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Full text of "Sittengeschichte des deutschen Studententums"

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SITTENGESCHICHTE DES DEUTSCHEN STUDENTENTUMS 



Digitized by the Internet Archive 

in 2010 with funding from 

University of Toronto 



http://www.archive.org/details/sittengeschichteOObaue 




Der ra ufe nde Student 
Aus Dendrono, Na türl. Ab Schilder un g des ahn dem. Lebens., 
Nu rnpe r g, etwa l']2) 



MAX BAUER 

SITTENGESCHICHTE DES 
DEUTSCHEN STUDENTENTUMS 



MIT ZAHLREICHEN ABBILDUNGEN 



PAUL ARETZ VERLAG / DRESDEN 




COPYRIGHT BY PAUL ARETZ VERLAG DRESDEN 
PRINTED IN GERMANY 



Motto: Das deutsche Studentenleben war eine wichtige 
beachtenswerte Zeiterscheinung, auf welche die 
Nachwelt einst blicken wird wie auf ein zweites 
Mittelalter, dessen Ritterlichkeit es ebenso zu 
beweihren sucht, wie dessen Roheiten. Wir haben 
es versinken gesehen, vmd nun seimmelt man in 
Büchern, was von seinen Sitten, Gewohnheiten 
und üblichen Bräuchen übrig blieb, zur Kimde 
für die spätere Nachwelt. 

Ludwig Bechstein, Fahrten eines Musikanten, 
1856/1857. 

Die Vorzeit hatte keine Ahnung von der Psyche des Kindes. Ihr Vorhanden- 
sein war eine Entdeckung der großen Pädagogen des achtzehnten Jahrhun- 
derts. Wie man bis dahin dem Kinde die Kleidung der Erwachsenen gegeben, 
so schob sich auch keine trennende Schranke zwischen ihm und den Sitten 
und Unsitten der Großen. Noch war die Schule kein vermittelndes Element 
geworden, denn sehr spät erst setzte sich der allgemeine Schulbesuch der 
Knaben durch. Der der Mädchen noch viel später. 

Die Schule von einst unterschied sich von der heutigen nicht wesentlich. 
Sie war im Grunde genommen dieselbe Drillanstalt wie es die jetzigen 
Bildungskasemen sind, nur waren die Lehrgegenstände und der Ton, der 
in ihnen herrschte, grundverschieden von heute. 

In der Sucht, Mustermenschen erziehen zu wollen, wurde dem Kinde da- 
mals noch viel rücksichtsloser als heute die Jugend vergällt. Man begehrte 
geradezu Unmögliches. 

Adam Potken, Kaplan in Xanten, las um 1470 — 1480 mit elf- und zwölf- 
jährigen Knaben Vergils Aeneide und Ciceros Reden. Johann Eck, geboren 
i486, machte von seinem neunten bis zwölften Jahr im Hause seines Oheims, 
eines Pfarrers, und in der Schule einen umfassenden Kursus in den lateini- 
schen Klassikern durch. Dreizehnjährig bezog er die Universität Heidelberg. 
In seinem fünfzehnten Jahre wurde er in Tübingen Magister. 

Bauer, Sittengeschichte l 



3 Zur Geschichte der deutschen Schule. 

Solch geistige Frühreife steht nicht vereinzelt da. Der Mathematiker und 
Astronom Johannes Müller aus Königsberg in Franken ließ sich als Knabe 
von dreizehn Jahren in Leipzig immatrikulieren und erwarb in seinem 
sechzehnten Lebensjahre in Wien das artistische Baccalaureat. Johann 
Reuchlin und Geiler von Kaisersberg wurden sechzehnjährig Hochschüler. 
Johann Spießheimer genannt Crispinianus hielt als Jüngling von achtzehn 
Jahren an der Wiener Universität Vorlesungen über lateinische Klassiker. 
Drei Jahre später wurde er Lehrer der Philosophie, der Beredsamkeit 
und der freien Künste, und im Alter von 27 Jahren Rektor der Universität 

in Wien. 

Auch noch im 18. Jahrhundert konnte man nicht früh genug mit dem 
Unterricht beginnen. Wieland war einer der allzuN-ielen, die schon mit 
dreieinhalb Jahren einem Lehrer ausgeliefert wurden. Daß der Verstand 
und die Körperkraft des Kindes der Geistesdressur nicht gewachsen sein 
könnten, dafür fehlte das Verständnis, Deshalb w-urden alle natürlichen 
Widerstände mit Gewalt zu brechen versucht. 

In den Mitteln dazu war man nicht wählerisch. Das Aufstülpen von Esel- 
köpfen, das Trinken schmutzigen Spülwassers, das Essen aus einem Hunde- 
trog, stundenlanges Knien auf Erbsen oder einem dreikantigen Holzklotz, 
das Stehn am Schulpranger, das Tragen schwerer Lasten und ähnliche Mar- 
tern waren überall gebräuchlich. Dazu kamen dann noch die Hiebe, die un- 
aufhörlich auf den Schüler niederprasselten. „Wo gibt es irgend einen Lehr- 
gegenstand, der ohne schwere Züchtigung erlernt werden könnte? Welche 
Schläge, welche Schmerzen erdulden die Jünger der Musik, wie werden die 
Lehrlinge der Heilkunst geschunden l" ruft schon St. Columban der Ire aus. 
In den Klosterschulen des frühen Mittelalters wurde bereits ganz barbcirisch 
geschlagen. 

Ebenso wie Lesen und Schreiben waren den alten Deutschen die Schulen 
völlig unbekannt, bis die Römer ins Germanenreich kamen. Erst als die 
deutschen Heiden die römisch-christliche Bildung sich anzueignen begannen, 
wurde es anders und manch deutscher Christ hatte in den römischen Rhe- 
torenschulen der gallisch-germemischen Grenzgebiete sich höhere Bildung 
angeeignet. Da Wissen und Gelehrsamkeit, als sie in deutschen Gauen eine 
Heimstätte gefunden hatten, sich im fast ausschließlichen Besitz der Geist- 
lichkeit befanden, war diese auch gezwungen, durch Schulen für den Nach- 
wuchs in ihrem Berufe zu sorgen. 
So erstanden seit dem 8. Jahrhundert mit und bei den Klöstern und Kirchen 



Trügelzucht in Klosterschulen. Streichtage. 5 

Klosterschulen, von denen einzelne zur Bedeutung »hoher Schulen' ihrer 
Zeit emporwuchsen 0. 

Bis in das la. Jahrhundert hinein blieben diese Klosterschulen die einzigen 
Bildungsstätten. Sie boten aber nur Raum für eine verhältnismäßig geringe 
Schülerzahl. 

Wenn daher schon Karl der Große befohlen hatte, daß jeder Laie seine 
Söhne zur Schule schicken sollte, so ließ sich dies schon aus Mangel an 
Schulen nicht verwirklichen. Erst mit dem 15. Jahrhundert begann mit 
der Eröffnung von Stadtschulen ein neuer Abschnitt in der Schulgeschichte. 
Ein Säkulum später wurden die Universitäten gegründet, die als direkte 
Nachkommen dieser Klosterschulen anzusprechen sind, allerdings vorerst 
der mittelalterlichen Hochschulen, den Keimen der heutigen Institute dieses 
Namens. 

In diesen Klosterschulen herrschte also das Prügelsystem. 
Bischof Ratherus von Verona, dann von Lüttich (890 — 974), nannte die 
von ihm verfaßte Elementargrammatik sparadorsum, das heißt Rücken- 
schoner, weil bei ihrem Gebrauch, wie er annahm, die Schüler weniger 
Schläge bekommen würden. In den Klöstern, wo jene Schüler, die sich dem 
Ordensdienst weihen wollten, im Gegensatz zu denen, die zu Weltgeist- 
lichen bestimmt waren, stets das Ordenskleid tragen mußten, hatten sie 
dieses abzulegen, wenn sie diszipliniert wurden. Sie empfingen die Streiche 
auf dem härenen Gewand unter der Kutte, denn Wäsche war damals noch 
nicht im Gebrauch. Der Orden der Cluniacenser verbot dem Lehrer, der 
einen Schüler züchtigte, sich ihm edlzusehr zu nähern. Wie es überdies auf 
das Strengste untersagt war, einen Knaben zu betasten oder ihm so weit zu 
nahe zu kommen, daß die Kleidungsstücke sich berührten. Die Schläge 
sollten nur allein auf die Hände oder auf den Rücken gegeben w^erden. Die 
Züchtigungen wurden für eine derart unentbehrliche Angelegenheit gehal- 
ten, daß nicht einmal eine bestimmte Ursache nötig war, um Rute oder 
Stock zu kosten, sondern, wie man in einem geregelten Haushalt ab und zu 
ein Großreinemachen für unerläßlich hält, so wurde den Schülern, wenn 
dies dem Herrn Abt angebracht erschien, eine Gesamtgeißelung verabreicht. 
An solchen „Streich-Tagen" wurden den Schülern die gemachten und von 
den Lehrern zusammengezählten Fehler auf dem Rücken zusammen- 
gerechnet. Ein Schüler des Klosters St. Gcdlen zündete an einem solchen 
Tage aus Angst vor den Hieben die Schule an. Die sich schnell verbreiten- 
den Flammen äscherten einen Teil der Klostergebäude ein ^). 



A Die stumme Sünde. 

Naheliegend ist der Gedanke, daß es sich bei dieser Generalgeißelung um 
die Bestrafung uneingestandener sexueller Vergehn der Schüler gehandelt 
haben mag, wenn dies auch niemals deutlich ausgesprochen ist. ,,Daß aber 
jene Lehrermönche sich über die möglichen üblen Folgen der Prügelstrafe 
in sexualpsychologischer Hinsicht klar waren, zeigen die Gebote, daß Schläge 
nur auf die Hände oder den Rücken gegeben werden durften, und daß die 
Knaben dabei nicht betastet werden sollten. Es besteht wohl kein Zweifel, daß 
bei einer Prügelstrafe seitens des Lehrers sexuelle Motive in Frage kommen 
können, und daß bei Kindern sexuelle Anomalien durch die körperliche 
Züchtigung hervorgerufen werden können . . ."'^), 

Wehe dem Schüler, der sich bei einer Sünde dieser Art hätte ertappen 
lassen. Dennoch waren sie sehr verbreitet in den Klöstern. Bruder Berthold 
von Regensburg sprach außer von der roten noch von der geheimen Sünde, 
die Luther und Eberlin von Günzberg die stumme Sünde nannten. Auch 
Bruder Johannes Pauli berührt einmal dieses Thema, das er in direkte 
Verbindung mit den Klöstern bringt, die er, der Mönch, genau kannte. Er 
versichert, daß , männliche Jungfrauen' in den Klöstern völlig fehlen. 
„Man hat sie vieleicht wol funden, die nie kein frawen hetten gehabt, sie 
waren darumb nit iunckfrawen. Es mag ein dochter ir iunckfrawschaft 
wol verlieren an ein man, vnd ein man an ein fraw, dis gehört in di beicht. 
Es müssen nit al wegen zwei sein, wan man dotsünd vollbringt"*). Die Ab- 
sicht, die ,, stumme Sünde" nicht aufkommen zu lassen, oder auszurotten, 
zeitigte scharfe Maßregeln. Eigene Wächter, die Cirkatoren, wie wir sie 
später in den Bursen wiederfinden werden, hatten ständig über die Schüler 
zu wachen. Außerdem war gezwungenermaßen ein Schüler der Spion des 
andern. Schließlich kam es so weit, daß jeder Zögling einen eigenen Auf- 
passer hatte, gegen den sich aber ein gewisses Mißtrauen richtete, das sich 
in besonderen Vorschriften kvmd tat. So sollte der Aufseher vermeiden mit 
dem Schüler allein zu sein ,propter bonum testimonium'. Bei den Clunia- 
censem standen dem Schüler sogar zwei Aufseher zur Seite, die nicht nur 
den Knaben, sondern gegenseitig sich selbst zu bewachen hatten. 
Wie weitgehend diese Bewachung war, geht schon daraus hervor, daß jeder 
Knabe, wenn er gezwungen war, eines natürlichen Bedürfnisses wegen 
sich nachts vom Bette zu erheben, stets seinen Aufseher wecken mußte, 
dieser aber noch einen Lehrer oder einen anderen der Schüler, die nun 
beide den Knaben auf den Abtritt führen mußten. Solche Maßregeln ruft 
allein nur die Erfeihrung hervor, und sie wußte schon damals, daß klöster- 




Das Kollegienhaus in Hehnstedt im ij.Jahrhundert 




^~ '^rojyecft 3>CS Jeni/c/t^n MarcUff'. 



Kupferstich, Anfang des iS. Jahrhunderts 





Aus dem Stade titen leben 



Kupferstiche von Johannes y^olff, Anfang des 
iS. Jahrhunderts 



Rutenbedarf in Klöstern. 5 

liehe Askese stets bereit ist, in das Gegenteil umzuschlagen. Denn „wenn 
die Askese den Körper schwächte, so schwächte sie auch die Nerven, die 
überdies durch die beständige Beschäftigung mit übersinnlichen Dingen 
und Wiederholung von Erzählungen visionärer Zustände in vmnatürliche 
Erregung versetzt wurden. So war der Boden bereitet für natürliche und 
unnatürliche Gelüste, und Onanie war an der Tages- und Nachtordnung. 
Zu diesem sozusagen , natürlichen' Laster kamen in ebenso großem Um- 
fange die sogenannten , unnatürlichen', die Verbrechen , wider die Natur', 
von denen auch die Goliardenlieder Andeutungen enthalten"^). 
Aber die Gefahr, durch den Rohrstock Sünden zu wecken, was vielleicht 
diesem oder jenem nicht unbekemnt geblieben war, da er es als Knabe am 
eigenen Leibe erfahren hatte, hielt aber keinen dieser frommen, selbst 
heiligen Zuchtmeister davon ab, die Rute als das Allheilmittel bei der 
Kindererziehung anzusehn und kräftiglich zu gebrauchen. 
Der berühmte Notker von St. Gallen wurde von seinen Schülern ,Das 
Pfefferkorn' genannt, weil er so eifrig und schmerzhaft mit seinem Stock 
ihr Hinterteil biß. 

In manchen Klöstern war der Rutenbedarf so groß, daß sie sich von ihren 
Zinsbauern Ruten und Peitschen zur Züchtigung ihrer Schüler liefern 
ließen 6). 

Wer sein Kind lieb hat, der hält es unter der Ruten! hatte Geltung als 
A imd O aller Kindererziehung bis in die allerjüngste Zeit hinein. Berthold 
von Regensburg, der unsterbliche Volksprediger, hält es für ratsam, allzeit 
ein Rütlein zur Hand zu haben. Er empfiehlt „für die Zeit, als es (das Kind) 
erste böse Worte spricht, so sollt ihr ein kleines Rütelein nehmen .... und 
als (wenn es) eine Unzucht oder ein böses Wort sprichet, so sollt ihr ihm 
ein Smitzelin thun an der bloßen Haut. Ihr sollt es aber aufs bloße Haupt 
nicht schlagen mit der Hand, denn ihr möchtet es wohl zu einem Thoren 
machen"^). 

Oswald von Wolkenstein, der letzte Minnesinger, wundert sich, daß ein 
Mann sein Kind ohne Rute ziehen will. Hans Sachs ermahnt die Eltern, 
ihre Kinder mit der Rute im Schach zu halten. Wenn Geiler von Kaisers- 
berg und Cyriacus Spangenberg nur vor Bestrafung im ersten Zorn w arnen, 
geht Johcinnes Fischart — manchmal seinem Zeitalter stark voraus — noch 
einen Schritt weiter, indem er erklärt, daß Loben und Schelten viel weiter 
führen, „als alles Rasen, Treten, Stoßen und Stürmen mag verfahen". 
So unerhört ersterbend die Ehrfurcht vor allem war, was in der Nähe des 



6 Prügelknaben. Die Rute in Mädchenschulen. 

Thrones lebte, so zögerten doch die Lehrer nicht, die Rute zu zücken, wenn 
einer ihrer beinahe „allerhöchsten" Zöglinge sich irgend ein Versehen zu 
schulden kommen ließ. So erhielt Kaiser Maximilian der Erste, der letzte 
Ritter, in seiner Jugend oftmals tüchtige Schläge. Auf einem Rlatte im 
,Weißkunig', das den jungen Max beim Unterricht zeigt, sind drei weitere 
Schüler, ohne Zweifel Prügelknaben anwesend. 

Die Einrichtung solcher Prügelknaben war uralt und vererbte sich durch 
Jahrhunderte fort, bis sie im achtzehnten Jahrhundert erlosch. 
Was Berthold von Regensburg, eingedenk seiner Klostererziehung, vom 
Schlagen mit der Hand sagt, wird in den Schulordnungen den Lehrern 
immer wieder aufs neue eingeschärft. Sie sollen die Schüler nicht auf die 
Köpfe, auch nicht auf die Hände hauen sondern „in die hindern" oder 
„äffteren". Dann nicht mit Stöcken, sondern mit Ruten, die meist in Ge- 
stalt eines Besens gebunden waren. Die Knaben mußten sich zu diesem 
peinlichen Verfeihren die Hosen herunter lassen, wie unser Bild deutlich 
zeigt. 

Trotz aller behördlichen Bestimmungen sangen die Schüler bis vor wenigen 
Menschenaltem den alten Schulvers: 

Hie, haec, hoc — der Lehrer (Kantor) mit dem Stock, 

Is, ea, id — was will er denn damit? 

Sum, fui, esse — er haut ihm in die Fresse, 

nie, illa, illud — daß die Nase blut! 
Doch auch in Mädchenschulen schlugen gewisse Schulmeister gar zu gern zu. 
Im Jahre 1562 beklagte sich der , deutsche Schreiber' Oswald Saupe in 
Dresden darüber, „daß sich ein neuer Schulhalter aufdringe, ein junger 
Gesell vor dem Wilsdruffer Tore, der Knaben und Mädchen unterrichte, 
und zwar nicht nur kleine sondern auch erwachsene und mannbare. Es 
wäre, da er unbeweibt, und die Jungfern, so viel man berichte, alle mit der 
Rute züchtige, leicht Unheil zu erwarten" ^). 

Der Bakel wurde schließlich das Standessymbol des Lehrers und das Um 
und Auf jeglicher Erziehung und allen Unterrichtes. 

Wie man den Herrscher nie ohne Krone und Szepter als Embleme seiner 
Würde und seines Gottesgnaden tum zu sehen gewohnt war, so erschien der 
Schulmeister niemals ohne seine Attribute, Rutenbündel oder Stock. Das 
Siegel von Höxter aus dem Jahre 1356 stellt einen Lehrer dar, der die Rute 
über einen knieenden Knaben schwingt. Auf einer der herrlichen Miniaturen 
der Manessischen Bilderhandschrift aus dem dreizehnten Jahrhundert sind 



Mißbrauch der Rute. 7 

zwei geistliche Lehrer bei ihren Schülern abgebildet. Beide haben dicke 
Rutenbündel in den Händen. Im Elsaß kommt die Amtsbezeichnung des 
Lehrers als „Besemer" (scoparius) vor^). 

Im Jahre 1588, am Mittwoch nach Jukund, wurde in Dresden vom Stadt- 
rat selbst „der neue Schulmeister T. Möckel per baculum et virgam a consule 
(mit Stock und Rute) in der Schule investiret". Genau hundert Jahre später 
thront dieser Möckel würdevoll auf einem der Kupferstiche, die den 1688 
und 1689 erschienenen , Monatlichen Gedanken' von Christian Thomasius 
beigegeben sind, mit den untrüglichen Zeichen seiner Macht versehn auf 
seinem Katheder ^^). 

Und mit welch sadistischer Grausamkeit bedienten sich die Jugendbildner 
der Rute! 

Melanchthon erhielt für jeden Lateinfehler einen Streich. ,,Also machte er 
einen Grammaticus aus mir", lobte er seinen Lehrer. 

Im achtzehnten Jeihrhundert waren diese Strafen manchmal zu festen Taxen 
geworden. 

,,Als Heinrich (Zeller) zum ersten Mal in die zweite Lateinschule zu Lud- 
wigsburg kam, bemerkte er linker Hand beim Eintritt eine kleine schwarze 
Tafel, auf der, nach Art der Fleisch- und Brottaxen an den Metzger- und 
Bäckerläden, die Zahl der Stecken- und Rutenhiebe verzeichnet stand, die 
als Strafen auf die verschiedenen Hauptfehler gegen die lateinische Gram- 
matik gesetzt waren" ^^). 

Obgleich Luther nichts gegen Züchtigung hatte, eiferte er doch gegen deren 
Mißbrauch. ,,Wie vor dieser Zeit die Schulmeister gewesen sind, da die 
Schulen rechte Kerker und Höllen, die Schulmeister aber Tyrannen und 
Stockmeister waren, denn da wurden die armen Kinder ohne Maß und ohne 
edles Aufhören gestäupt, lernten mit großer Arbeit und unmäßigem Fleiß, 
doch mit wenigem Nutzen" ^^). Den Kindern wurde die Schule zum Fege- 
feuer, in dem sie ,, gemartert wurden über den Casualibus und Temporalibus, 
da sie doch nichts lernten durch so viel Stäupen, Zittern, Angst und Jammer" 
sagt er weiter. 

Dann einmal: ,,Man soll die Kinder nicht zu hart stäupen; denn mein 
Vater stäupte mich einmal so sehr, daß ich ihn floh und ward ihm gram, 
bis er mich wieder zu sich gewöhnte". Ein andermal, auch in seinen Tisch- 
reden: ,,Ich bin einmal in der Mansfelder Schule fünfzehnmal hintereinan- 
der gestrichen worden". 
Erasmus Alberus, der deutsche Aesop (f 1555), schrieb: ,,Zu der Zeit, da 



g Sadisten als Schulmeister. 

ich in die Schule ging, habe ich oft gesehen, wie man so greulich mit den 
armen Kindern umging, da stieß man ihnen die Köpfe wider die Wände, 
und zwar hat man es mir auch nicht gespart . 

„Under andern kan ich selbsten, nicht allein mit Wortzeichen gut Zeugniß 
geben, allda ich von dergleichen einem (Schult>Tannen) mit einer geisel, 
so drey liderne dicke schneidende Riemen gehabt, nicht ein, zwey, zehn 
oder zwantzig, sondern wol über die 50 mahl im sibenden und achten (damit 
ich deß sechsten geschweige) Jahr meiner Kindheit dermaßen gegeiselt 
worden, daß mir tieffe Löcher in das fleisch hineingehawen und auß meinem 
Hemmet zerhawnen fleisch und underfloßnen Blut ein Zelten worden und 
in einander gebacken, daß ich noch gehen noch sitzen können, welche 
Zeichen und Malen ich noch heut an meinem Leib trage". — ,,Ist aber das 
nicht bekannter grober Unverstand und unschambarer Greuel vieler deren 
Pedanten, zu denen beyder Geschlechts Jugend, Knaben und Mägdlein, in 
die Schul gehn, daß sie die Knaben vor den Mägdlein und die Mägdlein 
vor den Knaben entblösen und abstreichen?" erzählt aus seinen Jugend- 
erinnerungen Hippolyt Guarinonius um 1600 ^'). 

Gegen den Rektor Johemn Bechmann der Meißner Schule erhoben die Visi- 
tatoren im Jahre 1616 die Beschwerde, daß er ,die jüngeren Knaben der- 
maßen mit Prügeln oder wol gar mit Füsentreten traktire, daß sie eine 
Zeit krank zu Bett liegen mußten' '*). 

Ein Wittenberger Rektor wurde angeklagt, daß er, ,wie ein Leu in der 
Schule gegen die Knaben gewütet und selbige mit der Rute ins Angesicht 
und auf die Köpfe blutrünstig geschlagen habe'. In Weimar verbot man den 
Lehrern unter Strafe der Dienstentlassung das bisher übliche ,, Zuschlagen 
mit Stecken oder Büchern auf die Köpfe, item mit vollen Fäusten in das 
Angesicht, dergleichen anderes grimmiges Stoßen und Raufen bei den 
Haaren und Ohren, item mit dem Stecken auf die Fäuste schlagen" ^*). 
,.So die Kindermeister, als gar oft geschieht, die Jugent zu heftiglich schla- 
hen, solten sie gestrafft werden, wann es ist unchristlich und ungebürlich 
heftig in Zorn zu schlahen", sagt schon der 1498 bei Peter Scheffer in Mainz 
gedruckte ,, Seelen-fürer", ein nutzberlich buch für yeglichen cristenmen- 
schen zum frumen leben und seligen sterben" auf seinem 17. Blatt. 
In dem Wormser Statutenbuch von 1498 und 1507 heißt es: „Es sollen 
auch Lehrmeister, Zuchtmeister, und die so andere lernen, unterweisen und 
versehen, ihre Diener, Kinder und Jungen nicht unziemlich strafen, unmäsig- 
lich schlagen, stoßen oder treten, auf unser, des Rats Strafe und Pöne" *^. 



Sadistisclie Lekrer. 9 

In einer Schulordnung für die Stadt Braunschweig vom Jahre 1562 wird 
geboten, daß der Lehrer bei Erteilung von Schulstrafen sich alles Fluchens 
und ungebülirlichen Redens enthalten müsse, die Knaben nicht mit , Schlüs- 
seln, Büchern oder Fäusten ins Angesicht schlagen, nicht gräulich über die 
Bänke werfen, ihre Glieder verrücken, bei den Ohren ziehn, das Gehör und 
Gesicht verletzen und wie Diebshenker stäupen' dürfe '^). 
Der Rat von Eßlingen verordnet 1548, daß der Lehrer seine Schüler ,nicht 
an den Kopf schlagen, sie weder mit Tatzen, Schlappen, Maultaschen und 
Haarrupfen, noch mit Ohrumdrehn, Nasenschnellen und Hirnbatzen strafen, 
keine Stöcke und Kolben zur Züchtigung brauchen, sondern allein das Sitz- 
fleisch mit Ruten streichen solle'. Wie man sieht, verfügten die Herren 
Schulmonarchen über ein reiches Repertoire, dem es sogar an Fachaus- 
drücken nicht fehlte. 

In Nordhausen sollten diese Prügelhelden, die Knaben nicht bis aufs Blut 
stäupen, mit Füßen treten, bei den Ohren und Haaren aufheben oder mit 
dem Stock oder Buch ins Gesicht schlagen, auch dabei keiner Gottes- 
lästerung, Flüche und ungestümer Schmähungen sich bedienen ^^), 
In Göttingen sah sich der Gymnasialrektor Heinrich Petreus 1586 genötigt, 
den Lehrern zu untersagen, auf die Knaben „gleich auf Eseln loszuschlagen, 
ihnen in die Haare zu fahren, sie mit Füßen zu treten oder mit Knüppeln 
durchzuprügeln' ' , 

Einen ähnlichen Fall berichtet Hans Rau^^), leider ohne seine Quelle zu 
nennen, weshalb ihm die Verantwortung für dessen Richtigkeit über- 
lassen sei. 

„Denken Sie sich die Frechheit 1 Da wollte mich ein Schulknabe insultieren. 
Aber nein! sage ich, die Lausbuben! Denken Sie nur, zu seiner wohl- 
verdienten Strafe kroch er in den Hundestall". Dieses war ein zur Züch- 
tigung eigens konstruierter Stuhl, der vom eine runde Öffnung hatte. Der 
zu bestrafende Knabe mußte mit dem Vorderkörper durch das Loch kriechen, 
bis sich die Öffnung um seine Lenden schloß, und der Lehrer, der auf dem 
Stuhl saß, konnte dann in aller Gemütlichkeit das Hinterteil seines Opfers 
mit der Rute bearbeiten! ,,Aber noch hatte sich der Bösewicht nicht ge- 
hörig losgenestelt, das doch alle, der erste wie der letzte hergebrachter- 
maßen tun müssen, sobald die Samstaglektion anfängt. — Daß dich Donner 
und Blitz treffe! sagte ich, denn er hatte noch 6 — 7 tüchtige Sünder hinter 
sich, und so ein boshaftes Versehen nimmt ja unnütz die Zeit weg. Weil 
aber doch die Beinkleider auf der einen Seite los waren, so setzte ich flugs 



1 Der Lehrer als Henkersknecht. 

den einen Fuß darin und riß eilig auf der anderen Seite Nestel, Hosenträger 
und Hosen entwei, zog zugleich das Hemd so mächtig an mich, daß es mir 
halb in der Hand blieb, und nun ließ ich meinem gerechten Zorn so Zügel 
und Zaum, daß die Rute schon beim 12. Hiebe bis auf Stumpf und Stiel zu 
Schanden gehauen war. Und jetzt griff ich erst nach der zweiten, die rechts 
neben mir im Wasser steckte. Wie das Ding pfiff, wie es durch die Luft 
sausete, und wie mir das Herz lachte, als der Vogel vergeblich im Käfig 
sein Misere heulte und nach allen Heiligen schrie. Wie mir nun ums Herz 
war, als auch die zweite Rute berstete und der Knabe blau und rot ein 
kupferner Kessel vor mir lag: und wie ich triumphierte, als der Bube von 
mir wegkroch auf allen Vieren und eine Weile weder stille stehen noch 
gerade gehen konnte und seine Lumpen zusammensuchte". 
Die Lehrer in Basel besaßen einen wahrhaft henkerischen Erfindungsgeist. 
Sie begnügten sich nicht mit den gewöhnlichen Formen der Prügelstrafe, 
sie plagten ihre Schüler mit „Schrauben, Pochen, Balgen, mit Schlägen, 
Hüpfen, Rupfen". 

In einer 1540 erschienenen Schrift heißt es: „Wenn der Herr Schulmeister 
das Henkeramt verwaltet, muß der arme Sünder, will er nicht bis aufs 
Blut gestrichen sein, sich selbst bücken und bereit halten. Andere Schul- 
meister halten, um das Strafamt bequemer zu verwalten, und jede Wider- 
setzlichkeit unmöglich zu machen, eine förmliche ,Verbrecherleiter' bereit, 
in die die Kinder kriechen und Kopf und Beine hindurchstecken müssen. 
Da kriegt nun der Schulmeister seine Henkersrute aus einem Eimer voll 
Wasser, hauet, peitschet und trummelt dem armen Schelm auf posteriori 
herumb, daß er schreiet, daß mans übers dritte Haus hören möchte, hört 
auch nicht auf, bis daß dicke Schwülen auflaufen und das Blut an den 
Beinen herunterläuft"^^). 

Bei solch unerhörten, gewohnheitsmäßig betriebenen Roheiten nimmt es 
nicht Wunder, daß einer dieser Dippolde, der Lehrer des Humanisten 
Johannes Butzbach, wegen seiner Grausamkeit davongejagt, in Miltenberg 
Henkersknecht wurde ^0, 

Wenn eine kursächsische Verordnung vom Jahre 1766 den Lehrern gebot, 
die Kinder ,, weder mit Stöcken noch Fäusten, sondern lediglich mit Worten 
oder Flatieren und wo es nötig mit Ruten zu streichen", so drohten noch 
1771 die Stadtväter von \'\ interthur dem Stadtpräzeptor Reinhart, ihn vor 
den Rat zu stellen, sofern er sich weigere, den Schüler Knuß öffentlich mit 
eigener Hand zu züchtigen"^'). 



•Rutenfeste der Schulen. 1 1 

Es darf nicht verschwiegen werden, daß es auch Pädagogen gab, die sich 

des Prügeins enthielten. So der Größten einer, Johemn Arnos Comenius. 

Gegen die Schläge der Jugend geht er in seiner ,,Didactica magna seu 

omnes omnia docendi artificium", Amsterdam 1657, vor. Er führt u. a. aus: 

,, Schläge und Streiche haben nicht die Kraft, in die Köpfe Liebe zu den 

Wissenschaften, wohl aber geradezu Widerwillen gegen diese zu erzeugen. 

Wenn sich daher irgendwo die Krankheit zeigt, daß die Geister Ekel gegen 

die Studien empfinden, so muß diese vielmehr durch Maßhalten und durch 

Darreichung von angenehmen Gegenmitteln gehoben, nicht aber durch 

scharfe Mittel noch geschärft werden. Wenn es jedoch bisweilen des 

Spornes und Stachels bedarf, so läßt sich dies auf andere Weise viel besser 

bewirken als durch Schläge; bisweilen durch ein schärferes Wort oder 

durch einen öffentlichen Tadel, bisweilen dadurch, daß man auf andere 

lobend hinweist". — 

Wahrhaft herzerfrischend mutet es an, wenn Walter von der Vogelweide 

sagt: 

Niemand lenkt zum Guten, Kindeszucht mit Ruten. 

Wer zu Ehren kommen mag, dem ist ein Wort wie ein Schlag. 

Aber solch kluge Köpfe waren recht dünn gesät. Dann zeigte auch die Obrig- 
keit nicht immer das nötige Verständnis für Erziehung ohne Gewaltakte. 
Deshedb hielt sich die überwiegende Masse der Lehrer an die altbewährte 
Methode. 

Wie im vormärzlichen Österreich der Delinquent, dem Fünfundzwanzig 
aufgezählt worden waren, sich beim Richter „für die gnädige Straf" be- 
danken mußte, so hatten die Schulkinder die Pflicht, das Rutenmaterial für 
ihre gestrengen Herren Lehrer selbst zu besorgen. Allerdings suchte man 
ihnen diese schwere Aufgabe nach Möglichkeit zu versüßen. Reicke sagt 
darüber: 

„Die Reschaffung der Ruten gestaltete sich vielerorten zu einem Festtag für 
die ganze Schule. An einem schönen Maienmorgen zogen Lehrer und 
Schüler, häufig mit Musik und von der halben Stadt begleitet in das nahe 
Holz, das im Frühlingsschmuck prangte. Hier tummelte sich die Jugend 
lustig unter allerlei Schimpf, das ist Kurzweil, den ganzen Tag über. In- 
zwischen wurden die Weidenbüsche und Haselsträucher nach passenden 
Gerten eifrig durchsucht und geplündert. Mit Maiengrün geschmückt und 
mit ihren künftigen Quälgeistern reich beladen, kehrten die Schüler am 
Abend unter Absingen von Liedern nach Hause zurück. 



12 Charakteristik der Schüler von einst. 

Eines dieser Lieder hat sich noch erhalten. Es lautet: 

Ihr Väter und ihr Mütterlein, 

Nun sehend, wie wir gehn herein, 

Mit Birkenholz beladen, 

Welches uns wohl dienen kann 

Zu Nutz und nit zu Schaden. 

Euer Will und Gottes Gebot 

Uns dazu getrieben hot, 

Daß wir jetzt unsere Rute 

Über unserm eignen Leib 

Tragen mit leichtem Mute^"^). 
Hier und da erfreute sich die Jugend auch an einem Tänzlein mit den 
heranwachsenden Töchtern der Stadt. Das scheint zu Ausschreitungen ge- 
führt zu haben, denn das Rutenfest — Virgatum — wurde wiederholt ver- 
boten"^). Es sei nur flüchtig daran erinnert, daß die Hanseaten in Bergen 
ebenfalls ihre Lehrlinge zwangen, Birkenruten zu schneiden, mit denen sie 
tags darauf in unerhörter Weise gezüchtigt werden sollten^). 
Den prügelnden Lehrern kann vielleicht als mildernder Umstand gutge- 
bracht werden, daß sie einer völlig verrohten Schülerschaft gegenüberstcm- 
den. Die drakonischen Streifen vermochten dieZuchtlosigkeit der Schuljugend 
weder zu ändern noch zu bessern, da sie ebenso überliefert war wie ihre 
Strafen. ,,Die Geschichte der Schulen ist von der Zeit ihrer Gründung an 
mit Klagen über den unbändigen Geist der Jugend angefüllt", sagt Janssen ^®). 
,,Man erstaunt wahrzunehmen, wie fast jedes Alter und jede Ausschweifung 
der Studierenden jener Zeit auch schon auf den Gymnasien heimisch ist: 
Waifentragen und Duell, Trunk und Unzucht, Faulheit und Übermut bis 
zu tätlicher Widersetzlichkeit und Aufruhr ^^. 

Für die Schule in Pforta erging 1546 von der Universität Leipzig eils der 
Aufsichtsbehörde die Verfügung: ,,In groben Übertretungen der Schüler, 
als da seien Gotteslästerung, Diebstahl, unzüchtige Sauferei und Spielerei, 
Verachtung der Lehrer oder des Vorstehers sollen die Lehrer und der Vor- 
steher sich der Strafe vergleichen und zur Erfolgung einander behülflich 
sein. Im Jahre 1580 ging an alle Schulen der strenge Befehl, darauf zu 
achten, daß die Schüler nicht zu gierig fressen noch sich vollsaufen nach 
Einbruch in die Kellereien, Sie sollen sich nicht zu den Köchinnen „und 
anderem gemeinen Gesinde" in der Schule gesellen, die Schulhäuser weder 
bei Tag noch bei Nacht heimlich verlassen". Lügenbücher, schändliche 




Der Schulmeister 
Holzschnitt run Jl brecht Dürer 




Unterricht im Singen , Lesen und Rechnen i?i einer 
Stadtschule mit einer Züchtigungsszene 




Lehrer mit den Schul- 
gehilfen, den die umgekehrte 
Rute kennzeichnet 

Aus dem Schulbuch Do natu $ 
g r a m m a t i c u s 

Nürnberg, um 1)00 




.4 Lbertus Magnus icJir t 
„secreta mulierum 

Kölner Holzschnitt, etwa i 4 S o 

Herrscherin Rute 



Lehrer mit drei Studenten 

Schulbuchholzschnitt. 1 4S6. 



Das S t ande s s y tnb ol des 
Lehr er s 

Augshurger Holzschnitt von I49f 





Kaiser Maximilian, der letzte Ritter, heim Unterricht 
m it seine ti Prügelk nahen 

Holzschnitt i'on Leonhnid Beck aus dem VVeiJikunig 



Adelige Schüler. Schülerexzesse. Pennalismus in niederen Schulen. 1 3 

Schriften und unzüchtige Gemälde sollen sie nicht lesen oder in ihrer Woh- 
nung haben. Von Zechen und Tänzen sollen sie sich fernhalten und keine 
Nachschlüssel haben. 

Über die adeligen Schüler hatte Kurfürst August bereits im Jahre 1554 den 
Landständen vorgehalten, daß sie „sich unterständen, die Schulmeister zu 
raufen und zu schlagen, sogar sie zu erstechen drohten . 
In einer Pfingstpredigt seufzt M. Heinrich Doltz (Jhena 1577): ,Aber wie 
sollte es denn auch sich nicht leichtlich erklären lassen, daß den Rectoren 
und Praeceptoribus die Galle vor Zorn und Verzweiflung überläuft, wenn er 
die wilde, raufige, faule, schier teuflische Jugend sieht, so sie erziehen sollen, 
und mit der sie so viel Nöten und Gefahren haben, daß sie oftermals böslichen 
Angriffen ausgesetzt und Leib und Leben nicht sicher sind'. Der Rektor 
des Brieger Gymnasiums äußerte im Jahre 1599, die Schüler seien so ver- 
kommen, „daß man eher einen Fisch ohne Gräten als auch nur einen von 
Haus aus unverdorbenen Schüler finde". 

In der Landesschule in Meißen, in der sich meist adelige Schüler befanden, 
war weder Zucht noch Ordnung. Am tollsten trieben es die Jungen unter 
dem gelehrten Mennius, der zu Anfang des 17. Jahrhunderts der Schule als 
Rektor vorstand. War es schon unter seinem Vorgänger Dresserus bunt zu- 
gegangen, so kamen unter seiner Herrschaft die größten Exzesse vor. Einem 
Knaben wurde der Arm zerschlagen, ein anderer wurde in ein Wasserloch 
gestoßen, so daß er das Schulterblatt brach. Der Rektor wagte das alles 
nicht zu bestrafen. Eine Bande von vier Buben bewaffnete sich mit Dolchen 
und hielt die ganze Schule im Schach. Einer von ihnen, August Grempler, 
erstach am 14. Dezember 1608 einen anderen Schüler, Daniel Greiser, der 
ihm Widerstand leisten wollte. Der Täter entfloh. Da kam endlich eine 
Kommission von Dresden, den Frevel zu untersuchen. Einige Schüler, die 
sich nur ungezogen benommen hatten, wurden in Gegenwart sämtlicher 
Knaben „castigiert". Den Schuldigsten wurde 6 Wochen Gefängnis bei 
Wasser und Brod auferlegt. Außerdem sollten sie 8 Tage hintereinander 
zur Früh- und Abendmahlzeit an ein Halseisen gestellt und aus der Schule 
geschickt werden. 

Der Pranger wurde ihnen schließlich erlassen, aber nicht das Gefängnis 
und die Relegation. 

Auch die Quälereien der jüngeren Schüler durch die Älteren, also der 
Pennalismus, war trotz aller Strafen und Verbote in Meißen unausrottbar. 
So abstoßend dies meist erscheint, manchmal schlich sich auch ein komischer 



lA, Lekrerroheit. Lehrer iind Dirnen. 

Zug in diese Schülerstreiche. Da war z. B. schärfste Vorschrift, die Knaben 
öfter auch innerlich durch ein Laxiennittel zu reinigen, wie dies der alten 
Medizin für unerläßlich erschien. Die älteren Schüler erhielten eine etwas 
größere Dosis als die jüngeren. Beide Altersklassen hatten das Mittel am 
frühen Morgen zu schlucken, dafür gab es dann Mittags zur weiteren Nach- 
hilfe Backpflaumen. Nun zwangen die älteren Jungen die kleineren das 
unangenehme Frühstück für sie zu nehmen, dafür aßen sie, brüderlich 
teilend, Mittags die Pflaumen der jüngeren auf ''^®). 

Das schärfste Urteil über die Jugend um die Wende des sechzehnten zum 
siebzehnten Jahrhundert wird dem großen Philologen Joseph Justus Scaliger 
(1540 — 1609) in den Mund gelegt. „Wenn Einer etwas Großes verbrochen 
hätte, wäre es nicht nötig, daß man ihn auf den Bau oder ins Zuchthaus 
setze: man solle ihm nur Knaben zu unterrichten geben. Das wäre Strafe 
und Plage genug, die man ihm antun könne" ^^). Aber die Lehrer waren 
ihrer Schüler würdig. 

Die innigen Beziehungen zu Rohrstock und Rute bezeugen genugsam die 
allgemeine Roheit der Lehrerschaft, über deren Laster des Klagens kein 
Ende ist. Den Jugendbildnern werden schier unerhörte Untugenden vor- 
geworfen, und dies fast überall. So urteilen die Aufsichtsbehörden der säch- 
sischen Schulen im Jahre 1575: ,,Es gibt nur wenige Schulmeister, denen 
die Unterweisung und sittliche Führung der Jugend am Herzen liegt, weil 
sie entweder selbst nicht wissen, wie sie es anfangen sollen, oder weil sie 
die Beschwerden und das Lästige des Schulstaubs fliehen. Dazu kommt 
noch die ungeheuere Sittenverderbnis". 

Ausführlicher lauten die Urteile über die Lehrerschaft gewisser Städte, so 
z. B. von Braunschweig. In der Schulordnung vom Jahre 1596 heißt es da: 
„Ein Lehrer soll sofort sein Amt verlieren, wenn er sich der Gotteslästerung, 
Zauberkünste, Scherzen aus Gottes Wort, Trotzes, Verkleinerung der Oberen 
anmaße, mutwilliges Gezänk und Faktionen errichte, mördliche Waffen bei 
sich trage, dem Saufen, Spielen, Doplen und der Buberei nachgehn, heim- 
liche Gelage halte in öffentlichen Schenken, Garküchen, unehrlichen, ver- 
dächtigen Orten, öffentliches Nachtgassieren, Schand- und Bubenreden 
treibe, bei Gastmählern und Hochzeiten sich ärgerlich erzeige, Pasquille 
und Schmähschriften verfasse und ausbreite und andere öffentliche Laster 
treibe". 

Unter , unehrlichen Orten' sind Frauenhäuser gemeint, da deren Insassen, 
Dirnen und deren Wirte ebenso unehrlich weiren wie ihr Schutzherr, der 



Zustand der Schulräume. i 



O 



Scharfrichter. Gassieren, später gassaten genannt, heißt das Herumtreiben 
und Lärmen auf den Straßen. 

Bei diesem Zustand des Verfalls der Schulen durch die Roheit der Lehrer- 
schaft und die Zügellosigkeit der Schüler, wirkte es wahrhaft tragisch, wenn 
Joachim Camerarius, ein eifriger Schulmann und einer der bedeutendsten 
Philologen jener Zeit, Melanchtons Schüler und Freund, im Jalire 1556 
verzweifelt an Luther schrieb, er käme ,,oft auf den Gedanken", ob es nicht 
besser sei, wenn es gar keine öffentlichen Anstalten gäbe, wie solche Schulen, 
„die uns zu Freistätten für Sünde und Laster bestimmt zu sein scheinen", 
Luther nennt die Schulen wahre Höllen, und dies trifft nicht allein auf 
die teuflischen Lehrer zu, sondern auch vielfach auf die Schulräume, die 
eher Ställen glichen denn Stuben, in denen sich Menschen stundenlang 
aufhalten mußten. Sie waren eng, finster, schmutzstarrend, ,,und sich der- 
halben die Eltern nicht verwundern sollen, wann ihre liebe Kinder biß- 
weilen bleich und kranck auß der Schuel heimb kommen, ist mehrer mal 
der ungeheuer Schulgestanck daran schuldig" urteilt der erste deutsche 
Hygieniker Hypolith Guarinonius. Im Sommer kamen die Kinder vor Luft- 
mangel bei den immer geschlossenen Fenstern fast um, und im Winter 
ging das Martyrium erst recht an. Nach der Egerer Schulordnung von 1350 
mußten während der kalten Jahreszeit die Kinder selbst für Heizung des 
Schulzimmers sorgen. Zu diesem Zweck hatte jedes von ihnen vom 
16. Oktober bis zum ersten Mai täglich einen Scheit Holz zur Schule zu 
bringen ^*^). Wo dies nicht der Fall war, rösteten oder froren die armen Kin- 
der ohne Erbarmen. Und der Zeitenlauf änderte wenig an dieser Misere. 
Wie es in einer Dorfschule im Jahre 1785 aussah und zuging das zeigt ein 
Schulmeisterbrief voll köstlicher Naivität, die allerdings nicht weit vor 
dem Stumpfsinn endet: , »Vorgestern war Dir unser Pastor in meiner 
Schule .... Wir hatten akkurat wenns kalt ist, braf eingeheißt, daß die 
Ofenblase brudelte, und meine Frau hatte die jungen Gänse und auch das 
kleine Ferkel in der Stube. Du lieber Gott, die armen Dinger mußten ja 
sonst im Stall erfrieren. Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes, und ich 
hatte auf ein 70 Stück Kinder in der Stube. Ich kamn sie nicht frieren 
lassen: denn deswegen gehn viel nur in die Schule, weil sie bei sich selten 

eine warme Stube wie bei mir antreffen 

Als er nun in die Stube trat, fiel er (der Pastor) gleich in Ahnmacht. ,,Herr 
Gehs, Herr Gehs!" schrie meine Frau, die akurat mein kleines Manuelchen 
kämmte und drüber vom Schoose fallen ließ, ,,Herr Gehs, Mann ! greif doch 



l6 Wie Stadtsschulen aussahen. 

zu, es wird dem Herrn Compehr (Gevatter) schlimm". Zum Glück fiel er 

noch neben den Ciavier hin, er hätts morsch entzwey schlagen können 

Meine Frau aber war gleich übern her und band ihm das Päfchen ab, holte 
frisch Wasser und begoß ihn über und über. Da fing er wieder an zu lüften 
und blinzelte auch mit den Augen. Wir setzten ihn nieder auf die Clavier- 

bank; es ist die beste im ganzen Hause. Aber er holte schwer Athem 

„Ein Schluck Brantewein," war sein erstes Wort, und nun kam er Peape 
(peu a peu) wieder zu sich selbst und erzählte, daß er vom Gestank in der 
Schule bald erstickt worden wäre. Er war gewaltig böse drüber und nennte 

sie einen infamen Schweinestall, und es wäre nicht darin auszuhalten 

Wahr ist es freilich, die Stube ist zu enge. Wenn ich nur irgend noch ein 
bischen Verschlag dran hätte, worin unser Bett stehn könnte 1 Da kommen 
mir die Schulkinder des Morgens mit dem Frühsten über den Hals, daß ich 
nicht einmal, für den großen Bauermädchen, mit guten Gewissen meine 
Hosen anziehen kann . . . .^'). 

In der Stadt war es nicht viel besser, wie der unsterbliche Verfasser des 
»Umgangs mit Menschen', Freiherr von Knigge, im Roman seines Lebens ^^) 
^vie folgt mitteilt: ,,In der Reichsstadt , , . herrscht bekanntlich wenig Sorge 
für die Erziehung der Jugend, Lustbarkeiten und Gewinnsucht lassen den 
Eltern nicht so viel Zeit übrig, um daran zu denken. Die ansehnlichste 
Schule hält ein gewisser Eyermann. In derselben werden 500 Knaben zu- 
sammengearbeitet. Gern nähme der liebe Mann auch 1000, wenn es möglich 
wäre, sie in das Zimmer zu stopfen; denn das Zimmer ist so klein, daß die 
Kinder ihre Arme kaum von dem Leibe bringen können. Bei dem Eintritte 
muß ein jeder seinen Hut hergeben, welcher mit den übrigen zu einer großen 
Pyramide aufgetürmt -svird. Diese P^Tamide wirft der Herr Präzeptor nach 
Endigung der Stunde mit dem Fuße um, und dann stürzen alle Knaben 
über den Haufen her und suchen ihr Eigentum heraus, wobei es nicht selten 
Stöße und Schläge gibt. Die entsetzlichen Ausdünstungen der also einge- 
pferchten Kinder machen denn fast in jeder Stunde den einen oder andern 
ohnmächtig ; er wird sodann in die Höhe gehoben und wandert von einer 
Hand in die andere bis zur Tür, wo er, weil er nicht zu seinem Hut hat 
kommen können, mit dem Angstschweiße auf der Stirn, im bloßen Kopfe 
sich der Luft aussetzen muß. Auch verliert jeder Junge, der vier Wochen 
diese Mördergrube besucht, seine gesunde Farbe . . . Mit dem Unterricht 
geht es in dieser Schule folgendermaßen zu: der Lehrer lehrt die Knaben 
vrie Papageien Dinge auswendig lernen, womit sie bei ihren Eltern zur 



Bursen für Arm und Reich. I7 

Ehre des gelehrten Unterrichters paradieren, aber wobei sie nichts denken 
können. Diese Kenntnisse werden ihnen vermittelst einer Peitsche beige- 
bracht, welche Herr E. so zu dirigieren weiß, daß er jeden auch noch so 
entfernten Schüler auf den rechten Fleck trifft. Die Belohnungen aber be- 
stehen in Anweisungen an die Eltern, z. B., dem Knaben Georg N. N. für 
seinen bezeigten Fleiß heute vier Groschen zu bezahlen! — Also Peitsche 
und Geld^^). 

Waren solche Schulen Gefängnisse schlimmster Art, so gilt das Gleiche von 
den Universitäten vor der Kirchenspaltung. Die in den Bursen kasernierten 
Schüler standen unter schärfster Aufsicht, waren stets von den härtesten 
Körperstrafen bedroht und teilten ihre Zeit zwischen geistiger Frone \md 
Kirche. 

Diese Bursen, meist Stiftungen privater Wohltätigkeit, waren ungefähr das, 
was wir jetzt mit dem Ausdruck Internat bezeichnen. Das Wort bursales 
für ihre Insassen ist der Stammvater des Wortes Bursch. 
Da im Mittelalter die überwiegende Masse der Studierenden aus unteren 
Kreisen stammte, denen der Handwerker, Bauern und Dienenden, so streb- 
ten die meisten von ihnen durch Studium eine Versorgung im Kirchen dienst 
zu erlangen. Nur mit geringen Mitteln versehn, die in keiner Weise zum 
Lebensunterhalt und zum Studium ausreichten, waren sie genötigt, die Unter- 
kunft in den Bursen zu suchen. Mit Kollegienfreiheit, die sie z. B. in Prag 
seit 1366 genossen, wcir diesen pauperes — im Gegensatz zu den solventes 
— nur wenig gedient. Sie wollten auch essen, wohnen und sich kleiden. 
Alle jene, die nicht cds Diener bei einem der Lehrer oder einem der solventes, 
oder als Lehrender in einem Bürgerhause Stellung und Brod fanden, ström- 
ten den Bursen zu. Wem auch hier der Einlaß verschlossen blieb, war auf 
Betteln angewiesen. 

In den Bursen herrschte, wie gesagt, strengste Zucht. Im fünfzehaten Jahr- 
hundert mußten die Studenten in den Bursen Wiens um drei Uhr morgens 
aufstehn, um vier in die Messe gehn und um sechs die erste Vorlesung 
hören. In Jena begannen die öffentlichen Vorlesungen im Winter um fünf 
und im Sommer um vier Uhr. Nach fünf Lehrstunden gab es das Frühmahl. 
Nachmittags um fünf war das Abendessen, um neun, spätestens um zehn 
Uhr sollten die Haustüren geschlossen sein. 

Sonst galt es als Regel, um fünf des morgens das Bett verlassen, das jeder 
Stipendiat — dies eine weitere Bezeichnung des Bursalen — selbst zu 
machen hatte. Wer im Tag- oder Wochendienst war, mußte Stuben und 

Bauer, Sittengeschichte 2 



j8 Famuli. Die Mahlzeiten in den Bursen. 

Treppen kehren und weitere, recht unappetitliche Reinigungsarbeiten ver- 
richten. In vornehmeren, reicher dotierten Bursen, waren dies die Aufgaben 
der Famuli. Das prandium, das Frühmahl, fand um 9 oder 10 Uhr statt. Die 
Coena, die Hauptmahlzeit, war um 5 Uhr. Im Winter um 7, im Sommer 
um 9 Uhr klirrten die Riegel und knirschten die Schlüssel in den Tür- 
schlössern. 

Streng verboten bei der überaus hohen Strafe von 6 Gulden war in Heidel- 
berg der althergebrachte Gebrauch von claves adulterinae, der Nachschlüssel 
und Dietriche^*). 

Bei dem herrschenden Zelotismus und der allgemeinen Pedemterie, die 1. B. 
jedes deutsche Wort mit Entziehung der Kost, Einschließung und harten 
Prügeln ahndete, waren Zuträgereien, Aufpasserei trotz der offiziellen Fröm- 
migkeit allgemein. 

Die vorgeschriebene Lebensweise war mehr als klösterlich einfach. „Da die 
Weisheit in den Häusern derer, die Wohlleben sich nicht findet, so müssen 
feine Mahlzeiten, Leckereien, wie böse Sirenen von unserem Hause weit 
weg bleiben", heißt es 1496 in der Ordnung einer Freiburger Burse, domus 
sapientiae genannt. 

Die Speisenfolge in der Leipziger Heinrichs Burse schildert ein Schreiben 
in den Dunkelmännerbriefen: „Wir haben auch gut zu essen in unserer 
Burs und zweimal täglich sieben Gerichte, Mittags und Abends. Das erste 
heißt Semper (immer), auf deutsch Grütze. Das zweite Continue (beständig), 
eine Supp. Das dritte Quotidie (täglich) das heißt Gemüse; das vierte Fre- 
quenter (häufig), Magerfleisch; das fünfte Raro (selten) Gebratenes; das 
sechste Nunquam (niemals) Käse, das siebente Aliquando (später einmal) 
Äpfel und Birnen. Und dazu haben wir einen guten Trunk, der Covent (ein 
Dünnbier) ^^) heißt. Seht da, ist das nicht genug? Diese Ordnung beobachten 
wir das ganze Jcihr hindurch und sie wird von allen gelobt"^*'). 
„Warum kriegen wir immer Kalbfleisch?" fragt ein Student im „Manuale". 
Aber wenn sich der Student bei seinen Eltern darüber hätte beklagen wol- 
len, so wäre er in den meisten Fällen wohl zur Zufriedenheit ermahnt 
worden, wie jener Zwickauer Student, dem sein Vater schrieb — falls der 
Brief nicht fingiert ist — : „Du weist auch, das kein ding mehr schedlich 
ist dem ingenio den uberflussigkeit der speiß u. des Getränks, derhalben 
wirstu bei deinem magister bleiben u behelfen mit der speiß, damit sich 
dy andern behelfen. wan ein groß nahmen wirt nit erlangt durch zarthlig- 
keit des lebens, sunder durch muhe, arbeit u. wachen" ^'^). 



Hochmut der Lehrenden tmd Lernenden. 19 

Ungemütlichkeit ist der Grundzug der MaJilzeiten in der Burse, wie diese 
überhaupt in den düsteren Räumen dieser Häuser allenthalben vorherrschte. 
Nach dem Läuten beeilt sich jeder, damit er nicht zu spät kommt. Beim 
Zulangen geht es nach Alter und Würden. Ihnen kommen die besten Stücke 
zu. Die Kameradschaftlichkeit hört fast auf. Wer zu spät kommt, findet keine 
Speise mehr vor. Der oben angeführte Magister Hofmann in den Epistolae 
obscurorum virorum schließt auch seinen Brief: ,Darum schrieb ich an die 
Stuben von allen folgende zw^ei Verse: 

Regula bursalis est omni tempore teilis: 

Prandia fer tecum, si vis comedere mecum 

(Geh nit zu armen Bursch zu Gast 

So du dein speiß nit bey dir hast.)' 
,,Die Studenten in Ingolstadt lebten in der Regel gerade wie anderswo, 
wegen der Gefahren des Wirthshauses und Weiberumgangs, in Bursen mit 
fester Hausordnung, unter Aufsicht der Artistenfakultät, überwacht und 
geleitet von Magistern als ,,Conventores", wissenschaftlich unterstützt von 
Baccalaureen, beköstigt (oft elend genug) von Schaffnern. ,,Edel und erbarer 
lewt kind" wohnten wohl auch bei Dozenten ,,in iren Heusem und Cost 
Studirens hcdben." — Der Bursen, zu denen noch das Collegium Georgianum 
kam, bestanden damals sieben: Angelica, Aquilae, Draconis, Lilii, Solis, 
Rosarum, Parisiensis oder Parisiorum bursa (im Volksmunde verdreht in 
„Pariser wurst"). — Die Burse wurde vom Conventor zur Zeit der Früh- 
messe geöffnet, im Sommer bei Sonnenuntergang, im Winter nach dem 
Abendessen (= 6 Uhr) ,,so man Ave Maria lewt" geschlossen. ,,Der Con- 
ventor weist den Mitgliedern (supposita) ihre Plätze bei Tisch an, läßt 
während der Mahlzeit Abschnitte aus der Vulgata vorlesen und kontrolirt 
die Zimmer der Studenten, den Besuch der Vorlesungen, sowie die Teil- 
nahme an den in den Bursen vorgenommenen resumptiones (Repetitionen) 
und dem exercitium bursale oder der disputatio scrotina. Den Professoren- 
und Studentenhochmut jener Zeit geißelten die Sprichwörter : „Ex academia 
venis. Du bist hoffertig. Ich meyn du kommest von der höhn schul. Du 
gebest ein guten schulmeyster. Er ist ein Student, dann er ist hoffertig." 
„Von dem gemeynen man lert man teglich mer in der Practick, dann mit 
Worten uff der hohen Schul." ,,Die hochtrabenden gelerten verkerten, die 
von uffgeblaßner kunst geschwollen, achten sie schweben inn wolcken, 
halten schlecht einf eltig fromm grob leut etwa kaum für ziffer und men- 
schen bei jn, daher singen und sagen sie: Bache, bibat doctus tua munera. 



30 Studentensclierze. Studentenfeste. 

rusticus undam. In baurn gehört haberstro, die gelerten sollen wein trincken, 
und heyßen Vidi aquam, einn stigelhüpffer und dorffpfaffen etwa der nicht 
kan (ungelehrt ist). Hie underscheyd die geleiten, und deute es nit letz, wie 
gemeynklich geschieht, auff die onschuldigen . . . Aber des pludermuß der 
weltgelerten götter, so vonn kunst auffgeblasen sich allein für weise, gelert, 

und fürer der blinden achten, ist die weit voll, vor den sih dich für." 

Auch in Ingolstadt wußte sich die akademische Jugend außer den regel- 
mäßigen Vakanzen und Ferien noch andere Feier- und Festtage zu machen, 

— Die Kollegien fielen aus am Donnerstag und selbstverständlich am 
Sonntag. Die Ferien dauerten vom 21. Dezember bis 7. Januar, Fastnacht 
14 Tage, desgleichen Ostern, im Herbste vom 29. September (Michaelis) 
bis 18. Oktober (Lucas Ev.), dazu kamen die vielen Feiertage der Apostel, 
gewisser Heiligen und großer Kirchenlehrer; auch an allen Tagen feier- 
licher Fakultäts-Akte (einer Promotion oder Dispution), oder wenn ein 
senno ad clerum stattfand, las der Professor des Vormittags kein Kollegium. 
Darnach hatte das Jahr ungefähr 180 Lesetage; die Dozenten der Rhetorik, 
Poesie, griechischen oder hebräischen Sprache und der Mathematik hatten 
selbst in den größeren Ferien ihre Vorlesungen fortzusetzen. — Die Stu- 
denten erlaubten sich am 15. Juli (in festo divisionis apostolorum) einen 
kleinen Scherz in den Bursen mit ihren Lehrern; im Jeüire 1492 bestimmte 
die Artistenfakultät gegen diese ,,corruptos bachantum mores": ne insolen- 
tias et clamores suscitare nee magistros recludere, ligare aut quovis modo 
molestare attemptent. Das Verbot wird nur zur Übertretung gereizt haben. 

— Zugleich suchte man die sehr häufigen Studentenfeste, die Fontania, 
Massenspaziergänge (exitus cumulatos) in die Wälder und schattige Orte 
der Umgebung auf bestimmte Tage des Jahres während der Hundstage zu 
beschränken und zwar, weil mannigfacher Unfug und Skandal vorkam 
und übermäßige Ausgaben gemacht wurden, nicht bloß draußen, sondern 
auch (die ,,beneficia caloris" wie man jetzt sagt) in den Bursen, nur ein- 
mal, stets mit vorheriger Erlaubnis des Dekems. Im Jahre 1507 dekretirte 
mein auFs neue: man gönnte ihnen zwar die ,,recreatio", man verbot nur 
Karten und Würfel, zu kostbare Preise beim Wettlaufe und Geldbeiträge 
beim Kegelschieben für ein Zechgelage als unnütz und kostspielig. — 
Übernachte man im Freien, so sollten wenigstens die Conventoren und die 
Magister oder Lehrer zur Überwachung dabei bleiben. Trotz dieser Verbote 
wird die Jugend sich ihre Lustbarkeit mit List erzwungen und ausgeführt 
und manche Sommernacht im Walde verbracht haben. — Die Artisten 




Vorlesu ng 

Auch der Fr ofe x s o r hält seinen Ro h r s t oc k bereit 



Holzschnitt aus dem i6.. Jahrhundert 



übende 

Schola reit 

Aus 

de gelier ib US 

rbriosorum 

A nfang des 
l6. Jahr- 
hunderts 




Eine Promotion im i6. J ahrhu nder t 

Holzschnitt von Hans W eiditz 




'~T-/ottJcn aunß ioeren lifh 'Wierlt aaiiereym Out Coß qtnnAmaH~¥^ T*« aUtn Ureyetu^ 



Der Lebemann 

Kupfer von Heinr. Ulrich. ly. Jahrhundert 




Die P^ er führ er in 
Kupfer von Crispin de Passe. ij. Jahrhundert 




ha/Jl ruhtrinJ^UJenSohTi Ü vr:rdujer6)iJenl 
iUimduiadchrkSrdtl^tfuJi dmSchnn nuUhlendai 
u- ffvJu-r S-i^nJsJtah^ird aUanmiJiuhm qekroid 

./. U . Meil, Religions- 
unterricht 

1 S. Jahrhundert 




l ) I I j I r I jj I f, I- S i II (i r ti I 
h e i in S t u d i u in 
/ 7 . J n h r h II II (I c r t 



If an dl' rnder Bursche 
Inj fing des i i). .1 n li r h ii ii il e r t - 




Tanz- und andere Vergnügen. Pariser Bursen. 21 

hatten außerdem das Recht an St. Johannis zu Tanzvergnügen (choreae) vor 
den Bursen, wozu sich auch Laien einfanden; da die Fakultät aus dem 
Verkehr der Studenten mit Laien mancherlei Übel entspringen sah, so 
hätte man das Johannisfest gern abgeschafft und jede Theilnahme der Stu- 
denten an Tänzen der Laien, wenn Heiligentage, Hochzeiten und der- 
gleichen gefeiert wurden, verboten. Ebenso auch den Laienverkehr beim 
Feste der balnea, welches die Baccalaureen an ihrem Promotionstage (wie 
die Magistranden ihr ,,prandium Aristotelis") ihren Lehrern und Freunden 
gaben, weil dazu auch Laien und Frauen durch Karten (per scedulas, Zettel) 
eingeladen und allerlei Weine, Geschleck und Konfekt (confectiones) vor- 
gesetzt wurden und nicht bloß große Unkosten erwuchsen, sondern auch 
manches Ungebührliche (minus honesta) verübt ward. — Ebenso suchte 
man den Geldverbrauch der Studenten auf anständige Erlustigungen 
(honesta solatia) einzuschränken, dagegen Spiel und unnützes unüberlegtes 
Vertun zu hemmen. — Die Fakultät moralisierte und dekretierte, während 
sich die scolares in alter Weise amüsierten"^®). 

In kleinen, nur auf das dürftigste eingerichteten meist unheizbaren Kam- 
mern waren stets mehrere, oft bis zu zwölf Schüler, zusammengepfercht. 
Nur die größeren Stuben, die oft als Speise- und Lehrsäle dienten, wurden 
geheizt. 

Das unerhört schwere Leben in einer Pariser Burse, dort Collegium genannt, 
um das Jahr 1500 beschreibt Erasmus von Rotterdam in seinen Colloquien 
in der ihm eigenen anschaulichen Weise: 

,,Ich habe vor dreißig Jahren in einem Pariser Kollegium gelebt, in dem so 
viel Theologie getrieben wurde, daß auch die Wände davon angesteckt 
waren. Aber ich habe nichts mit herausgenommen als einen Körper voll 
ungesunder Säfte und eine große Menge Ungeziefer. Der Vorsteher (der An- 
stalt) war ein Mann, dem es bei großen Eifer an allem Urteil fehlte. Er 
berücksichtigte vorzugsweise die Unbemittelten, weil er seine Jungend in der 
drückendsten Armut zugebracht hatte. Allein er sorgte aus eben diesem 
Grunde auch grade nur für ihre unentbehrlichsten Bedürfnisse. Ihr Lager 
war so hart, die Speisen so schlecht und kärglich, Arbeiten und Nachtwachen 
so beschwerlich, daß viele talentvolle Jünglinge im ersten Jahr ihres Auf- 
enthalts starben oder blind, wahnsinnig, aussätzig wurden. Hiermit noch 
nicht zufrieden, beredete er sie Mönche zu werden, und versagte ihnen ein 
für allemal den Genuß des Fleisches. Mir sind viele bekannt, die ihren 
Körper von dem dort gesammelten Krankheitsstoff bis jetzt noch nicht be- 



aS Parisfahrten. Bursentyrannen. 

freien können. Einige der dortigen Stuben lagen neben den heimlichen 
Gemächern und waren so niedrig vmd dunstig, dabei mit so stinkendem Kalk 
bestrichen, daß niemand, der darin gewohnt hat, lebendig oder ohne schwere 
Krankheit herausgekommen ist. Die Strafen, die in Peitschenhieben bestanden, 
wurden mit solcher Henkerstrenge geübt, daß ich nichts davon sagen mag. 
Bei ihnen hieß es freilich, der Trotz müsse gebrochen w^erden. Allein der 
Trotz war ihnen jede Regung eines edleren Geistes, der nicht zur Anncihme 
der Mönchskutte sich zwingen lassen wollte. Wie viele faule Eier wurden 
da gegessen, wie viel umgestandener Wein getrunken . . ." 
Im elften Jahrhundert war das Studium in der Fremde, namentlich in 
Frcuakreich, aufgekommen, wo damals die neue, scholastische Wissenschaft 
emporgeblüht war. Zur Modesache aber wurden die Parisfahrten im zwölften 
oder dreizehnten Jahrhundert. 

Manger hin ze Paris vert. 

Der wenic lernt und vil verzert; 

So hat er doch Paris gesehen, 
meint Hugo von Trimberg im , Renner' anscheinend aus Erfahrung. 
Viele von jenen, die in Pariser Bursen das strenge Regiment am eigenen 
Leib verspürt, suchten, in der Heimat zu Amt und Würden gekommen, und 
unglückseliger Weise selbst an die Spitze einer Burse gestellt, das in Pciris 
Erlebte nach dem Vaterlande zu verpflanzen. Denn was man selbst ausge- 
halten, mutet man auch anderen zu, die es dann ebenfalls so unendlich weit 
bringen würden, wie der durch die Pariser Folter gegangene. Dadurch ent- 
standen dann die zuchthausähnlichen Schülerkasemen, aus denen jene Ge- 
lehrtenkarikaturen hervorgingen, von denen Murner sagt : 
Gott geb, gott grieß, ich sags fürwar, 
Nüt schedlichers dann ein gelerter narr ! ^^) 
Trotz, oder grade wegen solch drakonischer Strenge fehlte es natürlich 
nicht an starken, selbst verbrecherischen Übertretungen der Gebote. 
1521 wurde der Vorsteher einer Burse in Freiburg i. B. von den Schülern 
umgebracht, 1556 Feuer an die Burse gelegt*^). In Ingolstadt gaben 1555 
zwölf Stipendiaten zu Protokoll, daß ihr Regens Tag und Nacht bei der 
Kastnerin oder der Schaffnerin und deren Mädchen stecke, die Stipendiaten 
ums Maul zu schlagen pflege, schlechte Kost ausgebe und nachlässig in der 
Rechnungsablegung sei'*'). 

Übrigens war die Lebensführung nicht in allen Bursen so einfach wie in 
der Leipziger, so menschenunwürdig wie in der Pariser, 



Wohlleben in Bursen. Der Trunk. S5 

Wer allerdings nicht zu sparen braucht, der konnte sogar in einer Leip- 
ziger Burse ein recht vergnügtes Leben führen, worüber der Brief eines in 
Leipzig studierenden Domherrn aus Upseila von 1424 Aufschluß gibt. Der 
Briefschreiber hatte in dem Collegium minus Unterkunft gefunden und 
gibt seiner Befriedigung über die Leipziger Verhältnisse nach allen Rich- 
tungen uneingeschränkten Ausdruck. ,,Hec est vita laudabilis", schreibt er 
nach der Schilderung des Lebens im Kollegium, wobei er ausdrücklich 
hervorhebt, daß jeder bei der Mahlzeit seine eigene Schüssel und seinen 
besonderen Becher habe. Schon um fünf Uhr früh begannen die Vor- 
lesungen, weshalb der Domherr um vier Uhr aufstehn mußte. Weiterhin 
lobte er die Güte des Bieres und des Weins und erwähnte, daß er mit zwei 
rheinischen Gulden etwa drei Wochen leben könne^^). 

Auch das Covent scheint nicht überall das ausschließliche Getränk gewesen 
zu sein. Immerhin wurde in allen Alumnaten nur Bier, niemals Wein ge- 
reicht. Es durfte auch nur immer eine einzige Biersorte ausgeschenkt wer- 
den. Darüber, wie über die eingeführte Menge hatte sich ein Bierwart, der 
Cerevisiarius, zu bekümmern. Er sollte auch über die Beschaffenheit des 
Getränkes wachen, damit nicht etwa dessen Minderwertigkeit Unzufriedenen 
einen Vorwand gäbe, sich auf eigene Rechnung Trinkbares anzuschaffen. 
Aber diese Bestimmungen hinderten nicht, daß sich in vielen Bursen heim- 
liche Trinkgesellschaften bildeten, die sich an unerlaubten Getränken labten. 
Wenn sich daher Magister Curio aus Leipzig in den Epistolae virorum 
obscurorum über das dünne Hausbier der Bursen beklagte, so hatte er nur 
seine Burse im Auge. Andere Anstalten, so die acht KoUegiaten des kleinen 
Fürstenkollegs in Leipzig, hatten es besser. Die genannten beispielsweise, 
durften achtzig Faß hochwertiges fremdes Bier zum eigenen Verbrauch 
accisefrei, d. h. ohne Abgabe der überall üblichen Getränksteuer, einführen. 
Entsprechende Mengen kamen auch auf andere Bursen*^, 
Über dieses Vorrecht der Kollegien und Bursen auswärtiges, in Erfurt z. B. 
Naumburger Bier, zollfrei einzuführen, gab es oft erbitterte Zänkereien mit 
der städtischen Obrigkeit. Denn das Bier, das nur für den eigenen Gebrauch 
der KoUegiaten und Bursalen bestimmt war, wurde häufig in unberechtigte 
Hände geliefert, so daß die Stadtgemeinde in ihren Einnahmen aus der 
Biersteuer verkürzt wurde. Da hatten Rektor und Senat oft einen schweren 
Stand, und es gehörte großes diplomatisches Geschick dazu, zwischen den 
Ansprüchen der Bierbezieher und den städtischen Behörden einen Ausgleich 
zu finden**). 



24 Teufelinne Weib. Zeloten und Heuchler. 

Wenn die Bursalen also auch nicht Hunger und Durst litten, so führten 
sie doch im großen und ganzen das Leben von Sträflingen, oder, was gleich- 
bedeutend war, das von Mönchen strengster Observanz. Die feste Haus- 
ordnung in allen Bursen, ganz gleich ob sie behördliche oder von Privat- 
personen unterhaltene waren, suchte jeden jugendlichen Übermut zu bannen, 
oder scheuchte ihn wenigstens in abgelegene Winkel, wo er sich dann 
doppelt gefährlich austobte. Ora, labora war der Leitsatz aller Bursen. Jeder 
Gedanke an Sonnenschein, Freude und Spiel war verpönt, war Aus- 
schweifung, verkörpert als Frau, im Gegensatz zur Tugend, verkörpert 
durch die Wissenscheift. 

Jeder Verkehr mit Frauen war den Schülern strengstens untersagt. Weib- 
liche Wesen waren die Todsünde und deshalb wie die Pest zu meiden. Die 
angewendeten Abschreckungsmittel vor dem so gefährlichen schwächeren 
Geschlecht sind oft sehr lustiglich zu lesen. Kamillus sagt im , Manuale 
ßcholarium' zu Bartoldus, die Frauen seien zu gewissen Zeiten giftiger 
denn Schlangen, ,,so daß, wenn jemand sie alsdemn ansieht, er nicht ohne 
Herzweh davon kommt. Bisweilen leidet er so sehr durch ihren Anblick, 
daß er krank aus allem Verkehr ausscheiden muß. In einer Stunde könne 
man dadurch derart in Flammen gesetzt werden, daß man vierzehn Tage 
zum Studieren untauglich sei. 

Dieses , Manuale', ängstlich besorgt ob des Seelenheils der wahren Scholaren, 
läßt daher folgende tiefe Lebensweisheit ableiern : ,,Ich habe keine Freude 
an Tänzen und dem Anblick von Frauen. Viel schöner ist der Anblick der 
Weisheit, die durch wissenschaftliche Arbeit gewonnen wird. Denn in der 
Tugenden Fülle vmd der Gelehrsamkeit Frucht ruht die Freude des Para- 
dieses! Dann bedenke, ein wie wankelmütiges Geschöpf das Weib ist, und 
wie sie, ungezügelt, auch durch keinerlei Fessel gebändigt werden kann". 
Mit solchen Regeln suchte man in allem Ernste in Jugendfülle strotzende 
Jünglinge auf dem Domenpfade der Enthaltsamkeit festzuhalten. Wer in 
solcher Zucht verharrte, wurde zum Zeloten, zum Heuchler oder endlich 
zu einem jener verstaubten von Autoritätsglauben durchsetzten dünkel- 
haften Gelehrten und Pedcinten, an denen die deutsche Geistesgeschichte 
so reich ist. Sebastian Brant räumt ihnen die Führerrolle in seinem Narren- 
schiff ein. Der gelehrte Büchernarr, mit großer runder Brille auf der spitzen 
Nase, einen Fliegenwedel in der Hand, sagt: 

Das ich sitz vornam in dem schiff. 

Das hat worlich ein sundren griff, 



Fahrende Schüler. Vagantenpoesie. 195 

On vrsach ist das nit gethan. 

Vff min libri ich mich verlan, 

Von büchern hab ich großen hört, 

Verstand doch drinn gar wenig wort 

Vnd halt sie dennach in den eren, 

Das ich inn wil der fliegen waren. 
Auch Till Eulenspiegel kühlt sein Mütchen an gelehrten Pedanten. 
Diese mehr geistlichen als weltlichen Säulen der Wissenschaft schufen sich 
einen Staat im Staate, den sie wie mit einem Stacheldraht umgaben. In 
diesen Pferch kam alles, was sich wissenschaftlich betätigen wollte, vor 
allem natürlich der Nachwuchs. Er war gehalten genau so zu verknöchern, 
wie seine Lehrer und Zuchtmeister. 

Aus den widersetzlichen Elementen dieser festgefügten alten Gelehrten- 
republik gingen jene fahrenden Schüler, jene Goliarden, Bacchanten hervor, 
die verlotterten und verbummelten Gesellen, die freiheitsfroh von Schule 
zu Schule zogen und trotz aller Not um die einfachsten Bedürfnisse des 
Lebens ihre Liebeslieder hinaus] ubelten: 

Scherzt in Jugendlust und singt, 

Und im muntern TcUqz euch schwingtl 

Noch lacht uns des Lebens Mai, 

Mit dem Alter ists vorbei. 

Folge schönes Kind mir, 

Von der rechten Liebes Art 

Ich so manches künde dir!*^) 
Adolf Pernwerth von Bärnstein, dann Ludwig Laistner, Karl Mischke u. a. m. 
haben den Versuch unternommen, einen Teil dieser lateinischen Vaganten- 
lieder, Werke von unerhörter Schönheit, durch Übersetzung allgemein zu- 
gänglich zu machen. Diese Bücher haben aber bedauerlicher Weise nur ge- 
ringe Verbreitung gefunden. 

Mit dem zwölften Jahrhundert versiegte die Dichtkunst der Vaganten, und 
als im vierzehnten die deutschen Universitäten erstanden, war sie längst 
erloschen und vergessen. 

Wie Theodor Hampe annimmt*^), sind die Studentenpoesien, die ,,Carmina 
burana", wie sie ihr erster Herausgeber Schmeller genannt hat, um des Er- 
werbes wegen entstanden. Ihre Dichter, die fahrenden Kleriker, gezwungen, 
ieihrelang auf eine geistliche oder weltliche Brodstelle zu warten, wandten 
sich der Poesie und Musik zu, um durch diese ihr Leben zu fristen. Sie 



qQ Goliarden. Vagantenerotik. 

schrieben aber ihre Lieder vorzugsweise in lateinischer Sprache, ,,da sie es 
nicht wie die Spielleute in erster Linie auf die Belustigung der Laien abge- 
sehen hatten, sondern sich vor allem an ihre in Amt und Würden befind- 
lichen Standesgenossen hielten. Und diese, die es meist schon für ihre 
Christenpflicht ansahn, ihren bedrängten Mitmenschen zu helfen, ergötzten 
sich vielfach wohl in der Tat nicht wenig an den leichten, frischen und 
lebensvollen Rhythmen, in denen das altehrwürdige Latein der entgleisten 
Theologen über die jugendlichen Lippen tanzte, und nicht minder an dem 
oft leichtfertigen, ja obszönen Inhalt ihrer Lieder. Die Gedichte sprudeln 
über von Humor und Witz, deren Derbheit freilich zuweilen nur durch die 
graziöse Behandlung des lateinischen Idioms in etwas gemildert wird. Liebes- 
lieder, Spiellieder, Bettellieder, Wortspielereien, Zoten, auch Strophen mit 
Schilderung ihres Elends u. s. f. stehen bunt durcheinander, doch weit über 
die Hälfte aller Vagantenlieder gehören der erotischen Poesie an. Sie geben 
über die Liebe in jeglicher Form Aufschluß. Sie lehren, daß das Ideal der 
Keuschheit vom Vaganten am allerwenigsten erfüllt worden ist"*'). 
Und so bilden die Liebeslieder der wandernden Clerici ,, zarte, graziöse 
Tändeleien und grobsinnliche Erotica"*®). 

Trotz aller Lyrik ist aber für den fahrenden Dichter die Liebe lediglich ein 
Naturtrieb, der sein Recht verlangt wie jeder andere, der oft ganz elementar 
in Wirkung tritt, aber dieser Naturtrieb ist nichts Sündhaftes, sondern „de 
natura coelestium". 
Noch ganz im Sinne der Goliarden empfehlen die Epistolae obscuroruxn 

virorum : 

Disce bene, clerice, virgines amare 

Quia sciunt dulcia oscula praestare. 
Was Binder übersetzt: 

Lerne lieber Kleriker, hübsche Mädchen küssen, 
Die mit süßen Küßchen auch uns zu lohnen wissen, 
Deine Jugendblüte wirst du zu bald nur missen*^). 
„Die Liebe erscheint dem Vaganten — insbesondere im Frühling — als die 
allbezwingende Macht. Sie vertritt Trauer, Angst und Schmerz. Der Prosti- 
tution ist der Vagant im allgemeinen wenig geneigt ; dies erklärt sich haupt- 
sächlich daraus, daß die Sache Geld kostet, das ihm beständig fehlt. Daher 
sind die Klagen über die Käuflichkeit der Liebe ein beliebtes Thema in 
seiner Poesie. All die überschwenglichen HjTnnen der Vaganten auf das 
Glück der Liebe und die Schönheit der Geliebten sind nicht der Ausdruck 



Der beste Liebhaber — der Student. 27 

der Hochschätzung des Weibes an sich, sondern leidenschaftlicher Sinnlich- 
keit. Daneben stehen bewegliche Klagen über die Bosheit des Weibes, weil 
überhaupt in den Liedern der Studenten des Mittelalters vor der Reforma- 
tion das Weib als der Inbegriff von Trug und Treulosigkeit hingestellt wird. 
Ein altes lateinisches Lied einer Prager Handschrift des 15. Jahrhunderts, 
das gleichfalls von der Treulosigkeit der Frauen handelt, begleitet sein 
Herausgeber Feifalik mit folgenden Bemerkungen, die die Stellung der da- 
maligen Studenten zum weiblichen Geschlecht scharf beleuchten: ,,Die 
Studenten waren geistlichen Standes und mußten hiernach ehelos bleiben. 
Echte Frauenliebe war ihnen somit fremd, und nur der Abschaum des 
weiblichen Geschlechtes war es, der sich ihnen hingab. Hieraus läßt sich der 
Ekel erklären, womit sie — allerdings mit ungerechtfertigtem Hinüber- 
greifen auf das ganze Geschlecht, stets der Weiber gedachten"^")- Ein anderes 
geistliches Werturteil über die Frauen werden wir noch kennenlernen. 
Nur wenn ein Weib, alt oder jung, in Sack und Asche ging, war es nach 
dem Herzen aller der Herren, älter oder jünger, die mit nach oben gedrehten 
Pupillen durch das Leben stolperten. Das hinderte aber nicht, daß Fischart 
in seinen ,, Bienenkorb" sagen durfte: 

,,0, solt haben iedes Kind eyn plat, 
Welches Pfaff vnd Mönch zum Vatter hat. 
So wird die Platt gewiß nicht mehr 
Sein der Geystlichkeit Gemerck vnd Ehr"^*). 

Die Goliarden liebten es, grade wie die heutigen Studenten, die Kardinal- 
frage im poetischen Gewände zu behandeln, wer ,aptior ad amorem'? sie 
selbst oder die milites. Selbstverständlich fällt die Antwort zu ihren, der 
Clerici Gunsten aus. 

Schon in dem ältesten deutschen Roman, dem lateinisch geschriebenen, 
aber von einem Deutschen verfaßten ,Rudlieb' findet sich diese Frage be- 
handelt^^). 
Später dann in dem bekannten Streitgedicht ,Phyllis und Flora': 

Flora war Studenten gut, 

Phyllis Kavalieren. 

Sie begeben sich zu Amors Paradies und tragen dem Liebesgotte ihre Sache 
vor. Amor beruft seine Richter ein, denn : 

,,Amor habet judices, Amor habet jura 

Sunt amoris judices: usus et natura". 



äS Trinklieder der Fahrenden. Liebeslieder. 

Die Richter entscheiden ,daß der Student zur Liebe geschickter sei'. 
Auch viel später noch wird von Johann Georg Schoch ^^) und anderen, nicht 
grade objektiven Dichtem glatt der Student als der tauglichste Liebhaber 
ausgerufen. 

Daß dieser Liebhaber, wenn das „Ich tu dir nix" sich nicht bewahrheitet 
hatte, ohne viel Umstände und Gewissenbisse verschwand, wie dies ein 
Jüngferlein in den Carmina burana (171) klagt, ist jedoch eine bedauerliche 
Tatsache^*). 

Ganz besonders reich aber ist die Sammlung an Trink- und Kneipliedern, 
wie denn diese vagierenden Kleriker oder Goliarden, um sie mit ihrem 
französischen Namen zu bezeichnen, nicht minder wie zum Lieben, zum 
Schmausen, zum Schlemmen und Demmen, allezeit aufgelegt gewesen zu 
sein scheinen. Gott Bacchus und der als Heiliger angerufene Epikur spielen 
in ihren Liedern eine große Rolle, doch kommt darüber wie erwähnt, auch 
die Lyrik in meisterhaften Stücken zu Wort. Es seien aus der Fülle der 
Gedichte, unter denen auch deutsche nicht fehlen wie das folgende: 

Were diu werlt alle min 

von deme mere unze an den Rin, 

des wolt ih mih darben, 

daz diu chünegin von Engellant 

lege an minen armen ^'*). 

zwei weitere als Beispiele der Vagantenpoesie angeführt. So das reizende 

Liedchen 

Exiit diluculo 

rustica puella 
cum grege, cum baculo, 
cum lana novella^^). 
das Mischke übersetzt: 

Schäferin geht aus dem Haus 
Morgens in der Frühe, 
Leichten Sinnes treibt sie aus 
Ihre runden Kühe. 

In der Herde dicht gemengt 
Sich die Schäflein schmiegen, 
Stierlein sich zum Kühlein drängt, 
Böcklein an die Ziegen. 



Bettelpoesie. ag 

Auf dem Rain ein Bursche ruht; — 
„Der kommt wie gefunden! — 
Laß zusammen frohgemut 
Kürzen uns die Stunden!"^') 

Ganz andere Töne galt es aber anzuschlagen, wenn der Goliarde vor einem 
strengen Herrn stand, eine Gabe heischend. Da verfingen lockere Erotik und 
sanfte Lyrik nicht, da mußte er rühren und sein Schicksal beklagen, das ihn 
auf die Landstraße warf, aber auch gleichzeitig Zeugnis von seinem Können 
durch die Behandlung des Lateinischen ablegen, und seine Wünsche ge- 
ziemend vortragen. Das klang in Laistners Übertragung: 

Bin ein fahrend Schülerlein, 
Muß mich müh'n und plagen; 
Sauer wird mir's oft und viel. 
Nur mich durchzuschlagen. 

Dem gelahrten Studium 
Möcht' ich gerne leben: 
Leider, daß der Mangel mich 
Zwingt es aufzugeben. 

Ach, was ist mein Mäntelein 
Dünne zum Erbarmen, 
Bitt're Kälte steh' ich aus, 
Kann oft kaum er warmen. 

Nicht einmal beim Gottesdienst 
Halt' ich aus so lange, 
Bis die Vesper oder Meß 
Kam zum Schlußgesange. 

Werthgeschätzter Herr N. N., 
Dürft' ich wohl mit Sitten 
Um ein klein Viaticum 
Euer Gnaden bitten? 

Von St. Martins Vorbild laßt 
Euern Sinn erwecken: 
Reicht dem Fremdling ein Gewand, 
Seinen Leib zu decken! 



xo Vag ntenelend. Fahrende Kleriker. 

Daß in seinem Himmel einst 
Gott Euch heiße wohnen 
Und mit ew'ger Seligkeit 
Möge reichlich lohnen! 

Manch einer dieser Goliarden begann seine Laufbahn damit, daß er aus 
Furcht vor Strafe dem Kloster entlief, und sich in Höhlen vmd Wäldern 
barg^^), bis er sich anderen Vaganten anschließen konnte. 

,, Teurer Lehrer, Gott befohlen 

Durch den Rhein schwimm ich verstohlen 

Und verlaß euch Klosterherrn, 

singt Scheffels Juniperus, da er den Stock- und Rutenstreichen, dem Fasten 
und anderen Strafen im Kloster entflieht. 

Welche Fahrnisse für Leib und Geist diese aus dem Geleise geratenen Scho- 
laren zu bestehn hatten, überliefern die Aufzeichnungen einiger solcher 
Fahrenden, wenn auch aus späterer Zeit. Im Sonnenbrand wie im Schnee, 
von Hunden gehetzt, hungernd, mit Eicheln und Holzäpfeln als Nahrung, 
auf sturmdurchtoster Haide in dürftigster, durchlöcherter Gewandung näch- 
tigend, von Ungeziefer gepeinigt, dann wieder bis zur Erschöpfung in Völ- 
lerei, oft fast in Unzucht vergehend, so raste der Fahrende Schüler durch 
die Jugendjahre. 

In einem Provinzialstatut des Erzbischofs von Mainz aus dem Jahre 1233 
werden die vagi scolares, auch Everhardini genannt, bezichtigt, ,,ein vor 
Gott abscheuliches Leben zu führen": „Deo abhominabilem vitam ducunt, 
divinum officium invertunt, unde etiam laici scandalicantur". 
,, Possenreißer, Schandmäuler, Lästerzungen und zudringliche Schmeichler" 
werden sie auf einer Salzburger Synode gescholten, wo man ihnen den Vor- 
wurf macht, daß sie ,,Vor aller Augen nackt einherlaufen, sich in die Back- 
öfen legen, in den Wirtshäusern herumtreiben, und dem Spiel wie den 
Buhldirnen nachgingen" ^^). 

Schon um diese frühe Zeit waren eben aus den fahrenden Studenten und 
Clerici Vaganten geworden. Ihre Ungebundenheit verführte sie immer mehr 
zur Zuchtlosigkeit. Ihr privilegierter Stand als Geistliche schützte sie viel- 
fach vor Strafe, so daß sie nicht nur durch ihre Bettelei, Unzucht und Rauf- 
lust — viele dieser , Kleriker' trugen trotz ihres geistlichen Standes Waffen — 
sondern selbst durch frechen Diebstahl und räuberische Gewalttätigkeiten 
eine rechte Landplage wurden. „Kein Wunder, daß geistliche und weltliche 



Verbrecherische Fahrende. Der Student als Tausendkünstler. 5 1 

Behörden wiederholt gezwungen waren, gegen dieses Unwesen einzuschrei- 
ten. Schon um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts verboten Synoden 
den Geistlichen, fahrende Schüler bei gottesdienstlichen Verrichtungen zu 
gebrauchen. Als Küster oder Glöckner zu dienen, blieb trotzdem vielfach 
die letzte Zuflucht eines dieser verbummelten Studenten. Überhaupt sollte 
den Go]iarden keine Unterstützung, kein Unterschlupf gewährt werden, bei 
Strafe der Suspension für den Geistlichen, der das Verbot überschritt. Im 
Salzburgischen wurde deshalb ein Pfarrer exkommuniziert. Und wie die 
Synoden, so wandten sich auch die Landfriedensgesetze gegen die herum- 
schweifenden Kleriker, die sie nebst Gauklern, Spielleuten und ,,Histrionen" 
für friedlos erklärten. Als ,Loterpfaffen mit dem langen häre' werden sie 
jedermann kenntlich gemacht. Berthold von Regensburg schalt sie Mädchen- 
jäger und verbot, ihnen das Abendmahl zu reichen^**). 

Auf ihren Landstreichereien war ihnen jeder Verdienst willkommen, 
mochte er noch so anrüchig sein. Sie stahlen, wo sich ihnen dazu Ge- 
legenheit bot. Die Statue der heiligen Gertrud, ihrer Schutzpatronin, auf 
der Gertraudenbrücke in Berlin, zeigt einen Goliarden mit einer gestoh- 
lenen Gans. 

Von ihren schmierigen Zauberstücken läßt Hans Sachs sich einen der 
Fcihrenden rühmen: 

,,Es ist vns auffgesetzt allsandt. 
Das wir stetigs im land vmbwandern 
Von einer hohen Schul zur andern, 
Das wir lernen die schwartzen Kunst 
Vnd dergleichen ander Künste sunst. 
Wo man inn (ihnen) etwas hat gestoln; 
Wen augweh vnd zanweh krencken. 
Dem könn wir ein segn an hcils hencken. 
Fürs gschos wundsegen wir auch habn. 
Wir könn warsegen vnd schetz grabn. 
Auch zu nacht auff dem Bock auss farn"®^). 
Hans Sachs vergaß in seiner Aufzählung die Mixturen und Liebestränke, 
von denen die Schwankbücher recht wenig des Rühmenswerten zu er- 
zählen wissen. 

Diese Zaubermittel wollten die Goliarden im Venusberg, im Hasel- oder 
Hörselberg, wo Frau Venus wohnt, und wo sie den Tannhäuser umstrickt 
hatte, und wo sie ihre Anhänger in allen sinnlichen Genüssen unterweist, 



»3 Im Venusberg. Studierte Bettler. 

erlernt haben. Ihre dort erworbenen Kenntnisse setzten sie bei ihren leicht- 
gläubigen Zeitgenossen in bare Münze um. 

Von diesen Goliarden sagt die Zimmersche Chronik: „. . . wiewol das mit 
fraw Venus berg für ain fabel und erdicht ding geachtet wurt, so ist doch 
nichts gewissers, dann das bei unsern vordem vil dieselbig abenteuren ver- 
sucht, in dem berg gewesen, auch ains thails die schwarze kunst darin ge- 
lemet, sich vahrende schuoler genennt und von wunderbarlichen, 
unf^leublichen sachen reden haben künden; es sein auch deren ainsthails 
darin bliben"^^). 

,,Die Vagierer sind Abentheurer, die aus der Frau Venus Berg kommen 
und die Schwarze Kunst verstehen. Wenn sie in ein Haus kommen, so 
fangen sie an zu sprechen: Hier kommt ein fahrender Schüler, der sieben 
freien Künste ein Meister, ein Beschwörer der Teufel gegen Hagel Wetter 
und aJles Unheil. Darnach machen sie etliche CharaJttere, zwei oder drei 
Kreuze und sprechen, wo diese Worte gesprochen werden, da wird niemand 
erstochen, es trifft auch niemand ein Unglück und viele andere köstliche 
Worte. Da meinen dann die Bauern, es sei also, sind froh, daß sie kommen, 
und sprechen zu den Vagierem, das und das ist mir begegnet, könnt ihr 
mir helfen? Diese aber bejcihen es und betrügen die Bauern" **'). 
In welch köstlicher Weise sie ihre zauberischen Kenntnisse dazu verwen- 
deten, die Liebesverhältnisse der Bäuerinnen und der Dorfpfaffen zu 
stören, sich selbst die Dirnen und Weiber geneigt zu machen, davon 
wissen Schwankbücher und Fastnachtsspiele viel Lustiges zu melden. 
So bildeten die Vaganten das Bindeglied zwischen Gauklern und Gaunern, 
ebenso außerhalb der Gesellschaft stehend wie diese Menschenklassen, doch 
immer in der Lage durch einen Glückszufall zu der Gesellschaft zurück- 
zugelangen, was diesen kaum jemals möglich war. 

Im fünfzehnten Jahrhundert ist es still geworden von den vagierenden 
Scholaren, doch keineswegs von den bettelnden. In allen Städten mit nam- 
haften Schulen wimmelte es von armen Schülern, einheimischen und zu- 
gezogenen. Man unterschied damals allgemein zwischen zahlenden (sol- 
ventes), pauperes (armen) und medicantes (bettelnden) Schülern. 
Die zuletztgenannten mußten sich ihr karges Brod schwer verdienen. Wohl 
überall zogen sie in Trupps von Haus zu Haus und sangen vor den Türen 
geistliche Lieder in lateinischer Sprache. Erst im Jahre 1650 schrieb der 
Superintendent Major in Jena den Sängerknaben vor, statt lateinischer 
deutsche Lieder zu singen, „damit auch der gemeine Mann sich bessere 




Dirne 

Nach einem Gemälde von Frans Hals 




Studenten beim B allspiel im Ballhaus 

IJ. Jahrhundert 




Der fahrende Scholast als Musikant 
in einem Burggarten 

Monogrammist IV. H. IS- Jahrhundert 



Luther als Bettelsänger. Ein Vagantenleben. 55 

und mitsingen könne" ^*). Damals wie heute nannte man solche Schüler- 
chöre Kurrende, die Teilnehmer Kurrendschüler oder Kurrendaner. Auch 
Luther war bekanntlich solch ein Sängerknabe, ein ,Parthekenhengst', wie 
diese Jungen in Eisenach geschimpft wurden. Dort nahm ihn eine fromme 
Frau, des wohlhabenden Patriziers Cottas Hausehre, in ihr Haus und ließ 
es ihm zu einem zweiten Elternhaus werden ^^). Burkhart Zink, der Augs- 
burger Kaufmann und Chronist im fünfzehnten Jahrhundert, mußte es 
sich gleichfalls in seiner Jugend sauer werden lassen. Als vierjähriges Kind 
verlor er seine Mutter. Drei Jahre später ,,da nam mein Vater ain ander 
Weib. . . . Die war adn junge stoltze Frau, die war uns Kinden nit günstig 
und hett uns hert und tet uns übel; aber sie war unserm Vater lieb und 
geviel im wol, als (wie) noch oft und dick (viel) alten Mannen junge Weib 
wol gevallen. Dem sei als im ist! Darnach als man zalt 1407 Jar, do war 
ich ain Jüngling bei auf Jaren, schied ich aus Memingen von Vater und 
von adlen meinen Freunden und gieng mit ainem Schueler; ich war auch 
ain Schueler und war bei 4 Jam in die Schuel gangen". Die beiden jungen 
Burschen schlugen sich bettelnd bis nach Laibach durch. In dem großen 
Dorf Bieg bei Beifnitz unfern von Laibach, war Zinks Vatersbruder Pfarrer. 
Bei dem blieb er sieben Jahre, die Schule besuchend. Als der nach dieser 
Zeit nach Wien auf die Universität ziehen sollte, um dort Theologie zu 
studieren, lief Burkhart davon nach Memmingen, seinem Geburtsort. 
Dort hatten sich die väterlichen Verhältnisse derart zum Schlechten ge- 
wendet, daß seines Bleibens nicht lange war. Versuche, ein Handwerk zu 
erlernen, schlugen dem bald achtzehnjährigen fehl. ,Also hub ich mich auf 
und nam mein Schuelbuech und bat mein Schwester und iren Man umb ain 
Zerung" ... La Biberach ,kam ich von stundan zu ainem frummen Man; 
war gar reich und war ain Schuester gewesen, aber er trieb das Hantwerk 
nit.' Der nahm den jungen Mann um Gotteswillen zu sich, doch sollte er 
sich das Brod selber schaffen, natürlich durch Betteln. Zink schämte sich 
aber, kaufte für sein letztes Geld Brod, das er in Stücke schnitt, die er 
nach und nach dem Schuster als erbettelte vorwies. Als sein Geld zu Ende 
war, folgte er einem Schüler nach Ehingen, wo er notgedrungen das 
Betteln erlernte, das er dann noch in einer ganzen Reihe von Städten mit 
Erfolg betrieb ^^). Burkhcirt Zink hatte das Glück rechtzeitig in einen bürger- 
lichen Beruf hinüberwechseln zu können. Reich an Güter und an Ansehn 
beschloß er im gesegneten Alter von 81 Jahren sein Leben. 
Nicht allzuvielen der fcihrenden Schüler ging es so gut wie dem Augsburger 

Bauer, Sittengeschichte 3 



XA, Der Bettelstudent. 

Zink, und ein Jahrhundert später dem Schweizer Seilermeister, Buchdrucker 
und Rektor Thomas Platter. Wie er als »Schütz' seines Vetters Paulus 
Summermatter vom Kanton Wallis aus bis nach Breslau im Osten und 
Schlettstadt im Westen umhergezogen, nachdem er dem Pfaffen seines Dorfes 
entlaufen, der ihn ,schier gar nütz hart und aber iämerlich schlug', kann 
durch die häufige Veröffentlichung seiner Selbstbiographie als bekannt 
vorausgesetzt werden. Es sei nur auf die von ihm ungeschminkt erzählte 
Grausamkeit der Bacchanten gegen ihre kleinen Helfer hingewiesen, da 
sich dieses Sklavenhaltertum später in ähnlichen Formen wiederholen sollte. 
Die großen, ausgewachsenen Bacchanten hatten gute Beine und machten 
große Tagesmärsche. Die armen Schützen mußten mit, keuchend und wei- 
nend. Wollte es nicht mehr gehen, so zwickten sie die Bacchanten in die 
bloßen Beine, die oft nicht einmal in zerrissenen Schuhen steckten. Vor dem 
Hofhund im Dorfe drückte sich der Bacchant, aber der Schütz mußte in 
das Dorf. Schläge trieben ihm jede Angst vor den scharfen Zähnen aus. 
Was eine Bäuerin dem hungernden Bürschchen gab, mußte er unangetastet 
dem Herren bringen, der nie genug aufsammeln konnte. Oft häuften sich 
die Nahrungsmittel so an, daß sie schimmelten. Dann erst erhielt der Schütze 
das fast ungenießbar gewordene. Zwar tat er sich manchmal heimlich güt- 
lich an dem, was er von einer mitleidigen Seele zugesteckt bekommen hatte. 
Oder eine gutmütige Bürgerin nahm ihn ins Haus, setzte ihn, wenn er fror 
an den warmen Ofen, wickelte ihm die erstarrten Füße in warme Tücher 
oder Pelze und gab ihm eine gute Suppe und Fleisch zu essen. Aber die 
Bacchanten verstanden sich darauf, derartige , Unarten' dem Schützen abzu- 
gewöhnen. Sie zwangen ihn den Mund mit warmem Wasser auszuspülen, 
das in ein Gefäß gespuckt werden mußte. Zeigten sich darin Fettspuren, 
dann rissen sie dem Knaben die Kleider vom Leibe, warfen ihm einen Mantel 
über den Kopf, um seine Schreie zu dämpfen und schlugen erbarmungslos 
auf ihn ein. Manch hungernder Schütz suchte da lieber die BrosEimen aus 
den Dielenspalten zusammen oder jagte dem Hunde das Futter ab. Wer am 
besten von den Schützen stehlen konnte, frech in die Rauchkammern stieg, 
das Geflügel von der Weide oder den Ställen holte, genoß das größte An- 
sehn unter seinesgleichen. Am frühen Morgen ging die Arbeit für den 
faulenzenden Herren los, um mit Betteln und Singen bis tief in die Dunkel- 
heit, ja oft bis Mittemacht zu währen. Wie ihre Nahrung so war auch ihre 
Unterkunft. Glücklich wenn sie sich im Winter auf einem warmen Herde 
oder in einer finsteren Ofenecke bergen konnten, oder im Regen und Sturm 



Wohltätigkeit und Ungeziefer. Schützen und Bacchanten. Der Pauper. 55 

ein Erdloch, ein Scheunendach erreichten. Bei derartigem Leben, das Körper- 
pflege nicht einmal ahnen ließ, starrten die Kleinen und ihre Herren natür- 
lich von Ungeziefer. ,,Die Schuler und Bacchanten, io auch zu Zyten der 
gmein Man sind so voll Lüsen, daß nit glaubar ist. Ich hette schuer (schier), 
als oft man gewolt hette, drj^ Lüs miteinemdren us dem Busen zogen" *^. 
Ungeziefer wiesen auch alle Räume auf, in denen man die Bacchanten und 
ihren Anhang von amtswegen in den Städten unterbrachte. In Breslau, wo 
,,die Schuler hand (haben) ein bsundrigen Spital und eignen Doktor", da gab 
es für den armen kranken Thomas Platter gute Wartung und gute Betten, 
„aber groß Lüs drin, wie ziliger (kleiner) Hanfsamen". In Dresden ,,WcLr eine 
nicht eben gute Schule und auf der Schule in den Habitatzen (Unterkunfts- 
räumen) alles voll Läuse, daß wir sie nachts im Stroh unter uns hörten 
krabbeln" ^^). Und in dieses Haus mußte der kleine kranke Thomas in 
einem Winter dreimal Zuflucht suchen. 

Seinen Herren zu entkommen und sich vor ihnen in Sicherheit zu bringen, 
gelang nur selten einem der Schützen. Die Bacchanten waren so verwegen, 
daß sie wohl gar das Haus zu stürmen wagten, in dem einer dieser Unglück- 
lichen bei mitleidigen Leuten Unterkunft gefunden hatte*'). 
Mit zunehmendem Alter wurden aus den Schützen Bacchanten, ebenso rück- 
sichtslos, verderbt an Leib und Seele wie ihre Lehrmeister von einst, bis sie 
auch wie diese auf dem Rabenstein oder hinter einem Zaun ihr verfehltes 
Leben beschlossen. 

War es aber einem fahrenden Scholaren gelungen, sich aus dem Lernd- 
streichertum zu lösen, auf einer hohen Schule festen Fuß zu fassen, dann 
war er meistens geborgen. Seine Armut zwang ihn zur stäten Arbeit, denn 
nur dann konnte er auf Unterstützung rechnen, wenn er sich der Gunst 
seiner Lehrer erfreute. Die Gebühren für die Immatrikulation wurden ihm 
erst gestundet, dann ganz erlassen, das Essen und die Wohnung in den 
Bursen brauchte er nicht in barem Gelde zu entrichten, doch wurden sie 
ihm nicht geschenkt. Er hatte sie sich durch niedere Dienstleistungen, wie 
als Hausknecht, Koch und Kellner zu verdienen, — kurz ails Famulus. So 
in Rostock'^"). 

Wenn auch die sozialen Gegensätze in der ferneren Vergangenheit nicht 
so abgrundtief wciren wie in der Gegenwart, so kann ihr Vorhandensein 
nicht wegdisputiert werden, wie dies versucht worden ist'^. Schon damals 
drängte sich eine kapitalistische Anschauung vor, die einen dicken Tren- 
nungsstrich zwischen arm und reich zog, auch im Studententum'^. 



56 Manuale scholarium. Geistliche Tracht. 

Ein Scholarenhandbuch des ausgehenden fünfzehnten Jahrhunderts, das 
bereits erwähnte ,Manuale scholarium', kämpft gegen das Studentenprole- 
tariat. „Die Universität kann nur Bemittelte gebrauchen (Pecuniosos requirit 
universitas)", wird darin klipp und klar gesagt. Ein Student, der Fortschritte 
machen wolle, müsse frei von Nebeneirbeit sein (studium liberos requirit). Er 
könne nicht familieren, von einzelnen Fällen vielleicht abgesehn'^^). 
Wenn sich daher die gutgestellten Schüler von den armen abschlössen und 
sie tunlichst fem von sich hielten, so blieben sich dennoch Kommilitonen, 
denn die Zugehörigkeit zur Alma mater bildete ein gemeinsames, un- 
zerreißbcires Band. Wenn es die Notwendigkeit heischte, waren sie eins in 
der korporativen Selbständigkeit einer privilegierten Genossenschaft. Die 
tiefe Spaltung der Studentenschaft nach sozialen, politischen und rassen- 
theoretischen Gesichtspunkten ist eine Errungenschaft der Neuzeit, an der 
die Lehrerschaft wie die Studenten gleichen Anteil haben. Ebenso zum 
Verderb der deutschen Wissenschaft wie des deutschen Studententums und 
der deutschen Kultur! 

Zu den drückendsten Arm und Reich gemeinsamen Fesseln des Bursen- 
lebens gehörte die Vorschrift der fast klösterlichen Kleidung. Der putz- 
süchtigen Jugend, die stolz auf ihre Stellung als akademische Bürger war, 
konnte es nicht behagen, sich in den uniformen, unscheinbaren Studenten- 
rock hüllen zu müssen, der sich recht schäbig neben der buntgestickten 
Seidentracht des jungen Patriziers ausnahm'*). In Heidelberg war die vor- 
geschriebene Tracht ein talarartiger Rock aus braunem oder schwarzem 
Zeug, der durch einen Gürtel zusammengehalten wurde. Mit langen, mäßig 
weiten Ärmeln umschloß er den ganzen Körper. Mit ihm hing, wie aus 
einem Stück gefertigt, eine Kaputze zusammen, die man über den Kopf 
ziehen konnte, die breite Lappen zum Schutze der Ohren bot und in eine 
Spitze über dem Schädel auslief"^). In Altdorf bestand die Studententracht 
in roten Mänteln, die bis zum Jahre 1795 Professoren und Kandidaten bei 
festlichen Gelegenheiten trugen. So gut solches Mäntelchen in einer Zeit 
der farbenfrohen Männerkleidung zu dem „skolastisch verknöcherten Stu- 
dienbetrieb" der Bursen passen mochte, so wenig sagte es den Schülern 
zu, und mit Begeisterung warfen sie diese Tracht von sich, als die Stunde 
der Bursen geschlagen hatte. Sie kränkelten seit dem fünfzehnten Jahr- 
himdert und verblichen für die Allgemeinheit der Studentenschaft mit dem 
sechzehnten, das den genossenschaftlichen Zuschnitt des Studentenlebens 
endgültig ablehnte. 



Unzüchtige Kleidung. Räuberärmel, liederliches Wesen. 57 

,,Die Einzelpersönlichkeit wurde auch hier zum Merkmal der modernen 
Zeit, und wie sich von der camerata der Kamerad löste, vom vrouven- 
zimmer die Frau, so auch von der bursa der Bursch. In Jena war nur für 
arme Stipendiaten das Internat des Kollegienhauses eine billige Zuflucht" ^^). 
Der Bursche war frei geworden. Er hatte das klösterliche Gehaben des 
Burschenlebens mit der Weltlichkeit vertauscht. Aufatmend legte er nun- 
mehr auch weltliche Kleidung an. Aber sofort stürzte sich eine Meute 
sittenrichterlicher Fanatiker, die da stets nur das Alte für wünschenswert 
hellten, auf die .schändliche, überflüssige, übermäßige, unförmige und un- 
flätige' Kleidung los. 

Schon in den städtischen Schulen, den Vorschulen der Universitäten, waren 
frühzeitig Klagen über die ,unzüchtige' Kleidung der Schüler laut geworden, 
über ,die große Umwandlung, so in der Tracht der Schüler' eingetreten 
war und ,auf böse Sitten und Verwilderung leichtlich schließen ließ'. 
Bisher war auch den Schülern ,der ehrlich Schulrock', die Schalaune, vor- 
geschrieben gewesen, doch schon eine Schulordnung von 1580 enthielt die 
verschärfte Verfügung: ,,Es sollen die Knaben nicht wie die Landsknechte, 
sondern ehrbar bekleidet sein, und nicht zerhackte oder bunte, sondern 
solche Kleider tragen, die bei frommen und ehrbaren Leuten, jedem nach 
seinem Stande ehrbar und gebräuchlich seien. Es soll daher keinem gestattet 
werden zerschnittene Pluderhosen, Federhüte, große, weite Sackärmel, zer- 
schnittene Schuhe und dergleichen zutragen. Sie sollen auch keine Dolche 
oder Plötze tragen, und wenn sie Wehren mit sich in die Schule bringen, 
mögen die Präceptoren diese von ihnen abfordern." Es wurde ihnen dem- 
nach alles das verboten, was man auch den Universitätsstudenten immer 
wieder zu untersagen für notwendig hielt. Allein diese und ähnliche Kleider- 
ordnungen wurden ebensowenig befolgt wie alle die vielen früheren und spä- 
teren für alle möglichen Stände in Stadt und Land. Daher war die Folge des 
eben geneinnten Erlasses, daß die Visitatoren zu melden hatten : „Der mehrere 
Teil der Schüler ziehe in kurtzen, gewurckten, prunkten Mänteln, großen, 
weiten Reuberärmeln, gebubden Beinkleid und anderem, so mehr reuberisch 
dann schülerisch" einher. Im Jahre 148a sah sich der Rektor Andreas 
Frießnar in Leipzig zu einer Verfügung genötigt, in der er die ,, zuvor uner- 
hörte Üppigkeit und das liederliche Wesen in der Kleidung und Geberden", 
besonders auch unzüchtige Körperentblößungen — die kurze geschlitzte 
Schenkelhose, vom mit dem großen, bauschigen oder kapselförmigen Latz, 
hinten prall anliegend — dann das Tragen von Schwertern, Messern, Degen 



jS Pluderhosen, Modeneuerungen. 

und anderen Waffen verbot. Der Erfolg dieser Verordnung bestand in „be- 
sorgliche und erschröckliche Aufläufe", durch die der Rektor und andere 
Mitglieder der Hochschule in Lebensgefahr gerieten. Auch in Heidelberg 
spielte sich das ganze Chaos einer immer nach Neuem drängenden Mode in 
den Kleidererlassen der Hochschule wieder ^'0- Ebenso eiferte man in Wien 
und an anderen Universitäten gegen die sich immer weiter von der ursprüng- 
lichen Schülerkleidung entfernenden Tracht. 

Einen harten Stoß versetzte der althergebrachten Schülertracht die um das 
Jahr 1553 oder 1554 aufgekommene Pluderhose, die aus alter Zeit nur 
den großen, möglichst auffälligen Latz weiterkonservierte, sonst aber eine 
völlige Neuheit darstellte. Von diesen Kleider-Ungetümen sang man bereits 
im Jahre 1555: 

Welcher nun will wissen 

was doch erfunden sei: 

Die Kriegsleut sind geflissen 

auf solche Buberei, 

sie lassen Hosen machen 

mit einem Überzug 

Der hangt bis auf die Knochen 

Dran han sie nicht genug. 

Ein Latz muß sein daneben 
wol eines Kalbskopffs groß 
Kcirteken drunter schweben 
Seiden on alls moß; 
kein geld wird da gesparet 
und sollt er betteln gon, 
damit wird offenbaret, 
wer ihn wird geben den Ion. 

,,Wie die Reformation, so war auch die Pludertracht eine demokratische 
Bewegung. Sie ging von unten nach oben; nach den Landsknechten ver- 
schlang sie das Bürgertum, riß die Studenten mit sich fort, die ja immer 
geneigt waren, alle Modeneuerungen eifrigst zu fördern, und zog den Adel 
und die Höfe mit in ihre Kreise"'^. Die neue Tracht regte natürlich die 
Geistlichkeit gewaltiglich auf. Und daß sogar die Jugend schon in die neue 
Tracht gesteckt wurde, brachte sie noch mehr in Harnisch. ,,Wir ziehen 
auch vnsere kinder bald von der wiegen an, ehe sie hinter den obren 



Der Hosenteufel. Leichtfertige Gemüter. 5g 

trucken worden sein, so Junckerisch auff, mit zupluderten Teuffelshosen, 
mit kurtzen bübischen kleidem, mit Seiden und Sammet"'^). Die Branden- 
burgische Visitations- und Consistorialordnung von 1575 gebot den Schul- 
meistern, darauf zu achten, daß die Jungend Füllerei und Unzucht meide, 
sowie die Kleider ,, nicht zerschnitten" trage. Der oben zitierte Doktor 
Andreas Musculus, Generalsuperintendent der Mark Brandenburg, zugleich 
Professor der heiligen Schrift an der Universität Frankfurt an der Oder, 
sollte ein unerhörtes Ärgernis durch die Pluderhosen zu verzeichnen haben. 
Predigte in dem gedachten Frankfurt an einem schönen Sonntag des Jahres 
1555 der Diakonus der Oberkirche, Licentiat Melchior Dreger, vor einer 
andächtigen Zuhörerschar gar auferbaulich von der Sündhaftigkeit aller 
jener, die sich im bloßen Schenkel zeigen, den die neue Pluderhose, wie 
es die Mode will, frei läßt, zum Ärgernis der Frauen und Jungfrauen, die 
rot werden, wenn man sie bei einem Blick auf diese Blöße ertappt. 
Als sich am darauffolgenden Sonntag die Gemeinde versammelt, weiten 
sich aller Augen in stummen Entsetzen, denn an einem Kirchenpfeiler, 
gerade der Kanzel gegenüber, hat eine ruchlose Hand, man munkelt die 
eines Studenten, eines der verschrieenen Kleidungsstücke aufgehängt und 
festgenagelt. Dem entsetzten Hern Licentiaten verschlug es die Rede. Aber 
cim folgenden Sonntag bestieg Herr Doktor Musculus selbst die Kanzel und 
donnerte über die andächtige Gemeinde ,,Vom zuluderten / zucht vnd 
Ehrerwegenen pludrichten Hosenteuffel". Diese Predigt wies acht Sünden 
des „vnuorschembten hosenteuffels, wieder den gemeinen nutz vnd wolfart 
Deutscher Nation" in flamraenden Worten nach. Bald lag sie auch ge- 
druckt vor, und heute noch, wo man allerdings nur noch für das Gegenteil 
von Stoffüberfluß bei der Kleidung schwärmt, ist sie gar lehrreich und 
lustiglich zu lesen. 

Luthers erster Biograph Johann Mathesius, Pfarrer in Jochimstal in Böhmen, 
predigte im Jahre 1559: „Leichtfertigkeit in Trachten und Kleidem ist eine 
Anzeigung eines leichtfertigen Gemütes. Es ist wahrlich ein böses Zeichen, 
wenn die Schüler, Studenten, Baccalaurien ihre Filzhüte, Binden, Troller, 
Paußärmel und Pluderhosen, verbrämte Kleider und ausgestickte und zer- 
schnittene Ärmel tragen, zu voraus die von Almosen studieren und leben, 
oder weilcind von Almosen sind ernährt worden. Es stehet doch ja nicht 
wohl, wenn sich die junge Mannschaft so weibisch und in geputzten Klei- 
dem pflegt zu zieren"®*). 
In Wittenberg ereiferte man sich 1546: „Die Studenten in allen Fakultäten 



40 Hoffartsteufel. Ausgepolsterte Bäuche. 

sollen nicht zerschnitzelte, noch kurze Kleider tragen, sondern ihre Kleider 
sollen ehrlich und einer ziemlichen Länge sein, denn es zumals eine große 
Leichtfertigkeit und Misstand ist, so die Jugend in kurzen Kleidern vor 
ehrlichen und züchtigen Frauen erscheint"^'). Im Jahre 1562 wurde diese 
Verordnung wiederholt. 

In Jena mochte man einsehn, daß derartige Befehle bei den Studenten un- 
gehört verhallten, deshalb richtete man sie nur an die Stipendiaten, gegen 
die Machtmittel zu Gebote standen. Ihnen untersagte man das Tragen von 
,, Pluderhosen, gar (sehr) kurze Kleider und zottige Hosen". 
Wenn auch edle die Verordnungen des fünfzehnten und sechzehnten Jahr- 
hunderts über Tragen und Unterlassen gewisser Kleidungsstücke Folianten 
füllen können, genützt haben sie alle nichts. Deshalb unterdrückte auch 
Heidelberg im Jahre 1532 wohlweislich das Verbot an die dortigen Schnei- 
der, verpönte Kleider für die Studenten anzufertigen^^). Hervorzuheben ist, 
daß sich die Aufsichtsbehörden oft bemüßigt sahen, nicht den Schülern allein, 
sondern auch den — Lehrern ihre unpassende Tracht vorzuhalten. Im Jahre 
1565 schrieb der ungeschminkte Joachim Westphal in seinem Hoffarts- 
teufel: die Lehrer an den hohen Schulen kleiden sich ,, reuterisch kurz, 
zerhackt, zerlumpt, gehen äffisch und unbedeckt für männiglich einher, wie 
die groben Leute. Man würde sie eher für Reutersknaben, Handwerksbur- 
schen, Tanzjunker, Bieramseln, denn für Schulregenten ansehn". Die Stu- 
denten richteten sich nach ihren Lehrern, und,,sofindetman", wie Westphal 
fortsetzt, nirgends ,,so seltsame, närrische, ungeheuere, fremde, üppige, 
leichtfertige, freche, prächtige, unverschämte Kleidung". 
Im Jahre 1596 erging in Braunschweig eine ,,neue Ordnung": ,,Es sei den 
Lehrern nicht zu gestatten, ,hohe breitrandige Hüte, weite, ausgefüllte 
Bäuche, lange dicke Ranzen, zugefaltene weite Reuberärmel, allerlei bunte 
leichtfarbige Strümpfe und sonstige unehrbare Kleidung zu tragen" ^^). 
In Nordhausen sollten sich die Lehrer ungebührlicher Kleidung enthalten, 
„da man einhergeht mit aufgeschlagenen Hüten, kurzen Kappen, Dolchen 
an der Seite, zerhackten Hosen, reiterischen Pumphosen, weiten Ärmeln, 
oder sonst in Kleidern steckt, als wolle man zerfallen, mit offenem Wams, 
garstigen Schuhen, wie ein Bauer hinter dem Heuwagen hergeht". 
Mit dem sechzehnten Jahrhundert kommen neben den Stadtschulen, in 
denen die elementaren Künste und die lateinische Sprache das Hauptstück 
des Unterrichtes ausmachen®*), jene Anstalten auf, in deren Lehrplan von 
den Humanisten auch das Griechische und Hebräische eingeführt wurde. 




Ein fahrender Kleriker 
und sein Liebe he n 



Handzeichnung aus dein 
/j. Jahrhundert 




'pncria rtror roa$ oumt £H»?m«rct rtmouff. 



Bettrinde Schüler mit ihren Korben 

SchülereleriH. X ü r n b e r g i6hq 




N achtkarr ende in Nürnberg 
i8. Ja hrhundert 




Fahrende Schüler bei einem Lobgesang 
auf die Schlemmerei 

Holzschnitt um i joo 




Aus Rollos: Fita Corneliana. l6lO 





G oliar den bei Spiel und Trunk 

Handzeichnungen aus der Benediktbeuerner Handschrift 
der Carmina B n r an a aus dem i j. Jahrhundert 



Das Gymnasium in Gera. 41 

Ihre Gründer und Lehrer nannten diese Schulen stolz Gymnasien. Bekcinnt- 
lich wurde dieser Name in Preußen erst im Jahre 1802 amtlich eingeführt. 
Die Schüler dieser Gymnasien fühlten sich, wie sich das ja fortgeerbt hat, 
schon als Studenten, denen sie geflissentlich all das nachahmten, was in 
ihren Augen standesgemäß, nach dem Urteil emders gearteter Zeitgenossen 
aber wenig lobenswert war. 

Wie sich angehende Hochschüler nach der Ansicht ihrer Lehrer verhalten 
sollten, führen die Schulregeln, „Leges scholasticae", vom 5. September 1608 
des ,Fürstlichen G}Tiinasiums Rutheneum' in Gera aus. Sie waren in la- 
teinischer Sprache auf hölzerne Tafel geschrieben und hingen in eigenen 
Behältern in der Aula unter dem Bilde des Schulstifters. Die bezeichnendsten 
Stellen dieser Vorschriften lauten : 
Cap. 1. De pietate in Deum. 

Zum Gottesdienst in der Kirche sollen sich die Schüler an Sonn- und Fest- 
tagen vor- oder nachmittags mit ihren Gesangsbüchem zeitig und vor dem 
letzten Glockenschlag in den unteren Schulräumen versammeln. Dann sollen 
sie nach ihrer Platzordnung zu zweien (bini) in die Kirche hinaufsteigen. 
Beim Gemeindegesang sollen sie auf den an den Pulten einmal eingenom- 
menen Plätzen ruhig bleiben und nicht an die Gitter (clatatrae fenestrae) 
herantreten, die die Plätze der Gymnasiasten abschließen. Bei der Predigt 
sollen sie die Hauptgedanken und hervorragende Aussprüche aufschreiben. 
Der Vesper am Sonnabend sollen sie beiwohnen und bei keiner Gebetstunde 
cun Montag früh fehlen. Vor der Abendmahlsfeier sollen sie ihre Lehrer fragen, 
worin sie gefehlt haben, sie um Verzeihung bitten, und Besserung versprechen. 
(Man sieht ordentlich die grinsenden Jungen, wenn sie aus der Stube des 
Lehrers treten, dessen Verzeihung sie eben erbeten und erhalten haben!) 
Cap. 2 handelt von der Achtung für Eltern, Lehrern und Wohltätern, wo- 
zu die Geistlichen, Gönner und Freunde der Anstalt gezählt werden. 
Cap. 5. Die Schüler sollen nicht schwatzen, lügen, fluchen, die Schul- 
geheimnisse nicht ausplaudern, Ironie, Prahlerei, Streit, Selbstsucht und 
Sticheleien gänzlich meiden. An den Vergehen anderer sollen sie sich nie- 
mals beteiligen, sie nicht verschweigen, sondern alles den Lehrern melden, 
was gegen die Würde und das Blühen der Anstalt zu sein scheint. — Vor 
Zänkereien und Schlägereien haben sie sich zu hüten. Das Belegen mit 
Spitznamen wird mit Karzer und Stockhieben bestraft. Tafel, Fenster, Öfen, 
Bänke, Pulte, kurz alles Inventar der Schule darf nicht zerstochen, zerbrochen, 
zerschnitten werden. 



A2 Schulordnvmg in Gera. 

Die Wände sind nicht zu beschreiben oder zu bemalen. 
Unter einander sollen sie nichts verkaufen, verschenken, vertauschen. 
Jeder soll seine Kleider, Bücher und was sonst noch ihm gehört, für sich 
behcJten. 

Das 4. Cap. handelt von der Aufführung convictu privato, d. h. in Wirts- 
häusern und Wohnungen. Es wird ihnen Mäßigkeit anempfohlen, die 
Mutter der Weisheit und des Fleißes. Lüste und Leidenschaften, die Feinde 
der Frömmigkeit, die jede Tugend niederhalten, sollen sie fliehen und ver- 
abscheuen bei Strafe des Ausschlusses von der Anstalt. Saufgelage und Zu- 
sammenkünfte zu hause und draußen, bei Tag und bei Nacht, und Trun- 
kenheit sollen sie meiden bei Strafe des Karzers und der öffentlichen Rüge, 
Von Zoten, Schandliedem und Schandbildern sollen sie Augen und Sinn 
abwenden und fernhalten. 

Cap. 5 läßt sich über die Bescheidenheit bei öffentlichen Zusammen- 
künften außerhalb der Schule aus. Darin heißt es u. a., daß die Schüler 
in ihrer nüchternen und bescheidenen Schulkleidung erscheinen sollen. 
Übermäßiger Haarputz ist ihnen verboten. Mit lottrigen Kleidern, lieder- 
lichem Schuhwerk, ungekämmt und verlaust (capite impexo et pediculosa), 
mit ungewaschenen Händen und schmutzigem Gesicht dürfen sie nicht auf 
die Straße kommen. Gang, Bewegung, Haltung sollen nichts Geschwolle- 
nes, Geziertes und Herausforderndes zeigen. Degen, Dolche und andere 
Waffen zu tragen ist ihnen untersagt. Ebenso Karten- und Würfelspiel bei 
Stock und Karzer. Femer das Fischen, Vogelstellen, dann zur Sommerzeit 
das Baden und Schwimmen in Flüssen und Teichen wegen Gefahr des 
Leibes und der Seele, auf dem Eise das Huscheln und Fahren, das Schnee- 
ballen. Erlaubt sind Ballschlagen, Laufen, Tanzen, Fechten und anderes 
dieser Art. Sie haben nur mit Ihresgleichen umzugehn, nicht mit solchen 
Leuten, ,,quia Musis alieni sunt", wie Handwerker, Diener, Soldaten, 
faulen Schlemmern und Wüstlingen, durch deren Umgang sie nicht besser 
sondern nur schlechter werden können. Zu Hochzeiten haben sie nur mit 
Genehmigung des Rektors Zutritt. 

Cap. VI handelt vom Schulbesuch. Im Winter wird von 7 — 10, im Som- 
mer von 6 — 9 Uhr Schule gehalten. Nach dem Mittagessen haben sie 
Punkt 12 Uhr wieder anzutreten. Wer zu spät kommt, soll mit der Rute, 
dem Stock, mit Zischen und Gelächter empfangen werden. Sind die Lem- 
geräte nicht bereit, dann Strafe mit Worten und Schlägen, 
Cap. VII beschäftigt sich mit dem Lerneifer. Schüler haben untereinander 



Befreiung vom Bursenzwang. Sittenverfall. 45 

und mit den Lehrern nur lateinisch zu sprechen. „Merker" sind auf- 
gestellt. 

Mit dem VIII. Kapitel von der Aufnahme und Entlassung der Zöglinge 
schließen die Schulregeln ^^). 

Diese Regeln, so verknöchert sie unserer Zeit erscheinen mögen, sind schon 
von jenem neuen Geist des Fortschrittes diktiert, den die Befreiung vom 
Bursenzwang und der geistlichen Aufsicht gezeitigt hatte. 
„Wer wollte sich wundem, wenn fürs erste alle diejenigen, die so 
lange Fesseln getragen, ihrer Bande befreit, im wilden Taumel dahin- 
stürzten, wenn die Befreiung zur Maßlosigkeit führte, die Freiheit oft zur 
Frechheit und Roheit wurde? Die ganze Zeit war eine Zeit der Gärung 
und Zerstörung, auf allen Seiten Auflösung der Jahrhunderte hindurch 
erstarrten Verhältnisse. Neuer Glaube und neues Wissen, ein eifriges 
Regen und Bewegen auf allen Gebieten des Menschendaseins", sagt Bruno 
Gebhardt. 

Ob aber der neue Geist und die Lockerung der obrigkeitlichen Aufsicht 
allein an dem Sittenverfall, der sich jetzt plötzlich eingestellt haben soll, 
die Schuld haben, kann füglich bezweifelt werden. Unsere Nachrichten 
fließen nur aus dieser Zeit reichlicher als aus dem Mittelalter. „Insbesondere 
dürfte der Kirchenspaltung nicht entfernt die Schuld an der cingeblichen 
Verschlechterung der Sitten beizumessen sein, die ihr von katholischen 
Schriftstellern gern zugeschrieben zu werden pflegt. Daß im Gefolge von 
Luthers Auftreten, durch die Erschütterung der bis dahin als heilig verehr- 
ten Autoritäten, Viele ihren moralischen Halt verloren und deshalb auf sitt- 
liche Abwege gerieten, unterliegt keinem Zweifel. Allein solche Wirkungen 
können sich naturgemäß — und so auch auf den Universitäten — nur in 
der ersten Zeit gezeigt haben. Nachdem einmal das in der Tat oft schlechte 
Beispiel der ausgelaufenen Mönche und Nonnen aufgehört hatte, nachdem 
die Klöster und Kirchengüter in den ruhigen Besitz der Fürsten und Stadt- 
gemeinden übergegangen und größtenteils geordnete Verhältnisse zurück- 
gekehrt w^aren, müssen wieder die alten (und neue) Ursachen für die Wild- 
heit der studentischen Sitten verantwortlich gemacht werden" ^^). 
Die Sitten und die Sittlichkeit des Studenten von einst sind heute im 
allgemeinen noch recht wenig bekannt und deshalb \delfach verkannt, selbst 
von Leuten, die e& eigentlich besser wissen müßten. Die goldene alte Zeit, 
das ewig neu wiederkehrende Kunststück der Schönfärberin Erinnerung, 
schafft rosig-unwahre Bilder, aus denen nur das Eine klar hervorgeht, daß 



44 Das Goldene Zeitalter. Freizügigkeit. 

der Wechsel der Zeiten nicht natumotwendig einen Abstieg bedeuten muß, 
und daß, wenn dieser hervorgehoben wird, weniger ein Wechsel der Moral 
zum Schlechteren eingetreten ist, als eine Änderung der Moralbegriffe. 
Wenn daher Arnold Rüge in seinem Buche „Kritische Betrachtung und 
Darstellung des deutschen Studentenlebens" ^') sagt: „Die Poesie im Ver- 
kehre mit dem Weibe ist zum guten Teil verschwunden. Aus dem feinen, 
geistig-sinnlichen Genuß ist sinnliche Brutalität geworden. Einst war die 
Studentenliebe etwas Heiliges und etwas Tj'pisches". Küssen ist keine Sünde 
,, hat man in dem goldenen Zeitalter der Universitäten aus frischem 
Herzen gesungen und es darnach gehalten", so ist das nichts als beweislose 
Romantik. Wann war denn eigentlich das goldene Zeitalter der Hoch- 
schulen, wann das der lieben, sanften und heiligen Studenten? In einzelnen 
Exemplaren mögen solch zarte und zahme Mondschein-Jünglinge zum 
Gaudium ihrer natürlicher gearteten Kollegen aufgetreten sein. Als Massen- 
erscheinungen waren sie gottlob einfach unmöglich. 

Zur selben Zeit da die unverhülltesten Studenten- und Sauflieder er- 
klangen, dichtete der Naumburger Jurist Sacer als Student in Greifswald 
(1659) die meisten seiner geistlichen Lieder, darunter das bekannte ,,Gott 
fähret auf gen Himmel". 

Zu den neuen Ursachen, denen man einst, als den damaligen Gelehrten die 
„goldene Zeit" entschwunden schien, den Sittenverfall zuschrieb, gehörte 
vornehmlich die fast plötzlich eingetretene Freizügigkeit. Die auf lange 
Zeit hinaus ungewohnte Bewegungsfreiheit verführte zu einer Ungebunden- 
heit, die sich lachend, oft höhnisch grinsend über alle Schranken hinweg- 
setzte, und sich wie eine schwere Krankheit viele viele Generationen hin- 
durch bis an die Schwelle der Gegen wEirt forterbte. Die Universität Leipzig 
erklärte wiederholt, das nunmehrige freie, unbeaufsichtigte Leben der 
Studenten in Bürgerhäusern führe zu Raufereien, Empörungen und Tot- 
schlag®^. Luther rügt an den Wittenberger Studenten, daß bei ihnen die 
Trunksucht „nun gar mit Wolkenbruch und Sintflut eingerissen" sei und 
„Alles überschwemmt" habe. 

Was eben früher im Geheimen vollführt wurde, brauchte jetzt nicht mehr 
das Tageslicht zu scheuen. So war es auch mit dem offenen Verkehr mit der 
Weiblichkeit. 

Im Januar 1544 schrieb Luther an den Kurfürsten Johann Friedrich: ,,Wir 
haben einen großen Haufen junges Volk aus allerlei Landen, so ist das 
,,Meydervolk" (Mädchenvolk) kühne worden, laufen den Gesellen nach in 



Studentendimen. Wittenherg. ä,k 

ihre Stüblin, Kammer . . , und ich höre, daß viele Eltern sollen ihre Kin- 
der heimfordern und noch fordern und sagen : wenn sie ihre Kinder zu uns 
schicken ins Studium, so hängen wir ihnen Weiber an den Hals." ,,Wir 
leben in Sodoma und Babylon" seufzt er über die sturmfreien Buden Wit- 
tenbergs in einem Brief an den Fürsten Georg von Anhalt, 
In der „Ernsten Vermahn- und Wamschrift an die Studenten zu Witten- 
berg", die er am 13. Mai 1545 an die Kirche in Wittenberg anschlagen 
ließ, heißt es: „Ihr wollet ja gewißlich glauben, daß der böse Feind solche 
Huren hierher sendet, die da grätzig, schäbig, garstig, stinkend und franzö- 
sisch (d. h. mit Franzosen [Lues] behaftet) sind, wie sich leider täglich in 
der Erfahrung befindet, daß doch ein guter Gesell den andern warne, denn 
eine solche französichte Hure 10, 20, 30, 300 guter Leute Kinder verderben 
kann". ,,Wer nicht ohne Huren leben will, der mag hinziehen, wo er hin 
Arill: hie ist eine christliche Kirch und Schule, da man lernen soll Gottes 
Wort Tugend und Zucht. Wer ein Hurentreiber sein will, der kanns wohl 
anderswo tun. Unser gnädiger Herr hat diese Universität nicht gestiftet für 
Hurenjäger und Hurenhäuser, da wisset euch nach zu richten !"^^) 
Melanchthon sagte 1537 in einer Ansprache von Wittenberg: ,,Wie in 
dieser Zeit die Zucht damiederliegt, die Frechheit herrscht, so ergreift mich 
ein tiefer Schmerz. Niemals war die Jugend so aufsässig gegen das Gesetz. 
Sie will nur nach eigenem Willen leben, dem Fremden sich nicht fügen. 
Gegen das Wort Gottes und die Gesetze ist sie taub". Vier Jahre später 
mahnt er die Jugend: ,,Es ist nicht Gottes Wille daß ihr hier zusammen- 
kommt wie ein trunkener Haufe zu den Bacchanalien oder wie Kentauren 
zum Schmaus". Eine Verordnung des Kurfürsten Christian I. von 1587 
richtete sich gegen ,,die unruhigen und mutwilligen" Studenten Wittenbergs, 
die „bei nächtlicher Weil auf den Gassen nicht allein hin und wieder 
schweifen, sondern auch alle diejenigen, die ihnen begegnen, darnieder- 
schlagen", ,,fürnehmlich auch mit Spießen, Stangen, langen oder kurzen 
Röhren, auch Sturmhauben sich bei Nacht sehen lassen", und dabei mit 
Stürmung der Häuser, viehischem Geschrei und sonsten allerhand Mut- 
willens und Frevels sich unterstehn, auch darunter der Toten in den Gräbern 
nicht schonen" ^^). Vier Jahre darauf wurden die Universitätshörer aufs 
Neue ermahnt abzustehn von „Häuser-Stürmen, Wegelagern, nächtlichen 
Überfällen, Fensterauswerfen, Rottieren". Ebenso wenig wie diese Verord- 
nungen wurden die gegen die Bewaffnung mit Schwert, Messer, Dolch, 
Bleikugeln, Wurfkreuz, Barten, Hammer und Büchsen weiter beachtet ^^). 



aQ Unzucht und Mutwille. 

Wie dort, am grünen Holze unter den Augen der Reformatoren, ging es 
auch an anderen Hochschulen zu. Der Vortrag „Von den verschiedenen 
Trinkersorten" (1515) sagt in dem wortschöpferischen Polterton jener Zeit, 
daß die meisten Erfurter Studenten zu den „metzenknechten, nachtraben, 
Pflastertretern, krantznarren, tantzkompun, winkeltauben und pruntzern" 
gehören, die, wenn sie betrunken sind, im Bordell ,ad octo lapides' (zu den 
acht Steinen) gefunden werden ^^). 

Sabinus, Rektor der Königsberger Universität, Melanchthons Schwieger- 
sohn, findet 1553, daß alle Sitte und Zucht unter den Studenten ge- 
schwunden seien. Von Frcinkfurt a/Oder behauptet Musculus: ,,Sodom und 
Gomorrha, selbst der Venusberg, sind Kinderspiel gegen die jetzt um- 
laufende Unzucht. Wenn unsere Großeltern die jetzige Welt sehen sollten, 
sonderlich die Jugend, sie würden die Augen verhüllen oder uns anspeien 
müssen. Wir alle schreien und klagen darüber, daß die Jugend nie ärger 
und boshafter gewesen seit die Welt gestcinden, als eben jetzunder, und 
nicht wohl ärger werden kann". Der FrEinkfurter Stadtrat ergänzte diesen 
Stoßseufzer des gelehrten Verfassers von ,Der Hosenteufel' durch die An- 
gabe von allerlei Tatsachen: „Der Mutwille bei den Studenten ist groß; 
man erfährt alle Tage was Neues. Es werden die Fenster eingeworfen, die 
Jungfrauen in der Kirche herumgedreht ( — wohl auf den Kopf gestellt — ), 
unzähliger Unfug wird verübt. Drei Dienstleute sind auf der Gasse ver- 
gewaltigt, die Windlichter ausgeschlagen, ehrliche Leute gefoppt und un- 
zähliger Unfug getrieben, besonders zur Zeit der Fastnacht, wo sie mit 
blanken Gewehren und geladenen Büchsen umherschweifen und neuer- 
dings einem Bürger vier große Löcher in den Kopf gestochen haben" ^^). 
Ein geradezu vernichtendes Urteil über die deutschen Universitäten seiner 
Zeit sprach der schweizerische Theologe Rudolf Walther im Jahre 1568 
aus. Er hatte auf einer Reise mehrere von ihnen besucht und berichtet 
nun über seine Erfahrungen: „Die deutschen Hochschulen befinden sich 
jetzt in einem solchen Zustand, daß außer dem Dünkel und der Nach- 
lässigkeit der Professoren und der frechen Sittenlosigkeit, die da herrscht, 
nichts Beachtenswertes an ihnen ist. Doch wird Heidelberg vor anderen 
gepriesen . . . .". 

Trotzdem war es in der schönen Stadt am Neckar wie überall mit den 
Sitten der Studenten recht übel bestellt^*). Hier ging es nicht besser, aber 
auch nicht schlimmer zu als an anderen Universitäten. Z. B. in Rostock, wo 
„an Stelle des vorigen sittlichen Ernstes und der jugendlichen Scham- 



Der wilde Wallenstein als Student. 47 

haftigkeit freche Leichfertigkeit und zügellose Lüderlichkeit Platz gegrif- 
fen hatte" ^*). Dann in Helmstedt, wo die Moral der Studenten noch viel 
tiefer stand als in Mecklenburg^), in Marburg, dessen Rektor Eobanus 
Hessus von der Frechheit und Zügellosigkeit der Hochschüler erzählt, in 
Gießen ^^), da ,, fressen, saufen, huren und Bubenspiel üben, schändliche, 
leichtfertige, lotterbübische Reden treiben, des nachts auf den Gassen 
jauchzen und schreien, mit bloßen Wehren tumultieren, Fenster stürmen, 
andere Leute molestieren und beunruhigen"^^) Studentengepflogenheiten 
waren. 

Die Universität von Altdorf bei Nürnberg, gegründet 1575, 180g mit 
Erlangen vereinigt, ist durch einen seiner wildesten Hörer unsterblich ge- 
worden. Von 1599 — 1600 zählte der spätere Friedländer, der Böhme 
Albrecht von Waldstein, zu den Altdorf er Studenten. Sein Auftreten zeigt 
scharf alles das, was sich ein adeliger Student an einer Universität erlauben 
durfte. Wenige Monate nach seiner Ankunft stand er schon an der Spitze 
eines zusammengerotteten Haufens, der tobend vor das Haus des Professors 
Jakob Schopper zog, die Fenster einwarf, die Türen und Laden zerhieb. 
Auf Befehl des Nürnberger Rates ließ der akademische Senat, wie laut 
auch Professor Gentilis widersprach und lärmte, Waldstein und drei andere 
am Auflauf besonders beteiligte Studenten in Haft nehmen. Ob sich hier- 
bei die Szene abspielte, von der im 7. Auftritt von Wallensteins Lager ge- 
sprochen wird, bleibe dahingestellt. Bald wieder aus dem Hausarrest ent- 
lassen, kam Waldstein noch in demselben Monat Dezember von Neuem in 
Anklage. Es hieß, er habe bei der Ermordung eines jungen Bürgersohnes 
durch die Studenten Hans Hartmann von Steinau „die Sache sich wohl 
befohlen sein lassen". Um die akademischen Behörden, die den Vorfall 
einer Untersuchung gar nicht wert erachteten, zur Pflicht zu rufen, be- 
durfte es einer ernsten Mahnung und eines scharfen Verweises durch den 
Nürnberger Rat. Als der Pfleger der Universität in den Wohnungen der 
Studenten Haussuchungen nach dem Mörder halten wollte, fand er ge- 
waltsamen Widerstand. Die gesamte Bürgerschaft mußte zu den Waffen 
gerufen werden. Zur Wiederherstellung der Ruhe ordnete der Nürnberger 
Rat eine eigene Gesandtschaft ab, der er bewaffnete Mannschaft beigab. 
Als einer der Rädelsführer wurde Weddstein ergriffen und vor die Behörde 
gebracht. Er hatte sich „alles Mutwillens und mancherlei Unruhe be- 
flissen", und sich ,, allerlei Schweres" zuschulden kommen lassen. Er hatte 
die Wachen geschmäht imd beleidigt. Einen Studenten in den Fuß ge- 



Ag Ein vorbildlicher Professor. 

stochen. Seinen Diener „so unmenschlich gezeichnet", daß dieser nach 
Nürnberg in ärztliche Pflege geschickt werden mußte. Er hatte ihn näm- 
lich mit Händen und Füßen an die Stubentüre gebunden und eine ganze 
Stunde lang mit Riemen gepeitscht, „weil er nicht mit ihm neben den 
Schlitten hergeloffen sei". Endlich gab es noch Klagen über seine und 
seiner Spießgesellen unerhörte Gottlosigkeit, „daß sie auch der heiligen 
Dreifaltigkeit mit Spotten und Schimpfieren nicht verschonet". 
Die Strafe war mehr als gelinde. Er erhielt nur eine mäßige Geldstrafe und 
kurzen Stubenarrest, während seine Kumpane nach Nürnberg ins Gefängnis 
abgeführt wurden. Das scheint aber dem Nürnberger Rat denn doch wider 
den Strich gegangen zu sein, denn bald darauf kam dessen Befehl an Wald- 
stein, „sich von Alttorf hinweg zu thun und sein gelegenheitt anderer ortten 
zu suchen" ^^). Damit war sein Aufenthalt in Altdorf erledigt, dort „ein An- 
denken unbezähmbarer Heftigkeit hinterlassend". 

Der eben erwähnte Italiener Scipio Gentilis ist die sonderbare Blüte eines 
deutschen Hochschullehrers. Erst Jurist in Heidelberg, wurde der Gewohn- 
heitssäufer nach Altdorf berufen. In der Trunkenheit wetteiferte er mit den 
ungebärdigsten Schüler an Ungebundenheit. Unter wüstem Lärmen, Fluchen 
und Schreien trieb er sich in tiefer Nacht umher, und schlug alles kurz 
und klein, was ihm vor den Degen kam. In Nürnberg auf der Trinkstube 
benahm er sich so gemein, daß Wirtin und Wirt ihm wiederholt bezeugten, 
keinen unflätigeren Gast jemals bei sich gehabt zu haben. Oft in Raufereien 
verwickelt, stieß er einmal einem Bürger den Degen ins Gesicht. Alles das 
hinderte aber nicht, daß dieser vorbildliche Jugendbildner im Jahre 1597 
zum Rektor der Altdorfer Universität und ein Jahr darauf zum Prorektor 
gewählt wurde. Wenn er bei einem Verfahren gegen Studenten genötigt 
war, ein strengeres Urteil zu fällen, bat er den Verurteilten, ihm nichts 
nachzutragen, denn er hemdle nur unter dem Druck seiner Vorgesetzten ^"^). 
An Typen wie dieser Italiener war übrigens kein Mangel. Von ihnen und 
ihren Angehörigen werden allerlei tolle Sachen überliefert. 
Die Tochter des Professors und General Superintendenten Christoph Comerus 
(Kömer) war eine gewöhnliche Straßendime. Sein Sohn, ein Magister, 
schlug den sechsundsiebzigjährigen Vater, trat ihm mörderisch an den Hals 
und zerrte ihn bei den Haaren herum. Der Notzüchtigung seines eigenen 
zehnjährigen Töchterleins bezichtigt, wurde der wohl Wahnsinnige auf 
Befehl des Kurfürsten Georg im Jahre 1594 enthauptet^**'). 
Die Protokolle dei Ehegerichtes von Tübingen aus den Jahren 1580 — 1620 



Skandale in Lekrerfamilien. 49 

weisen die ärgsten Skandale in der dortigen Professorenwelt nach^'^^. Da 
vermerken sie mannstolle, ausschweifende Frauen von Professoren, deren 
Gatten als Saufbolde schlimmster Art verschrien sind. Die junge Tochter 
des Theologieprofessors Gerlach wird im Jahre 1602 durch die vom Rat 
entsandte Hebamme untersucht und in anderen Umständen befvmden. „Die 
Mutter wegen ihrer Tochter befragt antwortet: sie glaube es nicht, könne 
es aber doch eigentlich nicht wissen" ^^^). 

Anno 1615 heißt es: ,,Dr. Harpprechts Tochter hat ihre Jungfernschaft ver- 
loren und ist Kindes geschwängert worden, soll poenam carceris ausstehn, 
oder M. Burkhards Tochter 55 Thaler erlegen, und. wird ermahnt, seine 
Tochter in besserer Disciplin zu halten. Da er sich beschwert, er sei nicht 
in culpa, werden ihm 10 Thlr. erlassen"*^*). Die Leichtlebigkeit scheint 
sich in der Familie dieser Harpprecht vererbt zu haben, denn es werden 
„1658 einige Stipendiaten wegen ihres häufigen Wandels zu den drei un- 
züchtigen Töchtern des D. Harpprecht exkludiert" ^°^). 

Sehr bezeichnend war der Ehehandel im Hause des Professors Dr. Magirus, 
Er spielte sich von 1622 — 1624 ab. Beide Ehegatten klagten sich des Ehe- 
bruchs an. Der der Frau wird erwiesen und die Ehe geschieden. Der gelehrte 
Gatte ging recht angedunkelt aus der Angelegenheit hervor. 
Frau Magirus wird von ihrem Gatten die Treppe hinabgeworfen und von 
ihrem Schwiegersohn M. Johannes Andler blutig geschlagen. Vor Gericht 
kommt es dabei an den Tag, daß dieser biedere Theologe seine Braut ge- 
schwängert hatte ^^^). 

Von Tübingen heißt es zum Jahre 1591: 

„Der Herzog hat durch seine Visitatoren in glaubwürdige Erfahrung ge- 
bracht, daß Dr. [Hambergers und Crusii Hausfrauen, so Schwestern seyn, 
sich nicht geziemlich halten, sondern, wenn sie erzürnt, Gott lästern, übel 
fluchen, daneben der Trunkenheit nachhangen, sonderlich des Crusii Weib 
die Predigt göttlichen Worts unfleißig besucht, oftmals außer der Stadt gen 
Lustnau und Derendingen ziehe und sich unter solchen ziemlich verdächtig 
mache". 

Der Gottesgelahrte Nothers in Straßburg i. E. wurde 1630 wegen Ehebruch 
vom Lehrstuhl verjagt ^^^. 

Zur selben Zeit wurde ein Weib vor |den Senat geladen, das sich damit 
abgab, „Kinder abzutreiben". Durch die Ladung ist festgestellt, daß Stu- 
denten die Dienste dieser Frau in Anspruch genommen haben müssen. 
In den Universitätskreisen von Leipzig war der Verkehr mit öffentlichen 

Bauer, Sittengeschicht« ^ 



gO Skandale in Lekrerfamilien. 

Dirnen besonders verbreitet, nicht nur unter den Studenten, sondern auch 
unter den Professoren, die, solange sie in den Kollegienhäusem wohnten, 
zum Zölibat verurteilt waren. 

Als im Jahre 1502 nach der Eröffnung der Universität Wittenberg Herzog 
Georg aus Besorgnis für seine Landesuniversität sämtliche Dozenten zu 
einem Gutachten über ihren gegenwärtigen Zustand aufforderte, wurden 
auch Klagen über das unzüchtige Leben laut, das manche Universitätslehrer 
führten: sie haben „Weiber und Kinder, von denen sie doch nicht Väter 
heißen wollen". Über einen Magister Curia wird geklagt, es sei allen Dok- 
toren, Magistern und Studenten bekannt, was für ein unzüchtiges Leben 
er führe. ,,Er läßt seine Buhlschaft offenbarlich alle Tage und wann es ihn 
gelüste, zu ihm gehn und speist sie über seinem Tische, daß es seine 
Gesellen alle sehen". 

In der , Reformation' der Universität, die der Herzog darauf erließ, wurde 
angeordnet: „Es soll auch kein Doktor, Magister oder jemand anders von 
der Universität öffentlich seine Konkubinen, bei sich haben oder über den 
Tisch setzen, noch auch ohne alles Scheuen offenbarlich aus- und ein- 
gehen lassen". Der Rektor solle ein Mandat erlassen, daß jede Übertretung 
mit zehn Gulden bestraft werden würde. Das blieb jedoch ohne jede Wir- 
kung. In einem Berichte, den ein Universitätsmitglied neun Jaüire später 
dem Herzog erstattete, heißt es, der Artikel über die Konkubinen sei nie- 
mals gehalten worden. ,,Und wiewohl etzlich in dem Falle sträflich, ist 
nie kein Execution geschehen, denn es will keiner der Katzen die Schellen 
anhängen" 108). 

Auch Professorensöhne haben mehrfach dazu beigetragen, die Skandalchronik 
der deutschen Universitäten zu bereichem. In Tübingen machte Dr. Ham- 
bergers Sohn viel von sich reden. Am 12. Januar 1592 zettelte er einen 
Tumult an, bei dem ein Schmied in der Notwehr einen Studenten erschlug. 
,,Es sey eine communis vox in der ganzen Stadt, der junge Hamberger sey 
ein magicus, schlage straks einen an den Hals" '^^). Bald darauf wird der 
Senatsbeschluß gefaßt, Hamberger ,ganz wegzuschaffen, weil er nicht zu 
Hause bleibe, die Leute auf der Straße angreife, und sich mit ihnen haue". 
Das nützt aber gar nichts, denn noch fünf Jahre später, am 20. November 
1597, gibt es ein Untersuchungsprotokoll gegen , Student Hamberger und 
Consorten, welche bis nach Mitternacht in der ganzen Stadt umherzogen, 
das ,Lied von den sieben Nonnen' und andere schandlose Lieder vor der 
Professoren Häuser sangen, in die Steine hieben, und als der Pedell und 



Skandale in Lehrerfamilien. 5 1 

die Wächter sie abmahnten, ihn fragten : „ob ihnen die Haut beiße, wollen 
die Klingen mit ihnen theilen". Der junge Hamberger wird in seines 
Vaters Haus gebannt bis auf Widerruf von Seite des Senats, der erst am 
22. Mai des folgenden Jahres bewilligt wird^^*^). 

Dann heißt es : „Vier Studenten, unter denen wieder Hamberger, werden 
angeklagt, in des Henkers Haus gegangen zu sein und mit ihm 22 Maß 
Wein getrunken zu haben, hierauf sein Schwert zu sehen, und einen Strick 
von ihm zu erhalten gewünscht zu haben. Beschluß am 15. Februar: sie 
auf einige Wochen ,,weil sie greulich delinquiert" ins Carcer zu legen; 
namentlich aber den Hamberger zu bedrohen, daß er der schwarzen 
Kunst entsage, widrigenfalls m.an mit weiterer Strafe gegen ihn vorgehen 
werde". 

Professor Crusius klagt selbst seinen Sohn beim Senat an, daß er gar un- 
gehorsam sei und die Bücher versetzt habe. Beschluß: ihn zu zitieren, ihm 
„einen guten Filz zu geben und ihn darauf ins Loch zu legen". Ähn- 
liche Strafen werden auch später wiederholt gegen diesen Musterknaben 
verhängt. 

Im Jahre 1597 wird beschlossen, den Sohn des Professor Cellius ,zu arre- 
tieren, und einen Schneider, den er hart geschlagen, kurieren zu lassen'. 
Dieses hoffnungsvolle Bürschlein wird im Dezember 1600 öffentlich aus- 
gewiesen. Er hatte eine Dirne angestiftet, einem Studenten, auf den er 
eifersüchtig war, den Hals abzuschneiden. Im Februar 1584 hatte der 
Tübinger Senat an den Herzog geschrieben, ,,der Jörg von Ehningen sey 
pestis studiosorum und verführe sie alle, wie der Obervogt selbst" — sein 
eigener Vater — ,, zugestehe" ^^'). 

Dies alles nur in Tübingen allein. Daß es anderwärts nicht besser zuging, 
mag daraus erhellen, daß in Jena 1579 der Sohn eines Professors, ein 
Student, wegen gemeinen Diebstahls, enthauptet wurde *'^). Doch selbst 
dieses war nichts Alleinstehendes. 

Der diebische Student Castritius, kein Professorensohn, wurde im Anfang 
des siebzehnten Jahrhunderts in Rostock nicht an den gemeinen, sondern 
aus Respekt vor der Universität an einen ganz besonders köstlichen Galgen 
gehenkt, was in ganz Deutschland einen Sturm von Protesten hervor- 
rief ^^^). Durch Henkershand starb 1567 auch in Leipzig ein Student, der 
einen Apotheker beraubt und ermordet hatte. Seine drei Spießgesellen ent- 
flohen. Einer von ihnen wurde später verhaftet, aber weil er eines vor- 
nehmen doctoris Sohn war, nur auf go Jahre relegiert. 



52 Der Student auf dem Rahenstein — Tübingen. 

Ein sittengeschichtlich überaus interessanter Vorfall spielte sich in Erfurt 
im Jahre 1510 ab. Dort sollte ein Student, der in Griffstadt einen Kelch 
gestohlen hatte, gerädert werden. Der Dieb balgte sich auf dem Rabenstein 
mit dem Scharfrichter und fiel mit ihm vom Gemäuer herunter. Als 
der Nachrichter ihn endlich überwältigt und ihm die Hände mit seinem 
Geldgürtel, weil Stricke nicht zur Hand waren, an die Leiter gefesselt 
hatte, stieg er wieder zum Raben stein empor, um Stricke zu holen. Da 
machten sich die zuschauenden Studenten über den Delinquenten her 
und führten den Kameraden mitsamt der Leiter hinweg. Des Henkers 
Gürtel war ihnen gute Beute, ebenso die darin befindlichen drei Gulden, 
die der Magistrat im Voraus für die Hinrichtung des Studenten gezeihlt 
hatte. Das umherstehende Volk begleitete den Streich mit lautem Heysa 
und Hailoh unter großem Gelächter^'*). 

Vielleicht kann es als Entschuldigung für Entgleisungen von Lehrerkindern 
gelten, daß sie auf Vererbung zurückzuführen sind, denn auch die Väter 
dieser Studenten werden es nicht viel cinders getrieben haben, wie ihre 
Söhne. Die Sittenzerrüttung an den Hochschulen war eben allgemein und 
tiefgehend. 

Herzog Christoph von Württemberg, dem die Tübinger Universität ,,der 
Augapfel reiner Lehre" war, lernte 1565 das Treiben auf dieser ,Mutter und 
Pflegerin christlicher Zucht' aus eigener Anschauung kennen. Er schrieb: 
„Es ist^eine hohe Notdurft, daß bedacht werde, wie 'dem Schulsenat mit 
Ernst auferlegt werde, daß sie ob ihren [Statuten und Ordnungen besser 
halten, und nicht elIso ein dissolut Wesen den Studiosen gestattet und zuge- 
geben werde. W'ir befinden unter anderem, daß das gräuliche Gotteslästern 
so gar gemein unter ihnen und dermaßen ist, daß welcher baß fluchen kann, 
sich einen Ruhm haben will: item das Saufen, Unzucht mit den Weibern, 
wie wir es denn im verschiedenen August mit eigenen Augen gesehen. Das 
nächtliche Gassenlaufen mit Jauchzen, Schreien, Fluchen, Toben mit 
Rechen, Wannen und großen Wehren (W^affen) ist sehr gemein und dieweil 
sämtliches in unserem Allhiersein geschieht, geschieht es noch viel mehr 
in unserem Abwesensein. So geschieht auch solch Gassenlaufen nicht zu 
geringer Beschwerde manches frommen Biederweibes, Magd und Jung- 
frauen, welche von den Studenten ungebührlicher Weise angefallen, Un- 
zucht ihnen zugemutet, auch etwa mit Gewalt hinweg und in die Häuser 
gerissen werden, wie denn nicht lange das einer solchs widerfahren, das 
alles ungestraft von Rektor und Senat hingeht" *''*). Aber wenn auch die 




Albrecht Dürer: Au der Quelle 
A Ibert ina , fVien 




Aus Ciceros Officia. Augsburg / ; ? J 



^tttiofmlSaifi^r^ 




ANNOM'E>LV' 




E rfu rter Studenten au fr uhr 
Titeiholz schnitt eines Buches von Eo b a n u s H en s u s 




Studenten im F r au enhaus 

l6. Jahrhundert 





prVBPE SEHEX laUESMM^ TVRPE 5ENILI5 AMATDi^ 



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Slam in h u c h }> i 1 d 
Kupfer roll de Hry 



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Musik und Trunk, die 
Bundesgenossen der l'er 
führung 



lUtmlgeuffel/ 

Tarnung tjn& ^cricbt m^j^^tU 

(icf?f r (Scfjrifft : 
ßurfrrn&if^cbrfd^fr tPir&r(Bottric!?t<n/ 
ftcbreo •}. 

©cflcKt t?nt) jiifamcrt gelegen/ 

iHit einer DorrcbcVnfviafiSpangfnbfr^«, 




&(tru(f (9U SratKffurt am Sl^apn/t^«^. 



Tübingen und Prof. Robert v. Mohl. äz 

Behörden gehorsamst schärfere Töne anzuschlagen sich bemühten, half das 
doch so viel wie nichts. Bald darauf ergeht denn aufs neue ein herzoglicher 
Ej-laß, in dem es heißt: 

„Da befinden wir aber, ist uns auch selbst, als wir jüngst mit den hochge- 
borenen Fürsten iinseren freundlichen lieben Vettern Herzog Ludwig Pfeüz- 
grafen und I.andgrafen Wilhelm zu Hessen zu Tübingen gewesen, mit der 
Tat begegnet, daß dermaßen durch die ganze Nacht ein Mordgeschrei, Toben 
tmd Wüten auf den Gassen fast durch die ganze Stadt gewesen, daß wir 
selbst keinen ruhigen Schlaf haben, viel weniger in der Nacht und unserem 
Schlosse wissen mögen, was für Brand und Mörderei in unserer Stadt durch 
solch leichtfertige gottlose Leute angerichtet worden" ^^^). Li demselben 
Jahre erklärten mehrere Bürger dem Rektor, sie seien in ihren Häusern vor 
den Studenten nicht sicher. ,,Es werde nicht gut tun, bis sie derselben einen 
einmal zu tode schlügen". 

Ln Jahre 1577 beschwerte sich der Untervogt von Tübingen beim Senat, daß 
das Verhalten der Studenten bei Nacht so ungebührlich sei, daß sich kein Bür- 
ger mehr zum Wächter wolle bestellen lassen und zu besorgen sei, daß wo man 
nicht bei Zeiten dies abstelle, ein arger Jammer und Not daraus hervorgehe : 
„La Summa, sei ein gottloses Wesen wie in Sodom und Gomorrha!" 
Da besorgte der Herzog einmal wegen der ,, strafmäßigen Handlungen und 
Widersetzlichkeit" der Studenten ,, einen gemeinen Aufstand", d. h. allge- 
meinen Aufstand der Bürgerschaft. 

Über diese strafmäßigen Handlungen und Widersetzlichkeiten während des 
sechzehnten Jahrhunderts trug der Tübinger Professor der Staatswissen- 
schaften, Dr. Robert von Mohl (1799 — 1874) alles ihm erreichbarein einem 
Büchlein zusanxmen: „Sitten und Betragen der Tübinger Studirenden 
während des löten Jahrhunderts", das hier schon wiederholt als Haupt- 
quelle eingeführt werden mußte. Da das Buch bereits selten geworden ist, 
seien aus ihm einige besonders krasse und bezeichnende Fälle wiedergegeben, 
die Mohl den Senats-Protokollen beziehungsweise dem Privilegien- und 
Statutenbuch der Universität entnommen hat. 

Die nun folgenden Angaben sprechen an sich eine zu deutliche Sprache, um 
Kommentare zu bedürfen. Am 7. Dezember 1552 störten Vitus Lung 
und Genossen eine Weingärtners Hochzeit, woraus großes Lärmen und ein 
Gefecht auf dem Spitalkirchhof entstand. Eine Woche später wurden sie 
,uti jus' gestraft. Am 4. Juli 1557 beschließt der Senat, Jörg von Hanau 
auf 8 und M. Kalt auf 10 Tage bei Wasser und Brod ins Karzer zu legen, 



CA Ausschreitungen in Tübingen, 

weil „sie wollen einander die Finger abschneiten und darumb spielen". 
Sonnabend nach St, Sebastian 1564 senden die Nonnen von Suchen eine 
Bittschrift an den Senat, in der sie bitten, sie gegen die häufigen und zu- 
dringlichen Besuche der Studenten zu schützen, andernfalls sie sich an den 
Herzog wenden würden. A.m 20. Februar 1576 werden die Studenten Varn- 
bühler, Essig, Bromberg u. s. w. wegen wiederholter bewaffneter Angriffe 
auf die Scharwache mit Karzerstrafen belegt. Am 10. Oktober 1576 ver- 
wundete der Student von Thalheimer einen Hafnergesellen durch Degen- 
schläge über Kopf und Hand tötlich. 

Der Senatsbeschluß vom 21, Januar 1577 beschäftigt sich damit, daß Ursula, 
des L. Peuckers Hure seit gestern wieder angekommen, „und zu besorgen 
sey, daß sie wieder practicire". Beschluß: sie alsbald auszuschaffen, ihn aber 
vor den Senat zu rufen und sich Handtreue geben zu lassen, daß er der 
Person müßig gehen wolle. In der letzten Januarnacht wird ein Student, 
der in ein Wirtshaus einbrechen will, in der Notwehr von dem Wächter 
tötlich verwundet. Die Klagen über den Nachtlärm und allerlei nächtlichen 
Händeln nehmen kein Ende. (Nos. 115. 117. iig. 123. 124. 125. 138, 143. 
157- 158- 161, 163 u. s. w.). 

Am 20. April 1581 wird beschlossen, den M. Hofmann, der einen andern 
Studenten auf den Tod verwundet, in den Karzer zu legen und weitere 
Untersuchung einzustellen. Am 28. Februar 1583 entstand aus nichtigen 
Ursachen ein Studentenaufruhr, bei dem es beinahe zu großem Blut- 
vergießen gekommen wäre. Er wurde durch eine fürstliche Kommission 
geschlichtet und endete mit der Relegation von einigen Studenten. Am 
3. April war in der Nacht ,,eine gräuliche Unfuhr", femer während der 
Abendkirche „ein beständiges Schießen". Endlich wurde ein Student von 
einem andern schwer verwundet. Am 21. Mai wird auf Senatsbeschluß 
der Sachse Reinhardt, ein unverbesserlicher Raufbold, mit einem Viaticum 
von 6 Talern nach Hause geschickt. Am 28. Februar 1586 wird dem Senat 
angezeigt, dciß der Student Hügel einen andern Studenten so gestochen, 
daß die Gedärm bis auf den Boden gehangen. Beschluß: den Hügel in den 
Karzer zu legen. — Der Verwundete genas, und Hügel kam mit der Karzer- 
strafe durch. Am 5. August wird ein Protokoll aufgenommen über eine 
große Schlägerei zwischen Studierenden und Bürgern. Sie entstand dadurch, 
daß etliche ,,edelleut" die Scharwache beleidigten, wohl angriffen, diese 
aber Mordio rief. Am 6. Juli 1589 wird ein Student verhaftet, der einen 
Stipendiaten hart verwundet hatte. 



Roheiten. Wilderer. Teufelspakt. 55 

Ein studentischer Raufbold hat einen Bürger von Reutlingen und einen 
von Tübingen verwundet. Er wird durch Senatsbeschluß vom 26. Novem- 
ber 1590 zu Bezahlung der Kurkosten, zu Schmerzensgeld und zur Relega- 
tion verurteilt. Er w^urde durch den Pedellen und den Stadtknecht zum 
Tor hinausgeführt und mit einem Zehrgeld von 8 Gulden davongejagt. 
Zw^ei Studenten, so eine schwangere Frau geschlagen und getreten, 
werden in den Karzer gelegt, unbeschadet der Zivilklage. Am 7. Mai 1591 
kommt der Mediziner Calixtus auf 8 Tage in den Karzer und hat noch 
4 Gulden zu zahlen, weil er den jungen v. Senfft auf der Gasse dreimal zu 
Boden geschlagen und mit einem Stein verwundet hatte. Am 19. Mai 1592 
wird ein Stipendiat wegen Unzucht in den Karzer gebracht. Leider läßt 
sich aus dieser trockenen Angabe nicht ersehn, worum es sich in diesem 
Falle eigentlich gehandelt hat. Am 25. Juni wurden nachts unter großem 
Tumult neun Blöcke in den Brunnen am Markt geworfen. 
Im November 1593 beschließt der Senat, den Studenten das Wildem zu 
untersagen. „Beschluß vom 18. Dec. (1595), den Studenten Notnagel und 
noch einen andern, welche Sonntags, als man aus der Predigt gehen wollen, 
gotteslästerlich geflucht, und sich ungebührlich verhalten haben, 8 Tage 
ins Karcer zu legen, und sie dann Vor den Senat zu fordern zu einem Ver- 
weise und zur Androhung der Exclusion". Am 9. Juni des kommenden 
Jahres steht dieser Notnagel wieder vor dem Senat, der „ihm erklärt, daß 
er incorrigibilis. Er habe auf dem Tanzhause Händel angefangen, daß man 
ihn die Treppe hinab geworfen; ferner habe er hinterrücks nach einem 
Studenten mit der bloßen Wehr gehauen, so daß er ihm, wäre nicht ein 
anderer in den Streich gefallen, den Kopf abgeschlagen hätte; endlich 
habe er so grausam Gott gelästert, daß man wohl befugt wäre, ihn peinlich 
anzuklagen, habe namentlich einen ungewöhnlich bösen Fluch gethan: 
Stern-Sakrament; in favorem patris sui wolle man ihn aber nur nach 
Hause schicken". Notnagel las eine lateinische Entschuldigungsrede ab 
und bat unter Tränen um Verzeihung. 

Selbst den leibhaften Gottseibeiuns ließen geldgierige Studiosi nicht unge- 
schoren. Ein armer Teufel namens Leipziger hatte an 200 fl. Schulden — 
„namentlich setzte ihm der Messerschmid wegen 3V2 A-" zu — deshalb 
habe er sich dem Teufel verschreiben wollen. Aber nur für zwei Jahre. 
Wäre er in dieser Zeit gestorben, ,, hätte er vorher ihm abgesagt und ihm 
erklärt, er habe einen andern Helfer: Jesum!" Beschluß: ihn bis zum Christ- 
tage — vom 11. Dezember an — im Karzer zu lassen, dann ein halbes 



<6 Diebstahl und andere Verbrechen. 

Jahr Hausairest „außer um in alle Kirchen und in die Lektionen zu gehn". 
Aber der Teufelsbündler geht schon am 8. Januar des nächsten Jahres zu 
der lohnenderen Beschäftigung über, in Wirtshäusern drei silberne Becher 
und 3 Löffeln zu stehlen. Am 19. Februar 1597 wird dem Senat angezeigt, 
Mag. Rambacher habe einen Famulus in Holzgerlingen schwer verwundet 
und sei nach Reutlingen geflüchtet. Am 15. Mai 1598 wird eine Unter- 
suchung von dem Senat darüber angestellt, daß die Inkarzerierten bei Nacht 
aus dem Karzer gebrochen, in der Stadt mit großem Lärmen herumgezogen 
seien und Dr. Vambülern die Fenster eingeworfen haben. Es ergibt sich bei 
der Untersuchung, daß ein inkarzerierter Student namens Traw einen 
Messerschmied hatte holen lassen, der dann mit Nachschlüsseln den Karzer 
öffnete, daß aber Traw während dieser Zeit in des Messerschmieds Haus 
geschlichen, um dessen Frau zu notzüchten. Traw wurde sogleich wieder 
in den Karzer geführt. 

Erst Monate später ereilt diesen sauberen Burschen die Relegation, ,weil er 
einer Magd einen Brief geschrieben, um sie zu verführen'. 
Leider fehlen solch ausführliche und zusammenhängende Auszüge aus den 
Akten anderer Universitäten, doch das Eine ist sicher: Wie hier, überall 
dasselbe Lied des bis zur Roheit gesteigerten Mutwillens und Übermuts. 
Als Beispiele dessen, was die akademische Jungend unmittelbar nach dem 
Dreißigjährigen Krieg unter akademischer Freiheit und Burschenleben ver- 
stand, einige Auszüge aus Helmstedter Protokollen, die sich den Tübingern 
ebenbürtig anreihen: Da heißt es von 1650: Schlägerei zwischen zwei Stu- 
denten, von denen der erste den anderen lebensgefährlich verwundet. — 
Ein gelehrter Gesell wird ohne Ursache erstochen. Straßentumult und Fen- 
stereinwerfen. — Neun Studiosi haben unter sich ein Kränzchen gehabt, 
wöchentlich zweimal bei sich herum zu schmausen. Des nachts haben sie 
Tumult gemacht, die Nachtwächter angegriffen, sich bis aufs Hemd aus- 
gezogen und schändliche Lieder gesungen. Ein Student fällt die Frau 
Appuhn auf der Straße an, verwundet sie zweimal am Kopf. — Einem 
Studenten werden vierzehn Wunden beigebracht, ,, worunter eine Haupt- 
wunde". — 

Von 1659: Ein Student im Duell getötet. — Ein Student rei'l nach Braun- 
schweig, um einem Prokurator in Wolfenbüttel zu Leibe zu gehn und ver- 
wundet ihn. — Nächtlicher Einbruch in eine Studentenbude, wo Beklagter 
alles zerschlagen, die juniores stricto gladio aufgesucht; darauf Verhöhnung 
des akademischen Verhaftsbefehls. Er erscheint improbe et proterve mit dem 



Unfug in Marburg und Jena. 57 

Degen vor dem Prorektor, prügelt seine Wirtin, der er viel schuldet, jagt 
sie mit dem Degen aus dem Hause und entflieht. — Mehrere Relegationen 
wegen Hurerei — . 

Aus den Maxburger Annalen sind folgende Angaben: Ein Student v^ird 1598 
wegen fortgesetzter scortatio zu 10 ü. verurteilt, — Ein Holsteiner wird 
wegen auf offener Straße ,, ausgeübter tötlicher Verwundung", ein zweiter 
verurteilt, weil er auf Zitation des Senates nicht erschienen. — Ein Student 
hat — alles 1598 — die Frau eines Nachtwächters im Magistratshaus im 
Gesicht so blutig geschlagen, daß sie wie tot zu Boden gefallen. — Ein Friese 
relegiert wegen vieler Gesetzübertretungen. — Ein Paderbomer, weil er 
die Dienstmagd seines Wirtes geschwängert. — Ein anderer Paderbomer 
gesteht dasselbe, ohne sich zu entschuldigen. Da er sich den Karzer ver- 
bittet, wird er mit 50 fl. gestraft. — Anno 1600: Ein Holsteiner hat einen 
Studenten verwundet. — Ein Student wird wegen nächtlichen Schwärmens, 
wegen Wahrsagerei und Lügens bestraft. — Einer wird tötlich verwundet 
und stirbt in Folge einer Schlägerei zwischen Studenten und Nachtwächtern. 

— Ein Student aus der Wetterau hat eine Magd geschwängert. Da er die 
Geldbuße nicht erlegen kann, erhält er eine vierwöchentliche Karzerstrafe. 

— Von 1601: Wegen Hurerei wird einer zu 50 fl. verurteilt. Da er sich 
aber auch nachher nicht bessert, erfolgt die Relegation auf zwei Jahre. 
„Studiosi wollten auch ihre oblectamenta haben!" heißt es in einer Ver- 
teidigungsschrift eines Tübinger Präzeptors, der in einer Mädchenkammer 
erwischt worden wcir. 

In Jena gab es dauernden Zank mit den Bürgern. Einmal gerieten die Stu- 
denten mit den Bäckern derart zusammen, daß der Rektor, der den Streit 
schlichten wollte, verwundet wurde. Dann bekriegten sie sich mit den Bött- 
chergesellen, als diese ihren Innungsaufzug hielten. Sie wollten die alte Sitte 
der Schwerttänze den Handwerkern nicht erlauben. Frech und unwillkom- 
men drängten sie sich bei den Hochzeiten ein, die auf dem Rathaus gefeiert 
vmrden, dcinn suchten sie den Stadtsöhnen ihre Mädchen abspenstig zu 
machen*'^). 

Das Studium war Nebensache. Als Zweck des Aufenthalts galt Skandalieren, 
Trinken, Spielen, Bürgermädchen verführen, ,,auf die bürgerlichen Bestien 
auf Jagd auszuziehn und sie zu hetzen und zu plagen", wie eine adelige 
Societas venatoriain Helmstedt als Zweck ihrer Verbindung ankündigte ^^^). 
Vom Studentenfleiß sagt Geiler von Kaisersberg: „Die Studenten üben sich 
nach dem Mittagsmahl in solchen ehrlichen Künsten, in dem Ballenschlagen. 

4 



g3 Studentenfleiß. Akademische Frauenzimmer. 

Fechten, Tanzen, Springen, und wird etwan unter hundert nicht einer fun- 
den, der in die Lektion ging"'^^). 

Da heißt es ganz unverblümt: „die lectiones werden nicht fleißig besucht. 
Mancher ist, der sagt, er wäre nicht Studierens halber in Jena" ^^^). 
„Es meinen oft die armen Eltern, ihre Söhne täten auf Universitäten 
anders nichts als studieren, aber die meisten werden meisterhaft um ihr 
Geld, das sie oft mit großer Mühe erscharrt, oder bei harter Arbeit, Hunger 
und Unlust erspart, von den Kindern auf Universitäten betrogen. Denn die 
wenigsten Studenten legen sich auf rechtschaffene Studia, sondern, sobald 
sie aus den Schulen in die freie akademische Luft kommen, stinken sie 
alsbald von lauter großer Einbildung, und mag wohl kein hoffärtiger Tier 
gefunden werden als ein angehender Student. Da kommen die, so etv/a 
ein halbes oder ganzes Jahr vorher Akademici gewesen, und machen 
Freundschaft mit diesen Neulingen, welches denselben wohl gefällt, daß 
sie alles auf Schmausen spendieren, was ihnen die Eltern etwa zu Kleidern 
oder Kollegien gesandt haben. Sie halten sich für sehr gelehrt, weil sie 
etwa in den Fallaciis Syllogismorum ein wenig belaufen sind, oder eine 
Chreiam oder kleine Oratiunculam, oder ein Carmen in diesem oder jenem 
Genre machen können. Da legen sie alsbald prächtige Kleider zu, damit 
man sie nicht mehr kenne. Die meisten werden des Debouchierens bei 
sotaner Gelegenheit dergesteilt gewohnt, daß sie es sich hernach nicht 
wieder abgewöhnen können. Wenn dann diese aberwitzigen Burschen zu 
den Ihrigen kommen und von akademischen Sachen viel Prahlens machen, 
meinen ihre Eltern (von den Einfältigen rede ich, die selber nicht studiert 
haben) was für wunderwackere Söhne sie erzogen haben. Andere Studenten 
legen sich auf den Degen und schlagen sich alle Tage herum, daß die 
Hunde das Blut lecken möchten. 

Noch andere gehen aufs Courtesieren und verführen manche ehrliche Frau 
und züchtige Tochter, wiewohl daneben nicht zu leugnen, daß auch viel 
wackere Studenten von dem akademischen Frauenzimmer zur Unkeusch- 
heit verleitet werden. Andere gehen in ihren Pracht- und Stutzkleidem 
auf den Gassen stets spazieren, und diese können weder trinken noch einen 
blanken Degen sehen, die Studia sind ihnen zu schwer, und zum Courte- 
sieren sind sie auch nicht kapabel. Etliche wenige legen sich auf die 
Studia aus allen Kräften, und diese sind insgemein armer Leute Kinder, 
die wohl wissen, daß ihre Erbschaft wenig zu bedeuten, und daß sie sich 
durch ihren Fleiß hinaufarbeiten müssen. Aus solchen werden hernach die 



Studentenreue . gn 

besten Leute, deren man in Regimentssachen nicht entbehren kann, son- 
dern man muß sie Heroum filiis oxis vorziehen. Daher hört man, daß jetzt 
die Geschlechter der Schützen, Schulzen, Müllern, der Fabricii, Fabri, 
Sartorii, Vietom, Piscatorn, Meyern, Bauern, Krügern, Steindeckern, 
Färbern, Webern us\v. vor andern in hoher Achtung stehen, die doch meist 
entweder von einem Wildschützen oder von einem Dorfschützen oder von 
einem Müller, oder von einem Schmiede, Küfer, Fischer usvr. entsprossen 
sind, und hernach ihren Namen behalten oder ein wenig mit Latein kan- 
disiert haben" ^"^). 

In Wittenberg legt um die Mitte des 17. Jahrhunderts ein Student ein 
Selbstbekenntnis ab, das aber etwas frisiert erscheint, und dessen Zerknir- 
schung eines kleinen Beigeschmacks von Heuchelei nicht entbehrt. 
,,Ich verbrachte meine Zeit" stöhnte der Sünder, ,,nach gewöhnlicher 
Pennalweise, ohne Gott, ohne Gebet in lauter wüstem heidnischem Geschrei. 
Zwar, was sag ich heidnisch? Wo ist bei den Heiden ein solch verteufelt 
Leben jemals geführt worden? Fressen, saufen, gassaten gehen, sich mit 
den Steinen balgen, Fenster einwerfen, Häuser stürmen, ehrliche Leute 
durchhecheln, neue Ankömmlinge vexieren, beschmausen tind recht räu- 
berischer Weise ihrer armen Eltern Schweiß und Blut helfen durch die 
Gurgel jagen, das war meine tägliche Arbeit; um das Studieren beküm- 
merte ich mich nicht, ich hatte genug andere Possen zu tun. Daneben 
aber wurde des Buhlens keineswegs vergessen, denn weil die Pennale 
unverschämt waren und keine großen Komplimente gebrauchten, son- 
dern fein gleich zugingen, waren sie bei den leichtfertigen Weibspersonen 
desto angenehmer und hatten viel freieren Zutritt und Paß bei ihnen 
als andere". 

Das ist ganz der Ton, den junge Bettschwestern anschlugen, wenn sie alte 
Betschwestern geworden waren, und seufzten : Schön wars doch ! 
Die auf die Studenten angewiesene Bürgerschaft drückte bei allen Aus- 
schreitungen, besonders in Jena, beide Augen zu. Deshalb ist es auch hier 
niemals so weit gekommen wie z. B. 1506 in Erfurt, wo Bürger und Stadt- 
söldner mit Kanonen gegen das Kollegiengebäude anrückten, dessen Insassen 
vertrieben und ihre Wut an der unersetzlich kostbaren Bibliothek ausließen, 
die sie zerstörten. Hessus hat darüber das Carmen ,,De pungna studentum 
Ephordiensium cum quibus dam coniuratis nebulonibus" gedichtet, dessen 
Titelholzschnitt den erbitterten Kampf der Studenten und Bürger zeigt. Pallas 
Athene sieht ihm vom Brunnen herab mit gemischten Gefühlen zu. 



6o Raufereien, Fechten. 

In Dillingen kamen so viele Totschläge vor, daß man das Degentragen 
untersagte ^^^). 

Der Degen saß bei den Studenten immer schon sehr lose in der Scheide, 
ganz gleich, ob es gegen Philister, Gnoten oder gegen Seinesgleichen ging. 
Die meisten Prügeleien bei den Saufgelagen endeten denn auch in Messer- 
stechereien oder Kämpfen mit Schwert oder Degen, bis auch hier feste 
Regeln Platz griffen und sich aus den wilden Raufereien die Patikereien, 
das Duell, entwdckelte. 

Französische x\delige, die sich in Freiburg aufhielten, brachten das Duell- 
wesen ,in Schwung'. Blutige Raufereien zwischen Franzosen und Deutschen 
gehörten seit den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts zu den gewöhn- 
lichsten Ereignissen. Am 1. März 1593 fielen 15 Franzosen über einen 
wehrlosen Deutschen her, den sie tötlich venvundeten. Wenn auch die 
Franzosen das Duellieren in Schwung brachten, so ist damit keineswegs 
gesagt, daß sie es aufbrachten. Es erstand beinahe mit den Universitäten 
selbst, jedenfalls aber seit der Zeit, wo das Waffentragen, sei es offen oder 
versteckt, cdlgemein wurde. 

In Deutschland werden im 15. und noch mehr im 16. Jahrhundert die 
Fechtübungen volkstümlich. Landgraf Ludwig von Hessen berief 1602 
einen italienischen Fechtmeister mit einem Gehalt von 500 Talern an die 
Universität Gießen. Fechtmeister mit kaiserlichen Privilegien lassen sich 
auch anderwärts in größeren Städten nieder, und Bürgersöhne und Hand- 
werksgesellen nehmen bei ihnen Unterricht. Vielfach wohl nur aus sport- 
licher Neigung. Aber in einer rauf- und reiselustigen Zeit wair es gut, mit 
Waffen umgehn zu können. Fechtgesellschaften bildeten sich, wie heute 
Sportvereine, und öffentliche Wettfechten, sogenannte ,,Fecbtschulen", 
finden statt. Nun hatte es aber stets Zusammenstöße zwischen Scholaren 
und anderen Schichten gegeben, besonders natürlich mit jungem Volk, wie 
den Handwerksgesellen, und die Studenten fühlten sich schon um deswillen 
genötigt, nicht in ihrer körperlichen Ausbildung hinter diesen zurückzu- 
bleiben, und das wirkte um so mehr, als der Zug der Zeit auf Verbürger- 
lichung des Scholaren tum s geht. Kurz, die Scholaren erstreiten sich das 
Recht der Waffenführung. Da die Studenten Waffen trugen, wollten sie sie 
auch benutzen, und wo sich nur eine Gelegenheit bot, flogen sie aus der 
Scheide. Tholuk erwähnt ein Duellmcuidat schon von 1409, doch wird es 
sich dabei w^ohl nur um an sich harmlose Paukereien, sogenannte Rencontres 
gehandelt haben, die ohne weitere Zeremonien ausgefochten wurden. Aller- 



Hieb imd Stoß. Duellmemdate. 6 1 

dings kamen häufig Totschläge durch Waffen vor, selbst Meuchelmorde wer- 
den verzeichnet. In Folge der vielen Mordanschläge, die niemals ernstlich 
bestraft wurden, geriet z. B. die Freiburger Universität allmählich in Verruf. 
Geregelte Zweikämpfe kommen im sechzehnten Jahrhundert auf, wie die Ver- 
bote ausweisen. Der Stoßkomment wird um 1620 in Jena durch den Fecht- 
meister Wilhelm Kreußler (1597 — 1675) statt des bis dahin allgemeinen 
gebräuchlichen Hiebes eingeführt. Der Arm durfte dabei nicht gebogen, 
sondern mußte gestreckt gehalten werden. 

Von Jena aus hat sich der Stoß bald über die anderen Hochschulen verbreitet, 
bis er im 18. Jahrhundert auf den meisten, in Jena, Erlangen, Würzburg und 
München erst gegen die Mitte des 19. wieder vom Hieb verdrängt wurde. 
Zu allen Zeiten hat es an leidenschaftlichen Anklagen gegen das Studenten- 
duell nicht gefehlt. Wenn man die Duellverordnungen durchgeht, so müßte 
man glauben, daß es den Behörden darum zu tun gewesen sei, die Zwei- 
kämpfe mit Stumpf und Stiel auszurotten. Man drohte den Kämpfern und 
ihren Helfern mit jahrelangem Zuchthaus, sogar mit Todesstrafen, den Ge- 
fallenen mit entehrendem Begräbnis, verhängt aber nichts weiter als Karzer, 
Geldbußen, in besonders schweren Fällen Relegation. 

So wurde in Tübingen 1654 das Duell bei schwerer Strafe verboten, doch 
erst drei Jahre später entschloß man sich zu der ersten größeren Unter- 
suchung in einer Duellsache, und schließlich bekamen die Duellanten acht 
Tage Karzer, dann noch 12 Taler Geldstrafe. Die Sekundanten hatten 6 
Taler zu erlegen. Damit welt der Fall erledigt. 

Auch auf den katholischen Universitäten in Österreich und Böhmen machte 
sich Unordnung breit, die der auf den protestantischen Hochschulen im 
Reiche nichts nachgab. 

Von den Wiener Studenten in der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts 
sagt Äneas Sylvius Piccolomini (1405 — 1464), damals Hofkanzler des Kaisers 
Ferdinand IV., später Papst Pius II.: „sie legen sich insgemein auf die Wollust 
und sind demFraß und der Völlerei sehr ergeben. Sie sind in keinerOrdnung zu 
halten, vagieren Tag und Nacht umher und trieben viel Unfug. Dazu wendete 
die freie Lebensart der Weiber ihren Geist von ernsthaften Dingen ab. Daher 
geschieht es, daß wenige Gelehrte in dieser Schule gezogen werden" ^^^). 
In einer Denkschrift von 1591 über die Wiener Universität erzählt ihr 
Kanzler, Bischof Melchior Khlesel, er sei selbst Zeuge gewesen, wie ein Pro- 
fessor der Medizin die These vorgetragen habe, es sei unmöglich, Keuschheit 
zu bewahren. 



02 Wien, Prag, Ingolstadt. 

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts waren in Wien die Studenten- 
raufereien mit Bürgern oder Handwerkern, namentlich Gesellen, an der 
Tagesordnung ^^'*). 

In Prag herrschten die Völlerei und ihre Schwester, die niedrigste Sinnlich- 
keit, unter den Studenten, so daß man das Kontubernium wegen der dort 
heimischen Trunksucht mehr „ein Konbibernium" nennen möchte. 
Die Prager studierende Jugend war leidenschaftlich für Hieronymus von 
Prag. Die Studenten unterstützten ihn in dem skandalösen Verfahren, das er 
mit der Kreuzbulle des Papstes Johann XXIII. vornahm, ,,als er sie an den 
entblößten Brüsten zweier liederlicher Dirnea aufgehängt im lärmenden 
Aufzug auf dem Schinderkarren zum Scheiterhaufen führen ließ" ^^^). 
Von Ingolstadt heißt es schon 1488, ,,die Kinder viel frommer Leute" wür- 
den ,, versäumt" und ,, verlassen an Zucht und Uebung zu guten Sitten, 
Lernung und anderen Sachen" und sie ,, kämen in große Gefährlichkeit". 
,,Die Universitäts-Akten von Ingolstadt berühren, wie anderwärts, meist 
nur die Schattenseiten des Studentenlebens, Skandcile und Tumulte, Exzesse 
und Verbrechen, Verbal- und Realinjurien, Schuldklagen, Wirthshaus- und 
Bordellgeschichten, Raufereien, Schlägereien, nächtliche Ruhestörungen 
durch Schreien und Brüllen (8 ,, Zirker und Wächter" besorgten die ,,Be- 
fridung bei tag und nacht", die ,,Wachthut"), weshalb wiederholt gegen- 
seitiges Zutrinken, nächtliches Herumschwärmen und Musizieren, K£ui;en- 
und Würfelspiel, Waffentragen, Maskieren und Mummerei jeder Art, das 
Ausgehen nach dem Abendläuten auf die Straße mit Wehre oder ohne 
Licht, das Aussteigen, das Uebemachten außerhalb der Bursen verboten 
wurde. Auch die Kleiderordnung ward streng überwacht und im Sommer 
1517 ein Student gestraft, weil er öffentlich — einen Strohhut (pileum 
stramineum) getragen". 

Im Jahre 1514 standen einmal wegen des Überfalls eines Studenten auf einen 
Weinvrirt eine Nacht hindurch die Bürger unter den Waffen. 
Sogar unter der Jesuitenherrschaft, die für unnachsichtlich streng galt, fehlte 
es in Ingolstadt nicht an Ausschreitungen aller Art. Durch Zuchtlosigkeit 
zeichnete sich besonders das Collegium Georgianum aus, das allerdings nicht 
den Jesuiten unterstellt war. Da wird 1587 verordnet, daß Weibspersonen 
in Zukunft dieses Kollegium nicht mehr betreten dürfen, da Küchen und 
Küchenstuben zu Stelldicheinen benutzt würden. Alle Trinkgelage bei Tag 
oder Nacht seien zu unterlassen, und die Trunkenheit müsse bestraft wer- 
den. Im Jahre 1595 machte eine Verbindung, ,,Zum Brand" genannt, 



Tanzen. Verführung durch Dirnen. 65 

dadurch von sich reden, daß deren zehn Mitglieder eines Abends 126, ein 
anderesmal 155 Maß Wein vertilgten, hernach auf den Straßen derartigen 
Unfug verübten, daß die Nachtwächter den Dienst aufkündigten. 
„In kurzer Zeit", sagt 1660 der Regensburger Rektor Raihing, ,, gehen — 
auf den Hochschulen — die besten Ingenien zu Grunde, und die wir mit 
großer Hoffnung ausgeschickt, kommen an Leib und Seele verdorben 
wieder zurück" ^^^). 

Und die Nürnberger konnten auf eine Einladung den Tübingern ant- 
worten: sie würden gern ihre Kinder in Tübingen studieren lassen, aber 
durch die an der dortigen Universität herrschenden Sittenlosigkeit sähen 
sie sich daran verhindert ^^^). 

Aber die Nürnberger hatten wenig Ursache, sich auf die Wohlerzogenheit 
ihrer Stadtjugend etwas einzubilden. In einer Verordnung von 1588 wurde 
den dortigen Schülern, ,, sonderlich das Zukhen (?, wohl Zücken), Raufen, 
Werfen, sowohl auch Dolche, Kugeln und andere Waffen bei ernstlicher 
Strafe verboten". ,,Insondernheit sollten die Pauperes, so das wöchentliche 
Schulalmosen genießen, alle Wirtshäuser und Schlupfekhen" meiden, sich 
aller Unzucht, Spielens, leichtfertiger Kleidung und anderer Ungebühr 
enthalten ^^^), 

Es war nur ein Windstoß, der sich, ohne Schaden anzurichten, bald wieder 
legte, wenn sich einmal eine Universitätsbehörde dazu aufraffte, schärfere 
Töne anzuschlagen. So wenn Tübingen und Jena^^^) das ,, Verdrehen" und 
,, Abstoßen" beim Tanz, d. h. Umwerfen und Entblößen der Tänzerin, 
untersagten, oder Tübingen 1589 den Umgang mit verdächtigen Frauen- 
zimmer und die Verführung von Bürgertöchtern verbot. Was diese letzt- 
genannte naive Verfügung geholfen hat, dafür liefern die Geburtsregister 
aus jenem Zeitabschnitt viele und unwiderlegliche Beweise^ ). 
Wenn auch nicht grade typisch, so doch sehr bemerkenswert ist das 
weinerliche Bekenntnis von Herrmann von Weinsberg, wie er als Student 
von Kommilitonen der Kölner Hochschule ,,eirstlich verfort (erstlich ver- 
führt) worden" und er seine ,,ionferschaft mit einer, genant Trein 
Hoestime verloren" hat, da er ,,hart bei 20 jar alt war" ^^^). 
Diese kurze Bemerkung des jungen Kölner Patriziersohnes wirft ein grelles 
Licht auf das Kupplerinnen- und Dimenwesen der Rheinmetropole, wo es 
nicht weniger heimisch war als in den anderen deutschen Universitätsstädten, 
Vorausgeschickt sei, daß man in dieser Hinsicht überraschend tolerant war. 
Das Bordell galt das Mittelalter hindurch für eine unentbehrliche Anstalt, 



64. Prostitution und Bordelle. 

deren gelegentlicher Besuch, ,wenn ein Bedürfnis vorlag', einfach selbst- 
verständlich war. Wird doch sogar in einem Katechismus von 1494 aus- 
drücklich gestattet: ,,die öffentlichen Frauenhäuser imd Bordelle [sind] für 
die ledigen Gesellen, die keine Weiber haben und nicht zur Keuschheit 
verbunden sind"*'^). 

In allen Hochschulstädten hatte von alters her die Prostitution den richtigen 
Nährboden gefunden, und ihre Hauptkunden stellten die „Zölibatäre", die 
halb oder ganz geistlichen Studenten. Ihre Anzahl war nicht gering, wenn 
auch die Phantasie bei den Zahlen der alten Autoren, die für Preig im 
Jahre 1550 50000 Hörer und 7000 für Wien angaben, die Statistik ersetzt 
hat. Der Besuch der Universitäten von 1386 — 1540 stellt sich tatsächlich 
im Durchschnitt wie folgt dar: 



1. 


Leipzig 


504. 


7- 


Heidelberg 219. 


2. 


Erfurt 


427. 


8. 


Tübingen i6i. 


3- 


Wittenberg 


420. 


9- 


Frankfurt a/O. 154. 


4- 


Köln 


390- 


10. 


Marburg 140. 


5- 


Ingolstadt 


296. 


11. 


Freiburg 137. 


6. 


Rostock 


222. 


12. 


Greif swald 84 '3^) 



Wie in Paris wohnten in Köln die Prostituierten in nächster Nähe der 
Bxirsen. Wiederholt von dort verwiesen, kehrten sie immer wieder deüiin 
zurück '**). 

Was nützte es da, wenn schon in den Universitätsstatuten von 1392 allen 
Magistern und Scholaren das , nächtliche Umherschweifen', die , Unzucht', 
der häufige Besuch von Schenken ,,und anderen verbotenen Orten" bei 
Strafe untersagt war*^^). 

Wenn sich die Erfurter Studenten gern ,,bey den zerryssenen frawen: do 
di er (Ehre) auff glessern (gläsernen) steltzen gehet" '^^), aufhielten, trotz- 
dem ihnen der Bordellbesuch wie das Mitnehmen der Dirnen in die 
Studentenhäuser verboten war, so machten sie es nicht anders wie ihre 
Kollegen in Würzburg, Dillingen, München, Jena, Tübingen, Frank- 
furt a/O. usw. 

In Heidelberg spielte locus publicus, hoc est prostibulum seu lupanar — 
domus publica s. suspecta — eine große Rolle in den Verordnungen der 
Universitätsbehörden ^^^. Hier kostete das Kneipen, oder auch nur das 
kurze Verweilen in einem der Freudenhäuser, 1 Gulden Strafe, wenn nicht 
der Übeltäter gar elIs leno publicus behandelt werden mußte, wie es das 
Statut von 1442 wollte. 



•SJ^Sr"»:» 





F ahrende Dirne, 
Hie Kiimpänin des Fahrenden Schülers 

Kupfer von Urs Graf, um i 4S )' — Jy^o 




L-i' 






»►,, ... .-. «^ 






Der fechtende Student 




Der raufende Student 

Aus Den d ro no , \atürl. Abschildern ng des ah ade m. Lebens. 
I\ II r n p e r g., e t \u a 1^2) 




Der Fechtmeister 
Augsburg ! (^9 9 




.fechten mit btm Xawytn •?<hn>rit ;ii .Mnfanf^ iVt> 16. ."»bN?. 













.lj<L>.U».i>^~^Jkti-~I..^ 

















^,»i^^|^^^m inf^^mKrJ htp;^t<htf>'^^i»^lil'ni^Arimus •^ifw^'jtt'^t^, woWf (jtrtrr l'rin'£r(>u^«rrCl(ijtcr <jc«m ^"i^^jfcnW 



Das Liebeslebefi des Studenten ä 1a Mode 

Nürnberger Bilderbogen 



Dirnen in Leipzig, in Wittenberg, in Gießen. 65 

In Leipzig nahmen gleichfalls Studenten Mädchen mit in ihre Bursen, wie 
in die Bürgerhäuser, in denen sie wohnten. Als der Rat 1495 die dortige 
Meißner Burse einem neuen Konventor übergab, stellte er ihm die Be- 
dingung, ,,daß er sie redlichen Magistris und Gesellen vermieten, auch die 
Bursa redlich halten solle und nicht gestatten, daß man unzüchtige Dirnen 
aus- und einführe". 1505 wird Hans Franke, ,,der Vater der Dirnen, die 
mit den Studenten hat zu tun gehabt", aufgefordert, binnen vierzehn 
Tagen mit seiner Tochter die Stadt zu räumen. 

Besonders schlimm geht es im Fürstenkollegium zu: ,,Es ist ein Collegium 
zu Leipzig, genannt das Fürstencollegium. Es soll das BubencoUegium ge- 
nannt werden ; was da an Unzucht offenbarlich geschehen ist und noch ge- 
schieht, das ist Gott bekannt. Es werden nicht allein dadurch verführt die 
Studenten, sondern auch viel Magistri, so sie solch Unfuge sehen von den 
Collegiaten, so tun sies auch; wann der Abt Würfel auflegt, so spielen die 
Mönch". Es war auch in andern Kollegienhäusem nicht viel besser als im 
Fürstenkollegium. Namentlich um die Weihnachtszeit ging es toll her. Im 
Jahre 1518 wird einer vom Rate bestraft, weil er ,,eine Hure oder Spezial 
in seinem Hause geherberget, die in der Christnacht auf unser lieben Frauen 
Collegio gewest", und 1520 wird eine ,, Beischläferin" bestraft, die ,,an der 
Christnacht auf unser lieben Frauen Collegio ergriffen worden"'^*). 
Von dem Grimm der Reformatoren über die Unzucht in Wittenberg ist 
schon gesprochen worden. Von dieser Universitätsstadt ging dann später 
ein Spruch durch alle deutschen Landen: 

Geht man zu Wittenberg durchs Tor, 

Begegnet einem ein Schwein, Student oder Hur^^^)! 

Wie es in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Gießen zu- 
ging, erzählen Laukhards „Leben und Schicksale" '***). 
Laukhard meldet: 

,,Nur wenige Studenten in Gießen machen Knöpfe (d. h. scherwenzeln um 
Frauen herum), das wird überhaupt für petitmätrisch und unburschikos ge- 
halten. Vielmehr gibt es oder gab es doch zu meiner Zeit einige, die das 
gute Frauenzimmer bei jeder Gelegenheit prostituierten. So zogen sie z. B. 
auf dem Walle, wenn sie spazieren gingen, hinter ihnen her und wieder- 
holten laut ein Kapitel aus der Zotologie. Herr Handwerk, Oekonom der 
Universität, hatte eine ganz hübsche Tochter, Minchen, welche was ehrliches 
geneckt wurde. Die Studenten kamen des Abends vor ihr Haus und schrien : 

Bauer, Sittengeschichte 5 



66 Generalstallung iind wüstes Gesicht. Geschlechtskrankheiten. 

„Minche, as de ham giehst, as de dieSchwerenuth kriest!" Mit diesen Wor- 
ten hatte sie ihr Vater einmal nach Hause geholt. 

Noch eins! Die Tochter des Regierungsrates Reuß hatte sich mit einem 
Musensohn zu weit eingelassen. Zum Unglück erfuhren die Studenten, daß 
die Hebamme zu ihr gerufen sei. Flugs zogen sie vor das Haus und mach- 
ten eine Katzenmusik, wobei die schändlichsten Lieder gesungen wurden. 
Der Rat beschwerte sich bei dem Rektor; aber der freute sich selbst über 
den schnurrigen Einfall seiner Bursche und ließ es gut sein". 
„Zu den groben Unanständigkeiten, welche um diese Zeit in Gießen Mode 
wurden, gehört die Generalstallung und das wüste Gesicht. Jene wurden 
so veranstaltet, daß zwanzig, dreißig Studenten, nachdem sie in einem 
Bierhause ihren Bauch weidlich voll Bier geschlagen hatten, sich vor ein 
vornehmes Haus, worin Frauenzimmer waren, hinstellten und nach or- 
dentlichem Kommando und unter einem Gepfeife wies bei Pferden ge- 
bräuchlich ist, sich auch viehmäßig, ich meine ohne alle Rücksicht auf 
Wohlanstand, erleichterten". 

Bei der allgemein grassierenden Unzucht war natürlich ihre Folgeerschei- 
nung, das starke Auftreten von Geschlechtskrankheiten unvermeidlich. 
Der Mangel jeglicher ärztlichen Kontrolle unter den Priesterinnen der käuf- 
lichen Liebe sorgte dafür, daß ein Seuchenherd in kürzester Zeit sein Gift 
auf einen unübersehbar großen Kreis übertrug. 

Ungeheuer war die Zahl der Erkrankungen in den Universitätsstädten. 
Wie Professor Heyder 1626 sagte, ging der Student von der Hochschule 
,,fast immer allzeit schattengelb, mager, halbäugig, hinkend, zahnlos, mit 
Narben und Hefften durch und durch zerpflücket". Wenig helfen die 
ernsten Worte der Geistlichkeit, die den Kreuzzug gegen diese Hölle auf 
Erden, gegen diesen Sündenpfuhl predigten, nichts die Belehrung der Ärzte, 
sagt Scheuer'*')- „Der andere Todengräber heist Unzucht und Geilheit", 
schreibt Dr. Abel, der Studenten Leib-Medicus, ,,die ist ja ein Feuer in 
den Beinen. Wie das Feuer am Stroh und Holz / so frist die geile Lust am 
Coerper / biß sie ihn gantz verzehret". „Man soll der Wollust und Geilheit 
nicht nach dem Angesicht sondern nach den Füßen sehen / so wird sich 
finden / daß sie / wie die Gespenste / einen Tollfuß nachschleppe / und 
einen unglückseligen Ausgang trage / ihre Stirne ist jungfräulich / das 
Gesäß gleich einem Otter-Schwantz / wer ihre endliche Wirkung betrach- 
tet / der trifft das bewertheste Mittel wider diese Seuche". 
IJm Jenaer Visitationsbericht von 1669 heißt es: ,,Das Hurenleben hat bisher 



Jenenser Dirnen. Dirnen in Gießen. 67 

in etwas einreißen wollen, sollen auch etliche Studiosi unflätige Krank- 
heiten davon getragen haben. Es mögen solche Dirnen sich in naheliegen- 
den Oertern und Schenken aufhalten. Drei Studiosen seien durch öffent- 
lichen Anschlag wegen Imprägnation zitiert, und darunter befinde sich 
auch ein ehemaliger Stipendiat"**^). 

Genau 30 Jahre später wird gemeldet: ,,daß so viele von den Studiosis, 
auch etliche Studentenjungen, an der gonorrhaea, scabie maligna, auch 
wohl an bubonibus, bisher laboriert, sei ohne Zweifel von den Huren, der- 
gleichen sie zu Zwethen, Löbstedt, Lichtenhahn aufhielten". Bereits einige 
Jahre früher hatte derselbe Berichterstatter zu melden gehabt: ,, Huren- 
händel gingen mehr als zuviel vor und wäre höchst zu beklagen, daß es 
fast öffentlich geschähe, und es für keine Schande und Sünde mehr wolle 
gehedten werden. Wären Weibspersonen hier, so die Pursche ohne Scheu 
und am hellen Tag an sich zögen". 
Laukhard äußert sich zu diesem Thema: 

,, Bordelle gibt es in Gießen nicht; aber doch unzüchtige Menscher und 
folglich auch — wie leider jetzt (letztes Viertel des 18. Jahrhunderts) auf 
jeder Universität — venerische Krankheiten. Sein irriges Ehrgefühl hält 
manchen Studenten ab, sich einem geschickten Arzt zu entdecken, und er 
fällt Pfuschern in die Hände. Sonderbar ist es, daß der größte Teil der in- 
fizierten Studenten gerade Theologen, Schullehrer- und Predigersöhne, ge- 
wesene Waisenhäusler oder überhaupt solche sein sollen, die man zu Hause 
oder auf Pädagogien oder anderen eingeschränkten Schulanstalten zur Uni- 
versität vorbereitet hat. Noch sonderbarer ist es, infizierte Stipendiaten, 
sobald sie entdeckt werden, des Stipendiums verlustig zu erklären. Zur 
Scham, sich einem geschickten Arzt anzuvertrauen, kommt hier ja noch 
Furcht vor Verlust hinzu, und das erschwert die Kur noch mehr. Er mag 
nun wollen oder nicht, er fällt Pfuschern in die Hände und verpflanzt als 
Halbgeheilter, über kurz oder lang, sein Gift weiter, ja er bringt es nach 
Gegenden, wohin es vorhin vielleicht noch nicht bekannt war, und macht 
auf diese Art seine wirkliche Sünde zur Erbsünde, wider die weder Taufe 
noch Exorzismus etwas vermögen. Wer kann hier genug warnen! Mehr 
als hundertmal hab ich es erlebt, daß unwissende Quacksalber oder vor- 
eilige Blödlinge aus einem kleinen Übel von der Art ein recht fürchter- 
liches, ja unheilbares gemacht haben". 
Einige Seiten später fährt dann Laukhard fort: 
„Da in Gießen keine Bordelle sind, und doch die Bursche daselbst den 



68 Bordelle in Wetzlar. „Königliche Anstalten". Der Eltern Schuld. 

Stachel der Sinnlichkeit ebensogut fühlen wie an jedem anderen Ort, so 
ziehen die meisten nach Wetzlar, um das Vergnügen zu genießen, sich mit 
dem Auswurf des weiblichen Geschlechtes zu unterhalten. Freilich sind 
außer der Geldzersplitterung, die übrigen Folgen oft sehr traurig, denn die 
Wetzlarischen Nymphen sind größtenteils französisch und begaben ihre 
Liebhaber mit einer Galanterie, die alle anderen Vergnügen vergiftet, so- 
lange sie dauert." 

Ein italienischer Arzt war auf ein gutes Mittel gekommen, junge Leute 
vor den Folgen der Unzucht mit Dirnen zu bewahren. Er sandte jenen 
Leuten, die sich an ihn wandten, ein ,,Conterfeyt eines wackern schönen 
Menschen", ,,dem die Frantzosen die Nase weggefressen hatten", damit sie 
es betrachten, wenn sie „vom Huren-Teuffel angefochten" würden ^*^). 
„Wollte GOtt! daß dieses alle Studenten bedächten, so behielte mancher 
seine Nase und bekäme eher eine angenehme Braut" ^**). 
Von Leipzig erzählt Laukhard: ,,Die hiesigen Studenten machen Küchen- 
mädchen, Aufwärterinnen und Bürgerdimen den Hof, und führen sich 
sogar mit Menschern aus den Parduzlöchem, mit Etceteras auf den Straßen 
und Promenaden herum. Das sind so die Frauenzimmer, womit unsere 
Herren Umgang haben". Zu den Etceteras macht der Verfasser die Fußnote: 
„So heißen die Huren bei den Leipziger Studenten"**^). 
Die Bordelle selbst nannten die Studenten „das fünfte Kollegium" **^). 
Im Hsdlenser Studentenwörterbuch ist zu lesen: ,, Königliche Anstalten wer- 
den die gemeinnützigen oder vielmehr gemeinschädlichen Institute zur Be- 
friedigung thierischer Wollust genannt. Den Namen königliche führen sie 
sehr uneigentlich, denn es ist keins dieser schmutzigen Löcher, die eine 
wahre Satyre auf allen, ich will nicht einmal sagen guten, Geschmack sind, 
priviligiert"'*^. 

Solche Freudenhäuser befinden sich schon in der Frühzeit der Hochschulen 
in den Universitätsstätten Dillingen, Frankfurt a./Main und an der Oder, 
Halle, Jena, Ingolstadt, Köln, Rostock, Straßburg und Wien. 
Ein alter Autor hat herausgefunden, daß am Bordellbesuch der Studenten, 
wie der Jugend überhaupt, allein die Eltern schuld sind: „. . . wenn der 
Sohn alle Hurhäuser durchläuffet, bey allen bösen Gelagken vnd Burschen 
ligt, solches wirt jhm gestattet, die Eltern sehen zu, stärcken jn mit Geldt, 
zehrung vnd verlag darzu, ja vertheidigen jn zum offtermal. Ey er muß ja 
in seinen jungen jaren auch frölich seyn, kompt er in vnser alter, es wirt 
jm wol vergehen etc. 



Bordelle. Gelegenheitsdimen. Käsekorb. 69 

Darumb mag es niemand wunder nemmen, daß bey der jungen Welt so viel 
vnzucht vnd vntugend geschieht, weil es jhnen von den Eltern nicht wirdt ge- 
wehret. Aber sie werden einmal thewreRechenschaftmüssen dafür geben" ^*^). 
Neben den offiziellen Frauenhäusern fehlte es natürlich in den Universitäts- 
städten auch nicht an Winkelbordellen. Am 8. Juli 1583 befiehlt der 
Herzog dem Ober- und Untervogt in Tübingen, die Häuser visitieren zu 
lassen, in denen „ungepürende Däntz und Schlaftrünck" gehalten werden, 
damit das überhand nehmende Laster der Unzucht wieder ausgerottet 
werde. Er möge ,,die Vogel und Nest mit einand ufheben"^"^^). 
Sollte dies wirklich einmal geschehen sein, was sehr zu bezweifeln ist, so 
war der Erfolg dieser Maßnahme kein nachhaltiger, denn sechs Jahre später 
wird wieder eine Razzia auf die verdächtigen Häuser, ,,so zu Zechen und 
Hurerey Schlupfwinkel", angeordnet ^^'^). 

Wieder drei Jahre darauf soll auf die ,, bösen Häuser und Schlupfbiegel", 
von denen drei namhaft gemacht werden, geachtet werden. In diesen 
, Schlupfbiegel' bargen sich Gelegenheitsdirnen, deren Zahl oft mit der der 
öffentlichen Weiber im Frauenhaus wetteiferte. In Tübingen scheint 1616 
Frau Anagryphius eine großartige Tugendboldin gewesen zu sein und das 
Geschäft einer Dirne mit dem einer Kupplerin vereint ausgeübt zu haben. 
Sie beklagt sich, „der Rektor habe gesagt, Georg Blech habe im Hemde mit 
ihr getanzt. Rektor negiert: er habe nur gesagt, Blech sei im Hemde umher- 
gelaufen, und ihre Tochter dabei gewesen". ,, Viele junge Leute zechen dort 
bis 1, 9. Uhr, tanzen und springen. Studenten gestehen, daß sie betrunken 
in eine Kammer geschafft worden, in der die Töchter und die Magd ge- 
legen. Einer gibt an, die Frau habe von ihrer Magd verlangt, daß sie einen 
Hofmeister aus dem Kollegium bei ihr schlafen lasse und dafür 7 Dukaten 
geboten" ^^0- Man machte mit solchem Gelichter meist kurzen Prozeß, 
wenn es anfing, lästig zu werden, ,,Am 14. September 1589 wird dem Senat 
gemeldet, daß eine Witwe von einer großen Freundschaft (des Koßen Weib- 
lin) mit Studenten Unzucht treibe. Nach Anhören einiger Zeugen wird be- 
schlossen, sie in ein Stüblein an eine Kettin (Kette) zu legen. Dann wird sie 
aus der Stadt gejagt" ^^^. 

In Jena machte die Polizei bis in das achtzehnte Jahrhundert mit auf dem 
Strich aufgegriffenen Weibern kein Federlesen. Sie wurden in den sogenann- 
ten Käsekorb am Johannistor gesteckt, dann körperlich gezüchtigt, und 
schließlich aus der Stadt gejagt. In die sie sich bei erst bester Gelegenheit 
wieder einschlichen. 



70 Dorfgänge. Glückspiele. Akademische Behörden. 

Damit war aber nur der Schauplatz der Unzucht verlegt, nicht aufgehoben. 
Da heißt es in einem Studentenliederbuch aus der Mitte des 18. Jahr- 
hunderts: 

Auf Brüder lustig auf! last uns zum Dorffe gehn, 
Der Küzel jucket mich, ich muß es frey gestehen. 
Und wer ein gleiches fiehlt, der gehe meine Bahn, 
Vielleicht treffen wir ein frisches Wildpret an. 
Zu Dorffe ist und bleibt uns rechte Wollust eigen, 
Wann sich nur nach der Wahl des Landes Töchter zeigen, 
Da bringt man weil man lebt, so lanng man lieben kann 
In tausendfacher Lust die sechzehn Groschen an. 
Und hat dazu die Wahl: Charlotte und Lisette, 
Dann Vikchen, Lorigen, Blondine und Brünette, 
Friedrika, Hannigen, dann Carolina auch, 
Die wissen allerseits was auf dem Dorf der Brauch : 
Dorinde, Catharin, die Schönste unter allen. 
Muß nach erhaltnen Wink um sechzehn Groschen fallen *^'). 
Man hatte auf solche Winkelbordelle schon aus dem Grunde scharf aufzu- 
passen, weil in ihnen Glückspiele gespielt werden konnten, was in den Wirts- 
häusern und den anerkannten Frauenhäusem streng untersagt war'*^). 
Schon in den ältesten Polizeigesetzen der Heidelberger Universität vom 
19. Januar 1387 wird das Würfelspiel, das ludus taxilorum auch piramidum, 
sub pena 1 floreni verboten. Dieses Verbot soll alljährlich nach dem Fest 
von Christi Geburt in den Schulen verkündet werden, damit sich keiner 
per ignoranciam entschuldigen könne. Das mußte immer wieder verboten 
werden, denn das Würfeln war 1397 so allgemein geworden, daß man bei 
einer Bestrafung nach dem Gesetze eine ,,turbacio" fürchtete und deshalb 
eine allgemeine Amnestie eintreten ließ. Später kam zu den Würfeln noch 
,, ludus in cartis" hinzu. Dieses wird i486 zuerst erwähnt ^^^). 
In solcher Nachgiebigkeit, die lieber zur Begnadigung griff, statt bei größeren 
Unordnungen fest zuzupacken und ihnen den Garaus zu machen, ehe sie 
sich zu Gewohnheiten entwickelten, lag ein Hauptgrund der studentischen 
Ungebundenheit. Die akademischen Behörden wachten eifersüchtig über 
die Unantastbarkeit ihrer Gerichtsbarkeit. Sie beurteilten die Vergehen 
akademischer Bürger sehr häufig derart, daß es schien, als ob sie sich 
schützend vor den Übeltäter stellten. Über die Privatinteressen, die hierbei 
im Spiele waren, wird noch zu sprechen sein, denn sie bilden ein so schwer- 



Milde Urteile. Im Karzer. 7I 

wiegendes Moment in der Sittengeschichte der deutschen Hochschulen, dctß 
sie ausführlicher behandelt werden müssen. Hier nur so viel, daß sie die 
Urteile in einer Weise beeinflußten, daß Kurfürst August von Sachsen ein- 
mal drohte, die Wittenberger Professoren einen nach den andern ,,beim 
Schöpfe zu nehmen" und ein Fähnlein Söldner in die Stadt zu legen, wenn 
die Universität sich nicht zu einer strengeren Auffassung der Vergehn auf- 
raffen würde *^^). 

Als Ergänzung zu den bereits mitgeteilten Tübinger Urteilen hier einige 
weitere Beweise der akademischen Gerechtigkeitspflege von einst. 
Das Universitätskonzil von Frankfurt a./Oder verurteilte 1506 den Studen- 
ten Clemens Walter aus Hessen, der einem Mädchen Gewalt amgetan hatte, 
zu einem Poenalgulden und einer Entschädigung von fünf Gulden in Teil- 
zahlung an die Geschändete ^^'^). Die Leipziger Universität antwortete auf 
eine Klage des Rates, daß Studenten versucht hätten, ein aus dem Kollegien- 
keller Bier holendes Bürgermädchen gewaltsam in das Kollegienhaus zu 
entführen und zu mißbrauchen, kühl genug, es sei ihr nicht bewußt, daß 
die Ausschreitungen, über die der Rat klage, von Studenten begangen wor- 
den seien. Wäre dies aber wirklich geschehn, so trage allein der Rat die 
Schuld daran, da er gestattet habe, Stuben in den Weinkellern einzurichten, 

,,dorynne sich solliche büffen und unczuchtige dyrnen zcu samen fyn- 
den"*^8)_ 

In Rostock wEir die übliche Strafe für sexuelle Ausschreitungen eine Rede 
Ciceros auswendig zu lernen und vor den versammelten Lehrern aufzusagen. 
„Empfindlicher, doch noch lange nicht nach Gebühr gestraft wird 1610 
ein Nürnberger Student. Er besucht eine pfälzische Kirche und malt priapos 
hinein, wofür er mit sechs TcJern gebüßt wird". Am häufigsten werden 
Karzerstrafen ausgesprochen. Wenn sie auch in der Regel für den Burschen 
nichts entehrendes hatten, war doch der Aufenthcilt in einem dieser Ge- 
fängnisse nicht grade eine Annehmlichkeit zu nennen. Gab es auch Brüder 
Studio, die aus der Not eine Tugend zu machen wußten, allerlei Schleich- 
wege fanden, sich vergnügte Stunden in den Karzerräumen zu schaffen, so 
blieb noch immer recht viel Zeit übrig, die sehr langsam verstrich, und die 
Ungemütlichkeit des Aufenthaltortes drückend zum Bewußtsein brachte. 
In Heidelberg faulten durch die Feuchtigkeit im Karzer dem Studenten 
Flaminius, der wegen Schulden und Fluchtverdacht einige Monate sitzen 
mußte, Kleider und Schuhe vom Körper ab. 
Die Universität selbst trug Bedenken, das Lokal zu benutzen, da ,, wegen 



72 Vorrechte des Adels. 

der böszen dünste kainer lang ohne gefherliche krankheitten darinnen 
pleiben mag (kann)", und mußte es erfahren, daß sich die Studenten lieber 
religieren als einsperren lassen wollten. In dem greulichen Karzer von Alt- 
dorf, bezeichnender Weise Hundeloch genannt, schmachteten die Spieß- 
gesellen Waldsteins, während er selbst, der adelige Junker, sein Arrest in 
seiner Behausung abmachen durfte. Er als Adeliger konnte sich damit 
brüsten, daß die Behörden mehr Respekt vor ihm als er vor ihnen hatte. 
Der Adel war eben damals und viel später noch auf den deutschen Hoch- 
schulen das verhätschelte Kind, dem man alles erlaubte. So war, wie aus 
Kindlebens Studenten-Lexikon zu ersehn '^^), noch im ausgehenden 
18. Jahrhundert nur den Edelleuten erlaubt, weiße Federn zu tragen, 
„doch werden sie auf manchen Universitaeten von bürgerlichen Studenten 
getragen" ^^^). In Ingolstadt im 17. Jahrhundert schreiben sich „Fürsten, 
Grafen und Herren", d. h. also der gesamte Adel das alleinige Recht zu, 
Federn auf den Hüten zu tragen. Allerdings war dafür die Trägheit dieser 
Herren dort so groß, daß die akademische Behörde die Kollegienhefte zur 
Einsichtnahme einforderte '^0- Wie sehr dies zur Entrechtung wie zur 
Entsittlichung der anderen Scholaren beitrug, braucht nicht ausgeführt zu 
werden. Zu entsittlichen gab es aber leider in den kleineren Universitäts- 
städten, in denen der Student allein den Lebensunterhalt der Bürger 
bestritt und daher völlig souverän war, nur wenig. Man fürchtete ihn, 
haßte ihn, aber man brauchte ihn. Deshalb ertrug man von ihm auch das 
Schwerste, besonders wenn er ,, einer vom Adel" war. So die Bürger und 
die Universitätsbehörden, denen die Ehrfurcht vor dem Adel mit dem vor 
der Wissenschaft höchstens parallel, wenn nicht vorging. Adelige Scholaren 
hatten in früherer Zeit den Rang gleich nach den Doktoren, also vor den 
Lizentiaten. Freilich mußte sich der Adel auch schon rein äußerlich durch 
erhöhten Aufwand zeigen. In Montpellier war dies im Jahre 1424 durch 
ein Statut geregelt, das genau bestimmte, was ein Edelmann verzehren 
müsse, um als solcher behandelt zu werden**^. 

Von diesen adeligen Studenten, denen die Universität in den meisten Fällen 
nur ein Vergnügungsort war, und dank der Liebenswürdigkeit der Lehrer 
auch sein durfte, hieß es im fünfzehnten Jahrhundert: 

Wann ein student wurd gepom. 

So werden im vier bäum ußerkom. 

Ein baur der in nehrt, 

Der ander, der im den markt kert. 



Adel und Bürger. ProfessorenLursche. Pennalismus. 75 

Der drit, so für in in d hell fert, 
Und der viert, der im ain schöns weib beschert ^^^). 
In einer Zuschrift des Statthaltereirates in Stuttgart wird am 14. Februar 
1523 dem Rektor und den Regenten in Tübingen scharf verwiesen, daß 
„etliche von Adel und , . .' ander .... sich tag und nachts ganz ungepürlich 
und mit überflüssigem Trinken und Schreyen in den Häusern und uff den 
Gassen halten, und daß bisher wenig einsehen oder Straff daruff gevolgt 
sey". Worauf sehr ernst schärfere Zucht empfohlen wird, widrigenfalls 
Ober- und Untervogt von Tübingen den Befehl hätten, selbst ,, darein zu 
sehen"!«*). 

Daß es für einen adeligen Burschen durchaus nicht so entwürdigend ist 
mit einem gewöhnlichen bürgerlichen zu verkehren, wie er sich denkt, 
wird einmal in einem für Studenten bestimmten Werke ausdrücklich be- 
tont. Da heißt es: 

,,Soll aber von einem von Adel geschätzet und gehalten werden, als schadete 
er sich selbst, wann er mit einem ehrlichen Studioso eine solche Fraterni- 
tät und Verbündniß geschlossen hat? 

Nein, keineswegs. Alldieweil solches Adelicher Ehr und Herrlichkeit kein 
Schimpf oder Uebelstand, sondern \äelmehr ein Ruhm und Zierde ist ... . 
Wil jetzo geschweigen, daß die Studiosi eben mit denen, wo nicht mit 
grossem Privilegiis, als die von Adel, auff den Academien begnadet und 
begäbet seyn. [Anth. Habita C. Ne fil. pro patr.] Und welches ein mehres, 
sie auch wol, sonderlich die sich ad Jurisprudentiam begeben, wol und 
stattlich nobilitiret und geadelt werden können." 

Wo die Vorrechte für den Adel nicht auszureichen schienen, sich bei ge- 
wissen Studentengruppen Liebkind zu machen, dehnten die akademischen 
Behörden diese auch auf diejenigen Studenten aus, die bei den Professoren 
Kost und Wohnung genommen hatten, den sogenanntenProfessorenburschen, 
im Gegensatz zu den Bürgerburschen und Konviktoristen. 
Zu allen diesen Faktoren, durch die die Verrohung des Studententums her- 
vorgerufen wurde und natumotwendig entstehen mußte, trat als einer der 
wichtigsten, ja ausschlaggebenden, der Pennalismus. 

Die Gesellschaft der Vorzeit duldete keine Außenseiter, kein Bönhasentum. 
Sie kannte nur Körperschaften, deren einzelne Mitglieder eifrig über ihre 
Rechte wachten und gegen edle jene vorstießen, die, aus ihrem Stande, sich 
nicht ihren Satzungen fügten. 
So war es auch an den Universitäten. 

5 



74 Akademische Bürger. Philister. 

Die Studenten bildeten mit den Professoren Angehörige der „universitas", 
zu denen übrigens auch solche Gewerbetreibende zählten, die in dauernder 
Verbindung mit der Universität standen. Auch sie, wie die Hofmeister, die 
Diener der Scholaren, waren cives academici. Sie wurden von der Univer- 
sitätsobrigkeit genau wie die Studenten auf die Statuten vereidigt, die sie 
einzuhalten hatten, wofür sie deren Privilegien genossen. So gab es Gast- 
wirte und ihr Personal, Buchdrucker, Buchbinder u. a. na., die sich stolz 
akademische Bürger nennen durften, im Gegensatz zu den Philistern. 
Über diese hier nur kurz ein paar Worte. 

,, Philister heißt in der Sprache der Studenten alles, was nicht Student ist; 
insonderheit werden Bürger, welche Studenten im Hause wohnen haben, 
so genannt. Pferdephilister == Pferdeverleiher. Sobald der Bursche die Univer- 
sität verläßt und Kandidat wird, sobald wird er auch Philister. Man leitet 
dieses Wort, welches sich zunächst aus Jena, dem Vaterlande der Renommisten, 
herschreibt, daher: In Jena (so erzählt man) in einem vor der Stadt belege- 
nen Wirtshause, wo sich Bürger und Studenten des Trinkens und der Be- 
lustigung wegen zu versammeln pflegen, sind ehemals zwey Studenten 
erschlagen worden. Der Verdacht wegen dieser Mordthat fiel auf die Bürger, 
wovon viele gefänglich eingezogen aber nicht verurtheilt wurden, weil man 
den Täter nicht herausbringen konnte. Der Superintendent des Orts hielt 
den Erschlagenen eine Leichen- oder Gedächtnispredigt, wobey sehr viele 
Studenten zugegen waren; er bediente sich in dieser Predigt, indem er die 
unbekannten Mörder anredete, unter andern des Ausdrucks: Philister, über 
dir, SimsonI welches sogleich unter den Musensöhnen ein wohlgefälliges 
Gemurmele erregte, und als sie haufenweis aus der Kirche kamen, riefen 
sie den Bürgern zu: Pereant die Philister tiefl welche Benennung nachher 
obrigkeitlicher Verbote ohngeachtet, zur Gewohnheit geworden ist"*®^). 
Ein Student, der nicht ausdrücklich in die akademische Korporation aufge- 
nommen worden war, durfte von keinem Lehrer zum Unterricht zugelassen, 
in keiner Burse, ja selbst in keinem Unterkunfthaus Einlaß finden. 
Erst nach erfolgter Inskription durch den Rektor konnte er sich in die Fa- 
kultätsmatrikel aufnehmen lassen. Die dadurch erwirkte Universitätszuge- 
hörigkeit wurde aber erst als wirklich vollzogen angesehn, wenn mit dem 
Kandidaten der eigentümliche Einführungsbrauch in das Studententum, die 
Deposition, vorgenommen worden war. 

Der Ausdruck Deposition kommt £im frühesten in den Erfurter Statuten 
von 1447 vor^^^). 



Deposition. 7g 

Die erste Erwähnung einer Deposition in Heidelberg fändet sich im Jahre 
1454^^'). Er lautet depositio beani, also etwa die Zurechtstutzung des Beanus, 
des Fuchs oder Gelbschnabels. Von diesem Beanus ging das Achrosticon um 
Banus Est Änimal Nescius Vitam Studiosorum, deshalb mußten ihm 
„ein Tier des Feldes, dem zur gebührlichen Vorbereitung für die öffent- 
lichen Vorlesungen die Homer abgenommen werden" ^^^). 
Die Deposition kam auf den mittelalterlichen Hochschulen auf. Ein Zwie- 
gespräch in dem , Manuale scholarium' von 1480 beschreibt sie, doch hat 
sie sich mit der Zeit, bis zum sechzehnten JaJirhundert staurk „vervoU- 
kommt". 

Sie ist nichts besonders Studentisches. 

Die Seeleute warfen angesichts gewisser Untiefen und Klippen die Schiffs- 
jungen, die hier zum erstenmale vorübersegelten, an Stricken gefesselt ins 
Meer und ließen sie so oft untertauchen, daß sie schließlich halb ertrunken 
wieder an Bord gehißt wurden. Die noch jetzt gebräuchliche lustige Äquator- 
taufe erinnert dunkel an diese Sitte. 

Die Münzer jagten ihre Neulinge in Narrenkleidem durch die Stadt 
und strichen sie wöchentlich zweimal eine bestimmte Zeit hindurch mit 
Ruten. 

Sie erinnert auch an die Gesellenweihe der Handwerker und an das Hänseln 
der Fuhrleute, dann aber besonders an die Lehrlinghänselei der Hanseaten 
in Bergen, die an Grausamkeit, doch auch an grotesken Humor der De- 
position ebenbürtig war^^^). Die Deposition, wenn, auch aus dem Ausland 
gekommen^'®), scheint erst in Deutschlcind, und dies im fünfzehnten Jahr- 
hundert, festere Gestalt angenommen zu haben. Später, um die Wende des 
fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert wurde sie eine offizielle, im 
Beisein des Dekans der philosophischen Fakultät vorzunehmenden Zere- 
monie der Universität. Sie galt in Leipzig bis in das 18. Jahrhundert hinein 
als ein Teil der Immatrikulationshandlung^'^). 

„Und da D. Martinus samt etlichen vortrefflichen Gelehrten auf einer De- 
position war, absolvierte er drei Knaben und sprach: „Diese Zeremonie 
wird darum also gebraucht, auf daß ihr gedemütigt werdet, nicht hoffärtig 
und vermessen seid, noch euch zum Bösen gewöhnet. Denn solche Laster 
sind wunderliche, ungeheure Tiere, die da Hörner haben, die einem Stu- 
denten nicht gebühren und übel anstehn. Darum demütigt euch und 
lernet leiden und Geduld haben, denn ihr werdet euer Leben lang deponieret 
werden. In großen Ämtern werden euch einmal die Bürger, Bauern, die 



76 Depositionsgebühren. 

vom Adel und eure Weiber deponieren und wohl plagen. Wenn euch nun 
solches widerfahren wird, so werdet nicht kleinmütig, verzagt und unge- 
duldig, dieselbigen lasset euch nicht überwinden; sondern seid getrost und 
leidet solch Kreuz mit Geduld, ohne Murmelung; gedenkt daran, daß ihr 
zu Wittenberg geweiht seid zum Leiden, und könnt sagen, wenns nun 
kömmt: Wohlan, ich habe zu Wittenberg erstlich angefangen deponiert zu 
werden, das muß mein Lebenlang währen. Also ist diese unsere Deposition 
nur eine Figur und Bild menschlichen Lebens, in allerlei Unglück, Plagen 
und Züchtigung. Goß ihnen Wein aufs Haupt und absolvierte sie vom Bean 
und Bacchanten" ^'^). 

Luther hat damit die Deposition beendet, deren symbolisch bedeutsamen 
Kern der Handlung er hervorhebt, und nicht, wie man es auffassen könnte, 
mit dem Weinguß die Zeremonie vollzogen. 

Aus dem im 15. Jahrhundert nur geduldeten, höchstens notdürftig über- 
wachten Brauch der Bursen, mit dem Endzweck, den Neulingen in Gestalt 
der Depositionsgebühr etwas Geld zugunsten des Bursenvorstehers abzu- 
zwacken^'^), ist eine ernsthafte Handlung geworden, aus der sich nun ein 
überall für unerläßlich gehaltener Brauch entwickelt hatte, der ständig durch 
neue, immer burlesker und brutcdere Zutaten ergänzt worden war. 
So wurde die Deposition zu allerlei „unzüchtigem, barbarischem Gespreu, 
Wort, Werk und Possen", die „verlief in buhlerische und andere grobe An- 
reizung". So ward, wie der Kölner Rat sich ausdrückte, ein „lautes Bac- 
chantenwerk', entstanden, ,,aus dem einzig und allein alles Übel: Saufen, 
Fressen, Geldversplitterung, Neid, Haß, auch vor diesem Mord und Tot- 
schlag verursacht wurde". 

Mir scheint es gcinz besonders bezeichnend, daß Hans Urrich Krafft in sei- 
nen ,, Reisen und Gefangenschaft", geschrieben um 1616, das Wort de- 
ponieren für hart schlagen anwendet^'*). 

Ob und in wie weit dieses strenge Urteil gerechtfertigt sei, mag dahingestellt 
bleiben. Denn ,,Vor allen Dingen ist dabei (der Deposition) der jugendliche 
Humor auch noch in Rechnung zu ziehen, der manches im Studentenleben 
noch heute als harmlos erscheinen läßt, worüber das ernste Philisterium 
mit solenner Hofmarschallsmiene sein graues Haupt schüttelt", wie 
V. Buchwald sagt^'^). 

Wieviel davon, was nun folgt, auf studentischen jugendlichen Humor zu 
setzen sei, wie viel in eine ganz andere Rubrik, mag der Leser nun selbst 
entscheiden. 




Aus Dijas Oratorium 

De Ritu Depositionis, oder 

T^om Deponiren der 

Bachanten. 1666 



LUDICRA. DUM SIMlVLAJfT SPECTACULK . 
S£RIA TKACTJ^KT 

/fä/ au a/ten in drm/chrrti fa cnrriäAairn vm/f^tJi 
Defftn u-urrkima krri^ uni^ ern/i Ajfman rr/i itl rnJtr 





Pf rotte nuni ior/inn Dcmirii fcnfiiJaBiANH 
^utyjnt rn Veits hwc Jaiit a/ma lA'es . 

Ktmt hackantm'T''ettheriry.'ruchun/Iich »ufiürrfiß 
de^tniren att^Jas tt/i 



£t(/uifnJratiai rr/eraif, apreSnofrinfs 
^nanJt pu/rnt-a oj^a ra/ioitf /ifnt 



y^u mi m/i maiuArr Aaar^ Trffr/irci.enaaAnn 
Drum mu/t zurErimrJtetriii^utrn kopß i^tAerm 




Fom Deponieren 
l"]. Jahrhundert 




^S -8 '1.3 
^^ S.-SB 










DepositionSgebräuche 
im //. Jahrhundert 









Fom Deponieren 

im 
//. J ahr hunder t 






S^ 



Das Depositionsverfahren. 77 

Karl von Räumer beschreibt das Depositionsverfahren nach Fryksells 
,Dissertatio de origine initiationis novitiorum in academiis' von 1755: De- 
position, auch Beania von beanus, bec jaune, Gelbschnabel, hieß die 
seltsame Ceremonie, durch welche die Neulinge unter die Studenten auf- 
genommen wurden. Man ließ sie Kleider von mehrerlei Zeug vmd ver- 
schiedenen Farben anziehen, schwärzte ihnen das Gesicht; an ihre Hüte, 
deren Krempen heruntergebügelt waren, befestigte man lange Ohren und 
Homer, steckte ihnen in die Mundwinkel lange Schweinszähne, welche sie 
bei Strafe von Stockschlägen mit dem Munde festhalten mußten; über die 
Schultern wurde ein langer schwarzer Mantel gehängt. Also, scheußlicher 
und lächerlicher verkleidet, als die, welche von der Inquisition zum Schei- 
terhaufen geführt wurden, trieb der Depositor sie nun aus dem Depositions- 
zimmer mit einem Stock vor sich her, wie eine Heerde Ochsen oder Esel, 
in einen Saal, wo die Zuschauer sie erwarteten. Er hieß sie da in einen 
Kreis sich stellen, in dessen Mitte er stand, schnitt ihnen Gesichter, machte 
stumme Reverenzen, verspottete sie über ihren seltscimen A-ufzug und hielt 
dann eine Anrede an sie von den Lastern und Fehlem der Jugend und von 
der Noth wendigkeit, durch Studien gebessert und geschliffen zu werden. 
Darauf mußten sie verschiedene Fragen beantworten. Aber die Schweins- 
zähne im Mund hinderten sie am deutlichen Sprechen, so daß sie mehr 
wie Schweine grunzten, weshalb der Depositor sie auch Schweine nannte, 
ihnen einen Schlag auf die Schultern und einen Verweis gab. Diese Zähne, 
sagte er, bedeuten Unmäßigkeit im Essen und Trinken, wodurch der Ver- 
stand verfinstert werde. Er zog aus einem Sack eine hölzerne Zange, mit 
welcher er ihren Hals zusammendrückte und sie so lange schüttelte, bis die 
Zähne auf die Erde fielen. Wenn sie gelehrig und fleißig seien, sagte er, 
so werden sie den Hang zur Unmäßigkeit ebenso verlieren, wie diese 
Schweinszähne. Dann riß er ihnen die langen Ohren ab, womit er ihnen 
zu verstehen gab, sie müßten fleißig studiren, wollten sie nicht den Eseln 
ähnlich bleiben. Weiterhin nahm er ihnen die Homer, welche brutale 
Rohheit bedeuteten, und holte darauf aus einem Sack Hobel, Axt und 
Bohrer. Jeder Bean mußte sich zuerst auf den Bauch, dann auf den Rücken 
und auf beide Seiten legen; in jeder Stellung wurde ihm der ganze Leib 
behobelt, behauen und gebohrt mit den Worten: so werde Kunst und 
Wissenschaft seinen Geist glätten und formieren. Schließlich füllte der 
Depositor ein großes Gefäß mit Wasser, das er den Novizen auf den Kopf 
goß und sie dann seifte, mit einem groben Lumpen unsanft abtrocknete, 



78 Depositionslieder. 

kämmte ect. Die Posse schloß mit einer Ermahnung an die gehobelte, ge- 
striegelte und gewaschene Gesellschaft: sie mögen ein neues Leben an- 
fangen, die alten Gewohnheiten ablegen u. s. w. Nun gings zu dem Dekan 
der philosophischen Faikultät, der sie nach einer kurzen Prüfung und An- 
rede gleichfalls weihte, indem er ihnen Salz (sapientiae symbolum) in den 
Mund gab und Wein (mundities) auf den Kopf goß"^'^). 
Dies in großen Zügen das Programm einer Depositionsfeier, die, je nach dem 
Ort, sciftige Zutaten verbrämten. So wurden ihnen dort die Ohren mit 
Riesenlöffeln gereinigt, die Haare geschnitten, die Finger und die Nägel 
glatt gefeilt, ein Mundwasser gereicht — Kräuter, am Abtritt gewachsen, 
haben es gewürzt — ^''), wie Pillen und Salben ähnlicher Herkunft. Hier 
wäscht ihn eine Wunderseife aus Kohle und Wagenschmiere das mit einem 
Kohlenbart beschmierte Gesicht. Der Depositor, der ,,die Nase eines Rhi- 
nozeros oder eines Jagdhundes" hat, weiß sehr wohl die Herausgabe der 
Mutterpfennige für Bier und Wein zu erlisten. Er empfiehlt seinem Zög- 
ling mit treuherzigen Worten und väterlichem Rat, für alle Fälle sein 
Testament zu machen und es so einzurichten, daß jedem der Anwesenden 
etwas unter dem Namen eines Vermächtnisses nach der Deposition zufällt. 
Der Beanus glaubt auf den Scherz einzugehn und verteilt seine Güter. Zu 
seinem Schrecken muß er später merken, daß er zu halten hat, was er ver- 
sprochen. Hätte der Beanus einen gewitzigten Ratgeber gehabt, so hätte 
dieser ihm empfohlen. Unmögliches oder Unschickliches zu vermachen^'*). 
Dabei singt die Zuhörer- und Zuschauerschaft mit rauhen Kehlen schaden- 
froh das Beanuslied: 

Beanus iste sordidus, 
Spectandus altis comibus, 
Ut sit novus Scholasticus 
Providerit se sumtibus. 

Signum fricamus horridum, 
Crassum dolamus rusticum, 
Curvum quod est deflectimus, 
Altum quod est deponimus^'^). 

Weitere Strophen lauten nach Beyer: 



Mos est cibum Magnatibus, 
Condire morionibus: 



Ritus depositionis. ^n 

Nos dum joccLinur crassius 
Bonis studemus moribus. 

Ubi malignus nodus est, 
Quaerendus asper clavus est. 
Ut haec dometur bestis, 
Addenda verbis verbera. 

Lignum furcEunus horridum, 
Crassum dolamus rusticum, 
Cuevum quod est, hoc flectimus, 
Altum quod est, deponimus. 

Ut hunc novum ceu militem 
Novum referre in ordinem 
Queamus, eque stipite 
Formare doctum Pallade. 

Contraria contrariis 
Curanda mala pharmacis: 
Ferox asellus esurit 
Lactuca labris convenit. 

Es sei noch die versificirte Darstellung der Strassburger Deposition an- 
geführt, wie sie sich in dem seltenen Büchlein ,, Ritus depositionis" von 
1664 unter Beigabe von zwanzig Bildern findet. Das Ganze, dem auch zwei 
lateinische und eine deutsche Depositionsrede beigefügt sind, trägt auf dem 
Titelblatt das Motto: 

Ludicra dum simulant spectacula, seria tractant; 

Was die Alten in dem Scherz lachend haben vorgespielet 

Dessen Würkung, Krafft und Ernst hat maji erst im End gefühlet. 

2. Bild, Einzug der Bacchanten im Gänsemarsch. An der Spitze der Depositor 
mit einer Larve vor dem Gesicht, die Bacchcinten haben Hüte mit Hör- 
nern auf: 

„Kommt Bachanten! Trett herbey! — Merkt was abzulegen seyl 
Euch will ich auf Euer — Fest Deponieren auf das Best". 

3. Bild. Abschneiden der Haare mit der Scheere: 

,,Weil du kanst mancher Haar, du Zottelbock, entpähren, 
Drumm muß zur Ehrbarkeit ich deinen Kopf bescheeren". 



8o Ritiis depositionis. 

4. Bild. Anwendung des aurisalpium (Ohrlöffel) : 

„Vor Narrenthädigung laß dein Gehör geschlossen, 

Ich saubre dies zur Lehr und nicht zu schlimmen Possen". 

5. Bild. Ausziehen des Bacchantenzahnes mit der Zange: 

„Laß den Bachantenzahn der Lästrung dir ausziehn, 
Verleumbdung solsstu stets wie selbst die Hölle fliehen", 

6. Bild. Die Nagelfeile: 

„Ich feygle dir die Hand, um damit anzudeuten, 
Daß du, was redlich ist, mit ihnen sollst arbeiten". 

7. Bild: Anmalen des Bartes: 

„Ich mahl dir einen Bart, daß du hinfort geartet 

Solt se}Ti nicht wie ein Kind, das noch ganz ungehärtet". 

8. Bild: Behauen mit der Axt: 

„Auch die ßachantenaxt muß Euch mit Ernst behauen. 
Was unbehauen bleibt, schickt sich zu keinem Nauen". 

g. Bild. Hobeln der Rückseite mit dem Schrupphobel (die Bacchanten liegen 

dabei auf dem Bauch langhingestreckt): 

,, Schickt euch zum Hobelbank, ihr lieben Halbstudenten, 
Die Laster müssen weg, die eure Jugend schänden. 

10. Bild. Der Schlichthobel: 

,, Schlichthobel thu dein Best! was sich noch nicht läßt fügen 
Zum Bau der Erbarkeit, das hoble nach genügen". 

11. Bild. Der Bohrer: 

„Bey diesem Bohren denckt, daß ihr, wann ihr nicht thoren 
Wolt bleiben immerdar, müßt dicke Brettlein bohren". 

12. Bild. Singprobe: 

,,Lern Jüngling dein Gemüth nach dieser Harmonie 
Zurichten, welches nicht geht aus auf ein la, my". 

13. Bild. Abschlagen der Hörner mit dem Beil: 

„Mit dem Bachsmtengeist solls jezund seyn Schabab, 
Drum euch die Homer man auch endlich schlaget ab". 

14. Bild. Die Bacchanten liegen mit dem Gesicht auf der Erde; der Depo- 
sitor fordert diejenigen, die meinen, nun Studenten zu sein, auf, sich zu 
erheben ; wer es tut, wird mit dem Plumpsack verprügelt : 

„Wer ein Bachant noch ist, der bleib nur immer liegen 1 
Wer ein Student will seyn, der mag herfür sich fügen". 



Deposition. 8 1 

15. Bild: Einstecken der Bacchanten in einen großen Sack: 

„Wie hilffts doch mehr als wohl zu eines Manns Genesen, 
Wan er im Schülersack ist eingesteckt gewesen". 

16. Bild. Die ausgestreckten Bacchanten werden mit dem Zirkel gemessen: 

„So ihr was nehmet für, so möcht ihr vor wohl sehen. 
Daß ihrs recht cirkelt aus, sonst ists um euch geschehen". 

17. Bild. Spielen mit den großen Würfeln: 

,,Diss spielen solle nichts, des Nutzens wirstu innen, 
Den du durch eygne Müh auß Büchern wirst gewinnen". 

18. Bild. Ausmessen der Bacchanten mit der Meßruthe: 

„Dies schicket sich zur Kirch, das zum Regentenhauß, 
Aus dem wirt ein Standart; mit diesem wird nichts aus". 

19. Bild. Die Bacchanten beschenken den Depositor: 

,,Um daß ihr meiner möcht im besten auch gedenkhen. 
Will, Herr Depositor, ich euch zur letz dis schenkhen". 

20. Bild. Die Bacchanten knien vor dem Depositor, der ihnen Salz und 
Wein reicht: 

„Nehmt hin der Weisheit Saltzl Nehmt hin den Wein der Freude! 
Euch, ihr Studenten ihr, mehr' Gott an allen beyden". 

Bei der Deposition war jede Folterqual erlaubt, sofern durch sie kein Blut 
floß. Doch auch dieses kam vor und wurde übersehn. 

Bartholomäus Sastrow, ein ' deutscher Bürger des 16. Jahrhunderts, erzählt 
von seinen Depositionsabenteuem : ,,Auf den Rat meines Bruders schickten 
mich meine Eltern nach Rostock in die Schule von Arnold Barenius und 
Heinrich Lingens, mit dem er in Wittenberg gut Freund gewesen war. Er 
schrieb ihm auch, daß ich in Greifswald bereits Studiosus gewesen sei. Aber 
als die Burschen erfuhren, daß ich inzwischen in Stralsund wieder die 
Schule besucht habe, begann ein unaufhörliches Schnauben und Rufen, als 
ich das Auditorium betrat. Der Depositor riß mir den Mantel herunter. 
Ich hatte grade ein großes Tintenfaß in der Hand, das goß ich ihm dafür 
ins Gesicht. Nun hatte der Depositor einen langen grauen Mantel an, der 
war mit schwarzen Schnüren besetzt, wie es damals Sitte war. Diesen Mantel 
begoß ich jetzt von oben bis unten mit Tinte. Aber der Depositor hats mir 
redlich wiedererstattet. Denn wollte ich Frieden haben, mußte ich wohl 
oder übel von neuem deponiert werden. Dabei bekam ich manchen harten 
Schlag. Und als es ans Bartscheeren ging, schnitt der Depositor mir mit 

Bauer, Sittengeschichte 6 



82 Schorismus. 

dem hölzernen Rasiermesser ein Stück aus der Oberlippe. Das heilte sehr 
langsam" '^°). 

Meist schlössen die Deposition sfeierlichkeiten Orgien in den Freudenhäusern 
ab, deren Kosten der Pennal zu tragen hatte ^^^). 

Waren die fürchterlichen und unwürdigen Qualen der Deposition vor- 
über, so war aus dem Beanus der Fuchs, der Pennal, geworden, und neue 
Foltern begannen, die sich auf ein bis eineinhalb Jahre erstreckten. 
Der Schüler ,kommt aus dem Vaterhaus, schüchtern und ungelenk, in eine 
Welt wälder Gesellen. Mürbe gemacht durch Beschimpfungen, Verhöh- 
nungen, Vergewaltigungen fällt er seiner Landsmannschaft zum Opfer. 
Nun unterliegt er der Tyrannei der älteren Studenten, der Schönsten, der 
Scherer', ,,weil sie den jungen Studenten' die Haare abschoren, und sonst 
auch wacker schoren . 

„Er ist gezwungen sich seiner Landsmannschaft anzuschließen. Ihre Mit- 
glieder erniedrigen ihn vom Kameraden zum willenlosen Sklaven. Ein un- 
ehrenhaftes System der Knechtung und der körperlichen Züchtigung stößt 
ihn zu den gemeinsten Diensthandlungen herab. Seine neuen Kleider, die 
er aus dem Vaterhause mitgebracht, hat er gleich am ersten Tage hergeben 
müssen. Nun läuft er zerlumpt, verwahrlost, unsauber, im durchlöcherten 
Rock, in zerrissenen Hosen und ausgetretenen Pantoffeln. Der Schorist 
kommandiert, vexiert, tribuliert, schikaniert, malträtiert. Der Pennal putzt 
ihm die Stiefel, tut Botengänge, trägt ihm den Raufdegen und die Spiel- 
karten nach, muß Geld schaffen, wenn er seine eigenen Mutterpfennige 
hergegeben hat, spült die Gläser, schenkt ein, schleppt den Betrunkenen 
nach Hause. Wird mit Fußtritten belohnt, blutig geschlagen und gestoßen. 
Blöde hockt er unter der Bank. Seine Namen sind Rapschnabel, Feix, 
Mutterkalb, Säugling, Hausunke, Quasimodegenitus"*^^). Dann Haushahn, 
Halfpape, d. h. Halbpfaffe, also halber Studente, Schieber, weil er drängelt, 
aus der Pennälerzeit sich zu drücken, Spulwurm, weil er angeblich allerlei 
Unreinigkeiten im Leibe hat, die man ihm auch durch Eintrichterung 
von ekelhaften Tränken und Speisen zu vertreiben vorgab. Namentlich der 
Schweden trank war hierfür gebräuchlich. Er besteind aus Wurst, Brod, zer- 
schnittenen Nesseln, gestoßenen Ziegelsteinen, Tinte, Nußschalen, Senf, 
Butter, Salz, Kot und ähnlichen Zutaten, nach deren Genuß der Trinkende 
nicht selten Blut brechen mußte, was aber der Heiterkeit der Zuschauer 
keinen Eintrag tat. Weiter nannte man die Pennale Raupen, weil sie noch 
nicht ausgekrochen waren, Imperfecti, ölberger, endlich Füchse, was viel- 



Pennalismus, Pennalsckmaus. 85 

leicht mit dem Namen Feix zusammenhängt. Es gibt allerdings noch andere 
Erklärungen der Bezeichnung Fux, Fuchs, die aber alle mächtig bei den 
Haaren herbeigezogen sind^^^). 

Doch nicht genug an diesen Schmeichelnamen. Ebenso wie diese sind die 
löblichen Eigenschaften des Pennal. Er ist geschwätzig, naseweis, bissig, ge- 
fräßig, trunksüchtig, raffgierig, geizig, störrisch (loquax, dicax, mordax, 
vorax, bibax, rapax, tenax, scapax), so daß alle Vocabeln auf ax bei ihm 
zutreffen 1«^). 

Er wird zum Zutreiber und Gelegenheitsmacher seines Herrn. In den Hör- 
sälen, sogar in der Kirche hatte er mit seinen Leidensgefährten besondere 
Plätze. Selbst auf der Straße wie während des Gottesdienstes erhielt er 
Stockschläge, Backenstreiche, Nasenstüber, Fußtritte. Bei den Saufgelagen 
hatte er die ekelhaftesten und niedrigsten Hantierungen zu leisten. 
Manch einer der Füchse ist den Torturen seines Schoristen erlegen, kör- 
perlich und seelisch zu Grunde gegangen. Im Jahre 1615 quälten Jenenser 
Bursche einen armen Jungen, daß er in seiner Not zum Fenster hinaus- 
sprang und den Hals brach. Die Schuldigen büßten nur mit einer geringen 
Geldstrafe ^^^). 

Ein Jahr, sechs Monate, sechs Wochen, sechs Stunden, sechs Minuten w^ährte 
diese Tortur. Dann mußte der Fuchs sich bei jedem einzelnen Mitglied der 
Nation, der Verbindung, der sein bisheriger Quälgeist angehörte, und der 
er beizutreten hatte, ,,die Absolution" erbitten. Er erhielt diese auf dem von 
ihm auszurichtenden Pennalschmaus, seinem Abschiedsessen vom Pennal- 
stand. Hier wurden ihm nur noch die Haare abgebrannt, dann konnte er 
selbst an Anderen vergelten, w^as er selbst erduldet hatte. 
Von dem heillosen Unfug, der sonst noch auf diesen und ähnlichen Schmau- 
sen getrieben wurde, wird noch zu reden sein. Jetzt noch einiges über die 
Schoristen, ,, diese Schandflecken des deutschen Studententums", wie sie 
Huber nennt. 

In einer akademischen Rede zeichnet sie um 1607 Professor Wolfgang 
Heyder in seiner gewohnten drastischen Weise: 

,, Kommst du ohngefähr in seine Stuben, ich frage dich, was wirst du für 
Hausrath finden, was mrst du finden? Erstlich zwar keine Bücherlein 
(denn was hat dieser hitzige oder tolle Soldatenhahn mit den kalten und 
verzagten Studien zu thun?), oder etliche wenige unter die Bänke und in 
die Winkel verwegentlich geworfene, die von Staub verwüstet, von Motten 
zerfressen und von Mäusen fast aufgezehrt. Schauest du hin und her, du 



84 Schönsten. 

wirst sehen an der Wand abhangen etliche Dolche, etliche Sticher, darunter 
ein Theil nicht um drei Heller zu lösen sein, damit, wenn es Noth thut, 
er solche den Rektoren einhändigen könne. Über dieses etliche Büchsen, 
die er bisweilen in dem Losament oder in den Vorstädten zwischen Häusern 
mit Schindeln gedecket und Scheuem mit Getreide bereichert, los zu platzen 
sich gar nicht scheuet. Du wirst sehen Panzer oder eiserne Händschuhen, 
damit der Riese nicht ungewappnet auf dem Kampfplatz erscheine; auch 
Wämbster, die inwendig mit Baumwollen, Werg, Haar oder Fischbeinen 
dick ausgefüllt und wohl vermachet sein, damit, wenn es zur Faust gerathen, 
solche den Stich dulden können. Du wirst sehen etliche Humpen und eine 
große Anzahl Gläser, welche der neuen Gäste erwarten. Du wirst sehen 
Karten, Bretspiel, Würfel und mehr Instrumente, das Geld samt der Jugend 
zu verderben. Das öffentliche CoUegium besuchet er entweder niemals, oder 
gar zu langsam; er höret keine Lektionen, damit er nicht in den Auditorien 
wie ein Hund im Bade angetroffen werde. Nach Mittage schlafet entweder 
das faule Murmelthier, oder sitzet in gemeinen Trinkzechen und rüstet sich 
also zu den annahenden Nachts-ScharmÄtzeln, daß man auch zumal, wie 
tapfer und frisch er sich halten werde, abmerken kann. Wenn es nun auf 
den Gassen, auch in den Gemachen still worden, beides die Menschen in 
die Ruhe sich begeben, und die Vögelein unter den Zweigen das Singen 
verlassen, und die Bestien in ihren Höhlen schlafen, alsdann erhebet er 
sich mit großem Krachen der Pfosten und Thüren, bricht los wo er ge- 
stecket, gewappnet und von seinem Jungen begleitet. Dannzumal hast du 
ein wunderlich Schrecken- und Trauerspiel zu hören, das rültzen, das 
grültzen, das rauschen, das schreien, das vrüthen, das Steinhauen und 
werfen, und viel mehr Stücke, welche, so jemand aus den einäugigen 
Riesen thäte, würde ganz Sicilia zusammenlaufen und den Schwärmer in 
ewiges Elend verbannen . . 

Nachdem er nun in Akademien geschwänzet, gewühlet und gebahret, wird 
er heim, wiewohl ungern, berufen, es sei denn Sache, daß er allbereit, wie 
gemeiniglich zu geschehen pfleget, wegen seiner heroischen Tugend als 
ein pestilenzisches Glied mit Verweisung ist abgeschnitten und von der 
Gesellschaft der Studenten verworfen worden. Er scheidet von dannen, fast 
allezeit schattengelb, mager, halbäugig, hinkend, zahnlos, mit Narben und 
Heften durch und durch zerflicket. Und dieses sein die Belohnungen des 
ehrbaren und engelischen Lebens. 
Wenn er zu den Pforten des Vaterlandes eingegangen, ist er nicht so kühn, 



Tagewerk des Schoristen. 85 

vor das Gesicht der Eltern und Vormunden zu kommen, sondern nachdem 
er aus einem Löwen zum Hasen worden, suchet für Angst finstere Ecken, 
erblicket endlich Vorbitter, die Mutter, die Schwestern, die Schwäger, die 
Verwcindten, und durch solche Bitten und Flehen erlanget er mit schwerer 
Not, daß er in des Vaters Wohnung, so er die auf Universitäten nicht (auch) 
in sich gefressen und gesoffen, darf kriechen, schnarchen und verborgen 
liegen. Er hat kein Herz in etlichen Monden auf öffentlichen Gassen und 
Straßen zu treten, Ursach weil er von jedermänniglichen verspeiet und 
zerlästert wird. Nächst diesem wird er gezwungen, eine andere Lebeasart 

zu wählen "^«6). 

Aus dieser und anderen Reden Heyders führt Schöttgen in seiner „Historie 
des ehedem auf Universitäten gebräuchlich gewesenen Pennalwesens" ■^^^) 
noch die Schilderung des Tagewerks eines Schoristen an: ,,Das öffentliche 
Kollegium besuchte er entweder niemals oder gar zu langsam: er höret 
keine Lektionen. Bisweilen lauschet er vor der Türe, keineswegs, daß er 
Notwendiges lernen wollte, sondern damit er etliche Sprüchlein auffassen 
und darnach unter seinen Rottburschen und Zechbrüdern erzählen, der 
Professoren Stimme, Reden und Geberden nachäffen und zum Gelächter 
befördern möchte. Bisweilen spazieret er haußen auf dem Saal und redet 
mit seinen Gesellen von Narrenpossen. — '■ Früh schläft das zarte Brüder- 
lein bis um neun, darnach aber, wo etwa Zeit bis zum Mittagsmahl übrig, 
bringet er solche zu, die Haare zu kämmen, zu krümmen, zu putzen, zu 
reiben, nach Läusen zu stellen, oder doch die Sauf-Pfinnen und Schwären 
in dem Gesicht auszudrücken. Wenn er sich zu Tische gesetzet, frisset der 
Unmensch wenig (denn der gestrige und rasende Rausch will es nirgends 
gestatten, und, weil alle Sinne bestürzet, die Natur nicht leiden), scherzet 
auch ein wenig (denn w^as kann für Höflichkeit in diesem säuischen Leib 
und Seele wohnen?). Unterdessen aber schüttet er von sich einen vollen 
Wust von tölpischen Stockereyen, von garstigen Unflätereien und zwar 
dergestalt, daß, sobald er seine übelriechende Goschen öffnet, alle Knaben 
und Mägdlein davonlaufen, damit sie nicht von dem Atem des pestilenz- 
haftigen Siechen angesteckt werden. — Nach Mittag schlafet entweder das 
faule Murmeltier und Meerkalb, oder wandelt mit seinem Jungen umher 
in dem nächsten Weydich, oder sitzet in gemeinen Trinkzechen und rüstet 
sich also zu den annahenden Nachts-Scharmützeln, daß man auch dazumal, 
wie tapfer und frisch er sich halten werde, abmerken kann. Derhalben, 
wenn er nun sein Kloak mit Wein und Bier sehr wohl befeuchtet, und es 



86 Tagewerk des Schoristen. 

auf den Gassen, auch in den Gemächern still worden, alsdann erhebet er 
mit großem Krachen der Pfosten und Türen, bricht los, wo er nur gestecket, 
gewappnet, und von seinem Jungen begleitet. Da hat man ein wunderlich 
Schrecken- und Trauer-Spiel von Rültzen, Grültzen, Rauschen, Schreien, 
Wüten, Steinhauen und Werfen, und noch viel mehr Stücke. — Wenn es 
ihm den Tag über in der Bulschaft unglücklich ergangen ; wenn zwischen 
ihm und seinen Saufbrüdern ein Zank entstanden ; wenn er an die Pflaster- 
steine anstoßet; wenn einer dem andern antwortet, so flucht er sieben hun- 
dert tausend Scikramenter. Wenn er einen Feind merket, so springet er mit 
Füßen an die Tore, wirft mit Steinen in die Fenster, und schüttet allerhand 

Schmähungen und Lästerungen aus Wenn ihnen Prediger begegnen, 

so gingen sie ihnen aus dem Wege und suchten eine andere Gasse. Wenn 
man mit einer Leiche an einem Ort vorbeizog, woselbst geschmauset ward, 
haben sie mit Trompeten ein Feldstückchen lassen aufblasen. Wenn Profes- 
soren und andere wackere Leute auf Hochzeiten und Ehrengelagen beisam- 
men gewesen, haben sie sich ungebeten eingefunden mit Schreien, Saufen und 
anderen Unhöflichkeiten die Leute beschwert, auch ihren Jungen eJlerhand 
MutwiUen gestattet. Die Bürger nannten sie Bechen, — Was die Kleidung 
derer Schoristen anbelangt, so war sie gut soldatisch, jedoch nach der da- 
maligen Mode. Sonst gingen die Studenten in Mänteln, fein ehrbar, wie 
man damals sagte. Allein das kam ab, und ich halte, der damalige Dreißig- 
jährige Krieg habe zur Veränderung der alten Mode ein Vieles beigetragen. 
Sie trugen alle einen Degen an der Seite, Feder auf dem Hute, Stiefel und 
Sporen, Koller und Feldzeichen — (d. h. Schärpen in gewissen Farben, die 
bekanntlich noch im Dreißigjährigen Krieg die Uniformen vertraten). — 
In der Hand trugen sie Stäbe und Spitzhämmer, hinter den Ohren einen 
gekräuselten Zopf, und am Leibe ein zerschnittenes Wams . . . ."^^. Daß 
solche Bursche zu allem fähig waren, ergibt sich von selbst. „Daß alle mög- 
lichen Tumiolte, ja sogar Mordtaten bei diesem Unwesen vorkamen, belegt 
Schöttgen noch ausführlich". Statt Tumulte hätte Huber Verbrechen setzen 
können, die sich nun häufen. 

,,Noch ist das Ehrgefühl so weit nicht entwickelt", sagt Tholuck, der Ge- 
schichtsschreiber des Rationalismus, ,,das bürgerlich entehrende Laster des 
Diebstahls zu meiden". Ne sitis fures, lautet die erste lex in den Witten- 
bergischen leges 1596. Dort wird 1550 ein Student propter furtum aus- 
geschlossen. In Tübingen stiehlt 1596 ein Student aus Leipzig in Wirts- 
häusern drei silberne Becher und Löffel. Als Landgraf Moritz 1601 die 



Schönsten als Verbrecher. 87 

Studiosi nobiliores zu einer Kindtauffeier eingeladen hat, drängt sich ein 
Lübecker ein und stiehlt eine silberne Schüssel. In Straßburg wird 1658 
Georg Gichtel angeklagt, einen Mantel gestohlen zu haben: Die Heidel- 
berger Annalen berichten 1608: „der schlesische Student Hanisch gesteht, 
daß er einem Bäcker den Flachs gestohlen und bei Hans Hases Hausfrau 
verkauft. Auch der Wirtin zum Ochsen zwei Leibtücher aus der Kammer 
entwendet, da er gelegen, auch eine Pelzhaube mit blauem Tuch". 
Doch das alles sind nur Kleinigkeiten. 

Die Marburger Annalen von 161g heben lobend hervor, daß in diesem 
Jahre kein Totschlag verübt worden sei^*^). 

Johann Winckelmann, Professor der Theologie, predigte 1599 in Marburg 
beim Begräbnis eines Studenten, der eines nachts von einem andern ersto- 
chen worden war: Ein Student soll nicht ,, fressen, saufen, huren und Bu- 
benspiel üben, schändliche, leichtfertige, lotterbübische Reden führen, des 
nachts auf den Gassen jauchzen und schreien, mit bloßen Waffen auf den 
Gassen tumultieren, Fenster stürmen, andere Leute molestieren und ver- 
unruhigen. Das ist eine solche Lust und Fröhlichkeit, daraus großer Unlust 
entstehet: Zorn, Zank, Hader, Hauen, Balgen, Mord, Totschlag, Gefängnis, 
Flucht, Krankheit". 

Man hatte sich schließlich daran gewöhnen müssen in dem Schoristen und 
seinen direkten Nachkommen die Quintessenz aller üblen studentischen 
— burschikosen — Eigenschaften zu sehn. Er war ein Rüpel ohne jede 
Erziehung, aller Herzensbildung bar. Jeglicher Völlerei ergeben, aus- 
schweifend in Liebe und Trunk, von keinerlei Achtung vor der Wissen- 
schaft bedrückt. Er vergeudet Gesundheit, Verstand, Jugendkraft, selbst die 
geringen Kenntnisse, die er von der heimatlichen Schule an die Universität 
gebracht hatte, ebenso wie das Geld, eigenes oder entliehenes. 
Bei solch geilen Auswüchsen in den mit einander Schritt haltenden Pen- 
nalismus und Schorismus, die den Studentenkörper zu zerstören drohten, 
konnte es nicht ausbleiben, daß sich Universitätsbehörden zu irgend einem 
Vorgehn gegen den Pennalismus aufzuraffen suchten. Es blieb dabei aber 
meist nur bei Worten, wenn auch mitunter sehr scharfen. So heißt es ein- 
mal: ,, Durch diese schlimme Krankheit — des Pennalismus — dieser und 
anderer Akademien wird wie durch pestartigen Brand und Krebs diese 
Anstalt aufgerieben und schwindet zusammen. Wiewohl wir wiederholt be- 
schlossen haben, durch die allerschwersten Strafen ihre Urheber wie faule 
Leichname vom gesunden und unversehrten akademischen Körper abzu- 



88 Kampf gegen den Pennalismus. 

schneiden, unsere ernstesten Erlasse durch Gesetze gefestigt und durch 
Strafen ausgerüstet haben, hat dennoch die eisenfeste, ja stahlharte Bosheit 
bisher nicht unterdrückt werden können, daß sie nicht alle Augenblicke 
gleichsam ^^'ie eine Flut herausbräche". Man erinnerte die Studenten an 
ihren Eid, den sie auf die üniversitätsgesetze geleistet haben, verbot ihnen, 
sich um die Nationen zu kümmern, drohte ihnen die Relegation cum in- 
famia für alle Zeiten. 

Insbesonders waren Jena und Rostock in Kampfesworten Ein der Spitze, da 
auch bei ihnen der Pennalismus eim ärgsten tobte. Noch aber war die Zeit 
nicht urteilsreif, wie Beyer sagt, dem ich hier folge. Wenn die Kunde von 
dem wüsten Studentenleben wirklich einmal in weitere Kreise hinausdrang, 
gedachte der Vater mit Lächeln seiner Jugend, wie er es auch nicht anders 
getrieben. Die Zeit war eben dazu geneigt, ziemliche Roheiten gelassen zu 
ertragen, als müßten sie so sein. Ihre Nerven waren stark. 
Wie Professor Heyder unerschrocken der studentischen Barbarei zu Leibe 
ging, trat auch wohl einmal ein Pastor auf, der in seiner Predigt emkün- 
digte, daß er am nächsten Sonntag den Schoristen ihr Unwesen vorhalten 
würde. Dann fehlte es nicht an Drohungen, direkten und versteckten, der 
Studenten. Aber die Predigt wurde dennoch gehalten. Sie deckte rückhcJt- 
los alle Schädlichkeiten und Gefahren auf, nahm auch die stets vorgeschütz- 
ten guten Zwecke der Nationen vor, ,, Hegung der Freundschaft, Unter- 
stützung der Armen, Pflege der Kranken, Ausgleichung der Händel, Er- 
ziehung der Jugend", und zeigte schlagend, daß das Gute längst vergessen 
und überall vom Bösen verdrängt war. Die Hergenommenen waren ihm, 
wie er auf der Kanzel offen aussprach, Säurüssel, Vollfresser, Schlingochsen, 
Gassenräuber, Geilspatzen, ,,So oft ich mich diesen Guckucken, die ihren 
eigenen Namen immerdar, wiewohl über anderen im Schnabel führen, er- 
innere, kann ich mir keine Scythen, Goten, Tartaren, Mohren, denn sie 
sind Menschen, keine Wölfe, Bären, Basilisken, denn sie sind Tiere, keine 
Asmodi, Beelzebub, Satan, Belial, Behemoth, Leviathan, denn sie sind 
Teufel oder des Teufels Figuren, vorbilden, sondern weit häßlichere, gar- 
stigere und abscheulichere Dinger, daß auch in der Armut deutscher Zun- 
gen kein Wort zu finden, so die Bosheit genugsam ausspreche". 
Solch ehrliches Poltern hatte zunächst natürlich nur die Wirkung, daß in 
einer der nächsten Nächte ein fürchterliches Geschrei sich vor dem Hause 
des Geistlichen erhob, Flüche und Verwünschungen losgebrüllt wurden und 
seine Fensterscheiben in Stücke brachen. Ja es kam vor, daß ein derartiger 







St amtuhuchhil der ans dem l~. Jahrhundert 
Landefbibliothek in It ei ma r 




Komm an mein Herze 




fVenn der Boden zu heiß wird 

hipp erheid sehe Kostümbibliothek 




Altt.Vtna,t^^Hits.-vtr^äi^eHna./uveiUx C«rne/ttJ ^t^^üf fcA^tr^ 

Cornelius, der verbummelte Student 

.'/u.v Pugillus Facetiarum leonographicnrum von Joh. r. d. Hey den. 

St r aß bürg i 6 oS 




Im Frauenhaus 

Holzschnitt aus dem i6. J ah rh under t 




Der gelehrte Büchernarr 

Holzschnitt aus Brants „Nnrrensch iff " 
Basel 1 4(j) 




Gelehrter (links) 
mit einem Scholaren 

l6. Jahrhundert 



Fe nsterparade 

Augsburger Holzschnitt von 1^41 



Pennalismus. Heiratslust der Studenten. 89 

Pastor beschimpft und in Gegenwart von Frau und Kindern verprügelt 
wurde. Furchtloses Auftreten machte aber häufig dennoch Eindruck, zumal 
wenn es einem größeren Kreis durch den Druck der Anklage-Predigt bekannt 
gemacht worden war. Hier und da rüttelte dies auch die Behörden aus ihrer 
Lethargie auf und zwang sie, stärkere Saiten aufzuziehn. Verbote allerschärf- 
ster Art ergingen, Strafen von unerhörter Härte wurden angedroht, um 
schließlich alles so zu belassen, wie es ursprünglich gewesen; denn den Stu- 
denten blieb stets das letzte Wort. Wollten die Behörden anders wie sie, 
dann rüsteten sie sich zum Abzug nach einer anderen Universität, und darob 
gab es Heulen und Zähneklappern bei den Behörden, den Bürgern, nicht 
zuletzt bei den Professoren. 

So kann es schließlich nicht Wunder nehmen, wenn der Student einen 
Freibrief für alle erdenklichen Äußerungen des Übermuts und der Torheit 
zu haben glaubte. 

Bei solchen Gepflogenheiten entbehrt es nicht eines gewissen, wenn auch 
unfreiwilligen Humors, wenn Quistorp aus Rostock klagt, daß man die 
Studenten nicht zu Lehrern von Mägdlein brauchen könne, — ,,weil sie 
dieselben verführten"^*"). Jedenfalls ist aber damit die starke Hinneigung 
der Studenten zum weiblichen Geschlecht dargetan. 

Der wiederholt erwähnte Professor Heyder hatte 1590 in einer seiner aka- 
demischen Reden auch einmal die Vorzüge Jenas gegenüber ein deren Hoch- 
schulen hervorgehoben und unter diesen der Heiratslust der Jenenser Bur- 
schen besonders lobend gedacht. Seit der Errichtung der Jenenser Akademie, 
sagte er, seien von hier die Jungfrauen in alle Gegenden des deutschen 
Vaterlandes als glückliche Hausmütter gezogen ^^^). Doch auch Tübingen 
wird das gleiche Lob erteilt. Ein alter Stammbuchvers lautet nämlich : 

Wer von Tübingen kommt ohne Weib, 

Von Wittenberg mit gesundem Leib, 

Von Helmstedt ohne Wunden, 

Von Jena ohne Schrunden, 

Von Marburg ungefedlen. 

Hat nicht studiert auf allen. 
oder: 

Von Rostock ungeschlagen. 

Der mög von Glück wol sagen. 
Aus Tübingen wird vielfach von Ehemännern unter den Studenten berichtet. 
Am 15. November 1556 ergeht ein Senatsbeschluß wegen des Studiosus 

6 



op Studentenehepaare. 

Thalheimer, der im Karzer gewesen, aber auf Fürbitte seiner Frau wieder 
freigelassen wurde, daß er keine schriftliche Urfehde abzulegen brauche ^^^). 
Bald darauf beschließt der Senat, einen Studenten, „der großen Nacht- 
lärm mache, sich häufig betrinke und keine Vorlesungen besuche, zw^ar 
in Betracht seiner braven Frau und Kinder nicht härter zu bestrafen, 
doch aber ihm von dem Senate eine ernste Ermahnung zur Besserung zu 
erteilen ^^3). 

Dem Universitätsverwandten Johannes Küpferlein wird 1558 eine vier- 
wöchentliche Karzerstrafe auferlegt, weil er sein Weib übel geschlagen, über- 
haupt ein schlechtes Leben geführt und keine Vorlesungen besucht hatte. 
Im Januar des folgenden Jahres hat man diesen Ehemann wegen Unver- 
besserlichkeit von der Universität entfernt ^^*). Am 26. Januar 1597 wird 
ein Student auf die Klage eines Mädchens hin verhaftet und vor den Senat 
gebracht. Er hat das Mädchen geschwängert und gibt zu, ihr die Ehe ver- 
sprochen zu haben. Er erbietet sich, einen Boten an seinen Vater zu s chicken, 
daß dieser ihm die Ehe erlaube. Dies wird ihm vom Senat bewilligt, er aber 
bis zum Austrag der Sache in den Karzer gesteckt. Am 6, Februar wird an- 
gezeigt, er habe itzt geheiratet, worauf ihn 30 fl. Geldstrafe und 14 Tage 
Karzer, seiner Frau 20 fl. und ein vierwöchentlicher Hausarrest auferlegt 
werden. 

Die Strafen erfolgten weihrscheinlich auf Grund der Tübingischen Statuten 
von 1575, in denen es heißt: „Nachdem es sich etzlichemal zugetragen, daß 
junge Studenten sich ohne Vorwissen ihrer Eltern verehelicht", so wird 
dieses verboten. Niemand soll sich auch in heimliche, von Gott ernstlich 
verbotene Eheverlöbniss einlassen, bei Strafe vor das (städtische) Ehegericht 
geschickt zu werden '®*). 

Ehren Johann Balthasar Schupp ermahnt deshalb seinen nach Gießen ab- 
gehenden Sohn Anton Meno anno 1657: ,,Hüte dich auch, daß du nicht 
etwan ein Quarr suchest, ehe du ein Pfarr habest, oder eine Kuh kauffest, 
ehe du einen Stall habest"^®®). 

Auch in Göttingen befanden sich fast ständig verheiratete Studenten, Aus- 
länder, die mit ihren Frauen reisten und hier einige Zeit Studien halber 
zubrachten, oder Deutsche, die schon ihr Studium hinter sich hatten und 
hier promovieren wollten. Eine Ehe schließen, durfte jedoch in Göttingen 
kein Student. Er verlor dadurch das bisherige ,, forum", weil man mit Recht 
annehmen konnte, daß derjenige, der sich in der Universitätsstadt verheira- 
tete, nicht mehr weiter studieren wollte'^''). 



Verlobungen und Hurenbrüche. Frau Studentin. ü i 

Geraume Zeit später hieß es noch im § 12 der akademischen Gesetze der 
Universität Göttingen: „In Ansehung der Eheverlöbnisse der Studierenden 
findet dasjenige, was in der Ehe-Verlobungs-Konsulution vom i6. Jernuar 
1735 als gemeines Landrecht bestimmt ist, seine volle Anwendung; und 
sind folglich alle Verlöbnisse, welche von akademischen Bürgern ohne ihrer 
Eltern und Vormünder Einwilligung geschlossen worden, wenn sie auch 
eidlich geschehen, und der Beischlaf hiezu gekommen wäre, so ungültig, 
daß darauf keine Klage auf Vollziehung der Ehe in den Gerichten an- 
genommen wird. Wie es aber wegen der den Geschwängerten allenfalls 
zustehenden Satisfaction und Alimentations-Klage gegen Studierende zu 
halten sey, ist durch eine besondere Verordnung festgesetzt, welche in den 
Beylagen dieser Gesetze befindlich ist, und in vorkommenden Fällen genau 
befolgt werden soll. V^^er übrigens der Unzucht geständig ist, oder derselben 
überführt wird, muß die in den Landesgesetzen vorgeschriebenen Huren- 
brüche zahlen" •^^®). 

Der Senat der Universität Freiburg i/B, beschloß 1752, daß ,,wenn sich 
ein Student hinfür verheirate, solches aber ohne spezielle Erlaubnis ge- 
schehe, derselbe ipse facto von dem Forum der Universität ausgeschlossen 
ggj"i99^ So hielten es die meisten deutschen Hochschulen bis zum Ende 
des 18. Jahrhunderts. Nur Jena ging noch einen Schritt weiter als die 
anderen Universitäten, und ließ seinen Zorn bei einer Studentenehe nur 
an der ,Frau Studentin' aus. 

Da besagte ein Oberkonsistorialreskript vom 15. Juli 1775, daß ,, künftig 
keine jenaische Weibsperson, weß Standes sie auch sei, bei Vermeidung 
empfindlicher Leibes- und nach Befinden anderer harter Strafe sich mit 
einem Studenten in eheliche Verbindung einlassen solle". Diese Leibes- 
strafe konnte nur in Auspeitschung bestehn. 

Aber auch die studierende Jugend war mit Selbsthilfe zur Hand, wenn sie 
einen der Ihren in die Hand eines ihr nicht genehmen Weibes gefallen sah. 
So stürmte sie 1776 in Jena das Haus einer Dirne, und zwang sie, schrift- 
liche Eheversprechen eines Studenten zu vernichten "*^'*). 
Aber nicht allein die Behörden, sondern der gesunde Menschenverstand 
verurteilte in scharfen Worten die Studentenheiraten. 

Helmstedter Protokolle berichten mehrfach von Schwängerungen, „in 
deren Gefolge die Studenten die Ehe eingehen müssen" ^°0, wodurch die 
Mädchen zur ,,Frau Studentin" geworden waren. Das bestätigt auch um i6go 
Happelius in seinem ,,Academischen Roman" mit den Worten: ,,Auf den 



ga Brautschaften. Wohl verhaltungs vertrage. 

deutschen Universitäten war es nichts ungemeines, daß vornehmer Leute 
Kinder sich in die Academischen Jungfern verliebten, selbige schwängern 
und alsdemn zur Ehe nehmen müssen, wordurch ihr Glück größten Theils 
Schiffbruch leidet". 

Der Pickelhäring in Schochs ,Comödia vom Studentenleben' ruft den Jung- 
fern ZU: , .Trauet bey Leibe jo keinem Studenten, wenn er gleich schwüre, 
daß ihm die Augen bluteten!" -°^) Das alte Sprichwort ,Sorg für Pflug und 
Egg, dann dich zu deiner Grete leg', ändert Reinwald wie Schuppius dahin 
ab, ,,daß es wider die Klugheit sey, eine Kuh zu kaufen oder kaufen zu 
wollen, und noch keinen Stall dazu zu wissen" ^^^). Schmeizel rechnet es 
unter die „unglücklichen Zufälle" eines Studenten, wenn er ,,so weit sich 
verleiten läßt, daß er die Thorheit begeht, sich mit dieser oder jener Gretha 
verkuppeln oder gar sich am Halse trauen zu lassen", mithin „sein völliges 
Glücke in der Welt gleichsam mit Füßen von sich stoßet" ^^*) Carl Heun 
warnt 1794 in seinen „Vertrauten Briefen" ^''^) einer »bestimmten' Gelieb- 
ten sein Herz und seine Hand auf ewig zu schenken. ,,Die traurigen Folgen 
einer solchen Unbesonnenheit äußern sich bis in das späteste Alter". 
Im Jahre 1702 stellte Johann Nagel in einer Dissertation die Frage : ,,ultrum 
Studiosus theologiae quamdiu in academiis aut alibi vivit, neque publico 
admotus et officie matrimonium utiliter contrahere possit seu", ob ein Stu- 
diosus Theologiae mit Nutzen hejTaten könne^^). Das Büchlein scheint weite 
Verbreitung gefunden zu haben, da es 1711 und 1729 neu aufgelegt werden 
mußte. Mit einer ähnlichen Schrift erschien 1709 der „Dreckapotheker" 
C. F. Pavillini auf dem Plan. Er ist zwar der Meinung, daß es für den Stu- 
denten besser sei, sich zu verheiraten als zu brennen, kann aber nicht um- 
hin, darauf hinzuweisen, daß durch die Ehe die Studenten vom Studium 
abgezogen werden können, ,, indem sie ihre Gedanken auf die Hauß-Sorgen 
kehren müssen", was natürlich vom Übel sei '^^). Und in dieser Tonart 
geht es weiter, so lange es dem Studiosus möglich war, sich seine Scharmante 
ohne weitere Schwierigkeiten antrauen zu lassen. 

Nach allen diesen Erfahrungen ist es denn auch nicht verwunderlich, wenn 
ein Vater unter den Mitteln, den auf die Universität ziehenden Sohn zum 
Wohlverhalten zu zwingen, auch das aufnimmt, mit dem künftigen akade- 
mischen Bürger einen Vertrag abzuschließen, in dem ELÜes das schriftlich 
vereinbart wird, was der Vater von ihm begehrt ^^. In den Briefstellern 
des 16. Jahrhunderts sind sogar zahlreiche Formulare vorhanden, nach denen 
Väter ihre Söhne ermahnen können, ein besseres Leben zu führen. 



Väterliche Instruktion. nx 

Wie sehr solch einem Vater das Wohlverhalten des Sohnes am Herzen lag, 
zeugt das nachstehende Schreiben, das aber keinem Briefsteller folgte, 
„Instruktion vor meinen geliebten Sohn Eberhardum Wolfen, wäe mit 
Gottes mildthätigem Beistand er sich in seinem jetzo vorhabenden 2 jährigen 
Außenbleiben verhalten soll, — 1) ,,Alle Morgen, nachdem er aus dem Bett 
aufgestanden, sich gekämmt, gewaschen und angezogen haben wird, soll 
vor seinem Schöpfer, Erlöser und Heiligmacher er auf die Knie gebührlich 
niederfallen und sein Gebet in flammender waiirer Andacht und tiefster 
Demuth ernstlich verrichten, zugleich auch jedes Tags ohnfehlbar und ohn- 
vergeßlich diejenige Precation mitsprechen, welche a. 1629 ich gefasset und 
ihm gen Marburg mitgegeben, dazu auch meinen an sich schlechten und 
ringfügigen, in Christo Jesu aber kräftigen Segen gelegt habe". — 2) ,,Nach 
vollbrachtem Frühgebet soll er allemal einen Psalmen Davids lesen oder ihm 
vorlesen lassen, damit er den Psalter, welchen er in seiner zarteren Jugend 
ganz auswendig gekonnt, in stetiger starker Gedächtnis behalte". — 5) ,,Nach 
dem Psalmen soll er 1 oder 2 Kapitel aus der Bibel selbst lesen oder ihm 
vorlesen lassen". — 4) „Solches alles soll er thun nicht nur, wenn er Mor- 
gens aufsteht, sondern auch, ehe er Abends zu Bett geht", 5) ,,Noch darzu 
soll er des Tags sich jeweils einschließen, auf die Knie niederfallen oder 
sonst seine Andacht üben und emsig zu Gott im Himmel rufen etwa auf 
diejenige Weise, welche ich ihm am. nächstverwichenen Sonntag Quasimo- 
dogeniti auch vorgeschrieben habe", 6) „Alle theologischen disputationes 
publicas soll er durchblättern, folgends besuchen und aushören: wenn aber 
deren in einem Monat mehr als eine gehalten würde, mag er die Besuchung 
unterlassen und in einem Monat mit einer theologischen Disputation content 
seyn, damit ihm nicht gar zu viel Zeit von studio juris entzogen werde". 
7) ,, Sonntags soll er zwo und in der Woche eine Predigt hören, sonderlich 
aber je zuweilen am Sonntag wie auch Samstags gegen Abend in schönen 
Gebetbüchern, Postillen oder anderen theologischen Traktaten sich erblät- 
tem und, in denselbigen Stunden die schon angefangene zweite Lektion 
locorum theologicorum Hafenrefferei vollends hinausbringen", 8) „Und ist 
mir sonderlich angelegen, daß er zum wenigsten iille Quartal den Tisch des 
Herrn andächtig besuche, sodann, daß er sich gewöhne, die Sonn- und 
Feiertage fleißig zu halten und allgemein zur Übung der Gottseligkeit (es 
geschehe nun durch Beten, Singen, Lesen, Hören oder Gesprächhedten) an- 
zuwenden, sonst strafet Gott gemeiniglich, daß je eine Verhinderung der 
andern auf den Socken folgt, und man die W^oche über fast niemals recht 



94 Bürstenbinder. Der studentische Trunk. Der Saufteufel. 

fertig werden kann". — 9) „Alle vormittägige Stunden in der ganzen Woche, 
den einigen Sonntag ausgenommen, wie auch dreier Tage Nachmittags- 
stunden soll er nach gehaltenem Gebet und Lesung in der Bibel in solo 
juris studio ganz zubringen". — 26) „Noch ein halb Jahr lang soll er täg- 
lich 1 Stund auf den Dantzboden und folgendes Jahr auf einen Fechtboden 
gehen; wäre aber zu Jena kein Dantzmeister, so soll er das Fechten zwar 
sobald ohne Prämittirung des Dantzens, jedoch etwa worerstin einem Viertheil 
Jahr nach seiner Ankunft antreten. Stracks anfangs nach seiner Ankunft in 
Jena soll er nicht geschehen, darmit er sich vorhin recht einrüste, den droben 
gesetzten eilften Punkten dieser Instruktion desto besser erreiche und nicht 
allzusehr in Bekanntschaft gerate". — 27) ,,In solchen exercitio des Fech- 
tens soll wegen seiner Jugend ihm eine gar leichte Wehr gegeben werden 
und H. Kolb zum wenigsten die ersten 3 Monate eben auch dieselbe Stunde 
den Fechtboden mit und neben meinem Sohne meis sumtibus besuchen". 
Darmstadt 8. April löso^o»). 



Zu den immer wiederkehrenden Klagen in den Ermahnungsbriefen gehörten 
von alters her die über die vom Studentenleben früherer Zeit nahezu unzer- 
trennlichen Saufexzesse. Wie von den Bursen das Wort Bursche abgeleitet 
wird, so auch aus Bursieiner das Bürstenbinder, im Sinne des noch gebräuch- 
lichen Trinkens wie ein ,,Birstenbinder", wie Fischart sagt. 
Wie es in den Bursen mit dem Trunk zuging, ist schon gesagt worden. 
Die Sehnsucht der Goliarden stand nach Wein und Weib. Diese beiden 
waren ihre Gottheiten, denen ihre Leier unentwegt erklang. Selbst die 
kleinen Schützen auf der Lcindstraße fieberten nach dem Trunk, ihr Elend 
zu betäuben. ,, Manchmal gingen wir im Sommer nach dem Nachtmahl in 
die Bierhäuser Bier erbetteln. Da gaben uns die vollen Polaken-Bauern Bier, 
daß ich oft ohne es zu wissen so voll bin worden, daß ich nicht habe wieder 
zu der Schule können kommen, wenn ich schon um einen Steinwurf weit 
von der Schule war", erzählt Thomas Platter ^^^). 

In Tübingen war ,das wüsteste Pokulieren ganz außerordentlich im 
Schwang'. Jakob Andrea, Propst und Universitätskanzler dort, klagt 1568 
und 1569 über das alltägliche „wüst, epikurisch, viehisch Leben mit 
Fressen und Saufen". Trunkenheit werde ,,geinlich weder bei hohen noch 
niederen Standesleuten" für eine Schande gehalten. ,,Die mit gutem 



Zechschulden. Saufteufel. 05 

Exempel und ernstlicher Strafe es abschaffen sollten, tun und treiben es 
am heftigsten". 

In Jena erließen bereits 1556 die fürstlichen Gründer der Hochschule eine 
Polizeiordnung gegen das „Vollsaufen und Volltrinken" ^^0 — man be- 
achte den feinen Unterschied! Von da ab wimmeln die Universitätsgesetze 
edler Hochschulen von Verordnungen und Ermahnungen, alle mit dem 
gleichen Ergebnis, absolut nichts zu nützen. 

Wenn es in Tübingen heißt: Kein Bürger oder Uni versitäts verwandter soll 
bei strenger Strafe heimliche Trinkstuben für Studenten halten; Wirte 
sollen, bei Strafe, solche nicht einrichten; Zechschulden sind die Eltern zu 
zahlen nicht schuldig ^^^), so stand das auf dem Papier, sonst nichts. 
Wenn aber wirklich für kurze Zeit dem Gesetz nachgelebt werden mußte, 
dcinn wußte man sich auch zu helfen. Da zogen die Studiosi in hellen 
Haufen nach Rottenberg und anderen Bierdörfern, um sich von dort Kiele 
zu Federn und Papier zu holen! ,,Sie gingen nach Montrouge, aber mit 
Rothenberg bei Tübingen, dahin die Studenten wöchlich um guten Wein 
walfarten, Papir zu holen, welches sie gleich so wolfeil ankommt, als wenn 
die Nürnberger Bierbrawer jährlichs Höfen (wohl Hopfen) in Thüringen 
holen", spottet schon Johannes Fischart ^'^). 

Aber in den Universitätsstädten bot sich ohnehin meist immer eine Gele- 
genheit, der Trinklust bis zum Übermaß zu frönen. Vornehmlich in den 
Kosthäusem, und nicht nur in denen, die heimlicherweise , Schlaftrünke' 
ausschenkten. So tranken einmal in Tübingen bei einer Witwe Megelin 
sechzehn Studenten fünfzig Maß Wein beim Mittagbrod. Dann trichterten 
sie einem gewissen Königsbach, während sie ihn auf einem Schiebkarren 
nach Hause fuhren, unterwegs noch Wein in den Rachen. 
Von den Jenenser Trinkbräuchen wird uns berichtet, ,daß dort Disputa- 
tionen zu Ehren des Bacchus gehalten wurden, wobei die Zuhörer kleinere 
Becher bekamen, der Opponent einen Humpen hatte, womit er in drei- 
fachem Schluck das jus objectionis darstellte, der Respondent durch drei- 
maliges Trinken diesen nassen Syllogismus annahm, der Präses das Übrige 
austrank' ^^^). 

Einer der wütendsten Teufel, die jene Welt von damals bevölkerten, der 
Saufteufel, hatte auch von den Studenten Besitz ergriffen, Mathäus Fride- 
rich aus Görlitz, Pfarrherr in Görenz und dann in Schönberg bei Görlitz, 
war der Biograph dieses nassen Satans, denn er schrieb den 1552 bei Georg 
Hantzsch in Leipzig erschienenen ,Sauffteufer, 



g6 Höllenkinder. 

Er sammelte in seinem schmalen aber inhaltreichen Büchlein alle Ur- 
sachen ,das Sauffen zu meiden', und er findet deren sieben, und aus allen 
geht als ceterum censeo hervor: Du sollst nicht saufen! „Obs etliche Pfar- 
herr thun, da erger dich nicht an, sie werden rechenschafft drumb geben 
müssen. Dir aber ist nicht befohlen von GOtt, das du thun seit, was dein 
Pfarherr thut, sonder das du hören A-nd thun solt, was er dir aus GOttes 
wort vor saget. So wird auch Christus am Jüngsten gericht nicht fragen. 
Ob du gethan hast, was dein Pfarher gethan hat, sondern ob du gethan 
hast, was du von jm in der Predigt gehöret hast". 
Die Pfarrer waren eben auch Studenten gewesen: 

und was er als dieser gepflegt und getan, 
nicht will ers als Pfarrer entbehren .... 

Zu einem Studentengelage in der zweiten Hälfte des dreißigjährigen Krieges 
führt uns Moscherosch in seinem ,, Philander von Sittewald". Als Modelle 
haben Bursche der Universität Straßburg gedient. 

In ,, Höllenkinder", dem 6. der Gesichte, hört der Held einen Geist, der 
ihn durch die Stätten des Elends führt, rufen: „. . . komme herbei und 
schaue, in welchem Zustand meistens eure Studenten heutiges Tages leben, 
und ob deren noch einige können errettet werden!" Und sieh, ich sah ein 
großes Zimmer, eine Kunkelstube (Spinnstube), ein Bierhaus, ein Pasteten- 
haus, eine Weinstube, ein Ballhaus, ein Hurenhaus u. s. w. Ich kann nicht 
sagen, was es eigentlich gewesen ist, denn ich sah alle diese Dinge darin: 
Huren und Buben, Herren und Bärenhäuter, Rüpel und Studenten. Ich 
fragte, was für eine Gesellschaft das wäre? und der Geist sagte mir mit 
zwei Worten: ,,Das ist euer Studentenleben l" Der Geist eifert nun über 
die unziemliche Kleidung der Studenten: ,,denn wo die köstlichen Kleider 
zunehmen, da geht der Verstand hinweg; wo die närrischen Trachten und 
Gebärden einreißen, da hat die Lehre und Sittsamkeit ein Ende. Und nun 
Philander, was dünkt dich? Sieh, die vornehmsten und meisten dieser Ge- 
sellschaft sind Studenten der Theologie. Sie gehen einher in verfladerten, 
vemestelten, verbändelten, verstrickten Hüten, in verlottelten Hosen, in 
verfederten taubenfüßigen Stiefeln, mit durchlöchertem Gewissen; sieh, 
was für ein Leben sie führen, wie sies treiben und tun. 
,,Und diese sind es, die euch den Weg zum Himmelreich dermaleinst weisen 
sollen". Ebenso geht es mit den Humanisten. „Sie gehn daher in kostbaren 
Kleidern mit Silber und Gold besetzt, mit gepuderten Köpfen und gepuff- 



Roheit. Trinkgelage. Blüten der Sauferei. 97 

tem Haeir, mit ungestalten Leibern, mit teuflischen Trachten und prangen 
in ihrem Grade wie eine Kuh, die am Joch zieht". Doch diese Alamode- 
Studenten verhüllen nur dürftig mit den prächtigen Gewändern die Roheit, 
die sie mit allen Kindern dieser trüben Zeit teilen. Beim Trunk offenbarte 
sich diese in ihrer ganzen Häßlichkeit. 

Philander erzählt weiter: „Als ich auf Ermahnung des Geistes näher hin- 
zutrat, sah ich, daß die Vornehmsten an einer Tafel saßen und einander zu 
soffen, daß sie die Augen verkehrten wie gestochene Kälber oder geschoch- 
tene Ziegen. Aber bei der Schenke bemerkte ich einen in grausamer Ge- 
stalt, der ihnen heimlich Schwefel und brennendes Pech unter den Wein 
mengte, wovon sie erhitzt wurden, als ob sie voll höllischen Feuers wären. 
Einer brachte dem andern eins zu aus einer Schüssel, aus einem Schuh; 
der eine fraß Gläser, der andere Dreck, der dritte trank aus einem verdeck- 
ten Geschirr, darin allerhand Speisen waren, daß einem davor gruselte. 
Einer reichte dem andern die Hand, fragten sich unter einander nach ihren 
Namen, und versprachen sich, ewige Freunde und Brüder zu sein mit Hin- 
zufügung dieses üblichen Burschenspruchs: „Ich tue, was dir lieb ist, ich 
meide, was dir zuwider ist!" Dann band einer dem andern eine Schleife 

von seinen Schlotterhosen (Pluderhosen) an des andern zerfetztes Wams 

Die aber einander nicht Bescheid tun wollten, stellten sich teils wie Un- 
sinnige, teils wie Teufel, sprangen vor Zorn in die Höhe, rauften vor Be- 
gierde, solchen Schimpf zu rächen, sich selbst die Haare aus, stießen ein- 
ander die Gläser ins Gesicht, mit dem Degen heraus und auf die Haut, 
bis hier und da einer niederfiel und liegen blieb. Und diesen Streit ssih ich 
auch unter den besten und Blutsfreimden selbst mit teuflischem Wüten 
und Toben entbrennen. Ich hörte einen hinter mir, der sprach: „Das sind 
die Blüten der Sauferei, das sind die Früchte des Pennalismus l" worüber 
ich seufzend bei mir sprach : Mein Gott ist es möglich, daß der Teufel et- 
was ärgeres unter den Menschen hätte aufbringen können als dieses, daß 
auch die besten Freunde wegen eines Glases Wein, wenn sie einander nicht 
Bescheid tun wollen, nicht mögen oder können, sich so entzweien, zeinken, 
neiden, plagen und placken, und was das ärgste ist, daß sie sich die bäuri- 
schen, gröbsten Gedanken machen, als ob Ehre und Reputation deswegen 
in Gefahr stünde! 

Andere waren da, die mußten aufwarten, einschenken, Stimknuffen und 
Haarrupfen aushalten, neben vielen andern Narreteien. So saßen die anderen 
Eseln auf diesen wie auf Pferden und soffen eine Schüssel mit Wein auf 

Bauer, Sittengeschichte 7 



9 8 Orgien. 

ihnen aus. Andere sangen Bacchuslieder dazu oder lasen Bacchusmesse: 
„O edler Wein, o süße Gabe!" . . . ." 

,, Andere sah ich blinzelnd herumschwärmen, als ob sie im Finsteren wären, 
ieder mit einem bloßen Degen in der Faust. Damit schlugen sie in die 
Steine, daß es funkelte, schrieen in die Luft wie Pferde, wie Esel, wie 
Ochsen, wie Katzen, wie Hunde, wie Narren, so daß es den Ohren wehe 
tat . . . So ziehen sie des nachts umher. Die einen spielen die Laute, die 
andern die Zither, andere schrien und raufen, und bcdd folgt das Jammer- 
geschrei der Verwundeten . . . .""^°). 

„Andere wieder soffen einander zu auf Stühlen und Bänken, auf dem Tisch 
oder auf dem Boden, auf den Knien (wie dies auch Johann Balthasar Schupp 
bestätigt: ,,Da satzten sich einmahl zween auf die Knie und truncken .... 
Brüderschaft"^'^)), den Kopf unter sich, über sich, hinter sich, vor sich. 
Andere lagen auf dem Boden und ließen sich den Wein einschüUen durch 
einen Trichter. Andere lagen und schnarchten. Andere nickten und tranken 
sich zu. Andere stimmten mit schwerer Zunge dem Gesänge der Genossen 
bei. Andere lagen lang auf dem Tisch, das Kinn in die hohle Hand gestützt. 
Nun gings über Tür und Ofen, über Trinkgeschirr und Becher her und mit 
denselben zum Fenster hinaus mit solcher Unsinnigkeit, daß mir grauste. 
Andere lagen da, spien und kotzten wie die Gerberhunde. Und wenn sie 
sich genugsam in dem Unflad besudelt hatten, dann kamen ein paar häß- 
liche Geister und trugen sie zu Bett, daß die P'lamme über ihrer Seele zu- 
sammenschlug . ." ,,So wird es allen Studenten ergehn, welche die teuere 
Zeit so liederlich verscherzen und die stattliche Gelegenheit so elendiglich 
versäumen. Die ihrer Eltern sauren Schweiß mit Fressen und Saufen, mit 
Spielen und Prassen, mit Buhlen und Stolzieren, mit Doppeln und Würfeln, 
Lautenschlagen, Tanzen und Springen, Fechten, Ballschlagen oder für 
Schuster, Schneider, Krämer, Barbiere, Wäscherin, Buchhändler, Holz, 
Stube, Licht gleichsam durchjagen und verzehren, Witz und Verstand ver- 
saufen, Kunst und Tugend verachten und in der Gnadenzeit nicht umkeh- 
ren und sich bessern. Die das edle Talent und die von Gott verliehenen 
Gaben, das herrliche Genie, Sinne und Gedächtnis in so mörderischer Weise 
verderben, zu geringschätzigen, unnützen Dingen mißbrauchen, die erleuch- 
tete Natur zum Liederdichten und zu anderen Leichtfertigkeiten abrich- 
ten" Dazu brüllte der Chorus: 

Lasset uns schlemmen und demmen bis morgen ! 

Laßt uns fröhlich sein ohne Sorgen ! 



Sauf liedlein. Vom Komment. Das Zechrecht. gg 

Wer uns nicht borgen will, komme morge! 

Wir haben nur kleine Zeit hier auf Erden ; 

Drum muß sie uns kurz und lieb doch werden. 

Wer einmal stirbt, der liegt und bleibt liegen, 

Aus ist es mit Leben und mit Vergnügen, 

Wir haben noch von Keinem vernommen. 

Er sei von der Höll zurückgekommen, 

Und habe verkündet, wie dort es stünde. 

Nur Gesellschaft treiben ist ja nicht Sünde : 

Sauf also dich voll und lege dich nieder, 

Steh auf, und sauf, und besaufe dich wieder! 
So geht es noch einige Zeit fort, um in dem Stoßseufzer zu enden : ,,Ist dies 
die schöne alte Zucht? Soll das sanftmütige, gott- und ehrliebende Studenten 
geben? Sind dies die Helden, durch die künftiger Zeiten geistliches und 
weltliches Regiment auf Erden soll bestellt werden?" 

* 
Aus dem von Moscherosch nur angedeuteten Gebahren der zu gemeinsamen 
Trunk versammelten Studenten im Anfang seiner Schilderung, läßt sich so 
etAvas wie ein Komment entnehmen, wie ein solcher in der Tat zu Zeiten 
unseres Dichters schon lange im Gebrauch war und sogar längst gedruckt 
vorlag. 

Im Jahre 1615 erschien das ,Jus potandi oder Zech Recht. Durch Blasium 
Multibibum aufgesetzt, vnd jetzt aus dem Lateinischen übersetzt per Joan- 
nam Elisabetham de Schwinutzki', Ein Jahr darauf gab es schon eine zweite 
Auflage, und von da ab zahlreiche Nachdrucke und Bearbeitungen, allein 
im 17. Jahrhundert 14 lateinische und 7 deutsche Ausgaben, bis zum Jahre 
1877, in dem Dr. Max Oberbreyer seine Übersetzung herausgab. Blasius 
Vieltrunk, der Verfasser des Zechrechts, war sonder Zweifel ein Student, 
der sich mit Lust und Liebe, aber auch mit viel Humor herangemacht 
hatte, seinen Kommilitonen Saufregel zu liefern. 

Unter den vielen , Schimpfbüchlein vom Saufen' ist das des Multibibus 
wohl das einzige, das ausschließlich für Studenten berechnet ist. In 60 
kurze Kapitel verteilt der Verfasser alles das, was er vom Trinken zu 
sagen hat, und was er beim Trinken beachtet wissen will. Vom löblichen 
und schönen Ursprung des Sauffens, Schwelgens und Demmens kommt er 
zu den Gründen des Zechens. Er sieht in ihnen nichts anderes, ,als ein 
tapffers und rittermäßiges Scharmützel, welches mit Kannen, Gläsern und 



lOO "Volkmann -Leander. 

dergleichen Gefäßen, damit man frisch auff einander zusegelt, vor die 
Hand genommen wird. Das Zechrecht aber, welches sich dahero entspinnet 
und entspringet, ist dasjenige, das da in sich begreiffet, alle Gebräuche, 
Solennitäten und zu solchem Werck gehörige Ceremonien und dam eben 
hell und klar alles das, was einer dem andern nach Statut und Satzungen 
zu leisten schuldig, vermeldet und anzeigt , 

Die Ursachen des Trinkens, d, h. „dem freundlich anlachenden Gesellen 
Baccho ein nasses Fest anzustellen und mit sonderlicher Hurtigkeit des Ge- 
müths zu celebriren und zu begehn", nehmen ganze vier Abschnitte ein, 
dann erst kommt die ,, Materia oder der Stoff', nämlich Bier oder Wein, 
drjin. Der Verfasser erkennt die Vorzüge jedes einzelnen dieser Stoffe an, 
stellt aber die Entscheidung über diese in das Belieben der Trinker. Er 
kannte eben den feinen Unterschied noch nicht, den 250 Jahre später 
Richard Volkmann-Leander gefunden hat: 

Mut zum Kuß und Mut zum Schwerte, 

Schwung des Liedes und der Rede 

Trink aus hellgeschliffnem Römer: 

Schäumend in die dunkle Blutbahn 

Bricht der goldne Quell des Weines; 

Rascher treibt sie. Jede Faser 

Spannt sie an. In ungeahnten 

Combinationen reichen 

Die Molekel des Gehirnes 

Sich die Hände. Klang der Sphären 

Tönt — die Erde sinkt — gesichert 

Steigst du auf mit Götterflügeln 

Und am sonngen Firmamente 

Ziehst du hin! Im Nebel unten. 

Kaum erkennbar, liegt die Erde, 

Nur ihr dumpfes Brausen hörst du. — 

Aber sinnige Betrachtung, 

Philosophische Gedanken, 

Takt zu praktischem Geschäfte 

Schöpfst du besser aus dem B i e r e. 

Keinem Zweifel unterliegt es, 

Daß die Attraktion der Erde 

Es vermehrt. Behaglich sitzt du 




Vom Hosenteufel und Riesenlatz 

Kupfer von f'irgil Sulis 




Ffße moiu WS ^HbUur ctuJa jut^tu. : S t^e wtc moti ffu/efitr^r nAc^t. 

Vt fueai rabUas animi com^rfnrc mjbu: •*^'' cj J iPj O 



Deuositionsszene im endenden IJ. Jahr hunder t 







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y4u5 Dendrono, Natürl. Ab schil de r nn g d e s akadein. Lebens, 
Nürnberg, etivn iJ2j 




Der faule Student 




C mt ^ kaßa CfyiataiJaäeMmrrti^gr'tt. 

Auf dem Fechtboden 

Academia seu specti I um vitae scho l asticae , im he im ihiz 




ArrntußMhutfHoctu artt/iantur in yrbe,Oj^i$p -vipU* trt m€in^a ferecia mulctant 
J^actuti ijic'ij t^r^a rutJJattihiLf T^fhbut l Mtmcet di/ce mantre tianv> 



Ständchen vermummter Studenten 
Hinten Studentenschlägerei 




£ü)e^ ,^A..£,^xiZu>h,e 




r 'LLnJlQ,f::ti^e. urvd öcA^^r. 



'.^^rmniJe 



Aus IV inter Schmidt s Studentenleben 
Nürnberg , um ij6o 



Darf die „Jungfrau" trinken? Bruderschaftstrinken. lOl 

Hinterm Bierkrug, deutlich fühlend, 

Wie stabilre Elemente 

Dir er zuführt, und antike 

Ruhe das Gemüt dir sänftigt"^^'). 
Abschnitt 9 unseres Jus potandi beginnt endlich mit der Form, „Art und 
Weise des Zechens". 

Es gibt zwei Arten: totales und paxtiales. Totales heißt, daß man das Glas 
auf einen Zug hinter die Binde gießt. Füllt man erst mit dem Tremk den 
Mund an, ehe man die Flüssigkeit die Gurgel hinab rinnen läßt, so nennt 
man das floricos im Gegensatz zu hausticos, ,,wenn der gantze Pocal oder 
Glass auffeinen Zug oder Athem evacuiret und geleeret wird". Nun wird 
die Frage erörtert, was mit dem zu geschehen hat, der nicht totales zu trinken 
im Stande ist. ,,Bei gutem Willen kann man ihn, wenn er nicht ala floricos zu 
saufen vermag, den Trunk ala hausticos verstatten. Den muß er aber leisten, 
bis ihm die Augen glitzen und das klare Wasser von dannen tröppffelt''. 
Artikel 15 und 14 behandeln die heikle Frage, ,,ob eine Jungfrau, so einem 
(Studio) an der Seiten sitzet, etwa ein wenig dürffen helfen ein Trüncklein 
thun? Ja, ja in alle Wege, quia minima non curat Praetor". Jedoch muß sie 
sich wohl hüten aus dem Glase des Studenten ,,ein eben starckes Söffchen" 
zu tun. Das gilt nicht und wird nicht erlaubt. 

Ebensowenig darf sich einer unterstehn, ein altes Weib als Helferin zu haben. 
„Nein, mit nichten, in keinem Wege. Denn solche alte, grinsichte, trieff- 
näsichte Weiber pflegen gemeiniglich in die Kannen oder Glass zu kölstern 
und sauffen gerne ein mehres als seyn solte". 

Das Zutrinken und Bruderschaftstrinken nimmt die Abschnitte 1 6 — 25 ein. 
Bei der Beschreibung der Zutrinkgebräuche steigen dem Verfasser die 
Bedenken auf: ,,ob denn auch dieses (Zutrinken) ein vernünftiges Thun 
und Verrichten sey?" Er kommt zu dem Ergebnis, ,,wer weiß nicht, wie 
viel gute gesunde Leute, indem sie mit solchem Gesundheitstrincken einem 
andern die seine haben wollen erhalten oder verbessern helffen, sich ihrer 
eignen, ja ihres Leibes und Lebens, dessen sie sonsten Alters halben noch 
wol eine Zeitlang hetten in andre Wege genießen können, gar elend und 
muthwilliglich spoliret und beraubet haben". 

Bemerkenswert erscheint die in § 25 aufgeworfene Frage : „Soll aber eben der- 
gleichen — d. h. die Degradation — auch von einem von Adel geschätzet und 
gehalten werden, gleich, als schadete er sich selbst, wainn er mit einem ehr- 
lichen Studioso eine solche Fraternität und Verbündniß geschlossen hat?" 



102 Bruderschaft mit der ,, Jungfrau", Trinkarten. 

Gott sei Dank nein! Der Adel behält seine Reputation ebenso wie der 
Student, der sich herabläßt mit einem ,,Mercator oder Kauffgesellen auff 
Brüderschafft zu trincken". 

Kitzlicher als diese beiden ist schon die Frage: ,,Was hältst oder meinest 
aber du von einer Jungfrauen, geschieht auch ihr etwa an ihrer Zucht, 
Scham und Keuschheit eine Verkleinerung oder Abbruch, wenn sie mit 
einem jungen Gesellen uff Brüderschafft oder auff Dutz trincket?" Jung- 
frauen seid auf der Hut! ,,Und hat man wohl ehe erfahren, daß der Name: 
liebes Schwesterchen in einen weit andern Titul innerhalb weniger Mo- 
naten verkehret worden; und wol ehe hernach der Bruder mit der Schwester 
zu Bette gangen. Derowegen: Principiis obsta, sero medicina paratur. 
Die unappetitlichen Trinkgeschirre, wie sie schon Moscherosch erwähnt 
hat, die Zutaten zum Suff, wie Unschlichtlichte, ungewässerte Heringe, die 
in die Kanne geworfen und mitgetrunken werden, dann das Zerbeißen der 
Gläser ,, gleich als wärens Kirschkern", machen den Inhalt der Abschnitte 26 
und 27 aus. Dann bildet ein gcinz belangloses 28. Kapitel den Auftakt zu 
dem sehr interessanten 2g. Dieses lautet: ,,Das Trinken an sich selbst ge- 
schieht nun auch uff viel und mancherley Weise. Ich aber wil nur etliche 
wenig Umstände disfalls erzehlen und anmelden. Etliche wenn sie trincken, 
fassen oder heben das Glaß mit dem Munde auff, etliche fassen die eine 
Lippe, damit sie also mit zur Erde gestürtzten Kopffe trincken können; 
Andere nehmen zwey Gläser zusammen und trincken sie mit einander zu- 
gleich aus. Andere fassen das Glaß nicht mit der Hand, sondern unter den 
Arm, Andere stürtzens an die Stirn, damit also das liebe Geträncke all- 
gemachsam an der Nasen als in einer Rinne zum Munde herab fließe. Und 
bedüncket mich, daß bey solcher selttzamen Sauffceremoni diejenigen mit 
einer sonderlichen Prärogativ und Vortheil begäbet seyn, die da feine große 
herein wärts gekrümmte Nasen, wie ein Habichts-Schnabel zu haben pfle- 
gen". Gewisse ,,Gesticulationen und Ceremonien" haben eigene Namen. So 
das Curl Muri Puff, bei dem der Bart auf besondere und vielfältige Art ge- 
reinigt wurde. Dann sollten bei gewissen Trünken ,,itzt mit den Füßen ge- 
tappt, bald mit den Fingern geschnippft, eines gepfiffen und sonsten viel 
seltzame phantastische Possen gebraucht werden". Dann gab es das Pocolum 
latinum, das Rößlein verkaufen, dem Unbekannten bringen, das ohne Duck, 
ohne Schmuck, ohne Bartwisch. 

Die folgenden Abschnitte, von 31 an, befassen sich mit den Willkommen- 
trunken, bei denen ,,das Römische Reich" zu ihrem Rechte kommt, näm- 



Nasse Willkommengrüße. St. Ulrich. 105 

lieh der so genannte Riesenhumpen, „dessen Krafft und Gewalt so groß und 
mächtig ist, daß sie wol auch den allerstärckesten Herculem oder Sauff- 
Ritter dürffte ein Bein stellen und wieder GOttes Boden darnieder werf- 
fen". Aus diesem Ungetüm pflegten vier Mann zu trinken. Drei nippten, 
der Vierte hatte die ehrenvolle Aufgabe, den Rest, unbeschadet seiner 
Menge, zu schlürfen. Der folgende Abschnitt gibt an, wie junge Gesellen 
und Jungfrauen, paarweise um den Tisch gereiht, Hand in Hand gleich- 
zeitig aus einem Becher trinken, und sich darauf noch mit einem ,aus- 
bündigen^ freundlichen Kuß' stärken sollen, der besser als der allerbeste 
Wein schmecken würde. 

Was soll geschehn, wenn bei einem, Rundtrunk aus einem Gefäße einer in 
die Kanne nießen oder husten müsse. Nun dann habe der Verbrecher eine 
frische Kanne zu bestellen. Unweigerlich von Rechts wegen! 
Artikel 37 besagt, „daß der Effekt oder Ende des Sauffens nun nichts 
anderes sey, daß einer einen guten Rausch bekomme und truncken wird . . . 
aber ehe man sichs versiebet, rufft er Ulricum. Und siehe dich vor, daß dvi 
ihm nicht eben in dem Gesichte stehest, sonst wird er dich mit einem statt- 
lichen Magenpfeil schießen, daß du des Schwammes wol begehren wirst". 
Um sich dem Rausch möglichst zu entziehn, ist es erlaubt, mit gutem Ge- 
wissen allerlei Mittel anzuwenden. Beim Gelage sollen alle Disputationen 
unterbleiben. Erstens sind sie langweilig, zweitens können sie Gezänk und 
Streit erregen. 

Absatz 45 rechnet mit jenen ab, die den löblichen Brauch huldigen, „wenn 
sie wol bezecht seyn, daß sie gerne Fenster ausschlagen, Tische und Bäncke 
und dergleichen in stücken brechen", oder wohl gar den Ofen stürmen und 
die Kacheln ,, hernach zum Fenster häuffig hinaus werffen". Die Schoristen 
lieben dies bei ihren Besuchen in der Behausung der Pennäler zu tun, wenn 
sie nicht vorziehn, deren Bücher zu vernichten oder mitgehn zu heißen. Da 
diese Sache eigentlich mit den Komment wenig zu tun hat, so sei sie mit 
dieser Anführung auch erledigt. Wichtiger ist die Entscheidung, „ob die 
Speyaktion, die in vieler Leute Gegenwart geschehen, etwa eine turpido 
oder Schande sey?" Im Allgemeinen hält man dafür: quod non! Aber: 
„Wäre das nicht eine große Schande und Übelstand, wann einer in Gegen- 
wart etlicher Jungfrauen ein unflätiges Speymultum begienge und Ulricum 
anruffte?" Der Verfasser ist anderer Meinung als manche Jungfrau, die so 
etwas nicht gern sieht. 
Auch darüber sind die Gelehrten nicht einig : „Ob nemlich ein guter Ge- 



1 04 Von der ZerbrechlicKkeit der Jungfrauschaft. Jvmgfräuliche Defension. 

seile, der da mitten unter den Jungfrauen zu Tische sitzet, Scilve honore 
könne auffstehen und Urinam zu reddiren hinaußgehen?" Nachdem der 
Verfasser einen etwas scharf gesalzenen Schwank erzählt, wie ein in die 
Enge getriebener Bursch sich geholfen hat, kommt er zu dem tiefsinnigen 
Ausspruch, „seyd doch nicht so gar furchtsam und schüchtern der Natur 
ihr Werck und Nothdurfft zu verrichten, welches doch die Jungfrauen Selb- 
sten, wie subtil, wie künstlich und klug sie sich auch bedüncken lassen, 
nicht durch die Ribben schwitzen". 

§ 47 erklärt den für unschuldig und nicht strafwürdig, der einem andern 
in die Augen gespien oder die Kleider beschmutzte, wenn er dieses nicht 
absichtlich getan hat. Der nächste Absatz ergeht sich über den Umgang mit 
Jungfrauen und solchen, die es gewesen sind oder nicht mehr sein wollen, 
indem die Frage aufgeworfen wird, ,,ob auch Jungfrauen solchen Conver- 
sationibus ohne Gefahr und sicherlich könten bepvohnen?" 
Darüber heißt es nun: ,,Fürw?Lhr, weil ihrer viele bevoraus allda ungewisser 
Hände seyn und mit denselben bald herauff, bald hinunterwerts in alle 
Winckel zu grapschein pflegen und gleich wie die Schafe umherirren, son- 
derlich wann ihnen die Augenlieder, wie dazumahl gar leichtlich geschiehet, 
unversehens zufallen, also achten wir bey solcher Beschaffenheit nicht vor 
rathsam, daß ihnen die anwesenden guthertzigen Jungfräulein zu viel trauen: 
latet enim anguis in herbis (Vergil, Ecloge 3,93), welche, so sie eins mit 
dem Stachel treffe, dürffte sie wol durch gefährliche Vergifftung das arme 
Mägdlein so schwellend machen, daß ihr mit keinem Pflaster, wie starck 
auch die vis attractiva dessen sei, hernach könne gerathen und geholffen 
werden. Doch rede ich allhier nicht von denen Jungfrauen, die nach der 
Passauer Kunst sich feste machen und wider Hieb, Stich und Geschoß 
können. Mögen derhalben etliche fromme Galatheae wol bedencken, was 
die Jungfrauschafft vor ein gefährlich und zerbrechlich Ding sey cum eam 
osculo delambari tradent. Sie mögen auch dameben ein wenig fleißiger be- 
hertzigen . . . daß auch die Götter selbst eine einmahl verderbte Jungfrau 
nicht wiederum könten ergäntzen und wieder zu recht bringen. 
Solches edles und jedes nun acht ich, was diejenigen Jungfräulein wol wissen 
und verstehen, die sich und ihr selbst Heil und Wolfahrt gar beißig defen- 
dieren und beschützen wollen, indem sie gar zomiglich solche und der- 
gleichen Scheit- und Schutzwörtlein von sich hören lassen: Sine me inde- 
tonsam, laß mich zu frieden, laß mich ungefoppt. Manum de tabula. Nicht 
zu weit, Herr. Lieber lasts bleiben, ihr werdet hier nichts finden, was ihr 



Zech- und Sauf-Disputation. 105 

und euersgleichen suchet. Domine, quod sunt venti? Was will der Herr 
wol? Oder wie etliche Neotericae und Neugesittete zu sagen pflegen : Hoccine 
adspiras? Gl eich wol, wolt ihr gerne hin? Bei Leibe nicht. Ach, wie könt 
einer doch? Es wäre meine höchste Ungelegenheit. Höret auff, lasset es 
bleiben. Lieber last die Possen bleiben. Lieber last es seyn. Ist der Herr auch 
hönisch? Diese Woche nicht. Sehet doch, was wollt ihr denn wol? Meinet 
ihr, daß ich eine H . . e bin? Das mal nicht, es schiäffet heute ein Bauer 
bey mir. Last mich gehen. I ne doch! Wo kommt ihr her? Was w^olt ihr 
denn wol? I, ihr seid wol richtig? Ey, lieber lecket mich gar am A . . . . 
Habt ihr auch neulich das Maul gewischt? Und was dergleichen indignanda 
formulae und sehr schöne Ungedults-Formen und Wörtlein unzehlich mehr 
von den Jungfrauen mögen gehöret werden". ,,Hier entsteht nun eine nicht 
ungereimte Frage", heißt es 4g, ,,ob derjenige, der da solcher Gestalt einer 
Jungfrauen hätte wollen mit der Hand in Rock fahren, injuriarum könne 
belanget werden?" was bejaht wird. Etwas anderes ist es natürlich, wenn 
eine , Jungfrau' ein verlöffeltes und geiles Rößlein ist. Das Kapitel Jungfrau 
und Pursche oder Purschen behandeln weiters die Absätze 51 bis 58 in oft 
recht unverblümter Weise. Die beiden letzten Absätze sind belanglos. 
Ein im Jahre 1633 unter dem Titel: ,,Newe, Artige ATid kurtzweilige 
DISPVTATION In welcher das Zech- vnd Sauffrecht . . . beschrieben 
wird .... Von Blasio Vielsauff, beyder Wein vnd Bier Candidaten. Ge- 
druckt im Jahr GVter Wein erfreWet DVrstIgen MensChen Ihr Hertz", 
lehnt sich an das von uns behandelte Buch, das es nur noch, jede Um- 
schreibung vermeidend, bis ins Unflätige vergröbert. Als Kostprobe: ,,Und 
ist es, so man die Sau — , soll heißen Saufbrüder, ansieht, nicht anders, als 
es in ihren Regeln des Sauordens heißt: Jedweder soll allweg mit seinem 
Trinken dreierlei Maß halten: erstlich wenn ihm die Augen voll Wassers 
stehn, zum andern, wenn ihm der Atem zu kurz wird, und zum dritten, 
wenn nichts mehr im Glas oder Becher ist. So dann nach solchem Trinken 
der Dreck ihm im Halse atifsteige, soll der Bruder im Sauorden den Dreck 
über den Tisch speien in den Saal oder Stuben und ihn recht austreten. 
Und so er dabei den Nachbcir ein wenig trifft, so wird im Orden um so 
mehr von ihm gehalten. Auch soll er sich ins Tischtuch schneuzen und 
andere Unflätereien mehr begehen, als zu ihrer Verspottung in dem Büchlein 
gesagt wird, tmd wird noch schier weniger darin gesagt, als in Wahrheit an 
Unflätigkeiten und Unzucht aller Art vor Augen, so man den Saufgelagen, wo- 
bei auch wohl Frauen und Jungfrauen hohen Standes zugegen, zusieht" ^^°). 

7 



lo6 Ein Komniersbrauch. O Tannenbaum. 

Einen seltsamen Komniersbrauch überliefert Freiherr von Crailsheim, der 
eifrige Sammler des nach ihm benannten Liederbuches. Nämlich: „Fol- 
gende curiose Gesundheit auf 3mahl ein Glaß Wein auszutrinken, und bey 
jedesmahligen Absetzen pum zu sagen, ist (auch) artig: dabey muß einer, 
während daß der andere trinkt, folgende Worte singen: 

Komm Mädgen last uns fahren, nach pim pam pum:,: 

das Gläschen das geht rum rum rum 

nach pim pam pum, nach pim pam pum, nach pim pam pum. 

Wann nun der da singet bey dem andern Vers anfängt, das Gläßchen das 
geht rum rum rum, so muß der andere schon zum trinken anfangen, und 
zum erstenmahl absetzen, wann der Sieger noch pim pam pum gesprochen, 
und sogleich oum darauf zu sagen, währender Zeit wieder nach pim pam 
pum gesungen wird, trinkt man wieder, setzt zum 2ten mahl ab, und sagt 
pum, und bey dem 5ten mahl muß das Glas gar aus seyn, und pum ohne 
Verweilen gesprochen werden, oder es kostet Strafe. Der V ortheil ist dieser, 
daß man das erstemahl am meisten, und das Glas über die Helfte aus- 
trinken muß, sonst kan man nicht zum Athem kommen, um mit 5maligen 

pum sagen allezeit gleich fertig zu sein Folgendes Trink-Lied ist 

auch beliebt: Die Compagnie oder auch nur einer daraus singt: 

O Tannen-Bauml O Tannen-Baum! Du bist ein edler Zweig :,: 
Du grünst in dem Winter wie auch zur Sommers-Zeit. 
Wenn andere Bäumelein in großen Trauern stehen :,: 
So grünst du dennoch :,: du edler Tannen-Baum. 

Wenn es auf die Worte gekommen, so grünst du dennoch, so muß der da 
trinken soll das Glas ansetzen, während daß fortgesungen wird, du edler 
Tannen, du edler Tannen etc. etc. solches austrinken und sagen Baum. 
Der Sauf-Calender lautet also . . ."^'^. 

Von dem Trinklied vom Tannenbaum heißt es in der Sammlung ,,Recueil 
von allerhand CoUectaneis und Historien" ^^''). Zu Altdorff ist vordem der 
Gebrauch gewesen, daß die Herren Studiosi auf öffentlichen Markt und 
Gassen Tische gesetzet und dabey geschmauset, allso sich dann auch die 
vorbeygehende Professores nicht erwehren können eines mit zu machen, 
und die alte Stückchen, als z. E. O Tannenbaum, O Tannenbaum ect. mit 
anzustimmen". 

In allen noch zugänglichen Kommenten fehlt aber seltsamerweise jede Er- 
wähnung des guten alten Salamanders, dessen Reibung auf keinem Kom- 



Der Salamander. Trunk und Professoren. 107 

mers unterlassen wird. Der Ursprung dieses Brauches ist nicht nachgewie- 
sen. Er dürfte aber kaum älter als hundert Jahre sein, wie Lichterfeld 
festgestellt"^^) hat. Immerhin ist bemerkenswert, was Scheffel 1854 in der 
122. Anmerkung zu seinem ,,Ekkehard" angab: 

Im 8. Kapitel des Romanes versammeln sich Bauern zu einem nächtlichen, 
geheimnisvollen, den alten Göttern geweihtem Gelage. Zum Schlüsse er- 
greifen die Männer ihre Krüge, und reiben sie in einförmiger Weise zu 
Ehren der Gottheiten dreimal auf dem geglätteten Fels. Dazu erläutert nun 
der Dichter: ,,Wer da weiß, mit welcher Zähigkeit der Bauer in seiner 
Sitte die Überlieferung altersgrauer Vergangenheit bewahrt, und wie noch 
manche seiner heutigen Bräuche an die Opfer des Heidentums gemahnen, 
den wird es nicht befremden, im 10. Jahrhundert noch auf nächtliche bier- 
trinkende Konventikel zu stoßen, die sich von denen zu des heil. Columban 
Zeiten (6. — 7. Jahrh.) wenig oder gar nicht unterscheiden. Ob übrigens 
eine in ähnlichen Formen wie die hier beschriebenen sich bewegende 
Sitte des gemeinschaftlichen Trinkens auf den deutschen Hochschulen, die 
unter dem Namen ,einen Salamander reiben' bekannt, aber von Niemandem 
erklärt ist, nicht auch einen Anklang an altheidnische Trankopfer enthalte, 
bleibe dahingestellt". 

Inamer wieder muß betont werden, daß sich zotige Gebräuche und Roheiten 
auf den Hochschulen nur deshalb so fest einnisten konnten, weil die Lehrer 
entweder solches Treiben stillschweigend durchgehen ließen, es sogar för- 
derten oder mitmachten, und dies schon zur Zeit der Bursen. 
Der Philologe Heinrich Loriti Glareanus schrieb am 21. Januar 1550 an 
seinen Freund Aegidius Tschudi über die Studenten in Freiburg i/Breisgau: 
„Die jetzige Jugend ist durchaus so schlecht, daß sie Sodoma und Gomorrha 
nahe ist. Trunkenheit, Treulosigkeit, Gottlosigkeit, Entehrung des Heiligen 
und Verachtung Gottes hat sich aller Gemüter bemächtigt". Vorsteher und 
Studenten verließen oft in der Nacht die Hauptburse ,Zum Pfauen', tranken 
bis zur Besinnungslosigkeit, oder holten sich Dirnen in das Haus. 
Einer von den vielen Hochschullehrern, die ihren Zöglingen nicht mit 
gutem Beispiel vorangingen, war der Wittenberger Professor der Dichtkunst 
Friedrich Taubmann. Wenn er auch bei seiner Rektorenübergabe im Herbst 
1608 in zündenden Worten die allgemeine Verkommenheit schilderte und 
vornehmlich vor der Trunkenheit und ihren Folgen warnte, so war dies 
nichts weiter als eine lustige Komödie, die des vollsten Verständnisses der 
Zuhörer sicher war. Er selbst war nämlich ein Säufer. Nicht selten bei den 



lo8 Hofnarr und Hochschullehrer. Professoren als Gastwirte. 

wüsten Gelagen seiner Hörer der tollste. Es vertrug sich mit seiner akade- 
mischen Würde vollkommen, am kurfürstlichen Hofe in Dresden den 
Schalksnarren und lustigen Rat zu spielen, und sich die entwürdigendste 
Behandlung gefallen zu lassen, wie später der gelehrte Gründling bei dem 
rohen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. von Preußen. Sehr bezeichnend 
für den Professor und seine Schüler ist die folgende Anekdote: 

Bei einer Hoftafel erkundigte sich Kurfürst Christian II. bei Taubmann 
nach dem Verhalten der Wittenberger Studenten. Der Professor schwieg 
achselzuckend und Gesichter schneidend. Sofort nach aufgehobener Tafel 
ergriff Taubmann den Stoßdegen eines der Hof herrn, eilte in den Schloßhof 
hinab, lief unter greulichem Schreien und Johlen hin und her, hieb mit 
dem Degen auf die Pflastersteine, daß die Funken sprühten, bedrohte das 
herbeieilende Gesinde mit der Waffe und unflätigen Redensarten, riß sich 
die Kleider vom Leibe, gebärdete sich wie ein Wahnwitziger. Dem Kur- 
fürsten, den der Lärm an das Fenster gelockt hatte, rief er auf dessen Frage 
ZU: ,, Kurfürstliche Gnaden, ich wollte nur ein schwaches Bild von dem all- 
gemeinen Verhalten der Studenten in Elb-Athen geben" ^^^. 

Taubmann konnte sich glücklich schätzen, zu seinem Professoren-Einkom- 
men noch das des Hofnarren zu erhalten. Andere Gelehrte waren nicht so 
dumm oder weise und hungerten. 

Der kursächsische Hofnarr Hensel bezog außer ,, Obdach bei Hofe, Mahl, 
Morgen- und Vesperbrod, Schlaftrunk, Licht und Hofkleidung, einen Lohn 
von 150 Goldgulden, Das Einkommen deutscher Professoren wai dagegen 
ein Bettel, der noch nicht einmal pünktlich bezahlt wurde. Wenn sie mit 
ihrer meist großen Familie — 10, 15, 18 Kinder waren keine Seltenheit — 
nicht hungern wollten, so griffen sie, wenn sie ehrlich bleiben wollten oder 
bleiben mußten, zu Nebenbeschäftigungen, da es ,, nichts anderes als töten 
sei, wenn man den Professoren Eillen um des täglichen Brotes willen betri- 
benen Handel untersagen wollte" ^^^. 

Die Broderwerbe bestanden vornehmlich darin, daß die Professoren in ihren 
Häusern Kostgänger hielten. Die Magistrate der Universitätsstädte setzten 
sich dadurch dafür ein, den Professoren höheren Gewinn aus ihrer Wirte- 
tätigkeit zuzuschanzen, daß sie fast überall gestatteten, die Getränke für den 
eigenen Gebrauch der Hochschullehrer abgabenfrei in die Stadt einzuführen. 
In Frankfurt a/0. war dies sogar den Doktoren edler Fakultäten zugestem- 
den. In Jena und in Altdorf genossen die Professoren die Freiheit, in dem 



Petent getm^rtt. 

Stm/ (gin 6f nbbtieff Ui ^flifc^ 

^at^>an«/ an bie Sutrincfcr/ x>or 45. 
<m bit $oüen ^tibtt m Omtf^wn JLmbt. 





JAS 2 



Auomnt/ 



.«n<r. 



Aus: Fifa Cornelia na von Peter Rollo 




HÜ meifluiii.'Vmerem eimi^Jciltlthfr, 
C*a (tili hurum migv ■' täerjwrölff. 



v^rm75?nrcf(tA> tuiV m'd iühix «im. 




L4n l4lnir iwufo f*a^ejo: tv>cs m. 






.^ws Pf^rt-r Rollos Fita Corneliana, um l6)0 




Der Herr Rektor laßt bitten 




Das Tagewerk des Burschen 

Stfimmbücher aus der 
Lipperheidschen Kostiimbibliothek, Berlin 




Die Mäßigkeit /i 

schreibt mnssefür dem Essen und Trinken '2 
und halt an die Begierde/ a Is mit einem Zaum: f 
und also mäs s i gt sie alles / damit nicht zu 
viel geschähe. Die Schlummer (Sauf f er) sauf- 
fen sich toll und voll 14 taumeln '/ speyen 
(kotzen) b und hadern, y Aus d e r $ c h l e m m e r ey 
entstehet Geilheit, aus dieser ein Unzucht- 
heben unter Hur er n S und Schlepp s acken /y 
mit Küssen / Betasten / Umarmen (herzen) 
und Dnnzen (hüpfen) 10 




2,wei Holzschnitte 



.loh. Arnos Commenii, Orbis sensualitn 
pictus. Norimbergae 1 6 J 8. 



Melanchthons Brauprivilegium. Professoren als Schankwirte. 109 

Kollegienbrauhaus soviel Bier tranksteuerfrei brauen zu dürfen, wie sie für 
ihren Hausbrauch und ihre Tischgenossen benötigten. 

Einer diesbezüglichen ganz besonderen Ehrung, die Melanchthon zuteil ge- 
worden w^ar, muß an dieser Stelle gedacht werden. 

Am 5. Juni Anno 1555 ging dem Schösser und „dem lieben Gebräuer George 
Grumer" zu Wittenberg folgende Verordnung zu: 

,,Von Gottes Gnaden Moritz Herzog zu Sachsen, Kurfürst etc. Lieber Ge- 
treuer. Wir haben aus bewegenden Ursachen gnedigst gewilligt, dem Hoch- 
gelahrten Unserem auch lieben Getreuen Herrn Magister Philippo Me- 
lanchthoni alle die Maltze so er vor sein Haus verbrauen wirdt die Zeit 
seines Lebens aus unseren Mühlen zu Wittenberg Sterzenfrey (wohl umsonst 
und abgabenfrei) folgen zu lassen. Begehren demnach. Du wolltest Ihme, 
wie berührt, hinfüro die Zeit seines Lebens aus unseren Mühlen zu Witten- 
berg Melzenfrey folgen lassen, und diesen unseren Befehl ins Amtsbuch 
registrieren. Geschieht unser Wille und Meynung" ^^*). 
In Jena war den Professoren durch die Statuten von 1569 noch ausdrück- 
lich die Bewilligung erteilt, von dem der Universität gehörenden und später 
privilegierten Rosenkeller eingelagerten fremden und einheimischen Sorten 
Bier oder Wein steuerlos zu entnehmen. 

Es konnte natürlich nicht ausbleiben, daß derartige Privilegien von den 
Gastwirten nicht neidlos hingenommen wurden. Es regnete bald Bestim- 
mungen, in denen den Gelehrten eingeschärft wurde, ihre Vorrechte nicht 
zum Nachteil der Schankwirte auszuüben, woran sie sich aber wenig gehal- 
ten zu haben scheinen, da viele von ihnen einen schwunghaften Getränke- 
verkauf betrieben. 

Für Wittenberg erteilte 1614 Kurfürst Georg nach einer Untersuchung den 
Befehl, ,,die Professoren der theologischen und juristischen Fakultät, die 
genügsames Einkommen haben, sollen inskünftig des Bier- und Wein- 
schenkens, die anderen Professoren aber Gäste zu setzen sich gänzlich ent- 
halten". ,,Auch gezieme es sich keineswegs und könne der Universität nicht 
gestattet werden, während der Vorlesung in der neuen Trinkstube im großen 
Auditorium des Kollegiums des Kurfürsten Friederich Gäste zu setzen und 
andere damit zum Unfleiß anzureizen". ,,Bei Strafe eines Guldens dürfe 
den Studenten das Zechen in diesem Kollegium während der Vorlesung 
nicht gestattet werden" ^^^). 

In den Heidelberger Statuten von 1558 wurde den Professoren der Aus- 
schank von zwei Fudern Wein, aber nicht mehr, freigegeben ^^''). 



110 Der Nebenerwerb die Hauptsache. Universitäts- Schmause. 

Die Nebenbeschäftigung des Weinvertriebs gestaltete sich dann und wann 
insoferne zur Hauptaufgabe des Gelehrten, daß sie ihm nicht Zeit ließ, sich 
auf die Vorlesungen genügend vorzubereiten, oder sie zwang ihn zu Ge- 
schäftsreisen, die ihm wichtiger und einbringlicher waren als seine Lehr- 
tätigkeit. 

Einen besonders krassen Fall solcher Art berichtete 1604 Peter Fabricius 
aus Rostock seinem Freunde Georg Calixtus: ,,In allen Fakultäten herrscht 
eine derartige Schläfrigkeit, daß sie nicht größer sein kann. Einige, die schon 
drei Jahre mit dem Titel Professor geschmückt sind, haben während dieser 
Zeit noch nicht ein einzigesmal eine Vorlesung gehalten, selbst nicht einmal 
einen Hörsaal betreten. Geld kann man hier bestens verzehren, aber ich 
zweifle daran, hier Gelehrsamkeit zu erwerben" ^^^). Auch aus Wittenberg 
kamen Klagen über die häufige und langwährende Abwesenheit der Pro- 
fessoren, in Leipzig wird 1616 befohlen, daß jeder Lehrer der drei höheren 
Fakultäten wöchentlich \'ier Stunden lesen müsse. Ganz unglaublich waren 
die Zustände an der herzoglich braunschweigischen Universität Helmstedt. 
Dort mußte nach einer Visitation im Jahre 1597 verfügt werden, bei An- 
stellung eines Professors darauf zu sehen, daß dieser ,,eines ehrlichen Her- 
kommens, nicht versoffen oder ein Schwelger, nicht zänkisch, nicht kolle- 
risch, nicht faul und laßfertig und ein Versäumer sei". 1602 wurde ange- 
zeigt, daß gar keine Vorlesungen mehr stattfänden und in den Convictorien 
sich mehr Soldaten als Studenten einfänden. 

Nur wenn es etwas zu trinken und zu schmausen gab, da waren, wie be- 
dauerlicher Weise festgestellt wurde, die Professoren immer gleich zur 
Stelle. 

„Man findet Professoren, die die verbotenen Pennsdschmäuse gern besuchen 
und das Kcilb weidlich mit austreiben helfen, zum Gesauf an den Tischen 
selbst mit Anleitung geben, die Halbe einschenken und das Doppelte an- 
schreiben, zum Weinschmaus und Kartenspiel anreizen, damit sie einen guten 
Rausch und das Hellerlein davonbringen", schreibt Sigmund Evenius^^^). 
Die erwähnten Pennalschmäuse waren ein Teil der Pflichtgastereien, die 
jeder Student von seinem Eintritt in das akademische Bürgertum bis zu sei- 
nem Abgcing von der Universität zu geben gezwungen war. Der große Auf- 
wand, den diese Schmause erforderten, trug nicht wenig zur Entvölkerung 
der Hochschulen bei, die häufig katastrophale Formen amnahmen, denn 
fluchtartig mußten ärmere Schüler die Universitäten vor den großen An- 
forderungen verlassen, die unbedingt nötig waren. Da gab es neben den 



Lichterfest und Lichterschmaus. 1 1 1 

allgemeinen Fakultätsgebühren Ehrengaben an die Fakultätsmitglieder, die 
in Tuch, Baretten, Handschuhen, Konfekt u. s. w. bestanden, Beschaffen- 
heit und Menge wurden genau nach der Rangordnung bestimmt. Nur der 
Würdigere durfte z. B. hirschlederne Handschuhe erhalten. Auch die Pe- 
delle, deren Stellung damals viel ebenbürtigere waren als heute, mußten 
bedacht werden. Die Naivität einer Zeit, deren Finanzsystem noch nicht 
bürokratisiert ist, kommt in alledem zu klarem Ausdruck, sagt Dr. Fried- 
rich Schulze ^^^). Eine Massenflucht armer Studenten war die Folge 
solcher, sich immer steigender Forderungen. So hatten die vier Fakultäten 
in Freiburg im Jahre 1576 250 Studenten, 1616 noch 97, und 1617 
gar nur 78. Noch empfindlicher als Freiburg sank Köln, Hatte dieses bei 
Ausgang des Mittelcdters oft 2000 Wissensdurstige in seinen Mauern, so 
waren dort 1554 nur 54 eingeschriebene Hörer. — Die Hörerzahl in Ro- 
stock war von 125 im Jahre 1521 auf 5 (fünf) im Jahre 1526, in Leipzig 
von 540 auf 8i, in Wittenberg von 245 auf 76 gesunken. Allerdings erholte 
sich Wittenberg einige Jahrzehnte später wieder sehr stark und wies an 
2000 Universitätsbesucher auf. 

Den Gipfelpunkt der studentischen Festlichkeiten, häufig zugleich auch der 
Abschluß des Studententums, bildete der Promotions- oder auch Magister- 
schmaus. Er setzte sich aus zwei Teilen zusammen. Nämlich dem Lichter- 
fest und dem Lichterschmaus als Vorspiel zu dem eigentlichen Magister- 
essen, dann aus diesem selbst. Selbstverständlich hatte sich bei diesen 
Schmausen, akademischen Veranstaltungen erster Ordnung, im Laufe der 
Zeit ein Zeremoniell herausgebildet, so echt deutsch-gravitätisch-pedantisch, 
so seltsam abstechend gegen die ganzen Gepflogenheiten und das übliche 
Gehaben der Studenten, daß den Herren Magistern ganz sonderbar zu Mute 
geworden sein mag, wenn sie all das salbungsvolle Getue, so eine Art Ritter- 
schlag über sich ergehen lassen mußten. 

Hier nur kurz erst einiges über den Lichterschmaus in Leipzig. 
Am 6. Januar, dem Dreikönigstage, mittags um 1 2 Uhr, traten alle Kandidaten 
für das Doktorexamen, von ihren Präzeptoren begleitet, im Neuen Kollegium 
vor dem Prokanzellar und den Examinatoren an. Die Präzeptoren wurden be- 
fragt, ob sie etwas gegen ihre Schüler vorzubringen hätten, was in der Regel 
verneint wurde. Hierauf erfolgte an die Examinatoren die Frage, ob sie die 
Kandidaten würdig hielten, zur Prüfung zugelassen zu werden. Ein jeder 
gab seine Stimme mit dem Zusatz ab: ,Im Namen des Vaters, des Sohnes 
und des heiligen Geistes, Amen'. 



112 Lichterfest und Lichterschmaus. 

Der Prokanzellar verzeichnete nun die Namen der Kandidaten und ihren 
Geburtsort auf einem Bogen, den er zum Brief gefaltet dem Pedellen über- 
gab, dann verkündigte er in lateinischer Sprache: „Herr Tentatus, es wird 
dir die Erlaubnis erteilt, in das öffentliche Examen einzutreten, das, so 
Gott will, morgen um i Uhr beginnen wird!" 

Hierauf zogen sich die Professoren zurück und der Prokanzellar führte nun 
an die Examinatoren je einen halben Taler aus jener Summe ab, die von 
den Prüfungsgebühren nicht dem Fiskus der Fakultät zugeführt werden 
mußte. 

Inzwischen war es drei Uhr geworden, und wieder kehrten die Würden- 
träger in das große Vaporarium zurück, wo inzwischen der Pedell alles in 
Ordnung gebracht, die Teppiche aufgehängt. Tische und Stühle aufgestellt 
und die Kissen zurechtgelegt hatte. Die geladenen Gäste kamen an, und sie 
wurden von dem Prokanzellar an die ihnen gebührenden Plätze geleitet. 
Die Kandidaten erschienen nach der ihnen vorgeschriebenen Ordnung und 
stellten sich den Sitzplätzen gegenüber auf. Zwei von ihnen hatten den 
Rektor aus seinem Hause geholt. Sowie das Oberhaupt der Universität das 
Zimmer betrat, von den Anwesenden ehrfurchtsvoll begrüßt, entzündeten 
die Pedellen die Fackeln, verließen das Zimmer und schritten über den 
Hof des Kollegiums bis zur Türe des nach dem Wallgraben gelegenen 
Hinterhauses. Mit lauter Stimme begannen sie hier das Responsorium 
„Illuminare Jerusalem" zu singen. Der Prokanzellar und die Examinatoren, 
die sich ihnen angeschlossen hatten, erwiderten den Pedellen. Nach Be- 
endigung des Responsorivuns rief der Prokanzellar den ältesten Pedell zu 
sich und übergab ihm die von ihm geschriebenen Briefe, die die Zulassung 
der einzelnen Kandidaten enthielten, mit folgenden an die Versammlung 
gerichteten Worten : ,,Da es vor einigen Monaten dem durchlauchtigsten 
Kurfürst u, s. w. und der Fakultät gefallen hat, Eure Magnificenz, Herr 
Rektor, und hochansehnliche u. s. w. Herren, mir das Amt des Vizekanzlers 
bei dieser Magisterpromotion gnädigst zu übertragen, so übergebe ich Dir 
N. N., dem geschworenen Pedell der Universität, diese Briefe, die mit mei- 
nem Siegel verschlossen sind. Du wirst sie entsiegeln, und wenn Du den 
Namen eines der anwesenden Kandidaten darauf verzeichnet findest, so 
wirst Du ihm von dem Inhalt des Briefes Kenntnis geben!" Der Pedell nahm 
die Briefe entgegen, entsiegelte sie, dann trat er an die Kandidaten heran, 
fragte jeden nach seinem Namen und überreichte ihm den ihm zukommen- 
den Brief mit den Worten: „Herr Tentatus, auf Geheiß seiner Spektabilität 



Aufwand bei Universitätsschmäusen. 113 

des Herren Prokanzellars und der übrigen Examinatoren leset diesen Brief!" 
Der Kandidat, der sich nun ietzt erst zum {Examen zugelassen] wußte, 
tauschte das [Schreiben gegen einen rheinischen Goldgulden und einen 
Vierteltaler aus. Beide waren in Papier eingeschlagen, auf dem der Name 
des Spenders stand. Nun nahm endlich der Lichterschmaus, die Coena can- 
delcirun ihren Anfang. Auf diesem Zweckessen ging es nicht allzuhoch her. 
Man aß süße Suppen von Milch und Mandeln mit Zimmt und Zucker, 
Lendenbraten, in Bieressig gekocht mit Zitronen und Kapern, Rinderzunge, 
Hechte und Karpfen in Essig blau gesotten, dann Birnenkompotte. Später 
allerdings begann ein unlöblicher Wetteifer unter den Studenten, sich bei 
den Lichterschmäusen an Reichhaltigkeit der Speisen und Getränke zu über- 
bieten. Da stiegen die Kosten von 42 Fl. 2 Gr. 9 Heller auf 85 Fl, 5 Heller. 
Dafür wurde den Gästen vorgesetzt 40 Pfund Hammelfleisch, zwei Lenden- 
braten, i8 Pf. Schweinebraten, 26 Pf. Kalbfleisch, 6 Pf. Rindfleisch, femer 
Schöpsenzüngelchen, geräuchertes Fleisch und 5 Hähne. Dazu holländischer 
Käse und Obst. Nach dem Jahre 1581 wurde der Lichterschmaus durch 
einen soliden Abendtrunk ersetzt. Die Kandidaten, Examinatoren und Rektor 
mit seinem Vertreter leerten 26 Kannen italienischen Malvasier — eine 
ganz bemerkenswerte Leistung ^^^). Dieser Lichterschmaus war, wie er- 
wähnt, nur der Auftakt zu dem Hauptfestmahl, dem Magisterschmaus 
nach stattgehabter Prüfung. Ein Prandium judicii, eine Mahlzeit für die 
Prüfungskommission, wurde 162g durch eine Zahlung an die Professoren 
ersetzt. 

Von diesen Doktoressen, wie sie mancherorts hießen, sei nur ein Beispiel, 
aber ein bezeichnendes, der) Schmaus angeführt, den am 18. Januar 1600 
drei neupromovierte Doktoren in Köln zurüsteten. Sie setzten ihren Gästen 
vor: 134 Stumpf Rindfleisch jedes zu 5 bis 4 Pfund, 120 Kapaune, 255 
Hühner, 155 Feldhühner (Rebhühner oder Wachtel?), 15 Hasen, 5 Hirsche 
und zwei Schwäne! In Erfurt nahmen die Promotionsschmausereien kein 
Ende. Einer reihte sich immer an den anderen. [Den Fortgang der Studien 
bei Lehrern wie bei Schülern störend, wirkten sie überdies entsittlichend, 
so daß man daran ging, den Unfug dadurch abzustellen, alle Promotions- 
gelage des ganzen Jahres in einen einzigen, den , katholischen' oder General- 
schmaus zusammenzulegen. Das erste dieser ,, katholischen" Essen fand zu 
Michaeli 1519 bei der Promotion von 57 Baccalaureen statt ^^'). Alle die 
kostspieligen Tafelungen hatten nur deshalb ein so langes Leben, weil sie 
von der Gunst der Professoren getragen wurden, denen sie willkommene 

Bauer, Sittengeschichte o 



114 Professoren als Gäste bei den Schmausen. Autoren -Honoreire für die Professoren. 

Gelegenheiten boten, sich auch einmal ordentlich satt zu essen und zu trin- 
ken, dann aber auch ihre Einkünfte zu vermehren. Dazu liehen sie stets 
mehr als bereitwillig ihre Hand, ohne sich meist mit Skrupeln zu qviälen, 
ob die Einnahmen aus lauteren Quellen flössen und standesgemäß waren 
oder nicht. Wie sie zu Gastwirten wurden, so fertigten sie gegen Entgelt 
Dissertationen an, die unter dem Namen des Kandidaten gedruckt wurden. 
„Wenn auch manche von den Klagen darüber übertrieben sein mögen, so 
scheint es doch festzustehen, daß viele Magister und Doktoren des Mittel- 
alters nicht den feinen Sinn für Unparteilichkeit und Unbestechlichkeit 
besaßen, wie wir ihn heute jedem deutschen Professor ohne weiteres zuzu- 
trauen gewöhnt sind. Für 3 bis 4 Gulden, hieß es, sind alle Examinatoren 
zu haben. Und es lief das Sprichwort um, Omnis baccalarius promotus 
periurus d. h. jeder Bascalar, der geschworen, keine unlauteren Mittel bei 
Erlangung seines Grades benützt zu haben, habe einen Meineid geleistet. 
In unv\'ürdigster Weise rissen sich die Magister förmlich um einen Kandi- 
daten, nur um die Promotionsgelder zu erhaschen. Selbst an schamlosen 
Erpressungen seitens der Examinatoren soll es nicht gefehlt haben" ^^^). 
Es war auch allgemeiner Gelehrtenbrauch, jedes neue Buch mit schweif- 
wedelnder Unterwürfigkeit und kaum verhüllter Bettelei irgend einer zah- 
lungsfähigen Standesperson zu widmen, bei größeren Arbeiten sogar jeden 
Abschnitt einem anderen, so daß es Bücher von zehn bis zwölf Kapiteln 
gab, die ebensoviel Gönnern dediziert waren, darunter auch Knaben von 
sieben Jahren. Als Milderungsgrund für derartige sittliche Entgleisungen 
kann eben nur die Not gelten, die häufig Hausgenosse der Professoren war. 
Ihr Einkommen war meist lächerlich gering. Auf ein Jahreseinkommen 
von 50 Gulden, etwa 2000 Goldmark, brachten es nur wenige Auserwählte. 
Die Mehrzahl hatte sich mit 18, 16, vielfach nur mit 12 zu begnügen. Die 
Wittenberger Hochschullehrer nahmen eine Ausnahmestellung ein. Me- 
lanchthon bezog bis 1541 500, von da ab 400 fl. Gehalt, so viel wie Luther. 
Die Juristen hatten 80 — 150, die Artisten 80 — loo fl. Abgesehen von den 
Einnjihmen aus den Dissertationen, die bis in die erste Hälfte des neunzehn- 
ten Jahrhunderts gegen Geld von den Professoren abgefaßt wurden, brach- 
ten die schriftstellerischen Arbeiten nur sehr wenig ein. Waren doch auch 
die Druckkosten sehr hoch und der Absatz recht klein. Das Honorar für 
ein W^erk von über 100 Bogen in Folio war 50 Taler und lo Freiexem- 
plare. Allerdings wurden manchmal für den Foliobogen auch nur ein halber 
Gulden bezahlt und notgedrungen genommen. Männer wie der Jenenser 



Stören der Hochzeiten und des Gottesdienstes. 1 15 

Theologieprofessor Johann Gerhard, der so reich war, daß er seinem Lan- 
desherren einmal ein Kapital vorschießen konnte, sind in der deutschen 
Gelehrtengeschichte weiße Raben. 

Das philiströse Gehaben der verknöcherten Gelehrten stach grell von dem 
wüsten Treiben der Studenten ab, das, je näher die Gegenwart rückt, immer 
ausgelassener wird. Die Wirren des Dreißigjährigen Krieges wirkten sich 
natürlich auch auf die akademischen Bürger aus. Von den Jenenser Burschen 
um 1650 sagt Edmund Kelter : „Auf dem Markt, in den Gassen, auf den Stuben 
trieben sie ihr wüstes Wesen; Toben, Raufen, Duellieren, viehisches Trin- 
ken und Frauendienst in seiner niedrigsten Gestalt füllten ihre Tage und 
Nächte. Kollegien und Kirchenbesuch galt als tolle Bärenhäuterei. Unter 
Höhnen und Spotten begleiteten sie als Teufel vermummt die Priester. Sie 
achteten weder Leichenbegängnis noch Hochzeitszug" ^^^). „Und was in 
Jena an derber Roheit zu Tage tritt, spielt sich mit denselben Zügen auf 
allen Universitäten ab, denn die Barbarei des Studententums ist nur ein 
Stück der allgemeinen Barbarei, die das Kulturbild jener Zeit in aufdring- 
lichen Farben weist. Man darf den Studenten nicht aus diesem Zusammen- 
hang vereinzeln, wenn man ihm nicht Unrecht tun will"^^*). 
Im und nach dem Dreißigjährigen Krieg erreichte die sQlgemeine Roheit 
so auch die des Studententreibens ihren Höhepunkt. Der immerhin verzeih- 
liche jugendliche Mutwillen hatte nun bewußter BosheitPlatz gemacht, für die 
es auch keine noch so weit hergeholte Entschuldigung mehr gibt. In Heidelberg 
pflegten die Studenten noch um das Ende des 18. Jahrhunderts gewohnheits- 
mäßig ihre Pfeifen an der Ewigen Lampe in der Heiligengeistkirche anzu- 
zünden. Einmal saß ein verkleideter Student einen ganzen Nachmittag lang 
im Beichtstuhl und gab den beichtenden Frauen und Jungfrauen der Stadt 
Bußübungen gemeinster Art auf^^^). 

Zu den beliebtesten Studentenulken in Leipzig gehörte das schier unsterb- 
liche Stören von Hochzeiten. Ein Leipziger Mandat von 1620 verbot, den 
Hochzeitszug auf dem Kirchweg zu umdrängen, die Gäste, das heißt den 
weiblichen Teil unter den Hochzeitsgästen, zu stoßen, ihm ein Bein zu stellen 
(pedes euntibus supponere), gemeine Bemerkungen und zotige Witze zu 
machen ^^^). 

Die Berichte der Universität Dillingen lauten gleichfalls nicht tröstlicher. 
Zu den Verfehlungen und Sittlichkeitsvergehn der Studenten gehörten hier : 
vertrauter Umgang mit anrüchigen Weibspersonen (1695). Ein Angriff meh- 
rerer Studenten, ausgerechnet Logiker, auf ein junges Mädchen (1662), 



1 1 6 Stören der Hochzeiten und des Gottesdienstes. Königsberger Exzesse. 

Der Besuch verdächtiger Häuser und Orte (1650, 1674, 1695), dann die 
Schwängerung von Bürgermaedchen (1674, 1688)^ ). 
Von Jena berichtet Borkowsky: 

,,Mit derselben Geringschätzung, mit der der Adel und das Beamtentum sich 
über das vom Kriege zertretene Bürgertum erhoben haben, sah auch der 
Student auf den Philister herab. Er wußte, daß die Fürsten ihre Universität 
wie ein Schoßkind pflegten, und daß hinter ihm das Privilegium der akade- 
mischen Gerichtsbarkeit stand. Die Masse fürchtete ihn in der Kümmerlich- 
keit ihres täglichen Lebens, denn sie profitierte von ihm. Der Student hörte 
es gern, wenn der Bürger ihn Edier oder Junker titulierte; aber ergab ihm 
die grobe Anrede Schmutzo, Pech oder Bär dafür zurück, nannte die Bür- 
gerfrauen Eilte Hummeln und ihre Töchter leichtfertige Säcke. In frecher 
Schar sah man die Jünglinge am Portal der Stadtkirche auf den Stufen 
stehn, wenn eine Hochzeit gegangen kam, und sie bewarfen dann die Braut- 
leute mit zynischem Hohn. Am Sonntag wagten sie es, den Gottesdienst zu 
stören, indem sie ungeniert während des Gebetes ihren Füchsen Maul- 
schellen versetzten. Auch auf die Kanzeln der Nachbardörfer stiegen sie in 
ihrer Betrunkenheit und fingen an gotteslästerlich zu predigen. Trug man 
einen Toten an ihrer Kneipe vorüber, so bliesen sie ein lustiges Stücklein 
auf. Gern zogen die Burschen nach Naumburg hinüber zur Peter-Pauls- 
messe. Da kam es dann wohl vor, daß sie verbreiteten, einer ihrer Komili- 
tonen sei plötzlich gestorben. Mit dem Sarg schritten sie zum Friedhof; die 
Geistlichkeit, die Kurrende war zur Trauerfeier geholt und ging im Zuge. 
Man öffnete nach altem Brauch den Sarg noch einmal, ehe man ihn in die 
Gruft senkte — ein Hering lag darin" ^^^). 

In Leipzig hatten im Dezember 1679 die Studenten im Verein „mit anderm 
liederlichen Gesindlein" einem Juristen, der in seiner Verteidigungsrede 
für einen Stadtknecht ,sämptliche Bursche zu hart angegriffen' alle seine 
Fensterscheiben eingeworfen ^^^). Dies war aber n^ur ein niedlicher Ulk gegen 
einen Exzeß, der sich nach einem Bericht vom 4. Januarii 1687 im Ber- 
liner Dienstagischen Mercurius vom gleichen Jahre zugetragen hatte. Er 
lautet wörtlich: „Es haben die Studenten in Königsberg unlängst einen 
großen exceß verübet: Denn nachdem sie einen heimlichen Groll wider 
eine vornehme Persohn getragen / sind sie endlich in großer Menge vor 
dessen Haus gekommen / in Meynung dasselbe zu stürmen / weil sie es aber 
verschlossen gefunden / haben sie erstlich allerhand Possen getrieben / 
worüber eine Magd von oben aus dem Fenster sich sehen lassen / deßwegen 




Wüstes Studenten-Gelage 

Gemälde von Knrel van Mander d. Ältere 




Der Cantus steigt auf der Bude 




Kneiperei 

Lithographien etwa erstes Viertel des i8. Jahrhunderts 




Spottbild auf den JVein 

Augsburger Kupfer von 1621 




Sviixfitian ,ß aüu hth-it aurp vlumpM viiui ! Snt mihi,Ji vitro duln.i vnut fn htm. 



Saß mir, /pH ts wohl ip/llUhJein , 

IP/inn ttuin aus Gota trinriußnucnUn W(in .' 



Mick iUMtht aicr, auf einem CAnfs 
Schmtch mtraerauttt Wim Vitl haß 



F. in Loh dem Rhein w ein 




Hetirick und Jacques Goldzius: Die Alte 




Akndetnische Gelage im l6. J ahrhund er t 



Französerei. Geschraubtheit. 11^ 

sie mit Gewalt in das Haus gedrungen / und selbige Magd in Stücken 
zerhauen. An einem andern Ort haben sie ein Hochzeit-Hauß gestürmet / 
den Bräutigam / Braut und Hochzeit-Gäste nach verübter großer Insolentz 
verjaget / die aufgesetzten Speisen theils verzehret / theils vernichtet / und 
damit davon gegangen. Es haben aber Ihre Churfürstl. Durchl. scharjFfe 
Ordre erth eilet / solche Leute aufs härteste abzustraffen / derer etliche sich 
aber schon unsichtbar gemachet" ^^'^). 

In anderen Hochschulstädten drangen Studiosen in die Hochzeitshäuser ein 
und vergingen sich an der Braut und dem Brautgefolge in der schändlich- 
sten Weise. 

Der große und fast ewig währende Kampf von 1618 — 1648 hatte die noch 
übrigen Reste der sittlichen Errungenschaften der Reformation wieder 
zerstört. 

Die Unzucht brach in erhöhtem Maße über Deutschland herein, da alle 
Bande des Gesetzes und der Religion durch ihn zertrümmert wurden. Und 
kaum hatte sich Deutschland von den unglückseligen moralischen Folgen 
dieses Krieges wieder etwas erholt, so wurde durch das Zeitalter Ludwigs XIV. 
in den deutschen Gauen neuerdings ein Zustand der Unsittlichkeit wach- 
gerufen, der sich von jenem Frankreichs kaum unterschied. 
Auch in Studentenkreisen fand das Frcinzosentum, wie dies deutsche Art ist, 
freudigen Willkomm. Vom Fürsten und dem Adel ausgehend drang das fran- 
zösische Gift durch tausende Äderchen in alle Kreise des deutschen Volkes 
ein, das sich nun auf Jahrhunderte daran gewöhnte, nur das gut und fein 
zu finden, was von jenseits der Vogesen in die deutschen Lande kam. Fran- 
zösische Sitten und Unsitten, gallische Tracht, französisches Schrifttum, wie 
die Sprache fanden knechtisches Entgegenkommen in den deutschen Gauen 
bei allen sogenannten Notablen, nicht zuletzt bei den Studenten. 
Diese hatten besonderes W^ohlgefcillen an den schlüpfrigen Romanen und 
Gedichten der W^elschen, die sehr bald fleißige Nachahmer in Deutschlemd, 
wie auch eifrige Uebersetzer gefunden hatten. In diesen Schriftwerken macht 
sich eine lächerliche Unnatur breit, die mit bewundernswerter Beharrlich- 
keit aller und jeder Wirklichkeit im Bogen ausweicht, die die Geschraubt- 
heit der Rede bis zum Ekel treibt, bald frömmelt, bald Alkovengeheimnisse 
in brutalster Weise breittritt. Cleophis, Sepitia, Rosilis, Bollandra, Segestis 
sind die Heldinnen, Rosander, Floretto, Florindo, Farilla die Helden aller- 
schmierigster Liebesabenteuer. Und wenn sich die Studenten diese geleckten 
Helden als Vorbilder nahmen, die elegante Damenwelt die drahtpuppigen 



1 1 8 Geschraubtheit. Winkelprostitution. 

Heldinnen, so lernten beide emsig aus dem Schwulst, wie man sich modisch 
ausdrückt, und zu dem Rufe gelangt, ein galanter Mensch zu sein. ,,Wie 
mancher junger Mensch, der erst ausfliegt, affectiert mit aller Gewalt für 
galant angesehen zu seyn, und seinen guten Verstand sehen zu lassen! Aber 
auff was Weise? Bald kleidet man sich auff die wunderlichste Art von der 
Welt, und dürffen unsere Schneider nur mit zwey Worten sagen: diese 
Mode komme nun gantz warm aus Franckreich, so ist es schon gut, wenn- 
gleich die Frantzosen uns damit höchlich auslachen. Bald, wann man stu- 
diren oder was nöthigers thun soll, verliebt man sich sterblich, und zwar 
zum öfftern in ein gut einfältig Buttes-Mägdgen, aus deren Augen man 
gleich sehen kan, daß eine Seele ohne Geist den Leib bewohne. Was gehen 
nun da für Galanterien vor? Wie zertrampelt man sich vor dem Fenster, ob 
man die Ehre haben könne, die Jungfer, oder doch an deren statt die Magd 
oder die Katze zu grüßen? Wie viel verliebte Briefe, die man aus zehen 
Romans zusammen gesuchet hat, und die mit vielen flammenden und mit 
Pfeilen durchschossenen Hertzen bemahlet sind, werden da abgeschicket, 
gleich als ob man des guten Kindes affection damit bombardiren wolte? 
Wie lasset man sichs sauer werden, eine galante Nacht-Music zu bringen? 
Wie spielet man mit denen verliebten Minen überall, auch wohl in dem 
Gottes-Hause? Daß ja von denen galanten Histörgen iederman zusagen 
wisse, und auff den galanten Menschen mit Fingern weisen könne" -*^). 
Das ist das getreue Abbild des Studenten nach der Mode, aus dem sich später 
zur Goethezeit in Leipzig der ,petit maitre' entwickeln sollte. 
Machte auch der Student a la Mode der gleichgesinnten Dame feingalant 
den Hof, so wollte er doch die Liebscheift nach der guten alten Weise nicht 
entbehren, und für die schwülstigen Liebesworte suchte er sich bei altmodisch 
willfähigen Schönen durch handfeste Taten zu entschädigen. 
Die Winkelprostitution und das Konkubinat nahmen trotz aller Schöntuerei 
in so außerordentlichem Umfange zu, daß der eigentliche Zweck der Bor- 
delle darüber beinahe verloren ging. Dadurch gewann das Sexualleben der 
deutschen Studenten nach der Reformation eine ganz andere Richtung. 
Verbote über Besuche öffentlicher Häuser fehlen zumeist in den Universi- 
tätsprotokollen, dafür finden wir Verordnungen gegen geschlechtliche Aus- 
schweifungen, gegen den Umgang mit verdächtigen Frauenzimmern und 
die Verführung der Bürgerstöchter. „Es scheint übrigens", heißt es von 
Tübingen, ,,der Senat habe solchen Geschichten mit besonderer Vorliebe 
seine Aufmerksamkeit gewidmet. Geht in der Stadt irgend ein Gerücht von 



Uneheliche Geburten in Universitätsstädten. Ein Studentenroman nach dem Leben. 1 1 g 

einem verdächtigen Wandel oder Verhältnis, alsbald wird es im Senat zur 
Sprache gebracht und amtliche Notiz davon genommen". Genützt haben 
alle diese Maßnahmen natürlich so viel wie nichts. Die außerehelichen Ge- 
burten erreichen in dieser Zeit eine erkleckliche Höhe. 
Für Jena und Leipzig sind Angaben vorhanden, doch wird es anderswo 
kaum besser gewesen sein. In Jena kam auf sechs bis sieben, ja wohl schon 
auf fünf Geburten eine uneheliche^'*"). Klein-Paris wies 1798 bei 1056 Ge- 
burten 227 außereheliche auf, also über 20 von Hundert ^*^). Aber wenn 
200 uneheliche Kinder geboren werden, so werden vielleicht noch hundert 
abgetrieben — außer den heimlichen Geburten und Morden. Der größte 
Teil von allen, die sich gesegnet fühlen, braucht Mittel zum Abtreiben ^^*). 
Sehr interessante nach der Natur gezeichnete Angaben macht Happelius 
über diese Materie ^^^): ,,Ich muß es bekennen, daß es auf den teutschen 
Akademien weit bunter hergeht, als auf unsern italienischen. Was hier 
am meisten geschieht, ist, daß vornehmer Leute Kinder sich gar vielfältig 
in die akademische Jungfer verlieben, selbige schw^ängem und alsdann 
zur Ehe nehmen müssen, wodurch ihr Glück meistenteils Schiffbruch lei- 
det". ,,Das ist", nahm Klingenfeld das Wort, „auch bei uns Teutschen 
nichts Ungemeines. Und ich erinnere mich hierbei eines feinen jungen 
Menschen, aus Oldenburg gebürtig, welcher, da er zu Bremen ins Gym- 
nasium gegangen, sich in seine Wäscherin verliebt, selbige beschlafen und 
ihr die Ehe zugesagt, indem ersieh eingebildet, es wäre nirgends ein schöner 
Weibsbild in der Welt. Er reiste zuletzt nach Kiel in Holstein und studierte 
daselbst Medicinam, fand aber, daß anderweit auch schönes, ja noch viel 
schöneres Frauenzimmer als seine Liebste wäre (denn das löbliche Frauen- 
zimmer in Kiel habe ich, wenn ich etliche davon ausnehme, meistenteils 
als junge Prinzessinnen in Kleidern gefunden. Sie sind auch überaus schön, 
aber intorniert gegen einen, der es nicht mit ihnen hält, verliebt gegen die 
Kurtisanen und dabei oftmals mit dem Klingebeutel verschwägert, denn ich 
habe etliche überaus galante Demoisellen gekannt, welche wöchentlich eine 
Portion aus dem Kirchenklingebeutel haben). Daher gereute es ihn, daß er 
sich anderweit verquackelt hatte, w^ard auch so melancholisch, wenn er auf 
solche Gedanken kam, daß man ihn etlichemal in dem Gehölz am Seestrand, 
der düstere Brouk genannt, in solcher Konsternation und Desperation ge- 
funden, daß er so solviert gewesen, sich selber umzubringen. Man hat ihn aber 
allemal zu bessern Gedanken verholfen. Endlich ist er Licentiatus Medicinae 
worden, und ob er gleich seine Schuldner nicht bezahlt, von seinen Eltern 



1 20 Akademische Jtingfrauen. 

auch wenig zu hoffen hatte, nach seiner ersten Liebsten verreist und hat 
sich mit ihr verehelicht. 

Oftmals werden auch die akademischen Jungfräulein durch scheinbare Ehe- 
verheißungen gefällt und um ihre Ehre gebracht, daß sie hernach, weil ihnen 
ihre Kurtisanen nichts halten, nimmermehr wieder zu Ehren kommen 
können. Desgleichen findet man auch kluge Hürlein, welche ihre Schwanger- 
schaft verhehlen, damit der Studiosus, von welchem sie in solchem Zustand 
gesetzt sind, keinen Wind davon bekomme, bis man ihm das neugeborne 
Kindlein unversehens ins Haus sendet. Alsdann hängt der arme Teufel 
allenthalben heraus. Meinche Bursche sind auch von so schlechter Konduite, 
daß sie, ob sie gleich ihren Maitressen schon aus den Augen gekommen, 
sich dennoch durch Drohbriefe schrecken lassen, daß sie wiederkehren und 
die Dame ehelichen. Ja, ich weiß eine akademische Jungfrau, vel quasi, 
welche sich mit einem reichen Studioso aus Westfalen etwas zu tief ins 
Korpus hineinwagte, da sie dann auf den Titulum de Ventre inspiciendo 
gerieten, und vollends auf rusticas Servitutes kamen, aber es verirrte sich 
der junge Jurist inter viam et aquaeductum dergestalt, daß er nicht anders 
als ganz schachmatt wieder aus dem Irrgarten entkommen konnte. Er 
meidete demnach hinfür diese Gefährlichkeiten und wollte nicht mehr 
auf dieser See unter Segel gehen, aber die Demoiselle war ihm zu klug, sie 
überredete ihn durch Briefe, daß etwas von ihm an ihr hängen bliebe, 
welches ihm dermaleinst viel Händel machen würde, daher er sich denn 
bereden ließ und die Jungfrau heiratete. Als er nun übers Jahr mit ihr nach 
Haus kam, war kein Mensch in der Stadt, der diese Dame so freundlich 
empfing, als ihre Schwiegermutter. Diese machte ihr ein Willkommensge- 
sicht wie eine alte Topfkrämerin, welcher ein wütender Ochse cille Töpfe 
auf dem Markt zerbricht. 

Noch ein Exempel akademischer Courtoisie fällt nair ein. Ein Studiosus, 
der dem vorigen ziemlich benachbart, hielt sich zu Schweinfurt auf dem 
Gräflich Tecklenburgischen Gjonnasium auf, schwängerte daselbst eine 
Dirne unter Zusagung des ehelichen Bandes, zog hernach auf die Akademie 
Marburg und hielt sich ziemlich galant, verführte gar bald eines feinen 
Mannes ehrbare Tochter, ging mit ihr allein ins Haus und aus dem Haus 
in Feld und in den Wald, und in Summa, er ging so oft mit ihr aus, und 
ein, bis endlich der anwachsende Bauchhügel ein Beweistum war, daß man 
sich zu sehr vertieft und den Fischerangel zu vielfältig ausgeworfen hatte. 
Hier war nun ein guter Rat teuer. Ihre Eltern waren ehrliche Leute, und 



Heimliche Trauung. Uneheliche Kinder. 121 

auch eben nicht die Geringsten von Extraktion, drangen demnach darauf, 
weil er jederzeit gesagt, er meine ihre Tochter in Ehren, so müsse er jetzt 
auch ihre Ehre retten und zum Ehebande schreiten, bevor sie ins Kindbett 
käme. Der Student liebte sie herzlich und war willig dazu, aber seine erste 
Liebste zu Schweinfurt bekam bald Wind davon, welche es dahin brachte, 
daß ihm die Obrigkeit verbot, die letzte zu heiraten. Dessenungeachtet 
wollten ihre Eltern nicht gerne Schimpf von der Tochter haben, und weil 
sie des Studenten Einwilligung hatten, bemühten sie sich um einen Pastoren, 
der die Kopulation verrichten würde. Aber es wollte sich keiner in Gefahr 
setzen, bis man endlich einen aufrichtigen Mann, der der Braut etwas ver- 
schwägert, mit den glattesten Worten dahin persuadierte, daß er die Kopu- 
lation verrichten möchte, der Herr Bräutigam als ein reicher Mann, wolle 
ihm vor allen Schaden gut sein. Als ward ein Bauer bestellt, der mit einem 
Karren in der Nacht unweit vom Tor halten mußte, daselbst kam der 
Bräutigam, die Braut, ihre Eltern und Geschwister, ja auch des Herrn 
Pastoren Sohn, so eben damals zu Marburg studierte, bei angehender Nacht 
wie eitel Hühnerdiebe zusammen und schlichen über Berg und Tal bis zum 
Dorf, da der Pastor wohnte. Und wie man auf verbotenen Wegen wandelte, 
also geschah auch der Einzug wieder zu Marburg bei Nachtzeiten. Wenige 
Wochen hernach gebar die junge Frau einen jungen Sohn, aber ihr Mann 
ward, weil er dem obrigkeitlichen Gebot widerstrebt, gefangen gesetzt, ja 
er mußte endlich nach Kassel, und drohte man ihm mit einer hohen Strafe, 
doch ward die Sache bald ermittelt, daß er auf Erlegung einer Geldbuße 
die letzte Frau behielt. Seit der Zeit hat er seine Religion verleugnet und 
ist zu Calvino übergetreten, ob er aber dabei besser als bei der vorigen ge- 
fahren, habe ich seither nicht erfahren können". 

Wenn man an das Stigma denkt, das in jener Epoche und lange darüber 
hinaus jedes' uneheliche, und deshalb unehrliche, d, h. infamierte Kind 
trug, muß man von tiefbedauerlichen Verhältnissen sprechen. 
Wie aber Dr. Oskar Scheuer ^^^), dem ich an dieser Stelle gefolgt bin, sehr 
richtig bemerkt: ,,Daß es damals zu so vielen außerehelichen Schwänge- 
rungsfällen kam, lag gewiß nicht allein in der Schuld der Studenten. Wohl 
werden in vielen Fällen leichtgläubige Mädchen von leichtsinnigen Studen- 
ten durch Eheversprechungen getäuscht und ins Unglück gebracht worden 
sein, doch ob die Mädchen selbst von aller Schuld freizusprechen waren, 
oder gar die Eltern der Mädchen?" 
Wenn es einerseits als Sprichwort Geltung hatte- 

8 



122 Kuppler. Universitätsliebchen. Verführerinnen? 

Wer sein Ehebett will behalten keusch und rein, 
Der lade nur nicht viel Studenten sich ein!-*^) 
so wEurnte Christoph Stymmel, selbst Student und genauer Kenner des 
Studentenlebens, die Studenten vor den Fallstricken der Philister, wenn er 
in seiner Komödie ,Die Studenten', im 5. Akt den Eubulus ausrufen läßt: 

„Hat zu Hause so 
dann einer reife Töchter, und ist keiner, dem er sie 
sonst aufzudringen weiß, so lockt die unerfahrenen 
Jünglinge er ins Netz, die dann zu ehelichen gezwun- 
gen sind 
die Dirnen. Ja in allen Ehren macht den Kuppler gar er so, 
begibt hinweg sich, um zu bieten bessere Gelegenheit. 
Als wenn man nicht die Mädchen halten müßte stets 

in strenger Hut 
und von dem häufigen Verkehr mit jungen Männern 

weit entfernt". 
Den Mädchen selbst behagte das Gebahren der Eltern meist nicht übel, 
wenn die Zeugnisse über sie nicht lügen. 
So heißt es 1778: 

„Nach den Mädchen an den Universitäten muß man ja die anderen nicht 
beurteilen" .... Diese nämlich ,, glauben, das größte Glück eines Mädchens 
sey, viel Eroberungen zu machen, nicht aber einen Einzigen zu gewinnen, 
mit dem man sich aufs ganze Leben durch verbinde. Durch die vielen Ver- 
sprechungen, die ihnen die Studenten tun und nicht halten, bekommen 
sie vom ganzen männlichen Geschlecht eine üble Meinung, und daher ists 
ihnen gleichviel, welchem sie gefallen. Geht heute der Eine ab, so kommt 
morgen wieder ein anderer" ^*®). 

Von den Tübingerinnen sagt Bebelius, ,,die Mädchen sind unfruchtbar, so 
lange sie in der Liebe spielen, weil sie schwarzes Gift und Kräuterkraft 
anwenden; erst wenn sie eine rechtmäßige Ehe schließen, tragen sie im 
Schöße die teuersten Pfänder der Mutterschaft"'^*^). 

So galten denn auch bald alle gefallenen Mädchen in den Universitäts- 
städten besonders ebenso bei den Universitätsvorständen wie bei den kirch- 
lichen Obrigkeiten für Verführerinnen. Sonst wären die Bestimmungen 
dieser Behörden nicht zu begreifen, nach denen schwangere Mädchen gegen 
Studenten keinerlei Ansprüche zu machen hätten. In Jena war ein solcher 
Bursche noch 1777 nur verpflichtet 12 Taler Conv. an die Bibliothekskasse 



Studentenkind. Kindesmord. 1 25 

oder für einen anderen gemeinnützigen Zweck zu erlegen ^^^). Zahlte er, 
dann war es gut, zahlte er nicht, dann ebenso. Den Bürgermädchen drohte 
die Kirchenstrafe. „Sie mußten während der Predigt im Chor auf den Knien 
liegen. Darauf nahm dann der Pastor die Reuigen wieder in die Gemeinde 
auf und reichte ihnen das Abendmahl". Sie gingen erleichtert hin und 
taten von neuem Sünde. Von jedem Pferdejungen, den man fragte: ,,Wer ist 
dein Vater?" konnte man prompt die Antwort hören: ,,Een Bursche !"^^') 
Einen solchen Studenten] ungen schildert Professor Heyder, wobei Licht 
und Schatten nicht ganz objektiv verteilt zu sein scheinen, als ,, einen 
Buben, von dem du mit gutem Grunde der Wahrheit sagen kannst, der 
Teufel habe ihn in der Hölle gehecket und nach seinem Ebenbild erzogen, 
nämlich einen unfletigen, fluchenden, diebischen, schmähafftigen, un- 
ruhigen Jungen". 

In Göttingen bestimmten die Universitätsgesetze, daß der Beweis der Ver- 
führung der Klägerin auf das Strengste geführt werden müsse, und wurden 
die in solchen Angelegenheiten vor nicht akademischen Gerichten einge- 
gangenen Vergleiche für ungültig erklärt. ,,Ein sehr heilsames Gesetz, das 
von sehr guten Folgen gewesen, und dem Mitgliede der Universität, das 
den Vorschlag dazu besonders betrieben, stets Ehre machen wird", bekundet 
ein gemütvoller Historiker jener Zeit^^^). 

Solche parteiischen Bestimmungen zogen für den schwächeren Teil die 
übelsten Folgen nach sich. Nicht alle Eltern waren so tolerant, bei dem 
Fall ihrer Tochter durch die Finger zu sehn. Da blieb denn den unglück- 
lichen Geschöpfen nichts anderes übrig, als Abtreibung, Kindesmord oder 
Selbstmord. „Ein Verzeichnis aller seit 1531 bis August 1804 in Jena 
„durch einen widernatürlichen Tod ums Leben gekommenen Personen", 
das ich im Buche von Faselius vorfand, gibt deutliche Kunde davon. Fast 
auf jeder Seite findet sich ein Selbstmord oder die ,, Hinrichtung mit 
dem Schwerte" eines Mädchens wegen Kindesmordes verzeichnet", sagt 
Scheuer 253). 

Der während der dreißigjährigen Kriegswirren aufgewachsenen Generation 
war, als natürliche Folge des allgemeinen Sittenverfalls, das Pflichtgefühl 
abhanden gekommen. Man lebte von Tag zu Tag, genoß stets die Stunde, 
als ob es kein Morgen gäbe. Auftakte zu diesem Moraldefekte machten sich 
bereits auf den Gymnasien oder den Trivialschulen, wie man sie vielfach 
nannte, deutlich bemerkbar. 
Die Schüler liefen von einer Schule zur anderen, gingen ohne Erlaubnis 



124 Gymnasiasten. Akademische Bürger. 

der Lehrer und ohne die notdürftigste Reife erlangt zu haben auf die Uni- 
versität^^*), deren Proletariat sie vermehrten. Aber auch sonst zwitscherten 
die Jungen, die Gymnasiasten, wie die Alten auf der Hochschule sungen. 
Unter den Rektoren Mitternacht und Köber in Gera (1646 — 1696) ist über 
das Verhalten der dortigen Gymnasiasten außerhalb der Schule allerhand 
zu klagen. ,,Sie besuchten die öffentlichen Trinkhäuser in der Stadt und 
auf den nahegelegenen Dörfern, veranstalteten auf ihren Stuben Compa- 
tiones, befleißigten sich des Kartenspiels, tranken sich dabei voll und liefen 
dann auf dem Markt und in den Gassen umher unter großem Geschrei, 
Steinewerfen und Degenwetzen. Sie warfen die Jahrmarktsbuden ein, prü- 
gelten sich mit Handwerksburschen und ,Turbierten so die quies publica'". 
Im Jahre 1674 kam es einmal sogar zu einer Art Schülerstreik ^"^). 
Als sich die Exzesse von Jahr zu Jahr mehrten, sahen sich die Gymnasial- 
inspektoren veranlaßt, am 26 Februar 1684 strenge Vorschriften zu er- 
lassen. Einer der 17 Paragraphen dieser Verordnung befaßt sich mit dem 
so beliebten Stören von Hochzeitsfeiern. Er lautet: ,,Den nach sich bei den 
Hochzeitlichen Wirtschaften theils Scholares öfters mit eingedrungen, 
daselbsten vollgetrunken und wohl gar verkleidet und verhüllet, darbei 
auch, sonderlich in Tanzen, darein sie sich gedrungen, allerhand Unge- 
legenheiten angerichtet, so soll sich in Zukunft keiner bei solchen Hochzeiten 
einfinden, er sei denn ein ordentlicher eingeladener Gast . . . ."^^^). Über 
erotische Exzesse zieht unsere Quelle den Mantel der Nächstenliebe. Sie 
werden aber hier ebensowenig gefehlt haben, wie wo anders, wo man 
weniger schamhaft war, und sie in den Annalen aufzeichnete. 
Der Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert war eine Zeit der Zersetzung, 
die sich nicht zum Wenigsten im geistigen Leben aufdringlich bemerkbar 
machte. 

Eine Stickluft, von keinem Geisteshauch durchbrochen, lag über dem Stu- 
dententum. Die akademischen Bürger bildeten mehr denn je einen Staat 
im Staate, in dem jene Bursche absolut herrschten, die den größten Mund, 
den schärfsten Degen, die frechste Stirne, die ausgepichteste Kehle und den 
widerstandsfähigsten Körper besaßen. Düster genug sah es auf diesen Hoch- 
schulen aus. Die Hörsäle regelmäßig zu besuchen, hielt der richtige Bursch 
unter seiner Würde. Es mußte denn dort etwas zu lernen geben, was er zu 
wissen begehrte, wie etwa den Punkt, den Ovid in seiner Ars amanti 
III. Buch, 771 ff., so eingehend behandelte. ,,Die nämliche Materie wurde 
noch zu Ende des vorigen (18.) Jahrhunderts auf einer deutschen, damals 



Christliche Ermalmungen. Christian Thomasius. 125 

berühmten Universität ordentlich seien tivisch behandelt; ein bekannter ge- 
lehrter Arzt las dort ein Publicum, das im Lectionskatalog angekündigt 
wurde: de variis concubitus modis!" wie Heinrich Düntzer angibt^^^. 
Der Stillstand in den Wissenschaften war unzertrennlich von dem kin- 
dischsten Aberglauben. Den frömmelnden, streitsüchtigen Theologen stan- 
den Freigeister gegenüber, die frech mit Füßen traten, was selbst aufge- 
klärten Menschen heilig sein muß. Die rohe Deposition der Füchse war 
das Vorspiel zu dem Tollen und Kraftvergeuden, die den Inhalt des akade- 
mischen Lebens ausmachten. 

Alle geistigen Interessen waren geschwunden, an ihrer Stelle machten sich 
Zucht- und Ruchlosigkeit breit. Wohlgesinnte Männer richteten Mahnungen 
und Warnungen an die studierende Jugend, die an Deutlichkeit nichts zu 
wünschen übrig ließen. So Professor Joh. Matth. Meyfart in Erfurt in seinem 
Buche ,, Christliche Erinnerung Von der Aus den Evangelischen Hochen 
Schulen in Teutschlandt an manchem ort entwichenen Ordnungen und 
Erbaren Sitten, und bey diesen elenden Zeiten einschlichenen Barbareyen 
vor etzlichen Jahren aufgesetzt", Schleusingen 1636, das Moscherosch als 
Vorlage für seine Schilderungen aus dem Studentenleben gedient hat. 
Meyfart meint, die deutsche Sprache sei ,,viel zu arm, die damaligen aka- 
demischen Harpyen nach Würden zu beschreiben". Er versucht es aber 
dennoch, und klagt: Der Student ,, gedenke nicht an Weißheit / nicht an 
Geschicklichkeit / nicht an ehrliche Studien in dem menschlichen Leben / 
nicht an die Wolfahrt der Kirchen / der Policey; sondern durchaus / durch- 
aus trachtet er nach Schalckspossen / Müßiggang / Faulheit / Zechen / 
Üppigkeit / Trunkenheit / Büberey / Hurerey / Balgen / Verwunden / 
Morden". Sein frommes Gemüt empört sich weiter: „Wenn du die Schlaf- 
kammer auffmachst / vnd heimlich vmbherlawrest / wirstu bißweilen an- 
treffen / daß eine hübsche Nymphe ihre Pantoffel darinnen gelassen / der 
Gesell aber aus Unachtsamkeit nicht beyseits gestoßen!" 
Dem fügt Christian Thomasius, aus dem reichen Born seiner Erfahrung 
hinzu: „Ein wollüstiger Studente schiäffet des Morgens gerne lange, und 
verdirbet die beste Zeit, die er zu seinem Studiren anwenden solte, mit 
Fatillentzen, oder doch zum wenigsten liederlichen und unzüchtigen Ge- 
dancken; Seine Verrichtungen des Tages über ist entweder Spielen, oder 
Fressen und Sauffen, oder Huren .... und da gehet er nun, und bringet 
bald der Jungfer, bald der Magd, bald einer noch gemeinem liederlichen 
Vettel Ständgen und wenn er verlebet ist, verschweret er sich, und 



12 Domenpfad der Tugend. 

sucht alle Beredungen hervor, ein Weibsvolk aufzuhetzen; sobald er aber 
seinen Zweck errichtet, ist er nicht alleine unbeständig, sondern auch in- 
discret, wie er denn auch nicht eiffersüchtig ist, sondern ein Vergnügen 
daran hat, wenn er einen anderen seiner eingebildeten Lust kan theil- 
haftig machen" ^^^). 

Solch Tun und Treiben der Schürzenjäger, die Liebeleien mit Bürgerinnen, 
ledig oder verheiratet, und mit Mägden, stank gen Himmel und regte 
fromme Gottesmänner in tiefster Seele auf. Wie sollten sie solch Sodom 
und Gomorrha ungerügt lassen dürfen. Sie wetterten von der Kanzel da- 
gegen. Da dies aber erfahrungsgemäß schon deshalb sehr wenig half, weil 
die Studenten sich nur ausnahmsweise unter den andächtigen Zuhörern 
befanden, so setzten sie sich hin und suchten die flotten Bursche durch das 
gedruckte Wort auf den richtigen, wenn auch schmalen und domigen Weg 
der Abstinenz zu bringen, der da direkt in den Himmel führte. Da schrieb 
der fromme und gelehrte Johann Gabriel Drechsler die ,,Anchora sacra 
Studiosorum" und Daniel Wilhelm Möller einen „Betender Daniel, oder 
Studenten-Gebet-Büchlein auf alle vier Fakultäten", beides im Jahre 1667. 
Aber diese gutgemeinten, wenn auch langweiligen Werke wurden in den 
Schatten gestellt durch das schwere Geschütz, das Joachim Feller auffuhr. 
Anno 1688 erschien in Leipzig bereits in 2. Auflage unter dem Titel ,,Der 
andächtige Student" ein Gebetbuch für unbekehrte, sündige Studenten. 
Das dicke Buch enthält auf Seite 515 ein ,, Gebet umb Mäßigkeit und 
Nüchterkeit wider Fressen und Saufen". S. 519 ,, Gebet wider den Zorn". 
S. 516 ,, Gebet umb Keuschheit wider die leibliche Unzucht und Hurerey". 
S. 323 ,, Gebet eines, so im Schlagen, Balgen oder Rauffen einen gefähr- 
lichen Schaden bekommen" u. a. m.^'^^). 

Alle diese Schriften taten sich auch dadurch hervor, daß sich der finsterste 
Aberglaube in ihnen breitmachte und eine Urteilslosigkeit, die sich hinter 
Zitaten ohne Zahl verschanzte und den Anstrich von Wissenschaftlichkeit 
zu geben suchte. 

Die Wissenschaft war überall, nicht zuletzt auf den Hochschulen, einem 
leeren Formelkram gewichen. An Stelle der Forschung war seit laingem die 
Belesenheit getreten, die ihren Stolz und ihre Kraft daran setzte, möglichst 
viele Auszüge zu sammeln und form- und kritiklos aneinander zu kleistern. 
,,Die Bücherschreiber sind zum theil wie die Guckguck, einer guckt den 
andern nach, und wenn man einen hört, so hört man sie fast alle", sagt 
Harsdörifer. Anekdoten- und Miszellen-Sammlungen vertraten die wissen- 



Niedergang der Wissenschaften. 127 

schaftliche Literatur, und gedankenloses Nachschreiben die Forschung. Dem 
sich brüstenden Leitheunmel folgte die ganze Herde. Wie man den viel- 
seitigen Jesuiten Athanasius Kirchner feierte, weil er frech und gottesfürchtig 
die Hierogl}7)hen als Rebusse auffaßte und schlankweg löste, so schwor man 
auf alle die Wunderdinge, die ein hemmungsloser, finsterer Hexen- und 
Zauberglaube zusammenphantasierte und belegte sie durch wissenschaftlich 
aufgemachte Zitate aus geistesverwandten Autoren, Alchimie und Astrologie 
begegneten niemals Zweiflern, und selbst überragende Persönlichkeiten, 
wie ein Parazelsus, hatten nicht vermocht bahnbrechend zu wirken, denn 
auch sie wuchsen nur teilweise über ihre Zeit hinaus. Niemals war es 
schwerer eigene Wege einzuschlagen, als zu einer Zeit, wo der Autoritäts- 
glaube sich zum Herrscher der Massen aufschwingt. Am schlimmsten sah 
es mit der Medizin aus. Sie erstickte in einem Morast von borniertestem 
Aberglauben. Wenn der Arzt Dr. Alexander Pedemontanus als Heilmittel 
bei triefenden Augen — um aus tausenden solcher widersinnigen Vor- 
schriften wahllos eines herauszugreifen — ,, einer unbefleckten Jungfer 
(aber wo sind die anjetzo?) Urin mit Wein vermischt" empfahl, so fiel es 
keinem Menschen ein, in dieses ,unbetrieglich Mittel' irgend welche Zweifel 
zu setzen. Das Fehlen höherer geistiger Ziele hatte eben lähmend auf die 
Urteilsfähigkeit und den Geschmack sonst kluger und in ihrem Beruf streb- 
samer, tüchtiger und erfahrener Menschen eingewirkt, die des unerhört be- 
lesenen Christian Franz Paullini (1645 — 1712) ,, Heilsame Dreck- Apotheke, 
wie nemlich mit Koth und Urin die schwerste, gifftige Kranckheiten und 
bezauberte Schäden glücklich curirt werden", aus der auch das Rezept von 
Pedemontanus herrührt, gläubig hinnahm und stark benützte. Waren doch 
von diesem so ernstgemeinten tragikomischen Machwerk von 1696 bis 1748 
sechs starke Auflagen nötig. 

Den geistigen Tiefstand wie die völlige Hilflosigkeit dem heranwachsen- 
den Menschen gegenüber, offenbaren auch die Schul- und Lehrbücher in 
der deutschen Vergangenheit, 

Schon Auge und Ohr des Kindes waren an Bilder und Worte gewöhnt, die 
eine neuzeitliche Erziehung ängstlich von ihnen fernzuhalten bemüht ist. 
Die sexuelle Aufklärung, die Sehnsucht manches Schulmannes der Gegen- 
wart, wurde damals recht gründlich durch Anschauungsunterricht, in Wort 
und Bild, auch durch die Lehrbücher betrieben. Zu den weitverbreitetsten 
Schul- und Übungsbüchern gehörte Erasmus von Rotterdams Gespräch- 
büchlein, die Colloquia Erasmi. Für die Aneignung des Lateins waren sie 



128 Unzucht in Bild iind Wort. 

allerdings sehr geeignet, sagt Janssen ^^^). „Allein das Buch sprach der Ehr- 
furcht, die selbst der Heide Quintilian für die Jugend forderte, in hohem 
Grade Hohn und enthielt so schmähliche Dinge über religiöse Übungen 
des Volkes, so giftige Ausfälle auf das Ordensleben, so viele frivole und un- 
züchtige Stellen, daß es in Frankreich untersagt, in Spanien verbrannt, in 
Rom für die ganze Christenheit verboten, auch von Luther in seinen Tisch- 
reden wiederholt mit den schärfsten Ausdrücken verurteilt wurde". ,, Luther 
nennt Erasmus einen ,, Buben in seiner Haut", dessen Bücher „sehr giftig 
sind"." Und das Giftigste von allen legte die Schulweisheit von einst in die 
Hände der unreifen Jugend. Gespräche, wie die Unterhaltung zweier Weiber 
über ihre Männer, eines Freiers mit dem Mädchen seiner Wahl, dann 
Adoloscentis et Scorti (des Jünglings mit der Dirne), sind scharfes Gewürz 
selbst für den Mann. ,, Erasmus malt hier die Wollust aufs gemeinste, 
und fügt dann etwas hinzu, das erbaulich sein soll. Ein solches Buch emp- 
fiehlt der Doctor Theologiae dem achtjährigen Knaben, um durch dessen 
Lektüre besser zu werden" ^^*). 

Weiters ein anderes Schulbuch: ,,Rhetorica und Epistelbüchlein, Deutsch 
und Lateinisch, darin begriffen allerhand Missiven und Sendbrieffen, die 
sich in täglicher Uebung nothdürftig zutragen möchten, den jungen und cin- 
fahenden Deutschen und lateinischen Schülern und Schreibern zu Nutz 
veröffentlicht, in Frankfurt am Main 1590 von A. Sawr von Franckenberg". 
Unter den Formen von Briefen, ,,dcirin man sich Beschwemuß halber be- 
klagt", behandelt gleich der erste: „Einer klagt seinem guten Freund, daß 
ihm in seinem Abwesen von einem, dem er viel Freundschaft bewiesen, 
seine Hausfrau zu unehrlichen Wirken sei gefordert worden". Andere ,,Ex- 
empel ergehen sich über Unzucht, Buhlschaft und falsche Liebe" ^^^. 
Damit noch nicht genug. Der Prediger Caspar Faber ereiferte sich im Jahre 
1587 über die Lehrer, die mit den Knaben in der Schule ,,"\äel lieber Ovi- 
dium de arte Amandi" lesen, ,,denn den lieben Catechismum des heiligen 
Vaters Lutheri; ja die ganze Woche haben die alten heidnischen Hurenjäger 
und Schandlappen, Ovidius, Terentius etc." vor. „Mein findet sehr viele 
Schulen, in denen man den Knaben unreine poetische Bücher mit Gewalt 
einschlägt und sie zwingt, sie auswendig zu lernen, und die daraus fein ab- 
gericht werden, wie man leflen (löffeln = schöntun), buhlen, ehebrechen, 
Jungfrauen schänden, heimlich Weiber nehmen, die Türe einstoßen, Fen- 
ster einwerfen, besteigen und Jungfrauen hinwegführen solle, wie man mit 
der Lieb reden wie die Weiber niederkommen, wie die Jungfrauen 



Katechismen. J. A. Conienius. 12Q 

den Buben das Netz fürspannen", sagt Ägidius Albertinus, der fromme 
München er Moralprediger. 

In den Katechismen ergänzten nach heutigen Begriffen sehr verfängliche 
Bilder die erbaulichen Texte. „Beim ersten Artikel — des Katechismus — 
findet sich häufig eine Eva, noch ganz im Stande der Unschuld, mit Adam 
Hand in Hand am verbotenen Baume stehend und den Beschauer das Ge- 
sicht zuwendend. Die Kindespflichten sollen beim vierten Gebote durch das 
w^amende Beispiel Hams, der die Blöße des schlummernden Vaters nicht 
verdeckte, eingeschärft werden. Noah erscheint auch auf dem Katechismus- 
bilde unverhüllt wie ihn Harn gesehen, und es ist nichts Außerordentliches, 
gebrauchte Katechismen zu finden, in denen die laszive Hand eines Knaben 
dem Xylographen nachgeholfen hat. Beim zehnten Gebot ist Potiphars Weib 
dargestellt, auf einem Ruhelager sitzend und den hebräischen Jüngling am 
Kleide festhaltend oder in schamloser Entblößung ihm nacheilend. Das 
,, keusch und züchtig" soll Bathseba empfehlen. Sie befindet sich im Vorder- 
grund des Bildes im Bade und fern von ihr auf seinem Söller der König 
David, das Auge ihr zuwendend. Ihre Enthüllung ist zwar nicht die un- 
keuscheste, aber eine schamlose Invention des Bildermachers war es, daß 
dieser dem Bassin, in welchem sie badet, das Wasser zuströmen ließ aus 
einer auf hohem Postamente aufgestellten Statue, der ein Feigenblatt fehlt, 
das allerdings, ohne ihren Zweck zu vereiteln, nicht anzubringen war"^^^). 
In seiner sittlichen Entrüstung hat Löschke allerdings übersehen, daß 
die Jugend von damals aus den Schlafgemächern und den Badestuben an 
den Anblick der Nacktheit gewöhnt war und ihr anders gegenüberstand als 
viele unserer Schulkinder, denen die Zimperlichkeit mit der Milch einge- 
trichtert wird, und die deshalb doch nicht besser sind als jene in alter Zeit 
waren. Ich will damit natürlich nicht behaupten, daß naturalistische Bilder 
in ein Lehrbuch gehört hätten, aber sie wurden kaum als aufreizend auf- 
gefaßt und empfunden. 

An der Natur ist nichts schimpflich, und die Nacktheit ist Natur. 
Aus diesem Beweggrund heraus scheute einer der hervorragendsten Schul- 
männer der Vergangenheit, geradezu der Vater der heutigen Schule, Johann 
Amos Comenius nicht davor zurück, in seinem Orbis sensualium pictus 
zum Anschauungsunterricht für die liebe Jugend Bilder zu verwenden, die 
bei den jetzigen Pädagogen ein Schütteln des Kopfes hervorrufen. Auf dem 
Blatte XXXVII seiner Illustrationsbeilagen fehlt an den „äußerlichen Glie- 
dern der Menschen" fast keines. Die aber das Bild nicht zeigt, vergessen 

Bauer, Sittengeschichte 9 



150 Ehrabschneiden. 

die Erklärungen in deutscher und lateinischer Sprache nicht, die dazu die- 
nen sollten, „die Gemüter herbey zu locken, (daß sie ihnen in der Schul 
keine Marter) sondern eitel Wollust einbilden". Noch weiter als hier geht 
die sexuelle Aufklärung der Schüler bei dem 112, Blatt der Temperen tia 
,,Die Mäßigkeit". Hier hat der angehende Lateiner folgende deutsche Sätze 
zu übersetzen : ,,Die Mäßigkeit schreibt Maße für dem Essen und Trinken 
und hält an die Begierde / als mit einem Zaum: und also mäßigt sie alles / 
damit nichten zuviel geschehe. Die Schlämmer (Säuffer) sauffen sich voll 
und toll / taumeln / speyen (kotzen) und hadern. Aus der Schlemmerey ent- 
steht Geilheit; aus dieser ein Unzucht-Leben unter Hurern (inter Fornica- 
tores) und Schleppsäcken (et Scorta) mit Küssen / Betasten (palpamdo), Um- 
armen (herzen) / und Danzen (hüpfen) ^^*). 

Die Menschen der Vergangenheit waren eben weit entfernt, die Zeichnung 
eines belegten Ehebettes oder eines nackten Paares entsittlichend zu finden, 
ja selbst in stärkeren Naturwüchsigkeiten wie in der Darstellung einer hand- 
greiflichen Liebesszene oder des Mannekenpiß etwas anderes als einen Reiz 
auf die Lachmuskeln zu empfinden ^®^). 

Ebenso wenig, wie man sich scheute, selbst die heikelsten Stellen der Bibel 
durchzunehmen, darf gelehrten Herren, meist Geistlichen, eine Absicht des 
sinnlichen Reizes unterschoben werden, wenn sie in ihren polemischen 
Hexen- und Zauberbüchern, in ihren populär-wissenschaftlichen, medizini- 
schen, also für die weitesten Kreise berechneten Büchern Holzschnitte auf- 
nehmen, die an pornographischer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig 
lassen, wie die hier veröffentlichten Proben z. B. aus Comenius dartun. 
Dies alles sei der Urwüchsigkeit in geschlechtlichen Dingen zugeschrieben. 
Das Schamgefühl der Gegenwart ist eben auch ein Produkt seiner Zeit, 
und himmelweit von dem verschieden, was die Vorfahren darunter ver- 
standen. 

Es ist hier nicht der Platz darüber abzuhandeln, doch sei, um nur einen 
einzigen Vergleich zwischen einst und jetzt zu ziehn, daran erinnert, daß 
zu den schimpflichsten Strafen in der deutschen Vergangenheit das ,, Ehr- 
abschneiden" zählte. Es bestand darin, daß dem Weibe das Kleid bis knapp 
über dem Knie abgeschnitten wurde, und es daher mit sichtbaren Waden 
sich zeigen mußte, was bei den Damen in den knie- und schenkelfreien 
Kleidern wie den Badekostümen der Gegenwcirt kaum noch als Schimpf 
und Schande angesehn wird. 
So fand man einst nicht einmal etwas Erwähnenswertes darin, halbwüchsige 



Schüler eds Schauspieler. Ijl 

Kinder zu zwingen, auf den Schultheatern Unflätereien auszusprechen und 
Unzuchtsszenen darzustellen. Der Teufel sollte nach der ehemals so adlge- 
meinen Vorschrift: „Nach bösen Beispielen sollst du dich nur richten, um 
nach ihnen deine Sitten verbessern", eben durch Beelzebub ausgetrieben 
werden. Das Theaterspielen als Lehrmittel ist uralt. Bereits in den Klöstern 
wurden von den Schülern lateinische Dramen aufgeführt, wenn dies auch 
kaum die Stücke der Gandersheimer Nonne Rhoswitha gewesen sein dürf- 
ten, die im zehnten Jahrhundert für ihre Mitschwestern nach dem Vorbild 
von Terenz und Plautus Dramen mit stark erotischem Einschlag verfaßt 
hatte. Diese Schüleraufführungen in den Klöstern werden wohl auch Fast- 
nachts-, Oster- und Weihnachtsspiele umfaßt haben, an denen sich das Volk 
auf dem Anger, wie auf dem Marktplatze ergötzte. Die Darsteller und Ver- 
anstalter der Volksspiele waren Spielleute und fahrende Schüler, deren Ge- 
schäftssinn es zu danken ist, daß trotz der religiösen Stoffe dem Geschmack 
und der Schaulust des Volkes immer weitere Zugeständnisse gemacht wur- 
den ^^^), auch wenn zum Schauplatz für die Darstellung der Kirchhof oder 
die Kirche selbst diente. Deshedb erklärte schon im 12. Jahrhundert der 
Domscholaster Gerboth von Reichersberg ,,spectacula theatrica" für Teufels- 
werk und beklagte die Entweihung der Kirchen durch ihre Aufführung. 
Durch eine ganze Reihe von Synodialbeschlüssen und Verordnungen geist- 
licher Behörden, läßt sich die Abneigung vieler maßgebender kirchlicher 
Kreise im 15. Jahrhundert gegen das Theaterspiel überhaupt, wie gegen das 
in Kirchen und Klöstern deutlich verfolgen. Vielfach aus gewichtigen Grün- 
den, denn, die geschlechtlichen Verhältnisse wurden (in den meisten Stücken) 
mit verblüffender Ungeniertheit behandelt. Um die Knaben vor den Folgen 
eines ausschweifenden Lebenswandels zu warnen, trug man kein Bedenken, 
ihnen auf der Bühne einen solchen unverhüllt vorzuführen ^^^). 
Aber die Absicht zu bessern stand nicht einmal obenan. Der Hauptgrund 
der Schüleraufführungen ist darin zu suchen, den Unterricht in der latei- 
nischen Sprache zu fördern, der nun einmal cils die Grundlage jeglichen 
Wissens galt. Deshalb wurden denn auch von gewissen Schulbehörden den 
Schülern Aufführungen in deutscher Sprache untersagt. So bestimmt die 
Güstrower Schulordnung von 1552, von der noch mcinches zu sagen sein 
wird, „Deutsche Comedien und Tragedien sollen für den gemeinen Mann 
noch sonsten von den Schülern nicht agiret werden". Nur mit Einwilligung 
des Herzogs und auf dessen Gutachten dürfe eine Ausnahme gemacht 
werden. 



152 Lateinische Stücke. 

Im Jahre 1566 verlangte Johann Gigas von Schulpforta die ausschließliche 
Aufführung nur lateinischer Stücke „sonderlich aus dem Terenz". „Deut- 
sche Stücke befehle man deutschen Brüdern und Handwerksgesellen". In 
Ulm sprachen sich am 16. August sämtliche Prediger und Schulkollegien 
zu dem dortigen Rektor Martin Balticus gegen die deutschen Spiele aus. 
In München kam Oswald Stadler, Schulmeister bei St. Peter, vom Magistrat 
die Weisung zu, „daß ihm hinfüro keine deutsche Comödia zu halten ver- 
gönnt, sondern alle lateinisch gehalten werden sollen, damit der Jugend 
damit Rath geschafft werde". Die Humanisten, voran Konrad Celtis, hatten 
die Komödien des Plautus und seines literarischen Nachfolgers Terenz in 
den Schulen heimisch gemacht, und die Reformatoren zeigten sich damit 
einverstanden. Melanchthon, ein begeisterter Verehrer des Terenz ^®^), ließ 
diesen, Plautus, Euripides und Stücke aus dem Senecca von Studenten in 
Wittenberg aufführen. Luther stimmte dem zu: „Comödien spielen soll 
man um der Knaben in der Schule willen nicht wehren, sondern gestatten 
und zulassen, erstlich, daß sie sich üben in der lateinischen Sprache, zum 
andern, daß in den Comödien fein künstlich erdichtet, abgemalt und für- 
gestellt werden solche Personen, dadurch die Leute unterrichtet und ein 
jeglicher seines Amtes und Standes erinnert und vermahnet werde, . . . was 
einem Knecht, Herrn, jungen Gesellen und Alten gebühre, wohl anstehe 
und was er tun solle .... wie sich ein jeglicher in seinem Stande halten 
soll im äußerlichen Wandel, wie in einem Spiegel". Ebensowenig hatte er 
gegen die Wahl der Stücke etwas einzuwenden: ,, Christen sollen Comödien 
nicht ganz und gar fliehen, darum, daß bisweilen grobe Zoten und Bühlerei 
darin seien, da man doch um derselben willen auch die Bibel nicht dürfte 
lesen" 269). 

Solche Leitsätze waren nicht mißzu verstehen. Darum wurde in den pro- 
testemtischen Schulordnungen frühzeitig die Durcharbeit des Terenz und 
einiger Stücke des Plautus ^'^^^^ ^^j. Hauptvertreter der Palliatendichtung, 
ausdrücklich verlangt. 

Beide Dichter hatten schon früh auf der deutschen Bühne Fuß gefaßt. Am 
Hof des Kardinals Matthäus Lang in Augsburg soll eine deutsche Über- 
setzung des Eunuchus aufgeführt worden sein. Ein Jahr darauf (1517) 
brachten Mainzer Meistersinger eine ,, Darstellung nach Plautus" auf die 
Bühne-''). Die von Melanchthon entworfene und von Luther gutgeheißene 
kursächsische Ordnung von 1528 befiehlt: ,,Wenn die Kinder den Esopum 
— die Fabeln Aesops — gelernt, soll man ihnen Terentium fürgeben, 




Albrecht Dürer: Das Liebchen 

(Nackte Frau) 
Fnris 




Schüler als Schauspieler. Aufjührung eines 
Lustspiele s von Terenz 

Holzschnitt vom Jahre 14t/* 
Die hiebe spanre sind durch Linien verbunden 




Altdorf 

Kupfer von Fuschutr. Mitte des iS. Jahrhunderts 





mit ^rmftJtitn anti'jLffemt: 



Win JtrPeJtllJufirnien Ornat 
St hat er tinen Doctorat . 



Straßbutß;er Akademische Bürger im //. 1 ah r hundert 





EmHerrPi-efe/jßrklridetoeht 
al/i u>ir Air vpf aug cnßthl , 



£in J^tmiter hferr im Doctcrnt 
j4lf» feint teofei/unu hat 



Terenz imd Plautus in den Schulen. 155 

welchen sie auch auswendig lernen sollen. Nach dem Terentio soll der 
Schulmeister den Kindern etliche Fabulas Plauti, die rein sind, fürgeben". 
Zu diesen , reinen' Stücken rechnete Melanchthon die Topfkomödie Aulu- 
laria, das Charakterstück, das Molieres ,L'Avare' als Vorlage gedient hat, 
den Trinummus, den Lessing in seinem , Schatz' bearbeitet hat, und endlich 
Pseudolus, das treffliche Urbild eines Intrigenstückes ^^^). 
Spätere Schulordnungen wie die Güstrower (1552). die Magdeburger (1555), 
die Brandenburger (1564) und die Breslauer (1570) fordern nicht allein 
Lesen und Auswendiglernen, sondern ausdrücklich die Darstellung des 
Terenz. In der Güstrower Ordnung heißt es: ,,Es soll auch alle halbe Jahre 
eine lateinische Comödia aus dem Plauto oder Terentio für die Knaben, 
daß sie gut lateinisch lernen mögen, von den Schülern in der Schule agiret 
werden" ^'^^). 

Nach der Nordhauser Schulordnung von 1583 sollte der , Rektor mit den 
Schulknaben der Bürgerschaft und gemeiner Stadt zu Ehren' jährlich auf 
Fastnacht eine lateinische Komödie aus dem Terenz vorführen, und wohl 
eine Konzession für die Zuhörerinnen, „bisweilen eine deutsche dazu"^^^). 
In Zwickau wurde schon 1518 am Tag vor Fastnachtsdienstag während 
eines Turniers vor Herzog Johann und dessen Hof „der Eunuchus aus dem 
Terentio ordentlich und wohl gespielet" und dies von der Ratschule, deren 
Rektorat Stephan Roth verwaltete. „Zw^ischen diese Aktion hatte man", 
wie eine Chronik berichtet, „eingefügt, wie sich sieben Weiber umb einen 
Mann gezankt und geschlagen, desgleichen, wie sieben Bauemknechte, 
umb eine Magd gefreit haben, und ist dies alles zierlich und wohl gereimet 
agiret worden"^'"). 

Die städtische Poetenschule in München spielte , einem ehrbaren Rath zu 
Gefallen auf dem Rathause' in den Jahren 1557, 1562 und 1566 öffentlich 
Stücke von Plautus, ,,der Obrigkeit zu sondrer Ehr, Gemeiner Jugend z'Nutz 
und Lehr, In Summa jedermann zum Frommen", wie Johann Baumgart, 
Prediger an der Heiliggeistkirche in Magdeburg 1561 in der Vorrede zu 
seinem berüchtigten Schauspiel ,,Das Gericht Saleimonis" sagt. Bei einem 
Examen in Straßburg im Jahre 1578 hielt der Theologe Marbach eine 
Schulpredigt. In dieser straft er die ,,thörichten Eltern", die ihren Kindern 
„zu lesen und sich zu üben fürlegen den Dannhüser, die Melusina, Dietrich 
von Bern, den alten Hiltenbremd, Ritter aus Steuermark — also geben sie 
der Jugend Anleitung zu bösen Gedanken". An einer anderen Stelle er- 
mahnt er die Schuljugend, sich einzig mit guten Büchern abzugeben, nicht 



1 34 Schüler als Dimendarsteller. Obszöne Koniödien von Lehrern. 

mit „Bulbüchem, in denen mehr als Fabelwerk, Narrentheiding und Merlin 
(Märlein, Märchen) nichts zu finden". Das sagt er denselben Schülern, die 
bei den Prüfungen den Phormio der Terenz und die Wolken der Aristo- 
phanes aufführten ^^^). 

Georg Rollenhagen, der Dichter der ,,Froschmäusler", 1567 Prorektor der 
Schule zu Magdeburg, richtete seine Bemühungen darauf, daß der Terenz 
„wie Teer den Schülern an den Händen kleben solle". „Wir haben", 
schrieb er im Jahre 1592, „bei unseren Schulen den Terentium allzeit ge- 
lesen, und diese Zeit auf einmal ganz auswendig lernen und so oftmeds in 
der Schulfeier des Donnerstags nach Mittag spielen lassen, daß ihn nun 
fast die ganze Schule auf einem Neglein weiß und wann es von Nöthen ist, 
und welche Comödie man haben will, zierlich aufsagen und zum Spiel ins 
Werk richten kann". Die Ungeschminktheiten der antiken Sittenschilderer, 
alle zu handgreiflich deutlich, um nicht von ihren V^erkündern erfaßt zu 
werden, ertönten nun aus Knabenmund von der Bühne herab. Als ernste 
Schulmänner ihre warnende Stimme dagegen erhoben, daß Knaben die 
Rollen der öffentlichen Dirnen, wie sie bei Plautus und Terenz so häufig 
sind, spielen sollten, verteidigte 1604 der Marburger Professor Rudolf 
Goclenius diesen Mißbrauch als etwas Selbstverständliches. „Nicht un- 
ziemend ist es für einen Mann, öffentliche Weiber darzustellen, wenn es 
zu dem Zwecke geschieht, die Laster der Dirnen zu zeichnen ; ungeheuer- 
lich ist nur, die Sitten, nicht aber die Kleidung einer Dirne anzuziehn"^^^). 
Die Beliebtheit des Terenz als Autor von Schulkomödien überdauerte sogar 
noch das 18. Jahrhundert. Heinrich Anschütz, der berühmte Wiener Bur- 
theaterschauspieler, erzählt in seinen Erinnerungen, daß er 1801 auf der 
Fürstenschule in Grimma drei Stücke von Terenz, die Andria, die Brüder 
und den Selbstpeiniger, mit Erlaubnis der Lehrer zur Aufführung gebracht 
habe "8). 

Wie begreiflich, fehlte es aber auch nicht an Schulmännern, die sich des 
verderblichen Einflusses der klassischen Draniatiker voll bewußt waren. 
Aber es ist niemals jedermanns Sache gewesen, gegen den Strom zu schwim- 
men, und seine Stimme laut und vernehmlich gegen die seiner Vorgesetzten 
und die allgemeine Ansicht zu erheben. Wenn sich einer dieser Schul- 
monarchen aufraffte, an Stelle des Terenz oder Plautus andere Komödien 
zur Aufführung zu bringen, so geschah dies sehr häufig, durchdrungen von 
dem eigenen Wert, nur in der Absicht, für Stücke der leichtblütigen Rö- 
mer eigene Werke der staunenden Mitwelt vorzuführen. Also machte es 



Freudenhausszenen in Schuldreimen. 135 

Cornelius Schoraeus (1540 — 1611), Er schrieb Komödien, 1591 im ,,Te- 
rentius christiEmus" ^^^) gesammelt, in denen er grundsätzlich alle amores 
ausschloß. Er ersetzte alle Liebeleien durch Roheiten ^^''), Zweideutigkeiten 
und platte Gemeinheiten ^^^). In einem seiner Stücke, einer Bearbeitung 
des Susannastoffes, bringt er zwei Freudenhausbilder, gegen die Terenz ver- 
gleichsweise unschuldig ist. In der einen Szene fallen zwei Ehemänner in 
die Netze zweier öffentlicher Dirnen. Ebenso widerwärtig ist die andere, 
wo die Männer mit ihren nachgereisten Frauen zusammentreffen. Mit Recht 
sagt das eine Weib zu dem andern: 

Pudet me commemorare quae vidi per catii 
Rimas prospiciens clanculum. 

In seiner Judith geht die Heldin zum König Holofernes und vertraut ihm, 
sie habe sich aus Liebe zu ihm gewagt. Sie sei von seiner Schönheit geblen- 
det und wünsche sein Kebsweib zu sein. Herodes ist galant genug, dies Be- 
gehren zu erfüllen, und so kann eine Wache der andern auf dem Walle 
erzählen : nunc imperator 

Noster in amore est totus, mulierem illam complectens, qua ego 

Pol in vita elegantiorum vidi neminem. 

, Derartige Obszönitäten finden sich in nicht unbeträchtlicher Anzahl auch in 
anderen Stücken des Schoraeus' ^®^). Dann die Dramen vom verlorenen Sohn 
aus Schulmeisterfedem, die bald in überreicher Anzahl, lateinisch und 
deutsch, erschienen, unter denen aber keines die von dem Stoffe bedingten 
Derbheiten zu mildern sucht. Auch der ,Asotus' von Wilhelm Cnapheus 
(t 1568) nicht, eines der bedeutendsten Stücke dieser Art, das aber an stark 
erotischen Stellen keinen Mangel hat^^^). Ein gleiches gilt von den Dramen 
Nikodemus Frischlins (1547 bis 1590). Seine Stücke, wiederholt von Stu- 
denten aufgeführt, enthalten, ungeachtet der biblischen Stoffe, ganz dem 
rohen Zeitgeschmack entsprechende Szenen, die ,,dem Schulzweck zuwider 
waren und auch in ästhetischer Hinsicht besser weggeblieben wären" ^®^). 
Überaus beliebt als biblische Stoffe für Schulkomödien waren die Ge- 
schichte vom keuschen Joseph und die von der ebenso gearteten Susanna 
im Bade. Die Verfasser scheinen der Ansicht gewesen zu sein, daß sich mit 
den Bordellszenen im Verlorenen Sohn grade diese beiden Erzählungen 
glänzend für Schulkomödien eignen, denn sie haben sie immer und immer 
wieder beeirbeitet. 
Balthasar Voigt, Pastor in Drubeck, läßt in seinem „Aegyptischen Joseph", 



156 Voigfts „Aegyptischer Joseph". 

der „als geistliche Komödie sowohl in kleinen als großen Schulen auf einen 
oder zwen Tagen wol füglich agiret" werden sollte, die Liebesqualen der 
Frau des Potiphar sich in den Worten austoben: 

„Ach, ach, du mein liebes Herz, 

Wie sauer kommt dich an Liebesscherz? 

Ach, wie beugst du dich wie ein Reif, 

Und wirst bald wiederum so steif 

Wie ein Baum und Steineiche hart, 

die sich dem Winde zuwider starrt, 

Mit großer Last doch endlich bückt 

Und wird mit Krachen heruntergerückt 
(Gedanken umdrängen sie) 

Welch wie ein Krebs die Sinne beißen ... 

Das Schamnetz ist aufs höchst gespannt . . . 

Sollt ich auf ewig sein geplagt. 

So ists viel besser einmal gewagt; 

Die Not, Schwermut und Bangigkeit 

Habens ohnehin gebracht so weit — 
(hält ein wenig inne mit der Rede) 

Aber wie bin ich nun so toll, 

Ich soll mich doch ja schämen wohl 

Und die Lustseuch (l) anders kurieren. 

Ich wills auch: 
(hält abermals still und geht so in tiefen Gedanken) 

Noch laß sie regieren, 

Hab ichs doch vor versucht und noch. 

Und wird noch viel schwerer mein Joch". 
Medea, Potiphars Weib, erklärt nun Joseph ihre Liebe. Dieser entzieht sich 
ihrer Umarmung, und verweist sie auf Gott. Sie aber spricht von ihren 
Göttern : 

Da Mars und Venus lagen bei. 

Wer macht davon ein groß Geschrei? 

Hätte Vulkan nicht die Läng vernomm'n. 

Er war nimmer vor Jovem kommen. 

Die Götter warten ihrer Freud, 

Bei uns sind sie die wenigst Zeit. 
(Sie streichelt ihm Wange und Arm) 



Joseph und Frau Potiphar. 1x7 

O hilf mir Venus durch dein Kind, 
Daß ich hier mein Erquickung find. 
All ihr Götter helft mir dazu, 
Ihr habt gefühlt dieselb Unruh. 
O Jupiter der du selber viel 
Gewaget hast auf diesem Spiel, 
Hab jetzt mit mir ein Übersehn: 
Ach Joseph woU nicht von mir gehn, 
Ich will dir vor erzählen hin, 
Wie Jupiter hatt ein Konkubin, 
Und der Prinzen viel ander mehr. 
Denen es nicht schadt an ihrer Ehr." 

Nachdem Joseph dies Bekenntnis, das sich aus Kindermund besonders lieb- 
lich angehört haben wird, vernommen, eilt er ab. Ebensowenig gelingt es 
der Medea ihn durch Geschenke zu gewinnen. Da beschließt sie den großen 
Schlag. Splitternackt will sie ihn im Bett empfangen. Als er erscheint, 
packt ihn Medea sogleich am Mantel und ruft: 

Sieh diese Brust und weiß Ärmel ein! 

Ach drück dich an mich. 
Joseph: Laß mich gehn! 
Medea: Hört, mein Buhl! 
Joseph: Hört Ihrs, laßt mich gehn. 
Medea: O nein, ich will vor gar aufstehn, 

Daß du meinen ganzen Leib mögest sehn". 

O der Herr Verfasser ist gar nicht so. Er sagt nämlich in einer Regie- 
bemerkung: ,,Was von Entblößung hier gesagt wird, soll nur gehört und 
Zucht halber doch nicht repräsentiert oder gesehen werden". Also, es sollte 
nur die Einbildungskraft der lieben Jugend wachrütteln! 
Joseph entreißt sich den Armen der Buhlerin, und nun rächt sie sich, und 
klagt den Tugendprotz bei Potiphar mit den bezeichnenden Worten an: 

,,Hätt er vorgehabt, ein Magd zu schänden, 
Sollt man ihn doch von Ort und Enden 
Der ganzen Stadt, für solchen Spott 
Gestrichen habn bis auf den Tod. 
Nun hat er begemgen solche Schand, 
Daß ihms Rad mög werden zuerkannt. 

9 



ig8 Schuldranien „vom Laster des Ehebruchs" vmd ähnliches. 

Kein Edelmann, kein Graf im Reich, 

Die doch gewest warn Meinesgleich, 

Haben mir Unehr zugemut. 

Wie dieser euer Hebräer tut. 
(es sei jetzt besonders auf die nun folgende Ansicht des Herrn Pastors auf- 
merksam gemacht, der sich ausnehmend gut zum Hofprediger geeignet hätte :) 

War mirs geschehn von einem Edelmemn, 

Möcht ihrs euch ziehn zu Ehren an. 

Daß ihr zum Weib hätt solch Matron, 

Welch gefiel jeder Adelsperson. 

Nun aber hat der lose Knecht 

Mich im Gegenteil zu hoch geschmeckt, 

Daß er gmeint, man müßts ihm bestellen — 

Ja fürwahr einm so feinen Gesellen, 

Der unserm Volk ein Greuel ist 

Und mich noch jetzt anstinkt wie Mist". 

Dieses ausdrücklich als Schuldrama verfaßte und 1619 gedruckte Stück, ist dem 
Bürgermeister und Rat von Halberstadt gewidmet ''^^^). Solche Szenen sind 
nichts seltenes in den Schulkomödien. Der Prediger Ambrosius Pape be- 
handelt in dem ersten seiner ,Zwo christlichen Spiele vom Laster des Ehe- 
bruchs' die Eheirrung Davids mit Bathseba in einer für die studierende 
Jugend, auf die er ausdrücklich Rücksicht nahm, nichts weniger als pas- 
senden Weise ^®^). Noch ärger ist ein von Johannes Baumgart, ,Pfarrherr 
zum heiligen Geist zu Magdeburg', im Jahre 1561 ,zu Nutz und Frommen 
der Jugend' verfaßtes und vor dem dortigen Rat aufgeführtes Schauspiel 
„Das Gericht Salomonis". Wer hier liest, welch ungeheuerliche Schimpf- 
wörter die beiden streitenden Weiber in Gegenwart des Königs Salomon 
gegeneinander gebrauchen, welch unflätige Gebärden das eine Weib zu 
machen hat, welche Laster ein anderes Weib einem Wucherer vorwirft, 
und wie ein auftretender Henker sich ausspricht, muß erschrecken über 
die Worte am Schlüsse: 

Ein junger Häuf und junge Knaben, 
Junge Studenten das gespielet haben. 

Gervinus sagt mit Bezug auf dieses Schauspiel ^^'^ : ,,Es ist unglaublich, 
was man damals die Jugend sagen und spielen ließ". ,, Selbst die rohesten 
Truppen würden nun nichts der Art wagen". 



Hans Pfriem oder Meister Kecks. 159 

Johann Bußleb, Lehrer an der Schule in Egeln bei Magdeburg, verfaßte 
1568 eine dem Bürgermeister und Rat der Stadt Wernigerode gewidmete 
,kurtz weilige, sehr nützlich zu lesende' Komödie unter dem Titel ,Ein Spiegel, 
bereit wie die Eltern ihre Kinder auferziehen, auch die Kinder gegen die 
Eltern sich verhalten sollen'. Eduard Jacobs möchte es ,fast verneinen', daß 
das Stück ,von und vor der Jugend' dargestellt worden ist. Wir können es 
nicht glauben, daß es einem ehrsamen, auf gute Zucht haltenden Rat und 
der , Christlichen Hausehre' (den Frauen) zugemutet werden konnte, von und 
vor ihren ,PfIentzlein', d. h. ihrem Nachwuchs, eine solche ,Kurtzweilige 
Komedie', die sich im tiefsten Schmutz und Unflat herumwälzte, aufführen 
zu lassen ^®^). Martin Hayneccius, einer der ersten Rektoren der Fürsten- 
schule in Grimma, ein gar hochgelahrter Mann, hat der Jugend drei latei- 
nische Schulkomödien gedichtet, die er, ,, damit sie vom gemeinen Manne 
auch verstanden, vnd nützlich gelesen vnd gehandelt möchte werden", selbst 
verdeutscht hat. Das bedeutendste darunter ist,, Hansoframea, / Heins Pfriem, 
oder meister Kecks", das 1582 in Leipzig erschienen ist ^^^). Diese Komödie, 
schon dadurch interessant, daß das ihr zu Grunde liegende Märchen Bürger 
die Vorlage zu seiner Ballade ,Frau Schnips' geliefert hat, die er allerdings 
aus dem Englischen übersetzte, die dann auch die Brüder Grimm in ihre 
Märchen Sammlung unter der Nummer 178 aufnahmen. In dieser Posse, wenn 
sie auch sittlich rein ist, macht sich doch ein unerhört pöbelhcifter Ton 
breit, der von Knabenlippen noch roher geklungen haben muß als er 
sich liest. 

Wie Hayneccius sahen sich auch andere Dichter von Schulkomödien nach 
weltlichen Stoffen um, von denen ihnen keiner zu gewagt schien, wenn sie 
nur ihr Latein und ihre Verskunst, und das, was sie dafür hielten in rech- 
tem Lichte leuchten lassen konnten. Philipp Waimer, Gymnasiallehrer in 
Danzig (* i6o8), schuf aus Bandellors Novelle von König Eduard III. und 
der schottischen Gräfin Alix von Salisbury ,,Ein Newe \Tid lüstige Comoedia 
Elisa". Elisa, richtig Alix, ist eine Lukretia Borgia, Sie will sich lieber mit 
,, einem Messer behend" töten als dem lüsternen König zu Willen zu sein. 
Noch deutlicher als diese Haupthandlung sind die Zwischenspiele. Der Narr 
Dominus Johannes singt das Auftrittslied: 

„Hört jhr Herren, last euch sagen: 

Der Seiger der hat zwey geschlagen. 

Verwart das Feuer vnd auch das Liecht, 

Das man den Knecht beyr Magd nicht sichtl" ^^^) 



140 Sexuelle Aufklärung durch Schiildramen. Studentenkoniödien. 

Im Jahre 1659 veranstaltete Rektor Kohlreiff in Berlin einen actus YUfjivaoiac 
,,de male feriatis", in dem er den Wert -wissenschaftlicher Tätigkeit den 
Gefahren und dem Elend des Kriegslebens gegenüberstellte und die schlimmen 
Folgen des Venusdienstes in drastischer Weise zur Anschauung brachte. 
Dieses Werk scheint befruchtend gewirkt zu haben, denn Johann Heinzel- 
mann, 1652 — 1659 am Gymnasium im Grauen Kloster, und Subrektor 
Weber (1662), beide in Berlin, behandeln in Schuldramen dasselbe 
Thema 291). 

Das Studentenleben selbst nehmen sich einige Schulkomödien zum Vor- 
wurf. Eines der frühesten Stücke dieser Art ist wohl das 1554 erschienene 
,,Der jungen Knaben Spiegel" von Jörg W'ickram. Obwohl nicht bezeugt, 
daß es von Schülern für Schüler dargestellt worden ist, so deutet doch seine 
ganze moralisierende Art auf diese Absicht des Verfassers hin, wie die knappe 
InheJtsangabe zeugt: Willibald, ein Rittersohn, wird von Lotharius, seinem 
Mitschüler, dem Sohn eines reichen Schlachters, zur Liederlichkeit verführt, 
während Friedbert, armer Leute Kind, der mit Willibald aufgezogen wurde, 
brav und fleißig bleibt. Willibald und Lotharius machen in einem Bordell 
dieselben Erfahrungen wie der verlorene Sohn. Solche Schlüpfrigkeiten 
würzten den etwas faden Moralbrei. Lotharius endet als Dieb am Galgen. 
Willibedd muß erst als Schweinehirt dann als landstreichender Sackpfeifer 
sein Leben fristen, ehe sich der zu Amt und Würden gekommene Friedbert 
seiner annimmt und ihn mit seinem alten Vater versöhnt^^^. 
Im Jahre 1549 hatte der neunzehnjährige Student Christoph Stymmel aus 
Frankfurt a/Oder, er starb 1588, „in offenbarer Anlehnung an Guibelinus 
Gnaphaeus (1495 — 1568) Acolatus" das lateinische Schauspiel ,Studentes' 
beschrieben. In die Parabel vom verlorenen Sohn knüpft er das Schicksal 
verschieden gearteter Studenten. Es sind dies der fleißige Philamathes und 
seine Jugendfreunde Acolatus und Acratus. Der eine von diesen beiden 
vergeudet alles mit Weibern, der andere ist ein Spieler. Natürlich siegt 
in Philamathes die Tugend. Acolatus muß das Mädchen heiraten, das er 
entehrt hat. Acratus bestiehlt seinen Vater, um seine Spielschulden zu be- 
zahlen 29^). 

Über eine der üblichen Sauf- und Raufszenen berichtet in diesen Studentes 
ein Student: „Bis ein Uhr früh haben wir gestern abend getrunken und 
waren so berauscht, daß wir kaum noch stehen konnten, ja zur Erde selbst 
wie taumelnd stürzten. Fallsüchtigen ähnlich. Als wir des Trinkens satt ge- 
worden, ging es auf den Markt. Zuerst kam uns entgegen ein ungeheurer 






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Das Hä nseln der Fuhrleute 

Stich fius der ersten Hälfte des u^. Jahrhunderts 



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Basel 149) 




Der Herr Professor läßt sich nicht stören 

Holzschnitt von Hans Frank. iflH 




Im Cafe 

Kupfer von J. E. Nilson 



Gnotenkampf. Cornelius relegatus. 14 1 

Gnotenschwarm, der mit gezückten Schwertern auf uns sich stürzte. Da 
schlugen wir mit mutigem Sinn, daß sie besiegt uns endlich den Rücken 
zeigten, viele auch so schwer verwundet, daß kaum noch Lebenshoffnung 
übrig ist. Bald durch den Lärm gerufen, stürzt sich auf uns der Wache 
Schar, in Waffen blitzend. Auch diese wurde in die Flucht gejagt. Traun, 
vor Lachen wäre ich fast gestorben, als die, denen doch das Heil der Stadt 
vertraut ist, so schändlich flohen" ^^^). 

Stymmel Stück fand übergroßen Beifall. Melanchthon ließ es ,zum großen 
Gefallen der Gelarten' zweimal in Wittenberg aufführen. Dieses Ansehn 
erbte sich fort, so daß es nachweisbar noch in 21 Ausgaben vorhanden ist^^^). 
Ein Mitstreiter Stymmels war Albertus Wichgrevius aus Hamburg, später 
Rektor in Pritzwalk, dann Prediger in einem Flecken bei Hamburg. Wahr- 
scheinlich ist seine lateinische Studentenkomödie ,, Cornelius relegatus" von 
den ,Studentes' angeregt. Sie wurde 1600 in Rostock von Studenten darge- 
stellt und fünf Jahre später ,, auf vieler Ansuchen und Begehr" von Johannes 
Sommer, Pastor in Osterweddingen, ins Deutsche übersetzt. Mit anderen 
drastischen Worten: diese dramatisierte Beschreibung des „bachantisch kor- 
nelisch Saulebens" der deutschen Bühne zugänglich gemacht, und ,, diesen 
Cornelius mit seinem Saufen, Spielen, Stürmen, Leffeln und seinen jungen 
Comeliolo, den er erleffelt, auf freiem Schauplatz Männiglich anzuschauen 
fürgestellt, zu dem Ejide, daß die jungen Scholares, wenn sie aus der Pcirti- 
cularschule kommen und auf Universitäten ziehn, der Privilegien und In- 
dulgenz zum Saufen, Spielen, Doppeln, Unzucht und Büberei mißbrauchen 
sollen, sondern sich vor dergleichen schwebenden Lastern höchsten Fleißes 
hüten". 

Auch die allzu nachsichtigen und närrischen Eltern bekamen dabei böse 
Worte zu hören, ,,da nunmehr junge Leimstengler, wenn sie ehelich wor- 
den — ich will jetzt von den alten Lappenheusern und Narren, die ihren 
Kindern die Narrenkappen selber zuschneiden, nichts sagen — und Ehe- 
pflänzlein durch Gottes Segen gezeuget, ihr eigen Muster und Ebenbild an 
ihnen erziehen, gewöhnen sich flugs zu langen französischen Haarlocken, 
weiten Müllerhosen und neuer utopischer leimstenglerischer und kornelia- 
nischer Manier und Zier, und spiegeln sich darin wie die alten Affen an 
ihren Jungen : was nun künftig an solcher Frucht und Zucht werde erwach- 
sen, das wird die Posteritet, so anders Gott mit der bösen Welt nicht Feier- 
abend machen wird (!), mit Schmerzen erfahren". 
Das ,, Argumentum oder Inhalt deß Spiels" ist: 



142 Cornelius relegatus. 

Cornelius der Schul wird gram, 

Ob scharfer Zucht Eckel bekam, 

Redt mit dem Vater, daß er ihn 

Nach Wittenberg wollt lassen ziehn. 

Erlangt solchs von den Eltern fein. 

Lauft flugs zu seinem Jungfrewlein, 

Ihr solchs zu sagen, daß er hat 

Urlaub, wolt werden Licentiat. 

Schnupftuch, Ring, Gelt sie ihm mitgab. 

Rollt weg, wirft dort die Hörn er ab. 

Ein stattlich Mahlzeit richtet zu. 

Lernt nichts, säuft, frißt und schreit Juch Juh. 

Endlich da er viel Schulden macht, 

Gar heftiglich wurde verklagt, 

Arrestiret, incarceriret, 

Trawrig ins Elend relegiret, 

Vol Schmerzen kam wider anheim. 

Sehnlich ihns rewt: und hielt sich fein. 

Der hier wiedergegebene Kupferstich aus Jacob v, d. Heydens Speculum 
Cornelianum, Straßburg 1618, zeigt einen Cornelius, auf den das Ergebnis 
seiner Taten mit aller Macht hereinstürzt. In ihm personifiziert sich das, 
was man vom 16. bis zum 18. Jahrhundert unter dem Namen Cornelius 
und das von ihm abgeleitete comelisieren verstand. Es umfaßte jegliche Art 
des Katzenjammers, aber hauptsächlich den moralischen. Ob das Wort mit 
Comus, das Hörn zusammenhängt, ist nicht ganz sicher. Gödeke nimmt 
es an und leitet es von der alten sprichwörtlichen Redensart: ,er ist so trau- 
rig, daß ihm Homer aus dem Kopfe wachsen' ab. In diesem Sinne findet 
sich der Name und das Verbum in vielen Schriften aus der genannten Zeit 
angewandt. In solcher Stimmung befindet sich ohne Zweifel auch der Stu- 
dent auf dem Kupfer, der allen Studenten wohlbekannte Cornelius. Was 
ihn in den Moralischen versetzt, zeigen die wild umhergestreuten Gegen- 
stände, das Verzeichnis seiner Ausgaben und Schulden an der Wand, unter 
denen auch das vielsagende , Jungfrau' nicht fehlt, trotz der Jungfrau, die 
sich ihm mit seinem Kinde naht, endlich die lateinische Unterschrift: 

Alea, Vina, Venus, \ärosa Vacuna, juventae 

Numina sunt, fugite o Juvenes: latet anguis in herba. 



Comoedia vom Studentenleben. 14z 

Würfel, Wein, Venus, mannstolle Bauerndirnen sind der Jugend Ideale, 
Flieht sie o Jünglinge, es lauert die Schlange im Grünen ^^^). 
Johann Georg Schoch, 1627 in Leipzig geboren, hat gleichfalles eine »Co- 
moedia vom Studentenleben' geschrieben, die 1658 in seiner Vaterstadt bei 
Johann Wittingau erschienen ist. Auch diesem als Kunstwerk sehr tief- 
stehenden Werke, das aber große Bedeutung als kulturgeschichtliche Schil- 
derung hat, haben Stymmels ,Studentes' als Vorlage gedient. In dem Prolog, 
den Mercurius spricht, sagt er: ,, Welches Leben ist wohl lustiger und 
frölicher, als eben das Lustige und fröliche Studenten-Leben, aber welches 
Leben ist auch verachter, als dasselbe. Es finden sich sehr viel, und zw^ar 
die meisten, die das edle Studenten-Leben, für ein leichtes, liederliches und 
wüstes Leben ausschreyen, und nicht wissen, wie sie schimpflich und ver- 
ächtlich genugsam davon reden sollen". Er verteidigt nun das Studenten- 
leben, dessen , sauern Schweiß und Verdrüßlichkeit' er hervorhebt, gibt aber 
dann auch zu, daß es manche gibt, die ,, unter dem Namen Studenten die 
Freyheit und Entschuldigung ihrer Laster suchen". Deshalb stellt er denn 
auch zwei Studenten ,vor Augen', einen guten und einen bösen ^^^). Im 
Spiele selbst ist Pickelhering mit seinen witzlosen, in Fökalien wühlenden 
sogenannten Scherzen ein breiter Raum eingeräumt. 

Bruchmüller gibt den Inhalt des Stückes in mustergiltiger Weise an^^®): 
Amandus, eines reichen Kaufmanns Sohn, und Floretto, einer von Adel 
beziehen als junge Studenten in Begleitung ihres Dieners die Universität. 
In dem Dorf vor der Stadt tritt noch der Sohn eines Bauers zu ihnen, 
Jäckel, der ebenfalls studieren soll. Gleich darauf erblicken die beiden Neu- 
linge die ersten Studenten, w^as sie derart in Schrecken setzt, daß sie sofort 
in ein Haus flüchten, dort Mäntel, Hüte und Degen ablegen, und in die 
in dem Dorf gekauften Pennälerkleider schlüpfen. In diesem Aufzug mel- 
den sie sich dann bei dem Dekan und bitten um ihre Deposition. Der 
nächste Gang gilt dem Senior der Meißnischen Nation. Die Pennale bitten, 
sich ihrer anzunehmen, da sie auch Meißner seien. Sie würden sich dafür 
nach ihrem Vermögen erkenntlich zeigen. Der Senior schreibt ihre Namen 
in die Nationalmatrikel und erkundigt sich, ob sie den Acceß-Schmaus 
bald geben wollten. Unter energischer Betonung ihrer in Wirklichkeit nicht 
vorhsindenen Bedürftigkeit erklären sie sich dazu bereit, sobald sie Geld 
vom Hause erhalten haben. Es folgt deinn die Schilderung des Deposition- 
aktes. Eine weitere Szene zeigt den Acceßschmaus auf der Stube der beiden 
Pennale. Die zu Gaste kommenden Landsleute werden mit Wein, Bier und 



lAÄ. Comoedia vom Studentenleben. 

Tabaik bewirtet „und sauffen starck herümb". Für die Gastgeber setzt es 
dabei Ohrfeigen und Nasenstüber. Schließlich entsteht Streit unter den be- 
trunkenen Studenten. Es entwickelt sich eine allgemeine Balgerei. Tische, 
Gläser, Bänke werden umgeworfen, und die beiden Pennale müssen sich 
verkriechen. Eine spätere Szene des Stückes zeigt den Besuch mehrerer 
Studenten auf der Stube der beiden Pennale. Sie setzen wegen Geldmangel 
den Burschen nur saures Bier vor. Diese schimpfen, werfen edles über den 
Haufen, bemächtigen sich schließlich einiger Bücher und schicken diese 
durch den Diener Pickelhering auf den Keller, um sie in Trank umzu- 
setzen. Nach abgelaufnem Jahr, und nachdem frisches Geld vom Hause 
eingetroffen ist, erbieten sich die beiden Helden zur Ausrichtung des Ab- 
solutionsschmauses. Die Kommilitonen beraten, wie die Absolution im 
Geheimen angestellt werden könne, da diese von neuem streng verboten 
sei. Es wird gleichzeitig auch die Höhe der Kosten für den Schmaus fest- 
gesetzt. Nach langem Hinundherhandeln einigt man sich auf 30 Taler Un- 
kosten. Jetzt tritt auch der arme Bauernjunge Jäckel wieder auf. Er bittet, 
ihn bei dieser Gelegenheit mit durchschlüpfen zu lassen, und erbietet sich, 
die für den Schmaus nötigen Gläser, Tabakspfeifen, und ,,was dis wehre 
zu bezahlen. Bei dem Schmause wird natürlich wieder scharf getrunken, 
von einem Studentenjungen und Pickelhering , wunderliche Gaukel-Sprünge 
aufgeführt, auch eine Dame ,,herzugeschlept, mit welcher die Pursche 
trefflich galanisiren und tantzen, sie entläuft zu letzt". Zum Schluß be- 
smtragt der Senior, die drei Pennale für ehrliche Pursche zu erklären. Alle 
sind einverstanden bis auf drei Bursche, die den Schimpf nicht vergessen 
haben, mit saurem Bier bewirtet worden zu sein. Sie ^verden überstimmt, 
woraus sich eine Paukerei entspinnt, der am nächsten Morgen einer der 
drei Widersprecher zum Opfer fällt. Für die beiden wohlhabenden Stu- 
denten, die sich auf Kredit neu einkleiden, beginnt nun überschäumendes 
Studentenleben. Nicht so für Jäckel, dem es schon im Pennaljahr sehr sauer 
geworden ist, sich ohne jeden Zuschuß von Hause durchzubringen. 
In seiner deutschen Fassung fand das 1617 von Gymnasiasten in Brieg auf- 
geführte ,,Amantes amentes" von dem Magdeburger Rechtsgelehrten Gabriel 
Rollenhagen, einem Sohne von Georg, vielen Beifall. Dieses ,,Ein sehr An- 
mutiges Spiel von der blinden Liebe, oder wie man Deutsch nennet von 
der Leffeley. Alles nach art vnd weise der jetzigen getroffenen Venus Sol- 
daten auff gut Sächsisch gereimet", erschien als Buch bis zum Jahre 1618 
in sechs verschiedenen Ausgaben ^^^). Der Stoff des Schauspiels ist dem 



Amantes anientes. Dramatisierte Sexualitäten. 145 

Roman ,,Eurialus und Lukretia" von Aeneas Sylvius Piccolomini entlehnt. 
Unter dem Titel ,,Sidonia und Theagenes" erschien Rollenhagens Komödie 
in Prosa übertragen im Spielplan der Englischen Komödianten ^^'^). „Das 
Stück gehört zu den rohesten der Sammlung (von Stücken der Englischen 
Komödianten) und kann in zynischer und obszöner Pöbelhaftigkeit kaum 
überboten werden .... und doch gehörte es bis in das nächste Jahrhundert 
zu den beliebtesten Dramen der Zeit"^*^^). Alles, was sich in diesem Spiel 
für Witz ausgibt, ist abscheulichste Zote, viel ärger als sie die Nürnberger 
Fastnachtspossen vor Hans Sachs aufweisen. Die Darsteller scheuten nicht 
davor zurück, unzüchtige Handlungen auf der Bühne vorzunehmen. Man 
war nun endgiltig davon abgekommen, nur lateinische Stücke aufzuführen. 
Die ersten Dramen in deutscher Sprache waren natürlich Übersetzungen 
römischer Lustspiele. Um 1550 wurden in dem damals noch katholischen 
Leipzig auf dem Rathaus die Hercyra von Terenz in der Muchlerschen 
Übertragung dargestellt. Etwas später, jedenfalls aber noch vor 1534, über- 
setzte der protestantische Schulmeister Joachim Greff in Halle die Aulularia 
von Plautus, und, vermutlich um dieselbe Zeit wie Greff, dessen Freund 
und Gesinnungsgenosse Heinrich Ham die Andria, alle drei Stücke im 
Wesentlichen mit genauem Anschluß an die Vorlagen. Zweifelsohne wurden 
diese Bearbeitungen von Schülern aufgeführt '^*^^), Sie sollten dazu dienen, 
das Interesse der Zuhörer für die Leistungen der Schule zu wecken. 
In späterer Zeit herrschen bei den für die Schulaufführungen berechneten 
Dramen die biblischen Stoffe vor. Sonderbarerweise werden in ihnen allen 
sexuelle Vorfälle möglichst breit ausgesponnen. So hat der fruchtbare Am- 
brosius Pape (1553 — 1612) in dem ersten seiner ,,Zvvo Christliche Spiele 
vom laster des Ehebruchs, wie leichtlich man drin geraten kan"^^^), die 
Eheirrung Davids mit Bathseba in einer Weise behandelt, die selbst für er- 
wachsene Menschen als ausnehmend derbe Kost gelten darf, auf die stu- 
dierende Jugend, auf die er ausdrücklich hinweist, aber verführend und 
aufreizend wirken mußte. Den Gipfel erreichte Heinrich Kielmann, Kon- 
rektor am Gymnasium zu Stettin mit seinem ,,GOtt zu Ehren und 
männigiich zum Nutz" verfaßten „Tetzelocramia, von Johann Tetzels Ab- 
laßkram". Sie erschien im Jcihre 1617 anläßlich der Jahrhundertfeier der 
Reformation und wurde von der Stettiner Schuljugend und Eislebener 
Gymnasiasten aufgeführt. In dieser „lustigen Komoedie" des Jugendbildners 
hat z. B. der jugendliche Darsteller des ,,Hof- und Kirchenteufels" Reden 
loszulassen wie: 

Bauer, Sittengeschichte lO 



146 Zwischenspiele. 

Will jemand dem entgegen sein, 

Nicht leben nach dem Willen mein, 

In Hurerei und Sodomey 

In Schinderei, in Simonei, 

In allem Wahn und Triegerei 

Thu ich ihm an alle Herzen-Plag. 
Das ist nur eine belanglose Kleinigkeit gegen die blasphemischen Gemein- 
heiten, die er dem Helden Tetzel in den Mund legt. Diese Schweinereien 
sind gcinz überflüssig und deshalb um ihrer selbstwillen ,, gedichtet" 
worden ^°*). 

Die Englischen Komödianten, um die Wende des sechzehnten zum sieb- 
zehnten Jeihrhundert auf der Höhe ihres Wirkens, gewannen nur langsam 
Einfluß auf die Schulkomödie, da ihre Stücke in Prosa abgefaßt waren, 
während die dichtenden Lehrer nicht auf die Reime verzichten zu können 
glaubten. Die Stoffe der Engländer allerdings fanden leichter Eingang. So 
wurden von den ganz nach englischem Muster gearbeiteten derben Dramen 
des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig „Von einem Weibe, wie 
dasselbige ihre Hurerei für ihrem Ehemann verborgen"'**^) 1602 als ,,Tra- 
goedia von geschwinder Weiberlist einer Ehebrecherin" durch Johann 
Sommer (1545 — 1622) und die ,,Comoedia von Vincentio Ladislao" durch 
Elias Herlichius in Stralsund in Verse gebracht und für die Schulaufführung 
zurechtgemacht ^*^^), das heißt Unpassendes unterstrichen^"^). 
Die uralte Einrichtung der Zwischenspiele, die schon bei den Oster- und 
Weihnachtsspielen des frühen Mittelalters die ernsteste Handlung durch 
lustige Episoden unterbrachen, waren durch die Engländer modernisiert 
worden, daß in ihnen der Clown, der Pickelhering die Szene beherrschte. 
Ihm war, wie dem späteren deutschen Hanswurst, der Vorzug eingeräumt, 
die derbsten Zoten auf die Zuhörer niederprasseln lassen zu dürfen. „In 
Bautzen haben 1628 die Schüler mit Zustimmung des Rektors auf dem 
Rathaus eine lateinische Komödie „de vita scholasticorum" und eine deutsche 
vom König von England und Schottland und dem Pickelhering aufge- 
führt" ^°^). Das bekannteste Zwischenspiel der deutschen Schuldramatik, 
des Zittauer Schulmannnes Christian Weises ,, Tobias und die Schwalbe" 
geht gleichfalls auf englischen Einfluß zurück. Es ist eine der deutschen 
Umarbeitungen der Rüpelszene aus dem Sommemachtstraum von Shake- 
speare. In dieser grobkörnigen Hanswurstiade werden die Zuhörer mit 
Deutlichkeiten unterhalten, wie wir sie heute in den Revuetheatern und 



Christian Weise. Biblische Dramen. 147 

gewissen Kleinkunstbühnen gewöhnt sind. Singt doch einer der jugend- 
lichen Darsteller, der den Merten Fuchs, Sterngucker, Kaien dermacher und 
Weinvisierer, im Spiele der König von Ninive, zu agieren hat, ein Liedchen, 
von dem zwei Absätze lauten : 

2. 
Was sol ich stets zur Jungfer gehen? 

Es ist doch weder halb noch gantz: 
Da muß ich an der Thüre stehen. 

Und da versagt sie mir den Tantz, 
So werd ich auch mit großer Scham 
Doch lange nicht zum Bräutigam. 

5- 
Wer sol mit mir im Bette schwatzen. 

Wenn sich der Schlaff nicht finden wil? 
Wer sol mich in den Rücken kratzen, 

Wer macht mir sonst ein lustig Spiel? 
Drum gieb mir doch ein niedlich Lamm, 
Und mache mich zum Bräutigam. 

Weises Leitsatz für die Schulkomödien: ,,es soll kein Mensch geärgert, nie- 
mand rechtschaffen beleidiget, und dennoch ein iedweder durch gute Mo- 
ralia in einer gewissen Sache unterrichtet werden", mutet nach solchen 
Proben seltsam an. Weise verleugnet seine Urwüchsigkeit in Sexualibus 
auch bei den Dramen nach biblischen Texten nicht, ,,Wie solche ehedem 
Auf dem Zittauischen Theatro praessentiret worden". 

Als eines der besten unter seinen sechzehn auferbaulichen Stücken nach 
biblischen Vorwürfen, gilt ,,Von Jakobs doppelter Heirath", das Jakobs 
Werbung um Rahel zum Gegenstand hat. Es ist am 10. Februar 1680 zum 
ersten male in Zittau aufgeführt worden ^^^). Hier sein Inhalt: ,, Jakob, 
Isaacs des Ertzvaters Sohn, hat sich bey seinem Vetter Laban mit der Be- 
dingung in Dienste eingelassen, daß ihm die jüngste und schönste Tochter 
Reihel nach sieben Jahren möchte bey geleget werden. Allein weil die ältere 
Tochter Lea mit ihren kläglichen Bitten darzwischen kömmt; weil sich 
auch ein Syrischer Printz bey Labans Kindern, als Raheis Liebhaber, angiebt: 
so wird die Hochzeit zwar angefangen, doch auf den Abend wird Lea, an 
ihrer Schwester stat, dem Bräutigam beygeleget. Auf den Morgen entsteht 
eine wunderliche Confusion, daß auch Jacob die Flucht nehmen wil. Laban 



1 48 Singspiele. 

resohirt sich dem Flüchtigen nachzujagen. Indessen erscheint dem Jakob 
ein Engel und verhindert die Flucht so weit, biß ihm die andere Schwester 
zugleich versprochen, und in Ansehung eines nochmahligen siebenjährigen 
Dienstes bey geleget wird. Also vergnüget sich PrintzKemuel mit einer andern 
Schäfferin, und hat die gedoppelte Heyrath einen angenehmen Ausgang". 
Sogar die englischen Singspiele mit ihrem ganz auf Sinnlichkeit gestimmten 
Ton, faßten auf der deutschen Schulbühne festen Fuß. 

Von diesen Vorgängern der Operetten bemerkt Johannes Bolte: ,,Der Inhalt 
der Singspiele ist meist unflätig und gemein, der Witz roh. Bei der häufigen 
Schilderung ehebrecherischer Verhältnisse triumphiert gewöhnlich die List 
des treulosen Weibes und die Gewandtheit des Galans, der oft ein buhleri- 
scher Mönch, bisweilen ein Schüler oder Student ist, wie in der italienischen 
Novellistik und in manchen deutschen Schwänken, über die Einfalt des 
Hahnreis" ^*^). Der Saalfelder Rektor Hauschild ließ i6i8 ein solches Zwi- 
schenspiel von seinen Schülern aufführen, das wahrscheinlich die ,, Singe - 
Comoedie vom Mönch im Sack" war. Der Inhalt dieses Einakters ist: Eis- 
lein, die Frau des Alten, liebt heimlich den Mönch. Der Alte ertappt sie, 
will den Mönch in einen Sack stecken und in den Brunnen werfen. Als der 
Mönch hineinkriechen soll, stellt er sich ungeschickt, der Alte zeigt ihm, 
wie er es machen müsse, aber da zieht der Mönch den Sack im rechten 
Augenblick zu und läßt den Alten nicht wieder heraus, bis dieser verspricht, 
seine Frau und ihn in Zukunft ruhig gewähren zu lassen und ihm außer- 
dem auch noch dreihundert goldne Kronen zu zahlen. Das alles wird von 
einem Landsknecht belauscht. Als der Mönch nun aus dem Hause tritt, hält 
ihn der Landsknecht an und zwingt ihn, das Geld herauszugeben ^^0. 
Das höchste Stück aber stellt, wie Johann Bolte versichert ^*^), die Auf- 
führung des Christian Reuter'schen Singspiels ,,Harlequins Hochzeit" in 
Görlitz und Annaberg dar. Allerdings läßt Bolte nach seiner Quelle den 
Schwank am 22. Oktober 1694 durch den Görlitzer Rektor Robert Funcke 
zur Darstellung bringen, während der erste Druck von „Des Harlequins 
Hochzeit-Schmauß" von 1695 datiert ist. Doch kann immerhin das Stück- 
chen handschriftlich verarbeitet gewesen sein. Vielleicht besteht der Wider- 
spruch gar nicht, jedenfalls vermag ich ihn augenblicklich nicht aufzuklären, 
da mir Zarnckes Buch über den genialen Verfasser des Schelmuffsky nicht 
erreichbar ist. Sicher ist jedenfalls, daß im Jahre 1717 Annaberger Gym- 
nasiasten den mehr als schlüpfrigen Scherz vorgeführt haben. Wie un- 
gebunden, von keinerlei Bedenken gehemmt, der Leipziger Student Reuter 




[n Erwartung (Lydia) 
Kupfer nach IV. Peter $ von fV. Dickin sen 




Student als Schauspieler 

Hintergrund einer Bühne mit Seitendekorationen 
Kupfer aus dem ij. Jahrhundert 




Stilisierte Darstellung einer 
Studentenbühne 

h Personen als H a r s t e 1 1 e r e i n e s S t üche s vonTeren 
ror dem z w e i r n n g i g e n Zu ich au e r r aum 

Straßhurger Holzschnitt von 1 4t/> 




■W a nderkomödianten 

Kupfer vom Jahre IJJI 



Reuters „HEirlekins Hochzeit". 14g 

sich darin ausläßt, dafür einige Stichproben. Im zweiten Entree (Auftritt) 
erklärt Harlekin der Lisette dem „kleinen Bettschelm" seine Liebe: 

„Mein süßer Bienen-Korb, mein klares Urin-Glaß, 
Verzeihe, daß ich dich anrenn auf dieser Straß, 
Ich bin gantz verschammeriert 
Weil niemand als mir gebührt 

zu üben 

das Lieben 

mit dir du Raben-Aas^^^). 

In diesem Stücke befindet sich das berühmte Ständchen Harlekins, nach 
Ellinger eine Parodie auf Hofmann von Hoffmannswaldau einst so berühm- 
ten allegorischen Sonett ,, Amanda, liebstes Kind, du Brustlatz kalter Her- 
zen" ^^*), Ich setze einiges von dieser „Aria" aus dem lo. Aufzug hier bei, 
um zu zeigen, wie erhebend sie sich aus Knabenmund gemacht haben müsse: 

I. 

Lisette, liebster Rosenstock, 
meines Hertzens Zucker-Stengel, 
Du meines Leibes Unter-Rock, 
Mein Schatz und tausend Engel, 

vernimm den Klang 

und schönen Gsang 
Die säubern Rittomellen, 
so klingen wie Kuhschellen. 

II, 

Und diß geschieht zu Ehren dir, 
weil ich dich hertzlich liebe, 
das Hertz in Hosen zittert mir, 
aus lauter Liebes-Triebe, 

Du wirst ja auch, 

nach Handwercks-B rauch 
mich recht von Hertzen me3^nen, 
sonst muß ich mich todt greinen. 

III. 

Ich thät dirs gerne siebenmahl 
mit Geigen musiciren. 



150 Der Schulteufel. 

damit ich nicht bestehe kahl, 
will ich die Stimme zieren 

mit re, mi, fa 

fa, mii, sol, la 
und schönen Tremulanten, 
Trotz allen Musicanten. 

IV. 

Ach! mache mir doch auf geschwind, 
Du wertheste Lisette, 
Ach lasse mich doch ein mein Kind, 
mein Schatz, zu dir ins Bette, 

dem Harlequin, 

dein Hertz und Sinn, 
erwartet dein mit Schmertzen, 
thu auf und laß dich hertzen^^^). 

Wie das Studentenleben findet auch das Schulleben seine Dramatiker. 
Martin Hayneccius, der sich schon als Verfasser der Schulkomödie von Hans 
Priem hier eingeführt hat, schrieb ,eine christliche, nützliche und schöne 
Comödie' benannt ,,Der Schulteufel", ,,Hiebevor mit dem Tittel Almansor 
von der Kinder Schulspiegel ... in Druck gegeben und jetzo verbessert". 
Leipzig, 1603, Der Verfasser klagt ,aus eigener Erfahrung' über die , eitel 
fressenden Krebse und Pestilenzbeulen', mit denen die Schulen behaftet sind. 
„Die Welt ist ein Stall voller Buben und stinkenden Böcke; wer da will 
Schäfin sein, der wird bald zerzauset". Den Augiasstall Schule oder, wie es 
Seneca nennt, die Kloake zu reinigen, bedarf eines Herkules. ,,Das sind 
sonderliche Leute, die Gott geben muß und dabei erhedten. Wie dann ihrer 
viel selten lange verharren. Und wo einer unter Fünfzig und Hundert sein 
Lebtag dabei bleibet, der muß bekennen, daß ihn Gott sonderlich ohne 
über seinen Willen und Gedanken dabei erhalten habe". Also die ewige 
Klage der Lehrer über die schlechte Schulzucht. In dem Spiele selbst tritt 
Christus ,in seiner menschlichen Natur der Schulen Patron und Pfleger' 
auf und stimmt den Lehrern bei, die sich ob des Verfalls der Schulen und 
der allgemeinen Gottlosigkeit entsetzen ^^^). 

Denselben Ton schlägt Georg Mauritius, Rektor in Wittenberg, dann Schul- 
meister in Nürnberg, über die Schuljugend an. Eher sei ein ,unbendiges 
Thier' zu zähmen als ein Schuljunge, klagt er erbittert. 



Musik. 151 

Zum Glück für die Jugend machten die Englischen Komödianten und das 
durch sie sich wacker entfaltende deutsche Schauspielertum der Schuldra- 
matik ein Ende. Im Wettbewerb mit dem öffentlichen Theater mußte der 
Dilettantismus in der Schule unterliegen. Selbst der erhöhte Aufwand an 
Ausstattung, dann Werke von Dichtern wie Christian Weise, vermochten den 
Verfall nicht aufzuhalten. Behördliche Erlässe, wie der des nüchternen Sol- 
datenkönigs Friedrich Wilhelm I. (1718)^^^ kamen hinzu, ebenso das Nach- 
lassen des Glaubens an die erzieherische Wirkung des Theaterspielen s, den 
nur die Jesuiten in ihren Schulen festhielten, endlich das Verblassen der 
hohen Bedeutung, die man dem Studium der alten Sprachen beilegte. 
Trotz aller Auswüchse der Theaterspielerei gehört sie aber doch zu der 
edlen Geselligkeit, die jene Zeit der Roheit im allerkleinsten Ausmaß zu 
bieten im Stande war. Nicht zuletzt war dies auch Schuld daran, daß der 
Student darauf angewiesen war, wenn er nicht völlig von seinen Kollegen ab- 
gesondert sein wollte, sich an die derbsten sinnlichen Genüsse zu halten, eben 
mit den Wölfen zu heulen. Nur das Drama und die Musik boten geistigere 
Erholung, und dies leider nur ausnahmsweise, höchstens an hohen Fest- 
tagen. Ein Stipendiat aus Tübingen schrieb 1590 an seinen Bruder, einen 
Handwerker: ,,Komm zur Fastnacht herüber. Wir wollen Komödie auffüh- 
ren, wo du Zuhörer sein sollst. Du wirst auch so schöne Musik hören, wie 
du sie noch nicht gehört hast, denn nach dem Mittag- und Abendessen 
pflegen wir, am Tische sitzend, Motetten aufzuführen"^'^). 
War man sich über den erzieherischen Wert der Musik nicht einig, so waren 
ebenso die Meinungen über den Wert der Schulaufführungen von jeher geteilt. 
Zu ihren Gegnern zählte der große Erzieher J. B. Basedow. Er sagt: ,, Gegen 
das Komödienspielen der Kinder und gegen die öffentlichen Redeübungen 
in Schulen habe ich mancherlei einzuwenden. Jenes ist ein schädliches 
Spiel werk, so artig es auch aussehen mag; diese kosten viel Zeit und sind 
unnötig" •^^^). 

Die Theaterspielerei der studierenden Jugend hatte anscheinend in allen den 
Jahrhunderten ihrer Ausübung nur recht wenig zur Hebung der guten 
Sitten der Studenten beigetragen, hingegen aber eine, von ihren Veranstal- 
tern wohl niemals beabsichtigte Wirkung ausgeübt. Sie weckte nämlich 
vielfach bei den jugendlichen Darstellern die Lust zur Bühne, und brachte 
sie ,, unter die Komödianten". Wir finden daher schon frühzeitig Clerici 
und Goliarden als Darsteller der komischen Partien bei den Oster-, Weih- 
nachts- und Fastnachtsspielen. 



152 Frühere Studenten als Bühnenkünstler. Magister Veiten. 

Während des dreißigjährigen Krieges sind gar viele Studenten, denen der 
Boden unter den Füßen zu heiß geworden war, wie zu den Soldaten so auch 
zu den Komödianten gelaufen, die auf der sozialen Stufenleiter ^del tiefer 
standen als die Soldaten, bei denen man es doch durch Glück zu etwas 
bringen konnte. Ein Komödiant war für immer von der bürgerlichen Ge- 
sellschaft ausgestoßen. 

Von den Schauspielertruppen, bei denen hauptsächlich Studenten tätig 
waren, sind mehrere schon vor der Mitte des 17. Jcihrhunderts nachzuweisen. 
Im Jahre 1646 kam der Schauspielerunternehmer Andreas Gärtner aus 
Königsberg in Preußen mit seiner aus Studenten bestehenden Gesellschaft 
nach Hamburg, wo er großen Beifall fand. Gärtner selbst war ursprünglich 
Porträt- und Dekorationsmaler. In Berlin erbat sich im Jahre 1660 der 
Meister Kasper von Zimmern die Erlaubnis, Komödien zu spielen, „so der 
Jugend nutzbar in Anmahnung zur heilsamen Tugend" ^^^). Ehrerbietig 
versprach er zum Danke dafür: ,, Gebete für die Inkomulität und Sicherheit 
Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht zum Himmel emporzusenden, wenn diese 
ihn von dem sicher bevorstehenden Untergang erretten wollten" ^^')- In 
seiner Gesellschaft, die aus 19 Personen bestand, waren ,,zehen Studiosi". 
In Kopenhagen traten 1633 deutsche Studenten auf. Jenenser Hochschüler 
spielten 1663 in Lüneburg, 1675 in Riga, 1689 in Dajizig. 
In seiner , Geschichte des deutschen Theaters' (1766) erzählt Johann Fried- 
rich Löwen von der sogenannten Treuischen Gesellschcift: ,,Es ist merk- 
würdig, daß der nachmalige Gottesgelehrte Johann Lassenius, der heiligen 
Schrift Doktor und königlich dänischer Oberhofprediger bey dieser Gesell- 
schaft einer der vorzüglichsten Akteurs gewesen ist"'*'^^). 
In Mainz spielte 1648 ein Magister Sartorius in einer Bretterbude auf dem 
, Leichhofe'. Die Darsteller waren meist Studenten, die sich stolz , »Parnass- 
brüder oder Emporiumssassen" nannten. Die Jesuiten hatten bald ihre Ent- 
fernung durchgesetzt. Zehn Jahre später erschien in Mainz wieder eine 
Studententruppe unter der Leitung eines gewissen Klosterholz. 
Der berühmteste Führer einer Studenten-,Bande', der Magister Johannes 
Veiten, Velthen oder Veitheim, der Vater der deutschen Schauspielkunst, 
war Student gewesen wie auch Christoph Blümel, Schauspieler und frucht- 
barer Dramatiker in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. „Es 
heißt, Velthen habe zuerst in Leipzig 1669 bei einer von den Studierenden 
der Universität veranstalteten Aufführung (einer gräulichen Verunstaltung 
von Corneilles Poljeucte) als Darsteller großen Beifall gefunden und ein so 



Der erste Wienerische Hanswurst. 153 

ungewöhnliches Genie bekundet, daß er dadurch angetrieben wurde, sich 
dem Theater zu widmen, als Schauspieler und als Leiter einer Gesell- 
schaft" 323). 

In den von Veiten s Truppe gespielten Stücken war der Pickelhering meist 
die Hauptperson, neben der die anderen Komiker zurücktraten. Die wich- 
tigste unter den weiteren lustigen Personen war der Courtisan, auf der 
Bühne die vertrottelte Zielscheibe der handgreiflichen Witze des Pickel- 
herings. Veitheim gelang es für diese Rolle einen jungen Schauspieler aus 
Schweidnitz in Schlesien zu finden, den am lo. September 1676 geborenen 
Joseph Anton Stranitzki. Dieser aufgeweckte Bursche war als Schüler des 
Breslauer Gymnasiums bei den von den Jesuiten veranstalteten Schulkomö- 
dien durch sein Spiel angenehm aufgefallen, hatte dann das Glück oder 
Pech, sich als Student in Leipzig zu befinden, da grade Veiten mit seiner 
Bande dort auftrat. Begeistert von der Kunst, hatte er den Hörsaal mit der 
Bühne vertauscht, war er Komödiant geworden. 

Der strebsame Jüngling faßte den Gedcinken, den Pickelhering englischen 
Gepräges zu einer stehenden Dialektfigur, zu einem deutschen Harlekin, zum 
bäuerischen Hanswurst zu machen. Nach mancherlei Irrfahrten zog Stranitzki 
1706 als Prinzipal einer kleinen Schmierengesellschaft in Wien ein, wo es 
ihm nach mancherlei Fehlschlägen gelang, festen Fuß zu fassen, den Wiene- 
rischen Hanswurst zu schaffen, und ihm jene Gestalt zu geben, die dann 
diese Figur auf der deutschen Bühne zum Vorbild machte ^^'^). 
Unter den Stücken, die Veiten 1686 in Frankfurt a/M. aufgeführt hat, soll 
sich auch die ,Tragoedia Der bestrafte Brudermord oder: Prinz Hamlet aus 
Dänemark' befunden haben. In der 7. Szene des 2. Aktes dieser Nachbildung 
des , Hamlets', den wir heute auf unseren Theatern sehn, steht ein sehr 
interessantes Zwiegespräch zwischen Hamlet und Carl, „dem Principal von 
den Comödianten", das Hamlet mit der Frage einleitet: 

„Seyd ihr nicht vor wenig Jahren zu Wittenberg auf der Universität 

gewesen, mich dünckt, ich habe euch da sehn agiren. 
Carl. Ja, Ihro Hoheiten, wir sind von denselben Comödianten. 
Hamlet. Habt ihr dieselbe Compagnie noch ganz bey euch. 
Carl. Wir sind zwar nicht so stark, w^eilen etliche Studenten in Hamburg 

Condition genommen, doch seynd wir zu vielen lustigen Comödien 

und Tragödien stark genug'' '^^^). 
Dieser Komödiant und Bandenführer Carl ist urkundlich festgestellt. Er war 



1^4 Bandenführer Carl. Schauspielerinnen. 

wie der größte Teil seiner „hochteutschenKomödianten-Compagnie" Student 
gewesen, ehe er um 1665 zum Thespiskarren überging ^^^). 
Manche von diesen Schauspielern kehrten zum lustigen Studentenleben 
zurück, wenn ein Beutezug ihnen die Mittel dazu geliefert hatte. Lagerge- 
wohnheiten und Soldatenlaster kamen dann mit ihnen an die Hochschulen. 
Schon vordem ging das Wort um, das 1631 ein Tübinger seinem lieben 
Bruder in das Stammbuch geschrieben hatte ; 

Aut Arte aut Matte 

Es ist nichts Vnmöglich, 
Itzt ein Student, balde ein Soldatt, 
Manch auß Nötten geholffen hatt — 

Die Soldaten fanden an den Universitäten wohlbereiteten Boden. 
Hatte das Leben unter den Soldaten verrohend auf die Sitten der Studenten 
von damals gewirkt, so war auch die Betätigung als Darsteller bei den 
Wanderbühnen dazu angetan, sie auf eine Stufe zu bringen, die sich kaum 
von jener unterschied, auf der sich einst die landstreichenden Scholaren 
befunden hatten. Nicht nur das ungebundene Leben lockte entgleiste aka- 
demische Bürger in die Reihen solcher dramatischer Vagabunden, sondern 
nicht selten die Weiblichkeit unter den fahrenden Schauspielern, die 
allerdings erst seit der Mitte des 17. Jahrhunderts als Darstellerinnen tätig 
waren. Der erste deutsche Schauspielprinzipal, der Frauen auf die Bühne 
brachte, war Kaspar Stiller, ein früherer Student, der um 1660 in Güstrow 
und Schwerin spielte. Er trat mit seiner Frau, ,,und noch einer Frauens- 
person" auf ^^^. 

Die Tugend all dieser Damen war nicht zweifelsohne, wenn man auch 
nicht jedes Wort des muckerischen Aegidius Albertinus als wahr zu unter- 
stellen braucht, mit dem er gegen die Schauspieler und ihre Gefährtinnen 
losgeifert. ,, Nicht die geringste Ursache warum die Jugend in Unzucht und 
Geilheit gerät", sagt der fromme Mann, „sind die Komödien, Spektakel und 
Schauspiel, welche an etlichen Orten an den fürstlichen Höfen, oder in den 
Häusern der Mächtigen, oder in den öffentlichen dazu bestimmten Häusern 
gehalten werden. Ärger und böser als die Stücke selbst sind diejenigen Per- 
sonen, die solche Komödien und Schauspiel halten". ,,Denn sie sind gemein- 
lich eitel, liederliche, verschlagene, arglistige, unverschämte und gottlose 
Leute; ja w^as mehr ist: man findet unter ihnen Landvervviesene, Ehrver- 
gessene, Landstürzer, Zigeuner und arge Ketzer". Aber es kommt noch 



Komödiantinnen. Renommierliebchen. 155 

besser: „Weil auch der Heilige Geist uns verbeut, ein liederliches und 
springendes oder tanzendes Weib anzuschauen oder anzuhören, damit wir nicht 
fcillen in ihre Stricke, wer darf denn so gar vermessen und ruchlos sein, daß 
er sich wider das Gebot des Heiligen Geistes setze in solch öffentliche Ge- 
fahr und mitten in solcher höllischen Glut? Denn weil solche komödianti- 
sche Weiber gemeinlich schön und geil sind und ihre Ehrbarkeit allbereits 
verkauft^tst, so pflegen sie mit Sitten, Gebärden und Bewegnussen des gan- 
zen Leibes und mit der zarten, lieblichen Leibskleidern wie die Sirenen die 
Menschen bezaubern . . , Daher man dann sich billig verwundem kann, 
warum dieses hochschädliche Ungeziefer allenthalben von den Obrigkeiten 
in den Städten wird aufgenommen, geliebt und zugelassen und sogar von 
eiteln Fürsten und Herren an ihren Höfen unterhalten, besoldet und in 
Ehren gehalten" ^^®). 

Bei der Schilderung der Lieblichkeit der Darstellerinnen, ihrer süßen Stim- 
men, ihrer , zierlichen Leibeskleider' sieht man ordentlich die verzückten 
Blicke des Münchener Hof- und geistlichen Raths-Secretarius. Und wenn 
sich ein solch gefestigter, überfrommer Mann blenden lassen konnte, sollten 
heißblütige Jünglinge und Männer gegen Verführung gefeit sein ? Ganz und 
gar nicht. Die Anziehungskraft des Theaters auf die akademische Jugend 
blieb in allen Zeiten gleich stark. Wie mit den Wandertruppen im 17. Jahr- 
hundert fühlte sich im zweiten Viertel des 18. die sächsische, vor allem die 
Leipziger Studentenschaft mit der Truppe der Neuberin, die von 1727 an 
durch zehn Jahre ihr Stcindquartier in Leipzig aufgeschlagen hatte, auf das 
Engste verbunden ^^^). 

Wenn sich auch von da ab der Schauspielerstand gegen früher stark ge- 
hoben hatte, so w^ar er von der bürgerlichen Gleichberechtigkeit noch sehr 
weit entfernt, und die Zuneigung der Studenten galt denn auch ungleich 
weniger den Künstlern als der Schauspielkunst und den jungen Künstle- 
rinnen. Sie waren vielbegehrte Renommierliebchen. ,,Daß in jener Zeit der 
galanten Abenteuer und der allgemeinen geschlechtlichen Ausschweifungen 
am Theater Zucht und Keuschheit nicht zu suchen waren, ist begreiflich. 
Unter den verbuhlten Weibern waren die Schauspielerinnen nicht die 
letzten", bestätigt Devrient. Deshalb sind die Kämpfe der Universitäts- 
behörden gegen das Theater und die theatralischen Neigungen der Studenten 
wohl zu verstehn. Kam es doch nicht selten ,, wegen eines unter der Ko- 
mödiantenbande befindlichen Weibesmensches" zu Eifersüchteleien und 
Stänkereien, die übel ausgingen. Auch die reichen Geschenke der Schüler 



156 Studenten und Dichtkunst. Grobianus. 

an die Jüngerinnen Thaliens rissen große Löcher in den Etat der galanten 
Liebhaber unter den Studenten ^^'^). 

So haben denn weder die Betätigung als Darsteller noch die Beziehungen 
zur dramatischen Kunst und deren Vertretern und Vertreterinnen die Sitten 
der Studenten günstig beeinflußt, ebensowenig, wie es jemals die Beschäf- 
tigung mit der Poesie seit den Tagen des Archipoeta vermocht hatte. 
Die Zahl der versgewandten Studenten war von jeher nicht gering, doch 
nicht reich an markanten Persönlichkeiten. Zu diesen zählt als einer 
der ersten nach den Goliarden der Wittenberger Theologe Friedrich Dede- 
kind, der Sohn eines Schlachters in Hannoverisch Neustadt, der 1549 mit 
seinem , Grobianus' einen großen Wurf tat. Kaspar Scheidt, Schulmeister 
in Worms, hat das lateinische Original in deutsche Verse gebracht, die 1552 
bei Gregor Hoffmann in Worms erschienen sind. 

In dem Buche, das angibt, was man nicht tun soll, und wie man es nicht 
machen darf, kommen auch die Studenten sehr schlecht weg, da von den 
beiden wohlbewanderten Verfassern gezeigt wird, wie sie es treiben. 
Da verläßt der grobianische Student das Haus seines Wirtes: 

Da plerr, rumor, sing, juchts, vnd schrey, 

durch alle gassen wo es sey. 

So müssen von dem gschrey vnd schall. 

Die nachpaum gleich erwachen all. 
Denn ein voller Narr ,ist ein teuffei auff der gassen!' ^^0 Dazu wurde, wie 
bekannt, mit den Waffen auf den Straßensteinen ein Heidenlärm verursacht, 
dann Lieder gegröhlt, was man mit dem gemeinsamen Namen Gassenhauer 
umfaßte. 

Diese Gassenhauer stehn aber nur in ganz losem Zusammenhang mit dem, 
was wir unter Studentenlieder ansprechen. Von den ältesten Studenten- 
liedern, denen der Fahrenden Scholasten ist schon gesprochen worden. Sie 
waren längst verhallt, als auf dem feuchten Boden des späteren Studenten- 
tums eine ganz andere Art von Dichtung emporsproßte. Sie hatte jenen 
frischen Hauch und jenes freie Naturgefühl verloren, die einst in den Va- 
gantenliedern des Archipoeta gejauchzt hatten ^^^. Nur das Obszöne und 
Brutale blieb dauernd. Zu den ältesten und bezeichnendsten Liedern aus 
alter Zeit gehört das schier unsterbliche ,Pentransivit Clericus durch einen 
großen waldt'. Wie Hoffmann von Fallersleben nachweisen konnte, findet 
es sich bereits in der zweiten Ausgabe von ,,De fide concubinarum" des 
Magisters Olearius von 1506 vor. Dort erscheint es fünfstrophig in ertrag- 



Pertransibat clericus. ^57 

lieber Form, während es in dem Liederbuch des Leipziger Studenten Clodius 
vom Jahre 1669 bereits zu neun Strophen angewachsen ist. In welcher 
Weise die Jahrhunderte ihren Mist in diesem Gedicht abgelagert hatten, 
mag der Abdruck dieses makaronischen Poems von Seite 86 der Handschrift 
des Clodius in der Berliner Staatsbibliothek zeigen ä^^): 

1. Pertreinsibat clericus 
Durch einen grünen Wald, 

Inveniebat stantem, stantem, stantem 
Ein Mägdlein Wohlgestalt. 

2. Salva sie, puellula, 

Gott grüß dich, Mägdelein, 
Dico tibi vere, vere, vere. 
Du sollst mein eigen sein. 

5. Non sie, non sie, mi domine, 
Ihr treibt aus mir ein Spott, 
Si vultus me deponere, 
So macht doch nicht viel Wort. 

4. Exuebant vestes 

Die Beine waren weiß, 
Fecerunt mirabilia 
Wie jedermann es weiß. 

5. Domine probaestime, 
Herr, wie gefall ich dir, 
Si tibi bene plaeuerim, 
Komm morgen wieder zu mir. 

6. Bene placuisti, 

Das sag ich dir fürwahr, 
Nee meliorum habui 
In einem ganzen Jahr. 

7. Und da das Spiel gespielet war, 
Ambo surrexerunt, 

Da ging ein jeder seinen Weg, 
Per quam venerunt. 



158 Studentenlieder. 

8. Da nun ein Jahr vollendet war, 
So bracht sie ihm ein Kind, 
Quod ipse composuerat 

Mit seinem Dinkerlinging. 

9. Qui nobis haecce cecinit, 
Das war ein guter Student, 
Qui liberor composuit 

Bis an sein letztes End. 

,Hätten wir eine vollständige Sammlung der Lieder, welche deutsche Stu- 
denten zu verschiedenen Zeiten sangen, so würden sie uns einen tiefen 
Blick in die Zustände unserer Universitäten in diesen Zeiten tun lassen', 
sagt schon von Raumer, aber leider ist das nicht der FcJl. Nur sehr wenig 
ist von dem bekannt geworden, was akademische Bürger auf der Straße, in 
den Kneipen, in ernsten oder lustigen Stunden steigen ließen. Nur Ver- 
mutungen, Annahmen wühlen in den alten Liederbüchern herum und 
wählen auf das Geratewohl das passend scheinende heraus. Man läßt sich 
dabei von den drei Grundgedanken leiten, die man in den Studentenliedern 
suchen zu müssen glaubt: Das Lob des Studenten tums, des Trunks und der 
Liebe. Wo diese drei Momente paarweise oder zusammen auftraten, da war 
man gewiß ein Studentenlied vor sich zu haben. 
Es steht im 17. Jahrhundert auf ganz annehmbarer Höhe. 

Studentengsang und Saitenklang 

Ist lieblich anzuhören, 

Macht oft und viel Schön Freudenspiel, 

Thut all Kurzweil vermehren, 
heißt es in einem 1 6 1 1 gedruckten Gedicht. 

Ein großer Teil der Poesien war wohl damals noch lateinisch. Der Kehr- 
reim von ca ca geschmauset, das natürlich wesentlich jünger ist, läßt sich 
damals schon nachweisen. 1557 kommt er in einer Schrift Schildes ,, Spiel- 
teufel" vor: „wie ir (der Spieler) reyen anzaigt:" heißt es da, „ede, bibe, 
lüde, post mortem nuUa voluptas". 

Die deutschen Studentenlieder aus dieser Zeit, soweit sie wirklich All- 
gemeingut geworden waren, sind verklungen und vergessen, und das was 
aufgezeichnet erhalten geblieben, ist spießerig, frömmelnd, maßvoll aber 
nicht burschikos. Erst der späteren Zeit war es vorbehcdten, echte Töne der 
Lebensfreude anzuschlagen, wie: 



Oder: 



Oder: 



Studentenlieder. 159 

Sa lustig Courage getruncken, 
Wer singet ein lustig Runda 
Last trauern die kühlen Halunken, 
wir sind ja deswegen nicht da. 

Es ist bey den Purschen nicht Mode, 
Daß maji das Capitolium stützt 
und hermet sich kranck und zu tode 
und immer verzumpfen da sitzt. (1667)^^*) 

Bruder, wenn dich Grillen quälen 
Und dir deine Ruhe stehlen, 
Ey so tanz und trinke Wein ; 
Und umarm dabei ein süßes 
Frisches Mädel, es soll dieses, 
Wie man sagt, probatum sein^^^). 

Wo man ein fröhlich Schmollis bringet, 
Sanguinisch scherzt und munter singet. 

Da bin ich gern, 
Doch wo man murrt und Lust verachtet, 
Und eh man soll, den Scherz verachtet, 

Da bleib ich fern. 

Wo junge Schönen feurig küssen 
Und durch den Kuß die Lust versüßen 

Da bin ich gem. 
Doch wo sie mehr als Küsse wollen 
Und frech und ungebeten zollen 

Da bleib ich fem. 

Über die Aufrichtigkeit des Nachsatzes läßt sich streiten. Jedenfalls ist er 
nicht zu verallgemeinern, denn nur ein Bruchteil der Hochschuljugend 
blieb dort fern, wo sich Liebe feilbot und dachte auch garnicht daran, dies 
im Liede zu leugnen. 

Flotte Bursche liebten nicht platonisch. Dazu war die Zeit nicht angetan, 
und da sie es nicht taten, so prahlten sie desto mehr mit ihren Liebes- 
erfolgen in Versen, die ihre Abenteuer an Zotigkeit noch zu übertrumpfen 



l6o Sauf liedlein. 

suchten. So war es schon immer. Wie heute in übermütiger Runde die 
neckischen Vorfälle, so sich in einem Wirtshaus an der Lahn zugetragen, 
gründlich erörtert werden, so beleuchtete ehedem der studentische Zecher 
die Vorzüge und das weitgehende Entgegenkommen seiner Allerliebsten, 
ohne sich in Einzelschilderungen irgend welchen Zwang aufzuerlegen. 
Wie viele von den in alten Sammlungen enthaltenen solcher Schamper- 
liedlein auf einer Studentenbude entstanden sind, vermag niemand zu 
sagen, aber ein ganz Teil war es ohne Zweifel. Wenn dann im innigen 
Verein der Kameraden die Herzen aufgingen, das Jugendblut in den Adern 
zu schäumen begann, der Arm sich vxm des Liebchens Mieder legte, der 
kühle Trunk die trockene Kehle letzte, dann war das steife Latein vergessen. 
,Es mangelte ihnen auch nicht an alierley artigen und bequemen Sauff- 
Liedlein damit sie sich weidlich hören lassen' ^'^^). Aber diese Sauffliedlein 
waren deutsch, in den Lauten der Muttersprache hinausgeschmettert: 

Vmblaufft vnd der lebt ynn dem sausse. 

wolt ihr hören wie sein ketzlein mauset? 

der knab was \Tiuerzagt, 

er hält den orden mite. 

wil ihn die frau nicht biten, 

gling gleing gloria 

so schlefft er bey der magd"*^'), 

Glang, glang gloria! 

sang man im 16. Jahrhundert. 

Oder: 

Ich setz das gläslein an den mund, 

trinks heraus bis an den Grund. 

lieber bruder, Avas fragst du mich? 

was ich kan, das kan ich, 

was mir liebt, das treib ich. 

aide, ich far dahin. '^^ 

Dann das Studentenlied, das diese Signatur deutlich ausgeprägt zur Schau 
trägt: 

Ach du lieber stalbruder mein, 

krauseminte, 

laß dir das gleslein befolen sein! 

salveie, poleie, 







MiOi^aai««iit»» < r r ft-ii i i m ' i ' 



Joseph und das Weib des Potiphar 

Stammhuchbild nux dem ij. Jahrhundert 



Fortuna 

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Aus Peter Rollos Vita Corneliana 




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Hmi^ vUflei, Cnmralüaj f>lrf . <J^«n^ tc^ mit ifiemwi^nti^Con— 5. 



Aus Prter Rollos f'ita Corneliana, um l6}0 




Der verschuldete Student 

IV i nt ersch midt , Studentenleben, iXürnherg et um lj6o 





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Saufliedlein. 1 6 1 

die blümlein auf der beiden, 
krauseminte. 

Er setzt das gleslein an den mund, 

krauseminte, 

er trank es aus biß auf den grund, 

salveie, poleie, 

die blümlein an der beiden, 

krauseminte. 

Er hat sein dingen recht getan, 

krauseminte, 

das Unterst das sol oben stan, 

sedveie, poleie, 

die blümlein an der beiden, 

krauseminte. 

Ach du lieber stalbruder mein, 
wisch einmal herumb, rumb, rumb, 
rumb, widerumb, 

ich bitt dich alle mein tage drumb, 
wisch einmal herumb! 

Handschriftliche Sammlungen und fliegende Blätter, Einblattdrucke, die 
auf Jahrmärkten von Hausierern vertrieben wurden, retteten viele dieser 
poetischen Kleinigkeiten vor der Vergessenheit. Der größte Teil ist aber 
wohl verloren gegangen. Aus einigen Sammlungen solcher Sänge sollen 
hier eine Anzahl Lieder herausgegriffen werden, die sich als Studenten- 
lieder erkennen lassen, sei es, daß sie Brüder Studii zu Verfassern haben, 
sei es, daß sie im Kreise der Musensöhne beliebt und verbreitet waren. So 
ein Lied, das Georg Finckelthaus um 1640 zuerst gesungen haben soll. Er 
war auch einer von jenen, die ,,die erleuchtete Natur zum Liederdichten 
und zu anderer Leichtfertigkeit abgerichtet hatte", wie Moscherosch im 
Philander von Sittewald tadelt. 

Finckelthaus, ein Leipziger, über dessen Leben nur wenig bekannt ist, war 
der Dichter des frischen „Sauff-Liedes" der ,,Runda", die hier vor allen 
andern ihren Platz verdient: 
Die Runda wurden gesungen, während ein Trinkgelaß, gewöhnlich von 

Bauer, Sittengeschichte 1 ^ 



l62 Runda. 

mächtigem Umfange, die Runde machte, wobei darauf geachtet wurde, daß 

kein Tropfen verschüttet und keiner übrig blieb. So z. B. das noch immer 

beliebte: 

Es wolt ein fraw zum weine gan 

He ro ri ma to ri 

Sie wolt den man nit mit jr lan. 

Guretzsch guretzsch guritzi maretzsch 

Ho re ri ma to ri, 

,,Wolstu mich dann nit zechen lan 

Ho re ri ma to 

So wolt ich zu eim andren gan" Guretzsch usw. ^^*) 

Die Runda von Finckelthaus aus seinen ,, Deutschen Liedern" lautet: 

„Ihr Brüder singt Mid stimmet mit mir an, 

Rundadinellula : 
Ein jeder schreye was er kern: 

Rundadin. 
Gut ist der Wirth, gut ist das Bier, 

Rundadin. 
Ein Schelm ist, der nicht schreyt mit mir: 

Rundadin. 
Das Glaß sol nimmer stille stehn: 

Rundadin. 
Auff Gesundheit sol es umbher gehn, 

Rundadin. 
Wer nicht die Liebste hertzt vnd küst, 

Rundadin. 
Unwürdig bey seiner Liebsten ist. 

Rundadin. 
Drumb nehmt jhr Brüder acht der Schantz, 

Rundadin. 
Kein feiges Hertze kriegt den Krantz. 

Rundadin. 
Singt, springt, klingt, trinckt, hertzt vnd schre)rt: 

Rundadin. 
Es ist versoffen alles Leyd. 

Rundadin. 



Gehamischte Venus. 163 

Und wenn jhr dieses habt gethan, 

Rundadin. 
So stimmt das Runda mit mir an, 

Rundadin. 
Runda, Runda, Runda, Rundadinellula, 
Runda, Runda, Runda, Rundadinellula!^*'^) 

Echt studentisches Gepräge hat auch das Lied im ,,Venus-Gärtlein" von 

1656: 

Wir trincken alle gerne, vnd haben wenig Gelt, 

wer wil vns dann das wehren, 

wenn es allen wolgefällt, 

hüpffet vnd springet. 

Es hat ein Bawr viel Thaler, 

das Glach (Gelage) muß einer bezahlen, 

der die Schuh mit Baste bind^^^). 

Dem 

Unbehobeltem und Nakkendem 

Garten-Gözzen 

Priapus, 

opffert dieses letztere 

Zehen 

durch gegenwertige Zueigungs- 

Schrifft 

Filidor der DorjEferer, 

heißt es in dem Liederbuch „Die Geharnschte Venus'', das 1660 in Ham- 
burg zuerst erschienen ist. 

Dieser Schäfer Filidor hieß Jakob Schwieger, war aus Altona, studierte in 
Wittenberg und in Leipzig Theologie wie auch Philosophie, wurde vom 
Schicksal arg zerzaust, und starb, noch jung an Jahren, um i666. Herder 
hat Schwiegers Gedichte die Werke eines „muntern, vielbelesenen, leicht- 
fertigen Vaters" genannt, und Gleim hat sich geäußert, „er habe diese 
Lieder für ihr Zeitalter so schön gefunden, daß er einmal den Vorsatz ge- 
habt habe, ihre ganze Sammlung aufs neue abdrucken zu lassen"^*^). Wil- 
helm Scherer nennt ihn den eigentlichen Minnesänger des 16. Jahrhunderts. 
Lieder wie z. B. „Ehren-Griffe", ,, Vergeblich verwachstu die Liebe", ,, Bar- 
billchen, die Zucker-dokke", könnten heute nur noch auf Herrenabenden 



164 Poesie im Studentenlied. 

ertönen, trotzdem sie voll Witz sind, der bekanntlich auch starke Eindeu- 
tigkeiten genießbar macht. Welcher Art diese waren, kann der Schluß- 
vers des mit drei Melodien |versehenen Gedichtes „Liebe vergrößert sich, 
wie ein gewelzter Schneeball" zeigen: 

Bald wird man mehr und mehr gemeine. 
Man achtet Ehr und Schande kleine. 
Das schlechtste heist: Ein Griff in Zucht. 
Was ferner folgt, darff ich nicht besingen, 
es möchte mich in Argwohn bringen, 
ich hätt es etwa selbst versucht^^^). 

Im letzten Viertel des siebzehnten Jahrhunderts wird das Studentenlied, 
nun das Mittelglied zwischen Volks- und Gesellschaftslied, mehr und mehr 
zum Kunstgesang, an dessen Mehrung namhcifte Dichter tätig sind. Vieles 
von (diesem lustigen Tirillieren lebt weiter und wird auch wohl kaum 
jemals ganz verschwinden. Dafür sind zu viele aus studentischem Geiste 
geborene Naturlaute darin. Das geht schon daraus hervor, daß die Zeit ihrer 
auf uns gekommenen Niederschriften oft sehr weit ab von der Zeit ihrer 
Entstehung liegt. Sie sind meist schon sehr alt, wenn sie die uns überlieferte 
Form erhalten. So das Lied aus dem letzten Viertel des achtzehnten Jahr- 
hunderts : 

Wer nicht bei Wein und nicht bei Mädchen ist. 

Und wer nicht scherzt und wer nicht küßt. 
Hör, Bruder, der soll sterben; 
Wer aber Wein wie Wasser säuft 
Und nach der Mädchen Busen greift, 
Hör, Bruder, der soll leben ^'**). 

Oder der Schluß eines unbekannten Verbesserers des vielgesungenen „Ich 
lobe mir das Burschenleben" : 

Ein schönes Kind im Arm zu haben. 
Heißt in dem Himmel selbsten seyn. 
Da wird die Traurigkeit begraben. 
Da schläft mein Hertz auf Rosen ein. 
Ein feurig Küßgen hat mehr Kräfte, 
Als alle theuren Perlensäfte ^*^). 
d. h. aus echten Perlen destillierte Medizin. 



Ich lobe mir Biirschenleben. 105 

In der OriginalfassuDg lautet dieses frische Lied: 

Ich lobe mir das Burschenleben, 

Ein jeder lobet seinen Stand: 

Der Freyheit hab ich mich ergeben, 

Sie bleibt mein bestes Unterpfand. 

Studenten sind fidele Brüder, 

Sind lustig wie ihr Großpapa, 

Sie schielen nach der Mädchen Mieder, 

Und singen schöne Carmina. 

Studenten müssen was verzehren, 
Weil Rath der liebe Vater schafft, 
Sich mit dem Saft der Reben nähren. 
Denn er giebt zum Studieren Kraft. 
Auch Gerstensaft verscheucht die Grillen, 
Wenn er im vollen Glase schäumt: 
Ein Mädchen muß die Gläser füllen. 
Das sich zu unsern Sitten reimt. 

Studenten sind auch zum Bezahlen 
Nicht immer frisch und aufgelegt, 
Und wollten sie das Geld gleich mahlen, 
Was ihre alte Schuld beträgt: 
Zwar muß der Manichaer borgen 
Frisch auf den neuen Wechsel los. 
Doch dieß verursacht manche Sorgen, 
Das Geld kommt in des Borgers Schooß. 

Doch lob ich mir bey allen Schulden 
Den freyen, edlen Burschenstand, 
Der Bursche darf kein Unrecht dulden. 
Er streitet für das Vaterland ; 
Versammlet seiner Brüder Chöre, 
Und rechet muthig jeden Hohn, 
Er streitet für der Burschen Ehre, 
Es leb ein jeder Musensohn I^**^') 



*"° Ich lobe mir Burschenleben. 

Dann das muntere Lied nach der Melodie: Ich heiß Tobias Schwalbe: 

Ach, Dorchen, ich muß scheiden. 
Der harte Vater schreibt : 
Ich soll Salinen (Halle) meiden. 
Weil nichts im Beutel bleibt. 
O weh, o weh mir Armen : 
Die Burschenzeit ist aus ; 
Ist das nicht zum Erbarmen? 
Fort in des Vaters Haus ! 

Ein Jahr dacht ich noch immer 

Hier noch fidel zu sein ! 

Die Zeiten werden schlimmer. 

Packt meine Sachen ein. 

Er läßt sich nicht bewegen, 

Der harte Vater, der! — 

Bey meinem Huth und Degen, 

Der Abschied wird mir schwer. 

Wirst du mich auch beweinen. 
Du meines Herzens Lust? 
Ach, Dorchen, dulde keinen 
An deiner schönen Brust. 
Bleib mir, du lose Kleine 
Auch in der Ferne treu. 
Und wiß, daß ich der Deine 
Mit Leib und Seele sey. 

Nun gute Nacht, ,Saline , 
Mein matter Schenkel bebt. 
Es wachse, blüh und grüne. 
Was in dir leibt und lebt; 
Der Maedchen schöner Busen, 
Und was sich sonst noch findt : 
Es leben alle Muse! — 
Es lebe hoch mein Kind! 3*7) 



Ch. W. Kindleben. 167 

Der Sänger dieser beiden und noch anderer kerniger Studentenlieder und 
„Kommerschgesänge" war Christian Wilhebn Kindleben, auf den wir noch 
an anderer Stelle stoßen werden. 
Im Liede aus derselben Zeit „Genießt den Reiz des Lebens" lautet ein Vers: 

Was nützen fremde Sprachen, 
Wir trinken Ziegenhain, 
Und uns're Schönen fragen 
Gar wenig nach Latein. 
Bei liebevollen Küssen 
Kann man die Sprache missen. 
Die Wollust zu versüßen 
Muß man verschwiegen sein. 

Das könnte Otto Erich, Wedekind oder Bierbaum gesungen haben. 

Aber auch in den Wust gewisser Studentenlieder verirrt sich dann und 

wann eine sittliche Anwandlung: 

Mit schönen Kindern artig spielen, 

Den Vorrath ihrer Brust durchwühlen, 

Das geht wohl an ; 

Doch öfters auf die Mühlen laufen *), 

Vergnügen vor acht Groschen kaufen. 

Das ist zu toll. 

Oder: 

Und du verfluchte Otternzucht, 

Euch Huren treffe auch der Fluch, 

So Blitz und Strahl 

So oft einmal 

Der Himmel Feuer speit ^*^). 

Eine ganze Schar sangesfroher und sangeskundiger Studenten bereicherten 
das studentische Gesellschaftslied mit derben, lustigen Dichtungen, die ihre 
Runde durch die Hochschulkneipen machten. So die Verse des späteren 
Hamburger Notars Georg Greflinger, die Gottfried Finckelthaus, Georg 
Schochs, des Dichters der Studenten-Komödien, dann des Dänischen Hof- 
trompeters Gabriel Voigtländer und Christian Weises, des eigentlichen Ur- 
hebers des Gesellschaftsliedes und Prägers dieses Wortes, 

*) Die Mühlen bei Jena, wo in der Zeit von 1740 — 1760 die Musensöhne der Liebe, 
und zwar nicht eben der platonischen, pflegten. Laukhardt. 



l68 Ckristiem Weise. 

ChristiaB Weise, der Schulkomödiendichter, hatte in seiner Leipziger Hoch- 
schulzeit Weisen angestimmt, die durch die reiche Verwendung von Zwei- 
deutigkeiten und Zötchen, ebenso den bei den Studenten beliebten Ton 
treffen, wie den in den mittleren Bürgerschichten üblichen ^*^) v. Wald- 
burg, der Herausgeber von Weises Jugendgedichten, geht aber meines Er- 
achtens zu weit, wenn er Weise den Vorwurf macht, das grobianische 
Geschimpfe, das man in jener Zeit für Witz und Humor hielt, in die bür- 
gerliche Lyrik gebracht zu haben. 

Weise ist kein Mondscheinjüngling, der zu säuseln und Redensarten zu 
drechseln versteht. Er denkt und fühlt deutsch, wenn er auch viel vom 
Ausland gelernt hat. Er spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, nicht 
wie die Empfindsamen seiner Zeit und gewisse „Germanisten" der Gegen- 
wart. In den ganzen 173 Seiten seiner Jugendgedichte finden sich lange 
nicht so viel Fremdwörter wie auf den 9 Seiten Einleitung von Dr. Majc 
Freiherr von Waldberg, des Herausgebers des Halleschen Neudrucks von 
1914. Da heißt es z. B. auf Seite IX im Vorwort: „Wo uns die Figuren 
dieser geistlichen Materie durch die Mediokrität des Ausdrucks anachro- 
nistisch und travestiert erscheinen". 

Da lieber noch eine ungeschminkte Derbheit nach der Art des Schönheits- 
abrisses: 

Ich weiß ein Liebes Schätzgen, 

Ein artig Kammer-Kätzgen, 
Darüber muß ich mich bemühn. 
Und sie auff meinen Schauplatz ziehn. 

In diesem Liede von 18 Absätzen wird die Schönheit eines ,,Mädgens" 
zergliedert. Der Schluß lautet: 

15. Die Armen sind wie Priegel 
Und wie die Hölle-Riegel, 

Und gucken zu den Ermein rausz, 
Und sehn wie eine Blut- Wurst ausz. 

16. Mehr hab ich nicht gesehen, 
Es soll auch nicht geschehen. 
Dann wo sie sich nackt sehen last, 
So sterb ich warlich an der Pest. 

17. Drum will ich nur beschließen. 
Weil ich nicht mehr kan wissen. 



Liedersammlungen. i6q 

Doch dieses sey zu guter Letzt 
Ihr als ein Wunsch hinzu gesetzt. 

18. Bestecket sie mit Raute, 

Spickt sie mit sauer Kraute, 

Und schicket sie mit Haut und Haar 

Dem Hencker zu dem Neuen Jahr^^*^). 

Die Verwilderung der langen Kriegszeit treibt hier unverkennbar übel- 
duftende Blüten, 

In der von Crailsheimschen Liederhandschrift findet sich unter Nr, 25 ein 
stofflich gleiches Lied, das mit der Aufforderung an den Knecht schließt, 
das so schön geladene Fuder Mist, d. h. die Angesungene fortzuschaffen^*^). 
Diese Sammlung des Studenten Clodius und des blutjungen Fräuleins von 
Crailshaim mit ihrem Reichtum an sonst weiter nirgend mehr aufgezeich- 
neten Liedern, harrt noch eines Herausgebers, der über einen weiteren Ge- 
sichtskreis verfügt als der bisherige Bearbeiter, der vor allem, was ihn eine 
Anstößigkeit dünkte, schämig sein Haupt verhüllte. Ich muß mich leider 
auf die Wiedergabe einiger weniger Proben aus diesem Liederbuche be- 
schränken. Zuerst ein paar Schnaderhüpfeln : 

Von meiner Mutter Hochzeit her 
esz ich keine Eyer mehr. 
Ey Nudicha, nau, na, na, 
ey Nudga :)(: hob sa sa. 

Meine Mutter schickt mich her, 

fraget ob der kleine Bruder fertig war :)(: 

Meine Mutter spricht, es wäre keine Sund, 
wann man ein Mädgen macht ein Kind :){:^°^). 

Demn einige Absätze aus einem studentischen Rundgesang: 

1. Ihr Brüder rufft vivatl 
Chirurgi sollen leben, 
Die stets nach Ehren streben, 
seyd lustig in der That 
und rufft mit mir vivat! 
man muß uns edel halten 



170 Liedersammlungen. 

bey jungen und bey alten, 
zu Wasser und zu Land 
ist unsre Kunst bekannt; 
man muß uns Doctor heißen 
und alle Ehr erweisen, 
man hebt uns hoch empor 
bis an der Sternen Chor. 

3. Der Brintz Eugenius, 

der Fürst von allen Helden, 

rühmt uns in seinen Zelten. 

General, Obrist, Lieutenant, Soldaten, 

Sie rühmen unsre Thaten, 

auch alle Officir 

in Noth bedienen wir; 

hat einer was zerbrochen, 

ist einer scharf gestochen, 

so ist gleich ihr Begehr: 

nur gleich ein Feldscher her! 

4. Offt ist ein schönes Kind 
verlezt an ihren Brüstigen, 

da kriegt man bald ein Lüstigen 
zu geben daß was dient, 
offt ist ein schönes Kind 
verlezt an ihrem Bauche, 
nicht weit von ihrem Rauche 
von ongefehr verlezt, 
das ist, was uns ergözt; 
da will uns von den Sachen 
der Schnepper wacker stehen, 
da schlägt er auf das best, 
wann man zur Ader last. 

Dem in den Hochschulkreisen seiner Zeit wegen seiner Hemmungslosigkeit 
in eroticis allbekannten Wittenberger Studenten, der sich hinter dem Deck- 
namen Le Pansiv verbarg, sei mit einem seiner zahmsten Lieder, zu singen 
nach der Melodie „Cupido bleib mir vom Leibe ec", das Wort gegeben: 



Jungfer- Gesänge. 171 

Jungfer'Gesänge, wie solche von Jahren zu Jahren von 
denen gerne Männer-haben- wollenden Jungfern gesungen 
werden. Nach eigenem Geständnisz einer 50-jährigen 

Jungfer. 

Ein Mägdgen von kaum vierzehn Jahren 
Ficht schon die Männer Sehnsucht an; 
Drum wünscht sie täglich sich zu paaren, 
Und singt: Ach gebt mir einen Mann, 
Der mir fein sanft das Leibgen drücke, 
Denn meine Jungfern schafft ist pflücke! 

Sind sechzehn Jahre erst vergangen. 

So brennt das Mädgen lichterloh. 

Und singt vor brennendem Verlangen : 

(Ihr lieben Jungfern ist nicht so?) 

Will noch kein Mann mir Löschung gönnen? 

Ach soll ich armes Ding verbrennen! 

Sind zwantzig Jahre ran gekommen 

So seufftzt das Mädgen Tag und Nacht 

Bis ihr die Jungfernschaft benommen, 

Die ihr die Nächte schlaflos macht. 

Sie singt: Ach komm ein Mann noch heute! 

Sonst geh ich selber auf die Freyte. 

Kömmts dreysz'gste Jahr schon angetreten, 
So fleht sie den Sanct Andräs an, 
Den sie pflegt kniend anzubeten, 
Und singt: Ach gieb mir einen Mann, 
Den ich im Bette kann umarmen; 
Sanct Andräs laß dich doch erbarmen! 

Hat sie nun viertzig Jahr getragen 

Das Centner-schwere Jungfer-Joch, 

Wird sie die Manns-Noth doch noch plagen: 

Warum? der Kützel sticht sie noch; 

Drum singt sie: Will kein Mann mich puntzeln? 

Die Jungferschafft bekömmt schon Runtzeln. 



172 Tahak. Soldaten und Studenten. 

Sind aber fünfftzig Jahr verflossen, 
Wird die verschrumffte Jungferschafft 
Mit Thränen-Wasser nun begossen ; 
Doch singt sie noch aus Leibes-Krafft : 
Ach komm ein MEinn! ach komm behende I 
Wo nicht; so komm mein Lebens Ende^^^). 
Zu den beiden Lieblingen der akademischen Bürger, Wein und Weib, weir 
mit dem 16., vornehmlich aber seit der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts 
ein dritter getreten, dem sie durch Jahrhunderte bis zum heutigen Tage 
treu ergeben bleiben sollten: der Tabak. 

Das edle Kraut war als Zierpflanze schon 1498 nach Spanien und im Jahre 
1565 nach Deutschland gekommen, da gelangte es auch bald in die Apo- 
theken. Suchte doch Jecin Nicot den Krebs mit Tabak zu heilen, angeblich 
mit Erfolg 3^*). 

Der indianische Brauch des Rauchens kam etwas später zu uns, wo es die 
englischen Truppen des Winterkönigs, dann niederländisch-spanische, über- 
haupt fremde Kriegsvölker einführten und verbreiteten, nachdem es schon 
längst in den Hafenstädten, besonders in Hamburg festen Fuß gefaßt hatte. 
Ursprünglich war die hohe Obrigkeit, geistliche wie weltliche, dem Tabak 
in jeglicher Form wie „Trinken", ,, Essen", Kauen und Schnupfen völlig 
abhold und suchte seine Verbreitung durch schwere Strafen zu verhindern. 
In der Schweiz faßte man als Übertretungen der Sittlichkeit zusammen: 
Ehebruch, Hurerei, Völlerei, Tauf- und Leichenschmäuse, Tabak, Hoch- 
mut und Tanz, und belegte sie mit Geldstrafe oder Ausstellung auf dem 
Pranger. Dies alles noch im Jahre 1675. wo in Deutschland das Tabak- 
trinken, d. h. Rauchen, schon allenthalben in allen deutschen Gauen fest 
eingebürgert war^^^). Rauchten doch um 1650 schon die Bauern wie das 
niedere Volk^^^), die sich am längsten gegen das ,, Tabakfressen" gesträubt 
hatten. 

Bei den dauernden Wechselbeziehungen zwischen Soldaten und Studenten 
konnte es nicht ausbleiben, daß der Tabak leicht Eingang in akademische 
Kreise fand. Das Tabakrauchen war eine Zeit lang den Studenten verboten, 
was dazu beigetragen haben mag, daß es sich so rasch und unerschütterlich 
bei ihnen eingebürgert hat. Sie hielten zur Zeit der Verbote geheime Tabak- 
gesellschaften ab, zu denen der Wirt der betreffenden Kneipe durch Zettel 
einlud, die unter den Studenten herumgingen. Wer erscheinen wollte 
quittierte die Einladung mit einem erdichteten Namen. Solch Zettel lautete 



Fidibus. Toback und Koifee. 175 

,,Fid. Ibus. S. D. N. H, Hodie hora VII. et c. a. v. s.". Das heißt: fidelibus fra- 
tribus salutem dich N. N., hospes. Hodie hora septima apparebitis in museo 
meo, herba Nicotiana et cerevisia abunde vobis satisfaciam. 
Sobcdd die Gesellschaft vollzählig war, stellte sie sich im Kreise auf, und 
entzündete ihre Pfeifen mit den gefalteten Zetteln, denen man den Namen 
Fidibus gegeben hatte. 

Nach dem ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts finden sich bei den 
Studenten schon hier und da ,, Toback und Koffee" als Genußmittel. Dies 
galt 'allerdings nur bei dem Studenten nach der Mode, der sogar wie der 
Stutzer Sylvan in Leipzig seinen altmodischen Kommilitonen erwidert: ,,Ich 
rauche jetzt nicht mehr!" Das war und blieb aber Ausnahme. 
Bald klangen zum Ruhme des edlen Krautes aus studentischen Kehlen ge- 
pfefferte Liedchen. Ja die Liebe zeigte sich sogar darin, daß auch einmal 
ein sentimentales Loblied auf den Liebling in der Runde gesungen 
wurde wie: 

So offt ich meine Tobacks Pfeife, 

mit frischem Knaster angefüllt, 

zur Lust und Zeitvertreib ergreife, 

so zeigt sich mir ein Trauer Bild 

und fügt mir diese Lehre bey, 

daß ich derselben änlich sey. 

Die Pfeife stammt aus Thon und Erde, 

und ich bin gleichfals draus gemacht, 

daher ich auch zur Erden werde ; 

sie fällt und bricht, eh ichs gedacht, 

mir offtmahls in der Hand entzwey, 

mein Schicksaal ist auch einerley. U. s. w. ^^') 

Der Wettkampf im Saufen wurde nun auch auf das Rauchen ausgedehnt. 
Wer beim Gelage es bis zu 50 Pfeifen brachte, wurde zum Magister er- 
nannt, wer 80 hieß Licentiat, wer 100 gar Doktor. Nikotinvergiftungen 
hatten bei den Ärzten irgend einen anderen Neunen und wurden unter die- 
sem behandelt. 

Die Studentenlieder, in denen sich die ganze Wildheit der Sänger und Zu- 
hörer austoben durfte, sind nur in einer Minderzahl auf uns gekommen. 
Nur ganz wenige wurden gedruckt, einige von ihnen in handschriftlich 
erhaltenen Liederbüchern aufgezeichnet, die überwiegende Mehrzahl ist 



174 • Ständchen. Klassische Studentenlieder. Landesvater. 

unwiederbringlich dahin. Solche Lieder, die das vom Trunk erregte Blut 
noch wilder durch die Adern peitschte und zu Exzessen aufstachelte, stiegen 
denn auch, wie schon erwähnt, im Schutze der Nacht auf Markt und 
Straßen, vor den Häusern mißliebiger Lehrer oder Amtspersonen. Noch 
1650 war dieser ansprechende Ulk in Helmstedt in vollster Blüte, Auch bei 
Hochzeiten in Bürgerhäusern ,, platzten" noch immer Studentenhorden ein, 
, »schütteten schandbare Worte und Reden aus, und brüllten unzüchtige 
Lieder vor der Hochzeitsgesellschaft, wie es die akademische Freiheit nun 
schon fast zwei Jahrhunderte sich erlaubt hatte. 

Doch die Stunde aller der wie Kinder der Liebe wild wachsenden Studenten- 
dichtungen hatte geschlagen. Die Morgenröte der klassischen Zeit scheuchte 
diese Wildlinge in das Dunkel der ,Fidelitas', in deren Tabaksqualm trank- 
schwere Bursche nun gröhlten, was selbst sie nicht mehr ungestraft zu 
nachtschlafender Zeit auf Stiaßen und Plätzen auszuführen wagten. Wenn 
hier und da, der heilige Grobianus, nun Renommist geheißen, sein Regi- 
ment weiterführte, so hatte sich neben ihm ein neues Reich aufgetan, in 
dem ein neuer Modegeist den bislang ungeschlachter Hochschüler in zier- 
lichem Kleide mit zierlich gedrechselten Redensarten ganz k la Mode sehen 
wollte. 

Dichter von Rang und Bedeutung wie Johann Christian Günther, Lessing, 
Claudius, Uz, Hagedorn, Jacobi, Bürger, Gleim und später auch Goethe hal- 
fen dem Studentenlied aus dem Morast und führten es zu höherer Würde ^^^). 
Den Löwenanteil dieser schweren Arbeit am Gelingen hat der Berliner Hand- 
werkerssohn und Hallesche Magister Christian Wilhelm Kindleben. Kind- 
leben, ein bemostes Haupt mit reichlichen Semestern, kann als Reformator 
des Studentenliedes angesprochen werden. Sein Heftchen ,Studentenlieder'. 
Aus den hinterlassenen Papieren eines unglücklichen Philosophen Florido 
genannt, gesammlet und verbessert von C. W. K. ,1781' enthält 63 Lieder, 
von denen er 56 gedichtet hat. Er war auch der erste, der vaterländische 
Töne anschlug, für die sich in den früheren Studentenliedern kein Platz 
gefunden hatte. Man sang früher, selbst noch in der Zeit nach Kindleben: 

Landesvater, 

Schutz und Rather, 

Friedrich August lebe hoch! 

Der du bist ein guter König, 

Küssest deine Frau zu wenig, 

nimm mich zum Adjunktus an^^^). 



Pasquille. Stammbücher. lyc 

Wie der Studiosus im Liede mit Vorliebe sarkastische Töne anschlug, seinen 
Landesvater, die Kommilitonen, die Herren Professoren, sogar sich selbst 
verulkte, so w urde ihm auch das Pasquill von alters her zum Werkzeug, 
seine Opposition zu äußern, seinem Unmut, häufiger noch seinem Über- 
mut in schärfster Weise Luft zu machen. So rügen einmal 1659 i^ den 
Helmstedter Protokollen lakonisch ,, Pasquille voll grober Hurerei und 
Gottlosigkeit" ^^°). Da der Pasquillant mutig aus dem Hinterhalt schoß, 
konnte er ungestraft, weil unerreichbar, seine vergifteten Pfeile auf jeder- 
mann absenden, und eine Art geistiges Haberfeldtreiben inszenieren. Der- 
artige Lumpen hat es immer gegeben, wie es auch immer Leute gab, die 
sich vor ihren Streichen angeekelt abwandten. Alle Auswüchse im Studen- 
tentreiben der Vorzeit sind nichts gegen die Giftpfeile der Pasquillanten, 
mögen sie auch manchmal witzig gewesen sein, wie Reuters ,Schlampampe" 
die doch immer ein schutzloses Weib war. Die Zoten in den Studenten- 
liedern sind deshalb auch als Äußerungen eines an sich harmlosen Jugend- 
übermutes nicht von konsistorialrätlichem Standpunkt aus zu beurteilen. 
Und was scherte schließlich die Hochschuljugend die Strenge der Seel- 
sorger. Sie sangen, was ihnen gefiel, ja sie illustrierten es sogar in den 
Stammbüchern ihrer Freunde. 

Die Stammbücher erschienen im fünfzehnten Jahrhundert zuerst an den 
Höfen und beim Adel. Bald darauf mußte jeder Hochschullehrer und Hoch- 
schüler sein Stammbuch haben. Denn ,,das Gedächtniß des Menschen ist 
hinfällig; wenn man aber alle Jahre nur einmahl ein solches Stamm-Buch 
durchgehet, so kan man sich der an weit entlegenen Orten gemachten 
Freundschafft wieder erinnern und wird auch dadurch offtmahls manche 
Traurigkeit vertrieben", schreibt Martin Zeiller ^^*). Melanchthon schätzte 
die Stammbücher als Freundschafts- und Erinnerungsbücher. ,, Gewiß haben 
diese Bücher ihren Nutzen," schrieb er an Cordatus, ,,vor allem den, daß 
sich die Besitzer der Personen erinnern, und dabei die weisen Lehren ins 
Gedächtnis rufen, die man ihnen einschreibt; daß sie den Jüngeren Er- 
innerungsmittel werden zum Fleiße, deimit beim Abschied der Lehrer ihnen 
ein günstiges empfehlendes Wort einschreibe, und daß sie auf dem ferneren 
Lebenswege stets wacker und tüchtig sich bewähren, angeregt, wenn auch 
nur durch den Namen des Guten, ihrem Beispiel zu folgen" ^^^). Diesen 
idealen Zweck hebt auch Wilhelm Hauff in seinen reizenden ,, Phantasien 
im Bremer Ratskeller" hervor: ,, Meines Erachtens ist es keine üble Ge- 
wohnheit, die ich von meinem Großvater angenommen, nämlich hie und 



176 Wilhelm HanfF. 

da Einschnitte zu machen in den Baum des Jahres und sinnend dabei zu 
verweilen' . 

Noch jetzt, als wäre es gestern geschehen, sehe ich sein großes blaues Auge 
sinnend auf den vergelbten Blättern seines Stammbuches weilen; und wie 
deutlich sehe ich, wie dieses Auge nach und nach sich füllt, wie eine 
Träne in den grauen Wimpern zittert, wie der gebietende Mund sich zu- 
sammenpreßt, wie der alte Herr langsam und zögernd die Feder ergreift 
und ,einem seiner Brüder, der geschieden', das schwarze Kreuz unter den 
Namen malt. — Zündete er nicht den Christbaum seiner Erinnerung an, 
flammten nicht tausend flimmernde Kerzen auf, die Lieblingsstunden eines 
langen Lebens, und schien er nicht, wenn er am Abend still und ruhig im 
Sessel saß, sich kindlich zu freuen an den Gaben der Vergangenheit?" 
So sentimental waren aber nur die Alten Herren. 

Wie ein ordentlicher, richtiggehender Kommers aus zwei Teilen bestand, 
dem offiziellen, an dem sich die Honoratioren beteiligten, und wobei es 
deshalb auch feinsäuberlich, verflucht ehrsam zuging, dann aber, nach 
deren Abschied, der Fidelitas, wo man sich wieder im gewohnten Fahr- 
wasser tummeln konnte, so war es auch mit den Stammbüchern. Vorn die 
hochgelahrten Herren Lehrer, Gönner und hochmögenden Freunde, weiter 
hinten dann die Schar gleichgestimmter Seelen. 

Im Stammbuch von Thomas Wanderer aus Nürnberg, das im Jahre 1619 
angelegt wurde, findet sich ein mit Gold- und Silberbuchstaben prachtvoll 
geschriebenes Vorwort, in dem es heißt, alles was in Wort und Bild in das 
Album komme. 

„sey nicht vntüchtig. 
Grob, verdächtig vnd vnzüchtig" ^^^). 
Wie wenig überflüssig diese Mahnung weur, geht schon daraus hervor, daß 
sich Lichtenberg (1742 — 1799) einmal bemüßigt sah, in ein ihm vorge- 
legtes Studentenstammbuch den Bibelspruch einzuschreiben: ,,Herr! laß 
mich unter die Säue fahren!" Daraus geht hervor, daß der Wunsch, bei 
den Eintragungen den Anstand zu wahren, ein frommer geblieben war. 
So lange das Stammbuch der Schüler dem Herrn Doktor Faust über- 
reicht, oder einer vom Adel den Standesgenossen bat, sein Wappen auf eines 
der Blätter malen zu lassen, begnügten sich die Schüler und Freunde des 
Besitzers mit einer entliehenen Weisheit oder Gelehrsamkeit. Auf das Passen 
kam es weniger an, als auf eine tote Sprache. Allerdings schlich auch 
manchesmal ein Witzchen ein, d. h. das, was man in jener Zeit dafür 




Vorlage für ein Stammbuchbild oder K x lihris 

Holzschnitt von Melchior Schede!. i(y. .Jahrhundert 

Links: Frau mit Ke u s c h h e i t s g ü r t e I, Schlüssel dazu und Geldsack 

Rechts: ein Landsknecht mit Schamkapsel 




Ji ie Bei sähe f rifls dt's Ritters hußjrow sic/i 

zuiig j' n (i badet jii eym Fenster da es der Kü- 

nig Dauid i'on synem sal sehen v n d dar durch 

gegen jr jn v nkii schlieit bewegt ward 

ff I) I z s c h n i r t des jungen .-fl brecht teurer aus dem f'olks- 
huch Ritter roin Turm. Basel I49) 




Disputation 

Kölner Holzschnitt vom Jahre I joy 




Forlage für ein Stammbuchbild. 164S 

Mit lateinischer und der deut sehen Unterschrift: 

Hop, hop doch auf/ Heber hoff man 
Diß Roß lein wil ein Reuter han 




DoOfi- fUunt: ioaii.rum, curat Awinutnurt Sa. Vro^ ayro itdoUui pamai AfclluJ anuU--^ 

Marburg 

Im Fordergrund Gelehr fem der Buche reij 
deren Bücher verkehrt s t ehn 

Frankfurter Kupfer. i62J 




OJitvö^zcfinwitc Dte vm e(rt aller fcb6nftc 
vHnin pulten oocb keiner vö Dem i^zn irfllSo 
vn^ r^k fie Den e(neir1n ein g:ab reoec Die nacbc 
Vtn tzcn trülen Dar inen $u pleibenC ^^n anoem 
Da8 er pe( Dem g:ab Die nacbt ftiinc rnD Dem f m 
gzab einen ganc;e pfalcer pacti[^vno vcn D:itteii 
Dad er f n ceüfeltfber gellallt gzaufamlicbi vn fer 
pmmenD vm vic Mich $u Dem gzab liefe ocn Der 
vo petet fo2ebtig su maeben vn f n ab su t:eibe|t 
vni^ wie Der im g:ab auff Kt^ufcbt 5tt etflieben rtt 
tpic ße alle viel vor febzechen bin vielenfaber ö 
xpinln wüzt rein vriDer vm rezgollte^ getaucht 
vdbafefole5e vdiPv:maba:bi?er sunmenbe^g 



Liebesabenteuer von drei Studenten 

Titelblatt eines Fn s t n n c h t s s c h ir n nke .< von Hans Fol: 

Nürnbergs um ijSo 



Stammbuchpoesie. 1 ^y 

hielt, und derartige Eintragungen nehmen sich zwischen den salbungs- 
vollen Gedankensplittern oder tiefschürfenden Zitaten der Kathedergrößen 
aus wie Brennesseln auf dem Tulpenbeet. Hier : 
Gott, Tugendt vndt Ehr 
Soll sein Mein beste Schutzwehr, 
dann wenige Seiten w^eiter: 

Wan ainer ein Jungfrau bai im liegen hat 

Und nit khist, 
vnd ain schenen Apfell hat 

vnd nit ist, 
vnnd hat ein guten masz Wein 
vnd schenkt im selbst nit ein, 
der mag nur wol ein schelm sein. 

Und so geht es in bunter Reihe fort, vom 16. bis zum endenden 18. Jahr- 
hundert, wie die kleine Blütenlese, die hier zusammengestellt ist, zeigen soll. 
Ein Baseler Student behauptet im Jahre 1581 : 

Kein größer Freude uff Erden nit ist, denn wenn Ei- 
ner bey einem schönen wackern Maidtlein ist^^*). 

Um dieselbe Zeit etwa fleht ein anderer Student: 
Ach Gott, Laß mich Erwerben 
Ein Ehrlichs Leben Und Seliges Sterben ^^^). 

Wer von beiden mag es wohl ehrlicher gemeint haben? — Keine Mörder- 
grube machen aus ihren Herzen die flotten Burschen, denen die nach- 
stehenden Eintragungen zu danken sind. Ein Feinschmecker aus Frankfurt 
an der Oder wünscht sich 1578: 

Ich wolt, daß ich wer 

Ein armer Klausener, 
vnd hatte alzeit auf meinem Disch 

junge Hüner vnd alte fisch 

stillen Wein vnd rauschen byr, 
Vnd dazu gueter gerichter fier. 

Auch ein alt Weib von 14(1) Jaren 
Mit weißem leib vnd gelben hären. 

Mit zarten Henden vnd schmalen lenden, 
Darbei wil ich mein leben wol enden ^^^). 

Bauer, Sittengeschichte 1 2 



178 Stamnibuchpoesie. 

Ein Baseler Hochschüler wollte sich mit einem solchen Mägdelein von 
18 Jahren genügen lassen^^^. Dieses scheint der für Basel bevorzugte Jahr- 
gang gewesen zu sein : 

Ein Jungfraw 18 Jahr allt 

Ein Schweinen Bratten kaltt, 

Wem dasz essen nit schmackht, 

Dem ist alles gut Leben versagt. (1615)^^^. 

Aber auch ein Heidelberger Bruder Studio von 1608 erklärt: 
Een Hasen kalt, 
Een megdlein i8 Jar alt, 
Der das nit mach, 
Der bleibt ein nar al zyn dach'®^. 

Im Jahre 1685 faßt ein akademischer Bürger das Um und Auf des Studen- 
tentums also zusammen -. 

Sis felix. 

Gehe fleißig zu Frauenzimmier, 
Sis potens 

Halte dich fein wohl bey ihnen, 
Et Deus te servet, 

Gott gebe Glück und Segen darzu, 
Studiosa Corina, 

Daß ein wackerer Student daraus werde '^*0- 

Einen ähnlichen Standpunkt vertritt 1690 ein Studiosus aus Güstrow: 

Lustig seyn mit guten Schwestern, 

Musiciren, Niemand lästern, 

Frisch trincken einmal herumb 

Dieses ist mein Proprium ^^^). 
Selbsterkenntnis verrät der Vers : 

Soldaten, Studenten und Jungfrauen 

soll man dienen und wenig trauen, 1684''*). 
während Erfahrung aus den Zeilen spricht: 

Es ist ein Kraut heist mulier, 

Darfür hüet dich prudenter, 

Bedriegt sie dich Feliciter 

So würds dir gereien semper. 1635^^^). 



Stammbuchpoesie. 179 

Alles was des Studenten Herz begehrt, sind in der Priamel von 1620 bei- 
sammen : 

Wer nit liebt ein Schönes pferdt, 

Gutta pistolen vnd scharffes Schwerdt, 
Ein scheenes Freuen vnd gutten Wein, 
Der mag mir wol ein Cujon sein^^*). 

Weit entfernt einen solchen Schimpf auf sich zu laden war der ehrliche, 

offene Bekenner: 

Ein jeder liebt was ihm behagt, 

Ich halts mit meiner Kellermagdt. 1651^^°). 
Ein Abgebrühter sagt 1644: ,,Was fragt der Mond danach, wenn ihn die 
Hunde anbellen?""^ 
Vielfach begegnet uns der auf Luther zurückgeführte Vers: 

Der Pfaffen Sag, der Juristen Buch, 

Und das Ding unter der Magd Schürztuch — 

Diese 5 Geschirre 

Machen gar viele irre^^^). 
Ein Gewitzter predigt: 

Wer will leben ohne Sorg vnd müh, 

Derselb daß thier, welches zöpf hat, flüh. 1619'^^). 

oder: 

Contentement passe richesse, 

Vive qui a belle maistresse. 
Dem wilden Meer vnd schönen Jungfrauen 
Soll kein Verständiger zu vil trauen ^'^). 
Zu dem altbewährten Dreibund Wein, Weib und Gesang schlägt sich im 
letzten Viertel des siebzehnten Jahrhunderts der Tabak: 

Ein schwartzbraun madigen vnd ein glass mit extra Wein, 
Ein Pfeiff taback beym Schmaus mein Zeitvertreib soll seyn. 
Ich lebe recht vergnügt, kann ich nur dieses haben. 
So weiß ich, wenn mich durst und hungert, recht zu laben. (iGgS)^"^' 
Ibq achtzehnten Jahrhundert hielten sich die Standespersonen, also auch die 
Lehrer, den Studentenstammbüchern meist schon fern. Man blieb von jetzt 
ab fast völlig unter sich und alle Beschränkung war überflüssig geworden. 
Zugegeben muß aber werden, daß der jugendfrische Burschenwitz, so sehr 
er mit erotischem Einschlag durchsetzt war, nur sehr selten in das Fahr- 
wasser der aus Frankreich eingeführten Zweideutigkeiten geriet. Er nannte 



1 8o Stammbuchhumor. 

nach wie vor beharrlich das Kind beim rechten Namen, mochte der auch 
in feinfühligen Ohren noch so dröhnen. Wenn er aber in französischem 
Kostüm ein herstelzte, so war dies sofort als Maskerade zu erkennen. 
Wie bieder klingt z. B.: 

Alles Ding hat seine Zeit, 

Nur die alten Weiber nicht — (Halle 1716)^^0. 



Oder: 

Gut deutsch ist: 



Alles in der Welt, nur kein klein Kind! — (1732)*®^) 



Ein schönes nackendt Kind, 

Hirsch, Hund, Pistöll und Degen, 

Muß sich ein praff Soldat 

zu seinem Plaisir hegen u. s. w. (1726)^^'). 

Ins Französische übersetztes Deutsch jedoch: 

Une Dame frangoise comme eile soit demandee sur la perte de sa 
virginite, repondait eile : II est fort difficil de gairder un thresor, donc 
tous les hommes portent la clef (1715)^®*). 
Lautere Muttersprache hingegen : 

Die Liebe gehet staffelweise zu ihrem Zwecke wie die Diebe an den 
Galgen, sie ist eine vollkommene Philosophie, so von dem Theori- 
sieren zur praxim, von dem Sehen zum Fühlen, und von dem Ge- 
danken zu den Wercken schreitet: 

Nach Sehen kommt das Lachen, 

Nach Lachen Kundschafft machen, 

Nach Kundschafft züchtig fühlen. 

Nach fühlen weiter wühlen, 

Geschwinde ists geschehen. 

Daß alles komt vom Sehen (1751)^®^). 
In Ammerbach bei Jena läßt sich ein Genießer 1736 vernehmen: 

Variatio delectat. 

Sich auf ewig zu verschreiben 

Und nur Einer treu zu bleiben, 

Schmecket nach der alten Welt. 

Amor hält jetzt keine Treue, 

Alle Tage eine neue 

Ist ein Ding, das mir gefällt^*®). 



Stammbuchhumor. 1 8 1 

Was sich gehört weiß zu schätzen : 

Ein grübgen im Backen, 

in Hertzen getreu, 

Ein Schelm im Nacken, 

Es bleibet darbey (1726)^^'). 

Ein altes deutsches Sprichwort wird also ausgelegt: 

Das Frauenzimmer fragt: was Küssen auf sich hätte? 

Zur Antwort dient: mehr als zu viel, 

Denn das ist wohl kein Kinderspiel: 

Wer sich aufs Küssen legt, der legt sich auch aufs Bette (1758)'®^. 

Ein Jungfräulein, wahrscheinlich fiha hospitalis in Jena, kürzt dieses 1723 
ab, indem es den Doppelsinn unterstreicht: 

Das bloße Küssen ist zu schlecht, 
wenn man's nicht aufs kissen legt. 
O Kindri, Kindri, tantos ne treibite Bossos. 
Maria Barbara Weiern^^^). 

Der bei den deutschen Rechtsgelehrten der Vergangenheit so beliebte Sprach- 
m.ischmasch findet sich köstlich nachgeahmt in dem Spruch: 

Ein Mädgen übergiebt ihr freies Ritter Guth 

Dem Purschen ohne Zwang und aller Servitut, 

Doch so, daß sie dabei directe Maitrin bleibt 

Und ihm das utile dominium verschreibt. 

Sie räumet ihm dabei den freyen Durchgang ein. 

Und will auch den Prospect zu gönnen schuldig seyn; 

Das StilHcidium auf ihre Kosten leiten. 

Ingleichen oneris ferendi sich bescheiden, 

Enfin, sie stellet ihm Jagd, Mühle, Fischerey, 

Wald, Felder, Berg und Thal zu seiner Nutzung frey; 

Und hat ihr Fundus noch zuweilen an die Gaben, 

So soll der Pursch davon den usum fructum haben (1750) '*®). 

Ein Jenenser schwatzt aus der Schule : 

Purschen, die in Jena sind, sind verliebet, 

Reiten auf den Dörfern rum, wo's was giebet. (1729)'^^). 



103 Stammbuch und Liebe. 

Daß diese Gepflogenheit sich nicht allein auf die Jenenser Bursche be- 
schränkte, geht aus der Jobsiade hervor, in deren dreizehntem Anschnitt 
der einstige Duisburger Student von seinem Helden berichtet: 
Mehrmals ist er auch zum Vergnügen 
Nach den benachbarten Dörfern gestiegen, 
AUwo er dann meistens auf dem Land 
Manche gutwillige Schöne fand^^^). 



Dann: 



Es leben die Weiber, so hörner aufsezen. 

So kan sich noch mancher Bursche ergözen. (1735)'^') 



Alles heist ein Jung Geselle, 

Was noch unbeweibet ist, 

Aber daß du einer bist. 

Der du diese Zeilen liest, 

Glaub der Teuffei in der Hölle ^9^). 
Sein Schönheitsideal verrät ein Bursch in den Reimen: 

Schwartz Augen, rother Mund, 

Weiße Brüste, hart und rund, 

Schwartze Haar und weiße Bein 

Sollen mein Vergnügen seyn. (1757)^^*). 
Den Nagel auf den Kopf trifft: 

Es lebe ein Mädgen, so artig, galant. 

Entzückend, hebkosend und gleich bei der Hand. (1744)396)^ 
Denn: 

Hübsche Mädchen sind erschaffen 

Nur vor Pursche, nicht vor Pfaffen, 

D'um so lob ich diesen Orden, 

Sonst war ich kein Pursche worden ^9^). 
Und ein ordentlicher Bursch ging gleich forsch ins Zeug: 
Wer seine Schöne küßt und nicht das andre raubt. 
Der ist den Kuß nicht werth, den ihm der Mund erlaubt. (1745)^^^). 
Also: 

Alle Schönen sollen leben, 

Die uns was zu naschen geben 

Und, wenn wir es zweimal wagen. 

Uns nicht auf die Finger schlagen! (1745)^^^) 



Die Schönen im Stammbuch. 183 

Einen echten Burschengeschmack offenbart der Verfasser von: 

Est bonus is ludus, 

Cum virgine ludere nudus**^*0. 
Ein Jenenser Stammbuch mit Eintragungen von 1757 — 1743 enthält die 
Federzeichnung ein sich entkleidendes Mädchen, bei dem ein alter Jude 
steht. Als Unterschrift findet sich der Vers: 

„Ein Griff entweiht nicht deine Brust 

Und macht dir keine Flecken 

Was hilft ein Schatz, der unbewußt 

Den Rock und Hemd bedecken 

Die Perl, so stets verborgen lieget 

Mit ihrem Glänze nie vergnüget . 

Sehr lustig ist: 

Juvenis, ein Bund Stroh, 

si accedit ad virginem, wenn es zum Feuer kömmt 

et non tangit illam, und es brennt nicht, 

stultus est, so ist es nass^*^^). 
Ein Jenenser Bursche scheint recht üble Erfahrungen gemacht zu haben, 
denn sein Stammbuchvers hat einen elegischen Grundton, der zeigt, daß 
er auf die Weibsleute nicht gut zu sprechen ist. Er schreibt nämlich: 

Gewiß, die Jungffern kommen mir 

Nicht anders als die Kletten für, 

Die machen sich schrecklich groß 

Und gehen vom Stocke schwerlich loß. 

Doch tritt man nur was näher dran. 

So hängen sie sich selber an*''^). 

Das klingt nach Seufzer. 

Auf einem uralten Schwank aus der Ritterzeit, den Hagen in seinen ,,Ge- 

sammtabenteuer" mitteilt, geht das Verschen eines Jenenser zurück: 

Die Schönen, so zu todt geschändet worden, 

Zählt man mit Recht zum Martrerorden, 

So sprach Petit zu Magdalis. 

Herr! rief sie, dieses ist gewiß. 

Schlug freudenvoll in ihre Hände, 

Und sprach: Ach hätt' ich doch auch so ein seelig Ende. 

(1754)'"')- 



184 Burschenleben im Stammbuch. 

Im Jahre 1765 läßt sich ein fideler Student also aus: 

Ein schönes Mädchen sehn und nichts empfinden, 
Ist eine von den größten Sünden: 
Und ich, ich sündige nicht gern *''*). 

Kein Kostverächter scheint der Schreiber des Zweizeilers gewesen zu sein : 
Unsre besten Zeitvertreiber: 
Jungfern, Ammen, Wittben, Weiber 1 (1768)^"^). 

Ein gebremntes Kind bekennt: 

Schreib dir, o junges Blut, dies Wort in deinen Sinn: 
Kein Henker schneidet so wie eine Kupplerin. 176G * ). 

Den ganzen Inhalt des Burschenlebens im achtzehnten Jahrhundert gibt 
eine Stammbucheintragnng von Johann Friedrich Neber, Onoldino-Fremcus 
von 1735 in treffendster Weise wieder: 

Vom Morgen in die Nacht und durch die Nacht bis früh 

Steht Kann und Lampe voll; das grundgelehrte Vieh 

Sitzt unter Rauch und Dampf, wie Engel in der Hölle, 

Der flucht die Stube schwarz, der parfümirt die Zelle 

Mit einer Specerey, die nicht nach Ambra stinckt. 

Man schreyt, man rufft, man lermt, Stahl, Glas und Pflaster klingt, 

Und was der Wechselbrief des Morgens eingetragen, 

Das quillt des Abends schon dem Purschen aus dem Magen, 

Kleid, Wäsche, Ring und Rock, ja selber Gottes Wort 

Geht mit der Bibel oft zum Geld-Hebräer fort, 

Und wenn ein karger Wolff den Hauß-Rath aufgefressen. 

Bekommt die Junge-Magd die höffllichsten Caressen 

Und sah auch gleich ihr Bild wie Mephibofets aus. 

So macht der Pursche doch offt zwischen Stroh und Laus 

Durch ihre süße Nacht sich manche gute Tage, 

Hilfft diese dann nicht mehr, so ist Egyptens Plage 

Viel schlechter, als die Angst, so uns Studenten quält. 

Da stützt man Kopf und Arm, die Baarschaft wird gezählt. 

Und steiget, Gott erbarms, nicht über sieben Dreyer, 

Da geht die Noth erst an, dann wird das Lachen theuer^^^). 

Diese Auswahl dürfte wohl genügen. Das Allzugewürzte bis zum völlig 
Nackten fehlt natürlich. Genug an dem, daß es in den Vorlagen reichlich 




donttHtrotn , dann JhUen Jet lukr 
w^fLffimt 4Üm Jnuleriettn . 



Altes Schimpfbild auf die Clerici 




So miner tust und Sornmerf reude 

Kupfer des Mo no g r a m mi s te n W. H. 

Ende des l). Jahrhunderts 




Das Prinz Heinrich- Palais, 
später die Universität in Berlin 

Kupfer von .1. D. Schienen 
(Man beachte die Staffage rechts) 




Ein fleißiger Student „in loco Secreto" 
Kupferstich, etwa i/fO 



Gesellenstammbuch. Gescheiterte Studenten. 185 

vorhanden ist und Schule gemacht hat. Denn auch in den Stammbüchern 
anderer Gesellschaftsklassen, die mit Ehrsamkeit besonders dann prunkten, 
wenn dies in der Öffentlichkeit bekannt wurde, sind derbste Sprüche gleich 
herdenweise anzutreffen. 

In einem Gesellenstammbuch aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges findet 
sein Herausgeber Denksprüche, ,,die sich ihrer auffälligen Schamlosigkeit 
wegen nicht mitteilen lassen" ^*^^). Und er ist nichts weniger als schamhaft, 
wie einige wenige, von ihm für zahm gehaltene Eintragungen zeigen 
werden. 

Ein Jungfraw von 18 Jahren, 
Mit blauen Aug vnd gelben Haaren, 
Verdreibt manchen groß Hertzen leidt, 
Wan mans braucht zu rechter Zeit. (1644). 

Ein Musica mit schönem schall, 

Ein Schönes Roß in eim stall. 

Ein Schon Jungfraw in eim Bett, 

Das seindt drey stück, die ich gern hett. (1651). 

Finstere Stich vndt Nichtere Trinck (nüchterne Trünke) 
Machen, das ich zittere vnd hinck. (1659). 

Bei dem fast allgemeinen Tiefstand der Moral in studentischen Kreisen, 
kann es nicht Wunder nehmen, daß sehr viele akademische Bürger der 
Sumpf für immer verschlang. Manch Leben, das zu den schönsten Hoff- 
nungen berechtigt hatte, endete im tiefsten seelischen und leiblichen Elend. 
Kam dieser Schluß auch selten unverdient, so ändert dies nichts an der 
Tragik der Tatsachen. Die Namen einiger dieser Schiffbrüchigen glänzen 
für immer in der deutscheu Geistesgeschichte fort. So der Dichter Christian 
Wilhelm Kindleben, der es auch als erster unternommen, ein Wörterbuch 
der Studentensprache anzulegen und zu veröffentlichen. Professoren-Kurz- 
sichtigkeit und -zelotismus hatten dieses Buch beschlagnahmt und bis auf 
ganz wenige Exemplare vernichtet. Auch seine anderen Schriften, so seine 
Studentenliedersammlung, wurden ,, wegen ihres unanständigen und sitten- 
verderbenden pöbelhaften Inhaltes" beschlagnahmt, und Kindleben jede 
Möglichkeit akademischer oder anderer Lehrtätigkeit genommen, nachdem 
er gezwungen war, seine Stellung als Pfarrer in Kladow bei Potsdam 
niederzulegen. 1785 soll der erst siebenunddreißig Jahre alte Mann sein 



1 86 Kindleben. Gescheiterte Studenten. 

durch Hunger, Trunk und wilde Ausschweifungen zerrüttetes Dasein ge- 
endet haben. 

Kindlebens Hauptwerk, das ,,Studenten-Lexicon. Aus den hinterlassenen 
Papieren eines unglücklichen Philosophen Florido genannt, ans Tagelicht 
gestellet von Christian Wilhelm Kindleben, der Weltweisheit Doktor und 
der freyen Künste Magister" erschien im Jahre 1781 bei Johann Christian 
Hendel in Halle an der Saale. Das lustige Buch weicht keinem Zötlein aus, 
weshalb Kindleben auch, wie in der Vorrede zu lesen, ,, außer den eigent- 
lichen Studentenwörtern auch noch andere nicht ganz gewöhnliche, und 
zum Theil veraltete deutsche Ausdrücke in dieses Lexicon aufgenommen, 
die der Vergessenheit entrissen zu werden verdienten und diesem oder 
jenem Sprachforscher zum weiteren Nachdenken Gelegenheit geben kön- 
nen". Schon ein Blick in das Idiotikon belehrt, daß es dem gelehrten Ver- 
fasser weit weniger um die Bildung seiner Leser als um deren Unterhaltung 
zu tun war, wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß sich das Büchlein 
bemüht, sexuelle Aufklärung zu verbreiten. Einige wenige Titel, von denen 
kein einziger einen studentischen Ausdruck betrifft, sollen dies bestätigen. 
Sie behandeln die Wörter: Aufnesteln und das Nestelknüpfen, Bärenhäuter, 
Bescheißen s. v. ,ein Provinzialausdruck der Schlesier statt besudeln und 
beseiweln', Blonde, Blondine — „ein Frauenzimmer, welches blaue, 
schmachtende Augen, weißliches Haar und eine weiße mit Roth gemischte 
Gesichtsfarbe hat. Solche Frauenzimmer sind gemeiniglich sanguinischen 
Temperaments und mehr, als andere zu den Werken der Liebe geneigt. — 
Bräutigam und Braut. Die letztgenannte ebenso gewissenhaft im medi- 
zinisch-anatomischen Sinne behandelt wie in den betreffenden Artikeln 
Busen, Jungfernschaft, Junggeselle, und ähnliche oft sehr intime Angelegen- 
heiten mehr. Dem Dichter und Liedersammler Kindleben sind wir schon 
begegnet. 

Kindlebens Mitschüler Christoph Friedrich Schulz verunglückte erst als 
Theologe, dann als Schauspieler, sudelte mehr als ein Dutzend seichtester 
Romane zusammen und starb im Alter von 53 Jahren im Wahnsinn. 
Diese beiden gehören zu den ,,dissoluten Talenten, an denen Halle im 
Zeitalter des Rationalismus und Pietismus so reich war"*^^), und die neben 
den Lehrern erscheinen wie trunkene Satyrn. ,,Dann der verkommene 
Professor der deutschen Beredsamkeit Philippi, den der Satyriker Christian 
Ludwig Liskow als elenden Skribenten abschlachtete. Der talentvolle, durch 
und durch lüderliche und gesinnungslose Professor Klotz, den Lessing ver- 



Christian Reuter, Magister Laukhard, Jos. Ant. Christ. 187 

nichtete, sein erbärmlicher Genosse Professor Hausen, den dafür, daß er 
in seiner Biographie Klotzens diesen, der bei Lebzeiten sein Freund ge- 
wesen, schmachvoll an den Pranger stellte, der junge Goethe gebührend 
zerzauste. Klotzens Freund und Landsmann Karl Friedrich Bcihrdt, der als 
dreimal unmöglich gewordener Professor von Leipzig, Erfurt und Gießen, 
als verunglückter Basedowscher Philanthropist, als weggejagter Generalsuper- 
intendent und Pädagog in Halle einzog, um hier als Privatdozent einen 
Unterschlupf zu finden und als Pamphletist, Bücherschmierer und Schank- 
wirt zu enden*^^)". Im Gegensatz zu den Genannten hat es, allerdings lange 
vorher, Christian Reuter, der Verfasser der ,, Schlampampe", nicht weiter 
als bis zum relegierten Studenten und Korrektor gebracht. Er ist dafür 
aber durch seinen ,,Schelmuffsky , 1696 zuerst erschienen, unsterblich ge- 
worden **'). 

Weniger gut ist es bei der Nachwelt einem der bedeutendsten deutschen 
Selbstbiographen aller Zeiten, dem ,, berüchtigten Magister" Friedrich 
Christian Laukhard gegangen, geboren 1758 als Pfarrerssohn in Wendels- 
heim in der Pfalz. Sein einzigartiges Hauptwerk ,, Leben und Schicksale" 
ist jetzt durch einen Neudruck zugänglich. Ein Mann, der wie Laukhard 
sich dazu durchgerungen, über sich selbst die volle, schonungslose Wahr- 
heit zu sagen, wie auch seine Umgebung mit unerhörter Aufrichtigkeit zu 
zeichnen, mußte natürlich auf Widerspruch stoßen und Normalnaturen auf 
die Nerven fallen. So beurteilt ihn ein Halenser Dozent im Jahre 1894: 
,, Laukhard, der, seit den Tagen seiner Studentenzeit verlottert, die Theo- 
logie und Dozententätigkeit in Branntwein und geraeinstem Venusdienst 
ertränkte, als Soldat, Spion, Krankenwärter, Pfarrvikar ein abenteuerndes 
Leben führte und in humoristisch-satirischen Zeitromanen niedrigsten Ge- 
schmacks, wie in seiner schamlos offenherzigen Selbstbiographie Sittenbil- 
der, insbesondere aus dem akademischen Leben von Halle und Gießen, 
entrollte". 

Wie Laukhard liefen auch damals noch viele der davongejagten Studenten 
unter die Soldaten. Oder sie gingen wie Schulz zu den Komödianten. Oft- 
mals wechselte das eine mit den andern. 

Joseph Anton Christ, einer der bedeutendsten Schauspieler seiner Zeit, ent- 
sprang einem Jesuitenkollegium, wurde erst Soldat, und ging nach Been- 
digung des Siebenjährigen Krieges zur Bühne. Er hinterließ gleichfalls 
reizvolle Memoiren * ^ ^) . 
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich die sittlichen Verhältnisse der 



l88 Studenten als MoraJisten. Universitäten im 18. Jahrhundert. 

Studentenschaft in den größeren Universitätsstädten erheblich gebessert. 
Die Renommisterei trat nun nicht mehr so kraß zu Tage wie vordem, der 
Pennahsmus war entweder ganz entschlummert oder auf ein erträgliches 
Maß zurückgegangen, aus den Schoristen waren Fuchsmajore, aus den Pen- 
nälern Füchse, Leibburschen geworden. 

Dennoch wollten die Klagen über Studentensitten nicht ganz verstummen, 
oft übertrieben und bewußt unaufrichtig. 

Die strengsten Richter waren, im Gegensatz zu früher, die Lehrer und Pro- 
fessoren, dann natürlich die Geistlichkeit, eingedenk ihrer Missionstätig- 
keit. 

Aber auch aus der Studentenschaft heraus unternahm manch ein Musen- 
sohn Bekehrungsversuche an seinen Kommilitonen. Natürlich nur schrift- 
liche. Wer setzt sich gern Verbal- und anderen Injurien aus? Zu den 
bedeutendsten Schriftwerken dieser Art gehört ,, Wollüstige und verstandlose 
Jugend, Eines reuigen Studenten, Nicht allein den Gelehrten, sondern einem 
jeden Christen . . . nützlich. Von einem hiebevor durch des Teuffels Wirckung 
verführten, numehr(so) aber durch GOttes Erleuchtung bekehrten Schrifft- 
gelehrten .... auffgesetzet. Anno Christi 1664". 

Der Verfasser dieses Buches, dessen Widmung an Jesus Christus gerichtet 
ist, war Balthasar Kindermann, geboren 1636 in Zittau, gestorben 1706 als 
Pastor in Magdeburg. Kindermann, der auch einen ,, Schoristen Teufel" 
geschrieben hat, war durchdrungen von dem Vorhaben, die Studentenwelt 
zu bessern**^). Fünfmal kam seine Arbeit heraus, das letztemal in Frank- 
furt a/M. 1749. Ihre Verbreitung verdankt sie trotz aller Überzeugungstreue 
ihres Verfassers wohl hauptsächlich ihrem Werte als Kuriosität. 
Ein nur flüchtiger Rundblick über die Sittenzustände der deutschen Uni- 
versitäten in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts nach zeit- 
genössischen Quellen soll dieses Buch beschließen. 

Göttingen, ,,die Königin der deutschen Universitäten", seine Hörer und 
sein ,, Frauenzimmer" kommen in dem Buche des Schweizers Carl Friedrich 
August Hochheimer *'^) sehr schlecht weg. Im Gegensatz zu anderen Schrift- 
stellern dieser Art, ist Hochheimer sehr zurückhaltend. Er verteilt Lob und 
Tadel gleichmäßig, wohl um den Schein seiner betonten Unparteilichkeit 
zu wecken. Wir werden trotzdem gut tun, seine Mitteilungen cum grano 
salis entgegenzunehmen. Er sagt: ,,Es ist unglaublich, wie selten in Göt- 
tingen unter den Mädchen die Tugend der Keuschheit ist. Kaum sind sie 
zur Mannbarkeit gekommen, so ma hen sie auch schon Gebrauch davon. 



Göttingen. Erlangen. i8q 

und man wird sehr selten sich nach einem Mädchen erkundigen — ihr 
Ansehen sei auch noch so ehrbar — von der (so!) man nicht erfähret, daß 
sie wenigstens schon ein Kind gehabt hat. Die Lustseuche war im verwichenen 
Sommer so allgemein, daß verschiedene meiner Bekannten, welche sich mit 
dergleichen Curen abgeben, viele, die sich bei ihnen meldeten, wegen der allzu- 
großen Menge wieder abweisen mußten. Man hat mich berichtet, daß schon 
vorlängst der Vorschlag gethan worden sey, ein öffentliches privilegirtes 
Haus zu errichten, daß es aber (die Professoren) Pütter und Leß durch ihre 
Gegenvorstellungen wieder hintertrieben hätten. Eigentlich hätte auch die 
Polizey dagegen sein sollen, weil durch ein solches Monopolium so wohl 
den Bürgerstöchtern, als den Dienstmägden, ein großer Theil ihrer Ein- 
künfte wäre entzogen worden ; denn alle diese opfern ihre Ehre nicht der 
Wollust allein, sondern auch dem Gewinst auf. Die Bürgerstöchter semat 
ihren Eltern erkundigen sich daher genau um die Vermögensumstände 
ihres Liebhabers, ehe sie sich mit ihm einlassen, und derjenige, der sich 
alsdann in ihren Schlingen fangen lasset, macht dadurch leicht einen Auf- 
wand von drey bis vierhundert Thalern, ohne die Verpflegungskosten des 
Kindes bis in das zwölfte Jahr, oder behält, was noch schlimmer ist, die Ge- 
liebte gar am Halse". 

Über die geschlechtlichen Ausschweifungen der Göttinger Studenten aus 
der Zeit im letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts verbreitet sich 
neben Laukhard, der 1778 in Ulm ohne Verfasserangabe erschienene ,, Brief- 
wechsel dreyer akademischer Freunde" in wahrhaft schauerlichen Schil- 
derungen*^^). 

Auch die Stammbucheintragungen dieser Zeit spiegeln die sexuelle Ein- 
stellung der Einschreiber wieder, oft in übertrieben derber Weise. Aus 
ihrer Fülle sei eine ausgewählt, die so witzig ist, daß sie förmlich zur Auf- 
nahme zwingt. 

Ich wollt einmahl ein Mahler sein 

Und meine Schöne mahlen. 
Ich mahlte sie recht hübsch und fein. 

Die Augen voller Strahlen, 
Ich mahlte Arme, Hand und Brust 

Und alles ohne Flecken, 
Doch als ich in die Mitte kam. 

Da blieb ich stecken. (1761.) 



igo Rebniarm. Erlangen. 

Von der Schönheit der Erlanger Mädchen macht A. G. F. Rebmann*^^ 
nicht viel Rühmens. Er hält die Bambergerinnen und die Nürnbergerinnen 
reizvoller als die Erlangerinnen, diese aber für „weit belesener und polirter 
als ihre Schwestern in Göttingen und Jena". ,,Aber ach! wie wenig unver- 
dorbene Kinder der Natur sind unter ihnen anzutreffen? Wäre ich in Erlangen 
oder überhaupt auf einer Akademie Vater einer Tochter, so würde ich sie 
so bald als möglich aufs Land zu bringen trachten, ehe sie noch ein Gegen- 
stand der männlichen Anbetung oder -Verführung würde. Sobald hier ein 
Mädchen aufzublühn anfängt, schwärmen hundert Schmetterlinge um sie 
herum, das Mädchen hört von hundert Zungen nichts als ihre Schönheit 
rühmen, ließt etwa einige empfindsame Romane und fängt bald selbst an, 
welche zu spielen. Dann, gute Nacht, Tugend und Unschuld, das gute Ge- 
schöpf wird zum wenigsten eine Coquette". ,, Stipendien-Schürzen, wie an 
anderen Orten, sind zwar hier nicht zu holen, weil es hier wenige junge 
und reiche Weiber — in Nürnberg möchten Fälle dieser Art eher zu fin- 
den seyn — giebt, welche ihren Cicisbeo gegen baare Bezahlung unterhalten 
könnten, aber an Weibern, die um schnöden Gewinstes oder um schnöder 
Wollust willen, ihre eheliche Treue Jbrechen, und an Männern, die ihren 
Kopfschmuck geduldig tragen, ist demohngeachtet kein Mangel". 
Die besseren Familien hüteten sich, die Studenten ihren Töchtern allzu 
nahe kommen zu lassen, oder, wie sich Michaelis in Göttingen ausdrückte, 
,,ihre Töchter zu Schleifsteinen gebrauchen zu lassen", und man kann sich 
denken, daß gesellschaftlicher Anstand und gute Sitten bei den meisten Stu- 
denten vergeblich gesucht wurden, da_^ihnen der Verkehr mit der besseren 
Gesellschaft unmöglich gemacht war. Die meisten Liebschaften hatten die 
Erlcinger Studenten mit Bürgerstöchtern niederen Standes, ,, hübsche Kin- 
der, die warme Anhänglichkeit und Herzensgüte besitzen, für die es schade 
ist, daß sie mißleitet werden". ,,Ich weiß Fälle", berichtet Rebmann, ,,wo 
Mädchen ihren Liebhabern, wenn sie in Noth kamen, loo — 200 Gulden 
vorstreckten, und durchaus keine Geschenke von ihnen annahmen" ^^. 
Einen erschreckenden Blick in die Entsittlichung der Universitätsstädte 
würde die Behauptung eines sonst recht kundigen Thebaners gewähren, 
wenn sie in dieser Veredlgemeinerung nicht übertrieben wäre. Er spricht 
von einer ,,Teutschen Universität, allwo das Frauenzimmer öffentlich be- 
kennet, es sey ihnen schimpflich, wann sie nach 14 Jahren annoch Jung- 
fern wären"*'^). 
Gottsched malt die Studenten seiner Zeit in kräftigen Strichen wie folgt**^): 



Gottsched. Leipzig, Halle. Degen als Wahrzeichen. igi 

,,Es ist nichts übrig, als daß ich jungen Leuten, die auf Akademien kommen, 
den Wahn benehme: als könnten sie nicht für rechtschaffene Burschen 
gelten, dafern sie sich nicht mit einem jeden, der ihnen ein wenig zu nahe 
kommt, herumschlügen. Diese schädliche Einbildung ist sonderlich bey uns 
(in Leipzig) und in Jena gewöhnlich ; da hingegen auf den andern Akade- 
mien dieses bey weitem so sehr nicht eingerissen ist. Es w^ürde manchem, 
der auf unsern Universitäten nicht bekannt ist, sehr wunderlich vorkommen, 
wenn man ihm sagen sollte: daß man so gleich aus dem äußerlichen An- 
sehen eines Studierenden urteilen könne, auf welcher Akademie er sich 
aufhalte. Und doch ist nichts so leicht, als dieses. Man darf nur auf die ein- 
zigen Degen sehen, die sie an der Seite haben. Eine lange Stoßklinge, und 
ein gelbes Gefäß mit einem großen runden Stichblatte ist ein untrügliches 
Merkmal eines Hallensers. Ein schwarzes eisernes Gefäß ist das Kennzeichen 
eines Jenensers. Eine breite Klinge ist wittenbergisch. Und ein kleiner Ga- 
lanteriedegen ist das Kennzeichen eines Leipzigers. Diese letztern sehen in 
diesem Stücke am vernünftigsten aus; und obgleich unsere Klopffechter 
sich des Lachens nicht enthalten können, wenn etwa ein artiger Leipziger 
mit dem Hute unter dem Arme, und mit einem Affektionsbändchen an 
seinem kleinen Gewehrchen, über unsern Markt geht: so ergötze ich mich 
doch allezeit über diese vernünftige Mode, und kann versichern, daß vielen 
von unsern hällischen Frauenzimmer ihre Liebhaber weit besser gefallen 
würden ; wenn sie auch ihre lange Mordeisen in kurze Federmesserchen, 
und ihre Schlägerpositur in die Gestalt eines angenehmen Stutzers, ver- 
wandeln möchten". 

Zwei Typen von Leipziger Musensöhnen charakterisiret Herr Professor Gott- 
sched nun weiter: 

„Seladon ist eines Kaufmanns zärtlich erzogener Sohn. Seine Wechsel kom- 
men so stark von seinem Vater als er selbst wünscht; und seine Mutter 
weiß ihm noch über das, hundert oder mehr Taler, extra Geld zu schicken. 
Des Morgens schläft er ordentlich bis acht oder halb neun Uhr. Dann trinkt 
er bisweilen in, bisweilen außer dem Bette seinen Kaffee: er steht auf, und 
zieht seinen seidenen Schlafrock an. Er nimmt seine Violdigambe und spielt 
einige Partien her. Um zehn Uhr kommt sein Lehrmeister auf dem Cla- 
viere, der ihm innerhalb eines Jahres schon sechs oder sieben Stücke bey- 
gebracht hat. So bald dieser weggeht, steht Seladon eine Viertelstunde am 
Fenster und liest Hofmann swaldauen oder Menantes verliebte Gedichte, 
oder sieht, was auf der Straße vorgeht. Er nimmt sein Zahnpulver, und 



1 9 2 Studententypen. 

spült sich den Mund aus. Sein Peruckierer kommt; er setzt sich, und läßt 
das Haar fast täglich nach einer anderen Art kräuseln. Er greift nach der 
Taschenuhr, und sieht, daß es bald zwölf Uhr sey; darum kleidet er sich 
an. Die Schuhe sind ihm auch auf einfach seidenen Strümpfen so enge, 
daß er sie kaum mit Hülfe seines Dieners anziehen kann. Das Kleid ist mit 
einer goldenen Borte eingefaßt, und die Wäsche muß täglich weiß seyn. 
Er bringt eine gute Zeit vor dem Spiegel zu, besieht bald den geschickten 
Fuß, bald das weiße Angesicht, bald die diamantnen Ärmelknöpfe, bald die 
ganze Stellung des Leibes. Jetzo übt er sich, eine liebliche, bald eine spröde, 
bald eine verächtliche Miene zu machen. Darauf neigt er sich mit der größ- 
ten Artigkeit etliche Mal vor sich selbst, fängt auch wol überlaut an, ein 
Compliment zu machen. Er zieht mit einer ungezwungenen Art die goldene 
Tabaksdose hervor, und nimmt, gleichsam als in Gedanken, doch mit zier- 
licher Bewegung der Finger, etwas heraus. Die Nase wird ihm zwar ziem- 
lich gelb davon; allein das soll so seyn. Dann steckt er den silbernen fran- 
zösischen Degen an, nimmt sein Rohr mit dem goldenen Knopfe, und geht 
zu Tische. Diesen hat er mit gutem Bedachte nicht in einem öffentlichen 
Gasthause; sondern bey einem Correspondenten seines Vaters genommen, 
der eine artige Frau und schöne Töchter hat. Sein Gang auf der Straße ist 
zierlich. Die Schritte sind enge, und die Augen fliegen beständig nach allen 
Fenstern, wo er ein Frauenzimmer vermutet. Erblickt er irgend was weißes, 
so zieht er den Hut mit der Verpflichtetesten Art und einer lächelnden 
Miene ab. Er kommt hin, und sie setzen sich zu Tische. Man scherzt, man 
lacht, man erzählt allerley Neuigkeiten, die in der Stadt vorgehen ; wie 
dieses oder jenes Frauenzimmer vergangene Nacht ein Ständchen bekom- 
men; wie ihre Nachbarin scheel darüber gesehen, und wie man nicht wissen 
könne, ob es ihr von diesem oder jenem Anbeter gebracht worden? In 
diesem Hause ist das Aufwartmädchen zu Falle gekommen. Dort wird von 
der Jungfer übel gesprochen; und anderwärts redet man von einem gedul- 
digen Ehemanne. Dann verfällt man auf allerhand Romane. Ein jeder 
rühmt diejenigen, die er gelesen, wiewol er sie fast alle gelesen hat. Die 
Mahlzeit ist geendigt: der Wirt steht auf, und er geht. 

Die Frau bittet den Tischgänger, bey ihr zu bleiben. Monsieur Seladon, sie 
werden so gütig seyn, und ein Schälchen Kaffee mit mir trinken. Votre 
Serviteur, Madame, ist seine Antwort, wenn sie mir die Erlaubnis geben, 
so muß ich gehorsamen. Die Wirtin fährt fort: Sie können zugleich sehen, 
ob meine Tochter in ihrer Tanzstunde etwas zugenommen. Dabey werde 



Der geckenhafte Student. Der Rüpel nach der Mode. 193 

ich mir ein großes Vergnügen machen, antwortet er, ja selber Gelegenheit 
finden, einer so geschickten Demoiselle was abzulernen. Sie belieben zu 
scherzen, versetzt die Tochter, denn ich scheue mich fast, in der Gegen- 
wart eines so guten Kenners zu tanzen. Indessen kommt der Tanzmeister. 
Er sieht erstlich zu, lobt das schöne Kind, die freyen Manieren, die gute 
Stellung des Leibes und die richtige Cadanz, welche zu erweisen, er selbst 
den Takt schlägt. Er bittet sich selbst ein Menuet aus, und legt eine Probe 
seiner Geschicklichkeit ab. Der Kaffee ist fertig, sie setzen sich. Und er 
unterhält seine Wirtin mit lauter Schmeycheleien. Er erzählt, wie dieses 
oder jenes Frauenzimmer neulich auf der Hochzeit so elend getanzt, oder 
im Tanzen so grobe Fehler gemacht, daß sie allen Zuschauern zum Ge- 
lächter geworden, u. d. m. Man nimmt endlich die Lomberkarte hervor 
und spielt, bis es wieder Tischzeit ist, und der Wirt nach Hause kommt. 
Sie speisen, und Seladon geht nach der Mahlzeit wieder nach Hause. Die 
Frau weiß die Artigkeit ihres Kostgängers gegen ihren Mann nicht genug- 
sam zu rühmen. Ach welch ein artiger Mensch ist er doch! Wie weiß er so 
wohl mit Leuten umzugehen? Ich habe seines gleichen nicht gesehen. 
Nach elf Uhr, als man sich zur Ruhe begeben, kommt eine schöne Musik 
von weitem hergezogen. Die Frau reißt sich aus den Armen ihres Mannes, 
und läuft zum Fenster, um zu sehen, wo dieses Ständchen hinziehen werde. 
Und wie freut sie sich nicht, als ihr selbst von dem galanten Seladon diese 
Ehre wiederfährt, und alle Nachbarn solches mit Verdruß gewahr werden 
müssen. 

Dieses ist kaum die Hälfte von demjenigen, was ich mir von diesem jungen 
Menschen angemerkt habe. Wiewol ich muß abbrechen, um für den an- 
dern, den ich von Rittersdorf nennen will, einen Platz zu behalten. Dieser 
hat eine ganz andere Lebensart als der andere. Frühmorgens um fünf Uhr 
geht er mit der Rute in der Hand auf die Reitbahn. Er kommt zurück, und 
begibt sich auf seine Studirstube. Nachdem er sich die Stiefel ausziehen 
lassen, liest er ungefähr eine Stunde, im Bette sitzend, doch so, daß er von 
einem Buche aufs andere fällt. Seine Bibliothek besteht aus lauter französi- 
schen Romanen, und Sammlungen vermischter Historien, und lustiger 
Einfälle. Seine Wissenschaft in dieser Sprache hat er einem armen Mädchen 
zu danken, die seine Altern im Hause gehabt, und seine Mama hat das ihre 
auch dazu beygetragen. Man kann also leicht denken, wie weit er es darin 
gebracht habe. Dem ohngeachtet ekelt ihm vor allen Büchern, die in seiner 
Muttersprache geschrieben werden ; wie er denn auch unsere Blätter nicht 

Bauer, Sittengeschichte 15 



ig4 Halle a. Saale. 

lesen will, weil es seiner Me}Tiung nach nicht möglich ist, daß diese 
deutschen Zettel einiger Galanterie fähig seyn sollten. Wenn wir wenig- 
stens den Titel curieuse Penseen der raisonablen Tadler-Assemblee genannt 
hätten, so würde es ihm noch einigermaßen galant geklungen haben. Doch 
hierbey wollen wir uns nicht aufhalten. Er kleidet sich anders an, und be- 
gibt sich um zehn Uhr auf das Kaffeehaus, liest die französischen Zeitungen, 
und redet von lauter Staatssachen. Er besetzt den Kaiserthron in Moskau. 
Er führt die protestantischen Armeen bis nach Krakau, und treibt die Ka- 
tholiken zu paaren. Die Friedenshandlung zu Cambray soll auf seinen Wink 
zu Stande kommen, und England muß den Spaniern wider Willen Gibraltar 
wiedergeben. Um elf Uhr geht er auf den Fechtboden, nimmt Lection, und 
ficht contra, bis es Tischzeit ist. Dann geht er in das beste Weinhaus zur 
Mahlzeit, wo die meisten Fremden einkehren. Er läßt sichs wohl schmecken, 
und trinkt sein Glas Wein mit gutem Appetite. Nach Tische geht er mit 
guten Freunden aufs Kaffeehaus, und vertreibt sich vier bis fünf Stunden 
mit dem edlen Billard. Von da geht er in eine Gesellschaft, wo jemand 
seiner Landsleute einen Valetschmaus gibt, und die Pauken und Trompeten 
sich wohl hören lassen. Er trinkt sich nebst andern einen derben Rausch, 
zieht mit dem ganzen Chore durch die finstern Straßen, und vor allen 
Türen, wo einer aus der Gesellschaft eine Schöne zu kennen vorgibt, muß 
ein angenehmes Stück geblasen werden. Man trinkt auch wol unter freyem 
Himmel Gesundheiten, und das Wörtlein hoch! läßt sich oft besser, als die 
Waldhörner, hören. Endlich macht das Feuerwerk, welches ihre Degen- 
klingen auf dem Pflaster erwecken, einen Schluß der ganzen Lustbarkeit, 
und der Herr von Rittersdorf geht auf eine galante Weise zu Bette" ^^^). 
Ein ,, Unparteiischer Beobachter" faßt seine Erfahrungen über die Aus- 
schweifungen in Halle dahin zusammen: 

„Der Hefen (so) des weiblichen Geschlechts kann in den größten Städten 
nicht verdorbener sein, als er in Halle ist und leider ist, glaube ich, die 
Anzahl desselben verhältnismäßig noch größer, als er nur irgend in den 
Hauptstädten sein kann. Ich will hiermit, mein Lieber, nicht so viel sagen, 
als gäbe es der zur Befriedigung der Wollust bestimmten Häuser hier eine 
so große Anzahl, (ob es gleich — dies ist ein Theil meines politischen 
Glaubensbekenntnisses — besser wäre, wenn es deren hier mehr gäbe, und 
die Policei ein wachsameres Auge auf sie hätte), sondern ich rechne zu 
diesen Hefen des Hallischen Weibervolkes vorzüglich die Studentenaufwär- 
terinnen. Wahrlich, mein Bester, zehn förmliche Freudenhäuser können 



Filia hospitalis. Wäscherinnen. 195 

den hiesigen Jünglingen nicht so gefährlich sein, als es fünf wollüstige 
Aufwärterinnen sind, und deren gieht es leider eine ungeheuere AnzaJil. 
So viel Liebe zur Tugend, so viel Reinheit der Sitten bringt noch immer 
bei weitem mehr als die Hälfte der jungen Leute, wenigstens von denen, 
die aus kleinen Provinzicdstädtischen Schulen kommen, mit auf die Akade- 
mie, daß sie einen natürlichen Abscheu vor dergleichen Häusern haben, 
und den ersten Besuch derselben gewiß vermeiden. Aber wie viele Hunderte 
dieser unschuldigen Jünglinge mögen wohl schon das Opfer der Wollust 
und des Eigennutzes einer Schlange von Aufwärterinn geworden sein. Nur 
sie sind die Wekkerinnen der schlummernden Triebe, nur sie die Verfüh- 
rerinnen der unschuldigsten Jünglinge. Sie sind, versteht sich, auf Aufwär- 
terinnenart, die kokettesten Geschöpfe, die es nur giebt, erst reizen sie die 
Neugierde, und dann fachen sie die geweckten Triebe zu Begierden an und 
— die Zeit ist vorbei, wo der Jüngling unschuldig war. O könnte ich doch 
jedem Jüngling, der noch reines Herzens ist, zurufen: wähle dir zur Woh- 
nung ein Haus, wo dir von einer Person aufgewartet wird, die häßlich ist, 
wie die Nacht. Die hübschen Aufwärterinnen gleichen den übertünchten 
Gräbern: äußerlich sind sie schön und zierlich, inwendig aber sind sie voll 
Greuels". 

Im Hallenser Wörterbuch der Studentensprache heißt es bei dem Artikel 
Aufwärterin: ,,ist ein weibliches Geschöpf, welches den Studenten ihre Be- 
dürfnisse herbeischafft. Hierzu gehört mancherlei, wovon die eigentliche 
Aufwartung das Wenigste ist. Oft wartet auch der Student der Aufwärterin 
auf und muß gewöhnlich auf sie warten, wenn dieselbe mehrere zu besor- 
gen hat. Häufig haben sie auch die Auslagen für Bedürfnisse und machen 
sich dabei manchen Schwänzelpfennig, werden aber sehr oft getreten und 
bekommen nicht immer die Bezahlung. Über das Genus derselben hat man 
sich oft gestritten. Einige ältere Grammatiker halten sie für generis feminini. 
Andre meinen, sie wäre generis communis, die Mehrsten und Neusten aber 
halten sie für generis omnis. Für Neutra hat sie, so viel mir bekannt ist, 
noch niemand gehalten" ^^')- Kindleben hatte nur geschrieben : ,, Aufwerte- 
rinnen nennt man in Leipzig junge Mägde, tragen den Burschen ihre Be- 
dürfnisse zu, machen gern Schwänzelpfennige, sind gemeiniglich faciles 
accessu (leicht zu erobern), und pflegen den Comment zu verstehn". 
Dieses Urteil erstreckt sich auch auf die Wäscherinnen — ,,Lotrix ist frey- 
lich sonst generis foeminini, aber daß es auf Academien sehr offt generis 
communis sey ist bekannt" *^^) — und Näherinnen, ,,dahero diejenigen. 



196 Alte Verführerinnen. Studentenliebchen. 

welche sich um den Schaden des Academischen Josephs hertzlich beküm- 
mert, schon längstens gewünschet, daß die Bedienung und Verrichtungen, 
entweder durch feine ältliche Weibes- oder Manns-Personen geschehen 
möchte" ^^^). 

Aber auch Alter schützte vor Versuchung nicht. Nicht der oft schon sehr 
verblichene Reiz dieser Mädchen gefährdet die Unschuld und Unbeflecktheit 
der studentischen Jugend, urteilt ein Kenner, sondern hauptsächlich die 
Gelegenheit, mit ihnen oft allein zu sein*'"*). 

Meiners geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn er unter den Auf- 
wärterinnen als Verführerinnen im schlimmsten Sinne des Wortes nicht 
die jungen und niedlichen bezeichnet, sondern gerade die verblühen- 
den, ,,die in ihrer schönen Zeit ein oder einige Male zu Falle gekommen 
sind". ,, Diese locken am liebsten stille und bescheidene Jünglinge an sich, 
nicht aus Eigennutz, oder brünstiger Üppigkeit, sondern weil ihnen Liebes- 
Verständnisse oder eine geheime Ehe zur Gewohnheit geworden sind"*^^). 
Auch die Wäscherinnen waren von jeher übel beleumundet. Die Statuten 
der Stadt Jena verboten schon im Jahre 1704 den Bürgern durch ihre Töch- 
ter und sonstigen weiblichen Angehörigen den bei ihnen wohnenden Stu- 
diosen, wie bisher üblich gewesen, die Wäsche auf die Stube bringen und 
von dort wieder abholen zu lassen, ,,da daraus öfters Unheil und Unge- 
legenheiten zu entstehen pflegen, und jedweder zur Erhaltung seiner und 
seiner Kinder Ehre und guten Leumunds zu verhüten geflissen, wie auch 
Schimpf, Schaden, und erstliche Besserung von sich und den Seinen abzu- 
wenden bedacht sein wird"*^^). 

Auch Göttingen kannte und achtete das Institut der Wäscherinnen nach 
Gebühr, indem es sie und ihre Gehilfinnen zur gefährlichsten Klasse der 
Frauenzimmer rechnete. Als weiteren Stein des Anstoßes war man in den 
Universitätsstädten noch den sogenannten Studentenmüttern Gram. Das 
waren diejenigen Weibspersonen, die an Studenten vermieteten, sie bemut- 
terten, aber ihnen auch immer ,,im Bette gefällig waren". Manche von 
ihnen hatten so viele Bettgäste wie sie Zimmer und Bewohner hatten. Aber 
auch andere Bürgersfrauen aus allen Ständen sonnten sich in der Gunst 
der Studenten. 

Unter jenen Frauen, die Jakob Frey 1556 mit den Worten charakterisierte: 
,,Sie hett sich etliche mal inder den Studenten verkrochen, also das sie übel 
was verwundt worden; es schud (schadete) ir aber am leben nichts", ließen 
sich Angehörige der allerbesten Familien nachweisen. Wie einst in alter 




Tresfaciunt Collegium 




Aquarell 

Stammhuc hblätter aus dem iS. Jahrhundert 
Landesbibliothek Jl'eima r 




Schoristen und Pennal Cr. d. Heyden, Pugillus) 




Vorlage zu einem Stammbuchhlatt 164S 





Bilder ohne 11^ orte 

Aus Stammbüchern der Berliner Lippe rheid seh en 
Kostüm bibliothek 




Die heilige Gertrud und der fahrende Schüler 

Statue nuj der G e r t r a u d e nb r ü c he in Berlin 
Alice Matzdo rff, phot. 



Jena. Cicisbeat. 1 g^ 

Zeit noch immer Frauen und Töchter von Professoren. Sie liebten es eben 
nicht in die Ferne zu schweifen, wenn das Gute so nahe lag. Sehr bezeich- 
nend sagt ein Stammbuchvers aus dem Jahre 1769: 

Regula: 

Communia sunt, die sich endigen auf in, als Aufwärterin und 

Wäscherin, 
excipe 

die Frau Doctorin und Professorin; 
observatio : 

Doch lassen sich auch solche nach obiger Regel gebrauchen ^^^). 
Ein cinderer Spruch aus demselben Jahre lautet: 

Wenn alles knacken sollte, wenn man in Jena Ehe bricht, 
Hörte man vor lauter Geprassel seine eigenen Worte nicht. 
Dieser Vers ist auf Jena gemünzt, wenn er auch auf andere Hochschulstädte 
passen mochte. Die Gebrüder Keil, die ersten Geschichtsschreiber des Je- 
naischen Studentenlebens, lassen sich über dieses in der zweiten Hälfte des 
18. Jahrhunderts aus: Wo das Verhältnis der jenaischen Studenten jener Zeit 
zu dem anderen Geschlecht nicht in förmliche Unzucht ausartete, da war 
es doch in der Regel immer noch leichtfertig genug. Wenn man den Jenen- 
sern auch nicht die Anschuldigungen machen konnte, wie den Witten- 
berger Hochschülern jenes Zeitraums, daß sie aus Lüsternheit nur den star- 
ken Viehmägden aufgewartet hätten, so ist doch so viel gewiß, daß die Stu- 
denten Jenas die Bürger- und Professorentöchter nicht allzu platonisch 
liebten, und auch die Dörfer in der Nähe der Stadt nicht allein des Zechens 
halber, sondern oft in der freundlichen Absicht besuchten, mit den schönen 
, Bauernjungfern', bei denen die , Staudenten', wie man sie nannte, (ein 
Schimpfwort. Schon Meyfart sagte 1636, die Studenten seien eher Stauden- 
ten und Heckenräuber zu nennen '*^^) in hohem Ansehn standen, ihr Spiel 
zu treiben. Gewiß ließ sich von den Jenenser Studenten dasselbe sagen, 
was I. G. Schoch in seiner Studentenkomödie mit Rücksicht auf das in 
Leipzig anführt: ,,Ihr wißt ja der Studenten Lieben wohl, heute diese, 
morgen eine andere. — Das ist eben die beste Kunst, damit man die Jung- 
fern am meisten berückt; so lange wir ihrer genießen können, so lange 
lieben wir sie; haben wir, was wir von ihnen begehrt, erlanget, so lacht 
man es ins Fäustchen, daß sie so innerlich angegangen"*"-^). 
In seinem Brief über Erlangen erwähnt Rebmann der Cicisbeos, der be- 
zahlten Liebhaber, einer Einrichtung, die in den Universitätsstädten nicht 



1 g 8 Bezahlte Liebhaber. 

selten gewesen zu sein scheint. Auch in dem Teil seiner Wanderungen und 
Kreuzzüge durch einen Teil Deutschlands, der Leipzig behandelt, kommt 
dieser seltsame Schriftsteller auf dieses Thema zurück. Er sagt: „Die glän- 
zendste Rolle unter der erwerbenden Burschenschaft spielen die, denen 
Zufall oder körperliche Vorzüge Zugang bei altern oder jungem Damen 
geöffnet haben, welche Witwen oder mit den Fähigkeiten ihrer Ehekonsor- 
ten unzufrieden sind. Bisweilen trifft dieses Glück junge Leute, denen es 
an Mitteln fehlt. Auf einmal erscheinen sie dann nach neuester Mode ge- 
kleidet, besuchen Konzerte, Opern, Kaffeehäuser, fahren und reiten öfters 
aus und werden dabei weniger oder mehr blaß und hager, je nachdem nun 
ihre Wohltäterinnen mehr oder mindern Fleiß in der Führung des ihnen 
anvertrauten Amtes verlangen. In Leipzig erregen solche Bekanntschaften 
weiter kein Aufsehen. Man führt unter irgend einem Vorwande den Freund 
feierlich in die Familie ein ;^ der Herr Gemahl selbst ahnden nichts Un- 
rechtes dabei und sehen sich sogar genötigt, den jungen Mann seiner an- 
geblichen Verdienste halber zu schätzen. Man hat Beispiele, daß dergleichen 
Personen auf diesem Wege ihr Glück auf immer gemacht haben. 
Mit diesen Freunden der Damen sind die nicht zu vergleichen, die mit ehr- 
samen Handwerks-, Wäscher- und andern Weibern und Witwen der Art 
ein ehrliches Verkehr treiben. Diese bekommen ihre Funktion gewöhnlich 
als ein auf der Stube, die sie bewohnen, haftendes onus und haben außer 
einer Mahlzeit, Festtags etwan einer Chokolade und freier Wäsche, nichts 
für ihre Bemühungen. Obendrein sind sie in Gefahr, ihrer Pfründe durch 
den unsanften Arm des schmutzigen Eheherrn im Hui entsetzt und aus dem 
Besitze des Lehns verjagt zu werden. 

Noch unter diesen stehn im Range die armen Teufeln, welche Köchinnen 
dieselben Dienste leisten. Sie müssen ihr Wesen am verstecktesten und be- 
hutsamsten treiben und bekommen gerade am wenigsten dafür. Ein rußiges 
Töpfchen Essen, das in ein Tuch gebunden und nach Hause getragen oder 
wohl gar in einem Winkel der Küche von dem hungrigen Cicisbeo gierig 
ausgelöffelt wird, ist fast der ganze Minnesold. Diese Herren stehen wie alle 
wohlfeile Arbeiter in schlechtem Kredit; die ersten hingegen werden be- 
neidet und geschätzt, ob sie gleich oft bei aller Kostbarkeit nicht so solide 
Arbeit liefern als diese. Daß man unter der ersten Klasse keinen Theologen 
antrifft, sondern bloß in den beiden letztern, darf ich wohl nicht erst er- 
innern. Das Studium an und vor sich w^ürde die Damen geniren, wenn man 
sich auch über Nebenumstände hinwegsetzen wollte" ^^^). Den Liebeslohn 



„Der verliebte Studente". Bezahlte Liebhaher. igg 

solcher männlicher Prostituierten nannte mein ,,Sch . . . zdukaten", auch 
„Schürzenstipendium". Nach Kindleben war dies „eine Unterstützung, 
welche ihnen von einem verheyrateten oder unverheyrateten Frauenzimmer 
gereicht wird"'^^^). 

Diese reizende Einrichtung der käuflichen Liebe unter den Studenten war 
weder neueren Datums noch auf Leipzig beschränkt. Bei Christian Liebe- 
zeit in Hamburg erschien im Jahre 170g der Roman: „Der Verliebte Stu- 
dente / In einigen annehmlichen / und wahrhafftigen Liebes-Geschichten / 
welche sich in (so) einigen Jahren in Teutschland zugetragen. Der galanten 
Welt zu vergönter Gemüths-Ergetzung Vorgestellet / von Geländer". Hinter 
diesem Geländer hatte man bisher einen gewissen Johann Georg Gressel 
vermutet, doch dürfte der wirkliche Verfasser dieses Romanes und zahl- 
reicher Gedichte, ,,die zu dem geilsten gehören, was je in deutscher Sprache 
gedruckt worden ist", ein gewisser Gh. Woltereck sein, ein gewesener 
Theologe. Das sehr seltene Original, von dem nur sehr wenige Exemplare 
erhalten sind, ist ebenso gesucht, wde der Neudruck, der aus dem Handel 
verschwunden ist. 

In diesem Romane wird mit einer rührenden Selbstverständlichkeit dahin- 
gestellt, daß sich der Liebhaber entlohnen läßt. ,,Der Liebhaber ist meist 
ein armer Schlucker, deshalb hält es die Geliebte für ihre Pflicht, zu seinem 
Unterhalt und zu seiner Equipierung tüchtig beizusteuern, denn die Gefahr 
besteht immerhin, daß der Amant ihr von einer anderen zahlungsfreudige- 
ren Schönen, namentlich wenn er sich mehr als durchschnittlicher körper- 
licher Reize und Kräfte erfreut, abspenstig gemacht wird"*^^. Mit der 
Naivität, die einer besseren Sache würdig ist, erzählt der Held Infortunio 
sein Abenteuer mit Gleophis, zu der er durch einen Irrtum der Magd Margo 
beschieden worden, und die er verließ, ,,weil der Schlaf ihr bereits die 
Augen einzunehmen mit Macht begunte. Doch mußte ich ihr / sie folgen- 
des Abends wieder zu besuchen / mit Hand und Mund versprechen. Ehe 
ich aber aus dem Zimmer gieng / reichte sie mir nebst einem feurigen 
Kusse einen versiegelten Beutel / mit den Worten : Nehmet an / mein liebster 
Engel / dieses wenige Gold / als ein Zeichen meiner Liebe gegen euch / 
nicht aber als eine Belohnung vor die mir geleisteten Dienste / als welche 
ein weit größers und mehrers würdig sind", Infortunio verläßt nach ,, höf- 
licher Bedanckung und verpflichteten Abschieds-Geremonien" die generöse 
Dame, um sich zu ihrem Kammerzöfchen zu begeben. Nachdem er auch 
dieser jungen Dame seine Liebe auf das Deutlichste versichert, will auch 



200 ,,Die Charmante". Der Renommist. 

sie ihm etwas schenken. Stolz weist er dies aber zurück, und belohnt sie, 
da Dukaten in seiner Tasche klingeln, mit drei Gulden und einem Ab- 
schiedskuß. Er spricht noch dann weiter von ,,dreyen artigen Mädgens / 
welche Profession machten / sich von den Burschen vor Geld bedienen zu 
lassen". Bei dieser Gelegenheit erfahren wir auch, daß die Leipziger 
Damen Konfekte, ,, welche aus solchen Sachen die zur Liebe reitzeten" be- 
standen, für ihre Galane vorrätig hielten. 

Den Gegensatz zu den zahlenden Schönen in den studentischen Kreisen 
bildete eine sonderbare Mädchengattung: „die ChEirmante", wie sie Zachariä 
nennt. Diese Scharmante ist so ein Stück Dulcinea von Toboso, eine Frawe, 
die Angebetete, hin und wieder, aber nicht immer, die Geliebte. Sie ist 
häufig ein Mädchen aus den unteren Stä-nden, dessen Dienst sich der Stu- 
dent weiht, dessen Ehre er gegen jeden mit dem Degen verteidigt, das er 
schmachtend umtänzelt, ohne sich aber Zwang aufzuerlegen, die von dieser 
Scharmanten entfachten Gefühle anderswo zu kühlen. 

Das Institut der Scharmante ist ein notwendiges Requisit der Burschen 
jener Zeit^^^). In ihm zeigt sich auffällig die Zwiefältigkeit des damaligen 
Studentenlebens, das hier die althergebrachte Roheit mit Hingebung er- 
halten will, dort sich als Stutzer gebärdet, und die damals für unentbehr- 
lich gehaltene Einrichtung der Mätressen auf seine bescheidenen Verhält- 
nisse zu übertragen sucht. Auf einem Stammbuchblatt aus Jena sind die 
Scharmanten unter den ,, Studentenmöbeln" abgebildet, freilich unter den 
,, gefährlichen"**^*). Man unterschied aber bei den Scharmanten sehr fein 
„wahrhaftige", ,,Spaß-" und ,, Trampelscharmanten". Diese letztgenannten 
sind die von den Studenten platonisch durch Fensterpromenaden, also 
,, Pflastertrampeln", angehuldigten Schönen. 

Laukhard erwähnt die Scharmanten: „In Jena hat jeder Bursch seine soge- 
nannte Scharmante; das ist ein gemeines Mädchen, mit welcher er so lange 
umgeht, als er da ist, und das er dann, wenn er abzieht, einem anderen 
überläßt". 

Die wahre Liebe war das nun gerade nicht. Etwas besser kommen Bursch 
und Scharmante im vierten Gesang von Zachariäs Renommist weg. Dort 
heißt es: 

Bei den Jenensern ist ein alt Gesetz in Ehren, 

Daß alte Bursche stets die junge Nachwelt lehren; 

Das man mit Ehrfurcht sagt, und unverbrüchlich hält. 

So lang in Jena noch die Freiheit sich erhält. 




Der Student a la mode in Kiel 

Kupfer aus dem iS. Jahrhundert 




In einer S t u drnt enk n eipe vor den Toren von Leipzig 

Kupferstich ti u s H ( in J n li r e Ijli 







!8«nfpid Itt Sübinger (Studenten 
na* 3o. Cftriltöf gifvffer. 



M89. Apfr. spn 2. Dieingtr 




Studenten um t J yO 

L ip p erh ei de 





Göt tinger Bursche um ijS) 
Kupfer roll Riepenhoit sen im Lnuenberger Kalender 






f.ei/jzi/^rr Studenten 
Kupfer von f\ i e p e ii h a ii se ri. i/Sf 




St ude ntenlust auf dem Marktplatz i« Göttingen, 

um. IJJO 



Scharmanten. Hospitium. 201 

Dies ist's: So oft man sich vor volle Gläser setzet, 
Wählt sich der nasse Bursch ein Mädchen, das er schätzet. 
Zu der Charmante wird sie festlich declarirt, 
Und den Amanten nie mit andrer Art entführt, 
Als sich auf offnem Markt den Hals mit ihm zu brechen; 
Und, wenn es Freunde sind, in Bier sie abzuzechen. 
Man säuft sich von Verstand blos auf ihr Wohlergehen. 
Man kennt die Schöne nicht, als das man sie gesehen; 
Doch dies ist g'nug, deshalb die Schnurrbartei zu stürmen, 
Und sie mit Bier und Blut herkulisch zu beschirmen; 
Die Renommisten sind's, die dies Gesetz erhöht. 
Durch deren Heldenstahl es immer noch besteht. — 
Über dieses Gesetz findet sich in einer seltenen Schrift aus dem Jahre 1747, 
die den Titel ,, Hospitium" führt, allerlei Näheres angeführt. Nämlich: 
Nachdem sich die Landsleute im Zimmer eines der Ihrigen versammelt, 
bringt zu Beginn der Hospes , Allerseits Wohlsein' aus, von den übrigen 
mit ,fiducit' und einem Ganzen erwidert. Später folgen weitere Gesund- 
heiten ,, eines jeden Gastes Wohlsein in specie", ,, allerseits Scharmanten", 
dann die ,, Scharmanten in specie", nämlich in loco, in patria (daheim), in 
loco tertio". Die Einheimischen, Quarks genannt, trinken die Scharmanten 
statt in patria die Scharmanten extra patriam. Verheiratete Frauen oder 
Mädchen unzweifelhaften Rufes dürfen beim Hospiz nicht als Scharmanten 
genannt werden; dagegen ist jeder verpflichtet, eine nach dem Brauch zu- 
lässige Scharmante anzugeben. Wenn sich über Qualität oder über die reale 
Existenz der Genannten Zweifel erheben, so muß der Verzweifler zwei 
Zeugen haben, die ihre Aussage mit je einem Ganzen ,, beschwören". Hat 
aber der Betreffende ebenfalls zwei Zeugen, und schwört er überdies mit 
einem Ganzen das ,suppletorium', so passiert die Dame, wenn nicht schon 
vorher der Hospes durch seine unanfechtbare Peirteinahine die Frage ent- 
schieden hat. 

Ehe der Hospes eine Scharmante , ausbringt', fragt er nämlich unter Nennung 
ihres Namens, ob jemand etwas dagegen einzuwenden habe. Außer einem 
Widerspruch der eben genannten Art kann es nun auch vorkommen, daß 
einer die betreffende Scharmante für sich reklamiert. Dieses gibt Anlaß zu 
einem , Prozeß', der in folgender Weise ausgetragen wird: A , schwört' dem 
B ein bis drei Ganze vor. B ,holt sich nach' und schwört dem A ebensoviel 
vor usw., bis einer sich besiegt erklärt. Das heißt man einem seine Schar- 

13 



202 Absaufen der Geliebteu. J. F. W. Zachariä. Goethe als Student in Leipzig. 

mante abschwören. Der unterliegende Teil kann sich dadurch rächen, daß 
er ihm sogar ,pro affectione seiner Scharmanten' so viel vorschwört, bis er 
ihn zur Übergebung zwingt. Solche Prozesse wurden nicht nur um wahr- 
haftige, sondern auch um Spaßscharmanten geführt. Ja es kam vor, daß zwei 
um ein Frauenzimmer stritten, mit dem noch keiner der Rivalen ein Wort 
gesprochen hatte. Aus diesem Brauche, der doch offenbar nur scherzhaft ge- 
meint und auf Steigerung der Trinklust berechnet war, haben manche 
Autoren Ernst machen wollen, und behauptet, die Burschen des 18. Jahr- 
hunderts hätten sich in Wahrheit ihre Geliebten ,in Bier abgesoffen' und 
das Resultat des Wettstreites auch corporaliter in die Praxis übersetzt. Daß 
das ein Unsinn ist, liegt auf der Hand, abgesehen davon, daß das fragliche 
Mädchen doch auch etwas mit dreinzureden hatte *^^). Wer nach Laukhards 
Angaben vielleicht geneigt wäre, den Brauch ernst zu nehmen, den belehrt 
Zachariä eines besseren. Für diese Zeit hat „Der Renommist", das komische 
Heldengedicht von Justus Friedrich Wilhelm Zachariä aus Frankenhausen 
in Thüringen (1726 — 1777), beinahe urkundlichen Wert, ,,weil derjugend- 
liche Verfasser den Stoffkreis, aus dem er schöpfte, ganz genau kannte und 
damit einen Weg einschlug, den man schon mehrmals seit dem 16. Jahr- 
hundert mit Erfolg betreten hatte" *^^). Der Inhalt des vielgenannten, aber 
im Grunde nur wenig gekannten Büchleins des bei seiner Niederschrift 
kaum Jüngling gewordenen Dichters, sei ganz flüchtig nach Wilhelm Scherer 
skizziert: „Sein Held ist ein relegierter Jenenser Student namens Raufbold, 
der nach Leipzig kommt, mit alten Jenenser Genossen zecht und lärmt und 
die Häscher prügelt, den aber eine Leipziger Schöne so sehr entflammt, 
daß er um ihretwillen sein Äußeres zivilisiert und seinen Kopf durch einen 
französischen Friseur bearbeiten läßt; doch erntet er nur Spott bei der Dame. 
Ein galanter Leipziger Student, ihr Günstling, besiegt ihn im Duell, und 
er zieht beschämt nach Halle ab . 

Mit Herrlichkeit umringt und Lorbeern stolz umlaubt. 

Erhob die Mode nun mit neuer Pracht ihr Haupt; 

Und die Galanterie ging nach der Jen'schen Saale. 

Da wurden Stutzer reif an ihrem holden Strahle, 

So artig, so geputzt als Leipzigs Stutzer ist ; 

In ew'ge Schande fiel der Name Renommist. 
Den in diesen Schlußworten des Renommisten beschriebenen Sieg der Mode 
über diesen Nachkommen des Grobianus erwähnt auch Goethe im sechsten 
Buch von Dichtung und Wahrheit, wo er in Erinnerung an seine Leipziger 



Leipzig vmd die Studenten. Friedrich Wilhelm III. gegen die Studeaten. 203 

Studienjahre sagt: ,,In Jena und Halle war die Roheit aufs Höchste gestiegen, 
körperliche Stärke und Fechtergewandtheit, die wildeste Selbsthilfe war 
dort an der Tagesordnung .... Dagegen konnte in Leipzig ein Student 
kaum anders als galant sein, sobald er mit reichen, wohl und genau gesit- 
teten Einwohnern in einigem Bezug stehen wollte". ,,Alle Galanterie frei- 
lich", fährt er fort, ,,wenn sie nicht als Blüte einer großen und weiten 
Lebensweise hervortritt, muß beschränkt, stationär und aus gewissen Ge- 
sichtspunkten -^delleicht albern erscheinen; und so glaubten jene wilden 
Jäger von der Saale über die zahmen Schäfer an der Pleiße ein großes Über- 
gewicht zu haben. Zachariäs „Renommist" wird immer ein schätzbares 
Dokument bleiben, woraus die damalige Lebens- und Sinnesart anschaulich 
hervortritt". Aber der junge Goethe hatte Gefallen an dem galanten Wesen 
der Leipziger Bursche gefunden. 

,,Von unserm Goethe zu reden! — Wenn Du ihn nur sähst, Du würdest 
entweder vor Zorn rasend werden, oder vor Lachen bersten müssen .... 
Er ist bei seinem Stolze auch ein Stutzer, und alle seine Kleider, so schön 
sie auch sind, von so einem närrischen Gout, der ihn auf der ganzen Aka- 
demie auszeichnet .... Sein ganzes Dichten und Trachten ist nur seiner (!) 
gnädigen Fräulein und sich selbst zu gefallen .... Er hat sich (blos weil es 
die Fräulein gern sieht) solche porte-mains und Gebehrden angewöhnt, bei 
welchen man unmöglich sich das Lachen verbeißen kann. Einen Gang hat 
er angenommen, der ganz unerträglich ist. Wenn Du es nur sähest!"^^^) 
Wenn nun auch in einer Fremdenstadt wie Leipzig die Studenten sich in 
die Sitten und Gebräuche der vornehmeren Einwohner fügten, so verhiel- 
ten sich doch diese meist recht ablehnend gegen die Musensöhne, die da- 
durch auf den Verkehr mit Ihresgleichen beschränkt blieben, Avas nicht 
immer von Nutzen war. In den kleineren Universitätsstädten war dies noch 
schlimmer, denn da war die sogenannte gute Gesellschaft, sogar einschließ- 
lich der Professorenfamilien, noch abgeschlossener gegen die Akademiker. 
Aber auch das Gesetz ließ zu Zeiten die Studenten eine Nichtachtung emp- 
finden, die nur in den Tagen des krassesten Absolutionismus möglich war. 
So bestimmte eine Verfügung von Friedrich Wilhelm III. vom 23. Juli 
1798: ,,Bei groben, die Sicherheit störenden Exzessen soll in keinem Fall 
auf Geldbuße oder Relegation, sondern jederzeit auf Gefängnis oder körper- 
liche Züchtigung erkannt werden, wobei dem Erkenntnisse vorzubehalten 
ist, inwiefern nach erlittener Bestrafung der Verbrecher von der Akademie 
fortgeschafft werden müsse. Sollten so grobe Exzesse vorfallen, daß eine 



204 Friedrich Wilhelm III. gegen die Studenten. 

vorstehendermaßen zu schärfende Gefängnisstrafe nicht für hinlänglich zu 
achten wäre, so soll körperliche Züchtigung platzgreifen. Welche Art zu 
wählen sei, soll nach den individuellen Verhältnissen des zu Bestrafenden 
in jedem vorkommenden Falle in dem aufzufassenden Urteil bestimmt wer- 
den. Eine jede solche Züchtigung muß als väterliches Besserungsmittel an- 
gesehen, sie muß im Gefängnisse in Gegenwart der Vorgesetzten vollstreckt 
und von diesen mit den nötigen Ermahnungen begleitet werden. Überhaupt 
ist dafür zu sorgen, daß vernünftiges Ehrgefühl des Bestraften dadurch nicht 
gekränkt, sondern derselbe so behandelt werde, als wenn er sich noch auf 
einer niederen Schule und in den Jahren befände, wo Züchtigungen, welche 
Eltern oder Lehrer veranlassen, in der Folge zu keinem Vorwurf gereichen 
können". Was der Schlußsatz bezweckt, und welchen Sinn er hat, damit 
muß sich jeder Leser selbst abfinden. 

Daß den Behörden angesichts des Studententreibens häufig die Geduld riß, 
ist nicht weiter verwunderlich, aber es darf nicht vergessen werden, daß die 
meisten der drakonischen Erlässe kaum jemals zur Anwendung kamen. 
Das anfängliche Toben ging eben allmählich in ein behagliches Schmunzeln 
über. Aus übermütigen Studenten waren ja auch die Richter geworden, die 
gar oft hinter ihren Amtsmienen ein Lächeln bargen, das ihnen beim An- 
denken an die eigene Jugend um die Lippen zucken wollte. 



QUELLEN-NACHWEISE. 

i) A. Ebenhoch, Elf Jahrhunderte deutsches Studententum. Innsbruck 1886, S. 1 ff . 
2) Nelly Wolffheim, Zur Geschichte der Prügelstrafe in Schule tmd Haus. Berlin o. J., 
S. 9. 5) Heinr. Gerdes, Geschichte des Deutschen Volkes und seiner Kultur zur Zeit 
der Karolingischen und sächsischen Könige. Leipzig 1891, S. 685 f. 4) Max Bauer, 
Liebesleben in der deutschen Vergangenheit. Berlin 1924, S. 110. 5) Dr. Oskar F. 
Scheuer, Das Liebesleben des deutschen Studenten imWandel der Zeiten. Bonn 1920,8.9 f. 
6) Scheuer, S. 7 f. 7) Hans Bosch, Kinderleben in der deutschen Vergangenheit. Leip- 
zig 1900, S. 102. 8) Hippolytus Guarioninus, Die Grewel der Verwüstung Mensch- 
lichen Geschlechts. Ingolstadt 1610, S. 245 ff. 9) Theodor Flate, Sankt Afra, Ge- 
schichte der Königl. Sächsischen Fürstenschule zu Meißen. Leipzig 1879, S. 181 ff. 
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Freiburg 'Breisgau, 15. imd 14. Aufl., 1903, VII, S. 58. 11) Fr. Koldewey, Schulord- 
nungen der Stadt Braimschweig vom Jahre 1251 — 1828 (in Kehrbach, Monumenta 
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14) Butzbach, Des Johemnes, Wanderbüchlein. Übersetzt von Dr. D. J. Becker. Leip- 
zig o. J., S. 16. 15) Bosch, Kinderleben, S. 105. 16) Emil Reicke, Der Gelehrte in 
der deutschen Vergangenheit. Leipzig 1900, S. 55. 17) G. L. Kriegk, Deutsches Bür- 
gertimi im Mittelalter. Frankfurt a M. 1868, S. 98ff. 18) Flögel, K. Fr., Geschichte 
des Grotesk-Komischen. Neu bearbeitet und herausgegeben von Max Bauer. München 
1914, II, S. 204f. 19) Janssen, VII, S. 5of. 20) Tholuck, August, Das academische 
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Bildung der Jugend und der sittliche Zustand der Schulen im 16. Jahrhundert. Breslau 
1846, S. 238. 22) B. Heil, Die deutschen Städte und Bürger im Mittelcdter, 2. Aufl., 
Leipzig 1906, S. 144. 23) Konrad Fischer, Geschichte des deutschen Volksschullehrer- 
stands. Hannover 1892, S. 332 ff. 24) A. a. O. Frankfurt a'M. 1805, 3. und 4. Teil, 
S. 256 f. 25) H. Reichmann, J. Schneider, Dr. W. Hofstaetter, Ein Jahrtausend Deut- 
scher Kultur, I. Band. Leipzig 1925, S. 83. 26) Dr. Jos. Schrank, Die Prostitution in 
Wien. Wien 1886, I. Band, S. 91. 27) Max Bauer, Der deutsche Diurst. Leipzig 1903, 
S. 32. 28) Briefe von Dunkelmännern, übertragen von Dr. Wilh. Binder. Gera 1898, 
S. 94. 29) Dr. Friedrich Schulze und Dr. Paul Ssymank, Das Deutsche Studententum 
von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Leipzig 1910, S. 58. 30) Dr. Wilh. Bruch- 
müller, Der Leipziger Student 1409 bis 1909. Leipzig 1909, S. 15! 31) Bierlinger, 
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2o6 Quellen-Nachweise. 

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Vergangenheit. Leipzig 1901, S. 55. 34) Karl Mischke, Der fahrenden Schüler Lieder- 
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denten- und Liebeslieder des 12. und 13. Jahrhunderts. Würzburg 1879. 36) Theodor 
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beschwörung, herausgegeben von M. Spanier. Halle 1894, S. 15, 5. 41) Holm Süß- 
milch, Die lateinische Vagantenpoesie des 12, und 13. Jahrhunderts als Kulturerschei- 
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1911, S. 14. 45) Reicke, Lehrer, S. 22. 44) Hans Sachs, Fastnachtsspiele, herausge- 
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dentum 1650. Jena 1908, S. 32. 47) Georg Buchwald, Doktor Martin Luther. Leipzig 
und Berlin 1914, S. 31 f. 48) Christian Meyer, Ausgewählte Selbstbiographien aus dem 
15. bis 18. Jahrhundert. Leipzig 1897, S- 4^- 49) Meyer a. a. O., S. 57. 50) Thomas 
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chen 1911, S. 39, 51) Reicke, Lehrer, S. 58 f. 52) Dr. Gust. v. Buchwald. Deutsches 
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Heidelberg 1886, S. 60. 58) Ernst Borkowsky, Das alte Jena und seine Universität. 
Jena 1908, S. 44. 59) Thorbecke, S. 61. 60) Postilla prophetica oder Spruchpostill 
des Alten Test£iments. Leipzig 1588, Blatt 129 b f. 61) Thorbecke, S. 53*. 62) Janssen, 
VlI, S. 54. 63) Grohmann, I, S. 208. 64) Friedr. Paulsen, Das deutsche Bildungs- 
wesen in seiner geschichtlichen Entwickelung. Leipzig 1906, S. 16. 65) Prof. Dr. R. 
Büttner, Geschichte des fürstl. Gymnasiums Rutheneum zu Gera. Gera 1908, S. 15 ff. 
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C. Meiners, Kurze Darstellung der Entwickelimg der hohen Schulen des Protestanti- 
schen Deutschlands, besonders der hohen Schule zu Göttingen. Göttingen 1808. C. 
Meiners, Über die Verfassung und Ver^valtmig deutscher Universitäten. Göttingen 
1801 ff., IV, S. 53. 70) Schulze- SsjTnank, S. 76. 71) Tholuck, I, S. 265. 72) Thor- 
becke, S. 59 f., 62, 90. 73) J. V. DöUinger, Die Reformation, ihre innere Entwicklung 
und ihre Wirkxmg im Umfange des lutherischen Bekenntnisses. Regensburg 1846, 
1848, I, S. 514 f. 74) Janssen, VII, 196. 75) C. Krause, Eobanus Hessus, Sein Leben 
und seine Werke. Gotha 1879, II, S. 230. 76) Janssen, VII, S. 200. ^-j) Dr. Hans 
Schulz, Wallenstein vmd die Zeit des dreißigjährigen Krieges, Bielefeld und Leipzig 
1898, S. 13. 78) Janssen, VII, S. 200. 79) Moehsen, S. 543. 80) Reicke, Lehrer, S. 
90. 81) Tholuck, I, 145. 82) Tholuck, I, 146. 83) Tholuck, I, 218. 84) Tholuck, I, 
146. 85) Tholuck, I, 147. 86) Wustmann, Gustav, Aus Leipzigs Vergangenheit. 
Leipzig 1885, S. 481 f. 87) Dr. Rob. v. Mohl, Sitten und Betragen der Tübinger Stu- 



Quellen-Nachweise. 207 

denten während des sechzehnten Jahrhunderts. Tübingen 1840, S. 45, 216. 88) Molil, 
S- 511 255. 89) Mohl, S. 56, 157. 90) Borkowsky, S. 51. 91) Tholuck, I, S. 275. 
29) J. Chr. Pfister, Herzog Christoph zu Württemberg. Tübingen 1819/1820, IL Band, 
S. 149 f. 93) Mohl, S. 19, 69. 94) Borkowsky. Jena, S. 49. 95) Specht, Geschichte 
der Universität Dillingen, 1549 bis 1804. Freiburg i'B. 1902. 96) Bauer,Max, Deutscher 
Durst. Berlin o. J., S. 563. 97) Jhs. Huber, Skizzen und Aufsätze. Leipzig 1873. S. 405. 

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99) K. E. Schimmer, Alt- und Neu- Wien, 2. Aufl., Wien und Leipzig 1904, I, 451 ff. 

100) Huber, S. 365. 101) Tholuck, I, 8. 276. 102) Janssen, VII, S. 204. 103) G. E. 
Waldau, Neue Beiträge zur Geschichte der Stadt Nürnberg. Nürnberg 1790, I. Band 
S. 558f. 104) Thorbecke, S. 56 zu S. 53, 109. 105) Borkowsky, S. 50. 106) Huber, 
S. 402. 107) Weinsberg, Das Buch. Kölner Denkwürdigkeiten aus dem 16. Jahrhun- 
dert, bearb. von Konstantin Höhlbaum. Leipzig 1886/87, ^■> ^- ^'9- i°8) Schulze-Ssy- 
mank, S. 76. 109) Thorbecke, S. 54. 110) Wustmann im Archiv für Kulturgeschichte, 
V. Band. Berlin 1907, S. 481 f. 111) H. Schreiber, Geschichte der Albert-Ludwigs- 
Universität zu Freiburg im Breisgau. Freiburg HB. 1857 — 1859, II, S. 69 ff., 104. 
112) C. Prantel, Geschichte der Ludwigs-Maximilian-Universität in Ingolstadt. Lands- 
hut und München 1872, I, 2i4ff., 338. 115) Tholuck, I, 219. 114) Laukhard, Ma- 
gister, F. Chr., Leben und Schickscile, bearb. von Dr. Victor Petersen, Stuttgart 1908, 
I. Band, S. 50 f. 115) Laukhardt, I, 205. 116) Bauer, Melx, Die Dirne und ihr Anhcmg. 
Dresden o. J., S. 120. 117) Bauer, Dirne, S. 35f. 118) Mohl, S. 35, 151. 119) Mohl, 
S. 4of., 184. 120) Mohl, S. 41 f., 184. 121) Bauer, Dirne, S. 66. 122) Die Schauspiele 
der englischen Komödianten, herausgegeben von Prof. Dr. W. Creizenach, Berlin und 
Stuttgart o. J., S. CXVI. 123) Thorbecke, S. 54, Anm. 95. 124) Ebeling, Friedr. W., 
Friedr. Taubmann, ein Culturbild, 3. Aufl., Leipzig 1884, S. 115. 125) Gustav Bauch, 
Die Anfänge der Universität Frankfurt a/0. Berlin 1900, S. 34. 126) Bruchmüller, 
S. 18. 127) Tholuck, I, 268. 128) Thorbecke, S. 60, Anm. 52. 129) F. K.v. Savigny, 
Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter, 2. Aufl., Heidelberg 1834 — 51, III, 
S- 399- 130) Zimmersche Chronik, herausgegeben von K. A. Barack, 2. Aufl., Frei- 
burg i/B. i88i — 82, III, S. 229. 131) V. Mohl, S. 87, 2. 132) Jus potandi, Deutsches 
Zechrecht. Nach dem Original von 1616 neu herausgegeben von Dr. Max Oberbreyer, 
Heilbronn 1877, Kap. 23. 133) Schulze -Ssymank, S. 56 f. 134) Thorbecke, S. 50. 
135) J. G. L. Kosegarten, Geschichte der Universität Greifswald. Greifswald 1856/57, 
I. Band, S. 84 f. 136) Karl Friedrich Flögel-Bauer, Geschichte des Grotesk-Komi- 
schen, S. 204 ff., II. Band 137) Dr. Otto Beneke, Hamburgische Geschichten und 
Sagen, IV. Aufl., Hamburg 1888, S. 242 ff. 138) Bruchmüller, S. 20. 139) Tischreden, 
herausgegeben von Friedrich v. Schmidt. Leipzig (Reklam), S. 345 f. 140) Bruch- 
müller, S. 20, V., Buchwald, I, S. 202. 141) 61. Band der Bibliothek des litterarischen 
Vereins in Stuttgart 1861, bearb. v. Adolf Cohn. Göttingen 1862, S. 24. 142) Stamm- 
buch des Studenten. Stuttgart o. J., S. 58 f. 143) Reicke, Lehrer, S. 91. 144) C. Beyer, 
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Westermanns Monatshefte, 17. Band, 1865, S. 364^ 148) Borkowsky, S. 58. 149) 
Stammbuch, S. 86ff. 150) Huber, S. 364. 151) Huber, S. 365^ 152) Dr. Berthold 



2o8 Quellen-Nachweise. 

Haendcke, Deutsche Kultur im Zeitalter des dreißigjährigen Krieges. Leipzig 1906, 
S. 251. 153) Gotth. Lederer, Aus alten Tröstern, CoUectaneen. Westermanns Monats- 
hefte, 31. Band, 1871, S. 214. 154) Beyer, Rostock, S. ii6ff. 155) Borkowsky, S. 51. 
156) Mohl, S. 13, 32. 157) Mohl, S. 15, 44. 158) Mohl, S. 52 und 57. 159) Mehl, 
S. 22. 160) Joh. Balthasar Schupp, Der Freund in der Not. (1657). Halle 1878, S. 7 f. 
161) Richard, A. V., Licht und Schatten. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte von Sachsen 
und Thüringen ini 16. Jahrhundert. Leipzig 1861, S. 337. 162) Steinhausen, Georg, 
Geschichte des deutschen Briefes. Zur Kiilturgeschichte des deutschen Volkes. Berlin 
1889 — 1891, I. Band, S. 105. 165) Herausgegeben von Otto Fischer, München 1911, 
S. 43. 164) Borkowsky, S. 52. 165) Bauer, Durst, S. 365. i66) Schulz, Wein und 
Weingelage, S. 168 f. 167) Huber, S. 474. Bauer, Durst, S. 367. 168) Müller (Reclam), 
S. 225 ff. 169) Müller, S. 229f. 170) Rieh. Leander, Aus der Burschenzeit. Halle 1876. 
171) Scheible, Schaltjahr. Stuttgart 1847, IV. Band, S. 346^, 474ff., 628ff., V., 49ff., 
201 ff. 172) Tholuck, I, 44. 173) Bauer, Nationalgetränk, S. 19. 174) Janssen, VII, 
179 f. 175) Tholuck, I, 44 f. 176) Janssen, VII, 180. 177) Sigmimd Evenius, Specu- 
lum intimae corruptionis, das ist: Spiegel der Verderbnisz, allem imd jeden Ständen der 
wtihren Christenheit zur gründlichen Beschawung und Nachrichtung ect. Lüneburg 
1640, 95 ff. 178) Schulze-Ssymank, S. 73. 179) Dr. Georg Erler, Leipziger Magister- 
schmäuse im 16., 17. und 18. Jahrhimdert. Leipzig 1905, S. 30. 180) C. Krause, He- 
lius Eobanus Hessus. Gotha 1879, S. 3021. Dav. Friedr. Strauß, Ulrich von Hütten. 
Leipzig 1914, S. 24 ff. 181) Reicke, Gelehrter, S. 37. 182) Janssen, VII, S. 204. 
183) Borkowsky, S. 51. 184) Huber, S. 421. 185) Zeitschrift für allgemeine Ge- 
schichte, S. 955. 186) K. Klüpfel, Geschichte und Beschreibung der Universität Tü- 
bingen. Tübingen 1849, S. 123. 187) Das Liebesleben der deutschen Studenten imi 
Wandel der Zeiten. Bonn 1920, S. 25. 188) Martinus Zeillerius, Miscellanea oder Al- 
lerley zusammen getragene politische, historische und andere denkwürdige Sachen. 
Nürnberg 1661. 189) Briefwechsel dreyer Akademischer Freunde, 2. Aufl., 1. Samm- 
lung. Ulm 1778, S. 130. 190) Rieh, und Roh. Keil, Geschichte des jenaischen Studen- 
tenlebens. Leipzig 1858, S. 30. 191) Borkowsky, S. 89 f. 192) E. Brandes, Über den 
gegenwärtigen Zustand der Universität Göttingen. Göttingen 1802, S. 305. 193) A. a. 
O., S. 87f. 194) Büttner, Gera, S. 33. 195) Büttner, Gera, S. 5of. 196) Büttner, 
Gera, S. 51. 197) Eberhard Buchner, Das Neueste von gestern. 1. Band, München 
1911, S. 106 f, No. 181. 198) Buchner, a. a. O., S. 167, No. 436. 199) Ars Apophtheg- 
mata, No. 3542. 200) Philosophischer Feyerabend. In sich haltende, allerhand an- 
muthige, seltene, curieuse, so nütz- als ergetzliche, auch zu allerlei nachdrücklichen 
Discursen anlaßgebende Realien undmerckwürdige Begebenheiten in Leyd und Freud, 
zum lustigen und erbaulichen Zeitvertreib, wohlmeinend mitgeteilt. Franckfurt a/M. 
1700. 201) VII, 43 ff. 202) Janssen, VIII, S. 44 f. 203) K. J. Löschke, Die religiöse 
Bildimg der Jugend und der sittliche Zustand der Schule im 16. Jahrhundert. Breslau 
1846, S. 50 f. 204) Ludw. Ennen, Geschichte der Stadt Köln. Köln 1875. IV. Band, 
S. 45. 205) Scheuer, S. 19. 206) Scheuer, S. 20. 207) Scheuer, S. 20. 208) J hann 
Arnos Comenius, Orbis sensualium pictus, herausgegeben von Joh. Kühnel. Leipzig 
1910, S. 229. 209) Dr. J. W. Nagel und Jak. Zeidler, Deutsch- Österr. Literaturge- 
schichte. Wien 1899, I, S, 139. 210) P. B. Rasche. Die deutsche SchulkömÖdie imd 



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Halle 1886, S. 26. 212) Tischreden (Forstmann und Bindseil), IV, S. 592. 215) Hol- 
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evangelischen Schulordnungen des a6. und 17. Jahrhvmderts. Gütersloh 1860 — 63, I, 
S. 382. 219) Holstein, S. 32f. 220) Janssen, VII, S. 109. 221) A. a. O., S. 30. 222) 
Terentius Christianus utpote Convediis sacris transformatus, Köln 1591. 223) Karl 
Goedeke, Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung, Dresden 1886, II, S. 143. 
224) Holstein, S. 65. 225) Dr. Wilh. Rudeck, Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit 
in Deutschland. 2. Aufl., Berlin 1905, S. 126. 226) Der verlorene Sohn im Drama des 
16. Jahrhunderts. Innsbruck i888, S. 37 ff. 227) Strauß, Hütten, S. 115. Flögel-Bauer, I, 
S. 240 f. 228) Alex. V. Weilen, Der aegyptische Joseph im Drama des 16. Jahrhvm- 
derts. Wien 1887, S. 162 ff. 229) Janssen, VII, S. 300. 230) G. G. Gervinus, Geschichte 
der deutschen Dichttmg, 4. Aufl., Leipzig 1853, m- Band, S. 94. 231) Zeitschrift des 
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233) Jhs. Bolte, Das Danziger Theater im 16. imd 17. Jahrhundert. Hamhurg vmd 
Leipzig 1895, S. 24. 234) Gudorpp, S. 8 f. 235) Creizenach, Geschichte, III, S. 34 ff. 
236) Holstein, S. 64. 237) F. Hermann Meyer, Studentica, Leben iind Sitten deutscher 
Studenten früherer Jahrhunderte. Leipzig 1857, ^- 77- ^3^) Holstein, S. 287, 64. 
239) Erich Schmidt, Comödienvom Studentenleben aus dem 16. und 17. Jahrhundert. 
Leipzig 1880, S. loff. 240) Joh. Georg Schoch, Comödia vom Studentenleben, heraus- 
gegeben von W. Fabricius, München 1892, S. 4f. 241) Bruckmüller, S. 61 f. 242) K. 
Th. Gaederts, Gabriel Rollenhagen, sein Leben und seine Werke. Leipzig 1881, S. 36. 
Gaedeke, Grundriß, II, S. 543. 243) Wilh. Scherer, Sitzvmgsberichte der Wiener k. k. 
Akademie, Hist.-phil. Klasse, 90. Band, S. 230. 244) Goedeke, Grundriß, II, 4367, 
No. 187. 245) Janssen, VI, S. 301. 246) Janssen, VI, S. 357 f. 247) Gegener der 2. schles. 
Schule, herausgegeben v. L. Fulda. Berlin- Stuttgart o. J., S. Xllff. 248) Das Singspiel 
der englischen Komödianten und ihrer Nachfolger in Deutschland, Holland und Skan- 
dinavien. Hamburg 1893, S. 6. 249) Creizenach, S. LXXXL 250) A. a. O., S. 40. 
251) Christian Reuter, Die ehrliche Frau Schlampampe usw. Herausgegeben von 
Georg Eltlinger, Halle 1890, S. 48. 252) Reuter, Schlampampe, S. XIV. 253) Reuter, 
Schlampampe, S. 56 f. 254) Ernst Gudopp, Dramatische Aufführimgen auf Berliner 
Gymnasien im 17. Jahrhundert. Berlin 1900/1902, I, S. 14. 255) Friedr. Dedekind, 
Grobianus, verdeutscht von Kaspar Scheidt (1551). Herausgegeben von Gast. Milch- 
sack. Halle 1882, S. 112. 256) Rud. Genee, Lehr- vmd Wanderjahre des deutschen 
Schauspiels. Berlin 1882. S. 314. 257) Oskar Schwebel, Geschichte der Stadt Berlin, 
Berlin 1888, II, S. 164. 258) Genee, S. 317. Carl Heine, Johannes Veiten, In. Diss. 
Halle 1887, S. 6 ff. 259) Mor. Bergmann, Maria Theresia und Kaiser Joseph II. Wien 
1881, S. 60 f. 260) Creizenach, Die Spiele der englischen Komödianten. Berlin-Stutt- 
gart o. J. (Kürschner Nat. -Literatur, 13. Band), S. 162 f. 261) Janssen, VI, 389! 
262) Dedekind, S. 112. 263) Borkowsky, Jena, S. 53. 264) Wilhelm Nissen, Das Lie- 
derbuch des Leipziger Studenten Clodius vom Jahre 1669. Leipzig 1891, S. 11. 265) 
Bauer, Sittengeschichte 14 



_jQ Quellen-Nachweise. 

Keil, Rieh, und Robert, Deutsche Studentenlieder des 17. und 18. Jahrhunderts. Lahr 
o. J., S. 184. 266) Balthasar Schupp, Der Freund in der Not. Herausgegeben von 
Wilhelm Braune, Halle 1878, S. 57. 267) Jus potandi, S. 51. 268) Bergreihen, Ein 
Liederbuch des 16. Jahrhunderts. Herausgegeben von John Meyer. Halle 1892, S. 68f. 
269) Goedeke und Tittmann, Liederbuch aus dem i6. Jahrhundert. Leipzig 1881, S. 
134. 270) A. a. O., S. 232. 271) Venus -Gärtlein, Ein Liederbuch aus deni XVII. Jahr- 
hundert. Herausgegeben von Maut Freiherm von Waldberg. Halle 1890, S. 38. 272) 
Venus-Gärtlein, S. 38 f. 273) Jacob Schwieger, Gehamschte Venus, 1660. Herausge- 
geben von Th. Raehse, Halle 1888, S. XVIIL 274) Schwieger, S. 135. 275) Keil, 
Studentenlieder, S. 187. 276) Keil, Studentenlieder, S. 193. 277) Keil, Studenten- 
lieder, S. 209. 278) Christian Weise, Der grünenden Jugend überflüssige Gedanken 
(1678). Eingeleitet von M. Freiherrn v. Waldburg. Halle 1914, S. VIII. 279) Weise, 
S. 121 f. 280) Artur Kopp, Deutsches Volks- und Studentenlied in vorklassischer Zeit. 
Berlin 1899, S. 54. 281) Kopp, S. 88, No. 88. 282) Le Pansiv, Poetische Grillen ge- 
fangen in müßigen Stunden. Erfurt 1729, S. 252 f. 283) Taschenbuch zum Nutzen 
und Vergnügen für Tabakraucher und ihre Freunde, Regensburg 1800, S. 40 f. 284) 
Georg Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur. Leipzig und Wien 1904. S. 629. 
285) Kopp, Volks- und Studentenlieder, S. 149. 286) Mag. F. Chr. Laukhardt, Leben 
und Schicksale. Bearbeitet von Dr. Victor Petersen. Stuttgart 1908. I.Band, S. 111. 
287) Schulz und Ssymank, I, S. 175. 288) Dr. Prahl, Das deutsche Studentenlied (Bur- 
schenschaftl. Bücherei), S. 15. 289) Tholuck, I. Band, S. 273 f. 290) Rieh, und Robert 
Keil, Die deutschen Stammbücher des 16. und 17. Jahrhunderts. Berlin 1893, S. 8. 
291) Rudeck, Sittlichkeit, S. 104! 292) Keil, Stammbücher, S. 16. 293) Keil, 
Stammb., S. 75. 294) Keil, Stammb., S. 63. 295) Keil, Stammb., S. 78. 296) Keil, 
Stammb., S. 77. 297) Keil, Stammb., S. 76. 298) Keil, Stammb., S. 81. 299) Keil, 
Stammb., S. 109. 300) Keil, Stammb., S. 109, 378. 301) Keil, Stammb., S. 110. 
302) Keil, Stammb., S. 116. 303) Keil, Stammb., S. 157. 304) Keil, Stammb., S. 120. 
505) Keil, Stammb., S. 124. 306) Keil, Stammb., S. 125. 307) Keil, Stammb., S. 174. 
508) Keil, Stammb., S. 175, 874. 309) Keil, Stammb., S. 175, 877. 310) Keil, Stammb., 
S. 185. 311) Keil, Stammb., S. 199. 312) Keil, Stammb., S. 189. 313) Keil, Stammb., 
S. 199. 514) Dr. C. A. Kortum, Die Jobsiade, 13. Aufl. Herausgegeben von Friedr. 
W. Ebeling. Leipzig 1868. S. 39. 315) Keil, Stammb., S. 201. 316) Keil, Stammb., 
S. 205. 317) Keil, Stammb., S. 208. 318) Keil, Studentenleben, S. 222. 319) Keil, 
Stammb., S. 208. 520) Keil, Stamnib., S. 209. 321) Keil, Studentenleben, S. 223. 
322) Keil, Stammb., S. 205. 323) Keil, Stammb., S. 250. 324) Keil, Stammb., S. 256. 
325) Keil, Stammb., S. 268. 326) Keil, Stammb., S. 277. 327) Keil, Studentenleben, 
S. 221. 328) Keil, Dr. Robert, Ein denkwürdiges Gesellenstammbuch aus der Zeit 
des dreißigjährigen Krieges. Lahr (1860), S. 59. 3291 Heinr. Düntzer, S. 309. 330) 
Tholuck, I, 262. 331) Georg Forsters Teutsche Liedlein in fünf Teilen. Herausgege- 
ben von M. Elizabeth Marriage. Halle 1903, II. Teil, XXXII, S. 93. 332) G. Kauf- 
mann, Die Geschichte der deutschen Universitäten, Stuttgart i888 — 1896, I. Band, S. 
140. 333) Hans Rau, Die Grausamkeit mit besonderer Bezugnahme auf sexuelle Fak- 
toren, 2. Aufl., Berlin 1907, S. 148. 334) Rau, S. 150. 335) F. A. Specht, Geschichte 
des Unterrichtswesens in Deutschland. Stuttgart 1885, S. 208. 336) Scheuer, S. n/30. 



Quellen-Nachweise. SU 

357) Feifalikin den Sitzungsberichten der k. k. Akademie der Wissenschaften zu Wien. 
Phil.-histor. Klasse, XXXIII. Band. Wien, 1861, S. lösf. Scheuer, S. 12. 338) Scheuer, 
S. 11 f. 359) Edd. Kurz, III, S. 301. 340) Comoedia vom Studentenleben. Nach der 
Ausgabe von 1658. Herausgegeben von W. Fabricius. München 1892, S. 31. 341) 
Scheuer, S. 12 f. 342) Übertragen von Moritz Heyne. Leipzig 1897, XVI. und XVII. 
Bruchstück, S. 87 f. 343) Studentensprache tmd Studentenlied in Halle vor 100 Jahren. 
Halle 1894, S. XV. 344) Ebenda S. XV f. 345) Herausgegeben von A. SchuUem. Halle 
1885. 346) Joseph Anton Christ, Schauspielerleben im 18. Jalirhundert, veröffentlicht 
von Rudolf Schirmer. Ebenhausen-München 92. 347) Theatrum Diabolorum. 
Frankfurt a/M. 1569, 1, 250 a.b. 348) Göttingen. Nach seiner eigentlichen Beschaffen- 
heit zum Nutzen derer, die daselbst studieren wollen, von einem Unparteyischen. 

1791, S. i55ff. 349) G. W. K(indleben), Studentenlieder, 1781, S. 8of. 350) Wolff- 
heim, Prügelstrafe, S. 13. 351) L. Ennen in Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte 
N. F., II, Hannover 1873, S. 756. 352) Antiqnarius des Eibstromes. Frankfurt a/M. 
1741, S. 422. 353) Scheuer, S. 20. 354) Scheuer, S. 32, Anm. 123. 355) Edm. Kelter, 
Ein Jenaer Student um 1630. Jena 1908, S. 8ff. 356) Tholuck, S. 257, I. 357) Tho- 
luck, S. 272. 358) Tholuck, S. 2711. 359) (D.G.Herzog), Briefe zur näheren Kennt- 
niß von Halle. Von einem unpartheischen Beobachter, o. O. 1794, S. 96 f. 360) Scheuer 
S. 45. 361) Martin Schmeitzels Rechtschaffener Academicus, oder Gründliche An- 
leitimg, Wie ein Academischer Student Seine Studien und Leben einzurichten habe. 
Halle 1738. Anm. 37. 362) Carl Heun, Vertraute Briefe an edle edelgesinnte Jüng- 
linge, die auf Universitäten gehen wollen. Leipzig 1792, S. 84. 363) Carl Meiners, 
Kurze Darstellung der Entwickelung der hohen Schulen des protestantischen Deutsch- 
lands, besonders der hohen Schule zu Göttingen. Göttingen 1808. 364) C. Meiners, 
Über die Verfassung und Verwaltung deutscher Universitäten. Göttingen 1801, II. 
Band, S. 263 f. 365) Keil, Studentenleben, S. 138. 366) Keil, Stammbücher, S. 269. 
367) A. a. O., S. 13. 368) Idiotikon der Burschensprache. Germanien 1795. Neudr., 
S. 19 f. 369) Kindlebeu, S. 21. 370) Kindleben, S. 67 f. 371) Franz Eulenburg, Die 
Freqnenz der Deutschen Universitäten von ihrer Gründung bis zur Gegenwart. Ab- 
handlungen der Sächsischen Geschichte der Wissenschaften. Leipzig 1904, S. 53. 
372) Keil, Stammbücher, S. 249. 373) Briefe über Erlangen, Frankfurt und Leipzig, 

1792, S. 98 f. 374) E. G. Happelio, Der Akademische Roman. Herausgegeben von R. 
Schacht, Berlin (1913), S. 377. 375) Fr. Lichterfeld, Der Salamander, Westermanns 
Monatshefte, 37. Band (1874 — 1875), S. 404 ff. 376) J. F. W. Zachariae, Der Renom- 
mist (Reclam), 3. Gesang. 377) Karl Biedermann, Deutschlemd im 18. Jahrhundert. 
Leipzig 1880. 2. Band, S. 370. 378) Mauritius Cruciger, Leipzig im Profil. Ein Ta- 
schenwörterbuch für Einheimische und Fremde. Solothum 1 799, S. 93. 379) Cruciger, 
S. 148. 380) Erasmus Francisci, Der hohe Trauer-Saal oder Steigen und Fallen großer 
Herren. Zum andern Mal gedruckt. Nürnberg 1669 — 81, III. Band, XII, S. 336. 381) 
Dr. Heinr. Caspar Abelius . . ., Leib-Medicus der Studenten in vier Büchern verlast. 
Leipzig 1720) S. 336. 382) Gotthelf Lederer, Aus alten Tröstern. Westermann, Band 
31, 1872, S. 214. 383) Der Leipziger Student vor hundert Jahren. Leipziger Neu- 
drucke. Herausgegeben von G. Wustmann. Leipzig 1897, ^- 55^- 3^4) Hugo Hayn 
und Alfred N. Gotendorf, Bibliotheca Germanonim erotica et curiosa. München 1912 



212 Quellen-Nachweise. 

bis 14, I, S. 585 f. 585) Neudruck, Leipzig 1906, S. XIII. 586) Wilh, Fabricius, Die 
deutschen Corps. Berlin 1898, S. 109 ff. 587) Scheuer, S. 40. 588) A. a. O., S. 130, 
I. Band. 389) Scheuer, S. 41. 390) Wilh. Scherer, Geschichte der deutschen Litera- 
tur, 12. Aufl., Berlin 1910, S. 406. 391) Otto Jahn, Goethe in Leipzig. 2. Aufl., Leip- 
zig 1909, 77 f. 392) Christ. Thomasius, Von Nachahmung der Franzosen. Herausge- 
geben von August Sauer, Stuttgart 1894, S. 32. 393) Studentenronian, S. 192 ff. 594) 
Deutsches Bürgertiun und deutscher Adel im 16. Jahrhundert. 1. Teil. Hamburg 1907, 
S. 59 f. 395) Tholuck, I, S. 130. 396) Everhardus Guemerus Happelius, Der Acade- 
mische Roman. Worinnen das Studentenleben fürgebildet wird, ect. Ulm 1690. S. 208 ff. 
397) Andreas Musculus, Vom Hosenteufel. Herausgegeben von Max Osbom. Halle 
1894, S. VI. 398) Prophecey- vnd Weissagung vnseres Herrn Jesu Christi / von dem 
zu habenden vnglück vber deutschland. Durch D. Andream Musculum Anno 1557, 
Eiijalb. 399) ChristianThomasius, Kleine Teutsche Schriften, 3. Ausgabe. Halle 1721, 
S. 5i8ff. 400) A. a. O., S. 36. 401) D. Henrici Casparis Abelii Wohlerfahrner Leib- 
Medicus derer Studenten. Leipzig 1701, i6f, 82'f. 402) A.a.O., 37. 403) Scheuer, 
S. 43. 404) A. a. O., S. 29, No. 47. 405) A. a. O., 176, Studentensprache, S. 100. 
406) A. a. O., S. 26 f. 407) Tholuck, S. 272, 1. Band. 408) Keil, Stammbücher, S. 146. 
409) Keil, Stammb., S. 159. 410) Keil, Stammb., S. 162. 411) Keil, S. 174. 412) Keil, 
Stammb., S. 171. 413) Keil, Stammb., S. 190. 414) Keil, Stammb., S. 191. 415) Kind- 
leben, S. 143 f. 416) Keil, Stammb., S. 145. 417) Meiners, Verfassung, II. Band, S. 
261. 418) Scheuer, S. 27, Anm. 102. 419) Scheuer, S. 28. 420) Scheuer, S. 29. 
421) M. Schmeizels Rechtschaffener Academicus, oder Gründliche Anleitung, Wie ein 
Academischer Student Seine Studien und Leben gehörig einzurichten habe. Halle 
1738, S. 640. Scheuer, S. 29, 109. 422) Carl Heun, Vertraute Briefe an alle edelge- 
sinnte Jünglinge, die auf Universitäten gehen wollen. 2. Aufl., Leipzig 1794, S. 84. 
Scheuer, S. 29, 111. 423) C. F. Paulini, Philosophische Lustslunden. Frankfurt 1709, 
S. 434 ff. 424) Zimm ersehe Chronik, II, S. 31. 425) Verona, d. i. Hannover 1719. 
Das 6. Hundert, S. 15, XXIV. 426) Kopp, S. 20. 427) A. Pemwerth von Bämstein, 
Beiträge zur Geschichte und Literatur des deutschen Studententhumes von Gründung 
der ältesten deutschen Universität bis auf die Gegenwart mit besonderer Berück- 
sichtigung des XIX. Jahrhimderts. Würzbiirg 1882. 428) Dr. Karl v, Weber, Aus 
vier Jahrhunderten. Leipzig 1858, I, S. 457 f. 429) Scheuer, S. 42. 430) Stammbuch 
des Studenten, Stuttgart o. J., S. 59 f. 431) J. Andr. Schmeller, Bayrisches Wörter- 
buch, 2. Aufl. Bearbeitet von K. Frommann. München 1872 und 1877, S. 185. 432) 
C. Beyer, Studentenleben im 17. Jahrhimdert. Schwerin 1899, S. 5of. 453) Ru- 
deck, S. 115. 434) Janssen, VI, S. 59, 46, 47 f., 155 ff. 435) K. Th. Gaedertz, Gabriel 
Rollenhagen, sein Leben imd seine Werke. Leipzig 1881, S. 53 ff. 436) R. Prölß, Ge- 
schichte der dramatischen Literatur und Kunst in Deutschland von der Reformation 
bis auf die Gegenwart. Leipzig 1885, ^^- Band, S. 212 f. 437) Schauspiele. Herausge- 
geben v.Tittmann,S. 235 f. 438) Tittmann, S.XLV f. 439) Job. Fried. Löwens, Geschichte 
des deutschen Theaters (1766). Herausgegeben von Heinrich Stümcke, Berlin (1905), 
S. 13. 440) Creuzenach, S. 143 f. 441) A. Holtmont. Die Hosenrolle, München 1925. 
S. 116. 442) Janssen, VI, S. 417 f. 443) K. Konrad, Die deutsche Studentenschaft in 
ihrem Verhältnis zur Bühne und Drama. Berlin 1912, S. 128. 



VERZEICHNIS DER BILDER. 

Seite 
Der raufende Student. Aus Deadrono, Natürliche Abschildenmg des akademischen 

Lebens. Numperg, etwa 1725 Titelbild 

Das Kollegienhaus in Helmstedt im ij. Jahrhundert. Prospect des Jenischen Marckts. 

Kupferstich, Anfang des 18. Jahrhunderts 5 

Aus dem Studentenleben. Kupferstiche von Johannes Wolff, Anfang des 18. Jahr- 

himderts 5 

Der Schulmeister. Holzschnitt von Albrecht Dürer 15 

Unterricht im Singen, Lesen und Rechnen in einer Stadtschule mit einer Züchtigungsszene 

Lehrer mit den Schulgehilfen, den die umgekehrte Rute kennzeichnet. Aus dem 

Schulbuch Donatus grammaticus. Nürnberg, um 1500 15 

Herrscherin Rute: Albertus Magnus lehrt „secreta mulierum". Kölner Holzschnitt, etwa 

1480. — Lehrer mit drei Studenten. Schulbuchholzschnitt, i486. — Das 

Standessymbol des Lehrers. Augshuiger Holzschnitt von i:\,2^ 15 

Kaiser Maximilian, der letzte Ritter, beim Unterricht mit seinen Prügelkrmben. Holzschnitt 

von Leonhard Beck aus dem Weißkunig 15 

Vorlesung. Auch der Professor hält seinen Rohrstock bereit. Holzschnitt aus dem 

16. Jahrhundert 21 

Übende Scholaren. Aus de generibus ebriosorum. Anfang des 16. Jahrhunderts. — 

Eine Promotion im 16. Jahrhundert. Holzschnitt von Hans Weiditz ... 21 
Der Lebemann. Kupfer von Heinr. Ulrich. 17. Jahrhundert. — Die Verführerin. 

Kupfer von Crispin de Passe. 17. Jahrhimdert 21 

J.W.Meil: Religionsunterricht. 18. Jahrhundert. — Der fleißige Student beim Studium. 

17. Jahrhundert. — ^Fondemder Bur5c^. Anfang des 19. Jahrhunderts . . 21 

Dirne. Nach einem. Gemälde von Frans Hals 33 

Studenten beim Ballspiel im Ballhaus. 17, Jeihrhundert 33 

Die Trunkenheit. Kupfer von Daniel Hopfer 33 

Der fahrende Scholast als Musikant in einem Burggarten. Monogrammist W. H., 

15. Jahrhundert 33 

Einfahrender Kleriker und sein Liebchen. Handzeichnung aus dem 13. Jalirhundert . 41 
Bettelnde Schüler mit ihren Körben. Schülerelend. Nürnberg 1669. — Nachtkurrende in 

Nürnberg. 18. Jahrhundert 4^ 

Fahrende Schüler bei einem Lobgesang auf die Schlemmerei. Holzschnitt um 1500. Aus 

Rollos, Vita Comeiiana. 1610 4^ 

Goliarden bei Spiel und Trunk. Handzeichnungen aus der Benediktbeuemer Hand- 
schrift der Carmina Burana aus dem 13. Jahrhundert 41 



214 Verzeichnis der Bilder. 

Seite 
Albreclit Dürer : An der Quelle. Albertina, Wien 55 

Aus Ciceros Officio. Augshwrg iß^^. — Vom Hosen-Teuffel 53 

Erfurter Studentenaufruhr. Titelholzsclinitt eines Buches von Eobanus Hensus. — 

Studenten im Frauenhaus. 16. Jahrhundert 53 

Forlage für ein Stammbuchhild. Kupfer von de Bry. — Musik und Trunk, die Bundes- 
genossen der Verführung. — Wider den Huren-Teujffel 53 

Fahrende LHme, die Kumpanin des Fahrenden Schülers. Kupfer von Urs Graf, um 

1485—1550 ^5 

Der fechtende Student. — Der raufende Student. Aus Dendrono, Natürl. Abschilderimg 

des akademischen Lebens. Numperg, etwa 1725 65 

Der Fechtmeister. Augsburg 1699. — Fechten mit dem langen Schwert zu Anfang des 

16. Jahrhunderts 65 

Das Liebesleben des Studenten ä la Mode. Nürnberger Bilderbogen 65 

Aus Dijas Oratorium De Ritu Depositionis, oder Vem Deponiren der Bachanten. 

1666 77 

Vom Deponieren im 17. Jahrhundert 77 

Depositions gebrauche im ly. Jahrhundert 77 

Vom Deponieren im 17. Jahrhundert 77 

Stammbuchbilder aus dem ij. Jahrhundert. Landesbibliothek in Weimar .... 89 
Komm an mein Herze. — JVenn der Boden zu heiß wird. Lipperheidsche Kostüm- 
bibliothek 89 

Cornelius, der verbummelte Student. Aus Pugillus Facetiarum Iconographicarum von 

Joh. V. d. Heyden. Straßburg 1608. — Im Frauenhaus. Holzschnitt aus dem 

16. Jahrhundert 89 

Der gelehrte Büchernarr. Holzschnitt aus Brants „Narrenschiff". Basel 1495. — 

Gelehrter mit einem Scholaren. 16. Jahrhundert. — Fensterparade. Augsburger 

Holzschnitt von 1541 89 

Vom Hosenteufel und Riesenlatz. Kupfer von Virgil Solis. — Depositionsszene im 

endenden 17. Jahrhundert 101 

Der saufende Student. Aus Dendrono, Natürliche Abschilderimg des akademischen 

Lebens. Nürnberg, etwa 1725. — Der faule Student 101 

Auf dem Fechtboden. Academia seu speculum vitae scholasticae. Amheim 1612. — 

Ständchen vermummter Studenten 101 

Aus Winterschmidts Studentenleben. Nürnberg, um 1760 101 

Aus Vita Comeliana von Peler Rollo. Um 1630 109 

Aus Peter Rollos Vita Comeliana 109 

Der Herr Rektor läßt bitten. — Das Tagewerk des Burschen. Stammbücher aus der 

Lipperheidschen Kostümbibliothek, Berlin 109 

Zwei Holzschnitte aus Joh. Arnos Commenii, Orbis scnsualium pictus. Norim- 

bergae 1658 109 

Wüstes Studentengelage. Gemälde von Karel van Mander d. Ältere 117 

Der Cantus steigt auf der Bude. — Kneiperei. Lithographien etwa erstes Viertel des 

18. Jahrhunderts 117 

Spottbild auf den Wein. Augsburger Kupfer von 1621. — Ein Lob dem Rheinwein . 117 



Verzeichnis der Bilder. ai5 

Seite 

Henrick und Jacques Goldzius: Die Alte. — Akademische Gelage im i6. Jahrhundert 117 

Alhvecht Hür er: Das Liebchen (ISI achte Frau). Vaxis 155 

Schüler als Schauspieler. Aufführung eines Lustspieles von Terenz. Holzsclinitt vom 

Jahre 1496 135 

j^Ztdo/;/". Kupfer von Puschner. Mitte des 18. Jahrhunderts 155 

Strqßburger Akademische Bürger im. ly. Jahrhundert 155 

Das Hänseln der Fuhrleute. Stich aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts . . 141 
Der Alamode-Student als Jäger. Kupfer von J. E. Nilson. — In der Haus- und Arbeits- 
kleidung im Studiensaal oder Alumneum in Altdorf. Kupfer von Puschner. 

18. Jahrhundert 141 

Von nachtes hoßeren. — Von vnnutzem studieren Holzschnitte aus Seb. Brants 
„Narrenschiff". Basel 1495. — Der Herr Professor läßt sich nicht stören. 

Holzsclmitt von Hans Frank. 1518 141 

Im Cafe. Kupfer von J. E. Nilson 141 

In Enüflrtung^ CLydia). Kupfer nach W. Peters von W. Dickinsen 149 

Student als Schauspieler. Hintergrund einer Bühne mit Seitendekorationen. Kupfer aus 

dem 17. Jahrhtmdert 149 

Stilisierte Darstellung einer Studentenbühne. 6 Personen als Darsteller eines Stückes 
von Terenz vor dem zweirangigen ZuschaueiTaum. Straßburger Holz- 
schnitt von 1496 149 

fVanderkomödianten.Kwpf er vom Jahre 1751 149 

Joseph und das Weib des Potiphar. Stammbuchbild aus dem 17. Jahrhundert. — 
Foi-tuna. Stammbuchbild, Landesbibliothek in Weimar. — Fahrender. 

Kalenderbild aus dem Jahre 1475 161 

Aus Peter Rollos Vita Gomeliana. Um 1650 161 

Aus Peter Rollos Vita Gomeliana 161 

Der verschuldete Student. Winterschmidt, Studentenleben. Nürnberg, etwa 1760. — 

Der Lustige i6i 

Vorlage für ein Stammbuchbild oder Ex libris. Holzschnitt von Melchior Schedel. 

16. Jahrhundert 177 

Wie Bersabe Vriels des Ritters hussfrow sich zwug vnd badet jn eym Fenster da es der 

Künig Dauid von sjnem sal sehen und dar durch gegen jr jn unküschheit bewegt 

ward. Holzschnitt des jungen Albrecht Dürer aus dem Volksbuch Ritter 

vom Turm. Basel 1493. — Disputation. Kölner Holzschnitt vom Jahre 1507 177 

Vorlage für ein Stammbuchbild. 1648. — Marburg. Frankfurter Kupfer, 1623 ... 177 

Liebesabenteuer von drei Studenten. Titelblatt eines Fastnachtsschwankes von Hans 

Folz. Nürnberg, um 1780 17? 

Altes Schimpf bild auf die Clerici 1 85 

Sommerlust und Sommerfreude. Kupfer des Monogrammisten W. H. Ende des 

15. Jahrhunderts 185 

Das Prinz-Heinrich-Palais, später die Universität in Berlin. Kupfer von J. D. Schienen 185 

Em /!€i/3iger Stucimt „m Zoco Sccreto", Kupferstich, etwa 1750 185 

Tres faciunt Collegium. — Aquarell. Stammbuchblätter aus dem 1 8. Jahrhundert. 

Landesbibliothek Weimar ^97 



2 1 6 Verzeichnis der Bilder. 

Seite 
Schönsten und Pennal (v. d. Heyden, Pugillus). — Forlage zu einem Stammbuchblatt 1648 197 

Bilder ohne Worte. Aus Stammbüchern der Berliner Lipperheidschen Kostüm- 

bibliothek 197 

Die heilige Gertrud und der fahrende Schüler. Statue auf der Gertraudenbrücke in 

Berlin. Alice Matzdorff, phot •. ^97 

Der Student ä la Mode in Kiel. Kupfer aus dem 18. Jahrhundert 201 

In einer Studentenkneipe vor den Toren in Leipzig. Kupferstich aus dem Jahre 1745. — 
Ballspiel der Tübinger Studenten. 1589. Kupfer von L. Ditzinger nach 
J. Christof Neyffer 201 

Studenten um ly^o. Lipperheide. — Göttinger Bursche um 178 j. Kupfer von Riepen- 
hausen im Lauenberger Kalender. — Leipziger Studenten. Kupfer von 
Biepenhausen. 1785 201 

Studentenlust auf dem Marktplatz in Göttingen. Um 1750 ... 301 



INHALTSVERZEICHNIS. 

Zur Geschichte der deutschen Schule S. 2 / Prügelzucht in Klosterschulen. Streich- 
tage S. 5 / Die stumme Sünde S. 4 / Rutenhedarf in Klöstern S. 5 / Prügelknahen. Die 
Rute in Mädchenschulen S. 6 / Mißbrauch der Rute S. 7 / Sadisten als Schulmeister 
S. 8, 9, 10 / Rutenfeste der Schulen S. 11 / Charakteristik der Schüler von einst S. 12 / 
Adelige als Schüler. Schülerexzesse. Pennalismus in niederen Schulen S. 15 / Lehrer- 
roheit. Lehrer bei Dirnen S. 14 / Zustand der Schulrätune S. 15 / Wie Stadtschulen 
aussahen S. 16 / Bursen für Arm imd Reich S. 17 / Famuli. Die Mahlzeiten in den 
Bursen S. 18 / Hochmut der Lehrenden und Lernenden S. 19 / Studentenscherze. 
Studentenfeste S. 20 / Tanz und andere Vergnügen. Pariser Biu-sen S. 21 / Parisfahr- 
ten. Bursentyrannen S. 22 / Wohlleben in Bxu-sen. Der Trunk S. 23 / Teufelinne Weib. 
Zeloten und Heuchler S. 24 / Fahrende Schüler. Vagantenpoesie S. 25 / Goliarden. 
Vagantenerotik S. 26 / Der beste Liebhaber — der Student S. 27 / Trinklieder der 
Fahrenden. Liebeslieder S. 28 / Bettelpoesie S. 29 / Vagantenelend. Fahrende Kleriker 
S. 30 / Verbrecherische Fahrende. Der Student als Tausendkünstler S. 31 / Im Venus- 
berg. Studierte Bettler S. 32 / Luther als Bettelsänger. Sein Vagantenleben S. 33 / Der 
Bettelstudent S. 34 / Wohltätigkeit und Ungeziefer. Schützen und Bacchanten. Der 
Pauper S. 55 / Manuale scholariimi. Geistliche Tracht S. 36 / Unzüchtige Kleidimg. 
Räuberärmel, liederliche Wesen S. 37 / Pluderhosen. Modeneuerungen S. 38 / Der 
Hosenteufel. Leichtfertige Gemüter S. 39 / Hoffahrtsteufel. Ausgepolsterte Bäuche 
S. 40 / Das Gymnasium in Gera S. 41 / Schulordmuig in Gera S. 42 / Befreiung vom 
Bursenzwang. Sittenverfall S. 45 / Das goldene Zeitcilter. Freizügigkeit S. 44 / Studenten- 
dimen. Wittenberg S. 45 / Unzucht und Mutwille S. 46 / Der wilde Wallenstein als 
Student S. 47 / Ein vorbildlicher Professor S. 48 / Skandale in Lehrerfamilien S. 49, 
50, 51 / Der Student auf dem Rabenstein. Tübingen S. 52 / Prof. Robert v. Mohl 
S. 53 / Ausschreitungen in Tübingen S. 54 / Roheiten. Wilderer. Teufelspakt S. 55 / 
Diebstahl und andere Verbrechen S. 56 / Unfug in Marburg und Jena S. 57 / Studenten- 
fleiß. Akademische Frauenzimmer S. 58 / Studentenreue S. 59 / Raufereien, Fechten 
S. 60 / Hieb und Stoß. Duellmandate S. 61 / Wien, Prag, Ingolstadt S. 62 / Tanzen. 
Verfühnmg dtu-ch Dirnen S. 63 / Prostitution und Bordelle S. 64 / Dirnen in Leipzig, 
in Wittenberg, in Gießen S. 65 / Generalstellung und wüstes Gesicht. Geschlechts- 
krankheiten S. 66 / Jenenser Dirnen. Dirnen in Gießen S. 67 / Bordelle in Wetzlar. 
Königliche Anstalten. Der Eltern Schuld S. 68 / Bordelle. Gelegenheitsdimen. Käse- 
korb S. 69 / Dorfgänge. Glücksspiele. Akademische Behörden S. 70 / Milde Urteile. 
Im Karzer S. 71 / Vorrechte des Adels S. 72 / Adel und Bürger. Professorenbursche 
S. 73 / Akademische Bürger. Philister S. 74 / Deposition S. 75 / Depositionsgebühren 



2i8 InheJtsrerzeichnis. 

S. 76 / Das Depositionsverfahren S. 77 / Depositionslieder S. 78 / Ritus depositionis 
S. 79, 80 / Deposition S. 81 / Schorismus S. 82 / Pennalismus, Pennalschmaus S. 85 / 
Schoristen S. 84 / Tagewerk des Schoristen S. 85, 86 / Schoristen als Verbrecher S. 87 / 
Kampf gegen den Pennalismus S. 88 / Pennalismus. Heiratslust der Studenten S. 89 / 
Studentenehepaare S. 90 / Verlobungen und Hurenbrüche. Frau Studentin S. 91 / 
Brautschaften. Wohlverhaltungsverträge S. 92 / Väterliche Instruktion S. 93 / Bürsten- 
binder. Der studentische Trunk. Der Saufteufel S. 94 / Zechschulden. Saufteufel S. 95 / 
Höllenkinder S. 96 / Roheit. Trinkgelage. Blüten der Sauferei S. 97 / Orgien S. 98 / 
Sauf liedlein. Vom Komment. Das Zechrecht S. 99 / Volkmemn-Leander S. 100 / Deirf 
die „Jimgfrau" trinken? Bruderschaftstrinken S. 101 / Brüderschaft mit der „Jung- 
frau". Trinkarten S. 102 / Nasse WillkommengrüDe. St. Ulrich S. 103 / Von der Zer- 
brechlichkeit der Jungfrauenschaft. Jungfräuliche Defension S. 104 / Zech- imd Sauf- 
Disputation S. 105 / Ein Kommersbrauch. O Tannenbaum S. 106 / Der Salamander. 
Trimk und Professoren S. 107 / Hofnarr und Hochschullehrer. Professoren als Gast- 
wirte S. 108 / Melanchthons Brauprivilegium. Professoren als Schankwirte S. 109 / 
Der Nebenerwerb die Hauptsache. Universitäts- Schmause S. no / Lichterfest und 
Lichterschmaus S. 111, 112 / Aufwand bei Universitätsschmäusen S. 1 13 / Professoren 
als Gäste bei den Schmausen. Autoren-Honorare für die Professoren S. 114 / Stören 
der Hochzeiten und des Gottesdienstes S. 115, 116 / Königsberger Exzesse S. 116 / 
Französerei. Geschraubtheit S. 117 / Geschraubtheit S. 118 / Uneheliche Geburten in 
Universitätsstädten. Ein Studentenroman nach dem Leben S. 1 19 / Akademische Jung- 
frauen S. 120 / Heimliche Trauung. Uneheliche Kinder S. 121 / Kuppler. Universitäts- 
liebchen. Verführerinnen? S. 122 / Studentenkind. Kindesmord S. 123 / Gymnasiasten. 
Akademische Bürger S. 124 / Christliche Ermahnungen. Christian Thomasius S. 125 / 
Domenpfad der Tugend S. 126 / Niedergeing der Wissenschaften S. 127 / Unzucht in 
Bild \md Wort S. 128 / Katechismen. J. A. Comenius S. 129 / Ehrabschneiden S. 130/ 
Schüler als Schauspieler S. 131 / Lateinische Stücke S. 132 / Terenz und Plautus in 
den Schulen S. 133 / Schüler als Dimendeirsteller. Obszöne Komödien von Lehrern 
S. 134 / Freudenhausszenen in Schuldramen S. 135 / Voigts „Aegyptischer Joseph" 
S. 156 / Joseph und Frau Potipheir S. 137 / Schuldramen vom „Laster des Ehebruchs" 
und ähnliches S. 138 / Hans Pfriem oder Meister Kecks S. 139 / Sexuelle Aufklärung 
durch Schuldramen. Studentenkomödien S. 140 / Gnotenkampf S. 141 / Cornelius rele- 
gatus S. 141, 142 / Comoedia vom Studentenleben S. 143, 144 / Amantes amentes. 
Dramatisierte Sexualitäten S. 145 / Zwischenspiele S. 146 / Christian Weise. Biblische 
Dramen S. 147 / Singspiele S. 148 / Reuters „Harlekins Hochzeit" S. 149 / Der Schul- 
teufel S. 150 / Musik S. 151 / Frühere Studenten als Bühnenkünstler. Magister Veiten 
S. 152 / Der erste Wienerische Hanswurst S. 153 / Bandenführer Carl. Schauspiele- 
rinnen S. 154 / Komödiantinnen. Renommierliebchen S. 155 / Studenten und Dicht- 
kimst. Grobianus S. 156 / Pertransibat clericus S. 157 / Studentenlieder S. 158, 159 / 
Saufliedlein S. 160, 161 / Runda S. 162 / Gehamischte Venus S. 163 / Poesie im Stu- 
dentenlied S. 1 64 / Ich lobe mir das Burschenleben S. 1 65, 1 66 / Ch. W. Kindleben S. a 67 / 
Christian Weise S. 168 / Liedersammlungen S. 169, 170 / Jungfer- Gesänge S. 171 / 
Tabak. Soldaten und Studenten S. 172 / Fidibus. Toback und Koffee S. 173 / Ständchen. 
Klassische Studentenlieder. Landesvater S. 174 / Pasquille. Stammbücher S. 175 / Wil- 



Inhaltsverzeiclinis. 2iq 

heim Hauff S. 176 / Stammbuchpoesie S. 177, 178, 179 / StammLuchhumor S. 180, 181 / 
Stammhuch und Liebe S. 182 /Die Schönen im Stammbuch S. 183 /Burschenleben 
im Stammbuch S. 1 84 / Gesellenstammbuch. Gescheiterte Studenten S. 185 /Kind- 
leben. Gescheiterte Studenten S. 186 / Christian Reuter, Magister Laukhard, Jos. Ant. 
Christ S. 187 / Studenten als Moralisten. Universitäten im 18. Jahrhundert. Göt- 
tingen S. 188 / Erlangen S. 189 / Rebmann. Gottsched. S. 190 / Leipzig, Halle. 
Degen als Wahrzeichen S. 191 / Studententypen S. 192 / Der geckenhafte Student. 
Der Rüpel nach der Mode S. 195 / Halle a. Saale S. 194 / Filia hospitalis. Wäscherinnen 
S. 195 /Alte Verführerinnen. Studentenliebchen S. 196/ Jena. Cicisbeat S. 197 /Be- 
zahlte Liebhaber S. 198, 199 / ,,Der verliebte Student" S. 199 / „Die Charmante". 
Der Renommist S. 200 / Scharmanten. Hospitium S. 201 / Absaufen der Geliebten. 
J. F. W. Zachariä. Goethe als Student in Leipzig S. 202 / Leipzig und die Studenten. 
Friedrich Wilhelm HI. gegen die Studenten S. 205, 204 / Quellennachweise S. 205 — 212 / 
Bilderverzeichnis S. 215 — 216 / Inhaltsverzeichnis S. 217 — 219. 



Druck von 

Mänicke u. Jahn A.-G. 

in Rudolstadt