in genauer Ordnung folgten (Ancient laws of Wales I, p. 11). 
Die Strafbestimmungen der Gesetze zeigen die allgemein überein- 
stimmende Form der Bauweise. Denn nach diesen Festsetzungen (Ebd. 
p. 293) ist bei Zerstörungen an dem Hause des Häuptlings für jede 
Gabel (Gavael), die das Dach stützt, 40 den., für das Dach 80 den.; 
an dem Hause des uchelwer (des freien Genossen) für jede das Dach 
stützende Gabel 20 den., für das Dach 40 den.; an dem Hause 
eines ailt oder taeog (eines Unfreien) für jede das Dach stützende 
Gabel 10 den. zu büssen. An anderer Stelle (Ebd. p. 721) wird 
angegeben, dass am Winterhause für den Dachbaum 30 den. und 
für jede Gabel, die ihn stützt, 30 den. zu büssen, sowie (Ebd. p. 288, 
dass zu einem Sommerhause drei Dinge nothwendig seien, ein Dach- 
baum, tragende Gabeln und umgebende Geflechte (bangor). 

Von den Säulen einer königlichen Wohnung pflegte man, um 
ihnen ein stattlicheres Ansehen zu geben, die Rinde abzuschälen. 
Es hiess dann das weisse Haus (Ebd. p. 3). Auch wurden die Säulen 
zum Schmuck mit Metallblech bekleidet. Um zur Ruhe zu verweisen, 
hatte der Silentiarius eine derselben mit seinem Stabe anzuschlagen. 
Ueber dem Bette oder Sitze des Häuptlings erhebt sich zuweilen ein 
metallener Traghimmel. In seiner Hand ruht ein goldener Stab, 
ihm an Höhe gleich und so dick wie sein kleiner Finger. Er speist 
auf einem goldenen Teller, breit wie sein Gesicht, und so dick wie 
der Daumennagel eines Ackerers, der 7 Jahre mit dem Pfluge um- 
gegangen ist. 

Um das Haupthaus reihten sich in den zum Tyddyn (Täte) ge- 
hörigen Höfen, dem Kornhof und dem Viehhof eine Küche, eine 
Darre, eine Scheuer, ein Backhaus, ein Schweine-, ein Kälber- und ein 
Schaf stall. Auch standen innerhalb der Einhegung die kleineren 
Sommerbuden (biwrd hovedar), welche anscheinend, wie bei den Süd- 
slawen zu zeigen sein wird, als Schlafräume im Sommer für eine ein- 



1 86 m. 2. Die Clanverfassung und die Ständeunterschiede. 

Keine Familie bestimmt waren, während das Haupthaus im Winter 
sämmtliche Haushaltsgenossen in demselben für alle berechneten 
Räume bei Tag und Nacht aufnahm. Diese Sommerbuden und kleineren 
Nebengebäude waren, wie Sullivan in der Einleitung zu O'Curry, 
p. 296, zeigt, oft rund mit geflochtenem Kuppeldach, wie sie Strabo 
[V c. 4 beschreibt. Sie dürfen hier ausser Betracht bleiben. Die 
Anc. laws I, p. 293 wiederholen ausdrücklich, dass im Hause des 
Könige und des Freien wie des Unfreien die 6 Gavaels das Dach 
trugen. Die runden Hütten (vgl. Anlage 28) sind ein allgemeinerer 
Typus, das Säulenhaus aber entsprach auch ohne Nebenräume einer 
eigenartigen Organisation des frühen keltischen Hirtendaseins. 

Auf der Einrichtung des Haupthauses liegt also das nationale 
Gewicht. Das Haus eines geringen Freien wird auf 27 Fuss ange- 
geben (Anc. laws of Irl. IV, p. 309), aber auch für das Haus eines 
Häuptlings macht die natürliche Länge der Hölzer eine viel grössere 
Ausdehnung als 40 Fuss im Geviert unmöglich. Ein solcher Raum 
genügte indess bei der volksthümlichen Ausnutzung, den Hausstand 
aufzunehmen, von welchem die Quellen sprechen. 

Dieser Kreis von Hausgenossen wurde nach den gwelys, den 
Binsenlagern in den Nebenschiffen, als ein gwellygord bezeichnet. 
Das Wort gwely, gwele, wele bedeutet auf walisisch ein Lager, ein 
Bett, und wird lateinisch mit lectus wiedergegeben. Die 4 Ein- 
theilungen, welche durch die 6 Gavaels in den Nebenschiffen ent- 
standen, übertrugen sich auch auf die Mitglieder der baile oder des 
Townlands, die deshalb in 4 gavaels zerfielen. Jede gavael im Hause 
aber theilte sich wieder in 4 randirs oder gwelys, Betten, wie sie 
Fig. 21 andeutet, und dasselbe war mit den Mitgliedern jeder Gavael 
im Townland der Fall. Noch lange nach dem Verfall des ursprüng- 
lichen Stammeslebens pflegte die Besitzung eines früheren Stammes- 
angehörigen unter seinen Nachkommen nach gavaels und weiter nach 
gwelys, weles oder randirs vertheilt zu werden. Es war also ersichtlich 
im ursprünglichen Haupt- oder Stammhause einer baile Raum für 
16 Familien vorgesehen, und die dauernd festgehaltene Eintheilung 
der Mitglieder eines solchen gemeinschaftlichen Haushaltes, sowie 
des demselben zustehenden Landbesitzes, weist darauf hin, dass dieser 
Raum auch wirklich mit 16 Familien besetzt wurde. 

Da nach den Angaben aus dem 6. oder 7. Jahrhundert (o. S. 177) 
die baile oder das Townland je einen der 30 Untertheile jedes der 
184 Clane bildete, und auf die baile damals 300 Kühe gerechnet 
wurden, welche in 4 Heerden in dem Lande derselben herum- 
schweiften, ist aus den praktischen Verhältnissen gut erklärlich, 



III. 2. Die Clanverfassung und die Ständeunterschiede. 187 

dass diese Zahl Mitglieder für die Bedürfnisse eines solchen gemein- 
samen Hanshaltes unentbehrlich war, und dass dieses gemeinsame 
Wohnen in grossen Stammhäusern bereits der Zeit des Hirtenlebens 
angehört, auf dessen Zwecken es beruhte. Ein Viehstand von 
300 Kühen, der die wesentliche Grundlage des Lebensunterhaltes 
seiner Besitzer bildet, kann nicht sich selbst überlassen bleiben. Für 
den Auftrieb auf die Weide, die Beaufsichtigimg und Bewachung 
durch Tag und Nacht, und für die Besorgung der Molkerei und der 
Aufzucht des Jungviehs sind bei einer solchen Heerde 16 Familien- 
väter nur unter Beihülfe ihrer Frauen und Angehörigen als zureichend 
zu erachten, wenn man noch die übrigen Anforderungen des Haus- 
wesens, einigen Ackerbau, Herstellung von Geräthen und Bauten, 
Ansprüche des Kriegs- und des Polizei- und Gerichtsdienstes, Kultus- 
und andere Feste in Betracht zieht. 

Es konnte sich also eine solche Hausgemeinschaft nicht aus 
einer zufälligen Zahl von Verwandten zusammensetzen, sondern der 
leitende Hausvater, der Häuptling, musste dafür sorgen, dass der 
Kreis der ihm nothwendigen Gehülfen immer vollzählig war. Er 
musste die entstehenden Lücken ergänzen. Andererseits konnte ohne 
Vergrösserung des Viehstandes und des zur Verfügung stehenden 
Weidegebietes auch die Zahl der Hausgenossen nicht vermehrt werden. 
Wenn die Bezirke der bailes also durch die Verhältnisse der Insel 
beschränkt waren, konnte auch das Stammhaus diese feste, dauernd 
auf seine 16 gwelys eingerichtete Form bewahren. Ein Ueberschuss 
der Bewohner über etwa 90 Köpfe musste auswärts anderweites Unter- 
kommen suchen. 

Die Theilung in 4 gavaels mochte vielleicht auch der Versorgung 
der 4 Heerden entsprechen. Als aber die Weidewirthschaft in festen 
Ackerbau überging, erklären diese Gruppen das Zerfallen des kommu- 
nistischen Besitzes in kleinere Ackerwirthschaften. Es entstanden 
auf das natürlichste auf dem Lande der baile nach den 4 Gavaels 
die 4 Quarters und aus den 4 gwelys der gavaels die 4 Tates, die 
noch in der heutigen Landeintheilung vorhanden sind. Die Theilung 
der Ländereien war nur das Abbild des bisherigen Wohnens, und 
die Bedürfnisse des Hirtendaseins und der zur Ernährung erforder- 
lichen Viehzucht müssen als die eigentliche und ursprüngliche Grund- 
lage dieser herkömmlichen Zahlenverhältnisse angesehen werden. — 

Als eine andere Eigenthümlichkeit dieses älteren Volksdaseins 
haben die Studien H. d'Arbois de Jubainville's x ) ergeben, dass 

') H. d'Arbois de Jubainville, Etudes sur le Senchus Mor in Nouvelle Revue 
historique de droit francais et etranger, Bd. V 1881, S. 1. 



Jgg III. 2. Die Clanverfassung und die Ständeunterschiede. 

innerhalb des Clanlebens in sehr charakteristischer und schroffer 
Weise Standesunterschiede zur Geltung kamen. 

Dass nicht nur der König, sondern schon der Clanhäuptling, der 
30 bailes unter sich hatte, eine übermächtige Stellung einnahm, ist 
bekundet. Zu Reichthum und der Leitung aller Angelegenheiten kam 
die Sitte. Sein Haus war besonders gross und geschmückt, stand 
auf einem erhöhten Platz und war mit einem Rath, d. h. mit einer 
festen Umzäunung umgeben, welche Wall und Graben umschlossen. 
Sein Demesneland und die Zahl seiner angesetzten Knechte waren 
bedeutend. Er überliess seinen Verwandten sein überflüssiges Jung- 
vieh und übergab ihren Frauen seine Kinder zur Erziehung. Dagegen 
wurden alle heranwachsenden Söhne in sein Gefolge eingereiht. 
Unvermeidlich musste schon früh ein anerkannter Standesunterschied 
zwischen ihm und den anderen Clanmitgliedern entstehen, der sich 
mehr und mehr auch auf die näheren Verwandten des Häuptlings 
übertrug, namentlich auf diejenigen, die er als sogenannte Takesmen, 
als dienstleistende Gehülfen gebrauchte. 

Die bestimmten Nachrichten der Brehon laws führen aber auch 
darauf, dass die Clanverfassung trotz ihrer wesentlich sozialistischen 
und demokratischen Grundlagen die Begründung einer viel tiefer ein- 
greifenden, sehr subtil abgestuften und nicht auf Geburt sondern 
auf Reichthum begründeten Aristokratie nicht verhindert hat. 

Im Allgemeinen nennen sich die Irländer Fene. Das Wort 
kommt von fian = venös, Heros. Schon Ptolemaeus 1. II, c. II § 3 
nennt Ovsvvtxviot, Söhne des Vennos, ein Volk in Nord-Irland. Es 
bedeutet aber auch fene das gewöhnliche Volk und wird den Neme, 
Vornehmen, und ebenso den Flaith, Reichen, gegenübergestellt. Die 
Neme umfassen ausser den Flaith noch die fer dana, d. h. die 
Priester und Rechtskundigen, Musiker, Schmiede, Zimmerer und 
Waffenkundigen. Ihr eigentlicher Stamm aber sind die Flaith. 
Flaith bedeutet Besitz von Vieh, Reichthum, dann Macht, Regierung, 
Souveränität. Die Abstufung dieser Klassen zeigt sich im Wergeide 
(Enech-laun) bei Beleidigungen. 

Die Flaith zerfallen in 7 Slicht (Flaith-slechta) : x ) 
1. Könige, und zwar Ri ruirech, Oberkönig mit 168 set (oder 
mittlen Stück Rindvieh) Wergeid; Ruirech, König mit 126, 
und Ri-tuaithe, das Haupt eines der 184 tuaths oder Clane, 
Gaue, civitates, mit 42 set Wergeid; 



') Ancient laws of Ireland, Tom. III p. 42. 



III. 2. Die Clanverfassung und die Ständeunterschiede. 189 

2. Aire - forgill , soll 25 Vasallen besitzen und hat 30 set Wer- 
geid bei Beleidigung (Aire heisst ein Erhabener, ein Erster); 

3. Aire-tiusi, mit 15 Vasallen und 20 set Wergeid, dem 
10 Stück Kühe gleichstehen; 

4. Aire-ard, 10 Vasallen und 16 set Wergeid; 

5. Air-desa, 5 Vasallen und 10 set Wergeid; 

6. Bo-aire, soll 12 Kühe besitzen, hat 5 set Wergeid und ist 
anscheinend ein Lehnsmann; 

7. Og-aire, soll 7 Kühe besitzen, hat 3 set Wergeid und ist 
anscheinend ebenfalls Lehnsmann. 

Unter diesen Klassen der Flaith stehen die Fene oder fer mid- 
bad , die gewöhnlichen Freien mit 1 set Wergeid. Niedriger als 
die Freien stehen die Taeogs, die hörigen, indess nicht zu Diensten ver- 
pflichteten Bauern. Sie finden sich ausschliesslich oder doch vorzugs- 
weise in der Hörigkeit der Häuptlinge, welche sie auf ihrem Hof- 
lande ansetzten. 

Die Stellung der Fene gegenüber den Neme war jedenfalls sehr 
untergeordnet. Aus den Ancient laws I, 112 ersieht man, dass, wenn 
ein Fene von einem Neme eine Schuld nicht bezahlt erhielt, er kein 
anderes Mittel hatte, als sich respektsvoll an die Thür seines Schuld- 
ners zu setzen und dort zu hungern, bis der Neme zahlte. Es war 
schicklich, dass auch der Schuldner so lange hungerte, wie der 
Gläubiger. Der Fene kann sich aber unter genau festgestellten 
Leistungen und Gegenleistungen zum Vasall eines Neme machen. 
Er kann entweder frei bleiben als sein Genoss, dann heisst er Soer- 
cele (oder Aithec, Armer), oder er kann vom Lehnsherrn sein Wer- 
geid (den Preis seiner Ehre) annehmen, dann wird er doer-cele, 
Eigener, und steht dem Sklaven nahe. 

Der Sklave kann gekauft und verkauft werden, er ist ganz 
Waare. Mug heisst der männliche Sklave, Cumal der weibliche, und 
in Cumal wird Wergeid ebenso bezahlt, wie in Set: 1 Cumal ist 
gleich 6 Set, d. h. Stück gewöhnliches Rindvieh, 1 Kuh gilt 2 Set, 
eine Sklavin also 3 Kühe. 

Innerhalb dieser ständischen Stufenleiter fehlten die Beziehungen 
der Verwandtschaft nicht, denn es gab verschiedene konventionelle 
Verwandtschaften, die nur auf Fiktion beruhten, wie Adoption. Die 
Stellung eines Pflegevaters zu dem Kinde, das er aufzieht, genügte, 
um den Gliedern ihrer beiderseitigen Familien unter einander die 
Ehe zu verbieten. Ebenso schaffte die Pathenschaft (gossipred) 
zwischen dem Pathen und dem Täufling eine geistige Verwandt- 



190 m. 2. Die Clanverfassung und die Standeunterschiede. 

schaft und brachte dieselben Folgen mit sich, welche sie früher in 
der gesammten christlichen Welt hatte. 1 ) 

Aber es ist doch wohl dem Einflüsse des Clangedankens zuzu- 
schreiben, dass die Idee des Geburtsadels den Iren ganz fremd zu 
sein scheint. Darüber sagt der Senchus Mor ausdrücklich: 2 ) »Zwei 
Personen sind von gleichem Stande, falls sie beide das gleiche Ver- 
mögen besitzen« und »wer sein Vermögen verliert, verliert seinen 
Rang«. So wenig günstig sonst die Sittenschilderungen sind, 3 ) scheint 
in Bezug auf Rang und Stand grosse Strenge geherrscht zu haben. 

Vergleicht man mit dieser Abstufung der Aristokratie die er- 
wähnte Eintheilung des Landes in 184 Tricha ceds, so ergiebt sich, 
dass andere Häuptlinge als solche, die an der Spitze eines dieser 
184 Clane stehen, nicht genannt werden. Es werden also auch nur 
diese 184 Tricha ceds als wahre Clane betrachtet, obwohl Unterclane 
vorkommen mögen. Der Clanhäuptling aber wird als König an- 
gesehen, der nur einen König der 4 Reiche und den Oberkönig über 
sich hat. Die unter diesen 184 Clankönigen abstufenden Adels- 
klassen werden ebenfalls, obwohl der Reichthum der Grund ihres 
Ranges ist, nach der Herrschaft über 25, 15, 10 und 5 Vasallen 
unterschieden. Darauf folgen noch als Reiche die Besitzer von 
12 Kühen und von 7 Kühen. Nimmt man das Wergeid zum Maass- 
stab, so müssen 5 Vasallen ungefähr 24 Kühen, 10 Vasallen 38 Kühen, 
15 Vasallen 48 Kühen, 25 Vasallen 72 Kühen gleichstehen, während 
der Häuptling eines Tricha ceds gleich 100 Kühen anzuschlagen wäre. 

Diese Gedankenreihe schliesst, wie sich zeigt, jede Beziehung 
auf Grundbesitz aus; sie beruht noch ganz und gar auf den Zu- 
ständen und Besitzverhältnissen des herkömmlichen Hirtenlebens, und 
erhält dadurch keine andere Deutung, dass die Angaben, welche 
O'Curry a. a. O. Bd. III, S. 26 zusammenstellt, den Klassen des Adels 
auch einen näher zu erörternden Grundbesitz zusprechen. 



3. Der keltische Grundbesitz und seine Bewirtschaftung. 

In der Ueberlieferung des 6. oder 7. Jahrhunderts (o. S. 177) über 
den Bestand der 184 Tricha ceds oder Clane wird mit dieser Einthei- 
lung des Volkes zugleich mit voller Bestimmtheit eine Eintheilung der 



') Summer Maine, Lectures on the early history of Institutions (eh. III) 1875. 

2 ) H. d'Arbois de Jubainville a.a.O. S. 13. 

*) Strabo IV, 5. St. Hieronymus, Adversus Jovinianum lib. II, 



III. 3. Der keltische Grundbesitz und seine Bewirtschaftung. 191 

Insel in ebenso viele Weidereviere für die je 9000 Kühe des ein- 
zelnen Clanes ausgesprochen. Es ist ganz unmöglich, irgend welche 
Angaben oder Andeutungen in den Brehon laws über die Verhält- 
nisse des privaten Grundbesitzes der Clanmitglieder auf diese ältere 
Zeit zu beziehen. 

Wenn also der Clan in 30 bailes, d. h. unter einem Unter- 
häuptling stehende Hirtenwirthschaften von 16 Familien getheilt er- 
scheint, und die bailes auch Townlands hiessen, so kann diese 
Bezeichnung keinen andern Sinn haben, als class damit das Land 
im Zaun, der auf kurz oder lang eingehegte Wohnplatz für Menschen 
und Vieh, von dem offenen Lande unterschieden wird. Strabo (IV, 5) 
sagt auch von den Britanniern ausdrücklich: »Sie zäunen mit gefällten 
Bäumen einen geräumigen runden Platz ein, und errichten auf dem- 
selben Hütten für sich und ihr Vieh, aber nicht auf lange Zeit.« 
Zwar vermögen solche kraalartige, nur vorübergehend benutzte Wohn- 
plätze immerhin nur geringe Spuren zu hinterlassen. Doch finden 
sich die Reste von mehreren Tausenden runder Verwallungen noch 
gegenwärtig auf den Surveykarten verzeichnet, und sind auch auf den 
Anlagen 23 — 26 in verschiedenen Beispielen zu erkennen. Wenn die- 
selben aber für die Niederlassung von 16 Familien und für die Auf- 
nahme von 300 Kühen innerhalb der Verzäunung genügen sollten, 
mussten sie ziemlich umfangreich sein. Man wird deshalb die 
kleineren, auch ohne Mauern häufig sehr starken und hohen Burg- 
wälle den gedachten, von einem Rath umschlossenen Häuptlings- 
sitzen, oder überhaupt den späteren im Sinne des frühen Mittelalters 
in Holz ausgebauten festen Burgen zuschreiben müssen. 1 ) 



') Die Iren besassen auch schon früh in weiterem Zusammenhange Anlage 28 
erwähnte Steinbauten. Die Befestigungen mit cyklopischen Mauern und die vereinzelten 
runden und hohen steinernen Thürme weisen in die vorchristliche Zeit zurück. Giraldus 
Topogr. Hibern. distr. II c. 9 und 34 erwähnt deren 65 in verschiedenen Theilen 
der Insel. Viel älter als diese wohlgefügten Bauten müssen die Cromleaches, die 
nicht seltenen und oft ausgedehnten Steinsetzungen aus unbehauenen Felsblöcken, an- 
genommen werden, innerhalb welcher die Brehons Recht gesprochen haben sollen. 
Auch sind zwar gemauerte Reste in Burgwällen nur selten, aber die merkwürdigen 
Duns, Caisels und Cathairs in Südirland, sowie die Schilderungen der Königsburgen 
Aileach in Donegal unfern der Grenze von Derry, Eamain nahe bei Armagh, Cruachan 
in Connaught und Themair oder Tara in Meath, welche die Annalen des Tigernach 
schon zum ersten Jahrhundert nennen, führen auf sehr alten fremden Einfluss hin. 
(Sullivan a. a. O., p. 305. — G. Petrie, Griana Aileach im Ordnance Survey of the 
County of Londonderry Vol. I p. 217 und History etc. of Tara Hill, Dublin 1839. — 
Transact. of the Kilkenny archaelog. society, jährl. — M. Stokes, Early Christ, archi- 
tecture in Ireland 1818.) 



192 HI. 3. Der keltische Grundbesitz und seine Bewirtschaftung. 

Aber offenbar kann keine baile ein solches Townland, ein ver- 
zäuntes Lager, entbehrt haben, von dem aus die Weidewirthschaft 
betrieben wurde, und innerhalb dessen Umzäunungen auch wohl der 
nöthige Getreidebau stattfand. 

Im Townland wurde von den vereinten Kräften leicht das grosse 
Haus für die 16 Hirtenfamilien errichtet, welche gemeinsam unter 
dem Hausvater für die Heerde und den Haushalt sorgten. Menschen- 
und Viehzahl waren gegeneinander ausgeglichen. Neben den gemein- 
samen 300 Kühen mochten noch einige weitere Stücke im Eigenthum 
des einzelnen Familienvaters stehen, weil 7 oder 12 Stück den Besitzer 
schon zum Neme, zum Reichen, machten. Da aber 7 und selbst 
12 Kühe nicht hinreichen würden, eine Familie zu erhalten, lässt 
sich dieser Viehbesitz nur als ein Ueberschuss über den gewöhn- 
lichen Antheil an der Heerde des Townlands auffassen. 

Der Ertrag von 300 Kühen kann nach dem Boden und Klima 
Irlands für 16 Familien, welche bei diesem Zusammenwohnen nur 
zu 5 oder 6 Köpfen angeschlagen werden dürfen, als ausreichend 
erachtet werden. Er würde auf den Kopf etwa 2000 Liter Milch 
und 120 kg Fleisch ergeben, dazu wären, abgesehen von dem Ertrage 
des etwa sonst gehaltenen Viehes und von Jagd und Fischerei, noch 
50 kg angebautes Getreide zu rechnen. 

Die Erhaltung von 300 Kühen, zu denen der Bedarf einiger 
Reitpferde und Zugochsen hinzutritt, würde aber auf der Fläche 
eines Townlands, wie dieselbe sich nach den Angaben Davies und 
nach der Surveykarte (o. S. 175) berechnet, nicht denkbar sein, denn 
die gewöhnlichen kleineren Townlands enthalten nur 259,2 h Land. 
Die Kuh würde also auf 0,8 h Bodenfläche ihr Futter finden müssen. 
Wird eine Kuh, die den hier berechneten Ertrag geben soll (o. S. 146), 
auf 8 kg gutes und 5 kg geringes Heu täglich angeschlagen, so 
müsste jede Hektare durchschnittlich 5930 kg Heu im Jahre ge- 
währen. Dies ist zwar auf einzelnen vorzüglichen Fettweiden der 
Fall, der Durchschnitt des thatsächlich in den Townlands vorhan- 
denen Landes steht aber dagegen so weit zurück, dass auch bei 
hohem Anschlage das Dreifache der Fläche schwerlich für die völlige 
landwirthschaftliche Durchfütterung eines Stückes genügen würde. 

Daraus ergiebt sich, dass die gegenwärtig noch in ihren Grenzen 
vorgefundenen Townlands nicht als die alten Weidereviere der Hirten- 
zeit betrachtet werden können, sondern dass sie erst das Ergebniss 
der festen Besiedelung sind. Diese konnte kein andres als das inner- 
halb der alten Clanreviere vorhandene, zur Kultur geeignete Land in 



III. 3. Der keltische Grundbesitz und Beine Bewirthschafturig. 193 

Betrieb nehmen, nicht das ausgedehnte Sumpf-, Moor- und Bergland. 
Der Umfang der alten Weidebezirke war also, da ganz Irland in die frag- 
lichen 184 Tricha Ceds zerfiel, vorher erheblich grösser. Von den 1493 
□ Meilen, welche Irland umfasst, ist allerdings 7.5 als sehr geringes, 
last wüstes Land in Abzug zu bringen, immerhin aber bleibt für jedes 
der 184 Clangebiete eine Fläche von durchschnittlich 6,7 O Meilen 
oder 38 684 h zur Benutzung. Danach waren thatsächlich für jede 
der 9000 dem Clan zugeschriebenen Kühe 4 h an Weidefläche vor- 
handen. Zu guter Ernährung würde indess auch diese Fläche 
wegen des gebirgigen und sumpfigen Landes immer noch einen hohen 
durchschnittlichen Weideertrag und viele räume, schon einigermassen 
gepflegte Hutungen voraussetzen. Dies führt auf die Vermuthung, 
dass der Anschlag von 9000 Kühen für den einzelnen Clan nicht 
aus sehr alter, sondern erst aus der Zeit herrührt, in welcher die 
Nothwendigkeit , zur festen Ansiedelung überzugehen, schon nahe 
bevorstand. Dafür fände sich eine befriedigende Bestätigung, wenn, 
wie es scheint, Tricha Ced nicht anders übersetzt werden kann, als 
30 Hunderte. 1 ) Denn daraus würde hervorgehen, dass in der früheren 
Zeit, in der diese Bezeichnung der Clanbezirke entstand, der durch- 
schnittliche Heerdenbestand eines Clanes nicht auf 9000, sondern 
nur auf 3000 Kühe angeschlagen wurde, und sich erst mit der 
wachsenden Bevölkerung die Zahl der Townlands und des Viehes 
erhöht habe. Der alte Clan stände dann ungefähr der germanischen 
Hundertschaft gleich (o. S. 144 ff.), 10 bailes zählten etwa 900 Seelen. — 

Auch über den Uebergang zur festen Ansiedelung sind 
uns einige aufklärende Nachrichten erhalten. 

Eine irländische Handschrift von 1100 hat das vom Abte von 
Clanmacnois im 7. Jahrhundert verfasste »Buch von der schwarz- 
braunen Kuh« (Lebor na Huidre) überliefert. Dasselbe besagt, dass 
es bis zu den Tagen der Söhne von Aed Slane (im 7. Jahrhundert) 
weder einen Graben noch einen Zaun noch einen Steinwall um Grund- 
stücke gab, sondern Alles ebenes Land (smooth fields) war. 2 ) Diese 
Bemerkung wird im liber hymnorum (einem Manuskript aus dem 
11. Jahrhundert) durch die Angabe ergänzt: »Sehr zahlreich waren 
um diese Zeit (der Söhne Aed Slane's) die Einwohner Irlands und 
ihre Menge war so gross, dass sie bei der Theilung nur 3 Antheile 
von 9 Immaire Landes erhielten, nämlich 9 von Sumpf land, 9 von 
Waldland und 9 von Ackerland.« Noch heut wird im Gälischen 



') Seebohm a.a.O. S. 221. 

2 ) S. o. Seebohm S. 225; Sullivan a.a. O. S.304, Anm. übersetzt: »only level plains«. 
Meitzen, Siedeluug etc. I. 13 



194 HI- 3. Der keltische Grundbesitz und seine Bewirthschaftung. 

imir oder iomair (nach Skene: Celtic Scotland III, p. 381) für ridge, 
Ackerstreifen von etwa 1 acre Fläche, gebraucht. Danach war also 
um 500 n. Chr. die Bevölkerung des Landes auf dem Punkte angelangt, 
dass die alte Weidewirthschaft mit geringfügigem Ackerbau zum 
Unterhalte nicht mehr ausreichte, sondern die Notwendigkeit er- 
kannt wurde, zu regelmässiger Ackerbestellung in dauernden, fest 
eingezäunten, also auch der allgemeinen Weide nicht mehr zugäng- 
lichen Kämpen überzugehen, wie sie uns noch heut überall auf den 
irischen Flurkarten begegnen. Da der üblich gewordene Quarter 
120 acres irisch hatte und die Täte des Häuptlings einen Ueber- 
schuss erhielt, bilden 27 acres auch das ganz entsprechende Maass 
für die gewöhnliche Täte. 

Seebohm (S. 225) hat die Angabe des Abts von Clanmacnois 
allerdings anders aufgefasst. Er glaubt ihr entnehmen zu müssen, 
dass vor dem Auftreten der Zäune und Mauern auf dem ebenen 
Felde Feldgemeinschaft bestanden habe, d. h. die von ihm rundale 
oder Runrigsystem genannte Gemenglage der Grundstücke der ein- 
zelnen Besitzungen. Dieselben hätten in einzelnen immaires, also in 
Flächen von acre -Grösse gewannartig durcheinander gelegen. Eine 
solche Gestaltung der Feldlage würde völlig der entsprechen, welche, 
wie gezeigt wurde, überall auf dem national deutschen Gebiete ent- 
stand, und bis auf unsere Zeit gekommen ist. Zu dieser Meinung 
ist Seebohm dadurch veranlasst worden, dass sich diese gewann- 
förmige Auftheilung der Feldfluren mit Feldgemeinschaft, welche 
in jeder Beziehung, auch in ihrer strengen Hufenverfassung, mit der 
deutschen Besiedelungsweise übereinstimmt, in England mit Sicher- 
heit schon bei den Angelsachsen in weiter Verbreitimg vorfindet, 
und dass ihm dort einige Spuren davon auch schon aus römischer 
Zeit zu stammen scheinen. Ferner sind in Wales, Schottland und 
Irland eine Anzahl Beispiele von Feldgemeinschaft, theils auf ganzen 
Fluren, theils auf Almendeland, bekannt, von denen einige sogar 
noch neuerdings in Schlagwirthschaft mit wechselndem Besitze der 
Streifen in den Schlägen bewirtschaftet worden sind. 

Will man jedoch voraussetzen, dass vor dem uns bekannten festen 
Gefüge der Townlands, Quarters und Tates eine alte Felderwirth- 
schaft mit Gewanneintheilung bestand, so muss man vor allem 
fragen, welche Besitzungen es sein konnten, deren Grundstücke in 
dem Gemenge dieser Feldgemeinschaft gelegen hätten. Darauf lässt 
sich nur antworten, dass im Townland der Hirten überhaupt nur eine 
einzige Besitzung bestand, welche etwa 90 Personen bewohnten, und 



III. 3. Der keltische Grundbesitz und seine Bewirtschaftung. 195 

deren nöthiges Ackerland nach der obigen Bedarfsrechnung 3 oder 
4 Hektar nicht überstieg. Dies konnte in oder bei den Zäunen des 
Townlands bestellt werden. Aber dächte man sich auch, dass die 
1 Gavaels des alten Stammhauses bereits in 4 durch Grenzen ge- 
sonderte Quarters auseinandergefallen wären, so musste doch nach 
wie vor für jeden Quarter eine Heerde von 75 Kühen Weide rinden, 
und die wenigen Hektar Ackerland, ob sie benachbart oder vereinzelt 
lagen, mussten dagegen verschwinden. 

Seebohm geht aber auch bei seinem Gedanken davon aus, dass 
die Grenzen der Townlands unter Feldgemeinschaft keine anderen, als 
die noch jetzt bestehenden gewesen seien. Auf diesen Townlands- 
gebieten war indess die Erhaltung von 300 Kühen bei Feldwirt- 
schaft ebenso wenig möglich, Avie bei Weidewirthschaft. Denn bei 
ersterer hätten auf dem einzelnen Townland wegen der Ackerbestellung, 
welche, wie sich erweisen wird, nur mit 8 Ochsen vor dem Pfluge 
landesüblich durchgeführt werden konnte, ausser den 300 Kühen 
und abgesehen vom Kleinvieh, ungefähr 100 Zugochsen oder Pferde 
gehalten werden müssen. An die Ernährung eines solchen Vieh- 
standes wäre gar nicht zu denken gewesen. 

Thatsächlich stützt sich die Interpretation Seebohms auch nur 
auf die Angabe, dass vorher smooth fields, round land vorhanden 
gewesen, dann aber ditch, fence, stonewall, also Gräben, feste Ein- 
friedungen und Steinwälle, entstanden seien. Dass aber smooth 
fields etwas anderes als die glatte freie Weidefiäche bedeuten solle, 
ist durch nichts angedeutet. Wenn man dem Ausdrucke eine ab- 
weichende Bedeutung beimessen will, müsste es vor allem darauf 
ankommen, ob die Uebersetzung aus dem Irischen zutreffend ist. 
Jedenfalls muss indess der Gegensatz zu festen Einfriedungen in dieser 
Bedeutung zum Ausdruck gelangen. Grade dieser Gegensatz aber 
ist auf die Felder der Feldgemeinschaft nicht anwendbar, denn auf 
diesen hat stets das in den Halmen stehende Getreide eingehegt 
werden müssen, weil alles andere Land, auch Brache und Stoppeln, 
der gemeinsamen Viehweide offen stand. Ueberall, wo Vieh und 
Wild zum Acker gelangen konnten, mussten gemeinsam errichtete 
starke Zäune (o. S. 71) vom Frühjahr bis zur Ernte sorgsam er- 
halten werden. Es mussten also grade bei solchen sogenannten open 
fields allgemein um alle Ackerfelder Zäune gestanden haben. 

Aus diesen Gründen ergiebt sich also keine Veranlassung, den nach 
der Natur des Orts und der Umstände einfachsten Gedanken abzu- 
weisen, dass die Weidewirthschaft in Irland bis zur Anlage der Einzel- 

13* 



l>Mi III. 3. Der keltische Grandbesita und seine Bewirtschaftung. 



höfe bestanden hat, und diese Theilung, wie die Nachrichten besagen, 
eintrat, weil die stark angewachsene Bevölkerung dazu zwang, zum 
festen Anbau überzugehen. 

Indess lässt sich allerdings nicht verkennen, dass die einzige, 
obwohl doppelt gebrauchte Zeitbestimmung des Aufhörens der Weide- 
wirthschaft, nach den Söhnen des Aed Slane, in der Schrift des Abts 
von Clanmacnois und im liber hymnorum möglicherweise sagenhaft ist. 
Der Wandel könnte schon früher eingetreten sein. Diese Verschiebung, 
selbst um mehrere hundert Jahre, hätte jedoch keine andere Bedeu- 
tung, als dass um ebenso viel früher die agrarische Kultur durch die 
Iren erworben wurde, welche zur Anlage der Einzelhöfe gehörte, welche 
aber die Gallier schon zu Caesars Zeit besassen, und dass deshalb 
auch die Aristokratie der erblichen Grundherren, welche in Gallien 
ebenfalls zu Caesars Zeit schon allgemein bestand, eine längere Frist 
der Entwickelung bis zu ihrer Bekundung durch die brehon laws ge- 
habt hätte. Eine Notwendigkeit besteht indess weder für das eine, 
noch für das andere. 

Vielmehr hat die Durchführung der festen Ansiedelung um 600 
viel grössere Wahrscheinlichkeit, als in einer früheren Periode. Denn 
alle älteren Berichterstatter, Caesar, Strabo, Mela sprechen nur von 
Weidewirthschaft. Noch Agricola hörte nach Tacit. c. 24 von einem 
vertriebenen, ihm befreundeten irischen Fürsten oft, dass die ganze 
Insel mit einer Legion erobert und behauptet werden könne. Um 
250 aber erfolgte die Auswanderung der Scoten zur Eroberung des 
für Iren keinesweges besonders einladenden Schottlands. Etwa 360 
folgten ihnen bereits Pictenschaaren, mit denen die Römer ernste 
Kämpfe hatten (Ammian. Marc. 26, 4 und 27, 8). Zum Jahre 480 
aber berichten die Annales Ultonienses von starker Zunahme der Be- 
völkerung, und 500 findet die zweite sehr zahlreiche Auswanderung 
der Picten statt. Zu gleicher Zeit aber gewinnt das Christenthum 
Eingang. Es werden im Norden die ersten Klöster gegründet und 
verbreiten sich bis 600 beträchtlich. Sie werden so eifrige Bildungs- 
stätten, dass Columban schon 590 mit 12 Brüdern Missionen in 
Gallien, der Schweiz und Italien beginnt. Die Klöster aber wollten 
feste Niederlassungen mit bleibendem Anbau gründen, und forderten 
ausschliesslichen Landbesitz. Ein wesentlicher Theil der Kloster- 
bildung war auf landwirthschaftliche Kultur gerichtet. Die Mönche 
waren auch mit dem auf Einzelhöfen beruhenden Anbau in Gallien 
und dessen hoher Entwickelung durchaus bekannt. Offenbar war 
also die Zeit ihres grössten Einflusses bei den Königen und Haupt- 



III. 3. Der keltische Grundbesitz und seine Bewirtschaftung. 1 97 

lingen Irlands die für einen so durchgreifenden Wechsel und dessen 
bedeutende Anforderungen (o. S. 154) günstigste. Weil dieser Ueber- 
gang zur feston Siedelung für die gleiche Bevölkerung erheblich 
weniger Land beanspruchte, deutet auch der Umstand, dass nach 
der Zeit von 500 kenne Massenaus Wanderung der Iren mehr bekundet 
wird, auf die Richtigkeit der Ueberlieferung hin. 

Da die Clanhäuptlinge über ihre Clangenossen, über die Häupt- 
linge aber die vier Könige und über diese der Oberkönig mit dem 
Beirath der Häuptlinge unbedingte väterliche Gewalt übten, konnte 
die einheitliche Durchführung der Landvertheilung, wenn sie Be- 
schluss der Landesversammlung war, keinen wesentlichen Schwierig- 
keiten begegnen. Die Häuptlinge befahlen über den gesammten Wirth- 
schaftsbetrieb so unbedingt, dass sich jeder andere fügen musste. 
Sie waren dabei die einzigen, welche ein entgegenstehendes Interesse 
haben konnten, denn alle ihre Hausgenossen gewannen, wenn die 
Ackerarbeit unvermeidlich war, durch dieselbe wenigstens an Selbst- 
ständigkeit und behaglichem häuslichen Leben. 

Die Anlage der Einzelhöfe schloss sich unmittelbar an die Ein- 
heit der im alten Clanhause zusammenwohnenden Familien, mit ihrer 
Scheidung in 4 Gavaels an. Das Townland erhielt nach der Boden- 
güte die bestimmte Landfläche, jedes derselben aber wurde als Ein- 
heit von 4 Quarter aufgefasst. In der Regel theilte sich der Quarter 
nach den 4 randirs oder gweles in 4 Tates, möglicherweise auch hier 
und da in 3 seisrighs. Letztere werden auch als plouglands be- 
zeichnet, und können, wo 6 Tates vorkommen, in je 2 Tates getheilt 
worden sein. 

Das Wesen der neuen Einrichtung spricht sich schon darin 
deutlich aus, dass Quarters und Tates in festen Grenzen bis auf 
unsere Zeit gekommen sind. Sie bildeten unveränderliche, geschlossene 
Landgebiete, und lassen sich darin mit den o. S. 51 gedachten, eben- 
falls grundherrlich angelegten Waldhufen in Deutschland vergleichen. 
Obwohl die Waldhufen eine gestreckte, die Tates eine abgerundete 
Form ihrer Planlage besitzen, sind doch die bei der Anlage ge- 
zogenen Abgrenzungen bekannt und unverändert, ganz gleich, ob die 
ursprünglich als einheitliche Landgüter gedachten Hufen vollständig 
parzellirt in die Hände vieler Besitzer kamen, oder ob mehrere 
solcher Hufen von demselben Wirthe erworben wurden. Die Wald 
hufen haben auch fast genau dieselbe Grösse von 32 h, wie die 
Tates in Monaghan und anderen ungünstigen Theilen Irlands, 
während die gewöhnlichen halb so grossen Tates der günstigen 



(98 IH- 3. r>er keltische Grundbesitz und seine Bewirtschaftung. 

Gegenden der Insel mit 16 h den üblichen Landhilfen Deutsch- 
lands entsprechen. 

Augenscheinlich sind ursprünglich auch die Tates, wie die 
deutschen Hufen als solche Landgüter gedacht, welche einer bäuer- 
lichen Familie ausreichenden Unterhalt sichern. Dies allein konnte 
den Familienvater, der bisher in einem der Randirs des Townlandes 
sein und der Seinigen Leben gesichert fand, zufriedenstellen. Ihm 
wurde nunmehr ein solches Landgut zur Bewirthschaftung zugewiesen. 
Damit löste sich die unhaltbar gewordene alte Weidewirthschaft auf. 
Der Milchviehstand des Townlands musste wesentlich beschränkt 
werden. Die einzelne Täte brauchte etwa 8 Zugochsen, einige Pferde 
und Schweine und wird deshalb nicht mehr als 4 oder 6 Kühe 
haben halten können. Nahrung für Menschen und Vieh musste 
durch Getreidebau erzielt werden. Die Häuptlinge erhielten ausser 
dem Demesneland bei ihrer Täte wahrscheinlich noch entfernte Berg- 
weiden, Wald- und Sumpfländereien, welche sie durch Knechte und 
Verarmte mit Rindvieh und Schafen betreiben lassen konnten. Die 
Hauptmasse der Clanmitglieder musste sich aber geregeltem Acker- 
bau zuwenden. 

Dass dadurch das patriarchalische Verhältniss des Hausvaters 
und des Clanhäuptlings zu seinen früheren Hausgenossen wesentlich 
verändert worden sein sollte, ist wenigstens für die älteren Zeiten 
nicht anzunehmen. Die Tates vertraten nur die Randirs. Wer die 
Randirs vergab, konnte auch die Tates vergeben. Jeder Familien- 
vater des Randir mag anfänglich seine Täte auf Lebenszeit erhalten 
haben, wie es die Clanverfassung überliefert. Die heranwachsenden 
Söhne blieben im Hause des Vaters, konnten sie aber beim Ableben 
desselben nicht durch ganze Tates befriedigt werden, so musste der 
Tanaist zur Theilung der Tates schreiten. Seitdem erst können alle 
die eigenthümlichen gleichen Anrechte der Clanmitglieder an den 
Grundbesitz und die gleichwohl bekundeten sehr ungleichen Zer- 
stückelungen desselben entstanden sein. Hierher gehören ersichtlich 
die Angaben O'Curry's (o. S. 190), nach denen der Og-aire und Bo- 
aire nur der 4. Theil eines Pfluges, erst der Bo-aire Geusa einen 
ganzen Pflug besitzen, und noch des Aire-desa Haus, der auf Freiland 
vom Grossvater her sass, nur 8 Betten hat. Ob aber die Tates früher 
oder später in verschiedene Theile zerlegt werden mussten, änderte 
den Bestand des alten Hauptgutes nicht. Da der Rang durch den 
persönlichen Reichthum bedingt war, und mit diesem gewonnen und 
verloren wurde, auch Vasallenthum und Knechtschaft wesentlich von 



III. 3. Der keltische Grundbesitz und seine Bewirtschaftung. 199 

Schuldverhältnissen abhängig waren, der Grund und Boden aber nur 
in lebenslänglicher Nutzung stand, konnten dem Anscheine nach 
auch die verschiedenen Adels- und Hörigkeitsstufen neben dem neuen 
Grundbesitze und unabhängig von demselben bestehen und wechseln. 

Aber allerdings gaben schon die Häuptlingsfamilien selbst das 
Vorbild des erblichen Besitzes, und es war kaum zu vermeiden, 
dass es durch Reichthum und Einfluss auch anderen Mächtigen ge- 
Lang, mehr und mehr von dem abhängigen Kleinbesitz in ihrer 
Hand zu vereinigen und unter gewissen Formen dauernd festzuhalten. 

Nähere Anhaltspunkte für diese Entwickelung ergeben die aus 
Wales bekannten Verhältnisse. 

Wales besitzt in den leges Molmutinae ebenfalls Rechtstriaden 
von frühem Ursprung, und in den Venedotischen , Gwentischen und 
Dimetischen Gesetzbüchern Reste der Gesetze der drei alten König- 
reiche, in welche Wales zerfiel.' 1 ) Diese Gesetze sind um 940 von 
Howel dem Guten gesammelt 2 ) und mit seinen Rathgebern nicht 
ohne christlichen und römisch - rechtlichen Einfluss umgearbeitet 
worden. Sie sind auch erst aus Handschriften von 1300 bekannt, 
welche bis dahin noch Einfügungen erhalten haben. Indess behielt 
König Howel die alten Landeintheilungen bei. 

In dieser Beziehung besteht nun zwar in Wales nicht wie in 
den Ueberlieferungen Irlands volle Klarheit über den Bestand der 
('kmbezirke, welche hier Llewyth, Cenedl oder wie es scheint auch 
Cantrev genannt werden. Es ist ein grosser Unterschied zwischen Nord- 
und Südwales. Denn nach dem Nordwalisischen Venedotian code 
(Anc. laws of Wal. I, p. 187) hat der cantrev, d. h. 100 trevs, 2 cyrnwd, 
der cymwd oder comote 12 maenols und 2 überschüssige trevs, der 
maenol 4 trevs, 1 trev 4 gavaels; 1 gavael 4 randirs; 1 randir 
4 tyddyns oder Heimstätten, und 1 tyddyn 4 erws. Dies erw ist 
das moderne wälische Wort für acre, im alten Wälisch bedeutete es 
einen zwischen Rainen von 2 Furchen Breite liegenden Ackerstreifen 
von unbekannter, aber anscheinend etwas kleinerer Fläche als ein 
Statute acre. 3 ) Die cymwds standen unter einem maer und einem 



') Venedotia und Gwynedd, welche zur Römerzeit von den Ordovices und Silures 
bewohnt wurden, bilden Nordwales, Demetia ist Südwales, es wurde ebenso wie 
Damnonia, Westwales, zur Römerzeit von den Demetes bewohnt. 

2 ) R. Schmid, Gesetze der Angelsachsen, 1. Aufl. 1832. Einl. § 3. 

3 ) Der Gwentian code (Ebd. p. 769) sagt zwar: »Es waren 18 Fuss in der Ruthe 
Howels des Guten, und 18 solche Ruthen waren die Länge des Erw und 2 Ruthen 
die Breite,« aber die Fläche von etwa 1 1 ar, die sich danach berechnet, ist zu klein 
und muss bezweifelt werden. 



200 HI- 3. Der keltische Grandbesitz und seine Bewiithschaftung. 

cangkellor, einem Beamten des Häuptlings, der die Gerichtsbarkeit 
besass. Von den 12 maenols sollte deshalb ein freier dem Maier 
und ein freier dem Kanzler zustehen, 6 sollten im Besitz von uchelwers 
oder Freien, die eine bestimmte Abgabe zahlten, stehen, und 4 sollten 
eingetragene mit Tafelgaben an den Häuptling belastete Wirthschaften 
von aillts oder taeogs sein. (Ancient laws of Wales I, p. 189). 

In Südwales ist die Eintheilung eine ganz andere. Es sollen hier 
4 randirs im trev sein, von denen des Königs Abgabe (gwesta) zu 
zahlen ist (Ebd. I, p. 767), im randir aber sollen zusammen 312 erws 
sein, Rodeland und Heide, Wald und Feld, trockenes und feuchtes 
Land eingerechnet (Ebd. I, p. 769). Dabei wird in der lateinischen 
Uebersetzung bemerkt, dass die über 300 gezählten 12 erw im randir 
für Gebäude bestimmt seien (Ebd. II, 852). Seebohm a. a. 0. p. 204 
nimmt von je 4 dieser 12 erw 3 für Gehöfte an. Nach den Bestim- 
mungen des Gwentian Code sollen nun 13 solcher trevs in jedem 
maenol sein, und der dreizehnte derselben ist der überzählige trev, 
von dem eine irische Glosse sagt, dass er ein trev des uchelwer sei 
»withaut an officer over it, wiihaut an officer from it.« Danach besitzt 
der trev, der ersichtlich dem irischen Townland von 640 — 1280 acres 
gleichsteht, in Südwales 1248, in Nordwales dagegen nur 256 erw 
eigene ihm überwiesene Ländereien. In Südwales stehen 12 trevs, 
im Gebirge 13, unter einem maer, erscheinen als freie trevs, und 
haben ihren eigenen Gerichtshof. Ausserdem aber giebt es taeog- 
maenols. Es waren im taeog- maenol 7 taeog-trevs, jedes trew hatte 
3 randirs, und zwar 2, auf welche je 3 taeog-tyddvns kamen, während 
das 3. für die beiden anderen Weideland war. Es waren daher 
6 taeog-stellen in jedem taeog-trev (Anc. laws of W. I. 769). 

Diese Unterschiede, die sich aus der Wirthschaftsweise noch 
erläutern werden, zeigen gleichwohl darin Uebereinstimmung, dass 
wenigstens für die Freien eine regelmässig von Viertheilung zu Vier- 
theilung fortschreitende nach Maassen festgestellte Abgrenzung der 
Güter im Clanbezirke ähnlich wie in Irland bestand, dass also auch 
hier diese festbegrenzten Landbesitzungen von etwaigen Landtheilungen 
unter die Clanmitglieder in ihrem Bestände nicht berührt wurden. 

Seebohm zeigt nun, dass die 3 wälischen Gesetzsammlungen 
gleichmässig Hof und Land des freien Wallisers als einen Familien- 
besitz darstellen. So lange als das Haupt der Familie lebte, lebten 
alle seine Nachkommen bei ihm, anscheinend auf demselben Hofe, 
falls nicht neue Wohnungen für sie daneben errichtet wurden. Jeden- 
falls gehörten sie sämmtlich als Glieder zum gemeinsamen Haushalt, 



III. 3. Der keltische Grundbesitz und seine Bewirthschaftung. 201 

an dessen Spitze er stand (Anc. laws of W. I, p. 81). Starb ein freier 
Stammesgenosse, das Haupt eines Haushaltes, so wurde sein Besitz- 
thum nicht getheilt, sondern während drei Menschenleben von seinen 
Erben gemeinsam besessen. Es führte den Namen: das Grundstück 
der Erben des N. N. An diesen Gemeinbesitz hatten die Söhne 
gleiches Anrecht; jedoch blieb der jüngste Sohn im alten Hause 
wohnen, und seine Brüder erhielten andere tyddyns auf dem Familien- 
lande. Sämmtliche Söhne aber besassen gleiche Rechte an den 
Aeckern und Weiden der Besitzung und hatten gleiche Antheile des 
Familiengutes inne. Wenn alle Brüder gestorben waren, fand, falls 
es gewünscht wurde, eine Wiedervertheilung statt, um die Miterben, 
die nunmehr Vettern ersten Grades waren, gleichzustellen. Nach 
dem Tode der Vettern ersten Grades konnte nochmals eine Verthei- 
lung stattfinden, um die Miterben gleichzustellen, die jetzt Vettern 
im zweiten Grade waren. Hiermit aber hörte das Erbrecht auf. Der 
Vetter zweiten Grades begann also mit seinen Grundstücken eine 
neue Besitzerreihe, die bis zu seinen Urenkeln reichte. Starb Jemand 
ohne Leibeserben, und fanden sich keine Verwandten innerhalb der 
obigen Grade, so fiel das Grundstück an den Häuptling, als den 
Vertreter des Stammes, zurück. Den Urgrossvater pflegte man dem- 
nach als den gemeinsamen Ahnen zu betrachten, und seinen Namen 
führte das Grundstück, welches seine Urenkel gemeinsam inne hatten. 
Das Familienband verknüpfte diese mit dem Urgrossvater; allein bis 
auf die weitere Nachkommenschaft reichte es nicht hinab (Venedotian 
Code II c. 12: The laws of Brothers for land, Anc. laws I, p. 167, vergl. 
Ebd. II, p. 291 und 687). Es ist klar, dass auf diese Weise Familien- 
erbrecht an den bestehenden Gütern statt der nur lebenslänglichen 
Nutzniessung des alten Clanlandes getreten war. 

Was aber in Wales Gesetz werden konnte, ist in Irland sicher 
in häufiger Uebung gewesen. Die entstehende Erblichkeit entsprach 
durchaus dem natürlichen Gange der Entwickelung. Es giebt aber 
auch in den irischen Gesetzen Hinweisungen auf ähnliche Verhält- 
nisse. Denn sie sprechen den Grundsatz aus, die fines (d. h. die 
Familien) erhalten sich selbst. Sie bilden eine geschlossene Einheit 
nach aussen hin, ihr Grundeigentum ist zwar vertheilt, aber jeder 
zeitweilige Besitzer eines solchen Grundstückes ist den Seinigen da- 
für verantwortlich. Er darf es nie verkaufen, verheimlichen, weg- 
geben oder Bussen oder Schulden damit bezahlen. 1 ) 



', Henry Summer Maine, Lecturcs on the early history of institutions. London 1875. 



202 HI- 4. Dauernder Einfluss der Clanverfassung. 



4. Dauernder Einfluss der Clanverfassung. 

Trotz des durch das Eindringen der Erblichkeit unvermeidlichen 
Verfalles der Clanverfassung erhielt sich doch eine bleibende Nach- 
wirkung derselben. 

Nachdrückliche Ansprüche auf Betheiligung am Clanlande waren 
auch in späterer Zeit Seitens der Clanhäuptlinge anscheinend immer 
noch ohne besondere Schwierigkeiten zu befriedigen. Der für den 
Anbau geeigneteste Theil des Landes war zwar vertheilt. Berechnet 
man aber nach den durch die Surveykarten verbürgten Flächen- 
angaben den fest gewordenen Grundbesitz, so zeigt sich wie grosse 
Strecken Landes noch vorhanden waren, aus denen die nöthigen 
Grundstücke an Berechtigte abgegeben werden konnten. Es scheint 
dies nöthigen Falls durch Ausweisung neuer Townlands auf bisher 
nicht kultivirtem Boden geschehen zu sein. Denn nach den Angaben 
für das 7. Jahrhundert bestanden damals 5520 Townlands zu je 
4 Quarters und diese enthielten zu je 4 oder 6 Tates zusammen un- 
gefähr 10 000 beackerte Heimstätten. Das Areal der Heimstätte 
betrug in der Regel 30 acres, in einigen Gegenden wie in Monaghan 
aber 60. Werden letztere zum 4. Theile angeschlagen, so umfassen 
die damals bestehenden Heimstätten ein Areal von 3 750 000 irischen 
oder 5 000 000 Statute acres. Davon wäre nach der Angabe der alten 
Ueberlieferung Vs auf Ackerland zu rechnen. Gegenwärtig werden 
6 Mill. acres Ackerland in Irland gezählt. Es ist nicht unange- 
messen, dass davon im 7. Jahrhundert nur 1660 000 bebaut waren, 
aber das Verhältniss zeigt, dass neben den Ländereien der damals 
vorhandenen Tates noch zahlreiche ähnliche Heimstätten auf kultur- 
fähigem Boden vergeben werden konnten. 

Dies ist auch in der That geschehen, denn die Zahl der Town- 
lands war bis 1598 von 5520 auf 6814 angewachsen. Es waren 
also 20 704 Tates mit mindestens 800000 Statute acres Land mehr 
angesiedelt. Daneben hatten aber die Häuptlinge Gelegenheit gehabt, 
in weniger strenger Form auf ihrem Demesneland taeogs und 
sonstige Anbauer anzusetzen, und es stand ihnen sicher frei, auch 
auf anderem unvergebenen Lande solche Ansiedelungen zu gestatten. 
Wenigstens erfahren wir für Schottland noch aus dem Jahre 1746, 
bis zu welchem die schottischen Clane fortbestanden, dass dort der 
einzelne Clanberechtigte, obgleich er von den Häuptlingen als ein 
Höriger betrachtet wurde, dennoch für seine Person frei war, und 



III. 4. Dauernder Einflues der Clanverfassung. 203 

mit seinem beweglichen Eigenthum auswandern konnte. Er besass 
eine Steinhütte und ein mit einem Steinwall umgebenes Stück Land 
und leistete dafür einige Dienste und Abgaben an Fellen, Federn, 
gedörrten Fischen, Schafen und ähnliches. Dafür konnte er seine 
Wohnung im Clan aufschlagen, wo es ihm anstand, und Fischerei, 
Jagd, Weide oder Forstnutzung war ihm überall erlaubt. 1 ) Je früher 
hinauf desto sicherer ist dieser Kreis von Berechtigungen der Clan- 
mitglieder auch für Irland anzunehmen. Zu solcher Lebensweise 
war neben dem den Tates zugewiesenen Lande noch Raum genug. 

Es geht aber auch aus Anc. laws of Irl. I, p. 152 hervor, dass 
mindestens im 11. Jahrhundert sich in Irland bereits eine Art Pacht - 
verhältniss für die Clanmitglieder auf dem vom Häuptling zu ver- 
gebenden Lande eingeführt hatte. 2 ) Es heisst dort: »Die 3 Renten 
sind rackrent, von einer Person eines fremden Clans, fair rent, von 
einer aus dem Clan, und stipulated rent, welche in gleicher Weise 
von Mitgliedern des eigenen wie des fremden Clans gezahlt wird.« 

Es war also genügend Land vorhanden, um auch Pächter aus 
anderen Clanen aufzunehmen, und es konnten mit diesen wie mit 
den Mitgliedern des eigenen Clans beliebige Abkommen über die zu 
zahlende Rente getroffen werden. Als Regel aber scheint das Mit- 
glied des eigenen Clans das Vorzugsrecht ausgeübt zu haben, Pacht- 
land gegen fair rent zu beanspruchen, d. h. gegen eine billige und 
massige, eine niedrigere als die rackrent. Unter rackrent aber wurde 
nach Seebohms Meinung 3 ) eine Rente verstanden, welche gegen den 
vollen Ertrag abgemessen, dem Pächter nach Abzug der Auslagen 
und Kosten nur einen der üblichen Lebensweise angepassten Ver- 
dienst übrig zu lassen vermag. Die fair rent sollte also dem Clan- 
mitgliede im Verhältniss zur Pacht günstigere Lebensbedingungen 
gewähren. 

Thatsächlich waren somit im Clan zwar feste nach Erbrecht 
theilbare, den wohlhabenden Familien gehörige Besitzungen entstanden, 
das diesen nicht überwiesene gemeinschaftliche Land des Clans aber 
wurde vom Häuptling, der ja auch nach der ältesten volkstümlichen 
Auffassung die Vertheilung wie ein Patriarch nach Ermessen vor- 
zunehmen befugt war, an Ansuchende gegen Renten überlassen, bei 
denen am wahrscheinlichsten die herkömmlichen Leistungen der Clan- 



') Skene, Celtic Scotland, Th. III, p. 155. 

*) Henry Summer Maine Village Communities. London 1871, S. 186. 
3 ) The historical Claims of tenant right. The Nineteenth Century, monthly 
review. Jan. 1881. 



•J04 TU. 4. Dauernder Einfluss der Clanverfassung. 

mitglieder den Maasstab gaben. Die Pacht hatte also grosse Aehnlichkeit 
mit der von Alters her üblichen Ansthimng des Hoflandes des Häupt- 
lings an Taeogs und andere Schützlinge. Der Häuptling trat aber 
durch sie immer mehr in die Stellung des Grund- und Gutsherrn 
über das Clanland. — 

Ob dabei die nominelle Unterwerfung Irlands durch Heinrich IL 
1169— 1170 einen Einfluss geübt hat, kann dahin gestellt bleiben. 
Der unmittelbare Besitz des englischen Königs erstreckte sich nur über 
Leinster, Meath und Waterford mit der Küste von da bis Dungervan. 
Hier wurde das normannische Lehnssystem durchgeführt. Aber im 
öffentlichen Staatsrecht galten auch die anderen Häuptlinge der Krone 
gegenüber als Vasallen und Lehnsträger des gesammten Clanlandes, 
worin sie später ein Gesetz von 1570 ausdrücklich bestätigte. 

Die Kämpfe unter Heinrich VIII., Maria und Elisabeth, welche 
Anfangs den Charakter politischer Fehden hatten, mehr und mehr 
aber zu Religionskriegen wurden und bis zur Vernichtung ganzer 
Clane führten, haben die Beziehungen der Häuptlinge zu den Clan- 
mitgliedern, die ihre Mannschaft bildeten, jedenfalls enger geknüpft 
und die Häuptlinge veranlasst, den volksthümlichen Anschauungen 
und Ansprüchen möglichst wenig entgegenzutreten. Auch mochten 
die mörderischen Feldzüge so viele Besitzungen wüst und erblos 
machen, dass das Recht auf Verleihung wieder häufig zur Ausübung 
kommen konnte. 

Daraus erklärt sich wahrscheinlich, dass in Sir John Davies 
Berichten die Erinnerungen an das Clanrecht mehr hervortreten, 
als sich in den Thatsachen selbst, die er mittheilt, ausgesprochen 
findet. Diese Thatsachen zeigen im Wesentlichen nur die augen- 
scheinlichen Folgen der erbrechtlichen, nicht der clanrechtlichen Thei- 
lung- der Besitzungen. Davies aber sagt gleichwohl: »Nachdem irischen 
Herkommen des gavelkind waren die geringeren Güter (the inferior 
tenancies) unter alle Männer des Sept theilbar, und wenn nach voll- 
zogener Vertheilung ein Angehöriger des Sept starb, so fiel sein 
Antheil nicht an seine Söhne, sondern das Haupt des Sept veran- 
staltete eine neue Vertheilung aller Ländereien, die jenem Sept an- 
gehörten, und gab jedem seinen Antheil nach seiner Anciennität 
(antiquity).« Er meint auch: »dass in der Unsicherheit des Besitzes 
die wahre Ursache der trostlosen Wirthschaft und der Barbarei in 
diesem Lande zu suchen sei.« Andererseits berichtet er, »dass bei 
seinen Feststellungen des Besitzstandes einige Schriftkundige oder 
Gelehrte, die er zugezogen, alle Septs und Familien der Gegend, und 



III. 4. Dauernder Einlluss der Clanverfassung. 205 

alle ihre Abzweigungen, und die Würde eines jeden Sept im Ver- 
gleich zu den übrigen, gekannt hätten, auch welche Familien oder 
Personen Oberhaupt eines Sept sind, und welche andere ihnen zu- 
nächst folgen, und welche dritten Ranges sind u. s. w. bis zum 
allergeringsten Manne. Sie hätten es sogar unternommen, anzugeben, 
wie viel Land ein jeder Mann nach dem Herkommen ihres Landes 
besitzen solle, welches eine Art Gavelkind ist. Dieser Einrichtung 
wegen seien, da die Septs oder Familien sich vermehrten, ihre Be- 
sitzungen von Zeit zu Zeit vertheilt und wieder vertheilt und in so viele 
kleine Stücke zerlegt worden, dass fast ein jeder Morgen Landes seinen 
eigenen Besitzer hat, der sich »Herr« nennt, und seinen Antheil als sein 
Land (his country) bezeichnet. Nichts desto weniger gebe es Häupt- 
linge für jeden Sept, und gewisse Dienste, Pflichten und Domainen, 
die immer auf das Oberhaupt (Tanaist) des Septs übergingen und 
nie der Vertheilung unterlägen.« (Seebohm, engl, village com. p. 218.) 

Als 1606 ein Sept der Grahams unter dem Häuptling Walter, 
dem Gude man von Hetherby, Störungen an der schottischen Grenze 
verursachte, wurde der ganze Clan aus Cumberland nach der irischen 
Grafschaft Roscommon hinüber verpflanzt. Die Verfügung zeigt, 
dass er aus 124 Personen bestand, die fast alle den Zunamen 
Graham führten. Sie zerfielen in Familien, von denen 17 als Besitzer 
von 20 Lstr. und mehr verzeichnet sind, 4 von 10 Lstr. und mehr, 
6 als ärmere und 6 als Unvermögende, während als Abhängige 4 Diener 
Namens Graham und sonst noch ein Anhang von etwa 12 Leuten 
angeführt werden. In Roscommon erhielt nur jeder vornehmere 
Hausstand ein Quarter Landes im Umfange von 120 acres ange- 
wiesen, die andern nach Verhältniss weniger (Seebohm, ebd. p. 220). 

Auch diese Verschiedenheiten hätten gar nicht entstehen können, 
wenn nicht an die Stelle der alten gleichmässigen Vertheilung der 
Ländereien an alle Clanmitglieder, abgesehen vom Häuptlinge, längst 
für einen sehr grossen Theil der Besitzungen die familienrechtliche 
Vererbung eingetreten gewesen wäre, welche den ärmeren Clanmit- 
gliedern wenn nicht unmöglich, so doch wenig erfolgreich erscheinen 
Hess, auf Ausweisung von Antheilen an dem übrigen Lande zu 
bestehen. 

Dabei kann gleichwohl, vielleicht auch verschieden in den ver- 
schiedenen Clanen, die Gefahr, ihren Besitz durch Einwilligung des 
Häuptlings in neue Theilungen zu verlieren, über einer grösseren 
oder kleineren Anzahl der Insassen geschwebt haben. Jedenfalls waren 
alle gegen Rente überlassenen Ländereien kein fester Besitz. — 



206 III. 4. Dauernder Einfluss der Clanverfassung. 

Sir John Davies zeigt durchaus richtige Erkenntniss der wahren Be- 
dürfnisse der Bevölkerung. Schon 1605 hoben in seinem Sinne obere 
richterliche Entscheidungen den Heimfall der Grundstücke beim Tode 
des Besitzers und die neue Vertheilung des Landes nach dem Ermessen 
des Tanaist, das sogenannte Tanistry- System, als überall ungültig 
auf und erklärten den Grundsatz, dass das von dem Einzelnen be- 
sessene Land fortan sein freies vererbliches Eigenthum sei. Zugleich 
wurde das »fälschlich« Gavelkind genannte gleiche Erbrecht der un- 
ehelichen Söhne beseitigt. Auch die damaligen acts of settlement, 
durch welche ausgedehnte Landstriche, deren Häuptlinge vertrieben 
worden waren, an englische Grosse und Korporationen zur Besiede- 
lung überlassen wurden, schrieben eine angemessene Ueberweisung 
der Ländereien an Ansiedler zu Eigenthum vor. 

Jacob I. Absichten waren die besten und eines Königs von Eng- 
land würdig. Er wollte die gewaltthätige Macht der irischen Häupt- 
linge brechen, und dem Einzelnen aus dem Volke die Freiheit des 
Engländers geben. Aber leider verkehrten sich diese Ideen in ihr 
Gegentheil. Die persönliche Freiheit wurde allerdings erreicht. 
Aber sie blieb eine Vogelfreiheit, denn die Gewährung von Eigen- 
thums scheiterte völlig. Es ist traurig, aber erklärlich, dass dieses 
Mittel, welches Irland vielleicht als ein glückliches Land auf unsere 
Zeit gebracht hätte, von allen Seiten Widerstand fand. Die Häupt- 
linge, Landlords und Ansiedelungsgesellschaften verfochten ihr mög- 
lichst unbeschränktes Verfügungsrecht über das Land , das Volk 
empörte sich wegen der Neuerung, welche gegen die herkömmlichen 
Anschauungen und die wenn auch imaginären Anwartsrechte ver- 
stiess, die Richter aber sahen in ihr ein Unrecht und waren über- 
dies gefährlichen Bedrohungen ausgesetzt. Es fand sich kein Ge- 
richtshof, der die Anordnungen ins Leben führte. 

Je mehr in allen nachfolgenden Wirren bis unter Cromwell 
und Wilhelm v. Oranien der irische Adel niedergeworfen und durch 
englischen ersetzt wurde, desto mehr breitete sich das Verhältniss 
des Landlords als Grundherr des Bodens, und des Landvolks als 
Pächter im Sinne der gedachten Rentenvertragspflicht aus, und bildete 
schliesslich die fast allein herrschende Form des Besitzes. Dabei 
wurde die Härte dieser Umgestaltung allerdings nur allmählich, in 
ihrer vollen Unerträglichkeit eigentlich erst im Laufe unseres Jahr- 
hunderts fühlbar. 

Im Norden Irlands war die Provinz Ulster schon von Jacob I. 
mit schottischen Bauern besiedelt worden, welche die Forderung der 






III. 5. Das Runrigsystem und das Zusammenpflügen. 207 



fair rent weiter zum sogenannten Ulster Custom entwickelten und 
denselben mit zähem, oft blutigem Widerstände bis zur Gegenwart 
festhielten. Sein Inhalt ist, dass zwar die fair rent nach Umständen 
gesteigert werden kann, gleichwohl aber ein Recht auf fixity of tenure 
oder fix rent besteht, d. h. die Pacht ist dauernd, nur an die Bedingung 
der Zahlung der fair rent in den Jahren, die einen Ernteertrag 
liefern, geknüpft. Nur wer, obgleich er aus der Ernte eine Ein- 
nahme gehabt hat, die Pacht nicht zahlt, darf entsetzt werden, in- 
dess hat der Landlord auch in letzterem Fall niemals das Recht, 
ihn ohne Entschädigung auszutreiben, vielmehr ist die Pachtung auch 
free, der nachfolgende Tenant muss dem fortgehenden die Farm ab- 
kaufen, d. h. eine nach der Gegend und Zeit wechselnde Abstands- 
summe leisten, dann erst ist nach Ulster Custom oder Tenant right 
verfahren . x ) 

Diese Rechte bilden die sogenannten 3 F, welche das übrige 
Irland vergeblich erstrebt hat. Ausserhalb Ulster hat sich mit wenigen 
Ausnahmen überall die Jahreszeitpacht mit um so verderblicheren 
Folgen verbreitet, weil nach englischem Pachtrecht nur der Grund und 
Boden Gegenstand der Pacht ist, der Pächter Inventar und Gebäude 
selbst beschaffen muss, und nach Ablauf der Pacht nur wieder fort- 
nehmen kann, dabei auch auf eine Entschädigung für ausgeführte 
Verbesserungen kein Rechtsanspruch bestand. 

Dies war im Wesentlichen der Zustand der agrarischen Ver- 
hältnisse, welcher sich aus der alten nationalen Clanverfassung, wie 
sich gezeigt hat, nicht durch einen fremden, von Aussen wirkenden 
Einfluss, vielmehr mit einer gewissen Nothwendigkeit aus ihrem 
inneren Gegensatze zu den Ansprüchen des Individuums entwickelte. 
Diese Ansprüche mussten sich unvermeidlich mit der fortschreitenden 
Kultur geltend machen, sobald auch nur Einzelnen, wie den Häupt- 
lingen oder dem reich gewordenen Adel, die Macht zu Gebot stand, 
sie zu verwirklichen. 

5. Das Runrigsystem und das Zusammenpflügen. 

Nach dem gewonnenen Ueberblicke lassen für Irland, wie für 
Wales, die thatsächlichen Anzeichen und Ueberlieferungen und die 
wirtschaftlichen Gründe nur den Schluss zu, dass vor dem allgemein 
verbreiteten System umzäunter Feldkämpe und geschlossener Land- 



') Henry Dix Hutton, handybook of farm Tenure and Purchase under the Land- 
lord and Tenant (Ireland) Act. 1870, Dublin 1872 p. 8. 



•_'< (8 III. 5. Das Runrigeystem und das Zusamraenpflttgen. 

eintheilung in Townlands, Quarters und Tates nicht eine anders ein- 
gerichtete Feldeintheilung, sondern nur allgemeine Weidewirthschaft 
mit geringem sporadischem Anbau bestanden hat, und unter allen 
Umständen muss seitdem jede Art des Besitzes und des Wirthschafts- 
betriebes innerhalb der Townlands der Feldeintheilung in feste ver- 
zäunte Kämpe untergeordnet, oder doch nicht im Widerspruche mit 
ihr gewesen sein. 

Gleichwohl sind in beiden Ländern und ähnlich auch in Schott- 
land agrarische Einrichtungen bekannt, welche mit dem obersten 
Grandsatze der Einzelhofwirthsehaft, der Unabhängigkeit ihres Be- 
triebes von den Nachbarhöfen, in unvereinbarem Gegensatz zu stehen 
scheinen. Es werden Beispiele unzweifelhafter Feldgemeinschaft be- 
kundet und in nachgewiesenen Fällen solche gemeinsame Ländereien 
auch zu periodischem Nutzungswechsel unter den Betheiligten ver- 
lorst. Diese Erscheinungen werden als das Runrigsystem oder als 
runrig oder rundale bezeichnet. Es fragt sich, wo ihr Ursprung zu 
suchen, und ob in ihnen ein Rest alten volkstümlichen Gemein- 
besitzes zu sehen ist. 

Unter Ridge oder rig versteht man, wie o. S. 194 zeigt, ein 
Ackerstück von etwa 1 acre Fläche. Ein irish acre, ein Statute acre 
oder ein erw wird ein ridge, wenn er in geringer Breite und verhältniss- 
mässig grosser Länge abgemessen wird. Ein Statute acre umfasst 
160 Droods, er zerfällt aber auch in 4 roods. Dies erweist, dass die 
übliche Weise ihn im Felde abzustecken dahin geht, einen Streifen 
von 4 roods Breite, deshalb also von 40 roods Länge, als acre auf- 
zumessen. Er enthält dann 160 G roods und zerfällt, wenn der 
Breite nach je eine Ruthe abgemessen wird, in 4 Viertel. Ein 
Acker in dieser Form ist ein ridge oder rig. Er bleibt dies aber 
Avegen seiner Gestalt, auch wenn der Streifen nur einen halben Acker 
enthält. Runrigsystem bedeutet nun eine Ackereintheilung, welche 
aus solchen Streifen besteht, dem Begriffe nach wird aber dafür 
weiter gefordert, dass diese Streifen einem laufenden Besitz- 
wechsel unterliegen, so dass sie jährlich oder in mehrjährigen 
Perioden einem anderen Besitzer zum Anbau zufallen. 

Dass solcher Anbau in Irland vorkommt, ergiebt sich aus einigen 
in allen Einzelheiten festgestellten Beispielen. 

G. L. Gomme (The Athenaeum Jahrg. 1883 I, p. 278) berichtet. 
»Die von Richard I. zur Stadt erhobene Gemeinde Keils (8 geog. Meil. 
NW. von Dublin) in der Grafschaft Meatb besitzt 312 acres, welche in 
6 Schläge getheilt sind, und folgendermaassen benützt werden. Die 



III. 5. Das Runrigsystem und das Zusammenpflügen. 209 

Schläge werden einer nach dem andern in bestimmter Reihenfolge um- 
gepflügt und während 4 Jahren bestellt. Vor dem Umpflügen begeben 
sich die Stadträthe mit einem Landmesser hinaus, und das Feld wird 
in gleiche Antheile zerlegt, je nach der Anzahl von ortsansässigen 
Mitgliedern der Körperschaft. Jeder Freie (resident freeman) erhält 
einen Antheil, jeder Bürgermeister zwei Antheile und der Bezirks- 
amtmann fünf. Ein Stück des Feldes, gewöhnlich 5 — 6 acres wird 
zum Verpachten abgesondert, der Pachtzins dafür dient zur Be- 
zahlung der Zehnten und Steuern für das Ganze. Die Antheils- 
besitzer behalten ihre Antheile 4 Jahre für sich und bebauen sie 
nach Belieben. Am Schlüsse des 4. Jahres wird das Feld wieder 
Weideland, und es wiederholt sich alsdann der nämliche Vorgang 
der Theilung auf einem anderen Schlage. Inzwischen werden die 
übrigen 5 Felder abgeweidet. In das Weiderecht theilen sich die 
Mitglieder der Bürgerschaft gerade so wie in das Ackerland, d. h. 
für jede 2 Stück Vieh des Bürgermeisters, oder für jedes Stück Vieh 
des Einzelbürgers darf der deputy sovereign 5 Stück Vieh (bolls 
genannt) weiden lassen, nur dass die Wittwe eines Bürgermeisters 
gleichen Anspruch hat, wie ein Bürger, eine Bürgerswittwe halb so 
viel. An dem Ackerland haben letztere keinen Antheil.« 

Ein anderes Beispiel führt Summer Maine (in Village commu- 
nities in East and West S. 95) aus dem Flecken Lauder in der 
Grafschaft Berwick in Schottland an, der zu dem von Eduard I. er- 
bauten Schlosse Thirlestane, dem Stamm schloss der Grafen von Lau- 
derdale gehört. Nach dem Return of Boroughs or Cities in the 
United Kingdom possessing common Land (Appendix I, House of 
commons Aug. 10, 1870) waren dort innerhalb der Grenzen des 
Königlichen Bezirkes des Burgfleckens von Lauder 105 besondere 
Grundstücke, genannt Bürgeräcker. »Dieselben schwankten in ihrer 
Grösse von 172 acres zu 37a acres. Ueber jeden dieser Aecker gab 
es eine fortlaufende Buchführung, und diese »acres« waren das pri- 
vate und unbeschränkte Eigenthum des einzelnen Besitzers. Niemand 
wurde bis jetzt als Bürger des Fleckens zugelassen, der nicht Eigen- 
thümer eines dieser Bürgeräcker war. Der Landbesitz des Fleckens aber 
bestand aus dem Lauder Common, welches gegen 1700 acres enthielt, 
und welches, soweit die Erinnerung reicht, als Gemeingut besessen 
wurde. Ein Theil desselben war dazu bestimmt, periodisch, etwa ein- 
mal in fünf oder sieben Jahren umgebrochen und während dieser Zeit 
gepflügt zu werden, am Ende dieser bestimmten Zeit aber wieder in 
Gras und Weide mit dem anderen Lande liegen zu bleiben. Dann 

Meitzen, Siedelong etc. I. 14 



210 III. 5 Das Runrigsvstem und das Zusammenpflügen. 

winde in derselben Weise ein anderer Theil der Gemeinheit aufge- 
brochen und gepflügt , und lag darauf wieder in Gras. Der so auf 
Zeit unigebrochene und beackerte Theil der Gemeinheit hatte neuer- 
dings ungefähr 130 acres Fläche. Bei der Verloosung dieses Stückes 
des Gemeinlandes wurde jedem Besitzer eines der 105 Bürgeräcker, 
sei es dass er ein Bürger des Fleckens war oder nicht, auf jeden 
dieser Aecker ein Loos zugewiesen. Das zur Kultur ausgesetzte 
Stück wurde zunächst in die Zahl der erforderlichen Loostheile ein- 
getheilt und der Antheil jeder Person durch das Loos festgestellt. 
Die Bedingung, welche an die Uebernahme eines solchen Grund- 
stücks geknüpft war, war Einwilligung in ein vom Stadtrathe vor- 
geschriebenes System des Anbaues und Zahlung einer kleinen Bei- 
steuer, welche in der Regel grade genügte, den Flecken für die auf 
Wege, Gräben u. dgl. zur Erhöhung des Anbauwerthes gemachten 
Ausgaben zu entschädigen. Diese Loose sind »hill parts« genannt 
worden, und der durchschnittliche Werth eines jeden ist 1 Lstr. für 
das Jahr. Der gesammte Rest des Gemeindelandes wurde als Hutung 
benutzt, und folgendermaassen gebraucht : Jeder Bürger, der im Flecken 
wohnhaft ist, weidet im Gemeinland 2 Kühe oder entsprechendes 
Vieh und eine gewisse Zahl Schafe, gegenwärtig und für einige 
Jahre 15; und jede Wittwe eines Bürgers, die im Flecken wohnt, 
weidet im Gemeinland eine Kuh oder entsprechendes Vieh und eine 
gewisse Zahl Schafe, gegenwärtig und für einige Jahre 12.« 

Neuerdings ist noch ein Beispiel solcher periodischer Neuloosungen 
aus Schottland bekannt geworden. In: More leaves from the Journal 
of a life in the highlands from 1862—1882 (London 1884) wird p. 303 
erzählt: Achnagoul und Achindrain bei Inverary sind zwei Hoch- 
landsdörfer, in denen alle Häuser aneinandergeschlossen gebaut sind, 
und wo bis zum Jahre 1847 der alte Gebrauch noch bestanden hat, 
dass die Auftheilung, in welche das Ackerland zerfiel, alljährlich im 
Wege der Verloosung stattfand. Zu jener Zeit waren in Achnagoul 
16 Familien, und jede derselben bebaute vielleicht 20 verschiedene 
Parzellen Ackerland, eine von der andern getrennt. Das Ackerland 
wurde, nachdem die Familien mit vielen Schwierigkeiten dazu über- 
redet wurden, 1847 verkoppelt, so dass die Pachtungen jetzt nach 
besseren Systemen bebaut werden können, das Dorf aber blieb, wie 
es gewesen, und ist eines der wenigen dieser Art, die noch in den 
Hochlanden übrig blieben. Man sagt, dass nur noch Achindrain 
ebenso liegt. Die Einwohner sind sehr exklusiv und verheirathen 
sich hartnäckig nur unter sich aus ihren eigenen zwei Ortschaften.« 



III. 5. Das Runrigsystem und das Zusammenpflügen. 211 

Ele haben sich in den Hochlanden auch noch viele Stücke von 
Weiden und Hügelland, welche gemeinsam von mehreren Crofters be- 
nutzt werden, erhalten. Unter Croft versteht man ein eingezäuntes, 
als Bauland oder Weide dienendes, in der Nähe eines Hauses 
liegendes Grundstück (die Koppel oder den Kamp). Crofter sind 
Besitzer kleiner Stellen von Haus und Gärtchen. Insbesondere hat 
Skene 1 ) ein lebendiges Bild von einzelnen solcher ackerbauenden Ge- 
nossenschaften gegeben, die dort nach dem Runrigsystem wirt- 
schaften und gemeinsame Weide haben. Namentlich sind nach 
Skene unter den Crofters der Westküste Schottlands manche Bei- 
spiele einer gewissen Art von Almende oder Gemeinheit anzutreffen, 
wo selbst auf Ländereien, die erst in der neuesten Zeit gepachtet 
worden sind, die Methode des Runrigsystems mehr oder weniger 
angewendet wird. 

Aber auch für Irland erklärt Summer Maine, dass dort noch 
heut das Rundalsystem auf Wiesengründen bestehe, die von einer 
Gruppe von Familien gemeinschaftlich besessen, und deren einzelne 
Stücke unter ihren Besitzern regelmässig, zum Theil jährlich wechseln, 
ein System, welches sich vor 50 Jahren auch noch auf Aecker er- 
streckt habe. 

Mit solchen zweifellosen Fällen des Runrigsystem verbindet 
Seebohm noch eine andere eigenthümliche und sehr alte Erscheinung, 
das sogenannte Zusammenpflügen , das in Wales mit cyvar be- 
zeichnet wird. 

In den dem Dyvnmal Moelmud zugeschriebenen Triaden heisst 
es: Freigeborene W r alliser sind durch 3 Bänder zu einer Gemeinschaft 
verbunden, durch cyvnawdd (Gemeinwehr), cyvar (Zusammenpflügen) 
und chyvraith (gleiches Gesetz) (Ancient laws of Wales II, p. 491). 
An anderer Stelle heisst es: Jeder Freie ist zu dreierlei Dingen be- 
rechtigt, zu 5 erw, zur gemeinsamen Urbarmachung des unbebauten 
Landes (cyvar gobaith) und zur Jagd (Ebd. p. 517). 

Das Alter dieser Triaden ist zwar sehr zweifelhaft, manche sind 
gewiss sehr alt, manche ziemlich jung. Sie sind nur in einer Ab- 
schrift von frühestens 1429 erhalten. Aber gleichwohl dürften die 
vorstehenden ein altes Zeugnis enthalten. 

Der Venedotian code giebt nun darüber die nähere, sehr anschau- 
liche Erklärung. Er zeigt in Buch IH, cap. XXIV 2 ), dass es sich, 



') Celtic Scotland III, eh. 10. Vgl. James Loch, Account of Improvements on 
the Estate of Sutherland, London 1820. 

2 ; Ancient law of Wales I p. 315 ff. Vergl. Seebohm S. 120 ff. 

14* 



212 Ett 5. Das Runrigsystem und das Zusammenpflügen. 

wie auch die Triade andeutet, um eine Art Gesellschaftsvertrag über 
das Pflügen des in Wales ebenso wie in Irland und einem grossen 
Theile von England sehr schweren Ackers handelt. Die Pflugarbeit 
erfordert namentlich bei Neubruch von Grasland sehr starke Pflüge 
und höchst kräftiges Gespann. Es ist üblich, mit 8 Ochsen zu pflügen, 
von denen je 4 neben einander in ein Joch gespannt werden. Des- 
halb ist allerdings erklärlich, dass nicht jeder Bauer einen Pflug und 
so viel Zugvieh besass, und dass man an gegenseitige Hülfe denken 
musste. Die daraus erwachsenden Vertragsverhältnisse sucht nun 
das Gesetz ersichtlich nach der Richtung zu ordnen und zu schützen, 
dass sie bindend und unstreitig wurden und wirklich den Zweck 
der Beendigung der Pflugarbeiten erreichten. Es sagt also: 

»1. Wer immer eingehen wird auf Mitbeackerung mit einem 
anderen, für den ist es Recht, Sicherheit zu geben für die Durch- 
führung und gegenseitig die Hände zu vereinigen, und nachdem sie 
dies gethan haben, darauf zu halten, bis die Verbindung vollständig 
ist. Eine solche Verbindung sind aber 12 erws. 

2. Das Maass eines erws ist es nicht bereits vorher festgesetzt? 

3. Der erste Acker gehört dem Ploughman, der 2. für die Eisen, 
der 3. für den äusseren Rain-Ochsen, der 4. für den äusseren Rasen- 
Ochsen, damit das Joch nicht gebrochen wird, und der 5. für den 
Treiber, und so werden die zugewiesen an die Ochsen, von da fort- 
schreitend von Thier zu Thier, bis das Joch zwischen ihnen auf- 
hört bis zum letzten. Und nach diesem der Pflugacker, welcher ist 
genannt des Plough- boten Cyvar (d. h. co-ploughing). Und dies ein- 
mal im Jahr 

10. Jeder hat seine Sachen zu dem Pflüger zu bringen, ent- 
weder Ochsen oder Eisen oder andere Dinge, die dazu gehören. Und 
nachdem jedes Ding dazu gebracht ist, hat der Pflugmann und der 
Treiber für das Ganze sorgfältig zu sorgen, und es zu benutzen so 
gut, als wenn alles sein Eigen wäre. 

Der Treiber soll die Ochsen aufmerksam einjochen, so dass sie 
nicht zu dicht gehen noch zu lose, und sie so antreiben, dass sie 
nicht ihren Muth verlieren; und wenn ihnen bei dieser Gelegenheit 
Schaden passirt, muss er denselben ersetzen, oder schwören, dass er 
das Thier nicht schlechter gehandhabt, denn sein eigenes 

12. Der Pflugmann hat für die Ochsen nicht zu zahlen, ausser 
wenn sie von ihm geschlagen werden, und wenn er einen oder afle 
schlägt, muss er zahlen oder sich selbst entlasten. Der Pflugmann 



III. 5. Das Runrigsysteni und das Zusaninienpflügen. 213 

hat den Treiber zu unterstützen im Einjochen der Ochsen, aber er 
hat nur die beiden kurzgejochten zu lösen. 

13. Nachdem das Zusammenpflügen beendet ist, soll jeder seine 
Sache wieder mit sich nach Hause nehmen. . . . 

16. Wenn aber Streit entstehen sollte wegen schlechten Pflügens 
zwischen zwei Zusammenpflügern , so soll man den erw des Pflug- 
manns prüfen, sowohl auf die Tiefe, als die Länge und Breite der 
Furchen, und es soll jedes anderen erw dem völlig gleich sein 

28. Wer aber die Eisen haben soll, soll sie so in Ordnung 
halten, dass der Pflugmann und der Treiber nicht gehindert werden, 
und dass dafür keine Hülfe nöthig wird. 

Der Treiber soll die Bogen an dem Joch mit wythes (Kissen, 
Kummtkissen) liefern, und wenn es ein langer Gespannzug ist, die 
kleinen Ringe und Pflöcke zu den Bogen.« 

Es waren also der Pflüger, der Schmied, der Treiber, der Pflugbote 
und die Besitzer von 8 Ochsen, welche sich zusammenthaten und ver- 
pflichteten, 12 erw d. h. etwa 12 acres Land zu pflügen. Der Charakter 
des Vertrages, den sie schlössen, geht deutlich aus dem Gesetz hervor. 
Er ist ein freiwilliger zwischen zufällig zusammentretenden Personen 
und nur für den einzelnen Fall geschlossen. Die Zahl der 12 erws 
ist durch die erforderliche Entschädigung oder Ablohnung für die Be- 
schaffung der 12 nothwendigen Hülfsmittel der Arbeit gegeben. 
Aber diese Hülfsmittel können von jedem Betheiligten beschafft werden, 
und nach Verhältniss dessen erhält er eine oder mehrere geackerte 
erw zur weiteren Bestellung. 

Dieses Zusammenpflügen konnte verschieden angewendet werden, 
und lässt sich auch auf Runrigäckern denken. Der nordwalisische 
Venedotian Code aber hat am wahrscheinlichsten den Anbau auf frei- 
liegendem Gemeindelande im Auge. 

Seebohm bringt diese Vorschrift mit Recht mit Weidewirthschaft 
und der o. S. 199 gedachten Bestimmung in Verbindung, nach der 
der Tyddyn oder die Täte, die sich in Irland auf 30 — 60 irish acres 
und in Südwales auf 78 erw berechnet, in Nordwales nur 5 und 
später sogar nur 4 erw eigenes Land enthielt. Hier war also noth- 
wendige Voraussetzung, dass die Viehzucht auf gemeinsamen Weiden 
den Hauptunterhalt der Wirthschaften zu decken hatte. Auch weiterer 
Kornbedarf der Tyddyns aber musste aus diesem Gemeinlande des 
Clans, also im deutschen Sinne aus Acker auf der Almende, beschafft 
werden. Nordwales enthält die rauheren und höheren Gebirge und zu- 
gleich die anerkannt vorzüglichsten Weiden an den Hängen des Snowdon 



214 HI- 5- I^ as Runrigsystem und das Zusainmenpflügen. 

Stockes. Es war daher örtlich begründet, dass hier die feste Zuthei- 
lung von Rodeland und Heide, Wald und Feld, trockncm und 
feuchtem Lande, wie sie für Südwales (Anc. laws I, p. 767) ange- 
geben ist, nicht stattfand. 5 oder nur 4 erw Hofacker entsprachen der 
von Giraldus Cambrensis ausführlich bezeugten Gebirgswirthschaft, 
in welcher das Vieh die Hauptsache bleiben musste. Wenn der 
Erw auch etwas kleiner wäre, als der Statute acre, so würde auf 
4 erw immer noch für die einzelne Familie das Brotkorn zu erbauen 
gewesen sein. Wenn der Bedarf aber grösser war, stand der Anbau 
im Gemeinlande dem zu, der dafür die nöthigen Kräfte aufbringen 
konnte, lieber die Aecker selbst bemerkt das Gesetz, dass der einzelne 
Erw vom andern durch einen Rain von zwei ungepflügten Furchen 
getrennt werde (Seebohm, engl. v. c. p. 119 n. 1). Deshalb lässt sich 
denken, dass, wenn auf den geeigneten Stellen des Gemeinlandes 
eine Anzahl solcher gemeinsam gepflügter Erws abgeerntet war, 
sie in dieser Begrenzung durch Raine liegen blieben, und im anderen 
Jahre wieder von denselben oder von andern Anbauern in gleicher 
Weise benutzt wurden. Ob dies aber Runrig zu nennen, steht dahin. 

In Irland finden sich ebenfalls Hindeutungen auf das Zusammen- 
pflügen. Es wird im Senchus Mor erwähnt (Anc. laws of Irl. III, p. 17, 
vgl. Seebohm S. 226 a. 3). Auch ist o. S. 198 gezeigt, dass viele 
der Freien geringeren Standes nur einen Theil des Zubehörs eines 
ganzen Pfluges besassen. Nach der Schrift Crith Gablach (Ebd. IV, 
p. 300) besitzt eine Klasse den 4. Theil einer Pflugeinrichtung, d. h. 
einen Ochsen, einen plough-straw, einen Stachel, einen Zaum (p. 307), 
eine zweite die Hälfte der Mittel zum Pflügen (p. 309); eine dritte 
einen vollständigen Pflug (p. 311). Diese Rangklassen waren Wohl- 
habenheitsklassen, auch die Grösse der Wohnung und die Höhe 
ihrer Abgaben stufte ebenso ab, wie die Rangstellung im Stamme. Wie 
die Tates mussten auch die Pfluggespanne getheilt werden. Die 
Aermeren besassen nur die einzelnen Stücke und stellten sie zum 
Pflügen zusammen. Der schwere Pflug und das starke Gespann waren 
für Neuland nöthig, ebenso wenn das Dreeschland, welches mehrere 
Jahre in Gras zur Weide gelegen hatte, aufgebrochen werden sollte. 
Aecker, die im Gange waren, konnten dann, wie Seebohm für Schott- 
land mittheilt, mit weniger Gespann bestellt werden. 

Fasst man alle diese Angaben in Betreff des Runrigsystems zu- 
sammen, so geben sie den unzweifelhaften Beweis, dass zwar der ge- 
meinsame Besitz gewisser Grundstücke, mit periodisch wechselnder, 
nach dem Loose vertheilter Nutzung in Irland wie in Wales und 



III. 5. Das Runrigsystem und das Zusammenpflügen. 215 

Schottland bis zur Gegenwart vorkommt, und in früherer Zeit viel- 
leicht eine ziemlich weite Verbreitung hatte. Aber es lässt sich doch 
bei näherer Erwägung genügender Anhalt gewinnen, dass alle diese, 
nur von der Theorie System genannten Vorgänge weder im Wider- 
spruch mit der allgemeinen Eintheilung des Landes in Einzelhöfe 
erscheinen, noch als der Rest einer älteren Feldverfassung angesehen 
werden können, welche vielleicht zwischen der Weidewirthschaft 
und der Einrichtung der Townlands, Quarters und Tates mit ihren 
fest verzäunten Kämpen durchgeführt worden wäre. 

Zunächst ist völlig erklärlich, dass in den Küstenstädten, von denen 
wenigstens Eblana (Dublin) schon in ältester Zeit genannt und auf 
die Phönizier zurückgeführt wird, 1 ) dann mehr und mehr in allen 
Orten, welche durch ihre Lage und ihre Markt-, Industrie- und Ver- 
kehrsverhältnisse in den Kreis des städtischen Lebens hineingezogen 
wurden, unter dem Schutze ihrer Mauern und der englischen Krone, 
Sliultbürgerrecht und städtisches Grundeigentum erwuchs. 

Die Stadtverfassungen können in ihrer inneren Gliederung Modi- 
fikationen zeigen, in ihren wesentlichen Grundzügen sind sie überall 
gleich, wo Mauerschutz, Markt und gewerblicher Verdienst eine waffen- 
fähige Einwohnerschaft zu Selbstregiment und Selbstvertheidigung 
und zu einer gewissen wirthschaftlichen Einsicht und Wohlhabenheit 
erstarken lassen. Innerhalb ihrer Mauern haben alle Städte persön- 
liche Freiheit und privates Grundeigenthum als Grundforderungen 
ihres Verkehrslebens entwickelt. Nach Aussen konnten sie je nach 
der Art ihrer Erwerbsquellen, auf ein grösseres ihren Bürgern zur 
Verfügung stehendes Weichbild bis zum Besitz grösserer Güter der 
Umgegend Gewicht legen, und dies Gebiet durch ihren Reichthum 
und ihre militärische Kraft vor Eingriffen wahren, oder sie konnten 
sich mit geringen Flächen Weide-, Wiesen- oder Ackerlandes für 
die Erhaltung des nöthigsten Nutzviehes begnügen. Dass im letzteren 
Falle die Antheile an der Nutzung des Gemeindelandes wie in Keils 
und Lauders, wechselnd und nach dem Loose vergeben wurden, ist 
völlig in der Sachlage begründet. Die durch bestimmten Grund- 
besitz und durch Amtsstellung, durch Wittwenthum u. dgl. begrün- 
deten Anrechte änderten sich, die Zahl der Bürgerschaft konnte sich 
vergrössern oder vermindern, eine feste Ueberweisung der Antheile 
würde der Bürgerschaft den Fortbestand ihres Gemeinlandes ersicht- 



') Ptolem. kennt es bei den Kblanoi ; auch in Schottland nennt er Devana (am 
Dee) bei den Taezali, und Horrea bei den Venicrates am Tay forth. Zeuss S. 200. 



216 III. 6. Das Runrigsystem und das Zusammenpflügen. 

lieh gefährdet haben. Die periodischen Feststellungen der Anrechte 
und die streitfreie Befriedigung der Ansprüche durch das Loos waren 
deshalb der natürlichste Ausweg. Daraus einen Schluss auf eine 
frühere besondere Art der Feldeintheilung zu ziehen, ist völlig 
unmöglich, auch wenn man von der späten Entstehung der beiden 
genannten Städte absehen wollte. 

Ganz dieselben Verhältnisse aber können da üblich werden, wo 
in Landgemeinden viel Gemeindeland, aber wenig eigene Aecker der 
einzelnen Bauern bestehen. Dass in den freiwilligen Verträgen des 
cyvar oder Zusammenpfiügens nur praktische Bedürfnisse, kein Zug 
des Runrigsystems gesehen werden kann, bedarf keiner besonderen 
Ausführung. Aber auch wenn in Nordwales die im Cyvar verfahren 
bestellten Gemeindeländereien nach dem Loose unter den Be- 
rechtigten gewechselt hätten, würde dies mit der Theilung in Cantrev, 
maenols, gavaels und tyddyns (o. S. 199) ohne jedes besondere Feld- 
system durchaus vereinbar gewesen sein. 

Derselbe Gesichtspunkt muss indess auch gelten, wo es sich nicht 
um Gemeindeland, sondern um Ländereien handelt, welche einem 
Grundherrn gehören, der sie gegen Zins an die unter seiner Herr- 
schaft stehenden Landleute vergiebt. Er kann dabei sogar zur Er- 
haltung ihres Wohlstandes und ihrer Leistungsfähigkeit genau ebenso 
verfahren, wie dies bei der Schlossgemeinde von Lauders im ein- 
zelnen angegeben ist. Er kann Wiesen wie Aecker einer solchen, 
nach den Umständen der Besitzer wechselnden Loosung unterwerfen. 
Ja er kann auf seinem Lande Kolonien ansetzen, deren Landwirt- 
schaft ganz und gar auf solche in Jahrespacht oder in längeren Pe- 
rioden wechselnde Grundstücke angewiesen ist. 

Deshalb ist weder der Landwechsel bei den crofters in Schott- 
land, noch in den beiden Dorfschaften Achnagoul und Achindrain 
für ein altes, von der volkstümlichen Gestaltung abweichendes Feld- 
system beweisend. Die vereinzelten Orte Achnagoul und Achindrain 
können nach ihrer besonderen Bauart und ihrem Connubium, sehr 
wohl Kolonieen dänischer, norwegischer oder sonstiger Auswanderer 
oder Kriegsgefangener sein. Dass ihr Land nur Pachtung ist, wird 
ausdrücklich gesagt. 

Ein weiterer Grund für Runrig aber, der zugleich erklärlich 
machen würde, wenn dasselbe innerhalb der einzelnen Tates, und 
überhaupt häufiger, als es den Anschein hat, in Irland aufträte, ist 
in der bestimmt bekundeten, o. S. 198 erörterten weitgehenden Zer- 
stückelung der Tates unter zahlreiche Miterben zu sehen. 



III. 5. Das Runrigsysteru und das Zusammenpflügen. 217 

Unter dem gemeinsamen Besitz der Tates durch die Erben bis 
zum Grossvater zurück ist man keineswegs berechtigt, sich stets einen 
völlig kommunistischen Haushalt vorzustellen. Eine solche gemein- 
schaftliche Wirthschaft ist nicht ausgeschlossen, aber die verschiedenen 
betheiligten Familien konnten auch , je grösser die Besitzung war, 
die Grundstücke zu privater Arbeit und Nutzung unter sich vertheilen. 
Da dieselben gleichwohl im gemeinsamen Eigenthum standen, lag 
der Gedanke ziemlich nahe, die schwer zu vermeidende Verschieden- 
heit der gemachten Theile dadurch auszugleichen, dass sie nach dem 
Loose periodisch wechselten. Es war sogar nicht unmöglich, dass 
ein solcher Wechsel bestehen blieb, oder verabredet wurde, wenn 
die völlige Theilung unter den Vettern wirklich eintrat. Dass Wiesen- 
grundstücke in dieser Weise zur Theilung gebracht wurden und ihre 
periodische Verloosung durch alle Jahrhunderte fortbestanden hat, ist 
auch in Deutschland (o. S. 79, 163) neben den germanischen Gewannen 
sehr allgemein. Sie wäre sogar zwischen allen Tates eines Town- 
lands nicht unzweckmässig gewesen. Ob aber solche gemeinsam 
gebliebene Grundstücke häufig gewesen seien, müsste erst festgestellt 
werden. Seebohm S. 229 erkennt selbst an, dass man kaum im 
Stande sei, Spuren der Eintheilung eines ganzen Quarters in gleiche 
Ackerbreiten nachzuweisen, und auch die Karte von Scari ff (Anlage 24), 
welche den Besitzstand im Einzelnen angiebt, spricht nicht dafür, 
obgleich sie eine wahrscheinlich erst spät getheilte Hutung in 
sich fasst. 

Ein die Sachlage näher erläuterndes Beispiel giebt aber An- 
lage 27. Diese Karte theilt Seebohm (S. 228) aus dem von Lord 
Dufferin in The Irish Emigration and Tenure in Ireland (London 1867) 
wiedergegebenen Berichte der Devon Conimission mit. 

Der Ort, den sie darstellt, und die Gegend, aus der sie herrührt, 
sind nicht angegeben. Aber die Devon Commission erklärt, dass sie 
das Bild der Theilung des Besitzes in einem irischen Townland des 
Runrigsystems sei. 

Durch die Grösse von nur 205 engl, acres ist ausgeschlossen, 
dass die Karte ein ganzes Townland wiedergiebt. Für einen Quarter der 
guten Grafschaften scheint die Fläche zwar zu gross, für einen solchen 
der schlechten zu klein. Indess umfasst in Anlage 26 im Townland 
Balleglankee der Grafschaft Monaghan die Täte Drumniell (K) eben- 
falls 205 acres, vielleicht sind beide Häuptlingstates. Von dem ge- 
wöhnlichen Bilde der irischen Fluren, auch von dem der Anlagen 23 
bis 26 weicht dies Beispiel dadurch ab, dass die Gehöfte zu einer 



218 HI. 6. Die irischen Pachtzustände. 

ziemlich eng geschlossenen Gruppe vereinigt sind. Solche Häuser- 
grappen kommen aber auch anderwärts vor, und konnten in einer 
parzellirten Täte sehr leicht entstellen. Unter den Ackerlagen zeigen 
sich einige Streifensysteme, die den volksthümlichen deutschen Ge- 
wannen nahe kommen. Auch muss es allerdings als etwas Unge- 
wöhnliches erscheinen, auf dieser Fläche den Anbau von 422 Par- 
zellen durch 29 Landwirthe vorzufinden. Aber die überwiegende Zahl 
der Besitzstücke liegt in sehr unregelmässigen Kämpen, und die An- 
theile der drei besonders kenntlich gemachten Besitzer sind durchaus 
ungleichmiissig über die Flur vertheilt. Es liegt also gleichwohl keine 
andere Thatsache vor, als dass in der kleinen Besitzung eine besonders 
weitgehende Parzellirung eingetreten ist, und die Besitzer der Par- 
zellen deshalb sehr im Gemenge liegen. Dabei zeigt die Karte, dass 
im Ganzen für die Zugänglichkeit gut gesorgt ist. Jedoch ist wohl 
möglich, dass eine gewisse Anzahl Parzellen der Wegegerechtigkeiten 
nicht entbehren konnte, und dass überhaupt auf einem grösseren oder 
geringeren Theil der Flur die Hebung von Flurzwang und Weide- 
gemeinschaft nothwendig geworden ist. Es scheint fast, als ob die 
Devon Commission in diesen Umständen schon den Begriff des Run- 
rigsystems erfüllt gesehen hätte. Dass ein periodischer Wechsel 
des Besitzes der Aecker hier stattgefunden habe, wird nirgend aus- 
gesprochen, die Lage der 3 Besitzungen macht dies auch, wenn nicht 
geradezu unmöglich, doch in hohem Grade unwahrscheinlich. Wenn 
er aber auch bestanden hätte, wäre er durch die Verhältnisse des 
Parzellenbesitzes befriedigend erklärt. 

Diese Erwägungen dürften hinreichend erweisen, dass, selbst 
wenn der Runrigbesitz häufiger, als es bis jetzt geschehen, auf dem 
Boden des alten Keltenlandes vorgefunden werden sollte, er weder 
mit der volksthümlichen Ansiedelung in Einzelhöfen und Kämpen 
unvereinbar, noch der Beweis eines vorher bestandenen älteren Feld- 
systemes sein würde. 

6. Die irischen Pachtzustände. 

Die geschilderten Reste der Clanverfassung und die Rechte der 
der Bevölkerung völlig fernstehenden Landlords wirkten in gleicher 
Richtung zusammen, um im Laufe der Zeit die Pachtverhältnisse 
immer allgemeiner und immer drückender zu gestalten. Die Be- 
völkerung versank durch dieselben mehr und mehr in grössere Ver- 
armung, Hilflosigkeit und Niedrigkeit. 



III. 6. Die irischen Pachtzu stünde. 219 

Desto lebhafter und beharrlicher scheinen gleichwohl die Er- 
innerungen des alten Clanrechtes von ihr festgehalten worden zu sein. 

A rthur Young schreibt schon 1774: »Die direkten Nachkommen 
der alten Familien kann man nun im ganzen Königreich als Hütten- 
bewohner auf dem Lande arbeiten sehen, welches einst ihr eigen 
war. Es ist eine Thatsache, dass in den meisten Theilen des König- 
reichs die Nachkommen der alten Landeigener regelmässig testa- 
mentarisch das Gedächtniss ihres Anrechtes an jene Güter, welche 
einst ihren Familien gehörten, weiter übertragen.« 1 ) 

Noch aus der neuesten Zeit erzählt Frei, 2 ) dass man bis heut 
nicht bloss das Recht aus dem Pachtvertrage, sondern auch die Farm 
selbst als erkauft, oder ererbt zu behandeln pflegt; dass die Pächter 
die Rente wie einen ihrem chieftain schuldigen Tribut und sich selbst 
wie die Eigenthümer des Bodens, den sie bearbeiten, ansehen; dass 
sie mit Wissen des Verpächters das Land vertheilen, es als Mitgift 
an ihre Töchter geben, oder an ihre Söhne vererben, immer unter 
der selbstverständlichen Bedingung die Rente weiter zu bezahlen, 
und dass sich in vielen solchen Testamenten, welche genau erfüllt 
werden, der Ausspruch findet: »Dem Lord gehört die Rente, und 
uns gehört das Land!« 

Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts organisirte sich mehr 
und mehr ein System von Generalpächtern, Unterpächtern und 
Agenten, welche bei der steten Abwesenheit und Unzugänglichkeit 
der meisten Landlords die Pächter durch Parzellirung der Pachtungen, 
wucherische Behandlung und Steigerungen bei jedem Anzeichen 
fortgeschrittenen Erwerbes, wie bei Ankauf von Vieh, Besserungen 
am Hause, im Anzug u. dgl. zu äusserster Armuth und Hoffnungs- 
losigkeit herabdrückten. Die Hungersnoth von 1847 brachte die trost- 
losen Zustände zur öffentlichen Kenntniss. Die Regierung ergriff 
zunächst das Mittel, die Auswanderung von 2 Millionen Iren zu ermög- 
lichen. Seitdem wurde durch Armengesetzgebung und durch Wohl- 
thätigkeit Erleichterung zu schaffen gesucht, und es kamen grosse 
Meliorationsanlagen auf Staatskosten zur Durchführung. Die Versuche 
der Besserung in den Besitzverhältnissen aber stiessen auf unüber- 
windlich scheinende Schwierigkeiten. 

1849 wurde durch die Begründung des Incumbered Estates 
Court die Möglichkeit wesentlich erleichtert, verschuldete Güter der 



') Seebohm, The historical Claims, p. 31. 

2 ) In G. Schmoller's Jahrbuch für Gesetzgebung etc. Neue Folge Bd. IV, S. 460. 



000 III. 7. Das Volksthum der Kelten 

Landlords durch Subhastation schuldenfrei in die Hände kapital- 
reicherer Grundbesitzer zu bringen, von denen man eine bessere Be- 
handlung der Pächter hoffte. Aber so wenig daraus, als aus der 
Yeriiusserung von Kirchengütern, welche bei der Aufhebung der 
irischen Staatskirche durch Gladstones Bill von 1869 ( 32 / 3 ;i Victoria 
eh. 42) eintraten, erwuchsen merkliche Fortschritte. 

Das erste direkte Gesetz war die irish Landact von 1870 ( 33 /s4 
Victoria eh. 46), welche den Ulster Custom für Ulster zur gesetzlichen 
Vorschrift machte, und dessen Anwendung auch für andere Landes- 
tbeile ermöglichte, allgemein aber eine Entschädigung bei Besitz- 
störungen festsetzte, welche die Pachtzeit des Pächters verkürzten, 
endlich auch Vorschüsse der Regierung an solche Pächter vorsah, 
welchen der Landlord das Gut zu verkaufen bereit war. 

1881 ist die sehr einschneidende landlaw (Ireland) act (Victoria 
u U b eh. 49) gefolgt. Sie setzt besondere Gerichtshöfe nieder, welche 
auf Antrag des Pächters die Rente desselben auf einen angemessenen 
Betrag festzustellen und ihm eine Lease für 15 Jahre über seine 
Pachtung auszufertigen haben. Diese Lease kann auf weitere 15 Jahre 
unter fernerweiter Regulirung des Pachtzinses verlängert werden. 
Dadurch wird ein 30 jähriger fester Besitz erreichbar, der zweifellos 
die Verhältnisse des Pächters, wie des Pachtgutes wesentlich ver- 
bessern würde. Anscheinend würden auch der Verleihung von Land- 
eigentum in der Mittellosigkeit der Pächter grössere Schwierigkeiten 
entgegenstehen. 

Leider aber lassen die zumeist politischen, mit Gewaltthätigkeiten 
verbundenen Agitationen zunächst Erfolge der Pachtverbesserungen 
nicht aufkommen. Wie weit die neuesten Bestrebungen der Gesetz- 
gebung, welche vorzugsweise auf Ankauf von Land durch die Pächter 
vermittelst Staatsvorschüssen gerichtet sind, durchdringen werden, 
ist noch nicht erkennbar. 



7. Das Volksthum der Kelten in Britannien, Gallien 
und Helvetien. 

Aus den uns in Irland, Wales und Schottland erhaltenen Resten 
des keltischen Alterthums hat sich als volksthümliche Grundlage 
der Siedelung und des Agrarwesens das Clanleben erkennen lassen. 
Die Clane gehen zwar von der Idee eines Familiendaseins unter 
patriarchalischer Leitung aus, welches Privateigenthum an beweg- 



in Britannien, Gallien und Helvetien. 221 

liehen Dingen, aber keinen erblichen Grundbesitz, sondern nur 
lebenslängliche Nutzungen an demselben kennt. 

Nähere Betrachtung aber zeigt, dass dieses Familienleben in 
seiner gesammten Organisation durch wirtschaftliche Anforderungen 
bedingt wurde. Seine erste Gestaltung gewann es im Hirtendasein. 
Nicht die Verwandtschaft gewisser Grade, welche gross oder klein 
sein und wechseln kann, sondern das Bedürfniss eines nothwendigen 
Kreises von Hülfskräften für die Weidewirthschaft bestimmten die 
Zahl der Hausgenossen, welche mit Weib und Kind unter dasselbe 
Dach aufgenommen wurden und von dem Ertrage der gemeinsamen 
Heerde ihren Unterhalt gewannen. Aus dem Zwecke dieses, von 
seinem Vorstande mit väterlicher Gewalt geleiteten Haushaltes er- 
gab sich die auffallende gleiche, zahlenmässig feststehende Grup- 
pirung des Volkes, wie der Heerden und der in Weidereviere zer- 
fallenden Landgebiete. Alle diese Zahlen bedingten sich gegenseitig 
und Hessen unter dem einmal als geeignet erkannten, üblich ge- 
wordenen Brauche keine wesentlichen Verschiedenheiten zu. Die 
Gleichförmigkeit der Sitten und Einrichtungen im ganzen Volke wurde 
überdies durch den Einfiuss und die Weisungen der bis zu einem 
gemeinsamen Oberkönige aufsteigenden patriarchalischen Hierarchie 
befördert und geregelt. Was uns in Lied und Sage von höherer 
Kultur der Häuptlinge überliefert wird, sind zwar grösstentheils Er- 
innerungen aus dem Heroenzeitalter im Gewände viel modernerer 
Zustände. Indess müssen doch nach diesen Zeugnissen die Königs- 
höfe schon früh, wie wir dies auch aus dem klassischen Alterthume 
und ebenso von Attila und von den Nomadenchanen Centralasiens 
wissen, für Bauten und Befestigungen und für mancherlei Luxus 
und Kenntnisse unter dem Einflüsse fremder Abentheurer, Händler 
und Künstler gestanden haben. Später brachte die Kirche Bildung. 
Deshalb war, als die auf die Insel beschränkten Hirtengruppen wegen 
der anwachsenden Volkszahl von der Weidewirthschaft zum Acker- 
bau übergehen mussten, die oberste Leitung hinreichend entwickelt, 
um eine wohlgeordnete Eintheilung des geeigneten Landes in gleiche 
und ausreichende Heimstätten für die berechtigten Volksgenossen zu 
schaffen. Der Gedanke der Anlage dieser Heimstätten schloss sich an 
volksthümliche , aus dem Hirtendasein unverändert festgehaltene 
Ideen an. Dem eigenartigen grossen Clanhause mit seiner drei- 
schiffigen Eintheilung, seiner Mittelhalle, und den 4 mal 4 Familien- 
betten unter dem über die Seitenschiffe herabgezogenen grossen Dache 
muss man mit Recht einen nationalen Charakter zuschreiben. Ihm 



222 III. 7. Das Volksthum der Kelten 

entsprach die neue Theilung des Landes. In die als Einzelhöfe 
arrondirt gelegenen, einer häuerliehen Familie ihren selbstständigen 
Unterhalt bietenden Landgüter konnte sich zunächst auch Jeder wirth. 
achaftlich leicht einleben. Ihre Eintheilung in Kämpe, ihre Ein- 
friedung durch Hecken, Gräben oder Mauern, die vor Stürmen schützt, 
den Hirten für das Weidevieh erspart, und selbst ohne Waldbesitz 
das Brennholz zu sichern vermag, wird als sehr zweckmässig erachtet, 
und fast im gesammten westlichen Europa bis zur Gegenwart an- 
gewendet. Dass später von allen diesen bäuerlichen Hofwirthschaften 
durch Parzellirung und durch den Untergang der älteren Rechts- 
und Besitzverhältnisse gewissermaassen nur das äussere topographische 
Gerüst übrig blieb, ändert nichts an dem volksthümlichen Charakter 
dieser von der germanischen bestimmt verschiedenen irischen und 
wallisischen Siedelungsweise. 

Auf Grund dieses Kreises nationaler Eigenthümlichkeiten lässt 
sich also fragen, wie weit dieselben auch auf den übrigen ursprüng- 
lich von Kelten besiedelten Gebieten Britanniens, Galliens und Süd- 
deutschlands ihre Bestätigung finden. 

Diese Frage ist nach zweierlei Richtungen zu beantworten. 
Einerseits fragt sich, welche ursprünglichen und volksthümlichen 
Zustände die Römer in Helvetien, Gallien und Britannien vorfanden, 
andrerseits steht in Frage, ob und welche Spuren dieses älteren 
Volksthumes, die römische Herrschaft und die wenige Jahrhunderte 
später folgende deutsche überdauert haben, und noch gegenwärtig 
erkennbar sind. Diese zweite Frage lässt sich erst aus den Vor- 
gängen der deutschen Besitznahme beantworten. 

In Betreff der vorrö mischen Verhältnisse aber können vor allem 
die Nachrichten in Betracht gezogen werden, welche wir durch Caesar 
und durch Strabo besitzen. Strabo entnahm seine Angaben vor- 
zugsweise von Posidonius von Massilia, der als ein sehr glaubwürdiger 
Zeuge 135 bis 51 v. Chr. lebte, also ein Zeitgenosse Caesars war. — 

In Süddeutschland und Gallien, in welche Caesar zuerst ein- 
drang, bemerkte er offenbar wenig Besonderheiten, die ihn über- 
raschten. Wir ersehen aus seinen Aufzeichnungen, dass er die durch- 
zogenen Gebiete bereits überall stark und fest besiedelt vorfand. 

Strabo sagt über Gallien ausdrücklich: keine Gegend ist ohne 
Anbau, ausser wo dieser der Wälder und Sümpfe wegen nicht mög- 
lich ist. Doch auch solche Gegenden sind bewohnt, mehr wegen 
grosser Menschenmenge, als wegen ihres Fleisses. 

Diese grosse Bevölkerung wird von Caesar sogar mit einiger 



in Britannien, Gallien und Helvetien. 223 

statistischer Grundlage bezeugt: Nach bell. gall. II, 4 hatten die 
Remi die waffenfähige Mannschaft der Belgae ermittelt und fest- 
gestellt, dass die Bellovacer 100000, die Suessiones und Nervii je 
50000, die Atrebaten 15 000, die Ambiani 10000, Morini 25 000, 
Menapii 7000, Caleti, Veliocasses und Viromandui je 10 000, die 
Aduatici 19 000 und die germanischen Condrusii, Eburones, Caeroesi 
und Paemani zusammen 40000 Mann stellen konnten; im Ganzen 
berechnen sich also 346 000 Waffenfähige auf c. 1600 geogr. O Meilen. 

Nach Alesia wurden aus einem grossen Theilc Galliens (Vll c. 75) 
Mannschaften zusammengezogen. Berufen waren dahin aus den 
Völkerschaften der Aeduer und Averner mit ihren Klienten je 35000, 
Sequaner, Senonen, Bituriger, San tonen, Rutenen und Carnuten je 
12 000, Bellovacen 10 000, Pictonen, Turonen, Parisier, Helvetier je 
8000, Ambianen, Mediomatricer, Petrocorier, Nervier, Moriner, Nitio- 
broger, Aulercer und Cenomanen je 5000, Atrebaten und Veliocassen 
je 4000, Lemovici, Aulerci und Eburovici je 3000, Rauricer und 
Bojer je 2000 und von den gesammten Armoricern 30 000, im Ganzen 
276 000 Mann aus einem Gebiete von c. 6000 geogr. D Meilen. 

Bei den Helvetiern zählten die von Caesar aufgefundenen Listen 
(b. g. I, c. 28) 368 000 Seelen der Bevölkerung, Greise, Weiber und 
Kinder eingeschlossen, und unter diesen 92 000 Waffenfähige, also l U. 
Dies Verhältniss wird für die Bevölkerung der Heimath durch die 
Einrechnung der Sklaven und Zurückgebliebenen auf Vs oder Ve zu 
erhöhen sein. Wird danach für Gallien die Bevölkerungszahl auf 
das Sechsfache der Waffenfähigen angeschlagen, so würden sich bei 
den Beigen 1300 Seelen auf die geogr. O Meile berechnen. 

Für die Zahlen des allgemeinen Aufgebotes lässt sich der Pro- 
zentsatz desselben nicht ersehen. Bei den Bellovacen und Nerviern 
beträgt er nur Vio, bei den Atrebaten Vi, bei den Veliocassen V5, bei 
den Morinern Ve der erstgenannten Zahlen. Nimmt man an, dass V 4 
der Mannschaft herbeigerufen ist, so würde sich eine Bevölkerung 
von 1100 Seelen auf der geogr. D Meile für das gesammte mittle 
und nördliche Gallien berechnen. — 

Ein Hauptunterschied gegen die germanische Besiedelung liegt 
im Vorhandensein ziemlich zahlreicher Städte. Die Bellovacer zählen 
bei 100000 Waffenfähigen 12 oppida, und wie die ausführlichen 
Erzählungen Caesars im II. Buche zeigen, sind diese oppida keines- 
weges, wie die deutschen, nur Zufluchtsorte oder feste Verstecke, sondern 
bewohnte Ortschaften, und selbst kleinere wie Bibrax, Noviodunum, 
Bratuspantium, Gergovia (VH, 47) u. a. werden von starken nur durch 



224 m - 7. Das Volksthum der Kelten 

Widder angreifbaren Mauern aus Bruchsteinen und Gebälk um- 
schlossen. Auch die kleinen Völkerschaften haben eine solche Stadt zum 
Hauptorte. Wie sehr aber das Stammesbewusstsein an diese Mittel- 
punkte geknüpft gewesen sein muss, ergiebt sich daraus, dass die 
Namen, die sie unter der in ihnen reich entwickelten römischen 
Verwaltung führten, mit derselben fast ohne Ausnahme verschwunden 
sind und den alten Stammesnamen wieder Platz gemacht haben, 
unter denen wir sie heut noch kennen. So bedeuten Amiens Am- 
biani, Rhenus Remi, Soissons Suesiones, Trier Treviri, Paris Parisii, 
Vannes Veneti, Nantes Nemetes, Poitiers Pictones, Limoge Lemovici, 
Perigueux Petrocorii, Saintes Santones, Bordeaux Bituriges-Vivisci, 
Auch Ausci, Rodez Ruteni, Langres Lingones, Dijon Mandubii, Bourges 
Bituriges-Cubi u. a. m. 

Ueber die Bewohnung des flachen Landes bleiben wir un- 
sicherer, indess sind auch hier Anzeichen, dass die Verhältnisse den 
ältesten deutschen nicht entsprachen. 

Caesar sagt I, c. 28: in den oben gedachten im Lager der Helvetier 
vorgefundenen Tabellen sei in griechischen Buchstaben mit Namens- 
angabe eine Berechnung aufgestellt gewesen, welche Anzahl von Hause 
fortgezogen, die die Waffen tragen konnte, und abgesondert, wie viel 
Knaben, Greise und Frauen. Diese Zahlen hätten für die Helvetier 
allein, abgesehen von den andern Völkerschaften, 263 000 Seelen 
ergeben. Im lib. 1, c. 5 erklärt er, dass diese 263 000 Helvetier alle 
ihre Oppida in Zahl gegen 12, ihre vici in Zahl gegen 400, und ihre 
reliqua privata aedificia anzündeten, um fortzuziehen. Wie hoch 
man auch die Bevölkerung der oppida und vici anschlagen mag, es 
bleibt stets eine sehr beträchtliche, auf mindestens die Hälfte zu 
berechnende Zahl übrig, welche die reliqua aedificia bewohnten. Des- 
halb hat man an eine ausgedehnte Sitte der Einzelhöfe zu denken. 1 ) 

Dieselbe Ausdrucksweise wendet Caesar aber auch auf alle 
Gegenden an, die er in Gallien durchzieht. So vici et aedificia bei 
den Remi (II, 7), bei den Morinern und Menapiern (III, 29), bei 
den Menapiern und Sigambren (IV, 4 [19]), bei den Menapiern und 
Eburonen (VI, 6 [43]), den Aeduern und Biturigi-Cubi (VII, 14) und 
bei den Aeduern und Bojern (VII, 17). Mehrere Angaben bezeichnen 
diese Aedificia auch näher, als grössere zerstreut liegende Gehöfte, 
so bei den Aeduern und Bojern (VII, 14), bei den Biturigi-Cubi 
(VIII, 3. 10 [24]), bei den Bellovacen (VIII, 10) und bei den Ebu- 



') L. Erhardt, Aelteste germanische Staatenbildung, Leipzig 1879, S. 33, Anm. 



In Britannien, Gallien und Helvetien. 225 



ronen das Haus des Ambiorix (VIII, 24). Diese, wie bei den Bello- 
vacen (VIII, 10) ausdrücklich gesagt wird, rara et disjecta aedificia, 
aus denen Futter requirirt wird, und die zum Schrecken der Feinde 
von den herumschweifenden Reitern niedergebrannt werden, lassen 
sich nicht wohl anders denn als Einzelhöfe denken, die in verhältniss- 
mässig grosser Anzahl neben den Weilern und Städten über das 
Land zerstreut liegen. 

Dem Baue nach könnte man allerdings versucht sein, diese Ge- 
bäude nach Strabos Bezeichnung (IV, 4) für blosse Hütten zu halten, 
weil er von den Kelten sagt, sie machten ihre Hütten geräumig aus 
Brettern und Ruthengeflecht, kuppeiförmig mit hohem Dache. Wie 
Anlage 28 unter D mit den Belägen näher ausführt, zeigt ein an- 
scheinend aus der Zeit des Trajan herrührendes Relief eine solche 
von einem Barbaren vertheidigte, mit senkrecht gestellten Lagen Schilf 
verkleidete, bienenkorbartige, runde und kuppeiförmig mit Stroh ge- 
deckte Stroh- oder Schilf hütte, auch sind in Aquitanien durch 
Castagnie, bei seinen Untersuchungen der gallischen oppida im De- 
partement Lot, Reste von Steinhäusern in runder Form aufgefunden 
worden. Deshalb wird mit Recht anzunehmen sein, dass diese Tu- 
gurien Strabos im Süden Galliens nicht selten gewesen sein mögen. 
Dass sie aber im nördlichen Gallien nicht üblich waren, dafür 
sprechen sowohl Baureste, wie die Berichte Caesars. 

Die zahlreichen Ausgrabungen auf der öden Stätte des alten 
Bibrakte haben stets viereckige, niemals runde Gebäude ergeben. 
Diese in die Zeit Caesars zurück zu datirenden Bauten sind, wie das 
in der Note *) mit Worten und Zeichnungen mitgetheilte, durchaus 
sachkundige Zeugniss J. G. Balliots erweist, zum Theil in Stein- 



J ) Mr. J. G. Balliot, der Präsident der Societe eduenne de lettres, sciences et 
arts, schreibt unter dem 6. Dez. 1883, bevor er Fr. Seebohms Abhandlung über das 
keltische Stammhaus, o. S. 184, kannte, über diese Ausgrabungen: Ma recolte n'est 
riche, mais au moins est eile inedite. Vous trouverez sous ce pli le plan de cinq 
maisons gauloises, des plus rudimentaires , prises dans les fouilles du mont Beuvray 
(Bibracte). Ces plans re'presentent des fondations en maconncrie de 1 — 2 metres de 
haut, creussees dans la pente de la montagne. Le surplus ctait en bois et en pise, 
couvert habituellement en paille. Pas de chaux mais un mortier de terrc dans les 
maconneries. Charpentes portees sur de poutrcs debout, fichees dans le sol ou inter- 
calees dans la maconnerie. Ces specimens sont pris dans un quartier de Bibracte 
affecte aux metallurgiste et nomme aujourd'hui la Come-chaudron. Come a le sens 
de Combe, Vallon etroit, qui repond a la Situation. 

La maison Fig. 22 est de plus curieuses, la toiture portait sur six poteaux, 
Vous la restituerez facilement en elevant un pignon sur la facade ouverte, et que 
devait etre fermee en bois et pise. Elle a une porte de sortie a l'arriere. L'intervalle 
M t-itzen, Siedelung etc. I. 15 



226 



III. 7. Das Volksthmn der^ Kelten 



mauerwerk mit Mörtel, zum Theil in Fachwerk mit Holzpfosten 
ausgeführt gewesen. Zum Theil entsprachen sie aber auch, was sehr 
beachtenswerth, durch Aufbau auf 6 in zwei Reihen geordnete Holz- 
säulen und durch den Mangel an Umfassungsmauerwerk und inneren 
Scheidewänden, sowie durch die in Fig. 22 und 23 wiedergegebenen 



entre les poteaux n'cst pas une muraille, mais une simple garniture de moellon applique 
contre le terrain du dehors. L'arriere de la maison soumis ä la poussee du terrain 
est seul defendu par un rnnr regulier de 0,60 m d'epaisseur. 



Er- 




Fig. 22. '/„ Fig. 23. x / m 

Fig. 23, petite maison sur quatre poteaux dont les intervalles n'ont qu'une gar- 
niture de moellons superposes. La facade etait en maconnerie de 0,60 m d'epaisseur 
dans la partie escavie; car ces maisons sont toutes plus ou moins creusees dans le 
sol. Elle etait precedee d'un auvent porte sur quatre poteaux. 




m/W//////^///////////////Ma 



Fig. 24. »/« Fig. 25. '/« 

Fig. 24, Les deux facades et les murs interieurs sont en maconnerie plaine. 

Ceux des pignons sont coupe's Tun par six poteaux, l'autre par cinq, qui portaient la 

charpente du toit. La maconnerie ne depassait guere le sol. Le surplus etait en pise. 

Fig. 25, hangar ou maison en maconnerie sur trois cötes; poteau a chaque 

extremite de la facade, ouverte ou close en pise disparu. 



WWW/ 




Fig. 26. V« 

Fig. 26, petite maison gauloise composee de deux pieces avec bases en maconnerie 
et fermee d'un cour, dont les murs en pierre et mortier de terre avaient deux metres 
de haute. 

II y a absence de maisons rondes, et je n'ai jamais rencontre dans les fouilles 
de l'oppidum de Bibraete la forme d'urne cineraire imitant une maison ronde. 



in Britannien, Gallien und Melvetien. 227 

Dimensionen von 38 bis 42 Fuss Länge genau den o. S. 184 auf 
Grund der Brehon laws dargestellten irischen Stammhäusern. 

Caesar aber, der sich aufmerksam mit dem Bauwesen der Gallier 
beschäftigte, spricht von runden Strohhütten offenbar niemals. Viel- 
mehr unterscheidet er bei den Carnuten (VIII, 5) ausdrücklich die 
verlassenen oppida und vici von den tolerandae hiemis causa repente 
exiguis ad necessitatem constitutis aedificiis. Die aedificia, die 
Caesar gesehen hat, haben für ihn nichts Auffälliges und von der 
gewohnten Form Oberitaliens Abweichendes. Nur dass sie mit Stroh 
gedeckt sind, scheint ihm neu. Denn er spricht V, 43 von casae im 
Lager, quae more Gallico stramentis erant tectae. Er unterscheidet 
also die Casae bestimmt von den Aedificia, sieht aber in der Stroh- 
bedachung eine besondere allgemeine Sitte. Das Haus des Ambiorix 
(V, 30), konnte von dessen Familiären vertheidigt werden; und die 
Häuser der Menapier (IV, 4), die er wie jenes aedificia nennt, 
können ebenfalls nicht als leichte Strohhütten gedacht werden, weil 
er erzählt, dass die Usipeter und Tencterer, nach vernichtender 
Niederlage der Menapier und Eroberung der Ortschaften der- 
selben, sich in deren Häusern festgesetzt und den Winter in ihnen 
zugebracht hätten. Es sind dies dieselben Gegenden, über welche 
auch Tacitus mit Rücksicht auf die Hausbauten der Germanen be- 
richtet. Er würde gewiss zu einer Bemerkung Veranlassung gefunden 
haben, wenn ein charakteristischer Unterschied zwischen den ger- 
manischen und gallischen Ortschaften zu erkennen gewesen wäre. 

Ueber den Ackerbau der Gallier 1 ) werden wir von Plinius 
XVIII, 28, 48 und 72 dahin belehrt, dass sie nicht bloss den Räder- 
pflug, sondern auch die Egge (crates dentatae) besassen, ebenso eine 
Art Mähemaschine, grosse auf 2 Rädern von Gespannen durch das 
Getreide gezogene Futterschwingen, welche am Rande mit beweg- 
lichen Zähnen versehen waren, so dass die Aehren abgerissen wurden 
und in die Schwinge fielen, wie dies bei Palladius VII, 2 (s. Dickson 
de l'agriculture des anciens, trad. de l'anglais, Paris 1802, Bd. II, 
p. 348) näher beschrieben ist. Hirse ernteten sie mit einem Hand- 
kamme und machten Siebe aus Pferdehaar. Sie kannten auch Erd- 
mischung behufs Bodenverbesserung und Mergel-, Aschen- und Kalk- 
düngung, ebenso den Wechsel des Anbaus von Getreide und Futter- 
kräutern. (Plinius XVIII, 30.) Ihre Schaf- und Schweinezucht war 



') Cambry, notion sur l'agriculture des Celtes, Paris 1806, und Reynier, de l'e'cono- 
mie publique et rurale des Celtes, des Germains etc., Paris 1818. 

15* 



> III. 1. Das Volksthum der Kelten 

so umfangreich, dass sie nach Strabo nicht bloss Rom, sondern fast 
ganz Italien mit wollenen Mänteln und mit gesalzenem Schweine- 
fleisch versorgten. 

Wir müssen uns also den Landbau gut entwickelt, und nach 
Plinius Bemerkung über die Mähemaschinen bereits auf Latifundien 
betrieben denken. 

Obwohl nun auch die Gallier, wie dies wenigstens dem Polybius 
(II, 17) von den oberitalischen Senonen erklärt wurde, ursprünglich kein 
Privateigenthum kannten, berichten Caesar und Strabo von Kommunis- 
mus nichts mehr. Vielmehr scheint nach ihren Beobachtungen eine 
fast uneingeschränkte Herrschaft des Adels zu bestehen. 

Caesar sagt (VI, 13): der Adel lag früher jährlich in Fehde, 
und Jeder hat nach Geschlecht und Vermögen möglichst viel Gefolge 
und Klienten um sich, nicht allein in allen Staaten und in allen 
Gauen und ihren Theilen, sondern fast in jedem Hause sind Par- 
teiungen. Die Häupter dieser Parteien sind die, die nach dem 
Urtheil derselben das meiste Ansehen haben. Nach deren Entschei- 
dung und Meinung richtet sich der ganze Gang der Dinge und jeder Plan. 
Die Plebejer aber werden beinahe wie Sklaven geachtet. Sie wagen 
nichts für sich allein und werden zu keiner Berathung zugezogen. 
Viele, wenn sie von Schulden oder von Misshandlung Mächtiger be- 
drückt werden, geben sich den Vornehmen in Knechtschaft, denen 
dann alle Rechte über sie zustehen, wie Herren über Sklaven. Dies 
entspricht überzeugend den o. S. 188 gemachten Angaben über die 
irischen Neme und Fene. 

Strabo bestätigt, dass die gallischen Staatsverfassungen meist 
aristokratisch waren, bemerkt aber, dass das Volk früher alle Jahre 
einen ersten Vorsteher wählte, und dass ebenso der Anführer für 
den Krieg vom Volke bestimmt wurde. 

Beide jedoch sprechen davon, dass neben dem Adel auch die 
zahlreiche Priesterschaft zu den Vornehmen gehörte, und Strabo 
theilt die Priester in Barden (Sänger), Vates (Opferer) und Druiden, 
welchen letzteren meist die privaten und öffentlichen Streitigkeiten 
zur Entscheidung überlassen waren und grosse Achtung gezollt 
wurde. Sie standen unter einem gewählten Oberhaupte und hatten ein 
Zentralheiligthum bei den Carnuten. Dabei erwähnt er, dass zwar 
die öffentliche Sittlichkeit nicht zu loben sei, dass aber nicht bloss 
Einzelne, sondern ganze Gemeinden sich auch des Unterrichts an- 
nähmen und sich Sophisten, nicht bloss für ihr Haus, sondern auch 



in Britannien, Gallien und Helvetien. 229 

für das Gemeindewesen, wie auch Aerzte hielten, und das Zusammen- 
leben zahlreicher Priester für eine Gegend als Segen gelte. 

Alle weiteren Nachrichten ergeben über die Gestaltung der länd- 
lichen Verhältnisse nichts Näheres. Sie bestätigen nur, dass die 
Gallier bei Ankunft Caesars sowohl in Landwirthschaft, als in Handel 
und Gewerbe, in Bergbau, Metallverarbeitung, Salinenbetrieb, Flachs- 
und Wollenweberei, Waffen- und Schmuckverfertigung und im Schiff- 
bau bereits eine ziemlich hohe Stufe erreicht hatten, und dass ein 
lebhafter Handelsverkehr zu Lande, wie auf den Strömen und zur 
See bestand, der für den Binfluss Massilias und Italiens spricht. 

Daraus ist ersichtlich, w r ie die vorgeschrittene Kultur sowohl 
die religiösen als politischen Zustände den durch die Iren bekannten 
alten volksthümlichen Grundlagen bereits völlig entrückt hatte. Als Er- 
innerung an diese Vorzeit fällt nur auf, dass Caesar (VI, 13) von den 
Druiden erzählt, sie erachteten ihre Lehren aus Britannien nach 
Gallien übertragen und reisten noch damals zum Studium dorthin. 
Sie müssten hier eine grosse Menge Verse lernen, die nicht aufge- 
schrieben werden dürften, obwohl man sonst griechisch schreibe. Dies 
spricht für den inneren Zusammenhang der nationalen Ideen und 
für das Alter und für die Bedeutung der Triaden. Von der Clan- 
verfassung aber ist in Gallien keine ersichtliche Spur mehr erhalten. 
Dagegen erinnert an die irischen Viertheilungen, dass die Helvetier 
(Mommsen, im Hermes, Bd. XIX S. 316) in 4 Pagi und die 3 nach 
Gallatien vorgedrungenen Stämme der Tolistoagen, Trogmer und 
Tectosagen (Plinius h. n. V, 32) in je 4 Tetrarchien zerfielen. — 

Ueber Britannien vermögen Caesar wie Strabo noch weniger 
als über Gallien zu berichten, indess machen sie doch einige Be- 
merkungen, welche die Verhältnisse als den altirischen wesentlich 
näher stehend zeigen. 

Caesar sagt (V, 12 und 14): Britannien Avird im Innern von denen 
bewohnt, welche, soweit die Erinnerung reicht, auf der Insel geboren 
sind, die Küstengegenden von denen, die der Beute und Fehde wegen 
aus Belgien herüberkamen, und welche nach dem Kriege dort blieben 
und Aecker zu bebauen anfingen. Sie werden fast alle mit den 
Namen der Staaten benannt, aus denen sie stammen. Die Menschen- 
menge ist überaus gross, auch die Zahl des Viehs bedeutend. Die 
Gehöfte sind sehr zahlreich und den gallischen ähnlich. Sie benützen 
als Geld Erz oder eiserne, auf ein gewisses Gewicht abgewogene 
Stücke. Im Süden wird Blei, Eisen an der Küste gefunden, indess 
nur wenig. Das Erz, das sie brauchen, ist eingeführtes. Holz be- 



HI. 7. Dm Yolkstlium der Kelten 

sitzen sie von jeder Art wie in Gallien, ausser Buchen und Fichten. 
Hasen, 1 ) Hühner und Gänse zu essen, erachten sie für Unrecht, sie 
halten sie jedoch zum Vergnügen. Das Klima ist gemässigter, mit 
weniger Frost als in Gallien. 

Die kultivirtesten sind die Bewohner von Cantium an der Küste, 
welche wenig von gallischer Sitte abweichen. Im Innern säen viele 
kein Getreide, sondern leben von Milch und Fleisch und kleiden sich 
in Felle. Alle Britannier streichen sich mit Waid an, was ihnen eine 
schwarzblaue Farbe giebt, so dass sie um so schrecklicher in der 
Schlacht aussehen. Sie haben lang herabhängende Haare, und sind 
ausser Kopf und Schnurrbart rasirt. Eine Stadt (oppidum) nennen 
sie, wenn sie verhauene Wälder mit Wall und Graben befestigen, 
wohin sie sich gegen den Einfall des Feindes zurückziehen können. 

Strabos (IV, 5) oben S. 191 gedachte Bemerkungen über die Wohn- 
stätten sind dem völlig entsprechend, aber besonders dadurch wichtig, 
dass er die Errichtung dieser mit gefällten Bäumen umzäunten 
Plätze als nicht auf lange Zeit beabsichtigt bezeichnet. Darin lässt 
sich mit Recht eine Beschreibung der irischen Townlands sehen. 

Die Menschen findet Strabo grösser als in Gallien und weniger 
rothhaarig, aber von schwammigerem Körperbau. In ihren Sitten 
seien sie zwar den Galliern ähnlich, aber noch einfältiger und bar- 
barischer, so dass einige, die doch Ueberfluss an Milch haben, nicht 
einmal Käse machen, weil sie es nicht verstehen. Sie wissen auch 
nichts von Gartenbau und anderen landwirtschaftlichen Beschäfti- 
gungen. Er spricht sogar von Kannibalismus, welchen Hieronymus 
(adv. Jovinianum II) für Irland aus eigener Anschauung bestätigt. 

Auf die Clanverfassung lässt sich bei Strabo nur die Bemer- 
kung beziehen: Es herrschen daselbst einzelne Häuptlinge. Da- 
gegen hat Caesar die charakteristische Angabe: Sie haben je 10 
bis 12 unter sich gemeinschaftliche Frauen, am meisten Brüder mit 
ihren Brüdern, und Eltern mit ihren Kindern. Die aber von diesen 
geboren werden, werden als deren Kinder angesehen, denen sie zuerst 
als Jungfrauen gefolgt sind. 

Dies wird nun dadurch erläutert, dass einerseits Strabo (IV, 5) 
von den Iren sagt : Sie vermischen sich öffentlich nicht nur mit 
anderen Weibern, sondern auch mit ihren Müttern und Schwestern, 



! ) Die bei den Lappen und aus den gefundenen Skeletten auch bei den Höhlen- 
enschen beobachtete Sitte, die Hasen nicht als Jagd- und essbare Thiere zu be- 
handeln, ist also nicht eine bloss lappische, sondern auch eine keltische, 



in Britannien, Gallien und Helvetien. 231 

so habe ich dies erzählen hören, ohne jedoch glaubwürdige Zeugen 
dafür zu haben. Andererseits lä.sst Dio Caesius (XLII, H) die Run 
duica sich rühmen : Ich herrsche über britannische Männer, die sich zwar 
nicht auf den Bau der Aecker und auf Künste verstehen, aber der 
Werke des Krieges kundig sind, und so nicht nur alles Andere, 
sondern auch Weiber und Kinder gemeinschaftlich haben, und ich 
herrsche so auch über deren Weiber, die damit die wahre Kraft 
der Männer besitzen. Auch Hieronymus sagt von den Skoten (Zeuss, 
569) uxores proprias non habent. 

Damit wird allerdings ein eigenthümliches Licht auf die gweles 
im Stammhause geworfen. Die Meinung besteht offenbar bei den 
römischen Schriftstellern, welche Nachrichten über das Leben der 
alten Kelten gesammelt haben, dass bei diesen volle Freiheit des Ge- 
schlechtsumganges herrsche. In Betreff des Zusammenlebens im Stamm- 
hause und innerhalb der Gavaels wird dieser Zug auch als glaubhaft 
erachtet werden dürfen, denn er wird durch das o. S. 183 u. 205 genannte 
Gavelkindsystem bestätigt. 1 ) Die Sitte, dass uneheliche Kinder wie 

') Diese Zustände sind nach dem Vorgange Morgan's durch das sogenannte 
Mutterrecht erklärt worden. Allgemein wird aber anerkannt werden müssen, dass 
nach dem Bau und den Funktionen des weiblichen Körpers eine Gynaekokratie niemals 
möglich war, und dass die erste Erhaltung und Lebensweise der Menschen nur wie 
die der Heerdenthiere verstanden werden kann. Deshalb handelt es sich um die 
zwingenden Sorgen der Mütter. Wie dem Leitthiere der Heerde stand dem Häuptlinge, 
der jedem Andern überlegen war, jede Frau zu Gebote, die er zur Zeit vorzog, und frei- 
willig oder gezwungen folgten die Frauen auch anderen Männern. Jeder Wechsel aber 
wandelt Liebe leicht in Hass, und es ist Unkenntniss der Vaterschaft ebenso natür- 
lich, wie dass die Frau Schutz für sich und ihre Kinder bei ihren mütterlichen Ver- 
wandten, Brüdern und Vettern suchte. Diese waren durch lange Zeiträume, bis die Ehen 
feste Gestalt erlangten, ihr einziger Anhalt. Die zweite Stufe war, dass Besonnenheit und 
Erfahrung, als ärztliche und priesterliche Hülfe und Rath, Einfiuss gewannen. Den 
Weisen wurden die Nachtheile der Vergewaltigung von Kindern und Geschwistern 
bewusst, und es gelang ihnen, ein Verbot, ein Tabu, zur Geltung zu bringen. Dazu 
half ihnen die natürliche Empfindung und religiöse Ahnung, aber hauptsächlich 
mystische, zauberhafte Drohung, in der sie zugleich die Erhöhung ihres eigenen An- 
sehens, ihrer Sicherheit und ihres Erwerbes erlangten. Das Tabu nimmt nothwendig 
und überall die Gestalt priesterlicher Aufsicht, Strafe, Reinigung, ausnahmsweiser Zu- 
lassung und erkaufter Ablässe an. Deshalb ist es auch erfahrungsmässig völlig 
unberechenbar und kann mit der wachsenden Macht der Priesterschaft zu den sonder- 
barsten Konsequenzen und Abwegen führen Innerhalb der Beziehungen des Connubiums 
war es jedoch eines der frühesten und segensreichsten und musste durchgreifende 
Bedeutung für die Bildung der Gentes haben. Aber die Verschiedenheiten in der 
Gestaltung der Gentes, welche Morgan vorführt, erschöpfen alle überhaupt denkbaren 
Kategorien und Gegensätze und zeigen dadurch deutlich , dass dabei nicht an natur- 
gesetzliche Regeln zu denken ist. Auch wirken später nicht allein die sittlichen 



232 III. 7. Das Yolkstluun der Kelten iu Britannien, Gallien und Helvetien. 

eheliche galten, Hess sich nicht ausrotten. Das Christenthum ver- 
mochte nichts über sie. Solche Kinder hiessen nicht uneheliche, sondern 
Gavelkinder, Bett- oder wohl gemeinsame Bettkinder. Dass aber diese 
Sitte den Engländern ein solcher Gräuel war, und von ihnen durch-' 
uns die Abstellung gefordert wurde, lag schwerlich in dem Charakter 
als Konkubinenkinder, denn Bastarde waren auch in England häufig, 
sondern in dem mit dem Clanhause wirklich oder angeblich ver- 
bundenen nationalen Herkommen einer gewissen Weibergemeinschaft. 
Entsprechend dieser ungünstigen Grundlage des Volksdaseins 
war auch die Erziehung. Die Kinder des Häuptlings wurden den 
Familien der Untergebenen zum Aufziehen übergeben. Die Knaben 
dagegen kamen in einem gewissen Alter an die Hofhaltung des 
Häuptlings und wurden einem der Mannen zur Lehre überwiesen. 
Bei der Aufnahme unter die Männer wurde jedem eine Harfe und ein 
Brettspiel mitgegeben. Offenbar ist das Leben phantastisch, wie 
Recht und Kunst. Reden, Gedichte und Sophisten wiegen vor. Die 
Ideenwelt erscheint in starkem Widerspruche mit der realen Wirk- 
lichkeit, und die volksthümlichen Wünsche und Ansprüche verfallen 
bei der Durchführung in ihr Gegentheil. 



Ideen der Zulässigkeit, sondern wesentlich wirtschaftliche. Es wird entscheidend, ob 
die Kinder als Erwerb der mütterlichen Gens gelten, oder ob die Frau für die Gens 
geraubt oder gekauft wird, endlich ob Frauen Vermögen haben, oder sogar Grund- 
stücke erben können. Alles dies aber hängt von Macht nnd Anschauungen ab und 
bestimmt die weitere Entwickelung in zufälliger Weise. 

Für die Iren steht das Connubium zwischen den gentes überhaupt nicht in Frage, 
da kein Eheverbot in oder ausserhalb der Gens gilt, sondern sogar der Umgang mit 
Vätern und Müttern gestattet erscheint. Man hat also nur die Wahl, ob man ihre 
Zustände als den Rest des rohesten Heerdendaseins , oder gegenüber den gleichzeitigen 
Sitten der übrigen Arier, als Entartung betrachten will. 



IY, Grundbesitzverhältnisse, Kolonien und Landwirtschaft 

der Römer, 



I. Die älteste Siedelung in Italien und den Alpenländern. 

Das grosse, früher keltische Gebiet nördlich der Alpen, das in 
Süddeutschland bis zum Main, in Gallien bis zum rheinischen Limes 
und in Britannien bis zum Pikten wall reichte, hat durch mehr als 
400 Jahre unter dem Einfiuss römischer Herrschaft und römischer, 
vorzugsweise auf Landwirthschaft gerichteter Betriebsamkeit gestanden. 
Die Art und Weise, wie die Römer mit der Eintheilung und Be- 
Avirthschaftung von Grund und Boden in den Provinzen vorgingen, lässt 
sich jedoch nicht in dem Sinne als national bezeichnen, wie es die 
keltischen und germanischen Zustände waren, in die sie eingriffen. 

So sehr auch die Sage die früheste Zeit Roms verschleiert, ist 
doch nicht zu bezweifeln, dass es erst spät von Albalonga aus ent- 
stand, und zwar nicht als dessen Kolonie, sondern durch Ver- 
triebene und Abenteurer, welche sich auf dem Palatin festsetzten 
und seine Umgebung zu behaupten wussten. Ebenso ist sicher, dass 
die kleine, günstig belegene und energisch geleitete Niederlassung 
rasch ihr Gebiet erweiterte und eine verhältnissmässig zahlreiche, ge- 
mischte Bevölkerung aufnahm, die sich aus losgelösten Gliedern 
mehrerer, seit lange sesshafter Nachbargemeinden verschiedener Natio- 
nalität zusammensetzte. 

Dies erklärt die eigenthümlich selbstständige und ideenmässige 
Entwickelung des neuen Staatswesens. Alles ist Auswahl des Zweck- 
mässigen und Logischen aus der bereits vorhandenen, erheblich 
älteren, latinischen, etrurischen und griechischen Kultur. Fast mehr 
noch als die Staaten grosser Völker aus dem volkstümlichen Be- 



234 IV - l« ^ i( ' Mteste Siedelang in Italien und den Alpenlandern. 

wusstsein ging »las römische Weltreich in beharrlicher Konstanz und 
Gleichartigkeit der Erscheinungen aus dem politischen Gedanken 
hervor. Mit der bestimmtesten Konsequenz und Planmässigkeit 

wurden die zur Geltung gekommenen Ideen und Einrichtungen fest- 
gehalten . starr und formal aus sich selbst weiter gebildet und als 
feste Regeln bis in die fernsten Theile des Weltkreises übertragen. 

Auf agrarischem Gebiete beruhten die Kulturbedingungen, welche 
die Römer in den weiten nördlichen Keltenländern geschaffen haben, 
wesentlich auf der eigenartigen Entwickelung der Grundbesitzrechte 
und Wirthschaftszustände während der letzten Zeit der Republik. Sie 
erhielten ihren besonderen, nahezu merkantilen Charakter durch die 
schnell gewonnene Herrschaft über Italien und über die mehr und 
mehr anwachsenden Provinzen. Schon die Blüthe der Kaiserzeit 
empfand die Schwierigkeit, den fremdartigen Verhältnissen und Be- 
dürfnissen dieser Eroberungsländer mehr als nur äusserlich zu ent- 
sprechen. Seit Gibbon verfolgt die Forschung die fast unerschöpf- 
liche Aufgabe, aus den Rechtsbüchern und dem dauernd sich mehren- 
den Inschriftenschatze die Frage zu beantworten, wie weit es der 
römischen Verwaltung gelungen, die hergebrachten Gesichtspunkte des 
Staatsgebäudes gegen das Schwergewicht der neuen Umstände in Geltung 
zu erhalten, und welche Einrichtungen desselben so tiefen Boden 
fassten, dass sie den Verfall des Weltreiches überdauerten und in 
den Neubildungen des Mittelalters und der modernen Kulturstaaten 
erkennbare Spuren hinterliessen. 

Indess erweist sich doch neuerdings das konsequente und 
pietätvolle Festhalten der Römer an althergebrachten Ideenverbin- 
dungen und verschiedenen, selbst sehr unwesentlichen Gebräuchen, 
Einrichtungen und Bezeichnungen als ein unerwartetes Hülfsmittel 
für das Verständniss ältester Siedelungs- und Agrarzustände. 
Die lange zum grossen Theil für sagenhaft geachteten Nachrichten 
über die ursprünglichen Ackervertheilungen und Abgrenzungen, über 
die agrarischen Heiligthümer und Kulthandlungen und über die 
politischen Beziehungen ländlicher Genossenschaften verknüpfen sich 
mit der sorgfältigen Erforschung tatsächlicher Fundstätten und der 
kritischen Durchdringung der römischen Gesetzgebung mehr und mehr 
zu einem Bilde der altrömischen Agrarentwickelung, wie es nur bei 
einem solchen Reichthum alter und zusammenhängender Ueber- 
lieferungen möglich ist. Da diese Entwickelung die frühesten Er- 
innerungen an die arische Zuwanderung nach Italien einschliesst, deren 
vorgeschrittenste Staatenbildungen zur Zeit der Begründung Roms 



IV. 1. Die älteste Siedelüfig in Italien iiml den Alpenländern. 235 



die latinische und die etrurische wann , vermag sie auch zur Auf- 
hellung der Siedelungserscheinun^fii Europas nördlich der Alpen 
wesentliche und verwandte Züge beizutragen. — 

Als die ältesten Arier Italiens lassen sich die Italer erkennen. 
Die Zeit ihrer Anwauderung ist aus ihrer geographischen Stellung zu 
Kelten und Germanen zu beurth eilen. Die Kelten hesetzten von 
Osten her auf dem gradesten Wege die für Nomaden günstigsten 
Theile Mitteleuropas, die weiten und meist ehenen Gefilde jenseits der 
Karpathen im Donau- und Rheingehiet. Ihnen wichen die Germanen 
schon vor den Karpathen nach Norden aus, die Italer aber wandten 
sich nach Süden der unteren Donau zu, und müssen dann durch das 
schmale Savethal zwischen den Kärnthnischen und Julischen Alpen 
über den Karst nach Italien gelangt sein. Diesen Weg aber hätten 
Nomaden nicht genommen, wenn ihnen Ungarn offen gewesen wäre. 

Jenseits des Karstes im Friaul fanden sie bereits eine viel ältere 
Bevölkerung vor. Unter den Aboriginern Italiens werden Sicaner, 
Japygen, A puler, Daunier, namentlich aber im Norden Ligurer und 
im Süden Siculer genannt. Dass diese beiden desselben Stammes 
waren, kann zwar bezweifelt werden. Die übereinstimmend benannten 
Orte Segesta, Eryx, Entella in Sicilien und an der Riviera können 
fremde Gründungen sein. Indess schreibt Verrius Flaccus 1 ) auch die 
Umgegend von Rom ursprünglich den Ligurern und Siculern, Dionysius 
v. Halicarnass (I. 9) den Siculern, (I. 41) den Ligurern zu, und 
ligurische Namen, besonders häufig Alba, sind über ganz Italien 
verbreitet. Die übrigen alten Stammnamen sind möglicher Weise 
nur landschaftliche Bezeichnungen. Jedenfalls sind die Ligurer als 
das Hauptvolk zu betrachten, welchem die Italier zunächst im nörd- 
lichen Italien begegnen mussten. 2 ) Dem östlichen Oberitalien bis 
an den Fuss der Alpen blieb seit der ersten Besitznahme durch die 
Italer bis in späte Zeit der Name Umbrien erhalten. Aus dem 
Stammvolke gingen allmählich Osker, Sabiner und Latiner mit allen 
ihren bis nach Apulien reichenden Verzweigungen und Vermischungen 



') In Fcstus ed. Müller p. 320. 

2 ) Vergl. Müllenhoff, Deutsches Alterthum I, 191, III, 173 ff. Die ebenfalls unter 
den Aboriginern genannten Messapier erklärt Mommsen (Ueber die unteritalischen 
Dialekte, 1850) für arisch, und wie das I. Buch des Dionysius zu belegen scheint, sind 
von den gräcischen und scytischen Ariern der Balkanhalbinsel reine oder gemischte 
pelasgische Stämme auch nach Italien übergegangen. Aber sie verschwinden ohne 
Bedeutung unter der latinischen Bevölkerung, und es spricht Nichts für eine Vermuthung, 
dass sie vor den Italern eingewandert seien. 



236 ^ • 1- Die älteste Siedeltmg in Italien und den Alpenländern. 

hervor. Diese sind das Zeugniss für beträchtliches Anwachsen und 
frühe.- Ueberwiegen der italischen Bevölkerungselemente auf der 
gesammten Halbinsel. 

anscheinend noch vor 1000 wurden sie jedoch durch die eben- 
falls arischen Rasener oder Etrusker von Rhätien aus sowohl in der 
Poebeue und in der Aemilia, als jenseits des Apennins bis ungefähr 
zur Tiber unterworfen. Die Etrurier aber unterlagen wieder seit 
lol dem Einbrüche der Gallier, welcher die gesammte oberitalische 
Ebene mit der Aemilia. und zuletzt auch noch die im umbrischen 
Besitze verbliebene Küste zwischen dem Rubicon und dem Aesis 
keltisch bevölkerte. 

So liegen schon vor der römischen Herrschaft nördlich des 
Apennins mindestens vier Schichten verschiedener Völker übereinander, 
deren Zustände sehr verschieden waren und keineswegs ein stetiges 
Fortschreiten der Kultur voraussetzen lassen. 

Alles, was Diodor (V, 39) aus den Berichten des Posidonius 
über das mühevolle Jäger- und Holzhau erleben der Ligurer in den 
Seealpen mittheilt, ist bei der sommerlichen Benutzung der Hoch- 
alpen durch die Natur der Verhältnisse geboten und erweist ihre 
besondere Rohheit ebensowenig, wie seine Bemerkungen über das 
kühne Befahren des Mittelmeeres mit den elenden Fahrzeugen ihrer 
Handelsleute. Hundert Jahre vor Posidonius führten die Römer 
langjährigen Kriege mit den Ligurern, weil sie nach Etrurien und 
gegen Massilia in gefährlichen Zügen einfielen. Dabei erwähnt Livius 
(35, 11. 21. 39, 1. 2. 32. 40, 19) mehrmals ihre oppida, vici 
und castella, auch ihre Weinberge und Getreidefelder. Indess die 
alten oben genannten Städte und der ausgedehnte Handel von Genua 
gestatten bereits für viel frühere Zeit hinreichend sicher den Schluss, 
dass die von jeher in Italien ansässigen Ligurer, welche lange vor 
aller bekannten Geschichte nicht ausser Berührung mit den uralten 
Kulturvölkern des Mittelmeerbeckens zu denken sind, gegen die aus 
den kaspischen und politischen Steppen herangekommenen Italer an 
Kultur nicht zurückgestanden haben. Ebensowenig lässt sich annehmen, 
dass die Etrurier, deren frühere Wohnsitze in den rhätischen Alpen 
zu suchen sind, in diesen weit höhere Bildung erlangten, als die 
Italer, denen schon lange vor ihrer Unterwerfung die Kunsterzeug- 
nisse und Kunstfertigkeiten Phöniziens und Syriens wenigstens in den 
Küstenlandschaften nicht unbekannt geblieben sein können. Die 
Etrurier sind noch in römischer Zeit vorwiegend ein herrschender, 
zum Theil abenteuernder Adel, und ihre Industrie wie ihr Alphabet, 



IV. 1. Die älteste Siegelung in Italien und den Alpeniänderh. 23? 

die sich nicht höher als um 800 v. Chr. hinaufrücken lassen, 1 ) 
waren nicht ausschliesslich ihre nationale Schöpfung, sondern sind 
auch den unter anspruchsvollen Herrschern erklärlichen Fortschritten 
der älteren arbeitenden Bevölkerung und dem durch die griechischen 
Kolonien verstärkten Einflüsse des Orientes zuzuschreiben. Die Gallier 
aber standen um 400 wieder gegen die Entwiekelung der blühenden 
Städte Etruriens, die sie zerstörten, weit zurück, wie noch Polybius 
(II, 17) bezeugt. Da aber der Eroberer als Machthaber die Hülfs- 
mittel und Erzeugnisse der Unterworfenen in reichlichem Maasse 
und unter leichten Bedingungen erlangen kann, ist es natürlich, dass 
der Luxus des herrschend gewordenen Volkes leicht und schnell 
steigt , und es erscheinen kann , als habe dieses selbst die Kultur 
mit sich gebracht, die es nur ausgiebiger ausnutzt. — 

Wenn also in der Gegenwart in Oberitalien eigenartige Bau- 
reste und Gebrauchsgegenstände aus dem Schutte von Jahrtausenden 
aufgedeckt worden sind, ist es schwierig zu sagen, welchem dieser 
alten Völker sie angehören. Indess liegt das grössere Gewicht auf 
dem Verlaufe der Kulturentwickelung, der sich aus den aufgefundenen 
Resten erkennen lässt. 

Diese Funde sind in überraschender Ausdehnung gemacht worden. 
In dem alten Umbrien zwischen den Alpen und dem Apennin wurden 
zahlreiche Trümmer fester Ansiedelungen aufgefunden und mit grosser 
Aufmerksamkeit beobachtet. In weiterem Zusammenhange aber hat 
Wolf gang Heibig alles über dieselben Bekannte in der Schrift: Die 
Italiker in der Poebene, 1879, sorgfältig gesammelt und erläutert. 

Durch die von Gastaldi 1861 begonnene Untersuchung der von 
den Bauern sogenannten Terramare oder Terramarina, d. h. düng- 
ende Stoffe enthaltende Erdschichten im Ackerlande, ist man bis 
1879 bereits auf 89 von Heibig speziell kartirte Pfahldörfer gestossen, 
welche nördlich des Po von Legnago zum Gardasee bis gegen Brescia, 
südlich des Po aber von Cremona über Parma, Reggio und Modena 
bis um Bologna in ziemlich eng gedrängten Gruppen verbreitet sind, 
und voraussichtlich in den zwischenliegenden Gegenden, soweit sie 
nicht von Wasser bedeckt waren, in ähnlicher Weise aufgefunden 
werden könnten. 

Diese Dorfanlagen standen nur zum geringeren Theil in Sümpfen 
oder Seen, die meisten, namentlich die der Aemilia, auf trockenem 
Boden, wenn auch immer in der Nähe von Flussläufen. Sie sind als 



') Heibig a. a. 0. S. 100 u. 103. 



■j;;» IV. 1. Die älteste Siedelnng in Italien und den Alpenländern. 

geschlossene Dörfer dadurch gekennzeichnet, dass sich die Umzäunung 
durch einen Graben und einen bisweilen durch Holzwerk unter- 
stützten Erdwall deutlich erkennen lässt. Ihr Flächeninhalt umfasst 
in der Regel o bis 4 Hektar, schwankt aber auch von 1 bis 10 ha, 
und die Form ist stets ein ziemlich regelmässiges Oblong, dessen 
Schenkel nach den 4 Himmelsrichtungen orientirt sind. Das Holz- 
werk des Walles ist in Gorzano als eine äussere und innere Palli- 
sadenreihe, in Castione als zwei gegen einander gelehnte Pfahlreihen, 
welche mit Erde beschüttet waren, festgestellt worden. In Castione 
zog sich auf der inneren Wallseite ein aus horizontal über einander 
gelegten Balken kastenartig konstruirter , im Innern mit Thon und 
Reisigbündeln ausgefüllter und oben mit einem Estrich von Sand 
und Kieseln belegter Wallgang hin. In einer Anlage führte ein er- 
höhter, aufgeschütteter Weg durch die Mitte von Nord nach Süd, 
in einer andern von West nach Ost. (Heibig, S. 60.) 

Innerhalb des von dem Walle umgebenen Raumes fanden sich, 
wie Heibig (S. 12) beschreibt, Reihen von 2 bis 3 Meter langen 
Pfählen in den Boden eingerammt. Diese Pfahlreihen waren der 
Länge wie der Breite nach durch horizontale Balken verbunden, und 
auf den letzteren ruhte eine Lage von Bohlen. Ueber die Bohlen- 
lage aber sind dann, um eine möglichst ebene Fläche zu erzielen, 
Schichten von Sand, Kieseln und Thonerde ausgebreitet, und hierauf 
die Wohnstätten der Insassen des Dorfes errichtet worden. Die einzelnen 
Wohnstätten selbst waren Hütten der primitivsten Art. Weder Stein 
noch Ziegeln finden sich vor, dagegen öfters Stücke von aus Lehm 
oder aus einer Mischung von Lehm und Stroh aufgeführten Wänden, 
Bruchstücke, welche mehr oder minder gebogen sind, und deshalb 
auf Hütten von rundlicher Form schliessen lassen. 

In der Regel enthalten diese Anlagen nicht nur einen, sondern 
mehrere, und zwar gewöhnlich drei übereinander errichtete Pfahl- 
baue. , Der Erdwall entspricht der ganzen Höhe derselben , und es 
ist möglich, dass die jedesmalige Erhöhung der Wohnstätten von 
einer entsprechenden Erhöhung des umgebenden Erdwalles begleitet 
war. Auf der Fläche, von der aus sich die oberen Pfahlbauten über 
die unteren erhoben, und an den Balken der unteren Pfahlbauten 
selbst sind bei genauer Untersuchung Spuren von der Wirkung des 
Feuers beobachtet worden. Feuersbrünste mögen leicht entstanden 
sein. Sie werden durch die unverletzten Utensilien bestätigt, die im 
Schutt vorkommen. Auf den unter den Pfählen befindlichen Boden 
warfen die Insassen der Hütten Speisereste, alte Gerätschaften und 



IV. 1. Die älteste Siedelung in Italien und den Alpenländern. 239 

was ihnen sonst im Wege war, von dem Pfahlbau herab, so dass 
sich die Abfälle bis zur Plattform aufthürmen konnten. 

Aus den in diesen Massen erhaltenen Knochen ergiebt sich, dass 
besonders Rinder, nächstdem Schweine und auch Ziegen, sowie einige 
Schafe gehalten wurden. Ausserdem sind zwei Spezies von Pferden 
und Hunden nachgewiesen. Reste wilder Thiere sind sehr selten. 
Es sind Knochen und Geweihe von Hirschen und Rehen, sowie von 
Wildschweinen, und zwei Bärenzähne aufgefunden. Beachtenswerth er- 
scheint, dass nur ein einziger Fischrest, und nirgends ein Angel- 
haken gefunden wurde, obgleich der Po und seine Nebenflüsse sehr 
fischreich sind. 

Neben der Viehzucht war danach weder Jagd noch Fischfang, 
sondern der Feldbau Nahrungsquelle. Nach den Resten zu schliessen, 
baute man Weizen (triticum vulgare, hibernum und turgidum), Bohnen 
(faba vulgaris), Flachs (linum usitatissimum) und die Rebe (vitis 
vinifera). Von Obst sind nur Aepfel (malus communis) und Schlehen, 
wilde Kirschen, Kornelkirschen, Waldbrombeeren, Haselnüsse, Flieder, 
Pimpernuss und Eicheln nachgewiesen, aber keine Kastanien. Ge- 
spinstpflanzen wurden benutzt. Es sind Seile und Faden aus Flachs 
und aus dem Bast der Clematis vitalba, sowie eines Ginsters, nicht 
selten. Nebst den wirtelartigen Utensilien aus Thon, Stein oder Hörn 
finden sich auch die für Webergewichte gehaltenen Gehänge , und 
da recht zierlich aus Ruthen geflochtene Korbreste erhalten sind, 
wird sich auch die Herstellung von Geweben annehmen lassen. 

Die Thongefässe, vorwiegend Töpfe, Schalen und Näpfe, sind 
lediglich mit der Hand, ohne Drehscheibe gearbeitet und an der 
Sonne oder bei offenem Feuer getrocknet. Ein halbmondförmiger 
Henkel, der sich anderwärts nicht findet, ist besonders üblich. Die 
Waffen und Geräthe aus Stein und Knochen entsprechen den all- 
gemeinen Typen, ebenso die aus Bronze hergestellten Aexte, Sicheln, 
Messer und Friemen, Kämme und Nadeln. Dagegen fehlen Schwerter, 
und bronzene Fibeln, Armbänder, Ringe und Beschläge. Alle Bronze 
ist nur Guss, nicht geschmiedet, aber Gussformen für Herstellung am 
Orte selbst sind aufgefunden. Eisen, Glas, Smalte, Silber und 
Gold wurden nicht nachgewiesen, wohl aber einige Bernsteinperlen. 
Die Ornamente in Thon und Bronze sind Kreise, Dreiecke, krumm 
und grade, auch symmetrisch eingeritzte Linien, aber keine in sich 
abgeschlossenen ornamentalen Schemata. Einige rohe Fragmente 
aus Thon gekneteter Thierfiguren haben sich gefunden. Aber Götter- 
idole, überhaupt alle Andeutungen eines Kultus, fehlen gänzlich. 



•j.jii IV. 1. l>ic älteste ßiedelung in Italien lind den Alpenländern. 



Während von Hütten auf den Pfahlbauten bis jetzt nur Spuren 
gefunden sind, haben in freiem Lande günstige Umstände entsprechende 
deutliche Reste derselben erhalten. Auf dem umbrischen Gebiete 
in der Aemilia und im Thale der Vibrata sind mehrere Hunderte 
runder Hütten aufgedeckt, deren gruppenweises Zusammenliegen auf 
den Bestand kleiner Dörfer schliessen lässt. Namentlich in und um 
Bologna waren 1879 bereits 172 solche Bauwerke festgestellt und 
näher untersucht. 1 ) Der übereinstimmende Charakter aller dieser 
Wohnstätten ist, dass der Durchmesser ihres inneren Raumes in der 
Regel zwischen 3 und 4 m schwankt und niemals 6 m überschreitet. 
Derselbe ist etwa 0,8 m in den Erdboden eingegraben. Um den 
Rand der Grube rinden sicli die Spuren von Pfählen, welche die 
Aussen wand stützten. Diese runde Wand war, nach den erhaltenen 
Fragmenten zu schliessen, aus Reisig und Lehm hergestellt. ' Der 
Raum, den sie einschloss, ist zu klein, als dass man an innere 
Scheidewände, oder an andere Oeffnungen als eine Thür und ein in 
der Bedachung angebrachtes Rauchloch denken könnte. Bisweilen 
aber sind zwei benachbarte Hütten durch einen in die Erde gegrabenen 
Gang mit einander verbunden. 2 ) Da Ephorus (bei Strabo V c. 244) 
erzählt, dass die Kimmerier am Avernersee in unterirdischen Woh- 
nungen hausten und vermöge Gräben mit einander verkehrten, so 
erscheint die Bestimmung dieser Gräben nicht zweifelhaft. 

Verschieden dagegen sind die in den Hütten gefundenen Manu- 
fakte. 3 ) Bei weitem in den meisten sind sie völlig primitiver Art 
und die halbmondförmigen Henkel der noch mit der Hand gearbeiteten 
Thongefässe stellen die Gleichartigkeit mit den Hütten der Pfahlbau - 
dörfer hinreichend fest. In einigen haben sich indess auch mit 
Spiralen ornamentirte und mit der Drehscheibe gearbeitete Gefässe 
gefunden, ebenso aes rudis, Bronze und Eisen. In Bologna, der alten 
Etruskerhauptstadt Felsina, aber sind sogar Hütten entdeckt worden, 
welche Fragmente rothfigurirter griechischer Vasen enthielten. Diese 
Hütten unterscheiden sich nur durch einen etwas längeren, bis zu 6,5 m 
ausgedehnten Durchmesser und dadurch, dass die Erdwände der 
unterirdischen Theile bisweilen durch eine Art von Sockel aus rohen, 
ohne Mörtel zusammengesetzten Luftziegeln, einmal auch aus unbe- 
hauenen Feldsteinen gebildet sind. Wie in Bologna sind zu San- 



') Zanoni, scavi della Certosa, Bologna 1876, p. 42. Heibig, S. 47. 
*) Archivio per l'antropologia II p. 348. 
3 ) Ebd. p. 486. 



IV. 1. Die älteste Siedelang in Italien und den Alpenländern. 241 

polo d'En'za in ganz gleichen Hütten die Fragmente griechischer 
Vasen, ausserdem Scherben mit eingekratzten etruskischen Inschriften 
gefunden worden. 1 ) Es niuss also angenommen werden, dass sich auf 
der Ostseite des Apennins, wohin der griechische Einfluss erst später 
und weniger wirksam vordrang, das Wohnen in den primitiven Hütten 
mindestens bis Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. erhalten hat. 2 ) 
Deshalb ist völlig erklärlich, dass neben den runden Hüttenresten 
auch drei viereckig angelegte solche Baue zu Bologna auf der via 
del Pratello aufgedeckt worden sind. Der eine näher untersuchte 
bildete ein Quadrat, dessen Schenkel gegen 5 m lang waren. Da 
der Boden in einer Entfernung von 1,37 — 1,42 m von der Südwand 
Spuren von Pfahllöchern zeigte, ergiebt sich, dass das Dach besonders 
gestüzt war. Man errichtete auch bereits, wie dies die Hausurnen 
in Anlage 28 D näher andeuten, eine Art Vestibulum. Die in den 
drei viereckigen Hütten gefundenen Manufakte waren zahlreicher und 
zum Theil sorgfältiger gearbeitet, als die der runden Hütten der- 
selben Periode, so dass Zanoni sie als Wohnstätten wohlhabender 
Familien beurtheilt. 

Ohne Zweifel charakterisiren diese Reste mit •ziemlicher Deut- 
lichkeit die einfachen Lebenszustände einer festangesiedelten , in 
Dorfschaften vereinigten, landbauenden Bevölkerung, deren Wirt- 
schaftsweise, Bedürfnisse und Sitten sich seit ziemlich früher Zeit 
bis zur Mitte des 4. Jahrhunderts nur unwesentlich und in sehr 
langsamem Fortschritte geändert haben können. Diese Constanz der 
Lebenslage und der Kulturansprüche ist für eine ackerbauende Be- 
völkerung nicht überraschend, und wenn es auch auffallend ist, dass 
in der berühmten Hauptstadt der Etrusker bis 450 so einfache Zu- 
stände bestanden, ist doch bis auf den heutigen Tag gewöhnlich, 
dass wenigstens auf dem Lande die ärmlichsten Hütten neben stolzen, 
mit allem Luxus der Zeit ausgestatteten weltlichen und geistlichen 
Prachtbauten erhalten bleiben. — 

Wenn man aber die vorliegenden Thatsachen im Einzelnen 

prüft, geben sie doch zu mancherlei näheren Erwägungen Anlass. 

Die nächste Frage knüpft sich an die Pfahlbaureste. 

Ganz entsprechende, aus künstlich eingerammten Pfahlreihen 

und verbundenen Balken errichtete Gerüste, welche die Hütten der 

Bewohner tragen, waren den Forschungsreisenden in Ostindien, auf 



*) Zanoni a. a. 0. p. 44. 
*) Heibig a. a. 0. S. 49. 

Meitzen, Siedeluag etc. I. 1.6 



242 1V - '■ ,>ie Wtesle Siedelung in Italien und den Alpenländern. 

Borneo, Celebes, Neuguinea, Neuseeland und den Karolinen, utid 
ebenBO in den Stromgegenden des nördlichen Südamerika seit lange 
bekannt. Sie sind von den wilden Bewohnern überall erbaut, um 
bei jährlichen wie bei plötzlichen Ueberschwemmungen gesichert zu 
sein, und um Schutz gegen feindliche Ueberfälle, gegen wilde Thiere 
und Ungeziefer, wie gegen Miasmen zu haben. In dem trockenen 
Winter von 1853/54 wurden aber zu allgemeiner Ueberraschung ganz 
ähnliche Pfahlreihen mit Bauresten und Kulturschichten von Keller 
im Zürcher See bei Meilen entdeckt. Nachdem einmal das Auge 
dafür erschlossen war, gab es bald keinen der Schweizer Seen ohne 
bestimmten Nachweis solcher Anlagen, welche z. B. bei Wangen im 
Bodensee bis zu 40000 Pfähle nebeneinander umfassten. In den 
meisten dieser Anlagen zeigten sich ebenfalls zwei oder drei Bauten über 
einander, ebenso waren die Zwischenräume genau wie in den Terramare 
durch Abfalle aller Art gefüllt, und die Schichten meist durch Brand- 
sporen getrennt. In den untersten, also ältesten Schichten hatten 
die Artefakte nur den allereinfachsten Charakter. Metall fehlte in 
ihnen gänzlich. Roh geschlagene Steinbeile und Pfeilspitzen, ohne 
Drehscheibe oder Verzierungen hergestellte halbkugelförmige Gefässe 
und zugespitzte Knochen und Plornstücke bildeten die Geräthe, bei 
gleichwohl ziemlich gut gearbeiteten Gespinnsten und Geweben. Für 
diese dienten Bast, indess auch Flachs als Material. Lein und Gerste 
waren bereits Kulturpflanzen, aber die einzigen; von benutzten wilden 
Früchten fanden sich nur Holzäpfel und Waldbeeren. Die grösste Be- 
deutung aber beanspruchten die Reste der Fauna. Sie ergaben vor- 
zugsweise das Rennthier, Elenn und den Auerochs, die vielleicht schon 
zahmen Rinder, bos trochocerus, primigenius und braehycornis, sowie, 
ausser dem Wildschwein, das kleine Torfschwein. Damit also er- 
wies sich ihre sehr frühe, den Terramare erheblich voraufgehende, 
nahe an die Eiszeit heranreichende erste Anlage. 

Aehnliche Pfahlbaue sind dann auch westlich vom Gardasee im 
Lago Maggiore bei Mercurago, in den Seen von Varese und Brianza 
in Savoyen, im See von Paladru im Departement d'Isere, und ebenso 
in grosser Ausdehnung in den Pyrenäen entdeckt worden. Im Osten 
aber sind sie, an die Schweizerseen anschliessend, im Wurmsee, im 
Attersee und im Laibacher Moor in Kärnthen aufgefunden. Noch 
weiter nach Osten schildert Herodot (V, 16) die gleichen Pfahlbauten der 
Paionier im Prasiassee am Strymon. Auch in Rumänien sind in den 
zahlreichen linksseitigen Sumpfgegenden der Donau und an den in 
diese mündenden Nebengewässern derartige Pfahlbaureste bemerkt 



IV. I. Die älteste Siedelung in Italien und den Alpenländern. 243 

worden. 1 ) Daraus ergiebt sich, dass die Pfahlbauten an sich nichts für 
[Tmbrien Charakteristisches sind. Ihr Gedanke und ihre erste Er- 
richtung kann keinem nomadisirenden Volke angehören, denn sie 
bildeten ihrer Natur nach feste Ansiedelungen. Dass sie auch nicht 
lediglich des Fischerlehens wegen erbaut wurden, zeigt der Umstand, 
dass schon in den ältesten Resten die Gerste und der Flachs, 
und zwar in Gegenden gefunden wurden, wo ihre wilde Heimath 
nicht gedacht werden kann, wo beide also Kulturpflanzen waren. 

Da wir nun die Italer ursprünglich als Nomaden heurtheilen 
müssen, die Ligurer aber als sesshaft und als Ackerbauer kennen, 
welche sehr weit in die Alpen und selbst bis in die Cevennen und 
in die Provence verbreitet waren 2 ), wird die erste Errichtung der 
Pfahlbauten den Ligurern oder einem anderen südlichen, nicht einem 
von Nordosten angewanderten Volke zugeschrieben werden müssen. 
Dem steht nicht entgegen, dass nicht überall, wo Ligurer wohnten, 
Pfahlbauten bekannt sind, denn der Pfahlbau knüpft sich an die 
Oertlichkeit, die ihn zweckmässig erscheinen lässt. Auch darin liegt 
kein Bedenken, dass in Umbrien noch keine älteren Pfahlbauten 
entdeckt worden sind, als solche, deren Bewohner bereits ausschliess- 
lich das noch heut in unserer Landwirthschaft übliche Vieh züchteten, 
denn es giebt auch in der Schweiz eine ganze Anzahl solcher, in 
jüngerer Zeit erst angelegter Pfahlbauten, z. B. Unter -Uhldingen, 
Supplingen, La Thun, Burg bei Vilters, Windisch, Ebersberg bei 
Berg u. a. 3 ) 

Dagegen unterscheiden sich die umbrischen Pfahlbauten von 
allen sonst bekannten durch die runden Hütten und die Erd- 
umwallung. Die Hütten der Pfahlbaubewohner haben bis jetzt alle 
Beobachter dieser Anlagen als viereckige, mehr oder weniger lang- 
gestreckte Wohnräume aufgefasst. 4 ) Viereckig sind auch die in Ostasien 
und sonst noch gegenwärtig bestehenden. Zweifellos ist baulich 
durch die parallelen Pfahlreihen am natürlichsten begründet, dass 
die oberen Enden der Pfähle zum Einbau der Wohnräume benutzt 



') Die norddeutschen Pfahlbauten in den mecklenburgischen Torfmooren bei 
Gägelow und Wismar, im Persanzigsee und in einigen Sümpfen der Mark Branden- 
burg gelten mit Recht als späte slawische Anlagen zum Schutz von Tempeln und 
Burgwällen, oder nur als Fischereieinrichtungen der Slawen. 

2 ) Müllenhoff a. a. 0. I, S. 191. III, S. 173. 

^ 6 Berichte von Keller im 9. Band der Mitth. der antiquar. Gesellschaft zu 
Zürch, 185 5. — Rütimeyer, Fauna der Pfahlbauten, Zürch 1861. — R. Hartmann, 
über Pfahlbauten, Zeitschr. für Ethnologie, Berlin 1870. 1871. 

*) Hartmann a. a. 0. 1870, S. 19 m. Abbd. 

16* 



2 j J IV. 1. Pie älteste Siedelung in Italien und den Alpenländern. 

werden. Hier genügt schon schwaches Zwischengeflecht und ein Stroh- 
dach, um eine Hütte herzustellen, welche dann nothwendig 4 Ecken 
hat. Eine runde Hütte aber lässt sich nicht an die Pfahlreihen an- 
fügen, sondern fordert selbstständigen Auf hau auf der Plattform. 

Ebenso sind die Erd wälle his jetzt nur hei den umbrischen 
Pfahlbauten bekannt. 

Es ist also nicht ausgeschlossen, dass, wie dies Heibig und die 
gelehrten italienischen Beobachter annehmen, die umbrischen Dorf- 
anlagen gleichwohl den Italern angehörten. Sie können auf alten 
Pfahlbaugrundlagen errichtet sein. T)ass die Italer, wie die Griechen, 
nachdem sie aus den politischen Steppen herangewandert, im Donau- 
thal und auf der Balkanhalbinsel sehr viel früher zum Ackerhau 
übergehen mussten, als die Kelten und Germanen, denen die weiten 
Weidegebiete des Westens und Nordens offen standen, wird aus der 
beschränkten Fläche und der gebirgigen Beschaffenheit Mösiens und 
der Balkanhalbinsel ersichtlich. Hier hätte eine grosse Zuwanderung 
von Nomaden ihren Unterhalt seihst dann nicht gewinnen können, 
wenn das Land unbesetzt war. Beide aber fanden diese Landes- 
strecken bereits zum grossen Theil bewohnt und seit lange fest be- 
siedelt. Sie mochten durch ihre nordische Kraft leicht über die 
alten Bewohner Sieger hleihen, dennoch war nichts noth wendiger und 
zugleich einfacher, als dass sie ihre nomadische Lebensweise auf- 
gaben und sich zunächst durch den Landbau der Unterworfenen er- 
nähren Hessen. 

Damit lässt sich sehr wohl vereinigen, dass sie die vorgefundenen 
Pfahlbauanlagen mit Befestigungen versahen und auf ihnen Platt- 
formen herstellten, die für ihre übliche Lebensweise in runden Hütten 
geeignet waren. 

Ein Blick auf die leider einzige veröffentlichte Skizze einer solchen 
Terramare macht dies deutlicher. Fig. 27 zeigt die von Coppi in 
den Abhandlungen: Monografia ed iconografia della terramare di 



"3i.iÖ£»&_3 




Fig. 27. Terramare von Gorzano. a. Kapelle und einzelnes Gehöft, b. Etwa 
3 Meter aufgehöhter Hügel der Terramare. c. und d. Abgrabungen desselben, 
e. 13 Pfahle, deren Spitzen sich im Schutte der Terramare bis in den natürlichen 
Boden getrieben gefunden haben, f. Höhe des Mühlgrabens, g. Höhe des Baches 
Tiepida. h- Strasse Vandelli. 



IV. 1. Die älteste Siedelang in Italien und den Alpenländern. 246 

Gorzano (I — III, 1871 — 1876), sorgfältig dargestellte Abgrabung der 
Terramare von Gorzano in der Provinz Modena. 

Wahrscheinlich hat sich der Bach gegen die älteste Zeit etwas 
mehr eingeschnitten, um einige Meter aber war die Lage der An- 
siedelung schon bei der Gründung über das umliegende Terrain erhöht. 
Sie hat, wie es scheint, immer Bewohner angezogen, denn es sind 
hier ganz alte Knochen-, Hörn- und Steinwerkzeuge und die gedachten 
Henkelgefässe gefunden, ebenso aber auch Bronzen, und zwar keine 
griechischen, aber römische Töpferwaaren mit Inschriften, und Münzen 
des Augustus, der Porcia und des Claudius Gothicus von 270 n. Chr. 

Die runden Hütten, welche, wie Anlage 28 B zeigt, den Nomaden 
charakteristisch sind, haben die Umbrer bis in die späte Etrusker- 
und Römerzeit beibehalten. Dass sie ihrerseits auch Pfahlbauten er- 
richtet hätten, ist dagegen nicht erweisbar. Die Orientirung der 
Befestigungen und damit die Anlage der Erdwälle aber lässt sich 
mit besserem Grunde als ihnen den Etruskern zuschreiben, weil 
wir nur von diesen, nicht von den sabellischen Volksstänimen 
wissen, dass die rechteckige Limitation und Orientirung zu ihren Ge- 
bräuchen und religiösen Weihen bei Bauten gehörte. Jedenfalls sind 
nach der deutlichen Schilderung der Beobachter die einzelnen Elemente 
dieser Anlagen nicht nothwendig aus derselben Hand und Zeit hervor- 
gegangen und können von den aufeinander folgenden Bewohnern ver- 
schiedener Nationalität ihren Sitten gemäss eingerichtet sein. Nie- 
mand wird sich dem Eindrucke verschliessen , dass mindestens 
die Anfänge der Pfahlbaue Oberitaliens in den allgemeinen Zusammen- 
hang der merkwürdigen Kulturerscheinung der alpinen Pfahlbau- 
anlagen gehören, deren wesentlicher Charakter die bis zur Fauna 
der Eiszeit zurückreichende, dem Landbau gewidmete feste dorf- 
genossenschaftliche Ansiedelung ist. Die Italer könnten dieselben 
unter allen Umständen nur übernommen oder nachgeahmt haben. 

Für die Beurtheilung des geschichtlichen Agrarwesens Italiens 
vermag indess die durch die Terramares sicher gewonnene Erkenntniss 
zu genügen, dass diese ältesten Siedelungsspuren lange vor der Be- 
gründung Roms und schon zur Zeit der arischen Einwanderung die 
Existenz dorfmässiger fester Ortschaften erweisen, deren Wirthschafts- 
betrieb bereits den Anbau der wichtigsten unter unseren heutigen 
Nutzpflanzen und die Zucht aller bis zur Gegenwart gehaltenen 
Hausthiere zum Gegenstande hatte. Dem Anbau gegenüber ist auf die 
unvollkommene Ausübung der Keramik und der Metallarbeit wenig 
Qrewicht zu legen. Nach diesen Arbeiten lässt sich der allgemeine 



2 1 1 1 IV. 2. Agrarische Alterthümer Roms. 

Zustand der etrurischen Kunstfertigkeit um 450 nicht bemessen. 
Die Dorfbewohner und das niedre Volk von Felsina mochten sich 
noch mit solchem Geräth begnügen. Die Industrie der etruri- 
schen Haupstädte aber kann damals unmöglich hinter der Roms zurück- 
gestanden haben, dessen Bildung wesentlich auf etrurischer Grund- 
lage ruhte, und das schon 100 Jahre vorher die servische Mauer baute, 
und die gleichmässige Panzerbewaffnung seiner Heerestheile durch- 
geführt hatte. Vielmehr stellt die Ernährung der Bevölkerung 
durch den nachgewiesenen Landbau und durch entsprechende Wirth- 
Bchaftßführung von geschlossenen Dorfschaften aus an die Kultur 
der Anbauer sehr bestimmte Anforderungen, welche o. S. 12 und 154 
ausführlich erörtert sind. Ackereintheilung, Flurordnung, Hütungs- 
und Wegerechte, Feststellung der Nachbarpflichten, Rechtssprechung, 
Gemeindeverwaltung setzen in dem Gemeinwesen viel mehr Bildung 
und Einsicht voraus, als die nur von Wenigen abhängige, mehr 
oder weniger sorgfältige Herstellung der erforderlichen einfachen Ge- 
räths'chaften. 

Wenn uns deshalb auch die einzelnen Züge dieses altitalischen 
Agrarwesens nicht näher bekannt sind, ist doch die Sicherheit über 
seinen allgemeinen Charakter ein fester Anhalt für das Verständniss 
der zerstreuten Andeutungen, die uns über die ältere römische Agrar- 
verfassung erhalten sind. 

2. Agrarische Alterthümer Roms. 

Unzweifelhaft hat sich Rom schon früh und vor der Gründung 
der Republik zu einer einflussreichen Handelsstadt erhoben. Es 
darf zwar nicht mit grossen Verhältnissen dabei gerechnet werden, 
denn die eigne Produktion kann nur auf einige Handwerkerwaaren 
ausgedehnt gewesen sein. Die Etrusker aber besassen zahlreiche 
eigne Häfen und im Arno ihre Hauptstrasse. Die Latiner beherrschten 
ihrerseits den Liris und Volturnus. Daher war es nur das zwar lang- 
gestreckte, aber ziemlich schmale Tibergebiet, welches das Hinter- 
land Roms bildete. Den Verkehr auf dem Tiber vermochte die neu 
entstandene Stadt allerdings völlig zu schliessen. Da es ihr gelang, 
das wegen seiner ungünstigen Beschaffenheit bis dahin wenig beachtete 
Gebiet auf beiden Seiten des Flusses vom Anio bis zum Meere in 
Besitz zu nehmen und gegen die Nachbarn zu behaupten, war sie 
in der Lage vieler kleiner Küstenstämme in allen Welttheilen. Sie 
vermochte den Binnenhandel ganz in ihre Hände zu bringen, oder 



IV. 2. Agrarische Alterthümer Roms. 247 

wenigstens durch Zwischenabgaben und Zölle auszunutzen. Aber von 
grosser Ausdehnung lässt sich dieser Verkehr kaum denken. Holz, 
Holzkohlen, Felle, Wolle, Lein, auch Wein, grobe Holzwaaren, Körbe, 
Lanzen, Pfeilschäfte, starke Gewebe, vielleicht Sklaven mögen zur 
Küste gebracht worden, und dafür von den damaligen Kulturvölkern 
Kunsterzeugnisse, Gefässe, Waffen, Schmuck und Salz ins Land ge- 
gangen sein. Letzteres sollen die Römer seit Ancus Marcius bei 
Ostia gewonnen haben. Auf sehr frühe Beziehungen zu den Ar- 
givern, welche nur in Handel und Kampf gegen Seeraub gesucht 
werden können, deutet die von Mommsen 1 ) erläuterte, der vorservischen 
Kultverfassung angehörende jährliche Opferung der Argeer. Wie sehr 
die herrschenden Geschlechter der Stadt den Handel von der See 
her zu pflegen, aber auch die Fremden von dauernder Festsetzung 
an der Küste abzuhalten strebten, lässt der Handelsvertrag mit 
Karthago, sei es, dass er 509 oder erst 348 abgeschlossen wurde, 2 ) 
genügend erkennen. Die Könige und einzelne Familien konnten 
schon früh verhältnissmässig grosse Gewinne erreichen. Aber dass 
die Ernährung der Bevölkerung auch nur vorwiegend hätte auf dem 
Handel beruhen können, daran lässt sich nicht denken. Noch 
weniger aber darf für sie Gewicht auf Raub bei den Nachbarn ge- 
legt werden, schon weil durch häufige Beunruhigung der Handel 
sehr bald aufgehört haben würde. 

Die erste Thätigkeit der neuen Staatsbürger musste vielmehr 
nothwendig die Landwirthschaft sein, und die ersten Anfänge der 
Stadt fordern, von allen Sagen abgesehen, unter dem Gesichtspunkte 
einer landwirtschaftlichen, im Wesentlichen aus latinischen und 
sabinischen, d. i. italischen Volkselementen hervorgegangenen Nieder- 
lassung zum Vergleich mit den geschilderten umbrischen Ansiede- 
lungen auf. Dieser ergiebt, dass kein Stadttheil Roms auf einem 
Pfahlbau steht, dies war jedoch bei dem grössten Theil der alten Dörfer 
um Bologna ebensowenig der Fall. Die Begrenzung des Palatins bildete 
zwar nahezu ein Viereck, sie war indess nicht orientirt und schwer- 
lich durch die Idee der Anlage, sondern augenscheinlich durch die 
Form des Hügels bedingt. Dagegen findet sich die Befestigung durch 
einen Erdwall, sowohl bei der ersten Gründung, als auch bei der 
späteren Erweiterung über die Velia nach den Carmen wieder, denn 
auch hier wird ausdrücklich terreus murus erwähnt. 3 ) Erst die dem 



') Mommsen, Rom. Staatsrecht III, 123. Man stürzte 30 Binsenpuppen in den Tiber. 
2 ) Mommsen, Rom. Chronolog. S. 320. Nissen in Fleckeisen. Jahrb. 1867 S. 321. 
'■) Varro de lingua lat. V, 48. 



'J4S IV. 2. Agrarische Alterthümer Roms. 

Senilis zugeschriebene Mauer wurde von Steinen erbaut, und ihre 
späte Anlage hat sich durch griechische Scherben erwiesen, welche 
unter ihren Fundamenten gefunden worden sind. 1 ) Am bedeutsamsten 
ist die Aehnlichkeit der Gebäude, weil über die Errichtung selbst 
der wichtigsten und heiligsten Baulichkeiten im alten Rom, als runde, 
von Geflecht und Lehm hergestellte und mit Stroh gedeckte Hütten, 
bestimmte Zeugnisse erhalten sind. Auf dem Palatin lag oberhalb 
des zum Circus maximus herabführenden Abhanges die casa Romuli, 
eine aus Rohr und Stroh aufgeführte, auch als tugurium Faustuli er- 
wähnte Hütte. 2 ) Ein ähnlicher, ebenfalls mit Romulus und Faustulus 
in Beziehung gebrachter Bau befand sich auf dem Capitol. 3 ) Als 
Hütten (xaXed, xaXidg) werden auch ausdrücklich die auf dem Palatin 
gelegene curia saliorum und die römischen Capellen der lares com- 
pitales bezeichnet. 4 ) Ebenso erwähnt Plutarch (Numa 8) xahddag 
isqovs in seiner, wie es scheint, Varro entnommenen Schilderung 
einer dem Numa zugeschriebenen Kultusweise. Alle diese heiligen 
Hütten aber wurden, wie Heibig a. a. 0. S. 51 und 52 im Einzelnen 
nachweist, von der bildenden Kunst als Rundbauten wiedergegeben. 
Ebenso war die Aedes Vestae nach Abbildungen ein Rundbau. Ovids 
Fasten (VI, 261) sagen ausdrücklich : Quae nunc aera vides, stipula tum 
tecta videres, et paries lento vimine tectus erat. Die Wände waren 
also aus Flechtwerk, das Dach aus Stroh, und beim Umbau des 
Heiligthums wurde seine runde Form beibehalten. 

Heibig weist darauf hin, dass wegen dieser Form der Vesta- 
tempel nach Varro (bei Gellius XIV, 7. Vergl. Nissen, Templum 
p. 5) auch der auguralen Consecration entbehrte. Denn die Auguren 
weihten einen Platz nur vermöge der Limitation, welche durchaus 
vom Viereck ausging, bei runden Anlagen aber unzulässig war. 

Sicher als Rundbaue bezeugt sind ferner die aedes divae deae, 5 ) 
das in die Vorhalle der Kirche St. Cosmae et Damiani verbaute 



\ Heibig a. a. 0. S. 46. 

2 ) Ovid. Fasti III, 183. Quae fuerit nostri, si quaeris, regia nati, aspice de 
canna viminibusque domum. Dionys. I, 79. Schwegler Rom. Gesch. 1853 I, p. 3f0. 

3 ) Vitruv II, 1. Item in capitolio commonefacere potest et significare more 
vetustatis Romuli casa et in arce sacrorum stramentis tecta. Isidor Etymol. XV. 8, 4 
sagt ganz allgemein: culmina dicta sunt, quia apud antiquos tecta culmo tegebantur, 
ut nunc rustica. Schwegler Rüm. Gesch. I, p. 394 ff. Rubino Beiträge zur Vorge- 
schichte Italiens, 1868, p. 231 ff. 

4 ) Plutarch Camill. 32. Dionys. I, 57. 

5 ) Henzen, scavi nel bosco sacro dei fratelli arvali p. 105 ff. ; tav. IV, V ; acta 
fratrum arvaliam exord. p. XXII. Beibig a. a. 0. S. 54. 



IV. t. Agrarische Alterthümer Roms. 24 Ö 

Heiligtum der Penaten, 1 ) und die aedes Herculis in foro boario, 2 ) 
endlich auch das älteste Heiligthum des Jupiter Feretrius auf dem 
Capitol. lieber letzteres berichtet Dio Cassius, dass es Augustus 
für ein anderes zum Muster genommen habe, welches er dem Mars 
Ultor erbaute, und welches auf den Münzen deutlich als ein von 
einer Kuppel überwölbter Rundbau charakterisirt ist. 3 ) Alle diese 
alten Heiligthümer werden, wie das der Vesta, stets als aedes, nie 
als templa bezeichnet 4 ) und haben deshalb, wie anzunehmen, gleich 
der aedes Vestae keine augurale Weihe erhalten. 

Zu diesen zahlreichen Ueberlieferungen des ursprünglichen 
Wohnens der Menschen und Gottheiten in runden Hütten von Flecht- 
werk und Lehm mit Strohbedachung dürfen noch des Dionysius 
Angaben (II, 23) über die alten hölzernen Tische und irdenen 
Schalen als Tempelgefässe gezogen werden, denen ähnliche Erwäh- 
nungen aus Plinius, Apulejus, Cicero, Valerius Maximus u. a. (Heibig 
S. 78) zur Seite stehen. 

Dass alle genannten Heiligthümer nicht limitirt waren, erweist, 
dass sie einer älteren Periode der Kultverhältnisse angehörten. Des- 
halb wird richtig sein, was die Etrurier behaupteten 5 ) und die Römer 
nicht in Abrede stellen, G ) dass Etrurien die Mutter des Augurenwesens, 
der auguralen Weihen und der Idee der Limitation und der Orien- 
tirung war, und dass diese Anschauungen und Gebräuche erst mit der 
etrurischen Zuwanderung oder der Herrschaft der Tarquinier nach 
Ruin übertragen wurden. 

Aus gleicher Zeit werden auch für andere italische Städte ähnlich 
einfache Zustände angedeutet. Das Heiligthum der Penaten zu Lavinium, 



*) Becker, Handbuch der römischen Alterthümer I, 1843, p. 249. 
2 ) Heibig a. a. 0. S. 54 Anm. 3. 
^ Dio Cassius 54, u. Heibig ebd. 

4 ) In Betreff des ebenfalls als Rundbau ausgeführten Tempels des Augustus be- 
merkt Heibig S. 55, dass das erste Heiligthum des Augustus wahrscheinlich deshalb 
ein Rundbau gewesen ist, weil die Verehrung des Augustus anfänglich eng mit dem 
Kultus der Lares compitales verknüpft war. Als bei Lebzeiten des Kaisers die Reor- 
ganisation dieses Kultus stattfand, wurde verfügt, dass von nun an in jeder Compital- 
kapelle neben den Laren auch der Genius Augusti verehrt werde. Nach dem Tode 
des Kaisers verordnete der Senat seinen Kultus als den einer besonderen Gottheit, und es 
wurde in Rom das erste ausschliesslich diesem Dienste geweihte Gebäude aufgeführt. 
(Preller röm. Mythologie p. 495, 775.) Hatte aber einmal die Verehrung des Augustus 
in Rundbauten begonnen, dann lag es bei dem konservativen Prinzip der römischen 
Staatsreligion sehr nahe, davon, wie bei der aedes Vestae, nicht abzuweichen. 

5 ) Vegoia in Blume, Lachmann u. Rudorff, Schriften der röm. Feldmesser, I, p. 350. 
'',) Etruria mater omnium superstitionum. Fcstus. Varro ebd. I, p. 27. Liv. 5, 1. 



•j.mi IV. 2. Agrarische Alterthümer ItomS. 

das als des Aeneas erste Gründung galt, war eine ähnliche runde 
Strohhütte, wie die Kapellen der lares compitales. 1 ) Die Sage von 
der Demolirung von Albalonga durch Marcus Horatius am Tage 
der Verhandlungen mit Metius Fuffetius, wie sie Dionys. III, 30 
erzählt, konnte ohne die Vorstellung so leichter Bauten gar nicht 
entstehen, und diese wird dadurch unterstützt, dass es nicht gelungen 
ist, irgend welche Trümmerspuren der alten Stadt aufzufinden. Das 
samnische Aeclanum hatte noch im Bundesgenossenkrieg hölzerne 
Mauern. 2 ) Hierher zu ziehen sind auch die charakteristischen Ab- 
bildungen primitiver Wohnhäuser , welche die in den Albanerbergen 
bei Marino gefundenen Hausurnen uns überliefert haben. Diese 
Hausurnen sind in Anlage 28 D nach den künstlicher und den weniger 
künstlich geformten Beispielen gezeichnet und beschrieben. Sie 
zeigen wegen ihrer Sparrendächer schon einen etwas entwickelteren 
Typus als die ältesten Strohbauten Roms. Aber alle Umstände, die 
griechischen Ornamente und Formen der Gefässe, die mit ihnen ge- 
funden worden sind, sowie der Vergleich mit den ebenfalls in An- 
lage 28 dargestellten etrurischen Hausurnen, lassen keinen Zweifel, 
dass die Vorbilder dieser Grabgefässe ihrem Wesen und ihrer Zeit 
nach der einfachen Bauweise während der Periode der römischen 
Konige angehörten. Ob die ersten römischen Könige als historische 
Personen, oder nur als mythische Repräsentanten ihres Zeitalters 
gelten dürfen, kann hier, wie für alle weiteren Betrachtungen, keinen 
wesentlichen Unterschied begründen. 

Es ist also für Rom, ehe die servische Mauer aus Stein errichtet 
wurde, die Königshäuser auf der Velia entstanden 3 ) und die ersten 
Tempelbaue begannen, 4 ) eine Lebensweise in solchen Stroh- und Lehm- 
hütten von grosser Aermlichkeit und Einfachheit vorauszusetzen, 
und dieser entsprechend müssen auch die Anfänge der Stadtanlage, 
der Strassen- und Wegeführung, der Abgrenzungen, der Grundstücks- 
und Ackervertheilung und des Agrarwesens gedacht werden. — 

In Betreff dieser ersten agrarischen Einrichtungen erklärt 
nun Varro (de re rustica I, 10) : Apud nos in agro Romano ac Latino 
metiuntur jugeris. Jugum vocant, quod juncti boves'uno die exarare 
possint. . . Jugerum quod quadratos duos actus habeat. Actus qua- 
dratus qui et latus est pedes CXX et longus totidem. . . Bina jugerum, 

') Heibig a. a. O. S. 52. 2 ) Appian bell. civ. I, 51. 3 ) Livius I, 41. 45. 

4 ) Die Cloaca maxima wird anfänglich nichts anderes, als ein stromab gezogener, 
hinreichend tief eingeschnittener Graben gewesen sein, der erst mit der Stadtmauer der 
Ueberwölbung bedurfte. 



IV. 2. Agrarische Alterthürner Roms. 251 

quot a Romulo primum divisa (diccbantur) viritim, quae heredem 
sequerentnr, heredium appellarunt. 

Plinius (hietor. nat. 19, 19) bemerkt über das heredium: In 
XII tabulis legum nostrarum nusquam nominatur villa, semper in 
significatione ea hortus, in horti vero heredium. Es wird also noch 
um 450 nicht ein Haus als der wesentliche Bestandtheil eines 
herediums betrachtet, sondern ein Garten. Plinius bezeugt dabei 
ebenso wie auch Cato (de re rustica c. 156 u. 157), dass auf den 
Garten grosser Werth gelegt wurde. Ihn pflegte vorzugsweise die 
Hausfrau, und an seinem Zustande wurde eine gute Wirthin erkannt. 
Er wurde mit Gemüsen, namentlich mit Kohl und Gewürzpflanzen, 
bebaut, und succidia (Speckschwarte) genannt, weil es darauf ankam, 
daraus zu jeder Zeit etwas auf den Tisch bringen zu können. 

Man könnte sich also denken, dass die leichten Strohhütten 
der Bürger ursprünglich innerhalb der Erdumwallung des Palatins 
gestanden, und die einzelnen Berechtigten in dem umliegenden ager 
romanus, also in der Almende der Ansiedelung, je 2 jugera Sondereigen 
zugewiesen erhalten , das übrige Almendland aber in gemeinsamer 
Weidenutzung oder vielleicht in theilweiser Pacht gehabt hätten. 
Eine so einfache Verfassung passt wahrscheinlich auf zahlreiche der 
umbrischen Dorfschaften. Für Rom aber stehen ihr unabweisliche 
Anstände entgegen. 

Die Grenzen des eigentlichen ager romanus , den die Römer 
als antiquus bezeichneten x ), sind zwar nicht näher überliefert. Aber 
die Eroberungen unter den Königen und die Oertlichkeiten, welche 
davon als Kolonien ausgeschieden blieben, sind uns hinreichend be- 
kannt, um zu wissen, wie weit sich der ager romanus äussersten 
Falles erstreckt haben kann. Diese weitesten Grenzen reichten am Meere, 
von Ostia, wo sich inzwischen eine bedeutende Anlandung erzeugt hat, 
nach Norden nahe an das etrurische Fregenae, nach Süden nahe an 
Laurentum, die Küstenlänge betrug also etwa 20 Kilometer. Auf 
der rechten Tiberseite umfassten sie den ager vaticanus, schnitten den 
Strom unterhalb Fidenae und liefen von ihm nördlich des Anio gegen 
Ficulea und Nomentum, deren Gebiete jedoch, wie die von Antemnae 
und Caenina, nur theilweis einverleibt wurden. Hier hielten sie 
eine Strecke den Anio inne, und führten dann westlich von Collatia 
und Gabii nach der Grenze von Latium, die durch den fünften Meilen- 
stein an der Fossa Aemilia, anscheinend der heutigen Maranna, und 



'; Momrasi-n, Römisches Staatsrecht 1887; III, 824. 



252 tV« ~- Agrarische Alterthümer Roms. 

durch den Küstenpunkt nahe bei Laurentum genau bezeichnet ist. 
Crustumerium, Nomentum, Collatia, Gabii und alle latinischen Städte, 
ausser Antium, waren lange nur Kolonien oder Bundesgenossen, die 
bis zum Bundesgenossenkriege kein römisches Bürgerrecht hatten, 
auch wenn sie mit römischen Kolonisten besetzt waren. Der ager 
romanus, der schon früh erobert war, umfasste also etwa 50 000, im 
höchsten Fall (50 000 ha oder 240000 jugera. 

Unter diesem Besitze fand sich zwar auf allen Seiten der Stadt 
zum Anbau gut geeignetes Land. Aber es ist keinerlei Grund 
anzunehmen, dass dasselbe bessere und ausgedehntere Ackerflächen 
dargeboten hätte, als gegenwärtig. W. Sombart hat in der Schrift : 
Die römische Campagna (Leipzig, 1888), ein sehr gründliches Bild 
der wirthschaftlichen Zustände des gegenwärtigen agro romano gegeben, 
und urtheilt (S. 21), dass durchschnittlich sein Boden immerhin 
noch guter Mittelboden sei. Dieses heutige Stadtgebiet von Rom 
umfasst indess (Ebd. S. 8) 200000 ha, zwischen dem Meere, den 
Sabatinischen und den Albaner Bergen. Davon bilden die 60000 ha 
des alten ager romanus nur den mittlen, bei weitem ungünstigsten 
Bruchtheil zu beiden Seiten des Tiber. Auch ist Boden, den wir Mittel- 
boden nennen, für frühe Kulturzustände nur geringer. Die Ansprüche 
an das Anbauland waren im Alterthum sehr hoch. Wo diese befriedigt 
werden konnten, bestanden schon seit alter Zeit Ansiedelungen. Dass 
die latinischen und etruskischen Niederlassungen dies Gebiet frei- 
gelassen hatten, beweist am besten dessen ungeeignete Beschaffenheit, 
welche sommerliche Dürre, steiniger Untergrund, zäher Boden und 
weit reichende Ueberschwemmungsgefahr und Versumpfung noch heut 
bekunden. Das nächste gut brauchbare Land lag am Anio. Es 
war deshalb schon angebaut und musste erst erkämpft werden. Auch 
von diesem Anbaulande konnten indess 2 jugera, d. h. 50,38 ar, bei 
weitem nicht hinreichen, um eine Bürgerfamilie zu ernähren und für 
ihre öffentlichen Pflichten leistungsfähig zu erhalten. 1 ) Gleichwohl 



l ) M. Voigt hat im Rheinischen Museum für Philologie (N. F. 24, Jahrg. 1868 
S. 52) in einer Abhandlung: Ueber die bina jugera der ältesten römischen Agrarver- 
fassung, in dankenswerther Weise die Angaben zusammengestellt, welche über die 
Bewirthschaftung der Ackerloose und über das Bedürfniss der angesiedelten Familien 
in den Schriften der Alten überliefert sind. Daraus berechnet er ohne ersichtlichen 
Trugschluss, dass 2 jugera zu der Ernährung einer bäuerlichen Familie durch Weizen- 
anbau durchaus unzureichend gewesen seien, dagegen bei Bestellung mit Dinkel, 
welcher nach Plinius (h. nat. 18,7) in den ersten 300 Jahren als ausschliessliche Feld- 
frucht der Römer gelten darf, hingereicht hätten, das Bedürfniss einer Familie von 
ä'/a erwachsenen Personen zu decken. Dieses Krgebniss ist durchaus unmöglich. Der 



IV. 2. Agrarische Alterthümer Roma 253 



blieb eine Anstauung mit nur zwei jugera Sondereigen, soweit sich 
erkennen liisst, auch bei KolonieaußBendungen his zum Beginn des 
1. Jahrh. v. Chr. die allein übliche. Erst als 389, nach der Er 



Irrthura liegt wahrscheinlich darin, dass die Dinkelrationen hei Gellius XX, 1, 45, 
Liv. V, 47. VI, 17. VII, 37 und Hör. Sat. I, 5. 67 in Mehl oder Schrot, nicht in 
Körnern gedacht sind, was hei Dinkel wegen seiner mehrblättrigen Hülsen sehr erklär- 
lich ist; auch nia<4 Juvenal (XIV, 166), wie seine Zeitgenossen überhaupt, in ihrer Beur- 
theilung der unter August mit Vorliebe gepriesenen ältesten Zustände durch die Lage 
■ Irr kleinen Grundbesiter um Rom beeinflusst worden sein, welche zu seiner Zeit, wenn 
sie geschickt waren, von dem Anbau von Gemüsen und Delikatessen auf 2 jugera nicht 
bloss leben, sondern recht wohlhabend werden konnten. Die zahlenmässige Berech- 
nung der alten ursprünglichen Wirthschaft ist schwierig, weil der Ertrag von Weizen 
ebenso wie von Dinkel je nach Boden, Anbau und Jahrgang schlecht und gut sein 
und bis zum Vierfachen schwanken kann, auch lässt sich die örtliche Tragbarkeit 
Mittelitaliens ebenso wenig wie Arbeit und Bedarf der Menschen jener alten Zeit 
genau anschlagen. Die Angaben der Römer über Aussaat und Ernte und über Tages- 
und .Tahresrationen , welche Voigt seiner Aufstellung zu Grunde legt, sind aber hin- 
reichend deutlich und sicher. So darf für den gewöhnlichen Fall als zutreffend aner- 
kannt werden, dass, da ein juger um als Brache liegen blieb, das bebaute jugerum durch- 
schnittlich 60 modii Weizen, also, nach Abzug» von 5 modii Saat, 55 modii 
Weizen lieferte, und ebenso, dass der Ertrag an Dinkel 120 modii ergab, und nach 
Abzug von 10 modii Saat, 110 modii zum Verkauf blieben. Dies besagt, dass auf 
25,19 ar 4,81 hektol. Weizen oder 9,62 hektol. Dinkel-Ertrag gewonnen wurden. Es 
wird auch nach den Angaben von Cato (de re rustica, 56) und Polybius (VI, 39) 
richtig sein, dass der Jahresbedarf eines erwachsenen Sklaven oder Soldaten 51 modii 
tritici oder 4,46 Hektoliter Weizen war. Da 1 Hektoliter marktgängiger Weizen 
74,6 kg schwer ist, und nach Abzug von 3% Holzmasse oder Hülsen 72,2 kg Nähr- 
stoffe enthält, beträgt dieser Jahresbedarf 322 kg Weizenmehl. Der Nahrungswerth 
des Dinkelmehls ist etwas geringer als der des Weizenmehls. Wird dieser Werth aber 
auch gleichgesetzt, so ist doch der Hektoliter marktgängigen Dinkels nur 40,9 kg schwer, 
und es sind auf seine Hülsen 16,5% Holzmasse abzuziehen, er behält also nur 34,2 kg 
Nährstoffe. 322 kg Dinkelmehl erfordern danach 9,42 Hektoliter oder 108 modii 
Dinkel, während Voigt nur einen Bedarf von 23,81 modii Dinkel berechnet und dem- 
selben 51 modii tritici gleichstellt. Es zeigt sich daraus, dass er in dieser etwas künst* 
liehen Berechnung Coeffizienten zur Anwendung gebracht haben muss, welche das 
Resultat um das 4*4 fache erhöhen. Zur Sache selbst aber ergiebt sich, dass, wie es das 
Wahrscheinliche ist, auch in der ältesten Zeit Roms der Ertrag von Weizen und 
Dinkel wie heut ziemlich gleich standen , und der Uebergang von einer Frucht zur 
andern für den vortheilhafteren Weizen nur etwas grössere Ansprüche an Boden und 
Betrieb machte. Zwei jugera aber mussten, trotz Juvenal, zur Erhaltung einer bäuer- 
lichen Familie bei Dinkelbau ebenso durchaus ungenügend sein , wie bei Weizenbau. 
Sie konnten nach den Anschlägen der Alten bei beiden Früchten nur zur völligen 
Ernährung eines einzigen starken Mannes hinreichen. (Die hier gebrauchten technischen 
Verhältnisszahlen finden sich mit den nöthigen Nachweisen zusammengestellt in 
A. Meitzen, der Boden und die landwirthsch, Verhältnisse des Preuss. Staats, Bd. II, 
S. 215, 216 und 221.) 



'.,) TV. 2. Agrarische ÄSlterthümer Roms. 

oberiing von Veji, die Masse der Plebejer beruhigt werden sollte, be- 
schloss (nach LiviusV, 30) der Senat, »jedem Plebejer sieben jugera 
vom ager Vejentanus anzuweisen, und dabei nicht bloss die Hausväter 
zu berücksichtigen, sondern auch alle Freigeborenen in jedem Hause; 
sie möchten auf diese Aussicht hin Familienväter werden.« Damit 
scheint das Maass bezeichnet zu sein, welches damals für das Leben 
einer Familie auf einer kleinen ländlichen Stelle für ausreichend er- 
achtet wurde. Da die Höhenböden gegen Veji hin gut und die Nahrungs- 
ansprüche der Südländer ziemlich gering sind, ist ein bescheidenes 
Auskommen bei 7 jugera allerdings nicht zu bezweifeln. Dass die- 
selben jedoch der geltenden Auffassung von dem üblichen Ansprüche 
einer politisch vollberechtigten patrizischen Familie an Landbesitz 
keinesweges entsprachen, zeigen schon die Licinischen Gesetze von 
386, nach denen Niemand mehr als 500 jugera Staatsländereien be- 
sitzen solle. Ganz bestimmt aber spricht sich die geforderte Grösse 
patrizischer Bauergüter in den Maassen der neuen Kolonien und 
der Yiritanausstattungen römischer Bürger aus. Die Ackeranweisungen 
im ager Latinus, Privernatis, und Falermus 338 v. Chr., sowie in 
Anxur (Tarracina) 327 enthielten nur 2V2, 3 3 A und 2 jugera, 1 ) 
also unzweifelhaft noch ungenügende Loose, die im ager Sabinus um 
289, im Samnis, Bruttius und Apulis 277 und weiter im Samnis 
274 wurden , wie bei Veji, mit 7 jugera, also anscheinend als kleine 
Landstellen, angesetzt. 2 ) Dagegen wurden 191 in der latinischen Kolonie 
Copia den pedites 30, den equites 60 und einigen nachträglich noch 
deduzirten pedites 20, den equites aber 80 jugera angewiesen. Aehnlich 
erhielten 190 in der Kolonie Valentia die pedites 15, die equites 30 
und in der colonia latina Bononia die pedites 50, die equites 
70 jugera. 3 ) Darauf wurden wieder 183 für Parma 8, für Mutina 5, 
für Saturnia 10, 182 für die latinischen Kolonien Potentia und Pisau- 
rum nur 6 jugera und 179 für Gravisca 5 jugera als Loosgrösse be- 
stimmt. 4 ) In demselben Jahre aber erhielten in der latinischen 
Kolonie Aquileja die pedites 50, die centuriones 100 und die equites 
140, und im Jahre 175 in der colonia civium Luna jeder Bürger 
54 V2 jugera. 5 ) Gleichwohl wurden in derselben Zeit wieder vom 
ager Ligustinus und Gallicus jedem cives nur 10, jedem Latinus 



') Liv. VIII, 11 und 21. Auch für Labici 411 und Satricum 383 waren nur 
2 jugera beabsichtigt. Liv. IV, 48 u. VI, 16. 

*) Columella de re rustic. I, praef. et. cap. III. 

3 ) Liv. 35, 9; 45, 40; 37, 57. *) Liv. 39, 44. 55; 40, 29. 

l ) Liv- 40, 34; 41, 13. 



IV. 2. Agrarische Altertlnimer Roms. 255 

sogar nur 3 jugera zugewiesen.') 133 aber gab (Gracchus in Afrika 
seinen Kolonen bis zu 200 jugera, welche Sie. Flaccus als das grösste 
Maass bezeichnet, das der Besitzer Belbsl bebauen könne. 8 ) 

Die Vergleiehung dieser Zahlen lässt keinen Zweifel darüber, dass 
als Besitz eines vollberechtigten Bauern ein Gut von 30 bis 70, auch 
140, jugera galt, und dass plebejische Kleinstellen von 7 bis 20 jugera 
zur Ansetzung kamen. Wo das Maass des zugewiesenen Sondereigens 
aber unter 7 jugera betrug, rauss nothwendig Gelegenheit zu Nutzungen 
vorhanden gewesen sein, welche den Ausfall am Bedarfe der Familie 
zu ersetzen vermochten. 

Diese Nutzungen lassen sich nur auf in der Nähe belegenem, 
nicht zu Sondereigen vertheiltem, gemeinsamem oder Staats -Lande 
denken. 

Da nun in der gesammten Zeit der Könige und, wie es scheint, 
bis 389 v. Chr. weder an Patrizier noch an Plebejer dem pater 
familias mehr als 2 jugera Sondereigen zugewiesen worden sind, muss 
der alte ager romanus, ganz abgesehen von den späteren über die 
Grenzen des Königsstaates hinausgreifenden römischen und latinischen 
Kolonien, schon den ersten Ansiedlern in beträchtlicher Ausdehnung 
zur Benutzung, sei es durch Weidevieh oder sporadischen Ackerbau, 
offen gestanden haben. Unter welchem Rechte dies geschah, und 
ob er dafür in Bezirke getheilt war, kommt zunächst nicht in Frage. 

Wohl aber ist in Betracht zu ziehen, dass, wenn auch nur 7 jugera 
Ackerland als das nothwendige Bedürfniss für die Ernährung einer 
Familie angeschlagen werden, der Ertrag der der einzelnen Stelle neben 
den 2 jugera heredium fehlenden 5 jugera, falls er nicht auf Acker 
aus dem Gemeindelande erlangt wurde, sondern Ersatz durch Weide- 
vieh finden sollte, je nach der Bodenbeschaffenheit das 10 bis 20 fache 
an Weideland erforderte. 

Danach berechnet sich, weil von der Gesammtfläche der überhaupt 
vorhandenen 240000 jugera mindestens die Hälfte als geringwerthige 
Weide angenommen werden muss, als ein allerdings nur sehr unsicherer 
Ueberschlag, dass von dem ganzen ager romanus nur wenig mehr als 
3000 landwirtschaftliche Familien leben konnten, wenn sie jede nicht 
mehr als 2 jugera anbauten, dass sich aber nahezu 20000 Familien 
zu ernähren vermochten, wenn sie die halbe Fläche anbauten und 
nur die übrige Fläche als Weide benutzten. 



') Liv. 42, 4. 

') Schriften der röm. Feldmesser, Bd. I, 136, 



^öß IV. 2 Agrarische Alterthümer Roms. 

|)icsc Berechnung, obschon sie, ähnlich wie die Anschläge o. S. 146 
und 193, nur das denkbar Mögliche umgrenzen soll, genügt doch für 
die Kritik der Bevölkerungsangaben, welche Dionysius (II, 16) macht, 
wonach Romulus mit 3000 Mann zu Fuss und weniger als 300 zu 
Pferde Rom gegründet, bei seinem Tode aber darin 46 000 Mann zu 
Fuss und nicht viel weniger als 1000 zu Pferde zurückgelassen habe. 
Das rasche Anwachsen der Bevölkerung der Stadt durch die bereit- 
willige Aufnahme immer neuer Bürger, welche von allen Schriftstellern 
als Hauptgrund der starken Machtentwickelung gepriesen wird, wird 
man allerdings nicht gering anschlagen dürfen. Der Palatin um- 
fasst nur 15 ha, worauf höchsten Falles 4000 der geschilderten 
umbrischen Strohhütten stehen konnten. Die Ausbreitung der Bauten 
über Velia, Carinen, Subura und Capitol bis gegen den Pons sublicius 
aber nahm schon das 5 fache an Areal in Anspruch und die servische 
Mauer umschloss bereits, abgesehen vom Aventin, 340 ha, also das 
22fache des Palatin. Auch ist die Zahl der 1000 Tities, lOOORamnes. 
und 1000 Luceres, welche in 30 curien zu je 10 gentes, jede gens in 
10 Familien zerfallen sein sollen, zweifellos eine Anwendung heilig 
geachteter Zahlenverhältnisse, für welche E. Huschke mannigfache 
Nachweise gegeben hat. 1 ) Aber sie scheint eine nicht unangemessene 
Ueberlieferung. Mit der massigen Zahl von ungefähr 3000 ansässigen 
Bürgern wird man immerhin schon früh rechnen dürfen. Von den 
sonstigen Angaben werden die meisten auf Vs» j a Vs zu reduziren sein. 

Wurden aber, wie es als alte überkommene Erinnerung erhalten 
scheint, diesen 3000 Bürgern je 2 jugera Anbauland als heredium 
im ager romanus überwiesen, so waren dazu ohne die Zugangswege 
1500 ha geeigneter Boden erforderlich. Dieser kann nur für einen 
Theil der Berechtigten in der Nähe der Stadt und so gelegen haben, 
dass es leicht oder überhaupt möglich war, ihn von dieser aus zu 
bewirtschaften. Mag auch ursprünglich die Stadt zwischen Carinen 
und Capitol nur ein sehr viel kleineres Septimontium, als das spätere, 
eingenommen haben, wir wissen, dass eine sehr grosse Fläche des 
um die Stadt belegenen Landes nicht zu der Ackerauftheilung gehört 
haben kann. Der Quirinal. scheint schon früh eine Vor- oder Neustadt. 
Den mons Caelius vertheilte erst Hostilius an Unangesessene (Dionys. III, 
1). Der campus martius, der nahezu 100 ha umfasst, wurde nach der 
Vertreibung der Tarquinier auf einem Acker des Königs einrichtet. 

') Mommsen (R. St.-R. III, 1 1 2) zeigt, dass ein Decimalsystem herrschte, welches 
in allen römischen Municipien einfach (z. B. 10 Carien), in Rom aber je 3 fach 
wiederkehrt. 



IV. 2. Agrarische AlterthÜmer Roms. 257 

Die Scipionen be.sassen ein mit Wald bestandenes Grundstück, welches 
von der Tiber bei dem .späteren Grabmal Hadrians bis auf den Mons 
Vaticanus reichte. Der Aventin wurde erst 455 v. Chr. zum Anbau frei- 
gegeben. 1 ) Schon diese zufälligen Erwähnungen zeigen, dass für die 
Bürgeräcker nur wenig Anschluss an die Stadt bleiben konnte. Dazu kam 
der ganze Tiberlauf mit seinen Wiesen und seinem breiten Ueber- 
schwemmungsgebiete. Da nun Jedem neben dem geringen Acker 
der 2 jugera noch erhebliche Viehnutzung nöthig Avar, lässt sich nur 
denken, dass ein sehr grosser Theil der landbauenden Bürger ausser- 
halb der Stadt wohnte. Bei der Sitte, in so leichten Hütten zu 
leben, konnte es auch keinerlei Schwierigkeiten haben, ein zweites 
Heim in der Stadt zu besitzen, jedenfalls bot zu Zusammenkünften 
und im Kriegs- oder Nothfall die feste Stadt Unterkunft. 

Die Gestaltung und Entwickelung dieser ländlichen Zustände 
fasst indess Dionysius allzusehr als bestimmte Begelung auf, wenn er 
(II, 7) erzählt, dass Ilomulus das Land in 30 gleiche Loose zer- 
schnitten und jeder Curie ein Loos gegeben, nachdem er einen hin- 
reichenden zum Religions- und Tempeldienste bestimmten Theil aus- 
genommen und ein gewisses Stück Gemeingut übrig gelassen. Der Ge- 
danke, dass der ager romanus in örtliche Curienbezirke zerfallen sei, 
ist wahrscheinlich erst der späteren örtlichen Tribuseintheilung ent- 
nommen. Die Curien, denen der einzelne Bürger persönlich ein- 
ordnet wurde, waren, wie Mommsen (Rom. Staatsrecht Bd. ni, S. 94) 
erläutert, vor allem Gruppen, von denen für das einzelne erforder- 
liche Heer je 100 pedites und 10 berittene celeres gestellt werden 
mussten. Sie lassen sich also nicht als Bevölkerung dauernd gleich 
abgegrenzter örtlicher Bezirke denken. Auch für die Curiatcomitien, 
welche rechtmässig sogar lediglich durch 30 Lictoren vertreten werden 
konnten, scheint wenigstens in späterer Zeit die Gruppirung in 
30 Curien erst innerhalb der Erschienenen für den Zweck der Ab- 
stimmung vorgenommen worden zu sein. 

Da aber jeder Curie vom Könige ein Curio als Priester vorgesetzt 
war, und sie eine Stätte in einem heiligen Gebäude für jährliche 
sacrale Feste besass, wird man an ein ursprünglich engeres persön- 
liches Band der Curialen denken müssen, welches namentlich nicht 
die Dorfgenossenschaft derselben Niederlassung trennte, sondern so 
lange ein Wechsel nicht nothwendig wurde, die Nachbarn zu der- 
selben Curie vereinigte. 



J ) Uv. II, 5. 10. 13; III, 31. 
Meitzen, Siedelang etc. I. 17 



25$ IV. 2. Agrarische Älterthümer Roms. 

Eine solche Scheidung in einzelne Dorfgenossenschaften findet 
einen bestimmteren Anhalt schon in einem Umstände, den Dionysius 
(II, 65) mit Recht als heachtenswerth hervorhebt, dass nämlich die 
aedes Vestae nicht innerhalb des Palatins , sondern ausserhalb der alten 
Mauer desselben, nahe dem Forum, errichtet war. Er stimmt der 
Ueberlieferung bei, dass es aus diesem Grunde nicht Romulus, sondern 
Numa gewesen, der den Platz, auf welchem das heilige Feuer bewacht 
wird, der Göttin weihte. »Denn den Tempel der Göttin des gemein- 
schaftlichen Heerdes setzt Jedermann gerade in den besten Platz der 
Stadt, ausserhalb der Mauer Niemand. Also Romulus erbaute weder 
der Vesta einen öffentlichen Tempel, noch übertrug er den Jungfrauen 
den Dienst derselben, sondern er errichtete in jeder der 30 Curien 
einen heiligen Heerd, worin die jeder Curie Angehörigen opferten, 
und machte nach den Sitten der Griechen, die sich noch in ihren 
ältesten Städten erhalten haben, die Vorsteher der Curien zu ihren 
Priestern. Numa hingegen schaffte zwar beim Antritte seiner Re- 
gierung die den Curien eigenen Heerde nicht ab, aber errichtete 
einen gemeinschaftlichen im Zwischenräume des Capitols und des 
Palatinus, welche beide Hügel schon durch eine einzige Ringmauer zur 
festen Stadt vereinigt waren, und in ihrem Mittelpunkte den Markt 
hatten, auf dem der Tempel erbaut wurde.« Auch erzählt Dionys. (II, 23) 
genauer, was er ebenfalls dem Romulus zuschreibt, dass die Opfe- 
rungen sehr passend unter die Curien vertheilt, einer jeden die von 
ihr immer zu bedienenden Götter und Dämonen bezeichnet, und die 
Ausgaben dafür, die ihnen aus dem öffentlichen Schatze gereicht werden 
sollten, festgesetzt worden seien. »Die Curien opferten, wie er sagt, 
mit den Priestern die ihnen zugetheilten Opfer und speisten an Fest- 
tagen am Heerde der Curie, denn jede Curie hatte ihren eigenen 
Speisesaal und zugleich mit diesem war den Curien nach Art der 
griechischen Prytaneen ein gemeinschaftlicher Heerd gewidmet. Diese 
Säle heissen, wie sie selbst, Curien und heissen noch so.« In Ueber- 
oinstimmung mit der ältesten Heeresorganisation lässt sich deshalb 
annehmen, dass die Curien anfänglich die vorhandenen mit heredia 
angesessenen ungefähr 3000 patres familias in 30 ziemlich gleiche 
Abtheilungen schieden, und dass dabei als das Natürlichste möglichst 
ganze Niederlassungen und Nachbarschaften, sowie ganze Gentes, 
welche von diesen Verbänden am deutlichsten hervortreten, zusammen- 
gefasst worden sind. — 

Wie weit die Bewohner der verschiedenen Niederlassungen als 
Genossenschaften oder als einzelne Familien den ager romanus nutzten, 



IV. 2. Agrarische Alterthümer Roms. 259 

bedarf weiterer Untersuchung. Rechnet' man für das allgemeine Bild 
zunächst nur, wie viel von dem geflammten gemeinsamen Staatsgebiete 
jedem einzelnen Familienvater durchschnittlich zur Verfügung stehen 
konnte, so ergeben sich nicht mehr als 80 jugera. Der Landbesitz 
einer Familie würde also neben 2 jugera heredium 78 jugera 
Antheil am gemeinsamen Lande betragen haben, wovon indess ein 
unbekannter Theil, vielleicht ein Viertel, für Kultzwecke in Abzug zu 
bringen ist. 60 jugera entsprechen 15 ha und haben in Mittelitalien, 
auch wenn nur die Hälfte als anbaufähig, die Hälfte als Weideland 
gerechnet wird, doch mindestens die doppelte wirtschaftliche Be- 
deutung, wie eine gleich grosse Bauerhufe in Deutschland. 

Deshalb konnte ein solches Familiengut, da sich sein Vieh und 
sein Anbau von dem kleinen heredium aus auf das Gemeinland aus- 
zudehnen vermochte, unter den bestehenden einfachen Verhältnissen 
genügend sein, dem Zuwachs einiger Generationen Unterkunft und 
Unterhalt zu gewähren. Häufige Kriege, mangelhafte Pflege und 
miasmatische Seuchen machen einen starken Nachwuchs an sich 
zweifelhaft. 

Schon in ältester Zeit sind aber auch bewusste Mittel nur 
zu klar erkennbar, durch welche einer zu starken Belastung der 
Familien guter abgeholfen werden sollte. Besonders bemerkbar scheint 
früh die Kindesaussetzung überhand genommen zu haben. Denn 
Dionysius (H, 15) schreibt schon dem Romulus ein Gesetz zu, alle 
Kinder männlichen Geschlechts und von den Töchtern die erstgeborenen 
aufzuziehen, und keine Leibesfrucht unter 3 Jahren zu tödten, es sei 
denn, dass das Kind gleich bei der Geburt krüppelhaft oder missge- 
staltet wäre. Anscheinend von den Sabinern war das dem Zeus ge- 
weihte Opfer des Ver sacrum nach Rom überkommen, welches mit 
den im März und April geborenen Hausthieren ursprünglich auch die 
Kinder ergriff. Statt dessen wurden schon in früher Zeit diese Kinder, 
wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht hatten, mit verhülltem Haupt 
über die Grenze geführt und veranlasst, eine neue Heimath zu suchen. 
Bald trachtete auch der Staat selbst den Volksüberschuss durch die 
bereits bei den ersten Eroberungen der Städte am Anio erwähnten 
Kolonieansetzungen zu versorgen, für deren jede angeblich 300 Bürger 
aus dem römischen Gebiete ausschieden. 

Der Bestand des einzelnen alten bäuerlichen Fundus war nur 
geschützt, so lange er in einer Hand blieb, oder die Erben den Besitz 
gemeinsam fortführen wollten. Es gab anscheinend kein Mittel, Erb- 
theilungen zu verhüten. Dies wurde durch die Testamentifactio ge- 

17* 



2G0 IV. 2. Agrarische Aiterthümer Roms. 

fanden. Schon früh galt bei den Römern der Satz des XII Tafel- 
gesetzes: uti pater familias legassit super pecunia tutelave suae rei, 
ita jus esto. Dies Testament musste in comitiis ealatis vor den, 
wenn aucli nur fingirt vertretenen Curien erklärt werden. Im Streit- 
falle lag denselben dabei- mindestens die erste Entscheidung ob, 
und es ist wahrscheinlich, dass sie in ältester Zeit weitergreifenden 
Einfluss auf die Vererbung der heredia zu nehmen vermochten. In 
der testamentifactio liegt aber ihrem Wesen nach, dass der Vater 
einen ausschliesslichen Nachfolger im heredium zu bestimmen in der 
Lage war, indem er seine übrigen oder alle seine Kinder exheredirte. 
Auf diese Exheredatio hat kürzlich Max Weber als sehr beachtens- 
werte hingewiesen. 1 ) Ist seine Vermuthung, wie es scheint, begründet, 
dass der Gegensatz der assidui und proletarii der servischen Verfassung 
die mit heredium Angesessenen von der proles, den Nachkommen, 
welche kein heredium überkommen hatten, unterschied, so liegt nahe, 
dass Recht und Brauch der exheredatio schon vor Servius bestand und, 
menschlicher als die Kindesaussetzung, von den Gentilen geübt wurde, 
um doch wenigstens einem der Söhne durch das leistungsfähige Gut 
Stellung und politische Macht in der gens zu bewahren. 

Es vermochten also nach den Sitten der Zeit die patres familias, 
welche heredia in Besitz hatten, trotz der Lasten des Kriegsdienstes 
und der Staats- und Kultusansprüche, den erforderlichen Nahrungs- 
zustand auf den Familiengütern aufrecht zu erhalten. Gleichwohl 
entstand eine erweisliche Verschiedenheit des patrizischen und 
plebejischen Grundbesitzes auch innerhalb der alten heredia. 

In dieser Beziehung ist kein Zweifel, dass die patricii aus den 
wohlhabenderen und angeseheneren patres hervorgingen, welche schon 
bei der ersten Begründung des Staates Einfluss gewannen und natur- 
gemäss den Senat des Königs bildeten. Die Plebs aber lässt sich 
nicht unmittelbar als deren Gegensatz, als das übrige freie Volk, auf- 
fassen. Ihre Entstehung ist noch keineswegs sicher aufgeklärt, nicht 
deswegen, weil für dieselbe keine anerkannten Gründe bezeichnet 
werden könnten, sondern im Gegentheil, weil unzweifelhaft sehr ver- 
schiedene Ursachen zusammenwirkten. 

Eine Plebs ohne quiritarischen Grundbesitz ist leicht zu erklären. 
Seit der Gründung des Staates muss die Zahl der Sklaven durch 
Kriegsgefangenschaft, Geburt und Verschuldung stark angewachsen 



') M. Weber, Die römische Agrargeschichte in den Beziehungen zum Staats- 
und Privatrecht. Stuttgart 1891. S. 68. 



IV. 2. agrarische Alterthiiiner Roms. 261 

sein. Von ihnen kam je früher desto leichter eine gewisse Anzahl 
zur Freilassung. Sein- gross war nach allen Berichten die Menge 
der zwar freien, aber zu unvollkommenem Recht in Rom aufgenom- 
menen Zu waudcrcr. Dazu kamen alle ohne heredium aus der väter- 
lichen Gewalt entlassenen und alle exheredirten Familiensöhne. Dass 
für diese Besitzlosen in der Staats -Verwaltung und Vertretung in alter 
Zeit keine Stelle war, ist nicht zu bezweifeln, sie vermochten aber 
auch trotz ihrer Freiheit keinen genügenden Rechtsschutz zu erlangen, 
so dass, wie Dionysius (II, 9) sagt, der König die Plebejer der Obhut 
der Patrizier anvertraute, und Jedem aus dieser Volksklasse erlaubte, 
sich einen Patron nach eigenem Belieben als Schutzherrn zu erwählen. 
Schon früh wird deshalb in der Stadt unter den Augen und unter dem 
Schutze des Königs ein heimathloser , armer und unsteter Haufe 
Biedern Volkes entstanden sein, dessen Dionysius (II, 62) erwähnt. Aus 
ihm konnten indess durch Handel und Gewerbe auch Wohlhabende 
und Einflussreiche hervorgehen. Auf dem Lande aber werden die 
patrizischen Patrone leichter eine strenge Einordnung in Haus- und 
Ortsrecht erzwungen, und die freien Besitzlosen als Klienten und 
Hörige in der Lage von Meiern und Pächtern oder Instleuten für 
die landwirtschaftliche Arbeit festgehalten haben. Je grösser aber unter 
allen diesen die Zahl derjenigen war, die aus freien Familien hervor- 
gegangen, desto natürlicher war ihr Streben nach Vollfreiheit und 
politischer Anerkennung, welche die servische Verfassung, wenigstens 
den Wohlhabenderen in einem gewissen Grade gewährte. Das Be- 
streben der Masse richtete sich jedoch sehr erklärlich viel weniger auf 
politische Rechte, als auf Gewährung von Land. Deshalb konnten 
die Kolonien, obwohl sie nur launische waren, immer wieder Befrie- 
digung schaffen, und auch für diejenigen, welche römische Bürger 
bleiben und nicht auswandern wollten, fand sich die Gelegenheit 
zur Ausstattung mit ager publicus, wofür der Acker von Veji das 
entscheidende Beispiel ist. 

Diese Vorgänge mussten den Zusammenhang innerhalb der ein- 
zelnen gentes wesentlich beeinflussen. Es entstand ein Standes- 
unterschied der reichen und vornehmen Patrizier und der ihnen unter- 
geordneten armen Plebejer. Wie Ständescheidungen meist, wurde auch 
diese vorzugsweise in der Aufhebung des Connubiums wirksam. Diese 
Trennung mag dadurch erleichtert worden sein, dass innerhalb der 
einzelnen römischen gens der Sitte nach überhaupt kein Connubium 
bestanden zu haben scheint, soweit nicht Erbtöchtern oder Wittwen 
ihres Grundbesitzes und Vermögens halber die Heirath in eine andere 



gß2 ItV« - Agrarische Alterthümer Roms. 

gens versagt wurde. 1 ) Sie musste andrerseits oft um so lebhafter 
empfunden werden, weil nicht allein im Namen, und in den Opfern, 
sondern sogar im Erbrecht der Zusammenhang der Gens dauernd 
festgehalten worden ist. Noch Cicero (de orat. I, 39) erzählt, dass 
zu seiner Zeit die patrizischen Claudier die erblos gewordene Erb- 
schaft eines Freigelassenen der zur Gens gehörigen plebejischen 
Marceller vor den Centumvirn auf Grund des anerkannten Rechtes 
der Gens auf erblose Verlassenschaften der Gentilen in Anspruch 
nahmen. Dasselbe gesetzliche Recht im Falle des Minucius gebrochen 
zu haben, wirft Cicero (in Verr. II, 45) dem Verres vor. 

Durch diese Stellung der aus dem alten Besitzrecht an den ur- 
sprünglichen Fundis ausgeschiedenen Plebejer ist aber die zweifelhaft 
gebliebene, sowohl politisch als namentlich agrarisch wichtigste Frage 
nicht entschieden, in welche Lage die Erben der alten heredia 
kamen, ob auch von diesen erblichen Eigenthümern ein Theil in die 
Plebs herabsinken musste. 

Diese im ager romanus seit der ersten Besitznahme mit Höfen 
und Nutzungsrechten angesessenen Heredes waren unzweifelhaft ur- 
sprünglich voll- und gleichberechtigte Volksgenossen. Allerdings hob 
hergebrachtes Ansehen, Tapferkeit, Klugheit und Geschick, vor allem 
aber reichere Mittel und die Möglichkeit der Freigebigkeit einen 
kleinen Kreis zu Einfluss, zum Senat, zu Aemtern und zum Königs- 
gefolge empor. Die Gleichberechtigung der Bürger von gleichem 
Grundeigen mit gleichen Lasten für den Staat war aber an sich natür- 
lich, lag im Gedanken der Curien und der Curiatcomitien, und spricht 
sich auch in der Ueberlieferung der gleichen 2 jugera und der Ein- 
teilung der Curien lediglich in gentes und familiae aus. 

Ebenso unzweifelhaft aber ist, dass der stete Fortbestand der 
Gleichheit unter diesen altangesessenen vollberechtigten Volksgenossen 
unmöglich war. Es bedingen dies schon die dargestellten Grössen- 
verhältnisse des ager romanus. Man musste sonst annehmen , dass 
die Zahl der assidui in der Königszeit niemals im wesentlichen grösser 
gewesen sei als 3000, und dass keines der heredia über 60 jugera 
angewachsen wäre. Das Bestehen einer solchen festen Masse ge- 
schlossener Bauernstammgüter , welche dem ganzen Staate ihren 
Charakter hätte aufdrücken müssen, ist aber weder irgendwo über- 
liefert, noch mit der servischen Verfassung und den bekannten Ver- 
änderungen der gentes vereinbar. 



f ) Livius 39, 19. Fr. Engels Ursprung der Familie 1892, S. 120. 



IV. 2. Agrarische Alterthümer Roms. 263 

Glaubhaft ist im Gegentheil nur eine sehr frühe Scheidung in 
grosse und kleine Besitzungen und das entspreehende politische 
und bürgerliche Herabsinken der Inhaber der letzteren. 

Alle die alten heredia von 2 jugera müssen als Hofstellen oder 
Wurthen angesehen werden, an welche für die Familien der Besitzer 
das gleiche Recht, ihren weiteren Lebensbedarf aus dem ager romanus 
zu beschaffen, geknüpft war. Aber die Ausübung dieses Rechts hing 
nothwendig zunächst vom Vi eh besitze (pecunia) des einzelnen Fa- 
milienvaters ab. Wer Glück in seinem Viehstande oder in Handels- 
geschäften, in Kriegsbeute oder Königsdienst hatte, kurz, wer wohl- 
habend wurde und nicht verschuldete, sondern in dessen Schuldpflicht 
Andere verfielen, dessen Heerde wuchs, und er konnte die Weiden 
des ager romanus besser als andere Gentilen ausnützen. Je mehr 
Vieh er besass, desto angesehener und übermächtiger wurde er in 
seinem Bezirk und im Staate überhaupt, desto mehr Klienten konnte 
er nicht bloss erwerben, sondern auch beschäftigen, desto leichter 
vermochte er sich auch gut zu bewaffnen und den Reiterdienst des 
eques zu übernehmen. Wer aber nicht glücklich war, sondern sein 
Vieh theilweis oder ganz verlor, konnte nur anderes gegen Zins oder 
Dienst leihen, oder den Ausfall durch Ackerbau zu ersetzen suchen. 

Solcher Anbau war nun entweder sporadisch, im Sinne der 
o. I, S. 136 gedachten Bifänge oder Beunden, durch Einhegung kleiner 
Neubruchstücke ausführbar, welche wieder in die Gemeinweide zurück- 
fielen, wenn der Zaun nicht erhalten wurde oder der Anbau auf- 
hörte. Oder es mussten bleibende Feldanlagen gemacht werden. 
In beiden Fällen kamen die Rechte der Genossen und Nachbarn in 
Frage. In verschiedener Weise konnte das gegenseitige Verhältniss 
geordnet werden, aber streitig bleiben durften weder Ansprüche noch 
Abgrenzungen. Bei jedem solchen wirtschaftlichen Abkommen ist 
der Mächtigere und Reichere indess in natürlichem Vortheil. Die 
Weiden wurden für die grösseren Besitzer frei, der Anbau aber ging 
in diesen einfachen Zuständen seinem Wesen nach nicht über die 
Arbeitskraft und den Bedarf der arbeitenden Familie hinaus. Der 
Ackerbauer konnte zwar selbstständig, aber bei seiner Wirtschafts- 
weise und Gebundenheit doch nur in besonderen Glücksfällen wohl- 
habend werden, durch Missernten, Kriegsdienst oder Verwüstungen 
aber nur zu leicht verschulden. Daraus ergiebt sich, dass sich die 
alten gleichberechtigten Assidui innerhalb derselben gens nicht blos 
in Patrizier und Plebejer schieden, sondern dass auch nach einigen 
Jahrhunderten, ohne dass dabei eine gesetzliche Anordnung nöthig 



-j(v| IV. 2. Agrarische Älterthümer Roms. 

gewesen wäre, der kleine. Ackerstellenbesitz als plebejisch, der Besitz 
des vollen ursprünglichen Erbgutes mit seinen alten oder noeh er- 
weiterten Nutzungen an Ackerstücken und Wald, mit seiner Bewirt- 
schaftung durch die Arbeitskräfte der Klienten und Sklaven als 
patrizisch aufgefasst werden konnte und musste. 

Unzweifelhaft besassen also nicht blos Patrizier, sondern auch 
Plebejer alte heredia. Dies setzt auch Dionys. (II, 9) voraus, indem er 
Romulus zuschreibt, dass er die Plebejer theils wegen ihrer Uner- 
fahrenheit, theils wegen des Mangels an Müsse, zu dem sie ihre 
Dürftigkeit nöthigte, von öffentlichen Geschäften befreit und ange- 
wiesen habe, das Feld zu bauen und sich auf Viehzucht zu legen. 
Die plebejischen kleinen Stellen mussten sich auch durch Theilung 
der ursprünglichen heredia, je ärmer die Besitzer wurden, desto 
leichter vermehren. 

Dieser Rest alter Fundi in den Händen der Plebejer, der mit 
den Ackerverleihungen an die Plebs ausserhalb des ager romanus 
keinerlei Beziehung hatte, wird auch durch die politische Gesetz- 
geltung bestätigt. 

Als 492 v. Chr. che Plebejer durch die Vereinbarung auf dem 
Mona sacer das Recht der Wahl von Tribunen und der Fassung von 
Plebissciten erlangt hatten, fanden, wie Mommsen (Rom. Staatsr. III, 
148 ff.) zeigt, diese Wahlen und Beschlüsse im Rahmen der Curiat- 
comitien in der Weise statt, dass dabei die Patrizier ausgeschlossen 
blieben. Da aber in den Curien alle freien Bürger, auch die unan- 
gesessenen, gleiches Stimmrecht hatten, behielten gleichwohl die Pa- 
trizier, wie Livius (ü, 56) ausdrücklich berichtet, durch die Stimmen 
ihrer Klienten die Macht, nach ihrer Wahl die Tribunen zu bestimmen. 
Um ihnen diesen Einfluss zu entziehen, setzte der Volkstribun Publicius 
Volero bereits im Jahre 469 v. Chr. durch: ut plebeji inagistratus 
tributis comitiis fierent. 

Tribus, vom umbrischen Toefo, heisst schon dem Wortsinne 
nach örtlicher Bezirk, Gemeindeflur. Die Bezeichnung ist möglicher- 
weise in frühester Zeit auf die Gebiete der Tities, Ramnes und Luceres 
angewendet worden. Die spätere Tribuseintheilung begann Servius 
mit der Feststellung der 4 Tribus urbanae als Stadtbezirke. Daneben 
bestand eine Anzahl Landbezirke, welche indess, wie es scheint, an- 
fänglich nur nach der älteren Eintheilung in pagi bezeichnet wurden. 
Nicht lange darauf, wie Mommsen (a. a. 0. IDI, S. 68) erklärt, 
mindestens vor 493, treten als Landbezirke 16 Tribus auf, welche 
den städtischen gleichgestellt waren, und später in sich niemals ver- 



IV. 2. Agrarische Alterthümer Roms. 265 

ändert worden sind, sondern nur einige geringe Erweiterungen er- 
fuhren, dagegen allmählig bis 240 v. Chr. einen Zuwachs von 
15 anderen Tribus auf neu erworbenem privatem Lande, erhalten haben, 
durch welchen die endgültige Zahl von 35 Tribus erreicht wurde. 

In den Tributcomitien zu stimmen waren nur die im Bezirke 
der Tribus mit quiritarischem Grundeigentum angesessenen freien 
Bürger berechtigt. Durch das Gesetz von 469 wurden also alle 
Plebejer vom Wahlrecht ausgeschlossen, welche solches Grundeigen 
nicht besassen. Da dies Gesetz schon fast 100 Jahre vor Verleihung 
des ager Vejentinus an die Plebejer und vor der ersten Erweiterung 
der 16 alten Tribus um 5 neue aus Gebieten ausserhalb des alten 
ager romanus erging, kann es nur die Plebejer im Auge gehabt 
haben, welche zur Zeit assidui auf alten Fundis oder ihren Theil- 
stücken im ager romanus waren. 

Daraus erweist sich, dass noch im 4. Jahrhundert im ager 
romanus neben den Patriziern ein auf den ursprünglichen heredia 
angesessener, freier plebejischer Bauernstand bestanden haben muss, 
welcher zwar gegenüber den patrizischen Klienten in der Minderzahl, 
aber doch zahlreich genug war, um zu Tributcomitien vereinigt zu 
werden, und die politische Vertretung der gesanimten Plebs bean- 
spruchen zu dürfen. — 

Diese nur allgemeinen und vorzugsweise rechnungsmässig ge- 
wonnenen Grundlagen für die Beurtheilung des Bestandes der fundi 
im ager romanus lassen schliesslich die Frage zu, ob sie nicht auch 
Anhalt für eine bestimmtere Auffassung der Art der Niederlassungen 
und der Entwicklung des Grundbesitzes zu gewähren vermögen. 

In dieser Beziehung bieten die Nachrichten über die Pagi die 
deutlichste Anknüpfung. 

Die Pagi sind alte ländliche Flurbezirke, während die Stadt früh 
•in Montes zerfiel. Pagus ist, wie Mommsen (a. a. 0. III, 114) sagt, 
»dem Wortsinn nach, wie pagina, der geschlossene Raum. Der 
Pagus bildet den Gegensatz gegen die Stadt, anfänglich vielleicht 
gegen das städtische Hauseigenthum, späterhin gegen den durch die 
Stadtmauer abgegrenzten Raum. Der Pagus erstreckt sich auf Acker-, 
wie auf Weideland, auf Gemeinde-, wie auf Privatbesitz. Einen ört- 
lichen Mittelpunkt für seine Sacra hat er sicher gehabt. Die Be- 
nennung der »Kreuzweg«, das Compitum, mag dem städtischen, wie 
dem ländlichen Nachbarschafts- Gottesdienst eigen sein. Vor allem 
aber gehören zum Wesen des Pagus festbestimmte Grenzen, die beim 
jährlichen Flurfest umgangen und lustrirt werden. Die Eintheilung 



266 rV. 8 Agrarische Alterthümer Roms. 

iUs Gebietes in pagi ist nicht blos römisch, sondern allgemein 
italisch und wird von den Römern auch auf nichtitalische Territorien 
übertragen.« 

Dionysius erwähnt die Pagi schon früh, denn er erzählt (II, 76) 

von Nuina, dass er aus Fürsorge für die nöthigen Lebensmittel das 
ganze Feld in sogenannte Pagi getheilt, und über jeden Pagus einen 
Vorgesetzten als Aufseher und Bannwart seines Bezirkes gesetzt habe. 
Diese wären öfters das Feld umgangen, hätten die gut und schlecht 
gebauten Aecker bezeichnet und dem Könige ihren Bericht darüber 
gemacht, der dann den sorglichen Landmann mit Lob und Huld 
aufgenommen, den trägen bedroht und gestraft und zu besserer 
Bearbeitung des Feldes angetrieben habe. Allerdings berichtet er 
(IV, 15) auch, dass Servius »das Land in wie viel Theilen immer, in 
Abschnitte, die er mit griechischem Namen Pagus nannte, gegen die 
Anhöhen getheilt und die Hügel, welche den Bauern die beste Sicher- 
heit gewähren konnten, zu Zufluchtsorten eingerichtet habe. Dahin 
flüchteten sich alle aus dem Felde bei jedem feindlichen Einfall und 
übernachteten oft daselbst. Diese Pagi hatten ihre Vorgesetzten, denen 
es oblag, die Namen der Bauern, welche in einem und demselben 
Bezirke ihre Abgaben zu liefern hatten, und deren Nahrungsquellen 
zu kennen. Trat der Fall ein, die Dorfbewohner unter die Waffen zu 
rufen, oder Geldbeiträge kopfweise einzusammeln, so riefen sie die 
Leute zusammen und trieben das Geld ein. Damit aber auch diese 
alle nicht schwer aufzufinden, sondern leicht zu zählen und offen- 
kundig würden, befahl er ihnen, den Schutz- und Schirmgöttern 
Altäre zu bauen, und verordnete, sie in einer allgemeinen Versamm- 
lung mit gemeinschaftlichen Opfern jährlich zu verehren. Er setzte 
daher ein sehr heilig zu begehendes Fest, die sogenannten Paganalien, 
ein, und schrieb über diese Feierlichkeit Gesetze nieder, welche die 
Römer noch heute streng beobachten.« Dies bezieht sich indess nicht 
auf die älteren Pagi, sondern, wie er ausdrücklich bemerkt, auf die 
Bezirke, aus denen die oben gedachten 16 alten Tribus rusticae 
hervorgingen. 

Von den früh genannten Pagi aber, obwohl entsprechende kleine 
ländliche Gaue unter Vorstehern für Polizei und Kultübung bei allen 
italischen und griechischen, ja überhaupt bei den meisten acker- 
bauenden Völkern in ganz ähnlichen Formen, wenn auch in sehr ver- 
schiedenen Grössen, vorkommen, ist nicht vorauszusetzen, dass ihr 
Bestehen auf die Zustände vor der Gründung Roms und vor der 
Besitznahme des ager romanus zurückgehe, und dass überhaupt eine 



IV. 2. Agrarische Alterthümer Roms. 267 

irgend erhebliche feste Besiedelung der unteren Tibergegend von den 
Römern vorgefunden worden sei. Es ist möglieh, dass einzelne ältere 
Ansiedelungen bestanden, sie mussten aber unter der übermächtigen 
Eroberung verschwinden. Es ist vielmehr nur anzunehmen, dass sich 
die römische Besitznahme im offenen Lande nach den hergebrachten 
italischen Sitten, und den unabweisbaren Bedürfnissen der Familien, 
die sich an den geeigneten Stellen festsetzten, einrichtete. — 

Dieser italischen Sitte entsprach, wie sich o. S. 241 gezeigt hat, 
das dorf weise Zusammenleben. Es war die den Umständen 
angemessenste Art der Niederlassung. 

Auf die dorfmässige Ansiedelung deutet die uralte Entwickeluug 
der Gentes. Die Gens beruht auf der Anerkennung gleicher Ab- 
stammung und einer zu gegenseitiger Hülfe verpflichtenden Ver- 
wandtschaft. Schon innerhalb der ersten Schaar, die sich auf dem 
Palatin festsetzte, müssen solche Verwandtschaftsverbände gedacht 
werden. Sie Hessen sich bei der Besitznahme des ager romanus 
nachbarlich nieder und waren bereit, ihren Besitz mit vereinter Kraft 
nicht weniger gegen jeden Eindringling, wie gegen feindliche An- 
griffe, zu schützen. Auch wenn der einzelne Familienvater durch seine 
Angehörigen eine Gens begründete, musste diese Nachkommenschaft 
das für den Unterhalt der Ihrigen nöthige Land in Besitz nehmen, 
und war ebenso veranlasst, sich dasselbe gegenseitig zu verbürgen. 
Ihr schon gedachtes gemeinsames Erbrecht hing vor allem an ihrem 
ursprünglich gemeinsamen Gebiete. Die Mitglieder einer Gens 
brauchten nicht überall einen ganzen Pagus auszufüllen, und konnten 
ebenso mehrere besetzt haben. Der Pagus als solcher hatte keinen 
notwendigen Zusammenhang mit der Gens, denn ihn bedingte vor 
allem das Terrain. Aber, dass die Gentilen ganz überwiegend in 
nachbarlichen Dorfverbänden zusammensassen , liegt in der Natur 
dieser älteren, auf Selbsthülfe angewiesenen Zustände. 

Die, Anerkennung des Staates, dass dem einzelnen Familienvater 
2 jugera als heredium zuständen, kann nicht als ein anfänglicher, in die 
älteste Zeit fallender Akt beurtheilt werden. Sie war zwar eine 
Rechtswohlthat , weil sie das unbeschränkte und geschützte Eigen- 
thum für das Grundstück des damit begabten Familienvaters und 
die Begründung eines gleichberechtigten Fundus durch dasselbe aus- 
sprach. Aber sie enthielt zugleich die wesentliche Einschränkung, 
dass der übrige okkupirte Besitz von der Staatsgewalt nur als ein 
prekärer betrachtet werde. Indess, wenn auch die Inhaber der heredia 
die Staatsgewalt nicht in der Hauptsache selbst in Händen gehabt 



v Jt;£ IV. 8. agrarische Uterthüm'er Roms. 

hätten, konnte diese; Rechtsfeststellung keinen wesentlichen Einfluss 
auf die thatsächlichen Verhältnisse üben. 

l>as heredium bildete nur einen ldeinen Theil des Fundus, denn 
dieser umfasste ausser dem heredium die Anrechte am Gemeinländ, 
welche mindestens zur Ernährung einer Familie hinreichen muBsten. 
Dass nun auch für diese Nutzungen, also im vorbehaltenen ager 
romanus, Abgrenzungen bestanden, darauf hat Max Weber (a. a. 0. 
S. 120) durch seine Ausführung über die Compascua aufmerksam 
gemacht. 

Compascua sind Grundstücke, auf welchen genossenschaftliche 
Mit weiderechte ruhen. An solche alte Compascua bestehen auf den 
durch die Agrimensoren vermessenen und zu quiritarischem Eigen- 
thum assignirten Fluren allerdings nur noch Erinnerungen. Aber 
der Begriff ist sicher. Als Pascua wurde das gesammte unbenutzte, 
lediglich okkupirte oder nur pachtweise oder sonst prekär zur Nutzung 
verstattete Staatsland, der ager publicus, bezeichnet. Auf den Com- 
pascua aber stand nur bestimmten, nach der Assignation meist nur 
den angrenzenden (proximi), Grundstücksbesitzern das Recht der 
Weide zu. Dasselbe wurde gemeinsam geübt, galt als Pertinenz 
ihrer Grundstücke und ging mit denselben an den Besitznachfolger 
über. Auch muss für dieses Weiderecht ein besonderer Rechtsschutz 
bestanden haben, denn Cicero (Top. 13) sagt bestimmt: Si compaseuus 
ager est, jus est compascendi. Frontin (de contr. Lachm. I, 15) er- 
klärt: Est et paseuorum proprietas pertinens ad fundos, sed in com- 
mune, propter quod ea compascua multis locis in Italia communia 
appellantur, quibusdam in provineiis vero indivisa. 

Das Recht eines Fundus, die Weide über den ganzen ager 
romanus, so weit er nicht als heredia Eigenthum war, auszuüben, 
hätte niemals mit wirtschaftlichem Nutzen und ohne immer wieder- 
holten Streit verwirklicht werden können. Es hätten sich die Heerden 
der 3000 heredia auf den besten Weiden zusammengedrängt und sie 
bald vernichtet, jeden Anbau aber ernstlich bedroht. Auch wäre 
nur Grossweidebetrieb, kein bäuerlicher, möglich gewesen. Der Bauer 
muss, wie o. S. 152 gezeigt ist, sein Zug- und Nutzvieh täglich 
mehrmals zur Arbeit und zur Molkerei bei seiner Wirthschaft zur 
Verfügung haben. Er muss also sicher sein, dass dasselbe in der 
Nähe seines Hofes die nöthige Weide findet und von derselben nicht 
durch fremde Hirten und Heerden verdrängt wird. Deswegen muss 
entweder den einzelnen Hof sein Weideland als ausschliesslicher Be- 
sitz umgeben, oder es müssen für eine bäuerliche Genossenschaft 



IV. 2. Agrarische Alterthüirier tioms. 2G9 

genügende Weidegrundstücke in der Nähe ihres Dorfes zu ihrer 
alleinigen gemeinsamen Benutzung bestehen. Letzteres Verhältniss 
spricht sich in den Compascua aus. 

Daraus liisst sich verstehen, wenn Dionys. (II, 74) sagt: Numa 
gebot einem Jeden, sein Eigenthum zu ummarken und Steine an 
die Grenzen zu setzen, heiligte diese Steine Jupiter, dem Grenzen- 
hüter, befahl Allen, jährlich an einem bestimmten Tage an dem- 
selben Orte zusammen zu kommen und zu opfern, und erhob diesen 
Tag zu einem hohen Ehrenfeste der Grenzgötter. Die Römer nennen 
es Terminalienfest von den Termini. Er verordnete ferner, dass. wer 
die Grenzsteine wegnehmen oder versetzen würde, jenem Gotte ver- 
fallen sei, und dass ihn Jeder, wer wollte, nicht nur ohne Gefahr, 
sondern auch ohne Sühnung, als Heiligthumsschänder tödten dürfe. 1 ) 
Dieses Gesetz gab er nicht nur für das Privateigenthum , sondern 
auch für das Eigenthum des Staates, und umfasste auch jenes mit 
Grenzscheiden, damit die Grenzgötter der Römer Land von benach- 
bartem und das Gemeingut von Privatgut unterscheiden möchten.« 

Dies kann sich nicht auf die 2 heredia Gartenland bei jedem 
Fundus bezogen haben, welche sicher umzäunt waren, und der Ver- 
steinung nicht bedurften. Sondern die Ueberlieferung zeigt, dass 
bereits Abgrenzungen gesonderten Feldbaues und bestimmter Com- 
pascua, die paseuorum proprietas, von der Frontin spricht, vor- 
handen waren, welche feste und geheiligte Grenzen, auch gegen das 
Staatsland, forderten. 

Die grosse Aehnlichkeit dieses Bildes der altrömischen Siedelung 
mit der germanischen lässt sich nicht verkennen. Auch die deutschen 
Dörfer waren in der Regel von Sippen, Genealogien, Gentes, be- 
wohnt. Ihr ältestes Sondereigen bildete gleichfalls das Gartenland, 
auf dem die Gehöfte errichtet waren. Sogar der Umfang dieser Gärten 
ist für die Hufe ursprünglich meist mit x l% ha dem der 2 jugera 
gleich. Ebenso entspricht die für den einzelnen Fundus verfügbare 
Fläche von etwa 60 jugera der alten deutschen Landhufe, und dieses 
Land wurde hier wie dort nur bis zur Befriedigung des in Italien 
auf viel geringerer Fläche erreichten Bedarfes angebaut, im übrigen 
diente es zur gemeinsamen Weide- und Holznutzung. 

Der Unterschied ist nur, dass sich bei den Germanen überall das 
Hüfenerdorf mit bestimmt begrenzter Almende und einer festen An- 
zahl Hufenantheile von dem als gemeine Mark unter der Verwaltung 



*) Vergl. Pauli Sentent. Hb. 5 de poenis. 



270 IV. 2. Agrarische Alterthümer Roms. 

von Markgenossenschaften (o. S. 124) stellenden alten Volkslande aus 
schied. Falls dagegen die römischen Dorfschaften mit ihren der 
Ahnende entsprechenden Ackerfluren und Compascuis in den Ab- 
grenzungen nicht zusammenstiessen, sondern zwischen denselben Land 
frei blieb, stand dieses als ager romanus dem gesammten römischen 
Volke zu, vielleicht bildeten auch die Almenden dem gemeinsamen 
Rechte des Volkes gegenüber prekären Besitz. 

Die Verhältnisse der alten römischen Pagi mit ihren heredia 
und fundi dürfen gleichwohl den germanischen Dörfern sehr nahe 
verwandt aufgefasst werden. 

Die Zahl der Pagi war zwar ohne Zweifel eine viel geringere, 
als die der ursprünglichen Patriziergeschlechter, sie war aber auch 
sicher grösser, als die der Tribus, durch welche sie in den Hinter- 
grund gedrängt wurden, so dass in einem Tribusbezirk eine grössere 
Anzahl Pagi zusammengefasst worden sind. 

Die Pagi aber bestanden, wie Mommsen (a. a. 0. S. 117) näher 
zeigt, nicht allein als sacrale Verbände für die paganalien und ge- 
wisse Spiele fort, sondern es wurde, obwohl die Bezeichnung des 
oder der Vorsteher, magister oder magistri, eine priesterliche ist, 
doch der Flurbezirk auch für Verwaltungszwecke benutzt. Wie diese 
Communalthätigkeit schon Dionys in bedeutender Ausdehnung für 
Numas Zeit bezeugt, geschieht ihrer auch später noch bei Wege- 
bauten, wie bei Transporten und Lieferungen der Flurgenossen Er- 
wähnung, und die Fürsorge für die Aufrechthaltung der Flurgrenzen 
blieb eine dauernde. — 

Ueber die Entwickelung des Grundbesitzes in den Pagi 
sind nur wenige Andeutungen erkennbar, die sich an die politische 
Organisation anschliessen. Festus sagt (ep. ed. Müller 2, p. 115) 
ausdrücklich : Lemonia tribus a pago Lemonia appellata, qui est a porta 
Capena via Latina. Die übrigen alten Tribusnamen sind Aemilia, 
Cornelia, Fabia, Horatia, Menenia, Papiria, Sergia, Veturia, Claudia, 
Camilia, Galeria, Pollia, Popinia, Romilia und Voltinia. Es sind 
sämmtlich Namen von gentes, meist von sehr bekannten, manche 
sind später verschollen. Sie erweisen, dass schon in der Königszeit 
unter den gentes der später zu Tribus vereinigten Pagi je eine gens 
an Besitz, Zahl und Bedeutung so weit vor den anderen emporge- 
wachsen war, dass es zulässig erschien, den ganzen Pagus und die 
ganze Tribus nach ihr zu benennen. 

Mit dem Census und seinen Klassifikationen scheint aber aller- 
dings die politische Stellung, welche die Fundi ursprünglich ihren 



IV. 2. Agrarische Älterthümer ftoms. 2?1 



Inhabern gaben, und damit die Betheiligung der Patrizier innerhalb 
der Pagi und das Interesse an der eigenen Bewirtschaftung der 
patrizischen Stammgüter mehr und mehr gemindert worden zu sein. 
Wenn sich auch ein Theil der patrizischen Landgüter erheblich ver- 
größert haben mag, blieben sie der Mehrzahl nach doch verhältniss- 
mässig klein und mögen immer weniger gegen den italischen Land- 
besitz und gegen die grossen Vermögen, welche die reichen Familien 
aus Staatspachten ausserhalb des ager romanus, aus Beute, Sklaven, 
Aemtern und Schuld- und Geldgeschäften zu erwerben vermochten, 
in Betracht gekommen sein. Gleichzeitig ist, wie es scheint, die 
Zahl der senatorischen Familien mehr und mehr zusammengeschmolzen. 
Denn nach Festus (v. qui patres, p. 254) und Plutarch (Publ. 11) 
wurde nach der Vertreibung der Könige der Senat durch Eintritt 
von 164 Plebejern wieder auf 300 Mitglieder gebracht. Dies be- 
stätigen die Quellen wenigstens in so weit, als aus ihnen (Mommsen 
a. a. O. S. 12) in republikanischer Zeit höchstens 60 Patrizier- 
geschlechter nachweisbar sind. Auch muss bei der Lebensweise der 
Patrizier die Verwaltung der Stammgüter in die Hände von Meiern 
oder Instleuten übergegangen sein, von denen als paganis gesprochen 
werden konnte. Die eigene Bewirtschaftung ihrer väterlichen Land- 
güter durch vornehme Römer wird stets bei allen Schriftstellern sehr 
belobt. Der vom Pfluge hergeholte Cincinnatus gilt als Muster bürger- 
licher Einfachheit. Dies erweist genügend, dass um 460 die Zu- 
stände bereits völlig verändert waren, und dass das XII Tafelgesetz 
nur noch die Reste der alten Agrarverfassung in Rücksicht zu ziehen 
hatte. — 

Aus diesen immerhin nur spärlichen Andeutungen über die alt- 
römischen Agrarverhältnisse ergiebt sich im Rückblick, dass die erste 
Besiedelung des römischen Gebietes schon mit uralter Kenntniss des 
Anbaues der noch heute üblichen Hauptgetreide- und Gespinnst- 
pflanzen und der Zucht aller unserer Hausthiere erfolgte. Für den 
Anbau nahmen die streitbaren Bürger das Land in einer ziemlich 
grossen Anzahl Niederlassungen in Besitz. Ihre kleinen Dörfer wurden 
in der Regel von einem Kreise verwandter freier Familien bewohnt, 
welche gleichwohl alle ihren politischen Mittelpunkt und Zufluchts- 
ort in der Stadt Rom sahen. Jede dieser Familien lebte auf einer 
Hofstätte, auf welcher ihre Hütte errichtet war und die nöthigsten 
Garten- und Brotfrüchte gebaut werden konnten. Diese Wohnstätte 
war vom Staate in Grösse von 2 jugera als ihr heredium, ihr erb- 
liches Eigenthum, anerkannt. Im übrigen blieben die Insassen für 



072 IV- 3. r>io römische und <1io germanische Ackerbestellung. 

ihren and ihres Viehes Bedarf auf die Nutzung des umliegenden 
ager romanus angewiesen, aus welchem für jede der Ortschaften 
ein gemeinsamer almendartiger Bezirk zur Abgrenzung kam. Die 
Flüche, die dem einzelnen pater familias neben seinen festen 2 jugera 
in diesem gemeinsamen Lande durchschnittlich zur Verfügung stehen 
konnte, berechnet sich auf etwa 60 jugera theils an baufähigem Grunde, 
theils an geringer Weide. Es war also thunlich, in der Nähe der Ort- 
schaften den Anbau sporadisch auf das gemeinsame Land auszu- 
dehnen, oder mit Einwilligung der Genossen das private Land des 
einzelnen Hofes um mehr oder weniger jugera dauernd zu vergrössern. 
Je sicherer aber durch eine solche Ausdehnung des Anbaues der Bedarf 
der einzelnen Besitzungen gedeckt wurde, desto leichter vermochten 
Reichere die ausschliessliche Nutzung grösserer Stücke der gemein- 
samen Almende durch Vereinbarung, oder als allmählig verjährtes 
Anrecht, in ihre Hand zu bekommen. Mit der Zeit wurden die 
Höfe der von Staatsgeschäften und Vermögensverwaltung in Rom 
in Anspruch genommenen Patrizier durch Kauf 1 ) oder Aussterben zu 
grösseren Besitzungen zusammengeschlagen und den hörigen Klienten 
zur Bewirthschaftung überlassen. Neben ihnen blieb eine grössere An- 
zahl kleiner bäuerlicher Ackernahrungen bestehen, deren Umfang nur 
hinreichte, der Familie, die sie bearbeitete, den nüthigen bescheidenen 
Unterhalt zu gewähren. Diese Lebenslage drückte ihre Besitzer politisch 
und sozial in eine niedrige plebejische Stellung und durch Unfälle 
und Kriegs- und andere Lasten in Schuldabhängigkeit herab, welche 
ihren Besitz und ihre Freiheit ernstlich bedrohten. 

Die wirthschaftliche Entwickelung fällt mit der der Betriebs- 
einrichtungen und des agrarischen Rechtes zusammen. Ihre Be- 
sonderheiten können am besten von der Beurtheilung der römischen 
Ackerbestellung und Landmessung aus aufgesucht werden. 

3. Die römische und die germanische Ackerbestellung. 

Aehnliche Bedeutung, wie die agrarischen Alterthümer Roms 
für das Verständniss des Ursprungs und frühesten Zustandes der 
festen Ansiedelung in den Alpen und den ihnen nördlich vorliegen- 
den Gebieten haben, besitzt auch die Ackerbestellung und Feld- 
eintheilung der Römer für die Beurtheilung der ersten Grundlagen 
landwirtschaftlicher Technik in jenen Länder strecken. 



') Einen Fall der Veräusserung erzählt Livius II, 23. 



IV. 3. i)Je römische und die germanische Ackerbestelluüg. 2?B 



Bei allen Völkern führt der Gedanke, die Bodenbeackerung durch 
Anwendung einer Zugkraft zu erleichtern, zunächst zur Umwandlung 
der Hacke oder des Spatens in einen bespannten Haken. Da- 
mit entsteht ein Geräth, welches durch den Gang der ziehenden 
Menschen oder Thiere eine fortlaufende Furche in den Ackerboden 
einreisst. Durch gleichmässig und eng neben einander gezogene 
Furchen kann der Haken erheblich leichter und schneller als die Hacke 
oder der Spaten die gesammte Oberfläche eines Feldes aufbrechen 
und, soweit zum Einbringen der Saat erforderlich ist, lockern. Be- 
spannte Haken der einfachsten Art sind, wie deren Abbilder auf 
Denkmälern erweisen, von den Römern bis in die späteste Zeit be- 
nutzt worden. 

Die Figuren 28 bis 33 *) geben von der kunstlosen Form dieses 
Geräthes hinreichende Anschauung. 






Fig. 28. 



Fig. 29. 



Fig. 30. 






Fig. 31. Fig. 32. Fig. 33. 

Plinius 2 ) nennt als römische Werkzeuge nur verschieden zuge- 
spitzte Haken, dabei auch solche mit Sech (culter) und solche mit 



') Die Abbildungen sind nach R. H. Rau's Geschichte des Pfluges, Heidelberg 1845, 
S. 19 ff. wiedergegeben. Fig. 28 ist einem römischen, Fig. 29 einem Denkmal aus 
Arezzo, Fig. 30 einem römischen Grabstein entnommen. Fig. 31 gehört einer älteren 
römischen Münze, Fig. 32 einer Münze des Jul. Caesar, Fig. 33 einer solchen der 
Gens Sempronia an. Auch Fig. 34 und 35 theilt Rau mit. 

*) Histor. nat. XVIII, 48 (18): Vomerum plura genera: culter vocatur inflexus 

praedensam priusquam proscindatur terram secans futurisque sulcis vestigia praescribens 

incisuris, quas resupinus in arando mordeat vomer. Alterum genus est volgare rostrati 

vectis. Tertium in solo facili, nee toto porrectum dentali, sed exigua cuspide in rostro. 

Meitzen, Siedelang etc. I. 18 



274 IV. 3. Die römische und die germanische Ackerbestellung. 



der tabula aratro adnexa, einem Streichbrett, das aber nur zur Aus- 
breitung der Erde über die Saat diente. Fig. 34 ist der noch heut 
in der Umgegend von Rom allgemein gebrauchte Haken mit langem 
Haupt, und zugleich das genaue Abbild der von Plinius hervor- 
gehobenen vierten Art der Pflugschaar. 

Gleichwohl haben die Römer alle Elemente des o. S. 83, 88 
und 105 gedachten, in Fig. 36 wiedergegebenen Pfluges der Ger- 
manen gekannt. Dies geht aus den Worten des Plinius über das 
Plaumoratum deutlich hervor. Es ist bei diesem Geriith nicht das 
Rädergestell, sondern die spatenähnliche Schaar, deren Breite die 
Rasenstücke umwendet, sowie die Nutzungsweise charakteristisch. 




Fig. 36. 

Dasselbe wurde, wie Plinius sagt, wesentlich auf eigentlichem Acker-, 
Brach- und Dreschlande gebraucht, in den gewendeten Boden als- 
bald der Samen ausgeworfen, und nur noch durch gezahnte, bei 
den Römern ebenfalls nicht übliche Eggen untergebracht. Diese 
Ackerbestellung entspricht ebenso, wie dieser rhätische Pflug selbst, 
völlig der Weise der üblichen germanischen Bodenbehandlung. 



Latior haec quarto generi et acutior in mucronem fastigata eodemque gladio scindens 
solum et acie laterum radices herbarum secans. non pridem inventum in Raetia Galliac, ut 
duas adderent tali rotulas, quod genus vocant plaumorati. Cuspis effigicm palae habet. 
Serunt ita non nisi culta terra et ferc nova. Latitudo vomeris eaespites versat. Semen 
protinus injiciunt cratisque dentatas supertrahunt. 



IV. 3. Die römische und die germanische Ackerbestellung. 275 



Für diesen altüberlieferten Gegensatz des römischenHakens 

und des deutschen Pfluges kann es weder auf das Sech, noch 
auf das bei den Römern nur kleine und meist doppelseitige J ) Streich- 
brett, noch auch auf das Rädergestell ankommen. 

Alle diese Zuthaten können am Haken wie am Pfluge ange- 
bracht werden. Auf einem geschnittenen Jaspis findet sich ein alt- 
griechischer Pflug, den Fig. 35 wiedergiebt, und der bereits Sech 
und Radgestell besitzt. Andrerseits sind zwar in Deutschland soge- 
nannte Schwingpflüge ohne Vordergestell im Mittelalter unbekannt 
gewesen, doch ist ohne dasselbe Pflug wie Haken nur schwieriger 
in gleichmässigem Tiefgange zu erhalten. Noth wendig ist auch dem 
Pfluge das Rädergestell nicht. Dagegen liegt der entscheidende 
Unterschied in der durch die Form- und Grössenverhältnisse und 
durch die Stellung der einzelnen Theile des Geräthes hervorgebrachten 
Wirkung auf den Ackerboden. 

Der deutsche Pflug schneidet mit dem Sech in den Boden 
senkrecht und so tief ein, wie die Spitze der Pflugschaar liegt, macht 
dann mit der flachen und nach rechts gewendeten, breit auslaufenden 
Schaar rechtwinklig zum Sechschnitt einen breiten wagerechten Schnitt 
im Unterboden und drängt mit dem Haupt, an dem die Schaar sitzt, 
und dem grossen, nur rechts angebrachten Streichbrett die losgelöste Erd- 
masse seitwärts so weit in die Höhe, dass sie nach rechts überstürzt. 
Nachdem der Pflug gewendet und die zweite Furche längs dem anderen 
Rande des Ackerbeetes in entgegengesetzter Richtung gezogen worden 
ist, führt der Pflüger die dritte Furche so neben der ersten hin, dass 
ein gleich breiter Bodenstreif durch die Schaar abgeschnitten und 
nach rechts übergestürzt wird. So setzen sich die Furchen von 
beiden Seiten fort, bis der Rücken des Beetes erreicht ist. Ueberall 
ist dann der Oberboden bis zu der Tiefe, welche beabsichtigt war, 
durch die Schaar völlig vom Untergrunde abgetrennt, und durch das 
Ueberstürzen der abgeschnittenen Streifen gekrümelt und umgedreht. 

Alle hakenartigen Geräthe reissen dagegen nur eine Rinne 
in den Oberboden ein, in welche hinter dem Instrument die gelockerte 
Erde zum grossen Theil wieder zurückfällt. Da aber die am 
tiefsten eindringende Spitze schmäler als der breite Schuh ist, mit dem 
die konische Hakenschaar am Krummholze befestigt wird, bleibt 
zwischen zwei vertieften solchen Rinnen stets ein mehr oder weniger 



') Varro de re rustica I, c. 29 und Virgil Georg. I, v. 172 erwähnen nur tabellae 
und binae aures am Haken, die auf beiden Seiten die Erde ausbreiten. 

18* 



'JTö IV. 3. Die römische und die germanische Ackerbestellung. 

starker Grad unberührten Bodens stehen. Dieser kann mit dem 
spitzen Instrument durch enggedrängtes Parallelfahren nur so mühsam 
und unsicher gefasst werden, dass es viel einfacher und wirksamer 
ist, mit dem Haken erst der Länge und dann der Quere nach zu 
arbeiten, so dass die Rinnen sich kreuzen. 

Der Pflug also schneidet den gesammten Oberboden in zer- 
krümelnde Streifen, der Haken durchwühlt ihn, aber mehr die Ober- 
fläche als die Tiefe. Dieser Unterschied der Bestellungstechnik ist 
ein prinzipieller und sehr eingreifender. — 

Zunächst lässt sich die Entwickelung bei den Römern aus 
ihren bestimmten Ueberlieferungen übersehen. Die Römer haben, wie die 
Abbildungen zeigen, den ursprünglichen Haken zu keiner Zeit wesent- 
lich anders als durch stärkeren Eisenbeschlag verändert. Das schon 
von Cato bezeugte sorgsame Streben nach verbesserter Ackerkultur 
muss also die Richtung auf das Verfahren, auf die Arbeit genommen 
haben. Dass dies in der That, und zwar durch doppelte Ackerung 
in Längs- und Querfurchen geschehen ist, wird bestimmt bekundet. 
Plinius spricht (XVIII, 49. 4) ausdrücklich aus: Omne arvom rectis 
sulcis, mox et obliquis subigi debet. Dass obliquis sulcis als wirkliche 
Kreuzung zu verstehen ist, bestätigt der Satz (ebd. 20): Aratione per 
traversum iterata occatio sequitur, ubi res poscit, crate vel rastro et 
sato semine iteratio, haec quoque ubi consuetudo patitur crate contenta, 
vel tabula aratro adnexa, quod vocant lirare, operiente semina. Also 
erst wenn das Pflügen in die Quere wiederholt ist, folgt das Eggen 
mit Hürdengeflecht oder durch ein an dem Pfluge befestigtes Brett, 
welches den Samen bedeckt. Dies ist das lirare. Darin lag gegen 
die älteste Zeit eine wesentliche Veränderung und Verbesserung der 
Bodenbestellung. Wie o. S. 250 gezeigt, kennt Plinius (18, 3) die 
Erinnerung noch sehr wohl, dass ursprünglich das jugerum das Acker- 
maass war, welches wie der demselben an Grösse entsprechende 
Morgen mit einem jugum, einem Joch Ochsen, an einem Tage ge- 
pflügt werden konnte. 1 ) Varro und Plinius aber rechnen für ihre 
Zeit mit einem 3- und 4 fachen Beackern, und Columella stellt die 
Zeitberechnung (lib. II, c. 4 und XI, c. 2) im einzelnen dahin auf, 
dass ein jugerum erfordere auf leichtem Boden, auf schwerem 

zum Umbrechen .... 2 Tage 3 Tage 

zum Wenden (Querpflügen) . 1 2 - 



') Varro de re rast. I, 10 sagt dies ausdrücklich nur von dem jugum als 
spanischem Ackermaass. 



IV. 3. Die römische and die germanische Ackerbestellung. 277 

auf leichtem Boden, auf schwerem 

zum Ruhren (Planpflügen) . 3 A Tag 1 Tag 

zum Saatunterpflügen (lirare) l U - V2 

also eine Gesammtarbeit, je nach dem Boden, von 4 bis 6Va Tagen. 
Der deutsche Bauernpflug bewältigt die Bestellungsarbeit des Morgens, 
einmal Umbrechen und einmal Ruhren, durchschnittlich gut in 
IV2 Tagen, so dass mit dem Eggen nur 2 Tage zu rechnen sind. 
Diese Mehrarbeit des Hakens wird erforderlich, wenn mit ihm die 
gleich tiefe und vollständige Durchlockerung hervorgebracht werden 
soll, wie sie der Pflug bewirkt. 

Für das Querpflügen würde aber die Benutzung schmaler und 
langer Feldstücke durchaus unzweckmässig und fast unmöglich ge- 
worden sein. "Wenn man in der einen oder anderen Richtung die 
Thiere nach wenigen Schritten wieder wenden lassen musste, entstand 
nicht blos unnöthige Mühe und Zeitverlust, sondern auch eine ganz 
unverhältnissmässige Belastung der Nachbarn durch die o. S. 87 
näher behandelten Anwände. Die römischen Theilstücke der Acker- 
flur mussten deshalb eine blockartige, womöglich quadratische Form 
erhalten und ihre Länge und Breite so weit ausgedehnt sein, dass sie 
die hinreichende Entwickelung des Furchenzuges nach beiden Rich- 
tungen hin gestatteten. 

Daraus ergiebt sich die Erklärung, weshalb das Ackermaass der 
Römer nicht wie bei den Germanen durch Flächen von 4 oder auch 
nur 2 Ruthen Breite (o. S. 103) bei 30 oder 60 Ruthen Länge, 
sondern durch Quadrate gebildet wurde, welche einen actus, dessen 
Bedeutung der des deutschen Gewendes gleich kommt (o. S. 87), von 
120 Fuss Länge und ebenso einen actus Breite hatten. Da ein 
solches Quadrat nur eine Fläche von 12,59 ar, also etwas weniger 
als die Hälfte eines deutschen Morgens umfasste, der Gedanke aber, 
dass das Ackermaass der Pflugarbeit eines Tages entsprechen müsse, 
lange vor dem Querpflügen galt, setzten die Römer das jugerum 
aus zwei solchen Quadratactus zusammen. Ihr Morgenmaass enthält 
deshalb 25,19 ar in einem Rechteck von doppelter Länge gegen die 
einfache Breite. Offenbar wäre es ebenso leicht gewesen, das jugerum 
in gleicher Grösse als ein Quadrat von 170 Fuss Länge und Breite auf- 
zumessen. Deshalb muss in der That für das Quadratmaass von 
120 Fuss der entscheidende Grund gewesen sein, dass diese Länge 
die erfahrungsmässig richtige des Gewendes, d. h. der Zugstrecke, 
war, nach deren Zurücklegung die Ochsen ruhen mussten. Ihre Ruhe 
war dann auch am besten und mit dem geringsten Zeitverluste zum 



278 IV' ;>) - Die römische und die germanische Ackerbestellung. 

Wenden zu benutzen. Es lässt sich nur der geringeren Hitze des 
Klimas und der Beschaffenheit des ältesten hölzernen Pfluges zu- 
Bchreiben, dass schon die ursprünglichen deutschen Gewende min- 
destens die 3 fache Lunge hatten als der römische actus. — 

Leider vermögen wir das Acker -Instrument der Gallier 
Dicht hinreichend zu heurtheilen. 

Dass die Iren für gewöhnlich nicht kreuz und quer gepflügt 
haben, geht aus den Angaben o. S. 190, 208, 212 hervor. Die 
Landmasse des Tir-cumaile und des aircenn (ancient laws of Ireland 
I, 335 und IV, 126 und 139) sind so gross, dass sie kein Urtheil 
zulassen. 1 ) Das Tir-cumaile enthält 14,7 ha., umfasst also, wenn in 



') Herrn Professor II. Zimmer ist darüber folgende Erklärung zu verdanken: „Die 
ursprüngliche Bedeutung des altgallischen arepennis (weiter aripennis noch arapennis 
sind sprachlich korrekte Formen) scheint aus dem Irischen und der Etymologie voll- 
kommen klar. In den altirischen Gesetzen ist tir-cumaile, d. h. Land (tir) im Werth 
einer cunial (= 3 Kühe = l Sklavin), ein Landmaass. Die Länge des forrach ist 
nach ancient laws of Ireland (Bd. I, S. 335) 12 rod zu 12 Fuss, also 144 Fuss. Ein 
tir-cumaile aber hat eine Länge von 12 forrach und eine Breite von 6 forrach. Au 
einer parallelen Stelle wird nun gesagt, dass das aircenn eines tir-cumaile gleich 
6 forrach sei. Aircenn ist also die Breitseite oder Kopfseite des Ackers vom Um- 
fange eines tir-cumaile. Dem entspricht die Etymologie: aircenn (airchenn) heisst 
wörtlich „am (air) Kopf (Ende cenn)". Dem irischen air entspricht altgallisch are 
(z. B. are morica am Meer) , und irisch cenn ist altgallisch penn. Dem irischen air- 
cenn entspricht also Laut für Laut altgallisch arepennis. Aircenn ist aber nach den 
altirischen Gesetzen auch die Bezeichnung eines Landmaasses. O'Donovan erklärt in 
ancient laws of Ireland IV, 126 Anm. 2) aircenn = half a tir-cumaile, doch dürfte 
diese Behauptung, Mangels der Belegstelle, sehr zu bezweifeln sein. Nach den Worten 
des Gesetzes (Ebd. IV, 139. 15) hat das Ackennaass, genannt aircenn, 3 forrach 
(also 3 X 144 Fuss) in der Breite. Fragt man sich nun, wie man dazu kommen 
konnte, eine bestimmte Ackerfläche mit aircenn, dem Namen für die Kopf- oder Breit- 
seite des gewöhnlichen tir-cumaile, zu bezeichnen, so liegt die Vermuthung nahe, dass 
man es deshalb that, weil seine Langseite die Länge des gewöhnlichen aircenn, also 
der Breitseite des tir-cumaile hatte. Dann wäre aircenD als Landmaass 6 forrach 
lang und 3 forrach breit, also '/, eines tir-cumaile. Dies könnte Licht auf das 
gallische arepennis = semijugerum werfen. Es hat seine Bezeichnung daher, weil 
seine Breitseite gleich war der Breit- oder Kopfseite (arepennis) eines gewöhnlichen 
grösseren Ackermaasses. Welches die Kopfseite des arepennis war, ist etymologisch 
unbestimmbar. Am natürlichsten scheint die Annahme, dass bei dem arepennis (sc. 
ager), dem Kopfseiten- (Breitseiten-) Acker, eben die Langseite der Breitseite gleich war 
und daher sein Name kommt." 

Diese Darlegung des H. Prof. Zimmer ist nach dem Inhalte der ancient laws of 
Ireland unanfechtbar. Auch ist die Erläuterung S. 139 damit gut vereinbar, dass forrach 
ein Landmaass, welches ungefähr 552 yard enthalte, sei, denn die irische Rechnung 
des forrach würde 1628, die englische 1656 Fuss ergeben. Die erwähnte Angabe 



IV. 3. Die römische und die germanische Ackerbestellung. 279 

den wenigen Aufzeichnungen kein Irrthum liegt, beinahe eine ganze 
bezw. eine hallte Täte. Das aircenn beträgt dann, wie es seheint, 3,7 ha. 
Für Gallien ist nur der arepennis bekannt. Columella (V, 1) 
bezeichnet das Wort aripenniß als ein gallisches, und er, wie ein alter 
Autor de liraitibus agrorum (Lachm. I, 372) sagen: aripennis quam 
Bemijugerum dieunt, id estj quod et actus major, habens undique 
versuni pedes 120, perticas vero 12. Isidor bemerkt (Ebd. S. 367): 
actus quadratus undique finitur pedibus 120, hunc Baetici aripennem 
dieunt. Danach wäre der arepennis 12,59 ar gross, völlig dem rö- 
mischen Quadratartus gleich und deutete wie dieser auf Kreuz- und 
Querpflügen. Papias, der allerdings erst um 1063 schrieb, sagt da- 
gegen in seinem Commentarium doctrinae rudimentum: aripennii agri 
illi dieuntur, qui non in toto quadrati, sed in longo sunt. Danach 
würde also das semijugerum des arepennis nicht einen quadratischen 
Actus, sondern einen Streifen von 24 perticae Länge und 6 perticae 
Breite gebildet haben und zum Querpflügen schon sehr schmal ge- 
wesen sein. Das von den Römern übernommene Maass des arepennis 
scheint aber der Fläche nach durchaus bestimmt. Auch Gregor 
v. Tours (I, 6) rechnet den arepennis als Längenmaass 5 auf 1 Stadium, 
also 120 Fuss zu je 0,296 m. Gleichwohl zeigen die Ausführungen des 
Herrn Prof. Zimmer (»S. 278 Anm.), dass das irische Maass, wie man 
es auch rechnet, mit dem römischen nicht übereingestimmt haben 
kann. Die Angaben, welche Du Gange unter arapennis aus den ältesten 
Coutumes verschiedener Theile Frankreichs macht, bestätigen die 
örtlichen Verschiedenheiten des Rlaasses <\v^ arepennis auch in Gallien. 
Als Längenmaass hat danach der arepennis im Nivernois 2880 Fuss, 



O'Donovans wird aber um so zweifelhafter, weil sie Bd. IV, S. 126 lautet: Aircenn 
a piece of land containing 7776 feet or half a tir-cumaile. Danach enthielte das tir- 
cumaile nur 14,8 ar. Ferner ergiebt sich die Frage von grossem Interesse, welche Be- 
deutung tir-cumaile hat. Nähme man nach o. S. 176 u. 192 an, dass eine baile oder 
townland der guten Counties von 259 ha, wie der geringen von 518 ha, das Land für 
300 Kühe sei, so würde ein tir-cumaile den hundertsten Theil oder 2,6 ha u. bezw. 
5,2 ha bilden müssen, 14,7 ha also viel zu gross sein. Bezieht man dagegen die Bezeich- 
nung darauf, dass sie das für 1 cumal oder 3 Kühe nöthige Weideland bedeute, so 
Würde die Fläche von 14,7 ha damit nach der o. S. 195 aufgestellten Berechnung ziemlich 
genau übereinstimmen. Indess ist nicht zu verkennen, dass dem blossen Weidelande 
gegenüber die genauen Maassbestimmungen sehr künstlich erscheinen. Da nun die 
verschiedenen gallischen Maasse des arepennis auf höchstens l / 2 ha führen, lassen die, 
wenn auch unverständlichen Bemerkungen des in seinem Vaterlande wahrscheinlich 
hinreichend sach- und sprachkundigen O'Donovan gleichwohl den Zweifel offen, ob 
nicht in den Aufzeichnungen oder Auffassungen der kurzen Worte des Gesetzes irgend 
ein Irrthum obwalte. 



280 rV- &• Die römische und die germanische Ackerbestellung. 

in Pertdcensis 2400, in Duncnsis und Montargensis 2000, in Marches- 
noir 2200, in Clermont nördlich Paris 2600, örtlich auch nur 1872, 
in Burgund für Wälder 5280, für Aecker und Wein 4320 Fuss. 
Ueberdies kommen für diese Angaben noch die verschiedenen Längen 
des Fussmaasses in Betracht. An Flächenmaassen werden angegeben 
in Armorica 46 080 DFuss, in Poitier 6400 Q Schritt und für Paris 
4S 400 DFuss, während der Arpent der neueren Zeit 32 400 Pariser 
DFuss oder 34,19 ar enthält. Welche Deutung diese, wie die irischen 
Maasse aber auch erlangen können, es ist aus ihnen kein Schluss auf 
die Ackerungsweise zu gewinnen. 

Dagegen liegt darauf Gewicht, dass kein dem deutschen Ausdruck 
Pflug oder der Bezeichnung des Plinius Plaumoratum entsprechendes 
Wort irgendwo in Gallien oder dem modernen Frankreich bekannt ist, 
und sich auch kein verwandter keltischer Wortstamm finden lässt. 
Die Furche heisst hier bezeichnend sillon vom lateinischen sulcus der 
Graben, das Ausgewühlte. Der sehr verbreitete Hakenpflug wird binot, 
binoirs von binae aures genannt, und das in Fig. 37 wiedergegebene 
Geräth, der sogenannte Kölner Wessel oder der Bonner Hunspflug, 




Fig. 37. 
ist mit geringen Abänderungen auf dem linken Rheinufer von Kreuz- 
nach bis nach Belgien hinunter allgemein im Gebrauch. Wie Rau 1 ) 
darthut, stellt die langgespitzte gewölbte Schaar desselben, den vectis 
rostratus des Plinius, den wühlenden Rüssel dar, die zwei zurück- 
gelegten zapfenartigen Streichbretter vertreten die aures. Die Rück- 
beziehung auf die altrömischen Pflüge ist nicht abzuweisen. — 

Bis in welches Zeitalter der Pflug bei den Germanen zurück- 
reicht, ist des Namens wegen zweifelhaft. Die Bemerkung, welche Plinius 
über den Pflug in Rhätien macht, geht nur dahin, dass derselbe dort 
nicht lange vor seiner Zeit mit einem Radgestelle verbunden worden 
sei. Das Geräth selbst scheint in Rhätien älter. Aus Italien konnte 



') Abhandlung über die Zochen. und Betrachtungen über die Entstehung der 
Pflüge überhaupt. Annalen der Landwirtschaft 1861, Jhrg. 19, Bd. 37, S. 327. 



IV. 3. Die römische und die germanische Ackerbestellung. 281 

es dahin nicht gekommen sein, weil es völlig anders, als die italischen, 
konstruirt und benannt war. Dagegen sassen Germanen hereits in 
Rhätien. Zunächst kommt der Pflug auch wieder unter Deutschen im 
Edictus Rothari von 644 mit seinem deutschen Namen vor, und zwar 
brachten die Longobarden das Wort nicht aus Rhätien, sondern aus den 
Eibgegenden mit, von denen sie weit über das ostgermanische Ungarn 
nach Italien kamen. Der Nachweis des Gebrauches des wirklichen 
deutschen Pfluges ist indess mit Sicherheit überall nur aus dem Vor- 
kommen der flachen und breiten, mehr als handgrossen, eisernen 
Schaar zu führen, welche seine wesentlichste Eigentümlichkeit ist, 
und welche ohne die übrigen charakteristischen Bestandtheile des Ge- 
räthes keinen Zweck hat. Grade aus dieser Schaar aber lässt sich 
für seinen Gebrauch bei den Germanen ein immerhin hohes Alter be- 
weisen. Denn die lex Anglorum et Werinorum c. 5 schreibt vor: Si 
mulier maritum veneficio dicatur occidisse. . ., si campionem non 
habuerit, ipsa ad novem vomeres ignitos examinanda mittatur. Ebenso 
bestimmt das Capitulare von 803 und mehrere folgende : si negaverit, 
se illum occidisse, ad novem vomeres ignitos judicis dei examinandus 
accedat (Mon. Germ. LL. S. II, 1, 113). 1 ) Auf den Gedanken dieses Gehens 
auf Pflugschaaren konnte man aber nur kommen, wenn sie bereits die 
uns bekannte flache und breite Form hatten. Zugleich aber setzte ein 
solches gesetzliches Beweismittel voraus, dass man überzeugt war, an 
jeder Gerichtsstätte vorkommenden Falls neun derartige Pflugschaaren 
zur Hand zu haben. Auch muss der Aufnahme eines solchen Beweis- 
mittels in das Gesetz ein gewisses volksthümliches Herkommen voraus- 
gegangen sein. Die ausgedehnte Verbreitung der deutschen Pflug- 
schaar und damit des deutschen Pfluges fällt also mindestens schon 
vor die Karolingerzeit. 

Allerdings lässt sich daran nicht der Gedanke knüpfen, dass die 
Germanen bereits bei ihrer ersten festen Ansiedelung mit eisernen 
Schaaren gepflügt hätten. Auch ohne des Tacitus (Germ. 6): ne ferrum 
quidem superest, wäre nur anzunehmen, dass zu dessen Zeit die 
Germanen hölzerne Pflüge gebraucht haben. Vielleicht waren sie schwer 
mit Schneiden von Stein, denn es sind in Skandinavien und in Deutsch- 
land nicht selten dreikantige, über handgrosse, schaarartige Quarzite 
gefunden worden, deren abgeschliffene Spitze auf den Gebrauch als 



') In der lex salica erscheint noch als ähnliches Ordal (c. 14, 2, c. 16 § 3 und 
c. 56, 1), nur ad inium (aeneum) ambulit, der Kesselfang, das Herausholen eines Gegen* 
Standes aus einem Kessel siedenden Wassers, 



282 ^V. 3. Die römische und die germanische Ackerbestellung. 

A.ckerinstrumeni deutet. Nach und nach mag der Metallbeschlag 
eingeführt worden sein. Jedenfalls haben die Germanen, wie ihre 
Feldeintheilung überall beweist, niemals eine ändere Methode der 
A.ckerbearbeitung als das Ziehen fortlaufender, verhältnissmässig langer 
Furchensysteme gekannt, welche auf dem Acker dauernd dieselbe 
Richtung behielten und ziemlich schmale parallele Beete bildeten. 
Sie sind also von der Aussaat in die einfachen Furchen, welche ein 
hakenartiges Geräth zieht, unmittelbar und wahrscheinlich schon früh 
zu der verbesserten Furchen- und Beetbestellung mit dem breit* 
schaarigen Pfluge übergegangen. 

Der Ursprung des niederdeutschen Wortes Pflug, altd. pluoc, 
altn. plögr, schwed. plog, dän. ploug, altengl. plow, welches unbestritten 
bereits in plaumoratum auftritt, bietet deshalb ein sehr schwer zu 
lösendes Problem. 

Es gehört allen westlichen und nördlichen germanischen Stämmen 
und Dialekten, und zw r ar, soweit bis jetzt bekannt, ausschliesslich an. 
Auf die Slawen und Finnen ist es erst spät von den Deutschen 
übertragen. Die Gothen dagegen kennen es nicht, sie brauchen dafür 
hoha. Dies Wort ist schwerlich anders, als durch das vorzugsweise von 
den Litthauern gebrauchte, durchaus eigenartige Instrument, die socha, 
zoche, stagutt, Fig. 38, zu erklären. Sollte es aber auch, wie Kuhn 




Fig. 38. 
muthmasst, von skr. koka, Wolf, herrühren, würde dies gleichwohl ge- 
nügend erweisen, dass der Ausdruck Pflug nicht von einem östlichen 
Volke her zu den Westdeutschen gedrungen ist. Es ist nun schon 
oben gezeigt, dass weder von Gallien, 1 ) noch von Italien aus, wo sich 
nirgend, weder in der Sache, noch im Namen, Anklänge finden, eine 



') Das volksthümliche Ackerinstrument der Basken ist ein doppelzinkiges, einer 
Stimmgabel ähnliches Brecheisen, dessen zwei meisselfürmige Zacken von Quadratzoll- 
stärke 2 Fuss Länge haben, und in einen eisernen Griff auslaufen, mit dem sie beim 
Auflockern des Bodens regiert werden, 



IV. 3. Die römische und die germanische Ackerbestellung. 283 

Uebertragung anzunehmen ist. Hätten aber die Rhätier, an die wegen 
des Plaumoratums im rhätischen Gallien am ersten zu denken 
wäre, den Pflug ihrerseits erfunden und benannt, so würde bei den Vor- 
theilen des Intrumentes, namentlich auf den oberitalischen Böden, in 

der etrurischen Sprache und Wirthschaffc die Erinnerung daran nicht 
verloschen sein. Das heutige romanische plogo, tyrol. plof, und 
lombard. pio erklärt sich durch die Longobarden. Müsste dennoch 
sprachlich angenommen werden, dass der deutsche Ausdruck ein fremdes 
Lehnwort enthalte, so gäbe es kein Volk, aus dessen Sprache die 
Entlehnung leichter und natürlicher stattgefunden haben könnte, als 
das der Westfinnen, der Lappen. Sie sind in allen Spuren der ger- 
manischen Einwanderung die trolls, die stein- und metallkundigen, 
meist überlegen klugen Gnomen. Sie waren böse Unholde, aber auch 
gutmüthige Diener. Nothwendig müssen sie die Knechte der Deutschen 
gewesen sein und irgend ein Ackerinstrument besessen haben, um 
ihren Knechtsdienst zu thun. Tacitus unterscheidet sie der Kultur 
nach nicht von den Germanen, und die Sage giebt noch von ihrem 
letzten Sitze in Upsala Bilder, welche sie ebenso schildern. Da sie 
von Mitteldeutschland bis zum hohen Norden mit Deutschen zusammen- 
stiessen und immer weiter von ihnen unterjocht oder vertrieben wurden, 
würde ihr Einfluss am leichtesten erklären, dass sich das Wort bei 
allen westdeutschen Stämmen gleichmässig wiederfindet. Aber freilich 
haben Thomsen und Koskinnen im Einzelnen nachzuweisen vermocht, 
dass die Lappen und Finnen die auf den entwickelten Pflug bezüglichen 
Benennungen erst mit der grossen Zahl deutscher Kulturworte aus 
dem Deutsch des frühen Mittelalters aufgenommen haben, auf welche 
noch näher zurückzukommen bleibt. Es käme also auf die Frage 
an, ob das Wort Pflug aus Wurzelwörtern ihrer eigenen Sprache zu 
erklären wäre, und ob sich insbesondere bei dem agglutinirenden 
Charakter des Finnischen die gehäuften Konsonanten in passender 
Weise auflösen Hessen. Da man nun nicht Völker und Sprachen 
vermuthen darf, von deren Sein und Auftreten man keinerlei Spur 
kennt, so bleibt, wenn auch der Gedanke der Entlehnung von den 
Finnen aufgegeben werden müsste, nur übrig, an einen alten conser- 
virten Rest der gemeinsamen indogermanischen Sprache zu denken, 
wie ihn J. Grimm (Geschichte der deutschen Sprache S. 40) in skr. 
plava und griech. nXolov , navis, anklingen hört. Für diesen Bezug 
aber hat viel mehr Wahrscheinlichkeit, dass das Durchfurchen des 
Bodens mit einem hakenförmigen Werkzeug die ältere Anschauung sei. 
auf der der Wortstamm ruht, als das Durchbrechen der Wasserober- 



J84 IV. 4. Die römischen Laiulmessungen und Fekleintheilungen. 

fläche mit dem Bug eines Schiffes, denn letzere Auffassung fordert viel 
entwickeltere Voraussetzungen. In jedem Falle hat das allein auf die 
Germanen des Westens und Nordens beschränkte Auftreten des Pfluges 
kulturgeschichtlich grosse Bedeutung. 

Mit Sicherheit aber ergiebt bis heut die Flurverfassung, dass sich 
in der Ackerbestellung der Germanen und der Römer wegen der 
Verschiedenheit ihrer Ackerinstrumente ein wesentlicher Unterschied 
entwickelt hat. Die Deutschen besassen ein für die meisten Böden 
besseres Geräth, welches sie schon früh ohne Weiteres auf die alte 
Feldeintheilung nach Längsfurchen übertragen konnten, und sie ver- 
mochten deshalb, abgesehen von der Düngung und Entwässerung, 
alle nöthigen Fortschritte durch allmählich tieferes Eingreifen in den 
Boden, durch Tieferpflügen, herbeizuführen. Die Römer dagegen er- 
strebten die Verbesserungen nicht durch das Ackergeräth, sondern 
durch die mehrfache, kreuz und quer versuchte Anwendung desselben, 
und wurden dadurch unmittelbar zu der nunmehr näher zu betrach- 
tenden eigenartigen Entwickelung ihres Messungswesens und zu ein- 
greifenden Umgestaltungen ihrer Feldeintheilungen veranlasst. 

4. Die römischen Landmessungen und Flureintheilungen. 

Das römische Landmessungswesen wird uns in seinen Einzel- 
heiten nicht früher bekannt, als nachdem die sorgfältige Ackerbestellung 
und mancherlei Gedanken verbesserter Bodenbenutzung seit lange 
ihren Einfiuss auf das Verfahren der Agrimensoren geübt hatten. 
Wirklich anschauliche Angaben über dasselbe macht erst eine aus dem 
6. oder 7. Jahrhundert n. Chr. abschriftlich erhaltene, vielfach über- 
arbeitete Sammlung verschiedener Bruchstücke ausgewählter feldmesse- 
rischer Schriften. Keine dieser Schriften aber geht über die Zeit des 
Domitian zurück, und die Sammler und Abschreiber haben ältere und 
jüngere Stücke vermischt, gleichnamige Verfasser nicht unterschieden und 
die Texte, wie die in den Handschriften mitgetheilten Zeichnungen, keines- 
wegs sicher überliefert. Gleichwohl ist diese Sammlung von ausser- 
ordentlichem Werthe. C. Lachmann hat die Textrecension der Gromatici 
veteres meisterhaft durchgeführt, und durch Blume, Lachmann und 
Rudorff sind sie mit Erläuterungen, auch von Mommsen, als »Schriften 
der römischen Feldmesser«, Berlin 1852, herausgegeben worden. 

Da die in diesem Codex in Frage kommenden Gromatiker nur 
vom Standpunkt der agrimensorischen Technik schrieben und, ebenso 
wie die Sammlung selbst, ganz unmittelbar Anweisungen für die 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintlieliungeü. $85 

praktische Thätigkeit der amtlichen Feldmesser geben wollten, be- 
dingt die Beschaffenheit der Ueberliefernng , dass sie hauptsächlich 
die Verhältnisse der besten Kaiserzeit berücksichtigt. Der Unterschied 
zwischen römischem und peregrinischem Boden war längst weggefallen, 
Bürger-Kolonien wurden nicht mehr ausgesendet, die gewaltthätigen 
Landverschenkungen an die Soldaten der Bürgerkriege hatten aufgehört 
und erschienen nur noch als eigenartige, aber feste Rechtsgrundlagen 
innerhalb der betroffenen Gemeinwesen. Alle Erinnerungen und Nach- 
richten aus älterer Zeit standen für diese Techniker unter der Auffassung 
der neuen bestimmten Verwaltungszwecke, und Vieles, was seit der 
Zeit der Republik veraltet erschien, ist gar nicht erwähnt oder doch 
nicht hinreichend erklärt. Dagegen fanden solche Fragen nähere Beach- 
tung, welche für die Organisation und die wirtschaftliche Verwerthung 
der Provinzen, unter denen namentlich die Grenzländer gegen Ger- 
manien unerwartete Fürsorge nöthig machten, seit Augustus erheb- 
lich wurden. Da nun diese Gesichtspunkte der Gromatik die ent- 
scheidenden für die Beurtheilung des Einflusses sind, den die römische 
Landwirtschaft auf die Siedelung und das Agrarwesen der unter- 
worfenen Keltenländer ausübte, lässt sich das amtliche Messungs- 
wesen, welches für diese Provinzen in Betracht kommt, gegenüber 
den ungleich verwickeiteren Verhältnissen der allmählichen Romanisi- 
rung Italiens in sehr vereinfachtem Bilde auffassen. — 

Erste und entscheidende Grundlage rönnscher Messungstechnik ist 
das Messinstrument, und zwar als ein anerkannt aus der ältesten 
Zeit überkommenes. Dies Werkzeug war die Stella, welche grade 
das erreichte, was dem germanischen Verfahren fehlte, die ganz ein- 
fache und sichere Herstellung von Quadraten jeder gewünschten 
Grösse. Sie war ein hölzernes Visirkreuz aus zwei rechtwinklig ver- 
bundenen Latten mit eingeschnittenen Visirlinien. Wagerecht auf 
einen Stab aufgesteckt ermöglichte es, von dem Punkte aus, auf dem 
es stand, rechte Winkel nach vier Seiten hin mit Stangen (metae 
oder signae) abzustecken. Wurden auf zwei solcher Linien mit der 
lOfüssigen Messruthe (pertica) 120 Fuss abgemessen, und die Stella 
dann weiter auf einem solchen Abschnittspunkte in einer der Visir- 
linien aufgestellt, so ergab sie die genau parallele Coordinate zu der 
anderen, dieselbe kreuzenden. Auf dieser Ordinate Hess sich dann 
bei 120 Fuss Länge der 4. Endpunkt des Quadrates festlegen, welches 
genau das halbe jugerum enthalten musste. Wurde dies Maass 
20 mal nach jeder Richtung abgemessen, so musste es ein Quadrat 
von 200 jugera Fläche oder eine Centurie, ergeben. 



>n IV. 4. t)le römischen Lanclmessungen und FeldeintheÜungen. 

Pas Instrument ist später dadurch verbessert worden, dass es 
ein eisernes Stativ (ferramentum) erhielt, auf dem es sich drehen 
liess, und dass an den vier Cornicula des Linialkreuzes Lothe ange- 
bracht wurden, nach denen es in genau wagerechter Stellung für die 
Peilung von Steigungen und Höhen eingerichtet werden konnte. Zum 
Visiren haben diese Lothe nie zu dienen vermocht, das Instrument 
wäre zu hoch geworden und das Ferramentum im Wege gewesen. 
Das Msiren im offenen Einschnitt war auch ganz zweckmässig. In- 
dess wurden Diopter, welche vielleicht feine Fäden in ihrem Schlitze 
hatten, auf die Cornicula aufgesetzt. Der Name Groma, von yvwfJKov, 
norma, deutet auf den griechischen süditalischen Ursprung dieser 
Verbesserungen. Die Griechen verdankten dem Heron die vollstän- 
dige Konstruktion unseres Theodolithen , sofern für denselben Fern- 
röhre entbehrlich sind. 1 ) Die Römer aber haben mit dem Groma 
und der Pertica für alle ihre ausgedehnten Landmessungen bis in 
die späteste Kaiserzeit ausgereicht. Bei der verhältnissmässig sehr 
sicheren, weiteren oder engeren, übrigens auch in oblongen Rechtecken 
leichten Quadrirung, die sie im Innern jeder gegebenen Figur ört- 
lich ausführen konnten, vermochten sie den Inhalt derselben bis auf 
diejenigen Quadrate genau anzugeben, w T elche von einer unregel- 
mässigen Abgrenzung der Figur durchschnitten wurden. Für die 
Flächenbestimmung dieser Grenzabschnitte (subseciva) konnte dann, so 
weit nöthig, eine halbe oder viertel Quadrirung oder auch eine Dreiecks- 
berechnung, event. eine annähernde Sehätzung angewendet werden. 
Bei den Assignationen sind die subseciva indess in der Regel aus- 
geschlossen worden. (Lachm. 21, Rud. II, 390.) 

Die Agrimensoren vermochten also ganze Landbezirke, einzelne 
Gemarkungen, wie kleine Sondergrundstücke ziemlich einfach und 
genau aufzumessen. Es war auch möglich, die Messungsergebnisse 
kunstlos durch eine Art Kartirung zu fixiren. Denn man konnte 
einen sehr verkleinerten ungefähren Aufriss, forma, des gemessenen 
Landes nach seinen Grenzen auf Erz oder Leinwand zeichnen und ent- 
weder nur die Gesammtfläche desselben oder die Grösse der örtlich 
vorhandenen und verzeichneten Hauptabschnitte nach der Zahl der 
Quadrate angeben, welche bei der Messung in dieselben gefallen 
waren; oder es Hessen sich, was das genauere und gewöhnliche war, 



') Vergl. in Heronis Alexandrini geometricorum et stereometricorum reliquiae 
ed. Hultsch, Berlin 1864, die schon 215 v. Chr. gebrauchten Nivellirungsinstruniente 
mit Wasserwaage. 



tV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 28? 

die Hauptlinien der Quadratur eintragen und die Coordinaten von 
zwei als Basis angenommenen Hauptkreuzungslinien, dem Decumanus 
und Kardo maximus, nach allen Richtungen beziffern, so dass jedes 
einzelne Quadrat nach seiner Entfernung und Grösse in Zeichnung und 
Oertlichkeit vollkommen festlag. 

Ueberdies aber dehnte sich die o. S. 269 erwähnte frühe Uebung der 
mit sakralen Gesichtspunkten verknüpften Grenz ver steinung auf 
alle Messungen der römischen Agrimensoren aus. Jede gemessene 
Fläche wurde mit zum Theil sehr künstlich ausgedachten Steinformen 
und inschriftlichen Bezeichnungen versteint. Auf den Hauptlinien 
der aufgemessenen Quadrate wurden die Steine an Kopf und Seiten 
nach der Zahl der vom Decumanus und Kardo maximus aus in be- 
stimmten Abständen folgenden Parallelen bezeichnet, so dass sie sich 
gegenseitig kontrollirten und leicht aufgefunden und wiederhergestellt 
werden konnten. Unregelmässige Grenzlinien aber wurden fortlaufend 
mit Angabe von Richtung und Entfernung der Steine, nicht selten unter 
Zufügung von Inschriften, die ihren Zusammenhang ergaben, versteint. 
Solche Steine oder andere Grenzzeichen konnten, so weit es nöthig 
war, auch auf der forma vermerkt werden (Mommsen, Herrn. 27). — 

Nach dieser Messungspraxis unterschieden die Gromatiker drei 
Arten feldmesserisch behandeltes Land: agri divisi et adsignati, d. h. 
gemessen, mit Wegen versehen, versteint und den einzelnen Be- 
sitzern in Maassen oder in Grenzen zugewiesen, die sich aus der 
forma ermitteln Hessen; agri mensura per extremitatem comprehensi, 
d. h. nach dem Flächeninhalte vermessen, versteint, im Ganzen zu- 
gewiesen, meist auch in eine forma gebracht, aber nicht eingetheilt; 
endlich agri areifinii, qui nulla mensura continentur, d. h. überhaupt 
nicht gemessene, sondern nur in wiederherstellbarer Weise abgegrenzte. 
Ausserdem gab es natürlich solches Land, auf dem der Feldmesser 
noch gar nicht thätig gewesen war, oder das er wieder aufgegeben 
hatte. Das letztere pflegte gromatisch als in soluto oder in absoluto 
bezeichnet zu werden. 

Ueber das eingetheilte und assignirte Land sagt Frontin, der 
nach Lebensstellung und Schreibweise unbedingt als der kenntniss- 
reichste und klarste dieser Schriftsteller zu erkennen ist (Lachm. 2) : 
Ager divisus assig natus est coloniarum; hie habet condiciones 
duas; unam qua plerumque limitibus continetur, alteram qua per 
proximos possessionum rigores adsignatum est, sicut in Campania 
Suessae Aruncae. Quidquid autem seeundum hanc condicionem in 
longitudinem est delimitatum per strigas appellatur, quidquid per 



28$ IV- 4. t)ie römischen Landmessungeü und Feldeintheilungen. 



latitudinem per scanina: (fig. 39). Ager ergo limitatus hac simili- 
tudine deeimanis et cardinibus continetur: (fig. 40). Ager per strigas 
et per scanina divisus et adsignatus est more antiquo in hanc simili- 
tudinem, qua in provineiis arva publica coluntur: (fig. 41). 




Fig. 39. 




Fig. 40. 




Fig. 41. 

Frontin unterscheidet also mit Bestimmtheit nur zwei verschie- 
dene Verfahren für die Auftheilung und Zuweisung der Grundstücke 
zu römischem Sondereigenthum, die Assignation zwischen limites und 
die zwischen rigores. Die erstere, die assignatio zwischen decu- 
mani und kardines, bezeichnet er als die gewöhnliche. Für diese 
war üblich über den umbilicus perticae, den angenommenen Mittel- 
punkt des zu assignirenden Landes, auf dem das Groma zuerst auf- 
gestellt wurde, die erste Grundlinie, den decumanus maximus, in der 
Richtung zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zu ziehen. 
Doch konnte die Richtung auch nach der Oertlichkeit eine andere 
sein. Den decumanus maximus kreuzte rechtwinklig der kardo 
maximus, also gewöhnlich von Süd nach Nord. Beide pflegten als 
Wege von 20 pedes Breite ausgelegt zu werden und gehörten dem 
Staate, wenn ihre Fläche von der Berechnung der assignation aus- 
geschlossen wurde. An diese Hauptlinien schloss sich das Netz der 
parallelen, sich kreuzenden limites, in welchem bei quadratischer An- 
lage die decumani minores oder limites prorsi und ebenso die kar- 
dines minores oder limites transversi in gleichen Abständen von 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 289 

20 actus folgten, so dass jedes ihrer Quadrate die gewöhnliche Centurie 
cinschloss. Der je 5. Limes vom decumanus und kardo maximus 
wurde als quintarius oder actuarius, auch als decumanus und kardo 
quintarius hezeichnet. Das Quadrat, welches solche quintarii einschlössen, 
umfasste daher 25 centurien oder 5000 jugera und wurde gromatisch 
ein saltus genannt. Statt der Auftheilung in Quadraten kam unter 
Uniständen auch eine in oblongen, für dieselbe Flur gleichen Recht- 
ecken vor, deren Seiten im Verhältniss von 20:24; 20:40; 20:21, 
auch 16 : 25 oder 16 : 80 actus von einem limes zum andern stehen 
konnten. Danach schlössen die entsprechenden Centurien 240, 400, 
210, 200 oder 640 jugera, die Saltus je das 25 fache ein. 1 ) 

Auf den limites actuarii liefen stets öffentliche Wege von 12 Fuss 
unter Umständen auch von grösserer Breite. Sie wurden den vicini 
abgezogen, und mussten von diesen mit Kies und Sand bedeckt und 
für die öffentliche Benutzung unterhalten werden. Für die 4 Linearii, 
welche zwischen je zwei Actuarien lagen und die einzelnen Centurien 
abgrenzten, setzte diesen Charakter als öffentliche Wege erst die von 
Caesar erlassene Lex Mamilia, Roscia, Peducea, Alliana, Fabia 
(Lachm. 263) ausdrücklich fest. Dies beweist, dass sie vorher diesen 
Charakter nicht hatten, dass also nicht Jeder aus dem Volke be- 
rechtigt war, sie zu begehen oder zu befahren, und ihre Offenlegung 
und Unterhaltung von den vicinis zu erzwingen. Andrerseits zeigt 
das Gesetz das anerkannte Bedürfniss solcher Wege auf diesen limites, 
und dass auf ihnen bereits fahrbare Wege bestanden, ist überall 
da nicht zu bezweifeln, wo nicht etwa ganze Saltus oder noch grössere 
Flächen assignirten Landes in dieselbe Hand eines Possessors ge- 
kommen und in Wald oder Weide verwandelt worden waren. Denn 
wo die gewöhnlichen kleinen Fundi von nur 60 bis 20, ja nur 
7 jugera Fläche bestanden, musste ein einziger Umfassungsweg für 
je 5000 jugera schlechterdings unzulänglich sein. Die Limites linearii 
heissen auch in Italien, ausserhalb dessen vor Caesar nur wenige 
Landassignationen stattfanden, subruncivi, d. h. abgeräumte, freigelegte 
Limites. Sie mussten also offen erhalten werden und mindestens 
den vicini zum Zugang und zur Zufuhr auf alle diejenigen Grundstücke 
dienen, welche dieselben innerhalb der 5000 jugera des saltus besassen. 
Diese leichte Zugänglichkeit zu verwehren, oder auf 5000 jugera 
durch Flurzwang zu ersetzen, wäre bei den verschiedenen Früchten und 



l ) M. Voigt, über das römische System der Wege im alten Italien. Berichte über 
die Verhdl. der k. sächs. Ges. der Wissenschaften zu Leipzig. Phil. hist. Klasse 
Bd. 24, 1872. 

Meitzen, Siedelung etc. I. 19 



290 I^ • 4. Hit- römischen Landinessungen und Feldeintheilungen. 

und Erntezelten Italiens unmöglich gewesen. Es ist deshalb anzu- 
nehmen, dass sie auch unter den Begriff* der viae vicinales fielen, 
für welche schon das 12-Tafelgesetz bestimmt, dass sie 8 und in den 
Kreuzungen 16 Fuss Breite haben sollten. Da das Netz dieser Limites 
subruncivi der Regel nach je 200 jugera als ganzen Block zusammen- 
J'asste, blieb für alle kleineren Besitzungen oder Besitzstücke stets 
erforderlich, weitere Zugangswege, wie sie Frontin nach Fig. 41 an- 
deutet, zu schaffen, welche als confinia oder Feldraine zu den einzelnen 
Grundstücken führten und sie von den benachbarten abschieden. 
Diese Grenzwege mussten sich die anstossenden Loosbesitzer , die 
amtermini, gegenseitig gewähren, und sie blieben in deren Miteigen- 
thum. Sie dienten ihnen als Weg, waren 5 Fuss breit, konnten auch 
als viae duum communes, als Feldwege, breiter sein, standen aber 
ausser den Adjacenten Niemandem offen, der darauf nicht ein Servitut- 
recht für iter, actus oder via, für Gehen, Treiben oder Fahren, er- 
worben hatte. Innerhalb der Centurien konnten vom Mensor aber 
auch nach Bedarf noch Limites intercisivi, Zwischenwege zwischen 
den Limites, in offenbar beliebiger Richtung angelegt werden. 

Die Einweisung der Berechtigten in den Besitz erfolgte, abgesehen 
von gewissen Weidegrundstücken, stets zu Sondereigen, nie zum Mit- 
eigenthum. Der Agrimensor musste also völlige Klarheit über den An- 
theil eines jeden innerhalb der Centurie Berechtigten erreichen. Schied 
er aus der Fläche der Centurie loca relicta aus, welche als unbrauch- 
bar nicht zur Vertheilung kommen konnten, so musste er vorweg 
deren Lage und Grösse feststellen, welche auch ohne Abgrenzung 
unter allen Umständen leicht wieder aufzufinden waren. Für die zu 
vertheilende übrige Fläche der Centurie aber kam es darauf an, ob 
die Vertheilung nach dem Werth oder nach dem blossen Flächenmaass 
stattfinden sollte. 

Nach dem Werthe zu vertheilende Centurien mussten einer Boden- 
würdigung, Bonitirung, unterliegen. Es war dann unumgänglich, die 
Loose nach der Bodenverschiedenheit zu berechnen und an bestimmter 
Stelle örtlich abzugrenzen. Das Bedürfniss, der Unzufriedenheit der 
Veteranen wenigstens durch ersichtliche Unparteilichkeit bei der Ver- 
theilung zuvorzukommen, führte für die Zuweisung des Landes zu sehr 
komplizirten Ausloosungssystemen mit doppelter Loosung, nach 
grösseren Loosen und Untertheilen. Auch konnte das Loos des Ein- 
zelnen in verschiedenen Centurien liegen. 

War aber die Bodenbeschaffenheit der Centurie gleichmässig, 
oder war sie, wass für die ältere Zeit als das Gewöhnliche gelten darf, 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 291 



überhaupt nur nach der Fläche zu vertheilen, so wurde nur nöthig, 
die Antheile oder Anrechte zu ennitteln, es konnte genügen, die Zahl 
der jugera festzustellen, welche der einzelne Berechtigte aus der Cen- 
time zu fordern hatte, und es durfte den Betheiligten selbst über- 
lassen bleiben, die Abgrenzung sofort herbeizuführen, oder sich über 
die thatsächlichen Besitzverhältnisse später auseinander zu setzen. 
Die Versteinting bei der Ueberweisung nach Antheilen wurde 



S D XJ CK IX 



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S J? • X ■ C ■ K IX 




S J>JX- CK- IX. 



Ost 



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SD ■ IX C A' • X 



5.D.JX-. C. K.Xl 



Fig. 42. Fragment der Forma von Arausio (Orange). 
nur für die ganze Centurie an ihren 4 Endpunkten vorgenommen. 
Bei jeder Einzelanweisung der Loose aber schritt der Agrimensor 
auch zur Versteinung der Zwischengrenzen. Da nun über eine solche 
Zuweisung stets ein Protokoll aufgenommen wurde, welches die näheren 
Umstände vermerkte, Hess sich in beiden Fällen die Eintragung in 
die Forma auf die Angabe beschränken, wie viele jugera dem ein- 
zelnen Berechtigten innerhalb der Centurie zustanden. Diese war durch 
die Linien der 4 limites und durch deren Zählung als prorsi oder trans- 

19* 



292 I^ • 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 

versi und dextri oder sinistri vom decumanus, und als ultra oder citra 
vom kardo maximus bestimmt bezeichnet. Fig. 42 giebt das einzige, 
bisher zum Vorschein gekommene Abbild einer solchen Forma wieder. 
Sie zeigt, dass in das einzelne Rechteck die Lage und Zahl des decu- 
manus und kardo, eine Notiz über den Charakter der erfolgten Assig- 
nation und die Namen der in der Fläche des Rechtecks betheiligten 
Besitzer mit der Zahl ihrer jugera auch, wie es scheint, wenigstens 
in gewissen Fällen assignirten Provinziallandes, die in Anschlag ge- 
brachten Werthklassen des Bodens, sowie die von demselben als Zins 
oder Grundsteuer zu leistenden Lasten notirt sind. 1 ) — 

Dieser gewöhnlichen Assignation zwischen limites stellt Frontin 
die divisio und assignatio per strigas et scamna gegenüber, 
und zwar mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass sie nicht zwischen 
limites, sondern per proximos possessionum rigores stattfinde. Nach 
seinen Figuren 39 und 41 kann man strigae und scamna nicht 
anders als in der Gestalt oblonger Rechtecke von ungleicher Grösse 
verstehen, welche, wenn sie in derselben Assignation nebeneinander 
vorkommen, in ihrer Richtung rechtwinklig von einander abweichen. 2 ) 
Auch sie ergeben deshalb, wo die schräge Grenze über das Rechteck 
hinaus geht, subseciva, wie die zwischen limites aufgemessenen 
Ländereien, o. S. 286. Auch sind diese Rechtecke nach der Zeichnung 
im Einzelnen wie im Ganzen von Grenzwegen umzogen, offenbar sind 
dies die proximi rigores possessionum. Frontin giebt aber noch 
weitere Erläuterungen. Er sagt, der Acker wurde in strigae und 
scamna nach alter Sitte getheilt und assignirt; ferner, diese im Bilde 
wiedergegebene Auftheilung stimme mit der überein, nach welcher 
in den Provinzen (also für ihn neuerdings) die arva publica angebaut 
wurden. Endlich weist er noch auf das Beispiel von Suessa Aurunca 
in Campanien hin. 

Ueber Suessa besagt nun das liber coloniarum I (Lachm. 237) 3 ) 



') Die nähere Erklärung dieser Karte vgl. Anlage 31 und M. Weber a. a. O. S. 279. 

2 ) Hygin sagt (Lachm. 110): Strigatus ager est, qui a septentrione in longitudinem, 
in meridianum decurrit, scamnatus autem, qui eo modo ab occidente in orientem crescit. 

^ Mommsen hat in Lachm. I, S. 143 ff. gezeigt, dass das Liber Coloniarum 
auf der als klassisch zu erachtenden Grundlage einer um 180 n. Chr. zu setzenden 
Arbeit des Baibus beruht, deren expositio ad Celsum (Lachm. I, S. 91 ff.) erhalten 
ist. Was als Register aber gegenwärtig vorliegt, ist in den Zeiten Alarichs und Geise- 
richs unter mancherlei Zusätzen und nach inzwischen veränderten Bezirkseintheilangen 
auszugsweise zusammengestellt worden. Mommsen erklärt, dass den Redaktoren viele 
Verderbniss durch gedankenlose Verkürzung, Vertauschung, Irrung und Leichtfertigkeit 
zugetraut werden darf, und dass wenig für sie darauf ankam, ob eine italische Stadt 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 293 

aus einem Kommentar des Claudius Caes. (229): Suessa Aurunca, 
muro ducta, lege Sempronia est deducta. Iter populo non debetur. 
Ager ejus pro parte limitibus intercisivis et in lacineis est assignatus. 
Es kommt also darauf an, ob sich der Begriff der Lacineae fest- 
stellen lässt. Direkt erwähnen ihn die Gromatiker nicht. Die son- 
stigen Angaben über Lacineae im liber Coloniarum sind in der Note 
zusammengestellt 1 .) Dabei zeigt sich durch Venafrum 4) und Inter- 
amna 11), dass die limites intercisivi auch in Suessa nicht im Gegen- 
satz zu lacineae stehen, sondern die lacineae durchziehen. Trotzdem 
also in Ostia 13) die strigae anscheinend von den lacineae unter- 
schieden werden, kann Frontin doch in beiden keine beachtenswerthe 
Verschiedenheit erkannt haben. Beide müssen, im Gegensatz zu der 
Assignation zwischen Limites, zu der Assignatio inter rigores gehören, 



richtig als Kolonie angegeben war oder nicht, ob Deduktionen Caesars oder Augusts, 
der Triumvirn oder Kaiser verwechselt wurden u. dgl., so dass die historischen An- 
gaben nachweisbar sehr unsicher sind. Aber er hat doch (Ebd. S. 182) für glaublich 
erachtet, dass die Verderbniss der rein gromatischen Angaben, fyei denen die Epitomatoren 
im Allgemeinen weder fehl gehen konnten, noch täuschen wollten, davon weniger be- 
troffen worden sind, als die historischen, wie denn auch, soweit die geringen Mittel 
der Kontrole reichen, die Angaben der Verzeichnisse sich überall in gromatischer 
Beziehung als richtig erwiesen haben. 

Deshalb sind in dem Auszuge der Belegstellen neben den gromatischen Angaben 
nur diejenigen Bemerkungen aufgenommen worden, welche, wenn auch nicht gesichert, 
doch Aufmerksamkeit beanspruchen dürfen. Die von Lachmann in das Liber Col. II 
gestellten Textstücke sind in den Noten in Klammern gebracht. 

') Lacineae. l) Antium (Lachm. 229) ager ejus in lacineis est ass. 2) Ardea (231) 
ager ejus in lacineis est ass. 3) Laurum Lavinia (234) lege et consecratione veteri 
manet. Ager ejus ab impp. Vespasiano, Trajano et Adriano in lacineis est ass. 
4) Venafrum (239) oppidum quinque viri deduxerunt sine colonis. ager ejus in 
lacineis limitibus intercisivis est ass. iter populo debetur ped. XX. 5) Ferentinum (234) 
ager ejus perennis limitibus pro parte in jugeribus et in lacineis est ass. 6) For- 
mia opp. (234) triumviri sine colonis deduxerunt, ager ejus in absoluto resedit, pro parte 
in lacineis est ass. 7) Provincia Brittiorum (209) centuriae quadratae in jugera CC et 
cetera in laciniis sunt praecisa post demortuos milites. 8) Privernum (236) oppidum, 
muro ducta colonia miles deduxit sine colonis, iter populo debetur ped. XXX, ager 
ejus pro parte cultu in jugeribus est ass. ceterum in lacineis vel in soluto remansit. 
9) Suessa Aurunca (237) muro ducta lege Sempronia est deducta, iter populo non de- 
betur, ager ejus pro parte limitibus intercisivis et in lacineis est ass. 10) Afile oppidum 
(230) lege Sempronia in centuriis et in lacineis ager ejus est ass., iter populo non debetur. 
11) Interamna opp. (234) ager ejus militi metyco est ass. in lacineis limitibus inter- 
cisivis. 12) Atina (230) opp. deduxit Nero Claudius, ager pro parte in lacineis et per 
strigas est ass. 13) Ostensis ager (Lachm. 236) ab impp. Vespasiano, Trajano et 
Iladriano in precisuris, in lacineis et per strigas colonis eorum est assignatus, sed 
postea impp. Verus, Antoninus et Commodus aliqua privatis concesserunt. 



294 IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 

und Frontin muss die Assignatio per strigas et scamna auch im 
weiteren Sinne auf die in lacineis ausdehnen. 

In Betreff der Assignation nach strigae und scamna im engeren 
Sinne wird der Lösung beizustimmen sein, welche Weber (a. a. 0. 
S. 22) den schwer verständlichen Worten des Hygin (Lachm. 204) 
über die Aufmessung des ager vectigalis in den Provinzen nach strigae 
und scamna innerhalb Decumanen und Kardinen giebt. Dieselbe ist 
indess nur durch die von Hygin selbst aufgestellten Voraussetzungen 
erschwert, dass zwischen je 2 limites transversi 2 scamna und 
1 striga, zwischen 2 limites prorsi aber 4 scamna und 4 strigae zu 
legen und die Kreuzung dieser limites um die Hälfte länger als breit 
7.u machen, zugleich aber auch, wie anzunehmen, den strigae und 
scamna unter sich gleiche Flächen zu geben seien. Diese speziellen 
Bedingungen erscheinen als ein besonderer Zwang, den sich Hygin 
in seiner Absicht, die Messungen des steuerpflichtigen Provinzial- 
landes zu sichern, auferlegte. Seine Vorschläge konnten auf freiem und 
ebenem Provinzialboden allerdings ebenso gut ausgeführt werden, wie die 
Aufmessung genau quadratischer Centimen, und mochten um so an- 
nehmbarer erscheinen, als, wie Weber bemerkt, auf dem von Hygin 
vorausgesetzten ager vectigalis auch bei der gewöhnlichen Limitation 
die Einzelanweisung der Zinspflicht wegen nicht entbehrlich war. 
Aber Hygins Vorschrift stimmt weder mit Frontins Definition und 
Abbildung der Assignation in strigae und scamna (Fig. 39 und 41) 
noch mit den Angaben des liber Coloniarum überein. Es ist möglich, 
dass die strigae und scamna gelegentlich zwischen Decumanen und 
Kardinen eingeordnet wurden, der Regel nach aber dürften sie gerade 
deshalb zur Assignation angewendet worden sein, weil eine regel- 
mässige Limitation nicht thunlich war. 

Die Zusammenstellung der wörtlich wiedergegebenen Nachrichten 
des liber Coloniarum *) ergiebt , dass der ager Aequiculanus 1) und 



') Strigae et scamna. [l) Ecicylanus ager (Lachm. 255) per strigas et scamna in 
centuriis est assignatus.] [2) Nursia (257) ager ejus per strigas et per scamna in centuriis 
est ass.] [3) Reate (257) ager ejus per strigas et per scamna est ass.] 4) Bovianum (231) 
opp. lege Julia milites deduxerunt sine colonis, iter populo debetur ped. X. ager ejus 
per centurias et scamna est ass. [5) Afidena (259), iter populo debetur ped. X; milites 
eam lege Julia sine colonis deduxerunt. ager ejus per centurias et scamna est assignatus. 
Termini Tiburtini sunt oppositi limitibus intercisivis.] [6) Istoniis (260) colonia. ager 
ejus per centurias et scamna est ass.] 7) Alatrium (230) colonia populus deduxit 
iter populo non debetur. ager ejus per centurias et strigas est ass. 8) Anagnia (230) 
colonia, jussu Drusi Caesaris populus deduxit, iter populo non debetur. ager ejus per 
strigas est veteranis ass. 9) Colonia Sutrium (217) ab oppidanis est deducta. ante 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 295 

Nursia 2) ausdrücklich in centuriis per strigae et scamna assignirt 
worden sind. Deshalb lässt sich nicht wohl bezweifeln, dass auch die 
Ausdrucksweise per centurias et scamna oder et strigas in Bovianum 4) 
Aufidena 5) Histonium 6) und Aletrium 7) dieselbe Bedeutung hat, und 
nicht als eine Anlage theils in centurien, theils in scamna auszulegen 
ist. Danach würde sich dann auch in Reate 3), obwohl hier Centurien 
nicht erwähnt sind, der Assignation per strigas et per scamna der- 
selbe Sinn beilegen lassen. Besonders bedeutsam für das Verständniss 
erscheinen aber die Angaben über die Kolonie Sutrium 9). Sie zeigen 
hinreichend deutlich, dass hier rechtwinklige (gammati) und oblonge 
(scamnati) agri von den Feldmessern deshalb angewiesen wurden, 
weil die Natur der Oertlichkeit , der Höhen und Kuppen, die regel- 
mässige Ausführung der beabsichtigten und bereits begonnenen Limi- 
tation nicht gestatteten. 

Es lässt sich hier noch die fernere bei Ostiensis ager 13) er- 
wähnte Art der Assignation in praecisuris heranziehen. Nach 
Lachm. 190, 299 und 301 ist praecisura mathematisch ein Abschnitt. 
Die sonstigen Erwähnungen bei den Gromatikern sind in der Note 1 ) 
zusammengestellt. Daraus erweist sich, dass in Apulien und Kalabrien 
gewisse loca der besonderen Fruchtbarkeit wegen praecisirt wurden. 
Aricia 2), Casinum 3) und Signia 4) wurden in praecisuris assignirt, 
und zwar letzteres mit den bei den Kolonien der Triumvirn üblichen 
limites. Terebentum 5) wurde in praecisuras et strigas assignirt, 



limites contra Orientalen! recturam dirigebantur. postea ex omni latere sunt extenuati. 
et licet omnes agri ad modum jugerationis sint adsignati, tarnen pro parte naturam 
loci sccuti artifices agros censuerunt, id est fecerunt gammatos et scamnatos, riparum et 
coronarum natura, et juga collium sunt emensi. Terminos autem pro parte lapideos 
posuerunt, alios vero ligneos, qui sacrificales pali appellantur, qui distant a se ped. CCCC, 
p. D, p. DC, ped. DCC, ped. DCCC, ped. DCCCC, ped. M et ped. MCC, ceterum 
pro natura loci designatum est in ripis. 

') Praecisurae. [l) Quando terminavimus provinciara Apuliam et Calabriam 
(Lachm. 261) secundum constitutionem et legem divi Vespasiani, variis locis mensurae actae 
sunt et jugerationis modus collectus est. Cetera autem prout quis occupavit posteriore 
tempore censita sunt et possidenti assignata. Alia loca pro aestimio ubertatis praecisa 
sunt, finiuntur enim terminibus, rivis, fossis, arboribus. . .] 2) Aricia (230) opp lege 
Sullana est munita, ager ejus in praecisuris est assignatus. 3) Casinum milites legion. dedux. 
(232) eidem militi ager ejus in praecisura est assignatus. 4) Signia (237) a militibus et 
triumviris munita, ager ejus in praecisuris limitibus triumviralibus est ass. 5) Terebentum 
oppidum (238) ager ejus in praecisuras et strigas est ass. post tertiam obsidionem 
limitibus Julianis. [6) Cornnius ager (260) limitibus maritimis et montanis, in centuriis 
singulis jugera CC. finitur terminis Tiburtinis et rivis, arboribus peregrinis vel ante 
missis, monumentis, viis nymphis Ager ejus in praecisuris est assignatus.] 



296 ^V' 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 

und Corfinium 6) erhielt in den einzelnen centurien je 200 jugera, 
obgleich auch sein Acker in praecisuris assignirt wurde. 

Danach scheinen die praecisurae den strigae und scanina sehr 
nahe zu stehen, und ihre Assignation ebenso, wie die der laciniae, mit 
der nach strigae und scamna ohne wesentlichen Unterschied zusammen- 
zufallen. Frontin, der ebenso wenig als die übrigen Gromatiker diese 
Benennungen erwähnt, ist wenigstens unzweifelhaft der Meinung, dass 
es keinen anderen assignirten Acker giebt, als entweder solchen, der 
zwischen decumani und kardines eingetheilt, oder solchen, der strigirt 
bezw. scamnirt worden ist. Wenn also einer von diesen beiden Arten 
der Assignation diejenige nach lacineae und nach praecisurae zuge- 
rechnet werden muss, so kann dies nach dem Zusammenhang der 
vorhandenen Erwähnungen nur die strigatio und scamnatio in ihrem 
weiteren Sinne sein. 

Ueberblickt man nun alle diese Angaben über die Assignation 
nach strigae und scamna und die dieser gleichzustellende nach 
lacineae und praecisurae, so finden sich decumani und kardines in 
keiner derselben erwähnt, sondern überall nur centuriae, und dabei 
nur einmal ausdrücklich solche von 200 jugera. Auch limites werden 
bezeichnet, aber nur die limites trium virales der praecisurae von 
Signia könnten als decumani und kardines aufgefasst werden, meist 
werden nur limites intercisivi erwähnt, welche auch bei der eigent- 
lichen limitation nur einen zufälligen Charakter haben. In Feren- 
tinum ist allein der ager perennis mit limitibus und zwar zum Theil 
in jugera, zum Theil in lacineae assignirt worden. In Corfinium 
werden limites maritimi und montani erwähnt, d. h. solche, welche 
auf die Küste oder auf das Gebirge zuführen. 

Zugangs wege mussten bei jeder Assignation angelegt werden, und 
dass man dabei, so weit möglich, dem üblichen Schema der limi- 
tation folgte, ist erklärlich. Aber die blosse Angabe, dass in Cen- 
turien assignirt worden sei, lässt, wenn dies per strigas oder scamna 
geschehen, keinen Schluss auf ein regelmässiges System von decu- 
mani und kardines zu, sondern besagt nur, dass Feldabschnitte von je 
200 oder so vielen jugera, wie man mit ziemlich grossen Abweichungen 
als eine Centurie zu bezeichnen pflegte, in strigae, scamna, lacineae 
oder praecisurae zur Assignation gekommen seien. Strigae und 
scamna verdeutlichen Frontins Zeichnungen, Fig. 39 und 41. Sie waren 
danach rechtwinklig aufgemessen und von einem Grenzwege oder 
Grenzrain umgeben, aber offenbar von ganz verschiedener Grösse. 
Ob diese immerhin noch regelmässige Gestalt auch für die 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 297 



Assignation von lacineae und praecisurae nöthig war, ist unbekannt. 
Wenn man aber verschieden grosse Grundstücke von ungleichen 
Längen und Breiten bei den Assignationen fest abgrenzte, war dies 
offenbar auch bei noch unregelmässigeren möglich. Der Grund, weshalb 
solche unregelmässige Grundstücksformen statt der viel einfacheren 
der quadratischen Limitation angewendet wurden, ist durch Sutrium, 
wie o. S. 295 zeigt, überzeugend bezeichnet. In der That war die Anlage 
regelmässiger Centurien zwischen parallel sich kreuzenden Decumanen 
und Kardines, auch wenn man verschiedene loca relicta, pascua u. dgl. 
ausschied, nur in nahezu ebenem und wenig wechselndem Lande 
wirklich gut und zweckentsprechend auszuführen. Man musste deshalb 
daneben ein System der Assignation haben, welches sich mehr der 
Oertlichkeit anpassen Hess. Dies war nur durch ungleichartige 
Grundstücksformen zu erreichen. Wahrscheinlich gehört auch die 
assignatio in Tetragonon des ager Amiternus, Avejas, Corfinius und 
Solomontinus hierher, möglicherweise aber ebenso ein grosser Theil der 
Assignationen, welche lediglich als in jugeribus geschehen bezeichnet 
sind, wie: circa Portum Tiberis, Forum Populi, Cumis, Minturnae, 
Neapolis, Puteoli, Praeneste, Sinuessa, Tibur, Fidenae, Teramne u. a. 
Allerdings war bei der Ausführung einer solchen Assignation in un- 
regelmässigen verschieden geformten Besitzstücken erheblich grössere 
Mühe der Messung und Abgrenzung erforderlich, als bei der Assignation 
zwischen Decumanen und Kardines. Dies war aber auch bei strigae 
und scamna und überhaupt in jedem Falle unvermeidlich, in welchem 
die Abgrenzung der einzelnen Besitzer per proximos possessionum 
rigores stattfand. Es musste dann die Berechnung im Einzelnen in 
die Forma eingetragen werden, wenn der Zweck der assignatio erreicht 
werden sollte. Wie dies geschah, wird allerdings kaum völlig klar 
werden, so lange nicht ein inschriftlicher Fund, wie der von Arausio 
darüber belehrt. Indess hat der gromatische Codex in Fig. 43 



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ACERl 
KAB 
INM 

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SEXTJLANVi 



VtIMNIAN-KABET \S|MIUTERETP.EU^a. 

jvg.L-NoTatanr 




Fig. 43. 

einen zweifelfreien Auszug aus einer solchen Forma überliefert, auf 
den sich Frontin (üb. I de controver. agr. Lachm. 15, Fig. 17) be- 



298 IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 

zieht, indem er sagt: de proprietate controversia est plerumque, ut 
in Campania cultorum agrorum silvae absunt in montibus ultra 
quartum aut quintum forte vicinum. Propterea proprietas ad quos 
fundos pertinere debeat disputatur. Es liegen hier die assignirten 
Besitzstücke des Sejus Agerius, Sextilius und Vennius noch durch 
andere Nachbargrundstücke von den zugehörigen Waldcasae geschie- 
den. Die nur beispielsweise Inscription in die Forma besagt an- 
scheinend: Fundus Seji Agerii habet in monte jugera X. X not. 0. 
Yennianus habet jugera L notata NR. Sextilianus habet jugera XXX. 
Similiter et reliqua (formae). Die im ager Campanus selbst assig- 
nirten Grundstücke der Genannten sind nicht nach ihrer Fläche 
eingetragen. Deutlich ist aber, dass sie, wie die Abschnitte zeigen, 
in ganz unregelmässigen Gestalten angewiesen und, wie es scheint, 
zwischen einige, der gromatischen Messung an gehörige Parallel grenzen 
an einander geschoben sind. — 

Die anderen von Frontin unterschiedenen Arten gromatischer 
Behandlung der Ländereien sind leicht zu verstehen. 

Agri mensura per extremitatem comprehensi, deren 
Grenzzug und Flächeninhalt festgestellt, auf denen aber weder eine 
Wegeanlage, noch eine Vertheilung im Einzelnen vorgenommen 
wurde, bezeichnet Frontin näher dahin: Ager est mensura compre- 
hensus, cujus modus universus civitati est assignatus, sicut in Lusitania 
Salmatiensibus , aut Hispania citeriore Palatinis et compluribus pro- 
vinciis tributarium solum per universitatem populis est definitum. 
Dieses dem politischen Zwecke der Organisation von civitates dienende 
Verfahren betraf diejenigen Theile des Reiches, in welchen der alte 
Verband der früheren Staaten nicht fortbestand. Es setzt die Unter- 
werfung des Landes und die Umgestaltung seiner Verwaltung in 
eine provinziale voraus, bestätigt aber die übliche Politik der Römer. 
Sie griffen auf den Gebieten dieser, meist nur aus einem Hauptort 
mit der denselben umgebenden Landschaft hergestellten civitates in 
die vorgefundene Grundbesitzvertheilung nicht ein, soweit nicht 
Theile des früheren Besitzes als Staatsland ausgeschieden oder mit 
Militärkolonien besetzt wurden. Dieser ager mensura comprehensus 
findet sich auch bei Staats- und Tempelgütern, deren Besitzstand 
dadurch festgestellt wurde. Frontin aber sagt weiter, indem er die 
Figuren durch seine eigene Bezugnahme beglaubigt: Eadem ratione 
et privatorum agrorum mensurae aguntur: (fig. 44). Hunc agrum 
multis locis mensores, quamvis extremum mensura comprehenderint, 
in formam in modum limitati condiderunt: (fig. 45.) 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 299 



Diese Worte geben den Figuren besonderes Interesse. Fig. 44 
zeigt, wie Frontin die gelegentlich vorkommende Gestalt der Privat- 
grundstücke vorschwebt, die nur im Ganzen, nicht im Einzelnen, 
der Vermessung unterworfen und abgegrenzt worden sind. Dass bei 
dieser Messung der Zug eines Grenzraines angenommen ist, ergiebt 
die Figur ebenfalls. Fig. 45 enthält ein Bild, wie ein solcher nur 




Fig. 44. 




Fig. 45. 

im Ganzen, nicht im Einzelnen, ausgemessener Complex von Privat- 
grundstücken in der Forma erscheint. Auch hier ist der Grenzrain 
um diesen Complex angedeutet, im Innern aber sind, an Stelle der 
unbestreitbar fortbestehenden Abgrenzungen der Privatgrundstücke 
gegen einander, die bei der Messung gezogenen Linien der limites 
prorsi und transversi angedeutet, durch welche die Zahl der jugera 
der Gesammtfläche berechnet worden war und auch nach der Forma 
wieder berechnet werden kann. Sollte die Zeichnung wirklich so 
von Frontin herrühren, wie sie uns durch die späten Abschriften des 
Codex überliefert ist, so hat Frontin, vielleicht um die Unterscheidung 
von den wirklichen limites der Figur 40 hervorzuheben, die Zeich- 
nung der Forma perspektivisch gegeben. Denn eine solche rauten- 
förmige Lage der limites kann weder durch das Groma hergestellt, 
noch zur Berechnung der Fläche benutzt werden. Es müsste noth- 
wendig die Höhe der Rauten rechtwinklig gemessen werden. Gleich- 
wohl bestätigt die Zeichnung, Avas sich auch nicht anders denken lässt, 
dass die Messung solcher Grundstückscomplexe ohne Rücksicht auf 
die Zwischengrenzen durch ein Netz von Coordinatenlinien erfolgte, 



300 I^ T - 4. Die römischen Landraessungen und Feldeintheilungen. 

und dass auch für die Eintragung in die Forma nicht ausgeschlossen 
war, ausser dem äusseren Umriss des Grenzzuges alle diese Coordi- 
natenlinien neben einander zu verzeichnen, obwohl in der Oertlichkeit 
weder entsprechende Wege noch Grenzen festgelegt worden waren. 

In Betreff der dritten Art des Landes, der arcifinalen, sagt 
Frontin (Lachm. 5): Ager est arcifinius, qui nulla mensura con- 
tinetur; finitur secundum antiquam Observationen! fluminibus, fossis, 
montibus, viis, arboribus ante missis, aquarum divergiis et, si qua 
loca 1 ) a vetere possessore potuerunt obtineri. Nam ager arcifinius, 
sicut ait Varro, ab arcendis hostibus est appellatus, qui postea inter- 
ventu litium, per ea loca quibus finit, terminos accipere coepit. Der 
Ager arcifinius war also überhaupt nicht vermessen, sondern ur- 
sprünglich nur durch örtlich bekannte Grenzen, später durch be- 
stimmt geformte, der Gegend nicht angehörige Steine und ähnliche 
Festpunkte, in der Regel auch durch Altäre oder Kapellen der 
Terminalgottheiten abgegrenzt. Die amtliche Feststellung dieser 
Grenzen geschah überall in Italien, wie in den Provinzen, um die- 
selben für die Zwecke der Verwaltung erkennbar zu machen und 
vor Verletzungen und Uebergriffen zu schützen. — 

Wie weit sich nun die amtlichen, die Wege und Besitzgrenzen 
neu festsetzenden Messungen in Italien ausdehnten, davon giebt der 
Liber Coloniarum einige Anschauung. Sein Inhalt umfasste nur die 
damaligen Bezirke Lucanien, Brittium, Apulien, Calabrien, Sicilien, 
Tuscia, Picenum, Valeria, Campanien, Dalmatien und Samnium, 
Oberitalien fehlt. Aber die Angaben über die einzelnen Orte und 
die Berichte über ganze Bezirke, wie sie die Noten auf S. 293, 94 u. 95 
in Beispielen wiedergeben, erweisen, dass es überall nur sehr wenige 
Orte gewesen sein können, in deren Umgebung in der Zeit Hadrians 
das anbaufähige Kulturland der Assignation nicht unterworfen war. 
Die meisten erwähnen die Anordnung durch Sulla, Caesar, die Trium- 
virn, Augustus oder spätere Kaiser. Mögen dabei auch nach der 
o. S. 292 Anm. gedachten Entstehung des Liber Coloniarum mancherlei 
Irrthümer mit untergelaufen sein, die Angaben lassen doch keinen 
Zweifel, dass seit Sulla der Regel nach die Eintheilung und Ein- 
weisung zwischen Decumanen und Kardines stattgefunden hat. Es 
werden aber keinesweges nur Militärkolonien oder überhaupt aus- 
schliesslich Kolonien aufgeführt. Marsus (?), Abella, Cales, Cereatae- 
Mariana, Divinos, Trebula, Castellanae werden ausdrücklich als Mu- 



') Bedeutet besondere Grenzpunkte, Denkmale, Gräber, Altäre. 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 301 

nicipia bezeichnet. Von Sutrium (o. S. 294, 9) ist gesagt, dass die 
Kolonie durch die Oppidanen selbst deducirt sei. Bei den oppidum 
Venafrum (ebd. 4) ist bemerkt, dass die Quinqueviri ohne Kolonen 
deducirten. 

Einige dieser Registeraufzeichnungen führen aber auch ersichtlich 
in weit frühere Zeiten zurück. Es wird ausdrücklich angegeben, dass 
die alte Grundbesitzeintheilung bestehen geblieben ist, und nur Wege 
durch dieselbe gezogen worden sind. Zu ager Marsus (229) erfahren 
wir in diesem Sinne: Municipium licet consecratione veteri maneat, 
tarnen ager ejus intercisivis limitibus est assignatus. Im Gebiet von 
Sentis (258), Salvia und Tolentinum (226) sind ebenso zwar limites 
gezogen, jedoch haben die Besitzer die loca hereditaria behalten. 
Bei anderen aber fehlen die üblichen Angaben über die Urheber der 
Assignation, und bei näherer Vergleichung wird bemerkbar, dass dies 
vorzugsweise die alten Orte Mittelitaliens in der Umgebung Roms 
sind, und dass diese früh unterworfenen und kolonisirten Städte, wie 
Antium, Fidenae, Antemna, Tibur, Praeneste und die zahlreichen 
übrigen o. S. 251 u. 252 besprochenen benachbarten, fast ohne Aus- 
nahme den unregelmässigen Assignationen nach strigae und scamna, 
lacineae, praecisurae, tetragona und jugera angehören. — 

Diese Beziehungen leiten unmittelbar zu der o. S. 272 vorbe- 
haltenen Frage zurück, welche Entwickelung der Agrarverfassung sich 
in den Pagi und Gentilbezirken des ager romanus erkennen 
lasse? Die Natur der wirthschaftlichen Verhältnisse bringt es mit sich, 
dass die späteren Erscheinungen unter dem massgebenden Einflüsse 
der ältesten Ideen und Einrichtungen gestanden haben müssen. 

In Betreff dieser frühesten Gestaltung des Grundbesitzes kann nicht 
daran gedacht werden, dass die Ueberlassung von 2 jugera Erbeigen 
an die Patres der römischen Gentilen unter Zumessung durch die amt- 
lichen Agrimensoren und nach ihrem später geübten Verfahren statt- 
gefunden habe. Für die Ueberweisung der ersten heredia genügte der 
gesetzliche Anspruch des Rechtes. Sie konnte den Curialen selbst 
und ihren Vorständen überlassen bleiben. Sie hatten nur jedem Ge- 
nossen diese kleinen Gartenflächen um sein Gehöft zu umschreiten, und 
die Nachbarn, nöthigenfalls unter Anrufung des Königs, angemessen 
gegenseitig abzuscheiden. Auch die später erwähnten pagi und einzelnen 
Gentildörfer , bedurften nur der sakralen Weihe ihrer Feldgrenzen, 
keiner Vermessung. Da sich der Anbau nothwendig schon früh um 
die einzelnen Gruppen der Gehöfte ausgebreitet hatte, war zunächst 
nicht der Curiatverband , sondern nur die einzelne Dorfschaft dabei 



302 IV« 4. Die römischen Lärmmessungen und Fekleintheilungen. 

interessirt, dass die sporadischen Bifänge einzelner oder mehrerer 
den vorhandenen Raum für die anderen Dorfgenossen nicht allzusehr 
beschränkten. Es ist aber auch anzunehmen, dass aus demselben 
Beweggründe die Felder auf dem geeigneten Boden sehr bald von jedem 
Genossen nach gleichem Anrecht beansprucht wurden, so dass sie in 
bleibenden Besitz kamen. Dass der Idee nach, wie o. S. 267 gezeigt, 
der gesammte populus romanus das Recht behielt, diese nicht als 
heredia zugestandenen Läudereien eintretenden Falles wieder einzu- 
ziehen, kann für die nutzungsweise Besitznahme keinen Unterschied ge- 
macht haben. Die Erweiterung des Anbaues musste allgemein eintreten. 
Dagegen waren allerdings schon in ältester Zeit Abkommen 
zwischen den Genossen der verschiedenen Gentildörfer und der Pagi 
darüber nothwendig, wie weit gemeinsame Weiderechte fortbestehen 
sollten, und innerhalb welcher Grenzen jede einzelne Dorfschaft von 
der Gemeinweide frei und befugt sein solle, Anbau und die not- 
wendige nahe Hutung des Zug- und Milchviehes ausschliesslich aus- 
zuüben. Innerhalb dieser engeren Abmarkung des Dorfes läset sich 
also die Besitznahme des nöthigen Anbaulandes auch nicht ohne Ab- 
messungen denken. Es müssen dabei gleiche oder verhältnissmässige 
Anrechte zur Geltung gekommen sein, nach welchen die Grundstücke 
festgestellt und vertheilt wurden. Aber daraus können nur ganz 
ähnliche Vorgänge gefolgert werden, wie sie o. S. 101 für Maden 
ausführlich erörtert worden sind. Hier wie dort waren bestimmte 
Genossenanrechte am Boden streitfrei zu befriedigen. Das wäre durch 
die quadrirte Centurieneintheilung des der Dorfschaft benachbarten 
Bodens ganz unmöglich gewesen. Die erste Grundbedingung einer 
solchen Auseinandersetzung war die gleiche und geeignete Boden- 
beschaffenheit bei gleicher Fläche und möglichst gleicher Lage und 
Entfernung. Es konnte also nicht einfacher und überhaupt nicht 
anders als in Maden verfahren werden. Man musste für die Ver- 
theilung wirklich in sich gleichartige Abschnitte der Flur von nur 
massiger Grösse aufsuchen, damit sich in jedem dieser Abschnitte für 
jeden fundus ein anerkannt gleich gutes Feldstück von 1 oder auch 
nur Va jugerum Fläche abgrenzen Hess, welches Jeder, wie auch das 
Loos fiel, ohne Benachtheiligung übernehmen konnte. Durch diese ein- 
zelnen kleinen Abschnitte entstanden also Gewanne, die sich anein- 
anderreihten, wie in Maden. Dabei war unerheblich, ob die Form der 
Gewannantheile mehr lang oder mehr quadratisch war. Es bedurfte 
auch unter solchen Umständen keiner künstlichen Messungsarbeiten. 
Die Genossen selbst konnten die Stücke mit genügender Sicherheit durch 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 303 

Abschreiten oder Schätzen feststellen, und zogen dies sicher vor, 
selbst wenn ein besseres technisches und amtliches Messungsverfahren 
damals bereits bekannt und zu erlangen gewesen. Siculus Flaccus 
(Lachm. 152) bezeugt noch zu seiner Zeit solche alte Feldlagen: In 
multis regionibus comperimus, quosdam possessores non continuas 
habere terras, sed particulas quasdam in diversis locis intervenien- 
tibus complurium possessoribus: propter quod etiam complures vicinales 
viae sint, ut unusquisque possit ad particulas suas jure pervenire. . . 
Quorundam agri servitutem possessoribus ad particulas suas eundi 
redeundique praestant. Quorundam etiam vicinorum aliquas silvas 
quasi publicas, immo proprias quasi vicinorum, esse comperimus, nee 
quemquam in eis cedendi pascendique jus habere nisi vicinos, quorum 
sint, ad quas itinera saepe, ut supra diximus, per alienos agros 
dantur. Damit stimmen die Angaben über die Compascua o. S. 268 
völlig überein. — 

Indess muss das staatliche Messungswesen schon unter den 
Königen eine bestimmte technische Entwickelung gewonnen haben, 
weil es bei der Ansetzung von Kolonien nicht entbehrt werden konnte. 

Die Zahl der Kolonisten wird vielleicht zu hoch auf je 300 an- 
gegeben, aber sie durfte ihrer persönlichen Sicherheit wegen nicht klein 
sein. 2 jugera für jeden nahm also immerhin einen beträchtlichen 
Theil der alten Flur der unterworfenen Stadt in Anspruch, und es 
konnte den Kolonen nicht überlassen bleiben, sich auf derselben selbst 
Recht zu verschaffen. Auch war dauernder Streit nicht zu vermeiden, 
wenn nicht eine Neuordnung des Besitzstandes der alten Bürger eintrat. 

Eine Art von Verkuppelung der bisherigen Ackerflur musste 
also nothwendig erfolgen. Da die Betheiligten unter dem Recht des 
Siegers standen, war sie freilich gegen unser modernes Verfahren 
vereinfacht. Gewisse Züge desselben, das Zusammenwerfen der Grund- 
stücke, die Feststellung der Antheilsrechte, die Regelung der neuen 
Planlage und ihre Eintheilung und Zuweisung muss die Kolonisation 
aber gehabt haben. Da deshalb zur Ausführung eine einheitliche 
grosse Machtvollkommenheit gehörte, sind die Triumviri coloniae 
deducendae wahrscheinlich eine sehr alte Einrichtung. Die Bestim- 
mungen über das o. S. 254 erwähnte Maass der Zuweisungen an 
die Kolonisten ergeben, dass die Triumvirn selbst Mensoren waren, 
oder solche zur Hülfe herbeizogen. 

Indess wenn uns auch das Verfahren dieser Triumvirn bekannt 
wäre, würde der Versuch vergeblich sein, den eigentlichen Sinn des 
Staatsmessungswesens aus Massregeln und Rechtsfolgen entnehmen 



304 I^'- 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 

zu wollen, welche für Anlagen ausserhalb des Staates galten. Viel- 
mehr lässt sich darüber nur aus Erscheinungen Aufschluss erwarten, 
welche uns im alten Staate noch vor der Vertreibung der Könige 
entgegentreten. 

In diesem Sinne bleiben wir durch das 12 -Tafelgesetz nicht 
ohne näheren Anhalt. In demselben äussern sich gewisse wirt- 
schaftliche und rechtliche Beziehungen der Landmessungen schon in 
fast veralteter Form, so dass sie in ihrer wahren Grundlage nur in 
der Königszeit und auf dem ihr angehörigen alten ager romanus 
entstanden sein können. — 

Der zunächst erkennbare, in frühe Königszeit hinaufreichende 
Beweggrund, welcher die Anwendung der Landmessung auf das alte 
Land des ager romanus forderte, war der sakrale Charakter, unter 
welchem Abgrenzung und Zugänglichkeit aufgefasst wurden. 

Es ist o. S. 249 gezeigt, dass die Konsekration der zu Tempel- 
bauten zu verwendenden Grundstücke von einer auguralen Limi- 
tation abhängig war, dass aber die älteren Rundbaue der Heilig- 
thümer diese Konsekration nicht erhalten hatten. Dadurch stellt sich 
der Zeit nach das erste Auftreten der kunstmässigen Messung in Rom 
annähernd auf die Regierung des älteren Tarquinius fest. Das Verfahren 
derselben zeigt sich auch von Anfang an mit dem etruskischen 
Augurenwesen eng verknüpft. Sein Ursprung ist religiös, aber die 
den Göttern geheiligte Oertlichkeit gab Rechte und Pflichten. Sie 
musste bestimmt begrenzt und zugänglich sein. Eine regelmässige 
Form der Abgrenzung war zugleich die anschaulichste und würdigste, 
und liess am leichtesten Beziehungen zur Gottheit und schützende 
priesterliche Auslegungen zu. Bei sehr vielen Völkern gilt dies für 
Tempel, Lagerplätze, Dorf- und Stadtanlagen. Auch die Orientirung 
der Dörfer in Umbrien (o. S. 238) weist darauf hin. 

Nach dem etruskischen Brauch wurde die Messung einzelner zu 
weihender Grundstücke, ebenso wie auch die ausgedehnterer Lände- 
reien mit der Orientirung begonnen (Frontin, Lachm. 17). Der 
Priester wendete sich gegen die aufgehende Sonne und bestimmte 
danach den Decumanus maximus, die Grundlinie, von welcher links der 
Pol, der unbewegliche Punkt des Sternenlaufs und die Sitze der Götter, 
rechts nach Süden, wohin sie blicken, die vordere Seite (antica), nach 
Norden die hintere, postica, liegen. Diese Sonnenlinie kreuzt der 
Kardo maximus, der Weltachse entsprechend. Er hatte, nach der 
antica gesehen, links den glücklichen Osten, rechts den unglücklichen 
Westen. Die römischen Gromatiker änderten zwar den älteren Brauch. 



IV. 4. Die römischen Landinessungen und Feldeintheilungen. 305 

Sie sahen von Ost nach West, dextra war Norden, sinistra Süden, 
citra cardinem maximum östlich, ultra westlich. Aber die religiösen 
Gesichtspunkte gingen keineswegs verloren. Auch alle parallelen 
limites wurden als Grenzlinien geheiligt und unverletzlich gedacht. 
Für diese aber gab es keine bessere Feststellung und Sicherung, als 
auf sie einen öffentlichen oder vicinalen Weg zu legen. Solche 
Wegeführungen empfahl und erleichterte zugleich der ersichtliche Nutzen 
für die Bewirthschaftung und für den Verkehr. Wie also schon bei 
der älteren Konsekration geheiligter Grundstücke mit der Limitation 
nothwendig die Fürsorge für die Zugänglichkeit verbunden war, musste 
sich den Mensoren auch bei den Landmessungen der Gedanke, die 
limites als Wege anzulegen, unmittelbar aufdrängen. 

Es hat sich nun allerdings bei den germanischen Siedelungen, 
o. S. 62, erwiesen, dass für den alten Landbau Wege ursprünglich 
nicht als Bedürfniss galten. So lange man im wesentlichen nur Ge- 
treidebau und Feldgras wirthschaft trieb, war am natürlichsten, im 
Flurzwang die Zugänglichkeit innerhalb der im Gemenge liegenden 
Felder durch Ueberfahrtsrechte der Dorfinsassen zu bewirken. Ver- 
kehrswege zu den Nachbarorten und den Hauptplätzen des Landes 
führte erst die Staatsgewalt ein, soweit es die allgemeinen Zwecke 
forderten. Daran lässt sich ursprünglich auch für den ager romanus 
denken. Siculus Flaccus erwähnt (s. o. S. 303) Gemenglage und 
Ueberfahrtsrechte ausdrücklich. Aber eigentlicher Flurzwang kann 
in Mittelitalien weder grosse Ausdehnung, noch lange Dauer gehabt 
haben, weil hier Wein und Obst, sowie perennirende Gemüse, und 
andere im Süden ungleichmässig reifende Früchte in Frage kommen, 
deren Kultur das Betreten und Befahren der bebauten Grundstücke 
zu verschiedener Zeit nothwendig machte und feste Feldwege forderte, 
die dann auch der öffentlichen Kommunikation zu dienen vermochten. 

Die sakrale Offenhaltung der Wege um die Stadt erweist schon 
der Dienst der lares compitales, welcher (o. S. 248) vor die Zeit der 
Limitationen fällt. Der Kult der Termini in den Dorfbezirken 
deutet allerdings nicht nothwendig auf feste Wege. Indess finden sich 
in der Rechtsgeschichte bestimmte Zeugnisse, dass die Limitation 
mindestens schon vor dem 12-Tafelgesetz auf den Aeckern der römischen 
Bürger sehr weit verbreitet gewesen sein muss. — 

Nach dem vom 1 2-Tafelgesetz zusammengefassten Rechte gehörten 
die praedia rustica ebenso wie die urbana zu den res mancipi. 
Sie konnten vor 7 römischen Bürgern, per aes et libram, ohne Tra- 
dition verkauft werden. Jedoch war die Bedingung, dass sie im vollen 

Meitzen, Siedelung etc. I. 20 



306 IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 

quiritarischen Eigenthum standen, d. h. dass sie Steuer- und servitut- 
freies Land und assignirt waren. Ager assignatus aber konnte nur der- 
jenige sein, welcher ausgemessen und in die Forma gebracht war, von 
der eine Kopie im Archiv zu Rom lag, so dass sie dort als Beweis- 
mittel zu dienen vermochte. 

Die S. 260 gedachte Schrift M. Webers weist nun S. 25 u. 66 
weiter nach, dass diese Aufmessung und Assignirung des steuerfreien 
römischen Ackers amtlich nicht mit einer Eigenthumsabgrenzung 
verbunden war. Vielmehr wurde über den zu vermessenden Acker vom 
Mensor das oben beschriebene Netz der sich kreuzenden Limites gezogen. 
Diese bildeten, wie gezeigt ist, Wege von bestimmter Breite und be- 
stimmtem Recht. Innerhalb der so entstandenen quadratischen Fi- 
guren aber wurde in der Regel nur die Anzahl der jugera, welche 
dem einzelnen an der betreffenden Fläche Betheiligten zustand, fest- 
gestellt und in die Forma eingetragen. Die wirkliche Vertheilung 
blieb wenigstens offiziell Sache der Berechtigten. 1 ) 

Es ist nun sicher, dass durch dies Verfahren die nothwendigen 
Anforderungen des öffentlichen Rechtes zu befriedigen waren. Denn 
der Censor forderte zwar die Angabe des quiritarischen Landbesitzes, 
aber für ihn genügte der durch die Forma oder durch die dieselbe 
ergänzenden Mancipationszeugen oder -Urkunden geführte Nachweis, 
dass der Censit die angegebene Anzahl jugera besass. Dieser Nach- 
weis des Landbesitzes erreichte zugleich den, wie schon aus dem 
Namen hervorgeht, mit der Zeit wesentlichsten Zweck der praedia, 
dem Censor als Bürgschaft bei öffentlichen Landverpachtungen zu 
dienen. Endlich war auch bei Streitigkeiten über den thatsächlichen 
Besitz etwas Weiteres nicht erforderlich. Denn wenn der Kläger be- 
hauptete, die ihm innerhalb 4 Limites laut Forma zustehende Zahl 
jugera seien ganz oder theilweis von seinen Nachbarn in Besitz ge- 



') Hygin de contlicionibus agrorum (Lachm. 121) sagt: Nuper ecce quidam ad- 
vocatus Augusti, vir militaris disciplinae, professionis quoque nostrae capacissimus, 
cum in Pannonia agros veteranis ex voluntate et liberalitate imp. Trajani Augusti 
Germanici adsignaret, in aere, id est in formis, non tantum modum, quem adsignabat, 
adscribsit et notavit, sed et extrema linea unius cujusque modum compraehendit : uti 
acta est mensura assignationis, ita inscribsit longitudinis et latitudinis modum. Quo 
facto nullae inter veteranos lites contentionesque ex his terris nasci poterunt. namque 
antiqui plurimum videbantur praestitisse, quod extremis in finibus divisionis non 
plenis centuriis modum formis adscribserunt. Paret autem quantum hoc 
plus sit, quod, ut supra dixi, singularum adsignationum longitudinem inscribserit, 
subsicivorumque, quae in ceteris regionibus loca ab adsignatione discerni non possunt, 
posse effecerit diligentia et labora suo. 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 307 

nommen, hatte der zugezogene Feldmesser nur zu erklären, wie 
viel ihm fehle, und wer das Mehr im Besitz habe. Handelte es sich 
dann nur um einen Grenzstreifen von 5 Fuss Breite, so ordnete der 
Feldmesser die Sache als controversia finium regundorum örtlich 
selbst. Sofern die Besitzüberschreitung aber weiter griff, und die 
Nachbarn sich nicht gutwillig einigten, konnte die Klage nur auf 
das Geldinteresse des Klägers verfolgt werden. 1 ) Je nach der Ent- 
scheidung änderte sich die neu festgestellte Zahl der jugera jedes 
Betheiligten gegenüber der Forma, ähnlich wie bei den Mancipationen. 

Dass das starre Recht befriedigt wurde, lässt sich also anerkennen, 
aber dass es sich in dieser Form ausbilden konnte, führt zu dem 
begründeten Schlüsse, es liege hier eine Entwickelung vor, zu der 
es ohne allmählich eingetretene völlige Veränderung der wirtschaft- 
lichen Zustände nicht kommen konnte. Der althergebrachte bäuer- 
liche Familienbesitz und Familienzusammenhalt war grossen Unter- 
schieden des Reichthums und des merkantilen Erwerbes gewichen. 
Die Lebensweise und Lebensanschauung der Angesehenen und Ueber- 
mächtigen im Staate hatte sich aus dem engen ländlichen Dasein 
dem bewegten Treiben des städtischen zugewandt. 

Zwar lässt sich nicht bezweifeln, dass die ursprünglich mit je 
2 jugera heredium im Pagus ansässigen patres familias der Gentes 
noch gleiche hufenartige Anrechte an dem übrigen weit überwiegenden 
Gemeinlande hatten, denn ihre Fundi wurden rechtlich durch das 
heredium und das gleiche Nutzungsrecht am Gemeinlande gebildet. Es 
ist aber ebensowenig zweifelhaft, dass bezüglich der Ausübung dieser 
Nutzungen schon in der Königszeit und noch mehr unter der harten und 
willkürlichen patrizischen Herrschaft bereits vor der Aufstellung der 
12 Tafeln entscheidende thatsächliche Verschiedenheiten eingetreten 
waren. Wie o. S. 263 gezeigt, hatte sich eine zahlreiche Masse armer 
plebejischer Gentilen von einem kleinen Kreise reicher patrizischer 
Gentilverwandten geschieden. Beide sassen noch auf ihren alten herediis 
und waren Inhaber ursprünglich gleichberechtigter Fundi. Aber die 
Verarmten erhielten sich bei geringem Viehinventar vorzugsweise von 
dem Anbau ihrer heredia und weniger in der Nähe derselben in Be- 
sitz genommener Aecker. In den Patriziern aber war ein in Aemtern, 
Kriegsdienst und kaufmännischen Geschäften lebender Adel erstanden, 
der durch Glück und Einfluss reich geworden, nicht bloss die Mittel 
hatte, durch Sklaven und Knechte mit seinem zahlreichem Vieh das 



') Frontin (Lachm. 45): nihil impediet, secundum formas aestimatum petere. 

20* 



308 Iv\ 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 

Gemeinland auszunutzen, sondern auch mehrere Fundi und ausge- 
dehntes Staatsland in einer Hand vereinigen konnte, während die 
Plebejerfamilien sich auf ihren Höfen zusammendrängten, sie wenn 
nicht theilten, doch von denselben als gemeinsamem Eigenthume 
leben mussten, und durch Verschuldungen und übernommene Dienst- 
leistungen bei den Patriziern mehr und mehr in deren Hörigkeit 
geriethen. 

Das Verfahren der Assignation, wie wir es allerdings erst aus 
später Zeit durch die Gromatiker kennen, war ausser der Limitation 
stets dahin gerichtet, den Besitz des Einzelnen in der pertica Be- 
theiligten zu einem geschlossenen Planstücke, einem ager continuus, 
zusammenzulegen. Dasselbe konnte zwar durch den Limes getrennt 
in zwei benachbarten Centimen liegen. Entferntere Beigaben aber, 
wie die casae genannten Waldparzellen, wurden, was Frontins Er- 
klärung o. S. 298 ausdrücklich erweist, nur in besonderen Fällen 
zugelassen und als unvermeidliche Ausnahmen hervorgehoben. Es 
lässt sich nicht annehmen, dass dieser Gedanke nicht auch bei den 
älteren Assignationen als gewöhnliche Regel zur Geltung gekommen 
wäre. Es lag bei ihnen sogar um so näher, weil das Gebiet der 
Gentildörfer, abgesehen von den heredia, ager romanus war, welche 
der König oder das römische Volk assignirte, die auf die zeitweilige 
Nutzungs weise keine Rücksicht zu nehmen hatten. 

Wenn deshalb der Besitzwechsel nicht thatsächlich durch eine 
amtliche Abgrenzung realisirt wurde, sondern den Berechtigten über- 
lassen blieb, ihn nach ihrem Guthalten zu vollziehen, mussten doch die 
Antheile der einzelnen Fundi innerhalb der assignirten Centurien 
rechtlich festgestellt werden. Es geschah dies wahrscheinlich nur 
durch einen Ueberschlag des brauchbaren und unbrauchbaren Landes 
und Theilung des ersteren unter die Anzahl der Fundi. Indess auch 
das einfachste Verfahren erforderte Flächenberechnungen und einen 
Planentwurf, dessen Ergebniss in seinen Maassen in die Forma ein- 
getragen werden konnte. Es fand also dem Rechte nach gleich- 
wohl eine Verkuppelung im modernen Sinne statt, mit welcher sich 
gewiss auch in vielen Fällen die thatsächliche Durchführung nahe 
verknüpfte. Der Versuch der Verkuppelung führt aber bis auf die 
neueste Zeit überall zu dem starken Widerstände einer grossen Zahl 
der betheiligten Grundbesitzer. Es kommen für sie nicht bloss die ge- 
waltsamen Eingriffe in die Eigenthums- und Besitzrechte in Betracht, 
sondern auch die unvermeidlichen wirtschaftlichen Folgen , die 
S törung , der Zeitverlust und die neu erwachenden nachbarlichen 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 309 

Streitigkeiten, vor allem aber der Umstand, dass die einzelnen Wirthe, 
auch wenn sie wider Erwarten den befriedigend gleichen Werth ihrer 
alten Grundstücke wiedererhalten, wegen der veränderten Lage und 
Bodenbeschaftenheit ihrer Abfindung ihre Wirthschaft wesentlich anders 
einrichten und über die zweckmässigste Art der Bestellung erst neue, 
mit mancherlei Opfern verbundene Erfahrungen sammeln müssen. 

Es ist nun sehr wahrscheinlich, dass diese Schwierigkeiten bei 
den noch unentwickelten Zuständen gegenüber der politischen Be- 
deutung zurücktraten, welche die Durchführung der Tribuseintheilung 
hatte. Während die Curien ihrem Wesen nach persönliche Genossen- 
schaften waren und blieben, deren Mitgliedschaft auch ohne Grund- 
besitz und am entfernten Orte fortbestand, wurden die ländlichen 
Tribus als lokale Bezirke errichtet, in denen nur die betheiligten Grund- 
besitzer politische Rechte auszuüben hatten. Es kam also auf den 
Nachweis, und wegen der Zugehörigkeit zu den Centurien auch auf 
den Umfang des Grundbesitzes der Tribulen an. Deshalb mussten 
alle patres familias der verschiedenen Gentes, sowohl die ärmeren, 
wie die reicheren, geneigt sein, sich einem Verfahren zu unterwerfen, 
welches diesen Nachweis führte, indem es ihre Anrechte feststellte, 
und ihnen zugleich, durch Zutheilung des bis dahin über die heredia 
hinaus nur okkupatorisch besessenen ager romanus, sicheres quirita- 
risches Eigenthum an dem benutzten Lande gewährte. 

Aber wenn auch dieser enge Zusammenhang der Assignationen 
mit der Tribuseinrichtung bezweifelt werden könnte, würde gleichwohl 
die Assignation mit Grund als eine Massregel angesehen werden dürfen, 
welche beiden Parteien, den Plebejern sowohl, als den Patriziern, 
wünschenswerth erschien und zur Befriedigung gereichte. 

Dies ist für die Plebejer leicht erklärlich, da sie statt ihrer bis 
dahin nur beschränkt ausgeübten Nutzungsrechte, wahrscheinlich den 
vollen verhältnissmässigen Antheil ihres Fundus am ager romanus er- 
hielten. Ein solcher Fundus umfasste, wenn, nach o. S. 256, die ur- 
sprünglich angegebenen 3000 Gentilen in Anschlag kommen, etwa 
60 jugera Acker- und Weideland. Während also der Plebejer bis dahin 
wahrscheinlich wenig mehr als 7 jugera in Bewirtschaftung gehabt 
hatte, von denen nur 2 jugera sein sicheres Eigenthum waren, fiel ihm 
jetzt, selbst wenn ausgedehnte loca relicta und subseciva als gemeinsam 
ausgeschieden worden sein sollten, doch mindestens das 5 fache zu 
dauerndem quiritarischem Eigenthum zu. Damit konnte er seine 
Schulden decken, seine Familie ausstatten und seine Wirthschaft 
wesentlich verbessern. 



310 rV\ 4. Pie römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 

Ein Widerstreben war also viel eher von den Patriziern zu er- 
warten, welche offenbar in ihren bisherigen Nutzungen erheblich 
beschränkt wurden. Da ihnen aber vor wie nach der Vertreibung 
der Könige die entscheidende Stimme über solche Anordnungen zu- 
stand, zeigt sich, dass sie mit der Massregel einverstanden waren. 
Ihr Vortheil ist auch ersichtlich. Die Beschränkung der gemeinsamen 
"Weide wurde ihnen durch die völlig freie Verfügung über das er- 
hebliche ihrem Fundus zufallende Land und die Veräusserlichkeit 
aller assignirten Grundstücke ersetzt, denn sie erlangten nun an den 
Ländereien der Plebejer als deren Gläubiger sichere Pfandobjekte, 
die sie auf Grund des Pfandrechts oder durch Ankauf erwerben 
konnten. Vor allen Dingen aber hatten sie politisch wie vermögens- 
rechtlich ein grosses und dringendes Interesse, sich über ein be- 
stimmtes im Grundbesitz vorhandenes Kapitalvermögen ausweisen zu 
können. Dazu drängte die servische Centurienverfassung mit ihren 
Vermögensklassen und das mit dem Beginn der Pacht- und Kauf- 
geschäfte von Staatsland in jener Zeit fühlbar werdende Bedürfniss an 
Zahlungsmitteln. Für diesen Geschäftsverkehr, der für die Patrizier die 
Quelle immer höher steigenden Reichthums wurde, war Vieh ebenso 
ungeeignet, als das wenige umlaufende Kupfergeld. Deshalb vertrat 
grössere Geldbeträge das praedium, das, entsprechend dem Besitz- 
nachweis auf Grund der Forma, als öffentliche Bürgschaft galt. Es 
bildete eine Art Hypothekendepot und erlaubte allmähliche Abwicke- 
lung der Zahlungen durch Rechnung und Gegenrechnung. 

Dies sind bei näherer Erwägung so wichtige Beweggründe, dass 
sich schon aus ihnen ein Volksbeschluss, der zur Durchführung der 
Assignation ermächtigte, erklären lässt. Denn seit Servius Tullius be- 
durfte ein solcher im Wesentlichen nur der Genehmigung der oberen 
97 Centurien, die Einwilligung der Curien kam kaum in Betracht. 
Ueberdies ermöglichte die Assignation, da sie nur nach dem blossen 
Maasse ohne Durchführung der neuen Abgrenzungen stattfand, die 
mildeste Form der Ausführung, welche sich nach Lage der Ver- 
hältnisse denken lässt. Dass der bestehende Anbau im Gemenge 
vieler Gewanne geführt wurde, darf ebenso vorausgesetzt werden, wie 
dass die neuen Besitzungen meist zusammenhängende Flächen erhalten 
sollten. Die Schwierigkeit bestand also darin, alte und dauernd 
nachhaltige Kulturen, wie Obst- und Weinanlagen, oder gut bestellte 
Felder, gegen geringer bestellte, noch nicht tragbare oder Neuland 
auszugleichen. In dieser Beziehung aber konnte der Umstand wesent- 
liche Erleichterung gewähren, dass die Assignation alle Vortheile des 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 311 

censusfähigen Eigenthnms gewährte, wenn auch der nutzbare Besitz 
noch wie bisher in den Händen des früheren Anbauers blieb. Er 
konnte mindestens durch Anordnungen des Mensors oder durch pacht- 
ähnliche Abkommen so lange geschützt werden, bis der Fruchtstand 
die Umwandlung ohne Ungerechtigkeit gestattete. — 

Auch die Fortbildung dieser agrarrechtlich höchst merkwürdigen 
Eigenthumsverhältnisse, und die Art der Umgestaltung dieses ideal 
assignirten Besitzes in real begrenzten lassen sich übersehen. Der 
Vorgang ergiebt sich deutlich aus den Ausführungen Webers S. 71 ff. 
über die Controversia de modo und de loco. Die Controversia de 
modo war der schon gedachte Streit über den richtigen Besitz der 
nach der Forma einem Betheiligten in der Centurie zustehenden 
jugera. Die Klage konnte, wenn begründet, im Prozesswege nur 
durch Geldentschädigung zum Austrage gebracht werden, weil es 
kein Exekutivverfahren auf Rückgabe gab. Die Controversia de loco 
dagegen war auf die Anerkennung des Besitzrechtes innerhalb be- 
stimmter Grundstücksgrenzen gerichtet. Ein solcher Schutz ' des that- 
sächlichen Besitzes lag eigentlich ausserhalb des Prozessrechtes, stand 
aber dem Könige und Jedem zu, der Polizeigewalt hatte. Er wird 
deshalb auch im Sinne der Ordnung und des Friedens von jeher 
und viel früher geübt worden sein, ehe sich ein Praetor innerhalb 
der Jurisdiktion entschloss, durch Interdikt zu erklären, gegen welche 
Störungen er die Besitzer schützen und seiner Entscheidung im Be- 
weisverfahren Nachdruck geben werde. 

Zur Zeit des 12 -Tafelgesetzes muss man aber schon die Unnah- 
barkeit des Zustandes empfunden haben, der nur die Controversia 
de modo gestattete. Denn das Gesetz selbst führte für den quiritarischen 
Grundbesitz die Usucapio ein. Ursprünglich galt sie dann, wenn der 
Eigenthümer, ohne mancipirt zu haben, seinen Acker veräussert und 
tradirt hatte. Sie trat ein, wenn der Besitz auf Grund dieses justus 
titulus 2 Jahre gedauert hatte. Auf dem ager romanus sollte sie 
also nur die Mancipation vertreten. Später wurde sie hier wie 
auf bonitarischem Eigenthum auch gegen den Eigenthümer, der nicht 
tradirt hatte, gewährt. In jedem Falle aber hatte sie die Wirkung, 
dass das usucapirte Land bei der controversia de modo in sofern 
unbetheiligt blieb, als es zum modus dessen gerechnet wurde, aus 
dessen Antheil die Usucapion stattgefunden hatte. Es war dies, wie 
Weber (S. 85 u. 86) bemerkt, die Behandlung des o. S. 109 gedachten 
Stuflandes bei dem nordischen Reebnings verfahren. Es ist aber klar, 
dass wenn dieser Usucapionsbesitz seiner gesicherten Abgrenzung 



312 rV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 

wegen sich weiter verbreitete, er die Controversia de modo schliess- 
lich unanwendbar machen musste. Dass dies geschah, sagt Hygin 
(Lachm. 130) ausdrücklich: Constabit tarnen rem magis esse juris, 
quam nostri operis, quoniam saepe usucapiuntur loca, quae in 
biennio possessa fuerint. Obwohl, wie Weber S. 79 zeigt, die Contro- 
versia de modo im alten Sinne bis in das justinianische Recht in 
Erinnerung blieb, war sie praktisch doch antiquirt und fiel mit der 
de loco zusammen. Die alten idealen Antheile der den deutschen 
Hufen entsprechenden Fundi der Gentilen sind also, wie jene, früher oder 
später zu festabgegrenzten Grundstückskomplexen geworden, und die 
Reste alter gemeinsamer Weide- und Waldgrundstücke kamen als Com- 
pascua oder relicta und extraclusa in Privatbesitz oder in das gemein- 
saipe Eigenthum einiger Anliegenden. 

Im Allgemeinen machten Theilungen und Aufkäufe, vor allem 
aber die Verarmung und Hörigkeit der Einen und der Reichthum 
und ausgedehnte Landbesitz der Anderen die Erhaltung der alten 
Fundi als Familienstammgut zur Zufälligkeit und Liebhaberei. — 

Dieser schon aus den anfänglichen Zuständen herzuleitende Ent- 
wicklungsgang des vollberechtigten Grundeigentums darf für den 
überwiegenden Theil des alten Gentilbesitzes im ager romanus gelten. 
Mit Grund aber lässt sich fragen, ob die nur antheilsweise Assig- 
nation zwischen der Kreuzung der Decumanen und Kardines die 
einzige ursprüngliche Form des quiritarischen Grundeigenthumes war. 

Die Beantwortung dieser Frage ist dadurch erschwert, dass 
politische Vorgänge den Grundgedanken der Assignation durchbrachen. 
Schon die lex agraria von 111 v. Chr. 1 ) verwandelte die von der lex 
Thoria in Erbpacht umgeschaffenen Okkupationen im gesammten ager 
publicus in volles römisches Privateigenthum. Wenige Jahrzehnte 
später aber erhielten nach dem Bundesgenossenkriege alle bisher zu 
latinischem Rechte lebenden Kolonien und Municipien das volle 
römische Bürgerrecht und wurden in eine der 35 Tribus eingeschrieben. 
Dadurch erlangten auch ihre Grundstücke den Charakter des wahren 
römischen Privateigenthums. Keine dieser beiden Entstehungsarten 
desselben setzte indess Limitation und Assignation voraus, oder lässt 
ähnliche Formen denken. Es scheint vielmehr, dass der Mangel 
der Limitation den Triumvirn als eine Berechtigung erschien, ihre 
Veteranen in vielen dieser Stadtfluren anzusetzen. Denn, wenn für 
den römischen Grundbesitz die Assignation gefordert war, und die- 



') Mommsen, Corp. Inscr. Lat. Vol. I, p. 175—200. 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 313 

selbe mit ihrem Verkoppelungsverfahren , mit Wegeanlagen und ge- 
schlossenen Besitzungen, als ein öffentlich rechtlicher wie privat - 
wirthschaftlicher Vortheil galt, konnten diese Fluren nunmehr als 
römische der amtlichen Messung und Umlegung unterworfen werden. 
Dabei aber war ein solcher Ueberschuss an Fläche durch die Auf- 
teilung der Gemeindeländereien vorauszusehen, dass daraus ein 
Anspruch auf die Einführung von Kolonisten hergeleitet worden sein 
kann. Waren diese Schenkungen aber auch lediglich Gewaltthat, 
so können die Kolonen doch nicht ohne gewisse Umgestaltungen der 
alten Lage der städtischen Grundstücke angesetzt worden sein. Es 
lassen sich deshalb die Angaben des Liber coloniarum für die früheren 
Verhältnisse nicht ohne Weiteres verwenden, und auch für die Unter- 
scheidungen des Frontin ist zu berücksichtigen, dass er eine Trennung 
des quiritarischen und latinischen Bodens nicht mehr kennt. 

Gleichwohl ist soviel klar, dass Frontin nur von wirklich assig- 
nirtem Lande spricht, also von solchem, welches unter allen Um- 
ständen, mochte es auf römischem oder latinischem Boden liegen, 
durch die Assignation die Eigenschaften des quiritarischen Eigenthums 
erhalten hatte. Bestanden also auf alten latinischen Stadtfluren die 
Grundbesitzungen, obwohl sie römisches Eigenthum wurden, ohne 
Assignation in alter Lage fort, so bleibt uns ihre Besitzein theilung 
nach wie vor unbekannt. Fluren in solcher alter herkömmlicher 
Verfassung sind die o. S. 301 angeführten Städte Marsus (?), Sentis, 
Salvia und Tolentinum, über welche der Liber coloniarum ausdrück- 
lich bemerkt, dass sie ihre alten erblichen Besitzungen behalten 
haben, und dass lediglich limites durch deren Aecker gezogen wurden. 
Solche Wegeanlagen waren, nachdem die Ländereien zu römischem 
Eigenthum geworden, auch ohne Assignation möglich und zweck- 
mässig und konnten im« öffentlichen Interesse erzwungen werden. 
Es war dabei auch eine Ausgleichung des abgetretenen Landes und 
ein Austausch der Absplisse der durchschnittenen Besitzstücke nicht 
ausgeschlossen, wie ihn die moderne Landeskulturgesetzgebung als 
die sogenannte Gewannregulirung 1 ) kennt, und wie er den rö- 
mischen Feldmessern und Landbauern ebenso nahe liegen und ver- 
ständlich sein musste als den heutigen. 

Wo aber die Assignation ausdrücklich bekundet wird, muss sie nach 
Frontins Unterscheidung entweder zwischen limites geschehen sein, 



') G. Schünberg, Handbuch der politischen Oekonomie, 3. Aufl., Tübingen 1891, 
Bd. II, S. 181. 



314 IV- 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 

wobei eine reale Begrenzung der Besitzungen nicht erforderlich war, 
sondern nur ihre Feststellung nach dem modus; oder es musste 
eine Abgrenzung und Kartirung der einzelnen Besitzungen nach den 
rigores der Nachbarn, und zwar in der Form von strigae, scamna, 
oder wie o. S. 296 gezeigt, lacineae, praecisurae, tetragona oder jugera 
stattgefunden haben. In beiden Fällen durfte die continuitas agri, 
der geschlossene Plan, der Regel nach nur aus besonderen Gründen, 
wie bei den casae, unterbrochen sein. 

Limites dagegen werden zwar nicht selten gezogen worden sein, 
waren aber, wie es scheint, nicht unerlässliche Bedingung. Denn die 
Anlage von limites wird für einige Fluren ausdrücklich angeführt, 
für andere nicht, sie galten also nicht als selbstverständlich. Jeden- 
falls schlössen sich diese limites nach Frontins Beispielen nicht 
nothwendig zu einem strengen Coordinatensysteme zusammen. Jedoch 
ist auch solcher quadratischer Abschluss bei der assignatio inter 
rigores nicht ausgeschlossen. Es ist vielmehr zu beachten, dass eine 
Gestalt der einzelnen Besitzstücke, welche nicht theilweis einer der 
erwähnten Formen der assignatio inter rigores entsprochen hätte, 
auch bei der assignatio inter decumanos et kardines in späterer Zeit 
kaum vorkommen konnte. Als Gegensatz von strigae, scamna oder 
noch unregelmässigeren Figuren lassen sich nur strenge Quadrate 
denken, wie dies Hygins Vorschläge o. S. 294 unwiderleglich er- 
weisen. Aber solche strenge Quadrate konnten nur entstehen, wenn 
die Centurie von 200 jugera ohne alle loca extraclusa in 100 X 2 jugera, 
zu je 4 Quadratactus , in 25X8 jug. , in 20X1272 jug., oder in 
4X^0 jugera 1 ) zerfallen durfte. Bei allen anderen Theilungen blieb 
eine Anzahl strigae oder scamna oder sonstige Figuren unvermeidlich. 
Es war weder eine Theilung in 7 jugera, noch die sehr häufige 
in Drittheile zu 66 2 /s jugera in quadratischen Formen möglich. 
Ausser den ältesten Ueberweisungen von je 2 jugera musste sich 
also im Wesentlichen immer eine der von Frontin unter stri- 
gatio oder scamnatio zusammengefassten Eintheilungen auch inner- 
halb der limitirten Centimen ergeben, sobald in ihnen statt der idealen 
Theilung nach modus die reale Abgrenzung der Besitzstücke durch- 
geführt wurde. 

Dass nun solche reale Assignationen unter Begrenzung der Be- 
sitzungen durch die rigores mindestens seit der Zeit der Triumvirn 

') Bei nicht quadratischen Centurien war diese Möglichkeit noch beschränkter, 
z. B. 20 actus lang 24 breit, oder 240 jugera, erlaubt als Quadrate nur 120 X 2 und 
30 X 8 jugera. 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 315 

oft gemacht worden sind, beweist der Liber coloniarum mit Sicher- 
heit. Es ergiebt sich auch aus Hygin (o. S. 294), dass diese spezielle 
Vermessung, Versteinung und Verzeichnung nach rigores, namentlich 
die derartige Neumessung in strigae und scamna, da vorgenommen 
wurde und vorgenommen werden musste, wo dem Grundstücke selbst 
vectigal, d. h. eine als Naturalzehnt zu erhebende Grundsteuer auf- 
gelegt wurde, wie z. B. dem ager privatus vectigalis in den Provinzen. 
Damit war also keine Assignation römischen Eigenthums verknüpft, 
weil das Provinzialland wenigstens noch zu Hygins Zeit diese Eigen- 
schaft nur erhielt, wenn ihm ausnahmsweise das jus italicum ver- 
liehen wurde. Andrerseits bestand auch nicht überall Grundsteuer- 
pflicht, wo in strigae oder scamna aufgetheilt war, denn es müssten 
dann alle die unzweifelhaften Militärkolonien grundsteuerpflichtig ge- 
wesen sein, welche wie Bovianum, Afidenum, Anagnia in strigae oder 
scamna (o. S. 294, Anm. 4 — 8) oder wie Laurum Lavinia, Formias, 
Interamna, Atina, Aricia, Signia, Terebentum in lacineae und ver- 
wandten Formen (o. S. 293 u. 295 in Anm.) assignirt worden waren, 
während wir vectigal bei Militärkolonien nur in den Provinzen kennen. 

Wenn es sich aber fragt, ob eine solche Assignation zwischen 
rigores auch schon in älterer Zeit vor den gracchischen Gesetzen in 
der Weise zulässig war, dass sie quiritarisches Eigenthum gab, so 
ist dafür das Beispiel der 12 latinischen Städte belehrend, welche 
nach Livius (29 c. 15) im Jahre 204 v. Chr. wegen ihres Abfalles mit 
Stipendium und einem besonderen Census durch römische Censoren 
bestraft wurden. Es sind Nepete, Sutrio, Ardea, Calibus, Alba, 
Carseolis, Sora, Suessa, Setia, Circeiis, Narnia und Interamna. Ihnen 
wird auferlegt: Stipendium in millia aeris asses singulos imperari 
exigique quotannis; censumque in iis coloniis agi ex formula ab 
Romanis censoribus data, dari autem placere eandem, quam populo 
Romano, deferrique Romam ab juratis censoribus coloniarum, prius- 
quam magistratu abirent. Dadurch wird bestätigt, dass eine spezielle 
römische Grundbesteuerung, welche eine strigatio des Kolonialbodens 
hätte erforderlich erscheinen lassen können, in den latinischen Ko- 
lonien nicht bestand, wie dies schon die Konsequenz ihrer Stellung 
als foederati fordert. 

Die Beantwortung der Frage, ob die assignatio inter rigores schon in 
früher Zeit neben der inter limites geübt wurde, kann also nur auf dem 
alten ager romanus geschichtliche Anhaltspunkte finden. Dazu bieten 
sich die Angaben über Ostia und Antium dar. Zwar wissen wir nicht, 
wann die Assignation der Ländereien von Ostia erfolgt ist. Aber Ostia 



316 IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 

war auf dem alten ager romanus gegründet. Sein Boden war als 
solcher steuerfrei, die Stadt auch nur mit römischen Bürgern besetzt, 
und der Liber coloniarum (Lachm. 236) sagt über deren Flur: 
Ostensis ager ab impp. Vespasiano, Trajano et Hadriano in praeci- 
suris, in lacineis et per strigas colonis eorum est assignatus. Dass 
aber vorher die römischen Bürger der Stadt seit den Tarquiniern 
bis zum Bürgerkriege quiritarisches Grundeigentum entbehrt hätten, 
ist ebenso wenig anzunehmen, als dass die genannten Kaiser die alte 
Eintheilung verändert und ihre Kolonen in unregelmässige Grund- 
stücke eingewiesen hätten, wenn vorher bereits eine regelmässige Cen- 
turiateintheilung zwischen Decumanen und Kardines bestand. Man 
darf also in den praecisurae, lacineae und strigae den alten hergebrachten 
Besitzstand sehen. In dem 310 v. Chr. kolonisirten Antium ist dies 
ganz sicher, denn seine Bürger, auch die früheren, wurden für 
römische Bürger erklärt. Es wurde, wie Ostia, gewissermassen Vor- 
stadt von Rom, sein ager galt als ager romanus, es ist nie eine 
weitere Kolonie hingeführt worden, und keinerlei Veränderung be- 
kannt. Der Liber coloniarum besagt auch nur: populus deduxit, 
ager ejus (Antii) in lacineis est assignatus. Es sind nun allerdings 
die Bürger von Ostia und Antium nach Livius (27, 28 und 36, 3) 
zwar nicht vom Seedienst, aber vom Kriegsdienst frei, wenn der 
Feind in Italien steht, und haben dann die Pflicht, nicht länger als 
einen Monat ausserhalb ihrer Mauern die Nacht zuzubringen. Diese 
Pflicht war aber eine allgemeine der Kolonialstädte. Dagegen be- 
standen in Ostia in späterer Zeit eine Anzahl collegia, welche mit der 
annona, der Getreide Versorgung Roms, zusammenhingen. Indess 
waren die anderen Getreidehäfen neben Ostia, Puteoli und Turris 
Libisonis. 1 ) Für Antium ist nichts von dieser letzteren Pflicht be- 
kannt. Man müsste, was wenigstens für Antium ausgeschlossen scheint, 
diese Verhältnisse als eine der Grundsteuer ähnliche, auf den ein- 
zelnen Grundstücken haftende dingliche Verpflichtung ansehen, wenn 
man nicht gelten lassen wollte, dass in Ostia und Antium echter 
steuerfreier ager romanus in lacineis assignirt worden sei. — 

Es wird aber auch einer strengen urkundlichen Beweisführung 
nicht bedürfen, denn es liegen hinreichende praktische Gründe vor, 
welche eine Abgrenzung des Einzelbesitzes auch auf altem steuerfreiem 
Boden als erklärlich, ja unvermeidlich erweisen. 

') Puteoli und Turris Libisonis waren, wie es scheint, deshalb in städtische 
Tribus eingeschrieben, für Ostia ist streitig, ob es nicht in die Tribus rustica Voturia 
gehörte. Die grosse Mehrzahl der Inschriften scheint es aber in die Palatina zu weisen. 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 317 

Entscheidend ist dafür vor allem das Terrain. Dass die Limites 
überall thatsächlich als Wege, nicht bloss als Messnngslinien durch 
das assignirte Land gezogen worden sind, ist o. S. 289 erörtert worden. 
Auch wenn sie nicht öffentliche Wege waren, waren sie doch subrun- 
civi, gerodete und freigelegte, welche mindestens den Vicini des ge- 
sammten Saltus für alle An- und Abfuhr offen stehen mussten. Diese 
Fahrbarkeit war aber bei einem quadratischen Netz von regelmässig 
2400 Fuss Abstand nur unter günstigen Verhältnissen zu ermög- 
lichen. Allerdings Hessen sich Centuriensysteme in verschiedener 
Richtung nebeneinander legen. Dies aber setzte stets die Einrich- 
tung einer praefectura, einer besonderen Gemeindeorganisation mit 
einem besonderen Beamten, voraus (Weber a. a. 0. S. 58), weil die 
Pertica, das einzelne Centuriensystem , auch in ihren Kommunal- 
lasten, ihrer Polizeiverwaltung, ihrem Wege- und Wasserbau, sowie 
den sordida munera, den Dienstleistungen für den Staat, an die 
idealen Antheile innerhalb ihrer Limites gebunden war, und über- 
dies eine sakrale , um ihren umbilicus gruppirte Genossenschaft 
bildete. Da für jede Pertica also dieser Verhältnisse wegen eine 
grössere Ausdehnung in Aussicht zu nehmen war, müssen unebene und 
von Wasserläufen durchschnittene Oertlichkeiten für eine solche Anlage 
ganz ungeeignet gewesen sein. Wie wollte man fahrbare Limites in 
regelmässigen Abständen ziehen, wo steile Abhänge, Felsen, Ein- 
schnitte, reissende und wechselnde Bäche, oder Sümpfe und Ueber- 
schwemmungsflächen die graden Linien auf kürzere oder längere 
Strecken durchschnitten. Statt grosser, mühevoller und schwer zu 
unterhaltender Bauten zog man da unter allen Umständen, wenn die 
Assignation nicht ganz unterbleiben sollte, eine andere Art ihrer 
Durchführung vor. Der Bericht über Sutrium (o. S. 294, Anm. 9) 
spricht dies ganz ausdrücklich aus. Musste man sich wegen der 
Fahrbarkeit der Limites entschliessen , die regelmässigen Quadrate 
oder Oblongen zu verlassen, und die Wege im Bogen, oder so zu 
führen, dass sie keine rechteckige Figur abschlössen, so war auch 
die Assignation nach dem blossen Modus unmöglich. Wenn also 
die Bürger nicht die Vortheile des quiritarischen Eigenthums für 
Census und Mancipation aufgeben wollten, mussten die Besitzstücke 
im Einzelnen abgegrenzt, gemessen und verzeichnet werden. 

Es giebt aber auch andere weniger zwingende, aber gewiss nicht 
selten bestimmende Zweckmässigkeitsgründe für die assignatio 
inter rigores. Warum sollen nicht in manchen Fällen alle Bethei- 
ligten vorgezogen haben, statt der unbestimmten Assignation die 



318 IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 

Grenzen ein für allemal festzusetzen? Den Feldmessern muss durch- 
aus nicht immer leicht geworden sein, den Modus innerhalb einer 
Centurie so zu ermitteln, dass er wirklich nach Fläche und Werth 
ihrer Ueberzeugung hinreichend entsprach und die Berechtigten be- 
friedigen konnte. Wenn ihnen aber eine gerechte Auseinandersetzung 
gelungen war, lag als das Beste nahe, sie dauernd zu fixiren. Auch 
pflegen dies die Betheiligten nicht mit Unrecht zur Bedingung ihrer 
Einigung zu machen. Der vorschwebende Zweck konnte also unter 
Umständen durch feste Abgrenzung viel sicherer, als durch die allge- 
meinen Maassangaben erreicht werden. 

Auch der Einfiuss der Theilungen kommt in Frage. Wenn auf 
einer Anzahl Fundi das in Besitz genommene Kulturland schon rechtlich 
oder faktisch zersplittert war, und dasselbe, wie dies o. S. 264 be- 
gründet ist, auf den kleinen Theilstücken eben deshalb bereits in inten- 
siverem, speziell auf die Lebensweise und den Erwerb der Familien be- 
rechnetem Anbau stand, musste die Aussicht des Einzelnen mit wenigen 
jugera in die allgemeine Masse einer Centurie eingeworfen zu werden, 
und dieselben bei Grenzverwirrungen oder eintretenden Uebergriffen 
der Mächtigeren irgendwo, nur nach dem gleichen Maasse oder dem 
üblichen Durchschnittswerth ersetzt zu erhalten, ohne Frage ernstem und 
begründetem Widerstände begegnen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass 
in solchen Fällen, oder auch überhaupt häufiger bei der Assignation 
in praecisuris, lacineis oder jugeris, auf die conti nuitas agri ver- 
zichtet wurde. Aber es konnte schon die feste Sicherung wenigstens 
des hauptsächlichsten Besitzstückes unter Austausch des angrenzenden 
Ackers nach bestimmt zu beurtheilenden Werthsverhältnissen, sowie 
die Beschaffung voller Zugänglichkeit viel leichter Bereitwilligkeit, oder, 
der Autorität der Mensoren gegenüber, wenigstens streitfreie Füg- 
samkeit finden. Da die Messung überall mit dem Groma geschah, 
mussten die ausgeglichenen Besitzstücke, die dem bisherigen Besitz- 
stande angepasst werden sollten, abgesehen von den unvermeidlichen 
Subseciven, zwar in verschiedenen Längen und Breiten, aber doch 
in rechtwinkligen Oblongen, je nachdem sie lagen, nebeneinander 
zur Abgrenzung kommen. Es entstand dadurch also genau die Gestalt 
und Lage der Grundstücke, welche Frontin in seiner Figur 41 
(o. S. 288) angiebt und als strigae und scamna bezeichnet. Bei der 
Anwendung von Tetragona und Jugera konnte eine mehr quadratische 
aus einzelnen Quadratactus zusammengestellte Form der Grundstücke 
erreicht werden. Dass es aber auch thunlich gewesen ist, die Besitz- 
stücke in erheblich unregelmässigeren, nicht quadratischen Gestalten 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 319 

abzugrenzen und zu assigniren, erweist die o. S. 297 wiedergegebene 
Forma in Fig. 43, welche Frontin als Verdeutlichung der Contra- 
versia de proprietate in Bezug nimmt. Da sie weder in der Gestalt 
der strigae oder scamna, noch der tetragona oder quadratischer jugera 
gezeichnet ist, kann man in ihren unregelmässigen Grundstücksformen 
nur das Bild einer Assignation in lacineae oder praecisurae sehen. — 

Fragt man schliesslich, ob die verschiedenen Arten der römischen 
Grundeintheilung der Besiedelung einen bestimmten, dauernd er- 
kennbaren Charakter zu geben vermochten, so lässt sich dies 
weder von der Abgrenzung der einzelnen Besitzungen, noch von den 
Wohnstätten sagen, denn die Dörfer lösten sich durch die schon in 
der Assignation begründete völlige Umgestaltung der Besitzverhältnisse 
und in der späteren Zeit durch die Municipalverfassung mehr und 
mehr auf. Die Hauptmasse der Bevölkerung lebte in den ummauerten 
Städten, und die landwirtschaftlichen Gehöfte ausserhalb der Mauern 
waren vereinzelt auf den zugehörigen Landbesitz abgebaut worden. 

Dagegen können von den alten römischen Anlagen in dem Ver- 
lauf der Wege deutliche Spuren übrig geblieben sein. Die quadra- 
tisch und oblong assignirten Centurien und alle im Sinne Hygins 
ähnlich aufgeteilten Besitzstücke im ager vectigalis müssen grosse 
Strecken des anbaufähigen Landes mit ihrem dem Auge sofort er- 
kennbaren Wegenetze bedeckt haben. 

Man kann allerdings nicht behaupten, dass diese rechtwinkligen 
Wegekreuzungen für die Bewirtschaftung und für den Verkehr 
wirklich zweckmässig gewesen seien. Sie waren nur durch das Groma 
und die Art der Berechnung und Zuweisung gegeben. Praktisch war 
die Hypothenuse stets ein kürzerer Weg als die beiden Katheten. 
Es wäre also erklärlich, wenn diese Wegeverbindungen in späterer 
Zeit gegenüber natürlicheren verschwunden wären. Ohne den Fort- 
bestand der o. S. 289 geschilderten Rechte an den ausgelegten viae 
publicae und vicinales war die Erhaltung derselben jedenfalls zu- 
fällig. Auch kann das Wegenetz, wenn sich die Besitzungen ver- 
grösserten, unnütz und, wie Weber (65 u. 110) für Gravisca (Lachm. 220) 
uud für Praeneste (Gellius 16, 13) schon aus der Zeit des Tiberius 
vermuthet, durch seinen öffentlichen Charakter unbequem geworden 
sein. Aber dass sich auch bei völliger Zerstörung immer noch bis 
zur Gegenwart weitgehende Spuren durch Lokalforschung feststellen 
lassen müssen, ist nicht zu bezweifeln. Namentlich würden sie sich 
sicher in den Benennungen der Wege, Flurstücke und Gehöfte finden. 
Wenn auch mehr oder weniger von der Volkssprache umgestaltet, 



320 IV- 4. Die römischen Landmessimgen und Feldeintheilungen. 

werden die Erinnerungen an die zahlreichen technischen Bezeichnungen 
auf keiner Limitation in den örtlichen Namen völlig verwischt sein. 

Es sind aber auch die alten Wegenetze selbst gewiss noch häufig 
in deutlichen Resten erhalten und auf den topographischen Karten 
erkennbar. Ein Beispiel davon giebt die in Anlage 29 mitgetheilte 
Karte der Umgebung von Capua. Hier besteht die von Caesar (nach 
Sueton D. Jul. 20) 59 v. Chr. in sehr gewaltsamer Weise an 20 000 Bür- 
ger, welche 3 oder mehr Kinder hatten, durchgeführte Viritan- 
assignation des ager Stellatis und eines grossen Theils Campaniens 
in dem quadratischen Wegenetze eines Bruchstückes von mindestens 
25 Centimen bis zur Gegenwart. Nach der Karte berechnet sich 
jede derselben zu 50,6 ha. Es ist sehr wohl möglich, dass sogar 
die auf der Zeichnung wiedergegebenen Weinbergsmauern und Zäune, 
welche die Untertheile der Centurien scheiden, vielfach noch auf den 
alten Grenzen der Viritanantheile stehen. Ein anderes Beispiel ist 
Anlage 30, welche das Bild der Commune von Villanova di Cam- 
posampiero bei Padua nach dem Zustande von 1870 wiedergiebt. 
Auch hier liegt noch heut das alte Wegenetz für 23,5 Centurien zu 
anscheinend je 49,1 ha. Die Messung ist, wie auch die der Assignation 
um Capua, ziemlich genau, weil 200 jugera 50,38 ha enthalten. Es 
handelt sich also wirklich um limitirte und assignirte, in Centurien 
zu 200 jugera aufgemessene Grundstücke. Aehnliche Reste assig- 
nirter Wegekreuzungen zeigen sich auf den italienischen, im Maass- 
stabe von 1 : 100000 aufgenommenen Generalstabskarten der Poebene, 
wie es scheint, ziemlich häufig, nur sind hier die zahlreichen und weit- 
verbreiteten Reisfelder und ähnlich bewässerte Aecker meist in qua- 
dratischer Form angelegt, so dass ohne nähere Untersuchung nicht 
auf Centurien geschlossen werden darf. Für Mittelitalien fehlen die 
Karten noch. Unteritalien ist völlig kartirt, seine Strassenanlagen 
lassen sich aber ausser in Campanien nur an wenigen Punkten, wie 
um Taranto, Bari und Chieti an der Küste, und um Sepino, Venafro 
und Pontecorvo im Innern, auf alte Assignationen deuten. 

Indess erscheinen solche Wegereste auf den topographischen 
Karten selbst bei dem kleinen Maassstabe von 1:333 333 wenig- 
stens noch soweit in Spuren, dass örtliche Untersuchungen Aussicht 
auf Erfolg versprechen. Dies ergiebt Fig. 46. Sie ist der in der 
Annali di statistica Ser. IV Heft 37 (Rom 1890) gebrauchten Karte 
der Provinz Padua entnommen. Die in derselben enthaltenen Wege 
sind in einfachen oder Doppelstrichen wiedergegeben, dagegen die 
in Anlage 30 und die in der topographischen Karte der Provinz 



IV. 4. Die römischen Landmessungen und Feldeintheilungen. 321 



Padua von Morelli (1882) im Maassstabe von 1:50000 enthaltenen 
Feld- und Fusswege punktirt eingetragen. Die Vergleichung bestätigt 
deutlich, dass die auffallenden Wegekreuzungen, Parallelstrassen und 
Zickzackwege der kleinen Karte, in der That die zum Theil sehr gut 
erhaltenen Reste dreier Perticae sind, welche anscheinend bei St. 




Fig. 46. Römisches Wegenetz bei Padua 1882. 

Giorgio delle Pertiche, Piombino Dese und Cittadella ihre Mittel- 
punkte hatten. 

Solche erkennbare Reste altrömischer Anlagen in Italien müssen 
entsprechend auch für die Frage bestimmend sein, welchen Einfluss 
die römischen Landmessungen und Flureintheilungen auf die volks- 
tümlich keltische Besiedelung der Provinzen nördlich der Alpen 
gehabt haben. 



Meitzen, Siedelung etc. I. 



21 



322 IV« 5. Verwaltung, Venverthung und Besteuerung 

5. Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung der nördlichen 

Provinzen. 

Wie die Municipien Italiens dem römischen Staatskörper nur 
angegliedert waren und fremdartige Aussentheile blieben, welchen noch 
Caesars lex municipalis ihre selbstständigen Eigentümlichkeiten in 
Verfassung, Recht, Polizei und sakralem Dienste sicherte, trat Rom 
auch nur sehr äusserlich die Herrschaft in den Provinzen an. Das 
römische Staatswesen langte, wie Guizot bemerkt, für decentralisirte 
Völkermassen nicht aus. Die gewissermassen vormundschaftliche 
Art der Verwaltung wurde dadurch erleichtert, dass in allen Staaten- 
gebilden des Alterthums entweder überhaupt nur selbstständige Gau- 
gemeinden in Frage kamen, oder diese kleineren Verbände in grösseren 
Staaten nur sehr schwach mit der oberen Leitung verknüpft waren. 
Sie erfüllten gegen ihre Herrscher bürgerliche Pflichten, unter Umständen 
selbst sehr schwere und ungeregelte Leistungen, waren im Uebrigen 
aber autonom und bedurften der Regierung kaum weiter, als der 
Schutz des Friedens bedingte. An Stelle dieser Herrscher trat der 
römische Staat, vertreten durch eine überraschend kleine Zahl von 
Beamten. Die lex Julia de provineiis vom Jahre 63 v. Chr. stellte 
genau die Leistungen fest, zu welchen die Provinzialen dem Statt- 
halter gegenüber verpflichtet waren. Wo römische Ansprüche in 
Frage kamen, sahen sich die Unterworfenen in ihren herkömmlichen 
Einrichtungen und Sitten rücksichtslos beschränkt, und den römischen 
Bürgern war voller Schutz ihrer heimischen Rechte und der Berufung 
nach Rom gesichert. Im Uebrigen aber blieb alles Herkömmliche 
möglichst unverändert. 

Es ist nun nicht zu verkennen, dass diesen Umständen gemäss 
unter der Republik, wie in der Kaiserzeit die römische Besitznahme 
der Provinzen politisch und wirthschaftlich nur einseitige Zwecke 
verfolgte und ihre Wirkungen sehr ungleich waren. Die Umge- 
staltungen, die sie in den Verhältnissen herbeiführte, können gleich- 
wohl leicht unterschätzt werden. Es kann so erscheinen, als ob die 
administrative und militärische Organisation, welche die beherrschten 
Gebiete überzog, das bürgerliche Leben wenig berührt habe. In der 
That aber muss in ihr eine das gesammte Dasein der Völker in den 
Provinzen wesentlich ordnende und erleichternde Verbesserung der 
politischen und wirthschaftlichen Zustände erkannt werden. Alle 
Ansprüche und Exzesse der Legionare und alle Ungerechtigkeiten 
und Erpressungen der hohen und niederen Beamten können schwer- 



der nördlichen Provinzen. 323 

lieh auch nur entfernt in Vergleich mit den Gräueln unausgesetzter 
Fehden und den wüsten Gewalttätigkeiten kommen, welche vorher 
unter den grossen und kleinen unruhigen und räuberischen Dynasten 
dieser Staatengebilde als natürlicher Zustand galten. 

Neben diesem wohlgeschützten Landfrieden musste eine weit 
verbesserte, die Verwerthung des Provinziallandes und der Provinzial- 
kräfte für den Staat ins Auge fassende Finanzwirthschaft fühlbar 
werden. Allerdings wurde der Steuerdruck bald ein sehr starker, 
obwohl zunächst ausgedehnte Ländereien direkt als Staatsgut zur Ver- 
wendung kommen konnten. Aber er beruhte nicht auf einem 
willkürlichen Raubsysteme. Von bekannten Missbräuchen abgesehen, 
muss die Steuerverwaltung der unterworfenen Gebiete eine bis in 
das Einzelnste durchgeführte, praktisch fungirende gewesen sein. 
Ungeordnete unerträgliche Massenkontributionen lassen sich zwar von 
einer Bevölkerung unter dem Zwange drohendster Gewaltthat zu Zeiten 
einmal beitreiben. Aber in der steten Folge der Jahre können 
einigermassen hohe Steuern ohne angemessen entwickelte Organisation 
nicht irgendwie regelmässig eingehen. Es ist auch möglich, dass sie 
sehr verschieden und ungleich vertheilt sind, und dass viele Beträge 
in den Händen der Erheber bleiben, und mancherlei Nebenlasten 
durch bezügliches Verfahren und Bestechung entstehen. Aber bei 
allen denkbaren liebeln und Mängeln der Ausführung können bei 
hoher Besteuerung systematische und spezielle Grundlagen für die 
Erhebung und damit eine vernünftige und die Wahrheit wenigstens 
erwägende Berücksichtigung der Steuerfähigkeit nicht entbehrt werden. 

Diese durchgebildete Steuerverfassung würde genügen, um die 
bei allen Gebrechen hohe Kultur und klare, sichere Arbeit der 
Beamten zu erweisen. Letztere schufen aber auch aus den erhobenen 
Mitteln für den Staat und zum allgemeinen Nutzen und Gebrauch ein 
bewunderungswürdiges Netz von Kommunikationslinien, von Strassen, 
Brücken und Kanälen. Sie richteten Botenverbindungen, Vorspann- 
stationen, Unterkunftstellen und Schiffergesellschaften ein. Ihr Ver- 
Avaltungs- und Sicherheitsdienst war seiner Sache so gewiss, dass es 
möglich wurde, die Truppen schon in kurzer Zeit aus ganzen Län- 
dern herauszuziehen und nur auf die von aussen bedrohten Punkte 
der fernsten Grenzen zu legen. Die Städte wurden bis in weit ab- 
gelegene Sitze der Regierung mit Prachtbauten ausgestattet, und man 
verstand in geschickter Weise Tempelbau, Tempeldienst und religiöse 
Feste mit der Gründung zuverlässiger politischer Genossenschaften 
zu verknüpfen. 

21* 



32 \ TV. 5. Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung 

Dieses vielfach eingeschränkte Lob mag nur für die ersten Jahr- 
hunderte gelten. Später hat privilegirtes, fruchtlos prassendes Streber- 
wesen die Provinzen mehr und mehr verödet. Aber lange Zeit hin- 
durch konnte nicht fehlen, dass die zweckmässige Vertheilung der 
Hülfsmittel und die konsequente Aufrechterhaltung der Ordnung allen 
Standes- und Erwerbsverhältnissen Sicherheit und bestimmte Richtung 
gab, und privatwirthschaftlichen Unternehmungen vortheilhafte Wege 
bahnte, namentlich aber dem Landbau in hohem Grade förderlich war. 

Alle diese günstigen Umstände sind den nördlichen Provinzen 
in besonderem Maasse zu Gute gekommen. 

Die Eroberung Galliens und der Länder jenseits der Alpen fällt 
so nahe mit der Entstehung des Kaiserreichs zusammen, dass die 
Einrichtung der Verwaltung dieser Provinzen sich ganz vorzugsweise 
der Einsicht und Sorgfalt der vorzüglichen Staatsmänner dieser Zeit 
zu erfreuen gehabt hat. Mommsen hat diese Organisation in seiner 
römischen Geschichte (Bd. V, S. 71) eingehend dargelegt. 

Während die Provinz Narbo schon in der gracchischen Zeit und 
Massilia seit 40 v. Chr. im Wesentlichen in die italische Municipal- 
verfassung gebracht worden waren, blieb das von Caesar unterworfene 
Gallien und Germanien bis zur Regierung des Octavian unter mili- 
tärischer Verwaltung, welche, trotz der Betheiligung der meisten 
Legionen an den Bürgerkriegen, das Land zu halten wusste. Agrippa 
schuf 38 und 37 einsichtsvoll Ordnung, und 27 v. Chr. brachte 
Augustus selbst Gallien in bürgerliche Verwaltung. Er nahm hier 
auch den ersten Census auf. Indess erwuchsen mancherlei Schwierig- 
keiten, welche Agrippa und der Kaiser, sogar in dem mehrjährigen 
Aufenthalt von 16 bis 13 v. Chr., nicht befriedigend beizulegen ver- 
mochten. Die Durchführung der Organisation und Besteuerung wurde 
nur allmählich durch die in die Hände des Drusus, Tiberius und Ger- 
manicus gelegten Statthalterschaften erreicht, nachdem schon die 
weiteren Pläne auf Gründung einer erheblich grösseren Provinz Ger- 
manien aufgegeben waren. 

Da Narbo, Massilia und das Gebiet der Allobroger mit Vienna, 
von den Cevennen und dem Lacus Lemanus bis zur See, bereits 
22 v. Chr. dem Senate zur Verwaltung überlassen worden waren, wurde 
Lugdunum, welches erst 43 v. Chr. an wohlgewählter Stelle als 
Niederlassung der von den Allobrogen aus Vienna vertriebenen Italier 
gegründet worden war, zum Sitze der kaiserlichen Verwaltung ge- 
wählt, und von ihm aus eine nahezu fächerförmige Eintheilung des 
Landes in verhältnissmässig kleine Statthaltereien vorgenommen. Von 



der nördlichen Provinzen. 325 

diesen umfasste Aqvtitanien alle iberischen Landestheile und einige 
keltische Gebiete von der Garonne bis in die Nähe des grossen 
Bogens, welchen der Lauf der Loire von den Cevennen aus beschreibt. 
Provincia Lugdunensis reichte nördlich dieser Grenze vom Rhonethal 
in der Umgebung von Lyon bis zum Plateau von Langres und von 
diesem nördlich der Seine bis zum Meere bei Dieppe. Belgica schloss 
ebenfalls das Plateau von Langres mit Bar aus, südlich Toul lief 
aber seine Nordgrenze zur Höhe der Südvogesen, deren Kette sie 
nach Norden durch das Saargebiet folgte, die Mosel auf der halben 
Entfernung zwischen Trier und dem Rhein schnitt und sich über 
die Eifel und die nördlichen Ardennen zur mittlen Sambre und der 
Scheidemündung wandte. Diese Provinzen hiessen die drei Gallien. 
Von ihren Ostgrenzen reichte Germanien bis über den Rhein hinaus. 
Wie weit sein Gebiet sich jenseits des Rheins ausdehnen sollte, wird 
durch die Unternehmungen des älteren Drusus zur mittlen Elbe und 
zur Eibmündung angedeutet. Genauer bestimmte es sich erst, als 
wenige Jahre nach Varus' Niederlage Tiberius den Thron bestieg 
und den Limes romanus als die Grenze des Weltreiches feststellte. 
Dieser wurde später nur über den Neckar unbedeutend vorgeschoben, 
auch nur noch in wenigen vorübergehenden Feldzügen überschritten. 
Der lange Grenzstreif aber am Ober- und Unterrhein erhielt von der 
Eifel aus durch die Linie des Vinxtbaches eine Scheidung in Ger- 
mania superior und inferior. 

Die Eroberung der Alpen, selbst der meisten südlich ausmündenden 
Thäler, und ebenso die des nördlich ausgebreiteten Rhätiens, Vinde- 
liciens und Noricums war ebenfalls erst ein Werk der Kaiserzeit. 
Augustus nahm 38 v. Chr. den von Caesar geplanten Angriff gegen 
Illyrien auf, avo bis dahin nur wenige vereinzelte römische Küstennieder- 
lassungen bestanden. Er eroberte Dalmatien und schob die römischen 
Besatzungen nach den Pannonischen Orten Emona und Siscia vor. Im 
Jahre 15 erreichte Drusus von der Etsch, Tiberius von Ligurien und 
Helvetien her durch die Alpenthäler den Bodensee. Nach wenigen 
Gefechten unterwarfen sich alle rhätischen Landschaften bis jenseits 
der Donau. In den Westalpen und Noricum hielten sich einige 
kleine Klientelfürsten. Bald aber stand Rhätien, Vindelicien und 
Noricum unter kaiserlichen Prokuratoren, und es genügten die ge- 
ringen Standlager zu Yindonissa und Poetovio, um die Ruhe der 
Provinzen gesichert erscheinen zu lassen. Auch der bedrohliche dal- 
matinische Aufstand der Jahre 6 und 7 n. Chr. hat an dieser Sach- 
lage nichts geändert. 



326 IV- 6. Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung 

In diesem ausgedehnten Keltengebiete von Pannonien bis zum 
Britannischen Meere bildeten Noricum, Vindelicien und die beiden 
Germanien Grenzprovinzen mit militärischer Besatzung. In den 
o Gallien war Lugdunum die einzige Stadt mit römischem Bürger- 
recht und ständiger Garnison. Es erhielt auch die einzige Münz- 
stätte und wurde als Knotenpunkt des gallischen Strassennetzes 
Centralstelle des ganz Gallien umfassenden Grenzzolles. Obwohl nur 
der lugdunensische Statthalter hier seinen Sitz hatte, blieb es durch 
Jahrhunderte die anerkannte Hauptstadt Galliens und Germaniens. 
Das städtische Gebiet von Lyon war aber nur klein. Das weite 
Provinzialland zerfiel im Uebrigen in von den Römern abgegrenzte 
Civitates. Es waren dies nicht die alten Völkerschaften, deren 
Caesar etwa 37 angiebt. Auch nicht kleinere Ortsverbände, für 
welche Josephus (Bell. Judaic. II, 16. 4) 305 Gaue mit 1200 Städten 
zählt, sondern es waren Municipalverbände , welche von Tacitus 
(Annal. III, 44) auf 64, von Ptolemaeus ebenso, und zwar 17 für Aqui- 
tanien, 25 für Lugdunensis und 22 für Belgica, angegeben werden. 
Obwohl diese Civitates also erhebliche Gebiete umfassten, waren sie 
doch im Wesentlichen den italischen Municipien entsprechend or- 
ganisirt. Ihre Bürgerschaften schieden sich nach den alten S. 228 
dargestellten Verhältnissen des keltischen Adels in vollberechtigte 
Herren und in Klienten von verschiedener Abhängigkeit. Sie wurden 
aber nach römischer Einrichtung durch Decurionensenate der Ange- 
sehendsten regiert, die ihre Magistrate wählten, und waren in ihren 
eigenen Angelegenheiten soweit selbstständig, als sie nicht gegen 
Anordnungen verstiessen, welche der römische Staat im öffentlichen 
Interesse zu treffen für gut fand. Zu letzteren gehörten zunächst 
die Privilegien und Exemtionen, die er für seine Beamten und 
Beauftragten aufstellte, die Berufung auf römisches Pvecht und römische 
Gerichtsbarkeit, welche jedem römischen Bürger zustand und das 
Eingreifen bei Kapitalstrafen und gewissen politischen Vorgängen. 
Ferner lagen die Militärangelegenheiten in der Hand der römischen 
Verwaltung. Es war Sache der Civitates, eine gewisse Anzahl von 
Rekruten zu stellen, und allen Hausbesitzern lag, soweit sie nöthig 
wurde, die Einquartierung der Truppen ob. Für die letztere galt, 
dass der Metator das Haus zu bezeichnen und den Namen des Auf- 
zunehmenden anzuschreiben hatte. Der Wirth eines Offiziers hatte 
seine Wohnung in zwei Hälften zu theilen, von denen der Offizier 
eine für sich wählte; für den gemeinen Soldaten aber theilte der 
Wirth in Drittheile, behielt eines und Hess den Hospes zwischen den 



der nördlichen Provinzen. 327 

beiden andern wählen. Ausser kleinen Handreichungen war der Wirth 
zu Weiterem nicht verpflichtet. Die Verbote, Salgamum zu fordern und 
zu geben *), zeigen aber, dass Unterhalt oder Geschenke Sitte wurden. 
Mit der Militärlast berührten sich die sogenannten sordida oder ex- 
traordinaria munera, die im römischen Gebiete die Staatskasse be- 
schaffte. Sie bestanden aus Boten- und Fuhrengestellung, Brücken- 
und Wegebau, Errichtung und Unterhaltung der öffentlichen Gebäude 
und der Tempel und aus allerhand Frohndiensten für Beschaffung 
von Bau- und Brennmaterial, sowie für das Mahlen von Mehl und das 
Backen von Brot, sämmtlich im Wesentlichen für die Zwecke der Be- 
festigung und der Armeeunterhaltung. 2 ) Sie sollten nur so weit 
gefordert werden, als ein öffentliches Bedürfniss dafür vorlag und 
stellten dem Gedanken nach Dienste dar, welche im Nothfall jeder 
Bürger dem Staate leisten muss. Für gewöhnlich hatte die Civitas 
für die geforderten Lasten zu sorgen und war in der Lage, sie in 
gerechter Weise zu vertheilen. 

Der wichtigste und eingreifendste Anspruch lag im Steuerwesen. 
Indess wurden die bereits erwähnten Grenzzölle wahrscheinlich nur 
den Kaufleuten fühlbar und leicht ertragen. Die von Augustus den 
gallischen Provinzen auferlegte Abgabe von jährlich 40 Millionen 
Sestertien (c. 9 Mill. M.) hatten dieselben anscheinend nach ihren 
eigenen Steuereinrichtungen unter sich aufzubringen. Es ist möglich, 
dass in der Art der Erhebung eine Veranlassung zu dem Aufstande 
der Gallier vom Jahre 21 n. Chr. lag, an welchem auch die Ger- 
manen theilnahmen. Tacitus (Annal. III, 40) schreibt denselben, 
der magnitudo aeris alieni, den Schuldverhältnissen, nicht der Be- 
steuerung zu. Die Höhe der letzteren konnte nicht drücken. 

Es war auch für die Möglichkeit einer Verständigung und Aus- 
gleichung gesorgt. Schon Augustus bestimmte für Gallien eine Ge- 
sammtvertretung aller Civitates. Zum Sitz dieses keltischen Landtages 
der drei Provinzen und der sich an denselben knüpfenden politischen 
und religiösen Institutionen, wurde, im Gegensatze zu dem feind- 
seligen Druidischen Antricum Carnutum, Lugdunum bestimmt. Hier 
weihte, ungefähr an der Stelle der heutigen Kathedrale von Lyon, 
am 1. August des Jahres 12 v. Chr. Drusus der Roma und dem Genius 
des Herrschers den Altar, an welchem jährlich am gleichen Tage 
diesen Göttern durch einen von den Vertretern sämmtlicher Civitates 



J ) Cod. Theod. VII, 8 und 9. Cod. Just. XII, 41 und 42. 

2 ) Cod. Theod. XI, 19 de extraordinariis sive sordidis muneribus. 



328 IV. 5- Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung 

gewählten Priester der drei Gallien feierliche Opfer gebracht und 
Festspiele gehalten werden sollten. Die Landesvertretung hatte eine 
eigene Vermögensverwaltung mit selbst gewählten Beamten und be- 
Bass und gebrauchte das Recht der Beschwerdeführung über die in 
Gallien fungirenden Reichs- und Hausbeamten. Sie wirkte auch bei 
der Repartirung der Steuern mit, da diese für Gallien insgemein 
umgelegt wurden und die Schätzung durch Kommissare für die 
einzelnen Landschaften erfolgte. 1 ) 

Obwohl der Kaiser in allen Provinzen ähnliche feierliche Ver- 
sammlungen mit dem Recht der Bitte und Beschwerde ins Leben 
gerufen hatte, entsprach doch die Verwaltung Germaniens, Rhätiens 
und Noricums der Galliens weder in Durchführung noch Gewicht. 
Auch waren die Civitates der beiden Germanien, mit alleiniger Aus- 
nahme der Ubier, in Lugdunum vertreten. Die Ubier, welche 38 v. Chr. 
von Agrippa über den Rhein in die Ebene von der Ahr bis zur 
Erft herübergenommen waren, opferten an einem eigenen Augustus- 
altar, welcher in der späteren Colonia Agrippina zu Köln errichtet 
war. Rhätien und Vindelicien waren von Augustus zu einem einzigen 
Verwaltungsbezirke vereinigt, und Noricum noch weit gegen Pannonien 
hin erweitert worden. Ein eigentlicher Centralpunkt wurde für 
Rhätien indess erst durch Hadrian geschaffen, indem er das römische 
Stadtrecht an Augusta Vindelicorum verlieh, w r elches bis dahin, trotz 
seiner Lage an der Hauptstrasse durch die Alpen zur oberen Donau, 
nur als Marktflecken galt. Noricum erhielt durch alte Handels- 
verbindungen, durch seine Bergwerke und die lebhaften Verkehrs- 
beziehungen über Aquileja und Emona in kurzer Zeit eine wesent- 
lich romanisirte Bevölkerung. Deshalb organisirte Claudius das 
gesammte norische Gebiet, selbst den nördlichen durch die Tauren- 
kette vom Donauthal getrennten Theil, nach italischer Gemeinde- 
verfassung. 

Im Allgemeinen aber änderten diese, sowie manche später ein- 
getretenen Verschiedenheiten wenig an der bürgerlichen Lage der 
Provinzialen in den römischen Gebieten nördlich der Alpen. Sowohl 
die Civitates wie die Municipia wurden der Hauptsache nach in 
ihren aus vorrömischer Zeit hergebrachten inneren Einrichtungen, in 
der gewohnten Verwaltung ihrer communalen Angelegenheiten, in 
ihren Familien-, Staats- und Privatrechten und Gewohnheiten, vor 
Allem aber in ihrem Eigenthum und Besitz an Grund und Boden 



') Mommsen, Rom. Gesch. V, S. 85. 



der nördlichen Provinzen. 329 

und in der Art der Bewirthschaftung desselben, ungestört in selbst- 
ständiger Verfügung belassen. — 

Diese Milde in der Behandlung des Grundbesitzes verzichtete 
nicht völlig auf den Vorbehalt, wenn es zweckmässig schien, auch 
tief in die Besitzverhältnisse der Gemeinden einzugreifen. Aber 
dem in vorrömischer Zeit meist geübten harten Kriegsrechte gegenüber 
beruhte es auf dem Bewusstsein dieser Schonung, dass keinerlei 
Schwierigkeiten aus der Beschlagnahme des öffentlichen und des noch 
nicht okkupirten Landes als Staatseigenthum, und aus der Verpachtung 
oder Verleihung dieser Ländereien an Römer oder an Einheimische 
oder Fremde, namentlich an übersiedelnde germanische Volksstämme, 
entstanden. Einzelne Strecken, insbesondere Ländereien jenseits des 
Niederrheins, mussten gänzlich geräumt werden. Dieses Staatsland 
vermehrte sich durch Konfiskationen herrenlos gewordener oder als 
Strafe verfallener Güter Einzelner und Gebiete ganzer Ortschaften 
und Gemeinden. 

Alle diese fiskalischen Grundstücke standen zur Ansetzung von 
Veteranenkolonien offen. Auch trug man niemals Bedenken, für 
solche Anlagen in das Gebiet geeigneter grösserer Orte einzugreifen. 
Indess finden sich in den nördlichen Provinzen nur wenige Kolonien 
erwähnt. Abgesehen von der Provincia Narbonensis werden in Gallien 
nur Lugdunum, Augusta Rauracorum (Äugst), Basilea (Basel), Aven- 
ticum (Avanches), Augusta Trevirorum (Trier) und C. Morinorum 
(Teruanne) genannt; bei den Belgae: Lugdunum Batavorum (Leyden); 
in England: Camalodunum (Maldon) und Eboracum (York); in Ger- 
mania: Bonna (Bonn), C. Trajana (Xanten), C. Agrippina (Köln) ; in 
Rhätien: Constantia (Constanz), Augusta Vindelicorum (Augsburg), 
Augusta Tiberia (Regensburg); in Noricum: Juvavia (Salzburg), Lau- 
riacum (Lorch), Ovilia (Welz), Celeja (Cilli) und Solva (Solfeld); in 
Pannonien : Emona (Laibach) und Sabaria (Stein am Anger). Doch ist 
auch bei diesen unsicher, ob sie, wie es von den Kaisern häufig ge- 
schah, nur den Namen und die Rechte der Kolonie erhielten, oder 
ob ihnen Veteranen zugeführt wurden. Indess dürften in beiden 
Fällen die Grundstücke zwischen Limites in der Weise der Militär- 
kolonien assignirt worden sein. 1 ) Wie es scheint, sind aber solche 
formal geregelte Anlagen im Laufe der Zeit immer seltener erfolgt. 
Die letzte bekannte wurde von Gallienus 265 in Verona auf Tra- 
janischer Grundlage ausgeführt. Dass die Veteranen in manchen 



l ) Weber a. a. O. S. 35. 



330 rV- 5- Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung 

Fällen nur Geld und eine Ausstattung an Saatgetreide und Zugvieh 
erhielten und ihnen die Erlaubniss ertheilt wurde, sich anzusiedeln, 
wo sie unbesetztes Land (terrae vacantes) finden konnten, ist durch die 
Verordnungen im Codex Theodosianus aus den Jahren 320 und 364 
(Lib. VII, Tit. 20, 3 u. 8) ausdrücklich bezeugt. Solche agri occu- 
patorii konnten sie dann in beliebiger unregelmässiger Gestalt und 
ohne Zuziehung von Agrimensoren in Besitz nehmen. Dies scheint 
auch schon zur Zeit des Siculus Flaccus, der um 100 n. Chr. lebte, 
vorgekommen zu sein. 1 ) Auxiliartruppen oder aus germanischen 
oder keltischen Bevölkerungen ausgehobenen oder geworbenen Legio- 
naren gab diese Abfindung die Freiheit, sich nach Wunsch in ihrer 
Heimath Wohnsitze zu suchen. 

Für die sogenannten Laeti, kriegsgefangene oder durch Landver- 
sprechungen beruhigte Barbarenschaaren, welche mit der Verpflichtung 
zu dauernder Kriegsbereitschaft angesiedelt wurden, war eine Land- 
anweisung in der künstlichen Weise der agrimensorischen Zutheilung 
überall unausführbar, sobald sie in grösserer Zahl zu versorgen waren. 
Wenn Probus, wie berichtet wird, neben anderen Ansetzungen an 
verschiedenen Orten, allein in Thracien 100000 Bastarnen aufnahm, 
musste die Herstellung spezieller Parzellenzuweisung viel längere Zeit 
erfordern, als die Ankömmlinge mit dem Beginn ihres nothwendigen 
Anbaues abwarten konnten. Ebenso w'enig sind solche Anlagen denk- 
bar, wenn die Laeti unter ihren eigenen Fürsten oder in ihrem 
Stamm verbände das Siedelungsland übernahmen. 

Deshalb lässt sich nicht erwarten, dass die Anlage von Kolonien 
mit limitirter Assignation auf die Gestaltung des Grundbesitzes und 
seiner Bewirthschaftung in den nördlichen Provinzen wesentlich ein- 
gewirkt habe. — 

Dagegen kommt in Frage, ob nicht die unter fiskalischen Ge- 
sichtspunkten erfolgte Verwerthung und Besteuerung der Provinzen 
durch die Einwirkung des amtlichen römischen Messungswesens und 
durch die Anschauungen des römischen Grundbesitzrechtes, wesent- 
liche Umgestaltungen der vorhandenen Besiedelungsformen und agra- 
rischen Rechtsverhältnisse herbeigeführt habe. 

Schon die erste Organisation einer eroberten Provinz forderte 
hinreichende Kenntniss der Grenzen und der Grösse der einzelnen 
Verwaltungsbezirke. Deshalb ist erklärlich, dass sich an die um- 
fassende Thätigkeit Caesars Nachrichten über eine neue und be- 



') Lachmann I, p. 136, 138. 



der nördlichen Provinzen. 331 

sondere Aufnahme des Landmessungswesens auch in den 
nördlichen Theilen des Reiches knüpfen. Pläne für ausgedehnte 
Messungen sind ihm sicher zuzuschreiben. Wie er durch den 
ägyptischen Astronomen Sosigenes den Kalender verbesserte, zog er 
auch, wie von Julius Honorius in dem sogenannten Aethicus über- 
liefert ist, alexandrinische Geometer heran. 1 ) Die näheren Angaben 
sind indess, wie Marquardt und Müllenhoff nachgewiesen haben, 
höchst widerspruchsvoll und unglaubwürdig. Wie man sie aber 
auch auffassen will, an eine katasterartige gromatische Flächenauf- 
messung, welche Limites geschaffen und die einzelnen Besitzungen 
durch Umlegung verändert hätte, ist unter keinen Umständen zu 
denken. Dazu würden für ganze Schaaren von Feldmessern weder die 
kürzeren noch die längeren angegebenen Fristen hingereicht haben. 
Ebenso wenig sind damit die Aeusserungen und Vorschläge Hygins und 
anderer Gromatiker über die im Provinziallande erst vorzunehmenden 
Vermessungen vereinbar. Auch würde, wenn das Ergebniss dieser 
Arbeiten überhaupt eine Flächenermittelung gewesen wäre, in dem 
Testament des Augustus neben der Angabe der Einwohnerzahlen der 
Umfang des Weltreiches gewiss nicht unerwähnt geblieben sein. Wohl 
aber können die etwa 20jährigen Arbeiten der 4 mit der Messung 
nach je einer Weltrichtung Beauftragten in der Feststellung, Bereisung 
und Längenmessung der für Heereszüge und Handel brauchbaren 
Strassenzüge mit Angabe der Hauptstationen und unter Bericht- 
erstattung über verschiedene für Armee und Verwaltung erhebliche 
Lokalverhältnisse bestanden haben. Es ist möglich, dass die soge- 
nannte W r eltkarte des Agrippa von den erlangten Nachrichten Nutzen 
gezogen hat. Denn Agrippas Schwester Polla baute noch im Jahre 7 
v. Chr. an der Säulenhalle, in welcher nach Agrippas Weisungen 
eine Karte der Welt in der Form einer grossen Sphära in Marmor aus- 
geführt und dem Gebrauche des Publikums dienstbar gemacht wurde. 2 ) 
Diese KaTte ist indess in verschiedene Nachbildungen der Mittelalters 
übergegangen, so dass sie sich hinreichend beurtheilen lässt. Sie 
war im Wesentlichen auf Eratosthenes gestützt, fusste auf sehr wenig 
erweiterter Kenntniss der geographischen Längen und Breiten und 
war auch, ganz abgesehen von den fernen Welttheilen, in der Lage 



') Fragmente der Cosmographie des Aethicus in Riese Geograph! Latini minores 
S. 21 ff. u. 72 ff. — Marquardt, Römische Staatsverwaltung, Bd. II, S. 209. — 
Müllenhoff, Deutsch. Alterth. III, S. 216. 

2 ) Plin. h. nat. 3. 17. — Dr. Philippi, Zur Rekonstruktion der Weltkarte des 
Agrippa r Marburg 1880. 



332 IV« &• Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung 

der Strome und Gebirge innerhalb des römischen Reiches so un- 
sicher und unrichtig, dass ihr die nothwendig der Wirklichkeit einiger- 
massen entsprechenden Aufrisse einer örtlichen Vermessung nicht zu 
Grunde gelegen haben können. 

Am wahrscheinlichsten bleibt, dass diese Messungen die Grund- 
lage geordneter Itinerarien zu bilden bestimmt waren. Diese Auf- 
gabe war die nächstliegende und erklärt auch am ersten, dass die 
Messungen nur vier einzelnen Männern durch eine so lange Zeit zuge- 
schrieben werden. Dass ihre Ermittelungen nicht weiter gegangen 
und nicht genauer gewesen seien, als die Tabula Peutingerana, lässt 
sich allerdings nicht annehmen. In dieser dürfen wir nur ein eng zu- 
sammengedrängtes, für den gewöhnlichen Gebrauch der Armeeoffiziere 
berechnetes Uebersichtsblatt der Hauptrouten sehen. 1 ) Gleichwohl 
dürfte sie am ersten ein Bild davon geben, was wir uns unter den von 
Caesar unternommenen Landesmessungen zu denken haben. — 

Neben solchen ideelleren Zielen mussten aber auf den neu erwor- 
benen Gebieten schon unter Augustus dringende praktische Aufgaben der 
Territorialabgrenzungen und der Flächenmessungen für Landvergebun- 
gen und für Steuerzwecke entstehen. Ihre Bedeutung für die gesammte 
Verwaltung wird nur durch einen Blick auf die Art der Befriedigung 
der Staatsbedürfnisse im alten Mutterstaate verständlich. 

Dem römischen Bürger lagen seit der ältesten Zeit nur zwei 
Arten von Lasten auf, welche jedoch nicht eigentlich als Steuern auf- 
gefasst werden können. 

Die eine war die Kriegslast. Der Einzelne hatte nicht nur den 
persönlichen Dienst zu leisten, sondern auch Bewaffnung, Unterhalt und 
alle sonst erwachsenden Kosten zu beschaffen. Schon unter Servius 
Tullius wurden indess die Ritterpferde vom Staate bezahlt (Livius I, 43). 
Früh trafen auch die Kriegskosten nicht mehr den Eingestellten selbst, 
sondern wurden (nach Dionys. IV, 19) auf die Tribus vertheilt, und 
durch diese auf alle Dienstpflichtigen umgelegt. Daher hiess diese 
Last tributum. Bei glücklichen Kriegen wurde sie aus der Beute 
zurückerstattet, jedoch bestand hierauf kein Anspruch, und ihre Höhe 
konnte sehr erheblich werden. Dazu kam, dass der Census der Um- 
lage des Tributum zu Grunde gelegt wurde, welcher wesentlich poli- 
tische und militärische Zwecke hatte, für Besteuerung nach seinen Ver- 
mögensangaben aber durchaus unzulänglich erscheint. Denn diese er- 



') Dr. Philippi, de Tabula Peutingerana, accedunt fragmenta Agrippae geogra- 
phica. Diss. Bonn 1876. 



der nördlichen Provinzen. 333 

gaben nur die res mancipii d. h. praedia urbana und rustica mit ihren 
Servitutberechtigungen , und Sklaven, Last-, Zug- und Weidevieh, 
ausserdem noch gemünztes Gold und Silber, Schiffe und Bergwerke. 
Dagegen blieben Schulden und alles bonitarische Eigenthum, sowie 
alle Pachtungen ausser Betracht. Indess hatte dies keine Bedenken 
mehr, nachdem die Kriegslast 406 v. Chr. an Stelle der Tribus auf 
die Staatskasse übernommen, und das Tributum nur aushülfsweise, 
wie eine Anleihe, erhoben wurde. Seit 167 hörte es für die römischen 
Bürger und seit 89 für ganz Italien auf. Augustus forderte zwar im 
Jahre 3 n. Chr. die Vermögensangaben des italischen Census noch, 
aber nur, um festzustellen, wer 200 000 Sextertien besass und danach 
in die Richterdecurien und in die Ordines der Senatoren und der 
Ritter einzureihen war. 

Die andre Last der römischen Bürger waren die S. 327 ge- 
dachten munera, die Frohndienste für die verschiedenen Bedürfnisse 
des Staates. Diese Spann- und Handdienste waren je nach dem 
Besitzstande des Einzelnen zu leisten. Auch sie kommen indess nur 
in früher Zeit in Betracht, weil die Leistungen an die Mindestfordern- 
den vergeben und auf die Staatskasse übernommen wurden. 

Die Möglichkeit, den Bürgern diese Lasten abzunehmen, lag in 
dem im Laufe der Zeit immer mehr anwachsenden Besitze von 
Staatsgütern. Soweit die eroberten Gebiete nicht ihren alten Besitzern 
nach Bundesgenossenrecht belassen, oder an italische Kolonien ver- 
geben wurden, waren sie ager publicus. Nur ein kleiner Theil des- 
selben wurde an römische Bürger zu quiritarischem Recht vertheilt 
und die Besitzer in die Tribus eingeschrieben. Die Hauptmasse 
blieb zur Verfügung des römischen Volkes, und stand, wie gezeigt, 
zwar jedem Bürger zur Nutzung offen, die reichen Patrizier allein aber 
waren in der Lage, durch Heerden und Sklaven von diesen Nutzungen 
Gebrauch zu machen. Sie vermochten dieselben auch vorweg in 
Beschlag zu nehmen und diesen Besitz durch ihre Herrschaft gegen 
die Plebejer zu sichern. Als Cassius Viscellinus 484 v. Chr. an letztere 
Landvertheilungen vornehmen wollte, wurden dieselben hintertrieben, 
auch schlug Appius Claudius vergeblich vor, die possessionen, die sich 
durch Okkupation gebildet hatten und bilden würden, zwar zu ge- 
statten, aber mit Zins zu belegen. Diese Weigerungen und die fort- 
gesetzte freie Ausnutzung durch Reiche blieben Gegenstand steter 
agrarischer Unruhen. Das Gesetz des Licinius Stolo von 367 be- 
stimmte endlich , dass Niemand an Acker und Bauland mehr als 
500 jugera vom ager publicus besitzen und mehr als 100 Stück grosses 



334 rV- 5. Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung 

und 500 Stück kleines Vieh auf die Weiden treiben dürfe. Die 
Nutzung solle im übrigen jedem Bürger freistehen und eine Abgabe 
dafür erhoben werden. 

Privateigenthum konnten diese Ländereien nur durch ein aus- 
drückliches Gesetz werden. Alle Anordnungen des Senates und der 
Beamten waren also nur zeitweilige. So durfte in dringenden Fällen 
der Quaestor Land zur Nutzung verkaufen, dessen Kaufpreis im Falle 
der Rücknahme zu erstatten war. Solcher ager quaestorius zahlte 
ein geringes Rekognitionsgeld. Andrer ager publicus wurde dem, 
der ihn übernehmen wollte, gegen den Zehnten vom Ackerertrage 
und gegen ein Fünftheil von den Baumfrüchten überlassen. Die 
Einhebung dieser Naturalien wurde verpachtet. Den grössten Theil 
der neu erworbenen Ländereien verpachtete derCensor unter dem 
Namen der pascua seinem Rechte nach nur auf seine Amtszeit, also 
auf 5 Jahre, thatsächlich dauerten aber in der Regel die Pachtungen 
von Lustrum zu Lustrum fort. Auch diese Pachtungen konnten indess 
grösstentheils nur von wohlhabenden Publicani oder ihren Societäten 
übernommen werden, und wurden durch Unterpächter oder durch 
Sklaven und grosse Weidew T irthschaft verwerthet. 

Im übrigen blieb das Licinische Gesetz ohne wesentliche Wirkung, 
und es wurde ebenso wenig durchgeführt, als es Sempronius Gracchus 
133 v. Chr. erneuerte. Die Gracchen gingen an diesem Versuche 
unter. Die bereits eingesetzten Triumviri agris dividundis wurden 
durch Widerstand gehindert, und die Lex Thoria bestimmte 108 v. Chr., 
dass die Staatsländereien unter der Verpflichtung festzustellender Ab- 
gabenzahlung den derzeitigen Besitzern dauernd und erblich ver- 
bleiben und niemals nach der Lex Sempronia vertheilt werden 
sollten. Damit ging der ager publicus Italiens fast ohne Ausnahme 
in Privathände über, und es bildete sich der neue Begriff des ager 
privatus vectigalisque. Abgesehen von den calles publicae, den Triften 
in Apulien, blieb im wesentlichen nur der ager Stellatis und Cam- 
panus als publicus erhalten, von welchem Anlage 29 näher handelt. 
Er war auf Volksbeschluss von 162 durch den Praetor urbanus 
P. Lentulus aufgekauft worden, um als ein besonders werth volles, im 
Kleinen verpachtetes Gebiet dem Fiskus, wie eine Art Staatsschatz, 
zu dienen. Von einer Reihe folgender, zum Theil nur dem Namen 
nach bekannter Agrargesetze scheinen allein die in Wirksamkeit ge- 
treten zu sein, welche die Vertheilung der o. S. 313 gedachten städtischen 
Gebiete als Militärkolonien an die Truppen des Sulla, des Marius 
und der Triumvirn gestatteten, bis endlich durch Caesars Lex Julia 



der nördlichen Provinzen. 335 

von 59 v. Chr. auch der vorbehaltene ager Stellatis und Campanus zur 
Vertheilung kam. Bei diesen Assignationen an Veteranen und Bürger 
blieben nur noch die Subseciva, soweit sie nicht als compascua den 
Fundis überwiesen waren, zur Verfügung des assignirenden Populus. 
Auch sie aber verschenkte schliesslich Domitian sämmtlich an die 
angrenzenden Nachbarn. Damit verschwand in der Kaiserzeit auf dem 
römisch-italischen Gebiete der gesammte Staatsgrundbesitz, und es 
blieb nur eine Anzahl von Zehnten, Zinsen, Erbpacht- und Pacht- 
geldern an Naturalien und Geld übrig, welche mit Zöllen, Hafen- 
geldern, Markt- und ähnlichen Abgaben als vectigalia zusammen- 
gefasst wurden. — 

Obwohl danach das Steuerwesen des römischen Mutterstaates 
beinahe ganz veraltet und abgestorben war, ehe eine geordnete Ver- 
waltung der Provinzen eintrat, erweist sich doch, dass auch auf den 
Provinzialgebieten, welche mehr und mehr alle Staatskosten zu 
tragen hatten, die fiskalischen Nutzungs- und Besteuerungseinrichtungen 
nur unter besonderen Umständen von den Grundgedanken abwichen, 
die in der Zeit des Aufblühens des Staates zur Geltung gekommen 
waren. 

In den Provinzen gab es nach der Art ihrer Unterwerfung steuer- 
freie Vasallenstaaten, civitates liberae et immunes, denen abge- 
sehen von mancherlei erheblichen Geschenken und Ehrengaben, über 
welche mehrfach berichtet wird, nur die Stellung von Hülfstruppen 
oblag. 

Das zur eigentlichen Provinzialverwaltung gezogene Territoriuni 
schied sich, wie die geschilderte Organisation Galliens ergiebt, in 
die Gebiete derjenigen civitates, welchen innerhalb der ihnen gegebenen 
Abgrenzungen ihre selbstständige herkömmliche Verfassung, nament- 
lich auch in Betreff der Aufbringung der Steuern, belassen worden 
war, und in die vom römischen Staate selbst eingezogenen und nutz- 
bar verwalteten Ländereien. 

Die kommunal selbstständigen Civitates hatten ausser den 
o. S. 327 gedachten Lasten der Rekrutenstellung und der sordida 
munera auch eine eigentliche Steuer zu tragen. Als solche galt das 
Stipendium, eine Abgabe, aus welcher vornehmlich der Sold und 
die annona, die Getreidelieferung, für die Truppen bestritten werden 
sollten. Diese Leistung war auf die einzelnen Civitates vertheilt, 
innerhalb jeder derselben mussten die Decurionen für die Aufbringung 
solidarisch haften, die Umlage konnten sie nach ihren hergebrachten 
Steuereinrichtungen bewirken. 



336 IV. 5. Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung 

Diese Steuer Verfassungen waren im hohen Grade verschieden. 
In Sieilien bestanden sehr entwickelte Steuerrollen und Fortschrci- 
1 umgen. Die meisten griechischen Städte besassen noch von ihrer 
Selbstständigkeit her eigenartige regelmässige Censusfeststellungen. 
Aegypten führte schon seit den Pharaonen genaue Spezialkataster. 
In anderen Haupttheilen von Afrika waren mit der Umgestaltung 
der Gracchischen Assignationen die Possessores unmittelbare Staats- 
pächter geworden, so dass hier Civitates erst in der Kaiserzeit ent- 
standen. Auch in Syrien und Gallien lässt sich nur grosse örtliche 
Ungleichmassigkeit denken. 

Aber die Durchführung der Erhebungen und der Eingang der 
geforderten Leistungen waren überall hinreichend gesichert. Die Ein- 
künfte konnten aus eigentlichen Grund- und Vermögenssteuern oder 
aus Zehnten, Gewerbe- oder Kopfsteuern bestehen, auch verpachtet 
sein oder nicht. Alle in Geld oder Getreide eingehenden Beträge 
wurden auf das zu zahlende Stipendium angerechnet. 

Gleichwohl verzichtete die römische Verwaltung niemals auf die 
thunlichst genaue Kenntniss der steuerfähigen Personen und Liegen- 
schaften und auf wirksames Eingreifen in die Grundsätze und das Ver- 
fahren der Umlage. In allen neu erworbenen kaiserlichen Provinzen 
wurde mit der ersten Organisation die Aufnahme eines Census ver- 
bunden und, wie es scheint, auch periodisch wiederholt. Wenigstens 
wird bekundet, dass der Census Galliens 27 v. Chr. von Augustus, 
12 v. Chr. von Drusus, 14 — 16 n. Chr. von Germanicus, 61 von 
Nero und um 84 von Domitian aufgenommen wurde. Ob es möglich 
war, diese Censusgeschäfte überall nach der von Ulpian (Dig. 50, 15, 4) 
angegebenen Forma censualis durchzuführen, ist wohl zu bezweifeln. 
Jedenfalls aber musste ein hinreichender Ueberblick über Volkszahl und 
Vermögen erreicht werden, um die Leistungen für die Armee und 
die Staatskasse auf die einzelnen Civitates vertheilen zu können. Viel 
leichter konnten in den älteren senatorischen Provinzen, in welchen 
seit lange geordnete Steuereinrichtungen bestanden, und der Census 
schon in den Zeiten der Kepublik durch zahlreiche delegirte Censoren 
geübt worden war, die Censuales, welche meist mit den Verhält- 
nissen bekannte Municipalbeamte waren, die Fortführung der Steuer- 
listen unter einer regelmässigen Ueberwachung seitens des Proconsuls 
besorgen. Für Sieilien, wo 73 v. Chr. 130 Censoren erwähnt werden, 
von denen 2 in jeder Stadt gewählt waren (Cicero in Verr. II, p. II, 
c. 53, 55), wissen wir, dass bei Streitigkeiten zwischen den römischen 
Pächtern gewisser Leistungen und den Verpflichteten, und für Streit- 



der nördlichen Provinzen. 337 

fülle zwischen den Gemeinden untereinander besondere Rekuperatoren- 
gerichte in Thätigkeit traten. Die das Stipendium unter Solidarhaft 
zahlenden Gemeinden durften schon zu Vespasians Zeiten keine neuen 
Auflagen ohne Genehmigung machen. 

Das eigentliche Staatsland in den Provinzen war, soweit es 
nicht wüst lag, ager vectigalis. Die Zinspflicht bezog sich sogar 
regelmässig auch auf alle an Militärkolonien vergebenen Grund- 
stücke. Nur die wenigen Kolonien und Municipien, welche mit 
italischem Recht beliehen wurden , erlangten damit ausnahmsweise auch 
Freiheit vom vectigal. 

Das Vectigal war in den Provinzen ausschliesslicher, als das 
o. S. 335 gedachte in Italien, seiner Natur nach ein Pachtzins, der 
in Geld oder Naturalien erhoben und als feste Zinsung oder als Zehnt 
festgesetzt sein konnte. Dem alten Brauche entsprechend hat sich 
für diese Verpachtungen auch in den Provinzen die 5jährige Periode 
von Lustrum zu Lustrum erhalten. 

Welchen Umfang die befristete Kleinpacht von Grundstücken 
namentlich in den nördlichen Provinzen erreichte, ist schwer zu beur- 
theilen. Am sichersten gehörten die agri decumates zwischen Rhein 
und Neckar dazu. Die Aeusserung Hygins (Lachm. I, 204) über den 
ager vectigalis deutet anscheinend schon auf Umwandlung in ager 
privatus vectigalis. Die Worte: Agrum arcifinium vectigalem ad 
mensuram sie redigere debemus, ut et recturis et quadam determi- 
natione in perpetuum servetur, scheinen dies einzuschliessen. Er 
erklärt aber auch weiter : Agri vectigales multas habent constitutiones, 
in quibusdam provineiis fruetus partem praestant certam, alii quintas, 
alii septimas, alii peeuniam, et hoc per soli aestimationem. Certa 
enim pretia agris constituta sunt, ut in Pannonia arvi primi, arvi 
seeundi, prati, silvae glandiferae, silvae vulgares, pascuae. His Om- 
nibus agris vectigal est ad moduni ubertatis per singula jugera con- 
stitutum. Horum aestimio, ne qua usurpatio per falsas professiones 
fiat, adhibenda est mensuris diligentia. Nam et in Phrygia et tota 
Asia ex hujus modi causis tarn frequenter disconvenit, quam in 
Pannonia, propter quod hujus agri vectigalis mensuram a certis ri- 
goribus conprehendere oportet ac singula terminis fundari. 

In den ununterbrochen ruhigen Zeiten Hygins vor dem Marco- 
mannenkriege mögen solche Einzelbesitzungen, deren Dauer die Sitte 
genügend sichern konnte, als die für den Fiskus oder die Kasse des 
Kaisers einträglicheren, verhältnissmässig häufig gewesen und deshalb 
auch entsprechend vermessen worden sein. 

Meitzen, Siedclung etc. I. 22 



338 TV- 5. Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung 

Je länger hin, desto mehr wurde indess die Grossverpach- 
tung die einfachere und für viele Länderstrecken die einzig durch- 
führbare Verwerthung. Namentlich wo grosse Wüstungen oder Wal- 
dungen erst in Kultur gebracht werden mussten, ehe sie einen Ertrag 
in Aussicht stellten, konnte nur auf Grosspächter und Gesellschaften 
von Publikanen gerechnet werden. Dabei musste aber eine kurze 
Frist und überhaupt die Möglichkeit wechselnder Bedingungen die 
Angebote im hohen Grade benachtheiligen. Deshalb führte sich auf 
diesen Ländereien die Erbpacht mit festem Canon und bestimmten 
vertragsmässigen Leistungen ein. Die Emphyteuse ging ihrem ganzen 
Wesen nach aus diesen grossen Staatspachtungen hervor. Sie gewährte 
dem Staate feste, durch den Heimfall bei 2 jährigem Verzuge gesicherte 
Zinsungen und eine Betheiligung am Veräusserungswerthe durch die 
2procentige Besitzveränderungsabgabe wie durch das Vorkaufsrecht. 
Der Emphyteuta wurde allerdings frei von allen Verfügungsbeschrän- 
kungen des Zeitpächters, konnte das Gut veräussern, verpfänden, mit 
Dienstbarkeiten beschworen und hatte vollständiges Klagerecht für 
dasselbe, aber er musste auch alle Lasten tragen und durfte keinerlei 
Anspruch auf Nachlässe machen. Der Staat erlangte nicht allein 
ganz klare, sondern auch völlig einfache Rechtsverhältnisse. Die 
fiskalische Verwaltung wurde durch die den Eigenthümern nahezu 
gleiche Stellung der grossen Erbpächter im höchsten Grade er- 
leichtert. Auf dem kaiserlichen Domainenbesitze vergab der Kaiser 
zinsbares Land im Grossen auch aus persönlichen Gründen als Gnade. 
Ueberdies gestalteten sich die bestehenden Kleinpachten durch die all- 
gemein eingeführte Verpachtung der Zehnten, Zinsungen und Leistungen 
an Unternehmer schon dann unmittelbar in Grossbesitzungen um, wenn 
dem Abgabenpächter das betreffende Gebiet der Kleinpächter ohne neue 
Fristfestsetzungen, also zu dauernder Verwaltung, überlassen blieb. Auf 
diese Weise scheint mit der Zeit der grösste Theil des nutzbaren 
Staatslandes der Provinzen, soweit es nicht als Kolonieland vergeben 
war, im Grossgrundbesitz aufgegangen zu sein. 

Solcher Grossbesitz war bereits in alten Latifundien und Staats- 
pachten der Republik vorbanden. In der Kaiserzeit entstand aber auf 
ihm ein Stand von Possessores, welche neben den Civitates als 
Inhaber coordinirter Kommunalbezirke, als Leiter selbstständiger 
grosser Güter oder Herrschaften auftraten. Diese Possessorengewalt 
hat sich, wie sich zeigt, zuerst in Afrika entwickelt, wo keine Civitates 
gebildet worden waren. Sie wird aber auch in anderen Provinzen 
schon früh daran erkennbar, dass der einzelne Possessor, wie die De- 



der nördlichen Provinzen. 339 

curionen für die Civitates, so er seinerseits für die Hintersassen 
seines Grossbesitzes die Steuern und Lasten dem Fiskus verbürgen 
und beschaffen muss und auch in die Lage kommt, sie vorzuschiessen. 
Es scheint, dass die Possessoren eifrig bestrebt waren, von der So- 
lidarhaft der Civitates befreit zu werden, und dass der Staat zu 
solchen Befreiungen bereit war. 1 ) — 

Nachdem seit 162 die Einfälle der Chatten, die Siege der Marco- 
mannen und Quaden und die gleichzeitigen Kämpfe der Parther und 
Caledonier mit den auf sie folgenden schmählichen Friedensschlüssen 
des Commodus die Scheu vor den römischen Waffen gebrochen hatten, 
begann eine Periode steter Raubzüge und weitgreifender Verwüstung 
und Zerrüttung namentlich der nördlichen Provinzen. Zugleich stei- 
gerten Luxus und Veruntreuung die finanziellen Bedürfnisse. Bei 
dem bestehenden mannigfachen und undurchsichtigen Herkommen 
der meisten provinziellen Steuereinrichtungen muss deshalb in vielen 
Landestheilen die Beitreibung der Leistungen häufig unmöglich ge- 
wesen sein. Ebenso weniger waren letztere gegenüber dem Ausfall 
in den gefährdeten Theilen des Reiches wirksam zu erhöhen. 

Caracalla war einer der leichtsinnigsten, gleichgültigsten und 
verschwenderischsten Fürsten. Aber noch fanden sich in Rom staats- 
männische Kräfte, wie Ulpian, welcher damals sein Buch de censibus 
schrieb, Cassius Dio und Papinian, und es muss Männer in der 
Verwaltung gegeben haben, welche eine Reorganisation des Steuer- 
wesens auf neuen Grundlagen für durchführbar erachteten. Nur 
diesem Gedanken lässt sich die Verordnung von 212 zuschreiben, 
welche allen Freien im römischen Reiche das gleiche volle Bürger- 
recht zusprach. Durch diese anscheinende Wohlthat wurde offenbar 
möglich, ohne Rechtsbruch auch alles bisherige Peregrinenrecht in den 
Civitates der Provinzialen, soweit es zweckmässig schien, nach allge- 
meinen Gesichtspunkten des römischen Reichsrechts zu beseitigen und 
umzugestalten, und es konnten damit gewisse Unterschiede und Un- 
gleichheiten in der Besteuerung wegfallen, aus deren Beseitigung 
man Vortheil für die Staatskasse hoffte. 

Wie weit solche Zwecke noch unter Caracalla erreicht wurden, lässt 
sich mit Ausnahme der von 5 auf 10 Prozent erhöhten Erbschaftssteuer 
und der zu Gunsten des Fiskus ergangenen Beschränkung der Intestat- 
erbfolge nicht erkennen. Aber die Plünderung, Verwüstung und 
Verarmung grosser Länderstrecken und der allgemeine Verfall der 

') Die Verhältnisse der Possessoren klargelegt zu haben, ist ein Verdienst 
M. Webers, a. a. 0. S. 171 und 250 ff. 

22* 



340 IV. 5. Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung 

bisherigen Rechtsordnung griffen unter seinen Nachfolgern, trotz deren 
zum Theil grossen militärischen Strenge und energischen Kriegs- 
iuhrung unaufhaltsam um sich. 

Ob inzwischen schon bestimmte Anordnungen oder vorbereitende 
Schritte geschahen, darf auch dahin gestellt bleiben. Jedenfalls ist 
die Thatsache erklärlich, dass Diocletian (284 — 304) mit einer ein- 
heitlichen Steuerverfassung eingriff. 

Wie es scheint, stellte dieselbe die gewöhnliche Grund- und 
Personalbesteuerung, also namentlich Stipendium, Tributum und 
Kopfsteuer nach im wesentlichen überall gleichen Grundsätzen fest 
und Hess nur die übrigen besonderen Steuern und Lasten, wie nament- 
lich die Erbschafts- und Gewerbesteuern, die Vectigalia verschiedener 
Art und die sordida munera fortbestehen. 

Die Form der neuen Steuer war die der jugatio und capitatio. 

Der Begriff des jugum kommt schon in den verrinischen Reden 
vor. Cicero spricht II, lib. III, 27 von sicilischen Bauern in singulis jugis. 
Auch erscheinen unter August bereits juga als Landloose, welche 
eine bestimmte Steuer zu zahlen hatten. Ein solches jugum um- 
fasste in der Regel 25 jugera, indess war nicht allein die Fläche, 
sondern auch die Bonität zu berücksichtigen. 1 ) Dasselbe Princip ist 
das der Diocletianischen jugatio. Die bebauten Ländereien waren 
von den Besitzern im Einzelnen nach Lage und Werth zu bezeichnen, 
und der Censitor fasste so viele dieser Grundstücke desselben Cen- 
siten oder seiner Nachbarn in ein Ganzes zusammen, dass sie nach 
der vorgenommenen Schätzung den Werth von 1000 Aurei erreichten. 
Dies war ein jugum im Sinne der Steuer, also eine Steuerrechnungs- 
einheit. Für die Schätzung wurden ähnliche Klassenunterschiede ge- 
macht, wie sie Hygin (o. S. 337) schon aus Trajans Zeit bezüglich 
des Vectigal erwähnt. Nach der syrischen Uebersetzung einer ost- 
römischen Gesetzsammlung von 501, welche 1878 aufgefunden und 
von Sachau und Bruns (Berlin 1880) herausgegeben worden ist, 
wurden bei der Diocletianischen Veranlagung in Syrien auf das 
jugum je 5 jugera (oder 10 plethra) Weingärten, oder 20 jugera 
urbares Land erster Güte, oder 40 jugera zweiter Güte, oder 60 jugera 
Gebirgsland, d. h. Acker dritter Güte, ebenso je 225 Stämme Oelbäume 
erster Klasse, oder 450 Oelbäume zweiter Klasse gerechnet. Auch 
Pascua werden unterschieden. Solche Unterscheidungen stellten also 
bestimmte Schätzungsverhältnisse für ganze Provinzen oder Landes- 



l ) Mommsen, Staatsrecht der Römer, Bd. III, S. 229. 



der nördlichen Provinzen. 341 

theile fest. Auch für Gallien galt nach Eumenius (grat, act. Const. 
c. 5) eine communis formula. 

Neben der jugatio war die capitatio vorgesehen, welche die bis- 
her zu einer Kopfsteuer herangezogenen Hintersassen der Possessores, 
Männer vom 15., Weiber vom 12. und beide bis zum 65. Jahre, 
ergriff, und mit ihnen die Sklaven, Zugthiere und das Grossvieh, 
möglicherweise auch das Kleinvieh eines oder mehrerer Besitzer nach 
einer ähnlichen Schätzung zu einem, wie für die Grundstücke, auf 
1000 Aurei angenommenen Steuerwerthe zusammenfasste. Das caput 
bildete also eine gleiche mit demselben Steuersatze belegte Steuer- 
einheit, wie das jugum. 

In der Hauptsache beruhte die Besteuerung ähnlich wie der alte 
Ccnsus der Stadt Rom auf der Steuerfähigkeit der res mancipi, soweit 
sie auf dem Lande vorkommen. 1 ) Die jugatio besteuerte nach der 
von Augustus auf Agrippas Rath festgehaltenen Vorschrift nur das- 
jenige Land, ubi falx et arator ierit. Pascua und silvae wurden ange- 
geben, ob sie aber nicht lediglich durch die capitatio des Weideviehs 
besteuert waren, ist zweifelhaft. Die capitatio, die deshalb auch 
capitatio plebeja genannt wird, erfasste neben der Grundsteuer alle 
verwendbaren Arbeitskräfte an Menschen und an Viehinventar. Ihr 
Gedanke ist steuerpolitisch sehr bedenklich, wenn der Steuersatz eine 
geringe Höhe übersteigen soll. Aber das Gesetz hielt sich an die 
greifbaren Gegenstände. 

Diese Steuerverfassung wurde über das ganze Reich ausgedehnt. 
Dies erweist sich aus der gedachten Steuerverordnung des syrischen 
Gesetzbuches, ferner daraus, dass 320 die Veteranen bis zu gewisser 
Höhe vom caput befreit wurden (Cod. Theod. VII, 20. 4), dass 
Constantin 326 die Rectores der Provinzen anwies, die sordida munera 
per singula capita auszuschreiben (Ebd. XI, 16. 4), 356 Ammianus 
Marcellinus (16. 5) die Herabsetzung des Steuersatzes der capita für 
Gallien berichtet, und 377 die Bekleidungslieferung für die Armee 
in den Provinzen von Thracien, Scythien, Moesien, Aegypten und 
im Orient, Asien und Pontus je auf eine bestimmte Anzahl juga 
seu capita ausgeschrieben wurde (Cod. Theod. VH, 7. 3). Noch 
412 ordneten Honorius und Theodosius an: per Bithyniam ceteras- 
que provincias possessores et reparationi publici aggeris et ceteris 
ejusmodi muneribus pro jugorum numero vel capitum, quae possidere 



J ) Ob auch praedia urbana betheiligt sein konnten, ist nach Cod. Theod. IX, 16, G 
nicht völlig klar. 



342 IV. 5. Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung 

noscantur, adstringi cogantur (Ebd. XV, 3. 5). Dass aber diese 
allgemeine Durchführung über das ganze Reich auch schon von 
Diocletian beabsichtigt und ins Werk gesetzt wurde, dafür spricht 
entscheidend ihre bereits 292 erfolgte Ausdehnung auf Italien, das 
seit der Kaiserzeit völlig steuerfrei war. Ohne gleichzeitige Besteuerung 
aller übrigen Provinzen lässt sich an die Italiens nicht denken. 
Der Schritt erschien so unerhört, dass Aurelius Victor (de Caes. 39, 31) 
zu diesem Jahre erklärt: huic denique parti (Provinz) Italiae invectum 
tributorum ingens malum. Lactantius (de mort. persec. 10) aber 
sagt 305 von Galerius: cum statuisset, censibus institutis orbem terrae 
devorare, ad hanc usque prosiluit insaniam, ut ab hac captivitate 
ne populum quidem Romanum vellet immunem. Dabei bemerkt er 
ausdrücklich (23) agri glebatim metiebantur, vites et arbores munera- 
bantur, animalia omnis generis scribebantur , hominum capita nota- 
bantur. Italien dürfte indess bevorzugt gewesen sein. Denn das 
jugum wurde in Italien auch millena genannt. Da nun für italische 
Vermessungen schon Frontin (Lachm. 46, 47) je 1000 jugera zu- 
sammenfasse und noch Majorians Novelle (VII, 16) ausdrücklich sagt: 
per juga singula, seu per singulas millenas, scheint es, dass die 
Steuerhufen Italiens bei Annahme dieser nahezu 40 fachen Grösse auch 
im Steuersatz gegen die des übrigen Reiches erleichtert w r urden. 

Die jährliche Abgabe durfte auf einmal oder in 3 viermonatlichen 
Terminen erlegt werden. Die Zahlung wurde in Geld, indess auch' 
bis zu beträchtlichem Theile in annona ausgeschrieben, als Zuschläge 
kommen noch Extraordinaria besonderer Art vor. 

Die Steuerhöhe der Reichssteuer Diocletians wird zu 10 Aurei 
(ca. 120 RM.) auf das jugum oder caput, also zu 1 % von dem 
allerdings wohl niedrig angeschlagenen Kapitalswerthe angenommen. 
Sichere Nachrichten bestehen indess nur über Schwankungen der 
Erhebung, nicht über die Regel. Ammianus Marcellinus (16, 5) be- 
richtet um 356, dass Julian den Tribut für jedes caput im Gebiet 
der Gallier auf 25 Aurei angesetzt gefunden und auf 7 Aurei, munera 
universa complentes, herabgesetzt habe. So auffallende Wechsel er- 
geben sich auch aus anderen Ueberlieferungen. 296 rühmte Eumenius 
(grat. act. 11) von Constantius mit Bezug auf eine civitas Aeduorum : 
septem millia capitum remisisti, quartam amplius partem nostrorum 
censuum; ferner: remissione ista Septem millium capitum viginti 
quinque millibus dedisti vires, dedisti opem, dedisti salutem. 395 
schreiben Arcadius undHonorius (Cod. Theod.XI, 28. 2) : 528 402 jugera, 
quae Campania provincia juxta inspectorum relationem et veterum 



der nördlichen Provinzen. 343 

monumenta chartarum in desertis et squalidis locis habere dignoscitur, 
iisdem provincialibus concessimus et Chartas superfluae descriptionis 
cremari censemns. 408 erklären dieselben Kaiser (Ebd. 4) : Ab omni 
intra Italiam jugatione, quam munere annonariae functionis absolvimus, 
etiam glebalem pensionem jubet serenitas nostra removeri. 413 (Ebd. 
7 u. 11) wird dem grössten Theil Italiens gleichwohl wieder der 4. Theil 
aller Leistungen auf 5 Jahre und 418 Campanien der 9. und Picenum 
und Tuscien der 7. Theil des Tributum erlassen. 422 (Ebd. 13) 
sollen die Register des proconsularischen Afrika dahin berichtigt 
werden, dass 9002 Centurien und 141 jugera zahlen sollen, 5700 Cen- 
turien und 144 V2 jugera aber gestrichen werden, in der Provinz 
Byzacena 4460 Centurien 180 jugera zahlen, 7615 Centurien 3 V2 jugera 
aber zur Streichung kommen. Endlich wird 430 (Ebd. 20, 6) an- 
geordnet: Eorum jugerum, sive capitum, sive quo alio nomine nun- 
cupantur privati juris, vel patrimonialis, sive civilis, sive templorum, 
quae a principio imperii div. recordat. Arcadii genit. m. ex petitionibus 
diversorum vel ultro datis, annotationibusque in praesentem diem 
qualitercunque relevati sunt, vel adaerata levius, vel de patrimoniali 
jure ad privatam, vel in aurariam, aerariam atque ferrariam praestatio- 
nem translata, quinta pars commodi, quod ex eo beneficio ad dominos 
fundorum pervenit ex codem tempore exacta, pro aestimatis per 
singulos annos habitis, arcae et sacrarum largitionum viribus ex aequo 
societur; exceptis bis, quae in capitatione humana atque animalium 
diversis qualicunque concessa sunt. Dabei soll von dem Nachlass 
für 400 juga sive capita wieder die Hälfte gezinst werden, höhere 
Erlasse sollen, wie es scheint, bis zu weiteren 200 juga oder capita in 
Geltung bleiben, alle darüber hinausgehende aber gänzlich wegfallen. 

Die letzte Anordnung bestätigt, was sich an sich schon annehmen 
lässt, dass auch zahlreiche Steuererlasse zu verschiedenen Zeiten erfolgt 
sind, welche im Gesetzbuch nicht erwähnt werden. Indess genügen die 
wenigen Angaben zu zeigen, wie unter Rücksichten aller Art die 
Steuern ganzer Provinzen um mehr als das 3 fache höher oder niedriger 
angesetzt, auch grosse Beträge erlassen und dennoch in kürzerer oder 
längerer Zeit in einem Umfange wieder erhoben worden sind, welcher 
mit einem geordneten Steuersystem ebenso wenig vereinbar ist, als 
mit dem wirthschaftlichen Gedeihen der Besteuerten, sich vielmehr 
nur aus den wirren Zuständen des zunehmenden Verfalles des Welt- 
reiches erklärt. — 

Dennoch bleibt auch wieder aus denselben Erwähnungen der 
Eindruck, dass die Steuerveranlagung und Fortführung eine so 



, 



344 rV- 5. Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung 

ungeordnete und lückenhafte nicht gewesen sein kann, wie man nach 
den Zeitläufen anzunehmen geneigt sein möchte. Es ist freilich sehr 
schwierig, sich von diesen Geschäften ein hinreichend klares und 
praktisch mögliches Bild zu machen, und die Wirkungen dieser Steuer- 
verfassung auf die Grundbesitzverhältnisse zn erkennen. 

Fragt man, ob unter Jugatio die wirklich katastermässige Special- 
messung der einzelnen Besitzungen mit Klassenschätzung, Kartirung 
und Registrirung zu denken ist, welche nach römischen Messungs- 
grundsätzen auch die Zusammenlegung der Besitzstücke des einzelnen 
Eigenthümers gefordert haben würde, so muss ein solches Unternehmen 
ausgeschlossen erscheinen. Denn es würde auch unter der Voraus- 
setzung überaus zahlreicher Arbeitskräfte bei der ungeheuren Aus- 
dehnung und den Kommunikationsschwierigkeiten des damaligen 
Weltreiches mindestens ein Jahrhundert in Anspruch genommen haben. 
Seine Durchführung wäre auch bei den unausgesetzten inneren und 
äusseren Kriegen schon deshalb schwerlich möglich geworden, weil 
bei ihr die technische und polizeiliche Mithülfe des Militärs ganz 
unentbehrlich erachtet werden muss. 

Die nähere Erwägung der überlieferten Anordnungen führt auch 
auf ein sehr viel einfacheres Verfahren. Es ist an keiner Stelle bei der 
jugatio von einer Forma, immer nur von chartae die Rede. Forma aber 
bezeichnet, wie o. I S. 286 zeigt, unser Kartenbild. Charta dagegen 
heisst nur ein Schriftstück, eine Urkunde, eine Beschreibung. Descriptio 
ist auch ausdrücklich im Codex Theod. (XI, 28. 2) die Bezeich- 
nung ihres Inhaltes. Die chartae superfluae descriptionis werden bei 
dem Steuererlass für Campanien verbrannt. Chartas omnes, quibus 
debitorum nomina et debita continentur, flammis jubemur aboliri, 
wird Ebd. 3 vorgeschrieben. Ebd. 6 ist gesagt: Chartis abolitis, 
quibus debita publica continentur. Ebd. 13 heissen die chartae auch 
polyptica. Sie können also nur Register gewesen sein, in welche 
die einzelnen juga mit der Zahl der jugera der verpflichteten Besitzer 
und unter Klassifikation nach der Professio, gemäss der Feststellung 
der leitenden Censualen verzeichnet waren. 

Eine solche Verzeichnung ist zwar nicht ohne örtliche Besichtigung 
zu denken. Auch können Handrisse aufgenommen und bei zweifel- 
haften Angaben einige Messungen ausgeführt worden sein. Die Kon- 
trole der Flächengrössen aber war hinreichend aus den Aufmessungen 
des ager arcifinius mensura comprehensus zu gewinnen, welche schon 
früh bei der Feststellung der Civitates für deren Grenzen und Haupt- 
abschnitte durchgeführt worden waren. Nach ihnen war ein allere- 



der nördlichen Provinzen. 345 

meiner Ueberschlag möglich. Für die Vertheilung zwischen den soli- 
darisch haftenden Besitzern konnten die gegenseitigen Angaben über 
ihre Grundstücke in den einzelnen Flurtheilen und ihre Anerkennung 
der Antheile innerhalb des geschätzten und abgesteckten jugums 
genügen. Einer eigentlichen agrimensorischen Thätigkeit bedurfte es 
deshalb für das Censusgeschäft nicht. Jedenfalls sind juga emensa 
nur unter besonderen Umständen zu denken. Wo eine Assignation 
von Ländereien oder eine Aufmessung von ager privatus vectigalis 
stattgefunden hatte, werden die Flächenbestimmungen in sofern benutz- 
bar gewesen sein, als die limitirten Centurien ganz bestimmte Ab- 
schnitte von wenigen 100 jugera bildeten. Aber die juga konnten 
wegen der Klassifikation nach Kulturarten in die Centurien nicht 
eingepasst werden. Sie mussten als besondere, durch den wechselnden 
Anbau bedingte Abschnitte zusammengefasst werden. Diese schätzungs- 
weise gewonnene und örtlich ungleiche Lage und Grösse der juga 
wird durch den Charakter der bekundeten Ausnahmen bestätigt. Eine 
solche Ausnahme bildete Aegypten und ein unbestimmter Theil des 
Orients. Hier sind festbegrenzte juga anzunehmen. Denn der er- 
wähnte Erlass von 377 (Cod. Theod. VII, 7. 3) schreibt vor: Con- 
ferant vestem per Aegyptum et Orientis partes in triginta terrenis 
jugis. Er unterscheidet diese Landestheile dadurch von den übrigen, 
welche die Leistung per juga et capita umzulegen haben. Da wir 
aber wissen, dass Aegypten ein seit der Königszeit fortgeführtes 
Specialkataster besass, so erweist auch diese Ausnahme, dass die 
jugatio der übrigen Provinzen die Grundlage eines solchen Special- 
katasters nicht besass. 

Aus diesen Gründen ist sehr wahrscheinlich, dass das Geschäft der 
jugatio sich in vielen Civitates und namentlich auf den Besitzungen 
der selbstständigen Possessores ziemlich einfach gestaltete. Denn das 
eigentliche Interesse der römischen Behörden war befriedigt, wenn 
die Anzahl der zu besteuernden juga feststand. Dies war also, wenn 
die Professio annehmbar erschien, durch Anerkennung derselben, oder 
sogar unmittelbar durch ein blosses Abkommen der Betheiligten mit 
dem leitenden Beamten zu erreichen. 

Man darf aus den erwähnten Edikten, welche die Fläche ganzer 
Provinzen bis auf ganze und halbe jugera genau anzugeben scheinen, 
keineswegs schliessen, dass diese Zahlen der Wirklichkeit entsprochen 
hätten. Sie bildeten den Abschluss des Registers, und alle Einthei- 
lungen oder Erlasse führten ebenfalls nur zu Operationen mit dem 
Zahleninhalte dieser Verzeichnisse. Wenn es, wie die obigen Erlasse 



346 W- 5. Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung 

zeigen, möglich war, eine grosse Anzahl juga im Kegister unter Ver- 
brennen der bezüglichen Theile des Verzeichnisses lediglich zu 
streichen, musste auch möglich sein, diese Zahl von Anfang an oder 
im Laufe der Zeit durch Uebereinkommen festzustellen. In allen 
Fällen, in denen, wie gezeigt, die Zahl der juga oder der capita 
durch die Gnade des Kaisers herabgesetzt war, konnte sie ohne be- 
sondere Zulassung auch nicht vermehrt werden. Das deutlich vorge- 
schriebene Verfahren, nach welchem die Lasten einzelner Civitates oder 
Possessores durch verringerten Ansatz der Zahl der juga erleichtert, oder 
durch vergrösserten Ansatz auch wieder erhöht wurden, schneidet jeden 
Gedanken daran ab, dass auf die Abgrenzung, also auch auf die Ab- 
messung der einzelnen juga dauernd Werth gelegt worden sein könnte. 
Die erste Feststellung geschah sicher so, wie sie das syrische Gesetz- 
buch fordert. Es mögen auch Anmeldungen vorgeschrieben gewesen 
sein, durch welche sich die Zahl der jugera bei Veränderung der Kulturart 
erhöhen oder bei Anerkennung einer eingetretenen Verschlechterung 
vermindern konnte. Für das Steueramt aber war immer nur wesent- 
lich, dass die Zahl der juga und capita nachweisbar feststand, nach 
welcher die Umlegung der Lasten unter die verpflichteten Körperschaften 
vorgenommen werden sollte. Diese Vertheilung erfolgte für das Tri- 
butum ebenso wie für die extraordinären Lasten und die sordida 
munera nach denselben Registern, also stets nur rechnungsmässig. 
Cod Theod. XI, 17, 4 sagt von der constructio murorum: universi 
pro portione suae possessionis jugationisque ad haec munia coarctentur. 
Daher kam es auch, dass Veränderungen in der Abgrenzung dieser 
Steuerbezirke untersagt waren. Ebd. 22, 4: Habeat unaquaeque 
civitas consortem munerum, quem habuit in professione collegam. 
Jugatio omnis ubi est antiquitus adscripta permaneat, redeat ad se 
alio, in fraudem munerum, translata jugatio. Discant ordines, dis- 
cant reliqui possessores, mutato eo, quod non est recte impetratum, 
quem participem possidendi cognoverint, esse etiam in omnibus socium 
functionibus. 

Gleichwohl ist nicht zu bezweifeln, dass Revisionen der Register 
unter Erhebung neuer Professionen stattfanden. Die Grundlage der 
Schätzung der capita war so veränderlich, dass man jährliche Er- 
hebungen für erforderlich erachten könnte. Aber auch in Betreff 
der juga zeigt Eumenii grat. act. Constant. c. 5, dass die S. 342 ge- 
dachte Civitas der Aeduer erschöpft war, weil eam novi census 
exanimaverat acervitas, dass sie sich aber gleichwohl nicht mit 
Grund beschweren konnte, cum et agros, qui descripti fuerunt, 



der nördlichen Provinzen. 347 

haberemus, et Gallicani census communi formula teneremur. Dass 
es aber möglich gewesen, allgemein in allen Provinzen des Reiches 
in regelmässig wiederkehrenden 15jährigen Perioden solche Neu- 
aufnahmen eintreten zu lassen, ist wegen der Störungen durch 
die unausgesetzten inneren und äusseren Unruhen schlechterdings 
ausgeschlossen. Da also die 15jährigen Indiktionsperioden seit 
312 für die chronologische Datirung in Gebrauch kamen, wie Mar- 
quardt (Römische Staatsverwalt. II, S. 245) im Einzelnen zeigt, muss 
für dieses Zählen von der ersten bis zur 14ten Steuerumlage die 15te 
einen wirklich festen regelmässig wiederkehrenden Anhalt gewährt haben. 
Daher Hesse sich nur an Registererneuerung, Rechnungsrevisionen, 
oder Abschriften, welche jedes 15 te Jahr dem rector provinciae ein- 
zusenden waren, oder an ähnliche innerhalb der Behörden selbst stets 
zu bestimmten Terminen ohne wesentliche Schwierigkeiten ausführbare 
Massnahmen denken, nicht an neue, von so vielen äusseren Um- 
ständen, von friedlicher Ruhe, Arbeitskräften und Geldmitteln, ab- 
hängige allgemeine Censusaufnahmen. — 

Das Bild, welches durch diese Betrachtung von dem Wesen 
und dem Verfahren der jugatio und capitatio gewonnen werden 
konnte, genügt, um mit Bestimmtheit erkennen zu lassen, dass diese 
Steuerverfassung, obwohl sie ihrem Gedankeninhalte nach nahe mit 
den ältesten Gesichtspunkten der vorzugsweisen Steuerfähigkeit der 
res mancipi zusammenhing, keinerlei Beziehungen zur Limitation 
hatte, und durch keine ihrer Massnahmen in der äusseren Erschei- 
nung der Besitzungen oder der Ansiedelungsform bemerkbar werden 
konnte. In der Wegekreuzung von Decumanen und Kardines können 
die juga in den Provinzen nur da gelegen haben, wo aus anderen 
Gründen Assignationen von Kolonialland oder spezielle Zumessungen 
von ager vectigalis stattgefunden hatten. Die jugatio hat zu deren 
Ausbreitung nicht beigetragen. 

Dagegen hat sich gezeigt, dass das System der Provinzial- 
besteuerung von ihrer ersten Organisation an erheblichen Einfluss 
auf das Agrarrecht gewinnen musste. Der Gedanke der Solidarhaft 
der Decurionen, als der zahlungsfähigsten Grundbesitzer, für alle 
Steuern und Lasten der Civitates, und das mehr und mehr unentbehr- 
liche Vorschiessen der Zahlungen durch diese zwangsweise verpflichteten 
Gemeindevorstände musste, je höher die Lasten stiegen und je häu- 
figer Krieg und Verwüstung die Regelmässigkeit der Rückgewährung 
beeinträchtigten, zur Abhängigkeit der übrigen Bevölkerung von den 
Curialen führen. Bei dem fast ausschliesslichen Erwerb durch Land- 



34S IV« 6« Verwaltung, Verwerthung und Besteuerung 

bau nahmen aber Klientel und Hörigkeit wesentlich die Natur der 
Grund- und Gutsunterthiinigkeit an. 

Dies war noth wendig in noch erhöhtem Grade bei den Staats- 
und Domainenpächtern der Fall. Es scheint allerdings, als sei auf 
den kaiserlichen Domainen die Austhuung zur Kleinpacht, als die 
finanziell vortheilhaftere , immer wieder versucht worden. Indess ge- 
fährdete schon die Ueblichkeit, die Erhebung der Natural- und Geld- 
zinsen der Kleinpächter an Unternehmer, die einen bestimmten Er- 
trag sicherten, zu verpachten, die Lage der Kleinpächter. Durch die 
Steuereinrichtungen aber kamen sie bei der wachsenden Ungunst 
der Zeiten in dieselbe Stellung zu den Generalpächtern, wie die 
Bürger der Civitas zu den Curialen. Da bei der Zeitpacht der Ver- 
pächter die öffentlichen Lasten und Steuern zu tragen hatte, bei der 
Erbpacht dagegen nicht, und da den Generalpächtern ihr ganzer Pacht- 
bezirk einfach und vortheilhaft in Erbpacht oder als zinsbare Pos- 
sessio verliehen werden konnte, ist erklärlich, dass sich zu Diocletians 
Zeit keine Anzeichen solcher selbstständiger Kleinpächter von Staats- 
land mehr finden. Sie sind hinter den Grosspächtern verschwunden 
und die Hintersassen von Possessores geworden. Weil aber das alte 
Staats- und Domainenland in der Regel ausserhalb der Civitates lag, 
hatten diese Possessores um so bestimmter den Charakter der Guts- 
herrlichkeit. 

Es lässt sich nun allerdings von den emphiteutischen Possessoren 
nicht annehmen, dass ihre Heranziehung zur jugatio beabsichtigt 
gewesen sei. Der Cod. Theod. X, 3. 1—7 und XI, 19. 3 und 4 
beschäftigt sich eingehend mit ihnen als einer besonderen Klasse 
der Besitzer, und Valentinian verordnet noch 372 ausdrücklich: 
Curialibus omnibus conducendorum rei publicae praediorum ac sal- 
tuum inhibeatur facultas. Indess der capitatio konnten sie sich der 
ursprünglichen Kopfsteuer der Hintersassen wegen schwerlich ent- 
ziehen. Vielleicht wurde auch der Canon auf die jugatio in An- 
rechnung gebracht. 

Jedenfalls trat später eine Vermischung ein. Die Gesammtlasten 
scheinen bei der zunehmenden Zerrüttung des Reiches so hoch oder 
wenigstens so unerschwinglich geworden zu sein, dass die Zahlungen 
eine gewisse Grenze des Möglichen erreichten. Die Mehrforderungen, 
welche rückständig blieben, mussten, wie die erwähnten Dekrete im 
Cod. Theod. zeigen, immer wieder periodisch, meist von jedem der 
schnell wechselnden Kaiser erlassen werden. Dazu kamen die zahl- 
reichen und wechselnden Exemtionen, welche durch Hof- und Kirchen- 



der nördlichen Provinzen. 349 

Stellungen, durch den Erwerb des senatorischen Ranges und durch 
Militär- und andere Dienste entstanden. Trotz der Absicht, die Steuer 
nach bestimmten Ansätzen umzulegen, müssen sich die Verschieden- 
heiten unabweislich gesteigert und für Personen und Besitzungen immer 
weiter individualisirt haben. Unter diesen Umständen konnte es nicht 
mehr wesentlich darauf ankommen, auf welchem ursprünglichen 
Rechtstitel die Belastung des einzelnen Possessors beruhte. Es ver- 
schmolzen mehr und mehr die auf den Grund und Boden bezogenen 
Lasten zu einem allgemeinen tributum soli, während die capitatio 
wenigstens als Kopf Steuer der Hintersassen und Sklaven, als capitatio 
humana oder plebeja, dauernder ihren Charakter bewahren konnte. 
Diese Sachlage ergiebt die völlige Umgestaltung der persönlichen 
und dinglichen Rechte der Landbevölkerung, die sich unter dem 
Einflüsse der Provinzial -Verwaltung und Besteuerung vollzog, und 
welche um so mehr von Interesse ist, als sie durch ihren Zusammen- 
hang mit den Verhältnissen der ländlichen Arbeitskräfte Betrieb und 
Produktion des Landbaues der Provinzen wesentlich bestimmte. 

6. Recht und Betrieb der Pächter, Possessoren, Kolonen 
und Benefiziaten. 

Alles Grundeigenthum beruht auf der Anerkennung des Staates. 
Die römischen Grundeigenthumsrechte aber erhielten ihren beson- 
deren Charakter durch den bewusst festgehaltenen Gedanken, dass 
das gesammte römische Staatsgebiet durch das römische Volk im 
Wege der Eroberung als Staatseigenthum erworben sei. Ohne gül- 
tiges Staatsgesetz konnte Niemand wahres Grundeigenthum im Staats- 
gebiete erlangen. Dagegen stand die Nutzung des nicht vergebenen 
Staatslandes so lange jedem Staatsbürger frei, als der Staat dasselbe 
nicht für sich selbst zur eigenen Nutzung oder zur Vergebung an 
andere in Anspruch nahm. 

Aus dieser Grundauffassung wird das römische Pachtrecht 
verständlich. 

Die ursprüngliche Anschauung der Germanen, die sich bis auf 
die Gegenwart im englischen Pachtrecht erhalten hat, geht von dem 
Gedanken aus , dass der Verpächter sein Land dem Pächter aus 
Gnade verstattet. Der Pächter darf gegen Zins das Grundstück be- 
stellen und die Ernte einbringen. Wenn aber nichts anderes ver- 
einbart ist, ist die Pacht Jahrespacht, d. h. ihr Gegenstand ist das 
Recht eine Ernte zu nehmen. Auch löst sie der Tod auf Seiten 



350 I^ T - *>. Röcht und Betrieb der Pächter, 

lies Verpächters wie des Pächters. Der Pächter erhält das Grund- 
stück leer, Alles darauf gebrachte, auch die Gebäude, kann er wieder 
fortnehmen, für das Zurückbleibende wie für Verbesserungen steht ihm 
kein Entschädigungsanspruch zu. 

Das römische Pachtrecht dagegen, das aus der Staatspacht ent- 
wickelt ist, stellt eine Verwerthung des Staatslandes zu Gunsten der 
Staatskasse dar. Diese Verpachtung war, wie o. S. 333 zeigt, erst 
das Ergebniss heftiger und langwieriger Kämpfe gegen die okku- 
patorische Besitznahme des Ager romanus durch die übermächtigen 
Patrizier. Die Verpachtung war die Form, die Nutzniesser des 
Staatsgutes, ihren eigenen Angeboten entsprechend, zur Erleichterung 
der Staatslasten der Gesammtheit heranzuziehen. Deshalb ist das 
römische Pachtrecht, auch wie es zwischen Privaten gilt, von an- 
scheinend besonderer Milde und gewährt dem Pächter wichtigen 
Schutz. 1 ) Der Verpächter haftet ihm für sein Interesse, das Pacht- 
stück inne zu haben, also auch dafür, dass er es ihm nicht durch 
Veräusserung entwindet. Der Verpächter muss dasselbe, soweit nichts 
anderes verabredet ist, seinerseits selbst in gutem, brauchbarem Zu- 
stande erhalten und die darauf haftenden Lasten tragen, auch hat 
er Nachlass am Pachtgelde zu gewähren, falls der Fruchtgewinn 
durch aussergewöhnliche Unglücksfälle erheblich geschmälert ist. Der 
Pächter kann das Grundstück auf seine eigene Gefahr ohne Ein- 
willigung des Verpächters weiter verpachten. Er zahlt seine Pacht 
erst nach gemachtem Gebrauch oder nach Ablauf der festgestellten 
Zeit. Sein Pachtrecht verfällt ausser nach Ablauf der Pachtzeit nur, 
wenn er das Pachtstück ersichtlich missbraucht oder mit der Pacht 
zwei Jahr im Rückstand bleibt. Der Tod der Parteien hat auf die 
Pacht keinen Einfluss. Ist über die Beendigung derselben nichts verab- 
redet, so ist sie, sofern dem Censor gegenüber nicht das 5jährige 
Lustrum Voraussetzung bleibt, Jahrespacht, aber der Pächter kann 
Mangels des Widerspruchs die Pacht fortsetzen, und das Verhältniss 
unterliegt dann einer ortsüblichen Kündigungsfrist. 

Diese Bestimmungen sind allerdings dadurch wesentlich zu Un- 
gunsten des Pächters beeinträchtigt, dass der römische Prozess keine 
Klage auf die Sache, also in diesem Falle auf den Pachtbesitz kennt, 
sondern nur das in Geld auszudrückende Interesse zuspricht. Der 
Eigenthümer kann also den Pächter unter allen Verhältnissen ent- 
fernen und sein Pachtland zurücknehmen, wenn er nicht zu be- 



') Windscheidt, Lehrb. des Pandektenrechts §§ 399 rt'. 



Possessoren, Kolonen und Beneflziaten. 351 

fürchten braucht, dass derselbe mächtig und ausdauernd genug ist, 
eine Klage auf erheblichen Schadenersatz anzustellen und damit 
durchzudringen. Uebcrdies fehlt dem Pächter Dritten gegenüber jede 
Rechtshülfe, selbst gegen gewaltsame Vertreibung, soweit dieselbe 
nicht lediglich polizeilich zu erlangen ist. 

Diese Nachtheile waren indess dem Staate gegenüber von ge- 
ringer Bedeutung. Die Staatspacht aber kam von jeher hauptsächlich in 
Betracht, und die in den Provinzen häufige Pacht kaiserlicher 
Domainengüter stand der Staatspacht gleich. Die o. S. 294 ange- 
führten Aeusserungen Hygins erweisen, dass zu seiner Zeit das 
Staatsland in vielen Provinzen in grosser Ausdehnung an Klein- 
besitzer von bäuerlichem Charakter ausgegeben war. Denn seine 
Vorschläge und Forderungen, diese Pachtländereien limitirt aufzu- 
messen und den Pächtern nach Strigae und Scamna in bestimmter 
Abgrenzung zu überweisen, beabsichtigten (Lachm. I, 206) ausdrücklich 
limites transversi zu ziehen, inter quos bina scamna et singulae 
strigae interveniunt , und ebenso limites prorsi, inter quos scamna 
quatuor et quatuor strigae cluduntur. Sei es nun, dass er, wie 
Weber a. a. 0. S. 22 zeigt, Centimen zu 20 und 24 actus oder zu 20 und 
30 actus, also 240 oder 300 jugera, zu Grunde legt, immer wird die 
Centime in 2 scamna und 1 striga zu je 80 oder 100 jugera ge- 
theilt. Diese Theile hätten keinen Sinn, wenn sie nicht besondere 
Pachtgüter bilden sollten. Vergleicht man damit, dass das für den 
gemeinen Legionsveteranen übliche Maass Vs der Centime von 200 
jugera oder 66 2 /3 jugera war, welches nur in seltenen Fällen erheblich, 
aber selbst ausnahmsweise in Emerita nicht über 400 jugera, er- 
höht worden ist, so bestätigt sich, dass Pachtstücke in Frage stehen, 
auf welchen der Pächter durch seine und seiner Angehörigen eigene 
Arbeit seinen Unterhalt finden konnte; aber nicht in der Lage war, 
sich durch den Landbau wesentlich über ein bäuerliches Dasein zu 
erheben. 

An Oertlichkeiten , in denen ein solcher Pachtbesitz bestanden 
haben kann, ist uns keine andere hinreichend bestimmt bezeichnet, 
als die der agri decumates, auf welche Tacitus (c. 29) mit den Worten 
hinweist: Non numeraverim inter Germaniae populos, quamquam 
trans Rhenum Danubiumque consederint, eos, qui decumates agros 
exercent. Levissimus quisque Gallorum et inopia audax dubiae 
possessonis solum occupavere, mox limite acto promotisque praesidiis 
sinus imperii et pars provinciae habentur. Es kann nach der Orts- 
bestimmung kein Zweifel sein, dass diese Ländereien zwischen dem 



H.VJ IV. (j. Recht und Betrieb der Pächter, 

Rhein und dem Remsthale in der fruchtbaren Ebene des mittlen 
Neckars Lagen. Die nördlich und südlich anstossenden Gebirgs- 
gegenden konnten Ansiedler aus Gallien nicht anziehen. Die Land- 
schaft zwischen Schwarzwald und Odenwald aber war nach dem Ab- 
züge der Markomannen frei geworden. Dass sie Pachtland, ager 
vectigalis, wurde, spricht die Bezeichnung agri decumates aus. 

Von diesen Besitzungen sind uns Spuren erhalten. Allerdings 
kein Wegenetz, welches auf eine limitirte Anweisung deutete. Diese 
würde auch Tacitus' Auffassung nicht entsprechen. Wohl aber die 
Reste einer grossen Anzahl ländlicher Höfe, von denen nähere Nach- 
forschungen wahrscheinlich noch sehr viele aufdecken könnten. Diese 
Reste und die über ihre Untersuchung erstatteten sachkundigen Be- 
richte sind in der Anlage 32 näher behandelt. Die ausgegrabenen 
Mauern mit den erhaltenen Räumen von Kellern und Hypokausten 
und den im Schutt gefundenen Baustücken von Fussböden und 
Stückwänden sowie von Säulen, Widerlagern, Dachziegeln und Thür- 
steinen genügen, um die Beschaffenheit der Bauten hinreichend be- 
urtheilen und im Wesentlichen die Gebäude und übrigen Einrich- 
tungen ganzer Hofstellen rekonstruiren zu können. Das in dieser 
Weise von Herrn Bauinspektor J. Na eher hergestellte Bild eines 
Hofes in Hagenschieswald bei Pforzheim giebt Fig. 47 wieder. Es 
zeigt die übereinstimmenden Züge aller dieser Anlagen. Eine über- 
mannshohe Mauer umschloss einen Raum von 1 bis 3 oder 4, wie 
es scheint, sogar bis 7 ha. In demselben wurden nicht weniger als 5 
und nicht über 13, in der Regel 8 bis 10, einzelstehende Gebäude vorge- 
funden. Unter ihnen stand, stets in freier, beherrschender Lage mit der 
Aussicht in die Thalsenkung und vor dem Hauptwinde geschützt, das 
Wohnhaus. Sein Innres enthielt ein geräumiges Atrium mit einer 
Halle und war durch ein Vestibulum zugänglich. Auf beiden Seiten 
des letzteren lagen durch Hypokausten geheizte Wohnräume, ein 
Speisezimmer mit absisartig hervortretender Nische, Schlafräume, 
Küche, Keller und einige Vorrathsgelasse. Alle Wände, auch die 
der bescheidensten Gemächer waren gemalt. Häufig sind auf rothem 
Grunde Linien, Arabesken, Blumen oder architektonische Zeichnungen 
aufgetragen. Die Fussböden waren nur ausnahmsweise durch einfaches 
Mosaik, meist aber mit Plattensteinen oder geschliffenem Estrich 
bedeckt. Zu den übrigen Gebäuden gehörten in der Regel ein 
wohl eingerichtetes heizbares Bad, ein Wirthschaftshaus für die Auf- 
seher und die Sklaven, ein Speicher und Ställe für verschiedene 
Nutzthiere. Alles dies wirft ein günstiges Licht auf die Lebenslage 



Possessoren, Kolonen und Benefiziaten. 



353 



des Besitzers, zeigt aber auch, dass sein Wirthschaftsbetrieb nicht 
auf den von der Hofmauer umschlossenen Raum, selbst wenn er 
mehr als 4 ha Flüche hat, beschränkt gewesen sein kann. Vielmehr 
sind Wohngelasse, Wirthschaftsräume und Ställe für so viele Arbeiter 
und Nutzviehstücke vorhanden, dass die obengedachte Fläche von 
100 jugera eher klein als gross erscheint, und vielleicht häutig das 
Hoppelte betrug. Näheren Anhalt gewährt Anlage 33. Sie zeigt, dass 
auf der in sehr fruchtbarer und ebener Gegend, 1 Meile südöstlich von 
Ludwigsburg und dem Hohenasperg, ziemlich in der Mitte des 
Dekumatengebietes belegenen Feldflur von Münchingen, die Ruinen 
von sieben derartigen Villen aufgefunden sind. Die Flur umfasst 



lost: *S» ^Sfe *\ r> ML^A-^ -^^^h-^tik 













^Mffiir'^ 



Fig. 47. Römischer Bauernhof im Dekumatenlande. 

680 ha. Einige der Villen liegen der heutigen Flurgrenze sehr nahe, 
ihr Besitz wird also über dieselbe hinausgereicht haben. Vier 
von ihnen aber sind in der Nähe des Dorfes so gedrängt neben 
einander belegen, dass im römischen Sinne geschlossene Besitzungen 
von mehr als 100 jugera nicht füglich jede derselben umgeben haben 
können. Auf der Flur von Friedberg Anlage 34 sind die Reste von 
vier Villen ähnlicher Art bekannt. Zahlreiche andere sind über die 
Nachbarschaft zerstreut aufgefunden. Sie lagen im Schutze des be- 
deutenden, bis heut in seinen Mauern erhaltenen Kastells von Fried- 
berg, welches wahrscheinlich das vom älteren Drusus in monte Tauno 
angelegte Arataunon ist. Diese Villen scheinen jede ungefähr eine 



Meitzen, Siedelung etc. I. 



33 



; , I IV. 6. Rechi und Betrieb der Pächter, 

Centurie eingenommen su haben. Von ihnen allen ist nicht zu bei 
zweifeln, dass ßie schon zur Zeit Marc Antons oder bald nachher 
Ruinen wurden. Andererseits Lässt sieh wenigstens von den Baulich* 

keiten im Neckargebiete nicht anneinnen, dass sie so, wie wir sie vor- 
gefunden hahen, vod den armen, gallischen Auswanderern und Flücht- 
lingen, welche Tacitus erwähnt, errichtet worden seien. Die Wohn 
gebäude in Gallien zur Zeit des Cäsar und Augustus sind o. S. 226 
näher besprochen. Dort sind Grundrisse von Gebäuden in Bibracte 
wieder gegeben, deren Zerstörung auf Cäsars Zeit zurückgeführt wird. 1 ) 
Anlage :i'2 enthält auch den Grundriss einer der canabae hei der 
Salburg und bei Domitian's Villa. Mit diesen Baulichkeiten verglichen, 
sind die Villen in Württemberg sehr viel reicher, obgleich sie als 
einlache, nur auf das Nothwendigc beschränkte Heiniwesen erscheinen. 
Doch tragen sie in jeder Beziehung so völlig römisch-italischen Typus, 
dass sie mit vollem Recht Römern zugeschrieben werden müssen, 
welche nach Feststellung des Limes in der Zeit des Tiberius oder 
Domitian diese nach Boden und Lage günstigen Ländereien an sich 
brachten, und sie während der Blüthezeit Baden-Badens, des Lieb- 
lingsaufenthaltes Caracallas, über 100 Jahre in Ruhe besessen haben 
können. 

Solche Bauernschaften vermochten allerdings ihre Selbstständig- 
keit auch General] »ächtern ihrer Zehntleistungen gegenüber zu wahren; 
überdies gieht der Naturalzehnt wenig Veranlassung zu Schuldresten. 
Den wohlhabenden Bauernschaften werden auch die vectigalpflichtigen 
Militärkolonien gleichgestanden hahen. Während aber die letzteren, 
soweit sie nach S. 329 bekannt sind, in der nächsten Umgebung fester 
Städte mit starken Garnisonen angelegt waren, und deshalb noch 
längere Zeit hinreichende Sicherung gegen die Einfälle der Barbaren 
gefunden haben mögen, waren die im offenen Lande verbreiteten 
Wirtschaften der Pachtbauern den Plünderungen schutzlos Preis ge- 
geben. Die mittle Donau und Save, der Oberrhein und Niederrhein und 
bald auch alle atlantischen Strommündungen waren die Einbruchs- 
thore, durch welche sich die in Sieg wie Flucht gleich verwüstenden, 
in kurzer Zeit wiederkehrenden Raubzüge tief ins Innere des Landes, 
häufig bis nach Oberitalien erstreckten. Damit war der Bestand 
wohlhabender Bauernschaften untergraben. Die Bemittelteren zogen 
in die festen Städte, der Rest verarmte und verschwand unter der 
Masse der abhängigen ländlichen Bevölkerung, welche als Hinter- 



Xapuleoii III., Geschichte Caesars, 2. 66. 



Possessoren, Kolonen and Benefiziaten. 355 

sassen und Arbeiter der Grossgrundbesitzer die freien Eigenthümer 
and Pächter schon früh an Zahl weit überwogen haben muss. — 
Der Grossgrundbesitz ging im ager* publicus der Grosspacht 

lange voraus. Wie sieh die Patrizier über diese Besitzergreifungen 
auseinander gesetzt haben, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich hielten 
die Kosten der Beschaffung von Sklaven und Vieh und die Aus- 
rüstung und Erhaltung von Klienten und Verwaltern dem Nutzen 
so weit das Gleichgewicht, um nur den Reichen anzuziehen. Dass 
Viehzucht den Hauptbetrieb bildete, ergehen die licinischen Gesetze. 
Die Lex Thoria (o. S. 334) aber zeigt, dass dahei wenigstens zu ihrer 
Zeit nicht mehr an gemeinsame Weidenutzungen zu denken ist, 
sondern dass die einzelnen Possessionen gegen einander abgegrenzt 
waren. Denselben Charakter müssen die für die neueren Erwerbungen 
allgemein durchgeführten Verpachtungen Seitens des Censors getragen 
halten. Alle Verpachtungen konnten nur für bestimmt begrenzte 
Grundstücke und an bestimmte Personen oder Sozietäten stattfinden. 

Diese Sozietäten kennt Cato, der 149 v. Gh., 85 Jahr alt, starb, 
schon in althergebrachter Uehung. Ihr Entstehen erklärt sich am natür- 
lichsten aus der immerhin nur geringen Morgenzahl der praedia qui- 
ritisehen Grundeigens, mit welcher die einzelnen Patrizier dem Cen- 
sor für Pachten Bürgschaft zu leisten vermochten. Später mögen 
auch Ue hereinkommen sich gegenseitig nicht zu überbieten, und die 
Vertheilung des Geschäfts -Risikos bestimmend geworden sein. Die 
Socii schössen im Sinne der modernen Aktiengesellschaft Geld auf 
gemeinschaftlichen, pro rata berechneten Gewinn und Verlust zu- 
sammen und zogen daraus erheblichen Nutzen 1 ). Zu eigener Wirt- 
schaft aber waren die Verbände nicht geeignet. Sie werden im Wesent- 
lichen nur vorhandene Pächter oder Zinspflichtige , seien es Land- 
bauer oder Hirten, durch Grosspacht ihrer Zehnten und Zinsen über- 
nommen, oder selbst solche Hintersassen angesetzt haben. 

Die Schriftsteller der Landwirthschaftskunde von Cato bis Palladius 
gehen keine andere Weisungen als solche für den einzelnen Guts- 
herren, der als politisch beschäftigter Staatsmann von seinem Land- 
besitz entfernt lebend gedacht ist. Er wird belehrt, wie er von seinen 
Landgütern den grössten Nutzen ziehen kann. Dabei ergeben sich 
nach den Perioden, in denen diese Schriftsteller geschrieben haben, 
die Eigentümlichkeiten des landwirtschaftlichen Betriebes auf 
den grossen Besitzungen. 

') Niebuhr, Rom. Gesch., 2. Aufl., Th. II, S. 185. 785. Liv. VI. 34, Dio Cass. 
Fragm. XXXI, Dionys. IL 7. Varro I. 2, § 9. 

23* 



356 



IV. 6. Recht und Betrieb der Pachter, 



Die ländlichen Zustände der älteren Zeit bis auf Tiberius 
charakterisiren Cato, Varro, der 116 bis 28 v. Ch. lebte, und Vitruv, 
dessen Sebrii'l de architectura um das Jahr 13 v. Ch. geschrieben ist und 
sich auch auf die landwirtschaftlichen Anlagen erstreckt. Die durch- 
aus auf die Praxis ihrer Zeit gerichteten Rathschläge dieser Männer 
gehen übereinstimmend von sehr grossem Landbesitz in den Händen 
Einzelner und davon aus, dass derselbe im Wesentlichen durch 
Sklaven zu bewirtschaften ist. Als die hauptsächlichste Form des 
Betriebes erscheint bei ihnen che villa rustica, von etwa 200 jugera 
Flüche, im modernen Sinne ein Vorwerk, welches von einem be- 
währten Sklaven, dem villicus, geleitet wird, dem in der Regel neun 
andere Sklaven als Arbeiter untergeben sind. Der villicus ist mit 
der villica verheirathet , welcher die Pflichten der Aufsicht über die 
weiblichen Arbeiter obliegen. Ihm ist auch ein peculium gestattet. 
Die übrigen Sklaven stehen in strenger Knechtschaft ohne eheliches 
Zusammenleben, wohl aber wird die Erzeugung von Kindern bei den 
Sklavinnen, als dem Herren vortheilhaft, begünstigt. Von dieser villa 
rustica giebt Vitruvs Plan (Buch VI, c. 6) folgendes nähere Bild: 



""""" rmrtJl 




S 



Fig. 48. Villa rustica des Vitruv. 
a ist die Wohnung des villicus, darunter der Weinkeller und das 
ergastulum, das Gefängniss für die Sklaven; b ist die Küche; c die 
Wohnung der Sklaven; d das Bad und darüber der, Apotheke ge- 
nannte, Lagerraum für Vorräthe, Utensilien, Wein, Oel u. dgl. ; e der 
Ochsenstall; f der Hofraum, in welchem leichte Ställe für Pferde und 
anderes Vieh und Feimen oder Scheunen für Getreide stehen, und 
das Federvieh gehalten wird ; bei g sind die Durchgänge. Die Woh- 
nung des villicus ist nach Süden orientirt. Vitruv rechnet für 200 
jugera 3 Joch Ochsen, 3 Ochsenknechte und 6 Arbeiter, servi, und 
spricht ausser von dem villicus noch von einem actor, Rechnungs- 
führer, und von operum magistri, Aufsehern, welche zu der Gesammt- 
leitung des Latifundiums gehören, und die Vermittler zwischen dem 
villicus und dem Gutsherrn sind. Letzterer, der in der Stadt oder 
auf einem entfernten luxuriösen Landhause, einer villa urbana, lebt, 
wird ermahnt, wenigstens von Zeit zu Zeit einmal nach seinem Be- 



Possessoren, Kolonen und Bonefiziaten. 357 

sitze zu sehen und durch hartes Auftreten den Sklaven zu iinponiren, 
jedenfalls denselben so wenig als möglich nachzugeben oder zu be- 
willigen, da sie alles Nothwendige ohnedies durch Betrug und Dieb- 
stahl zu erlangen wissen würden. Losgekaufte Verbrecher, welche 
in Fesseln arbeiten mussten, werden für billigere und bessere Arbeiter 
erachtet als gewöhnliche Sklaven, und auch für letztere wird als 
zweckmässig empfohlen, sie von Zeit zu Zeit zu strafen und in das 
Ergastulum zu sperren, damit sie nicht übermüthig und unzufrieden 
würden. Als Grundsatz gilt, dass nicht mehr Sklaven, als stets be- 
schäftigt werden können, in der Wirthschaft gehalten werden; für 
Einbringung der Ernte und sonst eintretende Bedürfnisse sollen 
fremde Lohnarbeiter angenommen werden. Der Anbau erscheint 
schon bei Cato und ebenso bei Varro nur so weit auf Getreide ge- 
richtet, als der eigene Bedarf der Sklaven und Arbeiter des Guts- 
betriebes erfordert. Verkaufsgegenstände sind, abgesehen von Vieh 
und unbrauchbar gewordenen Sklaven und Geräthen, nur Wein und 
Oel. 1 ) Letztere erscheinen durchweg als die Hauptanbaufrüchte. 

Diese Schilderung der grossen Güter enthält das bestimmte 
Zeugniss, dass der Betrieb noch Eigen wirthschaft mit dem Zwecke 
möglichst hohen Ertrages war. Die ungeheuren Reichthümer, die 
bei der Eroberung und Verwaltung der Provinzen und in Pacht- und 
Handelsgeschäften gewonnen wurden, drängten dazu, ebenso wie Viele 
Geld in Sklaven anlegten, es namentlich auch durch Ankauf von Grund 
und Boden zu verwerthen. Dabei aber war ersichtlich nicht der 
Gedanke einer Herrschaft über Land und Leute bestimmend, sondern 
der landvvirthschaftliche Erwerb. Es wurden Ländereien aller Art 
und wahrscheinlich auch Bauerngüter aufgekauft, aber nicht Bauern. 
Im Gegentheil, der bessere Ertrag der Wirthschaft wurde davon er- 
wartet, dass nur die zu den laufenden Arbeiten nothwendigsten 
Sklaven auf dem Gute gehalten würden, alle zeitweisen Arbeiten aber 
möglichst von freien nur vorübergehend angenommenen Tagelöhnern 
besorgt werden sollten. Dass diese überall als unangesessene Leute 
aus den Städten in genügender Zahl zu erlangen gewesen sein sollten, 
ist nicht anzunehmen. Sie mussten Landarbeit verstehen. Es ist 
also nur an einen noch ziemlich zahlreichen und weit verbeiteten 
Bestand selbstständiger kleiner ländlicher Stellenbesitzer zu denken. 

Der Wirthschaftsbetrieb selbst wurde vom Gutseigenthümer auf 
eigene Rechnung geführt. Aber das Gutsareal zerfiel in eine Masse 



') Vergl. Näheres bei Weber a. a. 0. S. 225 ft". 



358 IV- 6- Recht und Betrieb der Pächter, 

einzelner Ilüi'e, welche nicht grösser, als das Muster der grössten 
Fundi (o. S. 255) waren, und unter besonderen Verwaltern standen. 

Es giebt allerdings auch Andeutungen von viel grösseren Betriebs- 
einheiten, die sieb indess auf Provinzialland beziehen. Schon aus 
Ciceros Verrinischen Reden wissen wir, dass in Sicilien Grosspächter 
öffentlicher Ländereien zweckmässig fanden, bedeutende Massen In- 
ventar, Sklaven, Vieh, Geräthe und Saatgetreide zu beschaffen und 
damit aus eigener Hand die gepachteten Ländereien zu bewirtschaften. 
Eine ähnliche Wirthschaft mit massenhaften Gespannen und Arbeits- 
kräften muss auf den sogenannten Hochäckern zwischen Isar und 
Lech geführt worden sein. Sie bilden den merkwürdigen Rest einer 
den Römern zuzuschreibenden Eigenwirtschaft vom grössten Umfange, 
welchen Anlage 35 wiedergiebt. Sie zeigt in weitem Zusammenbange 
Ackerungen breiter und bober Beete in den unfruchtbaren, ebenen, 
mit Sand, Lette und Geschieben gefüllten Flussbetten der zur Donau 
abmessenden Alpengewässer. Diese breiten Bruchländereien lassen 
sieb bis zur Karolingerzeit zurück als öde, von Wald und Haide 
bedeckte Domainenreviere nachweisen und sind weder von der deutschen 
noch von der keltischen Besiedelung in Anspruch genommen worden. 
Anlage 35 weist nach, dass dieser ausgedehnte, schwerlich lohnende 
Anbau am wahrscheinlichsten der ersten Zeit der Eroberung des 
rhätischen Galliens durch Tiberius und Drusus zuzuschreiben ist. 

Indess dürfte solcher wirklicher Grossbetrieb nur unter beson- 
deren Umständen als vortheilbaft gegolten haben. Er konnte nur 
auf ausgedehnten Getreidebau gerichtet werden. Dieser aber war, 
wenigstens in Italien, welches die älteren Schriften über das Agrar- 
wesen fast ausschliesslich im Auge haben, der auswärtigen Zufuhr 
wegen nicht mehr zweckmässig. Die lange Küstenentwickelung machte 
Italien dem vortrefflichen Getreide Aegyptens und des übrigen 
Nordafrikas, sowie Siciliens und der Narbonnensischen Provinz überall 
leicht zugänglich. Auf ziemlich weite Umgebung von Rom aber 
schloss die amtliche Versorgung der Stadt mit ausländischem Getreide 
einen lohnenden Markt in derselben für inländisches aus. 

Mit dem übermässigen Reichthum Roms wuchs auch das städtische 
Proletariat in immer steigendem, bedrohliebem Verhältnisse an. Die 
Aedilen sorgten deshalb nicht allein durch verschiedene begünstigend» 1 
Massregeln stetig für die zur See am leichtesten zu sichernde Zufuhr, 
sondern sie hielten dabei auch die Preise möglichst niedrig. Die 
Largitionen einzelner Beamten, besonders aber die seit den Graceben 
wiederholten legee frumentariae leiteten ein von den Triumviren und 



ßossessoren, Kolonen und ßenefiziaten. 359 

den Kaisern /.war eingeschränktes, aber gleichwoh] mit grossen Opfern 
fortdauerndes System von Schenkungen an die niedere Bevölkerung 
der Stadt ein, welches den Absatz italienischen Getreides nach Rom 
im Wesentlichen ausschloss. Dieser Ausfall in der Nutzung der Lati- 
fundien wurde so sein' anerkannt, das- schon 11 v. Ch. den neu 
erworbenen gallischen Provinzen die Ausfuhr von Wein und Oel ver- 
boten wurde. Es lässt sieh nicht bezweifeln, dass ein massenhafter 
Getreidehandel sich unter diesen Verhältnissen in Italien nicht ent- 
wickeln konnte, und damit auch die Massenproduktion unmöglich war. 

Dabei wird man sich indess sagen müssen, dass hei den Trans- 
portschwierigkeiten lies offenen Landes weite Zufuhren in das Innere 
nur auf den wenigen Wasserstrassen ermöglicht werden konnten, und 
deshalb der Absatz im Kleinen in den zahlreichen, nicht unerheb- 
lichen Hauptorten der Civitates den gewöhnlichen Landwirtschaften 
immerhin hinreichenden Nutzen gewährt halten mag. Auch wird in 
manchen Gregenden das Bedürfnis der annona für die Truppen nicht 
unerhebliche Lieferungen gefordert haben. 

Sein- gut aber erklären sich aus der Sachlage zwei Erscheinungen, 
einerseits die häufigen Hinweisungen und Klagen, dass besonders 
seit den Bürgerkriegen ausserordentlich grosser Grundbesitz in wenigen 
Händen vereinigt worden sei, andererseits, dass die Anzeichen der 
Wirthschaftsführung und der Erträge des Landes nicht auf Gross- 
wirthschaft, sondern auf Kleinbetrieb deuten. Die Grossbesitzer, die 
bis zu 20000 Sklaven im Besitz hatten, bewirtschafteten durch die- 
selben nur eine sehr grosse Zahl kleiner villae, aus welchen sie durch 
raffinirte Behandlung der billigen Arbeitskräfte ihre Anlagekapitalien 
verwertheten. 

Die noch im Beginn der Kaiserzeit betriebene Wirtschaftsweise 
der Grossgrundbesitzer, welche wesentlich auf regelmässige, aber 
möglichst sparsame Sklavenarbeit unter aushülfsweiser Heranziehung 
freier Lohnarbeiter begründet war, änderte sich indess, wie Weher 
a. a. O. S. 242 näher ausführt, als sich nach dem Schlüsse der 
germanischen Grenze durch den limes des Tiberius und durch den ein- 
getretenen längeren Frieden ein wesentlich verminderter Zutiuss von 
Sklaven geltend machte. Bis dahin ergaben die steten Kriegszüge 
jährlich grössere oder kleinere Schaaren Gefangener. Seit den letzten 
Kriegen der Republik hatte sieb für sie eine Art kaufmännische 
Intendanz entwickelt, welche die Heere begleitete und den Feldherrn 
*der Schwierigkeit überhob, die Gefangenen zu bewachen und zu er- 
nähren. Es wurde den Unternehmern der Kopf für einen sein- 



3ßO IV. 6. Hecht und Betrieb der Pächter, 

geringen Preis überlassen, und sie machten sich dann für ihre 
Fürsorge ans dem Verkauf bezahlt. Diese Quelle billiger Arbeits- 
kraft versiegte. Schon unter Tiberras war der Ausfall an Sklaven 
so fühlbar, dass die Klagen über Menschenraub auf den öffentlichen 
Strassen allgemein wurden, und der Kaiser sich veranlasst sah, eine 
Kommission niederzusetzen, welche die Ergastula der grossen Güter 
durchsuchen und widerrechtlich Eingesperrte und zu Sklaven Ge- 
machte befreien sollte. Gleichzeitig nahmen die Zustände in Rom, 
am Hofe wie im Staate und im Beamtenleben, einen so widerwärtigen 
und gefährlichen Charakter an, dass sich die besseren Elemente der 
alten Familien aus der Stadt auf ihre Güter zurückzogen. Auch 
mochte Manchen die Beraubung und der Verfall seines Vermögens 
zwingen , sieh der Bewirtschaftung seines Landbesitzes zu widmen, 
wenn er auch in entfernten Gegenden lag. Dieser Zeit gehört Fron- 
tins Bemerkung (Lachm. 53) an: Frequenter in provinciis habent 
autem in saltibus privati non exiguum populum plebejum et vicos 
circa villam in modum munitionum. Saltus hatte bereits die Bedeu- 
tung einer ausgedehnten Rodung erhalten. — 

Columella (I. 7) erwähnt nun zum erstenmal, aber als etwas durch- 
aus selbstverständliches, dass auf den Latifundien Kolon en angesetzt 
seien. Allerdings sagt er auch I. 9, dass die Wirthschaft von je 10 
zum Betriebe eines Gutsabschnittes vereinigten Arbeitern die übliche 
geblieben sei. Classes etiam non majores, quam denum hominum 
faciendas, quas Decurias appellaverunt, antiqui et maxime probaverunt. 
Ein Fragmentum jur. rom. vatican. (Huschke, S. 774) ergiebt näher, 
dass man ein derartiges Stück Land zur besonderen Bewirtschaftung 
und eine solche Dekurie von Sklaven vorzugsweise Freigelassenen 
zuzuweisen pflegte. Der Vertrauensbruch eines solchen als selbst- 
ständiger Wirthschafter angesetzten libertus wurde durch die Er- 
niedrigung desselben in die frühere Sklavenstellung und durch die 
Rücknahme der 10 Sklaven auf das Herrengut bestraft. Da nun schon 
Varro solche Freigelassene kennt und die Frage erörtert, ob es an- 
gemessener sei, die Wirthschaft mit Sklaven, mit Freigelassenen oder 
mit beiden zu betreiben, der Kolonen aber nicht erwähnt, muss ihm 
die Wirthschaft des Herren mit Kolonen noch unbekannt gewesen sein. 
Diese inzwischen eingetretene Veränderung im Betrieb der grossen 
Landbesitzungen spricht sich auch in des Tacitus, des Zeitgenossen 
Columella's, Aeusserung, Germ. 25, aus, in der das Kolonat bereits 
als eine ganz verbreitete Form der Wirthschaft behandelt ist. Colu-" 
mella stellt die Kolonen den Servi gegenüber und meint (I. 7), es 



Possessoren, Kolonen und Benefiziaten. 361 

wäre angenehmer mit Kolonen zu thun zu haben, und es sei leichter 
Arbeit als Zahlungen von ihnen zu bekommen. Sie würden eher um 
Nachlass der letzteren als der ersteren bitten. Insbesondere Hessen 
sich entfernte Grundstücke, wo Korn angebaut werde, mit geringerer 
Mühe durch freie Kolonen bewirtschaften als durch Sklaven unter 
einem villicus. Sklaven seien träge und unehrlich, vernachlässigten 
das Vieh und vergeudeten den Ertrag. Die am Ertrage Antheil 
habenden Kolonen dagegen besässcn das gleiche Interesse wie der 
Gutsherr. Die besten Kolonen aber seien die auf dem Gute ge- 
borenen und durch ererbte Bande an das Gut geknüpften. 

Damit ist die weitere und bei Weitem wichtigste Form des Be- 
triebes berührt, welche das römische Agrarwesen in den Provinzen 
annahm, das Kolonat. Ursprünglich waren die Kolonen Freie aus 
verschiedenen Lebenslagen, welche fremdes Land bebauten. Der 
Colonus des alten römischen Rechts erscheint lediglich als ein freier 
Pächter. Die Stelle des Columella aber beweist hinreichend, dass es 
auf den grossen Gütern Pächterfamilien gegeben haben muss, die 
vielleicht aus Freigelassenen oder Verarmten hervorgegangen, an eine 
Veränderung ihrer jedenfalls recht bescheidenen Lage gar nicht 
dachten oder denken konnten. Wenn er solche Kolonen als durch 
ererbte Bande an das Gut gefesselt bezeichnet, so muss dies Ver- 
hältniss bereits ein herkömmliches und häutiges gewesen sein. Sie 
erscheinen schon weniger zur Zahlung von Pachtzins als zur Abgabe 
von Ernteantheilen und dabei zu Arbeiten auf dem Herrengute ver- 
pflichtet. Tacitus erwähnt, Germ. 25, zwar solcher Arbeiten nicht, 
sieht aber auch seinerseits in dem Kolonen nicht mehr den freien 
Pächter, wenn er von dem deutschen Sklaven sagt: Jeder von ihnen 
waltet in eigener Wohnung am eigenen Heerde, der Herr legt ihm, 
wie einem Kolonen, eine Abgabe an Getreide, Vieh oder Kleider- 
stoff auf, weiter geht die Unterthänigkeit nicht. 

In diese Verhältnisse hat nun Mommsen durch seine Deutung 
des in Afrika aufgefundenen agrarischen Gedenksteins, des Saltus 
Burunitanus, neues Licht gebracht. 1 ) Die Inschrift dieses Steines ent- 
hält ein Gesuch zahlreicher Kolonen einer kaiserlichen Domaine, 
welche cives romani sind. Aus ihrer Bitte geht hervor, dass sie 
unter Conductoren stehen, denen sie Abgaben verschiedener Art und 
jährlich 6 Frohntage auf dem Pachtgute des Conductors zu leisten 
haben, nämlich 2 aratorii, 2 sartorii und 2 messarii dies. Die Con- 



J ) Mommsen, Dekret des Commodus etc. (in Hermes XV, 390). 



362 IV. <;. Recht und Betrieb der Pächter, 



ductores haben diese Leistungen erhöheu wollen, und als die Kolonen 
sich geweigert, sind sie gezwungen und geschlagen worden. Sie haben 
sich deshalb an den Prokurator der Domaine, welcher deren Ver- 
pachtung zu beaufsichtigen hat, klagend gewendet, sind aber von 
demselben abgewiesen worden. -letzt gehen sie an die Gnade des Kaisers 
und bitten diesen um Abhülfe. Die Antwort besteht in einem Marginal- 
dekret des Kaisers, welches der Inschrift beigefügt ist. Es besagt, 
dass die Lasten dieselben bleiben sollten, wie sie unter seinem Vater 
festgesetzt seien. Dies erweist, wie Mommsen erläutert, dass den 
Kolonen, obwohl sie freie Bürger, nicht allein Frohndienste auferlegt 
waren, sondern dass sie auch wegen ihrer Kolonatsverhältnisse den 
ordentlichen Richter nicht angehen durften. An dessen Stelle hatte 
vielmehr der Prokurator zu eidscheiden, gegen dessen Bestimmung nur 
die Gnade des Kaisers angerufen werden konnte. Darin liegt zunächst, 
wie Weher a. a. 0. S. 253 im weitern Zusammenhange nachgewiesen 
hat, die Bestätigung der o. S. 338 erwähnten Stellung solcher Do- 
mainen- und Staatsländereien ausserhalb der Civitates. Ihr Inhaber, 
sei es der Kaiser seihst, oder ein Possessor, der vom Kaiser oder 
vom Staate gepachtet oder erworben hatte, war dadurch gezwungen, 
für die Verwaltung der niederen Gerichtsbarkeit und der Polizei 
selbst Sorge zu tragen. Damit aber brachte er seine Hintersassen, 
auch wenn sie ursprünglich freie Eigenthümer von ager privatus 
vectigalis waren, um so leichter und zweifelloser in eine hofrechtliche 
Stellung, weil er für sie die Steuern zu vertreten und vorzuschiessen 
hatte. Auch dem Gemeinderechte nach gehörten die Insassen dem 
Orte der Geburt an, und der Staat hatte sogar der Steuern wegen 
Interesse, sie örtlich zu binden. Die thatsächliche Abhängigkeit des 
auf der Besitzung geborenen und pachtweise wirtschaftenden Kolonen 
war damit ohne Weiteres gegeben. Die Frohndienste, zu welchen 
sich die Kolonen des Saltus Burunitanus für Ackerbestellung, Ernte- 
schnitt und für Jäten oder Behacken verpflichtet anerkennen, hängen 
nicht mit dvn allgemein bestehenden sordida munera zusammen. Sie 
zeigen vielmehr, dass auch die Conductores selbst auf herrschaftlichen 
Länderen gesessen haben müssen, welche mit diesen Diensten zu be- 
stellen waren. Nach den o. S. 276 angegebenen Verhältnissen würden 
zur Ackerbestellung 1 jügerums mindestens 4 Tage Gespannarbeit, 
auf jedes zu ackernde jugerum also 2 Kolonen zurechnen sein. Ein 
herrschaftliches Gut von 200jugera würde somit 200 Kolonen erfordert 
haben. Da jeder dieser Kolonen, um Gespann halten zu können, 
durchschnittlich 30 jugera bedurfte, hätten 6000 jugera Kolonenland 



Possessoren, Kolonen and Benefiziaten. 363 

dazugehört, am ein Herrengut von 200 jngera zu bewirthschaften. Das 
berechtigte Vorwerk würde also kaum hingereicht haben, um den 
für Aufsicht und Rechnungswesen bei 200 (Colonen aöthigen Beamten 
Unterkunft zu gewähren« Cndess ist nicht ohne Grund anzunehmen, 
dass die Kolonen auf dem kaiserlichen Saltus Burunitanus als freie 
Bürger, welche vielleicht noch mit den alten afrikanischen Land- 
verleihungen in Beziehung standen, besonders gut gestellt und gering 
belastet waren. Weniger freie, auf verliehenem Lande sitzende Ko- 
lonen hatten wahrscheinlich mehr als nur (> Frolmtage im Jahre zu 
leisten, wie die Mehrforderung der burunitanischen Conductores zu 
bestätigen seheint. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, dass in der 
friedlichen Periode bis zum Marcomannenkriege grosse Eigenwirth- 
schaften fortbestanden haben, welche in der Hauptsache mit Sklaven- 
arbeit betrieben wurden, und durch die starken Frohndienste der 
Kolonen lohnend blieben. Seit den steten Einbrüchen der Barbaren aber 
lassen sieh solche kostspielige Betriebe in den nördlichen Provinzen 
kaum mehr denken. Ohne feste Schlösser, die wir aus der Römer- 
zeit nicht kennen, wären sie nicht zu halten gewesen. Alle, welche 
die Mittel dazu hatten, suchten hinter den Mauern der Städte Sicher- 
heit. Die Kolonen waren an ihren Landbau gebunden, und konnten 
ihre Kleinwirthschaft immer wieder herstellen. Wenn sie auch ver- 
armten, waren sie doch in günstigen friedlichen Jahrgängen im Stande, 
die Zinsforderungen der Actoren für den in der Stadt lebenden 
Possessor zu befriedigen. . 

Diese Umstände mussten sich den Sklaven gegenüber ähnlich 
geltend machen. Auch sie konnten nicht zweckmässiger und leichter auf 
dem Gute beim Landbau festgehalten werden, als durch Zuweisung 
kleiner zinsbarer Wirtschaften. Dann fesselte sie ihr eigenes Interesse 
an solche Grundstücke. Damit wurde ihre persönliche Stellung gehoben, 
während die der Kolonen herabgedrückt schien. Beide kamen durch 
die Verhältnisse in thatsächlich gleiche, bald auch vom Staate aufrecht 
erhaltene abhängige Lage. Dies erweist die spätere Rechtsauffassung, 
welche keinen Unterschied zwischen aus Sklaven hervorgegangenen 
und ursprünglich freien Kolonen mehr sieht. 

Obwohl frühere Vorschriften nicht bekannt sind, enthält der Cod. 
Theod. V Tit. IX. 1 offenbar als selbstverständlichen Ausdruck des 
hergebrachten Rechts eine Constitution Constantins von 332 de 
fugitivis colonis, inquilinis et servis an alle Provinciales, in welcher, 
ohne der lnquilinen und Sklaven weite] - Erwähnung zu thun, ledig- 
lich gesagt ist: Apud qnemeunque colonus juris alieni fuerit inventns, 



364 IV. 6. Recht und Botrieb der Pächter, 

is ikdi solum eiindem origini suae restituat, verum super eodem 
capitationem temporiß agnoscat. Ipsos etiara colonos, qui fugam 
meditantur, in servilem conditionem ferro ligari conveniet, ut officia, 

quae liberis congruunt, merita servilis condemnationis compellantur 
implere. 

Es wird also der Kolone als ein freier, oder mindestens als ein 
Freigelassener vorausgesetzt, und dennoch ist er bei Strafe der 
Sklaverei zur Erfüllung seiner Dienstpflichten bei einem Herrn ver- 
bunden, dem er, wie es scheint, als von Geburt angehörig betrachtet 
wird. Durch ein weiteres Edikt von 386 wird die Verheimlichung 
eines colonus juris alieni mit starken Geldstrafen bedroht (Ebd. 2). 

410 aber zeigt sich in der Const. de inquilinis et eolonis des 
Honorius und Theodosius die glebae adscriptio der Kolonen bereits 
als allgemein gesetzlich. Cod. Theod. Lib. V, Tit. 10, § 1 sagt: Quodsi 
quis (colonus) originarius intra triginta annos de possessione discessit, 
Bive per fugam lapsus, seu sponte, seu sollicitatione traductus, neque 
de ejus conditione dubitatur, eum, contradictione submota, loco, cui 
natus est, cum origine jubemus sine dilatione restitui. Erst nach 
30 Jahren war das Recht der Rückführung verjährt. Der Codex 
Justinian. XI, Tit. 22, 167 gestattet sogar dem Herrn, bei dem 
Tode des Colonus den Sohn desselben, obwohl er zu Lebzeiten seines 
Vaters dem Dominus terrae keine Dienste geleistet hatte und mehr 
als 30 oder 40 Jahre abwesend gewesen war, zur Rückkehr und zur 
Verrichtung der auf dem Grundstücke lastenden Dienste zu zwingen. 
Dagegen enthält derselbe Codex X Tit. 49 1. 1 auch ein Verbot, 
die dem Colonus obliegenden Abgaben willkürlich zu erhöhen. 

Die Sorge der Kaiser und aller Provinzial- und Kommunal - 
Behörden, der Entvölkerung des Landes vorzubeugen und die Zahl 
der Pflichtigen für die immer drückender werdende Steuerlast nicht 
zu schwächen, erklärt diese so wenig im Sinne des römischen Rechtes 
gedachten Vorschriften. 

Eine Vermehrung des Kolonates bildeten auch in den nörd- 
lichen Provinzen die in das Innere des Reiches aufgenommenen 
Barbaren. Auf Kriegs- und Raubzügen hegte die Mehrzahl derselben 
keinen lebhafteren Wunsch, als zu Landbesitz zu gelangen. Wo sich 
eine Schaar festsetzte oder Reste zurückblieben und gefangen wurden, 
konnten sie nicht besser als durch Landzuweisung beruhigt und un- 
schädlich gemacht werden. Im Grosswirthschaftsbetriebe waren diese 
Leute indess schwer zu behandeln. Wenn nicht gefährlich, waren sie 
jedenfalls sachunkundig und störrisch. Das Kolonatsverhältniss da- 



Possessoreq, Kolonen unrl Benefiziaten. 365 

gegen erfüllte alle ihre Wünsche. Zins zu zahlen waren sie bereit, 
die persönliche Rechtslage, in die sie kamen, wurde ihnen schwer- 
lich klar, und erschien kaum drückend. Als Gefangene oder Unter- 
worfene hatten sie auch in der Heimath keinen Anspruch auf Freiheit. 

Die Zahl der in dieser Weise von den Possessores verwendeten 
Alemannen, Chatten und Franken scheint im 3. und 4. Jahrhundert 
erheblich gewesen zu sein. Noch 409 sagt ein Edikt des Honorius und 
Theodosius (Cod. Theod. 5, 4. 3): Scyras barbaram nationem maxi- 
mis Hunnorum, quibus se conjunxerunt, copiis fusis imperio nostro 
subegimus. Ideoque damus omnibus copiam, ex praedieta gente 
hominum agros proprios frequentandi, ita ut omnes sciant suseeptos 
non alio jure, quam colonatus apud se futuros; nullique licere ex 
hoc genere colonorum ab eo, cui semel attributi fuerint, vel fraude 
aliquem abducere, vel fugientem suseipere. — 

Jedoch sind die Barbaren als Kolonen nur vereinzelt oder in 
kleinen Ansiedelungen zu denken. Grosse Massen derselben wurden 
dagegen in geschlossenem Zusammenhange als sogenannte Laeti an- 
gesiedelt. Während die Kolonen aus der Entwickelung der Lati- 
fundien hervorgingen, bildeten die Laeti ein neues wirthschaftliches 
Element. Sie wurden unter besonderen Rechten mit Staatsland be- 
gabt, und können am Besten als Belehnte mit den beneficiati 
zusammengefasst werden. 

Solche Belehnungen mit Land gegen Uebernahme bestimmter 
Verpflichtungen, welche grundsätzlich die Unveräusserlichkeit dieses 
Landbesitzes ohne Einwilligung der beleihenden Staatsgewalt ein- 
schlössen, waren schon dem alten Rom nicht fremd. Es gehören 
zu ihnen die o. S. 316 bei Ostia erwähnten Navicularii. Sie bestanden 
dauernd fort, wie die zahlreichen Vorschriften des Cod. Theod. 13, 
5 und 6 über ihre Verhältnisse und Güter erweisen. In ähnlicher 
Weise wurden die Limitanei auf Land angesetzt. Sie waren Grenz- 
soldaten, welche Constantin errichtete, damit die stehenden Truppen- 
körper das Innere des Landes zu besetzen vermochten, und denen 
er agri limitrophi oder fundi limitrophi zum Anbau anweisen liess. 
Ihnen stehen die Ripenses, die Küstenvertheidiger, und, wie es scheint, 
auch die Burgarii, die bleibenden Garnisonen gewisser Kastelle, gleich. 
(Cod. Theod. VII, 14 und 15.) 

Unter ähnlichen Gesichtspunkten lassen sich die Laeti betrachten. 

Die deutschen Volksstämme in Gallien wurden schon von Caesar 
thatsächlich als Unterworfene betrachtet, indess wie Foederati be- 
handelt und in grosser Zahl als Auxiliarii zum Heeresdienst verwendet, 



366 IY - 6- Redil and Betrieb der Pächter, 

Dazu waren sie stets bereit, so dass eine Verpflichtung festzusetzen 
kaum oöthig erschienen sein wird. Bei der Organisation der gallischen 
und germanischen Provinzen in Civitates wurde die Pflicht der Re- 
krutenstellung allgemein, und die Auxiliaren erhielten den Charakter 
neben den Legionen angeworbener Söldner. Bald nach dem Wieder- 
ausbruch der Kämpfe mit den lange Zeit ruhigen deutschen Stämmen 
jenseits des Limes wird von Marc Anton zum ersten Mal berichtet, 
dass er die Kriegsgefangenen des Markomannenkrieges von der öst- 
lichen Donau unmittelbar nach Britannien zur Einstellung in die 
dortigen Truppen gesendet habe. Diesem Beispiel folgt Probus in sehr 
ausgedehnter Weise. Er füllt die Ducken seiner eigenen Cohorten 
mit den überwundenenen Lygiern, Burgunden, Vandalen, Alemannen 
und Franken. Viele derselben sendet er nach Britannien, grosse 
Massen aber siedelt er auch im Innern an, wie o. S. 330 erwähnt 
ist. allein in Thracien 100 000 Bastarnen. 

Bald nach Probus werden derartig angesiedelte Franken, welche 
Maximian um 288 in die Gebiete der Nervier und Trevirer verpflanzt 
hatte, zum ersten Mal direkt als Laeti bezeichnet. Eumenius sagt 
296 im Panegyr. Constantio Caesari dict. c. 21: Tuo Maximiane 
Auguste nuto Nerviorum et Trevirorum arva jacentia Daetus postli- 
minio restitutus et reeeptus in leges Francus exeoluit. 

Eumenius rühmt auch c. 9, dass die früher von den Bello- 
vaci bewohnte Umgegend von Amiens und Beauvais und die Heimath 
der Tricasser und Lingonen um Troyes und Langres von Franken, 
Chamaven und Friesen bevölkert worden sei, die nun Bebauer der 
von ihnen verwüsteten Felder, und Streiter in den Legionen Roms 
geworden wären. 

Liti oder Dassen heissen zwar bei den deutschen Stämmen solche 
Dandsassen, welche als Unterworfene mit verminderter Freiheit und 
als Zinspflichtige in ihrem alten Grundbesitz belassen worden sind. 
1 >ie Aehnlichkeit des Verhältnisses mit dem der Laeti ist aber so gering, 
dass es sehr zweifelhaft erscheinen muss, ob das deutsche Wort in die 
Bezeichnung Laeti übergegangen sein kann. Gefangene und Unter- 
worfene, welche statt Knechtschaft Land erhielten, das sie erstrebten, 
und die auferlegte Verpflichtung zum Kriegsdienst, die ihre wesent- 
lichste Last wurde, gern übernahmen, konnten von den Römern leicht 
als Laeti bezeichnet werden. Die Befriedigung war offenbar eine 
beiderseitige. Bald traten auch Barbarenschaaren mit ihren Fürsten, 
und ersichtlich im Sinne des Bündnisses, in dieses Verhältniss, wie 
die Stellung des Alemannenfürsten Erocufi in Britannien erweist, 



Possessoren, Kolonen und Benefiziaten. 3()7 

welcher Constantin zum Kaiser ausrief. Auch aus der gefährlichen 

Lage, in welche diese Ansiedler Julian 356 versetzten, erkennt man 
ihre bald gewonnene Bedeutung. Als er nach glücklichen Kämpfen 

gegen, die einfallenden Alemannen den Winter in Sens zubrachte, 
sah er sich dort von den germanischen Laeti so eingeschlossen, dass 
er, wie er sagt, nur praeter spem Liberatus est, und einen Feldzug 
gegen sie unternehmen musste, der erst durch eine siegreiche Schlacht 
bei Lyon endete. 

Dabei blieben die Laeti stets Peregrinen ohne Connubium. Noch 
365 wurde den Römern die Ehe mit ihnen ausdrücklich verboten (Cod. 
Theod. III, 14). Der Laetus Alemannus aber sollte so wenig, als 
der Sarmata vagus und der Filius veterani, wenn er nicht die voll- 
erfüllte Dienstpflicht nachweisen konnte (nach Cod. Theod. VII, 20. 12 
von 400), als Veteran mit Fand oder Sold begabt werden. 

Eine Konstitution Gratians, Valentinians und Theodosius von 
.">N<> (Cod. Theod. III, 20) belehrt andrerseits darüber, dass unter 
den Laeti niilites gewisse optimae turmae aufrecht erhalten wurden, 
in welche bei strenger Strafe und der Pflicht 3 nobiliores tirones für 
einen zu stellen, untersagt war, Sklaven, Kellner, Köche, Müller, 
Missgeformte oder aus den ergastulis Hervorgegangene einzureihen. 

Nach Zosimus (2, 54) stammte sogar der Kaiser Magnentius 350 
von den Laeti. 

Eine Verordnung Valentinians von 3GU (Cod. Theod. lib. VII, c. 20) 
zeigt, dass praepositi laetorum als Civiladministratoren dieser An- 
siedelungen eingeführt worden waren, denn für diese Beamten waren 
eigene Kriegsdienste nicht nothwendige Bedingung. Die Notitia digni- 
tatum lässt durch die Angabe des Sitzes der Praefecten der Laeti 
einen Feberblick zu, welche Ausdehnung noch vor der Theilung des 
Reiches diese militärischen Kolonien gewannen, sie nennt: Praefeetus 
Laetorum Teutoniciarum, Carnunto Senoniae Lugdunensis ; Praefeetus 
Laetorum Batavorum et gentiliuni Suevorum, Bajocas et Constantiae 
Lugdunensis seeuhdae; Praefeetus Laetorum gentilium Suevorum, 
Cenomanos Lugdunensis tertiae ; Praefeetus Laetorum Francorum, 
Redones Lugdunensis tertiae; Praefeetus Laetorum Lingonensium, per 
di versa dispersorum Belgicae primae; Praefeetus Laetorum Actorum, 
Epuso Belgicae primae; Praefeetus Laetorum Nerviorum, Fanomartis 
Belgicae seeundae; Praefeetus Laetorum Batavorum Nemetacensium, 
Atrebatis Belgicae seeundae; Praefeetus Laetorum Batavorum Contra- 
ginensium, Xoviomago Belgicae seeundae; Praefeetus Laetorum gen- 
tilium Remos et Silvanectas Belgicae seeundae; Praefeetus Laetorum 



3(>8 IV. 6. Recht und Betrieb der Pächter, 

Lagensium, prope Timgros Germaniae secundae; Praefectus Laetorum 
gentilium Suevorum, Arvernos Aquitaniae primae. 1 ) 

Die Stationen dieser Praefecten erstrecken sich zwar über einen 
nehr grossen Theil von Gallien, gleichwohl ergiebt sich schon daraus, 
dass keiner dieser Beamten für Britannien genannt ist, deren ausnahms- 
weise Stellung. Sie sind nur da zu denken, wo Grösse und Gefähr- 
lichkeit dieser Ansammlungen waffengeübter Schaaren eine besondere 
Aufmerksamkeit nöthig machte. 

Die Wir th schafts weise aller dieser deutschen Barbaren, so weit 
sie nicht einzeln als Kolonen von römischen Possessoren aufgenommen 
worden waren, sondern in Masse selbstständig auf ihrem Lande sassen, 
kann in den meisten Fällen nur als ihre heimathliche, als die volks- 
mässige, beurtheilt werden. Ihre Festsetzung auf römischen Gebieten 
fällt 200 Jahre später, als die der Vangionen, Nemeter und Triboker, so- 
wie die der Ubier. Sie bringen also die alterprobten Erfahrungen und 
Regeln der deutschen festen Ansiedelung mit in ihre neue Lage, und 
konnten in ihre Besitzungen auch durch römische Agrimensoren nicht be- 
stimmter eingewiesen werden, als durch äussere Abgrenzung des ge- 
wissen Gesammtheiten abgetretenen Landes. Eine spezielle Zuweisung 
würde nicht bloss viel zu lange Zeit in Anspruch genommen haben, 
ehe die Bestellung der Aecker beginnen konnte, sie würde auch Wider- 
spruch und mannigfache Verwickelungen gegenüber den heimischen 
Sitten und der Ausgleichung der gegenseitigen Ansprüche hervor- 
gerufen haben. Die überwiesenen Ländereien, waren, wie Eumenius 
erklärt, verwüstet und öde. Eine solche Laetenkolonie war eine Neu- 
siedelung und bildete, wie andere aus Staatsland erworbene Besitzungen, 
eine von der Civitas exemte Possessio. Sie konnte deshalb ebenso 
gut wie ein deutscher Gauverband unter der genossenschaftlichen 
Leitung der Ansiedler stehen, oder unter der Herrschaft eines Fürsten, 
wie ihn die Kriegsführung forderte. In das lockere Gefüge der 
römischen Provinzial -Verwaltung reihte sie sich ebenso leicht ein, 
wie die alten in ihrer Grundbesitz -Verfassung und ihren Personal- 
rechten aus der Keltenzeit erhaltenen Peregrinen-Civitates. Und wie 
die Kelten ihre hergebrachte Landwirthschnft von der römischen 
Steuerverfassung ungestört fortzusetzen vermochten, so waren auch 
die Laeti nicht gehindert, vielmehr unmittelbar darauf angewiesen, 



') Aehnlich finden sich dieselben in der Notitia oeeident. ed. Boecking p. 104 
u. 120. Die verschiedenen Ansiedelungen von Barbarenschaaren hat A. W. Zumpt 
„Ueber die Entstehung und Entwicklung des Kolonatcs" (Rheinisch. Museum 1846) 
zusammengestellt. 



Possessoren, Kolonen und ßenefizlatefl. 3(39 

Oasen deutscher Siedelungs- und Wirtschaftsweise im kelto-römischen 
Gallien zu begründen. — 

So stunden unter der politisch und kulturell noch lange 
völlig unbestrittenen Herrschaft der Reimer in den Provinzen nörd- 
lich der Alpen drei charakteristisch verschiedene Formen der Anlage 
der Wohnstätten und der Eintheilung des Grundbesitzes neben 
einander, welche den Kelten, den Körnern und den Deutschen eigen- 
thümlich, jede auch in der Weise des Betriebes dem mit der Siede- 
lungsform eng verknüpften nationalen Herkommen folgte. Wie sie 
der zunehmende Verfall des Weltreiches berührte, ist noch näher zu' 
betrachten. 

Am wenigsten haben unter den unausgesetzten Kämpfen der 
rasch wechselnden Cäsaren und unter den immer mächtigeren und 
verwüstenderen Einfällen der Deutschen die Laeti gelitten. Nicht dass 
an irgend eine nationale Schonung zu denken wäre, sie waren und 
blieben römische Soldaten und wurden in kurzer Frist romanisirt. 
Vielmehr waren Sitten, Gewohnheiten und Bedürfnisse auf den 
Kriegszustand eingerichtet, und sie zogen von demselben durch 
Plünderung und Beute ebensoviel Gewinn wie ihre Gegner. Ein 
blühender Zustand ihrer Kolonien lässt sich nicht annehmen, ebenso 
wenig aber eine solche Bedrückung, wie sie den gewöhnlichen unbe- 
waffneten Landmann, ganz abgesehen von den Kriegsunfällen, auch 
in friedlicher Zeit traf. 

In Betreff der gewöhnlichen Lage des Landvolkes werden die 
vorzugsweise römischen Gebiete von den keltischen Civitates zu 
unterscheiden sein. Die römischen und keltischen Theile der nörd- 
lichen Provinzen lassen sich genügend auseinander halten. 

Am meisten romanisirt war Noricum, welches bis zur Donau 
von Claudius die italische Munizipalverfassung erhalten hatte. Hier 
lagen in den breiteren Thälern die bedeutenden Städte Jovavum, 
Teurnia, Virunum, Celeja mit ihren Stadtfiuren. Im Uebrigen be- 
dingte die Natur des Landes die Besiedelung mit bäuerlichen Höfen, 
welche dort schon vor den Römern bestanden und bis zur Gegen- 
wart mit zahlreichen Anklängen keltischer Namen erhalten geblieben 
sind. Aehnlich waren die Verhältnisse in Krain, dem westliehen 
alpinen Theile Pannoniens mit Emona, Neviodunum, Siscia und 
Poetovio. Darüber hinaus in den breiten Ebenen aber lag die Deserta 
Bojorum und der Kampfplatz der Dacen, Quaden und Ostgermanen. 
Erst weiter nördlich gaben wieder die festen Garnisonstädte an der 
Donau, Aquincum, Bregetio, Carnuntum, Vindobona, auf einem je 

Meitzen, Siedelung- etc. I. 24 



370 I^*- 6. K^'l't und Betrieb der Pachter, 

nach den Zeitläufen engeren oder weiteren Umkreise Sicherung. Ge- 
schützter war das Donauthal in Noricnm mit Comagene, Lauriacum, 
Ovilava , Lentia bis zu den Vindelicischen Garnisonen Castra Batava 
und Regina. Wie weit sich hier neben dem Handel und dem Landbau 
welche von den Bürgern der Munizipalstädte betrieben wurden, grössere 
landwirtschaftliche Unternehmungen verbreiteten, ist zunächst nicht 
zu erkennen, urkundlich linden wir indess noch zur Carolinger Zeit, 
wie sich zeigen wird, eine ziemlich grosse Zahl einzelner romanischer 
Höfe von bäuerlichem Charakter vor. 

Ein Hauptsitz römischer wirtschaftlicher Kultur wurde das Rhein- 
land. Indess ist zu beachten, dass hier von der ersten Zeit der Römer- 
herrschaft an in die ebeneren, für den Landbau besonders geeig- 
neten Gegenden deutsche Stämme aufgenommen wurden, deren natio- 
nale Ansiedelungen bis auf den heutigen Tag erhalten sind und er- 
sichtlich jedem Einflüsse römischer Betriebsweise unzugänglich blieben. 
Dahin gehören die Gebiete der Triboker, Nemeter und Vangionen, von 
Breisach rheinabwärts bis Bingen, und das der Ubier vom Vinxtbach 
bis zur Erft und Gelduba. Alle diese Stämme legten deutsche Gewann- 
dörfer an. Weiter rheinabwärts lebten die Gugernen und Bataven in den 
bis heut bestehenden Einzelhöfen, welche offenbar keltischen Ursprungs, 
den irischen völlig entsprechen. Ein Einfiuss der Römer ist bei ihnen 
ebenso wenig erkennbar. Die Deutschen bauten jedoch weder Städte, 
noch mochten sie dieselben bewohnen. Die Gründung der Rhein- 
städte Argentoratum , Noviomagus, Borbetomagus, Moguntiacum, 
Bingium, Autumnacum, Rigomagus u. a. ist keltisch, nur wenige, 
wie Colonia Trajana, Colonia Agrippina, Confluentes, Tabernae, sind 
römisch. In ihrer Umgebung haben sich Castra und andere Militär- 
anlagen, sowie römische Landhäuser der Beamten und Kaufleute er- 
halten, aber für eine erhebliche Ausbreitung römischer Landwirthschaft 
über die massig grossen Stadtfluren hinaus spricht kein Zeichen. Da- 
gegen wurde das Land der Trevirer zum Mittelpunkte höchst entwickelten 
römischen Kultur- und Geschäftslebens. Kein Provinzialgebiet ist 
soweit romanisirt worden, wie das Moselland. Hier waren die Römer, 
wie Ausonius zeigt, völlig heimisch, und es sind Villenanlagen auf- 
gedeckt, welche wegen des Luxus ihrer Räume und ihrer kunstvollen 
Mosaikfussböden als villae urbanae des Vitruv angesehen werden 
müssen. Trier beherrschte zugleich durch seine Lage und Zugäng- 
liehkeit den weiten Halbkreis von Hügelland und Waldgebirgen, 
welcher die drei Gallien von den zwei Germanien schied. 

In Germanien waren also die Rheinufer deutsch, in Gallien blieb 



Possessoren, Kolonen und Benefiziaten. 371 

die Mitte und der Süden von Kelten und Iberern sehr stark bevölkert, 
und auch hier ist bei der Fruchtbarkeit und dem alten Anbau dieser 
Länderstrecken wenig wahrscheinlich, dass die Römer viel freies 
Land fanden , welches sie für den Fiskus in Anspruch nehmen 
konnten. Dagegen verfügte auf dem ausgedehnten Grenzgebiete Galliens 
und Germaniens der Staat über ausserordentlich grosse Ländereien. 
Hier wird sich sehr bald die römische Kapitalmacht und die Uebung 
in grossen Landgeschäften , in Pachtungen von Staatsland und in 
von Sklaven betriebenem Latifundienbesitze geltend gemacht haben 1 ). 
Diese Geschäfte waren viel zu hoch entwickelt, als dass auch in 
entfernten Landestheilen einem vortheilhaften Projekte die Mittel zur 
Ausführung hätten fehlen können, oder dass die Kräfte nicht vor- 
handen gewesen wären,. jedes Hinderniss zu beseitigen, welches in Ver- 
einsamung, Unzugänglichkeit oder fremden Einsprüchen hätte liegen 
können. Deshalb entstanden, wie wir aus Namen und Ruinenfunden 
wissen, gerade auf diesem Staatslande in grosser Anzahl sowohl umfang- 
reiche, wie auch kleinere Landwirthschaften. Die Münzfunde in den 
aufgegrabenen Mauern bekunden, dass diese Anlagen schon bei den 
ersten Barbareneinfällen vernichtet wurden. Ueber die Trümmer ist 
Wald gewachsen und spät erst der germanische Pflug gegangen, aber 
die Schuttschichten lassen erkennen, dass in gesicherteren Gegenden Ver- 
suche gemacht worden sind, ärmliche, öfter wieder zerstörte Hütten auf 
ihnen aufzurichten. An der Maas und Sambre hat sich ergeben, 
dass dort eine sehr grosse Zahl ausgedehnter reicher Villenbauten be- 
stand, in denen sich keine jüngeren Münzen als die des Commodus 
auffinden Hessen. Auch in den Resten der ländlichen Hütten, welche 
diese älteren Trümmer bedeckten, sind die spätesten Münzen, welche 
gefunden wurden, die des Gallien von 258. 2 ) Unter solchen Umständen 
können die Possessores nur noch in den meist weit entfernten Städten 
gesucht werden, und die Ländereien müssen steigender Entwerthung 
verfallen sein. Ob die, die das Land bebauten, Sklaven oder Kolonen 
waren, war bei dieser Sachlage weder für den Possessor, noch für 



') Ein Zeugniss dafür giebt Paulus noch um 225 in L. 11: D. de evictionibus 
et duplae stipulatione. 21. 2, Lib. VI responsorum : Lucius Titius pi-aedia in Germania 
trans Rhenum emit et partem pretii intulit; cum in residuam quantitatem heres emptoris 
conveniretur , quaestionem retulit dicens, has possessiones ex praeeepto principali par- 
tim distraetas, partim veteranis in praemia adsignatas. 

*) Charles Deborc, Annales du cercle archeologique de Mons tom. XV, p. 542 ff. 
A. Schuermann, Bulletin de commiss roy. d'art et d'archeol. Lie"ge. Annal. Inst. arch. 
Arlon Bulletin de la societe d'art et d'histoire de Liege. Versch. Abhandl. 

24* 



372 IV - 6- Recht und Betrieb der Pächter, 

die Landleute selbst von fühlbarem Unterschiede. Trotz aller Edikte 
hielt die Anbauer nur das Interesse ihres eigenen Unterhalts am Grund- 
stück fest und veranlasste sie auch zu Gegenleistungen. Frei oder 
unfrei, hörig oder schollenpflichtig gelangten sie thatsächlich in die 
Stellung erblicher Zinshauern, von denen der Herr kein Uehermaass 
der Leistungen fordern konnte. Er musste zufrieden sein, wenn sie 
nach Brand und Plünderung ihre Hütten wieder aufhauten und ihre 
Aecker wieder für die nächste Ernte hestellten, von der sie nur 
zinsen konnten, wenn sie ihnen nicht geraubt wurde, und die andrer- 
seits den Herren nichts kostete, falls er nicht für gut fand und in 
der Lage war, durch Beihülfen den Betrieb schneller wieder für beide 
Theile einträglich zu machen. Zugleich aber war bei Besetzung mit 
solchen Kolonen die Verwaltung sehr ausgedehnter Ländereien durch 
wenige Agenten durchzuführen, welche auch in den unruhigen Jahren 
das Wagniss leicht übernehmen konnten, die Ortschaften zu bereisen 
und so viel als thunlich von den Zinsungen beizutreiben. 

Unter solchen wirtschaftlichen Zuständen wird man sich das rö- 
mische Staatsland der nördlichen Provinzen zu denken haben, gleich, ob 
es nominal noch Pachtland oder wirkliches Eigenthum der Herren ge- 
worden war. Vom dritten Jahrhundert ab werden schon sehr grosse 
Flächen als weite Waldungen und Einöden liegen geblieben sein, 
Avelche höchstens hier und da als Weideplätze dienten. — 

Weniger rasch und eingreifend erweist sich der Verfall der Land- 
wirtschaft innerhalb der Civitates der Peregrinen. 

In jeder der Civitates war der angesehenste und reichste Adel 
zu dem Senatorenkreise der Decurionen herangezogen worden, und 
hatte darin wahrscheinlich lange wesentlich die Ehre gesehen. Als 
aber durch die wiederholten Unruhen und Plünderungen die Wohl- 
habenheit und Zahlungsfähigkeit der Steuerverbände sank, trat die 
Verpflichtung der Decurionen, für den Eingang der Steuern aufzu- 
kommen, in den Vordergrund. Es wurden nach und nach die 
strengsten Massregeln getroffen, dass sie weder aus dem Decurionen- 
stande austreten, noch sich oder ihr Vermögen der Pflicht, die 
Steuern zu decken, entziehen konnten, und sie erschienen mehr und 
mehr als ein schwer belasteter Stand, dem als Ersatz auch manches 
Recht eingeräumt und Nachsicht in seiner Geschäftsführung gewährt 
wurde. Es war natürlich, dass, da schon anfänglich ein grosser Theil 
des Provinzialgrundbesitzes ihr Eigenthum war, durch Kredit- und 
Vorsehussgeschäfte immer mehrere Güter in ihre Hände kamen. 
Diese Erfahrung, dass sie im Wesentlichen den Grossgrundbesitz an 



Possessoren, Kolonen und Benefiziaten. 373 

sich gezogen hatten, ebenso wie die Rücksichten, die man ihnen 
zugestand, zeigt eine Verfügung Constantins von 319 im Cod. Theos, 
lib. XI, Tit. VII. 2, in welcher trotz des allgemeinen Prinzips, dass 
die Decurionen der Civitas solidarisch für die Steuern verhaftet 
seien, verordnet wird: Unusquisque decurio pro ea portione con- 
veniatur, in qua vel ipse, vel colonus, vel tributarius ejus convenitur 
et colligit, neque omnino pro alio decurione vel territorio conveni- 
atur. Id enim prohibitum esse manifestum est, et observandum 
deinceps, quo, juxta hanc nostram provisionem nullus pro alio 
patiatur injuriam 1 ). Zugleich ergiebt sich daraus, dass auch der 
CJ rundbesitz der Decurionen von Kolonen und Zinsbauern bewirt- 
schaftet wurde. 

Es sind aber auch Anzeichen da, dass sich eine gewisse An- 
zahl der Provinzialen noch längere Zeit als kleinere ländliche Grund- 
besitzer zu erhalten vermochten. Dies geht aus den Anordnungen 
über die Leistung der oben S. 327 gedachten sordida munera hervor. 
Für die Vertheilung dieser sordida munera, welche ursprünglich 
schwerlich drückend waren, musste der Kreis der Verpflichteten ent- 
scheidend sein. Der Cod. Theod. lib. XI, Tit. 16 de extraordinariis 
sive sordidis muneribus bezeichnet im 4. Jahrhundert die Forderungen 
im Einzelnen: 

18 (a. 390) a. cura conficiendi pollinis, excoctio panis, pistrina 
obsequia (Mehl- und Brotlieferung für das Militär), 

b. operae atque artifices, excoquendae calcis sollicitudo, 

c. ligna tabulata conferre, 

d. paraveredi et perangariae (neben der Heerstrasse) 2 ) 
(insbesondere: quas Rhetiariarum limes, expeditiones 
Illyricae, pastus translatio militaris vel pro necessi- 
tate, vel pro solennitate deposcunt), 

e. carbonis illatio (welche: vel monetalis cusio vel an- 
tiquo more necessaria fabricatio poscit armorum), 

f. publicarum aedium vel sacrarum constituendarum 
reparandumque sollicitudo, 

g. pontium vel viarum constructio, 



') Vergl. auch die Potentiores Potentes in Cod. Theod. XI. 7. 12 von (.383) und 
Cod. Just. III. 25. 1, § 1 (von 439). 

2 ) Angarius ist nach dem persischen Vorbilde der Postbote, veredus, das Post- 
pferd. Herod. VIII. 98; Xenoph. Cyrop. 8. 17. Für die Heerstrassen ist dieser Dienst 
besonders geordnet in der Vorschrift Cod. Theodos. lib, VIII, Tit. 5 : de cursu publico, 
angariis et perangariis. 



374 IV« 6. Recht und Betrieb der Pächter, 

h. temonis vel capituli onera (Geld statt der Rekruten), 

i. allectis vel legatis in collationis sumtuum numerare. 

Es wird nun zwar ausdrücklich vorgesehrieben : 

7 {a. 356). Sola jubemus exigi, quae factis a nobis indictionibus 

aliisve praeceptis continentur, et quae anniversaria con- 

suetudine antiquitus postulantur aut, si inexcusabilis necessitas 

quiddam novum exigat, nee dilationem publica utilitas pati- 

atur, referri a ceteris judieibus ad viros clarissimos prae- 

fectos praetorio et eorum arbitrio flagitanda deposei, statim- 

que id nostrae intimari clementiae. Itaque judicem, qui 

ultra jussa aliquid postulaverit , duplum jubemus inferre, 

officiuni vero ejus quadruplum. 

Diese Vorschrift aber gestattete eher Ungewöhnliches zu fordern, 

als dass sie es verhinderte. Es kam nur auf den Bericht an, und 

selbst die Strafe für einen Exeess war nicht nennenswerth. 

Die Hauptgefahr für die möglicherweise wenig zahlreichen Ver- 
pflichteten einer gewissen Gegend, in welcher eine Leistung nöthig 
werden konnte, lag in den ausgedehnten Exemptionen. Darüber sagt 
derselbe Titel 16, lib. XI: 

5 (a. 343). Privatas res nostras ab universis muneribus sordi- 
dis placet esse immunes, neque earum conduetores nee colonos 
ad sordida vel extraordinaria munera vel superindictiones 
aliquas conveniri. 

6 (a. 346). Palatini et Constantinopolitani cives pro capitis 
seu jugis suis tantum pensitationem atque obsequia recognos- 
cant, extraordinariis et temonariis oneribus liberati. 

14 (a. 382). Eos, qui cum honore comitum, nomine magistrorum, 
memoriae praefuerint, vel epistolis, vel libellis, item eos, 
qui ibidem peragendis, signandisque responsis nostrae mansue- 
tudini obseeundant, omnium vilium munerum ac totius capi- 
tulariae sive, ut rem, quam volumus intelligi, communi 
denuntiatione signemus, temonariae funetionis fieri jubemus 
exsortes ita ut eorum uniuseujusquam adscriptio excusetur. 
Dass die gerechte und schonende Vertheilung eine sehr zweifel- 
hafte war, lässt schon 326 der Cod. Theod. XI, 16, 4 deutlich er- 
kennen. Denn er schreibt vor, dass Extraordinaria munera von den 
rectores provinciae mit eigener Hand auszuschreiben und auf die 
Einzelnen so zu vertheilen seien, ut primo a potioribus, dein a medio- 
cribus atque infimis quae sunt danda praestentur. Neque unquam 
sationibus vel colligendis frugibus insistens agricola ad extraordinaria 



Possessoren, Kolonen und Benefiziaten. 375 

onera trahatur, cum providentiae sit, opportuuo tempore his necessi- 
tatibus satisfacere. *) 

Es handelte sieh also keines weges um alle Dienstfähigen, etwa um 
Kolonen oder Laeti, sondern nur um die nicht exempte Provinzial- 
bevölkerung. Je mehr diese aber zusammenschrumpfte, je mehr 
berechtigte oder unberechtigte Ausnahmen gewährt wurden, je mehr 
die leitenden Beamten die Last auf bestimmte Oertlichkeiten häuften, 
desto gefährlicher und unerträglicher musste sie werden. Die Frei- 
heit der verpflichteten Provinzialen, wie ihre schwer bedrückte Lage 
werden dadurch bestätigt, dass viele derselben sich selbst und ihre 
Besitzungen den benachbarten Grossgrundbesitzern, Decurionen wie 
auch römischen Beamten, als Schutzherren unterwarfen. Es zogen 
also freie Provinzialen und solche Pächter von Staatsland, welche 
Immunität nicht erweisen oder erlangen konnten, vor, auf ihre Frei- 
heit zu verzichten und sich den Beamten selbst oder anderen Mäch- 
tigen als Kolonen oder Tributarn zu unterwerfen. 

Das Patrocinium über Einsassen des eigenen Amtssprengeis des 
Beamten wurde zwar schon 365 mit Strafe bedroht 2 ), aber die Com- 
mendatio , die Hingabe von Person und Gut an Beamte eines be- 
nachbarten Bezirkes oder einen sonstigen Grundbesitzer war erlaubt 
und war in den nördlichen Provinzen um so natürlicher, als sie mit 
dem S. 228 gedachten keltischen Brauch und Herkommen überein- 
stimmte. Um 450 — 490 bezeugt Salvian de gubernatione Dei lib. 5, 
cap. VI — VIII ausdrücklich, dass schon unter der Römerherrschaft 
auch die freien römischen Landanbauer ihre Besitzungen an die 
Reichen oder die Steuereinnehmer abtraten, um sich vor den Er- 
pressungen zu retten, wenn sie nicht vorzogen bagaudae, Räuber und 
Aufständige, zu werden, welche schaarenweise vorhanden waren- Die 
sich hingaben, wurden Dediticii, also den im Kriege Unterworfenen 
gleich. Von ihrem Besitze mussten sie fortan Zins zahlen, gleich- 
wohl war er ihnen nur auf Lebenszeit gesichert (VIII : hoc enim pacto 
aliquid parentibus temporarie attribuitur, ut in futuro totum filiis 
auferetur). Es stand bei dem Herrn, ob er den Erben das Grund- 
stück beliess, und es ist anzunehmen, dass er es nur an einen, nicht 
an alle Erben weiter verlieh. Salvian sagt ausdrücklich : Diejenigen, 
die ihr Grundstück ganz verliessen und ein anderes von Reichen 



') Ueber die Provinzial- und Communalbeamten vergl. J. R. Madvig , Die Ver- 
fassung und Verwaltung des römischen Staates, Leipzig 1882, II, S. 110 ff., 123 ff. 
*) Cod. Theodos. Lib. XI, Tit. XI. 1 ; Tit. XXIV. 3. 4. (395), (399). 



376 ^ ■ ''• Recht und Betrieb der Pächter, 

pachteten, seien besser daran, denn sie verlören nicht alles, was sie 
halirn, und dazu ihre Freiheit, sondern sie würden durch die Pach- 
tung freie Kolonen der Grossen. Allerdings war, wie gezeigt ist, 
auch diese Freiheit der Kolonen, seihst für ihre Nachkommen, eine 
sehr bedingte. 

Als seit Konstantins Zeit die Kirche mehr und mehr für ihre 
Ausstattung sorgte, waren es nicht allein Schenkungen Grosser, son- 
dern auch zum nicht geringen Theil Hingahe Vieler als Dediticii, dass 
sie sich in kurzer Zeit den grossen Grundbesitzern als einer der be- 
deutendsten anreihen konnte. Sie trat, als die Munizipal vorstände 
an den Staatszuständen verzweifelten , durch zwei Jahrhunderte fast 
ganz an deren Stelle 1 ) und hat dauernd bis in die Karolingerzeit 
zum Fortbestande und zur weiten Ausbreitung dieser lockeren Leih- 
verhältnisse am meisten beigetragen. Denn sie fasste die dauernde 
Yeräusserung ihr überlassener Güter als wider das Kanonische Recht 
streitend auf, und überliess solche Besitzungen deshalb nur als 
praecarium in Anlehnung an den römisch rechtlichen Begriff des- 
selben 2 ) ohne bestimmte Bindung, in der Regel aber auf 5jährige 
Fristen, zunächst dem Dediticius selbst und später, wenn auch meist 
unter erhöhter Belastung, seinen Kindern. Innerhalb dieser Benefiziat- 
verhältnisse hielten die Kirchenvenvaltungen ein gewisses mildes und 
vorsorgendes Maass inne, doch waren sie auch besonders geeignet, ihre 
Untergebenen zu gleichmässiger und williger Leistung aller der Zin- 
sungen und Arbeiten anzuhalten, welche herkömmlich mit der Natur 
des übernommenen Verhältnisses verbunden waren. Die einfluss- 
reiche Oberleitung, die Reisen und der häufige Wechsel der Mit- 
glieder der geistlichen Körperschaften führten zugleich überein- 
stimmende Gesichtspunkte und Massnahmen in der Bewirtschaftung 
ihrer Güter herbei. Daraus vor allem ist zu erklären, dass sich in 
den Lasten der Hörigen, wie dies M. Weber und Fr. Seebohm näher 
gezeigt haben, die Tradition des Kolonenrechtes der Kaiserzeit fort- 
pflanzte, und dass sie in den verhältnissmässig ruhiger werdenden Zeiten 
unter der befestigten Herrschaft deutscher Fürsten wieder in über- 
raschender Verbreitung auftrat. 

Die Gesammtheit dieser Umstände begründet hinreichend die 
Annahme, dass beim Untergange der Römerherrschaft in den nörd- 



') Cod. Just. Tit. 4 de episcopali audientia § 26 und § 30. Tit. 55 de defen- 
soribus § 8. 

2 ) Dig. 43. 26 de precario, Cod. 8. 9 de precario et Salviano interdicto. 



Possessoren, Kolonen und Benefiziaten. 377 

liehen Provinzen die freie bäuerliche Bevölkerung des Ilaehen Landes 
fast gänzlich untergegangen und jedenfalls in tiefen Verlall gerathen 
war. Die Verhältnisse der grossen Grundeigenthümer aber erscheinen 
deshalb ebenfalls keinesweges günstig. Ihre Einnahmen waren höchst 
unsicher, und wie es bei solchen kleinpachtähnlichen und durch 
Agenten betriebenen Landleihen an arme, ausgesogene, von allen 
Hülfsmitteln der Landwirthschaft entblösste Anbauer überall der 
Fall ist. dieselben wurden immer geringer. Der Grundbesitz musste 
im Werthe wesentlich sinken und mehr und mehr in die Hände 
Reicher und Vornehmer kommen, bei denen sich die Ausfälle aus- 
gleichen oder anderweit Ersatz finden konnten. Alle solche Eigen- 
thümer sind in jener Zeit nur in den festen Städten zu suchen. 

Dies ist das ungefähre Bild der ländlichen Bevölkerung beim 
Ausgange der Römerherrschaft. Es ist entscheidend für die Beur- 
theilung der Verhältnisse, in welche die in der Völkerwanderungszeit 
unwiderstehlich vordringenden Deutschen eingriffen. 



¥, Suevisch - Oberdeutsche Wanderungen und 
Agrarverhältnisse, 



I. Wanderungen der Westgermanen vor Errichtung des Limes. 

Süddeutschland, Tyrol und die Schweiz, — Frankreich und Rhein- 
land, — Westfalen, Friesland, Holland und England sind die Länder- 
gehiete, welche für die Frage in Betracht kommen, ob sich unter 
römischem und deutschem Einflüsse nationale keltische Besiedelung 
erhalten hat, oder welche Neugestaltungen das fremde Volksthum 
hervorrief. 

Jeden Punkt zwischen dem Thüringerwald, Taunus, Westerwald, 
Osning, der Weser und der Nordsee im Norden, den italischen Alpen, 
dem Mittelmeer und den Pyrenäen im Süden, und von der Enns 
und dem Böhmerwald nach Westen bis zum Kaledonischen Wall 
und dem atlantischen Ozean haben die Römer, ebenso wie die Ger- 
manen, zeitweilig unter ihrer Herrschaft gehabt. Aber Dauer und 
Absichten dieser Herrschaft und die Zeitumstände und politischen 
und wirtschaftlichen Kräfte, unter denen diese Herrschaft wirkte, 
waren in hohem Grade verschiedenartige. Die Wechselwirkung der 
drei Völker mit den natürlichen Grundlagen der Besiedelung muss 
deshalb im Verlauf der Vorgänge eine sehr grosse Mannigfaltigkeit der 
Erscheinungen herbeigeführt haben, und das Urtheil über die Ent- 
wicklung ist fast ausschliesslich nur aus den auf die Neuzeit ge- 
kommenen agrarischen Thatsachen und baulichen Spuren zu gewinnen. 
Die nationalen Ideen der Siedelungsweise jedes der betheiligten Völker 
gehen indess von so charakteristischen Eigentümlichkeiten aus, dass 
sich versuchen lässt, die wirthschaftlichen Anlagen nach den hauptsäch- 



V. 1. Wanderungen der "NYestgeriuanen vor Errichtung des Limes. 379 

lichsten Besonderheiten in bestimmte, der geschichtlichen Anschauung 
Anhalt gebende Gruppen zu sondern. 

Die Römer unterzogen, wie sich gezeigt hat, ihrerseits das Pro- 
vinzialland keiner durchgreifenden Aenderung der Orts- imd Flur- 
anlagen. Wo sie dies aber in der Weise ihrer kolonialen Land- 
aufmessungen thaten, ist ihre Einwirkung eine in so hohem Grade 
eigenartige, dass sie selbst in geringen Spuren mit Leichtigkeit sowohl 
von den national -keltischen als national -germanischen Flureinthei- 
lungen unterschieden werden kann. 

Die nächste Frage richtet sich also auf die Ausbreitung der 
Deutschen über den keltorömischen Boden. Erst wenn aus den ge- 
schichtlichen Ueberlieferungen Belehrung darüber gewonnen ist, durch 
welche Schritte die Deutschen das Keltenland in Besitz nahmen, kann 
weiter geprüft werden, ob die Veränderungen, die sich auf dem- 
selben gegen die nationale ursprüngliche Siede! ungsweise der Kelten 
vorfinden, dem deutschen Einflüsse zuzuschreiben sind oder einer 
anderen Erklärung bedürfen. — 

Ueber das erste Auftreten der westdeutschen Stämme, 
über ihre Wanderungen zwischen Oder und Rhein und über die 
schon früh beginnende Besitznahme von Keltengebieten vermögen wir 
ein Bild zu gewinnen, welches die Vorgänge in befriedigendem Zu- 
sammenhange mit der Lage der Dinge zeigt, in der sich Tiberius 
zum Verzicht auf weitere Eroberungen in Deutschland entschloss. 

Tacitus findet noch fast ein Jahrhundert nach Tiberius die 
Sueven als den mächtigsten Völkerbund der Westgermanen aner- 
kannt, und unter ihnen beanspruchen wieder die Semnonen der älteste 
und edelste Stamm zu sein. »Ihr Alterthum«, sagt er (c. 39), »wird 
durch heilige Gebräuche beglaubigt. Zu festgesetzter Zeit kommen 
durch Gesandtschaften alle Völker von gleichem Blute zusammen in 
einem Walde, heilig durch Weihung der Väter und Ehrfurcht 
heischendes Alter. Sie beginnen mit öffentlichem Menschenopfer des 
barbarischen Götterdienstes schauervolle Festlichkeit. Auch eine 
besondere Verehrung wird dem Hain erwiesen. Niemand geht anders 
als gebunden hinein, zum Zeugnisse der Unterwürfigkeit vor der 
Gottheit Allmacht. Stürzt Einer nieder, so darf er weder aufstehen, 
noch sich aufrichten lassen , sondern wälzt sich auf dem Boden 
heraus. Die gesammte Feierlichkeit deutet dahin, dass hier die 
Wiege des Volkes, hier der Herrscher des Weltalls, Gott, alles 
Andere unterwürfig und dienstbar sei. Diesen Glauben unterstützt 



38< I V. 1. Wanderungen der Westgermanen vor Errichtung des Limes. 

der Senmonen Glück, hundert Gaue bewohnen sie, und ihre Volks- 
menge macht, dass sie sich als das Haupt der Sueven ansehen.« 

Ihre Sitze sind nach Tacitus' Angaben um den ZusanmienHuss 
der Saale und Elbe zu suchen. Hier finden sich auch die o. S. 133 
gedachten Namen der ältesten Stammgebiete, deren Ursprüng- 
lichkeit durch die in weite Entfernungen und entgegengesetzte Rich- 
tungen zerstreuten Niederlassungen fortgewanderter, gleichnamiger 
Stammesgenossen bekundet wird. 

Frisonofeld am Ostharz im Mansfeldischen umfasst etwa 
18 D Meilen, Ambergau am Nordharz etwa 12, ebensoviel Engili 
an der Sehmücke und Hainleite. Vielleicht mehr als die doppelte 
Fläche erreichte Warenofeld zwischen Saale und Pleisse und ihm 
mindestens gleich war der Hassagau an der unteren Saale. Reiht 
man zwischen und neben diese Landschaften die Sitze der Sem- 
nonen und der anderen alten Stämme ein, deren fortgewanderte 
Absplisse sich nach entgegengesetzten Seiten so verbreitet finden, 
dass sie auf dasselbe Zentrum hinweisen, wie der Juthungen, Teu- 
tonen, Sedusen, Haruden, Chasuaren, so schliesst sich um die untere 
Saale ein Kreis von 25 bis 30 Meilen Durchmesser, dessen Mittel- 
punkt ungefähr in die Gegend von Halle fällt. 

Bei näherer Erwägung ergeben sich nun aus der geographischen 
Lage thatsächliche Bedingungen, welche diese Landschaften als die 
ganz vorzugsweise geeigneten für eine solche erste Wiege des Volkes 
erscheinen lassen. 

Es ist o. S. 140 — 150 eingehend gezeigt worden, eine wie ver- 
hältnissmässig bestimmte und klare Vorstellung wir uns von dem 
Hirtenleben der deutschen Stämme und der Sueven insbesondere 
aus der allgemeinen Grundlage der Hundertschaften zu machen be- 
rechtigt sind. Die Auffassung lässt sich nicht abweisen, dass die 
Indogermanen schon vor ihrem Aufbruche aus der fernen Heimath 
nicht als Wilde, sondern in geordneten Ehe- und in Geschlechts- 
verbänden unter Häuptlingen, reges, Richtern und Vornehmen lebten, 
ausgerüstet mit allen unseren Hausthieren, mit der Kenntniss des 
einfachen Haushaltes und des Ackerbaues der Steppennomaden, 
und dass sie ihre Weidewirthschaft in Lagergenossenschaften von un- 
gefähr 120 Familien oder 1000 Köpfen, jede mit dem zu ihrem Unter- 
halt nöthigen Vieh betrieben, dessen Ertrag für jede etwa dem einer 
Heerde von 3600 guternährten Stück Grossvieh gleichkommen musste. 

Denkt man sich solche Nomadenstämme aus Asien und über 
die russischen Ebenen im vorschreitenden Weidegange allmählich 



V. 1. Wanderungen der Westgermänen vor Errichtung des Limes. 381 

durch das Thor zwischen den Karpathen und den unergründlichen 
Pripetßümpfen heranziehend, so trügt sich, welche Oertliehkeit sie 
veranlassen konnte, Halt zu machen. 

Alle Umstünde lehren leicht, dass dazu die Saale gegen den 
am meisten einladen mussten. Wenn sie dem Fusse der Karpathen 
und Sudeten folgten, fanden sie keinen schöneren und fruchtbareren 
Boden als den Ostharz und die Magdeburger Börde. Aber noch ein 
anderer Vorzug vermochte sie hier festzuhalten, das Salz. 

Alle Weidegegenden Turkestans und Ostrusslands haben Ueber- 
fluss an Salz. Zogen sie weiter, so mussten sie es entbehren. Ob 
bei Wielitzka an der Sula schon damals Solquellen bemerkbar waren, 
ist unsicher. Jedenfalls war der weitere Weg durch Schlesien und 
die Lausitzen wieder ohne Salz. Dann aber kamen sie an die Saale, 
nach Halle, an den salzigen See, an die Selke, deren Namen schon 
zeigen, dass eine feine Zunge den Salzgehalt empfand. 

Diese Stätte bot aber noch andre 1 Vorzüge. Nach allen Seiten 
öffneten sich reiche und fruchtbare Thäler. Nach der Pleisse und 
oberen Saale, nach der Unstrut, der Helme, nach der Wipper, Selke, 
Bode, Unterelbe, Nuthe, Untersaale, Oberelbe und Mulde. Schon von 
der Natur war den Hirtenstämmen hier die Vertheilung in die einzelnen 
Weidereviere geboten, in denen sie sich nicht störten und reiches 
Genüge fanden. 

Die Verbände der Stämme mochte Verwandtschaft bestimmen, 
die stets von der gleichen Zahl gedachten und bezeichneten Hundert- 
schaften aber konnten sich nicht nach Geschlecht oder Familie 
richten, sondern waren durch den Bedarf an Hirten und Arbeits- 
kräften bedingt. Deshalb darf man vielleicht die schwer erklärlichen 
100 Pagi der Sueven einer uralten Erinnerung der frühesten Landes- 
theilung in Weidereviere zuschreiben ; denn die oben begrenzten 
etwa 600 Q Meilen der ersten Besitznahme boten grade Raum für 
100 Hundertschaften. 

Diese Reviere konnten bei einiger Kultur durch grössere Wald- 
rodungen, Schonung der guten Weiden, steigenden sporadischen 
Getreidebau allmählich das Doppelte, auch nach der Bodenbeschaffen- 
heit das Dreifache der Bevölkerung aufnehmen, aber bei weiterem 
Anwachsen musste entweder die Weidewirthschaft aufgegeben oder, 
was in älterer Zeit das Natürliche war, zur Auswanderung ge- 
schritten werden. 

Wir wissen nicht, mit welcher Volkszunahme wir für diese 
ursprünglichen Verhältnisse zu rechnen haben. Sie war wahrschein- 



382 V. 1. Wanderungen der Westgeraanen vor Errichtung des Limes. 

lieh sehr schwankend und durchschnittlich nicht besonders hoch. 
Aber in längerer oder kürzerer Zeit nrusste Ueberfüllimg eintreten. 
Rechnet man nur Verdoppelung im Jahrhundert, so musste nach 
200 Jahren schon die Auswanderung etwa in gleicher Zahl wie die 
ursprüngliche Einwanderung heginnen. Es konnte also die Neu- 
gründung eines ganzen Volkes, ähnlich der des alten, erfolgen. — 

Der nächste von der Natur gegebene Weg für eine solche 
Wanderung führte elbeabwärts. Hier lagen wenigstens auf der 
rechten Seite des Stromes überall ziemlich fruchtbare, grasreiche 
und leicht zugängliche Landstriche. Es ist deshalb erklärlich, wenn 
Pytheas um 320 v. Chr. die Deutschen bereits an der Eibmündung 
und längs der Nordseeküste findet. Einen bereits lange Zeit dauern- 
den Besitz setzt dies nicht voraus. 

Pytheas' Guttonen und Teutonen umfassen die Juthungen und 
mehrere kleinere Stämme, welche Tacitus und Ptolemaeus nennen, 
unter ihnen Haruden, Angli und Suardones. Sie reichten rechts der 
Elbe auf beiden Küsten nach Norden zum Skagerrak. Für das Ge- 
biet links der Elbe lässt die geographische Stellung der Friesen auf 
dem schmalen Küstenstriche im alten Keltenlande von der Weser 
bis zu den Rheinmündungen nur den Gedanken zu, dass sie als die 
am meisten nach Westen vorgeschrittenen , auch die am ersten an- 
gekommenen dieser frühesten Auswanderer gewesen seien. Unmittel- 
bar in ihrem Rücken, zwischen der Hunte und Wapel, ebenfalls 
schon auf Keltengebiete, finden sich die Ammeri, und zwischen Weser 
und Elbe, bis an die Küste reichend, die Chauken. Hinter 
diesen im Innern des Landes nennt Tacitus die Angrivarii und 
Brukterer, welche, wie näher zu zeigen bleibt, ebenfalls diesen nörd- 
lich gewanderten Stämmen angehören und mit ihnen den von 
Tacitus erwähnten Völkerbund der Ingvaeonen bildeten. Sie be- 
sassen , wie er erzählt , als gemeinsames Heiligthum auf einer Insel 
im Ozean einen Hain, in welchem der Nerthus, ein von den Kelten 
übernommener Gott der Schifffahrt und des Handels, verehrt wurde. 
Dadurch war eine in ihrem Wesen nicht näher bekannte Scheidung 
der Ingvaeonen von dem älteren Völkerbunde der Herminonen 
bedingt, welcher an dem Kulte des Irmin auch in seinen den 
Ingvaeonen später nach Norden folgenden Stämmen der Cherusken, 
Chasuaren, Dulgibener, Longobarden und Warnen festhielt. In 
Irmin darf man den allen Indogermanen angehörigen Zeus oder 
(nach c. 2 der Germania) eine jüngere Personifikation desselben sehen. 

Die Auswanderung suevischer Stämme nach Süden war 



V. 1. Wanderungen der Westgermanen vor Errichtung des Limes. 383 

durch die breiten Massen der deutschen Mittelgebirge erschwert, 
die vom linken Ufer der Weser zum Westerwald ziehen und das 
rechte Ufer des Rheins und Mains 1 »is zum Böhmerwalde einnehmen. 
Sie waren dicht bewaldet und bis in ihre Südhiinge herrschten die 
Kelten. Die Thäler dieser von Caesar als besonders wild und un- 
zugänglich geschilderten wirren Bergketten sind indess von Norden 
offener als von Süden, und wenn sie auch der Weidewirthschaft viel 
grössere Hindernisse entgegensetzten als die nördlichen Ebenen, 
müssen doch Hermunduren und Chatten schon früh in sie einge- 
drungen sein. Erstere sind aus den Anglen und Warnen hervor- 
gegangen, wie noch durch die lex Anglorum et Werinorum, id est 
Thuringorum, bezeugt wird. Die Chatten tragen denselben Namen 
wie der Hassagau. Beide haben sehr ausgedehnte Gebiete besetzt, 
die Hermunduren östlich, die Chatten westlich von Eichsfeld, Rhön 
und Spesshart, beide erscheinen aber im 2. Jahrhundert v. Chr. auch 
schon jenseits des Hercynischen Waldes. 

Ueber das Auftreten der Hermunduren südlich des Mains be- 
stehen allerdings nur unsichere Andeutungen. Livius (21, 38) er- 
wähnt zum Jahre 218 semigermanae gentes in den peninischen Alpen. 
Schon 220 kämpft M. Claudius Marcellus mit insubrischen Galliern 
und Germanen, was auf dieselbe Oertlichkeit hinweist 1 ). Aethicus 
giebt (in der Ora marit. 666) nach Phileas an, dass im vallis penina 
von der Quelle des Rhodanus ab die Tylangii gewohnt, dann die 
Daliterni, die Chabilci und Temenici bis zu dem weiten Sumpfe 
Accios, also bis zur Mündung der Rhone in den Lacus Lemanus. 
Diese 4 Völkerschaften erklärt Zeuss (226) sprachlich für Deutsche. 
Caesar traf dieselben hier nicht mehr an, sondern (d. b. g. III, 1) 
an ihrer Stelle die gallischen Veragri, Seduni und Nantiates. Aber 
als die Chabilci nennen anscheinend Plinius und Ptolemaeus die Calu- 
cones am Vorderrhein, und für die Tylangii findet Caesar die Tulingi 
unter den Helvetiern (I, 5. 25. 28. 29) mit einer Volkszahl von 36 000 
Köpfen. Dass diese Tulingi ein Stamm der Turingi oder Hermunduri 
sind, ist nicht zu bezweifeln. Ebenso bezieht sich die durch Gellius 
(16, 4) aus Cincius de re militari erhaltene Kriegserklärung der Römer 
an die Hermunduli auf die Hermunduren, und der Vorfahr des Cin- 



') Fasti Capitolini ad. a. 532 de urb. Corp. J. L. 1, S. 458. Die Angabe ist 
nach Mommsen (Waitz, Deutsch. Verf. Gssch. Bd. I, 1 880, S. 26) auf die Quelle der 
Fasten, auf Annalen der Sullanischen Zeit zurückzuführen. Die Lesart: de Galleis 
Insubribus et Germ[an]. ist nicht zweifelhaft, und statt dessen Gaesatis zu vermuthen, 
kein ersichtlicher Grund. 



gg4 V. 1. Wanderungen der WestgerTnänen vor Errichtung des Limeß. 



eins, Cinciua Alimentus, der von Hannibal gefangen genommen wurde, 
beschrieb dessen Zug über die Alpen und könnte immerhin die Formel 
seinem Nachkommen in den Familienpapieren überliefert haben 1 ). 
Allerdings ist das Wahrscheinlichere, dass der Volksname von dem 
späteren Cincius nur als ein beispielsweiser genannt wird. Wohl aber 
steht ausser Frage, dass an andere Germanen als die Hermunduren zu 
Hannibals Zeit in diesen südlichen Gegenden nicht füglich zu denken 
ist. Denn sie waren den Alpen von allen Deutschen die nächsten 
und hatten von ihrem Werinogo bei Würzburg ans am leichtesten 
Anreiz, jenseits des Mains Abenteuer und Land zu suchen und Be- 
ziehungen nach Süden anzuknüpfen. Derselben Richtung folgten 
später die Sueven und Markomannen des Ariovist. Von diesen 
Schaaren erhielten noch vor der Niederlage des Königs die suevischen 
Vangionen, Nemeter und Triboker ein Drittheil des Landes der 
Sequaner oder Mediomatricer, das linke Rheingebiet aufwärts von 
der Nahe bis gegen Argentoratum, welches ihnen auch unter Caesar 
und in der späteren Zeit dauernd verblieb. Weiter nach Südosten 
wanderten aus dem Suevenlande die Quaden und Bastarnen (o. S. 133) 
fort. Alle diese unmittelbar über die Südgrenze Sueviens hervor- 
brechenden Stämme bewahrten dabei den Zusammenhang mit dem 
alten herminonischen Völkerbunde und den Kultus der Sueven. 

Auch die Chatten sind stets Bundesglieder der Herminonen ge- 
blieben. Ihr Volksüberschuss, der sich in ihren rauhen Waldgebirgen 
wahrscheinlich früh fühlbar machte, hat jedoch seine natürliche Aus- 
breitung über die Wied, Sieg, Ruhr und Lippe nach dem Nieder- 
rhein und der Ems genommen. Hier begründeten die Chatten- 
zweige, in naher Berührung mit dem inzwischen hoch kultivirten 
Gallien, den Istvaeonischen Völkerbund als den jüngsten. Er 
verehrte den Wodan als Stammesgott, der eine Kulturerscheinung 
ist, ein Kriegsgott, aber ein runenkundiger, kenntnissreicher, milder, 
besonnener, dabei ein frivoler Freigeist, ein Abglanz überlegener 
Bildung. 

Unter den Istvaeonen haben sich bei den Bataven, welche Caesar 
zwischen Rhein, Maas und dem Meere vorfand, nach Tacitus (Germ. 29) 
bestimmte Erinnerungen davon erhalten, dass sie von den Chatten 
ausgewandert seien. Tacitus (c 2) erzählt auch, dass die Tungerer, 
welche damals Germanen genannt worden seien, zuerst über den 



') Da die Tylangii nach Phileas am Simplon sassen, den schon 117 v. Chr. ein 
römisches Heer überschritt, ist eine fetialische Kriegserklärung an die Hermunduli, 
wenn sie wirklich statt hatte, beim Kampf mit Hannibal viel besser denkbar, als später. 



V. 1. Wanderungen der Westgerrnanen vor Errichtung des Limes. 385 

Rhein gezogen wären und die Gallier vertrieben hätten, und dass 
durch diese ihr Name auf alle Deutschen übertragen worden sei. 
Caesar aber findet (bell. Gall. II. 4, VI. 32) mit dem Namen Ger- 
mani die Condrusi, Eburones, Caeroesi, Paemani und Segni benannt, 
welche wie die Tungerer am Nordabhang der Ardennen die Maas 
entlang sassen, und von denen die Eburonen anscheinend mit den 
Tungern identisch sind. Er zählte sie ebenso wie die westlich an- 
grenzenden Nervier zu den Belgae und erfuhr dem entsprechend, 
»dass mehrere Stämme der Belgae von den Germanen abstammten, 
welche in alter Zeit den Rhein überschritten, sich wegen der Frucht- 
barkeit des Bodens hier niedergelassen und die Gallier, welche diese 
Oertlichkeiten bewohnten, vertrieben hätten. Sie seien die Einzigen, 
welche den Ruhm erworben, die Cimbern und Teutonen von ihren 
Grenzen abgewiesen zu haben.« Ihre Einwanderung muss also 
spätestens gegen Ende des 2. Jahrhunderts fallen. Dass sie auch 
nicht erheblich früher zu denken ist, scheinen die keltischen Orts- 
namen, nach denen sie sich nennen, und das Bestehen keltischer 
Städte in ihrem Gebiete, wie das anscheinend (b. g. 2. 29) mit 
den Cimbern verbündete Aduatuca, zu beweisen. 

Nördlich von den Bataven an der Issel, .Vechte und Ems sassen 
die stammverwandten Hattuaren und Ansivaren. An sie schlössen 
sich, südlich und östlich der Brukterer, die Chamaven und zwischen 
der Ruhr und der Sieg die Sigambren, alle den Chatten nahe ver- 
wandt. Sie umgaben in weitem Bogen die letzten Stämme der kel- 
tischen Menapier rechts des Rheins, deren Sitze Caesar noch an der 
unteren Lippe vorfand und wieder herstellte. Denn die Menapier 
waren aus denselben bereits von den suevischen Tubanten, Usipiern 
und Tenkterern vertrieben worden, welche den Mittelrhein entlang 
durch das Land der Ubier über Ruhr und Lippe vorzudringen ver- 
mochten. 

Schon 38 v. Chr. nahm Agrippa die Ubier aus dem rechts- 
rheinischen Gebiete der unteren Lahn und Wied auf die linke Seite 
des Stromes hinüber. Ihre Grenzen wurden hier im Norden die Erft 
und Gelduba (Gellep, 2 Meilen unterhalb Neuss), im Süden der Vinxt- 
bach jenseits des Ahrthales. In den Gegenden zwischen den Bataven 
und Ubiern sassen nach Tacitus (hist. 5, 14) die ebenfalls ger- 
manischen Gugerni oder Guberni. Tiberius gelang es 16 v. Chr., 
einen Theil der Sigambern in ein nicht näher bezeichnetes, wahr- 
scheinlich an der Maas belegenes Gebiet überzusiedeln, daher ist un- 
sicher, ob diese selbst die Gugerni sind oder deren Nachbarn wurden. 

M citzen, Sicdulung etc. I. 25 



386 V. 1- Wanderungen der Westgermanen vor Errichtung des Limes. 

Jedenfalls kam durch diesen Zuzug die deutsche Bevölkerung vorn 
Limes bis zu den Ardennen in ununterbrochenen Zusammenhang, 
obwohl sie mit Kelten gemischt zu denken ist. 

Da eine Ausdehnung der Westgermanen über die von den Sueven 
(s. o. S. 36) aufrecht erhaltene öde Grenzlinie längs der Recknitz, 
Randow, Oder und Neisse und des Sudetenzuges bis zu den 
Beskiden so wenig in Frage kommt, als eine Zuwanderung oder 
nur ein Druck von den jenseitigen Ostgermanen her, andere Angriffe 
von Aussen aber kaum möglich waren, sind die geschilderten Be- 
wegungen innerhalb der westgermanischen Stämme lediglich ihrer 
inneren Entwicklung zuzuschreiben. Soweit sich die Wanderungen 
auf bestimmte Zeitpunkte beziehen lassen, ergiebt sich, dass Pytheas 
320 bereits die Ingvaeonen im Besitz der Nordseeküste findet, ohne 
dass sich während der nächsten Jahrhunderte ein erhebliches Drängen 
ihrer .Stämme nach einer Erweiterung ihres Gebietes bekundete. 218 
leben nach Livius halbgermanische Stämme in den peninischen Alpen, 
am wahrscheinlichsten hermundurische Sueven. 180 ziehen die Bastar- 
nen nach Ungarn, um 150 die Eburonen und ihre Nachbarn an die 
Maas. 113 dringen Cimbern und Teutonen, welche nicht an der Nord- 
see, sondern im bojischen Böhmen auftreten, über Mähren und 
Dlyrien zur obern Donau und zur Rhone vor. Etwa 110 gelangen 
die Bataven und 70 die verschiedenen Suevenstämme Ariovists 
auf das linke Rheinufer. 38 erscheinen im Osten die Quaden. 
Gleichzeitig treten die Ubier, und 16 bis 8 v. Chr. Sigambern, Her- 
munduren und die später als Alemannen vereinigten Usipier, Tenkterer, 
Tubanten u. a. friedlich in das römische Reichsgebiet über. 

Daraus ergeben sich nahezu 30 jährige Perioden für das Vor- 
dringen solcher Auszüge aus dem Innern Deutschlands. Sie sind durch 
die Kleinheit des Gebietes und das den Römern wohlbekannte starke 
Anwachsen der Bevölkerung völlig erklärt. Aber ihre Wiederholung 
bezeugt zugleich, dass ihre Quelle nicht versiegte, dass die Mutter- 
stämme dieser fortwandernden Volksmassen vielmehr dauernd im 
Besitze ihrer alten Heimath blieben. Die ersten Vorstösse der 
Römer über den Rhein galten seit Caesar zunächst den Sigambern, 
welche in ihrer Existenz bedroht, durch ihren tapfern Widerstand 
einen gefürchteten Namen erhielten. Im Uebrigen fanden ernste 
Kämpfe mit den Istvaeonen nicht statt, vielmehr stand ein Theil 
derselben im Dienste der Römer. Unter den Ingvaeonen erschien den 
Friesen ersichtlich vortheilhaft, die Flotten der Römer als Führer 
und Hülfskräfte zu unterstützen, die Chauken rühmt Tacitus wegen 



V. 1. Wanderungen der Westgermanen vor Errichtung des Limes. 387 

ihrer Friedlichkeit und Gerechtigkeit, und auf dem Gebiete der 
ßrukterer wird als auf einem befreundeten Aliso angelegt. Die Feldzüge 
der Römer galten also wesentlich den Herminonen und zwar den 
Chatten und Cheruskern Da aber die schleunigen und erfolglosen 
Märsche zur Elbe nur als Entdeckungszüge in das unbekannte Land 
gelten können, spielte sich der eigentliche Krieg vorzugsweise um 
Marsberg und am Ufer der mittlen Weser ab und überschritt kaum 
die Grenze des Feindes. 

Durch die keltischen Gebiete nördlich der Alpen fand in 
der Zeit um 278 v. Chr., ungewiss ob in näherer Beziehung mit den 
seit 404 begonnenen Auswanderungen keltischer Stämme nach Ober- 
italien, der o. S. 229 erwähnte Zug der Gallier nach Griechen- 
land und Kleinasien statt. Auch die bojischen Kelten in Böhmen, welche 
die Kimbern abzuweisen vermochten, und von denen Tacitus (c. 28) 
sagt, dass sie noch zu Caesars Zeit hinter den Helvetiern gesessen, 
und dass ihr Name an Bojohemum hänge, scheinen doch schon während 
der Feldzüge Caesar's zu den Norikern und Tauriskern über die 
Donau gezogen zu sein (Caesar b. g. I, 5). Eine ihrer Abtheilungen 
wurde in die Niederlage der Helvetier verwickelt und von den 
Aeduern in deren Gebiet aufgenommen (ebd. I, 28; VII, 14). Die 
östlicheren Bojer kamen mit den Dacen in Kämpfe und wurden 
schon 42 v. Chr. soweit vernichtet, dass sich davon die Deserta 
Bojorum am Neusiedlersee herleitet. Von den durch Caesar zurück- 
geworfenen suevischen Schaaren Ariovists setzten sich die Reste unter 
dem Namen Markomannen am mittlen Main fest, bis sie der am 
Hofe des Augustus erzogene Marbod 10 v. Chr., um den Römern 
auszuweichen, an die Mainquellen und nach dem von den Bojern 
verlassenen Böhmen führte. Marbod hielt ein grosses suevisches 
Völkerbündniss aufrecht, welches sich weit nach Nord und Ost er- 
streckte und nach Tacitus (Ann. II, 45) auch Semnonen und Longo- 
barden umfasste. Es dauerte noch fort, nachdem ihn im Jahre 19 
der von ihm vertriebene Gothe Katwalda durch Bestechung seiner 
Herrschaft beraubt hatte. Auch dieser wurde sehr bald wieder 
von den Hermunduren verjagt, und Tiberius verwies Marbod nach 
Ravenna, Katwalda nach Frejus. Der jüngere Drusus aber veran- 
lasste die Ueberfühiung der suevischen Gefolge Beider nach Ungarn 
und setzte den Quaden Vannius über sie. Dadurch wurde das Reich 
der Vanninischen Sueven begründet, welches aus kleinem Anfange 
in kurzer Zeit zu einer ansehnlichen Macht emporwuchs. 

Dies war die Stellung der deutschen Völker und ihrer Nach- 

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388 ^ • 2. Der oberdeutsche Limes und seine Anwohner. 

barn, als Tiberius die Grenzen des Römerreiches auf der ungefähren 
Linie des Limes abstecken liess. 

Seitdem scheiden sich für die genauere Betrachtung des weiteren 
Vordringens der Deutschen drei grosse, scharf begrenzte Gebiete, 
welche der Schauplatz nach Charakter und Zeit so verschiedener Vor- 
gänge