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Full text of "Sitzungsberichte der Physikalisch-medicinischen Societät zu erlangen"

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Boston 
Medical Library 



8 THE FENWAT 



Sitzungsberiolite 



der 



Physikalisch-medizinischen Sozietät 



m 



Erlangen 


Redigiert von Oskar Scholz 


39. Band 


1907 



-*4&*— 



ERLANGEN 
Kommissionsverlag von Max Mencke 
1908 



D2C29 1"19 



U»' 






Inhaltsyerzeichnls. 



Geschäftliche Mitteilangen: 

Stand der Mitglieder V 

A. Ordentliche Mitglieder V 

B. Ehrenmitglieder VII 

C. Korrespondierende Mitglieder IX 

Vorstand XI 

Tanschverkehr XII 

Eingelaufene Druckschriften 

A. Im Tausch verkehr XII 

B. Als Geschenk XXI 

Verzeichnis der in den Sitzungen vom 1. Januar 1907 bis 

31. Dezember 1907 gehaltenen Vorträge XXIII 

Wissenschaftliche Mitteilungen aus den Sitzungen 

und Abhandlungen 1 

Inhaltsverzeichnis des wissenschaftlichen Teiles des 

. 39. Bandes 561 



stand der Mitglieder 

am 31. Desember 1907. 

51 ordentliche, 54 Ehren- und 78 korrespondierende 

Mitglieder. 

In der folgenden Liste stehün die Abkürzungen: O.M. für ordent- 
liches Mitglied, EJf. für Ehrenmitgliedy K.M. für korrespondierendes 
Mitglied. Die Jahreszahlen beziehen sich anf die Zeit der Ernennung. 

A. Ordentliche Mitglieder* 

Apitzsch, Dr. H., Assistent am pharmazeut.-chem. Institut, 1896. 

Bever, Dr. G., Assistent an der Ohrenklinik, 1907. 

Bischoff, Dr. 0., kgl. Bezirksarzt, 1893. 

Busch, Dr. M., Prof. der Chemie, 1890. 

Cuno, Dr. E., Assistent am physikalischen Institut, 1907. 

Denker, Dr. A., Prof. der Ohren-, Nasen- und Kehlkopfheil- 
kunde, 1903. 

Fischer, Dr. 0., Prof. der Chemie, 1885. 

Fleischmann, Dr. A., Prof. der Zoologie, 1886. 

Friedheim, Dr. C, Prof. der Chemie in Bern, 1907. 

Fritsch, Dr. 0., prakt. Arzt, 1888. 

Fuchs, Dr. R. F., Privatdozent für Physiologie, 1901. 

Gerlach, Dr. L., Prof. der Anatomie, 1874. 

Gordan, Dr. P., Prof. der Mathematik, 1874. 

Graser, Dr. E., Prof. der Chirurgie, 1884. 

Gutbier, Dr. A., Prof. ftir Chemie, 1899. 

Haffner, Dr. G., Gymnasiallehrer, 1906. 

Hauck, Dr. L., Privatdozent für Haut- und Geschlechtskrank- 
heiten, 1901. 

Hauser, Dr. G., Prof. der patholog. Anatomie, 1881. 

Heim, Dr. L., Prof. der Hygiene und Bakteriologie, 1897. 

Heinz, Dr. R., Prof. ftir Pharmakologie, 1899. 

Henrich, Dr. F., Prof. für Chemie, 1901. 

Hermann, Dr. F., Prof. der Anatomie, 1884. 

Hetzel, Dr. K., prakt. Arzt, 1898. 



— VI — 

Jamin, Dr. F., Prof. der inneren Medizin, der Kinderheilkunde 

und der Pharmakologie, 1903. 
Jordis, Dr. E., Prof. für Chemie, 1902. 
Koeb erlin, Dr. H., Oberarzt an der Kreisirrenanstalt, 1885. 
Königer, Dr. H., Privatdozent für innere Medizin, 1904. 
Kreuter, Dr. E., Privatdozent für Chirurgie, 1905. 
Kryger, Dr. M. v., Prof. der Chirurgie, 1898. 
Lenk, Dr. H., Prof. der Geologie und Mineralogie, 1906. 
Limpach, Dr. L., Hofapotheker, 1893. 

Menge, Dr. K., Prof. der Geburtshttlfe und Gynäkologie, 1905. 
Merkel, Dr. H., Privatdozent für patholog. Anatomie, 1903. 
Nagel, Dr. M., Assistent an der Kinderklinik, 1907. 
Noether, Dr. M., Prof der Mathematik, 1875. 
Paal, Dr. K., Prof. der Chemie, 1887- 
Penzoldt, Dr. F., Prof. der inneren Medizin, 1874. 
Beiger, Dr. L., Prof. der Physik, 1902. 
Römer, Dr. F., Assistent am ehemischen Laboratorium, 1907. 
Rosenthal, Dr. I., Prof. der Physiologie, 1872. 
Schleich, H. v., Hauptmann und k. Kämmerer, 1906. 
Schulz, Dr. F. G., Geologe in Berlin, l907. 
Schulz, Dr. 0., Prof. für Physiologie, 1888. 
Solereder, Dr. H., Prof. der Botanik, 1900. 
Specht, Dr. G., Prof. der Psychiatrie, 1891. 
Spul er, Dr. A., Prof. für Anatomie, 1894. 
Wehnelt, Dr. A., Prof. der Physik in Berlin, 1900. 
Weichardt, Dr, W., Privatdozent f. experimentelle Therapie, 1905. 
Wiedemann, Dr. E., Prof. der Physik, 1886. 
Wttrschmidt, Dr. A., Direktor der Kreisirrenanstalt, 1898. 
Zander, Dr. E., Privatdozent für Zoologie, 1904. 



Eingetreten sind in der Zeit vom 1. Januar 1907 bis zum 
31. Dezember 1907 die Herren 

G. Bever, 0. de la Camp, E. Cuno, C. Friedheim, 
B. Funccius, M. Nagel, F. Römer, F. C. Schulz. 



Ausgetreten sind in derselben Zeit die Herren 

F. Bartel, L. Birckenbach, 0. de la Camp, B. Funccius, 
H. Schulze. 



— vn — 

B. Ehrenmitglieder. 

Ihre Königliche Hoheit Dr. Therese Prinzessin von Bayern, 1903. 
Seine Königliche Hoheit Dr. Karl Theodor Herzog in 

Bayern, 1888. 
Arrhenius, Dr. Swante, Prof. der Physik, Stockholm, KM. 

1895, E.M. 1904 
Baeyer, Dr. A. v., Prof. der Chemie, München, 1883. 
Branca, Dr. W. v., Prof. der Geologie, Berlin, 1903. 
Bütschli, Dr. 0., Prof. der Zoologie, Heidelberg, K.M. 1897, 

E.M. 1899. 
Ehlers, Dr. E., Prof. der Zoologie, Göttingen, O.M. 1869, E.M. 1874. 
Engelmann, Dr. Th. W., Prof. der Physiologie, Berlin, K.M. 1899, 

E.M. 1903. 
Eversbnsch, Dr. 0., Prof. der Augenheilkunde, München, 

O.M. 1886, EM. 1901. 
Exner, Dr. S., Prof. der Physiologie, Wien, K.M. 1901, E.M. 1903. 
Fischer, Dr. E., Prof. der Chemie, Berlin, O.M. 1882, K.M. 1886, 

E.M. 1895. 
Goebel, Dr. K., Prof. der Botanik, München, K.M. 1901, EM. 1903. 
Golgi, Dr. C, Prof. der allgemeinen Pathologie, Pavia, K.M. 1895, 

E,M. 1903. 
Groth, Dr. P., Prof. der Mineralogie, München, K.M. 1888, 

E.M. 1903. 
Haeckel, Dr. E., Exzellenz, Prof. der Zoologie, Jena, 1903. 
Hensen, Dr. V., Prof. der Physiologie, Kiel, 1901. 
Hering, Dr. E., Prof. der Physiologie, Leipzig, K.M. 1897, 

E.M. 1903. 
Hertwig, Dr. 0., Prof. der Anatomie, Berlin, K.M. 1889, E.M. 1899. 
Hoff, Dr. J. H. van't, Prof. der Chemie, Berlin, 1902. 
Jordan, Dr. Camille, Prof. der Mathematik, Paris, 1897. 
Kohlrausch, Dr. F., Prof. der Physik, Präsident der physikalisch - 

technischen Reichsanstalt a. D., Marburg i/H., K.M. 1883, 

E.M. 1896. 
Klein, Dr. F., Prof. der Mathematik, Göttingen, O.M. 1872, 

E.M. 1875. 
]^och, Dr. R., Exzellenz, Prof. der Hygiene, Berlin, K.M. 1883, 

E.M. 1895. 
Königsberger, Dr. L., Prof. der Mathematik, Heidelberg, 1904. 
Leber, Dr. Th., Prof. der Augenheilkunde, Heidelberg, 1899. 
Lenbe, Dr. W. v., Prof. der Medizin, Würzburg, O.M. 18G8, 
E.M. 1886. 



— VIII - 

Leyden, Dr. E. v., Exzellenz, Prof. der Medizin, Berlin, 1902. 
Lißter, Dr. Lord J., Prof. der Chirurgie, London, 1883. 
Michel, Dr. J. v., Prof. der Augenheilkunde, Berlin, O.M. 1873, 

K.M. 1878, E.M. 1895. 
Neumayer, Dr. G. v., Exzellenz, Neustadt i. Pf., 1906. 
Ostwald, Dr. W., Prof. der physikal. Chemie, Leipzig, K.M. 1895, 

E.M. 1897. 
Pfeffer, Dr. W., Prof. der Botanik, Leipzig, 1901. 
Picard, Dr. E., M. de Tlustitut, Paris, 1904. 
Ramsay, Dr. W., Prof. der Chemie, London, 1903 
Recklinghausen, Dr. F. v., Prof. der path. Anatomie, Straß- 
burg i. E., 1896. 
Retzius, Dr. 6., Prof. der Anatomie, Stockholm, K.M. 1895, 

E.M. 1901. 
Rindfleisch, Dr. 6.E. v., Prof. der path, Anatomie, Würzburg, 

K.M. 1883, E.M. 1899. 
Röntgen, Dr. C. v., Prof. der Phygik, München, K.M. 1889, 

E.M. 1897. 
Sattler, Dr. H., Prof. der Augenheilkunde, Leipzig, O.M. 1879, 

KM. 1886, E.M. 1895. 
Sämisch, Dr. 0., Prof. der Augenheilkunde, Bonn, K.M. 1887, 

E.M. 1899. 
Schuster, Dr. A., Prof. der Physik, Manchester, 1903. 
Schwendener, Dr. S., Prof. der Botanik, Berlin, 1901. 
Strasburger, Dr. E, Prof. der Botanik, Bonn, K.M. 1883, 

E.M. 1903. 
Strümpell, Dr. A. v., Prof. der Medizin, Breslau, O.M. 1886, 

E.M. 1904. 
Thomson, Dr. J. J., Prof. der Physik, Cambridge, 1903. 
Voit, Dr. C. V., Prof. der Physiologie, München, K.M. 1863, 

E.M. 1883. 
Volhard, Dr. J., Prof. der Chemie, Halle a.S., O.M. 1879, K.M. 

1882, E.M. 1904. 
Waldcyer, Dr. W., Prof. der Anatomie, Berlin, 1897. 
Weber, Dr. IT., Prof. der Physik, Braunschweig, 1899. 
Weber, Dr. II., Prof. der Mathematik, Straßburg i. E., 1900. 
Weismann, Dr, A., Exzellenz, Prof. der Zoologie, Freiburg i. Br., 

1897. 
Zehender, Dr. W. v., Prof. der Augenheilkunde* Eutin, 1899. 
Zeuthen, Dr. H. G., Prof. der Mathematik, Kopenhagen, 

1901. 



— IX — 

Zweifel, Dr. P., Prof. der Gynäkologie, Leipzig, O.M. 1876, 
E.M. 1887. 

Die Gesellschaft verlor durch Tod ihre Ehrenmitglieder 

M. Berthelot, H. Moissan, A. v. Rothmund, Sir W. 
Thomson Lord Kelvin. 

C. Korrespondierende Mitglieder. 

A r n 1 d , Dr. J., Exzellenz, Prof. de" path. Anatomie, Heidelberg, 1896. 
Au wer 8, Dr. K., Prof. der Chemie, Greifswald, 1897. 
Bäumler, Dr. Ch., Prof. der Medizin, Freiburg i. Br., O.M. 1872, 

K.M. 1874. 
Bertoni, Dr. G., Prof, der Chemie, Livomo, 1895. 
Blanckenhorn, Dr. M., Halensee-Berlin, O.M. 1890, K. M. 1903. 
Bokorny, Dr. Th., Gymnasial-Prof., München, O.M. 1888, K.M. 1896. 
Boström, Dr. E., Prof. der path. Anatomie, Gießen, O.M. 1879, 

K.M. 1881. 
Brill, Dr. A. v., Prof der Mathematik, Tübingen, 1894. 
Buchner, Dr. Ed., Prof. der Chemie, Berlin, 1897. 
Chiari, Dr H., Prof der path. Anatomie, Straliburg i. E., 1897. 
Curtius, Dr Th., Prof der Chemie, Heidelberg, O.M. 1886, 

K.M. 1896. 
D6j6rine, Dr J., Prof , M^decin de l'hospice deBicetre, Paris, 1895. 
Delpino, Dr. F., Prof. der Botanik, Neapel, 1875. 
Duncan, Dr M., Prof der Gynäkologie, London, 1883. 
Ebert, Dr. H., Prof. der Physik, München, O.M. 1887, K.M. 1894. 
Eberth, Dr C, Prof der path. Anatomie, Halle a. S., 1895. 
Ebner, Dr. V. v., Prof der Histologie, Wien, 1901. 
Elster, Dr. H., Prof der Physik, Wolfenbüttel, 1903. 
Eiterlein, Dr. A. v., Exzellenz, kais. ottoman. Unterstaats- 
sekretär, Konstantinopel, O.M. 1895, K.M. 1900. 
Engler, Cr. A., Prof. der Botanik, Berlin, 1902. 
Filehne, Dr W., Prof der Pharmakologie, Breslau, O.M. 1874, 

K.M. 1886. 
Fittig, Dr. K., Prof. der Chemie, StraUburg i. E., 1888. 
Fester, Dr B., Prof. der Medizin, Birmingham, 1866. 
Frommel, Dr. ß., Prof. der Gynäkologie, München, O.M. 1887, 

K.M. 1901. 
Geitel, Dr. 0., Prof der Physik, Wolfenbüttel, 1903. 
Günther, Dr, S., Prof. der Geographie, München, O.M. 1873, 
K.M, 1874, 



— X — 

Hadamard; Dr. J., Prof der Mathematik, Paris, 1899. 
Hansen, Dr. A., Prof der Botanik, Gießen, O.M. 1879, K.M. 1882. 
Hantzßch, Dr. A., Prof der Chemie, Leipzig 1901. 
Heller, Dr. A., Prof. der path. Anatomie, Kiel, O.M. 1869, 

K.M. 1872. 
Hertwig, Dr. B., Prof der Zoologie, München, 1889. 
Hubert, Dr. D., Prof. der Mathematik, Göttingen, 1899. 
Horsley, Dr. V., Prof. der Chirurgie, F. R. S., London, 1901. 
Hubrecht, Dr A., Prof der Zoologie, Utrecht, O.M. 1874, 

K.M. 1875. 
Karrer, Dr. F., Direktor der Irrenanstalt Klingenmünster, O.M. 

1872, K.M. 1883. 
Knoblauch, Dr. 0., Prof der Physik, München, O.M. 1889, 

K.M. 1896. 
Knorr, Dr. L., Prof. der Chemie, Jena, O.M. 1883, K.M. 1886. 
Kollmann, Dr J., Prof. der Anatomie, Basel, 1897. 
Kossei, Dr. A., Prof. der Physiologie, Heidelberg, 1903. 
Krause, Dr. W., Prof. der Anatomie, Berlin, 1861. 
Kries, Dr. J. v., Prof. der Physiologie, Freiburg i. Br., 1889. 
Lupine, Dr. Prof. der Medizin, Lyon, 1888. 
Lieben, Dr. A., Prof der Chemie, Wien, 1870. 
Limpricht, Dr H., Prof. der Chemie, Greifswald, 1856. 
Luciani, Dr. L., Prof. der Physiologie, Rom, 1895. 
Lttroth, Dr. J., Prof. der Mathematik, Freiburg i. Br., 1883. 
Marchand, Dr. F., Prof. der path. Anatomie, Leipzig, 1896. 
Meyer, Dr. E. v., Prof der Chemie, Dresden, 1897. 
Mosso, Dr A , Prof. der Physiologie, Turin, 1895. 
Munk, Dr. Herm., Prof der Physiologie, Berlin, 1897. 
Müller, Dr. W.,Prof d.path. Anatomie, Jena, O.M. 1856, K.M. 1861. 
Nernst, Dr. W., Prof. der physikal. Chemie, Berlin, 1897. 
Öbbeke, Dr. K, Prof. der Mineralogie, München, O.M. 1887, 

K.M. 1896. 
Orth, Dr. J., Prof. der path. Anatomie, Berlin 1897. 
Ost, Dr. H., Prof. der Chemie, Hannover, 1889. 
Ou de maus, Dr. C. A. J. A., Prof. der Botanik, Amsterdam, 1861. 
Planck, Dr. M., Prof. der Physik, Berlin, 1897. 
Prym, Dr. F., Prof. der Mathematik, WUrzburg, 1883. 
Radlkofer, Dr. L., Prof der Botanik, München, 1901. 
Raymond, Dr. F., Prof, Medecin de la Salpetrifere, Piiris, 1895. 
Röhrlng, Oberstabsarzt a. D., Nürnberg, O.M. 1886, K.M. 1896. 
Sarasin, Dr. Ed., Grand Sacounet, Genf, 1896. 



— XI - 

Schmidt, Dr G. C, Prof. der Physik, Münster i. W., O.M. 1893, 

K.M. 1900. 
Schwalbe, Dr. G., Prof der Anatomie, Straßburg i. E., 1886. 
Scbweinfurth, Dr. 6., Kairo, 1865. 
Segre, Dr, C, Prof. der Mathematik, Turin, 1901. 
Simon, Dr. H.Th., Prof derPhysik, Göttingen, O.M.1894,K.M, 1899. 
Steiner, Dr. J., Prof., prakt. Arzt, Cöln, O.M. 1876, K.M. 1879. 
Stintzing, Dr E., Prof. der Medizin, Jena, 1899. 
Tafel, Dr. J., Prof. der Chemie, Würzburg. O.M. 1884, K.M. 1902. 
Thiele, Dr. J., Prof der Chemie, Straßburg i. E., 1897. 
Uhthoff, Dr. W., Prof. der Augenheilkunde, Breslau, 1899. 
Vongerichten, Dr. E., Prof der Chemie, Jena, O.M. 1873, 

K.M. 1883. 
Wegsc heider, Dr. R., Prof. der Chemie, Wien, 1902. 
Weyl, Dr. Th., Privatdozent, Berlin-Charlottenburg, O.M. 1879, 

K.M. 1883. 
Wiedersheim, Dr. R., Prof der Anatomie, Freiburg i. Br., 1899. 
Wislicenus, Dr. W., Prof. der Chemie, Tübingen, 1897. 
Zunlz, Dr. N., Prof der Physiologie, Berlin, 1897. 

Die Gesellschaft verlor durch den Tod ihre korrespondierenden 
Mitglieder H. Hoyer, H. Ullrich. 



Vorstand. 

Vom 13. Mai 1907 an bestand der Vorstand aus den Herren 

Rosenthal, I., I. Vorsitzender, 
Wiedemann, E., IL Vorsitzender, 
Schulz, 0., Redakteur der Berichte, 
Gutbier, A, I. Schriftführer, 
Ja min, F., II. Schriftführer, 
Limpach, L, Rechnungsführer. 



- XII — 

TauschTerkehr. 

Za den GesellscbafteD, mit denen die Sozietät in Taaschyer- 
kehr steht, sind im Laufe des Jahres 1907 hinzugetreten: 

St. Petersburg: Russische Phjsiko-chemische Gesell- 
schaft; Physikalische Sektion. 
Galcutta: Asiatie Society of Bengal. 

Zusendungen von Bächern etc. für die Gesell- 
schaft wolle man direkt an die Physikalisch-medi- 
zinische Sozietät in Erlangen richten, die, sofern 
nicht besondere Empfangsanzeige verlangt wird, für ein- 
gegangene Schriften nur in dem folgenden Verzeich- 
nisse dankt. 



Verzeichnis 

der vom 1. Januar bis 81. Desember 1907 eingelaufenen 
Druckschriften. 

A. Im TauschTerkehr. 

Amsterdam, Koninklijke Akademie vanWetenschappen: Jaarboek 1906. 

— Verslag van de gewone Vergaderingen der wis- en 

natuurk. Afd. Letterkunde 8, 1907. — Rufius Grispinus. 

Carmen 1907. 
ArcachoD, Soci^tä scientifique et Station zoologique: Travaux 9, 1906. 
Augsburg, Naturhistorischer Verein für Schwaben u. Neuburg: Bericht 37. 
Aussig, Naturwissenschaftlicher Verein: Bericht. 
Baltimore, American Chemical Journal 36 (1906), Nr. 1—6. 87 (1907), 

Nr. 1-6. 38 (1907), Nr. 1-5. 

— John Hopkins University, Biological Laboratory : Memoirs. — 
Circular. 

Bambergs Naturforschende Gesellschaft: Beiicht 19. 20. 
Basel, Naturforschende Gesellschaft : Verhandlungen 19(1907), Nr. 1.2. 
Bat a via, Natuurkundig Vereeniging in Nederl.-Ind'ie : T^dschrift 66. 
Bautzen, Naturwissenschaftliche Gesellschaft Isis: Sitzungsberichte und 

Abhandlungen. 
Bergen, Bergens Museum: Aarbog 1906, 8. 1907, 1. 2. — Aarsberetning 

for 1906. — Sars, G. 0.: An Account of the Crustacea of 

Norway V, 17—20. — Meeresfauna von Bergen. 
Berkeley, University of California: Announcement of Publications. — 

Publications. Pathology 1 (1907), Nr. 8. 9. — Physiology 

3 (1907), Nr. 8. 9. 
Berlin, Akademie der Wissenschaften : Sitzungsberichte 1907, Nr. 1—63. 

— Botanischer Verein der Provi^iz Brandenburg: Verhandlungen 

48 (1906). 



- xni — 

Berlin, Deutsche ehem. Gesellschaft: Berichte 40 (1907), Nr. 1—18. 

— Geol. Landesanstalt und Bergakademie: Jahrbuch 24, 1903. 

— Verein ftir innere Medisin: Verhandlungen. 

— Medizinische Gesellschaft: Verhandlungen 37. 38. 

— Gesellschaft naturforschender Freunde: Sitzungsberichte. 

— Deutsche Physikalische Gesellschaft: Berichte 5 (1907), 

Nr. 1—24; enthaltend: Verhandlungen 9, 1907, Nr. 1—24 
und Literaturverzeichnis 6, 1907, Nr. 1—24. 

Bern, Naturforschende Gesellschaft: Mitteilungen 1609—1628. 

Bonn, Naturhistorischer Verein für die preußischen Rheinlande und West- 
falen: Verhandlungen 63, 2. 64, 1. — Sitzungsberichte 1906, 
Nr. 2. 

Bordeaux, Soci^tö des Sciences physiques et naturelles: M^moires. — 
Observations plumomötriques et thermomötriques 190.5/06. — 
Procös-Verbaux 1905/06. 

Boston, American Academy of Arts and Sciences: Proceedings 43, 
Nr. 1-11. 

— Society of Natural History: Proceedings 38 (1906), Nr. 3—9. 

— Naturalist vde: Salem. 

Brannschweig, Verein für Naturwissenschaften: Jahresbericht 

Bremen, Naturwissenschaftlicher Verein: Abhandlungen XIX, 1. 

Breslau, Schlesische Gesellschaft fßr vaterlftudische Kultur: Jahres- 
bericht 84, 1906 u. Erg.-Heft. 

Brooklyn, The Museum of the Brooklyn Institute of Arts and Sciences. 
Science Bulletin I, 9. 10. — Memoirs of natural scienoes. 

Brunn, Naturforschender Verein: Verhandlungen 44 (1905). — Bericht 
der meteorologischen Kommission 24 (1904). 

Brfissel, Acadämio Royale de Mödecine de Belgique: Bulletin S6r. IV, 

20 (1906), Nr. 11. 21 (1907), Nr. 1-11. 

— Aoad^mie Royale des Sciences, des Lettres et des Beanx- 

Arts de Belgique : Annuaire 1907. — Mömoires de la Glasse des 
Sciences in 8«: 2 (1907), Nr. 1. 2; in 4»: l,Nr. 8. 4. — Bulletin 
1906, Nr. 11. 12 (1907), Nr. 1—8. 

— Sooiötö Entomologique de Belgique: Annales 50 (1906). 
Sociät^ Royale de Botanique de Belgique : Bulletin 43 (1906/07), 

Nr. 1—3. 

— Soci^tö Beige de Geologie, de Paläontologie et d'Hydrologie: 

Procös-Verbaux 20 (1906), Nr. 3—6. — Bulletin: M6moires 

21 (1907), Nr. 1. 2. - Proc6s-Verbaux 21 (1907), Nr. 1—7. 
Budapest, Ungarische Akademie der Wissenschaften: Mathematische 

und Naturwissenschaftliche Berichte aus Ungarn 23 (1905). — 
Ertekez^sek a termöszettudom&nyok kdreböl. — l^rtekezösek 
a mathematikai tudominyok köreböl. — Mathematikai 68 
termöszettudomänyi l^rtesitö 24 (1906), Nr. 3—5. 25 (1907), 
Nr. 1. — Rapport 1906. 
BuenosAires, Museo Nacional : Anales Ser. III, t. 6. 7. — Comunicaciones. 



- XIV - 

Baenos Aires, Ministerio de agricultura. Secciön de zootecnia, bacterio- 
logla, veterinaria y zoologfa: Anales. 

— Deutscher Wissenschaf tlicber Verein: Veröffentlichungen. — 

Stöpel, K. Th.: Eine Reise in das Innere der Insel Forroosa 

und die erste Besteigung des Niitakayama '(Monnt Morrison)'. 

Weihnachten 1898. Buenos Aires 1905. 
Bukarest, Societatii de Sciinte Fizice: Buletinul 15 (1906), Nr. 5. 6. 

16 (1907). Nr. 1—4. 
Calcutta, Asiatic Society of Bengali Journal & Proceedings 1906: If, 

1—10. 1907: III, 1. — Memoirs V, 1, 1906: Nr. 1-19. 

Sppl. 1906. 
Cambridge (Engl), Philosophical Society: Proceedings 14, 1—3. — 

List of Fellows 1907. 

— (Mass.), Museum of Comparative Zoology at Harvard Col- 

lege: Bulletin 50 (1906), Nr. 6—9. 51 (1907), Nr. 1—6. 8. 

Report 1906/07. 
Chemnitz, Naturwissenschaftliche Gesellschaft: Bericht. 
Cherbourg, Society Nationale des Sciences Naturelles et Mathömatiques: 

Mömoires Ser. IV, 5 (1905/06). 
C h r i s t i a n i a , Kgl. Universität : Norges officielle Statistik. 
Chur, Naturforsch. Gesellschaft Graubündens: Jahresbericht 49. 
Cördoba, Academia Nacional de Ciencias de la Repüblica Argentina: 

Boletin. 
Dan zig, Naturforschende Gesellschaft: Schriften 12 (1907), Nr. 1. 
Dorpat siehe Jurjew. 
Dresden, Gesellschaft für Natur- und Heilkunde : Jahresbericht 1905/06. 

— Naturwissenschaftl. Gesellschaft Isis: Sitzungsberichte 1906: 

Juli— Dez. 1907: Jan.— Juni. 
Dublin, Royal Dublin Society: The economic Proceedings I, 9—11. — 
The 8cientificProoeed{ng8XI,13— 20. — Tran8aotionsIX,4— 6. 

— Royal Irish Academy : Proceedings Sect. A. vol. 26, 2. 27, 1—7. 

Sect. B vol. 26, 7—10. — Transactions. Sect. B 33. Tit. u. Inh. 
D ti r k h e i m , Pollichia : Mitteilungen 22. — Zwick, Hermann : Gnmdlagen 

einer Stabilitätstheorie fttrpassiv6Flngapparate'(Gleitflieger)* 

und für Drachenflieger ; die Hauptbedingnngen der Stabilität 

DUrkheim 1907. 
Edinburgh, Royal College of Physicians: Reports from the labo- 

ratory. 

— Botanical Society: Transactions. 

— Physioal Society: Proceedings. 

— Royal Society : Proceedings 26, 6. 27, 1—5. — Transactions 

45, 1. 2. 
E 1 b er f e 1 d , Naturwissenschaftlicher Verein : Jahresbericht. 
Emden, Naturforsch. Gesellschaft: Jahresbericht 90. 91. — Schriften. 
Florenz, Biblioteca Nazionale Centrale: BoUettino delle pubblicazioni 

italiane Nr. 75—84. 



- XV - 

Florenz, Istituto di Studi Saperiori: PabbHcazioni. — Sezione di med. e 
Chirurg. — Sex. di scienze fia. e natnrali. 

— SocietA Botanica Itallana: Ballettino. 

Frankfurt a. M., Ärztlicher Verein: Jahresbericht über die Verwaltung 
des Medizinalwesens, die Krankenanstalten und die öffent- 
lichen Gesundheits Verhältnisse der Stadt Frankfurt a. M 
48, 1904. — Tabellarische Übersiebten betreffend den Zivil- 
stand der Stadt Frankfurt a. M. 

— Senckenbergische Natnrforsch. Gei^ellschaft: Bericht 1907. 

— Abhandlangen. 29, 2. — Benutznngs-Ordnung für die 
Senckenbergische Bibliothek 1907. — Festschrift zur Er- 
innernng an die Eröffnung des neuerbanten Museums der 
Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft zu Frank- 
furt a. M. am 13. Okt. 1907. 

— Physikalischer Verein: Jahresbericht 1905/06. 
Frankfurt a. 0., Naturwissenschaftlicher Verein: Helios. Abhand- 
lungen und Mitteilungen aus dem Gesamtgebiete der 
Naturwissenschaften. — Societatum Litterae. 

Frauenfeld, Thurgauische Naturforschende Gesellschaft: Mitteilungen. 

Fr ei bürg i. B., Naturforschende Gesellschaft: Berichte. 

Fulda, Verein f. Naturkunde: Bericht. 

St Gallen, Naturwissenschaftliche Gesellschaft: Jahrbuch: 190C. 

Genf, Soci^tö dePhysique et d'Histoire Naturelle : Compte rendu 28 (1906). 

Gent, Kruidkundig Genootschap Dodonaea: Jaarboek. 

Genua, Accademia Medica: Bollettino. 

— Museo Civico di Storia Naturale: Annali S. III, 2. 
Gießen, Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde: Bericht 

Medizin. Abt. 1, 1906. 2, 1907. Naturwiss. Abt 1, 1904/06. 
Görlitz, Naturforschende Gesellschaft: Abhandlungen 25 (1906), 2. 
Göteborg, Kgl. Vetenskaps- och Yitterhets Sambälles: Handlingar. 
Gottingen, Gesellsch. der Wissenschaften : Nachrichten, Math.-pbys. Kl. 

1907, Nr. 1—4. — Geschäftliche Mitteilungen 1906, Nr. 2. 

1907, Nr. 1. 
Graz, Verein der Ärzte in Steiermark: Mitteilungen 44 (1907), Nr.l— 12. 

— Naturwissenschaftlicher Verein für Steiermark : Mitteilungen. 
Greifswald, Naturwissenschaft]. Verein für Neu- Vorpommern und 

Rügen: Mitteilungen 37. 38. 
Haarlem, Mus^e Teyler: ArchivesS^r. II, Vol. 10, Nr. 4. vol. 11, Nr. 1. 
Halifax, New Seotian Institute of Science: Proceedings andTransactions 

XI, 2. 
Halle a. S., Raiserl. Leopoldino-Carolinische Deutsche Akademie der 

Naturforscher: Leopoldina 43 (1907), Nr. 1-12. 

— Naturforschende Gesellschaft: Bericht 

^ Naturwissenschaftlicher Verein für Sachsen und Thüringen: 

Zeitschrift fUr Naturwissenschaften 78, Nr. 6. 79, Nr. 1—6. 

Hamburg, Naturwissenschaftlicher Verein in Harn bürg- Altena: Ver- 



~ XVI - 

handlungen III. Folge, 14. — Abhandlungen XIX, 1. 2. 
Hamburg, Verein fttr naturwissenschaftl. Unterhaltang: Verhandlungen 

13 (1905-07). 
Hanau, Wetterauische Gesellschaft für die gesamte Naturkunde: Bericht. 
Hannover, Naturhistorische Gesellschaft: Jahresbericht. 
Heidelberg, Natnrhistorisch-Medizinischer Verein: Verhandlungen N. 

F. VIII, 8. 4. 
Helsingfors, Societas pro Fauna et Flora Fennica: Acta 27. 28. — 

Meddelanden. — Herbarium Mnsei Fennici Meddelanden. 

— Societas Scientiamm Fennica: Acta. — Bidrag tili kännedom 

of Finlands Natur och Folk. — Öfversigt. — Obseryat. 

publikes par Tlnstitut mötöorlogiqne central. — Observations 

mötöorol. p. p. rinstitut mötöorol. central. — Exploration 

Internat, des rögions polaires 1882/84. — Expedition pol. 

finlandaise III. — l^tat des glaces et des neiges 1895/96. 
Helsingfors, Sociötö Finlandaise de g^ographie: Meddelanden. 
Jekaterinb urg, Soci^tö Ouralienne de Mödecine: M^moires 15. 
Innsbruck, Naturwissenschaftlich-Medizin. Verein: Berichte 30 (1905/07). 
Jurjew, Naturforschende Gesellschaft: Archiv fttr die Naturkunde Liv., 

Esth- u. Kurlands. — Sitzungsberichte XV, 2-4. XVI, 1. 

Schriften. 
Karlsruhe, Naturwissenschaftlicher Verein: Verhandlungen. 
Kasan, Sociöt^ Physico-Mathömatique : Bulletin Ser. II, T. 15, 3. 
Kassel, Verein für Naturkunde: Abhandlungen und Berichte 51. 
Kiel, Naturwissenschaftlicher Verein in Schleswig- Holstein: Schriften 

xm, 2. 

Kiew, Soci^tö des Naturalistes : M^moires 20, 2. 

Klausen bürg (KolozsvÄr), Siebenbilrgischer Museumsverein: Sitzungs- 
berichte. 

Königsberg i. Pr., Physikalisch- Ökonomische Gesellschaft: Schriften 
47 (1906). 

Kopenhagen, K. Danske VidenscabemesSelskab: Oversigt 1906, Nr. 6. 
1907, Nr. 1—4. 

— Naturhistorisk Forening: Meddelelser. 

— Medicinske Selskab: Forhandlinger 1906/07. 

La Haye, Soci^tö Hollandaise des Sciences: Archives Nöerlandaises 

des Sciences exactes et naturelles Ser. II. 12, Nr. 1—5. m. 

Progr. 1907. 
Lancaster&Ne w- Y o r k, American Mathematical Society : Bulletin S£r. 2 

vol. XIII, 5—10. XIV, 1—5. Register 1007. 
Landshut, Botanischer Verein: Bericht. 
La PI ata, Facultad de Agronomia y Veterinaria: Revista Epoca II, 2, 

Tomo II, Nr. 4—6. 
Lausanne, Soci6t6 Vaudoisedes Sciences Naturelles: Bulletin 157—160. 

— Procfes-Verb. zu vol. 43. pag. I— LVIIL — Observations 



- XVII - 

m^t^orologiqnes faites k 1a Station m^töorologiqne du 
Champ de-FAir. Institute agricole de Lausanne 1906. 

Lawrence, Kansas University: Science Bulletin IV, 1—6. — Bulletin, 
Annual, on the Mineral Resources of Kansas 1902/08. — 
Survey, The University Geological, of Kansas: VIII, 1904. 

Leipzig, Jablonowskische Gesellschaft: Jahresbericht 1907. 

— Natnrforschende Geaellschaft: Sitzungsberichte 83. 

— Sächsische Gesellschaft der Wissenschaften, Mathematisch- 

Physikal. Klasse: Berichte 1906, Nr. 6-8. 1907, Nr. 1—8. 

— Medizinische Gesellschaft: Berichte. — Verhandlungen 1906. 
Linz, Museum Francisco -Garolinnm: Jahresbericht 6ö, 1907 nebst 

den Beiträgen zur Landeskunde von Österreich o. d. Enns. 
Liefrg. 59. 
London, Nature Nr. 1946—1999. 

— Hathematical Society : Proceedings Ser. II. vol. IV, 7. vol. V, 

1—7, vol. VI, 1. — List of Members 1907/08. 

— Royal Society: Proceedings Series A: 527— 584. Series 

B: 528—535. — Transactions Ser. A, vol. 207, p. 1—544. 
Ser. B, vol. 199, p. 31—392. — List of Members. — Year- 
Book. — Record. — Reports to the Malaria Committee. 

— Reports to the Evolution Committee. — Obituary notices 
of fellows of the Royal Soc. — Reports of the Sleeping 
Sickness Gommission. — Reports of the Commission for 
investigation of mediterranean fever 5—7. 

Lüneburg, Naturwissenschaftlicher Verein für das Fürstentum Lüneburg : 

Jahreshefte 7 (1905-07). 
Lttttich, Soci6t6 Royale des Sciences de Li6ge: Mömoires 7. 
Luxemburg, Institut Grand Ducal, Section des Sciences natur., phys. et 

mathöm.: Publications. — Archives trimestrielles 1906, 3. 4. 

— Soci^tö Botanique du Grand-Duchö de Luxembourg: Kecueil. 
Luzern, Naturforsehende Gesellschaft: Mitteilungen 5, 1907. 
Madison (Wisc), Wisconsin Academy of Sciences, Arts and Letters: 

Transactions 15 (1904), Nr. 1. 

— Wisconsin Geological and Natural History Survey: Bulletin. 
Magdeburg, Naturwissenschaftlicher Verein: Jahresbericht und Ab- 
handlungen. 

Mailand, Reale Istitnto Lombardo di Scienze e Lettere: Rendiconti 39 
(1906), Nr. 17-20. 40 (1907), Nr. 1-16. 

— Societ4 Italiana di Scienze Naturali: Atti 45, 8. 4. 46, 1. 2. 

— Memorie. — Elenco dei soci Istituti scientifici corre- 
spondenti. Indice generale. 1906. 

Manchester, The Manchester Literary & Philosophical Society: Me- 
moire and proceedings 51 (1906/07), Nr. 2. 3. 52(1907/08), Nr.l, 

Marburg, Gesellschaft zur Beförderung der gesamten Naturwissen- 
schaften: Sitzungsberichte 1906. 1907. 

Marseille, Facult^ des Sciences: Annales. 



— XVIII - 

Melbourne, Royal Geographical Society of Australasta: Transactions. 
Meriden, Scientific Association: Transactions. 

Mexico, Instituto geolögico de M6xico: Boletin 22. 24. — Parergoues. 
Milwaukee (Wisc), Public Museum of the City: Report 25 (1906/07). 

— Natural History Society: Bulletin 5 (1907), Nr. 1—3. 
Minneapolis, Geological and Natural Survey of Minnesota: Bulletin. — 

Report. 
Missoula (Montana): Bulletin of the University of Montana. Biological 

Ser. 13. — Geological Ser. 2. — Annual Report 1905/06. — 

AnnouDcement for 1907. — Register 1905/06. 1906/07. 
Montevideo, Museo Nacional: Anales. — Seccion histörico filosöfica. 
Moskau, Sociöt^ Imperiale des Naturalistes: Bulletin 1905, Nr. 4. 1906, 

Nr. 1-4. 
München, Gesellschaft für Morphologie und Physiologie: Sitzungs> 

berichte 22. 23, 1. 

— Ärztlicher Verein: Sitzungsberichte 16 (1906). 

— Wochenschrift für Tierheilkunde und Viehzucht. 

— Deutsche Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Ur- 

geschichte: Korrespondenzblatt 38 (1907), Nr. 1—12. 

— Ornithologischer Verein: Verhandlungen der Ornitholog. 

Gesellschaft in Bayern 6. 7. 
Münster i. W., Westfäl. Provinzial- Verein für Wissenschaft und Kunst: 

Jahresbericht. 
Neapel, Accademia dclle Bcienze Fisiche e Matematiche (Sezione della 

Societä Reale di Napoli): Rendiconto 45 (Ser. III» vol. 12), 

Nr. 9—12. 46 (Ser. III» vol. 13), Nr. 1—7. 

— Annali di Nevrologia 24 (1906), Nr. 5. 6. 25 (1907), Nr. 1—3. 

— Zoologische Station: Mitteilungen 18, Nr. 2 — 4. 

— II Tommasi. Giornale di Biologia e di Medicina 2 (1907), Nr. 8. 
Neuchätcl: Sociöt6 des Sciences Naturelles: Bulletin. 

New York, Academy of Sciences: Annais. — Memoirs. — Transactions. 

— siehe Lancaster. 

N ürnb erg, Medizinische Gesellschaft u, Poliklinik: Jahresbericht 1906. — 
Sitzungsberichte 1906. 

— Naturhistorische Gesellschaft: Abhandlungen XVI, XVil. 

— Ärztlicher Lokalverein: Sitzungsberichte 1906. 

— Germanisches Nationalmuseum: Anzeiger 1906, Nr. 1—4. — 

Mitteilungen. 
Odessa, Sociät6 des Naturalistes de la Nouvelle Russie: Mömoires. 
Offenbach, Verein für Naturkunde: Bericht. 
Osnabrück, Naturwissenschaftlicher Verein: Jahresbericht. 
Palermo, Circolo Matematico: Annuario 1907. — Rendiconti 23, 1—3. 
Paris, Soci6t6 de Biologie: Comptes rendus et M^moires 1907, Nr. 1—39. 

— Soci^tö Linn^enne: Bulletin. 

— Soci6t6 Zoologique de France: Bulletin 32, 2. 

— Soci^tö Fran^aise de Physique: Ordre du jour Nr. 255 — 272, 



— XIX — 

— Bulletin 1906: 3. 4. 1907: 1—3. — Collection de mimoireB 

relat. k la physiqae. 
Pas 8 au, Naturhistorisoher Verein: Bericht. 
Perugia, Universitä, Facoltd di medicina : Annali. 
Petersburg, Acadömie des Sciences: Bulletin Ser. VI, 1907: 1 — 18. 

— Hortns Petropolitanus : Acta. 

— Hort US Universitatis: Scripta. Fase. 24. 25. 

— Sociöt^ des Naturalistes : Section de Botanique, Bulletin. — 

Comptes rendus 1906, Nr. 7. 8. 1907, Nr. 1—6. Travaux 35 
(1906), 5. 6. 36 (1907). 3. — Section de Geologie et de Minera- 
logie, Travaux. — Section de Zoologie et de Physiologie, 
Travaux. 

— Soci^te physico-chimique russe; Chem. Sektion: Journal 

38 (1906), Nr. 2—6. 8. 9. 39 (1907), Nr. 1—8. — Protokoly. 
Philadelphia, Academy of Natural Sciences: Proceedings 1906, 
Nr. 3. 1907, Nr. 1. 2. 

— College of Physicians : Transactions. Ser. 3, vol. 28. — Summary 

of the Annual Report of the library committee for 1906. 

— Wagner Free Institute of Science : Transactions. 

— American Philosophical Society : Proceedings 184—186. — The 

Record of the celebration of the two hundredth anniversary 
of the birth of Benjamin Franklin 1906. I. 

Pisa, Scuola Normale Superiore (Scienze Fisiche e Matematiche) : Annali. 

Prag, Königlich Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften: Jahres- 
bericht 1906. — Sitzungsberichte (Mathematisch-Natur- 
wissenschaftliche Klasse) 1906. 

— Lese- und ^Redehalle der deutschen Studenten: Bericht. 

— Deutscher naturwissenschaftlich -medizinischer Verein für 

Böhmen „Lotos" : Sitzungsberichte. N. F. 26 (1906). 27 (1907), 

Nr. 1-3. 
Regensbnrg, Naturwissenschaftlicher Verein: Berichte. 
Riga, Naturforscher-Verein : Korrespondenzblatt 49. 50. — Arbeiten. 
Rio de Janeiro, Museu Nacional: Archivos. 
Rochester, Academy of Sciences: Proceedings. 
Rom, Accademia dei Lincei: Kondiconti (Classe di Scienze fisiche 

etc.) XVI, Sem. I, Nr. 1—12. Sem. II, Nr. 1—12. - 

Rendiconto deir adunanza solenne 1907. 

— Accademia Medica: Bullettino. 

— Gazzetta Chimica Italiana 37 (1907), I, Nr. 1—6. 11, Nr. 1—6. 
St. Louis, Missouri Botanical Garden: Keports. 

Salem, Essex Institute: Naturalist 331. 361. 415. 484. — Bulletin. 
San Francisco, California Academy of Sciences: Proceedings. 
Santiago (Chile), Soci6tö Scientiiique du Chile: Actes 15 (1905), 
Nr. 3-5. 
— Deutscher Wissenschaftlicher Verein: Verhandlungen. 

Stockholm, SvenskaVetenskaps Akademie: Handlingar 41 (1906), Nr. 4* 



— XX - 

42 (1906), Nr. 2—9. — Entomologiska Förening: Tidskrift 28. 

— Arkiv för Botanik 6, 3. 4. — Arkiv für Matematik, Astro- 
nomi och Fysik. 3, 2—4. — Arkiv för Komi, Mineralogi 
och Geologi 2, 4—6. — Arkiv för Zoologi 3. 3. 4. — 
Arsbok 1907. — Meddelanden frSn E. Vetenskapsaka- 
demiens Nobelinstitut Bd. I, 7. 

Strasburg, Kais. Universitäts- u. Landes Bibliothek: Monatsberichte der 
Gesellschaft der Wissenschaften, des Ackerbaues und der 
Künste im ünterelsaß 39, 1—9. 40, 1-9. 41, 1-4. 

Stuttgart, Verein für vaterländische Naturkunde in Württemberg : Jahres- 
heft 63 mit Beilage. 

Thorn, Coppemicus-Verein für Wissenschaft a. Kunst: Mitteilungen 
XIV. XV. — Jahresbericht. 

Tokio, Medizinische Fakultät der Kaiserl. Japanischen Universität: 
Mitteilungen VII, 1—3. 

Toulouse, Acadömie des Sciences, Inscriptions et Beiles Lettres: 
Mömoires X, 6. — Bulletin. 

Tri est, Museo Civioo di Storia Naturale: Atti. 

— Societä Adriatica di Scienze Naturali: BoUettino. 
Tufts College (Mass.): Studios. 

Turin, R. Accademia delle Scienze (Scienze Fisiche, Matematiche e Natu- 
rali): Atti 42, Nr. 1-15. — Memorie Ser. II, Vol. 57. 

— Osservazioni Meteorologiche 1906—07. 

Ulm, Verein für Mathematik und Naturwissenschaften: Jahreshefte. 

Upsala, Läkareförening: FörhandlingarN. F. XII, Nr. 1—6. 

Utrecht, Provincial Utrechtsch Genootschap: Aanteekeningen 1907. — 

Verslag 1907. 
Washington, National Academy of Sciences: Memoirs. 

— Smithsonian Institution : Miscellancous Oollections. — licport 

1670. 1671. 1673. 1674. 1683. - Bulletin of the Philosoph. 
Society XV, p. 1—56. 

— Library of the Surgeon Generals Office: Index-Cataloguc 

XII, 1907. 

— United States Geological Survey: Monographp. — Mineral Re- 

sources of the U. S. Calendar Year. — Water-Supply and Irri- 
gation Papers. — Bulletin. — Professional Paper. — Report, 
Wien, Akademie der Wissenscliaften (Mathematisch-Natui-wissenschaft- 
liche Klasse): Sitzungsberichte. Abt. 1: 114 (1905), Nr. 1—10. 
115 (1906), 1-10. Abt. II»: 115(1906), Nr. 1—10. Abt. IIb: 
115 (1906), Nr. 1—10. — Abt. III: 115 (1906), Nr. 1—10. 

— Anzeiger 1907. — Mitteilungen d. prähistor. Komm. d. 
kais. Akad.d. Wiss. — Mitteilungen der Erdbeben Kommission 
d. Kais. Akad. d. Wiss. 31. 

— Zoolog.-Botanische Gesellschaft: Verhandlungen 56. 57. 

— Naturhistorisches Hofmuseum: Annalen 20 (1905), Nr. 4. 

21 (1906), Nr. 1. 2. 



- XXI - 

Wien, Geologische ReichBanstJtlt : Jahrbuch bl, Nr. 1—4. — Verhand- 
lungen 1906, Nr. 14—18. 1907, Nr. 1—14. 

— Naturwiasensehaftl. Verein an der Universität: Mitteilungen 

1906, Nr. 7-10. 1907, Nr. 1-11 & Reg. zu 1908—6. — Fest- 
schrift zur Feier des 25jShr. Bestandes 1907. 

— Verein zur Verbreit naturwiesenschaftl. Kenntn. : Schriften 47. 
Wiesbaden, Nassauischer Verein für Naturkunde : Jahrbücher 60 (1907). 
Winterthur, Naturwissenschaftliche Gesellschaft: Hitteilungen. 
WtirBburg,Physika].-Mediz. Gesellsehaft: Sitzungsberichte 1906,Nr. 1—7. 

— Verhandlungen. 

Zürich, Naturforschende Gesellschaft: Neujahrsblatt. — Vierteljahr- 
schrift 61 (1906), Nr. 2-4. 52 (1906), Nr. 1. 2. 

Zwickau, Verein für Naturkunde: Jahresbericht 1904—05. 



B. Als Gesehenk. 

Armstrong, S. T.: The hospitals of Puerto Principe, Cuba. (S.-A. 1900.) 
Sarasin, Ed. u. Tommasina, Th.: Sur quelques modifications qui 

prodnisent le dödoublement de la courbe de dösactivation 

de la radioactivitä induite. (S.-A.) 

— — : De reifet des Zorans en toile m^tallique sur le rayonnement 

secondaire de radioactiTit6 induite. (S.-A.) 
Elster, J. n. Geitel, H.: Ober die Radioaktivität der Erdsubstanz und 
ihre mögliche Beziehung zur Erdwärme. (Beil. z. Jahresb. 
d. Gymn. z. Wolfenbüttel 1907.) 

— — : Über die Abscheidung radioaktiver Substanzen aus 

gewöhnl. Blei. (S.-A. 1906.) 

— — : Über die Radioaktivität des Bleies. (S.-A.) 
Kollmann, J.: Varianten am Os occipitale, besonders in der Umgebung 

des Foramen occipitale magnum. (S.-A.) 
Comptes-rendus des travanx du Laboratoire de Carlsberg 7. 1. Copen- 

hague 1907. 
Jttdson, Adoniram B. (New York): The prevention of deformity after 

infantile paralysis by recumbency during the stage of recession 

(S..A.) 
Poe Verl ein, Hermann: Beiträge z. Kenntnis der deutschen Melampyrum- 

Arten. II. (S.-A.) 

— — : Beiträge z. Kenntnis d. bayer. Veronica-Arten II. (S.-A.) 

— — : Beiträge z. Flora der bayer. Pfalz III. (S.-A.) 

— — : Die Literatur über Bayerns floristische, pflanzengeograph. 

u. phänologisehe Verhältnisse. (S.-A.) 
Jahresbericht d. König]. Bibliothek zu Berlin für 1905/06. 
Archives des sciences biologiques p. p. l'Institut imp^r. de mödecine 

expiriment a St. Pötersbourg 12 (1906) Nr. 4. 5. 13 (1907), 

Nr. 1. 2. 



- xxn - 

Feuille de renBeignements pour biologistes. Auskunftsblatt fttr Biologen. 

1907, Nr. 2—7. [Dorpat.] 
Noble, Charles P.: Fibroid Tumors of the Uterus (S.-A. 1906.) 
Les Prix Nobel 1903-1905. 

Proceedings-of the Physical Society of London 20, 4—6. 
Report of the Rensington Hospital for Women 23, 1906. 
Report, Annual of the Henry Phipps Institute for the Study, Treatment 

and Prevcntion of Tuberculosis. 2, 1904/05. 3, 1905/06. 
Report, Annual. (Bellcvue and Allied Hospitals, City of New York) 5, 1906. 
Rundschau, Gynäkologische. 1 (1907), Nr. 4. 7. 14. 
Spisuv poctenych jnbilejni ceuou kril. Spolecnosti Niuk v Praze. 18. 
C6lebration du deuxi^me D6cennaire de la Sociötö beige de Geologie, 

de Paläontologie et d'Hydrologie et Manifestation en 

Phonneur de M. Ernest van den Broeck 1907. 



- XXIII - 
Sitznngen. 

Die physikaliscbinedizinische Sozietät hielt vom 1. Januar bis 31. De- 
zember 1907 neun Sitzungen ab, deren wissenschaftliches M<'iter]al in dem 
nachstehenden Verzeichnis aufgeführt und größtenteils in den Abhand- 
lungen und kurzen Mitteilungen dieses Bnndes niedergelegt ist 

Verzeichnis der in den Sitzungen gehaltenen Vorträge. 

Sitzung am 17. Januar 1907 

im Hörsaale des hygienisch-bakteriologischen Instituts. 
W. Weichardt: Ober serologische Studien. 

Diskussion: Spuler, Heim, Schulz, Paal, Gutbier, Weichardt. 

Sitzung am 18. Februar 1907 

im Hörsaale des zoologischen Instituts. 
A. Fleischmann: Die Resultate meiner Phallusstndien und ihr Ver- 
hSltnis zur Deszendenztheorie. 

Diskussion: Gerlach, Spaler, Fuchs, Fleischmann. 

Sitzung am 6. März 1907 

im Hörsaale des anatomischen Instituts. 
A. Denker: Was befähigt die Papageien zu sprechen? 

Diskussion: Hermann, Rosenthal, Spuler, Heim, Specht, Denker. 
L. Gerlach: Demonstration eines Mttskeltorsos. 

Diskussion: Hermann, Jamin, Gerlach. 

Sitzung am 18. Mai 1907 

Im Hörsaale des physiologischen Instituts. 
A. Spuler: Zur Lehre von den Blutlymphdrttsen. 

Sitzung am 17. Juni 1907 

im Hörsaale des pathologischen Instituts. 
G. Hauser: Über extremen Hochstand des Zwerchfells bei einem Falle 

von Ileus. 
0. Schulz: Die Zusammensetzung der Darmgase bei dem gleichen Falle. 
Diskussion: Rosenihal, Jordis, Menge, Fuchs, de laCamp, Graser, 
Hauser, Schulz. 

Sitzung am 8. Juli 1907 

im Hörsaale des poliklinisch-pharmakologischen Instituts. 
0. de la Camp: Über Wirbelsäulenperkussion mit Demonstrationen. 

Diskussion: Hauser, Spuler, Jamin, de la Camp. 
R. F. Fuchs: Über den Einfluss des Lichts auf den Organismus. 

Diskussion: Weichardt. 
A. Spul er: Über die Entwicklung der Neurogiia. 



— XXIV - 

Stiftungnisitsung am 20. Jali 1907 

auf Birkners Keller. 
E. Gräser: Lord Lister and Ernst von Bergmann. 

Sitaung am 19. November 1907 

im Hörsaale des chemischen Laboratoriums. 
A. Gutbier: Henri Moissau. 
E. Jordis: Berthelot. 
A. Spnler: Über die Entwicklang der Scheide ans dem Sinus arogenitalis. 

Sitaiing am 10. Deaember 1907 

im Hörsaale des physiologischen Instituts. 
I. Rosenthal: Zar Theorie der Enzyme. 

Diskussion: Paal, Busch, Roseuthal. 
0. Schulz: Die Lebenswichtigkeit der Schilddrüse. 

Diskussion: Weichardt, Hauser, Heim, Denker, Spuler, Rosenthal, 
Fuchs, Schulz. 



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Studien über das Rhodium. 
Das Atomgewicht des Rhodiums. 

Von Alfred Hfittlinger. 
Aus dem chemischen Laboratorium der Universität Erlangen. 

Einleitung. 

Die Platinmetalle, zu denen bekanntlich das ßhodinm ge- 
zählt wird, sind seit der Mitte des 18. Jahrhunderti^ bekannt. 
1750 wnrde das Platin zum ersten Male von Watson beschrieben, 
nachdem die erste Nachricht über dieses Metall durch den 
spanischen Mathematiker Antonio de Ulloa nach Europa 
gebracht worden war. Seiner silberähnlichen Farbe wegen 
wurde dem im goldhaltigen Sande südamerikanischer Flüsse 
aufgefundenem Erze der Name Piatina gegeben, das Deminu- 
tivum des spanischen Wortes plata, zu deutsch: Silber. Bald 
wurde eine genauere Untei*suchung des Platinerzes durch den 
Direktor der Stockholmer Münze, Scheffer, veröfientlicht, und im 
Anfange des 19. Jahrhundert, 1803, entdeckte Wollaston neben 
Platin in dessen Erz noch zwei neue Elemente, das Rhodium und 
das Palladium. In rascher Aufeinanderfolge fand Tennant im 
Jahre 1804 das Iridium und Osmium, während Claus im Jahre 
1845 das Ruthenium in den Platinerzen entdeckte. In der 
Folgezeit fanden bedeutende Forscher, wie Berzelius, Davy, 
Vauquelin, Döbereiner durch Untersuchung der neuauf- 
gefundenen Elemente Gelegenheit, hervorragende Arbeiten auf 
diesem Gebiete zu liefern. 

Das Vorkommen der Platinerze blieb nicht allein auf den 
goldhaltigen Sand amerikanischer Flüsse beschränkt; vielmehr 
wurden bald bedeutende Lager von Platinerz in verschiedenen 
Distrikten des Uralgebirges entdeckt, die heute noch die größte 
Ausbeute liefern. Von weiteren Fundorten sind hauptsächlich 
zu nennen: Brasilien, Kalifornien, Borneound die Insel Sumatra. 
An diesen Stellen findet sich das Platin zwar stets gediegen, 

SitKongsbcrichte der pbya.-meü. Soe. 39 (1907). 1 



— 2 — 

aber nie im reinen Zustande sondern stets legiert mit wechseln- 
den Mengen von Palladium, Rhodium, Iridium, Osmium und 

Ruthenium. 

Hauptsächlich dem letzteren Umstände ist es zuzuschreiben, 
daß die Darstellung von chemisch reinem Platin solch' große 
Anforderungen an die Technik stellte und es langjähriger Er- 
fahrung bedurfte, bis Verfahren ausgearbeitet wurden, die be- 
friedigende Resultate der Reindarstellung des Platins wie 
seiner Begleiter ergaben. Es würde zu weit führen, die Ge- 
winnung und Trennung sämtlicher Platinmetalle an dieser Stelle 
zu schildern; ich will mich aus diesem Grunde darauf be- 
schränken, die Gewinnung und Trennung des Rhodiums, dem 
diese Arbeit gewidmet ist, aus den Platinerzeu zu beschreiben. 

Wie oben erwähnt, wurde das Rhodium von Wollaston im 
Jahre 1803 entdeckt und verdankt seinen Namen der rosen- 
roten Farbe mancher seiner Salzlösungen. In den Platinerzen 
findet sich das Rhodium bis zu ca. 4,6®/q, während der Prozent- 
gehalt an Rhodium im Osmiumiridium noch steigt, ja im 
Rhodiumgold von Mexiko eine Höhe von 34 bis 43 Prozent 
erreicht. 

Das eigentliche Material zur Herstellung von Rhodium 
bilden vor allen Dingen neben Osmiumiridium die durch Fällen 
der Mutterlauge von der Platingewinnung mit Eisen oder Zink 
erhaltenen Rückstände : ^) 

1. Die Rückstände werden mit verdünnter Salpetersäure 
erwärmt, in einem eisernen Kessel mit 0,5 kg Kalilauge und 
5 kg Wasser auf 1 kg Rückstand gekocht, mit einem Teil Chlor- 
natrium nach dem Trocknen vermischt und im Porzellanrohr 
bei schwacher Rotglut mit Chlor behandelt. Man löst hierauf 
in Wasser, dampft zur Entfernung des größeren Teils Chlor- 
natrium ein. erhitzt zur Überführung des vorhandenen Iridium 
in Chlorid mit Salpetersäure und behandelt mit konz. Lösung 
von Ammoniumchlorid, hiedurch wird Ammoniumiridiumchlorid 
gefällt, während Ammoniumhexachlororhodiat mit rosenroter 
Farbe in Lösung bleibt. Durch wiederholte fraktionierte Fällung 
läßt sich schließlich alles Rhodiumsalz abscheiden^). 



*) Da mm er, Anorg. Chem. 3, 861. 

*) Claus. Gmelin-Krautß Hdb., 6. Aufl., 3, 1257/1258. 



— 3 - 

2. Man schmilzt die erwähnten Rückstände mit einem Teil 
Blei nnd einem Teil Bleioxyd bei Botglat; der Regulas enthält 
alle Metalle, die schwerer als Blei oxydierbar sind, während 
die Verunreinigungen der Rückstände sich in der Bleischlacke 
finden. Behandelt man weiter mit verdünnter Salpetersäure, so 
gehen Blei nnd die anderen Beimengnngen in Lösung, die zu- 
rückbleibende, pulverige, metallische Masse wird, wie in 1. 
beschrieben, mit Chlornatrium gemengt und im Ghlorstrom anf- 
geschlossen. Man behandelt nach dem Erkalten mit Wasser, 
wodurch alles Rhodium als Natriumhexachlororhodiat in Lösung 
geht, erwärmt mit Salpetersäure und entfernt durch fraktionierte 
Fällnng mit Ammoniumchloridlösung alles Iridium; die jetzt 
erhaltene Lösung verdampft man zur Entfernung von Ammonium- 
chlorid zur Trockene, mengt den Rückstand mit 3 bis 4 Teilen 
Schwefel und erhitzt im Porzellantiegel, der von Kohlenpulver 
umgeben in einem Schmelztiegel steht, zur starken Rotglut. 
Der Tiegelinhalt wird nach dem Erkalten mit Königswasser, 
dann mit konz. Schwefelsäure ausgekocht und so im Rückstande 
noch unreines, fein verteiltes Rhodium erhalten. Unter Um- 
rühren schmilzt man letzteres mit 3 bis 4 Teilen Zink zusammen 
nnd löst die erkaltete Masse in Königswasser; beim Eindampfen 
dieser Lösung kristallisiert gelbes Chloropentamminrhodichlorid 
ans, welches durch Umkristallisieren zu reinigen ist^). 

3. Bei der Darstellung von Palladium erhält man einen 
in Salpetersäure unlöslichen Rückstand von Iridium, Ruthenium 
nnd Rhodium. Etwa 0,4 kg dieses mit Aramoniumchlorid schwach 
geglühten Rückstandes schmilzt man mit ca. 3 kg Zink unter 
Zusatz von Ammoniumchlorid und erhält die Temperatur 2 bis 
3 Stunden wenig über dem Siedepunkt der Lösung. Den 
untersten Teil des Tiegelinhaltes, meist ein gut kristallisierter 
Regulus, schmilzt man nochmals mit 0,5 kg Zink unter Zusatz 
von Ammoniumchlorid, granuliert in Wasser und behandelt mit 
rauchender Salzsäure. Die hiebei als schwarzes Pulver zurück- 
bleibenden Platinmetalle werden, mit Bariumchlorid gemischt, 
längere Zeit im Chlorstrom auf schwache Glühhitze erhitzt 
und in Wasser gelöst. Durch Schwefelsäure entfernt man das 



») Claus. N. Petereb. akad. BuU. 2, 158; 4, 453 ;.J. 1856, 444; Beitrag 
zur Chemie der PlatinmetaUe 1854 ; J. pr. 85, 229 ; G i b b s. J. pr. 84, 65 ; 94, 1 0. 



— 4 — 

Bariumchlorid und leitet in die auf 100® erwärmte Lösung 
mehrere Tage Wasserstoff. Aus dem erhaltenen Metallgemenge 
entfernt man durch Königswasser, Keduzieren mit Wasserstoff 
und nochmaliges Aufschließen im Ghlorstrome bei Gegenwart 
von Bariumchlorid alles Platin und Palladium und trennt das 
Rhodium vom Iridium durch Eindampfen mit Salzsäure und Be- 
handeln in der Kälte mit viel überschüssigem NaHSOj; man 
erhält das Rhodium * als amorphes, zitronengelbes Natrium- 
doppelsalz^). 

Zur Reinigung des so erhaltenen Rhodiums geht Jörge nsen*) 
folgendermaßen vor: Er schließt dasselbe durch Schmelzen mit 
Zink auf und versetzte die auf oben beschriebene Weise er- 
haltene, nach geschehener Oxydation des Iridiumchlor ürs mit 
Salpetersäure und Ammoniumchlorid von Iridium befreite Lösung 
mit Ammoniak im Überschuß. Gelbes Chloropentamminrhodi- 
chlorid kristallisiert aus. Man verdampft auf dem Wasserbade 
zur Trockene und behandelt solange mit warmer verdünnter 
Salzsäure, bis die Waschfltissigkeit nicht mehr gefärbt wird. 
Es löst sich nur wenig des Rhodiumsalzes hiebei auf; das in 
siedendem Wasser gelöste Salz filtriert man heifi in verdünnte 
Salzsäure ein. Sofort beginnt die Abscheidung kleiner, gelber 
Kristalle des Chlorochlorids, welches man durch nochmaliges 
Umkristallisieren aus heißem, verdünntem Ammoniak chemisch 
rein erhält. Durch Glühen dieses Salzes im Kohlentiegel und 
darauffolgendes Schmelzen im Kalktiegel mittelst des Knall- 
gasgebläses, wobei die letzten Spuren von Osmium und Sili- 
cium entfernt werden, erhält man das geschmolzene, reine 
Metall. 

Das uns zu vorliegender Untersuchung zur Verfügung stehende 
Rhodium zeichnete sich durch hervorragende Reinheit aus, und 
ich möchte nicht versäumen, der Firma W. C. Heraeus in 
Hanau, die uns 100 g des reinen Präparates zur Verfügung 
stellte, an dieser Stelle den besten Dank auszusprechen. Leider 
ist es nicht möglich, die Reindarstellung des Materials zu 
schildern, da uns obengenannte Firma schon in einem früheren 
Schreiben bedeutet hat, daß sie bedauere, keine Ausführungen 



») Bunsen. A. 146, 265; J. 1868, 280. 

«) Jorgensen. J. pr. Chem. [2] 27, 433, 489. 



— 6 — 

iiber die HerstelluDg; des reinen Präparates geben zu können, 
da sie die ßeindarstellnng der Platinmetalle mehr oder minder 
als ihr Fabrikgeheimnis betrachte. 

I. Oxyde des Rhodiums. 

Theoretischer Teil. 

Nach Wilm^) erhält man durch Glühen von fein gepulvertem 
Rhodium im Luftstrome das Rhodiumoxydul RhO, während 
Claus die Behauptung aufstellte, daß nur rutheninmhaltiges 
Rhodium die Eigenschaft, sich an der Luft in höherer Tempe- 
ratur zu oxydieren, in hohem Grade besitze. Wir fanden durch 
unsere Versuche, die im nachfolgenden experimentellen Teil 
Erwähnung finden, die Auf Stellungen von Wilm insofern be- 
stätigt, als chemisch reines Rhodium in hervorragendem Maße 
die Eigenschaft besaß, sich an der Luft bei erhöhter Tempe- 
ratur zu oxydieren. Wilm stellte mit reinem Rhodium zwei 
übereinstimmende Versuche an, die eine Gewichtszunahme von 
12,96®/^, Sauerstoff ergaben, während der Formel des Rhodium- 
oxydul 13,29 ^/o Sauerstoff entspricht. Bei unseren Versuchen 
konnten wir dagegen eine so gut definierte Verbindung als 
Wilm nicht erhalten, da eine Gewichtszunahme von 10,32% 
Sauerstoff beim 1. Versuche, von 16,94% bei Zuhilfenahme 
einer stärkeren Wärmequelle erzielt wurde. Wir setzten als- 
dann die Versuche fort, indem wir die Bedingungen derart 
änderten, daß chemisch reines Rhodium nicht mehr in der Luft, 
sondern im Sauei-stoffstrome erhitzt wurde und erreichten hier- 
bei eine Gewichtszunahme von 21,66 ^/^ Sauerstoff. Die Resultate 
dieser Versuche können also dahin zusammengefaßt werden, daß, 
wie schon A. Gutbier und P. Ransohoff^) bei ihren Studien 
über die Verbindungen des Ruthenium mit Sauerstoff gefunden 
haben, auch beim Erhitzen von pulverförmigem, chemisch reinem 
Rhodium an der Luft keine wohldefinierte Sauerstoffverbindung 
erhalten wird. Vielmehr ist es sehr wahrscheinlich, daß das 
Glühprodukt ein inniges Gemenge von Rhodiumdioxyd und 
Rhodium ist, was auch Gutbier und Ransohoff im gleichen 
Falle beim Ruthenium angenommen haben. 

») Wilm, Ber. 1882, 2225. 

') A. Gutbier und F. Ransohoff. Z. Anorg. Chemie Bd. 45, 
243. (1905). 



— 6 — 

Die im experimentellen Teil folgenden KuiTen geben ein 
anschanliches Bild von der Oxydation des Bhodiums an der 
Luft bezw. im Sauerstoffstrome. Das gebildete Produkt ist 
schwarz, wird nicht sogleich durch Wasserstoff reduziert, wohl 
aber beim gelinden Erwärmen. 

Das wasserhaltige Hydrat des ßhodiumsesquioxydes Rh(0H)3 
-f- H3O wurde durch Fällung von ßhodiumsalzlösungen mittels 
Kalilauge als zitronengelbes Pulver von wechselnder Zusammen- 
setzung, je nach der Konzentration der Kalilauge, erhalten. 
Es bildete das Ausgangsprodukt ,zur Darstellung der später er- 
wähnten, in Wasser löslichen Halogenverbindungen des Rhodiums. 
Frisch gefällt ist es in konzentrierter Kalilauge mit orange- 
gelber Farbe löslich, wird aber aus dieser Lösung beim Ver- 
dünnen wieder abgeschieden. Nach Descotils^) befindet es 
sich in der Lösung als „Rhodiumoxydkali". 

Das iiach Glaus^) durch anhaltendes Einteilen von Chlor 
in eine Lösung des Rhodiumsesquihydrats in konzentrierter Kali- 
lauge dargestellte Rhodiumdioxydhydrat konnten wir auf gleiche 
Weise erhalten und demselben auch auf Grund mehrfacher Be- 
stimmungen des Rhodiums, wie des aktiven Sauei^toffs, die von 
Claus aufgestellte Formel RhaOj • RhOg + 6 H3O zu erkennen. 
Den ebenfalls nach Claus, durch weiteres Einleiten von Chlor in 
obige Lösung hervorgerufenen flockigen, blauen Niederschlag, 
der rhodiumsaures Kalium enthalten soll, konnten wir nicht 
isolieren, obwohl wir mehrere Male eine prachtvoll tiefblau 
gefärbte Lösung über dem grünen Rhodiumdioxydhydrat erhalten 
hatten. Diese tiefblaue Färbung der Lösung hatte sich erst 
nach längerem Stehen gebildet, verschwand aber nach mehreren 
Tagen wieder, um einer vollständig farblosen Flüssigkeitsschicht 
Platz zu machen. 

Zum Schlüsse unserer Studien über die Oxyde des Rhodiums 
stellten wir noch verschiedene Versuche über die Einwirkung 
des Hydrazins auf Rhodiumsalzlösungen an. Dieselben hatten 
das Ergebnis, daß in Rhodiumsalzlösungen durch Hydrazin wohl 
ein flockiger, schwarzer Niederschlag entsteht, der zum größten 
Teile aus Rhodium besteht, allein zur quantitativen Abscheidung 



Gmelin-Kraut, Bd. 3, 8. 1261. 

») Claus. N. Pctersb. akad. Biül. 2, 177. 



läßt sich obiger Niederschlag erst dann verwerten, wenn er 
nochmals im Bosetiegel im Wasserstoffstrom reduziert wird. 
Mit einem Worte, Hydrazin vermag Rhodiumsalzlösnngen nicht 
vollständig za metallischem Rhodinm zu reduzieren. 

Experimenteller Teil. 

Um das nach Wilm durch Erhitzen von chemisch reinem 
Rhodium an der Luft dargestellte Rhodiumoxydul, RhO, zu er- 
halten, verfuhren wir, wie folgt: 

In einem Porzellantiegel, der zum Schutze vor den redu- 
zierenden Flammengasen in einen größeren gestellt wurde^ 
wurde ca. 0,5 g chemisch reines Rhodium abgewogen und über 
freier Flamme an der Luft erhitzt. Nach je V2 ständigem Er- 
hitzen wurde der Tiegel in den Exsikkator gebracht und nach 
einer weiteren V2 Stunde gewogen. Dies wurde solange wieder- 
holt, bis der Tiegel konstantes Gewicht zeigte und bei noch 
so starkem Erhitzen keine Gewichuszunahme mehr erfuhr. Das 
Resultat, das durch den auf solche Weise geleiteten Versuch 
erzielt wurde, mag außer .durch die unten folgenden Zahlen, 
durch das beiliegende Bild der Kurve I veranschaulicht 
werden. 

Es mag hier allgemein bemerkt sein, daß bei sämtlichen 
der Arbeit beiliegenden Kurven die Angaben der Zeit auf der 
Abscisse eingetragen wurden, während die Zahlen der prozen- 
tualen Gewichtszunahme an Sauerstoff auf der Ordinate ihren 
Platz fanden. 

Kurve I zeigt uns somit ein langsames, stetiges Ansteigen 
des Sauerstoffgehaltes des Rhodiums beim Eihitzen mit ein- und 
dei-selben Flamme eines Teklubrenner, was auch aus den er- 
haltenen Zahlen folgt: 



— 8 



11 

10 
9 
8 
7 
6 
5 

5 
2 

1 












































































-« 














-^ 







^ 


















/ 


^ 






















/ 


r 






















V 


/ 
























/ 
























/ 


























/ 


























/ 
























/ 


























/ 



























Stunden )^)^^1 Vh % Th ^ itz h ^yz h hJz % 

Kurve I. 

Versuch I. Angewandtes Rhodium: 0,5488 g. 



2^.^ Gewichtszunahme 


Prozentgehalt 


an Sauerstoff 


*/,>^ 


0,0108 


1,968 


»» 


0,0292 


5,32 




» 


0,0356 


6,487 




1 


0,0434 


7,908 




• 


0,0470 


8,565 




» 


0,0506 


9,22 




n 


0,0510 


9,29 




» 


0,0519 


9,457 




►1 


0,0539 


9,82 




» 


0,0560 


10,22 






0,0566 


10,32 




)i 


0,0566 


10,32 



Eioe Probe des so erhaltenen Produktes wurde aoalysiert 
und der obiger Tabelle entsprechende Prozentgehalt an Rhodium 
gefunden. 

0,1124 g Subst. 0,1018 g Rh. 
Ber. Rh = 89,68^0- Gef.: Rh = 90,57^0- 



— 9 — 

Bei Versuch n warden nun die Bedingungen insofern ge- 
ändert, als der die abgewogene Menge Rhodium enthaltende 
Porzellantiegel zunächst im Trockenschranke von 50® G. ab 
viertelstundenweise um je 10® höher erhitzt wurde, wobei nach 
V4 stundigem Erkalten lassen im Exsikkator jedesmal eine Wägung 
vorgenommen wurde. Hierbei zeigte sich, daß, abgesehen von 
einer ganz minimalen Gewichtszunahme bei 100® C, das Gewicht 
bis 170® C. konstant blieb. Höher konnte die Temperatur im 
Trockenschranke nicht mehr gebracht werden; daher wurde der 
Tiegel, nachdem er zum Schutze vor den reduzierenden Flammen- 
gasen in einen größeren gestellt worden war, nunmehr über 
der freien Flamme eines Mikrobrenner in viertelstündigen 
Zwischenräumen mit jedesmaliger Wägung nach dem Erkalten 
bis zu konstantem Gewicht erhitzt. Dem Mikrobrenner folgte 
ein gewöhnlicher Bunsenbrenner, der bereits eine Temperatur 
von über 360® C. erreichte, während beim Mikrobrenner noch 
eine Temperatur von ca. 290® C. im Innern des Tiegel nach- 
gewiesen werden konnte. Der Bunsenbrenner wurde alsdann 
durch einen Teklubrenner, ja später durch zwei solcher Brenner 
abgelöst, um zum Schlüsse, als auch hier konstantes Gewicht 
erreicht war, durch das Gebläse ersetzt zu werden. Die Zeit, 
während welcher das Rhodium vor jedesmaliger Wägung an 
der Luft geglüht wurde, war inzwischen von einer Viertelstunde 
auf eine halbe Stunde beim Bunsenbrenner, auf eine ganze 
Stunde beim Teklubrenner erhöht worden, während beim Er- 
hitzen vor dem Gebläse je 10 Minuten für genügend befunden 
worden waren. Die Zeit des Erkaltenlassens im Exsikkator 
wurde dagegen mit einer halben Stunde stets beibehalten. 

Kurve Ha veranschaulicht uns denn auch sehr deutlich die 
Oxydation des Rhodiums an der Luft und zeigt insbesondere sehr 
schön durch jedesmaliges, stärkeres Anwachsen den Beginn des 
Erhitzens mit einer neuen, stärkeren Wärmequelle. 

Figur üb zeigt nur die abgekürzte Kurve Ha, um den 
zuletzt besprochenen Umstand noch deutlicher hervortreten zu 
lassen. 

Die zahlenmäßigen Belege für den Versuch II sind die 
folgenden : 



10 — 



c 

3 

a 

3 



-^ ^9 ch 



$ ^ j 



et) _^ 



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— 11 — 



Angewandtes Bhodium: 0,6618 g. 



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Tempeimtar, 


zunähme 


^/«ü 


1 Zeit 


Temperatur 


Gewichte- 
aunahme 


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0,0327 


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0,0333 


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0.0348 


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0,0010 


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8,40 


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0,0660 


10,13 


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120» 


0,0010 


0,15 


„ 


a1 


0,0668 


10,25 


»7 


130» 


0,0010 


0,15 


„ 


Sä 


0,0725 


11,12 


if 


140<» 


0,0010 


0,15 


»» 


%l 


0,0742 


11,39 


M 


150» 


0010 


0,15 




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0,0747 


11,46 


» 


160* 


0,0 »10 


0,15 


V« 


s^ 


0,0758 


11,63 


»> 


170« 


0,0010 


0,15 


t* 


s 


0,0758 


11,63 


f» 


ca. 290« 


0,0100 


1,53 


\^ 




0,0854 


13,07 


>» 


„ 290« 


0,0117 


1,79 


»» 


1 Hit 2 kleinen 
r Tekln- S 
i brennern ) 
' erhitzt. 


0.0854 


13,07 


>» 


„ 290« 


0,0134 


2,05 


»» 


0,0854 


13,07 


» 


„ 290« 


0.0145 


2,22 


10' 


0,0933 


14,32 


»> 


„ 290« 


0,0166 


2,54 1 


»» 




0,0984 


15,10 


t» 


„ 290« 


0,0188 


2,88 ; 


f» 


1 


0,1048 


16,08 


»» 


„ 290« 


0,0210 


3.22 1 


»» 


0,1064 


16,32 


»> 


„ 290« 


0,0221 


3,39 , 




»^ 


0.1085 


16,65 


» 


„ 290« 


0,0232 


3,56 


„ 


^t 


0,1093 


16,76 


>» 


„ 290« 


0,0232 


3,56 


«I 


a:a 


0,1100 


16,87 


V," 


über 360« 


0,0282 


4,32 


„ 




0.1104 


16,94 


w 


„ 360« 


0,0290 


4,45 


*» 


^ 


0,1104 


16,94 


J» 


^ 360« 


0,0304 


4,66 


fl 


o 

> 


0.1104 


16,94 



Das Endprodukt wurde der Analyse unterworfen: 
0,2300 g Subst; 0,1918 g Rh. 
Ber.: 83,06 V^ Rh. Gef.: 83,39% Rb. 

Um nun ein Bild zu erhalten, wie viel Sauerstoff Rhodium 
in einer Sauerstoffatmosphäre unter Erhitzen aufnehmen kann, 
änderten wir die Versuchsbedingungen derart um, daß wir chemisch 
reines Rhodium in ein Porzellanschiffchen einwogen, letzteres 
in eine schwer schmelzbare Glasröhre brachten und durch diese 
einen scharf getrockneten Sauerstoffstrom schickten. Die weitere 
Behandlung erfolgte analog Versuch IL Mit der kleinen Flamme 
eines Teklubrenners, der mit einem Schwalbenschwanzaufsatze 
von der Größe des Schiffchens versehen war, wurde das in der 



— 12 — 



% 
17 

16 

15 

14 

13 

12 

11 

10 

9 

8 

7 

G 

5 

i^ 

3 

1 


Stunden 







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Kurve IIb. 



Glasröhre befindliche Schiffchen viertelstundenweise erhitzt und 
nach halbstündigem Erkalten im Exsikkator gewogen. Die kleine 
Flamme des Teklubrenners wurde später durch die große 
rauschende Flamme desselben ersetzt. Hierdurch brachten wir 
es soweit, daß der Prozentgehalt des Endproduktes die Höhe 
von 21,66 erreichte. 

Kurve III zeigt wiederum das stete Ansteigen des Prozent- 
gehaltes an Sauerstoff. Angewandte Menge Rh = 0,5715 g. 



— 13 



21 

20 

19 

18 

17 

16 

15 

l^i 

13 

12 

11 

10 

9 

8 

7 

6 

5 

h 

2 

1 

Stunden 






yi 



m 2 2h 



3 3>i ^ 
Kurve III. 



hy% S SY2 e 6Y2 



Zeit 


Temperatur 


Gewichts- 
zuDahme 


^0 


Zeit 


Temperatur 


Gewichts- 
zuuahme 


^0 


V." 




0,0415 


7,26 


V*^ 




0,1172 


20,51 




o S 


0,0508 


8,89 


»» 


|. 


0,1184 


20,71 


„ 


li 


0,0670 


]],72 


»» 


0,1192 


20,86 


»» 


S £ 


0,0785 


13,74 


»» 


0,1206 


21,10 


»1 


el 


0,0841 


14,72 


»» 


0) d 


0,1212 


21,21 


»» 


^3 


0,0893 


15,63 


»» 


0,1219 


21,33 


»» 


sS 


0,0945 


16,54 


»» 


0,1224 


21,42 


»» 




0,0985 


17,24 


»> 


'1 


0,1226 


21,45 


1» 


0,1008 


17,64 


1» 


0,1232 


21,56 


»» 




0,1008 


17,64 


»» 


gH 


0,1235 


21,61 


♦» 


Oro8«e [ 


0,1071 


18,74 




S S 


0,1238 


21,66 


>s 


raufcfaende 1 


0,1108 


19,17 


J^ 




0,1238 


21,66 


»» 


Flamme des { 
Tekla- 1 


0,1136 


19,87 


„ 


o 


0,1238 


21,66 


»♦ 


brennen. ( 


0,1148 


20,09 


11 




0,1238 


21,66 



Analyse des Endproduktes: 

0,2121g Subst. 0,1666 g Kh. 
Ber.: 78,34^0 Rh. Gef.: 78,50 7o ßt- 
Zur Darstellung des Rhodiumdioxydhydrates, das in der 
Besprechung nun folgen soll, schlugen wir den folgenden Weg ein: 



— 14 — 

In Wasser lösliches Rhodiumchlorid, das durch Auflösen 
von sorgfältigst ausgewaschenen Rhodiumsesquioxydhydrat in 
Salzsäure erhalten worden war, wurde mit starker Kalilauge im 
Überschuß versetzt, so daß der sich bildende gelbe Niederschlag 
von Rhodiumhydroxyd sofort wieder gelöst wurde. In die so 
entstandene klare, gelbrote Flüssigkeit wurde nun Chlor unter 
den verschiedensten Versuchsbedingungen eingeleitet. Bei ge- 
wöhnlicher Temperatur fiel nach einiger Zeit ein schwarzbrauner 
Niederschlag aus, der sich bei längerem Einleiten von Chlor 
unter Abscheidung von Chlorkalium, bei gleichzeitig starker Er- 
wärmung der ganzen Flfissigkeitsmenge und rapider Sauerstoff- 
entwickelung, allmählich in einen grünen, kristallinischen Körper 
umwandelte. Die Sauerstoffentwickelung war derartig heftig, 
daß Sauerstoff in dem Kolben leicht durch Entzünden eines 
glimmenden Spahn nachgewiesen werden konnte. Die Entwicke- 
lung dauerte so lange fort als Chlor eingeleitet wurde. Schließlich 
resultierte neben dem mit Chlorkalium gemischtem, grünem 
Rhodiumdioxydhydrat eine klare, farblose Flüssigkeit. 

Wurde dagegen das Chlor in der Wärme in obige Lösung 
eingeleitet, so fiel der zuerst erwähnte schwarzbraune Nieder- 
schlag momentan aus und verwandelte sich unter den gleichen 
Erscheinungen, wie oben, in das gewünschte Rhodiumdioxyd- 
hydrat. Die Farbe, der über dem letztgenannten Körper stehenden 
Flüssigkeit, war diesmal eine schwach grüne, nicht wie oben, 
farblos, und verwandelte sich nach längerem Stehen in eine 
prachtvolle, tiefblaue, um jedoch nach einigen Tagen wieder 
vollständig farblos zu werden. Jene tiefblaue Färbung soll nach 
Claus „rhodiumsaures Kali'* enthalten, allein es gelang uns nicht 
dasselbe zu isolieren. 

Zum Schlüsse wurde Chlor in der Kälte eingeleitet und die 
Beobachtung gemacht, daß der zuerst entstehende schwarzbraune 
Niederschlag erst nach geraumer Zeit ausfiel, die Sauers toff- 
entwickelung, wenn auch unverkennbar, doch sehr langsam 
war und trotz stundenlangem Einleiten von Chlor nur eine 
sehr geringe Ausbeute von grünem Rhodiumdioxydhydrat neben 
vielem Chlorkalium erzielt wurde, während die überstehende 
Lösung eine blaugrüne Färbung behielt, die sich nach einigen 
Tagen in jenes auch beim 2. Versuche erhaltene prachtvolle 
tiefe Blau verwandelte, um bald darauf zu verschwinden. 



— 15 — 

Das so anter den verschiedensten Bedingungen gewonnene 
grüne Bhodiamdioxydbydrat wurde von der überstehenden Lösung 
getrennt, bis zum Verschwinden der Phenolphtalein- und Ghlor- 
reaktion mit reinem Wasser ausgewaschen, an der Luft getrocknet 
und das Rhodium quantitativ bestimmt. 

0,1122g Subst, 0,0695g Rh; 0,1040g Subst, 0,0627g Rh; 
0,1047 g Subst, 0,0625 g Rh. 

RhaOj.RhOj + eHjO Ber.: 60,26«/oRh. Gef.: 61,94 «/o Rh; 
60,29^0 Rh. 59,707o Rh. 

Die Tatsache femer, daß das Rhodiumdioxydhydrat mit 
Salzsäure, wie ein Peroxyd, Chlor entwickelt, wurde dazu be- 
nützt, mit der Substanz einige Analysen zur Bestimmung des 
Gehaltes an aktivem Sauerstoff ansznflihren. Unter Zuhilfenahme 
des Bun senschen Apparates warder Gang der Analysen derart, 
daß das aus der Salzsäure durch Rh^Oj -RhO, + 6H,0 entwickelte 
Chlor in Jodkaliumlösnng eingeleitet und die hierbei aus- 
geschiedene äquivalente Menge Jod mit ^^ Natriumthiosulfat- 
lösung zurücktitriert wurde. 

0,2634 g Subst. 8,2 ccm ^ NaÄO,. 

0,2582 g Subst. 8,65 ccm ^ Na^SjO,. 

0,0922 g Subst. 2,8 ccm ^ Na^S^Oj. 

Berechnet: 4,67%; Gef.: 4,97«; 5,3%; iß^j,. 
Um die Einwirkung des Hydrazins auf Rhodiumsalzlösungen 
zn studieren, wurde eine solche Lösung mit Hydrazin und 
alsdann mit Natronlauge bis zur alkalischen Reaktion ver- 
setzt. Der sich intermediär bildende gelbe Niederschlag wurde 
durch Hydrazin sofort reduziert und als schwarze amorphe 
Flocken, die sich beim Erwärmen leicht zusammenballen, das 
Rhodium gefällt. Auch die umgekehrte Anordnung des Ver- 
suches, zuerst Natronlauge und dann Hydrazin, zeigte das näm- 
liche Resultat bei Überschuß der ersteren. Der so erhaltene 
Niederschlag wurde auf das sorgfältigste mit reinem Wasser 
gewaschen, erwies sich jedoch bei der Analyse nicht als reines 
Rhodium, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach als ein Gemenge 
verschiedener Oxyde. 



— 16 — 

Das gleiche Resultat ergab sich bei der Redaktion von 
Rhodinmsalzlösungen mit ameisensanrem Natrinm. Der eben- 
falls in schwarzen Flocken ausgefallene Niederschlag konnte, 
nachdem er vollständig lufttrocken war, bereits beim Erhitzen 
im Kohlensäurestrom unter Gewichtsverlust zu reinem Bhodinm 
umgewandelt werden. 

Reihe I der folgenden Werte sind die Analysen durch 
Hydrazin gefällten Produkte, Reihe II dagegen des durch 
ameisensaures Natrium gefällten Rhodiummohrs: 

L 0,1667 gSubst. 0,1551g Rh; 0,4234 g Subst. 0,3946g Rh. 
Gef.: 93,04^0 Rh- 93,20 ^/o Rh. 

0,1016 g Subst. 0,0948 g Rh Gef. 93,31 <»/o Rh. 

IL 0,1005 g Subst. 0,0926 g Rh. Gef.: 92,14 ^^ Rh- 
0,1035 g Subst. 0,0941g Rh. Gef: 90;927o Rh. 

Nur im CO^strome erhitzt, im H-Strome konstant. 
0,0507g Subst. 0,0499g Rh. Gef.: 98,42^0 Rh- 
0,0885 g Subst. 0,0855 g Rh. Gef.: %,61% Rh. 
0,1013 g Subst. 0,0979 g Rh. Gef.: 96,64«/^ Rh. 
0,0861g Subst. 0,0848g Rh. Gef.: 98,49% Rh. 



II. Chloride des Rhodiums und Chlorosalze. 
Theoretischer TeiK 

Von den bisher bekannten Chloriden des Rhodiums erregte 
zunächst das von Claus*) durch Glühen von fein verteiltem 
Rhodium im Chlorstrome erhaltene RhClj unsere Aufmerksam- 
keit. Dasselbe konnten wir in den beiden bisher bekannten 
Modifikationen darstellen. Das wasserfreie, gegen Säuren be- 
ständige Rhodiumchlorid erhielten wir auf oben angegebene 
Weise, während das wasserhaltige, in Wasser und Säuren leicht 
lösliche Salz durch Auflösen von alkalifreiem Rhodiumhydroxyd 
in Salzsäure erhalten wurde. Im ersteren Falle war es von 
Interesse, die Aufnahme von Chlor durch Rhodium genauer zu 
verfolgen; wir erreichten dies dadui'ch, daß wir, wie bei der 
Aufnahme von Sauerstoff durch Rhodium, die Gewichtszunahme 
an Chlor beim Erhitzen von chemisch reinem, fein verteiltem 
Rhodium im Chlorstrome in gleichmäßigen Intervallen feststellten. 



— 17 — 

Auf diese Weise gelangten wir tatsächlich za dem von Clans 
beschriebeneD Produkte, das sich bei endgültiger Gewichts- 
koustanz als rosenrotes Palver dem Blicke zeigte. Die Analyse 
des Endproduktes entsprach der Formel EhClj. Diese Be- 
obachtung war von um so größerem Interesse als A. Outbier 
und C. Trenkner beim Erhitzen von Ruthenium im Chlor- 
strome die Beobachtung gemacht hatten, daß eine chemische 
Verbindung von der Formel RuCIa nicht erhalten werden kann, 
vielmehr, wenn überhaupt die Bildung von Rutheniumchlorfir 
erfolgt, ein umkehrbarer Prozeß 

Ru + Clj;!:RuCl2 

stattfindet. Im Gegensatze hierzu konnte beim Rhodium in zwei 
übereinstimmenden Versuchen durch die Analyse des Endproduktes 
festgestellt werden, daß die wohldefinierte Verbindung RhClj 
durch Erhitzen von Rhodium im Chlorstrome erhalten werden kann. 
Anschließend an die Untersuchungen über vorstehende 
Chloride beschäftigten wir uns mit dem Studium der Chloro- 
salze und konnten außer der Bestätigung der schon bekannten 
Salze des Kaliums, Natriums und Ammoniums neu die Dar- 
stellung der Salze des Rubidiums und Cäsiums hinzufügen. 
Während die Lösungen sämtlicher bisher bekannter Salze 
des Rhodiumchlorids, wie die Salze selbst, prachtvolle rote Färbung 
zeigten, erhielten wir die Salze des Rubidiums und Cäsiums 
zu unserem größten Erstaunen als prächtig rosa gefärbte, 
in Wasser schwer lösliche Körper, deren Lösungen gleich wohl 
die sonst bekannte rote Farbe der Rhodiumsalzlösungen zeigten. 
Auch die Darstellungsweise wich von der bisherigen dadurch 
ab, daß wir die beiden Salze nicht durch Mischen der Alkali- 
chloride mit Rhodium unter Überleiten von Chlor erhielten, 
sondern durch Fällung von Natriumhexachlororhodiat mit Rubi- 
dium- bezw. Cäsiumchlorid darstellen mußten. Bei der Dar- 
stellung des löslichen Rhodiumchlorids trat der Gedanke nahe, 
die Salze nicht wie bisher durch Mischen des Alkalicblorids 
mit fein gepulvertem Rhodium unter Erhitzen im Chlor- 
strom darzustellen, sondern einfach die beiden Komponenten, 
Rhodiumchlorid und Alkalichlorid, in wässeriger Lösung zu- 
sammenzukuppeln. Einige Vorversuche dieser Art im Reagens- 
glase mißlangen zwar, als wir jedoch von molekularen Mengen 

Sitznngaberichte der med.-phys. Soz. 39 (1907). 2 



— 18 — 

beider Körper ausgingen, zeigte es sich, daß diese neue Dar- 
stellungsweise der Chloride von Erfolg begleitet war. So war 
es uns denn geglückt, beim Studium der Chloride außer dem 
Nachweis des Bestehens der unlöslichen Modifikation des Rhodium- 
chlorids und der obengenannten Chlorosalze zwei neue Salze 
aufzufinden und eine neue Darstellungsweise der ganzen Reihe 
anzugeben. Die Erfahrungen, die wir bei den einzelnen Ver- 
suchen machten, mögen im folgenden experimentellen Teil Er- 
wähnung finden. 



Experimenteller Teil. 

Da wir zur Darstellung des unlöslichen Rhodiumchlorids 
den gleichen Apparat benutzten, den wir stets zum Aufschließen 
des Rhodiums durch Mengen mit Natriumchlorid und Überleiten 
von Chlor unter starkem Erhitzen wie auch zur Darstellung der 
Salze nötig hatten, so mag an dieser Stelle die Beschrei- 
bung des nebenstehend abgebildeten Apparates (Fig. 1) Platz 
finden und in späteren Stellen der Arbeit hieher verwiesen 
werden. 




S3 /^ 




Im Kipp sehen Apparate K wurde Chlor aus Chlorkalk und 
Salzsäure entwickelt und durch eine Waschfiasche, die mit 
konzentrierter Schwefelsäure beschickt war, geleitet. Weiter- 



— 19 — 

hin passierte das Oas das EClbchen k, das dnrch einen vor- 
znglich schließenden Glasschliff g^ mit dem Apparate verbanden 
war. In demselben befand sich, falls Chlor darchgeleitet warde, 
nochmals konzentrierte Schwefelsäure; sollte dagegen in einer 
Atmosphäre von gasförmigem Brom gearbeitet werden, so 
wurde das Eölbcben mit Brom beschickt, das von der in 
diesem Falle aus Marmor und Salzsäure im Kipp sehen Appa- 
rate entwickelten Kohlensäure, die durch die in der Wasch- 
flasche w befindliche konzentrierte Schwefelsäure getrocknet 
wurde, in gasförmigem Zustande mitgerissen wurde. An das 
Eölbchen k schloß sich schließlich ein schwer schmelzbares 
Bohr an, das an seinen beiden Enden ebenfalls mit Glasschliff 
ga und gg versehen war und auf diese Weise luftdicht mit dem 
Apparate verbunden werden konnte. Das Rohr endete schließ- 
lich in einer Waschflasche, deren seitliche Öffnung durch einen 
Gummischlauch mit dem Freien in Verbindung gebracht werden 
konnte, um die Verbreitung des unangenehmen Geruchs der 
Halogene im Arbeitsraume möglichst zu vermeiden. Durch 
die Röhre R, in der sich das Schiffchen mit der Substanz be- 
fand, konnte nun nach Belieben Chlor oder Brom geleitet werden 
und auf diese Weise die im Schiffchen befindliche Substanz im 
Chlor- oder Bromstrome auf das heftigste erhitzt werden. 

Zur Darstellung des in Wasser unlöslichen Chlorids wurde 
nun derart' vorgegangen, daß die Röhre R, in der sich das 
Schiffchen mit der abgewogenen Menge chemisch^reinem Rhodium 
befand, in einem Sandbade von 50^ ab unter Überleiten von 
Chlor erhitzt wurde. Die Dauer des Versuches wurde auf eine 
Stunde festgesetzt und dann das in der Röhre befindliche Chlor 
durch getrocknete Kohlensäure vertrieben, das Schiffchen mit 
der Substanz aus der Röhre genommen, im Exsikkator erkalten 
gelassen und nach einer halben Stunde zur Wägung gebracht. 
Diese Operation wurde alsdann bei einer um 10^ C. erhöhten 
Temperatur wiederholt. Ein Versuch reihte sich an den anderen, 
doch konnte keine Gewichtzunahme am Schiffchen d. h. keine 
Chloraufnahme durch Rhodium konstatiert werden bis zu einer 
Temperaturhöhe von 240—250®. Auf eine höhere Temperatur 
konnte das Sandbad nicht mehr gebracht werden ; das Schiffchen 
wurde in der Röhre nunmehr über der freien Flamme eines mit 
Schwalbenschwanzaufsatze versehenen Teklubrenners erhitzt. Bei 

2* 



— 20 — 

der erhöhten Temperatur fand schon nach dem ersten Versuch eine 
Aufnahme von Chlor durch Rhodium statt und wurde die Ope- 
ration nun halbstündig in gleicher Weise, wie oben beschrieben, 
fortgesetzt, bis dreimal aufeinanderfolgend konstantes Gewicht 
erreicht war. 

Kurve IV zeigt, in gleicher Weise wie beim Oxyd, die 
stetig steigende Aufnahme von Chlor durch Rhodiom in deutlichem 



c 

3 

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3 



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V 
















































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1 














































1 



— 21 — 



Bilde, während die folgenden Zahlenwerte dasselbe erkennen 

lassen. 

Angewandte Menge: 0,1768 g. Bh. 



Zeit 


Gewichts- 
zunahme 


^CJ. 


1 Zeit 


Qe Wichts- 
zunähme 


•/oCl. 


Zeit 


Gewichts- 
zunahme 


^Cl. 


'/," 


0,0740 


29,69 


'1," 


, 0,1502 


46,14 


V,»» 


0,1663 


48,68 


» 


0,0859 


32,89 


?> 


0,1512 


46,31 


ii 


0,1678 


48,91 


if 


0,0990 


36,09 


»1 


0,1522 


46,47 


yy 


0,1691 


49,10 


97 


0,1104 


38,64 


fi 


0,1530 


46,60 


Ii 


0,1704 


49,29 


ij 


0,1148 


39,57 


M 


0,1540 


46,77 


ii 


0,1719 


49,51 


n 


0,1178 


40,19 


t) 


0,1556 


47,02 




0,1733 . 


49,71 


»» 


0,1217 


40,98 


fi 


0,1575 


47,33 


ii 


0,1744 


49,87 


»» 


0,1302 


42,62 


» 


0,1601 


47,73 


tf 


0,1755 


50,03 


n 


0,1351 


43,53 


ii 


0,1614 


47,94 


t> 


0,1760 


50,10 


t> 


0,1412 


44,61 


>i 


0,1632 


4^21 


»> 


0,1760 


50,10 


9f 


0,1432 


44,96 


ii 


0.1637 


48,29 J 


f» 


0,1760 


50,10 


>J 


0,1481 


45,79 


ii 


0,1649 


48,46 


»1 







Die Analyse des Endproduktes ergab: 

0,0852 g Sbst. 0,0423 g Rh; 0,1729 g AgCl. 

RhCla ber.: 49,2% Rh 50,8«/o Cl; nach Tabelle: 49,9% Rh 
50,1% Gl. 

Gef.: 49,65% Rh; 50,187o d- 

Wir ließen diesem Versuche einen zweiten folgen und konnten 
dasselbe Resultat verzeichnen. Da im Sandbade wieder keine 
Aufnahme von Chlor durch Rhodium erreicht werden konnte, 
wurde das in der Röhre befindliche Schiffchen über der freien 
Flamme des Teklubrenners erhitzt. Bei diesem Versuche konnte 
eine raschere Aufnahme des Chlors vom Rhodium konstatiert 
werden. Dies gab sich einerseits an der kürzeren Dauer des 
Versuchs, andererseits auch an den rasch höher wachsenden 
Prozentzahlen zu erkennen. Kurve V wie die folgenden Zahlen 
werte legen auch hiervon Zeugnis ab. 





Angewandte Menge: 0,6096 g 


Bhodiura. 




Zeit 


Gewichte- 
zunähme 


•/o Cl. 


Zeit 


Gewichts- 
zanahme 


^/o Cl. 


„ .. Gewichts- 
^^'^ zunähme 


'/o CL 


n 
1» 


0,3076 
0,4544 
0,4760 
0,4825 
0,4874 


37,64 
47,14 
48,29 
48,64 
48,89 
1 




0,4916 
0,4956 
0,4978 
0,5045 
0,5090 


49,11 
49,30 
49,42 
49,75 
49,97 


11 


0,5099 
0,5099 
0.5099 
0,5099 


50,02 
50,02 
50,02 
50,02 



— 22 



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38 
37 




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3 


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5 


5Ä 


6 


6>2 


7 



Kurve V. 

Das Produkt, analysiert, zeigte folgende Werte: 
0,1078 g Sbst. 0,0535 g Rh 0,2196 g AgCl. 
RhClg ber.: 4:9,2^1, Rh 50,8«/o Cl; nach Tabelle 49,987o Rh; 
50,02«/o Cl. 

Gef.: 49,63^0 Rh; 50,37% Cl. 



Chlorosalze des Rhodiums. 
I. Darstellungsweise. 

1. [RhClJK^ + H^O 
entsteht durch Erhitzen eines Gemenges von chemisch reinem 
Rhodium und fein pulverisiertem Chlorkalium unter Überleiten 
von Chlor in dem eingangs beschriebenen Apparat (Fig. 1). 
Nach einiger Zeit beginnt die Masse dunkler zu werden, bis 
sie schließlich zu einer dunklen, schweren Flüssigkeit zusammen- 



— 23 — 

schmilzt. Beim Erkalten wurde die Masse dankelrot nnd zeigte, 
im Achatmörser zerrieben und fein pulverisiert, eine prächtige, 
hellrote Farbe. Ein Überschuß von Chlorkalium sowie starke 
Hitze sind Faktoren, die den Vorgang beschleunigen. Ist nach 
der ersten halben Stunde das Gemenge noch nicht wasserlös- 
lich, was zumeist der Fall ist, so ist es von Vorteil, dasselbe 
aus dem Schiffchen zu nehmen, im Achatmörser fein zu zer- 
reiben, allenfalls nochmals Chlorkalium zuzugeben und die oben 
geschilderte Prozedur des Überleitens von Chlor unter starkem 
Erhitzen zu wiederholen. Dies Verfahren wird nun so lange 
fortgesetzt, bis bei dem Auflösungsprozesse im Wasser nur ge- 
ringe Spuren ungelöst zurückbleiben. Die durch Filtration von 
ungelöstem Rhodium befreite dunkelrote Lösung wird auf dem 
Wasserbade bis fast zur Trockene eingeengt und der entstehende 
Körper mehrere Male aus reinem Wasser und einigen Tropfen 
Salzsäure umkristallisiert. Der Körper wurde in stark glänzenden, 
dunkelroten Blättchen erhalten. 

1. 0,3735 g Sbst. 0,0976 g Rh 0,6832 g AgCl. 

2. 0,1257 g Sbst. 0,0285 g Rh (Best, mittels Ameisensäure). 

3. 0,2288 g Sbst. 0,0595 g Rh 0,4137 g AgCl. 

4. 0,2358 g Sbst. 0,0634 g Rh 0,4445 g AgCl. 

Ber.: 27,350/0 Rh; 47,07 ^^/^Cl; Gef.: 1. 26,13o/o Rh;45,23«/o 
Cl; 2. 22,670/0 Rb; 3. 26,01 Vo Rh; 44,71 «/^ Cl; 4. 26,89 «/^ Rh; 
46,6P/o Cl. 

Der Körper wurde von neuem auf die gleiche Art, wie oben 
beschrieben, dargestellt und hiebei die Beobachtung gemacht, 
daß erst nach mehrmaliger Umkristallisation ein einheitliches 
Produkt erzielt wurde. Ich hatte aus den Mutterlaugen drei Pro- 
dukte erhalten, die alle erst nach nochmaliger Umkristallisation 
die nötige Reinheit zeigten. 

1. Produkt: 

1. 0,1558 g Sbst. 0,0424 g Rh 0,2613 g AgCl. Gef. : 27,28 «/o Rh ; 
41,*7^/o Gl. 

2. 0,1023g Sbst. 0,0279g Rh 0,1902g AgCl. Gef.: 27,27«/oRh; 

45,970/0 Cl. 

3. 0,1191g Sbst. 0,0315g Rh 0,2189g AgCl. Gef.: 26,65o/oRh; 
46,45«/o Cl. 



— 24 — 

Umkristallisiert.: 

4. 0,1116 g Sbst. 0,0299g Kh0,2107g AgCl. Gef. : 26,80 Voßh ; 
46,68»/o CI. 

n. Produkt: 

1. 0,1087g Sbst. 0,0290g Eh 0,2005 gAgCl. Gef.: 26,67«/, Rh; 
45,61 »/„Cl. 

Umkristallisiert.: 

2. 0,1083 g Sbst. 0,2065 g AgCl. Gef.: 47,21 •/, Cl. 

3. 0,1055gSb8t. 0,0285g Rh 0,2000g AgCl. Gef.: 27,02">/oRh; 
46,88«/o Cl. 

in. Produkt: 

1. 0,1057 g Sbst. 0,0288 Rh 0,1760 g Ag CI. Gef. : 27,25«/o Rh 

41,17 7o Cl. 

2. 0,1035g Sbst. 0,0279g Rh 0,1915 g Ag Cl. Gef.: 26,96%Rh 
45,75-/o Cl. 

umkristallisiert: 

4. 0,0701 g Sbst. 0,0183 g Rh 0,1324 g Ag Cl. Gef.: 
26,96«/o Rh 46,70«/o Cl. Ber.: 27,35«/, Rh; 47,07«/, Cl. 

Eine Wasserbestimmung, die ausgeführt wurde, sprach der 
Formel: 

[RhClj] Kj + HjO das Wort: 

0,1962 g Sbst. 0,0092 g Verlust HjO. Gef.: 4,69«/, HjO. 

Ber.: 4,78«/, H,0. 

2. [RhCl,lNa, + 12H,0. 

Die Darstellung erfolgte auf gleichem Wege wie bei 1. 
Beim Überleiten von Chlor über ein Gemenge von innig zer- 
riebenem Rhodium und Chlornatrium unter gleichzeitigem, 
starkem Erhitzen schmilzt die Masse allmählich und erstarrt 
beim Erkalten zu einem Kuchen. Im Achatmörser zerrieben, 
erhielten wir ein rosa gefärbtes Pulver, das sich mit prachtvoll 
himbeerroter Farbe in Wasser löste. Die filtrierte Lösung wurde 
auf dem Wasserbade eingedampft und aus möglichst wenig Wasser 
und einigen Tropfen HCl durch Alkohol gefällt. Das erhaltene 
Salz wurde alsdann lufttrocken analysiert. Hiebei ergaben sich 
Werte, die unbedingt einem Kristallwassergehalt von 12HjO 
das Wort sprechen. Diese Anzahl MolekQle H^O hatte schon 



— 25 — 

Clans^) dem Salze zngesprocben, während Berzelias') und 
Leidi6^) nur 9 Moleküle Kristall wasser gefanden hatten. 
Wir müssen uns in diesem Falle an den von Claus gefundenen 
Wert halten. 

1. 0,1071 g Sbst 0,0180 g Rh 0,1680 g AgCl. 

2. 0,0756 g Sbst. 0,0134 g Rh 0,1116 g AgCl. 

3. 0,0510 g Sbst. 0,0084 g Rh 0,0741 g AgCl. 
Ber.:17,147oRh; 35,39<>/oCL Gef.: 1. 16,8Vo Rh 38,79TC1 

2. 17,72^0 ßh; 36,83o/o Cl 3. 16,47«/o Rh 35,937<> Cl. 

3. [RhCy(NH,), + l,5H,0. 

In eine Lösung von [RhClj] K^ -j- HjO wurde gasförmige 
Salzsäure, die durch Eintropfen von konzentrierter Schwefel- 
säure in konzentrierte Chlorwasserstoflfsäure dargestellt wurde, 
so lange eingeleitet, bis der größte Teil des Chlorkaliums ausge- 
fällt war. Die Lösung wurde durch Glaswolle filtriert und nun 
mit einer konzentrierten Lösung von Ammoniumchlorid versetzt. 
Nach längerem Stehen fiel das Ammoniumhexachlororhodiat in 
dunkelroten Kristallen aus. Dasselbe wurde abfiltriert, mit 
reinem Wasser gewaschen und der Analyse unterworfen. 

0,0955 g Sbst. 0,0242 g Rh 9,2080 g AgCl. 
0,1163 g Sbst. 0,0277 g Rh 0,2526 g AgCl. 
Ber.: 25,9«/oRh; 53,62^0 Cl ; Gef. : 25,37o/oRh; 53,85«/oCl; 
23,82«/o Rh; 53,71«/o Cl. 

4. [RhCyCSa + H^O. 

Die konzentrierte Lösung des Kaliumpentachlororhodiats 
wurde mit einer konzentrierten Lösung von Cäsiumchlorid ver- 
setzt. Das Caesiumpentachlororhodiat fiel als prächtig rosa ge- 
färbter, schleimiger Niederschlag aus. Derselbe ließ sich ziem- 
lich gut filtrieren und wurde mit kaltem Wasser gründlichst 
ausgewaschen, obwohl hiebei ein großer Teil des Niederschlags 
durch das Filter ging. Der Rest wurde an der Luft getrocknet 
und der Analyse unterworfen: 

0,0938g Sbst. 0,0172 g Rh; 0,1175g AgCl. 

0,0749 g Sbst. 0,0137 g Rh; 0,0936 g AgCl. 



'j Fehling, Bd. 5, 1241. 
«) Ann. Phys., Bd. 13, 437. 
>) Fehling, Bd. 5, 1241. 



— 26 — 

0,0930g Sbst. 0,0170 g Rh; 01167 g AgCl. 
Ber.: 18,55«/o Rh; 31,43o/o Cl; Gef.: l8,34«/o Rh; SO,WU Cl 
18,29«/o Rh; 30,91^ Cl; 18,25Vo Rh; 31,02<>/o Cl. 

Kristallwassergehalt : 

0,1168g Sbst. 0,0037 g Verlust H^O. Ber.: 3,197o. Gef: 
3470/0 H,0. 

5. [RhCyRba + H^O 
wurde analog dem Caesiumpentachlororhodiat erhalteu. Der beim 
Versetzen des Kaliumpentachlororhodiats mit Rubidiumchlorid 
ausfallende krapprote Niederschlag des obigen Körpers ließ sich 
nur schwer filtrieren, da er stark durch das Filter ging. Trotz- 
dem wurde derselbe mit H^O gründlichst nachgewaschen, an 
der Luft getrocknet und der Analyse unterworfen. 

0,0934 g Sbst. 0,0207 g Rh 0,1420 g AgCl. 

0,0881 g Sbst. 0,0196 g Rh. 

0,0913 g Sbst. 0,0200 g Rh 0,1403 g AgCl. 

Ber.: 21,95«/oRh; 37,71o/o Cl. Gef: 22,160/^ Rh; 37,59% Cl; 
22,24«/, Rh; 21,91XRb 37,99<>/o Cl. 

Kristall Wasserbestimmung : 

0,1026 g Sbst. 0,0036 g Verlust H^O. Ber.: 3,84^^/, H^O 
Gef.: 3,510/, 



0* 



II. Darstellungsweise. 

Wie im theoretischen Teil schon erwähnt, konnten wir 
sämtliche Salze der eben geschilderten Reihe noch dadurch 
darstellen, daß wir die Lösungen der Komponenten, Rhodium- 
chlorid und Alkalichlorid, in molekularen Mengen zusammen- 
brachten. Die einzelnen Glieder dieser Reihe mögen, nun hier 
ihre Besprechung finden. 

1. [RhCyK, + H,0. 

2 g Rhodiumchlorid wurden genau abgewogen, in Wasser 
und einigen Tropfen Salzsäure gelöst, und mit der für 4 Moleküle 
berechneten Menge Kaliumclilorid zusammengebracht. Als nach 
längerem Stehen keine Ausscheidung erfolgte, wurde die Lösung 
auf dem Wasserbade bis zur beginnenden Kristallisation ein- 
geengt. Der so erhaltene Körper zeigte gleiche Farbe und 
gleiches Aussehen wie der nach I. dargestellte. Die Analyseresul- 
tate waren folgende: 



— 27 — 

0,1069 g Sbst. 0,0388 g Rh; 0,2051g AgCl. 
0,1149 g Sbst. 0,0315 g Rh' 0,2178 g AgCl. 
Ber. : 27,35V„ Rh; 47,07'>/o Cl. Get.: 26,94Vo Rh; 47,44«/, Cl 
27,42»/o Rh; 46,87»/, Cl. 

2. [RhCyNa, + 12HjO. 

2,00 g Rhodiumchlorid, in Wasser gelöst, wurden mit 1,12 g 
gelöstem Natrinmchlorid gemengt, nach längerem Stehen auf 
dem Wasserbade bis fast znr Trockene eingeengt und aus der 
konzentrierten Lösang der Körper mit Alkohol gefällt. Farbe 
und Aussehen stimmten mit dem frtlheren über ein. 

0,1224 g Sbst. 0,0207 g Rh; 0,1749 g AgCl. 

0,1408 g Sbst. 0,0244 g Rh; 0,2020 g AgCl. 

Ber.: 17,14Vo Rh; 35,39«/o Cl. Gef. : 17,31»/„Rh 35,33''/o Cl 
17,337o Rh; 35,41»/, Cl. 

3. [RhCy(NHJ, + H,0. 

2,00 g Rhodiumchlorid wurden mit 1,02 g Ammoniumchlorid 
gemengt, längere Zeit sich selbst überlassen, auf dem Wasser- 
bade bis zur beginnenden Kristallisation eingeengt, der ausge- 
schiedene Körper abfiltriert, gewaschen und analysiert. Bei dieser 
Darstellungsweise erhielten wir jedoch nicht, wie unter I., [RhCl,] 
(NHJa + ljSHjO sondern ein ebenfalls schon bekanntes Ammo- 
niumpentachlororhodiat von der Formel [RhCl5](NH^)2-}-H20^). 

0,1531g Sbst. 0,0463 g Rh; 0,3263 g AgCl. 

0,1658 g Sbst. 0,0495 g Rh; 0,3521 g AgCl. 

Ber.: 30,80«/, Rh; 53,01«/, Cl.Gef.: 30,24«/, Rh; 52,70«/, Cl 
29,86«/, Rh; 52,51«/, Cl. 

4. [RhCyCs^ + H^O. 

Beim Zusammengießen der 2,00 g Rhodiumchlorid ent- 
haltenden Lösung mit einer Lösung von 3,22 g Cäsiumchlorid, 
fiel sofort der prächtig rosa gefärbte Niedei'schlag des Cäsium- 
pentachlororhodiats aus. Derselbe ließ sich gut filtrieren, 
wurde mit kaltem, reinem Wasser gründlich gewaschen und der 
Analyse unterworfen. 

0,1039 g Sbst. 0,0196 g Rh 0,1347 g AgCl. 

0,1006 g Sbst. 0,0192 g Rh 0,1300 g AgCl. 

Ber.: 18,55«/, Rh; 31,43«/, Cl. Gef.: 18,86«/, Rh; 32,06«/, Cl. 
19,09«/, Rh; 31,95«/, Cl. 

•) Fehling, Bd. 5, 1241, 



— 28 — 

5. [RhCl^lRbj + H^O. 

Der etwas dunkler rot gefärbte Körper fiel beim Mengen 
von 2,00 g Rhodiumchloridlösuug mit 2,31 g Rubidinmchlorid- 
lösung sofort aus, wurde filtriert, gewaschen und analysiert: 

0,1155 g Sbst. 0,0260 g Rh. 

0,1123 g Sbst. 0,0260 g Rh; 0,1698 g AgCl. 

Ber.: 21,95<>/o Rh; 37,71 «/o Gl. Gef. : 22,51 «/o Rh; 22,62<^/o Rh; 
37,39 Vo Cl. 

Es hat sich somit gezeigt, daß die auf diese Weise er- 
haltenen Körper der Reihe der Chlorosalze des Rhodiums durch 
größere Reinheit ausgezeichnet waren. 

III. Bromide des Rhodiums und Bromosalze. 
Theoretischer Teil. 

Anschließend an unsere Versuche über die Verbindungen 
des Rhodium mit Chlor, studierten wir das Verhalten des 
Rhodium gegen Brom. Über die Verbindungen des Rhodiums 
mit Brom liegen bisher noch keine Mitteilungen vor. Wir 
stellten daher zunächst Beobachtungen in genau derselben 
Weise wie beim Chlorid an, indem wir die prozentuale Auf- 
nahme von Brom durch Rhodium festlegten. Die im experimen- 
tellen Teile näher geschilderten Versuche führten zu dem 
interessanten Resultate, daß wir bei dem durch Überleiten von 
Bromdampf über chemisch reines Rhodium unter Erhitzen, dar- 
gestellten Produkte es mit den nämlichen Verhältnissen zu tun 
haben, die A. Gutbier und C. Trenkner^) beim Ruthenium- 
chlorür bezw. bromür angetroffen haben, während wir bei dem 
auf gleiche Weise dargestelltem Rhodiumchlorid zu einer wohl- 
definierten Verbindung gelangt sind. Wir konnten in zwei Ver- 
suchen nachweisen, daß das Rhodium bis zu einem stets schwan- 
kenden Prozentgehalte Brom aufnimmt, dann wieder abgibt und 
erst nach langer Zeit, während welcher der Prozentgehalt an Brom 
stets schwankt, ein konstantes Gewicht erreicht wird. Diese 
Verhältnisse zwangen uns zu der Annahme, daß, wenn über- 
haupt die Bildung von Rhodiumbromid erfolgt, ein umkehr- 
barer Prozeß 



*) Gut hier imd Trenkner. Zeitschr. f. anorg. Chemie 46, 166. 



— 29 — 

2Kh + 3Br2 :^ 2ßhBr3 
stattfinden maß. Das Produkt erwies sich als ein in Säuren 
wie in Wasser vollständig unlöslicher Körper. 

Bei der Darstellung des in Wasser löslichen Bhodiumbromids 
durch Auflösen von alkalifreiem Bhodiumhydroxyd in Bromwasser- 
stofFsäure erhielten wir zwar einen Körper von schönem, 
kristallinischem Aussehen und prachtvoll schwarzroter Farbe, 
allein die Analysen dieser Verbindung gaben keine wünschens- 
wert genauen Werte. 

Weiterhin gelang es uns, sämtliche Bromosalze des Rhodiums 
neu darzustellen. Wie beim Chlorid konnten wir die Salze 
des Kaliums und Ammoniums durch Erhitzen eines innigen Ge- 
menges von Bhodium und Kaliumbromid, bezw. Fällung mit 
Ammoniumbromid darstellen und als prächtig schwarzrot ge- 
färbte, kristallisierende Verbindungen erhalten, während zu 
unserem größten Erstaunen die Doppelsalze des Cäsiums und 
Rubidiums als grone Niederschläge aas einer mit dem ent- 
sprechenden Alkalibromid versetzten Kaliumbromorhodiatlösung 
ausfielen. Das Natriumpentabromorhodiat konnten wir nur 
nach der zweiten Darstellungsweise durch Zusammenkuppelang 
molekularer Mengen beider Komponenten erhalten, da beim 
Überleiten von Brom unter starkem Erhitzen über ein Ge- 
menge von feinverteiltem Rhodium und Natriumbromid kein 
wasserlösliches Gemenge erhalten werden konnte. Die Ana- 
lysen der nach der zweiten Darstellungsweise erhaltenen Pro- 
dukte ergaben leider keine so guten analytischen Resultate, 
allein dieselben sind doch angeführt, um zu zeigen, daß die 
Körper auch auf diese Weise, wenn auch nicht in analysen- 
reinem Zustande erhalten werden konnten. 

Experimenteller Teil. 

Der Versuch, die prozentuale Aufnahme des Broms von 
Rhodium festzulegen, wurde vollständig analog den Versuchen 
beim Chlorid und Oxyd durchgeführt; ich will hier nur die 
kurze Beschreibung der beiden Versuche geben, im übrigen 
jedoch auf die dort gemachten Angaben verweisen. 

Wie beim Chlor zeigte sich auch hier die Tatsache, daß 
in der Wärme des Sandbades, in welchem sich die Röhre 



— 30 — 

befand und das eine Temperatur von 250^ C. erreichte, kein 
Brom von Rhodium aufgenommen wurde. Erst beim Erhitzen 
über freier Flamme wurde das Brom an Rhodium gebunden 
und bis zu einem gewissen Grade aufgenommen. Dann nahm 
der Bromgehalt wieder ab und konnte auch bei geringerer 
Temperatur nicht mehr zum Steigen gebracht werden. 

Kurve VI veranschaulicht die geschilderten Verhältnisse, 
die auch aus den folgenden Zahlenwerten entnommen werden 
können: 



c 

3 

So 



cg ^ c^ 









04 



S 
^ 



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O) c^ 






§* 



Ol 



-^—^ -^. _ 


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, L! \^ 


j^ 


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Y'^ 


A 



















— 31 





Angewandte Menge Bhodium : 0,2220 g. 




Zeit 


Temperatur 


Gewichts- 
zunahme 


^Br 


Zeit 


Temperatur 


Gewichts- 
zunahme 


^'oBr 




ij 

im Sandbad 
200—250« 

im Sandbad 
250-300« 


0,3415 
0.3462 
0,3502 
0,3482 
0,3420 
0,3283 

0,3283 


34,99 
35,88 
36,61 
36,27 
35,09 
32,38 

32,38 


»1 
f» 
»» 

Ih 
11» 


Grosser i 
> Teklu- < 
) brenner ( 

IKlelnerTek-r 
/ lubrenner \ 

im Sandbad 
300-400« 


0,3408 
0,3334 
0,3308 
0,3308 
0,3283 

0,3283 


34,86 
33,72 
32,89 
32,89 
32,38 

32,38 



Die Analyse des Produktes ergab die zuletzt erhaltenen 
Zahlen der Versuchsreihe: 

0,0907 g Sbst. 0,0611 g Rh 0,0686 g AgBr. 

Ber.: 67,62«/o Rh 32,38% Br. Gef. 67,36 % Rh; 32,19«/oBr. 

Die zweite Versuchsreihe ergab insofern eine Änderung, als 
nach einem gewissen Punkte zuerst ein öfteres Schwanken des 
Bromgehaltes und dann erst ein Sinken eintrat bis zu dem 
Momente, an dem konstantes Gewicht erreicht wurde. Selbst- 
verständlich wurde bei beiden Versuchsreihen stets durch 
Kohlensäure das Brom vertrieben, bevor das Schiffchen aus der 
Röhre genommen wurde. 

Kurve VII läßt oben erwähnte Tatsachen gut erkennen, 
die den folgenden Zahlenwerten entsprechen. 





Angewandte Menge: 


0,6305 g Bh. 






Gewichts- 


Ü 


Qewichts- 






Gewichts- 




Zeit 


zu- resp. 


»/oBri Zeit 


zu- resp. 


^Br 


Zeit 


zu- resp. 


^Br 




abnähme 






abnähme 






abnähme 




V," 


0,8841 


2^69 


V,»» 


1,1929 


47,15 


V, J» 1,1208 


43,75 


*» 


0,9069 


30,48 


1» 


1,2027 


47,58 


>i 


1,1199 


43,70 


ti 


0,9855 


36,02 


It 


1,1894 


46,99 




1,1199 


43,70 


»» 


1,0015 


37,04 


»» 


1,2019 


47,54 




1,1211 


43,76 




1,0387 


39,30 


♦» 


1,2043 


47,82 




1,1203 


43,72 


ft 


1,0180 


38,07 


f» 


1,2236 


48,47 


1,1211 


43,76 


>t 


1,0702 


41,07 


11 


1,2436 


40,30 


1,1211 


43,76 


»» 


1,1132 


43,36 


n 


1,2615 


50,02 


„ ' 1,1211 


43,76 


»t 


1,1667 


45.96 


»» 


1,1682 


46,03 




1,1177 


43,59 


»? 


1,1679 


46,01 


»» 


1,1643 


45,85 




1,1153 


43,47 


1» 


1,2115 


47,96 


»f 


1,1673 


45,88 




1,1149 


43,45 


f» 


1,1933 


47,16 


» 


1,1191 


43,66 




1,1149 


43,45 


>» 


1,2236 


48,47 


» 


1,1254 


43,97 




1,1149 


43,45 


»» 


1,1616 


45.72 


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1,1208 


43,75 




1,1149 


43,45 


»» 


1,1853 


46,8 


» 


1,1243 


43,92 




1,1149 


43,45 



— 32 



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— H3 - 

Die Analyse des Produktes ergab jedoch ein voll- 
ständig anderes Resultat, als nach den letzten Zahlenwerten 
obiger Tabelle erwai-tet werden sollte. Dies kann vielleicht 
dem Umstände zugeschrieben werden, daß das Endprodukt 
Wasser angezogen hatte, da bei der Analyse eine reichliche 
Menge von H^O im Rohre auftrat. 

0,1345 g Sbst. 0,0862 g Rh 0,0804 g AgBr. 

Ber.: 56,55<^/o Rh; 43,45^0 Br. Gef. 64,09«/o Rh 25,43^1, Br. 

Das lösliche Rhodinmbromid stellten wir dar durch Auf- 
lösen von alkalifreiem Rhodiumhydroxyd in Bromwasaerstoff- 
sänre. Das Hydroxyd löste sich mit schön roter Farbe in 
der BromwasserstoflFsäure und wurde auf dem Wasserbade bis 
zur vollständigen Trockene eingedampft. Der erhaltene Rück- 
stand löste sich leicht in Wasser mit roter Farbe, zeigte ein 
kristallinisches Aussehen und war von schwarzer Farbe in 
trockenem Zustande. 

Derselbe ergab folgende Analyse: 

0,1188 g Sbst. 0,1805 g AgBr. 

0,1426 g Sbst. 0,0322 g Rh; 0,2120 g AgBr. 

Ber. : 24,827o ßh 57,81 <^/o Br. Gef. : 64,66 «/o Br ; 22,58 «/^ Rh, 
63,27 <>/o Br. 

Bromosalze des Rhodiums. 

I. Darstellangsweise. 

1. [RhBr^JKj. 

Brom wurde in dem eingangs geschilderten Apparate mittels 
eines getrockneten Kohlensäurestroms über ein Gemenge von 
Rhodium und Bromkalium bei gleichzeitigem Erhitzen geleitet. 
Das Gemenge nimmt rasch dunkle Farbe an, schmilzt jedoch 
nicht zusammen und behält bei jedesmaligem Erkalten die 
gleiche schwarze Farbe. Wie bei den analogen Chlorosalzen 
beschleunigten Überschuß an Bromkalium und die Stärke der 
Wärmequelle die Reaktion. Nach halbstündigem Glühen wurde 
das Gemenge jedes Mal fein im Achatmöi-ser zerrieben und 
dann von neuem unter Überleiten von Brom erhitzt. War der 
größte Teil des Rhodiums aufgeschlossen, mit anderen Worten 
die Substanz wasserlöslich, so wurde das Produkt in Wasser 
gelöst, zur Befreiung von unaufgeschlossenem Rhodium filtriert 

Sitsangabericbte der phys.-med. Sos. 39 (1907). 3 



— 34 — 

und anf dem Wasserbade eingedampft. Der erhaltene RQck- 
stand wurde dann aas möglichst wenig heißem Wasser und 
einigen Tropfen Bromwasserstoffsäure nmkristallisiert und der 
Körper in kleinen schwarzen, unregelmäßigen Blätteben er- 
halten. Einmal wurde die Konzentration gerade so geti-offen, 
daß fiber Nacht prächtige schwarze Kristalle, in Form kleiner, 
rechteckiger Täfelchen, ausfielen. Trotz aller Mähe konnte 
dies jedoch ein zweites Mal nicht erreicht werden. Die Analyse 
dieser Kristalle stimmte leider nur in bezug auf Rhodium auf 
die Formel [RhBrj]Kj + 12HjO, während die Brombestim- 
mnng stes wechselnde Werte zeigte. Der in unregelmäßigen 
Blättchen erhaltene Körper gab erst nach mehrmaligem Um- 
kristallisieren richtige Werte: 

1. 0,2114 g Sbst. 0,0401 g Rh; 0,3352 g AgBr. 

2. 0,0753 g Sbst. 0,0137 g Rh. 

3. 0,0610 g Sbst. 0,0109 g Rh; 0,0987 g AgBr. 

4. 0,1163 g Sbst. 0,0211 g Rh; 0,1879 g AgBr. 

5. 0,1038 g Sbst. 0,0192 g Rh; 0,1669 g AgBr. 

Ber.: 17,7«/j Rh, 68,8»/oßr. Gef.: 1. 18,97% Rh, 67,48«/o Br; 
2. 18,l9»/o Rh; 3. 17,87«/„ Rh, 68,85»/, Br; 4. 18,14 »/o Rh; 
68,76 «/o Br; 5. 18,49»/o Rh, 68,43 »/o Br. 

Neudarstellnng des Körpers: 

0,0757 g 0,0140 g Rh; 0,1078 g AgBr; 0,0633 g Sbst. 
0,0124 g Rh 0,0976 g AgBr 0,0664 g Sbst. 0,0114 g Rh; 
0,0500 g Sbst. 0,0092 g Rh; 0,0688 g AgBr. 

Ber.: 17,7»/o Rh, 68,85 »/oBr; Gef.: 18,50«/o Rh, 60,60''/oBr; 
19,59«/, Rh. 65,62«/, Br; 17,17«/, Rh; 18,4«/, Rh 58,56«/, Br. 

Nach zweimaligem Umkristallisieren ergaben sich die Werte: 

0,1117 g Sbst. 0,0201 g Rh; 0,1801 g AgBr; 0,1126 g Sbst. 
0,0197 g Rh. 

Ber.: 17,7«/, Rh; 68,8»/, Br; Gef.: 17,99»/, Rh; 68,61»/, Br; 
17,91«/, Rh. 

Für den in rechteckigen Tafeln auskristallisierten Köi'per 
ergab die Analyse: 

0,0967 g Sbst. 0,0127 g Rh; 0,1339 g AgBr. 

0,0900 g Sbst. 0,0117 g Rh; 0,1284 g AgBr. 

0,0874 g Sbst. 0,0117 g Rh; 0,1331 g AgBr. 

Ber.: [RliBr,] Kj + 12 HaO: 12,92«/, Rh, 50,14«/, Br. 



- S5 -< 

Gef.: 13,U<>/o Rh, 58,93o/o Br; 13,03<>/, Eh, 60,85^/o Br; 
13,39^0 Rh; 64,81 Vo Br. 

2. [RhBrj] Na^. 

Trotz den unter den verschiedensten Versuchsbedingnngen 
aasgeführten Arbeiten gelang es nicht, das Gemenge von Rhodium 
und Natriumbromid unter Überleiten von Brom und gleich- 
zeitigem Erhitzen in eine wasserlösliche Form zu bringen. 
Wohl zeigte das Gemenge eine deutliche Veränderung, allein 
weder Überschuß an Bromnatrium, noch stärkeres Erhitzen, 
weder ein feuchter, noch ein trockener Bromstrom vermochte 
zum Ziele zu fuhren. Ebenso scheiterten Versuche das Salz 
ans Lösungen des Kaliumpentabromorhodiats durch Fällen mit 
konzentrierter Bromnatriumlösung herzustellen. Nach längeren, 
mühevollen Experimenten wurde es daher aufgegeben, den 
Körper auf obige Weise darzustellen. 

3. [RhBr,](NH,V 

wurde analog dem entsprechenden Chlorosalze dargestellt In 
die Lösung des Kaliumpentabromorhodiats wurde gasförmiger 
Bromwasserstofif^) eingeleitet, bis der größte Teil des Brom- 
kaliums ausgefällt war. Nach Filtration der Lösung zur Be- 
freiung des ausgefällten Bromkaliums wurde dieselbe mit 
Ammoniumbromidlösung versetzt. Es zeigte sich nun, daß mit 
verdünnteren Lösungen gearbeitet werden mußte, da das beim 
Versetzen mit konzentrierter Ammoniumbromidlösung nach 
längerer Zeit auskristallisierte Produkt trotz seiner prächtigen, 
dunkelroten Farbe nur 1—2®/^ Rhodium enthielt. Wurde aber 
jene Lösung mit verdünnter Ammoniumbromidlösung versetzt 



') Zur Darstellung des Bromwasserstoffgases gab mau in einen Kolben 100 g 
trockenes Benzol und einige Gramm wasserfreies Eisenbromür und ließ durch 
einen zu feiner Spitze ausgezogenen Hahntrichter allmählich 135 ccm Brom ein- 
tropfen. Die Mischung erwärmt sich sofort und muss daher, damit kein Benzol 
oder Brom überdestilliert, in kaltes Wasser eingestellt werden; ist erst die Hälfte 
des Broms zugetropft (Bildung von Monobrombenzol), so verläuft die Eeaktion 
so ruhig, daß diese Vorsicht nicht mehr notwendig ist. Um das in sehr 
gleichmäßigem Strome entwickelte Gas von mitgerissenen Benzoldämpfen und 
Bromdämpfen voUständig zu befreien, dient ein an den Kolben angeschlossenes 
U-Bohr. Die erste Hälfte dieses Eohrs wird mit EisenbromidFeBr, iingefüllt, 
die zweite mit Anthracen. Das Eisenbromid bindet sofort etwa ülxjrgehendes 
Benzol, das Anthracen dagegen jede Spur von Bromdampf, welche das Gas 
gelblich färbt. Siehe Erdmann, I^hrbuch d. anorg. Chem., 3. Aufl., S.305. 

3* 



- 36 — 

und einige Tage stehen gelassen, so erhielt man ein Produkt, 
das obige Formel rechtfertigte. Der Körper kristallisierte in 
kleinen unregelmäßigen Blättchen und zeigte schwarze, etwas 
ins Grttnliche gehende Färbung. 

0,1102 g Sbst. 0,0228 g Rh 0,1923 g AgBr. 

0,1011 g Sbst. 0,0200 g Rh 0,1747 g AgBr. 

0,1244 g Sbst. 0,0254 g Rh.. 

0,0767 g Sbst. 0,0152 g Rh 0,1325 g AgBr. 

Ber.: 19,12«/oRh 74,19«/o Br. Gef.: 20,69«/o Rh; 74,25^0 Br; 
19,78«/o Rh 73,54«/oBr; 20,42<^/o Rh; 19,82^0 ^^' 73,51'/o Br- 

4. [RhBr^lCsj. 

wurde erhalten als prächtig grüner Niederschlag bei Versetzen 
einer Lösung des Kaliumpentabromorhodiats mit einer kon- 
zentrierten Lösung von Cäsiumbromid. Der Niederschlag wurde 
abfiltriert und auf das sorgfältigste mehrere Male mit reinem 
Wasser gewaschen, da die Analysen erst dann richtige Re- 
sultate zeigten, wenn das Auswaschen mit Wasser auf das 
gründlichste durchgeführt war. 

0,0902 g Sbst. 0,0122 g Rh 0,1100 g AgBr. 
0,1038 g Sbst. 0,0141 g Rh 0,1251 g AgBr. 

Ber.: 13,40Vo Rh; 52,02«/o Br. Gef.: 13,52«/o Rh; 51,90«/o Br. 
13,58% Rh; 51,70% Br. 

5. [RhBr^lRbjj. 

wurde auf analoge Weise wie das Cäsiumsalz dui'ch Fällung 
des löslichen Kaliumsalzes mit Rubidiumbromid erhalten. 
Der Körper war um eine Nuance dunkler grün gefärbt als 
das Cäsiumsalz und zeigte die gleiche Eigenschaft, erst analy- 
senrein zu werden nach sorgfältigst durchgeführtem gründ- 
lichem Auswaschen. Zum Unterschiede seien hier die zuerst 
erhaltenen Resultate und dann die nach nochmaligen gründ- 
lichstem Auswaschen erhaltenen wiedergegeben. 

0,0933 g Sbst. 0,0144 g Rh 0,1288 g AgBr. 
0,1189 g Sbst. 0,0186 g Rh 0,1378 AgBr. 

Ber. :15,29ö/, Rh 59,37^0 Br. Gef.: l5,44«/oRh; 58,74«/«Br; 
15,64«/o Rh 49,32«/o Br. 

Das lufttrockene Präparat, nochmals gewaschen, ergab 
folgende Werte: 



— 37 — 

0,1060 g Sbst. 0,0163 g Rh, 0,1480 g AgBr. 
0,1024 g Sbst. 0,0159 g Rh, 0,1429 g AgBr. 
Ber.: 15,29<>/o Rh, bdßVj^Br. Gef.: 15,37«/o Rh, 59,42<>/o Br; 
15,53«/o Rh; 59,397o Br. 

IL Darstelliing8weise. 

Wie schon im theoretischen Teil erwähnt, glflckte es nns 
nicht auf die zweite Darstellnngsweise, d. h. durch Kuppelung 
molekularer Mengen beider Komponenten, des Rhodiumbromids 
und Alkalisalzes, reine Produkte zu erhalten. Wir haben die 
Darstellung drei verschiedene Male versucht; im folgenden 
seien zuerst die allgemeinen unterschiede der drei Darstellungen 
unter sich gegeben, während bei den einzelnen Körpern noch 
besonderer Verschiedenheiten der Darstellung des Produktes I, 
n und ni Erwähnung getan werden soll. 

Bei Darstellung I wurde das Rhodiumbromid in Wasser 
und einigen Tropfen HBr gelöst, die molekulare Menge des 
Alkalisalzes hinzugefßgt, schließlich auf dem Wasserbade ein- 
geengt und der Köri^er zur Auskristallisation sicJi selbst über- 
lassen. Bei den Produkten II und III wurde nur mit dem 
Unterschiede verfahren, daß das Rhodiumbromid in reinem 
Wasser ohne Zusatz von HBr gelöst und die gekuppelten Salz- 
lösungen auf dem Wasserbade zur Trockene eingedampft wurden, 
um den Rückstand alsdann aus heißem Wasser nmzukristallisieren. 

I. [RhBrJKj. 

L 2 g Rhodiumbromid, in Wasser und einigen Tropfen 
Bromwasserstoffsäure gelöst, wurden mit einer Bromkaliumlösung 
versetzt, die die für 4 Moleküle Bromkalium berechnete Menge 
enthielt. Nach längerem Stehen wurde diese Lösung auf dem 
Wasserbade bis zur beginnenden Kristallisation eingeengt, der 
in schwarzgrünen Blättchen ausgeschiedene Körper abfiltriert, 
mit kaltem Wasser gewaschen und analysiert. 

0,1010 g Sbst. 0,0199 g Rh 0,1608 g AgBr. 

Ber.: 17,707o Rh; 68,80«/oBr. Gef.: 19,70«/oRh, 67,75^0 Br. 

II. Darstellung wie bei I mit den oben erwähnten allge- 
meinen Unterschieden. 

0,8700 g Sbst. 0,0171 g Rh 0,1394 g AgBr. 

Ber.: 17,707« K^) 68,807o Br. Gef.: 19,657o Rh 68,197o Br. 



— 38 — 

m. wie n. 

0,1006 g: 0,0189 g Rh; 0,1668g AgBr. 

Ber.i 17,70<»/o Rh, 68,80»/oBr. Gef.: 18,78VoRh; 70,56«/, Br. 

2. [RhBr,]Naj + 9HjO., 

I. Diesen nach der I. Darstellungsweise nicht erhaltenen 
Körper gelang es folgendermaßen darzustellen: 2,00 g Rhodinm- 
bromid wurden mit der molekularen Menge Natriumbromidlösung 
versetzt, nach längerem resultatlosem Stehen auf dem Wasser- 
bade bis zur Trockene eingedampft, mit einigen Tropfen H^O 
aufgenommen und aus dieser hochkonzentrierten Lösung der 
Körper in dunkelroten Kristallen erhalten. 

0,2011 g Sbst. 0,0283 g Rh; 0,2733 g AgBr 

0,1052 g Sbst. 0,0145 g Rh; 0,1441g AgBr 

Ber.: [RhBrJ Na, + 9HjO -12,6670 Rh; 58,93 

Gef.: 14,070/0 Rh, 57,84 »/o Br; 13,78»/o Rh, 58,37 »/o Br. 

II. Darstellung wie unter I. 

0,0913 g Sbst. 0,0110 g Rh 0,1253 g AgBr 

Ber.: [RhBr,]Na3 + 9HaO-12,66«/o Rh, 58,93 »/o Br. 

Gef.: 12,05 »/o ßh, 58,40»/o Br. 

m. Siehe I. 

0,0792 g Sbst. 0,0118 g Rh 0,1162 g AgBr 

Gef.: 14,90»/o Rh; 62,49 o/, Br. 

Ber.: [RhBr,] Na, + 9 HjO • 1 2,66 »/o Rh, 58,93 »/o.Br. 

3. [RhBr,](NHA. 

Wiederum wurden 2,00 g Rhodiumbromid in AVasser und 
einigen Tropfen Brom Wasserstoff gelöst, mit einer Ammoniom- 
bromidlösung, die die fttr 4 Moleküle berechnete Menge enthielt, 
versetzt, nach längerem Stehen aut dem Wasserbade bis zur be- 
ginnenden Kristallisation eingeengt und der ausfallende schwarze, 
etwas ins Grünliche gefärbte Körper gewaschen und der Analyse 
unterworfen. 

0,1117 g Subst. 0,0235 g Rh; 0,1829 g AgBr 

Ber.: 19,12<»/o Rh; 74,19»/o Br; 21,04«/o Rh; 69,68''/o Br. 

n. Darstellung wie unter I, nur mit den im allgemeinen 
gemachten Änderungen. 

0,1022 g Sbst. 0,0209 g Rh 0,1731 g AgBr. 
0,1066 g Sbst. 0,0217 g Rh 0,1817 g AgBr. 



- 39 — 

Ber.: 19,12«/, Rh; 74,19 »/oBr; Gef.: 20,45 «/„Rh, 72,0870 Br; 
20,36«/, Rh; 72,53»/, Br. 

m. Siehe ü. 

0,1089 g Sbst. 0,0223 g Rh; 0,1826 g AgBr. 

Ber.: 19,12«/oRh; 74,19«/, Br; Gef.: 20,47«/,Rh 71,36«/, Br. 

4. [RhBrj]CSj. 

L Beim Versetzen der Lösung von 2 g Rhodinmbromid in 
Wasser and Bromwasserstoffsäore mit Gaesinmbromid fiel sofort 
ein schmutzig gelbbraun gefärbter Niederschlag aus. Derselbe 
ließ sich schlecht filtrieren, da er stark durch das Filter ging, wurde 
trotzdem gründlichst gewaschen und der Analyse unterworfen: 

0,1359 g Sbst. 0,0220 g Rh; 0,1718 g AgBr. 

0,1218 g Sbst 0,0195 g Rh; 0,1521 g AgBr. 

Der Körper wurde nochmals mit verdünnter Bromwasser- 
stofbäure gewaschen. 

0,1134 g Sbst 0,0179 g Rh; 0,1458 g AgBr. 

Ber.: 13,40«/, Rh, 52,02«/, Br. Gef.: 16,19»/, Rh, 53,80«/, Br; 
16,01«/, Rh, 53,14»/, Br; 15,78»/, Rh, 54,72«/, Br. 

II. Das wiederum sofort ausfallende schmutzig gelbbraune 
Salz wurde in überschüssigem Wasser auf dem Wasserbade durch 
längeres Digerieren gelöst Durch langsames Einengen auf dem 
Wasserbade gelang es, zu einem prächtig flimmernden, wie bei 
der I. Darstellungsweise grün gefärbten Produkt zu kommen. Es 
ließ sich leicht filtrieren, wurde gründlich gewaschen und analysiert : 

0,1141g Sbst 0,0180 g Rh; 0,1444 g AgBr. 

0,1377g Sbst 0,0216g Rh; 0,1755g AgBr. 

Ber.: 13,40»/,Rh; 52,02«/, Br; Gef.: 15,77«/, Rh; 53,86»/, Br; 
15,68«/, Rh; 54,23»/, Br. 

m. wie n. 

0,1038 g Sbst 0,0165 g Rh, 0,1361g AgBr. 

0,1052 g Sbst 0,0163 g Rh, 0,1321g AgBr. 

Ber.: 13,40«/, Rh; 52,02«/, Br. Gef.: 15,90«/, Rh, 55,80«/, Br; 
15,50«/, Rh; 53,44«/, Br. 

5. [RhBrJRbj. 

I. Erst nach längerem Stehen der molekularen Mischung 
beider Komponenten schied sich das gewünschte Salz als schmutzig 



— 40 — 

braaner Niederschlag aas. Nach dem Abfilirieren, das wiederum 
mit Schwierigkeiten verknüpft war, wurde der Körper grand- 
lichst gewaschen und analysiert: 

0,U16g Sbst. 0,0250 g Rh 0,1876 g AgBr. 

Ber.: 15,29^/oRh; 59,377oBr. Gef.: 17,65«/oRh, 56,38«/oBr. 

II. Genau wie beim Cäsiumsalz wurde der Körper in über- 
schüssigem Wasser gelöst und ebenfalls als prächtig flimmernder, 
voluminöser, grüner Niederschlag beimEinengen auf dem Wasser- 
bade erhalten, der sich leicht filtrieren und waschen ließ: 

0,1025 g Sbst. 0,0180 g Rh, 0,1433 g AgBr 
0,1045 g Sbst. 0,0176 g Rh, 0,1416 g AgBr. 
Ber.: 15,29«/oRh; 59,3T«/oBr. Gef.: 17,58«/o Rh, 59,50 «/oBr, 
16,84 «/o Rh, 60,26% Br. 

III. wie n. 

0,1025 g Sbst. 0,0183 g Rh. 0,1443 g AgBr. 

Ber.: l5,29«/o Rh, 59,37 VoBr. Gef.: 17,85^0 Rh, 59,9P/oBr. 



Das Atomgewicht des Rhodiums. 

Schon 1814 hatte Berzelius^) versucht mittels einer kleinen, 
vonWüllaston übersandten Menge Rhodiums das Atomgewicht 
dieses Metalles zu bestimmen. Im Jahre 1828 wiederholte er 
die Bestimmung des Atomgewichtes, nachdem er selbst') seine 
früheren Versuche, als auf unrichtigen Voraussetzungen fußend, 
als mißlungen bezeichnet hatte. 1825 versuchte Th. Thomson') 
durch Analyse des von Wollast on bereiteten Natriumsalzes das 
Atomgewicht des Rhodiums festzustellen. Er fand die Zahl 110,9, 
die sich im weiteren Verlauf der Untersuchungen als falsch er- 
wies. Berzelius wählte zu seinen späteren Versuchen das 
Kaliumpentachlororhodiat und bestimmte durch Reduktion des 
entwässerten Salzes im Wasserstoffstrome, Ermittlung des Ge- 
wichtsverlustes, Ausziehen des Chlorkaliums aus der reduzierten 

^) Thomsons Ann. of philos. 3, 352; Schw. 22, 317. 
«) K. Vetensk. Akad. Handl. Bd. 36, ö. 21—22. 1828. 
*) An attcrapt to etablish the first principles of cheroistry, Bd. 1, 
S. 460. London. 1825. 



— 41 — 

Masse and Wägung des zarückbleibenden Metallschwammes die 
Menge des Rhodiums und des an dieses gebundenen Cbloi^ und 
damit auch jene des Chlorkaliums in dem Doppelsalze. Aus 
mehreren Bestimmungen dieser Art berechnete Berzelius das 
Atomgewicht des Rhodiums zu 104,1. Claus^) nahm bei seinen 
Analysen zahlreicher Verbindungen des Rhodiums Rh = 104,14 
an, ohne jedoch eine eigentliche Atomgewichtsbestimmung dieses 
Elementes vorgenommen zu haben. 

Clarke*) berechnete das Atomgewicht zu 104,05. 

In späterer Zeit hat S. M. Jörgen sen gelegentlich einer 
umfangreichen Untersuchung über Ammoniakbasen ^) des Rhodiums 
auch eine vorläufige Bestimmung, wie er sich selbst ausdrückt, 
dieses Elementes ausgeführt. Er ging nicht, wie die meisten 
seiner Vorgänger, von einem Chlorosalze aus, sondern wählte 
das von ihm selbst untersuchte Chloropentamminrhodiumchlorid 
zu seinen Bestimmungen. Die Gründe, die ihn zu dieser 
Wahl bestimmten, setzt er selbst, wie folgt, auseinander*): 
„Schon in meinen Untersuchungen über die Ammoniakbasen 
des Rhodiums habe ich hervorgehoben, daß das Chloro- 
pnrpureorhodiumchlorid und die entsprechende Bromverbindnng 
durch ihre ungemeine Beständigkeit gegen Reagentien sich mit 
großer Garantie für Reinheit darstellen lassen, weil ihr Rhodium- 
gehalt nun anch mit großer Schärfe durch einfaches Glühen 
zuerst an der Luft, dann in Wasserstoff und Kohlensäure ge- 
funden werden kann, und weil sie außer Rhodium nur Elemente 
halten, deren Atomgewichte zu den am sichersten festgestellten 
gehören, so habe ich versucht durch Analyse jener Salze vor- 
läufig das Rhodiumatom zu bestimmen, um so mehr als Bunsen^) 
Zweifel ausgesprochen hat, ob das bisher für chemisch reines 
Rhodium gehaltene Metall nicht noch erhebliche Mengen Iridium 
enthalten hat." Aus den übereinstimmenden Werten mehrerer 
Analysen des Chloropentamminrhodiumchlorides und des ent- 
sprechenden Broraids glaubt Jörgensen nun sicher annehmen 



') N. Petereb. akad. Bull., Bd. 2, S. 158. 

») Clarke. Phü. M. [5] 12, 101. 

•) Journ. prakt. Chemie (X. F.) Bd. 27, S. 433—489. 

♦) daadbst S. 486. 

») Ann. Chem. Pharm. Bd. 146, S. 266. 



— 42 — 

zu dürfen, daß die Zahl 103 für das Rhodium der Wahrheit 
sehr nahe kommt. 

Diesen im Jahre 1883 veröffentlichten Bestimmungen 
schließt sich 1890 eine von Karl Seubert und K. Kobb6') 
verfaßte Arbeit enge an. Dieselben wählten ebenfalls das 
Chlorbpentamminrhodiumchlorid, folgten im allgemeinen den An- 
ordnungen von Jürgens en und bekamen als Resultat ihrer 
Arbeit die Zahl 102,92, bezogen auf Sauerstoff = 16. 

Bei den folgenden Atomgewichtsbestimmungen, die, wie 
ausdrücklich hervorgehoben werden möge, nur einen vor- 
läufigen Charakter haben, machten wir uns die Erfahrungen 
von Jörgensen wie von Seubert und Kobbfe zu nutze und 
wählten aus den gleichen Gründen wie jene das Chloro- 
pentamminrhodiumchlorid als Ausgangsmaterial zur Atomgewichts- 
bestimmung. 

Analysenmaterial. 

Das zu vorstehender Untersuchung ausschließlich verwendete 
Wasser war auf folgende Weise gereinigt worden. Das destil- 
lierte Wasser des Laboratoriums wurde in einer großen Flasche 
etwa eine Woche über reinstem Kalk stehen gelassen und dann 
in kleinen Portionen aus einer sorgfältigst gereinigten Platin- 
retorte destilliert. Daß hiebet, wie bei allen in dieser Arbeit 
vorkommenden Destillationen, nur die mittlere Fraktion auf- 
gefangen wurde, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. 
Dieses schon ziemlich reine Material wurde dann mit etwas 
Alkalipermanganat in der Platinretorte, die mit einem eigens zu 
diesem Zwecke hergestellten und nur zur Destillation von reinstem 
Wasser benutztem Ktihlrohre aus reinem Quarz verbunden 
war, zum zweiten Male in kleinen Portionen destilliert. Un- 
mittelbar vor dem Gebrauche wurde dann dieses Wasser noch 
einer erneuten Destillation unterworfen. Das Kühlrohr aus 
Quarz wie überhaupt alle zur Atomgewichtsbestimmung be- 
nutzten Geräte aus Glas und aus Porzellan wurden vor jedes- 
maliger Benutzung mit Wasser mehrere Tage ausgedämpft; 
außerdem sind die benützten Porzellan- und Glasgeräte schon 
jahrelang zu demselben Zwecke in Gebrauch. Das auf die ge- 
schilderte Weise gewonnene Wasser ergab mit den verschie- 

') Ann. Bd. 260, S. 314—325. 



— 43 — 

densten Beagentien nicht die mindesten Reaktionen und hinter- 
ließ, in größerer Menge verdampft, nicht den geringsten wäg- 
baren Rückstand. 

Die zur Verwendung gelangte Salzsäure war — nach ver-; 
schiedenen anderen Versuchen — in der Weise gewonnen worden, 
daß wir die reinste, konzentrierte, arsenfreie Salzsäure aus einer 
mit Salzsäure stundenlang ausgekochten Retorte aus Jenaer 
Glas destillierten. Das mittlere, bei 110^ übergehende Destillat 
wurde aufgefangen und; da es weder eine Reaktion auf Arsen 
noch auf Eisen gab, zum Arbeiten verwendet. Natürlich war 
diese Säure vor dem Gebrauche nochmals durch Destillation 
gereinigt worden. 

Das schließlich zur Verwendung gelangte Ammoniak wurde 
nach verschiedenen Vorversuchen aus reinem, konzentriertem 
Ammoniak durch Destillation gewonnen. Das in einer mit 
Wasser gründlich ausgedämpften Flasche entwickelte Gas wurde 
durch mehrere Trockenapparate, die Natronkalk enthielten, ge- 
leitet und in einer vorgelegten Flasche, die reinstes Wasser 
enthielt, aufgefangen. 

Darstellung des Chloropentamminrhodinmehlorids. 

Um das uns von der Firma W. C. Heraeus in Hanau 
gelieferte chemisch reine Rhodium aufzuschließen, wandten wir 
die Wo hier sehe Methode der AufschließuBg mit Chlomatrium 
im Chlorstrom an. Wir benützten hiebei den eingangs der 
Arbeit in Figur 1 beschriebenen Apparat und machten hiebei 
die Beobachtung, daß von den angewandten 32,5 g chemisch 
reinem Rhodium zirka 8 g ungelöst blieben, wir somit mit einem 
Verluste von zirka 25 ^/^ arbeiteten. Bei einer weiteren Portion 
Rhodium von 10 g, der wir die bei der ersten Aufschließung 
restierenden 8 g hinzufügten, belief sich der Betrag des unge- 
löst zurückbleibenden Rhodiums nur auf 20^ j^. Wir schrieben 
dies dem Umstände zu, daß wir bei der zweiten Aufschließung Chlor- 
natrium angewandt hatten, das aus der vorhergehenden Rhodium- 
salzlösung durch Chlorwasserstoff ausgefällt war und somit 
schon aufgeschlossenes Rhodium enthielt, was auch aus seiner 
prächtigen rosa Farbe ersichtlich war. Von den insgesamt 
angewandten 42,5 g Rhodium blieben somit im ganzen zirka 
4 g ungelöst, so daß der Verlust nur die Höhe von 10®/o 



— 44 — 

erreichte. Das mit der doppelten Menge reinen Ghlornatriams 
innig gemengte Rhodium warde in ein Schiffchen ans Meißner 
Porzellan gegeben and dieses im schwer schmelzbarem Glas- 
rohre im Chlorstrom erhitzt, wobei die Temperatur bis zur 
dunkeln Rotglut gesteigert wurde, bis der Inhalt des Schiff- 
chens geschmolzen erschien. Beim Erkalten des Schiffchens 
erstarrte die Schmelze zu einem harten Kuchen, der sich 
leicht aus dem Schiffchen entfernen ließ. Nach ungefähr 
halbstündigem Erhitzen und Überleiten von Chlor wurde 
der nach dem Erkalten erstarrte Inhalt des Schiffchens im 
Achatmörser auf das Feinste zerrieben, wieder eingefallt und 
von Neuem der Einwirkung des Chlorstromes und der Hitze 
ausgesetzt. Dies Verfahren mußte im Durchschnitte 4— ömal 
wiederholt werden, bis die fast schwarze Schmelze beim Zerreiben 
ein prächtiges, rosafarbenes Pulver bildete, das sich mit himbeer- 
roter Farbe im Wasser löste. Durch Filtration mittels ge- 
härteter ITilter^) wurde die Lösung von dem ungelöstem Rho- 
dium befreit und alsdann nach dem von Jörgensen ausge- 
arbeitetem Verfahren weiter bearbeitet. Mittels gasförmigem 
Chlorwasserstoff wurde das meiste Chlornatrium aus der Lösung 
gefällt. Hiebei benützten wir den in Figur 2 ersichtlichen 
Apparat, dessen Hauptvorteil dann bestand, daß die zusammen- 
setzbaren Teile desselben aus vorzüglich schließenden Glas- 
schliffen bestanden* und somit keine Verbindungen aus Gummi 
nötig waren. In einem Erlen meyerkolben E, der durch einen 
vorzüglich schließenden Glasschliff g mit einem Tropttrichter T 
versehen war, wurde durch Eintropfen von konzentrierter 
Schwefelsäure in konzentrierte Salzsäure gasförmiger Chlor- 
wasserstoff dargestellt. Mittels einer Glasröhre wurde der sich 
entwickelnde Chlorwasserstoff durch den Glasschliff g^, der zur 
leichteren Handhabung des Apparates beim Auseinandernehmen 
angebracht war, in die Waschflasche W geleitet, die mit kon- 
zentrierter Schwefelsäure beschickt war und ebenfalls durch 
Glasschliff gg verschlossen werden konnte. Von hier gelangte 
der Chlorwasserstoff schließlich in den die Rhodiumsalz- 
lösnng enthaltenden Erlenmeyerkolben, Eg, um hier in einer 
trichterförmigen F^rweiterung, die ein Verstopfen durch ausfal- 



^) Diese waren vorher mit öalzBäure erschöpfend behandelt worden. 



— 45 — 

lendes Cblornatrium verhindern soll, zu enden. Nachdem die 
Lösung unter Abkühlung durch Einstellen in Eiswasser mit 
gasförmiger Salzsäure gesättigt war, wurde das abgeschiedene 
durch Khodium noch rosa gefärbte Chlornatrium abfiltiert. Hiezu 
benützten wir durch Kochen mit Salzsäure und Ausdämpfen 
mit Wasser gereinigte Glaswolle, nachdem wir den größeren Teil 
der Lösung zuvor dekantiert hatten. Die rhodiumhaltige Lösung 
wurde sodann in einer Porzellanschale zur Trockene eingedampft, 
der Rückstand mit wenig Wasser aufgenommen und mit Am- 
moniak im Überschuß versetzt. Nachdem noch einige Male mit 




Figur 2. 

Ammoniak bis fast zur Trockene eingedampft worden war, 
wurde die zuletzt erhaltene Salzmasse mit konzentrierter Salz- 
säure versetzt, und mehrere Stunden auf dem Wasserbade er- 
hitzt. Hiebei schied sich das Chloropentamminrhodiumchlorid aus. 
Dasselbe wurde auf einem Filter gesammelt, mit kaltem, reinstem 
Wasser gewaschen und durch Lösen in heißem Wasser und Ein- 
filtrieren in konzentriei'te Salzsäure wiederholt gereinigt. Hie- 
bei entstanden bedeutende Verluste an der Ausbeute, da ein 



— 46 - 

großer Teil des Salzes beim Einfiltrieren in Salzsäure in Lösung 
blieb und f6r das reinste Endprodukt somit verloren ging. Je 
reiner jedoch das Analysenmaterial wurde, desto leichter löste 
es sich in siedendem Wasser und desto quantitativer fiel es beim 
Einfiltrieren in konzentrierte Salzsäure aus. Infolge der eben- 
genannten Umstände benötigten wir große Quantitäten des so 
kostbaren und auf so mühselige Weise dargestellten reinsten 
Wassers. In der Folge zeigte sich jedoch, daß eine mindestens 
dreimalige Reinigung des Produktes auf vorbeschriebene Weise 
vollkommen genägte, tadellos reinstes Änalysenmaterial zur Atom- 
gewichtsbestimmung zu bekommen, und schließlich resultierte 
denn auch das reine Chlorochlorid von dem von Jörgensen be- 
schriebenem Aussehen als blaßgelbes, einen schwachen Stich 
ins Grünliche zeigendes, kristallinisches Pulver. 

BestimmDng des Atomgewichtes. 

Das auf die eben beschriebene Art erhaltene reinste Präparat 
wurde in eine Platinschale übergeführt, wobei natürlich die am 
Filter haftengebliebenen Teile nicht berücksichtigt wurden. Die 
Schale wurde dann in einen mit Phosphorpentoxyd beschickten 
Exsikkator gebracht, wo sie im Vakuum mehrere Tage belassen 
wurde. Darauf wurde sie im Trockenschranke auf 105® er- 
hitzt, wobei natürlich peinlich darauf geachtet wurde, daß die 
Temperatur nie höher steige. 

Das auf die geschilderte Weise vorbereitete Präparat wurde 
nun zur Analyse verwendet. 

Nun sollte hier eine Beschreibung der Wagen und Gewichte 
Platz finden, die uns zur Verfügung standen; allein die Wagen, 
die auch wir zu dieser Atomgewichtsbestimmung benützten, 
sind erst kürzlich in den aus dem gleichen Laboratorium er- 
schienenen Abhandlungen so ausführlich beschrieben worden, daß 
ich füglich nicht wieder darauf einzugehen brauche. 

Bei der eigentlichen Analyse des Chlorochlorids konnten 
wir sowohl die in diesem Laboratorium gemachten Erfah- 
rungen bei den mehrfachen Bestimmungen des Palladiums 
mit Nutzen anwenden, wie auch die Beobachtungen zu Rate 
ziehen, die Seubert und Kobbe in ihrer Abhandlung über 
das Atomgewicht des Khodiums niedergelegt haben. Wie beim 
Palladium, so bildete auch bei der Atomgewichtsbestimmung 



— 47 — 

des Ehodiams die größten Schwierigkeiten der Umstand, daß 
Rhodinm die Eigenschaft besitzt, Wasserstoff zu absorbieren. 
Mithin lag der Gedanke nahe, die Bestimmung genau in der- 
selben Weise, ja mit dem nämlichen Apparate wie die Atom- 
gewichtsbestimmung des Palladiums auszuführen. Wir ver- 
wandten den durch beiliegende Figur 3 veranschaulichten Apparat, 
dessen Beschreibung der Zweck der folgenden Zeilen sei: 

Das im Kipp 'sehen Apparate entwickelte Gas passiert 
die drei Waschflaschen a, b, c und tritt von hier in einen kleinen 
Verbrennungsofen d. Die darin befindliche Verbreunungsröhre 
ist mit ausgeglühten Kupferspiralen gefüllt, e stellt eine Kugel- 
röhre dar, die mit Palladiumasbest gefüllt ist, f ein Ghlorcalcium- 
rohr, das mit dem folgenden Röhrenstück durch einen Schliff 
verbunden ist, wie überhaupt von hier ab alle Verbindungen 
durch tadellose Glasschliffe hergestellt sind. Bei g verzweigt 
sich der Apparat: hier mündet der Kohlensäurestrom ein, der 
die gleichen Beinigungsapparaturen zu passieren hat wie der 
Wasserstoffstrom, was in der Figur nicht ausgeführt ist. Durch 
entsprechende Stellung der Glashähne m^, m^, m, kann je nach 
Bedarf ein Wasserstoff bezw. Kohlensäurestrom durch den 
Apparat geleitet werden, g stellt eine mit Phosphorpentoxyd 
gefüllte Röhre dar, die mittels eines Schliffes mit h, dem Er- 
hitzungsrohre, verbunden ist. Das Chlorcalciumrohr sowie die 
mit konzentrierter Schwefelsäure beschickten Waschflaschen 
schließen den Apparat nach hinten ab. 

Wasserstoff wurde entwickelt aus chemisch reinem arsen- 
treiem Zink und mehrfach destillierter und dann mit Wasser 
verdünnter Schwefelsäure. Das Zink war vorher platiniert worden. 

Die Kohlensäure entwickelten wir aus Marmor, den wir 
durch Auskochen mit Wasser von Luft befreit hatten, und mit 
reinster, verdünnter Salzsäure. 

Diese Gase traten nacheinander durch konzentrierte Kali- 
lauge, — beim Kohlensäureapparate war natürlich statt dieser 
eine Lösung von Natriumbikarbonat vorgelegt worden, ~ 
Kaliampermanganatlösung und chemisch, reine, konzentrierte 
Schwefelsäure. In der Verbrennungsröhre sowie durch deji 
Palladiumasbest wurden die letzten Reste von Sauerstoff ent- 
fernt, und das so gereinigte Gas wurde nochmals durch Chlor- 
calcinm und Phosphorpentoxyd scharf getrocknet. 



— 48 — 

Nach dieser Schilderung des Apparates im allgemeinen 
mag nun die Beschreibung einer Atomgewichtsbestimmung selbst 
erfolgen. 

Große und breite Porzellanschiifcben aus Meißner Porzellan 
wurden in Königswasser mehrere Stunden ausgekocht, dann 
mit Wasser gereinigt und schließlich in reinem Wasser selbst 
nochmals längere Zeit ausgekocht. Nachdem sie sorgfältigst mit 
einem seidenem Tuche getrocknet waren, wurden sie je 10 Minuten 
vor dem Gebläse geglüht, dann nach kurzem Erkalten in die 
bekannten zu diesem Zwecke dienenden Wägeröhrchen, die 
mit zwei vorzüglich eingeschliffenen und absolut luftdichten 
Glasstopfen versehen waren, eingeschoben, 2 Stunden an der 
Wage stehen gelassen und dann zur Wägung gebracht. Dies 
wurde so oft wiederholt, bis dreimal hintereinander konstantes 
Gewicht erreicht wurde. In das so vorbereitete Schiffchen 
wurden nun circa 1^2 S des reinsten Chlorochlorids eingetragen 
und im Trockenschranke bei 105® 2 Stunden lang erhitzt. 
Nach abermaligem, zweistündigem Stehen im Wägezimmer 
wurde das Schiffchen, diesmal mit Substanz, gewogen und 
diese Operation so lange fortgesetzt, bis konstantes Gewicht 
erreicht wurde. Das Schiffchenwurde nun vorsichtig in das 
Glasrohr h übergeführt, die Apparate luftdicht verbunden 
und, nachdem zuvor durch Kohlensäure zur Vermeidung von 
Knallgas alle Luft verdrängt worden war, ein langsamer Wasser- 
stoffstrom hindurchgeleitet. 

Jörgensen hat bei seinen Versuchen die Erfahrung ge- 
macht, daß die Reduktion des Salzes nicht ohne Stäuben vor 
sich geht, und hat, um Verlusten vorzubeugen, das Salz in 
Filtrierpapier eingewickelt abgewogen, erst in Luft, dann in 
Wasserstoff geglüht und nach beendetem Versuche die ent- 
sprechende Menge Filterasche von dem Gewichte des Metalls 
in Abzug gebracht. Seubert und Kobbe haben aber gezeigt, 
daß das Stäuben vollständig vermieden werden kann, wenn 
man die betreffenden Verbindungen, seien sie durch langsame 
Kristallisation abgeschieden oder aus Lösungen gefällt, vorher 
im Achatmörser möglichst fein zerreibt. In der Tat konnten 
auch wir durch Befolgung dieses Ratschlages Verlusten vor- 
beugen, doch können wir noch die Erfahrung hinzufugen, daß 
man sich am sichersten vor Verlusten schützt, wenn man die 



— 49 — 

Reduktion nur in einem ganz langsamen Wassersloffstrome oder 
gar nur in einer Wasserstoflfatmosphäre vor sich gehen läßt 
obwohl im letzteren Fall der weitere Übelstand eintritt, daß 
das sich bildende Chlorammonium fortwährend zurücksublimiert. 
Wir wählten also den Mittelweg und gingen so vor, daß 
wir in einem ganz schwachen Wasserstoflfstrome das Rohr un- 
gefähr 2 Finger breit von der Stelle, an der sich das Schilf- 
chen befand, mit einem Mikrobrenner schwach zu erwärmen 
begannen und durch fächelndes Erhitzen die Zersetzung des 
Chlorochlorids allmählich herbeiführten. Die Zersetzung geht 
äußerst ruhig vor sich, doch muß man darauf achten, mit dem 
Brenner stets einen Zentimeter von der Stelle entfernt zu 
bleiben, an der eben die Reduktion vor sich geht. Das Chlor- 
ammonium verflüchtigt sich langsam, indem es sich teils auf 
dem zersetzten Salze niederschlägt, teils an der Röhre haften 
bleibt. Der Prozeß geht so langsam vor sich, daß wir zur 
erstmaligen Reduktion des Schiffchens stets volle 3—4 Stunden 
benötigten. Eine weitere Schwierigkeit bestand nun darin die 
letzten Reste des Chlorammonium aus dem Rhodiumschwamm 
zu vertreiben und ein Zurücksublimieren zu vermeiden. Wir 
erreichten dies dadurch, daß wir, nachdem das Salz voll- 
ständig zersetzt war, einen stärkeren Wasserstoffstrom durch 
die Röhre streichen ließen und durch Erhöhung der Tempe- 
ratur mittels eines Teklubrenners mit Schwalbenschwanzauf- 
satze, beginnend am Ende des mit Phosporpentoxyd beschickten 
Rohrs, dafür Sorge trugen, daß ein Zurücksublimieren des 
Chlorammoniums zur Unmöglichkeit wurde. Auf diese Weise 
trieben wir zugleich das Chlorammonium ein gutes Stück 
über das Schiffchen hinaus, so daß beim späteren Heraus- 
nehmen des Schiffchens kein Chlorammonium mehr an demselben 
haften bleiben konnte. War dies erreicht, so ließen wir die 
Temperatur der Röhre auf ungefähr 200® abkühlen, schalteten 
den Wasserstoffstrom aus und leiteten Kohlensäure durch die 
Röhre durch Schließen von m^ und Öffnen von mg. Dies hatte 
den Zweck, einerseits die Absorption von Wasserstoff durch 
Rhodium zu verhindern, andrerseits der beim unmittelbaren 
Verbringen des feinverteilten Rhodiums aus der Wasserstoff- 
atmosphäre in die Luft infolge seiner kalalytischen Eigen- 
schaften erfolgenden Bildung eines Besclilaofs von Wasser 

Sitxungaberiebte der phys.-med. Soz. 89 (1907). ^ 



— 50 — 



^^-^cr; 



vorzubeugen. Wie das mit Wasserstoff beladene Palladium, 
im 'JC^tei^äiiifestrom schwach über 150® erwärmt, die ge- 
samte -Menge des Wasserstoffs, ohne von der Kohlensäure 
irgendwie angegriffen zu werden, abgibt, so konnte auch 
im vorliegenden Falle durch die gleiche Behandlung bewirkt 
werden, daß das nach der Reduktion ini Schiffchen als zusammen- 
hängendes lockeres Stäbchen von hellgrauer Farbe zurfick- 
bleibende Metall nach dem Erkalten im Eohlensäurestrom und 
Vertreiben der Kohlensäure durch reine, trockene Luft absolut 
rein und frei von irgend welchen Grasen war. Nachdem so das 
Schiffchen im Kohlensäurestrome nochmals erhitzt worden 
war, wurde zum Erkalten eine Stunde lang Kohlensäure durch 
die Röhre geleitet; dann die Kohlensäure dui*ch reine, trockene 
Luft vertrieben, das Schiffchen aus der Röhre in das luft- 
dicht verschlossene Wägeröhrchen übergefiihrt, zwei Stunden im 
Wägezimmer belassen und schließlich gewogen. Dieser Prozeß 
des Erhitzens im Wasserstoff- bezw. Kohlensäurestrom wurde 
so oft wiederholt, bis Gewichtskonstanz eingetreten war, was 
zumeist schon mit der 3. und 4. Wägung erreicht wurde. 

Schließlich wurde das Schiffchen mit der reduzierten Sub- 
stanz im Sprehgelschen Vakuum erhitzt, ohne daß das Ge- 
wicht sich verändert hätte. 

Nachdem nun alles, was zur Beurteilung der von uns ge- 
wählten analytischen Methode von Wichtigkeit ist, in kurzen Zügen 
mitgeteilt worden ist, folgen die gefundenen Werte, auf deren 
Diskussion wir uns jedoch nicht eher einlassen 
möchten, bis weitere Untersuchungen, die im hiesigen 
Laboratorium im Gange sind, die Frage endgültig 
entscheiden. 



Nr. 


Angewandte 

Substanz 

in g 


Gefunden 

Rhodium 

in g 


Verlust 

= (NH,),Cl3 

in g 


Gefunden 
•/o Rh. 

• 


Atom- 
gewicht 


1 
2 
3 


1,60574 
1,67310 
1,30182 
4,58066 


0,56124 
0,58492 
0,45507 
1,60123 


1,04450 
1,08818 
0,84675 


34,951 
34,960 
34,956 
Mittel 
34,956 


102,906 
102,943 
102,925 




2,97943 


Mittel 
102,92 



=o=c 




«- <=' 




über Wirbelsäulenperkussion. 

Von Oskar de la Camp. 

Aus dem pharmakologisch-polikliniscfaen Institut der Universität Erlangen. 

Vorgetragen in der Sitzang vom 8. Juli 1907. 

Während die Perkussionsmethodik am Thorax selbst allseitig 
ausgebildet ist, während man auch hinter dem Stemum, als 
solidem Knochen, lufthaltige Organe von luftleeren perkussorisch 
abzugrenzen gelernt hat, ist von der Perkussion des Strebe- 
pfeilers des Brustkorbes, der Wirbelsäule selbst, bisher wenig 
die Rede gewesen. 

In neuerer Zeit haben einige Autoren allerdings dem Wert 
der Wirbelsäulenperkussion das Wort geredet. Hier sind zu 
nennen vor allem Ewart, Bauchfuß, Hamburger und be- 
sonders V. Koranyi. — Doch liegen auch recht alte Beob- 
achtungen vor: 

Skoda übersetzt Auenbruggers „Idem sonus per 
tractum Spinae dorsi observatur^ mit: „Derselbe Ton 
ergibt sich längs der Wirbelsäule." 

Diese Übersetzung erscheint nicht gerechtfertigt; Auen- 
brugger meint offenbar, nachdem er den Schall an den Seiten 
des Brustkorbes besprochen und den dumpf schallenden Bezirk 
der Herzdämpfung hinter dem Sternum erwähnt hat, mit dem 
letzten Satz die Perkussion der Wirbelsäule selbst. — Ferner 
äußert sich Piorry ausführlicher über die direkte Perkussion 
der Wirbelsäule. 

Den Wert der Wirbelsäulenperkussion möchte ich an zwei 
Beispielen demonstrieren: 1. an der perkussorischen Darstellung 
vergrößerter mediastinaler Drüsen; 2. an den Dämpfungsverhält- 
nissen pleuritischer Ergüsse, welche der Wirbelsäule sich an- 
lagern. 

4* 



— 52 ~ 

1. Korabination der vielfachen anderweitigen Symptome 
einer Anschwellung der Drüsen im Thoraxinjiem (Abmagerung, 
Temperaturbewegungen, skrophulöser Habitus, sonstige Drusen- 
schwellungen, positive Tuberkulinreaktion, Druckschmerz, Vagus- 
husten, Spinalgie, Neissers Sondierungsmethode, Röntgenunter- 
suchung) gestattet intra vitam nicht selten eine sichere Diagnose. 
Solche Fälle wurden in erster Linie zur Bewertung der Wirbel- 
säulenperkussion herangezogen. — Die Wirbelsäulennähe der 
im Bifurkationsknie liegenden Drüsen kann ich Ihnen unter Be- 
zugnahme auf die Thoraxquerschnitte im Toldtschen Atlas und 
auf eigene Röntgenuntersuchungen an Frontalserienschnittea 
durch Gefrierleichen demonstrieren. 

Bezüglich der Perkussionstechnik und -befunde an der 
normalen Brustwirbelsäule schließe ich mich den v. Koranyischen 
Befunden fast ausschließlich an. Daß die einzelnen auf ihren 
Dornfortsatz perkutierten Wirbel als Plessimeter wirken, un- 
beschadet der schrägen Perkussionsrichtung, kann ich Ihnen 
durch Darstellung der absoluten und relativen Herzdämpfung 
bei einem erwachsenen Jungen zeigen. (Demonstration.) — Im 
Öefüge der Wirbelsäule behält jeder Wirbel seine perkussorische 
Selbständigkeit, so daß in der Tat die vor der in kaudal zu- 
nehmender Weise zwischen die hinteren Lungenränder einge- 
falzten Brustwirbelsäule liegenden Organe maßgeblich werden. 

Beweis: 1. Der Wintrichsche Schallwechsel (Trachea) bei 
starker Perkussion der oberen Brustwirbelsäule, einmal bei ge- 
öffnetem, das andere Mal bei geschlossenem Mund (und Nase). 

2. Die Dämpfung auf dem 8. und 9. Brustwirbel (1. Vor- 
hofsdämpfung) bei Mitralfehlern. 

3. Vorführung von Kindern aus der Kinderklinik und Poli- 
klinik mit geschwellten Mediastinaldrüsen. 

Die Schwingungsverhältnisse der Wirbelsäule kommen 
nun auch für die Entstehung des sogenannten paravertebralen 
Dreiecks bei einem nicht zu geringfügigen Pleuraerguß in Frage. 

Es gibt nur einen wagerecht stehenden, bei Lage Wechsel 
unmittelbar beweglichen Ergußspiegel im Pleuraraum, nämlich 
denjenigen bei gleichzeitiger Gegenwart von Luft. — Die 
größeren entzündlichen Ergüsse zeigen häufig eine vielfach 
schon beschriebene Form ihres Oberflächenspiegels in dem Sinne, 
daß d:i: Exsudat neben der Wirbelsäule tiefer steht als in der 



— 53 — 

Skapularlinie, dann nach seitlich, resp. vorn steil abfällt (E llis- 
Damoiseausche Kurve). So entsteht auf der Ergußseite ein 
minder dumpf (tympanitisch) schallender^ manchmal geradezu 
dreieckiger Bezirk (Oarland, Bauchfuß, Kraus, Krönig 
u. a.). Auch auf der anderen Seite resultiert ein noch weniger 
dumpf schallender paravertebraler Streiifen durch Verdrängung 
des Mediastinums (v. Koranyi, Grocco, Rauch fuß) unter 
gleichzeitiger Anteilnahme der Wirbelsäule im Sinne eines auf 
die Ergußseite und die gesunde Seite übergreifenden Plessimeters 
(Hamburger). 

Die einschlägigen Verhältnisse möchte ich Ihnen an Eöntgen- 
bildern und den Frontalserienschnitten durch eine Gefrierleiche 
mit Pleuraexsudat unter Bezugnahme auf poliklinische Beob- 
achtungen an Lebenden demonstrieren. 



über die Koagulationsgeschwindigkeit wässriger 
Gelatinelösungen, 

Von Paul Lampe. 
Aus dem physikalischen Institut der Universität Erlangen. 
Eingegangen am 27. Juli 1907. 
Die Lösungen von kolloidalen Körpern kann man in zwei 
Gruppen einteilen. Bei den einen tritt ein Gerinnen ein, bei 
den anderen nicht. Zu den ersteren gehören die Gelatine- 
lösungen. Über den Verlauf des Erstarrungsprozesses liegt 
schon eine Reihe von Untersuchungen vor. Speziell wurde der 
Einfluß, den bestimmte Zusätze hervorrufen, untersucht Die 
früher verwendeten Methoden zur Bestimmung des Erstarrungs- 
verlaufes sind folgende: es wird z. B. der Zeitpunkt bestimmt, 
bei dem ein Thermometer oder ein Glasstab von der gerinnen- 
den Substanz festgehalten wird oder Quecksilbertropfen nicht 
mehr durch die betreffende Substanz durchfallen. Da der 
Schmelzpunkt bei den Kolloiden nicht wohl definiert ist, 
so sind diese Messungen ungenau. Einer anderen Methode, die 
auch nicht genaue Resultate liefern kann (es wird nämlich der 
Zeitpunkt bestimmt, bei dem kein Ausfließen der koagulierenden 
Substanz beim Stürzen eines Gefäßes eintritt) bedienen sich 
Moerner^) und nach ihm S. Levites *) zu eingehenden Unter- 
suchungen. Auch diese Methode benützt keinen scharf defi- 
nierten Zustand der Gelatinelösung. Ausführliche Messungen 
über Erstarrungserscheinungen von Gelatinelösungen sind weiter 
von P. von Sehr oe der *) angestellt worden. P. von Schroeder 

*) Mo einer. Zeitschr. f. physiol. Chemie. 1899. 

«) S. Levites. Journ. d. russ. phys. ehem. Ges. 34, 110—119. 1902. 
35, 253-263. 1903. 86, 401-417. 1904. Vergl. Beibl. z. d. Ann. d. 
Phys. 28, 1121. 1904 

») P. von Schroeder. Zeitschr. f. phys. Chemie 46, 75. 1903, 



— 55 — 

hat eine wohl definierte physikalische Eigenschaft wässriger 
Gelatinelösungen verwendet, nämlich die innere Reibung. Zur 
Beobachtung des zeitlichen Verlaufs des Koagulationsprozesses 
bei konstanter Temperatur ist seine Methode nur in sehr be- 
schränktem Maße verwendbar, da von dem Moment des Er- 
starrens ab seine Methode versagt, während der Eoagulations- 
prozeß mit dem Erstarren keineswegs beendet ist. Weiterhin 
ist seine Methode nur für sehr verdünnte Lösungen brauchbar. 

R. Reiger*) hat auf die Verwendbarkeit des Scherungs- 
moduls zui* Bestimmung der Koagulationsgeschwindigkeit hin- 
gewiesen. Zur Bestimmung des letzteren eignet sich eine 
statische Methode von Th. Schwedoff*) und eine von 
R. Reiger angegebene „dynamische" Methode. Letztere ist 
vor allem im Änfangsstadium brauchbar. 

In der nachfolgenden Arbeit soll der Einfluß der Konzen- 
tration der Gelatinelösung und der Einfluß von Zusätzen ver- 
schiedener Salze, Säuren, Basen zu derselben auf die Koagu- 
lationsgeschwindigkeit bestimmt werden. Da zunächst von einer 
eingehenden Untersuchung des Anfangsstadiums der Koagulation 
abgesehen wurde, so wurde zu den im folgenden mitgeteilten 
Beobachtungen die statische Methode von Schwedoff gewählt 3). 

Da Vorversuche, die mit Gelatinelösungen von demselben 
Prozentgehalt an Gelatine bei verschiedenen Temperaturen an- 
gestellt wurden, zeigten, daß der Scherungsmodul in hohem 
Maße von der Temperatur abhängt, so wurden die Versuche 
in einem Raum von konstanter Temperatur durchgeführt. Die 
mittlere Temperatur desselben bei den verschiedenen Versuchen 
gibt die auf S. 56 folgende Tabelle wieder. 

Bei der Herstellung der Lösungen wurde Rücksicht darauf 
genommen, daß sie sämtlich möglichst dieselbe (thermische) 
Vorgeschichte erhielten, deren Einfluß auf die elastischen Eigen- 
schaften koagulierter wässriger Gelatinelösungen von E. Fraas *) 
und P. von Schroeder^) untersucht worden ist. 



') R. Reiger. Sitzungsberichte der phys.-med. Soz. in Erlangen 38, 
252. 1906. 

*) Th. Schwedoff. Journ. d. Phys., 8, 341. 1889 u. 9, 34. 1890. 
•) Vergl. hierzu R. Reiger a. a. 0. S. 253. 
*) E. Fraas. Wied. Ann. 53, 1074. 1894. 
•) P. von Schroeder a. a. 0. 



56 



Vereuchß- 


mittlere 


reilie 


Temperatur 


I. 


6,0» 


II. 


6,0« 


III. 


7,1° 


IV. 


6,6<' 


V. 


6,8" 


VI. 


7,0" 


VII. 


7,2« 



Die von mir verwendeten A^ufliängungsdrähte besaßen 
eine Direktionskraft, welche innerhalb der Grenzen 3,206 
• 10«— 1,887-105 Erg lag. Zunächst seien im folgenden die 
zeitlichen Änderungen des Scherungsmoduls mitgeteilt. 



Beobachtungen des Einflusses der Konzentration und 

Beimengungen auf die zeitliehe Änderung des 

Scherungsmoduls. 

1. Einflufs der Konzentration. 

Um den Einfluß der Konzentration auf die zeitliche Ände- 
rung des Scherungsmoduls zu bestimmen, wurden 1^/^, 2^/o 
und i^JQ Gelatinelösungen untersucht. Am Ende des Versuches 
wurde eine genaue Bestimmung der Konzentration durch Ana- 
lyse vorgenommen. Dazu wurden kleine, dünne Scheibchen 
aus der koagulierten Lösung herausgeschnitten, auf ein Uhr- 
glas gebracht und möglichst rasch gewogen. Hierauf wurden 
die Scheibchen im Exsikkator getrocknet, bis sich das Gewicht 
nicht änderte. Die Abhängigkeit des Scherungsmoduls von 
der Zeit geben die folgenden Tabellen, in denen die 1. Ko- 
lumne die nach dem Gießen der Lösung verstrichene Zeit t in 
Stunden und die 2. Kolumne den Scherungsmodul n in 
kg/mm* gibt. 



- 57 



L Versuchsreihe. 

Figur 1. 




StiudeD 



Konzentration 1,128 


Konzentration 2,189 


Konzentration 4,434 


t 


n.lO» 


t 


n . 10* 


t 


n . 10* 


1^ 


0,007 


Ih 


0,010 


Ih 


0,161 


2h 


0,046 


2h 2' 


0,073 


2h 2' 


0,760 


3t 


0,145 


3h 


0,199 


3h 


1,325 


4h 


0,283 


4h 


0,303 


4h 


1,707 


r)h 


0,402 


5h 


0,382 


4h 58' 


2,022 


6h 


0,491 


6h 


0,440 


6h 


2,229 


7h 1' 


0,575 


7h 


0,483 


7h 


2,386 


811 


0,636 


8h 


0,517 


8h 


2,505 


9h 


0,685 


9h 


0,542 


9h 


2,599 


10h 


0,728 


10h 


0,561 


10h 1' 


2,675 


11h 


0,767 


11h 2' 


0,579 


Uh 1' 


2,733 


17h 2' 


0,911 


12h 


0.596 


12h 1' 


2,780 


23h 1' 


0.982 


13h 1' 


0,610 


20h 


3,070 


2r)h 1' 


0,994 


19h 


0,663 


25h 


3,148 


29h 1' 


1,022 


25h 3- 


0,693 


28h 


3,181 


31h 


1,035 


3lh 10' 


.0,713 


45h 54' 


3,376 


35h 


1,062 


37h 


0,728 


70h 38' 


3,537 


47h 


1,130 


49h 


0,753 






59h 


1,225 


73h 


0,792 




61h 1' 


1,226 











— 58 - 

2. Einflufs von yerBOhiedenen Beimengungen. 
In den folgenden Untersuchungen wurden zunächst die 
Zusätze so gewählt, daß sich Vio ^^^^^^^^^^^^ ^^ einem Liter 
der öelatinelösung (4®/o) befand ^). Je 3 Lösungen wurden 
gleichzeitig hergestellt, um dieselbe thermische Vorgeschichte 
zu erzielen. Ein Versuch mit einer 4prozentigen Gelatinelösuug 
wurde stets gleichzeitig mit durchgeführt. Den Einfluß der ein- 
zelnen Salze, Basen und Säuren geben die folgenden Tabellen. 
Die Anordnung der Tabellen ist in der Weise getroffen, daß 
stets die Versuche der Reihe nach aufgeführt sind, wie sie 
zeitlich aufeinander folgten. 



II. Versuchsreihe. 
Figur 2. 



3 










^— -" 


Ji-o- 







■ 


— ^ 




/ 


— ^ 




-— 


4%BitlitQ 
4% mit KOI 


== 








3 




¥ 


r 
















i 


(k mit NaCI 


















1 


f 








































d 























0' S4aodeD 



60 



^) Versuche über deu Einfluß der Konzentration der Zusätze sollen 
später mitgeteilt werden. 



— 59 



4»/o Gelatine 


KCl 


NaCl 


t 


n.lO* 


t 


n.lO* 


t 


n.lO* 


Ib 


0,161 


Ih 


0,234 


lh2' 


0,167 


2h 2' 


0,760 


2h 


0,796 


2h 2' 


0,652 


3h 


1,325 


31» 3' 


1,292 


3h 2' 


1,133 


4h 


1,707 


4^ 1' 


1,626 


4h 2' 


1,490 


4h 58' 


2,022 


5h 4' 


1,847 


5h 2' 


1,739 


6h 


2,229 


6h 8' 


2,029 


6h 2' 1,922 


7h 


2,386 


7h 3' 1 2,142 1 


7h 2' 2,060 


8h 


2,505 


8h 3' 


2,243 


8h 2' 


2,180 


9h 


2,599 


9h 4' 


2,321 


9h 2' 


2,268 


10h V 


2,675 


10h 4' 


2,380 


10h 2' 


2,343 


11h 1' 


2,733 


11h 6' 


2,434 


11h 2' 2,401 


12hl' 


2,780 


12h 4' 


2,470 


12h 2' 


2,448 


25h 


3,148 


13h 7' 


2,512 


21h 2' 


2,740 


28h 


3,181 


21h 6' 


2,726 


25h 


2,799 


45h 54' 


3,376 


25h 5' 


2,783 


47h 2' 


3,034 


70h 38' 


3,537 


29h 5' 
4Sh 


2,821 
2,986 










71h 41' 3,133 






III. Versuchsreihe. 






Figur 


3. 








~ 60 — 



4*'/o Gelatine 


Na, SO, 


K,SO, 


t 


11.10* 


t 


n.lO' 


t 


n.lO* 


Ih r 


0,381 


Ih 


0,361 


Ih 


0,303 


2h 1' 


0,959 


2h 


1,031 


2h 


0,970 


3hl' 


1,742 


3h 


1,561 


3h 


1,478 


4h V 


2,129 


4h 


1,921 


4h 


1,832 


6h 3' 


2,562 


5h 1' 


2,168 


5h 


2,068 


7h V 


2,692 


6h 


2,340 


6h 


2,238 


8h V 


2,795 


7h 


2,471 


7h 


2,359 


9h 1' 


2,874 


8h 


2,576 


8h 


2,457 


10h 2' 


2,941 


9h 


2,654 


9h 


2,533 


11h V 


2,992 


10h 


2,711 


10h 


2,599 


12h 1' 


3,039 


18h 


3,027 


18h 


2,901 


20h 3' 


3,330 


20h 2' 


3,048 


20h 2' 


2,938 


45h 54' 


3,665 


42h 11' 


3,318 


43h 47' 


3,204 



IV. Versuchsreihe. 

Figur 4. 



a 


r 


O- ,ft-„ 


^ 


o 


c 


•» 




*-2=^ 








^5**^ 


^T^^^'^'o^w 












1 


X 


V, 










s 


\ 


\ 












Sf" 


k \ 












1 


Vi n 


\ 












VT 


\ 












^ 


\ 



t 


Dlatine 


KNO, 


NaNOa 


11 . 10* 


t 


11 . 10* 


t 


n.lO* 


lh4' 0,079 


Ih 


0,040 


Ih 


0,088 


2h 0,455 


2h 


0.256 


2h 2' 


0,460 


3h 1' 1,187 


3h 


0,856 


3h 


1,057 


4h 1' , 1,720 


4h 


1,364 


4h 


1,519 


5h 2' 


2,104 


5h 


1,733 


5h 1' 


1,832 


6h 1' 


2,359 


6h 


1,989 


6h 1' 


2,044 


7h 2'' 


2,548 


7h 2' 


2,172 


7h 1' 


2.206 


8h 2' 


2,687 


8h 1' 


2,301 


8hl' 


2,316 


9h 3' 


2,783 


9h 1' 


2,387 


9h 1' 


2,403 


10h 6' 


2,859 


10h 


2,475 


lOh 1' 


2,473 


11h 6' ! 2,932 


20h 15' 


2,882 


11h 


2,526 


12h 2' 2,987 






12h 


2,567 


21h 2' 


3,367 






22h 


2,893 



- 61 - 

V. Versuchsreihe. 

Figur 5. 




4°/o Gelatine 


4»;oG( 


Blatine 
n.lO* 


HCl ») 


HCl 


t 


ri.lO* 


t 


t 11.10* 


t 


n.lO* 


Ih 


0,076 


8h 1' 2,603 


lh3' 


0,015 


8h 


1,830 


Ih 35' 


0,208 


fth y 2,721 


2h 5' 


0,130 


9h 


1,940 


2^37' 


0,824 


101» 1' 2,807 


3h 1' 


0,468 


10h 


2,020 


3h 


1,084 


lU» 


2,868 


4h l' 


0,916 


11h 1' 


2,083 


4h 1' 


1,600 


12h 1' 


2,915 


oh 1' 


1,257 


12h 


2,142 


b^ 


2,011 


22h 2' 


3,296 


6hl' 


1,510 


22h 


2,473 


61*2' 


2,280 


47h 32' 


3,599 , 


7h 1' 


1,694 


46h 53' 


2,735 


7h i' 


2,464 




i 











*) Die Lösung war nicht genau ^^o norm., sondern 0,1022 norui. 



- 62 - 

VI. Versuchsreihe. 

Figur 6. 




4^/0 Gelatine 


KOH 


HNO, 


t 


n.lO* 


t 


n.lO» 


t 


n.lO* 


Ih 


0,072 


Ih 


0,080 


Ih 


0,026 


2h 


0,478 


2h 2' 


0,340 


2h 11' 


0,223 


3h 6' 


1,240 


3h 


0,820 


3h 


0,566 


4h 


1,710 


4h 3' 


1,862 


4h 


0,945 


5h 


2,073 


5h 


2,807 


5h 


1,219 


6h 


2,317 


6h 


3,565 


6h 


1,419 


7h 


2,496 


7h 


4,115 


7h 


1,562 


8h 


2,621 


8h 


4,502 


8h 12' 


1,677 


9h 


2,718 


9h 


4,753 


8h 58' 


1,759 


10h 


2,800 


10h 


4,937 


10h 


1,818 


11h 1' 


2,862 


11h 


5,054 


11h 


1,886 


12h 1' 


2,899 


12h 


5,123 


12h 


1,912 


13h 


2,951 


13h 


5,159 


22h 


2,195 


23h 


3,270 


14h 


5,164 


23h 1' 


2.208 


27h 1' 


3,312 


23h 


5,082 


27h 


2,255 


31h 


3,360 


26h 57' 


4,846 


31h 


2,281 


35h 


3,390 


30h 58' 


4,591 


35h 


2,314 


47h 


3.539 


35h 5' 

47h 

95h 


4,321 
3,687 
1,814 


59h 


2,411 



— 63 — 

VII. Versuchsreihe. 

Rgur 7. 




4»/o Gelatine 


NaOH 


HjfiO* 


t 


n.lO* 


t 


n.lO* 


t 


n.lO* 


Ih 


0,066 


Ih 


007 


Ih 


0,057 


2h 


0,418 


2h 


0,037 


2h 8' 


0,424 


3h 


1,099 


3h 


0,093 


3h 


0,790 


4h 


1,617 


4h 


0,196 


4h 


1.181 


5h 


1,980 


5h 


0,302 


5h 1' 


1,460 


6h 


2,233 


6h 


0,388 


6h 


1,658 


7h 


2,412 


7h 


0,447 


7h 


1,803 


8h 


2,538 


8h 


0,492 


8h 1' 


1,907 


9h 


2,635 


9h 


0,523 


9h 


1,988 


10h 


2,716 


10h 


0,544 


10h 


2,052 


11h 


2,781 


11h 


0,558 


11h 


2,104 


12h 


2,837 


12h 


0,572 


12h 


2,152 


24h 


3,236 


13h 


0,576 


24h 


2,474 


30h 


3,304 


24h 


0,591 


30h 


2,541 


36h 


3,370 


30h 


0,558 


36h 


2,584 


48h 


3,490 


36h 


0,523 


48h 


2,677 


2,5 Tage 


3,568 


48h 


0,454 


2,5 Tage 


2,700 


3,0 Tage 


3,627 


2,5 Tage 
3,0 Tage 


0,391 
0,335 


3,0 Tage 


2,778 



^ 64 - 

Yerlfluf des Koagniationsprozesses. 

Welche Vorstellung man sich anch von dem Koagulations- 
prozeß machen mag, so haben wir es jedenfalls hier mit einem 
Vorgang zu tun, bei dem eine Umwandlung der gegebenen 
Lösung in einen anderen Zustand stattfindet ^). Nach R.Reiger^) 
ist der Untersuchung des hier stattfindenden Reaktionsverlaufes 
die zeitliche Änderung des Scherungsmoduls zugrunde gelegt. 
In welcher Weise jedoch der Scherungmodul von der bei dem 
Prozeß umgewandelten Menge abhängt, ist nicht bekannt. Zu- 
nächst kann man wohl die Annahme machen, daß die um- 
gesetzte Menge proportional dem Scherungsmodul d. h. pro- 
portional n ist. A. Leick^) findet bei Untersuchungen über 
die Elastizität koagulierter wässriger Gelatinelösungen für die 
Konzentrationen zwischen IO^Iq und 40^/^, daß E/c* angenähert 
eine Konstante ist, speziell für seine niedrigeren Konzentrationen, 
wobei E den Modul der Dehnung und c die Konzentration be- 
deutet. Für die Werte der Scherungsmoduln nach ca. 47 Stunden 
ist bei der 2*/^^ und 4^/^ Oelatinelösung die vonLeick gegebene 
Beziehung gültig. Dagegen finde ich bei der Konzentration 
l®/o eine Abweichung. Ebenfalls ergibt die Rechnung, daß 
auch für noch niedrigere Konzentrationen, die von C. Rohlof f und 
Shinjo *) untersucht worden sind, die Formel E/c* nicht gültig ist. 
Welche Beziehungen für diese niedrigeren Konzentrationen gelten, 
müssen erst weitere Untersuchungen zeigen. Jedenfalls gilt für 
ca. 4®/o Gelatinelösungen noch die Leick'sche Beziehung, und 
wir können deshalb noch die Annahme, daß die umgesetzte 
Menge proportional der Wurzel aus dem Scherungsmodul, d. h. 
proportinal Vn ist, den Berechnungen zugrunde legen. Die ge- 
ringe Größe des Geschwindigkeitskoeffizienten einerseits und 
die Unkenntnis des Zeitpunktes des Beginnes der Koagulation 
andrerseits bedingen für eine Berechnung weitere Schwierig- 
keiten. Der erste Umstand macht sich darin geltend, daß 
auch nach sehr langer Zeit der beobachtete Wert des Sche- 

>) Vergl. W. Pfeffer. Beibl. z. Wied. Ann. 2, 185. 1878; ferner 
G. Quincke. Autorreferat in d. Fortschr. d. Phye. im Jahre 1903, Bd. 59, 
I, 210. 

») R. Reiger a. a. 0. S. 256. 

») A. Leick. Ann. d. Phys. 14, 139. 1904. 

*) C. Kohloff und Shinjo. Phys. Zeitscbr. 8, 442. 1907. 



- 65 — 

rungsraoduls von dem theoretisch ffir t = oo berechneten End- 
wert erheblich abweicht. Überdies treten dann Fäulniserschei- 
nangen auf, wenn man die Beobachtungen auf sehr lange Zeit 
ausdehnt^). 

Unter den oben erwähnten Annahmen wurde untersucht, 
ob eine nnimolekulare, bimolekulare etc. Reaktion dem Eoagu- 
lationsprozeß zu Grunde liegt, d. b. ob die Oleichungen 

VT- = k(a — x) oder jt = k (a— x)* erfüllt sind. Im folgenden 

sind als Beispiel einige Werte des aus den Formeln 



und 



•2x,-(x,+X3) 



(unimolekulare Reaktion) 



_ x^(Xt + X 3)~- 2x^X3 



(bimolekulare Reaktion) 



2x,-(x,+X3) 

berechneten End wertes a gegeben, wobei tj— ti = t3— t2=T 
und die x^, Xj, x, die zu den Zeiten t^, tj, tj umgesetzten 

Mengen sind, resp. die diesen proportionalen — oder 



(O 



V- 



nach der Annahme, die wir zu Grunde legen. 



je 



L X = — . 

a> 

a) Beobachtete Werte. 



Hl 



beobachteter Endwert 
[nach 6 Tagen] 
1,511 3,532 4,205 4,566 4,794 4,965 6,304 



b) Berec 


hnete End' 


werte a. 


Endwert 
berechnet aus 


a 

uni molekulare 
Reaktion 


a 

bimolekulare 
Reaktion 


X, X, X, 
X, X, X, 
X, X, X, 
^ X, x„ 


4,54 
4,99 
5,19 
5,43 


5,55 
5,76 
5,80 
6,05 



^) Vergleiche hierzu wie zu dem folgenden R. Reiger a. a. 0. S. 258. 

Sitxnngaberichte der rocd.-phya. Sox. 89 (1907). g 



— 66 — 



IL x = 




a) Beobachtete Werte. 
Diese Werte sind dieselben wie unter I, so daß also 



^9 ^11 



beobachteter Endwert t 

4»» 



1,229 1,879 2,051 2,137 2,190 2,228 2,610 

b) Berechnete Endwerte a 



Endwert, 
berechnet aus 


a 

Ullimolekulare 
Reaktion 


a 

bimolekulare 
Eeaktion 


X, X, X, 
X, X, X, 
X, X, X, 
Xt X. x„ 


2,115 
2,198 
2,303 
2,336 


2,349 
2,366 
2,497 
2,447») 



Aus diesen Tabellen ergibt sich, daß weder die Formel 
einer unimolekalaren noch einer bimolekularen Reaktion den 
Vorgang wiederzugeben vermag. Der Wert a wächst mit 
der Zeit, der aus den Anfangswerten berechnete Wert ist 
kleiner als die später beobachteten Werte. 

Dies tritt noch deutlicher hervor, wenn man eine direkte 
Berechnung des Oeschwindigkeitskoeffizienten k ausfährt. Es 



Beobachtet« Werte 


nach 3 Stunden: 


1,0999 

2,233 

2,635 


nach 6 Stunden: 
'„ 18 „ 


2,233 
2,837 
3,086 


nach 18 Stunden 
„ 27 „ 
„ 36 „ 


3,086 
3,278 
3,370 



k m 



0,180 



0,070 



0,037 



^) Aus dieser Zahl kann nichts geschlossen werden, da die Differenzen 
zu klein sind and infolgedessen die Versuchsfehler zu sehr in Betracht 
kommen. 



Beobachtete Werte 


k m 


nach 2 Tagen: 


3,490 




„ 5 „ 


3,761 


0,0048 


» 8 „ 


3,887 




nach 5 Tagen: 


3,761 




»> 8 „ 


3,887 


0,00223 


„ 11 „ 


3,975 





- 67 



seien z. B. für einen Versuch (siehe die vorstehende Tabelle) 
die Änderung des Geschwindigkeitskoeffizienten unter der An- 
nahme einer unimolekularen Reaktion und, daß die umgesetzte 
Menge proportional der Wurzel aus dem Scherungsmodul ist, 
mitgeteilt, wobei m den Modul der Briggischen Logarithmen 
bedeutet und die Einheit der Zeit die Stunde ist. 

Diese Abnahme des Geschwindigkeitskoeffizienten mit der 
Zeit läßt vermuten, daß wir es eventuell mit einer verzögerten 
Beaktion zu tun haben. Legen wir diese Annahme zugrunde, 
so läßt sich der Einfluß verschiedener Zusätze auf den Ge- 
schwindigkeitskoeflizienten bestimmen. Dabei soll von vorn- 
herein auf die Behandlung des Reaktionsverlaufs bei den Zu- 
sätzen von Na OH und EOH verzichtet werden, da hier die 
Versuche, zeigen, daß außer der Koagulation noch eine Zersetzung 
stattfindet, infolge der die Koagulation im Laufe der Zeit voll- 
ständig vernichtet wird. 

Die folgenden Tabellen geben die berechneten Werte für 
die verschiedenen Versuchsreihen unter der Annahme einer uni- 



Vereucha- 
reihe 


Prozentgehalt 
an Gelatine 


Zusatz 


Berechnete W 
X prop. n. 
a) b) 


erte von k m 

X prop. \/n. 

a) b) 




1,128 
2,189 
4,434 


— 


0.084 
0,124 
0,129 


0,071 
0,068 
0,067 


0,133 
0,158 
0,153 


0,082 
0,075 
0,072 


II 
II 
II 


4 
4 
4 


n7ci 

KCl 


0,129 
0,116 
0,124 


0,067 
0,064 
0,065 


0,153 
0,140 
0,145 


0,072 
0,072 
0,070 


III 
III 
III 


4 
4 
4 


Na,SO, 
K,SO, 


0,140 
0,132 
0,137 


0,063 
0,062 
0,063 


0,157 
0,150 
0,155 


0,066 
0,067 
0,068 


IV 
IV 
IV 


4 
4 

4 


KNO, 
NaNO, 


0,147 
0,151 
0446 


0,062 
0,069 
0,065 


0,175 
0,186 
0,174 


0,068 
0,075 
0,071 


V 
V 


4 
4 


HCl 


0,144 
0,128 


0,063 
0,075 


0,178 
0,177 


0,069 
0,083 


VI 
VI 


4 
4 


HNO, 


0,143 
0,133 


0,075 
0,072 


0,170 
0,171 


0,080 
0,079 


VII 
VII 


4 
4 


H,SO, 


0,150 
0,140 


0,069 
0,069 


0,180 
0,171 


0,070 
0,075 



- 68 — 

molekularen Reaktion, wobei unter a) die Werte berechnet sind 
aus den nach 3, 6, 9 Stunden und unter b) aus den nach 6, 
12, 18 Stunden beobachteten Werten. Dabei ist „m" der Modul 
der Briggischen Logarithmen. 

Vergleichen wir die in der Tabelle gefundenen Werte für 
k m, so zeigt sich, daß die Werte, die jeweils denselben Zeit- 
in tervallen und daher demselben Eoagulationszustand entsprechen, 
für alle Zusätze und Konzentrationen konstant sind, speziell 
für die Annahme, daß die umgesetzte Menge proportional \/n 
ist^). Allgemein zeigen die Versuchsreihen I, II, III etwas 
niedrigere Werte als die Versuchsreihen IV, V, VI, VII. Dies 
dürfte darauf zurückzufuhren sein, daß zu den letzteren Ver- 
suchsreihen eine andere Gelatinesendung von den deutschen 
Oelatinewerken in Höchst am Main benützt wurde und diese 
eine etwas andere Zusammensetzung hatte. 

Wir kommen somit zu dem einfachen Resultat: 

Konzentration und Zusätze beeinflussen den 
Schernngsmodul, dagegen ist der Geschwindigkeits- 
koeffizient des Koagulationsprozesses innerhalb 
weiter Grenzen von der Konzentration und von Zu- 
sätzen von Säuren und Salzen unabhängig. 

Der Versuch, welcher, wie bereits erwähnt, mit Gelatine- 
lösuugen von demselben Prozentgehalt bei verschiedenen Tem- 
peraturen angestellt worden ist, zeigt ebenfalls eine Unab- 
hängigkeit des Geschwindigkeitskoeffizienten von der Temperatur, 
dagegen eine Abhängigkeit des Scherungsmoduls von derselben. 
Doch soll auf diese Versuche zunächst nicht näher eingegangen 
werden, da sie nur Vorversuche sind und es mir mit meinen 
bis jetzt verwendeten Hülfsmitteln nicht gelungen ist, die 
höhere Temperatur mehrere Tage lang konstant zu halten. 

S. Levites^) findet bei seinen Untersuchungen eine Ab- 
hängigkeit der Koagulation von Konzentration und Zusätzen. 
Wie bereits erwähnt, legt er seinen Messungen denjenigen Zeit- 
punkt zugrunde, bei dem kein Ausfließen der koagulierenden 



>) Eine Aasnahme zeigt nur die 1. Reihe. Dies rührt wohl daher, 

dafi der Endwert nicht mehr der Beziehung -^ = const. genUgt, und daß 

man daher diese Annahme über die umgesetzte Menge nicht machen darf. 
•) 8. Levites, a. a. 0. 



- 69 — 

Substanz beim Stürzen eines Gefäßes eintritt, und nennt die 
Eoagnlation einer Gelatinelösung mit Zusatz beschleunigt resp« 
verzögert, je nachdem die koagulierende Substanz den eben 
erwähnten Zeitpunkt früher oder später erreicht als eine reine 
Gelatinelösung von derselben Konzentration. Dieser Zeitpunkt 
hängt aber wesentlich von den elastischen Eigenschaften der 
Gelatinelösung [Scherungsmodul und speziell Elastizitätsgrenze] 
ab und muß daher wie diese eine Abhängigkeit von Zu- 
sätzen wie auch von Konzentration und Temperatur zeigen. 
Ebenso fuhrt P. von Schroeder keine Bestimmung des 6e- 
schwindig&eitskoefflzienten durch ^), sondern er bestimmt das Er- 
starrungsvermögen, für welches er als Maß ARjAt einführt, wobei 
JR die Difierenz der Reibungskoeffizienten zu verschiedenen Zeiten 
und At die betreffende Zeitdifferenz ist. Da aber der Reibungs- 
koeffizient der Gelatinelösungen eine Funktion von Konzen- 
tration, Temperatur und Zusätzen ist, so ist AUjAt wiederum ein 
Ausdruck, der von diesen drei Größen abhängt; v. Schroeder 
muß also eine Abhängigkeit der Koagulation von diesen drei 
Größen finden. 

Mit weiteren Versuchen über die Frage der Koagulations- 
geschwindigkeit bin ich beschäftigt. 

Erlangen, Physikalisches Institut, Juli 1907. 



^) Wenigstens nicht für den Prozeß der eigentlichen Koagulation. 
Seine Bestimmung des Geschwindigkeitskoefßzienten beziehen sich auf den 
von ihm als „Yerseifung** bezeichneten Prozeß, der speziell unter Ein- 
wirkung von langem Kochen eintritt. S. a. a. 0. 



Ober die Emissionsspektra der Metalidämpfe von 
Kadmium und Zink in Entladungsrohren^). 

Von E. Wiedemann und A. Pospielow. 
AuB dem physikalischen Institut der Universität Erlangen. 
Im Anschluß an eine frühere Arbeit von E. Wiedemann 
und G. C. Schmidt*) wurden von dem einen von uns 
spektroskopische Untersuchungen an den Cd- und Zn-Dämpfen 
in Entladungsröhren angestellt. Die Hauptaufgabe der Unter- 
suchungen war, die Unterschiede der Spektren in verschiedenen 
Teilen des Glimmstromes und die Bedingungen für das Auftreten 
der einzelnen Linien festzustellen. Die Untersuchungen wurden 
sowohl in Röhren mit inneren wie auch in Röhren mit äußeren 
Elektroden angestellt. Um ferner einige Anhaltspunkte bei den 
Untersuchungen verschiedener Teile des Glimmstromes im Sinne 
der Elektronentheorie zu erhalten, wurden Potentialmessungen 
in diesen Metalldämpfen ausgeführt. In der Tat zeigte sich, 
daß die Spektralerscheinungen bei den zu untersuchenden Metali- 
dämpfen mit den Potentialgefällen längs des Entladungsrohres 
in einem engen Zusammenhang stehen: im negativen Glimmlicht, 
wo die Geschwindigkeit der Elektronen am größten ist*), war 
das Spektrum linienreicher als das der positiven Säule. 



^) AusftthrHches siehe in der Inaugural-Dissertation A. Pospielow: 
Über die Emissionsspektra des negativen Glimmlicht und der positiven 
Säule bei Metalldämpfen von Cd und Zn. Erlangen 1907. Die Aus- 
führung der vorliegenden Arbeit wurde durch die liebenswürdige Ge- 
währung von Mitteln aus dem Elisabeth Thompson Fund in Boston wesent- 
lich erleichtert, wofür auch hier bestens gedankt sei. 

*) E. Wiedemann u. G. C. Schmidt. Diese Sitzungsbcr. 27, 
136. 1897. 

') Beim Cd-Dampf war die Geschwindigkeit der Elektronen im nt*ga- 
tiven Glimmlicht ca. 300 Volt/cm, 



- 71 - 

Die folgenden vier Hauptstadien desLeachtens in denEnt- 
ladnngsröhren sind zu unterscheiden: 

1. Anfangsstadium bei relativ niedriger Temperatur, bei 
kleinen Dampfdrucken. Dieses Stadium des Leuchtens beim 
Cd-Dampf im Intervall von ca. 320^—390^ C. (Temperatur des 
Ofens), beim Zn-Dampf bis ca. 500® C. zeigte meistens den 
normalen Eathodenfall. Die Farbenunterschiede sind wenig 
ausgesprochen. 

2. Stadium der Schichtenbildung. Die Schichten der posi- 
tiven Säule im Cd-Dampf sind grünblau mit rötlich-violettem 
Saum nach der Anode zu, im Zn-Dampf dagegen sind sie im 
ganzen rot gefärbt (mit bläulichem Saum). 

3. Ungeschichtete positive Säule. Die ganze Entladung be- 
steht aus zwei scharf voneinander getrennten Teilen, von fast 
gleicher Größe, aber sehr verschiedener Farbe. Das negative 
Glimmlicht beim Cd-Dampf zeigte rote Farbe, die positive Säule 
war zuerst grün, bei höherer Temperatur wurde sie blau und 
dann tiefblau. Ziemlich ähnliche Farben zeigte auch der Zn- 
Dampf in diesem Stadium des Leuchtens. Der Kathodenfall ist 
in diesem Stadium teils normal, teils aber anormal. 

4. Oberhalb 550® C. beim Cd-Dampf und bei ca. 600® C. im 
Zn-Dampf zeigte sich die „ Endform ^ des Leuchtens, welche 
durch sehr starke Entwicklung des roten negativen Glimmlichts 
charakteiisiert ist. Der roten Farbe des negativen Glimmlichts 
ist jetzt auch Gelb beigemischt (was durch die Na-Linie be- 
dingt ist). 

Der Eathodenfall ist nicht mehr normal. 
Abbildungen der Spektra an verschiedenen Stellen geben 
die folgenden Figuren. 



Kadminm. 

A. Spektrum des negativen Glimmlichts. 



r 






I — o j 



tf 



72 



B. Spektmm der positiven Säule. 



I n 

C. Dasselbe mit Banden. 



isr 















1 




ii 






? 


? "( 


: ! 


? 


^1 5 


li ä 


t 5 


.1 § 



Zink. 
A. Spektrum des negativen Glimmlichts. 



B. Spektrum der positiven Säule. 




5 « ? ^IJ^J si 

C. Dasselbe mit Banden. 



Die Hauptresultate der Arbeit können folgendermaßen zu- 
sammengefaßt werden: 

1. Cd- und Zn-Dämpfe zeigen in der positiven Säule die 
Banden, die schon von E. Wiedemann und G. C. Schmidt 
beobachtet wurden. 



— 73 — 

2. Das Linienspektrum des negativen Olimmlichts bei diesen 
Metalldämpfen ist liuienreicher als das Spektrum der positiven 
Säule. 

3. Der noimale Kathodenfall in Cd- und Zn-Dämpfen kommt, 
was zu beachten ist, nur bei kleinen Dampfdracken vor und 
beträgt in Cd gegen Cd 303 Volt, in Zn gegen Zn 224 Volt. 

4. Die Potentialgradienten in der positiven Säule nehmen mit 
steigender Stromstärke ab; mit steigendem Druck des Stickstoffs 
(ursprünglicher Füllung) wachsen die Gradienten. 



Beiträge 
zur Geschichte der Naturwissenschaften. XI 

Von Eilhard Wiedemann. 

Ober aZ FäräMs Anfeählong der Wissenschaften 
(De Seientiis). 

Die folgenden Seiten enthalten die. Übersetzung eines Teiles 
eines Werkes von al Färdbt nebst einer Besprechung desselben. 
Angeschlossen sind einige Ausführungen über die Einteilung der 
Wissenschaften. — Eine angenehme Pflicht ist es mir, auch an 
dieser Stelle Herni Dr. A. A. Björnbo in Kopenhagen und Herrn 
Prof. Dr. Bell in Würzburg für ihre zahlreichen aus reichster 
Erfahrung entsprungenen Ratschläge in sprachlichen wie sach- 
lichen Fragen den verbindlichsten Dank auszusprechen. Bei der 
Behandlung des Abschnittes über Musik hat mich Herr Prof. 
Collangettes in Beyrut unterstützt. 

Unter den arabischen Philosophen nimmt al Färäbt^) eine 
hervorragende StelluDg ein; von den Kennern der islamischen 
Philosophie wird seine Klarheit gerühmt; eine Reihe seiner 
Schriften ist auch schon publiziert. 

Von al Färdht rührt eine kurze enzyklopädische Darstellung 



») Vgl. Brockelmann Bd. 1, S. 210. AI FdräM starb 339/950, er 
stammte aas einer türkischen Familie. 

Nach F. Dieterici gehört er zu den sieben Heroen der arabischen 
Philosophie vom 9. bis 12. Jahrhundert, nämlich: al Kindi (f ca. 350), 
al Farm (f 950), Ihn Sind (Aricenna) (980—1037), al Gazzäli (Algazel) 
(1059—1111), Ihn Bdga {Avempace) (t 1138), Ihn Tufail (f 1185), Ihn 
BuscM {Averroes) (t 1192) und ihm selbst. 

An al Fdrdbi schließen sich direkt an die Ichiodn al 8afd, 



— 75 — 

der Wissenschaften^) her, die arabisch im EskariaP) und in 
alten lateinischen Übersetzungen erhalten ist. 

Der Titel der arabischen Schrift ist Ih^ä dl ' Ulüm von 
al Färäbt, d. h. Aufzählung der Wissenschaften von al Färäbi. 
Derenbourg gibt über dieselbe an, daß sie von fol 27 — 35 der 
betreffenden Handschrift reicht, also nicht sehr lang ist. Die 
beiden ersten Kapitel handeln nach ihm über die Sprachwissen- 
schaft und über die Logik. Der Anfang heißt: Abhandlung 
{Maqäla) über die Aufzählung der Wissenschaften. Es sagt 
Abu Nct^r Muh. Ibn Muh. al Färäbt: Wir beabsichtigen in 
diesem Werk die berühmten {maschhüra) Wissenschaften auf- 
zuzählen u. s. w. 

Eine lateinische Übersetzung ist in der Pariser Handschrift 
9335, Suppl. 49 (fonds latin) (vgl. Bibl. de TEcole des Chartes 
[5 ser.] Bd. 3, S. 305) enthalten. Diese sehr wichtige Handschrift, 
die zahlreiche Übersetzungen von Gerhard von Cremona*) 
enthält, ist eingehend von A. A. Björnbo behandelt worden 



^) über diese Schrift hat sich Steinschneider mehrfach geäußert, so 
in „die hebräischen Übersetzungen des Mittelalters*^ von M. Steinschneider 
Berlin 1908, S. 292. Ferner in ^Al Färabi^ etc. Mem. de l'Acad. St. 
Petersbourg (7) Bd. 13, no. 4 (einer Fundgrube von Bemerkungen über 
al Färabi und andere Philosophen), weiter in «die europäischen Über- 
i(etzungen aus dem Arabischen" in den Sitzungsberichten der Wien. Akad. 
PhiL-hist. Klasse Bd. 149, Abt. 4, S. 22, no. 52 u. S. 44 g. -^ 

Auf die Enzyklopädie al FärabU habe ich auch Beiträge V, S. 393 
im Znsammenhang mit Publikationen aus einer solchen von Ibn Sind und 
al Änsdri (al SaeMwi oder Ibn al Äfkdni) hingewiesen. 

*) Casiri Bd. 1, S. 189, Cod. 648 und H. Derenbourg, Les Manuscripts 
de TEscourial Bd. 1, S. 454, Cod. 646, Paris 1884. — Die Handschrift 
stammt aus dem Jahre 1310. Sie ist also jünger als Gerhard von Gremona 
(t 1187) und Joh. Hispaliensis (Mitte des 12. Jahrhunderts), mit dem 
Domin. Gundisalvi arbeitete, denen beiden Übersetzungen des obigen 
Werkes zugeschrieben werden. 

*) Gerard (Gherardo) von Cremona, der 1187, 73 Jahre alt, nach 
einem Aufenthalt in Toledo in seiner Vaterstadt starb, war einer der 
fruchtbarsten Übersetzer aus dem Arabischen ins Lateinische. Für die 
Weiterentwicklung der Physik ist er vor allem durch seine Übersetzung 
der Optik von Ibn al Haiiam (Älhazen) von Bedeutung geworden (über ihn 
vgl. F. Wüstenfeld, Die. Übersetzungen arabischer Werke ins Lateinische. 
Abb. d. K. Akademie Göttingen 1877 und M. Steinschneider, Die euro- 
päischen Übersetzungen aus dem Arabischen. (Wiener Sitzungsberichte, 
Philos.-hi8t. Klasse Bd. 149, S. 46. 1904). 



— 76 - 

(Bibl. Matk. Bd. 3,S.63fif. 1902). Auf fol. 143 v— 151 v steht unser 
Text mit dem Anfang: Über Alfarabii de scientiis, translatus 
a magistro Girardo cremonensi in toleto de arabico in latinum. 
Cuius in eo hec sunt verba. Nostra in hoc libro intentio est 
scientias famosas comprehendere . . . 

Die Sprache in dieser Handschrift erinnert nach Björnbo 
ganz an die sicheren Gerhardschen Übersetzungen, und daß die 
Vorrede gekürzt ist (vgl. w. u.), gehört zu den besten Kriterien 
für Gerhard (Björnbo, Bibl. math. Bd. 9, S. 364. 1901). Über 
Gerhards Latein vgl. seine Überaetzung der „Circuli dimensio", 
Heiberg, Zeitschr. f. Mathem. u. Physik Bd. 35, S. 1. 1890. 

Durch die gütige Vermittelung des leider verstorbenen großen 
Gelehrten M. Berthelot und die Liebenswürdigkeit von Prof. 
Omont an der Bibliothöque nationale zu Paris erhielt ich von 
den mich interessierenden Seiten der Handschrift schwarz-weiße 
Photographien; bei deren Lesung und Abschrift mich mein Er- 
langer Kollege Prof. Dr. Heerdegen mit seinem Bat in freund- 
lichster Weise unterstützt hat. 

Eine andere lateinische Übersetzung ist von G. Camerarius 
herausgegeben^), der sagt, er habe sie in der „BibÜQtheca Sancti 
Albini apud Andes^ als ein „antiquissimum manuscriptum, cui 
praefixus titulus, Alpharabii Compendium omnium scientiarum^ ^) 
gefunden und habe sie genau abgedruckt, ohne auch nur die 
Fehler zu berichtigen, die ihm aufgefallen waren. 



>) In der Bibliothek von Angers, in die ein großer Teil der Hand- 
schriften von Saint Anbin (St. Albinus) übergegangen ist, findet sich die 
betrefifende Handschrift nicht; vgl. Gatalogae gön^rale des mannscrits 
des Bibliotböqnes publiques de France Bd. XXXI, S. 189. Paris 1898. 

') Der Titel heißt: Alpharabii vetustissimi Aristotelis interpretis, 
opera omnia, quae latina lingua conscripta reperiri potuerunt, ex anti- 
quissimis Manuscriptis erata, studio et opera Guilielmi Camerarii, Scoti, 
Fintraei, Sacrae Tbeologiae professoris, juris canonici doctoris etc. — 
Parisiis Apud Dyonisinm Moreau via J.'tcobaea, sab Salamandra MDCXXXVIII 
(1588). Das Werk ist kJeinoktav und enthält nach zwei Widmungen, 
erstens Alfarabii philosophi opuscalum de scientiis auf 41 Seiten und 
Alfarabii opusculum de intellectu et intellecto auf 20 Seiten. 

Der Druck ist sehr selten; ein Exemplar ist in der Biblioth6que 
nationale zu Paris, eines in Göttingen, eines muß in England sein, da es 
von Bridges bei seiner Bacoausgabe zitiert worden ist (vgl. S. Vogl, Die 
Physik Boger Bacos. Dissertation Erlangen 1904, S. 33), wo auch einige 
weitere Notizen sich finden. 



— 77 — 

Dem wesentlichen Inhalte nach stimmen die beiden Über- 
setzungen fiberein. Die von Camerarias mitgeteilte ist oft 
etwas ausfuhrlicher als die von Gerhard von Cremona; ob 
dies auf Zusätzen des Übersetzei*s beruht oder darauf, daß von dem 
arabischen Text schon zwei Überlieferungen bestanden, läßt sich 
nicht entscheiden. Fttr das letztere wfirde sprechen, daß z. B. 
auch von einer Schrift „Über die Notwendigkeit der Kunst* 
(Alchemie), uns zwei wesentlich verschiedene Texte erhalten 
sind (vgl. J. f. praktische Chemie, [2] Bd. 76, S. 65 und 105. 
1907). Da, wie Brockelmann berichtet, sich al Färäbt wenig 
um das Schicksal seiner Geisteskinder kümmerte, so ist das 
eigentlich nicht überraschend. 

Der arabische Text und die lateinische Übersetzung dürften 
demselben Werk entsprechen; der Umfang beider ist der gleiche, 
ebenso die beiden ersten Kapitelüberschriften, auch der Anfang 
entspricht sich nahezu, nur gehen im Lateinischen nach Came- 
rarius ein paar Sätze dem Anfang im Arabischen voraus. 

Von einer großen Einteilung der Wissenschaften {Ihsä al 
'Uiam) von al Färäbt berichtet Ihn al Qifn (S. 277 u. 27*8, die 
Stelle ist bei Casiri Bd. 1, S. 190 übersetzt), deren Anordnung 
aber nicht mit derjenigen, die in unserer Schrift sich findet, 
übereinstimmt, wenn auch manche Anklänge vorhanden sind. 
Auch in dem großen Werk wird gezeigt, wie man von einer 
Wissenschaft zur andern fortschreitet 

Da das arabische Original nur schwer erreichbar ist, so 
gebe ich im folgenden eine Übersetzung der Einleitung (S. 1 
bis 3) und der auf die mathematischen Wissenschaften (inklusive 
Musik^ Astronomie, die sinnreichen Erfindungen) bezüglichen Teile 
der lateinischen Übersetzung von Gerhard von Cremona; 
manches wird vielleicht bei der Vergleichung mit dem Original 
einer Berichtigung bedürfen^). 

Da wo sich in dem gedruckten Text von Camerarius 
wesentliche Abweichungen finden, habe ich diese in Anmerkungen 
mitgeteilt. Einige sehr breite Darstellungen habe ich etwas 
gekürzt. 

Aus der kleinen Schrift erhalten wir ein Bild, wie am 



^) Die Übersetzung mag auch durch die Seltenheit des lateinischen 
Druckes gerechtfertigt sein, den z. B. Steinschneider nicht erhalten konnte. 



- 78 — 

Anfang des 10. Jahrhunderts sich die arabischen Philosophen 
unsere Wissenschaften vorstellten. Die vorliegende Schrift ist 
anch in durchaas systematischer Darstellung gehalten, was nicht 
immer bei al Färäbts Werken der Fall ist. 

Im einzelnen sei z. B. darauf hingewiesen, wie die Ein- 
teilung der Wissenschaften im wesentlichen die später benutzte 
ist. In der Optik steht al Fdräbt noch ganz auf dem Stand- 
punkt, daß das Sehen durch Sehstrahlen erfolgt Besonders 
ausfuhrlich ist eine sonst nicht erwähnte Wissenschaft „de 
Ingeniis^ besprochen, die in gewisser Hinsicht eine ange- 
wandte Wissenschaft darstellt. 

Von M. Steinschneider ist {dl Fdräbt S. 84) die Frage 
aufgeworfen, ob mit der uns beschäftigenden Schrift al Färäbts 
die Schrift Ibn Stnas über die Teile der philosophischen Wissen- 
schaften {ft Aqsäm al ' Ulüm al aqltja, die auch über die Teile 
der Philosophie (ft Aqsäm al Hikma) heißt, zusammenhängt. 
Ein Vergleich beider lehrt, daß dies nicht der Fall ist, und zwar 
schon ein Vergleich der Kapiteltiberschriften, die in Ibn Sinäs 
Schrift lauten: Über das Wesen der Philosophie. — Über die 
erste Einteilung der Philosophie (nämlich in spekulative und 
praktische). — Über die Teile der spekulativen Wissenschaft ; es 
sind deren drei, die niedrigste Wissenschaft ist die Naturwissen- 
schaft; die mittlere die mathematische Wissenschaft, die höchste 
die metaphysische Wissenschaft (also genau die aristotelische 
feinteüung, Metaph. VI 1, p. 1026 a 13). — Über die Teile der 
praktischen Wissenschaften (Ethik, Politik und Ökonomie im aristo- 
telischen Sinn). — über die Teile der Naturwissenschaft und die 
Teile der aus der Naturwissenschaft abgeleiteten. — Grundteile 
der mathematischen Wissenschaft und aus den mathematischen 
Wissenschaften abgezweigte Teile. — Grundteile der Meta- 
physik, abgeleitete Teile der Metaphysik. — Über die Teile der 
Logik, es sind deren sieben. 

Ibn Sind zählt im wesentlichen die einzelnen Wissen- 
schaften auf, während al Fdräbt sie in zusammenhängender 
Darstellung chai^akterisiert. 

Bemerkt sei. noch, daß sich ttber die Chemie, mit der sich 
al Fdräbt eingehend befaßt hat, keine Angabe findet, obgleich 
in dem Abschnitt „de scientia naturalis, Über die Naturwissen- 
schaften im aristotelischen Sinn, Gelegenheit gewesen wäre, 



- 79 — 

die Frage za behandeln. Ebensowenig ist der Magnet er- 
wähnt. 

In der Darstellung scheint manches an R. Baco zu er- 
innern, der auch die obige Schrift zitiert (s. S. Vogl. Inaug.- 
Diss. Erlangen 1904, S. 33). S. Vogl, dem wir eine eingehende 
Stadie über R. Baco s Physik verdanken, beabsichtigt zu unter- 
suchen, wie weit sich bei dem englischen Scholastiker Anklänge 
an al FänIU finden. 

Übersetzung. 

Werk al Färäbis Über die Wissenschaften von dem 
Magister Gerhard von Cremona in Toledo aus dem 
Arabischen ins Lateinische übersetzt. 

Seine Worte in dem Werke sind die folgenden^): 

Wir beabsichtigen in diesem Werke die berühmten Wissen- 
schaften dai*zustellen, und zwar jede einzelne, und den Hauptinhalt 
einer jeden zu lehren, sowie die Teile einer jeden, falls sie 
solche hat, und das wesentliche, was in jedem Teile enthalten 
ist. Das ist nicht so gemeint, daß nicht eine jede Wissenschaft 
Teile besitze, sondern daß es solche gibt, die in sich andere 
Wissenschaften enthalten, wie die Mathematik, während die 
Dialektik keine andere Wissenschaft umfaßt. 

Wir wollen sie in 5 Kapitel zerlegen. 

Das erste Kapitel handelt von der Sprachwissenschaft und 
deren Teilen, das zweite Kapitel von der Dialektik und deren 
Teilen, das dritte Kapitel von den mathematischen Wissen- 
schaften (de scientiis doctrinalibus)*), d. h. der Arithmetik, der 

>) Id dem Druck lautet der Anfang: 

nObgleiob es früher mehrere Philosophen gab, so wurde unter allen 
nur der kurzweg ein Weiser genannt, von dem man sagte, dafi er die 
Wissenschaft von allen Gegenständen mit sicherer Kenntnis umfaßte. 
Jetzt aber, wo die Welt alt wird, sage ich, daß keiner verdient ein 
Philosoph, geschweige denn ein Weiser genannt zu werden, weil kaum 
einer gefunden wird, der sich mit der Weisheit beschäftigen will. Deshalb 
glauben wir, daB unserer Kleinheit Genüge geschehe, wenn wir, da wir 
nicht alles können, wenigstens von einzelnem einiges und von einigem etwas 
oberflächlich berühren*. 

Hier beginnt die lateinische Handschrift und der arabische Text 

*) De scientiis doctrinalibns, über diese Bezeichnung für die Mathe- 
matik 8. S. 100, nach den Unterabteilungen entspricht dies den 'Olüm 
(U rijddija. 



- 80 - 

Geometrie, der Optik, der theoretischen Astronomie, der Musik- 
wissenschaft, der Wissenschaft von den Gewichten, derjenigen 
von den sinnreichen Anordnungen (scientia ingeniorum) >). Das 
vierte Kapitel betrifft die Naturwissenschaften und deren Teile 
und die göttliche (divina) Wissenschaft und deren Teile, das 
fünfte Kapitel handelt von der bürgerlichen Wissenschaft 
(scientia civilis) und deren Teilen, sowie der Wissenschaft des 
Urteilssprechens und der Beredsamkeit*). 

Der Nutzen, den man aus diesem Buche zieht, besteht 
darin, daß, wenn jemand eine Wissenschaft erlernen will und 
darüber nachsinnt, er weiß, welche er in Angriff nehmen und 
über welche er nachsinnen soll, femer was er bei der Betrachtung 
derselben erlangt, welchen Nutzen sie hat, und welchen Vorteil 
er durch sie erreicht. Er macht sich an eine Wissenschaft, 
gemäß einer richtigen Voraussicht und Kenntnis und nicht gemäß 
der Unwissenheit und dem Zufall. An der Hand dieses Werkes 
kann der Mensch Vergleiche zwischen den Wissenschaften an- 
stellen und erkennen, welche die bessere, nützlichere, sicherere, 
fester begründete und kräftigere ist und welche die schlechtere, 
schwächere und kraftlosere. Durch das Buch gewinnt man auch 
ein Hilfsmittel, um den zu entlarven, der damit prahlt, eine 
dieser Wissenschaften zu kennen, bei dem dies aber nicht der 
Fall ist. Fordert man ihn nämlich auf, den Inhalt, den sie 
umfaßt, ihre Teile und den Inhalt eines jeden derselben an- 
zugeben, und kann er dies nicht, so ist die Falschheit seiner 



') Das lateinische nlngeniam** entspricht allen aus kluger Überlegung 
entspringenden Anwendungen der Arithmetik, Geometrie n. s. w. Einen 
Teil bildet die Lehre von den Hijal^ im Sing. Hila, die angewandte 
Mechanik u. s. f. Bei den späteren Arabern ist die Wissenschaft von 
den ^Ingenien** in den Zweigwissenschaften der Geometrie u. s. w. be- 
handelt. Wir werden, da uns ein entsprechendes deutsches Wort fehlt, 
das lateinische ^Ingenium" verwenden. Weiter unten ist der Inhalt der 
Scientia de ingeniis eingehend erörtert. 

*) Aus dem Text geht hervor, daß es sich hier um die Lebensführung, 
die Ethik, die Regen tenpfiichten u. s. w. handelt; es ist also Ethik, 
Ökonomik, Politik, Rhetorik, d. h. die .praktische Philosophie" nach peri- 
patetischer Umgrenzung. 

Im Druck ist dies Kapitel als das vorletzte bezeichnet; das letzte 
handelt nach ihm von der Wissenschaft der Gesetze. In der Übersieht 
ist es nicht erwähnt. 



-^ 81 - 

Prahlerei klargelegt nnd sein Betrag enthflUt. Ebenso erkennt 
man bei dem, der eine Wissenschaft gat kennt, ob das bei der 
ganzen oder bei welchen Teilen das der Fall ist, und wie viel 
er gnt weiß. Durch das ßueh wird auch der unterstützt, der 
eine große Zahl der Wissenschaften erforscht, und dessen Ziel es 
ist^ den Inhalt einer jeden in sich aufzunehmen, und der den 
Professoren in einer jeden ähnlich werden will, so daß man ihn 
für einen derselben hält 

Das erste und zweite Kapitel haben fUruns kein Interesse, wir gehen 
daher gleich zum dritten über. 

Drittes Kapitel. Über die mathematischen Wissen- 
schaften. 

Sie werden in die sieben großen Teile geteilt, die wir am 
Anfang des Werkes aufgeführt haben. 

Die Arithmetik 

zerfällt in zwei Wissenschaften. Die eine ist die angewandte 
(activa), die andere die spekulative (theoretische) Lehre von 
der ZahP). Die angewandte untersucht die Zahlen, sofern 
als es sich handelt um die Zahlen gezählter Gegenstände, 
deren Zahl man braucht, wie diejenigen der Köi-per, der Menschen, 
der Pferde, der Solidi (Münzen), der Drachmen und anderer 



^) Eine Einteilung der gesamten Philosophie in eine theoretische (spe- 
eulativa nazart) und eine angewandte (activa praktische 'amali) finden 
wir vielfach. Ihn Sind sagt z. B. etwa in seiner Logiko): Die Aufgabe 
der Philosophie ist die Wahrheit aller Dinge, so weit es dem Menschen 
möglich ist, zu erkennen. Die Dinge haben nun entweder ihre Existenz 
ohne unseren Willen und unsere Tätigkeit oder infolge unseres Willens 
und unserer Tätigkeit. Das erste ist die spekulative, das' zweite die 
aktive Philosophie. Das Ziel der ersteren ist nur die Vollendung der 
Seele, daß sie weiß ; die der zweiten ist, daß sie weiß, was sie tun muß, 
und dies tut; die erstere ist würdiger als die zweite. 

In der Einleitung zu den philosophischen Wissenschaften /9) druckt 
sich Ihn Sind ähnlich aus: „Das Ziel der theoretischen Philosophie ist 
die Wahrheit, das der angewandten der Besitz (Chair), 



a) Ich habe den Druck von Venedig 1508 eingesehen; die Stelle 
wird auch von Horten, Die Metaphysik Avicenna's S. 2 zitiert. Hoffent- 
lich erscheinen bald die noch fehlenden Hefte dieser hervorragenden 
wichtigen Übersetzung. 

ß) Druck von Konstantinopel 129, 8^ S. 72. 

Sitsungaboriebte der phys.-mea. Sox. »» (1907). 6 



^ 8Ö - 

Dtnge, die eine Zahl besitzen. Dieser Wissenschaft bedienen 
sich die Menschen beim Handel und im bürgerlichen Verkehr. 
Die theoretische untersucht die Zahlen nur in absoluter Hinsicht, 
sie sind dabei in der Vorstellung von den Körpern^) und allem, 
was mit ihnen gezählt wird, losgelöst. Man stellt an ihnen 
nur Untersuchungen an, wenn sie von allem, was an sinnlich 
Wahrnehmbaren mit ihnen gezählt wird, losgelöst sind, und zwar 
unter den Gesichtspunkten, die allen Zahlen sowohl der sinnlich 
wahrnehmbaren wie den sinnlich nicht wahrnehmbaren Dinge 
gemeinsam sind. Und diese Wissenschaft tritt in den Inhalt 
aller Wissenschaften ein. 

Die theoretische Lehre von den Zahlen untersucht 
in absoluter Weise alles, was sich auf ihre wesentlichen 
Eigenschaften bezieht, sowohl wenn man sie einzeln für sich 
betrachtet, als auch sie in ihrer Wechselbeziehung vergleicht: 
wie z. B. gerade und ungerade; zur Vergleichung der Zahlen 
gehört die Gleichheit (aequalitas) und die Ungleichheit (super- 
fluitas)^), ferner daß eine Zahl ein Teil oder Teile einer Zahl 
ist^) oder daß sie das doppelte einer anderen oder um einen Teil 
oder um Teile größer als eine andere ist, oder daß sie propor- 
tional oder nicht proportional ist, ähnlich oder nicht ähnlich, 
kommensurabel oder inkommensurabel (sejunctus)'). 



^) Im Druck ist noch ^die Bewegung'^ erwähnt. 
*) Das Wort Superflnitas benutzt Gerhard bald für »Ungleichheit", 
bald für „Überschuß" (vJisQoxrj), bald für „Differenz«. 

') Daß eine Zahl Zj ein Teil oder Teile einer Zahl z, ist, heißt wohl 

z, = — oder z, = — K — , daß Zj um einen Teil oder Teile größer als 

eine andere z, ist, heißt wohl z^ = z, -| — oder Zj = z, -j — . 

Ähnliche Zahlen 8, b, c, sind solche, welche als Seiten eines recht- 
winkligen Dreiecks gezeichnet werden können; es ist also c' = a*-f'b' 
(vgl. Cantor Bd. 1, S. 173). 

Sejunctns kann auch Teilerfremd heißen (Cantor ibid. S. 252). 

*) Im Druck heißt es dann . . . „und all das andere, was m»n in der 
Arithmetik des Nikomachus eingehend studieren kann". 

Weiter wird die Einteilung der theoretischen Arithmetik aufgeführt, 
die im wesentlichen den oben angeführten Operationen entspricht, sowie 
die Einteilung der praktischen Arithmetik : „Sie hat viele Arten (scientias 
vendendi et emendi, mntuandi et accomodandi, conducendi et locandi, 
expendendi et suadendi), die Wissenschaften vom Verkaufen und Kaufen, 



^ 8ä - 

Öann erörtert sie^), was mit den Zahlen geschieht, wenü 
irgendwelche anderen hinzugefügt werden (additio), und [was] 
bei ihrer Zusammenlegung (aggregatio) [geschieht], und bei der 
Abziehung (diminutio) gewisser Zahlen (von ab) anderen und 
ihrer Trennung (separatio) und [was] durch Vervielfältigung 
(multiplicatio) der Zahl mittels Zählung (oder Abzahlung) der 
Einheiten einer anderen [geschieht] und durch Zerlegung 
(divisio in partes) der Zahl in Teile mittels Zählung (Abzahlung) 
der Einheiten einer anderen Zahl. Dies ist gerade so, als ob 
(oder einfach : ganz wie z. B.) eine Zahl quadratisch oder flächen- 
artig oder körperlich oder vollkommen oder unvollkommen ist*). 

Diese Wissenschaft untersucht eben all dieses und all jenes, 
was sich an ihnen ereignet, wenn sie untereinander verglichen 
werden. Sie wird ferner lehren, wie man eine Zahl aus einer 
bekannten Zahl ermittelt, und überhaupt wie man irgend etwas 
ermittelt, das man durch Zahlen ermitteln kann. 

Die Geometrie, 

d.h. das, was man unter diesem Namen versteht, zerfällt in zwei 
Teile, die angewandte und die theoretische Geometrie. Die an- 
gewandte behandelt die Linien und Flächen an einem Holz- 
stuck, wenn ein Zimmermann, oder an einem Stück Eisen, wenn 
ein Schmied, oder an einer Wand, wenn ein Maurer, oder an be- 
bauten Grundstücken, wenn ein Landmesser sie benutzt. Ebenso 
gehört jeder Handwerker zur angewandten Geometrie. Denn er 



vom Leihen und Verleihes, vom Mieten und Vermieten, vom Auszahlen, 
(geben) und vom „Suadere". Eine andere WiBBenschaft ist diejenige von 
der Tiefe und Höhe oder der Auffindung von Strecken und viele andere 
Dinge, von denen vielfach in einem Werk, das bei den Arabern vor- 
handen ist, gesprochen wird. 

^) Diese Stelle ist wörtlich übersetzt, um die alten Begriffe, die 
mit den unsrigen nicht übereinstimmen, ganz klar darzulegen. 

') Zu den Quadrat-, Flächen- und Körperzahlen vgl. Cantor Bd. 1, 
S. 152. 

Vollkommene Zahlen sind solche, welche wie 6, 28 u. s. w. der Summe 
ihrer aliquoten Teile gleich sind (6 = 1 + 2 + 3; 28 = 1 + 2 + 4 + 7 + 14). 
Bei unvollkommenen Zahlen, die entweder überschießende oder mangel- 
hafte Zahlen sind, liefern diQ aliquoten Teile eine zu große oder zu kleine 
Summe (12 <l+2 + 3 + 4 + 6; 8> 1 + 2 + 4). 

6* 



- 84 - 

bildet in sich selbst^) die Linien und Obei-flächen, die viereckige, 
runde und dreieckige Gestalt an dem stoflflichen Körper, welcher 
seiner praktischen Kunst unterworfen wird. Die theoretische 
Geometrie handelt von Linien, Flächen und Körpern nur in abso- 
luter Weise. Entsprechend den gemeinsamen Eigenschaften aller 
Flächen der Körper gestaltet sie in ihrer Seele die Linien, die 
Oberflächen, die viereckigen, runden und dreieckigen Gestalten 
in gemeinsamer Weise, ohne Rflcksicht auf den Körper, an dem 
sie sich finden, ebenso verfährt sie mit den Flächen; es ist für 
sie gleichgültig, ob der Körper ein Stück Holz, eine Wand oder 
ein Stück Eisen ist, sie betrachtet vielmehr den Allen gemein- 
samen Köi-per (Körpergestalt) ^). 



^) 'In sich selbst', d. h. in seinem Geist. Dies ist Nachwirkung der 
piatonischen Ansctiaaungen, wie sie in Anwendung auf ihre praktische 
und theoretische Wissenschaft z. B. im Anfang des Dialogs Politikos 
vorkommt. 

*) Der Abschnitt über die praktische angewandte Geometrie ist im 
Druck sehr viel ausführlicher. Er lautet dort: 

Die praktische Geometrie betrachtet die Linien, Obei*flächen, Körper 
nach drei Arten. Einmal nach der Höhe, dann heißt sie Höhenmessung 
(altimetria), oder nach der Ebene, dann heißt sie planimetria oder nach 
der Tiefe, dann heißt sie Profundimctria. Jede dieser letzteren hat einen 
Stoff, eigene Instramente ([lilfsmittcl) und eigene Ausüber (opifices), diese 
sind Verraesser oder Handwerker (fabri). — Vermcsser sind solche, welche 
irgendeine Oberfläche der Erde messen. Ihre Instrumente sind Spanne, 
Fuß, Elle, Stadium, die Meßstange (pertica), die leucaa) und viele andere. 
Die Handwerker (fabri) beschäftigen sich entweder mit mechanischen 
Dingen (mechanicis)/^) oder mit harten Stoffen (fabri libus); sie mühen sich 
ab als Tischler am Holz, als Schmied am Eisen, als Maurer am Ton und an den 
Steinen und ebenso jeder Austtber der mechanischen Künste entsprechend 
der aktiven Geometrie. Sie selbst aber erörtert für sich die Linien, 
Oberflächen, rechteckigen Stellen und Rundungen an Körpern der Materie, 
die in ihrer Kunst behandelt werden. Derer gibt es aber, wie man sagt, 
viele Arten nach dem unterschied der Materien, an denen sie arbeiten 
und nach den verschiedenen Instrumenten, wie dem Lineal, der Trilla (V) 
dem Lot und vielen anderen. — 

Eine sehr interessante Philosophie und Systematik der Handwerke 
bezw. der Künste haben die Ichwän al Safdy) aufgestellt in ihrer Ab- 



a) leuca ist ein Reisemaß bei den Galliern wie die Parasange bei 
den Griechen •, sie wird z. B. zu 15(X) Schritt angegeben (Forcellini sub verbo). 
ß) Hierher gehören wohl die Weber etc. 
}') Ichwän al Safd Bd. 1„ S. 25, Dieterici, Logik ^tc., S. 84. 



~ 85 - 

Und diese Wissenschaft ist es, die in die Summe (den In- 
halt) aller Wissenschaften eintritt. 

Sie untersucht in absoluter Weise bei Linien, Ober- 
flächen und Körpern deren Figuren, Mengen, Gleichheit, Über- 
schuß, die Arten ihrer Lagen und Anordnungen, sowie alles 
was bei ihnen auftritt, wie Punkte, Winkel u. s. w., sie forscht 
nach den proportionalen und nicht proportionalen Größen, nach 
dem, was bei ihnen gegeben und nicht gegeben ist, nach den 
kommensurablen und inkommensurablen Eigenschaften, nach den 
rationalen und den irrationalen und den Arten dieser beiden;' sie 
lehrt, wie man bei der Anwendung eine jede derselben anwendet, 
nämlich den Weg, so daß einer dies ausführen kann. Sie lehrt 
femer, wie man etwas ermittelt, das man ermitteln kann, 
weiter die Ursachen von all diesem und warum es sich so ver- 
hält mit Beweisen, die uns eine sichere Kenntnis geben, so 



handlung von den praktischen KüDsten, die den theoretischen Künsten 
gegenüberstehen. Anf die Einzelheiten einzugehen ist nicht nötig, da 
die Schrift durch Dietericis Übersetzung allgemein zugänglich ist. Nur 
erwähnt sei, daB unterschieden wird zwischen zwei Arten von Hilfsmitteln 
zur Ausführung der Arbeit, einmal den verschiedenen Aldty den Gliedern 
des Körpers (Dieterici übersetzt Ausrüstung), und den Ädät, den Werk- 
zeugen, die sonst auch Aldt heißen. 

Es beißt dann weiter: Ein jeder Handwerker benutzt bei seiner 
Arbeit Werkzeuge von verschiedener Gestalt und Form. Der Zimmermann 
haut die Stämme glatt, dabei ist seine Bewegung von oben nach unten ^ 
er sägt mit der Sage, dabei ist seine Bewegung von vorn nach hinten. 
Mit dem Bohrer bohrt er, dabei ist seine Bewegung eine im Bogen nach 
rechts und links, die Bewegung des Bohrers ist aber kreisförmig. So hat 
jeder Handwerker sieben Bewegungen, eine kreisförmige und sechs gerade. 
(Diese entsprechen den sieben Bewegungen der Himmelskörper, der kreis- 
förmigen entsprechend dem ursprünglichen Zweck und sechs akzidentellen.) 

Für uns sind noch folgende Bemerkungen des Ichwdn cd Safä von 
Interesse: „In bezng auf das erzielte Produkt (Werk) ragt die Kunst 
derer hervor, welche die astronomischen Instrumente {Äldt dl Rasad) 
anfertigen, wie das Astrolab, Armillarsphäre und Globen, die den Formen 
der Sphäre nachgebildet sind.** (Ausgabe von Bombay Bd. 1,, S. 32. 
Dieterici, Logik etc., S. 95.) 

Wie hoch die Formgebung beim Astrolab geschätzt wurde, zeigt die 
Stelle: Der Wert eines Stückes Messing ist 1 Dirham, fertigt man aus 
ihm ein Astrolab, so hat es 100 Dirham Wert, Dieser Wert kommt also 
nicht von dem Material, sondern von der ihr erteilten Form. (Bombay, 
Bd. 1„ S. 32. Dieterici, Logik etc., S. 95.), 



- 86 — 

daß eine Zweideutigkeit ausgeschlossen ist. Dies ist der Ge- 
samtinhalt der Geometrie. . 

Diese Wissenschaft zerfallt in zwei Teile, der eine bezieht 
sich auf die Linien und die Oberflächen, der andere auf die 
Körper. Der letztere wird eingeteilt nach der Art der be- 
handelten Körper, wie nach dem Würfel, der Pyramide, der 
Kugel, der Säule (Zylinder), den Prismen (serratilia) ^) und den 
Kegeln (pinealia) *). Man stellt die Betrachtungen an ihnen in 
zweierlei Weise an. Entweder man betrachtet einen jeden für sich, 
so je die Linien, die Oberflächen, die Würfel, die Pj^amide für sich, 
oder mau betrachtet sie und das, was bei ihnen eintritt, indem mau 
sie gegenseitig vergleicht. Das geschieht, indem man sie entweder 
einfach vergleicht und ihre Gleichheit, Ungleichheit sowie 
andere bei ihnen vorhandene Eigenschaften betrachtet oder aber, 
indem man einige derselben mit anderen zusammenbringt und 
zuordnet, wie eine Linie in einer Fläche oder eine Fläche 
in einem Körper oder eine Fläche in einer Fläche oder einen 
Körper in einem Körper. Man muß aber wissen, wie viele 
Elemente und Wurzeln die Geometrie und die Arithmetik haben, 
und wie viele Dinge aus jenen Wurzeln hergeleitet werden. 
Die Wurzeln sind von begrenzter Anzahl, das, was sich aus 
den Wurzeln ergibt, aber von unbegrenzter. In dem dem Pytha- 
goreer Euklid zugeschriebenen Werk, dem Buch der Elemente, 
finden sich die Wurzeln der Geometrie und Arithmetik. 

Man kann die Betrachtungen nach zwei Methoden anstellen, 
nach der Methode der Analyse (resolutio) und nach der Methode 
der Synthese (compositio). Die alten Bearbeiter dieser Wissen- 
schaften haben in ihren Werken beide Methoden vereinigt, 
außer Euklid, der nur die Synthese betrachtet. 



^) GampanoB bat in seiDer EuklidUbersetzung: „Corpus serratilc** heißt 
ein Körper, der von fUnf Oberflächen begrenzt ist, von denen drei Parallelo- 
gramme sind, zwei aber Dreiecke. 

*) Im Druck steht „poenitentialia'', offenbar verlesen filr „pinealia", wie 
sicher in der Handschrift steht. Pinealia heißt den Pinienzapfen ähnliche 
Gestalten, also Kegel. Entsprechend heißt es bei den Mafätih S. 209: Der 
Kegelkörper {al (jrism al machrüt) ist ein Gebilde, das bei einem Pankt 
beginnt und in dem Umfang eines Kreises endigf. Es wird begrenzt durch 
eine Pinienfläche {Basti Sanaubari) und einen Kreis. ^S'^nau&ar ist der 
Pinienzapfen. Es wird S. 225 in den Mafätih von dem Sanauhar des Erd- 
schattens gesprochen. 



- 87 — 

Die Optik 

untersucht dieselben Gegenstände wie die Geometrie, nämlich Fi- 
guren, Größen, Lagen, Anordnung, Gleichheit, Ungleichheit u. s.w.; 
doch [die Geometrie] so, daß diese absolut in Linien, Flächen, 
Körpern sich finden. Die Betrachtungsweise der Geometrie ist also 
allgemeiner. Es wäre also nicht nötig, eine besondere Wissenschaft 
der Optik aufzustellen, da ihre Gegenstände unter die Lehren der 
Geometrie fallen. Freilich besteht der Unterschied, daß das meiste, 
was bei der Geometrie mit Notwendigkeit eintritt, da es einer 
bestimmten Anordnung, sei es der Lage, sei es der Anordnung 
u. s. w., entspricht, beim Betrachten gegenteilig gestellt erscheint. 
So erscheinen Dinge, die in Wirklichkeit viereckig sind, aus 
einiger Entfernung gesehen rund*), sehr viele Dinge, die parallel 
sind, sieht man konvergieren, gleiche erscheinen ungleich und 
ungleiche gleich. Sehr oft erscheinen von den in einer Ebene ge- 
legenen Dingen die einen tiefer, die anderen höher; ferner 
solche, die mehr nach vorne gelegen sind, weiter hinten u. s. w. 
Man unterscheidet daher mit Hilfe dieser Wissenschaft zwischen 
demjenigen, was beim Sehen anders erscheint, als es wirklich ist 
und demjenigen, was so erscheint, wie es wirklich ist. Sie gibt die 
Ursachen für dies alles an und, warum es so ist, mittelst sicher- 
stellender Beweise; ferner gibt sie Anweisungen bei allen Fällen, 
bei denen man irren kann, und sinnreiche Methoden dafür, daß 
man nicht irrt. Endlich lehrt sie entsprechend den wahren Ver- 
hältnissen bei dem Angeschauten aus der Sache, der Menge, 
Gestalt, Lage und Anordnung und den übrigen Dingen jenes 
finden, worin der Blick irren kann. 

Durch diese Kunst kann der Mensch eine Kenntnis über 
das Maß eines entfernten Gegenstandes aus den Größen er- 

^) Zu Optik vgl. Beiträge II, S.33ff.; Beiträge V, S. 399 u. 402, 427, 
439. Das ganze schlieBt eich eng an die Optik von Euklid an. 

') Mit diesen Ausführungen hängt zusammen eine von mir publizierte 
Stelle bei al Gdhie (Eder, Jahrbuch 1905, S. 81). Wenn v^ir ge- 
wisse längliche Gegenstände aus der Entfernung rund sehen, so ist viel- 
leicht die Sonne kreuzförmig und die Sterne viereckig (die als länglich 
bezeichneten Gegenstände hatte ich als Ortschaften und Gebäude über- 
setzt, wogegen Nöldekc Bedenken erhoben hat; die Worte sind unpunk- 
tiert geschrieben). 

Der entsprechende Sat» lautet bei Euklid, Optik, Satz 9: Recht- 
winklige Größen erscheinen aus der Eatfernung betrachtet rund. 



— 88 ~ 

halten, falls es schwierig oder anmöglich ist, zu ihm zu ge- 
langen, und über die Größen der Abstände [der Gegenstände] 
von uns und untereinander; dahin gehören die Höhen hoher 
Bäume und Wände, die Breiten von Bächen und Flüssen, die 
Höhen der Berge und die Tiefen der Wässer (Brunnen), falls 
der Blick auf deren Enden fällt (fallen kann). Ferner erfährt 
man die Abstände der Wolken und anderer Gegenstände von 
dem Ort, an dem wir uns befinden, und den Ort der Erde, welchem 
sie gegenüberliegen [d. h. über welchen sie sich senkrecht be- 
finden], femer die Abstände und Größen der Himmelskörper 
und alles das, wozu man durch eine Beziehung auf den es betrach- 
tenden gelangen kann, und endlich eine Größe, über deren Quan- 
tität oder Abstand von irgend einem Standort geforscht wird \), 
falls der Blick darauf fällt. Das geschieht bei einem Gegen- 
stand mittelst eines Instrumentes, das dazu dient, den Blick 
so zu richten; daß er nicht irrt, und bei einem anderen ohne 
Instrument. 

Alles, was man beschaut und sieht, sieht man nur durch 
Vermittelung eines Strahles, der durch die Luft und jeden durch- 
sichtigen (pervius) Körper, der unsere Augen berührt, dringt, 
bis er auf den betrachteten Gegenstand fällt ^). Die Strahlen, 
welche in dem durchsichtigen Körper zu dem betrachteten Gegen- 
stand dringen, sind gerade (recti), reflektierte (reflexi), umgekehrte 
(conversi) oder gebrochene (refracti) ^). Gerade Strahlen sind 



*) Statt „ab aliqua re quaeritur statio*' wäre nach Boll zu lesen 
„ab aliqua requiritur statione". 

') An dieser Stelle spricht alFäräbidie Anschauung, daß das Sehen 
durch Sehstrahlen, die von dem Auge ausgehen, in schärfster Form aus, 
während er sonst als Vertreter der entgegengesetzten Anschauung auf- 
tritt (vgl. Beiträge II, S. 837). Worauf seine verschiedene Auffassung 
hier und sonst beruht, läßt sich nicht sagen. Möglich, daß er sich in 
unserer Schrift im Anschluß an das Vorhergehende auch weiterhin der 
Euklidischen Auffassung bedient. 

') Die drei Ai*ten der reflektierten Strahlen sind wohl die drei bei al 
Sachäwi {al Änsäri) erwähnten murCatifa^ mun'akisa und munkasira (vgl. 
Beiträge V, S. 402). 

In der pseudoeuklidischen Katoptrik finden sich solche Unter- 
scheidungen zwischen den verschiedenen Arten der Reflexion nicht. 

Ferner ist zu beachten, daß hier ngebrochcnc*" Strahlen sich nicht 
auf die Brechung des Lichtes beim Obergang aus einem Medium in ein 
anderes bezieht, sondern auf die Richtungsänderung bei der Reflexion, 



- 89 -^ 

8olche, die, wenn sie vom Ange ausgehen, sich längs gerader Linien 
bis dahin erstrecken, wohin sie gehen, und wo sie abgeschnitten 
werden (endigen). Den reflektierten Strahlen stellt sich auf 
ihrem Wege, ehe sie ihr Ziel erreichen, ein Spiegel entgegen, der sie 
am Fortschreiten längs gerader Linien hindert; daher werden sie 
schräg nach den vom Spiegel seitlich gelegenen Teilen reflektiert; 
nach den Seiten, nach denen sie reflektiert werden, dehnen sie 
sich dann aus und gehen zu Stellen, die vor dem Betrachtenden 
(zwischen den Händen des Betrachtenden) Fi*?. P). 

liegen, entsprechend der Figur (1). Die 
umgekehrten Strahlen (conversi) kehren 
vom Spiegel aus auf ihren ursprünglichen Bahnen zurück, bis 
sie auf den Körper des Beschauers, aus dessen Augen sie aus- 
getreten sind, fallen. Daher sieht sich der Beschauer selbst 
mit ebendemselben Strahl. Die gebrochenen Strahlen kehren 
von dem Spiegel zu der Seite des Betrachtenden, von dessen 
Auge sie ausgingen; zurück und erstrecken sich an ihm vorbei 
(flexuose) nach einer seiner Seiten und fallen auf einen anderen 
Gegenstand, der hinter dem Betrachtenden oder auf seiner 
Rechten oder auf seiner Linken oder oberhalb des- 
selben sich befindet. Deshalb sieht der Mensch das, 
was hinter ihm oder auf irgend einer seiner Seiten 
ist. Die „Reversio" geschieht^nach der ITigur (2). 

Die Medien zwischen dem Auge und dem betrachteten 
Gegenstand oder dem Spiegel sind durchweg durchsichtige 
Körper, nämlich die Luft, das Wasser oder bei uns gewisse aus 

Aneh in der von Heiberg publizierten lateiniscben Übersetzung der pseudo- 
euklidischen Katoptrik kommt „refringi", in anderen kommt „reflccti" für 
unser „reflektiert werden" vor. 

In der Enzyklopädie von Arnoldas Saxonicus (herausgegeben von 
£. Stange. Beilage zum Jahresbericht des Gymnasiums zu Erfuit 1904/05 
u. 1905/06) ist in dem Abschnitt de Speculis ein Werk von Aristoteles 
de speculis zitiert. Dort wird für unser „reflektiert werden" „reflecti" benutzt. 
Die betreffenden Stellen entstammen Euklids Optik und Katoptrik. In- 
teressant ist, daB Arnuldus auch den Versuch von dem Wiedererscheinen 
einer Münze in einem Gefäß berichtet, wenn man Wasser eingießt. 

^) Die Figuren 1 und 2 sind der lateinischen Handschrift entnommen, 
für die umgekehrten (conversi) Strahlen, d. h. die senkrecht einfsillenden 
und dann reflektierten, ist keine Abbildung gegeben. 




— 90 - 

Glas zasamraengesetzte Körper oder diesem Homogenes*). Die 
Spiegel, welche die Strahlen zurückwerfen oder an dem Fort- 
schreiten in gerader Richtung hindern, sind entweder die be- 
kannten Spiegel, die bei uns aus Eisen und anderem bestehen, 
oder dicke feuchte Dämpfe oder Wasser oder ein anderer jenen 
ähnlicher Körper'^). 

Die Optik untersucht demnach alles, was man mittelst jener 
vier Strahlenarten in irgend einem Spiegel sieht, und alles, was 
bei dem Betrachteten vorkommt. Sie selbst zerfällt in zwei 
Teile. Der erste behandelt die Untersuchung dessen, was man 
mit den geraden Strahlen betrachtet, und der zweite das, was 
man mit den nicht geraden Strahlen betrachtet. Das letztere 
ist etwas, was ganz nahe kommt der Lehre von den Spiegeln. 

Die Wissenschaft von den Sternen 

bestellt aus zwei Teilen^), von denen der eine die Wissenschaft 
von den Einflüssen (significatio) der Sterne auf das Zukünftige, 



^) Hierbei ist DatUrlicli nicht an Linaen oder gar Fernrohre zu denken, 
sondern an Glas- oderKristailbtlicke, an mit Wasser gefüllte Flaschen a.s.f. 

*) Ober das Material der Spiegel vgl. u.a. Yogi, Roger Baco S. 65. 
Auch nach MaqrigVs Chitai fertigte man Spiegel aus Stahl au, indem 
damals nur solche aus Metali in Gebrauch waren (vgl. von Kremer, 
Kulturgeschichte Bd. 2, S. 285). Über Spiegel, die von Astronomen 
benutzt werden, sagt oZ Ma'arri (Brockelmann Bd. 1, S. 254; geb. 973, 
gest. 1057), der sieber in Bagdad die dortigen Sternwarten benutzt 
hat: „Nimm den Spiegel und beobachte die Gestirue** n.- s. w. und „Der 
Spiegel des Astronomen, so klein er ist, zeigt ihm alles, sei es nun be- 
wohntes oder unbewohntes Land**. 

Die feuchten dicken Dämpfe als reflektierende Spiegel spielen eine 
große Rolle bei der Theorie des Kegenbogens; bei Nasir al Bin al Tüsi 
wird Wasser als typisches Beispiel für einen reflektierenden Körper an- 
geführt (vgl. meinen Aufsatz in Eder, Jahrbuch 1907). 

*) Nach dem folgenden zerfallt die Astronomie in Astrologie, die 
sehr kurz abgemacht wird, und in die wissenschaftliche Astronomie. 
(Diese Einteilung ist die am Anfang von Ptolemäus Tetrabiblos ge- 
gebene.) 

Die Erörterung der Aufgaben der Astronomie und deren Einteilung 
entspricht vielfach, wenn auch nicht ganz, der bei Sachawi (Beiträge IX, 
S. 184) gegebenen. 

Über die Abgrenzung zwischen Astronomie und Astrologie, die, 
wie bei dl Färäbij mit der unsrigen nicht übereinstimmt, macht Isidorus 
(Etymolog. Migne, Patrol. lat. Bd. 82, S. 170 a.a.O.) folgende Bemerkung: 

Zwischen Astronomie und Astrologie gibt es einen gewissen Unter- 



— 91 — 

auf das meiste Gegenwärtige und das meiste Vergangene ist. 
Der zweite ist die mathematische (doctrinalis, abstrakte, theore- 
tische) Wissenschaft. Er ist derjenige Teil, der zu den Wissen- 
schaften und den Doktrinen gezählt wird. Den ersten Teil zählt 
man nur zu den Eigenschaften und Fähigkeiten, durch die der 
Mensch angeben kann, was sein wird, gerade wie dies aus der 
Deutung der Gesichte, der Wahrsagung aus dem Vogelflug, dem 
Niesen und anderem Ähnlichen der Fall ist. 

Die theoretische Astronomie untersucht die Himmelskörpei* 
und die Erde unter drei Rubriken. Im ersten Fall behandelt 
man ihre Zahl, Gestalt, gegenseitige Lage, Anordnung in der 
Welt, die Quantität ihrer Körper und das gegenseitige Ver- 
hältnis derselben, ihre gegenseitigen Abstände, sowie daß die Erde 
sich weder von ihrem Ort bewegt noch an ihrem Ort^). Im zweiten 
Fall behandelt man die Bewegungen der Himmelskörper, wie 
viele ihrer sind, daß alle sphärisch sind, ferner untersucht man, 
welche Bewegungen ihnen allen gemeinsam sind, nämlich den 
Sternen und Nichtstenien unter den Himmelskörpern (alsoz. B. 
auch den Kometen), sodann welche Bewegung allen Sternen 
gemeinsam ist. Femer behandelt man die Bewegungen, welche 
jedem der Sterne eigen sind, wie viele Arten der Bewegungen 



schied. Denn die Astronomio behandelt die Umdrehung des Himmels, die 
Aufgänge, Untergänge und Bewegung der Gestirne [Sonne, Mond und 
5 Planeten], und warum sie so genannt werden. Die Astrologie ist zum 
Teil eine Naturwisssenscbaft, zum Teil eine wahrsagerische. Sie gehört 
zu den Naturwissenschaften, wenn sie den Lauf der Sonne und des 
Mondes oder der Sterne verfolgt und die sicheren Bestimmungen der Zeiten 
(d. h. die Lehre von der Zeitbezeichnnng im Anschluß an die Bewegungen 
der Gestirne, bes. der Sonne und des Mondes). Wahrsagerisch ist aber 
jene, welcher sich die Mathematiker widmen, die ans den Sternen wahr- 
sagen, und die auch die 12 Zeichen [sc. der Tierkreise] unter die einzelnen 
Glieder der Seele oder des Körpers verteilen, und die aus dem Lauf der 
Gestii-ne die Nativitäten und Eigenschaften der Menschen vorauszusagen 
versuchen. 

') Zu beachten ist die sehr starke Betonung der vollkommenen 
Kühe der Erde: weder bewegt sie sich von ihrem Ort noch an ihrem Ort; 
sie hat also weder eine translatorische noch eine rotatorische Bewegung. 
— Offenbar müssen in den Gelehrtenkreiseu des Islam sich starke Ein- 
flüsse des pythagoreischen Systems geltend gemacht haben, das mit den 
Lehren des Koran unvereinbar war und daher abgelehnt wurde (vgl. Bei- 
träge III, S. 243; V, S, 454). 



— 92 ^ 

jeder Stern bat, und die Teile (Gegenden), nach welchen hin 
sie sich bewegen, und entsprechend welcher Gegend einem jeden 
Sterne jene Bewegung zukommt; sie lehrt den Weg um den 
Ort jedes Sternes festzustellen aus den Teilen der [Tierkreis-] 
Zeichen zu jeder Stunde zusammen mit allen Arten der Be- 
wegung des Sternes. Sie forscht weiter nach allem, was den 
Himmelskörpern in den Zeichen zustößt, und welche Bewegungen 
sie in ihnen haben, und was ihnen zustößt, wenn man sie gegen- 
seitig vergleicht nach der gegenseitigen Konjunktion, Separation ^) 
und Abgewandheit^) der Lagen; und zum Schluß behandelt dieser 
Teil alleS; was den Sternen infolge ihrer eigenen Bewegungen im 
Vergleich zur Erde zustößt, wie die Sonnenfinsternis, und alles, 
was ihnen infolge der relativen Lage der Erde ihnen gegenüber 
an der Stelle der Welt, wo sie sind, zustößt, wie die Mond- 
finsternis*). Sie führt jene Ereignisse an, teilt mit, wie viel es 
deren sind, bei welcher Anordnung und zu welcher Stunde sie 
sich ereignen und in wie langer Zeit, wie der Aufgang und 
Untergang u. s. w. 

Im dritten Fall*) untersucht man beider Erde, was bewohnt 
und was nicht bewohnt ist, gibt an, wie groß der bewohnte Teil 
ist, aus wie viel großen Teilen, den Klimaten, er besteht; man 
führt an, welche Wohnstätten in der jeweils für das betreffende 
Klima feststehenden Zahl von Stunden für den längsten Tag^) 
sich befinden, wo sie gelegen sind und ihre Lage in der 
Welt. Man untersucht, was ein jedes Klima und jede Wohn- 
stätte charakterisiert, und zwar infolge der gemeinsamen Um- 
drehung der ganzen Welt, nämlich den Wechsel von Tag und 
Nacht infolge der Lage der Erde an der Stelle, wo diese Wohn- 



*) D. h. wenn die Himmelskörper sich voneinander entfernen; „de- 
flexus* ist der Ausdruck der Astrologen dafUr. 

*) Diversitas ist der Ausdrnck für Opposition. 

') Bei der Sonnenfinsternis liegt der Mond zwischen £rde und Sonne, 
der Mond bewirkt also die Sonnenfinsternis; bei der Mondfinsternis liegt 
die Erde zwischen Sonne und Mond; sie ruft also die Mondfinsternis 
hervor. 

*) Der dritte Teil ist also die von Eratosthenes und Hipparch aus- 
gebildete Geographie, die ganz im Sinne des Ptoiemäus an die Astronomie 
angeknüpft ist. 

•) Vgl. hierzu Plinius, natur, bist. II, S. 75 und Ptolem. appari- 
tiones c. 1. 



— 93 — 

Stätten sind, wie die Auf- nnd Untergänge, die Länge nnd 
Kürze der Tage und Nächte and ähnliches. 

Das ist der Hauptinhalt dieser Wissenschaft. 

Die Wissenschaft von der Musik ^) 

umfaßt die Kenntnis der Arten der Harmonien *), das, woraus 
man sie komponiert, wozu sie komponiert werden, wie sie kom- 

^) Die Musik ist vun den Arabern vielfach nach den verschiedensten 
Richtungen behandelt worden, sie haben sowohl die Theorie wie die An- 
wendungen erörtert. Von Originalwerken ist vor allem zu nennen das 
große Werk von al Fdräbi über die Musik, aus dem L. Eosegarten in der 
Einleitung sn seinem Buche Alii Ispahanensis Liber cantilenarum (Grcifs- 
wald 1840) sehr zahlreiche Auszüge gegeben, und zwar aus dem theo- 
retischen Teil wie anch aus den Beschreibungen der Instrumente. Be- 
handelt hat er das Werk ferner in der Zeitschrift fttr Kunde des Morgenlandes 
Bd. 5, S. 137. 1844. 

Vor allem ist weiter zu beachten eine Schrift von Saß al Din, die 
von C. de Vanx eingehend behandelt worden ist. Sie enthält zahlreiche 
physikalisch-akustische Bemerkungen, die z. T. wohl höher als diejenigen 
von al Fdräbi stehen (J. asiat. [8] Bd. 18, S. 279. 1891). 

Die verschiedenen arabischen Enzyklopädien widmen der Musik ein- 
gehende Besprechungen, so die Mafatih al 'ülüm (S. 285), ein erstes 
Kapitel behandelt die Musikinstrumente. Ferner die Schriften der Ichwctn 
oZ Safd (Bombayer Druck Bd. 1, S. 84. Propädeutik der Araber von 
F. bietcrici S. 100); ferner das Werk von dl Sachdwi (dl Änsdri) (S. 92). 
Auch H. Chalfa hat zwei Artikel, einen über die musikalischen Instrumente 
Bd. 1, S. 399, einen über die Wissenschaft der Musik Bd. 6, S. 255. 

Eine ganze Reihe von Fragen über die Musik, die Erfinder der ein- 
zelnen Instramente, die Töne u. s. w. stellt al Ödhiz an 'Abd al Wdhhdb 
in dem Werk von der runden und viereckigen Gestalt (Tria opuscula ed. 
VIoten S. 141 ff.). 

Noch hingewiesen sei auf R. G. Kiesewetter, Die Musik der Araber. 
Leipzig 1842, wo auch zahlreiche Musikinstrumente aufgeführt sind, ebenso 
auf Casiri Bd. 1, 8. 528, der 31 Instrumente aufzählt. 

Sehr eingehend hat sich mit der arabischen Musik selbst M. Gollangettes 
(J. asiat. [10] Bd. 4, S. 365. 1904 u. Bd. 8, S. 149. 1907) befaßt, der nach 
einer kurzen Geschichte derselben eine sehr vollständige Bibliographie 
mitteilt und dann die Musik selbst behandelt. 

Grundlegend hat unser großer Physiker und Physiologe H. von 
Helmholtz die arabisch-persischen Tonsysteme in seinen Tonempfindungen 
behandelt (2. Auf. S. 440. 1870). 

Fast ebenso heiBt es bei dl Sachdwi (S. 93) : Die praktischen Musiker 
stellen sich die Töne, die aus ihnen sich ergebenden Harmonien und, was 
mit ihnen zusammenhängt, nur insofern vor, als sie von [bestimmten] In- 
strumenten gehört werden, durch die ihr GehOrtwerden bedingt ist. Die 



- 94 - 

poniert werden, und welche Arten man anwenden muß, damit 
sich ihre Wirkung möglichst eindringlich und weittragend ge- 
staltet. Sie besteht aus zwei Wissenschaften, der angewandten 
und der theoretischen Musikwissenschaft. 

Bei der angewandten Musikwissenschaft ermittelt 
man die Arten der Harmonien, welche man wahrnimmt an den 
Instrumenten, welche, sei es durch die Natur, sei es durch die 
Kunst, dafür bestimmt sind. Die natürlichen Instrumente sind 
der Kehlkopfdeckel (epiglottis) und das Zäpfchen und, was sich 
in diesen befindet, ferner die Nase. Zu den künstlichen gehören 
die Flöte, die Kithara u. s. w. Der Künstler der angewandten 
Musik bildet die Töne (neuma Nagma), Melodien und alles, was mit 
ihnen zusammenhängt insofern als sie in den Instrumenten vor- 
kommen, die man bei ihrer Erzeugung anzuwenden pflegt. Die 
theoretische Musikwissenschaft behandelt die Lehre von 
jenen Dingen, dabei sind diese vorgestellt; sie gibt weiter die 
Ursachen von allem, woraus die Melodien zusammengesetzt 
sind, und zwar nicht insofern, als sie in der Materie auftreten, 
bezw. selbst Materie sind, sondern in absoluter Weise und un- 
abhängig von einem jeden Instrument und einem jeden Stoff. 
Sie behandelt sie entsprechend dem, wie sie in gleicher Weise 
bei jedem Instrument und bei jedem Körper [jeder Substanz] 
gehört werden. 

Die theoretische Musikwissenschaft zerfällt in fünf 
große Teile. Der erste handelt von den Prinzipien und den 
ersten Dingen, die bei der Erfindung der Gegenstände dieser 
Wissenschaft angewandt werden, er handelt femer davon, wie 



IiiBtrumente sind entweder die natUrlicheD, wie der menschliche Kehlkopf, 
oder die künstlichon, wie die musikalischen Instrumente. Die theoretische 
Musikwissenschaft betrachtet die Töne u.s.w. nur, insofern man sie allgemein 
von irgendeinem beliebigen Instrument hört, und nicht insofern, als sie bei 
einer bestimmten Materie oder einem bestimmten Instrument auftreten. 

Bei der Bearbeitung dieses Abschnittes hat mir, wie schon er- 
wähnt, Herr Prof. Gollangettes in Beyrut in ausgiebigem Maße seine 
Hilfe geliehen und mir die unten mitgeteilten Bemerkungen zur Ver- 
fügung gestellt. Da der lateinische Übersetzer nicht immer das Arabischo 
verstanden hat, so muß oft der Sinn erraten werden, bezw. muß man 
durch Konjekturen den ursprünglichen Text rekonstruieren. 

•) (Zu S, 93.) Das Wort harmonia entspricht dem griechischen dygovia^ 
dem nrabischcn LaJin und unserem Melodie. 



- 95 - 

man bei der Anwendung dieser Prinzipien verfährt, wie diese 
Kunst erfanden wurde; aus welchen und wie vielen Dingen 
sie zasammengesetzt ist, und wie der, der ihren Inhalt er- 
forschen will, beschaffen sein muß. Der zweite Teil handelt 
von den Aufgaben^) (der Grammatik) dieser Kunst, nämlich 
von der Erfindung der Töne, der Kenntnis der Zahl der Töne, 
wie viel ihrer sind, wie viele Arten sie besitzen; weiter gibt 
er an die Intervalle^) der einen zu den anderen und erläutert 
all jenes, weiter bespricht er die Arten ihrer Geschlechter und 
Systeme '), aus denen sie so zusammengesetzt werden, daß man 
ans ihnen das, was man will, empfängt und ans ihnen Melodien 
komponiert. Der dritte Teil handelt von der Übereinstimmung, 
welche in den Wurzeln*) (radices, Usiil) dargelegt wird, mit 
den Ausffihrungen und Darlegungen über die Arten der künst- 
lichen Instrumente, welche für sie [die Töne] hergestellt werden, 
und darüber, wie sie alle bei ihnen auftreten und gelagert sind, 
entsprechend der Abmessung und Anordnung^), die in den 
Wurzeln dargelegt werden. Der vierte Teil handelt von den 
Arten der natürlichen Rhythmen •), welche die Maße ') (Zeit, mesnre) 
der Töne sind. Der fünfte Abschnitt handelt allgemein von 
der Komposition der Melodien^), dann von der Komposition der 



^) Dispositionibns bujus artis. Falls dies ein technischer Ausdruck 
ist, so ]äBt sich seine Bedeutung nicht feststellen; doch gibt die obige 
Übersetzung guten Sinn. 

*) Proportiones (Nishdt) sind die masikalischen Intervalle, Bu'd^ 
die sich aus ihnen ableiten. 

') Speeiebus ordinis earum et situum ipsarum. Hier handelt es sich 
ohne Zweifel am die Ton- oder Klanggcschlechter, welche durch die 
Reihenfolge der Intervalle gegeben sind and mit dieser sich ändern ; ferner 
am die Systeme, welche von Gruppen der Geschlechter gebildet sind« 
bei denen eine Note einen Wert nicht nur durch das Geschlecht, sondern 
auch durch die Lage im System hat (xarä ^iaiv und xaia Svvafiir). 

*) Radices. Der Aal ist das Geschlecht des ersten Vierklanges 
eines Systemes. 

*) Mensurationem et ordinem qni declaratur in radicibus. Es handelt 
sich wahrscheinlich um die jedem System eigene Applikatur (doigt6), die 
durch die „Wurzel** bestimmt ist. 

•) Casuum. Der Übersetzer hat ohne Zweifel verwechselt Waqa' 
und Iqa\ er hat «Fälle" statt „Rhythmen** genommen. 

') Pondera. Der Übersetzer abersetzt Wazn mit Gewicht. 

*) Der 5. Teil behandelt die Kompositionslehre, sei es, daB sie sich 
auf die Musik fllr sich bezieht, sei es, daß die Musik mit der Poesie vcr- 



-^ 96 — 

reinen Melodien, welche in den metrischen Gedichten verwendet 
werden. Er behandelt ferner, wie die Knnst beschaffen sein muß 
entsprechend den speziellen Zielen der Melodien; er lehrt die 
Maßnahmen kennen, durch die man sie eindringlicher macht, so 
daß sie möglichst vollkommen den Eindruck erwecken, für den 
sie geschaffen sind. 

Die Wissenschaft von den Gegenständen mit Gewicht^) 

umfaßt von der Wissenschaft der schweren Körper zwei Gebiete ; 
erstens betrachtet sie diese Gegenstände, insofern man sie mißt 
oder mit ihnen mißt, es ist dies eine Untersuchung über die 
Prinzipien entsprechend den Bewegungen an den Gewichten, 
oder zweitens sie behandelt die schweren Gegenstände, welche 
bewegt werden, oder mit welchen man bewegt. Dies ist eine 
Untersuchung über die Prinzipien der Instrumente, mit welchen 
man schwere Gegenstände hebt, und aufweichen sie von Ort zu 
Ort bewegt werden. 



bnnden ist, weiter die Hilfsmittel, welche man bei der Komposition an- 
wenden muß, um die verschiedenen Wirkungen auf die Seele zu erzielen. 
AI Fdräbl behandelt »e in seinem Werk über Munik sehr ansftihriich. 

Die Musikwissenschaft behandelt also in 5 Abschnitten folgende 
Gegenstände: 1. Prinzipien der Akustik and Physiologie, Geschichte, 
Eigenschaften des Musikers. 2. Grammatik der Musik, Intervalle, Ge- 
schlechfery Systeme. 3. Konkordanz der Geschlechter, Instrumente, AppH- 
katur entsprechend den Geschlechtern. 4. Rhythmus. 5. Komposition, 
Musik für sich, Musik und Poesie, Anpassung an die Empfindungen. 

'} Zu der Wissenschaft von den Gewichten u. s. w. vgl. Beiträge V, 
S. 427 und Beiträge VI, S. 7 ff. Eine Übersicht über die Wagen enthält 
die Programmschrift (Forchheim 1906) von Dr. Ibel, die demnächst in er- 
weiterter Gestalt erscheinen wird. 

Zu der Wissenschaft von dem Bewegen der Lasten vgl. Beiträge V, 
S. 407, sowie VI, S. 18. Gelegentlich einer Betrachtang über die ver- 
schiedenen Arten des Ruderns kommt 'Ahd dl Lauf (Relation de T^gypte) 
(Text von White. Göttingen 1789, S. 97. Obersetzung von S. de Sacy 
S. 300) auf diese Wissenschaft zu sprechen : In 'IrdqYixx^ so geradert, daO sich 
das Boot nach dem Punkt bewegt, nach dem die Ruderer blicken, in Ägypten 
in entgegengesetzter Richtung. Dafür, welche der Methoden die bequemere 
ist, den Beweis za liefern, ist die Aufgabe der Naturwissenschaft (Physik) 
nnd der Wissenschaft vom Bewegen der Lasten (Um Tahrik al Atqäl), 



— 97 - 

Die Wissenschaft von den EuDStgriffen (Ingeniamj 
lehrt, me man es anstellt, damit all das, dessen Beschaffenheit 
in den oben nach Inhalt und Beweis behandelten Doktrinen 
anseinandergesetzt ist, bei den natürlichen Körpern tatsächlich 
in Wirksamkeit tritt, wobei es von ihnen aufgenommen wird. 
Diese spezielle Wissenschaft ist nötig, weil jene Wissenschaften 
nur Betrachtungen an Linien, Oberflächen, Körpern und den 
fibrigen Dingen, die hier in Frage kommen, insofern anstellt, 
als sie gedacht und von den naturlichen Körpern losgelöst sind. 

Wir wenden jene Lehren an, indem wir sie kraft unseres 
Willens und mit Hilfe unserer Geschicklichkeit in den natür- 
lichen Körpern zur Erscheinung kommen lassen. Dazu müssen 
sowohl die obigen Eigenschaften als auch die Körper selbst in 
passender Weise vorbereitet werden. — Dies zu tun ist die Auf- 
gabe der Wissenschaft der Ingenia^). 

Zu der Wissenschaft der Ingenia gehören die Ingenia bei 
den Zahlen; deren gibt es mehrere Arten, so die bei jenen zu 
unserer Zeit mit den Namen Algebra und al Mvrhalata^) benannte 
Lehre und dieser ähnliches, obgleich diese Wissenschaft der 
Zahl und der Geometrie gemeinsam ist. Sie selbst umfaßt die 
Arten, wie man sich beim Auffinden von Zahlen anstellt, die 
bei den Dingen angewandt werden, deren Gnindlage Euklid 
von den rationalen und irrationalen Größen in seinem zehnten 
Buch über die Elemente gab, und darin was nicht in jedem Buch 
erwähnt wird. Dies ist der Fall, weil das Verhältnis der 
rationalen und irrationalen Größen gleich dem Verhältnis einer 
Zahl zu einer Zahl ist. Jede Zahl steht in Beziehung (compar, 
relatns) zu irgendeiner rationalen oder irrationalen Größe. 
Findet man daher Zahlen, welche den Proportionen der Größen 
entsprechen, so findet man auch jene Größen auf irgendeine 
Weise. Daher nimmt man an, daß gewisse rationale Zahlen 
rationalen Größen entsprechen und gewisse irrationale Zahlen 
irrationalen Größen. 

Hierher gehören ferner die geometrischen Ingenia, 
deren es sehr viele gibt, ein Teil derselben bildet die Grundlage 

') Dieser Absatz ist im Original viel weitschweifiger dargestellt, wie 
dies bei solchen Betrachtungen bei den mittelalterlichen Philosophen so 
oft dpr Fall ist. 

*) Das Wort ist natürlich Muqabala, 

Sitsnngsberiebte der phys.-med. Sos. 39 (1907). 7 



— 98 — 

der Architektur (ars cementaria). Weiter gehört hierher das 
Ingenium bei der Messung der verschiedenen Arten der Körper 
und bei den zum Heben dienenden Instrumenten, weiter geholfen 
hierher die Musikinstrumente sowie die Herstellung der In- 
strumente mehrerer praktischer Künste, wie der Bogen und 
anderer Arten von Waffen. Hierher gehört das Ingenium beim 
Sehen (Ingenium aspectuale), bei def Kunst, welche die Augen 
zur Erkenntnis der wirklichen Beschaffenheit entferater Gegen- 
stände führt, bei der Kunst der Spiegel und der Wissenschaft 
von den Spiegeln, wenn es sich um die Stellen handelt, welche die 
Strahlen^) zurückgeben, reflektieren, umkehren oder brechen; 
hierdurch erfährt man auch die Stellen, welche die Sonnen- 
strahlen nach anderen Körpern zurücksenden; daraus entsteht 
die Kunst der Brennspiegel und der Ingenia bei ihnen. Hier- 
her gehört auch das Ingenium bei der Kunst der wunderbaren 
Gewichte*) und der bei sehr vielen Künsten benutzbaren In- 
strumente. 

Das oben erwähnte und die dabei eine Rolle spielenden 
Ursachen bilden daher die Wissenschaften der „Ingenia"; sie 
sind die Grundlagen der praktischen bürgerlichen Künste, welche 
Anwendung finden bei den Körpern, Figuren, der Ordnung, den 
Lagen und bei der Messung; dahin gehört die Architektur und 
die Zimmermeisterei u. s. w. 

Das obige sind also die Doktrinen und deren Arten. 

Bemerkangen. 

Die von al Färäbl und den späteren, wie Ibn Stnä, al 
An:ärt, Hagt Chalfa, gegebene Einteilung der Mathematik geht 
auf griechische Vorbilder zurück, und zwar wahrscheinlich auf 
Geminusj dessen Ausftthningen uns hei Pfvdiis erhalten sind'). 
Er teilt die Gebiete der Mathematik in solche, welche die Fragen 



^) Wohl hier die vom Auge ausgehenden Strahlen. 

*) Hier ist wohl an die Schnellwage gedacht. 

') Prodi Commentarii ed. G. Friedlein. Leipzig 1873, vor allem 
S. 38 ff. — Vgl. hierzu femer Tittel, De Gemini Stoiei etc. Dissert. 
Leipzig 1895 und J. G. van Pesch, De Prodi Pontibus Dissert. Leiden 190a 
Dabei ist auch erörtert, welche Stellen bei Proclns von Geminus entnommen 
sein können. Cantor, Gesch d. Math. 2. Aufl., Bd. 1, S. 145. — Geminns 
von Khodus lebte im letzten Jahrhundert vor Christus. 



- 99 - 

rein abstrakt behandeln, und in eine solche, welche sich mit 
sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen befassen. Zu den ersten 
gehören die beiden wichtigsten Gebiete, die Arithmetik and die 
Geometrie. Zn den zweiten Mechanik, Astronomie (Astrologie), 
Optik {ÖTtTüed), (Perspektiva), Geodäsie, Musik (Canonica) und 
angewandte Arithmetik {loyiarixi^)^ denen sich noch die Mechanik 
anschließt. Ausgeschlossen ist die Eriegswissenschaft, die Ge- 
schichtschreibung und die Medizin, obwohl diese mannigfach die 
Mathematik verwenden und verwenden mfissen. 

Die Geometrie behandelt entweder ebene oder räumliche 
Gebilde (Stereometrie), die Arithmetik entweder lineare oder 
ebene oder räumliche Zahlen. Die Geodäsie und die Logi- 
stik wenden die Resultate der ersten zwei Gebiete auf Vermessung 
der wirklichen körperlichen Gebilde und die praktischen Aufgaben 
an« Die Optik teilt sich erstens in eine im engeren euklidischen 
Sinne; sie behandelt die Sehstrahlen (Stpig) wie Linien und die 
Winkel; welche aus diesen Sehstrahlen entstehen. Die weiteren 
Ausf&hrungen über die optischen Täuschungen sind denen von 
al Färdbt ähnlich. Ein zweiter Teil behandelt die Spiegel, ein 
dritter die Skenographia oder Perspektive, sie lehrt wie in den 
Bildern die Dinge nicht entsprechend unförmlich erscheinen, trotz 
deren Entfernung und Höhe. 

Hierzu kommt die Mechanik ; zu beachten ist, daß diese von 
Proclus fast an das Ende gestellt wird. Die Mechanik, ein 
Teil des Gebietes, das sich mit den sinnlich wahrnehmbaren 
und materiellen Dingen befaßt. Sie zerfällt wieder in drei Teile. 

Die Herstellung von Instrumenten (dgyavojiouxi^), so der 
Kriegsinstrumente nach Archimedes. 

Die Herstellung von Wunderinstrumenten, die durch Luft 
(nach Heron und Ktesibios), durch Gewichte (deren Nicht- 
gleichgewicht die Bewegung, deren Gleichgewicht die Ruhe nach 
Timäus*) bedingt) oder durch Sehnen und Stricke bewegt 
werden. 

Zu der Mechanik gehört dann die Lehre vom Gleichgewicht 
und dem Schwerpunkt, die Lehre von der Bewegung der Sphäre 

*) Vielleicht der Pythagoreer Timaeus, vgl. Christ, Griech. Litteratur- 
geschichte. 4. Aufl., S. 426 u. 461. Cantor, Gesch. d. Math. Bd. 1 ; vgl. 
auch Prodi commeutarias in Piatonis Timaeum C. I, 1, wonach dieser 
eine Schrift tipqI q>vos(og geschrieben haben soll. 

7* 



— 100 — 

(die von ArcMmedes konstruierte Vorrichtung) und von allem, 
was die Materie bewegt. 

Daran schließt sich die Besprechung der Astronomie, zu 
der auch die Gnomonik (die Lehre von den Gnomonen) (Schatten- 
instrumenten) und deren Verwendung gehört, weiter die Mete- 
oroskopia, welche die Höhe und Abstände der Gestirne mißt,, die 
Dioptriki die die Gestirne mit dioptrfecfaen Instrumenten untersncht 

Die sechs mathematischen Wissenschaften werden oft zu 
zweien zusammengefaßt. Geometrie und Arithmetik, Optik und 
Musik; Mechanik und Astronomie. Sextus Empiriciis'behBJiAelt 
Geometrie, Arithmetik, Astrologie (d. h. Astronomie) und Musik. 

Die Araber haben die obige Einteilung noch etwas genauer 
im einzelnen durchgeführt. Das eine oder andere Gebiet, das für sie 
keine Bedeutung hatte, wie dieSkenographia, ist auch fortgefallen. 

Die Einteilung der mathematischen Wissenschaften in die 
vier Teile Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie findet 
sich im Mittelalter immer wieder. E^ür sie ist zum ersten Male 
von Boethius (t525) das Wort Quadruvium benutzt, um den 
Kreuzweg der viergeteilten mathematischen Wissenschaften zu 
bezeichnen, während Cassiodörus (f ca. 575) sie die vier Pforten 
der Wissenschaften genannt hat. Mit dem Quadruvium zusammen 
bildet das Trivium, nämlich Grammatik, Rhetorik und Dialektik, 
die sieben freien Künste*). 

Bei Cassiodörus^) und im Anschluß daran fast wörtlich bei 
Isidorus^) (f 636) heißt es etwa: Die Mathematik, welche wir 
lateinisch eine „scientia doctrinalis" nennen können, ist eine 
Wissenschaft, welche die abstrakte Menge betrachtet. Eine 
abstrakte Größe ist eine solche, welche wir mittelst des Ver- 
standes von der Materie oder anderen Akzidentien trennen, wie 
^gleich, ungleich" oder andere dergleichen, und allein durch 
Vernunftschlüsse behandeln. Sie hat vier Arten, nämlich die 
Arithmetik, die Geometrie, die Musik und die Astronomie. Die 
Arithmetik ist die Wissenschaft von der zählbaren Größe an 
sich. Die Geometrie ist die Lehre von der unbeweglichen Größe 

*) Vgl. z. B. liierzu Cantor, Gesch. der Mathematik, 2. Aufl., Bd. 1, 
S. 529 ff. Vgl. auch A. Appuhn. Erlanger Diasert. 1900. 
') Cassiodörus. Migne, Series latina Bd. 10, S. 1203ff, 
') Isidorus. Migne, Series latina Bd. 82, S.. Iö3; vgl. auch Rabanns 
Maurus (776—856) in De clericorum institutionibus lib. III, cap. XXI und 
folgende. Migne, Series latina Bd. 10, S. 398 und folgende. 



- 101 - 

und den Gebilden (formanim). Die Musik ist die Wissenschaft, 
welche von den Zahlen handelt, die man bei den Tönen findet. 
Die Astronomie ist die Wissenschaft, die den Lauf der Himmels- 
körper, deren Figuren und das Verhalten (habitudines) der Sterne 
betrachtet. — (Hier fehlt also gegenüber von al Färäbt die 
Lehre von der Optik, den Gewichten und den Ingeniis; die erste 
haben die Araber, wohl veranlaßt durch die Optik des Euklid, 
die zweite infolge der wachsenden Bedeutung des WÄgen& bei 
dem Handel und die letzte im Anschluß an die Schriften Herons 
und Proklus eingeführt.) 

Eingehende Betrachtungen über die Beziehungen der ein- 
zelnen Wissenschaften zu den natürlichen Körpern, der reinen 
Geometrie und Arithmetik, von denen die letztere als die ein- 
fachere bezeichnet wird, zu der Lehre von den Gewichten, der 
Musik, den bewegten Sphären, der Optik, der Astrologie finden 
sich in Ibn Stnd's Schifä^) (Genesung)*). 



^) Nach dem Druck in VenediK 1508. Safficientia lib. I, Cap. 8, fol. 18 v. 
unter dem Titel: ^Was die Scientia naturalis erstreben muß und worin 
sie mit anderen Wissenschaften zusammenhängt/ Sufficientia ist hei 
lateinischen Obersetzungen der Titel des obigen Werkes von Ibn Sind. 
Hertens treffliebe Übersetzung ist noch nicht so weit gediehen. 

*) Eine sehr eingehende Einteilung der Wissenschaften, die sich mannig- 
fach von den sonstigen unterscheidet, geben die Ichwän al Sofa. Sie 
ist in der 7. Dissertation über die theoretischen {^ümija) Künste ent- 
halten (Dleterici, Logik S. 1 und 10; Bombayer Ausgabe S. 13). Dieselbe 
im einzelnen wiederzugeben hat keinen Zweck. Erwähnt sei nur, daß 
zu den Vorstudien die Bildnngswissenschaften, von denen die meisten 
dazu dienen, um dem Lebensunterhalt nachzugehen und die Angelegen- 
heiten des Lebens wohl zu ordnen, gerechnet werden: die Wissenschaft 
der Zauberei, der Beschwörung, der Chemie und der Hijal (Kunstgriffe) 
nnd was diesen ähnlich ist. 

Die Künste, die an sich vorzüglich sind, sind die Künste der Taschen- 
spieler {Mu8ch(imd)j der Maler, der Musiker u. s. w. Die Taschenspieler- 
kunst ist nichts anderes als Schnelligkeit der Bewegung und Verbergen 
der Ursachen, so dsft, während die Toren lachen, der Verständige sich 
über die Schlauheit des Künstlers freut. (Bombay 1,, S. 33. Dietericl, 
Logik S. 94.) 

Die mathematischen Wissenschaften zerfallen in : 1. die Mathematik, 

2. die Geometrie (bald als (jrumatrijd, bald als Handasa bezeichnet), 

3. die Astronomie, 4. die Musik, 5. die Geographie, 6. das Verhältnis in 
der Arithmetik, der Geometrie und der Komposition {Ta*lif). 



Ober LösuDgeo in Gemischen von Alkohol und 

Wassen 

Von Ernst Cuno. 
Aus dem phyBikaliachen Institut der Universität Erlangen. 

Es wurden Versuche angestellt nber die Zusammensetzung 
zweier flüssiger Schichten, wie sie beim Lösen gewisser Salze 
in Alkohol Wassergemischen auftreten. Untereucht wurden Kalium- 
karbonat und Mangansulfat. Bezieht man den Salzgehalt und 
den Alkoholgehalt dieser Schichten auf 100 g Wasser, und 
wählt den Alkoholgehalt als X-Achse und den Salzgehalt als 
Y-Achse eines rechtwinkeligen Koordinatensystems, so erhält 
man, wenn man die verschiedenen oberen und unteren Schichten 
aufträgt (bei derselben Temperatur), eine Kurve, die im ei^sten 
Quadranten verläuft, nach unten konvex ist und sich den beiden 
Achsen nähert, um schließlich, wie sich aus den theoretischen 
Arbeiten von Schreinemakers^) und den experimentellen von 
B. R. de Bruyn*) ergibt, in die Kurve überzugehen, die das 
Gleichgewicht zwischen gesättigten Lösungen und dem Salz 
oder festen Hydraten darstellt. Fig. 1 zeigt diese „Schichtungs- 
kurven" für Kaliumkarbonat bei 25^. 

Eine Lösung, die zwischen der X- und Y-Achse und dieser 
Kurve liegt, ist ungesättigt; liegt aber die Lösung innerhalb 
der Kurve, so zerfällt sie in die beiden Lösungen, deren Zu- 
sammensetzung durch die Endpunkte der durch den betreffen- 
den Punkt gehenden Strecke gegeben ist. 

Aus den Versuchen hat sich ergeben, daß die Temperatur 
bei Kaliumkarbonat und Mangansulfat sehr wenig Einfluß so^- 



1) F. A. H. Schreinemakers. Zeitschr. f. phys. Gbeni. 22, 93 u. 
515. 1897, sowie 25, 305. 1898. 

*) B. R. de Bruyn. Zeitschr. f, phys. Chem. 32, 63. 1900. 



103 




CjHjOH 



Figur 1. 



wohl auf dei) Eintritt der Schichtenbildang, als auch auf die 
Zusammensetzung der beiden Schichten ausübt. 

Die kritische Lösung, d. h. die Lösung^ bei der die beiden 
Schichten einander gleich werden, die also durch den Punkt 
dargestellt wird, wo die beiden Kurventeile für die obere und 
untere Schicht zusammentreffen, hat bei Kaliumkarbonat für 
die untersuchten Temperaturen (25®, 40® und 60®) die gleiche 
Zusammensetzung. 

Die Änderung der Schichtungskurven mit der Temperatur 
erfolgt bei Kaliumkarbonat derart, daß für die oberen Schichten 
die Schichtungskurve für eine höhere Temperatur höher liegt 
wie für eine niedrigere Temperatur. Für die unteren Schichten 
mit sehr großem Salzgehalt ist dasselbe der Fall. Bei mittlerem 
Salzgehalt schneiden sich die Kurven, und gehen dann alle durch 
den kritischen Punkt. 

Sehr verschieden verhalten sich Kaliumkarbonat und Mangan- 
sulfat beim Lösen in Alkohol- Wassergemiscben. Während das 
erstere sich auch dann noch löst, wenn bereits Schichtenbildung 
eingetreten ist, erhält man beim Lösen von Mangansulfat nie- 
mals Schichtenbildung, indem das Salz ungelöst bleibt. Man 
erhält bei letzterem Scbichtenbildung, indem man einer Lösung 
des Salzes in Wasser Alkohol zusetzt. 

W M 
Der Bodländersche Ausdruck 3 .- , sowie der von W. 

Herz und M. Knoch -^iA^-f^'^ (A, W und S sind die 

S + A-f- W ' 

») G. Bodländer. Zeitschr. f. phys. Chem. 7, 314. 1891. 

*) W. Herz u, M. Knoch. Zeitachr. f. anorg. Chem. 46, 193. 1905. 






— 104 — 

Mengen Alkohol^ Wasser und Salz in 100 ccm der Lösung) 
zeigen sich fUr mittleren Alkoholgehalt ziemlich gut konstant. 
Leitfähigkeitsbestimmungen ergaben, daß sich das Maximum 
der Leitfähigkeit, das bei Lösungen von Kaliumkarbonat und 
Mangansulfat in reinem Wasser auftritt, sich mit steigendem 
Alkoholgehalt zu Lösungen mit sinkendem Salzgehalt verschiebt. 
Die Leitfähigkeit nimmt mit wachsendem Alkoholgehalt bei 
gleichem Salzgehalt sehr rasch ab. Fig. 2 zeigt die Leitfähig- 




% Alkohol 



MnSO« 



Figur 2. 



keitskurven für Lösungen von Mangansulfat in Gemischen von 
Alkohol und Wasser bei 15^. Dabei bezieht sich der Alkohol- und 
Salzgehalt auf 100 g der Lösung, und als Einheit der Leit- 
fähigkeit K wurde die Leitfähigkeit eines Körpers angenommen, 
von dem eine Säule von 1 cm Länge und 1 qcm Querschnitt den 
Widerstand 1 Ohm besitzt. 



Chlorretention bei künstlich erzeugtem Fieber. 

Von Edgar Grünbaura. 
Aus dem physiologischen Institut der Universität Erlangen. 

Wäre es auch irrig, die Bedeutung eines Stoffes für den 
Haushalt des menschlichen Körpers allein nach seiner Umsatz- 
größe abzuschätzen, so weist doch die Unveränderlichkeit der 
hohen Werte des Kochsalzes im Harn — 11 bis 15 g pro die, 
das ist fast die Hälfte des Harnstoffwertes — auf eine große 
Bedeutung. dieses chemisch anscheinend so gleichgültigen Körpers 
für den menschlichen Stoffwechsel hin. Und mit größter Zähig- 
keit — das gehört zu den physiologisch festgestellten Tatsachen 
— hält der tierische Körper einen- gewissen eisernen Bestand an 
Kochsalz fest. Alle bisher gemachten Erfahrungen auf dem Gebiet 
des Mineralstoffwechsels haben diese Tatsache immer wieder 
bestätigt. ,jEs besteht . . . eine gewisse Breite des Kochsalzes in 
den Säften und Geweben; ebendieselbe bewegt sich in engen 
Grenzen; das Minimum und Maximum liegen sich so nahe, daß 
der Prozentgehalt kaum eine Änderung erfährt" ^). Hält so 
der Tierkfrper mit großer Zähigkeit den relativen Chlorgehalt 
seiner Gewebe unter normalen Umständen konstant, so ist um 
so auffallender und merkwürdiger die Tatsache, daß unter den 
veränderten Bedingungen, unter die die Lebensvorgänge bei 
vielen fieberhaften Infektionskrankheiten gestellt werden, der 
Ghlorstoffwechsel eine obigem Gesetz anscheinend gründlichst 
widersprechende Änderung erfährt. 

Soviel ich sehe, hat zuerst Redtenbacher im Jahre 1850 
auf die Tatsache aufmerksam gemacht, daß bei Pneumonie eine 
außerordentliche Verminderung der Harnchloride, die bis zu 
deren völligem Verschwinden sich steigern kann, statthat. Er 
führte das für den speziellen Fall der Pneumonie auf die Re- 
tention des Chlors bei Bildung des Lungenexsudates zurück. 

>) C. V. Voit, Handb. d. Physiol. des StoffwechselB. Bd. VI von 
Hermanns Handb. d. Physiologie, S. 365. 



— 10(5 - 

Unter Retention ist in unserem Falle kein dauernder Vor- 
gang, sondern nur das zeitweilige Zurückbleiben der ausgefQhrten 
Chloridmengen hinter der Einfuhr zu verstehen, eine Differenz, 
die in einer der krankhaften Störung folgenden Periode durch 
länger oder kürzer dauernde Mehrausfuhr wieder zum Ausgleich 
gebracht wird. 

Die weitere Literatur, eine Kasuistik, die das Phänomen 
der Chlorretention während des Fiebers und der Mehraus- 
scheidung des Chlors nach der Entfieberung auch für andere 
fieberhafte akute und subakute Infektionskrankheiten nachweist, 
ist nicht umfangreich. 

Eine Übersicht dieser Literatur für die Zeit bis 1906 ist 
dem kurzen Abschnitt über unser Thema angefugt; der, von 
F. Kraus bearbeitet, sich in v. Noordens Handbuch der Patho- 
logie des Stoffwechsels findet. Eingehendere Literaturangaben, 
insbesondere auch unter Berücksichtigung der ausländischen 
Veröffentlichungen neuerer Zeit, bringt Schwenkenbecher in 
seinem ausgezeichneten kritisch sichtenden Aufsatz: Über den 
Kochsalzstoffwechsel bei Infektionskrankheiten. (Medizinische 
Klinik 1907, Nr. 28 und 29.) 

Nach dieses Autors Angaben ist die charakteristische Ände- 
rung der Cl-Ausscheiduug bisher festgestellt außer bei Pneu- 
monie bei Typhus abd., Typhus exanthem., Febris recurrens, 
Masern, Scharlach, auch Angina und Erysipel. Nach einer neueren, 
im letzten Halbjahr veröffentlichten Arbeit von A. Mayer ^) 
zeigt auch eine so eminent chronisch verlaufende Infektions- 
krankheit wie die Phthise eine Retention der Chloride. 

Etwas näher eingehen möchte ich noch auf die viel an- 
geführte Arbeit von Röhmann^), weil noch öfter Gelegenheit 
sein wird, auf diese sehr sorgfältige Untersuchung und die 
daraus gezogenen Schlußfolgerungen zurückzukommen. 

Röhmann hat in der medizinischen Klinik der Charit^ 
(v. Leyden) drei Fälle von Pneumonie und je einen Fall von 
Typhus exanthem., Masern, akutem Gelenkrheumatismus und Ileo- 
typhus auf ihren Chlorstoffwechsel unter Berücksichtigung des Ge- 



^) A. Mayer, Zur EenotDis des Mineralstoffwechsels der Phthisiker. 
Deutsches Archiv für klinische Medizin, Bd. 90, Heft 8 und 4. 

') Röhmann, Über die Ausscbeidung der Chloride im Fieber. Zeit- 
schrift für klinische Medizin 1880, Bd. 1. 



- 107 — 

haltesder Nahrung, der Fäzes und des Harnes an Chlor untersucht. 
In allen fünf Fällen von akuter Infektion mit Fieber ist eine sichere, 
zuweilen bis zu einer Höhe von ll^/j g sich steigernde Chlorreten- 
üon nachzuweisen, bei zweien davon, bei denen aus äußeren 
Grunden*die Untersuchung nicht gründlich genug durchgeführt 
werden konnte (Typhus exanth. und Morbilli), drückt sich eine 
sichere Tendenz zur Ghlorretention im Versuchsergebnis aus. 
Die beiden subakuten Fälle (Gelenkrheumatismus und Ileotyphus) 
zeigen nicht das charakteristische und eindeutige Verhalten der 
akuten Fieberkrankbeiten. Immerhin sind während des längeren 
Verlaufes abwechselnd Perioden von Ghlorretention und Mehr- 
ausscheidung deutlich zu erkennen. 

Warum kann nun die Frage von der Ghlorretention bei fieber- 
haften Erkrankungen noch nicht mit unbestrittener Sicherheit 
bejaht oder verneint werden ? Die vorhandene Möglichkeit einer 
ganz unzweideutigen Fragestellung und der klar vorgezeichnete 
einfache Weg der Methodik lassen diese immer noch bestehende 
Unsicherheit in der Deutung der Untersuchungsresultate ver- 
wunderlich erscheinen. In seiner oben schon erwähnten Arbeit 
gibt Schwenkenbecher eine Zusammenstellung und Be- 
sprechung der Gründe für diese Tatsache. Vor allem mangelnde 
Kenntnis des physiologischen Kochsalzwechsels beim Menschen, 
der ja der Beurteilung pathologischer Veränderungen unbedingt 
als für den Vergleich maßgebend zugrunde gelegt werden muß, 
und Außerachtlassung wichtiger Faktoren des Ghloridwechsels, 
wie z. B. des Wasserwechsels, und von erheblichen Ausfnhr- 
quellen, wie Schweiß und Sputum, außerdem und niclit zuletzt 
die Unmöglichkeit einer so genauen Versuchsanordnung, wie sie 
von e.V. Voit für derartige Experimente vorbildlich angegeben 
und verlangt worden ist, beim Menschen und namentlich beim 
kranken, vielfach sogar delirierenden oder somnolenten Menschen 
sind die hauptsächlichsten davon. Trotzdem kommt Schwenken- 
becher am Schlüsse seiner Arbeit auf Grund eingehendster 
Würdigung aller Tatsachen und der vorliegenden Versuchsergeb- 
nisse zu der Annahme, „daß im Verlaufe zahlreicher Infektions- 
krankheiten (hinzuzufügen wäre »fieberhafter') eine Ghlorretention 
stattfindet, die in der Regel gering ist und bald wieder aus- 
geglichen wird". Mehr zu folgern wäj'e bis heute nicht erlaubt. 
Aber ist die Ghlorretention eben nur vielen Infektionen als 



- 108 — 

solchen spezifisch eigen — nicht allen, z. B. fehlt sie beim 
Malariaanfall, in dem eher eine Chlor-Anssehttttung beobachtet 
ist — , oder ist es der fieberhafte Prozeß als solcher,, dem die 
Zurückhaltung der Chloride zuzuschreiben ist? * Diese Frage- 
stellung wies auf den experimentellen Weg hin, und gA*n folgte 
ich der giUigen Anregung des Herrn Prof. Dr. O. Schulz, die 
Lösung der Frageuntersolchem Gesichtspunkt in Angriff zunehmen. 

Während ich noch mit den Vorarbeiten der weiter unten 
folgenden Versuche beschäftigt war, wurde mir durch die Güte 
des Herrn Prof. 0. de la Camp Gelegenheit geboten, an 
einem hierzu geeigneten klinischen Fall, einer subakuten Er- 
krankung beim Menschen» den Kochsalzstoffwechsel zu verfolgen. 
Der fünf Jahre alte Knabe B. St. erkrankte am 29. IV. und wurde 
am 30. IV., mit typischen Skarlatina- Exanthem bedeckt und 
39,2® Temperatur, in der Üniversitäts-Kinderklinik isoliert. Das 
Fteber (siehe Kurve) erreichte mit 40,6** am 2. V. seine höchste 
Spitze, um dann innerhalb vierzehn Tagen mit Ausnahme einer 
kurzen nochmaligen Steigerung am 11* und 12. V. stetig ly tisch 
abzufallen. Die Nahrung des Kranken bestand aus Milch, Eiern, 
Kakao (bereitet aus Kakao, Hafermehl, Milch, Wasser und 
Zucker in stets gleichem Verhältnis), Zwieback, Orangen- und 
Zitronenlimonade, Bouillon (auch mit Ei), Kaffee und Tee (mit 
Milch), Kirschenkompot. Hiervon wurde Cl-frei oder so gut wie 
Cl-frei gefunden das Kakaopulver, das Hafermehl, das Wasser, 
der Zwieback, Orangen- und Zitronenlimonade, Kirschenkompot, 
Kaffee, Tee und selbstverständlich der Zucker; quantitativ be- 
stimmbares Ghlor (alle Chlorbestiramungen sind nach Volhard- 
Salkowski ausgeführt und auf Kochsalz berechnet) enthielten: 
Milch im Durchschnitt 0,1559 g NaCl in 100 ccm, Bouillon 0,812 g 
NaCl in 100 ccm, 1 Ei 0,14765 g NaCl (berechnet nach J. König). 
Der 24stündige Harn des Kranken wurde jeden Morgen um die- 
selbe Zeit fortgenommen und ebenfalls nach Volhard-Salkowski 
titriert (Ausfällen des Chlors aus der salpetersauren Lösung mit 
überschüssiger Yio "-Silbernitratlösung und Zurücktitrieren des 
Überschusses an Silberlösung mit Vio^-I^liö^^ß*^"^^^'^!^"^ unter 
Beihilfe von Ferridammoniumsulfat als Indikator. Vgl. Späth, 
Untersuchung des Harnes. 2. Aufl. 1903. 

Der Kranke hatte mit Ausnahme dreier Tage ganz im Be- 
ginn der Beobachtung täglich normal defäziert. Der Kot wurde 



- 109 - 

nicht analysiert, weil er erfahrungsgemäß nar ganz geringe nnd 
dämm ohne erhebliche Beeinträchtigung des Versachsergeb- 
nisses zu vernachlässigende Mengen an Kochsalz enthält. Über 
das Verbalten des Kochsalzes im Verdauungskanal sagt Magnus- 
Levy in von Noordeus Handbuch der Pathologie des Stoff- 
wechsels in dem Abschnitt über die Physiologie des Stoffwechsels: 
„Natrium und Chlor werden außer bei heftigen Durchfällen, 
bei denen größere Mengen NaCl mit den Fäzes ausgeschieden 
werden, fast vollständig resorbiert. Im normalen Kot erscheinen 
höchstens Dezigramme Gl und Na; es wird also nicht nur das 
Kochsalz der Nahrung, sondern auch die Salzsäure des Magens, 
das saure kohlensaure Natrium und das Kochsalz der Ver- 
dauungssäfte zum größten Teil wieder resorbiert, — Die Auf- 
saugungsfähigkeit für Natriumsalze ist fast unbeschränkt.^ Und 
weiter an späterer Stelle: „bei dem Studium derartiger (NaCl)- 
Bilanzen sind wir ausnahmsweise in der Lage, auf Chlor- 
bestimmungen in den Fäzes verzichten zu können, außer bei 
Durchfällen erscheinen nur Spuren, höchstens Dezigramme Chlor 
im Stuhl.« 

Geschwitzt, hat der Patient nie erheblich, dagegen erbrach 
er am dritten, vierten, fünften und sechsten Beobachtungstage, 
so daß damit nicht nur Kochsalz der Nahrung, sondern auch 
Chlor des Magensaftes in unbestimmter Menge der Aufzeichnung 
verloren ging. 

ünteraieht man nun das Ergebnis der Beobachtung einer Be- 
trachtung, so stellt sich heraus, daß es anscheinend der An- 
nahme einer NaCl-Retention während der Fieberperiode wider- 
spricht. Dem ist aber nicht so. Allerdings bei Subtraktion der 
Ausgabe von der Einnahme stoße ich auf die Tatsache, daß der 
Patient 1,214 g NaCI mehr ausgeschieden hat als eingenommen, 
und zwar das insgesamt aus der Bilanz von dreizehn Fiebertagen, 
während er innerhalb der drei folgenden fieberfreien Tage 
allein 2,546 g mehr ausscheidet als einnimmt. Immerhin könnte so 
vielleicht schon von relativer Retention und nachheriger Mehr- 
ausscheidung gesprochen werden. Aber diese Einschränkung des 
Urteils scheint mir durchaus nicht notwendig zu sein. Es kann, 
ja es muß trotzdem hier eine absolute Retention von Chloriden 
angenommen werden anter Berücksichtigung eines Umstandes^ 
der mir, nach der vorliegenden Literatur zu schließen, viel zu 



— 110 — 

wenig oder keine Beachtung gefunden zu haben scheint: das 
ist die während jeder fieberhaften Erkrankung von 
nicht zu kurzer Dauer erfolgende meist recht be- 
trächtliche Abnahme des Körpergewichts. Leider ist 
es bei unserem Patienten versäumt worden, das Gewicht bei 
seiner Einlieferung ins Krankenhaus kurz nach Beginn seiner 
Erkrankung festzustellen. Nehmen wir aber beispielshalber an, 
der Kranke habe während seiner fast dreiwöchentlichen Fieber- 
zeit um 2 kg Körpergewicht abgenommen, — der rapide Anstieg 
der Gewichtskurve von 13,2 auf 15,86 kg innerhalb zweier Wochen 
Rekonvaleszenz läßt diese Annahme als nicht unberechtigt er- 
scheinen — und weiter, daß der durchschnittliche Kochsalz- 
gehalt der Körpersubstanz der höheren Säugetiere mit nur 
0,25 ^/o in Anschlag zu bringen sei, was wohl sicher zu niedrig ist, 
so hätten wir bei 2 kg Körpergewichtsverlust schon 5 g frei 
gewordenen Kochsalzes, das bei Nichtausscheidung als retiniert 
angesehen werden muß. Wie gesagt, diese Zahlen sind bloß 
angenommene; ich habe sie nur ungefähr der Wirklichkeit anzu- 
passen gesucht. Immerhin sind sie geeignet, ein Bild von der 
Wichtigkeit des Gewichtsverlustes für die Beurteilung der Chlor- 
retention im Fieber zu geben. Genau die Größe der durch 
Einschmelzung von Körpersubstanz bedingten Ghlorretention zu 
bestimmen ist vorläufig wohl überhaupt noch nicht möglich, 
einmal weil nur spärliche und deshalb noch nicht allgemein für 
Berechnungen verwertbare Analysen der einzelnen Organe des 
menschlichen Körpers vorliegen, und weiter, weil aus unseren 
Bestimmungen der Endprodukte des Stoffwechsels kein Schluß 
darauf gezogen werden kann, aus welchen Organen die quanti- 
tativ ermittelten organischen und anorganischen Ausscheidungs- 
produkte hervorgegangen sind, und besonders, in welchem Ver- 
hältnis die einzelnen Organe, Gewebe und Gewebsflüssigkeiten 
das Material zu den Ausscheidungsprodukten geliefert haben. 

Betrachten wir jetzt die Zusammenstellung der Temperatur-, 
Kochsalzeinnahme- und Kochsalzausscheiduugskurve, so fällt auf, 
daß, ausgenommen die ersten Beoachtungstage, bei denen wir es 
noch mit einer Nachwirkung der vorher noch nicht geregelten 
Kost zu tun haben, die Kurve der NaCl- Ausscheidung mit zwei 
Ausnahmen sich unter der der Kochsalzeiufuhr hält. Die eine 
Ausnahme ist die Kochsalzmehrausscheidung nach dem end- 



— 111 - 

gültigen Fid)ei'abfall. Die andere, interessantere ist der exakte 
Ansdmck des Teroperaturabfalls nnd -Wiederanstiegs am zehnten 
und elften Krankheitstage in den Kochsalzknrven. Denn ganz ent- 
sprechend, nur um 24 Stunden verschoben, erhebt sich die Kurve 
der Ausscheidung des Kochsalzes über die der Einfuhr, um dann 
ein wenig verzögert von neuem unter die Einfuhrkurve abzu- 



Staib, Bernhard, 5 Jahre alt. 
Fieberperiode. 







. s 


S) 


h 


a 


^J 


5fl 






Ö 


H 


° s 


OK 


'Ata 


^1 


5|- 


Bemerkungen 


1. 


2.V. 


40,6» 


335 


1018 


0,4002 


1,341 


0,935 




2. 


3.V. 


40,5 <> 


520 


1016 


0,3364 


1,749 


0,780 




3. 


4.V. 


40,1 • 


1410 


10065 
1010 


0.1508 


2,126 


1,871 


Erbrechen ! 


4. 


5.V. 


39,5« 


1180 


0,1624 


1,975 


0,394 


Erbrechen! 


5. 


6.V. 


39,6« 


340 


1015 


0,1392 


0,473 


1,066 


Erbrechen ! 


6. 


7.V. 


39,4« 


765 


1007 


0,116 


0.887 


1,686 


Erbrechen I 


7. 


S.V. 


39,0* 


470 


1012 


0,174 


0.818 


1,885 




8. 


9.V. 


38,6« 


700 


1010 


0,232 


1,624 


1.949 




9. 


10. V. 


38,1« 


445 


1013 


0,3828 


1,703 


1.928 




10. 


U.V. 


39,0« 


665 


1010 


0,4528 


3,011 


1,966 




11. 


12. V. 


39,5« 


620 


1010 


0,3364 


1.426 


1,111 


Erbrechen ! 


12. 


13. V. 


38,2« 


535 


1013 


0,3944 


2,110 


2,045 




13. 


14. V. 


38« 


320 


1020 


0,7018 


2,246 


3,159 








Im f 


ganzen 


in 13 ' 


ragen: 


21,489 


20,275 





Nachperiode. 



l.r.l5.V. 

2. 16.V. 

3. 17. V. 



37,3« 
37,4« 
37,3« 



712 

700 
1035 



1012 
1012 
1010 



0,6612 
0,5916 
0,638 



4,708 
4,141 
6,699 



4,607 
2,838 
5,557 



Im ganzen in 3 Tagen: 



15,548 



13,002 



sinken. Diese Promptheit der Reaktion, mit der die Kochsalz- 
bilanz auf Temperaturschwankungen antwortet, scheint mir sehr 
bemerkenswert. 

Als Ergebnis der Beobachtung ist, trotz der Schwächen, die 
aus den bereits in der Einleitung ganz allgemein ffir ähnliche 
Untersuchungen besprochenen und hier deshalb nicht noch ein- 
mal zu wiederholenden GrOnden ihr anhaften, doch unzwei- 
deutig wenigstens die Tendenz zur Chlorretention zu erkennen. 



112 — 



Unser Fall ist deshalb den subakaten F&llen RObmanns an 
die Seite zu stellen und nähert sich dem Typhusfall von Garrat 
(siehe bei Seh wenkenbe eher 1. c.) sowie dem Phthisisfall 
A. Mayers. 

Jedenfalls wies auch die Bearbeitung dieses klinischen 
Falles durch die aus dem Fehlen strenger Versuchsbedingungen 



Knabe B. St. 






BeobachtuDgstage. 


1. 2. 3. 


H. 


s. 


6. 7. 8. 9. 10 


Dafum 2y. 37. «f. 


b. 


6. 


7. 8. 9. 10, 11. 



11. 


12. 


13. 


11. 


15. 


16 


12. 


13. 


i«». 


15. 


16. 


17. 





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sich ergebende Lückenhaftigkeit der Resultate auf die Not- 
wendigkeit von Tierversuchen, die ja gerade die Möglichkeit 
einfachster und genau zu kontrollierender Versuchsanordnung 
bieten, hin. 

Ist es der fieberhafte Prozeß als solcher, der die Chlor- 
retention bedingt? Diese Fragestellung setzte ein reines Fieber 
ohne jede entstellende Komplikation voraus. Durch Einspritzung 



- 113 - 

putrider oder in Zersetzung begriffener tierischer Substanzen 
haben schon Pitha und Billroth künstliches Fieber bei Tieren 
erzeugt. Aber das war kein reines, kein aseptisches Fieber. 
Unsere Aufgabe verlangte vor allem, daß jede Störung des 
Stoffwechsels, wie sie durch lebende, dem tierischen Körper ein- 
verleibte fiebererregende Bakterien hervorgerufen wird, sowie 
Abszeß- und Exsudatbildung vermieden und eine Lebensgefährdung 
der Versuchstiere durch zuverlässige Dosierbarkeit des einzu- 
spritzenden Fiebermittels soweit als irgend angängig ausge- 
schlossen werde. Besonders auf diesen zweiten Punkt mußte ich 
Gewicht legen: die Tiere durften dem Fieber nicht erliegen; 
denn gerade die Gesündungsperiode gehörte ja zu den wichtigsten 
Versuchsabschnitten. 

Aus weiter unten anzugebenden Granden benutzte ich als 
Versuchstiere Hunde. 

Zunächst bin ich in der Gewinnung eines aseptischen pyrogenen 
Stoffes dem Vorgehen W. Rosen thals ^) gefolgt und habe an einer 
von Herrn Prof. 0. Schulz aus seinem Versuchsmaterial gütigst 
zur Verfügung gestellten thyreoidektomierten etwa 6 kg schweren 
Hündin, die später nicht mehr verwendet wurde, mit einem aus 
Phthisikerspütum durch Alkoholfällung und Glyzerinextraktion 
hergestellten Material Fieber zu erzeugen versucht. W. Rosen - 
thal hatte das Extrakt allerdings nur für Kaninchen verwendet 
und dabei, wie auch ich, gute Erfolge erzielt. Beim Hund ver- 
sagte das Mittel. Die Schwierigkeit, bei Hunden Fieber zu 
erzeugen, ist bekannt. Vom Tuberkulin, an das man hätte 
denken können, wurde deshalb von vornherein Abstand ge- 
nommen, weil, wenn das Mittel überhaupt beim Hund I?ieber 
erzeugt hätte, sicher sehr große Mengen davon nötig geworden 
wären bei der notwendigerweise länger auszudehnenden Versuchs- 
dauer; die Kosten wären unverhältnismäßig groß geworden. Nach 
Ausscheidung dieser Mittel wurde auf Veranlassung des Herrn Prof. 
0. Schulz, dem früher bei der künstlichen Erzeugung von asep- 
tischem Fieber sterilisierte Pyocyaneus-Kulturen die besten Dienste 
geleistet hatten, mit solchen Kulturen vorgegangen, mit gutem 
Erfolge, wie ich gleich voraus nehmen will. 



*) W. Rosenthal, Thermoelektr. Untersuchungen über die Tempe- 
ratarverteünng im Fieber. lunug.-Diss. Erlangen 1893. 

SitKÜngiiberichte der raed.-phys. Soz. 39 (1907). g 



- 114 — 

Nach Lexer*) „bildet der Pyocyaneus im Tierkorper, ohne 
sich stark zn vermehren, heftige Gifte . . . Der sabkatanen 
und intravenösen Einspritzung geringer Mengen virulenter 
Kulturen folgt eine schwere, in 24 Stunden oder in vielen Wochen 
tödliche Erkrankung (mit Nephritis und Hämorrhagien im 
Magendarmkanal) . . . Auch Lähmungen und Degenerationen 
der Organe kommen bei chronischem Verlaufe vor. Ganz 
ähnlich wirken in genügenden Dosen sterile Kulturen, da sie 
die GiftstoflFe der Bakterien enthalten." Von einer Agar- 
kültur, die mir Herr Prof. L. Heim gütigst zur Verfügung 
stellte, wurden Röhrchen und Kolben sterilisierter Rindlleisch- 
bouillon (600 g fett- und bindegewebsfreies Rindfleisch mit 
1200 ccm Wasser kalt extrahiert, durch Kochen enteiweißt, neu- 
tralisiert, filtriert, dann nach Zufügen von 10 g Pepton und 5 g 
Kochsalz im strömenden Dampf sterilisiert) geimpft und acht Tage 
im Brutschrank belassen. Immer schon nach 24 Stunden war 
deutlich schöne grüne Fluoreszenz zu bemerken, die sich von 
Tag zu Tag bis zu einer gewissen Grenze intensiver gestaltete. 
Die Kolben, deren Inhalt zur Einspritzung verwendet werden 
sollte, wurden nun zu wiederholten Malen zwei bis drei Stunden bei 
60^ im Wasserbad gehalten und Abimpfungen von diesen Kolben 
dann immer steril befunden. Die Bouillon zeigte sich jetzt in 
eine schleimig zähe, kaum fadenziehende, tief blaugrüne Masse 
verwandelt; diese wurde vor Licht geschützt und kühl auf- 
bewahrt und zur Injektion verwendet. 

Die Wirkung des Mittels auf die Versuchstiere war eine 
prompte. Nach drei Stunden meist war die Temperatur, wenn 
vorher normal, — sie hält sich nach meiner Erfahrung beim 
normalen Hund zwischen 37,8** und 38,6®, selten höher, bis 
höchstens 39® ~ um IV2 Ms 2 Grad hinaufgeschnellt; auf den 
schon fiebernden Hund war die pyrogene Wirkung unseres 
Fieberstoffes — Pyocyanin soll er im folgenden der Kürze halber, 
vielleicht nicht ganz korrekt, genannt werden — zwar keine 
so große, aber immerhin eine deutliche und erhebliche. Eine, 
wenn auch geringe, so doch deutliche Angewöhnung an das 
Mittel machte sich im Laufe der Versuche bemerkbar, derart, 
daß auf gleiche Mengen desselben Präparats die Fiebersteige- 



') Lexer, Allgemeine Chirurgie I, 156. 1. Aufl. 1904. 



~ 115 ~ 

rangen geringer wurden, so daß zur Erzielung gleich hoher 
Temperatur größere Injektionsdosen des Pyocyanins nötig worden. 
An Nebenwirkungen wurde jedesmal zwei bis drei Tage nach Ein- 
setzen der Fiebertemperatur bei beiden Versuchshunden allgemeine 
Mattigkeit, verminderte Freßlust, die bei dem einen Hund so- 
gar zur Änderung der Nahrung zwang, Schwäche und Zittern 
am ganzen Körper, eine hochgradige Parese und merkliche 
Abmagerung der Hinterextremitäten bemerkt, Zeichen, die ganz 
ähnlich auch bei Inanitionshunden, z. B. von C. v. Voit, be- 
obachtet wurden. Die Tiere, die sich vorher sofort beim Ab- 
nehmen des Käflgdeckels mit Leichtigkeit auf den Hinterbeinen 
aufrichteten und über den Käfigrand mit den Vorderpfoten em^ 
porhoben, waren nunmehr kaum zum Aufstehen zu bewegen, 
zeitweise bedurfte es sogar, um sie bei der Fütterung auf die 
Beine zu bringen, der Nachhilfe. 

Die geringen Mengen von Eiweiß im Harn, wie sie durch 
Essigsäure-Ferrocyankalium und durch die Kochprobe sehr oft im 
normalen Hundeharn angezeigt werden, vermehrten sich um ein 
geringes bei unserm Hund ü, während bei Hund I sich ganz 
akut, wie weiter unten näher zu schildern sein wird, die Zeichen 
einer hämorrhagischen Nephritis einstellten. 

Zu berücksichtigen ist bei alledem, daß bei beiden Hunden 
zur Aufrechterhaltung des Fiebers die Injektionen oft wieder- 
holt werden mußten (Hund I 5 Injektionen in 5 Tagen mit im 
ganzen 29 ccm und Hund II innerhalb 10 Tagen 7 Injektionen 
mit insgesamt 44 ccm sterilisierter Pyocyaneus-Bouillon). Jetzt, 
zur Zeit der Niederschrift dieser Zeilen, befinden sich beide 
Tiere vollkommen wohl und bewegen sich ganz normal. Doch 
hat es bei Hund II immerhin mehrere Wochen gedauert, bis 
sich die Unsicherheit auf den Hinterbeinen völlig verlor. 

An der Injektionsstelle selbst blieben, abgesehen von länger 
dauernder Schmerzempfindlichkeit, beträchtlichere Reizerschei- 
uungen bis auf eine Ausnahme ganz aus. Die injizierte Menge 
war, soweit fühlbar, immer nach wenigen Stunden restlos resor- 
biert Nur ein einzigesmal blieb bei Hund I an der Injektions- 
stelle — es wurde in der Regel an den Flanken nach dem Bauche 
zu, wo die Haut locker und leicht verschieblich ist, eingespritzt — 
eine schmerzhafte, undeutlich fluktuierende Beule 24 Stunden 
lang bestehen; nach weiteren 24 Stunden war sie verschwunden. 

8* 



— 116 - 

Notwendig wareu Versuchstiere, deren Stoffwechsel sich in 
nicht zu kleineu Verhältnissen bewegte, und deren Ernährung da- 
bei unter möglichst einfachen und gleichmäßigen Bedingungen 
gehalten werden konnte. Diese Anforderungen erfüllten die 
Hunde, wie ich sie zur Verfügung hatte (ca. 9 kg schwer) aus- 
gezeichnet. Bei der Wahl des Hundes als Versuchstier ergab 
sich noch ein weiterer Vorteil. Da die Hunde auch bei fieber- 
hafter Körpertemperatur nur Dunstschweiß abgeben, so fiel da- 
mit eine beim Menschen die Versuchsbedingungen komplizierende, 
nicht unerhebliche Kochsalzausfuhrquelle weg, was die Ver- 
suchsanordnung sehr erleichterte. Die Tiere konnten bequem 
in den hier im physiologischen Institut für solche Zwecke ge- 
bräuchlichen runden Zinkblechkäfigen gehalten und, nachdem 
sie sich innerhalb weniger Tage an den Aufenthalt im engen 
Raum gewöhnt hatten, zu regelmäßiger Aufnahme der Nahrung 
und ziemlich regelmäßiger Entleerung von Harn und Kot ab- 
gerichtet werden. Die B'ütterung erfolgte in der fieberfreien 
Zeit stets abends zwischen 5 und 6 Uhr. Während der Fieber- 
periode zwang die verminderte Freßlust, die Futterration in 
zwei gleiche Teile geteilt mittags und abends zu verabreichen. 
Die Temperaturmessungen erfolgten regelmäßig morgens gegen 
9 Uhr und abends ungefähr eine Stunde nach der Fütterung; 
während der Fieberperioden wurde, soweit es an den einzelnen 
Tagen erforderlich schien, die Temperatur auch tagsüber öfter 
kontrolliert. Die Harn- und Kotentnahme geschah stets morgens 
möglichst um dieselbe Stunde. 

Die Nahrung der Versnchshunde bestand ausschließlich aus 
gewogenen bezw. gemessenen Mengen von Spratts Hundekuchen 
und immer aus derselben Quelle bezogener Kuhmilch. Da Hund IE 
in der ITieberperiode die Aufnahme des Hundekuchens ver- 
weigerte, habe ich ihm während dieser Zeit gewogene Mengen 
gekochter Kartoffeln, mit Milch zu einem Brei verrührt, gegeben, 
um dadurch den reinen allzu diarrhoischen Milchkot konsistenter 
zu gestalten. Trotzdem war der Kot noch weichbreiig und 
hellgelb, und es geschah zu wiederholten Malen, aber nur 
während der Fieberperiode, daß der Hund sofort nach der Ent- 
leerung sich herumdrehte und den frischgesetzten Kot säuber- 
lichst wieder auffraß, trotzdem er meist nur mit Mühe dazu 
bewogen werden konnte, seine Tagesration restlos aufzuzehren. 



- 117 — 

Die BestimmaDg des Kochsalzes im HundekacheD, die als 
höchsten Wert 0,1755 ^j^ NaCl ergab, wurde folgendermaßen 
ausgeführt. Es wurde von vielen in kleine Stücke zerschlagenen 
Kuchen eine gewisse beträchtliche Menge, in der Kinde und 
Inneres in annähernd richtigem Verhältnis vorhanden waren, 
wiederholt durch eine kleine Schrotmühle durchgetrieben, dann fein 
gesiebt und die gröberen Reste im Mörser pulverisiert, so daß nun 
für die Analyse ein genügend gemischtes feines Pulver vorlag, 
von dem die einzelnen Proben entnommen werden konten. 
10 g davon, bis auf Milligramme genau in der Platinschale ab- 
gewogen, wurden nun langsam bei höchstens dunkler Botglut 
verascht; die noch grau aussehende Asche in destilliertem Wasser 
aufgenommen, die noch Kohle enthaltende Lösung durch ein 
aschßarraes Filter filtriert, das Filter mit Rückstand wiederholt 
gewaschen, dann bei 105® getrocknet und am Platindraht über 
der Platinschale verbrannt, darauf die nun verbleibende Asche 
bei mäßiger Rotglut bis zur Erreichung gleichmäßig heller 
Färbung erhitzt. Nach Abkühlung wurde das Filtrat unter 
Nachspülen in die Platinschale zurückgebracht und auf dem 
Wasserbade stark eingeengt. Die nach dem Eindampfen ver- 
bleibende geringe Flüssigkeitsmenge wurde in der Platinschale 
mit ca. 30^/oiger Salpetersäure angesäuert, wobei Karbonate und 
Phosphate sich lösten, dann in einen Meßkolben übergeführt, 
auf 50 oder 100 ccm aufgefüllt und endlich diese Lösung zur 
schon oben kurz skizzierten Kochsalztitrierung nach Volhard- 
Salkowski benutzt^). 

Die Milch, aus ganz anderer Bezugsquelle stammend als 
die der Kinderklinik, ergab im Mittel aus wiederholten gut 
übereinstimmenden Analysen 0,233 ®/o NaCl. Auch hier wurde 
das Kochsalz in der Asche bestimmt. Eine mit der Pipette genau 
abgemessene Menge (25 ccm) derselben frischen und frisch ab- 
gekochten Milch, wie sie die Hunde zur Nahrung erhielten, 
wurde in die Platinschale gegeben, auf dem Wasserbad zur 



') Die wesentlichen in Anwendnng kommenden Lösungen: Vio^* 
Silbernitrat und Vjo n-Khodanammoniumlösung, von denen noch ein älterer 
Vorrat Yorhanden war, standen anfangs wie 10 ccm : 9,9 ccm aufeinander 
ein, später, aas Normallösungen von Merck (Darmstadt) frisch bereitet, 
differierten sie bei 10 ccm höchstens um 0,05 ccm von einander. 



- 118 - 

Trockne verdampft und die weitere Veraschung und Kochsalz- 
bestimmung dann wie oben beim Hundekuchen vorgenommen. 

Bei der Kochsalzarmut dieser beiden Nahrungsmittel er- 
schien es zweckmäßig, die Nahrung künstlich etwas kochsalz- 
reicher zu gestalten, um den Chloridstoffwechsel nicht auf zu 
kleine Maße sinken zu lassen. So wurden der jedesmaligen 
Tagesration 50 ccm einer ca. 3*/^ Kochsalzlösung (der genauere 
Gehalt an Kochsalz wurde bis auf Milligramme durch Titration 
bestimmt) hinzugefügt. 

Das quantitativ nicht in Betracht kommende Mengen von Koch- 
salz enthaltende Wasser der städtischen Wasserleitung wurde 
in abgemessener Menge der Nahrung zugesetzt und das nun 
aus Hundekuchen, Milch, Kochsalzlösung und Wasser bestehende 
Gemenge vor dem Verabreichen kurz aufgekocht und abgekühlt 
den Tieren verfüttert. 

Begonnen wurde der erste Versuch, nachdem das Tier, ein 
männlicher kurzhaariger deutscher Schäferhund, unter meinen 
Augen Harn^) und Kot, allem Ermessen nach vollständig, ent- 
leert hatte; schon einige Tage vorher war er im Käfig bei der 
ihm zugedachten Kost gehalten worden. Die Nahrung bestand 
in den ersten tünf Versuchstagen aus je 100 g Spratts Hunde- 
kuchen, 100 ccm Milch und 300 ccm Wasser. Vom sechsten 
Versuchstage ab wurden dieser täglichen Nahrung aus schon 
weiter oben dargelegtem Grunde 50 ccm einer ca. S^l^igen Koch- 
salzlösung hinzugefügt (hergestellt durch Auflösen von 30 g Koch- 
salz in 1 1 destillierten Wassers; der durch Titration bis auf 
Milligramme bestimmte genaue und beim wiederholten Anfertigen 
der Lösung jedesmal in Berechnung gezogene NaCl-Wert 
schwankte um 2,9 ®/o herum). Vom siebenten Versuchstage ab 
erhielt der Hund, da die stetige Gewichtsabnahme die Nahrung 
als unzureichend anzeigte, täglich 20 g Hundekuchen mehr. Der 
hierauf folgenden kurzen Zeit der Gewichtszunahme (6., 7., 8. Juli) 
schloß sich dann wiederum eine weitere Zeit des Gewichtsver- 
lustes an, den ich aber, um die Gleichmäßigkeit der Ernährung 
nicht mehr zu stören, nicht noch durch neuerliche Zulage aus- 
zugleichen versuchte. 



^} Die Katheterisierang war wiederholt versucht worden, hatte sich 
aber wegen vorliegender Urethralschleimhautfalten nicht ausfnhren lassen. 



- 119 - 

Am zehnten Versachstag (8. Juli) warde es unabsichtlich 
unterlassen, der Nahrung die bestimmte Menge Kochsalzlösung 
zuzusetzen. Mit größter Genauigkeit registriert die Kochsalz- 
ausscheidung dieses Tages die Versäumnis mit einem quantitativ 
bis auf die Zentigramme entsprechenden Rückgang des Harn* 
NaGl, eine für die Promptheit des normalen Kochsalzwechsels 
beim Hunde sehr wichtige Tatsache. Die zwölftägige Vorperiode 
schließt ab mit einer Kochsalzeinnahme von 13,813 g und einer 
Kochsalzansgabe von 14,598 g, also einer Mehrausscheidung von 
0,785 g. Berücksichtigen wir dabei den Gewichtsverlust von 
520 g, so finden wir diese Mehrausscheidung im Sinne der schon 
oben bei der klinischen Untei*suchung dargelegten Auffassung 
durch das bei der Gewebseinschmelzung frei gewordene Koch- 
salz (1,30 g) reichlichst gedeckt. 

Am dreizehnten Versuchstag erhielt der Hund 10 ccm Pyo- 
cyanin eingespritzt, an den drei folgenden Tagen je 6 ccm, am 
siebzehnten Versuchstag 4 ccm des Fiebermittels. Gleich nach der 
ersten Injektion stieg die Temperatur von 38,3« früh 7*® auf 39,6 <» 
um 11** vormittags. Auch noch am folgenden Morgen hielt sie sich 
auf 39,9 ®. Trotzdem wurde wieder injiziert, ohne daß dadurch 
das Fieber höher hinaufgetrieben worden wäre. Dagegen er- 
zielte die dritte Einspritzung am folgenden Tage eine Fieber- 
temperatur von 40,4**. Die weiteren Injektionen hielten die 
Temperatur innerhalb der oben angegebenen Grenzen. Der Harn 
war während dieser Zeit im Durchschnitt konzentrierter als in 
der Vorperiode, wie aus der Angabe des spezifischen Gewichtes 
zu ersehen: Fieberham, trotzdem die Hammenge nicht wesent- 
lich vermindert war. Die Kochsalzwerte des Harnes bleiben 
deutlich hinter den Zahlen der NaCl-Einfuhr zurück, im Durch- 
schnitt auch die der beiden letzten Tage, bei denen infolge un- 
regelmäßiger Harnentleerung die auf den einzelnen Tag ent- 
fallenden Harnmengen erheblich voneinander abweichen. 

Seine Nahrung nahm der Hund, der alle oben schon ge- 
schilderten Folgen des Pyocyaninflebers ausgeprägt zeigte, täg- 
lich auf zwei Portionen verteilt, anstandslos ohne Rest. 

Der Kot war während der Fieberperiode, ebenso wie während 
der Vorperiode'J^ stets geformt und von normaler Konsistenz. 

In der Nacht vom sechsten zum siebenten Versuchstag nun 
trat anscheinend plötzlich eine Erkrankung auf, die die weitere 



— 120 — 

B'ortsetzung der Pyocyanininjektionen zu unterlassen gebot, wenn 
nicht das Leben des Versuchstieres gefährdet werden sollte. 
Von 39,0** am vorhergehenden Abend fiel die Körpertemperatur 
über Nacht auf 38,6 ^ Begleitet war dieser Temperaturabfall 
von der Entleerung einer unverhältnismäßig großen Harn- 
menge. Die genauere chemische und mikroskopische Unter- 
suchung des Harns ergab den Eintritt einer hämorrhagischen 
Nephritis: reichlichster Gehalt an roten Blutkörperchen und Ei- 
weiß, wohingegen während der Fieberperiode die schon normaler- 
weise vorhandene Eiweißreaktion nur um weniges stärker ge- 
worden war. Gleichzeitig erfolgte damit eine die NaCl-Einfuhr 
um eiu beträchtliches übersteigende Eochsalzausscheidung (siehe 
Tabelle und Kurve). Die hämorrhagische Nephritis klang in 
den folgenden Tagen allmählich ab, um am achten Tage nach 
Beginn vollständig aufzuhören. 

Wie schon für die einzelnen. Tageszahlen der NaCl-Aus- 
fuhr im Harn erwähnt, bleibt selbstverständlich auch deren 
Gesamtsumme für die sechs Fiebertage hinter der Gesamteinfuhr 
an Kochsalz zurück. Eingeführt wurden (die mit dem Pyocyanin 
eingeführte NaCl-Menge blieb, weil ganz unerheblich, unberück- 
sichtigt; sie würde alles in allem noch nicht über 0,2 g aus- 
machen) 

im Futter 11,350 g NaCl 

Ausgeführt wurden im Harn . 9,174 g NaCl 

Bleiben also retiniert . . . 2,176 g NaCl. 

Wiederum aber muß noch berücksichtigt werden, daß das 
Tier während der Fieberperiode weiter an Gewicht verlor, und 
zwar um 180 g. Die wahre Kochsalzaufspeicherung würde durch 
die analytisch gefundene Retention von 2,176 g NaCl nur dann 
unmittelbar ausgedrückt werden, wenn das Körpergewicht während 
der Fieberperiode konstant geblieben wäre. Denn Körpergewichts- 
erhöhung, wenn durch Anbildung von Körpersubstanz bedingt, 
führt an sich schon zu einer Zurückhaltung von Kochsalz im 
Körper, und umgekehrt Körpergewichtsverminderung, wenn durch 
Einschmelzung von Körpersubstanz bedingt, führt an sich schon 
zu einer Mehrausscheidung von Kochsalz. Tritt bei Einschmel- 
zung von Körpersubstanz die zu erwartende Melirausscheidung 
von Kochsalz nicht ein, so bedeutet das nichts anderes, als daß 



— 121 - 

die dem Gewichtsverlust entsprechende Kochsalzmenge gegen 
die Norm retiniert worden ist. Im vorliegenden Fall ist diese 
dem Gewichtsverlust von 180 g entsprechende, sozusagen frei 
gewordene Kochsalzmenge auf 1,80 X 0,26 = 0,45 g zu veran- 
schlagen. Diese 0,45 g NaCl wurden außer den analytisch nach- 
gewiesenen 2,176 g retiniert, so daß also die Gesamtretention 
an Kochsalz 2,176 -|- 0,45 = 2,626 g betragen würde. Mit diesem 
Ergebnis werden wir weiter unten noch zu rechnen haben. 

Die Nachperiode, in die der Versuchstag, der den kritischen 
Temperaturabfall enthält, raiteingerechnet ist, erstreckt sich über 
neun Tage; ich habe sie so lange ausgedehnt, um einigermaßen eine 
Gleichgewichtseiustellung zwischen NaCl-A.usfuhr und -Einfuhr zu 
erreichen. Ganz konnte diese Einstellung aus äußeren Gründen 
nicht abgewartet werden. Der Hund erholte sich während 
dieser Zeit zusehends, wenn er auch zu dem Zeitpunkt, an dem 
der Versuch abgebrochen wurde, die normale Gebrauchsfähig- 
keit seiner Beine noch nicht vollkommen wiedererlangt hatte. 

Die Futterration war nur insofern etwas vermehrt, als der 
Hund seiner Nephritis wegen 100 ccm Wasser im Tag mehr 
bekam. Daß diese Vermehrung der Flüssigkeitszufuhr ceteris 
paribus keinen wesentlichen Einfluß auf die NaCl-Ausscheidung 
haben konnte, beweist der dritte Versuch, bei dem in der Fieber- 
periode trotz viel größerer Steigerung der Flüssigkeitszufuhr 
eine Kochsalzzurückhaltijng zustande kam. 

Das spezifische Gewicht des Harns schwankt wieder inner- 
halb der normalen Breite. 

Die Werte für die Kochsalzausfuhr zeigen sich nun beson- 
ders in den ersten sechs Tagen der Nachperiode erheblich größer 
als die der Einfuhr. Unter allmählicher Steigerung wird die 
Ausfuhr am vierten Tag mft 3,446 g am größten, um dann 
wieder allmählich abzusinken. 

Insgesamt eingeführt in den neun Tagen der Nachperiode 

wurden 17,024 g NaCl 

Insgesamt ausgeführt wurden im Harn . . . 21,946 g NaCl 

Also wurden mehr ausgeschieden i.d. Nachperiode 4,922 g NaCl. 

Hatten wir oben eine Retention von im ganzen 2,626 g NaCl, 
so braucht die Mehrausscheidung von 4,922 g NaCl, also einer 
um 2,296 g zu großen Menge wiederum deshalb nicht zu be- 



— 122 - 

fremdeu, weil das Versuchstier in den neun Tagen der Nachperiode 
wiederum um 720 g an Gewicht verlor, ein Gewichtsverlust, der 
ja unserer Berechnung nach einer mehr auszuscheidenden Koch- 
salzmenge von 7,20 X 0,25 = 1,8 g entsprechen würde. 



Hund I. 

Vorperiode. 







■*j 








1 


t 


Sa 


§1 
1.9 






S 




W 


1. 


29. VI. 


9220 


38,6« 


|390 


2. 


30. VI. 


9320 


38,5 • 


3. 


l.VII. 


9050 


38,45« 


385 


4. 


2. VII. 


9070 


38,6« 


|635 


5. 


3. VII. 


9010 


38,5« 


6. 


4. VII. 


8935 


38,4« 


440 


7. 


5. VII. 


8800 


38,6« 


|620 


8. 


6. VII. 


8870 


38,35« 


9. 


7. VII. 


8890 


38,65« 


340 


10. 


8. VII. 


8830 


38,35« 


186 


11. 


9. VII. 


8750 


38,8« 


470 


12. 


10. vn. 


8700 


38,5« 


320 



0? 3 

1^ 



1015 
1020 
1015 

|l016 

1013 

|l018 

1018 
1020 
1012 
1020 



B 






|0,1856 
0,117 

|0,1989 
0,3686 

|0,6201 

0,6552 
0,3218 
0,3627 
0,6728 



mm 



0,724 

0,450 

1.273 

1,622 

3,845 

2,228 
0,598 
1,705 
2,153 




0.4105 
0,4105 
0,4105 
0,4105 
0,4105 
1,8585 
1,8916 
1,8916 
1,8916 
0.4436 
1,8916 
1,8916 



BemerkuDgeD. 



Vom 4. VII. ab wurdeo der 
Nahrung 50 com einer 
ca. 3«/o NaCl-Lösang 



! Am 8. Vir blieben die 
50 ecm NaCl-Losung 
aus der Nahrung weg. 



Im ganzen in 12 Tagen: 



14,598 



13,8126 













Fi 


eberperiode. 






1.1 11. VII. 


8850 


39,6« 


220 


1025 


0,544 


1,197 


1,8916 


10 ccm Pvocyanin. 


2. 


12. VII. 


8663 


39,9« 


345 


1025 


0,5207 


1,796 


1,8916 


ö »j >i 


3. 


13. VII. 


8700 


40,4« 


335 


1018 


0,4797 


1.607 


1,8916 


'^ 1, » 


4. 


14. VII. 


8730 


40,2« 


365 


1019 


0,3861 


1,409 


1,8916 


•^ » >» 


5. 


15. VII. 


8670 


39,65« 


192 


1020 


0.4446 


0,854 


1,8916 


** »> 1} 


6. 11 16. VII. 


8520 


40,1« 


395 


1021 


0,585 


2,311 


1,8916 










Im 


^anzei 


a in 6 


Tagen: 


. 9,174 


11,3496 


imgans. 29 ccm PjocyaDin. 



Nachperiode. 



17. VII. 8350 



18. VII. 

19. VII. 

20. VII. 

21. VII. 

22. VII. 

23. VII. 

24. VII. 

25. VII. 



8050 
8250 
8120 
7950 
8040 
7950 
7820 
7800 



40,25'' 


515 


38,6« 


462 


.38,65" 


358 


38,1 « 


547 


38,45« 


290 


38,05« 


315 


38,4« 


427 


38,6« 


405 


.38,2« 


390 



1015 

1016 
1018 
1014 

1022 
1014 
1019 
1018 



0.5372 2,767 



0,522 

0,7605 

0,6318 

0,8307 

0,6552 

0,4505 

0,4914 

0,5675 



2,412 
2,723 
3,446 
2,409 
2,063 
1,923 
1,990 
2,213 



1,8916 

1,8916 
1.8916 
1,8910 
1,8916 
1,8916 
1,8916 
1,8916 
1,8916 



Kritischer Temperaturab- 
fall von 40,2« auf 38,6«. 
Hämorrhag. Nephritis. 



Hämorrhagische Nephritis 
ausgeheilt. 



Im ganzen in 9 Tagen: 



21,946 



17.0244 



Hund I. 

























Vo 


n> 


Bii 


od 























1. 
11. 


Darum 


1. \ 

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.VL l.m. IVB. 5 


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Fieborperiode 



Nachperiode 



l. 2. S. h. 5. 6. 1. i. », V. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 



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- 123 — 

Überblicken wir noch einmal unsern Versuch! Ein Hund, 
durch länger dauernde gleichmäßige Ernährung in Kochsalz- 
gleichgewicht gebracht, mit dauernd normaler Verdauung, wird 
unter vollkommen gleichen Bedingungen und, ohne daß irgend 
welche Störungen der Darmtätigkeit, der Kotbildung und -ent- 
leerung eintreten, sechs Tage lang unter aseptischem Fieber ge- 
halten und weitere neun Tage nach kritischem Abfall des Fiebers 
unter vollkommen gleichen Verhältnissen (bis auf ein geringes 
Mehr an Wasserzufuhr) beobachtet. Während der ganzen Zeit, 
d. h. 27 Tage lang, wird sein Kochsalzwechsel quantitativ ana- 
lytisch verfolgt. Dabei ergibt sich mit Sicherheit und unzwei- 
deutig: Vom Eintritt des aseptischen Fiebers an und 
während der Dauer des Fiebers hielt der Hund Koch- 
salz in seinem Körper zurück, und zwar im ganzen 
2,6 g. Diese aufgespeicherte Salzmenge wurde in der 
fieberfreien Nachperiode allmählich und nahezu voll- 
ständig in neun Tagen wieder ausgeschieden. 

Bemerkenswert für die Mechanik des Kochsalz wechseis ist 
hierbei der allmähliche Gang der Ausscheidung des retinierten 
Salzes im Gegensatz zu der Schnelligkeit, mit der, wie oben 
hervorgehoben, der Hund auf eine Verminderung der Kochsalz- 
zufuhr am zehnten Tage der Vorperiode antwortete. 

Der zweite Versuch am Hund gestaltete sich etwas umfang- 
reicher, weil bei ihm auch der StickstoflFwechsel berücksichtigt 
wurde. Die Versuchsbedingungen waren im allgemeinen die 
gleichen wie im ersten Tierversuch. Der größeren Genauigkeit 
wegen, besonders hinsichtlich des Stickstoffumsatzes, wurde hier 
für die Fieber- und die Nachperiode auch der Kot analysiert. 

Alle Stickstoffbestimmungen wurden nach Kjeldahl aus- 
geführt. Dabei geschah die Zerstörung der organischen Sub- 
stanz mit PaCj-haltiger konzentrierter Schwefelsäure stets in 
großen langhalsigen Jenenser Kolben von ^/^ 1 Rauminhalt unter 
Zuhilfenahme von Kupfersulfat als oxydationsbeschleunigendem 
Mittel und die Übertreibung von Ammoniak nicht durch Destil- 
lation über offenem Feuer, sondern im strömenden Dampf. Zur 
Oxydation waren für die verschiedenen Substanzen ganz ver- 
schiedene Mengen von Phosphorschwefelsäure nötig: 25 ccm Harn 
erforderten höchstens 20 ccm der Säure, 25 ccm Milch 35—40 ccm 
davon, mindestens ebensoviel 10 g Hundekuchen und 10 g trocknen 



- 124 — 

Kütpulvers. Die Menge der Schwefelsäure richtet sich eben 
nicht so sehr nach dem Gehalt der Substanz an Proteinstoffen 
als an Fett und Kohlenhydraten. 

Vom Sprattschen Hundekuchen wurden Proben des gleichen 
Materials der Analyse unterzogen, das schon, wie oben be- 
schrieben, zur NaCl- Analyse gedient hatte. Es ergab sich aus 
sechs Analysen ein Mittelwert von 2.268 ^/^ N. 

Die Milch, die dem Hunde gekocht und schon teilweise 
entrahmt zum Futter gegeben wurde, zeigte einen verhältnis- 
mäßig niedrigen N-Wert: 0,3024 <>/o N. 

Des Stickstoffgehaltes der Kartoffeln, die in der Fieber- 
periode aus schon erwähntem Grunde gegeben wurden, wird 
weiter unten gedacht werden. 

Die oben angeführten Kochsalzwerte der Nahrungsmittel 
haben auch für die Berechnungen dieses Versuches Geltung, da 
die genannten Mittelwerte auch aus den während der Zeit des 
zweiten Hundeversuches ausgeführten Analysen von Stichproben 
gezogen wurden. Betrachten wir nun die einzelnen Versuchs- 
abschnitte gesondert! 

Begonnen wurde der Versuch nach gelungener Katheterisation, 
und nachdem das Tier schon vier Tage lang vorher unter dem 
ihm zugedachten Regime gehalten worden war. Die Nahrangs- 
menge wählte ich bei dem ungefähr dem ersten gleichschweren 
Hund, einem kleinen braunen, kurzhaarigen Hühnerhund von 
etwa einem Jahr, etwas größer, um einer physiologischen Unter- 
ernährung von vornherein vorzubeugen, was auch gelang. Das 
Tier erhielt 150 g Spratts Hundekuchen, 100 ccm Milch, 400 com 
Wasser und 50 ccm der schon oben erwähnten, ca. 3 ^j^igen 
Kochsalzlösung. Die Verdauung war bei dieser Ernährung voll- 
kommen ungestört, die Entleerung und Beschaffenheit des Kotes 
normal. Der Hund war während der sieben Tage dauernden Vor- 
periode äußerst lebhaft, so daß das Wägen oft Schwierigkeiten 
machte. Sein Gewicht war am Ende der Vorperiode das gleiche 
wie am Anfang. Die Temperatur hielt sich innerhalb der nor- 
malen Grenzen. Höchst auffällig war es deshalb, als sich am 
Ende der Vorperiode herausstellte, daß die Kochsalzausfuhr die 
Einfuhr um 1,53 g überstieg- Bei der, wie sich an einem Tage 
des ersten Hundeversuchs erwies, so großen Promptheit des 
Kochsalz wechsels mußte diese Mehrausscheidung auffallen. Einen 



- 125 — 

Fehler oder Irrtum habe ich nicht ausfindig machen können; auch 
nach sorgfältiger Nachprüfung aller analytischen Zahlen blieb 
das Resultat ohne erklärenden Grund bestehen. Längere Ver- 
suchsreihen über den normalen NaCl- Wechsel beim Hund müßten 
es ausweisen, ob eine solche spontane Unregelmäßigkeit im NaCl- 
Wechsel ein häufigeres Vorkommen ist. Jedenfalls wird in 
unserem Fall das Versuchsergebnis von der beobachteten Mehr- 
ausscheidung nicht berührt. Das Minus der Stickstoffausschei- 
dung von im ganzen 0,847 g N während der siebentägigen 
Periode ist ohne weiteres erklärt und gedeckt durch den N- Ver- 
lust im Kot, so daß demgemäß der Versuchshund als im Stick- 
stoffgleichgewicht befindlich angesehen werden konnte. 

Am achten Versuchstag (2. VIII.) früh zur gewöhnlichen 
Stunde der Harnentnahme wurde der Hund katheterisiert und 
erhielt darauf eine Injektion von 11 ccm Pyocyanin. Von 38,6® 
unmittelbar nach der künstlichen Blasenentleerung stieg die 
Körperwärme in drei Stunden auf 38,9® und blieb so bis Abend. 
Eine halbe Stunde vor der Katheterisation war die Temperatur 
39® gewesen; solche Steigerungen kamen ohne sichtbaren An- 
laß öfter vor, hielten sich aber dann nur ganz kurze Zeit. Eine 
unmittelbar am folgenden Tag gegebene Spritze von 5 ccm trieb 
die Temperatur noch weiter, bis 40,35® in die Höhe (siehe 
Kurve). In dieser Höhe hielt sie sich bis zum 7. VIII., dem sechsten 
Fiebertag, wo ihr Sinken auf 38,95® eine neue Einspritzung 
nötig machte. Nunmehr wurden täglich bis zum 11. VIII., dem 
zehnten Fiebertag, einschließlich wechselnde Mengen von 5—8 ccm 
eingespritzt und damit eine Reihe von vierzehn Fiebertagen mit der 
höchsten Temperatur von 40,5® am 10. VIII., dem neunten Fieber- 
tag, erzielt. Die Temperatur hielt sich dann noch länger über 
39®, um schließlich, lytisch abklingend, in die normalen Breiten 
abzusinken. Im ganzen wurden auf siebenmal verteilt 44 ccm 
Pyocyanin injiziert. 

Der Eiweißgehalt des Harnes, in der Vorperiode schon ganz 
geringfügig, steigerte sich während des Fiebers nur um ein un- 
bedeutendes. Alle übrigen Nebenwirkungen des Fiebermittels 
waren die gleichen wie bei Hund I. 

Am zweiten Fiebertage verweigerte der Hund vollkommen die 
Aufnahme des Hundekuchens. Er nahm von der ersten Hälfte 
der in zwei gleichen Teilen verabreichten Nahrung lediglich 



— 126 — 

die Flüssigkeit zu sich und ließ die Hundekuclienbrocken un- 
berührt. Die in diese Brocken eingedrungene Flüssigkeit ging 
der Berechnung verloren; der geringe Verlust wurde unberück- 
sichtigt gelassen. So mußte ich ihm durch Milch, die er gewöhnlich 
gern nahm, zu ei^etzen suchen, was ihm im Hundekuchen entging. 
Jedoch waren hier durch das unverhältnismäßige Anwachsen 
der Flüssigkeitsmenge und die bekannten Wirkungen der aus- 
schließlichen Milchkost sowie durch die auch gegenüber der 
Milch geminderte Freßlust des Hundes Schranken gesetzt; an 
ein Erreichen der früheren Stickstoffmenge in der Nahrung war 
nicht zu denken. 700 ccm Milch konnten gerade noch, ohne daß 
der Hund einen Rest ließ, verabreicht werden. Alsbald nach 
dem Übergang zur ausschließlichen Milchernährung lieferte der 
Hund den bekannten dünnbreiigen Milchkot, bei dem eine Ver- 
unreinigung des Harns sich nicht hintanhalten ließ. Um die 
Konsistenz des Kotes etwas fester zu gestalten, setzte ich der 
Milch täglich ca. 250 g mit der Schale gekochter, dann geschälter 
und mit etwas Milch zu einem Brei verriebener Kartofieln zu. Diese 
Futterform hatte in der Tat den gewünschten Erfolg, d. h. der 
Kot wurde hinreichend konsistent. Von der täglichen bis auf 
wenige Gramm sich gleich bleibenden Kartoffelmenge habe ich den 
Kochsalzgehalt nicht in Rechnung gesetzt, da nach J. König 
(Chemie der menschlichen Nahrungs- und Genußmittel) die Kar- 
toffeln durchschnittlich nur 0,05265 ®/o NaCl enthalten; dagegen 
habe ich den etwas erheblicheren Stickstoffwert: 0,3114 ^/^ N 
mitberechnet. Einigemale während der Zeit, in der immer noch 
weichbreiiger Kartoffel-Milchkot produziert wurde, geschah es, 
daß der Hund sich unmittelbar nach der Entleerung herumdrehte 
und den ganzen frischgesetzten Kot reinlichst wieder auffraß. 
Den Vei'such störte das natürlich nicht. 

Einige Tage nach der letzten Pyocyanin-Injektion, nach- 
dem das Tier wieder etwas munterer und freßlustiger sich ge- 
zeigt hatte, wurde allmählich wieder zur Ernährung mit Hunde- 
kuchen übergegangen. So erhielt der Hund das erstemal wieder 
am 14. Vni. (dreizehnten Fiebertag) 75 g Hundekuchen, 400 ccm 
Milch, 200 ccm Wasser, 50 ccm Kochsalzlösung, am folgenden 
Tage 125 g Hundekuchen, 200 ccm Milch, 200 ccm Wasser, 
50 ccm NaCl-Lösung. Vom 16. VIII., dem ersten Tag der Nach- 
periode, ab erfolgte die Ernährung wieder wie in der Vorperiode 



- 127 - 

mit" 150 g Hundekuchen, 100 ccm Milch, 300 ccm Wasser, 
50 ccm Kochsalzlösung. 

Wie schon oben erwähnt, wurde für die Fieberperiode und 
die Nachperiode auch der Gehalt des Kotes an Kochsalz und 
Stickstoff bestimmt, und zwar nur der Gesamtgehalt für zwei 
aus folgendem Grunde etwas anders abgeteilte Zeitabschnitte: 
da nämlich eine Mischung von Kartofiel-Milchkot mit Hunde- 
kuchen-Milchkot bei der gi^oßen Verschiedenheit ihrer Beschaffen- 
heit und Zusammensetzung — der eine fast diarrhoisch, der 
andere fest und geformt — keinen der Wirklichkeit entsprechen- 
den Durchschnittsgehalt an Stickstoff und Kochsalz für den 
einzelnen Tag ergeben hätte, so wurde der Kot für die Zeit 
der Kartoffel-Milchfütterung, einschließlich aber des ersten Fieber- 
tages, d. i. vom ersten bis zwölften Fiebertag, und weiter der Kot 
für die beiden letzten Fiebertage und die gesamte Nachperiode für 
sich analysiert, und zwar auf folgende Art: Aller innerhalb der ge- 
nannten Zeit gesetzte Kot wurde vom Boden des Käfigs sorgfältig 
mit Spatel aufgenommen, in gewogenen flachen Porzellanschalen 
gesammelt, der gesamte Kot dann im Trockenofen bei 105—110® 
mehrere Stunden lang getrocknet und mit Schale gewogen. Aus 
der Schale wurde nun der trockene Kot in kleinen Portionen 
entnommen, im Mörser grob und weiter in der Schrotmühle 
feiner zerkleinert, dann durch ein Drahtsieb gesiebt, gröbere 
Eeste weiter zerkleinert, wiederum gesiebt, bis schließlich ein 
genügend gemischtes gleichmäßiges Pulver zur Verarbeitung 
vorlag. Von dem Pulver wurden bis auf Milligramme genau ge- 
wogene Mengen zur Kochsalz- und Stickstoff bestimmung verwendet. 

Für den Kartoffel-Milchkot ergab sich ein durchschnittlicher 
täglicher Gehalt von 0,049 g NaCl und 0,338 g N; für die Zeit 
des Hundekuchen-Milchkots ein täglicher Gehalt von 0,013 g 
NaCl und 0,766 g N. Abgesehen davon, daß diese Zahlen eine 
schlechtere Ausnützung des Hundekuchens gegenüber der Milch ^) 
beweisen, fällt auf, wie gering die im Kot zur Ausscheidung 
kommende Menge Kochsalz, selbst auch bei diarrhoischen Ent- 
leerungen, ist. Für die erste Zeit (Kartoffel-Milchkot) ging 
nämlich nur rund 1,5 7o der aufgenommenen Kochsalzmenge 



^) Die StickstoflfmeDgen in den verabreichten Rationen Hundekuchen 
nnd Milch verhielten sich nahezu wie 3:2. 



— 128 — 

und für die Zeit des Handekuchenkotes gar nur rund 0,6 ^/^ in 
den Kot über. Insgesamt wurden mit dem Kot während der 
Fieberperiode 0,613 g NaCl und 5,589 g N ausgeschieden. 

Die Endzahlen der Fieberperiode (siehe Tabelle) ergeben 
für das Kochsalz eine Retention von 5,213 g. An dieser Zahl 
ist nach zwei Richtungen hin eine Korrektur vorzunehmen: ab- 
zuziehen ist die im Kot ausgeschiedene NaCl-Menge; zuzuzählen 
aber ist die Kochsalzmenge, die der stattgehabten Gewichts- 
abnahme von 470 g, gemäß unseren oben ausgeführten Über- 
legungen, entsprechen würde, d. h. 4,70 X 0,25 = 1,175 g, so 
daß eine wirkliche Retention von 5,213 — 0,613 + 1,175 
= 5,775 g zu verzeichnen wäre. 

Bemerkenswert ist, ähnlich wie bei der klinischen Unter- 
suchung an dem scharlachkranken Knaben, der Anstieg der Koch- 
salzausscheidungskurve 24 Stunden, nachdem die Temperatur bis 
an die Grenze des Normalen sich gesenkt hatte, ein Beweis, 
wie rasch und empfindlich der Kochsalzhaushalt auf den Um- 
schlag des Fiebers reagiert. 

Die Mehi'ausscheidung an Stickstoff ist, entsprechend der 
Gewichtsabnahme und dem B^'ieber, eine bedeutende (insgesamt 
im Harn und Kot 23,997 g), eine Tatsache, die schon in 
Traubes und Jochmanus und in Senators Untersuchungen 
über den Fieberstoffwechsel gewürdigt ist. 

Von Interesse ist auch wiederum, zu sehen, wie der Koch- 
salzwechsel am zweiten Fiebertag sofort die -starke Abweichung 
von der bisherigen Zufuhr anzeigt, während beim Stickstoff sich 
das gar nicht ausprägt; der Organismus war auf einen gewissen 
Verbrauch N-haltigen Materials eingestellt und blieb dabei, ob- 
wohl die Zufuhr an einem Tage äußerst gering wurde und am 
folgenden Tage kaum zur Hälfte dem Bedarf entsprach. 

In der Nachperiode bewegte sich die Temperatur des Ver- 
suchstiere^ß, abgesehen von einem einmaligen Anstieg bis auf 39,5® 
am 17. VIIL, d. h. am zweiten Tage dieser Periode, mit geringen 
innerhalb der physiologischen Grenzen liegenden Schwankungen 
dauernd um 38,5®. 

Die Nahrung während der Nachperiode setzte sich zusammen 
aus 150 g Hundekuchen, 100 ccm Milch, 50 ccm Kochsalz- 
lösung und, für die ersten vier Tage, 300 ccm Wasser, später, 
vom 20. VIII. ab; 400 ccm Wasser, w^eil der Hund Durst 



- 129 -^ 

zeigte. Vom 26. Vin., dem elften Tag der Nachperiode, 
ab warde eine neae Sendung Hundekncben verwendet, deren 
Analyse einen um wenig höheren Stickstoffgehalt, nämlich 
2,88 ®/o N, ergab, während sich die Differenz in dem an und 
f&r sich schon so geringen Eochsalzgehalt als so geringfügig und 
innerhalb der Fehlerquellen liegend erwies, daß sie unberück- 
sichtigt bleiben konnte. 

Der Versuch wurde am 5. IX., d. h. am einundzwanzigsten 
Tag der Nachperiode, abgebrochen, da die Übersicht über die 
täglichen Eochsalzwerte des Harns und die unten folgende Be- 
rechnung ergaben, daß die Periode der Ausscheidung des im 
Fieber retinierten Kochsalzes beendet sei. Von einer so lange 
sich hinziehenden Ausscheidung spricht auch Schwenken- 
becher (1, c). 

Das zahlenmäßige Ergebnis der Nachperiode stellt sich 
folgendermaßen (siehe Tabelle und Kurve). 

Für den Kochsalzwechsel stellt sich eine Mehrausscheidung 
im Harn von 5,624 g heraus; nach Hinzurechnung der im Kot 
der Nachperiode ausgeschiedenen Menge von 0,25 g NaCl ergibt 
sich so ein Plus der Ausscheidung gegenüber der Einnahme 
von 5,87 g. Während der Fieberperiode waren 5,775g 
NaCl zurückgehalten worden. Wir sehen also, daß in 
21 Tagen nach dem Ablauf des Fiebers ein völliger 
Ausgleich im Kochsalzwechsel eingetreten ist. 

Die Stickstoffbilanz der Nachperiode ergibt folgendes. Zu- 
geführt wurden im Futter 75,66 g N, ausgeschieden im Harn 
52,995 g N, im Kot 15,323 g N. Hieraus folgt also insgesamt 
eine Eetention von 7,342 g N, die durch das Bestreben des 
Organismus, seinen durch die Fiebervorgänge gestörten und über 
die Norm beanspruchten Stickstoffwechsel wieder ins Gleich- 
gewicht zu bringen, erklärt wird. Eine Gewichtszunahme ist zur 
Erklärung dieser N-Retention nicht absolut erforderlich, da Änder- 
ungen im Wasserhaushalt in der Rekonvaleszenz eine das Gewicht 
im entgegengesetzten Sinne beeinflussende Rolle spielen können. 

Das Gesamtergebnis des Versuchs ist hinsichtlich des Koch- 
salzwechsels allein das gleiche, wie es schon für den ersten 
Hundeversuch zusammengefaßt wurde. Nur sind die Zahlen für 
Betention und nachherige Ausschwemmung größer, schon an 
und für sich größer und besonders vergrößert durch die längere 

Sitsnngtberiehte der pbya.-med. Sox. 39 (1907). 9 



- 130 - 

Ausdehnung der Versuchsperioden. Günstiger für den Ausfall 
des zweiten Versuchs war auch die Herstellung des N-61eich- 
gewichts zu Beginn der Fiebei*zeit. 

Insbesondere beachtenswert aber sind bei diesem Versuch 
die Beziehungen, die sich zwischen Kochsalz- und Stickstofif- 
umsatzaus unseren Zahlenreihen erkennen lassen. Es besteht 
hier offensichtlich ein Gegensatz zwischen Kochsalz- und Stick- 
stoffbilanz. Obwohl dieser Gegensatz hier nur in einem lange 
genug durchgeführten Versuch festgestellt ist, so scheint mir 
doch schon jetzt die Folgerung berechtigt, daß ihm beim Fieber 
allgemeinere Geltung zukommt. Die Ableitung dieser Folgerung 
ergibt sich aus folgender Überlegung. Mannigfach ist durch 
klinische Untersuchungen bei fieberhaften Krankheiten nach- 
gewiesen — mit nur der einzigen Ausnahme der Malaria, auf 
die ich weiter unten noch zu sprechen kommen werde — und 
ist durch die vorliegenden Versuche an aseptisch fiebernden 
Hunden einwandfrei bestätigt worden, daß im Fieber eine ab- 
solute Eetention von Kochsalz statthat, der dann in der Periode 
der Entfieberung oder nach kritischem Abfall des Fiebers eine 
entsprechende Mehrausscheidung des Salzes folgt. Andererseits 
ist, wie schon oben erwähnt, bereits durch T raub es und 
Jochmanns Arbeiten, besonders aber durch Senators wert- 
volle Untersuchungen „Über den fieberhaften Prozeß** die Tat- 
sache sichergestellt, die auch deutlichst aus dem letzten Versuch 
am Hunde hervorgeht, daß im Fieber infolge größeren Verbrauchs 
an stickstoflhaltigem Körpermaterial eine bedeutende Mehraus- 
scheidung an Stickstoff im Harn stattfindet gegenüber fieber- 
freier Zeit: aus diesen beiden experimentell und durch Erfahrung 
erwiesenen Tatsachen muß geschlossen werden, daß bei vielen 
fieberhaften Erkrankungen ein solcher Gegensatz zwischen NaCl- 
und N-Ausscheidung eine typische Erscheinung ist. Es wäre 
sicher wünschenswert, durch weitere Versuche und klinische 
Beobachtungen festzustellen," wie weit diese Erscheinung bei 
den verschiedenen Arten von Fieber als Regel gelten kann. 

Auch die Kurven des zweiten Hundeversuches zeigen deut- 
lich, daß, während die Kurve der NaCl-Ausscheidung während 
der Pieberperiode sich im Mittel durchaus unter der Linie der 
Kochsalzeinfuhr hält, dies Verhältnis für die Stickstoffkurve 
(N-Ausscheidung: N-Ein fuhr) ein gerade umgekehrtes ist. 



Hund II. 



Vorp 




1. 26. VII. 


9230 


38,6 • 


478 


1014 


1 0,5031 


2,405 


1,941 


1 0,756 


2. 27. VII. 


9300 


38,4« 


322 


1015 


0.509 


1,639 


1,941 


j 0,8008 


3. 28. VII. 


9400 


38.55' 


295 


1017 


0.5031 


1,484 


1,941 


1,008 , 


4.1 29. VII. 


9190 


38,6r) " 


540 


1015 


; 0,5616 


3,066 


1,941 


1 0,980 


5. i 30. VII. 


9300 


38,6« 


304 


1014 


' 0,4797 ' 


1.458 


1,941 


10,784 ' 


6.,. 31. VII. 


9220 1 38,6« 


338 


1019 


0,6143 


2.076 


1.941 


0,952 


7.|| l.VIII. 


9220 


38,85'- 


390 1 


1020 


0,7664 


2,989 


1,941 


1,2544 






Im 


ganzer 


1 in 7 


Tagen: 


16,117 


13,687 


< 
* 



1. 

2. 
3. 
4. 

l\ 

7.i 
8.|j 
9. 

10.' 

11. 

12.11 

13.1 

14. 



2. VIII 

3. VIII 

4. VIII 

5. VIII 

6. VIII 

7. VIII 

8. VIII 

9. VIII 

10. VIII 

11. VIII 

12. VIII 

13. VIII 

14. VIII 

15. VIII 



8930 
8800 
8900 
8830 
9020 
8880 
8740 
8700 
8710 
8740 
8650 

8:)S0 

85(K> 
S4(»() 



39,9« 

40,35 •' 

39,8« 

40,1« 

40,35« 

39,0" 

39,25 " 

40,0« 

40,5« 

39,45" 

39,1 « 

39.6« 

39,15« 

39,2« 



618 
243 
313 
348 
501 
655 
802 
645 
500 
615 
()60 
550 
450 
355 



1016 
1019 
1016 
1017 
1018 
1012 
1012 
1012 
1018 
1017 
1017 
1019 
1018 
1025 



0,2691 

0,1989 

0,3744 

0,5382 

0,6738 

0,409 

0,5.324 

0,3803 

0,5031 

0.3744 

0,4329 

0,4973 

0,5324 

0,7781 



1,663 
0,483 
1,272 
1,873 
3.375 
2,679 
4.365 
2,452 
2,516 
2,3(^3 
2 S57 
2,709 
2.396 
2,762 



1,941 
0,839 
3,100 
3,076 
3,208 
3,213 
3,219 
3,213 
3,219 
3,233 
3,217 
2,7S5 
2,517 
2,138 



Fieberp 

0,658 ' 
1,6352 
1,316 I 
1,2824 1 
1,0808 
0,5264 
0,5068 I 
0,5656 I 
0,7272 
0,5208 
0,56 
, 0,()944 
i 0,7336 
: 0,9744 



Im ganzen in 14 Tagen: 33,705 38,918 



1. 16. 

2. 17. 

3. 18. 

4. 19. 

5. I 20. 

6. 21. 

7. 22. 

8. 23. 

9. [ 24. 

10. 25. 

11. 26. 

12. 27. 

13. 28. 

14. 29. 

15. 30. 

16. 31. 

17. 1. 



18. 
19. 
20. i 



VIII 

VIII 

VIII 

VIII 

VIII 

VIII 

VIII 

VIII 

VIII 

VI IT 

VIII 

VUl 

VIII 

VIII 

VIII 

VIII 

IX. 

IX. 

IX. 

IX. 



84(K) 
8430 
8250 
82r>0 
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213 
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1025 
1025 
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1018 
1017 
1016 
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1014 
1017 
1011 
1020 
1014 



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0,7488 
0,6786 
0,5382 
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0,1914 
0,5733 
0,.5909 
0,5207 
0,5616 
0,53S2 
0,4251 
0,6435 
0,4973 
0,6494 
0,3861 
0,6347 
0,5324 



1,931 


1,949 


2,108 


1,949 


2,913 


1,949 


2,069 


1,949 


1.561 


1,949 


2,882 


1.949 


2,681 


1.949 


1,.504 


1,949 


2,6S3 


1,949 


2,800 


1,9()5 


1 ,798 


1,9(>5 


2,162 


1,965 


2,072 


1,965 


0,799 


1,965 


.3,430 


1,965 


2,253 


1,965 


2,318 


1,965 


0,822 


1,965 


3,529 


1,965 


2,465 


1,965 



Nachp 

1,036 

1.0808, 
0,9404 I 

: 1,080S 
0,672 : 
0,9296 
0,8208 
0,728 
0,6384 
0,6272 
0,76 1(>I 
0,616 
0,56 

' 0,5488 
0,7912 ' 

' 0,5264 I 
0,6496 ' 
0,1624 

,0,756 , 

I 0,4648 I 



Im ganzen in 20 Tagen: 44,780 39,166 



Vorperiode. 



Hund II. 




Bemerkungen. 



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(1 

87 



' 0,756 

im 
o.:s4 

0,952 



3,614 
2,579 
2,974 
5,351 
2,383 
3,218 



l.-2 >i4 4,892 



3,694 
3,694 
3,694 
3,694 
3,694 
3,694 
3,694 



Käthe terisation. 

150 g Hundek , 100 ccm Milch, 50 ccni NaCl-Lösung, 
40(j ccm Wasser. 



25,011 ' 25,858 



Fieberperiode. 
i 1,0352 3,974 

,^ ,r,j?24 4.463 

)c 1,0808 5,415 

^ ,V5.;64 3,448 

^^':j<,<58 4,065 



q 05P> '^'^48 



3,203 
3,696 



& 3,819 
0.733Ö '"^' 

o,ylÜ 



3301 
3,459 



3.694 I 
0,152 ! 

1,207 ; 

2,117 

2,827 
2,848 
2,900 
2,861 
2,895 
2,802 
2,880 
2.370 
2,911 
3,44 



n n 

n n 



Katheteri««tion. li ccm Pyooyanln. 

5 ccm P,\ocyanin. 50 ccm Milch, 25 ccm NaCl-Lösg. 

40) „ « 75 , „ „ 

700 „ n 5) „ „ , 

701 „ , 50 
5 ccm Pyocyanin. 70") „ „ 50 

8 n r, 7.)0 „ „ 50 

5 „ „ 700 „ „ 50 

5 n « 700 „ „ .50 

700 „ „ 50 

700 „ , 50 

510 , „ 50 

400 „ „ 50 

200 „ , 50 



[verweigert. 
Allea übrig« Futtur 



228 g KartoiTelD. 

238 „ 
250 „ 

239 „ 
850, 
275 „ 
245 ^ 

2(iO „ „ 

75 „ Hunrtik. 
125 „ 



54,312 35,904 



VacbP^riode. 
Vo36 2,848 1 






2,86-1 
2,680 
3,296 
1,949 
4,130 
3,652 
2,228 
2,988 



^'^F^ 2,9(i6 



0.016 






!,628 
2,.371 
2,156 
1,032 
3,790 
2,387 
2,320 
0,346 
4,203 
2,161 

52,996 , 



3,694 
3,694 
3,694 
3,694 
3,694 
3,694 
3,694 
3,694 
3,694 
3,694 
3,872 
3,872 
3.872 
3,872 
3,872 
3.872 
3,872 
3,872 
3,872 
3,872 



l 150 g Hundek., 100 ccm Milch, 
l[ 300 ccm Wasser. 



50 ccm NaGl-LösuDg. 



75,660 



150 g Hundek., lUO ccm Milch, 
4fM) ccm Wasser. 



50 ccm NaCl-Lüsung, 



8. 
II. l 



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Xachperiode 



8. d. 10. 11. 12. 13. IV. 15. 16. 1 
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- 131 - 

Es bliebe nach Darlegang des Tatsächlichen nunmehr noch 
die Frage zu erörtern : Wie ist diese beim Fieber stattfindende 
Kochsalzretention zu erklären? Bei unsrer heutigen geringen 
Kenntnis über das Wie und Wo der feineren Stoffwechselvor- 
gänge auch beim normalen Organismus ist hier der Aufstellung 
von Hypothesen ein weites Feld gegeben. Redtenbacher 
legte der Ghlorverminderung im Harn bei seinem Pneumonie- 
fall einfach eine Chlorretention im Lungenexsudat zugrunde. 
Abgesehen von anderen Gegengrflnden, die Schwenkenbecher 
(1. c.) anfahrt, spricht vor allem die Erfahrung dagegen, daß 
ja auch viele Infektionskrankheiten, die sicher ohne Exsudat 
oder Ödem verlaufen (auch der von mir untersuchte Scharlach- 
fall) die Chlorretention zeigen. Terray (zitiert nach Kraus 
1. c.) glaubt in einer das Fieber begleitenden Wasserretention 
auch für die Chloraufspeicherung genägenden Grund zu finden. 
Aber nach den auf Versuche gestützten Darlegungen von Kraus 
(1. c.) findet im Fieber überhaupt keine Wasserretention statt. 
Ebensowenig kann nach Kraus eine vikariierende Chlorretention 
als ausgleichendes Moment für eine Steigerung der P^O^-Aus- 
scheidung zur Erklärung herangezogen werden, „um die Isotonie 
des Blutes aufrecht zu erhalten^, weil die P^O^- Ausscheidung, 
deren Bedingungen begreiflicherweise im allgemeinen wohl sehr 
kompliziert sind, bei verschiedenen Infektionen noch mehr als 
diejenige des Chloi*s zu schwanken scheine. 

Es ist ferner noch die Annahme gemacht worden, daß die 
Chlorretention durch eine mangelhafte Funktion der Niere be- 
dingt sein könne, für die bekanntermaßen beim Fieber genügend 
Anhaltspunkte vorliegen (febrile Albuminurie, andrerseits Chlor- 
retention bei nephritischer Albuminurie, mit Ödem allerdings l). 
Diese Annahme widerlegt Röhmann (1. c), und im gleichen 
Sinne spricht mein erster Hundeversuch, bei dem ja mit Ein- 
setzen gerade der hämorrhagischen Nephritis die NaCl-Aus- 
schwemmung begann. Nach Köhmanns Versuchen werden 
sehr große, spontan auf einmal aufgenommene NaCl-M engen 
durchaus prompt auch im Fieber wieder ausgeschieden. Zur 
Erklärung greift er weiter auf intermediäre Stoffwechselvorgänge 
zurück und bringt die NaCl-Retentiou im Fieber in Zusammen- 
hang mit dem während des Fiebers erfolgenden gesteigeii;en 
Obergang des Organeiweißes in zirkulierendes Eiweiß; dieses 

9* 



- 132 - 

letztere binde, wie aus Versuchen von Forst er bervorzagehen 
scbeine, schon im normalen Stoffwechsel locker eine gewisse 
Menge von Gblorniitriam, und diese Adsorption von Cblornatriom 
erfahre natürlich, entsprechend der größeren Menge zirkulieren- 
den Eiweißes, im Fieber eine Steigerung. Scheint es nun auch 
durchaus richtig, die Stätte der NaCl-Retention dahin zu ver- 
legen, wo eben die im Fieber eintretenden Veränderungen des 
Stoffwechsels ihren Sitz haben, so muß doch die Annahme der 
Bindung des Kochsalzes durch das zirkulierende Eiweiß ange- 
zweifelt werden auf Grund dessen, was Magnus-Levy (I.e.) 
als Tatsache anfQhrt: daß „das Gl sich im Blut und vielleicht 
auch in den Geweben nicht in lockerer Verbindung mit Eiweiß- 
körpern, sondern ausschließlich in anorganischer Form befindet." 

Also nicht durch Exsudatbildung, nicht durch mangelhafte 
Resorption (geringer NaCI-Gehalt des Kotes!), nicht durch mangel- 
hafte Ausscheidung in den Nieren, auch nicht durch abnorme 
Zunahme des Bestandes an NaCl-bindendem zirkulierendem Eiweiß 
ist die während des Fiebers zustande kommende Chlorretention 
zu erklären. Nach Schwenkenbecher haben auch Analysen 
von Fieberblut keinen erhöhten Salzgehalt dieser Flflssigkeit er- 
kennen lassen. Da heißt es eben den Weg des Stoffwechsels noch 
weiter zurttckverfolgen. Irgendwo im Körper muß doch das 
Kochsalz, das von der Salzbilanz als retiniert angezeigt wird, 
stecken ; es müßten ja sonst in allen hierher gehörigen Versuchen 
bei der Analyse der Exkrete beträchtliche Kochsalzmengen der 
Bestimmung entgangen sein. 

Oben ist schon auf den Gegensatz in dem Verhalten des 
Stickstoff- und des Kochsalzwechsels beim Fieber hingewiesen 
worden : während Kochsalz zurückgehalten wird, geht die Stick- 
stoffausgabe beträchtlich über die Einnahme hinaus. Erhöhung 
der Stickstoffausscheidung bedeutet aber Steigerung des Stoff- 
wechsels^ vermehrten Abbau des Eiweißes, der höchstkomplizierten 
organischen Stickstoffverbindungen der lebenden Gewebe. Dieser 
gesteigerte Stoffwechsel spielt sich in den Zellen selbst ab, nach- 
gewiesenermaßen besonders in den Zellen der großen drüsigen 
Organe. Und auf alle diese kann man sich die retinierte NaCl- 
Menge gleichmäßig oder auch in gewissen Abstufungen verteilt 
denken. Es brauchte dann, wie auch Schwenkenbecher 
meint, selbst bei einer relativ starken Gesamtretention der 



— 133 - 

Prozentgehalt an Kochsalz im einzelnen Organ nicht einmal so 
hoch zu steigen, daß die Chlorzanahme darch Analyse fest- 
gestellt werden könnte. Andererseits erscheint ein Gelingen 
dieser analytischen Aufgabe keineswegs ausgeschlossen. Was 
aber die Ursache der angenommenen und vielleicht nachweis- 
baren Anhäufung von Kochsalz in den großen drfisigen Organen 
betrifft, so wäre sie zu suchen in der ,,fieberhaft^ gesteigerten 
Tätigkeit, die jene Organe zur Bekämpfung des Fiebers ent- 
falten, in den chemischen Umsetzungen, die an die Gegenwart 
von Kochsalz geknüpft sind. Hier scheint mir ein Zusammen- 
hang sich aufzutun, auf den ich, weil vorläufig vollkommen 
hypothetisch, nur kurz als- Erklärungsmöglichkeit für die auf- 
fällige Tatsache der Chlorretention im Fieber hinweisen möchte. 

Albu und Neuberg stellen in ihrem Buch „Physiologie 
und Pathologie des Mineralstoffwechsels'' folgenden vierten Haupt- 
satz über die Aufgaben der Mineralstoffe im tierischen Körper 
auf (S. 108): „Sie wirken als Katalysatoren für eine große Reihe 
chemischer Vorgänge im Organismus, sie wirken z. B. als Sauer- 
stoffflberträger für die Oxydationen, sie erzeugen die Verände- 
rungen der Eiweißköii)er im Zellprotoplasma, die mit den Funk- 
tionen derselben untrennbar verbunden sind." Aus dieser Auf- 
fassung läßt sich auch die Vorstellung ableiten, die wir uns von der 
Rolle des Kochsalzes im Fieber machen können. Also: Erhöhte 
chemische Zelltätigkeit im Fieberzustand, dessen 
Mehrproduktion an Wärme den Ausdruck vergrößerten 
Energieverbrauchs darstellt, also Steigerung der 
oxydativen Prozesse innerhalb der Zellen und in 
enger Verknüpfung damit notwendigerweise ein ver- 
mehrtes Bedürfnis an Katalysatoren in Form von 
Mineralstoffen, insbesondere des Kochsalzes. In 
diesem Gedankengang glaube ich eine Deutung der merkwür- 
digen Kochsalzretention im Fieber und seiner Ausschüttung 
nach der Entfieberung finden zu können. 

Der Ausnahmefall der Malaria würde sich dann vielleicht mit 
dem besonderen Sitz der Infektion und wohl auch der gegen die Ma- 
lariaparasiten sich richtenden Abwehrkräfte erklären. Zur wei- 
teren Stützung dieser Vorstellung wäre zu prüfen, ob immer bei aus- 
schließlichen Blutinfektionen die Kochsalzretention im Fieber einer 
NaCl-Mehrausscheidung — wie bei der Malaria — Platz macht. 



— 134 — 

Daß natürlich die Funktion des Kochsalzes als Kataly- 
sator nicht allein für die Chlorretention im Fieber maßgebend 
zu sein braucht, sondern daß auch andere Faktoren^ wie Aus- 
gleichung des durch die erhöhten Zersetzungen im Fieber ge- 
störten osmotischen Gleichgewichts und^ wie Schwenken- 
becher meint, die im Fieber veränderte Verteilung der Wasser- 
ausfuhr (verminderte Diurese), eine beachtenswerte Bolle spielen 
können, ist durchaus nicht in Abrede zu stellen. Aber ich 
glaube nicht, daß sie allein für die festgestellte verhältnismäßig 
hohe Chlorretention verantwortlich zu machen sind. 



Vorliegende Arbeit wurde im Sommersemester 1907 in der 
chemischen Abteilung des physiologischen Instituts auf Anregung 
und unter Leitung des Herrn Prof. Dr. 0. Schulz ausgeführt. 
Ich möchte auch an dieser Stelle Herrn Prof. Dr. Schulz 
meinen herzlichsten Dank aussprechen für die gütige und immer 
hilfsbereite Förderung, die er mir bei meinen Untersuchungen 
zuteil werden ließ. Ebenso bin ich Herrn Prof. Dr. J. Rosen- 
thal für sein gütiges Interesse an der Arbeit zu großem Dank 
verpflichtet. 



Aus Alexander v. Humboldts Verwaltungspraxis 

in Franken. 

Von Lothar Reuter. 

• 

•Alexander v. Hnmboldt wurde Dach Vollendung seiner 
nennmonatlichen Studienzeit in Freiberg von Minister von 
Heinitz beauftragt, das Bergwesen und die verwandte Industrie 
in den von Preußen neu erworbenen fränkischen Fürstentümern 
zu untersuchen. Bereits im Herbst 1792 erstattete er einen 
umfangreichen Bericht über seine Beobachtungen und die mög- 
lichen Mittel zur Hebung der genannten Industriezweige. 

Infolge dieses Berichtes wurde er im Herbst desselben 
Jahres zum Oberbergmeister in Bayreuth und Ansbach ernannt. 
In einem Brief an Goethe aus Bayreuth vom 21. Mai 1795 be- 
zeichnet er sein Dienstverhältnis dahin, der König habe ihn zum 
Oberbergrat gemacht mit der Erlaubnis, ihm in seinen Provinzen 
zu dienen oder durch wissenschaftliche Reisen nützlich zu 
werden. Tatsächlich suchte er im Auftrag des Berliner Berg- 
departements 1793 die Salzburger und die galizischen Salz- 
bergwerke auf, 1794 den Netzedistrikt und das preußisch ge- 
wordene Polen. 1795 erhält er Urlaub zu einer geognostischen 
Privatreise durch Oberitalien und einen großen Teil der Alpen. 
Gleichzeitig beschäftigen ihn geognostische und physikalische 
Probleme der umfassendsten Art. 

Hier möge indessen nur von Humboldts Verhältnis zum 
Bergwesen im Fichtelgebirge die Rede sein. 

Der Niedergang des dortigen Bergbaues war eine Folge der 
seit langer Zeit betriebenen Erzausbeutung und der sich stets 
steigernden Abbaukosten. Die Erze, die in den oberen Teufen 
infolge von Zersetzung und Verwitterung einen konzentrierteren 
Edelmetallgehalt besessen hatten und durch die auffällig ge- 
färbten Zersetzungsprodukte auch für den weniger kundigen 



— 136 — 

.Bergmann leicht erkennbar gewesen waren, hatte man längst 
abgebaut. Je weiter der Bergbau in die Tiefe vordrang, um 
so geringer und unedler wurden die Gänge. Die Masse des 
gewonnenen Erzes war im Verhältnis zu dem zu fördernden 
Gestein sehr gering; die Stollen und Schachtbauten, die auf 
der Suche nach neuen Erzmitteln oder solchen, die sich zer- 
schlagen hatten, meist nur taubes Gestein durchfuhren, waren 
sehr kostspielig, und ebenso waren die mit der Zunahme der 
Tiefe sich vermehrenden Kosten für Förderung der Erze, der 
tauben Berge und namentlich für Wasserhaltung unverhältnis- 
mäßig groß. Es war deshalb für einzelne Eigentümer aus- 
geschlossen und für Gewerkschaften nur noch unter Aufbringung 
großer Opfer möglich, einige Bergbaue im Betrieb zu erhalten. 

Humboldt erkannte dies alles bei Untersuchung der ein- 
zelnen Bergwerke nur zu gut, fand aber dennoch, daß ein rationell 
betriebener Bergbau nicht nur bestehen, sondern in verschiedenen 
Teilen des Fichtelgebirges die aufgelassenen Betriebe wieder zu 
neuem Leben erwecken könnte. 

Dazu war es aber nötig, zunächst ein brauchbares Berg- 
mannsvolk heranzubilden. Wie A. v. Humboldt dies zu ver- 
wirklichen suchte, möge folgender Bericht des genialen Forschers 
ans Bergdepartement in Berlin dartun, der zugleich zeigt, wie 
Humboldt die dienstlichen Aufgaben seines Verwaltungsbezirkes 
bis ins kleinste Detail verfolgte und in einem den sozial-poli- 
tischen Anschauungen seiner Zeit weit vorauseilenden Grade 
den menschlichen Verhältnissen der seiner Verwaltung anver- 
trauten Personen die eingehendste Sorgfalt widmete. 

Dieser Bericht hat folgenden Wortlaut: 



Stehen, auf dem Nailaer Revier, 
den 13. März 1794. 
Ganz gehoi'samstes Promemoria, 
die Errichtung einer königlichen 
freien Bergschule zu Stehen be- 
treffend. 
Wenn es gleich meine Pflicht gewesen wäre, Einem Hoch- 
löblichen Ober-Berg-Departement der königlich Obergebirgischen 
Kammer jedes bergmännische Unternehmen früher anzuzeigen. 



~ 137 - 

als es angefangen wird, so glaube ich doch in dem vorliegenden 
individuellen Falle durch meine gute Absicht hinlänglich ent- 
schuldigt zu sein, den entgegengesetzten Weg eingeschlagen zu 
haben. Die einfache Erzählung des ganzen Vorganges wird am 
ersten zu meiner Rechtfertigung dienen. 

So lange ich dem prakt. Bergbau näher getreten bin, war 
es immer auffallend, wie wenig von oben herein auch mit dem 
scheinbar größten Aufwände von Geld und Kräften auf das 
Ganze gewirkt wird. Der Grund davon ist leicht zu finden. 
Was können Anordnungen, Befehle fruchten^ wenn die Empfäng- 
lichkeit bei denen fehlt, die sie empfangen sollen! Es bleibt 
dann nur ein Ausweg übrig, den die meisten Administratoren 
wählen, der, die Zahl der Aufseher so vermehren, daß es fast 
so viele Offizianten als Bergleute gibt, daß die Besoldungen den 
größten Teil der Betriebskosten ausmachen und daß die ganze 
Maschine unter der Friktion der vervielfachten Teile erliegt. 
Das Mittel selbst wird dann zum Hindernis. 

Der einfache Weg scheint auch hier der beste. Man ver- 
mehre die Bezeptivität des gemeinen Bergvolks, suche es nach- 
denkend und verständig, das heißt, weder grübelnd noch gelehrt, 
zu machen, bringe ihm richtige Ideen über die Gegenstände 
bei, die es zunächst umgeben, so wird es mehr zum Selbst- 
bandeln gereizt, so wird die Tutel endlich aufhören, hinter die 
eine armselige Politik sich so gerne verbirgt. 

Der Wert der Erziehung des gemeinen Volks ist längst 
erkannt. Die Gewalt, mit der man die Sache auf einmal hat 
angreifen wollen, und die abenteuerliche Überepannung, mit 
der man die vorreifen Früchte erwartete, haben die meisten 
Unternehmungen scheitern gemacht. Ich hielt es für besser, 
etwas zu leisten, als nichts zu versuchen, weil man nicht alles 
leisten kann. 

In einem Gebirge, wo so vielerlei Erze einbrechen, und wo 
die Bewohner oft aus Aberglauben und bergmännischer Unwissen- 
heit durch törichte Unternehmungen ihren Wohlstand untergraben, 
in einem solchen Gebirge ist es doppelt wichtig, deutliche und 
vernünftige Begriffe zu verbreiten. Noch im Herbst 1793 hat 
man in der Dürrenweid geschürft, wo der „goldene Hirsch** 
(ein vierfttßiger Berggeist) weidete, — bei Schauenstein auf 
Schwefelkies statt Golderze gebaut, — torabakbraunen Glimmer 



— 138 - 

bei Gefrees durchschmelzen wollen nnd mir Eisenglimmer ftir 
Bleiglanz gebracht!! — Wer. wie meine Amtsgeschäfte mich 
daza veranlassen, dem gemeinen Bergyolke näher tritt, wird 
über diese Beispiele nicht erstaunen. Es sind alltägliche Er- 
scheinungen. 

Als ich im Sommer vorigen Jahres nach Befahrung der 
Gruben nur einige Muße hatte, faßte ich daher den Entschluß 
(und wenn ich auch selbst hätte den Unterricht geben sollen), 
schlechterdings für den Winter eine Schule für gemeine Berg- 
leute zu eröffnen. Wem ich meine Ideen mitteilte, riet mir ab. 
Das Volk habe keine Lembegierde hieß es: die Vorurteile 
schienen eingewurzelt, es sei kein Lehrer zu finden, den die 
Kinder verständen, u. s. w., u. s. w. — Diese Einwendungen 
schreckten mich nicht ab, bewogen mich vielmehr, sogleich die 
ganze Einrichtung vorläufig ans meinem Beutel als Privatsache 
zu betreiben, bis ich Einem hochlöblichen Oberbergdepartement 
der Obergebirgischen Kammer Anzeige von einem guten Fort- 
gang würde machen können. 

Einen Lehrer für die Bergschule kommen zu lassen, war 
aus dreifachen Gründen unratsam; einmal, weil es einen Kosten- 
aufwand machte, der tür unseren jetzigen Fonds zu groß war, dann 
weil jede fremde Mundart den Knaben hier schlechterdings unver- 
ständlich ist, und endlich drittens, weil es nicht sowohl auf 
Rechnen und Schreiben, als auf Unterricht in der Gebirgskunde 
und inländischer Bergwerksverfassung ankam, die ein Ausländer 
nicht lokal genug vorträgt. Es blieb also nichts übrig, als sich 
nach einem Einheimischen umzusehen, der Lebhaftigkeit, Lokal- 
kenntnisse und Lust genug hatte, im Lehren selbst noch zu 
lernen. Meine Wahl traf den jungen Schichtmeister Georg 
Heinrich Spörl, dessen Tätigkeit und Eifer sich nützlich zu 
machen ich bisher nicht genug rühmen kann. Ich besprach mich 
selbst täglich mit ihm über die Art des Unterrichts, fing gleich 
an, eigene Anweisungen auszuarbeiten, gab ihm Bücher zu seiner 
eigenen Belehrung und tat alles, was in meinen Kräften stand, 
meine Absicht zu erreichen. Ich versprach ihm 30 fl. Gehalt, 
1 Simmer Korn, Holz und Licht unter der Bedingung, sie ihm 
aus eigenen Mitteln fortzuzahlen, im Falle das Institut die aller- 
höchste Genehmigung nicht empfinge. 

Die freie königliche Bergschule ward Ende No- 



— 139 — 

vember 1793 eröffnet. Ihre wesentliche Einrichtung besteht 
in folgenden Punkten, die ich aber gehorsamst bitte, noch nicht 
in eine Norm oder Instruktion zu bringen, da die größte Be- 
hutsamkeit dabei nötig ist, und da alles durch die Erfahrung 
noch modifiziert werden muß und eine Erziehungsanstalt nicht 
wie eine Klasse behandelt werden kann. 

1. Der Zweck der kgl. Bergschule zu Stehen ist 
zwiefach : 

a) Das junge Bergvolk in dem Nailaer Revier zu verständigen 
und brauchbaren Bergleuten auszubilden, 

b) ihm von Kindheit an Liebe für unser Metier und berg- 
männisches EhrgefBhl einzuflößen. 

2. Der erste Zweck wird dadurch en'eicht, daß ihnen von 
allen physischen Gegenständen, mit denen sie als Bergleute zu 
tun haben, und von den Verhältnissen, in die sie als Bürger 
treten, die einfachsten und deutlichsten Begriffe beigebracht 
werden. Was das Praktische des Metiers betrifft, so müssen 
wohl die Gründe angegeben werden, warum man so oder so 
verfährt, — das Verfahren selbst, die Handgriffe müssen aber 
schlechterdings kein Objekt ^der mündlichen Unterweisung sein, 
weil dadurch der Sinn für das Praktische geschwächt wird und 
leicht die Meinung entsteht, man lerne in der Bergschule Zimmern, 
Bohren, Schießen wie in der Grube. Letzteres ist ein Haupt- 
punkt in der Erziehung des gemeinen Bergvolks. 

3. Liebe zum Metier braucht nicht direkt gepredigt zu 
werden. Man liebt jede Sache, die man nach Gründen kennt, 
die man mit Wichtigkeit behandeln sieht. Auch wirken die 
Absonderungen der Bergjugend von den anderen Kindern, öffent- 
liche Prüfungen und Geschenke für die fleißigen wohltätig genug 
auf das Ganze. 

4. Die Zahl der Bergschüler erstreckt sich gegenwärtig 
bereits auf etliche 40. Sie haben sich durch freiwillige Sub- 
skription dazu gemeldet, gewissermaßen gedrängt. Kein Knabe 
unter 12 Jahren, der nicht vorher die Dorfschule besucht hat, 
wird als Bergschüler aufgenommen. Dagegen steht das Institut 
jedem Knecht und Lehrhäuer offen, und ich sehe mit Freuden 
Männer von 24—26 Jahren es fleißig besuchen. Ich habe bisher 
absichtlich allen Zwang vermieden, um die Sache nicht gehässig 
zu machen. Künftig müssen die Steiger dafür einstehen, daß 



- 140 — 

alle BergjuDgeD die Bergschule besuchen und das kgl. Ober- 
bergdepartement soll dann auch jährlich eine Liste der Schüler 
erhalten. 

5. Um mit der Dorfschule in keine Kollision zu kommen, 
und damit nicht die falsche Idee entstehe, als mache die Berg- 
schule jene entbehrlich, so wird dieselbe Mittwochs und Sonn- 
abends nach Mittag gehalten ; damit den armen Einwohnern die 
Kinder nicht der Arbeit entzogen werden (ein Haupthindernis 
so mancher Schulanstalt), so ist die Bergschule eine bloße 
Winterschule, die am 9. November anfängt und bis in den Mai 
fortdauert. 

6. Das verschiedene Alter und die verschiedenen Fähig- 
keiten der Bergjungen und Knechte haben Abteilungen in 
2 Klassen notwendig gemacht. Der Unterricht fttr die kleineren 
ist von 1—4 Uhr, für die größeren von 6— 9. Die Lenibegierde 
der letzteren und der gute Wille des Lehrers ist bisher so groß, 
daß ich die Schule schon bis 11 Uhr nachts habe fortsetzen 
lassen, ohne irgendein Mißvergnügen zu bemerken. 

7. Die Objekte des Unterrichts sind in diesem Institute 
mannigfaltiger als in andern Bergschulen. 

a) Schön- und Rechtschreiben. Ich habe schon saubere Vor- 
schriften in Bayreuth schreiben und auf Pappe ziehen lassen. 
Sie enthalten in kurzen Aphorismen alles, was ein ge- 
meiner Bergmann zu wissen braucht, von Gebirgskunde, 
vom Kompaß, dem Vorkommen der Erze, den vaterländischen 
Gesetzen, Landesbeschreibung. Sie haben den Zweck, den 
Knaben nicht nur beim Schreiben nützlich und angenehm 
zu beschäftigen, sondern ihm etwas mit nach Haus zu 
geben, was er dort wiederholen kann. Das letztere ist 
sehr wichtig, weil es noch schlechterdings kein Lehrbuch 
für gemeine Bergschulen gibt und die vorhandenen unvoll- 
kommen und ohne dies zu teuer sind. Da es überaus 
schwer ist, solche Vorschriften zusammenzusetzen, so sind 
davon noch nicht so viele vorhanden, als ich wünsche. 
Im Rechtschreiben werden die Knaben durch Diktieren 
geübt 

b) Bergmännisches Rechnen, — alles in angewandten Zahlen 
und mit Beispielen aus unserm Revier. Dazu etwas vom 
Kompaß, vom Streichen und Fallen, wie man bei Tag und 



— 141 — 

sternheller Nacht den Norden sucht nnd die Standen der 
Oänge ans dem Kopf ohne Kompaß angibt; andre Auf- 
gaben aus dem bürgerlichen Leben, die Breite der Bretter 
aus dem Umfang des Blocks zu finden, den Inhalt eines 
Feldes nach Tagwerken abzuschreiten u. s. w. 

c) Allgemeine Kenntnis der Erde, bes. Gebirgslehre, — von 
dem festen Boden, dem Meere, den Wolken, dem Ursprung 
der Flüsse und Grubenwasser, den Wettern, den Gebirgen, 
welche keine Erze führen, von den Wünschelruten, von 
den Lagerstätten der Erze, von Gängen, Flötzen und 
Stockwerken u. s. w. — Hierbei werden auch deutliche 
von mir bestimmte Muster der gemeinsten Erze und anderer 
nutzbarer Fossilien vorgezeigt. Sie sind wenigstens 6—8 Zoll 
lang. Ich habe sie teils aus Sachsen kommen lassen, teils 
hier gesammelt. 

d) Vaterländische Gesetze und Observanz. — Gewerkever- 
fassung in den fränk. Fürstentümern, Rechte und Pflichten 
gegen das Bergamt, Lehre vom Abtrag, Stollgerechtigkeit 
u. s. w. Nichts erscheint mir wichtiger als diese Kenntnis, 
um Einigkeit in einer Gegend herzustellen, wo Streitsucht 
nur eine Folge der Unwissenheit ist. 

e) Geschichte des vaterländischen Bergbaus, welche Erze 
jetzt, welche sonst brachen, genaue Aufzählung derÖrter, 
wo sie brachen. Produkte des Bodens, Beschreibung des 
Fichtelgebirges, warum es keine Salzquellen am Ochsen- 
kopf gibt. Solche Notizen vermehren die Liebe zum Vater- 
lande, die überdies noch immer ein schöner Zug in dem 
Charakter der hiesigen Einwohner ist. 

8. Alle 14 Tage werden die Schüler examiniert, was sie 
bisher haben lernen sollen. Ein öffentliches Examen wünsche 
ich alle Jahre im Frühjahr anzustellen, bei dem die fleißigsten 
Knaben beschenkt würden mit einem Grubenkittel, dem Not- 
und Hilfsbüchlein u. s. w. 

9. Bei einer Lehranstalt ist die Zweckmäßigkeit der inneren 
Einrichtung ein wesentliches Moment In dieser Hinsicht bin 
ich' daher so sorgfältig als möglich gewesen. Die Kinder dürfen 
z. B. dem Lehrer nicht den Rücken zukehren, sich nicht an- 
sehen u. dgl., alles dies stört die Aufmerksamkeit. Die Berg- 
schule wird in dem sehr geräumigen, lichten Zimmer des Georg 



- 142 ^ 

Heinrich Spörl*) gehalten. Ich habe Bänke, wie in den 
Göttinger Auditorien vorrichten lassen, wo der Racken der 
einen am Pult der andern ist. Zwischen zwei und zwei Knaben 
steht immer ein Licht 

Da es schlechterdings kein Lehrbuch gibt, welches für ge- 
meine Bergjungen faßlich genug wäre, um daraus zu unterrichten, 
so habe ich mich sogleich entschlossen, selbst Hand ans Werk 
zu legen und nach den sub 7 enthaltenen Sätzen fünferlei An- 
weisungen auszuai*beiten. So schwer ein solches Unternehmen 
ist und so unvollkommen ich es auch aasfähren wfirde, so hielt 
ich es doch für Pflicht, nichts unvei*sucht zu lassen. Ich nehme 
mir die Freiheit Einem Hochlöbl. Kgl. Oberbergdepartement 
einige Proben meiner Arbeit vorzulegen mit der gehorsamsten 
Bitte, sie mir mit Bemerkungen zurückzuschicken: 

1. Wie die Gänge fallen und streichen, 

2. Von der Beschaffenheit unserer Erde überhaupt, 

3. Wie die Erze brechen, 

4. Proben meiner Vorschriften. 

So ist dermalen die Lage des Instituts, das erst seit kaum 
4 Monaten existiert. Es ist ein bloßer roher Versuch. Auch 
habe ich es vielleicht mehr geschildert, wie es sein sollte, als 
wie es auf dem Wege . ist zu werden. Fünffacher Unterricht 
wird freilich schon erteilt, aber noch nicht regelmäßig, weil 
die Anweisungen noch fehlen^ auch bei meinen andern Geschäften 
(so gern ich mich auch der Sache unterziehe) erst gegen den 
nächsten Winter fertig sein können. Bis dahin helfen wir 
uns durch Auszüge aus älteren Schriften, aus Lampes berg- 
männischem Rechenbuch^ dem Freyberger bergmännischen 
Kalender, Mitterpachers physikalischer Erdbeschreibung, Geylers 
physikalischem Wörterbuch, dem Art. vom Bergbau^ Dingel- 
städt von der Zimmerang, Gmelins Geschichte des deutschen 
Bergbaus u. s. w. 

Hält es Ein Hochlöbl. kgl. Oberbergdepartement für ratsam, 
den Fortgang des Institats auf kgl. Kosten zu wagen, so über- 
gebe ich diesen kleinen Anfang gern der öffentlichen Direktion. 
Bttcher> Vorschriften, Fossilien fordere ich nicht wieder. Was 
ich gehorsamst erstattet bitte, sind bloß: 



•) t 30. I. 1S30, G6 Jahre alt. 



- US - 

14 Flor 8 kr für Schreinerarbeit 
2 Flor 10 kr far Buchbinderarbeit, 
ivofur die Beläge akkladiert sind. Bei den vielen Arbeiten, die 
der junge Schulmeister Spörl bisher mit so vielen Knaben ge- 
habt, ist eine Remuneration von jährlich 40 Flor, fränkisch und 
2 Klafter Brennholz, gewiß sehr mäßig. Ich wage es daher 
ganz gehorsamst darauf anzutragen: 

dem Georg Heinrich Spörl wegen seiner bisherigen 
rühmlichst bewiesenen Tätigkeit den Titel „Lehrer bei 
der kgl. freien Bergschule zu Stehen^ beizulegen und 
ihm alljährlich 40 Gulden Frank, samt 2 Klafter Brenn- 
holz dergestalt zu dekretieren, daß selbige ihm bereits 
für das verflossene Etatsjahr 1793/94 (laut Tit. VI des 
Nailaer Stticketats) bis I.Juni 1794 gezahlt werden. 
Die sämtlichen Kosten, welche die Bergschule im laufenden 
Etatsjahr verursacht, betragen demnach: 

14 Fl 8 kr für Schreinerarbeit 
2 Fl 10 kr für Buchbinderarbeit 
40 Fl — Besoldung für den Lehrer 
~W FTlS kr und 2 Klafter HolzT 
wovon 50 fl. laut Tit. VI, der Rest aus dem Fond ad extraord. 
des Stücketats gezahlt werden können. 

Noch möchte ich gehorsamst darauf antragen, daß dem 
Bergschullehrer Spörl in dem Dekret gesagt würde: 

man wolle seine förmliche Instruktion noch bis zum Herbste 
ausgesetzt sein lassen, weil dann erst die Bergschule ihre völlige 
Einrichtung erhielte. 

Humboldt. 



Der vorstehende Bericht wurde im Jahre 1866 zum 
97. Jahrestag der Geburt des großen Forschers durch Löwen- 
berg in einer Tageszeitung veröffentlicht. Er kam dem Ver- 
fasser dieser Zeilen nur in Form eines Ausschnittes unter die 
Hände. Das ursprüngliche Dokument war nicht mehr aufzu- 
finden, ebensowenig die Belehrungen, welche Humboldt für 
seine Stebener Freischule zusammengestellt hat. Dagegen ver- 
schafften die diesbezüglichen Nachforschungen einige Briefe aus 
dem Jahre 1795, die hier anhangsweise folgen, denn sie geben 



— 144 - 

einen Einblick, wie anregend Humboldts Einfluß auf seine Um- 
gebung gewirkt hat. Herrn Bürgermeister Kockelroann in 
Steben, der mir diese Briefe leihweise ttberließ, sei an dieser 
Stelle bestens gedankt. 

Bergmeister Eillinger in Goldkronach an den Hofrat 
Strauch in Schleiz. 

Ooldkronarhy den 2S. März 1793 

Woklgebomer Herr, 
Hocfnuverehre7ider Herr Hofrat c& Berg- Direktor, 
des regierenden Herrn Orafen xu Schleix, Hoehgräfl. Ex- 
cellenx Ansuchen an unsern Oberbergmeister Herrn v. Humboldt 
gemäfsy Höchstdenselben einen Bergoffidayiten hiesiger Fürsten- 
tümer XU schicken, welcher ein Outachten über die Sehmelx- 
Würdigkeit der Schleifer Kupfererxe abgeben soll, habe die Ehre 
Ew. Wohlgebo7'en. gehorsamst xu benachrichtigen, dafs ich vom 
Herrn Oberbergmeister ro?i Humboldt die Anfrage bekommen, 
ob ich mich diesem Geschäfte unterxiehen wollte, worein ich auch 
sogleich tvilligte. So sehr ich nun auch tvünschte, diesen Auf» 
trcuf lor Osterei erfüllen xu können, so hielt mich doch die Auf- 
bereitung und Untersuchung der Scfimelx Würdigkeit der Fürsten- 
xecher Oold- und Silbererze fliesiger Revier länger auf, als ich 
vermutete, wodurch ich also erst im Stande bin, den Tag nach 
denen Osterfeiertagen, als den S'*** April von hier abxurei^en und^ 
den 9^^ in Schleix einxutreffen. Indes hohe die Ehre mit der 
ausgexeichnctsten Hochachtung xu verharren 

Euer Wohlgeboren 

gehorsamster Diener 

Fr, Killinger, 

A. V. Humboldt an den Hofrat Strauch in Schleiz. 
Sr, Wohlgeboren 
dem Herrn Hofrat Strauch m Schleix, 

Bayreuth, den 15. Juni 1795 
Wohlgeborefier Herr, 
Hochgeehrtester Herr Hofrat, 
Es ist mir eine lebhafte Freude getvesen, xu sehen, dafs des 
Reg. Herrn Reichsgrafeu Excellenx soicohl, als Ew. Wohlgeborcfi 



- 145 — 

mir Ihre Zufriedenheit über die Sendung des Herrn Killinger 
bezeugt haben. Je wichtiger Ihr Bergbau mir xu sein scheint, 
desto behutsamer mufs man freilich auch in der Anlage einer 
Hütte sein. Ob ich gleich überzeugt bin^ dafs Herr Killinger 
ruich seinen gründlichen Oemisch-kenntnissen ll^7ien tmchiige 
Aufschlüsse über die Zugutniachung Ihrer Erxe geben tvird, so 
bin ich doch unparteiisch genug, selbst in Ihren Vorschlag, ein 
auswärtiges Hüttenamt xu befragen, einzugehen. Ich schlage 
Ihnen dazu das K, Pr. Oberbergamt zu Stolzenburg vor, welches 
Ihren Wunsch gern befriedigen unrd, und da ich das Olück habe, 
mit einigen Gliedern desselben, dem Herrn Oberbergrat Bückling, 
dem Herrn Bergrat und Oberbergmeister Gerhardt in Verbindung 
:xu stehen, so wird das Beilegen dieser Zeilen Ihnen zur Em- 
pfehlung dienen. Ich darf Ew, Wohlgeboren nicht eri.nnern, 
dem Kgl. Oberbergamt hauptsächlich E?'xsorten beixtilegen, nach 
deren Natur auf den Schmelxproxefs im Qesteiii geschlossen^ 
werden kann. 

Der Bericht des Fleischer selbst ist unter aller Kritik U7id 
macht mir selbst von seinen praktischen Ken7itnissen, zu denen 
doch immer Deutlichkeit und Klarheit der Ideen gehört, wenig 
Zutrauen, Er ist recht getreu aus Schlüters Hüttenbuch zu- 
sammengeschrieben und nirgends auf kleine Proben, auf die 
Quantität der Erze, auf die xu rechnen ist, auf ihre Schmelz- 
barkeit Rücksicht geglommen. Von darren Saigern und Garmachen 
finde ich gar nichts und das Saigern mufs doch in einem Ofen 
geschehen. Aber es gibt Menschen, die besser handeln als schreiben. 
Ich wünsche, dafs Herr Fleischer von dieser Art sei. Ohne Über- 
schläge aber geht man in Betrieben nirgends sicher. Ich Irin in 
diesen Taigen, da ich ebeii von der Generalbesehung der Wun- 
Siedler Revier zurückkomme, und tHr mit der Goldkronacher 
Amalgamation beschäftigt sind, so xers freut, dafs ich hier 
schliefsen mufs. 

Ich bitte Euer Wohlgebore?i, mich dem Herrn Grafen unter- 
tänig zu empfehlen und bin mit ausgezeichneter Hochachtung 

Eu£r Wohlgeboren 

gehorsamster 

Humboldt, 



Sitsungaberlehte der phya.-ined. Sos. 89 (1907). 10 



— 146 — 

Bergmeister Killinger in Goldkronach an Hofrat Stranch 
in Schleiz. 

Ooldkronach, den 25, Juni 1795 

Wohlgeborener Herr, 

Insonders hochxuehrender Herr Hofrat und Bergdirektor, 

Ew. Wohlgeboren drücken sich voUkomme7i passend aus, 
wenn dieselben sagen, dafs sieh bei der xuriickfolge?iden Arbeit 
von Flfeischer] nichts besseres erwarten läfst. Indessen zweifle 
ebensosehr, denn sonst würde er in seiner ohnedies möglictist 
schlechten Arbeit doch das Saigern der Kupfererze und das Ab- 
treibest nicht gänzlich übergangen haben : auch ist mir unbegreif- 
lich, ude dieser Mann die Bearbeitung getvisser Erze bestimmen 
ivill, deren Oehalt er noch nicht einmal kennt und als Hütten- 
•mann nicht einfnal selbst probieren kann. So lange Hot Fl^scker 
dem künftigen Betrieb der Hütte vorstehen soll, erscheinen mir 
alle Anmerkungen überflüssig, weil — soviel ich für mich über- 
zeugt bin — er solchen nicht versteht, und nie Kupfererze hat 
schmelzen sehen, am wenigsten selbst geschmolzen hat, daher auch 
die Anmerhmgen nicht verstehen kann. Ich fürchte daher sehr, 
dafs selbst der Bergbau — des guten Ausfalls der Proben ohn- 
geachtet — unter einem schlechten Hüttenbetrieb leiden möchte. 
Mein Rat wäre der, dafs Euer Wohlgeboren suchten einen Kupfer- 
und Silberhüttenmann, vielleicht aus Preusischen Landen zu 
bekommen, deren es auf verschiedenen Hütten doch immer ge- 
schickte mitunter gibt, die gerne weiter zu komfnen wünschen. 
Bevor die Hütte vollendet wird, scheint es mir doch wohl not- 
wendiger zu sein, zuvor das Pochwerk zu bauen, oder hat Herr 
Fleischer vielleicht gar Lu^st, die Erze, toie sie aus der Erde 
kommen und ohne alle Aufbereitung zu verschmelzen? 

Mein Berieht über die Schleifer Revier ist vollendet U9id 
werde ihn ehester Tage an Herrn Oberbergrat v, Humboldt schicken. 
Meine zeitherige Reise mit Herrn v, Hfumboldi], dessen baldiger 
Weggang von hier, die neu anzufertigenden Rechnungen und 
Betriebspläne und dergl, Veränderungen waren Ursache, dafs ich 
mein Gutachten nicht ehender als jetxt vollenden konnte, weshalh 
ich recht sehr um Verzeihung bitte. Beifolgender Bericht von 
Herrn v. HfumboldtJ wird auch dessen Outachten entlmUen, 
Hätte Fleischer zum we?iigsten nur Schlüters Hüttenwesen nach- 



— 147 — 

gelesen^ so würde er s-ich doch, ob er gleich alt ist, noch mancherlei 
Rats daraus erholt haben. Dem regierenden Herrn Orafen und 
Ihro Durchlaucht bitte gehorsamst, mich untertänigst xu empfehlen, 
ingleichen aveh dero Frau Gemahlin und werten Familie meine 
gehorsamste Empfehlung abzustatten, Denenselben aber habe die 
Ehre xu versichern, dafs ich mit besonderer Hochachtang verharre 
Euer Wohlgeboren ergebenster Diener 

Fr, Killinger. 

A. V. Humboldt an Hofrat Strauch in Scbleiz. 

Bayreuth, 20. Nov. 1795 

Die freundschaftliche Oeioogenheit, init der Ew. Wohlgeboren 
mir bereits mehrmals geschrieben, läfst mich hoffen, dafs Sie und 
des Herrn Orafen Excellenx es mir verzeihen^ wenn ich es wage, 
Urnen einen meiner Freunde, Herrn Freiesleben aus Freyberg 
xu etnp fehlen. 

Ich habe 7nit diesem erfahre?ien und gelehrten Bergmann 
eine Reise durch die Schweix gemacht und er wünscht auf seiner 
Heise nach dem Erzgebirge Ihre schänen Schleixer Gruben be- 
sehen xu dürfen. 

Ich bin stolz genug xu glauben, dafs meifie Fürsprache ihm 
bei Ihnen nütxlich und dafs Sie ihm gern Gelegenheit verschaffen 
werden, sich seinen Schleixer Aufenthalt nütxlich xu machen. 

Darf ich Sie um die Gewogenheit bitten, mich dem Herrn 
Reichsgrafen Excellenx untertänigst xu empfehlen und von den 
Gesinnungen der dankbarsten Hochachtung überxeugt xu sein, 
mit denen ich verharre 



Ew. Wohlgeboren 



gehorsamster 

Humboldt 
K, Pr. Oberbergrat, 



In dem jüngst erschienenen trefflichen Werk Hartungs 
„Hardenberg und die preußische Verwaltung in Ansbach-Bay- 
reuth von 1792—1806" finden sich Seite 236—238 weitere 
Angaben über die Verwaltung der Bergwerke in jenen Jahren, 
die ich bei späterer Gelegenheit vielleicht ergänzen kann. 



10^ 



Ursachen und Bekämpfung der Säuglings- 
sterblichkeit. 

Akademische Antrittsrede 
gehalten am 7. Dezember 1907. 

Von Friedrich Jamin. 

M. H.! Zweifach ist in unseren Tagen die Aufgabe des 
Arztes. Er soll, wie es immer war> dem einzelnen auf seinen 
Wunsch Rat und Hilfe bringen. Diese individuelle Seite der 
ärztlichen Tätigkeit überwiegt bei weitem, besonders in manchen 
spezialistischen Disziplinen mit ihren sieht- und greifbaren Er- 
folgen. Ihr steht gegenüber die generelle Pflicht des Arztes, 
dafür Sorge zu tragen und unablässig daran zu arbeiten, daß die 
Fortschritte wissenschaftlicher Forschung der Gesamtbevölke- 
rung — ob sie es wünscht oder nicht — in der Gesundheits- 
pflege und in der Krankenfürsorge zu gute kommen. Doch 
bieten sich da dem ärztlichen Wirken nicht selten große 
Schwierigkeiten und unüberwindlich scheinende Hindernisse. 
Vielfach gilt es, alteingewurzelte Vorurteile in allen Schichten 
der Bevölkerung zu überwinden und Meinungen entgegenzu- 
treten, die um so energischer verfochten werden, als sie sich 
auf frühere ärztliche Irrtümer stützen können. Und doch 
stammen diese aus einer längst überwundenen Periode, in der 
in der Medizin auf Spekulationen begründete Vermutungen 
noch gleichbedeutend gelten durften mit den Ergebnissen einer 
nüchternen und kritischen Naturbeobachtung. Dank des all- 
seitigen Fortbildungseifers und der stetig sich vergrößernden 
Aussaat akademischer und praktischer Belehrung brauchen wir 
freilich nicht mehr wie der Jenenser Professor Baidinger am 
Ausgang des 18. Jahrhunderts zu klagen, daß es „zum Erstaunen 
noch eine Menge solcher Ärzte** gebe, wie sie um 200 Jahre 



— U9 — 

froher waren. Sorgt doch schon die Tagespresse dafür, daß 
jeder bemerkenswerte Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis 
und technischer Fertigkeit in der Medizin auch der Laienwelt 
rasch — oft nur zu früh — bekannt wird. Aber mit der 
wachsenden Zahl der Arbeiter und mit der Verbesserung der 
Forschungsmethoden, der immer innigeren Verknüpfung nicht 
rastender Kräfte in allen wissenschaftlich hochstrebenden Ländern 
ist das Tempo der Entwicklung ein schnelleres und damit der 
Wechsel der Meinungen häufiger geworden. So mag es be- 
rechtigt erscheinen, wenn der ärztliche Praktiker und mit ihm 
der verständige feinfühlige Laie, die nicht in der Lage sind, 
selbst mit prüfender Hand jedem Fortschritt nachzutasten, mit 
einem gewissen Mißtrauen den Neuerungen gegenüber stehen 
und auf die Erhaltung dessen bedacht sind, was ihnen als 
sicherer Erfahrungsschatz dünkt. Wohl ist solches Verhalten 
besser als ein kritikloses Vorwärtsstürmen; doch dürfen wir 
nicht vergessen, daß recht häufig die eingesessenen Anschauungen 
vor den sogen, modemen wirklich nichts mehr voraus haben, 
als ihr ehrwürdiges Alter. 

Und es gibt für die öffentliche Gesundheitspfiege und für 
die Krankenfürsorge Epochen, in denen auf der einen Seite die 
Not eine unerträgliche Höhe erreicht, auf der anderen Seite 
die Forschung so klar uns die Wege zur Abhilfe gewiesen und 
die Hilfsmittel dazu so blank und brauchbar bereit gestellt hat, 
daß Kritik und Zurückhaltung nur mehr Hemmung und Auf- 
enthalt bedeuten, und daß es Zeit wird, mit allen Kräften die 
praktische Arbeit aufzunehmen, ein jeder an seinem Posten, 
die Gebildeten ohne Ausnahme, die Ärzte voran! 

Solche Arbeit hat ungeahnte Erfolge gebracht in der Wund- 
behandlung, in der Bekämpfung der übertragbaren Krankheiten, 
in der zielbewußten Verwertung der natürlichen Heilkräfte des 
menschlichen Organismus. Einen erfreulichen Beweis für diese 
Erfolge dürfen wir im Deutschen Reiche in dem wesentlichen 
Rückgang der Sterbeziffer seit den 70 er Jahren erblicken. 
Sie werden größer und schöner noch werden, je weitere Kreise 
der Bevölkerung sich zur Mitarbeit und für die notwendigen 
Maßnahmen der Krankheitsverhütnng werden gewinnen lassen. 
Auf ein ähnliches Feld voraussichtlich fruchtbarer Betätigung 
wissenschaftlicher Überzeugung will ich Sie heute führen, das 



- 150 — 

sich eröffnet in den beklagenswerten Zuständen der Gesundheits- 
pflege der kleinen Kinder, in der Bekämpfung der enorm hohen 
Säuglingssterblichkeit ! 

Wenn ich Sie bei dieser Gelegenheit dazu aufrufen will, 
vereint mit den in unserem Vaterland gerade in den letzten 
Jahren wach gewordenen Bestrebungen auf diesem Gebiet an 
die Erwägung zweckentsprechender Maßnahmen heranzutreten, so 
wird es zunächst meine Aufgabe sein, den Schaden zu beleuchten, 
den es zu beseitigen gilt. Weitaus die beste Belehrung freilich 
gibt ein Einblick in die Verhältnisse der Säuglingspflege in den 
unbemittelten Bevölkerungsschichten und ein Vergleich dessen, 
was wirklich für die hilfsbedürftigen Kleinsten geschieht, mit 
dem, was nur nach allgemein hygienischen Grundsätzen für sie 
geschehen sollte. Richtige Vergleiche wird aber auch da nur 
der anstellen können, der mit den Bedürfnissen der Säuglinge 
mehr als nur durch Familientradition vertraut ist. Demjenigen 
aber, dem die Gewinnung persönlicher Erfahrung auf diesem 
Gebiet versagt bleibt, wird trotz aller Bedenken gegen die 
Beweiskraft der Zahlen das statistische Material zu denken 
geben, das wir den Erhebungen unserer Sanitätsbehörden, be- 
sonders des kais. Keichsgesundheitsamtes, und zahlreichen mühe- 
vollen Einzelforschungen verdanken. 

Daraus ersehen wir, daß bis in die letzten Jahre fast regel- 
mäßig im Deutschen Reich von 100 lebendgeborenen Kindeiii 
schon im ersten Lebensjahr wieder rund 20, also ein Fünftel 
gestorben ist. Mehr als ein Drittel aller Sterbefälle überhaupt 
betrifft Kinder unter einem Jahre. 

Daß es aber keineswegs etwa so sein muß, lehrt ein Ver- 
gleich mit anderen Ländern, in denen die sozialen und Rassen- 
verhältnisse kaum besser sind als bei uns, wohl aber erfahrungs- 
gemäß die Sänglingspflege rationeller und vorsichtiger gehand- 
habt wird. So finden wir in Frankreich eine Säuglingsmortalität 
von 16®/o, in England 14*^/^, in Schweden 10^ Iq der Lebend- 
geborenen, in Irland und Norwegen noch geringere Zahlen, und 
nur Rußland mit 29®/o und Österreich mit 25*^/o haben den 
traurigen Vorrang vor Deutschland. 

Ganz besonders ungünstige Verhältnisse zeigen sich aber, 
wenn wir die Säuglingssterblichkeit in unserer engeren Heimat, 
in bayerischen Landen betrachten. Bayern steht schon mit der 



- 151 — 

darchschnittlichen Kindersterblichkeit von 26—28 *^/o neben Sachsen 
auch in den letzten Jahren noch an der Spitze der deutschen 
Bundesstaaten. Aus einzelnen Gebieten Ober- und Niederbayerns 
wird von über 40 ®/o Mortalität im ersten Lebensjahr und damit 
von der größten bisher überhaupt bekannt gewordenen Säug- 
lingsmortalität berichtet. Dort geht also bei einer keineswegs 
den Durchschnitt überragenden Geburtenzahl fast die Hälfte 
der Kinder in den ersten Lebensmonaten wieder zugrunde. 
Nur eine minimale Besserung ist darin während der allerletzten 
Jahre eingetreten. 

Am günstigsten stehen die Sterblichkeitsziffern mit etwas 
unter 20^0 noch in der Pfalz, in Oberfranken und ünterfranken ; 
in Mittelfranken haben wir auch in den letzten Jahren noch 
rund ein Viertel der Lebendgeborenen im Säuglingsalter verloren. 
Was im besonderen die Stadt Erlangen betrifft, so ist hier die 
Beurteilung der Säuglingssterblichkeit in ihrer wahren Bedeutung 
für die Stadtbewohner erschwert durch die verhältnismäßig große 
Zahl von Geburten ortsfremder Kinder in der Entbindungsanstalt 
der hiesigen Frauenklinik, die ca. ein Drittel der Geburten in 
Briangen ausmacht. Berücksichtigt man bei der Berechnung 
nm* die Gesamtzahl der Geburten, so ergibt sich für die Stadt 
Erlangen, ganz abweichend von den übrigen mittelfränkischen 
Orten, ein auffällig günstiger Prozentsatz der frühen Sterbefälle 
mit 12 — lö^/o- Zieht man aber die Zahl jener Kinder ab, die 
bald nach der Geburt die Stadt wieder verlassen . so zeigt sich, 
daß auch in Erlangen immerhin noch etwa ein Fünftel der 
Kinder der Säuglingsmortalität verfällt. 

Ganz abgesehen davon, daß wir keinen Grund haben, für 
die Bezirke höchster Säuglingssterblichkeit eine Minderwertig- 
keit der Rasse anzunehmen, geht aus weiteren statistischen 
Nachweisen klar hervor, daß äußere Umstände viel mehr als 
innere Veranlagung der Kinder die hohe Mortalität in der ersten 
Lebenszeit herbeiführen: so sind bekannt die Steigerung der 
Kindersterblichkeit in den Sommermonaten und die sehr viel 
höheren Sterbeziffern der unehelichen Kinder und der Kinder 
der Armen. Ferner ist es beachtenswert, daß gerade in den 
am schwersten betroffenen Ämtern bei der Pflege gesunder und 
selbst kranker Kinder fast durchwegs auf ärztlichen Beirat 
verzichtet wird. Größer als auf dem' Lande ist in den Groß- 



— 152 - 

Städten die Zahl der frflh zugrunde gehenden Kinder, wenn 
auch dank der zuerst in den größten Gemeinden einsetzenden öffent- 
lichen Fürsorge noch am deutlichsten in dieser Differenz allmählich 
eine Verschiebung zugunsten der Großstädte zu beobachten ist. 
Größte Bedeutung kommt den Ergebnissen der dankenswerten 
Untersuchungen Boeckhs und Westergaards zu, die an der 
Hand der Berliner Statistik die — fast möchte man sagen selbst- 
verständlicherweise — sehr erheblich geringere Sterblichkeit 
der Brustkinder im Vergleich zu den künstlich ernährten Kindern 
nachweisen konnten. 

Würdigt man so die Statistik der Säuglingsmortalität, so 
könnte man fragen, ob denn nun wirklich diese hohe Sterblich- 
keit eine nationale und soziale Gefahr bedeutet! Wissen wir 
doch, daß bei uns in Deutschland im Gegensatz zu der ungünstigen 
Lage Frankreichs der Geburtenüberschuß über die Zahl der 
Verstorbenen mit über l^o d^r Bevölkerung dennoch ein sehr 
erfreulicher, auch trotz einer geringen Abnahme der Geburten- 
zahl und dank der Verminderung der Gesamtsterbeziffer in den 
letzten Jahren immer noch ansteigender ist? Müssen wir wirk- 
lich die Dezimierung der schwächlichen Säuglinge so lebhaft 
bedauern und sie einzudämmen suchen, wenn wir sehen, daß die 
Bevölkerungszahl stetig wächst? Es ist für den Arzt nicht 
schwer, darauf die richtige Antwort zu finden! Wo Menschen- 
leben bedroht sind, da ist es unsere Pflicht, helfend und'schützend 
einzugreifen, selbst dann, wenn wir nicht voraussagen können, 
ob das gerettete Leben für die Gesellschaft noch nützlich werden 
kann. Haben wir aber schon kein Recht, selbst in scheinbar 
verzweifelten Fällen nach der Brauchbarkeit der bedrohten 
Menschen zu fragen, wie viel weniger steht uns das zu, wenn 
wir, wie es bei den kleinen Kindern tatsächlich der Fall ist, 
gar nicht ahnen können, was aus den Verlorenen noch werden 
könnte; wenn wir schon aus der Massenzahl der Opfer schließen 
können, daß darunter mit den Schwächlingen auch die Kräftigen 
und Besten fallen müssen. 

Und weiter — wir wollen ja nicht nur die Mortalität be- 
kämpfen! Die Mängel und Fehler sollen aufgedeckt und beseitigt 
werden, die eine derartige Mortalität unter einer gesunden 
Bevölkerung ermöglichen können, die außer den Todesopfern 
wohl noch viel mehr Opfer an Gesundheit und Widerstands- 



- 153 - 

fähigkeit unter den Überlebenden fordern. Dazu gehören alle 
die Torheiten und Fehlgriffe, mit denen die Matter geplagt und 
die kleinen Kinder gequält werden, alle die Umstände, die bei 
den Überlebenden so häaüg Anlaß und Grundlage werden fOr 
jahrelanges Siechtum, ffir Krankheitsnot und Krttppelelend. All 
das sind Faktoren, für die wir in Ermangelung einer genaueren 
Krankheitsstatistik kaum einen schärferen Maßstab haben als 
eben die Säuglingsmortalität. 

Mit dem, was wir zur Bekämpfung der Säuglingssterblich- 
keit tun, wird neben der Rettung vieler unschuldiger Opfer 
unzweckmäßiger Kinderpflege gleichzeitig überhaupt erst die 
Anregung gegeben zu einer vemänftigen Gesundheitspflege der 
kleinen Kinder. Das kann man auch auf einen weiteren Ein- 
wand entgegnen, der wie der erwähnte vielleicht nicht oft laut 
ausgesprochen, aber wohl öfters im Stillen von denen erwogen 
wird, die gern bei derartigen Bestrebungen beiseite bleiben 
wollen: das ist die Meinung, daß die hohe Kindersterblichkeit 
nur eine zweckmäßige Auslese im Kampfe ums Dasein darstelle, 
mit dem Endzweck, ein um so kräftigeres und widerstandsfähigeres 
Geschlecht der Erwachsenen heranzuziehen. 

Mit Recht ist Gruber unter anderen aufs schärfste dieser 
verkehrten Anwendung darwinistischer Theorien entgegenge- 
treten, die uns glauben machen will, daß die kräftigen und 
widerstandsfähigen Kinder mangelhafter Pflege, verfehlter Er- 
nährung und den durch Ansteckung drohenden Gefahren trotzen, 
während die schwächeren dabei zugrunde gehen. So sollte eine 
Auswahl der Tüchtigsten zur Fortpflanzung, ein Schutz der Rasse 
vor Entartung gewährleistet werden. 

Könnte die Säuglingssterblichkeit wirklich in diesem Sinne 
anter den kleinen Kindern eine Auslese treffen, dann mttßte 
man erwarten, daß die Sterblichkeit in den späteren Kinder- 
jahren und im reiferen Alter in jenen Gegenden und in jenen 
Bevölkerungsschichten eine merklich geringere wäre, wo sich 
der Tod unter den Säuglingen schon die meisten Opfer geholt 
hat. Das ist aber keineswegs der Fall. Gerade in den durch 
hohe Säuglingssterblichkeit berüchtigten Gegenden, wie in 
manchen Bezii^ken des rechtsrheinischen Bayerns ist auch die 
Sterblichkeit des arbeitsfähigen Mannesalters eine besonders 
hohe. Die Minderbemittelten stellen ebensogut zur Säuglings- 



- 154 — 

inortalität wie zur Sterblichkeit der Kindheit und der späteren 
Altersperioden das größte Kontingent. Die Großstädte verlieren 
nicht nnr im ersten Lebensjahr, sondein auch im reifen Alter 
verhältnismäßig die meisten Bewohner. Ermessen wir endlich 
die Volksgesnndheit an dem Maß der Militärdiensttauglichkeit, 
so können wir immer wieder den Nachweis führen, daß die 
Landbezirke mit verhältnismäßig geringer Kindersterblichkeit 
eine größere Zahl zum Heeresdienst tauglicher Rekruten zu 
stellen vermögen als die Oroßstäde. Um nur ein Beispiel an- 
zufahren, sei erwähnt, daß gerade in der bayerischen Rheinpfalz 
mit der kleinsten Säuglingsmortalität in Bayern auch stets die 
kleinste Zahl der zum Militärdienst Untauglichen zu finden ist. 
Nicht nur bei uns, auch in außerdeutschen Ländern bestätigt 
sichs, daß fast immer gerade im Gegensatz zu den Erwartungen 
der an geführten Theorien günstige Sterblichkeitsziffern der höheren 
Altersklassen mit relativ geringer Kindersterblichkeit einher- 
gehen. Es werden also bei guter Säuglingsfürsorge nicht mehr 
Schwächlinge erhalten als bei schlechter, wohl aber werden 
lebenskräftige Kinder durch die mangelhafte Fürsorge unnütz 
hinweggerafft, und diejenigen, die alle die Schädlichkeiten der 
ersten Lebensperioden tiberwunden haben, werden für ihr 
späteres Dasein noch nachteilg beeinflußt. Wenn man auch 
noch berücksichtigt, daß die in den heißen Monaten geborenen 
Kinder mit viel größerem Prozentsatz sich an der Mortalität 
beteiligen als die in den kalten Jahreszeiten geborenen, so 
kann man doch nicht mehr annehmen, daß die Unterliegenden 
entartet seien oder aus entarteten Familien stammen. Das 
gleiche gilt für die Unterschiede zwischen den Brustkindern 
und den künstlich ernährten Säuglingen, zumal sich die von 
Bunge vertretene Lehrmeinung von dem Rückgang der Still- 
fähigkeit durch Entartung, wie wir später sehen werden, nicht 
mehr aufrecht erhalten läßt. 

Nicht nur die Sterblichkeit infolge schlechter Verpflegung 
und ungünstiger Ernährungsverhältnisse hängt größtenteils von 
äußeren Umständen und nicht von der angeborenen Widerstands- 
fähigkeit ab, auch die Sterblichkeit an Infektionskrankheiten 
untersteht äußeren Zufälligkeiten der Möglichkeit und Art der 
Ansteckung, der hygienischen Verhältnisse und wiederum der 
Ernährungsweise. Dabei sind aber die für die späteren Lebens- 



— 155 — 

Zeiten gefährlichsten Infektionskrankheiten für die jQngsten 
Kinder nur von verhältnismäßig geringer Bedeutung: Mehr als 
ein Drittel aller Säuglinge stirbt an Magen- und Darmkrankheiten, 
nur ca. 2^^ ^^ entzündlichen Krankheiten der Atmungsorgane, 
darunter auch Diphtherie und Krupp (37oo)- 

Man darf demnach als sicher behaupten, daß die hohe Säug- 
lingsmortalität uns nicht von nützlicher und artfördernder Aus- 
lese spricht. Sie ist vor allem anderen der Ausdruck einer 
mit allem Nachdruck zu bekämpfenden Nachlässigkeit in der 
Pflege und Ernährung der Neugeborenen und Säuglinge. 

Wer da Wandel und Besserung schaffen will, wird nach 
den Ursachen fragen müssen, die es bedingen, daß das Kind 
im ersten Lebensjahr ganz besonders schwer unter ungünstigen 
hygienischen Verhältnissen zu leiden hat. Im allgemeinen be- 
kannt, werden sie doch vielfach nicht nur in schlecht unter- 
richteten Kreisen praktisch zum mindesten nicht in ihrer vollen 
Bedeutung gewürdigt. Jeder sieht, daß ein Säugling ein hilf- 
loses, auf die mütterliche Fürsorge verwiesenes Wesen ist, aber 
nicht jeder beachtet es, daß die kleinen Kinder monatelang 
nach ihrem Eintritt ins Leben auch gegen scheinbar harmlose 
oder geringfügige Einwirkungen der umgebenden Welt in viel 
geringerem Grade widerstandsfähig sind als die Erwachsenen. 
Diese schützt vor der Mehrzahl der Beschädigungen die erstaun- 
liche Resistenz der Körperbedeckung, der Haut. Gerade die 
Haut ist aber beim Säugling so zart und leicht verletzlich, daß 
sie durch die geringsten traumatischen Einflüsse, wie durch den 
Druck der Kleidung, schwer beschädigt werden kann und auch 
chemischen Einwirkungen, der Mazeration durch die Körper- 
sekrete, der Benachteiligung durch eingreifende Reinigungsmittel, 
Puder und Salben leicht unterliegt. Viel mehr auch als beim 
Erwachsenen ist die Haut des Säuglings dem Eindringen von 
Krankheitskeimen zugänglich, wie die betrübenden Erfahrungen 
mit dem äußerst ansteckenden Pemphigus der Säuglinge, mit 
der hartnäckigen Furunkulose eindringlich lehren. So kommt 
es, daß es schon einer ganz besonders sorgsamen Pflege 
bedarf, wenn das Kind in den ersten Monaten ganz frei 
von Hautkrankheiten bleiben soll. Diese sind um so folgen- 
schwerer, als die Haut des kleinen Kindes mit seiner im 
Vergleich zum Erwachsenen 2— 3mal größeren Körperober- 



— 156 — 

fläche wichtige Funktionen im Energiehanshalt des Organismus 
zu leisten hat. 

Wohl noch bedeutungsvoller ist beim Säugling die geringe 
Widerstandsfähigkeit der Schleimhäute, besonders der At- 
mungs- und Verdauungsorgane^ die viel leichter als beim Erwach- 
senen zur Eingangspforte für Erankheitsstoffe werden. Rechnet man 
dazu, daß der Säugling, sobald er der Teilnahme an den Schutz- 
stoffen des mütterlichen Blutes entbehren muß, auch nur in 
verhältnismäßig sehr geringem Grade die Fähigkeit besitzt, aus 
Eigenem Schutzstoffe gegen die von Krankheitserregern erzengten 
Gifte und gegen die Infektionskeime selbst zu bilden, so wird es 
begreiflich, daß das Kind in den ersten Lebensmonaten als ein 
besonders günstiger Nährboden für pathogene Keime jeder Art 
durch jede Infektion im höchsten Grade gefährdet ist. Nnr zu 
häufig schließt sich der Infektion der Nabelwunde oder an der 
Haut und den Schleimhäuten ohne die beim Erwachsenen and 
beim älteren Kinde gewohnten Zwischenstufen der Lymphgang- 
und Lymphdrüsenentzündung die verderbliche allgemein septische 
Erkrankung an. 

Diese Minderwertigkeit wird nun oft noch gesteigert durch 
Störungen in der Ernährung. Ganz allgemein gesprochen ge- 
staltet sich die Ernährung in den frühesten Lebensstadien des- 
halb besonders schwierig und ist so häufig der Anlaß zu 
Störungen und Krankheit, weil im Verhältnis zum Erwachsenen 
und zum heranwachsenden Kinde beim Säugling viel höhere 
Ansprüche an die Ernährung einer viel geringeren Anpassungs- 
fähigkeit an die verschiedenen zur Verfügung stehenden Nähr- 
stoffe, einer schwächeren Verdauungsarbeit gegenüber stehen. 

Die früher vielfach vertretene Meinung, daß das verhältnis- 
mäßig große Nahrungsbedürfnis der kleinen Kinder durch das 
rasche Wachstum in den ersten Monaten bedingt sei, läßt sich nach 
den vielseitigen und zielbewußten Untersuchungen Camerers, 
Rubners und Heubners nicht mehr ganz halten. Sie haben 
uns gelehrt, das Nahrungsbedürfnis des Säuglings nicht nur 
nach der chemiscli-physiologischen Seite, sondern in Berück- 
sichtigung des Kraftwechsels des Kindes zu betrachten. Die 
Bestimmung des Verbrennungswertes der Zufuhr und Ausfuhr, 
die Verwendung des Energiequotienten Heubners, d. h. des 
Kalorienbedarfs pro Kilo Körpergewicht, hat nicht nur theore- 



- 157 — 

tisch interessante Aufklärung in die Beobachtung gesunder und 
kranker Kinder gebracht, sondern auch praktisch brauchbare 
Anhaltspunkte für die Säuglingsernährung geboten. Bei Unter- 
suchungen an Kindern in der 10. Lebenswoche fanden nun 
Heubner und Rubner, daß das Kind zwar pro Kilo Körper- 
gewicht einen dreimal höheren Kalorienbedarf hat als ein Er- 
wachsener, daß aber nur etwa 9^0 d^i' zugeftthrten Energie in 
Form des Anwuchses im kindlichen Körper zurückbleiben. Drängt 
sich angesichts solcher Beobachtungen die Annahme auf, daß 
die üi'sache des relativ großen Nahrungsbedarfs in Besonder- 
heiten des kindlichen Körpers zu suchen ist und nicht nur im 
Zuwachs, so findet sich dafür auch eine Erklärung, wenn man 
berücksichtigt, daß die in annähernd gleichem Verhältnis größere 
Hautoberfläche des Kindes durch die größere Wärmeabgabe auch 
den größeren Energieverbrauch bedingt. Auch konnte Bubuer 
im exakten Vei*$:uch bei Hunden tatsächlich nachweisen, daß 
die Kohlensäureausscheidung verschiedener Tiere gleich groß 
war, berechnet auf die Einheit der Körperoberfläche, sehr ungleich 
dagegen bei Berechnung auf die Körpergewichtseinheit, mit anderen 
Worten, daß die relative Größe des Nahrungsbedarfs abhängig 
ist von der relativen Größe der Körperoberfläche. 

Im Verhältnis zu dem durch die relativ große KöiT)erober- 
fläche gesteigerten Energie- und Nahrungsbedarf und zu den 
durch den Zuwachs bedingten Erfordernissen machen sich beim 
gesunden Kinde die durch Verdauungsarbeit und Muskeltätig- 
keit gestellten Anforderungen nur wenig geltend. In den späteren 
Wochen, in denen das Kind beweglicher wird, treten sie um 
ein Gei-inges mehr hervor als in der ersten Lebenswoche, in 
der die in dieser Hinsicht vom Kinde geleistete Arbeit noch 
eine minimale ist. Sehr viel mehr und in einer für die Beur- 
teilung des Kostmaßes sehr erschwerenden Weise machen sich 
die Faktoren der Darmtätigkeit und der Muskelunrnhe aber 
geltend, wenn die Säuglinge infolge von unvorteilhafter Er- 
nährung, Überlastung des Darms und Krankheitszuständen un- 
ruhiger werden und viel schreien und so auf anderem Wege 
zu einem größeren Stoffverbrauch und stärkerer Wasserverarmung 
kommen. 

Die verschiedenartigen vom Verhalten des Erwachsenen 
abweichenden Ansprüche des Säuglings an die Ernährung in 



- 158 - 

bezug aaf Erhaltung des Körperbestands, Zuwachs und Energie- 
verbrauch im Wärmehaushalt bedingen auch ein besonders ab- 
gestimmtes Ausmaß der Nährstoffe, je nachdem sie, wie Eiweiß 
und Mineralstoffe^ mehr dem Aufbau des Körpers oder als 
Energiespender und Ersatzstoffe, wie Fette, Kohlehydrate und 
Wasser, zu dienen haben. Entsprechend ist pro Kilo Körper- 
gewicht der Eiweißbedarf des Säuglings nur recht wenig höher 
als der des Erwachsenen, während der Bedarf an Fett den 
fünffachen, an Wasser den vierfachen, an Kohlehydraten den 
doppelten Betrag der für den Erwachsenen gefundenen Weite 
einnimmt. 

Bei all diesen großen Ansprächen ist die Leistungsfähigkeit 
des Säuglings in der Vorbereitung der Nahrung im Verdauungs- 
trakt; in deren Verarbeiten, Aufsaugen und Umbilden nur eine 
recht beschränkte, wenn auch frühzeitig der Darmkanal sogar 
in besonderer Länge mit allen zugehörigen Drüsenfunktionen 
ausgebildet ist. Das geht aus allen Beobachtungen an Säug- 
lingen hervor, daß auch ein nur geringes Abgehen von der 
natürlichen Zusammensetzung und Beschaffenheit der Nahrung 
allzuleicht und fast sicher zu schweren und nachhaltigen 
Schädigungen der Gesundheit führt. 

Demnach wird sich die Säuglingsfürsorge vor allem nach 
zwei Richtungen hin zu betätigen haben : im Schutze der Kinder 
vor Infektionen und in der Beschaffung einer der Schwäche und 
den großen Bedürfnissen des Säuglings angepaßten Ernähinng. 

Die Behütung vor Ansteckung wird, abgesehen von den 
im folgenden zu erwähnenden Infektionen des Verdauungskanals, 
am besten wahrgenommen durch eine nach den Regeln der 
Asepsis geleitete Säuglingspflege, wie sie in modernen Säuglings- 
anstalten gehandhabt wird und erlernt werden kann. Man geht 
kaum zu weit, wenn man verlangt, daß der Körper des Säug- 
lings und besonders des Neugeborenen ebenso als ein Noli me 
längere betrachtet werden soll wie vom Chirurgen eine frische 
Wunde oder eine offene Körperhöhle. Wenn auch nicht immer 
die Infektionsmöglichkeit eine so große ist wie in den Findel- 
häusern mit ihrer Ansammlung gesunder und kranker Kinder, 
die in der vorantiseptischen Zeit ähnlich große Opfer an septischen 
Erkrankungen forderten wie die Entbindungsanstalten, so bleiben 
doch die meisten Erwachsenen mit ihren Händen und mit der 



— 159 — 

Flora ihrer Mund- and Nasenrachenschleimhaut für den Säug- 
ling Erankbeitsträger. Natürlich gilt das ganz besonders in 
Zeiten epidemischer Krankheiten; die Erfahrungen von der jttngst 
vergangenen Oenickstarreepidemie geben dafür erschreckende 
Beispiele. 

Darum ist die größte Reinlichkeit und die größte Zurück- 
haltung mit Zärtlichkeiten für alle geboten, die mit den kleinen 
Kindern in Berührung kommen müssen, während die übrigen 
den Körper des kleinen Kindes als ein unantastbares Heiligtum 
zu betrachten haben. Fernhaltung der Infektionserreger ist viel 
wichtiger als die Reinigung etwa der Mundhöhle des Säuglings, 
die mit Recht jetzt wegen der Gefahr einer Schleimhautver- 
letzung und dadurch hervorgerufener hartnäckiger Mundkrank- 
heiten verpönt wird. Aus gleichen Gründen ist es widersinnig, 
das Kind an den Gebrauch des sogen. Schnullei*s zu ge- 
wöhnen. Er kann auch bei sorgfältigster Behandlung unmög- 
lich aseptisch, d. h. keimfrei gehalten werden und hat zudem 
noch den Nachteil, daß er die für die Saugarbeit so notwendige 
Muskulatur des Kindes unnütz und zur Unzeit ermüdet. 

Für die Ernährung des Säuglings aber gibt es kein 
Mittel, das allen Ansprüchen an Keimfreiheit, an chemische 
Znsammensetzung und biologische Eigenschaften, an Qualität 
und Quantität so vollkommen entspricht als die Muttermilch. 
Sie fahrt dem Säugling zu, was er zu seiner Erhaltung, zu 
gedeihlichem Wachstum und für seine Arbeit und innere Er- 
wärmung braucht, ohne ihn unnötig mit Verdauungsarbeit zu 
tiberlasten. Sie gibt ihm Wasser und Nährstoffe im richtigen 
Verhältnis, ohne die Gefahr einer Infektion des empfindlichen 
Verdauungskanal zu bergen, wenn man von ganz seltenen und 
nur vom Arzte erkennbaren Ausnahmefällen absieht. Nach 
neueren Untersuchungen leistet sie aber noch mehr: Mit der 
Muttermilch wird dem Kinde eine artgleiche, lebende Flüssig- 
keit, ein weißes Blut einverleibt, deren Nährstoffe seinen Zellen 
nur physiologische Reize bieten und darum leichter verarbeitet 
werden. Zudem bringt sie eine Reihe von fermentativen Eigen- 
schaften mit, die bei der Verdauungsarbeit helfen können, und 
tiberliefert dem Kinde spezifische Schutzstoffe gegen Infektionen 
ans dem Bestand der Mutter, und damit wird sie zu einem 
rechten Schutz- und Heilmittel. 



- 160 - 

Aach quantitativ trifft die Ernährung an der Mutterbrust 
meist gerade das richtige. Das liegt an den merkwürdigen 
Wechselbeziehungen zwischen Brustdrttsenfunktion und Nahrungs- 
bedttrfnis des Kindes. Sie sind von größter Bedeutung für die 
Überwachung und insbesondere die Erhaltung des Stillgeschäftes 
während der Zeit, in der ein Säugling dessen bedarf, also 
mindestens während des ersten Halbjahrs seines Lebens. Die 
Milch ist das Produkt einer Drtis^ensekretion. Noch haben wir 
nicht genügend die Einflüsse kennen gelernt, die in eigenartiger 
Beziehung zu den Vorgängen in den Genitalorganen die Drüsen- 
zellen der Mutter zur Bereitung der an Eiweiß, Zucker und 
besonders Fett reichen Milch aus den Blut- und Lymphsäften 
des Körpers anregen. Doch wissen wir, daß die Erhaltung und 
Fortdauer dieser abscheidenden Tätigkeit abhängig ist von der 
Entfernung des Sekrets und von einem nervösen reflektorischen 
Vorgang, der durch die mit der Saugarbeit des Kindes an der 
Brustwarze gesetzten Reize ausgelöst wird. Sobald das Sekret 
der Brustdrüse gar nicht mehr oder zu wenig in Anspruch ge- 
nommen wird, verändert sich sofort die Milch. Es treten von 
neuem die anfangs reichlich vorhandenen Kolostrumkörperchen 
auf, bewegliche Zellen, die sich mit den Bestandteilen der Milch 
und den Fettröpfchen beladen und sie wieder in die Körper- 
säfte zurückleiten. Ist dieser Rückbildungsprozeß einmal im 
Gang, so dauert es auch nicht mehr lange bis zum völligen 
Versiegen der spezifischen Tätigkeit der Brustdrüsen. Dagegen 
wird diese angeregt durch das Saugen des Kindes; darum läßt 
nicht selten spontan, wenn das Kind an eine Brust angelegt 
wird, die andere Milch ausströmen. Könnte man das auch noch 
auf eine reflektorische Kontraktion der Muskulatur der Milcb- 
gänge und damit eine mehr mechanische Entleerung beziehen, 
so zeigen doch die mit den Ammen an den Säuglingsanstalten 
von Schloßman, Finkelstein u. a. gemachten Erfahrungen, 
daß die Saugarbeit, überhaupt die gesteigerte Inanspruchnahme 
die Milchproduktion fördert. Bei vielen Frauen läßt sich unter 
guten Ernährungsverhältnissen durch systematisch geregeltes 
Anlegen einer größeren Zahl von Kindern die Milchsekretion 
weit über das gewöhnliche Maß von etwas über 1 Liter bis zu 
über 4 Liter am Tag steigern. Auf gleiche Weise kann die 
Stillfähigkeit durch andauernde und ausgiebige Beanspruchung 



- 161 ^ 

fast beliebig lange weiter erhalten werden, wobei der Wieder* 
eintritt der Menstraation keineswegs eine Störung hervorruft, 
wie es bei neu eintretender Schwangerschaft häufiger der Fall 
ist. Die Gefahr einer Überernährung an der Brust ist fast nur 
bei Ammenernährung zu furchten, wenn die Förderung der 
Milchsekretion schon Aber die Bedürfnisse des Säuglings hinaus« 
gegangen ist und die Milch zu mühelos dem Kinde zuströmt. 
Bei der eigenen Mutter reguliert der Nahrangsbedarf des Kindes 
und damit dessen Saugen durch die direkte Beeinflußung der 
Milchsekretion auch die Menge der Nahrung. Dazu muß sich 
das kleine Kind aber selbst redlich bemühen, und so ist die 
Arbeit als heilsamer Regulator schon an den Anfang des Lebens 
gesetzt. 

Bedenken wir, daß die Muttermilch für den Säugling uner- 
setzlich ist, daß das Stillen die Kinder vor Nährschaden und 
vor Krankheit am besten schätzt, und ziehen wir in Betracht, 
daß man das alles schon lange weiß: so sollte man doch kaum 
glauben, daß es noch viele Mütter geben könnte, die aus Leicht- 
sinn, aus Eitelkeit in Sorge um die gute Figur oder um die 
Gelegenheit zu Vergnügungen ihren Kindern dieses Schutzmittel 
vorenthalten und sie den Schädlichkeiten künstlicher Ernährung 
preisgeben. Allerdings schaffen sie sich dadurch selbst die 
Ursache neuer Sorgen und Mühen und peinvoller Nächte. Es 
mag wohl solche Mütter geben und ihre Scheu vor dem Stillen 
mag auch begründet sein, wo man es auf Grund uralter irriger 
Meinungen noch für nötig hält, die stillende Mutter mit einer 
komplizierten und ihr wenig zusagenden Kostverordnung zu 
behelligen. Dazu gesellt sich die meist übliche, unnötige und 
für Brusttätigkeit wie Säugling unzweckmäßige Quälerei der 
häufigen, etwa alle 2 Stunden Tag und Nacht wiederholten 
Brustmahlzeiten. Belehrt man statt dessen die Mutter, daß sie 
sich bei etwas vermehrter Flüssigkeitszufuhr im übrigen ganz 
nach Geschmack und früherer Gewohnheit ausgiebig ernähren 
darf, und daß für das Gedeihen des Kindes 5—6 ordentliche 
Mahlzeiten in 24 Stunden mit langen Trinkpausen genügen, so 
wird die Mutter sich schon leichter entschließen, ihren Ver- 
pflichtungen gegen ihr Kind nachzukommen, und beide Teile 
werden dabei am besten aufblühen. 

Wir würden aber nicht das richtige treffen, wenn wir allein 

äitKUSKsbericbte der m<>d.-phyti. Soz. »9 (11*07). 1 1 



^ 162 -^ 

der Leichtfertigkeit der Mütter die Schuld an dem Bäckgang 
des Stillens und damit den größten Teil der Schuld an der hohen 
Säuglingsmortalität aufbürden wollten. Gerade hier in Erlangen 
haben wenigstens in den unbemittelten Bevölkemngsschichten 
die Mütter vielfach das ehrlichste Bestreben, ihre Kinder zu 
stillen; oft trotz der ungünstigsten äußeren Verhältnisse, trotz 
der durch den Arbeitszwang der Not gebotenen Einschränkung 
in der Rücksicht auf die Pflege des Kindes. Von den ca. 90^ j^ 
der Mütter, die hier gleich nach der Geburt das Kind stillen 
oder doch die löbliche Absicht dazu haben, halten aber nur 
sehr wenige länger als einige Tage, höchstens wenige Wochen 
bei dem Stillgeschäft aus. Die Schuld daran liegt am wenigsten 
in der Dürftigkeit; am meisten in der Unkenntnis der Mütter 
und vor allen Dingen in der verkehrten Beratung durch schlimme 
Bekannte, durch Hebammen und Kinderfrauen und leider auch 
unter Umständen der Ärzte. Als Gründe für das vorzeitige 
Absetzen der Kinder werden dann angegeben: Milchmangel, 
ungenügende Entwicklung der Brustwarzen, schlechte Beschaffen- 
heit der Milch, die zu dünn oder zu fett sei und vom Kind 
nicht vertragen werde^ Schwächlichkeit, Blutarmut, allerhand 
Schmerzen und Beschwerden bei den Müttern. Aber so gut 
wie niemals kann man finden, daß seitens der Berater alles 
oder nur etwas getan worden wäre, um die Stichhaltigkeit 
dieser Gründe zu prüfen, die Menge der Muttermilch durch 
Wägnng des Kindes vor und nach dem Trinken zu bestimmen, 
überhaupt die Entwicklung des Kindes durch Bestimmung des 
Gewichts nur zu kontrollieren — kurz alles daran zu setzen, 
daß die Muttermilch dem Kinde nicht ohne zwingende Not 
entzogen wird. Das erfordert Ausdauer und Geduld auf allen 
Seiten: die Mutter soll auch in den ersten Tagen, wenn alles 
noch im Werden ist und gelernt werden muß, trotz ihres Schwäche- 
zustandes ausharren, sollte auch das Kind nicht gleich die er- 
sehnte Zunahme zeigen. Der Säugling muß lernen, das Seine 
sich zu verschaffen. In der Saugarbeit soll er durch günstige 
Haltung und jedes mögliche Entgegenkommen unterstützt werden, 
aber nicht auf das erste Geschrei in seiner Bequemlichkeit, die 
er, wenn er erst einmal die Behaglichkeit der häufigen Mahl- 
zeiten und die Mühelosigkeit des Trinkens aus der Flasche 
gekostet hat, so leichten Kaufs nicht wieder auffeibt Das Pflege- 



^ im - 

und Wartpersonal endlich soll bedenken, wie rascli das kostbare 
6nt der mfitterlichen Brust verloren geht, wenn es niclit von 
Anfang an nachhaltig und gründlich beansprucht wird. Auch 
der Arzt soll trotz der mannigfachen zu überwindenden Schwierig- 
keiten nicht wegen Schwächlichkeit der Mutter, geringer oder 
unkontrollierbarer Beschwerden, kleiner Brustschäden und Unter- 
ernährung des Kindes die Darreichung der Mutterbrust unter- 
brechen, so lange man irgend noch hoffen kann, eine mütter- 
liche Ernährung in Gang zu bringen. Nur ganz zwingende 
Gründe, wie Tuberkulosegefahr, schwere Ernährungsstörungen 
a. dgl., können ein Einhalten gebieten. Bei unermüdlicher Aus- 
dauer ist oft noch nach langer, ja über Wochen hingeschleppter 
Erwartung eine genügende Brustnahrung zu erzielen oder doch 
ein Allaitement mixte, die Zwienahrung von Muttermilch mit 
ergänzender künstlicher Beinahrung, die aber sorgfältigster 
Überwachung seitens des Ai'ztes bedarf, wenn nicht schließlich 
doch noch die künstliche Ernährung mit allen ihren Nachteilen 
vorzeitig die Überhand gewinnen soll. 

Wenn man nach manchen Äußerungen und Beobachtungen 
aus der Praxis urteilen wollte, so sollte mai^ meinen, daß es 
eine große Zahl von Mütteiii gebe, die überhaupt trotz leid- 
lichen Allgemeinzustandes von Haus aus unfähig sind, ihre 
Kinder zu stillen. Dem widersprechen aber die nun doch schon 
ans einer größeren Zahl von gut geleiteten Säuglingsheimen 
und Entbindungsanstalten von Finkelstein, Mesnil, Marfan 
n.a. mitgeteilten Beobachtungen, nach denen man füglich annehmen 
kann, daß es eine wirkliche Agalaktie kaum gibt. Fast ausnahms- 
los kann, wenn auch zuweilen mühsamer und schwerer, jede Brust 
so weit gefördert werden, daß sie zuletzt ganz oder doch teil- 
weise die Ernährung des Kindes zu übernehmen vermag. Wie 
viel in dieser Hinsicht durch energische Nachhilfe erreicht 
werden kann, das zeigen Erfahrungen über die Stillfähigkeit 
der Frauen in der Stuttgarter Hebammenschule: dort stellte 
Herdegen im Jahre 1882 fest, daß von den in der Anstalt 
entbundenen und nach der Geburt dort noch 12 Tage verweilenden 
Frauen nur 23^/^ imstande waren, ihre Kinder zu stillen; eine 
Zahl, die eine Hauptstütze bildete für die bekannten Anschauungen 
Bunges über den zunehmenden Milchmangel der Frauen durch 
Entartung. Im Jahr 1904 konnte Martin an der gleichen 

11- 



0/ 



. 



Anstalt bei gleichgeartetem Material nachweisen, daß fast 100 
der Frauen mit Erfolg ihr Kind an die Brust anlegten. 

Das eine ist sicher: viele Frauen, die wohl dazu fähig 
wären, stillen auch heute ihre Kinder nicht oder nicht lange 
genug aus Mangel an Einsicht, aus Mangel an Ausdauer und 
oft geradezu von ihrer Umgebung gegen den eigenen Willen 
zur künstlichen Ernährung gedrängt, deren Nachteile sie dann 
selbst, vor allem aber die Kinder zu tragen und zu b.Qßen 
haben. 

Die Meinung aber, daß die künstliche Ernährung bei dem 
heutigen fortgeschrittenen Stande der Wissenschaft und Technik 
die Muttermilch ersetzen und entbehrlich machen könne, darf 
nicht Geltung bekommen und weiter Mütter und Pflegerinnen 
verleiten. 

Gerade die in den letzten Jahren gemachten Fortschritte 
lassen die Kluft zwischen natürlicher und künstlicher bezw. un- 
natürlicher Ernährung unüberbrückbar erscheinen. Viele Kinder 
müssen, wenn ihnen die Mutterbrust A'ersagt bleibt, verderben 
oder doch ernstlich erkranken, um so eher, je ungünstiger die 
äußeren Verhältnisse sind, unter denen sie aufwachsen. 

Immerhin lassen sich die Gefahren der künstlichen Er- 
nährung einschränken, wenn man sie kennt. Da aber die Ver- 
lassenen und Verwaisten unter den Säuglingen, die Unehelichen 
und Kostkinder erst recht des Schutzes bedürfen, so muß durch 
Aufklärung und Beihilfe eine Verbesserung der künstlichen Er- 
nährung im weitesten Umfang angestrebt werden für alle, die 
ihrer bedürfen. 

Die größte Gefahr der Ersatznahrung liegt in der Möglich- 
keit einer Verschleppung von Krankheitskeimen mit der Nahrung 
in den kindlichen Körper. Vielfältig ist diese Möglichkeit ge- 
boten beim Bereiten, Aufbewahren und Darreichen der Säug^ 
lingsnahrung. Das gilt insbesondere für das Hauptersatzmittel 
der Muttermilch, die Kuhmilch. Nicht deren chemische Zusammen- 
setzung mit ihrem höheren Kaseineiweißgehalt und geringereu 
Fett-. Zucker- und Salzgehalt veranlaßt die größten Schäden. 
Auch mit unverdünnter frischer Kuhmilch ohne Zusatz kann 
man gesunde Kinder aufziehen, kranken aufhelfen. Die Zer- 
setzungen der Milch durch Spaltpilze und ihr Gehalt an solchen 
bringt den Kindern vor allem Unheil, ein Keimgehalt, der um so 



— 165 — 

rascher und höher steigt, je höher die Außentemperatar ist: 
daher die große Kindersterblichkeit in den Sommermonaten. 
Unzählig sind die Gelegenheiten zur Verunreinigung der Milch 
in diesem Sinne auf dem langen Wege vom Euter der Kuh bis 
znm Munde des Säuglings; und es kann nicht genug betont 
werden, daß die gefährlichste Etappe auf diesem Wege bei der 
Gewinnung des Rohmaterials, im Stalle liegt. Dort werden 
von den Ausscheidungen des nicht selten erkrankten Tieres, 
von den unreinen Händen der melkenden Personen, von schlecht 
gereinigten Auffanggefäßen und von vielen anderen Brutstätten 
her die Keime in der Milch versammelt. Sie werden sich um so 
lebhafter in diesem vörtreiflichen Nährboden breit machen, je 
länger es bis zur endgültigen Verwendung dauert Dann ist 
die Milch durch die Lebenstätigkeit der Keime schon erheblich 
verändert und zudem noch der Überbringer von gefährlichen 
Krankheiten geworden, und die peinlichste Weiterverarbeitung 
vermag den durch die primäre Stalleinsaat anfänglich gesetzten 
Schaden nicht mehr ganz gut zu machen; auch die nachträg- 
liche Sterilisation durch Kochen nicht. Theoretisch und technisch 
ist das Problem der hygienischen Milchgewiunung unter Beobach- 
tung größter Reinlichkeit und Kühlhaltung der Milch bis zum 
Verbrauch längst gelöst. Praktisch kommt dieser Fortschritt 
bisher nur sehr wenigen Glücklichen zugute. 

Auch eine frische Kuhmilch hat fermentative Eigenschaften, 
die beim Kochen allerdings vernichtet werden. Aber sie bietet 
diese dem Säugling nicht zum Vorteil, er kann die lebenden 
Eigenschaften der artfremden Nahrung nur zum geringsten Teil 
ausnützen. So geht nach den Untersuchungen Salges das 
Diphtherieantitoxin wohl aus der Muttermilch, nicht aber aus 
der Kuhmilch in die Säfte des Säuglings über. Neben den von 
den Bakterien in der Milch erzeugten Giften und den Einwirkungen 
der auch nach dem Kochen in ihr verbleibenden Bakterienleiber 
machen sich die artfremden Eigenschaften der in der Kuhmilch 
enthaltenen Eiweißstoife als unnatürliche Beize in dem empfind- 
lichen Darm des Säuglings geltend. Sie machen das Kind krank 
oder erhöhen doch seine Verdauungsarbeit. Darin liegt die 
Quelle zu weiteren Nachteilen, die sich oft in der Art eines 
Circulus vitiosus entwickeln: das künstlich ernährte Kind ist 
unruhiger, schreit viel, vermehrt damit seinen Energieverbrauch 



— 16« - 

und die Wasserabgabe. Die natürliche Folge ist ein gesteigertes 
NahrangsbedOrfnis, das in der Regel von den besorgten Ange- 
hörigen nur zu rasch wieder mit reichlicherer Zufuhr der un- 
zweckmäßigen Nahiiing befriedigt wird. Aus solcher schneller 
Berücksichtigung der ungeberdigen Wünsche des schon leidenden 
Kindes geht eine dann immer mehr steigende Überfüllung des 
Verdauungskanals mit steigender Zersetzung seines Inhalts her- 
vor. Bald folgt ein yölliges Versagen der Darmtätigkeit, der 
Beginn langdauernder Leiden. Es ist nicht leicht, unter diesen 
Umständen die richtige Beschränkung in der Nahiiingszufuhr 
einzuhalten. 

Im täglichen Leben ist das Endprodukt aller Bemühungen 
bei der künstlichen Ernährung nur zu oft die Überfütterung 
des Kindes, die keines weges nur in den begüterten Familien 
vorkommt, sondern quantitativ bei freilich meist qualitativ recht 
fragwürdiger Beschaffenheit der Nahrung auch in den ärmsten 
Kreisen die Regel bildet. 

Fast mehr noch als durch die Sterilisation der Milch hat 
sich das Soxhletsche Verfahren da nutzbringend erwiesen, 
weil es durch die leicht zu überwachende und schematisch durch- 
führbare Einteilung des Tagesquantums in einzelne Portionen 
dem Übermaß der Zufuhr an Nahrung zu steuern vermag. 

Auch bei scheinbar gut genährten Kindern bleibt der 
Schaden der Übeifütterung in den späteren Lebensmonaten 
nicht aus und zeigt sich in träger Darmtätigkeit, mangelhafter 
Knochenentwicklung, in ungenügender Blutbildung mit den 
berüchtigten Störangen zur Zeit der Zahnungsperiode, von denen 
schon der römische Schriftsteller Celsus schreibt, daß Ver- 
schwärungen des Zahnfleischs, Fieber, klonische Krämpfe und 
Durchfälle am meisten die sehr stark genährten und zur Ver- 
stopfung neigenden Kinder betreffen. 

Dieser Gefahr des quantitativen Übermaßes entgeht man 
auch nicht bei Anwendung der besten Nährpräparate. Diese 
seitens der chemischen Industrie in ihrer Zusammensetzung nach 
den bei der Brustnahmng gewonnenen Erfahrungen hergestellten 
und dem Energiebedarf des Säuglings angepaßten Kindermehle 
trifft jedoch nicht der Vorwurf der einseitigen und darum un- 
zweckmäßigen eiweißarmen Nahrung, wie er mit Recht gegen 
die in Bayern vielfach noch übliche Methode das Meblmus- 



— 167 — 

Aufpäppelns erhobeu wird. Auch haben die meisten künstlichen 
Präpai'ate bei vorsichtiger und reinlicher Verwendung vor der 
in der Regel zur Verfügung stehenden Marktmilch den Voi*zug 
relativer Keimfreiheit. 

Nicht unerwähnt soll aber bleiben, daß sich die Kuhmilch 
nach neueren Untersuchungen für eine nicht geringe Zahl von 
Kindern direkt als giftig erweist: so in den häufigen Fällen von 
sogen, spasmophiler Diathese. Diese äußert sich allgemein 
in einer erhöhten Erregbarkeit des gesamten Nervensystems, 
klinisch in der nachweisbar gesteigerten elektrischen und mecha- 
nischen Erregbarkeit der Nerven und Muskeln, in Anfällen 
von Kehlkopfkrampf und in eklamptischen Krampfzuständen. 
In diesen Fällen geht fast regelmäßig die Erregbarkeitssteige- 
rung genau parallel mit der Kuhmilchfütterung, und sie sinkt 
ab zu normalen Verhältnissen bei Brustnahrung oder bei Mehl- 
fütterung. Nicht so sehr selten hat schon «in Kind den Ver- 
such, bei mangelnder Muttermilch die ungenügende Mehlkost 
durch Kuhmilchzusatz wieder zu verbessern, unmittelbar mit 
einem tödlichen Krampfanfall büßen müssen. Pjine andere Krank- 
heit ist hier anzureihen, die auch bei vorsichtiger künstlicher 
Ernährung, besonders mit sterilisierter Milch, darum meist in 
wohlhabenden Kreisen, aber nie bei Brustkindern vorkommt: 
die skorbutähnliche Barlowsche Krankheit. Sie ist charakteri- 
siert durch anämische Erscheinungen, durch das Auftreten von 
Haut-, Schleimhaut- und Beinhautblutungen und durch eigen- 
artige Störungen des Knochenwachstums. Sie hat zwar viele 
Todesopfer schon gefordert, glücklicherweise kann sie aber, 
wenn rechtzeitig erkannt, durch eine entsprechende Kostände- 
rnng zur Heilung gebracht werden. 

Überblicken wir so an wenigen aus der Fülle der Schäd- 
lichkeiten herausgegriffenen Beispielen die Gefahren, die das 
Kind in den ersten Monaten bedrohen, so erkennen wir, daß 
es unmöglich genügen kann, wenn der Arzt allein bei seinen 
Klienten durch Rat und Hilfe tätig ist, an der Verbesserung 
der Säuglingsfürsorge zur Verminderung der Säuglingssterblich- 
keit zu arbeiten. Behörden und Gemeinwesen müssen zur Mit- 
arbeit aufgerufen werden und die Gesamtheit muß ermuntert 
werden zur Beihilfe an dem Werk, das der Gesamtheit, dem 
Volkswohl zugute kommt. 



— 1(3« - 

Vor allem gilt es, die Vorurteile und irrigen Meinungen 
zu beseitigen, so weit sie einer zweckmäßigen Säuglingspflege 
direkt im Wege stehen. Das kann am besten durch die Be- 
lehrung derjenigen Kreise geschehen, die am nächsten bei der 
Einderpflege beteiligt sind und die erfabinngsgemäß einen großen 
Einfluß auf die Mütter haben. Nächst den Ärzten selbst, denen 
mehr und mehr Gelegenheit zur Beobachtung einwandsfreier 
Säuglingspflege und Ernährung mit Einschluß der natürlichen 
Ernährung geboten werden muß, kommen die Hebammen in 
Betracht. Sie wei*den gewiß am häufigsten und zuerst bei un- 
gestöitem Befinden des Kindes, aber auch in Krankheitsfällen 
von der Mutter um Rat gefragt. Im Hebammenunterricht bietet 
sich Gelegenheit, den gerade unter ihnen verbreiteten irrigen 
Meinungen über Stillfähigkeit, Entwöhnung und die Beziehungen 
zwischen Laktation und Wohlbefinden der Mutter vorbauend 
mit Nachdruck entgegenzutreten. Kinderpflegerinnen und nicht 
minder die mit der Beaufsichtigung der Kostkinder betrauten 
freiwilligen Helferinnen sollten die Befähigung für das verant- 
wortungsvolle Amt erst durch eine geeignete Vorbildung in 
Säuglingsheimen moderner Art, mindestens in einem der Be- 
deutung der Frage angemessenen ärztlichen Unterricht erwerben 
und erweisen. Für die Mütter und Pflegemütter wird der Be- 
such der auch zu praktischen Unterweisungen eingerichteten 
Beratungsstellen unter ärztlicher Leitung nach Art der 
französischen Cousultations von Vorteil sein. Es wäre nur 
zu begrüßen, wenn von Seiten der polizeilichen Überwachung 
der Kostkinder deren Vorführung vor die als Berater berufeneu 
Ärzte in bestimmten Zeiträumen überall erzwungen und kon- 
trolliert würde. Auf diese Weise würde allmählich der Erfolg 
auch die zaudernd zurückbleibenden Kreise zur Mitarbeit an- 
regen. Was von Staatswegen den mutterlosen armen Kindern 
erwiesen würde, das würden die Besitzenden auch ihren Kindern 
nicht vorenthalten wollen : die auch bei den geringsten Unstimmig- 
keiten nötige ärztliche Beratung. Die Fürsorge für die notdürftigen 
Wöchnerinnen, die heute noch vielfach wenig mehr als eine 
Woche nach der Entbindung ins Erwerbsleben treten müssen, 
wird freilich noch auf lange Zeit der privaten Wohltätigkeit 
überlassen bleiben, die jetzt schon, wenn auch nur in einigen 
größeren Städten, Säuglings-, Mütter- und Wöchnerinnenheime 



- Iß9 - 

zur Erfüllung dieser Aufgabe eröfiuet hat. Krankenkassen und 
Versicherungskassen werden mehr noch als bisher Einrichtungen 
schaffen können^ die der Mutter, so lange sie ihr Kind stillen 
muß, die notwendige Befreiung von der Arbeit ohne fühlbaren 
Entgang an Verdienst gewähren. Fünf tägliche Mahlzeiten an 
der Mutterbrust lassen sich für den Säugling recht gut bei einer 
beschränkten Arbeitsleistung der Mutter durchführen, zumal 
wenn dabei die Ernährung der Mutter eine Unterstützung findet. 
So lange die Neigung zum Stillen noch eine so wenig aus- 
dauernde ist wie in unseren Gegenden, werden zweifellos 
Stillprämien an die Mütter Gutes schaffen, aber auch hier 
wie bei allen derartigen Maßregeln wird man, wenn wirklich 
mehr als ein Scheinerfolg erzielt werden soll, der ärztlichen 
Obhut nicht en traten können. Es ist selbstverständlich, daß^ 
dabei auch der Fürsorge für die kranken Kinder gedacht 
werden muß, von denen viele noch bei rechtzeitigem Eingreifen 
and bei sorgsamer klinischer Behandlung gerettet und zu voller 
Gesundheit durchgebracht werden können. Als ein nachahmens- 
wertes Beispiel können in dieser Hinsicht die in Ungarn durch 
Gesetz vom Jahr 1898 getroffenen staatlichen Einrichtungen 
gelten, wo jedes Kind, das hilfsbedürftig ist oder von den An- 
gehörigen nicht versorgt werden kann, ein Recht auf öffentliche 
Hilfe in Kinderasylen oder ärztlich organisierter und überwachter 
Außenpflege hat, und wo man es gewagt hat, die dadurch an- 
fallenden Kosten durch eine allgemeine Zusatzsteuer aufzubringen. 
Sorgt mau so für eine verständige Pflege und Belehrung 
der Mütter, so braucht man nicht zu befürchten, daß der Eifer 
zu natürlicher Säuglingsernährung nachläßt, wenn gleichzeitig 
Einrichtungen dafür getroffen werden, daß die künstliche Er- 
nährung der unbedingt darauf angewiesenen Kinder so gehand- 
habt wird, wie es nach hygienischen Regeln geboten ist. Dazu 
gehört vor allem die Beschaffung einer eiwandsfreien Kinder- 
milch. Sie ist nur möglich in Stallungen, die von Grund aus 
darauf eingerichtet sind. Auch darin sind gioße Städte mit 
ihren ganz nach modernen Prinzipien eingerichteten Molkereien 
mit Kühlanlagen, Filtern und geschultem Personal vor den 
kleineren Gemeinden sehr im Vorteil. Wo nicht ohne weiteres 
erwartet werden darf, daß der Absatz dem Produzenten die 
verhältnismäßig großen Kosten der Erzeugung einer tadellosen 



- 170 - 

Kindermilch einbringt, da bleibt es in der Eegel — wie auch 
hier — bei dem alten Brauch, daß die Milch aus unreiner 
Stallung auch in der Sommerhitze ohne Vorkühlung und ohne 
Eis auf dem Wagen weither über Land als ein mehr oder 
weniger verseuchtes und verdorbenes Präparat zum Verkauf 
gebracht wird. Gemeinnützige Einrichtungen, Gemeinde und 
Wohltätigkeitsvereine werden da zugunsten der Bedürftigen 
erst die Grundlagen beschaffen müssen zur Gewinnung einer 
möglichst unschädlichen Kindermilch, die nach ärztlicher Kon- 
trolle gegen erhöhten Preis an die Wohlhabenden, unentgeltlich 
oder zu ermäßigten Preisen an die Bedürftigen abgegeben 
werden kann. Für die Verteilung der richtigen Mischungen 
in abgemesseneu Einzelportionen, wiederum nach ärztlicher 
Verordnung, sorgen manchenorts schon die Stadtverwaltungen, 
wie in Halle, Straßburg, Köln u. a. Anderwärts haben private 
Unternehmungen oder klinische Anstalten Milchküchen geschaffen. 
Die Lieferung gebrauchsfertig gemischter Portionsflascben 
ist deshalb nötig, weil auch die beste und kostbai^ste Milch 
natürlich durch nachträgliche unzweckmäßige Aufbewahrung 
und Behandlung noch verdorben werden kann. 

La Peyroux hat gegen die ähnlichen Einrichtungen der 
Gouttes de lait in Frankreich den Einwand erhoben, daß die 
Gratismilch Verteilung geradezu einer Belohnung des Nichtstillens 
gleichkomme. Das kann doch nur da Geltung haben, wo man 
wahllos die Milch verteilt. Gerade die Vergünstigung der Ab- 
gabe eines besseren Präparates zu geringerem Preis gibt Recht 
und Möglichkeit zu schärferer Überwachung der Verwendung. 
Zudem ist gar nicht daran zu denken, daß die Brustkinderzahl 
erhöht werden könnte, wenn man den Müttern die gute Kinder- 
milch vorenthält, die schon für die Zeit der Entwöhnung und 
für die Kinder im zweiten Halbjahr nach der Geburt unbedingt 
erforderlich ist. 

Was gegen den Ausfall der Ernährung an der Mutterbriist 
geschehen kann, das muß die Aufklärung, und unermüdliche 
Ermunterung, die soziale Fürsorge für die Armen, eine ver- 
nünftige Diätetik der zum Stillen geneigten Frauen, ernste Er- 
mahnung in Fällen von Tod und Krankheit bei Säuglingen und 
nicht zum mindesten das Beispiel und der Erfolg der ver- 
ständigen Mütter leisten! 



— 171 - 

Sie sehen, groß ist der Schaden, aber mannigfach sind anch 
die Wege und Mittel, ihn abzuräumen. Wenn auch vieles noch 
der Erforschung und Aufklärung bedarf, es ist genug Anlaß 
und Gelegenheit zum Einsetzen der praktischen Arbeit da. Und 
die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit scheint mir ein Werk 
zu sein nicht unwürdig dessen, daß wir es dem Protektorat 
und der Führung der Alma mater anheimgeben, die allzeit 
bestrebt war, das Beste zu erforschen und zu betätigen, der 
Universitas litterarum. 



Erscheinungen bei der Elektrolyse von 
Wismutsalzlösungen. 

Nach Versuchen von L. Birckenbach^) und E. Bilnz^). 

Mitgeteilt von A. Gutbier. 

Aus dem chemischen Laboratorium der Universität Erlangen. 

Gelegentlich der elektrolytischen Abscheidung von reinem, 
zu Atomgewichtsbestimmungen zu verwendenden Wismut wurde 
beobachtet, daß sich die Anode beim Beginne der Elektrolyse 
mit einem bronzefarbigen Beschläge bedeckte, von welchem 
sich bald kleine, glänzende Blättchen loslösten und auf dem 
Boden des Gefäßes ansammelten, während sich auf der Kathode 
metallisches Wismut in schönen Kristallen abschied; im weiteren 
Verlaufe der Elektrolyse verschwand der anodische Beschlag 
und die losgelösten Teilchen wurden von der Flüssigkeit wieder 
aufgenommen. 

Eine derartige Beobachtung ist an und für sich nicht neu: 
schon Schucht*), Classen und Reiß*), Classen^), Deich- 
ler®), Wimmenauer'^), Brunck^), Luckow**) u. a. haben 
über ähnliche Erscheinungen bereits berichtet. - Da aber alle 
früheren Arbeiten lediglich dem Auffinden einer Methode zur 
elektrolytischen Wismutbestimmung — bekanntlich hat erst 
Brunck ein brauchbares Verfahren hierzu geschaffen — , bezw. 



*) Vgl. dessen Dissertation, Erlangen 1905, S. 34 ff. 

-) Vgl. dessen Dissertation, Erlangen 1905, S. 165 ff. 

») Berg- u. Hüttenm.-Ztg. 39, 121. 1880. 

*) Ber. 14, 1626. 1881. 

*) Ber. 23, 951. 1890. 

•) Z. anorg. Chem. 20, 117. 1899. 

') Z. anorg. Chemie 27, 1. 1901. 

•) Ber. 35, 1871. 1902. 

•) Dingl. pol. J. 1865, 2:U. 



_-_ 173 -- 

zur Trennung des Wismuts von anderen Metallen gewidmet 
waren, wurde die anodiscbe Abscheidung als höchst unan* 
genehme Nebenerscheinung angesehen; ohne daß man die ent- 
stehenden Produkte einer näheren Untersuchung ffir wert hielt, 
suchte man vielmehr ihre Bildung nach Möglichkeit zu ver- 
hindern. • 

Da Schucht den anodischen Beschlag als „gelbe Wis- 
mutsäure'' bezeichnet hatte, während man später dafür immer den 
Namen „ Wismutperoxyd ** findet, und da Deichler, welcher 
zum ersten Male ein derartiges Produkt analysiert hat, den 
Beschlag für „wasserfreies Wismuttetroxyd" hält^), haben wir 
im Verfolge unserer Studien über die Peroxyde des Wismuts^) 
eine eingehendere Untersuchung über diese Erscheinungen an- 
gestellt. Die erhaltenen Resultate mögen hier in aller Kürze 
mitgeteilt werden^). 

a) Mit einer in 100 ccm 10 g reinstes Wismut und 20 g 
freie Salpetersäure enthaltenden Lösung konnte unter Anwendung 
zweier Elektroden von Platinblech — mit einer Gesamtober- 
fläche von je 20 qcm — bei den verschiedensten Stromdichten 
und bei verschiedenen Temperaturen kein anodischer Beschlag 
hervorgerufen werden. 

b) Unter Verwendung einer Lösung von 20 g Wismut in 
200 ccm Salpetersäure vom spezifischen Gewicht 1,4, die mit 
Wasser, das in 2 1 300 ccm konzentriertes Ammoniak ent- 
hielt, auf 1500 ccm verdünnt war, bedeckte sich die Anode bei 
Einschaltung eines Stromes von 1,0 bis 1,5-* Amp/qcm mit 
einem rötlich gefärbten, glänzenden, festhaftenden Beschläge, 
der jedoch, ohne daß sich einzelne Teilchen losgelöst hätten, 
bald wieder verschwand und sich auch bei weiter fortgesetzter 
Elektrolyse nicht wieder bildete. 

c) Da die Gegenwart von Ammoniumsalzen sowie eine 
nicht allzu starke Salpetersäure die Bildung des Beschlages zu 

>) Merkwürdigerweise hat Lorch (Inaugaraldissertation, MüDchen 
1903) trotz aUer Bemübungen bei der Elektrolyse von V^isinutsalzlösnngen 
weder in saurer, noch in alkalischer Lösung einen Beschlag auf der 
Anode erhalten. 

=) Vgl. A. Outbier u. R. Bünz. Z. anorg. Chem. 48, 162 und 
294. )90ö; 49, 432. 1906; 50 210. 1906; 52, 124. 1906. 

') Die ausführliche Schilderung der Versuche findet man in den 
Dissertütionen meiner Mitarbeiter. 



— 174 - 

begünstigen schien, wählten wir diejenigen Arbeitsbedingungen, 
welche uns zuerst den Beschlag geliefert hatten. 

Eine Lösung von 40 g reinem Wismut in 100 com 
65^/oiger Salpetersäure wurde mit verdünntem Ammoniak bis 
zur Abscheidung eines geringen Niederschlages, der sofort 
wieder durch einige Tropfen Salpetersäure gelöst wurde, ver- 
setzt und, mit 50 ccra Salpetersäure und etwas Wasser ver- 
mischt, bei 40^ bis 50® der Elektrolyse unterworfen. Sofort 
nach Einschaltung eines Stromes von 1,2 bis 1,5-* Amp/qcm 
und bei einer Spannung von 2,5 bis 3 Volt trat die anodische 
Abscheidung auf; der Beschlag löste sich bald ab und sammelte 
sich am Boden des Qefäßes. 

Als sich die Menge des Produktes nicht mehr zu ver- 
mehren, sondern augenscheinlich zu verringein schien, wurde 
der Strom unterbrochen, die Flüssigkeit nach Entfernung der 
Elektroden abgegossen und das Reaktionsprodukt mit Salpeter- 
säure von zunehmender Verdünnung ausgewaschen; als die letzten, 
anhängenden Spuren von Salpetersäure mit einigen Tropfen Wasser 
von gewöhnlicher Temperatur entfernt werden sollten, verschwand 
der metallische Glanz und die charakteristische Form der Blätt- 
chen, so daß schließlich eine geringe Menge eines durchaus 
amorphen, hellbraun gefärbten Pulvers vorlag. 

Zu einer quantitativen Untersuchung reichte die Menge 
nicht aus, doch konnten wir nachweisen, daß ein Peroxyd vor- 
lag, denn das salpetersäurefreie Präparat entwickelte beim Be- 
feuchten mit Salzsäure Chlor ^); die Prüfung auf Blei fiel, wie 
bei allen anderen darauf untersuchten Präparaten, negativ aus. 

d) Um eine bessere und womöglich vollständige Trennung 
des kathodisch niedergeschlagenen Wismuts von dem anodischen 
Beschläge zu erzielen, führten wir eine neue Elektrolyse unter 
den bei c) angegebenen Bedingungen aus, umgaben aber die 
Kathode mit einem Tondiaphragma. 

Tatsächlich resultierte eine größere Menge des Beschlages, 
der wieder mit Salpetersäure von zunehmender Verdünnung und 

^) Allerdings löste es sich in der Salzsäure beim £rwärmen nicht 
vollständig auf, sondern es blieb eine geringe Menge von metallischem 
Wismut zurück; diese, später nie wieder beobachtete Erscheinung ist 
darauf zurückzuführen, daß sich beim Herausnehmen der Elekti'oden eine 
Spur von metallischem Wismut von der Kathode abgelöst hatte. 



— 175 - 

schießlich mit etwas Wasser ausgewaschen und im Vakuum 
ttber Phosphorpentoxyd getrocknet wurde. 

Die Analyse der Substanz — es wurden 0,75 g erhalten 
— ergab: 

0,2490 g: 8,9 ccm n/lO-Na^S^Oa = 2,86 <>/o akt. 0. 

0,2322 g: 0,2253 g Bi^ = 97,03 «/o BijOg. 

e) Die unter den gleichen Bedingungen erfolgte Wieder- 
holung des Versuches lieferte in einer Ausbeute von 0,6 g ein 
hellbraun gefärbtes Reaktionsprodukt, dessen Analyse folgende 
Zahlen ergab: 

0,1206 g: 3,0 ccm n/lO-Na^S^Oj = 1,93 «/o akt. 0. 
0,1161 g: 0,1137 g Bi^Og = 97,93 V^ Bi^O«. 
0,1000 g: 2,5 ccm n/lO-Na^S^Og = 2,00 «/o akt. 0. 

Die so entstandenen Peroxyde waren, was sehr wichtig 
ist, bleifrei; sie enthalten keine Stickstoffverbindungen, aber 
wohl einen geringen Oehalt an Wasser; dessen Menge war 
aber so gering, daß wir zu einer quantitativen Bestimmung 
sicher die zehnfache Menge der Substanz, welche wir bei den 
Versuchen im ganzen erhielten, hätten anwenden müssen. 

Tatsächlich entstehen also unter den von uns gewählten 
Bedingungen Wismutperoxyde, wie sie auch Deichler im 
Gegensatze zu Lorch bereits erhalten hat; nur scheint es uns, 
als seien diese Produkte nicht ganz so gleichmäßig zusammen- 
gesetzt wie das von Deich 1er erhaltene. Charakteristisch ist 
für das auf elektrolytischem Wege erhaltene Peroxyd seine 
Löslichkeit in verdünnter Salpetersäure. 

Wenn wir auch sonst die von De ich 1er gegebene Schilde- 
rung bestätigen können, so vermögen wir uns doch seiner An- 
sicht, daß diese Produkte „wasserfreies Wismuttetroxyd" dar- 
stellen, nicht anzuschließen. 



Ober die Bildung des Formensystems der ternären 
biquadratischen Form. 

Von Emmy Noether. 
(Auszug: aus der DiBsertation der Verfasserin.) 

Mit dem Formensystem der ternären biquadratischen 
Form beschäftigen sich Arbeiten von Gordan, Maisano und 
Pascal^). Herr Gordan stellt das vollständige, aus 54 Bil- 
dungen bestehende, Formensystem der speziellen automorphen 
Form: f = Xi'Xj-|-X2% + X3*Xi «nter Zugrundelegung ähn- 
licher Prinzipien auf, wie er sie fiir die Formensysteme im 
binären Gebiet gegeben hat. 

Bei Herrn Maisano sind für die allgemeine biquadratische 
Form die i'ormen bis zur 5. Ordnung*) einschließlich aufge- 
stellt, sowie einige Invarianten, Kovarianten und Kontravari- 
anten höherer Ordnung, nach der von Herrn Gordan in Band I 
der Math. Annalen für die ternäre kubische Form angewandten 
Methode. Herr Pascal beschäftigt sich, unter Benützung der 



*) P. Gordan, Ober das volle Formensystem der ternären biqua- 
dratiachen Form f = x^'x, -f x^'x, + x,»Xj (Math. Annalen Bd. XVII, S. 217 
bis 233. 1880); G. Maisano, 1. Sistemi com^leti dei primi cioqne gradi 
della forma ternaria biquadratica e degF inyarianti, covarianti e cootra- 
varianti di sesto grado (Giom. di Battaglini XIX). 2. Sui covarianti in- 
dipendenti di (n^ grado nei coefficienti della forma biquadratica ternaria 
(Rend. Giro. Mat. di Palermo I. 1887); £. Pascal, Gontributo aUa teoria 
della forma ternaria biquadratica e delle sue varie decomposizioni in 
fattori (Memoria premiata dalla R. Accademia delle scienze fisiche e mate- 
matiche di Napoli. 1905). 

^) Unter „Ordnung"" soll die Dimension in den Koeffizienten, unter 
-Grad** die in den Variablen verstanden werden. 



- 177 - 

Mais an sehen Resultate hauptsächlich mit der Frage nach 
dem Zerfallen der biquadratischen Form in Faktoren^). 

Das Ziel meiner Untersuchungen ist die Auf- 
stellung des Formensystems für die allgemeine ter- 
näre biquadratische Form; und zwar werden zunächst 
nnr die Hauptgrundlagen gegeben, ein sogenanntes 
^relativ vollständiges System"*) aufgestellt. 

Der Grundgedanke der Systembildung temärer Formen ist 
dei*selbe wie im binären Gebiet. Ausgehend von einem ersten 
relativ vollständigen System — dem System der aus dem 
Binären übernommenen Formen — gelangt man nach be- 
stimmter Gesetzmäßigkeit zu Systemen mit immer höherem 
Modul, solange bis das System eines Moduls — der Modul als 
Grundform genommen — endlich und bekannt wird, oder auch 
bis ein Modul sich reduzieren läßt auf Formen, die Invarianten 
znm Faktor haben. Durch Überschiebung des relativ voll- 
ständigen Systems über das System des Moduls entsteht im 
ersten Fall das absolut vollständige System, während im zweiten 
Fall relativ vollständiges und absolut vollständiges System 
identisch werden. Infolge der durch Herrn Hilbert allgemein 
bewiesenen Endlichkeit der Formensysteme muß dies Verfahren 
notwendig zu einem Abschluß führen. 

In unserm Fall läßt sich der Modul (abc) des ersten 
relativ vollständigen Systems zurückführen auf die Moduln 
J =: (abc)*a3t*bx*Cx* undy = (abu)*; daraus ergibt sich leicht 
das relativ vollständige System mod v. Als Reihe der Moduln 
wählen wir nun die Formen: v; v(v) = {vv{jiy = Sx*, 



^) In der zweiten kurzen Note versucht Herr Mais an o eine lineare 
Abhängigkeit der 3 Kovarianten 6. Ordnung und 6. Grades nachzu- 
weisen. Im Gegensatz zu diesem nicht ganz vollständigen Beweis glaubt 
Herr Pascal die lineare Unabhängigkeit der 3 Kovarianten 6. Ordnung, 
ebenso wie diejenige der 3 Invarianten 9. Ordnung bewiesen zu haben. Daß 
aber in der Tat eine lineare Relation zwischen den 3 Kovarianten einer- 
seits, den 3 Invarianten andererseits existiert, hat sich im Laufe meiner 
Bechnungen ergeben; und zwar lauten die expliziten Formeln in der Be- 
zeichnungsweise Pascal's: 

= 20^1+ 6ß,— 3Ö, + 4f. Cj-12f-C,— 4A:^. 
0=:4A»— löA-B + SOC-SOD + SE. 

') Fttr die Bezeichnung vgl Gor dan-Kers ebenste in er, Vor* 
lesungen über Invariantentheorie, Bd. II, S. 227. 

8ltBiiosib«riohte der phyi.-iiMd. Sox. 89 (1907). ]^2 



s^l'u^u" 




X X a T 




s,t, u„u. 


8x«a 


resp. durch (stu) (orx) 


% 


Faltung I n 





- 178 — 

v(s) it= (s8*u)* . . : und adjungieren als weitere Moduln zwei 
bei der Bildung des relativ vollständigen Systems mod s auf* 
tretende quadratische Formen, u^^ und t^^ Es läßt sich dann 
zeigen, daß der auf s folgende Modul (ss'u)* reduzibel ist auf 
den Modul (^, t). Da aber das simultane System zweier qua« 
dratischer Formen endlich und bekannt ist, ist damit der oben 
gekennzeichnete Abschluß erreicht. Als relativ vollständiges 
System mod {q, t) ergeben sich 331 Bildungen. — 

Noch mache ich einige Angaben bezüglich der angewandten 
Methode. 

Der Grundprozeß zur Erzeugung von Formen, der ITäl- 
tungsprozeß, läßt sich im ternären Gebiet folgendermaßen 
definieren: 

Ersetzt man in einem symbolischen Produkt 

die Faktorenpaare 

oder s^u^ t^u^ oder t^u^ 

oder s, t, oder t^ 

ni IV 

ao sind die entstehenden Formen durch Faltung aus der ur- 
sprfinglichen hervorgegangen^). 

Dabei kann noch stets: s^ = o; t, = o gesetzt werden. 

Für den Zusammenhang der einzelnen Faltungen gilt da- 
bei der Satz: 

Die Faltungen I und II sind Grundfaltungen, aus 
denen sich, unabhängig von der Beihenfolge der Zn- 
sammensetzung, die Faltungen III und IV zusammen- 
setzen lassen. In anderen Worten: Um alle aus einem 
gegebenen Ausdruck durch Faltung entstehenden 
Formen zu bilden, hat mau nur die Faltungen lundll 
anzuwenden*). 

Als „Formen reihe "definieren wir eine Anfangsform mit 
allen durch Faltung in sich aus dieser hervorgehenden Formen. 

Nach dem Satze läßt sich eine Formenreihe s" t\^nl in ein 

rechteckiges Schema anordnen. Man erhält beim Fortschreiten: 

*) Gordarn; Math. ' Annalen, Bch XVII, S. il9. 

*) Eine Ausnahme erieidet der Satziln idem Fall, wo n und /i, resp. 
m und V gleichzeitig verschwinden ; die „ Formenreihe " rednstert sich 
dann auf das Diagonalglied. 



- 179 — 

1. uro eine Kolonne nach rechts, alle darch Faltung I aus 
den nebenstehenden Formen entstehenden Formen, 

2. am eine Zeile nach unten, alle dnrch Faltung n aus 
den obenstehenden Formen entstehenden Formen, und 
somit alle durch Faltung entstehenden Formen. 

Unter diesen Voraussetzungen lassen sich die Sätze Aber Be- 
dnzenten in ihrer allgemeinsten Form und unter der Definition 

„Ein Beduzent ist eine reduzible Formenreihe^ 
so aussprechen: 

Ist die Anfangsform einer Formenreihe re- 
duzibel dadurch, daß eines ihrer Glieder durch 
Faltung mit einem Beduzenten hervorgegangen 
ist, und ist die Schlußform der Formenreihe aus 
eben diesem Glied durch Faltung entstanden, so 
ist die Gesamtformenreihe reduzibel. 
Als weitere Beduktionsmethoden sind zu nennen: 

1. Die sogenannte „doppelte Beduktion^; d. h. die Be- 
duktion einer Form auf doppelte Art zur Erzielung 
einer Belation zwischen den höheren Formen, 

2. die „Faltung mit zerfallenden Formen^, die teilweise 
den Charakter der Beduktion durch Beduzenten, teil- 
weise den der „doppelten Beduktion" zeigt. 



12* 



Ober das Atomgewicht des Palladiums. 

Von Paul Haas. 
Aus dem chemischen Laboratorium der Universität Erlangen. 

Einleitung. 

Obwohl in letzter Zeit, wie wir später sehen werden, 
mehrere Neubestimmangen des Atomgewichts von Palladiam 
aasgeführt worden sind^ ist diese wichtige Konstante bisher 
doch noch nicht mit genügender Sicherheit festgelegt. 

Die nachfolgende Experimentalantersuchung stellt sich die 
Aufgabe, zur exakten Ermittlung dieser Eonstante beizutragen. 

Ehe ich auf die Beschreibung meiner Versuche eingehe, 
möchte ich die wichtigsten Methoden erwähnen, vermittels welcher 
das Palladium aus dem Platinerze rein erhalten werden kann. 

V. Schneider^) empfiehlt folgendes Verfahren. Die Lösung 
der Platinmetalle in Königswasser wird längere Zeit mit einem 
bedeutenden Überschuß von Ätznatron gekocht, wodurch alle 
höheren Chloride der Platinmetalle mit Ausnahme des Platins 
selbst in niedere Chloride übergeführt werden. Man säuert mit 
Salzsäure an, fällt mit Salmiak den größten Teil des Platins 
aus, und scheidet aus dem siedendheißen Filtrat die übrigen 
Platinmetalle durch Einstellen eines Kupferblechs ab. Nachdem 
man durch Behandeln mit Salpetersäure aus dem Metallpulver 
Palladium und Kupfer gelöst hat, wird das erstere durch Schütteln 
mit Quecksilber aus der Lösung entfernt. 

Bunsen^) verfährt auf folgende Weise. Die durch Eisen 
niedergeschlagenen Platinmetalle glüht er mit Chlorammonium 
im hessischen Tiegel und dampft dann das Produkt mit dem 
zwei- bis dreifachen Gewichte roher Salpetersäure bis zur 
Syrupkonsistenz ein; aus der Lösung, die Platin als Chlorid, 
Palladium als Chlorür enthält, fällt er Kaliumhexachoro- 
platineat. In das Filtrat leitet er Chlor bis zur Sättigung 

») Lieb. Ann. Suppl. 5 (1867), 264. 
«) Lieb. Ann. 146 (1868), 265. 



— 181 — 

ein, wodurch das Palladium als zinnoberroter Niederschlag 
abgeschieden wird, der noch mit geringen Mengen Ton 
Platin-, Rhodium- und Iridinmdoppelsalz gemengt ist, daher in 
in siedendem Wasser gelöst, mit Oxalsäure eingedampft und 
wieder mit Ghlorkaliumlösuug aufgenommen wird, wobei fast 
reines Platinsalz zurQckbleibt. Aus dem braunen Filtrat kristalli- 
siert zunächst Kalium tetrachloi-palladoat; der größte Teil des 
Palladiums bleibt in Lösung und wird nach Entfernung von 
kleinen Mengen Eisen und Kupfer mittels Natronlauge durch 
vorsichtige Fällung mit Jodkalium als schwarzes Palladojodid 
niedergeschlagen. Der Niederschlag hinterläßt beim Erhitzen 
im Wasserstoffstrom grauschwarzen, reinen Palladiumschwamm. 

Boeßler^) fällt aus der mit Chlor gesättigten Lösung der 
Metalle Platin und Palladium gemeinschaftlich durch Kalium- 
chlorid aus. Nach Reduktion der Chlorosalze im Wasserstoff- 
strom wird durch Auswaschen mit Wasser das Ghlorkalium 
entfernt und aus der Lösung in Königswasser das Palladium 
durch Quecksilbercyanid als Cyanür gefällt. Größere Mengen 
der Chlorosalze werden durch Glühen bei Luftabschluß zersetzt, 
die Rückstände in Wasser gelöst und die Metalle durch Zink 
gefällt; bei der Behandlung mit Salpetersäure geht Palladium 
in Lösung. 

Eine ziemlich einfache Methode zur Reingewinnung des 
Palladiums schlug Wi Im ^) vor. Das Platin wird aus der Lösung 
durch Kaliumchlorid gefällt, das Filtrat mit ttberschässigem 
Ammoniak gekocht und nach nochmaligem Filtrieren mit Salz- 
säure gesättigt. Nach einiger Zeit scheidet sich ein Nieder- 
schlag ab, der entweder — wenn rein gelb — aus fast reinem 
Palladosamminchloridbesteht, oder — wenn schmutzig gelb — 
noch durch geringeMengen von Rhodium verunreinigt ist. Durch 
wiederholtes Behandeln des Niederschlages mit Ammoniak und 
Salzsäure erhält man außerordentlich reines Palladosammin- 
chlorid, das, im Wasserstoffstrom geglüht, reines Palladium 
binteriäßt. 

Henri Sainte-Claire Deville und H. Debray^) stellten 



») RoeBler. W. J. 1866, 175. 
«) Wilm. Ber. 1880, 1198; 1881, 629; 1882, 241. 
*) Du Platine et des Mötaux qui raccompagnent. Ann. Chim.Phys. 
[33 56 (1850), 386. 



- 182 - 

das Palladinm folgendermaßen rein dar. Zunächst werden Os- 
minm und Iridium mit Silber entfernt und dann aus der Lösung 
Platin und Iridium als Ammoniumchlorosalze gefällt. Das einge- 
dampfte Filtrat; das noch Palladium, Rhodium; Gold, Eisen und 
Kupfer enthält, wird mit Schwefelammonium und Schwefelblumen 
behandelt und nach dem Eintrocknen in reduzierender Atmos- 
phäre geglüht, wobei die Edelmetalle als solche, Kupfer und 
Eisen dagegen als Schwefelverbindungen erhalteb werden. 

Palladium, Kupfer und Eisen werden in konzentrierter 
Salpetersäure bei 70^ gelöst. Beim GlUhen des BQckstandes der 
eingedampften Lösung erhält man die Oxyde, aus denen sich 
Kupfer und Eisen mit Salzsäure extrahieren lassen, während 
das Palladium zurfickbleibt. 

Cox^) veröffentlichte ein Verfahren, um Palladium aus dem 
palladiumhaltigen Golde zu isolieren. Man schmilzt den brasili- 
anischen Goldstaub mit dem gleichen Gewichte Silber und etwas 
Kaliumnitrat zusammen, gießt die erhaltene Legierung in Stangen 
und schmilzt sie noch einmal im Graphittiegel mit dem gleichen 
Gewichte Silber unter umrühren zusammen ; hierauf wird die Legie- 
rung durch Granulieren zerteilt und die feinen Metallkörner werden 
mit verdünnter Salpetersäure in einer Porzellanschale erwärmt, 
bis keine Einwirkung mehr erfolgt Gold bleibt zurück, während 
aus der salpetersauren Lösung Silber mit Kochsalz und Palladium 
nebst Kupfer und Blei durch Zink gefällt wird. Hierauf wird 
das schwarze Pulver wieder in Salpetersäure gelöst und das 
Palladium aus dieser Lösung durch wiederholtes Übersättigen 
mit Ammoniak und Salzsäure als Palladosamminchlorid ausge- 
schieden. 

F. Mylius und B. Dietz behaupteten mit Recht noch im 
Jahre 1898, daß die Verwendung der Platinmetalle zu wissen- 
schaftlichen Zwecken durch die Unreinheit der käuflichen Prä- 
parate wesentlich erschw-ert sei, welche eine weitere, sehr zeit- 
raubende Reinigung im Laboratorium notwendig mache. Dem 
entgegen möchte ich darauf hinweisen, daß das zu unseren Ver- 
suchen dienende Palladium sich durch größte Reinheit auszeichnet, 
daß aber auch die übrigen Platinmetalle, Iridium, Rhodium, 



^) Cox. Phil. Mag. 23, 16; Da mm er, Anorgan. Chemie 3, 875. 
*) Beiträge zur Chemie der Platinmetalle. S. IQ^. Porpat 1854. 



-^ 188 — 

Batheniam und Osmium fdr besondere Zwecke jetzt in höchster 
Reinheit von der Technik geliefert werden. 

Leider ist es nicht möglich, die Beindarstellung des uns über- 
lassenen Materials zu schildern, da uns die Firma W. C. He raus 
in Hanau, der wir das eigens zu dem Zwecke einer Atom- 
gewichtsbestimmung hergestellte Palladium verdanken, mitteilte, 
daß sie die Beindarstellung der Platinmetalle als Fäbrikgeheimnis 
betrachte. 

Geschichtliches. 

Die ersten Versuche, das Atomgewicht des Palladiums zu 
bestimmen, stellteBerzelius^) an, der aus dem Verhältnis Pd : S 
im Jahre 1813 die Zahl 113,8 und im Jahre 1826 das Atom- 
gewicht 114,3 ermittelte. 

Aus dem Verhältnis Pd : HgCla fand er im Jahre 1813 
die Zahl 112,6. 

Einige Jahre später emeueii;e er seine Versuche durch die 
Reduktion des Ealiumtetrachloropalladoats mit Wasserstoff und 
berechnete das Atomgewicht aus dem Gehalt des Salzes an 
Metall und an Ghlorkalium zu 106,5. 

Die nächste Neubestimmung wurde erst 61 Jahre später 
von E. H. Keiser'"*) ausgeführt. Reiser reduzierte das 
reine, gelbe Palladosamminchlorid im Wasserstoffstrom, ver- 
flüchtigte das Chlorammonium durch stärkeres Erhitzen und 
ersetzte nach Eniiedrigung der Temperatur das Wasserstoff- 
gas durch einen trockenen Luftstrom bis zum vollständigen 
Erkalten. Das auf diese Weise reduzierte Palladium ergab 
das Atomgewicht 106,54. Da die Verfasser die Temperatur, 
bei der sie die ümwechslung des Wasserstoffs mit dem 
trockenen Luftstrom vornahmen, nicht genau angeben, so läßt 
sich kritisch aber ihre Versuche nur wenig sagen; immerhin 
wäre es denkbar, daß diese Vei*suchsanordnung größere Fehler- 
quellen in sich einschließt, als sie dem Fernerstehenden direkt 
auffallen möchten. 

Drei Jahre später haben G. H. Bailey und Th. Lamb*) 

>) BerKelins. Pogg. Ann. 13 (1828), 45. 

*) £. H. Keiser. Amer.Chem. J.ll (1889), 398 und Chem. News 59 
(1889), 262. 

') G. H. Bailey und Tb. Lamb. J. chem. Soc. 61 (1892), 745 und 
ehem.. News. 66 (1892), 85. 



- 184 - 

ebenfalls Palladosamminchlorid zu Metall redaziert, nachdem 
sie gefunden hatten, daß sowohl Palladocyanid als anch 
Kalinmtetrachloropalladoat and andere Verbindungen f&r Atom- 
gewichtsbestimmangen unbrauchbar sind. Sie stellten zum 
Zwecke ihrer Bestimmung das im Wasserstoffstrom redu- 
zierte Metall mit dem Schiffchen in ein Porzellanrohr, welches 
evakuiert und dann in einem Holzkohlenofen auf Rotglut er- 
hitzt wurde; die Gase, die sich in dem Rohr entwickelten, 
wurden mit einer Pumpe abgesaugt. Die auf diese Weise er- 
haltenen Resultate wichen für eine Ätomgewichtsbestimmung zu 
stark voneinander ab und ergaben als Mittel den Wert 105,731. 

Noch im gleichen Jahre publizierten Harry F. Keller 
und F. Smith^) eine Neubestimmung, in der sie mit Hilfe 
einer elektrolytischen Bestimmungsmethode den Palladiumgehalt 
im Palladosamminchlorid ermittelten ; das Mittel aus ihren Ver- 
suchen ist 107,191. 

A. Joly und E. Lei die*) erhielten im Jahre 1893 durch 
Elektrolyse der Ealiumtetrachloropalladoats als Mittelwert von 
nur vier Versuchen die Zahl 105,709 als vorläufiges Ergebnis. 

Edward H. Keiser und Mary B. Breed*) wiederholten 
im Jahre 1894 durch Reduktion des Palladosamminchlorids 
Eeisers frühere Bestimmungen mit der größten Sorgfalt und 
erhielten im Mittel von fünf Analysen fast genau den früheren 
Wert, nämlich 106,518. 

Willet Lepley Hardin*) analysierte im Jahre 1899 das 
Pallado-di-Anilin-Chlorid, bezw. -Bromid und das Ammonium- 
tetrabromopalladoat und erhielt im Mittel von 16 Versuchen den 
hohen Wert 107,014. 

Bevor ich nun des näheren auf die in allerneuester Zeit 
ausgeführten Versuche eingehe, möchte ich in Kurze auf einige 
Fehlerquellen hinweisen, die den Methoden der erwähnten 
Forscher anhaften und vielleicht die Ursache bilden können^ 
daß die einzelnen Werte der früheren Bestimmungen so große 
Abweichungen untereinander zeigen. 



») Harry F. Keller u. F. Smith. Amer. Chem. J. 14 (1892), 423. 
*) A. Joly und £. Leidiö. Compt. rend. 116 (1893), 146. 
') Edward H. Keiser und Mary B. Breed. Amer. chem. J. 16 
(1894), 20. 

«) Willet Lepley Hardin. Amer. Chem. J. 21 (1899), 943. 



— 185 — 

Da bekanntlich Palladiamschwamm bis zum 1000 fachen 
seines Volumens Wasserstoff aufzunehmen vermag, da bei den 
meisten der beschriebenen Versuche der Wasserstoff des redu- 
zierten Palladiums durch einen Luftstrom anstatt durch ein 
indifferentes Gas verdrängt wurde, und da femer niemals ange- 
geben worden ist, bei welcher Temperatur der Wasserstoff durch 
Luft ersetzt worden ist, so könnte katalytisch Wasser gebildet 
und so das Gewicht des zurückbleibenden Palladiums erhöht 
worden sein. Der überaus hohe Wert von Hardin dürfte viel- 
leicht daraus %n erklären sein, daß, worauf die im hiesigen 
Laboratorium gesammelten Erfahrungen hinweisen, das Palladium 
durch Verbrennung von organischen Palladosamminverbindungen 
nicht absolut rein zu erhalten sein wird. Eine Hauptursache 
der großen Abweichungen scheint mir vor allem in der Ver- 
schiedenheit der analytischen Methoden zu liegen; ferner gibt 
keiner der genannten Autoren die Beinigungs- und Darstellungs- 
weise der benützten Reagentien an, deren Kenntnis von höchstem 
Interesse für die Beurteilung der Bestimmungen wäre. 

In neuester Zeit, im Jahre 1905, veröffentlichte R.Amb er g^) 
eine Arbeit über das Palladium, in der er das Atomgewicht 
106,7 fand. Er ging vom Palladosamminchlorid aus und schied 
das Metall auf elektrolytischem Weg aus dieser Verbindung ab. 

In demselben Jahre wurde nun im hiesigen Laboratorium 
von A. Gutbier und A, Kr eil*) eine Bestimmung des Atom- 
gewichtes des Palladiums ausgeführt, welche als Mittelwert 
106,72 ergab. 

A. Gutbier und A. Krell benützten zu ihren Unter- 
süchungen wieder das Palladosamminchlorid, das im Wasser- 
stoffstrom reduziert wurde und als metallisches Palladium zur 
Wägung kam. 

Diebeiden vonR.Ambergundvon A.Gutbierund A*Krell 
erhaltenen Resultate zeigen eine befriedigende Übereinstimmung, 
obwohl sie mit ganz verschiedenem Ausgangsmaterialien und 
nach verschiedenen Methoden erhalten worden sind. 

A. Gutbier nahm deshalb am Anfange dieses Jahres in 
Gemeinschaft mit M. Woernle eine weitere Revision des Atom- 



^) Richard Am b erg. Lieb. Ann. 341 (1905), 235, 
*) DisBertation voq A. Krell. Erlangen 1906. 



186 



gewichtes vor und benutzte za diesem Zwecke dieselbe Methode 
wie B. Amberg zar Zerlegang des Palladosammincblorids. 

Der nach diesen Verfahren erhaltene Wert 106,708 stimmt 
ebenfalls sehr befriedigend mit den von R. Amberg und von 
A. Gutbier und A. Krell gefundenen Werten nberein. 

Die Tabelle gibt eine klare Übersicht aber die bis jetzt 
erfolgten Bestimmungen. 



Jahr 


Autor 


Aus dem Verhältnis 


H = 1.008 
= 16,00 


1813 


Berzelius 


Pd:8 
Pd : HgCI, 


113,8 
112,6 


1826 


BerzeliuB 


Pd:8 


114.3 


1828 


Berzelius 


K,PdCl,:Pd 
K,PdCL:CI, 
K^PdCl^iK^Cl, 


106,5 


1889 


Keiser 


Pd(NH,Cl,):Pd 


106.54 


1892 


G. H. Bailey u. Th. 
Lamb 


Pd(NH,Cl), : Pd 
Pd(NH,Cl),:Cl, 


105,731 


1892 


Keller und Smith 


Pd(NH,Cl), : Pd 


Maximum 

107,191 


1893 


Joly uod E. Leidig 


K,PdCl,:Pd 


Minimum 
105,709 


1894 


Keiser und Breed 


Pd(NH.Cl),:Pd 


106.518 


1899 


W. L. Hardin 


Pd(CeH,NH,Cl),:Pd 
Pd(C,H,NH,Br),:Pd 
(NH,),PdBr,:Pd 


107.014 


1905 


R. Amberg 


Pd(NH,a),:Pd 


106.7 


1905 


A.Gutbieru.A.Krell 


Pd(NH,Cl),:Pd 


106.72 


1907 


A. Gutbier und 
M. Woernle 


Pd(NH,Cl), : Pd 


106.708 



Um nun ein endgültiges Urteil über die Richtigkeit der 
Werte von R. Amberg und von A. Gutbier, A. Krell und 
M. Woernle zu liefern, war mir von Herrn Professor Dr. A, Gut- 
bier die Aufgabe gestellt worden, das analoge Palladosammin- 
bromid ebenfalls im Wasserstoffstrom zu reduzieren und aus 
dem Verhältnis des verflüchtigten Bromammoniums zu dem ab- 
geschiedenen Metall das Atomgewicht festzulegen. 



- 187 - 

Die angewandten Beagentien. 

Das zu vorliegender Untersuchung ausschließlich verwendete 
Wasser war auf folgende Weise gereinigt worden. Das destil- 
lierte Wasser des Laboratoriums wurde in einer ca. 8 1 fassenden 
Flasche ungefähr eine Woche über reinstem Kalk stehen ge- 
lassen und dann in kleinen Portionen aus einer sorgfältigst ge- 
reinigten Platinretorte destilliert. 

Selbstverständlich wurde hierbei nur die mittlere Fraktion 
aufgefangen. Dieses schon ziemlich reine Material wurde dann 
mit etwas Kaliumpermanganat in der Platinretorte, die mit 
einem eigens zu diesem Zweck hergestellten und nur zur Destil- 
lation von reinstem Wasser benutzten Kühlrohre aus reinem 
Quarz verbunden war, zum zweiten Male in kleinen Portionen 
destillieii;. 

Das Kfihlrohr aus Quarz wie überhaupt alle zur Atom- 
gewichtsbestimmung benützten Glas- und Porzellangeräte wurden 
vor jedesmaliger Benützung erschöpfend mit Wasser ausgedämpft. 
Überdies sind die benützten Gefäße, mit Ausnahme des neuen 
Quarzkühlers, schon jahrelang zu demselben Zwecke im hiesigen 
Laboratorium im Gebrauch. 

Dieses so bereitete Wasser erwies sich chemisch als rein 
und hinterließ, in größerer Menge verdampft, nicht den geringsten 
wägbaren Rückstand. Zur Aufbewahrung des reinsten Wassers 
wurden ausgedämpfte, braune Flaschen mit gut eingeschliffenen 
Glasstöpseln verwandt; selbstverständlich wurde das Wasser 
unmittelbar vor dem Gebrauche nochmals destilliert. 

Das zur Verwendung gelangte Ammoniak wurde aus reinem, 
konzentriertem Ammoniak durch Destillation gewonnen. Das in 
einem ausgedämpften Kolben entwickelte Gas leitete man durch 
mehrere mit Natronkalk gefüllte Trockenapparate und fing es 
in einer vorgelegten Flasche, die mit reinstem Wasser gefüllt 
war, auf. 

Die Darstellung der in großen Mengen benötigten Brom- 
wasserstoffsäure geschah auf folgende Weise. Es wurde zu 
diesem Zwecke reines, von der Firma Merck geliefertes Brom 
benützt, das zunächst von mir nach einem von G. P. Baxter^) 
angegebenen Verfahren gereinigt wurde. Aus einem Teile des 



>) G. P. Baxter. Z. Anorg. Chem. 50 (1906), 389. 



— 188 — 

Broms warde zunächst mit Hilfe von reinstem Kalk und Ammoniak 
Galciumbromid dargestellt; in welchem dann der Rest des Broms 
gelöst wurde. Darauf wurde die Lösung abdestilliert, das 
Destillat mit Wasser bedeckt und durch Einleiten von reinem, 
arsenfreiem Schwefelwasserstoff in Bromwasserstoffsäure über- 
geführt. Das zur Entwicklung von reinem Schwefelwasserstoff 
notwendige Schwefeleisen wurde durch Fällen einer reinen Fen^o- 
sulfatlösung mit reinem Schwefelamraonium erhalten; nachdem 
der Niederschlag mit destilliertem Wasser gründlich ausgewaschen 
worden war, zersetzte man das Schwefeleisen mit reinster, ver- 
dünnter Schwefelsäure und wusch das entweichende Gas sorg- 
fältig mit reinstem destillierten Wasser. 

Die folgende Figur veranschaulicht den Apparat, in dem 
aus Brom und Schwefelwasserstoff die Brom wasserstoffsäure 
dargestellt wurde; a ist der Schwefelwasserstoffapparat, b der 
Kolben, in dem sich das mit Wasser bedeckte Brom befindet. 




Der Schwefel, der sich bei der Bildung von Bromwasser- 
stoffsäure abscheidet, wurde durch wiederholtes Filtrieren durch 
doppelte, säurefeste Filter von der Säure getrennt. Nach der 
Filtration vom gefällten Schwefel und Schwefelbromid wurde 
die Säure unter gelegentlichem Zusatz von. geringen Mengen 
Kaliumpermanganat zur Entfernung des Jods gekocht, Endlich 



- 189 — 

wurde die Bromwasserstoffsäure mit der äquivalenten Menge 
yon kristallisiertem Permanganat erhitzt, wodurch das Brom in 
Freiheit gesetzt wurde; es wurde in einem mit Eis gekühlten 
Kolben aufgefangen. 

Da sich bei der ersten, soeben beschriebenen Reinigung des 
Broms herausgestellt hatte, daß die durch Einleiten von Schwefel- 
wasserstoff erhaltene Säure nur sehr schwer von dem sich aus- 
scheidenden Schwefel zu trennen war, so benützte man weiterhin 
folgende Methode zur Beindarstellung der Bromwasserstoffsäure. 

In einem gut ausgedämpften Erlenmeyerkolben w^urde eine 
Portion sorgfältigst gereinigten, durch Erhitzen dargestellten roten 
Phosphors in unserem reinstem Wasser aufgeschlämmt. Dann wurde 
unter beständigem Schütteln des Kolbens reinstes Brom mittels 
eines Tropftrichters hinzugegeben. Das Brom mußte sehr vor- 
sichtig und langsam zugefugt werden, da die Einwirkung spontan 
und unter Wänneentwicklung, ja sogar manchmal unter Feuer- 
erscheinnng vor sich geht, wenn man zu rasch arbeitet. Trotz des 
sehr langsam erfolgenden Zusatzes des Broms erhitzte sich nach 
längerer Einwirkung der Inhalt des Kolbens so stark, daß eine 
Kühlung erforderlich war, die man durch fließendes Wasser 
erreichte. Etwa entweichender Bromwasserstoff wurde durch 
eine mit reinstem Wasser gefüllte Vorlage aufgenommen. 

Nachdem die so erhaltene Bromwasserstoffsäure etwas ver- 
dünnt worden war, wurde sie zur Entfernung des überschüssigen 
Phosphors durch ein säurefestes Filter filtriert. 

um die auf so mühsamem Wege erhaltene Bromwasser- 
stoffsäure von der noch mit in Lösung befindlichen phosphorigen 
Säure und. Phosphoi-säure zu befreien, destillierte man sie 
aus dem Ölbade, da bei der Verwendung eines Asbestdraht- 
netzes infolge des starken Stoßens der Flüssigkeit, das auch 
durch die bekannten Vorsichtsmaßregeln nicht verhindert werden 
konnte, ein Springen des Destillationsgefäßes zu befürchten war. 

Natürlich wurde auch jetzt nur die mittlere Fraktion des 
Destillats aufgefangen und weiter destilliert, nachdem man sich 
durch sehr sorgfältig und von verschiedenen Beobachtern mit 
großer Geduld angestellte Prüfungen davon überzeugt hatte, 
daß das Destillat frei selbst von den geringsten Spuren einer 
Pbosphorverbindung war und außer Brom kein anderes Halogen 
enthielt. 



- 190 — 

Da es jedoch möglich gewesen wäre, daß trotzdem Sparen 
von Chlor, die mit den bekannten Methoden nicht mehr nachzu- 
weisen sind, in der Säure vorbanden gewesen wären, wurde 
sie anter Zugabe einer geringen Menge einer Vioo'^^^^^^" 
kaliumpermanganatlösung nochmals destilliert, wobei wiederum 
nur die mittlere Fraktion aufgefangen wurde. Der Destillations- 
apparat bestand aus einem großen Fraktionierkolben mit langem 
Halse und Tropfenfänger, um ein Überspritzen von Flüssigkeit 
in die Vorlage zu verhindern, und aus einem Liebigschen Efihler. 

Der ganze Apparat war längere Zeit mit Wasser und Brom- 
wasserstoffsäure ausgedämpft worden; die Verbindungen und Ver- 
schlüsse bestanden bei diesem, wie beisämtlichen anderen Appa- 
raten, nur aus gut schließenden Olasschliffen und Glashähnen. 
Um eine Zersetzung der heißen Bromwasserstoffdämpfe durch 
Licht zu verhindern, waren sämtliche Glasteile des Apparates 
mit schwarzem Papier in mehrfacher Lage umwickelt. 

Bezüglich der Konstante des Broms scheint irgendwelche 
Unsicherheit nicht zu bestehen. Denn Richards, der im Verein 
mit mehreren Mitarbeitern durch Analyse von Bromiden mehrere 
durch außerordentliche Exaktheit ausgezeichnete Atomgewichts- 
bestimmungen verschiedener Elemente ausführte, hat bei seinen 
vergleichenden Bestimmungen immer einen mit der St asseben 
Eonstante identischen Wert erhalten, und er selbst bevorzugt 
jederzeit die Analyse der Bromide gegenüber anderen Bestim- 
mungsmethoden. 

Die von der Firma Merck gelieferte reinste Salpetersäure 
zeigte wieder als einzige Verunreinigung eine ganz minimale Spur 
Eisen. Die Säure wurde, um auch dieses zu entfernen, in kleinen 
Portionen aus einer Platinretorte destilliert, wobei nur die mittlere 
Fraktion weitere Verwendung fand. Obwohl nach der Destillation 
nicht die geringste Spur einer Verunreinigung mehr nachge- 
wiesen werden konnte, wurde die Säure nochmals fraktioniert 
und schließlich unmittelbar vor dem Gebrauche abermals diesem 
Beinigungsprozeß unterworfen. 

Darstellung des Analysenmaterials. 

Das Palladium wurde auf dem Wasserbade in einem sorgfältig 
gereinigten Erlenmeyerkolben in Brom wasserstoffsäure unter 
Zugabe einiger Tropfen reinster Salpetersäure zu Palladobromid 



- 191 — 

gelöst nnd hierauf in einer ausgedämpften Porzellanschale einige 
Male mit Bromwasserstoffsäure abgeraucht, um die noch vor- 
handene Salpetersäure vollständig zu entfernen. Das Palladium 
löste sich nach und nach vollständig auf. 

Das Abrauchen der Säure nahm ziemlich viel Zeit in An- 
sprach, da sich die letzten Reste von Flüssigkeit auf dem Wasser- 
bad nur schwer vertreiben ließen; eine höhere Temperatur konnte 
aber naturlich nicht zugelassen werden. Das Palladobromid wurde 
sodann in möglichst wenig Bromwasserstoffsäure wieder gelöst 
and diese Lösung durch ein gehärtetes Filter direkt in eine 
Platinschale filtriert^ die reines Ammoniak enthielt. Hierbei 
entstand ein rötlich brauner Niederschlag, das dem Vauquelin- 
schen Salz analoge Bromid, das nach den Untersuchungen 
von Jörgensen^) als eiiie Verbindung von Palladodiammin- 
bromid und Palladobromid aufzufassen ist, und dem die Formel 
Pd(NH3)4Br2 • PdBrj zukommt. Bei längerem Erhitzen mit 
Ammoniak auf dem Wasserbade färbte sich dieses Salz gelb, 
indem es in Palladosamminbromid überging,- letzteres war in 
Ammoniak klar löslich. 

Das Palladosamminbromid, das dieselbe prozentuale Zu- 
sammensetzung wie die dem Vauquelin sehen Salz analoge 
Bromverbindung besitzt, hat nach Werner") folgende Struktur: 
NHj^ _Br 

^^ 
Br^— \NH3 

Die schwach gelb gefärbte Lösung des Palladosamminbromids 
wurde in einen Erlenmeyerkolben filtriert, der Bromwasserstoff- 
säure enthielt, wodurch wiederum rein gelbes Palladosammin- 
bromid gefällt wurde. 

Nachdem das Salz durch Dekantieren mit Wasser möglichst 
vom Bromammonium befreit worden war, wurde der Nieder- 
schlag mittelst der Saugpumpe filtriert und des öfteren mit 
reinem Wasser ausgewaschen. Der Lösungs-, Fällungs- und 
Auswaschungsprozeß wurde dreimal wiederholt, um ein reines 
Präparat zu erhalten. 

*) Gjnelin-Kraut 3, 1235. 

*) Werner, Neuere Anschauungen aaf dem Gebiete der anorgan. 
Chemie. Brannsehweig, Yieweg & Sohn. 1905. 



— 192 — 

Da die zur Verf&gung stehenden Platingefäße nicht groS 
genug waren, um die ganze Menge des Bromids auf einmal zu 
verarbeiten, wurde auf dieselbe Weise mit einer zweiten und 
dritten Portion des durch Auflösen des Palladiums erhaltenen 
Palladobromids verfahren. 

Das zuletzt, d. h. nach dreimaliger Wiederholung des 
oben beschriebenen Prozesses gewonnene Produkt wurde durch 
Dekantieren sorgfältig gewaschen, dann in kleinen Portionen 
auf säurefeste Filter gebracht und ohne Anwendung der Sang- 
pumpe intensiv mit reinstem Wasser ausgewaschen, das mindestens 
zwanzig Mal erneuert wurde, um die letzten Spuren des Ammo- 
niumbromids sicher zu entfernen. Der Niederschlag wurde 
schließlich mittels der Saugpumpe möglichst trocken gesaugt 
und dann mit einem ausgeglühten Platinspatel in eine Platin- 
schale ubergeffihrt, wobei natürlich die am Filter haften 
gebliebenen Teile nicht berücksichtigt wurden. Die Schale 
wurde dann in einen mit Schwefelsäure beschickten Exsikkator 
gebracht, wo sie längere Zeit im Vakuum belassen wurde. 

Darauf wurde sie im Trockenschrank noch einige Tage lang auf 
105^—110® bis zur Gewichtskonstanz erhitzt, wobei natürlich pein- 
lich darauf geachtet wurde, daß die Temperatur nie höher stieg. 

Das auf die geschilderte Weise dargestellte Präparat war 
äußei*st rein. Natürlich gingen durch das häufige Auswaschen 
beträchtliche Mengen des Palladosamminbromids verloren, doch 
konnten wir uns diese Verschwendung infolge der relativ großen 
Mengen von Palladium> die uns zur Verfügung standen, gestatten. 

Die zum Abfiltrieren des Palladosamminbromids angewandten 
säurefesten Filter waren vorher längere Zeit mit bromwasser- 
stoffhaltigem, reinem Wasser digeriert und dann quantitativ mit 
reinstem Wasser ausgewaschen worden. 

Die Reindarstellung des Analysenmaterials erfolgte in einem 
Zimmer^ welches vollständig für meine Untersuchungen reserviert 
war; so wurde verhütet, daß das Präparat mit Salzsäuredämpfen 
oder mit anderen schädlichen in der Laboratoriumsluft gewöhn- 
lich sich findenden Produkten in Berührung kommen konnte. 

Wage und Gewichte. 

Zur Wägnng benützte ich die von W. Spoerhase gelieferte 
Wage, deren Einrichtung hier kurz geschildert werden möge. 



- 193 - 

Die Wage ist derart eingerichtet, daß die Auflegang der 
Gewichte mittels eines Hebels von außen erfolgt, so daß die 
Wage während der Wägung geschlossen bleiben kann. Zu 
diesem Zwecke ist die rechte Schale der Wage durch ein Ge- 
hänge ersetzt, in dem fftr jedes der cylinderförmigen Gewichte 
eine Auflegestelle vorhanden ist. Die Gewichte werden in 
schwebender Lage über ihren Auflegestellen durch Hebel fest- 
gehalten. Die Wage ist mit zwei Skalen versehen, einer 
Makroskala und einer an der Zunge der Wage befestigten 
MikroSkala; an der letzteren erfolgen die Ablesungen durch ein 
Mikroskop. 

Die Wage ist derart justiert, daß für 10 mg der Zeiger 
10 Grad Ausschlag gibt, mithin für 1 mg 1 Grad. Für die 
mikroskopische Ablesung ist jeder dieser Grade wieder in 
zehn Teile geteilt, so daß sich 0,1 mg direkt ablesen lassen; 
da die Wägungen mittels der Schwingungsmethode ausgeführt 
wurden, konnte auch die fünfte Dezimale noch genau bestimmt 
werden. Der Nullpunkt, der während der ganzen Zeit recht 
konstant blieb, wurde vor und nach jeder Wägung ermittelt; mit 
dem Durchschnitt beider Werte wurde gerechnet. 

Das kostbare Instrument steht in einem Wägezimmer für 
sich allein, zu welchem niemand sonst Zutritt hat; die Gewichte 
sind von der Normaleichungskommission geeicht. 

Bestimmiing des Atomgewiehtes. 

Die Bestimmungen wurden in derselben Weise durchgeführt 
wie die von A. Krell und von M. Woernle, nur wurde ein etwas 
vereinfachter Reduktionsapparat benutzt, der im folgenden kurz 
beschrieben sei (s. die Figur auf der beigegebenen Tafel). 

Wasserstoff wurde in einem mit Steigröhre versehenen 
Kippschen Apparate (EJ aus reinstem arsenfreien Zink, das 
man vorher platiniert hatte, und ans destillierter, verdünnter 
Schwefelsäure entwickelt und durch zwei Waschflaschen geleitet, 
von denen die eine mit reinster Natronlauge (Wj), die zweite 
mit Ealiumpermanganatlösung (W2) gefüllt war. Zwischen diesen 
beiden Waschflaschen und der mit konzentrierter Schwofelsäure 
beschickten Trockenflasche (WJ war zur genaueren Regulierung 
des Gasstromes ein Glashahn (QJ eingeschaltet worden; in die- 
selbe Flasche ("WJ mündete ebenfalls nach Zwischenschaltung 

8itsii]isib«riehte der phyi.-med. Sos. 89 (1907). 13 



— 194 — 

eines Glashahnes (Q2) das vomEohlendioxydentwicklungsapparate 
(E2) kommende Gasableitungsrobr. 

Die Kohlensäure entwickelten wir ans Marmor, den wir 
durch Auskochen mit Wasser von Luft befreit hatten, mit 
reinster verdünnter Salzsänre und wuschen sie in der Flasche 
(W3) mit Natriumbicarbonatlösung. 

Aus der mit Schwefelsäure beschickten Waschflasche (WJ 
trat das Gas in eine auf einem kleinen Verbrennungsofen zur 
Rotglut erhitzte, mit Kupferspiralen gefüllten Verbrennungsröhre 
(B) und gelangte von hier durch eine mit Palladiumasbest be- 
schickte Kugelröhre (P), durch ein Chlorcalciumrohr (C,) und 
eine lange mit sorgfältig gereinigtem Phosphorpentoxyd gefüllte 
Röhre (T) in das Glasrohr (Re), in welchem die Reduktion 
vorgenommen wurde. 

Ein Chlorcalciumrohr {G^) sowie zwei mit Natriumbicar- 
bonatlösung (W5) und mit konzentrierter Schwefelsäure (W,) 
beschickte Waschflaschen schließen den Apparat ab. 

Mit Hilfe aller dieser Einrichtungen war es möglich, je nach 
Wunsch Wasserstoff oder Kohlendioxyd durch den Apparat zu 
leiten, die Substanz also je nach Bedaif in dem einen oder 
anderen Gase zu erhitzen. 

Die Bestimmungen selbst wurden wie folgt ausgeführt. 

Große und breite Porzellanschiffchen aus Meißner Porzellan 
wurden in Salpeter- und Bromwassersoffsäure mehrere Stunden 
ausgekocht, dann mit Wasser gereinigt und schließlich in reinem 
Wasser selbst nochmals längere Zeit ausgekocht. 

Nachdem sie sorgfältigst mit einem seidenen Tuche ge- 
trocknet waren, wurden sie je zehn Minuten vor dem Gebläse 
geglüht, dann nach kurzem Erkalten in die bekannten zu diesem 
Zwecke dienenden Wägeröhrchen, die mit zwei vorzüglich ein- 
geschliffenen und absolut luftdichten Glasstopfen versehen waren, 
eingeschoben, zwei Stunden an der Wage stehen gelassen nnd 
dann zur Wägung gebracht. Dies wurde so oft wiederholt, bis 
dreimal hintereinander konstantes Gewicht erreicht wurde. 

In das so vorbereitete Schiffchen wurden ca. l^^—^^U S des 
reinsten Palladosamminbromids eingetragen und im Trocken- 
schranke bei 105^ zwei Stunden lang erhitzt; nach aber- 
maligem, zweistündigem Stehen im Wägezimmer wurde das 
Schiffchen mit Substanz gewogen. Sobald konstantes Gewicht 



— 195 — 

erreicht war wurde das Schiffchen nan vorsichtig in das 
Glasrohr eingeschoben, die Apparate Inftdicht verbanden und, 
nachdem zuvor zur Vermeidung von Knallgas alle Luft durch 
Kohlensäure verdrängt worden war, ein langsamer Wasser- 
stoffstrom hindurchgeleitet. Dann begannen wir ungefähr zwei 
Finger breit vor der Stelle, an der sich das Porzellan- 
schiffchen befand, mit einem Mikrobrenner schwach zu er- 
wärmen und führten durch fächelndes Erhitzen die Zersetzung 
des Präparates herbei. Diese Zersetzung verläuft außerordent- 
lich ruhig, indem sich das darcb Katalyse gebildete Brom- 
ammonium langsam verflüchtigt, und sich teils auf dem umzer- 
setzten Palladosamminbromid, teils an der Röhre niederschlägt. 

So einfach dieser Prozeß aussieht, so fanden wir trotzdem, daß 
er nicht so glatt verläuft, denn die letzten Beste des Bromammoni- 
nms haften in dem fein verteilten Palladiumschwamm ziemlich 
fest, so daß zu ihrer endgültigen Vertreibung eine Steigerung 
der Temperatur notwendig ist. War dies en-eicht, so trieb man 
das Bromammonium durch Erhitzen in der Röhre weit von dem 
Porzellanschiffchen fort, um ein Zurficksublimieren in das Pal- 
ladium zu verhindern. 

Bekanntlich nimmt nun ein derartig fein verteiltes Palla- 
dium, wie es hier vorliegt, beim Abkühlen im Wasserstoff- 
strom relativ große Mengen von Wasserstoff auf, um mit 
ihm das sogenannte Wasserstoffpalladium zu bilden. Unser 
eifrigstes Bestreben mußte sein, die Bildung dieses Produktes 
zu verhindern, da das mit Wasserstoff beladene Palladium nicht 
an die Luft gebracht werden kann, ohne zu erglühen, d. h. mit 
dem Sauerstoff der Luft infolge der katalytischen Eigenschaften 
des Palladiums Wasser zu bilden und dieses auf seiner Ober- 
fläche zu verdichten. Wir fanden allerdings wieder, daß ein im 
Wasserstoffstrom genügend hoch erhitztes Palladium seine feine 
Verteilung aufgibt, sich in ein kompakteres Produkt verwandelt, 
das nun seinerseits beim Herausnehmen an der Luft nicht mehr 
erglüht, aber daß auch ein derartiges Produkt mit Wasserstoff 
beladen ist, da es beim Erhitzen im Luftstrom Wasser bildet. 

Durch einen kleinen Kunstgriff ist es gelungen, diese unan- 
genehmen Erscheinungen vollkommen aufzuheben. Man fand 
nämlich, daß Palladium, welches, mit Wasserstoff beladen, im 
Kohlensäurestrom schwach (über 150®) erwärmt wird, die ge- 

13* 



- 196 — 

satnte Menge des Wasserstoffes abgibt, ohne von der Kohlen- 
säure in irgendwelcher Weise angegriffen zu werden oder ohne 
diese irgendwie chemisch zu verändern. Durch die von uns 
gewählte Konstruktion des Apparates war es uns jeden Augen- 
blick möglich, die Gase (Wasserstoff und Kohlensäure) zu 
wechseln, ohne daß das Palladium mit irgend einem anderen 
Gase oder mit Luft in Berührung kam. 

Wir verfuhren daher so, daß wir das Palladium, nachdem es 
durch Zersetzung des Palladosamminbromids im Wasserstoffstrom 
erhalten war, bis auf ungefähr 200® im Wasserstoffstrom abkühlen 
und dann Kohlensäure eintreten ließen, unter welcher wir das 
Palladium nochmals erhitzen. Wir ließen dann im Kohlensäure- 
strom erkalten, öffneten den Apparat bei Cj und schoben das Wäge- 
röhrchen ein wenig in das Reduktionsrohr ein; dann führten 
wir das Schiffchen in das Wägeröhrchen über, verdrängten aus 
letzterem die Kohlensäure durch reine, trockene und kohlensäure- 
freie Luft und wogen nach zwei Stunden. Der ganze Prozeß wurde 
hierauf so oft wiederholt, bis Gewichtskonstanz eingetreten war. 

Um uns über die Brauchbarkeit der Methode einerseits 
und über die Zuverlässigkeit der Resultate andererseits zu 
orientieren, galt es für uns nachzuweisen, ob das so erhaltene 
Palladium nicht doch noch Gase auf seiner Oberfläche konden- 
siert habe. Zu diesem Zwecke brachten wir das mit dem 
reduzierten Palladium gefüllte Schiffchen in eine aus schwer 
schmelzbarem Glase bestehende, auf der einen Seite zuge- 
schmolzene Glasröhre mit luftdicht eingeschliffenem Glashahn, 
welche wir mittels eines Rückschlagventils, ferner einer mit 
echtem Blattgold gefüllten Kugelröhre mit einer Sprenge Ischen 
Quecksilberluftpumpe verbanden. Sobald die Pumpe Sprengel- 
sches Vakuum zeigte, erhitzten wir das Rohr ziemlich stark, 
konnten aber weder die geringste Spur eines Gases auspumpen, 
noch auch nach dem im Vakuum erfolgten Erkalten eine Ge- 
wichtsveränderung des Schiffchens beobachten. Unter den von 
uns gewählten Bedingungen erhielten wir das Palladium absolut 
rein und frei von irgendwelchen Gasen. 

Das spezifische Gewicht des Palladosamminbroniids« 

Um das Atomgewicht vollständig genau berechnen zu 
können, wurden sämtliche Wägungen auf den luftleeren Raum 



-~ 197 - 

reduziert; deshalb war es noch notwendig, eine Bestimmung des 
spezifischen Gewichtes der Analysensabstanz vorzunehmen. 

Da Palladosamminbromid in Wasser etwas löslich ist, mußte 
das spezifische Gewicht mit einer Flüssigkeit bestimmt werden, 
in der unser Präparat vollkommen unlöslich war. Als solche 
wurde das Toluol gewählt. Ganz reines Toluol des Handels 
wurde aus einem Ölbade fraktioniert, wobei natürlich nur die 
bei 110® übergehenden Teile aufgefangen und weiter benützt 
wurden. Das Toluol besaß schließlich die Dichte 0,89. 

Mit dieser Flüssigkeit ermitteln wir das spezifische Gewicht 
des Palladosamminbromides mit Hilfe eines kleinen Pyknometers 
und erhielten aus fünf Bestimmungen für die Dichte unserer 
Analysensubstanz im Mittel den Wert 2,55. 

Resultate. 

Alles, was für die Beurteilung der von mir ausgeführten 
Atomgewichtsbestimmungen irgendwie in Betracht kommt, ist in 
den voranstehenden Ausführungen angegeben. Es folgen jetzt die 
erhaltenen Resultate. Ich bemerke nur noch, daß ich mich bei 
der Vakuumkorrektion der gleichen spezifischen Gewichte bedient 
habe wie R. Amberg und wie auch A. Gutbier, A. Krell 
und M. Woernle; nur für die Dichte des Palladosammin- 
bromids wurde der oben angeführte neue Wert eingesetzt. 

Ich erhielt folgende Zahlen. 



Nr. 


ADgewandt g 
Pd(NH3],Br, 


Gefunden 
g Pd. 


Gefunden 


Atomgewicht 
des Pd. 


1 


2,06470 


0,73274 


35,488 


106,73 


2 


1,73455 


0,61563 


35,492 


106,75 


3 


2,64773 


0,93978 


35,493 


106,76 


4 


1,29106 


0,45821 


35,491 


106,74 


5 


2,26758 


0,80490 


35,495 


106,77 


6 


1,90770 


0,67704 


35,489 


106,74 


7 


1,77729 


0,63()S2 


30,493 


106,76 



Mittel: 106,75 



198 - 



Zar Berechang dienten folgende Atomgewichtszahlen : 
Br = 79,9531), N = 14,037«) and H = 1,008. 

Der Stickstoffwert 14,037 warde deshalb angenommen, weil 
er der f&r das Atomgewicht des Silber heate noch angenommenen 
Zahl 107,930 entspricht; infolgedessen waren wir aach darauf 
angewiesen, mit dem von G. P. Baxter für das Atomgewicht 
des Broms anfgestellten Werte 79,953, welcher ebenfalls auf 
Silber (Ag = 107,930) bezogen ist, zu rechnen. 

Aus diesen Gründen kann das von mir erhaltene Resultat 
nicht ohne weiteres mit demjenigen verglichen werden, welches 
A. Gutbier in Gemeinschaft mit A. Krell and H. Woernle 
gewonnen hatte. 

Herr Professor Dr. A. Gatbier hat mir freundlichst die 
folgenden Tabellen überlassen, in welchen sich die bei der 
Analyse des Palladosamminchlorids erhaltenen und auf N = 14,037 
und Cl = 35,473 umgerechneten Werte finden; so ist es mög- 
lich einen Vergleich zu ziehen. 

A. Gutbier fand mit A. KrelP) und M. Woernle folgende 
Zahlen. 

I. Bei der Reduktion von Palladosamminchlorid im Wasser- 
stoffstrome: 



Nr. 


Angewandt g 
Pd[NH,l,Cl, 


Gefunden 
g Pd. 


Gefunden 
\ Pd. 


Atomgewicht 
deePd. 


1 


1,73474 


0,87433 


50,401 


106,77 


2 


1,91532 


0,96524 


50,395 


106,74 


3 


3,23840 


1,63175 


50,387 


106,72 


4 


2,94682 


1.48493 


50,391 


106,73 


5 


1,83140 


0,92296 


50,396 


106,75 



n. Bei der elektrolytischen Bestimmung der gleichen Ver- 
bindung: 



*) G. P. Baxter. Z. anorg. Chem. 50 (1906), 389. 

•) Tb, W. Richards und G. S. Forbes, Z. anorg. Chem. 55 
(1907), 34. 

') Hiemit wird gleichzeitig ein Druckfehler in der Dissertation von 
A. Krell (a. a. 0.) berichtigt 



A, Oß> 





199 — 



Nr. 


ÄDgewaodt g 
PdrNH,),CI, 


Gefunden 
g Pd. 


Gefunden 


Atomgewicht 
desPd. 


6 


1,02683 


0.51749 


50,396 


106.75 


7 


1,22435 


0,61708 


50,401 


106,77 


8 


1.46735 


0,73944 


50,393 


106,74 


9 


0,59796 


0,30139 


50.403 


106.77 


10 


' 2,64584 


1,33329 


50,392 


106,74 



Das Mittel aus diesen Atomgewichtsbestimmangen beträgt 
somit 106,748, und das ist ein Wert, der mit der von mir ge- 
fundenen Zahl ausgezeichnet übereinstimmt. 

Diese vorzfigliche Übereinstimmung unserer Resultate so- 
wohl unter sich wie mit den Resultaten der vorher genannten 
Forscher beweist zweifellos, daß der von der internationalen 
Atomgewichtskommission fUr das Palladium festgesetzte Atom- 
gewichtswert zu niedrig ist, und daß die Zahl 106,75 das Ver- 
bindnngsgewicht des Palladiums repräsentiert. 



Die vorliegende Untersuchung wurde im Sommersemester 
1907 und im Wintersemester 1907/08 im chemischen Labo- 
ratorium der Universität Erlangen ausgeführt. 

Es ist mir eine sehr angenehme Pflicht, Herrn Professor 
Dr. A. Gut hier für die Anregung zu dieser Arbeit meinen 
herzlichsten Dank auszusprechen. 



Beiträge 
zur Geschichte der Naturwissenschaften. XII. 

Von Eilhard Wiedemann 

Über Lampen und Uhren. 

Über die Uhren habe ich früher mehrfach berichtet, das 
Folgende enthält einige Ergänzungen. Ansffihrlicher soll über 
Lampen gehandelt werden, deren Konstruktion ein Zeugnis für 
das große Geschick der islamischen Techniker bildet. 

I. 

Zunächst soll der betreffende Abschnitt ans dem Werk Wl 
Hijal der Benü Müsä dem Inhalt nach mitgeteilt werden, der sich 
in der Berliner Handschrift Nr. 5562 fol. 66 ^ff. befindet i). Es sind 
im ganzen 4 Lampen beschrieben, die die 97.— 100. Proposition 
bilden. — Im Original ist die Reihenfolge der Beschreibungen 
1, 2, 4, 3; wir haben dieselben, um besser den Zusammenhang 
zu wahren, umgestellt. 

1. Herstellung einer Lampe (Siräg), in welche man [Öl] ein- 
gießt und die stets voll bleibt. So oft etwas [von dem Öl] 
schwindet, tritt ebensoviel wieder ein und das Öl {Dahn) er- 
füllt die Lampe stets ganz und erfährt keine Abnahme. Wer 
die Lampe sieht, der meint, daß das Feuer von dem Öl {Zait) 
nichts verbraucht^). 



^) DeD Herren Dr. Ehwald, Dr. JnynboU nod Prof. Dr. Stern, 
die mir die Benützung von Gothaer, Leydener und Berliner Handschriften 
in hohem Grade erleichteit haben, sei anch an dieser Stelle bestens ge- 
dankt; ebenso Herrn Prof. Dr. Jacob für viele freundliche Ratschläge. 

*) Die Dochte {Faul) besteben nach einer später zu besprechenden 
Schrift aus ÄhuH Qdsim manchmal aus Seide (Harir)^ manchmal aus Baum- 
wolle (Quin). Zum Brennen dient nach al Zarchüri auch das Öl des 
reinen Naphta. 



— 201 - 

Auf einer Säule (Manärd)^) befindet sich ein hohles Ge- 
fäß B (Fig. 1), ähnlich den Kürbissen {Dabbä), das oben eine 




Fig. 1. 

Öffnung hat, in diese lötet man ein unten geschlossenes, oben 
offenes Bohr C, in diesem ist das Rohr ab befestigt, das bei b 
aus der Wand von ß austritt. An der Wand des Leuchters 
wird eine Lampe L {Misraga) von der Form, wie sie die Leute 
verwenden, angesetzt. In die Wand zwischen B und L werden 
zwei Löcher o und e angebracht. An dem oberen ist das Rohr 
R befestigt, das untere o bleibt offen. — Wir gießen in C das 
Öl, dann fließt es durch ab in B, nachdem vorher die Öffnung o 
verschlossen ist, etwa durch ein von t aus eingeführtes ge- 
bogenes Rohr, das man nachher fortnimmt. Ist die gewünschte 
Menge von Öl eingegossen, so öffnet man o und zündet den 
Docht D an. Nimmt nun beim Verbrennen das Öl ab und wird 
das Loch e frei, so tritt Luft durch das Rohr R ein und eben- 
soviel Öl tritt aus, bis das Loch e wieder bedeckt ist*). 



') Die Untergestelle der Lampen sind in der Reproduktion der Zeich- 
nungen fortgelassen, trotsdem sie gans hübsche Formen zeigen. 

Die Konstruktion entspricht im wesentlichen derjenigen, welche 
BerzeliuB bei seiner Spiritnslampe benutzte, und die dann später bei 
den sog. Schiebelampen zur Beleuchtung mit Öl Anwendung fand. 

*) Eine der ersten Lampe ganz ähnliche Lampe, „die sich selbst be- 
dient", beschreibt ai Berunia) im Anschluß an die Besprechung von 
Quellen susammen mit einem Instrument al Dahgß), Es heißt: Ihr nehmt 
einen Wasserkrug {Garra) oder ein ölgefaß {Dabba); an mehreren Stellen 
des Bandes oder der Lippe macht ihr feine Schlitze, und ihr bohrt femer 



a) alBeruni,ChTono\ogj (ed. Sachau, Text S.264, Übersetzung S. 255). 
ß) Die Bedeutung von aZDaA^ hat E. Sachau nicht ermitteln können, 
a. a. 0. S. 429). 



202 — 



Diese Vorrichtung kann man auch in anderer Weise her- 
stellen. (Dies wird später beschrieben (Lampe Nr. 3).) 

2. Herstellung einer Lampe, deren Docht von selbst hervor- 
kommt Die Lampe A ^) ist oben durch ein Blech B verschlossen, 
in dem sich ein Loch a befindet, durch das das Öl eingegossen 
wird. Bei t tritt der Docht aus. Der Boden der Lampe ist 
kreisnind. ss^ ist ein kreisförmiger Stab, der leicht auf dem 
Boden der Lampe gleitet. Auf seiner oberen Seite werden Zähne 
z befestigt; in das Ende s^ wird ein Loch gebohrt, in das der 
Docht d eingesetzt wird. Wir nehmen weiter einen Stab n, 
an dessen Ende sich zwei Achsen befinden, er ist horizontal. 
Auf dem Stab bringen wir [eine Scheibe K mit] Zähnen z^ an, 
wie sie bei der Mühle {Rahä) oder dem Wasserrad {Dauläb) 
verwendet werden. Die Zähne z greifen in die Zähne z^ ein. 

Auf der Achse n wird noch 
eine Rolle (Bakra) R be- 
festigt; dreht sich diese, so 
dreht sich mn, ferner der 
Kreis E und der Stab ss^ 
wird verschoben. Über die 
Rolle. R ist eine Schnur 
gelegt (der Kreis R^ ist 
nicht erwähnt, er ist wohl 
eine Leitrolle für die Schnur); 
am einen Ende der Schnur 
befindet sich ein Schwimmer 
S {Dabba)f am anderen ein Gewicht g, das als Spanngewicht 
(Schäqül) dient*). Gießt man nun in a Öl ein, so steigt der 

ein enges Loch unterhalb des Mundes, entsprechend der Stelle, bis zu der 
ihr wollt, daß das Wasser in dem Krug oder Gefäß bleibe. Dann kehrt 
ihr den Krug in der Schale {Tascht) oder das Gefäfi in der Lampe um. 
Wasser und öl fließen dann ans den Schlitzen aus, bis die Flüssigkeiten 
bis zu dem Niveau des Loches gestiegen sind. Ist dann so viel verbraucht, 
daß die Öffnung frei wird, so tritt das dem Loch benachbarte aus. Und 
es bleibt derselbe Zastand erhalten. 

*) Die Figur entspricht fast ganz derjenigen des Originales. Zum 
Verständois ist zu beachten, daß die Achse n senkrecht zur Ebene der 
Zeichnung steht und das Loch a sich in dem Deckel B befindet. . 

') Bei der Beschreibung der Lampe 3 ist dann erwähnt, «und das 
Gewicht des Schwimmers ist größer als das Gewicht g, trotzdem schwimmt 
der Schwimmer auf dem Öl" [wegen des Auftriebes]. 




— 203 — 

Schwimmer S, die Rolle dreht sich unter dem Einfluß von g 
von rechts nach links, der Stab ss^ wird nach rechts ver- 
schoben. Zfindet man nun den Docht an, so nimmt das Öl ab, 
der Schwimmer sinkt, das Gewicht steigt und durch die Drehung 
der EoUe wird der Stab sSj nach t hinbewegt und der Docht 
herausgeschoben ^). 

3. Eine Kombination der beiden ersten Lampen ist die im 
folgenden beschriebene. Die Aufgabe lautet: 

Herstellung einer Lampe, deren Docht von selbst hervor- 
kommt und deren Öl von selbst hineinfließt. Jeder, der sie sieht, 
glaubt, daß durchaus nichts vom Öl und Docht verzehrt wird. 
Diese Lampe ist unter dem Namen Lampe Gottes (Sirdg Alldki) 
bekannt 

Die Lampe besteht der Natur der gestellten Aufgabe nach 
aus zwei miteinander verbundenen Teilen I und 11, wie sie auch 
in der Figur bezeichnet sind. — Der Teil I entspricht im wesent- 
lichen der zuerst beschriebenen Lampe, die Öffnung e entspricht 
der Öffnung, durch die o bei Rj geht, der Teil n der zu zweit 
beschriebenen Lampe. Aus Figur 2 ist die Leitrolle R, nach rechts 
verschoben, die Schnur o ist aus n in I durch die in Fig. 1 
gezeichnete Öffnung o geführt'). 

Das Funktionieren der Lampe ist klar. 

Wohl voD einer Beschreib ung einer anderen Lampe, die aber im 
wesentlichen auf demselben Prinzip bernfat, stammt die Angabe, daß man 
»wischen I und II ein Loch macht, von dem ein Rohr zu einem Schnabel 
führt, aas dem das Öl ausfließt'). Der Schnabel steht natürlich höher als 
das Loch e (Lampe I). 

Von dieser Lampe heißt es dann weiter: 

Die Lampe brannten die Leute, die mit den religiösen An- 
gelegenheiten {Adjän) zu tun haben. Sie glauben, daß man in 

^) In den Pneumatika von H e r o n (Hb. J, 34, ed. W. S c h m i d t , S. 163) ist 
die Aufgabe behandelt, eine Lampe herzustellen, die von selbst den Docht 
zur Tülle schiebt. Die Konstruktion ist ähnlich der eben beschriebenen \ 
man hat das Zabngestänge z, die Zähne z^; dagegen ist der Schwimmer 
mit einer vertikalen Zahnstange versehen, die in die Zähne z^ eingreift. 
Der Docht ist bei Heron um das Gestänge z geschlungen, bei den Benü 
Müsä dagegen an dessen vorderen Ende befestigt. Im ganzen dürfte die 
Anordnung der letzteren zweckmäßiger sein. — Andere Kandelaber sind 
bei Heron (a. a. 0. lib. II, S. 265 ff.) beschrieben. 

*) Von dem Kreis Kj und dem Stab p ist im Text nicht die Rede. 

') Die Buchstaben lassen auch auf eine Interpolation schnellen. 



— 204 




ihr eine ewige Lampe habe, bei der das Feuer nicht erlischt, 
und zwar brennt es ununterbrochen in dem Rohr des Feuers, 

das ist bei den Ma- 
gieren der Fall und 
in der Kirche, das 
ist bei den Christen 
der Fall. Stellt man 
den Leuchter (den 
Träger der Lampe) 
und den Ölbehälter 
{Chh4na) versteckt 
in der Wand auf, so 
daß man nur die 
Lampe {Siräg) sieht, so macht das auf den Beschauer einen 
schöneren Eindruck. 

Eingeschoben ist noch eine Bemerkung, nach der man diese Lampe 
auch als Uhr benützen kann, sie lautet etwa: Gelegentlich kann man 
mittels dieser Anordnung eine Lampe, die die Stunden anzeigt, konstruieren. 
Je nach Ablauf einer Stunde fällt eine Kugel (es ist dies wohl k, die aus 
L herausfällt). Es geschieht dies ja freilich nicht zur vollkommenen, wohl 
aber zur angenähert richtigen Zeit. Man kann es auch so einrichten, daß 
je nach Ablauf eines Tages der Schwimmer bei seinem Sinken eine Kugel 
(Bunduq) wirft. Wollen dann die Menschen wissen, seit wie lange die 
Lampe gebrannt hat, so sehen sie nach der Zahl der Kugeln und rechnen 
für jede Kugel einen Tag. 

i. Anfertigung einer Lampe, die, wenn man sie in heftigen 
Wind stellt, nicht erlischt. 

Auf einem Leuchter ist zunächst ein gebogener Stab S be- 
festigt. Ein offener Halbzylinder H aus Kupfer hat an den beiden 

Endflächen zwei Achsen a^ 
und aj-, in seiner Höhlung ist 
die Lampe L befestigt und 
weiter an ihm ein dreieckiges 
Kupferblech b (oder ein an- 
ders gestaltetes)^), dessen 
Ebene senkrecht zur Hori- 
zontalen steht. Wird nun 
die angezündete Lampe in 
den Wind gestellt, so stellt 

das Blech b oben an dem Gestell S 




Fig. 4. 

^) Im Original ist irrtümlich 



angebracht 



— 205 — 

sich dieä Blech b in die Windrichtung. Zu dieser Zeit ist die 
Lampe durch die Fläche des Hohlzylindei'S vor dem Winde ge- 
schützt und erlischt auch nicht, wenn der Wind weht. 

II. 

Von der Lampe in der Grkbeskirche, die am Sonnabend vor 
Ostern durch ein von oben kommendes Licht entzündet wird, 
wobei das Balsamöl eine Rolle spielt, wird vielfach bei den 
arabischen Schriftstellern gehandelt. Eine sehr ausführliche 
Darstellung findet sich bei al Oauba7% der im vierten Kapitel 
seines Werkes die Betrügereien der Mönche behandelt*). Nach- 
dem er, wie es für ihn als Muslimen natürlich ist, die Mönche 
mit noch mehr bösen Eigenschaften dargestellt hat, als die anderen 
Kategorien der von ihm behandelten Schwindler, fährt er fort: 
Sie sind nach jeder Richtung die lügnerischsten Geschöpfe. Zu 
ihnen gehören diejenigen, welche für ein Kloster ein Fest ver- 
anstalten, bei dem sie dann irgendeinen Schwindel ins Werk 
setzen^ durch den sie das Hab und Out der Christen verzehren. 
Ich will Dir etwas hiervon genau berichten: 

Wisse, daß die größte Betrügerei dieser Leute die Lampe 
in der Grabeskirche ^) zu Jerusalem ist. Sie ist ein Werk der 
Mönche und alle Christen, ihre Stämme und Familien, haben 
sich dadurch düpieren lassen. Der König al Miiazzam Ibn al 
Malik al 'Ädil, (1200—1227 n. Chr.), Gott möge seinen Geist 
heiligen, betrat die Grabeskirche am Sabbat des Lichtes und sprach 
zu dem Mönch : Ich werde nicht eher fortgehen, ehe ich nicht ge- 
sehen habe, wie dieses Licht herunterkommt. Da sagte zu ihm 
der Mönch: Was ist Dir lieber, das Geld, welches Du aus diesem 
Anlaß erhältst oder daß Du darüber Klarheit erlangst. Hast 
Du nämlich sein Geheimnis enthüllt, so verlierst Du diese Ein- 



') Mir haben zur VerfttguDg gestanden der Drnck von DamaskuB, 
eine Handschrift aus Gotha (Nr. 1375), eine aus Berlin Nr. 5563 (Lbg. 117), 
eine ans Leyden Nr. 1222 (Gol. 191). Ober Gaubart hat de Goeje sehr 
ansHlhrlich gebandelt. 

') Es steht Kanisat al Qumdma Eehrichtkirche, statt Kanisat al 
^jamaAuferstehungskirche, nach Le Strange S.202 ist es eine absichtliche 
Verdrehung der Worte. 'AUvonHerdt (LeStrange S. 207) bemerkt, daß 
nach den Christen es al Qijäma heißt, weil sie glauben, daß dort der 
Messias auferstanden sei*, der Ort heißt aber al Qumäma^ weil dort ihr 
Kehrichthaufen war u. s. w. 



— 206 — 

känfte. So lasse es denn verschleiert and wohl behütet and 
nimm diese gewaltigen Einkünfte ein. Als der Fürst das hörte, 
verstand er den verborgenen Sinn der Rede des Mönches; daher 
ließ er die Sache aaf sich berahen and ging heraas. 

Die Sache ist aber die, daß diese Lampe {QandtJ) die größte 
Betrügerei ist, welche die Alten hergerichtet haben. Sie besteht 
in folgenden: Am obersten Ende der Kappel ist daza eine eiserne 
Büchse (flw^g) angebracht; die Angel (/2a;t^a, die Berliner Hand- 
schrift hat Ruxxa) des Drahtes (Kette 8ilsila\ an dem sie (die 
Büchse) aufgehängt ist, ist in dem Halbmond der Kappel sorg- 
fältig befestigt^) (in den Handschriften muhajidam). Und nar 
der Mönch weiß über sie Bescheid; für den Draht ist in der 
Büchse ein Hohlraam. In der Nacht des Sabbat des Lichtes steigt 
der Mönch za der Büchse and tut in sie ein Schwefelpräparat 
{Matbüh al KibrU) ähnlich dem Teig {Sanbüsaky)\ er macht 
unter ihr ^) Feuer an, das auf die Stande berechnet ist, zu der 
das Licht herantersteigen soll ; dann wird der Draht mit Balsamöl 
bestrichen. Ist die Zeit gekommen, und ist das Feuer angezündet, 
so ergießt sich die Paste reichlich über die Angel der Kette 
in dieser sorgfältig angeordneten Büchse, so daß sich von diesem 
Punkt das Balsamöl erstreckt; es wandert längs des Seiles zu 
der Lampe; das Feuer hängt sich an den Docht der Lampe, 
der zuerst mit dem Balsamöl getränkt wird. 

Einige weitere orientalische Nachrichten über die Lampe 
sind folgende: 

Jaqüt (Bd. 4, S. 174) ist von einem muslimischen Beamten 
berichtet worden, er habe sich in der Kirche nach dem Feuer, 
dessen Erscheinen sich verzögerte, erkundigt und als der Priester 
Ausflüchte machte und wünschte, daß er sich entferne, gesagt: 
Jetzt will ich sicher sehen, was Du anstellst. Denn siehe, ich 
habe in einem Werke über Zauberei {Ntrangijät) gefunden, daß 
man der Lampe (Qandil) eine Wachskerze nähert, so daß sie 
plötzlich an ihr befestigt ist; da das Volk das weder sieht noch 



') Die Handschriften haben muhandam, der Druck muhandis, 

*) Sahbüsak ist pätisserie und Maibuh eigentlich das Gekochte, maii 

hat wohl eine durch Znssmmenerhitzen von Fett und Schwefel hergestelltes 

Präparat. 

') Die Handschrift in Berlin hat „in ihr!*. 



— 207 — 

weis, so sehen sie es als einen wunderbaren Vorgang an, der vollen 
Glauben verdient 

Qaxmtnt (Bd. 2, S. 109) gibt keine Angabe über das An- 
zünden der Lampe. 

Zu dem Licht in der Grabeskirche findet sich eine Stelle 
im Bar Hebraeus {Abu'l Farag) Chronicon syriacum; es heißt I 

dort bei der 10. Dynastie (in der Übersetzung von Bruhns und j 

Kirsch S. 220): Es hatte jemand dem Chalifen Häkim (um 1000) 
erzählt, daß wenn die Christen um das Paschafest in Jerusalem 
vereint wären, die schlauen Vorsteher der Kirche den eisernen 
Draht, an dem der Kandelaber über dem Grabe aufgehängt 
war, mit Balsamöl bestrichen und, nachdem der arabische Präfekt 
die Türen verschlossen, oben am Dach am obersten Ende des 
Drahtes Feuer entzündeten, das dann zum Lampendocht herab- 
fließe und diesen entzündete. 

Die älteste Erwähnung des heiligen Feuers, das von den Grieehen 
ins apostolischö Zeitalter verlegt wird, findet sich im 9. Jahrhundert bei 
dem Mönch Bernhard. 

Eine historische Darstellung über die Geschichte des Feuers, das die 
Lampen in der Grabeskirche anzündet, gibt K. v. Rau me r , ohne sich aber 
auf den Vorgang selbst einzulassen. (E.v. Raumer, Palästina. 4. Auflage. 
Leipsig 1860, S. 825 ff.) 

. Weitere Literatur findet sich bei Tob 1 e r, Golgatha (1851), S. 460 ff. — 
Sehr ausführlich handelt über die Grabeskirche G. Le Strange, Palästina 
u. a. w. 1890, S. 202. (Den Hinweis auf diese Stellen verdanke ich Herrn 
Prof. Dr. H. Guthe in Leipzig.) 

Den jetzigen Verlauf schildert Bädecker folgendermaßen: Am Sonn- 
abend vor Ostern, um 2 Uhr nachmittag, geht eine Prozession der hohen 
Geistlichkeit um das Grab herum, nachdem alle Lampen vor den Augen 
des Volkes ausgelöscht worden sind. Einige Glieder der hohen Geistlich- 
keit begeben sich in die Grabkapelle; das Volk ist in Spannung, die 
Priester beten; endlich wird das vom Himmel gefallene Licht ans einer 
Lücke des heiligen Grabes herausgereicht, und nun gibt es einen un- 
beschreiblichen Tumult, da jedermann als der erste sein Kerzenbttndel 
anzünden will. 



In dem Kapitel, das sich an dasjenige über die Lampe in der Grabeskirche 
anschließt, wird von al Gaübari ein in der Luft schwebendes Götzen- 
bild geschildert, eine Schilderung, die auf einer Überschätzung der mag- 
netischen Wirkungen beruht. Da die Beschreibung solcher schwebender 
Figuren, die sich auch sonst vielfach wiederholt, bei Gaubari ziemlich aus- 
führlich ist, so sei sie etwas gekürzt mitgeteilt, und zwar nach der Berliner 
und Leydener Handschrift, die weit ausführlicher sind als der gedruckte Text. 



— 208 - 

Es beißt etwa: ^Zn ihren (der Mönche) Geheimnissen gehört das Kloster 
des Götzenbildes {Dair al Sanam), Dies ist berühmt und gehört zu den 
Wundern der Dinge. Es ist ein eisernes Götzenbild in der Kuppel zwischen 
dem Boden und der Luft, es fallt nicht zur Erde nnd steigt nicht nach 
oben, es neigt sich weder nach rechts noch nach links, noch nach hinten 
noch nach vorn. Die Franken, Rumaer (Byzantiner), Griechen und alle 
Christen Völker werden durch dasselbe düpiert. Dies Bild ist ein Werk der 
Weisen JablünuSy (Apollonius von Tyana). Dazu baute er eine Kuppel 
aus Magnetstein und konstruierte das Götzenbild nnd stellte es auf 
mit Klugheit, entsprechend der Größe der Wirkung von jeder Seite 
und des oberen Endes der Kuppel. Der obere Teil der letzteren ließ es 
nicht herabsteigen und die Seitenwände es sich nicht neigen, indem sie es 
gleichmäßig anzogen. Es blieb in der Mitte stehen, stieg nicht hinauf 
und nicht hinab und neigte sich nicht. Das gehört zur Schlauheit and 
zur List. 

Hierher gehört auch das Kloster des Handgelenkes {^fi'sam), nämlich 
der Hand und des Handgelenkes; auch dieses besteht aus Eisen. — 

Einen Bericht von einem solchen schwebenden Götzenbild aus Indien 
gibt auch Qaewini (Bd. 2, S. 68); einen Auszug desselben enthält die 
Chrestomathie, die von den Beyrnter Jesuiten herausgegeben worden ist 
{Magdni al Adab Bd. 3, S. 241), dem ich im wesentlichen folge, da er 
nur für uns unwesentliches ausläßt. Es heißt: 

Zu den Wunderdingen in der Stadt Sümända^) gehört ein Tempel 
mit einem Götzenbild, das in der Mitte des Gebäudes seine Lage bei- 
behält, ohne daß es von unten gestützt oder von oben her aufgehängt 
ist. Dies Götzenbild stand bei den Indem in hohem Ansehen und wer 
es in seiner unveränderlichen Lage sah, staunte, gleichgültig ob er Musel- 
mann oder Ungläubiger war. Die Inder wallfahrten zur Zeit der Mond- 
finsternis zu ihm und brachten ihm als Opferspenden, was es nur an 
Kostbarkeiten gab. Als fromme Stiftungen {Wafq) besaß es mehr als 
10000 Ortschaften» An Tempeldienern hatte es 1000 Biahmanen, um den 
Gottesdienst zu versehen und die Brandopfer zu besorgen. Das Haus 
war auf 56 Säulen errichtet, die aus mit Zinn {Rasäst auch Blei) belegtem 
Teakholz bestanden. Die Kuppel, in der das Götzenbild sich befand, war 
finster; ihr Licht kam von den Leuchtern des ausgezeichneten Juwels. 
Bei ihm befand sich eine goldene Kette von 100 Mann (ca. 200 Pfund); 
sobald ein Teil der Nacht vergangen war, wurde sie in Bewegung gesetzt; 
es ertönten die Glocken und ein Teil der Brahmanen erhob sich zum 
Gebet. Man berichtet, daß, als der Sultan Jamin al Baula Mahmud Ihn 
Sebuktekin*) in Indien (410 d. H. 1025 n. Chr.) eindrang und das Götsen- 



^) Sümdnäa lag in der Gegend des heutigen Balbhi, der Hauptstadt 
der Halbinsel Guzerate; dort landeten zuerst die Schiffe aus Aden (vgl. 
Gildemeister, Scriptorum araborum de rebus indicis etc., S. 44; in 
diesem Werk ist auch die Stelle aus Qazwint S. 205—207 übersetzt). 

*) Dieser Sultan regierte 861—421 d. H., (972—1031) n. Chr. 



— 209 — 

bild sah, ihn das, was mit ihm zusammenfaiDg, in Erstaunen setzte 
und daß er zu seinen Gefährten sprach: Was meint Ihr zu diesem Götzen- 
bild und darüber, daß es unbeweglich in der Luft und ohne eine Auf- 
hängevorrichtung schwebt Einige sagten, daß es aufgehängt sei, die 
Aufhängevorrichtung aber vor dem Blicke verborgen angebracht sei. 
Einer der Anwesenden sagte, ich meine, die Kuppel besteht aus Magnet- 
stein and das Götzenbild aus Eisen ; der Künstler hat sich bestrebt, sein 
Werk sehr sorgfaltig auszuführen und sorgfältig beachtet, daß sich die 
Kraft des Magnetsteines auf den verschiedenen Seiten entspricht. Einzelne 
stimmten ihm bei, andere widersprachen. Als er zwei Steine von dem 
oberen Ende der Kuppel fortnahm, neigte sich das Götzenbild nach der 
einen Seite. Als er dann einen Stein nach dem anderen fortnahm, sank 
das Götzenbild herab, bis es auf den Erdboden aufstand. 

Von der Kirche in Palermo (Baiarm) wird von verschiedenen 
Autoren berichtet, daß dort Aristoteles in einem Holzsarg zwischen Himmel 
und Erde aufgehängt sei; doch ist dabei nicht gesagt, ob der Sarg frei 
schwebt; von einem Magneten ist auch nicht die Rede (vgl. IbnHauqal, 
Geogr. arab. Bd.2, S.82); andre Stellen beiM. Amari, Biblioteoa arabo- 
«cula S. 4, 72, 106, 127, 140). 

Die Vorstellung von einem unter dem Einfluß eines Magneten frei- 
schwebenden Bildnis geht schon auf die Antike zurück. Plinius berichtet, 
(Lib. XXXVI 14, § 147) der berühmte Baumeister Timochares habe auf Befehl 
des K($nigs Ptolemäus Philadelphus II. (f 264 v. Chr.) angefangen einen 
Tempel zu Alexandria aus Magnet zu wölben, zu Ehren der königlichen 
Schwester und Gattin Arsinoe, um das eiserne Bildnis derselben darin 
frei in der Luft schweben zu lassen; der Bau sei aber durch den Tod 
des Baumeisters unterbrochen worden. Spätere lassen den Bau vollendet 
sein und statt des Königs einen Cupido, einen Sonnengott, eine Quadriga 
schweben. Ich teile nach G. A. Palm (Programm Maulbronn 1867) die 
Zitate für die Stellen mit. Isidorus Orig. 16, 21. Augustinus de civ. 
Dei XXI, 6. Kufinus bist. eccl. II, 33. Prosper Aquitanus de promis- 
sione Dei III, 88, 3. Suidas bei ,Magnetes'. Zenobius, Corpus paroemiogr. 
graee. Tom. I, 4, 22. 

Nach dem Talmud soll die Krone des ammonitischen Königs 2. Sam. 12 
und Jerobeams goldenes Kalb durch einen Magneten schwebend erhalten 
werden. Nach abendländischen Berichten wurde auch der Sarg Muham- 
meds in Medina in ähnlicher Welse in der Luft schwebend erhalten (vgl. 
ebenfalls G. A. Palm a. a. 0. Dort finden sich die Angaben der Alten 
über den Magnet gesammelt). 

in. 

In dem Werk von al Zarckürt (ca. 1400 n. Chr.) über die 
mechanische Taschenspielerei ^) ist eine ganze Beihe von Lampen 
beschrieben^ die zu Eunststttcken u. s. w. dienen. 

^) Die einzige bekannte Handschrift ist in Leyden (Nr. 1235 Katalog 

SltBnngsberiehte der phys.-med. Soz. 39 (1907). 14 



— 210 - 

Einmal wird ein Leuchter {Qandil)^) beschrieben, der im 
Wasser in einem Becken, Brunnen oder Fluß anhaltend brennt 
und nicht erlischt. Dazu bringt man auf dem oberen Ende des 
Leuchters ein rundes Himmelsgewölbe [Falka) an*), das auf 
seinem Kreise befestigt ist. Dann durchbohrt man es [oben] und 
setzt in dieses Loch ein hohles Rohr, ähnlich der Zarbatäna^) 
(Blasrohr), mit welcher man auf die Sperlinge schießt. Sein 
oberes Ende ist oberhalb des Wassers befestigt. Aus dem Bohr 
tritt der Bauch aus, und der Leuchter erlischt nicht und das 
Wasser tritt nicht aus ihm aus. (Der Verfasser hat offenbar 
den Versuch so nicht angestellt, da er sonst gesehen, daß das 
Licht bald erlischt.) 

Eine Lampe (Sirdg), die durch Wasser brennt, übergehen 
wii\ Dann wird eine Lampe beschrieben, in die man Wasser 
gießt, das sich in Öl verwandelt. Diese Lampe ist „wundervoll*' 
konstruiert. Ihr Fuß (lies Manära statt Manäna) ist hohl und 
mit Öl gefüllt. Unterhalb des Henkels befindet sich ein Bohr, 
das bis in den Fuß hinabgeht. Nimmt das Öl ab, so gießt man 
Wasser in die Lampe. Dieses fließt in die Höhlung im Fuß 
und das Ol steigt in die Höhe, bis das Öl aus dem Fuß aus- 
geleert ist. 

Dann wird eine Wachskerze (Schanfa) beschrieben, deren 
Feuer geschmückt (mutawwas) ist (d. h. eine farbige Flamme 
zeigt). Dazu nimmt man eine Wachskerze und schabt sie ab, 
bis der Docht sichtbar wird. Dann streicht man rings um diesen 
die zu erwähnenden Chemikalien. Sie brennt geschmückt grün 
und blau. Die Chemikalien sind Grünspan, Indigo je ein 
Teil, Schwefelarsen V2 Teil, ebensoviel Schwefel und Salpeter 



Bd. 3, S. 182); einiges wenige aus derselben hat M.de Goeje (Z. D. M. G. 
Bd. 20, S. 507. 1866) mitgeteilt. Ich selbst habe daraus veröffentlicht 
Abschnitte über Alchemie (Journal für praktische Chemie Bd. 76, S. 86. 
1907) und über den Kompas (Verhandlungen der deutschen physikalischen 
Gesellschaft 1907, S. 764). 

^) Qandil bedeutet hier einen Leuchter, aber auch ein zylindrisches 
Gefäß, ferner eine Lampe. 

*) Man hat wohl eine Halbkugel, die unten durch eine ebene Fläche 
begrenzt ist. In der Mitte ist diese durchbohrt und auf dem Leuchter 
befestigt. 

*) Zarbtäna statt Zäbafäna ist SarbacanCf das Blasrohr, mit dem ; 
Vögel tötet. 



- 211 — 

{Bärüd). Dies alles wird zasammengerieben, außer dem Schwefel 
und dem Schwefelarsen, die fttr sich gerieben werden. Dann 
vereinigt man sie alle durch Reiben und bringt sie rund herum 
auf der erwähnten Wachskerze an. (Das Farbengebende ist der 
Grünspan und der Schwefel, Indigo ist wegen seiner blauen 
Eigenfarbe zugesetzt.) 

In diesem Abschnitt sind weiter einige physikaliscfae Experimente mit- 
geteilt, die z. T. auch jetzt noch gezeigt werden und die auf ältere Quellen 
zurückgehen. 

Zunächst ist gegeben eine Beschreibung der Flüssigkeiten, die über- 
einander ohne Scheidewand aufgehängt (geschichtet) sind: Und wisse, 
daB kein Mensch diese Methode kennt, sie ist erstaunlich im Entwurf^ 
wunderbar in der Ausführung. Sie besteht darin, daB Du in einem engen 
Leuchter (Qandil) oder ßecher (Qadah) fünf, sechs oder mehr oder auch 
weniger Farben übereinander schichtest und zwar ohne Scheidewände. Die 
Methode der Ausführung besteht darin, da£ Du ein Schreibrohr aus Wästt 
(in Mesopotamien) von der Länge des GefäBes, in dem Du den Versuch 
anstellst, nimmst. Dann gießt Du in das Rohr Wasser. Fließt es wie ein 
einziger Strahl aus, so verengere das Rohr mit dünnen Strohhalmen, bis das 
Wasser aus ihm tropfenweise austritt. Dann bringe an ihm einen Trichter 
aus Wachs an. Dann gieße in den Leuchter die erste Farbe [sc. die in 
reinem Wasser gelöst ist]. Dann wäge in der zweiten Farbe einen Birham 
(ca. 3,1 g) Salz ab, das köstlich an Farbe (d. h. rein weiß) ist, die Du dadurch 
beschwerst; in der dritten wägst Du 2 Birham ab und so fort für jede 
nächste Farbe. (In einer Figur ist ein Rechteck 2 cm : 8,8 cm durch fünf 
horizontale Linien in sechs Teile geteilt und in diese von oben nach unten 
gesehrieben 1, 2, 8 ... 6 Farbe.) (Die einzelnen Schichten haben ver- 
schiedene spez. Gewichte.) 

Bei dem Versuch mit den durcheinander geschüttelten Flüssigkeiten 
befinden sich drei Flüssigkeiten in einem Becher oder einem Leuchter, 
dann werden sie durcheinander geschüttelt, bis sie sich gemischt haben, 
dann sondert sich wieder eine jede ab. — Eine der Flüssigkeiten ist 
Wasser, die andere Sesamöl {8chira§), die letzte Sand, feingepulvertes 
Qlas oder Quecksilber, dies ist die in der Höhlung des Gefäßes ruhende 
Flüssigkeit. 

Dann wird ein gefüllter Leuchter beschrieben, der umgekehrt ist 
und ans dem doch nichts ausfließt: Das kommt vor, wenn Du mit einem 
wettest, daß Du ihm einen mit Wasser oder öl gefüllten Leuchter zeigen 
willst, der umgekehrt ist, so daß sein Boden sich oben und sein oberes 
Ende sich unten befindet, ohne daß jemals etwas aus ihm ausfließt. Das 
machst Du so, daß Du einen mit öl und Wasser gefüllten Leuchter nimmst 
und ihn neben ein Becken mit Wasser stellst. Dann erscheint sein Bild 
{Chajdla) umgekehrt, wie ich Dir gesagt. — Das gehört zu den Witzen. 

Ferner wird von einem Leuchter erzählt, der gefüllt ist und aus dem, 
wenn auch das Glas zerbricht, nichts ausfließt. Die Flüssigkeit wird in 

14* 



— .212 — 

eine Schcafsblase oder Pergament getan, die das Glas innen aasfulleD. Zer- 
bricht dann das Glas, so bleibt das Wasser in der erwähnten Blase. 

Zahlreiche (36) Lampen anderer Art sind beschrieben in 
einem Werk, Quellen der Wahrheiten und deutliche Auseinander- 
Setzung der \yege von Abu'l Qäsim Ahmed al 'Iräqt; (Berlin 
Ahlwardt, Katalog Bd. 5, Nr. 5567); sie ist 963/1556 ge- 
fertigt, also hat der Verfasser sicher früher gelebt. Zunächst 
beschreibt Abu'l Qäsim eine große Anzahl von Lampen, die 
Visionen hervorrufen sollen oder andere Wirkungen ausüben. 
Man soll beim Brennen der einen das Haus mit Schlangen oder 
Skorpionen erfüllt sehen (dem Fett wird Schlangenhaut oder 
gestoßene Skorpione beigemischt), oder mit fliegenden Vögeln, 
oder sich selbst mit einem Hunds- oder Eselskopf, mit einem Toten- 
gesichte, man erscheint schwarz tätowiert, mit verkrümmten Hals. 
Eine Lampe ruft Schweigen der Frösche hervor, eine läßt das 
Meer so erscheinen, als ob es überströmt. Eine andere ruft 
Blähungen hervor, daß der Boden erzittert. Eine Lampe soll 
durch Wasser, eine andere in demselben brennen. Man hat es 
wohl durchweg mit alten magischen abergläubischen Vorechriften 
zu tun. Einen wirklichen Sinn hat keine derselben, nach den 
Titeln konnte man z. T. zunächst an farbige Flammen denken. 
Am Schluß wird endlich eine Lampe, die vier Lampen anzündet, 
beschrieben. Dazu benetzt man sie mit gutem Öl und stellt je 
eine Lampe in die Ecken des Hauses, nimmt einen dünnen 
Faden, den man mit Schwefel der Zarräq (der die Naphta 
schleudernden Feuerwerker), dem Balsamöl beigemischt ist, be- 
streicht. An jeden Docht macht man einen Knoten, bei dem 
sich viel Öl befindet. Dann zündet man eine Lampe an und 
alle entzünden sich. — Dies Verfahren erinnert an die in der 
Grabeskirche befindliche. 

Über eine bei Nacht leuchtende Laterne, die ein Ismaeliten- 
fürst in Alamüt bei Eaj konstruiert hatte, berichtet al Diinaschqt 
(Text S. 185, Übersetzung S. 250). Er nahm einen viereckigen 
länglichen Kasten {Sandüq), dessen Seiten er je mit einer Reihe 
von Papierschichten, die aneinander geklebt waren, bedeckte. 
Außer aus dem äußersten Papierblatt waren aus allen anderen 
Schriftzüge ausgeschnitten. Das äußerste wurde an der der Schrift 
entsprechenden Stelle mit Sesamöl bestrichen. In den Kasten 



— 213 ~ 

wurde bei Nacht eine Lampe gestellt und derselbe an einer 
Lanze oder an einem erhöhten Punkt aufgehängt. Wer dies aus 
der Ferne sah, glaubte daß es eine leuchtende Schrift sei. Es 
wurde nur bei Nacht ausgehängt, bei Tage aber gelöscht. 

Einzelne Beleuchtungsvörrichtungen sind auch in besonderen 
Schriften behandelt, so enthält eine Handschrift in Beirut (vgl. 
alMaschHq Bd. 9, S. 19. 1906) eine Abhandlung von einer Seite 
mit dem Titel: Herstellung eines Kronleuchters (Turajjd), auf 
dem 12 Lampen {Qandil) brennen, den IbnJünus^) aus Ägypten 
konstruiert hat. 

In den verschiedensten Werken werden Lampen und Leuchter, 
die in Moscheen und sonst Verwendung fanden, vielfach erwähnt. 

IV. 

Von al Zarchurt wird eine Wachskerzenuhr {Scham'a) 
beschrieben, mit etwa folgenden Worten : Beschreibung einer Kerze, 
die dafür eingerichtet ist, bestimmte Stunden der Nacht anzuzeigen. 
Bei dieser Kerze kommen zwei Kerzen zur Verwendung. Sie 
hat eine Schüssel aus schönem Kupfer und brennt in ihr. So 
oft eine Stunde der Nacht verflossen ist, fällt aus ihr eine Kugel 
in die Mitte dieser kupfernen Schale. Um diese Vorrichtung 
herzustellen, machst Du zwei Kerzen aus Wachs oder Fett, die 
oben und unten gleich dick sind. Dann zündest Du die eine 
an und kehrst die Uhr ^) um; ist die Stunde abgelaufen, so mißt 
Du mit dem Zirkel, wieviel von der Kerze verbraucht ist. Ent- 
sprechend diesem Stück teilt man an der zweiten Kerze zwölf 
Stücke ab, von denen jedes einer Stunde entspricht. Dann bringt 
man Kugeln aus Blei oder Kupfer an den für die Stunden be- 
zeichneten Orten an. Das Gewicht einer Kugel sei 5 Dirham 
(= ca. 15,5 g). Dann brennt die Kerze bis zur Kugel ab. das Wachs 



') Über einen Mediziner und Mathematiker Ishdq Ihn Jünus vgl. 
E.W. Ibn alHaitam. Festschrift für Prof. Rosenthal, S. 175. — AWl 
Hasan 'Ali Ihn Jünus war ein großer Astronom, der sich auch mit anderen 
Wissenschaften befaßte; von ihm rühren die Häkimitischen Tafeln her 
(vgl. Snter S. 77, Nr. 178). 

•) Die Uhr heS^t Minkäh, vielleicht ist statt dessen 5mÄ:dm zu lesen; 
man hat es offenbar mit einer Sanduhr zu tun. In dem Codex arab. 
Dresden 210 findet sich die Abbildung einer Sanduhr mit der Beischrift 
al Mindkab, d. h. die Uhr {al Sä'ä). 



— 214 - 

schmilzt und sie fällt in die Enpferschale unter ihr und diese 
erklingt, und aus der Zahl der Engeln, die in die Schale ge- 
fallen sind, erfährt man, wieviel von der Nacht verflossen ist 
Und verstehe es! und es ist eine wundervolle Methode*). 

V. 

Am Schluß der Leydener Handschrift Nr. 1026, die das 
Werk von al Oaxart enthält, wird auch eine Reihe von Wasser- 
uhren beschrieben. 

Es heißt dort: Lob sei Gott. Von dem Scheck Schams al 
Din Ihn Abt al Fath^), Beschreibung eines Instrumentes, aus 



^) Derartige Kerzennhren kommen vielfach bei verschiedeneu Völkern 
und zn verschiedenen Zeiten vor. Interessant ist die Art der Eichung. 

*) Die <U (ra;?arthand8chrift (Leyden 1026) ist von einem Muhammad 
al Jehüdi im Jahre 969 d. H. (1561/62) abgeschrieben worden, nnd 
zwar ans einer Abschrift des Scheich Schams al Din Ihn Ahu*l Fath al 
Süß. Daraus geht hervor, daB sie abgeschrieben ist aas einer in der 
Bodleiana zu Oxford befindlichen (Nr. 886 Uri-Ms. Grad 27). Diese Ab- 
schrift wurde nach dem Schlußsatz der Oxforder Handschrift geschrieben 
von Muhammad Ihn (unter der Linie Ahu^ Fath) Muhammad Ihn 'Isd 
la Süf%\ sie fährt dann fort Lob sei Gott. Von dem Schreiber (d. h. der 
Abschrift) Beschreibung u. s.w. — (Herrn A. Cowley in Oxford, der 
so gütig war, die Oxforder Handschrift noch einmal zu vergleichen, sage 
ich auch an dieser Stelle den besten Dank.). 

Wir sehen daraus, daß der Schams al Din, der die Handschrift ab- 
schrieb, auch der Verfasser des Zusatzes ist. 

Ein Muhammad Ihn Ahü^l Fath Schams al Din <il Suft al Misri 
starb ca. 900 (1494/95, vgl. Suter Nr. 447, S. 186), er hat über Sonnen- 
uhren geschrieben und über den Gebrauch des Instrumentes genannt Sandüq 
al Jawdqit (die Edelsteinschachtel, Berlin 5845); das Instrument hat zu 
astronomischen Beobachtungen gedient. Da unsere Gazari Handschrift, wie 
erwähnt, ans einer im Jahre 891 geschriebenen stammt, so kann sehr 
wohl dieser Schams al Din in Frage kommen. 

Das von Schams al Din beschriebene Instrument rührt von 'Alä al 
Din Ihn Schätir al Dimaschqi her. Es hat, wie die Handschrift (Ahl- 
wardt Katalog Nr. 5845) ergibt, die Gestalt eines Kastens, auf dessen 
Seiten z. T. Yorsprünge angebracht sind. In dem Deckel befindet sich das 
Bild Qiw^^Mihrab (Gebetsnische). Es besteht aus einer Platte aus gelbem 
Kupfer, in die zwei Säulen eingeritzt sind, zwischen denen das Mihrdh 
sich befindet, in seiner Mitte (im Bilde) ist an einer Kette eine Lampe 
aufgehängt. Je nach den beabsichtigten Beobachtungen gibt man dem 
Kasten verschiedene Lagen. Besonders erwähnt werden solche für 



— 215 




Fig.' 5. 



dem man die Stunden kennen lernt. Man nimmt (Fig. 5*) ein 

Faß A (Chäbia) aus gepichtem Holz und macht an seinem Bodeq 

ein kleines Loch o. Auf den Durchmesser des Fasses legt man 

eiu in der Mitte durchbohrtes Lineal 1. In dasselbe setzt 

man einen geraden Holzstab h, der 

in Stunden geteilt ist und befestigt 

ihn auf dem Schwimmer S. Fließt 

das Wasser aus dem Loch aus, so 

siukt der Schwimmer und mit ihm 

der Stab; an seiner Teilung erkennt 

man, wieviel Stunden bleiben oder 

vorübergegangen sind. Man kann 

auch von unten Wasser in das Faß 

leiten und der Schwimmer steigt in 

die Höhe und der Stab erscheint 

mit seiner Teilung. Daraus erfährt 

man die Zeit ( Wagt). 

Ein anderes Instrument (Fig. 5*»), durch das man ebenfalls 
die Stunden kennen lernt, ist das folgende: Man nimmt ein 
hölzernes Lineal 1 (Misfar) und fertigt für dasselbe ein hölzernes 
Futteral f(ÖiM/); in das Lineal bohrt man kreisförmige Öffnungen, 
von denen eine jede eine Kupferkugel aufnehmen kann. Die 
Öffnungen sind nach unten geneigt, damit die Engeln nicht in 
ihnen festhängen. Dann bringt man in jede Höhlung eine Kugel 
und führt das Lineal mit den Kugeln in das Futteral ein. Das 
letztere befestigt man auf dem auf dem Wasser befindlichen 
Schwimmers; feraer stellen wir eine Rolle r hoch an der Decke 
des Gemaches auf. Von ihr läßt man zwei Schnüre herab (die 
oben verbunden sind). Das Ende der einen Schnur ist an dem 
Lineal, das des anderen an dem Futteral befestigt. Fließt das 
Wasser aus dem Loch o aus, so sinkt das Futteral und das 
Lineal steigt und die Kupferkugel rollt (du^irag) in eine Schale 
aus Kupfer oder etwas ähnliches. Man hört dann einen heftigen 
Schall und weiß darum die Zeit. (Die Zeichnung ist nicht ganz 
genau.) 

Bei einer anderen Uhr (vgl. hierzu Fig. 6) nimmt man eine 
Rolle R von großem Durchmesser und wickelt auf sie einen Faden, 

DamaskuB, Aleppo u. s. w. — Auf die Einzelheiten einzugehen würde zu 
weit führen. 



— 216 ~ 



der sich aus einzelnen gefärbten Stttcken*) zusammensetzt, die 
Länge eines jeden Fadens entspricht einem Umfang der Rolle. Das 
eine Ende des ganzen Fadens befestigt man am Schwimmer, 
wie das oben beschrieben ist, das andere Ende ist mit einem 
Senkel a (Schdqül) beschwert. Sowie der Schwimmer nach unten 
sinkt, erscheinen die Farben entsprechend den verflossenen und 
übrig bleibenden Stunden. — Man kann auch die [große] Rolle 
für den Schwimmer und die kleine für die Farben verwenden; 
dies ist für die Arbeit der Hand anzuempfehlen, um die Schnellig- 
keit und Langsamkeit kennen zu lernen. Der Arbeiter führt 
dies aus entsprechend dem, wie es die umstände verlangen. 
Zweckmäßiger benutzt man die große Rolle für die Farben, 
wie dies in der Figur gezeichnet ist, da dann die Farben für 
jede Stunde, die sie messen, länger sind. 



cö: 



y 



^ 



o 



M* 



"1 
Fig. 6. 




Fig. 7. 



Anschließend an die Uhren ist noch angegeben : Beschreibung 
des Kastens (Sanduq\ aus dem man den Ton der Harfe {Sanfir) 
und den Schlag der Trommeln (Küs) hört und zwar mittelst einer 



^) Die einzelnen Stücke sind wie im Original durch yerschieden 
dicke Striche angedeutet. Man hat drei Konstruktionen, in einem Fall 
geht die in Abschnitten gefärbte Schnur vom Schwimmer zur Rolle, um 
diese einigemal herum und dann zum Senkel; im zweiten und dritten 
Fall sind zwei Schnüre verwendet, im zweiten Fall ist die eine ungefärbte 
um eine große Rolle geschlungen und gehört zum Schwimmer, die andere 
gefärbte ist um eine kleinere Rolle (eventuell die Achse) gelegt, im dritten 
Fall, der auch gezeichnet ist, ist das umgekehrte der Fall 



— 217 — 

Schnur {Habl)j die um Rollen gewickelt ist. — Die Beschreibung 
ist nicht gegeben, wohl aber die beistehende Figur (Fig. 7). Aus 
ihr geht hervor, daß eine Schnur zwei Achsen A und B bewegt; 
auf A ist eine Rolle r^ mit drei Stiften befestigt, die auf ein 
Saiteninstrument i wirken. Auf der anderen Achse befinden sich 
zwei Rollen t^ r, mit je vier Stiften, die je drei Hämmer h 
( Oükdn) ^) bewegen, von denen die einen auf eine Trommel k {Küs\ 
die anderen auf eine ebensolche t von anderer Konstruktion {Tahl) 
wirken. 

Zu den Uhren ist folgendes nachzutragen: 

Auf sehr intereBBante chineBische Berichte aus dem 10. iNid 
41. Jahrfaandert über eine Uhr in Antiochia hat H. Prof. Dr. F. Hirth 
mich aüfmerkBam gemacht, Bie lauten etwa folgeDdermafien: Im oberen 
Stockwerk doB zweiten Tores haben sie einen großen goldenen Maßstab 
(8c<üe) aufgehängt. An dem Stab desselben sind 12 goldene Kugeln auf- 
gehängt, durch welche die zwölf Stunden des Tages angezeigt werden. Eine 
menschliehe Figur ganz aus Gold von der Höhe eines aufrecht stehenden 
HeuBchen ist angefertigt; auf ihre Seite fällt, wenn eine Stunde ge- 
kommen ist, eine der Kugeln. Der klingende Ton derselben macht die 
Teile des Tages ohne den geringsten Irrtum bekannt. — Hirth hält 
das Ganze für eine Wasseruhr. (F. Hirth, China and the Roman Orient 
p. 213, Leipzig 1885.) 

Eine Uhr, die an die eben beschriebene erinnert, hat dl Chdzini 
beschrieben. Ich hoffe bald die kurze Angabe in Ehanikoffs Arbeit 
(J. Am. oriental. for Bd. 6, S. 105), durch eine Übersetzung des ganzen 
Stückes ergänzen zu können. 

Zu Uhren Binkäm und zu Manganün u. s. w. iBt zn vergleichen 
L.Fleischer, Leipziger Berichte Philol.-hist. Klasse Bd. 38, S. 90. 1886. 

Die Uhren mit Schwimmern gehen bekanntlich auf Uhren der Antike 
zurück, Ygl. z. B. die Abbildungen in Bailly, Histoire de 1' Astronomie 
moderne. Paris 1779, Bd. 1, S. 61. 

Über Wasseruhren, wie sie N. yonCusa benutzte, vgl. S. Günther, 
Abh. s. Gesch. d. Math. Heft 9, S. 148. 1899. 

Bei H. Ch. (I, S. 346 u. 891, vgl. auch VII, S. 1171, Nr. 6412) wird 
ein Muhji al Bin AhuH Mdäli Murtaf Ihn Hasan al 8ä*dt%, der Uhr- 
macher, erwähnt, er schrieb über das Astrolab. 

Zu V, S, 419 (1). Zu einer indischen Uhr, die unten eine Öffnung hatte 
und ins Wasser gesetzt wurde, wobei sie zunächst langsam und dann 
plötzlich unter hörbarem Zusammenklappen des Wassers untersank, vgl. 
Cantor, Gesch. der Math., 3. Auflage, Bd. 1, S. 39. 



^) Gukän ist ein am Ende umgebogener Stock, der bei Geridspiel 
benatzt wird; vgl. G. Jacob, Sultan Soliman des Großen Diwan, S. 18, 
Anm. 1. 



— 218 — 

420. Die Verse in der Enzyklopädie des JVbtraiVI stehen inKusehdgim 
Btwdn (p. 82, BeyrÜt 1313). 

ZnX, S. 349. Antike Wasseruhren kommen z.B. vor bei H.Schöne, 
Markellinos Pulslehre, Festschrift z. 49. Vers, deutscher Philologen. Basel 
1907. 

Nachträge. 

Zu den früheren Beiträgen seien hier einige Nachträge gegeben. 

Beiträge IL 

S. 318 ff. Einige weite Notizen über die elektrischen Fische 
(Ba^^äda Erschütterer oder Zitternmacher) sind die folgenden. 

Die Stelle in Heron, Pneumatiks 26,20, wo vdQxrj vorkommt und die 
heißt: „Ja, es. dringt sogar durch Kupfer, Eisen und alle anderen Körper 
ähnlich wie der Schlag des Zitterrochens sich durch alle Körper über- 
trägt, geht nach W. Schmidt auf Straten von Lampsakos zurück, 
also auf das 4. Jahrh. vor Christus. 

Nach dem unmittelbar Vorhergehenden müBte man eigentlich unter 
„es" das Licht verstehen, da das aber sachlich nicht möglich ist, so ist 
wohl von der vorigen Seite (24, 24) ^ ^sg/Aorije (die Wärme) zu ergänzen. 

Zu elektrischen Fischen findet sich eine Reihe von Verweisungen bei 
Immanuel Low (Nöldeke, Festschrift I, S. 664). 

Sehr ausführlich über den Malapterurus electricus sind die An- 
gaben bei "^Ahd dl Lauf (Relation de PEgypte ed. S. de Sacy), ebenso 
die dort gegebenen literarischen Nachweise. (Die Stelle steht in der 
Ausgabe von P a u 1 u s S. 46/47. Die Übersetzung bei S. d e S a c y S. 145/ 146 
und Note S. 167.) 

Ein anderer Name für Zitterrochen ist auch BcTaach, 

Von den Härraniem berichtet cd Beruni (Chronology, Text 205, 
Übersetzung S. 188) daß einige von ihnen nicht erlauben Fische zu essen, 
aus Furcht, daß es ein elektrischer Fisch {Ra"ädä) sei. 

Unter den Wundem Ägyptens erwähnt auch al Faqih (S. 252) den 
Zitterrochen. 

Ausführlicher äußert sich Ihn Eusteh (S. 70). Im Nil ist ein Fisch 
mit Namen al Ea'^dda; wer ihn berührt , der fühlt eine Betäubung in seiner 
Schulter, Hand und Arm, so lange der Fisch lebt, und wenn er wartet, 
so nimmt dies zu, bis seine Hand und sein Oberarm heftig zittern, und 
sein Herz pocht und schlägt und er ihn überhaupt nicht halten kann. Dies 
ist durch den Bericht von einem, der es selbst erprobt hat, sicher gestellt 
Und man sagt, daB wenn der Fisch in das Netz des Fischers (Jägers) ge- 
fallen ist, so erzittert seine Hand, falls sie im Netze ist. Wenn er einen 
Stab nimmt und dessen eines Ende auf dieses Netz stellt und das andere 
mit seiner Hand berührt, so erzittert sie ebenfalls. 

Edrisi (ed. Dozy und de Goeje S. 17 des Textes und S. 21 der 
Übersetzung) berichtet: Die Ed'äda ist ein Fisch rund wie eine Kugel; 
er hat eine rauhe Haut und ist so giftig, daß wenn jemand ihn berührt, 



- 219 — 

dessen Hand eine starke Erschütterung erführt, so daß er ihn fallen läßt. 
Er behält die Eigenschaft, so lange er lebt. Ist der Fisch aber tot, so 
verhält er sich wie die übrigen Fische. 

S. 834 ff. Angaben über die Zeit des Yerschwindens der Abend- 
dämmening {Schafaq) und des Erscheinens der Morgenröte (Fagr) ent- 
hält das astronomische Werk von äl MarraqÜ8ch% (Bd. 1 S. 295)', Dort 
heißt es: ^Al ScTutfaq* ist nach den malekitischen und schafeitischen 
Imamen die Röte, welche im Westen nach dem Sonnenuntergang bleibt, 
und „cU Fagr* ist der weiße Schein, der im Osten des Horizontes erscheint. 
Die beiden Farben sind durch die Reflexion der Sonnenstrahlen an der 
Erdsphäre hervorgerufen. 

Zu dem Subh-i-sädiq teilt mir Prof. Jacob mit, daß bei FugiUi, 
Hadtqat <ü su'adä (ed. Büldq 1253 H. S. 144 Z. 1) der sterbende 'AU den 
Suhh-Üsädiq anruft, ihm bei Gott zu bezeugen, daß er regelmäßig zum 
Gebet erschienen sei. 

Über die Morgen- und Abendröte und die hierher gehörigen Farben 
handelt sehr ausführlich J. Goldziher in Mythus bei den Hebräern, 1876, 
S. 176 ff. Vgl. auch E. Wiedemann. Eders Jahrbuch 1908. 

Nach arabischen Quellen gibt Frey tag an (Bd. 3, S. 307): Danabai 
Sirhdn, Schwanz des Wolfes, so heißt die Morgendämmerung, welche 
unsere Hoffnung täuscht, wenn wir das Morgenrot erwarten, sie heißt 
auch Fagr Kädib, ihr steht gegenüber Fagr sädiq, die Dämmerung, die 
gerade dem Morgenrot vorausgeht. 

J. W. Redhouse behandelt (Journ. Roy. Asiatic Society Bd. 10, 
S. 344. 1878 u. Bd. 12, S. 327. 1880) sehr eingehend al Fagr al hddib 
und will ihn mit dem Zodiakallicht identifizieren. 

Nach P. Hörn kommt in FirdausVs Schänäme nie eine Morgenröte 
vor und nur einmal eine Abendröte — die Sonne geht hier immer gelb 
auf und unter; nur von der „Morgenhelle oder Weisse'' ist die Rede. 
Nach Mitteilungen eines Astronomen kann es im Orient wegen der großen 
Äqnatornähe und der reinen Luft sehr schwer zur Rötebildung kommen. 

S. 337. Mit der Anschauung, daß das Sehen vom Auge ausgeht, 
dürfte nach Prof. Jacob die Erzählung von EvUja (türk. Text Bd. 2, S. 181) 
zusammenhängen, nach der er von einem Augenleiden durch eine Wunder- 
kur befreit wurde und seine Augen darauf wie eine arabische Fackel 
leuchtend wurden. 

Beiträge V. 

S. 396. In bezug auf die Einteilung der Wissenschaften in Zweigwissen- 
schaften ist folgendes zu beachten: Für die verschiedenen religiösen 
Richtungen gilt das dem Propheten selbst zugeschriebene traditionelle 
Wort : Die Meinungsverschiedenheit in meiner Gemeinde ist (ein Zeichen) 
göttlicher Barmherzigkeit. — Der Ausdruck einer entschieden liberalen 
Anschauung! Danach werden alle aus den gemeinsamen Grundlagen {üsül 
Wurzeln) emporgewachsenen, in den abgeleiteten Fragen {FurtC Zweigen) 
untereinander verschiedenen Schulsysteme trotz dieser Abweichungen als 



- 220 - 

in gleicher Weise orthodox bezeichnet. (J. 6 dl dz i her in Die Eultar 
der Gegenwart I, S. 103/104.) 

S. 898. Von Zirkeln und Linealen handelt Hihhat Allah Ihn al Huaain 
(Qifti S. 223, Z. 20). 

S. 401. Bei EdriH werden zweimal Spiegel (Mirdt), ganz ähnlich 
denen im Liyre des merveilles beschrieben: £8 heiBt einmal (S. 145 des 
Textes, S. 174 der Obersetzang) : 

In Tannür al Fir'aun (Ofen des Pharaos) (auf dem Muqatfam) befand 
»ich ein Spiegel, der sich mittelst einer Schraube {Lauiah) drehte. Ging 
der König aus einer der beiden Städte (Memphis oder ^Ain Schams), so 
ließ er dorthin einen Mann gehen, der den Spiegel so stellte, daß der 
König stets sein eigenes Gesicht sehen konnte und keinen Augenblick 
die Würde seiner Bewegungen vergaß. 

Ferner (Text S. 183, Obers. S. 222) : In Merida befand sich im Süden 
der Stadtmauern ein kleiner Turm, auf dem der Spiegel, in dem die 
Königin von Merida ihre Gestalt betrachtet, stand; er hatte einen Umfang 
von 20 Zoll. Der Spiegel drehte sich. 

S. 421, Anm. 2. Ober die beabsichtigte Abfassung dieses Buches 
spricht al Beruni selbst (Chronology Text S. 230, Übersetzung 8. 217). 

S. 424, Z. 8 von oben heiBt es „von den Lampen [SurugY statt „von 
dem Freilassen {SarhY, nach der Gothaer Handschrift. 

S. 427, Anm. 3. Statt Älät al guztja ist nach der Gothaer Handschrift 
zu lesen al harbija, d. h. statt Teilinstrumente Kriegsinstrumente, was 
der Einteilung von al Afkdni {al Sachdwi) entspricht. 

S. 427, Anm. 6. Taqwim ist nach Nallino astronomische Bestimmung 
der Lage einer Stadt, Bestimmung der geographischen Koordinaten. 

S. 432. Von einem großen Erdbeben 245 d. H. (859/860) berichtet 
al Tahari Bd. IU„ S. 1439. 

Und in diesem Jahre fand in den westlichen Ländern ein Erdbeben 
statt, so daß die Burgen, Häuser und Brücken {Qantara) von Grund aus zer- 
stört wurden. Mutawakkil befahl 3 Millionen Dirbam an diejenigen zu 
verteilen, welche an ihren Wohnungen Schaden gelitten hatten. Ein Erd- 
beben erfuhr auch das Lager des Mahdi ^) in Bagdad und Madäin 
(Ktesiphon). 

S. 432. Über die Meteorologie u. s. w. bei den verschiedensten 
Völkern berichtet sehr ausführlich al Beruni (Chronology Text S. 242, 
Übersetzung S. 231 und 427). 

B. 433. Die meteorologischen Erscheinungen sowie zahlreiche 
meteorologische Ausdrücke sind sehr eingehend bei Ihn al ^Auwätn be- 
handelt (Bd. 2, S. 435). 

Die Schriften von al Ahahh und Sahl Ihn Bischr behandeln astro- 
logische Fragen und stehen mit der ßQovTo?,oyta des griechischen Astrologen 
in Zusammenhang. 

') ^Askar al Mahdi ist ein Quartier von Bagdad, es heißt später <ü 
Busäfa (Chaussee), vgl. Le Strange (Bagdad S. 42, Nr. 189). 



— 221 — 

Über die Altweibertage (7 Tage yom 26. Februar an) und ihre Kälte 
bandelt sehr ausführlich alBeruni (Chronology Text S. 2ö5, Obersetzuog 
S. 244). Eine dem Auftreten der Kälte analoge Erscheinung beobachtet 
man nach ihm auch für die Hitze. Er vergleicht die Erscheinung mit dem 
Aufflackern des Lichtes vor dem Erlöschen und der scheinbaren Besserung 
fiebernder Kranken vor dem Tode: 

Der von al Kindi angegebene Grund ist nach al Berüni, daß die 
Sonne dann die Quadratur ihres Apogaeum erreicht, den Ort aller Ver- 
änderungen, und daß die Wirkung der Sonne auf die Atmosphäre größer 
ist als diejenige von irgend etwas anderem u. s. w. 

'Ahd AUäh Ihn *Ali der Mathematiker in Buchara übertrug diese 
Tage entsprechend der Progression des Apogaeums. Sie heißen daher 
auch die Tage des alten Weibes von *Abd Alldh. 

S. 442. Zu Bü al Qurnain vgl. vor allem äl Berüni (Chronology 
Text S. 36, Übers. S. 43 u. Anm.). 

S. 452. Ober die magischen Zahlen hat Tdbit Ihn Qurra eine Disser- 
tation geschrieben (Qifti S. 119, Z. 2). Behandelt hat sie E. Leföbure in 
Le miroir dienere dans 1a magie arabe (Eevue africaine Bd. 49, S. 205. 
Alger 1905). Magische Kreise hat Franklin angegeben. Sie kommen auch 
bei den Japanern vor (Bibl. Math. Bd. 5, S. 347. 1905). Zu al W(rfq vgl. 
aueh Cantor, Gesch. der Math. 2. Aufl., Bd. 1, S. 697. 

Beiträge VI. 

S. 2. Zu den Musikinstrumenten ist nachzutragen, daß zunächst 
drei Beschreibungen von solchen von Cheikho im Maschriq (Bd. 9, S. 18') 
veröfTentlicht worden sind nämlich: Beschreibung des Instrumentes, welches 
Müristos hergestellt hat, dessen Ton 60 Meilen reicht. Herstellung der 
Gesamtorgel fär alle Töne, Herstellung des Gulgul, aus dem, wenn es 
bewegt wird, verschiedene harmonische, einschmeichelnde Töne austreten, 
ob statt „Müristos'' „Ariston" zu lesen, erscheint nicht sicher. — Nur bei 
der ersten dieser Abhandlungen ist der Verfasser angegeben, doch ist es 
möglich, daß die anderen von demselben Mann herrühren. Sie scheinen 
sicher aus dem Griechischen zu stammen*, von dem Übersetzer ist nichts 
bekannt, vielleicht ist es einer der Benü Müsä oder Honain Ibn Ishäq. 

Über Müristos sei noch auf zwei Stellen hingewiesen. Bei Qtfti 
heißt es (S. 322) Murtos, er heißt auch MürstoSf ein griechischer Weiser, 
besaß Praxis und Geschicklichkeit. Zu seinen Werken gehört das Werk 
über das tönende Instrument, das die trompetende Orgel heißt und über 
die flötende Orgel, die auf 60 Meilen hin gehört wird. Fast wörtlich 
ebenso heißt es bei Abu'l Fidä (Hist. anteisl. ed. Fleischer S. 156). 

S. 3. Fast dieselbe Beschreibung der Orgel wie in den Mafätth 
findet sich bei H. Chalfa (Bd. 6 S. 258). H. Cb. meint, daß Aristoteles 
eine solche Orgel konstruiert hat^ und zwar im Abschnitt über die Wissen- 
schaft der Musik. 



^) Vgl. E. W., Mitteilungen zur Geschichte, Bd. VII, S. 54 ff. und 
die Amarifes^chrift. 



- 222 — 

Bei Maaüdi (Pariser Anegabe Bd. 8, S. 91) heißt es: Zu den Masik- 
instrumenten der Byzantiner gehören dl Urgan, auf ihr befinden sich 
12 Saiten; ihr Ton erstreckt sich weit, sie haben femer dl Urganün (die 
Orgel); sie hat Blasebälge aus Fellen und [Röhren] aus Eisen. (Die Vo- 
kale der arabischen Worte sind nicht sicher.) 

S. 36. Das Wort Filin ist nach einer Mitteilung von Franke I 
identisch mit FdlUn = Kork (Do zy , Suppl. Bd. 2, S. 281, wo aueh Stellen 
angegeben sind), man gewinnt ihn von dlBdllüf al faHtni, d.h. der Kork- 
eiche. Das Wort heißt wahrscheinlich tpiXXivog, das Adjektiv von ipsXXog 
Kork. 

S. 37. Bei Bauten kommt auch das Wort ^marsüa*' fUr „festgefQgt* 
vor, so bei den Manem von Jßims (Emessa) {Ibn Crubair^) S. 2ö8, 11 nnd 
S. 249, 2), dort sind aach gewaltige eiserne Tore erwähnt, ebenso bei 
denen von Harrdnj wo es heißt: erbaut aus Steinen, behauen {manhüt), 
zusammengepaßt 

S. 54. Die verschiedenen Quellen zu der Kette im Hafen von Tyrus 
sind bei G. Le Strange, Palestine etc. S. 342 ff. zusammengestellt. 

Ibn Gubair sagt bei der Beschreibung des Hafens von Tyrus {Sur), 
Zwischen den beiden Türmen zu den beiden Seiten der Einfahrt spanot 
man eine gewaltige Kette (Silsild) aus, die die Schiffe an der Ein- und 
Ausfahrt hindert; sie kommen nur hindurch, wenn sie gehoben wird. An 
der Einfahrt stehen Wächter und Beamte, und keiner kann ein- und aae- 
fahren, ohne daß er von diesen gesehen wird. {Ibn Gubair Text S. 308, 
Übersetzung S. 301.) 

Beiträge VIII. 

S. 170. Zu 'Omar al Chajidmx ist folgendes nachzutragen: In einer 
Festschrift dl Muzaffarije für Baron V. Bösen hat V. Schukowski 
'Omar Chajjäm behandelt. Einen sehr ausführlichen Auszug gibt E. Roß, 
J. Roy. Asiatic. Society 1898, S. 349. — Aus einem Auszug der Welt- 
geschichte«) Tarich'i'Alß (vgl. dazu Iranischer Grundriß Bd. 2, S. 316/357) 
teilt er folgende Stelle mit. 

Eine seiner Abhandlungen mit dem Titel ^Mizän dl Hikme^ Wage 
der Weisheit, über die Prüfung des Wertes von Gegenständen, die mit 
Edelsteinen besetzt sind, ohne die Steine fortzunehmen, erlangte eine 
gewisse Berühmtheit, ebenso eine andere Abhandlung „Bedürfnisse der 
Orte", die von der Definition der vier Jahreszeiten handelt und der 
Ursache der Veränderungen der klimatischen Bedingungen in den ver- 
schiedenen Städten und Gegenden. 

Aus den meisten seiner Schriften geht hervor, daß ^Omar an die 
Seelenwanderang glaubte. 



^) Ausgabe von de Goeje. 

•) Tarich-i'Alß wohl Abc der Weltgeschichte. Iranischer Grundrifi 
Bd. 2, S. 356/357. Das Werk ist ausführlich besprochen von Elliot in 
Bibliographical Index pp. 143—162. — History of India V, pp. 150—176. 



- 223 — 

Die Schrift saoht 'Omar nach jeder Richtung hin gerecht zu werden ; 
seine Persönlichkeit ist yiel umstritten gewesen und sehr verschieden 
beurteilt worden. 

Beiträge X4 

S. 309. Die Erledigung eines Gesuches um Einregistrierung Ton 
drei Bewässerungskanälen und ihren Schöpfrädem findet sich bei Kara- 
barek (Führer Nr. 984). 

Pingdn geht in letzter lostanz auf das griechische Jtiva^ in der Be- 
deutung Schüssel zurück. (Nöldeke, Persische Studien II, 38, Wiener 
Sitznngsber. Phil, hist Klasse Bd. 126, Nr. 12.) 

S. 310. Maüah hängt nicht mit dem arabischen Milh zusammen, 
das nie Meer, wie im Griechischen o^^, bedeutet. Das Wort stammt aus 
dem Babylonischen. Es hat zunächst den Schiffer auf dem Euphrat und 
Tigris bedeutet und ist erst gelegentlich auf den Seeschiffer angewendet 
worden (Mitteilung von Nöldeke, Praetorius, u. a.). 

S. 310, Nr. 15 ist Silsila besser als Kette zu übersetzen. 

S. 314. Ober Abu Jüsuf findet sich ein interessanter Aufsatz von 
Rieder, Deutsche Rundschau Mai 1907. 

S. 315. Zu Brunnen, Flüssen, Bewässerung ist auch das von JnynboU 
herausgegebene Buch der Jahjä Ihn Adam (f 205 d. H.) über den Charäg 
zu vergleichen. 

S. 820 unten. Die Schrift Nr. 5798 rührt von Umajja Ihn 'Abd dl 
'Aztz Ihn Abu Salt al Andälüst Abu Salt (f 528/1134) her. 

S. 322. Eine großartige Wasseranlage rührt von Mutatoakkil her, 
vgl. al Tabari (Bd. III, S. 1438). Dort heiBt es: Er befahl im Jahre 
245/859, daB ein Kanal gegraben werde. Der Kanal wurde nicht fertig, 
er kostete sehr viel Geld, 20000 Menschen wurden bei ihm verwendet. 

S. 325. Nach Nöldeke entspricht Barnösch dem J^amen BaXsQiavog, 

S. 328. Auch die Marmorsteine der Innenbekleidung des Brunnen 
Zamzam in Mekka waren mit Blei, das zwischen sie in die Fugen ge- 
gossen war, verbunden. {Ibn Gubair Text S. 87, Übersetzung S. 61.) 

8. 336. Da Holz fast im ganzen Orient selten ist, so haben wir 
unter Dahv zunächst immer einen Ledereimer zu verstehen. 

S. 837, Z. 40 unten bemerkt Nöldeke: Bei Ibn Busteh handelt es 
sieh allem Anschein nach um die Erfindung der einfachen Handmühle, 
denn das bedeutet Bahä zunächst, wenn nicht der Znsammenhang auf 
ein kunstvolleres Instrument führt. Interessant ist die Marginal note zu 
Ibn B.u8teh8 Stelle Basti Äsi-ab bedeutet Wassermühle, aber dann, da 
man nicht auf die Zusammensetzung achtet, „Mühle** schlechthin, so daß 
hier .Hand''-(Wasser)-Mühle nichts weiter ist, als das uralte Instrument 
ans zwei Steinen. 

S. 338. Zu den Mühlen am Berg Karmel vgl. Graf von Mülinen 
Z. S. d. D. P. y. Bd. 30, S. 156 u. s. f. Dort ist auch vom Badd und 
den Weinpressen Midbiseund Ma'sira geliandelt. Zu dem Baqqds d. h. einer 
Schelle, die mit der Mühle verbunden ist, und tönt, so lange Getreide im 



— 224 — 

Trichter ist, vgl. Muhammad Bei Otmän GaJM ed. F. Kern, Leipzig 
1908, S. 144. " ' 

S. 338, Z. 2 von unten lies: White statt Wright. Z. 3 von unten 
lies: Relation statt Description. 

S. 339. Auf eine interessante Stelle über den Bau des Hafens von 
*Akka war Herr Prof. Fraenkel in Breslau so freundlieh, mich anf- 
merksam zu machen. Sie bX%\it Muqaddast ^, 162/163. Jaqüt Bd. 4, S. 107 
und Qazwint Bd. 2, S. 148. Nach der ersten Stelle hat auch 6. Le 
Strange, Palestine S. 328 eine Übersetzung mitgeteilt. 

Die Übersetzung lautet etwa: Abu 'Abd Allah Muhammad Ibn Ahmed 
Ihn AM Bekr dl Bannä (der Baumeister) dl Baschscharl *). ^Akka ist 
eine große wohlbefestigte Stadt; sie wurde in dieser Weise erst stark be- 
festigt, als Ibnfülün^) zu ihr kam. Er hatte vorher Tyrus gesehen and 
die Ringmauer um dessen Hafen. Er wollte einen ähnlichen Hafen für 
'AJcka bauen ; da versammelte er die Handwerker von weit und breit und 
setzte ihnen seinen Plan auseinander. Da sagte man ihm, in der Jetzt- 
zeit hat keiner den Weg zum Bauen im Wasser gefunden; darauf wurde 
ihm unser Großvater (d. h. der des berichtenden Abu 'Abd Aüäh) Abu 
Bekr al Bannä genannt, und man sagte ihm, wenn einer in diesen Sachen 
bewandert ist, so ist er es. Da schrieb Ibn Jvlün an ihn, ließ ihn kommen 
und legte ihm die Sache vor. Der sah die Sache als etwas Leichtes an 
und verlangte, daß man ihm grobe (galiz) Balken (falaq) aus Sykomo- 
renholz herbeischaffe. Als dies geschehen, stellte er sie auf der Wasser- 
oberfläche, entsprechend der Größe des Landkastelles nebeneinander 
und verband sie untereinander; an der Westseite machte er einen großen 
Durchlaß. Auf den Balken baute er dann Steine und Mörtel {Schid) auf. 
Beim Bauen machte er stets fünf Konstruktionen (Damu^)'}, welche er 
durch dicke Säulen verband, um den Bau zu festigen. So oft die Schiffe 
beschwert wurden, sanken sie unter. Merkte er, daß sie auf dem Sand 
festsaßen, so machte er sie zu einer vollständigen Scheidewand, so daß 
sie sich nicht rilhrten. Dann baute er da weiter, wo er aufgehört hatte, 
und so oft der Bau zu der vorher hergestellten Wand kam, fügte er ihn 
in diese ein und vernähte (verband) ihn mit ihr*). Dann machte er 



^) Es ist dies natürlich nicht der bekannte Mathematiker Ibn 
al Bannä (1258—1339) (Suter, Nr. 399, S. 102). 

') Ibn Tülün (835—883) ist der Stammvater der Tulüniden und der, 
Erbauer der Ibn Tülün Moschee (vgl. E.K. Gorbet, The life and works 
of Ahmad Ibn Tülün. Jouro. of the Roy. Asiat. Society, Bd. 28, S.527 
1891, der Bau in 'Akka ist nicht erwähnt. 

') Zu Dämüs vgl. Dozy Suppl. Bd. 1, S. 460. 

*) Da unter Falaq Balken zu verstehen sind, so hat man wohl 
anzunehmen, daß aus diesen Flöße gebildet wurden, dann deren Ober- 
fläche vollkommen abgedichtet wurde und dann gleichsam hohle, wasser- 
dichte Steinkästen aufgeführt wurden, die langsam untersanken. £0 
entspräche dies auch gewissen Bedeutungen von Dämüs. Bei einem 



— 225 — 

Aber die Öffnang eine hochgespannte Brücke (Qantara). Die Schiffe 
fahren jede Nacht in den Hafen (Bau). Zwischen ihm und dem offenen 
Meer wurde eine Kette gespannt, wie in Tyms. Ibn Julün gab ihm 
1000 Dinare (oa. 10000 Mk.) außer den Ehrenkleidern und den Reittieren 
nnd sein Name steht bis anf den heutigen Tag darauf geschrieben. 

S. 347 sei folgendes angefflgt: Bei Besprechung eines Werkes, 
das durch Hamga Ihn äl Hasan dl Isfahäni von Muh. Ihn Müaä Ihn 
Schdkir herrührt, sagt al Berüni: Das Buch wird Tdhit Ihn Qurra zuge- 
schrieben, da er der Protögö dieser Leute war, vollständig in ihnen auf- 
ging und weil er es war, der für sie ihre wissenschaftliche Werke „po- 
lierte'' (sauber ausarbeitete), (cd Berüni, Chronology ed. Sachau Text 
8. ^53, Übersetiung S. 61.) Auch sonst finden sich in der Chronology 
mancherlei Bemerkungen über die Benü Müsä nnd Täbit Ihn Qurra. 

S. 353. Zu Zauberbechem etc. vgl. G. de Vau x, Apropos des mer- 
veilles de la möcanique ancienne (Mitteilungen Bd. 3, S. 478. 1904). 

S. 355. Zu Meteorologie. Die Anwd sind nur gewisse Gestirne, 
die meteorologisch wirksam sind. Zu ihnen und den meteorologischen 
Verhältnissen überhaupt vgl. al Berüni, Chronology ed. Sachau (Text 
S. 242, Übersetzung S. 231). Dort finden sich auch zahlreiche Bemer- 
kungen über die Anschauungen der verschiedenen YOlker nach dieser 
Riebtang. 



massiven Bau wäre das Ganze gleich gesunken. Wenn die Flöße auf dem 
Boden aufsahen, wurden die Hohlräume ausgefüllt und die Zwisobenräome 
zwischen den einaelneii Bauten untereinander verfestigt Die Möglichkeit 
dieser Art des Bauens ergibt sich aus dem relativ seichten Wasser, wie 
aus der folgenden Angabe von Ihn Oühair folgt. Er sagt vom Hafen 
von *Ahkat da0 er nach Lage und Gestalt dem Hafen von l'yrus gleicht, 
aber nicht wie dieser Schiffen von großer Tragkraft zugänglich ist; da- 
her ankern diese vor dem Hafen, und nur die kleinen fahren ein (Text 
8. 308, Übersetxung S. 801). 



Sltsnngsberlohte der med.-phys. Soz. 89 (1907). 15 



Beiträge 
zur Geschichte der Naturwissenschaften. XIII. 

Von Eilhard Wiedemann. 

Über eine Schrift ron Ihn al Haitam ,,Über die 
Beseliaffeiilieit der Sehatten^^ ^). 

Unter den Physikern des Islam ragen zwei Gelehrte ganz 
besondere hervor, al Berünt nnd Ihn al Haitam. Während wir 
vom ersteren vor allem ein Werk über spezifische Gewichts- 
bestimmnngen besitzen, verdanken wir dem letzteren eine größere 
Anzahl kleiner optischer Arbeiten, die nach verschiedenen Rich- 
tungen sein Hauptwerk „de aspectibus" ergänzen, welch letzteres 
in ganz hervortagender Weise die Entwicklung der Optik bis 
auf Kepler beeinflußt hat 2). 

Die folgenden Seiten sollen sich mit Ibn al Haitams Schrift 
über die Beschaffenheit der Schatten befassen, in der er nach 
seiner Aussage als erster nachweist, daß neben dem lichtlosen 
Kernschatten noch ein zweiter Schatten existiert, dem Licht 
beigemischt ist. Behandelt sind die drei möglichen Fälle, daß der 
leuchtende Körper ebenso groß ist wie der schattengebende Körper, 
kleiner oder größer als dieser. Im letzten kompliziertesten Fall 
wird auch noch die Lichtverteilung für verschieden weit von 
dem schattengebenden Körper abstehende Ebenen eingehend 
untersucht. Augewandt werden die Entwicklungen auf die Lehre 
von der Mondfinsternis. Die Theorie ist so weit geführt, als 
dies ohne Berücksichtigung der Abnahme der Intensität mit der 



^) Herrn Prof. Dr. Beiger, der so freundlich war Alles nachza- 
kontrollieren, sage ich an dieser Stelle den besten Dank. 

') Eine möglichst vollständige Übersicht über die Leistungen von J^n 
al Haitam habe ich in der Festschrift für Prof. Rosen tha4 gegeben. 



- 227 — 

Entfernung and des Einflusses des Austritts winkeis möglich ist^). 
Von besonderem Interesse ist die Abhandlung dadurch, weil in 
systematischer Weise die erhaltenen theoretischen Resultate ge- 
prüft werden und deren Übereinstimmung mit der Beobachtung 
nachgewiesen wird. 

Ich habe nicht eine vollständige Übersetzung gegeben, 
sondern den Text zum Teil gekürzt und das Wesentliche heraus- 
zuheben gesucht. Wie auch sonst bei Ibn al Haifam, so ist 
auch hier die Darstellung eine sehr breite und bewegt sich viel- 
fach in Wiederholungen, besonders da, wo neue und dem Ver- 
fasser besonders interessierende Resultate gewonnen werden. 
Das ist wohl auch der Grund, warum schon von Kamäl al Dtn 
Abu'l Hasan al Färist [(f 1320) ein Auszug {Tahrir) aus der 
obigen Schrift verfaßt wurde. Sie ist mit dem Tanqth al Manä:^r^ 
einem Auszug nebst Kommentar der großen Optik und anderen 
bedeatenden Werken Ibn al Haitams, in Leyden (Eod. 1011) 
vorhanden. 

Mir standen zur Bearbeitung einmal von mir vor Jahren 
hergestellte Photographien des Leydener Textes zur Verfügung, 
sowie dank der Güte von Herrn Prof. Dr. Stern eine Berliner 
Handschrift (Berlin Katalog 6019). Die letztere ist ziemlich gut 
geschrieben, aber leider nicht sehr korrekt; die Figuren lassen 
vielfach zu wünschen übrig, haben aber alle Buchstaben. Da- 
gegen sind die Figuren im Leydener Kodex sehr gut und sauber 

') Von neueren Arbeiten seien erwähnt H. Seeliger. Abh. d« k. 
bayer. Akademie d. Wiss. München, IL Klasse 19, II. Abt., S. 395. 1898; 
Himmel n. Erde 9, S. 276. 1897; H. Paschen. Inang.-Dissert. Marburg. 
1907. 

Eine eingebende Besprechung der Kenntnisse von den Sonnen- und 
Mondfinsternissen ist Yon F. Bo 11 in Pauly-Wissowa, Realencyklopädie 
Bd. 6, unter Finsternisse gegeben. 

Auf eine Beihe von Stellen bei antiken Schriftstellern, an denen Über 
Schatten gehandelt wird, so Aristoteles Problemata XV., 5. 9. 10. 10, Me- 
teorologie I, 8, 6, Ptolemaios an verschiedenen Stellen, war Herr Professor 
Heiberg so freundlich mich aufmerksam zu machen, doch habe ich dort 
nichts von dem Schlagschatten gefunden, ebensowenig in Euklids Optik, 
vgl. besonders die Rezension von Theon. 

Auch Qiufwini erwähnt bei der Besprechung der Mond* und Sonnen- 
fiüBteniis (Obersetzung von Ethe S. 38 n. 52) nichts vom Schlagschatten. 
(Nach Ethe könnte es scheinen, als ob von der Erde Strahlen ausgehen, 
daa würde aber ans dem Text selbst nicht folgen.) Ebensowenig finden 

15* 



- 228 - 

ausgef&hrt, bei zwei derselben fehlen aber die Bnchstaben. Vou 
der Handschrift gilt das im Leydener Katalog gesagte ^charac- 
tere minntissimo et interdnm lectu difficiliori exaratae, cnm figg 
quam nitidissimis^. Bei der Benützung beider Texte ließ sich 
der Inhalt des Ganzen vollkommen sicher stellen. 

Aus dem Inhalt folgt ohne weiteres, daß es sich weder um 
Tangenten nnd Kotangenten, wie Wöpcke meinte, noch am 
Schattenwerfang (im astrologischen Sinn) handelt. 

Abhandlung Ton dl Has€in Ibn al Hu8ain Ihn al Haitam 
Über die Beschaffenheit der Schatten^). 

Eine *) der Grundlagen, auf die man sich in der Astronomie 
stützt; ist die Bewegung der Sonne und des Mondes und die 
Kenntnis der Zeiten und der Beträge der Stunden und der Lage 
der Sonne zu jeder Zeit des Tages. Die wissenschaftliche Grund- 
lage für die Verdunkelungen des Mondes und die Beträge der 
Zeiten [zu denen sie stattfinden] bildefi die Schatten der dichten 
Körper, wenn auf sie das Licht fällt und zwar nur von einer 
Seite. Die Gestalt der Schatten ist je nach den Größen der 
leuchtenden und der verfinsternden Körper verschieden. Sie 
unterscheiden sich weiter nach Stärke und Schwäche entsprechend 
der Größe und dem Licht der leuchtenden Körper. — Wir fanden, 
daß alle, welche über die Schattenlehre gehandelt und die 
Schatten benutzt haben, ohne Unterschied eine und dieselbe 
Methode bei der Feststellung der Gestalt des Schattens befolgten. 
Als wir nun unser Augenmerk gerichtet hatten auf die Veri- 
fizierung der Beschaffenheit der Schatten und auf die genaue 
Prüfung der Unterschiede in ihrer Gestalt, Stärke und Schwäche, 
da fanden wir, daß der Weg, den die Vertreter der Schatten- 
lehre und derer, die die Schatten anwandten, eingeschlagen 
hatten, nicht genau untersucht und gründlich studiert war. Wir 
fanden, daß jeden Gegenstand, den sie mittelst der Schatten zu 
ergründen suchten, ein Irrtum trübte (fehlerhaft erscheinen ließ), 

flieh bei al Battdni (ed. Nailino) and al Fargäni (ed. 60 lins), Angaben über 
den Schlagschatten. 

') Der Kommentar gibt an „sie besteht in 6 Hauptstücken; von 
ihnen sind im Text nur ö bezeichnet; da, wo wohl das sechste beginnt, 
steht in der Obersetzung 6*. 

*) Den ersten Abschnitt bezeichnet der Kommentator als »Einleitung*. 



- 229 — 

weil sie die genaue Untersachung der Beschaffenheit und der 
Form des Schattens nachlässig behandelt hatten. Daher be- 
absichtigten wir, diesen Gegenstand, d. h. die Gestalt des Schattens 
knrz and bündig zn erörtern and seine Beschaffenheit nach Stärke 
und Schwäche eingehend and sorgfältig zu prüfen, damit dadarch 
alles, was man in der Astronomie and, was damit zusammenhängt, 
durch den Schatten za ergründen sacht, sicher gestellt werde 
und dadarch alles ergänzt werde, in dem sich eine Lücke bei 
den früheren Erörterungen fand. 

Ich sage, daß der Schatten im Fehlen von irgend- 
welchem Lichte an dem Ort des Schattens besteht; dies 
rührt daher, daß jeder dichte Körper, falls Licht auf ihn 
fällt, die hinter ihm liegenden Gegenstände gegen dies Licht 
schirmt. Nimmt man den dichten Köii>er fort, so beleuchtet ihn 
wiederum dies Licht, das vorher abgeschnitten war. Bringt 
man den dichten Körper an seinen ursprünglichen Ort zurück, 
so wird der ursprünglich beschattete Ort wieder beschattet. 
Hieraus geht hervor, daß der Schatten, der sich an dem gegen 
das Licht verhüllten Ort befindet, in dem Fehlen des auf den 
dichten Körper ausgestrahlten Lichtes an dem Orte des Schattens 
besteht. — Strahlt auf den Ort des Schattens Licht von einer 
oder von mehreren Seitenf so bleibt dieser Ort doch noch im 
Schatten, falls ihm Licht fehlt, das dem Ort des Schattens 
irgendein Licht zusenden kann. Finsternis entsteht aber, 
wie im Innenraum der Häuser, falls die Türen geschlossen sind 
und in Höhlen und in Brunnen, falls in sie gar kein Licht ge- 
langen kann. 

Die Finsternis {Ziilma) besteht im vollkommenen Fehlen 
des Lichtes, der Schatten besteht im Fehlen von irgendwelchem 
Liebt. Jede Finsternis ist Schatten, aber nicht jeder Schatten 
Finsternis. Ein Ort, der von zwei oder mehreren Seiten be- 
schattet wird, und auf den das Licht von einer oder mehreren 
anderen Seiten strahlt, ist ebenfalls „Schatten^ aber nicht 
„Finsternis*. 

Man nennt auch einen Ort mit wenig Licht einen ver- 
finsterten, doch nur in bildlicher und nicht in strenger Weise, 
ebenso nennt man einen Ort mit vielem Licht, wenn er gegen 
ein geringes Licht geschirmt ist, einen leuchtenden und nicht 
einen Schatten, wenn man nämlich den Schatten, der sich dort 



— 230 - 

befindet, nicht bemerkt. An einem gegen irgendein Licht ge- 
schirmten Ort, auf den das Licht der Sonne fällt, sieht man 
den Schatten nicht, der auf ihm liegt, und man weiß nicht, daß 
dort sich ein Schatten befindet. Dieser Ort heißt nicht beschattet, 
sondern hell. Auf ihm befindet sich aber doch ein Schatten. 
Streng genommen besteht die Finsternis inr vollkommenen Fehlen 
von Licht und der Schatten darin, daß eine bestimmte Menge 
Licht fehlt, zugleich aber auch dem Schatten beigemischtes 
Licht vorhanden ist. Dieser Schatten kann wahrnehmbar oder 
nicht wahrnehmbar sein, unter veränderten Umständen besteht 
der Schatten in dem [vollkommenen] Fehleü von Licht an dem 
Schattenort. Schatten nennt man nur den, den man bemerkt 

Der Schatten pflanzt sich in gerader Richtung auf ge- 
dachten geraden Linien fort, zwischen dem leuchtenden Körper 
und dem Schatten; dies rührt daher, daß alles Licht sich von 
dem leuchtenden Körper auf den Richtungen {Samt) von geraden 
Linien ausbreitet. Das tut auch das Licht, das vom leuchtenden 
Körper zu dem Schatten geht, wenn man den beschattenden 
Körper fortnimmt. Der Versuch beweist, daß der Schatten auf 
entsprechenden Linien fortschreitet. Ist der schattengebende 
Körper begrenzt, so schreitet das Licht, welches gerade an der 
Umgrenzung vorbeigeht, in gerader Richtung weiter und gelangt 
hinter den schattengebenden Körper. Dieses Licht bildet den 
Umfang des Schattens hinter dem schattengebenden Körper. 

Von diesem den Schatten begrenzenden Licht findet man 
durch den Sinn (Hass), daß er auf geraden Linien fortschreitet. 
Hierdurch ist bewiesen, daß der Schatten und die 
ihn begrenzenden Lichtstrahlen in gerader Richtung 
fortschreiten. 

1. Wir sagen, daß jeder dichte Körper, wenn auf ihn Licht 
von einem leuchtenden Körper gestrahlt wird, hinter sich Schatten 
erzeugt, die verschieden nach Stärke und Schwäche sind; sie 
hängen insgesamt zusammen und schreiten in gerader Richtung 
hinter dem schattengebenden Körper fort; sie erstrecken sich 
in die Ferne, indem sie sich erweitern, jedesmal wenn sie sich 
von dem dichten Körper entfernen, werden sie weiter (d. h. 
breiter, von größerem Querschnitt). 

Als Beispiel diene das folgende: Der leuchtende Körper 
sei ab, der dichte Körper sei dg, auf dem Umfang von dg 



— 231 — 

nehmen wir einen beliebigen Pankt g an. Wir denken uns non 
dui-ch g eine Ebene gelegt, die die beiden Körper ab and gd 
schneidet, dies geschehe in den Punkten a und b bezw. g und d. 
Wir ziehen nun ab und gd und ferner ag und bd und verlängern 
letztere in gerader Richtung. Die Linien ag und bd können 
nun parallel sein oder sich im Körper ab oder im Körper gd 
schneiden (d. h. oberhalb von ab oder unterhalb von gd). 

Sie seien zunächst parallel (d. h. ab und gd mögen gleich 
groß sein) (Fig. 1). Wir verlängern ag nach e und bd nach r. Durch 




den Punkt e ziehen wir eine Gerade her^^), die der Geraden 
gd parallel ist Wir verbinden die Punkte b und g und verlängern 
die Linie bg; sie schneidet h^ im Punkte h, ebenso zieht man 
ad, sie schneidet h^ in i9. Die Linien bg und ad schneiden sich 
im Raum zwischen ab und gd im Punkte k. Auch von jedem 
Teil eines leuchtenden Körpers geht das Licht in geraden Linien 
aus; ein solcher Teil sei al. Wir ziehen lg und verlängern es 
bis zn he, es schneidet he in m. Alle von al ausgehenden und 
g berührenden Linien schneiden die Linie em. Die Linie em 
erhält also Licht von dem Teil al. Von jedem Punkte aber von 
ab, dessen Verbindungslinie mit einem Punkt von em durch gd 
geschnitten wird, gelangt kein Licht nach em, also z. B. nicht 
von Ib. Ist al ein relativ kleiner Teil von ab, so ist auf em weit 
mehr Schatten des leuchtenden Körpers als zugestrahltes Licht. 



^) Statt des arabischen t ist ^ gesetzt. 



— 232 - 

Wir wollen nun In = al ^) machen, wir ziehen femer ng, es 
treffe dh in a^). Das Licht von al trifft auch auf am, so daß 
die Linie am durch das Licht der beiden Teile al In beleuchtet 
ist, dagegen erhält sie kein Licht von dem StQck nb. Demnach 
ist das Licht auf der Strecke ma stärker als das auf der Strecke 
em, und der Schatten auf ma ist schwächer als der auf der 
Strecke em. 

Hieraus folgt, daß sich auf der Linie eh ein kontinuierlicher 
Schatten befindet, der aber an verschiedenen Stellen verschieden 
ist. Nahe am Punkt e ist er stark, nahe am Punkt h schwach, 
ebenso [aber umgekehrt] ist es mit dem Licht. Der Schatten ist 
verschieden stark längs der Linie, er ist gradweise abschattiert, 
und ein Teil ist nicht gegen den anderen getrennt, d. h. die 
Dunkelheit ändert sich allmählich. 

Ganz dieselben Betrachtungen kann man für den Teil rd 
anstellen. 

Wir haben also zwischen e und r vollkommenen Schatten, 
dem nicht übergelagert ist irgendwelches Licht von dem 
Körper ab, und die beiden nach außen gradweise abnehmenden 
Schatten. — Ebenso ist es auf der ganzen Fläche oder und den 
an sie angrenzenden Stücken. 

Ziehen wir also parallel zu h^ eine Linie, sei es näher an 
gd; sei es weiter von ihr fort als hi9, so tritt auf ihnen ein 
Schatten auf, der dasselbe Bild bietet wie der Schatten auf h#. 
Ferner ergibt sich, daß die Linien gh und d^ den Schatten auf 
beiden Seiten begrenzen. Die Linien gh und d^ treffen sich bei 
Punkt k. Schreiten sie nach der Seite von hd fort, so wird ihr 
Zwischenraum größer, und mit ihnen schreitet der Schatten fort 
Aus diesen Darlegungen folgt, daß der Schatten des Körpers gd 
fortschreitet, und zwar indem er sich erweitert. 

Sobald der Schatten sich von dem Körper gd entfernt, 
entsteht an seinen Seiten ein mit Licht gemischter Schatten, 
er ist abgestuft, in der Mitte des Schattens enthält er kein bei- 
gemischtes Licht, und seine beiden Ränder sind in den der Mitte 
zu gelegenen Teilen schwächer als an den entfernteren, und 
das wollten wir beweisen. 



') Die ZeicbnuDg ist nicht ganz richtig. 
*) a ist für das arabische 'Ain gesetzt, 



233 — 



k 




Fig. 2. 



2. Die beiden Linien ag und bd mögen sich im Körper ab 
ti-efien (Fig. 2), und zwar in 1, d. h. der leuchtende Körper sei 
kleiner als der schattengebende. Wir verlängern ag. Durch den 
Punkt e von ag ziehen 
wir eine zu gd parallele 
Linie hei-* (C). Wir 
ziehen bg und ver- 
längern sie, bis sie die 
Linie C in h schneidet, 
wir ziehen weiter ad, 
sie treffe die Linie G 
in d. Die Linien bg 
und ad schneiden sich 
im Punkt k. Nun sei 
an ein Teil von ab. 
Wir ziehen ng, die die 
Linie C in a trifft. 

Es wird nun genau so wie früher gezeigt, daß ein vollkommen 
dunkler Schatten in dem Räume zwischen ge und dr und deren 
Verlängerungen entsteht, daß in den beiden verlängerten Drei- 
ecken hge und rd* sich mit Licht gemischter Schatten findet, 
dessen Dunkelheit von innen nach außen abnimmt, und daß die 
Schatten sich, indem sie weiter werden, in die Ferne erstrecken. 
Den Schatten begrenzen die in k sich schneidenden Linien gh 
und dii>. 

3. Die beiden Linien ag 
und bd mögen sich auf der 
Seite von gd schneiden (Fig. 3), 
und zwar im Punkte e auf 
der zu gd parallelen Linie reh. 
Aus dem Vorhergehenden er- 
gibt sich, daß längs er und 
eh die Schatten und Lichter 
verschieden stark sind und 
auch deren Verteilung. Wie 
auf der Linie er verhält es sich 
auf jeder Linie zwischen hr 
und gd. In dem Dreieck gde ist nur Schatten vorhanden. 
Diesen Schatten allein haben die, die sich bisher mit 




- 234 — 

den Schatten abgaben, behandelt; sie gingen nicht 
über ihn hinaas and erwähnten keinen anderen als ihn^). 

Nun wendet sich Ibn al Haitarn zu der Betrachtung der 
Schattenverteilung auf Linien, die weiter als rh von gd abliegen. 

Wir zeichnen hinter und parallel zu rh eine Linie fq, 
wir ziehen femer ae und be, bis sie fq in s und n treffen. Wir 
verbinden ng und sdund verlängern sie, bis sie ab in a und a^) 
schneiden. Da nun fs in dem Baum zwischen den beiden Linien 
seg und grf liegt, so ist der Schatten auf ihr in derselben Weise 
verteilt wie auf er, wie in den beiden vorhergehenden Kapiteln 
gezeigt ist, wobei das Licht von aa nach sn gelangt. Dasselbe 
ist fär das Licht auf ab der E'all. Die Linie sn empfängt also 
Licht von aa und ab, freilich nicht von jedem Punkt von aa 
und ab, denn sn liegt zwischen den Linien gn und gs bezw. 
zwischen den Linien dn und ds. 

Man denkt sich nun sn sowie aa und ab je in eine gleiche 
Anzahl von Teilen geteilt, dann empfängt der n anliegende erste 
Teil nur das Licht von einem Teil, der an a anliegt, der zweite 
Teil das Licht von zwei Teilen u. s. w. gradweise, dasselbe gilt 
für die an b anliegenden Teile. 

Nun werden gesondert die Fälle untersucht, daß die beiden 
Linien nga und sda parallel sind oder sich schneiden. 

Sind sie parallel, so gelangt von ao kein Licht nach nn, 
wie bei Figur 1. Um die Verteilung in ns zu diskutieren, 
wird nun sn in 10 Teile geteilt und ebenso aa und ba und ge- 
zeigt, daß die Summe der Belichtungen von aa und ba, die sn 
erhält, stets* die gleiche ist, so daß der Schatten gleich und 
ähnlich ist. Unterscheiden sich die Linien aa und ba nicht 
wesentlich voneinander, so ist auch in diesem Falle der Schatten 
ein gleichmäßiger. Auf den Strecken nf und sq dagegen ändert 
sich der Schatten stufenweise. 

Schneiden sich (Fig. 3) die Linien nga und sda auf der Seite 
von ns, so ist die Linie ns gegen ao verdunkelt und ao ist 
größer als für den Fall, daß an und sa parallel sind, und es ge- 
langt kein Licht von ao auf ns. 



^) Das bezieht sich auf die Einleitung und zeigt, worin Ihn cd 
Haitam über die Früheren hinausging, so über al Kindi (vgl. w. u.). 
*) a ist für 8 genommen. 



- 235 — 

Schneiden sich (Fig. 3) nga and sda auf der Seite nach ab zu, so 
kommen drei Fälle in Betracht, entweder schneiden sie sich 
zwischen ab und gd oder anf ab selbst oder hinter ab. 

Schneiden sich die beiden Linien hinter ab^ so ist die Sache 
wie wir dies früher auseinandergesetzt haben, d. h. ns empfängt 
kein Licht von aa, diese Strecke ist kleiner, als wenn die Linien 
parallel verlaufen. 

Liegt der Schnittpunkt der beiden Linien auf ab, so werden 
die beiden Punkte' a und a zu einem einzigen, und die beiden 
Teile aa und ab stoßen in diesem Punkte zusammen, und auf 
die Linie ns kommt Licht von der ganzen Linie ab, d. h. es 
gibt keinen Punkt auf ab, von dem nicht Licht auf ns gelangte. 

Treffen sich (Fig. 4) nga und sda unterhalb der Linie ab 
in t (entspricht dem * der früheren Figuren), so ist aa den 
beiden Teilen, durch welche 
sn beleuchtet wird, gemein- 
sam. Man erhält in der 
Mitte auf ns wieder einen 
gleichmäßigen Schatten; auf 
nf und sq dagegen Licht 
und Schatten, die beide ab- 
gestuft sind, und zwar in der 
früher geschilderten Weise. 

Im ganzen erhalten wir 
also einen lichtlosen Schat- 
ten, der nach e zu immer 
schmäler wird, jenseits von 
e haben wir einen schwachen Schatten, der in der Mitte gleich- 
mäßig hell ist und dann nach außen sich abschwächt. Er 
tritt in den verlängerten Dreiecken rge und edh auf und ist 
an den Rändern ge und de kräftiger als nach außen. 

Dieselben Entwicklungen gelten nun für jede andere durch die 
beiden Körper ab und gd gelegte Ebene, und man erhält einen 
körperlichen Schatten, den Ibn al Haifam sich auch so gebildet 
denkt, daß er (Fig. 3) von d nach der Mitte von ab eine Linie 
zieht und um diese die ganze Figur rotieren läßt. Die eine 
Grenze des Schattens ist durch gd gebildet, die andere durch 
den von den verlängerten Linien *g und M erzeugten Kegel- 
mantel 




— 236 - 

Die Ergebnisse werden noch einmal etwa folgendermaßen 
zusammengefaßt. Ist der leuchtende Körper gleich dem 
schattengebenden Körper, so ist der lichtlpse Schatten an Dicke 
gleich dem schattengebenden Körper. Ist der leuchtende Körper 
kleiner und zwar beliebig kleiner als der schattengebende, so 
ist der lichtlose Schatten ein sich in die Ferne erstreckender 
und sich erweiternder Kegel. Ist aber endlich der leuchtende 
Körper größer als der schattengebende, so erstreckt sich der 
lichtlose Schatten bis zu einer Spitze (er bildet einen Kegel); 
was über diese Spitze binausliegt ist ein Schatten, der sich bei 
dem Fortschreiten fortwährend erweitert und dem überall Liebt 
beigemischt ist. 

Diese ganze prinzipielle Erörterung gilt für jede Form des 
leuchtenden und für jede Form des schattengebenden Körpers. 
Denn das, was wir entwickelt haben, hängt weder von der 
Gestalt des leuchtenden, noch derjenigen des beschattenden 
Körpers ab. Aus alledem eben entwickelten geht hervor, 
daß jeder dichte Körper, auf den Licht von einem leuchtenden 
Körper fällt, hinter sich einen sich erweiternden und sich in die 
Feme erstreckenden Schatten erzeugt, mag nun der leuchtende 
Körper gleich, kleiner oder größer als der schattengebende sein. 

Nun wird noch im Anschluß an die Licht- und Schatten- 
verteilung auf der Linie fq geschildert, wie ganz entsprechend 
auf einem den Schatten schneidenden Körper die Licht- nnd 
Schattenverteilung erscheint, und wie sich dieselbe beim Entfernen 
dieses Körpers von gd ändert. Dabei werden immer wieder 
die nach den Seiten hin abgestuften Schatten betont. Betont 
wird noch, daß dies nur für Körper gilt, auf die Licht nur von 
einer Seite und nicht zugleich von anderen fällt. 

Dann werden die Resultate experimentell geprüft und 
dabei folgendermaßen fortgefahren. 

Wir sagen, daß diese Resultate auch mit dem Sinn gefunden 
werden, und zeigen, wie dies geschieht, und legen kurz dar eine 
Versuchsmethode, mittelst deren man diese Resultate mit dem 
Sinn erzielt. Wir sagen, daß, wenn der Beobachter das, was 
wir gesagt, vollständig beobachten will, er eine Lampe mit 
einem dicken Docht aufstellt, sie mit Ol füllt und anzündet; er 
stellt sie auf einen von der Erde sich erhebenden Leuchter. Er 
stellt sie in das finstere Haus in der Nacht, weder im Hans 



- 237 — 

noch in der Nähe des Hauses darf ein Licht außer dem der 
Lampe sein. Auch darf in dem Hause kein Wind (Zug) sein, 
falls er zur Zeit des Windes beobachtet. Die Wände des Hauses 
sollen staubfarbig sein oder schwach gefärbt {munkaschafa dl 
Laun)\mA nicht weiß von strahlendem Weiß, denn das Weiß 
verdeckt den feinen (zarten raqiq) Schatten. Dann stellt der 
Beobachter auf einen dünnen Stab (' Üd) wie einen Zahnstocher 
{Ckaläla) oder etwas, was entsprechend dttnn ist, und nähert den 
Stab der Vorderseite der Lampe. Die Lampe steht von der 
Wand des Hauses ab, aber nicht beliebig weit, sondern zwischen 
ihr und der Wand sollen 2 Ellen oder weniger liegen. Denn 
der Schatten wird, wenn er sehr weit entfernt ist, dünn und 
ist verborgen (den Blicken entzogen). Der dünne Stab wird 
zwischen die Lampe und die Wand gestellt, und zwar quer zu 
dem „Feuer'' der Flamme, und man betrachtet das, was auf der 
Wand von dem Schatten des Stabes zu sehen ist. Man findet 
auf der Wand einen Schatten; seine Breite ist viel größer als 
die Breite des Stabes. — Wir nahem den Stab der Lampe, 
dann erweitert sich der Schatten nach der Breite, und wenn man 
ihn von der Lampe entfernt, so wird er schmal. — Wenn man 
die Ränder des Schattens untersucht, findet man sie zart (d. h. 
aufgehellt), und seine Mitte ist dunkel. So oft man sich von 
der Mitte entfernt, wird der Schatten schwächer. 

Der Stab sei nun dünn, das Feuer in der Lampe lebhaft 
(hell) und die Länge der Flamme^) vielmal größer als die Breite 
des Stabes. Wir denken uns zwei gerade Linien, die von den 
Enden der Flamme nach den beiden Seiten*) des dünnen Stabes 
ausgehen, dann treffen sie sich in der Nähe des Schattens. Wäre 
nun der Schatten eben derjenige, welchen die beiden Linien, welche 
von dem Umfang des leuchtenden Körpers zu dem des schatten- 
gebenden gehen, einschließen, so müßte man den Schatten in 
der Nähe des Stabes und in einem kleinen Abstand hinter ihm 
schneiden^), und zwar insbesondere, wenn man den Stab der 



>) Der Berliner Text hat Nor Feuer, der Leydener Kommentar Dubala 
Kersendocht, Kerzenflamme. 

*) Der Kommentar hat „von dem oberen Ende zu der oberen Seite 
and von dem unteren Ende zu der unteren Seite." « 

*) Die Entwicklungen sollen wohl zeigen, daß die Betrachtungen der 
Alten, die nur den lichtlosen Schatten behandelten, nicht stichhaltig 



— 238 - 

Lampe nähert. Das Verhältnis der Entfernung a der Spitze 
des Schattens von der Lampe zu dem Abstand b der Spitze 
von dem Schattengeber ist gleich dem Verhältnis der Breite 
der Flamme f zu der Breite des Stabes s. Ist der dänne Stab 
nahe an der Flamme, so ist der Abstand b (die Länge des 
Schattens) eine kleine Größe; nähert man den Stab sehr der 
Flamme, so reicht die nach der Spitze sich erstreckende Dunkel- 
heit nicht bis zu der Wand und nähert sich ihr auch nicht. 
Der sich nach der Spitze hin erstreckende Schatten ist ein 
durchweg gleicher, lichtloser Schatten. Erblickt man auf der 
Wand einen Schatten des Stabes, der viel breiter als der Stab 
und die Flamme ist, so ist der auf der Wand sichtbare Schatten 
nicht der spitz zulaufende Schatten, sondern der sich ausdehnende 
Schatten, dabei sind seine Ränder matt und seine Mitte dunkel. 
Es entspricht dies den Ausführungen der dritten Proposition. 

Entsprechende Beobachtungsresultate erhält man, wenn der 
Stab so breit oder breiter als die Flamme ist. 

Hiernach ist es möglich, die Beschaffenheit des 
Schattens, den das Licht der Flamme erzeugt, zu 
untersuchen und mittelst des Sinnes Übereinstim- 
mendes mit dem zu finden, was früher erläutert ist. 

Wir müssen noch die Beschaffenheit des Schattens im sehr 
kräftigen Sonnenlicht beobachten, von dem schon eine kleine 
Menge einer großen Lichtmenge entspricht, daher bleiben die 
feinen Ränder dem Sinne verborgen. Zur Beobachtung stellt 
man einen dünnen Stab gegenüber der Sonne auf, wenn diese 
«üf die Erde scheint. Man wählt eine Stelle der Erde von 
staubiger Farbe aus und stellt den Stab quer gegenüber der 
Sonne auf. Dann findet man den Schatten des Stabes auf der 
Erde mitten im Licht der Sonne, seine Breite ist größer als 
diejenige des Stabes. Erhebt man den Stab von der Erde, so 
nimmt die Schattenbreite zu. Doch ist die Zunahme klein, daher 
sieht man die Erweiterung des Schattens nur, wenn die Ent- 
fernung des Stabes von dem Schattenort beträchtlich ist. „Über 
die Feinheit und Schwäche dieses Schattens werden wir im Ver- 
lauf dieses Kapitels handeln^. 



sind. Dafür spricht, daB der Satz mit „wäre" mit laa, dem irrealen ein- 
geleitet wird. 



- 239 



Die Betrachtungen über das Verbalten sehr breiter Stäbe 
übergehen wir. 

Fällt der Schatten des dünnen Stabes auf eine senkrechte 
Wand, und ist der Abstand zwischen Stab und Wand und Erd- 
oberfläche gleich groß, so ist der Schatten auf der Wand weiter 
Qnd breiter als auf der Erdobei'fläche, und zwar weil der Schatten- 
kegel gegen die Wand stärker als gegen die Erdoberfläche ge- 
neigt ist, daher ist die den Schatten schneidende Fläche größer. 
— Beobachtet man bei Lampenlicht, und stellt die Lampe auf 
den Boden und läßt den Schatten auf eine senkrechte Wand 
fallen, so findet man ihn breiter. 

Das Ganze wird dann noch einmal zusammengefaßt und 
betont, daß man einen sich ausdehnenden Schatten hat, da die 
Sonne weit größer als irgendein irdischer Körper ist. 

Diese Entwicklungen werden nun noch einmal speziell an 
der Sonne etwa in folgender Weise numerisch durchgeführt^). 

Ptolemaios hat im 5. Buch des Almagest bewiesen, daß 
der Abstand der Sonne*) vom Erdmittelpunkt gleich 1210 Erd- 
radien ist, und daß der Sonnenradius gleich b^j^ Erdradien, der 
Sonnendurchmesser also 11 Erdradien ist. Ist dies so, so liegt 
die Spitze des lichtlosen Kegels in der Nähe des dichten Körpers; 
was hinter ihr liegt, enthält Licht, dem etwas Schatten bei- 
gemengt ist. 

Die Breite des Stabes sei (Fig. 5) 
ab, der zu ab parallele Sonnendurch- 
messer sei dg, der Schnittpunkt von 
db und ga sei e. Der Sonnenmittel- 
punkt sei r. Wir ziehen re, es 
schneide ab im Punkt h. Dann ist 

eh : ab = er : gd. 
Der Punkt e liegt aber dem Sonnen- 
mittelpunkt näher als der Erdmittel- 
punkt, da die Beobachtung oberhalb der Erdoberfläche geschieht, 
daher ist er < 1210 Erdradien, also ist er : gd < 1210 : 11, 
d. h. < 110 : 1 und damit ist 
eh : ab < 110 : 1. 

^) Im Kommentar heißt es besonders „Ein anderer Beweis**. 
') Die Entfernung der Sonne von der Erde findet sich Ptolemäus 
SyntaxisV, 15, die relative Größe ibid.V, 16 ed. Heiberg I, S.42öu.4ää. 




Fig. 5. 



— 240 — 



Ist die Breite ab des dünnen Stabes etwa eine ScMtra, so 
ist die Länge he kleiner als 110 ScMira; dies entspricht aber 
noch nicht einer Elle^), so daß also die Linie eh kleiner als 
eine Elle ist. Bei Abständen größer als 2 Ellen liegt der Schatten- 
ort außerhalb des Punktes e u. s, w. 

Nach diesen Ausführungen muß auch der Schatten der 
Erde, der das Licht der Sonne abblendet, ein sich erweiternder 
Schatten sein, der um so breiter ist, je weiter er von der Sonne 
absteht. 

Der Schatten, den der Kegel begrenzt, welcher die Sonne 
und die Erde berührt, ist der lichtlose sich zuspitzende Schatten; 
er befindet sich in der Mitte des sich erweiternden Schattens, 
dem Licht beigemischt ist; die Teile des letzteren, die dem 
lichtlosen näher liegen, sind kräftiger als die entfernteren; das 
soll nun (Fig. 6) näher erläutert werden. 




Fig. 6. 

Der leuchtende Körper sei ab, der schattengebende gd. ab 
sei größer als gd. Durch ab und gd legen wir eine Ebene, die 

^) Nach dem Kommentar ist 1 Elle = 144 ScMira oder Gerstenkörner; 
vgl. al Muqaddasi ed. de Goejel, S. 65, vgl. auch Saavaire. J. asiat. 
(8), Bd. 8, S. 490. 1886. 



- 241 - 

die beiden Körper in ab und gd schneidet. Wir ziehen ag und 
bd, sie mögen sich in e schneiden. Wir verlängern sie und 
ziehen durch sie zwei zu gd parallele Linien, rhi^k und Imnn. 
Die Lage der einzelnen Punkte ergibt sich aus der Figur. 

Wir verbinden hg und mg und verlängern sie, bis sie ab 
in f und s schneiden, und ebenso ^d und nd, bis sie ab in q 
und schneiden. Bewiesen ist, daß hi9 Licht empfängt von af 
und bq und beschattet wird gegen bf und aq. Ebenso wird mn 
belichtet von as und ho und beschattet gegen bs und aa. Die 
Linien as und ha sind größer als af und bq und sb und oa 
kleiner als fb und aq. Daher strahlt auf mn mehr Licht als 
auf h^, und der Schatten mn ist zarter als der Schatten hd. 

4. Nun wird betont, daß man nicht den ganzen Schatten hr 
wahrnimmt, vor allem nicht im Sonnenlicht, da an den an r an- 
stoßenden Teilen viel Licht sich findet und nur wenig Schatten 
sich findet; man sieht daher nur den Schatten auf dem an h 
anstoßenden Teil u. s. w. 

Weiter wird die Lichtverteilung auf verschieden weit von 
gd befindlichen und dazu parallelen Ebenen in folgender Weise 
entwickelt: 

Ich sage, daß der Schatten des Teiles x von ml für den 
X : mn = wh : hi?^) zarter ist als der Schatten von wh. 

Beweis: 

Wir ziehen ew und verlängern es, bis es ml in j trifft, dann 
ist jm^): mn = wh : h^. Wir ziehen wg und gj. Sie schneiden 
ab ins und i; i ist von a weiter entfernt als s, daher ist ai>>as 
und ib < sb, mj empfängt Licht von ai und ist gegen ib be- 
schattet, dagegen empfängt wh Licht von as und ist gegen sb 
beschattet. Daraus folgt, daß das Licht aut mj stärker ist als 
das auf wh, und daß der Schatten auf mj schwächer ist als auf 
wh. Ganz dieselbe Betrachtung kann man auf der anderen 
Seite der Figur anstellen. 

So oft man sich von dem verdunkelnden Körper entfernt, ist 
dieser Schatten zarter, falls nämlich die Fläche, auf der man 



^) w bedeutet irgendeineo Punkt auf kr und nicht nur den speziellen 
in der Figur, den Schnittpunkt von mg mit rk. Ibn al Haitam denkt sich 
eine besondere Figur gezeichnet, darauf bezieht sich das Spätere. «Wir 
stellen die ursprüngliche Figur wieder her.* 

') jm entspricht x. 

SitBiincsberidhte der med.-phya. Sos. 39 (1907). 16 




- 242 — 

den Schatten beobachtet, entfernter vom schattengebenden Körper 
ist, als die Spitze des Keiiischattens. 

5. Wir stellen die ursprungliche Figur (Fig. 7) wieder her. 
Auf der Linie ge nehmen wir einen 
Punkt r, wie wir das früher fest- 
gesetzt; durch den Punkt r ziehen 
wir zu gd eine Parallele hn9k. 
Femer sei an der kleinere Teil, von 
dem Licht ausgeht. Wir ziehen ng 
und verlängern es bis m. Nach 
mr gelangt nur Licht von an, das 
äußei*st klein ist, und es ist beschattet 
gegen bn. Es sei ab die Sonne, und 
die Linie an möge unmerklich klein 
im Verhältnis zu nb sein, dann wird 
mr beschattet gegen den ganzen 
Sonnenkörper, außer gegen einen im Verhältnis zu ihm unmerklich 
kleinen Teil desselben. Auf der Linie mr sieht man kein Licht ^), 
sondern nur einen Schatten, wenn sie nämlich einem dichten Körper 
begegnet; dasselbe gilt für die Teile von mh, die an mr anstoßen, 
bis man zu den Teilen kommt, auf welche eine Lichtmenge 
strahlt, die merklich ist im Verhältnis zu der übrigen Licht- 
menge. Hierbei ist es möglich, daß man auf diesen Teilen 
keinen Schatten sieht. Aus dieser Erläuterung folgt, daß den 
sich zuspitzenden lichtlosen Schatten unter den wechselnden 
Umständen ein kräftiger, dem Sinn wahrnehmbarer Schatten 
umgibt. 

6.* Kehren wir zur Behandlung des Schattens der Erde zurück, 
so ergibt sich als notwendige Konsequenz der obigen Ausführungen, 
daß der Erdschatten ein zu einer Spitze zustrebender Schatten 
ist, den ein kräftiger Schatten begrenzt, so daß er für den Sinn 
wahrnehmbar ist, wenn er auf einen dichten Körper Tällt Daher 
findet die Mondverfinsterung nicht nur durch den sich zuspitzenden 
lichtlosen Schatten, sondern durch ihn und den ihm benachbarten 
sich erweiternden Schatten mit beigemischtem Licht statt. Aus der 
Beschaffenheit dieses Schattens folgt, daß ein Teil des Schattens, 
welchen der Mondkörper schneidet, ein zarter Schatten ist, auf 



^) D. h. Licht, das sich stark dem Sinne aufdrängt. 



- 243 - 

dem man beigemischtes Licht sieht. Durch die BeobachtnDg 
wird daS) was wir gesagt, bestätigt. Beobachtet man den Mond 
sorgfältig zur Zeit der Finisternis {Ktisuf) und der Verdunkelung 
(Inkasdf) eines Teiles, so ist ein Teil von ihm sehr schwarz; 
die Ränder dieser schwarzen Partie, welche die übrigen Teile des 
Mondes berühren, sind zarter und weniger schwarz; weiter findet 
man, daß diese Schwärze stufenweise schwächer wird. Ist ferner 
der vom Mond übrig bleibende Teil klein, so findet man, daß er 
von gebrochener {munkasif} Farbe und nicht sehr hell ist. 

Aus diesen bei der Mondfinsternis gefundenen Tatsachen 
geht klar und sicher hervor, daß der Erdschatten sich in die 
Weite erstreckt, und daß der sich zuspitzende Schatten lichtlos 
ist, und ferner daß, was von diesem mit Licht gemischten Schatten 
dem lichtlosen zugespitzten Eegel nahe ist, kräftiger ist als 
das entferntere. Ferner ergibt sich, daß von den verfinsterten 
Teilen diejenigen mit tiefer Schwärze im Innern des zugespitzten 
Kegels liegen, und daß die Stellen von zarter Schwärze auf dem 
sich erweiternden Eegel liegen, welcher den zugespitzten umgibt. 

Wir haben die Beschaffenheit sämtlicher Schatten der dichten 
Körper dargelegt, und das erstrebten wir in dieser Abhandlung. 

Diesen Ausführungen fügt der Kommentator folgende inter- 
essante Bemerkung bei: „Ich selbst habe eine vollständige 
Mondfinsternis^) beobachtet; die Zeit, während deren sie ver- 



>) Herr Alfred Gaggell, geprüfter Lebramtskaodidat und Volontfir- 
assistent an der von Herrn Prof. Dr. £. Hartwig geleiteten Remeis- 
Stemwarte in Bamberg, war so sehr gütig, die astronomischen Betrach- 
toogen and Rechnungen über die in Frage kommenden Finsternisse 
durchzuführen und mir mitzuteilen. Betrefifen, wie wohl sicher anzunehmen, 
die Bemerkungen im arabischen Text eiue von aJ Fdrisi selbst beobachtete 
Mondfinsternis, so kommen nur zwei Finsternisse in Betracht, nämlich 
1302 I 14 und 1909 VIII 21. Die Rechnungen sind für den Meridian 
42* Ostlich von Qreenw. durchgeführt; wären die Beobachtungen weiter 
östlich etwa in Bagdad, TabrU, Schirde u. s. w. angestellt, so würden die 
Zeiten etwas früher anzusetzen (etwa V« his '/4 Stunden) sein, ohne daß 
aber das Wesentliche der Resultate berührt wird. 

Man kann folgende genauere Angaben machen: 
[Alle Zeitangaben sind mittlere bürgerliche Ortszeit des Meridianes 42^ 
östlich von Greenw.] 
1802 I 14. 
Die Finsternis überhaupt begann: I 14., 23i^ 17™; 
Die Totalität „ : I 14., 23^ 47«; 

16* 



— 244 - 

weilte, war länger als eine gleichförmige Stande; Und sie fand 
in der Nähe des Knotens statt, so daß die Mitte der Nacht der 
Erde die Mitte der Nacht war (d. h. die Mondfinsternis fand um 
Mitternacht statt). Falls die Mitte der Verfinsternis kupfer- 
farbig*) ist, so wendet sie sich nicht nach dem Schwarz. Vor- 
her und, nachdem sie kupferfarbig war, erschien sie an den 
Rändern abschattiert. Daraus folgt, daß dies nicht ein voll- 
kommener Schatten ist, sondern ein dem Licht beigemengter ist'' 
Die anschließenden Betrachtungen über den Grund der 
Eupferfarbe sollen später mitgeteilt werden. 



Mitte der Totalität: I 15., Ob 12m; 
Die Totalität schloß: I 15., (ß^ 37»; 
Die Finsternis überhaupt , : I 15., 1^ 8»; 
Inmitten der Totalität stand der Mond dem Orte X = 42« Ostlich 
von Greenw. und 9? = -f-^O« 1<Q Zenith. Die Finsternis war also im 
ganzen Territorium sichtbar (d. h. zwischen Ägypten und Persien). 

1309 VIII 21. 
Die Finsternis überhaupt begann: VIII 21., 231" 46»; 
Die Totalität ^ : VIII 22., 0^ 16« •, 
Mitte der Totalität: VIII 22., Ol' 41»; 
Die Totalität schloß: VIII 22., li' 6»; 
Die Finsternis überhaupt „ : VIII 22., l^" 36». 
Inmitten der Totalität stand der Mond dem Orte X = 32® östlich 
von Greenw. und ip = -~l(f im Zenith. Auch diese Finsternis war 
also zweifellos im ganzen Territorium gut sichtbar. 

Um die obigen Zeitangaben von mittlerer in wahre Ortsseit des 
42^ Längengrades östlich von Greenw. zu verwandeln (und nach dieser 
beobachtete der ßerichterstatter zweifellos), hat man von allen Angaben 
der ersten Finsternis 9», von allen der zweiten 3» in Abzug zu bringen. 
Die scheinbar etwas sonderbare Bemerkung über den Knoten rührt 
vielleicht daher, daß der Berichterstatter vermutlich nur seiner Ver- 
wunderung darüber Ausdruck geben wollte, daß er, obwohl er durch 
Breitenmessungen des Mondes während der Finsternis dessen Knoten- 
durchgang während der Mitte der Verfinsterung konstatiert hatte, den 
Mond während der Verfinsterungsmitte doch nicht völlig schwarz, d. b, 
nahe unsichtbar fand. 

^) Die rote Färbung des verfinsterten Mondes, der z. B. wie glühende 
Kohlen aussieht, war schon den Alten bekannt (vgl. hierzu F. Boli, 
Finsternisse a. a. 0.). 



— 245 - 

2. Aus Ol Kindis^) Optik. 

Eine ziemlich eingehende Behandlung der Schatten') findet 
sich in der noch nicht veröffentlichten Optik (liber de aspectibus) 
von al Kindt. Herr Dr. Björnbo in Kopenhagen war so 
gütig, mir seine Abschriften und Kollationen der lateinischen 
Übersetzung dieses Werkes zur Verfügung zu stellen, wofür ich 
ihm auch an dieser Stelle bestens danke. 

In der Einleitung spricht al Kindt zunächst die Absicht 
aus, die „artes doctrinales" ^) zu vervollständigen, das, was die 
Alten uns mitgeteilt, darzulegen und das, was sie begonnen, zu 
vermehren. Dann gibt er an, daß aus der Beobachtung der sich aus- 
dehnenden Grenzen der Schatten der Körper und der in die Fenster 
eintretenden Lichter mit Sicherheit folgt, daß das Fortschreiten 
der von leuchtenden Körpern ausgehenden Strahlen längs gerader 
Linien stattfinden; denn wenn die Strahlen nicht auf geraden 
Linien fortschritten, so würden diese Erscheinungen nicht den be- 
obachteten entsprechen. Wir 
sehen, daß leuchtende Gegen- 
stände die Ursache des Be- 
leucbtens der Körper und des 
Entwerfens der Schatten jener 
Körper sind. Befindet sich die 
Sonne gegenüber einem Körper, 
so beleuchtet sie ihn, und der 
Schatten tritt auf der Oberfläche 
von anderen der Sonne gegen- 
überliegenden Körpern auf. 
Ähnliches bewirken die Kerzen 
(Lampen, candela) auf ihnen ' ^ig. 8. 

gegenüberliegenden Körpern ; 
wir sehen von ihnen Schatten ausgehen. 



1V_^ 




CZI2 



») Zu al Kindt y gl S Vit er S. 23, Nr. 45. Björnbo, Bibl.Math. 1903. 
Bd. 3, S. 330 f. Hoffentlich beschenkt uns Herr Björnbo bald mit einer 
Ausgabe von al Kindis Optik. Vgl. auch E. W., Beiträge V, S. 401. 

') Die Ausftthrnngen al Kindis entsprechen fast wörtlich denen, die 
sich am Anfang in der Rezension der Optik des Euklid durch Theon 
finden (ed. Heiberg S. 144ff.); daraus würde folgen, daß diese Schrift den 
Arabern bekannt war. 

») Vgl. E. W., Beiträge XI. 



— 246 — 

Diese Schatten sind entweder ebenso groß wie die leachtenden 
Körper oder größer oder kleiner (Fig. 8). 

Wir sehen, daß Körper Schatten liefern, die ebenso groß 
sind wie sie selbst und die beleuchtenden Körper (Fig. 81). Die 
Grenzen dieser Schatten bestehen in parallelen Linien, auch wenn 
sie noch so weit sich erstrecken n. s. w. Beispiel: Der leuchteDde 
Körper sei vom Kreis abg umschlossen und der Körper, auf den 
das Licht fällt, vom Kreis ned, und der Durchmesser ag sei 
gleich dem Durchmesser dn. Wir beobachten den Schatten 
zwischen den beiden parallelen Linien adz und gnh ^). Wir finden 
nämlich, daß die Lote zwischen den beiden Linien dz und nh 
gleich den beiden Linien dn und ag sind. Der Schatten liegt 
also zwischen den Bogen ned und den Linien dz und nh. Und 
das ist, was wir beweisen wollten. 

Schatten, die kleiner sind als die Körper, sehen wir, wenn 
die beleuchtenden Kerzen größer als die schattengebenden Körper 
sind. Die Schattengrenzen sehen wir sich nähern, bis sie zu- 
sammenlaufen, die Schatten bilden eine Kegelgestalt (figura 
pinealis). Die Grenzlinien sind nicht parallel. 

Der leuchtende Körper sei (ITig. 811) ab, der schattengebende 
dg, zn ist eine zu dg parallele Linie, e ist die Spitze des Kegels. 
Der Schluß lautet: Die Figur des Schattens ist also kegelförmig, 
wie die Figur gde. 

Wir sehen auch Schatten, die größer sind als die Körper, 
wenn die beleuchtenden Kerzen kleiner sind als jene. Die 
Grenzlinien der Schatten entfernen und trennen sich um so mehr, 
je weiter sie verlängert werden. 

Dies wird an der Figur 8 III erläutert, wo wieder ab und gd 
die frühere Bedeutung haben und gezeigt wird, daß ez > hn ist 
Geschlossen wird: Der Schatten ist von dem Bogen gd und den 
beiden Linien eg und zd eingeschlossen. Das würde nie ge- 
schehen, wenn nicht die Strahlen der Kerzen längs gerader 
Linien fortschritten. 

Hieran anschließend führt al Kindt aus, daß, wenn ein 
säulenförmiger Körper von mehreren Lichtern auf verschiedenen 
Seiten umgeben ist. Schatten entsprechend der Zahl der be- 



^) Die verschiedenen Handschriften haben bald n bald u, letzterer 
Buchstabe kommt aber selten bei den arabischen Figuren vor. 




- 247 - 

leuchtenden Lichter entstehen. In der Figur sind um die Säule 
i solcher Lichter angeordnet. Über die Beleuchtung des von 
einem Licht entworfenen Schatten durch die anderen ist aber 
keine Rede. 

Dann wird der Satz bewiesen, daß, wenn Körper durch 
Lichter beleuchtet werden, die höher stehen als die Enden der 
ersteren, dann das Verhältnis der Schattenlänge zur Höhe der 
Körper gleich ist dem Verhältnis des Abstandes des Schatten- 
endes vom Fuß des Leuchters zu der Höhe des Lichtes Aber 
der Grundfläche (vgl. Euklid, Optik, 18. Ausgabe von Heiberg 
S. 26). 

Endlich wird noch der Strah- ^ - ^ 

lengang von einem leuchtenden 
Köi*per abg durch eine ÖflEhung 
zu einer Tafel ht untersucht und 
so, wie es die Figur 9 zeigt, ent- 
wickelt. 

Die anschließenden Betrach- ^«- ^• 

tungen über die Lehre vom Sehen 

können hier nicht behandelt werden; al Kindt kommt zu dem 
Schluß, daß von dem Betrachtenden zu den betrachteten Dingen 
eine „Virtus" fortschreitet, welche letztere aufnimmt. 

Später werden die Gestalten der Schatten noch benutzt, 
um zu zeigen, daß nicht etwa von verschiedenen Stellen eines 
leuchtenden Körpers nur parallele Strahlen ausgehen. 

Wie aus dem Obigen hervorgeht, hat al Kindt nur den 
lichtlosen Schatten behandelt, und er dürfte zu den früheren 
Gelehrten gehören, welche nach Ihn al Haitam nicht den mit 
Licht gemischten Schatten untersucht haben. 



Mit dem Werk von äl Kindt nVerbesserung von Euklids Optik Mäh 
al ManäziT* hat das Vorliegende nichts zu tun. Wohl einer der letzten 
Abschnitte desselben ist mehrfach dem entsprechenden Werk von Nasir 
al Din al Tüsi angehängt und behandelt einen in der Optik des al Kindi 
nicht behandelten Gegenstand. Mir haben zwei Berliner Handschriften 
(Katalog von Ahlwardt Nr. 6017) vorgelegen sowie eine Pariser Handschrift. 
Der Text der Handschrift Mq 559 reicht nicht, wie der Katalog angibt, 
von 117*--119% sondern nur von fol. 111^—111^. Daran schließt sich die 
Abhandlung von al Tust über die Reflexion und Umbiegung der Strahlen, 
die ich in Eders Jahrbuch 1907 mitgeteilt habe. 



— 248 — 



Der Text in der Pariser Handschrift 2467, der nach dem Katalog 
vonSlane Tonfol.56^^68' incl. reichen loll, nmfaßt nar56^, die anderen 
Seiten 67' nnd 57^ enthalten den Schluß von (ü Ma'chüddi (Wahlsätze 
Lemmata) von Archimedes. Der Anfang fehlt. Herrn Blechet, der 
mir den Text photographieren ließ, sei bestens gedankt. 

Von den drei Handschriften hat allein ein Text (Berlin Mq 559) die 
zugehörigen Figuren. 

Wie aus dem Text selbst hervorgeht, und daraus, daß in den Original- 
fignren (s. Fig. 10 u. 11) Buchstaben stehen und Linien angegeben sind, 
anf die in der Ausführung nicht Rücksicht genommen ist, folgt, daß wir 
es mit einem Auszug lu tun haben. 

Die Ausführungen von dlKindi schließen sich an die 50. Proposition 
in der Heibergschen Ausgabe der Euklidischen Optik, die in der Redaktion 
von al JHiH der 57. entspricht. Die Nummerierung von ai Tüsl ergibt 
sich aus der Berliner Handschrift. 
Die Stelle lautet etwa: 

Es sagt Abu Jusüf Jdqub Ben Ishäq al Kindt in seiner Ver- 
besserung der Optik in der 65. ^) (?) Proposition. Es bewegen sich (Fig. 10) 

zwei Größen ab und gd auf zwei parallelen 
Linien b^ und dj, die das von dem Auge 
ausgehende Lot senkrecht schneiden; dann 
sieht man die dem Auge nähere Größe, näm- 
lich ab, sich manchmal schneller als die ent- 
ferntere bewegen, falls sie sich su dem Lote 
hin bewegen, manchmal bewegt sie sich ebenso 
schnell wie jene, falls die vorderen Teile snm 
Lot gelangt sind, und zuletzt schneller *), wenn 
sie an dem Lot vorübergeht. Dann verweilt 
er {dl Kindt) lange in der Sicherheit seiner Be- 
hauptung, obgleich sie nach der Figur klar 
ersichtlich ist und sich aus der Proposition 57 
ohne weiteres ergibt. 

Er {al Kindi) sagt ferner in [Proposition] 
61: Zeichen, dieauf einer geraden Linie liegen 
wie ab (Fig. 11), sieht man, falls das Auge g 
sich in der Richtung auf die Linie ab zu be- 
wegt, in verschiedener Anordnung; man 
sieht nämlich das dem Auge nähere, d. h. a, manchmal vor dem ent- 
fernteren vorangehen und manchmal nachfolgen. 

^) Die Zahl der Propositionen muß bei al Kindi eine andere als bei 
dem griechischen Euklid, der 58 hat, und bei al Ttisiy der 64 hat, ge- 
wesen sein. Zu der Optik des Nasir al Bin vgl. E. W., Beiträge V, 
S. 440. 

*) In allen drei Texten steht statt „schneller" »langsamer**; möglieb, 
daß schon im Original ein Lapsns calami vorhanden war. 




Fig. 10. 




Fig. 11. 



über einige elektrochemische Apparate und 
Zersetzungen aus dem Gebiete der organischen 

Chemie. 

Von Adolf Herzog. 
Ans dem chemiBchen Institut der Universität Erlangen. 

Einleitung. 

Die sukzessive Reduktion der aromatischen Nitrokörper wurde 
von Bamberger^) völlig aufgeklärt. Es gelang ihm, bei der Re- 
duktion von Nitrobenzol als Zwischenphasen Nitrosobenzol, Phenyl- 
hydroxylamin, Azooxybenzol, Azobenzol etc. zu fassen. Während 
nun Bamberger auf chemischem Wege diese Reduktionen aus- 
führte, haben Oattermann, Elbs, Haber, Hänssermann u.a. 
die Reduktion von Nitrokörpem in saurer wie in alkalischer 
Lösung auf elektrochemischem Wege studiert. In schwach saurer 
alkoholischer Lösung läßt sich Nitrobenzol bis zum Anilin 
reduzieren. 

CeHj, . NOa + 6H = CeHg • NH^ + 2H2O. 

In stark saurer Lösung geht die Reduktion nur bis zum 
Phenylhydroxylamin, das sich dann unter dem Einfluß der 
konzentrierten Säure zu p-Aminophenol umlagert und so nicht 
mehr weiter reduziert werden kann. 

C.H,.N0,+4H = H,0 + C,H,.NH0H->C,H,/^^»||J. 

In alkalischer Lösung geht die Reduktion bis zum Nitroso- 
benzol und Phenylhydroxylamin, die sich dann unter dem Einfluß 
der Natronlauge zu Azooxybenzol chemisch umsetzen. 

CeHs . NO + CgHs • NHOH = C^H^ • N - N • CeH^ -f H^O. 

\o/ 

') Berichte 30, 2278. 



250 - 



Das nea gebildete Azooxybenzol wird nun weiter reduziert 
zu Hydrazobenzol, welches sich mit noch vorhandenem Nitro- 
benzol rasch zu Azobenzol und Azooxybenzol umsetzt. Außerdem 
wird Hydrazobenzol auch durch den Luftsauerstoff zu Azobenzol 
oxydiert. 

3CeH5 . NH - NH . CeH, + 2CeH, • NO^ = 

3CeH3.N = N.CeH, + CeH,.N-N.C.H5 + 3H,0 

C,H, . NH - NH . CeH, + = CeH, • N = NC.H, + H,0. 

F. Haber hat nun die verschiedenen Zwischenphasen durch 
spezifische Reaktionen^) festgestellt und nachgewiesen, daß — 
wie auch zu erwarten — alle diese Zwischenstufen auch bei 
der elektrochemischen Reduktion des Nitrobenzols sich bilden. 
Je nach den Versuchsbedingungen, Reduktion in saurer oder 
alkoholischer Lösung, lassen sich die einen oder anderen Pro- 
dukte festhalten. Ffir den Reduktionsverlanf in diesen beiden 
Fällen hat er die beiden folgenden Schemata aufgestellt^). 
Und zwar bedeuten die senkrechten Pfeile die elektrochemischen 
Prozesse, die schrägen die rein chemischen Umsetzungen. 

Alkalisch-alkoholische Lösung: 

CeH,.NO, 



CeH,.N-N.CeH, 



(CeH,.N=N.CeH,) 



CeH3.NH-NH.CeH5 



CeH5.NO 



CeHj.NHOH 



CeH^.NH^ 



*) Ibid., 509. 

') Zeitschr. f. Elektrochemie 4, 508; 4, 509. 



- 261 



Alkoholisch-saure Lösung : 
CeH,.NO, 



CeH^.NO 



CeH^.NHOH 






CeH,.NH, 



^0^ 
CeH,.N-N.CeH, 



CeH^.NH-NH.CeH^ 



NHa-CeH^— CeH^.NHa 



L 
Apparatur und Versuchsanordnung. 

Es wurde mir nun die Aufgabe gestellt, eine Anzahl von 
Körpern, die Henrich und seine Schüler^) bei ihren Arbeiten 
über Nitro- und Nitrosophenole erhalten hatten, der Elektro- 
reduktion nach der einen oder anderen Methode zu unterziehen. 

Da wir besonders durch die hervorragenden Arbeiten Taf eis 
in der Lage sind, den Verlauf und das Ende der Elektroreduktion 
messend zu verfolgen sowie die Stromausbeute zu bestimmen, 
so suchte ich diese Arbeitsmethoden auch auf die Reduktion 
der erwähnten Nitrokörper zu übertragen. 

Tafel*) schreibt über seine Arbeitsmethode: „Für diese 
Untersuchung (Reduktion von Kaffein u. a.) habe ich mir ein 
Verfahren konstruiert, welches Eintreten oder Nichteintreten 
einer Reduktion und dann den zeitlichen Verlaut derselben be- 
quem und unter den gleichen Versachsbedingungen zu beobachten 
gestattet, unter welchen die elektrochemische Reduktion als 
präparative chemische Methode zweckmäßige Anwendung findet." 

Tafel schaltet in demselben Stromkreis die Reduktions- 



>) Monatshefte f. Chemie 18, 150, 159. 
*) Zeitflchr. f. physik. Chemie 34, 187 ff. 



- 262 — 

zelle und ein Knallgasvoltameter hintereinander und mißt den 
ans den Kathodenzellen ent «reichenden Wasserstoff za gleicher 
Zeit. Dnrch den Vergleich der beiden Volnmina gewinnt er 
dann Einblick in den Verlauf der Reduktion und kann die 
momentane Stromausbeute berechnen. 

Man stellt gewöhnlich die Stromausbeute als Kurve graphisch 
dar, indem man in einem rechtwinkligen Koordinatensystem als 
Abszissen die Ablesungszeiten, als Ordinaten den zur Reduktion 
verbrauchten Teil des Wasserstoffs in Prozenten aufträgt. 

Ist V das Volumen des Wasserstoffs im Vergleichsvolta- 
meter; z das Volumen des entweichenden Wasserstoffs aus der 
Versuchszelle, so ist der verbrauchte Wasserstoff in Prozenten 

_ (v_z)100 
~~ V 

Da mir nun der Tafeische Apparat wegen seiner Kost- 
spieligkeit nicht zur Verfügung stand, so konstruierte ich mir 
eine andere Vorrichtung, die die Messung des in einer be- 
stimmten Zeit aus Reduktionszelle und Vergleichsvoltameter 
entweichenden Wasserstoffs mit einer für unsere Zwecke hin- 
reichenden Genauigkeit gestattete. 

In der Hauptsache besteht der Apparat aus der Reduktions- 
zelle I, dem Voltameter II und dem adaptierten Azotometer ni. 

Die Reduktionszelle I ist zusammengestellt, wie folgt: Die 
Tonzelle A ist durch den Gummistopfen B, der drei Bohrungen 
besitzt, gasdicht verschlossen. 

Durch die mittlere geht die Kathode C aus chemisch reinstem 
Blei oder Platin, durch die zweite das T-Rohr D, das durch den 
Hahn E geschlossen werden kann. Eine dritte Bohrung führt ein 
Thermometer in das Innere der Zelle. 

Außen befindet sich die zylindrische Bleianode F, die durch 
die Glas Winkel GG von der Tonzelle in bestimmter Entfernung 
gehalten wird. 

Die Voltameterzelle II ist genau so konstruiert wie die 
Zersetzungszelle, mit Ausnahme der Thermometerbohrung und 
der Elektrolysierflüssigkeit, welche hier durch verdünnte Schwefel- 
säure 1 : 3 gebildet wird. Auch hier kann das T-Rohr durch 
den Hahn H geschlossen werden. 

Die beiden T-Rohre. von I und 11 stehen durch eine dick- 







\ -^ \ -^ 



— 255 — 

wandige Schlauchleitung mit dem abgeänderten Azotometer ni 
in Verbindung. Die Leitung von I kann durch den Quetsch- 
hahn J, die von II durch den Hahn K abgespeiTt werden. 

Das Azotometer III wurde für unsere Zwecke folgender- 
maßen adaptiert: Das unten befindliche Gaseinleitungsrohr wurde 
abgesprengt und die Öffnung zugeschmolzen. Über dem Hahn L 
wurde ein T-Rohr angesetzt^ das durch ein Stück Oummischlauch 
und den Hahn M ebenfalls verschlossen werden konnte. Die 
Sperrflüssigkeit war Wasser. Der obere Euhepunkt der Niveau- 
birne war derartig angebracht, daß beim Einhängen das Wasser 
genau bis zur Bohrung des Hahnes L stieg. 

Sollte nun eine Vergleichsmessung gemacht werden, so wurde 
der aus den beiden Zellen pro 60 Sek. entweichende Wasser- 
stoff direkt hintereinander aufgefangen und gemessen. 

Die Ausführung einer solchen Messung geschah, wie folgt: 

Zuerst wurde der bei Zelle I entweichende Wasserstoff 
gemessen : 

Beim Azotometer III wurden L und M geöffnet — das 
Wasserniveau stand ja durch die Lage der Niveaubirne genau 
auf — j bei II wurde K geschlossen und H geöffnet. Dann 
wurde bei I J geöffnet und E geschlossen. 

Der entweichende Wasserstoff strömte jetzt durch die Schlauch- 
leitung zum Azotometer lU, wo er beim geöffneten Hahn M 
entweichen konnte. Der in Zelle II zu gleicher Zeit entwickelte 
Wasserstoff konnte durch den offenen Hahn H entweichen. 

Nun wurde bei einem genauen Zeitpunkt M geschlossen 
und mit der Niveaubime dem sinkenden Niveau in III gefolgt. 
Dadurch wurde jeder Unter- und Überdruck vermieden, was 
ein gelegentlich auf I gesetztes Manometer bestätigte. 

Nach dem Verlauf von 60 Sek. wurde L geschlossen und 
M geöffnet. Nach dem Ablesen wurde der Hahn L wieder 
geöffnet und die Niveaubime aufgehängt, wodurch das Wasser 
wieder bis zum Nullpunkte stieg. 

Dieselbe Messung wurde jetzt mit dem Vergleichsvolta- 
meter n durchgeführt: 

Bei I wurde E geöffnet und J geschlossen, bei II H ge- 
schlossen und E geöffnet^ das Azotometer III war schon vorbereitet. 

Auch hier wurde nach Verlauf von 60 Sek. L geschlossen 
und M geöffnet. 



- 256 - 

Bei einiger Übung sind die beiden Messungen nnd die Um- 
schaltung in 2Vs Min. leicht auszuführen. 

Wenn auch hier einzuwerfen ist, daß die beiden zum Ver- 
gleich gezogenen Wasserstoffmengen nicht zu genau derselben 
Zeit der Apparatur entnommen sind, so kann doch entgegnet 
werden, daß der Verlauf der Reduktionen derart gleichmäßig 
war, daß ein Zeitintervall von 90 Sek. zwischen den Ab- 
lesungen eine Störung in der Stromausbeutekurve nicht ver- 
ursacht hat. 

Es war ja auch nicht der Zweck, absolut genaue Messungen 
vorzunehmen, sondern nur Aber den Verlauf der Reduktion ein 
Bild zu bekommen. 

Um auch zu verhindern, daß eine bestimmte Stromstärke 
überschritten wurde durch bessere Leitfähigkeit der Elektrolysier- 
flüssigkeit infolge von Temperatursteigerung oder durch Aus- 
fallen eines Reduktionsproduktes, wurde in den Stromkreis ein 
automatischer Ausschalter mit eingeschlossen, der auf jede be- 
liebige Stromstärke eingestellt werden konnte. 

Auch erwies er sich bei vielen Versuchen als Schutz fOr 
das Amperemeter, wenn der Widerstand der Elektrolysierflüssig- 
keit sehr gering war und der Regulierwiderstand, auch wenn 
er vollständig eingeschaltet war, nicht ausreichte, so daß ein 
zu starker Stromstoß in die Leitung geschickt wui*de. 

In solchen Fällen arbeitete der automatische Ausschalter 
sehr exakt und ersetzte so die Sicherung vollständig. 

Das Prinzip dieses Apparates war, daß ein in den Strom- 
kreis geschalteter Elektromagnet einen durch eine Feder ver- 
stellbaren Anker bei einer gewissen Stromstärke anzog. 

Hierdurch konnte durch Auslösung einer Sperrvorrichtung 
und Hebelflbersetzung der Stromkreis unterbrochen werden, oder 
es wurde zur Erhöhung der Empfindlichkeit dieser Elektro- 
magnet aus einem Relais konstruiert, das durch einen zweiten, 
vom ersten unabhängigen Stromkreis den ersten durch einen 
Ausschalter unterbrach. 

Der Automat bestand in der Hauptsache aus dem Relais I 
und dem Ausschalter II. Der in den Hauptstromkreis geschaltete 
Elektromagnet A zog den Anker B an, der um die Achse C 
beweglich war und durch die Stellfeder E auf verschiedene 
Stromstärken eingestellt werden konnte. 




N 




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TS 

a 

9 
es 



Sitsungsberlehte der phyB..med. Soe. 39 (1907). 



17 



- 25Ö -- 

Floß nun ein zu starker Strom darch den Magneten A, so 
Würde B angezogen. Dadurch stieß der Platinkontakt G der 
Feder F an die Platinspitze der Schraube H, wodurch der 
zweite Stromkreis geschlossen wurde. 

Die Entfernung GH konnte durch die unten sitzende Schraube 
H' reguliert werden, die eine isolierende Ebonitspitze besaß. 

Durch den Stromschluß bei GH wurde nun bei 11 der 
Elektromagnet J erregt Dieser zog den Anker K an und löste 
durch die Arretierung L den Hebel M aus, der durch die 
Feder Q sehr rasch herabgezogen wurde. 

Hierdurch wurde der Eupferbügel P aus den beiden Queck- 
silbemäpfen NN gerissen, wodurch der Hauptstromkreis unter- 
brochen wurde. 

Durch diese Konstruktion als Belaisauschalter konnte eine 
Empfindlichkeit bis auf 0,05 Amp. erzielt werden. 

Der ganze Apparat wurde auf einem größeren Schaltbrett 
montiert; wobei er auch durch einen Stöpselausschalter kurz 
geschlossen werden konnte. 

Die ganzen Armaturteile des Apparates stammten von alten 
Telephonrelais' und Elappensigualen, wie sie bei den k. b. Tele- 
graphenwerkstätten um billiges Geld zu haben sind. 

Im vorhergehenden ist beschrieben, wie der Automat bei 
einer bestimmten Maximalstromstärke aasschaltete. 

Mit einer Abänderung kann er auch als Minimalausschalter 
benutzt werden. Er schaltet dann selbsttätig aus, wenn die 
Stromstärke bis zu einem gewissen Betrag gesunken ist. 

Zu diesem Zwecke wird an dem Ankerhebel eine kleine 
Änderung vorgenommen: Der Eontaktteil von der Schraube F' 
ab wird umgedreht, wobei natürlich die Schraube D wieder 
gedreht werden muß (siehe Zeichnung), dann werden die 
Schrauben H und H' vertauscht und die Stellfeder E etwas 
nachgelassen. 

Der Unterschied gegen die vorherige Anordnung ist nun, 
daß der Anker B bei Stromschluß stets angezogen ist. Der 
jetzt unten befindliche Platiukontakt G steht über der Schraube H. 

Sinkt nun aus irgend einem Anlaß die Stromstärke, so wird 
durch die Feder E der Anker weggezogen, das Platinblättchen G 
stößt an den Eontaktstift von H, und der zweite Stromkreis ist 
geschlossen. 

17* 



— 260 - 

Dieser schaltet dann den Haaptstromkreis durch den Elektro- 
magneten J wie vorher aas. 

Natürlich muß dann die Stromstärke im ersten Stromkreis 
sofort wieder anf den bestimmten Betrag einregnliert werden, 
da sonst der Elektromagnet J ständig unter Strom bleibt. 



IL 
Reduktion von Nitro- und Nitrosophenolen. 

Es standen mir folgende Nitro- und NitrosoköiT)er zur Ver- 
fügung: 

OH 
I. 

Nitrosoorcin. 




OH 

ONO 



* a-Nitroorcin. 



OH 



III. 



OH 



CH,l JoH 



/J-Nitroorcin. 



A 



NO, 



IV. 



OH 




OH 



«-Nitro resoroin. 



XO, 



261 — 



OH 



V. 




NO2 a-Nitroorcinmoiiomethyl- 
äther. 



VI. 




NO Nitrosoorcinmonomethyl- 
äther. 



Reduktion Ton Nitrosoorcin mit Platinelektroden. 

Afl. Schwefelsäure 1:1. 

Kfl. 3-1 g Nitrosoorcin, gelöst in 34 com reiner konzen- 
trierter Schwefelsäure und 10 Tropfen Wasser zugegeben, dann 
auf 42-0 ccm mit reiner konzentrierter Schwefelsäure aufgefüllt. 

Da = Dk = 4-5 Arap. auf lOO cm« = 1-5 Amp. 



GasmeBsuDg 


Menge des zur 


Stromaus- Gasmessung 


Menge des zur 


Stromaus- 


nach Verlauf 


Redukt. verbr. 


beute in i, nach Verlauf 


Redukt. verbr. 


beute in 


von Stunden 


H in ccm 


Prozenten' 

__ _ 1 

40,0 


von Stunden 


H in ccm 


Prozenten 





5,2 


6^, 


0,9 


7,1 


V* 3,7 


28,5 ' 7 " 


0,7 


5,6 


^/, 3,1 


23,5 8 


0,7 


5,5 


•/* 1 2,8 


21,4 1 9 


0,6 


5,3 


VU ' 2,8 


21,4 10 


0,5 


4,0 


!•/* 


2,8 


21,4 


11 


0,4 


3,7 


'^*/4 


2,7 


20,6 


12 


0,4 


3,2 


3 


2,2 


17,0 


12V, 


0,2 


3,1 


4 1,3 


10,7 13 


0,1 


0,9 


5 1,2 


10,3 14 


0,0 


0,0 


5N', 


1,1 


8,9 









Die Reduktion wurde mehrmals durchgeführt und ergab 
ähnliche Kurven. Jedoch bestand das Reduktionsprodukt aus 
einem schwarzbraunen Körper, von dem sich mit kochendem 
Wasser nur eine geringe Menge eines lachsfarbenen Produktes 
extrahieren ließ. Es schien, als ob der bei der Reduktion ge- 
bildete Körper im Innern des Kathodenraums sofort wieder 
oxydiert würde. Dies konnte nur dadurch möglich sßin, daß 



— 262 - 

durch Eataphorese ans dem Anodenranm Saaerstoif mit in das 
Innere der Tonzelle gerissen worden war. Es wurde daher, 
nm dies zu verhindern, eine Versnchsanordnnng anfgebaat, bei 
der ein ziemlich weites Becherglas als Badranm verwendet 
wurde, so daß zwischen Tonzelle und Anode ca 3 cm Abstand 
waren. 

Das Bednktionsprodukt bei dieser Anordnung war ein heller 
Eristallbrei, der sofort über Asbest abgesaugt und auf Ton 
getrocknet wurde. 

Aus Wasser umkristallisiert, resultierten lichtbraune Kri- 
stalle. 

Diese wurden nach der Vorschrift von Henrich^) azetyliert 
und ergaben ein lachsfarbenes Azetylderivat; das aus Alkohol 
und Wasser zu gleichen Teilen in langen Prismen vomSchmp. 217®, 
Sinterung schon bei 206^ kristallisierte. Die Analyse ergab 
folgende Resultate: 

I. 01540 g Substanz gaben 6*4 ccm N bei 20<» u. 738 mm Druck 
IL 01256 g „ „ 0-2803 g CO, u. 0-0631 g H^O. 



Berechnet für 


Gefunden: 


Triazetylamidoorcin. 




Ci,H„0»N 


I n 


C = 58-85 


61-45 


H = 5-67 


- 5-62 


N = 5-30 


6-4 — 



Zum Vergleich wurden 3 g Amidoorcin mit 4*5 g ent- 
wässertem Natriumazetat und 30 g Essigsäureanhydrid azetyliert. 
Das entstandene Triazetylamidoorcin kristallisierte in dünnen 
farblosen Blättchen aus Alkohol vom Schmp. 98 — 99®. 

Die Mutterlauge des umkristallisierten Reduktionsproduktes 
wurde stark alkalisch gemacht und an der Luft stehen gelassen. 
Es bildete sich jedoch nur eine Braunrotfärbung, während eine 
zum Vergleich angesetzte alkalische Amidoorcinlösung intensiv 
blauviolette Färbung zeigte. 

Die Analyse des Azetylderivates und das Verhalten der 
alkalischen Lösung des Reduktionsproduktes gegen Luftoxy- 

») Berichte 30, 1107. 



— 263 - 

dation zeigen also, daß bei der elektrolytischen Reduktion von 
Nitrosoorcin in schwefelsaurer Lösung an Platinelektroden kein 
Amidoorcin entsteht. 





































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— 264 — 



Reduktion tod Nitrosoorcin mit Bleielelttroden. 

Afl. Schwefelsäure 1:1. 

Kfl. 3-1 g Nitrosoorcin in 40 ccm reiner konzentrierter 
Schwefelsäure und 10 Tropfen Wasser. 

Da = Dk = 4-5 Amp. auf 100 cm^ = 1-5 Amp. 

Hier wurden statt Platinelektroden solche von Blei in den 
gleichen Abmessungen verwendet. Die Kathode war vorher 
nach der Tafeischen Vorschrift präpariert worden. 



GasmeesuDg 


Menge des zur 


Stromaus- 


Gasmessung 


Menge des zur 
Hedukt. verbr. 


Stromaus- 


Dach Verlauf 


Redukt. verbr. 


beute in 


nach Verlauf 


beute in 


von Stundeo 


H in com 


Prozenten 


von Stunden 


H in ccm 


Prozenten 





10,5 


87,5 


2'/* 


1,5 


11,2 


'U 


10,4 


86,2 


3 


1,1 


9,2 


'U 


9,8 


76,5 


3V, 


0,7 


5,5 


1 


8,6 


67,2 


4 


0.5 


3,5 


1V4 


6,1 


47,6 


4V. 


0,3 


2.3 


IV. 


5,1 


40,0 


5 


0.1 


1,2 


2V. 


2,0 


15,4 


5V. 


0.0 


0,0 



Die Efl. war ein Kristallbrei in dunkelgrüner Mutterlauge, 
die sich beim Verdünnen mit Wasser gelbrot färbte. Die Kri- 
stalle wurden über Asbest abgesaugt, auf Ton getrocknet und 
aus Wasser umkristallisiert. 

Hieraus kamen sie in winzigen Nädelchen von der gleichen 
Form wie das zum Vergleich dargestellte Sulfat des )8-Amidooixins. 

Zur Identifizierung wurden die nachstehenden Reaktionen 
nebeneinander durchgeführt. 



Eisenchloridlösung: 1 Tropfen 

Bichromatlösung: 1 Tropfen 
u. 2 Tropfen Schwefelsäure 

Natronlauge: 2 Tropfen 



Sulfat des /^-Amido- 
ordns 



Braungelbe Färbung 
Dunkelgelbe Färbung 

Braunfärbung, die all- 
mählig dunkler wird 



Elektrolytisches Bedak- 
tionsprodukt 



Braungelbe Färbung 

Gelbe Färbung, die dann 
dunkler wird 

Gelbbraun, dann braun, 
später dunkelbraun in 
derselben Nuance. 



Die übereinstimmenden Identitätsreaktionen zeigen also, 
daß bei der elektrochemischen Reduktion von Nitrosoorcin an 
Bleielektroden Amidoorcin entsteht. 



265 



Redaktion toh /3-Nitroorcin an Platinelektroden. 

Afl. Schwefelsäure 1:1. 

Kfl. 31 g ^-Nitroorcin in 40 ccm reiner konzentrierter 
Schwefelsäure und 10 Tropfen Wasser. 

Da = Dk = 4-5 Amp. auf 100 cm» = 1-5 Ämp. 



Gasmessoiig 


Menge des zur 


Stromaus GasmessuDg 


Menge des zur 


Stromaus- 


nach Verlauf 


Reduktverbr. 


beute iD 


; nach Verlauf 


Reduktverbr. 


beute in 


von StuDdeD 


H in ccm 


Prozenten 


von Stunden 


Hin ccm 


Prozenten 





0,4 


3,2 


1 4V, 


0,5 


4,0 


2/ 

11 


1,1 


8,0 


7 


0,3 


2,8 


IVs 


1,0 


8,6 


8V, 


0,2 


2,4 


2 


0,7 


5,5 


10 


0,1 


1,3 


3 


0,6 


4.9 





















































ijo — 
























































































6o - - 












































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1 


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i 


V 


rt 



Fig. 4. 



— 266 — 

Die Efl. schien nach Beendigung des Versuches unverändert, 
auch beim Verdünnen mit Wasser fiel nichts aus. Hierauf 
wurde unter Eisküblung alkalisch gemacht, worauf nach längerem 
Stehen an der Luft nur eine helle Braunrotfärbung auftrat 

Redaktion Ton j3-Nitroorcin mit Bleielektroden. 

Afl. Schwefelsäure 1:1. 

Kfl. 31 g ^-Nitroorcin in 40 ccm reiner konzentrierter 
Schwefelsäure und 10 Tropfen Wasser. 

Da = Dk = 4-5 Amp. auf 100 cm» = 1-5 Amp. 



GasmessuDg 
Dach Verlauf 
von Stunden 



Menge des zur 

Beduktverbr. 

H in ccm 



Stromaus- 
beute in 
Prozenten 



Gasmessung 
nach Verlauf 
von Stunden 



Menge des zur 

Bedukt.verbr. 

H in ccm 



StromauB- 
beute in 
Prozenten 





1 



11,0 
7,9 
6,8 
5,8 
5,2 



96,5 
69,9 
60,1 
50,9 
45,5 



2V, 

3V, 
5 

6V. 

8V. 



2,4 
0,8 
0,6 
0,3 
0,0 



21,2 
7,9 
5,0 
2,9 
0,0 



Die Efl. war ein Eristallbrei in einer grfinen Mutterlauge. 
Er wurde über Asbest abgesaugt und aus Wasser umkristalli- 
siert, woraus feine Nädelchen kamen, deren Form mit der des 
^-Amidoorcinsulfates identisch war. 

Mit den beiden Sulfaten wurden die nachstehenden Vergleichs- 
reaktionen durchgeführt. 



Helle Braungelbfärbung 
Dunkeigeibe Färbung 



Eisenchloridlösung: 1 Tropfen 

Bichromatlösung: 1 Tropfen 
+ 2 Tropfen H^SO^ 

Natriumnitrit: 1 Tropfen -|- ^^bf ärbung 
2 Tropfen Salzsäure 

Natronlauge: 3 Tropfen 



Sulfat des ^-Amido- 
orcins 



Elektrolytisches Beduk- 
tionsprodokt 



LiangsameOxyd. Braun- 
färbung, die allmählich 
dunkler wird. 



Helle Braungelbfärbong 
Dunkelgelbe Färbung 

Gelbfärbung 

Langsame Oxyd. Braun- 
f ärbungfdie allmählich 
dunkler wird. 



Es ist also der bei der elektrochemischen Reduktion von 
j3-Nitroorcin in schwefelsaurer Lösung mit Bleielektroden ent- 



— 267 — 

staodene Körper identisch mit dem Salfat des ^-Amidoorcins. 
Also geben /3-Nitroorcin und Nitrosoorcin bei der Redaktion an 
Bleielektroden das gleiche )9-Amidoorcin. 



Reduktion Ton a-Nitroorein mit Platinelektroden. 



Afl. Schwefelsäure 1 : 1. 
Kfl. 3'1 g a-Nitroorcin in 40 ccm 
Schwefelsäure und 10 Tropfen Wasser. 
Da = Dk = 4-5 Amp. auf 100 cm* = 



reiner konzentrierter 



1.5 Amp. 



Gasmeesung 


Menge des zur 


Stromaus- 


Gasmeseung 


Menge des zur 
Beduktverbr. 


Stromaus- 


nach Verlauf 


Redukt verbr. 


beute in 


nach Verlauf 


beute in 


▼OD Stunden 


Hin ccm 


Prozenten 


von Stunden 


H in ccm 


Prozenten 





83 


69,1 


2'/. 


4,4 


35,0 


'/4 


8,3 


64,3 


3 


2,8 


21,4 


•/. 


8,3 


65,3 


3V. 


2,4 


18,1 


IV4 


83 


70,4 


5 


1^ 


9,4 


1'/. 


9,6 


77,4 


6 


0,4 


3,0 


2 


6,2 


50,0 


7 


0,0 


0,0 


2'/« 


4,9 


39.0 









Die Kfl. war ein dunkelgrüner, mit weißen Kristallen durch- 
setzter Kristallbrei. Dieser wurde abgesaugt, aus Wasser um- 
kristallisiert, worauf das Reduktionsprodukt in schönen grau- 
violetten, zu Büscheln vereinigten Nadeln kam. Hiervon wurden 
0-6 g sofort azetyliert. Doch schied sich nach dem Abdestillieren 
des Essigsäureanhydrids durch Wasserzusatz nichts ab^ sondern 
das Reduktionsprodukt löste sich darin. Auch durch Ausäthem 
der Lösung konnte nichts gewonnen werden. 

Zum Vergleich wurden 3 g a-Nitroorcin reduziert^) und ein 
Azetylderivat dargestellt. 

3 g Nitrokörper wurden in 30 ccm Alkohol gelöst und all- 
mählich zu einer Lösung von 18 g Zinnchlorür in 40 ccm kon- 
zentrieiiier Salzsäure gegeben. Es mußte ziemlich lange gekocht 
werden, bis die Reaktion vollendet war. Nun wurde der Al- 
kohol weggekocht und die Reaktionsflüssigkeit mit Wasser ver- 
dünnt und mit Schwefelwasserstoff entzinnt. Das so gewonnene 
Salz wurde durch Umkristallisieren aus konzentrierter Salzsäure 
gereinigt und bildete lange Nadeln. 



Berichte 36, 888. 



- 268 — 

0-5 g dieses Produktes wurden azetyliert, fast alles Anhydrid 
im Vakuum abdestilliert und der Rest in Wasser gegossen. 
Es schied sich sofort das Azetylderivat aus, das in langen 
Prismen vom Schmp. 107® kristallisierte. Die Elementaranalyse 
stimmte auf ein Triazetylderivat. 

I. 0-2063 g Substanz gaben 0-4443 g COj und 01065 g H^O 
II. 01708 g „ „ 0-3669 g CO^ und 00902 g H^O. 

Berechnet für: Gefunden: 

C^H^OjNCCOCHg), I n 

C = 58-85 58-73 5861 

H = 5-67 5-78 5-93 

Trotzdem das Nitroorciu reduziert worden war, konnte es 
nicht als Amidoorcin identifiziert werden. Aus Mangel an 
Material konnte eine weitere aufklärende Untersuchung nicht 
mehr durchgeführt werden. 















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N 


5 











Fig. 5. 



269 



Beduktion yon a-Nitroresorcin mit Platinelektroden. 

Nach der Vorschrift von Kauf f mann ^) wurde eine größere 
Menge a-Nitroresorcin dargestellt. Wenn man den Nitrokörper 
nach diesem neuen Verfahren darstellt, so erhält man ihn in 
10 fach größerer Ausbeute, als wenn man ihn analog dem Ver- 
fahren zur Gewinnung von a- und j8-Nitroorcin herstellt. 

Afl. Schwefelsäure 1:1. 

Kfl. 3-1 g a-Nitroresorcin in 40 ccm reiner konzentrierter 
Schwefelsäure und 10 Tropfen Wasser. 

Da = Dk = 4-5 Amp. auf 100 cm« = 1-5 Amp, 



Gasmeeaung 


Menge des zur 


Stromaus- Gasmeesung 


Menge des zur 


Stromaus- 


nach Verlauf 


Reduktverbr. 


beute in nach Verlauf 


Bedakt.yerbr. 


beute in 


TOD Standen 


H in ccm 


Prozenten von Standen 


H in ccm 


Prozenten 





7,1 


53.4 6'/, 


1,6 


13,0 


'/. 


2,7 


21,1 8'/, 


1,3 


10,0 


';', 


3,6 


27,9 10 


1,1 


8,8 


1 


3,8 


30,4 10 


3,8 


28,3 


1'/, 


3,6 


28,6 11 


0,6 


6,4 


2 


3,1 


23,0 12 


0,4 


3.0 


2'/. 


2,5 


20,5 13 


0,2 


2,1 


3'/4 


2,3 


17,6 14 


0,0 


0,0 


5'/. 


2,0 


16,0 






Nach ] 


Beendigung 


der Reduktion war 


die Kfl. ein grau- 



grüner Eristallbrei, der über Nacht in der Kälte stehen gelassen 
wurde. Dann wurde er über Asbest abgesaugt, auf Ton ge- 
trocknet und aus Wasser umkristallisiert 

Von den weißen Kristallen wurden 0-7 g azetyliert. Hier 
bildete sich anscheinend wie beim a-Nitroorcin kein Azetyl- 
derivat, denn nach dem Abdestillieren des Essigsäureanhydrids 
im Vakuum löste sich der Rückstand in Wasser und auch durch 
Ansäthern konnte nichts gewonnen werden. 

Zum Vergleich wurden 1-6 g Nitroresorcin in Alkohol ge- 
löst und in eine Lösung von 10 g Zinnchlorür in 25 ccm kon- 
zentrierter Salzsäure eingetragen. Die Lösung entfärbte sich 
nach 1^2 Std. fast vollkommen ; sie wurde eingeengt, wobei sich 
das Chlorhydrat in schönen Blättchen abschied. 

Hiervon wurde ein Teil sofort abgesaugt und azetyliert. 
Nach dem Abdestillieren des überschüssigen Essigsäureanhydrids 
schied sich auf Wasserzusatz ein weißer flockiger Körper aus, 

*) Berichte 37, 725. 



— 270 — 



der ans Petroläther umkristallisiert wurde. Unterm Mikroskop 
waren glänzende weiße Prismen zu sehen. Die Analyse stimmte 
auf ein Triazetylderivat, das noch nicht dargestellt war. 
0-2026 g Substanz gaben 9-2 ccm N bei 20« und 737 mm Druck. 

Gefunden: 
N = 5-3 5-13 



Berechnet fBr CiaHiaOgN: 



3 







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^ 


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l 














f^— 












































































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£: 
























































1 


























271 — 



Bednktion toh a-Nitroresorein mit Bleielektroden. 

Äfl. Schwefelsäure 1:1. 

Kf 1. 31 g a-Nitroresorcin in 40 ccm reiner konzentrierter 
Schwefelsäure und 10 Tropfen Wasser. 

Da = Dk = 4-5 Amp. auf 100 cm» = 1-5 Amp. 



GasmeseuDg 


Menge des zur 


Stromaus- 


nach Verlauf 


Redukt. verbr. 


beute in 


von Stunden 


Hin ccm 


Prozenten 





11,0 


98.2 


'U 


10,9 


98,2 


V, 


10,8 


97.2 


IV* 


10,7 


94,7 


2 


5.6 


48,4 


2V. 


1,7 


14.5 


^^ 


0,4 


3.8 


ft/l 


0.0 


0,0 



Die Kfl. war nach Beendigung des Versuchs eine grau- 
grüne Eristallmasse, die über Asbest abgesaugt, auf Ton ge- 
trocknet und aus Wasser unter Zusatz von etwas Tierkohle 
umkristallisiert wurde. 

Da bei diesem Nitrokörper die Parastellung unbesetzt war, 
so ließ sich erwarten, daß hier die Eeduktion nur bis zum 
Hydroxylaminderivat gegangen war, das sich dann unter dem 
Einfluß der starken Säure zu einem Para-amidophenol umge- 
lagert hätte. 

OH 





Dieses Reduktionsprodukt würde somit ein Aminophloro- 
glncin sein. 

Da dieser Körper jedoch noch nicht dargestellt war, so 
konnten mit dem elektrolytischen Reduktionsprodukt keine 
Identitätsreaktionen durchgeführt werden. 

Es gab folgende charakterische Reaktionen: 



- 272 - 



Elektrolytisches KeduktioDsprodnkt 



EisenchloridlösuDg: 1 Tropfen 

Natriamnitrit : 1 Tropfen 4- 3 Tropfen 
Salzsäure 

Ammoniak. Silberlösung 



BichromaÜösmig: 1 Tropfen 4- 
3 Tropfen Schwefelsaure 

Eonz. Salpetersäure: 1 Tropfen 

Natronlauge: 1 Tropfen 



Rotfärbung, die langsam dunkler wird 

Gelbfärbung, auch bei weiterem Zu- 
sätze bleibend 

Starke Reduktion, braungrün, später 
braun 

Dunkelbraune Färbung ohne Trübung 

Hellgelbe Färbung 

Zuerst weiße Fällung. Dann von oben 
oben her langsame Oxydation bis 
schwarzbraune Färbung. 



Eine spätere Untersuchung muß noch zeigen, welches 
Beduktionsprodukt hier vorliegt. 



Im Verlaufe der vorliegenden Untersuchungen wurden 
noch zwei interessante Beobachtungen gemacht, die jedoch nicht 
mehr näher studiert worden sind. 

Bei den Löslichkeitsversuchen von a- und )3-Nitroorcin in 
konzentrierter Schwefelsäure verwandelte sich bei höherer 
Temperatur die braungelbe Lösung der beiden Körper unter 
lebhafter Reaktion in einen schwarzen Brei. Dieser war in 
Wasser unlöslich und gab nach dem Absaugen und Trocknen 
eine amorphe glänzende Masse, die mit tiefbrauner Farbe in 
Alkalien löslich war. 

Die zweite Beobachtung wurde beim Umkristallisieren von 
Nitrosoresorcin aus Alkohol gemacht. Hierbei wurde anscheinend 
zu stark erhitzt. Die Lösung begann plötzlich aufzusieden, und 
das gelbe Nitrosoresorcin verwandelte sich in einen schwarz- 
braunen Körper. Die Reaktion war so lebhaft, daß sie nicht 
einmal durch Einstellen des Kolbens in Eiswasser gemäßigt 
werden konnte. Das entstandene schwarzbraune Produkt hatte 
die gleichen Eigenschaften wie ,,Lakmoid." 



— 273 - 

Reduktionen In alkaliseher Losung. 

Bei der Nitrierung von Orcinmonomethyläther war seiner 
Zeit als Nebenprodukt ein flüchtiger Nitrokörper abgefallen, der 
mir in relativ großer Menge zur Verfügung stand. Nach den 
Untersuchungen von N ac h ti ga 1 1 ^) mußte ihm folgende Struktur- 
formel zukommen. 

OCH, 




Ich machte zunächst den Versuch, ihn in alkalischer Lösung 
zu reduzieren, um zu einem Azooxykörper zu gelangen. Nach 
den Versuchen von Gattermann*) und neuerdings von Vor- 
länder') entstehen durch die Reduktion para-substituierter 
N^trophenoläther zu Azooxykörpein Substanzen, die in einer 
anisotrop flüssigen Phase aufzutreten vermögen. Es stand mir 
der vorerwähnte Körper zur Verfügung, in dem eine Methoxyl- 
gruppe sich zur Nitrogruppe in Parastellung befand. 

Obwohl hier in Orthosteilung noch eine freie Hydroxyl- 
gruppe war, versuchte ich doch eine Reduktion in alkalischer 
Lösung. 

Ich führte den Versuch aus, und schon während der Reduk- 
tion schied sich auf der Oberfläche der Kathodenflttssigkeit ein 
intensiv rot gefärbter Körper aus, während bei einem Azooxy- 
körper kein so intensiv gefärbtes Derivat zu erwarten war. 

Es wurde noch weiter beobachtet, daß die Reduktions- 
flüssigkeit durch Oxydation durch den Luftsauerstoff noch mehr 
von dem roten Körper abschied, und damit war die Erklärung 
für diese Erscheinung gefunden. 

Der Nitrokörper wurde bis zum Amin reduziert. Dieses 
Amin mußte identisch sein mit dem Reduktionsprodukt jenes 
Körpers, den man aus Nitrosoorcin durch Esterifizierung mit 
Salzsäure und Methylalkohol erhalten hatte, und dem nach 



^) J. prakt. Ghem. 1904, 385. 
*) Berichte 34, 1738. 
*) Berichte 89, 803. 

Siteungsberiebte der pbys.-med. Sos. 39 (1907). 18 



— 274 — 

Henrichs Untersuchungen die nebenstehende Eonstitntion oder 
eine t-antomere Foimel zukommen muß. 



OCH, 




CHj'v yoH 

NO 

Henrich^) zeigte zuerst allein, dann in Gemeinschaft mit 
seinen Schülern, daß dieses Beduktionsprodukt bei der Oxyda- 
tion in alkalischer Lösung einen Phenoxazinkörper nach den 
folgenden Gleichungen gibt: 

CHj CHj 



' +0=CH,OH + 

CH3O-II j-OH 0: 



'\=NH 
—OH 



CH, 

I I + Ö 

/\^NIH H| 



OCH, 

1 



= 



X^ oiiff ;;;;;;;;;;;; Hol'" \/ 

NH, 
CH, OCH, 



-CH, 



N 



2H,04- 



/\,/\/\ 



0=1 



-CH, 



NH, 

War die von mir ausgeführte Reduktion also bei dem 
Nitrokörper bis zum Amin gegangen, so mnßte dieser rote 
Körper, der sich durch die Luftoxydation gebildet hatte, iden- 



>) Berichte 30, 1107. 



- 275 - 

tisch sein mit jenem, den Henrich und Schierenberg^) durch 
Oxydation des Amidoorcinmonomethyläthers erhalten hatten. 

In der Tat zeigte der Körper, der sofort in größerer Menge 
dargestellt wurde, Übereinstimmung in Eristallform; Schmelz- 
punkt und sonstigen Eigenschaften. 

Damit ist ein neuer Beweis für die Richtigkeit der Kon- 
stitution des flüchtigen (a)-Nitroorcinmonometh7läthers erbracht. 

Dieser Phenoxazinkörper von Henrich und Schieren- 
berg war im allgemeinen langwierig darzustellen, da die Oxy- 
dation an der Luft ziemlich lange Zeit erforderte. 

Ich kam nun auf den Gedanken, diesen Phenoxazinkörper 
durch aufeinanderfolgende elektrolytische Reduktion und Oxy- 
dation darzustellen. 

Bedoktion yon a-Nitrooreinmonomethyiather in alkalischer 

Lösung. 

Zur Verfögung stand eine relativ große Menge des Nitro- 
körpers, jedoch in unreinem Zustande. 

Als bestes Kristallisationsmittel zeigte sich Ligroin. Hier- 
aus kam er in langen gelben büschelartig angeordneten Nadeln 
vom Schmp. 103«— 104^ 

Da von dem Körper erst nur eine N-Bestimmung vorlag, 
so wurde eine vollständige Analyse durchgeführt. 
L 0,2132 g Substanz gaben 0,4105 g 00^ u. 0,1007 g H^O. 
IL 0,2347 g Substanz gaben 0,4526 g CO2 u. 0,1113 g H2O. 

III. 0,1290 g Substanz gaben 9,1 ccm N bei W u. 737 mm Druck. 

IV. 0,2143 g Substanz gaben 14,9 ccm N bei 19« u. 735 mm Druck. 

Gefunden: 

n. m. IV. 

52,60 - — 

5,30 — — 

— 7,81 7,86 

A f 1. : 20 g NajSO^, 100 ccm Wasser, 10 ccm Schwefelsäure 1:4. 
Kfl.: 5 g a-Nitroorcinmonomethyläther in soviel S^/^iger 
Natronlauge^ als Lösung eintrat. 
Kathode = Nickeldrahtnetz. 
Anode = Bleiblech. 



Berechnet fttr 




CgEjO^N: 


I. 


C = 52,43 


52,51 


H= 4,95 


5,28 


N= 7,67 


— 



*) J. prakt. Chemie 1904, 865. 

18« 



— 276 — 

Es warden zar Redaktion and Oxydation 2,5 Amp. Strom- 
stärke angewendet. 

Während der Redaktion schied sich aaf der Oberfläche der 
Efl. eine rote Hant aus. Nach 5^2 Amp.-Standen zeigte eine 
starke Wasserstoffentwicklang den Schluß der Reduktion an. 
Hierauf wurde vor der Zelle Polwechsel vorgenommen und noch- 
mals 5 Amp.-Stunden zugeführt. 

Es schied sich bei der Elektrooxydation der rote Körper 
in dichten Flocken aus, die abgesaugt und umkristallisiert wurden. 

In Benzol, Xylol und Alkohol löste er sich in der Kälte 
schwer, in der Wärme leicht auf, und kristallisierte hieraus in 
bflschelförmig vereinigten Nadeln vom Schmp. 252^. Eisessig 
und Essigäther lösten ihn schon in der Kälte auf. 

Die Analyse stimmte auf den von Henrich und Schieren- 

berg erhaltenen Phenoxazinkörper. 

I.. 0,1924 g Substanz gaben 0,4704 g CO^ und 0,0919 g HjO. 

IL 0,1857 g Substanz gaben 0,4540 g CO, und 0,0877 g HjO. 

IIL 0,1662 g Substanz gaben 15,8 ccm N bei 22« u. 747 mm Druck. 



m. 



Berechnet für 




Gefnnden 


C.sHuO.N,: 


I. 


n. 


C = 66,62 


66,67 


66,68 


H= 5,22 


5,34 


5,28 


N= 10,64 


— 


— 



10,81. 



Reduktion von Monomethylnitrosoorein in alkaliselier 

Lösung. 

Afl.: Kalt gesättigte, angesäuerte Natriumsulfatlösung. 

Kfl.: 5g Monomethylnitrosoorein in soviel 3 ^/oiger Natron- 
lauge, bis alles gelöst war. 

Hier zeigte sich schon nach Zufuhr von 4 Amp.-Stunden 
die starke Wasserstoffentwicklung. Dies geht ja daraus her- 
vor, daß die Nitrosogruppe 4, die Nitrogruppe 6 Wasserstoff- 
atome benötigt, um in die Amidogruppe überzugehen. 

Dann wurde auf Oxydation umgeschaltet und der ausge- 
schiedene Körper abfiltriert. Lösungsvermögen, Kristallform 
und Schmelzpunkt waren genau die gleichen wie beim vorher- 
gehenden Phenoxazinkörper. 

Ein Versuch wurde unter Rühren durchgeführt, um die 



— 277 — 

Ausbeute zu bestimmeu. Hiezu stand die Kathode mit einem 
über der Zelle rotierenden Exzenter in Verbindung, wodurch 
sie ruckweise gehoben und gesenkt wurde. 

Die sonstigen Versuchsbedingungen waren genau wie vor- 
her. Der Phenoxazinkörper wurde abgesaugt und kräftig mit 
Wasser durchgewaschen, um das Alkali zu entfernen. Dann 
wurde bei 90® getrocknet. 

Aus 5 g Monomethylnitrosoorcin waren 1,7 g Rohprodukt 
des Phenoxazinkörpers entstanden. 

Zum Vergleich wurde nun auch der Phenoxazinkörper auf 
chemischem Wege dargestellt^). 

„Ein Grammolekttl des salzsauren Amidoorcinmonomethyl- 
äthers wurde in der zehnfachen Menge Wasser gelöst, mit 
2 Mol. Ätzkali versetzt und eine Woche lang Luft durch die 
Flüssigkeit geleitet Es schieden sich rötliche Flocken aus, 
während eine dunkel gefärbte Mutterlauge zurflckblieb. Der 
rote Körper wurde mit Wasser gewaschen und mit Benzol so 
lange extrahiert, als noch etwas in Lösung ging. 

Aus der Benzollösung schied sich die Verbindung in roten 
filzartig verwachsenen Nädelchen aus, die nach mehrmaligem 
Umkristallisieren bei 256—260® (unkorr.) schmelzen". 

Der nach dieser Vorschrift hergestellte Körper mußte drei- 
bis viermal umkristallisiert werden, um konstanten Siedepunkt 
zu bekommen, während bei den elektrolytischen Produkten dies 
nur ein- bis zweimal nötig war. 

Mit den beiden reinen, auf elektrolytischem Wege und 
chemisch gewonnenen Phenoxazinkörpem wurden folgende Iden- 
titätsreaktionen ^) durchgeführt. 

1. Konzentrierte Schwefelsäure löst die Verbindung mit 
dunkelroter Farbe, welche einen Stich ins Gelbliche hat. Beim 
Verdünnen fällt der Phenoxazinkörper unverändert aus. 

Chem. Produkt: Elektrolyt. Produkt. 

Übereinstimmend. Übereinstimmend. 

2. Konzentrierte Salzsäure löst zuerst mit gelbroter Farbe. 
Nach kurzer Zeit findet Abscbeidung eines dunkel gefärbten 
Chlorhydrates statt, das in kleinen lanzettförmigen Kristallen 



») J. prakt. Chem. 1904, 267. 

«) J. prakt Chem. 1904, 368-, Berichte 30, 1107. 



— 278 - 

anschießt Darch Wasser wird es wieder in seine ursprüng- 
lichen Bestandteile znrückzerlegt. 

Chem. Produkt: Elektrolyt. Produkt: 

Übereinstimmend. Übereinstimmend, Kristalle 

besser ausgebildet. 

3. Eine bemerkenswerte Reaktion, die noch nicht näher 
studiert ist, gibt der Körper mit salpetriger Säure. Übergießt 
man ihn mit mäßig konzentrierter Salzsäure und tropft unter 
Kühlung Natriumnitrit zu, so entsteht eine intensiv dunkelblaue 
Farbe. Diese verschwindet nach einiger Zeit, und es scheidet 
sich ein brauner Körper ab, der noch nicht näher studiert ist 

Chem. Produkt: Elektrolyt. Produkt: 

Übereinstimmend. Übereinstimmend, Färbung 

intensiver. 

4. Beim Übergießen mit konzentrierter Salpetersäure tritt 
eine dunkelrote Färbung auf, die beim Verdünnen mit Wasser 
in eine blaue Farbe umschlägt und dann verschwindet. 

Chem. Produkt: Elektrolyt. Produkt: 

Übereinstimmend. Übereinstimmend. 

5. Beim Kochen mit Essigsäureanhydrid bildet sich beim 
Abkühlen das schwerlösliche Azetylderivat. Bei beiden Ver- 
suchen wurde abfiltriert, auf Ton getrocknet und der Schmelz- 
punkt bestimmt. 

Chem. Produkt: Elektrolyt. Produkt: 

Bei ca. 210« tritt Gelbfär- Gelbfärbung bei 208^ 

bung ein. Schmp. 256— 257o. Schmp. 257^ 

Bei beiden Körpern zeigten sich unterm Mikroskop durch- 
aus gleichartige Kristallaggregate. 

Nachdem es also nicht gelungen war, diesen Nitrokörper 
zu einem Azooxykörper zu reduzieren, suchte ich auch die noch 
freie Hydroxylgruppe zu ätherifizieren und diesen Dimethyl- 
äther der Reduktion zu unterwerfen. 

Da ein solcher Dimethyläther noch nicht bekannt war, 
stellte ich ihn in folgender Weise dar: 

Darstellung des a-Nitroorcindimethyläthers. 

13,5g a-Nitroorcinmonomethyläther wurden in SOccm Alkohol 
gelöst, mit einer alkoholischen Lösung von 4,5 g Ätzkali ver- 
setzt und das Gemisch abgekühlt. Sofort entstand ein Brei von 



— 279 — 

rotgelben Kristallen, die nach einiger Zeit abgesaugt wurden. 
Unterm Mikroskop waren lange, radial angeordnete Nadeln zu 
sehen. 

Von dem so erhaltenen Natriumsalz wurden ca. 0,5 g bei 
120^ bis zur Gewichtskonstanz getrocknet. Hievon wurde ein 
Teil im Platintiegel mehrmals mit reiner konzentrierter Schwefel- 
säure abgeraucht und dann noch einigemale unter Zusatz von 
Ammoniumnitrat bis zur Gewichtskonstanz geglüht. 

0,3084 g Substanz gaben 0,1100 g NaaSO^. 

Berechnet für C^HgO^NNa: Gefunden: 

Na =11,23. 11,56. 

12,5 g dieses Natriumsalzes wurden in Wasser gelöst, im 
Dunkeln mit einer Lösung von 11,7 g Silbemitrat in 50 ccm 
Wasser versetzt und das gefällte Silbersal^ nach einiger Zeit 
möglichst unter Lichtabschluß abgesaugt, ausgewaschen und im 
Vakuum getrocknet. 

Dieses Silbersalz bildet eine hellrotgelbe Masse, die sich 
nach einiger Zeit, besonders in feuchtem Zustande, dunkel färbt. 
Es wurde scharf getrocknet und staubfein zerrieben. 

17 g dieses Silbersalzes wurden in absolutem Methylalkohol 
suspendiert und mit 9 g frisch destilliertem Jodmethyl versetzt. 

Die sofort eintretende Reaktion wurde durch Kühlung ge- 
mäßigt. Die Beaktionsflüssigkeit wurde noch eine Stunde lang 
unter Rückfluß erhitzt Dann wurde vom Jodsilber abfiltriert 
und dieses sowie das Filter noch zweimal mit je 30 ccm abso- 
luten Methylalkohols extrahiert und diese Auszüge mit dem 
ersten Filtrat vereinigt. Nachdem der größte Teil der Lösung 
verdunstet war, kristallisierten ungefähr 5 g eines braunen 
Salzes aus, das nach dreimaligem Umkristallisieren den Schmelz- 
punkt 100—101« zeigte. 

Unterm Mikroskop waren lange Prismen zu sehen^ Die 
Analyse stimmte auf den Dimethyläther. 
L 0,1940 g Substanz gaben 0,3891g CO^ und 0,1005 g H2O. 
IL 0,2181g Substanz gaben 13,8 ccm N bei 19<> u. 739 mm Druck. 
Berechnet für Gefunden: 

C,H,iO,N: L n. 

C =54,79 54,70 — 

H= 5,62 5,74 - 

N= 7,12 — 7,19 



— 280 — 

Die aus der Matterlauge erhaltenen Kristallisationen wurden 
ebenfalls zum konstanten Schmp. 100^ aus Methylalkohol ge- 
bracht und mit der ersten Portion vereinigt. 

Beduktlon von a-Nltrooreindimethyläther in alkalischer 

Losung. 

Afl. Kalt gesättigte Sodalösung. 

Kf 1. 4^2 g Nitroorcindimethyläther in so viel S^/^iger Natron- 
lauge, daß Lösung eintrat. 

Die Versuchsbedingungen waren die gleichen wie bei den 
vorhergehenden Keduktionen. 

Auch hier bildete sich während der Reduktion auf der 
Oberfläche der Kfl. eine rote Haut, die sich immer mehr ver- 
stärkte. 

Es war also hier ebenfalls kein Azooxykörper, sondern ein 
Amin entstanden, das zur Bildung des roten Phenoxazinkörpers 
Anlaß gegeben hatte. 

Nach dem Stehen über Nacht war die Kfl. mit roten Flocken 
erfüllt, die abfiltriert und aus Alkohol umkristallisiert wurden. 

Sie zeigten genau die gleiche Eristallform und den Schmp. 
252 bis 253^ wie der ans dem Monomethyläther erhaltene Phenox- 
azinkörper. 

Mit dem neu gebildeten Körper wurden nun die gleichen 
Identitätsreaktioneu wie vorher durchgeführt: 

1. Er gab mit konzentrierter Salzsäure ein blaues Hydro- 
chlorat, das in lanzettförmigen Blättchen kristallisierte. 

2. Beim Kochen mit Essigsäureanhydrid bildete sich das 
das schwer lösliche Azetylderivat, das auf Ton getrocknet, bei 
25V schmolz. 

8. Mit Salzsäure und Natriumnitrit trat eine dunkelblaue 
Färbung auf, die unter Abscheidung eines braunen Körpers 
verschwand. 

4. Mit konzentrierter Salpetersäure wurde eine rote Färbung 
erhalten, die beim Verdünnen mit Wasser verschwand. 

Der durch elektrolytische Reduktion und Luftoxydation des 
a-Nitroorcindimethyläthers in alkalischer Lösung gewonnene 
Körper ist also völlig identisch mit dem Phenoxazinkörper ans 
dem a-Nitroorcinmonometbyläther. 



~ 281 - 

Demnach scheint also bei der Elektrolyse eine OCH,-Gruppe 
abgespalten und durch die OH-Gruppe ersetzt worden zu sein. 

Eine bemerkenswerte Reaktion, die aber noch nicht näher 
studiert worden ist, wurde bei dem Phenoxazinkörper beob- 
achtet. Wenn man ihn in einem ßohre ausbreitete und Dämpfe 
von salpetriger Säure darüber leitete, ;so wurde er feucht, und 
sublimierte unter Entwicklung von Gasblasen im Rohre fort. 
Das Rohr wurde auf ein kleines Eölbchen mit wenig siedendem 
Alkohol aufgesetzt. Durch die sich kondensierenden Dämpfe 
wurde das Reaktionsprodukt herabgespült. Es löste sich in 
Alkohol vollständig auf, und nach dem Eindampfen erhielt man 
ein schwarzes glänzendes Produkt, das sich in konzentrierter 
Schwefelsäure mit dunkelvioletter Farbe und in Wasser mit 
karminroter Farbe löste. 

ni. 

Die Elektrolyse der Kaliumsalze der Glutakonsäure, 
der Citra-, Ita- und Mesakonsäure. 

Im Jahre 1849 stellte Kolbe^) durch Elektrolyse von essig- 
saurem Natrium Äthan dar. Damit war der Anstoß zu einer 
großen Reihe von Untersuchungen auf diesem Gebiete gegeben. 

1864 veröffentlichte KekuI6^) seine Resultate über die 
Elektrolyse von zweibasischen organischen Säuren, worunter 
auch die Bildung von Azetylen bei der Zersetzung derMalein- 
und Fumarsäure konstatiert war. Eekule erwähnte noch: 
„Aus der mit Fumarsäure homologen Itakonsäure habe ich bis 
jetzt kein dem Azetylen ähnliches Gas (AUylen) erhalten können.^ 

Dagegen zeigte 1872 Aarland^) bei der Elektrolyse von 
Itakonsäure, daß er einen Kohlenwasserstoff erhalten habe, den 
er als AUylen charakterisiert hätte. Aarland ging bei der 
Elektrolyse der drei isomeren Säuren: Citrakon-, Itakon- und 
Mesakonsäure darauf aus, drei isomere Allylene darzustellen. 

Er führte nun in seiner Arbeit aus, daß er bei Citrakon- 
säure ein AUylen mit einem gegen Metall austauschbaren Wasser- 
stoffatom und Kohlensäure erhalten habe. Bei Itakonsäure sei 



Ann. 69, 261. 
«) Ann. 131, 79. 
•) J. prakt. Chem. 6, 256: 7, 146, 



— 282 — 

Ällylen und Kohlensäure entstanden. Das Allylen sei jedoch 
von ammoniakalischer Silberlösung nicht gefällt worden, dagegen 
sei es von Brom absorbiert worden. Mesakonsäure gebe Allylen, 
das durch ammoniakalische Silberlösung gefällt werde, und 
Eohlensäare. 

Alle drei Allylene seien jedoch verschieden gewesen. 

Dagegen konstatierte B6hal^), daß bei der Elektrolyse 
von Itakonsäure nur sehr geringe Mengen eines Kohlenwasser- 
stoffes sich bildeten, und daß dieses Gas unrein sei. 

Er bezweifelte überhaupt die Existenz eines Kohlenwasser- 
stoffes von der Struktur: CHj = C = CHg und behauptete, es 
sei unmöglich, aus der Itakonsäure ein Allylen von der obigen 
Struktur zu erhalten. 

Theoretisch war es allerdings möglich, daß derartige Zer- 
setzungen stattfinden konnten, da am — Pol das Metall abge- 
schiedenwurde, am+Pol die Abspaltung von Kohlensäure erfolgte, 

Gitrakonsaures Kalium: 



CH3 





CH3 

1 


C - :C00 


K 


— C + 2C( 


II :::::: 

CH— iCOO 


K 


ÜH 




Allylen. 


iires Kaliam: 




4- 


— 


CH, 


II 

c — coc 


1 K 


= C +2C0j 


1 .::.:::. 

CHj- coc 


>K 


CH, 
Allen. 



Mesakonsanres Kaliam: 



E 





+ 


CH3 

1 




cöö! 





1 

c 




H 


— 


iL 


;cöö 



CH, 

I 
= C + 2 CO, 

K Ih 
Allylen. 



') Ann. de Ghem. et de Pbys. 1889, 367. 



— 283 - 

Da mir nun die Aufgabe gestellt war, die jenen Sänren 
isomere Glntakonsäure auf ihre elektrolytische Zersetzung in 
konzentrierter Lösung zu prüfen, so unterwarf ich auch noch 
unter analogen Bedingungen die Gitra-, Mesa- und Itakonsäure 
der elektrolytischen Zersetzung. 

Bei der Elektrolyse wandte ich den Kunstgriff an, den 
Cr um Brown und Walker^) in bezug auf die Stromdichte 
an der Anode benutzt hatten. Diese Forscher hatten als Anode, 
an der ja die Zersetzung, bezw. die Bildung des Kohlenwasser- 
stoffes stattfand, einen Platindraht von nur geringer Oberfläche 
benutzt und damit eine sehr große Stromdichte erzielt. 

Ich fahrte die Elektrolysen in einem Apparate aus, der im 
Prinzip dem nachgebildet ist, den Elbs in seinem Werke: 
Übungsbeispiele für die elektrolytische Darstellung chemischer 
Präparate, S. 54 beschreibt. 

Der Apparat bestand aus dem hohen Glase A, das durch 
den Oummistopfen B verschlossen war. Durch die Mitte ging 
das Glasrohr C, das sich unten zur Glocke D erweiterte. Über 
dem Gummistopfen war das Gasableitungsrohr E angesetzt. 
Durch das Glasrohr C ging die Glasfiihrung der Platindraht- 
anode F, die unten mit dem Glase verschmolzen und weiter 
oben an den Zuleitungsdraht G angelötet war. Diese Glasftthrung 
schloß durch die Gummidichtung H den Anodenraum ab. 

Durch den Gummistopfen ging noch das Bohr J in den 
Kathodenraum, um den entwickelten Wasserstoff entweichen 
zu lassen. 

Die Kathode K war ein Nickeldrahtnetz. Die ganze An- 
ordnung stand in dem Glastrog L, der fortwährend von Kühl- 
wasser durchströmt war. 

Das Gasableitungsrohr E führte direkt zu einem Azotometer, 
das entweder mit Wasser oder irgend einer Absorptionsflüssig- 
keit gefüllt war. 

Durch den oberen Hahn konnte bequem jede Gasmenge zur 
Analyse entnommen werden. 

Der Verlauf der sämtlichen Elektrolysen wurde gasanalytisch 
verfolgt. Die Analysen wurden mit Hempelschen Büretten 
durchgefühii, die mit Kalilauge, alkalischer Pyrogallollösung 
und ammoniakalischer Kupferchlorürlösnng gefüllt waren. 

*) Ann. 861, 107. 



— 284 - 

Die Stromstärke bei den Elektrolysen betrag durchschnitt- 
lich 3 Amp. Es wurde darauf geachtet, daß die Elektrolysier- 
flttssigkeit stark alkalisch blieb, weshalb von Zeit zu Zeit festes 
Ealiumkarbonat zugegeben wurde. Die besten Resultate wurden 
im allgemeinen mit hohen Stromdichten erhalten. 

A. Elektrolyse der Glntakonsäure. 

Schon früher hatte Herr Thomas im hiesigen Institute in 
einem ähnlichen Apparate glutakonsaures Kalium elektrolysiert 
und dabei ein Gas bekommen, das in ammoniakalischer Silber- 
lösung einen explosiveren Niederschlag erzeugte als das Anoden- 
gas der Citrakonsäure. Ich übernahm diese Arbeit und führte 
sie in folgendem aus. 

13 g Glntakonsäure wurden auf dem Wasserbad in 20 ccm 
Wasser gelöst und 18 g Ealiumkarbonat in 10 ccm Wasser zu- 
gegeben. 

Hieraus wurde jedoch nur ein Geroenge von Kohlensäure, 
Kohlenoxyd, Sauerstoff und Wasser erhalten. 

Die Konzentration wurde daher verstärkt und noch 6,5 g 
Glntakonsäure und 10 g Kaliumkarbonat in 10 ccm Wasser zu- 
gegeben. 

Während der ganzen Dauer der Elektrolyse wurde in den 
Kathodenraum Kohlensäure eingeleitet, um das frei werdende 
Kalium zu binden. 

Das Anodengas wurde in Portionen von je 100 ccm auf- 
gefangen und analysiert. 



Nr. 


'lo CO, 


^0 


Vo Rest 


1 


34,8 


46,4 


18,8 


2 


52,0 


34,4 


13,6 


3 


40,4 


40,0 


19,6 


4 


56,0 


32,0 


12,0 


5 


71,8 


18,1 


10,1 



Der Kohlensäuregehalt ist natürlich sehr schwankend, da 
das überschüssige freie Alkali einen Teil der Kohlensäure als 
Bikarbonat bindet. 

Der unter der Rubrik „Rest" von 1 und 2 gesammelte 
Kohlenwasserstoff brannte mit leuchtender rußender Flamme. 
Von 21,1 ccm wurden 16,8 ccm in der ammoniakalischen Kupfer- 




Fig. 7. 



- 287 — 

cblorfirlösung unter Bildung eines rotbraunen Niederschlages 
absorbiert. Der Rest brannte mit blaßblauer Flamme, war also 
Wassei*stoff. Sein Vorkommen ist wahrscheinlich dadurch zu 
erklären, daß bei den Niveauschwankungen im Anoden- und 
Eathodenraum Wasserstoffbläschen von der Kathode weg in 
den Baum der Glocke gesaugt wurden und sich so dem Anoden- 
gase beimengten. 

3^ 4 und 5 brannten ebenfalls mit leuchtender Flamme. 
Von ammoniakalischer Kupferchlorttrlösung wurden von 20,4 ccm 
Gas 15,3 ccm absorbiert unter Bildung eines rotbraunen Nieder- 
schlags. Der Rest brannte ebenfalls mit blaßblauer Flamme, 
also auch hier Wasserstofi. 

Ffir die weiteren Eupferfällungen wurde die Kuprolösung 
von Nagy-Ilosva^) verwendet^ um das unangenehme Arbeiten 
mit der ammoniakalischen Eupferchlorürlösnng zu umgehen : 1 g 
kristallisiertes Kupfersulfat wurde in einem 50 ccm Kölbchen 
in wenig Wasser gelöst, 4 ccm 20 ^/^ Ammoniak zugegeben und 
3 g Hydroxylaminchlorhydrat zugeffigt. 

Dann wurde tüchtig durchgeschüttelt und mit Wasser auf 
50 ccm aufgefttUt. 

In dieser Lösung gab das von Kohlensäure befreite Anoden- 
gas zuerst eine rosenrote Färbung, dann eine prächtige^ dunkel- 
karminrote Fällung. 

Es wurde nun eine größere Menge des Niederschlags dar- 
gestellt, um daraus durch Zersetzung den Kohlenwasserstoff 
möglichst rein zu gewinnen. 

Femer wurde nach der Vorschrift von Gattermann''') aus 
Natriumalkoholat und Äthylenbromid Azetylen dargestellt, das 
in einem mit gesättigter Kochsalzlösung gefüllten Gasometer 
aufbewahrt wurde. Dieses Azetylen gab den gleichen Nieder- 
schlag wie das Anodengas. 

Inzwischen wurden der Elektrolysierflüssigkeit 5 ccm ent- 
nommen, angesäuert und 5 mal mit je 40 ccm Äther ausgeäthert 

Die Auszüge wurden mit Chlorkalzium getrocknet und dann 
der Äther abdestilliert. Der Rückstand wurde aus Alkohol um- 
kristallisiert und zeigte unterm Mikroskop die gleiche einheit- 



Berichte 32, 2697. 
«) Ann. 178, 111. 



- 288 - 

liehe Xristallform — zn sternförmigen Aggregaten vereinigte 
Prismen — wie frisch umkristallisierte Glutakonsäure. 

Ebenso waren die Schmelzpunkte übereinstimmend, beide 
waren bei 130—131«. 

Später schied sich ziemlich viel Bikarbonat ans, das ab- 
flltriert wurde. Dabei wurde die ganze Elektrolysierflüssigkeit 
mit je 50 ccm 4 mal ausgeäthert, um etwaige Polymerisations- 
produkte des gebildeten Kohlenwasserstoffs zu bekommen. Der 
ätherische Auszug wurde nach dem Trocknen mit Kalziumchlorid 
abdestilliert, wobei jedoch kein Rflckstand blieb. 

Es wurde auch noch untersucht, ob sich keine Essigsäure 
und damit Äthan gebildet habe. Das von Kohlensäure befreite 
Anodengas wurde mit Pyrogallol und Kuprolösung behandelt, 
der Rest brannte jedoch mit blaßblauer Flamme, also kein 
Äthan. Somit hat bei der Elektrolyse keine Essigsäurebildung 
stattgefunden. 

Es wurde nun ein Teil des Kupferniederschlags, der durch 
Einleiten von Anodengas in Kuprolösung entstanden war, durch 
mehrmaliges Dekantieren bis zum Verschwinden der Chlorreaktion 
gereinigt. 

Ebenso wurde mit chemisch dargestelltem Azetylen in Kupro- 
lösung ein Niederschlag erzeugt und in gleicher Weise gereinigt. 

Die beiden Kupferverbindungen wurden nebeneinander in 
folgender Weise analysiert: 

Der Niederschlag wurde in gewogene Filtrierröhren ein- 
filtriert, mehrmals durchgewaschen, das Wasser zuletzt durch 
Alkohol ersetzt, dieser schließlich durch Äther verdrängt, und 
dann wurde bei 60® bis zur Gewichtskonstanz getrocknet. 

Hierauf wurde gewogen, die Kupferverbindung mit Salpeter- 
säure zersetzt und samt dem Asbest aus dem Böhrchen in ein 
Becherglas gespült. Dann wurde auf dem Wasserbad eine Stunde 
erwärmt, um allen Kohlenwasserstoff wegzutreiben und schließ- 
lich filtriert. In dieser salpetersauren Lösung wurde das Kupfer 
dann elektrolytisch bestimmt. 

A. Kupferverbindung aus dem Anodengas: 

I. 0,0580 g Substanz gaben 0,0391 g Cu, 
n. 0,0901 g Substanz gaben 0,0609 g Cu; 

B. Azetylenkupfer: 

III. 0,0828 g Substanz gaben 0,0560 g Cu. 



- 289 -^ 

Gefunden.' 

I. n. m. 

Ca- Verbindung des Anodengases Cu = 67,42 67,59 — 
Azetylenkupfer Cu= — — 67,63 

Aus dem durch Einleiten des Anodengases in Euprolösung 
erhaltenen Niederschlage wurde nun in folgender Weise der 
reine Kohlenwasserstoff dargestellt: 

Ein Eölbchen mit dreifach durchbohrtem Stopfen stand mit 
einem Eohlensäureapparat, der luftfreie Kohlensäure lieferte, 
in Verbindung. Durch die zweite Bohrung ging ein Tropf trieb ter, 
und in der dritten Bohrung saß ein Gasableitungsrohr, das zu 
einem Azotometer führte. In das Kölbchen wurde nun die 
Kupferverbindung gebracht, und das Azotometer wurde mit 50 ^/o 
Kalilauge gefüllt. Nachdem dann wie bei einer N-Bestimmung 
sämtliche Luft aus dem Apparate durch Kohlensäure verdrängt 
war^ warde durch den Tropftrichter langsam Salzsäure ein- 
getropft und dadurch die Verbindung zersetzt. Hatte sich eine 
klare Lösung gebildet, so wurde schließlich noch erwärmt und 
durch einen weiteren Kohlensäurestrom alles Gas in das Azoto- 
meter getrieben. Dieser Apparat wurde später auch zu quanti- 
tativen Bestimmungen benutzt. 

Im gleichen Apparate wurde unter gleichen Bedingungen 
Azetylenkupfer zersetzt und dadurch sehr reines Azetylen dar- 
gestellt. 

Mit jedem dieser beiden Gasvolumen wurde in frisch be- 
reiteter Kuprolösung ein Niederschlag dargestellt, der in je 
zwei Hälften geteilt wurde. 

Mit der einen wurde eine Kupferbestimmung durchgeführt, 
die andere Hälfte wurde abgesaugt, im Vakuumexsikkator ge- 
trocknet und der Azetylengehalt im obigen Apparate bestimmt. 

A. Kupferverbindung aus dem Anodengas: 

I. 0,9237 g Substanz gaben 0,6248 g Cu; 

B. Azetylenkupfer: 

II. 0,7493 g Substanz gaben 0,5064 g Cu. 

Gefunden : 
I. II. 

Cu- Verbindung des Anodengases Cu = 67,64 — 

Azetylenkupfer Cu = — 67,58 

Sitaan^iberlohte der phyi.-inad. So». 89 (1907). 19 



— 290 - 

Bestimmung der Gasmengen aus den getrockneten Kupfer- 
verbindungen : 

A. Kupferverbindung aus dem Anodengas: 

I. 0,2436 g Substanz gaben 20,8 ccm Gas bei 22» u. 741 mm Druck. 

B. Azetylenkupfer: 

II. 0,1648 g Substanz gaben 14,1 ccm Gas bei 21^ u. 741 mm Druck. 

Gefunden : 

I. IL 

Cu- Verbindung des Anodengases; Gas =8,93 — 

Azetylenkupfer: C^H^= — 8,97 

Die letzten Analysen sowie die sonstigen Reaktionen be- 
weisen also, daß der bei der Elektrolyse von Glutakonsäure 
gebildete Kohlenwasserstoff vollständig identisch ist mit 

Azetylen. 

Nachdem die Elektrolysiei^flüssigkeit einige Tage lang fort- 
während unter Strom gestanden war, wurde sie dünnflüssig and 
farblos. Eine vorgenommene Analyse zeigte einen Sauerstoff- 
gehalt von fast 100 ®/o. 

Die Lösung wurde nun sofort mehrmals ausgeäthert, der 
Äther getrocknet und abdestilliert. Es blieb nicht der geringste 
Rückstand. 

Hierauf wurde stark angesäuert und nochmals ansgeäthert 
Die Auszüge hinterließen nach dem Trocknen und Abdestillieren 
nur einen ganz minimalen Rückstand. 

Der salzsaure Rückstand wurde am Wasserbad zur Trockne 
verdampft. Die zurückbleibende Kristallmasse erwies sich als 
rein anorganisch. 

Die Glutakonsäure ist also vollständig zersetzt worden. 

B. Elektrolyse der Citrakonsftare. 

26 g Citrakonsäure wurden in 25 ccm Wasser gelöst, sodann 
allmählich 32 g Kaliumkarbonat zugegeben. Es bildete sich 
zunächst das anscheinend schwer lösliche saure Kaliumsalz, das 
sich bei weiterem Zusatz von Karbonat wieder auflöste. Dann 
wurden noch 8 g Kalinmkarbonat zugefügt und die Lösung am 
Wasserbad auf ^0 ccm eingedampft. 

Das entweichende Anodengas wurde ebenfalls in Mengen 
von je 100 ccra aufgefangen und analysiert. 



— 291 — 



Nr. 


°/o CO, 


•/oO 


Vo Rest 


Nr. 


Vo CO. 


^0 


«/. Rest 


1 


27,8 


12,8 


59,4 


6 


47,2 


13,5 


39,3 


2 


27,6 


14,0 


58,4 


7 


56,6 


8,1 


35,3 


3 


3S,4 


11,0 


55,6 


8 


55,2 


8.0 


36,8 


4 


29.2 


13,6 


57,2 


9 


57,8 


7^ 


35,0 





43,2 


. 10,4 


46,4 


10 


58,6 


7,8 


33,6 



Mit den anter „Rest^ gesammelten Gasen wurden folgende 
Untei-snchnngen durchgeführt: 

1. Es brannte mit hell leuchtender rußender Flamme. 

2. Es erzeugte nach Kutsch er off beim Einleiten in al- 
kalische Lösung von Quecksilberjodid in Jodkalium einen flockigen 
Niederschlag, der aus Alkohol in langen glänzenden Nadeln von 
knoblauchartigem Geruch kristallisierte. 

3. Beim Einleiten in Sublimatlösung entstand ein dichter 
Niederschlag, der sich beim Erhitzen zusammenballte. 

4. Von Enprolösung wurde das Gas fast vollständig unter 
Bildung eines gelben Niederschlags absorbiert. Von 40,4 ccm 
wurden 38,6 ccm absorbiert. Der Rest brannte mit blaßblauer 
Flamme, also Wasserstoff. Sein Auftreten wird auf dieselbe 
Weise wie bei der Glutakonsäure zu erklären sein. 

Nachdem duixh diese Untersuchungen der an der Anode 
entstehende Kohlenwasserstoff als AUylen identifiziert war, wurde 
weiter elektrolysiert und das Anodengas durch Brom geleitet, 
bis dieses fast entfärbt war. Das überschüssige Brom wurde 
mit Soda weggenommen und die Lösung mehrmals ausgeäthert. 
Hiebei machte sich eine stark reizende Wirkung der Dämpfe 
auf die Augenschleimhaut bemerkbar, wie dies schon Oppen- 
heim*) erwähnt hat. 

Die ätherische Lösung wurde mit Kalzinmchlorid getrocknet 
und abdestilliert, wobei ein schwach gelbgefärbtes Öl zurück- 
blieb. Das Bromid wurde der fraktionierten Destillation im 
Vakuum unterworfen. Nach Oppenheim soll das Tetrabromid 
bei 10 mm Druck zwischen 110 und 130^ übergehen. 

Es gingen auch hier bei 10 mm Druck bis zu 115® nur ge- 
ringe Mengen, zwischen 116 und 119® die Hauptmenge über. 

Das Bromid war eine farblose, ölige Flüssigkeit von deut- 
lich kampherartigem Geruch. 



*) Ann. 132, 124. 



19* 



— 292 — 

Die Analyse stimmte auf ein Tetrabromid. 
0,3775 g Substanz gaben 0,7849 g AgBr. 

Berechnet für CsH^Br^: Gefunden: 

Er 88,89. 88,48. 

C. Elektrolyse der Mesakonsäure. 

26 g Mesakonsäure wurden mit 15 ccm Wasser übergössen 
und zu diesem Brei allmählich 32 g Kaliumkarbonat zugegeben. 
Bei weiterem Zusatz von 15 ccm Wasser löste sich alles beim 
Erwärmen am Wasserbad. Sodann wurden noch 8 g Kalium- 
karbonat zugegeben. Beim Abkühlen schied sich mesakonsanres 
Kalium aus, so daß also die Lösung ihre Höchstkonzentration er- 
reicht hatte. 

Um Vergleiche anstellen zu können^ wurde die gleiche 
Apparatur zur Elektrolyse von Citrakonsäure aufgestellt und 
nach Bedarf in Betrieb gesetzt. 

Auch hier wurde das Anodengas in Portionen von je 100 ccm 
aufgefangen und analysiert. 



Nr. 


Vo CO. 


^0 


•/o Rest 


1 


36,4 


14,5 


49,1 


2 


46.8 


19,2 


34,0 


3 


47.6 


20,4 


32,0 


4 


47,4 


20,6 


32,0 


5 


47,2 


20,4 


32,4 


6 


49,0 


18,9 


32.1 



Zur Vergleichung wurden ebenfalls die unter „Rest" ver- 
zeichneten Volumina den folgenden Reaktionen unterworfen: 

1. Der Kohlenwasserstoff brannte mit hell leuchtender, rußen- 
der Flamme und hatte den typischen Geruch des Allylens. 

2. Von 15,0 ccm wurden in der Kuprolösung 14,4 ccm unter 
kanariengelber Fällung absorbiert, der Rest brannte mit bläu- 
licher kaum sichtbarer Flamme, also Wasserstoff. Sein Auf- 
treten ist wie bei der Glutakonsäure zu erklären. 

3. In alkalischer Quecksilberjodidjodkaliumlösung entstand 
ein flockiger Niederschlag, der aus Alkohol in langen glänzenden 
Nadeln kam, die denselben unangenehmen Geruch wie der mit 
dem Anodengas der Citrakonsäure erzeugte Niederschlag hatten. 



- 293 — 

Die Eapferverbindang ist sehr voluminös und verglimmt in 
trockenem Zustande lebhaft beim Erhitzen. Sie wurde in ana- 
loger Weise wie beim Azetylenkupfer analysiert. 

Zugleich wurde mit dem Allylen aus der Citrakonsäure die 
Eupferverbindung dargestellt und die Analysen nebeneinander 
ausgeffihrt. 

A. Eupferverbindung aus dem Anodengas der Mesakonsäure: 

I. 0,0729 g Substanz gaben 0,0457 g Cu, 
n. 0,0531 g Substanz gaben 0,0331 g Cu; 

B. Eupferverbindung aus Allylen: 

ni. 0,1532 g Substanz gaben 0,0954 g Cu, 
IV. 0,0868 g Substanz gaben 0,0543 g Cu. 
Gefunden : 

I. IL ni. IV. 

Eupferverbindung aus 

Mesakonsäure Cu = 62,60 62,34 — — 

Allylenkupfer Cu=f — — 62,27 62,56. 

Das weiterhin dargestellte Anodengas wurde in Brom ge- 
leitet, bis dieses entfärbt war. Dann wurde das gebildete Bromid 
genau so weiter behandelt wie bei der Citrakonsäure. Auch hier 
machte sich der die Augen reizende Geruch bemerkbar. 

Bei der fraktionierten Destillation im Vakuum ging bei 
10 mm Druck und zwischen 110 und 120® die Hauptmenge des 
Bromids über. Es wurde nochmals fraktioniert und diesmal bei 
10 mm Dnick die zwischen 117 und 119® übergehende Fraktion 
aufgefangen. Die Analyse stimmte auf ein Tetrabromid. 
0,5559 g Substanz gaben 1,1580 g AgBr. 
Berechnet für Gefunden: 

CsH.Br,: 

Br = 88,89 88,64. 

Durch die vorstehenden Analysen ist die Identität der Eupfer- 
und Bromverbindungen sowie der Gase, welche diese Ver- 
bindungen erzeugten, nachgewiesen. 

D. Elektrolyse der Itakonsänre. 

26 g Itakonsäure wurden in 25 ccm Wasser gelöst und in 
kleinen Portionen in eine Lösung von 32 g Ealiumkarbonat in 
25 g Wasser gegeben. Sodann wurden der hellgelben Lösung 



- 294 - 

noch 8 g Ealiumkarbonat zngefttgt und das Ganze filtriert. Von 
dem entweichenden Kathodengas wurden wie bei den vorher- 
gehenden Analysen je 100 ccm aufgefangen und elektrolysiert 



Nr. 


Vo CX). 


•/oO 


•/p Reet 


1 


2ö^ 


51,0 


19,8 


2 


32,8 


56,0 


11^ 


3 


27,4 


49,2 


23,4 


4 


27,4 


48,0 


24,6 


5 


26,4 


49,6 


24,0 



Der von 1—5 gesammelte „Rest" brannte mit nicht leuch- 
tender^ blauer Flamme und wurde von Kuprolösung ohne Nieder- 
schlag zum größten Teil absorbiert. Der Rest brannte mit 
schwach bläulicher Flamme, also Wasserstoff. 

Für die folgende Elektrolyse wurde eine stärkere Konzen- 
tration gewählt. Es wurden noch 40 g Kaliumkarbonat und 
26 g Itakonsäure zugegeben. 

Als Reaktionen auf etwa gebildetes AUylen wurden die 
charakteristischen Fällungen in alkalischer Merkurijodidjodkalium- 
iGsung und Kuprolösung benutzt 



Nr. 


Vo CO, 


•/oO 


•/. Kest 


6 


73,4 


22,1 


4,5 


7 


623 


31,0 


6^ 


8 


56,6 


L 34,8 


8,6 


9 


52,0 


^ 35,8 


12,2 


10 


50,0 


32,8 


17,2 


11 


45,4 


27,4 


27,2 


12 


41,0 


22,4 


36,6 



Der von 6 — 12 gesammelte „Rest" brannte mit sehr schwach 
leuchtender Flamme. Von Kuprolösung wurden von 81 ccm 
unter Bildung eines minimalen gelben Niederschlags 62 ccm ab- 
sorbiert. Der Rest brannte mit blaßblauer Flamme. Das Gas 
bestand also aus einer Spur Allylen, Kohlenoxyd und Wassei-stoff 

Die Bildung desAlIylens ist nach Aarland^) in der Weise 
zu erklären, daß sich etwas Itakonsäure durch die Einwirkung 
des Stromes in Citrakonsäure umgelagert hatte, die dann, eben- 
falls elektrolysiert, Allylen bildete. 

^) J. prakt. Chem. 6, 267. 



295 



Um nun zu konstatieren, ob bereits eine Umlagerung statt- 
gelinden hätte, wurden 5 ccm der bereits elektrolysierten Lösung 
mit Salzsäure angesäuert, mehrmals ausgeäthert, der Auszug 
getrocknet und abdestilliert. Der Rückstand wurde mit Benzol 
extrahiert und ergab nur eine ganz geringe Menge von recht- 
eckigen Prismen, während Citrakoqsäure aus Benzol in lanzett- 
förmigen Blättchen kristallisierte. 

Der Bückstand wurde nun aus Alkohol umkristallisiert und 
ergab durchaus gleichartige rechteckige Prismen. 

Der gleiche Versuch wurde mit 5 ccm noch nicht elektro- 
lysierter Flüssigkeit durchgeführt. Hier ergab der Benzolauszug 
die gleiche minimale Kristallmenge von derselben Form wie 
vorher, und ebenso war die Kristallform des Rückstandes aus 
Alkohol vollständig identisch mit der des vorhergehenden Rück- 
standes. 

Somit ist nachgewiesen, daß durch den Alkalizusatz allein 
keine Umlagerung stattgefunden hatte. Ebenso war noch keine 
Umlagerung während der Elektrolyse eingetreten. 



Nr. 


*^/o CO, 


^0 


'U Rest 1 


Nr. 


°/o CO, 


^0 


% Rest 


13 


43,0 


38,2 


18,8 


21 


52,0 


29,2 


18,8 


14 


40,6 


40,2 


19,2 


22 


31,0 


39,0 


30,0 


15 


45,2 


36.8 


18,0 


23 


32,4 


37,6 


30,0 


16 


45,0 


36,2 


18,8 


24 


43,8 


29,8 


26,4 


17 


48,0 


34,6 


17,4 


25 


44,6 


29,2 


26,2 


18 


46,8 


35,6 


17,6 


26 


44,4 


28,6 


27,0 


19 


51,4 


30,4 


18,2 


27 


51,2 


20,8 


28,0 


20 


50,8 


30,0 


19,2 











Zwischen 21 und 22 wurden der Elektrolysierflüssigkeit 
4 ccm entnommen und in der gleichen Weise wie vorher geprüft. 
Es ergaben sich jedoch nur einheitliche Itakonsäurekristalle. 

13 ergab ein Gas, das mit schwach leuchtender Flamme 
brannte. Um nun das Allylen von eventuell gebildetem Allen 
zu trennen, wurde bei den 15 obigen Analysen das unter „Rest" 
stehende Gas noch in die Kuprolösung gegeben, wo es jedesmal 
bis auf 2 — 3 ccm unter Bildung eines minimalen gelben Nieder- 
schlags absorbiert wurde. 

Hieraus wurde es wieder gesammelt und brannte mit sehr 
schwach leuchtender Flamme. Nach Demjanoff^) erzeugt Allen 

») J. prakt Chem. 38, 202. 



- 296 — 



in Sublimatlösung einen Niederschlag. Hierin wurden von 
33,4 com Gas 0,4 ccm unter Bildung einer schwachen Trübung, die 
auch nach dreitägigem Stehen keinen Niederschlag gab, ab- 
sorbiert. Das in die Bürette zurückgefttUte Gas brannte mit 
kaum sichtbarer Flamme, es war also Wasserstoff. 

Diese 0,4 ccm Gas, die als Allen anzusehen sind, stammen 
von 15 Analysen k 100 ccm und bedeuten also ca. 0,026 ®/o 
Allen im Anodengas der Itakonsäure. 

Bei den folgenden Analysen wurde kein Allen mehr er- 
halten, sondern nur Spuren von AUylen bei 28—32. 



Nr. 


Vo CO, 


^0 


Vo Rest 


Nr. 


Vo CO, 


^0 


'lo Best 


28 


44.1 


29,9 


26,0 


38 


64,0 


21,2 


14,8 


29 


45,1 


30.0 


24,9 


39 


48,8 


41,4 


9,8 


30 


52,0 


24,0 


24,0 


40 


36,4 


43,4 


20,2 


31 


53,0 


21,6 


25,4 


41 


31,4 


53,8 


143 


32 


57,0 


23,0 


20,0 


42 


30,0 


53,4 


16,6 


33 


38,4 


55,6 


6,0 


43 


56,0 


20,0 


24,0 


34 


61,6 


31,2 


7,2 


44 


47,6 


32,2 


20,2 


35 


68,2 


22,6 


9,2 


45 


48,3 


34,1 


17,6 


36 


75,2 


16,6 


8,2 


46 


50,0 


30,7 


19,3 


37 


71,6 


21,1 


7,3 


47 


46,4 


38,2 


15,4 



Der von 28—32 aufgesammelte Best brannte mit ganz 
schwach leuchtender Flamme. Von 38,6 ccm wurden in der 
Kuprolösung 34,7 ccm absorbiert, der Rest brannte mit blaß bläu- 
licher Flamme, also Wasserstoff. 

33—42 ergaben ein Gas, das mit nichtleuchtender Flamme 
brannte. Von 11,2 ccm wurden 8,3 ccm in Kuprolösung absorbiert, 
der Rest war Wasserstoff. 

Bei 43 — 47 wurde eine derartige Konzentration angewendet, 
daß das itakonsaure Kali bereits auskristallisierte. Die 5 Rest- 
volumina wurden einzeln analysiert. 



Nr. 


Flamme 


Vol. 


Id Kuprolösung 
absorbiert 


Rest 


Flamme 


43 


NichtleuchteDd 


19.2 


15,8 


3,4 


Nichtleuchtend 


44 


»» 


18.4 


15,8 


2.6 


11 


45 


t» 


15.7 


11,9 


3,8 




46 


„ 


16.0 


13,5 


2.5 


,, 


47 


tt 


12.3 


9.3 


3.0 


»» 



— 297 - 

Das AnodengasbestaDd also bei den 5 letzten Analysen aas: 

1. Kohlensäure ca. 50®/o, 

2. Sauerstoff ca. 30 •/o, 

3. Kohlenoxyd ca. 11 ^j^, 

4. Wasserstoff ca. S%. 

Die Resultate der elektrolytischen Zersetzung der 4 Isomeren 
Citra-, Mesa-, Ita- und Glutakonsäure 

CH3 — C.COOH = CH.COOH Citrakonsäure, 
CH3— COOHC = CH.COOH Mesakonsäure, 
CH2 = C-C00H — CHj.COOH Itakonsäure, 
COOH — CH2 — CH = CH - COOH Glutakonsäure, 
können folgendermaßen zusammengefaßt werden: Citrakon- und 
Mesakonsäure ' bildeten Allylen. 

Bei Itakonsäure wurde unter unseren Versuchsbedingungen 
in Übereinstimmung mit B^haP) und im Gegensatz zu Aar- 
land*) kein Allen nachgewiesen. Die Zersetzung erfolgte derart, 
daß überhaupt nur minimale Mengen eines brennbaren Kohlen- 
wasserstoffes nachgewiesen werden konnten. 

Glutakonsäure lieferte Azetylen. Wie diese Bildung zu 
erklären ist, müssen spätere Untersuchungen zeigen. 



Vorstehende Experimentaluntersuchung wurde im chemischen 
Laboratorium der Universität Erlangen auf Veranlassung des 
Herrn Professor Dr. F. Henrich ausgeführt. 

Es sei mir gestattet, diesem meinem hochverehrten Lehrer 
auch an dieser Stelle für die liebenswürdige Unterstützung, die 
er mir bei der Durchführung der Arbeit zuteil werden ließ, 
meinen heralichsten Dank auszusprechen. 



') Ann. de Chim. et de Phys. 1889, 367. 
•) J. prakt. Chem. 7, 146. 



Zur Erinnerung an Henri Moissan. 

Von A. Gutbier. 
In der Sitzung vom 19. November 1907 gehaltene Gedächtnierede. 

Reiche Ernte hat der Tod im Laufe des jetzt zu Röste 
gehenden Jahres unter den hervorragenden Chemikern gehalten: 
Beilstein, Mendelejeff und Berthelot sind nicht mehr! 

Und mitten in der Vollkraft seiner Jahre und von dem 
Höhepunkte seines Schaffens, eben erst ausgezeichnet mit dem 
Nobelpreise für Chemie, ist vorzeitig aus diesem Leben ein 
Mann abberufen worden, dessen Name weit über den engeren 
Kreis der Chemiker wohlbekannt und hochberfihmt war: Henri 
Moissan ist am 20. Februar dieses Jahres den Folgen einer 
Blinddarmentzündung, die erst günstig zu verlaufen schien, 
erlegen ! 

„Die Geschichte eines Gelehrten ist die Geschichte dessen, 
was er gelehrt hat. Nur in wenigen Fällen berichtet sie von 
seltsam verwickelten Lebensschicksalen, von gewaltigen Be- 
gebnissen, welche die Phantasie mächtig bewegen. Je ernster 
ein Leben dem Dienste der Wissenschaft geweiht ist, um so 
einfacher gestaltet es sich in seinem äußeren Verlaufe." 

Diese Worte August Wilhelm von Hofmanns, mit 
denen Otto Brunck^) seinen warm empfundenen Nachruf auf 
den deutschen Meister der anorganischen Chemie, Clemens 
Win kl er, einleitet, passen in gleich vortrefflicher Weise ant 
das Leben Henri Moissans, des franzosischen Meisters der 
anorganischen Chemie. 

Der äußere Lebensgang*) des Forschers ist mit wenigen 
Worten geschildert. 

Ferdinand Marie Frederic Henri Moissan wurde am 
28. September 1852 als Sohn sehr einfacher Eltern zu Paris ge- 
boren. Der Vaterbezog als Eisenbahnbeamter nur einen geringen 
Gebalt, und so war die Mutter, um drückende Sorgen abzo- 




-^U..<^ ^^^ü^ 



-c^y <::t.^€^ 



- 299 - 

halten, daraaf angewiesen, als Schneiderin Geld mityerdienen 
zu helfen. 

Die Familie Moissan siedelte bald nach Meaux, der kleinen 
Hauptstadt des Arrondissement Meaax und der Brie Ghampe- 
noise, fiber, nnd hier besuchte der junge Henri das College. 

Wohl war der Knabe sehr aufgeweckt und wissensdurstig, 
aber den römischen und griechischen Klassikern konnte er, 
wie einst auch Justus Liebig^), keinen Geschmack abgewinnen; 
Naturwissenschaften und Mathematik, das waren die Fächer, 
die ihn begeisterten. 

Und wie einst Justus Liebig, so finden wir auch Henri 
Moissan bald als Lehrling in einer Apotheke, und zwar in Paris, 
wieder ; so konnte er, was ihm sonst der vorzeitig abgeschlossenen 
Schulbildung zufolge unmöglich gewesen wäre, Chemie studieren. 

1872 bezog Moissan die Universität seiner Vaterstadt, 
um seine Studien am museum d'histoire naturelle in dem rühm- 
lichst bekannten Institute von Edmond Fremy zu beginnen. 
Dieses Institut bot, wie wir von unserem verdienten Geschichts- 
forscher auf dem Gebiete der Chemie, Ernst von Meyer*), 
erfahren, damals in Paris neben dem von Henri Sainte-Claire 
Deville geleiteten Laboratorium der 6cole normale supferieure 
Studierenden die einzige Gelegenheit, chemischen Unterricht 
genießen zu können. 

Von 1873 bis 1879 arbeitete Moissan in dem von Joseph 
Decaisne und P. P. Deherain geleiteten Laboratorium, und 
unter Dehferains Leitung entstand die erste Experimental- 
untersuchung des jungen Forschers, die ihm 1874 zur Er- 
langung des baccalaureat diente. 

Nachdem Moissan sich 1877 die Würde eines licencife er- 
worben hatte, promovierte er auf Grund einer von Henri 
Sainte-Claire Deville und Henri Debray inspirierten Ar- 
beit 1880 zum docteur ds sciences. 

Im Jahre 1879 war Moissan als maitre de Conferences et 
Chef des travaux pratiques de chimie an der 6cole superieure de 
pharmacie, der er bis 1900 angehört hat, angestellt worden, 
und von 1879 bis 1880 war er zugleich als r^pfetiteur de phy- 
sique am Institut agronoraique tätig; im Jahre 1883 erfolgte 
seine Ernennung zum professeur agrfeg6 und 1887 auf ein- 
stimmigen Vorschlag des couseil de Tecole superieure de pharmacie 



— 300 — 

diejenige zum professeur de la toxicologie an Stelle des ver- 
storbenen Bouis. Bis 1899 hat Moissan als Professor der 
Toxikologie gewirkt nnd dann erst seine Stelle gegen den Lehr- 
stuhl für anorganische Chemie ausgetauscht; nebenbei wurde er 
im Jahre 1895 zum Mitgliede des conseil d'hygifene und 1898 
zum Mitgliede des comite consultatif des arts et des manu- 
factures ernannt. 

Im Jahre 1900 endlich trat er die Nachfolgeschaft 
Louis Troosts als professeur de chimie k la faculte des 
Sciences an der Sorbonne an und hat in dieser Stellung bis zu 
seinem Tode eine glänzende Wirksamkeit entfaltet. 



Beinahe 33 Jahre einer fast beispiellos emsigen Forscher- 
tätigkeit liegen vor uns^ die wir das weit ausgedehnte Arbeits- 
gebiet Henri Moissans zu tiberblicken versuchen wollen: 
über 400 Originalabhandlungen ^), mit dem Namen Moissan 
geziert, legen Zeugnis ab von der bewunderungswürdigen 
Schaffensfreude und Schaffenskraft dieses Mannes! 

Zu der Zeit, da Moissan in Paris mit eigenen Unter- 
suchungen auf anorg an i seh -chemischem Gebiete begann, hatte 
die organische Chemie die führende Rolle in unserer Wissen- 
schaft übernommen; unter dem Genius Liebigs mächtig auf- 
geblüht und von einer Schar auserlesener Männer gepflegt, feierte 
die organische Chemie überall die größten Triumphe und ti*at 
somit naturgemäß auch an Deutschlands meisten Hochschulen 
in den Vordergrund. 

Der Begründer der Strukturchemie, August Kekule, 
lehrte seit 1865 in Bonn; in Berlin hatte im gleichen Jahre 
August Wilhelm Hofmann als Nachfolger Eilhard Mit- 
scherlichs seine überaus ersprießliche Tätigkeit begonnen, 
und ebenfalls 1865 war Hermann Kolbe von Marburg nach 
Leipzig berufen worden, wo er mit größtem Erfolge wirkte. 

Als am 18. April 1873 der größte Chemiker des 19. Jahr- 
hunderts, Justus Liebig, in München seine Augen für immer 
schloß, konnte kein Zweifel darüber bestehen, daß sein Nach- 
folger nur unter den führenden organischen Chemikern zu suchen 
sei. Adolf Baeyer trat 1875 die Nachfolgeschaft Liebigs 
in München an, wo er noch heute zu unser aller Stolz nnd 
Freude in voller Frische des Geistes und des Körpers seine 



— 301 — 

überaus glänzende und ersprießliche Tätigkeit als Forseber and 
als Lebrer ansObt. 

Vergegenwärtigen wir ans den erstannlichen Aufschwung, 
den in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts das Studium 
der Chemie aufweist! Die großartigen Ermngenschaften der 
organischen Chemie, die nicht allein für die wissenschaftliche 
Erkenntnis, sondern auch fär viele Zweige der angewandten 
Chemie, und besonders auch für die allgemeine Wohlfahrt von 
größter Bedeutung sind, zwingen an den Hochschulen dazu, 
unserer Wissenschaft neue, der gewaltigen Entwicklung ent- 
sprechende Pflegestätten zu errichten. Aller Orten werden in 
Deutschland chemische Laboratorien erbaut, die zum Teil heute 
noch vorbildlich sind, und in ihnen wird vorwiegend und mit 
ausgezeichnetem Erfolge das Studium der organischen Chemie 
gepflegt; aus der jüngeren Generation wachsen tatkräftige Mit- 
arbeiter heran, und eine hervorragende organisch-chemische Ex- 
perimentalnntersuchuug nach der anderen wird an deutschen 
Hochschulen ausgeführt. 

Gerade das erste Jahrzehnt nach Liebigs Tode ist reich 
an glänzenden Entdeckungen auf dem Gebiete der organischen 
Synthese. Welch ein gewaltiger Unterschied im Jahre 1878: Emil 
und Otto Fischer verkünden, daß Rosanilinfarbstoffe Triphe- 
nylmethanderivate sind, und Adolf Baeyer teilt die Synthese 
des Indigofarbstoffes mit, — Henri Moissan dagegen publiziert 
eine bescheidene Arbeit über zwei allotropische Modifikationen 
des Magneteisens! 

Erinnern wir uns noch, daß in allen Kulturstaaten die 
mächtig aufstrebende chemische Industrie sich mit größtem wirt- 
schaftlichen Erfolge die bewundernswerten Untersuchungen von 
Männern wie August Wilhelm Hofmann, Adolf Baeyer, 
Peter Griess, Emil und Otto Fischer und vielen Anderen 
zu Nutze machte: wer hätte es wohl damals einem jungen, für 
unsere Wissenschaft begeisterten Chemiker verdacht, daß er seine 
Interessen ausschließlich der organischen Chemie widmete?^) 

Eine kleine Schar von Chemikern aber, und unter ihnen 
besonders Robert Wilhelm Bunsen in Heidelberg, Clemens 
Winkler in Freiberg, Carl Friedrich Rarameisberg in 
Berlin, Walther Hempel in Dresden, Karl Seubert in Tü- 
bingen, sorgten dafür, daß der älteste Zweig unserer Wissen- 



— 302 - 

Schaft, die anorganische Chemie, auch in Deutschland neben 
der immer mächtiger sich ausbreitenden Kohlenstoifchemie nicht 
völlig verkümmerte, sondern lebenskräftig blieb. 

Abseits von den neu erschlossenen Bahnen, auf denen die 
Entdeckungen winkten, sind diese Männer ihre Wege gewandelt 
und haben die von der jüngeren Schwester zurückgedrängte und 
überstrahlte Mineralcheroie und die chemische Analyse gepflegt 
und gefördert. Nur wenige von den Jüngeren fanden an Uni- 
versitäten und technischen Hochschulen die ihnen gebührende 
Anerkennung und einen befriedigenden Wirkungskreis; die 
meisten wurden von einer wissenschaftlichen Lautbahn durch 
die ungünstigen Aussichten, die sie damals dem Anorganiker 
bot, abgezogen. 

So stand es in den 70er und 80er Jahren des verflossenen 
Jahrhunderts in Deutschland, und ähnlich lagen die Verhält- 
nisse in Frankreich und besondei*s in Paris. Man braucht sich 
nur daran zu erinnern, daß hier noch Jean Baptiste Dumas 
und Adolph Wurtz, Justus Liebigs großer Schüler, wirkten, 
denen die organische Chemie so viele bahnbrechende Arbeiten 
verdankt, und daß 1875 der uns nun auch in diesem Jahre 
entrissene Marcellin Berthelot sein berühmtes Werk „La 
Synthese chimique" hatte erscheinen lassen. 

Und neben diesen berühmten Förderen der organischen 
Chemie gab es auch hier nur noch einige wenige Anorganiker, 
die, wie Henri Sainte-Claire Deville, in der Lage waren, 
selbständig Schüler auszubilden. 

Wie man in Frankreich zu jener Zeit über das Studium der 
anorganischen Chemie dachte, hat Moissan später selbst mit 
wenigen Worten überzeugend geschildert, als er der Acadömie 
des Sciences den ersten Teil seines „Traite de chimie min^rale^ 
mit folgenden Worten übergibt: 

„Lorsque nmis avons comme7ic6 V4tude de la Chimie min^aley 
il y a une trentaine d'ann^es environ, nous entendions rSp^ter 
de toutes cotes qtie cette partie de la, Science 4iait &puis^j et que, 
apres Uumphry Davy, Oay-LussaCj Berxüius^ Dunias, Mit- 
scherlich, Bunsen, Marignac, Stets, Deville et bien d'autresy H 
ne restait rien ä trouver. E semblait que, apres de teU nud^esy 
il n'y eut plus qu'ä glaner, Nous avons toujours pense quil 
etait da?igereux d'ctre prophete sur ce sujet, et que la CMntie 



— 303 - 

min&ale, par le grand fiambre des 4l&nimts qu'elle embrasse^ 
comporte sans cesse de nouvelles comparaisons qui conduisent ä 
de nouvelles reclierches.^ 

jjll semblait qv£, aprds de tels maitres, ü n'y eutplus qu'ä 
glaner.^ Das also war der Eindruck, den der junge Student 
von der anorganischen Chemie empfing: Nachlese halten, das 
war alles, was sie ihrem Jünger zu bieten schien. Man darf wohl 
sagen, es gehörte Mut dazU; sich zu jener Zeit der anorganischen 
Chemie zu widmen; wir können es Moissan nicht genug danken, 
daß er diesen Mut besaß und, allein seiner Neigung folgend, 
sich der kleinen Schar der Anorganiker zugesellt hat. 

Und nun das Jahr 1886 — da haben wir ein ganz anderes 
Bild vor uns. Es ist, als ob wir an einem Wendepunkt ständen : 
Clemens Winkler entdeckt das Grermanium, und Henri 
Moissan isoliert das Fluor! 

Wie groß das Verdienst und der Ruhm dieser Entdeckungen, 
und doch, wie gering vorläufig noch die Wirkung! 

Erst der Mitwirkung der sich mächtig entfaltenden physi- 
kalischen Chemie, erst dem kraftvollen Auftreten von Männern 
wie Jakobus Hendrikus van't Hoff, Svante Arrhenius, 
Wilhelm Ostwald, Walther Nernst, Max Le Blanc, 
Fritz Foerster, Georg Bredig und Anderen, weiterhin 
dem genialen Alfred Werner und schließlich dem unver- 
gleichlichen Experimentator Henri Moissan haben wir es zu 
danken, daß wir beute auch in Deutschland wieder eine der 
organischen Chemie als vollkommen gleichberechtigt anerkannte 
anorganische Chemie haben. 

Doch genug hiervon; es ist nicht der Zweck dieser Zeilen, 
eine Geschichte der Entwickelung der anorganischen Chemie in 
Deutschland zu geben. 

1877 ist es. Henri Moissan legt der Acad6mie des 
Sciences die Resultate seiner ersten selbständigen Untersuchung 
,Etudes sur les oxydes de fer**, deren Fortsetzung bald folgt, vor. 

Wie wir aus dem von echter Freundschaft und aufrichtiger 
Bewunderung getragenen Nachrufe, den der Präsident der Aca- 
demie des Sciences, A. Chauveau, dem entschlafenen confr^re 
Henri Moissan in der Sitzung vom 2. Dezember 1907 gewidmet 
bat''), wissen, hatte P. P. Deherain Freunden gegenüber seinem 



- 304 - 

jungen Mitarbeiter schon in der Zeit des gemeinsamen Schaffens 
eine große Zukunft prophezeit und ihm ein günstiges Horoskop 
gestellt, doch die ersten Arbeiten, die der junge Anorganiker 
veröffentlicht, erregen nicht das geringste Aufsehen. Moissan ist 
noch ganz im Banne der alten Schule, von der er aber die Gränd- 
lichkeit, durch die immer seine Arbeiten ausgezeichnet sind, 
erlernt. 

Vorsichtig tastet der junge Forscher weiter. Er stellt zahl- 
reiche Experimente an, die teils zu Resultaten führen und ver- 
öffentlicht werden können, teils resultatlos verlaufen. Er wird 
immer kühner in der Wahl seiner Versuchsbedingungen: kost- 
bare Platinapparate achtet er nicht höher als einfache Grlas- 
sachen, und die Folge davon ist, daß Debrays preparatear®), 
der vielleicht seines Amtes in gar zu strenger Weise gewaltet 
hat, immer weniger von Moissan entzückt wird, und es 
schließlich durchsetzt, daß „dieser Moissan, der uns ja nur 
alle Platingefäße ruiniert und doch nichts leistet-' bei Debray, 
der dem jungen Chemiker jeder Zeit so großes Wohlwollen 
entgegengebracht hatte, in Ungnade fällt. 

In seiner Not wendet Moissan sich an Friedel, und dieser 
tiberläßt dem jungen Forscher seinen Hörsaal. Hier arbeitet 
Moissan unbeirrt weiter. Erläßt sich nicht entmutigen, und die 
für seine Untersuchungen notwendigen Apparate schafft er sich, 
da sie ihm vom Laboratorium nicht geliefert werden können, 
einfach aus eigenen Mitteln an. 

Nach und nach macht Moissan sich ganz frei von den 
alten Versuchsbedingungen, und in dem Augenblicke, in welchem 
er eigene Wege zu gehen gelernt hat, dokumentiert sich sein 
Genie in der Isolierung des Fluors! 

Als er am 26. Juni 1886 ein Gas (das Fluor) isoliert, 
in dem Silicium Feuer fängt, da schlägt der Wind um, und 
Debray sagt zu seinem preparateur: „Hätten Sie doch Herrn 
Moissan alles gegeben, was er von Ihnen verlangte; er macht 
die schönsten Sachen, wissen Sie!^ 

Mit größtem Interesse hatte, wie immer, die Acad6mie des 
Sciences auch die Experimentaluntersuchungen Moissans ver- 
folgt, und mit berechtigtem Staunen vernahm sie die Kunde, daß 
dem jungen professeur agr6g6 das gelungen sei, was das Genie 
eines Humphry Davy nicht zu verwirklichen vermocht hatte. 



— 305 - 

Wie bei derartig phänomenalen Entdeckungen üblich; wird 
bestimmt, daß eine Kommission, deren Mitglieder Moissan selbst 
aaswählen darf, sich durch Augenschein von der Richtigkeit 
der Angaben zu überzeugen hat. 

Vor Zeugen hatte Moissan das Fluor isolieren und einige 
charakteristische Eigenschaften des Elementes ergiUnden können: 
da naht die Kommission, Moissan setzt seinen Versuch in 
Gang, — aber, o Wunder, die Isolierung des Fluors gelingt 
nicht! 

Ratlos steht Moissan vor seinen Richtern und erbittet sich 
kurze Bedenkzeit, um den Grund dieses unerwarteten Mißerfolges 
auffinden zu können. Jetzt sofort fieberhafte, rastlose Tätigkeit; 
alle Versuche werden wiederholt; dann noch einmal die Be- 
dingungen, unter denen zum ersten Male die Entwickelung des 
neuen Gases beobachtet worden war: nun kann die Kommission 
wieder eingeladen werden und sich von der Richtigkeit aller 
Angaben überzeugen, denn Moissan hat gefunden, daß es eine 
kleine Menge von Kaliumfluorhydrat war, die bei seinen ersten 
Versuchen die Flußsäure leitend gemacht und die Abscheidung 
des Fluors ermöglicht hatte®). 

A. Ghauveau^^) schildert diese Ereignisse sehr anschaulich 
mit folgenden Worten: 

„Dans les annales de la Sdence^ on rencontre peu de sujets 
offrant phcs d'inUrit qice Visolement du fluor. Si eUe 4tait 
racmiUe tres simplement dans taus ses details, par un narrateur 
de mutier, Vhistoire vMdique de cet isolement eocercerait autant 
d'attraitj qu'un beau roman, On y trouve totes les 4Uments 
ai'ec lesqivels se coTistitue U succes des ceiivres dHmagination, 
Le dramatique coup de th6atre rCij manque meme pas: une dure 
diception survenant ä rimproviste dans les plus emotionnantes 
drconstances et donnant au triomphe final, ä la conquete definitive 
du ftuor librej un grafid surcrott d^dclat, 

j^On satt comnient la präparation de ce corps, apres avoir 
Ste completement r^ussi^ par Moissan, ^hüua mis&rablement, 
quand il voulut la realiser devant la Commission churgie par 
notre Acad4mie de contrdler Vexperience. Le courant eieciroly- 
sant refusa ahsolument de s'6tablir devant les juges que Moissan 
s'eiait choisi. On ätait ramen^ aux insuccees de Fremy, qui 
avait tente le premier Välectrolyse de Vaxdde fluorhydrique. 

SltBimgsberiohte der med.-phys. Sos. 39 (1907). 20 



— 306 - 

y^Vannonce du sticch de Moissan avait M6 sensaiiminelle, 
Son öchec fit plus de bruit encore. II eüt peut-etre d4cotirag6 
tout autre qu^e Moissan. Sur son solide esprit, cette diconvenue 
n'exer^ pas la moindre influence. Comme tout expirimmiUUeur 
sür de sa m4t}iode et de sa technique^ Moissa7i savait trop bien 
qu'un fäit obtenu une prerniere fois doit s'obtenir constammefii 
si les condiüons exp&rimentales restent id^ntiquement les memes, 
&idemmentj dans la drconstance, les conditions de la seconde 
exp^rience n* ^latent pas Celles de lapremidre. En quoi diff^raiefit- 
elles? Moissan le recher che et acquiert rapidement la preure 
que, dans la premiere exp^ence, Vacide fltiorhjfdriqu£ liquide 
avait 4te rendu conducteur du courant ^lectrique par In presence 
d'une trace du sei, le fluorure de sodium, qui avait send ä sa 
prSparation, 

„ Ce sei jouit n6cessaireni&nt de la candticHbilit^ ^lectrolyti-que 
d^ontr4e dans ses analogues et si bien utilis^e par la g&nie de 
H. Davy. Mais il est impossible de faire servir ce fluorure de 
sodiurn ä la pr^paration du fluor; ce demier rencontre toujours 
ä r^lectrode positive les autres corps qui y sont transportös efi 
meme temps que lui et avec lesquels il peut, grdce ä son ex- 
ceptionnelle puissance d'affinit^, s'unir instantan4ment. 

yjHeureusementj que Moissan s'est aperpu que, dissotis eti 
tres petite quantit^ dans Vacide fluorhydrique liquide, le fluorure 
de sodium peut entratner son dissolvant dans son mouvement 
de d^omposition. Cette constatation, d'abord purement empiri- 
que, s'est expUqu4e ensuite de la plus heureuse manicre quatid 
la Physique moUculaire se fut enrichie des notions si int^es- 
santes que nous possedons maintenant sur les ions et Konisation, 

„ Voilä donc d^finitivement diablies les co^iditions materielles 
fmidaynentales de Visolement du fluor. II restc encore ä vaincre 
Us Enormes difficultds que la prodigieuse acüviM chimique du 
fluor libre peut susciter ä sa präparation. Moissan satt les 
supprimer toutes, et il fait de cette pr4paration une Operation 
courante de laboratoire, capable d'etre transfonn^ en une fahrt- 
rati/m industrielle.^ 

„Die Untersuchung eines neuen Elementes ist stets außer- 
ordentlich fesselnd. 

„Hier handelte es sich zudem um ein Element mit einer 
ganz ausnahmsweise großen chemischen Aktivität und Ver- 



- 307 - 

bindungsenergie, so daß, wie es leicht begreiflich ist, die Freude 
an der . Erforschung desselben noch gesteigert wurde**)." 

An der Freude, die Moissan bei der Erforschung der 
Eigenschaften des Fluors beseelt, läßt er uns teilnehmen. Schlag 
aaf Schlag folgen die bewunderungswürdigen Untersuchungen, 
von denen eine jede den Stempel der Originalität trägt. 

Zahlreiche, gründliche Arbeiten über das Fluor und seine 
Verbindungen, auf die Moissan nach längerer Pause später 
wieder zurückkommt, werden ausgeführt und ein neues, sehr 
einfaches Verfahren zur Darstellung des Elementes wird aus- 
gearbeitet. 

Neben dem Fluor wird Bor zum ersten Male im amoi*pheu 
Zustande chemisch rein dargestellt, neue Verbindungen dieses 
Elementes werden entdeckt, und dann wird die Chemie der 
hohen Temperaturen geschaffen. Mit Hilfe des elektrischen 
Ofens werden Elemente isoliert, die man früher nicht für dar- 
stellbar hielt, zahlreiche neue Eörperklassen werden aufge- 
funden und unter Moissans Händen verwandelt sich amorpher 
Kohlenstoff in Diamant. Dann folgen die klassischen Unter- 
suchungen über das Calcium und seine Verbindungen und über 
die Metallhydride, dann die Versuche zur Isolierung des Am- 
moniums, und immer findet Moissan noch Zeit genug, sich 
auch noch mit anderen wichtigen Fragen zu beschäftigen. 

Es ist nicht möglich, in kurzen Worten das zusammenzu- 
fassen, was Moissan alles geleistet hat! 

„Diese anorganische Chemie, die man erschöpft 
glaubte, sie ist erst im Aufgehen!"") 



Es gewährt einen ganz außerordentlich großen Genuß, die 
Arbeiten Henri Moissans zu lesen. 

Die kurzen Mitteilungen in den Comptes rendus hebdo- 
madaires de TAcad^mie des Sciences und in dem Bulletin de la 
soci6te chimique de Paris^ in denen er der Acad^mie oder der 
soci6t6 chimique die Resultate seiner Untersuchungen anzuzeigen 
pflegt, sind sehr präcis und klar, die zusammenfassenden Abhand- 
lungen in dem Annales de Chimie* et de Physique, in deren 
Redaktion Moissan 1896 eintrat^'), aber ausführlich gehalten 
und formvollendet abgefaßt. Mit derselben Liebe und Freudig- 
keit, mit welcher der Meister des Stils, August Wilhelm 

20* 



- 308 - 

von Hof mann die Resultate seiner Experimentaluntersachangen 
mitteilte, hat Henri Moissan seine zusammenfassenden Ab- 
handlungen und seine Bücher geschrieben. 

Alle, die das „bittere Vergnügender Forschung" ") kennen, er- 
leben mit Moissan, dank seiner vortrefflichen Schilderungen 
air die Stunden harter, aber köstlicher Arbeit des Forschers 
und freuen sich neidlos mit ihm der gewonnenen, so herrlichen 
Resultate! 



Jugendarbeiten. 

Zum ersten Male begegnen wir dem Namen Moissan in 
der chemischen Literatur im Jahre 1874. Der junge Barscher 
publiziert mit seinem Lehrer P. P. Deherain die Resultate 
seiner Versuche über die Absorption von Sauerstoff und die 
Abgabe von Eohleudioxyd durch im Dunkeln aufbewahrte 
Blätter»). 

Nachdem zuerst die schon bekannte Tatsache bestätigt 
worden ist, daß grüne Blätter im Dunkeln Sauerstoff aufnehmen 
und Eohlendioxyd abgeben und daß die Kohlendioxydentwick- 
lung mit steigender Temperatur wächst, wird gezeigt, daß die 
von den Blättern im Dunkeln abgegebene Menge Kohlendioxyd 
mit der von kaltblütigen Tieren durch die Atmung ausgeschiedenen 
verglichen werden kann. Es wird bewiesen, daß besondei^s das 
bei niederer Temperatur und im Dunkeln entwickelte Volumen 
Kohlendioxyd geringer ist als dasjenige des aufgenommenen 
Sauerstoffs, woraus der Schluß gezogen wird, daß ein Teil des 
aufgenommenen Sauerstoffs zur Bildung von Oxalsäure und 
anderen Pflanzensäuren verwendet wird. Endlich wird gezeigt, 
daß die Blätter auch dann noch fortfahren, Kohlendioxyd zu 
entwickeln, wenn die sie umgebende Atmosphäre keinen Sauer- 
stoff mehr enthält. 

Daß einem Experimentator wie Moissan Untersuchungen 
dieser Art nicht besonders zusagen konnten, ist begreiflich; mit 
großem Eifer tritt er denn jetzt auch sofort an rein chemische, 
präparative Arbeiten heran. 

Auf Veranlassung von Sainte- Ciaire Deville und De- 
bray setzt Moissan die Untersuchungen von Magnus''), 



- 309 - 

Malaguti*'), Debray"), Sainte-Claire Deville^^ Troost 
nnd Hautefeuille^^) and anderen über das Eisen und seine 
Oxyde fort, wendet aber sein Interesse gleichzeitig auch den 
Metallen Chrom, Mangan, Kobalt und Nickel zu. 

Scheinbar recht einfache Versuche sind es, mit denen uns 
der junge Forscher in den Jahren 1877 bis 1884 bekannt 
macht'^), und doch wie sorgfältig ist jedes einzelne Experiment 
durchgeführt. 

Reines Ferrioxyd wird bei verschiedenen Temperaturen und 
verschieden lange im Wasserstoff- und im Kohlenoxydstrome er- 
hitzt; es zeigt sich, daß beide Gase in gleicher Weise einwirken, 
nnd daß man dieselben Resultate erhält, wenn man an Stelle 
der Temperatur die Zeitdauer des Versuchs ändert. 

Bei 350^ wird Ferroferrioxyd, bei 600" Ferrooxyd und 
zwischen 500® und SCO'* metallisches Eisen gebildet; letzteres 
besaß, so oft man auch den Versuch wiederholte, niemals pyro- 
phorische Eigenschaften, und das von Magnus beschriebene 
pyrophorische Eisen wird als ein Gemenge von Ferroferrioxyd, 
Ferrooxyd und reduziertem Eisen erkannt. Reines pyrophorisches 
Eisen erhält Moissan aber auf dem zweiten, soeben angegebenen 
Wege, nämlich dadurch, daß er Ferrioxyd 96 Stunden lang im 
Wasserstoffstrome auf 440® erhitzt; das so gewonnene Produkt 
entspricht in allen seinen Eigenschaften demjenigen, welches 
Schönbein") und Joule") durch Destillation von Eisenamal- 
gam bei einer 350® nur wenig übersteigenden Temperatur zuerst 
dargestellt hatten. 

Moissan entdeckt je zwei allotropische Modifikationen des 
Magneteisens und des Ferrooxydes, die, bei verschieden hohen 
Temperaturen dargestellt, sich durch ihr Verhalten gegen Sauer- 
stoff und Salpetersäure scharf unterscheiden. So wird z. B. das bei 
350® durch Reduktion erhaltene Ferroferrioxyd von konzen- 
trierter Salpetersäure sehr leicht angegriffen und verwandelt 
sich beim Erhitzen in einer Platinschale in Ferrioxyd ; das bei 
hoher Temperatur und bei Gegenwart von Luft aus Ferrioxyd 
erhaltene Produkt dagegen wird auch von konzentrierter, sieden- 
der Salpetersäure kaum angegriffen und beim Erhitzen nicht 
verändert. 

Endlich vergleicht der junge Forscher das von ihm dar- 
gestellte chemisch reine Eisen, das er als ein äußerst feines, 



— 310 — 

stahlgraugefärbtes Pulver erhält, mit den käuflichen Präparaten, 
deren Verunreinigungen er nachweist und bestimmt. 

Gleiche Versuche werden nun auch mit den Oxyden von 
Mangan, Nickel, Kobalt und Chrom angestellt, wobei sich folgen- 
des ergibt. 

Erhitzt man Mangandioxyd in einer Atmosphäre von Wasser- 
stoff rasch auf 280^ so wird es mit einem Schlage und unter 
Erglühen ausschließlich zu Manganooxyd reduziert; läßt man da- 
gegen die Temperatur langsam ansteigen, so bemerkt man den 
Beginn der Reduktion schon bei 230^, und bei dieser Temperatur 
bildet sich Manganioxyd als tief braungefärbtes Pulver. Bei etwas 
höherer Temperatur entsteht Manganomanganioxyd, aber das so 
erhaltene Produkt unterscheidet sich wieder von dem nach dem 
gewöhnlichen Verfahren bei hoher Temperatur dargestellten, 
denn es geht beim mäßigen Erhitzen in einer Platinschale an 
der Luft in Manganioxyd über. Beim Erhitzen im reinen und 
trockenen Wasserstoffstrome auf 260^ verwandelt es sich in das 
grfingefärbte Manganooxyd, das sich an der Luft unter Wärme- 
entwicklung sofort grau färbt, bei 100® noch mehr Sauerstoff 
aufnimmt und bei 140® pyrophorische Eigenschaften erhält; dann 
erglüht es an der Luft und verwandelt sich in das rotgefärbte 
Manganomanganioxyd. 

Nun erschien es interessant, nachzuweisen, ob es möglich 
sei, pyrophorisches Mangan zu erhalten. Moissan stellt also 
Manganamalgam dar, indem er eine konzentrierte Lösung von 
Manganochlorid unter Anwendung einer Quecksilberkathode 
durch den elektrischen Strom zersetzt. 

Zum ersten Male sehen wir den Forscher mit dem Strome 
arbeiten, der ihn später zu so glänzenden Entdeckungen f&hren 
sollte! 

Das Amalgam wird in nadeiförmigen Kristallen erhalten 
und liefert beim Erhitzen im Wasserstoffstrome metallisches, 
äußerst leicht oxydierbares Mangan; aber nur, wenn bei der 
Darstellung die Temperatur des siedenden Quecksilbers möglichst 
wenig überschritten wird, ist das Metall mit pyrophorischen 
Eigenschaften begabt. 

Die Reduktion des Nickelioxyds beginnt schon bei niederer 
Temperatur; bei 190^ entsteht zunächst ein graugefärbtes Pulver, 
dessen Zusammensetzung sich der Formel NijO^ nähert, und 



— 311 — 

bei etwas höherer Temperatur wird Nickelooxyd als grünlichgelb- 
gefärbtes Pulver erhalten. 

Letzteres wird von Moissan eingehend untersucht. Das 
Verhalten gegen Sauerstoff und gegen Wasserstoff wird als be- 
sonders charakteristisch erkannt. Das Oxyd nimmt an der Luft 
schon bei gewöhnlicher Temperatur Sauerstoff auf und wird grau; 
beim Erhitzen an der Luft auf 350® bis 440® oxydiert es sich 
noch höher und nimmt eine schwarze Farbe an; aber bei 
weiterem Erhitzen auf 600® verwandelt sich dieses Produkt 
wieder in das ursprüngliche Nickelooxyd. Bei einer 200® 
nicht übei'schreitenden Temperatur ist es in einer Wasserstoff- 
atmosphäre beständig, bei 230® bis 240® jedoch färbt es sich 
schwarz und verwandelt sich in pyrophorisches Nickel, welch' 
letzteres an der Luft zum größten Teile zu schwarzem Nickeli- 
oxyd verbrennt. 

Das Nickelamalgam wird sowohl durch die Einwirkung von 
Natriumamalgam auf Nickelochlorid, als auch auf dem oben be- 
schriebenen elektrolytischen Wege als teigige Masse erhalten, 
die beim vorsichtigen Erhitzen im Wasserstoffstrome grau- 
schwarzgefärbteS; mehr oder weniger zusammengeballtes, aber 
niemals pyrophorisches Nickel liefert. . 

Kobaltioxyd wird bei fast derselben Temperatur reduziert 
wie die entsprechende Nickelverbindung, nämlich bei 190® bis 
200®; das entstehende Kobaltooxyd stellt ein dunkelgefärbtes 
Pulver dar, welches beim gelinden Erhitzen an der Luft zu- 
nächst in Kobaltioxyd und dann bei höherer Temperatur in 
Kobaltokobaltioxyd übergeht, sich aber bei noch stärkerem Er- 
hitzen vor dem Gebläse wieder in Kobaltooxyd zurückverwandelt. 
Bei 250® liefert Kobaltioxyd im Wasserstoffstrome pyrophorisches 
Kobalt, bei 700® das Metall ohne diese Eigenschaft. 

Kobaltamalgam, durch Elektrolyse gewonnen, geht beim 
Erhitzen im Wasserstoffstrome niemals in pyrophorisches Co- 
balt über. 

Chromioxyd wird durch Wasserstoff oder Kohlenoxyd bei 
den höchsten erreichbaren Temperaturen nicht angegriffen, doch 
existiert es, wie Moissan s Versuche lehren, ebenfalls in zwei 
verschiedenen Modifikationen. Erhitzt man nämlich Chromihy- 
droxyd in einem indifferenten Gasstrome, trockenem Stickstoff oder 
Kohlendioxyd, sehr stark, so geht es unter Erglühen in wasser- 



- 312 ^ 

freies Chromioxyd über, das nunmehr weder von Säuren, noch 
von Halogenen u. s. w. verändert wird. 

Anders verhält sich das wasserfreie Chromioxyd, dss man 
durch Entwässern von Chromihydroxyd in einem indifferenten 
Oasstrome bei dunkler Kotglut erhält. 

Durch Erhitzen dieses Produktes im trockenen Schwefel- 
wasserstoflfistrome auf 440® wirdChromisulfid, CrjS^, gewonnen und 
als identisch mit dem beim Glühen von Chromichlorid im Schwefel- 
wasserstoffstrome erhaltenen Sulfide erkannt. Das neue Prodakt 
stellt ein grauschwarzgefärbtes Pulver dar, das durch Säuren 
ziemlich schwer angegriffen und durch starkes Glühen im Wasser- 
stoffstrome in Chromosulfid, GrS, ein schwarzes, leicht zu Chromi- 
oxyd verglimmendes Pulver übergeführt wird. 

In analoger Weise wird durch Erhitzen des nicht geglühten 
Chromioxydes im mittels Wasserstoff oder Stickstoff zugefuhrten 
Selendampfe, oder von nicht geglühtem Chromioxyd bezw. von 
Chromichlorid im Selenwasserstoffstrome Chromiselenid, als 
kastanienbraungefärbtes Pulver erhalten und durch Glühen im 
Wasserstoffstrome in das schwarze, pulverförmige Chromoselenid 
verwandelt. 

Nachdem die Eigenschaften dieser neuen Produkte eingehend 
studiert worden sind, läßt Moissan auf die reaktionsfähige 
Modifikation des Chromioxydes bei 440® Sauerstoff einwirken 
und kommt so zu dem graugefärbten Chromdioxyd, CrO^, einem 
Produkte, das mit Salzsäure Chlor entwickelt, sich aber schon 
beim Erhitzen wieder in Chromioxyd zurückverwandelt. 

Von ganz besonderem Interesse war die Einwirkimg der 
Halogene auf Chromioxyd. Sofort angestellte Versuche lehren, 
daß stark erhitztes Chromioxyd bei der Temperatur des siedenden 
Schwefels (440®) von Chlor nicht angegriffen wird. Erhitzt man da- 
gegen Chromihydroxyd in einem trockenen Chlorstrome nach und 
nach auf 440®, so entwickeln sich zunächst Wasserdämpfe und nahe 
bei 440® treten die roten Dämpfe von Chromylchlorid auf; ebenso 
verhält sich das nicht geglühte Chromioxyd gegen feuchtes Chlor. 

Den Grund für diese interessanten Reaktionen findet Moissan 
darin, daß das Chromioxyd bei 440® noch 5 bis 10®/^, Wasser 
enthält, und daß es der aus dem Wasserdampfe durch die Ein- 
wirkung des Chlors gebildete Sauerstoff ist, der die Bildung des 
Chromylchlorids verursacht. 



- 313 - 

Unter den gleichen Bedingungen wirkt auch Bromdampf 
auf Chromioxyd ein. 

* Nun wird auch Chromamalgam dargestellt und durch Ein- 
wirkung von Natriumamalgam auf Chromochlorid, -bromid oder 
-Jodid als flüssige, an trockener Luft langsam, bei Gegenwart 
von Feuchtigkeit aber rasch zersetzbare Masse erhalten. Im 
Wasserstoffstrome über 350® erhitzt, verwandelt sich das Produkt 
in amorphes schwarzes Chrom, das zwar erst beim Erhitzen 
in grnngefärbtes Chromioxyd übergeht, aber doch weit leichter 
oxydierbar ist als dasjenige, welches Sainte-Claire Deville^*) 
bei der Reduktion von Chromioxyd durch Kohle erhalten hatte. 
Die Betrachtangen, die M o i s s a n im Anschlüsse an 
diese Untei^uchungen über die Klassifikation der Metalle der 
Eisengrappe anstellt, führen ihn zu der Annahme, daß die 
natürliche Reihenfolge Chrom, Mangan, Eisen, Kobalt, Nickel 
sein müsse. 

Die Untersuchung über die Chromselenide gab übrigens den 
Anlaß, daß Moissan in Gemeinschaft mit A. Etard eine neue 
Methode zur Darstellung von Selenwasserstoff, die sich auch 
zur Bereitung von Jodwasserstoff eignet, ausarbeitet^^). Wird 
Selen mit Kolophonium gemischt erhitzt, so entwickelt sich ein 
gleichmäßiger Strom von Selen Wasserstoff, den man zur Reinigung 
nur noch durch eine mit Schwefelsäure gefüllte Waschflasche und 
ein Asbest enthaltendes Rohr hindurchzuleiten braucht. In ähn- 
licher Weise läßt sich durch Erhitzen von Jod mit Kolophonium 
reiner Jodwasserstoff gewinnen. 

Mit den obigen Mitteilungen hatte Moissan seine Unter- 
suchungen über das Chrom noch keineswegs abgeschlossen; im 
Gegenteil, die von ihm erhaltenen interessanten Resultate er- 
muntern den jungen Forscher zur Fortsetzung seiner Studien. 
Zunächst werden die Versuche von Moberg**) und von 
Peligot^'') fortgesetzt und Chromosalze dargestellt. Moissan 
erhält die wasserfreien Chromohalogenide, CrClj, CrBr^ und 
CrJj, teils durch Einwirkung von Halogenwasserstoff auf rot- 
glühendes Chrom, teils durch Erhitzen von Chromihalogeniden 
im reinen und trockenen Wasserstoffstrome, oder durch Glühen 
derselben Produkte im Dampfe des betreffenden Ammonium- 
halogenides als weiße Produkte, die sich in Wasser bei 
Luftabschluß mit prächtig blauer Farbe lösen, und sich als 



- 314 - 

Reduktionsmittel erweisen. Die Hydrate der Chromohalogenide 
dagegen, gewonnen durch Reduktion von sauren Chromihalogenid- 
lösungen mit Zink, sind gefärbt; das ausführlich beschriebene 
Chromochloridhydrat, CrCl^, 6 HjO, z. B. bildet blaugefärbte 
Prismen. 

Chroraosulfat, CrSO^, 7 H2O, bereitet Moissan aus dem 
entsprechenden Acetat durch Einwirkung von verdünnter 
Schwefelsäure; das Salz bildet schön blangefärbte, dem Mag- 
nesiumsulfat isomorphe Kristalle, die außerordentlich begierig 
Sauerstoff aufnehmen und sich mit Stickoxyd braun färben. 
Wird das Acetat nicht mit verdünnter, sondern mit konzen- 
trierter Schwefelsäure zersetzt, so scheidet sich ein wasser- 
ärmeres Chromosulfat, CrSO^, HjO, in schönen weißen Kristallen 
aus, die viel luftbeständiger sind als die vorher beschriebenen, 
sich aber unter dem Einflüsse der geringsten Menge von Wasser 
wieder in das blaugefärbte Heptahydrat verwandeln. 

Durch doppelte Umsetzung gewinnt Moissan aus dem Chlorid 
oder aus dem Sulfat mittels Natriumkarbonat, -phosphat oder 
-acetat die entsprechenden Chromosalze und aus dem Acetat 
durch Einwirkung von Oxalsäure noch das Ghromooxalat. 

Alle diese Salze werden nun nach allen Richtungen unter- 
sucht. Es zeigt sich, daß ihre wässrigen Lösungen sauer rea- 
gieren und einen zusammenziehenden Geschmack besitzen; alle 
Salze wirken als starke Reduktionsmittel und nähern sich in 
ihren Eigenschaften den Ferrosalzen. Chrom und Eisen zeigen 
also in ihren Verbindungen die größten Analogien. 

Durch diese Befunde wird Moissan dazu bewogen, die 
komplexen Chromocyanide , von denen ein Kaliumsalz von 
Berzelius*®) sowie von Fresenius und Haidien") und von 
Des camp s''*) als eine blau- bezw. gelbgefärbte Verbindung 
beschrieben worden war, eingehender zu studieren und mit den 
Perrocyaniden zu vergleichen. 

Moissan gewinnt Kaliumchromocyanid, K4Cr(CN)j, aufver- 
schiedene Art und Weise, durch Einwirkung von Kaliumcyanid 
auf Chromocyanid, durch Erhitzen von Kaliumkarbonat, ge- 
trocknetem Blut und fein gepulvertem Chrom, durch Einwirkung 
von Kaliumcyanid auf Chromochlorid, durch Erhitzen von fein 
gepulvertem Chrom mit konzentrierter Kaliumcyanidlösung im 
geschlossenen Rohre auf 125® und durch Einwirkung von Kalium- 



- 315 - 

Cyanid auf Chromokarbonat, in Gestalt hellgelbgefärbter Kristalle, 
die sich wie die des Kaliamferrocyanids leicht in Wasser lösen, 
ebensowenig giftig sind und mit Ferrosalzen einen charakte- 
ristischen, orangerot gefärbten Niederschlag geben. 

Durch Einwirkung von verdünnter Schwefelsäure oder Salz- 
säure werden aus der konzentrierten LOsung dieses Salzes kleine, 
weiße, außerordentlich leicht zersetzliche Kristalle abgeschieden ; 
der so erhaltene Ohromocyanwasserstoff erweist sich in jeder 
Beziehung als Analogen von Ferrocyan Wasserstoff. 

Nachdem Moissan noch vergeblich versucht hat, die 
bei der Einwirkung von Hydroperoxyd auf verdünnte Chrom- 
sänrelösung als blaugefärbte, in Äther lösliche Verbindung ent- 
stehende Perchromsäure ") zu isolieren, — - er konnte nur nach- 
weisen, daß sie nicht der Formel GrO^ entspricht, und nahm 
an, daß sie ein Additionsprodukt von Hydroperoxyd an 
Ghromsäureanhydrid sei und, worauf auch seine Analysen 
deuteten, der Formel CrOj, HjOj entspreche — zeigt er, daß 
man das käufliche, bekanntlich mit Schwefelsäure stark verun- 
reinigte Chromsäureauhydrid leicht dadurch reinigen kann, daß 
man es vorsichtig schmilzt und dann auf eine Porzellanplatte 
ausgießt. 

Das so erhaltene Produkt enthält nur noch eine ganz ge- 
ringe Menge von Schwefelsäure; es ist sehr hygroskopisch und 
bildet, mit wenig Wasser einige Augenblicke auf 100® erwärmt, 
dann dekantiert und auf 0** abgekühlt, kleine rotgefärbte Kristalle 
des Monohydrates H^CrO^. Ebenso wie Wasser wird Chlor- 
wasserstoff von Chromsäureanhydrid absorbiert, und dabei bildet 
sich, namentlich wenn man schwach erwärmt, Chromylchlorid 
neben einer öligen, in Wasser löslichen Masse. Brom- und Jod- 
wasserstoffgas wirken dagegen nicht ein. 

Auch das Verhalten der Elemente gegen Chromsäureanhydrid 
wird studiert, und es wird gefunden, daß die sich abspielenden 
Reaktionen meist mit starker Wärmeentwicklung oder mit Feuer- 
erscheinung verknüpft sind; nur Sauerstoff, Ozon und trockenes 
Chlor sind ohne Einwirkung auf das reine Anhydrid; feuchtes 
Chlor aber bildet, wie Chlorwasserstoff, Chromylchlorid. 

Mit der letztgenannten Untersuchung über das Chromsäure- 
anhydrid schließen Moissans Jugendarbeiten ab. 



316 



Untersuchungen über das Fluor und seine 
Verbindungen. 

Am 20. Oktober 1884 legt H. Debray, der, wie wir in 
der Einleitung erwähnten, die Studien des jungen Forschers 
mit regster Teilnahme verfolgte, der Acad6mie eine kurze Mit- 
teilung Moissans über das Phosphortrifluorid'^) vor. 

Niemand, auch wohl Moissan nicht, wird damals geahnt 
haben, daß der kaum Zweiunddreißigjährige mit dieser Unter- 
suchung ein Gebiet betrat, auf dem er sich schon nach kurzer 
— für wissenschaftliche Untersuchungen wenigstens kurzer — 
Zeit seine ersten unsterblichen Verdienste erwerben sollte. 

Die Notiz enthält die ersten Resultate von Moissans 
Untersuchungen über das Fluor und seine Verbindungen; die 
systematische Fortsetzung dieser ersten Versuche führte im 
Jahre 1886 zu dem von so vielen hervorragenden Forschern vorher 
so oft, aber vergeblich angestrebten und von allen Chemikern so 
sehnsüchtig erwarteten Ergebnisse, zur Isolierung des Fluors. 

Schon 1670 hatte Schwan hardt in Nürnberg Flußsäure 
zum Ätzen von Glas verwendet^^). Marggraf") untersuchte 
1764 das Verhalten von konzentrierter Schwefelsäure gegen 
Flußspat und fand, daß eine Glasretorte, in der er die Mischung 
beider erhitzte, zerfressen wurde, während sich gleichzeitig ein 
weißes, erdiges Sublimat bildete. Scheele^'*) erkannte, daß Fluß- 
spat eine Verbindung von Kalk mit einer eigentümlichen Säure 
sei, die er im Jahre 1771 beschrieb, ohne sie indessen rein er- 
halten zu haben. Gay-Lussac und Thenard^®) stellten 1809 
zum ersten Male reine, wenn auch noch nicht vollkommen wasser- 
freie Flußsäure durch Destillation von 1 Teil gepulvertem kiesel- 
säurefreien Flußspat mit 2 Teilen konzentrierter Schwefelsäure 
in einer Retorte von Blei oder Platin, die nicht mit Zinn ge- 
lötet sein durfte, dar, und fingen die Säure in einer durch Eis 
gekühlten Vorlage von Platin oder von Blei auf; mit diesem 
Präparate klärten sie dann die Einwirkung der Flußsäure auf 
Kieselsäure und Silicate vollständig auf. 

Allgemein hielt man damals die Flußsäure für sauerstofi- 
haltig; da entspann sich zwischen Andre Marie Ampfere und 
Sir Humphry Davy ein interessanter Briefwechsel"). 



— 317 - 

Ampfere schreibt an Davy: 

Paris ^ i®' novembre 1810. 
Monsieur, 

M, Underwood, que fai eu Vhonnetir de voir ce matin, 
nf'ayant autorise ä etre aupres de vous Vinterprete de la recon- 
naissance q?ie vous doirent toiis ceux gut sHnt&ressent aux jj^rogrds 
de la Science, qui vous en doit de si nombreux et de si impor- 
tants, fose sofis ses auspic£S vous prier de fne pardonner Vespece 
dHndiscr4tion qu'il peut y avoir ä vous adresser ceite lettre sans 
etre connu de vous, et ne pouvant, Monsieur, vous offrir pour 
tout titre ä un peu de bienveillance de votre part qus mon ad- 
miration pour les brillaiites decouvertes par lesquelles vous avex 
donnä une si heureuse extension aux connaissances quon avait 
avant vous en Chimie, et au Systeme gin^al de cette Science 
dont vous avex dtendu et g^n4rali^d les lois en faisant rentrer 
les terres et les alcalis dans la classe des autres oxydes. 

A cette d^caurerte capitale, vous renex d'en joindre une 
nmiveUe annoncee dans votre lettre ä mon respectahle ami 
M. Bietet, qu'il a publiee dans le dernier nurniro de la Biblio- 
iheque britannique, Vous atiex augmente le nombre des 
Corps combu^übles, vous renex de joindre ä Voxygene un second 
Corps comburant, le gax oxy-muriatique, qui formera d^ormais 
avec lui une classe de corps simples distingues de tous les autres 
Corps simples que nous nommons combustibles, par la tendance 
älectrique opposde. II m'a sembU evident que, pour refuser au 
gax oxy-muriatique le no?n de corps simple, il faudrait renoncer 
a cet axiome de la Chimie moderne qu'on doit donner ce nom 
ä tous les corps qu'on n'a point encore d(^co7npos4s. J'ai dt4 
egalement frappe de Vanaloffie des gax oxygene et oxy-muriatique, 
celui'd formant avec plusieurs corps combustibles, comine Vhydro- 
gene, le soufre, le phospfiore, /'t^fam, etc., des acides qu'on pour- 
rait nommer acide hydro-muriatique (aMde muriaUque ankydre), 
acide »ulfuro-muriatique (liqueur roge de M. Thomson), acide 
phosphoro-muriatique (liqueur dont vous avex fait connaitre la 
combinaison ammoniacale) , acide stan7io-7nuriatique (beurre 
d'dtain), etc. 

II suivrait de la que la combinaison d'apparence terreuse 
formte d'acide pkosphoro-muriatique et d'ammoniaque serait 
nne sorte de sei insoluble quon pourrait nommer phosphoro- 



— 318 — 

muriate d^ammoniaque, qtie le sei ammoniac ordinaire aerait 
un hydro-muriate, ainsi que tous les sels oü Vacide- hydro- 
muriatiqtie seratt combin4 avec un oxyde metallique, tandis que 
ceux au Vhydrogene de Vacide s'efi vUj sous forme d^eau^ avec 
Voxygene de V oxyde et oü il ne reste que le m^täl combini avec 
le gax oxy-muriatiqu^, seraient ä V^gnrd de ee gax ce qu>e les 
Oxydes ordinaires sont ä Voxyghie. 

Tout eela sttppose que Voxygene qu^on obtient en exposant 
Vcudde oxy-muriatique liquide ä la lumiere viefit de Veau döcom- 
posde, et que V oxyde noir de manganese donne naissance au gaz 
oxy-muriatiquey parce que son oxygene enleve pour former de 
Veau Vhydrogdne uni ä ce gax dans Vacide hydro-muriatique. 

Pardon, Monsieur, si je prends la libertö de dMuire aussi 
longuement de votre lettre ä M. Bietet des cons^qfiences qui me 
paraissent en d6couler aussi imniMiatement. Sans ces r^flexions 
prüiminaires, il nVeut üä difficile d^expliqiier Vopinion sur 
laquelle je d^sire vous consulter. Vaeide fluorique, tel qu^qn le 
congoit commun&ment, ne peut s'ohtenir pur: c^est un de ces 
etres de raison dont vous avex fait justice quand on a voulu 
inmginer des alcalis secs qu'on ne pourait ni voir, ni obtenir; 
un acide muriatiqus sec non moins chim&rique, etc. La sup- 
Position que Vacide boracique et Voxyde de silicium (sihice) sont 
dissous ä Vätat de gax dans cet acide probUmatique n* est ^ eile 
pas contraire ä toutes les analogies, et ne serait-il pas probable 
que ces ph&nomenes sont dus ä une troisienie corps cofnburant? 
Pcrmettex-moi de donner provisoirement ä ce troisieme corps 
comburant le nom d' oxy- fluorique; il se trouverait combin^ 
avec le calcium dans ce qu'on appelle fluate de cfiaux. Quand 
cette dernidre substance est chauffde dans un tube de plornb avec 
de Vacide sulfurique concentrd oü il y a toujours de Veau, 
Voxygene de cette eau convertirait le calcium en chaux pour 
donner naissance au sulfate de chaux, qui se forme, et son 
hydrogene se combinerait avec Voxy-fluorique pour former cet 
acide hydro-fluorique, sous forme liquide, qui prodiät de si 
terribles effets sur les corps vivants. Celui-d mis en ccniact 
avec Voxyde de silicium, il y aurait formation d^eau, et le siU- 
dum uni ä Voxy fluorique donnerait ce gax qu'on nomme acide 
fluoriqtce silici, que dans cette Hypothese on devrait appekr acide 
silicio'fluorique, et serait analogue aux autres acides gaxeux. 



— 319 - 

De meme, lorsquon chauffe le fluate de chaux avec Vadde 

boracique, une partie de cet acide serait d^omposde paar changer 

le calcium en chauxy et le bore d^oxydS se combinant avec 

Voxy-ftuoriqiLe, il en r4sulterait eneore un acide gaxeuxy celui 

qu'on obUeni, en effet, dans cette circonstance, et qui dei^raif, 

dans cette hypothese, etre appele acide boro-fluorique, Chi de- 

couvrirait sans dotite bientöt les acides sulfuro-fluoriqtie, phos- 

phoro-fluorique, si Von pouvait obtenir Voxy-fluoriqne. Ce dernier 

peut etre bien difftdle ä obtenir, surtout s'il a plus d^affinit^ 

pour l'hydrogine que rien ont les gax oxygene et oxy-muriatique. 

Reste ä savoir si V4lectricite ne d^composerait pas Vadde hydro- 

fiuoriqvs sous sa forme liquide, loj'squ'on en aurait ecart6 Veau 

le plus possible, enportant Vhydrogene d'un cöt6 et Vcxy-fluorique 

de Vautre, ainsi quHl arrive aux deux autres corps comburants^ 

lorsque le meme agent d^composß Veau et Vadde hydro-muri- 

atique. Le seul inconv4nient ä redouter dans cette exp&ience 

est la combinaison de Voxy-fluorique avec le condueteur avec 

leqv£l il se trouverait en contact a Vitat naissant Peut-^tre 

aucun mStal ne pourrait se refuser ä cette combinaismi. Mais, 

en supposant que Voxy-fluorique füt, com^ne Voxy-muriatiqus^ 

incapable de se combiner avec le charbon, ce dernier corps serait 

peut' etre assex bon conducteur pour etre employ6 avec succds 

comme tel dans cette exp&rience. Vous trouverex sans doute^ 

Monsieur, ces demieres id4es bien hasard^es, peut-etre meme 

absolument d6nu4es de fondement. Je rVose vous les präsenter 

qu*en tremblant, et d'apres un assex grand nombre d^analogies 

que je ne pourrais vou^ exposer sans entrer dans des dMails 

eneore plus fa^tidieux que les präcedents. Je iVai d^ä que trop 

alms^ d'un tcmps dmit les sdences r4dament tous les moments. 

Pardonnex-moi une trop longue lettre, et permettex-moi que je 

fn'applaiidisse d'avoir trouv^ cette keureuse occasion de vous 

offrir Vhommage de mon profond respect et de Vadmh'aüon, aussi 

vive que sincere, que yn'ont inspiräes vos immortelles däcouvertes. 

Davy aDtwortet: 

London, febr, 8, 1811, 
Sir, 

I thank you very s'incerely for the letter you were so good 
as to send to me; the senüments it contained were highly flat- 
tering to me and the views very instruktive. 



— 320 — 

You have pointed out the analogies between the fluaric and 
muriatic gasses in a masterly mainier. I know of but ane ob- 
jection to the views you propose. This is that potash seems to 
be formed by bmming potassium in silicated fltwric gas; which 
seems to imply ihat tkere is some substance in it which coiitains 
oxygen. 

I shall taice the libefiy of sending tvith this note my last 
paper on oxymuriatic gas, Beceive it as a proof of my high 
esteenu 

I shall always feel gratefull for any communicaiion 7inth 
which you mag be pleased to hofiour me. 
I am sir, etc. 

H. Davy. 

Hieranf schreibt Ampere: 

Paris, 25 aoüt 1812. 
Monsieur, 

La lettre qu^. vous m'ai'ex fait Vhonneur de 7n*4crire m^a 
fait eprotiver un des plus vifs plaisirs qv4i faie ressentis de 
ma vie. Rien ne pouvait etre plus flatteur pour moi que la 
permission que vous voulex Inen me donfier, et do7U je nie häte 
de profiter, de vous consulter quelque fois sur les points encore 
contest^s d'une Science qui vous doit des progres aussi impor- 
tants qu'inattendu^. Votre lettre ne m^a 4te remise que le 14 
du courantf ä plu^ de dix-huit moi^ de date; plusieurs circon- 
stances particulieres ont caus^ ce retard. Je vous prie d'agr^ 
tous mes remerciements et de cette lettre et de VOuvrage qui 
l'accompagnait, J'ai remis aux pef^sonnes ä qui ils dtaient 
adresses les deux autres exemplaires de votre Memoire et ä 
M, Unterwood la lettre que refifermait la 7nienne. 

J'ai rdflechi ensuite sur ce que vous me dites sur la fiature 
de Vactde fluaHque, 11 est evident que dmis Vhypothese aü il 
serait forme, comme l'acide ?nufnatique d'hydrogene et d'un 
Corps analogue aux gax, oxygene et chlorine, corps que je 
nomynerai ici par analogie fhiori?ie, pour pouvoir expaser ma 
pensde sans päriphrase, les gax qtCon nomme en France fluo- 
borique et fluorique silic^, dtant formis uniquement k 
preynier de bore et de flüori?ic, le second de siUdum et de 
fluorine, il ne pourrait jamais se former d'oocyde de potas- 
sium par la combustion de ce m^tal dans Fun ou Vautre de 



- 321 - 

ees deux gax, mais seulement une combtnaison de potassium 
et de fluorine arec du bore dans le premier cos, et dusilidum 
dans le seeond, tant qu'on n'y joindrait pas d'eau, au tant que 
Veau unie au m4lange ne serait pas d^composöe. Or dans Vune 
et Vaiitre combustian on obtient un produit brun noirätre, Ce 
prodmt, lars de la combustimi dans le gax fluoboriqiie, est forme, 
d'apres les experiences de MM, The^iard et Gay-LussaCy et con- 
formömeut ä mon hgpothese, de bore et d'une substance qui se 
dissotit dans Veau et VaMde muriatique, soit immMiatementy soit 
parce que Vhydrogeiie de Veau ou de Vacide muriatique forme 
de nouveau arec le fluorine de Vacide fluorique^ tandis qu'il 
se produit en meme temps de Voxyde de potassium si c'est de 
l'eau, et du muriate de potasse si c'est de Vacide muriatique. 
Pour que mon hypothdse püt subsister, il faudrait que, lors de 
la combustion dans le gax fluorique silic^, il tVy eüt de meme 
dans le produit brun noirätre que du siliciicm et la meme 
substance soluble da7is Veau et Vaeide muriatique, en sorte que, 
par des Uzvages suecessifs dans un des deux deruiers liquides, 
il ne restät que du silicium d'autant plus pur qu*on Vaurait 
lav4 avec plus de soin. Or, fai relu toutes les exp&riences faites 
par MM. Thenard et Oay-Lussac sur la combustion dti potas- 
sium dans le gax fluorique silic^, et je n'ai rien trouv6 qui 
contredtt cette kypotkese, ni qui indiquät qu'il y a de Voxyde 
de potassium dans le produit brun noirätre avant qu'on y 
ait mis de Veau. Gomme on rVa point en France vos ex- 
periences sur ce meme produit, je ne sais point si vous en avex 
fait qui prouvent que Voxyde de potassium y est tout form4, 
Jtisque-lä, il me semble que 7non Hypothese peut etre admise et 
qu'elle rend raison^ mieux que toute autre des propri^t^s du gax 
fltioborique et du gax fluorique silici, en les assimilant aux autres 
gax form4s de corps eombustibles et d'oxygene, comme sont les 
gax aeides carbonique et sulfurviue, au Heu qtCon ne voit point 
dans Vancienne Hypothese comment Vacide fluorique pourrait 
former des gax avec des bases aussi fixes que le sont la silier 
et Vaxdde bmique. II faut seulement admettre: 

P Que le silicium se pr^ente apres la deeomposition de 
8on oxyde, sous la forme d'une poudre nairätre, comme le molyb- 
däne, ce qui vient ä Vappui £une id^ qui me semble a^ssex 
vraisemblable, savoir que le silicium fait une sorte de nuance 

SitBungiberiehte der phys.-med. Sos. 39 (1907). 21 



- 322 — 

entre les rn^taux et les autres corps combtistibles, tels que k 
bore, le phosphorey le carbone, ete,, de meme q^ie sanoxyde. 
la s^ilice, est un corps en quelqiie sorte interniMiaire entre les 
Oxydes m^talliques aux alcalin^ et les acide^; 

2° Que la substance blanche obtenue par les chimistes qiu 
je viens de eiter, en brillant dans le gax oxygene le produit hrun 
noirätre obtenu du gax fluorique silic4 par le mögen du 
potassium, et lav6 dans Veau ou Vacide muriatique, etmt 
seuletnent de la silice et que le gax fluorique silic4 qui s'est 
reproduit en petite quantit^ dans cette demüre combustion renait 
ou de ce que le potassium ne s^pare pas completement le sili- 
dum du fluorine avec lequel il est combin^ dans le gai 
fluorique silic4, ou de ce que, Veau des lavages ayantfoumi 
deVoxygene au potassium, le fluorine avait en partiequitif 
ce dernier m4tal pour s'unir de nouveau avec le silicium, mais 
en bien moindrs quantit^ que dans le gax fluorique silic6; 
ce qui n-aurait pas lieu dans le cas ou le bore remplacerait 
le sili dum, parce qu'il a moins d^af finita que lui pour k 
fluorine, Vacide borique ne d^composant pas Vaeide fluorique 
comme le fait la silice, 

II suivrait de cette maniere de concevoir les ph^omenes que 
la combustion du potassium dans le gax fluorique silice 
co7idutrait probablement ä obtenir pur le sHidum^ qu^on parait 
n'avoir obtenu jusqu'ä prSsent qu'en combinaison avec le fer. 

Quoi quil en soit de ces id^es, que je ne vous prisenie 
que comme des conjectures dont vous etes, Monsieur, le juge 
naturel, je crois quun des meilleurs 7noyens de co^inaitre to 
nature de Vacide fluorique serait de le soufnettre, ä Vet<it liquide, 
ä la pile de Volta, cet instrument qui est devenu dans i^os mains 
la source des d^couvertes les plus remarquables de toute la Chimie 
moderne, On pourrait aussi tenter d'obte?iir la combinaison 
seche et rolatile du mercure et du fluorine, en calcinant du 
phosphate aci4e de mercure avec le spath fluor le plus pur, quh 
dans Vhypothese dmit nous parlons, ne contiendrait que du 
fluorine et du calcium, ce dernier m6tal se combinant dans 
cette Operation avec Voxyghie et Vacide phosphorique qui sani 
joints au mercure dans ce phosphate acide, En calcinant ceiie 
combinaison de mercure et de fluoHne, quHl faut bien distinguer 
du fluate de mercure fait par la roie humide, avec du phas- 



— 323 — 

pharej on pourrait obtenir tme comhinaüon de phosphore et de 
flu or ine, d'ou Von retirerait peut-etre le f/uorine pur en 
brülant le phosphore; comnie on retire ais4ment le chiorine de 
sa comhinaison avee le mercure en suivant le menie proc^d^-. 

J^ai SU qu^on a r^4U en France les exp6riences que M. Murray 
avait proposies contre votre opinion relativemeni au chlorine, 
mais que les r4sultats avaient 6U absolument contraires ä ceux 
que ce chirmste avait annonc4Sy puisqu'on na jamais pu trouver 
de Veau dans le sei ammoniac pr^pari avec des gax bien des- 
sächSsj sott qu'on se servtt dss gax ammoniac et acide muriati- 
que, soit qu'on emphyät le premier des ces de%Lx gax et le 
chlorine, 

Vous avex sans doute appris, Monsieur^ la d^couverte qu'on 
a falte ä Paris, il y a pres d^un an, d'une combinaison de gax 
axote et de chUyrine qui a Vapparence d'une huile plus pesante 
que Veau^ et qui d^tone avec toute la violence des mdtaux fulmi- 
nants ä la simple ckaleur de la- main, ce qui a privi d^un (eil 
et d'un doigt Vauteur de cette dicouverte. Gelte d^tonaOon a 
Heu par la simple Separation des deux gax, comme ceUe de la 
combinaison d^oxygene et de chlorine qu'a fait connattre monsieur 
uotre fr^e : il y a igaUment beaucoup de lumiere et de chaleur 
produites dans cette dMonation, ou un liquide se d4compose en 
deux gax, 

Xai Phonneur d'etre, avec . le respect que votre nom inspire 
ä Ums ceux qui aiment ou cultivent les Scienes, 

Mofisieur 
Votre tres humble et tr^ obüssant serviteur 

A. Ampere, 

Die Antwort Davys lautet: 

Berkeley Square, London March 6*^, 
To M, Ampdre. Paris. 
Sir, 

Till this matnent I have no opportunity of replyüig to your 
obliging letter, 

The fulminating oil which you mentioned rou^ed my curi- 
osiiy and nearly deprived me of an eye, After some months 
confmement I am again well, I hope soon to have some results 
to communicate to you respecting fluorine, 

I shall send unth this note a paper on the detonating com- 

21* 



- 324 — 

poiind, I did not mentio7i yotir fiame in it, because I kad 
not an opportunity of asking your permissian and I did not 
think it right to do so tvithout a permission. 

The paper was rather to cautimi the english cheniists against 
the oil, than to communicate any striking results. 

Your ingenious views respecting fluorine may be eonfirmed, 
1 haie every reason to conclude froni my expeiimetits that there 
is no oxygene combined with the potassium in the experiment, 
071 the combustiov of potassium in silicated fluoric gas; and 
that the first view which I formed on the subject is incorreci, 
I have many new experiments on the subject; but I have only 
a moment in which I can make this communication, 

I will not lose the opportunity of saying that I am rery 

sincerely, etc. 

H, Davy. 

Zu einer Zeit also^ da man in Frankreich noch nicht 
an die Existenz der Halogenwasserstoffsäuren glaubte, erkannte 
Amp6re die richtige Zasammensetzung der Flaßsäare! 

Davy^^) teilte diese Auffassung und bewies sofort, daß die 
Flußsäure keinen Sauerstoff enthält. Er neutralisierte Fluor- 
wasserstoff mit reinem Ammoniak, erhitzte das gebildete Produkt 
in einem Platinapparate auf hohe Temperaturen und konnte in 
dem kalten Teile seines Apparates Wasser auch nicht in ge- 
ringen Spuren nachweisen, während er bei dem gleichen, mit 
dem Ammoniumsalze einer sauerstoffhaltigen Säure angestellten 
Versuche eine erhebliche Menge von Wasser erhielt. Über die 
Analogie der Flußsäure mit Chlorwasserstoffsäure konnte kein 
Zweifel mehr herrschen. 

Davy stellte sogleich weitere Versuche an und bemühte sich, 
das Fluor abzuscheiden, indem er Flußsäure in Apparaten aus 
Platin und aus geschmolzenem Silberchlorid der Elektrolyse unter- 
warf. Solange Wasser zugegen war, wurde der Fluorwasser- 
stoff zersetzt, dann erfolgte der Stromdurchgang viel schwieriger; 
ließ er Funken in der konzentrierten Säurö überspringen, so 
erhielt er mitunter eine kleine Menge Gas, aber binnen kurzer 
Zeit war die, wenn auch noch so gut gekühlte Säure vollständig 
verdampft, und der weitere Aufenthalt im Laboratorium wurde 
dadurch unmöglich*^). 

Andere, mit großen Schwierigkeiten verbundene Vei-suche 



— 325 — 

Davys erstrecken sieb auf die Einwirkung von Chlor auf 
Fluoride in Gefäßen aus Kohle, Schwefel, Gold, Platin u. s. w. ; 
bei den Experimenten wurde das Material der Gefäße erheblich 
EDgegriffen. Sieber hatte sich eine geringe Menge Fluor gebildet, 
aber ein einigermaßen zufriedenstellendes Resultat wurde nicht 
erbalten. 

Davy kommt so zu dem Schlüsse, daß die chemische Ak- 
tivität des Fluors bedeutend größer sein müsse als die der bis 
dahin bekannten Elemente, und daß seine Versuche vielleicht 
dann von Erfolg gekrönt sein würden, wenn man sie in Fluß- 
spatgefäßen ausführte. 

Dieser Gedanke Davys wurde später von verschiedenen 
Forschem wieder aufgenommen. 

Nachdem 1833 Aime*^) die Einwirkung von Chlor auf 
Silberfluorid in einem Glasgefäße, dessen Wandungen mit einer 
dünnen Schicht von Kautschuk überzogen worden waren, studiert 
und, ohne bessere Resultate als Davy erhalten zu haben, kon- 
statiert hatte, daß der Kautschuk verkohlt wurde, wiederholten 
G. J. Knox und Th. Knox**) den gleichen Versuch resultatlos 
in einem Gefäße aus Calciumfluorid**). 

Im Jahre 1846 beschäftigte sichLouyet") mit einer ähn- 
lichen Reaktion, nämlich mit der Einwirkung von Chlor auf 
Quecksilberfluorid in einem Flußspatapparat und kam auf Grund 
falscher Versuchsbedingungen **) zu folgendem Ergebnisse : „Was 
die Natur des Fluoi'S betrifft, so habe ich die Hypothese 
Amperes vollständig widerlegt, d. h. ich habe nachgewiesen, 
daß dieser Körper weit mehr Analogien mit Sauerstoff oder 
Schwefel zeigt als mit den Halogenen Chlor, Brom und Jod." 

Fremy*^) nahm, veranlaßt durch die Veröffentlichungen 
von Louyet, gegen 1850 die Versuche zur Abscheidung. des 
Fluors wieder auf, stellte viele neue Fluoride dar, beschrieb 
deren Zusammensetzung und Eigenschaften und untersuchte mit 
großer Sorgfalt die Einwirkung verschiedener Gase, besonders 
die von Sauerstoff und Chlor auf diese Fluoride; endlich wandte 
er seine Aufmerksamkeit der elektrolytischen Zersetzung von 
Metallfluoriden zu**^). 

Eingehender hat sich Fremy dann mit der Einwirkung 
von Chlor auf die Fluoride von Blei, Antimon, Quecksilber und 
Silber beschäftigt und bei dieser Gelegenheit deutlich bewiesen, 



— 326 - 

daß es zu jener Zeit nahezu anmöglich war, Flaoride Ib absolut 
trockenem Zustande zu erhalten; dies war auch der Grund 
dafür, daß Fremy seine elektrolytischen Versuche hauptsächlich 
mit Galciumfluorid angestellt hat. 

Nachdem er beobachtet hatte, wie hartnäckig die Metall- 
fluoride Wasser zurückhalten, griff er immer wieder zum Fluß- 
spat, der iu der Natur sehr rein und vor allem vollständig 
wasserfrei vorkommt, zurück und unterwarf ihn im Schmelz- 
flusse in Platinapparaten der Einwirkung des elektrischen Stromes. 
Am negativen Pole wurde metallisches Calcium abgeschieden 
und der als Anode dienende Platinstab wurde sehr rasch an- 
gefressen; das dort auftretende Aufschäumen bewies, daß ein 
Gas abgeschieden wurde. Dieses Gas hatte die Eigenschaften, 
Jod aus Jodiden frei zu machen. Wiederholte man jedoch den 
Versuch einige Male, so wurden die Wände des Platinapparates 
alsbald durch das freiwerdende Metall zerstört; der Apparat 
wurde in wenigen Augenblicken unbrauchbar, und man mußte 
den Versuch neu beginnen. 

Fremy war nicht der Mann, der sich durch Mißerfolge 
abschrecken ließ; im Gegenteil, bei resultatlos verlaufenen Ver- 
suchen zeigte er eine kaum glaubliche Hartnäckigkeit. Er ändert 
die Apparate und Versuchsbedingungen in der mannigfaltigsten 
Weise, und jede neue Schwierigkeit ermutigt ihn nur von neuem 
zu weiteren Versuchen. 

Zwei wichtige Entdeckungen leuchten vor allem aus Fremys 
Arbeiten hervor. 

Die erste ist die Darstellung der völlig wasserfreien, 
chemisch reinen Flußsäure, deren Existenz bisher unbe- 
kannt war. Fremy bereitet Kaliumfluorhydrat und verwendet 
es, nachdem er die Zusammensetzung des neuen Produktes 
ermittelt hat, sofort als Ausgangsmaterial zur Gewinnung von 
reiner Flußsäure, die als ein bei gewöhnlicher Temperatur 
gasförmiger, in einer Kältemischung sich zu einer farblosen 
Flüssigkeit verdichtender Körper, der äußerst begierig Wasser 
anzieht, erhalten wird. 

Die zweite wichtige Tatsache, die Fremys Untersuchung 
zeitigte, ist eigentlich fast gar nicht beachtet worden; sie war 
für Moissan aber von größtem Werte, denn sie zeigte, daß 



— 327 — 

das Fluor in außerordentlicher Weise befähigt ist, sich an fast 
alle Verbindungen anzulagern*''). 

Es hat fast den Anschein, als ob diese Mitteilungen Fremys 
»päter manchen Forscher entmutigt und von neuen Unter- 
suchungen abgehalten hätten. Erst 13 Jahre nach der Veröffent- 
lichung dieser Versuche nahm G. Gore*®) das systematische 
Studium der Flußsäure wieder auf. 

Gore verbessert zunächst die Methode Fremys zur Dar- 
stellung der wasserfreien Säure, bestimmt ihren Siedepunkt zu 
19,4® und ihre Dampfspannung bei verschiedenen Temperaturen 
und ermittelt ihre wichtigsten Eigenschaften ; er untersucht das 
Verhalten der reinen und der mit anderen Säuren gemischten 
Flaßsäure bei der Elektrolyse und findet in Übereinstimmung 
mit Faraday, daß absolut wasserfreie Flußsäure den elek- 
trischen Strom nicht leitet. Enthält die Säure eine kleine Menge 
Wasser, so wird nur dieses durch den Strom zersetzt und dann 
hört die Leitung vollständig auf. Endlich berichtet Gore über 
zahlreiche Beobachtungen, die die Einwirkung der wasserfreien 
Fluorwassei-stoffsäure auf Metalloide, Metalle und verschiedene 
Salze betreffen"). 

In einer zweiten Versuchsreihe beschäftigt sich Gore*®) 
sehr intensiv mit Silberfluorid und dessen Elektrolyse im 
Schmelzflusse, sowie mit der Einwirkung dieses Fluorids auf 
verschiedene Metalloide und berichtet über die Bildung von einigen 
tertiären und quaternären Fluorverbindungen '^^). 



So lagen die Verhältnisse, als Henri Moissan, kurz 
nachdem er die Untersuchungen über das Chrom zu Ende ge- 
führt hatte, seine Studien über das Fluor und seine Ver- 
bindungen begann. 

Wir erfahren später von ihm, als er die Resultate in seinen 
berühmten „Recherches sur I'isolement du fluor"") zum ersten 
Male zusammenstellt, über die Idee, die ihn bei der Ausführung 
seiner Untersuchungen leitete, folgendes: 

„ J(ß mis parti dans ces recherdies d'uyie idee precon^me. 
Si ran suppose pour un instant que le chlore n'ait pas encore 
ete isoUj bien que Jious sachions preparer les chlorures m^talli' 
ques, Vadde chlorhydrique, les chlorures de phosph(yre et d^autres 



- 328 — 

Corps fdmilaires, ü est de toute emdence que Von augmentera ks 
chances qtie Von peut avoir d'isoler cet iUment en s'adressant 
aux compos4s que le chlore peut former avec les mitalloUes. 

jjll me semblait que Von obUendrait plutot du chlore en 
essayant de d6composer le pentachlorure de phosphore ou Vmde 
chlorhydrique qu'en s'adressant ä V6lectrolyse du chlorure de cd- 
dum ou d'un chlorure alcalin. 

y^Ne dmt'il pas en etre de meme pour le fluor? 

y^Enfin le fltcor ätantj d'apres les recherches antSrieures ei 
particulidrement Celles de Davy et de M, Fremy, un corps doue 
d'affinitSs 4nergiques, on devait, pour pouvoir recueilHr cet 
iUment, op4rer ä des temp^ratures aussi basses que possibk, 

„TeUes soni les consid^rations g&n^rales qui m'ont atnene ä 
reprendre d'une fa^on syst4matiqus Vitude de^ camUnaisom 
form^s par le fluor et les m^Mlloides.^ 

Die ersten Versuche, über die Moissan berichtet, er- 
strecken sich somit auf die Reindarstellnng and üntersucbang 
einiger Verbindungen von Fluor mit Phosphor und Arsen. 

Wie schon kurz erwähnt wurde, enthält die erste Ver- 
öffentlichung auf dem neuen Gebiete Mitteilungen über das 
Phosphortrifluorid"), das von H. Davy") und Dumas**) als 
heftig rauchende Flüssigkeit beschrieben worden war, während 
Mac Ivor") schon 1875 darauf aufmerksam gemacht hatte, daß 
die reine Verbindung ein Gas sei"). 

Moissan gewinnt das Trifluorid durch Einwirkung von 
Bleifluorid auf sorgfältig getrocknetes Kupferphosphid in einem 
Messingrohre bei dunkler Rotglut und erhält so ein im reinen 
Zustande an der Luft nicht rauchendes Gas, das sich unter 
dem Drucke von 40 Atmosphären und bei — 10*^ mit Hilfe 
des Cailletetschen Apparates in eine farblose, leichtbeweg- 
liche, Glas nicht angreifende Flüssigkeit verwandeln läßt, 
während es bei 24^ selbst unter dem großen Drucke von 
180 Atmosphären noch im Gaszustande verharrt. 

Moissan findet, daß das an der Luft nicht brennbare Gas 
explodiert, wenn es mit der Hälfte seines Volumens Sauerstoff 
gemischt angezündet oder der Einwirkung des elektrischen 
Funkens ausgesetzt wird, und er vermutet, daß das bei der 
letztgenannten Reaktion entstehende Produkt Phosphoroxyflnorid 
sei. Die neue gasförmige Verbindung raucht nämlich an der 



- 329 — 

Luft UDd wird durch Wasser sofort absorbiert, wobei eine 
Phosphorsäure enthaltende Flüssigkeit entsteht ; Phosphor- 
trifluorid reagiert dagegen mit Wasser bei gewöhnlicher Tempe- 
ratur nur sehr langsam, beim Erwärmen schneller unter Bildung 
von phosphoriger Säure und von Fluorwasserstoff. 

Beim Erhitzen in Olasgefäßen wird das Trifluorid zerlegt. 
Das Oasvolumen nimmt ab und Phosphordämpfe kondensieren 
sich an den Oefäß Wandungen; das dabei wohl sicher entstehende 
Fluor aber läßt sich nicht isolieren, denn es reagiert sofort mit 
der Kieselsäure des Glases unter Bildung von Siliciumfluorid. 

Von den übrigen Reaktionen des Phosphortrifluorids sind 
als besonders charakteristisch zu erwähnen, daß es sich mit 
Ammoniak zu einer \^ollähnlichen, an feuchter Luft verschwinden- 
den Masse und mit Chlor, Brom und Jod zu wohldeflnierten 
Verbindungen vereinigt 

Gleichzeitig stellt Moissan auf dem schon früher von 
Dumas'*^ und von Mac Ivor**^) eingeschlagenem Wege Arsen- 
trifluorid*®) dar, indem er ein aus gleichen Gewichtsteilen von 
Calciumfluorid und von trockener, chlorfreier, arseniger Säure 
bestehendes Gemisch mit der doppelten Gewichtsmenge konzen- 
trierter Schwefelsäure erhitzt. Die so erhaltene, nach der 
Rektifikation bei + 63^ siedende, farblose und leichtbewegliche 
Flüssigkeit ist nur mit großen, persönlichen Gefahren zu hand- 
haben, denn sie nift auf der Haut tiefe und recht schmerzhafte 
Wunden hervor. Mehrmals hat Moissan die Untersuchung 
dieses Fluorides ans gesundheitlichen Gründen unterbrechen 
müssen, aber er ruhte nicht eher, als bis er alle für seine 
Zwecke notwendigen physikalischen und chemischen Eigen- 
schaften des Produktes ermittelt hatte und zu der Überzeugung 
gelangt war, daß auch dieses Fluorid zur Isolierung des Fluors 
nicht zu verwenden war. 

Wie das Phosphortrifluorid, wenn auch in einer etwas 
anderen Weise, erleidet auch die Arsenverbindung beim Erhitzen 
in einem Glasgefäße bei dunkler Rotglut Zersetzung; es scheidet 
sich nicht die geringste Spur von Arsen, sondern Arsentrioxyd ab, 
während gasförmiges Siliciumfluorid entweicht. Der Sauerstoff 
des im Glase enthaltenen Siliciumdioxydes genügt zur voll- 
ständigen Oxydation des primär gebildeten Arsens. 

Das flüssige Arsen trifluorid leitet die Elektrizität nur 



— 330 - 

schlecht; wendet man aber den starken, von 25 Bunsen-Ele- 
menten gelieferten Strom an, so scheidet sich an der Kathode 
sofort Arsen ab, während von dem als Anode dienenden Platin- 
drahte Gasblasen, die ihn korrodieren, aufsteigen. Sollte das 
Gas Fluor sein? Die Frage läßt sich nicht entscheiden, denn 
der Strom, der au und für sich durch Arsentriflnorid nur schwer 
geleitet wird, wird durch das sich abscheidende Arsen bald 
gänzlich unterbrochen. 

Diese neuen interessanten Tatsachen veranlassen Moissan, 
die Einwirkung des Induktionsfunkens auf Phosphortrifluorid 
zu studieren*^). 

£}r findet, daß bei längerer Einwirkung des Funkens das 
Volumen des absolut trockenen, über Quecksilber abgesperrten 
Gases abnimmt, daß an den Wandungen des Gases Phosphor 
abgeschieden wird, und daß sich das restierende Gas teilweise 
durch Wasser, welches dann die Reaktionen von Phosphorsäure 
zeigt, aufnehmen läßt: der vom Wasser nicht absorbierte Rest 
besteht aus unverändertem Phosphortrifluorid. Kaum kann ein 
Zweifel darüber bestehen, daß sich aus dem Trifluorid unter 
der Einwirkung des Induktionsfunkens Phosphorpentafluorid ge- 
bildet hat, und daß somit die Gleichung: 

4PF3 + PF3 = 3PF5 + 2P 
8 Vol. 2 Vol. 6 Vol. 
zu Recht besteht. 

Nun werden aber auch sogleich dieselben Versuche mit dem 
nicht durch Kaliumhydroxyd getrockneten Gase ausgeführt, und 
diese lehren, daß unter solchen Bedingungen auch das Glas der 
verwandten Gefäße mit in Reaktion tritt: neben Phosphor bildet 
sich Siliciumfluorid, und das resultierende Gasgemenge vermag 
Jod aus Kaliumjodidlösung in Freiheit zu setzen. 

Phosphortrifluorid nimmt Moissans Interesse noch weiter 
in Anspruch; neue Methoden zur Darstellung dieser interessanten 
Verbindung werden ersonnen**). 

Das Fluorid kann sehr leicht und in reinem Zustande da- 
durch gewonnen werden, daß man Arsentriflnorid unter sorg- 
fältigem Ausschlüsse von Feuchtigkeit in Phosphortrichlorid ein- 
tropfen läßt, da« gebildete Gas durch ein auf — 15^ abgekühltes 
Rohr leitet, über Quecksilber auffängt und durch Berührung 
mit etwas Wasser von den beigemengten Dämpfen der Ausgangs- 



- 331 - 

materialien befreit. Die Eigenschaften des so dargestellten 
Fluorids stimmen mit denjenigen des nach der früheren Methode 
erhaltenen vollständig überein, und der letzte Zweifel über die 
Identität der beiden Produkte wird behoben, als die Analyse 
gelingt und in beiden Fällen die Formel PF, beweist. Gleich- 
zeitig bestätigt Moissan die kurz vorher von Berthelot ®^) 
auf Grund thermischer und maßanalytischer Untersuchungen 
entwickelte Ansicht, daß Phosphortrifluorid bei der Zersetzung 
durch Alkalilauge nicht einfach in Fluorid und Phosphit zerlegt 
wird, sondern Salze einer sehr beständigen fluorphosphorigen 
Säure bildet. 

Jetzt ist also Phosphortrifluorid nach verschiedenen Me- 
thoden in größerer Menge rein dargestellt worden, und nun kann 
die schon ganz kurz er ^y ahnte Einwirkung der Halogene auf 
das Gas näher verfolgt werden**). Chlor liefert bei gewöhn- 
licher Temperatur mit dem Trifluorid ein gasförmiges Produkt, 
dessen Studium vorbehalten bleibt; Camille Poulenc**) hat 
später auf Moissans Veranlassung eine vortreffliche Arbeit 
über dieses Phosphorpentafluorchlorid ausgeführt. Jod reagiert 
erst bei 300® l)is 400" unter Bildung einer festen, in der Wärme 
gelb-, bei gewöhnlicher Temperatur rotgefärbten Verbindung; 
sie ladet nicht zn weiteren Versuchen ein, da bei ihrer Ent- 
stehung das Glasgefäß mit angegriffen wird. Nur das bei der Ver- 
einigung von trockenem Brom und Phosphortrifluorid bei — 10® 
entstehende Phosphorpentafluorbromid unterzieht Moissan per- 
sönlich einer eingehenden Untersuchung. 

Er erhält eine leiohtbe wegliche, bernsteingelb gefärbte 
Flüssigkeit, die an der Luft stark raucht, die Atmungsorgane 
heftig angreift, unter —20® zu kleinen, hellgelb gefärbten 
Kristallen erstarrt, und schon bei -f- 15** glatt in Phosphor- 
pentafluorid und -bromid zerfällt; letzteres wird in Überein- 
stimmung mit E. Baudrimont*®) in zwei Modifikationen, gelb- 
und rotgefärbt, gewonnen. 

Das soeben erwähnte Phosphorpentafluorid war früher schon 
von Thomas Eduard Thorpe*'') bei der Einwirkung von 
Arsentrifluorid auf Phosphorpentachlorid erhalten und untersucht 
worden. Moissan zeigt nun aber*®), daß nach Thorpes Ver- 
fahren kein reines Pentafluorid entsteht, da dem Gase in- 
folge der sehr lebhaft verlaufenden Reaktion immer Arsen- 



— 332 — 

trifluorid und -chlorid beigemengt sind. Das bei der Selbst- 
zersetzang von Phosphorpentafluorbromid sich bildende Gas 
kann dagegen leicht in reinstem Zustande gewonnen werden, 
da sich die geringen Spuren von etwa mitgerissenem Brom 
durch etwas Quecksilber sicher entfernen lassen. 

Reines Phosphorpentafluorid ist nicht brennbar, raucht stark 
an der Luft, besitzt einen stechenden Geruch und wird von 
Wasser vollständig absorbiert; unter 23 Atmosphären Druck läßt 
es sich im Cailletetschen Apparate bei 16^, also bei gewöhn- 
licher Temperatur, zu einer Glas nicht angreifenden Flüssig- 
keit verdichten, die bei plötzlicher, geringer Druckverminde- 
rung zu einer, allerdings nur kurze Zeit beständigen, schneeartigen 
Masse erstarrt. 

Wie wir später noch sehen werden, beschäftigt sich Moissan 
zu dieser Zeit auch noch mit anderen gasförmigen Fluoriden; 
aber alles ist vergeblich, in keinem Falle läßt sich durch den 
Induktionsfunken Fluor isolieren. 

Bei air diesen Mißerfolgen drängt sich dem Forscher eine 
neue Frage auf: Könnte sich nicht vielleicht doch bei höheren 
Temperaturen eine Zerlegung des Phosphorfluoride dadurch er- 
möglichen lassen, daß man sie bei dunkler Rotglut über Platin- 
schwamm leitet, so ein Platiufluorid darstellt und aus diesem 
durch rasches Erhitzen auf helle Rotglut das Fluor austreibt? 

Von vornherein schien es nicht unmöglich zu sein, diese 
Idee verwirklichen zu können, denn Fremy*®) hatte ja ge- 
funden, daß das bei der Elektrolyse von Alkalifluoriden ent- 
stehende Platinfluorid bei hohen Temperaturen reinen Platin- 
schwamm liefert 

Sofort macht sich Moissan ans Werk'®). Alle experimentellen 
Schwierigkeiten werden spielend dadurch überwunden, daß das 
Platinrohr, in welchem der sorgfältig gereinigte Platinschwamm 
auf Rotglut erhitzt wird, in ein Porzellanrohr eingeschoben und 
darin von Stickstoff umspült wird; so kann man das Rohr er- 
hitzen, ohne befürchten zu müssen, daß die Verbrennungsgase 
durch das Platin dringen und Störungen verursachen. 

Phosphortrifluorid wird, wenn es in langsamen Strome über 
den Platinschwamm streicht, vollständig absorbiert; das Ex- 
periment verläuft aber anders, wenn man den Gasstrom in leb- 
hafterem Tempo durch die Röhre sendet, denn dann wird eine 



— 333 - 

kleine Menge Phosphorpentaflaorid gebildet und das austretende 
Gas zeigt merkwürdige Eigenschaften: es setzt z. B. sofort Jod aus 
Kaliumjodidlösung in Freiheit und greift Quecksilber sowie Glas 
an. Ganz kurz erwähnt Moissan in dieser Abhandlung noch, 
daß der mit Phosphorpentafluorid angestellte gleiche Versuch 
zu analogen Ergebnissen führe; nur reagiere das hierbei erhaltene 
Gasgemisch viel energischer mit Kaliumjodidlösung als das vom 
Trifluorid stammende. Später erst erfahren wir, aus welchem 
Grande Moissan die mit dem Pentafluorid gewonnenen Resul- 
tate nicht schon jetzt beschreibt. 

Sicherlich war also bei diesen Versuchen etwas Fluor ge- 
bildet worden, aber eine vollständige Zerlegung d^r Phosphor- 
fluoride in ihre Komponenten kann so nicht bewerkstelligt werden, 
da es sich zeigt; daß das Platin nicht allein Phosphor, sondern 
auch Fluor auf sich fixiert. 

Das Experiment wurde fünfmal mit gleichem Resultate 
wiederholt und dann aufgegeben ; zu jeder Wiederholung mußte 
ein neues Platinrohr verwendet werden, denn sobald sich das 
Platin mit dem Phosphor verbindet, ist das Rohr verloren. 

In der Zwischenzeit hat Moissan noch ein neues GaS; das 
Phosphoroxyfluorid'^M rein gewonnen, dessen Bildung er früher''*) 
schon vorübergehend beobachtet hatte'*). Zur Darstellung der 
neuen Verbindung läßt er 4 Volumina Phosphortrifluorid und 
2 Volumina Sauerstoff durch einen kräftigen Induktionsfunken 
explodieren, oder er leitet das Gasgemisch über gelinde er- 
hitzten Platinschwamm. 

Das Oxyfluorid ist ein farbloses, stechend riechendes, an 
der Luft rauchendes Gas, das von Wasser unter Zersetzung und 
Wärmeentwicklung absorbiert wird und sich leichter als die 
Fluoride des Phosphors verflüssigen läßt. Unter gewöhnlichem 
Drucke geht es bei — 50*^, bei gewöhnlicher Temperatur 
unter 15 Atmosphären Druck in den flüssigen Zustand über; 
komprimiert man es unter 50 Atmosphären und läßt man dann 
den Druck plötzlich nach, so verwandelt sich die Flüssigkeit 
sofort in eine schneeartige Masse. 

Nach diesen Vorarbeiten — so möchten wir im Hinblick 
auf die' ihnen folgende und sie krönende Entdeckung diese schon 
an sich ausgezeichneten Studien über die Fluorverbindungen 
nennen — greift Moissan auf die Versuche seiner Vorgänger 



- 334 - 

zurück; unter verschiedenen Bedingungen elektrolysiert er mit 
großer Sorgfalt rein dargestellte Flußsäure, und als er sie, die 
in reinstem wasserfreien Zustande dem Strom keinen Durchgang 
gestattet; durch Zugabe von Kaliumfluorhydrat leitend gemacht 
hat; da wird am negativen Pole Wasserstoff abgeschieden, und am 
positiven Pole entwickelt sich ein neues Gas von ganz beson- 
deren Eigenschaften und von einer außerordentlich großen che- 
mischen Reaktionsfähigkeit: Es ist das Radikal der Floo- 
ridO; das freie Fluor! 

In drei kurzen Mitteilungen''^) unterbreitet Hoissan der 
Acad6mie des Sciences bescheiden die Resultate seiner Versuche. 
Nach jahrelanger mühevoller Arbeit hat er endlich als erster Fluor 
unter den Händen; nur wagt er noch nicht zu glauben, daß 
gerade ihm die Isolierung des Elementes geglückt sein soll. So 
macht er sich selbst einen Einwurf nach dem anderen und hält 
es besonders für möglich, daß das Gas ein Gemenge von Ozon 
und FIuorwassei*stoff oder wohl auch ein Wasserstoffperflaorid 
seil» könne. 

Erst als er durch erneute Experimente nachgewiesen hat, daß 
Ozon mit Fluorwasserstoff gemengt keineswegs derartige Re- 
aktionsfähigkeit zeigt, daß sein Gas beim Überleiten fiber 
glühendes Eisen keine Spur von Wasserstoff abgibt, sondern 
Eisenfluorid erzeugt, und daß die beobachtete Gewichtszunahme 
äquivalent der am negativen Pole bei der Darstellung entr 
wickelten Menge* Wasserstoff ist, und nachdem er noch ge- 
funden hat, daß auch bei der Elektrolyse von geschmolzenem 
Kaliumfluorhydrat ein Gas von denselben Eigenschaften er- 
halten wird, gibt er endlich zu: ^Le gax queV^kctrolyse digage 
de fadde fluorhydrique ou du fluorhydrate de fluorure fofidu est 
donc bien le fltcor,'^ 

Mit begreiflicher, mit höchster Spannung erwarten alle Fach- 
genossen eine ausführliche Schilderung der klassischen Versuche 
Moissans, welche, dem Charakter der Comptes rendus ent- 
sprechend, bisher nur in aller Kürze beschrieben werden konnten. 

Aber Moissan berichtet erst noch über einige neue Eigen- 
schaften und die Analyse des Phosphorpentafluorids '''). 

Das über Quecksilber abgesperrte Gas wird, wie * schon 
Thorpe'®) gefunden hatte, durch schwache elektrische Funken 
nicht verändert; durch einen Induktionsfunken von 15 bis 20 cm 



— 335 - 

Länge kaun aber Moissan das Pentaflaorid in Triflnorid nnd 
Fluor, welch' letzteres wieder sofort mit dem Glase und dem 
Quecksilber reagiert, zerlegen. Im Gegensatze zum Phosphor- 
pentachlorid vermag das Pentafluorid mit Phosphordampf bei 
Rotglut nicht in Reaktion zu treten, und ebensowenig ist eine 
Einwirkung von Jod oder Schwefel bei höheren Temperaturen 
zu konstatieren; die geringste Spur von Feuchtigkeit in einem 
Glasgefäße genügt dagegen schon, um eine Zerlegung des 
Gases und Bildung von Phosphoroxyfluorid und Siliciumfluorid 
zu bewirken. Durch die nach zwei verschiedenen Methoden 
bewerkstelligte Analyse wird schließlich noch die Richtigkeit 
der Formel PF^ bestätigt. 

Zehn Jahre nach seiner ersten selbständigen Publikation, 
im Jahre 1887, veröffentlicht Moissan seine „Recherches sur 
risolement du fluor"'''). 

Staunend nnd bewundernd zugleich vernimmt die Mitwelt, 
was Moissan in dieser kurzen Spanne Zeit geleistet hat. 
Jetzt erst ist man imstande zu erkennen, wie der für seine 
Wissenschaft Begeisterte gearbeitet hat, wie er sich abmühen 
mußte, wie er hartnäckiger noch als sein Lehrer Fremy, 
unbeirrt durch die fast Schlag auf Schlag folgenden negativen 
Resultate, sein Ziel verfolgt und endlich auch erreicht hat. 

In dieser berühmten Abhandlung beschreibt Moissan aus- 
fuhrlich die bisher vollendeten Versuche, er liefert wertvolle 
Nachträge zu seinen früheren Veröffentlichungen und schildert 
den mühsamen Weg, den er gegangen. Wir wollen ihm auf 
seinen Pfaden folgen. 

Wir erfahren zunächst, daß nicht das Phosphortrifluorid, 
sondern das schon lange vorher im reinsten Zustande bekannte 
Siliciumfluorid zu den ersten Versuchen gedient hat. Sofort 
war auch der erste Mißerfolg zu verzeichnen: Weder das 
reine, noch das mit Sauerstoff gemengte Gas wurde durch den 
Indnktionsfnnken verändert. 

Dann folgten die schon erwähnten''^) Versuche mit den Fluo- 
riden des Phosphors. Wieder ein Mißerfolg: Zwar Andeutungen, 
daß Fluor in Freiheit gesetzt wurde, aber untef den gewählten 
Arbeitsbedingungen keine Möglichkeit, das Gas zu isolieren. 

Jetzt wurde Bortrifluorid bezüglich seines Verhaltens gegen 
den Induktionsfunken untersucht. Abermals ein negatives Re- 



— 336 - 

sultat: Das Gas erweist sich genau wie Siliciumfluorid als zu 
beständig, als daß es dnrch den ludaktionsfunken zersetzt 
werden könnte. 

Nun wird Arsentrifluorid in den Bereich der Untersuchungen 
gezogen. Auch hier kein positiver Erfolg : Das gebildete Gas wird 
zum größten Teile als Siliciumfluorid erkannt, aber eine geringe 
Spur des bei der Zerlegung entstandenen Fluors war der Ein- 
wirkung des Glases sicher entgangen. Das frisch dargestellte 
Gas greift nämlich Quecksilber an und scheidet Jod ausKaliuni- 
jodidlösung aus. 

Weitere Versuche mit dem Induktionsfunken erschienen 
aussichtslos; deshalb wurde die Einwirkung von Platinschwamm 
auf die Fluoride von Phosphor und Siliciumfluorid studiert 

Die mit Phosphortrifluorid erhaltenen Resultate hatte 
Moissan schon publiziert ''•); jetzt hören wir, daß die früher 
nur ganz kurz erwähnten, mit Phosphorpentafluorid angestellten 
Versuche Ergebnisse von viel größerer Bestimmtheit geliefert 
hatten, aber nicht veröffentlicht werden konnten^ denn eine 
Erklärung für die interessanten Erscheinungen war erst dann 
mit Sicherheit zu geben, wenn man die Eigenschaften des Fluors 
selbst kannte. 

Das beim raschen Überleiten von Phosphorpentafluorid über 
glühenden Platinschwamm entstehende Gas scheidet aus festem 
Kaliumjodid Jod aus; es nimmt kristallisiertem Silicium den Glanz, 
ohne es allerdings zu entzünden, während Phosphor in ihm ver- 
brennt; es schwärzt Quecksilber und greift Glas unter Bildung 
von Siliciumfluorid an. Also auch hier wohl wieder Anzeichen, 
daß vielleicht Fluor in Freiheit gesetzt wird, aber keine Mög- 
lichkeit, das Element auf diese Weise zu fassen. 

Nachdem die mit Siliciumfluorid in gleicher Weise ange- 
stellten Versuche fast vollständig ergebnislos verlaufen waren, 
wendet sich Moissan erneut der Elektrolyse von Arsentrifluorid 
zu, bei welcher er schon früher®®) interessante Beobachtungen 
hatte sammeln können. 

Nach vielen vergeblichen Versuchen findet er, daß die 
Leitfähigkeit der Flüssigkeit am besten durch Zugabe von 
etwas Kaliumfluorhydrat erhöht werden kann, und durch Ver- 
stärkung des Stromes, unter Verwendung von 70 bis 90 Bunsen- 
Elementen, gelingt es, die Verbindung ununterbrochen zu zer- 



- 33Y - 

setzen. Aus nicht rektifiziertem Fluorid wird Arsen abge- 
schieden und gleichzeitig Sauerstoff entwickelt; das reine Pro- 
dukt scheidet wohl auch Arsen ab, bildet aber zweifellos gleich- 
zeitig Arsenpentafluorid^ denn die sich zunächst entwickelnden 
Gasblasen sind fast ganz verschwunden, ehe sie sich bis an 
die Oberfläche der Flüssigkeit erheben können. Sicher war 
also auch in diesem Falle Fluor abgeschieden worden, aber 
das Element zu isolieren gelang wiederum nicht. 

Kein Zweifel, daß manch' anderer, und wäre er auch noch 
so begeistert für seine Wissenschaft, abgeschreckt und ent- 
mutigt durch solche Mißerfolge, die anscheinend so aussichts- 
lose Untersuchung aufgegeben oder doch für längere Zeit ab- 
gebrochen haben würde. 

Aber das war Henri Moissans Art nicht Je schwieriger 
das Problem^ um so hartnäckiger wird es verfolgt! 

Schwere Stunden hat damals — wir wissen es — der 
eines Laboratoriums beraubte junge professeur agröge durchlebt; 
aber mutig und selbstlos hat er weitergearbeitet, alle persön- 
lichen Sorgen hat er der geliebten Wissenschaft untergeordnet, 
alle Unbequemlichkeiten hat er auf sich genommen, — und er 
ist Sieger geblieben. 

Welch ein Gewinn für die Wissenschaft, die solche Männer 
zu ihren Jüngern zählt! Der Chemie ist seit Lavoisier eine 
stolze Schar führender Geister, bewunderungswürdig in dem 
unverdrossenen Verfolgen der ihnen vorschwebenden Ziele be- 
schieden gewesen, und wir dürfen uns rühmen, daß es uns auch 
heute nicht an Männern fehlt, die in der nie versagenden Hin- 
gabe an die experimentelle Lösung großer Probleme für alle 
Chemiker vorbildlich sind. 

„Les th^ories se passent, V eocperience reste!^ Die Wahrheit 
dieser vom greisen Berthelot geprägten Worte tritt uns aus 
der Geschichte unserer Wissenschaft mit überzeugender Deut- 
lichkeit entgegen. So wertvoll glückliche Voraussagungen und 
geistvolle Spekulationen sein mögen, — das entscheidende Wort 
spricht zuletzt doch das Experiment. y^La chimie est une 
science experimentale^ , das ist auch Henri Moissans Leitsatz. 
Kaum ist der letzte Versuch zur Isolierung des Fluors ab- 
geschlossen, abgeschlossen wiederum ohne den seit langem er- 
sehnten und mit so vielen Mühen und Opfern angestrebten 

Sitsangabeiiclkte der phys.-med. Sos. 39 {imi). 22 



~ 338 - 

Erfolg, da wird das Problem schon von einer neuen Seite in 
Angriff genommen. Der Forscher unternimmt es jetzt, die 
Elektrolyse der FluBsäure durchzuführen. 

Verschiedene handliche Apparate hatte Hoissan im Laufe 
der vorhergehenden Untersuchungen schon konstruiert, doch ließ 
sich naturgemäß keiner von diesen zu den neuen Zwecken ver- 
wenden, da die Flußsäure ja aus zwei gasförmigen Grundstoffen 
besteht, deren Trennung im Momente ihre Abscheidung be- 
werkstelligt werden muß. 

Moissan benutzt jetzt ein Ü-Rohr aus Platin und ver- 
schließt beide Schenkel mit parafflnierten Korkstopfen, durch 
welche die den Strom zuführenden Platindrähte bis auf ungefähr 
0,5 cm von der Rundung des U-Rohres entfernt eingeschoben 
werden; unterhalb der Stopfen wird an jeden Schenkel ein 
kleines Platinrohr angelötet, durch das die bei der Elektrolyse 
entwickelten Gase abziehen können. 

Alle früheren Versuche Moissans zwangen dazu, die Zer- 
setzung der Flußsäure bei möglichst niederen Temperataren 
vorzunehmen; es mußte einesteils verhindert werden, daß das 
eventuell sich entwickelnde Fluor in einem großen Überschusse 
der so niedrig siedenden wasserfreien Säure verschwinden konnte, 
anderenteils mußte man Versuchen, die außerordentlich große 
Reaktionsfähigkeit, die Fluor nach allem, was man bisher von 
ihm wußte, sicher besaß, durch starke AbkQhlung nach Mög- 
lichkeit abzuschwächen. Moissan stellt daher seinen Apparat 
in Methylchlorid, das bekanntlich, wenn man einen trockenen 
Luftstrom darüber leitet, leicht eine Temperatur von — 50** zu 
erhalten gestattet. 

Die ersten, mit etwas Wasser enthaltender Flußsäure ao- 
ges teilten elektrolytischen Versuche lieferten Moissan kein 
anderes Resultat, als es früher schon Faraday, Gore und 
andere erhalten hatten: Die geringe Menge des in der Säure 
enthaltenen Wassers wird durch den Strom unter Entwicklung 
von Ozon zersetzt, und dann hört der Stromdurchgang auf; 
wasserfreie Flußsäure leitet die Elektrizität nicht ®^). 

Jetzt macht sich Moissan die beim Arsentrifluorid ge- 
wonnenen Erfahrungen zunutze; vielleicht könnte ja wasser- 
freie Flußsäure ebenso wie Arsentrifluorid durch Kaliumfluor- 
hydrat leitend gemacht werden. Das Experiment bestätigt 



- 339 — 

diese Annahme. Sorgfältig getrocknetes Ealiumfluorhydrat löst 
sich in wasserfreier Flußaäure spielend leicht auf, und wirk- 
lich, die Lösung leitet den Strom, an jeder Elektrode werden 
andauernd Gasblasen entwickelt. 

Voller Freude stellt Moissan einen neuen Versuch in 
größerem Maßstabe an. Das Experiment scheint zu gelingen, 
denn ein Strom von 35 Amp. geht nach Verlauf einer Stunde 
noch mit derselben Leichtigkeit durch die Flflssigkeit wie zu 
Beginn. An der Kathode entwickelt sich reiner Wasserstoff. 
Wie kann nun wohl das Fluor, welches sich an der Anode in 
Gasform abscheiden muß, nachgewiesen werden? Von Anfang 
an war Moissan davon überzeugt, daß kristallisiertes Silicium 
in Fluor unbedingt unter Feuererscheinung in Siliciumfluorid 
verwandelt werden müsse; also bringt er dieses Präparat an das 
von der Anode abführende Platinrohr: das Silicium fängt nicht 
Feuer! 

Wie soll dieser neue Mißerfolg wieder zu deuten seinP 
Sollte Fluor wirklich nicht eine so gewaltige Reaktionsfähigkeit 
besitzen, wie man ihm zugeschrieben hatte? Nein, das kann 
nicht möglich sein, denn dann hätte man es sicher schon viel 
früher isolieren können! Sollte sich aber vielleicht ein anderes 
Gas an der Anode entwickelt haben? Was könnte das aber 
sein? 

Fast verzweifelt ob seines Mißgeschicks nimmt Moissan 
den Apparat, den er so voller Hoffnungen gefüllt hatte, eine 
Stunde später auseinander, um ihn zu erneuten, sicher wieder 
ergebnislos verlaufenden Versuchen herzurichten. Zunächst wird 
der Stopfen gelöst, der an der Kathode angebracht ist; er er- 
weist sich, obwohl er von gasförmigem Fluorwasserstoff umspült 
worden war, als völlig unverletzt, und auch die Elektrode ist 
nicht im mindesten angegriffen. Doch, was ist das? Der andere 
Stopfen ist ja bis 1 cm tief verkohlt, und die Anode ist stark 
korrodiert; es liegt auf der Hand: hier muß ein Gas gewirkt 
haben, das ganz andere Eigenschaften besitzt als Chlor! 

Eine Wiederholung des Versuches in der gleichen Weise 
ist nun ausgeschlossen. Moissan läßt sich Stopfen aus Flußspat 
anfertigen, die in die Schenkel des U-Rohres eingeschliffen und 
zur Auftiahme der Elektroden durchbohrt werden. Gleichzeitig 
mit dieser Verbesserung der Apparatur ergibt sich eine neue 

22* 



- 340 — 

Schwierigkeit, denn der Zwischenraum zwischen dem Rohr und 
dem Stopfen muß doch abgedichtet werden. Moissan stellt 
die Verdichtung mit geschmolzener Guttapercha her und wieder- 
holt sein Experiment. Jetzt muß die Isolierung des Gases ge- 
lingen; aber wieder ein Mißerfolg! Kaum ist der Strom einige 
wenige Minuten durch die Flüssigkeit hindurch gegangen, da 
schmilzt die Guttapercha an verschiedenen Stellen, der Apparat 
wird undicht, und der Versuch muß abgebrochen werden. 
Vielleicht wirkt Schellack besser als Guttapercha? Nein; kein 
anderes Resultat. 

Und nun noch eine Reihe ähnlicher Versuche und ähnlicher 
Mißerfolge; dann endlich beschließt Moissan jedwedes künst- 
liche Abdichtungsmittel überhaupt auszuschließen, und jetzt — 
jetzt entströmt dem von der Anode abführenden 
Platinrohr ein mit wunderbaren, bisher noch nicht 
beobachteten Eigenschaften begabtes Gas! 

Welch' stolze Entdeckerfreude mag damals Henri 
Mo is Sans Seele durchzogen haben! 

Der Apparat, in dem zum ersten Male die Isolierung 
des Fluors in einwandsfreier Weise gelang, bestand aus dem 
schon geschilderten Platinrohre (Fig. 1), dessen beide Öffnungen 




ComrattJtiu* Flüorin* 




Fig. 1. 



Fig. 2. 



durch je einen Flußspatstopfen (Fig. 2) verschlossen waren, 
den man in einen hohlen, außen mit Schraubengewinden ver- 
sehenen Platinzylinder sorgfältig eingepaßt hatte; in jedem 
Flußspatzylinder war als Elektrode ein Platin-Iridiumdraht 
von 2 mm Querschnitt und 12 mm Länge so angebracht^ 
daß er ungefähr 3 mm vom Boden des Gefäßes abstand und 
genügend weit in die zu zersetzende Lösung des Kaliumfluor- 



-^ 341 - 

hydrats in wasserfreier Flaßsäure eintauchte. Mit Hilfe 
eines großen Korkstopfens wurde der Apparat in das Bad von 
Methylchlorid eingesenkt, und dann wurden die Elektroden mit 
den Polen der Batterie verbunden (Fig. 3). 




Fig. 3. 



Durch einen Bertinschen Unterbrecher konnte der Strom 
nach Belieben unterbrochen werden; ein in den Stromkreis 
eingeschaltetes Amperemeter gestattete, die Stromstärke und 
die Leitfähigkeit der Flüssigkeit jederzeit zu kontrollieren. 

Jetzt kam es zunächst darauf an, wasserfreie Flußsäure zu 
erhalten. Unter Einhaltung einiger neuer Vorsichtsmaßregeln 
wird sie nach dem Verfahren von Fremy^*) gewonnen. Nun 
entsteht eine neue Schwierigkeit: die wasserfreie Flußsäure 
schnell in den Apparat hinüberzubringen. Für Moissan ist 
das nach all' den Erfahrungen, die er bisher gesammelt hatte, 
eine Kleinigkeit. 



— 342 — 

Das Platinrohr wird sorgfältig getrocknet und dann mit 
6 bis 7 g vollständig wasserfreiem Ealinmflaorhydrat beschickt; 
hieranf werden die Stopfen eingeschraubt und gleichmäßig mit 
Schellack überzogen, und nun wird der Apparat mit Methyl- 
Chlorid gekühlt; nachdem mit Hilfe einer Qnecksilberlnftpnmpe 
15 bis 16 g der wasserfreien Säure durch eines der beiden An- 
satzrohre in das U-Rohr eingesaugt worden sind, wird der von 
nicht mehr als 20 Bunsen-Elementen^^) gelieferte Sti*om 
geschlossen, und jetzt entwickelt sich an der Kathode reiner 
Wasserstoff, an der Anode aber das so lange gesuchte 
Fluor! 

An jeder Elektrode können stündlich 1,5 bis 2 1 Gas 
erhalten werden; wenn aber das Experiment zu lange fort^ 
gesetzt wird und in dem U-Rohre nicht mehr genügend Flußsänre 
vorhanden ist, um die beiden Gase zu trennen, dann vereinigen 
sie sich in dem Apparate selbst unter heftiger Detonation. 
Nimmt man den Apparat nach Beendigung des Versuches aus- 
einander, so findet man, daß die Flußsäure eine kleine Menge 
Platinfluorid gelöst und einen schwarzen, aus Iridium und Platin 
bestehenden Schlamm suspendiert enthält. Die Kathode ist un- 
verletzt geblieben, die Anode dagegen angefressen und läuft in 
eine Spitze aus; sie kann gewöhnlich nur noch ein zweites Mal 
zum gleichen Versuche dienen. 

Da durch den Zusatz von Kaliurafluorhydrat die Elektro- 
lyse der Flußsäure gelang, lag es nahe, zu versuchen, ob 
es nicht möglich sei, das Salz selbst zu gleichen Zwecken 
zu verwenden. Das Experiment gelingt; das mit großer Sorg- 
falt bereitete Salz schmilzt bei etwa 140® zu einer etwas zähen, 
farblosen Flüssigkeit, die, in dem oben beschriebenen U-Rohre 
der Einwirkung des Stromes unterworfen, unter Entwicklung 
von Fluor zerlegt wird. Zur Isolierung des Elements eignet sich 
aber diese Verbindung nicht so gut wie ihre Lösung in Fluß- 
säure, denn die geschmolzene Masse bläht sich beim Durch- 
gange des Stromes so stark auf, daß sie z. T. in die Gas- 
ableitungsrohre überdringt, und bei 140® wird das Platin so 
stark angegriffen, daß der kostbare Apparat sicher verloren 
sein würde, wollte man das Experiment weiter fortsetzen. 

Noch galt es nachzuweisen, daß das an der Anode gewonnene 
Gas tatsächlich Fluor ist. Wie Moissan diesen Beweis in ele* 



— 343 - 

ganter und einwandsfreier Weise erbracht hat, haben wir frflher 
schon geschildert®*). 

Mit heller Begeisterung begibt sich der glückliche Forscher 
sogleich daran, die charakteristischen Eigenschaften des endlich 
isolierten Elementes zu ergründen. Das farblose, durchdringend 
und sehr unangenehm, etwa wie unterchlorige Säure riechende 
Gas hat zwar höchst unangenehme physiologische Wirkungen, 
indem es die Schleimhaut des Rachens und die Augen stark 
angreift; doch was kümmert das Henri Moissan? 

Welch' ungeheuer große chemische Reaktionsfähigkeit be- 
sitzt dieses Fluor. Kein anderer Grundstoff kann ihm irgendwie 
an die Seite gestellt werden; kaum ein Element oder eine Ver- 
bindung, die von dem neuen Gase nicht angegriffen würden! 

Schwefel und Selen schmelzen und entzünden sich sofort, 
wenn sie mit Fluor zusammentreffen; Tellur verbindet sich mit 
dem Gase unter Feuererscheinung und starker Nebelbildung; 
Phosphor entzündet sich und bildet ein Gemenge von Trifluorid und 
Penta- oder Oxyfluorid; gepulvertes Arsen und Antimon reagieren 
unter Feuererscheinung; Jod verbrennt mit fahler Flamme zu einer 
farblosen Verbindung, während Fluor im Joddampfe mit heller 
Flamme verbrennt; auch Brom wird, zuweilen unter Explosion, 
entfärbt; kristallisiertes Silicium fängt Feaer und verbrennt 
mit lebhaftem Glänze und unter Funkensprühen zu Silicum- 
fluorid ; gepulvertes Bor wird vollständig glühend, und das ent- 
stehende Gas raucht heftig an der Luft. 

Metalle werden im allgemeinen weniger energisch ange- 
griffen, da die entstehenden Verbindungen nicht flüchtig sind 
und so die weitere Einwirkung verhindern. Kalium und Na- 
trium reagieren bei gewöhnlicher Temperatur unter Feuer- 
erscheinung; Magnesium und Aluminium werden oberflächlich 
angegriffen; erhitzt man aber Aluminium vorher auf dunkle 
Rotglut, so erfolgt die Einwirkung unter lebhafter Feuer- 
erscheinung; pul verförmiges Eisen und Mangan verbrennen 
in der Wärme unter Funkensprühen ; Blei und Zinn bedecken 
sich in der Kälte mit weißem Fluorid ; Quecksilber verwandelt 
sich bei gewöhnlicher Temperatur vollständig in das gelb- 
gefärbte Fluorid; Silber überzieht sich bei gelinder Tempe- 
raturerhöhnng mit einer Schicht von Silbei-fluorid; Gold und 



- 344 - 

PlaÜD werden in der Kälte nicht, wohl aber bei 300® bis 400« 
unter Bildung der entsprechenden Fluoride angegriffen. 

Daß Wasserstoff mit Fluor sehr energisch reagiert, batte 
Moissan schon bei der Isolierung des Elementes^') gefunden. 

Auch die meisten Halogenverbindungen werden durch das 
neue Gas verändert: festes Kaliumjodid wird sofort geschwärzt; 
Blei- und Quecksilberjodid werden zerlegt; geschmolzenes Kaliam- 
chlorid wird bei gewöhnlicher Temperatur unter Entwicklung 
von Chlor angegriffen; trockenes Silberchlorid färbt sich gelb-, 
Kaliumbromid wird unter lebhafter Entwicklung von Brom- 
dämpfen zersetzt, und Phosphorpentachlorid wird unter Feuer- 
erscheinung zerlegt, während dichte, weiße Dämpfe entweichen. 

Ein Kristall von Jodoform entzündet sich in dem neuen 
Gase und Jod verflüchtigt sich; auch Schwefelkohlenstoff ent- 
zflndet sich sofort. Alle Wasserstoff enthaltenden organischen 
Verbindungen werden zerstört; Alkohol, Äther, Benzol, Terpen- 
tinöl, Petroleum entzünden sich in dem Gase; Kork wird ver- 
kohlt und entzündet sich zum Schlüsse. 

Und nun noch eine höchst interessante Reaktion: Kaltes 
Wasser wird durch Fluor unter Bildung von Flußsäure und 
Entwicklung von ozonisiertem Sauerstoff zerlegt. 

„JEn resum4^ le flugr est un corps gazeux, possSdant um 
acUvit^ chirnique sup^rieure ä Celle de tous les autres corps 
simples connus. A cau^e de ses puissantes affiniUs^ ü permettra 
^videmment dHmportantes reactions^ ^^), 

Die dieser umfangreichen Abhandlung im nächsten Jahi-e 
(1888) folgenden Veröffentlichungen des genialen Experimen- 
tators bringen aber noch keine weiteren Mitteilungen über 
neue, wichtige Reaktionen des Fluors selbst. Wäre das auch 
zu erwarten? Sicher nicht, denn bei Untersuchungen dieser 
Art werden interessante Beobachtungen in Hülle und Fülle 
gesammelt, so daß die Sichtung des Tatsachenmaterials nur 
nach und nach erfolgen kann; nebenher werden ältere Ver- 
suche, die zu späterer Bearbeitung zurückgestellt worden waren, 
wieder aufgenommen und zahlreiche ergänzende Experimente 
ausgeführt. 

Es ist wohl selbstverständlich, daß Moissan denjenigen 
Reaktionen, die sich beim Auflösen von Kaliumfluorhydrat 
in wasserfreier Flußsäure abspielen, sein Interesse besonders 



- 345 — 

zuwendet, und festzustellen versucht, welche Verbindungen über- 
haupt Kaliumfluorid mit Fluorwasserstoff zu bilden vermag. 

Er zeigt®"^), daß neben dem von Berzelius^*) entdeckten 
und von Fremy«»), Borodine»% Strohmeyer"), Gibbs»*), 
Gore'^) undGuntz**), sowie von ihm selbst eingehend unter- 
suchten Monofluorhydrat, KF,HF, noch ein Di- und Trifluor- 
hydrat, KF,2HF und KF,3HF existieren. 

Moissan gewinnt die beiden neuen Verbindungen durch 
Auflösen von sorgfältig getrocknetem Monofluorhydrat in den 
entsprechenden Mengen wasserfreier Flußsäure und das Trifluor- 
hydrat außerdem noch dadurch, daß er die berechneten Mengen 
der beiden Komponenten im geschlossenen Platintiegel auf 85^ 
erwärmt. Die Fluorhydrate werden durch Abkühlen in Form 
weißer Kristalle erhalten, die an der Luft beständig Nebel 
von Fluorwasserstoff entwickeln und beim stärkeren Erhitzen 
wieder in ihre Bestandteile zerlegt werden können. 

Kaum sind diese interessanten Verhältnisse klar gelegt 
worden, da erscheinen Mitteilungen über neue eigenartige Ver- 
suche: der Anorganiker Moissan bewegt sich plötzlich auf 
organischem Gebiete, und auch hier hat er nennenswerte Erfolge 
zu verzeichnen. 

Teils allein, teils in Gemeinschaft mit Meslans berichtet 
er über die bei der Einwirkung von Alkyljodiden auf Silber- 
fluorid erhaltenen Resultate. 

Mit der Darstellung von Äthylfluorid hatten sich schon 
Scheele**), Gehlen*«), Reinsch*'') und Fremy««) beschäf- 
tigt; ernstlich kommen jedoch nur die Arbeiten der beiden letzt- 
genannten ITorscher in Betracht. Reinsch beschreibt die Ver- 
bindung als eine Flüssigkeit, die man dadurch erhalte, daß 
man Weingeist mit Flußsäure sättigt und das Gemisch destilliert; 
Fremy gewann dagegen beim Erhitzen eines Gemenges von 
Kaliumfluorhydrat und Kaliumäthylsulfat ein Gas. 

Moissan**) lehrt, daß das Produkt zweckmäßig durch 
Auftropfen von Äthyljodid auf Silberfluorid dargestellt wird. 
Reines Äthylfluorid ist ein farbloses, ätherisch riechendes Gas, 
das sich unter gewöhnlichem Drucke bei — 48* und unter acht 
Atmosphären bei -[- 18* verflüssigen last; flüssiges Äthylfluorid 
greift Glas nicht an, löst geringe Mengen von Phosphor und 
von Schwefel und verwandelt sich, wenn der Druck nachläßti 



— 346 — 

vorübergehend in eine schneeartige Masse. Das Gas löst sich 
in zahlreichen Flüssigkeiten, verbrennt mit blaner Flamme unter 
Entwicklung von Fluorwasserstoff, mit wenig Sauerstoff gemischt 
unter geringer Abscheidung von Kohle und mit viel Sauerstoff 
unter Detonation. Kalilauge wirkt bei 100® zersetzend ein; es 
bilden sich Kaliumfluorid, Alkohol und vorzüglich Äther. Chlor 
vermag im Dunkeln selbst im Verlaufe mehrerer Stunden nicht 
zu reagieren; umgekehrt aber setzt Fluor aus Äthylcblorid 
Chlor in Freiheit. 

Weiter stellt Moissan fest"®), daß das Gas bei mehr- 
stündigem Erhitzen in einem gläsernen Knierohr neben wenig 
Siliciumfluorid ein Gemisch von Kohlenwasserstoffen liefert. Durch 
schwache Induktionsfunken tritt Zerlegung in Fluorwasserstoff, 
Äthylen und wenig Acetylen, durch starke Funken Zersetzung 
in Acetylen, Äthylen, Propylen u. s. w. unter gleichzeitiger Ab- 
scheidung von Kohle ein. In ähnlich komplizierter Weise zerfällt 
das Gas auch, wenn es durch eine glühende Platinröhre geleitet 
wird. 

Schließlich wird das Fluorid noch auf seine physiologischen 
Eigenschaften hin untersucht; es besitzt wohl, wie das Äthyl- 
chlorid, anästhetisierende Eigenschaften, ruft aber bei kleineren 
Tieren sehr schnell toxische Wirkungen hervor"*). 

Moissan und Meslans"*) stellen nun in gleicher Weise 
durch Einwirkung von Methyl- oder Isobutyljodid auf Silber- 
fluorid Methyl- und Isobutylfluorid dar. 

Methylfluorid, bereits von Dumas und Peligot"*) beim 
gelinden Erwärmen von Kaliummethylsulfat und Kaliumfluorid 
rein erhalten*®*), erweist sich als ein sehr beständiges Gas, 
das bei gewöhnlicher Temperatur unter einem Drucke von 
32 Atmosphären in den flüssigen Zustand übergeführt und von 
Kalilauge erst beim Erhitzen im geschlossenen Rohre bei 120* 
angegriffen wird. 

Isobutylfluorid bildet bei 16® eine farblose, wenig ange- 
nehm riechende Flüssigkeit, die Schwefel und Phosphor nur 
schwierig, Jod und Brom dagegen mit Leichtigkeit löst. Sowohl 
das flüssige als das gasformige Fluorid greifen Glas nicht an; 
beim Anzünden verbrennt das Gas unter Abscheidung von Ruß 
und Entwicklung von Fluorwasserstoff. 

In der Zwischenzeit hatten die Untersuchungen Moissans 



— 347 ~ 

über das Fluor selbst einen gnten Fortgang genommen, so daß er 
jetzt imstande ist, nene interessante Beobachtungen zu veröffent- 
lichen! 

um die Wärmetönung bei der Vereinigung des Fluors mit 
Wasserstoff zu bestimmen, hatte er sich mit seinem großen 
Fachgenossen Berthelot, der neben Julius Thomsen und 
Friedrich Stohmann die wichtigsten Untersuchungen auf 
thermochemischen Gebiete ausgeführt hat, zu gemeinsamer 
Arbeit verbunden. 

In der ersten vorläufigen Mitteilung^'**) berichten die beiden 
Forscher nur ganz kurz über ihre Resultate; aber wenig später^®*) 
erfahren wir, welch' große Mühe es gekostet hat, zu den gesuchten 
Wärmewerten zu gelangen. B er thelot und Moissan verfuhren 
nach zahlreichen Mißerfolgen schließlich so, daß sie Fluor von einer 
titrierten, überschüssiges Alkali enthaltenden Lösung von Kalium- 
sulflt absorbieren ließen, wobei sich Kaliumsulfat und -fluorid 
bilden; nach Beendigung des Versuches bestimmten sie die 
Menge des absorbierten Fluors dadurch, daß sie die Flüssigkeit 
mit Salzsäure ansäuerten und die nicht verbrauchte schweflige 
Säure mit Jodlösung zurücktitrierten. Die Differenz zwischen 
dem Anfangs- und Endtiter entspricht dem Gewichte des Fluors, 
und ebenso verhält es sich mit den entwickelten Wärmemengen. 

Mit Hilfe dieser wohl umständlichen, experimentell aber 
äußerst geschickt durchgeführten Methode wird gefunden, daß 

bei der Reaktion: H + F (Gas) = HF (Gas) + 38.6 Kalo- 

rieen und bei der Reaktion: H -f- F (-j- Wasser) = HF (gelöst) 
. . . . + 50,4 Kalorieen entwickelt werden. 

Diese Zahlen übertreffen weit die entsprechenden Werte 
für andere Wasserstoffverbindungen, z. B. für Wasser und für 
Chlorwasserstoff, und stehen mit der außerordentlich großen 
Reaktionsfähigkeit des Fluors in Einklang. 

Von dem Augenblick an, in dem ihm die Isolierung 
des Elementes zum ei*sten Male gelang, war Moissan unaus- 
gesetzt darauf bedacht, seine Methode zu vereinfachen und zu 
verbessern, und wenn irgend möglich, ein Verfahren ausfindig 
zu machen, nach dem Fluor auf chemischem Wege in Frei- 
heit gesetzt werden könnte. Dahin zielende Versuche sind es, 
über die wir jetzt Näheres erfahren. 

Früher hatten schon mehrere Forscher, allerdings vergeh- 



- 348 - 

lieh, versucht, wasserfreies Platinfluorid darzustellen, denn nach 
Analogie zwischen den Fluoriden und Chloriden konnte es nicht 
unwahrscheinlich sein, daß Platinfluorid bei höherer Temperatur 
in seine Bestandteile zerfallen und somit die Isolierung des Fluors 
ermöglichen würde. Speziell Fremy hatte sich sehr große 
Mühe in dieser Beziehung gegeben, mußte aber schließlich 
sagen*®'): „Quant aux fluorures ä!or et de platine gut auraieni 
probablement donne du fluor par la calci7iation, si favais pu 
les obtenir ä CMat aiihydre, il m'a 6te impossible de les produire 
en unissant Vacide fluorhydrique atix oocydes hydrat4s dor et 
de platine.^ 

Was auf nassem Wege nicht möglich war, kann Moissan, 
da er über die Elemente gebietet, durch direkte Vereinigung 
von Platin und Fluor erreichen. Er hatte schon ^®*) gefunden, 
daß Platin von Fluor erst beim Erwärmen, aber dann mit 
Leichtigkeit angegriffen wird, und zeigt nun^®*), daß das Metall 
mit reinem Fluor erst bei 500® bis 600®, mit dem B'luorwasser- 
stoff enthaltenden Gase dagegen schon bei 100® reagiert 

. Zur Darstellung des Fluorides Pt F^ bringt er einen Bündel 
von Platindrähten in ein dickes Platin- oder Flußspatrohr und 
leitet bei dunkler Rotglut Fluor hindurch. So erhält er eine 
dunkelrotgefärbte geschmolzene Masse, — bei Verwendung des 
Platinrohres findet sich in diesem eine ziemlich große Menge 
des geschmolzenen Fluorids vor -— oder kleine, gelblichbraun- 
gefärbte Kristalle, die außerordentlich hygroskopisch sind und 
Glas energisch angreifen. Mit wenig Wasser bildet die Ver- 
bindung zunächst eine fahlrotgefärbte Lösung, die sich aber 
sehr rasch von selbst erhitzt, wobei es zur Bildung von Platin- 
hydroxyd und Fluorwasserstoff kommt. Hierdurch wird es er- 
klärlich, weshalb Moissans Vorgänger die Verbindung auf 
nassem Wege niemals gewinnen konnten. 

Die Annahme Fremys, daß das Fluorid sich beim Glühen 
unter Entwicklung von Fluor zerlegen lassen würde, erweist 
sich als richtig. Bei heller Rotglut entweicht tatsächlich Fluor, 
denn in dem Gase verschwindet kristallisiertes Silicium unter 
Feuererscheinung; das zurückbleibende Platin ist kristallinisch. 

Gleichzeitig weist Moissan darauf hin, daß Gold unter 
denselben Bedingungen ein sehr dunkel gefärbtes Fluorid liefert, 
das beim Erhitzen ebenfalls in Metall und Fluor zerfällt. 



— 349 - 



Noch eine andere Reaktion, nämlich die Einwirkung von 
Chlor auf Quecksilbei-fluorid, hatte Fremy^*^) vergeblich zur 
Isolierung des Fluors zu verwerten gesucht. Moissan "^) wieder- 
holt diese Versuche mit Hilfe eines kostbaren, ganz aus Fluß- 
spat bestehenden Apparates, ohne aber bessere Resultate zu 
erzielen als sein Lehrer. Zwar gelingt es ihm, was zu Fremys 
Zeiten unmöglich war, die Hauptschwierigkeit des Versuches, 
die Darstellung von wasserfreiem Quecksilberfluorid, fast ganz 
dadurch zu überwinden, daß er das Präparat in gasförmigem 
Fluorwasserstoff bei 130^ von den letzten Spuren Wasser bei- 
nahe vollständig zu befreien vermag, aber bei der Einwirkung 
von Chlor bildet sich bei 350^* nur eine geringe Menge Queck- 
silberfluorchlorid und Fluor wird nicht in Freiheit gesetzt. 

Andere Versuche, auf rein chemischem Wege zum Fluor 
zu gelangen, mußten nach allen bisherigen Erfahrungen als 
gleich aussichtslos erscheinen; andererseits bedarf Moissan 
aber zur Fortsetzung seiner Studien bedeutend größerer Mengen 
von Fluor, als sie sein Apparat zu liefern vermag. So ent- 
schließt er sich dazu, ein Platingefäß von größeren Dimensionen 
anfertigen zu lassen *^*). Er wählt ein etwa 160 ccm fassendes U- 
Rohr (Fig. 4), das ungefähr 100 ccm Flußsäure bequem zu zerlegen 
gestattet und vei'schließt die 
beiden Zylinder, wie früher, mit 
FlußspatstopfeU; die mit Hilfe 
eines sie umgebenden, starken 
Platinblechs fest in die Öffnungen 
des an seinen beiden oberen 
Enden mit Gewinden versehenen 
Platinrohres eingeschraubt wer- 
den. Als Elektroden dienen be- 
sonders geformte Drähte aus 
reinem Platin, die durch eine 
senkrechte Bohrung der Fluß- 
spatstopfen, also vollkommen iso- 
liert, in das U-Rohr eingeführt 
werden. Messingverschraubun- 
gen, an den oberen Enden der 

Schenkel einerseits und an den Köpfen der Flußspatzylinder 
andererseits angebracht, sowie ein zwischen ihnen liegender 




Fig. 4. 



— 350 — 

Bleiring sorgen für den hermetischen Verschluß des Apparates. 
Da das Platingefäß mehr Flußsäure enthält, als an einem 
Tage zersetzt werden kann, so versieht der Forscher die beiden 
Gasableitungsrohre mit metallenen Kopfschranben ; so kann das 
mit Flußsäure angefüllte Ü-Rohr, wenn nötig, vollständig ver- 
schlossen und im Eisschranke beliebig lange Zeit aufbewahrt 
werden. 

Zur Erzielung der flir die Elektrolyse notwendigen, niedrigen 
Temperatur wird teils, wie früher, Methylchlorid, teils eine 
aus Eis und Kochsalz bereitete Eältemischung verwendet 

Die Elektrolyse hätte nun begonnen werden können, aber 
Moissan braucht zu einigen physikalischen Bestimmungen reines, 
d. h. von Fluorwasserstoff freies Fluor; da außerdem die kurz 
vorher beendete Untersuchung über das Platinfluorid"') ge- 
lehrt hatte, daß es auch in chemischer Hinsicht nicht gleich- 
gültig ist, ob das Gas Spuren von Fluorwasserstoff enthält 
oder nicht, so verfährt der Forscher jetzt folgendermaßen. 
Er schraubt an das das Fluor ableitende Rohr eine kleine 
40 ccm fassende Platinschlange, die er mit Methylchlorid auf 
ungefähr — 50^ abkühlt, und mit zwei Natriumfluorid enthalten- 
den Platinröhren luftdicht verbindet (Fig. 5). Auf diese Weise 
gelingt es, in der Schlange schon fast die gesamte Menge der 
Dämpfe zur Flüssigkeit zu kondensieren und die letzten Sparen 
des mitgerissenen Fluorwasserstoff von dem viel energischer 
als das Kaliumsalz wirkenden Natriumfluorid vollständig ab- 
sorbieren zu lassen. Nun wird der aus 90 bis 100 ccm Fluß- 
säure und 20 bis 25 g Kaliumfluorhydrat bestehende Röhren- 
inhalt durch den von 26 bis 28 Bunsen -Elementen gelieferten 
Strom zersetzt. 

Das hierbei entwickelte Fluor erweist sich als sehr rein, 
zeigt alle schon erwähnten Reaktionen und kann durch kleine, 
biegsame Platinröhrchen in die zu seiner Aufnahme bestimmten 
Apparate geleitet werden. 

Mit Hilfe des so gewonnenen reinen Gases ermittelt 
Moissan die zu 1,316 berechnete Dichte des Fluors zu 1,26. 

Er bestimmt ferner"*) in einer 0,5 bis 1 m langen Platin- 
röhre, deren Enden mit durchsichtigen Flußspatplatten ver- 
schlossen sind, die Farbe des Gases und findet, daß Fluor in 
einer 50 cm dicken Schicht deutlich grünlichgelbgefärbt erscheint. 



- 351 - 

Die Farbe ist schwächer als diejenige einer gleich dicken Schicht 
von Chlorgas und spielt außerdem mehr ins Gelbe. 

Läßt man zu dem Fluor in der Röhre ein wenig Wasser 







treten, so wird Ozon von so hoher Konzentration gebildet, daß 
der Inhalt des Rohres tief indigoblau gefärbt erscheint. 

In einer 1 m dicken Schicht zeigt Fluor bei der spektro- 
skopischen Untersuchung keine Absorptionsstreifen. Moissan 



— 352 - 

untersucht daher das Funkenspektrura des Gases. Zu diesem 
Zwecke verwendet er ein dem soeben erwähnten ähnliches 
Platinrohr, durch dessen Plußspatstopfen dicke Gold- oder Platin- 
drähte als Elektroden eingeführt wurden; mittels einer kurzen, 
seitlich angebrachten und ebenfalls mit einer durchsichtigen 
Flußspatplatte verschlossenen Röhre konnten die zwischen den 
Elektroden überspringenden Funken beobachtet werden. Auf 
diese Weise konstatiert der Forscher 13 sämtlich im Rot des 
Spektrums liegende Linien, von denen Salet"*) einige bereits 
im Spektrum des Siliciumfluorids gesehen hatte. 

Nachdem Moissan nochmals die bei der Untersuchung von 
Arsen- und Phosphortrifluorid erhaltenen Ergebnisse zusammen- 
fassend geschildert ^^^) und mitgeteilt hat, daß er Phosphor- 
trifluorid auch noch durch Erhitzen von Zinkfluorid und Phos- 
phortribromid gewinnen konnte, macht er uns bald mit neuen 
wichtigen Reaktionen des Fluors bekannt. 

Äußerordentlich interessante Resultate ergab die Unter- 
suchung über das Verhalten von Fluor gegen die verschiedenen 
Modifikationen des Kohlenstoffs^*'). Im Gegensatze zu Chlor ist 
Fluor imstande, sich direkt mit Kohlenstoff* zu vereinigen, aber 
die verschiedenen Kohlenstoffmodifikationen verhalten sich ver- 
schieden gegen das neu isolierte Element. 

Bringt man reinen und trockenen, nicht geglühten Lampen- 
ruß mit Fluor in Berührung, so tritt bei gewöhnlicher Tem- 
peratur sofort Reaktion unter Erglühen ein. Leichte Holzkohle 
kann sich unter den gleichen Bedingungen ebenfalls von selbst 
entzünden ; zuerst scheint sich das Fluor auf der Kohle zu ver- 
dichten, plötzlich aber tritt Entflammung unter lebhaftem Funken- 
sprüben ein. Besitzt die Kohle ein etwas höheres spezifisches 
Gewicht und befindet sich kein Staub auf ihrer Oberfläche, so 
muß man, um die Reaktion einzuleiten, die Temperatur auf 50® 
bis 60® erhöhen; erglüht dann aber die Kohle an einem Punkte, 
so verbreitet sich die Feuererscheinung schnell über die ganze 
Masse. Graphit aus Gußeisen muß bis auf eine der dunklen 
Rotglut nahe liegende Temperatur erhitzt werden, um mit Fluor 
in Reaktion zu treten, und Ceylongraphit, den man vorher durch 
Schmelzen mit Kaliumhydroxyd gereinigt hat, entzündet sich erst 
bei einer noch etwas höheren Temperatur. Retortenkohle brennt 



— 353 — 

in Fluor erst bei Rotglut, und Diamant endlich wird auch bei 
dieser Temperatur nicht verändert. 

Bei allen diesen Beaktionen bildet sich ein Gas, dessen 
Eigenschaften jedoch mit den Versuchsbedingungen wechseln; 
meist handelt es sich um ein Gemenge mehrerer Kohlenstoff- 
Fluorverbindungen von verschiedener Zusammensetzung. 

Aus leicht angreifbarem Kohlenstoff, bei nicht zu hoher 
Temperatur und bei Gegenwart von überschüssigem Fluor er- 
hält man zum größten Teile Kohlenstofftetrafluorid, ein Gas, 
das sich unter 5 Atmosphären Druck bei 10® verflüssigen läßt, 
von wässriger Kalilauge etwa zur Hälfte, von alkoholischer 
Kalilauge vollständig unter Bildung von Kaliumfluorid und 
Kaliumkarbonat absorbiert wird und unter der Einwirkung des 
Indnktionsfunkens keine Veränderung erleidet. Das gleiche 
Produkt entsteht übrigens auch dann, wenn man Dämpfe von 
Kohlenstofftetrachlorid bei 300<* Ober Silbei-fluorid leitet. 

Ein anderes gasförmiges Kohlenstofffluorid wird dadurch 
erhalte«, daß man Fluor durch eine mit überschüssigem Kohlen- 
stoff gefüllte, rot glühende Platinröhre schickt; das hierbei ent- 
stehende Gas wird weder von wässriger, noch von alkoholischer 
Kalilauge absorbiert und läßt sich bei 10^ erst unter einem 
Drucke von 19 bis 20 Atmosphären zu einer Flüssigkeit ver- 
dichten»"). 

Moissans nächste Versuche»»") lehren, daß man das 
Kohlenstofftetrafluorid nicht allein nach den soeben beschrie- 
benen Methoden — d. h. durch Einwirkung eines Überschusses 
von Fluor auf Kohlenstoff bei niederer Temperatur oder durch 
Erhitzen von Silberfluorid im Dampfe von Kohlenstofftetra- 
chlorid. — gewinnen kann, sondern daß sich diese Verbindung 
auch noch unter anderen Verhältnissen bildet. Bei der Ein- 
wirkung von Fluor auf Kohlenstofftetrachlorid entsteht ein 
Gemenge von Chlor und Tetrafluorid; Chloroform absorbiert 
Fluor teilweise und liefert neben anderen Verbindungen auch 
Tetrafluorid; beim Durchleiten von Methan und Fluor durch eine 
Platinröhre erfolgt Entzündung, Abscheidung von Kohlenstofi' 
und Bildung vei'schiedener Kohlenstofffluoride, unter denen das 
Tetrafluorid nachgewiesen werden kann. 

Zur Darstellung der Verbindung eignet sich allerdings aus- 
schließlich die Einwirkung von Kohlenstofftetrachlorid auf Silber- 

Sltenngtberiohte der pbyt.-med. Soe. 39 (1907). 23 



- 354 ^ 

fluorid; man braucht das hierbei entstehende Gas nur mit Kant- 
schakstücken in Berührung zu bringen, um es von den letzten 
Spuren des mitgerissenen Tetrachlorids zu befreien, dann in 
Alkohol zu lösen, um eine Kohlenstoff-Fluorverbindung von höherer 
Dichte zu entfernen/ und hierauf den Alkohol zu erwärmen : 
dann entweicht das Tetrafluorid^ und es ist schließlich nur noch 
nötig, das Gas zur Beseitigung der Alkoholdämpfe mit rauchen- 
der Schwefelsäure zu behandeln, um es absolut rein zu erhalten. 
Unbedingt notwendig ist, daß die Darstellung in einem Hetall- 
apparate erfolgt ; in Gefäßen aus Glas wird ein Produkt er- 
halten, das aus Tetrafluorid, Silicinmfluorid, Eohlendioxyd und 
einem Eohlenstofffluorid von höherem spezifischen Gewichte be- 
steht, da die Verbindung, in der Wärme mit Glas in Berührung, 
nach der Gleichung: CF^ + SiOg = COa + SiF^ zerfällt. 

Die zu 3,03 berechnete Dichte des reinen Gases ermittelt 
Moissan experimentell zu 3,09; er findet, daß das Fluorid sich 
unter gewöhnlichem Drucke bei —15®, unter 4 Atmosphären 
bei -|-20® zu einer Flüssigkeit verdichten läßt, daß es beim 
Erhitzen mit Natrium unter Abscheidung von Kohlenstoff and 
Bildung von Natriumfluorid zerlegt und von absolutem Alkohol 
besonders leicht gelöst wird. Hiermit stimmt die schon er- 
wähnte interessante Beobachtung, daß das Tetrafluorid von 
alkoholischer Kalilauge unter Bildung von Kaliumfluorid and 
-karbonat vollständig absorbiert wird, überein. 

Bald darauf berichtet Moissan"®) kurz über eine neue 
Darstellungsweise des Phosphoroxyfluorids , nach der das Gas 
unendlich viel leichter und einfacher als früher"^) und in 
beliebig großen Quantitäten gewonnen werden kann. Man 
braucht nur in einem passenden Metallapparate Phosphoroxy- 
chlorid auf sorgfältig (bei 300®) entwässertes Zinkfiuorid aaf- 
tropfen zu lassen, um schon bei gewöhnlicher Temperatur einen 
regelmäßigen Strom des Oxyfluorids zu erhalten. Zur Konden- 
sation des mitgerissenen Pbosphoroxychlorids leitet man das 
Gas erst durch eine auf —20® abgekühlte Messingvorlage und 
dann noch durch ein mit Zinkfiuorid gefälltes Glasrohr. Da 
nun größere Mengen des Phosphoroxyfiuorids zur Verfügung 
stehen, bestimmt Moissan die Dichte; er findet sie zu 8,69 in 
Übereinstimmung mit dem berechneten Werte 3,63. 

. Das Verbindungsgewicht des Fluors war wohl schon 



- 355 — 

wiederholentlich, und zwar von Berzelius^**), Louyet"^), 
Fremy'**), Dumas ^^*) und de Luca"*) ermittelt, aber doch 
nicht mit genügender Sicherheit bestimmt worden; die von den 
einzelnen Forschern erhaltenen Zahlen schwankten i-m ganzen 
zwischen 18,85 und 19,19, also in recht weiten Grenzen. 

Verschiedene Erwägungen bezüglich der Dichte der von 
ihm neu entdeckten gasförmigen Fluorverbindungen geben 
Moissan die Veranlassung, das Atomgewicht des Fluors neu 
zu bestimmen ^^''). Er bereitet sich sorgfältig ganz reines Natrium-, 
Calcium-undBaryumfluorid und zersetzt diese Salze in einer Platin- 
retorte mit Schwefelsäure. So findet er unter Verwendung von 
Natriumfluorid Zahlen, die zwischen 19,04 und 19,08 liegen; 
Baryumfluorid liefert zwischen 19,05 und 19,09 schwankende 
Werte, und durch die Zersetzung des Calciumfluorids endlich 
ergibt sich das Atomgewicht des Fluoi-s zu 19,02 bis 19,08. 

Der Forscher zieht aus diesen drei Bestimmungsreihen den 
Schluß, daß das Verbindungsgewicht des Elements sehr nahe 
an 19 liegen müsse; auf 6rund der mit Natrium- undCalcium- 
flnorid erhaltenen Resultate, die Moissan für genauer hält als 
die mit Hilfe des Baryumsalzes gefundenen, setzt er die wich- 
tige Konstante des Fluors zu 19,05 fest. 

Fast zu gleicher Zeit hat Moissan, und zwar in Gemein- 
schaft mit Henri Becquerel, eine andere sehr interessante 
und wichtige Untersuchung zu Ende geführt**®). 

Es war schon lange bekannt, daß verschiedene Sorten von 
Flußspat, unter ihnen l^esonders der sogenannte Antozonit, beim 
Zerschlagen einen eigenartigen Geruch entwickeln, und ver- 
schiedene Hypothesen waren zur Erklärung dieser merkwürdigen 
Tatsache aufgestellt worden. SchafhäutP^*) glaubte, daß der 
Geruch von unterchloriger Säure herstamme, Schroetter"®) 
schrieb ihn der Gegenwart von Ozon, Schoenbein"*) der- 
jenigen von Antozon zu, und Wyrouboff"*) nahm an, daß 
irgendein Kohlenwasserstoff die Ui-sache dieser Erscheinung sei; 
nur Kenngott"*) und später Loew"*) vermuteten, daß der Ge- 
ruch von einer kleinen Menge freien Fluors herrühren könnte. 

Becquerel und Moissan fanden in der Sammlung des 
musSum d'histoire naturelle einen Flußspat, der von Quinci6 
bei Villefranche-sur-Saöne stammte und die erwähnte charak- 
teristische Eigenschaft in hohem Maße besaß. Schon die ersten 

23* 



- 356 — 

Versuche, die Moissan anstellt, beweisen ihm, dem einzigen, 
der ans eigener Erfahrung das Fluor kennt, daß in dem Oase 
sicher sein Element mit anwesend sein muß, und als er mit 
Becquerel feststellen kann, daß gelinde erwärmtes, fein ge- 
pulvertes Silicium mit dem auffallend riechenden Gase unter 
Bildung von Siliciumfluorid reagiert, und daß der untersuchte 
Flußspat beim Aufbewahren unter Wasser Flußsänre bildet, da 
ist jeder Zweifel behoben. Die von Kenngott und von Loew 
geäußerten Ansichten werden durch die Untersuchungen von 
Becquerel und Moissan als richtig erwiesen. 

Nachdem Moissan die bei der Revision des Atomgewichtes 
vom Fluor angewandten Methoden zur Gewinnung von kristalli- 
siertem Calcium- und Baryumfluorid ausführlich beschrieben 
hat"*) — er bereitet die Salze aus sehr verdünnter, siedend 
heißer Lösung, da sonst nur amorphe Niederschläge erhalten 
werden — , berichtet er, zu einer Zeit, da er sich schon intensiv 
mit Bor und dessen Verbindungen beschäftigt "•), über die 
Darstellung und die Eigenschaften des Silberfluorids "''). 

Durch eine Modifikation des von Gore"®) beschriebenen 
Verfahrens, nämlich dadurch, daß er die Lösung des mit großer 
Sorgfalt rein dargestellten Silberkarbonats in Flußsäure nicht 
über freiem Feuer eindampft, sondern über Schwefelsäure 
langsam verdunsten läßt, erhält Moissan zum ersten Male 
reines Silberfluorid, das nun nicht schwarz, sondern hellgelb 
gefärbt ist, so elastisch wie Hörn erscheint und sich ganz im 
Gegensatze zu den anderen Silberhalogeniden in Wasser ohne 
den geringsten Rückstand löst; das nach der Methode von Gore 
zum Vergleiche dargestellte Produkt verdankt seine dunkle 
Färbung einer Beimengung von Silber und von Silberoxyd. 

Das reine Produkt schmilzt bei 435® und reagiert sehr 
energisch und elegant mit einigen Chloriden. Für Moissan 
selbst sind folgende Reaktionen besonders wertvoll: Bei der 
Einwirkung von Phosphorpentachlorid entsteht neben Silber- 
chloiid das früher "•) auf so umständliche Weise gewonnene 
Phosphorpentafluorid; beim mäßigen Erhitzen von Silberfluorid 
mit Phosphortrichlorid entweicht Phosphortrifluorid, das so nun 
auch leicht in beliebigen Mengen erhalten werden kann. Analog 
verläuft, wenn auch erst im geschlossenen Rohre, die Einwirkung 
von Phosphoroxychlorid, indem Silberchlorid und Phosphoroxy- 



- 357 — 

fluorid gebildet werden; Silicinmchlorid verwandelt sich unter 
dem EJinflusse von SUberfluorid in Siliciumfluorid, und Bortri- 
chlorid wird unter Feuererscheinung in Bortrifluorid übergeführt. 

Auch die früher^*®) schon untersuchte Einwirkung von- 
rotglühendem Platinschwamm auf Phosphorpentafluorid wird 
noch einmal gründlich studiert**^). Moissan findet, daß sich, 
falls die Reaktion in einem selir stark erhitzten Platinrohre 
vorgenommen wird, in dem kälteren Teile der Röhre eine 
kristallinische, an feuchter Luft sehr leicht veränderliche Sub- 
stanz abscheidet, die voraussichtlich der von Schfi tzenberger^") 
entdeckten Verbindung PtClajPClj entspricht, aber in analysen- 
reinem Zustande nicht erhalten werden kann. 

Noch eine andere interessante Reaktion klärt der Forscher 
gleichzeitig auf, indem er sich mit der Einwirkung von Phos- 
phorsäureanhydrid auf Flußsäure beschäftigt^"). 

Bailey und Fowler^") hatten im Jahre 1888 gefunden, 
daß Phosphorsäureanhydrid mit Chlorwasserstoff unter Bildung 
von Phosphoroxychlorid und Metaphosphorsäure reagiert, und 
Thorpe^") hatte der Anschauung Ausdruck gegeben, daß dann 
wahrscheinlich auch bei der Einwirkung von Fluorwasserstoff auf 
Phosphorpentoxyd nicht, wie Mall et^*®) angegeben hatte, Penta- 
fluorid, sondern Phosphoroxyfluorid entstehen würde. 

Moissan bestätigt die Vermutung Thor p es, denn beim 
Zusammenbringen von wasserfreier Flußsäure und Phosphor- 
säureanhydrid in einem Metallrohre und bei einer +19,5® 
nicht übersteigenden Temperatur entweicht ein Gas, das alle 
Eigenschaften des Oxyfluorids besitzt. Aus dieser interessanten 
Reaktion folgt, daß man niemals Phosphorsäureanhydrid zum 
Trocknen von Flußsäure verwenden kann, und andererseits 
finden die Resultate von Louyet^*') ihre Erklärung; die wasser- 
freie Flußsäure Louyets enthielt jedenfalls eine bedeutende 
Menge von Phosphoroxyfluorid und besaß deshalb nicht die 
Eigenschaft, Glas zu ätzen. 

In der nun folgenden Abhandlung**^) bespricht Moissan 
die Stellung des Fluors unter den Elementen. An der Hand 
zahlreicher Vergleiche weist er darauf hin, daß Fluor in seinen 
Eigenschaften und Verbindungen bald mit dem Chlor, bald aber 
auch mit dem Sauerstoff Analogien bietet; es ist das reaktions- 
fähigste Element, das wir kennen. Wie sehr hatten Ber- 



— 358 - 

zelius"') und Dumas"*^) recht, als sie das Fluor, ohne etwas 
von seinen Eigenschaften aus unmittelbarer Beobachtung zu 
zu wissen, an die Spitze der Halogene stellten! 

Weiter teilt unser Forscher ^^^) Erfahrungen über die Ein- 
wirkung von Fluor auf Phosphortrifluorid mit. Er füllt das 
Platinrohr, welches ihm schon zur Bestimmung der Farbe des 
Fluors gedient hatte"*), mit reinem Trifluorid und läßt Fluor 
hinzutreten. Er beobachtet^ daß in dem Augenblicke, in dem 
beide Gase aufeinandertreifen, eine gelbgefärbte Flamme, deren 
Temperatur aber nicht sehr hoch zu sein scheint, auftritt, und 
er findet, daß das entweichende Gas au der Luft raucht; 
also bildet sich bei dieser Reaktion Pentafluorid, genau so wie 
Phosphortrichlorid bei der Einwirkung von Chlor in Penta- 
chlorid übergeführt wird. Vollständig gelingt aber auch hier 
die Umsetzung nur, wenn Fluor im Überschusse vorhanden ist. 
Wie eifrig Moissan sich inzwischen weiter mit den 
speziellen Eigenschaften seines Elements beschäftigt hat, ersehen 
wir aus dem Inhalte seiner nächsten Abhandlung „Nouvelles re- 
cheches sur le fluor" "^), in der er alle die seit 1887 erhaltenen 
Resultate, soweit sie das Fluor speziell angehen, zusammen- 
faßt. Mit Hilfe des neuen Apparates"*) konnte Fluor in be- 
liebig großen Mengen dargestellt und seine Einwirkung auf 
zahlreiche feste, flüssige und gasförmige Körper studiert werden. 
Zur Ausführung der Reaktionen dienten teils Platin- oder Fluß- 
spatröhrchen, teils, wenn es sich um Gase handelte, das uns 
nun schon wohlbekannte mit durchsichtigem Flußspat ver- 
schlossene Platinrohr (Fig. 6), an das drei kleinere Platin- 
röhren angelötet wurden; durch das erste 
wurde das Fluor, durch das zweite, dem 
ersten direkt gegenüber angebrachte 
I J I das zu untersuchende Gas eingeleitet; 

I ^ das dritte Röhrchen endlich war am 

^ unteren Ende des Apparates angelötet, 

pj ß um die Entnahme der Reaktionsprodukte 

in bequemer Weise zu ermöglichen. 
Metalloide, Metalle, Metalloid Verbindungen, Chloride, Bromide, 
Jodide, Cyanide, Oxyde, Sulfide, Nitride, Phosphide, Sulfate, Ni- 
träte, Phosphate, Karbonate, Borate, Kohlenwasserstoffe, Alkohole, 
Äther, Aldehyde, organische Säuren, Amine und schließlich so- 






— 359 ^ 

gar Älkaloide hat Moissan auf ihr Verhalten gegen Fluor 
nntersncht. Aus der Fülle der hochinteressanten und für die 
Wissenschaft so wertvollen Ergebnisse kann hier nur ganz 
kurz folgendes erwähnt werden. 

Mit allen Metalloiden, ausgenommen nur Sauerstoff^ Ozon 
und Stickstoff, reagiert Fluor, und zwar meist in außerordent- 
lich energischer Weise. Es verbindet sich mit Wasserstoff schon 
in der Kälte und selbst im Dunkeln; sobald die beiden Ele« 
mente zusammentreffen, entsteht eine sehr heiße Flamme und es 
entweichen Ströme von Fluorwasserstoff: Das erste Beispiel 
dafür, daß sich zwei gasförmige Grundstoffe ohne 
Zufuhr von Energie — Licht oder Wärme — mit- 
einander vereinigen können! Mit Metallen reagiert Fluor 
etwas weniger heftig, weil die sich bildenden Fluoride fest sind 
und der weiteren Einwirkung des Gases ein Ziel setzen. 

Schwefelwasserstoff und Schwefeldioxyd, Chlor-, Brom- und 
Jodwasserstoff werden unter Feuererscheinung zersetzt, Eohlen- 
oxyd und Kohlendioxyd nicht angegriffen, aber Schwefelkohlen- 
stoff und Cyan entzündet. Chloride, Bromide, Jodide und Cyanide 
werden durch Fluor schon in der Kälte zerlegt; zahlreiche Oxyde 
treten mit dem Element in Reaktion, teils schon bei gewöhnlicher 
Temperatur, wie die Oxyde der Erdalkalien, teils erst bei Rotglut, 
wie diejenigen von Eisen, Nickel, Zink und von Blei. Sulfate, Nitrate 
und Phosphate werden meist erst bei Rotglut verändert; auf Kar- 
bonate wirkt Fluor aber zum größten Teile schon in der Kälte ein. 

Organische Verbindungen werden, falls sie viel Wasser- 
stoff enthalten, von dem Elemente mit derartiger Heftigkeit 
angegriffen, daß Entflammung eintritt; infolge dieser Temperatur- 
steigerung ist die Zersetzung vollständig und endet erst mit der 
Bildung von Fluorwasserstoff und von Kohlenstofffluoriden. So 
kommt es, daß sich Kohlenwasserstoffe und ihre Derivate, ebenso 
wie die meisten Alkohole und Äther in Fluor entzünden, während 
organische Säuren, namentlich wenn sie kompliziertere Mole- 
küle bilden, schwieriger zerlegt werden. Amine aber und die 
meisten Älkaloide verbrennen lebhaft in dem Gase und ver- 
wandeln sich in flüchtige Produkte. 

f^Par Vensemble de ses caracteres physiques et chimiques, 
le fluor se place nettement en tete de la famille naturelle: fluor^ 
chlarcy brome et jode. 



- 360 - 

„Teiles sollt les proprUtes de ce nouveau corps simple, de 
ce radical des fluorures^ pressenti jmr Ampere et par Hutnphry 
Davy, et que la Chirnie peut enfin compter au nombre de ses 
elernents. 

„Les reactions si- vives exercees par le fluor sur les corps 
simples ou composes, la far/on violeiite avec laqtielle ce gax se 
suhstitiie au chlore, au brome ou ä Viode, son hiergie de com- 
binaison avec Vhydrogene, le silicium et le carbone, noiis de- 
montrent surabondamment qu£ de tous les corps simples isoles 
jusqu'iei le fluor est celui qui posscde les affinites les pluis 
puissantes.^ 

Mit diesen Worten nimmt Moissan für längere Zeit von 
seinem Elemente Abschied. Andere wichtige Probleme der 
anorganischen Chemie sind es, die in dieser Zeit sein Interesse 
und seine Arbeitskraft ganz in Anspruch nehmen; er zeigt 
sich auf anderen Gebieten als bahnbrechender Forscher, aber 
seinem Fluor hat er stets Anhänglichkeit bewahrt. Mögen die 
neuen Fragen noch so interessant sein, mag Moissan seine 
ganze Kraft der Erschließung neuer Gebiete widmen, immer 
kehrt er wieder zu dem Element zurück, das zuerst unter seinen 
Händen erstand! 

Lord Rayleigh und William ßamsay"'*) berichteten 
im Jahre 1895 über einen neuen Bestandteil der atmosphärischen 
Luft, das Argon, und fanden, daß das neue Gas, das sich 
nach allen physikalischen Untersuchungen als Element erwies, 
auf keine Weise chemisch zu reagieren imstande war. Es wurde 
weder von Sauerstoff noch von Wasserstoff unter dem Einflüsse 
elektrischer Entladungen, noch von Chlor, Phosphor, Schwefel, 
Tellur, Natrium, Kalium, Peroxyden, Persulflden, Nitraten, Platin- 
schwamm, Platinmohr, Königswasser, Bromwasser, Kaliumper- 
manganat, naszierendem Silicium oder Brom unter wechselnden 
Bedingungen irgendwie angegriffen. 

Als Moissan von dieser merkwürdigen Trägheit eines 
chemischen Elementes hörte, äußerte er natürlich den Wunsch, 
das Verhalten des Argons gegen den reaktionsfähigsten aller 
Grundstoffe, gegen Fluor, untersuchen zu dürfen. Auf seine 
Bitte übersendet ibm Ramsay 100 ccm des kostbaren Gases, 
und Moissan findet^^^), daß selbst Fluor nicht imstande ist, mit 
dem Argon zu reagieren; beide Stoffe wirken bei gewöhnlicher 



— 361 — 

Temperatur auch unter dem Einflüsse des Induktionsfunkens 
nicht aufeinander ein. 

Die Tatsache, daß Moissan in froheren Abhandlungen 
öfters und nachdrücklich betonte, daß man Fluor unter gewöhn- 
lichem Drucke bis auf —95^ abkühlen könne, ohne an dem 
Oase irgendeine Veränderung zu bemerken, deutete darauf hin, 
daß er sich lebhaft mit dem Gedanken trug, das Fluor zu ver- 
flüssigen. Aus den physikalischen Eigenschaften einer großen 
Menge von organischen und anorganischen Fluorverbindungen 
mußte er schließen, daß die Verflüssigung von Fluor nur bei 
sehr niedriger Temperatur erfolgen konnte; aber damals war 
eine derartige Aufgabe nicht so einfach zu lösen wie heute. Die 
Zeit, da jeder dank den Entdeckungen Karl von Lindes 
über flüssige Luft gebieten kann, war noch nicht gekommen. 
Voll Verlangen, diese Aufgabe gleich erfolgreich anzugreifen, 
wendet Moissan sich an James Dewar, dem unsere Wissen- 
schaft damals schon so viele klassische Untersuchungen auf dem 
Gebiete der niedrigsten Temperaturen verdankte, und im Jahre 
1897 erscheint die erste Abhandlung von Henri Moissan und 
James Dewar über die Verflüssigung des Fluors^"). 

Das zu diesen Versuchen erforderliche Fluor wurde in 
Moissans zweitem Apparate^^®) dargestellt und äußerst sorg- 
fältig von Fluorwasserstoffdämpfen befreit. Zur Verflüssigung 
diente zunächst ein kleiner, aus dünnem Glase angefertigter 
Zylinder, an dessen oberes Ende eine Platinröhre angeschmolzen 
war, die in ihrer Achse ein anderes kleineres Rohr aus 
gleichem Metall enthielt. Der ganze Apparat wurde so an das 
Znleitungsrohr für das Fluor angelötet, daß das Gas durch den 
ringförmigen Raum zwischen den beiden Platinröhren eintreten, 
durch das Glasgefäß hindurchgehen und durch das innere 
Rohr entweichen mußte. Als Abkühlungsmittel wurde zunächst 
flüssiger Sauerstoff angewendet, den man nach dem kurz vor- 
her von Dewar^*®) beschriebenen Verfahren gewann. 

Sobald der Apparat auf die Temperatur von ruhig sieden- 
dem Sauei-stoff (— 183^) abgekühlt worden war, wurde das Fluor 
hindurchgesandt; das Gas verflüssigte sich unter diesen Be- 
dingungen zwar nicht, büßte aber seine chemische Reaktions- 
fähigkeit ein, denn es griff das Glas bei der niedrigen Tem- 
peratur nicht mehr an. Wenn aber durch Evakuieren der Sauer- 



- 362 - 

Stoff zum lebhaften Siedeu gebracht wurde, begann das Flnor 
sich zu verdichten, und sobald man das Gasableitungsrohr, am 
die Luft abzuhalten, dann mit dem Finger verschloß, f&Ute sich 
das Glasgefäß mit einer hellgelb gefärbten, äußerst beweglichen 
Flüssigkeit an, deren Farbe an diejenige von Fluor bei 1 m Dicke 
erinnerte. Nach diesem ersten Versuche würde sich Fluor also 
bei etwa —185** verflüssigen lassen. 

Nahm man das Glasgefäß aus dem flüssigen Sauerstoff 
heraus, so begann die gelbgefärbte Flüssigkeit zu sieden, ood 
entwickelte große Mengen eines Gases, das alle die bekannten 
energischen Reaktionen von Fluor zeigte. 

Zu den weiteren Versuchen "^) wenden Moissan und Dewar 
ein dem eben beschriebenen ähnlichen Verflüssigungsapparat an, 
eine Glaskugel, an welche die Platinröhren angeschmolzen sind; 
letztere tragen jetzt je einen Schraubenhahn, mit Hilfe dessen 
man im gegebenen Augenblicke die Verbindung mit der atmo- 
sphärischen Luft oder mit dem Fluor aufheben kann. Der kleine 
Apparat wird in flüssige Luft getaucht, die Dewar selbst 
bereitet, und nun, beim Siedepunkte der Luft unter gewöhn- 
lichem Drucke, verflüssigt sich das Fluor sofort. Wieder ein- 
mal hat Moissan sein Ziel im vollsten Umfange erreicht! 

In Gemeinschaft mit Dewar studiert er nun auch sogleich 
die Eigenschaften des flüssigen Fluors ^^^). Es wird gefunden, 
daß Fluor nahe bei — 187<* siedet, sich aber bei — 210* noch 
nicht zum Erstarren bringen läßt, daß die Flüssigkeit kein Ab- 
sorptionsspektrum liefert, nicht magnetisch ist, das spezifische 
Gewicht von etwa 1,14 und eine geringere Kapillaritätskonstante 
besitzt als flüssiger Sauerstoff; besonders bemerkenswert ist, 
daß der Brechungsexponent des flüssigen Fluors demjenigen des 
Bernsteins (1,55) sehr naheliegt, was sich nicht erwarten ließ, 
da die Atomrefraktion des Fluors in seinen Verbindungen den 
kleinsten Wert von allen Elementen aufweist. 

Flüssiges Fluor reagiert bei —210® mit Wasser, Queck- 
silber und Jodiden nicht mehr, und auch Silicium, Bor, Kohlen- 
stoff, Schwefel, Phosphor und fein verteiltes reduziertes Eisen 
können, falls man sie vorher in flüssigem Sauerstoff abgekühlt 
hat, bei dieser Temperatur mit Fluor zusammengebracht werden, 
ohne zu erglühen. Wenn aber auch bei diesen mit Hilfe von 
flüssiger Luft erreichbaren Temperaturen die chemische Affinität 



- 363 



des Fluors bedeutend abgenommen hat, die Reaktionsfähigkeit 
des Elementes ist doch noch nicht ganz verschwunden: flüssiges 
Fluor vereinigt sich noch bei — 210<* vollständig unter starker 
Wärmeentwicklung und Lichterscheinung mit Wasserstoff und 
wirkt auf gefrorenes und auf —210® abgekühltes Terpentinöl 
noch immer unter lebhafter Feuererscheinung und Abscheidung 
von Eohle explosionsartig ein. 

Im Jahre 1899 macht uns Moissan^**) mit einem neuen, 
außerordentlich brauchbaren Apparate zur Darstellung des Fluors 
bekannt 

Bisher hatte er ausschließlich mit Platinapparaten gear- 
beitet und immer beobachtet, daß die Elektrolyse erst regel- 
mäßig vor sich ging, nachdem das Material der Elektroden und 
des Gefäßes selbst angegriffen worden war und eine gewisse 
Menge von Platin sich in der Flußsäure gelöst hatte; der sehr 
kostspielige Apparat wurde infolgedessen ziemlich rasch abge- 
nützt und unbrauchbar. Da der Forscher sich ja nicht nur persön- 
lich mit dem Studium des Fluors beschäftigte, sondern auch durch 
seine Schüler zahlreiche Untei*suchungen ausführen ließ, suchte er 
festzustellen, ob sich das Platin nicht vielleicht durch ein anderes 
Metall ersetzen ließe. Seine Wahl fiel auf Kupfer, das von 
allen Metallen, die er untersuchte, von völlig wasserfreier Fluß- 
saure am wenigsten angegriffen wird. 

Er ließ ein kupfernes U-Rohr von ungefähr derselben Form 
wie das Platinrohr anfertigen (Fig. 7), das ein etwas größeres 
Volumen besaß, 300 ccm In- 
halt hatte und 200 ccm Fluß- 
säure, die durch Zusatz von 
50 g Ealiumfluorhydrat lei- 
tend gemacht worden war, 
bequem der Elektrolyse zu 
unterwerfen gestattete. Ver- 
schlossen wurde der Apparat 
wie die früheren mit Fluß- 
spatstopfen; die Elektroden 
aber erhielten eine andere 
Form, indem hohle, aufge- 
spaltene Zylinder verwendet 
wurden, die eine größere Fig. 7. 



im, rrn , 



*^ 




^ 364 - 

Oberfläche und damit auch die Aussicht auf eine größere Ansbeate 
boten. Als Elektrodenmaterial mußte Platin beibehalten werden; 
Kupfer zu verwenden war nicht möglich, da es sofort bei Be- 
ginn der Elektrolyse gelöst wird und auf der Anode eiDen 
den Stromdurchgang hindernden Überzug von Kupferfluorid 
bildet. Dagegen geht, wenn das Gemenge von Flußsäure und 
Kaliumfluorhydrat vollständig wasserfrei ist, die Elektrolyse 
mit Platinelektroden in einem kupfernen Apparate sehr gut von 
statten, ohne daß das Gefäß angegriffen wird; vermutlich bildet 
das Fluor, welches nach kurzer Zeit in der Flußsäure gelöst 
enthalten ist, an der Oberfläche des Kupfers eine dünne Schicht 
von Kupferfluorid, das, in Flußsäure unlöslich, die Metallwand 
gegen eine weitere Einwirkung des Elementes schützt. Mit 
diesem neuen Kupferapparat lassen sich selbst bei Versuchen, die 
mehrere Stunden hindurch fortgesetzt werden, sehr gute Aus- 
beuten erzielen ; ein Strom von 15 Amp. und 50 Volt liefert in 
der Stunde ungefähr 5 Liter, ein Strom von 20 Amp. und 50 Volt 
sogar bis zu 8 Liter Fluor. 

Moissan hatte bereits im Jahre 1891 nachgewiesen"^), 
daß Fluor durch Wasser bei gewöhnlicher Temperatur unter 
Bildung von Fluorwasserstoff und Entwicklung von ozonisieilem 
Sauerstoff zersetzt wird; er hatte auch darauf aufmerksam ge- 
macht ^^*), daß das Ozon, welches bei der Einwirkung einer 
Spur Wasser auf viel ,Fluor entsteht, so konzentriert ist, daß 
es eine schöne blaue Farbe besitzt. Diese Versuche können 
jetzt wiederholt und messend verfolgt werden, da der neue 
Kupferapparat gestattet, größere Mengen von Fluor in kontinuier- 
lichem Betriebe zu erzeugen. 

Moissan"*) leitet ein großes Volumen Fluor durch laine kleine 
mit Wasser von 0^ angefüllte Waschflasche, fängt das gebildete 
Gas in einen Glasballon auf und konstatiert durch Titration, daß 
der Ozongehalt des Gasgemenges ziemlich konstant 14,39 Volum- 
prozente beträgt. Die Ozonmenge ist also ziemlich bedeutend, 
in Wirklichkeit aber- noch viel größer, als sich aus den Analysen 
ergibt, weil die Verdrängung der Luft aus dem Glasballon ziem- 
lich lange Zeit erfordert, während welcher das konzentrierte 
Ozon zerfällt. Von großem Einflüsse auf den Ozongehalt des ent- 
wickelten Sauerstoffs ist andererseits auch die Geschwindigkeit, 
mit der das Fluor durch Wasser geleitet wird. Bei Moissans 



— 365 — 

Versuchen betrug sie drei Liter in der Stunde. Je lebhafter 
der Fluorstrom ist, um so reichlicher bildet sich Ozon, voraus- 
gesetzt, daß das Wasser während der ganzen Dauer des Ver- 
suches auf 0** abgekühlt bleibt. Bei verschiedenen Verauchen. 
bei denen die Geschwindigkeit des Fluorstromes geringer war 
als drei Liter in der Stunde, schwankte der Ozongehalt des 
Sauerstoffs zwischen 10 und 12 Volumprozent, und er wurde 
noch viel geringer, wenn das zur Zersetzung dienende Wasser 
nicht auf 0® abgekühlt wurde. 

Die schon erwähnte Beobachtung ^••), daß Fluor bei einer 
Temperatur von — 187^ Glas nicht angreift, gab Moissan 
Veranlassung, eine interessante, experimentell meisterhaft durch- 
geführte Untersuchung über die Einwirkung von Fluorwasser- 
stoff und von Fluor auf Glas anzustellen"'). Zunächst stellt 
er die Angaben von Louyet"®) und von Gore"'), daß wasser- 
freie Flußsäure Glas nicht angreife, richtig, und dann beweist 
er durch zahlreiche Versuche, daß Fluorwasserstoit unter allen 
Umständen, auch wenn er noch so sorgfältig von den letzten 
Spuren Wasser befreit ist, auf das Glas einwirkt. Dieser 
Punkt mußte nun bei den gleichen mit Fluor selbst angestellten 
Versuchen gebührend berücksichtigt werden, denn es konnte 
wohl möglich sein, daß das Gas, welches beiMoissans früheren 
Untersuchungen stets auf Glas einwirkte, trotz aUer Vor- 
sichtsmaßregeln noch Spuren von Fluorwasserstoff enthalten 
hatte. Schon die ersten neuen Versuche beweisen, daß dies wirk- 
lich der Fall gewesen war. Mit großer Sorgfalt wird das im 
neuen Kupferapparate entwickelte Fluor, nachdem es dem be- 
kannten Reinigungsprozesse "®) unterworfen worden war, auf 
eine Temperatui* abgekühlt, die weit niedriger ist als der Er- 
starrungspunkt von Fluorwasserstoff, und der Verflüssigungstem- 
peratur des Fluors sehr nahe liegt. Moissan leitet nämlich 
das Fluor in ein absolut trockenes Glaskngelrohr, das von 
flüssiger Luft umspült wird. Die mit Fluor gefüllten Glas- 
kugeln werden an den Einschnürungen mit Hilfe einer Gebläse- 
flamme abgeschmolzen und aufbewahrt: nach zwei Wochen hat 
das Glas dieser Kugeln noch denselben Glanz wie vorher. 
Völlig, reines Fluor ist also ohne Wirkung auf Glas! 
Bricht man die Spitze einer dieser Glaskugeln unter Queck* 
Silber ab, so steigt ein wenig von dem flüssigen Metall in die 



- 366 - 

Kapillare anf; an der Oberfläche des Quecksilbers bildet sich 
eine kleine Schicht von Fluorid, das dann die weitere Ein- 
wirkung aufhält. So kann reines Fluor beliebig lange über 
Quecksilber in Glasapparaten aufbewahrt werden, vorausgesetzt, 
daß das Häutchen des Metallfluorids nicht zerstört wird ; schüttelt 
man aber die Glaskugel, so wird das reine Fluor von dem 
Metall nach und nach vollständig absorbiert, die Engel füllt 
sich mit Quecksilber, das Glas aber bleibt unversehrt. Haftet 
dagegen auch nur die geringste Spur von Feuchtigkeit oder 
von organischer Substanz an dem Glase, so wirkt Fluor sofort 
bei gewöhnlicher Temperatur darauf ein, denn dann bildet sich 
Fluorwassei*stofi, der das Glas mehr oder weniger rasch an* 
greift. Allzu lange Zeit kann aber auch reines Fluor nicht 
in absolut trockenen Glasgefäßen aufbewahrt werden, ohne daß 
es sich verändert; nach zwei Monaten ungefähr findet man in 
dem Gase neben etwas Sauerstoff auch Spuren von Silicinm* 
fluorid. Der Sauerstoff der Doppelsilikate wird also allmählich 
durch Fluor verdrängt. 

Auf Grund dieser Versuche kann Moissan nun mit 
reinem Fluor auf der Quecksilberwanne in Glasapparaten ar- 
beiten; er kann die Verbrennung von Schwefel, Jod, Brom, 
Silicium und Kohlenstoff in Fluor auf andere Weise, als es 
bisher möglich gewesen war, bewerkstelligen. Die bei diesen 
Reaktionen entstehenden gasförmigen Produkte werden so der 
Untersuchung leichter zugänglich. Wir werden bald sehen, 
welch schöne, neue Ergebnisse diese unerwartete Eigenschaft 
des Fluors unter Moissans Händen zeitigen sollte. 

Kurz nach dieser interessanten Mitteilung veröffentlicht 
er zu Beginn des Jahres 1900 wichtige Versuche über die 
Zusammensetzung von Fluorwasserstoff^'^). 

Bekanntlich hatte Gore*'^) ermittelt, daß dieser Verbindung 
bei 100® die Molekularformel HF zukomme. Dann hatte J. W. 
Mallet "*) die Dampfdichte der wasserfreien Säure bei niedrigeren 
Temperaturen bestimmt und aus seinen Vei*suchen den Schloß 
gezogen, daß das Molekül Fluorwasserstoff bei 30® der Formel 
H2F2 entspräche. Einige Jahre später wiederholten T. E. Thorpe 
und F. J. Hambly*''^) diese Bestimmungen und konstatierten, 
daß die Dampfdichte mit steigender Temperatur abnimmt; 
während sie bei 32® noch 19,87, entsprechend der Molekular- 



— 367 — 

formel H^Fj, beträgt, erreicht sie bei 88,1® nur mehr den 
Wert 10,29. 

Zur Feststellung der Volumenzusammensetzung des Fluor- 
wasserstoffs eignet sich die Synthese der Verbindung nicht, da 
die Vereinigung von Wasserstoff und Fluor allzu heftig erfolgt; 
es muß also ein indirekter Weg eingeschlagen werden. Moissan 
verfährt folgendermaßen. In dem Eupferapparate stellt er 
Fluor dar, fängt das an jedem Pole entweichende 6as in gra- 
duierten Zylindern fiber Wasser auf, zerstört das bei der Ein- 
wirkung von Fluor auf Wasser gebildete Ozon durch Erhitzen 
der Glasröhre, und vergleicht nun das Volumen des Sauerstoffs 
mit dem des gleichzeitig an der Kathode entwickelten Wasser- 
stoffs. — Für eine zweite Versuchsreihe wird der Apparat ver- 
feinert. Der Wasserstoff wird wieder direkt aufgefangen, das 
entweichende Fluor aber durch eine kleine, innen paraffinierte 
und mit Wasser gefüllte Waschflasche geleitet, in der es zer- 
setzt wird; das entstehende Gas passiert ein zur Zerstörung 
des Ozons auf 500® erhitztes Glasrohr und wird in einem gra- 
duierten Zylinder fiber Wasser aufgefangen. Vor dem Vereuche 
werden die Waschflasche und das Glasrohr mit Stickstoff ge- 
fallt; im geeigneten Augenblicke wird der elektrische Strom 
unterbrochen und das gesamte, während des Experiments ent- 
wickelte Fluor mit Hilfe eines neuen Stickstofistroms in die 
Waschflasche und in die sich an diese anschließenden Apparate 
gedrängt. So findet sich in der graduierten Röhre nach Be- 
endigung des Versuches ein Gemenge von Stickstoff und Sauer- 
stoff vor; das Volumen des letzteren wird durch Absoi-ption 
mit alkalischer PyrogalloUösung bestimmt und kann nunmehr 
wiederum mit dem des zu gleicher Zeit entwickelten Wasser- 
stoffs verglichen werden. — Schließlich wird ein Glasrohr, in 
dem ein bekanntes Volumen Fluor über Quecksilber abgesperrt 
ist, vorsichtig in ein Gefäß mit Wasser gestellt; das Queck- 
silber fällt zu Boden, und das eindringende Wasser wird durch 
das Fluor zersetzt. Das Volumen des entstehenden ozonisierten 
Sauerstoffs wird gemessen ; dann wird das Ozon titriert und die 
im Wasser gelöste Flußsäure mit größter Genauigkeit bestimmt. 

Aus allen diesen Versuchen ergibt sich, daß Fluorwasser- 
stoff ans gleichen Volumina Fluor und Wasserstoff besteht, und 
eine einfache Rechnung beweist, daß sich ein Volumen Fluor 



— 368 — 

mit einem Volumen Wasserstoff zu einem doppelt so großen 
Volumen gasförmigen Fluorwasserstoffs vereinigt. In dieser 
Beziehung entspricht Fluor also vollständig den übrigen Ha- 
logenen. 

Im Jahre 1900 veröffentlicht Moissan noch weitere inter- 
essante Untersuchungen über Flnorverbindungen; der neue 
Kupferapparat, der Fluor in großen Mengen lieferte, und die 
schöne Entdeckung, daß man mit reinem Fluor in Glasgefäßen 
arbeiten kann, boten dazu die Veranlassung. 

Bei der Einwirkung von Fluor auf Mangan und auf Mangano- 
chlorid beobachtet Moissan^''*) die Bildung eines Fluorides, 
das er aus Fluor und Manganojodid, die lebhaft miteinander 
reagieren, rein darstellen kann. 

Das neue Produkt bildet weinrotgefärbte Kristalle von 
der Form des Manganojodids, besitzt die Zusammensetzung 
MnFs ^'^^) und erweist sich in allen seinen Eigenschaften als ein 
Perfluorid. Es zerfällt beim Erhitzen für sich oder im Stick- 
stoffstrome in Manganofluorid und freies Fluor, entwickelt mit 
Wasserstoff bei Rotglut Fluorwasserstoff, und wird durch Schwefel, 
Phosphor, Arsen, Silicium, Bor und Kohlenstoff beim Erhitzen 
unter Bildung der entsprechenden gasförmigen oder flüssigen 
Fluoride zerlegt. Mit wenig Wasser reagiert das Perfluorid 
in komplizierter Weise, indem sich sofort ein dunkelrotgefärbter 
Niederschlag abscheidet und eine rotgefärbte Flüssigkeit ge- 
bildet wird, deren Farbe bald in Rosa umschlägt; bei dieser 
Zersetzung bilden sich ein niederes Manganfluorid, ein Mangan- 
oxydhydrat und Flußsäure, die nun ihrerseits je nach dem 
Volumen der Flüssigkeit mehr oder wehiger weitgehend auf 
das Hydroxyd einzuwirken vermag. 

Das Manganofluorid, dessen Bildung bei diesen Versuchen 
mehrfach beobachtet wurde, war wohl schon vor langen 
Jahren von Berzelius"') und von Brunner"®) aus Mangano- 
karbonat und Flußsäure sowie von Röder^''*) durch Zusammen- 
schmelzen von Manganochlorid mit Natriumfluorid und -chlorid 
dargestellt, aber auf seine Eigenschaften hin noch nicht untersucht 
worden. Moissan unterzieht sich dieser Aufgabe gemeinschaftlich 
mit Venturi^®*^). Äußer nach der Methode von Berzelius 
wird das Fluorid durch Einwirkung von gasförmigem oder 
wässrigem Fluorwasserstoff auf Mangan und durch Erhitzen 



- 369 - 

von Manganfluorsilicat im Flaorwasserstoffstrome auf 1000^ dar- 
gestellt; besonders schöne Kristalle werden dadurch erhalten, 
daß eine Schmelze von Manganofluorid und -chlorid langsam 
abgekühlt und mit Wasser und verdfinnter Essigsäure gewaschen 
wird. 

Manganofluorid, MnF^, stellt prächtig rosagefärbte Prismen 
dar und erweist sich chemisch als sehr reaktionsfähig; es wird 
durch Wasserstoff bei 500^ langsam, bei 1000^ ziemlich schnell 
zu Metall reduziert, vereinigt sich mit Fluor zu dem Perfluorid 
MnFj, wird durch Sauerstoff bei 1000® vollständig inMangano- 
manganioxyd verwandelt und bildet mit flüssigem Ammoniak 
die kristallinische Verbindung 3 MnF2,2 NH3, die sich schon bei 
gewöhnlicher Temperatur unter Abspaltung von Ammoniak wieder 
zersetzt. Es wird durch Metalle und viele Metalloide beim 
Erhitzen reduziert, durch Wasser bei längerem Kochen in ein 
Oxyfluorid und Flußsäure gespalten, durch Wasserdampf bei 
1200® bis 1300® in Manganooxyd und durch Schwefelwassei-stoff 
bei derselben Temperatur in kristaHiniscbes, grüngefärbtes 
Manganosulfid umgewandelt 

Mit Paul Lebeau, der seit 1890 als priparateur in 
seinem Laboratorium wirkte und sich unter des Meisters Lei- 
tung zu einem hervorragenden Forscher entwickelt hatte, stellt 
Moissan^^^) im gleichen Jahre noch die bisher vollkommen 
unbekannten Fluorverbindungen des Schwefels dar. 

Bei der unter Feuererscheinung vor sich gehenden Ein- 
wirkung von reinem Fluor auf Schwefel entstehen zwei gas- 
förmige Verbindungen, von denen die eine von wässriger Kali- 
lauge absorbiert, die andere nicht angegrifien wird und so beständig 
ist, daß sie nur durch siedendes Natrium zu zersetzen ist. Es 
zeigt sich, daß dieses letztere Gas, das so unerwartete Eigen- 
schaften besitzt, in guter Ausbeute erhalten wird, wenn man einen 
Überschuß von Fluor anwendet und die geringe Menge des 
nebenbei sich immer bildenden, leichter zersetzlichen Fluorids 
durch Kalilauge entfernt. 

Als Schwefelperfluorid, SF,"*), erweist sich das farblose 
Gas, das geruch- und geschmacklos ist, nicht brennt und bei 
— 55® zu einer weißen kristallinischen Masse erstarrt, die 
wenig oberhalb ihres Schmelzpunktes zu sieden beginnt. Es 
ist eine sehr merkwürdige Verbindung; ein Perfluorid, das sich 

8itsnngri>6richte der phyf.-med. Sos. 39 (1907). 24 



— 370 - 

in seinen Eigenschaften so träge wie Stickstoff verhält und nicht 
die geringste Ähnlichkeit mit den Chloriden des Schwefels besitzt 
Konzentrierte wässrige oder alkoholische Kalilauge, schmelzen- 
des Kaliumhydroxyd und Bleichromat, rot.glflhendes Kupferoxjd 
wirken nicht ein. Wasserstoff, die Halogene, Phosphor, Arsen, 
Bor, Silicium, Kohlenstoff, Kupfer, Silber, Chlorwasserstoff, 
Ammoniak sind bei den höchsten erreichbaren Temperaturen 
nicht imstande, das Gas zu verändern. Es kann bis zur Tem- 
peratur des erweichenden Glases erhitzt werden, ohne zu zer- 
faUen oder das Glas anzugreifen. Durch starke Induktions- 
funken wird es nur teilweise zersetzt. Läßt man den Funken 
durch ein Gemisch von Wasserstoff und Schwefelperfluorid 
schlagen, so scheidet sich auf dem Quecksilber und auf den Ge- 
fäßwandungen ein hellgefärbtes Produkt ab; bei dieser Seak- 
tion bilden sich Schwefel- und Fluorwasserstoff, die sich dann 
unter Mitwirkung des Glases zu Schwefel, Kieselsäure and 
Kieselfluorwasserstoff zersetzen. Schwefel- und Selendampf 
fuhren eine Verminderung des Gasvolumens herbei; Calcium 
und Magnesium reagieren bei Rotglut langsam, und allein darch 
siedendes Natrium wird das Gas unter lebhaftem Erglfihen mit 
großer Geschwindigkeit absorbiert. 

Wenn Fluor und Schwefel in Glasgefäßen aufeinander 
wirken, wird die Reaktion komplizierter; neben dem Perfluorid 
entstehen dann auch Schwefeloxyfluoride, die Moissan und 
Lebeau auf anderen Wegen rein darstellen können. 

Thionylfluorid, SOFg^«^), dessen Existenz Meslans*") vor- 
ausgesagt hatte, bildet sich im unreinen Zustande bei der Ein- 
wirkung von Fluor auf Thionylchlorid und wird dadurch gewonnen, 
daß man Arsentrifluorid und Thionylchlorid in geschlossenen 
Glasröhren eine halbe Stunde auf 100® erhitzt, die Röhren nach 
dem Erkalten auf —80® abkühlt und das sich bei — 35® ver- 
flüchtigende Fluorid über Quecksilber auffängt Das reine Gas 
ist farblos, raucht schwach an der Luft und besitzt einen un- 
angenehmen, erstickenden Geruch wie Phosgen; es zersetzt sieb, 
wenn es vollständig trocken ist, beim Erhitzen in Glasgefaßen erst 
gegen 400® langsam in Siliciumfluorid und Schwefeldioxyd und wird 
durch den Induktionsfunken unvollständig zerlegt, indem etwas 
Fluor in Freiheit gesetzt wird, das sofort mit dem Glase unter Bil- 
dung von Siliciumfluorid reagiert, während gleichzeitig Schwefel- 



- 371 - 

dioxyd entsteht. Wasserstoff wirkt nur auf Thlonylfluorid, wenn 
beide Gase im geschlossenen Rohre erhitzt oder der Einwirkung 
des Induktionsfnnkens ausgesetzt werden; bei dieser Reaktion 
scheidet sich zuerst Schwefel ab^ dann bilden sich kleine Tropfen 
einer ungefärbten, sehr sauren Flüssigkeit, und der Gasrest be- 
steht aus Siliciumfluorid und Schwefelwasserstoff. Natrium zer- 
setzt das Gas in der Nähe seines Schmelzpunktes und absorbiert 
es dabei vollständig; ebenso verhält sich Zinn. Wasser zerlegt 
die Verbindung bei gewöhnlicher Temperatur nur langsam in 
schweflige Säure und Flußsäure. ' Mit Ausnahme der typischen 
Formel hat Thionylfluorid also mit Thionylchlorid nichts gemein. 

Das Sulfurylfluorid, SO2F2, endlich läßt sich, wie Moissan 
und L eb e au ^") zeigen, auf verschiedene Weise gewinnen. Man 
kann Schwefeldioxyd und Fluor dadurch miteinander vereinigen, 
daß man die beiden Gase bei Gegenwart einer glühenden Platin- 
spirale zusammentreten läßt. Man kann Fluor auf feuchten 
Schwefelwasserstoff einwirken lassen, in dem es mit blau- 
gefärbter, sehr heißer Flamme verbrennt; so bildet sich ein 
Gemenge von Schwefelwasserstoff, Siliciumfluorid, Schwefelper- 
fluorid, Thionyl- und Sulfurylfluorid, aus dem letzteres durch 
Behandlung mit Wasser und Eupfersulfatlösung und durch 
darauffolgende Verflüssigung isoliert wird. Man kann schließ- 
lich ein ebenso zusammengesetztes Gasgemenge erhalten, wenn 
man Fluor in einem Glasapparate auf trockenen Schwefelwasser- 
stoff wirken läßt, denn der notwendige Sauerstoff wird von dem 
bei der Einwirkung von Fluorwasserstoff auf Glas entstehendem 
Wasser geliefert. 

Reines Sulfurylfluorid stellt ein farbloses und geruchloses 
Gas dar, das sich schon bei — 52^ verflüssigen, aber erst 
mit flüssigem Sauerstoff zum Erstarren bringen läßt und dann 
bei — 120 * schmilzt. Es wird durch WstSser selbst im ge- 
schlossenen Rohre bei -{-IbO^ nicht angegriffen, langsam von 
wässriger, rascher von alkoholischer Kalilauge unter Zersetzung 
absorbiert und erweist sich in allen anderen Reaktionen als 
äußerst beständige Verbindung. Es gleicht in seinem Verhalten 
dem Schwefelperfluorid, zeigt aber mit Sulfurylchlorid keinerlei 
Ähnlichkeit. 

Jodpentafluorid, das von Oore"®) und später von Mac 
Ivor^") beim Erhitzen von Silberfluorid mit Jod erhalten, aber 

24* 



— 372 — 

keineswegs rein dargestellt worden war, hat Moissan^^^ im 
Jahre 1902 eingehend studiert. 

Wenn Fluor in ein Glasgefäß zu Jod geleitet wird, entsteht 
eine wenig leuchtende Flamme, und die Bildung der neuen Ver- 
bindung geht unter starker Wärmeentwicklung vor sich. 

Jodpentafluorid, JF5, erweist sich als farblose Flüssigkeit, 
die an der Luft stark raucht und auf die Atmungsorgane einen 
heftigen Reiz ausübt; es erstarrt bei -f-S^ zu einer kampher- 
ähnlichen Masse, siedet bei -f-^'^^ ^^^^ Zersetzung und 
wird erst bei etwa 500® unter Abscheidung von Jod zerlegt. 
Chemisch außerordentlich reaktionsfähig, wird das Pentaflnorid 
durch Chlor gelb gefärbt, durch Brom in Jodbromid und 
Bromfluorid, durch Schwefel unter geringer Jodabscheidnng in 
Schwefelperfluorid und Schwefeljodid, durch roten Phosphor 
unter Feuererscheinung, Abscheidung von Jod und Bildung von 
Phosphorpentafluorid zerlegt, und durch Metalle, mit Ausnahme 
von Magnesium, Eisen und Silber, leicht angegriffen. Alle Sili- 
ciumverbindungen reagieren heftig und meist unter Feuer- 
erscheinung mit dieser Verbindung; selbst sehr trockenes Olas 
wird bei gewöhnlicher Temperatur nach und nach angegriffen. 
Die durch Wasser bewirkte Zei*setzung vollzieht sich dagegen 
ruhig, und lediglich unter geringer Temperaturerhöhung bilden 
sich als Beaktionsprodukte Jodsäure und Flußsäure. 

Im Jahre 1898 war James De war"*) wieder ein glänzen- 
des Experiment gelungen. Er hatte Wasserstoff in größeren 
Mengen verflüssigen können und gefunden, daß der Siedepunkt 
der farblosen Flüssigkeit bei — 252,5® liegt. Man war also 
dem absoluten Nullpunkt sehr nahe gekommen. Luft wurde in 
flüssigem Wasserstoff sofort fest, — sollte es mit dem Fluor 
nicht ebenso bestellt sein? 

Noch einmal vereinigen sich Moissan und Dewar zu ge- 
meinsamer Arbeit"®). Absolut reines und trockenes Fluor wird 
in eine Glasröhre eingeschlossen und mit flüssigem Wasserstoff 
gekühlt; fast sofort verwandelt sich das Qas in eine Flüssig- 
keit und schon nach wenigen Augenblicken in eine gelbgefärbte, 
feste Masse, die nach einiger Zeit bei der tiefen Temperatur eine 
weiße Farbe annimmt. Zahlreiche weitere Versuche zeigen, daß 
Fluor bei —210® noch flüssig bleibt, und daß der Schmelz- 
punkt des festen Fluors sehr nahe bei — 223® liegt. 



— 373 — 

Nun ist noch eine Frage za entscheiden: Ist festes 
Fluor imstande, chemisch zu reagieren? Als Moissan und 
De war festes Fluor bei —252,5-^ mit flüssigem Wasserstoff 
zusammenbringen, da erfolgt eine heftige Explosion, die von 
einer derartigen Wärmeentwicklung begleitet ist, daß die ganze 
Masse erglfiht und der Wasserstoff sich entzündet; von dem 
Glasrobr, in dem die Beaktion vor sich ging, und von dem 
doppelwandigen Gefäß, in dem sich der zur Kühlung verwandte 
flüssige Wasserstoff befand, blieb nichts übrig als ein Pulver. 
So reagiert Fluor bei —252,5^ d. h. 20,5® über dem ab- 
solnten Nullpunkt, bei dem kein Stoff mehr chemische 
Affinität äußern soll! 

Im Anschluß an diese Entdeckung nehmen Moissan und 
Dewar^**) noch einmal das Studium der Reaktionen des 
flüssigen Fluors bei — 187«^ auf. 

Jod, Sauerstoff, Tellur, Stickstoff, Antimon, die verschie- 
denen Modifikationen von Kohlenstoff, kristallisiertes Silicium, 
amorphes Bor, Kaliumferrocyanid, Arsentrioxyd, Kieselsäure, 
Borsäureanhydrid, Calciumcarbid, Jodoform, Zucker, Mannit, 
Morphin, sie alle reagieren mit flüssigem Fluor nicht; aber 
Schwefel bildet unter Feuererscheinung Schwefelperfluorid, Selen 
wirkt unter heftiger Explosion ein, roter Phosphor und Arsen 
reagieren unter Entzündung und Bildung der Fluoride, Natrium 
überzieht sich bald mit einer dünnen Schicht von Natriumfluorid, 
Kalium wirkt anfangs nicht, nach einigen Sekunden aber unter 
lebhafter Explosion ein, Calciumoxyd gerät ins Glühen, und 
kristallisiertes Anthracen bewirkt eine heftige Reaktion, die 
mit Explosion und Abscheidung von Kohle endet. Auch festes 
Methan reagiert, wie Moissan und Chavanne"^) im Jahre 
1905 noch zeigen, mit flüssigem Fluor bei — 187® unter heftiger 
Explosion. 

jfNotis vayatis donc, qu\i de tres basses temperaturesy Vafft- 
ivitö 86 maintient lorsque Von s'adresse ä des reactions aussi 
^ergiques qtce Celles fournies par le fluar ati contact des corps 
sifnples ou compos^^.^ 

Wie bereits erwähnt wurde ^®*), hatte Moissan im Jahre 
1889 für die Dichte von Fluor im Mittel den Wert 1:26 ge- 
fanden, während sich aus der Dichte des Wasserstoffs und dem 
Atomgewicht des Fluors die Zahl 1,316 bezw. 1,314 berechnet. 



- 374 - 

Aas dieser Tatsache und aus eigenen anderen Versuchen hatte 
Bohuslav Brauner"*) gefolgert, daß das bei der Elektrolyse 
entstehende Fluor neben den Molekülen F2 eine gewisse Anzahl 
freier Fluoratome F enthalte. Im Jahre 1904 wiederholt 
Moissan"*) mit dem reinsten Fluor, das ihm zur Verfügung 
steht, seine früheren Bestimmungen mit Hilfe eines neuen 
Apparates und erhält im Mittel von vier, mit größter Sorgfalt 
ausgeführten Versuchen die Zahl 1,31. Die Gegenwart freier 
Atome im gasförmigen Fluor ist demnach ausgeschlossen. 

Dann stellt er"*) im Jahre 1904 noch einmal die Ver- 
bindungen, mit denen er seine Studien über das Fluor be- 
gonnen hatte, die Fluoride von Phosphor, Bor und Silicium, im 
reinsten Zustande dar und ermittelt ihre wichtigsten physika- 
lischen Eigenschaften. 

Über zwanzig Jahre sind verflossen, seit der Forscher 
diese Fluoride zum ersten Male untersucht hatte. Wieviel wert- 
volle neue Hilfsmittel sind in diesen zwanzig Jahren für die 
Experimentalchemie geschaffen worden, und Moissan, der selbst 
den größten Anteil an der Vervollkommnung dieser Hilfsmittel 
hatte, verwendet sie alle in eigenartiger, genialer Weise. 

Eine von ihm kurz vorher entdeckte neue Methode"') zur 
Reindarstellung von Oasen gestattet, die gasförmigen Fluoride 
absolut rein und trocken Zugewinnen; verflüssigte Gase stehen 
in beliebiger Menge zur Verfügung, und alle Temperaturen werden 
auf thermoelektrischem Wege gemessen; die Zeiten, da MoissaD 
sich auf mehr oder weniger zuverlässig gearbeitete Thermometer 
verlassen mußte, sind vorbei. 

So findet er, daß Phosphortrifluorid, aus Bleifluorid und 
Kupferphosphid bereitet, bei — 160^ schmilzt und bei —95' 
siedet, daß Phosphorpentafluorid, gewonnen aus Arsentriflaorid 
und Phosphorpentachlorid, beim Abkühlen zu einer weißen, 
flockigen Masse erstarrt, die bei —83® in eine farblose, Glas 
nicht angreifende und bei —75® siedende Flüssigkeit ver- 
wandelt wird, und daß Phosphoroxyfluorid, das er wieder aus 
wasserfreiem Zinkfluorid und Phosphoroxychlorid darstellt, bei 
tiefen Temperaturen eine weiße, kristallinisch aussehende Masse 
bildet, die bei —68® in eine farblose, Glas ebenfalls nicht 
angreifende und bei — 40 ® siedende Flüssigkeit übergeht. 
Bortrifluorid, durch Erhitzen von Borsäureanhydrid und CalciDffl- 



— 375 — 

fluorid mit konzentrierter Schwefelsäure oder direkt durch 
Einwirkung von Fluor auf reines^ amorphes Bor erhalten, 
schmilzt bei — 127 • und siedet bei — 101 ^ Siliciumtetrafluorid 
endlich, das durch Erhitzen eines Gemisches von Sand und 
Galciumduorid mit konzentrierter Schwefelsäure oder ebenfalls 
durch Einwirkung von Fluor auf kristallisiertes Silicium dar- 
gestellt worden ist, erstarrt unter normalem Drucke bei — 97® 
und verflachtigt sich, ohne in den flttssigen Zustand übei-zugehen. 
Unter einem Drucke von zwei Atmosphären schmilzt die Masse 
aber konstant bei —77*^ zu einer sehr beweglichen und durch- 
sichtigen Flüssigkeit zusammen, die unter einem Quecksilber- 
drucke von 181cm bei —65*^ siedet; die kritische Temperatur 
dieses Fluorids liegt bei — 1,5 ^ und der kritische Druck be- 
trägt 50 Atmosphären. 

Nun haben wir noch der letzten Untersuchung Moissans 
über das Fluor zu gedenken, deren Resultate der Meister ge- 
meinsam mit Paul Lebeau im Jahre 1905 veröffentlicht hat^^®). 
M eis San selbst hatte gelegentlich seiner ersten Versuche be- 
obachtet, daß jede Blase von Fluor in Salpetersäure eine von 
Flammenerscheinnngen begleitete Reaktion verursacht, und daß 
ein Gemenge von Fluor und Salpetersäuredämpfen heftig explo- 
diert; diese Erscheinungen luden zu einer systematischen Unter- 
suchung ein. 

Moissan und Lebeau zeigen zunächst, daß Fluor mit 
Stickstoffperoxyd bei gewöhnlicher Temperatur und mit Stick- 
oxydul selbst bei dunkler Rotglut nicht in Reaktion tritt; läßt 
man den Induktionsfunken durch ein Gemenge von Fluor und 
Stickoxydul schlagen, so reagieren zwar beide Gase miteinander, 
aber Stickstoff-Fluorverbindungen entstehen nicht. Auf Stick- 
oxyd wirkt Fluor dagegen sogleich und unter schwacher Flammen- 
erscheinung ein, nur verläuft die Reaktion, je nachdem Fluor 
oder Stickoxyd in dem Gasgemische vorwiegt, in verschiedener 
Weise. Wenn Fluor auf einen Überschuß von Stickoxyd trifft, 
so entsteht keine flüchtige Stickstoff-Fluorverbindung, denn 
durch die sich entwickelnde Reaktionswärme wird das Stick- 
oxyd zum größten Teile in seine Komponenten zerlegt, und der 
Sauerstoff dient zur Bildung von Stickstoffperoxyd. Bei der 
Einwirkung von Stickoxyd auf überschüssiges Fluor aber ent- 
steht bei der Temperatur des flüssigen Sauerstoffs eine feste 



- 376 - 

weiße Substanz, die sich bei steigender Temperatur in eine 
farblose, leicht verdampfende Flüssigkeit verwandelt. Zu gleicher 
Zeit kondensieii; sich, während Fluor entweicht, in der aaf 

— 80 ^ abgekühlten Röhre eine andere farblose Flüssigkeit, die 
bei geringer Temperaturerhöhung Gasform annimmt 

Das farblose, stark stechend riechende Gas, das die Schleim- 
häute stark angreift, erweist sich als Nitrylfluorid, NOjF; es läßt 
sich zum Erstarren bringen, schmilzt dann bei — 139^ zu einer 
bei — 63,5 ® siedenden Flüssigkeit, und ist durch eine besonders 
große, chemische Reaktionsfähigkeit ausgezeichnet. 

Zwar wirkt es in der Kälte auf Wasserstoif, Fluor, Chlor, 
Schwefel, Selen und Stickstoff nicht, aber von Jod, rotem 
Phosphor, Arsen, Antimon, amorphem Bor, kristallisiertem Sili- 
cium und von den meisten Metallen wird es heftig und fast 
immer unter Feuererscheinung zersetzt. Zahlreiche organische 
Verbindungen werden von diesem Fluorid augegriffen; beteiligt 
sich ja nicht allein das Fluor, sondern auch die Nitrogrnppe an 
allen Reaktionen. 

Das waren die letzten Versuche, die Moissan auf dem 
Gebiete seines Elementes ausgeführt hat. Zahlreiche Probleme 

— wir wissen es aus den gelegentlich in seineu letzten Publi- 
kationen eingestreuten Andeutungen — zu lösen, hatte er sich 
noch vorgenommen, — es sollte ihm nicht mehr vergönnt sein! 



Untersuchungen über das Bor und seine 
Verbindungen. 

Es wurde bereits kurz erwähnt"'), daß Moissan sich 
schon im Jahre 1890, während er noch intensiv über Fluor ar- 
beitete, der Erschließung neuer Gebiete der anorganischen Chemie 
zugewandt hatte. Wir sehen ihn zu jener Zeit eifrig mit einer 
Untersuchung über das Bor und dessen Verbindungen beschäftigt; 
die außerordentlich wichtigen Arbeiten seiner deutschen Fach- 
genossen Ludwig Gattermann*^*^) und Clemens Winkler*") 
mögen zu diesen Studien wohl mit Veranlassung gegeben haben. 

In seiner ersten Veröffentlichung beschreibt Moissan*^') 
die Darstellung und die Eigenschaften des Bortrijodides. 



- 377 — 

El* gewinnt das neue Produkt aaf verschiedeuen Wegen, 
zuerst durch Hindurchleiten eines Gemenges von gasförmigem 
Jodwasserstoff und Bortrichlorid durch ein rotglühendes Porzellan- 
rohr und dann durch Erhitzen von Jod mit amorphem, nach 
dem Verfahren von Wöhler und Sainte-Claire Deville"') 
dargestellten Bor auf 700® bis 800 ^ Mit den so erhaltenen Resul- 
taten nicht recht zufrieden, sucht Moissan noch nach einem 
anderen, bequemeren Darstellungsverfahren und findet es schließ- 
lich am zweckmäßigsten, über amorphes, vorher bei 200® im 
Wasserstoffstrome getrocknetes Bor, das er in einer Kali- 
glasröbre auf dem Verbrennungsofen nahezu bis zum Weich- 
werden des Glases erhitzt, trockenes Jodwasserstoffgas zu leiten. 
So erhält er in der Vorlage durch etwas Jod verunreinigte und 
infolgedessen purpurrot gefärbte Blättchen, die sich aber leicht 
dadurch reinigen lassen, daß man ihre Lösung in Schwefel- 
kohlenstoff mit Quecksilber schüttelt. 

Reines Bortrijodid bildet farblose, bei 43® schmelzende 
und bei 210® ohne Zersetzung siedende Kristalle, die sich 
aber am Lichte sehr leicht verändern, außerordentlich hygro- 
skopisch sind und sich bald zersetzen; bei Rotglut läßt sich 
der Dampf des Jodids entzünden und brennt mit eiuer durch Jod 
stark gefärbten Flamme. Von den chemischen Eigenschaften des 
reinen Produkts ist als besonders interessant zu erwähnen, daß 
es von Wasserstoff bei Rotglut nicht angegriffen wird, im Sauer- 
stoffstrome dagegen mit glänzender Flamme zu Jod und Bor- 
säureanhydrid verbrennt, mit geschmolzenem Schwefel und mit 
Phosphor lebhaft, mit Metallen aber nur sehr träge oder gar 
nicht reagiert. Silberfluorid bewirkt schon in der Kälte Erglühen 
und Bildung von Silberjodid, während heftige Ströme von Bor- 
flaorid entweichen. Durch Wasser wird das Jodid glatt in 
Borsäure und Jodwasserstoff, durch absoluten Alkohol in Bor- 
säure und Äthyljodid und durch Äther in Borsäureäthylester 
und Äthyljodid zerlegt. 

Weitere Versuche*®*) lehren, daß das reine Bortrijodid 
ein außerordentlich wirksames Mittel zur Übertragung von Jod 
ist. Läßt man das Produkt auf Chloroform einwirken, so erhält 
man Jodoform und Bortrichlorid. Phosphor und Bortrijodid, 
beide in Schwefelkohlenstoff gelöst, reagieren miteinander unter 
Bildung eines rötlichgefärbten Pulvers, dass rasch getrocknet 



- 378 - 

and im Vakuum erhitzt, etwas Phosphor und Phosphoniumjodid 
abgibt und einen farblosen Räckstand von Borphosphid liefert; 
letzteres kann auch bei Rotglut nicht geschmolzen werden und 
wird durch konzentrierte Salpetersäure nicht verändert, durch 
Wasserdampf aber in Phosphorwasserstoff und in Borsäure 
zerlegt. 

Ganz besonders wertvoll ist die Beobachtung, daß Bor- 
trijodid mit Kohlenstofitetrachlorid in einer bei 80® bis 90* 
glatt verlaufenden Reaktion neben Bortrichlorid das bisher nur 
zweimal und auf viel umständlicherem Wege dargestellte Kohlen- 
stofftetrajodid liefert. G. Gustavson^®*) hatte dieses Produkt, 
das Tetrajodmethan CJ^, bei der Einwirkung von Aluminium- 
jodid und H. Spindler^®') bei der von kristallisiertem Cal- 
ciumjodid auf Eohlenstofftetrachlorid erhalten. Die Verbin- 
dung wird nun nebenbei gründlich untersucht. Moissan ge- 
winnt prächtig rubinrotgefärbte, mehrere Millimeter lange 
Kristalle, die sich — und zwar auch bei Gegenwart vonpulver- 
förmigem Silber — im Vakuum unzersetzt sublimieren lassen, 
durch Wasserstoff bei 140® in Jodoform und Jodwassei-stoff, 
durch trockenes Chlor in Chlorjod und Kohlenstofftetrachlorid 
zerlegt und von Sauerstoff, Schwefel, Phosphor, von den Alkali- 
metallen, von Silber, Quecksilber und Chromsäurelösung schon 
in der Kälte angegriffen werden. Silberfluorid verwandelt das 
Tetrajodid bei 50® in Kohlenstofftetrafluorid, dass sich im regel- 
mäßigen Strome entwickelt. Moissan hat also mit dieser Ent- 
deckung eine neue, elegante Methode geschaffen^ nach der die 
letztgenannte Verbindung*®') leicht und in sehr reinem Zustande 
dargestellt werden kann. 

Setzt man die Kristalle des Tetrajodmethans im Vakuum 
dem Sonnenlichte oder dem diffusen Tageslichte aus, oder er- 
wärmt man sie auf 120®, oder läßt man ihre Lösung in Schwefel- 
kohlenstoff mit Natiium, Quecksilber oder Silber in Berühi-ung, 
so wird Jod abgespalten, und es bilden sich glänzende, blaß- 
gelbgefärbte Nadeln von Tetrajodäthylen CgJ^*^®), die sich durch 
langsame Sublimation im Vakuum bei 100® bis 120® z. T. in 
hexagonalen, stark lichtbrechenden Tafeln erhalten lassen. 
Wasserstoff ist auf diese neue Verbindung auch bei 200® ohne 
Einwirkung; Chlor und Brom werden in der Wärme ohne Ab- 
scheidung von Jod unter Bildung von Chloro- oder Bromojodiden 



— 379 — 

addiert; beim Erhitzen im Sauerstoffstrome schmilzt die Ver- 
bindung zunächst und zersetzt sich dann in Jod und Kohlen- 
stoff, welch' letzterer verbrennt; Schwefel reagiert erst bei einer 
110® fiberschreitenden Temperatur, indem Jod entweicht und 
Schwefelkohlenstoff entsteht; schmelzender Phosphor ist ohne 
Einwirkung. Auch gegen Oxydationsmittel, wie Chromsäure 
und Salpetersäure, ist Tetrajodäthylen widerstandsfähiger als 
Tetrajodmethan. 

Bald darauf wird die schon kurz erwähnte Einwirkung 
von Bortrijodid auf Phosphor eingehender studiert'®*), und 
Moissan kann zeigen, daß sowohl die gewöhnliche als die rote 
Modifikation des Phosphors beim Erwärmen mit dem Jodid 
unter Feuererscheinung reagiert. Das früher schon bei Gegen- 
wart von Schwefelkohlenstoff aus den beiden Komponenten er- 
haltene rötlichgefärbte, amorphe Pulver erweist sich als Bor- 
phosphordijodid PBJ^ und wird durch Sublimation im Vakuum 
bei 170® bis 200® in prächtige rotgefärbte Kristalle verwandelt; 
beim Erhitzen im Wasserstoffstrome verliert die Verbindung bei 
160® Jod und geht in ein rotgefärbtes Pulver über, das als 
Borphosphormonojodid PBJ erkannt und durch Erhitzen im 
Vakuum bei 210® bis 250® in orangegelbgefarbten Kristallen 
erhalten wird. Wird dieses Produkt im Wasserstoffstrome auf 
400® bis 500® erhitzt, so wird es jodfrei, indem das Borphosphid 
PB*^®) entsteht, welch' letzteres ein lockeres, kastanienbraun- 
gefärbtes Pulver darstellt, das bei 200® an der Luft unter 
glänzender Feuererscheinang verbrennt und sich im Ghlorgase 
oder beim Aufwerfen auf konzentriei1;e Salpetersäure entzündet. 
Es geht in einer Atmosphäre von Wasserstoff bei 1000® unter 
Verlust von Phosphor in das Borphosphid P3B5 über. Dieses 
bildet eine braungefärbte rissige Masse, die viel beständiger 
ist, auf Salpetersäure nicht verbrennt und sich nur sehr schwer 
beim Erhitzen im Sauerstoffstrome oder im Chlorgase ent- 
zündet *^^). 

Jetzt wendet sich Moissan der Gewinnung von amorphem 
Bor*^^) zu, das rein zu erhalten schon vor ihm nicht wenige 
hervorragende Forscher vergeblich versucht hatten ^*^). 

Durch Glühen einer Mischung von gleichen Teilen gepul- 
vertem Borsäureanhydrid und Kalium in einer Röhre von Eisen, 
Kupfer, Platin oder Glas, Auskochen der Masse mit verdünnter 



— 380 — 

Salzsäure, Auswaschen mit Wasser und Trocknen bei gelinder 
Wärme hatten Gay-Lussac und Thfenard*") zum ersten Male 
Bor dargestellt. 

Der Altmeister der anorganischen Chemie, Johann Jakob 
Berzelius*"), ließ gasförmiges Bortrifluorid, das er durch 
Überleiten über kristallisierte Borsäure und über Bleidioxyd 
von Siliciumfluorid und Schwefeldioxyd befreit hatte, auf er- 
hitztes metallisches Kalium einwirken, wobei dieses mit rötlich- 
gefärbter Fiamtne verbrannte und ein Gemenge von Bor und 
Ealiumfluorid lieferte. Außerdem gewann Berzelius Bor noch 
durch Glühen von gleichen Teilen Kaliumborfluorid und Ealium 
oder besser von Natriumboi'fluorid und Natrium. Das Reaktions- 
produkt wurde mit einer Lösung von Ammoniumchlorid aus- 
gewaschen und dann im Wasserstolfstrome geglüht, wobei es 
einerseits Fluorwasserstoff abgab, andererseits kompaktere Form 
annahm ; jetzt konnte es ohne Verluste gründlich ausgewaschen 
und im. Vakuum getrocknet werden. 

Nach einer kurzen Notiz von Dumas^^'), daß das von ihm 
entdeckte Hydrat des Bortrichlorids bei Rotglut in Bor und 
Chlorwasserstoff zerlegt werde, erschienen die gründlichen Ar- 
beiten von Wöhler und Sainte-Claire Deville*"). Diese 
Forscher bereiteten amorphes Bor, indem sie gröblich gepulvertes, 
geschmolzenes Borsäureanhydrid mit Natrium gemengt in einen 
stark glühenden gußeisernen Tiegel brachten, die Masse mit 
Kochsalz bedeckten, den Tiegelinhalt nach beendeter Reaktion 
noch glühend in salzsäurehaltiges Wasser gössen, das gebildete 
Bor abfiltrierten, zuerst mit salzsäurehaltigem, dann mit reinem 
Wasser auswuschen und schließlich bei gewöhnlicher Tempe- 
ratur trockneten. 

Eine zweite Methode, deren sich Wöhler und Sainte- 
Claire Deville bedienten, bestand darin, daß sie Ealiom- 
oder Natriumborfluorid mit Magnesium glühten. Nach diesem 
Verfahren hat dann später auch A. Geuther^^®) gearbeitet**'). 
T. L. Phipson"0) fand 1864, daß auch Borsäureanhydrid 
durch Magnesium zu einer schwarzgrau gefärbten Masse redu- 
ziert werde, die sich in Berührung mit Wasser unter Oxydation 
entfärbe, mit angesäuertem Wasser aber kein riechendes Gas 
liefere. Ludwig Gattermann"^) erkannte es im Jahre 1889 
als zweckmäßiger, nicht Borsäureanhydrid, sondern geschmol- 



- 381 — 

zenen Borax durch Magnesium in einem hessischen Tiegel zu 
reduzieren, das Reaktionsprodukt mit Wasser auszulaugen^ einige 
Zeit mit konzentrierter Salzsäure zu kochen, mit Wasser bis 
zur neutralen Reaktion auszuwaschen und es auf dem Wasser- 
bade zu trocknen. Gemeinsam mit seinem Schttler Henri 
G. C. Maisch^**), durch den er die Versuche fortsetzen ließ, 
konstatierte er, daß das gewonnene graubraun gefärbte Pulver 
zum größten Teil aus Bor bestand, jedoch mit Bornitrid sowie 
durch Magnesiumverbindungen verunreinigt war. 

Zu ganz anderen Resultaten gelangte aber Clemens 
W in kl er "^). Als er die berechnete Menge Magnesium oder 
mehr als diese auf Borsäureanhydrid oder Borax einwirken ließ, 
fand er, daß beim Erhitzen leicht, und beim Borax sogar unter 
Fenererscheinung und Verdampfung von Natrium, Reduktion ein- 
tritt, daß jedoch als Reaktionsprodukt niemals Bor, sondern 
Magnesiumborid von verschiedener Zusammensetzung und von 
verschiedenem Verhalten gegen Säuren resultiert, und daß gemäß 
dem chemischen Charakter des Bors die Reduktion stets von 
der Bildung borsaurer Salze begleitet ist. 

Schließlich ist noch zu erwähnen, daß Hampe***)j nachdem 
er konstatiert hatte, daß geschmolzenes Borsäureanhydrid den 
Strom nicht leitet, bei der Elektrolyse von geschmolzenem Borax 
die Bildung von amorphem Bor beobachtete. 

Moissan^**) beginnt seine Untersuchungen, wie es der 
Lage der Dinge nach nicht anders zu erwarten ist, mit einer 
sorgfältigen Nachprüfung der älteren Methoden und Ergebnisse. 

Nach der Vorschrift von Gay-Lussac und Thenard ar- 
beitend, findet er, daß die Metallröhre, gleichgültig, ob sie aus 
Kupfer, Eisen, Gold oder Platin besteht, stark korrodiert wird, 
und daß das Bor stark verunreinigt ist; es enthält beträchtliche 
Mengen der betr. Metalle, selbst nach wiederholtem Auswaschen 
mit verdünnter Salzsäure noch Kalium und nach dem Trocknen 
über Phosphorpentoxyd immer eine gewisse Menge von Wasser 
und von Wasserstoff. Auch das erste Verfahren von Wöhler 
und Sainte-Claire Deville liefert kein reines Bor, ja nicht 
einmal eine homogene Masse; der Borgehalt des Reaktions- 
produktes schwankt zwischen 50 und 10 ^j^. Die Hauptveran- 
reinignngen des Rohproduktes bestehen aus Eisen- und Natrium- 
borid und einer geringen Menge Borwasserstoff; behandelt man 



— 382 — 

das Präparat oftmals mit siedender Salzsäure, so werden die 
Boride zersetzt, aber ein sehr viel reineres Produkt wird so 
auch nicht erhalten; z. B. konnten in einer dreißigmal mit 
siedender Salzsäure ausgezogenen Masse neben 71,97 ®/o Bor 
13,50^0 Borsäure, etwas Wasserstoff, 5,04 <^/o Eisen, 3,89 Vo 
Natrium und 5,28 ^/q Bornitrid nachgewiesen werden. Schließ- 
lich wird die Methode von Berzelius geprüft; das danach 
dargestellte Präparat enthält ebenfalls Boride, die sich nur 
teilweise durch Waschen mit Salzsäure zersetzen und entfernen 
lassen. 

Alle diese Versuche lehren, daß die Einwirkung eines Alkali- 
metalls auf Borsäureanhydrid mit sehr großer Wärmeentwick- 
lung erfolgt, und daß sich infolge dieser Temperaturerhöhang 
das Bor in statu nascendi mit dem überschüssigen Alkalimetall 
und außerdem mit dem Metall des Gefäßes, in dem die Reak- 
tion sich vollzieht, verbindet. Als eine Gemenge von amorphem 
Bor, Natrium- und Eisenborid, Borwasserstoff, Bomitrid und 
kristallisierter Borsäure wird also das von den älteren Forschem 
bereitete sogen, amorphe Bor erkannt. 

Jetzt versucht Moissan***) durch Elekü'olyse von Bor- 
verbindungen zu der amorphen Modifikation des Elements zo 
gelangen; er bestätigt, daß geschmolzenes Borsäureanhydrid den 
Strom nicht leitet, und findet, daß man es bei der Methode von 
W. Hampe mit genau denselben als unzweckmäßig erkannten 
Verhältnissen zu tun hat wie bei dem Verfahren von Wöhler 
und Sainte-Glaire Deville, denn nicht der Strom, sondern 
das durch ihn primär abgeschiedene Natrium wirkt als Redak- 
tionsmittel. Aber auch seine eigenen neuen Versuche, ge- 
schmolzenes Borsäureanhydrid, das durch Zugabe von 20®/« Borax 
leitend gemacht worden ist, zu elektrolysieren, führen nicht za 
dem gewünschten Ziele; neben Bor wird nämlich unter diesen 
Bedingungen Sauerstoff in Freiheit gesetzt, und in ihm verbrennt 
das kaum abgeschiedene Element zum größten Teile sofort 
wieder unter glänzender Lichterscheinung. 

So war denn nur noch ein älterer Versuch, die Einwirkung 
von Magnesium auf die Sauerstoffverbindungen des Bors, zn 
kontrollieren. Gerade eine solche Untersuchung mußte besonders 
reizvoll sein; ließ sich doch erwarten, daß eine sorgfältige Nach- 
prüfung darüber Aufklärung bringen konnte, daß zwei so ans- 



— 383 — 

gezeichnete nnd bewährte Forscher wie Gattermann und 
Clemens Winkler zu Ergebnissen gekommen waren, die 
scheinbar nicht mit einander in Einklang standen '^^). 

Gleich die ersten Versuche Moissans zeigen, daß beide 
Forscher Recht haben, und daß man es durch Veränderung der 
Magnesiummenge vollständig in der Hand hat, Resultate wie 
Gattermann oder wie Clemens Winkler zu erhalten. 
Denn wenn man nicht wie Letzterer die berechnete Menge 
Magnesium, sondern viel weniger, also einen großen Überschuß 
von Boi*säureanhydrid anwendet, dann besteht, das Reaktions- 
produkt in der Hauptsache aus Bor; daneben bildet sich kristalli- 
siertes Magnesiumborat, das durch Salzsäure leicht entfernt 
werden kann, und femer zwei Magnesiumboride, von denen das 
eine durch Wasser zersetzt, das andere aber weder von Wasser, 
noch von Salpetersäure oder Salzsäure angegriffen wird. Da- 
mit hat Moissan ein Verfahren gefunden, nach dem er zu 
reinem amorphen Bor gelangen kann; er hat nur noch dafür 
zu sorgen, daß sein Präparat auch durch das letztgenannte 
Magnesiumborid nicht mehr verunreinigt wird. Er schlägt 
nunmehr folgenden Weg ein: Außerordentlich sorgfältig ge- 
trocknetes und feinst pulverisiertes Borsäureanhydrid wird mit 
ungefähr Vs der berechneten Menge von chemisch reinem, also 
eisen- und kieselsäurefreiem Magnesiumpulver gemischt und in 
einem bedeckten hessischen Tiegel in einen vorher schon auf 
lebhafte Rotglut erhitzten Perrot sehen Ofen gebracht; nach 
vier bis fünf Minuten geht die Reaktion unter so starker Wärme- 
entwicklung vor sich, daß der Tiegel weißglühend wird. Nach 
dem Erkalten zeigt sich der Tiegel mit einem leicht ablös- 
baren Kuchen angefüllt, der aus zwei Schichten besteht; die 
äußere ist nicht stark und sieht schwarz aus, während die 
innere mehr oder weniger blasig ist, und eine kastanienbraune 
Farbe besitzt. Nachdem die schwarze Schicht vorsichtig ent- 
fernt worden ist, wird die übrig bleibende, braungefärbte Masse 
zunächst mit viel Wasser und mit reiner Salzsäure ausgekocht, 
dann mit Wasser gewaschen, mit einer siedenden lO^/^igen 
alkoholischen Lösung von Ealiumhydroxyd behandelt und wieder 
gründlich mit Wasser gereinigt; jetzt wird der Rückstand in 
einer Platinretorte mit Platinrückflußkühler zehn Stunden mit 
50^/^iger Flußsäure im Sieden erhalten, zum Schlüsse wieder 



— 384 — 

mit Wasser bis zum Verschwinden der sauren Reaktion aus- 
gewaschen und auf Tonplatten im Vakuum fiber Phosphorpent- 
oxyd getrocknet. 

Es war zu hoffen, daß das so erhaltene feine, kastanien- 
braun gefärbte Pulver reines amorphes Bor sein wttrde, umsomehr, 
als sich in ihm keine Spur von Wasser, von Wasserstoff oder von 
Borsäure nachweisen ließ ; aber die Analysen zeigten, daß diese 
Präparate nur zwischen 93,97 und 95,00 ^/^ Bor, dafür aber noch 
2,28 bis 4,05 ^/o Magnesium enthielten. Das Magnesiumborid 
war also noch, nicht vollständig zerstört worden. Um es zn 
entfernen, sieht Moissan nur einen Weg, die erneute Behand- 
lung mit Borsäureanhydrid. Das Pulver also wird mit flber- 
schttssigem Borsäureanhydrid gemischt und nochmals in der eben 
beschriebenen W^eise behandelt. Danach erscheint das Reaktions- 
produkt etwas heller gefärbt, ist aber auch bedeutend reiner, 
denn es enthält nur noch ganz geringe Spuren von Magnesium 
und 98,30 ®/^> Bor. Immerhin ist es noch mit fiber 1^/^ einer 
unlöslichen Substanz behaftet, die sich bei näherer Unter- 
suchung als hauptsächlich aus Bornitrid bestehend erweist. Doch 
auch dessen Bildung kann verhindert werden, indem man den 
von den Verbrennungsgasen herrührenden Stickstoff dadurch 
unschädlich macht daß man den zur Ausführung der Reduktion 
bestimmten Tiegel in einen zweiten Tiegel stellt, der voll- 
ständig mit einem Gemische von Kohle und Titansäure aas- 
gefüttert ist. So erhält Moissan ein Pulver mit einem Gehalte 
von 99,2 bis 99,6 «/^ Bor. Allein auch dieses Präparat ist 
noch nicht rein genug; er findet, daß es noch eine geringe 
Menge von Kohlenstoffborid enthält, das von dem Kohlepnlver 
stammt, sich in der äußeren, schwarzen Schicht des Reaktions- 
produktes befindet und nur schwierig entfernt werden kann. 
Er nimmt daher die Reduktion der Mischung in einem Porzell&n- 
schiffchen und innerhalb einer vollständig stickstoffreien Wasser- 
stoffatmosphäre vor, und nun endlich erhält er amorphes Bor, 
wenn auch in sehr geringer Ausbeute, so doch von größter 
Reinheit. 

Das reine amorphe Bor'^^) zeigt ganz andere Eigenschaften 
als alle die Gemenge, die man früher für amorphes Bor ge- 
halten hatte. Ein hellbraungefärbtes, abfärbendes Pulver vom 
spez. Gew. 2,45, läßt es sich durch starken Druck zusammen- 



- 385 - 

ballen, aber selbst bei der Temperatur des elektrischen Licht- 
bogens nicht znsammenschnielzen; es entzündet sich an der Luft 
bei 700®, verbrennt in Sauerstoff mit außerordentlichem Glänze 
und grünem Lichte und reagiert mit den meisten Metalloiden, 
mit Ausnahme von Jod, Tellur, Phosphor, Arsen und Antimon; 
die Alkalimetalle scheinen sich nicht mit Bor verbinden zu 
können, aber andere Metalle, wie Magnesium, Silber, Platin, 
Eisen und Aluminium, vereinigen sich mit ihm; die Halogen- 
wasserstoffsäuren wirken nur wenig, die Sauerstoff enthaltenden 
Säuren aber sehr energisch ein; Wasserdampf wird bei Botglut 
anter Feuererscheinung, Kohlenoxyd bei 1200®, Siliciumdioxyd bei 
Weißglut zersetzt ; leitet man bei Botglut Stickoxyd über amorphes 
Bor, so erglüht es und verwandelt sich in ein Gemenge von Bomitrid 
nnd Borsäureanhydrid, während Stickstoffperoxyd unter den gleichen 
fiedingungen keine Einwirkung zeigt; Metalloxyde^ mit Ausnahme 
derjenigen der Alkali- und Erdalkalimetalle , können durch 
amorphes Bor leichter reduziert werden als durch Kohlenstoff; 
auch die meisten Salze reagieren bei höherer Temperatur sehr 
energisch; auf verschiedene Metallsalzlösungen wirkt reines 
amorphes Bor reduzierend; so wird Kaliumpermanganatlösung 
entfärbt, Ferrichloridlösung reduziei-t; aus Silbeiiiitratlösung 
werden schöne Kristalle von Silber ausgeschieden und auch 
Platin-, Palladium- und Goldchloridlösungen werden unter Ab- 
scheidung der betreffenden Metalle zei*setzt. 

Amorphes Bor erweist sich also als ein noch stärkeres 
Beduktionsmittel als Silicium und Kohlenstoff, mit denen es aber, 
der Gesamtheit seiner Eigenschaften nach, in nahen Beziehungen 
steht. 

Eine interessan];e Beobachtung — daß sich nämlich die 
Einwirkung von Schwefel auf Bor bei 610® unter glänzender 
Lichterscheinung vollzieht, und daß das dabei entstehende Pro- 
dukt durch Wasser unter Entwicklung von Schwefelwasserstoff 
zersetzt wird — veranlaßt Moissan zu Studien über die Bor- 
sulflde"*). 

Bisher war nur das Trisulfid B^Sj auf verschiedenen Wegen, 
aber wohl kaum jemals chemisch rein dargestellt worden. 
Berzelius^'®) hatte es durch Erhitzen seines amorphen Bors 
mit Schwefel erhalten; Fremy'^^) sowie Skoblikoff und Bad- 
]Qffs32^ konnten dann nachweisen, daß ein ähnliches Produkt 

Sitsongiiberi«hte der phys.-med. Sox. 39 (1907). 25 



- 386 - 

beim Olfihen von Borsänreanhydrid und EienruB, bezw. von 
Boraten im Schwefelkohlenstoffdampfe entsteht; Wöhler und 
Sainte-Claire Deville*") zeigten später, daß das Tiisolfid 
nicht allein beim Znsammenschmelzen von Bleiglanz mit ihi-em 
amorphem Bor, sondern anch bei gelindem Glühen des letzteren im 
Schwefelwasserstoffstrome gebildet würde ; nach diesem letztei'en 
Verfahren gewann dann auch Paul Sabatier'^*) Bortrisulfid 
und ermittelte einige physikalische Eigenschaften der Verbindung. 

Hoissans sehr eingehende Untersuchungen ^^^) zeigen, daß 
man das Trisulfld nach fünf verschiedenen Methoden, durch Ein- 
wirkung von Schwefel auf Bortrijodid bei 440®, durch Erhitzen 
von Schwefel mit reinem amorphen Bor bis auf 1200^ durch 
Einwirkung von reinem und trockenem Schwefelkohlenstoff auf 
Bor bei lebhafter Rotglut, durch Erhitzen der Sulfide von Zinn^ 
Arsen und Antimon mit Bor auf Rotglut und schließlich durch 
Einwirkung von Schwefelwasserstoff auf hellrotglühendes reines 
Bor bereiten kann. Zur Darstellung eignet sich aber eigentlich 
nur das letztgenannte Verfahren, das ein ausgezeichnet reines 
Präparat in theoretischer Ausbeute liefert. 

Reines Bortrisulfid bildet feine, weiße Nadeln, die durch 
Wasser glatt in Borsäure und Schwefelwasserstoff zerlegt werden, 
im Sauerstoffstrome mit grün gefärbter Flamme verbrennen, sich 
mit Schwefel in allen Verhältnissen mischen und mit ihm. z.T. 
eine chemische Verbindung bilden. Wasserstoff, Stickstoff, Phos- 
phor, Kohlenstoff, Jod und Silicium sind ohne Einwirkung, aber 
im Ghlorgase verbrennt das Sulfid zu Bortrichlorid und Schwefel- 
tetrachlorid, die zu einer bei gewöhnlicher Temperatur flüs- 
sigen, bei —23® festen Doppelverbindung zusammentreten; eben- 
so reagiert Brom in der Wärme. Die .Alkalimetalle sowie 
Magnesium und Aluminium zersetzen das Sulfid unter Bildung 
von Metallsulfid, manchmal auch von Borid. Trockenes Am- 
moniakgas wird unter beträchtlicher Wärmeentwicklung absor- 
biert: es bildet sich ein gelbgefärbtes Pulver, das beim Erhitzen 
einen weißen, mit Kalilauge Ammoniak entwickelnden Bück- 
stand hinterläßt. Jodwasserstoff ist ohne Einwirkung, aber 
trockener Chlorwasserstoff reagiert schon bei 400** und bildet 
Bortrichlorid und Schwefelwasserstoff. Viele organische Ver- 
bindungen werden durch das Trisulfid energisch und häufig 
unter Entwicklung von Schwefelwasseratoff zersetzt. 



— 387 - 

Bei der Einwirkung von Schwefel auf dunkelrotglühendes 
Bortrijodid hatte Moissan das Trisulfld erhalten. Als er nun 
weiter*") diese Reaktion dadurch zu vereinfachen sucht, daß 
er die Komponenten in Schwefelkohlenstofilösung mischt, er- 
hält er ebenfalls weiße Kristalle, aber diese werden durch 
Wasser unter Abscheidung von Schwefel, Entwicklung von 
Schwefelwasserstoff und Bildung von Borsäure zersetzt. Es ist 
das Borpentasulfid, das Moissan neu gewonnen hat, aber trotz 
aller Bemühungen niemals vollkommen rein darstellen konnte. 
Die Kristalle unterscheiden sich von den Nadeln des Trisulfids 
besonders dadurch, daß sie sich beim Erhitzen im Vakuum 
schon beim Schmelzpunkte in Schwefel und Trisulfld zersetzen, 
und daß sie durch Silber und Quecksilber leicht in die ent- 
sprechenden Metallsulfide und in Bortrisulfid zerlegt werden. 

In Gemeinschaft mit Henri Gautier bestimmt Moissan*^'') 
schließlich noch die spezifische Wärme des BorS; die zwischen 0® 
und lOO* zu 0,3066 gefunden wird; dieser Wert ist etwas höher 
als derjenige, welchen F. Weber^^^) mit sogen, kristallisiertem 
Bor ermittelt hatte. Aus der Zahl 0,3066 würde sich die Atom- 
wärme 3,3 anstatt 6,4, dem vom Du long- Petit sehen Gesetze 
geforderten Werte, berechnen. 

Wie gründlich Moissan bei seinen Untersuchungen zu Werke 
ging, vermag man besonders auch daraus zu erkennen, daß er 
sich bei der Wahl analytischer Methoden niemals auf das Urteil 
anderer verlassen, sondern die Methoden stets selbst geprüft 
hat, um sich für ein, seinen Wünschen am meisten entsprechendes 
Verfahren zu entscheiden. 

Bei den Studien über das Bor hat er sich der bekanntlich 
gleichzeitig vonTh. Rosen b ladt"*) und von F. A. Gooch"®) 
beschriebenen Methode, die auf der Yei'flüchtigung der Bor- 
säure als Methylester beruht, bedient^ sie aber durch die Kon- 
struktion eines neuen handlichen Apparates zu einem schnell 
und sicher auszuführenden Verfahren umgearbeitet**^). 

Auch mit dem Bor hat Moissan sich noch weiter beschäf- 
tigt; auf die neue Klasse von Borverbindungen, die bei höchsten 
Temperaturen noch beständigen Boride, die er später entdeckt 
hat, werden wir weiter unten zu sprechen kommen*"). 



25^ 



- 388 — 



Die Chemie der hohen Temperaturen. 

Das Ende des Jahres 1892 brachte der chemischen Welt 
eine große Überraschung: in der Sitzung vom 12. Dezember fühi*te 
Henri Moissan den Mitgliedern der Academie des Sciences 
einen neuen, von ihm konstruierten elektrischen Ofen vor*"). 

Alles andere, Resultate über neue, wichtige Untersuchungen 
auf dem Gebiete des Fluors oder weitere interessante Mittei- 
lungen Ober BorverbindungeU; mit denen Moissan sich gerade 
zu jener Zeit eifrig zu beschäftigen schien, hätte man, besonders 
im Auslande, wohl erwartet Und nun ein elektrischer Ofen! 

Aus keiner der vorhergehenden Abhandlungen des Forschers 
vermochte man zu entnehmen, was ihn dazu veranlaßt haben 
konnte, sich auf ein ganz neues, von wissenschaftlichen Inter- 
essen so gut wie nicht berührtes Gebiet zu begeben. 

Nur wenige Eingeweihte kennen den inneren Zusammen- 
hang dieser nepesten Mitteilung mit den früheren Untersuchungen 
Moissans und wissen, daß er sich schon seit Jahren — kurz 
nachdem ihm die Isolierung des Fluors geglückt war — mit 
einer großen Idee trägt und ihrer Verwirklichung mit ganzer 
Kraft nachstrebt. 

Die so außerordentlich große Reaktionsfähigkeit des Fluors 
hatte er dazu verwenden zu können gehofft, amorphen Kohlen- 
stoff in die kristallinische Modifikation, in Diamant, zu ver- 
wandeln^^*), aber alle dahin zielenden Versuche waren erfolglos 
verlaufen. Wohl reagiert Kohlenstoff leicht mit Fluor*"), die 
beiden gasförmigen Verbindungen, die dabei entstehen, zerfallen 
jedoch beim Erhitzen anders, als man hätte erwarten sollen; 
nicht Diamant, sondern amorphe Kohle ist das Zersetzangs- 
produkt. Wie einst bei der Isolierung des Fluors und dann 
bei der Bereitung von reinem amorphen Bor hat Moissan in 
aller Stille Versuch auf Versuch angestellt und Mißerfolg auf 
Mißerfolg konstatiert. Ohne daß die Mitwelt vorläufig etwas 
davon erfuhr, hat er die drei Modifikationen des Kohlenstoff 
einer systematischen Untersuchung unterzogen; er hat ermittelt, 
unter welchen Bedingungen amorphe Kohle, Graphit und Diamant 
ineinander übergehen können; er hat bald erkannt, nament- 
lich als er die von der Natur gelieferten Produkte näher unter- 



— 389 — 

suchen konnte, daß bei der Bildung von kristallisiertem Kohlen- 
stoff der Druck eine große Bolle spielen müsse, und hat zur 
Erzeugung eines sehr hohen Druckes die Volumenvergrößerung, 
die Gußeisen bei seinem Übergange von dem flüssigen in den 
festen Zustand erfährt, benutzt. Dieser Übergang erfolgt bei 1000^ 
aber um viel Kohlenstoff in dem geschmolzenen Eisen auflösen 
zu können, genfigt eine Temperatur von 1000® nicht, dazu be- 
darf es viel stärkerer Hitze. 

So entstand Moissans elektrischer Ofen, mit dem der 
geniale Experimentator ein vollständig neues wissenschaftliches 
Gebiet, die Chemie der hohen Temperaturen, erschloß! Und 
als der erste elektrische Ofen konstruiert war und die Er- 
wartungen, die man auf ihn gesetzt hatte, erfüllte, da tritt 
Moissan mit Feuereifer an die Erforschung des neuen Gebietes 
heran. Unausgesetzt behält er sein Ziel, die künstliche Dar- 
stellung des Diamanten, im Auge, aber gleichzeitig stellt er 
zahlreiche andere Versuche an, und sie alle gelingen. Jetzt 
sind die Zeiten der Mißerfolge vorbei! 

Wohl ahnen die Pachgenossen jener Zeit, daß eine neue 
Morgenröte för die anorganische Chemie angebrochen ist, wohl 
staunt man über die Fülle der neu entdeckten, nie vorausge- 
sehenen Tatsachen, wohl bewundert jeder die unvergleichliche 
Experimentierkunst: aber ein Bild von dem Ziele, dem Moissan 
zusteuert, kann sich niemand aus den zahlreichen, kurz nach 
der Konstruktion des ersten elektrischen Ofens veröffentlichten 
Mitteilungen entwerfen, denn ziemlich planlos erfolgt zunächst 
eine Publikation nach der anderen. Doch was kümmert das 
Moissan? „In einem neu erschlossenen Gebiete vorwärts zu 
dringen, sich nach allen Seiten hin frei zu fühlen und allent- 
halben neue Probleme auftauchen zu sehen^ das schafft ein 
Glücksgeftthl, welches nur diejenigen, die das bittere Vergnügen 
der Forschung kennen, ganz zu würdigen verstehen"^"). 

Wer auch immer die Geschichte Henri Moissans zu 
schreiben unternimmt, erkennt bald die große Schwierigkeit, 
ja die Unmöglichkeit, die Versuchsergebnisse streng chrono- 
logisch an der Hand der Comptes rendus hebdomadaires de 
TAcademie des Sciences zu schildern, weil eben diese kurzen 
Mitteilungen nicht so auf einander folgen, wie die einzelnen 
Untersuchungen ausgeführt worden sind. Bei dem regen Publi- 



- 390 — 

kationseifer Moissans könnte man erwarten, daß Gang der 
Untersuchungen und Reihenfolge der Veröffentlichungen einander 
parallel sind. Das ist aber keineswegs der Fall. So würde es 
kaum möglich oder doch recht mühevoll sein, ein wahres Bild von 
der Entwicklung dieses so überaus wichtigen, neuen Gebietes 
der Chemie zu entwerfen, wenn Moissan nicht selbst dem 
Historiker voi-gearbeitet hätte. 

Er hat nämlich glücklicherweise von Zeit zu Zeit, und 
zwar wieder in den Annales de Chimie et de Physique, die neu 
gewonnenen Resultate so, wie sie zusammen gehören, in um- 
fangreichen Abhandlungen niedergelegt; erst als diese erschienen, 
vermochte man seiner Zeit zu erkennen, wie zielbewußt jedes- 
mal der Meister vorwärts schritt. Durch diese Veröffentlichungen 
sowie durch sein Buch „Le four electrique" hat er, wie auch bei 
seinen Studien über das Fluor durch die zusammenfassenden Ab- 
handlungen und durch sein Buch „Le fluor et ses compos6s^, 
die Aufgabe des Historikers ganz wesentlich erleichtert. 

Der elektrische Ofen. 

Es ist natürlich, daß schon vor Moissan manc^ier bestrebt 
war, die enorme durch den elektrischen Lichtbogen erzeugte 
Hitze für chemische Reaktionen auszunützen. Die meisten diesen 
Zwecken dienenden Apparate waren aber für die Technik kon- 
struiert, und alle waren unhandlich, so daß sie für wissenschaft- 
liche Untersuchungen kaum verwendet werden konnten. Moissans 
elektrische Öfen dagegen sind Laboratoriumsapparate, nicht für 
technische, sondern für wissenschaftliche Zwecke, für einzelne 
Experimente und für methodische Untersuchungen konsti*uiert. 

Sein erstes OfenmodelP*'') bestand aus zwei übei*einander 
liegenden, sich genau deckenden Platten von gebranntem unge- 
löschten Kalk, deren untere mit einer Furche zur Aufnahme der 
beiden Kohleelektroden versehen war und in der Mitte eine 
kleine Höhlung besaß; diese Vertiefung wurde teils als Tiegel 
selbst verwendet, teils wurde ein kleiner, die Substanz enthaltender 
Tiegel auf einer Schicht von Magnesiumoxyd in sie hinein- 
gestellt. Die obere Platte war da, wo sie dem Lichtbogen Raum 
geben sollte, leicht ausgehöhlt (Fig. 8); da der Kalk nach Strom- 
schluß an seiner Oberfläche bald schmilzt, wurde eine glatte 



— 391 



Wölbung erhalten, die die ganze Wärme aaf die kleine Höhlung 
zurfickstrahlt. Die Elektroden, ans möglichst reiner Kohle be- 
reitet, waren durch zwei Schlitten (Fig. 9) vei'schiebbar. 

Moissans erster elektrischer Ofen unterscheidet sich also 
von den früher von Siemens und Hutington, von Cowles, 
von Grabau, von Ächeson und anderen konstruierten da- 
durch, daß die zu erhitzende Substanz nicht mit dem Licht- 




Fig. 8. 




Fig. 9. 

bogen, d. h. mit dem Kohlenstoffdampfe in Berührung kommt. 
„Get appareil est un four dkctruiue ä rdverbh'e avec ölectrodes 
mobiles.^ 

Bei den ersten Versuchen wandte man eine kleine Edison- 
Maschine an, die durch einen Gasmotor von vier Pferdekräften 
betrieben wurde; der Strom, der durch den Ofen ging, hatte 
30 Amp. und 55 Volt, und die Temperatur stieg nicht viel 
über 2250®; bei späteren Versuchen wurden stärkere Ströme 



— 392 - 

und infolgedessen auch größere Apparate angewandt und Tem- 
peraturen von 2500** bis 3000^ erreicht 

Sobald man den Lichtbogen iiberspringen läßt^*^), nitnmt 
man einen sehr starken Blausäuregernch wahr; die geringe 
Menge von Wasserdampf, die sich in den Elektroden vor- 
findet, bildet mit dem Kohlenstoff Acetylen, und dieses vereinigt 
sich 5 wie Berthelot*") bereits nachgewiesen hatte, unter der 
mächtigen Wirkung des Lichtbogens mit dem im Ofen anfangs 




Fig. 10. 



immer vorhandenen Stickstoff zu Cyanwassei'stoff. So ist auch 
das vom Ofen ausgestrahlte Licht zunächst durch die Cyan- 
fiamme prächtig imrpiirrut gefärbt, aber bald verschwindet diese 
Färbung, und bei einem Strome von 360 Amp. und 70 Volt 
beginnen die Elektroden, dei'en AKstaud man soi-gfältig regu- 
lieren muß, schon nach drei bis vier Minuten zu glühen. Kurze 
Zeit darauf achlagen helle Flammen von 40 bis 50 cm Länge 
aus dem Ofen heraus (Fig. 10), umgeben von weißen Dämpfen 
des sich verflüchtigenden Kalks. Mit Strömen von 400 Amp. 
und 80 Volt vollzieht sich das Experiment in fünf bis sechs 



— 393 — 

Minuten, and nnter der Einwirkung eines Stromes von 800 Amp. 
und 110 Volt vermag man in fünf Minuten ungefähr 100 g Kalk 
zu verflflchtigen. 

Beim Beginne des Erhitzens besitzt der Lichtbogen eine 
gewisse Beweglichkeit, aber bald vermehren die Dämpfe die 
Leitfähigkeit; der Strom geht regelmäßig und ohne Geräusch 
hindurch, während die Hitze und das Licht im Ofen außer- 
ordentlich intensiv wird. Hebt man nach der Beendigung des 
Versuchs die obere Ealkplatte ab, so bemerkt man, daß sie 
da, wo die Temperatur des Lichtbogens hat wirken können, 
vollständig geschmolzen ist. Bei Verwendung einer Maschine 
von 50 bis 100 Pferdekräften bilden sich auf dem Deckel oft 
wahre Stalaktiten von geschmolzenem Kalk, der langsam von 
der Wölbung heruntergeflossen und dann bei der Beendigung 
des Versuchs erstarrt ist. Die Leitfähigkeit des ungelöschten 
Kalks ist so gering, daß man diese Kalkplatte nach der Ab- 
stellung des Stromes ruhig anfassen kann. Diese Eigenschaft 
war fürMoissans Versuche sehr günstig, denn sie gestattete, 
die von dem Lichtbogen ausgestrahlte Hitze auf einen möglichst 
kleinen Raum zu konzentrieren. 

Bei dem Arbeiten mit hochgespannten Strömen ist immer 
Vorsicht nötig. Man muß die Zuleitungen und Elektroden 
sorgfältig isolieren, das Gesicht nicht unnötig lange der Ein- 
wirkung des Lichtbogens aussetzen und vor allen Dingen die 
Augen durch sehr dunkle Brillengläser schützen; andererseits 
muß man sich immer daran erinnern, daß bei diesen Arbeiten 
Kohlendioxyd und aus diesem durch die Einwirkung des ver- 
dampfenden Kohlenstoffs beständig große Mengen von Kohlen- 
oxyd entwickelt werden, das im Ofen nur unvollständig ver- 
brennt 

Das erste Ofenmodell hat Moissan zu zahlreichen Versuchen, 
so zur Kristallisation von Metalloxyden **®), zur Darstellung des 
aufquellbaren Graphits ^'^*), zum Beweise für die Leichtflüchtig- 
keit des Platins^"), zum Lösen von Kohlenstoff in Silicium", 
Platin und zahlreichen anderen Metallen 2'*) und auch später 
immer noch verwendet, wenn er die heftige Entwicklung von 
Kohlendioxyd vermeiden wollte; speziell bei der Reindarstellung 
von Metallen^**) hat ihm dieses, sein erstes Modell, vorzügliche 
Dienste geleistet. 



— 394 - 

Die Schwierigkeit aber, besonder im Winter groBe^ homogene 
Kalkplatten zu erhalten, veranlaßten den Forscher bald, als 
Ofenroaterial Galciamkarbonat, das die Natur ja in allen nur 
wünschenswerten Formen und Mengen liefert, und das sich auch 
durch größere Festigkeit auszeichnet, zu verwenden***). 

Der feinkörnige Kalkstein erhielt die Gestalt eines regu- 
lären Parallelepipeds, dessen Größe mit der Intensität des 
Stromes wechselte. Um ein Zerspringen des Materials bei den 
hohen Temperaturen zu verhüten, wurden die Steinblöcke vor- 
her getrocknet und außerdem Ofen und Deckel mit Metallstreifen 
umgeben. Vor dem Trocknen wurde in die Mitte des Blockes 
eine zylindrische Vertiefung gebohrt, die immer viel größer als 
der Tiegel, zu dessen Aufnahme sie bestimmt war, gewählt 
wurde, weil man den Tiegel auf eine Magnesiaschicht stellen 
mußte, um die Bildung von Calciumcarbid zu verhindem. Außer- 
dem erhielt der Block wieder zwei Binnen, in denen die 
Elektroden hin- und hergeschoben werden konnten. Sollten 
Dämpfe von den bei hoher Temperatur schwer flüchtigen 
Stoffen kondensiert werden, so wurde ein innen mit fließendem 
Wasser gekühltes Kupferrohr unter dem Lichtbogen über dem 
Tiegel angebracht. 

Besondere Schwierigkeiten bereitete bei Verwendung von 
sehr starken Strömen die Verbindung der Kabel mit den Kohle- 
elektroden. Moissan verwandte daher Kupferklammem (Fig.ll) 
und sicherte den Kontakt durch ein Metallgewebe, das mehrmals 
fest um die Elektroden gewickelt und plattgedrückt war. 

Wurde mit Strömen von 1200 bis 1400 Amp. und 100 Volt 
gearbeitet, so wurden die Öfen, falls ihre Höhlung nicht sehr 
groß war^ bald unbrauchbar, da der Kalk zusammenschmolz und 
sich verflüchtigte. Moissan bohrte daher in die Mitte des 
Blocks eine genügend große, parallelepipedförmige Höhlung, in 
die er vier dünne Platten aus Magnesia und Kohle so hinein- 
brachte, daß die Magnesia mit dem Stein in Berührung stand, 
die Kohle sich aber im Innern des Ofens befand. Ein solcher 
Ofen kann leicht mehrere Stunden im Betriebe erhalten werden 
und gestattet also, länger dauernde Versuche anzustellen. 

Das Kalksteinmodell diente Moissan dazu, um Silicium- 
und Zirkondioxyd zu verdampfen und zu destillieren, um die 
Verflüchtigung von Kupfer, Aluminium, Gold, Uran, Siliciam 



— 395 - 

und Kohlenstoff zu beweisen, um Silicide, Boride, Carbide u. s. w. 
zu bereiten. Schließlich gelang ihm damit auch zum ersten Male 
die künstliche Darstellung des Diamanten. 




Fig. 11. 

Die Einrichtung dieser Tiegelöfen gestattete wohl, sehr 
große Substanzraengen auf hohe Temperaturen zu bringen, aber 
mau konnte die Einwirkung der den Apparat erfüllenden Gase 
nicht ausschließen. Während der ganzen Dauer der Versuche 
entsteht durch die Zersetzung des Kalksteins Kohlendioxyd, 
das durch die Einwirkung des Elektrodenmaterials zum 
größten Teile in Kohlenoxyd verwandelt wird, und außerdem 
liefert der Wasserdampf, der trotz sorgfältigsten Trocknens 
immer noch in dem Kalkstein eingeschlossen bleibt, regelmäßig 
ein Gemisch von Kohlenoxyd und Wasserstoff. 

Um diese Gase bei gewissen Arbeiten ausschalten zu können, 
hat Moissan"«) einen Röhrenofen (Fig. 12) konstruiert, indem 
er durch das Kalksteinmodell ein Kohlenrohr führt, das senkrecht 
zu den Elektroden steht und 1 cm unter dem Lichtbogen und 
1 cm über dem Boden der Höhlung liegt. Mit diesem neuen 
Modell vermochte er nun stundenlang mit Strömen zu arbeiten, 
die zwischen 300 Amp. und 70 Volt und 1000 Amp. und 
60 Volt schwankten. Der diesen hohen Temperaturen ausgesetzte 
Teil des Kohlenrohres verwandelt sich vollständig in Graphit; 
ist aber die Röhre aus reinem Kohlenstoff sorgfältig unter hohem 
Dnicke bereitet, und kommt sie mit dem Kalk nicht in Berüh- 
rung, so bildet der Graphit einen wahren Filz, und der Durch- 



- 396 - 

messer des Rohres ändert sich nicht merklich. Will man die 
direkte Einwirkung der Kohle auf die zu untersuchenden Sub- 
stanzen vermeiden, so kann man das Bohr mit Magnesia aus- 
füttern, allerdings ist dann der Versuch durch die Verdampfuug 
dieses Oxyds begrenzt. 

So konnte Moissan verschiedene Verbindungen im Stick- 
stoif- oder Wasserstofifstrome mit größter Leichtigkeit schmelzen 
und verflüchtigen; es gelang ihm, mit diesem Modell beim Er- 
hitzen von Silicium in der Kohlenröhre durch direkte Vereinigung 
von Kohlenstoff- und Siliciumdarapf Kohlenstoffsilicid zu erhalten; 
auch später hat er sich dieses Modells, so zur Darstellung von 
Carbiden, von Boriden, Siliciden und Nitriden, bedient. Als 
besonders zweckmäßig erwies sich dieser Ofen in allen den 
Fällen, in denen neue Verbindungen in einem bestimmten 
indifferenten Gase gewonnen werden sollten. 




Fig. 12. 

In dem soeben beschriebenen Apparate war das Kohlenrohr 
in horizontaler Lage angebracht. Dadurch, daß Moissan das 
Rohr um 30 Grad neigte, erhielt er einen kontinuierlich wirkenden 
Ofen, der besonders zur Herstellung widerstandsfähiger Metalle 
vortreffliche Dienste leistete. Wurde das Rohr bis zur Mitte 
mit dem zu reduzierenden Gemisch gefüllt, dann konnte das 
im geschmolzenen Zustande sich abscheidende Metall leicht auf 
der geneigten Ebene abfließen. 

Schließlich hat Moissan"') in Gemeinschaft mit Jules 
Violle für besondere Zwecke noch ein Modell konstruiert. 
Dieser Ofen bestand im wesentlichen aus einem Kohlezylinder, 
in dessen Innerem der Flammenbogen zwischen zwei horizon- 



— 397 — 

talen Elektroden fibersprang. Der Zylinder, dessen Höhe gleich 
seinem Durchmesser war, bestand aus einem Kohlenrohre, 
das unten auf einer Kohlenplatte ruhte und oben von einer 
Kohlenscheibe gleichen Durchmessers verschlossen wurde. Die 




Fig. 13, 




Fig. 14. 



Elektroden wurden durch zwei Öffnungen eingeführt. Der 
Zylinder selbst wurde in einen Kalkstein eingesetzt, der dem 
von Sainte- Ciaire Deville und Debray bei ihren Platin- 
schmelzversuchen verwandten nachgebildet war. Von der Kalk- 
schicht war der auf einer Schicht von Magnesiumoxyd ruhende 
Zylinder durch eine 5 mm dicke Luftschicht getrennt. 



- 398 — 

Moissan und Vi olle ließen zwei verschiedene Öfen her- 
stellen. Der erste (Fig. 13) eignete sich besonders zam Schmelzes 
von strengflQssigen Metallen, wie Chrom und Mangan; er ent- 
hielt auf dem Boden des Zylinders einen kleinen Eohlentiegel, 
in dem sich das Rednktionsgemisch befand. Der zweite 
(Fig. 14) war speziell für kalorimetrische, die Temperatur 
des elektrischen Lichtbogens betreffende Messungen bestimmt; 
der Boden des Zylinders bestand daher aus einer wie eioe 
Schublade beweglichen Platte. An der Anode war ein Eohlen- 
stttck angebracht, das von einem mit gelinder Reibung in 
einer Kohlenröhre gleitenden Kohlenstifte gehalten wurde. Man 
brauchte nur in einem geeigneten Momente an dem Stifte zu 
ziehen, um das in Graphit verwandelte Kohlenstück; wenn es die 
gewünschte Temperatur zeigte, in ein Kalorimeter fallen zu lassen. 

Die erhaltenen Temperaturen schwankten natui*gemäß er- 
heblich mit der Versuchsdauer und mit der Größe des Ofens; 
je mehr man das kalorische Feld einschränkte, um so mehr 
näherte man sich dem mit Hilfe des elektrischen Bogens über- 
haupt erreichbaren Maximum. Mühelos erreichten denn auch 
Moissan und VioUe mit diesem Ofen Temperaturen von mehr 
als 3000^ 

Verhalten von Oxyden und Metallen im elektrischen Ofen« 

Wir haben uns in das Jahr 1892 zurückzuversetzen. 

Der erste blinde Versuch, den Moissan mit seinem 
elektrischen Ofen überhaupt anstellt^ gibt die Veranlassung zu 
Untersuchungen über das Verhalten von Metalloxyden bei hohen 
Temperaturen'^^), denn es zeigt sich, daß der ungelöschte Kalk, 
aus dem der erste Ofen gefertigt ist, sich bei der durch den 
Lichtbogen erzeugten Hitze stark verändert. 

Moissan findet, daß Calciumoxyd schon bei einer 2000^ 
nur wenig überschreitenden Temperatur reichlich zu kristalli- 
sieren beginnt und bei stärkerem Erhitzen zu einer wasserähn- 
lichen Flüssigkeit schmilzt, die beim Abkühlen zu einer kri- 
stallinischen Masse erstarrt; steigert man die Hitze weiter, 
so fängt der Kalk an zu sieden und destilliert dann mit solcher 
Leichtigkeit ab, daß man große Mengen des Oxyds in kurzer 
Zeit vei*flüchtigen kann. 



- 399 — 

Die Oxyde von Baryum und Strontium kristallisieren und 
schmelzen bei^eits bei niedrigeren Temperaturen. Auch Magne- 
siumoxyd liefert unterhalb seines Schmelzpunkts Dämpfe, die 
sich zu glänzenden Kristallen kondensieren; es schmilzt, aller- 
dings schwieriger als Kalk, bei stärkerem Erhitzen und läßt sich 
schließlich mit Strömen von 1000 Amp. und 80 Volt bequem 
und schnell destillieren. Schon H. Rose«*») und später Ditte««^) 
hatten daraufhingewiesen, daß Magnesiumoxyd sich mit steigender 
Temperatur polymerisiert und eine umso größere Dichte besitzt, 
auf je höhere Temperaturen es erhitzt worden war; durch 
Mo is Sans eigene Versuche«"), die er 1894 mit drei ver- 
schieden hoch erhitzten Proben von Magnesia angestellt hat, 
sind diese Angaben vollauf bestätigt worden. 

Aluminiumoxyd ist viel leichter flüchtig, und daher ist es 
erklärlich, daß man früher schon im gewöhnlichen Windofen 
Korundkristalle erhalten konnte; das geschmolzene Oxyd wird 
durch eine Spur Chrom rubinrot gefärbt. 

Borsäureanhydrid und Zinkoxyd verflüchtigen sich im Licht- 
bogen rasch, und Kupferoxyd wird augenblicklich in Sauei-stoff 
und in Kupfer, das abdestilliert, zerlegt. 

Die Oxyde der Eisengruppe, deren Beständigkeit bei den 
sonst erreichbaren Temperaturen Moissan früher selbst*'*) 
nachgewiesen hatte, liefern im elektrischen Ofen geschmolzene, 
mit kleinen Kristallen durchsetzte Massen. 

Titansäure verwandelt sich unter dem Einflüsse eines Stromes 
von 25 Amp. und 50 Volt in schön schwarze, prismatische 
Kristalle eines niederen Oxyds, das durch einen Strom von 
100 Amp. und 45 Volt geschmolzen, dann zersetzt und schließ- 
lich vei-flüchtigt wird. 

Setzt man Zirkonerde der Hitze des elektrischen Ofen aus, 
so schmilzt sie, kommt bei der Einwirkung eines Stromes von 
360 Amp. und 70 Volts zum vollen Sieden und entweicht in 
Form weißer Dämpfe, die sich zu einem weißen, alle Eigen- 
schaften der Zirkonerde besitzenden Pulver verdichten. 

Kieselsäure wird mit einem Strome von 350 Amp. und 
70 Volts fast augenblicklich geschmolzen und nach wenigen 
Minuten auch zum Sieden gebracht; dann entweicht aus dem 
Tiegel ein bläulich gefärbter, leichter Rauch, der zu kleinen, 
in Flußsäure leicht löslichen Kfigelchen kondensiert werden kann. 



- 400 — 

Bei der Verwendung eines Stromes von 1000 Amp. und 50 Volt 
geht die Bildung von Kieselsäuredampf sehr reichlich vor sich"*); 
innerhalb weniger Augenblicke ist der Experimentator von sehr 
leichten Fäden umgeben, die lange in der Luft schweben und 
sich als reine Kieselsäure erweisen. 

So konnte Moissan zeigen, daß die widerstandsfähigsten 
Verbindungen der Mineralchemie im elektrischen Ofen, sei es 
durch Verflüchtigung oder durch Dissoziation, verschwinden. 
Aber er geht weiter, er lehrt jetzt, daß auch Elemente, die 
man bisher für feuerbeständig halten mußte, durch den Licht- 
bogen verflüchtigt oder destilliert werden können. 

Silicium'*^) kann mit einem Strom von 300 Amp. und 
80 Volt leicht verflüchtigt werden; die Kristalle schmelzen im 
Lichtbogen, beginnen dann zu sieden und liefern an den kälteren 
Stellen des Rohres kleine Tropfen von geschmolzenem SiUcium, 
während die Kristalle sich mit blaßgrün gefärbtem, kristalli- 
nischem Kohlenstoffsilicid^^') bedecken. 

Amorpher Kohlenstoff ^••) verwandelt sich unter der Ein- 
wirkung eines Stromes von 370 Amp. und 80 Volt innerhalb 
zwölf bis zwanzig Minuten vollständig in Graphit; an den kalten 
Stellen der Röhre findet man nach Beendigung des Versuches 
dünne, leichte Blättchen, die kastanienbraun gefärbt und durch- 
scheinend sind und im Sauerstoffstrome vollständig zu Kohlen- 
dioxyd verbrennen. Erhitzt man im elektrischen Ofen eine Kohlen- 
röhre '-'•'') mit einem Strome von 2000 Amp. und 80 Volt, so sieht 
man, wie sich das Innere der Röhre bald mit einem schwai*zen, 
leichten Filze bedeckt, der durch die Kondensation von Kohlen- 
stoffdampf entstanden ist; besonders schön ist zu beobachten, 
wie Silicium, in einer Kohlenröhre bei der Temperatur des elek- 
trischen Ofens verdampfend, sich mit dem gleichzeitig von der 
Röhre absteigenden Kohlenstoffdampfe zu einem Silicid^*®) ver- 
einigt. Kohlenstoff geht, ohne vorher zu schmelzen, aus dem festen 
in den gasförmigen Zustand über, und durch Kondensation von 
Kohlenstoffdampf entsteht ausschließlich Graphit; auch Dia- 
mant^^*) verwandelt sich sowohl im Lichtbogen als auch im 
elektrischen Ofen in Graphit. 

Bor*''®) kann im Tiegel des elektrischen Ofens nicht ver- 
flüchtigt werden, da sich unter diesen Umständen sofort ein 
Kohlenstoff borid bildet; bringt man es aber in den Lichtbogen, 



- 4Ö1 - 

so wii'd es rotglfihend and verschwindet, ohne vorher zu schmelzen, 
mit grftn gefärbter Flamme. 

Kupfer*''^) wird in einem Kohlentiegel im elektrischen Ofen 
durch einen Strom von 350 Amp. und 70 Volt rasch verflüch- 
tigt; schon nach einer bis zwei Minuten schlagen hell leuchtende 
Flammen von 40 bis 50 cm Länge an den Elektrodenöffnungen 
heraus, umgeben von Strömen gelb gefärbter Dämpfe von Kupfer- 
oxyd, das von der Verbrennung des Metalls herstammt. Nach 
Beendigung des Versuchs zeigt sich rings um den Tiegel ein 
breiter Kranz von destillierten, geschmolzenen Kupferklümpchen, 
und auf dem kalten Teile des Rohres hat sich reichlich metal- 
lisches Kupfer angesammelt. 

Silber wird im elektrischen Ofen zum vollen Sieden gebracht 
und destilliert dann leichter als Kieselsäure oder Zirkonerde. Man 
erhält in der Hauptsache geschmolzene Kügelchen neben amorphem, 
grau gefärbtem Staub und baumartig verästelten Stücken. 

Platin schmilzt und verflüchtigt sich im elektrischen Ofen 
innerhalb weniger Augenblicke und wird teils in Gestalt kleiner 
glänzender Metallkfigelchen, teils in Staubform wieder vorge- 
funden. 

Erhitzt man Aluminium sechs Minuten lang mit einem Strome 
von 250 Amp. und 70 Volt, so erhält man an den gekühlten 
Stellen des Rohres ein leicht zusammengeballtes, grau gefärbtes 
Pulver, das beim Schütteln mit Wasser kleine Aluminium- 
klümpchen abscheidet. Auch aus den dem Ofen entströmenden 
Dämpfen kann man auf einer Asbestplatte kleine, mit Aluminium- 
oxyd bedeckte Metallklümpchen auffangen. 

Läßt man auf Zinn einen Strom von 380 Amp. und 80 Volt 
einwirken, so entweichen, sobald der Ofen in voller Tätigkeit 
ist, an den Elektroden weiße Dämpfe ; man findet auf dem Rohre 
eine geringe Oxydschicht und daneben Zinn in Form kleiner 
glänzender Kugeln oder als graugefärbtes, faseriges Gewebe ; es 
gelingt außerdem leicht, an dem äußeren Teile des Ofens kleine 
mit Oxyd gemengte Ziunkugeln zu verdichten. 

Qold entwickelt, im elektrischen Ofen mit einem Strome 
von 360 Amp. und 70 Volt erhitzt, reichliche Mengen von grün- 
lichgelb gefärbten Dämpfen. Nach sechs Minuten findet man das 
kalte Rohr mit einem tief dunkel gefärbten, purpurn schimmern- 
den Pulver bedeckt, das sich unter dem Mikroskop als aus 

SteiiiigBberiolite der phyi.-med. Sos. 39 (1907). 26 



- 402 - 

kleinen regelmäßigen Goldtropfen bestehend erweist; auf der 
zur Kondensation der Dämpfe dienenden Asbestplatte haben sich 
an der am stärksten erhitzten Stelle zahlreiche sehr kleine 6old- 
kügelchen abgeschieden, die von einem rot gefärbten Kranz und 
darüber ron einer schönen Dunkelpnrparfärbang umgeben sind. 

Wenn Mangan der Einwirkung eines Stromes von 380 Amp. 
und 80 Volt unterworfen wird, so entweichen Dämpfe in reich- 
lichen Mengen, und nach zehn Minuten ist im Tiegel nur noch eine 
geringe Menge Garbid fibrig geblieben; erhitzt man noch etwas 
länger, so findet man im Tiegel überhaupt nichts mehr vor 

Erhitzt man Eisen mit einem Sti*ome von 350 Amp. und 
70 Volt, 80 ist das gekühlte Rohr nach sieben Minuten mit 
grau gefärbtem Eisenpulver bedeckt; auf der zur Verdichtung der 
Dämpfe dienenden Asbestplatte scheidet sich Magneteisen ab. 

Uran kann mit Strömen von 350 Amp. und 75 Volt leicht 
verflüchtigt werden; nach neun Minuten ist der Versuch beendet, 
und dann findet man auf dem kalten Bohre kleine mit einem 
graugef&rbten Pulver gemengte Metallkugeln. Die Asbestplatte 
ist mit zahlreichen, gelb gefärbten Kugeln bedeckt, die durch 
Zerdrücken im Achatmörser von einer Oxydschicht befreit werden 
können und dann grau und metallglänzend erscheinen. Das so 
destillierte Uran enthält keine Spur Kohlenstoff und wird vom 
Magneten nicht angezogen. 

Vom Jahre 1904 ab hat sich Moissan''*) nochmals sehr 
eingehend mit dem Verhalten von Metallen bei hohen Temperaturen 
beschäftigt. Im Verlaufe einer mit O'Farrelley*") ausgeführten 
Untei*snchung wurden Gemische von Kupfer und Zink, Kupfer 
und Kadmium, Kupfer und Blei, Kupfer und Zinn, Zinn und Blei 
im elektrischen Ofen der fraktionierten Destillation unterworfen. 

Es zeigfr sich, daß beim Erhitzen der Gemische von Kupfer 
mit Blei, Kadmium oder Zink der Rückstand ausschließlich aus 
reinem Kupfer besteht, die Trennung der Metalle also vollständig 
gelingt. Ähnlich verhält sich ein Gemisch von Zinn und Blei, 
nach dessen Erhitzen im Tiegel fast reines Zinn zurückbleibt 
Beim Erhitzen eines Gemenges von Kupfer und Zinn wird 
beobachtet, daß Zinn trotz seines niedrigeren Schmelzpunkts 
schwerer fiüchtig ist als Kupfer, und daß sich wahrscheinlich 
eine Kupfer-Zinn-Legierung bildet, deren Zusammensetzung sich 
während der Destillation nicht ändert Ist nämlich Kupfer im 



Überschusse vorhanden, so reichert sich der Rückstand mit 
Zinn an; ist aber flberschfissiges Zinn in demOemische zugegen, 
so nimmt während der Destillation der Kupfergehalt des Rück- 
stands zu. 

Die Gesetze, die für die fraktionierte Destillation zweier 
Flüssigkeiten gelten, lassen sich auch auf die Destillation von 
Metallgemischen bei sehr hohen Temperaturen anwenden, denn 
Kupfer und Blei verhalten sich wie ein Gemisch von Wasser 
und Äther, Blei und Zinn zeigen das Verhalten einer Lösung 
von Wasser und Alkohol, und Zinn und Kupfer endlich gleichen 
einer Lösung von Wasser und Ameisensäure. 

Kupfer selbst war von Georg W. A. Kahlbaum, Karl 
Roth und Philipp Siedler^'*) zum ersten Male destilliert 
worden. Im Jahre 1905 zeigt Moissan*"), daß man keineswegs 
so komplizierter Apparate, wie sie die genannten Forecher an- 
wandten, bedarf, sondern daß man dieses Metall im elektrischen 




Fig. 15. 



Ofen bereits mit Hilfe eines Stromes von 300 Amp. und 
110 Volt mit Leichtigkeit destillieren kann. Um die Metall- 
dämpfe zu kondensieren, bringt er, wenn es sich um geringere 
Mengen handelt, in der Mitte des Ofens ein Kupferrohr an, 

26* 



— 404 -^ 

durch das ein Strom kalten Wassers fließt; sollen dagegen 
größere Quantitäten von Metalldämpfen kondensiert werden, so 
erhält der Deckel des Ofens eine Öffnung, über die eine Glas- 
glocke (Fig. 15) gestellt wird. Mit dem Strom von 300 .Amp. 
und 110 Volt werden in fünf Minuten 50 g, in sechs Minuten 
160 g und in acht Minuten 233 g Kupfer vei-flüchtigt, das sich 
zum größten Teil auf dem mit Wasser gekühlten Rohre in Form 
eines aus kleinen Fäden bestehenden Filzes wieder abscheidet. 
Das im Tiegel zurückbleibende Metall enthält neben geringen 
Mengen Eisen, Kalk und Aluminium, die von den Verun- 
reinigungen der Elektroden stammen^ Graphit: Kupfer löst also 
bei seinem Siedepunkte Kohlenstoff auf und scheidet ihn beim 
Erkalten in Form von Graphit wieder aus. 

Auch Gold^''^) läßt sich im elektrischen Ofen mit Leichtig- 
keit destillieren; sein Siedepunkt liegt über dem des Kupfers, 
aber tiefer als der des Kalks, wahrscheinlich bei 2530^ Mit 
Hilfe eines Stromes von 500 Amp. und 110 Volt werden in 
5^2 Minuten 10 g, in 6^2 Minuten 20 g des Metalls verfluchtigt 
und auf der mit Wasser gekühlten Kupferröhre teils in Form 
von feinen Fäden, teils in Gestalt mikroskopisch kleiner Kri- 
stalle wieder vorgefunden. Das destillierte Gold besitzt alle 
Eigenschaften des auf gewöhnlichem Wege erhaltenen fein 
veiteilten Metalls; eine allo tropische Modifikation des Goldes 
läßt sich also unter diesen Umständen nicht erhalten. Auch 
Gold löst wie Kupfer bei seinem Siedepunkte Kohlenstoff auf 
und scheidet ihn beim Erkalten in Form von Graphit wieder ans. 

Es zeigt sich ferner, daß beim Erhitzen verschiedener Le- 
gierungen von Gold mit Kupfer oder Zinn die beiden letzt- 
genannten Metalle vor dem Golde abdestillieren ; strömen aber 
Dämpfe von Gold und Zinn gleichzeitig aus dem elektrischen 
Ofen aus, dann verbrennt das Zinn an der Luft, und es entsteht 
eine Masse, die dem Cass ins sehen Purpur ähnliche Eigen- 
schaften zeigt. Auch andere derartige Purpursorten gewinnt 
Moissan noch, indem er Gold bei Gegenwart anderer Oxyde, 
wie Magnesium-, Calcium-, Aluminiumoxyd, Kieselsäure und 
Zirkonerde, verflüchtigt; der mit Aluminiumoxyd erhaltene Pur- 
pur ist orange, der mit Zirkonerde gewonnene lila gefärbt. 

Platin^''''), Palladium, Iridium, Rhodium, Ruthenium und 
selbst Osmium, das man so lange ffir unschmelzbar gehalten 



- 405 — 

hatte, sie alle schmelzen unter der Einwirkung eines Stromes 
von 500 bis 700 Amp. und 110 Volt rasch und beginnen dann 
bald zu sieden. Wenn man von 150 g Metall ausgeht; ist die 
Masse in einer bis zwei Minuten geschmolzen und bereits vor ' 
Ablauf von vier Minuten in vollem ruhigen Sieden. Aus je 150 g 
des Metalls destillierten unter dem Einflüsse eines Stromes von 
500 Amp. und 110 Volt innerhalb fünf Minuten 13 g Platin, 
10,2 g Rhodium, 10 g Ruthenium, 9,6 g Palladium und 9 g 
Iridium; nur beim Osmium, das am schwierigsten zu verflüchtigen 
ist, mußte ein Strom von 700 Amp. und 110 Volt angewandt 
werden; dann destillierten aus 150 g innerhalb fünf Minuten 
29 g Metall ab. Merkwürdig erscheint, daß das leichter als Platin 
schmelzende Palladium sich bei der Temperatur des elektrischen 
Ofens nicht leichter flüchtig erweist als Platin und Rhodium. 
Auf der gekühlten Kupferröhre flndet man nach Beendigung 
des Versuchs die destillierten Metalle in Form kleiner Kugeln, 
kristallinischer Blättchen oder, am häuflgsten, in Gestalt mikro- 
skopisch kleiner Kristalle wieder vor. Wie Kupfer und Gold 
lösen auch die Platinmetalle bei ihrem Siedepunkte Kohlenstoff 
auf, der sich beim Erkalten der Massen als Graphit ausscheidet. 

Die nächsten Versuche, über die Moissan^''®) berichtet, 
beziehen sich auf die Destillation der Metalle der Eisengruppe 
Nickel, Eisen, Mangan, Chrom, Molybdän, Wolfram und Uran. 

Diese Metalle zeigen sehr verschiedene Siedepunkte; am 
leichtesten flüchtig ist das Mangan, dessen Destillation sich ohne 
jede Schwierigkeit vor der des Kalks vollzieht; ein Strom von 
500 Amp. und 110 Volt verflüchtigt aus 150 g Mangan im Ver- 
laufe von drei Minuten 38 g und während fünf Minuten 80 g. 
Dann folgt Nickel, das ruhig siedet und unter der Einwii*kung 
eines Stromes von gleicher Intensität innerhalb neun Minuten 
vollständig abdestilliert. Von 150 g Chrom destillieren unter 
denselben Bedingungen innerhalb fünf Minuten gleichmäßig 38 g 
ab. Eisen läßt sich schon weit schwieriger zum Sieden bringen, 
da es mit großer Begierde Gase löst, die vor dem Siedepunkte 
des Metalls unter stürmischem Aufschäumen entweichen; mit 
stärkeren Strömen aber läßt es sich, besonders wenn das starke 
Schäumen vorüber ist, ganz gleichmäßig abdestillieren ; im Ver- 
laufe von zwanzig Minuten waren mit einem Strome von 1000 Amp. 
und 110 Volt aus 800 g Metall 400 g verflüchtigt. Uran siedet 



— 406 — 

bei noch höherer Temperatur als Eisen ; ein Strom von 700 Amp. 
und 110 Volt maß fünf Minuten lang wirken, ehe die Destillation 
beginnt; dann sind von 150 g Metall 15 g verflüchtigt, während 
anter dem Einflasse eines Stromes von 900 Amp. and 110 Volt 
innerhalb nenn Minuten 200 g Uran vollständig abdestillieren. 
Molybdän und Wolfram schließlich sind noch viel schwieriger 
zu destillieren; mit einem Strom von 700 Amp. und 110 Volt 
kann Molybdän innerhalb zehn Minuten überhaupt nicht zum 
Sieden gebracht werden; erst nach zwanzig Minuten hatten sich 
aus 150 g Metall 56 g verflttchtigt, und von der gleichen Menge 
Wolfram destillierten ebenfalls erst nach zwanzig Minuten und, 
als ein Strom von 800 Amp. und 110 Volt angewandt wurde, 
25 g ab. 

Die Dämpfe aller dieser Metalle wurden wieder auf der 
mit kaltem Wasser gekühlten Kupferröhre kondensiert; die er- 
haltenen kristallinischen Massen untei*schieden sich abermals in 
nichts von den auf gewöhnlichem Wege entstehenden fein ver- 
teilten Metallen. 

Auch ein Metalloid, das Titan, das Moissan selbst mit 
Hilfe des elektrischen Ofens dargestellt hatte *''•), wird, wenn 
auch unter Schwierigkeiten, destilliert^®^). 500 g Titan, mit 
einem Gehalte von 3,2 ^/^ Kohlenstoff, entwickelten, im elek- 
trischen Ofen mit einem Strome von 500 Amp. und 110 Volt 
erhitzt, erst nach vier Minuten Dämpfe; unter diesen Be- 
dingungen konnten im Verlaufe von fünf Minuten 9, bezw. 11 g, 
innerhalb sechs Minuten aber 17 g abdestilliert werden, und bei 
Anwendung eines Stromes von 1000 Amp. und 55 Volt waren 
nach sieben Minuten aus der gleichen Menge 110 g verflüchtigt. 
Nach Beendigung des Versuchs findet man die Oberfläche des 
im Tiegel geschmolzenen Titans mit Carbid und Kalk bedeckt 
vor; die Umgebung des Tiegels, der Ofen selbst und die Elek- 
troden sind mit Titannitrid bedeckt, und auf dem kalten Kupfer- 
rohre hat sich neben Kalk und Titannitrid das destillierte Titan 
abgeschieden, das die gleichen Eigenschaften wie das ge- 
schmolzene besitzt. 

Im Anschlüsse an die mit O'Farrelley ausgeführten Ver- 
suche^") haben Moissan und Tosio Watanabe*") Legie- 
rungen von Silber mit Kupfer, Zinn und Blei im elektrischen Ofen 
erhitzt. 



— 407 — 

Die Destillation einer aas nahezu gleichen Teilen Silber und 
Eapfer bestehenden Legierung beginnt, wenn ein Strom von 
500 Amp. und 110 Volt angewendet wird, nach fttnfunddreißig 
Sekunden. In den ersten drei Minuten bleibt sich der relative 
Silbergehalt des Bückstandes ziemlich gleich; dann vermindeii; 
er sich nach sechs Minuten sehr rasch; die Masse wird immer 
reicher an Kupfer und enthält nach fünfzehn Minuten langem 
Erhitzen nur noch 3,62^^/0 Silber. Eine Legierung von 36,98^0 
Silber und 64,04 ^/^ Zinn beginnt zehn Sekunden, nachdem sie 
geschmolzen ist, zu destillieren; auch hier entweicht das Silber 
ziemlich schnell, denn nach zehn Minuten fanden sich in dem 
Rückstand neben 93,65 <>/o Zinn nur noch 2,93 «/^ Silber vor. 
Anders aber verhält sich eine Legierung von Silber und Blei. 
Ein Produkt, das aus 46,24 7o Silber und 52,95 7o Blei bestand, 
hinterließ nämlich nach 2^/, Minuten andauerndem Erhitzen 
einen zum größten Teile, zu 96,81 ^/q, aus Silber bestehenden 
Bückstand. 

Ihren Siedepunkten nach bilden also diese Metalle die Beihe : 
Blei, Silber Kupfer, Zinn. 

In seiner letzten Mitteilung auf diesem Gebiete, auf dem 
Gebiete der Chemie der hohen Temperaturen überhaupt, in der 
einzigen Publikation, die Moissan pei-sönlich für eine deutsche 
Zeitschrift verfaßt hat, beschreibt er*®^) Versuche über die 
Destillation von Nickel und Kobalt. Es war ja eine besonders 
interessante Frage, zu ergründen, ob diese beiden Elemente, 
deren Eigenschaften und Atomgewichte einander so nahe 
liegen, denselben oder einen verschiedenen Siedepunkt besitzen. 
Copeaux*^*) hatte kurz vorher nachgewiesen, daß der Schmelz- 
punkt des Kobalts bei 1530^ und der des Nickels bei 1470^ 
liegt, und Moissan beweist jetzt durch zahlreiche unter gleichen 
Bedingungen ausgeführten Versuche, daß Kobalt auch weniger 
flüchtig ist als Nickel; mit einem Strom von 500 Amp. und 
110 Volt destillierten innerhalb fünf Minuten ungefähr 56 g 
Nickel ab, während nur 20 g Kobalt übergingen. 

Alle diese Versuche über die Destillation von Grundstoffen 
bei hohen Temperaturen führen Moissan dazu, eine wichtige, 
auch heute noch nicht entschiedene Frage, die nach der Tem- 
peratur unserer Sonne, zu berühren. Wir können nichts Besseres 
tun als den Forscher selbst seine Gedanken ausdrücken lassen '^^) : 



— 408 - 

f^On sait quelles diffi^mW^ prSsente la determituUian de la 
temp6rature de la svrface solaire et combien les astronomes et 
les physiciens sont peu d^accord sur ce sujet. 

„D'aprdnS Waterston, cette temp4rature serait de 9 ä 10 milUons 
de degr^, d'aprds le pere Secchi de 1 ä 2 miUions, d' apres 
Ericsson de 2 milUons. H est bien certain que ces temp^ratures 
parurent illogiques. 

jjLes expöriences de Pouillet^ de Soret, de DesainSj puis la 
discussion de Vicaire fixerent cette tempärature du Soleä de 
1398^ ä 170(fi C. Les d4terminatimis de la constante solaire de 
M. Orova s'ajotiterent ä Celles de Pouillety puis les expMences, 
poursuitnes par notre confrdre M. Violle, linrent apporter sur ce 
point de nouvelles conclusions, 

„Par deux m^thodes diff^refites, M, Violle fut amen4 ä cofi- 
clure que la temp^ature ntoye^me probable de la surface solaire 
6tait comprise entre 200(fi et 300(fi C.^««)- 

y^Phis r^cemment, M, W,'L. Wilson vient de publier des 
rechercties sur ce sujet, En appliquant ä ses diter^nirmtions k 
coefficient de iransmission de Langley, lorsque le Soleil est au 
x6nith et en le comparant ä celui d-e Rosetti, la temp&ature dt 
la surfa^ce solaire serait de 6085^ absohis. En admettant aussi 
que la perte due ä Vabsorption par Vatmosphdre solaire ftU de 
un tiers, la temp&ature du Soleil serait de 6863^ absolus^^'^y 

„Sans avoir la prdtention de resoudre une question aussi 
difficile^ nos exp^7'i€7i€es y apportent cependant une modeste con- 
tribution, 

„Aussitöt aprds sa d^couverte de Vanälyse spectrale Kirchhoff 
etablit qus le Soleil contenait du sodium, du calcium, du baryum^ 
du magnesium, du fer, du ehrome et du xinc. Plus tard^ 
Angström et Thalc^i indiquh-ent Pexistence dans le Soleil de 
Phydrogene, du manganese, puis de Valuminium; Sir Norman 
Lockyer, celle du calciumy du stro7itium, du cSrium, du phmb 
et du potassium. 

jjRowlandy professeur ä V Unirersite de Baltimore, reprenant 
Vetude du spectre solaire au moyen des röseuux, a relevi dans 
les rayons Imnineux et uUra-violets plus de 20 000 raies, dant 
un tiers eiimron prcsentait des coi'ncidences certaifies avec les 
raies des ölemejits terrestres, 

y^Parmi ces comcidences, les raies solaires les plus fortes ofU 



— 409 — 

pu etre identifi^es avec Celles des 4Uments qui forment la croüte 
terrestre. De sorte qiie Rowland a pu admettre qua la TerrCj 
porige ä la ternp^rature du Soleil, pr^entait ä peu pr^ le mSme 
spectre. 

„Depuis ces recher ches, d'autres corps ont 6U signaUs dans 
Vatmosphere solaire, M. Hasselberg y a renconträ le tungstene. 
Les 6tudes spectroscopiques de Thale7i, de Comtiy puis Celles de 
M. Hasselberg, ont Stabli que le titane se rencontrait soUrtout 
dans les coueJies les plus basses de Vatmosphire soUdre. 

y^Aujourd^huiy lam4thodede Vanalyse spectrale estassex süre 
de ses r4sultats pour annoncer Vexistence dans le Soleil de corps 
simples qui sont norrnv^ avani meme que nous ayons song4 ä 
les rechercher ä la surface de la Terre. Cest ainsi qu£ VhÜium, 
carcu^t4ris4 par son spectre ä la surface du Soleil par M, Janssen 
et par Sir Norman Lockyer, a 6t6 retrouvä dans un certain 
nombre de min4raux terrestres par Sir William^ Bamsay, 

„Tons ces r6sultats nous ditnontrent donc que la Terre et le 
Soleil sont form4s d'il&ments communs. Cependant, nous ne 
devons pas oublier que le spectre solaire ne nous donne pas la 
compositum moyenne du Soleil, mais seulement la composition 
de son atmospMre et des couches ext&rieures les plus voisines 
de sa surface. 

jf Cette itude spectrale de la chromosphere est poursuivie en ce 
moment au moyen de spectrographes enrigistreurs par M. Deslandres, 
ä V Observatoire de Meudon, par M, Hole, ä Chicago, et par 
d^autres savants, Nous ne doutons pas qu^elle 71'enii^hisse la 
Science de faits nouveaux. 

„Mais rums en savons cependant assex aujourd'hui pour 
conclure que la co7npositio7i chimiqice des couches ext4rieures du 
Soleil est setnblable ä celle de la croüte terrestre. 

De plus, il est bien vraisejnblable que le Soleil, ä cause meme 
de la grande qttantitd de chaleur quHl rayonne^ ne peut etre 
formi seulement de matieres gaxeuses et quHl doit contenir un 
nayau solide ou liquide^^^). Nous venons d' amener ä V6tat 
gaxeux, au m<yyen de Varc ^lectrique, tous les corps simples ou 
cornpos4s qus Von peut obtenir ä la surface de la Terre. Qr la 
temp6rature maximum de Varc electrique a 4tS mesiir^e par 
M. Violle et recon7iue voisine de 3500^, A cette temperature, 
tous les corps connus sont danc gaxeux et par suite la temperature 



— 410 — 

du Soleil ne devrait pas s'6lei^er au-dessus de 350(fi, Mais^ nos 
exp&riences ayant iU faitea ä la pression atmosph&riqu^ ü va de 
soi que des pressions plus grande^s pourront modiföer les pheno- 
menes d'^bullition des dijfdrents corps sirnples ou compos^s. Seuk- 
ment ces tempdratures seront hin d'atteindre les chiffres beaucoiip 
trop ökv^ indiqv4s autrefois, et elles oscilleront uraisemblablement 
entre le chiffre de M, Wilson 6590^ C, et ceux de M. VioUe 
compris entre 200(fi et 300(P C, en se rapprochant vraisem- 
blablement de ces derniers,^ 

Wie dem auch sein möge, mit berechtigtem Stolze konnte 
Moissan nach Beendigung dieser seiner Versuche sagen: 

„Z)e cet ensemble de recherches, nous^pouvons tirer la con- 
clusion quHl n'existepas de corps r4fract(dres, Les compos^ qui 
subsistent ä la tempirature de Varc äkctriqvs sont volatüisSs, 
Parmi les mdtalloideSj le carbone et le bore ä tempäratiire tres 
4lev6e passent, ä la pression ordinaire, de Fetat solide ä Vetai 
gaxeux, Le titane fond, puis distille, Tons les m^taux, par um 
dl6vation de temp^ature süffisante, sont d'abord liquides, puis 
prennent V4tat gaxeux avec facilitd, 

y^Ainsi se trouve justifide cette phrase ecrite par Buffon^^): 
«■ Selon moi, les stibstances les plus simples et les plus röfra>ctaires 
ne rdsisteraient pas ä cette action du feu, si Von pouimt Vaug- 
menter ä un degrd convenahle.»^ 



Gewinnung von Elementen im elektrischen Ofen« 

Die hohe Temperatur des elektrischen Ofens gestattete so- 
mit, Reaktionen, die man bisher wegen der Unzulänglichkeit der 
Wärmequellen für begrenzt gehalten hatte, zu erweitern '••). 

Eine derartige Reaktion ist auch die, auf welche Moissan 
bereits bei seinen ersten Versuchen über die Verflüchtigung der 
Kieselsäure*®^) aufmerksam wurde. Setzte er nämlich das Ex- 
periment nicht bis zur vollständigen Vertreibung der Kieselsäure 
fort, so fand er im Kohlentiegel seines Ofens die charakteristischen 
Kristalle von Silicium vor. Kein Zweifel, das Oxyd kann also 
bei hohen Temperaturen durch Kohlenstoß^ reduziert werden. 
Noch deutlicher läßt sich diese unerwartete Tatsache dadurch 
beweisen, daß man eine Mischung von Bergkristall und Koblen- 
pulver in einem einseitig geschlossenen Kohlenzylinder im elek- 



— 411 - 

trischen Ofen stark erhitzt, denn dann enthält das Bohr nach 
dem Erkalten neben Eieselsänreflocken und Eohlenstoffsilicid 
etwa 28 bis 30 ^/o kristallisiertes Silicinm; aber nur sehr hohe 
Temperaturen ermöglichen diese Redaktion, andernfalls entzieht 
sich ein Teil des Siliciumdioxyds der reduzierenden Wirkung 
des Kohlenstoffs und findet sich nach Beendigung des Versuchs 
in Foim von Kristallen oder von geschmolzenen kleinen Kugeln 
wieder vor. 

Wie wertvoll diese interessante Beobachtung für einen 
Experimentator wie Moissan war, erkennen wir aus den davon 
ausgehenden zahlreichen einzigartigen Untersuchungen, deren 
Ergebnisse er in den Jahren 1893 bis 1906 veröffentlicht hat. 

Mit Hilfe des elektrischen Ofens lehrt Moissan Oxyde, 
die man bisher nicht für reduzierbar hielt, mit Kohle zu 
reduzieren und mit Leichtigkeit Metalle, die man fräher 
gar nicht oder nur mit großer Muhe gewinnen konnte, aus 
Schmelzflüssen zu erhalten. Es genügt, einen mit Kohle und 
dem zu reduzierenden Oxyde angefüllten Kohlentiegel in dem mit 
Magnesinmoxyd ausgetütterten Ofen aus gebranntem Kalk oder 
aus Kalkstein zu erhitzen oder^ falls es sich um die Darstellung 
leichter flüchtiger Metalle wie Calcium, Strontium oder Baryum 
handelt, den Böhrenofen zu verwenden. Im letzteren Falle 
arbeitet man in einem Wasserstofistrome, der die Metalldämpfe 
mitführt und die geschmolzenen Metalle selbst in einer ge- 
kühlten Vorlage abgibt. Es ist natürlich, daß fast alle so dar- 
gestellten Produkte verschiedene Mengen von Kohlenstoff ent- 
halten; aber Moissan hat den Weg gewiesen, auf dem die 
meisten Metalle — nur wenige wurden niemals ganz rein er- 
halten — von dieser Verunreinigung befreit werden können. 

Des Forschers erste Versuche *^^) bezwecken die Darstellung 
von Uran, das früher schon, besonders von Peligot*®^) und 
von Clemens Zimmermann"*) durch Beduktion des Chlorids 
mittels Kalium oder Natrium bereitet, aber nicht vollkommen 
rein erhalten worden war. Moissan glüht üranylnitrat, redu- 
ziert das hierbei entstehende Oxydgemisch mit Kohle durch 
einen Strom von 450 Amp. und 60 Volt und erhält so in wenigen 
Augenblicken einen sehr harten, aus Uran und 0,1 bis 13,5 7o 
Kohlenstoff bestehenden Metallregulus, der bei gewöhnlicher 
Temperatur Wasser langsam zersetzt und in feiner Verteilung 



- 412 - 

an der Luft wie pyrophorisches Eisen verglimmt. Wenig später*") 
zeigt er, wie man das kohlenstoffarme Material dadnrch^ dat 
man es mit grflnem Uranoxyd bedeckt and mehrere Stunden 
lang in einem Schmiedeofen erhitzt, leicht in reines Metall ver- 
wandeln kann ; gleichzeitig weist er einen neuen Weg, auf dem 
man direkt zn reinem Uran gelangen kann. Er hat nämlich ge- 
funden, daß Natriumcblorid and Uranchlorid bei dankler Rotglnt 
sich zu einer apfelgrttn gelilrbten Verbindung UrCl^, 2 NaCl ver- 
einigen, die die bekannten unangenehmen Eigenschaften des 
Uranchlorids nicht mehr besitzt; das Produkt ist nicht hygro- 
skopisch und läßt sich leicht, ohne Zersetzung zn erleiden, im 
Schmelzflasse erhalten. Diese Verbindung eignet sich in vor- 
trefflicher Weise zur Darstellung von reinem Uran, denn sie 
läßt sich sowohl leicht mit Natrinm reduzieren als auch bequem 
durch den elektrischen Strom zerlegen. Nach dem letztgenannten 
Verfahren wird das Metall besonders rein und sogar kristallisiert 
erhalten. 

Reines Uran ist vollständig weiß und weniger bläulich gefärbt 
als Eisen, dem es sich in seinen allgemeinen Eigenschaften nähert; 
wie jenes läßt es sich feilen, härten, oxydieren und karburieren. 
Das fein gepulverte Metall verbrennt im Sauerstoffstrome schon 
bei 170®, wird von den Halogenwasserstoffsäuren bei Rotglut 
energisch angegriffen und zersetzt Wasser schon bei gewöhnlicher 
Temperatur; es besitzt eine ausgesprochene Verwandtschaft zum 
Stickstoff, die sich schon darin äußert, daß das Metall stets 
stickstoft*haltig ist, wenn es nicht in einem indifferenten Gase 
bereitet wurde. Vollständig eisenfreies Uran zeigt keine Ein- 
wirkung auf die Magnetnadel und läßt sich im elektrischen Ofen 
viel leichter verflüchtigen als Eisen. 

Die ersten Versuche über die Darstellung von Mangan 
stammen ebenfalls aus dem Jahre 1893 ^•«). Durch Redaktion 
eines Gemisches von reinem Manganooxyd und Kohle erhält 
Moissan mit einem Strome von 300 Amp. und 60 Volt in fünf 
bis sechs Minuten, mit einem Strom von 100 Amp. und 50 Volt 
aber erst in zehn bis fünfzehn Minuten einen Regulus vod 
kohlenstoffhaltigem Mangan, dessen Kohlenstoffgehalt, je nach- 
dem ein Überschuß von Oxyd oder von Kohle angewandt wird, 
zwischen 4 und 14,6 7o schwankt. Das kohlenstoffarme Pro- 
dukt verändert sich an der Luft nicht, aber die mehr Kohlen- 



— 413 — 

Stoff enthaltenden Präparate werden schon dnrch geringe Mengen 
von Feuchtigkeit unter Entwicklung von Wasserstoff und von 
Kohlenwasserstoffen zersetzt. Im Jahre 1896 erfahren wir"''), 
daß man das Rohmangan leicht reinigen kann, wenn man es in 
einer Halle von Manganooxyd im Schmiedeofen erhitzt. Das 
reine Metall ist weich, läßt sich leicht feilen und ritzt Glas nicht. 

Zur technischen Darstellung des Metalls geht man von 
Braunstein aus^ den man zuvor im Per rot- Ofen ausglfiht und 
dann mit Kohle gemischt der Einwirkung eines Stromes von 
500 Amp. und 50 Volt unterwirft; man erhält so in vorzüglicher 
Ausbeute ein durchschnittlich 90 ^/^ Mangan enthaltendes Roh- 
produkt, das sich in der oben beschriebenen Weise leicht von 
den Verunreinigungen, Kohlenstoff und Silicium, befreien läßt. 

Gleichzeitig mit dem Rohmangan hat Moissan im Jahre 
1893 zuerst kohlenstoffhaltiges, femer aber auch reines Chrom 
gewonnen***). Ein Strom von 350 Amp. und 50 Volt reduziert 
in acht bis zehn Minuten, ein Strom von 30 Amp. und 50 Volt 
in dreißig bis vierzig Minuten ein Gemisch von Chromioxyd und 
Kohle zu einem im äußersten Falle 8,6 bis 11,9 «^/^ Kohlenstoff 
enthaltenden Regulus, der beim nochmaligen Erhitzen mit Chromi- 
oxyd im elektrischen Ofen in kohlenstofffreies Chrom übergeht. 

Kurze Zeit danach zeigt Moissan***), nachdem er sich im 
Laboratorium 20 kg Chrom dargestellt hat, daß man so 
zwar den gesamten Kohlenstoff entfernen kann, aber doch kein 
reines Produkt erhält; das Metall ist nämlich „gebrannt". Er 
versucht infolgedessen das Rohmaterial durch Erhitzen mit Kalk 
vom Kohlenstoff zu befreien und erreicht seine Absicht auch 
zum größten Teile; denn jetzt enthält das Metall nur 1,5 bis 
1,9 */o Kohlenstoff und kristallisiert leicht. Im elektrischen Ofen 
vollzieht sich aber, wenn das Chrom genügend rein ist und 
etwas länger erhitzt wird, eine zweite, der ersten entgegen- 
gesetzte Reaktion: das gesamte Metall wird unter der Mit- 
wirkung des geschmolzenen Kalks und der Ofengase in ein 
prächtig kristallisierendes Doppeloxyd von Chrom und Calcium 
übergeführt. Jetzt weiß Moissan, welchen Weg er einzuschlagen 
hat, um zu reinem Chrom zu gelangen; er formt aus diesem 
leicht herstellbaren Doppeloxyde in der Höhlung seines Kalkofens 
einen Mantel und schmilzt in dessen Mitte das kohlenstoffarme 
Rohmaterial noch einmal. Nun erhält er ein glänzendes Metall, 



- 414 — 

das sich leicht polieren und feilen läßt: es ist reines Chrom, das 
keine Spur von Kohlenstoff mehr enthält. 

Das reine Chrom ist an der Luft unveränderlich, ohne Ein- 
wirkung auf die Magnetnadel und ritzt Qlas nur schwierig. 
Es verbrennt im Knallgasgebläse z. T. unter glänzendem Funken- 
sprähen und ist schwerer schmelzbar als das rohe Chrom und 
Platin; im elektrischen Ofen erst schmilzt es zu einer glänzen- 
den, beweglichen, dem Quecksilber ähnlichen Flüssigkeit. Chemisch 
ist es außerordentlich reaktionsfähig; es verbindet sich bei höherer 
Temperatur mit Sauerstoff, Schwefel, Silicium und Bor, es zer- 
legt in der Hitze Schwefelwasserstoff, Kohlenoxyd, Kohlendioxyd 
und Chlorwasserstoff, wird durch verdünnte Säuren in der Wärme 
angegriffen und von Alkalinitraten bei dunkler Rotglut energisch 
oxydiert. Besonders schön wirkt sein Verhalten gegen ge- 
schmolzenes Kaliumchlorat, denn das reine Chi*om bewegt sich 
auf der flüssigen Masse unter glänzender Feuererscheinnng wie 
Kalium auf Wasser. 

Aus dem Chromeisenstein hat Moissan*^) unter den oben 
erwähnten Bedingungen eine geschmolzene, vollkommen homogene 
Legierung von Eisen und Chrom erhalten, die sich zur techni- 
schen Darstellung von Alkalichromaten eignet; sie verwandelt 
sich nämlich beim Eintragen in schmelzendes Kaliumnitrat in 
ein Oemenge von Alkalichromat und Eisenoxyd, die durch Wasser 
leicht zu trennen sind. 

Auch Wolfram'®*) kann im elektrischen Ofen leicht und 
in beliebig großen Mengen gewonnen werden. Es genügt» ein 
Gemenge von Wolframsäure und Kohle mit einem Strome von 
350 Amp. und 70 Volt zu erhitzen, um schon nach kurzer Zeit 
eine Metallschmelze zu erhalten. Wendet man einen Überschuß 
von Wolframsäure an, so ist das Metall direkt rein, doch zieht 
es Moissan zunächst vor, ein schwach kohlenstoffhaltiges Produkt 
darzustellen und dieses durch Zusammenschmelzen mit fiber- 
schttssiger Wolframsäure vom Kohlenstoff zu befreien. Später'^) 
hat er ein Vei*fahren mitgeteilt, nach dem man sofort zum reinen 
Metall gelangen kann. Mischt man aber die Wolframsäure mit 
viel überschüssiger Kohle und wendet man noch stärkere Ströme 
an, so gelingt es, bis 18,8 ®/o Kohlenstoff in die Wolframschmelze 
einzuführen. 

Das reine Metall ist hart und glänzend, läßt sich leicht 



- 415 — 

polieren and feilen, zeigt auf die Magnetnadel keine Einwirkung 
und schmilzt bei höherer Temperatur als Chrom und Molybdän. 
Es reagiert mit Fluor schon bei gewöhnlicher Temperatur unter 
Feuererscheinung und Bildung eines flüchtigen Fluorids, ver- 
bindet sich mit Silicium und Bor beim Erhitzen zu kristallini- 
schen Verbindungen, zerlegt Kohlendioxyd schon bei 1200^ und 
wird durch ein Gemenge von Flußsäure und Salpetersäure rasch 
gelöst. Schwefelsäure, Salzsäure sowie Flußsäure allein zeigen 
dagegen wenig Einwirkung. Durch Oxydationsmittel, wie Blei- 
dioxyd oder geschmolzenes Ealiumchlorat, wird gepulvertes 
Wolfram unter Feuererscheinung angegriffen; geschmolzenes 
Natriumkarbonat bewirkt langsam, eiu Gemenge von diesem mit 
Natriumnitrat schnell Auflösung des Metalls. 

Mit der Darstellung des Molybdäns, das zuerst im Jahre 
1792 von Hjelm*®') bereitet worden war, hatten sich vor 
Moissan schon viele ausgezeichnete Forscher, namentlich Ber- 
zelius»«*), Wöhler»**), Debray«'»«), Loughlin'«') und ßam- 
melsberg'^^), eingehend beschäftigt; rein war aber das Metall 
trotz aller Verschiedenheit der angewandten Methoden niemals 
erhalten worden. 

Auch Moissan'^*) gelang es bei seinen ersten, im Jahre 
1893 mitgeteilten Versuchen noch nicht, reines Molybdän durch 
Erhitzen des mit Kohle gemengten Dioxyds im elektrischen 
Ofen zu gewinnen ; das Reaktionsprodukt enthielt stets Kohlen- 
stoff, dessen Gehalt bis zu 10 Vo betrug. Erst als er"«) 1895 
einen Überschuß des Dioxyds und einen Strom von 800 Amp. 
und 60 Volt anwandte, bestand der Regulus aus reinem Metall; 
allerdings darf die Reduktion nicht länger als sechs Minuten 
dauern, sonst wird das Molybdän flttssig, greift den Tiegel an und 
sättigt sich mit Kohlenstoff. 

Das reine Metall ist so leicht dehnbar wie Eisen; es läßt 
sich feilen und polieren, in der Wärme schmieden und ritzt 
weder Glas noch Quarz. Erhitzt man es mit Kohlenstoff, so 
wird es zementiert und liefert durch Härten einen Stahl, der 
bedeutend härter ist als reines Molybdän. Beim Erhitzen an ' 
der Luft oder im reinen Sauerstoffstrome verwandelt sich das 
reine Metall ausschließlich in Molybdänsäure. Id kompakten 
Stücken wird es von Fluor nicht angegriffen, in Pulverform 
aber ohne Feuererscheinung in ein flüchtiges Fluorid verwandelt; 



— 416 - 

mit Ansnahme von Jod reagieren die anderen Halogene mit 
Molybdän beim Erhitzen, und Bor nnd Silicium vereinigen sich 
mit dem Metall bei der Temperatur des elektrischen Ofens zo 
kristallinischen Verbindungen. 

Alle die bisher angestellten Versuche waren relativ leicht 
auszuführen gewesen; der Darstellung von Vanadin aber'") 
stellten sich die größten Schwierigkeiten in den Weg. 

Das gelbbraun gefärbt^e, ziemlich leicht schmelzbare Oxyd, 
das Moissan durch Glühen von Ammoniumetavanadat er- 
hält und mit Kohlenpulver mischt, läßt sich unter den bisher 
eingehaltenen Bedingungen überhaupt nicht reduzieren. Man 
muß den Lichtbogen in dem Pulver selbst übergehen nnd 
zwanzig Minuten wirken lassen, um wenigstens an der Oberfläche 
kleine Metallkömer von kaum Linsengröße zu erhalten. Erst 
eine Maschine von 150 Pferdekräften, die einen Strom von 
1000 Amp. und 70 Volt lieferte, war imstande, vollständige 
Reduktion zu bewirken; aber das Reaktionsprodukt stellte nur 
mit 25 ^/o Eohlenstofi verunreinigtes Vanadin dar. 

1896 hat dann Moissan'^') auf außerordentlich mühsamem 
Wege aus vanadinführender Kohle reines Vanadinsäureanhydrid 
bereitet und dieses mit Kohle gemischt durch einen Strom von 
1000 Amp. und 60 iVolt unter Einleiten von Wasserstoff in 
seinem Röhrenofen reduziert. So gewinnt er ein nur noch 4,4 
bis 5,3 ^/o Kohlenstoff enthaltendes Rohmetall, das in allen seinen 
Eigenschaften mit dem von Roscoe'^*) aus Vanadinchloriden 
und Wasserstoff, bezw. Natrium erhaltenen Vanadin überein- 
stimmt. 

Trotzdem es so hoch schmilzt, vermag Vanadin"*) doch 
bei der Temperatur des elektrischen Ofens, leicht Legierungen zn 
bilden. Durch Erhitzen eines Gemenges von Ferrioxyd, Vanadin- 
säureanhydrid und Kohle im elektrischen Ofen erhält Moissan 
eine Legierung mit 18,16 «/^ Vanadin, 72,96 «/o Eisen und 8,35Vo 
Kohlenstoff', die spröde ist, sich aber noch feilen läßt. Mit 
Kupferoxyd gewinnt er einen gut geschmolzenen, bronzefarbigen 
Metallregulus, der 3,38 ^/o Vanadin neben 96,52 ^/^ Kupfer 
enthält, sich sehr leicht feilen nnd schmieden läßt und eine 
größere Härte besitzt als Kupfer allein. Eine Legierung von 
Vanadin mit Aluminium läßt sich leicht dadurch herstellen, 
daß man auf die Oberfläche von Aluminium, das in einem 



— 417 — 

Tontiegel geschmolzen ist, ein Gemenge von Vanadinsäure- 
anhydrid und Alaminiamfeile streut: unter glänzender Feuer- 
erscheinung tritt die Bildung einer 2,5 ^/^ Vanadin enthalten- 
den Legierung ein, die geringe Härte zeigt und sich leicht 
schmieden und feilen läßt Alle Versuche, Silber mit Vanadin 
zu legieren, verliefen aber erfolglos. 

Im Jahre 1894 berichtet Moissan, nachdem er kurz vor- 
her'") die Verunreinigungen, die das käufliche, nach dem 
Verfahren von Sainte-ClaireDeville*") dargestellte Alu- 
minium enthält, nachgewiesen und bestimmt hat, Ober neue, 
interessante Versuche. Er zeigt, daß Tonerde, die man bis- 
her zu den durch Kohlenstoff nicht reduzierbaren Oxyden ge- 
rechnet hatte, bei den höchsten im elektrischen Ofen en*eich- 
baren Temperatui-en durch Kohle verändert wird'"). Bringt 
man reine Korundkristalle in einem Schiffchen in die Mitte der 
Kohlenröhre des elektrischen Ofens, und erhitzt man sie mit 
einem Sti'ome von 1200 Amp. und 80 Volt, so wird das Alu- 
miniumoxyd binnen wenigen Minuten verflüchtigt. Das voll- 
ständig in Graphit verwandelte Schiffchen enthält keine Spur 
von Asche, und auf beiden Seiten des Rohres findet man einen 
kristallinischen Filz von Graphit und Tonerde und darüber 
kleine Kügelchen von metallischem Aluminium. Erhitzt man 
Tonerde in einem einseitig geschlossenen Kohlenrohre mit einem 
Strome von 300 Amp. und 65 Volt, so entweichen aus der 
Röhre reichlich Dämpfe, die sich nach der Verdichtung als 
Aluminiumoxyd erweisen; nur an dem am stärksten erhitzten 
Boden der Röhre findet man ein Gemenge von Aluminium und 
einem Aluminiumcarbid. Diese Versuche beweisen, daß Ton- 
erde im elektrischen Ofen mit Kohle geschmolzen werden kann, 
ohne Reduktion zu erleiden, daß letztere aber sofort erfolgt, 
wenn die Dämpfe beider Substanzen auf noch höhere Tempe- 
raturen erhitzt werden. Von dem metallischen Aluminium, das 
sich dann bildet, verbindet sich jedoch ein Teil sofort mit dem 
Kohlenstoff. 

Weitere Untersuchungen*") lehren, daß elektrolytisch dar- 
gestelltes Aluminium außer Kohlenstoff und Stickstoff meist noch 
eine Verunreinigung, nämlich Natrium, enthält; das Natrium 
ist es besonders, das den schädlichen Einfluß auf die Eigen- 
schaften der aus dem Metalle dargestellten Legierungen aus- 

Sitsangsberiehte der phyf.-med. Sox. 89 (1907). 27 



— 418 - 

übt. Mit der Entdeckung ^^•) aber, daß Vanadin sich im elek- 
trischen Ofen leicht mit Aluminium legieren läßt, hat Hois- 
san zugleich ein neues Verfahren, wertvolle Legierungen mit 
Leichtigkeit zu bereiten, geschaffen**®). 

Die Methode ist vielfacher Anwendung fähig. Wirft man 
ein aus Aluminlumfeilspäuen und dem zu reduzierenden Metall- 
oxyde bestehendes Gemisch auf schmelzendes Aluminium, so 
verbrennt ein Teil des Aluminiums an der Oberfläche des Bades 
und entwickelt dadurch so viel Wärme, daß die widerstands- 
fähigsten Oxyde reduziert werden: das dabei aus dem Oxyde 
entstehende Metall geht kontinuierlich in das geschmolzene 
Aluminium über und legiert sich mit ihm. 

Auf diese einfache Weise, also ohne Anwendung ii*gend 
eines Flußmittels, wodurch nur Verunreinigungen in das Bad 
gelangen würden, stellt Moiss an die verschiedenartigsten Le- 
gierungen von Aluminium mit Nickel, Molybdän, Wolfram, Uran 
und Titan dar. Es gelingt ihm sogar Produkte zu gewinnen, 
die bis zu 75 ^/^ Wolfram enthalten. Diese verschiedenen 
Legierungen sind von außerordentlich großem, nicht allein 
wissenschaftlichen, sondern auch praktischen Interesse, denn 
sie gestatten, die schwerschmelzbaren Metalle mit anderen, 
auch niedrigerer schmelzenden zu vereinigen. 

Es ist bekannt, daß geschmolzenes Kupfer z. B. nur ge- 
ringe Mengen von metallischem Chrom zu lösen vermag. Da- 
gegen wird eine Legierung von Aluminium und Chrom von 
schmelzendem Kupfer in allen Verhältnissen aufgenommen. Es 
bildet sich dabei eine aus den drei Metallen bestehende Masse, 
aus der das Aluminium, wie Moiss an lehrt, leicht dadurch ent- 
fernt werden kann, daß man die iSchmelze mit einer dünnen 
Schicht von Kupferoxyd bedeckt. Das Kupferoxyd löst sich 
und verbrennt das Aluminium; die dabei gebildete Tonerde 
scheidet sich auf der Oberfläche des Bades aus^^^). 

Die interessanten Beobachtungen, die Moiss an bei der 
Reduktion von üranoxyd, Kieselsäure und Vanadinsäure gemacht 
hatte, veranlaßten ihn Ende des Jahres 1894 dazu, Titan dar- 
zustellendes)^ das man bisher nur in Form eines sehr wenig reinen 
Pulvers erhalten hatte. Berzelius®^') hatte versucht, Kalium- 
titanfluorid mit Kalium zu reduzieren, und war dabei zu einem röt- 
lich gefärbten Pulver gelangt, das später von Wöhler und Sainte- 



- m - 

Claire-Deville^") als Titannitrid erkannt wnrde. Wöhler***) 
hatte teils allein, teils gemeinschaftlich mit Sainte-Claire- 
Deville*"^'^) Kalium titanflnorid mit Natriam im Wasserstoffstrome 
reduziert und ein grau gefärbtes Pulver erhalten, während 
Kern"') durch Überleiten von Titanchloriddampf über Natrium 
in einer Wasserstoffatmosphäre eine pulverfSrmige Masse ge- 
wann, die Wasser erst bei 500® zersetzte. 

Moissans erste Versuche zeigen, daß man beim Erhitzen 
von Titansäure im Kohlentiegel mit einem Strome von 100 Amp. 
und 50 Volt ein indigoblau gefärbtes Titanoxyd, mit einem, 
Strome von 300 bis 350 Amp. und 70 Volt dagegen eine bronze- 
gelb gefärbte Masse des von Friedel und Ouerin be- 
schriebenen '*^) Titannitrids erhält. Zur Gewinnung von Titan 
müssen daher höhere Temperaturen, bei denen das Nitrid nicht 
mehr beständig ist, erzeugt werden; gleichzeitig muß man aber 
auch das zu reduzierende Oxyd im Überschusse verwenden, um 
die Bildung eines wohldefinierten Carbids zu verhindern. Mit 
Strömen von 1000 Amp. und 60 Volt, bezw. mit solchen von 
2200 Amp. und 60 Volt erhält Itf oissan aus einem Gemenge 
von sorgfaltig bereiteter Titansäure und wenig Kohle ein Roh- 
produkt, dessen Kohlenstoffgehalt sich dadurch, daß man es noch 
einmal mit Titansäure gemischt im elektrischen Ofen mit gleich 
starken Strömen erhitzt, bis auf etwa 2^/^ entfernen läßt. 
Vollständig frei von Kohlenstoff konnte kein Präparat erhalten 
worden. 

Das so gewonnene Titan stellt eine geschmolzene Masse 
von glänzend weißem Bruche dar, die Bergkristall und Stahl 
leicht ritzt, selbst aber mühelos gepulvert werden kann. Das 
Produkt verbrennt im Sauerstoff-, Chlor- und Bromstrome, ver- 
bindet sich mit Stickstoff schon bei etwa 800^ und im elektrischen 
Ofen mit Silicium und Bor zu kristallisierten Verbindungen von 
der Härte des Diamanten. Konzentrierte kochende Salzsäure 
entwickelt mit Titan langsam Wasserstoff, Salpetersäure bildet 
nach und nach Titansäure, verdünnte Schwefelsäure löst das 
Produkt beim Erwärmen leicht unter Bildung einer violett 
gefärbten Flüssigkeit, und Oxydationsmittel, wie geschmolzene 
Nitrate oder Ghlorate, greifen Titan heftig an. 

Im Anschlüsse an später noch zu besprechende Unter- 
suchungen über das Thoriumcarbid'*®) beschäftigen sich Moissan 

27 • 



— 420 — 

und A. Etard**®) mit der Darstellung von Thorium, das man 
rein bisher auch noch nicht erhalten hatte. Berzelius'^^), 
Chydenius"2)undL. P. Nilson^*^) hatten durch Erhitzen von 
Thoriumchlorid, Ealiumthoriumchlorid oder -fluorid mit Natrium 
oder Kalium grau gefärbte, mehr oder weniger Oxyd enthaltende 
Pulver gewonnen, uudL. Troost^'*) war bei der Reduktion von 
Thoriumoxyd mit Zuckerkohle durch Ströme von 30 bis 45 Amp. 
und 70 Volt zu einer kohlenstoffhaltigen Schmelze gelangt, die 
an der Luft wie gebrannter Kalk aufschwoll. 

Moissan und Etard erhitzen im elektrischen Ofen ein 
Gemisch von Thoriumoxyd und Zuckerkohle im Verhältnisse 
ThO^ : 2 mit einem Strome von 900 Amp. und 50 Volt and 
erhalten eine Schmelze von metallisch glänzendem Bruche, die 
aber noch etwa 7^/^ Kohlenstoff enthält und infolge einer Bei- 
mengung von Thoriumnitrid etwas gelber gefärbt ist als Titan. 
Die Masse ist sehr hart, ritzt Glas, wirkt aber auf Quarz nicht 
ein; sie verbrennt beim Erhitzen in Sauerstoff, Chlor, Brom- 
und Joddampf und fängt Feuer, wenn man sie auf geschmolzenes 
Kaliumchlorat wirft In Berührung mit kaltem Wasser ent^ 
wickelt diese Thoriumschmelze langsam ein Gas, das viel 
Wasserstoff und daneben Acetylen, Aethylen und Homologe 
sowie Methan enthält 

Einige Jahre später hat sich Moissan nochmals bemfiht, 
Thorium rein darzustellen und, da das Oxyd so wenig zufrieden- 
stellende Ergebnisse geliefert hatte, die Versuche seiner Vor- 
gänger wiederholt In Gemeinschaft mit Martinsen*") be- 
schäftigt er sich zunächst eingehend mit der Reindai*stellung 
und den Eigenschaften von wasserfreiem Thoriumchlorid und 
-bromid, die durch Erhitzen von Thoriumcarbid oder besser der 
oben genannten metallreichen Thoriumschmelze im Ghlorstrome, 
bezw. Bromdampfe und Sublimation der Beaktionsprodukte in 
Gestalt schwach radioaktiver, durchsichtiger Kristalle oder 
weißer Kristallmassen erhalten werden. Beide Halogenide haben 
die unangenehme Eigenschaft; im geschmolzenen oder dampf- 
förmigen Zustande Glas und Porzellan anzugreifen, und lassen 
sich daher nur unter großen Schwierigkeiten rein darstellen. 
Die nun gemeinsam mit Hönigschmid"*) angestellten, mit 
größter Sorgfalt ausgeführten Versuche zeigen, daß sich durch 
Reduktion von wasserfreiem Thoriumchlorid oder von Kalium- 



~ 421 — 

thoriumchlorid niemals reines Metall erhalten läßt; das Thorium 
ist stets mit Oxyd verunreinigt, dessen Gebalt unter 3 ^1^ nicht 
zu bringen ist. Moissan nnd Hönigschmid unterwerfen dann 
ein Gemenge von Thorium- und Kaliumchlorid der Schmelzelektro- 
lyse. Auch dies Verfahren fährt nicht zum Ziele, denn das so 
gewonnene Metall ist infolge der unvermeidlichen Beschädigung 
der Glas- und Porzellangefäße sowie der Einwirkung der Luft 
mit Oxyd verunreinigt; das Aussehen des häufig in gut aus- 
gebildeten Kristallen erhaltenen Materials läßt indessen darauf 
schließen, dafi das in dem flQssigen Bade enthaltene Oxyd sich 
gleichsam mechanisch zwischen die Metallteilchen im Augen- 
blicke ihrer Abscheidung eingeschoben hat. Wenn aber das 
oxydhaltige Metall im Kohlentiegel des elektrischen Ofens mit 
Oxyd und einem Kohlendeckel bedeckt vorsichtig zwei Minuten 
lang mit einem Strome von 400 Amp. und 110 Volt erhitzt 
wurde, dann konnten in einigen vorläufigen Versuchen einige 
Metallkügelchen von reinem Thorium isoliert werden. 

Im Jahre 1901 hat sich Moissan °^'') mit der Darstellung 
von Niob beschäftigt, das nach den bisher bekannt gewordenen 
Verfahren von Marignac"*), Blomstrand"*) und Roscoe'*®) 
nur wassei*stoffhaltig gewonnen werden konnte. 

Moissan geht von einem amerikanischen Niobit aus, aus 
dem er nach einem neuen Verfahren Niobsäure gewinnt, indem 
er das fein gepulverte Material mit Zuckerkohle gemischt im 
elektrischen Ofen mit Strömen von 1000 Amp. und 50 Volt er- 
hitzt und so vom Mangan und dem größten Teile des Eisens und 
Siliciums befreit; die Schmelze wird in Flußsäure unter Zu- 
satz von etwas Salpetersäure gelöst, die Lösung mit Kalium- 
fluorhydrat versetzt und das sich ausscheidende Gemenge von 
Kaliumfluortantalat und -fluoroxyniobat nach dem Verfahren von 
Marignac getrennt Die aus dem reinem Kaliumfluoroxyniobat er- 
haltene Niobsäure wird nun mit Zuckerkohle im elektrischen Ofen 
drei Minuten lang der Einwirkung eines Stromes von 600 Amp. und 
50 Volt ausgesetzt. So entsteht eine homogene Schmelze, die nach 
dem Erkalten an den Bruchstellen Metallglanz zeigt und sowohl 
Glas als auch Quarz ritzt. Die Masse schmilzt bei über 1800® 
liegenden Temperaturen, besteht aber nicht aus vollkommen reinem 
Niob, sondern enthält 2,5 bis 3,4 ®/o Kohlenstoff chemisch gebunden. 
Diese Niobschmelze wird durch Säuren kaum verändert und 



— 422 — 

durch Wasserdampf selbst bei Rotglat nicht aDgegriffen; sie 
besitzt bemerkenswei'te reduzierende Eigenschaften und verbrennt 
im Sauerstoffstrome mit Leichtigkeit. Das Niob selbst scheint 
sich in der Gesamtheit seiner chemischen Eigenschaften mehr 
dem Bor und dem Silicium als den Metallen zu nähern. 

Das bei der Aufarbeitung des Niobits als Nebenprodukt 
erhaltene Kaliumfluortantalat verwendet Moissan'") zur Dar- 
stellung von reiner Tantalsäure und von Tantal. Dieses Element 
war ebenfalls bisher trotz der Bemühungen von Berzelius***), 
H. Rose"*) und Marignac*") noch niemals rein erhalten 
worden. 

Moissan erhitzt ein Gemenge von Tantalsäure mit Zucker- 
kohle zehn Minuten lang im elektrischen Ofen mit Hilfe eines 
Stromes von 800 Amp. und 60 Volt und erhält so eine metall- 
glänzende Schmelze von kristallinischem Bruche, die im 
günstigsten Falle noch 0,5 ^/o Kohlenstoff enthält. Dieses so- 
mit ziemlich reine Tantal ritzt Glas und Bergkristall, verbrennt 
in Fluor schon bei gewöhnlicher Temperatur, in Chlor bei 250^ 
reagiert mit Brom erst bei dunkler Rotglut und wird von Jod 
bei 600® noch nicht angegriffen. Auch das Tantal besitzt be- 
merkenswerte reduzierende Eigenschaften und ähnelt in diesen 
dem Niob sehr; es scheint eher zu den Metalloiden als zu den 
Metallen zu rechnen sein. 



Untersuchungen über Carbide, Silicide und Boride. 

Als Moissan zum ersten Male einen blinden Versuch mit 
seinem elektrischen Ofen anstellte, beobachtete er eine merk- 
würdige Tatsache***). 

„iSi la temperature atteint 3000^j la mauere meme du fotirj 
la chaux rive fond et coule com nie de Veau. A cette temperaiurc 
k charbon reduit avec rapidiU Voxyde de calcium et le m4tal sc 
degage en abondance; il s'unit avec factlit^ aux ckarbotis des 
4lectrodes pour former un carbure de calciumy liquide au rouge^ 
qu*il est facile de recueillir.^ 

Ein Carbid! Wohl wußte man seit vielen Jahren, daß ge- 
wisse Metalle im Schmelzflusse wechselnde Mengen von Kohlen- 
stoff zu lösen vermögen, aber von wohldefinierten, kristalli- 



- 423 - 

sierten Hetall-Eohlenstoff-Verbindungen hatte man nur sehr 
wenig Kenntnis; man betrachtete vielmehr, aasgehend vom Eisen- 
carbid, alle diejenigen Produkte als Carbide, die sich durch 
Auflösen von Kohlenstoff in einem großen Überschusse irgend 
eines geschmolzenen Metalls bildeten. Mit den bis zum Jahre 1892 
in wissenschaftlichen Laboratorien gebräuchlichen und für Zwecke 
der Forschung verwendeten Heizquellen war es unmöglich, kristalli- 
sierte chemische Verbindungen von Kohlenstoff mit Metallen dar- 
zustellen. Die mit allen diesen Öfen, selbst mit den besten, erreich- 
bare Hitze war für solche Zwecke immer noch unzureichend. 
Moissan aber vermochte jetzt mit seinem elektrischen Ofen Tem- 
peraturen von 3000^ und darüber mit Leichtigkeit zu erreichen. Er, 
der die Gheroie der hohen Temperaturen geschaffen hatte, der 
Meister selbst bearbeitet auch dieses neue Gebiet der Metallcarbide 
und begründet die Industrie des Acetylens. Wohl ahnt er selbst, 
welch' große wirtschaftliche Erfolge diese seine Untersuchungen 
nach sich ziehen werden, — aber diese Erfolge locken ihn nicht. 
Er dient nur der Wissenschaft, er überläßt es gern anderen, 
seine Entdeckungen später industriell zu verwerten, und findet 
seine höchste Befriedigung darin, eine neue Klasse von Ver- 
bindungen entdeckt zu haben, mit denen die Chemiker fortan 
rechnen müssen! 

nLes rSsultats foumis par ces reckerches sont atissi curieux 
par les applications que Vindustrie pourra en tirer qvüau point 
de vue de la Classification des diffirents corps simples. Les 
carbures en effet qui^ autrefois, ^taient regard^s comrne des com- 
poses mal d^finis, possedent des propriötes nouvelles, si tranchdes^ 
qu'elles apporteront tm puissant appui ä la Classification des 
d4ments par gi^oupes natiirels et que, des aujourd'fmi^ les chimistes 
se verront forces d'en tenir cornpie^^^).^ 

Im Jahre 1862 hatte Berthelot in seiner klassischen Arbeit 
„Recherches sur Tacfetylfene" ^*'') die Eigenschaften des Acetylens, 
das er aus Acetylenkupfer und Salzsäure gewann, beschrieben. 
Gegen Ende desselben Jahres zeigte Woehler^*®), daß man 
bei der Einwirkung von Kohlenstoff auf eine Aluminium-ZiDk- 
Legierung ein schwarzes, überschüssigen Kohlenstoff enthaltendes 
Pulver gewinnen kann, das mit kaltem Wasser ein Gemenge von 
Gasen, darunter auch Acetylen, entwickelt. Maquenne^") 
stellte im Jahre 1892 mit Hilfe von Magnesium aus Baryum- 



— 424 — 

karbonat pnlyerförmiges Baryamcarbid dar, das durch Wasser 
unter Bildung von Acetylen zersetzt wurde, vermochte aber eine 
dieselben Eigenschaften besitzende Calciumverbindung nicht zu 
erhalten, denn er sagt am Schlüsse seiner Abhandlung: ,.Je f&rcd 
remarqtter, en terminant, que le carbonate de baryuni est le seul 
des composös ahalino-terreux qui puisse se trans former en 
carbure sous Vactio7i, du magnesium; ks autres, et surtout le 
carbonate de caldumy ne sont qu'incompUtement attaqtiis et 
donnent alorsy quandon les traite par Veau^ un m^lange d'hydro- 
gene et d'acdtyUne peu rieke^. Wenig später, im Jahre 1893, teilte 
Morris W. Travers"®) mit, daß er aus einem Gemenge von 
trockenem Calciumchlorid, gepulverter Gaskohle und metallischem 
Natrium bei heller Rotglut eine graugefärbte Masse erhalten habe, 
die durch Wasser unter Entwicklung von Acetylen zersetzt 
werde. Im gleichen Jahre wurde auch noch ein Patent'") ver- 
öffentlicht, in dem Thomas Wilson kurze, wissenschaftlich 
aber wertlose Angaben über die Bereitung eines Calciumcarbids 
machte. 

Da erscheinen Moissans erste Abhandlungen aber die 
kristallisierten Carbide der Erdalkalimetalle. Welch' ungeheuren 
Fortschritt diese und weitere Arbeiten des genialen Forschers 
auf dem von ihm neu erschlossenen Gebiete für alle Zweige der 
reinen und angewandten Chemie bedeuten, das zeigt die chemische 
Literatur bis auf unsere Tage! 

Zur Darstellung von Calciumcarbid, CaCj, erhitzt Moissan"*) 
im Kohlentiegel ein möglichst inniges Gemisch von 12 Teilen 
Marmorkalk und 7 Teilen Zuckerkohle im elektrischen Ofen fünf- 
zehn Minuten lang mit Strömen, deren Intensität je nach der 
Menge des zu reduzierenden Gemenges zwischen 350 Amp. und 
70 Volt und 1000 Amp. und 60 Volt schwanken. Auch Calcium- 
karbonat kann verwendet werden. In beiden Fällen stellt das 
Reduktionsprodukt eine schwarze homogene Masse dar, die ge- 
schmolzen war und vollkommen die Gestalt des Tiegels ange- 
nommen hat. Eine eingehende, speziell für industrielle Zwecke an- 
gestellte Untersuchung lehrt, daß ein Überschuß von Kohlenpulver 
zu vermeiden ist, da der geschmolzene Kalk dann nicht in ange- 
messener Weise auf den Kohlenstoff zu wirken vermag und nur wenig 
Carbid gebildet wird ; außerdem beteiligt sich ja auch das Material 
des Tiegels mit an der Reaktion und liefert einen Teil der für 



- 425 — 

die Entstehung des Carbides notwendigen Eohlenmenge. Wenn 
man kein flüssiges Bad erhält, ist die Ausbente an Carbid fast 
gleich Null. Wendet man andererseits Kalk im großen Über- 
schasse aU; so bildet sich an Stelle des erwarteten Carbids 
zum größten Teile metallisches Calcium. Besonders ist darauf 
zu achten, daß der Kalk von Sulfaten und Phosphaten mög- 
lichst frei sein muß, die durch Kohle leicht reduziert werden und 
dann bei der Verwertung des Carbids zu störenden Neben- 
reaktionen Veranlassung geben. Es gelingt zwar, die Sulfide 
und Phosphide entweder durch längere Zeit fortgesetztes Er- 
hitzen oder durch Anwendung von stärkeren Strömen vollkommen 
zu verjagen, für technische Zwecke aber wird es vorteilhaft 
sein, direkt von reinem Kalk auszugehen. Magnesiumoxydhaltiger 
Kalk liefert nur schwer Calciumcarbid, da die Magnesia mit 
Kohlenstoff nicht zu reagieren vermag und die Masse im elek- 
trischen Ofen nur am Schmelzen verhindert. Mit allzu starken 
Strömen darf man aber doch nicht operieren, da das Carbid, 
wie Moissan später, im Jahre 1897, findet^"), bei sehr 
hohen Temperaturen sich dissoziiert. Wenn kleine Mengen von 
Calciumcarbid mit einem Strome von 1200 Amp. und 60 Volt 
dargestellt wurden, kam es, namentlich wenn der Versuch zu 
lange fortgesetzt wurde, vor, daß das Reaktionsprodukt fast 
vollständig aus Graphit bestand und nur noch Spuren von Calcium- 
carbid enthielt. 

Es ist dies nicht das einzige Verfahren, nach dem 
Moissan Calciumcarbid hat darstellen können. Er^^^) zeigt im 
Jahre 1903, daß bei der Einwirkung von Acetylen auf Calcium- 
hydrid ^*^) eine Verbindung von der Zusammensetzung CaCj, CjHg 
entsteht, die beim Erhitzen im Vakuum Acetylen abgibt und 
Calciumcarbid liefert und berichtet im Jahre 1904 noch über 
eine ganz besonders interessante Reaktion^*'). Während Calcium- 
oxyd erst im geschmolzenen Zustande, also bei der Temperatur 
des elektrischen Ofens, durch Kohlenstoff reduziert wird, vermag 
sich metallisches Calcium bereits bei dunkler Rotglut mit Kohlen- 
stoff unter Bildung von reinem Calciumcarbid zu verbinden. 
Hieraus läßt sich folgern, daß bei jeder Elektrolyse, bei der 
metallisches Calcium in Gegenwart von Kohlenstoff bei dunkler 
Rotglut entsteht, Calciumcarbid sich bilden muß. Moissan s 
sogleich angestellte Versuche beweisen denn auch die Richtig- 



- 426 — 

keit dieser Yoraussetznng. Bedient man sich eines Eohlentiegels 
als Anode and eines Kohlenstabes als Kathode, und elektrolysiert 
man in dem Tiegel Calcinmchlorid oder besser ein ans 1 Teil 
Calciumfluorid und 4 Teilen Calcinmchlorid bestehendes Gemenge 
mit Hilfe eines Stromes von 10 bis 15 Amp. und 120 Volt bei 
650®, so erhält man neben metallischem Calcium stets Calciom- 
carbid. Die besten Ausbeuten an Carbid werden erhalten, wenn 
man dem Bade grobes Kohlenpulver zusetzt und den Strom in um- 
gekehrter Richtung durch das Calciumfluorid-Chlorid-Gemisch 
sendet ^^''). Theoretisch interessant ist auch die Beobachtung, 
daß die bei der Einwirkung von Acetylen auf Calciumammonium**^) 
bei —60® entstehende Verbindung CaC^, CgHj, 4 NH3 beim Er- 
hitzen Calciumcarbid zurückläßt; zur technischen Darstellung 
aber eignet sich nur das erste Verfahren. 

Das nach dieser ersten Methode erhaltene Calciumcarbid 
läßt sich sehr leicht spalten und zeigt deutlich kristallinischen 
Bruch ; die Kristalle, die man isolieren kann, glänzen wie Gold 
und sind undurchsichtig; die dünnen Blättchen sind durchsichtig 
und dunkelrot gefärbt. Diese Färbungen rühren allerdings nur 
von Verunreinigungen her. Reines Calciumcarbid ist, wie 
Moissan im Jahre 1898 nachweist'*^'), durchsichtig wie Koch- 
salz. Erhitzt man nämlich metallisches Calcium oder Calcium- 
hydrid oder Calciumnitrid mit reinem amorphen, durch plötzliche 
Zersetzung von Acetylen gewonnenen KohlenstoflF in einem Por- 
zellantiegel auf dunkle Rotglut, so erhält man eine rein weiße 
Masse, die, aus kleinen durchsichtigen Kristallen bestehend, alle 
charakteristischen Eigenschaften des Calciumcarbids zeigt. Auch 
die Verbindung CaC^, C^H^, 4NH3 hinterläßt beim Erhitzen 
ganz weißes durchsichtiges Calciumcarbid, und ebenso ist das 
aus CaCj, CgH^ sowie das bei der Elektrolyse von Calcinm- 
chlorid in Gegenwart von KohlenstoflF erhaltene Carbid stets 
kristallinisch und durchsichtig; andererseits ruft die geringste 
Beimengung von Eisenoxyd, mit der man das weiße Produkt 
im elektrischen Ofen erhitzt, die Färbung und den charakte- 
ristischen Schimmer hervor, den Calciumcarbid gewöhnlich zeigt 

Mit WasserstoflF, StickstoflT, Silicium und Bor vermag Cal- 
ciumcarbid auch bei den höchsten Temperaturen nicht zu reagieren; 
dagegen fängt es in Fluor schon in der Kälte Feuer uoter 
Bildung von Calcium- und Kohlenstoffluorid und erglüht im Chlor- 



— 427 - 

dampfe bei 245^; wobei Calciumcblorid entsteht, während Kohle 
zurückbleibt. Brom wirkt bei 350®, Jod unter Feuererscheinung 
bei 305®. Das Carbid verbrennt an der Luft bei Kotglut unter 
Entwicklung von Kohlendioxyd, im Sauerstoffstrome bei dunkler 
Botglut zu Calciumkarbonat und wird durch Phosphor bei Rot- 
glut in Phosphid und durch Arsendampf unter heftiger Reaktion 
in Arsenid verwandelt. Im Schmelzflusse löst es Kohlenstoff, 
den es in Form von Graphit wieder abscheidet. Mit den 
meisten Metallen reagiert das Carbid nicht. Natrium und 
Magnesium sind bei der Temperatur, bei der Glas er- 
weicht, ohne Wirkung; Eisen liefert erst bei sehr starkem Er- 
hitzen eine kohlenstoffhaltige Legierung von Calcium und Eisen; 
Zinn scheint bei Rotglut nicht einwirken zu können, während 
Antimon bei der gleichen Temperatur eine kristallinische, 
Calcium enthaltende Legierung liefert. Säuren, besonders im 
verdünnten Zustande, und Oxydationsmittel verschiedener Art 
wirken auf das Carbid energisch ein, und auch zahlreiche 
organische Verbindungen vermögen es, wenn auch schwieriger, 
zu zersetzen. 

Die bei weitem wichtigste und merkwürdigste Reaktion aber, 
die dem Calciumcarbid zu seinem Siegeszuge durch die ganze 
Welt verhalf, ist die mit Wasser. Ohne Feuererscheinung, nur 
unter geringer Wärmeentwicklung wird Calciumcarbid durch 
Wasser unter Entwicklung eines mit glänzender Flamme brennen- 
den Gases zei-setzt. Es entsteht Calciumhydroxyd, und 
es entweicht reines Acetylen! 

Es kann nicht Wunder nehmen, daß sich die Industrie so- 
fort Moissans phänomenale Entdeckung zu nutze machte; 
suchte man doch schon seit langer Zeit nach einem Verfahren, 
das kohlenstoffreiche Gas, von dem man sich als Beleuchtungs- 
material so viel versprach, auf billigem Wege im großen Maß- 
stabe rein darzustellen. Schon im Jahre 1896 konnte der Ent- 
decker des Calciumcarbids^*^) hocherfreut verkünden: j^Cette 
nouvelle mäthode de pr^paratian des carbures ahalino-terretix 
au four dlectrique est dejä entree, depicis la pubUcation de mes 
jyremieres recherchesy dans la pratique industrielle. Elle pemiet 
d*obtenir le gax a^etylene arec facilite, et la premiere applica- 
tian de ce carbure d'hijdrogerte ä Veclairacje semble donner de 
bons r^sultats,^ 



— 428 — 

Die Freade aber diesen großartigen, ungeahnten Erfolg 
sollte aber bald getrübt werden, als Moissan die ersten Proben 
von technischem Calcinmcarbid zu Gesicht bekam und in den 
schmutzig grau gefärbten, amorphen und porösen Bruchstücken, 
die von Verunreinigungen geradezu strotzten, sein Calcinmcarbid 
wiedererkennen sollte. Die Schwierigkeiten, die sich zunächst 
der Verwendung von Acetylen als Beleuchtungsmittel in den 
Weg stellten, brachte die Fabrikanten bald zu der Erkenntnis, 
daß sie mit reineren Ausgangsmaterialien arbeiten müßten. Im 
Jahre 1898 konnte Moissan**^) bereits konstatieren, daß man 
im Handel gut geschmolzenes, homogenes Carbid beziehen könne, 
das einen schönen kristallinischen Bruch und den sehr charakte- 
ristischen, goldglänzenden Schimmer besitzt; in derselben Ab- 
handlung teilt er die Analysenresultate einiger technischer Carbid- 
proben mit und weist den Weg, auf dem man speziell die 
hauptsächlichsten Verunreinigungen der Handelsprodukte, Phos- 
phor, Schwefel, Silicium, Eisen und Graphit, entdecken und be- 
stimmen kann. 

Noch eine wertvolle Eigenschaft des Calcinmcarbids hat 
Moissan*®*) entdeckt. Im Jahre 1897 teilt er mit, daß das ge- 
schmolzene Carbid auf Oxyde energisch einwirkt. Die sich 
hierbei abspielende Reaktion kann in zweierlei Art und Weise 
erfolgen; in einzelnen wenigen Fällen, in denen das Metall, 
wie z. B. bei Blei-, Wismut- und Zinnoxyd, sich nicht mit 
Kohlenstoff zu verbinden vermag, tritt einfach Reduktion ein; 
meist wird aber infolge doppelter Umsetzung Calciumoxyd und 
das Carbid des betreffenden Elementes gebildet. Damit ist eine 
neue elegante Methode zur Darstellung von zahlreichen kristalli- 
sierten Carbiden geschaffen. 

Natürlich untersucht Moissan die Eigenschaften des reinen 
Acetylens, das, aus kristallisiertem Calcinmcarbid dargestellt 
und verflüssigt, einen angenehm ätherischen Geruch besitzt'") 
und in geringen Mengen ohne Gefahr eingeatmet werden kann; 
sehr schlecht dagegen, infolge der Beimengung von Phosphor- und 
Schwefelwasserstoff, riecht das Gas, wenn zur Bereitung des 
Carbids unreiner Kalk verwendet wurde ^**). 

Die schon von Berthelot^®^) beobachtete heftige Ein- 
wirkung von Chlor auf Acetylen läßt sich, wie Moissan'") 
zeigt, zu einem glänzenden Vorlesungsversuch gestalten. Man wirft 



— 429 — 

in eine Flasche, die kaltes, mit Chlor gesättigtes Wasser ent- 
hält, einige Stückchen Calciumcarbid; sofort entwickeln sich 
Blasen von Acetylen, die in Berührung mit dem Chlor ver- 
brennen, und zu gleicher Zeit nimmt man den Geruch nach 
Kohlenstofftetrachlorid deutlich wahr. 

Gemeinschaftlich mit Ch. Moureu^®'^) berichtet Moissan 
im Jahre 1896 ttbej* das Verhalten von Acetylen gegen einige 
fein verteilte, durch Reduktion ihrer Oxyde im Wasserstoff- 
strome bei möglichst niederen Temperaturen dargestellte Metalle. 

Leitet man z. B. einen Strom von reinem und trockenem 
Acetylen über pyrophorisches Eisen, so erglüht letzteres leb- 
haft, und ein Teil des Acetylens verwandelt sich in Benzol 
and andere Kohlenwasserstoffe, die sich bei der Polymerisation 
des Acetylens bilden können, während der andere Teil in fein 
verteilte Kohle und Wasserstoff zerlegt wird. Ähnlich wie 
Eisen, jedoch etwas weniger lebhaft reagieren Nickel und Ko- 
balt. Diese Reaktionen sind die Folgen eines physikalischen 
Phänomens und erklären sich so, daß die fein verteilten Me- 
talle außerordentlich porös sind und Acetylen mit großer Be- 
gierde absorbieren: dabei wird Wärme frei, und durch diese 
wird die Polymerisation und die Zerlegung des Acetylens ver- 
anlaßt. Daß diese Erklärung richtig ist, ergibt sich aus der 
Tatsache, daß auch Platinschwarz und Platinschwamm sich 
wie pyrophorisches Eisen verhalten, und daß man durch Ver- 
dünnen des Acetylens mit Stickstoff wohl das Erglühen der 
Metalle, die Absorption des Gases aber und die Entwicklung 
von Wasserstoff nicht verhindern kann. 

Auch später noch hat Moissan mit Hilfe des Acetylens 
neue gewichtige Entdeckungen, auf die wir bald zu sprechen 
kommen werden, gemacht. 

In gleicher Weise wie die neue Calciumverbindung werden 
Baryum- und Strontiumcarbid, BaC, und SrCj, gewonnen*'®), 
die ebenfalls, wenn sie nicht besonders gereinigt sind, schwarze, 
geschmolzene Massen darstellen, mit den Halogenen beim Er- 
wärmen unter Feuererscheinung reagieren und durch kaltes 
Wasser unter Entwicklung von reinem Acetylen zersetzt werden. 

Die drei Erdalkalimetalle vereinigen sich also bei der 
Temperatur des elektrischen Ofens leicht mit Kohlenstoff zu 
wohldefinierten Verbindungen. Nach solchen Resultaten, war es 



— 430 — 

selbstverständlich, daß Moissan weitere Untersuchungen an- 
stellte, am zu prüfen, ob auch andere Elemente sich so ver- 
halten würden. 

Eine Verbindung von Kohlenstoff mit Aluminium war bis- 
her noch nicht bekannt, man bezweifelte vielmehr die Möglich- 
keit, Kohlenstoff in dem Metall auflösen zu können. Da be- 
schreibt Moissan^®®) im Jahre 1894 ein sehr gut kristallisieren- 
des Alnminiumcarbid von der Zusammensetzung AI4C3. Zar 
Gewinnung der neuen Verbindung werden starke, mit Alu- 
minium angetiiUte Kohlenschiffchen im elektrischen Röhrenofen 
fünf bis sechs Minuten lang mit einem Strome" von 300 Amp.und 
65 Volt erhitzt; nach dem Erkalten im Wasserstoffstrome findet 
sich in den Schiffchen eine grau gefärbte Masse vor, die aas 
unangegriffenem, im Innern mit glänzenden, schön gelb ge- 
färbten Kristallen des Carbids durchsetztem Aluminium besteht 
Man trennt die Kristalle vom Aluminium dadurch, daß man 
letzteres möglichst schnell mit eiskalter konzentrierter Salz- 
säure weglöst. 

Das reine Alnminiumcarbid, das übrigens später von Mois- 
san ''®) noch auf einem bequemeren Wege, durch Zusammen- 
schmelzen von Calciumcarbid und Tonerde, erhalten worden ist, 
bildet durchsichtige, schön gelb gefärbte Kristalle, die von Chlor 
und Brom bei Rotglut unter Peuererscheinung, von Sauer- 
stoff bei gleicher Temperatur nur oberflächlich, von Schwefel 
aber energisch angegriffen werden. Oxydierende Mittel, ge- 
schmolzenes Kaliumhydroxyd und verdünnte Säuren wirken 
leicht zersetzend ein. 

Moissan untersucht nun das Verhalten dieses Carbids 
gegen Wasser und findet eine neue interessante Tatsache: wohl 
entwickelt sich ein Gas, aber nicht Acetyleii, sondern Methan! 
Das erste Beispiel einer solchen Zersetzung! Sollte diese Ent- 
deckung nicht dazu berufen sein, manche Naturerscheinungen 
aufzuklären? Moissan hat diesen Gedanken sofort gefaßt and, 
wie wir später noch sehen werden, auch ausgebaut. 

Gleichzeitig mit den Metallen Chrom, Titan und üran''^) 
isoliert Moissan auch deren Kohlenstoffverbindungen. 

Erhitzt man im Kohlentiegel des elektrischen Ofens zehn 
bis fünfzehn Minuten lang metallisches Chrom*''*) mit einem 
großen Überschusse von Kohle durch einen Strom von 350 Amp. 



— 431 — 

und 70 Volt, so erhält man eine leicht zerbrechliche Schmelze, 
die mit den Kristallen des Chromcarbids CrjG^ angefüllt 
ist. Dieses Garbid bildet stark glänzende Blättchen von fettigem 
Aussehen, wird weder von konzentrierter Salzsäure, noch von 
rauchender oder verdünnter Salpetersäure, noch von Königs- 
wasser angegriffen, wohl aber, wenn auch langsam, von ver- 
dünnter Salzsäure zersetzt; Wasser wirkt auf das Carbid weder 
bei gewöhnlicher Temperatur, noch bei 100® ein. 

Bei den zahlreichen Chromschmelzen hatte Moissan be- 
merkt, wie sich mitunter die Oberfläche des Gußes mit gold- 
glänzenden Nadeln bedeckte, die man auch in den Hohl- 
räumen des geschmolzenen Chroms antriflft. Diese Kristalle er- 
weisen sich jetzt ebenfalls als ein Chromcarbid, das die 
Zusammensetzung Cr^C besitzt. 

Das Titancarbid TiC^'^) entsteht beim Erhitzen eines Ge- 
menges von 160 Teilen Titansäure und 70 Teilen Kohlenstoff 
mit einem Strome von 1000 Ä.mp. und 70 Volt oder beim Zu- 
sammenschmelzen von Titansäure mit Calciumcarbid *'*) in ge- 
schmolzenen Klumpen von kristallinischem Bruche oder in Form 
einer Kristallmasse; es enthält immer einen geringen Überschufi 
an Kohlenstoff, der als Graphit erscheint, wird wie die 
Chromcarbide von Wasser selbst bei 700® nicht zersetzt und 
ähnelt dem Titan in den meisten seiner Reaktionen; nur im 
Sauerstoffstrome verbrennt es leichter als jenes. 

Aus einem Gemenge von Molybdändioxyd und überschüs- 
siger Kohle unter dem Einflüsse eines Stroms von 800 Amp. 
und 50 Volt"*) oder beim Zusammenschmelzen des Oxyds 
mit Galciumcarbid^''*) bildet sich das Molybdäncarbid Mo^C als 
geschmolzene, leicht spaltbare Masse von glänzend weißem, 
kristallinischem Bruche; man kann aus der Schmelze kleine, 
deutlich kristallisierte Prismen isolieren. 

Ein zweites Molybdäncarbid von der Zusammensetzung 
MoG hat Moissan»") im Jahre 1904 mit M. K. Hoff mann 
beschrieben. Durch höchstens drei Minuten langes Erhitzen 
eines Gemisches von metallischem Molybdän, Aluminium und 
Petroleumkoks im elektrischen Ofen mit einem Strome von 
500 Amp. und 100 Volt entsteht eine Masse, die nach der 
Entfernung des Aluminiumcarbids und Graphits auf chemischem 
und physikalischem Wege sich als ein grau gefärbtes, aus 



— 432 — 

mikroskopisch kleinen Prismen bestehendes Kristallpulver präsen- 
tiert, das Qnarz wohl, aber Bubin nicht mehr ritzt. Das Car- 
bid wird von den Halogenen leicht, von Säuren, mit Ausnahme 
von Salpetersäure, kaum angegriflFen, beim Erhitzen an der 
Luft oder im Sauerstoffstrome schnell oxydiert, von Wasser bei 
gewöhnlicher Temperatur oder von Wasserdampf bei 500® bis 
600® dagegen nicht im geringsten verändert. 

Im Jahre 1896 macht Moissan uns mit einer größeren 
Anzahl von neuen Carbiden bekannt; er beschreibt die Kohlen- 
stoffverbindungen von Uran, Cer, Lithium, Maugan, Yttrium, 
Thorium, Zirkon, Vanadin, Wolfram und Lanthan. 

Urancarbid^''") UrgC, wird leicht durch Erhitzen von reinem 
grün gefärbten Uranoxyd und Zuckerkohle im elektrischen Ofen 
mit Strömen von 900 Amp. und 50 Volt erhalten; ungefähr 
fünf Minuten nach Einschaltung des Stromes beginnt die Re- 
duktion unter glänzendem Funkensprühen und ist wenige Mi- 
nuten später beendet. 

Das Garbid besteht aus dichten, metallisch aussehenden 
Stücken von kristallinischem Bmche und ähnelt in seiner Farbe 
dem Wismut; es ist deutlich kristallisiert und nicht sehr hart, 
denn es ritzt wohl Glas und Bergkristall, nicht aber Korund. 
In chemischer Hinsicht ist es sehr reaktionsfähig; es fangt 
an der Luft schon Feuer, wenn man es ohne besondere 
Vorsicht im Mörser pulverisiert, verbrennt im Sauerstoff bei 
370®, reagiert heftig und meist unter Feuererscheinung beim 
Erwärmen mit den Halogenen, mit Schwefel und mit Selen, 
verwandelt sich beim Erhitzen mit Stickstoff oder Ammoniak 
teilweise in ein Nitrid und wird von Säuren, namentlich in 
verdünntem Zustande, gelöst. 

Sehr eigentümlich und interessant ist wieder die Ein- 
wirkung von kaltem Wasser auf dieses Carbid, denn die Zer- 
setzung verläuft in einer sehr komplizierten Art und Weise. 
Es entweicht ein Gemenge von Acetylen, Aethylen, Methan nnd 
Wasserstoff, aber nur ungefähr der dritte Teil des zur Ver- 
fügung stehenden Kohlenstoffs findet sich in dem Gasgemische 
wieder; der Kest des Kohlenstoffs bildet ein Gemenge von flüs- 
sigen und festen Kohlenwasserstoffen sowie von harzigen Sub- 
stanzen, die in dem Wasser enthalten sind und durch Äther 
extrahiert werden können. 



- 433 - 

Durcb Reduktion von Cerdioxyd *'•) mit Kohle im elektri- 
schen Ofen erhält Moissan schon bei verhältnismäßig niedriger 
Temperatur das kristallisierte Cercarbid CeCa, das an der Luft 
rasch zerfällt und sich mit einem gemsbraungefärbten Pulver 
bedeckt, während gleichzeitig ein lauchartiger, charakteristi- 
scher, an AUylen erinnemder Geruch entsteht. In seinem 
ehemischen Verhalten gleicht das neue Produkt fast vollständig 
dem Urancarbid ; es ist ebenso reaktionsfähig wie dieses. Nur 
die charakteristische Einwirkung von Wasser vollzieht sich in 
etwas anderer Weise; wohl entsteht auch hier ein Gemenge 
von Acetylen, Äthylen und Methan in wechselnden Verhält- 
nissen, und wohl enthält das Wasser nach der Zersetzung wie- 
der mehr oder weniger hochmolekulare flüssige Kohlenwasser- 
stoffe, aber Wasserstoff findet sich unter den gasförmigen Zer- 
setzungsprodukten nicht vor. Später hat Moissan '^^) im An- 
schluß an eine Mitteilung von Wyrouboff und A. VerneuiP^*) 
noch gezeigt, in wie einfacher und vorteilhafter Weise sich 
das Carbid durch Behandlung mit sehr verdünnter Salpeter- 
säure in reines, absolut reines Oxyd verwandeln läßt. 

Zur Darstellung von Lithiumcarbid, Li,C2, erhitzt Mois- 
san^^') in einer einseitig geschlossenen Kohlenröhre ein Ge- 
menge von 1 Teil Lithiumkarbonat und 4 Teilen Kohlenstoff 
im elektrischen Ofen; anfangs entweichen nur wenig Metall- 
dämpfe, aber dann wird die Reaktion stürmisch, und in diesem 
Augenblicke muß der Versuch beendigt werden, denn die Aus- 
beute an Carbid hängt, da das neue Produkt durch höhere 
Temperaturen in seine Bestandteile zerlegt wird*®*), von der 
Dauer des Erhitzens ab; ein Strom von 350 Amp. und 50 Volt 
darf zehn bis zwölf Minuten wirken, ein solcher von 950 Amp. 
und 50 Volt muß aber bereits nach vier Minuten abgestellt 
werden. 

Lithiumcarbid bildet eine kristallinische, durchsichtige 
Masse, die aus glänzenden, an der Luft rasch veränder- 
lichen Kristallen besteht und ziemlich leicht zerbricht. Es ist 
ein sehr energisches Reduktionsmittel und wird durch Wasser 
anter Entwicklung von reinem Acetylen zerlegt Diese Zer- 
setzung geht bei gewöhnlicher Temperatur rasch vor sich, er- 
langt bei 100^ stürmische Heftigkeit und ist in jeder Beziehung 
mit der von den kristallisierten Erdalkalicarbiden gelieferten 

Sltsungsberiebte der phyi.-med. Sos. 39 (1907). 28 



— 434 — 

zu vergleichen. Ein Kilogramm Lithiumcarbid liefert bei der 
Zersetzung mit Wasser 587 Liter Acetylen. 

Troost und Hautefeuille*®*) hatten gelegentlich kalori- 
metrischer Untersuchungen von Eisen- und Mangan-Kohlenstoff- 
verbindungen auch ein im Qebläseofen dargestelltes Mangancarbid 
Mn3C erwähnt, das Moissan^") in sehr einfacher Weise 
kristallisiert erhält. Er erhitzt Manganomanganioxyd und Zucker- 
kohle im Verhältnis 200:50 in einem einseitig geschlossenen 
Kohlenofen fünf Minuten lang mit einem Strome von 300 Ämp. 
und 50 Volt oder nur einen Augenblick mit Strömen von 900 Amp. 
und 50 Volt, oder er schmilzt Manganomanganioxyd mit Calcium- 
carbid zusammen ^^®) und erhält eine kristallinische Masse, die 
bei mehrtägigem Aufbewahren an der Luft zeifäUt und sich 
wie alle anderen Carbide in chemischer Beziehung als sehr 
reaktionsfähig erweist. Die Zersetzung, die Mangancarbid durch 
Wasser erleidet, ist wiederum besonders interessant, denn es 
entsteht weder Acetylen noch Aethylen, sondern ein Ge- 
menge von Methan und Wasserstoff; flüssige oder feste 
Kohlenwasserstoffe finden sich nach der Zersetzung in dem Wasser 
nicht vor. Die Reaktion verläuft daher nach einer einfachen 
Gleichung: 

Mn3C+ 6 H^O = 3 Mn(0H)2 + CH, + H^. 

Die Carbide von Yttrium und Thorium stellt Moissan ge- 
meinschaftlich mit ifctard dar*"). 

Auf bekannten, sehr mühsamen Wegen gewinnen die Forscher 
reine Yttererde, die sie mit Zuckerkohle unter Zugabe von wenig 
Terpentinöl mischen, stark pressen und im Perrotschen Ofen 
glühen; dann wird das Gemenge im elektrischen Ofen, und zwar 
in einer einseitig geschlossenen Kohlenröhre, fünf bis sechs Minuten 
lang der Einwirkung eines Stromes von 900 Amp. und 50 Volt 
ausgesetzt; während der Reaktion entweichen Metalldämpfe, die 
an der Mündung des Rohres mit purpurrot gesäumter Flamme ver- 
brennen. So wird eine, aus deutlich gelb gefärbten, durchsichtigen, 
der Zusammensetzung YCj entsprechenden Kristallen bestehende 
Masse erhalten, die sowohl unter der Einwirkung der Halo- 
gene als auch in Sauerstoff, im Schwefel- und Selendampfe ver- 
brennt. Wasser wirkt schon bei gewöhnlicher Temperatur auf 
Yttriumcarbid ähnlich wie auf Cercarbid ein; das entstehende 
Gasgemisch setzt sich aus Acetylen, Methan, Aethylen und 



- 435 -^ 

Wasserstoff zusammen; in dem Gemenge überwiegt Acetylen, 
Wasserstoff findet sich nur in geringer Menge vor. 

Auf analoge Weise wird mit Hilfe von sehr sorgfältig ge- 
reinigtem Thoriumoxyd das Thoriumcarbid ThCj gewonnen, 
das L. Troost^®^) schon im Jahre 1893 bei Versuchen, Thorium 
darzustellen, beobachtet hatte, als er ein Gemenge von Thorium- 
oxyd und Zuckerkohle mit einem Strome von 30 bis 35 Amp. 
und 70 Volt erhitzte. T r o o s t hatte sich mit der Rein- 
darstellung der Verbindung nicht weiter befaßt, sondern sie 
möglichst vom Kohlenstoff zu befreien gesucht. Moissan und 
Etard erhalten kleine, durchsichtige, gelb gefärbte Kristalle, 
deren chemische Eigenschaften^®®) vollständig denen des Yttrium- 
carbids entsprechen ; auch die Zersetzung durch Wasser verläuft 
in ähnlicher Weise, nur wird neben der Entwicklung von Acetylen, 
Aethylen, Methan und Wasserstoff auch die Bildung einer kleinen 
Menge von festen und flüssigen Kohlenwasserstoffen beobachtet. 

Gleichzeitig mit dem soeben erwähnten Thoriumcarbid hatte 
L. Tro OS t^'®) bereits kohlenstoff haltiges Zirkon erhalten, dessen 
Zusammensetzung ungefähr der Formel ZrC^ entsprach. 

In Gemeinschaft mit Lengfeld stellt Moissan^*^) ein 
neues Zirkoncarbid ZrC im elektrischen Ofen dar, indem er mit 
großer Sorgfalt rein dargestellte Zirkonerde mit Zuckerkohle 
mengt und zehn Minuten lang mit einem Strome von 1000 Amp. 
und 50 Volt in einem einseitig geschlossenen Kohlenrohre erhitzt. 
Das neue Zirkoncarbid ist grau gefärbt, besitzt metallisches 
Aussehen und ist auch an feuchter Luft selbst bei 100^ noch 
beständig, es ritzt Glas und Quai^z und zeigt sich im allgemeinen 
chemisch sehr reaktionsfähig; von Wasser aber wird es zwischen 
0® und 100® nicht verändert, eine Tatsache, die im Hinblick 
auf Thoriumcarbid sehr bemerkenswert erscheint. 

Als Moissan bei seinen Versuchen, Vanadin^"*) darzustellen, 
ein Gemisch von Vanadinsäureanhydrid und Zuckerkohle neun 
bis zehn Minuten mit einem Strome von 900 Amp. und 50 Volt 
im elektrischen Ofen erhitzt, gewinnt er ^•^) das Vanadincarbid 
VdO in Gestalt schöner Kristalle, die Quarz ritzen und bei 
stärkerem Erhitzen im elektrischen Ofen flüchtig sind. Dieses 
Carbid ist durch Wasser nicht zersetzbar, reagiert mit Chlor 
oberhalb 500® unter Feuererscheinung und Bildung eines leicht 
flüchtigen, flüssigen Chlorids, verbrennt unter glänzender Licht- 

28* 



- 436 - 

erscheinung im Sauerstoffstrome bei dankler Rotglut und wird 
durch Stickstoff oder durch Ammoniak bei stärkerem ErhitzeB 
in ein Nitrid flbergefahrt; mit Schwefel, Chlorwasserstoff, 
Schwefelwasserstoff und Wasserdampf reagiert es auch bei hohen 
Temperaturen nicht. 

Die Bildung von Wolframcavbid, W^C, beobachtet Moissan '•*) 
bei der Darstellung von Wolfram ••*), als er einen ÜberschaB 
von Kohle bei der Reduktion von Wolframsäure anwendet. 
Er hat später dieses Garbid, wie so viele andere, auch bei der 
Einwirkung von Wolframsäure auf geschmolzenes Calciumcarbid 
erhalten •••). Die Verbindung ist eisengrau gefärbt, sehr hart, 
zeigt ziemlich dieselben Eigenschaften wie das Metall, ist aber 
chemisch viel reaktionsfähiger; sie fängt in Fluor schon bei 
gewöhnlicher Temperatur Feuer, verbrennt in Sauerstoff und I5st 
im Schmelzflusse große Mengen von Kohlenstoff auf, den es beim 
Erkalten als Graphit wieder ausscheidet. 

Lanthanoxyd ''"^ wird bei der Temperatur des elektrischen 
Ofens durch Kohle leicht reduziert. Wenn man ein Gemisch der 
beiden Substanzen in einem einseitig geschlossenen Kohlenrohre 
mittels eines Stromes von 350 Amp. und 50 Volt zwölf Minuten 
lang erhitzt, erhält man das Lanthancarbid, LaC,, als gelbge- 
färbte, deutlich kristallinische Masse. Das Garbid wird von den 
Halogenen beim Erwärmen unter Feuererscheinung angegriffen, 
verbrennt im Sauerstoffstrome bei Rotglut fast vollständig und 
erweist sich auch sonst als sehr reaktionsfähig. Durch Wasser 
wird es schon bei gewöhnlicher Temperatur rasch und voll- 
ständig zersetzt, indem ein ausAcetylen, Aethylen und Methan 
bestehendes Gasgemisch entwickelt, aber auch eine sehr geringe 
Menge von festen und flüssigen Kohlenwasserstoffen gebildet wird. 

Die Kohlenstoffverbindungen des Eisens, auf deren Existenz 
ja die Umwandlung von Eisen in Stahl beruht, hatten frühzeitig 
schon das Interesse ausgezeichneter Chemiker, wie Berzelius, 
Faraday und Stodart, Proust, von Ittner und Anderer, 
in Anspmch genommen; der hervori*agende Metallurg Karl 
Bernhard Karsten*®*) aber war wohl der erate, der 1833 
darauf hinwies, daß geglühter Stahl ebensowenig homogen ist 
als Gußeisen, und der**') 1847 die Vermutung aussprach, daß 
im Stahl eine Eisen-Kohlenstoff- Verbindung von unveränderlicher 
chemischer Zusammensetzung enthalten sei. Diese Vermntong 



— 437 — 

Karstens warde später dnrch wertvolle Untersuchnngen, be- 
sonders von Abel, MfiUer, Howe, J. 0. Arnold und A. A. 
Read, H. Behrens and A. R. van Linge, bestätigt, aber 
gleichzeitig erkannten Mar tens, Wedding, Sorby, Osmond 
und Andere auf Grand mikroskopischer Untersuchungen des 
Stahls, daß es nicht immer leicht ist, die augenscheinlich im 
Eisen enthaltenen mannigfaltigen Gebilde zu klassifizieren. 
Wohl schienen die Resultate der genannten Forscher darauf 
hinzuweisen, daß das Kohlenstoffeisen eine Verbindung sei und 
stets der Zusammensetzung Fe,C entspräche, aber einwandsfrei 
war diese so überaus wichtige Frage noch keineswegs entschieden. 

Da bewiesen im Jahre 1899 F. Mylius, F. Foerster 
und G. Schoene^^®) in einer klassischen Untersuchung — „ein 
Muster von eingehender Forschung und Experimentierkunst^ 
nennt Moissan diese Arbeit! — , daß geglühter Stahl ein grobes 
Gemenge von kristallisiertem Eisen und von kristallisiertem 
Eisencarbid ist. Dieses Carbid erwies sich als ein chemisches 
Individuum von der Zusammensetzung Fe^G. Es ist also Moissans 
Mangancarbid MUjC '®^) an die Seite zu stellen und unterscheidet 
sich von diesem nur durch eine größere Indifferenz gegen Lösungs- 
mittel; es ist dissoziierbar, da es durch Wärme in Kohle und 
kohlenstoffarmes Eisen zerfällt, welch' letzteres bei langsamer 
Abkühlung wieder Carbid absondert, und es ist bei heller Rot- 
glut befähigt, mit Eisen in chemische Reaktion zu treten. 
Zu gleichen Resultaten kam dann auch noch E. D. Campbell^^), 
der besonders die Einwirkung von verdünnter Salzsäure auf das 
Eisencarbid studierte und die hierbei entstehenden Kohlenwasser- 
stoffe untersuchte und bestimmte. 

Moissan hatte sich im Verlaufe anderer Untersuchungen 
eingehend mit der Löslichkeit von Kohlenstoff in Eisen befaßt 
und gelegentlich der Darstellung von künstlichen Diamanten*®*) 
beim raschen Abkühlen von geschmolzenem Gußeisen in Wasser 
öfters im Innern des Metalls strahlenförmige Teilchen beobachtet, 
die wie Eisenborid und -silicid aussahen, aber aus Kohlenstoff 
and Eisen bestanden. Eine Mitteilung von Rössel*®*), daß 
sich in einzelnen Eisensäuen durchsichtige Diamanten vorfänden, 
veranlaßt Moissan*®'), derartige Proben ebenfalls zu unter- 
suchen. Er kann zwar keine Diamauten finden, beobachtet aber, 
daß die Hochofensäue, genau wie im elektrischen Ofen mit 



— 438 — 

Kohlenstoff gesättigtes reines Eisen, nach langsam erfolgendem 
Abkühlen nur wenig gebundenen Kohlenstoff, dagegen mehr oder 
weniger Graphit enthalten. Es besteht also ein großer Unter- 
schied in der Zusammensetzung von rasch und von langsam 
abgekühltem mit Kohlenstoff gesättigten Eisen. Diese Beob- 
achtungen und namentlich die vortreffliche Arbeit von F. Mylius, 
F. Foerster und Q. Schoene führen Moissan zur Wieder- 
aufnahme seiner älteren Versuche und somit zur Dai-stellang 
des Eisencarbids durch direkte Vereinigung von Metall nnd 
Kohlenstoff. 

Um die gleichzeitige Bildung von Graphit zu verhüten, 
schmilzt Moissan reines Eisen ohne Zusatz von Kohlenstoff in 
einem Kohlentiegel mittels eines Stromes von 900 Amp. and 
60 Volt zusammen, taucht hierauf den Tiegel in kaltes Wasser 
und befreit das gebildete Carbid vom überschüssigen Eisen mit 
Hilfe von Salpetersäure oder von Jodwasser, Chromsäurelösung 
und dergl. Die im reinen Zustande glänzend weiß erscheinenden 
Kristalle sind, wenn auch etwas größer, zweifellos mit den ans 
Stahl gewonneneu identisch und entsprechen ebenfalls der Formel 
FOgC ; sie zerfallen an feuchter Luft ziemlich rasch, verbrennen 
in Sauerstoff je nach dem Grade ihrer Verteilung mehr oder 
wenig leicht, erglühen im Schwefeldampf bei 500® und werden 
von den Halogenen beim Erwärmen meist unter Feuererscheinnng 
angegriffen. Reines Wasser wirkt auf Eisencarbid zwischen 0* 
und 150® nicht ein,* aber Salzsäure zersetzt es beim Erhitzen im 
geschlossenen Rohre unter Entwicklung von Wasserstoff und 
von Methan. 

im Jahre 1866 hatte Bert h elo t *®») beobachtet, daß 
metallisches Natrium bei gelindem Erwärmen in Acetylen schmilzt, 
sich dann aufbläht und die Verbindung CjHNa bildet, während 
es bei dunkler Rotglut den Kohlenwasserstoff vollständig zer- 
stört und in eine schwarze, kohlige Masse, das „Acetylen- 
natrium" NagCj, verwandelt wird. Schmelzendes Kalium reagiert 
lebhafter, es entflammt in Acetylen unter Explosion und Ab- 
scheidung von Kohle und liefert sofort „Acetylenkalium" KjCj. 
Die beiden Verbindungen werden durch Wasser unter Ent- 
wicklung von Acetylen zerlegt und sind in allen ihren Eigen- 
schaften Analoga des kristallisierten Calciumcarbids, das Moissan 
28 Jahre später entdeckte. 



— 439 — 

Es lag nahe, die Darstellang der Carbide des Kaliums und 
Natriums mit Hilfe des elektrischen Ofens zu versuchen, aber 
das Experiment gelingt Moissan*®') nicht; die Temperatur ist 
zu hoch; und selbst mit Strömen von nur 350 Amp. und 40 Volt 
werden keine irgendwie befriedigenden Resultate erhalten. Um 
die Alkalimetallcarbide mit den übrigen Carbiden vergleichen 
zu können, wiederholt Moissan die Versuche Berthelots, 
lä&t jedoch Acetylen bei gewöhnlicher Temperatur auf Kalium 
einwirken, wobei er die Verbindung CjHK in Form eines weißen 
Pulvers erhält, das in Berührung mit Wasser sofort reines 
Acetylen liefert. 

Acetylen wird von metallischem Natrium bei gewöhnlicher 
Temperatur fast gar nicht absorbiert; die Bildung der Ver- 
bindung C^HNa erfolgt aber, wenn Natrium mit flüssigem oder 
mit stark komprimiertem Acetylen im geschlossenen Rohre 
längere Zeit aufbewahrt oder einige Tage auf 70® erwärmt wird. 
Die weiße Verbindung C^HNa färbt sich beim gelinden Erhitzen 
im Vakuum zunächst braun und entwickelt Acetylen; bei weiterem 
Erhitzen nimmt sie eine immer dunkler werdende Färbung an, 
und während die Acetylenentwicklung noch fortdauert, konden- 
siert sich in dem kalten Teile des Rohres eine kleine Menge 
von flüssigen Kohlenwasserstoffen. Unterbricht man jetzt den 
Versuch, so findet man Natriumcarbid, Na^Cj, vor, denn das 
Reaktionsprodukt wird durch Wasser unter Entwicklung von 
reinem Acetylen zersetzt; steigert man dagegen, ohne den Ver- 
such zu unterbrechen, die Hitze bis zur Rotglut, so hört die 
Gasentwicklung auf, am Boden der Röhre bleibt Kohle zurück, 
während Natrium sublimiert. Die Tatsache, daß Natriumcarbid 
schon bei einer Temperatur, bei der böhmisches Glas kaum er- 
weicht, in seine Bestandteile zerlegt wird, erklärt die Unmög- 
lichkeit, diese Verbindung im elektrischen Ofen darstellen zu 
können. 

Auch Magnesiumcarbid, das in wenig reinem Zustande nach 
dem Verfahren von Berthelot durch vorsichtiges Erhitzen von 
Magnesiumpulver in Acetylengas zu erhalten ist, läßt sich im 
elektrischen Ofen nicht darstellen, da es schon durch einen Strom 
von 600 Amp. und 60 Volt in seine Bestandteile zerlegt wird. 
Diese Tatsache erklärt, warum Moissan*®®) früher Magnesium- 
oxyd in Kohlentiegeln schmelzen und unzersetzt verflüchtigen 



— 440 — 

konnte: Magnesiumcarbid kann bei dieser Schmelzteniperatnr 
nicht mehr bestehen. 

Im Verlaufe einer anderen Untersuchung entdecktMoissan***) 
einen neuen, außerordentlich interessanten Weg zur Beindar- 
stellung der Alkalimetallcarbide. Die MetallammoniumverbiD- 
dungen'^^) erleiden nämlich durch Acetylen eine merkwürdige 
Zersetzung, indem Aethylen und Ammoniak entweichen and 
Acetylenmetallcarbide entstehen, die in manchen Fällen noch 
Ammoniak unter Bildung von Metallcarbidammoniakacetylen- 
verbindungen zu addieren vermögen. Sowohl die einfachen als 
auch die Ammoniak enthaltenden Verbindungen zerfallen beim 
Erhitzen im Vakuum in Acetylen und das entsprechende Metall- 
carbid. Auf diese Weise stellt Moissan Kalium-, Natrimn-, 
Lithium-, Bubidium- und Caesiumcarbid und schließlich aach 
nochmals Calciumcarbid dar. 

Beines Caesiumcarbid*^^), CsjG,, bildet durchscheinende, 
schwach braunrotgefärbte Blättchen, die durch Wasser bei ge- 
wöhnlicher Temperatur unter Entwicklung von Acetylen zersetzt 
werden und, wie alle anderen Alkalimetallcarbide, schon unter- 
halb der dunklen Botglut in Metall und amorphe Kohle zer- 
fallen. Das Carbid fängt in Fluor, Chlor, Brom- und Joddampf 
Feuer, reagiert mit Silicium und Bor, mit Eisenoxyd bei gelindem 
Erwärmen unter Feuererscheinung und entzündet sich, wenn 
es mit konzentrierter Salpetersäure in Berührung kommt. 

Gleiche Eigenschaften zeigt Bubidiumcarbid, BbjCj; inter- 
essant ist, daß, wenn dieses mit Kristallen von Calcium bedeckt 
im Vakuum erhitzt wird, das Bubidium ausgetrieben und Cal- 
ciumcarbid gebildet wird. 

Durch Erhitzen von Neodym- oder Praseodymoxyd und 
Zuckerkohle mit Strömen von 900 Amp. und 50 Volt werden die 
Carbide NeCj und PrC, erhalten*"). 

Beide sind gelb gefärbt und kristallinisch und weisen in 
ihrem chemischen Verhalten die größten Analogieen auf. Sie 
werden durch Wasser bei gewöhnlicher Temperatur unter Ab- 
scheidung von grünlichweiß gefärbtem Neodymhydroxyd, bezw. 
von violett gefärbtem Praseodymhydroxyd und unter reichlicher 
Gasentwicklung zersetzt; das Gas besteht in der Hauptsache 
aus Acetylen, zum geringeren Teile aus Methan und zum kleinsten 
Teile aus Kohlenwasserstoffen der Aethylenreihe; nebenbei ent- 



^ 441 — 

stehen bei der Einwirkung des Wassers auch flüssige und feste 
Kohlenwasserstoffe. Auch Ammoniak vermag bei 1200^ mit beiden 
Carbiden zu reagieren, wobei sich Neodymcarbid schwarz, 
Praseodymcarbid lebhaft gelb färbt; die Reaktionsprodukte ent- 
wickeln mit Wasser Kohlenwasserstoffe und reichlich Ammoniak, 
scheinen also Nitride *^^) zu sein. 

In gleicher Weise läßt sich aus Samariumoxyd und Zucker- 
kohle mit Strömen vod 900 Amp. und 45 Volt das Samarium- 
carbidSaCs^^^) bereiten. Die kleinen gelb gefärbten und durch- 
sichtigen, hexagonalen Kristalle werden durch Wasser unter 
Entwicklung eines neben Wasserstoff und Kohlenwasserstoffen 
der Aethylenreihe bis zu 71 ^/^ Acetylen enthaltenden Gas- 
gemisches zersetzt; hiernach wäre Samarium näher mit Yttrium 
als mit den Metallen der Gergruppe verwandt. 

Das Jahr 1903 bringt noch eine interessante Synthese der 
Alkali- und Erdalkalimetallcarbide. Moissan*^^) zeigt, daß die 
Hydride*^*) dieser Metalle bei 100® mit Acetylen unter Ent- 
wicklung von Wasserstoff reagieren, und daß dabei die bereits 
erwähnten Acetylenmetallcarbide*^^) entstehen, die sich beim 
Erhitzen im Vakuum in Carbid und Acetylen spalten. 

Seine letzte Untersuchung auf diesem Gebiete hat Mo issan ^'^) 
gemeinsam mit A. Kouznetzow ausgeführt. Durch Erhitzen 
eines Gemenges von Chromioxyd, Wolframsäure und Kohle mit 
Strömen von 400 Amp. und 75 Volt oder durch Zusammen- 
schmelzen von Wolfram, Chrom, Kohle und Kupfer im elek- 
trischen Ofen wird das Chromwolframcarbid, WogC, 3 CrjCj, er- 
halten, das nach erfolgter Reinigung kristallinische, grau gefärbte 
Kömer darstellt. Das Doppelcarbid ist sehr haii;, ritzt Glas, 
Topas und Rubin, greift aber Diamant nicht an; es wird von 
Säuren, selbst von einem Gemenge von Flußsäure und Salpeter- 
säure, nicht im geringsten verändert, und erst von schmelzenden 
Kaliumchlorat oder schmelzenden Gemischen von Alkalihydroxyden 
und Nitraten angegriffen. Wird es im Chlorwasserstoffstrome 
auf dunkle Rotglut erhitzt, so tritt z. T. Zersetzung ein; das 
Carbid bedeckt sich mit weißem Chromochlorid und mit braun 
gefärbtem Wolframchlorid, und das austretende Gas enthält 
neben Chlorwasserstoff auch Methan und Wasserstoff. 



— 442 — 

Auf Grund ihres Verhaltens gegen Wasser lassen sich die 
Carbide in zwei große Klassen einteilen*"). Die einen reagieren 
mit Wasser überhaupt nicht; es sind dies die Carbide von 
Molybdän, Wolfram, Chrom, Titan, Zirkon nnd Vanadin. Die 
anderen werden durch Wasser zersetzt und liefern dabei Kohlen- 
wasserstoffe, teils reines Acetylen, wie die Carbide der Alkali- 
und Erdalkalimetalle, teils reines Methan, wie das AlumiDiam- 
carbid, teils Gemenge von gasförmigen, flüssigen und festen 
Kohlenwasserstoffen, wie die Carbide des Urans und der seltenen 
Erdmetalle. 

Wie diese Reaktionen mancherlei Naturerscheinungen za 
erklären vermögen, schildert Moissan**®) in geistreicher Weise: 

„// notts a semble que ces itvdes pouvaient avoir qmlqtie 
inUret pour les g^logties. 

„Les d^gagements de m^thane, plus mi moins pur, qui d 
rencontrent dans certaitis terrains et qui durent depuis des 
decUs pourraient avoir pour origine Vaction de Venu sur k 
carbure d'aluminium. 

„ Une r^action du meme ordre peut eocplUpier la formation 
des carbures liquides. 

„ On sait que les tMories relatives ä la formation des petroles 
sont les suivantes : P production par la dicomposition des matteres 
organiqu£s animales ou v^g^tales: 2^ formation des pätroles par 
r^actions purement chi?niqices, tMorie ^ise pour la premiere 
fois par M. Berthelot^^^) et qui a fait le sujet d'une importante 
publication de M. Mendeleef; 3^ production de p4iroles par 
suite de pMnomenes volcaniques, Hypothese indiqu^ par de 
Humboldt dds 1804. 

„En partant de 4^^ de carbure d'uranium nous avons ob- 
te?ius, dans une seuU exp4rience^ plus de 100^ de carbures 
liquides. 

j^Le mißlänge ainsi obtenu est formd^ en grande partie, de 
carbures öthyleniques e/, en petite quantitd, de carbures ad- 
thyU7iiqu£s et de carbwes satures. Ces carbures prennent naissatwe 
eil presence d^une forte proportion de mdthane et d^hydrogetie 
ä la pression et ä la temp&rature ordirujtire, ce qui nous amcfic 
ä penser que, quand la decomposition se fera ä temp^raiure 
devee, il se produira des carbures satures anahgues aux 
petroles. 



— 443 — 

„3/. Bertfielot a dtabliy en cffet, que la fixaiiofi directe de 
Vhydrogene sur un carbure non satur6 pouvait etre produite 
par Vaction seule de la ckaleiir. 

Vexistence de ces nouveaux carbures mitalliqueB^ destructibles 
par Veaiiy peut donc modifier les id6es th^oriques qui ont 4U 
donnöes jusquÜei pour expliquer la formation des p4troles. 

jjll est bien certain que nous devons notis mettre en gar de 
contre des gen&ralisations trop häiives, 

jjVraisemblablefnent, il eodste des p^troles d'origines diffd" 
rentes: ä Autun^ par exemplcj les schistes bitmnineux paraissent 
bien avoir iU produits par la ddcomposition de maUh-es organiqties. 

„Au contraire^ dans la Limagne, VasphaÜe impregne touies 
les fissures du calcaire d'eau douce aquitanien qui est bien 
pauvre en fossiles. Cette asphalte est en relation directe avec 
Us filons de p4p&rite (tufs basaltiques) ^ par eons^quent en relation 
Mdente avec les 4ruptions vohaniques de la Limagne, 

j, Un sondage rScenU fait ä Riom ä 1200^ de profondeury 
a amen6 V^coulenient de quelques litres dep^trole, La formation 
de ce carbure liquide pourrait, dans ce terrain, etre attribu^e ä 
Vaction de Veau sur les carbures m4talliques, 

jjNous avons ddmontr^, ä propos du carbure de calcium, 
dans quelles conditions ce compos6 peut brüler et dofiner de 
Vadde carbonique. 

yjll est vraisemblable que, dans les premieres p4riodes gdolo- 
giques de la Terre, la presque totalite du carbone se trouvait 
sous forme de carbures mitalliques. Lorsque Veau est intervenue 
dans les rdactions, les carbures m^talliques ont donn4 des car- 
bures d'hydrogene et ces derniers, par Oxydation, de Vadde car- 
bonique. 

j^On pourrait peut-etre trouier un exemple de cette r6aetion 
dans les environs de Saint- Nectaire. Les granits qui fonnent, 
en cet endroit, la bordure du terrain tertiaire, laissent dchapper 
d'une fa^on continue et en grande quayitit^ du gax aeide car- 
honique. 

yNous estimons aussi que certains phenomenes volcaniques 
pourraient etre attribues ä Vaction de Veau sur des carbures 
vietalliques facilcment decomposables. 

j^Tous les göoloyues savent que la derniere maiiifestation 
d'un centre volcanique cormste dans les emxmatiofis carburöes 



— 444 - 

ircs variäes, allant de VasphaÜe et du p6trole au terme ultime 
de ioute Oxydation ä Vacide carbonique, 

„ Ufi fnouvement du sol, mettant en pr4sence Veau et les 
earbures mdtalliques^ peut produire un d^gagement violent dt 
masses gaxeuses. En mime temps que la tempiraiure a'ileve, 
les ph4nomenes de polym^risation des earbures intermennerit paur 
foumir toute une s4rie de produits complexes. 

„ Les composis hydrog&nis de carbone peuvent donc se prodmre 
tout d'abord. Les phMomhies dtoxydation apparaissent ensuüe 
et viennent compliquer les riactions, En certains endrotts, une 
fissure volcantque peut agir comme une puissante chemirUe 
d'appel, On sait que la nature des gax recueillis dans les fu- 
fnerolles varie suivant que Vappareil volcantque est immergi 
dans l'ocian ou baign4 par Faire aimosph&rique, A Santorin, 
par exemple, M. Fouqu^^ ä recueilli de Vhydrogene libre dans 
les bouches volcaniques immergi, tandis qu'il n'a remontre 
que la vapeur d'eati dans les fissures aSriennes. 

^Vexistence de ces earbures mitalliques, si faciles ä priparcr 
aux hautes tempSratures et qui, vraisemblablement, doivent se 
rencontrei^ dans les masses profondesdu globe — La difförence 
entre la density de la Terre et celle de la couche superficieUe 
semble indiquer Vexistence d'une masse centrale riche en metal 
— , permettrait donc Vexpliq'uer, dans quelques cos, la formation 
des earbures d'hydrogene gaxeux, liquides ou solides, et pourraii 
etre la cause de certaines öruptions volcaniques.^ 



Das neue Verfahren, das Moissan gestattete, mit so außer- 
ordentlich großem Erfolge wohldefinierte, kristallisierte Carbide 
zu gewinnen, hat er schon im Jahre 1893 zum ersten Male aacb 
zarDai*stellung einer anderen Klasse interessanter Verbindnngen 
benutzt, der Silicide, die bis zu jener Zeit nur in ungenügendem 
Maße untersucht und wenig bekannt waren. Auch diese meister- 
haft ausgeföhrten Untersuchungen, die wir jetzt im Zusammen- 
hange besprechen wollen, erstrecken sich über mehrere Jahre. 

In der ersten hierher gehörigen Mitteilung berichtet Mois- 
san"^) über das kristallisierte Kohlenstoffsilicid, SiC. 

Unabhängig von einander hatten 1892 der bekannte fran- 
zösische Chemiker P. Schützenberger"') und der rührige 



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amerikanische Elektrotechniker Edward G. Acheson *'*) 
KohlenstoiTsiliciumverbindnngen von der gleichen Znsammen- 
setzung, SiC; aber von ganz verschiedenen Eigenschaften er- 
halten. Schtttzenberger hatte durch Erhitzen von Silicinm und 
Kieselsäure in Tiegeln aus Betortenkohle bei lebhafter Rotglut 
eine amorphe, grünlich gefärbte Masse, Acheson aber im elek- 
trischen Ofen aus einem Gemenge von Koks mit Kieselsäure, 
Aluminium- oder Calciumsilikat bei Gegenwart eines Fluß- 
mittels Kristalle gewonnen, die sich durch außerordentlich 
große Härte auszeichneten, und die als Carborundum heute 
noch eine wichtige Bolle spielen. 

Auch Moissan hatte, wie er später**') selbst erzählt, 
schon im Jahre 1891, als er behufs Darstellung von kristalli- 
siertem Kohlenstoff*'*) Silicium im Windofen in einer Kohlen- 
hälle schmolz, kleine Kristalle von Kohlenstoffsilicid entdeckt, 
aber damals, wo überall neue Probleme vor ihm auftauchten, nicht 
Zeit gefunden, sogleich eine nähere Untersuchung über diese 
neue Verbindung anzustellen; er selbst **'') hat deshalb Ache- 
son die Priorität der Entdeckung des kristallisierten Silicids 
zuerkannt. Er hat aber als erster reines Kohlenstoffsilicid dar- 
gestellt und fünf Methoden aufgefunden, nach denen diese wert- 
volle Verbindung in schönen Kristallen gewonnen werden kann. 

Beim Auflösen von Kohlenstoff in geschmolzenem Silicium 
entstehen prächtige, mehrere Millimeter lange Kristalle, die 
sich durch Behandlung der Schmelze mit einem siedenden Ge- 
menge von Flußsäure und konzentrierter Salpetersäure isolieren 
lassen. Viel bequemer bereitet man das Produkt dadurch, daß man 
im elektrischen Ofen Kohlenstoff und Silicium im Verhältnisse 
12: 28 mit einander erhitzt; unter diesen Bedingungen erhält 
man eine Kristallmasse, die leicht durch Auskochen mit den 
oben genannten Säuren und dann durch Entfeiiiung des Graphits 
mit Kaliumchlorat und Salpetersäure gereinigt werden kann. 
Meist sind diese Kristalle gelb gefärbt; sie können aber auch 
ganz durchsichtig sein und manchmal die blaue Farbe des 
Saphirs besitzen. Die durchsichtigen Kristalle entstehen, wenn 
man die Schmelze möglichst schnell und in einem geschlossenen 
Tiegel ausführt und möglichst eisenfreies Silicium verwendet 

Das zweite Verfahren besteht daiin, daß man die Kristalli- 
sation in geschmolzenem Eisen sich vollziehen läßt, indem man 



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im elektrischen . Ofen Eisensilicid mit fiberschussigem Kohlen- 
stoff erhitzt und die vom Eisen durch Königswasser befreite 
Schmelze in der beschriebenen Weise reinigt. 

Besonders leicht wird die Verbindung dadurch erhalten, 
daß man^^^) ein Gemisch von gepulvertem Bergkristall und 
Calciumcarbid im Verhältnis SiO^ : CaCj im elektrischen Ofen 
erhitzt; dabei schmilzt das Calciumcarbid, und es bilden sich Cal- 
ciumoxyd und Kohlenstoffsilicid. Diese Reaktion könnte besonders 
zur technischen Darstellung von Carborundum verwandt werden. 

Man erhält die Kristalle ferner als Beduktionsprodukt beim 
Erhitzen von Kieselsäure mit Kohlenstoff im elektrischen Ofen 
und schließlich dadurch, daß man Kohlenstoff- und Siliciam- 
dampf sich miteinander vereinigen läßt. Diese letzte, originelle 
Methode, die wir früher^'*) schon kurz erwähnen konnten, 
wird praktisch so ausgeführt, daß man in einem kleinen läng- 
lichen Kohlentiegel geschmolzenes Silicium auf die höchsten im 
elektrischen Ofen erreichbaren Temperaturen erhitzt; nach dem 
Erkalten findet man prismatische, sehr harte und spröde, nor 
wenig gefärbte Nadeln des Silicids vor. 

Reines Kohlenstoffsilicid ist farblos und bildet häufig regel- 
mäßige, sechseckige Kristalle, die auf polarisiertes Licht ein- 
wirken, eine ausnehmend große Härte besitzen und Chromstahl 
und Rubin mit Leichtigkeit ritzen; man braucht nur mit einer 
Holzspitze Spuren des kristallisierten Silicids auf einem glatten 
Rubin zu verreiben, um tiefe, sehr deutliche Risse zu er- 
zeugen. Das Produkt ist außerordentlich beständig und widersteht 
selbst sehr energisch wirkenden Reagentien; das beweist schon 
die Tatsache, daß man es mit Salpetersäure und Kaliumchlorat 
vom Graphit zu befreien vermag, ohne es chemisch za ver- 
ändern. Auch Sauerstoff und Schwefel sind selbst bei 1000* 
ebensowenig imstande, auf die Kristalle einzuwirken, wie ge- 
schmolzenes Kaliumchlorat oder -nitrat oder irgendwelche 
Säuren. Nur Chlor bei 1200^ schmelzendes Kaliumhydroxyd 
und erhitztes Bleichromat vermögen das Silicid zu zerlegen. 

Diese einzige Verbindung, zu der sich Kohlenstoff und Sili- 
cium bei der Temperatur des elektrischen Ofens vereinigen, 
kann mit ihrer großen Beständigkeit als Typus für alle anderen 
Silicide dienen. 



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Interessant erscheint die Tatsache, daß äach die Natur 
unter gewissen Bedingungen Garoborundum zu bilden vermag; 
beim Auflösen eines 53 kg schweren Blockes des Meteoriten 
von Cafion Diablo"®) in Salzsäure erhielt Moissan"^) einen 
Rückstand, in dem sich eine geringe von Kohlenstoffsilicid 
vorfand; das Naturprodukt stimmte in Form und Eigenschaften 
mit dem im elektrischen Ofen gewonnenen vollständig fiberein. 

Über silicinmhaltiges Roheisen war bisher schon oft ge- 
arbeitet worden, Angaben über kristallisierte Silicium-Eisen- 
Verbindungen waren aber nur spärlich vorhanden. Fremy*'*) 
hatte ein Silicid FeSi in Form sehr harter, kleiner Oktaeder 
von graugelber Farbe durch andauerndes Behandeln von rot- 
glühendem Eisen mit Siliciumtetrachlorid dargestellt, und Hahn ^'^) 
hatte zwei amorphe Verbindungen Fe^Si und Fe^oSii, beschrieben, 
die er durch Erhitzen von Ferrochlorid, Oalciumfluorid, Natrium- 
chloridj Silicium und Natrium, bezw. von Ferrochlorid, Natrium- 
silicofluorid und Natrium erhalten hatte. 

Im Jahre 1895 zeigt Moissan*^*), daß ein kristallisiertes 
Eisensilicid von der Zusammensetzung Fe^Si durch direkte 
Vereinigung der beiden Elemente entsteht. Mau erhitzt zur 
Darstellung der neuen Verbindung ein Gemenge von Silicium 
und weichem Eisen entweder unter Durchleiten von Wasserstoff 
in einer Porzellanröhre im Kohlenofen oder — bequemer — vier 
Minuten lang im elektrischen Ofen mit einem Strome von 
900 Amp. und 50 Volt; auch durch Erhitzen von Eisenoxyd 
mit kristallisiei*tem Silicium im elektrischen Ofen läßt sich das 
Produkt gewinnen. 

Wenn man die geschmolzenen Massen mit verdünnter Sal- 
petersäure behandelt, so wird nach und nach das noch vor- 
handene überschüssige Eisen vollkommen entfernt, und schließ- 
lich hinterbleibt das Silicid in Form kleiner prismatischer und 
metallisch glänzender Kristalle zurück. Die Kristalle wirken 
auf die Magnetnadel nicht ein und schmelzen niedriger als 
reines Eisen, aber bei höherer Temperatur als kohlenstoff- 
haltiges Roheisen. Durch Flußsäure wird die Verbindung 
rasch und vollständig, durch Salzsäure langsam, durch Sal- 
petersäure nicht, durch Königswasser aber unter Bildung von 
Siliciumdioxyd zerstört; schmelzendes Kaliumnitrat- oder -chlorat 



— 448 — 

I 

I sind ohne Wirknng^ schmelzendes Alkalicarbonat dagegen und 

\ noch leichter Gemenge von diesem und Nitrat wirken zersetzend. 

I Aaf den gleichen drei Wegen wie die Eisenverbindang ge- 

winnt Moissan^^^) das kristallisierte Chromsilicid CrsSi, das 
nach Behandeln der Rohschmelze mit Flnßsäure in kleinen ein- 
zelnen oder zusammenhängenden Prismen zurückbleibt. Die 
Kristalle sind außerordentlich hart, denn sie ritzen Quarz nnd 
Korund mit der größten Leichtigkeit^ und ähneln in ihrem 
chemischen Verhalten sehr dem Eisensilicid ; sie reagieren mit 
Chlor bei Rotglut unter Feuererscheinung, mit Chlorwasser- 
stoff bei 700* unter Bildung von Siliciumchlorid und Chrom- 
chlorid und werden von geschmolzenem Kaliumnitrat schnell zn 
Chromat und Silicat oxydiert 

Erhitzt man im elektrischen Ofen kristallisiertes Siliciam 
und reines Silber auf sehr hohe Temperaturen, so erhält man 
beim Abkfihlen eine mit Kristallen bedeckte Metallkugel; die 
Kristalle bestehen aber nicht aus dem erwarteten Silbersilicid, 
sondern sind Kohlenstoffsilicid. Bei weniger hoher Temperatur 
wird das Silicium vom Silber gelöst, aber beim Erkalten wieder 
in kristallinischer Form ausgeschieden, ohne daß eine Ver- 
bindung zustande kommt. 

Im allgemeinen also kann man bei der Einwirkung von 
Silicium auf Metalle drei verschiedene Resultate erhalten: Ent- 
weder verbindet sich festes Silicium mit dem festen Metall im 
Kohlenofen zu einem Silicid, oder flüssiges Silicium verbindet sich 
im elektrischen Ofen mit dem flüssigen Metall, oder schließlich 
löst sich Silicium in dem flüssigen Metalle auf und scheidet sich 
in dem Augenblicke, in dem das Metall erstarrt, kristallinisch 
wieder aus. 

Durch Erhitzen von geschmolzenem Galciumchlorid und 
Silicium mit Natrium hatte Wohle r*^*) ein Calciumsilicid er- 
halten, dem er die Formel CaSi, zuschrieb; das Produkt ent- 
hielt wechselnde Mengen von Verunreinigungen und wurde von 
Wasser nur sehr langsam angegriffen. Viele Jahre später gewann 
G. de Chalmot"'), als MoissansOfen schon Gemeingut der 
Chemiker geworden war, durch Erhitzen einer Mischung von 
Kieselsäure, Kalk und Kohle ein Gemenge von Calciumcarbid, 
Calciumsilicid, Silicium und Eisensilicid, und gab an, daß Cal- 
ciumsilicid auch beim Erhitzen von Calciumcarbid mit einem 



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überschasse von Sand im elektrischen Ofen entstehe. Endlich hatte 
Jacobs*^®) durch Erhitzen von Calciumoxyd oder Calciumkarbonat 
mit Kieselsäure und Kohle im elektrischen Ofen ein Calciumsilicid 
dargestellt, das wie das Carbid durch Wasser unter Bildung 
von Calciumoxydhydrat, Kieselsäure und Wasserstoff zersetzt 
wurde und mit allen verdünnten Säuren Silicoacetylen bildete. 

In Gemeinschaft mitWalther Dilthey erhält Moissan"*) 
reines Calciumsilicid, CaSi^, nach mühsamen Vorversuchen da- 
durch rein, daß ein Gemisch von Kalk und überschüssigem 
Silicium im elektrischen Ofen mittels eines Stromes von 600 Amp. 
und 60 Volt erhitzt wird. Die Reaktion tritt in der Regel 
nach einer Minute ein, und dann muß die Graphitröhre sofort 
nach dem Zusammenschmelzen der Masse aus dem Ofen genom- 
Dommen werden, da sonst Carborundum entsteht. 

Das reine Silicid ist kristallinisch ; der Regulus zeigt manch- 
mal blättrige, manchmal körnig-kristallinische Struktur, besitzt 
eine silbergraue Farbe und metallischen Glanz; die Kristalle 
sind härter als Silicium, ritzen Glas mit Leichtigkeit und haben 
ungefähr die Härte von Quarz. Das Silicid bleibt unverändert, 
wenn es im Wasserstoffstrome auf Rotglut erhitzt wird, ver- 
brennt in kaltem Fluorgas unter Bildung von Silicium- und 
Calciumfluorid, reagiert in gleicher Weise, jedoch erst bei Rot- 
glut, mit den anderen Halogenen und oxydiei*t sich beim Er- 
hitzen an der Luft oder in Sauerstoff nur oberflächlich. Die 
Reaktion, die sich zwischen dem Silicid und Wasser abspielt, 
beansprucht im Hinblick auf das Calciumcarbid besonderes 
Interesse. Das Produkt wird an feuchter Luft sehr langsam 
trübe und erleidet, wenn es fein pulverisiert mit Wasser 
übergössen ist, nur sehr langsam Zersetzung unter Entwickelung 
von reinem Wasserstoff; die Zerlegung eines halben Gramms 
Calciumsilicid mit Wasser nimmt Monate in Anspruch. Ver- 
dünnte Salzsäure greift viel rascher an; es entweicht ebenfalls 
Wasserstoff, aber es bildet sich nie ein festes Siliciumhydrid. 
Das von Moissau und Dilthey erhaltene Calciumsilicid ist 
reiner, aber identisch mit der Verbindung, die Wöhler auf 
anderem Wege gewonnen hatte. 

Während die Silicide von Kalium und Natrium nur mit 
Mühe und nur in geringer Menge rein erhalten werden können, 
läßt sich Lithinmsilicid, Li^Sig, leicht darstellen. Moissan*") 

SitBvngBberlehte der phya.-ined. Sos. 39 (1907). 29 



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erhitzt zerriebenes, nach dem Verfahren von E. Vigouroux***) 
bereitetes Silicinm im Vakuum mit überschüssigem Lithium anf 
dunkle Rotglut und entfernt schließlich den Überschuß des 
Alkalimetalls im Vakuum bei 400<^ bis 500^ Sehr viel -höher 
darf die Temperatur nicht gesteigert werden, da das Silicid 
sich bei wenig über 600^ zersetzt Die neue Verbindung, in 
kleinen, tief indigoblau gefärbten, hygroskopischen Kristallen 
erhalten, erweist sich als sehr reaktionsfähig; sie wird beim 
Erhitzen im Wasserstoflfstrome in Siliciumhydrid verwandelt, 
von den Halogenen in der Wärme unter Feuererscheinung an- 
gegriffen, verbrennt beim Erhitzen an der Luft oder im Sauer- 
stoffstrome, reagiert energisch mit Phosphor, Schwefel, Selen und 
Tellur, mit Säuren und Basen und besitzt stark reduzierende 
Eigenschaften. Wirft man das Silicid in wenig Wasser, so 
entwickelt sich unter Abscheidung von Kieselsäure ein selbst- 
entzündliches Gemisch von Wasserstoff und Siliciumhydrid; 
mäßigt man aber die Reaktion dadurch, daß man das Silicid 
in einem Probierrohre erst mit Glycerin und dann mit Wasser 
überschichtet, so bildet sich, wenn das Glas in Wasser um- 
gekehii; wird, reiner Wasserstoff. 

Im Anschlüsse an die Untersuchungen über das Vanadin- 
carbid*") hat Moissan***) in Gemeinschaft mit Holt Verbin- 
dungen von Vanadin mit Silicinm, von denen sich mehrere 
bilden, dargestellt. 

Das Vanadinsilicid VSi, entsteht***), wenn ein Gemisch 
von Vanadintrioxyd und etwas mehr als der fünffachen Menge 
kristallisierten Siliciums vier bis fünf Minuten lang mit einem 
Strome von 600 Amp. und 50 Volt erhitzt wird, oder wenn 
man ein Gemenge von Vanadinpentoxyd, Silicinm und Magne- 
sium; nach dem Gold Schmidt sehen Verfahren zusammen- 
schmilzt. Nach mehrfacher Reinigung der Beaktionsprodukte 
wird das neue Silicid in Gestalt metallisch glänzender Prismen 
erhalten, die Glas ritzen und bei der Temperatur des elektrischen 
Ofens geschmolzen und auch verflüchtigt werden können. In 
chemischer Hinsicht erweist sich das Produkt als recht be- 
ständig; von Säuren, mit Ausnahme von Flußsäure, wird es nicht 
angegriffen, von Fluor, Chlor und Brom wird es erst bei Rotglnt 
zersetzt und von gasförmigem Chlorwasserstoff beim Erhitzen 
in Siliciumchloroform und Vanadindi- und -trichlorid zerlegt 



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Das zweite Vanadinsilicid, V^Si***), ist, da Vanadinpen t- 
oxyd und -trioxyd bei sehr hohen Temperaturen leicht fl&chtig 
sind, viel schwieriger zu gewinnen; die Darstellung gelingt 
Moissanund Holt nach vielen Vorverauchen schließlich auf den 
folgenden Wegen. Entweder wird ein Gemisch von Vanadintrioxyd 
und Silicium mit Strömen von 1000 Amp. und 50 Volt oder 
ein Gemenge von Trioxyd, Silicium und Kohle mit einem Strome 
von 500 Amp. und 50 Volt oder schließlich eine Mischung von 
Trioxyd, Silicium u