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SITZUNGSBERICHTE 



DEU 



PHILOSOPlIISCn-UlSTOßlSCIIEN CLASSE 



IIKK KAl.^KULirHKN 



AKADEMIE DER WISSENSC^HAFTEN. 



HUNDERTACHTUNDZWANZIGSTER BAND. 



(MIT KINEll TAFKL.) 



WIEN, 1893. 



IN COMMISSIUN BEI F. T E M T S K Y 

BÜCUUÄNDLCK liKU KAI». AKAUEMIU li£i: WlSsENStilAl^lBN. 



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INHALT. 



I. Abhandlunj^. Meyer: Tdrkische Stadien. I. Die griechischen und ro- 
manischen Bestandtheile im Wortschätze des Osmanisch -Türkischen. 
II. Abhandlung« Siegel: Das erzwungene Versprechen und seine Be- 
handlung im deutschen Rechtsleben. 
III. Abhandlung. Reinisch: Die Beijauje- Sprache in Nordost -Afrika. L 
lY. Abhandlung. Tomaschek: Die alten Thraker I. Eine ethnolog^he 
Untersuchung. 
Y. Abhandlung. Zingerle: Zur vierten Decade des Livins. 
YI. Abhandlung, v. Zeissberg: Belgien unter der Generalstatthalterschaft 
Erzherzog Carls (1793, 1794). I. Theil. 
YII. Abhandlung. Reinisch: Die Be^auye- Sprache in Nordost -Afrika. IL 
Y'UI. Abhandlung. Beer: Handschriftenschätze Spaniens. Bericht über eine 
im Auftrage der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in den 
Jahren 1886 — 1888 durchgeführte Forschungsreise. 
IX. Abhandlung. NOldeke: Die von Guidi herausgegebene syrische 
Chronik. 
X. Abhandlung. Zingerle: Der Hilarius- Codex von Lyon. 
XI. Abhandlung. Büdinger: Mittheilungen aus spanischer Geschichte 
des 16. und 17. Jahrhunderts. (Mit einer Tafel.) 
XII. Abhandlung. Beer: Handschriftenschätze Spaniens. Bericht über eine 
im Auftrage der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in den 
Jahren 1886 — 1888 durchgeführte Forschungsreise. 



XVIL SITZUNG VOM 13. JULI 1892. 



Sc. Excellenz der Präsident gedenkt des Verlustes, den die 
Akademie durch das am 7. Juli erfolgte Hinscheiden des c. M. 
im Inlandc Professor Dr. Arnold Busson in Graz erlitten hat. 

Die Mitgheder erheben sich zum Zeichen des Beileides. 



Das Präsidium der , Böhmischen Kaiser Franz Josef- 
Akademie der Wissenschaften, Literatur und Kunst* in Prag über- 
sendet die aus Anlass ihrer Gründung geprägte Gedenkmedaille. 



An Druckwerken werden vorgelegt: 

»Statistisches Jahrbuch der Stadt Wien fllr das Jahr 1890*, 
übersendet vom Stadtmagistrate, und 

,Nuntiaturberichte aus Deutschland*, I. Abth., 1. und 
2. Bd., herausgegeben durch das künigl. preuss. historische In- 
stitut in Rom und die königl. preuss. Archivverwaltung, über- 
mittelt durch das k. k. Ministerium für Cidtus und Unterricht. 



XVIII. SITZUNG VOM 20. JULI 1892. 



Der Vorsitzende Secretär der königl. preussischcn Akademie 
der Wissenschaften in BerUn übersendet ,Corpus inscript. Lat., 
Vol. IL Suppl.^ _ __ 

Das w. M. Hofrath Professor Dr. Otto Benndorf be- 
richtet über eine Reise im Orient. 



Sitznngsber. d. phil.-bisi. Cl. CXXYUI, Bd. a 



VI 



XIX. SITZUNG VOM 5. OCTOBER 1892. 



Der Präsident begrüsst bei der Wiederaufnahme der 
Sitzungen die Mitglieder der Classe und das neu gewählte 
Mitglied Herrn Hofrath A. Beer insbesondere. 

Hierauf gedenkt derselbe der Verluste, welche die Aka- 
demie und die Classe während der Ferien durch den Tod des 
wirkl. Mitgliedes Hofrath Anton Winckler, des coiTcsp. Mit- 
gliedes im Inlande Regicrungsrath lirnaz v. Zingerle und des 
corresp. Mitgliedes im Auslande geh. Justizrath Rudolf v. üiering, 
von denen der erste am 30. August, die beiden letzteren am 
17. September gestorben sind, erlitten haben. 

Die Mitglieder erheben sich zum Zeichen des Beileides. 



Die w. M. Herr Hofrath Dr. A. Beer in Wien und Pro- 
fessor Dr. A. Luschin v. Ebengreuth in Graz und das c. M. 
im Auslande Excellenz C. Graf Nigra erstatten ihren Dank 
fiir die auf sie gefallenen Wahlen. 

Professor Dr. v. Luschin übersendet zugleich für die 
akademische Bibliothek ein Exemplar seines eben erschienenen 
Aufsatzes ,Herbersteiniana', Graf Nigra sämmtUche von ihm 
publicirten Werke. 

Der Secretär überreicht eine vom c. M. Dr. Gustav 
Winter, Sectionsrath und Vice-Director des k. u. k. Haus-, 
Hof- und Staats -Archivs, übergcbene Arbeit: ,Der Ordo consilii 
von 1550. Ein Beitrag zur Geschichte des Reichshofraths^ 



Der Secretär legt weiter vor eine Arbeit des Herrn Dr. 
Wilhelm Altmann, Cu^tos an der Universitätsbibliothek in 
Greifswald: ,Zur Resignation Karls V. und Kaisoi'wahl Fer- 
dinands I.^ 

Beide Arbeiten werden der historischen Commission über- 
wiesen. 



VII 



XX. SITZUNG VOM 12. OCTOBER 1892. 



Der Präsident gibt Nachricht von dem am 15. August 
erfolgten Ableben des c. M. im Auslande geheimen Rathes 
August Nauck in St. Petersburg. 

Die Mitglieder erheben sich zum Zeichen des Beileides. 



Das c. M. im Inlande Professor Dr. G. Bickell in Wien 
dankt für die auf ihn gefallene Wahl. 



Von Druckwerken werden vorgelegt: 

, Archäologisch - epigraphische Mittheilungen aus Oester- 
reich-Ungarn, herausgegeben von O. Benndorf und E. Bormann^, 
Jahrgang XV, Heft 2, übersendet von den Herausgebern. 

,Neu-Brünn' von Chr. R. d'Elvert, 1. Theil, eingesendet 
von der historisch -statistischen Section der k. k. mährisch- 
schlesischen Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues u. s. w. 

,Sammlung national -bidgarischer Gedichte und Schriften*, 
übersendet im Wege des k. k. Ministeriums des Aeussem von 
dem fürstlich bulgarischen Unterrichtsministerium. 

,Papyrus Erzherzog Rainer. Führer durch die Ausstellung, 
1. Theil.' Wien 1892, im höchsten Auftrage Sr. kais. Hoheit 
des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs Rainer eingesendet 
vom w. M. Professor Karabacek. 



Der Secretär legt vor eine Abhandlung des Herrn Dr. 
J. Loserth, Professor an der k. k. Universität in Czemowitz: 
,Der Anabaptismus in Tirol vom Jahre 1536 bis zu seinem 
Erlöschen', um deren Aufnahme in das Archiv der Verfasser 
ersucht. 

Die Abhandlung geht an die historische Commission. 



Ä* 



VIII 



XXI. SITZUNG VOM 19. OCTOBKR 1892. 



Die zur Verwaltung der Widmung Seiner Durelilaueht 
des regierenden Fürsten Johann von und zu Liechtenstein 
eingesetzte Commission fdr archilologiselie Erforschung Klein- 
asiens übergibt einen Bericht der Herren Dr. Rudolf Heberdcy 
und Dr. Adolf Wilhelm über eine zweite Reise in KiUkien. 



XXII. SITZUNG VOM 2. NOVEMBER 1892. 



Die Nachrieht von dem am 24. October l. J. erfolgten 
Ableben des wirkl. Mitgliedes Herrn Professor Dr. Anton 
Gindely in Prag wurde bereits in der Gesammtsitzung der 
kaiserlichen Akademie vom 27. October 1. J. zur Kenntniss 
genommen und das Beileid über diesen Verlust von der Ver- 
sammlung ausgedrückt. 

Der Secretär legt eine Abhandlung des c. M. Herrn Dr. 
Wilhelm Tomaschek, Professor an der Universität Wien: 
,Die alten Thraker. I. Uebersicht der Stämme' vor. 

Die Abhandlung wird in die Sitzungsberichte aufge- 
nommen werden. 

Der Secretär legt weiter eine Arbeit des Herrn Dr. Carl 
Wessely, Professor am k. k. Staatsgymnasium im lU. Bezirk 
in Wien: ,Neue griechische Zauberpapyri' vor. 

Die Arbeit wird einer Commission zur Begutachtung 
übergeben. 

Derselbe legt endlich vor eine Abhandlung des Herrn 
Dr. Adalbert Abramowski in Bukarest: ,Maximilians Ge- 
fangennahme zu Brügge und der Reichskrieg K. Friedrichs III. 
gegen Flandern 1488'. 

Dieselbe wird der historischen Commission überwiesen. 



IX 

Das w. M. Herr Ilofrath Dr. II. Sie«rcl Überreicht eine 
Abhandlung: ,Das erzwungene Versprechen und seine Be- 
handlung im deutschen Rechtsleben^ 

Die Abhandhing wird in die Sitzungsberichte aufgenommen 
werden. 

Das w. M. Herr Professor Dr. Leo Reinisch übergibt 
eine Abhandlung, betitelt: ,Die Bedauye- Sprache in Nordost- 
Afrika. I. Texte im Idiom der Beni-Anier, der Ilalenga und 
der Bischari^ mit gegenüberstehender deutscher Uebersetzung. 
Diesem ersten Theil wird in Kürze ein Wörterbuch und die 
Grammatik der genannten Sprache nachfolgen. 

Auch diese Arbeit wird in die Sitzungsberichte aufge- 
nommen werden. 



XXIII. SITZUNG VOM 9. NC)Vf:MHp:K 1892. 



Der Vorsitzende der ^Gesellschaft zur Förderung deutscher 
Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen* Zi*igt an, dass 
diese Gesellschaft im Monate Mai l^VU ihre Thiltigkeit auf- 
genommen hat, übermittelt die Statuten und den ersten Rechen- 
schaftsbericht und sendet für die akademische Bibliothek zwei 
mit ihrer Unterstützung herausgegebene Werke: Dr. Joseph 
Neuwirth, Geschichte der bildenden Kunst in Böhmen vom 
Tode Wenzels III. bis zu den llusitenkriegen, 1. Bd.' und ,Mit- 
theilungen der deutschen mathematischen Gesellschaft in Prag. 

Die Gründung dieser Gesellschaft wird zur Kenntniss 
genommen und derselben für die eingesendeten Werke der 
Dank ausgesprochen. 

Die Concilien-Commission legt vor: Monumenta conci- 
liorum gencralium, Concilium Basileense Scriptorum tomi tertii 
pars III, enthaltend CoIIectio XVII von loannes de Segovia, 
Ilist. gestorum gener. synodi Basileensis, herausgegeben von 
Dr. Rudolf Beer. 



Das w. M. Hofrath V. Jagie überreicht eine flir die 
Denkschriften bestimmte Abhancllun<i: : ^Slavische Beiträge zu 
den biblischen Apokryphen I. Die altkirchenslavischen Texte 
des Adambuches^ 



XXIV. SITZUNG VOM 16. NOVEMUER 1892. 



Der Sccretilr legt eine mit der Bitte um Aufnahme in 
das Archiv übersendete Arbeit des Herrn Ferdinand Men<!;ik, 
Scriptor der k. k. Hof bibUothek : ,Die Correspondenz des Land- 
grafen Georg von Hessen aus den Jahren 1697 und 1698' vor. 

Die Abhandlung geht an die historische Commission. 



XXV. SITZUNG VOM 30. NOVEMBER 1892. 



Der Secretär übergibt eine für die Sitzungsberichte be- 
stimmte Abhandlung des c. M. Herrn Professor Dr. Anton 
Zingerle in Innsbruck: ,Zur 4. Decade des Livius^ 



Weiter wird vorgelegt: ,The Jätaka-Mälä or Bodhisatt- 
vfivadäna-Mälä by Ärya-^üra edited by Dr. H. Kcrn^ und 
.Mittheilungen aus der Sammlung der Papyrus Erzherzog 
Rainer', Bd. V, Heft 3 und 4. 



Das w. M. Herr Professor Th. Gomperz berichtet auf 
Grund brieflicher Mittheilungen des Herrn J. P. Mahaffy in 
Dublin über einen zu Teil Ourob in Aegypten aufgefundenen 
und von dem genannten Gelehrten entzifferten Plato-Papyrus. 



XI 



XXVI. SITZUNG VOM 7. DECEMBER 181)2. 



Das k. k. Ministerium für Cultus und Unterricht über- 
mittelt: , Nuntiaturberichte aus Deutschland^, III. Abth., 1572 
bis 1585, 1. Bd., herausgegeben durch das königl. preussische 
historische Institut in Rom und die königl. preussische Archiv- 



verwaltung. 



Der Secretär legt die Fortsetzung und den Schluss der 
Arbeit des Herrn Dr. Rudolf Beer, Amanuensis der k. k. Hof- 
bibliothek in Wien: , Handschriftenschätze Spaniens. Bericht 
über eine im Auftrage der kais. Akademie der Wissenschaften 
in den Jahren 1886 — 1888 durchgeführte Forschungsreise' vor. 

Dieselbe wird der Kirchenväter-Commission übergeben. 



Das w. M. Herr Hofrath Dr. Heinrich v. Zeissberg 
überreicht eine für die Sitzungs]>erichte bestimmte Abhandlung: 
, Belgien unter der Generalstatthalterschaft Erzherzog Carls 
(1793— 1794y, I. Theil. 



Das w. M. Herr Professor Dr. Leo Reinisch überreicht 
für die Sitzungsberichte eine Abhandlung, ])etitelt: ,Dic Be- 
dauye- Sprache in Nordostafrika. II. Grammatik^ 



XII 



I. SITZUNG VOM 4. JÄNNER 1893. 



Das Ehrenmitglied der kais. Akademie Se. Excellenz 
Freiherr Alexander von Bach spricht seinen Dank aus ftir die 
ihm aus Anlass der Vollendung seines 80. Geburtsjahres ge- 
sendete Adresse. 

An Druckwerken werden vorgelegt: 

je ein Exemplar der von der kais. russischen Botschaft 
übcrlassenen und durch das k. u. k. Ministerium des Aeussern 
und das k. k. Ministerium fllr Cultus und Unterrieht über- 
mittelten oflicicllen russischen Publicationen : 1. Liste der wäh- 
rend des Jahres 1^01 promulgirten russischen Gesetze und 
Nachtrüge zu den früher bestandenen Gesetzen, 2. Fortsetzung 
des russischen Code administratif, 3. weitere Folge der russi- 
schen Gesetzsammlung, Ausgabe 181)1; und 

,Feldzüge des Prinzen Eugen von Savoycn, Orts-, Namen- 
und Sachregister', übersendet von der Direction des k. und k. 
Kriegsarchives. 

Dr. JuUus Samuel Spiegier, pens. Schuldirector in Buda- 
pest, übersendet für die akademische Bibliothek sein gedrucktes 
Werk: ,Geschichte der Philosophie des Judenthums' und eine un- 
gedruckte Abhandlung: ,Die Unsterblichkeit der Seele', um deren 
Veröffentlichung oder Subventioiürung der Verfasser ersucht. 



Der Secretär legt eine für die Sitzungsberichte bestimmte 
Abhandlung des c. M. Professor Dr. Theodor Nöldeke in 
Strassburg: ,Die von Guidi herausgegebene syrische Chronik' vor. 



XIII 



Herr Franz Müller iu Siegeiifckl bei Baden übersendet 
beliui's Wahrung: der Priorität ein versiegeltes Schreiben mit 
der Aufschrift: ^Beitrag zum Studium der Sprachen^ 



IL SITZUNG VOM 11. JÄNNER 1893. 



Se. Excellenz der Präsident macht Mittheilung von dem 
Verluste, welchen die Akademie durch das am 7. Jänner er- 
folgte Ableben ihres Vice -Präsidenten, des k. k. Hofrathes 
Dr. Josef Stefan, erlitten hat. 

Die Mitglieder erheben sich zum Zeichen des Beileides. 



Das w. M. Professor H. Schuchardt in Graz über- 
sendet eine flir die Denkschriften bestimmte Abhandlung: 
,Baskische Studien. I. Ueber die Entstehung der Bezugsformen 
des baskischen Zeitwortes'. 



IIL SITZUNG VOM 18. JÄNNER 1893. 



Se. Excellenz der Präsident überreicht ein im Namen 
des französischen Ministers des Aeussern durch die französische 
Gesandtschaft in Wien übermitteltes Werk: , luven taire som- 
maire des archives du d^partement des afiaires ^trangferes. 
M^moires et documents. Fonds divers.' 



Der Secretär überreicht eine für die Sitzungsberichte be- 
stimmte Abhandlung des c. M. Herrn Professor Dr. Anton 
Zingerle in Innsbruck: ,Der Hilarius-Codex in Lyon'. 



Sitzangsber. d. phil.-hist. Cl. CXXVni. Bd. 



XIV 

Der Secretär legt weiter eine flir das Archiv bestimmte 
Abhandlung des c. M. Herrn Professor Dr. Franz v. Krone s in 
Graz: ,Zur Geschichte des Jesuitenordens in Ungarn seit dem 
Linzer Frieden bis zum Ergebnisse der ungarischen Magnaten- 
verschwörung 1645 — 1671' vor. 



Der Secretär übergibt weiter eine für das Archiv be- 
stimmte Abhandlung des Herrn Professor Dr. Eduard Wert- 
heimer in Pressburg: ,Wien und das Kriegsjahr 1813^ 

Die Abhandlung geht an die historische Commission. 



IV. SITZUNG VOM l. FEBRUAR 1893. 



Das w. M. Herr Professor Biidinger legt für die Sitzungs- 
berichte bestimmte Untersuchungen vor, welche den Titel 
führen: ,Mittheilungen aus der spanischen Geschichte des 16. 
und 17. Jahrhunderts. I.' 



Das w. M. Herr Professor Dr. J. Schipper überreicht 
den vierten Theil seiner Arbeit, betitelt: ,The Poems of 
William Dunbar^ zur Aufnahme in die Denkschriften. 




I. Abhandlang: Meyer. Türkische Stadien. I. 1 



I. 

Türkische Studien. I. 

Von 

Gustav Meyer, 

corresp. Mitgliede der k.iis. Akademie der Wissenschaften. 

I. 

Die griechischen and romanischen Bestandtheile im Wortschatze 

des Osmanisch-Türkischen. 



Der Wortscliatz des Osmanisch- Türkischen erweist sich 
der etymologischen Analyse als ein ziemlich bunt zusammen- 
gesetzter. Zu den alten, einheimischen Elementen, welche den 
Zusammenhang des Osmanischen mit den ost- und nordtürkischen 
Dialekten begründen, hat die Annahme des Islam durch die 
Osmanen eine so grosse Anzahl arabischer und persischer ge- 
fiigt, dass sie, wenigstens in der Sprache der Literatur und 
der Gebildeten, den alten echt türkischen Grundstock des Wörter- 
buches völlig überwuchern. Die Kluft zwischen der Sprache 
des Volkes und der des Gebildeten ist derartig, dass, wie Vämb^ry 
(Das Türken Volk 615) bezeugt, in der Gesellschaft von Efendis 
eine geheime Converaation geführt werden kann, ohne dass 
die anwesenden türkischen Diener die türkische Sprache ihrer 
Herren verständen. Wenn aber auch das arabisch -persische 
Element die erste und dominirende Stelle im türkischen Lexikon 
einnimmt, so ist dieses doch auch von der Berührung mit anderen 
Sprachen nicht ganz unbeeinflusst geblieben. Eine etymologische 
Durchmusterung entdeckt Griechisches, Lateinisches und Roma- 
nisches, Slavisches und Magyarisches, ja sogar Deutsches und 
Englisches im Wörtervorrath des Osmanisch-Türkischen. 

Die slavischen und magyarischen und von den roma- 
nischen die rumänischen Elemente im Türkischen hat Miklosich 
in einer seiner letzten Abhandlungen zum Gegenstande einer 

Sttzungsber. d. phil.-hist. Ol. CXXVIII. Bd. 1. Abh. 1 



& I. Abhudlang: Meyer. 

Untersuchung gemacht (Die sla vischen, magyarischen und rumu- 
nischen Elemente im türkischen Sprachschatze. Wien 1889). Ich 
trage einige hieher gehörige Worte nach, welche Miklosich ent- 
gangen sind. »>^b harda ,Böttcheraxt; Art Schleifstein^ Barbier 
de Meynard I 257 ist das rumänische hardä ,Axt', das aus 
magy. hdrd stammt und im letzten Grunde auf ahd. barta be- 
ruht. Cihac n 479. Mi. Et. Wörterb. 19. Eng damit ver- 
wandt ist »5>\^ bradova ,Art Böttcheraxt^ Jussuf 124, das aus 
serb. bulg. bradva = aslov. bradhVb ,Axt* entlehnt ist. lieber 
*^Ih ^''^^^ jThürschloss' Bianchi I 342, bei Zenker »y^. parava, 
habe ich bereits im Etym. Wörterbuche des Alb. 45 gesprochen: 
sein Ursprung ist unbekannt, es stammt im Serbischen, wo es 
seit dem 16. Jahrhundert belegt ist, vielleicht aus dem Koma- 
nischen. Vergleiche auch Blau, Bosnisch - türkische Sprach- 
denkmäler 7. yS ginez ,Fürst' Zenker 764 b ist asl. kbn^zh, se. 
knez, Ä^yUa» kasatura ,sabre-baionnette' Jussuf 546 scheint mit 
aslov. icosa kosort ,Sense' = se. kosa ,Sense', kosor ,Art Messer^ 
zusammenzuhängen (daraus magy. kasza ,Sense^); vielleicht ist 
das alb. kostre, das aus kosor entstanden ist (Etym. Wörterb. 
des Alb. 201), die vermittelnde Form, in der die drei zusammen- 
stossenden Consonanten s-t-r durch Vocale getrennt worden sind, 
vgl. unten. dJ6>^ ladinga ,Art Patrontasche' Jussuf 644 ist 
offenbar das magy. Iddika ,Ki8tchen, Schatulle', das deutschen 
Ursprungs ist. Ueber den eingeschobenen Nasal vergleiche 
unten unter londJta. ^U major ,Meierei' Zenker 804 a ist ein 
durchs Mag. (major) und Deutsche gegangenes romanisches 
Wort. o^V* '"^ufcan ,Schafhirt oder Schafzüchter aus Sieben- 
bürgen' Zenker 893 b ist rum. m^can aus magy. mokdny ,bäurisch'. 
AaJU-o mamaliga ,Polenta' Barb. II 786 ist rum. mäm^äligäy das 
auch im Magyarischen (mamaligaj^ Serbisch-Kroatischen (mama- 
Ijtbga), Kleinrussischen (mamalyga) vorkommt; der Ursprung der 
Bezeichnung dieses aus Maismehl bereiteten Nationalgerichtes der 
südöstlichen Donauländer ist nicht klar, man hat an Zusammen- 
hang mit venez. mslega ,holcus sorghum, welsche Hirse' = it. me- 
lica, gedacht. o^>^^ paljo§ ,petite ep4e k deux tranchants, poi- 
gnard, coutelas' Barb.1386 ist magy.jpaiio«, rum.^aZof, serb. ^aZo«. 
Das auch sonst weit verbreitete Wort hängt wohl mit tu. dJb 
pala jSäbol' zusammen, das echt türkisch zu sein scheint (Budagov 
I 310), ist aber in dieser Form wahrscheinlich magyarisch, ^ää-^. 



Tflrkiscbe Studien. I. 3 

• 

pUiiÜca ,Beute' Jussuf 957 aus serb. plja6ka^ vgl. Etym. Wörterb. 
des Alb. 344. j^:^^^ vampir ,8orte de grande chauve-souris; 
revenant, vampire' Jussuf 1223 kommt auch im 8erb. und Bulg. 
vor und ist wohl daher ins Türkische eingedrungen; die Her- 
kunft des Wortes ist noch nicht endgiltig festgestellt, vgl. Mi. 
Nachtr. 11 61. dS>^^ vladikaj auch ladika ,m^tropolitain* Jussuf 
1240 ist die slavische Benennung vladyka, bulg. vladika für 
den griech. dean&fTjQ ^Metropolit, Erzbischof. 

Die griechischen Elemente sind ins Osmanische auf 
verschiedenen Wegen gelangt. 

Eine beträchtliche Anzahl griechischer Wörter hat schon 
in früher Zeit ins Arabische und Persische Eingang gefunden, 
fast alle durch Vermittlung des Aramäischen, und ist von dort 
ans ins Türkische gelangt. Ich habe mich bei den unten 
folgenden Zusammenstellungen bemüht, jedesmal auf diesen 
Weg der Entlehnung hinzuweisen, bin aber weit davon entfernt, 
zu glauben, dass dies in erschöpfender Weise geschehen ist, 
oder dass ich nicht manchmal Irrthümer begangen habe. Man 
möge dies damit entschuldigen, dass die orientalistischen Studien 
meinen Arbeitsgebieten fern liegen, und dass die Vorarbeiten 
auf diesem Felde sehr dürftig sind. Es scheint mir eine sehr 
nothwendige und zu gleicher Zeit sehr lohnende Aufgabe zu 
sein, den Einfiuss, welchen das Griechische auf die Sprachen 
des Ostens geübt hat, auf Grund des vollständig gesammelten 
Materials im Zusammenhange darzustellen. Es handelt sich 
dabei um eine Untersuchung der griechischen Lehnworte im 
Aramäischen, Arabischen und Persischen; ferner um die grie- 
chischen Elemente im Armenischen und Georgischen; auch eine 
Zusammenstellung der ins Indische übergegangenen griechischen 
Worte wird nicht ohne Interesse sein. GelegentHch sind ja 
diese Sachen schon gestreift worden, so die griechischen Ent- 
lehnungen im Sanskrit von A. Weber in den Monatsberichten 
der Berliner Akademie 1871, S. 613 ff. und von H. Kern im 
I. Bande der ^Elldg, beidemal mit Rücksicht auf die Geschichte 
der griechischen Aussprache. Aber eine zusammenhängende 
Darstellung fehlt noch. Einiges enthält die Breslauer Disser- 
tation von Sigmund Fränkel De vocabulis in antiquis Arabum 
carminibus et in Corano peregrinis^ (Leyden 1880), sowie das 
vorzügliche Buch desselben Verfassers über die ,Aramäi8chen 

1* 



4 I« Abhandlnng: Heyer. 

Fremdwörter im Arabischen' (Leyden 1886). Die griechischen 
Elemente im Persischen hat jetzt Nöldcke in seinen ^Persischen 
Studien' 11 34 ff. untersucht (Sitzungsberichte CXXVI 12), die 
mir durch die Güte des Verfassers in den Aushängebogen zu- 
gängHch gemacht worden sind. 

Zu den durch Vermittlung des Arabischen ins Türkische 
gelangten griechischen Lehnwörtern gehören unter anderen 
eine Anzahl Pflanzennamen, wie ahanoz^ afiuiiy kantarion, ka- 
ranfily karnahity pentafiliarij türmüs und andere; Ausdrücke, 
die das Christenthum vermittelt hat, wie faraklity ind£il; zu 
ihnen sind wohl auch zunnar , kanun^ santur zu rechnen; 
Wörter des Handelsverkehrs, wie dirhem, keraty Uile; solche, 
die wohl zunächst in die medicinische Literatur Eingang fanden, 
wie zernik, masarika , belgam, melhem. Aus dem Persischen 
stammt z. B. das wichtige und interessante sim ,Silber', das 
über pehlevi pc'DK auf griechisch Uarniov zurückgeht; ferner 
THlid , defter , und Pflanzennamen , wie asfiradi , iskardiuriy 
ispanaky nerdiis. 

Seitdem die Osmanen Herren über den grössten Theil des 
ehemaligen byzantinischen Reiches geworden waren, lebten sie 
in ausgedehnten Gebieten ihres Besitzthums in fortwährender 
Berührung mit griechisch redender Bevölkerung. Die Aufnahme 
türkischer Wörter in das Vulgärgriechische war infolge dessen 
eine massenhafte; sie haben, allerdings in beschränkterem Masse, 
selbst in die Dialekte solcher Gegenden Eingang gefunden, die 
niemals unter türkischer Herrschaft standen, wie in die der 
ionischen Insehi. Miklosich hat in seinen ,Türkisclien Elementen 
in den südosteuropäischen Sprachen' auch den türkischen Ein- 
dringlingen im Griechischen seine Aufmerksamkeit zugewendet, 
ohne den Gegenstand zu erschöpfen. Es war das um so noth- 
wendiger, als die Griechen nicht selten von rein türkischen 
Wörtern die spasshaftesten Etymologien aus griechischen Mitteln 
gegeben haben. Die Literatursprache und der Schulunterricht 
haben begreiflicher W^eise im Königreich Griechenland gegen die 
türkischen Lehnwörter einen unbarmherzigen Vertilgungskrieg 
eröffnet; aber sie nehmen in den Volksmundarten und den 
Erzeugnissen der Volksdichtung immer noch einen sehr breiten 
Raum ein. Besonders interessant ist es, dass sich der türkische 
Einfluss auch auf die innere Sprachform erstreckt hat. So sagt 



Türkische Stadien. I. 



man nivw tuxtvvöv ,ich rauche', was die Uebersetzung des tür- 
kischen ^< ^-^^ Qyy> tiitün iömeJCy eig. ,Tabak trinken', ist; 
man fragt rcov nd-^erai ,wo wohnt er?', ganz gleich türkischem 
jyljyS^\ *>y nerede oturior, eig. ,wo sitzt er?', was der Lebens- 
weise der Osmanen treffhch entspricht, wie Fallmerayer, Ge- 
sammelte Werke I 293 richtig bemerkt hat. 

Aus naheliegenden Gründen ist der Einfluss der Sprache 
der griechischen Raja auf die ihrer Beherrscher nicht von der 
gleichen Stärke gewesen. Trotzdem ist, wie man aus meinen 
Zusammenstellungen ersehen kann, eine immerhin beträchtliche 
Anzahl von Worten in den osmanischen Sprachschatz einge- 
drungen, die zum Theil durch ihre jüngere, neugriechische 
Lautform sich von dem über das Arabische und Persische ein- 
gewanderten griechischen Sprachgute abheben. Eine grössere 
compacte Masse bilden hier die Benennungen der Seefische und 
anderer Seethiere, die fast ausnahmslos aus dem Griechischen 
stammen. Die Vorfahren der Osmanen waren ein Binnenvolk, 
das mit den Geschöpfen des Meeres erst bei seinem Vordringen 
nach Kleinasien und Europa Bekanntschaft machte. Dort trafen 
sie an den Meeresküsten überall auf Griechen, die naturgemäss 
ihre Lehrer in der Benennung der Erzeugnisse der See wurden. 
Auch von anderen auf die See und das Seewesen bezüglichen 
Ausdrücken sind einige griechisch, wie fener, kad^rga, karavi, 
Uf/rfüz, liman, navlun^ prame, talas und die Windnamen imhatj 
lodos^ pojraz] auf die wirkliche Ausbildung des Seewesens und 
die marine Terminologie haben freilich, wie bei den Türken, 
so auch bei den Griechen, erst die Italiener entscheidenden 
und nachhaltigen Einfluss ausgeübt. Aber auch auf anderen 
Gebieten ist der griechische Cultureinfluss, so weit er sich in 
der Sprache erkennen lässt, ersichthch; so sind eine Anzahl 
auf Ackerbau und Viehzucht bezüghche Ausdrücke griechisch, 
femer Namen von Gefässen, Geräthen und Werkzeugen u. s. w., 
selbstverständlich Alles, was sich auf den christlichen Cultus 
bezieht. 

Gegentiber diesen beiden Hauptwegen, auf denen grie- 
chisches Sprachgut ins Osmanische eingedrungen ist, tritt alles 
Uebrige fast ganz zurück. Bei dem einen oder dem anderen Lehn- 
worte kann man ja vermuthen, dass es durch slavischen Mund 
gegangen ist, ehe es das Türkische aufnahm. Das wird z. B, 



6 I. Abhandlung: Meyer. 

für loijofet wahrscheinlich gemacht durch das ^ f für & an 
Stelle des diesen Laut sonst vertretenden Cj oder i> t , was der 
russischen Vertretung des ^ entspricht (auch rumänisch logofet). 
Griechisch riqsiivov scheint auf dem Wege aslov. tremh — 
rum. tärim — (magy. terem) zu türk. tarem geworden zu sein. 
Aber solche mehr oder weniger entscheidende Kriterien lassen 
sich sehr selten anflihren. Auch auf dem Umwege über das 
Italienische hat das Türkische hie und da ein griechisches Wort 
recipirt; so, um von Neologismen abzusehen, die heute allen 
europäischen Sprachen gemeinsam sind, das Wort Hrinka, 
Siringa ,Spritze', das gr. aügiy^ ist, aber direct erst aus ital. 
sciringa stammt. 

In ähnlicher Weise wie bei den griechischen, sind bei 
den aus romanischem Sprachgebiete stammenden Lehnwörtern 
verschiedene Schichten zu unterscheiden. Lateinisches im Os- 
manischen erklärt sich durch die Vermittlung der Byzantiner 
und Araber, Es gibt im Arabischen lateinische Wörter, die 
aus dem Griechischen des Ostens Eingang in diese Sprache 
gefunden haben, wie für einige ihre Lautform bezeugt: so sind 
candela dmarius zunächst zu griech. 'Axxvdrßxx dfjvaQiog und 
weiter zu arab. kandil dinar geworden; in dieser Form er- 
scheinen sie auch im Türkischen. Auch Wörter wie camisia, 
ce7itenariu8, follisj sahurra sind so als kamisj kantaVy fehy safra 
ins Türkische gelangt. Den Namen des grossen Caesar haben die 
Orientalen wohl direct aus dem Munde der römischen Legions- 
soldaten aufgenommen: nur so erklärt sich die Bewahrung des 
alten ai, das in griechischem Munde damals gewiss schon zu 
ä geworden war. Da das byzantinische Griechisch voll von 
lateinischen Worten war, die zum Theil noch heute im Neu- 
griechischen weiter existiren, so konnte es nicht fehlen, dass 
auch noch nach der Eroberung des byzantinischen Reiches solche 
Lehnwörter ins Türkische kamen; hieher scheinen z. B. asprsy 
^ümrüky isUftle, isicemley Kilery tugla zu gehören. 

Der bei Weitem grösste Bestand an romanischen Elementen 
gehört dem Italienischen an und erklärt sich aus den bekannten 
Beziehungen der italienischen Städte, besonders der Venezianer 
und Genuesen, zur Levante. Wie viel die Türken hier direct 
entlehnt haben, wie viel erst durch griechische Vermittlung, 
ist selten mit einem grossen Grade von Wahrscheinlichkeit zu 



Tflrkische Studien. I. 7 

entscheiden. Sehr Vieles ist dem Türkischen jedenfalls mit 
dem Neugriechischen gemeinsam , und diese Gemeinsamkeit 
würde sich vermuthlich in noch grösserem Umfange nachweisen 
lassen, wenn wir den ins Neugriechische aufgenommenen ro- 
manischen Wortbestand irgendwo zuverlässig übersehen könnten. 
Aber das ist noch nicht der Fall; denn die Zusammenstellungen 
von Deffner in der Nia *^EXldg (1874) Nr. 19. 20 und von Pappa- 
dopulos in der Havöibga XVH, 217—226. 265—272 erschöpfen 
den Gegenstand nicht im Geringsten. Hieher gehört denn auch 
die Frage nach dem Wesen der viel genannten, aber wissen- 
schafUich nicht greifbaren Lingua franca, die wohl nichts 
Anderes war als Italienisch im Munde der Levantebewohner. 
Wenn wir Wörter wie ital. harhone, pisello im Türkischen als 
harbunia, pizelia^ also mit griechischer Endung, finden, oder 
wenn wir in tugla aus tubulum einen specitisch griechischen 
Lautwandel beobachten, so ist ohne Weiteres klar, dass sie 
durch ein griechisches Medium gegangen sind. Aber in anderen 
Fällen lassen uns solche Kriterien durchaus im Stiche. 

Die venezianische Herkunft der italienischen Ijehnwörter 
wird in vielen Fällen durch ihre Lautgestalt in entscheidender 
Weise bezeugt. Man beachte z. B. die Media in videlüy vida^ 
kadena, limonadaj bugada, foga, sigurta^ den dünneren Zischlaut 
in pisij sia, bekatsa, brizola, das r in salamoray den Ausfall 
des -ü- in manela gegenüber italienischen vitelloy vite, catena, 
limonatay bucatOy fuocOy sicurtäy pescSy sciare, becaccia , bra- 
ciuolay salamaja, manovella. 

Eine grosse zusammenhängende M^se italienischer Wörter 
bilden die im vorletzten Abschnitte zusammengestellten Aus- 
drücke der marinen Terminologie, deren Verzeich niss hoffentlich 
nicht allzu unvollständig ist. Leider ist es mir trotz aller auf- 
gewendeten Mühe nicht in allen Fällen gelungen, die türkischen 
Wörter befriedigend zu deuten; meine eigenen praktischen 
Kenntnisse von Dingen der Marine sind sehr gering, und das 
vortreffliche Glossaire nautique von Jal, das der Wortforschung 
auf diesem Gebiete ein unentbehrlicher Wegweiser ist, versagte 
doch in einigen Fällen. 

Noch in neuester Zeit sind einige italienische Wörter ins 
Osraanli aufgenommen worden, die aber an Zahl nicht mit den 
französischen Neologismen zu vergleichen sind. Das von Jahr 



8 I. Abhandlang: Meyer. 

ZU Jahr zunehmende Eindringen occidentalisehcr Einrichtungen 
und Erfindungen in die Türkei hat eine grosse Menge fran- 
zösischer Worte in das türkische Lexikon eingeführt, meistens 
solcher, die in den anderen europäischen Sprachen längst das 
Bürgerrecht haben. Die neueren türkischen Wörterbücher, wie 
das von Jussuf oder das von Sami-Bej, verzeichnen sie sehr 
ausführlich. Ich habe bei den einzelnen Abschnitten meiner 
Zusammenstellungen auf sie Rücksicht genommen, auch am 
Schlüsse eine bunte Reihe solcher Neologismen gegeben, habe 
f aber geglaubt, von dem Anstreben einer Vollständigkeit bei 
ihnen absehen zu sollen. Dieser Theil der romanischen Elemente 
wird erst in hundert oder zweihundert Jahren dem Sprach- 
forscher und dem Culturhistoriker ein dankbares Forschungs- 
object bieten. 

Eine besondere Stellung unter den romanischen Elementen 
des Türkischen nehmen die paar rumänischen Fremdwörter 
ein, die sich nachweisen lassen. Sie sind im Principe richtig 
von Miklosich in der am Anfange erwähnten Abhandlung mit 
den slavischen und magyarischen Elementen gemeinsam be- 
handelt worden. Ich habe sie, der Vollständigkeit halber, nicht 
ausschhessen wollen, Thatsächlich finden sich bei Miklosich 
von rumänischen Wörtern nur drei, nämlich gelate ,Kübelgebühr', 
kalaraS ,Eilbote^ und masa , Speisetisch', von denen die beiden 
ersten Provinzialismen der Walachei und dem türkischen Schrift- 
thum fremd sind, das erste zudem deutschen Ursprungs ist. 
Ich habe frand^ela, kaHr, lundraj tnbla hinzugefügt. Es mag 
an dieser Stelle erwähnt werden, dass bei einigen türkischen 
Wörtern romanischen Ursprungs die Thatsache vorliegt, dass 
sie durch slavische Vermittlung den Türken zugeführt worden 
sind, z. B. bei ispilatUy sapka und kopuska. 

Wenn wir das ganze Gebiet der Entlehnungen, deren 
Wege im Vorstehenden in kurzen Umrissen zu zeichnen ver- 
sucht wurde, überbHcken, so beanspruchen ein besonderes Inter- 
esse diejenigen Wörter, welche, ursprünglich orientaUschen Ur- 
sprungs, in die europäischen Sprachen Eingang gefunden haben 
und aus einer derselben in das Türkische aufgenommen worden 
sind, also eine Wanderung von Osten nach Westen und eine 
Rückwanderung von Westen nach Oaten durchgemacht haben. 
So stammt das persisch-türkische ^\^i-.*»\ aus griech. äoTidqayog^ 



Törkiwho Studien. I. 9 

dieses selbst ist aber ein Fremdwort und walirscbeirilich ira- 
nischen Ursprungs. d^-Jb zeigt europäisclie Lautfonn, aber 
das zu Grunde liegende ßdlaauov ist ursprünglich semitisch. 
Ebenso ist tllrk. o^yt-o gegenüber arabisch o^r^^i ^^'^ europäische 
Form dieses fremden Namens. Griechisch dy/agsia bezeichnet 
eigentlich den Dienst der persischen Hyyagoi oder Eilpostboten, 
ist aus dem Griechischen, allerdings in wesentlich erweiterter 
und veränderter Bedeutung, in das Lateinische und die roma- 
nischen Sprachen übergegangen und erscheint auch im Türkischen 
als angarie. 

wJyUo\ ,Scharlachtuch^ ist orientaKsch, aber in dieser Form 
europäisch; ebenso ist »jIjL« die europäische Form des arabischen 
^2^}^' 0>?^^ ^^* griechisches dqgaßfbv^ das seinerseits aus dem 
Semitischen stammt. Der arabische Ursprung von Admiral 
und lyragoman ist bekannt; beide finden sich in der occiden- 
tahschen Gestalt im Türkischen (amiral, dragman). Die beiden 
Marinewörter gomana und kalafat geben italienisches gomena und 
calafaUire wieder, aber beide stammen vielleicht aus dem Ara- 
bischen; das erste entspricht vermuthlich arab. J-%a., dessen Ur- 
sprung allerdings auch nicht aufgeklärt ist (vgl. Fränkel 228 
und vgl. xd^ilog rd naxi) axoiviov Suid., den Scholiasten zu den 
Wespen des Aristophanes 1030 und Theophylaktos zu Matthäus 
XIX 24: Ttviq de ndfitjkov oi td l^wöv q>aaiv^ dilä xö 7ta%v axoiviov^ 
^ Xg<üyrai ol vavrai rrgdg rd ^htreiv rag dyycvgag). Noch in neuerer 
Zeit hat sich solche Rückwanderung vollzogen, z. B. in dem 
Birnennamen hergamot. Auch griechische Wörter haben ähn- 
Hche Schicksale erlebt: agr. ^r^xivi] ist über das Lateinische, 
Arabische und Türkische als geraln ins Neugriechische zurück- 
gekehrt, dnrtoi' über das Arabische und Türkische zu ngr, dcpidvi 
geworden. 

Weder die griechischen noch die romanischen Bestand - 
theile des türkischen Lexikons sind bis jetzt Gegenstand einer 
besonderen Untersuchung gewesen, so weit mir bekannt ist. 
Allerdings haben die Lexikographen des Türkischen hie und 
da auch dem Ursprünge der nicht arabischen und persischen 
Wörter ihre Aufmerksamkeit zugewendet, und Älanches ist von 
ihnen richtig erklärt worden. Ich nenne hier, ausser dem be- 
kannten Werke von Zenker, besonders Ahme<l Vefyk Pascha, 
den Verfasser des ^^U-i* i^^J, und Barbier de Meynard, dessen 



I 



10 I. Abhandlung: Meyer. 

grosses Werk (Dictionnaire turc-franyais, 2 Bände, Paris 
1881 — 1886) zum Thcil auf dem Material des eben genannten 
tilrkischen Buches beruht. Ein kleines Verzeichniss griechischer 
Wörter findet sich in dem ^EXkrjVo- d&iofiavtyidv iynölTtiov von 
Alexandros Konstantinidis (Constantinopcl 1875), S. 1 flf. Es 
schien nützlich und wünschenswerth, die vereinzelten und ver- 
streuten Bemerkungen zu sammeln, zu revidiren und zu er- 
gänzen und durch Vorlage des ganzen Materials, soweit dasselbe 
mir erreichbar war, den Gegenstand aus dem Bereiche zu- 
fälliger Observationen in das Licht wissenschaftlicher Forschung 
zu rllcken. Die unten folgenden Wörterlisten sind nach sach- 
lichen Gesichtspunkten zusammengestellt, mit Rücksicht darauf, 
dass auch die culturgeschichtliche Betrachtung an den aus ihnen 
zu ziehenden Schlüssen ein Interesse haben mag; innerhalb 
der einzelnen Abschnitte habe ich die Wörter, soweit nicht eine 
Zusammenstellung einzelner zu kleineren Gruppen wünschens- 
werth schien, alphabetisch angeordnet, und zwar nach der Buch- 
stabenfolge unseres Alphabetes. Die Register am Schlüsse werden 
das Auffinden des Einzelnen erleichtern. Eine Sonderung der 
griechischen von den romanischen Elementen habe ich nicht 
durchgeführt, weil, wie aus den voranstehenden Erörterungen 
hervorgehen dürfte, die Sprachentwicklung beide vielfach durch- 
einander gewirrt hat. Eine Untci'suchung der Eigennamen habe 
ich vorläufig ausgeschlossen. 

Ich mache hier noch einige auf die sprachliche Form der 
Lehnwörter bezügliche Bemerkungen. 

Bei der Aufnahme der griechischen Wörter pflegt die 
Endung abzufallen. So axtapod d/j^arcödi, egreb ygTrtogj eskorpit 
axoQjridi, izmarid a(.iaQida, Uefal idcpa'kog^ levreU XaßQdniy livar 
ßißaqt(ov)^ mürsin afisgvva, palamud Ttaixxfivday sinarit awa- 
YQida, Sünder acpavyy&qij tun 9vwog, gajzar yatdaQog, hüher 
TtiTtiqi^ fsndak novrii^öv, featsk TtiardmoVy fidan (pvcam]^ ister eH 
aTVQdhii^ karanfil naqvöcpvXkov^ kamabit %qaiißidiOVy Jciraz xegd- 
aiov, tnantar fiavLzdQi, mirsin fivQaivrj, nerdiis vagiuaaog^ pentafil 
ftevrdcpvkXoVy psrnar nQivdgi, portukal noQZoyuxkli, simfit avfi- 
qwTOVy terter rdgragog, tiriak drjgiami^ tirßl rgiqyvXh^ mermer 
(.idgixagogy orfan dgcpavdg^ rnarjol fuxgyiöXog, xoirat xMgiorrjg^ 
matis ^€&vaog, tomar ro^dgty senier aa^gt, ipsid inplday defter 
diifd^igcxy is/celet aiukerögy anafor ävacpögtj fmnin (povgvogy Keremit 



TQrkiKche Studien. I. 11 

'AE^fiidiy kiler ynild^i^ Uilid nXeTöa, teviel &€^i),ioy, anaxtar 
ävoixtaQiy kandil xay&i^lay karacit xQeßßuxi^ diHel dmiXXi, ergat 
i^öcTT^gj kalem xdXafiog, öukal Tffovycdkiy tegan Trjyävt, kamis 
xafuaioy, zunnar ^(üvdgiy üsUül anovXly dernet defidti, dögen w- 
luhf], evlefc a^hSnu, terpan d^c/rcrvt, giimrük xovju^^xt, fendek 
7rardo%Bioy, dinar drp^dQtov, Hnik yipivUiy despot dsanörr^gy xristian 
XQUTTiayögy indJtil s^yyiliov, faraklit naqcniktjtog^ istifan ati- 
(pavogy latin XarTvog^ manaster (.lOvaari^Qiy metropolit (.irjTQOTCokitr^gy 
panajer TtavtjyvQiy patrek 7taTQiy,iogy t^iks rcr^ig, telaem TeXaafiay 
caftis ßaTtrlaiUy maH (idq^ijgj sidiill tnyilkiovy koiidak xorrcbct; 
mendienik ^ayyaviyidvy dümen Tifiöviy fener (pavaqiy imhat ifx- 
ndrrjgy iskandil auccyriXiy liman hfiivay palamar Ttakafiägiy talaz 
&dXaaaa, u. a. 

Ebenso ist die Endung italienischer Wörter abgefallen 
z. B. in izbandit : shandito, avokat : awocato, estudJt : dstuccioy 
fotin : bottino y isicerlet : scarlattOy vardijan : guardianOy feslcet : 
fischiettOy paraöol : bracciuoloy kapivdan : capitano] kacalii' : 
cavalierny berber : barbierey bukal : boccalsy varil : barile, kordun : 
cardon€y stmsar : Sensale , pinial : pugnahy bastun : bastoney 
kaliun: galeone, puntal : pontaley vapor : vapore ; üsKüf : scufßay 
roUet : rocchetta. 

In allen diesen italienischen und den allermeisten grie- 
chischen Beispielen liegt die Tonsilbe unmittelbar vor der 
Endung, und der Abfall dieser kam daher dem Bedürfniss dos 
Türkischen nach Betonung der Endsilbe aufs Trefflichste ent- 
gegen. Von den Ausnahmen lassen sich vielleicht noch einige 
beseitigen; man wird es vorziehen, pentaßl und istifan auf 
n:€vjaq>vlXi und arecpavi statt auf nevx&tpvXXov und azicpavog zu 
beziehen, fendek : novrindvy nerdiis : v&qiuoaog sind als persisch, 
karanßl : xaQvöqwXlovy tiriak : ^rfiiomriy inermer : ^dq^iaqogy kalem : 
TLdkafwgy faraklit : TtaQdiuXrjTog, telsem : teXea^ay m&ndienik : ^ay- 
yaviMiv als arabisch von dieser Betrachtung eigentlich auszu- 
scheiden. So bleiben blos gajzar : yatSaqogy simßt : avijupvcov^ 
terter : rdqroQogy orfan : dqqnxvdgy matis : fii&vaogy isUelet : G%BXBT6gy 
üskill : ü'AOvXiy fsndek : TtavdoYJBioVy talaz : d-dkaaüa übrig. 

Daneben ist nicht selten die ganze Nominativform ins Tür- 
kische übergegangen. So bei griechischen männlichen Wörtern 
auf -oi;, das im Türkischen als jj oder ,^^ erscheint: ispinoz 
OTtivogy ciroz taigog, bedenos Tteveivögy koljoz KoXiog^ likorinoz 



12 I- AbliMidlaug: Mey«r. 

IvxovQQLVOi;, orliinoz Sg^vvog, vatoz ßdzogy saliangoz adhayxog, 
abanoz eßsvog, marangoz fiaQayyuig, ispazvioz anaa^dq^ diakoz 
didxog, istavroz atavgög, martoloz ägfiarcjldg^ eskarnwz a'/xxXfiög; 
istakos ara^dg, kalinos yXavög, tir^os Tgi^ög, oarjos ßagsiög, 
agustos Syovarog, seJciros axiQQOg, balios ^TvaiXog, fanos q}av6g 
u. a. Für merlanos : it. 7nerlano kann (.legkavog vorausgesetzt 
werden; af&roz scheint verkürzt aus äq)0Qt(Tfi6g; konsolos hat 
sich diesem Typus angeschlossen. Bei diesen Beispielen sind 
die griechischen Wörter zum Theil auf der Endsilbe betont, 
zum Theil auf der vorletzten oder drittletzten. Als -ilz erscheint 
-og in körfüz : %6q(pog für yiökTtog, 

MännUches -ag ist durch türk. -az wiedergegeben in pojraz : 
ßoQiägy papaz oder papas : Tranäg, 

-18 = gr. 'Vig oder -ig erscheint in majs : fid'ig aus f^diog 
und anderen Monatsnamen, magnitis : fiayvrjrrjg u. a. ; = weib- 
lichem -ig in betaris : nrsqig. 

Sächliches -ov ist -ort oder -un z. B. in afitm : Umovy 
ana^un : ätnjaovy eleiiiuyi : klAviov , garikun : dyaQiy,6v, iskolo- 
fendrion : ayLoXoTrivdgiov, iskardiun : a-i^dqdiovj kantarion : yLevrav- 
Qiov, pentafilion : * TtBwacpvXXiov, ferfjun: stfqniQßiov, Hzfun : t^itv- 
(povy navlun : vavXov. Dazu ist zu fügen fesli^en : ßatrikmöv. Die 
meisten dieser Wörter sind bereits arabisch oder persisch. 

Das weibliche -a ist sehr häufig als -a oder -e herüber 
genommen, z. B. in bekasa : (,i7ts:idvaay lakerda : Xayieqda, lapina : 
kaniva, morina : f^ovQOvva, pei^ota : Treraovda, sipia : arjTVid, torina : 
Tovviva, btirandita : fj.7tOQdvTaa, engelika : dyyiXtxa, gazja : %aaaia, 
papadia : naTtadid, palavra : ftaXdßqa, lo^usa : Xs^ovoa, panukla : 
navovYXa, und in vielen anderen. Ebenso das italienische -a 
in balena : balena, ringa : aringa, sardela : sardella, sarpa : sarpa^ 
eruka : eruca^ lavanda : lavanda, veranika : veronica, familia : 
famiglia, fantazia \ fantasia, pjasa : piazza, vizita : maita und 
vielen anderen. Weibliches -rj ist i z. B. in pilaki : ^rAaxiJ, 
Xondrili : xovöqiXrj ; sächliches -i ebenso z.B. in ispari : * GnaQi, 
vgl. isUite : Gxa&iy eskumru : axovfiTrqL Italienisches -o z. B. in 
ßnOj lifo, dinko, öeniento, torno. 

-la erscheint als -e z. B. in kestane : xaaravidy titre : xedqid, 
ßäne : ßvaaivid, gübre : xo/tqid, kilisse : ixytXr^ala. 

Das nominativische -s ist abgefallen in lipari : XiTtaqig, 
pirebulu : jtQÖTtoXigy efeiidi : dq)^vzrjg, kerata : xsqardg. 



Türkische Studien. I. 13 

Die Herübernahme der männlichen Endung -og aus grie- 
chischen Substantiven findet sich vereinzelt auch bei Ent- 
lehnungen in andere Sprachen; vgl. z. B. altslov. christosh 
chimo8^ aus Xgcarög, xW^y ^1^- kopos ristos meine Alb. Stud. 
I 37; in ziemlich grossem Umfange ist die Endung -os im 
Zigeunerischen auch über den ihr ursprünglich zukommenden 
Kreis hinaus verbreitet worden, nach föros : cpögog, chdros : xogdg 
u. a. hat man grdhos, rizos, zböros u. s. w. gebildet, aber fast 
nur in nichtindischen Substantiven. Vgl. Miklosich, Mundarten 
und Wanderungen X 4, wo von der Erscheinung eine unrichtige 
Erklärung gegeben ist, die der Verfasser selbst später, in der 
Abhandlung ,Ueber die Einwirkung des Türkischen auf die 
Grammatik der südosteuropäischen Sprachen' (Sitzungsberichte 
Bd. CXX) S. 8 zurückgenommen hat. 

In einer Reihe von Fällen ist der Nominativ Plural zum Aus- 
gangspunkte der türkischen Nominalbildung genommen worden, 
und zwar fast immer der sächliche auf -a. So verhalten sich 
fduina : (pXihqi, kanaria : %avaQi^ pupla : novrrovXoVy barbunia : 
^TtaQfifTOvviy istridia : OTQidi , midiaifivdty paguria : jtayovQi, 
kukulia : 'AOVAOvh^ fasulla : (paoovXi^ izmaola : ay.iovQOv, lahana : 
XdxcePOVy lastaria : ßkaardgi, mukmxda : ixiairiXov, pizelia : Ttil^ihy 
prasa : Ttq&aov, radiJcla : ^adlyu, ispitalie : aniTaXi, /wZ/a : xoXiov^ 
salja : aakiov^ tugla : TOvßXoy, piata : TtidroVy Jcerata : xiqazovj 
kaderga : yuxteqyov. Aehnlich sind entstanden pines und domates 
von den Pluralen zu mwa und vrof-idra, und kaSer aus dem 
rumänischen Plural crtfuri. Diese Erscheinung des Ausgehens 
vom Neutrum Plural erinnert durchaus an die romanische Er- 
scheinung, dass die Neutra auf -a in die erste DecHnation 
tibertretend zu Femininen werden (Diez, Grammatik II 23), eine 
Egenthtimlichkeit, welche das Albanische mit den romanischen 
Sprachen theilt (meine Alb. Studien I 99). 

Eine andere aus den romanischen Sprachen wohl be- 
kannte Erscheinung ist die Verschmelzung des Artikels mit 
dem Substantivum , die in lostana ,Gasthau8' aus it. l'osteria 
beobachtet wird. 

Von lautHchen Erscheinungen, die bei der Aufnahme der 
fremden Wörter ins Türkische auf ihre Gestaltung Einfluss 
gehabt haben, seien hier einige kurz besprochen. 



14 I. .AbliandluDg : Meyer. 

Ein tonloses i oder e wird im Türkischen zu a in der 
Nachbarschaft von dunklen Vocalen ; vgl. z. B. anaxtar : ivoix^dQi^ 
anasun : ävrjaoVy H^arun : cicerone^ kumandaria : 7iov(.ieyTaQia, 
malluta : ^ijXwTi^y panajir : TtccytjyvQL, camariva : cima arriva. 
Auf diese Weise erklärt sich auch J^U*o\ istambol ,Constan- 
tinopel^, das zweifellos aus slg rijv IlöXtv entstanden ist; man 
hat thörichter Weise zur Erklärung des a an ein dorisches 
Täv nöXiv anknüpfen wollen. Durch Volksetymologie ist der 
Name in J^^\Uo\ islambol ,le foyer de Tislam' (Barbier de 
Meynard I 48) umgedeutet worden. Analog ist ^^U-**>\ istaalcöj 
für ,Kos^ = '4; T7JV Kwj woraus das ital. htanchio entstanden ist* 
am Schlüsse liegt wohl volksetymologische Anlehnung an türkisch 
^^ ,DorP vor. Sonst ist das griechische r^v als tin zu er- 
kennen, vgl. istindil = Tfjvog, Auf das hier besprochene 
Lautgesetz hat schon Korsch im Archiv für slavische Philologie 
Vni 649 hingewiesen. 

Umgekehrt ist a w neben hellen Vocalen zu i geworden; 
vgl. z. B. iskite : GY.a&i, kalinis : ylagog, ivatine : dßq&tovov, misJcet : 
moschetto, pinial : pugnale. Gewiss steht diese so wie die vor- 
hergehende Erscheinung im Zusammenhange mit der Vocal- 
harmonie der Türksprachen, die hier gewissennassen noch in 
ihren letzten Zuckungen wirkt, da von einer gesetzmässig be- 
gründeten Einwirkung der Vocalharmonie auf Fremdwörter der 
osmanischen Schriftsprache und der von ihr beeinflussten Volks- 
sprache kaum die Rede sein kann. Vgl. Radioff, Phonetik der 
nördlichen Türksprachen 48. 

Auch der Uebergang betonter a und in e nach soge- 
nannten palatalen Vocalen hängt wohl mit der Vocalharmonie 
zusammen. Man vergleiche levreJc : Xaßq&yn , ister elc : GTvqaxiy 
evleK : (xihSmi, lüfer : kovq)dQi, sünger : acpovyydqi, semer : aa^idgi, 
fener : (pavdqi , kiler : -^eXX&qi , deviet : dsfidri , dümen : Tifiön, 
aber mantar : iicxvndqi, ispanak : anavdxi. Merkwürdig ist liman : 
Xi^eva, 

Von den in das Gebiet der Consonanten gehörenden Er- 
scheinungen ist schon öfters auf die Behandlung anlautender 
Doppelconsonanz in Fremdwörtern hingewiesen worden. Vgl. 
z. B. Blau, Bosnisch-türkische Sprachdenkmäler 38 ff. Miklo- 
sich. Die sla vischen u. s. w. Elemente im türkisclien Sprach- 
schatz 24f. In den aus dem Griechischen und Romanischen 



TArkiBcbe atndien. I. 15 

stammenden Wörtern wird anlautende Doppelconsonanz in 
folgender Weise beseitigt: 

1. durch Vorschlag eines Vocules, und zwar, allerdings 
nicht ganz regelmässig, i vor e und i der nächsten Silbe, e 
(== ^) vor a Uy ii vor ii. 

sk- : isJcite : OTia&l, eskorpit : GY.oqmdiy eskumru oyLov^TtQi, 
Bskur^une : scorzonera , iskardiun : OTuigdiov (persisch), isKelet : 
OTiekerögy eskorbut : cxo^/u/roirro, ilslciif : scuffia, isJcerlet : scarlattOj 
iisiciil : aycovXi, eskaia : scassa, sskalera : acala reahy eskandite : 
ncang-ioy eskar^e : scarieo, eskarmoz : axaXfiÖQj eskarso : scarsOy 
eskopamar : scopamari^ sskute : scotte^ islcele : scala, iskandil : 
OTUxydili, isUemle : axa(.ivi. Auch eskara ist auf ngr. aTMkqa, nicht 
auf ia%dqa zu beziehen. 

st- : BBtakos : OTanög (nicht = äaraytög), istav^rit : atavQlTrjgj 
istron^ilo : atqoyyvXa, istridia : axqidiy isterek : aTVQomi, ilstiipii : 
(noxmiy sstofa : stoffa^ estufato : stufato, istavroz : aravQÖgj istifan : 
(niqxxvogy sstabel : stabulumy ssturpa : stroppo, istalia : stalUuy 
istif : stivare^ istinga : oriyydQCjy istralie : straglio , istramaöa : 
stramazzo. 

8p-: ispinoz : anivogj espari : OTtdqogj ispanak : aTiavdhii 
(persisch), ispinöiar : speziale, ispitalie : antxikh^ esporta : sporta^ 
upirito : spirito, ispaoli : apaolo, isparöina : sparcina^ ispati 
(auch izhati) : OTta&L 

sb-i izbandit : sbanditOy isbir : sbirro. 

sm-i izmarid \ a^iaqida, izinaola : afieovQOv. Vgl. den Stadt- 
namen j.ycj\ izviir ,Smyrna^ 
gr-: egreb : ygiTtog. 
pt- : ipteri : meqig. 

Der Vorschlag eines Vocals vor mit s beginnenden Con- 
sonantengruppen ist auch aus anderen Sprachgebieten bekannt, 
z. B. aus dem Vulgärlateinischen, dem Romanischen und dem 
Litauischen. In meiner Griechischen Grammatik* 116 habe 
ich aus einer griechischen Inschrift Pisidiens ^layivfivogf ^latqa- 
Ttwrrjg angeftihrt; ebenfalls aus Pisidien stammen elaTQOTKbTtjg 
American Journal of Archeology II 266, 57 und ' I(neq)avl(i)v 
Bulletin de correspondance hell^nique XI U)4, 4. Aus den 
Inscriptiones Siciliae et Italiae graecae von Kaibel notire ich 
loTtr^ 48 (aus Syrakus) ^^ GTrrjg 42, lat. spes, und €iaTaßß)aQi(g) 



IG I- Abhandlung: Meyer. 

2253 (aus Pesaro) = 8tab(u)läriu8, beides natürlich auf 
Rechnung vulgärlateinischer Lautgewohnheit kommend. 

Es mag hier bemerkt werden, dass auch in den türkischen 
Städtenamen, die auf die griechische Verbindung von eig mit 
folgendem Accusativ zurückgehen, das anlautende i auf Rech- 
nung dieser türkischen Lautgewohnheit zu setzen ist. Man hat 
aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr von der vollen Form 
der Präposition €ig, sondern von dem verstümmelten vulgären 'g 
auszugehen: imfambot ist nicht slg ttjv Ilöhv, sondern g rijv 
TTölir, Es gehören hierher ausser den schon oben genannten 
istindil und istanlcöj noch die ohne Artikel gebildeten Formen 
jw^j\ i2mid aus ^g (Nixojfirjöeiav (auch j^^w^j\ iznilcmid Bianchi 
I ()()), ,^^j\ iznik = ^g NUaiav, ^^^^m^Lo samsun = ^g ^Lifuaov 
konnte des Vorschlages entbehren, ebenso ^U»^^ susam = 'g 
2d^0Vf wo u lautUche Entwicklunff ist. Die beiden letzten 
Formen beweisen direct, dass V? nicht eig ins Türkische über- 
ging. Ueber die Bedeutung der Verbindung von slg mit 
Städtenamen vgl. Miklösich, Nachträge II 130. 

2. Durch Einschiebung eines Vocals in die Consonanten- 
gruppe; dies geschieht meistens bei solchen Consonantengruppen, 
deren zweiter Bestandtheil eine Liquida ist. 

kr-: kereh : crepe^ kernnete : clarinetto. Die Insel Kreta 
heisst js^^ neben j^,jS\. 

kl-: kallnos : ylavög, kilid : nleTöa, U Hisse : htytXrjGia, 

tr-: terapeza : TQüCTTS^a, terages : TQayog, tirifilcet : trlnchetta. 
Vgl. den Stadtnamon dJU^y terxala : TgUaXa. 

pr-: pirthulu : nQÖ7rohgy paracol : bracciuolo. 

j)l-: pilalci : TvlcrKrj ^ pelatine : platina, pelanja : /r^crwa, 
pslan^ete : planchttte. 

fl-:ßlamur : (pXafiovQtyfelun'a : (pXwQiffelnri : q)X(0Ql,ßlama : 
flamma. Ilieher gehört auch das durch Vermittlung des bulg. 
flinta aus dem Deutschen stammende 3JJJSfiluita ,kleines Jagd- 
gewehr'. Barb. II, 427. 

gr-: gurus : grossus^ geram : grmnme, 

br-: horos : hroche^ herage : braga, beranda : branda, berasia : 
braccia. 



Tftrkiscbe Studien. I. 17 

Ausserdem in betaris neben ipteri : TVTBqig, sikerlet neben 
isUerlet : scarlatto, suturlab neben usturlah : doTQoXdßog, 

3. Bei Consonantengmppen; deren zweiter Bestandtheil eine 
Liquida ist, kann Umstellung der Liquida mit dem folgenden 
Vocale eintreten. So in terpan : dqen&viy ferkata : fregata (gr. 
tpeQY(kda)y gwräaia : crocettay perJcende : brigantino. 

4. Die Consonantengruppe wird durch Verdrängung eines 
Consonanten erleichtert. So in fanila iflanella; hier ist Dissi- 
milation von dem zweiten l mit im Spiele. 9iinger :aq)Ovyy&qi. la- 
ttaria : ßhxaxAqi. Vgl. das aus dem Slavischen stammende 
ladika neben vladika. 

Wie übrigens dem Osmanli selbst in echt türkischen 
Wörtern doppelconsonantischer Anlaut nicht ganz fremd ist 
{brakmak ,wegwerfen', tra>i etmeU ,rasiren*), besonders in vulgärer 
Aussprache (vgl. Blau a. a. O. 38), so kommt er auch in Lehn- 
wörtern vor, z. B. trampa, trampeta, trapeza neben terapeza u. s. w. 
Die Stadt Trapezunt heisst ^«»j-?^ ^j^^, gesprochen trabzun 
und iarabozan, Ueber das Verhalten der nördlichen Türkdialekte 
zu zweiconsonantischem Anlaut vgl. Radioff, Phonetik 170 ff. Er 
ist hier in einheimischen Wörtern meist durch Ausfall eines 
Vocals später entstanden und wird in Lehnwörtern durch die- 
selben Mittel beseitigt wie im Osmanischen. 

Vorschlag eines VocäIs stellt sich auch bei r ein, ,welches 
als Anlaut im Westtürkischen nur mit Hilfe eines vorgesetzten 
Vocals ausgesprochen werden kann' (Vämb^ry, Etymologisches 
Wörterbuch, S. XVI). Dies gilt nur von der Volkssprache; die 
Sprache der Gebildeten kann anlautendes r- sprechen, wie auch 
die Schrift den Vorschlagvocal nicht consequent ausdrückt. In 
arabischen und persischen Wörtern ist ^ häufiger Anlaut, und 
auch ausserhalb dieses Kreises spricht man ^^^ i^m und urum 
,Römer', ,^^^ rus und urus ,Russe', ruba und uruba aus it. roba, 
rial und irial aus span. real. 

Inlautende Consonantengruppen sind nichts Ungewöhn- 
liches. Bei solchen mit einer Liquida hat sich manchmal, ganz 
analog den Verhältnissen in den arischen Sprachen, ein Vocal 
entwickelt, so dass z.B. aus xiatgov kestere, aus (povqvog furun 
geworden ist. Aehnlich tanida neben tanta = it. tenda. -gr- zu -r- 
in ainarit : avvayqlda; -vr- zu -v- in ivatine : äßq&iovov, zu -r- in 

SitzvBgsber. d. phiL-hist. Ci. CXXVm. Bd. 1. Abb. 2 



18 !• Abhandlung: Mejer. 

suturis neben setevi'is : a€Ti(^)ßQcg, axter is : dxTdßßqig, dagegen 
aber pedavra : Ttiravqov, 

Umstellung der Liquida im Wortinnem zeigt sich neben j 
in %ojrad neben x^'^j^^ ^^^ X^Q'-^VSf pojraz neben porjaz aus 
ßoQiägy baljos neben bajlos aus bailo. Aehnlich zelve aus ^evla 
^edyla. Beim Nasal ^U nianja = Mainaj die gr. Mdyfj ge- 
nannte Gegend des Peloponnes. Zu vergleichen ist hajrak harjak 
,Fahne', bajram barjam ,Fest', aderbidianisch 'arvat statt 'avrai 
jFrau', Kerpi statt Köprü ,Brllcke'. Vgl. Vämb^ry, Etymologisches 
Wörterbuch XVU; Zenker, Grammatik der türkisch-tatarischen 
Sprache XIV. Auch yiimrülc aus ytovfUQXioyf also für *yünmrK 
ist in diesem Zusammenhange zu erwähnen. 

Dissimilation zweier r liegt in silistra aus avqiazqa vor, 
die gleiche Erscheinung bei zwei fi in torina aus Tovviva, Wie 
Nasal und Liquida bei Dissimilationen sich vertreten, zeigen 
die romanischen im Et. Wtb. d. Alb. S. 300 unter ndsroü zu- 
sammengestellten Beispiele. 

Was die Vertretung einzelner Laute anbetrifft, so ist etwa 
noch Folgendes zu bemerken. 

Griech. d- ist ttirk. t (o und i>); z. B. isJcits : (rxor^i, aterine : 
ä&SQivay matis : /.lidvoog, temel : d'€^hoy, tolos : diilog^ kavata : 
xaßd&a, talaz : d-dkaaaa. Das / in logofet : Xoyo&errjg weist 
deshalb auf russische Vermittlung, vgl. oben. In ^^*b\ ajaslug 
,Ephesus' aus ^'Ayiog Qeolöyog ist & durch das arabische ^, 
das ist arabisch =^ &, wiedergegeben; entsprechend d durch 
> in j\S^ gajzar aus yatdagog. 

Griech. tc ist türk. <^ in fendek aus 7tovti%6v und aus 
navöcmelovy festek aus 7tiGr&Y.iov, faraklit aus 7ta^yXr^Tog; vgl. 
fulja aus it. Puglia. Ebenso ist ß (= v) wiedergegeben in 
fesli^en : ßaailixöv, fe^^ : ßovral, ferfjun : Bi)q>6qßiov, vgl. fotin : 
bottini, v-j für ß deutet auf gelehrte Herkunft. 

ts wird ^: ^apa : zappa, dukal : raovycdh , öinko : zinco, 
poliva : polizza, ma^una : mazzmia. Die slavische Deminutiv- 
endung -ica erscheint als -i^a oder -idita (Miklosich, Slav. Ele- 
mente 25) und ist an ein romanisches Wort angetreten in im- 
percUorÜa ,Kaiserin^ 

k ist durch Assimilation zu t geworden in titre : ueägia; 
8t zu sk in patiska : batista, koptcska : kapusta. 



Tlr«ts:äK! Svm.^o. 1. 11) 



/ erscheint ^ r in pUtoc JPistole\ was auf ein slavisches 
Medium i deutet. Für n ist / eingetreten in lo\los : yoro^> 
womit ^^-äI ftr „j^^-äS zu vergleichen ist. 

In der Tranicscription der türkisehen Laute iH^zoichno ich 
den .unbestimmten Vocal' mit e« die Zischlaute st^ ^j-» ^ nüt 
*» 3 ; J» » mit r, ± mit >. -^ mit f, c mit t% r mit </i: - und 
^mit /. s mit ä, im Auslaute gar nicht, ^ mit k\ ^ mit </, 
jf mit if, ^J mit </. Das Uebrige ist st»lbstverständlich. 

Es folgen nun die Wortverzeichnisse in folgt*nden .Ab- 
schnitten: I. Vr»geL IL Fische und andere Wasserthiere. lll. An« 
dere Thiere. IV. Pflanzenreich. V. Mineralreich. VL IVr 
Mensch, seine Eiirenschaften und BeschHftijrunsren. VII. Der 
Körper und seine Krankheiten. VIII. Natur, Land, Stadt. 
IX. Haus^ Wohnung. X. Hausgeräth. XL Handwerke, OerÄthe 
u. ä. XÜ. Gefasse. XIII. Kleidung und Schmuck. XIV. Stolfc. 
XV. NalirungsmitteL XVI. Ackerliau, Viehzucht. XVII. Spiele 
und Künste. X\TII. Handel und Verkehr. XIX. Münzen, 
Hasse, Gewichte. XX. Christliche Kirche. XXI. Staatswesen. 
XXU. Mihtärwesen. XXIII. Seewesen. XXIV. Verschiedene 
Neologismen. 

I. V«gel. 

&imLaj bekasa Bilguer 28, bekatsa Loebel 18S ,Schnepfo*: 
it. becaccia, venez. hecazzoy ngr. ^nexaraa, 

jjÄ, j3 Jo bedenos ,Art Vogel mit einer Haube' Bianchi I 337 : 
ngr. Tfersivög heisst nur ,HahnS und dies bedeutet das Wort 
auch im Osttürkischen nach Pavet de Courteille 157, 

ÄxiLi fanta ,nom d'origine ötrangfcre qui s'appHque ii un 
oiseau au plumage bleu, de Tordre des passercaux' Barb. 11 398 : 
gr. tparira ,Hänfling' Pandora VIII 422 aus it. fanetto ,canna- 
bina linota' Giglioli I 82. 

ftj%JU fduria, feloi'JQy florja ,Goldammer, emberiza citri- 
nella' nach Jussuf, richtig oriolus galbula: gr. (pXtoQi Bik. Vyz. 
,loriot, verdier' neben x^^^Q^^^' >loriot' Legrand, agr. x^^^Q^^^ 
xXiOQig, Ind. Arist. 851, wo aus Erhard, Fauna der Cykladen 
44, 20 ngr. q)i6Qi angeführt wird. Auf die Form mit cp ist 
vielleicht schon Suidas II 1516 Bemh. zu beziehen: q)X6Qog, td 

SQveoVf diä TOv o lAingof). 

2* 



20 !• Abhandlung: Meyer. 

^^w^^ Jü» filordHn ^oiseau de la famille du pinson' Barb. 
II 427 : wohl it. fringuello, wovon Giglioli I 52 die dialektischen 
Formen frungilloy frongillo, filinguello u. a. anführt. 

aüjCwut isicite, isHete ^kleiner Vogel, arab. L^' Barb. I 55; 
nach Juss. 483 ,serin vert^- gr. ayxx&i ,tarin^ (,Zeisig') Vyz. 
aus agr. äytav&lg. 

VaJuumI ispinoz ,Fink': gr. OTtlvog dass. 

j,<yjujJU kaluiisj nach Barb. II 471 eine Art Möwe mit 
essbarem Fleisch, nach Jussuf 525 , Wasserhuhn^, ,fulica': wohl 
it. galinazza (de mar) Giglioli I 580; oder einfach gallina mit 
griechischem Plural -eg. 

au* Li kanarja ,KanarienvogeP: ngr. yiavaQt] vom Plural 
TcavdQia» 

^j^^yjjji kuknus ,wunderbarer Vogel, Art Phönix'. Barb. 
II 568 vermuthet, das Wort sei lediglich die Transscription des 
gr. xvxvog, und weist darauf hin, dass in den Sagen von diesem 
Wundervogel sich Züge finden, die an den Gesang dos sterbenden 
Schwanes ebenso erinnern wie an den Tod und die Wiederkehr 
des Phönix. Unrichtig ist auf jeden Fall die Ansicht Barbier 
de Meynard's II 567, dass auch ,^y>» ^^ kogii , Schwan' aus 
griech. Y.v%vog stamme, denn das Wort findet sich auch sonst 
in den türkisxihen Sprachen: osttürkisch ^iyJ ,cygne' Pavet de 
Courteille 433; tat. y> kü ,Schwan% uigur. y»y» ,Wildgan8' 
Budagov n 85. 

Jiyü kuku ,Kukuk' ist ein lautnachahmendes Wort, das 
nicht aus den occidentalischen Sprachen entlehnt ist. 

^syi lori , rother ostindischer Papagei', ,psittacus lori' Barb. 
II 707 : frz. lori dass. Das Wort ist natürUch ein fremdes. 

.^XfO marti ,Eisvogel, alcedo ispida': it. martin pesca- 
fore dass. 

^IxLL), (jLiAj papagan , Papagei'. Es ist fraglich, ob 
dieses fremde Wort aus den europäischen Sprachen ins Tür- 
kische gekommen ist. 

aJLj^ pupla , Flaumfeder' Barb. I 412: gr. 7Covjiovlov 
, Flaumfeder, Mik'hhaar', das wohl romanisch ist. Vgl. Et. W^tb. 
d. Alb. 358, wo Meyer -Lübke pavesisch pupla ,mazzochio' 
nachgetragen hat. Unrichtig Mi., Nachtr. II 15. 



Tftrkische Stadien. I. 21 

yAjiC »akr ,Falke, Sperber^ Bianchi II 114: arabisch, aus 
lat. sacer. Hehn, Kulturpflanzen* 526. 

,j**^Li9 tavivs ,Pfau^ Barb. II 271. Aus dem arab. oder 
})ers. ,^_5^^. Dies ist das griech. raco«;, über dessen Ursprung 
Benfey, Wurzellexikon II 236; Hehn, Culturpflanzen 304 ge- 
handelt haben. 

^•JLfctv zaganos ,oiseau de chasse, du genre faueon' Barb. 
II 34, der an griechischen Ursprung denkt. Ich weiss kein 
griechisches Wort zur Vergleichung ; Taixviägy an das man allen- 
falls denken könnte, ist nach Bik. 14 ,Reiher', das ihm ent- 
sprechende agr. TiVKviag wird mit ,weisser Adler^ erklärt. 



II. Fische und andere Wasserthiere. 

t>^Ü^t axtapod, extapot ,Art Polyp^, auch ,Polyp' und 
jKrebs^ als Krankheit: d'/raTtödt ,Polyp^ ==-- duTartödi DC, (JxTor- 
Tiödrjg bei Nikandros. Alb. aftap6&^ eftap6&, bu. se. nhtapod. 

Lijl ama ,Sardelle' RadloflFI243: frz. anchois ,Sardelle^, 
,Anchovis^ 

2Uj^'t aterine, nach Zenker 7 b atrana ,atherina hepsetus, 
Aehrenfisch': gr. ä^eqiva ,halvet, ^pi^, agr. id^eqivrj. 

xjJU balena , Walfisch': it. halena. Aus gr. cpoXiavog 
stammt ,^^^U faUonos ,baleine'; ,c^est le nom scientifique que 
les auteurs turcs donnent k ce c^tac^' Barbier 11 398. Ueber 
(pdhavogy das gewiss von q)dXaiva stammt, sagt Vyzantios 497: 
jXrJTog TÖ StcoTov q}aiv€i:ai ivlors elg rdv ©^^xixdv BÖOTtOQOV^^ er 
ist geneigt, darin den Pottfisch oder den delphinus phocaena 
(Meerschwein) zu sehen. 



juüa^^U harhunia, barboiiie ,Meerbarbe': it. harhone, ,mullus 
barbatus^ Die türkische Form stammt zunächst aus dem Plural 
von gr. fXTtaQfiTtovvL, 

^•JLcLä. ^agaii08 ,Seekrebs^ Du Gange hat xl^ayavdg 
,cancer' aus dem Schol. zu Oppian. Hai. I 280: xor^xr^of, idim- 
Tixcjg rl^ayavoL Der Ursprung des Wortes ist unklar, das von 
Du C. angeführte span. zangano existirt, wie es scheint, in 
dieser Bedeutung nicht. Budagov I 477 nimmt ft\r das tür- 
kische Wort griechischen Ursprung an. taayavdg , Krabbe' wird 



22 !• Abhandlung: Meyer. 

Syll. VIII 604. IX 353 aus Konstantinopel und Kesan (in Rume- 
lien) angeführt, raayava f. ebenda XVUI 168 aus dem Pontus. 

\%>^i^ ^i'TOz ,seombre s^ch^ au soleil'; tibertragen von einem 
sehr mageren Menschen. Jussuf 1327. Ist der bei Theod. 
Prodromos I 28 Legrand = I 96 Korais vorkommende Tovgog, 
von Legrand mit ,maquereau^ übersetzt, von Korais als (Ty.o^- 
ßqiov ezi ^itcqöv Ttaarcj^ievov erklärt; aus agr. aiuQQÖg ,hart^? 

^LaJIo^ ^LJLb dalian, talian ,sorte de cahute en bois 
dispos^e sur V eau pour prendre le poisson^ Barbier I 727, 
n 267: gr. raXiavi ,vivier, piscine^ Ich vermag nicht zu ent- 
scheiden, welche Sprache die entlehnende ist; das griechische 
Wort ist im Griechischen fremd. 

^jiÄJt> delfin^ dülfin ,Delphin^, Zenker 433 b: it. delfino, 
ngr. dslcpivL. 



V^r^si' «jf^«^ ,grosses Netz zum Fischfang': gr. y^iTiog 
,Fi8chernetz^ Vgl. kroat. grip, bu. sc. gHh ,Netz'. 



jOsyL**! eskorpit ,Meerscorpion^, ,scorpaena^: gr. ayLoqnldi, 

j jM**—^ eskumru, uskumru ,Makrele': gr. axov^TtQi, agr. 
axöfißQog. Daraus auch lat. scombery it. scombro. 

äJuuu««*ä. xorospine ,poisson large et plat, d^aspect dös- 
agröable et qui frötille bcaucoup^ Barbier I 699; nach Jussuf 
427 ,Mcer8chwein', ,delphinus phocaena^ OflFenbar fremd; ver- 
dorben aus yovQOvvöxpaQOv? 

(jM^x^AMbjl ipsoros Art Fisch, den die Lexicographen nicht 
näher bestimmen. Nach Barbier I 7 aus gr. tfJuQog. Ein solches 
neugriechisches Wort existirt nicht; xjJcxQi ist der allgemeine 
Name für ,Fisch', den man hier schwerlich erkennen darf. 

^\Lua/I isparij espari ,Meerbrasse^ ; ,sparu8 Salvani^' gr. 
OTidQog, wahrscheinlich zunächst aus einer Deminutivform artaqL 

viLjüju«! ispindik ,poisson a Ifevres plates, de Tespfece 
du e^j^' Barbier I 47. Gewiss fremd. 

(j*#^*LuA*l istakos, estakos ,Hummer', auch ,Flusskreb8' : 
gr. OTOKÖg, aus daiaTuig ,Hummer^ 

Js^LXaaiI istavrit, nach Jussuf 487 ,sansonnet', nach 



Barbier I 49 ,poi8son qui a sur le dos une espicc de croix': 
gr. azavQitrjg, das ich aber als Fischname nicht nachweisen kann. 



Tflrkiscbe Stadien. I. 23 

JLjCs« wUmI istrongilo, nach Jussuf 498 ,girelle', Art Lipp- 
fisch: gr. (STQoyyvXay für das bei Vyzantios 452 die Bedeutungen 
^endole*, ,girelle', ,cagarel', ,susole', angegeben werden. 

auJu^JUut istridia, estridia ,Auster^: gr. avqidiy , Auster' 
aus dcTgidiov; vom Plural. 

Ju%Lo\t tzmarid , Meergründling': gr. (Tf^aQida ^smaris vul- 
garis', agr. afiaQig. 

\«^Uü, \yjo\ji\ji jakamoz ,phosphorescence que laissent voir 
certains poissons pendant la nuit'. Jussuf 1247 : gr. * dia%a^6g 
(von nuxlw)? 

^\Jqj3 kajtas ,baleine, c^tac^', Barb. II 596. Wohl gr. 
x^og; aber die Lautgestalt des türkischen Wortes ist sehr 
befremdlich. Gelehrtes Wort? 

nUJLs kalamar ,Tintenfisch' : gr. xaka(.idQi; it. calaniaro. 

jj*.yuJL5 kalinos ,Wels, silurus glanis', ein Süsswasserfisch : 
gr. yXavdg Bik., yhxvog, bei Vyzantios auch yovXiavög; agr. yhivig 
oder yXavig. Den Lauten entspricht besser yX^vog, yXtvog Vyz. 95 
jbaveuse, boujaron'. 

I^wla^ kanboty kunbut, nach Barb. 11 540 ,mugil cephalus': 
aber cabot oder chabot, das er sowohl als auch Jussuf 529 als 
den französischen Namen des Fisches angeben, ist vielmehr 
,cottus gobio', ,Kaulkopf^. Der türkische Name ist aus einem 
dem frz. caboty chahotj port. chaboz entsprechenden italienischen 
Worte entlehnt. 

jjmJojU karidis ^Meerkrebs': gr. TtaQida, agr. naQlg jkleiner 
Seekrebs'. Vom Plural ytagideg, 

\ykiyS koljoz ,Art Makrele': gr. 7U)Xuigy agr. xoXiag ,scomber 
scombrus'. 

JUS' Uefal ,mugil cephalus': gr. yUqfalog dass. Eine Ab- 
art heisst JU5 Ji. 

Si>%5^ laicerda ,eingesalzcner Thunfisch': gr. laxigda aus 
lat. lacerta, das auch einen der Makrele ähnlichen Seefisch, 
den Stöcker, bezeichnete. Korais ^!ATceycTa IV 277. 

ÄJuuiJ lapina ,roth und grün gesprenkelter Fisch mit 
schlecht schmeckendem Fleisch': gr. Xarciva ,tanche' Legrand, 
d. i. ,Meerschleie', labrus tinca. Bei Bik^las 26 Xi^naiva ,creni- 
labrus lapina'. 



24 I- Ahbaodlnng: Meyer. 

vj^ J leoreJc ,Seewolf, ,anarrhichas lupus': gr. Xaßqdm ,loup- 
marin^, agr. laßga^. 

\yxjyyÄjJ Ukortnoz ,Art Meeräsche' Barb. 11 710; nach 
Jussuf 659 jgeräuchcrte Meeräsche': gr. Xvhoqqivi ,inulet blanc' 
Legrand, IvxovqqIvi oder IvnovQQivog Vyz., der hinzufügt ,7ioiv6- 
TBQOv dvo^&tovtai xä ^fjQä i] xxxTtviarä •KBq>ak6iT0vhx (Meeräschen)'. 

^.LuJ lipari , Fisch aus der Familie der scombri': gr. 
kmagig^ Bik. 27 nach Belon. 

JfcJ livar , Fischbehälter': byz. ßißdqiov aus lat. vivarium. 
Ngr. hßdgi aus dem Türkischen. 

jiJ lufer^ Ulf er ,Art Thunfisch': gr. XovcpaQiy yovifctqi 
ylichia amia' Bik., ,bonite, boniton' Legr. Vyz. Berühmt waren 
schon im Alterthum die bei Byzanz gefangenen diiiai. Der 
Name stammt von yd^upoq, 

jw« ^^y^ fiierlanoH , Weissling, gadus merlangus' : it. merlano. 

%jywv^i^ mürsin, mersin ,Stör, acipenser sturio'. Ngr. fUQffivt 
stammt aus dem Türkischen. Zu Grunde liegt aiieqvva, Gj^ivgiva, 
Nebenform von ^lovgovva, ,esturgeon', s. u. 

2L>Juo midja ,Muschel': gr. fivdiy Deminutiv von juuv:, wie 
frz. moule deutsch Muschel = musculus ist. Das türkische Wort 
ist vom Plural gebildet. 

aUb\^ morina ,Muräne', ,muraena helena und m. conger', 
auch ,Kabeljau', ,gadus morhua': ngr. fiovQOvva (aiuqvva, a^vQiva) 
aus agr. ^igana ist nach Bik. ,muraena helena', nach Vyz. 
,esturgeon'. 

\«JU^«J orJcinoz ,Butzkopf, delphinus orca': ngr. öq%vvoq 
,tonno' Somav. 454, agr. b'gxvgy Sgyivvog ,grosse Thunfischart'. 
Vgl. alb. or^Üiiy regün Etym. Wörterb. 316. Die für das Grie- 
chische angegebenen Bedeutungen sind ungenau ; vgl. auch Bonitz, 
Ind. Aristot. 525. 

%*5^Lj paöuz ,espfece de gros muge ou mulet' Jussuf 933, 
also mugil cephalus oder muUus barbatus. Erinnert an gr. rtaraög 
,8tumpfnasig' Korais, At. V 280. 

Äj^^xL) paguria, paguHe ykri kleiner Taschenkrebs': ngr. 
TcayovQi ,6crevissc de mer' von agr. Ttdyovqog. Vom Plural 
gebildet. 



Türkische Studien. I. 25 

ö y/o)^[ji palamvd ,scoinber pelamys (Bonito)^ oder ,8comber 
thynnus (Thunfisch)': ngr. naXa^ida von agr. TrrjlaiJvg. 

äioyjOkji peiota , Fisch aus der Familie der scombri': ngr. 
rteraovda ,grosser Thunfisch'. Der Name bedeutet ,ein grosses 
Stück' und ist ein Augmentativum zu dem Deminutivum nsTGOvöt 
(vgl. Hatzidakis, Einleitung in die ngr. Grammatik 93. 364), 
das von it. pezzo stammt. Auch rthaa und Ttevai gehören dazu. 

aUjy^^ pelatrine, platrina ,poisson de la famille du muge 
DU mulet' Barb. I 405. Jussuf 958 : ngr. ist TtlatLtaa der Name 
einer Art mutet (Vyz. 388), doch das kann nicht die Quelle 
des türkischen Wortes sein. Man ist versucht, an ein gr. * Ttla- 
Tv^ivog zu denken: derselbe Fisch heisst geräuchert kvnoQQivi, 
8. o. unter jyo^yLJ. 

^1^5)ü pilaUi ,Art Fischgericht mit pikanter Sauce': ngr. 
rricfxij. Vyz. 388. 

jyyjuu pines ,Art essbare Seemuschel': gr. Ttirva ,Stech- 
muschel'. Die türkische Form ist der Nom. Acc. Plural nlvveg, 

f c t ^ i pisi ,turbot ou barbue' Barb. I 400, wohl ,pleuro- 
nectes maximus'. Ist nach Barb. it. pesce (venez. pesse): der 
Fisch soll pesce di mare heissen. 

ikkX^s ringa ,Häring': it. aringa; daraus auch ngr. dqiyya, 
^iyya. 

^^yA'ik^ salamon ,Lachs, Salm' Zenker 572c: it. salamone. 
Aus dem Türkischen ngr. aaXapuiv Legrand. 

ift>\LAw, LJ4>^Lö sardela, sardelja ,Sardelle': it. sardella, 
gr. aaQÖlXXa. Die zweite Form ist Plural aaqdeXXia von aagdelXi, 

Äj^Lo sarpa ,Art Fisch'. Jussuf 1025: it. sarpa ist sparus 
salpa, Goldstrich. 



vao^LjU^ sinarit ,8orte de requin' Jussuf 1069: gr. (Tvva- 
ygida ,8parus dentex, Zahnbrassen' aus agr. avvayQig. 

Luum, ü^yM^ sipia, sübje ,Tintenfisch': ngr. arjTCid, aovjtid 
aus agr. arjma. 

yS^y^ sünger ,Schwamm': ngr. aq)ovyy(XQi von agr. aq>6yyog. 

jüUyfc tsrpaiie ,Art Haifisch' ,dont la queue se termine 
en faucille' Barb. II 283: also offenbar gr. dq&Trdvi, obwohl ich 
dies als Fischname nicht nachzuweisen vermag. 



26 '• Abbandluug: Meyer. 

^..y^^'s tirxos ,Sardclle': gr. tqix^Q} ^^*X^^ ,8ardiiie', agr. 
TQixiag, TQiXig- 

xa\ vf U traxonjay traxunja ,Art Fisch aus der Familie der 
ßcombri*: man kann an trachinus draco denken, gr. dQdxaiva 
oder dQaxaivig (vrelleicht ein Deminutivum * ÖQaxainoy?) oder 
an den von den Alten TQaxoi^Qog genannten Fisch. 

&xJsy^ torina, tv/rina ,Art Delphin': ist wohl gr. zovvLya 
aus it. tonnina ,Thunfisch'; die Bedeutung wäre dann ungenau. 
Vgl. übrigens zu dieser Verschiebung der Bedeutung, sowie zu 
der Dissimilation des ersten n gaUzisch-portugiesisch touliiio ,del- 
phinus phocaena, Meerschwein'. 

^j tüny tun ,Thunfisch': gr. dvwog. Das Wort ist aus 
dem Griechischen bereits ins Arabische und von da ins Tür- 
kische eingedrungen. Arabisch neben ,j^y auch ^^y^* 

)JoU vatoz, nach Barb. 11 837 eine Art Haifisch, nach 
Jussuf 1227 eine Art rhombus (turbot): ngr. ßdtog ,Stachel- 
roche', ,raja pastinaca'; vgl. Ind. Aristot. 135. 

lüx^t\ zargana ,Meeraal, muraena conger' Jussuf 1296: 
ngr. aaqyQvog, aaqyüvq ist nach Bik. ,belone acus'. 

Occidentalischen Ursprungs verdächtig, aber mir vorläufig 
nicht klar sind noch folgende Fischnamen: fU*^b oder ^^^^^ 
barsam oder varsan ,poi8Son de la famille des scomb^roides' 
Barb. I 257 ; ^^^b barlam ,gros poisson de la famille du scombre' 
Barb. I 25i); ^^^U-o»- Htari ,gade' Jussuf 172; »yU^ megra 
,poisson de la famille des murines; grosse anguille' Barb. 11 806; 
^J^y^ sülna ,petit coquillage de mer' Barb. II 113; J5f>j>i> torik 
,petit päamide' Jussuf 1195; ^^^ vunus ,petit d'une espfece 
de scombre de petite taille' Barb. II 846. 



III. Andere Thiere. 

xljucc gaizar ,Esel' Bianchi II 337: ngr. ydtdaqog. Vgl. 
meine Ausführungen in den Indogermanischen Forschungen 
I 320f. 

j^.Jyj hirzun, hilrzun , Wallach; Lastpferd' Bianchi I 348: 
arabisch, aus byz. ßovgdußv, lat. hurdo, Fränkel 106. 

. .vA^Ukj, , .vA^u pi^n .kleiner Affe^ vieux mot nach Jussuf 
955. Man denkt an it. piccino ,klein'. 



Türkische Studien. I. 21 

«Jj. videla Junges Kalb'; auch ,Kalblcder': it. vitello 
^Kalb, Kalbfell', venez. vedelo; ngr. ßiöiXo. 

v^AjLJLo saliaiigoz ,Schnecke': ngr. (rcfAtayxog dass. Das 
Wort kommt von aialov ,Speichel, Geifer', ngr. aäku>v. 
Ich schliesse hier an: 

luJ^^, 2üo*Jtt5 kukulja, kukunja ,Cocon der Seiden- 
raupe': ngr. Yjoxmov'ki^ vom Plural. Vgl. Etym. Wörterb. des 
Alb. 211. 

^•j5jo pirebulu jVorwachs, Bienenharz': gr. nqditoXig, 

Ju^Lwo mürvarid ,Perle' Bianchi II 872: persisch, aus 
gr. ^laQyaQitr^g. Nöldeke, Fers. Stud. II 44. 

IV. Pflanzenreich. 

,j**«Jül, S^üt abanos, ahanoz ,Ebenholz': agr. eßevog. Das 
Wort stammt im Türkischen zunächst aus dem Arabischen. 
Mi., Tu. El. 15. Man vergleicht hebr. D-jsn, das auch fremd 
zu sein scheint. Vgl. Pott in Lassen's Zeitschrift V 74. Aus 
dem Türkischen ngr. d^fravd^i Legrand. 

v^aamoI absent ,Absinth' Jussuf 3: Neologismus aus frz. 
absinthe für ^^^U^. Aus äxpivd'wv stammt, mit Umstellung von 
-ps-j arab. k-LA-M>\. 

^•jLil afiuUj afion ,Opium': agr. Srtiov, Das türkische 
Wort stiimmt zunächst aus dem Arabischen, aus dem Türkischen 
ngr. dq)i(bvi u. s. w. Mi., Tu. El. I G. Nachtr. I 2. Anders Korsch, 
Archiv für slav. Philol. VIU 047. ^^\ ebiun Bianchi I 13 
stammt direct aus ÖTtiov. 

^•Ju%,£l agridos ,e8p&ce de daphnö, Kellerhals, Seidel- 
bast' RadlofFI 175; nach Barb. I 78 ,daphne gnidium'. Scheint 
aus Tividiov entstanden. 

^•jyuil akantiun ,Distelart' Bianchi I 160: gr. äytdv&LOv; 
auch arabisch. 

LumU'I akasia .Akazie': frz. acacia, 

ly-bLjl cinanas ,Ananas': frz. ananas. 

^yA00jji\ anisun Zenker l lOa, bei Radloff 1 230 ^y**>U\ anason 
,Anis': mgr. ngr. äviaov; bei Herodot IV 71 liest man Syyjjaovy 



28 I. Abhandlung: Mejer. 

als attische Form wird üvijd'ov angeführt. Arabisch ist ^5-vmwÖ\ 
oder ^y^\^,. Vgl. Mi., Tu. El. I 12. Nachtr. I 5. Korsch im 
Archiv für slav. Philol. VIII 649. Arabisch sind dviaovv und 
Avaadv bei Du Gange. 

XA^J^li^J aristoloxia Bianchi I 54: äqiaxoXoxict. 

XAAj J arnika ,arnica montana' Jussuf 44: it. aniica. 
^\jJu^\ asßrad^y isfiradi ,Spargel' ist persisch; das pers. 

Wort nach Vullers I 98 griechisch. Gr. äcTTtagayog ist selbst 
iranisches Lehnwort (awestisch spareya), Ngr. ist aTtaqdyyi oder 
äaqtaqayyi, 

^jKtXJL balderan ,Schierling' Bianchi I 318. Budagov 
I 237 : nach Mi., Tu. El. I 19 lat. it. Valeriana, unser Baldrian, 
Die Bedeutungen weichen von einander ab. 

JLMflJLi halsama Barb. I 277, bei Jussuf 74 (ft-»*Jb haisam 
jBalsarastrauch' : gr. ßdXcra^ov, it. balsamo u. s. w. Das lautliche 
Verhältniss von ßdXcrafiov zu hebr. D\p9 ist nicht klar, vgl. Benfey, 
Griech. Wurzellexikon II 65; Muys, Griechenland und der 
Orient 25. Arab. ^U^Jb stammt ebenfalls aus dem Griechischen, 
und daher türk. v^X^L^^Jb. Vgl. Lagarde, Abhandlungen 17. 

^*j^LLu/%L haHstarion ,Eisenkraut, verbena officinalis^ 
Zenker 160 c : gr. TtSQKTTSQewv, 

\j^y^j-? barkuk ,prune jaune' Bianchi I 351: arabisch, aus 
byz. TTgaiytÖMOv, von praecox, woher Aprikose u. s. w. stammt. 
Vgl. Kluge u. d. W. 

y** JoU hatos ,Art Johannisbeerstrauch' Bianchi I 312: gr. 
ßdrog. Nach Ausweis von «^ für ß gelehrtes Wort. 

c^«-«x%j bergamot, bergamut ,Art Birne': frz. bergamote. 
Dieses selbst stammt aus türk. ^ycj\ v2>o bej armude ,Herren- 
bime'. Pott in Lassen's Zeitschrift VII 107. 

U**%Uaj betaris oder \^y^} ipteri , Farnkraut': gr. nreQig. 

fjjjXLyj bugals, ^j>aXty^ buglusun ,anchusa officinaUs' 
Zenker 222 an gr. ßovylwaaov, 

o«-? büber, %-o biber, zuweilen auch (^v^L^ beberi, Pfeflter' 
Barb. I 317. 251: ngr. TtiTteqi oder Ttinsqi^ agr. Ttirtegc, Vgl. 
Loew, Aramäische Pflanzennamen 317. 



Tftrkische Stadien. I. 29 

AJ^syj hurandia ,borrago officinalis, Borretsch': ngr. HTto- 
QayTGa aus it. barage, borrace, vgl. Strekelj iin Archiv für slav. 
Phüologie XIV 517. 

LJI%JUfi^ Htieralia , Aschenpflanze; cineraria maritima^: it. 
cinerarnxi, ceneraria. 

&JLi4> defney tefne ,Lorbeerbaum, laurus nobilis': gr. 3aq>yrj. 
Bei Blau 271 lefne. Vgl. Xdqivrj. ddq)vr] . Tlegyatoi bei Hesychios. 

i^^)^ duralcij deraKi ,Art Pfirsich^: lat. persicum dv/ra- 
cinum. Das türkische Wort stammt zunächst aus arab. ^^\^>^ 
und dies aus mgr. dioQcnLivov; letzteres ist auch, mit volksety- 
mologischer Anlehnung an ^öSov, zu ^oddiuvovy ^odayuvöv (So- 
phoklis, Lex. 971; Korais, At. I 189) geworden. Vgl. Mi., 
Nachtr. n 106. 

UmJLoJc domateSj tomates ,Liebesapfel, lycopersicum escu- 
lentum': ngr. vro^dra, TO^iäTa = span. tomate. Vom Nom. 
Acc. Plural. 

^^y) &jL> JüÄ. dient iane-rumi Blau 156, 32, mit slav. Havje 
erklärt, d. i. nach Öuiek 3ii8 rumex acutus: eig. römische Gen- 
tiana, ngr. yevtiavrj. 

*i1, yxS\ egir, Blau 160, 68 ager ,KaImus', efiir Barb. I 96 
,6algant': gr. ü%oqov, Mi., Nachtr. I 34. II 111. Zunächst aus 
persisch ^ (VullersI116) ,acorum'. Im Griechischen wohl fremd. 

^ «julII eleniun ,Alant' Zenker 92 a : gr. iXeviov, 

UuJUol engelika ,Engelwurz, angclica^: gr. dyyiXiMx^ äyye- 
linrj. Barb. I 128. Nach Zenker 108 c 3JiJSj\ angeline. 

^LJuI enginar ,Artischocke^ RadloflF I 736. Barb. I 128: 
ngr. dyyLivdqa, 

^yAMs\ ergamuni ,Anemone, Windrose' Zenker 28 c : 
arabisch, aus gr. dQysficüvr], 

&3^^l eruka ,Gartenkres8e' Barb. I 40. Radioff I 774: it. 
eruca. Daneben äj^^ roka, aus ngr. ^öyta, ^ody^a, das auf eruca 
zurückgeht. 

&3^^%yuwl eskuröune ,SchwarzwurzeP Barb. I 55: it. 
scorzonera, 

^^ju*#lvi ftrasiun ,marjolaine bätarde' Bianchi II 359: 
arabisch , wild er Lauch', aus gr. ngdaiov. 



30 I* Abhandlung: Meyer. 

auJLu^U, auJ^diai fasulia ^Bohne^: ngr. q>a(JoiKi aus lat. 
phaseolus und dies von agr. qxxarjXog. Vom Plural q>aaoiha, 

ijjiXAi fendek ,Haselnu8s': gr. Ttovrindv (ndgvov) dass. Aus 
dem Türkischen wieder ngr. q>ovvT(nnu. Vgl. Mi., Tu. El. I 60. 
Pers. ^jJ^j arab. Jj^. Vullers 11 693. Fränkel 139. Der weiche 
Dental kommt auf Rechnung der griechischen Aussprache. 

yjyf^j^ firfjun ,Euphorbium^* gr. ei>q>6qßiov. Es ist möglich, 
dass das griechische Wort die volksetymologische Umgestaltung 
eines Fremdwortes ist. Arab. ,^5^^ oder j^^ ; daraus q)aQ(fi6vt, 
bei Du Gange. Pott in Lassen's Zeitschrift VII 98. 

^^^XL^Ai fesligen, feslijen ,Basilicum': gr. ßaaiXiyuiv. Mi., 
Tu. El. I 60. Mein Et. Wtb. d. Alb. 44. Pott in Kuhn's Bei- 
trägen VI 321. 

(3^UMi festek ,Pistazie': arabisch, aus gr. matömiov. Et. 
Wtb. d. Alb. 109. Persisch 



jjItXi fidan junge Pflanze, Schössling': spätgr. g>vTdyi], 
Dasselbe bedeutet ^j^ ßde, aus ngr. (pvreid. 



,^ fisney viSne , Weichselkirsche' : gr. ßvaaivid. Et. Wtb. 
d. Alb. 473. 

LJ^ fulja Name einer Pflanze, die um 1480 aus Apulien 
nach der Türkei gebracht wurde, vulgär sogaii ciöeji ,Zwiebel- 
blume^ genannt. Barb. II 434: it. Puglia ,Apulien'. 

^^Jü\Lc garikun ,Blätterschwamra' Zenker 644 a: gr. 
dyaQiKÖv, 

iU'Xt gazja ,Kassie, mimosa farnesiana' Barb. II 379: 
gr. xaaala. 

^^-Lj^JJ^ Xondrili ,chondrilla juncea': gr. x^^^Q^^* 

^^4> JLu/l iskardiun ,wilder Lauch, allium silvestre' Blau 
163, 17. Persisch ^^jk^^jUo\ nach Vullers I 99: gr. a^uigdiov 
,eine Pflanze mit Knoblauchsgeruch' zu a7t6Q(o)dov. 

^yjsiXxi ^}jLm\ iskolofendrwn Bianchi I 91 : gr. axolo- 
TtevdQiov. 

,jjLUm*I {sj)anak ,Spinat': ngr. aTravdni aus mgr. (TTtivdrciov 
= lat. spinaceum. Et. Wtb. d. Alb. 390. Auch pers. 5;1>U^\, 
arab. ^LLLm}\. 



Türkische Studien. I. 31 

vJ^umI istereJc ßtoreLxheLumy Storaxharz': gr. OTvqa^^ vulgär 
(nv^dnu Langkavel 64. 

(jM^ Jl&xamI istoxodos ,öternelle* Bianchi I 89 : wahrschein- 
lich gnaphalium stoechas^ also aus gr. aroLX(^gy *aTOix&dt., 

(jA'yÜLbl JoaaiI istraUkos ,Päonie' Zenker 48 c : oflFenbar 
griechisch, doch kenne ich keine Bezeichnung der Pflanze, 
welche passte. Etwa OTQccTfjyög? die Päonie heisst auch ,Königs- 
blume, Königsrose^ 

xjJo^yj} ivatine ,Eberraute': gr. ißqö^ovov, 

^^Lo\t izmaola, ezmavla, ezmavula Barb. I 44. Jussuf 281 
,Himbeere', nach Barb. gewöhnUch eine ,Art gelber Maulbeere' : 
ngr. a^ovQOv ,Himbeere', ,rubu8 idaeus^ Die Herkunft des 
Namens ist mir unbekannt. 

^yjsUaJJ kantarion ,Centaurea': gr. xsvtovqiov. Zunächst 
aus dem Arabischen. 

dJi^yS karanßl ,Gewürznelkenbaum, Nelke' Barb. II 511: 
gr. yLaQv6q)vXXoy; weit verbreitet. Mi., Tu. El. I 91. Nachtr. I 59. 
Das griechische Wort ist nach A. Weber, Indische Streifen 
in 121; Beriiner Monatsberichte 1890, S. 912 volksetymo- 
logische Umgestaltung von ai. ka{ukaphalam. Arab. J-^Jy»; 
kurdisch karafil Justi-Jaba 307. Unrichtig Fränkel 144. 

aüjo^jU* kardimene ,Kardamome' Zenker 678 b: gr. xaQÖa- 
^IvTj; die Bedeutung bei Zenker wird ungenau sein. 

ouub^i karnahit ,Blumenkohl': gr. y^qa^ßiSiOv von XQdfißr^, 
für das allerdings diese specielle Bedeutung nicht nachzuweisen 
ist. Arab. ia^y», ^-:^- Vgl. ngr. ytowovnidi. Aus HQdfißrj 
stammt s^jS kurunb = lahana Blau 1G4, 102. Vgl. Low, 
Aramäische Pflanzennamen S. 214. Nöldeke, Pers. Stud. II 44. 

{jf'yü^ kemedris ,Gamander' Zenker 761 a: gr. x^xficcid^g. 

9^\ SmS Kestane ,Kastanie^: gr. Tcaaravea, xaCTavitk ,Ka- 
stanienbaum' -adararov ,Kastanie'; lat. castanea ,Kastanie^ Ueber 
den vermuthlichen Ursprung des Kastaniennamens s. Lagarde, 
Armen. Studien Nr. 1115, S. 75 und Niichrichten der Gott. 
Ges. d. Wiss. 1889, S. 299 flF. = Mittheilungen III 206 ff. 

s%JuM^ HjXmS kestere, köstere^ köstere ,betonica officinalis' 
gr. meaTQOv, 



32 !• Abhandlung: Meyer. 

sSS Uiraz ,Kirsche': gr. %Bqdaiov. Zunächst aus arab. ^^. 

^ojiiLs kolafun ^Geigenharz' : gr. xoloq)ü)via, nämlich ^i^- 
rivrjy von der Stadt Kolocpwy, 

\Lä11S^ JcuJcnar ,Art Fichte' Zenker 776 c: ngr. noimowagid. 
Et. Wtb. d. Alb. 211. Nach Vullers II 919 ist pers. ^\JS^ 
,capsula papaveris', ,8emen papaveris'. 

s^aJL5 kuneb ,Hanf : gr. xdwaßig. Zunächst aus dem Ara- 
bischen, wo das Wort griechisches Lehnwort ist. Low, Ara- 
mäische Pflanzennamen 348. Das Wort ist im Griechischen 
selbst fremd. 

«ui lahana ,Kohl': gr. Idxavov, vom Plural. Aus dem 
Türkischen kurd. lahand Justi-Jaba 377. 

L>*Juu;bf lastaria ,Art grosse Runkelrübe oder Kohlrabi' 
Barb. II 695: ngr. ßXaavdqi, besonders ,Stengel des Kohls'; 
vom Plural. Auch aslov. Instarh ,Knospe', se. lastar junges 
Reblaub', rum. lästar ,Schoss, Sprössling'; alb. Tastnr ,Spross' 
Et. Wtb. 476. 

sjü^^ lavanda ,Lavendel': it. lavanda, ngr. Xeßdvra 
Langkavel 53. 

jjJüuwMyÜ logostikon ,Liebstöckel' Zenker 794 a: lat 
ligusticum durch ein griechisches Medium. 

y**^ljjL«ö magdanos ,Petersilie' : ngr. /laxfidonjct , von 
Makedonien. Et. Wtb. d. Alb. 253. 

LJyjJüo magnolija ,Magnülie': aus einer der europäischen 
Sprachen, wo das Wort auch Fremdwort ist. 

\Ua3Lo inantar ,Pilz': ngr. ^aviTdqi von agr. d^aviTrjg, 

J^^Lo marul ,Lattich' Barb. II 715: byzant. fiagovliov, 
Sophoklis Lex. 734, wo es mit lat. amärus in Zusammenhang 
gebracht wird. -ovXiov wäre deminutives -ulltis. Die Neben- 
formen (.laiovliov und (laiovviov sind volksetymologisch. 

^j^juA/j^ mir sin, mersin ,Myrte': gr. ^vQaivr]. Daneben das 
persische >^^* rmird aus fivQTog, Aus dem Türk. ngr. fiegalvi, 
z. B. in Cypern, Sakellarios KvTTgiaKd I (1890) 254. 

Lyo-Lo melissa ,Gartemnelis8e' : gr. fieXiaaa, als Kurzform 
von ueXi(T(Toß6iavov oder ueXiaaöxoQTOv. 



Türkische Studien. I. 33 

dJi^^^yfO muimula ^Mispel': gr. fiiarttXoy, Aus dem TUrk. 
wieder ngr. iiova^vXov, P^iiie Contaminationsbildung ist ^lova- 
novXov Korais, At. V 223; ^iova%ovl.ov Somavera 1 250 b ist 
Volksetymologie, vianavqov ebenda it. nespolo. 

3 \j**Syj nerdiisy neryis ,Narzis8o^* persisches Wort 



(VuUers II 1304) und dies aus gr. v&Qiuaaog. Kurdisch narffisy 
nergiz Justi-Jaba 418. 

%^^L^I oxlamury ij(lcimnr ; \yja%^^\ oglamur ; )y^^^ 
ßlamnr ,Linde' Barb. I 24. II 425. Radlotf I lüOf). 1023: ngr. 
flafiovQi ,Linde^ Das Wort ist den übrigen Türksprachen 
fremd, und sein wechselnder Anlaut sowie dessen Qestalt 
scheinen auf Entlehnung hinzuweisen. Zudem ist die Linde 
kein asiatischer Baum. Aber ich weiss q>Xa^ovQi nicht zu deuten. 
Sollte das Wort türkisch sein, so wäre von ixlaviur auszugehen, 
(pXafiOVQi daraus entlehnt und dann als filnmur ins Türkische 
zurückgewandert. 

ÜuLSLuMjrl oksiakanta .Berberizenstrauch' Zenker 78 b : 
gr. d^anavd'a. 



^ jLi^^t ortanöay auuM^Üu^l ortansia jHortensie* Barb. 
I 148. Juss. 910. Radioff I lOGo: it. ortensia, frz. hortensia. 



.^1 öicse ,Vogelleim' Barb. I 182: gr. t^ög. 

vs^^ÜU, 4>^bfL jsaZamuf, palamud ,Eichel': ngr. ßahxvidi. 
Die Lautentsprechung empfiehlt die Zusammenstellung nicht, 
die von Zenker herrührt. 

äJ4>ÜLj papadiay papatia ,Kamille': ngr. nanadukj das 
ich aber als Pflanzennamen nicht nachzuweisen vermag. Rum. 
päpadiie, se. papntija. Vgl. Mi., Slav. El. im Türk. IG. 

^LlL4«L pastinaj ,Pastinake^ Zenker 163b: \t pastinaca, 

lü'Ülo iüli>b patatSy hadate ,KartoffeP: it. patata, ngr. 
nardra. Der Name ist missbräuchhch auf die Kartoffel über- 
tragen worden. Vgl. Candolle, L'origine des plantes cultivöes 43. 

yj^. Pyg^^ ,Raute' Bianchi I 432: persisch (Vullers 
I 400), daraus arab. ^^yct^. Aus gr. urffavov, 

JjLiÜCo pentafil ,potentilla reptans, Fünffingerkraut' Barb. 
n 410, neben (arab.) ^j^JiiU^. pentaßlion Bianchi 1 391: gr. 
7r£vTdq>vXXovy *7r€VTacpvXXiov, 

Sitzongsber. d. phil.-liiBt. Cl. CXXVUI. Bd. 1. Abb. 3 



34 I- Abhandlung: Meyer. 

%b%j pe^rnavy JL^^. pernal nach Barb. I 396 ^Stechpalme^ 
ilex aquifolium^ ; ,on la confond quelquefois avec le chene-vert 
ou yeuse [quercus ilex], k cause de la ressemblance de leur 
feuillage^ Letztere Bedeutung wird von Jussuf 950 angegeben: 
ngr. TtQivaQVy jiovqvclql von agr. Ttqlvog bezeichnet verschie- 
dene Eichenarten (Heldreich, Nutzpflanzen Griechenlands 18. 
Fiedler, Reise durch Griechenland I 520), schon TtqZvoq wurde 
fUr quercus ilex und ilex aquifoliura gebraucht 

LaJw, L^^W pizelitty bizelia ,grUne Erbse*: ngr. TiiCeh aus 
it. pUelfo. Vom Plural. Das b- aus venez. biso, biseto, daher 
auch ngr. ^rtil^eh, 

JLäj\«j portukal y portokal ,Orange^: ngr. TtOQToyidXXi. 
Hehn 390. Mi., Türk. El. II 42. Nachtr. II 14. 

&amIo, '^^Iy^. p-rasa , Lauch*: gr. nqäaov^ vom Plural. 

LaS^K radiUia ,cichorium divaricatum* : ngr. ^adUi, vgl. 
Heldreich, Nutzpflanzen 28. Vom Plural. Zu Grunde liegt 
lat. radix. 

fJ^^)) rezaki ,Art Traube mit grossen Beeren*: ngr. ^o^axi, 
^a^cnti ,Art weisser, wohlschmeckender Traube*. Hatzidakis, 
Einleitung 331 sieht darin das lat. rosaceus, wobei mir der 
Accent nicht verständlich wird. Man könnte an die Trauben- 
bezeichnung diiracinum denken, wenn Keller, Lateinische Volks- 
etymologie 234 richtig dafür langes i erschlossen hat: es läge 
dann Umstellung, wie in ^oöaxivöy (vgl. oben unter diiraJci), 
und Anlehnung an qö^a = it. rosa (Legrand) vor. Indessen 
ist das türkische Wort arab. ^^^^ razakij, was ausser einer 
Traubenart auch einen Stoff bezeichnet und persisch zu sein 
scheint (Fränkel 44). 

aUU^% reHney reöina ,Baumharz*: ngr. ^evaivi^ it. resina. 
Die Wanderung des Wortes ist wahrscheinlich folgende: agr. 
qr]Tivr] — lat. resina — arab. ^iL^Ä.^ — türk. <^-^oj.» — ngr. 
qBxaivi, Seltener ist das direct auf das Griechische zurück- 
gehende ^\^ ratin Barb. U 8. Vgl. arab. ^g-Lo\ „ auch türkisch 
bei Blau 160, 71. 

jjlwA-o Safran ,Safran* ist gegenüber arab. o^r^j ^^^f^'ro^n 
die europäische Form dieses fremden Namens. 



Ttrkische Studi«D. I. 35 

u^Lum^ juXxjio sapaniay saparine ,smilax sarsaparilla' : 
entstellt aus it. saUapariglia, 

\saa9^.m/ simfit ^onobiychis sativa, Esparsette^: gr. avyupvzov 
ist ,Schwarzwurz^, ,8ymphytum officinale^ 

wf^ÜLiw ssnavhz ^Hundszunge^ Zenker 520 a : gr. xwö- 
yhüaaovy aus einer Mundart, die tlv- wie xai- spricht. 

yjySjAjSdy ^yfyXMt Üzfuiiy Hzgun ,Brustbeerbaum^ Bianebi 
n 76: gr. l^iCvq>ov, 

^^jfc^in tarxun ,Dragun, artemisia dracunculus' : gr. dga- 
tärtiov. Vgl. Mi., Naehtr. II 48. 

^Jüjiyi^ ^JujoJio tere^minti ,Terpentinbaum, pistacia tere- 
binthus^- gr. TSQeßtv&og, riQfiiv&og. 

^aI o Jo terter , Weinstein' Juss. 11 74: it. tartaro, gr. zÜQTagOi^. 

vJLw) tiriafc ,Theriak% altes Universalbeilmittel aus 
Pflanzenstoflten : gr. &f]Qia%r^. Arab. Jjb^'- 

JuLsJo tirßl ,Klee': ngr. xqKpviXi^ agr. TQicpvXXov. 

5%Jl3 titre ,Cedemharz' Juss, 1191: gr. uedgia^ ycedgtd. 

sjUiJo, tiöuJy3 turfanda ,Erstlingsfrucht' hat man auf 
gr. ngunocpavr^ ,frlinreif*, von Erstlingsfrüehten, zurückgeführt; 
doch vgl. pers. tjSjt^jS ,re8 quaevis ornata, recens ac vigens' 
Völlers I 442; arab. ^^ ,re8 primum visa, nova^ Aus dem 
Türk. ngr. rgoyccvrö in Cerigo, Tlavdibqa XIX 20. 

jjA«yO*J türmils ,Lupine, Wolfsbohne' Barb. I 461: gr. 
^iQ^og, Aus dem Arabischen. 

aüu3l\^ veranika , Ehrenpreis' Barb. II 839: it. verontca] 
gr. ßeQOvixf]. 

jöKzrtffir ,Gartensaturei, conila sativa': aus arab.y!:*^,^:»^. 
Lat. satureja. Vgl. Low, Aramäische Pflanzennamen Nr. 270. 

y. Mineralreich. 

^3^yLiM^I araenik , Arsenik': gr. dgaevtyiöv, 

^j»Jajsyjj ^jJajsyj hüritis y hüritU , Feuerstein' Zenker 
217 c : gr. jrvQiTtjg, 

jJuUfl^ (smento Barb. I 597. 630, Neologismus fUr jr^^: 
it. cimento, 

3* 



36 I- Abhandlnng: Meyer. 

•ÄJUa» dinko ,Zink^ Zinkoxyd^: it. zlnco. 

\jJ^\ elmas ,Diainant': gr. dddfiag, durchs Arabische. 
Vgl. Lagarde, Bildung der Nomina 220. Das Wort ist in alle 
Türksprachen eingedrungen: Radioff I 438. 

%ool ibriz ,reines Gold' Bianchi I 8: arabisch, aus gr. 

^•Juwl, ^.JuÄ^I istubediy üMühei^ jBleiweiss' : entstellt 
aus gr. iffl^vd-og, ipif.ivd'toy, wie arab. ^j^^^.^, ^\j^^^i^\. 

v:y^Lj jakut ,Rubin': arabisch, aus gr. vdycivS^og, Fränkel 61. 
Persisch ,^JsS\j. 

^jLä«-ö kahu^an ,nicht geschnittener Edelstein' Barb. 
II 489: frz. cahochon, 

(jmjJoxJJLo, ^jm^JoLüLo viagnitisy makuatisy vulg. msxladiz 
,Magnet'; Barb. II 776. 780: gr. ^ayvrjTyjg, 

y^y>o mermer , Marmor': gr. fidgfiaQOg. Arab. niarmar. 

^^Xj^jJj ^Jkj^yj pirlantlj herlante ,Brillant': it. brillante, 

&Ju^L> pelathuij idatina , Piatina': aus dem Spanischen. 
Gewöhnlich ^y^\ j|\. 

5ö^, punza^ ponza, \\\[^^v j>amza ,Bimstcin' Barb. 1421: 
lat. 2>M«M«;, it. pumice, frz. poiice. Die türkische Form dürfte 
zunächst aus russ. pemza stammen, dies ist deutsch. 

^JaiyjCy^^ pusulan ,Art Erde zu Mörtel' Barb. I 418: 
it. pozzolana. 

^)y) ^^^^^ ,Diamantrosette' Barb. II 28: it. rosa. 
KAyjM^ )uoy^ senna ,Goldfaden': gr. avQ^a. Vgl. Mi., Türk. 
El. II 55. 

I^jum sim , Versilberung, Silberplattirung': pers. ^^-^^t*» ,Silber' 
und dies aus mgr. äarj^iov (,un geprägtes) Silber'. Lagarde, 
Bildung der Nomina 221. Ngr. iafi^t ,Silber'. 

^^yiyM/^ ^^♦Xaa^ siilnmerij mimen , Quecksilberpräparat, 
Schminke': aus sublimätuin. 

jjXL*. sülUyen ,Zinnober' Bianchi I 1049: pers. ^^>^ 
,Mennig' aus gr. avQinöv, Nöldeke, Pers. Stud. 11 45. 

HyMyo sumptre, vulg. sumpara ,Schmirgel' Bianchi 11 133: 
gr. GfivQcg, Pers. Sjl^J^, kurd. <;^^j. 



TArki$ck« j^ndien. I. 37 

^«jyuwl uskurun ^Schlacke' Zenker 40 a: gr. (TMoqia. 
Vgl. Et. Wtb. d. Alb. 387. 

(^AJxj zernik .gelber Sehwelfelarsenik* Barb. II 39: arab. 
^j»j, pers. -0,3 aus gr. äqasvivLov. Zur Metathesis vgl. ngr. 
ae^rixö^ ,männlich* Syllogos VIII 411. Jean Pio, Contes popu- 
laires 1 (Epirus). Aus dem Türkischen ^igvUj ,Arsenik' im 
Pontus, Syllogos XVm 135. 

Owc^ zümrüdy zümürrüd ,Smaragd' Barb. 1144: pers. ^J-^j 
(VuUers 11 141), das, wie arab. Jsä.^j (Fränkel 61) wegen des 
anlautenden Zischlautes auf gr. auaQaydoqy nicht auf dessen 
indisches Original zurückgeführt werden muss. 

Tl. Der Xensch, seine Eigenschaften nnd 

BesehSftigungen. 

^JüLil efendi ,Herr^: gr. dipimjg aus agr. aid^evrr^g] viel- 
leicht vom Vocativ. Das lautliche Verhältniss der beiden grie- 
chischen Formen zu einander ist nicht ganz klar, vgl. Hatzidakis, 
Einleitung 287. 

^^juLiAi sinior ,mein Herr^, Anrede an Fremde, Barb. 11 103: 
it. signore. Auch mnsju = frz. nioiisieur wird bei der Anrede 
an Fremde gebraucht. 

^•l4>Lo, aucfjLo madamj madama von europäischen Frauen, 
Juss. 666: frz. madanie, it. madania. 

&jtt3*3 kokona , vornehme griechische Dame^: gr. %07uava] 
für das Wort hat Cihac II 649 zum Theil zutreffende Ver- 
gleichungen beigebracht, wo nur %ov'AXa unrichtig beigemengt ist. 

^U^^l orfan ,Waise' Barb. I 153. Radloflf I 1077. xjLijjf 
orfana^ orfane , Waise', nach Budagov I 125 in Constantinopel 
,Hure', sonst ,Dienerin': gr. dqq>av6g, 

^^\ zevdi , Ehegatte', *^^) zevdie ,Gattin' Barb. II 49: 
arab. ^^; ,Paar' aus gr. l^edyog. Fränkel 106. 

&a3Iw5 karanta ,Mann im besten Alter' Zenker 696 b : 
it. quaranta ,vierzig'. 

^j^^Lää. dUaron ,geschwätzig' Barb. I 580: it. Cicerone 
,FremdenfUhrer^. 

s^^bfL palavra ,Prahlcrei': ngr. jtaX&ßqa ,Geschwätz' 
aus span. palahra ,Wort'. Das Wort ist wahrscheinUch durch 



38 I' Abhandlung: Meyer. 

die katalanischen Söldner ins Griechische und von da ins Tür- 
kische gekommen; das zu Grunde liegende lat. parabola ist 
selbst wieder griechisch. 

J^%Lo marjol ,Schurke' Zenker 800 b: it. maritiolo] 
ngr. liogyiöXog, 

y;:^\yjiy^y cyL>^^ Xoirat, x^^j^^ jgrobcr, ungeschlachter 
Mensch' Barb. I 719: gr. xiagiarriq ,Bauer' von x^^Q^ov. 

s:;ajJoLj\I izbandit yRäuher] gefährlich aussehender, starker 
Mensch' Barb. I 43: it. shandito ,landesverwiesen'. 

[jQj Uss ,Räuber, Dieb' Zenker 793 a : arabisch, aus gr. 
hßOTTjg, Fränkel Voc. peregr. 18. 

&^^ loxusa , Wöchnerin': gr. Isxofkrccj Xoxovaa von 
agr. lex^' 

O^^Mbij^i fejlesuf ,Philosoph', übertragen ,schlcchter, gott- 
loser Mensch' Barb. 11 437: arabisch, aus gr. q>iX6aoq)og. 

i^yo 8ofi, vulg. 8ofu ,mystischer Philosoph, Fanatiker' 
Juss. 1U7G: arabisch, aus gr. aoipög? Aus dem Griechischen 
stammt auch xto «, »« *<> safaata ,8ophi8mu8' Juss. 1005: arab. 
^^1»<m<JLm} ,oophist . 

%La^suulm^I ispinöiar, ispeHary vulgär speiiöer , Apotheker' 
Barb. I 47. Juss. 485: it. speziale , Apotheker, Droguenhändler'. 

La4jP Jcimia ,chimie, alchimie' Juss. 606: arabisch, aus 
Xv^isla. Vgl. über das Wort Gildemeister, Zeitschr. der deutschen 
morgenl. Gesellschaft XXX 534 flF. Anders Pott, ebenda XXX 6 ff. 

v:yLi^^f avokat ,Advokat', übertragen ,spitzfindiger Mensch'. 
Juss. 1323: it. awocato, 

>jJI^ kavalir ,Ordensritter , besonders Malteser' Barb. 
II 544: it. cavaliere, 

iü\yS Kerata ,Hahnrci' Barb. II 619: gr. xegazäg. Vom 
Vocativ. 

b^Xijo mantona ,Mätressc, ausgchaltcnc Frau' Barb. II 788: 
wohl von it. mantenuta', vgl. mantenir Et. Wtb. d. Alb. 259. 

S(>^^, riöyjy/o molada, moloda ,vieillc servante d*origine 
etrangcrc; servante agöe et maladroite' Barb. II 799: it. (am)- 
malato ,krank'? 



TArkische Studien. I. ö" 

LJLeU familia ,Familie, besonders Frauen und Töchter', 
aber nur von nicht muselmännischen Häusern gesagt. Barb. 
n 398: it. famiglia-j ngr. ya^llia und cpafieXux, 

Äj^UüI angarie ,Frohndienst; Zwangsarbeit; Mlihe, Schwie- 
rigkeit^ Barb. I 126: gr. äyyaqda. Vgl. Et. Wtb. d. Alb. 12. 

ÄjxLkiU fantazia ,Prunk, Luxus; pomphafter Aufzug' 
Barb. II 398 : it. fantasia. Im Arabischen bezeichnet das Wort 
besonders eine Art Uebung bewaffneter Reiter; in Egypten hat 
es die verschiedensten Bedeutungen, es wird von einer Prome- 
nade, einem besuchten Kaffeehaus u. ä. gesagt. 

^^^müljLo matis ,betrunken' Barb. 11 713: gr. fjiidvaog. 

•JUi fino ,klein und zart; beste Qualität einer Sache' 
Barb. 11 437: it. fino] ngr. q>ivo. 

&jj|(>, &aJÜ0 dalja, talja ,parfait, complet' Barb. I 727. 
n 268: gr. TeUioq^ vom Ntr. Plural. 

&jK«^ Xorata ,Scherz, Spass' Barb. I 716. Wird allgemein 
flir griechisch erklärt, z. B. von Budagov I 541, und Barbier 
de Meynard nennt gr. x^Q^^^ ^'s Quelle. Ngr. xfaqaxäg oder 
%(oqat6y Jeu, badinage, plaisanterie', sammt x^^Ofrart^g, ^w^of^ßi^w, 
HüQ&reviAa , stammt aus dem Türkischen. Falls das türkische 
Wort griechisch ist, muss ihm gr. xo^fii/rijc;, x^Q^^^^ oder xo^t- 
rijg von X'^Q^ ,Tanz' zu Grunde liegen. Korsch, Archiv für 
slav. Phil. IX 503, denkt an x^Q^ ^^d vergleicht dazEiog 
von SoTv. 

A^ü bai^e jKuss' Barb. I 254: it. bacio. 

aXia^\ estare, esture ,Erzählung in Prosa oder in Versen' 
Barb. I 53: arabisch, aus gr. IffzoQia, 

yXii^ defter, vulg. tefter ,Heft, Register u. ä.' Barb. I 743 : 
gr. diq>^iqa ,Haut, Buch, Urkunde'. Auch persisch und arabisch ; 
aus einer dieser Sprachen ins Türkische aufgenommen. 

xtnu^ Xaritay x«r<a ,Karte, Plan, Landkarte' Barb. I 700: 
gr. X^^^S- *^jLs kartay aus it. carta, ist ,Visitkarte' Juss. 545. 
Joj^, JUo^ XartaVj x^^^^ ,Schreibtafel , Pergament zum 
Schreiben' Zenker 406 a: gr. x^Q^^Q^^^- 

%Lc^ tomar ,Rolle, besonders Papierrolle' Barb. II 328: 
gr. TOfiaQiovj byzantinisch im Sinne von TÖ^og (x^iQTOv) ,Rolle'. 
Heut bedeutet to(i&qi, ,IIaut, Fell', eigentlich ,ein Streifen Haut', 



40 !• Abhandlung: Meyer. 

y^jM semer ,Saum8atteP Zenker 518: ngr. aofidgi von 
adyfjux. Vgl. Mi., Tti. El. II 53. 

JuumjI ipsid, auch iapid gesprochen, ,Radfelge' Barb. I 7; 
bei Blau 238 ispit^ spit: gr. &ipig] von äiplda. 

{j»*y^yS karahxLs ,partie pro^minente de la seile' Bianchi 
II 458: arabisch, aus gr. 'AQT^nig, Fränkel 104. 

^^Jojli fajtun ,Art viersitziger Wagen', veraltetes Wort. 
Barb. II 399: frz. phadton-^ vielleicht zunächst aus russ. 4>a3T0H'b. 
Mit Unrecht sieht Justi, Dictionnaire kur.de-fran9ais 295, dieses 
Wort auch in kurdisch ^JüJ finto ,calfeche'; dies ist vielmehr 
türkisch yJJ)^ hintov, hinto ,Wagen' aus magy. hirvbö^ das Mi. 
Slav. El. 8 bespricht. Andere Bezeichnungen fUr Wagen euro- 
päischer Art fuhrt Zenker 592 c an, wie Aj>y», ^^,-> ^y^^- 

iLs^ kukla ,Puppe' : ngr. xouxAa, das man aus lat. pupula 
herleiten will, schwerlich mit Recht. Es hängt eher mit den 
Wörtern zusammen, die auf lat. cuciillus ,Kapuze' zurückgehen. 

«JLjo Je tombalaj ^^ifLyoJe tombalak ,Purzelbaum' Juss. 
1193: it. tombolo oder tomholata ,Purzelbaum'. 

z3^ toka ,Anstossen mit den Gläsern ; Trinkspruch' Juss. 
1192: it. toccare, vom Imperativ. 

^j^U kanun ,Gesetz, Regel': arabisch, aus gr. %av(bv. 
^^L rnd^un ,Grund, Argument' Barb. U 8: it. ragione. 
ä-wwJU'^ cakaiisa ,Ferien' Zenker 934 a: it. vacanze. 

Ich schhessc hier den Zuruf ^^'^ bravo Barb. I 2i)3, aus 
dem Italienischen, an. Auch die Interjection »o bre ist fremd? 
wenn meine Herlcitung Et. Wtb. d. Alb. 286 das Richtige 
trifft: gr. ßgi = stgs. Anders Mi. Nachtr. II 89. 

kaka ,pfui!' Zenker 705 c ist gr. xaxcr. 



VII. Der KSrper und seine Krankheiten. 

^JlXj belgam ,Schleim' Barb. I 312: gr. q>Xeyfia. Zunächst 
aus dem Arabischen. 

Lu^a. ;fwZ;*a ,Gallc' Barb. I 719: gr. x^^S^ tol% Deminutiv 
Xoliov. LJ^U malixidja ,Melancholie' : uelayxolla ; arab. 




Türkische Studien. I. 41 

AxiLd salja, >LaJL'0 saljar ,SpeiclieP Barb. I 191: gr. 
üakiov filr ai&Xiov von alaXog] vom Plural, saljar zunächst 
vom Adjectivum aahÜQVjg ,baveux^ 

oJX*A#f isJielet ,Skelett^ Juss. 482: gr. axekerög. 

xÄj^LwLo masarika ,Gokröse' Juss. 685: gr. (.leaagainövy 
von ^ita&qaiov ,Gekrö8e^ Zunächst aus dem Arabischen. 

8«Juo medre, metre ,Gebärmutter* Zenker 831 b: gr. iirjxqa, 

I^^JLumÜ hasiUk ,Königsader an der inneren Seite des 
Armes^ Bianchi I 308: gr. /JaaiAixcfe; aus dem Arabischen, 
natürlich gelehrtes Wort, wie schon das ^ flir ß zeigt. 

L4^%jLj4> diafroffma ,ZwerchfelP Zenker 445 b : gr. did- 

^^jJL^ glin ,Gelenk^ Blau, Bosn. ttirk. Spr. 233: nach ihm 
gr. yli^y das bei Medizinern in der Bedeutung ,Knochengelenk- 
vertiefung' vorkommt. 

5J*5 kolera ,Cholera^' it. colera aus dem Griechischen. 

v:i>«jjl^iuyt Bskorhuty iskorpit ,Skorbut' Barb. I 55. Juss. 
483: it. scörbutOy ngr. aiwQfiTtodto, Der Ursprung des Wortes 
ist wahrscheinlich deutsch, vgl. Weigand und Kluge unter 
Scharbock, 

^jJy»* kulend£ ,Kohk' Barb. 11 576: gr. xco^txdc;, von 
%(bh)v. Zunächst arab. ^y»; pers. ^>^ 

xiiUÜ panukla ,Pest' Zenker 172: gr. navoi^ka^ aus lat. 
paiiiculay panuculay panucla ,eine Art Geschwulst^ 

jj*#^waX-i*/ «efc'tro« ,DrUsen Verhärtung' Juss. 1040: gr.aytiQQog, 

\y/o'Xj^\ ispazmoz ,KrampP Barb. I 46: gr. aTtaofiög. 

y^ ^ifo, u^y^ tifos ,Typhus' Barb. 1508. Juss. 1188: 
it. tifo, gr. rikpog, 

sjül^ büvanda ,Arzneitrank, Krankenthee' Barb. I 316: 
it. bevanda ,Trank^ 

iLieyjy^ xirizma ,Pa8te zum Entfernen der Haare' Barb. 
I 700: gr. XQ^^l^ ,Salbe'. 

%jum^5I ilcsir ,Elixir, Panacee, Stein der Weisen' Bianchi 
I 166: arabisch, aus gr. ^rjQÖg. Vgl. Gildemeister, ZDMG. 
XXX 534. Aus dem arabischen Worte stammt unser Elixir. 



42 I- Abhandlnng: Moyer. 

l«.jXo melhemj vulgär fdr f^y^ nierhem ,Pfla8ter, Salbe' 
Barb. 11 785. 754: arab. ^^ neben ^JUu aus gr. fiAkay^a ,er^ 
weichendes Pflastert 

2uJÜüumI üpitalie ^Krankenhaus' Barb. I 47: it. spedale^ 
ospeddUj ospitahf ngr. aniraXi. 

^\lvif lazareto ,Lazaret' Juss. 650: it. lazzaretto, 

•JxaJ^xL parlatorio ,Unter8uchung8ziramer im Lazaret' 
Barb. I 378: it. parlatorio ,Sprechzimmer^ 

aüCs^j ri^ete ^ärztliches Rezept' Barb. II 14: it. ricetta, 

&Xjyj^ vizita ,ärztlicher Besuch; Honorar dafür' Barb. 
II 848: it. visita] ngr. fitjCira, z. B. in Thera (Petalas, Glossar 76). 

^Uaju haitar ,Thierarzt ; Hufschmied' Bianchi I 431: 
arabisch, aus gr. XnmaTqoq. Fränkel 265. 



VIII. Natur, Land, Stadt. 

^^Ul anafor ,Wasserstrudel' Barb. I 121. Radioff I 230. 
Auch ,Gegenwind': ngr. &vctq>6qi ,contrecourant'. 

wul esir ,Aethcr, Lichtkreis, Himmel' Zenker 10 b: gr. 
atdrjQ. Bianchi I 14 hat vJ'l eter ,liqucur spiritucuse et volatile', 
aus frz. ether. 

«Jüö hale ,Hof um den Mond': arabisch, aus gr. äfAco^, 
wie frz. AaZo, it. alone, 

JLlS kanal ,Kanal' Jussuf 528: frz. canal, Neologismus. 

Juyo mil ,Meilc, Meilenstein' Bianchi H 1068: arabisch, 
aus lat. nulle, Fränkel 282. 

yji^ kasr ,Schloss, Festung' Bianchi II 482: arabisch, 
aus gr. ycdargoy = lat. castrum. Nöldeke, Zeitschr. der deut- 
schen morgenl. Gesellschaft XXIX, 423. 

-.o bur(U jThurm, Bastion, Fort' Barb. I 294: arabisch, 

aus vulgärlat. burgus. Nöldeke, Zeitschr. der deutschen morgenl. 
Gesellschaft XXIX, 426. üas lateinische Wort ist gr. TtvQyog, Aus 
diesem direct stammt türk. ^ja*^o bargos ,Schlo8s, Thurm' 
Barb. I 295. Auch das alte Pyrgos in Thrakien heisst heute 
^^jj oder jU^^. 



•% 



Türkische Studiou. l. 43 

auwLu, 1^^^ PJ^^^j pijci^o, ,üfFentlicher Platz, Markt; 
Marktpreis; Bezeichnung des Quais in Büjiikdere' Barb. I 422. 
Jussuf 957: it. piazza. 

x^Um, j(jCu<y sinor, sihor ,Grenze^' byzant. avvoqov ,Grcnze^ 

auU, ^W hana, hanjo ,Bad^ Barb. I 282: it. bagno, 
yxt^ bagno ist ,Zuchthau8' Zenker 168 b. 

\Sy^;^ Ä^^rÄ jBrücke^ hat man auf gr. yiq)VQa zurück- 
geführt; doch vgl. koibal-karagassisch köbergä ,B rücke* Vjlm- 
b^ry Et. Wtb. 66. 

ÄJüoLi fabrika ,Fabrik, Manufactur' Barb. II 394: it. 
fabbrica, 

^U:) J dejmas ,GefUngniss' Bianchi I 895 : arabisch, aus 
gr. df]fiö<nov. Fränkel 281. 

Juw berid ,di8tance de quatre parasanges, ou quatre 
heures de voyage k cheval; courrier' Bianchi I 358: arabisch, 
aus lat. veredus^ gr. ßeQtjdog. Fränkel 283. 

AjJlil eklim ,cliinat, partie de la terre' Bianchi I 160: 
arabisch, aus gr. xXifia ,Kliuia, Gegend^ 

^yAäOJJ\ efend£iun ,Erdfeme eines Planeten'. ^yjjpJyiS 
efretid^iun, ^«jl^^^jI efriditiun ,Erdnähe eines Planeten, 
Zenker 75 a. 73 a : gr. dindyeiov, TtcQiyeiov, 

UyS Iura ,Stembild der Lyra' Zenker 796 b: gr. Xvga. 

jjÜCI^ voUcan , feuerspeiender Berg' Zenker 935 b: it. 
volcano. 

IX. Haus, Wohnang. 

(l^l? J^, yi^\ avUj havh ,Hof, Viehhürde, Hausflur': 
gr. aiXt), 

Jo^U balat ,alte8 Bauwerk, Ruine' soll nach Barb. I 276 
von gr. TtaXaiörr^g stammen! Es ist offenbar arab. t^U, das auf 
nahxTiov = lat. palatium zurückgeht: Fränkel, De vocab. 
peregr. 6; Aramäische Fremdwörter 28. 

^jjjiüLj balkun ,offener Balkon': it. balcoiie. 

J^Jo^t estabßlj istabl ,Stall': lat. stabulum. Zunächst aus 
dem Arabischen. xJ^Üo, äJj^Uö tavhf, tavile ,Pfcrde8tall' geht 
wohl auf ngr. aravXog zurück. 



44 !• Abhandlung: Meyer. 

^^%i furun ,Backofen': lat. für aus, mgr. (povgrog. Arabisch 

^^ funi: Fränkel 27. 

^j^M kafes , Vogelbauer; Käfig; Fenstergitter' Barb. U 526: 
arab. o-aü, nach Nöldeke, Zeitschr. der deutschen morgenl. Ge- 
sellschaft XXXIII 516 aus lat. capsus ,Behälter für wilde Thierc^ 

100^*%^ Jceremit ,Ziegel': ngr. -/.sgauldi. Arabisch iX^yS 
kirmid aus dem Aramäischen. Fränkel 5. 

s'ikS Jcihr jKeller, Vorrathsge wölbe/: gr. TLslldQi aus lat. 
cellarinm. vLeXkdqiov ist schon byzantinisch. 

Jujy Uüid jSchloss an der Thürc': gr. ylelda (Accusativ) 
,Schlüssel^ Zunächst aus dem Persischen, wo j^U5 aber jclavis' 
bedeutet (Vullers II 876). Arabisch j^^*\. Beide stammen aus 
aramäisch qlidäj iqlldä. Fränkel 15. 

ÄAJy», auuJ^ kitluha, kuUbe ,HUtte' Barb. 11 574: gr. 
yiaXvßr/. Vgl. Mi., Tttrk. El. I 88. 

s«jj%*3' korniza ,Gesims, Karniess': ngr. yLovqvixaa (Soma- 
vera) aus it. coiniice. 

&Ioil lata , flaches Stück Holz zu Verschlagen' Barb. 
II 695: it. latfa ,flaches Holz'. Das Wort ist deutschen Ur- 
sprungs. 

2l:^J lod^a ,Loge, Zelle; Handelsbörse, Theaterloge'. 
&2^*.J londza ,Börse; Versammlungsort von HandAverkern': it. 
loggia'j ngr. Xövrllay se. londza. Vgl. Mi., Türk. El. II 17. 
Nachtr. I 78. Das n von londza gehört zu den von Schuchardt, 
Slawo-Deutsches 16 f. besprochenen Erscheinungen. 

JljoLc mandal ,Riegcl': ngr. (.laviah, agr. (xdvöalog. 

Joikj palatsr ,Fen8ter' Zenker 206 b: gr. naqddvQOVy 
TTaqahvqi. Das gewöhnliche Wort ist «^^uo. 

^•.sxj pandiur ,Jalousie, Fenstergitter': frz. abat-jour. 

s^^l Jo pedavra ,Holzschindel zum Dachdecken ; kleine 
Holzplatte für Drechslerarbeiten' Barb. I 389: gr. neravqov 
jStange, Latte'. 

*^^0^ podrumj hodrum ,Keller, Erdgeschoss; Gefilngniss' 
Barb. I 320: gr. vrröÖQOfiog. Vgl. Mi., Nachtr. II 14. Das 
griechische Wort kommt bei Philon in der Bedeutung ,Schutz- 
hafen' vor. 



Türkische Studien. I. 45 

ÄÄJo, »JuuLJ tant^j tanida ,Zeltdach' Barb. I 491 : it. 
teiida. Vgl. Et. Wtb. d. Alb. 429. 

l»«Uo tanm, tarnni ,Kuppel, rundes Zelt^: gr. tbqe^vov] 
vgl. rum. tärini , Halle, ÖaaP, uiagy. t^rtm dass., asl. trhm ^turris*. 
Der Weg wird vom Griechischen ins Slavische, von da ins 
Magyarische, dann ins Rumänische gewesen sein; aus letzterem 
oder dem Magyarischen direct stammt das türkische Wort. 

JL|J temel ^Grundlage, Fundament': gr. &e^iaXiov. 

(jMttJJe toloü ,Wölbung, Kuppelt* gr. &ölog. 

ikXtyio tuijla jZiegel', auch tu via Jussuf 1202. Mi., Türk. 
EL II 77 meint, das Wort beruhe, wie magy. U^gla, auf lat. 
Ugula und sei durch germanische Vermittlung nach dem Osten 
zu den türkischen Völkern gekommen, bevor das Deutsche t 
in z verwandelte. Diese Annahme hat unläugbare Schwierig- 
keiten. Mir scheint tugla auf ngr. TOvßovXov (Legrand) tovß'kov 
zu beruhen und dies von rovßovXov ,tubulus, sipho' Du Gange 
aicht zu trennen, wie ich Et. Wtb. d. Alb. 451 gethan habe. 
Dies TOvß(ov)Xov bedeutete zunächst Röhre, dann einen röhren- 
förmigen Dachziegel, wie sie noch jetzt in Anwendung kommen. 
gl aus vi wie in den Et. Wtb. d. Alb. 283 unter mjergvie zu- 
sammengestellten Fällen. 

Mit Unrecht hat man griechischen Ursprung angenommen 

in sy^^ ^X^'^y ^X**' jStalP, das man mit dxvqdq in Verbindung 
gebracht und als ,Ort ftir Streu' erklärt hat: Mi., Nachtr. II 72. 
Es ist persisch und aus iranischem Sprachgut zu erklären, vgl. 
Darmesteter, Etudes iraniennes I 114. II 136. Auch ^yXi'lciredi 
,Kalk' ist schwerlich gr. x^^*^> ^S^- osttürk. ^^ j&ypse? 
plätre' Pavet de Courteille 484. Das griechische Wort erscheint 
im Arabischen als ^y^JS- Fränkel 8. 

X. HausgerSth. 

^Ll^UI anaxfnr ,SchlüsseP: ngr. äyoixidgtf z. B. in Cypcrn, 
Sakcllarios KvrtQiayA 11^, 453; schon bei Machaeras, S.athas, 
Mtaaiwvi'A^fj ßißXio&i^rj II 599. ävotKTaQid ist von Somavera 
mit der Berleutung ,scaricatoja, trabocchetto' verzeichnet. 

»JumI, »^Liu^l eskarn ,Rost^* ngr. andga aus agr. iaxdga. 



46 I. Abhandlung: Mejor. 



:^yS fer^a ,Bürste': ngr. ßovQxaa, Ich halte ßovqxaa für 
romanischen Ursprungs, zu der Gruppe prov. hrosaa, frz. hroase, 
afrz. hroce, span. hroza oder zu span. hruza gehörig (Körting 
Nr. 1374. 1428). Aus dem Griechischen stammen rum. vir\ä^ 
alb. vurtse und das türkische Wort. Das von Barb. II 408 an- 
geflihrte it. furcia existirt nicht. 

Jys^yi firdzevl ,StriegeP Bianclii II 363: arabisch; man 
führt das arabische Wort auf byz. cfgayelkiov aus \a.t. ßagellum 
zurück, dessen Bedeutung allerdings nicht übereinstimmt. 
Fränkel 113. 

aJUX^wi islcemle, vulg. auch islcemiii ,Stuhl': mgr. (Txafivovy 
(r/,di4vog, OTLaf^vlov, ngr. a%a^vi, aus lat. scamnum. Das lautliche 
Verhältniss macht Schwierigkeit. Korsch, Arch. für slav. Phil. 
IX 504 denkt an ein slav. *skaviljd als Vermittlung. Man 
kann lat. scamellum vergleichen, das ahd. scamal ergeben hat. 
Wahrscheinlicher ist mir aber, dass von der Form mit -nni- aus- 
zugehen ist, in der -mn- zu -ml' geworden ist. Vgl. lodos : vÖTog. 

Jojüi» kandil ,Lampe^: mgr. Y.avdi]kci aus lat. candela. 
Das türkische Wort ist aus dem Arabischen aufgenommen. 
Fränkel 95. 

xJ«-)^ü) kariola ,europäisches Bett, Chaiselongue* Barb. 
II 456: it. carriuola ,Rollbett', venez. cariola, ngr. -MxqidXa z. B. 
in Kreta Jann. 338. 

oo^ vi» karavity viio^^y' Icerevit ,niedriges Ruhebett, Sofa' : 
gr. TLQsßßari ,Bett' von agr. xQdßßatog. Vgl. Mi., Türk. El. II 7. 

auyo^ lampa ,Lampe' Barb. II 697: it. lampa, ngr. IdfiTta. 

auwLo masa ,Tisch, Speisetisch' Barb. II 716: rum. maMi 
aus lat. mema. Mi., Slav. El. im Türk. 14. 

JotVJL« viendüy inindil , Serviette, Tischtuch' Bianchi 
II 1022: arabisch, aus gr. f.iavTihj lat. mantile. Vgl. Et. Wtb. 
d. Alb. 258. 

Laäj pe^eta ,Serviette' : ngr. Tteraera aus it. pezzetfa 
jLäppchen'. 

^o pimo ,Gabel' Barb. I 397: ngr. neiqovvi. Vgl. Et. 
Wtb. d. Alb. 338. 

&jJum sedjn ,Sänfte, grosser Stuhl': it. sedia. jls3Uw ned&e 
, Sessel' Zenker 500 a: it. seggia. 



Türkische Studien. I. 47 

&JbÜ, xJLJo t^bla ,Esstisch; Auslagstisch von Bäckern und 
Fruchthändlern; Holzplatte der ambulanten Verkäufer' Barb. 
I 428. II 278: ngr. vdßla aus it. tavola; vgl. rum. tabläy asl. 
tabla, Cihac II 309. 

b'yj^yioy »W^J terapezu, Uraheza ,drei- oder vierfüssiger 
Tisch, Esstisch': gr. Tqd7teC,a, 



XI. Handwerke, Geräthe und Aehnlielies. 

%j*j herber ,Barbier': it. barbiere. 

sjL£^ bugada ,Lauge' Hindoglu 92: ngr. ^Ttoyadoy fiitov- 
ydda ,Lauge', ^inovdda ,Wäsche' in Thera (Petalas 75), Ttovydda 
,das Waschen mit Lauge' in Leukas (Syllogos VIII 378), aus 
venez. bugada ,imbiancatura di pannilini' -■ — it. hucato. Das 
Wort ist deutschen Ursprungs. Körting Nr. 1405. 

2uL^ i^apa , Hacke, Haue*: it. zappa, ngr. ToaTtL Vgl. Et. 
Wtb. d. Alb. 382 unter »späte. 

JLGj dilcel ,Haue': ngr. dix^AAi ,zwcizinkige Haue' aus 
agr. diWAa. Vgl. Mi., Türk. El. I 48. Nachtr. I 28. H 103. 

hsd<Xs> diendere ,Pre8se, Walze zum Filzen von Stoflfen; 
enger Durchgang' soll nach Barb. I 539 it. cilindro , Walze' 
aus xvXivÖQog sein. Das Wort ist aber pei*sisch. Vullers I 532. 

aJol^j^ dJtivata ,Art Nagel' Barb. I 549: venez. giaveta 
— it. chiavetfn. Dagegen ist v5r^ ^^^ ,Nagel' türkisch: cagat. 
&igi ,Nagel', öuv. iuga ,penis'. Vämb^ry, Et. Wtb. 191. 

v::^!^^! ergat , Arbeiter': gr. iQydrrjg, Mi., Türk. El. I 58. 
Auch in der Bedeutung ,cabestan, Schiflfswinde' entspricht gr. 

kSXs falaka ,Block, Strafstock': ist arabisch, das arabische 
Wort aber wohl nichts anderes als gr. yd^yyag, von agr. (pdhxy^. 

&Ä^Li faieta, iCu^Xi faseta ,Facette beim Schneiden von 
Exlelsteinen': it. faccetta^ frz. facette. Barb. II 395. 396. 

[jyi foja ,kleine dünne Gold- oder Silberblättchen fiir 
Juwelierarbeiten': it. foglia, 

ikxJyS^ gänja, ijiinje ,Winkehnass': ngr. ytovid aus ywvla. 



48 I* AbhftDdlnng: Meyer. 

f^y^ X^^^ jTrichter': ngr. xovvl von agr. x^^Oß- 
wJLj kaleb kalup ,Form, Modell^ Aus dem Arabischen; 
das arabische Wort führt man auf agr. xaXÖTtovg ,Schu8terleisten^ 
zurück, aus dem Türkischen stammt wieder ngr. yuxXovni ,moule^ 

iJLi kalem ,Schreibrohr; Pinsel, Meissel; Schrift; Bureau': 
arabiscli, aus gr. luxlafiog. 

ÄaSli kand^a ,Haken' Barb. II 475. Budagov II 27: it. 
gancio , Haken' span. gancho. Der Ursprung der romanischen 
Wörter ist freilich nicht aufgeklärt, und daher hat sich Miklosich, 
Türk. El. I 89 zu der umgekehrten Annahme entschlossen, 
das italienische Wort aus dem Türkischen herzuleiten. 

aJ«j kola ,Stärke für die Wäsche' Jussuf 613: it. colla 
,Leim, Kleister'. 

nJi^syS kordela ,Schnürchen, Bäudchen': it. cordella; ngr. 
xoQdslXa. 

}ijji**S Uüstere ,langer Hobel; Schleifstein' Barb. II 629. 
Jussuf 642: gr. xiarga ,Spitzhacke'. Zweifelhaft, da die Be- 
deutungen nicht übereinstimmen. 

jff^yi lustro ,Schuhwichse' Barb. II 707 : it. lustro ,Glanz, 
Politur'; ngr. lovoTQog. 

Lu^Lo makina .Maschine' Barb. II 718: it. macchina. 

aJöLo manela ,Hebel': ngr. fxaviXXa aus venez. manoela 
-. — it. manavella ,Hebel'. 

j^JüKLo marangoz, seltener ^yuKLo inarangon ,Tischler' : 
ngr. ^ia^ay%6g ,Tischler'; it. marangone ,Zimmcrgesell'. 

tjXj^ mengeiie ,Oel- oder Weinpresse' : gl'. fidyyavoVf daher 
auch it. mangano, 

J^ mil ,Nadel zum Färben der Wimpern und Augen- 
brauen; chirurgische Sonde' Barb. II 807: arab. J.^ ,Sonde', 
das man aus gr. f^rjXr] dass. herleitet (Fränkel 261). Aber woher 
stammt das griechische Wort? 

Kiyjo mola ,Mühlstcin' Barb. II 799: it. mola dass. 

xa3^, pslanja, planja ,Art Hobel': ngr. rtXdvia aus dem 
Romanischen. Et. Wtb. d. Alb. 343. 

ÄxÄJikj pelanctte ,Messtisch der Feldmesser' Barb. I 405: 
frz. planchette. 



Tbrkbclie Sn»di«n. 1. 49 

xjuhi*!^ raspa ,Strie^eI': ital. raspa ,Rasj)el^ 

sjML^ sakur ^Hammer zam Steineklopfen* Bianchi II 86: 
arabisch y aus lat. securis. Fränkel 84. Dass das Wort im 
Griechischen des Orients heimisch war, beweist noch ngr. r<7€- 
xov^iy vaixovQi (z. B. Sy II. 8, 397. Kanellakis Xicmä l/irakexta 
301, 668). 

Hyjum^ sistra ,Art Tischlermesser; Reibeisen der Bäcker; 
§triegel* Jossof 1073. Barb. II 82: ngr. ^vaiQa ,rape, ^trille*. 

^^^JLkM ^ünez , Messerschmied^ Zenker 517 a: wahr- 
scheimich it. Solitighese von Solinga, SoUngen, von wo die be- 
rahmten Messer- und Schwertklingen weithin exportiert wurden. 

BjJyM^ sonda ,Sonde' Jussuf 1079: it. somla. 

Kiüü^A iirinkaj Hringa ^Spritze': it. sciringa von agr. 

ftjllo tapa ^Stöpsel' Jussuf 1115: it. tappo dass. 

^y^\jio teraÄfiifon ,Pfropfenzieher' Zenker 596b: frz. tire- 
houchon. 

y^)Jo tumOy tomo ,Drehbank': it. tonio. 

v«>^«Ixm#I usturlab, estsrlab^ sy ^^ ti m> siUurlab ^Sternhöhen- 
messer^ Zenker 509 a. Barb. I 53: gr. AazqoXäßog, 

y^^yjLmS^ ^yjimS ÜStÜpÜy IStubt^ tstupl yWoTg^l UgT. OTOVftl 

von aTVfttj. 

U^ri)^y t?ar/o« ,schwerer Hammer der Steinklopfer^ : ngr. 
ßoQeid ^masse; massue^ Legrand. Von einem gleichbedeutenden 
männlichen ßaQSiög. In Ophis ftageag, Syll. XVIII 127. 

Iju^, sjo^ mda ,Schraube^: venez. vida = it. vite. Et. 
Wtb. d. Alb. 472, wo ngr. ßlda hinzuzufügen ist. 

XII. eemsse. 

JLs^ hukal ,dickbauchige Flasche': it. boccale. Barb. I 338. 

JLS»^ öuJcal ,TopP: ngr. TOOVKdXi. Letzteres ist genauer 
durch Jts^ 6ukali wiedergegeben. Barb. I 610. Das Wort 
dürfte eine Ableitung von it. zucca ,Kürbis, Kiirbisgefäss' sein; 
TaovTMu als Geftlssname, ,Kalabas8e', kommt bei Prodromos I 112 
Legrand vor. Vgl. Korais ^raxTa I 183. Verschieden davon ist 
JlSyw ycuirasse, barde d'acier ou de fer', bei Pavet de Cour- 

Sitsnngsber. d. pliil.-hist. Cl. CXXYlll. Bd. 1. Abh. 4 



50 I- Abhandlang: Meyer. 

teille 295 ,armure qui couvre le chevaP, bei Budagov 495 öagat. 
und osm. Jl»>^ J^^ ,Panzer, Pferdehamiscli'. 

^•JumI estudi ,Etui, Futteral' Barb. I 51: it. astuccio. 

adbpyA^t sSporta ,gro8ser Korb für Früchte, bes. fllr Wein- 
trauben' Barb. I 61: it. sportWj auch ngr. ajtö^a. 

^^, ^^AxS feöe, fööi Jussuf 287. Barb. 11 436 ,Tonne, 
Fass': ngr. ßovtaL Vgl. Et. Wtb. d. Alb. 43. 

j.h»V ksmatr ,Bticherschrank, Büchertasche' Bianchi II 506: 
arabisch, man leitet es aus spätgriech. xdfinTQa im Sinne von 
xönpa her. Fränkel 252. 

aüUj kanata ,irdenes Geftlss für Flüssigkeiten': ngr. xavdra 
aus dem Romanischen. Et. Wtb. d. Alb. 187. Das Wort ist 
deutschen Ursprungs. 

üJjcyS kartalle ,Korb, bes. flir Früchte' Bianchi II 462: 
arabisch, aus gr. xdQTaXlog. Fränkel 77. 

ifuAs kasa ,eiserne Geldtruhe, Kassenlocal' Barb. II 462: 
it. cassa, 

Kic\yS kavata ,grosse Holzschüssel': ngr. yaßd&aj naßd&a 
aus lat. gavata. Et. Wtb. d. Alb. 127 f. 

»^•i*, &£Jf kovay koga ,Eimer'. Ein weit verbreitetes Wort, 
das ich Et. Wtb. d. Alb. 203 versucht war als Fremdwort im 
Türkischen zu betrachten. Doch vergleiche man ^\y, o^>* 
,Bienenkorb', Jj^y, i3^^ ,Loch, Höhlung' und was VÄmWry, 
Et. Wtb. 64 f. zusammengestellt hat. Danach scheint hier eine 
turko-tatarische Wurzel kav kov kob vorzuliegen, die an arisches 
Sprachgut anklingt. Vgl. auch osttürk. lÄ^y», ^^y» ,seau k tirer 
de Teau' Pavet de Courteille 421. Dagegen ist osm. Lj^> äj^ 
kupa ,Trinkbecher' trotz seines Vorkommens im Osttürkischen 
(Pavet 420) gewiss romanisch, zunächst ngr. xotVra. Et. Wtb. 
d. Alb. 215. 

KfiyÄAy» kumkuma ,kleine Metallflasche' Bianchi U 530: 
zu arab. ^^jL^i* ,Kochtopf, aus lat. cucuma. Fränkel 70. 

^'^, c5^V^' iS^y^ Awfu, kute ,Schachtel': gr. xovri dass., 
zu agr. xvTog ,Höhlung, Urne', xrr/g ,Kistchen, Schachtel'. 

^^^XJ lejefi ,Becken, Schale': persisch und arabisch, aus 
gr. leyuivrj. Vgl. Et. Wtb. d. Alb. 234. Aus dem Türkischen 
wieder ngr. Xsyiviy z. B. Pio, Contes populaires 8. 



T&rkiscbe Studien. 1. 51 

&JÜiu<yjo mastela ^Butte^ Kufe^ Barb. II 767: it. mastella; 
ngr. fiaaiXloy, 

bjojo matara ^Schlauch für Getränke zum Reisen' Barb. 
II 770: arab. i^k^ das man auf gr. fiSTgr]Ti^g zurlickfUhrt. 

&A*i^U parsa ^Holzschale zum Almosensammeln fUr Der- 
wische und Bettler^: soll it. boraa sein. Barb. I 378. Nach 
Zenker 160 c bedeutet das türkische Wort ,Börse^ 

JüüU, &ijül^ patily patile ^Kessel, Pfanne' Zenker 158 a: 
it. peUina oder padella. 

xJLa^ piale jBecher' Bianchi II 419: persisch (Vullers 
I 389), aus q>ukXfj. Nöldeke, Pers. Stud. 11 38. 

aIoLo piata .Schüssel, Teller': it. piatto, zunächst vom 
Phural des ngr. mdvov, 

^I^Jb pinJ6an ,Schüssel zum Aderlass' Jussuf 955; penJcen 
,Gtetreide8chwinge'^ Bianchi I 393; pingan ,Schröpfeisen' Barb. 
I 412: pers. o^^-' o^^^ ,Schale, Wasseruhr', aus gr. nivcnux 
(Acc.). Justi, Kurd. Gramm. XIV. Die arabische Form des 
Wortes ist ab ^lÄi ßndian ,kleine Kaffeetasse' im Türkischen 
gebräuchlich. 

ftk^ pota ,Schmelztiegel, irdenes Gefkss' Barb. I 418: 
it. poUa. *Et. Wtb. d. Alb. 349. 

ibSLlo tctbaka yTabaksdose': von it. tabacco ,Tabak'. Das 
ttlrkische Wort daflir ist ^^yy oder (arab.) c>^>- 

^Udo tegan ,Röstpfanne' Barb. 11 289: gr. xiffovov rrjydvt. 
Vgl. arab. ^;^U> ,po61e', Fränkel 69. Ueber ri^avov im Roma- 
nischen vgl. Et. Wtb. d. Alb. 69. 

JuJ^ varil ,Fass, Tonne' Barb. II 836: it. barile, 

y\\j vazo ,Vase' Barb. II 837: it. vaso, 

XIII. Kleidung and Schmuck. 

«jKL bareta ,Mütze' Barb. I 256: it. berretta. 

Jm^o baros ,Broche (Frauenschmuck)' Barb. I 297: frz. 
brocke. 



^ Vgl. die Bedeutung von pers. sJiii ,Scheibe von Stroh , die beim Qetreide- 
worfeln gebraucht wird* aus mvaxAQwv nach Nöldeke, Pers. Stud. II 36. 

4* 



OZ I- Abhandlnng : Meyer. 

)y^)y^ hv/rnuz ^arabischer Mantel aus weisser Wolle' Barb. 
I 326 ist arab. ,^^j^, das man auf byz. ßlqqoq^ lat. birrua ,WoU- 
mantel mit Kapuze' zurtickfUhrt. Fränkel 50 f. 

s:>rl^ (aJcet ^kurzer Rock, der bis an die Kniee geht' 
Barb. I 566: it. giaccheita, frz. jaquetie. 

I%^(> dihim ,persische Königskrone, Tiare' Bianchi I 899: 
persisch, aus gr. diddfjfia, Nöldeke, Pers. Stud. 11 35. 

&».f^ ferediey ferad&e ,Oberkleid mit langen Ärmeln; 
Überwurf über die Kleidung der Frauen': ist arabisch i^^j»y 
Plural t^^\j»' Dozy, Dictionnaire des noms de v^tements 327 flf. 
Man leitet es aus spätgriech. cpogsaia, q>OQsai& ,Kleid, Rock' her. 

,jjj^ fotin ,Damenstiefel' Barb. II 431: frz. bottine ,Halb- 
stiefel', it. hottini; ngr. fiTtovrlveg ,Frauenschuhe' in Chios, Pas? 
patis Xicmdv yXiaaadqiov 245. 

\jt^j^\ iyris ,Aii; Bauernrock' Bianchi I 165: ven. (panno) 
griso ,grober Stoflf zu Kleidern' Boerio. 

,^^jcsülj> kalten ,hohe Gamaschen, Jagdstiefel' Barb. 11 467 : 
it. calzo ,Schuh', calzone ,Hose'; von letzterem stammt das tür- 
kische Wort. 

jji^Lß kaloSy galoh ,Holzpantoffel zum Ueberziehen über 
die Schuhe': frz. galoche, it. galoscia, 

}i\yi\ji kalora ,pantoufles raccommodöes et autres vieiUeries' 
Barb. II 470. Nach dem Lehdzc soll das Wort griechisch sein. 
Barbier de Meynard fragt: ,serait-cc Tabbreviation de xaXevga?^ 
Dieses Wort steht bei Legrand und Vyzantios mit der Bedeutung 
,socque', ist aber selbst Fremdwort. Bulg. kalevra ist ,Schuh', aber 
serb. kalavre ,eine Art kurzer Hosen', ebenso rum. calevrii ,Art 
Schuhe' $aineanu 22. Korsch, Arch. f. slav. Phil. IX 509, denkt 
an gr. /crAau^a, aber dieses Wort scheint nirgends zu existiren. 

(jöJLiJ kamis ,Hemd' Jussuf 528: arabisch und im Ara- 
bischen romanisch, lat. camisia, byzant. ^afiiaiov. Vgl. Et. Wtb. 
d. Alb. 187. Fränkel 44. 

xÄjUi kapanifa ,früherer Galamantel der Sultane' Zenker 
690 a: \i. gabbdno (Körting Nr. 1448), zunächst serb. kabanica 
oder rum. cabanifä. 

v;y^^ül kaput ,Art Mantel mit Kragen und ohne Aermel' 
Barb. 11 442: it. cappotto ,Regenmantel'. 



Türkische Stndien. I. 53 

HxyiaJj kuiidv/ta ,europäischer Schuh^: soll it. coturno aus 
Tuid^OQvog sein. Barb. II 541. Mi., Türk. El. I 98 nach Zenker. 
Doch ist coturno nur gelehrtes Wort, den Schuh der tragischen 
Schauspieler bezeichnend. Vgl. auch Et. Wtb. d. Alb. 197, wo 
ngr. yyuowTOvqi ,Pantoffel' aus Syra nachzutragen ist. Arab. 
<^j3^ leitet man aus xö^OQvog her: Justi, Kurd. Gramm. 91. 

^^OvS kardun ,Uhrkette' Barb. 11 508: it. cordone, frz. 
cordon. Dasselbe ist ^j^t^^yS kordon ,0rdensin8ignien' Barb. 
U 554. 

7Ü3y9 kukula ,Kapuze, Mantel^ &xJ*i**i kukuleta ,Mönch8- 
kapuze; Mantel mit Kapuze' Barb. 11 568. 569: it. cocolla, co- 
collettaj ngr. xorxoOA^, aus lat. cuculla. Et. Wtb. d. Alb. 211. 

\^j3 kereb ,durchsichtiger Schleier, Jaschmak' Barb. 11 506 : 
frz. crepe. 

&jt«y Icerata ,Horn zum Schuhanziehen' Barb. 11 619: gr. 
Plural xigara von xi^ag oder ngr. xeQcnov. 

»JryJi^ malluta ,Art Oberkleid' : arabisch. Dozy, Vetements 
412. Aus gr. ^Tjlanfj ,Mantel der Schafhirten', byzantinisch 
häufig. 

•JC^Lo manUß ,Mantel' Jussuf 68 1 : it. manto oder frz . 
manteau, 

^^^1 omrela ,Sonnenschirm' Jussuf 907: it. ombrella, 

•JoJü palto ,weite Blouse der Bootsleute'; jetzt ,Uberzieher' 
Barb. I 385: frz. paletotj span. paletoque. 

^•JJisjLj pantolon ,europäische Hose': it. pantalone. 

**^7v P^'"^^^ ,Perrücke' Bianchi I 356: it. parrucca per- 
rucca, ngr. TtSQQOima. 

yri P^^ ,Ohrgehänge' Barb. I 397: it. pera ,bimenfbrmiges 
Ohrgehänge'. 

JjüLiM sendet ,Sandale, Pantoffel' Bianchi I 1059: persisch, 
aus gr. advdalov, aavdahov, Nöldeke, Pers. Stud. II 40. 

aübUtf i^abka ,europäischer Hut'; auch ,Spitze des Mastes' 
Barb. II 128: lat. cappa. Das Wort stammt im Türkischen 
zunächst aus einer slavischen Sprache. Mi., Nachtr. II 37. 

JüjuM äinil ,Art Mantel mit Pelzkragen' Barb. II 168: 
frz. chenille ,weiter Oberrock mit einem Kragen'. 



54 I- Abhandlang: Meyer. 

^^I*J tiranti ^Hosenträger^ Barb. I 453: it. tirante. Vom 
Plural. 

a^^^^l v/rubay iu^s ruba ^Kleidung; Kleidnngsstttcke': 
it. roba, 

oyO^I, o^C^^I üsMf, iisUuf ,Art Mütze^, alte Kopf- 
bedeckung der Janitscharenofficiere, seit 1826 verschwunden. 
Barb. I 56. 168: it. scuffia ,Haube, Mütze^; ngr. axoiqua. 
Deutschen Ursprungs. 

jü\ ztcnnar ,Mönch8gürteP Barb. 11 45: arabisch; aus 
gr. ^wvdqiov. 

XIV. Stoffe. 

^jvU bazin ,Doppelbarchent' Barb. 1261: frz. bastUy das 
man als Kürzung von bombasin (von lat. bombyx) erklärt. 

Lo4> diba ,Art Seidenstoff Jussuf 202: soll gr. dlßatpoq 
sein. Mi., Nachtr. I 28. Im Türkischen stammt das Wort aus 
dem persischen (Vullers I 946) U3>, d^>, arab. ^Uj^. Es ist 
orientalischen Ursprungs, vgl. Schrader, Zur Handelsgeschichte 
I 255. 

^i> dimi ,Barchent': ngr. difiiTOv ,basin' von difurog ,k 
double fil^ Schrader a. a. O. 254. 

yuwLolo damasko ,Damast' Barb. I 727: it. damasco. 

ik3yX^^ Bsiofa ,Brocat^ Barb. I 52: it. stoffa im Sinne von 
stoffa broccata. 

aJbLi fanila, fanela ,Flanell, Flanellhemd^ Barb. H 399 : 
it. flanella. 

^UyjAj fasone ,geblümter Seiden- oder Wollstoff: frz. 
fagonni, Barb. H 396. 

j^jJai fildekoz ,leichter Flanell'; ,Art Strümpfe* Barb. 
H 436: frz. fil d'Aosse, 

v5/7*> ^)y^f ßvfi'^ ,purpurfarbig'; äS^ ^^y firfiri 
^ka ,Purpur8toff: arab. j^j» ,Purpur', ^Sj^j^ ,purpurfarbig', 
von gr. 7toQ(pvQa. 

^yy^ gerun ,^toffe de soie d'un grain ^pais et fort; sorte 
de gros de Naples' Barb. H 384: der Stoflf heisst gros graiwj 
daraus entstellt? 



TOrkische Studien. I. . 56 

vsJüCmiI islcerlet, v:;^^JuMt sskarlat, auch y^yü^^ s^if^tyäjku 
nlcerlety sekarlat ^Scharlachtacli; scharlachroth^ : it. scarlatto. 
Obwohl der Ursprung des Wortes im Orient zu suchen ist, 
muss seine türkische Form als die occidentalische angesehen 
werden. 

v:l9«XJLj kalikot: frz. calicot aus dem EngUschen. 

kj^^Llj kanaviöa ,Caneva8, Stickgaze': it. canavaccio. 

wue\U kazmir ,Kasimirtuch' Jussuf 360: frz. Casimir, 

<l£m*jlI lepsika ,imitirter Seidenstoff Barb. 11 699: frz. 
leipaicois ^aus Leipzig^ 



XjsiiJyi londrina ,nachgemachtes engHsches Tuch' Bianchi 
n 721: it. londrino von Londra ,London' dass. 

\j»yJ^yo merinoa , Merinowolle ' : frz. m^rinoa aus dem 
Spanischen. Jussuf 720. 

&£möL> patiska, &aamJL batista ,Art feine Leinwand' 
Barb. I 373: it. batista, frz. batiste, so genannt nach ihrem 
ersten Verfertiger. 

^yüKL) parangon ,scharlachroth, Purptu*' Zenker 160 a: 
it. scarlatto di paragone, Mi., Türk. El. II 38. 

Llm/^o prusia ,Berliner Blau' Barb. I 398: it. Prussia 
,Preussen'. 

ä-äI\ ral^a ,Art grobes Tuch' Barb. II 10: it. rascia, von 
der Stadt Arras. 

ft^Lo saja ,grobes Tuch zu Regenmänteln' Jussuf 1028: 
it. saja ,Wam8', sajo ,ein Zeugstoff, vgl. Körting Nr. 7077; 
Mi., Tlirk. Ell. 11 47 hat unrichtig it. sargia verglichen. 

Jljüud sandal ,Taffet': arabisch, aber im Arabischen 
Fremdwort, das, über mlat. cendalum, sindalum, it. zendado 
u. 8. w., auf agr. aivdibv zurückgeht. Cihac 11 610. Dozy, V6t. 
378. Da aivdfbv im Griechischen fremd ist (es gilt flir ägyptisch), 
hat das Wort eine merkwürdig weite Wanderung von Ost nach 
West und zurück von West nach Ost erfahren. 

JjCm^I üsUül ,gereinigte, feine Leinwand' Barb. I 168: 
ngr. OTLOvXi ,Un card^' von agr. aifuiXXvg. 



56 ' 1- Abhandlung: Meyer. 

XV. Nahrnngsmlttel. 

1*^ bira ,Bier': it. birra. 

^^Wo brizola ,Art Kebab von Hammelfleisch' Barb. 

I 297: venez. brisiola = it. braciuola ,Ro8tbraten, Carbonade^ 

&j^«5^ iokolata ^Chocolade': it. cioccolata. 

JoU^uumI BBtufato ,gedämpftes Fleisch, Schmorbraten': it. 
stufato. 

^dWM^Li farai ,Füllsel, mit Füllsel bereitete Speise' Zenker 
654 b: frz. farci. 

&-La^l*i frand^tela, firandHla ,feines Weissbrot': eigentlich 
jfränkisches , d. i. europäisches Brot', von yi^j3. Vgl. Cihac 

II 578. Mi., Türk. El. I 61. Das Wort scheint zunächst aus 
dem Rumänischen zu stammen. 

LioJLD galetüy 2üjuU kalieta ,runder Kuchen, rundes Brot'. 
Barb. 11 379. 533: it. galetta ,Brotkuchen, Schifi*szwieback'. 

Jn%A*At\ ispirito ,Essenz, Likör' Barb. II 47: it. spirito. 

&£\ttj[«i*, KÄj^yjJ kopuzga, kopuska ,Kohl in Oel oder 
Butter': russ. kapusta aus mhd. kumposty im letzten Grunde 
lat. composita. Mi., Slav. El. im Türk. 12. Osttürkisch bei 
Pavet de Courteille 422 dJLuj^.yi ,chou'. 

wäU kaSer ,Art Käse, der in Thrakien gemacht wird' 
Jussuf 515: rum. ca^ , Quarkkäse', vom Plural cofuri, 

JI«XÄli kchikaval ,Art trockener Käse' Barb. 11 460: 
it. cacio cavallo'^ ngr. ycafryMßdXt, rum. ca^caval, magy. kaskavdl, 

&jjtjüLo«iJ kumandaria ,0y perwein' Jussuf 625: ,xoi;fi€v- 
ragia, commandcrie: oVto) 'AaXovvrai rd iv KvTtQcp riaaaga %wqla 
niarctviatöy OivUl, MovaygovXi xai KoXöm rd vrrö rov Odyov 
A' (1210) dü)Q7]d'ivTa efg rd Tdy[.ia ruJv ^ Iwavvirwv, &g Ijtd ra- 
^idqxov (commandeur) dtoivtovfieya * iyt rovrwv di na^yBTO xal 
b liixQi v^v 7CSQi(bw^iog KvTtQiog olvog xofifiavraQia^, Sathas 
Meaaiiovtycij ßißXio&rpn] II 614. Vgl. auch Sakellarios Tä Kv- 
TtqiaTLa I (Athen 1890) 243. 

jSSii langer ,Art minderwerthiger Wein' Bianchi II 693, 
nach Zenker 790 a auch langoros: n^T. X&yy^qog^ X&yyeQag^ das 
nach Korais, ^'Axama IV 95 aus hx^vqog bei Hesychios ent- 
standen ist. 



Türkische Studien. I. 57 

äio[jy^ limwiada ^Limonade' Jussuf 659: it. linioimta, 
venez. limonada, 

kjAJLio makama ,Art Nudeln* Jussuf 675: it. niaccheroni, 

&2^Le mandia ,Nahrung, Essen, Portion' Barb. 11 721 : 
it. manffiare. 

^ICxamLo mastiiciy a^AxÄ^Lo mastika ,Mastix, Mastixschnaps' 
Barb. 11 716. Jussuf 685: ngr. iiaaxixi, ^arlxa. 

%Üiamuo mistar ,Most' Bianchi II 897: arabisch, aus gr. 
*liOva%dQiov von lat. mustum. 

SwA^wo mizitra ,frischer Ziegenkäse* Barb. 11 756: gr. 
fit^i^&Qa, fiiCi^d^Qa jButtermilch*, auch ^ovCi^d-ga. Korais, ^AT(xia:a 
IV 332 flf. Die Herleitung ist unsicher. In Megara sagt man ^«;fi^- 
dqay was vielleicht die ältere Form ist, zu t,vu6u} ,mache gähren*. 

3ÜUA/U pasie ,Art Süssigkeit, Mischung von Mehl mit 
Datteln u. s. w.' Barb. I 381: it. pasta. 

Jüoyüa^, aüc % Juaj pasturma ,eingesalzenes und geräuchertes 
Fleisch* Bianchi I 369. Barb. I 403: gr. TtdaTwfia ,salage de 
viande, de poisson etc.* Legrand, von naariüvü) ,salze ein*; agr. 
TtaGTÖg ,bestreut, eingesalzen*. Aus dem Türkischen wieder gr. 

TtaOTOVQfläQ. 

_A^3u psxte ,Gelatine, Gallert* Jussuf 944: aus dem 
Persischen (i^^^^^, ,gelatina* Vullers I 333); gr. ttijxt^. Mi., 
Nachtr. II 13. 

nj^xjpide ,dtinner Brotkuchen* Jussuf 955: ngr. nka. Eine 
Vermuthung über den Ursprung des weit verbreiteten Wortes 
habe ich Et. Wtb. d. Alb. 340 ausgesprochen. 

*^^ P^^^ ,Hefe, Bodensatz* Barb. I 418. Nach Zenker 
221 it. posatura. Es mtisste etwa posata im Sinne von posa- 
twra sein. 

^IJljK rafedan ,weich gekochtes Ei* Barb. II 10: gr. 
cdyä (^oxHpTjtA ,weiche Eier*, von ^oq>iü) ,8chlürfe*. 

S\*^^Lm, n\yo)kj>o salamora, salamura ,Salzlake, Fisch- 
ragout* Barb. II 62: venez. salamora = it. salamoja. 

&k^Lid salata ,Salat*: it. (in) salata, ngr. aaX&xa. (^J&te^Lo 
salataUk ist eine Bezeichnung für ,Gurke* Jussuf 1013. 



Ö8 I. Abhandlung: Mejer. 

iuaJLm, a^süLo salsttj saUa ^Sauce, Ragout' Barb. II 62. 
189: it. Salsa] die zweite Form zunächst aus ngr. adkzaa oder 
aus nun. salce, 

JuLMiM simidj semid , rundes Weissbrot' Barb. II 98. 
Arabisch Xy^^ ^fleur de farine'^ das man aus gr. aefildaXig 
herleitet: Fränkel 32. Mi., Tiirk. El. II 53. Das griechische 
Wort scheint selbst ein Fremdwort zu sein. In späten Sanskrit- 
texten findet sich das ebenfalls entlehnte samitä] auch lat. simila, 
similago ist fremd, ob aus dem Griechischen (Keller, Volks- 
etymologie 83)? 

^jmjM^Jc tsragss ,Art Weizengrütze' Barb. 11 281: gr. 
tqäyog ,groats of hXvqa or %bi&^ Sophoklis; lat. tragoSj tragum. 

Als fremd ist noch zu nennen f^y^^ pundi ,Pun8ch* aus 
dem Englischen. 

Schwierig zu beurtheilen ist das Wort oL^^^Xj beJcsimad^ 
gewöhnlich geschrieben isL^wwyX) pelisimat , harter Zwieback' 
Barb. I 308 wegen seiner Beziehung zu ngr. rra^i^ddi. Das 
griechische Wort ist nicht, wie Korsch, Arch. für slav. Phil. 
IX 662 meint, altgriechisch, sondern erst byzantinisch; es 
kommt in den Formen Tta^afi&gj rra^a^u;, Tia^a^Adiov, Tta^ifi&diVy 
Tta^afjuiTiov, Tra^afilrfjg vor, vgl. Sophoklis 839. Das weist auf 
fremden Ursprung, und so wird das persische OU-***5o ,pani8 
butyro illitus' Vullers I 254 die Quelle des griechischen wie 
des türkischen Wortes sein. Türk. l>U**Jo ist durch volks- 
etymologische Anlehnung an vi>9, peU ,hart' und l>U-a» simat ,Mahl' 
entstanden. 

XYI. Ackerbau, Viehzucht. 

ouoO demet ,Heubündel ; Bund, Paket im Allgemeinen' : gr. 
deiidri ,botte, fagot, paquet', von difia. Vgl. Mi., Nachtr. II 101. 

^jÄ dö^en ,Dreschflegel' Hind. 227 : spätgr. rvnävt] ,ein 
Werkzeug zum Dreschen'. 

dü^f evleU ,Furche' Barb. I 190: gr. aihhu von agr. 
aila^. Dagegen hat (3^^! oluk ,Rinne, Dachrinne' nichts mit 
aiXa^ zu thun (Mi., Türk. El. K 35). 

^^iLÄJ feSks ,Mist, Dünger' Zenker 667. Budagov I 786: 
erinnert an ngr. ßovzöay ßovTaid ,Mist', das aus afrz. botise 
stammt. Ngr. (povaul ist das türkische Wort. 



T&rkiBche Studien. I. 59 

^y^'i ^yS ^übre , Dünger' Zenker 735 c: ngr. xoTtQid 
yDtinger* von xÖTtQog. 

s^JüLo mandra ,Viehhilrde' Barb. 11 721: ngr. fxdvxQay 
it. mandra aus agr. fidyÖQa. 

^LJo terpan ,Sichel' Barb. 11 283: gr. dQsn&vi von 
d(^ijtavO¥. 

}iyi\ zelve, äJ^v zevle, zevile ,Jochring', Barb. II 44. 51 ; 
bei Blaa 312 bosnisch auch tj^y. ngr. l^evXa aus l^eiryla. Vgl. 
Et. Wtb. d. Alb. 484, wo kurdisch zevle ,cercle qu'on met au 
cou des bcBufs pour tenir le joug^ Justi, Wörterbuch 226 nach- 
zutragen ist. 

XYU. Spiele und KOnste. 

Jüol4> dama ,Damen8piel' Barb. I 727: it. dama, 

yüuo^O domino ^Dominospiel' Jussuf 217: it. dominb, aus 
dem Französischen, vgl. Scheler u. d. W. 

y üLu pianko ,Lotterie' Barb. I 422. Jussuf 953: soll 
(nach einer mündlichen Mittheilung) von dem Inhaber der ersten 
in der Türkei concessionirten Lotterie, einem Italiener Bianchi, 
den Namen haben. 

xJ^Ü, iJ^Llo tavla ,Damenbrett, Schachbrett, Trictrac' 
Barb. I 436. H 274 : it. tavola. Vgl. Mi., Türk. El. H 69. 

^Lax^^ rumbale ,Ball beim Ballspiel* Bianchi 1955: it. rom" 
6oZa, Schleudert Die Angabe der Bedeutung bei Barb. 11 29 ,quille 
pour jouer* (angeblich nach Bianchi) scheint ungenau zu sein. 

lj«jL« mar 8 ,terme de jeu: perdre double, 6tre capot' Barb. 
II 715; ,double gain au jeu de trictrac' Jussuf 683: ist mir 
nicht klar. 

VÄ*J^ ßt Spielausdruck, ßt olmak ,seinen Gewinn mit einer 
Spielmarke bezeichnen' Barb. II 436: it. fitio? 

v;:^^Ij kaput Spielausdruck, k, olmak ,^tre capot au jeu' 
Jussuf 536: frz. capot. 

Ausdrücke des Kartenspiels. 

JüujoLaamI, JüuJL&amI eskambily iskanbil ,Spielkarten' Barb. 
I 54, richtiger ,Art Kartenspiel' Jussuf 482: frz. brusqtiembille 
,Art Kartenspiel', dessen Etymologie zweifelhaft ist. Littr^ I 434. 



60 I. Abhandlnng: Meyer. 

^L^f, ^Luwl isbatij iapati ,Treff im Kartenspiel Barb. 
146. Jussuf 484: ngr. anad^i dass.; it. spade ,Sch werter' waren 
eines der vier Kartenembleme. 

to.Lö ma^a ,Pique im Kartenspiel' Jussuf 666: ngr. fA^Srraa 
dass., aus it. mazza ,Stock, Keule', vgl. hastoni als Kartenemblem. 

LJ^^I oria ,Carreau im Kartenspiel' Jussuf 909: span. oros 
dass. Wohl auch durch griechische Vermittlung. Allerdings 
lauten bei Somavcra II 99 die vier griechischen Farbennamen 
Tor anad^id le spade, tcc firvaarovvia i bastoni, ol xovTteg le coppe, 
rä devdgta i denari. Doch gibt Legrand das oben erwähnte 
fidraa für Pique; ftir Coeur xoC/ror, für Carreau reTQAyapvov, fUr 
Treff airad^L 

ÜU pata ,cartes Egales au jeu' Jussuf 939: venez. pata 
= paritk, it. patta. 

Nicht klar ist mir \yS koz ,Trumpf, Atout' Jussuf 636, 
woraus ngr. nöl^iov, rum. coz und die bei Mi., Türk. El. I 99 
verzeichneten sla vischen Wörter stammen. Schwerlich ist es 
dasselbe wie osttürkisch jyJ ,noix' bei Pavet de Courteille 429. 
Legrand hat ftir ,atout' /.ötgi] ob richtig? dies bedeutet sonst 
,Knochen' und ist slavischcn Ursprungs. Nach Korsch, Arch. f. 
slav. Phil. IX 512 wäre rum. coz aus russisch kozyn ,Trumpf 
verkürzt, und dies stamme, durch öech. kozir, aus deutsch 
Kaiser, 

Musik. 

^JLkMiyA musiki ,Musik': gr. fiov(n%rj. Aus dem Arabischen. 
Dagegen stammt ^\yo rnuzika^ blos für ,Militärmusik', zu- 
nächst aus dem Italienischen. AjUM^yx musikar ist eine Art 
Querpfeife. 

^j^ü> kämm ,instrument de musique k cordes triangu- 
laire; psalt^rion' Jussuf 531: ausgehend von gr. xotvcAv in seiner 
Bedeutung im byzantinischen Kirchengesange, s. SophokUs 627. 
^yUJ ist ins Türkische aus dem Arabischen übergegangen, 
allgemein in der Bedeutung ,Gesetz, Regel'; im Arabischen 
wird es als Musikinstrument mit ,Hackbrett' erklärt. 

Jü^if, vicyi', aJo^ü* lauta, laguta ,Laute' Barb. II 697. 
698: it. liuto^ afrz. leiit. Das europäische Wort stammt aus 
arab. ^yJ^ . 



Tftrkiiche Stadien. I. 61 

^•ioJLio santur ^Masikinstruinent mit Saiten, die mit Stäb- 
chen geschlagen werden* Barb. 11 220: gr. tpaXji^Qioy, zunächst 
ans arab. j^;^'^^^, und dies aus aram. TntD3pB. Justi-Jaba 245. 

nXXj^ sitara ^esp^ce de cithare k trois cordes* Jussuf 1073: 
frz. citharey aus dem Oriechischen. 

^yj buk ,Horn* Bianchi I 407 : arabisch, aus lat. bucina, 
Fränkel 284. 

ia^o berbut ,Laute' Bianchi I 343: arabisch, aus gr. ßüg- 
ßi%ov. Fränkel 284. 



sjJjo\Ji trampeta ,Trompete', jetzt ,TrommeP Barb. I 452: 
it. trambetta. 

yi[jL^ 6embalo ^Schellentrommel' Barb. I 596: it cembalo 
aus dem Griechischen. 

xb^^ ßlaota ,Flöte' Barb. II 436: it. flauto. 

tükjnjS keranete ,Clarinette' Barb. II 514: it. clarinetto 
aus dem Französischen. Vgl. ngr. ylagho Kanellakis Xiaxdr l^vd- 
leKTa 356. 

^IXdl Ukala ,Tonleiter' Barb. I 67: it. scala. 

Andere Neologismen sind licyj nota ,Note', l^^l opera 

jOper*, ^^ jwano ,Clavier*. Jlyj kaval ,Schalmei^ hat man 
wohl mit Unrecht mit gr. yuxvkög in Verbindung gebracht (Mi., 
Nachtr. I 60). pandv/ra ,Guitarre, Laute' Mi., Nachtr. II 10 kann 
ich im Türkischen nicht nachweisen; das Grundwort nav- 
do^Qay TtavdovQiov war lydisch (Lagarde, Gesammelte Abhand- 
lungen 274); zur Verbreitung des Wortes vgl. noch Möhl, M^m. 
Soc. Ling. VII 402 f. 

Tanz. 

Uy^ %ora ,Tanz', bei Bianchi I 759 (j^^>^ %oro8j I 788 
'i\y^ Xoraz: gr. xogög. Vgl. osttürk. O^^yii. ,danse en se tenant 
les mains' Pavet de CourteiUe 313. 

y>vu*^ sirto ,Art Tanz' Barb. II 121 : gr. Gv^ög, von avQw. 

Neologismen sind sJU bale ,Ballet', i^jyo Ja^U pantomim 
,Pantomime'; ebenso ^J>Laj telatro ,Theater, Schauspiel', UcV5lJb 
ttragidia ,Tragödie', Ujuo^* komedia ,Schau8piel'. Hier seien 
auch ttJU balo ,Ball, Tanzunterhaltung', it. ballo, bei Zenker 



62 I. Abhaadliuig : Mejer. 

171 c (jMaJLj balos; ^O^^Lo, ^4>«LJLu bilardoy biliardo ^illard^^ 

it. higliardo; UuajI antika , Antike, alter Eunstgegenstand^ er- 
wähnt. 

XYIII. Handel und Verkehr. 

viJw5' ^mrüK jDouane' Barb. IT 676: mgr. -Mii^qyLiov 
TcovfiiQKLOv aus lat. commercium. Das neaarab. ^sfJ^ ,Zoll' ist 
türkisch. 

SiXiUy lokaiida, vulg. lokanta ^europäisches Hdtel^ Re- 
staurant' Barb. II 708: it. locanda. 

L>*üuA««J lostaria ,kleine, schlechte Herberge' Barb. II 707: 
it. V osteria mit dem Artikel; ngr. koaragia Vyz. 569. 

svübo magaza ^Magazin': ist die europäische Form des 
arab. ^^. Vgl. Et. Wtb. d. Alb. 253. Mi., Ttirk. El. U 19. 

nyXAMmjo mostra , Waarenprobe' : it. mo8tra, 

ft^SuJo, auwuJftj| polüay polisa ^lettre de change' Barb. 
I 420: it. polizza, Mi., Türk. El. II 41. Aus dem Griechischen? 
vgl. Körting Nr. 6258. 

auuelo, M^yic trampa ,öchange, troc; commerce d'^change' 
Barb. I 453. H 282: it. tramuta. Mi., Türk. El. II 74. 

»3yykxMt sigurta , Versicherung' Barb. II 122: it. sicurtä^ 
venez. segurtä. Vgl. Et. Wtb. d. Alb. 384. 

«Lm^4^ simaar ,Mäkler' Barb. II 97 : arabisch und persisch. 
Man hält für die Quelle des orientalischen Wortes it. Sensale^ 
das aus lat. censualu stammen soll. Aber das lateinische Wort 
bedeutet einen Einschätzungsbeamten. Das Wort ist persisch 
und aus dem Persischen in die semitischen und europäischen 
Sprachen gewandert. 

,j»jkI, [jy^)^ urhun, armun ,Handgeld' Zenker 24: gr. 
dQQaßcjv, das semitischen Ursprungs ist: hebr. flD'jJ, arab. ,j^^, 
j^b^. Vgl. Lagarde, Bildung der Nomina 203. Im Arabischen 
Fremdwort und vielleicht auch aus Aqqaßmv entlehnt: Fränkel, 
Aramäische Fremdwörter 190. 

ijjJüJ fendßk ,Wirthshaus' Barb. II 431: gr. 7tavdo%Biw, 
Neuhebr. pi:B Fürst, Glossarium graeco-hebraeum 172. 



Ttrkische Stadien. 1. 63 

ilSUoj pitaka ^Etikette auf Waaren' Barb. 1403: schwer- 
lich, wie Barbier de Meynard meint, gr. Ttirxdiuov^ das diese 
Bedentong nicht hat, sondern Entstellung des frz. etiquettej ngr. 
uxizray mit Dissimilation. Im Sinne ,billet, petite lettre* könnte 
es TtiTwdn/Liop sein; doch sagt Barbier, diese Bedeutung sei dem 
osmanischen Türkisch unbekannt. Indessen finde ich in den 
Mittheilungen von Tsakyroglu über die Sprache der kleinasia- 
tischen Jürüken (Ausland 1891, 341—344. 366—372) UtikH 
,Schreiber', hiti ,kaufmännisches Buch^ 

^^L4^K^ dragman^ vulgär draman ^Dolmetsch' Barb. 1 733: 
it drugomanno^ europäische Form des arabischen o^^tr^* 

Fälschlich leitet Barb. I 121 sLol anbar, ambar ,Scheune, 
Speicher, Magazin* aus gr. ifinÖQiov her; es ist arabisch, aus 
persisch anbär (= ai. 9aihhhärd-)y wozu ein arabischer Singular 
j^ später zurtickgebildet wurde: Hoffmann, Zeitschrift der 
morgenländischen Gesellschaft XXXTI 761. 

Hieher gehören eine grosse Menge moderner, meist italie- 
nischer Ausdrücke des Handelsverkehrs, wie alivre ,Wechsd- 
termin* (frz. ä livrer), adJsio ,Agio*, aksiun ,Actiengesellschaffc* 
(fr^. aciion)y hankay hanknot, bilety bono ,Bon', borsay bilanöOy 
biUie ,Waarenballen*, 6ek ,Check', depositOy diiVo, dzirante, 
eskanto (vulg. sinkonta Barb. H 125), faturay fireh , Verlust an 
einer Waare' (frz. frais) y frangobarday istimara ,da8 Aichen* 
(it. 8tifnare)y kambitd, kambioy kompaniay konuämentOy kontratOy 
manifaturay ordinOy partitUy protestOy provay passaport (Bianchi 
I 307 \jyyAM[^ pa8portd)y patentay postay sekuestrOy sindik oder 
Bfndsk ,öyndicus', Uransit ,Transit*. 

XIX. MOnzen, Hasse, Oewichte. 

s%^l aspre ^Art Münze*: gr. äan^ov. Ueber dessen Her- 
kunft aus lat. asperum vgl. Psichari, Möm. Soc. Ling. VI 312 ff. 
üeber die Geltung des aapre siehe mein Et. Wtb. d. Alb. 18, 
wo Paspatis Xicntjdv yhjuaa&^iov 96 nachzutragen ist. 

nLuO dinar ,Goldmünze': byzant. drjv&qiov aus lat. de- 
narivs. Zunächst aus dem Arabischen oder Persischen. Ueber 
den Wandel in dem Werte der Münze vgl. Lagarde, Bildung 
der Nomina 221 f. nach Hultsch. 



64 I. Abhandliing : Meyer. 

jfjO dirhem ,alte Silbermünze*; gewöhnlich als Gewichts- 
bezeichnung der vierhundertste Theil der Oka. Barb. I 737: 
arabisch ^j> aus persisch ^.y und dies aus gr. dqayui'ij. Vgl. 
Nöldeke, Pers. Studien II 35. 

^aJL^O dublun ,Art spanische Goldmünze' Barb. I 755: 
span. dohloiij it. dobblone, 

jj*JLi feh ,kleine Münze* Jussuf 289: ist arabisch, und 
dies aus mgr. cpöXlig = lat. follis, Direct aus cpöilig oder 
qiökXa stammt türk. J^. pul , kleine Kupfermünze; Fisch- 
schuppe* ^ Barb. 1419. Vgl. Blau, Zeitschr. d. deutschen morgenl. 
Gesellschaft XXI 672; Lagarde, ebenda XXII 330. Mi., Türk. 
El. II 42. Nachtr. II 15. Spanisch foluz aus dem arabischen 
Plural 

^%JLi, ^yyXi falv/rij felurin hiess früher der venezia- 
nische Ducaten, jetzt der österreichische Gulden. Barb. 11427: 
it. fiorino, alt ßorino-^ gr. q>k(aQiy (pXovqi, Dasselbe bedeutet 
&ä3.^ florenia Mi., Türk. El. I 61 vom Namen der Stadt 
Florenz. 

"^Mj i3^^y^ fi'ci'^ka, frank ,Frank* Barb. II 408. Jussuf 
303: it. francOy frz. franc. 

JUy, JIj> irjal , rial ,spanischer und österreichischer 
Thaler* Barb. I 41. II 31: span. real, 

Jai^*^ gv/rui jPiaster* Barb. II 383: mlat. grosstusy it. grosso. 
Vgl Mi., Türk. El. I 64. Kluge u. Groschen, 

}iyxi lira ,Goldmünze, = 100 Piaster* Barb. 11 710: it. 
lira. Aus der Doublette it. lihhra stammt »vaJ lihra ,livre, 
monnaie* Barb. II 698. 

^^jJUuo metalik ,monnaie de cuivre m^W d'argent* Jussuf 
727; ,les Turcs donncnt h ce mot le sens de monnaie altöräe, 
rogn^e; cependant, en langage de boursc et d'affaire, ils Tem- 
ploient avec ses variantes e^üLX-« et ^^iJJU pour designer les 
valeurs remboursables en numöraires* Barb. II 728: gr. (istaX- 
hiiög von jn/raZAoy; engl, metallic currency ,klingcnde Münze*. 



* In dieser Bedeutung vielleicht an griech. (poX^g »Schuppe*, anzuknüpfen, 
aus dem auch arab. ^^yiJL> »Schuppe* (Fränkel, Aramäische Fremd- 
wilrter 192) entlehnt ist. 



Türkische Stadien. I. 65 

^♦3 nümme ,kleine, schlechte Münze*, Bianchi II 1138: 
arabisch, aus gr. vov^^lov von nummus. Fränkel 196. 



Jü\^ J dozine, duzina ,Datzend' Barb. I 759: it. dozzina. 
Junge Entlehnung. 

*l*^ gsram ,Gramm' Barb. II 382: frz. giamme. Neo- 
logismos. 

slSciXS kantar ,Gewicht von vierundvierzig Oka'; auch 
,Wage'. Barb. 11 541: arabisch, aus gr. -Mwrp^iQiov = lat. 
centenarium. Fränkel 203. 

ioLj, ^'y^ kerat ,poid8 de quatre grains, carat' Jussuf 
576: arabisch, aus gr. Ttegariovy byzantinische Bezeichnung eines 
kleinen Gewichtes. Mi., Türk. El. I 96. Fränkel 200 f. 

^j\^y U^^ ^^^''^9 ^^p(^n , öffentliche Wage' Bianchi 
II 560: pers. j^^U^, aus gr. TtafiTtavög oder xafiTtavöv^ von lat. 
campäna. Vgl. Et. Wtb. d. Alb. 168. Aus dem Persischen 
arab. ^US. Nöldeke, Pers. Stud. II 39. 

sJjjy Uelender ,Mass für Flüssigkeiten, etwa zwei Oka* 
Barb. II 642: gr. xvXivdQog, 

idjS Teile ,Hohhnass fiir Getreide' Barb. II 689 : arab. J^ 
aus gr. nLothov, 

nyXi litra Jussuf 660, n^öyi lodra Barb. II 707 ,Pfund' : 
gr. Xirqa, Vgl. arab. Ji>^. 

^yoo metro ,Meter' Jussuf 727: it. metro'^ aus dem Grie- 
chischen. 

yikkXÄj&t Hnilc .Getreidemass, der achte Theil des kile' 
Barb. 11 168: gr. xoXvi^ (xoivUi) ,Getreidemass', das dialektisch, 
z. B. auf den östlichen Sporaden, SiniKi gesprochen wird. 

**^l oka ,Oka' = 400 Drachmen: arab. iSJi^j aus gr. 
otyxia = lat. uncia. Justi, Kurdische Grammatik XIV. 

(j*^^^l obolo8 ,Gewicht von drei Karat' Bianchi I 232: 
gr. dßolög. 

syyA müzur ,Mass' Zenker 840 c: it. misura, 

SiUongsber. d. phiL-hist. Cl. CXXYUI. Bd. 1. Abh. 5 



66 I. Abhandlung: Meyer. 

XX. Christliche Kirche. 

v^^eil , O*^;^' aforozj aforos (efurus Radioff I 938) 
,Kirchenbann^- von gr. dq)OQi^ü), dq>0QLa^i6g. Vgl. asl. afurUatiy 
rum. afurisi ,excommuniciren'. 

bl aja ,heilig^: gr. 4y/cf, in Aja Sofia, Aja Soluk (Ephe- 
sus) ^ u. a. 

aücvUI ajazma ,wunderthätige Quelle', bei den Christen 
des Orients. Barb. I 212. Radioff I 217: gr. Hyiaaiia aus äyiaüfia^ 
eig. ^Weihwasser', dann ,wunderthätiges Wasser'. 

^yXL^\ arganun ,Orgel, Glocke' Bianchi I 55: gr. hqyavov, 
ngr. auch Hqyavov, 

^:ifyj^i> despot ,c*est le titre que le gouvernement otto- 
man accorde aux m^tropolitains du synode grec, aux dölögu^s 
du patriarche en province, etc.' Barb. I 739: gr. deGftörrjg, Die 
bulgarische Uebersetzung dieses deaftötfjg ist aü»i>if^ vladika, 
auch ladika Jussuf 1240 ,Bisehof*. 

\^Ljt> diakoZj (^•L>t> diak ,Diakon': ngr. didxog aus 
didxwv fUr didxovog. diak ist auch ,Lateiner, lateinisch' Zenker 
445 b, vgl. magy. diäk ,Student'. 

ykin'dX,» filakUr ,zauberisches Schutzmittel' Zenker 670 b: 
gr. (pvhxviTriQiov ,Aniulet, Talisman'. 

iajJi^Li faraklit ,der heilige Geist' Bianchi II 343: ara- 
bisch, aus gr. naQOKXrjTog, 

^^ülolye herateke ,Ketzer': aigeriTcög. Vgl. arab. iSS\j\, 
kurd. f^^j\ artoki. Justi-Jaba 4. 

^jLuUwjÄ x''^9^io,f^ ,Christ': gr. x^terTiCfveJg. Auch ^LuUmo 
keristian Zenker 697 b aus it. cristiano. 

^^*rfjuLI iblü ,Teufel' Bianchi 111: arabisch, aus gr. didßoXog. 

Joua^l ind&il ,Evangelium' : arabisch, aus gr. siayyiXiov. 
Auch ^jajJLOt ingiliun Zenker 108 c. 

\^^^Uu«l, (jw%yu**l istavrozj istavros ,Kreuz, Crucifix': gr. 
(navQÖg. 



* Ephesus heisst ^^*b\ von einer Kirche de» "Aytog SeoX6yog. 



THrkiscbe Stadien. I. 67 

^UüumI istifan ,Brautkrone', überhaupt ,Diadem, Blumen- 
krone': ngr. (n€q>avog, aTB(p&vi. Pers. ,^UZa»\ Nöldeke, Pcrs. 

stud. n 40. 

{S^)y^ j^>^^ jchristliches Fest': gr. ioQti^y ngr. Yioqzrj. 

\jiSyX3 kalo^erja ,Nonne' Bianchi II 503. Zenker 683 c: 
ngr. yuxXoyQiä von TuxXdysQog ,Mönch'. 

Jly>v3 kamaval ,Carneval' Zenker 698 c: it. cameoale. 

4LJ^ü? katoUK ,Katholik' Barb. II 444: gr. xa&oXi7uig. 
Bei Zenker 338 c: (^Jb'l^ iSatUky (^aIjI:^ diaslek dass. 

LkMuJi^ kilisay Kilise ,christliche Kirche': gr. ixxXrjala, 
hjüLfjaca. Arab. ^^**JLS Fränkel 275. 

^jjü^ latin ^römischer Katholik': mgr. Xartvog aus lat. 
kuinus. Vgl. Et. Wtb. d. Alb. 238. 

[jisyjjJ liturja ,Messe': gr. XeiTOVQyia iBizovQyid. 

\:>3yki logofet ,Vicar des ökumenischen Patriarchen ; 
Barchen Vorsteher'; früher ^Kanzler des Hospodars der Moldau 
und Walachei' Barb. 11 702: gr, Xoyod-htjg, 

jXmXjuo manastsr ^christliches KJoster': gr. fiovaarTJQi, (juxva- 
OTij^t. Vgl. asl. manastyrb neben monastyrh, se. manastir. Et. 
Wtb, d, Alb. 286. 

oJft^^yuo metropolit ,griechischer oder armenischer Erz- 
bischof*: gr. fifiTQOTtoXltrjg. 

oLü panaiVy panajer ,Markt': gr. Ttctyfjf/VQigy Ttavtffvqi 
,Kirchweihfest, Fest, Markt'. Vgl. Mi., Türk. El. II 37. Ueber 
das a der zweiten Silbe vgl. S. 14. Die türkische Form hat 
wieder ngr. 7tavai}Qi hervorgerufen, mit dessen a sich Thumb 
Idg. Fo. II 80 umsonst abmüht. 

UU papa ,Papst': it. papa; ngr. ndnag. Dazu v:;/uaoU 
papisty ocäjU papiU ^römischer Katholik' Zenker 157 b. 

^UU, 3^.^ papas, papaz ,griechi8cher Geistlicher, Mönch ; 
Heide' Barb. I 371. jl>(>UL> papadia ,Frau eines griechischen 
Geistlichen' Barb. I 370: gr. naftag^ rtarcadui. 

LaJLaamÜ paskalia ,Ostem', gewöhnlich hüjiik p, (,grosse 

Ostern'), während kii^ük p, (,kleine Ostern') das christliche 

5* 



68 !• Abbandlung: Meyer. 

Weihnachtsfest bezeichnet: gr. /racrxaAid. pa^kalia heisst auch 
eine Art Flieder, die zu Ostern blüht. Bianchi I 307. 

viL^L patreü, <JJ;iöb, j^J^. patrsk^ <JJ^ batTBk 
^Patriarch', Titel der Häupter der christhchen Gemeinden in 
der Türkei. Barb. I 303. 373. 383. 403: gr. natgUiog aus lat. 
patricius, 

(j*-o«iuMj psskopoSj piskopos ,Bischof*: gr. imayuyrtoq. 
Daneben das arab. vJuLm>\ Bianchi I 91, sowie viXx^&a^ piibelc 
aus magy. püspök. Zenker 235 c. 

oyUw 8inod ,Synode' Zenker 522 a : gr. Gvvodog. 

kAiJipy,i&, Sertunije , Weihung des Geistlichen' Zenker 
542 b : gr. xaiq&vovia. 

jjaJIIo taks jchristlicher Ritus': gr. tA^ig. Auch arabisch. 
Kurd. taks Justi-Jaba 276. 

a^mÜJo teUemj vulg. tilisim ,Talisman, Amulet': gr.riXsofia, 
das im Mittelgriechischen diese Bedeutung hat. Arab. »^mmJJp 
tilsem. Kurdisch tilisim Justi-Jaba 276. 

fj**jJü\^ vaftis ,Taufe': gr. ßaTztiaia n. pl. ,Taufe', auch 
ßüfttiatg. Dazu yjüCd^ül anavaftiz , Wieder tauf er' Zenker 99 b. 

Hier schliesse ich die europäischen Monatsnamen, die 
aus dem Neugriechischen stammen, an: 

jLäj, )j^? LT^)^^ janaVj janariz, janaros: yevdQig. 
(jwsl^-Li ßluvarisy flevaris: (pXeßaqig, 
\;:^Xfi mart: ix&q%ig. 
Jool ahril: äTtgikig. 
jj**jLo maisy majos: jurfig, [Mziog. 
^y^yj> junios: lovviog. 
\j^^yJt Julias: iovhog. 
(jM*JuMw£t agustos: icyovarog, 
{jMxyXMi sitevrisy suturis: asntifißQig, 
(jmOva^I, ^yjyji^\ axterisj axterios: ductfbßQig, 
(j*#jl^ nuvaris: voifißgi^. 
(j**j^«yi>5 ^jtA}yAXSi> deUeoris, deUembris: dexifißgig. 



TftrkUche Studien. I. 69 

Unrichtig ist bei Zenker 920 c fllr nuvaris die Bedeutung 
Januar' angegeben^ mit der Erklärung, es sei aus *januvaris 
verkürzt. Die Lautveränderungen gehören fast alle schon der 
griechischen Volkssprache an, so das Verklingen des Nasals in 
riievris nuvaris deJcevris aus asnrißQig voißQig dexißgigy das 
'Xt- aus -kt' in axteris. sitevris geht auf aerißgcg zurück, das 
mundartlich vorkommt, z. B. in Cypern (Sakellarios KvnQicmd 
n 779), und durch Einfluss des ital. settemhre zu erklären ist. 

jj«-IJuJU kalendas ,erster des Monats' Bianchi 11 425. 
Zenker 684 ist ngr. yLahxvzsg Nom. Plural, von lat. calendae. 

XXI. Staatswesen» 

Ausser den neu aufgenommenen au^(>^ bilddie ,budget', 
c^LoJjoJ diplomaty xj^^LsOL» kanfelaria (ital.), wMjuOttj> 
komiser ,commissaire', ^•^umjuo^ komision ,commi8sion', 
^jMw3lJb«j» konferans ,conf6rence', ^y^y^ kongre ,congrfes', 
yjJüo^Xj parlamento (ital.), {j^y^, polis ,Polizist' (frz. police), 

9iAxXxiyj politika ,Politik', übertragen ,Schmeichelei% (j**j>j 
prens ,prince', und anderen sind etwa zu nennen: 

(jw«jJLj balioSj jj^^J^Lj hailos y früherer Titel der diplo- 
matischen Agenten Venedigs und Frankreichs bei der Pforte: 
venez. hailo, gr. ^Tt&'iXog. 

&^^0, x^^lo dodie ,venezianischer Doge': it. doge, n3^ö 
duka, it. duca, bezeichnet den Grossherzog von Toscana, dü»^^ 
^ß> das tyrrhenische Meer. Zenker 441 a. 

^4X3^ fondo ,fonds publics, dette publique' Barb. II 434: 
it. fando, 

^•iol^^l imperator ,Kaiser% xsio^Jol«^! imperatoriöa 
^Kaiserin': it. imperator e, 

y^cj3 kaisary römischer und byzantinischer Kaiser': arabisch, 
aus lat. Caesar. Der Name des gewaltigen Mannes ist von den 
Orientalen in seiner alten römischen Aussprache aufgenommen 
und als Eigenname mit derselben erhalten worden. Vgl. armen. 
^'ujt'P. So erklärt sich auch das ai von got. kaisar, ahd: keisar. 
vLimL^. öasar, wie die Türken früher den deutschen Kaiser 
nannten (Barb. I 561), ist zunächst magy. csdszär. 



TO I. Abbaadlaag { Meyer. 

^J0*yXAM^y3 konsolos ^Consul einer fremden Macht' Barb. 
11 581: it. consohy ngr. növaolag. Arabisch ^J-o-UJ. 

(j^yuIo^U Palatinos ^ungarischer Palatin' Bianchi I 317: 
lat. palatinus, 

^\ re ,König' Zenker 473 c: it. re, 

J^ sidiill ,registres des tribunaux, recueils de jugements 
prononc^s en justice' Barb. II 70: arab. ^J^ aus byzantinisch 
aiyiXXov, aiyiXkiov = lat. sigillum. Fränkel, De voc. peregr. 17. 
Lagarde, Bildung der Nomina 101. Unrichtig Korsch, Archiv 
für slav. PhUol. IX 668. 

XXII. HllitSrwesen. 

jü?^T abloka ,Blokade' Barb. I 5. Radioff I 634: venez. 
ahlocOy bloca für it. hlocco, 

Jiy arl^ das Commando Marsch! Barb. I 36: vom frz. 
marche, durch Vermittlung des deutschen Commandos. Radioff 
I 331. 

yXiuJLi baliemez ^grosse Kanone': nach Barb. I 281 it. 
palla e mezzo (richtig mezza) ,boulet et demi'; das Volk fasst 
es volksetymologisch als w^ Jb hal jemez ,qm ne mange pas 
de miel'. 

IJuU banda ,bewaffnete Truppe; MiHtärmusik': it. banda. 

xiKU baraka ,Feldlager der Soldaten' Barb. I 256: it. 
baracca. 

^^jüumo bastiun ^Bastion'^ Bianchi I 307: it. bastione. 

LjjUaj batarja, auch bJöb batria Bianchi 1311 ,Batterie': 
it. batteria. 

JL^^«Ä. öurdial ,cordelette ou ficelle avec laquelle on fait 
mouvoir T^toupille qui met le feu au canon' Barb. I 607 : ,mot 
^tranger'. 

Jlwi^ diteneral ,General in einer fremden Armee' Barb. 
I 540: it. generale, 

}kky3 foga Commandoruf ,Feuer!' Barb. 11 433: it. fuocOy 
venez. fogo. 



Ttirkische Studien. I. 71 

ioLyJ, JoLli fisat^ fussat, >:LfLu^ fustat ,Zelt' Bianchi 
n 383: arab. LLli, klk-M^i, aus gr. (poaaaxov ,Lager, Heer^ = 
lat. fossätum, Fränkel 237. 

9^y9 funja ,Zündpulver^ Barb. 11 434 ist westlichen Ur- 
sprungs verdächtig. 

^y^X^j ^yjy^ hartudi, xartudi ,Patrone' Barb. I 635. 

692: it. cartuecia, frz. cartouche. 

vAA^I ishir ysoldat charg^ de Tcntretien des chevaux^ 
Barb. I 46: it. sbirrOy dessen Bedeutung aber nicht überein- 
stimmt. 

j^^Ij kanun: ,on nomme kanun une plaque de m^tal 
sur laquelle ce mot (la loi) est grave; de Ik le surnom donn^ k 
la gendarmerie militaire dont les soldats portent cette plaque sur 
la poitrine' Barb. 11477: gr. TLavcjv, durchs Arabische. Vgl. S. 60. 

J^amjLs kapsul , Lunte der Feuerwaffen^ Barb. 11 440 : 
frz. capsuhj it. Capsula. 

&JUjI^ karabina ^Karabiner' Jussuf 537: it. carahina. 

s JuLe^' komanda ,Commando', ^\d^\j6y9 komandan ,Be- 
fehlshaber^ aus it. comando, comandante, Aelter ist «JuLoy» 
komandar ,chef*, besonders ,chef de Tordre des Chevaliers de 
Malte^ Barb. U 578. 

1^1 Juy» kondak ,Schaft der Flinte^ Jussuf 615: gr. %ovTa%i 
von agr. TLOvrög ,Stange^ ^^J^y^ in der Bedeutung ,Windeln^ 
kann gr. xovrdxtov ,Rolle' sein (Sophoklis); ngr. yLOvrai^j, %ovyza% 
,in Windeln gewickeltes Kind^ im Pontus, Syllogos XVIII 141. 

»s^Luo manevray manovra ^Truppenübung^: it. manovra, 
frz. manoRuvre. 

syiJiXji martoloz ,ancien corsaire du Danube^ Jussuf 683; 
nach Zenker ,Art christlicher Soldat in der Türkei^: gr. äQ^Aa- 
Twlög von lat. arma. Mi., Türk. El. II 21. Nachtr. I 81. 

{^^xxAxx mendienik ,Belagerungsmaschine' Barb. II 788: 
auch im Persischen und Arabischen, aus gr. fiayyaptnöv bei den 
Byzantinern. 

vaJCyMüg misJcet ,Mu8kete' Jussuf 743: it. moschetto. 

{j*»«j^l obu€ jGranate^: frz. obua, 

aJ«\U parola ,mot d'ordre, mot de passe^ Barb. I 379: 
it. parola. 



7^ I. Abhandlung: Meyer. 

JLuo pinial ,couteau h lame longue et effil^e, synonyme 
de arnaut H$s, ^p^e albanaise^ Barb. I 412: it. pu^ale, alb. 
geg. pindl Et. Wtb. d. Alb. 3;J8. 

^ZÄo piHov jPistole^- it. pistola. Vgl. Et. Wtb. d. Alb. 339. 

'^)yv^)^ y^)y^)) '^^P^^^y raporto , militärische Meldung^ 
Jussuf 971: frz. rapport und it. rapp&rto, 

v:yUd«-o soltat ,Soldat^ ,Ce n^ologisme d^signe prinei- 
palement les fusiliers des milices organis^es k Teurop^enne' 
Barb. II 234: frz. soldat. 

^yj türa ,Schild* Bianchi I 482": arabisch; aus gr. &vQ86g. 
Fränkel 241. 

^L)4>^l^, jjL-)4>xL^ vardijan, gardijan , Wächter, Wache, 
Schild wache^ Barb. II 835. Jussuf 1332: it. guardiano, vardiano, 
[jfi>Xh. gardija ,garde, faction, corps de garde' Barb. II 378: 
it. guardia. 

XXIII. Seewesen. 

»JoUifl alahanda ,das gleichzeitige Abfeuern aller Ka- 
nonen auf der einen Seite des Schiffes^; tibertragen ,heftige 
Vorwürfet Barb. I 99. Radioff I 366: it. alla handa. 

^\yi^\ alabura ,das Umstürzen von Schiffen' Radioff I 367: 
gewiss italienisch, doch. finde ich den Terminus nirgends. 

xjLo^I alamana ,kleines Schiff, grosses Fischerboot', auch 
,gro8ses Netz' Barb. I 101. Vgl alamena qatghy ,barque arm^e 
de quatre ou cinq paires de rames, qui fait, dans la Mer noire, 
la pßche de la bonite' Jal 92 : ngr. äg^iov ,Segel, Schiff'. 

Ä^jifl alarga ,offenes Meer'; als Zuruf, um eine An- 
näherung ans Schiff zu verhindern, alarga etmeK ,das offene 
Meer gewinnen' Barb. I 100. Radioff I 360: it. allarga! ,fern 
gehalten', allargarsi ,auf die hohe See gehen', = mettersi al 
largo, prender la larga, Ngr. äXccQyay äXaQydQo). Vgl. Jal 93. 

K^l albora, mit etmefc ,die Segel hissen' Barb. I 102: 
it. alberare ,den Mast aufstecken' Jal 93. Vom Imperativ. 

UuaJI alesta ,fertig, bereit', mit etmelc ,ein Schiff ausrüsten' 
Barb. I 106. Radioff I 106: it. allestire una nave, ,ein Schiff' 



TftrkiMrh« .StvdieD. I. 73 

aüsr&sten^'. Jal 104 Aihrt auch ale^ftare und lestare als ita- 
Henisch an. 

I«y»l amuray mit etmelc ,die Segel des Hauptmastes und 
des Fockmastes losmachen' Barb. I 118: it. Cajmurarty frz. 
amurer Jal 122. 123. 

Jf«jutl amiral ^Admiral' Barb. I 119: frz. amiral. Das 
Wort ist arabischen Ursprungs. 

jJLa3I aniU ^eiserner Ring am Ende des Ankers' Barb. 
I 129. Radioff I 233: it. anello, altit. anella Jal 136. 



Uxjl arUena Jussuf 38, 9Jui^\ artena Radioff I 312 ,Segel- 
Stange, Raa': it. antenna. 

yLul apikoy mit etmeU ^m Anker so ziehen, dass die 
Kette vertical ist*; als Adj. ^geschickt*. Barb. I 7: it. a picea 
Jal 32. 

U J ariOj mit etmelc ,ein Segel aufmachen, es g^en den 
Wind steUen' Barb. I 41: it. dare delV aria alla nave ^ugmenter 
sa Titesse' Jal 644 unter erre. 

jüt J arma ,Takelwerk eines Fahrzeuges'; auch ^Wappen'. 

Barb. I 39. Radioff I 339: it arme. )y*>^^ armadur ,Au8- 
rOster eines Schiffes' Barb. I 39. Radioff I 340: iL armatore, 
s. Jal 169 unter armaieur. 

UJJ ataria ^Seeschaden' Jussuf 53: it. avaria, Jal 206. 

I JUb bakalera ,plaque de fer qui gamit les mortaises, 
alumelle' Barb. I 305: it. baccalaro Jal 213. 

B^JüU banderoy handira ,Schiffsflagge' Barb. I 281 : iL 
handiera. 

juuU harka ,Barke, grosses Boof Barb. I 258: iL barca. 
a^«Lj barie ^grosses Boot, chaloupe de guerre' Barb. I 257 ge- 
hört zu afrz. bar^y prov. barja, it. bargioj russ. (iapsa ,barque, 
canot de parade' Jal 247 ffl 

^^iflLMrL boHun ,Stock', in der Marine Barb. I 261 : it. 
hattone Jal 267. 



74 !• Abhandlung t Meyer. 

it^^ül^Lj, »t^JC^L bastarda, baHarda ,gro8se Galeere, be- 
sonders die Luxusgaleere des Kapudan Pa^a^ Barb. I 261. 265: 
it. bastarda Jal 263. 

LaajL batenta ,Gesundheitspass' Zenker 157 b: ii. patente, 

ülo berage ^Vorrichtung, um die Kanone an Bord un- 
beweglich zu machen' Barb. I 293: it. braca, venez. braga 
,Ho8e', braca del cannoney s. Boerio 96. Jal 330. 

sjöl^ bsranda ^Lagerstätte der Soldaten an Bord eines 
Kriegsschiffes' Barb. I 293: it. branda ,Matrosenbett'. 

LumIo, LumIo berasia^ perasia ^Brassen' Barb. I 292: 
it. braccia, 

äJöI^ bivata , Jungfer, Jungfemblock, cap de mouton' 
Barb. I 316: it. bigotta Jal 291. 

9^y^ bodia ,Commandoruf an den Steuermann = frz. 
arrive' Barb. 1319: it. poggiare ,laisser arriver' Jal 1191. 

\^yJ bora ,heftiger Sturm' Barb. I 321: it. bora. Vgl. 
Et. Wtb! d. Alb 42. 

KLk^\syj borandiine ,virole de mätal k Textr^mitä de la 
poulie', frz. ,cercles, frettes' Barb. I 321: unklar. 

^f>\y^ borda ,Schiffsseite, Bord' Barb. 1323: it. bordo. 

xJüjo borine ,Art Taue'. aüLü*^ borinete ebenso. Barb. 
I 328: venez. borina, borineta = it. bolina, Jal 316. 

auu.^, ^yi böse, bosa ,Art Tau' Barb. I 332. 334: it. 
bozza Jal 330. 

^^ü^ bonavila ^trou du chat, Soldatengat' Barb. I 347 : 
unklar. 

&3 «j o bojuna ,godille, grosser Bootsriemen' Barb. I 353 : 
unklar. 

aüülo, '^'t^. ^'''^^t^^} pranka ,Kette der Galeerensträf- 
linge* Barb. I 293. 390 : altit. branco ,chaines qui servaient k 
attacher k un banc tous les rameurs de ce banc' Jal 334. Vgl. 
Et. Wtb. d. Alb. 350 unter prange, 

(3j*j brik ,Art Fahrzeug' Barb. I 297, (^Jyjf ihrek 
Bianchi 1 8 : frz. brick aus engl, brigg, wahrscheinlich Abkür- 
zung von brigantine. 



TftrkiBcbe Studien. I. 75 

5i>^Luo»j bumbarda ,Art Fahrzeug' Barb. I 347 : it. iow- 
barda ,galiote k bombes, petit navire latin' Jal 306. 

&ijo^ bumbe ^Raa des Besanmastes^ Barb. I 347 : scheint 
it. bomay Jal 306 unter bome, 

xicl^^yj bv/rgata ^planche trfes-plate qui sert k mesurer 
r^paisseor des cäbles^ Barb. I 324: unklar. 

I^jLoIä 6amariva ^commandement pour hisser les grie- 
ments, les vergues, le pavillon etc.' Barb. I 571: wohl it. cima 
arriva. 



öima .Tauende, kleines Tau, das man beim Landen 
ans Land wirft' Barb. I 630: it. cima. 

yj^^^ diimen ,Steuer' Barb. I 768: it. timone] ngr. ft^re. 

8^(>I•J^^ diivadera .civadifere' Barb. I 549: it. civadera 
,nom d'une voile k peu prfes abandonn^e aujourd'hui, qui s'atta- 
chait k une vergue suspendue sous le mkt de beauprä' Jal 477. 

&£^LiLAMl Bska^a ,carlingue de mat, assemblage de char- 
pente sur laquelle est fix^ le pied du mät' Barb. I 54: it. scaasa 
Jal 1326. 

sJLLm»! eskalera ,^chelle de commandement , au flanc 
droit du navire' Barb. I 54: it. scala reale. 

&2^Liuwt eskandie, mit etmek ,die Wache ablösen' Barb. 
I 54 : it. scangiarey scangio. 

*Ä.%lJuwt eskar^e ,charger en estive, Güter laden, die zu- 
sammengepresst werden können' Barb. I 54 : it. carica. 

\yAXjLkät\ sskarmoz ,Ruderspiker, Rudernagel, cheville k 
laquefie on fixe la rame' Barb. I 54: gr. axaX^iÖQy woher it. 
scalmOj scarmo stammt. Jal 1460 unter tolet 

ycjjLJ Bskarso , Gegenwind' Barb. I 54: it. scarso 
Jal 1326. 

^LoLyuwl eskopamar ,Leesegel, Beisegel' Barb. 154: it. 
icopamari Jal 1331. 

aJo^AMil eskute ,SegeUeinen, Schoten' Barb. I 55 : it. scotte, 
aus dem Deutschen. 

«Jj^CamI esturpa ,Besen aus Tauenden' Barb. I 52, bei 
Bianchi I 75 o vÄ.«mI istropa ,perche, verge' : it. stroppo. 



lO I* AbhandloDg: Meyer. 

jj**«jLi fanvSyfanos ,Laterne, Leuchtthurm^ Bianchi II 346. 
Aach arabisch und persisch: gr. qxxvdg. 

^Lxi fener ,Fanal, Laterne' Barb. 11 429: gr. qtav&qi von 
qxxvög. Auch im Arabischen^ Fränkel 96. 

K3fh ßluka, fuluka ,Art Schiff' Barb. 11 428 : it. feluca. 
Auch arab. is^ stammt daher. Das italienische Wort selbst 
aber ist arabischen Ursprungs^ vgl. Körting 3372; das arab. 
folk will man von gr. iq>6Xiuov herleiten. 

&Ai«J farkata ,Fregatte' Barb. 11411: it. fregata, span. 
fragatay ngr. q>€^dda. Das Wort ist unbekannten Ursprungs. 
i^y^y^j C^^T* fa''^^^^'^^} fi'fkatin entspricht span. fragatin, 
it, fregatina ^kleine Fregatte'; it fregaUme ^grösseres Schiff'. 
Vgl. Jal 718 ff. 

ssJ C m^J fesket ^Schiffspfeife' Barb. II 417 : it. fischietto. 

aüe^ filama ,Wimpel' Barb. II 425: it. fiamma, lat. 
flamma Jal 699. Das gewöhnlichere Wort fllr ,Wimpel' ist 
Bj Jo^ki filandra, flandera Jussuf 299. Barb. II 425, woher ngr. 
q)iXdvTQa] es scheint eine Contamination von flamma und it. 
bandiera zu sein. 

yXxi filo ^kleine Escadre von Kriegsschiffen' Barb. II 437 : 
it. filo. 

«^LlU filenk ,barres de bois transversales sur lesquelles 
gUsse le rouleau^ en usage dans les chantiers de construction 
et les remisages de bateau; poutres paralleles sur lesquelles 
repose la chaloupe, quand eile a ^t^ hiss^e k bord' Barb. II 427 : 
it. fianco, frz. flanc? 

Ss4>^ f ödere ^Fütterung des Schiffes'; auch überhaupt 
,Futter' Barb 11 432: it. fodero aus dem Deutschen. 

Uyi fora ^Commandoruf zum Oeffiaen der Segel' Barb. 
n 432 : it. fuoray venez. fora, 

sjü^ funda ,Commando zum Ankerwerfen' Barb. U434: 
it. fondo. 



ftJLlfiu^, ^f^)yi firtsna, furtuna ,Sturm' Barb. II 432: 
it. fortuna^ ngr. qxwQZOvva, 

auuL^ gabia ^Marssegel' Barb. II 377: it. gabbia. Jal 728. 



THrkiiche Studien. I. 77 

^(\j\y£ grandi ^Hanptmast^ Barb. II 382: it. grande, 

lüuoy^ gomanaj gumena ^starkes Tan zum Ankern' Barb. 
n 391: it. gomona, gomena^ gumina , Ankertau', das man für 
arabischen Ursprungs hält. Vgl. S. 9. 

«JoIäj^ gurdata ,Art Bj*euzhölzer am Mast' Barb. 11 390: 
it. crocetta Ja! 546. 

B3^y^ §iijertay §iiverta ^Oberdeck' Barb. II 671: it. co- 
pertay venez. coverta, 

v;:^Ia4jI imhat ,bon vent, vent du large ou d'amont; bonne 
brise qui Souffle tantöt du levant et tantöt du ponant' Barb. 
1241. ^*U hati ,Westwind; Sonnenuntergang' Bianchi I 295: 
gr. ifirr&Ttjg ,occident' Legrand ; ifmdrTjg ,vento foraneo' Soma- 
vera. Von ifißaivw, 

iJXamI isUele ^Landungsplatz' Barb. I 55: lat. scala; über 
e vgl. Et. Wtb. d. Alb. 406 f. 

JoJuüLmI iskandil ^Senkblei' Barb. I 54: it. acandaglio] 
Jal 1324 gibt auch die Form scandiglio] ngr. (TxayrdAt, anuxvtlXv, 

(^^LumI ispaoliy ispavli ,Art dünne Taue' Barb. I 46: it. 
spago. Vgl. Jal 1375 unter spaolo, 

xÄA^^LxMit isparöina ,noeuds de chanvre enroul^s autour 
des cordages' Barb. I 46: it. sparcina, aparzina Jal 1376 (ge- 
nuesisch und venezianisch). 

jü^LiAM^t ispilata , Fähre, Fahrzeug' Zenker 36b: ro- 
manisch, vgl. mlat. platta, it. piatta, frz. plate , Wasserfahrzeug 
mit plattem Boden', aber zunächst se. splata ,Fähre, Floss'. 
Mi., Slav. El. 9. 

LüLumI istalia ,Liegezeit eines Schiffes' Barb. I 48: it. 
stallia. 

«^.ajuumI istif, mit etmeU ,Ballast, Waaren einladen' Barb. 
I 52: it. stivare ,BalIast einladen'; ngr. axLß&q^a. 

9JüJim\ istinga ,die Segel aufgeien' Barb. I 51 : port. 
estingar ,die Segel einholen', ngr. ariYydQw, Jal 425 unter 
carguer. Das Wort ist wohl mit it. stringare ,zusammen- 
schnüren' identisch. 

lüJlwuyul istralie ,Art Taue, Stag, Stütze' Barb. I 50: 
it. straglio. 



78 I. Abhuidlang : Meyer. 



^Lo^wZiA^f istromaia ,corde8 ou chaines entortill^es, entre- 
lacees^ Jussuf 498: it. stramazzo ,paqnet de vieilles cordes ou 
nattes pour soutenir le recul des canons dans un vaisseau' 
Jal 1394. 

^L jaliy jale ,Ufer des Meeres oder eines Flusses; Lust- 
haus am Meeresstrande' Barb. II 871: gr. yiaXög ,Ufer' aus 
alytaXög. 

Lmju jisa Commandoruf zum Hissen der Segel. Barb. 
II 897: it. issarSf frz. hisser. Jal 830. Aus dem Deutschen. 

&3oU kadena ,Kette der Galeerensclaven' Barb. II 447: 
it. catenay venez. cadena. 

xÄj4>U, &ejjui' kaderga ^grosse Galeere^ Barb. II 447: 
gr. yidreoyov. 

VKiiLftJj kalafat ,da8 Kalfatern' Barb. II 530: it. calafatare'^ 
das türkische Wort gibt jedenfalls die europäische Form des 
in seinem Ursprünge noch nicht ganz klaren Wortes wieder. 
Vgl. Dozy-Engehnann 376. Fränkel 230. 

iuaJU kalema ^Haufen zusammengerollter eiserner Taue 
zum Halten des Ankers' Barb. H 470: it. calumarej span. 
calomar bedeutet ,ein Tau nachlassen'. Eher aus it. colmo oder 
colmata ,Haufen, Anhäufung'. 

aüuJjJ kalieta ,Schiffszwieback' Barb. II 533: it. galetta. 

&aaJU kalieta ,Art SchiflP^ Barb. H 533: it. galeotta, frz. 
galiote, Jal 760. 

^ftjJU, lO^^ kaliun ,Art Kriegsschiff' Barb. H 535: 
it. galeone, Jal 757. 

Swoli kamara ,Schiffscabine' Barb. II 472 : it. camera. 
Davon v:y^%joU kamerot ,Diener, Kellner an Bord', it. canierotto, 

aJojftAJ kapurta ,Luke' Barb. II 498: it. boccaporta, gr. 
(ifCOvxartÖQTa. Jal 614. 

^jUjli kaptan ^chiffscapitän'. ^\i>yxS kapudan ,Ad- 
miral'. Barb. H 440. 498: it. capitano. Das zweite ist das 
ältere Lehnwort. 



aUAA^lJg karantina ^Quarantäne' Barb. II 505: it. qua- 
rantina. 



80 I. Abbandlang: Meyer. 

j^^yi' Uörfüz, Uörfez ,Golf' Barb. II 659. Jussuf 590: ngr. 
xÖQqfog aus lidXftog. jij^ ist auch der türkische Name der Insel 
Korfu, der von noQvq)^ herstammt, s. Hatzidakis, Einleitung 373. 

i^A^ Kila ,BaeP Barb. II 689 : it. chiglia, frz. quille, aus 
dem Deutschen. 

Ä&Äif la§ka ^halbgeapanntes Tau' Barb. 11 695: venez. 
lascare Boerio 361. Jal 913. 

« 

jXÜ lenzer ,Anker' Barb. 11 705: persisch (Vullers 
II 1099). Arabisch ^\ geht auf gr. äyxvQa zurück. Das per- 
sische Wort ist nicht klar (Nöldeke, Pers. Stud. 11 39) , die 
Erklärung aus it. Vancora mit festgewachsenem Artikel (Mi., 
Tu. El. n 16) ist unmöglich. Bianchi I 224 kennt auch ein 
türkisches, dort ftlr persisch ausgegebenes y^\ enger , Ankert 

1^ leva ,Commando beim Rudern, aux rames!' Jussuf 
655: it levare, leva remo Jal 925. 

^jUaJ liman ,Hafen' Barb. II 711: gr. Atjwijy; ngr. Xifidvi 
ist aus dem Türkischen zurück entlehnt. 

lu^jJ limbe ,Transportschiff auf der Donau' Barb 11 711: 
gr. Ufxßog. 

jj*#^t>^ lodos ,Südwind' Barb. II 707: gr. vötog. l aus n 
auch in ^J^J^ latrun fUr natrun ,Natron'; vgl. nehlehi für 
Uhlebi Et. Wtb. d. Alb. 302. 525. 

^U/o^ lomhar ,Stückpforte', auch )y^y^ lomhur Jussuf 
661: mit ngr. lovfiirdQda ,Bombe' (Et. Wtb. d. Alb. 251) zu- 
sammenhängend ? vgl. it. cannoniera. Bretonisch lamhourz 
Jal 1302 klingt an; auch der Ursprung von frz. sabord ist 
nicht aufgeklärt: steckt in allen diesen Wörtern porta (vgl. it. 
portello u. ä. für ,StückpforteO ? 

s%Ju«J lundraj lundura ,Art Boot' Barb. II 709: rum. 
luntre ,Art Kahn' aus lat. Unter ^ lunter, Alb. Tundra, ngr. hiv- 
tQa, it. londra Et. Wtb. d. Alb. 251. Macedorum. Undure 
(X(poftovQ<jc) nach Kavalliotis S. 17 unter ßägna] dies ist nicht 
unrichtig, wie Mi., Rum. Unters. I 2, 22, Rum. Lautl. 11, 55 
annimmt, sondern gibt das türk. lundura wieder. Auch serb. 
bulg. lontra nach Jal 941. Mir scheint das wahrscheinlichste, 
dass das türkische Wort aus dem Rumänischen stammt, und 
dass die Türken es weiter verbreitet haben. 



TftrUfohe Sindito« L 81 

Jü^Lo maiuna ,Winde zum Aufrichten der Masten* 
Barb. II 714: venez. mazzona ,pestello grande* Boerio 407. 



mandiana ^grosser Bottich fUr Trinkwasser an 
Bord^ Barb. H 788. Unklar. 

xl^M^Lt maneska ,grand paran [soll wohl heissen: palan] 
muni d*une poulie k languettes^ Barb. U 721: it, manescof 

aLAjuLo manika ^Windsegel, Windbeutel' Barb. II 723 : it. 
manica. Jal 962. 965. Dasselbe manica in der Bedeutung 
^Trupp Soldaten' ist wohl «iüLo manka ^r^union des matelots 
autour de la gamelle' Barb. 11 723. 

«J.jL>Le manivela .Kurbel des Steuers' Barb. 11 723: it. 
manovella, 

SwuauLo majistra ^H^uptsegel am Hauptmast' Barb. 11 724: 
it. maestra. Jal 952. 

LoLt majna Commando zum Streichen der Segel. Barb. 
II 725: it. mainarey ammainare. 

_x3Le mantiy jl JüLo mandar, LJLyl^Lo mantilia ^Hisstau' 
Barb. 11 720. 721: it. mante^ amante, (ajmantiglio, Jal 968 f. 

KJjuC^yLo masteka, aüU^ü pasteka ,Kinnbacksblock' Barb. 
II 716. I 381: it. paMeca. Jal 1141. 

aIdLo mata ,Block zum Aufgeien' Barb. II 717: altvenez. 
matta, ngr. |ti<fra. Jal 989. 

j^Üue metafor ,am Schiff aufgehängtes Boot' Barb. 11 728. 
Unklar. Hat griechisches Aussehen; fierico^og? 

JjjjjMjd mistiko ,Art Fahrzeug' Zenker 845 a: span. misticOy 
das selbst aus arab. Ja*M^ entstanden ist. Dozy-Engelmann 314. 

iJyo mala Commando zum Nachlassen eines Taues; auch 

yRuhe, Ausruhen, Nachlassen' im Allgemeinen. aJ^I amola ,vor- 
wärts', Ruf derKaikdii: it. mollare ,nachlassen'. aJ^Uiö heja- 
mola Ruf beim Aufziehen einer Last. Barb. H 799. 857. 
Jossuf 745. 

ys^^y^ muiOy y^$^ miöo^ me6o ^Schiffsjunge' Barb. H 795. 
804: it. mozzo. Vgl. Körting Nr. 5515. 

^^b navi jgrosses Segelboot' Barb. II 815: it. nave. 

SiUnngsber. d. phU..hiBt. Q. CXXYUI. Bd. 1. Abb. ^ 



82 I« Abbftadlang: Meyer. 

^j^ «b navlun ^Befrachtung; Miethen eines Schiffes^ Barb. 
n 815: gr. vaClov, 

^yi neütijj nutij ^marin^ pilote* Bianchi 11 1144: arabisch, 
aus gr. vavTfjg. Fränkel 221. 

(j*»«3lju>^l okianus^ u**^^' ekianos ,Ocean' Bianchi 
I 253. 161: gr. &y(jB(xv6g. 

U^^l orsa ,Backbord^ Barb. I 152. Radioff I 1076: it. 
orza, Jal 1098. 

«Lo^U palamar ,Ankertau, Verbindungstau' Barb. I 384: 
it. palamara, palomheray cat. palomera, ngr. TtaXan&Qi, Jal 
11 12 ff. Der Ursprung des Wortes ist nicht aufgeklärt; viel- 
leicht ist vom Griechischen auszugehen und das Tau, womit 
man das Land fasst, als ,Hand' (Dem. von nahifif]) bezeichnet. 
aWJ >U pareme ist nach Barb. I 379 eine Entstellung von jU\^^. 

yü^L^ palanko ,Hisse' Barb. I 385: it. palanco, paranco 
Jal 1113. Den gleichen Ursprung hat &Ä3^U palanka ,Art 
Talje' Barb. I 405. Zu Grunde liegt wohl qpctAay?. 

aü>^^l^ palaserte ,Ruste' Barb. I 384: it. parasarchie, 
genuesisch parasartie, Jal 1131. 

Äjijyiu*wifU palasturpa ,^couvillon, Kanonenwischer' Barb. 
I 384: Jal 1112 hat aus der arabischen Marinesprache Nord- 
afnkas pala stupa ,valet'. Wohl palla a stoppa ^Kugel mit 
Werg'. 

Sj^^ü palavre ,Kuhbrilcke' (leichtes Deck unterhalb der 
untersten Batterie) Barb. I 385: schwerUch romanisch; es er- 
innert an russ. nady6a, serb. palub , Verdeck' Jal 1120. 

iujU panie ,Tau, womit das Hintertheil des Kaik am 
Lande befestigt wird' Barb. I 387: unklar. Gr. Ttavid sind 
,Segel'. 

yüibL papafingo ,Bramsegel' Barb. I 371: it. pappaßco^ 
venez. papafigo, 

J^I^U, J^to paraöoly peraöol ,courbe. Knie in der 
Schiffsconstruction' Barb. I 377. 390: it. bracduolo. 

y:>S\XiparaKet ,Log, Geschwindigkeitsmesser eines Schiffes' 
Barb. I 377: altit. barchetta, daher auch ngr. naqyLhay arabisch 
in Nordafrika ferghetta] vgl. span. barquilla, port. barquilha^ 



Ttrkiscbe StndiMi. I. 88 

frz. früher petit navire] noch jetzt heisst das dazu gehörige 
Brettchen bateau. Jal 939 unter lok. 

«i^b parle ,Block des. Kaheltaus^ Barh. I 378: unklar. 
Span, paral espice de rouleau pour tirer les navires k sec sur 
le rivage. Jal 1129. 

a^MOöl^ paterisse^ ft^ly>L^ pateraie ,Pardunen, Art Taue* 
Barb. I 372. 373: patarcuzi, paterassi, 

^yjj^ patrona ,Vice-Admiral in der alten türkischen 
Flotte*; ^Fl^ge am Fockmast des Admiralschiffes*. Barb. I 372: 
it. patrona hiess das SchiflF des Vice-Admirals. Boerio 483. 
^^yy2lj patrun ist nach Bianchi I 295 ,patron de barque*. 

iüXjSjJ perKende ^kleine Brigg, besonders FreibeuterschiflF* 
Barb. I 394: it. hrigantino, 

y»o pemo yHaken eines Blocks* Barb. 1 397: it, pemo 
,Zapfen, Pflock*. 

JnCo pifiel ,Signalflagge am Mäste* Barb. I 426: it. pen- 
nello ^Fähnchen*. 

Iä.^ pod£a ^Steuerbord* Barb. I 414: it. poggia. 

iotü ponat ^Beisegel* Barb. I 409: it. boneUa. Jal 308. 

\lo^ pojrazy vulgäre Aussprache porjaz ,Nordo8twind* 
Barb. i 421: ngr. ßoqiäq aus ßoqiag, 

Ä^lw prama^ prame ,zweirudrige Barke zum Uebersetzen 
von einer Seite des goldenen Hernes auf die andere* Barb. 
I 390. Bei Jal 1161 pereme: gr. rciga^ passage, barque*. 
Vgl. Mi., Slav. El. 17. 

s^y^^ pukrava ,parties de la membrure du navire qui 
s'appuient sur la carlingue contre les bordages appel^s vaigres*. 
Barb. I 419 : schwerUch romanisch. Man wird an russ. noKpoB'b 
,Decke, Dach* erinnert, 

JÜÜ^ puntal ,Hohl eines Schiffes* Barb. I 420: it. pon- 
tale. Jal 1200. 

Hfi P^^ ,Hintertheil des Schiffes* Barb. I 412: it. poppa, 
venez. pupa. 

'JyOy^. pumla ,Compa8s* Barb. I 418: it. htissola, 

6» 



84 I* Abbudlnng: M«yer. 

&xxK rampa ^Enterhaken' Barb. Uli: it. rampo, rampa 
;Haken, Kralle*. 

sJüK randa ,Brigg8egel' Barb. II 11: it. randa ,Girkßegel^ 

«JL)j Txala, auch riala-bej ,Contre-Admiral* in der alten 
türkischen Marine. Barb. 11 31: eigentlich Commandant der 
reale genannten Galere. 

o^^% roKet ,Signalrakete bei der Rettung Schiffbrüchiger' 
Barb. 11 29: it. rocchetta ^Rakete'. 

5^x*o, »j.jLo safra, aabura, 5o\ zafra, zefre^ zafura 
ySchiffsballast' Barb. 11210. 41: it. savorra und zavorra', vgl. 
Et. Wtb. d. Alb. 420; die Form mit ^ kann aus arab. ijy:-^ 
stammen, das direct auf lat. saburra zurückgeht. 

aüuLo iüJLmi salta marka ,Art Matrosenjacke' Barb. II 62: 
it. saltambarco. 

aJo^ULo saparta , Geschützsalve von einer Seite des 
Schiffes' Barb. II 171: it. sabordo ist ,Stückpforte', bordata die 
,volle Lage, Salve'. 

väjjLa* 8art ,Wanttau' Barb. 11 58: it. »arte. Jal 1319. 

Laam sia Commandoruf zum Rückwärtsrudem. Barb. 
II 118: it. sdare, venez. siar; ngr. ai&Qw. Jal 1330. 

s^JumXm ailistra ^Pfeife' Barb. II 92: gr. avQlazQa. 

aüju C JUw sintinay sentina ^unterster Schiffsraum, Kielraum' 
Barb. II 100: it. sentina, 

\iHj, (j*»ifL>, silllo talaZj taUis ,Meereswoge' Barb. I 435. 
n 265: gr. d-dlaaaa. 

^j^^Uo tavlun ,Planken des Verdeckes' Barb. II 274: 
it. tavolone. 

)lyx\yj3 tiramola ,Art Winde' Barb. 1506: it. tiramolle. 

&j5Lj^ tonilata ,Tonne, Schiffslast von 792 Oka' Barb. 
n 331: it. tonellata, 

^(Xx^^yic torpido ,Torpedo' Jussuf 1195. Auch JU^ ^^ 
torpily aus frz. torpille. 



ÄÄiJü^- trinUeta, oJOjyJ tirinKet ,Fockmast' Barb. I 464. 

Jussuf 1204: it. trinchetta, ^jj^xSCljJS trinUetin ,kleiner Fock- 
mast'. Jal 1490. 



Tftridscbe Studien. I. 85 

%»jl^ vapor jDampfschiff* Barb. 11 834: it. vapore^ ngr. 
ßaTtÖQi, 

K^iktyS 1^)1^ varda kosta ^Art Schiff zur Bewachung der 
Küsten' Barb. 11 835: it. guardacoste, venez. vardacoste, 

&3Lol(>J^ vardamane ^Art Lederhandschuhe zum Schutz 
der Hände beim Segelaufziehen*; auch die Seile, welche das 
GeUlnder der Schiffstreppen bilden, heissen so. Barb. 11 835: 
it. guardamano. 

^y aüJ^I volta, olta ,das Lavieren' Jussuf 1240; nach 
Barb. 11 845 ,roulis; bördle d'un navire': it. volta. 

Anhangsweise sei erwähnt, dass auch die englischen Aus- 
drücke yyAMt\ BskrOy \y^^^ uskur ,screw, Schraube' (Barb. 
I 54. Jussuf 923), v^JL^A eskune ,8chooner', v:l>^ajo feribot 
,ferry boat', Jux^J^ fulispid ,full speed', j^^y^t istim ,8teamer', 
y^ySy ^y^yS koter^ kotra ,cutter' in die türkische Marinesprache 
Eingang gefunden haben. 



XXIY. Yerschledene Neologismen. 

Ich stelle hier ganz kurz eine Anzahl der neuen Ausdrücke 
zusammen, welche mit dem Eindringen der abendländischen 
Cultur in den osmanisch-türkischen Wortschatz Aufnahme ge- 
fanden haben, ohne irgend Vollständigkeit zu beabsichtigen. 

&3^l abone ,abonn^'; sdüaü^jl abonelik ,abonnement\ 

Aju^l anonim ,anonyme'. 

VÄ»^y azot ,azote'. 

^^^L balun ,ballon'. Davon ^^JL balundiu ,a^ronaute'. 

yyXA^Xj barumetru ,baromfetre', it. barometro, 

SjliU^, SjliU^ iegara, diigare ,Cigarette'. Auch 5sljbu»# 
sigara. i^nXkx^ öeyarahk ,Cigarettenspitze'. 

aL«^lAj(> diploma ,dipl6me, certilicat'. 

)y^^^ doktor ,Arzt'. 
jS.^0 dtiS ,douche'. 



86 I* Abhftadliinf : Xejer. 



^^^^ajua«IjUa:>> dümnastik ^gymnastique^ 

Ixil Jü>. dJtagrafia ^g^ographie^ 

^3juC*wiH eloMik ,^lastique'; auch ,3aa^5> lastik. 

^yXS3\ eleJctrik ,^lectricit^^ 

^j«uA*LxuU famuMun ,fraiic-ma9on'. 

^jLAaJLj filigran ,filigrane% im Türkischen ,Papier mit 
Wasserzeichen^ 

&A^%jLi fiaika ^physique^ 

9J0sy3 forma ,Satzform in der Druckerei; Druckbogen^; 
auch ,Uniform^ 

jU-ft-i*^ fosfor ,pho8phore^ 

\3\ykyioy3 fotogtaf ,photographe^ 

&jy^ gazeta^ kazeta ^Zeitung^^ it. gcuusetta, 

)fiy^ 9^P^^ ,guipure^ 

LuoLumI istampa ^Presse^^ it. stampa, 

^^juuM«JUu«;f istatiftik ^statistique'. 

yü\li kazino ^casino^ it. 

syXSö^yi kdndektor^ kondüktör yConducteur', in Eisenbahn 
oder Tramway. 

ntXxi^AMjyS konsolide ^titres de la dette consolid^e^ 

iUyS kupe ^coup^^ in der Eisenbahn. 

^Ju^ lando ^landau^; Art Wagen. 

[jj\y^yjjJ litografia ,Iithographie^ 

K4XjsikyS logaritma ^ogarithme^ 

ÄJ%L)«J lotarija ,loterie^ 

^ULo miljar ^miUiard^ 

^j^jcL« miljon ,million^ 

54>^ moda ,Mode^ 

li'syjo muze ,mu8^e^ 

^wo*3 nilmero ,numero^ 



TArkUcIa« StadUa. I. 87 

[ji^yjuJuo^\ Omnibus ^OmnibusS 

saoKU parapet ,parapet^ 

»S\Lj parUe ,parqiiet^ 

J.WÜ petrol ,p^trole^ In Makedonien gas. Bilguer 16. 

j^pko plan ,plan^ 

^^LiM«^ porslan ^Porzellangefkss zum Isoliren der Drähte 
im Telegraphenapparat^ 

vs^uiM^ post yposte, emploi publica 

kIoLo^ pomata ,Pommade*, it. pomata, 

,^^> reÜ ^TabakmonopoP^ frz. rigie, 

^^Lo salon ySalon^ 

^j^Aa-u* sifon ,8iphon^ 

^JuijuM silindir ,cylindre*, Dampfmaschine in der Litho- 
graphie. 

nOydO soda ySoda^ 

s%i^ äifra jchiflfre^, Geheimschrift. 

^^&Jb telefon ,tä^phon^ 

olyÜJ telegraf ,töWgraphe^, auch für ^tä^gramme'. 

^yX/oyoJS termometro ^Thermometer^ it. 

^s^\y2 teravers ,traver8e*, beim Schienenbau. 

<:^syj^ju^} j3 teransport ^transport^^ Ausdruck der Litho- 
graphie. 

^fS teren ^Eisenbahnzug^^ frz. traiJiy it. treno. 

öyj tül ,tulle^ 

^yjyj tiinel ,Tunnel' engl. 

^^1^ vagon ,Waggon^ 

a^yjük* iandarma ,gendarme^ 

JU««^ iv/rnal Journal^ rapport de police^ 



88 I« AblMuidlanf ; l[*7*r. 



Nachtrage. 

Kurze Zeit, bevor ich das Manuscript der vorstehenden 
Abhandlung der kais. Akademie der Wissenschaften einsandte, 
schrieb mir Herr Jean Psichari in Paris, dass er mit der Aus- 
arbeitung eines Lexikons der griechischen Lehnwörter im Os- 
manli beschäftigt sei. In der Einleitung zu den von ihm soeben 
herausgegebenen Etudes de philologie n^o-grecque S. LXXIII flf. 
berichtet er über den Sachverhalt und theilt einige Proben aus 
seiner Arbeit mit, deren Veröffentlichung er bis nach dem Er- 
scheinen der meinigen verschoben hat. Psichari's Arbeit ist, 
so weit ich daraus sehen kann, in den einzelnen Artikeln breiter 
angelegt als die meine und hat ein Hauptgewicht auf die Ge- 
schichte der in Betracht kommenden griechischen Wörter inner- 
halb des Griechischen gelegt, wovon ich mit Rücksicht auf 
meinen nächsten Zweck glaubte absehen zu sollen. Ich hoffe 
und wünsche, dass Psichari's Lexikon meine Studien in recht 
vielen Punkten ergänzen und verbessern möge. 

S. 3. WerthvoUe Bemerkungen über griechische Lehn- 
wörter im Aramäischen gibt Nöldeke in der Einleitung zu seiner 
mandäischen Grammatik. In diesem Zusammenhange sei auch 
des Glossarium graeco-hebraeum von Fürst (Strassburg 1891) 
gedacht. Die unrichtige Ansicht Kenan's (Histoire generale 
des langues s^mitiques I* 295), dass die griechischen Wörter 
in den Formen des ,makedonischen' Dialektes in die orien- 
talischen Sprachen Eingang gefunden hätten, erwähne ich blos 
deshalb, weil sie noch in neueren Werken nachgesprochen 
worden ist, so von Budinszky, Die Ausbreitung der lateinischen 
Sprache (Berlin 1881) S. 233, A. 12 und von Mitteis, Reichsrecht 
und Volksrecht in den östlichen Provinzen des römischen Kaiser- 
reiches (Leipzig 1891) S. 25. Es handelt sich selbstverständlich 
nur um die Formen der Kovn^. 

S. 7. Der Aufsatz von Mikrojannis über die lateinischen 
Elemente des Neugriechischen und ihre Unterscheidung von den 
italienischen in der ^Earia 1891, 11 49 ff. 65 ff. (vgl. Thumb, 
Die neugriechische Sprache, Frei bürg i. B. 1892, S. 33) ist mir 



Türldscbe Studien. I. 89 

nicht zu Gesicht gekommen. Jetzt wird diese Frage auch von 
Psichari, Etudes p. 159flF. behandelt. Recht gut ist die Arbeit 
von Lafoscade, Influence du Latin sur le Grec, ebenda p. 83 
bis 158. 

S. 16. 2v7]fi7c6h für ,Constantinopel' liegt geradezu vor 
im Dialekt von Phertakftna in Eappadokien^ Jakriov I 504. 
Ausserhalb des Gebietes der Städtenamen liegt eine solche 
Verbindung vor in dem kleinasiatischen ovrfffj ,Erde* aus V T^y 
y§y, in Phertakäna^ Jehvioy I 503, und daraus orfj, Lagarde, 
Neugriechisches aus Kleinasien 63, letzteres von Karolidis 17,(0^- 
aoQiov iXhjvoTUXTtftadoxi'KCjv IA^bujv S. 214 gründlich verkannt 
und als Bildung von Wz. axa- gefasst. 

S. 19. Aus türkisch ojir^ stammt ngr. hnqövi bei Foy, 
Lautsjstem 40. 

S. 21. 4^5^j ist gr. t,ay&vog^ das bei Du Gange 455 mit 
der Erklärung ,avis venaticae genus^ steht; dies selbst aber 
stammt aus pers. yj^\ zagan ,Weihe^ Rumänisch zagan l^aine- 
anu 113. 

Aus frz. anchois stammt auch ngr. äyr^öia Vyzantios 546. 

T^ayaydQ findet sich in der ^AyLoXov&ia rov aTtavov (Legrand, 
Biblioth^que grecque vulgaire II) Z. 497 und öfter. Aus dem 
Griechischen des Pontes lazisch öagana Rosen, lieber die 
Sprache der Lazen 29. 

S. 23. In jaküTnoz ,Meeresleuchten' wird 'Aa^iög ,Brennen' 
von xaiyo} (= xor/w) stecken, yiaycafuig = *diaAa(i6g? 

S. 24. Vyzantios 547 hat flir lißdQi auch ßißdqi und 
dißäqv. 

S. 30 füge man hinzu 

nd^yh funda ,Buschwerk, Gesträuch' Jussuf 303; ,sar- 
ments' Bianchi 11 404: ngr. (povvra ,Büschel, Busch, Strauch, 
Flocke, Franse^ (povyrtbvü) von Bäumen ,belaube mich', aus lat. 
funda ,SchleudQr, Wurfnetz, Geldbeutel', unter Einmischung 
der Bedeutung von f rändern, it. span. fronda ,Laub', vgl. prov. 
fronday nfrz. fremde, it. fionda ,Sclileuder', gegenüber afrz. fonde, 
span. fonda, port. funda. Also alte Confusion von funda und 
*frunda aus frondem (mit geschlossenem o). 



90 !• Abhandlung: Meyer. 

S. 32. Für ligusticum bietet Langkavel 131 liytauiTLÖv, 
laßarua liest man Syllogos XXI, 342, 146; Vyzantios 558 gibt 
Xaß&vda. 

*S. 33. Bei oxlamury filamuvy q)Xaii0VQL liegt es natürlich 
sehr nahe, an lat. flammula zu denken, das als q)X(Xfifwvlov 
q>kdfifwvQoy ins byzantinische Griechisch übergegangen ist. Auch 
ich habe daran gedacht, aber diese Combination sogleich von 
mir gewiesen, da q>XdfifiovQdv q>XAfi7tovQOv, wie das lateinische 
Wort, im Mittelgriechischen und Neugriechischen (wo es auch 
als x^d^TTov^y und S'XäfiTtovQOv vorkommt) ledigUch ,Fahne' 
bedeutet, wovon ich zu ,Linde' nicht zu gelangen weiss. Psi- 
chari, Etudes p. LXXIV führt nun, ausser yhxfifjLOvXiov ,Fahne^ 
bei Kedrenps, einen Pflanzennamen cpldfi^ovka aus Dioskorides 
IV 129 = Bd. I, S. 613 Sprengel an, der übrigens auch bei 
Sophoklis schon verzeichnet ist. Dieser Name ist dort Synonym 
von XeovroTiödiov und bezeichnet (siehe SprengePs Commentar 
Bd. n 630) eine kleine Alpenpflanze, Gnaphalium leontopodium L. 
Vgl. it. ßammola ,Sumpfhahnenfuss^ Also auch von hier ist 
keine Brücke zur ,Linde^ 

S. 36. Zu mliimen vgl. arab. ,^U>JLuj ,Arsenik, SubUmat^ 
aovhfiäv kommt in den Jatrosophia des Staphides (Legrand, 
Bibl. gr. vulg. 11) Z. 375 vor (14. Jahrhundert). Ebenda 
Z. 350 steht schon aegvcxö ,Arsenik'. 

S. 38. Die von mantona ,Mätresse' gegebene Erklärung ist 
unrichtig. Das Wort ist nichts Anderes als das italienische 
madonna, durch Vermittlung von gr. fKxvröya, das man in einem 
athenischen Märchen Jakrlov I 146 liest. 

Auf dieser Seite wäre nachzutragen das auch im Türkischen 
gebräuchHche arabische yJL>o w/er, safr ,Null', wenn Krumbacher 
(Woher stammt das Wort Ziffer? in Psichari's Etudes p. 346 ff.) 
mit seiner Herleitung aus einem griechischen \f)fiq>o[(po]Qia das 
Richtige getroffen hätte. Doch gestehe ich, dass mir trotz der 
gelehrten und scharfsinnigen Ausführungen Krumbacher's nicht 
alle Zweifel behoben worden sind. 

S. 39. Ueber xorata glaube ich nach nochmaliger Ueber- 
legung jetzt sagen zu können, dass es nichts Anderes ist als 
griechisches xta^icniA ,gros8i^ret^^ Legrand, das man als xiaQia- 



Tftrkiscbe Studien. I. 91 

TUT in der Geschichte des Ptocholeon (ed. Legrand, Paris 1872) 
V. 181 liest. Dies ist eine Ableitung von x^Q^^V^ ,Bauer^ 
Das Wort war also auf S. 38 zu %o%rat zu stellen. Diese, wie 
ich glaube, richtige Erklärung steht schon bei Barbier I 720, 
an einer Stelle, die mir früher entgangen war und auf die 
Psichari a. a. O. S. LXXXII hingewiesen hat. Ich freue mich, 
mit diesen beiden Gelehrten tibereinzustimmen. 

S. 43. Zu estabel tavla : ij r&ßXa ,Stall' führt Hatzidakis, 
Einleitung S. 360 aus Amisos (Samsun) im Pontes an. 

S. 44. Zu podrum: der heutige Name von Halikarnassos 
ist (^y)^ hudruniy was ursprünglich wohl den ,Hafen' be- 
zeichnen soll. 

S. 45. Für jSchlüsseP heisst es mit einer etwas anderen 
Bildung in Trapezunt ivoiy&q : Syllogos XVIII 140. In Eappa- 
dokien sagt man dsvaxiciiQi^ JbXxiov I 716, d. i. dvomn^Qtov, mit 
derselben Assimilation wie im Türkischen. 

S. 46. Für meine Ableitung von ßov^aa spricht die Form 
ßgoüraa, die sich bei Pio, Contes populaires S. 185 in einem 
Märchen aus Astypalaea findet. 

S. 48 ist zuzufügen 

^UuJ», ^UoaS, ^UojL^ kaitan^ gaitan ,Band^ Bianchi 
n 537. Barb! 11 596: gr. Yaisravöv bei Galenos Geganevtix^ 
nid^odoq (die Schrift ist zwischen 170 u. 200 n. Ch. geschrieben, 
8. Hberg, Rhein. Museum XLIV 207 flf.), Bd. X 942 Kühn 
yvyvia&iooav S* ol toiovtoi zmv ßqöxoiv (zum Abbinden von 
Blutgefttosen) i§ VXrig dvaarjrtrov ' ToutvTr] d' iaziv iv ^P(bfir] fdv ij 
T(ay ydUxaviav dvofia^Ofiivcjv, i% fih %fjg xGxv KbXt&v X^Q^Q ycoiu^o- 
liivfoVf 7n7tQaaiM)(iiy(üv di ixdhara xard rijv Ugäy öddvy fjrig ix %ov 
T^ ^Pib^rjQ Uqov xarAysi. Ttqdq rag iyoqig. Lateinisch bei Marcellus 
EmpiricuB (Anfang des 5. Jahrhunderts) gaitanum ,zona, cin- 
gnlum' nach Du Gange, Gloss. lat. HI 460 b. Das Wort soll 
von der Stadt Gaeta in Italien herstammen (Korais, '^roxTa 
I 107. W. Wagner in seiner Ausgabe des Imberios S. 55). 
Aber die Stadt heisst lat. Cajeiay griech. bei Strabon KaidzUj 
bei Appian xmd Diodor Kmr^r)^ und ein g- ist in so früher 
Zeit kaum glaubhaft. Das türkische Wort erscheint auch im 



92 !• Abbandlnng: Xeyer. 

Nenarabischen (^j^U»^ ,Schnur, Besatz') und in den südost- 
enropäischen Sprachen (Mi. I 86). Ngr. auch ßardvi auf Ni- 
syros, Syllogos XIX 191 ; yaCrdvia schon bei Trinchera, Syllabus 
membranarum Nr. 356 (1211 n. Chr.). Ebenda Nr. 487 (1273 
n. Chr.) steht ydüa ,taeniola', was, wenn es richtig gelesen ist, 
an arab. duj ,Fussfessel, Kette, Riemen* erinnert. Ein per- 
sisches ^2^y^, das Barbier de Meynard 11 596 anführt, scheint 
nicht zu existiren. 

S. 57. aiydy ^oqnjfcöv (die türkische Form beruht diesmal 
auf dem Singular) findet sich schon in Staphides' Jatrosophion 
Z. 97. 

S. 58. Ueber na^i^ädt vgl. Korais ^'Azcmza I 259 f., der 
?5wischen der Annahme anatolischer Herkunft und der Ableitung 
von dem Namen eines culinarischen Schriftstellers Ud^a^og 
schwankt; G. Wyndham im Ptocholeon von Legrand S. 49, der 
sich für die Herleitung von Ud^afiog ausspricht. Für persisch 
erklärt das Wort auch Sophoklis in seinem Lexikon. 

S. 59. mars. Auch die ausführliche Belehrung, die man 
aus ICrünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, Bd. 187 
(BerUn 1845), S. 707—722 über das Trictrac-Spiel und ebenda 
185, 357 — 370 über das verwandte Toccategli-Spiel schöpfen 
kann, hat mir zur Deutung dieses Ausdruckes nicht verholfen. 
Die Doubletten (Paschwürfe) heissen darin, von den beiden As 
angefangen, Amb^sas oder Bezet, Double deux, Ternes oder 
Toumes, Garnes oder Cannes, Quines, Sonnes oder Sannes. 

S. 60. Wieder zum Theil andere griechische Ausdrücke 
für die vi^r Kartenfarben werden in einem Aufsatze im TlaQ- 
vaaaög VDI 57 angegeben, nämlich nubita ,CcBur% nllv&og 
,Carreau', nqicpa ,Pique', Bv&og ,TreflP. 

S. 66. didKog für di&Mjv wie die bekannten yiQogj dgdxogy 
XiQog für yiqiav^ dQÖmatVy Xdgwv (Simon Portius ed. W. Meyer, 
S. 129). yetTog ,Nachbar^ Uest man in der i^KoXov&ia roC aitavov 
Z. 626. In Aenos (Syllogos VUI 533) und Epirus (JlavdfüQa 
IX 215) sagt man sogar 6 na&6g = nad^üv. Aber das homerische 
iqxdg sollte man endlich aufhören damit zu vergleichen. Wie 
didxcjy aus did%oyog, so hat man eyywv aus eyyovog gebildet 



Tftrkisobe Stvditn. I. 93 

(Sophoklis 412); diese Analogiebildung ist vom Plural ausge- 
gangen^ wo iyydvoi (nach iyydviov u. s. w.) einem ynx6voi (von 
Ysltuiv) gleich war. Nach dem Singularnominativ yelxovag sagte 
man auch eyyovag (Hatzidakis IlBql q^&oyyoXoyiyUbv vdfiwv S. 29). 

S. 72. Zu dem Verzeichnisse der Marineausdrücke ver- 
gleiche man als Pendant die Liste portugiesischer Marinewörter 
im Hindustani^ die Schuchardt, Zeitschrift für romanische Philo- 
logie Xin 513 ff. gibt. Das ^Oyo^ccroX6yu)v yavri^KÖv, Athen 1858, 
72 Seiten, habe ich nie gesehen ; nach der Anzeige in der Ilav- 
ddtQo IX 478 f. verfolgt es puristische Tendenzen und scheint 
nicht sehr lobenswerth. 



Die Abhandlung ist so umfangreich geworden, dass ich 
aus Raumrücksichten auf die Hinzufügung der ursprüngUch 
(S. 10) beabsichtigten, übrigens im Ganzen entbehrlichen Wort- 
register verzichtet habe. 



94 I. AbhMxdlQiiK: Xejer. 



Yerzelchniss hlnflgerer Abkürzungen. 

Barbier de Kejrnard, Dictionnaire turc-fran9ai8. Paris. I. 1881. 

n. 1886. 
Beanssier, Dictionnaire pratique arabe-fran9ais. Alger 1887. 
Bianohi et X^iefTer, Dictionnaire turc-fran9ai8. Paris. I. 1850. 

IL 1871. 2. Ausgabe. 
Bikilas, Snr la nomenclature de la faune grecque. Paris 1879. 
Bilgpier, Macedonisch-ttirkische Wörtersammlung. Schwerin 1889. 
Boothor, Dictionnaire fran9ais-arabe, revu et augmentö par 

Caussin de Peroeval. 2. Ausgabe. Paris 1882. 
Boerio, Dizionario del dialetto veneziano. 2. Ausgabe. Venedig 

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Budagov, Sravnitelnyj slovar turecko-tatarskich nar^öij. St. Pe- 
tersburg. I. 1869. IL 1871. 
Casaooia, Dizionario genovese-italiano. 2. Ausgabe. Genova 1876. 
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Athen 1883 flf. 
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Doxy et Engelmann, Glossaire des mots espagnols et portugais 

d^rivös de TArabe. 2. Ausgabe. Leyde 1869. 
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Hatzidakis, Einleitung in die neugriechische Grammatik. Leipzig 

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Kfovatavrivühiq^ l4L^ ^BXkrjyo-od'caiiavitjbv hy^ölmov. Constanti- 

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Körting, Lateinisch-romanisches Wörterbuch. Paderborn 1891. 
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— Armenische Studien. Göttingen 1877. 

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Loebel, Deutsch-türkisches Taschenwörterbuch. Constantinopel 

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II. Abli. : ai«fol. Dm enwungen« Versprechen im deutschen Rechtsleben. 1 



II. 

Das erzwungene Versprechen und seine Behandlung 

im deutschen Rechtsleben. 

Von 

Heinrich Siegel, 

wirkl. Mitgliede der kais. Akademie der Wissenschaften. 



I. 

Ciin mehrfach ausgesprochener deutscher Rechtssatz be- 
sagte, dass ein Versprechen, welches mit gutem, freien Willen 
oder ungezwungen und ungedrungen gegeben wurde, gehalten 
oder erfüllt werden mllsse. 

Ab ein man ist komen zu den iaren der bescheidenheit, 
hat er sich ichtes verbunden, den enmag nit gehelfen des keisers 
recht; er muz tun, daz er gelobt hat, er sal aber sin vnbe- 
twungen. Sint gescr. stet: wes sich der man vnbetwungen 
selber virbindet, der zu den iaren ist komen der bescheidenheit, 
dez enmag in der keiser nit beschirmen.^ Vgl. Sacramenta 
puberum sponte facta super contractibus . . inviolabiliter custo- 
diantur.* 

So wat een man deme anderen louet mit motwillen vmbe- 
dwungen, dat schal he eme to rechte lösten, it sy an kope, it 
sy an hure vnde in allen dingen.^ 

Antiquum ius civitatis, quod quasi communiter ubique 
servatur, habet, quod promissa, quae homo voluntarie facit, 
adimplere debet.* 



* Kleines KaiBerrechtsbnch IV, c. 14. 

' Friderici constitatio pacU 1158, Mon. Germ. leg. II, 112. Den Nachsatz 

siehe unten S. 6 zu Note 2. 
> Hamburger Stadtrecht von 1270 VI, 14; von 1292 G, 13; von 1497 L, 2. 

* Brünner Schöffenbuch c. 596. 

SitouncBber. d. phU.-hist. Ol. CXXYin. Bd. 2. Abh. 1 



Z II. Abhandlung: Siegel. 

Auf die Frage, welche Bewandtniss es dagegen mit einem 
erzwungenen Versprechen gehabt hat, lässt sich eine sichere 
und genaue Antwort nur unter Würdigung der darauf bezüg- 
lichen Ausdrücke und Wendungen der Rechtssprache geben. 

Da heisst es von einem Versprechen, das ohne die er- 
forderliche Willensfreiheit gegeben wurde: nuUa ratione firma 
sit^ nullius esse momenti jubemus,* ne sal dur recht nicht stede 
sin,' solche Gelübde: sullen kayn chraft nicht haben,* seyn 
unbindig.* 

Von dem, welchem ein Versprechen abgenöthigt worden, 
wird gesagt: he ne darf it nicht lesten,^ ipsum a fideiussionibus 
. . duximus absolvendum et ad observationera earum nullatenus 
amodo teneatur,^ dez ist er alles mit recht ledig,** ad tale pro- 
missum . . non obligatur nee compellitur ipso iure,^ oder es 
wird in sein Belieben gestellt, ob er erfüllen will oder nicht: 
so mag er leisten oder nvt. daz ist an siner wal, ferner: will 
er leisten, daz mag er tvn. wil er sin vber werden, daz mac 
er ouch wol tvn mit rechte.^® Hatte er das Versprechen mit 
einem Eide oder durch den Einsatz seiner Treue bekräftigt 
und wollte er es nicht erfüllen, so heisst es insbesondere: it ne 
scadet ime to sime rehte nicht, ^* dar umme verliuset er sine 
truwe nicht *^ und dar umme ne hat er sine truwe nicht ge- 
brochin.*'* 



* Lex Baluvarionim XV, 2, s. S. 6 bei Note 1. 

* Friderici constitutio 1168, s. 8. 6 bei Note 2. 

® Sachsenspiegel III, 41 § 1 und kais. Landrech t-sbucb c. 307 a unten S. 17. 

*■ Ofener Stadtrechtsbuch n. 245, s. S. 6 bei Note 4. Entsprechend hei^t es 
in Rudolfi constitutio pacis in Austria 1276 (Mon. Germ. leg. II, 411): ,Quid- 
quid tenninatum est . . iuris ordine observato, hoc habebit firmitatem, 
quicquld vero per vim, metum et per impressionem . . ., vires nulla- 
tenus obtinebit, sed ad statum debitnm reducetur. 

* Böhmische Stadtrechte von Weingarten s. S. 6 bei Note ö. 
<» Sachsenspiegel III, 41 § 3 unten S. 20 bei Note 2. 

' Sententia a 1250 unten S. 10. 

® Kais. Landrechtsbuch c. 307 a unten S. 21. 

^ Brünner Schöflfenbuch c. 595 unten S. 17. 
" Kais. Landrechtsbuch c. 307 a. 
" Sachsenspiegel III, 41 § 2. 

" Görlitzer Landrechtsbuch XXX VI, 1 a, unten S. 21. 
" Daselbst XXXVI, 1 b, unton ^.'2^i. 



DmK erswnnfvn« Vi^rsprechen iinil soiue BehuidlanK im deatachen iUclitAleb«n. 3 

Ergangene Urtheile erklären öfter gleichzeitig^ dass ein 
solches Versprechen nicht stät^ sondern aufgehoben sein solle, 
und dass sein Geber es nicht zu erfüllen brauche: Dy globde 
sullen durch recht nicht stete syn unde her bedarfF das gelt 
nicht gebin,^ pactiohes . . reprobamus ac revocamus in irritum 
pronunciantes . . ducem ad Observationen! earum nullatenos 
obligari,^ quibuscunque pactis obligatoriis (coactus) se adstrin- 
gerety factus sui compos uullatenus teneretur et tales pactiones 
obligatorie qualescunque censende forent irrite penitus et inanes^ 
und weiter: ad completionem dictorum pactorum, promissionum, 
fidejussionum . . nullatenus sit adstrictus^ sed a predictis omnibus 
per sententiam debeat liberari et ubique penitus absolvi/ endlich: 
literam et omnia contenta in eadem . . reprobamus ^ revocamus 
et ac si nunquam scripta^ sigillata vel data fuissent, penitus 
annullamus . . ordinantes et sententialiter denuntiantes^ ipsum 
comitem necnon et suos homines . . a quibuslibet promissionibus 
et obligationibus . . penitus absolutes^ ac si nunquam alicujus 
promissionis et obligationis se vinculo adstrinxissent.^ 

Nach dieser Zusammenstellung erscheint es zweifellos, dass 
der deutschen Rechtsanschauung zufolge ein erzwungenes Ver- 
sprechen immerhin ein Versprechen gewesen,^ aber ein unver- 
bindliches Versprechen, dessen Bestand überdies angefochten 
und aufgehoben werden konnte.*^ 



^ Buch der Magdeburger Fragen III, 9 dist. 3 unten S. 18. 

* Sententia a 1276 unten S. 11. 

' Sententia a 1283 unten S. 15 und 16. 
«Sententia a 1291 unten S. 12. 

^ A. M. ist freiUch Platner, Hist. Entwicklung des Systems und Cha- 
rakters des deutschen Rechtes II (1854), S. 98. 

* Die heutige gemeinrechtliche Lehre unterscheidet zwischen absoluter 
und relativer oder bedingter Nullität eines Geschäftes und sondert von 
letzterer die Rescisibilität oder Anfechtbarkeit eines solchen. Dass nach 
deutschem Rechte trotz der Bestimmung S. 1 bei Note 2 keine absolute 
Nullität des erzwungenen Versprechens begpründet war, zeigen zumal 
die Wendungen S. 2 bei Note 7. 10 und oben bei Note 3, dass ferner 
zwischen einer AnnuUirung und Rescisiön, welche Ausdrücke abwechselnd 
gebraucht werden, sachlich kein Unterschied gemacht wurde, zeigt ins- 
besondere der Umstand, dass die Aufhebung je nach Lage der Dinge 
das eine Mal ex nunc (S. 2 bei Note 7), das andere Mal ex tunc 
(oben bei Note 4) erfolgte. — Da die Ansdrucksweise der neueren 

1» 



4 n. Abhandlung: Siegel. 

Die Anfechtung, welche zu einem aufhebenden oder ver- 
nichtenden und gleichzeitig freisprechenden Urtheile fUhrte, war 
auf zweifache Weise möglich. 

Der Gezwungene konnte abwarten, bis er auf Erfüllung 
geklagt wurde, und dann den Zwang in Form einer Einrede 
mit Erfolg geltend machen. Metu adhibito — sagt der Stadt- 
schreiber Johann von Brunn in seinem Urtheilbuch c. 596 — 
actio quidem nascitur, si subito stipulatio fit, per metus tamen 
exceptionem submoveri debet. 

Der Gezwungene konnte aber auch die Initiative ergreifen 
und mittelst einer Klage die Aufhebung oder Ungiltigkeits- 
erklärung des Geschäftes, sowie seine Loszählung von jeglicher 
Verbindlichkeit begehren. Den letzteren Weg einzuschlagen 
empfahl der Verfasser des kaiserlichen Landrechtes. Wil er mit 
rehte da von kvmen — heisst es daselbst c. 307 a — so sol er 
varn fvr sinen rihter. vnd sol da mit vrteil da von komen. da 
sol man im erteiln. daz er dirre dinge aller lidig si. vnde mag 
in dar nach dehein man dar vmbe ansprechen.^ 

Da übrigens ein Gezwungener trotz seiner rechtlichen 
Ungebundenheit möglicher Weise Gewissensbisse empfand 
wegen des gegebenen Wortes, so meinte der Meister des 
Landrechtes, welcher wahrscheinlich dem geistlichen Stande 
angehörte, an dem angeführten Orte weiter: er sol ouch varn 
fvr sinen pharrer vnd sol dez rat han. der ratet im ouch alse 



Gesetzbücher der früher üblichen durchaus entspricht — Preuss. Land- 
recht I, Tit. 4, § 33. Auch gefährliche Bedrohungen des Lebens . . 
machen jede darauf erfolgende Willenserklärung unkräftig; vgl. §55 
Wer eine sonst rechtsbeständige WiUenserklärung wegen Zwanges an- 
fechten will; Code civil 1117. La Convention contract^e par violence . . 
n*est point nulle de plein droit, eile donne seulement lieu 4 une 
action en nullit^ ou rescision; Oesterr. Gtosetzbuch § 870. Wer 
von dem annehmenden Theile durch ungerechte und begründete Furcht 
zu einem Vertrage gezwungen worden ist, ist ihn zu halten nicht 
verbunden; Sachs. Gesetzbuch §831. Wer durch widerrechtlich er- 
regte gegründete Furcht zu Eingehung eines Vertrages genOthigt worden 
ist, kann bei dem Vertrage stehen bleiben oder denselben 
anfechten — , so wird das codificirte Recht von dessen vorurtheils- 
freien Bearbeitern mit gutem Grunde im Sinne der oben bezeichneten 
deutschen Rechtsanschauung verstanden. 

Dass dieser Weg öfter betreten wunle, zeigen die Beispiele S. 9, 11, 
12 ff., Uff. 



Das enwnngwie Yertprichen und seine Behandlnng im deutschen BechtHleben. 5 

an dem bfiche stat. von den eiden. Hier, im Capitel 170 c, * 
wo der Fall behandelt ist, dass ein widerrechtlich Gefangener 
ans Angst nm sein Leben ein Lösegeld zu zahlen oder sonst 
etwas zu thun eidlich sich verpflichtet hat, stellt der Verfasser 
zunächst das mit Rücksicht auf den Eid anwendbare geistliche 
Recht dar und beantwortet die aufgeworfene Frage: sol er den 
eit ze rechte leisten oder nvt, dahin: er sole «in ze rehte nvt 
leisten, er ist sin vor got lidig, während etliche Meister allerdings 
etwas Anderes ,ratent^ Nach ihrer Meinung soll er den Eid er- 
füllen und das Geld geben, dann aber bei dem geistUchen Richter 
nach dem Gelde klagen, und dieser soll ihm seinen Schaden 
heissen büssen. Hätte er aber das Geld bezahlt und geschworen, 
dass er es nicht zurückfordern wolle, so soll er den Sachverhalt 
dem geistlichen Gerichte mittheilen, worauf dieses ihm, wie 
wenn er geklagt hätte, sein Geld gewinnen und wiedergeben 
soll. So rihtet der riliter rehte oder, wie es c. 160a heisst: 
daz ist des geistlichen rihtaers reht. er sol in — nämlich den 
andern Theil, und zwar hier den Wucherer — rehtvertigen vmbe 
sine svnde. das div sele niht verloren werde. Obgleich nun 
nach des Verfassers Ansicht derjenige, welcher gezwungen 
geschworen hat, ohneweiters vor Gott des Eides ledig ist, 
so weist ihn, um ganz sicher zu gehen, das Buch doch noch 
an seinen Seelsorger: wil er aber gar gevarliche varen. so sol 
er z& sinem bischove varn. oder zu sinem Rtpriester gan. vnd 
sol dez rat han. der losset im wol ane svnde da von. 

Schwieriger ab die Wirkung eines stattgehabten Zwanges 
und seine gerichthche Geltendmachung ist die Voraussetzung 
zu bestimmen, unter welcher ein Versprechen als erzwungen galt. 

Auch hier empfiehlt es sich, die darauf bezügUchen 
Aeusserungen der Gesetze und Rechtsbücher vorab zusammen- 
zustellen. 

In denselben wird gesprochen von einer commutatio, si 
faerit per vim et metum extorta,^ von einer venditio si fuit 



* Dieses Capitel ist eines von jenen, bei welchen nach Rockinger, Münchner 
Abhandlungen III. Cl., Bd. XIII, 3. Abth., S. 237 der Verfasser die Summa 
de poenitentia des Raimund von Peniafort beuUtzt hat. Dass in der 
Sache jedoch der Verfasser mit Baimund nicht übereinstimmt, zeigt die 
daselbst S. 23S. 289 mitgetheilte Stelle der Summa. 

« Lex Visigothorum V, 4. 1. 



O II. Abhandlung: »Siegel. 

violenter extorta id est aut metu mortis aut per custodiam/ von 
per vim vel iustum metam etiam a majoribus (von Voll- 
jährigen), maxime ne queremoniam maleficiorum faciant, extorta 
sacramenta,^ ferner heisst es: si aliquis aput nos efticitur noster 
coneivis et aliquis inpingit ei dominus, quod ipse sit ei ligatus vel 
adstrictus, et coget eum violenter, quod se obliget ei, per car- 
ceres vel per alia quecimque tormenta ita quod iideiussores 
statuat, ne recedat ab eo,^ weiter werden genannt: alles ver- 
pintnusz, das man thut in forchte oder dar zu man offenlieh 
mit herren gewalt getwungen wirt,* sowie: Unordentlich durch 
Zwang erpresste und zur Erhaltung des Lebens eingegangene 
Verstrickungen.^ Wo mit Rücksicht auf Schwüre und Treu- 
gelöbnisse der Furcht insbesondere Erwähnung geschieht in den 
Rechtsbüchern, macht sich eine Verschiedenheit bemerkbar; im 
Sachsenspiegel heisst es: svat die man sveret unde entruwen 
lovet, sinen lief mede to verstene oder sin ghesunt,*^ während 
das kaiserliche Landrechtsbuch c. 307 a sagt: Swez der man 
sweret da er sinen lip oder sin gut mit lidegot/ vnd er anders 
nvt mag lidig werden. 

Hiernach ist das Eine sofort klar, dass blosse Worte, 
mochten sie auch den Bedrohten in Schrecken gesetzt und zu 
einem Versprechen veranlasst haben, nicht geeignet waren, einen 
rechtswirksamen Zwang zu begründen. Und dieses Ergebniss 
wird auch bestätigt durch die Entscheidung eines im 14. Jahr- 
hundert vorgekommenen Rechtsfalles. Der Fall, enthalten in 
der Thomer Handschrift, einer Parallelsammlung der Magde- 
burger Fragen,' war folgender. 



* Lex Baiuvariorum XV, 2. 

' Friderici I const. pacis 1158. M. G. leg. II, 113. Voraus geht die Be- 
stimmung oben S. 1 bei Note 2. 

3 Frankfurter Rechtsraittheilung an Weilburg vom Jahre 1297, § 29 bei 
Gengier, Deutsche Stadtrechte S. 118. 

* Ofener Stadtrechtsbuch n. 245 bei Michuay und Lichner S. 136. 

* V. Weingarten^s Auszug aus böhmischen Stadtrechten S. 167. 

^ III, 41 § 2. Ebenso der deutsche Spiegel c. 276, übrigens mit einer Lücke, 
und das 'Rechtsbuch der Distinctionen IV, 4i, dist. 3. 

^ Gedruckt bei Behrend, Das Buch der Magdeburger Fragen S. 238. An- 
ders gewendet und für unsere Frage bedeutungslos ist der Fall in 
n. 33, ebendas. S. 239. 



Das erxwnngene Venprecbeu und seine Hehandlong im deutschen KechtKleben. 7 

En Gast, welcher in eine nicht genannte Stadt Magde- 
burger Rechts gekommen war, hatte der Tochter seiner Wirthin, 
einer Frau Anna, ein versiegeltes Geldpäckchen zur Aufbewahrung 
übergeben. Das Geld wurde mit anderem Geräthe gestohlen. 
Davon erfahr der Gast, als er sein Geld verlangte, ,und rette 
dy frawe an hartlichen und ernstlichen, do dirschrag dy frawe 
gar sere und wart betrubit und yn dem betrupnysse und dir- 
schrecknysse und leyden mit ungedachtigkeit sprach dy frawe 
czn tröste dem gaste: durch got habit guten mut, is sal mir 
verloren werden und nicht euch/ Auf den Ersatz des Geldes 
geklagt, gab der Fürsprecher der Frau den Thatbestand zu, 
stellte aber an den Richter die Frage: sint dem raole das dy 
frawe yn erem dirschrecknys und leyden das umbedacht getan 
hat und nu ap das eyn recht sey. Dagegen erwiederte des 
Gastes Vorsprecher: her rychter und getrawen scheppen, das 
besecze ich mit euch, und lost mir eyn recht werden, synt dem 
mole daß dy frawe das globde bekennit vor gehegtem dinge, 
ap sy das gelt nicht geben sulle adir was dorumme recht sey. 
Und das von den Schöffen^ gesprochene Recht lautete: Das 
globde das sy bekennet, das sal sy halden. Der Voreprecher 
der Frau beruhigte sich bei diesem Urtheile nicht, er schalt 
dasselbe und fand ein anderes folgenden Inhaltes: ,synt dem 
mole das dy frawe yn erem betrupnisse und leyden und um- 
bedocht dy rede geret hot, so sal sy dem gaste nicht halden 
noch keyne not dorumme leyden; das spreche ich vor eyn recht. 
Die Urtheilschelte veranlasste, dass die Sache behufs der Unter- 
weisung, welches von beiden Urtheilen das rechte sei und be- 
stehen möge, nach Magdeburg gebracht wurde. Die SchöflFen 
von Magdeburg aber erkannten: Der scheppen orteil ist recht, 
wenn dy frawe sal dem gaste halden, das sy em um globit hot 
und vor gerichte bekant hot. 

Eine Zwangslage von rechtlicher Bedeutung hatte zur 
noth wendigen Voraussetzung ein gewaltsames Vorgehen, das 
dem Einen thatsächlich die Macht über den Andern gegeben 
hat. Nur durch Gewalt konnte, ohne dass es daneben drohender 
Worte bedurft hätte, eine Furcht erzeugt werden, welche selbst 

^ In der Handschrift and dem Behrend'schen Druck mit dem, wie das 
Folgende ergibt, irrthümlichen Zusatz: czu Meydeburg. 



8 11. Ahbandlnng: Siegel. 

die Willenskraft eines beherzten Mannes^ zu lähmen vermochte 
und ihn bewog^ zur Abwendung des Schadens das zu thun 
oder zu versprechen, was von ihm gefordert wurde. Eine solche 
oder eine gerechte* Furcht war namentlich die Angst ums 
Leben,* indess genügte auch die Angst um die Gesundheit* und 
später selbst die Angst, Hab und Gut^ zu verlieren. Jenes gewalt- 
same Vorgehen wider einen Andern aber konnte in Thätlich- 
keiten verschiedener Art sich äussern, am häufigsten dürfte es 
in seiner Gefangennahme und Festhaltung bestanden haben. 

n. 

Von Fällen, wo Einer, ohne gefangen zu sein, durch 
Thätlichkeiten in gerechte Furcht versetzt wurde und in solcher 
Furcht zu einem Versprechen sich herbeiliess, sind nachstehende 
im Laufe des 13. Jahrhunderts vor das Königsgericht zur Ent- 
scheidung gebracht worden. 

Am 16. August des Jahres 1249 war in der Reichsstadt 
Worms ^ zwischen den Leuten des herzoglich bairischen Mar-' 
Schalls Zorno und jenen des Philipp von Hohenfels ein Streit 



' Der bomo constantissimus des rOmiscben Rechts (fr. 6 D. quod metus causa 

4, 2) ist im canonischen Recht (v^l c. 4 und 6 de his quae vi et metu 
2, 40) zum homo constans geworden, und von diesem spricht auch der 
KOnig iu dem Urtheilsbrief von 1291 unten S. 13. 

* Der Ausdruck findet sich allerdings nur in der Friedensconstitutiou 
Friedrichs I., S. 6 bei Note 2. 

' Hierin stimmen alle Rechtsbücher überein. Vgl. noch Sententia a. 1250 
(metus persone sue) S. 10; Brünner Schöffenbuch c. 595 (metus mortis) 

5. 17; Magdeburger Fragen III, 9 dist. 3 S. 18; Urkunde von 1355 unten 
S. 19 bei Note 1. 

* S. die Rechtsbücher S. 6, Note 6. 

^ So das k. Landrechtsbuch S. 6. S. auch die Urkunde von 1280 (Schott, 
Jurist. Wochenblatt III, 4): Si vero propter metum corporis aut rerum 
ibidem mauere non änderet, intrabit alias. Vgl. schon Cölestin III 
(1191 — 1198) im c. 15 de iureiurando 2, 24: a sacramenti vinculo ab- 
soluantur, qui istud inviti pro vita et rebus seruandis fecerunt; während 
c. 6 de his quae vi 2, 40 allerdings sagt: non obstante violentia illata, 
cum neque metum mortis neque cruciatum corporis contineret et ideo 
non debuerat cadere in constantes. 

* Ich erzähle nach den Annales Wormatienses bei Böhmer, Fontes rerum 
Germanicarum II, S. 185 — 187. 



Dm enwnngene YanprecheD und seioe Behandlang im denUchen Rechtsleben. 9 

entstanden^ an welchem zu Gunsten der letzteren auf' den er- 
hobenen Waffenschrei auch die Einwohner der Stadt theilge- 
Bommen haben. Das Volk schritt zu Thätlichkeiten gegen den 
Herzog Ludwig, welcher damals in Worms weilte: man drang 
in seine Herberge , nahm die Pferde aus dem Stalle und was 
sonst zu bekommen war, verwundete mehrere Baiem und tödtete 
einen derselben. 

Am andern Morgen kamen die Bürger zusammen, und es 
wurde eine Sühne aufgerichtet ita videlicet — wir theilen den 
weiteren Bericht der Annalen wörtlich mit — quod dux plane 
reconciliatus est civibus, remittens plane et precise omnes in- 
inrias et gravamina sibi et familie sue iUatas. Et insuper hoc 
suas edidit literas . . quod has iniurias nunquam vindicabit 
vel vindicare procurabit.^ 

Der erwähnte Stlhnebrief sammt dem darin ausgestellten 
eidlichen Versprechen der Urfehde ist, allerdings nicht frei von 
Lücken; erhalten und lautet: Ludeuicus . . vniversis . . volumns 
esse notum, quod ciuibus wormatiensibus non coacti, sed de 
libero ac sincero corde remisimus et ignouimus [omnes] iniurias 
et offensas nobis in crastiono assumptionis b. Marie nuper pre- 
terite per ipsos illatas, ad eorum vindictam nullatenus processuri 
consilio nostro iurantes, quod ad . . . fideliter pro suis iuribus . . . 
Praeterea si Zumo marscalcus noster ad vindictam huiusmodi 
nostre offense eines meiiioratos forsan in aliquo molestare pre- 
sumpserit, nos huiusmodi molestationem remouebimus ab eisdem.^ 

In diesem Briefe hatte der Herzog mit ausdrücklichen 
Worten erklärt, dass er williglich und ungezwungen alles Un- 
recht verziehen habe und deshalb sich nicht rächen wolle. 
Allein dies hinderte den Herzog keineswegs, dass er alsbald 
an den Kaiser, seinen Richter, mit der Klage sich wendete: 
quod, cum cives wormatienses in ipsa ciuitate contra cum temere 
insurgentes multas sibi et familie sue preter omne meritum 
suum iniurias infligerent metuque persone sue cogeretur, ipsis 
fideiussiones, cautiones ac securitates praestare, quod suas in 
eos non ulcisceretur iniurias, ipsum a fideiussionibus, cautionibus 

^ Die sonstigen Sicherheiten, welche der Herzog und sein Marschall gaben, 

können unerwähnt bleiben. 
' Urkunde Yom 17. August 1249, gedruckt in Quellen zur deutschen und 

bayerischen Geschichte V, n. 43, S. 103. 



10 n. Abhandluug^ : Hiegel. 

ac securitatibuS; qnas non sponte set cohacti prestitit^ prout 
iasticia exigeret, abisoluere dignaremur.^ 

Und im Mai des folgenden Jahres erging auf diese Klage 
zu Fogia, wo Kaiser Friedrich 11. damals sich aufhielt^ nach- 
stehender Spruch: Nos igitur supplicationibus suis, que iustitiam 
continebant, nequeuntes ullatenus refragari, ipsum a fideiussioni- 
bus, cautionibus et securitatibus, quae predictus ciuibus metu 
persone sue prestitit, sententialiter duximus absoluendum, ut ad 
obseruationem earum nuUatenus amodo teneatur. Ad huius 
igitur absolutionis nostre memoriam . . presens scriptum fieri 
et maiestatis nostre sigillo iussimus communiri.^ 

Ein zweiter Fall, bei welchem aber die Art der geübten 
Gewalt weder in der Klage noch in dem Urtheile näher be- 
zeichnet wird, betraf den Herzog Philipp von Kärnten. 

Dieser, der letzte Sprössling des sponheimischen Herzogs- 
hauses, hatte nach dem Tode seines Bruders Ulrich das Herzog- 
thum in Anspruch und Besitz genommen, war aber von dem 
Böhmenkönig Ottokar, welchen der Verstorbene zu seinem 
Nachfolger ernannt hatte, im Herbst des Jahres 1270 mit 
so gewaltiger Heeresmacht heimgesucht worden, dass er und 
seine Anhänger den Kampf aufzugeben sich genöthigt sahen. 
Philipp erschien vor dem Böhmenkönig und bat um Frieden. 
Er musste alle Burgen, wie berichtet wird, ausliefern und auf 
alle Länder verzichten, während ihm in Krems von Ottokar 
ein Leibgedinge angewiesen wurde. ^ 

' Die Klage, wie auch das folgende Urtheil ist enthalten in einer Urkunde 
vom Mai 1250, Quellen zur deutseben und bayerischen Geschichte V, 
n. 44, S. 104, welche begpinnt: Fridericus . . Romanorum Imperator . . 
notum facimus . . quod Ludovicus, primogenitus ducis Bawarie . . celsi- 
tudini nostre supplicauit attente. 

^ In Italien konnte der Kaiser in der staufischen Periode die an ihn ge- 
brachten Sachen Anderen zur Entscheidung zuweisen oder auch selbst 
entscheiden durch ein rescriptum oder scriptum, wie gewöhnlich die 
Urkunde genannt wurde. In deutschen Rechtssachen, auch wenn sie in 
Italien zur Verhandlung kamen, entschied dagegen der Kaiser nicht 
selbst, vielmehr war er an das vor ihm gefundene Urtheil gebunden, 
wenn wir von Versuchen Kaiser Friedrichs II., auch in deutsche An- 
gelegenheiten durch Machtsprüche einzugreifen, absehen. 8. Ficker, 
Forschungen zur Reichs- und Rechtsgeschichte Italiens I, n. 168, III, 
n. 602. Ein ausgeführter Versuch dieser Art liegt hier vor. 

^ S. Lorenz, Deutsche Geschichte im 13. und 14. Jahrhundert I, S. 296. 



► 



Das erzwoD^ne Yersprechon und seine Behandlvnfi; im deut«ehen RechtsloboD. 1 1 

• 

Vier Jahre später wurde bekanntlich auf dem Reichstage 
zu Nürnberg das Verfahren wider den BBhmenkönig wegen 
seines Besitzes von Reichsgütern eingeleitet und Philipp bereits 
zu Anfang des Jahres 1275 mit Kärnten und Krain von König 
Rudolf belehnt.^ Wegen gewisser von ihm gegenüber Ottokar 
— wahrscheinlich im Jahre 1270 — eingegangener Verpflichtungen 
aber erhob der Herzog nun durch den Bischof von Würzburg, 
als seinen Vertreter bei König Rudolf, während dieser in Nürn- 
berg zu Gericht sass, die Anfechtungsklage auf Grund des 
wider ihn geübten Zwanges, und dieser Klage wurde mit nach- 
stehendem Urtheil am 22. Januar 1276 stattgegeben. 

Residentibus nobis pro tribunali . . in civitate Nürnberch 
ab illustri Philippe duce Karinthie principe nostro karissimo 
fiiit propositum coram nobis, quod eo aUquamdiu in curia . . 
r^s Boemiae existente per ipsam regem coactus est aKquas 
graves pactiones sibique nocivas conditiones inire, propter quod 
ad eins instantiam per venerabilem Herbipolensem episcopum . . 
ducis eiusdem verba sollempniter proponentem extitit in iudicio 
requisitum : utrum pactiones et conditiones huiusmodi compul- 
sorie robur firmitatis habere debent? Super quo [per] principes 
qui interfuere presentes, quorumlibet circumstancium applau- 
deute consensu in nostra presencia fuit sentencialiter iudicatum: 

quod pactiones et condiciones easdem per impressionem 
huiusmodi sie extortas in irritum revocare ac penitus solvere 
teneremur. 

Hinc est quod universitatis vestre noticie declaramus pre- 
sencium serie protestantes, quod nos dictante sententia principum 
eorundem, predictas pactiones et condiciones, quas dictus Boemie 
rex ab ipso duce sie extorsisse dinoscitur, prout superius est 
expressum, auctoritate regia reprobamus et revocamus in irritum 
pronunciantes expresse prefatum ducem ad observationem earum 
nollatenus obUgari.^ 

Noch ein dritter Fall, in welchem Gewaltthätigkeiten ver- 
übt worden waren, ohne * dass man sich des Versprechenden 
selbst bemächtigt hätte, kam im Jahre 1291 zur Entscheidung. 

* Vgl. V. Zeissberg, Das Rechtsverfahren Rudolfs von Habsburg gegen 
Ottokar von Böhmen, Archiv für österreichische Geschichte LXIX 
(1887), 8. 45. 

' Sententia bei Kicker, Acta itnperii selecta n. 408, 8. 326. 



12 Il> Abhandlang: Siegel. 

• 

Der Fall weist tibrigens einige Eigenthümlichkeiten auf, 
welche in dem öffehtlich-rechtlichen Inhalte des abgezwungenen 
Briefes ihre Erklärung finden dürften. 

Einmal ging die Klage, welche vor den König, als er in 
Hagenau Gericht hielt, nicht von dem Gezwungenen selbst, 
dem Grafen von Hennegau, aus, vielmehr traten mehrere recht- 
schaffene und glaubwürdige Männer, denen der König laut 
seiner Erklärung volles Vertrauen schenkte, als Kläger auf. 

Sodann richtete sich die Klage auf die verschiedenen 
Gewaltthätigkeiten, welche der Vorsteher, die Schöffen und die 
ganze Gemeinde von Valenciennes in bewaffnetem Aufruhr 
wider den Grafen sich zu Schulden hatten kommen lassen, 
ohne dass die Ungiltigkeitserklärung des unter solchem Drucke 
ausgefertigten, inhaltlich näher bezeichneten Briefes begehrt 
worden wäre. 

Die über das Urtheil ausgestellte königliche Urkunde^ 
lautet in der Wiedergabe der Klage also: 

Cum apud Haghenoyam . . in judicio pro tribunali sede- 
remus, ad nostram . . notitiam clamosam insinuationem a probis 
et fide dignis, quibus fidem plenariam adhibemus, pervenisse 
noverint universi, qualiter praepositus scabini jurati communitas- 
que villae Valenchenensis ad nos et Imperium directo dominio 
spectantis de feodo comitatus Haynoniae consistentis armati 
ftirore, succensi rabie illicitis ausibus scelestam ineuntes factionem 
contra . . comitem Haynoniae dominum suum . ., nulla coram 
nobis seu quovis alio domino mota quaestione de eodem, utpote 
judices in propria causa vi publica ipsius villae Valenchenensis 
rebellabant, in prefati domini sui praejudicium verecundiam et 
gravamen portas dictae villae contra ipsum serando, villam 
muniendo, machinas faciendo, propugnacula erigendo, castrum 
domini sui terribiliter assaltando, cum impetu et tumultu bona 
domini invadendo ac etiam occupando, acciamationes, prohibitas 
eonvocationes in suis conventiculis in sui domini pernitiem exer- 
centes et aggregantes, ignem ad feoda dominica immittentes et 
in augmentum sui facinoris potentioris brachium quaerentes per 
metum evidentem, continentem necem populi et excidium terrae 
ipsius comitis, compulerunt ipsum comitem quamdam litteram 



^ Bei Marlene, Tbesaarus noviis 1, sp. 1241, 1242. 



\ 



Das enwuiifene Veniprechen ond seine Beh*odlang im dentschen Bechtsleben. 13 

ab eis vel eorum mandato compositam et conscriptam sigillare^ 
continentem quod ipse comes suo sigillo omnes suas consue- 
tndines et leges municipales^ quas dictns comes ttme ignorabat 
et adhuc ignorat, approbaret, ratificaret et per omnia confirmarety 
constituendo dictos scabinos seu juratos declaratores in dubiis 
et obscuris quae possent emergere de promissis. 

Der Reichshof aber erklärte durch Urtheil und Recht den 
aasgefertigten Brief für unkräftig und den Grafen und seine 
Leute fttr frei von jeder Verpflichtung, während der König 
überdies den Aufständischen, welche er wegen ihrer Gewalt- 
thätigkeiten fUr höchst strafwürdig erkannte, alle durch Ge- 
wohnheit oder durch Verleihungen seitens des Grafen oder seiner 
Vorfahren erworbene Rechte und Freiheiten entzog. 

Nos enim — fährt die Urkunde fort — attendentes prae- 
positum, juratos et scabinos totamque communitatem Valen- 
chenensem ac eorum fautores et complices, qui tam detestabile 
facinus contra dominum suum proprium exercere et usurpare 
nullatenus formidarunt, esse dignos flagitio necnon ab omni 
misericordia secludendos, ut eis. perpetua egestate sordentibus 
mori sit illis solatium et vita supplicium reputetur. 

Considerantes nihilominus litteram supradictam praetextu 
metus, qui in virum constantem cadere potest, a dicto comite 
sigillatam et eis traditam, superioris auctoritate non interposita 
habere efficaciam non debere, ipsam litteram et omnia contenta 
in eadem auctoritate regis de consilio baronum et procerum 
imperii apud Haghenoe praesentium et per sententiam eorundem 
reprobamus, revocamus et ac si nunquam scripta, sigillata vel 
data fuisset, penitus annullamus. Ordinantes et sententialiter 
denuntiantes ipsum comitem necnon et suos homines et universos, 
qui ad instantiam dicti comitis apposuerunt sigilla sua litterae 
supradictae adstringentes se suis promissionibus seu obligationibus 
ad observandum et tenendum ea, quae litera continebat, a quibus- 
übet promissionibus et obUgationibus de potestate regiae ma- 
jestatis penitus absolutes, ac si nunquum alicujus promissionis 
et obligationis se vinculo astrinxissent. 

Et ut praedicti praepositus, scabini jurati necnon totalis 
oniversitas Valenchenensis et eorum successores suam enormem 
deplangant in perpetuum factionem, rite universis suis consue- 
tadinibus, legibus municipaUbus, collegiis, conventiculis, accla- 



14 II. ▲bhftDdlung: Siegel. 

mationibus, campanae strepitibus/ ad cuius sonitum convenientes 
in unum statuta faciunt edicta edunt^ dictos praepositum, scabinos 
juratos . . et eorum successores auctoritate regia exuimus 
totaliter et privamus, nulla praescriptione temporis, assecuratione, 
promissione vel obligatione sibi a dieto comite aut progenitoribus 
modo vel conditio« e quibuslibet factis eos defendente seu ob- 
stante, a quibus videlicet assecurationibus, promissionibus seu 
obligationibus ipsum comitem, progenitores suos neenon suc- 
cessores suos futuros comites de plenitudine regiae potestatis 
penitus absolviraus et deinceps ipsos omnino liberamus, privi- 
legiis tarnen eis salvis quae a divis imperatoribus et regibus 
Romanis dictis civibus seu communitati praedietae sunt indulta. 

ni. 

Dass Gefangenschaft unter den Gesichtspunkt einer ver- 
übten Gewalt fiel und daher als eine Zwangslage betrachtet 
wurde, zeigt, wenn es überhaupt noch eines Beweises bedürfte,^ 
deutlich der Vorgang, welcher ^m Jahre 1283 vor dem Reichshof 
zu Freiburg im Uechtlande sich abgespielt hat. 

Zur Vorgeschichte der damaligen Gerichtsverhandlung 
muss Folgendes bemerkt werden. Nach dem am 26. August 1278 
erfolgten Tode des Königs Ottokar von Böhmen war als Ver- 
weser dieses Landes von König Rudolf der Markgraf Otto von 
Brandenburg bestellt und demselben die Vormundschaft über 
den achtjährigen Thronerben Wenzel auf die Dauer von fünf 
Jahren übertragen worden. Als sich darauf die Witwe Ottokars 
nach Prag begab, wurde sie sammt ihren Kindern von dem 
Brandenburger festgenommen und der junge Wenzel, wie ver- 
sichert wird, aus Böhmen entfernt. Um die Mitte des Jahres 
1283 trat der nun dreizehnjährige Wenzel die Verwaltung von 
Böhmen an,^ und sofort nahm er die Hilfe des Königs und 
Reiches in Anspruch, um von den, wie es scheint, kurz zuvor 



^ Die Glocke, der Glockenschlag oder Glockenklang, auch Glockenschall 
gehörte sonst nach den WeisthUmeru der Herrschaft zu. Vgl. Grimm, 
RA., S. 44 ff. 

' Nach den Belegstellen oben S. 6, Note 1 und 3. 

* lieber das Bisherige s. Lorenz, Deutsche Geschichte im 13. und 14. 
Jahrhundert 1, S. 243—254. 



I 



Das enwungc'n« Yenprechen und ^icine beh&nUUiiK im deutlichen Rerht^leb«n. 1{) 

während seiner Gefangenschaft gegenüber dem Markgrafen 
iibemommenen Verpflichtungen durch ein Urtheil befreit zu 
werden.^ Er entsendete zu diesem Behufe nach dem oben 
genannten Freiburg, wo zu jener Zeit König Rudolf Hof hielt, 
seine Boten. Diese aber schlugen in Erflillung ihres Auftrages 
folgendes Verfahren ein. Sie baten zunächst um ein soge- 
nanntes gemeines Urtheil: utrum principes vel aliquis alius 
cuiuscunque conditionis vi vel metu inductus expers proprie 
Ubertatis tidejussionibus stipulationibus vel aUis obligationibus 
se posset constringere vel artare, ita quod in posterum ipse 
hujusmodi obligationibus sie extortis posset impeti vel aliqua- 
liter conveniri tamquam efficaciter obligatus? 

Der König als Richter frug auf diese Bitte die anwesenden 
Fürsten, Grafen, Herren und andere des Reiches Getreue um 
das Urtheil, welches den allgemeinen Satz aussprach: 

Quod principes vel aUus quilibet ad ea, que vi metuve 
coactus promitteret vel quibuscunque pactis obligatoriis se 
adstringeret, factus sui compos nullatenus teneretur et tales 
pactiones obligatorie qualescunque censende forent irrite penitus 
et inanes. 

Nachdem das gemeine Urtheil in ihrem Sinne ausgefallen 
war, gingen nun die Boten Wenzels zu dem besondern Fall 
ihres Herrn über,* indem sie klagten und eine Entscheidung 
darüber begehrten: 

Si inclytus Wenceslaus heres regni Bohemie, quem 
illustris marchio de Brandenburg aliquo tempore contra 
propriam detinuit voluntatem, deinde fretus propria voluntate 
ad complicationem illorum pactorum taliter extortorum atque 



^ S. die SententUi vom 23. Au^st 1283, Mod. Germ, leg« II, 444, 445. 

' Quam vero sententiam . . predicti nancii ad speciem decideutes 
nostro culmini supplicaverunt lauten die Worte der königlichen Urkunde. 
Ich führe dieselben an mit Bücksicht auf die Warnung, welche der 
Brfinner Stadtschreiber Johann bezüglich eines solchen Verfahrens den 
Schöffen ertheilt hat Debent iurati, sagte er, hanc cautelam servare, 
quod nee extra judicia nee in judiciis aliquam sententiam communem 
contra quam pars adversa nondum audita nihil objicit vel allegat, pro- 
ferant et pronuntient quoque modo. Ex talibus enim sententiis in genere 
prolatis saepissime cum ad speciem descenditur vel maxima diffi- 
cultas generatur vel evidens contradictio niultiplicatur. Brüuner SchOifen- 
bnch c. 406. 



16 II. Abhandlang: Siegel. 

consumationem obligationum quarumcnnque, sub quibus eidem 
marchioni pro viginti milibus marcarum obligavit civitatem 
Sitavie et castrum Ronan . . castrum de HarfFenstein et civi- 
tatem . . castrum Bedier . . castrum Detzenin . . civitatem Usk 
et castrum . . civitatem Bruks et castrum . . necnon castrum 
Gandowe . ., sub quibuscunque etiam promissionibus taliter 
extortis ipsi marchioni pro duobus milibus marcarum fidejus- 
sores per modum extorsionis coactus posuit et pro quinque 
milibus marcarum, quas se daturum promisit, aliqualiter teneatur. 

Das Urtheil, welches hierauf — unter namentlicher Be- 
rücksichtigung des Umstandes, dass zwischen dem König und 
dem Markgrafen seinerzeit eine Vereinbarung getroffen worden 
war, nach welcher letzterer das Land seinem Erben ohne jede 
Entschädigung zurtlckzustellen hatte, während im Widerspruch 
hiemit der Markgraf von dem Erben Verpflichtungen, Ver- 
pfändungen und Bürgschaften erpresst hat — gefunden wurde, 
erkannte:^ 

Quod sepe dictus heres Bohemie ad completionem dictorum 
pactorum, promissionum , fidejussionum necnon quarumcunque 
obligationum ab eo taliter extortarum per dictum marchionem, 
nullatenus sit adstrictus, sed a predictis omnibus per sententiam 
debeat Uberari et ubique penitus absolvi, obligationes etiam 
dictorum bonorum etc. ipso jure debeant pro cassis et irritis 
estimari. ^ 



' Maxime — führt die ki^nlgliche Urkunde aus — cum inter nos et dictum 
marchionem, cum eius iure (dies bezieht sich wohl auf das sächsische 
Recht der Mündigkeit) antedictum heredem regni Bohemie cum suo 
regno usque ad certum tempus comraitteremus , intercesserit certa con- 
ventio dig^a in suo robore observari, videlicet quod expirante certo 
tempore, quod conventioni adjectum fuerat, praenominatum heredem 
regni Bohemie una cum suo regno sine quovis damno vel dispendio vei 
quantumvis inuria, sine petitione quarumlibet expensanim iuxta legem 
conventionis restituet pleno iure; cuius t^imen conventionis legibus dictus 
marchio obvians, minus iuste pactiones, obligationes, fideiussiones extor- 
quens, indebite, quod promisit penitus violavit atque singula superius 
expressa: principes, comites et nobiles, qui in eodem aderant iudicio, 
per nos requisiti sententionando protulerunt. 

' In der Urkunde folgt noch die königliche Bestätigung des Urtheils, die 
nochmalige ausdrückliche Ungiltigkeitserklärung der Verschreibungen und 
df»r entsprechende Befehl an Jedermann, sich darnach zu achten. 



) 



Das enwuDg«De Versprechen und seine Behandlang im deutschen Recht^clcben. 17 

War in dem Falle des böhmischen Königssohnes seine Ge- 
fangenschaft als Zwangslage geltend gemacht worden, so erhebt 
sich nun die weitere Frage, ob jedwede Gefangenschaft oder 
nur die ungerechte den freien Willen ausgeschlossen habe. Nach 
der Meinung Eike's von Repgow scheint auch die rechtmässige 
Gefangenschaft ein ausreichender Grund gewesen zu sein, das 
darin gegebene Versprechen anzufechten. Er spricht — und 
in gleicher Weise nach ihm der Spiegel aller deutschen Leute 
c. 276, sowie das Rechtsbuch der Distinctionen IV, 41 dist. 1 — 
von Gefangenschaft schlechthin, indem er III, 41 § 1 lehrt: 
lewelkes gevangenen dat unde lof ne sal dur recht nicht stede 
sin, det he binnen vengnisse lovet. Der entgegengesetzten An- 
sicht war offenbar der Verfasser des kaiserlichen Landrechts- 
buches, da in c. 307 a dem der Vorlage entnommenen Satze: 
Jegeliches gevangenen gelivbede oder eit sol nvt stete sin. daz 
er in vangnvsse tvt die Worte beigeftlgt sind: ob er ze vnrechte 
gevangen ist. Wer den Frevel beging,* einen Andern wider- 
rechtlich festzunehmen, von dem durfte der Gefangene weiterer 
Gewaltthaten sich versehen, für sein Leben selbst mit gutem 
Grunde fUrchten. 

Es wird daher mehrfach eine widerrechtUche Gefangen- 
schaft und gleichzeitig Todesangst als Voraussetzung für die 
Unverbindlichkeit eines gegebenen Versprechens genannt. 

So im kaiserhchen Landrechtsbuch selbst, in c. 170 c, wo 
für den Fall: Vnde wirt ein man gevangen ze vnrechte, der 
m^ nivt lidig werden, er gebe hvndert march silbers oder er 
swere etwaz anders ze tvnne, das eidliche Gelöbniss als un- 
verbindlich nach geistlichem oder göttlichem Rechte bezeichnet 
wird, während später der erläuternde Nachsatz folgt: Diz ist 
also gesprochen, do er disen eit swor. daz er daz tete von 
sines libes vorchte. 

Desgleichen bestimmt vom Standpunkt des weltlichen 
Rechtes aus das Brtinner Urtheilbuch c. 595: Homo si iniuste 
capitur et metu mortis coactus (est), quidquid promiserit 
vel se facere velle juraverit, ad tale promissum seu juramentum, 
postquam carcerem evaserit, non obligatur nee compellitur ipso 



* Vgl. Wilda, Strafrecht der Germanen, S. 784; Osenbrüggen, Alamanni- 
Bches Strafrecht, S. 273. 274. 
Sitznngsbor. d. phil.-hist. Ol. CXXVIII. Bd. 2. Abh. 2 



18 II. Abhandlung: Siegel. 

iure; promissum enim (lebet esse voluntarium, alioquin potius 
dieitur coactio quam promissum. 

Beide Voraussetzungen trafen auch in dem Falle zusammen^ 
welcher in das Buch der Magdeburger Fragen III, 9 dist. 3 Auf- 
nahme gefunden hat. 

Ein in einer Stadt erbgesessener Mann war trotzdem, dass 
er auf die von seinem Erbherrn ,umb eczUche ungeschichte' er- 
hobene Beschuldigung sich erboten hatte, vor dem Stadtgerichte 
oder jedem andern Gerichte in des Herrn Lande zu erscheinen 
und sich zu verantworten, auf seines Herrn Geheiss festge- 
nommen worden. In dem Gefängnisse wurde ihm erklärt, 
dass er gegen ein Lösegeld von zweihundert oder zweitausend 
Mark^ frei sein solle, gebe er das Geld nicht, so könnte es ihm 
an den Hals gehen. Wenne nu, heisst es weiter, der man synis 
herren ungenade verebte unde vorterbnisz synis leibes, so sagte 
er: besser ist's, dass ich das Geld verspreche, , wenne das mynis 
hern zorn obir mich irginge, das ich doch ny vorschuldiget habe', 
und er gelobte das Geld den Anwälten seines Herrn vor dem 
ßath in der Stadt zu zahlen ,durch synes leibes frist oder not', 
wie in anderen Handschriften steht, ,unde hoffte sich domit ir- 
nerende'. Aus des Herrn Gewalt infolge seines Gelübdes ent- 
lassen, kehrte er dem Lande den Rücken. Der Herr aber 
liess ihm sein Erbe und Gut in dem Stadtgerichte nehmen und 
verkaufte es ohne seinen Willen, offenbar um sich bezahlt zu 
machen. Ab nu — lautete die Frage, welche an den Schöflen- 
stuhl zu Magdeburg gestellt wurde — der man dy gelobde, dy 
her in gefengniscze ^ globit hat, schuldig sey zcu haldene adir 
nicht, ader was recht sey, und das Erkenntniss hierauf besagte : 
Dy globde, dy der man in gefengnisz adir in getwange^ globit 
hat, dy sullcn durch recht nicht stete syn vnde her bedarff 
das gelt nicht gebin. 

In einer ähnUchen Lage wie dieser städtische Erbmann 
scheint sich ein gewisser Ulrich, genannt der Marchfelder, be- 
funden zu haben. Auch er war Gefangener seines Herrn, des 



* Die Haudschriften differiren; die im Behrend' sehen Texte steheuden 
zwei Mark sind jedenfalls irrthümlicb. Vgl. auch Kaiserliches Landrecht 
170 c und unten S. 24 Note 2. 

^ Eine Handschrift fügt hinzu: ader in getwange. 

^ Die Worte a. i. g. fehlen in einigen Handschriften. 



I 



Bm enwnngene Yenprechen und seine Bobandlnng im dentschen BechtMlel>en. 19 

Weikhard von Stahremberg, und hat als solcher bei seiner im 
Jahre 1355 auf Widerruf erfolgten Entlassung eine Reihe von 
Gelöbnissen und Erklärungen gegeben, über welche nachstehende 
Urkunde ausgestellt wurde. Ich Vlreich der Marichuelder ver- 
gich . . das ich meins herren Weicharten von Stohrenberg ge- 
fangen bin vnd han auch (1) verhaizzen mit meinen trewn vnd 
auch mit mein starchen ayd . . wen er mich mont vnd wohin 
er mich vordert ze laisten, da sol ich im ze hant an allen wider- 
redt vnd Vorwort in sein filngchnüzz hin laisten also auch be- 
schaidenlich , daz ich mein leben vnd mein halzz gar sicher 
soll sein.* W^er aber daz ich im nicht laistaecht, so bin ich ze 
hant mit syben vbersaydt vnd hat den vollen gewalt, nach mir 
ze greiffen, wo er mich anchymt vnd anchömen mag. (2) Ich 
scholl auch in der zeit vnd ich sein gefangen pin sein frömen 
werfen vnd sein schaden wenden^ an aller stat vnd ich dez 
inne wirt, von leib vnd von gut, wi ich sol vnd vermag. (3) Ich 
vcrgich auch, ob daz waer, da chainerlay brif herfür chöm oder 
zaigt würt, von wem daz waer, di ich vnder sein insigel an 
sein willen vnd an sein wizzen vnd an sein wort geben hyet 
\Tid geben waern, dez ich in nicht geweisen noch geinnern 
mocht, di selben brif, wi di sint vnd waz di sagen t, di sollen 
all tot vnd ab sein noch sullen chainerlay chraft haben in allen 
iem gepunden vor alle den rechten vnd si fürpracht vnd zaigt 
wemt, daz sei vor gaistlichen vnd vor weltlichen rechten. 
(4) Ich han auch meim vorgenanten herren Weicharten von 
Stohrenberch daz gut, daz er mir von sein gnaden verlihen 
hett, auf sein gnad aufgeben vnd waz er damit tut, daz stet 
allez an sein gnaden. (5) Is sol auch mein vorgenannter herr 
vm di vanchnuzz vnd vm all handlung, di er an mir geten 
hat, vor mir vnd vor allen meinen frevnten vnd hclfer gar 
sicher sein vnd an allen ansprach.^ 

Wie hieraus ersichtlich ist, hatte dieser Marchfelder, als 
er im Dienste des Stahrembcrgers, von welchem er auch ein 
Lehen besessen, stand. Missbrauch mit seines Herrn Insiegel 



' Von der Todesangst sollte er wenigstens in Znkunft befreit sein. 

' Wie die Formel für die Pflicht des Lehnsmannes lautete. S. Homeyer, 

des Sachsenspiegels zweiter Theil II, S. 372. 
« Oberösterreichisches Urknndenbuch VII, n. 38Ö, S. 396. 397. 

2* 



20 n. Abhandlunij: Siegel. 

getrieben und war vermuthlich deshalb von letztcrem fest- 
genommen worden. Da jedoch hiezu der Herr trotz der Treu- 
losigkeit seines Mannes nicht berechtigt gewesen ist, so dürften 
schon aus diesem Grunde die von dem Gefangenen gegebenen 
Erklärungen mit Ausnahme des ersten Gelübdes, für welches, 
wie im Folgenden gezeigt werden wird, eine Ausnahme galt, 
der Rechtskraft entbehrt haben. 



rv. 

Trotzdem, dass die Gefangenschaft, sei es jede oder 
wenigstens die widerrechtliche, im Allgemeinen als Zwangslage 
betrachtet wurde und daher das von einem Gefangenen gegebene 
Versprechen der Rechts Wirksamkeit entbehrte, so ist doch 
bei gewissen Versprechungen eine Ausnahme von der Regel 
anerkannt worden. 

So wurde von sämmtlichen Rechtsbüchem übereinstimmend 
das Versprechen der Rückkehr, welches ein Gefangener bei 
seiner zeitlichen Beurlaubung gab, unter der Voraussetzung, 
dass er nicht etwa unehrlich gefangen war und der Urlaub 
sammt dem Versprechen ihm aufgezwungen wurde, für verbind- 
lich erklärt. 

Der Sachsenspiegel III, 41 sagt^ § 1: Lot man aver ine 
(den Gefangenen) ledich uppe sine trüwe riden to dage, he sal 
durch recht weder komen unde sine truwe ledegen, womit dann 
noch § 3 zu verbinden ist, welcher bestimmt:^ Svar man den 
man untrüweliken veit, let man ine uppe sine trüwe riden, die 
ine dar gevangen hevet oder let he ine sveren oder in truwen 
ime ander ding^ geloven he ne darf is nicht lesten, mach he 
it vulbringen up in, dat he ine untrüweliken* to' me lovede 



* Ebenso der deutsche Spiegel c. 276, das schlesische Landrecht c. 296 
und das Rechtsbuch der Distinctionen IV, 41 dist. 1. 

* Desgleichen der deutsche Spiegel c. 277, das schlesische Landrecht c. 296 
und das Rechtsbuch der Distinctionen IV, 41 dist. 4 mit dem Zusätze: 
Unde ist lantrechte und wich bilde. 

® Die Mainzer Handschrift von 1421 hat für ding: werb, was klarer den 
Sinn wiedergibt. 

* Mehrere Handschriften schieben die Worte ein: ving und in. Da jedoch 
dpr deutMohe Spiegel und das Rechtsbuch der Distinctionen mit dem 



D»8 enwQDgene YerBprecheo und seiuo Behandlung im dentschen Rechtsleben. 21 

gedungen hebbe, während das kaiserliche Landrechtsbuch c. 307 a 
die beiden Sätze folgendermassen verbunden hat: lat aber er 
in (den widerrechtUch Gefangenen) lidig. vf sine triwe vnd lobet 
sich hin wider ze antwv rtenne ^ daz sol er leisten ob er in nvt 
vngetrvhchen gevangen hat. hat aber er in vngetrvlichen ge- 
vangen oder ze unrehte dar zu betwungen. vnde hat er gesworn 
oder svz gelvbede getan oder bvrgen gesetzet, dez ist er alles 
nvt (so statt mit) reht Udig. 

Wird diesen Bestimmungen die erläuternde Ausflihrung 
des Görlitzer Landrechtsbuches XXXVI § la: Swelich man 
den andirn vehit, unde in hin vorit unde vor den vorchtin 
der nach volgere den gevangin dwingit, daz er ime untruwin 
gelove wider zo komine unde ne kümit er nicht widere in sime 
gevancnisse, darunme verliusit er sine truwe nicht, wand er 
in der Sicherheit der vancnisse nicht gevangin ne wurt, hinzu- 
gefügt, so gelangt man zu folgendem Ergebniss. Eine ungetreue, 
unehrUche oder unverlässliche Gefangennalxme war dann vor- 
handen, wenn die Wiederbefreiung des Festgenommenen durch 
nacheilende Freunde von diesem noch immer erhoflft werden 
durfte, von dem Gewalthaber beflirchtet werden musste. Wurde 
unter solchen Umständen der Gefangene entlassen, so hat er 
gewiss nicht freiwillig, sondern unehrlich dazu gebracht^ oder 
gezwungen das Versprechen der Rückkehr gegeben, und darum 
war dasselbe Versprechen, das verbindlich war, wenn es aus 
den Banden einer sicheren Gefangenschaft befreite, im entgegen- 
gesetzten Falle unverbindlich. 

Die Rückkehr in die Gefangenschaft konnte übrigens auf 
einen bestimmten Tag versprochen werden oder von einer 
jederzeit zulässigen Mahnung des Gewalthabers abhängig 
gemacht sein.^ 

Das berühmt gewordene Versprechen, auf einen genannten 
Tag als Gefangener sich wieder zu stellen, ist das Versprechen, 
welches Friedrich von Oesterreich in seinem Gefilngniss zu Traus- 



Homeyer'scheu Texte übereinstimmen, so ist an dessen Ursprünglichkeit 
nicht zu zweifeln. 

* Die Worte v. 1. s. h. w. z. a. erklären genauer, was die Worte to dage 
des Sachsenspiegels ausdrücken. 

' Der Sachsenspiegel sagt: gedungen. 

* Wie in dem Falle Marchfelder S. 19. 



22 II> Abhaudloug: Siegel. 

nitz am 13. März des Jahres 1325 Ludwig dem Baier gegeben hat. 
Die beiden Fürsten waren bekanntlich im Jahre 1314 in spaltiger 
Wahl zu römischen Königen gewählt worden. Keiner rief den 
päpstHchen Stuhl zur Entscheidung an; ein Jeder wollte durch 
seine Macht sein Recht behaupten. Nahezu acht Jahre hatte 
der Streit um die Herrschaft im Reiche bereits gedauert, als 
Friedrich von der Ostmark und von Schwaben aus den Gegner 
in seinem eigenen Lande anzugreifen beschloss. Bei Mühldorf kam 
es Ende September 1322 zu einer Schlacht, in welcher Ludwig 
siegte und Friedrich nach heldenmüthigem Kampfe in die Ge- 
walt des Siegers fiel. Trotz des Sieges über den Gegner, welcher 
als Gefangener in die Burg Trausnitz gebracht wurde, besserte 
sich jedoch die Lage Ludwigs nicht; sie verschlimmerte sich 
durch seinen Streit mit dem Papste und in Folge der Verbindung, 
die Friedrichs Bruder, der Herzog Leopold von Oesterreich, 
mit dem König von Frankreich einging. Unter diesen Umständen 
suchte Ludwig die Verständigung mit seinem Gegner Friedrich, 
und es kam zu einer Sühne, nach welcher letzterer um den 
Preis der Freiheit auf die Krone zu verzichten, Ludwig als 
seinen König anzuerkennen und diese Anerkennung auch von 
seinen Brüdern und Getreuen in Oesterreich zu erwirken eidhch 
sich verpflichtete. Darauf erhielt Friedrich die Freiheit, zunächst 
jedoch gegen das Versprechen:^ möcht er aber der Sünen nicht 
zu bringen, so soll er sich wider antworten gen Trausnicht in 
die venchnuss, darinne er jetzt ist, auf Johannestag ze Sunn- 
wende, der schierst kombt.^ 

Aus seiner Haft entlassen, ritt Friedrich nach der Heimat, 
um die Zustimmung seiner Brüder zu der Sühne zu gewinnen, 
was ihm indess nicht gelang. In Folge dessen kehrte er — 



' Die ÖUhue sauimt diesem GelöbuiKs findet sich bei Kurz, Oesterreicli 
unter Friedrich dem Schönen S. 488. 

' Derselbe Zeitpunkt spielt, was bis jetzt unbeachtet blieb, in einem be- 
reits am 3. October 1324 von dem Bruder des gefangenen Friedrich, von 
Herzog Leopold mit der Stadt Hagenau im Elsass getroffenen Abkommen 
eine Kolle. Würde bis zur Sonnenwende Herzog Ludwig als König mit 
Heeresmacht vor der Stadt erscheinen, so sollten die Bürger ihn em- 
]»fangen und ihm helfen dürfen, anderenfalls sollte die Stadt den Herzog 
Leopohl zu ihrem Schirmer nehmen. 8. Böhmer, Regesta Ludovici, S. 262, 
n. 174. 



i 



Das encwnngpne Verspi^chen nud ft<>iQe Rohandlang im dentschon Rcchtxlebon. IjB 

nach der Sage der späteren Geschichtsschreiber^ und gepriesen 
von den Dichtern als ein Muster deutscher Treue, in sein Ge- 
ßingniss zurück: 

Aber was er in Banden gelobt, kann er frei nicht erfüllen, 
Siehe, da stellt er aufs Neu willig den Banden sich dar.* 

während nach den Ergebnissen der neuen Geschichtsforschung^ 
Friedrich von Ludwig seines Wortes bereits entbunden war, 
als beide zu Anfang Juli in München zusammentrafen und einen 
Bund inniger Freundschaft schlössen, welchej* in dem merk- 
wllrdigen Uebereinkommen vom 25. September desselben Jahres, 
als zwei Könige gemeinsam die Regierung des Reiches zu führen, 
gipfelte. 

Dass übrigens Friedrich ohne die in seinem Verhältniss 
zu Ludwig eingetretene Aenderung so gehandelt haben würde, 
wie ihn die Sage und Dichtung dem Rechte entsprechend 
handeln Hess,* dürfte das historisch beglaubigte Verhalten seines 



^ Bis auf Zimgibl, Ludwig des Baiem Geschichte, Münchener akad. Ab- 
handlungen III (1814), S. 216 und Kurz, Oesterreich unter Friedrich 
dem Schönen 1818, S. 317. 

' Schiller's Gedicht ,Deut8che Treue*. Vgl. Uhland's Schauspiel: Ludwig 
der Baier, 1818; 

— Nun ich's recht betraclite, that ich nichts 
AIb das Geringste, was ein Mann kann thnn: 
Ich hielt, was ich versprochen — — 
Ich selbst bin dein Gefangner, wie zuvor 
Lass mich zur Trausnitz führen. 

' Vgl. DObner, Die Auseinandersetzung zwischen Ludwig dem Baier und 
Friedrich von Oesterreich im Jahre 1325. 1876. Friedensburg, Ludwig 
der Baier und Friedrich von Oesterreich von dem Vertrage zu Trausnitz 
bis zur Zusammenkunft in Innsbruck 1877. S. auch Riezler, Geschichte 
Baiems II (1880), S. 860, 361. 

* Auch der Papst war überzeugt, dass Friedrich, wie es das Recht ver- 
langte, als Gefangener sich wiederstellen würde, und hat daher in seinem 
Schreiben au den Herzog vom 4. Mai 1325, worin er alle übernommenen 
Verpflichtungen für aufgehoben erklärte, schliesslich die Rückkehr in 
das Gefangniss bei Strafe der Excommunication verboten : Tibique nihilo- 
minus in virtute sanctae obedientiae ac sub excommunicationis poena, 
quam te (si contrarium feceris) incurrere volumus ipso facto, districtius 
inhibentes, ne ad ejusdem Ludovici rebellis et excommunicati quoquo- 



24 II. Abhandlnng: Siegel. 

Bruders, des Herzogs Heinrich, nahelegen, welcher gleichfalls 
in der Mtihldorfer Schlacht in die Gefangenschaft, und zwar in 
die Hände des Böhmenkönigs gefallen war. Auch dem Herzog 
Heinrich wurde schon vorher ein Urlaub aus seinem Gefängniss 
in der Feste Biirglitz gewährt, um seine Brüder für die Ver- 
pflichtungen zu gewinnen, deren Erfüllung ihm die Freiheit 
wiedergeben sollte; auch ihm hatten sich die Brüder nicht will- 
ftlhrig erwiesen, und so kehrte er, um sein Wort einzulösen, 
wie es das Recht gebot, in sein Gefängniss zurück. 

Der Bericht der Königsaaler Chronik* lautet: Anno do- 
mini 1323 in die nativitatis Christi Heinricus dux Austriae 
anno praeterito in proelio vinculatus ferreis coinpedibus per 
ebdomadas octo in Castro iacuerat Burgelino, intervenientibus 
pactis et tractatibus Pragam venit, altera die abinde processit 
fratresque suos duos duccs in Austria visitavit, qui cum con- 
ditionibus et pactis ab ipso duce capto factis noUent acquie- 
scere. Heinricus dux stare volens quam promiserat fide, pri- 
stinae se captivitati in die beati Mathaei apostoli (24. Februar) 
coepit ultroneus mancipare.^ 

Die bindende Kraft eines in sicherer Gefangenschaft 
gegebenen Versprechens der Wiederkehr fand ihre Recht- 
fertigung aus Gründen der Nützlichkeit wie der Ethik. Eine 
Beurlaubung erfolgte im Interesse beider Theile, insbesondere 
auch des Gefangenen, welcher überdies keine Verpflichtung auf 
sich nahm, die seine künftige Lage schlimmer gestaltete, als 
die jetzige war. Andererseits verdiente das Vertrauen, welches 
der Gewalthaber in der Enthaftung seines Gefangenen bewährte, 
durch dessen Treue erwiedert zu werden. 

Ein zweites Versprechen, dem jedoch nur im Bereiche 
des sächsischen Rechtes Wirksamkeit beigelegt wurde, war das 
Urphede- oder Friedensgelöbniss, das ein Gefangener vor seiner 
entgeltlichen oder unentgeltlichen Freilassung aus dem Ge- 
fängnisse gab. Der Sachsenspiegel IH, 41 § 1 sagt und mit ihm 



modo redire carcerem . . praesumasS Baronii, Raynaldi et Laderchü An- 
nales ecclesiastici ed. Theiner., T. XXIV, 276. 
* Theil 11, c. 12. Fontes rerum Austriacarum, Scriptores VIII, 421. 422. 
Dass gegen andere, später — am 24. Angust — festgestellte Leistungen, 
insbesondere ein Lösegeld von 9000 Mark Silber Herzog Friedrich end- 
lich die Freiheit erhielt, soll nebenbei bemerkt werden. 



t 



\ 



Dms enwnnfene Yeraprechen and seine fieliandlung im deutschen Bccbtsleben 25 

stimmen das schlesische Landrecht cap. 296 und das Rechts- 
bueh der Distinetionen IV, 41 dist. 2 überein: Gilt he oder 
wert he ane gelt ledich, svelke orveide he gelovet oder sveret, * 
die sal he durch recht lesten, unde anderes nen gelovede, dat he 
binnen vengnisse lovet oder dut, während der Vierfasser des 
Spiegels aller deutschen Leute c. 276 seine Vorlage nicht ver- 
standen hat, wenn er schreibt: Ist er oder wert er ane gelt ledig 
swelch gelubdeer lobet oder swert die sol er durch recht 
leisten vnd anders von gelubde daz er in vanchnuzze lobet 
oder tut, und das kaiserliche Land rechtsbuch c. 307 a wohl 
nicht ohne Absicht und Grund schweigend darüber hinweg- 
gegangen ist.^ 

Eike von Repgow aber dürfte zu seiner Behauptung von 
der Rechtsverbindlichkeit des Urphedegelöbnisses eines Ge- 
fangenen durch die Rücksicht auf den Frieden und seine 
Förderung bewogen worden sein, durch dieselbe Rücksicht, 
welche ihn auch bestimmte, für das genannte Gelöbniss, wenn 
es aussergerichtlich gegeben worden war, eine Ausnahme von 
der sonst geltenden sächsischen Beweisregel anzuerkennen.'* 

Ein drittes Versprechen, dem wieder allgemein wohl 
rechtsverbindliche Kraft beigelegt wurde, dürfte das übrigens 
nur in einem der Rechtsbücher berührte Gelöbniss von Kriegs- 
gefangenen, an einem bestimmten, ihnen zugewiesenen Orte 
Gefangenschaft zu halten, gewesen sein. 

Diese Art von Haft, welche, wie es scheint, vornehmen, 
rittermässigen Kriegsgefangenen gestattet wurde, nannte man 
ein FeldgefUngniss, dessen Versprechen jedoch nur dann bindend 
sein sollte, wenn den Gefangenen nichts ausser seinem Ehren- 
worte festhielt, weder Wachen noch Fesseln. 

Swelich man gevangen ist unde bi sinen trawin gelobit 
daz er nicht entrinne — sagt das Görlitzer Landreehtsbuch 

^ S. eia solches Gelöbniss oben S. 19, Nummer 5. 

' Dass nach anssenächsischem Rechte das UrphedengelObniHS eines durch 
Thätlichkeiten in Angst Versetzten als unverbindlich behandelt wurde, 
darüber s. oben S. 9, 10. 

* W&hrend sonst der Gtober eines aussergerichtlichen Versprechens des 
mit siner unschult untgeit, unde man*s in nicht vertügene mach (Sachsen- 
spiegel I, 18 § 2): mut (darf) he it getUgen selve sevede, dem man 
die sune oder de orveide dede (das. I, 8 § 3 und Richtsteig Landrechts 
41 § 8). 8. auch Horaeyer, Richtsteig S. 501. 



^ 



26 11- Abhuidlang: Siegel. 

XXXVI § 1 b — unde werdin ime ovir daz hutor gesazt, unde 
(wirt er) ouch gespannin oder bismidit,^ unde untrinnit denne, 
dar umme ne hat er sine truwe nicht gebrochin. Denn Treue 
wurde nur da geschuldet, wo Vertrauen voll geschenkt wurde 
und kein Misstrauen sich geltend machte. 

Aus dem Feldgefilngniss rittermässiger Kriegsgefangener 
ist, was zur besseren Beleuchtung desselben beitragen dürfte 
und daher an dieser Stelle nachgewiesen werden soll, das Ein- 
lager im Frieden entstanden, welches seit dem 12. Jahrhundert 
vornehme Schuldner ihren Gläubigem zur Sicherung einer 
Forderung freiwillig zu versprechen pflegten. Dass die Er- 
innerung an diesen Ursprung des Einlagers noch im 16. Jahr- 
hundert nicht ausgestorben war, ergeben zwei Urkunden, in 
welchen die Schuldner das Einlager unter der Bezeichnung eines 
rechten Feldgefangnisses, wie wenn sie von ihren Gläubigern 
oder deren Erben im Felde gefangen worden wären, zusagten. 

Heinrich von Holle versprach im Jahre 1535 Mehreren, 
die sich zu seinen Gunsten verbürgt hatten: Dartho wyl ik 
eine rechte Veltfengniüe up ohr Erfordern . ., gelik alße wehre 
ek van ohne edder oren Erven in Felde gefangen, wor se mik 
heneschen worden, dat were schriftlik edder mündlik in myner 
Behusunge ifte gegenwordig in welUker Stede und Platz, mit 
seß Perd und vyff Knechten mit mynes sülves Lyve holden 
und lesten: Szo ik uth cyner edder mer Stede gewysett, dar 
se myk ingeeschlt (sie!), alsdenne an eynen andern Ortt, Stadt, 
Platz edder Dorp, dar man myck hengefordert und de Vengnisse 
tho holden lyden kan, und wyl dar ock nicht uth, DageÜ ifte 
Nachteli, sondern eyne rechte Veltfengniüe, wu einen erbaren 
frommen Manne tostehet, holden ind leesten.* 

Kühne von Bardeleben, Drost zu Neustadt am Roberge, 
stellte im Jahre 1544 dem Mathias von Veitheim eine Schuld- 

^ Bninswik intrabunt et inde non exibant, nisi per consensura domin i 
Imperatoris; sine vinculis tarnen et capitali custodia manebunt verfügte 
der 1212 zwischen dem Kaiser Otto und dem Markgrafen von Branden- 
burg aufgerichtete Vertrag hinsichtlich der zwanzig Eidgesellen des 
Letzteren, fall» ihm auf die Anklage wegen Treubruchs der Beweis 
seiner Unschuld nicht gelingen würde. S. die Urkunde bei Lisch, 
Mecklenburgisches Urkundenbuch I, S. 199. 

' Die Urkunde ist mitgetheilt von Neander in Schottes Juristischem Wochen- 
blatt 1774, m, S. 8. 



Das enwnnfene Verspreehen und seine Behandlung im deutseben Rechtsleben. 27 

verschreibung mit dem Beifügen aus: Im Fall ich aber an der 
Zahlang seumig befunden, so verpflichte ich mich bey meinen 
högesten Ehren in Eydesstatt und bey einer VeltgefängnüÜe, 
inmaOen ich im Felde gegriffen und das zu thun angelovet, 
daß ich mich von Stunde an ungeseumbt auch ungefiirdert 
mit meinen selbst Leibe erheben will, und zu Oskersleve in 
eine Herberge einreiten und will einstellen, leisten und halten 
aldar so lange ein recht Einlager, als einen frommen und Ehr- 
liebenden von Adel rühmlich zu thun und wohl anstet und 
auch Gestalt eines Gefangenen, daraus in keine wege zu Tage 
und Nacht nicht zu kohmen.^ 

Die Aeusserung in dem Rechtsbuch der Distinctionen, * 
dass nach der Ansicht Mancher das Versprechen, Gefangen- 
schaft zu halten, nur für Rittermässige und nicht für Kaufleute 
verbindUch sei, indem jene vermöge ihrer höheren Geburt auch 
mehr halten wollen, durfte sich auf das Einlager beziehen, 
wozu in der That Leute bürgerlichen Standes nur höchst selten 
sich verpflichteten' und das einmal geradezu als ein ritter- 
mässiges Geftlngniss bezeichnet wurde. 

Der Fall, in welchem dies geschah, unterscheidet sich 
allerdings in manchem Punkte von einem gewöhnlichen Ein- 
lager, namentlich darin, dass der Schuldner sich verpflichtet 
hat, allein und insgeheim an den Ort, der ihm bezeichnet 
werden würde, zu reiten und auch in der Folge seinen Auf- 
enthalt zu verschweigen und Niemanden zu verrathen. Wegen 
dieser Eigenthünüichkeiten mag das erhaltene Mahnschreiben 
zum Einritt* hier mitgetheilt werden. Nachdem der Gläubiger 
seinen Schuldner im Eingang der Urkunde an sein Versprechen 



* An dem in der vorigen Note angeführten Orte S. 9. 

' IV, 41 di«t. 5 : Auch sprechen sommeliche lute, daz dy kouflute, dy 
nicht zu dem schilde sin geborn, keyn gefencknisz halten sullen von 
rechte, daz ist wor, is sal der geborne und ungeborn keyn gefencknisz 
dulden. Doch heben dy am herschilde eyne vorloysende willekor ores 
adils, daz sy me wnllen halden in orer besseren gebort, won dy konf- 
lute; hymete wert der koufman nicht rechteloz noch erenloz . . wen 
god had den menschen selber noch om gebildet, unde had on mit siner 
marter gelediget eynen also den andern, unde om ist der arme also 
der riche, der gebur also der herre. 

» Vgl. Friedländer, Das Einlager S. 72 ff. 

* Vom Jahre 1548, gedruckt bei Amthor, de obstagio 1712, p. 139. 140. 



28 n* Abh. : Siegel. Das enwoDgeiie Yeraprechen im deutschen Rechtelcben. 

erinnert hat, fährt er fort: Demnach und zufolge solcher be- 
schehenen nothwendigen und hochveruhrsachlichen Bestrickung 
heische und mahne ich dich vermüge und krafft deiner ange- 
lobten Zusage, (dass) du von Stund nach Uberkommung und 
Vorlesung dieses meines Briefes dich erhebest und on mennig- 
lichs Vorwissen gar alleine, stille und in gantzer geheim biss 
au Freyenwolde in Pommern in Borchert Lantkowen Behausung^ 
verfolgst, darinnen ein Rittermässiges Gefängniss femer 
leistest und haltest, daraus noch zu Tage oder Nacht on mein 
vorwissen keineswegs scheidest, sondern meines weitern Be- 
scheits daselbst getreulich abwartest; wo auch dasselbe Haus 
Feuershalben unterginge, dich nicht weiter dann so fem das 
du des Feuershalben an deine lebende keinen schaden nehmest, 
daraus verfügst, und nach verleschung des Feuers wiederumb 
uf derselben Stetden, wo das Haus gestanden, dein Gefkngniss 
bis zu fernerem meines Bescheids auswartest, auch dieser Be- 
strickung halber nichts hinter dich oder sonsten von dir 
schreibest, noch jemands davon vermeldest, auch in deinem 
anher reiten die eine Nacht nicht liegest do du die andere 
gelegen hast, sondern still und in gantzer geheim, ohne alle 
Vermeldung und Nachsage dich eilens an vorberürten Ort 
hebest und verfügest, alles bei deinen adelichen, Ehren, Treuen 
und Glauben, des du dich allenthalben deiner Rittermässigen 
Zusage nach wirst unverweigerlich zu verhalten wissen. 



^ Auch das Privathaiis im Ge^nsatz zu einer Herberge kommt nur selten 
vor; vgl. Friedländer, Das Einlager, S. 119 ff. 



I 



in. Abh. : BeiDiseh. Die BecUuye-Spnobe in Nordo&t-Afrika. I. 



IIL 



Die Bedauye-Sprache in Nordost-Afrika. I. 

Von 

Leo Beinifloh, 

wirkl. Mitgliede der kais. Akademie der WissenschAften. 



CiS bedarf einiger worte der entscbuldigung; wenn ich 
nach dem erscheinen eines so ausgezeichneten werkes wie das 
von Hermann Almkvist: »Die Bischari-Sprache Tü-Be(jÄwie in 
Nordost -Afrika. Upsala 1881 — 1885« 2 bde., mich noch an- 
schicke, über denselben gegenständ meine eigenen aufzeich- 
nungen zu veröflFentlichen. 

Die zwei folgenden gründe haben mich aber veranlasst, 
meine sammlangen zur genannten spräche doch endlich auch 
ans tageslicht hervorzuziehen: 

1) Um den geist einer spräche einigermassen richtig aufzu- 
fassen und beurteilen zu können, sind unbedingt texte erforderlich 
und nnerlässlich. Durch einzelne Sätze welche man in eine zu 
erlernende spräche übertragen lässt, können zwar grammatische 
functionen mit zimlicher Sicherheit ermittelt, kann auch ein 
glossar festgestellt werden; aber der volkstümliche satzbau und 
der geistige schätz einer nation in seiner eigentümlichen fas- 
sung werden doch erst zugänglich und klar ersichtlich, wenn 
man eingebornen selbst das wort frei erteilt, ire erfarungen 
und lebensanschauungen zwanglos aussprechen lässt und sie 
nicht dahin drangsaliert, nach dem zuschnitt unserer denkungs- 
art sich äussern zu müssen. Nun feien in dem werke Alm- 
kvist's aber gerade die texte, so dass ich dasselbe mit den 
von mir gelegentlich gesammelten erzälungen einigermassen 
ergänzen kann. 

Sitenngsber. d. phiL-hbt. Cl. CXXVni. Bd. 3. Abh. 1 



S ni JLbhftndltinf : Bein lach. 

2) Wie schon der titel des schönen Almkvist' sehen buches 
selbst es ausdrücklich anzeigt, hat der Verfasser nur einen 
dialect der Becjauye- spräche behandelt und es würde derselbe 
seine vortreffliche arbeit villeicht richtiger bezeichnet haben, 
wenn er ir den titel: »Der Bischari- Dialect der Bedauye- 
Sprache« gegeben hätte. Denn wenn auch der dialect der Ha- 
lenga im ganzen sich enge an den der Bischari anschliesst, so 
weist wenigstens das idiom der Beni-Amer in Barka bemer- 
kenswerte unterschide und teilweise altertümlichere formen 
auf, daher es wol nicht gut angeht, die gesammtsprache des 
weit verzweigten Volkes der Bedscha nach dem dialect eines 
Stammes derselben, nemlich der Bischari, mit dem ausdruck: 
»die Bischari- spräche € zu benennen. Indem ich nun aber ge- 
rade dem genannten ursprüngHcheren idiom der Bedauye- 
sprache, nendich dem dialect der Beni-Amer, mich einige zeit 
zu widmen in der läge war, so düi*fte auch nach dieser seite 
hin das werk von Almkvist eine weitere ergänzung finden. 

Meine ersten Sammlungen zur spräche der Bedscha be- 
gann ich vor beinahe zwanzig jaren, als die sogenannte nu- 
bische truppe Hagenbeck's sich in Wien aufhielt. In dieser 
truppe befanden sich sechzehn Halenga, mit denen ich mich 
fast täglich beschäftigte und auf diese weise mir ein zimlich 
vollständiges bild des Halenga -idioms verschaflfte. Unglück- 
seliger weise wurde mir die frucht dieser arbeit, die ich in 
einem gebundenen heft zusammengetragen hatte, aus der tasche 
gezogen, indem der entwender dasselbe wol flir eine gefüllte 
brieftasche hielt. Da wenige tage darnach die Hagenbeck'sche 
truppe bereits Wien verliess, so konnte ich den verlust nur 
ser ungenügend durch die wenigen gespräche und Sätze noch 
ersetzen, welche in diesem gegenwärtigen hefte den titel füren: 
,11. Gespräche und Sätze im idiom der Halenga.' 

Auf meiner ersten reise in Abessinien (1875 — 1876) hatte 
ich keine gelegenheit, mit den Bedscha in nähere berürung zu 
kommen, wol aber auf der zweiten dahin unternommenen tour 
(1879 — 1880), indem ich wärend des aufenthaltes in Barka 
häufig mit männem vom volk der Beni-Amer zu verkeren 
hatte; überdies befanden sich damals in meinem gefolge zeit- 
weilig auch leute des Bischari -Stammes, dessgleichen auch 
Hadendäwa, leider von wenig gewecktem geiste. Uebrigens 



Di§ B«dMy«-SprMh§ in Kordoii-Aftikft. I. 3 

hatte ich mir nur das Studium des Billn und des Kunama als 
eigentlichen zweck dieser zweiten reise gesetzt und dasselbe 
nam auch meine zeit und t&tigkeit vollauf in anspruch. Was 
ich daneben noch gelegentlich und gewissermassen nur in 
wissenschaftlicher genäschigkeit aufhemen konnte, das bedarf 
desshalb wol etwas einer nachsichtigen beurteilung. 

Obwol ich aber wie gesagt, dem Beijauye nur in ser be- 
schränktem masse meine zeit widmen konnte, so hätte ich 
dennoch wärend derselben eine wertvollere Sammlung von 
texten anlegen können, wenn jene Beduan, mit denen ich ar- 
beiten konnte, ebenso geistig geweckt gewesen wären, wie 
meine lerer der übrigen kuschitischen sprachen. Mit jenen 
hatte ich aber einen fortwärenden kämpf gegen ire geistige 
Faulheit und nachlässige ausspräche zu bestehen, und es kostete 
immer eine grosse mühe meinerseits, diese leute bei geistiger 
arbeit in der Stange zu halten. Bei dieser irer beschaffenheit 
darf es auch nicht wunder nemen, dass die wenigen zusammen- 
hängenden texte, die ich von denselben dennoch zu erlangen 
im Stande war, an inhalt und form weit hinter denen zurück- 
stehen, die ich von den Bilin, Saho, 'Afar und sogar den Nuba 
auf leichte art erhielt. Die verhältmässig brauchbarsten dienste 
fiir das idiom der Beni-Araer leistete mir Ahmed -ibn- Mahmud- 
ibn-Idris von der Gabila Ad-Daga, und für das Hadend&wa: 
Mohammed 'Ali aus Suakin. 

Die dem Becjauye - text gegenüberstehende Saho - Über- 
setzung stammt von meinem ausgezeichneten und treubewärten 
diener auf den beiden afrikanischen reisen, dem Saho 'Abdallah - 
ihn -'Ali Dasamojta, der mir meistenteils als interpret zu dienen 
hatte und seines amtes in der denkbar besten weise gewaltet hat. 

Ausser meinen eigenen aufzeichnungen und den meiner 
Vorgänger konnte ich bei meiner arbeit noch benutzen die 
nach dem erscheinen von Almkvist's buch veröflFentlichte kleine 
Schrift von C. M. Watson, betitelt: »Comparative Vocabularies 
of the Languages spoken at Suakin: Arabic, Hadendoa, Beni- 
Amer. London 1888. 8^« 16 pgg., welche obschon dem umfange 
nach unbedeutend dennoch für die ortografie desshalb recht 
verwendbar ist, weil der herausgeber alle Wörter von einem 
gewissen Idris Eifendi, wahrscheinlich einem gebornen Haden- 
däwa-Mann in arabische buchstaben umschreiben Hess, wodurch 



4 in. JLbhsndliiQf : Bei ni seh. 

die fUr die iinguistik so ärgerlichen nachteile der englischen 
Umschrift besonders im vocalismus wider einigermassen behoben 
sind. Watson's glossar enthält Wörter im idiom der Ha4ö94&wa 
welche in und um Suakin hausen. Auch Watson generalisirt 
unrichtig, wenn er sagt: Hadendoa is spoken by the native 
Suakinese, and the greater part of the tribes in the vicinity of 
Suakin, ^the Hadendoas, Amarars, Bisharin, part of the Halenga, 
and as far north as the tribes of the Ababdeh. Femer sind 
seine Amarars i. e. Amar'ar »Amar's Söne«, welche er inv 
tümlich zu den Ha4^94&wa rechnet, nicht bloss dem namen 
nach, sondern auch ethnografisch mit den Beni-Amer identisch, 
von welchen letzteren derselbe ein glossar mit der Über- 
schrift: Beni-Amer gibt, das aber Tigr^ oder Chassa ist, da 
die an den ktlsten des roten meeres nomadisirenden Beni-Amer 
von iren Untertanen, sowie von den benachbarten Habab die 
Tigr^sprache angenonmien haben. Trotz viler übelstände, die 
dem mangelhaften Inhalt und der schlechten metode Watsons 
(nach dem übel bewärten vorbild der meisten Unguistischen 
Schriften englischer missionäre) anhaften, ist Watson's glossar 
immerhin dankend aufzunemen. Fonetisch stimmen Watsons 
Wörter mit den meinigen aus dem idiom der Hadendftwa fast 
durchgehends überein. 



Die Bedftuye-Sprache in Nordost-AfIrikA. I. 



6 



L 
Erzllongen im Idiom der Beni-Amer in Barka. 

1. 
Ein reumütiger sünder. 

1) Tdku edin, ün ü-täk had- Heyöti yind yan, diböl Alä 
dös maldl abkdbu , tiki ndka inArak yind yan^ ummänim ag- 



idir. 

2) ArH rehah rewiyayt, hed'dt 
6 httddöyaös hOy esd'at. 

3) Aüib däbalah iktä'ety do'öb 



difi yind yan. 

Amd-ged vrili kömdl körä yan^ 
galabd-li ülä märd yan. 

Will mäh en4d 4^y igdild 



hoy esinity yam wä siyam höy yan, ay 4äy adddd rimme, lay, 



esninit 

4) ^AllayS-dhäy adgiy tübdn< 
10 enity en^äwayös esd\ 



a§6 dald dkä mktd yan, 

»Hinniydllä gahö,atöbä€ ya, 
iH melal sldiSitd yan. 



1) Eis waf; so erzält man^ einst ein mann, derselbe lebte 
einsam in der wüste und tötete jedermann. 

2) Er zog dann auf einen berg und wonte dort allein in 
einer hole. 

3) Einst zerschlag er einen kleinen stein und fand darin 
einen wurm^ auch wasser und frisches gras. 

4) Da sprach der mann: »ich kere zu meinem gott zurück 
und bereue; < und liess sich bei seinem volksstamm nider. 

2. 
Der taube, der blinde, der lame und der kalköpflge. 



1) Ddba edina: nuwiü, hama- 
idyy garabdy, güäld' emorardm- 



naj en. 



2) Ü'fiiwayakydyt: i^i^^dy his 
16 amAsu ifi^ idi. 

3) Wü-hamaidy: »if^'ay dd'a, 
inda fta han rehendy nefikik^ 
idi. 



Heyd ydjehan: femäm, inti 
mä'liy hankÜ, güäld* siddad mä- 
rdn yan, 

Ay §emiLm\ *8agd-t 'aValÖ 
abik and* yalehd yan, 

Ay inti mä-li: *rummd, heyaü 
amöy sd^ amö abilik and* yalehd 
yan dirdba. 



6 III. Abhandlung: Bei ni seh. 

4) Garahdy yakyäy: ^kirifti Ay hankU: *afd ak na-kamä- 
ki-ddbna.U idi. wäf* yalehä yan. 

5) Ü-güäld' yakyöy: »te-hamö Ay gä'dz mä-li: »hinni gä'dz 
kl-baherisna! € sdi. fcilfdl ed m-i§a,U yalehd yan. 

1) Leute erzälen: ein tauber, ein blinder, ein lamer und 
ein kalköpfiger waren beisammen. 

2) Da sprach der taube: »ich höre da vihstimmen.« 

3) Der bUnde sagte dann: »ja wir sehen rinderhömer 
und männerköpfe.« 

4) Der lame sprach: »wir wollen inen doch wol nicht 
zuvorkommen!« 

5) Der glatzköpfige aber sprach: »wir wollen ja nicht 
unsere kopf^risur in Unordnung bringen (durch laufen).« 

3. 
Ein feigling. 

6 1) Tdku edina, ün ü-tak ma- Heyaüti yind yan^ sayö Ka- 
nt etP en. wayl-li yind yan, 

2) Enda eniallagnik madta- Labahd angd'ik sayöli küdd 
geh eförj r\hdb rewiydna, yan, kömdl kördn yan, 

3) En-nda haiin tdktak däris Heyaü sidda agdifi yubild- 
10 erhiyanik yevftl, en. ged dSrd yan. 

4) Tä-md' höy efäHdnik takdt Ay heyaüti sayö U tosold-ged 
ediVy gn. numd yigdifd yan. 

5) Malydh tä-md\' »5n toä «n Ay sayö: ^täy ka täy ta* yani 
tidiya* ^nik, barus emodehäcj Hl yinge'ini lahahdl kä hirrigdn 

15 m^hdyt irhafnitj inda estöb^nik, yaUy ay labahd kä yigdifdnik 
idimßky batds yiHsni sakydnek, sardl ay sayö kä haban^ ak ya- 
en. ddyn yan. 

1) Es war einst ein mann, der hatte den character der weiber. 

2) Als einst männer in streit gerieten, da floh er mit den 
frauen, und sie kletterten auf einen berg. 

3) Wie er nun die männer sich gegenseitig bekämpfen 
sah, da weinte er. 

4) Als aber die frauen deshalb über in lachten, da tötete 
er eine frau. 

5) Hierauf sprachen die frauen zu im: »du hast doch zu 
ir das und das gesagt,« er aber stritt mit inen. Da zerrten 



Die Bedaaye-Spracbe ia Nordost-AfHk». I. 



sie in, iDclem drei frauen denselben bewachten, zu den männern, 
diese töteten in, die frauen aber verliessen in und gingen 
irer wege. 

4. 

ünehlige kinder gedeihen nicht 



1) Dahaedina: kardy 'ör ihi^ 
hay dibyay inalal hat/ ibi; en- 
da yeawenttj esfadigna^ xoü-ör 
eyd\ en. 
5 2) Oriydriy ö-nihis dehäy efrik- 
nit^ ebisna. 

3) Eyänikj tü-nde waütaneky 
rugüds dehay iharidna, 

4) O'dhdy iyärij tämyäriy mi- 
10 9ta ebirirna, wö-awut dehdy efi- 

gima. 

5) Malyäb 'ör ^äyt, kabydytj 
jind 'är ifri, ü-bdba Mdmmid 
Abddlläb eyddna. 

15 6) Wü'ör efrayik hd^ia ihiy 
tafydy, maldl hay ebe. 

7) Itfariyeb-ka eydy, jiiid ^ar 
adü kirbaru. 

8) ^Dy-taJcdt dartit Äöy, 6^ 
20 farriy&Cy tak ün fidiktit wet 

bä-^idir* en. 

9) Malydb ü-tak vn tö-takatös 
efdigj takdt toet id'tr. 



Yangülä will en^aükä yibild, 
diböl kä btSitd yan; heyaü kä 
hadandnj aükä yase^än yan^ ay 
aüki rdba tdna sügd yan, 

Bodo faräanij aükä sd öbi- 
mniy yo'ogin yan. 

Gähdnik sardl kä ind watd- 
gtdy ddssä ak yurhodin yan. 

Heyaü yamethi^ betdn yan, 
fdrösul tdna HdiUdn yan, ridö 
tdna sirähdn yan. 

Ayk Sarai toili güld' yametd, 
td-li (}lnd yan, mälitd yan, isSi 
bdlä 4ältd yan, kä dbbä Hdm- 
mid Abddllä yalehdn yan. 

Ay bapi yobokdk sardl lubdk 
kä blHtd, diböl kä yuqu*d yan. 

Abokinänti räbd yan, hardm 
haläli 4^ylö ^dlak mi-yana. 

T^l^äylö wdynin-kö tamd hey- 
adti iH nümd hdbö, aki nvmd 
mar*eiitö* yan. 

Ayk sardl ay heyaüti iH nü- 
md (Jljiyd, aki nümd ta mar*- 
eSitd yan. 



1) Die hyäne packte einen knaben und lief damit in die 
wtLste; leute jagten ir nach und entrissen ir den knaben, der- 
selbe aber starb. 

2) Sie begruben den knaben in der wüste indem sie dort 
ein loch aufgruben und denselben darin bargen. 

3) Sie kerten nun zurück und da die mutter weinte, 
schlachteten sie ein totenopfer. 



8 



m. Abhandlang^ Beinisch. 



4) Leute kamen herbei und aasen; man breitete denselben 
matten auf und spannte ein dach über sie. 

5) Damach kam ein jtlngling, er beschlief sie, ein knabe 
kam dann zur weit, sein vater hiess Mohammed Abdallah. 

6) Als der knabe geboren war, raubte diesen ein löwe 
und lief mit im in die wüste. 

7) So oft dieser frau ein kind geboren ward, es kam 
ums leben, hurerei bringt keine rechtschaflFenen kinder zuwege. 

8) Da sagten die leute: »der mann soll wenn er keine 
nachkommenschaft bekommt, seine frau Verstössen und ir die 
Scheidung geben und dafUr eine andere heiraten.« 

9) Da gab nun der mann seiner frau die Scheidung und 
heiratete eine andere. 

5. 
Erlebnisse eines soheoh. 



1) Tdku, edin. gabdb, ritt, 
kiSäb gabähuy mehdy gdwa da- 
irabuy flräy höy endü. 

2) Ma'atüs kassds Hngirdta, 
5 *ani takdt daürit amirik, ti- 

fiyi mhini-ka iddeHr< idi, barüs 
Vrtak ün had*dbu. 

3) Tak d^hdy eydyt: ^mar- 
mhin takdt daürit masalamdt 

10 tifi€ yine, 

4) *Nd-mhin tiflf€ eniky ^wu- 
ardüs sagibu^ edi. 

ö) ^Sangiyik hau ebifn idij 
irbi-t ebma, hidäb sdkyän. 
16 6) Batüs höy t^hiyib en^äioa 
d^hdy eydna. 

7) Yinät yiayiin, batyös dShdy 
eyayty endl hardmi, endü. 

8) *Tamin riydl hltök* eni, 
20 *kd-yhe€ tedi; »tagug riydl hh 

tök^ eniy *keraf€ tine. 



Rohös kin heyaüti yind yan^ 
düyi ka garüdd li yind yan, 
adöhd nümd ll yina yan^ 4^ylö 
way yan, 

Umbakd kä säyö a^ ümd kl 
yinin yan; amdy-kö: T^anü will 
rikil dlä nidd bald ginkö, iäSl 
mar eHmta^ yalehd yan ay he- 
ydüti. Ü88uk reddntö kl yind yan. 

Wili heyaüti bI yamet-d: »A«- 
beltot rikil dlä mang&m ma'd 
bald mdrak tdna^ yalehd yan. 

*Aülä mdrak tdnai< yalehdk 
sardl: *tadik (jlila* yalehd yan. 

»f)eld'dö ddiyam ya^ yuqu'dy 
yaddyn yan^ inkö galdn yan. 

^'iSSi mdrak tind dikil yame- 
tin yan. 

Mango lala* käld yan^ el zi- 
yäritd yan, zind fdld^ tcay yan. 

>Tammand qdrSe kö ahdü^ 
ya, ^anu mä-bstinyö^ tu; ^lam- 
md tdnnä kö ahdü< ya, ^ma'd.U 
ak talehd yan. 



Die Bedaaye-Spnche in Nordost-AfHka. I. 



9) *Gtbdk ki-mb'anj küärdm- 
si-hibüt. eniy >kira!€ tidi. 

10) O-raivyös d^hdy eydyt: 
>nän timrtyaf< edi; '»mlrah 

5 koke k&äramdn bakdy€ idi. 

11) *Te-takdt td'a adanirik 
d^hö kit-ngädy kdnhiht, idi. 

12) Ü-rdü yakydyt: ^kit-ki- 
hdby ibäbtinyik dbiyS agüanid^ 

10 idi. 

13) Ed^ir haldliy ihäbyanik 
güLodib akö ö-rdü yViS gigya. 

14) Ü-rdüy barüs ibäbyanik, 
ahiyis hardmi BbSy te-takät ü- 

15 gü^dd ün esinduky wü-hiyö ibd- 
böb akö ift. 

15) Tißrij um-hiyö iya^ tcu- 
riwüs höy enhdd, 

16) ^Wö-'&rük anib itf ißf^ 
20 eniy T^baruk harö tiblya?€ eni, 

»har^ök kd-bet. ine, 

17) TTö-'ör ünik: *ani bäbü 
6nu< eniy T^barÜk bäbö kittat. 
eniy ö-bäbdy dihdy enity etuwi. 

25 18) Tü-nde: *bäbük önu€ te- 
nity irh^stay *ü-tak bSn bäbdk 
ki'kit tine, 

19) Te-Sarfay ebina fddiga: 
^batük e-takük keydbof* edina. 



»Äö-Zl md-4lnay kü fugutö yö 
hdb kibäft yay *ma*&!€ ak tale- 
hd yan. 

läi sdhebil yametd yan. T^ay 
gdytaft ak esErd yan ay sdheb. 
^gay-m mä-ldy fugütd kibä^ ak 
yalehd yan. 

T^Tä-bäld anü mareHtdnkö yö 
md-rd'tayfaytit tdka< ak yalehd 
yan. 

Kä säheM Qgütd: '»faytit md- 
takay atä tadinkö anü hinni 
daülö€ ak yalehd yan. 

Mareäitdy yaddy yan, yaddy- 
gsd ay iii sdheb ta daülö kä 
häbd yan. 

"Ussuk yeuldy-k sardl ay daü- 
Idnä kin kä sdheb yiflimd yany 
bä'eü aki ülal märd-gedy ta nü- 
md ta zonäwiSd yan ay kä sd- 
heb. 

f)ältd yany ta bä'eli gähd 
yany kä mal bäkitd yan. 

*K& bali yi ginä laf^ ak ya^ 
*atü yö ti(ilima?€ ak yalehd 
yan. T^anü mä-talaminyö^ ak ya- 
lehd yan. 

Ay ball yanebdk aardl: *anü 
ydbbä töüyäy atü ydbbä md- 
kitÖ€ ak yalehd yan ilä'd yan 
ay if ind bd'elä. 

Kä ind: *kü dbbä ä-tiya* tay 
ak tuybuluwd yany *tö-tiyä kü 
dbbä md-klt ak talehd yan iH 
bdlak. 

Arabdl yaddyn yan ay afärd- 
mdri. *tey kü bä'eli aülä kinift 
ak yalehän yan. 



10 



III. Abhandlung: Reinisch. 



20) *Ani kd-kany ka^mda ey- 
än-Mhy dtotcel ün eyB-keb, gehö 
bPiya, ibäbyanik vn eyAyt^ gebö 
biiya^ tene. 

6 21) Wü-^ör: *bäbü önu* edit 
erhisiya ö-guadi dP^käy, öbAba 
etmcdyt 

22) *Bamk sdka! vm-öruk- 
wä te-takatük-wäj malhds egiri- 

10 bin-höka* enit, 

23) Sdkyay rewüs höy enhdd, 
abyesöa sdkya^ kardmat naelib 
ike. 



*Anü lad-liUy umbakd yöyal 
yametin^ awdl-lä ö-ti yametdy 
yö-li dtndy yaddyk sardl tö-H 
yametäy yö-li ^!na« tanak tale- 
ha gan. 

Ay bali: *ydbbä f^tiya A:{m« 
?/«, ay daüldna-l yuybulutcä 
yaii, is^ ind bd'elä kä ilä'd yan. 

Ay arabd: T^küe adü! kä bali 
ka kil ntimäj ay lammd kü Ha'- 
in<^ ak yalehdn yan, 

''Ussuk üSb ak yaddy yan^ 
mal way-k sardl däHmitdnä ya- 
kd yan. 



1) Es war einmal ein mann, derselbe war reich an ver- 
mögen und Sklaven, er hatte drei frauen geheiratet, hatte aber 
keine nachkommenschaft. 

2) Alle seine frauen waren hässlich. Da sprach der 
mann: »wenn ich eine schöne frau finden sollte, wo immer sie 
auch ist, ich heirate sie.« Der mann war ein schech. 

3) Einst kommt zu im ein mann und sagt: »in einem 
gewissen ort lebt eine unvergleichlich schöne frau.« 

4) »Wo befindet sich die?« fragte jener; »ihr dorf ist 
weit weg« erwiderte der mann. 

5) »Wenn auch weit weg, ich gehe hin« sagte der schech, 
er packte zusammen und beide reisten ab. 

6) Sie kamen nun in das dorf, wo jenes mädchen lebte. 

7) Der schech blib nun dort einige zeit, besuchte die 
frauensperson, stellte sie auf die probe, erreichte aber nichts. 

8) »Zehn taler gebe ich dir« sprach er; »ich neme sie 
nicht« entgegnete sie. »Nun so geb* ich dir zwanzig taler« 
sagte er; »gut denn!« erwiderte sie. 

9) »Ich schlafe nicht mit dir, gestatte mir nur dich zu 
küssen!« sagte er dann; »gut so!« erwiderte sie. 

10) Er kam nun zu seinem geftlrten und dieser fragte 
in: »was hast du also erzilt?« jener erwiderte: »nichts, ausser 
dass ich sie geküsst habe.« 



Die B«daujp-8prache in Nordast-Aftrika. I. 11 

11; Und er sprach: »wenn ich nun dieses frauenzinimer 
heirate^ so bleibt sie mir nicht treu, sie wird eine hure.« 

12) Sein geftlrte aber für auf und sprach: »sie wird keine 
hure, denn wenn du verreisest, so werde ich selbst sie bewachen.« 

13) Der schech heiratete also in eren, und als er ver- 
reiste, Hess er seinen geirrten als Wächter zurück. 

14) Als aber jener abgereist war, ging sein gefUrte auf 
verfiirung aus und er der Wächter schwängerte die frau, wärend 
der gatte auf reisen war. 

15) Sie gebar und darnach kam der gatte zurück, er 
hatte (auf der reise) sein vermögen eingebüsst. 

16) Der gatte sprach nun (zu seinem gefkrten): »sieht 
dein son etwa mir änlich? du hast mich hintergangen.« »Nein, 
ich habe dich nicht hintergangen« erwiderte dieser. 

17) Als der knabe erwachsen war, sprach er zum (legi- 
timen) vater: »mein vater ist jener, du bist nicht mein vater« 
und missachtete in. 

18) Die mutter hatte nemlich zu im gesagt; »dein vater 
ist dieser da, jener mann aber (der gatte) ist dein vater nicht« 
und hatte im seinen wirklichen vater gezeigt. 

19) Die vier gingen nun zu gericht und dieses sprach 
zur frau: »du frau, wo ist dein mann?« 

2Ü) Sie antwortete: »ich weiss es nicht, alle (beide) sind ja zu 
mir gekommen, zuerst kam dieser da und schlief mit mir, und 
nachdem er abgereist war« kam j ener und schlief ebenfalls mit mir. « 

21) Der son aber sprach: »der da ist mein vater« und 
wies auf den Wächter hin, den vater aber lehnte er ab. 

22) Da sprach das gericht: »geh* du nur, dein son und 
deine iraa, beide haben gegen dich entschiden.« 

23) Er ging nun seine wege und da er sein vermögen 
eingebüsst hatte, wurde er ein bettler. 

6. 
Der son eines soheoh. 

1) "Ör edln, had'dy 'ör, ktul- Ba^ yind yan^ r^atiH bdlä 
di$ tami tü-nde: >ardü harwdt ki yind yan; üssuk ülä hita 
nuTa:* tedi-hös, yind hil4äj ind: T^heyaütö wä- 

gittd amö!€ ak talehd yan. 



12 



m. Abbandlang: Reinisch. 



2) T^KBraf* edity yiharüty i- 
hdy eydytj amögö wer ihdyt 
eyäyt 

3) Imiäwayik: T^amdgu* tedt 
6 tü-ndey T^mälya dör hdrwa.U 

tidi. 

4) Enijlätoa kassis timmisya^ 
etüküdukty T^engdl enjör höy em- 
hlyiky barös wu^dt md*a /« tedi, 

10 1^ enjör y dit-hök det-ük^^ te-mitä- 
tÜ8 kit-magy enjör edehri-dhdy 
kt-magt. tidi, 

5) Wü-^ör: T^anib barök* edit, 
emgaladnitj mShassib ekSnit^ hi- 

16 ddh ö-riü mardyyärij tiki-ndka 
hidäb edimaj nät wö-^aä eribna, 

6) E-gajB8ö8 höy maamilyit 
ed'mity gär-üs-ka Sa^db-wä ka- 
mit'Wä gabyänity Sn. 

20 7) M^haygdwa gäriska ed'ir- 
nitj haddö kÜmöb ekSnit; efar- 
nitj taktakib yi-dr %cä f-'dr esi- 
dSdd*emit , däwdb tlmmimdb 
eksnity ö-sma mehälyänity duwir 

25 ekina. 



T^Ma*dk!€ ya^ wägiydy heyaütö 
bähd yariy aki abähöytä klntiyä 
bähd yan, 

E-ll b^td-gSdy ind: T^umattyä 
kiniy malammi wägit,U ak tale- 
hd yan. 

Umbakd dik azurik asd, ya*- 
adird yan^ T^inki heyaü bali 
rä%-gedy kdyä dä'imtd amöl* 
ta, * heyaü bali yamd-dö, um- 
mdndö ma'd, anü ku ind, kä 
lafd md-tamay heyaü bali bähl- 
tamij mi-yama€ ak talehd yan. 

Ay bau: »yö ka köyä* ya, in- 
kö yaklni ha-süs ydklUy inkö 
yaklni lä baySdn yan, gayndn- 
mdrä ydgdifin, inkim haböna 
tcdyn yan. 

Inkö 'amild abitdn yan, um- 
mänti Id-kö gdla-kö haytdn yan. 

Ummänti adödöhd *drS fäldn 
yan, inki dik ydkin; ^älani, 
4äldnik sardl tan 4dylö siddad 
mar'Udn yan, muW dik yakin 
yan, sinni migd* yaye'ani bäfö 
yakin yan. 



1) Es war ein soii; eines schech's son^ und da er allein 
asSy sprach zn im die matter: »bring' einen kameraden!« 

2) »Gut!« sagte er, er sachte and brachte einen kamci- 
raden, derselbe aber war nidriger herkanft. 

3) Wie nun der mit inen ass, so merkte die matter, dass 
er ein roher geselle sei and sprach zum sone: »sache dir einen 
zweiten!« 

4) Er sachte im ganzen stamme, aber erreichte nichts. 
»Sache dir nar einen edlen and bring' denselben her!« sagte 



^ Für enditok deine mntter. 



Di« Bedaoye-Spracho in Nordost-AfHIn. I. 



13 



die matter, >ein edler, das sagt dir deine matter, verkommt 
nicht, wenn er aach verarmt, er wird nicht gemein« sagte sie. 

5) Der son aber sprach za jenem: »ich and du (wir 
stehen zusammen)! sie verbündeten sich, gingen zusammen 
auf die lauer, raubten gemeinschaftlich vih, töteten jeden der 
inen unterkam und Hessen niemanden in ruhe. 

6) Gemeinschaftlich machten sie beute indem sie jeder- 
mans rinder und kamele sich aneigneten. 

7) Drei familien gründete ein jeder von beiden und sie 
bildeten -zusammen ein dorf; sie zeugten und verheirateten 
unter einander die kinder. So wurden sie ein voller stamm, 
breiteten iren namen aus und wurden ein volksstamm. 



7. 
List eines mädohens. 



1) Tdku ecUfiy 'öt ibirey tun 
tö-'ötüs daürit tiß, en. 

2) Bäbüs ibäbyay ibäbyanik: 
^ö-gddi dähäy m^häy SB yaf dr 

6 barCy batuk ö-gddl d^hdy bayl-t: 
ö-ya/ö kudae-heb diU tö-'öti dä- 
hdy idi, ^Kira!< Udi, 

3) Baris ün ü-tdk ibabya^ 
hari tö-'ötü8 ö-gddi dBhay tebe, 

10 etanik: *ö-yafö küdse-Jab.U tin- 
niky barüs: T^gebö bit-^mba^ik 
kduk$i'höki€ edit ihabi; batus 
Bokta. 

4) Wdldli dähäy tebi, etanik: 
15 »d-jfdcft dMhäy mihdy lüib dbare, 

(Hfafö seküdse-hibl^ tinnik, mä- 
kdy ämbe* dihdy Btanik, barüs: 
ygebö bitBmbaik kdukH-hoki* 
edit ihabiy batüe adkta. 
20 5) Malyäb tun tö-'&r ö-sultani 
dihdy^ reHtdyt: *ö-gddi d^hdy 
nMiAy isb dhare, ö-yafö küdse- 



HeyaUti yind yan, bald li 
yind yan, ay ta bald dlä ma'd 
kl tind yan, 

"Ussuk yaseferd yan, aafard 
Qgutd-gSd: i^qädld adöhd baül 
liyöy ak eßdi.U ak ya\ehd yan 
ay iH bdldk. i^Ma'dkU ak ta- 
lehd yan. 

^'Usauk yaseferdk sardl ay ta 
bi^d qddl U taddyj tametd yan: 
*ya hdqqe yö efdi!< aJc talehd 
yan. ay qädiy kö afddwö yöll 
4ln! 4^nd'Waytdnköj mdfdiya^ 
ak yalehd yan; UH taddy yan, 

Wäkllil taddy yan, wäkilik: 
T^qädid adöhd baül liyök ak yö 
eyfidi.U ak talehd yan, ^Ma'dk, 
lakin yöli 4^ndrwaytdnkö , kö 
mdyfidiya-k* ak yalehd yan, iSH 
taddy yan, 

Äyk sardl ay bald sulfdnal 
taddy yan^ ay sultdnak: *qädid 
adöhd baül liyök ak yö eyfidi!^ 



14 



m. Abhandlangt Beinisoli. 



hsbl€ tinneky ^kira, Ukdyt 
md'i.U edi, 

6) Ü-mha niShyanik tö-'Är te- 
'agdrt ö-sultdni d4hdy Hanik: 

5 T^batük gehö ^mbitaniky ö-yafök 
küasitöky mhhdy Hh käaHtöky ge- 
hö biUmbaik, kduksi-höki* idi, 

7) »Kira.U tedi, *dne söyök 
dndi wäkti-d^hdy md'a.U t-ediy 

10 te'Ü. sdkta. 

8) O-gawöa Stanek saiidük wun 
te8dd\ mj^hdy bäb höy fsBdd\ 
^ngdr-ka {abldt d&hdy tesdd', 

9) Malydb ö-gadi d6hdy: »m:ö- 
16 ^dsiri wäkti vuVaf^ sötay tediy 

wö-wäkili dehdy: »6-iigrebi toäkti 
nuVa.U sötay tediy ö-sultdni 
dehdy: T^wö-a^dyt middddi dS- 
hdy md'a.U sötay tidi, kassis 
20 Sötay gdr-ka: ^wäkti-dhdy md'- 
ana.U tidi. 

10) Ü-gddl wö-dsiri iydyt^ ö- 
bdb katjlaüSydy^ Sümyay, 

11) Barös nedlib hVisydyt; 
26 adumyänity yam wd 'aü wA 

g&agü'usyänit , ^ngerdb wäkil 
Bya. 

12) 6-bäb ktufaüSyanik: »6d- 
byü ö-wäkil i-hökat. tidi. 

30 13) Yakyanik: »nä-mhint at- 
faritt. enity Tund'al^ tenit; em- 
balbalöyanik sandüki bäb Sngdr 
rehestdyy höy btiydyt, batus in- 
ki tdbbdltäyt, 

35 14) Ü-wäkil eyanik sümydyty 
ne^dllb bViydyt; adv/myänit^gah- 
tüdt wä yam wd aüt wd gtka- 



ak talehd yan, *ma'ak! birä 
gäh.U ak yalehä yan, 

Malammi mäh el tametd yan 
sulidnal: *yöli dlntdnkö anükö 
ayfaddwöy ay adöhd haül ay- 
faddwöy (jdndrwaytdnkö kö rndy- 
ßdiyd€ ak yalehd yan. 

T^Ma'dy anü kök alehd wdqtid 
yöl amö!€ ak talehd, ak taddy 
yan. 

Ui 'dred orobtdk sardl nabd 
sandüq siräx^ittd, adöhd bäb 
el abiSSdy ummdn bäb qülfe ak 
abi§Sd yan^ 

Ayk sardl ay qädik: *al-dsre 
yöl amöf* ak talehd, ay wAkt- 
lik: ^nidgribil yöl amö!^ ak 
talehd yan, ay sulfdnak: T^cd- 
'iSd yöl amö!^ ak talehd yan, 
ay adöhd-kö v/mmantiyak : *ay 
kök alehd wäqtid amÖ!< tdnak 
Uclehd yan. 

Ay qddl al-dsre yametd, bäb 
yalehd, orobd yan. 

Ardtal kä sldiSSd yan. üssün 
tvansitdn-gSd, lay ka maldb yo- 
'obdn-gSd, mdgribil ay wäkil 
yametd yan. 

Bäb yak sardl: '»ydbbä wä- 
kil yametdk öK dbnöf* ak teh 
lehd yan qddlk. 

Ay qädi: ^düla-kö dwe'ö.U 
ya, mayHtd ya/n. *ak tawe'd 
erki mdltö, tä sandüqi adddd 
zä!< ak talehd yan, kä zaySid, 
kä aliftd yan. 

Wäkil yametd, orobdk sardl 
ardtal sidüitd yan; wansitdnr 
ged, bün, lay, maldb yo*obdn^öd 



Dto Bdboyv-Spncbe in 5oH«it*A4H1ra. I. 



15 



guHsyänü j wo -^aidy tvltän 

^Ifilfij ^-i^ kcufaüiyay, 

lö) SultAn ö-bäb ka4aüiya' 
nik: ^höhyU ö-icäkil e-höka^ ön 
5 ö-fohin manriyik'höky edir-hök 
ende* tedit ö-icAküi dihny. 

16) Sitrd yihera akö yakya- 
neky »üMfa/c tenüj ^sakinydykik 
ani ntrdb rehesatök* tenity sanr 

10 duki bäb reheHiyty höy bfyOy 
inki t^ibbdlta, 

17) Malydb ö'4^fdb iengiUj 
ö-wUqh ö-^cucös iümiydyty ne- 
dlib barös biisydyty ö-9ultdni 

15 tiri mis ddstdyty gahawdt-wä 
'aüirwä inki dästdyt, 

18) Mdlya drha tefrd't kUa- 
työB dBhdy: ^ö-bdb dihd katfäü- 
Ü/c tenity teiäy iümta ö^avDös 

20 ^i-Mulidni dihdy, 

19) Adumyän efinuy bün g&d' 
yän, aüt güd'yän, malydb kiSd 
ö-bdb kcufaüita. 

20) O-bdb ka4aiUtanik: »6d- 
25 byü ö-wakil i-höka* tedi. 

21) Yakyanek: *ndmhini talä- 
gdmanif< enniky •^maa!«> tenity 
ö-^andäki bäb rehestdyt, höy 
Ümyay batüs inki tabbdlta, 

80 22) TJj-'ör baris te^ii, ö-gaicös 
JHkmtdyty natayty nüihdy baün 
ö-^and&ki fiib ndyyän. 

23) JFajir ü-mhd mlähyd'n'höb 
tmr^mdiriya: ^sultdny ü-gddi-wAy 



al-'iid ay sultdn yamet4y bäb 
yalehd yan. 

Ay sultdn bäb yalehdk sardl: 
»y dbbä tc(}kil yametdk tA-rki 
dkä garaytd-döy kü ydgdifat ak 
t^lehd yan ay wdkilik. 

Ay icäkil ak suütö Qgüt4-g9dy 
ay bald: T^dyke üssnk ifärd-fany 
anü mä'arö kö aybaldwö* iay 
wili bdb-kö sandüqud kä zayiidy 
ay sandüqud kä aliftd yan. 

Ayk sardl ay sultdna ak 
faktdy üi *drid orbiHdy kdyä 
arätal sidiSSd y sadaqd »ülfän 
dfal agägi§Sdy bün ka maldb 
sadaqd bukdl öbi§§dy dkä tohöy 
yan. 

Amdyk sardl iH mä'anddl 
tawe*d: »sd'ak sardl bäb käh 
ii.U ak talehdy orobtdy iSi sul- 
tdnaly üi ardtal gäxtd yan. 

^'Ussun tcansitdn yany bRn 
yo'obln yany maldb yo^obin yan. 
ayk sardl ay mä'andd bäb Uh 
tokd yan. 

Bäb totokdk sardl ay bald: 
*y dbbä wäkil yametd< talehd 
yan. 

Ay sultdn ogütd: ^aülä sU'ii- 
töf€ yd-gedy ay bald: T^amJ&wa!* 
tay sandüqi bäb ak tuybuluicay 
nssuk orobdk sardl iSSt kä a- 
liftd yan. 

Amä-g^ tan häbdy betbitö 
adddd orobtdy tihdird yauy ay 
adöhd heyaüü sandüqi adddd 
yahidirin yan. 

Bäiö maxtdk sardl umbakä 
dikti ridün: ^svl(än aülal ycc- 



16 



in. Abhandlung: Rein i sc b. 



ö-wäkil ndysö ebenf hak wä bak 
irdc mity yiherüTia, 

24) Malyab tö-^Or tun e-bäSti- 
wdty y^-agäwdt vmatdyt, kanka- 

5 räb d&hdy dadäatäyt, gdhawät 
güa'stdyt. 

25) Malyab ö-sandäk tiafayiky 
ö'fib dästdyt: ^mäsüna! ani 
ö-yafö ihabinü bak aüer^ tedit 

10 sötäyt. 

26) *Sandük4ilibinaI< tedity 
ö'fHb ddsta, 

27) Mala Se ^iigir esilmt; 
:»aftdllä€ tinniky m^hi-Se ingdr 

16 esümt. *hi-nuia!€ tenit, höy 
tihay. 

28) T^Än dnda bdk-wä hak- 
wä edin-heby am wö-hardm an- 
ribit d^hdy bak aü&Ty äiidükna 

20 dn ö-mhin efina< tedit d^hdy. 

29) Mamhdl-i'dhdy ö-mftdh 
tihay tiftäh-e-dkay, 

30) Bak tuwBr to-or tun, ö- 
yafos tesküsiy en. 



ddyy qddi aülal yaday, wdJcä 
aülal yaddyi< yani tan wägl- 
ydn yan, 

Amd-g^d ay bald dikti ridün 
tan däHmtdy mdmbünd tan sl- 
diHdy bün tdna to8*obd yan. 

Ayk sardl ay sandüq tuhu- 
qua, tan adddd öbHisd: T>obd!< 
ta, *Ü88ün ya hdqqe yö hendnik 
sardl tamdhe abd* tdnak taie- 
hd yan, 

»Tä sandüq aji <jl<^mitaf€ td- 
nak talfihd yan. 

Willti: »lammd baül 6l ahdyt 
ya, »yök dagö* td-gSd T^adöhd 
badl el ahdy< ya heyaüti (fa- 
mitd yan. 

»Tamd heyail tdhe tdh^ yök 
ydlehdn, anü hardm hend-geddd 
täy dbd< ta, sin heyaii törki si- 
nak sügdn ku tdnak talehd yan, 

lawd'öna meftdh^ bäxtdy tan 
faktdy tan (}ilitd yan. 

Bald täy abtd, üi mal tifdi- 
yd yan. 



1) Es war einmal ein mann, der hatte eine tochter, diese 
seine tochter war schön. 

2) Ir vater verreiste. Als er seine reise antrat, sprach 
er zu seiner tochter: »ich habe an den qadi eine forderong 
von dreihundert talem, geh' du zum qadi und sprich zu im: 
zale mir meine schuld!« »Gut!« sagte das mädchen. 

3) Der mann nun verreiste, seine tochter ging aber zum 
qadi und sprach zu im: »zale mir meine schuld!« Er aber 
sagte: »wenn du nicht mit mir schläfst, so zale ich dir nichts« 
und entliess sie, sie aber ging irer wege. 

4) Sie ging nun zum wekil, und sprach zu im: »ich 
habe an den qadi eine forderung von dreihundert talern, er- 



Die B«d»Q7e-dprache in Nordost- Afrilm. I. 17 

wirke mir die zalung!« Drei tage hindurch ging sie zu ini; 
er aber sagte nur: »wenn du nicht mit mir schläfst, so zale 
ich dir nichts,« entliess sie und sie ging irer wege. 

5) Darauf ging diese tochter zum sultan hinauf und sprach 
zu im: »ich habe an den qadi eine forderung von dreihundert 
talern, zale mir diese schuld!« »Gut!« sagte der sultan, »komm' 
meinen wieder!« 

6) Den folgenden morgen kam das mädchen wieder und 
da sprach zu ir der sultan: »wenn du mit mir schläfst, so zale 
ich dir die forderung aus, widrigenfalls aber nicht!« 

7) »Gut!« sagte das mädchen, »ich werde eine zeit an- 
geben, wenn du kommen kannst;« sie ging dann irer wege. 

8) Sie ging heim und liess hier eine grosse truhe mit 
drei ttlren machen und an jede tiire ein schloss. 

9) Damach zeigte sie dem qadi an, er solle um asser 
zu ir kommen, dem wekil aber, er möge um magrib kommen 
und dem sultan bestimmte sie die zeit um ischa, einem jeden 
bestimmte sie eine gewisse zeit. 

10) Der qadi kam also um asser, klopfte an und trat ein. 

11) Das mädchen wies im einen platz auf dem sopha an, 
sie schwatzten dann zusammen und reichten sich gegenseitig 
Wasser und honig. Da kam gegen magrib der wekil. 

12) Als dieser an die türe pochte, sprach das mädchen: 
»meines vaters anwalt ist über dich gekommen.« 

13) Als jener aufschreckte und sagte: »wohin soll ich 
entwischen?« erwiderte sie: »komm* nur!« und sie zeigte im 
eine türe jener truhe, da legte er sich hinein und sie schloss 
die türe ab. 

14) Nun kam der wekil herein und setzte sich auf das 
sopha; sie schwatzten dann und reichten sich kafS, wasser und 
honig. Da kam um ischa der sultan und pochte an die türe. 

15) Wie nun der sultan an die türe pochte, da sagte 
zum wekil das mädchen: »meines vaters anwalt ist über dich 
gekommen; wenn er dich hier findet, so tötet er dich.« 

16) Als nun der wekil aufsprang um ein versteck zu 
suchen, sagte das mädchen: »ich werde dir ein versteck zeigen, 
biß jener wider fortgeht,« zeigte im dann eine türe jener truhe, 
dahinein legte sich der wekil und sie schloss dann die türe zu. 

Sitsnngsber. d. phil.-hist. Cl. CXXVIII. Bd. S. Abb. 2 



to ni. Abbandltmg: Bainiieh. 

17) Hierauf öffnete sie die türe des hauses, fUrte den 
Sultan ein^ setzte in auf das sopha^ stellte vor in einen tisch 
hin und setzte im kafö und honig vor. 

18) Dann ging sie hinaus zu irer magd und befahl der- 
selben: »klopfe mir später an die türe!« hierauf ging sie wider 
hinein zum sultan. 

19) Sie schwatzten dann zusammen und tranken honig 
und kafS. Da klopfte die magd an die türe. 

20) Wie diese an die türe pochte, da sagte das mädchen: 
»meines vaters anwalt ist über dich gekommen.« 

21) Als der sultan aufsprang und fragte: »wo soll ich 
mich verstecken?« »Komm* nur!« sagte sie, zeigte im eine 
türe der truhe, dahinein legte er sich und sie schloss die türe ab. 

22) Nun verliess sie das mädchen, ging in sein gemach 
und übernachtete, jene drei aber blieben die nacht über in 
der truhe* 

23) Am folgenden morgen vermisste sie die regirung und 
man fragte: »wohin sind denn der sultan, der qadi und der 
wekil gekommen?« man redete hin und her und suchte sie 
überall. 

24) Da berief das mädchen die pascha und aga, wies 
inen sitze an und bewirtete sie mit kafä. 

25) Hierauf Hess sie die truhe bringen und setzte sie in 
ire mitte und sprach: »hört! weil man mir meine rechtliche 
forderung verweigert hat, so tat ich also« und erzälte den 
hergang. 

26) Darnach sprach sie: »nun kauft mir die truhe da ab!« 

27) Da bot einer zweihundert taler und als ir diese nicht 
genügten, so bot ein anderer dreihundert. »Gib her!« sagte sie 
dann und nam das geld. 

28) Und sprach: »diese männer sagten so und so zu 
mir, da ich aber die sünde verabscheue, so tat ich also; eure 
männer sind nun da drinnen in der truhe.« 

29) Sie nam nun einen Schlüssel, damit jene befreit 
würden und öffnete inen. 

30) Also handelte jenes mädchen und machte sich ire 
forderung bezalt. 



Die Bedaaye-Spraehe in Nordoct-Afrika. I. 



19 



8. 
Der eiel und das kalb. 



1) ifsk wä Idga hidäb esnin 
^ maldlib, 

2) Ü-mik uwiriy ü-ldga uwin^ 
dima maldlib esnin^ Sn, 

6 3) 0-mik: *ü'8aniyf< edit 
ö-rdwi dhäy. 

4) *Nän Uharü tShdyaf^ edit 
uH-yö ö-miki dhäy, 

5) 0-mik: *hanit yi'dni^ edit 
10 wö-yöy-dhäy. 

6) O-mik: >hanit yVdni^. 
inik: T^SöbSay hdna! ü-dhdy bl- 
masiwik'hök€ edi lou-yö, 

7) Ü-7nik ö-rAwi dhäy: *ngnl 
15 dör hanit dne^ idi. 

8) Wü-yö: T^SobSay, SöbSay! 
ü-dhdy emstü-hön, ö-maldli de- 
hant temdü-höm edit ö-miki 
dhäy, 

20 9) Malydb ü-mik hdnya, 6grf- 
d6r maldli d^hant Üfl; har*i 
hdyho timdfü, 

10) Malydb tü-bdyho: innekit 
hau amdsu* tedi-hösna. 
26 11) »Malydb bd-hani.U edina, 
T^bat&k hanrlwi-ndka niyaü- 
hdkij malydb bimTnäsiwiky ngdl- 
kä küaldy dähöki ddsnay* edina. 

12) Malydb ü^mBk mdlya dör 
30 hdnyaj bards kassds emäsüna; 
iö-hayhöti dehdy döf ehina. 



Dandn ka rügä inkö märdn 
yan diböl, 

Ay dandn nabd yakä yan^ 
ay rugä nabd yakd yan^ um- 
mdngSd diböl märdn yan. 

Ay dandn: i^yi azd 8a*dlö,U 
ak yalehd yan ay sdhebik. 

T^Ay fdl(}af< ak yajeha yan 
ay aür ay dandnak, 

Ay dandn: »anü hü hü hü 
aldhö€ ak yalehd yan ay aüruk. 

Ay dandn: ^^anü hü aldhö* 
yak Sarai ay aür: •»endaü elik, 
heyaü kü yabdninkö* ak yalehd 
yandaninak. 

Ay dandn ay sdhebik: *inki- 
gSd hü aldhö€ ak yalehd yan. 

Ay aür: ^eniati eniati elil}! 
heyo ka dibi alüld nö yabdnin- 
kö€ ak yalehd yan ay dandnak. 

AmAyk sardl ay dandn an- 
dähd yan, ay wdqtid dibi alüld 
inkö rdkbe asdn yan; amd-gSd 
wakari kä tobbd yan. 

Ayk sardl xcakari: T^danäni 
anddhä öbbat tdnak talehd yan. 

'^Malammi gabdy anddhö, a- 
md-gSd atü faltjldnkö kö dbna, 
malammi gabdy andähd-^dynkö 
ilölu kü nagdröm ak yalehdn 
yan. 

Ay dandn m^alammi andähd 
yan^ ay inkö a^sdm tobbd yan; 
sard ay wakari da'amtö dkä 
yohöyn ydn. 

2* 



20 



III. Abhandlung: Reiniscb. 



13) Hart wü-hädcfa: ^saki 
Sibhit.U tö-bayhöti-dhdy, 

14) Tibi bdyho miki-dShdy, 
Stdyt: T^dürü wü'hd44a ragadök 

6 öngdr kiVat hiy^ba! edi-höka* 
tedit, 

1 5) Ü-mik : » kira ! « ediy raga- 
dö8 dJBhay iktd\ ihiyik te-lagi- 
üb tü-bdyho barös bd-s-katim 

10 amtdy tedHt, 

16) Malydb dShdy Stdyt: wo- 
ayök wo ragadök kit*a hiySba.U 
iedi miki dShdy, 

17) Ü-mSk: »bak dlyi ^-ror 
15 gdda^ f(^dig komi höy tihi tis- 

hdrrij dne nän ddan^ft edit 
bayhöti d&hdy, irib. 

18) Har'i tü-bdyho ö-yöy-d^- 
hdy Udyt: T^dürü wü-hdtjl^a H- 

20 bot saldmi-höka j ragdd dBhd 
ketaaf edi-hökat tidi, 

19) Malydb wü-yö: T^saki-dl: 
baruk idkua, ani tdku; tB-kvr 
Utek s^haldty ani S-d'ayB Ss- 

26 haltit ylani-höka^ edi tö-bay- 
höti dShdy. 

20) Tü'bdyho hd44i dähdy 
sota: ncü-yö ön wä ön ©iw« 
tidi. 

21) Hari tcü'hd(}da hireri 
30 dshdy iya, em'allagnitj wü-yö 

ö-rdü debiHyay edir^ emödah. 



22) Malydb bdyho: *dürö te- 

dir-hebj ön wö-hirbo dibsa!^ 

tidi, 

35 23) Wü-yö wö'hirbo dibiH- 

yanik: »ön diyä-yök köke^ ön 



Amdyk sardl lubdk: »tabdlö 
adü!^ ak yalehd yan wakarik, 

Ay wakari dandnal taday 
yan, il tametdk aar dl: ^y'dbö 
lubdk toili lak tigrCd yö fär 
kök yalehd 4i ak talehd yan. 

Ay dandn: »ma'd.U ya, toili 
iH lak yigrid, dkä yohöy yan. 
amd lak wakari ardhad M 
bUtd yan, 

Malammi Sl gäxtd yan dand- 
nal ay wakari: *kil hard tigrxd 
yö ohö.U ak talehd yan, 

Ay dandn: »tdhS tdnkö yi 
Idkökj afard täkdt yökö bäktd- 
gSd ay dböf^ ya, dkä hend yan. 

Amdyk sardl ay wakari aü- 
rul taddy yan: T^ydbö lubdk 
saldm kök yd, tcili lak tigrVd 
yö fdrf kök yd<t ak talehd yan. 

Ay aür: * taddy ayi lubdk: 
atü hdylä la kitö, anii, hdylä 
la klyöy atü kü ikök teyliligdky 
anü yi göz eyliligdk sardl köyal 
dmita^ ak yalehd yan, 

Ay icakäri gäxtd: »aür tdhS 
tdhe kök yd* ak wänSSd yan 
lubdkak, 

Amdyk sardl ay Ivhäk yaddy, 
Sl yametd yan ay adrul, yun- 
dufulin yan, ay aür ay IvhAk 
kä rädiSd, kä yis'ird, kä yig- 
difd yan. 

Ayk sardl ay wakari: '»y'dbö 
tigdifa, ay mdmbar kä rädiü!* 
ak talehd yan. 

Aür ay mdmbar rädiädk sa- 
rdl ay wakari: »dhld kök mä- 



Die Bedaoye-Sprsche in Nordost-Afrika. I. 



21 



ö^ba dibsa! an fiöka* tenit 
dihäy. 

24) Wü-yö dShdy farriyanik 
ö-nga xktdL iyd\ 

5 25) Ndäb hasamin erhitanik: 
*{haj maa! tön te-Satö dShd 
sdya! taräbis aniühdka^ tedi 
tü'bdyho. 

26) *KBraf tarab tenlwik-hsb 
10 an asfd* edi dShäy, Syanik tö- 

'aü-t-ös däsiydyt, tö-Sd* esayit 

27) Ü'tdk tö-Sd' esdy-ne-höb 
tü'bdyho tö-^dü ö-gaW'ös hay ti- 
bdyty amtdy ted^it, titkudukty 

16 ambdb t-haHdt tetib, tehakür-t, 
dihdy Ua. 

28) Malydb ü-tdk: ^^tarabi 
htyibif€ edi tö'bayhöti dähdy, 

29) T^Tardb diya-yök kdke, 
20 ragdd adi-hök bakdy* tinikj 

»kdyJie* eni irtak. 

30) »Ä5-^ bakdy wend hiyät- 
ök käke< tinOky ü-tdk tehaüatös 
ihdyt ö-aüg ebi^ M. 

26 31) Efdigrdt eSbibnek ambdb 
aki erhiyäna. 

32) Malydb ün ü-tdk: »en^4- 
voayäj tak thenik inadna! adü- 
mdd ddhökna ad'i Bß^€ idi-hösna, 

80 33) ^bdyho dSh6sna ebSnit 
iyäna: »ön tb-fna fafardna!< 
erat; fafariyannik kassds etkü- 



lahiniyöy ay kömä rädU kök 
talehd* ak talehd yan, 

Aür ay kömdl habbd el Ud- 
ged, ddrre ak yigiddildy räbd 
yan. 

Wili heyaütö tiläbiädtl tubi- 
Id-ged: »Aöe, tä hadö yö hadiltö 
amo! ta abld kö ahdwö^ ak ta- 
lehd yan wakaH, 

T^Madk! tä hadö abld yö 
bäxtddö hddilö€ ya^ yametdk 
sardly i§i baskd bälöl öbiid, ay 
hadö hadild yan. 

Ay heyaüti ay hadö hadild- 
gld ay wakari kä baskd iH 
'dred bäxtd, bUtd, bäktd yan, 
ddö hdgge-kö tamegäy tulutod, 
ay heyaütö ak gähüSd yan. 

Ayk sardl ay heyaüti: T^ya 
hdqqe, abld hadötiyd yö oh6!^ 
ak yalehd yan. 

T^Lak kibä akim kök mälaht- 
niyÖ€ ak talehd ysm wakari; 
*md'fala< ak yalehd yan. 

Ay wakari: »tiraü kibä akim 
kö mdhay* talehdk sardl ay 
heyaüti iSt ddö yuqu'd^ adagdl 
yaddy yan. 

Stdö fakdn, iläldn-gSd-dd 
hdgge adddd kini-kä yubilin 
yan. 

Ayk sardl ay heyaüti: '»yi 
dik-mdräj labahd takdnlnkö a- 
mäwä! tekBr miak dbö€ tdnak 
yalehd yan. 

Wäkeral yaddyn , yametin 
yan: '»mahaf af bukdl küdu- 
mdntäft tdnak yalehd yan : kü- 



22 m. Abhandlung: Beiniseh. 

auknity batüs timhit; fartanik dumdn-ged v/mhakä bäkitdn 
tö-fna ihayt edir, yan, iSH ülä rä'id yQ>n; küdum- 

td-gSd üssuk nuihälöli ta yigdifd 

yan. 

1) Ein esel und ein kalb lebten in der steppe beisammen. 

2) Der esel wurde gross, ebenso das kalb und sie blieben 
stets in der steppe. 

3) Da sprach einst der esel zu seinem kameraden: 
»0 mein bruder!« 

4) »Was willst du?« erwiderte der stier dem esel. 

5) Da sprach der esel zum stier: »ich möchte ija sagen.« 

6) Der stier erwiderte im: »so mache es nur recht leise, 
damit man dich nicht höre.« 

7) Der esel sagte dann: »nur ein einziges mal will ich 
ija sagen.« 

8) Der stier erwiderte »nur recht leise, recht leise, damit 
leute und vih uns ja nicht hören.« 

9) Da ijate der esel; es waren aber damals die wilsten- 
tiere bei einer Sitzung und da hörte in der fuchs. 

10) Da sprach zu inen der fuchs: »ich höre ein esels- 
geschrei.« 

11) Sie erwiderten im: »er möge noch mal schreien, und 
wir wollen dir geben, was immer du willst; wenn wir in aber 
nicht ein zweites mal hören so werden wir ein jeder den stock 
auf dich legen (dich prügeln).« 

12) Da ijate der esel nochmals und sie alle hörten es; 
da gaben sie dem fuchs ein geschenk. 

13) Hierauf sprach der löwe zum fachs: »geh' hin und 
schaue!« 

14) Der fuchs ging und kam zum esel und sprach zu 
im: »mein oheim, der löwe, sagt zu dir: schneide dir ein bein 
ab und gib es mir!« 

15) »Gut!« sagte der esel, er schnitt im ein bein ab und 
gab es im; auf dem wege aber frass es der fiichs selbst one 
es zum löwen zu bringen. 

16) Er kam dann abermals zum esel und sprach zu im: 
»schneide deine band ab und gieb sie mir!« 



Dia B«d»ii7e-Spnclie in Nordost-Afrika. I. 23 

17) Der esel aber erwiderte im: »wenn du so redest, so 
nimmst da mir die beine und die vier fussspangen, was sollte 
ich dann machen« und wies in also ab. 

18) Hierauf kam der fuchs zum stier und sprach zu im: 
»mein oheim, der löwe, grüsst dich und lässt dir sagen: schneide 
dir für mich ein bein ab!« 

19) Der stier erwiderte im: »geh nur hin und sag* im: 
du bist ein mann, ich bin auch ein mann; wetze deine zahne 
und ich werde meine hömer wetzen und zu dir kommen!« 

20) Der fuchs ging nun zum löwen und berichtete im: 
»so und so hat der stier gesagt.« 

21) Da lief der löwe hin zum stier und sie rangen, der 
stier aber warf den gegner und tötete in. 

22) Da sprach zum stier der fuchs: »du hast mir meinen 
oheim getötet, nun wirf da diesen hügel um!€ 

23) Als der stier den hügel umstürzte, sprach der fuchs: 
»den da habe ich dir ja nicht angesagt; diesen berg da wirf um!« 

24) Da stürzte sich der stier auf den berg, brach sich 
den rücken und starb. 

25) Als nun der fuchs einen mann vorübergehen sah, so 
rief er diesem zu: »heda, komm', und zerteile mir das fleisch, 
die hälfbe davon gebe ich dir!« 

26) »Gut!« sagte dieser, »wenn du mir die halbscheid 
giebst, so zerteile ich es,« und als er herbeigekommen war, so 
legte er seinen honig(sclilauch) nider und zerteilte das fleisch. 

27) Wärend nun der mann das fleisch zerteilte, trug der 
fuchs den honig in sein haus, frass in aus, füllte dann den 
schlauch mit seinem dreck an, band in zu und kam nun hin 
zum mann. 

28) Da sprach der mann zum fuchs: »nun gieb mir die 
halbscheid!« 

29) Dieser aber erwiderte: »die halbscheid hab' ich ja 
nicht gesagt, nur ein bein versprach ich dir.« »Das neme ich 
nicht« sagte der mann. 

30) »Nur die leber gebe ich dir, sonst nichts« sagte der 
fdchs; da nam der mann seinen schlauch und ging fort zu markt. 

31) Als man dort den schlauch öffnete und hineinsah, 
erblickte man nur dreck. 



24 



III. Abhandlung: Bein is eh. 



32) Da sprach der mann zu den leaten: »landsleute^ 
wenn ir männer seid^ so kommt^ einen schmaus will ich euch 
zubereiten!« 

33) Sie kamen nun zu den füchsen und befahlen diesen: 
»springt über diese lanze!« Sie sprangen und brachten es 
fertig, jener fuchs aber blieb zurück. Als er sprang, tötete 
in der mann mit der lanze. 

9. 
Der Schakal und das lamm. 



1) Bdyho anö-t 'ör emara- 
rdmna, ina. 

2) An malhds axcAnnay mal- 
yah imalldgna. 

5 3) Bdyho dima höy dibya, 
malydb bdyho: ngdl hob dShd 
diba!< enit 'anö-f'öri-dShdy. 

4) DShdy ilbya, en. malydb 
ü-bdyho inki ead^-tj i-mana 

10 tdmyay Bna. 



Gawihtö ha aydö bald siddad 
m^än yan. 

Ay lammd yaneMn yan^ amdyk 
Bardl yundufulin yan, 

Ay gaweiti ummändö rädd 
yan, ^inJä-ged yö hälit.U ak ya- 
lehä yan ay aydö bdlak, 

Hälitd yaw, amdyk sardl ay 
gaweliti amöd ak dafdy yan^ 
uW ak bstd yan. 



1) Der Schakal und das lamm waren gespilen. 

2) Beide erwuchsen und rangen dann miteinander. 

3) Da fiel aber jedesmal der schakal. Da sprach er zum 
lamm: »so fall' doch mir zu liebe auch einmal!« 

4) Nun fiel das lamm. Da setzte sich der schakal darauf 
und frass dem lamm die eingeweide. 



10. 
Der schakal und das zicklein. 



1) Bdyho nait 'ör e-malälib 
hidäb esniny en. 

2) ^Wu'hä Tibbüs Rakd-yt- 
'ör, nän trhetayf^ enniky *nät 

16 r^hdb kdke, malälib te-näHt-'ör 
esinük, kit-tamta edina,< 



Gawifitö ka bakdl diböl sid- 
dad märdn yan, 

Gaweljtti: *kü4 Tibbüs kaRakd 
bdläy ay tubilaf^ yalehd yan. 
^inkim m^äbalinyö, diböl bakali 
kök sügdnköy kä mä-bitta-k yan^ 
ak yalehd yan bakalL 



Die Redftoye-Sprftche in Nordost-AftrikA. I. 



25 



3) »Am amsi mhä gadbü *Anü kumäl dawä o'obankö 

akö ka-'^ü-hok^ idi bdyho. kü ma-häba^ ak yalehä yan 

gawiktl. 

1) Ein Schakal und ein zicklein waren in der wüste 
beisammen. 

2) Da sprach der schakal: »du son von Tibbus und der 
Raka, was hast du gesehen (zum fressen für mich)?« Das 
zicklein erwiderte: »ich habe nichts gesehen; man sagt aber, 
wenn du in der wüste ein zicklein triffst, so fressest du es nicht.« 

3) Da sprach der schakal: »da ich aber gestern arzenei 
getrunken habe (daher fasten musste), so lasse ich dich nicht aus.» 

11. 
Die maus, der frosch und die eideohse.^ 



1) Tü-gibb wä t-yam-et-hatäy 
hidäb esnin Sn, 

5 2) T-yamet-hatdy: *ani (Tdre 
dihdy sakdn efiy wö-harrö-yö 
gü^adi-8en{'hib!€ tedi tö-fibti- 
dihdy, 

3) *Ani as^ldriy ani dihök 
10 kd-guad* tedit tärgibb. 

4) Malydb: ^hantn Saüdba 
kinkef dähö gitddi!< tedit tö- 
gibti-dihdy, 

5) >KeraU tedi tü-gibb, nigg- 
16 niggo toö-harräwi süri esä yi'- 

dyim. 

6) Tun tü-gibb güharti-d^hdy 
tibi BUy tüü-niggniggo erhiya tö- 
gibb. 

ÄO 7) Tun tü-gibb: i^ad'ed^ir hö- 
küj dähö bd-8öya,U tedi ö-nigg- 
niggö-i d^hdy. 



Andäwd ka a*dn gor kl yinin 
yan. 

Ay a'dn: *anü mara^d adi- 
yäky ilaü yö ^f^ül.U ak yalehd 
yan andäwak, 

T^Anü mä-läy anü md-lailld< 
ak talehd yan andäwä. 

Amdyk sardl: »grör md-klnöf 
yö 4<^ill kibäf<t ak yalehd a'dn, 

T^Ma'd.U talehd yan andäwd, 
ay ildwak dfal afilr il 8ügd 
yan, 

Ay andäwd gare'ittö taddy 
yany ay aför ta yubild yan, 

Ay afüruk: *yi mar'eHttdk 
tä ilaü biSitö kinik yök mä- 
wäriSin,U ak talehd yan an- 
däwä. 



* Vgl. Sahosprache I, 230. 



26 



in. Ablumdlone^: Reiniseb. 



8) »Kiraf* edi vm-niggniggo, 
malyäh wö-hdrro togühdr tihB 
(Sn tü-gibb. 

9) T-yamet-hatdy ita gn, e- 
5 gaüös teSSibtk toö-harröyös ie- 

ndü. 

10) T^Wö harröyö höyö toguä- 
hdri^ tö-gibti-dKäy tedit t-yamU- 
hatdy, 

10 11) -kAnigu^haräblcäke^tedit 

tü-gibb t-yamet-hatäytit d^hdy. 

12) » Höyök gii^hardb bakayi- 

dhä ü-niggniggo badhibu< tedit 

tü-gibb t-yamH-hatäytit d^hdy. 

15 13) T^KBra.U tedit te-yamet- 
hatdy ö-niggniggöy dShdy ebsna, 
eabadhanB-dhäy ebina. 

14) T^Kit-kdna tü-gibb icö-har- 
röyö togüharit töndf* tedit te- 

20 yamet-hatdy ö-niggniggöy-dhäy. 

15) T^D^hö tiktina wö-hdrro 
an agüharit tändf^ tedit tü- 
gibb o-niggniggöy-dhäy. 

16) »Tü-gibb wö-harröyök to- 
26 güharit tönä Srhdb kdke< eni 

wü-niggniggo y bak enit d^hdy 
ibdah. 

17) T-yamet-hatdy tigir ab enuy 
tü-gibb tigirib Ena. 

30 18) Malydb wü-niggniggo mba- 
4db daüriby findt daürib, gibib 
daüriby haldk daürib^ heddm 
daürib eküdyt eya, tö-gibb sidig 
ekäasit d'ari dhäy Bya tö-gibbit- 

35 d^hdy. 

19) »c/n dbuf€ tedi tü-gibb 
ö-niggniggöy-dhäy. 

20) Wü-niggniggo: »aniby ö- 
niggniggo^ edi. 



»Ma'dk.U y€tlehd yan afur. 
ay ilaü gar'ittdy biSittd yan 
andäwd. 

Ay a'dn tametd yan^ ay iSi 
'drB yubild-gSd ilaü waytd yan. 

>y ildü yök garHtta^ ak ya- 
lehd yan a'dn andäwdk. 

*Kök mä-gar*etiniyö< ak ta- 
lehd yan andäwd a'dnaJc. 

*Kö-kö anü mä-gare'itiniyd-kä 
afur yamaskdrö* ak talehd yan 
andäwd ay a^dnak. 

»Ma*dkl* yalehä yan adn^ 
ay afürul yaddyn yan^ yamas- 
karöna yaddyn yan. 

» Yö mä-taliga audäwd y ildü 
yök bBttdm?< ak yalehd yan 
a'dn ay afäruk. 

T^Yö taliga anü ay ilaü b9- 
tdm?€ ak talehd yan ay andäwd 
ay aföruk. 

»Andäwd kü ilaü bitta anü 
md-baliyö€ ak yalehä yan af&r 
yimiskird yan. 

A'dn yunmlugd yan, andäwd 
ttislugd yan. 

Ajndyk sardl ay afi/r ay 
andäwd ak ta-rai rummä yakeld 
ma'd sotdly ma'd mahdlö, ma'd 
göböy ma'd qüarB iHl hay mar'e- 
Hto yametd yan ay andäwdl. 

>Täti atiyäf€ ak talehd yan 
ay andäwd ay afüruk. 

Ay afär: »yöyä afur kini€ 
ta ak yalehd yan. 



Die BedMiye-Spncbe in l^ordott-Afrilca. I. 



27 



21) »Nän. täharü Uhdyaf€ 
tedi tü-gihb, 

22) >Ad:{r ifi höki, tan, 
hökU enit wü-niggniggo. 

5 23) >6-glüliy ö-glüli 'ör/ anib 

ted*ir'Uhdyaf€ tedi tü-gibb ö- 

niggniggöy-dhäy, 

24) T>Tfi'gluliy tö-glülitit 'ör! 

batök bä-dirBk haUy ndt kd-ke, 
10 icö-hdrro t-yamEt-hatay-tlb tegif* 

edit wü-^iggniggo j ön enit ö- 

sallös yiabiky en. 



*Ay fdl4(ih ak taiehd yan 
ay andäwä. 

*Kö mar'eSitö ametd^ ta ak 
yalehd yan afär, 

*Dudä düdi bälä! yöyä mar'e- 
Sittö tam^taf€ ak taiehd yan 
ay andäwä ay afüruk, 

*Düdd, düdd bdld, kü mare'd 
rä'td-dö ed wäyndm mdnnö aJcik 
a'dn ilaü garHttd-yä edebbd.U 
ta ak yalehd yan afüTy ay ya- 
g^ddd iäi ardhal ak yaddy yan. 



1) Die maus und der frosch lebten beisammen. 

2) Einst sagte der frosch zur maus: »da ich zu einer 
hochzeit gehe, so bewache du mir mein kom!« 

3) Die maus erwiderte: »ich beileibe nicht, ich bewache 
es dir nicht, c 

4) Hierauf sagte der frosch zur maus: »sind wir denn 
nicht freunde? so bewache mir also das kom!« 

5) »Nun gut!« erwiderte die maus. Nun sass vor dem 
kom die eidechse. 

6) Da ging die maus auf diebstal aus und die eidechse 
sah sie dabei. 

7) Nun sprach die maus zur eidechse: »ich werde dich 
heiraten, daher verrate du mich nicht!« 

8) »Gut!« erwiderte die eidechse und hierauf stal die 
maus das kom. 

9) Der frosch kam nun heim und wie er sein haus be- 
sichtigte, vermisste er das kom. 

10) Da sprach er zur maus: »du hast mir mein kom 
gestolen.« 

11) »Ich habe es nicht gestolen« erwiderte die maus dem 
frosch. 

12) »Dass ich dir nichts gestolen habe, dafür ist die 
eidechse zeuge« sagte die maus. 

13) »Gut!« erwiderte der frosch und sie gingen zur 
eidechse um sie zu vememen. 



28 



m. Abhandlnng: Reinisch. 



14) Da sprach der frosch zur eidechse: »weisst du nichts 
davon, dass die maus mein körn gestolen hat?« 

15) Auch die maus fragte also die eidechse: »weisst du 
etwa von mir, dass ich das körn gestolen habe?« 

16) Die eidechse legte nun zeugniss ab und sprach: >ich 
habe nichts davon gesehen, dass die maus dein kom gestolen 
haben sollte.« 

17) So verlor der frosch den prozess und die maus 
gewann in. 

18) Da nun die eidechse dachte, die maus habe erliche 
absiebten, so nam sie ein schönes schwert, eine feine lanze 
und einen schönen schild und legte an ein feines gewand und 
einen kostbaren gürtel und kam hin zur maus, sie zu heiraten. 

19) >Wer da?« sprach die maus zur eidechse. 

20) Diese erwiderte: »ich die eidechse, ich bin es.« 

21) »Was willst du?« fragte die maus. 

22) »Um dich zu heiraten bin ich da« erwiderte die eidechse. 

23) »Dummkopf, son eines dummkopfs, mich wolltest du 
heiraten!« sprach die maus. 

24) Da erwiderte die eidechse: »dummkopf, tochter eines 
dummkopfs, wenn du mich auch nicht heiratest, so macht das 
nichts, gieb aber dem frosch sein kom zurück!« Also sprach 
sie und ging irer wege. 

12. 
Die eidechse und der soheoh. 



1) Adangaldy kühib farähöy 
mhdji ivuhi fardbö yiU gigya. 

2) Faglri ihdyt talögya; mhi- 
nös eyayt adangaldyy iSibik 

6 4näil, 

3) X)a4(^bydyty nät enäwik 
asti reioydyt 'ät efin masali, 
yafisös nät geddm tä-'ä-tib däs- 
ydyty igddhat. 

10 4) Malydb faglri i-ukhüi 
mhinos ddsya^ d-ykhüi esiünek 



Afur lalim ^äld yan, arqd 
rigidid (jläld yan, häbd ak ya- 
ddy yan, 

Ssk yuyqu'd ak siVusd yan; 
iH rnakdnal gahd yan aför, 
yubild-ged wdy yan, 

Yamrereddy yan, vdlim wayk 
sardl agdnnal körd, agdnnä 
yand hdnad iH df-kö wili rimid 
ed hdy yan, öbd yan, 

Amd-ged ay SSk lalimd aimcdl 
tun rnakdnal tan yadebbd yan. 



Die Bedftoye-Sprache in Nordost- Afrika. I. 



29 



rewyäyiy ö-geddm ö-girmös höy 
yi-amis-t ö^edäm mehälydyty 
igddhcUy l-kuhiyis ebdyt. 

5) O'fafirt tö'kÜäti'dhdy: 

5 »eö-'i har'ößßf€ edity esdfuft. 

malö y€L8 d^hdy iyän^ IdkyaUy 

ty an; malö kuiküdy dJdhdy eya- 

nikj lakyanik iyan. 



ay afU/Ty Ui 4^ylö ak sügdn- 
geddd köräj händk adddd amö 
hayy rimid ak yayye'ä^ öhdy iH 
(jläylöl yaddy yan, 

I6i mä'anddk: »tamd hän irö 
füLl.U ak yalehd yan ay iek, 
hälüdk sardl lammd kari ya- 
m0^, qalabd iidn yan, ay kard 
bäddn yan; lammd güm^yti ya- 
matint yo'obtn yan^ bäddn yan. 



1) Eine eidechse legte unter einem bett ein ei, verliess 
es dann und ging fort. 

2) Ein schech nam das ei und versteckte es. Als die 
eidechse wider dahin kam und nachsah, fand sie das ei nicht. 

3) Sie lief umher und als sie nichts fand, stieg sie aufs 
gestell, worauf die milch stand, legte aus ihrem mund irgend 
eine wurzel in die milch und stig dann wider herab. 

4) Hierauf legte der schech die eier wider auf ihren platz 
und als sie wider sich vorfanden, so stig die eidechse wider 
hinauf, steckte den köpf in die milch, nam die wurzel heraus, 
stig dann hinab und ging zu iren eiern. 

5) Nun sprach der schech zur sklavin: »wirf die milch 
hinaus!« und Hess sie hinauswerfen. Zwei hunde kamen herbei, 
tranken davon und starben; zwei geier kamen, tranken und 
starben. 

13. 

Die schlänge und der zigenhirt. 



1) Küärküär kuäb wä rabdb 
10 hida umbe* esünin en, 

2) Eyatiga dShdy Bya, icö-ha- 
lakisös farddd dühdy iktff iha- 
mi >ti'9Ütira daH-tü* en-ity 
(hami, 

16 3) Ü'kü&rküär vm-hiyö yi'iSy 
sdkya-nik adangaldy d^hdy eyd- 
%tj geb hVyd'ity hardmi kdbtay. 



^'Äror saytyd labtiyä siddä 
a^dn yan. 

Alä-läunni bykd-l yamatdy iH 
sardna-kö haldb ak igrid >8U' 
trM ma'd< ya, tan sarüA yan. 

Ay lab arorti ta häbdky ych 
ddyk sard-l afür td-li yamatdy 
(}ind yany zind abtd yan ay dror 
8dytyä, 



30 



m. AbbAüdlnne^ : Beinlscb. 



4) Malyah eyatiga dihdy iya^ 
küärküär küäb edir-ty en^ös 
naya-ity amds wö-haxoAd-lh te- 
^eya-tes inay, 
5 5) Küärküär ü^dha dShäy 
eyä'ity yi-^aha-yB geh biyd-it: 
^andir< en4t. 

6) W-eyatiga yi-adim wSr 

araüöa söya, küärküär ü-rdha 

10 emä8uwik i-madir yiiS dähny, 

y^-arörih esa^ d^hay rewyanik: 

*daib tuwira* edtt 



Malammi ay alälätoini tanal 
yamatä yan, ay arorä ta yig- 
difdy iH dik harrdy yem^ iii 
ald aligüik yind yan. 

Ay lab arortt iha-d ak ya- 
matdyan, bdköl-ik addd-d: »käy 
agddfd< ya sü'utd yan. 

Ay alä'läwini aki üi döbdytö 
ay wäre wärüd yan^ amd-gSd 
ay lab arörti yobbd-gBd kä gidef 
häbdy gdle-l körd, ak dafdy-k 
sardl: >ma*dm dbta< ya. 



1) Eine weibliche und eine männliche schlänge schliefen 
beisammen. 

2) Da kam ein zigenhirt dazU; schnitt einen zipfel seines 
kleides ab nnd deckte sie damit zu, indem er dachte^ ein Vor- 
hang ist hier schicklich. 

3) Der schlangengatte entfernte sich dann and nachdem 
er weggegangen war, kam eine eidechse herbei nnd beschlief 
die schlänge nnd sie beging einen ehebrach. 

4) Wideram kam der zigenhirt dazn and tötete die 
weibliche schlänge, ging dann heim and molk abends seine 
zigen. 

ö) Der schlangengatte kam im nach, legte sich za seinen 
Zicklein and sprach: »ich töte in.« 

6) Der zigenhirt erzälte aber den Vorgang einem anderen 
gefärten von im nnd wie dies der schlangengatte gehört hatte, 
so nnterliess er die tötnng, stig im anf den schoss nnd sprach 
za im: »recht hast da getan.« 

14. 
Sätze und redensarten. 

Ani wünu neg. ani umn kdke. Ich bin gross, neg. ich bin 

nicht gross. 
Barük wünuba neg. barük Da bist gross, neg. da bist 
15 umn kitta, nicht gross. 

Batük wüntuwi neg. battk Da (fem.) bist gross, neg. da 
Mount kittay. bist nicht gross. 



Die B«d»n7e^r»cbe in Kordott-AIHka. I. 



31 



BarüB wünu neg. barus tcun 
kike, 

Bat&s wüntu neg. batüs wunt 
kitte. 
5 Hanin weniba neg. Jienin 
tranfft kinke, 

Barak (baräkna) wenibäna 
neg. 6. wanib kittSna. 

Batdk (batdkna) wenitäna 
10 neg. b. wanit kitUna. 

Barä» (bardsna) weniba (we- 
rUbäna) neg. wanib kikin. 

Batds (batdsna) wentta (we- 
nitäna) neg. wanit kiken. 
15 Ani bartthök wünu, neg. umn 
koke. 

Barük anit tüünuba neg. 
wun kittay. 

Hanin barUhökna waniba. 
20 Barak hanit wenibäna, 

Hanin barethöima wanib kin- 
ke. 

Ani awin neg. ani windb 
koke. 
25 Barik tuwina neg. baruk 
winab kitta. 

Batäk tawini neg. batuk 
winat kittay. 

Baris utein neg. barüs loindb 
80 k^. 

Bat&s twwin neg. bat&a winat 
kitte. 

Hanin nuwin neg. hanin 
windb kinke. 
85 Barak tuwinna neg. baräk 
winab kittena. 

Batdk tuwinna neg. batak 
winät kittena. 



Er ist gross, neg. er ist nicht 
gross. 

Sie ist gross, neg. sie ist nicht 
gross. 

Wir sind gross, neg. wir sind 
nicht gross. 

Ir seid gross, neg. ir seid 
nicht gross. 

Ir (fem.) seid gross, neg. ir 
seid nicht gross. 

Sie sind gross, neg. sie sind 
nicht gross. 

Sie (fem.) sind gross, neg. sie 
sind nicht gross. 

Ich bin so gross wie du; neg. 
nicht so gross. 

Du bist so gross als ich; neg. 
nicht so gross. 

Wir sind so gross wie ir. 

Ir seid so gross wie wir. 

Wir sind nicht so gross als 
sie (plur.). 

Ich wurde gross, neg. wurde 
nicht gross. 

Du wurdest gross, neg. wur- 
dest nicht gross. 

Du (fem.) wurdest gross, neg. 
wurdest nicht gross. 

Er wurde gross, neg. wurde 
nicht gross. 

Sie wurde gross, neg. wurde 
nicht gross. 

Wir wurden gross, neg. wui*- 
den nicht gross. 

Ir wurdet gross, neg. wurdet 
nicht gross. 

Ir (fem.) wurdet gross, neg. 
wurdet nicht gross. 



32 



ni. Abhuidlang: Bei ni seh. 



Baräsiia uwinna Deg. haräs 
winab kiken, 

Batäs uwinna neg. batas 
minät kiken, 
5 Ani anmn neg. ka-wun (ka- 
win), 

Barük tunwina neg. kit-wina. 

Batük tuntvini neg. kit-ioini. 

Barüs unuAn neg. ki-win. 

10 Batü8 tunuin neg. kit-vdn. 

Hanin newun neg. kinrwin, 

Barak tewünna neg. kit- 
winna, 

BatAk tewünna neg. kit-win- 
16 na. 

Bards ewünna neg. kl-winna. 

Batds ewünna neg. kvvnnna, 

Ani ön wö-ör asuivin, 

Ani wo ^ör wo anib OrSywin, 
20 Barik Abddllay wo ^öri 'ör 
te8\iwina. 

Batük Hdmmadi 'öti *ör tesy,- 
wini. 

Batük tö-'öt te batitdk tesy,- 
25 wini. 

Barüs wo 'ör ö baryös esy^win, 

Batüs tö 'öt te batitös te8y,toin. 

Hanin wo ^örön (*ör hinnBb) 

nesy>win. 

30 Barak tö 'öt te barltökna te- 

sy^winna. 



Sie wurden gross, neg. wur- 
den nicht gross. 

Sie (fem.) wurden gross, neg. 
wurden nicht gross. 

Ich werde gross; neg. werde 
nicht gross. 

Du wirst gross; neg. wirst 
nicht gross. 

Du (fem.) wirst gross, neg. 
wirst nicht gross. 

Er wird gross, neg. wird 
nicht gross. 

Sie wird gross; neg. wird 
nicht gross. 

Wir werden gross; neg. wer- 
den nicht gross. 

Ir werdet gross; neg. werdet 
nicht gross. 

Ir (fem.) werdet gross; neg. 
werdet nicht gross. 

Sie werden gross; neg. wer- 
den nicht gross. 

Sie (fem.) werden gross; neg. 
werden nicht gross. 

Ich habe diesen knaben gross 
gezogen. 

Ich habe meinen son erzogen. 

Du hast Abdallahs enkel er- 
zogen. 

Du (fem.) hast Mohammed's 
tochter son erzogen. 

Du (fem.) hast deine tochter 
erzogen. 

Er hat seinen son erzogen. 

Sie hat ire tochter erzogen. 

Wir haben unsem son er- 
zogen. 

Ir habt eure tochter erzogen. 



Di« B«dMiy«-Spnche ia Kordott-Afrika. I. 



33 



Batäk yh "dr i bamökna te- 
sywinna. 

Baräs tcö'ör ö barByösna esy.- 
winna. 
5 Batds tB 'dr € baUtösna esii,- 
winna, 

Amdr ^dr enjör esywinna-htb, 

Ü-gaü wü ani ö-gaü ö-baryök- 
ndy-ka wun-ka-bu. 
10 Ü-gaü wü Ibrahimib wünu, 
wö-^xni-'nay'ka wun-kd-bu. 

Wü-ör ü'baryük wdnu^ barüs 
wö-'ör tcö-ani-nay-ka wun-kd-bu. 
Tö ^öt tü-baryük leuntu, Ami- 
15 ddy ti-^ar daüri-kd-te. 

Barük Abdalldy-ka wun-kä- 
btia. 

Ü-mwin (ü-mawün) Abddllay 
ö-mwinirka hanyis. 
20 Abddllay ö-swini-ka Hdm- 
madi ü-swin hanyis. 

Ö-Sök Amiddy-ka wun-kd-bu- 
waj daüri-kd-bu-wa. 

Barak hinne-ka wun-kd-bäna. 
26 Hanin barise-ka wun-kd-ba, 

Barik kurb - it wunuba - w& 
akräbua-wd, 

Barük kurb-i-ka wun-kd-bua- 
wd akri'kd-buorwä. 
30 Bardkna kwrbit (kwrba-i-t) 
wenibäna. 

Barik kwrbika wun-kd-bäna, 

Ün dbuf anibu, 

A. 

O'Sum wö-anib tiktenaf 
35 Ani ö-smök kd-kan. 

O-swn wö-anib (oder ö-«mci) 
Abddlla ^6dna. 

SiUungsber. d. phjl.-hbt. CL GXXYIII. Bd. 



Ir (fem.) habt eure söne er- 
zogen. 

Sie haben iren son erzogen. 

Sie (fem.) haben ire töchter 
erzogen. 

Die Beni-Amer erzogen mich 
zu einem edeknann. 

Mein haus ist grösser als dein 
haus. 

Ibrahim's haus ist gross^ es ist 
grösser als das meine. 

Dein son ist gross, er ist grös- 
ser als der meinige. 

Deine tochter ist gross, sie ist 
auch das schönste mädchen von 
Amideb. 

Du bist grösser als Abdallah. 

Deine grosse libertriflft die 
von Abdallah. 

Abdallah's erziehung ist fei- 
ner als die Mohammeds. 

Suakin ist grösser und schö- 
ner als Amideb. 

Ir seid grösser als wir. 

Wir sind grösser als sie. 

Du bist gross und stark wie 
ein elefant. 

Du bist grösser und stärker 
als ein elefant. 

Ir seid gross wie elefanten. 

Ir seid grösser als elefanten. 
Wer ist der? Der bin ich. 
Kennst du meinen namen? 
Ich kenne deinen namen nicht. 
Meinen namen ruft man Abd- 
allah. 

S. Abh. 3 



34 



in. Abhandlang: Beinitcb. 



O'Sum ö-baryök ab eddnaf 
ö-smi Hdmmad eedna, 
BarUk tikt4n-hlbt 
An akten-hök. 
6 Barük kit-kän-hlbf 
Ane kä-kdn-hök, 
Ndmha s^nyaf 
Ü-mhin ani hö efiyib Amidebu. 

Barük dbuaf 
10 Ani katdbuj nugüs katdb q- 
küdseb, 

Oeb'ök (oder baryök geb) reü 

iß? 

Geb'ö (oder ani geb) riü ifi, 
15 Hdmmad anib areyn-hsb, 

Ani wö'örö tö-'ötis-ö-ka arene- 
kd-bu. 

Hdmmad ö-gaü wö-ani-nay 
btHsdn-hlb. 
20 Barük anit akrdbua. 

Barük ani-ka (anihi-ka) a- 
krdbua, 

Ü-gamisu um -ani er Abu, ü- 
gamis ü-baryük hddalu. 
26 Ü-ffirm-ük ani-geb Vdmya. 

Ü'käm-üwu-ani diybu, ü-käm- 
uk ü'baiyuk umdgu. 
A-fa yä-anib edldbna. 

Barüs anä> tdn\ 
30 Ani tü-takdt lehdtu. 
Ani tü-lehandy güddtu, 

Anib ü-gaü daüribu, baryük 
ü-gaü Singerdbu. 

Ani barithök gabdbu. 
35 Ani barisok gabdbu. 



Wie ruft man deinen namen? 

Ich heisse Mohammed. 

Kennst du mich? 

Ich kenne dich. 

Kennst da mich nicht? 

Ich kenne dich nicht. 

Wo wonst du? 

Der ort wo ich wone, ist 
Amideb. 

Wer bist du? 

Ich bin Schreiber^ der könig 
machte mich zum Schreiber. 

Hast du geld? 

Ich habe geld. 

Mohammed liebt mich. 

Ich liebe meinen son mer als 
meine tochter. 

Ich behielt Mohanuned in 
meinem hause. 

Du bist so stark wie ich. 

Du bist stärker als ich. 

Mein hemd ist weiss, dein 
hemd ist schwarz. 

Dein haupt wurde von mir 
gesalbt. 

Mein kamel ist gut^ dein ka- 
mel aber ist schlecht. 

Meine rinder wurden rer- 
kauft. 

Er ist mir änlich. 

Meine frau ist krank. 

Meine krankheit ist gross 
(schwer). 

Mein haus ist schön, das 
deine aber ist garstig. 

Ich bin so reich als du. 

Ich bin reicher als du. 



IMe Badaiye-Sprmche in Nordo«t-AfrikA. I. 



35 



Ani gahäbu barisöka. 

u-gaw-ük ü-baryik wünu, 

Batik dbtuiy ü-sum ü-baiyük 
(vL hajik) dbuf 
5 Ü-gaü iirbaty&k (baj'&k) wünu . 

Batyök-geb (bajök-geb) reü 
ifi. 

Ü-gaU ün batyöku (bajöku). 

Ü-gaW'ük ü-batyÜJc (bajik) 
10 ddbalu. 

Barüs akräbu barisök. 

Ani baritös akräbu. 

O-sum ö-baryds ab e'idnaf 

BarySs geh riü iß. 
15 Ü-gaü ün baryösu. 

Batt^ küatötUy takdtö kitte, 

O-ntm &iaty69 (bajös) db e'- 
Mnat 

O'Sm-ös dh e'ddnat 
iO Ani batitös wünu. 

Barik wünvha batisiys, 

Ü-gaü H^xttyüs (baj^) wünu, 

Baiyds (bajös) dühäy iya, 

Bai,yö9 geb riü iß, 
tb Hanin btMrHhökna akriha, 

Bardkna hannit akrdbäna, 

Ü-gaü ün hennibu; hinn^b 
küce. 

A-mak-^xn daüriba, 
so ö-tm-in (oder o-sum wd-hen- 
nib) Amar-Ar eidna. 

Ü-ganD^iox wü'hinne daürtbu, 

Rinne (hdnne) geb riü iß. 

Barak hennika tehayisena. 
86 Barak hanin arSten-h&n. 

Barokna (oder barM) hanni- 
Uka akrdbäna. 

ü-gaü ü-baryükna wünu. 



Ich bin reicher als da. 
Dein haus ist gross. 
Wer bist du (fem.) und wie 
heissest du? 

Dein (^fem.) haus ist gross. 
Bei dir befindet sich geld. 

Dieses haus ist dein (fem.). 
Dein haus ist klein. 

Er ist stärker als du. 
Ich bin so stark als er. 
Wie nennt man seinen namen ? 
Bei im befindet sich geld. 
Dieses haus ist sein. 
Sie ist meine Schwester^ nicht 
meine frau. 

Wie heisst sie? 

Wie heisst er (oder sie)? 

Ich bin 80 gross als sie. 

Du bist so gross als sie. 

Ir haus ist gross. 

Er kam zu ir. 

Sie hat geld. 

Wir sind so stark als ir. 

Ir seid so stark als wir. 

Dieses haus ist unser; ist 
nicht unser. 

Unsere esel sind schön. 

Unseren namen nennt man 
Beni-Amer. 

Unser haus ist schön. 

Wir haben geld. 

Ir seid besser als wir. 

Ir liebt uns. 

Ir seid stärker als wir. 

Euer haus ist gross. 

8* 



36 



in. Abhftadlang: Beinitch. 



A-gaw-äk ä-baryäkäna daü- 
riba. 

Baryökna gSb rBÜ Bfi. 

Hanin akrdba barlsökna-ka. 
6 Ü-gaü ü-batyukna (bajükna) 
wünu. 

Ä-gawdk ä-bateäkna daüriba. 

Bateyikna gib ritt ifi. 

Bardsna (u. bards) barSsök- 
10 na-ka akrdba, 

O-gaU ü-baryüsna wünu, 

O'Sum ö'baryös^na ab eMna? 

Baryösena geb rBÜ iß. 

Hanin barUhös^a akrdba, 
15 Hanin baresös^na-ka akrdba. 

Batdsna (u. batda) daüriba, 

Ü-gaü ü-batyüsna (bajüs^na) 
wünu, 

Ä-gäwa drbatydsna (oder ä- 
20 gawdsna) vxiniba. 

Ö-sum ö'batyÖsSna (oder ösm- 
ösäna) ab eednaf 

Bai*ük ndmhini Btaf 

Ani Amiddy yidn, 
25 Barük dbuaf 

Ani ibäbk6ndbuy ibäbdn Bfi. 

Barük ndysö tebiya? 

O'Sdk-ib (ö-Sök'i dähd) dnde. 

0-Söklb teflya? 
30 Ani Hartumiby Soddnib e8ti\ 
'öi'ä wü-ani Ö-Söklb ifi, reh-ös 
hanriü, 

Te-lagi Hdrtumi ö-Söki dBhd 
gumdddu, 
35 O'tak ün ibdbyay Bhi, ibd- 
byay Bfi, 



Eure häuser sind schön. 

Bei euch gibt es geld. 
Wir sind stärker als ir. 
Euer (fem.) haus ist gross. 

Euere (fem.) häuser sind 
schön. 

Bei euch (fem.) befindet sich 
geld. 

Sie sind stärker als ir. 

Ir (eorum) haus ist gross. 

Wie nennt man iren namen? 

Sie haben geld. 

Wir sind so stark als sie. 

Wir sind stärker als sie. 

Sie (fem.) sind schön. 

Ir (fem. pl.) haus ist gross. 

Ire häuser sind gross. 

Wie heissen sie (fem.)? 

Woher kommst du? 

Ich komme von Amideb. 

Wer bist du? 

Ich bin ein reisender, ich bin 
auf der reise. 

Wohin gehst du? 

Ich gehe nach Suakin. 

Lebst du in Suakin? 

Ich wone zu Chartum im Su- 
dan, aber mein son befindet sich 
in Suakin, ich will in besuchen. 

Der weg von Chartum nach 
Suakin ist lang. 

Dieser mann ist auf einer rei- 
se begriffen. 



Dia Bedftaye-Spnche in Nordost-AfrikA. I. 



37 



Ün ürtdk dbuf 
Tun te-takdt dbtuf 
An Anda äba (dbänajf 
Tän tä-ma dbta (dbtänajf 
* An{&nö-tdkarin'hö8(arin^8), 
Ani tön tö-takät ar^ydnrhös. 
En inda arByan-hösna. 
Jen U-ma' kär&n-hösna, 
Ü-gaü ben ü-umn äy gdumt 

10 Te-takdt tun daüritUy te-takdt 
bst aferdytu. 

Ani ö-gaü beb ddlib ani, 

Ani tö-'öt bBt akanhin-hös 
(und -ös), 
16 Yi-'dr an däyba, yi-dr baiin 
amdga. 

Te-dr tän daürttay te-dr baut 
iingerdta, 

Enda balib erhdn-höb^ drküe, 

20 Te-*dr baut erhdn-höby küära- 
mdn-hösna. 

ü-tak wü ams Bya ^öröyu. 



Te-takdt ams eta-t daüAtu, 

Anda yi ams' eyan Amar- 
25 'dra. 

Abu um eyaf 

Ü-tak wü dfa ani erhan-i 
wun tdku, 

Te-takdt tu dfa ani erhan-it 
30 tDÜntu, 

Tö-^ör tu dfa ani erhan-it 
daHritu. 

Tö-ör tu ani küäräman-et 
kuätötu. 



Wer ist dieser mann? 

Wer ist diese frau? 

Wer sind diese männer? 

Wer sind diese frauen? 

Ich liebe diesen mann. 

Ich liebe diese frau. 

Ich liebe diese männer. 

Ich liebe diese frauen nicht. 

Wem gehört jenes grosse 
haus? 

Diese frau ist schön, jene 
aber ist hässlich. 

Ich habe jenes haus gekauft. 

Ich liebe jenes mädchen. 

Diese knaben sind gut, jene 
aber schlecht. 

Diese mädchen sind schön, 
jene aber hässlich. 

Als ich jene männer sah, 
fürchtete ich mich. 

Als ich jene mädchen sah, 
grüsste ich sie. 

Der mann, der gestern an- 
kam, ist mein son. 

Die frau, welche gestern an- 
kam, ist schön. 

Die männer, die gestern ka- 
men, sind Beni-Amer. 

Wer ist der, welcher ge- 
kommen ist? 

Der mann, den ich gestern 
sah, ist gross. 

Die frau, die ich gestern sah, 
ist gross. 

Das mädchen, das ich gestern 
sah, ist schön. 

Das mädchen, das ich küss- 
te, ist meine Schwester. 



38 



ni. Abhandlung; Beiniscb. 



Te-takdt tu riü tehi-t-ük daü- 
ritu, 

ErBe4aüyi-t hur mard'tuf 

Aüy mar ä' tu; mardH kitte. 

5 Ani Bilälri akrdbu oder Bi- 
läl-i-ka akra-kd-bu, 

Tö-öt-it hamös hadaldtu wo- 
hawdd'it 

Bari/Je hanür-i-ka nigl8-kd' 
10 bua, 

Nät erhitaf 

Nät erhob koke, 

Barths nät edi-hökf 

En-wä in-voä edi-heby nät wet 
15 diydb kike, 

Barak nän tuwariyaf 

Nät kd-wari, 

Tö-nät tön aü uwiref tön 
tuwiraf 
20 Tö-nät ton ani loeräb kdke. 

Bak tuwerik dayb tuwira, 

Sür tuwere tesinyit uwBral 

Bak a^uvoir, 

Wü-hayü gü'dmyay aü y&'äya f 

25 Ani gü*dny wö-ha ü-gä'atiyüs 
ddybu. 

Wö'ha gudti ddybu. 
Wö-addr-ha ü-guatiyü8 hard- 
mu msilmiye'dhdy, 
30 Lehdyt baryök geb häb gudn 

iß. 

Nä-dör baruk häb güdsta- 
hibaf ani kä-giiasdn-hök. 



Die fraa^ die dir geld gab^ 
ist schön. 

Ist das land der Bednan aus- 
gedehnt. 

Ja, es ist geräumig; ist nicht 
geräumig. 

Ich bin stärker als Bilal. 

Das haar des mädchens ist 
schwarz wie die nacht. 

Du bist schmutziger als ein 
Schwein. 

Was hast du gesehen? 

Ich habe nichts gesehen. 

Was sagte er zu dir? 

Das und das sagte er mir^ 
nichts anderes. 

Was tust du? 

Ich tue nichts. 

Wer hat das getan? tatst du 
es? 

Ich habe das nicht getan. 

Wenn du es so machtest^ so 
hast du gut getan. 

Tue was du früher tatst! 

So liess ich's machen. 

Mein hier ist ausgetrunken; 
wer hat es getrunken? 

Ich trank es^ das biertrinken 
(das hier sein trinken) ist an- 
genem. 

Bier zu trinken ist angenem. 

Wein zu trinken ist verboten 
fUr die muslim. 

Morgen trinke ich bei dir 
hier. 

Wann gabst denn du mir bier 
zu trinken? ich gebe dir auch 
keines. 



Di« Btdany^-Spraclie in Kordosl-AfHk». I. 



39 



Ani meikinUj nät kd-bare, 
barük gabdbuay wü-änküdna 
gdbü ehi'höky not hiy^a! 

Not eyd'hök käde^ baruk mes- 
5 kin kiihayay barük amdgua. 

Äü amsi Mogdlö-y (Mogüä- 
lö-i) iyal 

Anib bakdy iya ki-hay. 
Un abut b9n dbut 

10 An dygat tän dygätt 

An dyga yi-'drf 
Balin dyga yi-'drf 
Balit dygata te-^drf 
Ndka döra ö-Sökli tifiyaf 

15 Ngdl döTj malö döra, mShdy 
döra bintay iß. 

Barük ndyaö tebiyaf 

Ani ö-Sök dbahB. 

A^ik kiyänaf ndmhlni te- 
20 »ttaf 

Ani ö-Söktb e9ti\ 

Ü-gawük kiyaf te-takatiik 
kkaf 

Hanin td'a kinai 
85 Baräkna id'a ketänaf 

Nana itänf 

Hanin hdrröb nidlib neniina, 

Tikar wä-hdrrü gueddbuy ha- 
nin fa4ig Utmün müda hdrröb 
SO nidlib. 

Kassüs vm-hdrru tobokimyay 
lehdyt »(yfön mabäy niharu. 



Ich bin ja arm und habe 
nichts, du aber bist reich, Gott 
verlieh dir reichtum; gieb mir 
also auch etwas! 

Ich gebe dir nichts, denn du 
bist ja kein armer, nur ein 
taugenichts. 

Wer kam heute von Mogolo? 

Ausser mir kam niemand. 

Wer ist dieser? wer ist 
jener? 

Wer sind diese (masc.)? wer 
sind diese (fem.)? 

Wer sind diese knaben? 

Wer sind jene knaben? 

Wer sind jene mädchen? 

Wie oft warst du in Sua- 
kin? 

Ich war ein-, zwei-, dreimal 
dort. 

Wohin gehst du? 

Ich gehe nach Suakin. 

Wo ist dein volk? wo lebst 
du? 

Ich lebe in Suakin. 

Wo befindet sich dein haus? 
dein weih? 

Wo befinden wir uns jetzt? 

Wo befindet ir euch jetzt? 

Warum seid ir gekommen? 

Wir kamen um körn zu 
kaufen. 

In Tokar giebt es vil körn, 
wir kauften vierzig sche£fel 
kom. 

Alles kom wurde eingefUllt 
und morgen wollen wir heim- 
ziehen. 



40 



m. Abhandlung: Beinisch. 



Tü-bur hadaddebin tike, wü- 
hawad Bya, hanin dowadini^ 
ü-^mha mehinyik endön nibs. 



Fajir ü-mha mehinyik hidäb 
6 sakni ibäbni; ü-mbf bigudiyik 
masdl kl-masalesya. 



Bismilldhi ditit endön nebe, 

Sanäyik wälikd-t maa! 

Äni lehayt ibäbani, 
10 Ani dfa idn ibdbti, 

Ani ibabt harü Bfi. 
Ani ibabt harü kdhay, 
Ani ibdbani-höb (ibäbanHc) 
wü-örii evihi, 
15 Ibdbk^na Bya, 

Babü ibdbsTi'heb, 

Wö'^örök ibdbsa! 
Ani ibäbanyihöb Hdmmad ö- 
gaü wö-ani-nay bVisdn-heb. 

20 Ani ibäbanyihöb ö-gaw-yö 
sani'heba! 

Barus ibäbinyeJiöb Hdmmad 
gebös ibdbini. 

Ani tamnnyehöb barük gebö 
25 tdmtaya. 

Barük tamtayihöb ani gebök 
tdmani, 

Baräs tdmyayihöb ani gebös 
tdmani. 



Die erde ist dunkel geworden 
und die nacht herangekommen; 
wir wollen schlafen und wenn 
der morgen kommt, gehen wir 
heim. 

Morgen wenn es licht wird 
gehen und reisen wir zusammen ; 
wenn auch der tag lang ist, die 
Unterhaltung hat noch keine 
langweile bewirkt. 

Wir sagen: in Gottes namen! 
und gehen heim. 

Rufe deine brllder und 
komm! 

Ich verreise morgen. 

Ich kam gestern von einer 
reise. 

Ich will verreisen. 

Ich will nicht verreisen. 

Als ich verreiste, blib mein 
son zurück. 

Ein reisender ist angekom- 
men. 

Mein vater schickte mich auf 
reisen. 

Schicke deinen son auf reisen ! 

Wenn ich verreise, so lasse 
ich den Mohammed in meinem 
hause schlafen. 

Wenn ich verreise, so bleib 
in meinem hause! 

Wenn er verreist, so reist 
Mohammed mit im. 

Wenn ich esse, so issest du 
mit mir. 

Wenn du issest, so esse ich 
mit dir. 

Wenn er isst, esse ich mit im. 



Dm BedMje-Spnclie in Nordott- Afrika. I. 



41 



Hanin tdmnayihöb baräk ge- 
ben tdmtäna. 

Baräk tämtendyhöb hanin ge- 
bökna tdmnay, 
6 Ani taman-i-höb Hdmmad iya, 

Gabany-B'dhäy ibdban, 

Adanir-i-dhäy tdn. 
Bahn takdt wU edHr. 

O-ganüsö aiangüt^-^dhäy sa- 
10 bin ddlib. 

Ani kilöyany-i-dhäy hdrro 
ddlib. 

Anda fartakamen-i-dhäy um- 
dga dskera ö-sUg-i-dhdy isibe. 

15 Ü-ör-ay^ ö-bab nigila-hebaf 

Ü-bäb Sngdl, negdlu. 

Nana ö-bab kit-negilaf 

Wö-hawdd-lb ö-bab ü-ngul a- 
mdgu, ü-mha mehinyik anangily 
20 td'a kä-ngil. 

Amnäb §umSany-i-dhäy ö-bdb 
dsnagil (asisnagil), 

Ö-bäb ka4aiUtanyihöb bä-et- 
nagü-ök, 
25 Wü'änküdna tö-dinya akligya, 
kassüs tü-dinya wö-änküdnay 
akligimtay wö-änküdnay kdlaga 
ddyta, ürkaligimti ddybu. 

Nana ferhabua^ 



Wenn wir essen^ esset ir mit 
uns. 

Wenn ir esset, essen wir mit 
euch. 

Als ich gegessen hatte, kam 
Mohammed. 

Um reich zu werden, machte 
ich reisen. 

Ich kam um zu heiraten. 

Mein vater heiratete eine an- 
dere frau. 

Um mein hemd zu waschen, 
kaufte ich seife. 

Um grlitze zu machen, kauft;e 
ich körn. 

Damit die leute sich zerstreu- 
ten, schickte der gouverneur 
Soldaten auf den marktplatz. 

Bursche, öflfne mir die 
türe! 

Die türe ist geöffnet worden ; 
sie steht offen. 

Warum tust du die türe nicht 
auf? 

Bei nacht ist das öffnen der 
türe misslich, ich öffne wenn es 
morgen wird; jetzt aber öffne 
ich nicht. 

Um einen gast einzufüren, 
liess ich die türe öffnen. 

Wenn du anklopfest, wird dir 
auf getan. 

• Gott hat die weit erschaffen, 
die ganze weit ist von Gott er- 
schaffen, die Schöpfung (das er- 
schaffen) Gottes ist schön und 
schön das werk der Schöpfung. 
Warum bist du so lustig? 



42 



HL AbhftDdliuig: BeinUoh. 



Äni höh guäUj ani guainy- 
dyhöb amßrhdni. 

Yi-ärü amßrhisydn'hsb, 

E-bitk'ik wä e-bitk'in ribd 
6 6fij abd-t tiß. 

Malö erbdy e-bitik abdt teß, 

Arök esti\ an ö-gawi ari 
e8li\ 

Mehdy-t yina-t ari Hdmmad 
10 iya, 

Baris ö-gaw-i sür-i e8d\ 

Hirira sürt! 

Hanin wö-hind-i wuhd-y ne- 

8ti\ 

15 Ü-yäs ö-n'dl wuhdy biHne, 

Baris ö-n^äl-i arowd-y e8d\ 
ö-näl-i inki sadb kike, 
Ü-bd^nö ö-gaw-i ^nki estV, 

Kidmdt dbare Bildl-l-b. 
20 Barik ö-gaw-ib senniyaf 

Güda hayuk erdsyäni hSn tö- 
bri-t'ib, 

Barik Masir-ib tefiyaf 

Ani ö-Sök'tb e8ti\ Masir-ih 
25 kdhay, 

Me9uwi^ jasirdt-ib tiß. 

Mehdy-t ylnd-t-lb tamdb kdke, 

Ay tirga yi-hämSik-ib tesni. 



30 



E-yäm-ib (jldbya. 
An-ib ü-gaü daüribu, 
Hinni-ib ü-gaü Hngerdbu. 
Ü-gaü würlbrähim-ib wünu. 



Ich habe hier getrunken; 
wenn ich trinke, so werde ich 
fröhlich. 

Meine kinder haben mir frem- 
de bereitet. 

Zwischen ench nnd uns befin- 
det sich ein berg und ein fluss. 

Zwischen den zwei bergen 
befindet sich ein fluss. 

Ich sitze hinter dir, ich sitze 
hinter dem hause. 

Nach drei tagen kam Mo- 
hammed. 

Er sass vor dem hause. 

Gehe voran! 

Wir Sassen unter dem bäum. 

Der hund schläft unter dem 
bett. 

Er sass neben, nicht auf dem 
bette. 

Der geier sitzt auf, über dem 
hause. 

Ich bin bedienstet bei Bilal. 

Bleibst du zu hause? 

Vile Sterne leuchten am him- 
mel. 

Hältst du dich in Kairo auf? 

Ich wone in Suakin, nicht in 
Kairo. 

Massaua Ugt auf einer insel. 

Ich habe seit drei tagen 
nichts gegessen. 

Fünf monate bUb sie am le- 
ben. 

Er fiel ins wasser 

Mein haus ist schön. 

Unser haus ist hässhch. 

Ibrahim's haus ist gross. 



Die BedMye-Sprache in Mor4<Mt-Afrik». I. 



43 



Ü-gaü wü Hdmmctd'ib (oder 
Hdfnmad-i ü^aü) wünu. 

Abddlla-y ü-gaü Hämmad-ib 
ö-gauhi'ka hanj/isu. 
5 Ferhatrib iiyd\ 

Ani akanUIhdykik ö^awtb 
aUnni. 

Barik kanüb-dykik ö^atdb 
s^nya, 
10 Hanin nekaüb-dykik ö^awtb 
nesin. 

Barak tekatibn-dykik ö-gamb 
tesinna. 

Baris ekatibn-dykik ö-gawib 
15 esSnna. 

Ani Bdkany-dykik (und -dy- 
höby -i-höb) barük gebö sdk- 
taya. 

Ani arüh dtfari' -dykik (-dy- 
20 höby -ihöb) barüs ö-gawib senya! 

Ani arüh dtfari-ik te-takatü 
ö-gauM sSnni, 

Barik yB-^adim ümmät wU 
sötany-ik andir-höfc. 

25 Ani not dndy-ik sidigu. 

Barük nät tindy-ik sidigu. 

Hanin nät niyad-ik sidigu, 

Tak indab edir-ik harämibu. 

Ani batok ariyan-höki däyt 
90 tikay-ik, 

Ani batök körariyan-höki 
amakt tikayik. 
Baris sdkya-n-ik Ali iya. 



Mobammed's haus ist gross. 

Abdallah's haus ist schöner 
als das von Mohammed. 

Sie starb vor freude. 

Wenn (so oft) ich schreibe, 
bleibe ich zu hause. 

Wenn du schreibst^ bleibst 
du zu hause. 

Wenn wir schreiben, bleiben 
wir zu hause. 

Wenn ir schreibt, bleibt ir zu 
hause. 

Wenn sie schreiben, so blei- 
ben sie zu hause. 

Wenn ich gehe, so gehst du 
mit mir. 

Wenn ich hinausgehe, so 
bleib du im hause! 

Wenn ich hinausgehe, so 
bleibt mein weib zu hause. 

Wenn du die sache anderen 
leuten erzälst, so erschlage ich 
dich. 

Wenn ich etwas sage, so ist 
es war. 

Wenn du etwas sagst, so ist 
es war. 

Wenn wir etwas sagen, so 
ist es war. 

Wenn jemand leute tötet, ist 
er ein Verbrecher. 

Ich liebe dich (fem.), weil 
du schön bist. 

Ich liebe dich nicht, weil du 
hässlich bist. 

Als er fortgegangen war, 
kam Ali. 



44 



m. AbhandloDg: Beiniseh. 



O-rba rewya-n-ik bfya, 

Ani Se'Sgdb akdy-t dirman. 

Barük ieigäb tekdyt dirimta. 

Oüddb hadidini gär güsrib 
5 ekatij gär sidglb ekdti, 

Ngät minda dehö tdtjkta. 

E-gulida y^-' adim-i-dkäy j ö- 
mik'i ö'tnfuk'i'dhdy bä-fäHday 
tim diya! 



Als er den berg erstigen hat- 
te^ ruhte er sich aus. 

Ich wurde ein hirt und ging 
hinter der herde. 

Du wurdest ein hirt und 
gingst hinter der herde. 

Wer vil redet, ist entweder 
(wörtlich einer) ein lügner, oder 
ein weiser (warhafdger). 

Ein regentropfen fiel auf mich. 

Zum geschwäz von dumm- 
köpfen und auf eselsfurz lache 
nicht, sondern schweige! 



II. 
Gespräche und sStze im Idiom der Halenga. 



10 1) Ü-kitasanayiin kassöh ö- 
dhdy bäböse, 

2) Ü'küasanayiinnaikaiktan, 

3) Ane nät käkaiiy lakin ü- 
küasanayün 4ktan, 

15 4) Hinin kassdn sanasandba. 

5) Alldy ü'kaldm gdle. 

6) Anibe ü-kaldm gdle, 

7) Kassdy Halenga day enda. 

8) Barük ekatdb tiktenaf 
20 9) Ane ekatdb aktin, 

10) Ane ekatdb kdkan, 

11) Baruk ekatdb kittänaf 

12) Batük ekatdb tiktinif 

13) Batük ekatdb kittänef 

25 14) Baruh ekatdb ekltinf 

15) Baruh ekatdb kikan, 

16) Batüh ekatdb tikt^f 

17) Batüh ekatdb kittan. 

18) Bardk ekatdb tiktinnaf 



Gott ist der vater aller men- 
schen. 

Gott weiss alles. 

Ich weiss nichts, aber Gott 
ist allwissend. 

Wir alle sind brüder. 

Gottes wort ist eins (war). 

Mein wort ist eins (aufrichtig). 

Alle Halenga sind gute leute. 

Kannst du schreiben? 

Ich kann schreiben. 

Ich kann nicht schreiben. 

Kannst du nicht schreiben? 

Kannst du (frau) schreiben? 

Kannst du (frau) nicht schrei- 
ben? 

Kann er schreiben? 

Er kann nicht schreiben. 

Kann sie schreiben? 

Sie kann nicht schreiben. 

Könnt ir schreiben? 



Dm BtdMEiy«-Spnche in Nordort-AfrUn. I. 



46 



19) Hinin ekatdb nikten, 

20) Hinin ekatdb kvnkan, 

21) Barak ekatdb kittdnna^ 

22) Barak ekatdb iktennaf 
5 23) Barak ekaidb kikdnna. 

24) Ane Alib ö-gaü baydt, 

25) Ane Alib ö-gawi yfani. 

26) Alib ü-gaü daüribe Mo- 
kammedib ü-gaü Hngerdbe. 

10 27) Anib ü-gaü daüribe, bar- 
yük ü-gaü Hngerdbe, 

28) Baryük ü-gaü daüribe, 
batyuk ü-gaü Hngerdbe. 

29) Hinnyib ü-gaü daüribe, 
15 baryükna ü-gaü daürib kike. 

30) Bardyük ü-gaü daüribe, 
batdyük ü-gaü daürib kikS. 

31) Ane iät tamanyik aS'ardb 
akdte. 

20 32) Barük iät tamtinyik aä'- 
ardb tekdti. 

33) Batük Sät tamtinyik a§'- 
ardt tekdti, 

34) Barük iät taminyik af- 
25 ardb ekdte, 

35) Batük iät tamtinyik a£- 
ardt tekdte, 

36) Hinin iät tamnayik af- 
ardb nekdte. 

30 37) Barak iät tamtSnik a^'- 
ardb tekdUna. 

38) Batdk iät tamtSnek af- 
ardt tekdUna. 

39) Barak iät taminik af- 
35 ardb ekdtln, 

40) Batdk iät tamSnek ai'- 
ardt ekdUn, 



Wir können schreiben. 

Wir können nicht schreiben. 

Könnt ir nicht schreiben? 

Können sie schreiben? 

Sie können nicht schreiben. 

Ich gehe nach dem hause 
AU's. 

Ich komme vom hause AU's. 

AU's haus ist schön, aber 
Mohammed's haus ist hässlich. 

Mein haus ist schön, aber 
deines ist hässlich. 

Sein haus ist schön, aber ir 
haus ist hässlich. 

Unser haus ist schön, das 
euere aber ist nicht schön. 

Ir (eorum) haus ist schön, 
aber deren (earum) haus ist 
nicht schön. 

Wenn ich fleisch esse, wer- 
de ich stark. 

Wenn du fleisch issest, wirst 
du stark. 

Wenn du (frau) fleisch issest, 
wirst du stark. 

Wenn er fleisch isst, wird er 
stark. 

Wenn sie fleisch isst, wird 
sie stark. 

Wenn wir fleisch essen, wer- 
den wir stark. 

Wenn ir fleisch esset, werdet 
ir stark. 

Wenn ir (frauen) fleisch es- 
set, werdet ir stark. 

Wenn sie fleisch essen, wer- 
den sie stark. 

Wenn sie (fem.) fleisch essen, 
werden sie stark. 



46 



m. Abhandlang: Beiniseh. 



41) Barak tinteiUy dne ifd'- 
höh dnde, 

42) Barak bitte'ete y dne kä- 
fahök. 

5 43) Barüh iiite'ite, dne ifd^ 
dnde. 

44) Batuh tinte^itej dne ifd' 
dnde. 

45) Bardkna tefdnetüny hinin 
10 netahökna. 

46) Batäkna tefdnetunj hinin 
netd'hökna. 

47) Barak (bardhna) efane- 
tUnj hinin nefa^hSsna. 

16 48) Barük hitteitey dne i^d"- 
hök kdde. 

49) Barüh bife'Btey dne ifd* 
kdde. 

50) Bardkna bä{enhi,ny hinin 
20 nita'hökna kinde. 

51) Bardh bifanhüny hinin 
nifd' kinde. 

52) Bardk wa anib wa nun 
ü'dhdy ü-raü kaesäh sdkyan. 

25 53) Hinin deyimey, hinin taA 
deyirnaneky barük deyirtaf 

54) Ane gijßy käd^yardn. 

55) Nahöb taa giktinyaf 

56) Barük dne gikte harriü 
80 hanf 

57) Ane gikte kdharu, tö- 
mhaseytuk td^a ka-mhastd-hanf 

58) Kira, ibe dndi. 

59) 'Iri dne ö-mangAy abdy- 
35 hö ha4db erhdn. 



Wenn du mich schlägst; 
schlag' auch ich dich. 

Wenn du mich nicht schlägst^ 
schlag' ich dich nicht. 

Wenn er mich schlägt, schlag' 
ich auch. 

Wenn sie mich schlägt, 
schlag' ich auch. 

Wenn ir uns schlägt, schla- 
gen auch wir euch. 

Wenn ir (fem.) uns schlägt, 
schlagen auch wir euch. 

Wenn sie uns schlagen, schla- 
gen wir sie auch. 

Wenn du mich nicht schlägst, 
werde ich dich nicht schlagen. 

Wenn er mich nicht schlägt, 
werde ich in nicht schlagen. 

Wenn ir uns nicht schlägt, 
werden wir euch nicht schla- 
gen. 

Wenn sie uns nicht schlagen, 
werden wir sie nicht schlagen. 

Ausser dir und mir sind alle 
leute fortgegangen. 

Wir sind müde; da wir nun 
müde sind, bist du wol auch 
müde. 

Ich doch nicht, ich bin nicht 
müde. 

Wann gehst du nun? 

Willst du dass ich gehe? 

Ich wünsche zwar nicht dass 
du gehest, aber nimmst du denn 
dein mittagsmal nicht ein? 

Nun gut, ich will gehen. 

Als ich gestern in die steppe 
ging, sah ich einen löwen. 



Dm BadM7«-8prBch6 in Nordott-ÜHk». I. 



47 



60) ^'Iri barük ö-mangdy te- 
häy-hö ha4äh erhita. 

61) ^Iri b(Uuk (Hnangdy te- 
hdy-hö hcu^db erhitay. 

s 62) ^Iri bar&h ö-mangdy e- 
bäy-hö ha^db Srhiya. 

63) ^Iri batüh ö-mangdy te- 
bdy-hö fia^db erhita. 

64) ^Iri hinin ö-mangdy ne- 
10 bdy-hö ha4db erhina. 

65) *'Iri bardkna ö-mangdy 
Ubinrhö ha^db erhitäna. 

66) ^'Iri batdkna ö-mangdy 
UMn-hö ha^dh erhitäna, 

16 67) ^'Iri bardh ö-mangdy e- 
hin-hö ha^db irhiyän, 

68) "/W batdh ö-mangdy e- 
biurhö ha4db 4rh\yän. 

69) Ün üridk dbef 

SO 70) Tun ta-takdt dbtet 

71) An dnda dbaf 

72) Tän tdrma dbtaf 

73) An en4äw an dbäf 

74) On MMc ün ddybe, ü-tdk 
^ hin aferdy. 

75) Tu takdt tun ddyU^ tü- 
takdt bit aferdyte. 

76) Anda an ddyba^ d-nda 
haiin aferdya. 

30 77) 7ä-m*a tän ddyta madta, 
ii-m^a baUt aferdyta madta, 

78) Ane ddybe, bariüc afe- 
fdyioa. 

79) BariJc 



Als dn gestern in die steppe 
gingst, sahst du einen löwen. 

Als du (fem.) gestern in die 
steppe gingst; sahst du einen 
löwen. 

Als er gestern in die steppe 
ging, sah er einen löwen. 

Als sie gestern in die steppe 
ging, sah sie einen löwen. 

Ab wir gestern in die steppe 
gingen, sahen wir einen lö- 
wen. 

Als ir gestern in die steppe 
ginget, sähet ir einen löwen. 

Als ir (fem.) gestern in die 
steppe ginget, sähet ir einen 
löwen. 

Als sie gestern in die steppe 
gingen, sahen sie einen löwen. 

Als sie (fem.) gestern in die 
steppe gingen, sahen sie einen 
löwen. 

Wer ist dieser mann? 

Wer ist diese frau? 

Wer sind diese männer? 

Wer sind diese frauen? 

Wer sind diese leute? 

Dieser mann da ist gut, 
jener aber schlecht. 

Diese frau da ist gut, jene 
aber ist schlecht. 

Diese männer sind gut, jene 
aber sind schlecht. 

Diese trauen da sind gut, je- 
ne aber sind schlechte frauen. 

Ich bin gut, du aber bist 
schlecht. 

Du bist gut, ich aber bin 




48 



m. Abkandlnng: Beinisek. 



80) Batük daytwiy barüh a- 
ferdy. 

81) Barüh ddybe^ batük a- 
feräyturi, 

6 82) Batüh ddytej barüh dayb 
kücB, 

83) Hinin däyba, bardkna 
aferdyäna, 

84) Bardkna ddybäTia, hinin 
10 aferäya, 

85) Batdkna daytäna, bardk- 
na däyb kitten. 

86) Bardh ddyba, batdkna 
däyt kittSn, aferdytän, 

16 87) Batdh (batdhna) ddyta, 
bardh aferdya, 

88) Batdh aferdyta, bardh 
(bardhna) ddyb kiken, 

89) Ndysö känf 

20 90) Er^4^way8ön Ena, 

91) Nhö tiblnf 

92) En4ön nibe, 

• 93) Hargüdbua han? 

94) Hargüdb kdke. 
26 95) Gäbdbua hanf 

96) Ane gäbdbe. 

97) Narltibua han9 

98) Naritib kdke, 

99) Abrahim lehdyt bitkayt 
30 yi'ini, 

100) Barüh tri e'a. 

101) Barüh iri bitkayt i^a, 

102) Ane mahalagdb hitök. 

103) Ane Abrahim mahala- 
35 gdb eydü dnde. 

104) Ane Abrahim mahala- 
gdb eydü kdde. 

105) Mahalagdb hd'a! 



Du (fem.) bist gut; er aber 
ist schlecht. 

Er ist guty du (frau) aber 
bist schlecht. 

Sie ist gut, er aber nicht. 

Wir sind gut, ir aber seid 
schlecht. 

Ir seid gut, wir aber sind 
schlecht. 

Ir (fem.) seid gut, ir (masc.) 
seid nicht gut. 

Sie sind gut, ir (fem.) seid 
nicht gut, sondern schlecht. 

Sie (fem.) sind gut, sie (masc.) 
sind schlecht. 

Sie (fem.) sind schlecht, sie 
(masc.) sind auch nicht gut. 

Woher kommt ir? 

Wir kommen aus unserer 
heimat. 

Wohin geht ir? 

Wir gehen heim. 

Bist du etwa hungrig? 

Ich bin nicht hungrig. 

Du bist also satt? 

Ja, ich bin satt. 

Bist du wol schläfirig? 

Ich bin nicht schläfrig. 

Abraham kommt übermor- 
gen. 

Er ist gestern gekommen. 

Er ist vorgestern gekommen. 

Ich gebe dir geld. 

Ich werde Abraham geld ge- 
ben. 

Ich werde Abraham kein 
geld geben. 

Gieb mir geld! 



Di« BedAoye-Sprache in Nordost-Aftika. I. 



49 



106) Ane mahalagdb eyi-hök 
kdde. 

107) Lehdyt barük mahala- 
gdb hitoya. 

5 108) Lehdyt barüh mahala- 
gdb eniü-hsb. 

109) Lehdyt batüh mahala- 
gdb teräü-hsb, 

110) Lehdyt bat&h mahala- 
10 gab Abrahim teniü. 

111) Lehdyt hinin mahalagdb 
Abrahim hidene. 

112) Lehdyt hinin mahalagdb 
hitok-ine, 

15 113) Lehdyt hinin mahalagdb 
hitök karine. 

114) Lehdyt bardkna maha- 
lagdb tewün-hön. 

115) Lehdyt batdkna maha- 
20 lagdb kithln-hön. 

116) Lehdyt bardkna maha- 
lagdb Abrahim tewüna, 

117) Lehdyt bardh mahala- 
gdb Abrahim ewüna. 

25 118) Lehdyt bardh mahala- 
gdb ki-hln-hib, 

119) Iri dne Abrahim maha- 
lagdb ahdy, 

120) Hararibuay heydb kitta, 
30 121) Bar&k iri intöy kithaya, 

dne mahalagdb hl-hök koke, 

122) Barük mahalagdb anib 
tehiya, 

123) Barük Abrahim maha- 
35 lagdb heydb kitta. 

124) Batik Abrahim maha- 
lagdb heydt kittay, 

125) Batuk Abrahim maha- 
lagdb tühi. 

Sitzangsber d. phlL-hUt. Cl. CXIVIII. Bd. 



Ich werde dir kein geld 
geben. 

Morgen wirst du mir geld 
geben. 

Morgen wird er mir geld 
geben. 

Morgen wird sie mir geld 
geben. 

Morgen gibt sie dem Abra- 
ham geld. 

Morgen wollen wir dem 
Abraham geld geben. 

Morgen wollen wir dir geld 
geben. 

Morgen geben wir dir kein 
geld. 

Morgen werdet ir uns geld 
geben. 

Morgen werdet ir (fem.) uns 
kein geld geben. 

Morgen werdet ir dem Abra- 
ham geld geben. 

Morgen werden sie dem Abra- 
ham geld geben. 

Morgen werden sie mir kein 
geld geben. 

Ich gab gestern dem Abra- 
ham geld. 

Du lügst, denn du gabst nicht. 

Du warst gestern nicht hier,, 
desshalb gab ich dir kein geld. 

Du hast mir geld gegeben. 

Du gabst dem Abraham kein 
geld. 

Du (fem.) gabst dem Abra- 
ham kein geld. 

Du (fem.) gabst dem Abra- 
ham geld. 

S. Abb. 4 



60 



m. Abhandlung: Beinisch. 



126) Barih Abrahim maha- 
lagdb y^hi. 

127) Batüh Abrahim maha- 
lagdb tShi. 

6 128) Hinin Abrahim maha- 
lagdb nihi, 

129) Bardkna Abrahim ma- 
halagdb t^hina, 

130) Batdkna Abrahim ma- 
10 halagdb tMhina, 

131) Bardh Abrahim maha- 
lagdb yihin, 

132) Batdh Abrahim maha- 
lagdb yihin. 

16 1 33) Ane Abrahim m^halagdb 
heydb kdke. 

134) Barüh Abrahim maha- 
lagdb heydb kike. 
' 135) Batüh Abrahim maha- 
20 lagdb heydt kitte, 

136) Hinin Abrahim maha- 
lagdb heydb kinke, 

137) Bardkna Abrahim ma- 
halagdb heydb kittSna. 

26 138) Batdkna Abrahim ma- 
halagdb heydt kittSna, 

139) Bardh Abrahim m^ha- 
lagdb heydb kiken. 

140) Batdh Abrahim m^aha- 
30 lagdb heydt kiken, 

141) Ydmay 'dta hin-hön! 

142) Tdme idmböta hay- 
md'a! 

143) Daühäb hin-hön! 
36 144) Baruk Uhdbuaf 

145) L^hdb kdke. 

146) Ane duw dnde. 

147) Ane düwe kdde. 



Er gab dem Abraham geld. 

Sie gab dem Abraham geld. 

Wir gaben dem Abraham 
geld. 

Ir gabt dem Abraham geld. 

Ir (fem.) gabt dem Abraham 
geld. 

Sie gaben dem Abraham geld. 

Sie (fem.) gaben dem Abra- 
ham geld. 

Ich gab dem Abraham kein 
geld. 

Er gab dem Abraham kein 
geld. 

Sie gab dem Abraham kein 
geld. 

Wir gaben dem Abraham 
kein geld. 

Ir (masc.) gabt dem Abraham 
kein geld. 

Ir (fem.) gabt dem Abraham 
kein geld. 

Sie (masc.) gaben dem Abra- 
ham kein geld. 

Sie (fem.) gaben dem Abra- 
ham kein geld. 

Geben Sie uns wasser und 
milch! 

Bring' brod zum essen! 

Gebt uns saure milch! 
Bist du krank? 
Ich bin nicht krank. 
Ich werde schlafen. 
Ich werde nicht schlafen. 



Die BedMje-Sprftche in Noido«t-Afrik». I. 



51 



148) Ma^dxfy wo 'ör düwsi 
(düsi)! 

149) Wö-'ör duwistayf 

150) Duwisdt koke, an ähiye 
5 duwän. 

151) On SiUmdn takdt hina, 
daürit takdt hina, Hngirdt takdt 
hä-hiüna! sanönyu, Tegidiniy ye- 
adim bä-hadina! tebdinik, dne 

10 ammodihök. 



152) Ane bintöy yVani-höj 
daürit 'ör hitoyaf 

153) Barik tSa daürit 'ör 
biihiwitSy tegite daürit 'ör kd- 

15 hi-hök. 

154) SiUmdn tenlwit <ö-'ör 
ibiye erhisa-he^ bar&h enddüre 
ki-kan-dyy baräh '(yr dabalöbuyt. 



155) Te-mh&y 'ar^ dne Hbd- 

20 bu-yty tö-daürit h(yy akten, tö- 

Hngirdt höy aktiuy, tö-bitkit hi- 

tänf ö'tdrha guadit hitänf 

ö-mayug-g&adit tingidü hitänf 



156) Barük mdri tingidü te- 
^ nitoiky ddytCy ö-bttk tingidit te- 

Tüwik, Hngirdte, ömagug-gOadtt 
tingidit tenlwiky ddyte, 

157) Tö-takdt tö-wäragdt iM- 
hitön: >Abrahim Hb dördb sa- 

so limi'hök* diyay ^hinin wulla 



Komm und schläfere ein 
(fem.) den knaben! 

Hast du (fem.) den knaben 
eingeschläfert? 

Ich (fem.) schläferte in nicht 
ein, ich schlief selbst. 

Geben Sie diesem Soliman ein 
weib, ein schönes weib gebt im, 
kein hässliches! denn er ist un- 
ser bruder. Wir werden das 
vergelten, vergesst es nicht, 
sonst werde ich böse auf Sie 
(dich). 

Wenn ich dorthin (nach Afri- 
ka) komme, gibst du mir auch 
ein schönes mädchen? 

Wenn du mir jetzt kein schö- 
nes mädchen gibst, so gebe ich 
dir dafür auch keines. 

Das mädchen, das du dem So- 
liman gibst, zeig' nur mir! denn 
er kennt etwas schönes noch 
nicht, er ist noch wie ein kleiner 
junge. 

Von den drei mädchen, wie 
ich sie sah, kenne ich das schö- 
ne und das hässliche mädchen; 
geben Sie das mittlere her oder 
das mädchen, welches auf der 
linken seite stand oder das zur 
rechten? 

Wenn du das mädchen, das 
seitwärts stand, gibst, das ist 
schön, das in der mitte ist häss- 
lich, das mädchen, das rechts 
stand, ist auch schön. 

Zur frau, die uns das papier 
gab, sprich: »Abraham griisst 
dich hundert mal! da wir bald 

4* 



52 



III. Abhandlung: Keinisoh. 



giffnai/y gdl dör madi/j erha-hök 
neyaddy«., 

158) Tü-ebikBt takdt tun ba- 
tüh hart hä-ite; hi-aynik hinin 

6 hayadinayy haruk sitöb-höh! tu- 
mhay han bd-Bte! 

159) N'dlla dabäybua ? ndlla 
ndt-hök akdt kitte? ändük ndlla 
ddbayaf yä'ardk n'dlla ddbayaf 

10 tär*artdk n'dlla dabdyta f taka- 
tük ndlla dabdyte ? bäbük ndlla 
dabdyf detük n'dlla dahdytef 
sanaydk ndlla ddbayaf täküa- 
tdk ndlla dabdyta f ä-Sawäk 

15 n'dlla ddbayaf wü-rewük ndlla 
dabdyf 



160) Alldy nehamid! 

161) Wö-ayök ö-nidykua er- 
hisa-hBb! wü-ayäk ü-tdlha. kiyaf 

20 ü-ragadük ü-nidyküa f ü-ragadük 
ü'tdlha f ö-mayüg güadök, ö-tdr- 
ha güadök erhisa-heb! 



162) Lehdyt yVadinay. 

163) Lehdyt biri iyni. 

164) Lehdyt biri kd-eya. 

165) Amsi biri ife. 

166) Amsi biri ki-hay. 

167) Amsi tU'blri baldU. 



25 



30 



168) Amsi tö-brite bäl ki-hay. 

169) Ü'dhur ddwele. 

170) Wü-dssir ddwele, 

171) Ü-mdgreb ddwele. 



fortgehen, so sagen wir ir, 
komm' doch noch einmal, damit 
ich dich sehe!« 

Jene frau in der mitte, die 
soll ebenfalls kommen; wenn sie 
nicht kommen, so gehen wir ja 
fort, füre sie also uns za! auch 
die dritte soll kommen! 

Bist du gesund? es hat doch 
kein Unfall dich betroffen? ist 
auch deine familie gesund? be- 
finden sich deine söne wol und 
auch deine töchter? geht es 
auch deiner frau gut? und be- 
findet sich wol dein vater und 
ebenso deine mutter? befinden 
sich deine brüder wol und auch 
deine Schwestern? geht es dei- 
nen freunden gut? ist auch 
dein vih gesund? 

Ja, gottlob! 

Zeige mir deine rechte band! 
wo ist deine linke band? und 
wo ist dein rechtes bein? und 
dein linkes bein? und zeige mir 
deine rechte seite und auch 
deine linke!. 

Morgen wollen wir kommen. 

Morgen kommt regen. 

Morgen kommt kein regen. 

Heute regnet es wol. 

Heute regnet es nicht. 

Der himmel ist heute um- 
wölkt. 

Heute ist keine wölke am 
himmel. 

Der mittag ist nahe. 

Der asser ist nahe. 

Der magrib ist nahe. 



Die Bedaaye-Sprache in Nordoii- Afrika. I. 



53 



172) Wü-'iSa ddwele, 

173) Ü-zibha ddwele. 

174) An{ tü'tdkdt Mate, 

175) Ani te-Uhandy güdäte, 
5 176) Ane Uhähe, neg. Uhdh 

koke. 

177) Barak Uhäbuay neg. fe- 
hdb kitta, 

178) Batük Uhatui, neg. fe- 
10 hat kittay. 

179) Barüh Uhabe, neg. feÄöJ 

180) SafiiA Uhate, neg. teAa^ 

15 181) Hinin Uhdba^ neg. teAdi 
kinke, 

182) £ard{:na teAa&äna^ neg. 
Id&db Mtüna. 

183) Batdkna Uhdtäna, neg. 

184) Barak Uhdbänj neg. fe- 

185) Batäh Uhatän, neg. Z^- 
Aot kikSn. 

26 186) i4n€ iW Uhabe, neg. Zä- 

187) Barük iri Uhäbuay neg. 
Wiäb kiUa. 

188) Batük iri Ühdtuiy neg. 
30 feAa^ kittay, 

189) ^n€ müslimibe, barük 
na^aribua, 

190) Hinin musiliminy ba- 
rdkna nasartbäna, 

35 191) -4ne M?wn tdke. 

192) Barak loun tdkua. 

193) Hinin toäwun da. 



Die ischa ist nahe. 

Der morgen ist nahe. 

Meine frau ist krank. 

Meine krankheit ist schwer. 

Ich bin krank ; neg. bin nicht 
krank. 

Du bist krank; neg. bist nicht 
krank. 

Du (fem.) bist krank; neg. 
bist nicht krank. 

Er ist krank; neg. ist nicht 
krank. 

Sie ist krank; neg. ist nicht 
krank. 

Wir sind krank; neg. sind 
nicht krank. 

Ir seid krank; neg. seid nicht 
krank. 

Ir (fem.) seid krank; neg. 
seid nicht krank. 

Sie sind krank; neg. sind 
nicht krank. 

Sie (fem.) sind krank; neg. 
sind nicht krank. 

Ich war gestern krank; neg. 
war nicht krank. 

Du warst gestern krank; neg. 
warst nicht krank. 

Du (fem.) warst gestern 
krank; neg. warst nicht krank. 

Ich bin ein muslim^ du bist 
ein Christ. 

Wir sind muslim, ir seid 
Christen. 

Ich bin ein grosser (mäch- 
tiger) mann. 

Du bist ein grosser (mäch- 
tiger) mann. 

Wir sind grosso männer. 



54 



m. Abhandlung: Beinisch. 



194) Äne wun tdkate. 

195) Batük wun takdtwi, 

196) Hinin wdwun madta, 

197) Ane vmn tdke aküä,^ 
5 güda mahdlaga dbare. 

198) Barük wun tdkua a- 
küäy^ güda mahdlaga tebdreya. 

199) Barüh wun tdke aküä,^ 
gada mahdlaga ibare, 

10 200) Hinin wdumn ddya a- 

küä,^ gada mahdlaga nihare. 
201) Bardkna wdwun ddyä- 

na akuä,^ güda m>ahdlaga te- 

barina. 
16 202) Bardh wdumn ddya a- 

küä,^ güda mahdlaga ebarina, 

203) Ane wun tdkate aküä,^ 
wü'hdd'a ed'ir-heb, 

204) Batük wun takdtwi a- 
20 kiiäy^ wü'hdcCa ed'ir-hök. 

205) Batüh umn tdkate a- 
küäy^ wä-hdd'a ed'ir-hös, 

206) Hinin wdwun madta a- 
küäy^ yä-hdda ed'itin-hön, 

26 207) Batdkna wdwun mad- 
täna aküäy'^ yä-hdda ed'irin- 
hökna, 

208) Batdh todwun ma'dta 
aküäj^ yä-hdd'a ed^irin-hösna. 

30 209) Ani tü-takdt daürite td- 
kate. 



Ich bin eine mächtige frau. 

Du bist eine mächtige frau. 

Wir sind mächtige frauen. 

Weil ich ein grosser mann 
bin, habe ich vil geld. 

Weil du ein grosser mann 
bist, hast du vil geld. 

Weil er ein grosser mann 
ist, hat er vil geld. 

Weil wir grosse männer sind, 
haben wir vil geld. 

Weil ir grosse männer seid, 
habt ir vil geld. 

Weil sie grosse männer sind, 
haben sie vil geld. 

Weil ich eine vorneme frau 
bin, so heiratete mich der 
scheich. 

Weil du eine vorneme frau 
bist, so heiratete dich der 
scheich. 

Weil sie eine vorneme frau ist, 
so heiratete sie der scheich. 

Weil wir vorneme frauen 
sind, so heirateten uns die 
Scheiche. 

Weil ir vorneme frauen seid, 
so heirateten euch die scheiche. 

Weil sie vorneme firauen sind, 
so heirateten sie die scheiche. 

Meine frau ist eine schöne 
frau. 



^ Oder: tcun tdku-ü. 
• Oder: wdwun ddya-it. 
^ Oder: takötu-ü. 
^ Oder: ma'ätäna-k. 



* Oder: wun tdkua^. 

* Oder: wdwun ddyäna-ü. 

* Oder: ma'äta-tL 



Di« B^daaye-Spraclie in NordMt-AfHks. I. 55 



ni. 

Erzälungen Im idiom der Had^ndäwa. 

1. 
Omar. 

1) ÜrndTj Nafir 'ör, (hGaU 'Umar Ndfir halt GaS akdn 
ydkya ö-Sök Bya, bälökö ggütd Sawäkin adik ya- 

metd yan. 

2) E-gaüöh iumya, tdku es4n- IH 'drSd orobd yan, kä nü- 
ne, ytiS, ytagdr, gigya. mä-li heyaüti dlnd sügd yan, 

yubild gähd yan, 

5 3) Fa4ig hdüla isne, yxagdr GdSal afard egidä dafdy yan, 

iya, e-gaüöh äümya , tdku e- malammi gähd, iäi ^drsd orobd, 

sSnne, heyaüti Ul sügd yan numd-li, 

4) Te-takatöh efidig, ö-tdk läi nümi yiftihd yan, ay hey- 

mehallagäb ihi, haldk ihi, ge4' ciütö mal yohöy, sardnä yohöy, 

10 ^at ihi, t-hdmo ladsya, kdbel yohöy, külze kä amö yus- 

kutd yan. 

1) Omar, Nafir^s son, brach auf vom Gasch und kam 
nach Suakin. 

2) Als er in sein haus eintrat, befindet sich da ein mann; 
da zog er wider fort und kerte zurück. 

3) Vier jare bUb er aus und kerte dann wider zurück; 
er betrat sein haus und wider befindet sich hier ein mann. 

4) Da gab er seiner frau die Scheidung, dem manne aber 
gab er geld, gab im ein kleid, gab im Sandalen und salbte 
sein haar. 

2. 

Zwei beiden. 

1) Omdr, ^Ali, malhoyäh mal 'Umdr ka 'Ali lammd fards 
hatdy ibirin, Mdkkay yakydn, ll yinin yan, Makkd-kö ogutani 
6-Mha ebina, Möhä akdn dikil yaddyn yan, 

2) FirisYahudeslninö-Mhdy, Firisd ka Yahüdd märdn yan 
U ä-difa, wü'issüre haküdre en- Möhä dikil, tan böb alifima 

gddna. sügdn yan. 



56 



m. Abbandlang: Reiniseb. 



3) Ü-ngäl wö-hatäy-wä ^Omdr- 
wä yakisya wö-ay-isöhy ö-kalibi 
kalawdy egid, 

4) Omdr ö-mba^öh €ferd\ ö- 
6 Firis edir ö-mba^i, u-böy wo- 

hatdyi ginha yiabik. 

5) Ali wö'hatdy ö-kaUb ferya, 
ü'dhdy kassüh enhdd dki ^sni 
(iaini). 



Wilitl ui gabdrkö ay fards 
ka 'Umdr ohoffusd, daggi adddd 
tan 'aydä yan. 

'Umdr i§i sSf sübd yan^ ay 
Firis yigdifd yan, kä bilö fa- 
rasi nahdr alülusd ydn. 

*All iSi fards-li ay daggU 
küdüm iäd yan^ umbakd heyaü 
bäkitdn yan. 



1) Omar und Ali hatten alle beide je ein pferd und 
ritten von Makka nach Mocha. 

2) Zu Mocha befanden sich Perser und Juden, die tore 
irer häuser waren verschlossen. 

3) Da hob nun der eine das pferd und den Omar auf 
mit seiner hand und warf sie in den hofraum hinein. 

4) Da zog Omar sein schwert und tötete damit den 
Perser, das blut spritzte dem pferde auf die brüst. 

5) Ali sprang mit seinem pferde in den hof, alle leute 
darin kamen um. 

3. 
Martad pasoha. 



10 1) Martad ibdbya^ Mdasir 
ibSj malö tirg' isd^ Soddn ibe, 
Soddnib iaa um-örüh elhiya. 



2) Had'dt dShd eta: i^dne 

mhilane^ tine, 
16 3) Te-hdd'a wö-'ör m§hüta, 

wü-'ör eyd\ 

4) Wü-'öruh ü-rdü elhiya, 

had'dt wU wWyän, eta, >mhi- 

lane€ tiney mhilta, wü-ör eyd\ 

Bna, 
20 5) Ebtikena, mildk hö ed'ina, 

wö-'ör ö-räü ebtikSnay miläk 



Martad yeiseferd Mdssiril 
yametd yan, Mdssiril lammd 
dlzä dafdy-ged Soddn bälöl gaid 
yan, Soddn bälöl dnik kä bali 
lähötd yan, 

Bard ktn nümd el tametd 
ydn: T^anü aydewd* talehd yan, 

Ay bard kln nümd ay bdlä 
tadewd, bali räbd yan, 

Wili kä bali layl lähötd yan, 
aki bärd dä*imani, tametd >tä 
bdlä aydewd* ta, tadewd, ay 
bali räbd yan, 

Garbd ak an^iSani mulehö 
Bd hdyn yan, layl malammi bä- 



Die B«dAnye-Spracbe in Nordost-Afrika. I. 



57 



hö etTin^ y^-dr malhöyBh san- 
dükib edin. 

6) E-bdba hamaSiyay Sodäni 
yakyaytj Massiv ebBy Massirib 
& haUya, 



lä garbä ak an(JtiSaniy mulehö 
Sd hdyn yan^ sandüqud lammd 
tdna hdyn yan. 

Abbä intit tcay yan, Soddnkö 
Qgutdy Mdssir yaddy yan, Mas- 
siril ya'ebidd yan. 



1) Martad verreiste und ging nach Kairo und nachdem 
er dort zwei monate gebUben war, ging er nach dem Sudan 
wo im dann sein son krank ward. 

2) Da kam eine alte frau zu im und sprach: »ich werde 
den son behandeln.« 

3) Sie behandelte also denselben, der son aber starb. 

4) Da erkrankte auch sein zweiter son, man rief eine 
alte frau, sie kam und sagte: »ich werde in behandeln;« sie 
behandelte in, aber der son starb. 

5) Man obducirte die beiden knaben, balsamirte sie ein 
und legte beide in einen sarg. 

6) Der vater erblindete (vor weinen), er zog vom Sudan 
nach Kairo; in Kairo wurde er verrtlckt. 



4. 



Die toohter des sultans. 



1) Sultan {fßy 'öt ibire; tö 
'ötuh ibabiay mdrkab tihdy, 
ib^ta. 

2) Tak dkhan sultäni tö-'ört, 
10 ün ütak mdrkab denCarä-b Sdnya 

hä*-iyay ibäbdyt^ BhB. malydb e- 
htlled maddfe gedya ferhdtBb, 



3) SultdnU'ör kesydb tibire. 
ün keiyayüh däbd-y sake o-gaü 
16 eruwya, ö-tdk edir. 



Sulfdn yind yan^ bald li yind 
yan; ay ta bäja teiseferd yan, 
babürud gaxtd taseferd yan. 

Will heyaüti sulfdn bald ta 
yikhend yan, ay heyaüü ay 
mdrkab dahdb-kö yamegdy ta 
ay bay heyaüti sulfdn bald ta 
dbbal yadebbd yan, amd-ged 
dik maddfe yotokd yan, 

Ay sul(dn bald garud li tind 
yan, ay ta garud yoqomd 'dred 
yawe*d yan, ay heyaütö yigdifd 
yan. 



1) Es war einst ein sultan, der hatte eine tochter; diese 
seine tochter verreiste, sie bestig ein schiff und reiste fort. 



58 



m. Abbandlnng: Bein i ach. 



2) Ein mann nun liebte diese tochter des sultan, er füllte 
nun das schiff mit gold an und brachte es ir zu (und heiratete 
sie hiedurch) und brachte nun dieselbe von der reise zurück. 
Vor freude darüber löste die Stadt kanonen. 

3) Die tochter des sultan hatte einen sklaven; dieser ir 
Sklave betrat nun zuerst das haus und tötete jenen mann. 



Die dummen ehelente.^ 



1) Gulüllt wä gulüli esnin 
m, malhoyah umdad'd'ma, an 
malhoydh^ tdk wä takät ekina, 
ina. 
5 2) Tun te-tdkdt te-gulüli tak- 
yöh-d§hny :^ *babyö e-gawis dir- 
batit hdyma-h^b.U tedi. 

3) f>Kira!<i edit, gigya, t-en- 
deti'dhäy iya. 
10 4) T^Dirbatitx idiy T^tö-ötukna 
dirbatit tehdru tehi<c edit söya, 

5) Duwdn tetiby tehi, barüh 
ibe. malyäb ün ü-tdk sdlli terdb 
ekitmik büt balamdt tistni (te- 

16 sni). 

6) T^Bäbyö en^äwdy tü-bür 
baldmta^ enit, Wdsya, 

7) Takatyöh^ d^hdy dirbatit 
anü abty^söh Sümya, 

20 8) Te-takatüh^ te-gul&li: »te- 
dirbati kitaf^ tidi-hös, 

9) >Bäbyö emjläwdy tä-b&r 
bdlama tesni-Mb, Wasdn< edit 
ün gululi. 



Düdd ka düdä yinin yan^ ay 
lammd slneslni mar'eHtdn yan, 
ay lammd nümd ka bd'elä ya- 
nin yan, 

Ay düdd kln nümd iH dudä 
kln bd'elak: *y' dbbä 'drS-kö 
muttik yö bdJ^.U ak talehd yan. 

^Ma'd.U ya, yaddy yan^ ta 
indl yametd yan, 

*Mutäk ay-tand slni bald* ak 
yalehd yan ay ta Inak, 

Gäybe tamegd dkä tohöy yan, 
Ü88uk yaddy yan, ardhak abjd 
gilfd-ged abbaröytd bälö dkä 
süktd yan, 

»F* dbbä bald abbaröyta* ya- 
lehd, yuskutd yan. 

Ay iH nümdl mutük hinim 
iSi föydk orobd yan. 

Ay düdd klnrkä nümd: * mu- 
tük aüläf^ ak talehd yan. 

»y dbbä bald abbaröyta-yd 
yö süktd, amd-gBd uskutd* ak 
yd yan. 



^ Vgl. Sahosprache I, 242. 

^ rnälho zweiheit, mcUhoyäh ire zweiheit, bei den Beni-Amer: malh-äs. 

' Beni-Amer: taky6a (= tak-i-ös) dehdy zu ireni gatteu. 

* Beni-Amer: takat-y-S». 

'^ Beni-Amer: iü-tcikat-üa seine gattin. 



Die Bedanye-Sprache in Nordoat-Afrik». I. 



59 



10) *Bak tuwBrik detu^ kit- 
ii-ön, tö-but ni'iS^ te-takdt tedit 



11) BiHb ih^nit, eßyaknit dS- 
häyö9na akS hay gigyän. 
5 12) E-sdlli saki höd yam atäh 
esni-hösna. e-ydm ekitmenik ü- 
täk: »ö-i/hayönenomhinnetdukU 
en. 

13) »Kßra.U tedi, >e-bVyön 
10 tü'Hn gaHktdy e-yam-ib nifif.U 

iidi, 

14) 0-Vib e-yamib eßfna, e- 
Viyöh fandiye-dhdy te-takdt kü- 
iin tehdyty etdyty e-yamib Sümta. 

15 malyäb wü-höd ^kta\ tö^n te-ta- 
kdt ukta} 

15) ü-tdk: *te-takatu höysö 
amtdy tedl^ entty höy Sümya. 
malydb ün höd baröh "ükta ön 

20 ö-tdJc. 

16) Gulülit tcA gulüli bak 
ikin, en. 



>Ahe abtdk sardl y ind nö 
mä-hdbta-ky bälö hdbnö< ak ta- 
lehd yan. 

Harid blSitani , yutuqu*ani 
aini sakdy yadäyn yan, 

Ay ardh adik egil Idy-kö yam- 
megd-yä dkä sügd yan, amärki 
gufdn-gsd: »mäw tärki abnöU 
ak yalehd yan bd'elä, 

T^Ma*d!< talehd yan^ *yind 
mäw ayrö aläasd-dö, harid lay 
adddd hdn^öl* ta, 

Ay harid lay adddd häldn 
yan, amd-gSd ay nümd dibdnä 
bäxtd lay adddd oroba yan ay 
harid takd^tö, ay lay ta yun- 
du'd yan. 

Ay labahayti: -»yi nümd yök 
baktd^ ya egilik adddd tolübb 
yalehd yan, amd-gBd ay egil kä 
yundu'd yan, 

Düdd ka dudä tamdy gayn 
yan. 



1) Es war einst eine cretine und ein cretin, beide heirateten 
sich und wurden mann und weib. 

2) Da sprach einst die cretine zu irem gatten: »bring mir 
butter von meines vaters haus!« 

3) »Gut!< sagte er, er ging hin und kam zur mutter. 

4) Dieser nun sagte er also: »eure tochter wünscht 
butter.« 

5) Sie füllte also ein gefUss voU an, gab es im und er 
ging damit fort. Auf dem wege kam er aber zu trockener erde. 

6) Da sprach er: »die erde meines Vaterlandes ist ja ver- 
trocknet« und er salbte sie. 

7) Er kam nun zu seinem weibe one butter. 

8) Da sprach diese zu im: »wo ist denn die butter?« 



* FUr endetii. * Für ekiUd\ von küata'-, b, %, 46, e und §. 102. 



60 



m. Abhaadlung: Beinitch. 



9) Er erwiderte: »die erde meines Vaterlandes war ver- 
trocknet; xind da salbte ich sie.« 

10) Da sprach sie: »wenn du es so gemacht hast, so wird 
uns die mutter nicht dulden, wir verlassen also das landl« 

11) Sie namen nun mel zu sich, um davon zu leben und 
zogen von dannen. 

12) Wie sie so iren weg gingen, da kamen sie zu einem 
teich voll Wasser und es sprach dann der gatte: »dahier wollen 
wir unser essen zubereiten!« 

13) »Gut!« sagte sie, »da ja die sonne unser essen kocht, 
so schütten wir das mel ins wasser.« 

14) Sie schütteten also das mel ins wasser und die frau 
nam einen rürstock um das mel umzurüren und stig hinein 
ins wasser. Da aber verschlang sie der teich. 

15) Da sprach der mann: »mein weib isst nun darin 
abseits von mir alles essen weg« und er stig nun auch hinein. 
Da verschlang auch diesen der teich. 

16) So nun erging es jener cretine und dem cretin. 

6. 
Saraf's ton. 



1) Sardf 'ör tö-kämtöh ytäm^ 
hay gigyaj ibdbya, 

2) Takdt k^handbuy yiharid 
iya, 'ät eridy Madlndh istöb 

6 d^hdy. 

3) Tö'kämtöh yVdmt, hay 
ibdbya, Kaaaaldb egidha, 

4) Ö-föna hädtrya, fdgara: 
* Sardf ^ör tiitena kiihay^j ina, 

10 5) Barbar seräkudbu, wü-'ds- 
ker ka^sdh irukuäna, 

6) Hatdy änküandb edir, ö- 
riü hö xMy ra^dsi iyd^itj rasds 
ihdytf edir, 
16 7) Hardmi 'öru tak haröh 
ihakib iDö-Hdrtum hay ibs. 



Sarrdf bafi iH rakäbuk göhAj 
gala yan, 

Nümd yikhend yauj yurhodd- 
gedy ald yHigilä ay hän Madinä 
dkä bähd yan, 

I§i rakübuk gähäj Kdasalal 
yametä yan. 

Dibd'd yangeldy labahd-kö Sa- 
räf bau käyäegidamma-U yan. 

Barbara akdn bälö inkö ak 
mäiittd yariy däker inkö ak mä- 
Httd yan, 

Fards bd*lä yigdifd, mal ak 
bUitd yany arartö kä yigdifd 
yan. 

Harämi bali Ui gäläytö-li yu- 
noroboti Kdrtumil yaddy yan. 



Die BedAoye-Sprache in Nordost- Afrika. I. 61 

8) 0-Sök «r yiahOc, S-kt§ya Saüäkin heyaü-kü arah-ad 
hö ihij Madlnäb istöhj ö-reü tan garüdd tdna yibildy ak In- 
kassöh istöb. Htd yan, ay inkö bay mal Ma- 

dinä dkä yohöy yan, 

9) Süri amndb is^ney häri Awwdl zabdna Sarrdf baji 
5 Sardf *ör tö-takdt ekhan, ö^iü galdntä yakd orobd yan, ayk 

dMh&y elkiky ö-dhdy o-riü kasaöh sardl Madinä ta yikhend yan, 
ihe, anhabydy Madinab istöb umbakä bälö-kö baySdm al-Uä 
'aiäb. wdqtil Madinä dkä bähd yan. 

1) Sarafs son bestig seine kamelstute, zog fort und ver- 
reiste. 

2) Er war Hebhaber einer frau, dieser brachte er was er 
geschlachtet hatte, auch die milch die er molk. 

3) Er bestig also sein kamel, reiste ab und kam nach 
Kassala. 

4) Hier kam er in ein gefecht, aber kein krieger war 
im gewachsen. 

5) Auch die Stadt Berber versetzte er in angst und alle 
Soldaten fürchteten in. 

6) Er tötete einen reiter mittelst eines Schusses und nam 
im seine habe. 

7) Mit einem mann der hinter im auf dem kamcle sass, 
zog er nach Chartum. 

8) Leute von Suakin fiel er an, nam inen die sklaven 
and brachte diese und alle habe der Madina. 

9) Ehemals war er ein bettler, als er aber Madina lieb 
gewann, da brachte er nachts dieser alle habe zu, welche die 
leute verloren oder die er erbeutet hatte. 

7. 
Mohammod* 

1) Hdmmed Bombay ebs, aröb Mohammed Bombdy gdla, Sd 
10 ihdy ibB, Sdnya, hay yVagdr yaddym jalabd kini, yam^gd iSi 

iya, jalabd gähd yan, 

2) B^kir Sugutrdb iya, häS Sugutrtyä akdn bddal yametd 
ye'amadnÜ eMrsyän , ö-bhiri yan, gabdd bdrre-kö endd bähani 
iDö-hüsay efiranit tin ehirsyän. ka yaybuluwin yan. 



62 



in. Abbsodlnng: Reiniseb. 



3) HamaSdy: »ü-tin fln, ü-bhir 
ün behir Sugutrdy^ ine, 

4) Jeddäb iya^ wö-^aröh ne- 
jdlya^ ibäbya, 

5 5) 0-Sök imhdküel mersdy 
ddsyay wö-'öröh ö-bhir egid, yi'- 
« gigya, 

6) Haüldb wü-^örüh ihäne- 
dhäy, äro yakisya, Jeddäb eya, 

10 aröb uwivj ibäbya. 

7) 0-bdbay d^hdy iya, ü-bdba 
yakydyt: *wü-'ar ün ö6?« ene. 

8) :>Wö'örök€ en. Mdb ged- 
yayj ismare ü-bdba. 



Mohammed gänni: >il nand 
bäd ka endd Sugutrd kini^ y€h 
lehd yan, 

Jeddd akdn bäiö güfdy iH ja- 
labd adddd ak yand nuwd yi- 
nizild, yeiseferd yan, 

Saüdkin irö en^jld bädal ya- 
metd yan, iH bdlä bddad *aydd, 
iSe ak yaddy yan, 

Egida m^ra-yindnkö tdli jor 
labd kä gaytd y kä tuyqu'd, 
Jeddal kä bäxtd yan, törke ja- 
labd sirähdk sardl yaddy yan, 

If dbbal yametd yan, dbbä 
ogutd yan: *tay jalabd aji ja- 
labdf* yalehd yan, 

*Kn bdlä kln^ ak yalehdn 
yan. lühd bddad 'aydd yan ay 
ball, dbbä bddkö yasketd yan. 



1) Mohammed reiste nach Bombay, er nam ein schiff und 
reiste dahin; dort belud er wider das schiff und kerte zurück. 

2) Er kam ins meer von Sokotra. Da zogen sie sand und 
sclilamm aus dem meer und zeigten das im. 

3) Der halbbUnde Mohammed sagte: »Dieser schlämm, 
dieses meer das gehört zum meer von Sokotra.« 

4) Er kam dann nach Dschedda, entlud das schiff und 
reiste ab. 

5) Im äusseren hafen von Suakin legte er dann wider an, 
da warf er seinen son ins meer und für dann ab. 

6) Nachdem sein son ein jar gebliben war, nam in ein 
schiff auf, er kam nach Dschedda, erwarb sich da ein schiff 
und für ab. 

7) Er kam dann zu seinem vater; dieser erhob sich und 
fragte: »wem gehört dieses schiff?« 

8) »Dein son ist ja da« erwiderte man; da warf der son 
die Stangen ins meer, der vater aber liess sie auflesen. 



Die B«d»ii7e-Sprache in Nordost-Afrika. I. 



68 



8. 
Der löwentötar. 



1) E'Vd§e tö-rCäy edir, wu 
änküdna dähd Bya, e-b'dSe edir^ 
ina. 

2) Wu hdiia iya^ S-S'd gäl 
5 ediry mihdy-t yina e-Sd* vm-än- 

küäna ihdrOy wö-hd^^a imire, 
derdt iribj mderdyna wö-ha4y 
irraü edir ö-tdk. 

3) Andüh iharün, dya ime- 
10 rün. u)ö-hd44ay ehena^ iherun 

ay-t yinay imerün, mderardyna 

vDö-hd44<^j fo4^ tamün däb eddr, 
gäl tdk iya; ün ü-tdk ngaldlay 
wö-ha4'4^ edir. 



Wakari läh yigdifd yan^ ta 
wanni el yametd yan, wakari 
ta yigdifd yan, 

Lubäk inki sagd yigdifd yan^ 
adohd lala' ay sagd ta wanni 
gäroniSd yan^ hibdk dkä gardy 
yan, kä yagddfö tänd yan, ag- 
ddfö yd-ged aki lubdk yigdifd 
yan ay heyaütö, 

Kä dik kä gäröni§dn yan, kä 
bddenä tdnak sügd yan. ay Ivr 
bdk kä ibad yaddyn yan kaünä 
lald\ amdyk aardl tdna gardy 
yan. Nagdaföna ydn-gld moro- 
töm yingidifin yan, inki gähd 
yan; ay inki heyaüti lubdk kä 
yigdifd yan. 



1) Der Schakal tötete eine zige, der eigentümer kam dazu 
imd tötete den schakal. 

2) Der löwe kam und tötete eine kuh, der eigentümer 
suchte sie drei tage^ da traf er den löwen^ konnte in aber 
nicht töten; denn als er daran war, denselben zu töten, da 
tötete in selbst ein anderer löwe. 

3) Seine leute suchten in, fanden in aber tot. Sie folgten 
nun der fussspur des löwen fünf tage hindurch und fanden 
dann den löwen. Wie sie aber daran waren den löwen zu er- 
legen, wurden vierzig mann getötet, ein einziger entkam; dieser 
nun tötete den löwen. 

9. 

Irrfieurten eines mannes. 



^* 1) El-mirkab wü-angelisi cfe- 
hdy ihdy, hay ibdbya; ü-dhdy 
üy-H wa dsorrdma tamün ddba. 



Will ingilud mdrkebil heyaü 
kördn, yaseferdn yan; heyaü-kö 
kaünä böl ka malehen tömän 
kl yinin yan. 



64 



III. Abh&ndlang: Beinisob. 



2) B^hir dulumdt hay ebin, 
bäher dulumdt i ydkyän ban-el- 
keldb hay eben, durndra hardila. 

3) Sedb emmirkab Sändbe 
6 ban-el-keldbi yVdgar^n Byäiiy ta- 

gug haüldb ihe7iBdhäy b^ihir du- 
lumdt iyän. 

4) E-fa gedyän, d-fa enhad- 
nidhay ö-dhdy tdk-kä sadtib 

10 igidna, igednUy igidna-höb tiyöt 
tiha. 

5) Bak ü'dhdy enhddna^ asXm- 
hdy tamün bdka^ ü-dhdy ü- 
rdü enhddna. 

15 6) Malydb asimhdy tamün 
g^dyaiiy gäl tak engady ü-dhdy 
ü-rdü enhddna, 

7) 0-tdk wü-engad ö-ddgel 
rewya, ö-termdni-ki i8d\ bähBr 

20 Sugutrdte efir ene, ö-rebdb 
amordm ine, 

8) 0-tdk ün iyay täküiyay 
ö-mirkab yi'U gigya, 

9) Tägü ay hdüla sdkya, tä- 
26 gü asaramdy Mdssir Bya, Mas- 

sireb i8d\ Mdssir eydn-höb b§n- 
töy is^ni, 

10) Massireb haüel ihanidhäy 
Suwis Bya. 

30 11) Suwesi aröb yVdrn, wo- 
aröy ^öräh ife^ wö-öröh ktkan; 
en^äwayöh yakyanidhäy takdt 
d'erdbe, Jiddäb iya. 



12) O'Sök eya; ö-gaüöh §üm- 
^ ydn-höb vm-örüh han Sümya, 
malydb tö-takatöh , wö-'ördh 
imire. 



Magäribd bddal yadayn yan^ 
t&i'ke-kö ogutani kard bälöl ya- 
dayn yan dahdb gäröniSöna. 

Mdrkebil lä ardnik sardl ka- 
rd bälökö gähdn yan, lammd 
tdnnä egidä märdnik sardl mxi- 
gäribd bddal yametin yan. 

Lä bddal öbUdn yan, lä ba- 
kitdk sardl heyaü öbiSdn yan^ 
ummdn sä* inki heyaütö öbisdn 
yan. nabd 'azdytö kä bstd yan. 

Ahe heyaü bakitdn yan bahdr 
tömän hinim, aki heyaü inkö 
bakitdn yan, 

Ayk sardl bahdr tömän öbi- 
Sdn yan, inki heyaüti rä'd 
yan, 

Ay rad heyaüti dakdl gähdy 
tönndn bukdl dafdy yan, Sugu- 
trd akdn bdd-kö baläk aldhöy 
kömal addwo yalehd yan, 

El yametdk sardl hälitd yan, 
mdrkeb häbdy iSe ak yaddy yan, 

Lammd tdnnä ka kaün egidä 
yaseferd yan, lammd tdnnä ka 
malehdn ya egida Mdser yametd, 
dafdy ydn, 

Törkel egidä märdk sardl Sü- 
wes akdn dikil yametd yan, 

Törkil jalabä gähd yan, ay 
jalabd adddl kä bali sügd yan, 
ay i§i bdlä söld yan; iH dik-kö 
Qgutd-gBd mar*e§itd yan, ayk 
sardl Jiddä akdn dikil yaddy 
yan, 

Saüdkin akdn dikil yametd 
yan; iH *drld sdy-gBd kä ba^i 
say yan, amd-gSd kä nümdy kä 
bali dkä sügdn yan. 



IHe B^dsaye-Sprecbe iD Nordc«t- Afrika. I. 60 

13) Kassdh ferhäba; ü-tak Umbakähadendn yan; ayhey- 

ün tö iaglydytib dumärdb ibire^ auti t«ff qößydtil dahdb bähd yan^ 
gdbyay hidäb ennifiy en. rohös yakd yan^ inkö niärdn yan. 

1) Leute bestigen ein englisches schiflf und reisten ab, 
fiinfhundert und sibenzig mann befanden sich auf dem schiffe. 

2) Sie füren ins aWndländische meer und von da be- 
gaben sie sich nach dem land der hunde, um dort gold zu 
suchen. 

3) Sie namen kühe an bord und iuren ins hundeland 
und nachdem sie da zwanzig jare gebHben waren, kamen sie 
wider ins abendländische meer. 

4) [In gefar vor einem grossen tisch] warfen sie vih 
ins meer und als dieses ausging, so warfen sie leute hinein, 
jede stunde warfen sie einen mann hinein und diesen frass 
der fisch. 

5) So kamen die leute ums leben bis auf achtzig mann, 
alle übrigen waren umgekommen. 

6) Damach warf manf auch die achtzig mann hinein, 
nur ein einziger blib noch zurück. 

7) Dieser eine mann stig auf den mastbaum, setzte sich 
auf die querstange und sprach: »bei Sokotra steige ich aus 
und gehe dort auf den berg.« 

8) Elr kam nun dort an, sprang ab, verUess das schiflF 
and ging. 

9) Fünf und zwanzig jare war er schon auf der reise, 
im siben und zwanzigsten kam er nach Kairo und blib daselbst. 

10) Als er sich in Kairo ein jar lang aufgehalten hatte, 
kam er nach Suez. 

11) In Suez bestig er ein schiflF und auf diesem befand 
sich sein son, er aber kannte denselben nicht. Als er nemlich 
seine reise antrat, da hatte er eben geheiratet und ging dann 
nach Dschedda. 

12) Er kam also endlich wider nach Suakin und wie er 
sein haus betrat, da traf er da sein weib und seinen son. 

13) Alle freuten sich nun; der mann hatte in seiner 
kappe etwas gold, er war also reich und so bliben sie denn bei- 
sammen. 

Sitmigsb«r. d. pkiL-hist. CL CXXVm. Bd. S. Abb. 5 



66 



m. AbhaodlnDg: Beinisch. 



10. 
Drei reisende.^ 



1) Wö-'däo mhdy da d^hä 
ehdyn e-garbi ydkyän e-sartk 
iyariy m^hdy tamün aSodyt asö- 
dyti d^hay-ka rti^hdy da ä/fe«, 

5 e-garbi e-sarik iyän. 

2) MaWik emdlhäva mdrkah 
a§dy dör ma^ä§: y^näntay eh- 

tän?^ ina. 

3) -»Wö'harön i'ätäna!'< ina. 

10 4) »Ndntay ydktäna?«^ 6na. 

5) ^E-garbi ydkina, e-^arik 
nibe ; ö-bhir ün yaksBt iniby 
b^her dulumät neMöbe, e-dkäy, 
e-dkäy n4rküe<c Bna. 

15 6) E-merkab easi§ t'njydy: 
T^insibua Äan, jinnibuahi ine. 

7) Bai'üh yakydy: -»ingiba^ 
(nCy ^wü'hdber wö-hdri näy geb 
BfS€ ine. 
•20 8) E-betMb d^hdy iya: »7idn- 
tay i'taf* ine. 

9) *Wü-hdber wö-harindy geb 
e/^« ine. 

10) Wü-hdri ydkya: »?rö- 
26 hdber ahdr ehl* ine. 



Azäyti bukdk adöhd heyaüti 
ak gähdiiy gdrib-kö Sdriqfän ya^ 
ddyn yav, sazzdm azatiyak um- 
mdn azdyfö adöh adöh ak gäha- 
nt y gdrib-kö Mriq fän yadayn 
yan. 

Maläykd tan dfad adi mar- 
kab al-i^ä wdqtil dkä garaytd 
yan: »aillakö tanietinif^ ak ya- 
lehdn yan, 

»EsBra Haratiya!< ak ydehdn 
yan. 

»Atllakö ogüttanf<i ak yale- 
hdn yan. 

»Ogünnd megdHbakö muSdri- 
qal adi nana; tä bäd ni tänd- 
ged bdher dtihimM fän adi na- 
nd, heydwa tä azd tasiydnkö 
maHnna^ yalehdn yan. 

Mdrkab dkä garayta-ged : * in- 
st kitini, ginsi kitinif^ t-a esertä 
ydn. 

Ay azd'k bukd yandti ogütdtl: 
-»ginnt mdkiyö, inst kiyö, wärB 
saratiyä esBrdnta.U yalehd yan. 

Fantitiyä esBrdn: T>aülakö ta- 
nietaf^ yani yalehdn yan. 

-»Wäre saratiyä esBrä.U ak 
yalehdn yan. 

Sarati: »iü4n abayHmd^ ak 
yalehd yan. 



' Trotz weitem ausfragens gelang es mir nicht, zum genauen verständnias 
dieses Stückes zu gelangen; der erzäler hatte keine andere antwort als: 
»so war die geschichte, nun genug.« 



Die Bad&nye-Spnche in Nordost-AAriln. I. 67 

1) Auf einen fisch setzten sich drei mann, brachen auf im 
Westen und füren gegen osten. Von dreissig fischen setzten sich 
stets auf einen fisch die drei mann und kamen von west nach ost. 

2) Engel zogen vor diesen dahin und denen begegnete bei 
einbrach der nacht ein schiff und fragte sie: »woher kommt ir?« 

3) »Fragt nur die hinter uns!« erwiderten sie. 

4) »Von wo seid ir aufgebrochen?« fragte man sie. 

5) Diese antworteten: »wir brachen auf im westen und 
ziehen nach osten; dieses meer da will uns nicht aufkommen 
lassen, wir geleiten die männer vom westmeer her und wir 
furchten die menschen.« 

6) Das begegnende schiff fragte dann: »seid ir menschen 
oder dämonen?« 

7) Da erhob sich einer und sprach: »menschen sind wir, 
weitere auskunft erhält man bei dem hintermann.« 

8) Der mittere mann kam heran und man fragte den- 
selben: »woher kommst du?« 

9) Dieser erwiderte: »auskunft erhält man bei dem 
hintermann.« 

10) Der hintermann erhob sich und sprach: »auskunft 
^bt ein rückwärtiger.« 

11. 

Der schakal und der rabe. 

1) BedSe wä kuiküay (kuiu- Wdkari ka käköyti inkö mä- 
kay) hiddb esnin, en. rak yinin yan. 

2) E-bedSe te-märe wö-'aüi Wakari zlbo (}üy hukdl häplä 
dehd efif: >hideddb tdmi niydd< yan: *inkö bennö^ ak ta\ehd 

5 yhie. yan käköytak. 

3) O'küiküay bi-gadrayBk ü- Ay käköyti bitö tänd-ged, ay 
be'dSe te-m^dre ibiye tdmya. wakari tä zlbö iSS betta yan, 

4) Malydb o-küiküay dife ha'- Amdyk sardl ay käköyti fdhsö 
iyaj wö-hdii d^hd efify tdma! bälöd häld yan: *tä bet,U ak 

10 yine. yalehd yan. 

5) E-be^dse bl-gadrayek ö-küi- Wakari ay bettö täntd-ged ay 
küay te-dife ebiye tdmya. käköyti ay fdJisö Ub betd yan. 

1) Ein schakal und ein rabe hausten beisammen. 

2) Der schakal goss suppe über einen stein aus und sprach 

zum raben: »wir werden nun die zusammen essen.« 

6* 



68 



III. Abhaadloog: Beinisch. 



3) Da der rabe (mit seinem Schnabel suppe vom stein) 
nicht essen konnte, so ass der schakal die suppe selbst. 

4) Hierauf brachte der rabe nun belila herbei, schüttete 
dieselbe auf den sand aus und sprach: »da iss!« 

f)) Da der schakal dies nicht vermochte, so ass der rabe 
selbst die belila. 

12. 
Die mause. 



1 ) Ü-guhh mandälät ^ ihire, 
takati dha hya. 

2) Deläh eflrikj dn^äxoa wo- 
hdrro oghdr^ ü-delAy edi\ 

5 3) Guhh wSr ife, däwah og- 
hdVy harröb hö ih^y, wü-hdrro 
ö-raüi d^hdy Bya , malhoyäh 
Sarik iha, 

4) Takdt tife^ tü-takdt tun 
10 düta, amasinga tö-takati dha 

^y^} firfy^y ^-damM betik ^ürnya, 
tdmya, yVU gigya. 

5) Tü-takdt ü-mha mähydn- 
höb wö'^adöh teisbib, wö-adöh 

15 tdmama rhhita. 

6) Wö'haünd ö-raü ü-gübb 
iya, tü-takdt ö-takyöh geb düta. 

7) Ü-gübb ö-tdki mid fufyäyt 
tdmyay ü-mha mheydn-höb yVis 

20 gigya, 

8) Wö-haüäd ö-raü oguddna, 
tü-takdt ü-tak toä oga^ddna, o- 
güäyna. 



Andäwd tind yan, will jawis 
lik tind yan, ay andAioä nümnl 
tametd yan. 

Ay andäwn dik gar'itdy Hau 
bodöd haytd yan. 

AM andäwd find yan, lel dik 
garitd yan, ay Hau iH kahan- 
töli kln andäwAl bäxtd yan, 
lammt Sirqd bd'il kl yinin yan. 

Will nümd tind yan, ay nü- 
md 4^ntd yan. bdrak abld ay 
nümdl tametd yan, fuf ta, lam- 
md Idki fdnad zaytd, ta bus 
füf ta, bettd, taddy yan. 

Ay nümd bälö mä^td-ged iSi 
bus tubild yan, iäi btus betimtdm 
i§^k tubild yan. 

Malammi bar ay andäwd ta- 
metd yan, ay nümä iH bä*eli 
agdgal (}ina süktd yan. 

Ay andäwd bä^eli dag&mä fuf 
ak ta bettd yan, dahine isi ak 
taddy yan. 

Malammi bär tan bettdm ya- 
lagöna andagulta hinim (}%ndn 
yan, ilälani waynik sardl 4^ndn 
yan. 



^ Wörtlich: eine waclie; der sinn ist nur: eine vomeme maus (der als 
solcher ein kawass zur verfU^ng stand). 



Die fiedasye-Sprache in Nordost-AfHka. I. 



69 



9) KBrnmÄb d^hdy ü-gnhb eya, 
tö-takdt 'ad tdmyaj yiU glgya^ 
ö-raü ibsj wö-hdber ihe. 



10) Tö'fddtga titay dihay 
5 iyäHj ü-ngäl^ t-ö-tdkati ragdd 

fufyäy tdmyay ü-raü ö-tdki mid 
Uimya. 

11) O-mha mheyan-höh, er- 
kiyän-höb an gübba ddbyän 

10 ihina. 



fSubhi wdqtl ussün cllndnik 
sardl ay andäwd tametd yaUj 
ay nümd ta bettdy isB ak taddy, 
isi dobäytöl faddy, abtum ak 
wärtS§d yan. 

Mäfäri bar ay lammä andä- 
wd nümd ka bd*elal yametin 
yaUj wilityd nümd lokal fuf ta, 
numd lak bettd yaUj wilUyd 
bä'eli dagümä bettd yan. 

Bälö mäxtd-gedy üssün yubi- 
linin sardl ay dndäw küddn 
yan. 



1) Die maus hatte einen kawass und kam zu einer frau. 

2) Diese maus grub auch eine grübe, stal dann getreide 
von leuten und legte es in diese grübe. 

3) Da war femer eine andere maus, auch sie bestal die 
Ortschaft und nam von da geti'eide, dieses wanderte zu irem 
freunde, denn sie beide waren verbündete. 

4) Es war also eine frau, diese nun schlief. Bei nacht 
kam nun die maus zur frau, blies sie an, schlüpfte dann zwischen 
deren beine, frass da, verliess sie dann und ging von dannen. 

5) Als es morgen geworden war, besichtigte die frau ire 
blosse und fand sie angefressen. 

6) In der zweiten nacht kam die maus abermajls und da 
schlief die frau neben irem gatten. 

7) Die maus blies nun des mannes blosse an und frass; 
am morgen verliess sie denselben und ging fort. 

8) In der folgenden nacht wachten sie, die frau und der 
gatte, wurden aber dann ermüdet. 

9) Gegen morgen kam die maus, frass die blosse der frau 
an, ging dann fort zu irem genossen und brachte im künde. 

10) In der vierten nacht kamen sie abermals dahin, die 
eine maus blies das bein der frau an und frass davon, die 
andere aber frass an des gatten blosse. 

11) Als es morgen geworden und die beiden leute das 
geschehene erschaut hatten, waren die mause schon fort. 



70 



III. Abbandlnag: Reinisch. 



13. 
Sätze zum nnmerale. 



1) Bäbe tdmna-mhay ar ihi- 
re; wö-äunveli Yagub eddna, ö- 
rdü Yusüf eidnaj d-mhäija h- 
TiicCil eednay ö-fd^lga Sultan 
6 eidna^ voö-dya 'Omar eddruiy 
wö-asägära oükrib eedna, wö- 
dsardma Adam eedna, wö-asim- 
ha Hissin e'^dnuy wö-aS$d4ig(i 
Hümmad eMna, ö-tdmna Ha- 
10 müd eedna^ ö-tamnd-gura 'Alib 
e4dnay ö-tdrana-mälya Eddin 
e'ednaj ö-tdmna-mhdya Jöha e- 
edna; an tdmna-mhdy kassäh 
sandba^ bäbye 'dra. 



Beni-Amer. 



1) Bdbu tdmlna ' mihdy 'ar 
ibire: ö-sürkena Yd'küb iyddna, 
ö-mdlya Yüsif iyddna, ö-mhdya 
hmd'il iyddna j ö-fd^iga Sultan 
iyddna, wö-dya 'Omdr iyddna, 
wö-asdgura Sükri iyddna, wo- 
dsa-rdma Addra iyddna, tcö-a- 
sümha Hissin iyddna, wö-aSid- 
4^iga Hüvimad iyddna, ö-tdmlna 
Hamud iyddna, ö-idmind-gura 
'Alib iyddna, ö'tdmtna-mdlya 
Eddin iyddna, ö-tdminormhdya 
Jaühdb iyddna; an tdmina-whdy 
kassds sandba, bdbyo 'dra. 



15 2) Tü-jima a^aramdt ylndt 
ebdre: tü-äwweli sdbte, tü-rdü 
hddde, tü-mkäya litnints, tü-fd- 
(jttga talatdte, tü-dya erbaute, tü- 
asägüra hamiste, tü-dsa-rdma 

20 ginidte, 

3) Tö-yin-tön gdl dör i'an- 
hök, 

Tö-yln-tön malö döra Van- 
hök, 
25 Ti-yln-tön m^hdy döra ian- 
hök, 

Tö-yln-iön fadig döra ian- 
hök. 

Tö-yln-tön ay d-öra i*an-kök. 



2) TU'jma asaramdi ylndt 
ebdre: ü-mb€ wü-dwweli sab, ü- 
mbi ü-mdlya had, ü-mhdya et- 
nin, ü-fddtga taldta, wü-dya 
erbd\ wü-asdgura hamis, toü- 
asardma jim'dt. 

3) Tö-Hnt^ gär ragdd yVan- 
höka. 

Tö-Hntlb malö rdgada yfan- 
höka. 

I}}'Hntib mMhdy rdgada yi'an- 
köka. 

lo-Hntlb fällig rdgada yVan- 
höka. 

lo'Hnttb ay rdgada yVan- 
höka. 



Die Bedaoye-Spnche in Nordost-AfHks. I. 



71 



13. 
Sätse snm nnmerale. 



Saho. 

Y^ dbhä adähän ka Uimmnn 
däylo lik yina; eldl halt kä mi- 
gd' Yaqöb ydiehany mnlarami kä 
migd' Yösif ydlehaUj mädahlti 
kä migd* Ismail ydlehan^ mäfä- 
ri bali kä migd* JSultdn yan^ ma- 
kaicänlti kä migd' 'Omar yan^ 
lUi yd baji Sükri kä migd* yauj 
malehdn ya-ti kä migd* Adam 
yan, bahdr ya-ti Hissin kä mi- 
gd* yariy sagdl ya-H kä migd* 
Hümad yaiiy tammdii ya-ti kä 
migd' H. yan, inikdn ka tammdn 
ya ball kä migä *A, yan, lam- 
mdn ka tamtndn ya-ti kä migd' 
E. yan^ adähdn ka tammdn ya- 
ti kä migd* J. yan; täy inkö sd*- 
ül Mjiön, 

Bahürö lald*-kö malehdn la: 
ddl lata' erufd sdmbat, malammi 
lata' nabd sdmbat kiniy mädahi 
kUd* sanij mäfäriti zalüs kini, 
makawani lalä robib kini, lih 
ya Udd* hamuSy malehdn ya-ti 
gama'dt kini, 

Kdfä anib inki-ged köl a- 
meta, 

Kdfä anü lammA ged köl a- 
meta. 

Kdfä anü adähd ged köl a- 
mdta. 

Kdfä anü afärd ged köl a- 
fnita. 

Kdfä anü kaünd g^d köl a- 
inüa. 



Deutsch. 

Mein vatcr hatte dreizehn 
söne: der älteste liiess Jakob, 
der zweite hiess Josef, der drit- 
te son hiess Isinael, den vierten 
nannte man Sultan, den fünften 
hiess man Omar, den sechsten 
son nannte man Schukri, den 
siebenten nannte man Adam, 
den achten nannte man Hissen, 
den neunten nannte man Mo- 
hammed, den zehnten nannte 
man Mahmud, den eilften aber 
Ali, den zwölften nannte man 
Eddin und den dreizehnten 
Dschauha; alle diese dreizehn 
waren brüder und die söne 
meines vaters. 

Die woche hat siben tage: 
der erste tag ist der samstag, 
der zweite ist der sonntag, der 
dritte ist der montag, der vier- 
te dienstag, der fünfte mitt- 
woch, der sechste donnerstag, 
und der sibente ist der freitag. 

Ich kam heute einmal zu dir. 

Ich kam heute zweimal zu 
dir. 

Ich kam heute dreimal zu 
dir. 

Ich kam heute viermal zu 
dir. 

Ich kam heute fünfmal zu 
dir. 



72 



III. Abhandlung: Reiniscb. 



Hadepd&wa. 

Tö-yln-tön asägür döra Van- 
hök. 

Tö-yln-tön asardma döra i'an- 
hök. 
5 Tö-yln-tön as^mhi tcdkta Van- 
hök, 

Tö-yln-tön äSScuHg wdkta Van- 
hök. 

Tö-yln-tön tamin wdkta ian- 
10 hök, 

4) Barük mdssi Mesmcih te- 
ßya% 

5) Ane, mdssi hen-tön-i kd-ha. 

6) Ane malö-ti rndsse Jidddy 
15 iß, 

7) Barük nidlya dar intöni 
tefeya. 

8) Barük mdssi Massirih i^fi) 



Beni-Amer. 

Tö-^intlh asagür rdgada yxan- 
köka. 

Tö-intib asardma rdgada yi- 
an-höka. 

I'ö-Hntlb asimhdy rdgada yf- 
an-höka, 

Tö-intih assa^ig rdgada yf- 
an-höka. 

Tö-intlb tamin rdgada yV an- 
höka. 

Barak mdssi Mesuwib tifiyaf 

Ani massi bin-töy kd-ha. 
Ani malö-t mdsse Jidddy iß. 



ya. 



Barük mdlya dör intöy tifi- 
Barüs mdssi Massir ib ißf 



9) BaHlh mehdy haiUdbj dy- 
20 ti tergdtj tamin-t ylnät bintön 

eß. ^ 

10) Ane engdt (engäl-t und 
engdl-ti) massBt-wä terdb-toä ö- 
Sökib asd\ 

•26 11) Bardhna (barähj fadig-t 
mdsse, asäynr-ti terga, a^^adig-t 
ylndt ö-Söki esnin. 

12) Ane engäl kam, malö ha- 
tdy, m4ihdy ^ä^a, fadig-t dno, 

30 ay anö-t 'ar dbare. 



Barüs mehdy-ti mdsse, ay ter- 
gnt, tamdn-t ylndt bentöy iß. 

Ani engdl haüldb-wä, terdb- 
wä Ö-Söki asa (oder dseni). 

Baräsna (bards) fadig haü- 
Inb, asagur-t tergdt, assadig-t 
ylndt ö-Sökib isnin. 

Ani gäl kam, mulö hatdy, 
mehdy ma, fadigt drgina, ay-t 
rengenit dbare. 



Dia Bedaojre-Sprache in Nordost-Afirika. I. 



73 



Saho. 

Kafä anü lehd ged köl am4ta. 

Käfä anü malehand ged köl 
ameta. 

Käfä anü bahärd ged köl 
ameta, 

Kafä anü sagalä ged köl a- 
meta. 

Kafä anü tainmänd ged köl 
ameta, 

Atü tüili wdqte Ma^uw'dl ki- 
tö-hof 

Anü ahadd törkil md-hiyö, 

Anü lammd egida Jiddal 
mdra. 

Atü malammi ged tärkil ki- 
nitö, 

Üssük wili ged Mdsseril kini- 

Ussük adohd egida, kaün dl- 
zäy tammänd lala* törkel mdra. 



Deutsch. 

Ich kam heute sechsmal zu 
dir. 

Ich kam heute sibenmal zu 
dir. 

Ich kam heute achtmal zu 
dir. 

Ich kam heute neunmal zu 
dir. 

Ich kam heute zehnmal zu 
dir. 

Warst du jemals in Mas- 
saua? 

Ich war niemals dort. 

Ich war zwei jare in Dsched- 
da. 

Du warst das zweite mal 
schon hier. 

War er jemals in Kairo? 

Er war dort drei jare, fünf 
monate und zehn tage. 



Anü inki egidä ka egid abld Ich hielt mich auf in Suakin 
tkucäkinil dafdy. ein und ein halbes jar. 



'Ussün afärd egidä, lik' dlzä, 
sagald lala' Sawäkinil dafäyna. 

Anü inki gäldytö, lammd fa- 
rdsy adohd sagd, afärd aydö, 
kaänd aydö bald liyö. 



Sie bliben vier jare, sechs 
monate und neun tage in Sua- 
kin. 

Ich besitze ein kamel, zwei 
pferde, drei kühe, vier schafe 
und fünf lämmer. 



74 111- Abh. : Beinisch. Die Bedauye-Spnche in Nordost-Afrika. I. 



Inhaltsverzeiclmiss. 



Seite 
Vorrede 1 

I. ErBälungen im Idiom der Beni-Amer in Barka 5 

1) Ein reumütiger sUnder — 

2) Der taube, der blinde, der lame und der kalk^pfige — 

3) Ein feigllng 6 

4) Unehlige kinder gedeihen nicht 7 

5) Erlebnisse eines schech 8 

6) Der son eines schech (Ursprung der Har|6ii<Jäwa) 11 

7) List eines mädchens 13 

8) Der esel und das kalb 19 

9) Der schakal und das lamm 24 

10) Der schakal und das zicklein — 

11) Die maus, der frosch und die eidechse 25 

12) Die eidechse und der schech 28 

13) Die schlänge und der zigenhirt 29 

14) Sätze und redensarten 30 

II. Qespräche und satae im idiom der Halönga 44 

m. Erzälungen im idiom der Hadönd&wa 55 

1) Omar — 

2) Zwei beiden — 

3) Martad pascha 56 

4) Die tochter des sultans 57 

5) Die dummen eheleute 58 

6) Saraf s son 60 

7) Mohammed 61 

8) Der löwentöter 63 

9) Irrfarten eines mannes — 

10) Drei reisende 66 

11) Der schakal und der rabe 67 

12) Die mause 68 

13) Sätze zum numerale (der Ha(;)49(}&wa und der Beni-Amer) . . 70 



IV. AbhandloDf : Tomaschek. Die alt«n Thraker. I. 1 



IV. 
Die alten Thraker. 

Eine ethnologische Untersuchung 



TOD 



Wilhelm Tomasohek, 

corresp. Mitgliede der kais. Akademie der Wissenschaften. 



I. 

üebersicht der Stämme. 

Vom Pyrenäen wall bis zur Indusbeuge zieht sich ein 
Berggürtel dahin ^ welchen die geologischen und tektonischen 
Verhältnisse, sowie der mediterrane Charakter der Vegetation 
zu einer Einheit gestalten; nordwärts breiten sich niedrige 
Massengebirge, waldige und sumpfige Flächen, endlich Steppen 
aus; gegen Süden lehnt sich an das Mittelmeer eine Reihe 
regenarmer Wüstenstriche an, und nur das Nildelta, die syrische 
Küste und Mesopotamien bieten alle Vorbedingungen zur Ent- 
wickelung einer höheren Cultur. Zwischen diesen weiten 
Räumen, worin Gleichförmigkeit herrscht, erhebt sich jener 
eurasische Berggürtel , welcher eigenartige Entwickelung, 
Mannigfaltigkeit und Abgeschlossenheit befördert — dies gilt 
auch in ethnischer Hinsicht. Im Gegensatz zum Wüstengürtel, 
welchen die aus einem Urstock entsprungene hamitische und 
semitische Völkerwelt innehatte, und zur Nordseite, entlang 
welcher sich einerseits Indogermanen, anderseits gleichartige 
Mongoloiden gelagert hatten, bildete der Berg- und Hochlands- 
gürtel das Erbe einer langen Reihe von Urvölkern, die zwar 
in leiblicher Hinsicht durch die Eigenschaften der ,kauka8ischen^ 
Rasse zu einem Ganzen verknüpft waren, in der Sprechweise 
jedoch die erstaunlichste Mannigfaltigkeit aufwiesen und in 
eine grosse Zahl von isolirten Gruppen zei'fielen, denen Nichts 
gemeinsam war als höchstens der Charakter flexi vischer Com- 
plicirtheit. 

Sitzungsbcr. d. phil.-hi8t. Cl. CXXVIII. Bd. 4. Abh. 1 



2t lY. Abluuidliing: Tomas cbek. 

Dieser langgestreckte VölkergUrtel ward zu verschiedenen 
Zeiten durch die Wanderungen der Nordvölker durchbrochen 
und bis auf spärliche Bruch theile zertrümmert: in der Gegenwart 
besitzen nur noch die Pyrenäen im äussersten Westen, der hohe 
Zug des Kaukasus in der Mitte, und das versteckte Hochthal 
von Hunza-Nagir an der Grenze der monosyllabischen Sprach- 
welt, die letzten schwachen Ueberreste jener Völkerreihe; die 
drei südlichen Halbinseln Europa's, ferner Kleinasien sammt 
dem armenischen Hochlande, der Alburz und Zagros, der Hin- 
dukusch und das Pamirplateau, haben durchweg nordische 
Volksthümer erhalten. Ja, bereits an der Schwelle der ge- 
schichtlichen Zeit, haben die Arier, das östlichste Glied der 
voreinst eine zusammenhängende und geschlossene Masse dar- 
stellenden Indogermanen, den eurasischen Bergzug überschritten 
und an der Seite der allophylen Südvölker eine neue Heimath 
gefunden, welche viele Jahrhunderte später wiederum von 
mongoloidischen Nordvölkern ständig bedroht werden sollte. 

. Ausser Hellas, dem Sitze lelegischer und vom Orient bo- 
einfiusster pelasgischer Völker, finden wir namentlich Kleinasien 
von einer dichtgeschlossenen fremdartigen Völkermasse besetst 
Wie im Kaukasus, so gab es hier zahlreiche mehr oder minder 
rohe oder durch die Cultur Mesopotamiens und Aegyptens be- 
einflusste Bergstämme, welche sich untereinander bekämpfen und 
verschieben mochten, in die Geschicke der Nachbarländer jedoch 
selten dauernd eingriffen; wenn sie sich ausnahmsweise zu grossen 
Unternehmungen einigten, so geschah dies gegen Syrien, Cypem 
und das reiche Nildelta, nicht gegen das europäische Nordland, 
die Heimath physisch überlegener Völker, deren Rolle stets 
eine active war. Die prähistorische und Unguistische Forschung 
hat die Bedeutung Europa's, als einer Heimstätte urkräftiger 
Völker, dargethan; mögen sich auch zur Bildung der Indo- 
germanen oder, wie man sie jetzt nennen will, der Ario-Teuten, 
verschiedene Rassentypeu aus Süd und Ost zusammengefunden 
haben — die Sprachen selbst weisen mit Entschiedenheit auf 
einen europäischen Ursprung. Hatte aber einmal ein nordischen 
Volk den Weg in die allophyle kleinasiatische Region gefunden, 
so blieb es daselbst und ward allmälig der Kraft verlustig, 
Rückstösse in die alte Heimath auszuüben. Wanderzüge aus 
Europa über den Bosporus oder über den kaspischen Uferaaum 



Die alten Thraker, l. ö 

nach Iran werden uns stets naturgemässer erseheinen müssen, 
als solche in umgekehrter Richtung. Die späteren Invasionen 
der arabischen Glaubenskämpfer bilden eine, aus dem Zu- 
sammentreflfen überaus günstiger Zustände erklärliche Aus- 
nahme; und, was die Türken betrifft, so gehören diese zu den 
nordischen Völkern, und ihre Wanderung wird durch fort- 
laufende Sporaden türkischer Stämme bis zum Altai bezeichnet, 
während solche Spuren für die angebliche Auswanderung von 
Indogermanen aus dem Süden gänzlich fehlen. Ein im kiU- 
kischen Antitaurus gesprochener neugriechischer Mischdialekt 
soll angeblich uralte indogermanische Sprachreste enthalten; die 
betreflFenden Wörter sind aber aus den Nachbarsprachen ent- 
lehnt und der Rest gar nicht indogermanisch, wie beispielsweise 
die Zahlwörter lingir 6, tath 7, matli 8, danjar oder tsankar 9 
— offenbare Ueberbleibsel der uralten kappadokischen Sprech- 
weisel 

Aber die Armenier und Phrygen sollen aus dem Osten 
gekommen sein und in Kleinasien zurückgebliebene Reste der 
indogermanischen Wandervölker darstellen! Sehen wir jedoch 
genauer zu, so ergibt sich uns gerade das Gegentheil. Wenn 
die armenische Nation zu der indogermanischen Familie ge- 
rechnet wird, so geschieht dies auf Grund ihrer Sprache, 
welche namentlich in der verbalen Flexion wichtige indo- 
germanische Erbgüter, wie das Augment und den Aorist, be- 
wahrt hat; auch im Wortvorrath findet sich trotz starker 
Ueberwucherung durch fremde Elemente ein stattlicher Procent- 
satz alten Gutes. Im Ganzen jedoch gehört das Armenische 
zu den stärker entarteten Schwestern der Familie; das Laut- 
system zeigt eine merkwürdige Mischung mitgebrachter ost- 
europäischer Charaktere mit der Pronunciation, wie sie bei den 
kleinasiatischen Urvölkern vorausgesetzt wird und thatsächUch 
noch bei den südkaukasischen Aboriginern auftritt — jeder 
armenische Text kann ebenso gut mit den Buchstaben des 
georgischen Alphabets geschrieben werden! Offenbar haben 
sich die Armenier auf ihrer schrittweisen Vorschiebung über 
die nördUchen Striche Kleinasiens viel fremdes Sprachgut und 
schUesslich auf alarodischem Boden die orale Disposition der 
sUdkaukasiscben Ursassen angeeignet. Diese sprachliche Wand- 
lung erfolgte gleichzeitig mit einer Umformung des leiblichen 

1* 



4 IV* Abhandlnng: Tomasehek. 

Typus, der allgemach eine südlichere Färbung annahm. War 
auch der Typus der indogermanischen Völker von Haus aus 
ein gemischter — eine solche Uebereinstimmung und Gleichheit 
des brünetten und durchweg brachykephalen Typus der Ar- 
menier mit dem eingeborenen kleinasiatischen Typus findet 
seine Erklärung doch nur in einer lang andauernden intensiven 
Mischung beider Elemente. Der Gang der armenischen 
Wanderung lässt sich ungefähr in folgender Weise bestimmen: 
vom Bosporus aus bewegte sich der Zug langsam durch die 
paphlagonischen Thalgebiete ostwärts zum Halys (armen. Ati 
,der salzige^), dann über das nachmalige Oe[xa tcov ^Apiu^txmSrf 
in das Längsth%l des Lykos oder Gail-get, von da über die 
Klause von Satala zum obern Frät und endlich in die Ebene 
Airarat der Alarodier. Die Besitznahme des alarodischen Landes 
und der übrigen Hochcantone bis zum Van-see dürfte erst in 
dem 7. Jahrhundert v. Chr. erfolgt sein, da die Keilin- 
schriften bis zu dieser Zeit fast gar keine Spuren armenischer 
Namengebung aufweisen, üeberhaupt gibt von dieser Besitz- 
nahme kein geschichtliches Zeugniss Kunde, und es scheint, 
dass die Stürme der kimmerischen und sakischen Wanderung 
dieses wichtige Ereigniss verdunkelt haben — nicht mit Unrecht 
reiht jedoch die semitische Völkertafel den Jafetiden Thogarma 
an Gomer und Aäkenaz an. Die haikanischen Eroberer haben 
sich im Laufe der Zeiten das alarodische Volkselement voll- 
ständig assimilirt, nachdem sie von diesem selbst eine starke 
Einwirkung in Typus und Sprache erfahren hatten. 

Auch in den Phrygen haben wir ein indogermanisches 
Volk zu erblicken, das aus den Strichen südHch von Haemus 
über den Hellespont gezogen war und im Rücken der Ar- 
menier, diese wahrscheinlich ostwärts schiebend, zunächst das 
Flussgebiet des Sangarius einnahm, um sich von da fächer- 
förmig in alle Thäler des Westens und Südens mitten unter 
die Aboriginer einzuschieben; vielleicht hat auch die Insel 
Kreta einmal phrygische Ansiedler erhalten, und das Gleiche 
darf sogar für einige Alluvialgebiete und Winkel an der Ost- 
küste von Hellas gelten. Diese Eroberer, welche bereits in 
ihrer älteren Heimat am Hebrus und Strymon durch Boden- 
wirthschaft und Metallurgie eine Art höherer Cultur erreicht 
hatten, blieben auf dem neuen Boden fleissige Viehzüchter und 



Die alten Thraker. 1. 



Ackerliauer, sowie Pfleger orgiastischer Naturculte, und bildeten 
überdies eine eigenartige Bauweise aus. Im Laufe der Zeiten 
verweichlichten sie immer mehr, verloren ihre politische Führer- 
rolle und erlagen den fremden Einflüssen; ihre Sprache, welche 
schrittweise an die griechische Boden verlor, erhielt sich in 
entarteten Spuren bis auf die römische Kaiserzeit. Aus Glossen 
und Inschriften haben die Sprachforscher deren Zugehörigkeit 
zur osteuropäischen Gruppe erschlossen, was auch für den Ur- 
bestand des Armenischen gilt; schon den Alten war die Aehnlich- 
keit des Phrygischen und Armenischen aufgefallen. — Haben 
einst, wie wir vermuthen, die Phrygen alle Räume südlich 
vom Haemus bis zur Küste ausgefüllt, so erklärt sich daraus 
die Thatsache, dass die Griechen auf ihrer vorzeitlichen 
Wanderung nach Süden sich als Ziel nicht den Hellespont und 
Kleinasien erkoren hatten, sondern, mehr dem adria tischen 
Westen zugekehrt, auf die pelasgischen und lelegischen Lande 
losgiengen. Aus einer Zeit, wo etwa Griechen und Phrygen 
nahe Nachbarn waren, stammt die griechische Form des Namens 
l^pxfsc, stammt das Auftreten gemeinsamer Wörter wie vanakt- 
,König^. Wir werden auf thrakischem und makedonischem 
Boden mehrfache Spuren phrygischer Bevölkerung vorfinden, 
oflFenbar zurückgebliebene oder bei Seite geschobene Reste der 
Nation, deren Hauptmasse in sehr alter Zeit nach Kleinasien 
abgezogen war. Die Griechen betrachteten die Phrygen als 
ein seit Anbeginn in Kleinasien ansässiges Volk und hielten die 
Sporaden auf europäischem Boden für Metanasten aus der Troas, 
wobei sie von alten Eroberungszügen der Troer oder Teukrer 
bis zum Axios, ja bis zum Peneios und bis zur Adria fabelten; 
doch gab es auch eine Ansicht, welche die phrygischen und 
mysischen Wanderungen aus Europa nach Asien für selbstver- 
ständliche und ausgemachte Thatsachen ansah. Aus Kleinasien, 
der Heimstätte durchaus fremdartiger Urvölker, kann das 
phrygische Volk nicht hervorgegangen sein. 

Westhch von den Phrygen des Sangariusthales, entlang 
der hellespon tischen Küste, wo nur schwache phrygische Reste 
zurückblieben, bis zum Caicus herab sass das stammverwandte 
Volk der Mysen, dessen Schichtung zur Genüge beweist, dass 
es den später nachgerückten Theil der phrygischen Nation 
ausgemacht hat. Homer nennt sowohl die Phrygen wie die 



(j IV. Abhandlang: Tomaschek. 

Mysen als Bundesgenossen der Troer; er weiss aber auch von 
kampfbereiten llysen des thrakischen Nordlandes in der Nach- 
barschaft pontischcr Nomaden, — dem zurückgebliebenen Theilc 
dieses Volkes. Die Ursitze des mysischen Stammes suchen 
wir darum an der Nordseite des Haemus in unmittelbarem 
Anschluss an die phrygischen Ursitze. Wir linden hier noch 
in römischer Zeit die Moesac gentes arg zerplittert und vor- 
wiegend nach Westen gedrängt: offenbar hat die Invasion 
thrakischcr Stämme, zuletzt der Getcn, die Mysen in Theilc 
aufgelöst oder bei Seite gedrängt. — In nachhomerischer Zeit, 
zuerst bei dem ionischen Dicliter Kallinos, tritt an Stelle der 
homerischen Troer der Name Tsüv-poi auf. Troer und Teukrer 
waren jedenfalls kleinasiatische Aboriginer, wie die Namen 
selbst kleinasiatische Herkunft verrathen; auf europäischem 
Boden fehlt, wenn wir von den fabelhaften Sagencombinationen 
Herodot's absehen, jede Spur von Teukrern. Die Namengebung 
in der Troas erweist sich jedoch als eine vorwiegend mysische: 
die homerischen Sänger haben die Zustände ihrer Zeit vor 
Augen gehabt. Das voreinst mächtige und streitbare Volk der 
Teukrer war, bis auf geringe Spuren, untergegangen; dauernd 
erhielt sich dagegen das eingewanderte mysische Volksthum 
bis in die Zeit der Hellenisirung. 

Im Flachlande an der unteren Donau finden wir in 
geschichtlicher Zeit nomadische Skythen und thrakische Geten. 
Für eine sehr entlegene Epoche der ethnischen und sprach- 
lichen Entwicklung jedoch dürfen wir hier und im pon tischen 
Steppenstriche die noch ungetheilten arischen Nomaden als Be- 
wohner voraussetzen: auf diesem Boden hatte die Rossezucht 
eine ihrer ältesten Heimstätten gefunden, und hier erklang 
zuerst die völlig ungemischte und grossartig klingende arische 
Ursprache, aus welcher sich die verwandten Nachbarsippen mit 
Ausdrücken des familiären und nomadischen Lebens bereichert 
haben; zumal die unmittelbar anstossenden thrakischen Nach- 
baren haben, wie wir erweisen werden. Ausdrücke für die 
Hausthiere der Steppe aus dem Arischen entlehnt. Die arischen 
Nomaden sind aber schliesslich in weite Ferne abgezogen; 
sie haben als die ersten Metanasten unter den europäischen 
Völkern, wie Jahrtausende später die Russen, asiatische Lande 
erobert, und wir finden sie an der Schwelle der geschichtlichen 



Die alten Thraker. I. 7 

Zeit als Ansiedler am Indus und im iranischen Hochlande 
mitten unter durchaus allophylen drawidischen und kuschitischen 
Völkern, nachdem sie vorher die von der Indusbeugo bis zum 
Alburz sich erstreckende ,kaukasische' Bergzone durchbrochen 
hatten. Doch blieben entartete Reste dieser Metanasten allezeit 
aber den pontischen Gestaden sitzen. Während bei den arischen 
Rossezüchtern weite Wanderungen naturgemäss zu Tage treten, 
war den europäischen Brudervölkern ruhigeres Beisammensitzen 
und Haften an der ererbten Scholle von Haus aus eigen; ihre 
späteren Wanderungen lassen sich mit der grossen arischen 
Wanderung kaum vergleichen. 

Nun steigen wir eine Stufe weiter gegen Norden hinauf 
und gerathen in die karpatische Gebirgsurawallung, die Ur- 
heimath des thrakischen Volksthums. Diese corona montium 
barg noch während des ganzen Alterthums den echtesten Theil 
der thrakischen Barbaren weit, sie war die vagina gentium 
Thraciscarum , deren Sprache eine uniforme Einheit für sich 
bildete und zugleich genetisch mit der südwärts gelagerten 
mysisch-phrygischen Gruppe zu einer weiteren Spracheinheit 
verbunden war, an die sich zuletzt das Armenische anschloss. 
Weiter nordwärts jedoch, in dem Weichsellande, hatte das 
äosserste grosse Glied der osteuropäischen Sprachgruppe, das 
Slawische und Litauische, seine Ausbildung gefunden; in der 
Gestaltung des Sprachschatzes musste sich dieses Glied vom 
Thrakischen schon weit stärker entfernen, da die Natur des 
nordischen Sumpflandes veränderte Lebensbedingungen und 
BegriflFe hervorrief. Noch muss eines weitern Gliedes der ost- 
europäischen Region gedaclit werden, deren Placenta an der 
mittleren Donau, in Pannonien, lag: auch 'für das Illyrische, 
dessen Stellung sich aus dem heutigen Albanischen ergeben 
hat, muss eine ziemliche Abweichung von der Eigenart und 
dem StoflFe der thrakischen Sprechweise angenommen werden, 
was jedoch gelegentliche Berührungen nicht ausschliesst. 

Den Thraken der karpatischen Bergregion ward im Laufe 
der Zeit der Raum zu enge ; sie stiegen herab, durchzogen das 
Flachland an der untern Donau und warfen sich mit aller 
Macht in mehreren aufeinanderfolgenden Wellenschlägen auf 
die verwandten mysisch-phrygischen Stämme, welche sie aller- 
orten durchsetzten, nach links und rechts verschoben oder zer- 



8 rV. Abhandlnni^: Tomaschek. 

triimmerten. Als rohe Bergstämme, welche sich überdies die 
Lebensweise der arischen Nomaden angeeignet hatten, fanden 
sie weniger Gefallen an dem Boden der Alluvialebenen und 
niedrigen Thalkessel, dessen Bearbeitung harte Mühe erforderte; 
sie wandten sich mit Vorliebe den höheren Regionen des Süd- 
landes zu, auf dessen Halden sie der Viehzucht obliegen und 
von wo aus sie in räuberischer Weise die unterworfenen 
Stämme, so weit dieselben nicht nach Asien ausgewandert 
waren, im Zaume halten und ausbeuten konnten. Wurde 
ihnen hier der Raum zu enge, so nahmen sie gelegentlich auch 
von den Thalgebieten Besitz, wie am Hebrus und Strymon. 
Giseke, welcher die Wahrnehmung gemacht zu haben glaubte, 
dass alle Flussebenen und Passagen Thrakiens sich im Besitze 
paionischer, d. i. mysisch-phrygischer Stämme befunden hätten, 
während den thrakisch-,pelasgischen' Stämmen ausschliesslich 
die Bergstriche eigen gewesen wären, betrachtet allerdings 
gerade diese letzteren als die in die Berge zurückgedrängten 
Ureinwohner, die Paioner dagegen als in späterer Zeit aus 
Asien eingedrungene Eroberer, die sich naturgemäss der frucht- 
barsten Striche und der wichtigsten Uebergänge bemächtigt 
hätten. Aber die politische Führerrolle befand sich seit Beginn 
der Geschichte in den Händen der echten Thraker und das 
ganze Land bis zu den Küsten hinab führt bezeichnenderweise 
den Namen Thrake; die mysisch-phrygischen Volksreste dagegen 
waren politisch zur Ohnmacht verurtheilt und bildeten den 
passiven Bestandtheil der Bevölkerung, mochte auch ihre Gultur- 
stufe eine höhere gewesen sein. Die sprachliche oder dialektische 
Scheidewand, welche die echten Thraker und die ebenfalls 
Thraker genannten Myso-Phrygen von einander trennte, ver- 
mögen wir nur dunkel, aus den schwachen Spuren der Eigen- 
namen, zu erkennen; erkennbarer und schroffer tritt der 
Gegensatz beider Volksthümer in der Lebensweise und im Cultur- 
stande hervor: auf der einen Seite altansässige, aber in ihrer 
Continuität unterbrochene und aufgelöste Sporaden, politisch 
unwirksam, aber dem Landbau und G^werbfleiss in alther- 
gebrachter Weise ergeben, geistig höher veranlagt und dem 
Naturleben in orgiastischer Weise huldigend, dem griechischen 
Wesen leicht zugänglich und schliesslich darin aufgehend; dort 
hinwieder üppig wuchernde und numerisch überlegene Berg- 



Die alteo Thraker, l. 9 

Stämme, gewalttliätig und dem Kriegerleben ergeben, faul und 
vom Fleisse der Untergebenen zehrend, dabei unter einander 
stets uneinig, nur in Zeiten der Gefahr kräftig sich wehrend, 
in späterer Zeit ein gefUrchtetes Soldaten- und 8öldnermaterial 
abgebend, den Charakter der Rohheit und des Naturzustandes 
weit über die Zeit der schliesslichen Romanisirung bewahrend 
— so äussert sich in allgemeinen Zügen dieser Gegensatz. 
Doch gingen im Laufe der Zeit auf die thrakischen Eroberer 
die orgiastischen Culte der Ackerbauer über; der Noth folgend, 
nicht dem eigenen Triebe, wandte sieh auch der Thraker 
harten Arbeiten zu, namentlich dem Bergbau, der vorher eine 
starke Seite der phrygischen Stämme gewesen war; die 
Magnaten eigneten sich mitunter den hellenischen Cultur- 
schliff an. 

Dauernde Ruhe war dem thrakischen Volke niemals be- 
schiedei). Im Norden drohten und drängten die skolotischen 
und sarmatischen Steppennomaden, zuletzt auch die Galater 
und Germanen; im Westen erforderten die Bewegungen der 
illyrischen Völker Beachtung; aus dem Berglande des Haimos 
selbst traten inuner neue Raubstämme hervor, welche dem 
Zuge nach Süden folgten. Als ein unruhiges Volk lernen wir 
die Trailer kennen, sowie die trerischen Nomaden, welche in 
Kleinasien Alles drunter und drüber mengten; die von den 
Paionen gedrängten Maido-Bithynen setzten gleichfalls über den 
Bosporus und erwarben sich im Lande der Mysen und Phrygen 
dauernde Wohnsitze. Die kimmerische und thynische Wande- 
rung war das letzte grosse Ereigniss der älteren Zeit, das vom 
thrakischen Lande ausgieng; erst der Galatersturm kann sich 
mit demselben messen. Der folgende Zeitraum erhält durch 
die Eroberungszüge der Perser, durch das Hervortreten der 
Odrysen und Geten und durch die Ausbreitung der make- 
donischen Grossmacht Abwechslung. Eine bedeutende culturelle 
Rückwirkung üben die hellenischen Colonien an den Küsten 
and die makedonischen Neugründungen im Inland aus; ganz 
Thrake wäre vielleicht der hellenistischen Cultur zugefallen, 
wenn nicht die Macht Rom's eine noch grössere Wandlung 
herbeigeführt hätte. 

Makedonien, Thrake und das moeso-getische Ufergelände 
wurden römische Provinzen; nur das thrakische Stammland im 



10 lY. Abhandlung: Toina5>cbc1c, 

Norden, das die Dakeii inneliattcn, erhielt sich länger frei 
und leistete dem Anstürme der römischen Legionen verzweifelten 
Widerstand, bis endlich auch dieses letzte Bollwerk der thra- 
kischen Barbarcnwelt fiel und mit Colonen aus den römischen 
Provinzen neu bevölkert wurde. Unter dem Schutze der Le- 
gionen hielt sich die traianischc Dacia bis auf Gallienus und 
Aurelianus; der Gebirgswall wurde von den germanischeu 
Völkern durchbrochen, die römischen Provincialen flüchteten 
in eine neu geschaflene Dacia südlich vom Strome, und ihnen 
nach zogen selbst die letzten Reste dakischer Bergstftmme, um 
in der Römerwelt aufzugehen. Das karpathische Bergland 
wurde schliesslich eine Beute der Slawen, der Hunno-Bulgaren 
und Ungarcn. Das innere Thrakien jedoch war unter der 
Herrschaft Rom's vollständig romanisirt worden; den Schluss- 
stein dieser Wandlung bildete die Verbreitung des Christenthums 
bei dem thrakischen Central volke der Bessen (400 n. Chr.); 
das römische Wesen festigte sich innerhalb der folgenden zwei 
Jahrhunderte; alsbald (600) drangen jedoch aus dem Nordlande 
slowenische Stämme ein und nahmen vom Haemusgttrtel Besitz, 
geriethen dann unter die Obmacht der Bulgaren, welche die 
griechische Herrschaft auf Byzanz und den aegaeischen Küsten- 
strich beschränkten, und wandten sich schliesslich ebenfalls dem 
Christen thum zu. Die römischen Provincialen wurden durch 
die slowenische Einwanderung zu politischer und ökonomischer 
Ohnmacht verurtheilt; sie fristeten ein gedrücktes Dasein ent- 
weder als Handwerker in den Städten oder als Frohnbauern 
auf dem Lande, oder sie rotteten sich zu Schaaren zusammen, 
um auf den Berghalden und Triften nach angestammter thra- 
kischer Sitte ein freieres Naturleben zu führen. Das romanische 
Element bewahrte im grossen Ganzen den überkommenen 
Grundstock seiner romanischen Sprechweise; dieser Grundstock, 
reich an Ausdrücken für das sociale und ökonomische Leben 
der älteren Culturepoche, wurde jedoch naturgemäss über- 
wuchert von dem sloweno-bulgarischen Sprachschatze; die starke 
Mischung mit dem Altslowenischen, welche dem Ostromanischen 
bis auf den heutigen Tag charakteristische Färbung verleiht, kam 
in dem langen Zeitraum von 600 bis 1000 zustande. Dann 
gelang es Byzanz, Bulgarien wieder unter seine Botmässigkeit 
zu bringen, und von dieser Zeit an finden wir in den gleich- 



Die alten Thraker. I. 11 

zeitigen Schriftwerken zahlreiche Erwähnungen des über ganz 
Bulgarien und tief nach Serbien hinein verbreiteten ,wlachi8chen' 
Elementes^ das auch im Pindos wall festen Boden gefunden 
hatte. Demselben Ijot sich endlich eine neue Heimat in dem 
Flachlande über der Donau und in jenem Gebirgswall , den 
wir far die Urstätte der thrakischen Nation ansehen: der un- 
erträgliche Steuerdruck unter den Komnenen, die harten Mass- 
nahmen der Regierung gegen die Bogomilen, sowie die Aussicht, 
unter den Peöenegen und Kumanen, mit denen die unzufriedenen 
Bulgaren und Wlachen gerne fratcrnisirten, einen leichteren 
Modus vivendi zu finden — dies Alles bewog ohne Zweifel 
seit dem eilften und zwölften Jahrhundert viele bulgarische 
Bojaren mit ihrer wlachischen Gefolgeschaft über die Donau 
zu setzen und nicht bloss im Flachland, sondern auch auf den 
schwach besiedelten Halden des karpatischen Berglandes ein 
neues Leben zu beginnen; so entstand in Siebenbürgen allmälig 
neben Magyaren und Sachsen eine dritte Nation, die wlachische. 
Anfänglich überwog bei derselben noch das bulgarische Knezen- 
thum; mit der Zeit drang jedoch das numerisch stärkere roma- 
nische Bauern- und Handwerkerelement durch. 

Wer unbeirrt von landläufigen Ansichten und Vorur- 
theilen sich streng an die geschichtlichen Urkunden hält und die 
Völker bewegungen aller Jahrhunderte erwägt, und wer dabei 
die sprachlichen und culturellen Thatsachen berücksichtigt, 
wird in den heutigen Ostromanen das thrakische Volksthum 
wiedererkennen, wie das illyrische in den heutigen Albanen. 
Es wäre undenkbar, dass eine so grosse und wichtige Na- 
tion wie die thrakische völlig und spurlos hätte untergehen 
können. 

Wir müssen noch einen Blick ins Alterthum zurück- 
werfen. Der Name der Thraker hat durch die Griechen Ver- 
breitung erlangt; ob er aus Eigenem gebildet wurde — , ob er 
die veränderte und angepasste Gestalt einer phrygischen und 
überhaupt fremdsprachigen Bezeichnung darstellt, lässt sich 
nicht entscheiden; die thrakischen Stämme selbst haben 
schwerlich diesen Gesammtnamen fUr sicli besessen, bei ihnen 
waren unstreitig nur Sonderbezeichnungen im Schwange. Für 
9prjx£;, 6pälx.£;, auch Öpelxec, worin die Silbe -1/. der Derivation 
angehört wie in AiOiite^;, böte sich die Wurzel öpY) : öp«, indo- 



12 ly. Abhandlung: Tomaschek. 

germanisch dhre: dhre, Nebenform von dher, ^halten^ stützen; 
schauen^ beachten*; von der Wurzel dhers- ^muthig sein, wagen' 
war vielleicht der thrakische Stamm der Aipctci benannt. In- 
folge des politischen Uebergcwichtes der thrakischen Eroberer 
über die übrigen altansässigen Stämme wurde der Name auch 
für diese unterschiedlos angewendet. Die Daker, denen aus- 
drücklich thrakische Sprache beigelegt wird, heissen darum 
niemals ausdrücklich Thraker, weil man sie von den Bewohnern 
der römischen Provinz Thracia zu scheiden hatte. — Es bleibt 
noch die Möglichkeit oflFen, dass es voreinst an der Nordgrrenze 
von Hellas einen Stamm gegeben liabe, welcher sich so be- 
nannte; Collectivnamen von Völkern sind ja meist aus irgend 
einer Sonderbenennung hervorgegangen. Nannten sich so etwa 
die ältesten Bewohner von Samothrake? Das, was wir über 
die Einwohner dieser Insel wissen, spricht nicht sehr dafUr. 
Bei attischen Scliriftstellern und Dichtem ist mitunter von 
Thrakern die Rede, welche in Dauhs und andern Orten der 
phokischen Landschaft gewohnt haben sollen; auch die Pieren 
werden mitunter Thraker genannt. Neuere Forscher seit 
C. (). Müller haben sogar doppelte Thraker angenommen, bar- 
barische und hellenische. Es ist jedoch widersinnig, denselben 
Namen auf zwei der Abkunft, Sprache und Cultur nach grund- 
verschiedene Völker anzuwenden; überdies hat die Kritik jener 
Nachrichten — wir erinnern an die bezüglichen Arbeiten von 
AI. Riese und Hiller v. Gaertringen — deren Unhaltbarkeit 
nachgewiesen. Wir halten die griechischen Thraker filr ab- 
gethan. 

Wir haben schliesslich noch ein Volksthum der bunten 
Völkerwelt Thrake's anzuschliessen, das der Einreihung in 
eine bestimmte ethnische Gruppe Schwierigkeiten entgegenstellt: 
wir meinen die Paionen, über welchen die Dardaner hausten. 
Da diese beiden Völker, welche von den Alten in Verbindung 
mit Troia gebracht wurden, der Westseite Thrakiens vorge- 
lagert waren, so wollen wir bei der Aufzählung der Einzel- 
stämme mit ihnen den Anfang machen; denn es gilt eine 
Cardinalfrage für die alte Ethnologie der Haemushalbinsel der 
Lösung näher zu bringen. 



Die alten Thraker. I. 13 

I. Die paionisoh-dardanisohe Qruppe. 

Ueber die Herkunft der Datovs^ waren schon die Alten 
in Zweifel. Verschiedene Mythen knüpfen sie an das ,pela8- 
psche' Volk der *AX|jL(»)7:e<; an, das in makedonischer Zeit 
z¥ri8chen den Makedonen und Pelagonen in der heutigen Hoch- 
landschaft Moglena hauste und die Orte "Opixa oder 'Opva, 
£upaixo^ und "A^j/aXo; besass (PtoL). Denn flaiwv erscheint als 
Sohn des Poseidon und der Helle (Hygin. astr. II, 20) und 
ebenso heisst "AXiaük); ein Sohn des Poseidon und der Helle 
(St. Byz.); dazu stimmt die Angabe (scliol. Ap. Rh. I, 230j, 
dass Paion's Tochter ^avocjupa, mit dem Aioliden Mtvua; ver- 
mählt, Mutter des Athamas und Orchomenos wurde. Ausser 
dem berühmten Minyersitz Orchomenos am Kopaissee gab es 
auch ein 'Opxoixevo; auf der Westseite des Olympos nahe dem 
Haliakmon, vormals auch Mtvua und 'AXjxwvta geheissen (vgl. 
C. O. Müller, Maked. 15). Wie dem auch sei, diese Ansicht 
erklärt die Paionen für ein uraltes pelasgisches Volk; eine 
ähnliche Genealogie (Paus. V 1, o) bringt die Paionen in 
Verbindung mit den Aioliden und Aitolern, den Stammver- 
wandten der Makedonen. Für diese Mythen könnte die geo- 
graphische Nähe der Paionen und der Nordgriechen die Grund- 
lage geboten haben. 

Getheilter Meinung waren jene Schriftsteller, welche Strabo 
(Vn fr. 38 vgl. Eust. ad B 848) vor Augen hatte: ot fxsv [laiova; 
4>püYü)v aTC5txoü^, Ol Ik db/Yj^sTa? dic3©a{voüatv. Die zweite Ansicht, 
welche die Paionen zu Archegeten macht, d. h. für eine eigene 
Nation erklärt (denn hier ist nicht etwa 4>püYwv zu ergänzen), 
gieng von bedächtigen Forschem aus, welche in den Paionen 
nichts Phrygisches und Kleinasiatisches gefunden hatten. 
Anderer Ansicht war Herodot, der die Paionen zwar nicht 
direkt für Phryger, so doch für Troer erklärt. 

In der Ilias steht Priamos an der Spitze eines Bundes, 
der alle Völker vom Halys und Sangarios bis zum paionischen 
Axios, darunter auch Phrygen, Maionen, Mysen, Thraker, 
Kikonen und Paionen, umfasst; innige familiäre und hieratische 
Beziehungen verbinden das Herrscherhaus mit all^ diesen 
Völkern. So charakterisirt das Epos die troianische Vülkerwelt 
im Gegensatz zur griechischen, üie Griechen erblickten in 



14 rV. AbhuidloDi^: Tomftscbelc. 

den dichterischen Schöpfungen ihrer Rhapsoden reine Geschichte, 
in den Kämpen auf griechischer und trojanischer Seite leib- 
haftige Wesen der Vergangenheit; sie wussten sich jenen 
Völkerbund nicht anders zu erklären als durch Annahme von 
Eroberungszügen aus lüos, die vor der Zeit der Zerstörung 
stattgefunden haben sollen, — als ob erobernde Gewalt aUein 
jene Zustände, wie sie die Dichtung schildert, herbeigeführt 
haben musste; als ob nicht die geographische Lage der Stadt 
an der Grenzscheide Kleinasiens und des Haemuslandes und der 
Einfluss der gemeinsamen Cultur, welche in Dios ihr Centrum 
und ihren Höhepunkt gefunden hatte, Alles zur Genüge erklärte. 
Durch die griechischen Colonisten hat der troianische Sagen- 
kreis weite Verbreitung gewonnen; allerorten wollte man 
Spuren der homerischen Helden erkennen und selbst barbarische 
Völker wollten ihre Ursprünge auf homerische Namen zurück- 
führen. Troianischer Abkunft rühmten sich sogar die libyschen 
Maxyer (Hdt. IV, 191; vgl. den Vers des Menander über die 
AtßüTpwe^ 0paxc?, schol. Plat. Phaed. 72 c). Mit besserem 
Grunde feierten die strymonischen Bithynen Rhesos als ihren 
Nationalhelden, und die Paionen fanden sich in ihrem Astero- 
paios gerühmt — sie durften ihre Ahnen für Bundesgenossen 
der Troer halten, sich selbst für Stammverwandte dieses durch 
die Poesie verherrlichten Volkes. 

Jene zwei Brüder, welche 506 dem in Sardes weilenden 
Dareios die Auskunft gegeben haben sollen, die Paionen vom 
Strymon seien Teuxpöv töv i% TpoiT); «TroiTwi (Hdt. V 13), waren 
Leute, welche mit dem troianischen Sagenkreise vertraut waren. 
Auffallenderweise lieisst einer derselben [[i•^pr^Zy ein Name, der 
sonst nur in Karien und Lykien (auch in den Formen flixpiQ^, 
Pikhrä) auftritt. Herodot hätte die Anekdote richtiger so 
gestalten können, dass er das Biüderpaar für karisch und nur 
die emsige Jungfrau, die etwa deren Magd gewesen, für eine 
Paionin ausgab. Die ganze Anekdote ist überhaupt erst ent- 
standen, nachdem die Paionen bereits an der Grenze von 
Karien und Phrygien angesiedelt waren — eine Erfindung ex 
facto. Aus karischem Munde eriloss auch die Bezeichnung 
Teuxfot für Tpu>£?; mit dem Namen der Teukrer war man in 
Kleinasien vertraut, schwerUch jedoch in Paionien. Homer 
weiss bekanntlich Nichts von troianischen und mvsischen 



Die alten Thraker. I. 15 

Teukrem^ er kennt nur den salaminischcn Bogenschützen 
TeOxfo^y den von einer Troerin geborenen Sohn des Telamon, 
den Repräsentanten des troischen oder teukrischen Volks- 
elementes auf Kypros (vgl. H. D. Müller, Histor.-mythol. Unter- 
suchungen, Göttingen 1892, S. 112 — 122), von dem die kyp- 
rischen Könige von Salamis bis auf Euagoras ihr Geschlecht 
ableiteten, weil neben dem achaisch -hellenischen Elemente auch 
noch das einheimische teukrische Geltung besass. Ebenso 
gehörten die Priester des Zeus zu Ülba im kilikischen Berg- 
land der Familie Teukros an, d. h. den kiUkischen Ursassen, 
welche die Uias auch in der Ebene von Thebe kennt. Wenn 
bei Späteren Teukros als Sohn des Skamandros und der 
Nymphe Idaia auftritt, so wird er damit als Autochthon des 
troischen Landes gekennzeichnet; nach Kallinos (Strabo XIII, 
p. 604) soll Teukros aus Kreta gekommen, sein , woher man 
alle Völker räthselhaften Ursprungs, beispielsweise die Termilen 
(Lykier), herleitete. Herodot weiss (V 122, vgl. VII 43), dass 
die Bewohner von Gergithes Ueberreste der alten Teukrer 
waren; dasselbe galt von den Fep^ivst auf Kypros (Klearch bei 
Athen. VI p. 256, c). Wir werden kaum fehl gehen, wenn 
wir die Teuxpst fUr ein uraltes Volk kilikischen Schlages an- 
sehen und mit Brugsch den Tekri oder Tekkari der 19. Dynastie 
Aegyptens gleichsetzen. Haben diese Autochthonen weite 
Wanderungen unternommen (Strabo p. 61), so geschah dies 
nach Süden zu, in das Land der Cheta am Orontes und weiter 
hinab, schwerlich jedoch nach Thrake und bis zur Adria, wo 
jede Spur des teukrischen Namens fehlt; die Paionen für 
Teukrer zu halten, wäre zu abenteuerlich. 

Herodot (VII 20) weiss allerdings von einem cioXo; M;j?d>v 
xe Mcl Tcuxpcov 6 izpö tü)v Tpü>txu>v -)f^v6(JLevo{ * oi Siaßavte^ dq tyjv 
Eüpii>xr|V xaxa B6<;7:opov tou^ t£ 6pr/ixa{ /.areorpetl/avT^ Tcavia; xai £:7i 
xbv Tcviov icövTov xateßiQaav, \t-ixpi xs nrjveiou TzoTapioü xb izphq 
(uoa;jißptVj<; iJiXa^av. Man höre und staune! Vor der Einnahme 
Troia's (ca. 1184) sollen Teukrer und Mysen alle thrakischen 
Völker besiegt haben und in alle Westlande vorgedrungen 
»ein. Leider wissen die homerischen Lieder davon Nichts; auf 
der ganzen europäischen Strecke rindet sich sonst nicht eine 
einzige Spur des teukrischen Namens; von den Mysiern wird 
das Umgekehrte, nämlich Wanderung aus Europa nach Klein- 



16 IV. Abbandlung: Tomaschek. 

asien, berichtet. Wir finden auch hier die aus den homerischen 
Sagengeweben künstUch erschlossene Anschauung von uralten 
Eroberungszügen der Troianer auf die Spitze getrieben: denn 
Dos — lassen wir lieber Lykophion's Kassandia (1341 — 1345) 
declamiren: 'icflbnuo; Ik OpTfjxY)^ ouixb? aicrtcdaa; tzkIoitml | x"^?^ '^^ 
"EopBuiv %ol\ raXa3paiü)v ordSov, | Spou; Itcyj^sv a(jt^i [It;v£iou icotoi^^ | ffieppov 
xpoxT^iXo) JJeuyXav a[X9i6el^ xeBatq, | aXxi^ vdovSpo?, exicpeicdcraro^ Y^^^- 
Leider hat uns die troianische Jungfrau, welche den Herodot 
gelesen hat, anzuführen vergessen, ob da nicht Dos mit dem 
mächtigen Pelasgos, König von Argos, zusammenstiess, der alle 
Lande von der Brandung des ionischen Meeres bis zu den 
Fluthen des Axios und Strymon beherrscht haben soll (Aesch. 
Suppl. 238 &.). Solche Sagenklitterungen mögen den Griechen, 
zumal ihren Dichtem, gestattet sein; wenn aber neuere Forscher 
dieselben für bare Münze nehmen und darauf eine Pluth von 
Verrauthungen häufen, so werden wir ihnen Halt zurufen. Am 
weitesten hierin ist Giseke gegangen: Paionen sollen aus Asien 
in das von griechischen Stämmen besetzte Pelasgerland einge- 
drungen sein, die ,pelasgi8chen^ Thraker, darunter Dier und 
Pieren, in die Gebirge getrieben und zuletzt die fortlaufenden 
Wanderungen der Minyer, Kadmeionen, Abanten, Dryoper, 
Boioter und Derer hervorgerufen haben. 

Noch einmal spricht Herodot (VH 75) von seinen ständig 
verbundenen Teukrern und Mysen bei der Sage der Bithynen 
von dem Auszug aus ihrem strymonischen Stammlande: to i:p6- 
xepov eKaXecvTO, w; auTol Xä-fOüai, STpüpioviot, oixesvxc^ iiA Stpufxövt . 
s^ovaffTTJva'. H «paat i^ tqöewv utco TeüxpÄv xs %a\ Muauiv. Man muss 
bezweifeln, ob die Bithynen selbst, obzwar in Asien sesshaft 
und mit der Ausdrucks weise der Kleinasiaten vertraut, wirklich 
von Teukrern und Mysen gesprochen haben; möglicherweise 
hat Herodot, entsprechend seiner paionischen Anekdote (V 12), 
diese Namen ohneweiters für llatcvc; eingesetzt: nur Paionen 
können es gewesen sein, welche, von Westen vordringend, die 
thrakischen Strymonier dem Osten zugetrieben haben. Wenn 
Mysen und Teukrer aus der Troas kamen und zwar lange vor 
Troia's Zerstörung, so wären ihnen die Strymonier geradezu 
in die Arme gelaufen, und die Eroberer hätten es geduldet, 
dass ihr eigenes Stammland von den Verjagten besetzt worden 
wäre I Ueberdies filllt der Auszug der Bithynen in oder hinter 



Die alten Thraker 1. 17 

die trerisch-kimmerische Wanderung (750 — GOO), also lange 
nach Troia's Einnahme. — Die troianische oder phrygische 
Abkunft der Paionen müssen wir nach Allem dahingestellt sein 
lassen; sehen wir zu, ob sich bei den Einzelstämmen etwas 
Genaueres ergibt. 

Homer nennt als Vater des vor Troia gefallenen paioni- 
schen Heerführers Asteropaios, welcher gekommen war irjXoOcv s^ 
'A{Ai»8iüvo^ atx* 'A^fou eupü peovro?, den UtiXs^wv. Da an der Axios- 
münde voreinst phrygische Mygdonen sassen, so braucht 'A|jiu8(ov 
oder, wie die später von den Argeaden zerstörte Veste ursprüng- 
lich hiess^ 'AßüBwv nicht gerade für eine paionische Gründung zu 
gelten ; es vergleicht sich "AßuSo^, die Stadt des Asios am Helle- 
spont und die Glosse dßuoov • ßaOu (Hesych.). Die von Pelegon 
abgeleiteten Ilrj/vorfove? oder HeXoYCve^ sind entweder Bewohner 
der ^schlammigen Ebene% vgl. die Glosse ':nQXaYO)v • ix icrfkou 
fCY€vvT;jxEvo; und alb. pelg ,Moorgrund, Dümpel', oder Bewohner 
eines ,Flachstriches' überhaupt , von Wurzel pela : pla ,breit- 
schlagen, ausbreiten* (vgl. Tceka-^o^?). Eine Münze IleXoYt'fwv 
stammt aus dem illyrisch-epirotischen Bergwerksorte Damastion; 
in Sicilien gab es , in der Ebene am Palikensee , einen Ort 
neXorfovCa (St. B.), das heutige Pallagonia. Die Hauptsitze der 
Pelagonen waren später nicht am unteren Axios, sondern in 
der Ebene am mittleren Erigon nördlich von den Lynkesten, 
sowie im Bergland am unteren P>igon bis Stobi, nördlich von 
den Almopen; hier erwähnt Livius wiederholt ,angustiae quae 
ad Pelagoniam sunt^ Seit der Römerzeit bis in die bulgarische 
Zeit hinein hiess 'HpaxXsia Ajyxou oder AufXTiffTt?, das heutige 
Bitolia, und die benachbarte Ebene Uekor(o^ia. Abel hält die 
Pelagonen schon ihres Namens wegen für Pelasger, die von 
den Paionen unterworfen wurden; Giseke dagegen hält an der 
von Strabo hingestellten Gleichung mit den Paionen fest. Zwar 
heissen die Pelagones ,Paeoniae gens' (Plin.); aber es scheint, 
dass sie ein älteres, wenn nicht illyrisches, so doch mit den 
Almopen verwandtes Element darstellen, wobei wir an die 
eingangs erwähnte Anknüpfung der Paionen an die Minyer 
von Orchomenos erinnern. Es ist kein Zufall, dass wir nahe 
dem zweiten Orchomenos südlich von Haliakmon eine Uzkocrfo^ia 
TptxoXiTt^ iinden mit den drei Ortschaften Iluöiov, lokiyri und 
'A^(i)po^. Nur die beiden ersten tragen griechische Namen; 

Sitzoagsber. d. pbU.-bi»t. Cl. CXXVin. Bd. 4. Abb. 2 



18 IV. Abhandlung: Tomascbek. 



"A^wpo;, auch Aljwpeiov und Ta "A^tapa genannt, moss ans älterer 
Zeit stammen, wie der Beiname der Landschaft selbst; filr 
paionischen Urspining desselben spricht die Analogie von BüX- 
di^iop am mittleren Axios; ftir brigisch darf gelten 'AXwpo? in 
Bottiaia, für edonisch FaCwpo? am Pangaios. 

Die na(ov£; scheinen ursprünglich vom oberen Axios und 
aus dem illyrischen Westen ausgegangen zu sein; das Nach- 
drängen der nördlichen Stammesgenossen schob sie der Meeres- 
küste zu, wo die phrygischen Stämme sassen. Wenn wir femer 
eine solche Vermuthung wagen dürfen, so waren, es bereits 
in der entlegenen Vorzeit Paionen, welche die griechischen 
und ,pcla9gischeu* Nordstämme einengten oder gegen Süden 
drängten; doch iindcn wir zwischen beiden seit der geschicht- 
lichen Zeit die Phrygen eingeschoben; schwer lässt sich ent- 
scheiden, ob damals Dlyrier, oder ob Thraker stärkere Wir- 
kungen erzielt haben. Jedenfalls waren die Paionen den 
Griechen als ein fremdes Nachbarvolk seit alten Zeiten bekannt, 
und als ein Erobcrervolk treten sie in die Geschichte ein. Vor 
der Ausbreitung der makedonischen Hausmacht sollen sie 
Herren von Bottiaia und ganz Emathia bis zur Grenze von 
Pieria gewesen sein (Strabo VH fr. 38 ; Polyb. 24, 8 : H|juxOta 
tb icaXaibv Ilaiovia). Homer weiss sie im Besitze der mygdonl- 
schen Axios-ratinde; ganz Mu^SovCa sammt der KpTQcrwvnt/, war 
ihnen vereinst unterworfen; als Xerxes vom unteren Strymon 
am Halse der Chalkidike nach Therme marschierte, zog er 8ta 
•rij^ Oatovtx^^ (Hdt. VH 124). Die thrakische Bisaltia vermochten 
sie jedoch nicht zu unterwerfen. Aber das ganze Axiosthal 
bis zum pelagonischen Stobi (vetus urbs Paeoniae, Liv. XXXIX 
53, 14) hinauf hatten sie inne; weiter zeigt BuXal^cop, das heutige 
Weles oder slawische Welica, [>.i'xi(jvfi ouaa x5Xt? t^? IIaiov(a^ 
(Polyb. V 97, 1), im Namen (mit ßuX- vgl. BuXXt^, Ausgang wie 
in "A^wpo^) illyrisches Gepräge; noch weiter dürfen wir die 
*'la)po' mit ihrer Burg "Iwpov (Ptol.) oder *'loupa (St. B.) für ein 
Volk paionischen Schlages halten. Nach Strabo entspringt der 
Axios £x vfi<; riajovia«;, und er nennt die im Oberlande an der 
Grenze Dardania's streichenden Bergzüge ti hpri ilociovixi. Ost- 
wärts vom Axios boten breite Flussthäler Zugänge zu den 
strj'monischen Geländen : das Blachfeld Owöepole mit der Pöinja 
und Kriwa, die Brcgälnica oder 'AoTtß6<; der Paionen mit der 



Die ftlten Thraker. I. 19 

Lukawica^ die Boemia und endlich die Strumica, im Alterthum 
ücvio^ geheissen, führten von selbst in das seit Alters von 
thrakischen Stämmen besetzte Strymonthal. Die nördlicheren 
Thäler finden wir im Besitze der stammverwandten Agrianen, 
die südlichen gehörten den eigens so benannten Paionen. Hier 
lag 'AcTißo;, das heutige Istib oder ötip, ASTIBO der Itinerarien, 
eine alte Veste dieses Volkes; mit dem Wasser des Flusses 
salbten die Paionen ihre Könige. Weiter südwärts finden wir 
die Burg Aißtjpo?, DOBERUS der Römer, in einem ^schaurigen 
Thale', ^ptxaXdov vaxo«; (Addaeus in AP. IX 300), gelegen, dessen 
Bewohner Aoßtjpe^ hiessen, — ungewiss, ob das heutige Doiran 
oder das im Quellgebiete der Striimica gelegene Radowi§t^; 
näher dem Axios zu, sei es an der Lukawica oder an der 
Boemia, lag die Burg Aiorpatov, Sitz der AicxpaTot oder Aestrienses 
(vgl. den Fluss Aatpa-o; bei Aelian). In den benachbarten 
Bergstrichen finden wir zurückgedrängte thrakische Stämme, 
Sinten und Maiden; entlang dem Strymon sassen voreinst die 
thynischen Thraker oder MaiBoß^ÖJVo:. Wenn diese Herodot 
(VII 75) uxb Teuxpöv ts xai Mügäv verjagt werden lässt, so 
wissen wir, dass darunter nur die Paionen verstanden werden 
dürfen und dass das Ereigniss lange nach Troia's Zerstörung 
in die Zeit der kimmerischen Züge fällt. Die paionischen Er- 
oberer verbreiteten sich immer weiter in das edonisch-phrygische 
Flachland am unteren Strymon, und es gab seither eine natov{a 
h\ TW Ltpü|jl6vi xoTafjLcj) TceicoXwpiivt; (Hdt. V 13). 

Unter den Sondernamen begegnen hier üato^Xai (Hdt. V 15, 
Vn 113), femer Stptoxaiove; (V 15) und ol h itj XiVv>) npaacaSc 
xoTotxnr^ixevoi IfaCovei; (V 16). Zu den llaioTzkai könnte man die 
TpicxXai vergleichen, nach Hecataeus ein ,thrakisches' Volk 
(St. B.), wenn nicht vielmehr ,dreigetheilte' Paionen. Die 
Iipto^Äiove^, auch -tppatot genannt (Theop. ap. St. B., C. I. Gr. 
Iln^ 2007), Bewohner von llpiq rf^q naiov{r,(; (Hdt. VIH 115), 
giengen später in den hier uransässigen Odomantcn auf (Liv. 
XLV 4,2); das zugrunde liegende Wort ctpo; werden wir als 
phrygisch erweisen. Die Anwohner des ,lauchgrünen* Sees 
von Takliyno und Butkowo schildert Herodot als Pfahlbauer 
und Fischer; so können wir uns auch die Bistonen am bisto- 
nischen See, die Thynen am Derkos, und gemäss einem Relief 
der Trajanssäule die Daken des Flachlandes vorstellen; falls 

2* 



20 rV. Abbandlnng: Tomasche k. 

Moocuvo; (s. d. Glosse piojauv) der echte Name jener Pfahlbau- 
ansiedlung war, so weist derselbe auf phrygische Ursassen, die 
von den Paionen unterworfen waren. Man glaubt ein zweites 
A6ßY)po^ am Fusse des Pangaios ansetzen zu dürfen, wegen der 
im Pilgerbericht m. p. VII Amphipoli vik Philipp! erwähnten 
mutatio DOMEROS, worin m aus b entstanden sein kann wie 
in 'A|jLüOtov aus Wßu^wv. In der That wird dieser edonische Ort 
eine Gründung der illyrischen Paionen gewesen sein: Asßtjpo?, 
AofjLTjpoc ist abzuleiten von der Wurzel dhub- ,vertiefen'; vgl. 
gall. dubno-, dumno- ,tief , lit. dauburk slaw. dtbrt ,Bergschlucht, 
Tobel^ Aber die AoßYjps; bei Herodot (VII 113 in einer unbe- 
stimmt gehaltenen Fassung, V 16 in einer eingeschobenen Stelle) 
sind jedenfalls Bewohner des oben erwähnten Hochthaies. 
Mehrere Burgen des Edonenlandes werden hie und da den 
Paionen zugewiesen, deren Macht sich zeitweilig bis zum bi- 
stonischen See erstreckt hatte, wie denn auch Ilaiwv als Bruder 
des Ares-sohnes Bt(jTO)v auftritt (St. B.); darum brauchen aber 
die Paionen noch nicht ftlr ein teukrisch-phrygisches Volk zu 
gelten. 

Ungefilhr vor dem Skythenzuge des Dareios hatten die 
strymonischen Paionen einen Feldzug gegen die Perinthier am 
Hellespont unternommen (Hdt. V 1); eine ähnliche Unter- 
nehmung gegen Kardia ^ird den Bisalten zugeschrieben. Die 
strymonischen Paionen sollte mit Weib und Kind 506 Mega- 
bazos nach Asien überführen; es gelang dies mit den oberen 
Stämmen, nicht jedoch mit jenen vom Pangaios; die Colonen 
erhielten einen Strich in Phrygien zugewiesen, den meisten 
glückte es über Chios Lesbos und Doriskos ihre Heimat 
wiederzugewinnen. Dem Zuge des Xerxes schlössen sich 
Haufen von Paionen an. Ihre Freiheit bewahrten sie im Ober- 
lande bis auf Philipp und Alexander; zunächst unter ihren 
eigenen Fürsten stehend leisteten sie den Makedonen Heeres- 
folge, seit Vertreibung des Ariston durch Lysimach ca. 284 
wurden sie reine Unterthanen, BsuXot (Hesych.); doch erhoben 
die Dardaner Anspriiche auf Paionien. Wir hören dann be- 
ständig von Einfilllen der Dardaner, Skordisker und der thra- 
kischen Bergstämme, die sich zuletzt immer weiter auf Kosten 
der Paionen ausbreiteten, so dass dieses Volksthum im Inland 
völlig verschwindet; was den Thrakern nicht zugefallen war, 



Die alten Thraker. I. 21 

wurde hellcnisirt. Einmal noch erscheinen Paionen als Ansiedler 
auf thrakischem Boden südlich vom Hacmus, nämlich in Bcroe, 
wohin Traianus Tx£p::aiova<; gezogen hatte. — Appian hat die 
Paionen, bloss wegen ihrer Namensähnlichkeit mit den Pan- 
noniern, als cl xaTw [laicve; ohneweiters unter die Dlyrier ein- 
gereiht. Aber auch sonst werden sie geni den südlichen illy- 
rischen Stämmen als sövo; ßapßopixöv (Hesych.) beigezählt; z. B. 
Cram. An. Ox. IV p. 258: w^ W(; "EXXiqai 'IXAupiot xai Uoiiove^ xal Tow- 
XivTtoi y.al 'Ativtovc^ ßapßapfl^eiv SoxoOsi. Es scheint dies das Richtige 
zu treffen; die alten Genealogien von llaiwv mögen sich bloss auf 
die Pelagonen beziehen. Ueber Psyche, Sprache und Sitten 
dieses Volkes wird nicht viel überliefert. Von den unterworfenen 
phrygischen Stämmen haben sie den Cult des Dionysos (AjaXo;) 
imd der edonischen Artemis (Hdt. IV 33) angenommen; auch 
die Silenen (AsuaSai) stammen daher. Die Pelagonen vermittelten 
ihnen den Apollo; ausserdem verehrten sie den Helios in Form 
einer Scheibe. Ihr Land war reich an Gold; selbst an der 
Bodenfläche wurde aurum talutium gefunden. Am Flusse 
Pontos gab es Braunkohle (cxTvo;). Im Kesselthal von Doberos 
und im waldreichen Orbelos wurde der Wisent (ßivaado;) erlegt; 
aus den Hörnern tranken die Könige. Man trank Gerstenbier 
und verschiedene Pflanzendecocte (ßpuio;, irapaßtir), tcTvov). Von 
den Thrakern stammt wohl die Sitte, dass, wer einen Feind 
erschlug, den Schädel zum Könige trug und dafUr mit einem 
goldenen Becher belohnt wurde; illyrisch dagegen war der 
Brauch der Blutrache. Gerühmt wird der Fleiss der paionischen 
Weiber, wenn nicht vielmehr edonische von Strymon zu ver- 
stehen sind (Hdt. V 12): die Jungfrau in Sardes tränkte das 
Ross und führte es am Zügel, trug den Wasserkrug am Kopfe 
und spann den Leinfaden, Alles zu gleicher Zeit. 

Zu den Paionen werden ausdrücklich die 'Aypiave^ (sing. 
Avptav^ wie 'Axt-zrav etc., makedonische Form) oder 'AYp^at (sing. 
'Afptac) gerechnet; mitunter werden beide wie zwei verschiedene 
Völker neben einander gestellt, so bei Arrian (I S, I. 14, 1. 
II 7, 5) und Livius, von Neoptolemus (ap. St. B.: Datova; tqB' 
A-]fp'.aya<;) und Strabo, welcher (VII fr. 41) berichtet, die Paionen 
hätten auch das Land der Agrianen unterworfen. Wahrscheinlich 
waren die Agrianen ein Brudervolk, aber zu bedeutend, um 
fiir eine blosse Unterabtheilung zu gelten. Wir finden sie zuerst 



22 IV. Abhandlung: Tomasch«» k. 

bei Herodot (V 16), aber in einer sichtlich eingeschobenen 
Stelle. Sicheres bietet Thucydides (II 96 fg.): ,Sitalkes rief 
bei seinem Zuge gegen Perdikkas (429) die ihm unterworfenen 
eövr, U<x(ovixa, nämlich die 'AYpiave; und die Aatoioi (vgl. St. B. 
Aatatot • 20vo^ [laiovixöv,) zu den Waffen; der Strymon fliesst Ix 
Tou Sxofjißpou 5pcu^ IC 'AYpifl^v(i)v (codd. FpoiaCwv) xal Aata{ü>v; von 
Byzantion bis zu den AaiaToi und an den Strymon braucht ein 
rüstiger Fussgänger 13 Tage'. Nach Strabo entspringt der 
Strymon ex Iloeiovtat; 5 nach Stephanus sassen die 'A^ptat • f6vo^ 
OacovCaq fxeTa^l) AT[jloü y.at 'PoBötuyjc, also am oberen Skios und 
Hebros. Der Skombros ist der heutige Ryla-stock; hier hausten 
nach Sophokles (St. B. v. "Aßpot, Hcsych.) 2x6ixßpoi • öpoxtov gOvo;. 
Die Aa'.aTs'. (vgl. die illyr. Eigennamen Lavius, f. Lavia) setzen 
wir östlich vom Ryla, die Agrianen vom oberen Strymon west- 
wärts bis zum Owße-pole am Axios, wo sie an die Dardaner 
stiessen; südwärts umschlossen sie die thrakischen Maiden, 
nordwärts die Dentheleten. Wahrscheinlich erklärt sich ihr 
Name aus aYpc<;, agcr, als a^ptot ,auf dem Felde wohnende*; 
vielleicht ist damit, trotz 6. Meyer's Einspruch, alb. 6gr^ 
,agre8tis, silvaticus' verwandt. Wie die übrigen Paionen, wurden 
sie von Philipp und Alexander dem makedonischen Reiche 
einverleibt, unter Belassung ihrer Stammeskönige; damals war 
Ad^Y^apo; (Arr. I, 5, 2 ff.) Fürst — ein echt-illyrischer Name 
(vgl. Longarus rex Dardanorum, Liv.). Als Bewohner der 
Blachfelder, die in ständiger Fehde mit den thrakischen Berg- 
stämmen lagen, waren sie zu leichtem Felddienste vorzüglich 
geeignet; wir finden sie im makedonischen Heere als axovrioraf, 
(jjevSovi^ai, u^racxiorai, bewaffnet mit der aov^^y) oder dem ax6vTiov; 
vgl. Hesych. 'AYptove; • -ziXoc xt rr,^ xou^y;? cuvxa^sti);, ex tii; 'A^ptova^j^ 
*/(i>p(z^ Ilatovwv. Eine eigene Ta;'.c, aus Agrianen bestehend, hiess 
'AYpiavtxbv dbt6vitov. Sie werden in allen Kämpfen der make- 
donischen Zeit bis 160 v. Chr. erwähnt, und Appian (Illyr. 14) 
rühmt von ihnen: 'AYpiave?, o\ t^t [ki-^icrza 0tX{7nco) xai 'AXe^avSpw 
xaxepYÄ^^tfjievot, llaCove^ etat twv xaxo) Iloetövcjv, 'IXXupiOK; Ittoixo*.. Sie 
fühlten sich den Autariaten weit überlegen: dieses gleichfalls 
illyrische Volk, ursprünglich im Inlande zwischen der Narenta 
und dem Drin sesshaft und hier seit 370 durch Kelten gedrängt^ 
hatte zwar die Triballer im Mora wagebiet unterworfen, wurde 
jedoch zum Auszuge gezwungen; Langaros schlug sie 334 zurück; 



Die alten Thraker. I. 23 

Kassandros aber siedelte nachmals (ca. 300) 20,000 durch 
Gralater verjagte Autariatenfamilien in Orbelos an. Die 

überaus starke Heranziehung dieses Volkes zum Felddienst 
und die Uebermacht der Bergthraker scheinen es erschöpft 
und aufgerieben zu haben; seit 160 erscheinen nur mehr thra- 
kische IVIaiden und Dentheleten an der Oberfläche. Nun müssen 
wir uns einem Volke zuwenden, das einen hochberülimten 
Namen trägt und lange Zeit eine mächtige Rolle gespielt hat. 
Die Aopoavot, auch A2p$avET(; und AapBaviaiat genannt, wohnten 
vom Oberlaufe des Axios entlang und zwischen den beiden 
oberen Flussläufen der Morawa bis zu deren Vereinigung im 
zelioy xb TpißaXXtxov. Die älteren Griechen kennen dieses Volk 
noch nicht; zum erstenmale wird es ausdrücklich a. 284 genannt, 
und mächtig tritt es seit den Galaterstümien hervor. Agathar- 
chides von Knidos wusste zu berichten (Athen. VI p. 272, d), 
dass unter den Dardanem eine zahlreiche leibeigene Bevölke- 
rung lebe, gleich den zpooTceXötrai unter den Ardiaiern Illyriens; 
es scheinen hier zwei illyrische Schichten, eine ältere und 
jüngere, verkörpert durch adelige Grundbesitzer und hörige 
Bauern, zusammengeflossen zu sein. Als Lysimachos den 
Paionen Ariston des Thrones beraubte (284), entfloh dieser zu 
den, wie es scheint, stammverwandten Dardanem (Polyaen. IV 
12, 3). Dardani repetebant Paeoniam, quod et sua fuisset et 
continens esset finibus suis (Liv. XLV 29, 12); sie fielen dess- 
halb ständig in Makedonien ein, Dardani gens semper infestis- 
sima Macedonibus (vgl. lustin. XXIX, 1, 10). Zur Zeit der 
KelteneinfUlle unter Ptolemaeus Ceraunus (ca. 280) war Mevojvio«;, 
Monunius (vgl. alb. menune ,minutus'?) König der Dardaner 
(Trog. Pomp. prol. XXIV); er bot damals, obwohl verfeindet, 
dem Makedonerkönig 20.000 Bewaflnete an, die dieser jedoch 
zurückwies (Just. XXIV 4, 9). Später finden wir Antigonus 
im Elampfe mit dem Dardanerkönig Mutiao(;. Um 239 fiel 
A6yyapo<;, der sammt seinem Sohne Böctwv einen illyrischen Namen 
trägt, in das Gebiet des Demetrius 11. ein. Wie die Personen- 
namen, so verrathen auch die Ortsnamen illyrischen Charakter, 
z. B. OuevSevi; (alb. wend pl. wend^na ,situ8, positio, domiciUum'), 
Oi)6XXay{(;, 'Apptßovrtov (vgl. 'AppißaToc, Fürst der Lynkesten, und 
'\pußßa<;, Fürst der Molossen). Der von Strabo vermerkte 
Hauptstamm der Dardaner im Gebiete von Skupoi, nämlich 



24 tV. Abhandlang: Tomasehe k. 

die raXaßpio!, darf trotz der anlautenden Media ^ die auch im 
Albanischen nicht immer scharf von der gutturalen Tenuis 
unterschieden wird, mit den iapygischen KaXaßpot verglichen 
werden; der Name der Bouvokai, welche den thrakischen Maiden 
zunächst benachbart waren (Strabo VII, p. 316), Hesse sich 
zwar aus alb. öüene-t^ ,fracti, rupti, conversi' deuten, es 
kann aber auch die illyrische Form eines dort sitzengebliebenen 
Restes der thynischen Thraker oder MatBoßiOuvoi darstellen. 

Mit Mühe gelang es den Römern, dieses mit der make- 
donischen Taktik wohlvertrauten Volkes, das gutgeordnete und 
schwerbewaffnete Heere aufstellte (Liv. XXXI 43) und seit 
der Einrichtung der makedonischen Provinz (147) unablässig 
Einftllle machte, Herr zu werden. Gegen die Dardaner kämpften 
mit wechselndem Glücke Vulso (07), C. Sentius (92 — 81) und 
Sulla (85) ; Ap. Claudius (76) erbitterte sie durch harte 
Erpressungen; C. Scribonius Curio (75 — 73) bewältigte sie mit 
den grausamsten Mitteln: Dardanorum ferociam, in modum 
Lernaeae serpentis aliquotions renascentem, hoc genere poenarum 
exstinxit, ut primoribus raanus incideret residuosque supplicio 
capitali multaret (Amm. Marc. XXIX 5, 22). Doch brachten 
sie (62) den Consul C. Antonius so sehr ins Gedränge, dass er 
ihr Land schleunigst räumen musstc, um sich bei den Moesen 
ähnliche Schlappen zu holen. Ihre Einftllle wies L. Calpumius 
Piso (57) erfolgreich zurück; wir finden dann (48) Dar- 
daner als Hilfstruppen im Heere des Pompeius; später (39) 
trieb sie Antonius zu Paaren, und unter Augustus (27) siegte 
M. Crassus über alle Grenzvölker, namentlich die Bastamer, 
welche bis Dardanien eingefallen waren. Sie bUeben seither 
ruhige Provincialen , welche der Viehzucht, dem Berg- und 
Ackerbau fleissig oblagen. 

Von ihrer alpinen Wirthschaft legt der cascus Dardanicus 
Zeugniss ab, der neben dem caseus Docleas Ruf genoss. Die 
Gruben in den campi Dardanici (bei Janjewo und Kratowo) 
sowie im Bergstock des Kopalnik standen schon damals im 
Betriebe; Plinius (XXXIII 39) rühmt das aurum Dardanium, 
und wir besitzen noch jetzt Münzen aus der Zeit Trajan's mit 
der Legende DARDANICI. Auf diesen erscheint eine Frau 
mit Aehren in der Rechten; ausser den Cercalien fand der 
Hanf besondere Pflege, und es werden grobe dardanische Stoffe 



Die alten Thraker. I, 25 

erwähnt. — Von dardanischcn Göttern wird uns, rait Ausnahme 
des deus Andcs (Inschr. v. Kaöanik; vgl. alb. jlnde ,Blume^ und 
ände ,Lust, Freude*), Nichts überliefert; von ihrer Sprache sind 
blos zwei Pflana^nnamen bekannt. Das Volk war als schmutzig 
verrufen, von einem Schmutzfink hiess es sprichwörtlich xpi; tou 
ßtoü XeXouToi ^oicep AapJaveu;. Sie sollen in Erdhöhlen gehaust 
haben, die sie mit Dünger zudeckten — wie dies noch heut- 
zutage hie und da an der unteren Donau der Fall. Doch wird 
ihr Sinn für Musik hervorgehoben: sie hatten Flöten und 
Saiteninstrumente (Strabo VII, p. 316). Plinius nennt sie eine 
fera gens. Aus den latrones Dardaniae machte M. Aurelius 
Soldaten und Häscher (SitoYiAiTat). Die illyricianischen Truppen, 
darunter Schaaren von Dardani, nahmen in der s])äteren Kaiser- 
zeit, namentlich seit Diocletianus, eine entscheidende Stellung 
ein; das Christenthum hatte im Lande Wurzeln gefasst und 
lange vor 400 war die Romanisirung vollendet. Der Landes- 
name erhielt sich bis in die slowenische Zeit hinein; ca. 676 
flohen die Provincialen der nördlichen Eparchien, zumal ex 
AipB<nr(a^, vor den Fremdlingen nach Thessalonich (Acta S. De- 
metrii § 169. 195); a. 602 wird nahe den Donau-xaToppdxiai ein 
xXda? -rij? AapJarna^ erwähnt (Theophyl. Sim. VIII 5, p. 322)- 
Gewiss waren auch Dardaner an der Bildung des ostromanischen 
oder jwlachischen' Volksthums betheiligt; hatte sich doch das 
thrakische Element mit dem illyrischen an der Grenze von 
Dardanien gemischt, wie man z. B. aus dem Ortsnamen Aap5a- 
xipa erkennt, worin thrak. -para mit dem dardischen Volksnamen 
sich einigt. Ein altes illyrisches Volk im iapygischen Daunien 
nannte sich DARDI (Plin. III 104); die Dardaner selbst hat 
V. Hahn, vielleicht nicht ganz ohne Berechtigung, als ,Birnbaum- 
pfleger, Landbauer' gedeutet (vgl. alb. därdh§ ,Birnbaum', 
dardhän ,Bimbaumzüchter'). 

In der Dias erscheint Aap3avo<; als Ureinwohner des Ida- 
gebirges und Gründer von Dardania, bevor es noch eine Ilios 
gab; es scheinen demnach die troischen Dardaner, zu deren 
Geschlecht Aineias gehörte, den iiltosten Theil der Bevölkerung 
neben den Tpws; oder, wie man seit Kallinos sagte, den TsOxpe^ 
darzustellen. Lediglich wegen der Namensglcichheit haben 
schon die Alten die illyrischen Dardaner für Trojaner erklärt. 
Der römische Kaiser Claudius (268 — 270), vir Illyricianae gentis. 



26 IV. Abhandlang: Tomasche k. 

in Darclania geboren, fülirte seinen Stamuibaum auf Aus und 
Dardanus zurück (Treb. Pollio 11, 3). Bei Solinus (11 51) 
heissen die Dardani liomines ex Troiana prosapia in mores 
barbaros efferati*. Aber, was die Namensgleichheit betrifft, so 
kann diese trügen: so kennt Horodot (I 189) am Gyndes ein 
Volk AapSovie^, wahrscheinlich kurdischer Abkunft; im west- 
lichen Kaukasus, nahe dem Kuban, gab es AavSopiot, die wahr- 
scheinlich zu den Kspxixai (Öerkessen) gehörten. Wie die 
Teukrer, so waren auch die Dardaner Troias kleinasiatische 
Aboriginer; sollte wirklich ein Zusammenhang der troischen 
Dardaner mit dem illyrischen Volke stattgefunden haben, so 
werden wir wenigstens annehmen müssen, dass sie aus Europa^ 
der Heimstätte der lllyrier wie aller Indogermanen, gekommen 
waren, nicht umgekehrt. 

Schon das Alterthum brachte bekanntlich die adriatischen 
Veneter mit den homerischen Enetern Paphlagoniens , den 
Nachbaren der Kaukonen, in Verbindung. Auch Neuere haben 
sich dieser Ansicht mit Eifer angenommen und gemeint, dass 
zuerst die Veneter, hinter diesen die Dardaner, zuletzt Mysen 
und Teukrer (= Paionen) aus Kleinasien zogen und stufen- 
weise zwischen der Adria und dem Hellespont sich lagesten. 
Das Ganze sieht bestechend aus; aber auch bei den Venetem 
spielt die blosse Namensähnlichkeit die Hauptrolle. Die paphla- 
gonischen Eneter, will man sie nicht umgekehrt für uralte Meta- 
nasten aus Illyrien halten, müssen für kleinasiatische Aboriginer 
gelten; nach Hecataeus, welchen Zenodot citirte, stammten die 
Eneter ex Asüxocupwv und soll 'Even^ der leukosyrische Name 
für das spätere (aus armen, amis ,Mond' gut deutbare) *A|Ma6; 
gewesen sein; ein Demos bei dem karischen Milet hiess 'Evviqto( 
(Le Bas IH, Nr. 219) und selbst Bivvexo? wird als karischer 
Name bezeugt (auf lasos Nr. 287). Die adriatischen VENETI, 
welche schon Herodot als lllyrier hinstellt, dürfen wir keines- 
falls aus Asien herleiten, da das illyrische Volksthum aus dem 
mittleren Donaugebiet stammt; als Personenname tritt Venetus 
allenthalben auf dalmatischem Boden auf. Es gab sogar an der 
Nordgrenze Makedoniens, zu Seiten der Dardaner und Triballer, 
'EvgTci, welche etwa die Metöhia von Pek' inne hatten und flir 
eine nach Südost vorgedrungene Abtheilung der Dalmaten 
gelten müssen. Als im Jahre 85 Sulla in Verein mit C. Sentius 



Die alten Thraker. I, 27 

gegen die Grenzvölker zu kämpfen hatte, unterwarf er (App. 
Mithr. 55) 'E^nzyjq xal AopSavea^ xal ZtVTcbi;, rsptoixa MaxeBövcov 
eOvtj, ouvexö? iq Maxe5ov{av eixßaXXovra ; Eutropius nennt an Stelle 
der Eneter Delmatae. Plinius filhrt in der Reihe der illyrischen 
Völker Enedi an. Nach einer alten Quelle gab auch der voll- 
ständigere Text des Stephanus von diesem Volke Kunde; vgl. 
Eust. ad. B 852: ^jv ^k %a\ lOvoc icapa TpißaXXoT<; 'EvetoC. Mit Un- 
recht berufen sich die Anhänger der ,teukrischen' Abstammung 
der Paionen und Dardaner auf diese dalmatischen Veneter. Alle 
Völker der Haemushalbinsel gehören von Haus Europa an; 
dies gilt auch von der paionisch-dardanischen Gruppe; Klein- 
asien war die Urheimat allophyler Aboriginer — wenn es hier 
indogermanische Intrusionen gab, so sind dieselben aus Europa 
gekommen, nicht umgekehrt. 

n. Die phrygifloh-mysisohe Gruppe. 

Als Eugammon seine Telegonie, die Fortsetzung der 
Odyssee, dichtete (ca. 565 v. Chr.), war noch die Erinnerung 
an eine Zeit lebendig, in welcher Epirus von phrygischen 
Nordstämmen bedroht war; der Dichter Hess Odysseus aus 
Ithaka ausziehen und die Königin der Thesproter zur Frau 
nehmen; iicstia tc6X6|xo? aüvCcjTarat xot^ ©eaicpanov? itpo^ BpO^ou;. Wie 
in Troia, so standen auch hier auf Seiten der Barbaren Ares 
und Apollon, und das Heer der Thesproten wurde trotz der 
Beihilfe Atheners und Odysseus* Führung gänzlich aufgerieben 
(Proclus, ehrest, gramm.). Auch die Argonautensage (Ap. Rh. 
rV 330, 470) kennt dieses Volk auf zwei Ubumischen Inseln 
(Kerkyra und Paxos? Apollonius dachte an die Absyrtiden, 
welche zu weit nördlich liegen), Bpu^ritte? vi^oi, mit einem Tempel 
der Artemis, den die Bpövot des Festlandes errichtet hatten. Es 
haben sich also diese Brygen zwischen die Chaonen und Thes- 
proter in das Alluvialland am Thyamis oder Kammos gewaltsam 
eingeschoben. Den kyklischen Nöoroi zufolge soll "EXevo;, Sohn 
des Priamos, über Kikonia und Makedonia nach dem Lande 
Ka(&|iav(a • fjiotpa ßtoTzpioxiotc (benannt nach dem Flusse KapnjLo?, 
nach Serv. ad Aen. V 333 nach dem Fürsten Kajjiro;) gekommen 
sein und mit Keorpta, der Tochter des Kampos, den Kestrinos 
erzeugt haben, nach welchem das Land den Namen Kecxplvr^ 



!^8 IV. Abhandlung: Tomaschek. 

erhielt; Helcnos galt zugleich als Gründer von BoüOpwTS^, wo 
auch ein Xc^o^ stand^ Tpcia xaXoufJievo^, u> tcots Tpioe^ arpaioxs^) 
expT^iffavTo (Dion. Hai. I 51; vgl. St. B. Tpsi« • ic6Xt(; ev KeorpCa x^^ 
XoovCat;; Varro ap. Scrv. Aen. III 349), und als Gründer von 
"IXtov am Flusse Thyamis (St. B. vgl. Liv. XXXI 27), etwa 
in der Lage des heutigen Ortes Philiätes. Das können helle- 
nische Neugründungen gewesen sein, nach dem Muster der 
berühmten homerischen Namen; Anlass dazu bot das vormalige 
Vorhandensein der Brygen, die man sich aus Troia gekommen 
dachte; und dass man gerade Helenes zum Landesheros machte, 
wurde durch die Namensähnlichkeit mit den "EXivot • l6vo? 0ea- 
TCpwTtxov in der 'EXtvta tq /wpa (Rhianus ap. St. B.) verursacht. 
Verfolgen wir die brygischen Spuren weiter hinauf ins 
Inland. Ueber den Illyriern, zwischen dem Lychnitissee und 
den EYxeXsict, hausten nach dem sogenannten Skymnos (v. 434, 
437) BpuYOi ßfltpßapot, die also weder Ulyrier waren noch Hellenen. 
Aber auch östlich vom Lychnitis, am Oberlauf des Erigon und 
am Pylonpasse des Gebirges Bopvout;, zwischen den Lynkesten 
und Deuriopen, gab es nach Strabo (VU, p. 327) Bp^you Hier 
vermerkt der Pilgerbericht eine mutatio Brucida, m. p. XIII 
Lychnido, XIX CÄStris Parembole, finis Epiri et Macedoniae, 
worin bereits Wesseling BRUGIADA erkannt hat, d. i. BpuYti^ 
(St. B.); Stephanus kennt auch einen Vorort Bpi^iov (Ew. BpuYtot, 
Bpu^ieT«;) des Volkes BpSyat * 2övo<; Max£Sov{a^ ^rpocex«^ IXXüpioiq, und 
führt aus Herodian die Formen Bpu5, f. BpuY»';, an. Auf deurio- 
pischem Gebiet lag nach Strabo die brygische Ortschaft KuBpai 
(vgl. KjBpap«, Grenzort zwischen Lydien und Phrygicn bei 
Herodot). Aber noch weiter ostwärts, in die Bergstriche von 
Emathia, führen uns herodoteische Angaben. Als Mardonius 
493 durch Thrakc und Makedonien zog, eriitt er zuletzt starke 
Verluste durch die Bpu^oi 0pT^txs(;, welche sein Heer bei Nacht 
überfallen hatten (VI 45); die Sitze dieses ,thrakischen' Volkes 
ergeben sich aus der Reihenfolge der Stämme, welche sich 480 
dem Xerxes anschlössen (VII 185): Boirtaiot xal Bp^yot xal iliepc^ 
xal Max£56v6(; xai iieppaißoi. — Wenden wir uns vom Lychnitis 
weiter hinauf gegen Nordwest, so finden wir auch hier einen 
Zweig der Brygen. Strabo p. 326 führt zwischen ApoUonia 
und den Kcraunien und zwischen Epidamnos folgende Stämme 
von Süd nach Nord an: BuXXiove; ts xal TaüXavTiot >wil nap6ivo( 



Die alten Thnker. I. 29 

xorj Bpu^oi, diese letzteren also ganz nahe an Dyrrachion. Dazu 
stimmt sehr gut die Nachricht bei Appiau (B. civ. II 39): xpovo) 
5s T^; T6 x*^?*^ ^*^ '^i*5 Auppoyiou ttsasw^; xoreor/ov Bpi-^eq^ i% <l>püYd)v 
STcavsXöivre^, xat £•::' Ixsivoic TauXavTtot 'IXX'jpi/cv lOvoi; — nur dass 
hier statt Bpirpt oder BpuYot die Form BptY£^ auftritt. 

Nur in seltenen Fällen (Meyer, Gr. Gr. 91) setzt der 
Grieche t ftir u ein; aber, wie dem Phrygischen (vgl. Bpuava und 
Bptava), so muss, wenn es erlaubt ist, aus den heutigen alba- 
nischen Dialekten einen Schluss für das Alterthum zu ziehen, 
namentlich dem Illyrischen und wohl auch dem Makedonischen 
der Uebergang von t/, ü zu i von Haus aus eigen gewesen 
sein — gerade in solchen Kleinigkeiten erweist sich die orale 
Disposition auf die längste Dauer beständig. Wir wissen, dass 
das Griechische in Makedonien fremdartig ausgesprochen wurde, 
indem theils die illyrische, theils die phrygische und thrakische 
Sprachanlage der Untergebenen durchdrang; so erklärt sich 
auch das Auftreten der makedonischen Form BpiY€<;. Die 
Phrygen selbst haben sich in Kleinasien nicht anders als BpüYs? 
oder Bp'Ysc benannt. Die Griechen jedoch haben seit Alters, 
vielleicht schon zu jener entlegenen Zeit, als sie westlich vom 
Axios hart neben phrygischen Stämmen sassen und als noch 
die ursprüngliche Media -Aspirata hh deutlich gefühlt wurde, 
zuerst Bhrug-, Bhrüg-, sodann gemäss der Lautverschiebung 
Phrüg-, *l>puYEc, ausgesprochen; nur die epirotischen Stämme 
haben flir die ihnen benachbarten Brygen dieselbe Form mit 
i- Anlaut beibehalten, welche bei Phrygen und Makedonen, 
welche die Media-Aspirata regelmässig in die einfache Media 
umsetzten, üblich war. Der Name lässt sich mit aller Wahr- 
scheinlichkeit als jhomines frugi' deuten, von Wurzel bhrüg : 
bhrüg ,brauchen'; in Bp^oi, BpÖYai tritt langer, in <l>puY£?, BpuY«; 
oder BpuYot, sowie in Bp^Y^;, kurzer Stammvocal hervor. Auf 
kleinasiatisch-phrygischem Boden sind folgende Formen bezeugt: 
EptY^a • V} TpwVxT^, i^ ^püY^a, aizh Bpt'YOU tou xaT0tx'i^(7avT0<; ev Maxs^ovia 
(St. B.). Für <l»pj; wurde Bp'4 gesagt; vgl. Hesych. Bp^Ys? ' o'i 
^h <^pÖY€^, ot 31 ßapßxpot, et ok coXoixtciai. Mißa^ Be uicb AuBtov axo- 
9a(v6Tai ßpiY« X6YS<JÖat xbv eXe^Oepov. Dazu hatte man die Glossen: 
3p6xoq * ßipßapo^y ßpix6v * ßipßapcv, Kdizpioi, ßpfxsXoi ' ßocpßapct; endlich 
die BpiY6<; xal BpiYavtec, ot crTpaieuoiJLSvot oixeiat, im Heere des 
Brutus (Plut. Brut. 45). Wenn die Brigen als ,unverständlich 



30 I^« AbhaodloDg: Tomftschek. 

sprechende' oder ,8cmibarbari' bezeichnet werden, so gilt dies 
iUr die hellenische Zeit, als alle Kleinasiaten anfingen sich des 
Griechischen in ihrer Weise zu bedienen. Wenn Juba das 
Wort aus dem Lydischen d. h. Maionischen deuten will als 
, Freie', so bezieht sich dies auf die maionisch-phrjgischen Frei- 
sassen und Grundbesitzer, im Gegensatz zu den dienenden 
Lelegem, Minyorn und Karern; ßpi^s? ist dann Eigenname, 
keine echte Glosse, und am allerwenigsten darf man dabei an 
got. frei-s ,frei' und frik-s ,frech' denken. Es bleibt also bei 
der Deutung ,homine8 frugi'. 

Die Gleichung Bp^fe? * ol ^püfe? wird von den Alten oft ver- 
merkt; am gewichtigsten ist der Ausspruch Herodots (VH 73): 
Ol Se <l>p6Y6^, w; MaxsB6ve^ XsYOüffi, exaXeovto Bpi^e^ /P^vov 5oov Eupcn- 
7r/|(ot e6vT£{ ouvoixot v^ov MfiaeSöci, (JLSTaßavreq hk eq t^v 'Ao(v)v &{ia t^ 
XwpTfi xal Tb oüvojjL« iiL€T^ßaXov ^ ^p(jr{a<;. Aehnlich Strabo p. 296: 
xal öWTol 3' 01 ^p6Ye(; Bpi^e; eiffi, Opdhttöv ii lOvo^; VII fr. 27: ib 
Bsp;jLtov 6po^ xpÖTcpov xorreTxov BpC^s? öpaxwv lOvo^, &v xtvc^ Siaßivxe^ 
6t<; Tijv 'AcCav 4>puYg^ fjieTü)vo|iLac6Y)cav. Diese makedonischen Brigen 
dürfen von jenen illyrischen Brygen in keiner Weise getrennt 
werden; gebraucht doch Herodot, wie wir oben sahen, fUr diese 
Brigen die synonyme Form Bp6Yot, wie umgekehrt Appian fllr 
die Brygen von Dyrrachion die Form BptYs?. Wir sehen also 
einen langen Gürtel phrygischer Intrusionen zwischen dem 
thermäischen Gotte und der Adria, zwischen den griechischen 
Stämmen von Epirus und Thessalien und den illyrischen Völkern 
des Nordens. Von den Brigen des emathischen Landes aber 
wusste die makedonische Sage Manches zu erzählen; es be- 
gegnen hiebei die Silenen (XauaSai), Dämone der Springquellen, 
ebenso Midas, Sohn des Gordios und der Göttermutter, der 
Dämon des Natursegens und des Ueberschwangs in Feld und 
Flur — Namen, welche, gleich jenen der metallurgischen Dak- 
tylen, dem ältesten Volksglauben der Phrygen angehört haben 
und nicht mit Nothwendigkeit gerade und einzig auf Asien hin- 
zuweisen brauchen. Wenn diesen jedoch der Name des Orpheus 
angefügt wird, so wäre dies bei der Nähe Pierias an und fUr 
sich nicht aufiUlUg; wegen der späten Erwähnung jedoch wird 
der Verdacht rege, dass hier eine Zuthat der Geschichtschreiber 
Ephoros und Theopompos vorliegt, hervorgerufen durch die 
Sagenklitterung der orphischen Mystiker. Das Auftreten des 



Die alt«n Thimker. I. 31 

Midas auf makedonischem Boden rausste jedoch bei Vielen die 
Ansicht erzeugen, dass die Brigen aus Asien stammen, dem 
Hauptsitz der Phrygen und der Midassage; folgerichtig Hessen 
sie dann auch Lydier und Mysier mitwandern. So dichtete 
Euphorien (schol. Clem. Alex. IV, p. 96 Kl.): wxäTto 8i xb waXatov 
^ *£S€a9a xmo ^puYcov xai Au^ci^v xal tcov [uzol MiSou 3iaxo(Jiio6ivTCi>v 
&.<; ttjv EüpuMOQv. Hellanikos nannte, wenn die Angabe (Const. 
Porphyr, de them. II 2 nach dem vollständigeren Text des 
Steph. Byz. v. MaxeBov^a) nicht etwa verkürzt lautet, überhaupt 
nur die Mysier: MoxeSive^ fjiovot [kizk Mi>au)v TÖie oixoüvtc(;. Von 
der Wanderung des Midas aus Asien über die edonischen Lande 
spricht auch Nikandros (Athen. XV, p. 683 b): xpwT« (jlsv 'Q3o- 
v(y]68 M{3i)q Sicep 'Aaido^ ^JT* I X^i^ciiv ev rX-^poiai avsTpe^ev 'Hf^aOiotaiv | 
«i^ i^ l^xovxa 7c£pi5 KOjjLÖwvT« Tcen^Xot?. Diese p6Ba, welche die 
Hakedonen mit einem phrygischen Worte aßa^va nannten 
(Hesych.), hiessen auch IxoTovrd^jXXa, und sie gediehen prächtig 
im edonischen Pangaios (Theophr. H. plant. VI 6, 4); die 
Rosengärten des Midas begegnen schon in der Stammsage der 
Argeaden (Hdt. VIII 138): wxridav TteXa? xöv xi^j^cov twv a6yo- 
|jiv(i>v etvat M{$6(i> tou ToplUta, ev xoi^i ^sxat aeuT6|ii.aTa ^63a, Sv Sxaarov 
l^ov ^|XO'/Ta ^aXo, i$(jLY) TS u::sp9ipovta xcjy d[XX(i)V. ev Touxdtai %a\ 6 
StXTjvb^ T0i9t xVjTToiai ^X(i>, 0)^ XeYSTai urcb Maxs$6vü>v. \jn:kp Ik T(dv xi^iccjv 
xierat to Bspfjiiov 5po(;. Konon lässt, in Uebereinstimmung mit 
der makedonischen Sage (Hdt. VII, 73), Midas umgekehrt nach 
Asien auswandern: Milaq Otjocscupoi TcepiTu/cov d6p6ov e^ tcXoutov iip^ 
xött, 'Opf€Ci>^ xaxa iltipetov xb 5po; dhcpooTY;? y^^^P'^^ö?? ^oXXat? tix^^ai^ 
Bpi^ciiW ßoaiXeuei, c^; (^xias (/ko xtd Bsppifa) 5p€(, 'TcoXuavOptoxotGhou; 5vTa^. 
ZetXvjvb^ TCspl xb Bspfxiov 5po; c^^Or^. iTceixa Mt3a^, Tcstaa^; xb u^n^xoov 
Äic' Eüp<i>xir)^ SiaßYjvac xbv 'EXXt^cxovtov, Cwtsp MuaCov (i)xiae, ^p\)^aq dvx: 
Bprfcöv [i£xovo[Jiao6cVxa^. 

Für uns hat die Frage, ob die Brigen aus Grossphrygien 
stammen oder ob umgekehrt die asiatischen Phrygen aus Make- 
donien ausgewandert waren, keinen Sinn, keine Bedeutung; 
wir nehmen vielmehr an, dass es einst eine Zeit gab, wo die 
phrygische Nation geschlossen die Räume südlich vom Haemus 
imie hatte; von hier aus zog, entweder durch Nord Völker ge- 
drängt oder dem Zuge nach dem wärmeren Süden folgend, die 
Hauptmasse als Eroberervolk in das allophyle Kleinasien ein, 
wie nachmals die Galater; die westlichen Stämme jedoch, welche 



32 TV. Abhandlung: Tomaschek. 

zurückgeblieben waren, wurden durch die Invasion der thra- 
kischcn Völker, der Maidobithynen, lange vor der Ausbreitung 
der Paionen über den Axios hinaus, dem emathischen Küsten- 
lande und der Hochregion des Bermios zugetrieben, von wo 
aus, infolge des Nachdrängens der Paionen und Thraker, be- 
deutende Theile weiter ins illyrische Inland verschlagen wurden, 
so dass wir Brygeu endlich an den Küsten der Adria und im 
thesprotischen Lande vorfinden. Es wird nicht Zufall sein, dass 
ausser den Paionen, welche Pelagonia und Emathia unterwarfen, 
hart an den Fersen der Brygen, wie wir sehen werden, thra- 
kiöche Kriege rstämrae auftauchen, Trailer und Treren, Vor- 
läufer der kimmerischen Wanderung (li)0 — GOO): diesen vor 
Allen müssen wir die spätere Zersplitterung der brygischen 
Stämme zuschreiben. Die Brigen Emathia's aber waren aus 
den strymonischen Landen gekommen. Die Sage von Midas 
und Silen haftete nicht bloss am Bermios, sie fand sich auch 
viel weiter nordwärts, hart an der Grenze der Paionen und 
Thynen, an der Quelle "Ivva, [jl^otj MaiStov xal Ilai6vu>v, iflv hÄpaat 
oivo) 6 ^pb^ MtSa^, 5t£ ^XeTv tov SetXr^vbv urcb (xeOr;; t^O^Xyigsv (Bion ap. 
Athen. II 45 c). So weit im Norden mögen vormals Brigen gehaust 
haben. Der Flussname Sxpuixwv gehörte der phrygischen Sprache 
an: nicht nur im Sagenkreise der Troas erscheint eine Fluss- 
nymphe -Tpüjxo), am Bermios selbst hiess der bei dem brigischen 
Orte Mk^a (Ste})h. Byz. s. v.) vorbeifliessende Bach ZTpu|i^v 
und der Ort darnach SipujjLoviov. In Bisaltia finden wir ein 
phrygisches Castell BeBu. Nahe dem Bolbe-see lag ein anderes 
Castell, BpiviCic mit Namen ; der Sänger Thamyris soll i$ 'HSwvwv 
Tf^<; ev Bp^Y^'^; tcoXsw; nach Pieria gekommen sein. — Die Zeit, 
wann die Brigen vom Bennios zuerst von den Paionen, dann 
von den Makedonen, untei'worfcn wurden, lässt sich schwer 
bestimmen. Schon waren die Thessaler aus Thesprotia in die 
Alluvialebene am Peneios eingerückt (ca. 1000), die Magneten 
hatten Piöria eingenommen, als auch das verwandte hellenische 
Bergvolk der Oresten sich zu regen begann und einen Ausweg 
nach dem Küstenlande Emathia zu gewinnen suchte; der 
mythische Stammbaum der Argeaden rückt jedoch die Besitz- 
nahme von Edessa, sei es durch Karanos (ca. 800), sei es durch 
Perdikkas (ca. 700 — 650), wie es scheint in eine viel zu alte 
Zeit; vielleicht gehört dieses Ereigniss in den Ausgang der 



Die alten Tlirakor. I. 33 

kimmerischen Wanderung (ca. 600). Vielleicht warenxdie ,kreto- 
pelasgischen^ BomaToi ein Stamm brigischen Schlages, da sich 
zunächst der Ort Borreietov im klcinasiatischen Phrygien ver- 
gleicht; der Bergname "Oäuixtco«; war Phrygen und Hellenen 
gemeinsam; über den pierischen 'Opfsu? werden wir im mytho- 
logischen Anhang reden, wie über Öaptupi;. Wenn ,Thraker' 
in '.4X(iiov (Steph. Byz.), also im Tempethale, auftreten, so kann 
dabei ebenso an Brigen, wie an eine vereinzelt vorgedrungene 
Schaar echter Thraker gedacht werden; dasselbe gilt von jenen 
,Thrakem% welche einst Orchomenos bedroht haben sollen 
(Hellanicus fr. 71) — sind doch selbst in der römischen Kaiser- 
zeit einmal dakische Kostobokcn bis nach Phokis gekommen! 
Die angeblichen Thraker von Phokis, am Helikon und Parnass, 
sind reine Erfindung; wir halten sie für abgethan. Ein völliges 
Unding sind aber die ,helleno-pelasgischen' Thraker neuerer 
Forscher. 

An die brygischen schUcssen sich ostwärts die edonischen 
Stämme an, welche ursprünglich den ganzen Küstenstrich vom 
unteren Axios bis zur Mündung des Hebros innehatten, durch 
die Thraker und Paionen aber, sowie durch die Ansiedelungen 
der Chalkidier, derartig zurückgedrängt wurden, dass ihnen 
zuletzt nur das Land an der Strymonmünde und der Pangaios 
übrig bheb, dessen Goldreichthum auch noch die Athener und 
Makedonen ins Land brachte. Das edonische Volksthum besitzt 
keine geringe Bedeutung ob der in seinem Schoosse ins Leben 
getretenen orgiastischen Culte, welche es unbedingt der or- 
giastisch veranlagten phrygischen Nation zuweisen; es kommt 
hiezu die geographische Stellung an der Seite der Brygen und 
das Vorhandensein von edonischen Sporaden auf kleinasiatisch- 
phrygischem Boden. 

Der erste edonische Stamm, den wir noch am Axios 
finden, waren die Müy^öv6<;. Thucydides (U 99) nennt als 
Bewohner des Landes zwischen Axios und Strymon nur die 
Edonen: er setzt hier das Ganze für den Theil; auch Strabo 
Vn, fr. 11 hält die Mygdonen für eine Unterabtheilung der 
Edonen. In den Genealogien erscheint Mu-y^wv als Bruder des 
'Hi(i)V9{ und des Biorhtv. Mygdonien umfasste das Alluvialland 
am unteren Axios und den innersten Winkel des thermäischen 

Sittnngnber. d. phil.-hist. Cl. CXXYni. Bd. 4. Abb. 3 



34 IV. Abhandlung: Tomasehek. 

Busens bis zum Bergstock des Kicjc; und bis zum Vorgebirge 
der Ainier — es war also eine wahrhafte Mu/ösviä (St. B.); 
weiter gehörte dazu die Thallandschaft *AvO£|jlo5; und das 
Gelände am See B^Aßv;. Dieses ganze Gebiet gieng in sehr 
alter Zeit an die Paionen verloren, und 'A;ji.uB(i)v erscheint bei 
Homer bereits als paionische Veste; weil den Paionen unter- 
worfen, galten die Mygdonen Einigen für ein paionischcs Volk, 
llygdonia nennt noch in spätbyzantinischer Zeit der gelehrte 
Kaiser Joannes Cantacuzenus, und zwar am Pangaios und der 
benachbarten pierischen Küste; richtiger setzt er die Veste 
ruvatxöxaarpsv (zwischen dem Vardar und Galikö, jetzt Awret- 
hisär) in die ilygdonia. Ins mygdonische Oberland hatten die 
Makedonen das Volk der 'Eopbzi gezogen, deren Vorort ^iaxo^ 
wurde (vgl. Zuaxo; • ::oTa|xb^ Moxe^ovia; bei Herodian, von Wz. 
gheu- ,giessen' mit Derivat -<7x.o?). 

Die Deutung des Namens MuyB-ov-e; vom Thema pty^J- 
(gr. lAx/O-, [xx/c; ,Innenraum, Schooss, Meerbusen, Winkel, 
Wz. smu|{h- ,schmiegen') ergibt sich aus dem Wohnsitz am 
thermäischen Golfe und in den Binnenthälern; wir dürfen dieses 
Thema auch für das Phrygische voraussetzen. Wir linden 
(Amm. Marc. XXVI 7, 14) einen ,Mygdus locus, qui Sangario 
alluitur flumine^ In den Mygdonen, welche die vom Odryses 
durchflossene Thallandschaft zwischen der Steilküste von Das- 
kyleion und Myrlea und den westlichen Vorbergen des mysischen 
Olymp (xb TTs^isv MuY5ov{ac) bewohnten, vermuthet Strabo (p. 564) 
,Thraker^ oder richtiger (p. 295) ein ,phrygisches Volk, welches 
Europa verlassen habe'. Schon bei Homer erscheint Mygdon, 
Vater des Koroibos, als phrygischer Heros; die Argonautensage 
kennt einen Mygdon, Sohn des Akmon und Bruder des Amykos, 
als Fürsten der Bißpuxs«;. Nach Ephorus (Diod. V 64), welcher 
die Phrygen aus Asien herleitete, zog Mygdon mit den idäisehen 
Dartylen aus der Troas über Samothrake nach Europa. Bi- 
thynien hiess (Amm. Marc. XXII 8, 14) voreinst Mygdonia. 
Wir finden ferner Mygdones in der iurisdictio Pergamena 
(Plin.), im Thale des Hermos, ja sogar im Gebiete von Milet 
(Ael. Var. bist. VIII 5) an der Maeandermünde. So erscheinen 
denn Mygdonen an der Peripherie der phrygischen Nation, als 
deren Vordermänner oder Nachzügler. Wenn Tzetzes (Chil. UI 
812) für Perinthos als älteren Namen Mu^sovia anführt, so scheint 



Dio alten Thralrer. I. 



35 



er das politische Herakleia mit Herakleia-Perinthos verwechselt 
zu haben; in dichterischer Ausdrucksweise hiess selbst die 
Rhodope mons Mygdonius (Mart. Cap. 655), wie auch Cybele 
den Beinamen IMygdonia fiihrt (Val. Flaecus 11, 46). 

Die nur auf asiatischer Seite genannten BsßpjXij; vorbindet 
die Argonautensage mit den Mygdonen: sie sassen an der 
Westseite der phrygischen Mariandynen bis zum Hypius und 
Sangarius. Eine zweite Bsßpüx'« umfasste das Gebiet von Lamp- 
sacus, und die Grlindungssage dieser Colonie meldet von 
Kämpfen der Bebryken und ihres letzten Fürsten Miviptov mit 
jPelasgern^ Auch werden Beßpuxs; Bi>avaioi erwähnt, mit ihrem 
Fürsten Bjgvr;;, welchen Ilos getödtet haben soll (St. B., Conen 12). 
EndUch finden wir diesen Stamm an der Westküste: Bsßpjxe^ 
xiTciy.Tjiav xal ztpi ttjV AjSiav £v toi; irATjabv 'E^saou T£ xal MaYVYjcta^ 
Tfirs-.? (schol. Ap. Rh. II 2) als Nachbaren der Mygdonen und 
Maionen. Dem redupliciertcn Namen hegt vielleicht eine Wurzel 
bhreuq: bhrüq- lit. brukti ,zwängen, drängen, stopfen' zugrunde, 
die wir auch für die pannonischen BpiOy.ot sowie für die Bpuxat 
oder Bpuxsi^ • eOvo^ 6paxY;; (St. B.) vermuthen. 

Unter dem phrygischen Namen waren ferner einbegriflfen 
die AoXiove^ oder AoXtet? der kyzikenischen Landschaft AoXtovt;, 
welche sich westlich von der ,mygdonischen Aue' zwischen dem 
Rhyndacuß und Aesepus erstreckte; auch sie hatten Fehden 
mit den ,Pelasgern' zu bestehen (Apd. I 9, 18), wobei wir an 
die herodoteischen Pelasger von Skylake und Plakia erinnert 
werden; in der Dolionis lag der Ort 2x6p|jLo<; (St. B.); auch 
Kü^ixo^ (von Wz. qeug: qug- ,hohl sein, sich wölben') war einst 
ihr Besitz, wie die Insel Bscßixo;. Ihr Heros AcXtwv, Sohn des 
Seilenos, soll am See Askania gehaust haben (Alex. Aet. ap. 
Strab. XrV p. 681). Die Wurzel del: dol- begegnet auf phry- 
gischem, wie auf thrakischem Sprachboden. Wir kehren zum 
Axios zurück. 

Der edonische Heros Mu^^wv war Vater des KpoOao; und 
des rpacT6; (St. B.). Von letzterem stammen die Fpa^Taivs; ab 
oder, wie Hecataeus sie nannte, die Kpr,aTU)ve^. Die fruchtbare 
und gesegnete IlügcUaudschaft rpacrojvia (oder Fpr^cTwvia, auch 
FpaKJTwvfa, Theop. ap. Athen. III, p. 77, d), bei den Griechen 
KpaoTwvta, Kpr^Tcwvia und KpYjortovixr^ genannt, erstreckte sich von 
den Quellen des Echeidoros (j. Galikö, byz. raXuK6;) bis zum 

3» 



36 IV. Abbandlnng: TomaRchek. 

mygdonischen Bolbc-See, wo der Canton Süxtvr; lag (Arist. Hist. 
aniin. 11 17, Mirab. ausc. 122); nordwärts über dem Kamm des 
metallreichcn Dysoros sasscn die thrakischen Bisalten , dann 
die Sinten und Maiden (ol xorcÖTcspOe KpYjffrwvaiwv Bpi^jtxeq, Hdt 
V 5). Als Tochter des Grastos erscheint Tipca (== Tupaa?), zu- 
gleich Name einer krestonischen Ortschaft. Anderseits heisst 
die Nymphe KpYiarwvtj, Tochter des Ares und der Kyrene; als 
Beiname des krestonischen Ares erscheint KavBiwv (Lyc. 937). 
Dieser edonisch-mygdonische Stamm gcricth frühzeitig unter 
die Herrschaft der Paionen (Strab.); vor den Perserkriegen 
bemächtigten sich die thrakischen Bisalten ihres Gebietes (Hdt. 
VIT 115: 6 Tu)v BiaaXTe(i)v ßaatXßu; -pj; le tyj; KpYjorcovixi^^ öp^"?), 
bis endlich die Makedonen unter Philipp, -nach mehrfachen 
älteren Versuchen, Alles unter sich brachten; schon früher 
waren Krestonen mit Bisalten zur Akte gewandert, wo ,tyrrhe- 
nische Pelasger^ sassen (vgl. xb KpiQffTwvtxov bei Thucyd. I 109). 
Giseke und neuerdings Hesselmeyer haben in den Krestonen 
Pelasger gesucht, welche aus Thessalien stammten. Aber, wie 
Niebuhr und H. Kiepert (AGeogr. II § 348, c) erkannt haben, 
der Wortlaut bei Herodot (I 57 : FIsXaaYol o\ inc^p TupoTjVöv Kpr,- 
oTwva TcoXiv oix6ovTe<;, wo offenbar KpoTöva d. i. Cortona aus 
Dionys. Halic. verbessert werden muss) spricht dagegen. Unter- 
halb Kreston wohnten erstlich nicht Tyrsener, sondern Mygdonen; 
zweitens versteht Herodot unter Tyrsenem stets die italischen 
Etrusker; endlieh hatte auch Hellanicus (Fr. 1) die Sage be- 
richtet, dass Pelasger unter ihrem Fürsten Nänas aus Thessalien 
nach dem adriatischen Spina ausgezogen waren, worauf sie das 
etruskische KpcT(I)v d. i. Cortona eroberten. — Den Namen Fpa- 
aitovia deuten wir als ,Futterland^, von Wurzel gras ,fressen' 
abweiden', (vgl. gr. aYpwTci<; ,Futterkraut% ypd<r:iq att. xpiaieg, 
,grünes Futter, Gras' ^paCveiv • eaöieiv ^pä ' ^a^e, KuTcptoi TMi-^^pä^ • 
xoTOKpaYa«;, iaXa|x(viot; alb. hä-ngra ,ich ass', n-gräne ,gege8sen, 
abgeweidet', gränes ,manducans'). 

Der andere Sohn Kpouao; war Heros in der Landschaft 
Kpouffi? • jjLotpa TYj^ Mu^Boviok; oder der Kpocaait; xwpiQ (Hdt. VH 123), 
welche sich an der Küste von ATvEta über die Orte 2|x{Xa, Kd\t.^0L^ 
r{Y(«)VO(;, Aiaat, Kü>[JLßpeia, IxcjXo;, Afea^o? und S^wapxwXo^ bis "OXuvBo? 
erstreckt hatte, im Süden jedoch die von den Makedonen ver- 
triebenen Bottiaier zu Ansiedlern erhielt. Nach Hellanicus 



Die alt«n Thnker. I. 37 

waren die Kpouoaict oder Kpoooi&lq ein ,thraki6clies' Volk nnd 
ßdpßopot; die Aineiassage hat hier Platz gegriffen, weil man in 
ihnen Stammverwandte der Phrygen erkannte. Nach Conon (46) 
hegt Aineia ev t»j BpouataJt y?); wofür KpouataJt zu lesen; ebenso 
muss den x-Anlaut die ganze Reihe bei Steph. Byz. Bpoua£?, 
Bpouaii^y Bpouaoi * t6 eOvo^ aizo Bpoujcu 'HfjiaOtou TQaiBö^^ erhalten. 
Die KpoüffaTot deuten wir als ,Schreier% ähnlich wie die illyri- 
schen XeXtBöve^, von der Wurzel krcuK : krük-, lit. kraukti, skr. 
kru9, kr69ati (vgl. die dakische Glosse xpouarivri • /eXtSiviov). 

Die Halbinsel Pallene südlich von Olynthos mit den 
Küstenorten ^d^rrt^ M^vSt;, liXUöWi, STpajxßai 'A^utk; und AiffG?, 
und mit der Veste Sixia, bewohnten die SiOwve^ oder Si'öwve^, 
ein Stamm edonischer Abkunft. Stöwv, Sohn des Poseidon und 
der Ossa, 6 itj; Opax'o^ y^tppovf^^o'j ßaaiXeu;, erzeugte mit der 
Nymphe MevBiQu; die naXXi^jVt;, und nöthigte deren Freier zum 
Zweikampfe. Ein anderer Fürst über das jthrakische^ Volk 
der SithoneU; KXtxo^, soll den Phöniker Proteus aufgenommen 
und in diesem einen tapferen Mitkämpfer gegen die Bisalten, 
welche ins Land eingefallen waren und dann vertrieben wurden, 
gewonnen haben; der bisaltischen Einftllle hatten sich noch 
später die Chalkidier zu erwehren. Späten Ursprungs ist die 
attische Sage vom Begleiter des Theseus, Mouvito?, den eine 
giftige Schlange im Sithonenlande oder ev 'OXuvOu) lij; öpaxrj? 
biss. — Auch die mittlere Halbinsel gehörte zum Stammgebiet 
der Sithonen imd hiess darum StOwvC«; an ihrer Küste lagen 
die Orte MY;x6ߣpva, SepfJiuXia, Takr^'^o^^ Topwvtj, SipTYj, Zi^fo^ nnd 
n{Xü)pc^, femer in unbekannter Lage MiXxcopo?, 2y.dßaXa, Tiv8t), 
MeXavSia, weiterhin "Affcr^pa und, schon am Halse der Akte ge- 
legen, die zweite SivY). Alle diese Orte wurden frühzeitig 
hellenisch. — Bei Plinius hören wir von pontischen Sitonii et 
Moriseni, Orphei vatis genitores: diese Zi6<I)V(oi xal MopioTjvoC ge- 
hören wohl in die Chalkidike. 

Hauptsitz der 'HBcovoi war und blieb das Alluvialland am 
unteren Strymon und der Bergzug des Pangaios bis zum Sym- 
bolon bei Phihppi. Der Strom selbst hiess bei Dichtern 'HBwvc^, 
ein Beiname, der auch dem Echeidoros zugewiesen wird (EM. 
p. 404, 9); ebenso hiess der Pangaios ^'HSwv oder mons Edonus. 
Unter den thrakischen Stämmen, welche das edonische Gebiet 
seit Alters eingeschränkt hatten, stehen die Bisalten obenan; 



38 IV. Abhandlung: Tomaschek. 

dann sind die Bergstärame vom Orbelos und aus der Rhodope 
zu nennen, namentlicli die Satren. Wir haben femer gesehen, 
wie sich die vom oberen Axios eingedrungenen Paionen in den 
Besitz der strj'monischen Gelände gesetzt haben. Gleichwohl 
behielten die Edonen auf ihrem schmalen Räume, wie es scheint 
bis auf Phihpp herab, ihre eigenen Stammesflirsten; auf alten 
Münzen erscheint ein FeT«; ßasiXeu^ 'HBwvov oder ^HSwvewv, und 
Thucydides (IV 107 a. 424) erwähnt den FIixTaxo? 6 töv *H^vc5v 
ßaciAsu;. Hart trafen die Perserzilge das edonische und paioni- 
sche Land; dem Zuge des Xerxes schlössen sich auch Edonen 
an (Hdt. VII 110). Diese hegten vor dem Wege, den der 
Grosskönig gezogen war, heilige Scheu — er durfte weder 
besäet noch verschüttet werden (VII 115). — Die Geschichte 
der edonischcn Bergwerke verliert sich in die ältesten Zeiten: 
schon die Phoeniker, welche von Thasos herüber kamen, hatten 
dieselben ausgebeutet; aus dem Pangaios bezogen femer die 
Kolophonier viel Gold (vgl. Suid. u. die Paroemiogr. s. v. x?^^^ 
KoXo<pu)vio;), ebenso die parischen Colonen auf Thasos. Seit- , 
dem Kimon die Perser aus Eion vertrieben hatte (476), suchten 
die Athener im edonischen Lande Boden zu gewinnen, erhielten 
aber mehrmals bedeutende Niederlagen (z. B. 466 bei Dra- 
beskos); zugleich erhoben die Thasier ihre Ansprüche auf die 
Goldgruben. Mit der Gründung von Amphipolis (436) begannen 
jene Verwicklungen, welche mit der Niederlage Kleon's durch 
Brasidas (422) und mit der Besitznahme der Stadt durch Philipp 
(346) endeten. Seither ist von den Edonen nicht mehr die Rede; 
sie sind im Hellenismus aufgegangen. — Ausser 'Ava5pat(jio; 
(=r-. 'Evvea 6Bo(, Amphipolis) erscheinen Mjpx'.vo;, TcaftXo; und 
Apaßr^cxo; als edonische Vesten im Flachlande und an der von 
den Pieren (ca. 500) besetzten Küste 'llip^2[Loq^ ^»vpt); und 
Td^iopc^, femer die uralte Oicjujjir,, dann 'AvTtaapyj und Airo?. Die 
Bergwerke von Datos hatten die edonischen Aorj-XeTrcot (vgl. 
*'A-Xa:rra bei Stagira) inne; ein anderer Stamm am Südfuss des 
Pangaios östlich von Amphipolis waren die Ilavatsi • lö^/o^ 'HBwvtxov 
(St. B.), welche vielleicht dem hier in byz. Zeit oft genannten 
Bache Flava;, acc. Ilavaxa, den Namen gaben. Ferner heisst 
ItwXc; in der Chalkidike eine rcXt; ßapßapty.r; i% twv ^HJwvcSv (St. B.), 
und auf der Halbinsel Akte hausten lISwvci in kleinen Burgen 
und Dörfern neben zweisprachigen Bisalten, Krestoniern und 



Die alten Thraker. I. 39 

Tyrrhenen (Thuc. IV lUD). VVielitig ist noch die Notiz bei 
Hesychius: X)cwv{q'if; öaao; to tzH/sT,: die Verbreitung des edo- 
nischen Stammes über diese Insel, deren Metallsehätze einstmals 
von den Phoenikem waren ausgebeutet worden (Hdt. VI 47; 
Cult des Melqart II 44), wird dadurch erwiesen; auf den 
thasischen Inschriften begegnen noch etwelche Eigennamen 
edonisehen Ursprungs. In Kleinasien finden wir nur schwache 
Spuren von Edonen, so in dem voreinst lelegischen Antandros 
an der tro'isch-aiolischen Küste, welcher Ort den Namen 'HSiovi^; 
erhielt Bia to Bpaxa; 'Hcwvob; cviac carjcai aüicOi (Aristot. ap. St. B.); 
vielleicht waren sie, dem Vordringen der Paionen weichend, 
dahin gekommen, jedenfalls aber noch vor der kinmierischen 
Wanderung, da derselbe Ort sodann hundert Jahre hindurch 
im Besitze der Kimmerier (= Treren) stand. 

Neben 'HSwvot finden sich die Formen 'Höwvai, 'HSojve«;, 
'H$(i)vi£Tc, 'HSwvtaiai, und mit Ablaut lioovc;, "OBwvs;. Die Deutung 
des Namens könnte also von einer Wurzel ed: od: od-, welche 
auch in '086-|jLavToi vorliegt, ausgehen; ob aber von cd- ,essen^ 
(vgl. armen, utan *udan ,lurco, crapulae deditus'), von 6d- 
jriechen', von od- ,grollen, hassen*, oder von vedh : vodh- ,stossen, 
schlagen', lässt sich nicht erkennen. 'HBwvc;. Sohn des Ares, 
galt für einen Bruder des Mj^^wv und Bittwv. In der 'HSwvf^ 
lag die nysäische Aue, der Ausgangspunkt des dionysischen 
Cultes und des orgiastischen Naturlebens; der mythische Lykur- 
gos galt lür einen ßaatXeu; 'HSwvwv; die Mainaden hiessen 'HSwvtSs;, 
und die bunten wallenden Gewänder derselben oder die ßa^ffapai 
nannte man 'ilBwva liJLäTia; daher die "llSove«; eXxsciiicTrXot (Dionys. 
ap. St. B.). Ferner war Kdrj; eine weibliche Naturgottheit der 
Edonen, wie die "ApTejxt; Fa^wp'« und BXoupetTi; (s. d. mytholog. 
Abschnitt). Der Sänger Thamysis stammte i^ 'HSwvwv tyj«; ev 
ßp{YOt<; TCoXeü)^. Das Alles erweist die hohe Stellung dieses 
phrygischen Stammes in der Mythengeschichte und im geistigen 
Leben der Vorzeit. Das thrakische Eroberervolk der Bisalten 
hat die edonische Cultur völlig in sich aufgenommen, so dass 
es als das gesittetste unter allen thrakischen Völkern erscheint. 

Wir schUcssen hier die 'OocfjiavTot an, nicht nur wegen 
ihres lautlichen Zusammenhanges mit den "OSwve; (-[jlovto- ist 
deutlich nominales Suffix), sondern auch wegen der geogra- 
phischen Nähe und weil wir annehmen dürfen, dass auch diese 



40 IV* Abhandlung: Tomaschelc. 

/rhrakeii' zu der Gruppe der phrygischen Stämme gehört haben^ 
welche durch die nordischen Invasionen südwärts waren ge- 
schoben worden. Wir finden sie eingereiht zwischen den Edonen 
und Paionen, zwischen den thrakischen Bisalten^ Sinten und 
Satren; ihre Hauptstätte war das Gebirge des hl. Menoikeos 
(Meniki) und der Boz-dagh oberhalb Seres. Vielleicht waren 
die Siptoxaiove; von Haus aus Odomanten, und die StppaTot hiessen 
Paionen desshalb, weil sie den Paionen gehorchten. Megabazos 
unterwarf sie auf kurze Zeit. Dem Zuge des Odrysen Sitalkas 
schlössen sie sich freiwiUig an, als öpaxe; avrcovofjLot. Ihr Ftlrst 
IloXXr^; stellte dem Kleon eine grosse Zahl Söldner bei (Thuc. 
V 6); zu dieser Zeit (425) Hess Aristophanes (Acham. 157) 
eine Odomantenschaar auf der Bühne auftreten und einen 
Bürger fragen: 'dq twv '0$o[jLavT(i>v to ireo^ dxotedpfaxcvj — was 
der Scholiast auf die Beschneidung bezieht: ^«^1 y^ outoü^ 
'Icu$a(ou; sTvai. Dem Machwerk wspl TworotfjLiDv zufolge soll der 
Strymon einst IIaXaicTivc<; geheissen haben! Phoeniker haben 
einst an der Pangarosküste Handel getrieben; trotzdem werden 
wir uns die semitische Abkunft der Odomanten nicht einreden 
lassen. Sie können den Brauch der Beschneidung von den semiti- 
schen Colonen angenommen haben; besser wird man aber jene 
Stelle auf die bei den Südstämmen heimische Knabenliebe oder 
auf irgend ein tribadisches Laster beziehen. — Zur Zeit des Aemi- 
lius Paulus wurde die Stadt Sirae (Seres) zur terra Odomantica 
gerechnet (Liv. XLV 4, 2) ; in der Kaiserzeit bildete die 'OBojjlov- 
Tixuj eine eigene Strategie an der Ostseite der Bisaltia (PtoL). 

Wir finden einen Canton X)Bo[xavT(<; fern im kleinasiatischen 
Osten, in Kleinarmenien (Strabo XI, p. 528) — eine lautliche 
Uebereinstimmung, die schwerlich auf Zufall beruht. Vielleicht 
war voreinst an der Spitze der phrygischen Stämme, welche 
den Bosporus überschritten hatten, den Armeniern nachrückend, 
eine unternehmende Schaar von Odomanten gezogen, die einem 
Canton des Antitaurus den Namen gab (hier finden wir Namen 
mit dem Suffixe — *manto, mando — z. B. Camando an der 
Quelle des Zamantia-sü) ; oder es hatten sich Odomanten dem 
Zuge der Treren und Trailer angeschlossen und wurden zur 
Zeit des Kimmeriersturmes so weit nach Osten verschlagen. 

Unmittelbar an der Ostseite der Edonen finden wir am 
ägäischen Küstenrand die Bicrove?, deren ursprünglich von der 



Die alten Thraker. I. 41 

Nestosmilnde bis Xanthia reichendes Gebiet au der Westseite 
durch die Abderiten geschmälert worden war. Abdera, wie der 
Name lehrt, eine phönikische Colonie, welche den Herakles 
(Melqart) hochhielt, wurde später von den Klazomeniem be- 
zogen. In der Gründungssage der Stadt spielt als König der 
ythrakischen* Bistonen Ato[jn^|8Y)^, Sohn des Ares und der Kyrene, 
eine feindliche Rolle: er warf seinen wilden Stuten, welche am 
Flusse Kossinites weideten und mit eisernen Ketten an eherne 
Krippen gebunden wurden, die Fremden vor; der Knabe Ab- 
deros, Sohn des Hermes und Liebling der Herakles IIsüxsik;, 
ward von ihnen zerrissen; aber Herakles zog wider den Thraker 
zu Felde und erschlug ihn, er soll auch dem Meere Zugang in 
den niedrigen bistonischen See gebahnt haben. Noch spät 
zeigte man den StaU und die Zwingburg des Diomedes Tyrida; 
die Nachzucht der rasenden Rosse soll sich bis auf Alexander 
erhalten haben. Ein geschichtlicher Kern liegt dieser Sage zu 
Grunde; Rossezucht war die Hauptbeschäftigung der echten 
Thraker, und ein Fürst dieses nordischen Eroberervolkes, wahr- 
scheinlich vom Stamme der Idioi^ mag sich voreinst im Lande 
der phrygischen Bistonen, denen orgiastischer Naturdienst eigen 
war und die von den Thraken den barbarischen Brauch der 
Tätowierung annahmen, festgesetzt haben. Aber die Abderiten 
schränkten das Gebiet immer mehr ein, und selbst am Aus- 
gange der fischreichen XtfxvY; ßi(7xov{^, an der Vereinigung der 
Bäche Kossinites und Stravos, erhob sich eine griechische An- 
siedlang Aixaia. Der Heros BtaTwv erscheint in den Genealogien 
als Bruder des Edonos und Odomas, oder auch (was auf ein 
zeitweiliges Vordringen der Paionen gegen Osten hinweist) als 
Sohn des Paion; aber auch als Sohn des Kikon, oder als Sohn 
des Ares und der Nymphe Kalirroe, einer Tochter des Nestos. 
Q^gen Osten folgt an der Küste SovOeia, ein Ort der 
Kikonen (Strabo VII, fr. 44). In der byzantinischen Zeit tritt 
eine zweite Ortschaft Sav6{a hervor, welche im Quellgebiete des 
Kossinites lag, das heutige Xanthi (türk. Isk^ti); in gleicher 
Lage kennt Ptolemäus eine Burg IlspY^P^v — ein Name, welcher 
der phrygischen Namengebung angehört und bei den lonem 
80 viel wie dxp6icoXt^ bedeutet hat. Aber schon Hecatäus hatte 
in seiner Europa Eavöoi als eOvo? Opoxtov vermerkt (St. B.), und 
auch Strabo (XIH, p. 590) spricht, allerdings ohne nähere Be- 



42 rv. Abhandlung: Tomaschek. 

Stimmung der Lage, von einem ^thrakisclieu' Volke der Eav^.ot 
oder iflivStot, die wir als eine zurückgebliebene Abtheilung der 
phrygiaclien Nation betrachten dürfen, deren Vorort jenes Per- 
gamon gewesen. Darauf legen wir weniger Gewicht, dass 
Homer d(ui Skamander Xanthos nennt — Niese erblickt hierin 
tnne mit dichterischer Freiheit in die Troas verlegte Copie des 
Ivkischen Xanthos — und dass die Troas bei Dichtem Siv6i; 
hiess (St. H., H(^sych.). (Jb die Xandier aus Wurzel sken- 
, verletzen, vorwundtm, vernichten' (skr. käan-, gr. xtiwjji.'., 
xT«{vto) oder aus sken- ,schaben, abkratzen, schinden; reinigen' 
(vgl. makod. ^avcixs; ,Reinigungsmonat, April', gr. Saivw) oder 
gar aus dem etymologisch unklaren 5*^05;, ^o-jbzq ,blond' zu 
deuten wiiren, bleibe unentschieden. 

Die Kixovs; erscheinen bei Homer nicht nur als Bundes- 
gi'nossen der Troer, sondern auch (Od. IX 37 — 61) als ein 
streitlmres und sieghaftes \'olk, geübt von den Wagen (i^' fexwv) 
oder zu Fuss mit dem Feinde zu kämpfen; wir tinden sie im 
Besitze von Hornvieh, Schalen und Ziegen, aber auch von 
Schützen, welche die Beutesucht anlocken (Talente Goldes, Silber- 
pokale, llenkelkrügi\ 202 tf.); sie trieben emsig den Weinbau, 
wie aus der Sage von Maron erhellt, dem Sohne des Euanthes 
und Priester des in Ismaros waltenden ApoUon. Mapcaiv bedeutet 
«glünzend« schimmernd': erst bei Hesiod erscheint derselbe als 
Sohn des (Mnopion und Enkel des weinspendenden Dionysos — 
80 fremdartig erschien dem homerischen Rhapsoden noch das 
Wesen des tnlonischen Gottes, dass bei ihm Maron als Apolion- 
priester auttritt. l>inopion tindet sich in der Sagengeschichte 
der weiur^Mohen lns<4 Chios: auch die Insel Xaxos steht mit 
der thrakischen Küste in sagenhafter Verbindung. Hoch im 
Ruf stand der BvpX-.v:- c!^:^, den man l«ld von einem Bache 
BipXs^ oder BipXivr,; auf Xaxos v^'?l- ^^»^^ Quelle BcpXi; oder Bü^Xi; 
Ivi Milot\ Ivüld von dou Bi^Xiva Ip^ der Pangäusküste herieitete; 
der Name mag wohl phouikisch seiu v^vgl. B.«pX:^ und ausserdem 
B^Xi^ d. i, MeK^ . IWi Diodor V ÖO er^^heinen so^rar Bates 
und Lykur^^s als FuhrvT thrakischor l^iraten auf Xaxos, ^ 
?:c«*Tc: HijoLi^ wxrra'» » ! ; die Ar: der divmysischen Feier aof dieser 
lus^'l weis: ailerxun^ aul' Horkumt vvh; der thrakLschen Küste. 
Wie de:u auch s<^i» der kju^^c^ :^c,; wirxi noch von Aivhiloohas 
^^ rühmt, l^ die Kikoueu. wie aUe phrxgisciien Stimme, or- 



Die HlteD Thraker. I. 43 

giastische Naturdiener waren, konnte die (iestait des pierischen 
Orpheus, welche im Edonenlande mit dem orgiastischen Wesen 
verquickt wurde, bis zu ihnen wandern; schon Hipponax nannte 
Orpheus einen Ktxwv. — Wir finden an der kikonischen Küste 
hinter Xanthia die Orte Ssppstov, Zu)vr< und liXr, (Hdt. VII 59) 
und die Colonien SipufAr; am Bache Aico; und Ms^afAßpir, (VII 108). 
Dieser Landstrich hiess voreinst, wie Herodot berichtet, FaXXaVxT^, 
und FaXaToi nennen hier noch die attischen Tributlisten (vgl. 
raXr/J^j; an der sithonischen und edonischcn Küste, raXXr,(jtov 
oder raXr|jiov 5po<; bei Ephesus). Aus dem Inlandc drang jedoch 
ein zweiter (phrygischer) Stamm zur Küste vor, die ßpta^^at 
(etwa ,die Wehrenden, Umschliessenden% von Wurzel vere-) 
oder, wie Plinius schreibt PRIANTAE (d. i. , Freunde, Kame- 
raden*, von Wurzel pri- ,Heben*), und gab dem bis über Maro- 
neia reichenden westlichen Flachstrich den Namen Bpiaviixi^, 
(Hdt.) oder PRIANTICUS campus (Liv. XL VIII 41, 8 a. 188). 
Der Kikonenname verschwand darum frühzeitig aus der Ge- 
schichte; Alles ging hier im Hellenismus auf. Ktxwv galt für 
den Vater des Biorwv und für einen Sohn des Apoüon und der 
Rhodope; vor Zeiten mochte dieser hochgesittete und kräftige 
Stamm sich tiefer ins Gebirge hinein erstreckt haben. Der 
Name könnte mit gr. xUü-; ,Stärke, Kraft' (skr. 9i-9U, 9i-9vi 
jgedeihend, wachsend; Junges', von 9U- ,sch wellen') als ,die 
Starken, Strotzenden' in Verbindung gebracht werden. 

Idioi ' lövo^, Ol xpOTSpsv KCxovec;, o\ %o\i\jnoi., lautet eine Glosse 
bei Hesychius. Es scheinen im Lande der Kikonen thrakische 
Saier sich angesiedelt zu haben; sie werden in der Abderitis 
erwähnt, wo auch ein Ort 2ai; stand. Als die Parier auf Thasos 
und der benachbarten thrakischen Küste festen Fuss fassten, 
hatten sie Kämpfe mit den Saiern zu bestehen; der Dichter 
Archilochus ergriff im Kampfe mit den Saiern die Flucht und 
Hess seinen Schild zurück: d(r7:{6a {xev Satwv ti<; aveiAeio (Strabo X, 
p. 457; Xn, p. 549). Man suchte Saier oder Sa vier auch auf 
Samothrake: hier könnte ein altansässiges phrygisches und ein 
später eingedrungenes thrakisches Element, das der Insel Zi[xo^ 
(von semit. samä ,hoch sein', cifxot , Anhöhen') den Beinamen 
6pr,Tx{t) verlieh, zwar angenommen werden — aber lange konnten 
sich beide schwerlich erhalten haben; die Insel wurde, wie die 
Culte zeigen, von orientaUschen, wie später von hellenischen. 



44 rV- Abhandlong: Tomaschek. 

Einilüssen überwuchert. Mit den mythischen ^ooq * '£p(A^( haben 
die Saier wohl Nichts zu thun; und gar die ^oicatot, denen sie 
Strabo gleichstellt^ müssen^ da x niemals in F tlbergeht, ganz 
fernbleiben. 

Die ethnischen Verhältnisse auf den Inseln des ^thraki- 
schen^ Meeres bieten überhaupt unlösbare Räthsel. Auf Lemnos 
(gleichfalls ein semitischer Name? Bochart verglich libhnah 
,Glanz, weisse Farbe^) werden in der homerischen Hephaistos- 
sage (A 594) ISivrte^ dcvSps; dtfpto^wvct erwähnt, welche die Späteren 
bald als ouTcxöeve? ovre; ev Ai^^fjLvo), bald als Opaxwv xt '^ho^ ix x^q 
dvTiT^epav -pi? ^^öv auffassen, wobei sie an die thrakischen Sinten 
oberhalb Bisaltia dachten. Metallurgie war eine starke Seite 
der alten Phrygen, und man wird versucht in den Sintiem 
eher einen Stamm phrygischer Herkunft zu suchen, da Hellanicos 
(öchol. 294) Stammesgenossen der Troer, die man flir Phrygen 
hielt, den ,thrakischcn' Sintiern beimengt; er deutet den Namen 
aus gr. civTt;; • b xoxoupYo;, ^XaKr:tx6;, da sie nicht blos das Feuer, 
sondern auch die männermordenden Waffen erfunden hätten 
i:pz^ To ffivEfföx TO'j; -XtiOiov xa: ßXobrcecv. Könnte da nicht eher 
ein phrygisches Wort civti-^ ,Stecher, Schürfer, Schmied', von 
Wurzel kcnt- (gr. xsvtsTv), zugrunde hegen, da der Wandel von 
e zu i nicht ohne Analogie dasteht (vgl. armen, sin neben 
gr. xevss; ,leerV? Aber Alles wird zweifelhaft, wenn wir mit 
Thucydides (W 109) als Bewohner von Lemnos vielmehr tyr- 
senischo Pelasger ansetzen müssen (vgl. schol. Ap. Rh. I 608: 
A^jjLvsv Tt;v xai -tvTr^iSa TrpcoTsi wxrjsav Tupci;v5{). Diese sollen aUer- 
dings der Sage nach aus Attika eingewandert sein und einen 
Bostandtheil der ,pelasgischen' Urbevölkerung von Hellas ge- 
bildet haben; selbst in der makedonischen Elymia spielen Tyr- 
seuiT eine Kolle! Nun hat man auf der Insel eine ungefähr 
aus dem Jahre iK>0 stammende Inschrift aufgefunden, derea 
barltarisohor Lautcharakter einige Aehnlichkeiten mit dem 
Etruskischen verräth (^vgl. 0. Pauh, Eine vorgrieehisehe In- 
schrift von Lemnos, Leipzig 185^6 U so dass die alten Sagen- 
gebilde von einem Zusanunenhange der italischen Tyrsener mit 
den Tvrsoueru dos griechischen Archipels wieder zu Elhrea 
gelangt sind — es können ja die Ktrusker« die man auch in 
den Turusa der 10. Dynastie Aog\-ptens erkennen wilL voreinst 
weite Kaubfahrten im Gebiete des Mittelmeeres ontemommea 



Die alten Thnker. I. 45 

und sich an verschiedenen Punkten des östlichen Beckens an- 
gesiedelt haben (vgl. Hesselmeyer, Die Pelasgcrfragc und ihre 
Lösbarkeit, Tübingen 1890). Die Sache ist noch nicht spruch- 
reif; gegenüber den von Pauli erkannten etruskischcn Analo- 
gien der Inschrift könnte man einige Formen anführen, welche 
dem Lautcharakter des Phrygischen und Armenischen nicht 
vollends widersprechen (z. B. zivai, zeronaiO, ziazi, eptezio, 
morinail). — Auf Imbros und Tenedos spielen jedenfalls lele- 
gisch-karische Erinnerungen die Hauptrolle. Wir kehren zur 
Küste zurück. 

Hier finden wir an der Ostseite der Kikonen in der 
Doriskosebene und am Hebros die öatTot (Hdt. VII HO), 
welche sich nachmals auf Kosten der Apsinthier ostwärts ver- 
breitet haben; denn als Alexander nach Asien auszog, gelangte 
er vom unteren Hebros Jt3c t^<; DatTixYjc; iiA xbv M^Xova xoTafjiöv 
(Arr. I 11, 4). Ob diese Paiten phrygischen oder vielmehr 
thrakischen Ursprungs gewesen seien, lässt sich nicht mehr er- 
kennen. Der Armenier nennt sich bekanntlich Hai, pl. Hai-q, 
was Fr. Müller mit skr. pati zd. paiti ,Herr^ deutet; im Arme- 
nischen selbst findet sich ein Verbalstamm hai- (inf. hajil) 
,aspicere, respicere, observare^, der zunächst auf ein Nomen 
pati- und sodann auf die Wurzel pä : pa ,zu sich nehmen, er- 
werben; essen (xopceofAat); weiden (pa-sco); schützen, hüten (skr. 
pä); beobachten, schauen (alb. pä, part. pan§, pämun§)* zurück- 
geht. Vielleicht Hegt den IlaTTot ein Verbalstamm von gleicher 
Bedeutung zugrunde; sie wären dann die , Ansehnlichen, Be- 
rühmten^; Herodian accentuierte IlatToC, ox; Taitoi (St. B.). 

Die nun folgenden 'A^(v6toi, mit dem übUchen, darum noch 
keineswegs echt-thrakische Abkunft erweisenden Zusatz 0pr/txe? 
(Hdt. X 119), reihen wir den älteren Küstenstämmen schon 
darum an, weil bei ihnen der Dionysos-Cult heimisch war (s. im 
mytholog. Abschnitt unter nX6(oT(i)po?). Sie treten als Feinde der 
thynischen Dolongker auf, welche im Chersonnes sassen; wider 
ihre Einfälle schützte (um 550) Miltiades, Sohn des Kypselos, 
die Halbinsel durch eine von Kardia bis Paktye gezogene 
Mauer. Der Fluss "Ä^ivöo? oder "AcncivOo;, welcher die Grenze 
zwischen den Dolongken und Apsinthiem bildete, ist wohl 
derselbe, der sonst MeXa<; und jetzt Qavaq-öai heisst; von da 
reichten die Apsinthier bis zur Stadt ATvo; oder noXTuo-ßp(a, dem 



46 IV. Abhandlung: Tomascbek. 

Sitz des Heros Poltys, und bis zum Bergstock Mtqpkto? (j. Catal* 
tcp^) beim sarpedonischen Vorgebirge. 

Auch die Stps; • sOvo; öpay.r;«; \fj:kp tsj; Bul^avTto'j; (St. B.) 
dürfen wir in den Kreis der altansässigen Stämme ziehen; das 
phrygische Wort oipoq ,Getreidegrube^ erkennen wir in dem 
Orte SIRo-CF^LLAE, welcher dem heutigen Malgara (byz. 
Ms^flcXr^ Kapua) entspricht. Jene Siren sassen wahrscheinlich am 
Flusse Erginias (Erkenc-sü); Stephanus hatte über sie in dem 
nicht mehr vollständig erhaltenen Artikel Ni^a * tuoXj? Bp».i3q 
gehandelt; Ni'l/a, der Vorort der Ni'|;aioi, einer Unterabtheilung 
der -tps;, lag wohl an Stelle des in byz. Zeit oft erwähnten 
,Quellenortes^ Bpujt<;; ähnliche Bildung zeigt der zwischen Druzi- 
para und Tzurulos gelegene Ort Ti'{>5;. Ueber den Nipsäem 
hinaus, also gegen Norden, sassen die Tpa-vitj^at (Xen. An. VII 
2, 32) oder Tpa-vnJ;ci • £Öv:; öpixiov (Hesych.), deren auch Theo- 
pomp in Verbindung mit den Ladepsen gedacht hatte: AaSe^^l 
xal Tpivit];oi • £Övr, 6uv(ov (St. B.) d. h. Stämme, welche mitten 
unter den thrakischen Thynen sassen, als Reste einer älteren 
Bevölkeningsschicht. Mit den benachbarten MeXavJirai (Xen. 
An. VII 2, 32) vergleicht sich McXavBi«, eine Gegend auf der 
Halbinsel Sithonia ( — auch MsXavtia; an der Mündung des 
Athyras?). An den nördlichen Zuflüssen des Erginias und den 
Bächen, welche sich in den Golf von Burgas ergiessen bis 
ApoUonia und ^lesambria hinauf sassen ausser den bereits 
erwähnten N'.'J/aTsi auch noch die KjpjjLir/at (Hdt. IV 93) oder 
(nach cod. R) die SxupfjuiBai, an die sich nordwärts die thrakischen 
Geten anschlössen; vgl. St. B.: -xu|jLvia5at • lövs; ouv FeTaiq, EMoJo« 
TSTopTU) Ff,^ xspicsou wXU[jLvt2Bai xal FsTat*. Die Lesung SxupiniJoi 
empfiehlt sich wegen des Anklanges an die -xjpixsoi des dolionisch- 
plirygischen Ortes Sxjpfis^ bei Kyzikos. Die Sonderstellung 
dieser mitten unter den thrakischen Th^>'nen, Asten, Odrysen 
und Geten sporadisch erhaltenen Reste einer älteren, wahr- 
scheinlich phrygischen, Bevölkerung hat auch Giseke erkannt, 
nur dass er in ihnen ,paionische' Abtheilungen erblickt. Für 
unumstösslich dart* uns jedoch diese auf Grund von Xamena^ 
anklängen erfolgte Abtrennung jener Sporaden von der thra- 
kischen Masse nicht gelten, da sich scharfe Unterschiede zwischen 
der thrakischen und der phrj'gisch-mvsischen Sprechweise nur 
schwer ziehen lassen: man darf eben nur den Versuch wagen. 



Die alten Tbimker. I. 47 

So viel ist aber sicher, dass entlang dem ganzen ägäischen 
Küstenrande altansässige oder aus dem Inland dahin ver- 
schlagene Stämme sassen, welche eine höhere Culturstellung 
einnahmen als die echten Thraker des Inlandes, und dass 
dieselben grösstentheils zurückgebliebene Reste der phrygischen 
Nation bildeten. 

Das Volk der Muaoi, das bereits die homerischen Lieder 
in seinen nachmaligen festen Wohnsitzen entlang der Ostseite 
der Troas und als im Bunde mit Ilios stehend kennen, leiteten 
die Alten namentlich seit der Zeit, als sie mit den Moesen des 
Haerausgebictes bekannt wurden, also seit Poseidonios, aus 
Europa ab; hier seien sie als Moiaot zurückgeblieben, als Muaoi 
aber hätten sie ihr Stammland verlassen (Strabo VII, p. 295), 
indem sie über den Bosporus setzten, der nach ihnen Müjio^ 
TOpO|jL6; genannt wurde; vgl. Plin. V 145: MOPSI ex Europa 
in Asiam transierunt; VII 206: in Hellesponto rates excogita- 
verunt. Sie drängten hierauf die phrygischen Mygdonen und 
Bebryker auseinander, bemächtigten sich der Gelände am Ar- 
ganthonios, des Landstriches am See und Fluss Askanios, und 
des phrygischen Olympos; Muffob? toü; h vfi 'Aata 'OXüijl7:t;voü; 
*App(avc( Xe-fst drotxou^; töv £up(i)?:a{o)v Mucrcov (Eust. ad Uion. per. 
332). Sie nahmen zuletzt das Flussthal des Makestos, die ganze 
Troas bis zum Kaikos und Teuthrania ein. Sonderbarerweise 
liess Xanthos die Phrygen erst hinter den Mysen in Asien ein- 
rücken; die gegenseitige Schichtung beweist jedoch, dass die 
Phrygen weitaus früher eingezogen waren. Die Nameugebung 
in der homerischen Troas erweist sich vornehmlich als mysisch; 
die ionisch-aioUschen Rhapsoden haben die Zustände ihrer Zeit 
vor Augen gehabt. Seit Kallinos (ca. 650) finden wir an Stelle 
der homerischen Tpws; die TsOxpoi genannt; fUr diese haben 
wir kleinasiatische (kilikische) Herkunft vermuthet. Nach der 
Anschauung Herodot's waren Teukrer und Mysen Wafien- 
genossen, welche einst weite Züge unternommen haben. 
Während sich aber die Teukrer frühzeitig erschöpft hatten und 
in ihrem Stammlande bis auf schwache Spuren (Hdt. V 120) 
völlig eingiengen, haben die Mysen ihr Volksthum wenigstens 
im Binnenlande bis in die Zeit des Hellenismus und darüber 
hinaus bewahrt. Die karische Genealogie (Hdt. I 171) verbindet 



48 rv> Abhandlung: Tomaschek. 

zwar den Mysos mit Lydos und Kar; aber diese Anschaaung 
erfloss nicht aus einer ethnischen Grundlage, sondern aus der 
gemeinsamen Theilnahme der drei Völker an dem Heiligtbum 
des karischen Zeus in Mylasa. Auch die Notiz bei Hesychios 
V. Au8((i) v6(x(i) wiegt nicht schwer: Muaci eiatv AuSiSv dhcotxoc xal 
fxavTtxwTaTot : das mysische Wesen stand dem maionischen in 
Lydien und Phrygien nicht ganz fern, und die Mantik verbindet 
sich gern mit der Orgiastik. Von der mysischen Sprache 
urtheilte Xanthos also (Strabo XII, p. 572): ii xöv Muau)v JiotXexTo; 
[jii^oXüSio; WO)? eoTiv xal (jLt^ofpuvto;. Der Grundstock war jedenfalls 
osteuropäisch und dem Phrygischen nächstverwandt; wenn 
lydische Elemente hinzukamen, so war dies bei der Nähe dieses 
Volkes, das zuletzt auch die Troas erobert hatte, ganz nattlrlich; 
wir dürfen sogar lelcgisch-karische und kilikisch-teukrische Bei- 
mengungen voraussetzen, wie böi den Armeniern alarodische. 
So erklärt sich beispielsweise das Vorkommen von Ortsnamen 
ganz fremdartigen (teukrischen?) Klanges auf einer Inschrift 
aus Gergithcs (Le Bas III, add. n® 1745). Um die Deutung 
des Namens Muao^ war Xanthos nicht verlegen; er verglich das 
Wort [Xüou; • TQ 55uTQ, AuSot (Strab. 1. c, St. B. ; 6 [l\j(j6^ und i% [um^j 
Eust. ad Dion. 322), mit dem Zusatz: tcoXXyj 8' Vi b^ tjona fov 
''OXu(jL9;ov. Es geht nicht an, einen Baunmamen ohne Hinzutritt 
eines derivativen Elementes einem Volke gleichzusetzen, und 
weiters, einen Namen, der schon in der europäischen Heimat 
vorkommt (denn Moesus und Mujc; sind offenbar gleich; auf 
thrakischem Sprachboden wechselt oi mit u, u, i), aus der 
lydischen und überhaupt aus einer kleinasiatischen Aboriginer- 
sprache (1yd. kar. jjluoö; vielleicht auch in MuaavBa, einem Orte 
an der kilikischen Küste) zu erklären; erfordert wird eine 
Deutung aus indogermanischen Sprachmitteln. Das albanische 
Wort ftlr ,Maulthier muSk, f. muSk^ (venez. müsse) will 
G. Meyer mit Rücksicht darauf, dass, ¥de die Eneter, so auch 
die Mysen Maulthierzucht betrieben, aus Muoixo^ ableiten. Neben 
Muco;, Müffixs; findet sich auch MucaSw;, Moesiacus, MESACUS 
(C. r. VI n^ 2818. 2736) und MUSIATICUS (X n« 3640). 

Homer (ü. XUI 5) kennt nicht bloss Mysen als Bandes- 
genossen der Troer, er weiss auch von ,nahankämpfenden Mysen^, 
im Rücken der rossetummelnden Thraker, in der Nachbarschaft 
der pontisehon Stutenmelker und Abier. An diese Angabe 



Die alten Thraker. I. 49 

knüpfte Skytobrachion , der Bearbeiter oder Fälscher des 
Xanthos, nach Herodot's Muster (V 13), die Anekdote, der 
lydische König Alyattes habe sich von Kotys, dem Fürsten der 
europäischen Mysen, ganze Schaaren dieses Volkes kommen 
lassen (Const. Porph. de them. I 3). Aber erst in der Römer- 
zeit erhielt die Welt genauere Kunde von dieser in der Heimat 
zurückgebliebenen und westUch von den Geten sitzenden Nation. 
Zuerst stiess C. Scribonius Curio, der Bezwinger der Dardaner 
(a 75 V. Chr.), mit den Moesen zusammen; bald darauf (72) 
drang M. Terentius Varro Lucullus, der Sieger über die Bessen 
und Odrysen, aus den pontischen Küstenstädten ins moesische 
Land ein; vgl. Serv. ad Verg. Aen. VII 604: Getae sunt 
Moesi, quos Sallustius a LucuUo dicit esse superatos. Dann 
(62) griffe. Antonius die Mysen an; diese riefen die Bastarnen 
zu Hilfe und schlugen den Proconsul bei Histros, die erbeuteten 
Feldzeichen legten sie in die öetenveste FsvouXa. Unter Caesar 
Augustus (29) schlug der Proconsul M. Licinius Crassus die 
Ein&lle der Bastamen zurück, unternahm dann eine Expedition 
in die westUche Muai; und schlug die Moesen bei einer starken 
Veste; die völlige Unterwerfung des Landes gelang ihm (28) 
nach einem Feldzug gegen die Artakier im centralen Haemus. 
Erst ein Jahrzehend später, so scheint es, wurde das eroberte 
Land als römische Provinz eingerichtet und erhielt den Namen 
Moesia, weil die Moesen darin den bedeutendsten und cultur- 
fkhigsten Stamm ausmachten. Denn Geten sassen nur entlang 
dem untersten Lauf der Donau; am unteren Margus gab es 
nur schwache Reste der galatischen Skordisker; zwischen dem 
Cebrus und Utus hatten die von den Skordiskern fast auf- 
geriebenen Triballer Platz gefunden — alles Uebrige hatten die 
Moesen inne (vgl. Cass. Dio LI 27). Plinius bemerkt: Moesicae 
gentea et Triballi Dardanis laevo praetenduntur latere. Ovidius 
(ex Pento rV 9, 79) rühmt von dem Statthalter Flaccus: lue 
tenuit Moesas gentes in pace fidcli |, hie arcu fisos terruit ense 
Gtetas. Unter Tiberius (C. I. V n^^ 1838) werden noch ,civi- 
tates Moesiae et Triballiae^ unterschieden. Als Sonderstämme 
erscheinen im Westen am Flusse Pincus PICENSES, ntvtn^vdiot, 
und am Timacus TIMACENSES; angeblich in Moesia superior 
hauBten (C. L VI n" 2831) cives COTINI (vgl. Koriivaiot im 
dakischcn Ostlande); ostwärts schlössen sich an dio Triballer 

Sitzanf^sber. d. phil.-hist. Cl. CXXVm. Bd. 4. Abh. 4 



50 rv* Abhandlang: Tomaschek. 

an OiT^voiot oder UTENSES, Uiapi^vcioi oder PIARENSES (vgl. 
Appiaria), Aifjm^^vatc. oder DEVIENSES (vgl. Dimnm) und 'OßouXi^aiot 
— topische Ethnika, welche keinen Schluss auf die Abkunft 
zulassen; wir werden jedoch sogar Donau abwärts mitten unter 
Geten Spuren mysischer Nomenclatur nachweisen. 

Im Berglande des Haemus, gegen Philippopolis zu, mtlssen 
wir die 'Apraxtoi suchen, ,eine uralte Abtheilung der moesischen 
Nation, mit deren Unterwerfung M. Crassus den Krieg be- 
schloss; sie waren niemals von irgend einem Eroberervolke 
unterworfen worden und vertheidigten darum ihre Freiheit mit 
wahrem Löweumuth und längere Zeit nicht ohne Erfolg* (Cass. 
Dio LI 27). In diesem bellum Mysicum zeigen sich Sporen 
des rohen Fanatismus; Florus erzählt, die Mysen hätten ge- 
schworen, bei ihrem Pferdeopfer die Eingeweide der gefangenen 
römischen Führer zu opfern und zu verzehren. 'AproxoC finden 
wir bei Steph. Byz. nach alten Quellen als sOvs^ Bpdnuov ver- 
merkt; in der Tab. Peut. wird in der regio Haemimontana 
zwischen Nicopolis und Cabyle ein Landstrich ARIACTA ver- 
zeichnet d. i. ARTACIA. "Aptoxo^ (s. d. Flussnamen unter 
'Ap-cr^oxi;) war der moesische Name des Flusses, welchen die 
Odrysen Tcv!;o; (j. Tundia, T^ia) nannten. Hera war die Haapt- 
gottheit der moesischen Stämme ; wir finden darum einen Votiv- 
stein aus Philippopolis (Dumont p. 16, n. 33) xup(a '^pci "AptaxTfvTi 
gewidmet; selbstverständhch verehrten sie auch den Himmels- 
gott; wir finden im Gebiet von Nicopolis einen Votivstein Att 
AifjLspavw gesetzt. Formen des Thema art- (skr. ptä ,recht, ge- 
recht, fromm^) fehlen dem kleinasiatischen Mysien nicht. Am 
Rhyndacus sassen 'ApTaToi im 'Aptaiwv Tsr/c; (St. B.) nahe dem 
,heiligen^ See 'ApTuviaj oberhalb dem doHonischen Kyzikos lag 
der Berg- und Hafenort 'AptixT, (skr. ßtika) mit einer gleich- 
namigen Quelle, woher 'Aptaxia • i^ 'AsppoSfTYj (Hesych.). Da vor 
den Bithynen am Bosporus Mysen sassen, so scliliesst sich der 
Name des Baches 'Apravy;^ an, noch von den Byzantinern in der 
Form Wptava? vermerkt; bei dem Hafen ARTANE (TP. GR.) 
stand ein Upbv 'A9po5('cri;. Ebenso finden wir im moesischen 
Stammland neben den Fltlssen Athrys und Noes, mitten unter 
den Geten, einen Fluss 'Apxavr^; (Hdt. IV 49). Aber noch mehr. 

Wir finden Keßpi^vic!, mit dem herkömmlichen Epitheton 
Spi^iz (Strabo XHI, p. 590, Eust. ad B 838), als binnenländi- 



Die alten Tknker. I. 51 

Bches Volk sesshaft Tpo^ 'Apcaßov xoTa{Ji6v siaßdXXovra ei; tov ''fißpov. 
Beide Namen erweckten schon den Alten die Erinnenmg an 
die homerische Troas; beide gehören der mysischen Nomen- 
clatur an. 'AptoßY; hiess eine uralte Ortschaft bei Perkote, die 
sich bis in die christliche Zeit erhielt (Arisba, Acta SS. Febr. 11, 
p. 40), Sitz des homerischen ^Aaioq TpToxÄY;? (vgl. den mysischen 
Kämpen Tprio; D. XIV 512). Ksßpuiv hiess der Hauptfluss der 
Troas, dessen Quellen vom Ida kommen, mit einer gleich- 
namigen Ortschaft an seinem gewundenen Mittellauf, die sonst 
auch Keßp^vt) (Ew. Keßpi^viot) sich nannte. Nun finden wir auf 
moesischem Boden einen im Thema vöUig entsprechenden und 
nur des derivativen -njv ermangelnden Flussnamen Keßpo;, eine 
Bildung wie "Eßpo?; es ist die heutige Cibra oder Cibrica. 
M. Crassus schlug die in Moesien eingefallenen Bastamen 'icpb^ 
TCO Keßp(i> roTafxo) (Cass. Dio LI 24) ; Ptolemaeus schreibt Kioßpo; 
oder KCftfxßpoq T:oxa[fjSq] das Castell an der Einmündung in die 
Donau heisst Ki^po^ in den Itinerarien Cebro, Cambro, Ciambro, 
und dazu halte man auch CAMBRE, eine Ortschaft im asiati- 
schen Mysien (Plin.). Wir sind versucht, diesen Namen aus 
der Wurzel k^p : ka(m)p — ,sich krümmen, winden* zu deuten; 
vgL skr. kampra ,sich windend, gewunden^ unter Annahme 
eines Uebergangs von p in b nach m, wie in kelt. kambos. — 
Ausdrücklich finden wir die Keßpi^vioi des mysischen Landes 
noch bei Polyaenus (VTI 22), der mitunter aus recht guten 
und alten Quellen schöpft, vermerkt, und zwar in Verbindung 
mit den gleich zu besprechenden Skaiem, allerdings wiederum 
als Bpox'.a IOvtq : fUr moesische Herkunft spricht iodess der unter 
beiden allherrschende Cult der Hera. Den Priester dieser 
Göttin nennt Polyaenus Koc^yy^^; dazu halte man Gosingis, die 
erste Q-emahlin des Nikomedes I., eine Frau von phrygischer 
Abkunft — wie innig deckt sich da die phrygische und die 
moesische Namengebung! 

Sxaiöi oder Sxaiot finden wir — • ungewiss ob als phrygi- 
Bches oder als mysisches — iövo? IxciaSu xtj; TpwaBo^ xai xij? 
6pa)cv2(; in der Europa des Hecataeus (Steph. Byz.; 20vo; 0pa- 
xwv, Hesych.), wahrscheinUch gelagert im Chersonnes, der 
später in den Besitz der thynischen Dolongker überging. Aus 
dieser Schichtung würde sich der homerische Ausdruck Sxatal 
xüXai für das Westthor von Ilios (P 145) aufs beste erklären: 

4* 



52 rV. Abh&ndlaiif : Tomftschek. 

es war das Thor, welches zum dardanischen Sund und zu den 
Skai'em fUhrte; so gab es nachmals in Byzantion, in Abdera 
und in AmphipoUs Opr/ixiai tzoKm. So ergibt sich ein neuer 
Beleg für die Wanderung mysischer Stämme nach Asien: die 
Hauptmasse der Mysen war über den Bosporus vorangezogen, 
die skaische Abtheilung verblieb im Chersonnes. Den homeri- 
schen Rhapsoden lag in der Troas die mysische Namengebung 
fertig vor; von den alteinheimischen troisch-teukrischen Namen 
hatten sich weit geringere Reste erhalten. Haben etwa die 
Ska'ier einmal den Sund überschritten? Schwerlich! Strabo 
(p. 586) nennt als ältere Bewohner der Gegend von Abydos 
nur Dryopen, Bebryken, als spätere ,Thraken^; Abydos selbst 
soll (p. 591) nach den troischen Zeiten von ,Thraken* bewohnt 
gewesen sein. Wir erinnern noch an die Edonen von Antan- 
dros, an die kimmerischen Treren. Strabo (p. 590) führt unter 
den Analogien zwischen der troischen und ^thrakischen^ Namen- 
gebung ausser den Zxaioi ^einem gewissen thrakischen Stamme, 
auch noch den Flussnamen Ixaio^ an: er meint offenbar den 
Snio?, Oiffxto;, OESCUS des moeso-getischen Landes. Wenn 
Polyaenus mit den Eebreniern Ix^ißoae verbindet, so erkennen 
wir darin die echte, einheimische für die moesischen Skaler, 
d. i. 2xatF6at, vom Thema cxatfo-;, lat. scaevos ^uk^. Ob diese 
gerade am Isker sassen, wissen wir nicht; der Name dieses 
Flusses spricht nicht sehr dafür. An der unteren Donau fehlen 
nicht Spuren des alten Daseins der Skaier mitten unter den 
Goten. Zwischen dem latrus (Jantra) und dem Castell Tri- 
mammium (an der Mündung des Lom) stand ein gotisches 
CasteU SCAI-DAVA, SxaVaißa, d. i. ,Skaier-Siedelung^ Weiter 
stromabwärts, zwischen Carsum und Bireum, finden wir einen 
Ort K(o^ oder Cium, den nicht erst Lysimachus oder die Römer 
werden erbaut haben ; es vergleicht sich die mysische Stadt KCo; 
an der Mündung des phrygischen 'A(7xavio;. — Nicht darf jedoch, 
wie dies von Giseke geschehen, die Tripolis SCAEA III m. p. 
a Larisa super Peneum amneui (Liv. XLII 55, 6) für die 
Wanderungen der Vorzeit verwerthet werden, eine Localität, 
deren Name weder mit den mysischen Skaiern, noch mit der 
pelagonisclien Tripolis von Azoros zusammenhängt. 



Die alten Thraker. I. 53 



in. Die thrakiflohen Völkerstämme. 

a) Die südliche Gruppe. 

Die bisher dargelegte Schichtung der phrygischen und 
mysischen Stämme westlich und südlich um die centrale Haupt- 
masse der eigentlichen Thraker beweist ^ dass diese Stämme 
als Ursassen zu betrachten sind, welche zunächst und vor allem 
durch die zu verschiedenen Zeiten erfolgte Invasion der nordi- 
schen Thraken, für welche der Haemus nicht nur ein Durch- 
zug^ebiet, sondern auch eine wahre Heimstätte wurde, zur 
Seite geworfen oder in kleine Tlieile zersplittert oder gänzlich 
verdrängt worden waren. Wohl war die Culturstufe der ein- 
gedrungenen thrakischen Rossezüchter nicht zu vergleichen 
mit der höheren Stufe, welche die Ursassen sowohl durch die 
Gunst der Naturverhältnisse wie infolge vorzeitlicher Berüh- 
rungen mit den Völkern des Südens eingenonunen hatten; aber 
die Geschichte lehrt, dass es in der Vergangenheit wiederholt 
geschehen ist, dass rohere Völker über gesittete obsiegt und 
dieselben überschichtet haben. Was sich im Haemusgebiet im 
Grossen abspielte, wiederholte sich nachmals in kleinerem Mass- 
stabe auf kleinasiatischem Boden, wo wir thrakische Thynen 
rings umgeben von älteren phrygischen und mysischen Stämmen 
vorfinden; zu welcher Zeit aber auf diesem allophylen Boden 
die Phrygen selbst, hierauf die Mysen, sich festgesetzt haben, 
dafilr fehlt uns jede Berechnung. Die ältesten Vorstösse und 
Wanderungen der Thraken, welche bewirkten, dass das ganze 
Nordland bis zum Strymon und Bosporus den Namen Thrake 
erhielt und dass die Reste altansässiger Völker in diesem Namen 
aufgiengen, sind für uns in völliges Dunkel gehüllt. Von den 
Andeutungen der homerischen Lieder abgesehen, welche vor- 
zugsweise den ägäischen Rüstenstämmen phrygischer und paio- 
nischer Abkunft gelten, bezeichnet erst die Periode des kim- 
merischen Völkersturms und der thynischen Wanderung für 
uns den Eintritt in die Geschichte; und selbst diese Zeit ver- 
m{%en wir nur in dunklen Zügen zu erkennen. 

Arktinos, der Dichter der Aithiopis, stellte die Amazone 
Pentbesilea, die neue Bundesgenossin der Troer, als Tochter 
des Ares und der 'OTpujpiQ und als QpaoQa to ^evo? hin. In Otrera 



63 IV. Abluulümiif : Tomftsehek. 

es war das Thor, welches zum dardanischen Sund 
Skai'em fUhrte; so gab es nachmals in Byzantion, 
und in Amphipolis Bpr^'txtac ^Xoi. So ergibt siel 
Beleg für die Wanderung mysischer Stämme nacl 
Hauptmasse der Mysen war über den Bosporus v( 
die skaische Abtheilung verblieb im Chersonnes. ] 
sehen Rhapsoden lag in der Troas die mysische N 
fertig vor; von den alteinheimischen troisch-teukris 

• 

hatten sich weit geringere Reste erhalten. Habe 
Skai'er einmal den Sund überschritten? Schwerl 
(p. 586) nennt als ältere Bewohner der Gegend * 
nur Dryopen, Bebryken, als spätere ,Thraken'; AI 
soll (p. 591) nach den troischen Zeiten von ^Thrak 
gewesen sein. Wir erinnern noch an die Edonen 
drosy an die kimmerischen Treren. Strabo (p. 590) 
den Analogien zwischen der troischen und ^thrakisc! 
gebung ausser den Zxaioi ,einem gewissen thrakiscl 
auch noch den Flussnamen l%ai6<; an: er meint c 
Sufo^, Orffxto;, OESCUS des moeso-getischen Lan 
Polyaenus mit den Kebreniem Lxaiß6a( verbindet, i 
wir darin die echte, einheimische fUr die moesis( 
d. i. SxaiF6ai, vom Thema oxatfc-q, lat. scaevos ,hnk 
gerade am Isker sassen, wissen wir nicht; der I 
Flusses spricht nicht sehr dafür. An der unteren I 
nicht Spuren des alten Daseins der Skaier mittel 
Geten. Zwischen dem latrus (Jantra) und dem 
mammium (an der Mündung des Lom) stand e 
CasteU SCAI-DAVA, Sxai^eßa, d. i. ,Skaier.Siedelu] 
stromabwärts, zwischen Carsum und Bireum, finde 
Ort K(o<; oder Cium, den nicht erst Lysimachus odc 
werden erbaut haben ; es vergleicht sich die mysiscl 
an der Mündung des phrygischen 'Acxavio;. — Nicht 
wie dies von Giseke geschehen, die Tripolis SCAJ 
a Larisa super Peneum amnem (Liv. XLH 55 
Wanderungen der Vorzeit verwerthet werden, ei^ 
deren Name weder mit den mysischen Skai'ern, ^ 
pelagonischen TripoUs von Azoros zusammenhängt 



IM 



Die alten Thraker. I. 56 

wie ihre Wildheit gekennzeichnet wird. Von Bithynien ,warfen 
sie sieh bald auf die Paphlagonen, bald auf die Phrygen, deren 
König Midas sich den Tod mit Ochsenblut gab' (Str. p. 61). 
Im phrygisch-pisidischen Grenzort Suaoaö; sollen die Kimmerier 
reiche Gtetreidegruben getroflFen und sich davon ernährt haben 
(St. .B)- Die Hauptmasse überschritt den Halys (St. p. 552) 
und setzte sich im Gebiete von Sinope fest (Hdt. IV 12); 
weiter gegen Osten wandernde Haufen stiessen auf die aus 
dem Zweistromland nach Mada eingefallenen Qak4. Diese 
Völkerstlirme scheinen die bisher am Iris und Lykos sesshaften 
Armenier oder Hai-q langsam dem oberen Frät und Araxes 
zugeführt zu haben. Vielleicht wurden auch Theile der Treren 
ostwärts verschlagen: im Grenzlande der Armenier und Iberen 
nennt Plinius eine regio TRIAßE (vgl. Tpt^ps? des Arrian) d. i. 
die heutige Landschaft Thrial^thi am Flusse Ktsia, welcher 
südlich von Tiflis in den Kur fällt; hier wird in armenischen 
Schriftwerken ein Volk Namens Threl-q erwähnt. Auf die 
Nachricht des Strabo, dass es im Grenzlande der Armenier 
ythrakische^ Kopfabschneider oder Saporcapai gebe, legen wir 
dabei weniger Gewicht; in Assur aber finden wir einen Ort 
CDfMIR (GR.). In den assyrischen KeiUnschriften aus der 
Zeit des Assarhaddon und Assurbanipal werden die Einfälle 
der Gimirrä nach Assur, Chilaku und in das Land Ludu, wo 
König Gugu oder Gyges herrschte, erwähnt; Gyges griff die 
übermüthigen Gimirrai an, welche sein Land verwüsteten, und 
schlug sie; bei einem zweiten Einfall jedoch verlor er sein 
Leben. Unter Ardys H. (= Alyattes III.) setzten die Kimmerier 
ihre Raubzüge und Plünderungen fort; im Verein mit einer 
wischen Bande unter Lygdamis eroberten die Treren unter 
ikrem Fürsten Kwßo? die Unterstadt Sardes; dann zogen sie 
S^en Magnesia am Maiandros und tödteten viele Leute. 
I^ygdamis kam in Kilikien um, Kobos zog vor dem Sakenkönig 
Madua, dem Sohne des Prätathiya, den Kürzeren. Die endliche 
Vernichtung der Kimmerier, welche in BLleinasien Alles durch- 
einander gebracht hatten, wird dem vierten Alyattes zuge- 
schrieben (ca. 600). 

Den Griechen lagen nicht zusammenhängende Berichte 
^ber diese Wanderung vor, sondern nur einzelne Andeutungen 
ier Dichter, zumal des Kallinos. Dieser erwähnte den Angriff 



^ 



54 IV. Abhandlung: Tomaschek. 

erkennen wir eine Anspielung auf das thrakische Volk der 
Treren, welches bei der sogenannten ^kimmerischen^ Wanderung 
die Hauptrolle spielte. Wann diese Wanderung begann^ lässt 
sich nicht erkunden; dieselbe wurde vielleicht durch Ein&lle 
pontischer Skoloten veranlasst, welche im Flachlande an der 
unteren Donau und darüber hinaus sich auszubreiten suchten; 
vielleicht drängten auch die Sigynnen, sarmatische Metanasten 
die wir im Gebiete der Theiss suchen dürfen. Die Haemus- 
Stämme wurden unruhig, voran die TpYjpsq oder Tpaps?. Reste 
dieses thrakischen Nomadenvolkes kannte noch Thucydides 
(II 96): ,die Grenze des Odryscnreiches nach der Seite der 
Triballer zu bilden ol Tp^ps; xal ot TtXaTaToi; diese beiden Völker 
wohnen nördlich vom Skorabros (Ryla) und reichen gegen 
Westen bis zum Flusse "Ooxio; (Isker)'. Theopomp erwähnte 
Tpt5po<; oder Tpapo; als /(opiov öpaxt); (St. B.); Plinius nennt 
TRERES an den Grenzen der Provinz Macedonia, sei es im 
Norden oder im illyrischen Westen, etwa in der Nachbarschaft 
der Brygen und Trailer. Die Hauptmasse des Volkes hatte 
sich jedoch am Schluss des 8. Jahrhunderts v. Chr. dem Helles- 
pont zugewandt; es muss geraume Zeit verflossen sein, bis sich 
die Treren hier sammelten, um mit Kind und Kegel, Karren 
und Vieh, auf Flössen über den Sund zu setzen; Troas, Mysien 
und das nachmalige Bithynien wurden von ihnen heimgesucht. 
Strabo berichtet, wahrscheinlich nach Xanthos (I, p. 59): ,vom 
bistonischen See sowie vom See Aphnitis (in Mysien) sollen 
einige Ortschafken der Thraken oder nach Anderen der Tp^pe^, 
welche Nachbaren der Thraken waren, hinweggeschwemmt 
worden scin^ Ferner (p. 586): ,die Küste südlich von Abydos 
bis Adramythion besetzten die Tp>jpc(;, ein Stamm der Thraken^ 
Tpapiov hicss eine Anhöhe in der Troas (Tz. ad Lyc. 1141. 1159), 
ein Ort in Mysien (Str. XHI, p. 607) und an der bithynischen 
Küste (Ptol. V 1, 2). Antandros, voreinst lelegisch, dann 
edonisch, hiess ein Jahrhundert hindurch (700 — 600) KtpLjAept^ — 
so lange hausten hier die Thraken; Kifxjxeptot aber hiessen im 
Munde der kleinasiatischen Aboriginer und der Semiten die 
Nordvölker überhaupt. Arrian fand in seinen ,bithynischen Ge- 
schichten^ Gelegenheit, der Treren oder Tpti^pe; zu gedenken: 
sie galten ihm für Nachkommen des TptYjpo<;, Sohnes des Riesen 
'Oßpiipsw; und der OpoxYj, wodurch ihre thrakische Abkunft so 



Dm alten Thrmk«r. I. 56 

wie ihre Wildheit gekennzeichnet wird. Von Bith^-nien , warfen 
sie sich bald auf die Paphlagonen, bald auf die Phrygen, deren 
König Midas sich den Tod mit Ochsenblnt gab^ (Str. p, 61). 
Im phrygiseh-pisidischen Grenzort Z-jodszo^ sollen die Kimmerier 
reiche Getreidegmben getroffen und sich davon ernährt haben 
(St. ,B.). Die Hauptmasse überschritt den Haljs (Hi. p. 552) 
and setzte sich im Gebiete von Sinope fest (Hdt. IV 12); 
weiter gegen Osten wandernde Hänfen stiessen auf die ans 
dem Zweistromland nach Mada eingefallenen (^aka. Diese 
Vdlkerstfirme scheinen die bisher am Iris und Lykos sessliaften 
Armenier oder Hai-q langsam dem oWren Frat und Araxes 
zogeftüirt zu haben. Vielleicht worden anch Theile der Treren 
ostwärts verschlagen: im Grenzlande der Armenier und uferen 
nennt Plinias eine regio TRIARE TvgL Tpcf.^ des Arrian; JL u 
die heutige Landschaft Thrialethi am Flusse Ktsia, welcher 
södfieh Ton Tiflis in den Kur ftUt: hier wird in armenischen 
Schrifhrerken ein Volk Namen« Threi-q erwähnt- Auf die 
Sachricht des Strabo. dass es im Grenzlande der Armenier 
«thnkisdie^ KopCshsehneider oder la^zzifo: gebe, legen wir 
dabei weniger Gewicht: in Assur aber finden wir einen (/rt 
CDQQR f'GR.r. In den afi«Fvriscfaen Keilinscbriften aas der 
Zeit des AsBarhaddon und Aseurbanipal werden die EinfäJk 
der Giinirrä nach Assor. Chüaku und in ^biA Land Lada, wo 
KSnif Gugu oder Gjge» herrsekte, erwähnt: Gjgea griff die 
äbermStdiieen Giamrai an, wefefae $ein Land verwfUteten. und 
ichbe «c: bei einem zweiten Einfall jedöeh verlor er sein 
Leben. Umer Afdv* IL = Aiyan« IH, »etzten die Kimaxerier 
ihre Radbowe uiMi PteMeriiuren tynz na Verein mit einer 
karaehea Bande unter Lvg^iami* er>fc*:rv:n die Treren unvtr 
Ftnces Eiijc^ die U=aer»ta/it .S»rdejf: dacn zr^«L iie 
Ibrn«» *m M^^rAirji ^d v>i->^-er. viele Le:». 
LjHbBiB kam in Kifikiea mi. K-kä* »^^^ ^'^ 'i^^ .S*keii^/öi^ 
Ibdz». d«i ivAttt d« Pfitadkiva. de:i K^-nerec tr> ewL>:« 

der Kiiaai«:.cr. weUrfe i- K>.r.a««ii Ai«« durcL 
harfciL. wird -i^ta v>r^:i Alj*«* Z4i^. 

dsene WacÄ*rTa;r ^^-ir- ^r^^rri =.xr ^u-izeii^ Ai-Qe^ttui,^t^ 



Ö6 rV- Abhandlnngf: Tomaschek. 

der Kimmerier auf die 'Hatovee«; (Str. p. 627) oder Maionen, 
das Anrücken derselben gegen Sardes und Magnesia (p. 646) 
,vuv 3' iirl Kifjifji,ep{(i)v otpaTo^ Ip/eTote ißpifAospY<i^v', sowie den KoboB 
jTpTJpea? dcv8pa; dcYwv' (St. B.). Was mag aber der Name Tpopcg 
bedeutet haben? Das Thema tr'slr, trär- ist aus träir entstanden, 
und dieses, wie thrak. pair, armen, hair , Vater' aus pi^tdr-, 
hinwiederum aus tr^t^r, d. i. ,Hüter, Viehhälter, Hirt^, Ton 
der arischen Wurzel skr. tr&, zd. thrä ,hüten, nähren'; dazu 
gehört auch armen. er6 (gen. er^j, er^oj) ,animal, pecus', ge- 
bildet wie zd. thrslya ,nährend, Nahrung'; sogar in der Sprache 
der finnischen Mordwa findet sich die Wurzel tr'a- ^nähren, 
pflegen, halten' mit Derivaten wie tramo ,Unterhalt, Nahrung^ 
vgl. zd. thrima. Es wäre nicht unmöglich, dass sich mit den 
Thraken eingedrungene skolotische Haufen gemischt hatten, 
echte Nomaden, welche von den Thraken ,Viehzüchter' genannt 
wurden; der im Haemus zurückgebliebene Theil war aber jeden- 
falls rein thrakisch. 

An diese Treren schliessen sich die Trallen an, welche 
gleichfalls ausgedehnte Wanderungen unternommen haben. Sie 
waren gleichzeitig oder kurze Zeit nach den Treren ausgezogen 
und wandten sich dem illjTischen Westen zu, wo sie die phry- 
gischen Stämme Emathia's auseinander warfen; denn wir finden 
TpaXXet; oder TpaXXeTi;, TpiXXot oder TpolXXtot hart im Rücken 
der Brygen — die Trallen als den treibenden, die Brygen als 
den geschobenen Theil. Es gab an der Grenze des make- 
donischen Stammlandes eine Landschaft TpaXXtxi^ oder TpaXXCa • 
fxoTpa -rij; 'IXXupiac; (St. B.). Theopomp war in der Lage, trallische 
Ortschaften anzuführen : Byjyi? * fxoipa xal 7t6Xi? xwv ev IXXupb 
TpoXXewv, und B6Xoupo? • fxoTpa yjxi xöXt? töv h 'IXXopia TpaXXsuv 
(St. B.). Wenn BöXoupo(; zugleich eine icoXi? Ö6CTtpü)T(a<; war, so 
schliessen wir daraus, dass die Trallen in der Verfolgung der 
Brygen bis nach Epirus gelangt waren. Wie eng das Thrakische 
mit dem Armenischen zusammenhieng, ersehen wir daraus, dass 
sich der Name B6Xoüpo; (aus BöXFopo;, gebildet wie ß6pßopo(;) aufs 
beste aus armen, bolor ,rund; Runde, Umkreis' und blur (gen. 
blroj) ,runde Anhöhe, tumulus' erklärt, von einer Wurzel bhel : 
bhol ,8chwellen, sich ballen'; gr. ßoXßo^ ,Zwiebel' (aus ßoXPd?, 
vgl. Ut. bulwis ,KartoflFel, Bolle') mag aus einem nördlichen 
Dialekt stammen. Nur ihrer geographischen Stellung wegen 



Die alten Thraker. I. 57 

werden diese TraUen den ülyriem zugewiesen (Liv. XXVII 
32, 4; XXXI 35, 1 TRALLES Dlyriomm genus); sie bUdeten 
ein starkes Contingent im makedonischen Heere. Die thrakische 
Abstammung ergibt sich aus der Namensform, einem Derivat 
oder einer dialektischen Aussprache des Thema trär-; in echt 
thrakischen Personennamen werden wir dem Element -TpiXr)!;, 
-tralis ,nährend, züchtend^ häufig begegnen. — Eüne zweite Ab- 
theilung der Trallen finden wir im Berggebiet zu beiden Seiten 
des Nestos. Als Agesilaos aus Asien heimkehrte (394), stiess er 
im Gebiete der Pässe auf TpaXXsi; (var. TpwaSei?), Plut. Ages. 16, 
apophthegm. Lac. 42. Am Südabhang der Rhodope finden wir 
noch in später Zeit eine Gegend und Veste BiXXoupo;, BöXepo;. — 
Trallen waren endlich, als Nachzügler der Treren oder als 
Waffengenossen der Thynen, nach Asien gewandert. Eine 
ihrer Ansiedlungen am astakenischen Golf hiess TpdXXiov, deren 
Bewohner TpaXXioi (St. B.). Auf lydischen Boden, zwischen 
der Messogis und dem Maiandros lag die uralte ,pelasgi8che', 
von Lelegem, Minyem und Karcm bewohnte Veste Aipiaot, 
welche, seitdem sich dort thrakische Trallier angesiedelt hatten 
(Strabo p. 649), den Namen TpoXXe^ oder TpiXXi? führte; mit 
den Tralliem wanderte auch die thrakische Sage von den 
,Fäustlingen^ (s. d. Glosse xairoüljot) und Kranichen zu den 
Karem. Das benachbarte Niiaa braucht nicht als eine thrakische 
Gründung angesehen zu werden, da der Name wie der Diony- 
soscult den Maionen und Phrygen eigen war; der phrygische 
Ort TpaXXYj; kann sowohl auf die Trallen wie auf die Amazone 
TpdXXa zurückgehen. Auxai);6c, eine )ui{jiYj AuBia;; (St. B.), gebildet 
wie r«XiQ(S*6{; oder AaBetVot, war wohl eine maionische Gründung; 
dagegen dürfen wir auf die Trallen beziehen jene öpaxe; AoxoCtoi 
oder Aoxo^Txott, deren Vorort A6xo^o(; in Phrygien von Gewässern 
hinweggeschwemmt wurde (Xanthus ap. St. B.). Aus den alten 
Berührungen der Maionen und Trallen erklärt sich die Glosse 
*AöTp(xX{flr/ • Tov Bpaxa, Aü$o{ (Hesych.): der vocaJische Anlaut dient 
zur Stütze des Lautcomplexes oxp- wie in dTcpaX6;-6 «j/apoi;, östraXot 
(Hesych.) neben lat. stumos, ags. stearn ,Staar^; die Maionen 
hatten gewiss ein ähnhches Wort für diesen geschwätzigen 
Vogel und benannten damit die barbarischen Trallen, deren 
Dialekt ihnen unverständlich vorkam, in volks etymologischer 
Weise oder zum Spott. Zur Zeit der Epigonen finden wir die 



58 IV. AbhADdlnng: Tomasehek. 

Trauen an den Höfen als Söldner, Trabanten und Henkers- 
knechte; TpaXXeiq * fjL'.oöofdpoi Bpaxs^, ol toc^ ^ovtxo^ XP^^ KXvjpoQvrec 
Tzapk ToT; ßafftXsufftv (Hesych.). In dieselbe späte Zeit fallen 
die Ansiedelungen thrakischer Veteranen mit Weib und Kind 
auf pisidischem und lykischem Boden, z. B. in der ^ilyas. 

Nun wollen wir die Gruppe der thynischen Völker be- 
trachten, deren älteste nachweisbare Sitze am Strymon lagen; 
man kann demnach diese Gruppe auch die ,strymonische' be- 
nennen. Doch haben wir bereits auseinandergesetzt, warum 
wir uns Brigen oder Brygen, sowie deren Stammesbrüder, die 
phrygischen Edonen, als Ursassen an diesem Strome zu denken 
haben: der Name STpu|jL(iv selbst d. h. ,Strom', von der Wurzel 
srev : sru, welche sowohl im Germanischen, Lettischen und 
Slavischen, als auch im Phrygischen in der Form stru auftritt, 
muss zunächst für phrygisch gelten; vgl. Sipüjxü) * Towi, Tochter 
des Skamandros, die kikonische ItpufAY) an der Mündung des 
Atao^, und ZTpufxovicv, Beiname der brigischen Stadt Mieza am 
Ostabhang des Bermios. Selbst der AIjao? trägt einen phrygischen 
Namen. Die thrakischen Strymonier müssen also aus dem 
höheren Norden eingewandert sein, in Zeiten, die sich der Be- 
rechnung entziehen. Das erste thrakische Volk, das erobernd 
in den Süden vordrang und den Strymon sogar überschritt, 
waren die Bisalten. 

ßtaaXTott, mit Ausgang wie in Hypsaltae, einem odrysischen 
Stamme am unteren Hebrus, vom Thema Bta-, das im Thra- 
kischen mehrfach auftritt, werden in den Genealogien von einem 
Heros Bicakvrt(; • 6 'HXiou xat T^; (St. B.) abgeleitet, was auf ein 
vorzeitliches Auftreten im Lande hinweist. Wenn hinzugefügt 
wird: eor». xal TCOTafxb? BidofXiTj?, so darf dieser Name für ein 
poetisches Synonym für den Strymon gelten, wie 'Htov£6<; und 
'H5(i)v6(;. Als thrakisches Eroberervolk erweisen sie sich durch 
ihre tiefe Einlagerung in die Gruppe der edonischen Stämme, 
durch ihre vormaligen Einfalle in die sithonische Pallene (Conen 
narr. 20), durch ihre Erwerbung der mygdonischen ILrestonike 
(Hdt. Vin 116), durch ihren Widerstand gegen die paionische 
Invasion. Sie setzten ihre Einftllle nach Süden und gegen die 
chalkidischen Colonisten fort, jedoch ohne Erfolg, ja sie ver- 
loren zahlreiche Ortschaften, zuletzt auch die Vcste Argilos. 
Ihr Zusammenhang mit der Akte wurde dadurch unterbrochen; 



Die alten Thraker. I. 59 

hier erhoben sich ftlnf Colonien der Andrier; doch war, neben 
Edon^]} Krestonen und Tyrsenen, ein SxXo^ ßapßapov hi'^'kiiixxiayf 
BcoaXTtxuv zurückgeblieben — neben ihrem thrakisch-bisaltischen 
Dialekt war also bei ihnen auch schon das Griechische durch- 
gedrungen (Thuc. IV 109, Diod. XII 68). Dieser thrakische 
Stamm ^ welcher einmal sogar eine Expedition gegen Kardia 
unternommen hatte (Athen. XII, p. 520), zeigt sich überhaupt 
sehr bildungsfähig: bei ihm drang das altansässige edonische 
Element sowie der griechische Cultureinfluss erfolgreich durch; 
doch zeigt sich einmal ein grausamer Zug im Herrscherhause 
(Hdt. 1. c.) verbunden mit Freiheitsgefiihl. Die wenigen bisal- 
tischen Orte, die wir kennen, stammen aus der edonischen 
Vorzeit, so namentlich B^Bu;. Das Land war überaus fruchtbar; 
Oel- und Feigenbäume gediehen vorzüglich (Theop. ap. Athen. III, 
p. 77, d); den Hauptreichthum bildeten die Metalle im Gebirge 
Au9Ci>po<;, welche vielleicht schon die Edonen ausgebeutet hatten; 
der makedonische König Alexander I. bemächtigte sich der 
Silbergruben bald nach der Schlacht bei Plataiai, und ihm gieng 
daraus täglich ein Silbertalent ein (Hdt. V 17); prächtige Exem- 
plare von Silbermünzen mit der Legende ßeaaXTtxöv und der 
Darstellung des lanzenschwingenden thrakischen Reiters sind 
noch vorhanden. Seit PhiUpp bUeb die makedonische Herr- 
schaft unbestritten. Als die Römer das frei belassene Makedonien 
in vier Districte theilten (167), wurden ßiaaXxfa uaaa |jL6T3t t^? 
h TV] SivTcxi) 'HpoxXeCo^ zu Macedonia prima geschlagen; Livius 
(XLV 30, 3) fügt hinzu: ,BISALTAE fortissimi viri eis Nessum 
incolnnt et circa Strymonem', und einen Vorzug bildeten ,multae 
frngum proprietates et metalla et opportunitas Amphipolis^ 
Doch wird der Bisaltenname seither nicht mehr erwähnt; über- 
all drang der Hellenismus durch. 

Oberhalb der Bisalten, zwischen dem paionischen Thal- 
bezirk Doberos und den Odomanten, also in der Weleä-planina 
oder Bdlasica (byz. BaXaa(tCa), am See Butkowo und bei der 
Strumaklause Rüpel (byz. Toütc^Xwv), sass das thrakische Volk 
der StvToL Auf diese Sinten, sowie die benachbarten Maiden, 
muBS der Ausdruck bei Herodot (V 5) ol xoruTcepOe KpigaTwvatwv 
6p4ae< bezogen werden, denen der barbarische Brauch der 
Vielweiberei und Witwenschlachtung zugeschrieben wird. Nam- 
haft macht beide Völker zuerst Thucydides (H 98) bei Gelegen- 



60 IV. Abhandlnng:: Tomasehek. 

heit des vom Odrysenflirsten Sitalkas gegen Makedonien unter- 
nommenen Feldzuges (429): Sitalkas war vom oberen Hebms 
in das Gebiet der ihm unterthänigen Laiaier und Agrianen am 
oberen Strymon eingerückt und zog von da über das Gebirge 
RepxivY), die heutige Maleäowa-planina, hinab in das paionische 
Doberos. Er hatte schon einmal einen Zug gegen die fireioi 
Paionen unternommen und sich durch Lichtung der Waldungen 
durch das menschenleere Gebirge Bahn gebrochen. WähröOid 
er hinabstieg, lag ihm das Land der Paionen zur Rechten, sor 
Linken dagegen das der Maido(, weiter südwärts jenes der 
2tvTo(. Diese müssen auch noch den Unterlauf der StrAmica 
eingenommen haben, d. i. des Dovto? 7:oTa|jLb(; %ep\ tyjv twv Sivxiv 
%a\ MatBöv y/J^pav t^<; öpoxY); (Mirab. ausc. 115): in diesem breiten 
Thalgebiete lagen wohl die Orte napOixdrcoXe^ und TpCffndXoq, 
welche Ptolemaeus der crcpomQvCa Sivtixt^, zuweist; in der Para- 
strymonia lag dagegen 'HpaxXeia, eine Gründung der make- 
donischen Könige, zubenannt STpufxvoö (Hier.) oder, als Vorort 
der Sintcn, ^Iivtixt), SENTICA (C. L VI, Nr. 2645, 2767, was 
auf eine Nebenform Ssvtoi für 2ivto( hinweist), d. i. die am west- 
lichen Ufer der Struma gelegene Ruine Wfetrena, kaum aber, 
wie SafaKk vermuthet hatte, das heutige Demir-feifdr (by». 
SiSiQpoxacTpov) oder das bulgarische Walowista (byz. BaXaßicrwt); 
diese Veste beherrschte die stryinonische Klause, den Zugang 
in die Parorbelia und in das Thal der Strumica. Die von 
Philipp unterworfenen Sinten leisteten den Makedonen unter 
eigenen Führern Heeresfolge, so noch unter Perseus bei Pydna 
(175): ab Heraclea ex SINTIS tria milia Threcum liberorum 
suum ducom habebant (Liv. XLI 51, 7). Aemilius Paulus liess 
durch P. Nasica das Sinterland verheeren; es wurde zu Maoe- 
donia I. geschlagen ; doch scheinen die Sinten öfter den Versuch 
gewagt zu haben, ihre Freiheit zu gewinnen, bis sie von Sulla 
(85) zu Paaren getrieben wurden; in der römischen Kaiserzeit 
bezeugen Soldateninschriften das ruhige Dasein dieser Pro- 
vinzialen. Während diese Sinten als echte Thraken der ge- 
schichtlichen Zeit dastehen, lässt sich dasselbe nicht mit gleicher 
Sicherheit von den lemnischen Kvrie*; der homerischen Hephaistos- 
sage behaupten; doch könnte die von uns versuchte Deutung 
des Namens von Wurzel kent- ,stechen' für die thrakischen 
Sinten immerhin gelten, da von Metallgruben auf sintischem 



Dm ftlten Thnker. I. 61 

Boden gesprochen wird. In der Stelle bei Liv. XXVI 25, 3: 
PhilippuB Dardanorom orbem Sintiam, in Macedoniam transitum 
Dardanis factoram^ cepit — wird wohl finitimam zu lesen sein. 
Die MottSoi, MAEDI, die nördlichen Nachbaren der Sinten 
in der grossen (jTpamjYWj MaiStxt;, MAEDICA, bewohnten die 
heatigen Landschaften Male§owo und Pijanec bis zum Bergstock 
der Osogow-planina hinauf und bis zur Grenze der Dardaner 
bei Kmnanowo. Ungenau sind die Nachrichten^ welche ihre 
Südgrenze bis zu den Bisalten, Odomanten und £donen aus- 
dehnen; so hatte z. B. Dionysios in den Bassarika die dr^pta fOXa 
Motdii^v neben die 'Q8ove; IXxeaiTweTwXoi gesetzt (St. B.); selbst 
Plinius sagt: Maedi amnem Strymonem accolunt dextro latere 
ad Bisaltas usque (richtiger wäre Sintos); introrsus Denseletis 
yicini Dardanis a fronte iunguntur. Ihre Grenze gegen die 
Paiooen von Doberos bildete nach Thucydides die Kerkine 
oder nach Aristoteles (Hist. an. IX 45) to Msoaobciov 5po^; der 
Fluss növTo^ durchfioss die Gelände der Paionen, Maiden und 
Sinten; bei den Metallgruben von Bivai, wo Braunkohle gefunden 
wurde (s. d. Glossen «j^tvo^ jjiapciieü?), hatte Phihpp eine <PiXtz- 
icouxcXi; angelegt; seinem Beispiele folgte Alexander, welcher 
17 Jahre alt (339) die barbarischen Maiden zurücktrieb und 
eine 'AXe^ovSpowoXK; gründete (Plut. Alex. 9, St. B.). Livius 
(XXYI 26^ 6) bemerkt: incursare ea gens in Macedoniam soUta 
erat; jedenfalls haben die Maiden den paionischen Stamm der 
Agrianen ausgerottet oder sich assimilirt. Im Jahre 212 er- 
oberte Phihpp, Sohn des Demetrius, lamphoryna, caput arcem- 
que Maedicae (Liv.; ^opoüv«, Polyb. IX.); später (180) belagerte 
er auf der Rückkehr vom Haemus ihre Stadt Petra (Liv. XL 
21, 22). Perseus entbot die Bastamen von der unteren Donau 
EU einem Einfalle tu; Tt)v MatJixYJv (Diod. XXX, fr. 29); Baster- 
nanim exercitus eonsedit in Maedica circa DESUDAVAM 
(Liv.XLIV 26, 7); wichtig ist hier das Auftreten des thrakischen 
and dakischen Elementes — dava ,Siedelung^ Echt thrakisch 
sind auch die maidischen Eigennamen: so wird den Maiden 
Leu^TQ? und T(i)vaxY)(; die Erfindung der Hirtenflöte zugeschrieben 
(Athen. IV, p. 184, a). Nachdem Makedonien römisch geworden 
war (147), wiederholten sich die Raubzüge der noch frei ge- 
Uüebenen Maiden, im Verein mit den Denseleten, Dardanem 
und Skordiskern. In der Inschrift von Lete (117) ist die Rede 



62 IT. Abhandlung: Tomftieliek. 

von einem grossen Einfalle der Skordisker^ auvciceXO^yro^ lut* 
ouToiv TCicot Tou T(üv Morficov SuvioTou (Aer' 5xXou xXe(ovo( (Rot. arcli. 
1875, p. 65 ff.). In den folgenden Jahren werden meist nur 
Skordisker als Feinde genannt, so unter C. Porcins CSato, 
C. Caecilius Metellus, M. Minucius Rufus; Vulso (97) soll jedoch 
Maiden und Dardaner bewältigt haben. Wiederum stachelte 
Mithradates die thrakischen Bergstämme zu Einfällen nach 
Makedonien an, deren sich der Statthalter C. Sentius nicht zu 
erwehren vermochte ; nur die Denseleten hielten damals zu 
Korn. Die Maiden dagegen verwüsteten unter ihrem Fürsten 
£u>Tifxo; und im Verein mit den Dardanern und Skordiskem 
Makedonien, drangen in Hellas ein, plünderten und verbrannten 
die Tempel von Dodona und Delphi; L. Scipio rieb die Skor- 
disker auf, die Maiden und Dardaner bewog er unter Belassung 
ihres Raubes zum Rückzug, auf welchem Sotimus eine Nieder- 
lage durch Sentius erlitt (85 vgl. Oros. V 18, App. ülyr. 5, 
Plut. Num. 9, Cass. Dio etc.); gleichzeitig drang L. Cornelius 
Sulla mit seinem Legaten Hortensius brandschatzend in das 
sintische und maidische Land ein, beruhigte die Denseleten und 
Dardaner, schlug die Skordisker und die dalmatischen Eneter 
(Granius 35, Eutr. V 7, Plut. Sulla 53, App. Mithr. 55 etc.) und 
gieng dann (84) nach Asien über. Bald darauf (78) schlug 
App. Claudius die Maiden und fllgte sie, nebst einigen Stämmen 
der Rhodope, definitiv in die makedonische Provinz ein. Spätere 
Zeugnisse über dieses voreinst mächtige Volk fehlen, nicht 
einmal Soldateninschriften nennen den maidischen Namen. Als 
gebändigte Provinzialen, welche im Bereich der wenigen Städte 
griechisch, im ausgedehnten Berglande, wo sie Viehzucht und 
Köhlerei trieben, romanisch sprachen, waren sie jedenfalls mit- 
betheiligt an der Bildung des makedo-wlachischen Volksthums, 
das sich später im Pindus eine neue Heimat schuf, oder sie 
giengen in den Slowenen, welche das Thal der Struma und 
Brßgälnica in Besitz nahmen, spurlos auf. Bevor wir uns ihren 
Stammesbrüdern, den Bithynen, zuwenden, sei noch ihrer Nach- 
baren, der Denseleten, gedacht. 

AavOocXijTott * S6vo^ 6pax(x6v (St. B.) nannte zuerst Theopomp; 
doch fallen wahrscheinlich mit ihnen die bereits von Hecataeus 
erwähnten AeaiXoC* Idvo; Opoxixöv (St. B.) zusammen; auch meint 
sie Herodot mit den Worten (VIII 115): ol (Jvw Opi^ixs^ ol ittpl 



Dia alten Thnk«r. I. 63 

xaq fPtrx^ Tou SltpufAovo^ olxYjfjkdvoi, da er die Agrianen kaum wird 
als Thraker hingestellt haben. Sie bewohnten das obere Struma- 
thal von der Osogow-planina und vom Uujen aufwärts bis znm 
Witoda and Znepolje; ihren Mittelpunkt bildete das Becken 
von KOstendil oderPautaUa; Ptolemaeus verzeichnet die aTpaTif;^^*'' 
davOyjXrjTtxi^ zwischen MaiJixif), Beadtxi^, SepBixi^ und AapSovia. Auf 
einer Inschrift (von Swrlyg, Arch. epigr. Mitth. X, p. 240, Nr. 4) 
erscheint ein Strateg AevOeXrjTix^j*; iceBtacCo^, wozu wir uns eine 
op^trfi als Gegensatz denken müssen, wie denn gleichzeitig eine 
SijXtjttx^ ipetvij vermerkt wird. — PhiUpp ü. zog (183) et? '0Sp6aa?, 
B^OTou^ 7ta\ AevOYjXi^toü? zu Felde (Polyb. XXIII 8, 4); zwei Jahre 
später besuchte er den Hochgipfel des Haemus (WitoSa) und 
das Land der DENTHELETI: socii erant, sed propter inopiam 
band secus quam hostium fines Macedoniae populati sunt; ra- 
piendo passim villas primum, deinde quosdam etiam vicos eva- 
stanint; frumento inde sublato in Maedicam regressus urbem 
Petram oppugnare est adortus (Liv. XL 22). Granius 35: Sulla 
Dardanos et DENSELETAS ceterosque, qui Macedoniam vexa- 
bant, in deditionem recepit. Im Jahre 30 v. Chr. hatten die 
Bastamen das Land der Moesen, Triballer und Dardaner ge- 
pltkndert; xoriJpafjLOv xae ttjv QpaY.Tt'^ ttjv AevOeAiQTcöv, IvotcovSov 'Pw- 
(Mtioe; oSooev. Der römische Statthalter von Makedonien leistete 
sowohl damals (29) dem blinden Dentheletenkönig Stra; Hilfe, 
als auch im folgenden Jahre (28) bei einem neuen Einfalle der 
Bastamen (Cass. Dio LI 23, 25). Geraume Zeit später (id. 
LIV 20) hören wir jedoch von einem Raubzuge der Dentheleten 
und der Skordisker; seither bUeben sie ruhige Provinzialen. 
Wir finden Denseleten unter den Legionssoldaten an der Rhein- 
grenze (vgl. Brambach Nr. 980: Sese Venulae f. DANSALA; 
Nr. 1290: C. Tutius Manii f. DANS. eq. ex coh. IH. Thrac; 
als Personenname begegnet DENSOLA Drulentis f., Mitth. 1891, 
p. 147, Nr. 13). War DANSALA die echte Singularform zu 
Aav6otX'Y]Ta(, so deuten wir diesen Namen als ,Beisser, Bissige^ 
oder ,Reisser*, von Wurzel dak : dak, skr. da9, daft9 (ahd. zangar 
ybeissend, scharf*). Ueber das denseletische Wort midne ,vicus^ 
werden wir bei den Glossen handeln. 

Mai5oß(euvoi erwähnt Strabo VII 3, 2, p. 295 als thrakisches 
Volk neben BtOuvot und OjvoCj vgl. Steph. Byz. v. Mai5o( • ,ix 
ToÖTttiv |jLeT0(ßavT6^ tive; €{<; (xa pi^pY] ta dvrticipav x6((A6va tyJ^ BpoxT;; 



64 IV. Abhaadlang: Tomaschek. 

* 

xai) MaxsSovia^ MaiBoßiÖJvsi exATjÖYjaav^ Die tbynischen Stämme 
waren also vormals Nachbaren der Maiden, ein strymonisches 
Volk, dessen urälteste Heimat über dem Haimos gelegen hatte. 
Die bythinischen Thraken schildert uns zuerst Herodot (VII 7Ö) 
mit dem Beifügen: ouTot ^k 3iaßavTe<; [kh iq lifjv *Afftr|V iytXiffiiqacci 
BiOuvoi, Tb §e TcpsTspcv exaXeovTO, u)^ auTol Xe^ouct, ZTpu{Ji6viot, oixcovra^ 
e*;?! 2iTpu(JL6v'.. e^avaarr^vae 8i ^aai e^ i^6e(i)v uzb Teuxpcov T£ icai Mu9ü&v. 
Ueber diese Teukren und Mysen haben wir bereits gehandelt; 
für diese Namen müssen wir unbedingt die Paionen einsetzen, 
jenes illyrische Volk, das vom Westen herandrängend der 
weiteren Ausbreitung der thrakischen Eroberer Grenzen gesetst 
hatte; erst als das Volksthum der Paionen im Schwinden be- 
griffen war, konnten die Maiden wiederum hervortreten. A113 
Herodot zog Hesychius seine Glosse: STpüixövwi • ol BiOuvoi tö «pi- 
Tepov. Als ein strymonisches Volk durften die Bithynen mit 
einigem Recht den homerischen Helden 'Pijao; als ihren National- 
heros feiern. Nach Plinius war SipüfjLovt^ ein alter Name von 
Bithynien; schwerer zu erklären sind die angeblich noch älteren 
Beinamen Kpov(a und OecraaXi; — sollen sich etwa den Trallen 
thessalische Dryopen angeschlossen haben, die wir bei Abydos 
fanden? Ueber die von Plinius vermerkte Benennung 
MALLANDA, worin kaum Melandia stecken dürfte, wagen wir 
eine Vermuthung: das Wort sieht aus wie eine dialektische 
Nebenform von Marianda, mit der Bedeutung ,Uferland' (vgl 
sur. marya-dä ,Merkzeichen* ags. msere engl, mere ,Landesgrenze, 
Mark', von Wurzel m^r: mar); damit hängt wohl der Name 
der phrygischen MaptavSüvoi zusammen, welche die Küste vom 
Sangarius und Hypius bis zum paphlagonischen Callichoros 
bewohnten und am Lycus Leibeigene der Herakleoten waren 
— der orgiastische Naturdienst, der sich in der Sage vom 
OpibXa; und im threnetischen ßwppLCj; ausspricht, sowie die vor- 
malige Nachbarschaft der Mygdonen und Bebryken weist ihnen 
phrygische Abkunft zu, obwohl sie Einige mit den thrakischen 
Thynen (schol. Ap. Rh. H 140), Andere mit den Bammeriern 
(ibid. I 1186) verwechselten; allerdings wurden Kimmerier 
einmal vor Herakleia ein Opfer des Genusses von axcvixov 
(Eust. ad Dion. per. 791, nach Arrian). Dass die tbynischen 
Völker hinter den Kimmeriern oder Treren in Asien einzogen 
und mit diesen nicht verwediselt werden dürfen, ergibt sich 



Die alten Thraker. I. 65 

ans der Nachricht des Bithynen Arrian, welcher mit der 
Geschichte seines Landes wohl vertraut war (Eust. ad Dion. 
per. 322): 6paxs<; e^ Euptoinr]^ §(^ßT)9av si; Aa{av fASta liccTcepou iivb^ 
i;Y6|a6vo^, 5t6 ol RtfxfASpiot ttjv 'Aa(av xaTSTps/oy, oIjc; exßaXdvTS*; ex 
BiOuvCo; Ol 6paxe? wxYjaav outoi. Dieser Pataros drang durch das 
Land der Mariandynen bis nach Paphlagonien vor, wie Demo- 
sthenes in seinen bithynischen Geschichten berichtet hatte (St. 
B.): nirapo^ eXwv Da^XoYoviav Ti'ov Ixxiaev xal £x toO ttjjiav ibv Ma 
Ttov icpooTTYopeixjcv. Tloq wird jedoch eher eine Giündung der 
Mariandynen gewesen sein, welche den Heros TtT(a(; verehrten 
und bei denen ein Ort TtTo6a hiess. Weiter verbreiteten sich 
die Bithynen tiefer im Inlande, namentlich in der Thalebene 
SaX(i>v, wo ihr Hauptort ßiöuviov (j. Boli) stand, und in der 
Uoiacyla des BiXXato;, wo sie Kporceta oder KpYjaaa und CEIPORA 
gründeten. Thynen und Bithynen geriethen wie die Mysen 
Phrygen und Mariandynen unter die Herrschaft des Kroisos 
(Hdt. I 28), sodann der Perser. Zur Zeit des Artaxerxes H. 
scheint sich der bithynische Häuptling AotBaXcn;; von den Persern 
freigemacht zu haben; nach ihm folgten Bo-cetpa; und Ba;, dann 
ZtiwtTrj?, welcher (298/7) den Titel ßaaiXsu; annahm, zuletzt 
Nikomedes I. — Viehzucht und Ackerbau waren die Haupt- 
beschäftigung der Bithynen; der Einfluss der phrygischen Nation 
äussert sich namentlich im Göttercult; seit Nikomedes wirkte 
das öriechenthum ein, so dass endlich das thrakisch phrygische 
Element im Hellenismus aufgieng. 

Mit den Bithynen waren auch Thynen in Asien einge- 
zogen. Wir finden ein Inselchen nahe den ,Scheeren' (XirjXai), 
genannt OüvigE; oder Öjvyji? (St. B.), die spätere Aa(pvoüau, Fenosia 
der italienischen Seekarten, die heutige Kirp^-adassi ; das gegen- 
überliegende Festland vom Flusse 'PT^^ßaq an bis zur Münde 
des Sangarius (Scymn. 977) hiess 6üv(a, ÖüvkJ oder 0uv{(;; es 
war die 6uvtaxTj öpaxiQ der bithynischen Herrschaft, in welche 
zur Zeit des Zipoites die Herakleoten EinfUlle machten 
(Memnon 17. 18); in der byz. Zeit wurde sie MsaoOuvta genannt 
(vgl. Meffo^pu^w, Meae/aXBiot). Hier gab es nur kleine Ortschaften, 
aber die Felder und Wälder waren ausgedehnt und ergiebig. 

Zurückgebliebene Reste der BiOuvot xal öuvol öpYJVxs; finden 
wir auch auf der europäischen Seite. Strabo XH, p. 541 
berichtet ausdrücklich, dass es noch zu seiner Zeit in Thrake 

Sitsongsber. d. phU.-hist. Gl. CXXVm. Bd. .i. Abh. 5 



66 IV. Abhandlung : Tom »ich ok. 

einen gewissen Stamm Namens BiOuvo( gegeben habe; eine Stadt 
Bt6üv{; nennt Pomponius Mela im Flussgebiet des Erginos; vgl. 
BITHENAS (TP., Bithena GR.) m. p. XIII Apris, XIH Moca- 
sura. Phylarchus berichtete (Athen. VI, p. 271,6): Bu^^ivrioe 
ouTti) BiOuvöv eS^o^oaav wq AaxsBa'.jjLÖvioi twv eIXcütcov. Die BtOuvfa i^ 
eivt tt;<; 6paxr^<; izepi SaXiAuBr^acdv (sehol. Ap. Rh. II 177) beruht 
wohl auf einer Verwechslung mit der Thynias. Oberhalb 
Perinthos und Selymbria kennt Xenophon (An. VII 4, 2) xb 
0üvo)v x£8t(jv. Die Gehöfte dieser Thynen und ihre Schafhürden 
waren rings mit Pfahlwerk verschanzt; ständig waren sie von 
den Odrysen bedroht, welche hier als Herren schalteten; doch 
wehrten sich die Thynen mit aller List. Xenophon nennt die 
6üvo( ,die allergefilhrhchsten Feinde, besonders zur Nachtzeit; 
sie sollen einstmals den Teres überfallen, viele Odrysen er- 
schlagen und deren Gepäck erbeutet haben^; damals jedoch, als 
sie die Griechen im Auftrage des Seuthes zu züchtigen hatten, 
waren sie ins Gebirge entflohen; sie trugen, wie die Bithynen, 
aX(*)Tw£xit5 ezl Tai; xs^aXai;. Die eigentUche öuvta; war jedoch 
das Ufergebiet zwischen Salmydessos und ApoUonia, wo wir 
allerdings auch ältere phrygische Reste gefunden haben, z. B. 
die MeXavSiTat. Ein thy nischer Stamm, die MeX'.vo^aYOi, hatte 
vom Anbau der Hirse seinen Namen. Der Strand bei Salmy- 
dessos, für die Schiffer gefährlich wegen der Untiefen und 
Saiiddünen (xa a-n^ÖY] tou IIcvtoü), war verrufen wegen der Raub- 
sucht seiner thynischen Anwohner, welche die Gestrandeten 
ausplünderten und erschlugen; einer Angabe zufolge sollen sie 
nur die fremden Krämer, welche dort der Geschäfte wegen 
anlegten, bestraft, zufällig Gestrandete jedoch gut behandelt 
haben. An die Thynias erinnert noch jetzt der Ort Iniädha, 
\ lav 0uvia5a. Die Bürger von Byzantion, welche eine weite 
Strecke Landes erworben und die thynischen Bauern leibeigen 
gemacht hatten, litten oft schwer infolge der Raubsucht der 
Odrysen; etwa vier Dynasten übten an der Grenze ihre 
^Gerechtsame^ aus: so oft die Feldfrucht reif war, kamen die 
Barbaren heran und rafften Alles mit sich. Aber noch weit 
ärger trieben es später die Galater des tylenischen Raubstaates 
(Polyb. IV 46). Biöuvc(; und 6'jv6; heissen mit Recht Brüder; 
wenn diese jedoch Arrian als ^aiSs; 'OSpuaou hinstellt, so ist 
daran nur die räumliche Nähe Schuld. Mit den Bithynen bringt 



Die ftlt«n Tbnkw. I. 67 

Äppian (Mithr. 1) den Flussnamen B.öja; in Zusammenhang; 
Bc6u2t werden auch als 2övo; 6paxY)? vermerkt (St. B.). Der 
thrakische Eigennamen Bi'Oy; oder Bi'Ou; kann nur dann ver- 
glichen werden, wenn man BiOGv (wie üoXtuv, Kd:ruv etc.) zu- 
grunde legt; wegen der öü/ot muss Bi-Oüvof abgctheilt werden; 
leider lässt sich die echte Aussprache von nicht ermitteln. 
Ob 0tve6^ der Argonautensage mit Öjvs; zusammenhängt, etwa 
infolge einer minyischen oder karischen Aussprache, lassen wir 
dahingestellt; über die Herkunft der Sage hat Hiller von 
Gaertringen Nachweise gehefert. — Die thynische Wanderung 
hat in Europa noch ein bemcrkenswerthes Glied zurückgelassen, 
dort, wo vormals die Skaier sassen. 

Es sind die AcXo-ptct oder AoXc-ptiot, DOLONGAE, in dem 
Landstriche loXo^xti^, d. i. im Innern des thrakischen Chersonnes 
bis zum Flusse Melas oder Apsinthos. Der Heros AdXofxo;, 
Sohn des Zeus oder des Kronos und der Nymphe Thrake, galt 
für einen Bruder des Btöuvdq (St. B.). Der Bithyne Arrian 
(Eust. ad Dion. per. 322) venneldet die Sage, Dolongkos 
habe als Herrscher von Thrake viele Frauen gehabt und mit 
diesen viele Kinder gezeugt, und seither bestehe unter den 
Thraken die Sitte, icoXXa^ Ixetv ifuvatxaq, ux; av ex xoXXwv roXXou^ 
E^ctev iraTJot;. Die Sitte der Vielweiberei herrschte bei allen 
strymonischen Stämmen. In der Geschichte werden die 
Dolongken nur einmal erwähnt (Hdt. VI 34): um das Jahr 
550 hatten die löXo^xot öpiJVxe? TciecjOevTS^ tcoX^Ijlo) 'j-nb *A^tvöiu)v 
durch Abgesandte das delphische Orakel befragt; als diese über 
Athen heimkehrten, fanden sie im Hause des Miltiades, Sohnes 
des Kypselos, gastliche Aufnahme; Miltiades schiffte mit ihnen 
zum Chersonnes, unterstützte die Barbaren mit Rath und That, 
verschanzte die Landenge von Kardia bis Paktye und gewann 
bei ihnen Macht und Grundbesitz. Auch den jüngeren Miltiades, 
Sohn des Kimon, finden wir zur Zeit des Skytheneinfalls im 
Chersonnes; er hatte zur Frau Hegesipyle, die Tochter des 
Thrakerkönigs Oloros; erst 493 kehrte er nach Athen zurück. — 
An jenen Abgesandten waren ausser der Barbaren tracht die 
Äiyjxoi, welche sie trugen, auffJiUig. Sollte das Wort AcXo^xo; 
mit Xc>Yx^< zusammenhängen, d. i. BoXcS^x^ y^ongsi^ von der Wurzel 
dolongh: delegh, gr. lokix^c: (£v)BeX£XT^<<;? Es gibt auch eine Wurzel 
del: dol ,8palten', woraus die AoXiove*; erklärt werden können. — 

5» 



68 IV. Abhandlung: Tomaschek. 

Nun gehen wir zu den Bergstämmen des Orbelos und der 
Rhodope über, welche ihrer centralen Lage nach und wegen 
ihrer Erstreckung bis hart an die ögäische Küste fllr den 
ältesten Theil der gegen Süden vorgerückten thrakischen Völker- 
weit gelten müssen. 

Saipai • eövoi; Öpobwr;; nannte zuerst Hecataeus (St. B.), ebenso 
die zu ihnen gehörigen Sarpo-x^vra' (in Meineke's Ausgabe aus- 
gefallen; fr. 129 bei C. Müller), ein Vollname, der sich gut 
deuten Hesse als ,nach der Herrschaft Strebende, der Herr- 
schaft sich Erfreunde'; vgl. arisch käatra ,der herrschende Theil 
des Volkes, Herrschaft' (wie kara ,der handelnde Theil, das 
Heer'). Es können ja die Satren das wehrhafte und kriegerische 
Element unter den duschen Thraken gebildet haben, während 
die Bossen oder ,Dorfbewohner' die eigentliche Volksmasse 
darstellten; man halte dazu die 21iVoi östlich von der Mündung 
des Nestos. Leider steht diese Etymologie nicht felsenfest da: 
käatra ist eine specifisch-arisehe Bildung, auch würden wir im 
Thrakischen eher aar erwarten (vgl. aar ,König' im gorischen 
Dialekt von Harö). Herodot (VH 1 10) führt in der Reihe der 
Völker, welche dem Zuge des Xerxes folgten, neben Sapaiem 
und Edonen die Saipat an, mit dem Beisatz, dass sie tiefer im 
Binnenlande wohnten, obwohl sie zeitweilig, neben Pieren 
und Odomanten, im Besitze der Bergwerke am Pangaios 
standen (112). Sie waren überhaupt ein grosses und starkes 
Volk (111), das seit Menschengedenken seine Freiheit bewahrt 
hatte: ,denn sie bewohnen hohe Gebirge, mit allerlei Waldungen 
und Schnee überdeckt, und sind gewaltig im Kriege; sie be- 
sitzen auch das Orakel des Dionysos, welches auf den höchsten 
Bergen liegt'. Und doch vci*schwindet in der Folgezeit der 
Name der Satrcn gänzlich, nur Dior und Bessen werden genannt. 
Sobald einmal das Bergland makedonisch und römisch geworden 
war, konnte es auch keine »Herrschenden' mehr geben; man 
erkennt, dass es kein echter Volksname war, sondern nur 
Bezeichnung des kriegerischen Adels unter jenen Völkern. — 
Die Aapaioi • eOvo; 0px/.tov, 'ExaTaToq Eupo)-;?/) (St. B.), dürfen wohl 
mit den Aspcaict verglichen werden, welche Herodot (VH 110) 
und Thucydides (H 101) als freie Thraken neben Odomanten, 
Satren und Edonen anführen; die AsppaTci oder Itipaioi der 
Abderitis (St. B.) dagegen scheinen Bewohner der Ortschaft 



Die alten Tbruker. I. 69 

AstpiJ gewesen zu sein. Neben den Dersaiern kennt Thucydides 
sonst nirgend erwähnte Apwoi. Im Akontisma-Passe fanden wir 
TpaXXst^ (cod. TpwaBeT;). Tiefer in der Rhodope, zwischen den 
Sapaiern und Bessen, sass der Stamm der Apiaot, welche der 
«rrpaTTjYC« Apoorixii (Ptol.) den Namen gaben. 

laxaioi, bei Hecataeus Saxat • i^oq öpaxtov (St. B., Hesych.), 
hausten nach Plinius ,ad Mestum amnem et ima Rhodopae', 
von den Odomanten und Satren an bis zu den Korpilen. Wir 
finden sie unter den Völkern, welche dem Zuge des Xerxes 
folgten (Hdt. VII 110). Zur Zeit des Perseus tritt 'AßpouxoXi? 
5 loxaicov ßaaiXeO; als Freund der Römer und Gegner des Make- 
donen, dessen Land er bis zum Strymon hin verwüstete, hervor; 
vielleicht war auch Bapaa^ä^ 6 twv QpctiM!)'* ßaaiXeOi;, zu welchem 
Andriskos geflohen war (Diod. fr. H. Gr. 11, p. XV), ein Sapaier. 
Im Bürgerkrieg zwischen Brutus -Cassius und Antonius -Octa- 
vianas stand 'PacjxouzoXK; 6 twv SaTratwv ßaaiXeu; auf Seiten der 
Republikaner, sein Bruder Taaxo; auf Seiten der Gegner (App. 
B. civ. rV 87), deren Feldherren den korpilischen Pass und 
•ci 22xa{ü)v dtsva besetzt hielten; das Heer der Republikaner 
umgieng jedoch die südliche Rhodope (Qarlygh-dagh und Qyälaq- 
dagh) oder tb twv 2aTca{o)v 6po<; und erreichte, nachdem jene die 
Pässe aufgegeben hatten, die Ebene von Philippi. Die römische 
(TcpaTYjfta ^cwcaVxT^ verzeichnet Ptolemaeus in den Vorbergen der 
Rhodope vom Nestos an bis zum bistonischen See, an der West- 
seite der Korpilen. Ovidius Fast. I 389 sagt: exta canum vidi 
Triviae libare Säpaeos; er meint das Hundeopfer der Hekate 
Zripuv6{a. In einem Epigramm aus der Tundra-Region heisst es 
(Ephemeris, Athen 1884, p. 263 fg.): e5 KeXsiwv xaTpwo; avi 
SäKratxtjv ip(ßü)Xcv; man könnte daftir 22ji.aV)w^v lesen. Auf den 
lat. Inschriften werden Sapaier nicht erwähnt; die oben er- 
wähnten Eigennamen sind echt-thrakisch. Der Volksname Saxat, 
laexaioi Hesse sich etwa aus der Wurzel skr. 9ap ,schwören, 
fluchen^ deuten. 

KopxtXsi, Kop^iXoi oder KopTcCXXot, CORPILLI, sassen an der 
Ostseite der Sapaier in der oTpaTtj-fCa KopxiXixij, (Ptol.) KopxtXXixi}, 
welche vom bistonischen See bis zur Mündung des Hebrus und 
in die 'A'^'tvOi; (St. B.) hineinreichte und die isolierten östlichen 
Vorberge der Rhodope (z. B. den Öabb-khäne-dagh) und die 
Bergenge Tempyra (am Bodama-(?ai* oberhalb Ded^-aghaö) oder 



70 rv. Abhandlnng: Tomascbek. 

10L T(ov KopxiXwv Gxeva umfasste. Längst waren hier die Kikonen 
nnd Paiter verschwunden oder in der griechischen Küsten- 
bevülkerung aufgegangen; die thrakischen Korpilen aber waren 
aus dem inneren Bergland der Khodopc zur Küste vorgedrungen. 
Im Jahre 188 v. Chr. griffen in der Enge zwischen Kjpsela 
und dem Ilebrus 10.000 Thraker aus vier Stämmen den römi- 
schen Feldhemi ManHus an (Liv. XXXVHI 40, 8): Astii et 
Caeni et Maduateni et CORPILl (cod. coreli). Die MADUATENI 
werden sonst nirgend erwähnt; MaBuTeiq oder Ma^uTtot der Qrie- 
chenstadt MdSuToq (i. Maito) im Chersonnes werden es nicht 
gewesen sein, sondern irgend ein thrakischer Bergstamm aus 
der Rhodope. Als Eigenname findet sich KopxtXo^ auf einer 
Inschrift aus Imbros (Syllogos XIII, Anhang S. U, n^ 19); 
vielleicht waren die von Stephanus (v. "Avxupa) erwähnten litepicoi 
oder Sxopwoi Thraken. Letztere deuten wir vom Thema skerp-, 
kerp- ,scheeren, schneiden, schlachten, pflücken', die KopicTXot 
von Wurzel qerp- ,wendcn, drehen, sich umdrehend 

Auch die Tpaucc( gehörten ohne Zweifel zu den centralen 
Stämmen der Rhodope. Livius erwähnt sie als einen zur Küste 
vorgedrungenen Stamm beim Zuge des ManUus (XXXVIII 41,6): 
aliae angustiae circa Tempyra excipiunt; huc ad spem praedae 
TRAUSI, gens et ipsa Thraecum, convenere. Nach deren Be- 
wältigung schlugen die Römer ihr Lager bei XiXt) auf. Von 
diesen Montagnards erzählte sich das Alterthum einen auf- 
fallenden Brauch (Hdt. V 3. 4; Hesych. v. TpoOffo^, N. c. Damasc. 
de moribus v. Tpaixjiavoi) : ,den Neugeborenen bejammern die 
Verwandten wegen aller jener Übel, die er von nun an zu er- 
dulden hat, wobei sie alle menschlichen Leiden aufzählen; den 
Hingeschiedenen aber begraben sie mit Jubel und Freude, 
wobei sie anfüliren, wie er nun, von all den Übeln erlöst, in 
voller Seügkeit lebe'. Ausser der Vorstellung von einem Jen- 
seits finden wir hier den Ausdruck der vollen Energielosigkeit 
und Faulheit, welche das Loswerden von angestrengter Arbeit 
für das höchste Glück hält (vgl. Lobeck Aglaoph. 801 ff.); gewiss 
waren diese Trausen weder fleissige Landleute noch strebsame 
Handwerker, sondern armselige xaXüßTxaC tivs^ vjxI Xuicpoßioi, wie 
Strabo von den Bessen bemerkt. Hesychius bezeichnet die 
Trausen als lövo^ SkuOixöv, was nicht viel bedeuten will; wenn 
wir jedoch bei ^Stephanus die Notiz finden: Tpauaoi • lOvo^ o\ki cl 



Die alten Thraker. I. 71 

'E/vXyjVc; 'AvaO-jpacu; JvcfjiaCöy^i, so erkennen wir darin den echten 
nationalen Namen jenes nordischen Volkes, das die Skoloten 
mit einem skoptischen Vorsehlag 'Afi-Öjp^oi benannten; wie alle 
Thraken, so waren auch die Trausen aus dem Karpatenwall 
gekommen. Mit dem Flussnamen STpaOo; (von Wurzel streu: 
stru p§to)) des Biston enland es, dem heutigen Quru-c^ai, haben 
die Trausen nichts gemein; ihr Name erklärt sich vielmehr 
von einem Thema tröu-9, trau-k (vgl. xpö/o), trucido, xpaö-ixa) 
und aus der Wurzel teru : tru (TpO) ,aufreiben, durchbrechen, 
entzweireissen, verwundend 

Die AXoi, d. h. die ,Göttlichen, die Gottesdiener', erscheinen 
als eines der ursprünglichsten und namhaftesten Völker- der 
Rhodope. Als Sitalkas gegen die Makedonen auszog (429), ent- 
bot er ausser den Geten viele von den unabhängigen Thraken, 
welche grösstentheils die Rhodope bewohnen und Ab», genannt 
werden, zu den Waflfen; die Einen gewann er durch Gold, 
Andere schlössen sich ihm freiwillig in Hoffnung auf reiche 
Beute an' (Thucyd. II 96). An anderer Stelle (VII 27) spricht 
Thucydides von Spoxe; tou Aiay.cu y£vou^, woraus Cassius Dio 
(LXVII 6) Toj Aaxtxoü ^^ou; und Vorväter der Daken gemacht 
hat: ,im Sommer des 19. Jahres (412) kamen von den mit 
Schwertern bewaffneten (ixa/aipccöpci) Thraken des duschen 
Stammes 1300 Peltasten nach Athen ; jeder erhielt täglich 
eine Drachme als Sold. Da sie zu spät anlangten, wurden 
sie zurückgeschickt; auf der Fahrt durch den Euripos über- 
rumpelten sie den boiotischen Mykalessos, plünderten und mor- 
deten und schlachteten sogar die Kinder in der Schule, wie 
denn die Thraken keinem Barbarenvolke an Blutgier nach- 
stehen; der thebanischen Reiterei gegenüber vertheidigten sie 
sich nicht übel, indem sie nach ihrem heimatlichen Brauche 
aus Reih und Glied vorgiengen und sich wiederum in Ord- 
nung sammelten.' Der Besitz von eisernen Schwertern er- 
weist metallurgische Technik, wie sie die Bessen seit Alters 
übten. Noch einmal erscheinen DU neben Odrysen und Koila- 
leten als Vertheidiger der nationalen Freiheit wider die Römer 
unter Kaiser Tiberius (Tac. Ann. IV 46 — 51) in den Jahren 
21 — 26; der Aufstand wurde lihitiir unterdrückt, die Rebellcn- 
fuhrcr Tarsas, Turcsis und Dini^i stürzten sich todesnmthig in 
ihre Schwerter. 



72 IV. Abhandlung: Tomascbek. 

DIOBESSI nennt Plinius unter den hessischen Stämmen 
am Mestus und in der Rhodope; dieses \hezeichnende Compo- 
situm, gehildet wie die hessischen Eigennamen Dio-scuthes, Dia- 
zenus (= Aiov^vr^;), Deo-spor (auch das Simplex Aic^ und Moq 
findet sich öfter bezeugt), erweist die innige Verbindung des 
hessischen Stammes mit den Diern, welche die Stelle der hero- 
doteischen Satren einnehmen. Wir fügen hier die übrigen 
Stämme an, welche zur bessischen Nation oder zum duschen 
Stamme zu gehören scheinen. Der Apoaot haben wir bereits 
gedacht. Aiaopai vermerkte Ilecataeus als eövo^ öpaxtcv (St. B.): 
sie gehörten kaum in das bisaltische 5po<; Ajawpov, sondern zu 
den Bessen, bei denen wir Aefoopo«; als Eigennamen vorfinden 
(Inschr. v. Batkun, Dumont p. 13, n^ 23). Bpwat, BRISAE, 
führt Plinius unter den bessischen Sonderstämmen an; vgl. den 
bessischen Eigennamen Dentu-brisa. Oberhalb der Sapaier 
Sassen ferner die 'AXy)to(, HALETI (Plin.); an die Diobessen 
schlössen sich ostwärts die CARBILESI an, und bis zum Hebrus 
reichten die den Coelaletae minores benachbarten CARBILETAE 
(Plin.); diese bewohnten vielleicht ein entholztes Hügelgebiet, 
da sich der Name auf die Wurzel (s)krebh : krbh ,dörren, ver- 
trocknen lassen^ zurückführen lässt. Plinius setzt femer in die 
nördliche Rhodope SIALETAE an; als unter Kaiser Augustos 
der Dionysospriester Vologaises den bessischen Aufstand an- 
zettelte (13 — 11 V. Chr.), schlössen sich den nach Makedonien 
eingefallenen Bessen auch ol SiaXetai an; Bessen und Sialeten 
wurden sodann von dem Statthalter Moesiens L. Calpurnius 
Piso unterworfen (Cass. Dio LIV 34). Nun wollen wir die Ge- 
schicke der Bessen selbst ausflihrUcher betrachten, weil gerade 
dieses thrakische Centralvolk an der Bildung des ostromanischen 
oder ,wlachischen' Volksthums in hervorragendster Weise be- 
theiligt war. 

Btjaaoi waren nach Herodot (VII 111) ein Stamm oder 
eine Volksabtheilung der Satren, welche die heiligen Handlungen 
im Dionysosorakel versah ; eine Weissagepriesterin, wie in Delphi, 
gab die bunten Sprüche. Dürfen wir die Bessen darum als 
blosse Tempcldiener fassen? Ist's nicht vielmehr wahrschein- 
licher, dass sie im Gegensatze zu dem rein-thrakischen Klriegs- 
adel der Satren Angehörige der grossen Volksmasse darstellen, 
welche sich mit den im Orbelos und in der Rhodope altansässigen 



Die alten Thraker. I. 73 

und alle Culturarbeiten verrichtenden phrygischen Stämmen 
gemischt hatte? Von diesen phrygischen oder edonischen Ueber- 
resten war auch der Dionysoscult auf die Thraken überge- 
gangen ; eben darum verrichteten gerade hessische Priester den 
Tempeldienst. Neben Btjoaoi (so nach Herodian) oder, wie auch 
betont wird (zuletzt bei Eust. zu B 532), Byjaaoi finden sich 
später die Formen Biaoot (vgl. Becxao«; 6 fla'wv Plut. Mor. p. 669) 
und Becot (in byz. Zeit) ; auf lat. Inschriften ausser dem üblichen 
Bessus auch BESUS (C. I. UI n^ 558. 6109 VI n« 26D9) und 
VESÜS (XIV n« 234, wie Vitus neben Bitus, BMü;). Im Ein- 
klang zu der oben vermutheten Deutung der SäTpai könnten 
wir, unter der Annahme, dass Byjaaot aus BeTaaoi, Betaioi, d. i. 
Hiaiot entstanden, den Namen mit ,Orts- oder Dorfbewohner, 
Clangenossen, oixeToi' oder ,Gefolgemänner, Dienstleute, Hörige' 
übersetzen, von der Wurzel veik, vei9: vi9 ,eintreten, sich 
niederlassen'; vgl. skr. ve9jis ,Nachbar, Clangenosse, Dienstmann', 
ve9ia ,Nachbarschaft, Hörigkeit', lit. we§-pats ,Gauvorstand, 
Hausherr' etc. Dabei bemerken wir aber ausdrücklich, dass 
wir nicht an jenen strengen Kastenunterschied denken, wie er 
sich bei den indischen Ariern zwischen den Käatriya und 
Vai9ya herausgebildet hat (Zimmer, Altindisches Leben S. 187, 
193. 213). Auch an und für sich, ohne Hinzutritt einer altan- 
sässigen Volksschicht, konnten sich thrakische Stämme ,Clan- 
genossen' benennen, namentUch in der Nachbarschaft fremd- 
sprachiger Völker; wir finden darum Bessen oder, wie die ent- 
sprechende Form im dakischen Dialekt lautet, Bicajoi schon in 
der Urheimat der Thraken, im Karpatenwall, wo sie Ptole- 
maeus zwischen den Quellen der Theiss und der Weichsel an- 
setzt, nachdem sie von den lazygen aus der Ebene ins Gebirge 
waren verdrängt worden. Als Volk hatte sich die Bessen jeden- 
falls Hippokrates gedacht, wenn er von einer Heilpflanze ßr^aaiaxi^ 
sprach; vgl. Galeni Lex. (XIX, p. 88): it iiio Brj^aüiv tojv ev öpaxYj. 
Ihre Bedeutung als Volk tritt in der Geschichte immer stärker 
hervor. 

Bessen waren jene 'OpßijXtoi, welche Philipp mit Anwendung 
barbarischer Mittel unterworfen hat (Polyaen. IV 2, 16), ferner 
jene öpajce; ol aux^vo|xoi, welche sich dem Alexander auf seinem 
TribaUerzuge am Eingange zur Haemuspassage innerhalb einer 
Wagenburg verschanzt entgegenstellten (Arr. An. I 1, 16). 



74 IV. Abhandlang: Tomaschek. 

Oft ist die Rede von ,Bes8en der vier Cantone', Tizpac/tüpizai o\ 
Bijaffoc oder TexoaxwfjLoi (St. B.); Strabo (VII, p. 318) schildert 
die Bsacoi, ot to xX^ov toü 5pou; v£[jLo^;Ta'. tcu Atpiou, die aber 
ausserdem (fr. 48) im Bergland am Oberlauf des Hebrus sassen, 
als das wildeste unter allen thrakischen- Völkern, als xaXußiTaC 
Tive; xai Xiwpoßtot, als Leute, die sogar von den benachbarten 
Raubstämmen den Titel ,Räuber' erhielten. Philipp, Sohn des 
Demetrius, zog (183) mitten durch die Rhodope si<; 'O^puca^, 
Be^aou; xat AevÖTQXiQTou; und erreichte Philippopolis (Polyb. XXIII 
8, 4 Liv. XXXIX 53, 12); die daselbst zurückgelassene Be- 
satzung wurde jedoch von den Thrakern verjagt. Sie beun- 
ruhigten wiederholt die makedonische Provinz; die römischen 
Truppen kämpften nicht immer mit Erfolg. Erst M. Terentius 
Varro LucuUus, der Bruder des L. Licinius Lucnllus, dem 
Makedonien durchs Loos zugefallen war (73), drang erfolgreich 
in das hessische Bergland ein, wahrscheinlich unterstützt von 
den Odrysen, deren Gebiet die Bessen besetzt hatten; er schlug 
die Bessen in einer grossen Schlacht im Haemus und veijagte 
sie aus Uscudama (Hadrianopolis) und Cabyle (Eutr. VI 10; 
vgl. Amm. Marc. XXVU 4, 11: Lucullus cum durissima gente 
Bessorum conflixit omnium primus); dann wandte er sich gegen 
die Geten und Moesen. Wir finden dann (60) den C. Octavius, 
Vater des Augustus, im Kampfe mit Bessen und Thraken 
(Suet. Oct. 3); derselbe besuchte auch das dionysische Orakel 
(id. 54). Der Statthalter L. Calpurnius Piso (57. 56) begünstigte 
die Odrysen auf jede Weise zum Nachtheil der Bessen, deren 
Häuptling RABOCENTUS von ihm ohne Verhör getödtet wurde 
(Cicero in Pis. 34, 84). Im Bürgerkriege (48) stellten die Bessen 
dem Pompeius Hilfstruppen, theils auf Befehl und Bitten, theils 
gegen Sold (Caes., B. civ. IH 4). Nach Caesar's Ermordung 
schaltete Brutus (43) mit voller Autorität in Makedonien und 
züchtigte die BTjaao^ für ihre Räubereien (Cass. Dio XLVII 25). 
Unter Augustus (28) unterwarf M. Licinius Crassus die Grenz- 
vülker Makedoniens, unterstützt von den Odrysen, denen er 
zum Lohne den Tempelbezirk des Dionysos zuwies, ai^sX6ii.t'fo^ 
Br^aaoy^ tou; XÄTe/ovTa^ ttjv x^P^j ^^ 7) **• "^^'^ ^^®^ ar^dWoDoi (Cass. 
Dio LI 25). Zur Zeit des pannonisch-delmatischen Aufstandes 
erhob sich (13) OüoXofaicTj; öpaj Bf^aao;, Upsü; toj izap* auTOt; Atoyjcou, 
wider die Odrysen, tödtete den Rhcskuporis, Sohn des Kotys IV., 



Die alten Thraker. I. 75 

und vertrieb den Regenten Rhoimetalkas ; M. LoUius brachte 
ihm zwar eine Schlappe bei, doch der Aufstand verbreitete 
sich immer weiter, und die Bessen wurden immer übermüthiger. 
Da erhielt der Statthalter von Moesien, L. Calpurnius Piso, 
von Augustus mit geheimen Mandaten betraut (Scneca ep. XII 

1, 14), das Commando und setzte sich, wie ein Dichter sagt, 
die makedonische xauaia auf (Antipater, AP. VI 335); er schlug 
die von einem Raubzug heimkehrenden Bessen aufs Haupt und 
warf die Sialeten nieder (Cass. Dio LIV 34); nach vielen 
Kämpfen wurde (11) der Aufstand bewältigt und dem Piso der 
Triumph zuerkannt. Damals feierte der Dichter Antipatros 
TrjV xaTanwj'.v twv Bsaacljv (AP. IX 428): aei^u) B* i/no aot JeSjAYifxevov 
WpeT, Beaawv etc. Florus erzählt: Thraces a L. Pisone perdomiti 
in ipsa captivitate rabiem ostendere, catenas morsibus tempta- 
bant! Bei Appian (Illyr. 16) sind die Beaaoi irrthümlich unter 
die dalmatischen Völker gerathen. 

Die Bscjffixij wurde als grosse Strategie eingerichtet, die 
wahrscheinlich mehrere Unter-Strategien ümfasste ; ringsum lagen 
die MaiBtx/|, AovÖeXrjTtxii, SspSixi^, OuaBtxt;aiXT^^, SsXXtqtixt^, KotXaXyjTix^ 
DBpüdixi^, Bsvvixii, LanuaVxTQ und ApoatxiiJ. Hauptmarkt der Bessen 
war der Ort BESSA PARA, Ousao67;apov bei Prokop, am oberen 
Hebrus, die heutige Eisenbahnstation Beäikara südlich von 
Bazardiik; von BESSA datieren Schreiben römischer Kaiser 
a. 330 (cod. lust. HI 93, 3 VIII 4, 5) und a. 340 (X 32, 21 
cod. Theod. XII 1, 30). Schon bei Ovidius erscheinen die 
Bessen als thrakisches Hauptvolk neben den Qeten (Trist. IH 
10, 5 IV 1, 67). Als römische Legionssoldaten erscheinen Bessen 
überaus häufig auf den Inschriftsteinen, sowohl mit nationalen 
wie mit römischen Namen (vgl. Mommsen, Hermes XIX 33 flf. 
und die Abhandlung von E. Keil, De Thracum auxiliis, 
Berlin 1885). Obwohl die Thraken dem Seewesen abhold waren, 
wurden Bessen stark zum Flottendienst herangezogen, wie die 
Inschriften von Ravenna und Misenum bezeugen. BESSICA 
wird in der Eintheilung der Erde in Khmate namentlich hervor- 
gehoben (Plin.); selbst das Compendium des lul. Honorius ver- 
gisst nicht auf die Bessi, ebenso wenig lul. Africanus, welcher 
Qpaneq MucioC Beccoi und AapBavoi anführt, und Isidorus (Etym. IX 

2, 89), welcher Daci Bessi Sarmatae und Gipedes als Haupt- 
völker nennt. Noch im 13. Jahrhundert hebt Niketas, Bischof 



76 IV. Abhandlaug: Tomasche k. 

von Seres, nach älterer Vorlage FsTai und Beaaot hervor (Jahrb. 
f. class. Philol. 133 Bd. S. 660). Wir sehen, wie der hessische 
Name das ganze einheimische Volkselement Thrake's nmfasst 
hat. In der nationalen Sprache hiess HadrianopoUs USCÜDAMA, 
PhilippopoUs PULPUDEVA; lordanes erkundete, dass der 
Stromname HISTER eigentlich der lingua Bessorum angehöre. 

Ausser Viehzucht, Ackerbau und Weinbau war eine 
Hauptbeschäftigung der Bossen die Ausbeute der metallischen 
Bodenschätze (Gold, Silber, Kupfer und besonders Eisen) ; über 
den thrakischen Bergbau hat Const. Jireöek (Arch. epigr. 
Mitth. X. Bd. S. 75—85) gründlich gehandelt. Die Geschick- 
lichkeit der Bossen im Graben von Stollen wurde militärisch 
verwerthet (Veget. II 11, IV 24); überaus häufig ist vom Gold 
die Rede, das die fahlen Bessen aus den Adern der Erde her- 
vorholen (Claudianus XVII 39, Pacati Drepanii Panegyricus 
Theodosio dictus a. 391 28; Paulinus Nol. a. 398); den Goten, 
welche den Haemus überschritten hatten und (376) bei Hadria- 
nopel lagerten, zeigten einheimische Grubenarbeiter, sequendamm 
auri venarum periti non pauci, die Wege durchs Gebirge (Amm. 
Marc. XXXI 6, 6), wie dies Jahrhunderte später die Wlachen 
thaten, als Pe6en6gen und Rumänen ins Land einfielen. Die 
hessischen auri leguli und metallarii banden sich indess nicht 
an ihre heimatliche Scholle, sondern wanderten unstet, wie noch 
jetzt die Zinzaren und Zigeuner in der Türkei, überallhin, wo 
sie Waschgold und metaUische Adern vermutheten; um dieses 
Vagantenthum hintanzuhalten , erUessen die Kaiser mitunter 
strenge Bestimmungen, z. B. (370) Valentinianus (cod. Theod. 
X 19, 15) ad universos per lUyricum et dioecesim Macedonicam 
provineiales, ,ut nemo quemquam THRACEM ultra in possessione 
propria putet esse celandum sed ut singulos potius regredi ad 
solum genitale compellant'. Gerne wanderte der hessische 
Vagant nach Dardania und in die erzreichen Striche von Prae- 
valis, Dalmatia und Moesia; diese Strömung des thrakischen 
Elementes nach dem Westen ist beachtcnswerth. 

Ein wichtiges Ereigniss war die Bekehrung der hessischen 
Montagnards zur Lehre Christi; während alle grösseren Orte 
der thrakisch-moesischen Diöcese christlich waren, hieng die 
Landbevölkerung noch immer an iliren heidnischen Vorstel- 
lungen. Da unterzog sich Niketas, Bischof von Remessiana^ der 



Die ftlUn Thraker. I. 77 

schweren Aufgabe ^ in die Bergthäler einzudringen und den 
Be8sen in der ihnen bereits durch die Gerichte und den Militär- 
dienst geläufig gewordenen, wenn auch zur Ungua rustica ent- 
arteten Sprache Roms die Lehre zu predigen; vgl. Hieronymus 
ep. 60 (a. 396) ad HeHodorum: BESSORUM feritas et pelli- 
torum turba populorum, qui mortuorum quondam inferiis homines 
inmolabant, stridorem suum in dulce crucis fregerunt melos. 
Belehrend flir die Culturstufe dieses Volkes ist namentlich das 
schöne Gedicht, welches der heil. PauKnus von Nola dem Bischöfe 
Niketas widmete (a. 398): die BESSI erhalten da folgende 
Epitheta: semper a hello indomiti, simul terris animisque duri 
et sua nive duriores, more ferarum viventes, latrones, rapaces, 
in antris viventes et in inviis montibus et cruentis, aurileguli. 
Die Lehre wurde von dem rohen Bergvolke mit Feuereifer 
ei^rifFen. Wir finden seither hessische Mönche in den Klöstern 
des west- und oströmischen Reiches. Eine Inschrift aus Vercellae 
(C. I. V n^ 6733) rühmt dem daselbst (ca. 460) verstorbenen 
presbyter Marcellinus nach: is rectis castum gessit sub moribus 
aevum, religione pius, BESSORUM in partibus ortus. In der 
von Theodoinis aus Petra (ca. 536) verfassten Lebensbeschreibung 
des Mönches Theodosius (f 529) heisst es: ,dieser erbaute am 
Ostufer des Jordan nahe dem todten Meere ein Kloster toö 
KouTiXi und darin vier Capellen, eine f\ir die Griechen, ^Tepav 
Ik Iv6a xottoi TTjv ctxe^ov •^Xöffaov yi^o^ Beaaü)V tü> ikI(9T(i) iol^ eo/i; 
flhro${8«7tv, die dritte flir die Armenier, die vierte fiir Besessene' 
(Acta SS. lan. I p. 692, a; Symeon Metaphr. ed. Migne vol. 
114, p. 505, e). In den Concilacten a. 536 (ed. Hard. IL 
p. 1277, Mansi VII p. 987) findet sich ein 'AvBpsou; iQYOüji.6vo^ vf^^ 
pwvTj^ Twv BiaGcov unterschrieben. Nach Jo. Moschus (§ 157, Cotelier 
Mon. U 425) und der Vita S. Sabae (§ 86, ibid. lU 367, Acta SS. 
29. Sept. VIII, p. 146) gab es ein kathoUsches Jordankloster Soußtßa 
iwv Bi99a)v. Als der Pilger Antoninus von Placentia den Sinai be- 
suchte, fand er am Fusse des Berges ein Kloster und darin 
,tres abbates, scientes linguas, hoc est Latinam (in der Zeile 
darunter steht richtiger BESSAM) et Graecam, Syriacam et 
Aegyptiacam, vel multos interpretes singularum ünguarum' (Itin. 
ed Gildemeister cap. 37). Die thrakische Sprache war damals 
längst verschollen; die Bossen sprachen bereits die limba Ru- 
mandsca; ftir ihre Pilger gab es selbst am Sinai Dolmetsche. 



78 IV. Abhandlung: Tomascbek. 

Die seit Theodosius IL schrankenlos überhandnehmende 
Sucht, sich dem beschaulichen Leben zu widmen, zog viele 
kräftige Leute, welche dem allzeit bedrohten Lande als Krieger 
hätten dienen sollen, von dieser Pflicht ab. Als die Slowenen- 
schaaren fast ganz Illyricum und das Haemusgebiet plünderten, 
erliess Kaiser Mauricius ein strenges Verbot gegen den Eintritt 
wehrpflichtiger Leute in die Klöster, was den Unmnth des 
römischen Bischofs Gregorius I. (ep. III 66, VIII 5) erregte. 
Das oströmische Reich in Europa war vorzugsweise auf die 
thrakischen Milizen angewiesen ; noch war die Kraft der Landes- 
söhnc nicht völlig geschwunden. Kaiser Marcianus, der Zeit- 
genosse des Attila, war ein Thrax von Geburt; sein Nachfolger 
Leo I. (457 — 474) führte den Beinamen 6 BYjacio; (Malala p. 368; 
vgl. lordanes de success.: Leo, Bessica ortus progenie). Der 
Kaiser Anastasi us, ein lUyrier, schickte (492) wider die re- 
bellischen Isaurcr Generäle aus fxsxi ttatiJOou^ Sy.u6(ov xai FoTOoiij? xäI 
BsjcTtx^^ y^v-p6q (Malala p. 393) und später (502) gegen die Perser 
orpaTiav FötOwv te %ol\ Beaatov %a}. Ixspwv 6pax(ü)v eOvälv. Unter dem 
Dardaner lustinian I. begegnen unter den Milizsoldaten wieder- 
holt eingeborene Thraken und Bessen, und Prokop gibt uns 
die letzten Belege für echt-bessische Eigennamen, z. B. KourCXa;, 
MapxsvTio;, (a. 539) BoupxdvTtoq Tw[jLa(u)v tk;, Bsaab(; "{hoq. Unter 
Mauricius aber führen alle Führer römische Eigennamen, z. B. 
Priscus, Castus, Martinus, Commentiolus, Salvianus, obwohl der 
Kaiser selbst ,primus ex Graecorum genere^ (Paul. Diac. III 15) 
den Thron bestiegen hatte. Das gesammte oströmische Staats- 
wesen trug durchaus noch römischen Charakter in Recht und 
Gericht, im Heerwesen und in den kirchhchen Einrichtungen; 
erst seit Heraclius tritt der griechische Charakter hervor. 
Schrieb doch unter lustinian der Grammatiker Priscianus seine 
Institutiones grammaticae, redigierte Trebonianus die berühmten 
Digesta (530 — 533), und erhielten neu angelegte Castelle römische 
Namen! Zwar hatte der Kappadoke Joannes (ca. 540) den 
Versuch gewagt, die griechische Sprache ins Amt einzuführen, 
aber ohne Erfolg, und zwar, wie der Lydier Joannes bemerkt 
(de magistr. III 68 p. 262), Jd io tou<; ttj? Eüpwwrj; oixi^,Topa(; TfJ 
Tü)v 'ItäXäv (pöeffe^iöat ^wvfj — ein schlagender Beweis wider alle 
Jene, welche meinen, die thrakischen Provinzialen hätten 
griechisch gesprochen. In der Rhodope und im Haemus erklang 



Die alteo Thraker. I. 70 

bis auf Heraclius noch überall die lingna rustica Romanisca — 
ein Musterbeispiel hiefür bieten die bekannten Worte torna, 
retoma, fratre! welche (587) ein Soldat auf der Flucht durch 
den Haemuspass seinem Cameraden zurief. Die Milizen und 
Trossknechte bestanden aus Leuten hessischer Abkunft; vgl. 
Laurentius Lydus (de magistr. I 47 p. 109 a. 545) : die Römer 
nennen Tipcova^ tou(; TaTcstvoü^, 6xo(o'j^ eTvai ouiJLßÄivEt xaO' f|(xa; tou? 
XsvoiJLSvoü^ Bi(jo\}qy 0^? 'Appiavb^ ev toi;; irepi 'AXs^avBpoü -jrpoaYjvopeuae 
TpißaXXoj;. Mit Stolz aber nannten sich diese Dessen Romani, 
so wie ihre Nachkommen von heute, die Wlachen. 

Einige Forscher legen auf die Thatsache grosses Gewicht, 
dass die byz. Annalen für die Zeit 600 — 1000 nicht ein einziges 
Zeugniss fiir das Dasein des ostromanischen Volkselementes 
auf der Haemushalbinsel enthalten. Das kann aber Niemanden 
befremden, der mit der Geschichte jener Zeit vertraut ist: 
damals war die griechische Herrschaft in Europa auf den 
ägäischen Küstenstrich beschränkt, im Inland treten nur die zu 
politischer Obmacht gelangten oder die feindlichen Völker hervor, 
also die Bulgaren, Slowenen, Serben, Ungarn und die pontischen 
Steppennomaden ; es war niemals Anlass geboten, auf die 
romanischen Hörigen des Inlandes Bezug zu nehmen. Erst 
seit der Niederwerfung des sloweno-bulgarischen Reiches durch 
Basilius II. (1019) stellt sich wiederum eine genauere Kenntniss 
ein, und sofort beginnen auch die Zeugnisse über das sporadische 
Vorhandensein des zu politischer und ökonomischer Ohnmacht 
verurtheilten ostromanischen oder ,wlachischen^ Volkselementes 
im Pindus, in Makedonien, in der Rhodope, im Haemus, und 
in der serbischen Rasa. Aber weit mehr Gewicht als zufällig 
überlieferte Chrysobullien und Schriftwerke besitzen die wla- 
ehischen Dialekte, welche die innige Durchdringung der ro- 
manischen lingua rustica mit dem slowenischen Sprachschatz 
erweisen und aus deren romanischem Grundstock wir die socialen 
und ökonomischen Zustände der vergangenen Culturepoche er- 
kennen. Sogar Ausdrücke für das kirchliche Leben aus der 
Zeit des Theodosius IL sind darin enthalten. Ausdrücke für 
Steuerabgaben, für Hantierungen aller Art und für ökonomische 
Zustände, wie sie nur südlich von der Donau, niemals aber in 
der trajanischen Dacia, möglich waren, so dass, wer die wla- 
chische Frage von Grund aus lösen 'will, gerade den roma- 



80 r7. Abhandlang: Tomaschek. 

nischen Grundstock der Dialekte zum Angelpunkt der Unter- 
suchung machen muss. Im Centrum der Halbinsel war die 
Heim- und Bildungsstätte der wlachischen Nation; sie hat sich 
von hier aus in strahlenförmigen Zügen nach drei Haupt- 
richtungen verbreitet. 

Der byzantinische Stratege niatiker Joannes aus der Familie 
Kekaumönos, welcher um die Mitte des 11. Jahrhunderts seine 
Erlebnisse und Erinnerungen aufzeichnete, handelt an mehreren 
Stellen seines mit Anekdoten und soldatischen Kunstgriffen aus- 
gefüllten Buches von den Pinduswlachen. Er schildert sie, 
ähnlich wie der Reisende Benjamin von Tudela (f 1173), als 
räuberische Wanderhirten, als verschlagene und treulose Leute, 
denen der Grieche niemals trauen solle. Dann gibt er seine 
Ansicht über den Ursprung dieses Volkes kund (ed. Weselowski, 
St. Petersb. 1881, S. 106 fg.). Er erinnert an die Kriege 
Trajan's gegen Dekebalos, von denen er offenbar aus Xiphilinos 
Kunde erhielt, und fügt hinzu, dass die Aaxat ihre Sitze in den 
unzugänglichen Bergstrichen an der Donau und Sawe hatten, 
wo zu seiner Zeit die Serben sässen; von dort sollen sie sich 
allmälig über Makedonien, Epeiros und Hellas ergossen haben. 
Man sieht, der Stratege hat keine rechte Vorstellung von der 
Lage der trajanischen Dacia, gerade so wie schon lange zuvor 
der Chronist Malala, dem zufolge Trajan die Provinz AaxCav x^v 
wapaxoTafAiav (Daciam ripensem) geschaffen haben soll. Völlig 
richtig ist aber seine Bemerkung, so seien denn die Wlachen 
von Abstammung die ehemahgen Aaxai xat Bäaoi, also die Ro- 
manen der Dacia Aureliana und des Haemus- und Rhodope- 
gebietes. Die Bessen waren zu seiner Zeit bereits verschollen; 
der Stratege muss also aus einer älteren, vertrauenswürdigen 
Schrift, worin die Provinzialen der aurelianischen Dacia, sowie 
das alte Central volk der Bessen als Vorväter der Wlachen 

■ 

bezeichnet waren, seine überaus wichtige und richtige Kunde 
geschöpft haben. Doch, kehren wir in das Alterthum zurück! 
An der Ostseite der hessischen Stämme, an den Wasser- 
läufen des Hebrus, Tonzus und Erginias, wohnten die *05p6<y«:. 
Diese hatten offenbar viel später als die Rhodopestämme ihre 
nordische Heimat verlassen und waren über die leicht gangbaren 
östHchen Hacmuspassagen zunächst in das von moesischen Ar- 
takiern besetzte Thal des 'ApTr;(jx6(; oder, wie der Fluss odrysisch 



Die ftlUn Tbnker. I. 81 

hiessy des T6vCo^ (j. Tundia, T§ia) eingedrungen; .nach Herodot 
(IV 92) fliesst der Arteskos Jti 'OBpoaiwv. An der günstig 
gelegenen Stelle, wo sich dieser Fluss mit dem Hebrus vereinigt, 
gründeten sie eine Veste, deren hessischer Name Uscudama 
lautete und die 2sur Zeit der makedonischen Oberherrschaft eine 
Colonie von Oresten und Magneten erhielt; daher ihr Name 
*OpeoT(a oder 'Opsonin, mit der Vorstadt F^wot (St. B.), das 
spätere Hadrianopolis. Das war die eigentliche 'OJpucr(a oder 
"Odpuaoc • xöAu; 'OBpüawv (St. B.). Als Nebenform für 'OJpuaat 
finden wir 'O8p6atot und *OJpüaiTat, und es gibt Münzen 'OJpilJtTwv. 
Die mygdonische Aue südlich von Daskyleion war durchflössen 
von dem Flusse '05p6aoT)^, der von Osten her in den Rhyndakos 
einmündete (Strabo XII, p. 550); leider steht die Lesart nicht 
fest, indem daflb* auch 6 *POjj.o^ überliefert steht — der nahe 
liegende Schluss, dass Odrysen einst über den Hellespont gesetzt, 
wie die Treren und Bithynen, muss daher fUr unsicher gelten. 
Im Slawischen begegnet der Flussname Odra, unsicheren Ety- 
mons; auch *'03puaa lässt sich schwer deuten: im Inlande von 
Dacia ripensis erwähnt Prokop ein Castell 'OJp(oü!^o. Weiters 
haben sich die Odrysen den Hebrus aufwärts, wo Philipp 
4>tXtincouicoXi< gründete, wie entlang dem Erginias ausgebreitet, 
bis nahe an Byzantion; in der Gründungssage dieser Stadt er- 
scheint 'OJp6oTQ(; als König der Skythen (Hesych. Miles.); auch 
wird '08p6oTQ^ von Arrian als Vater des Thynos und Bithynos 
hingestellt, nicht nur wegen der geographischen Nähe, sondern 
auch weil die thynischen Stämme von den Odrysen unterjocht 
wurden. Im Becken des Erginias war offenbar DRUZI-PARA 
oder Drizipara ein alter Vorort der Odrysen; ferner müssen 
wir die "Aorai, deren Königsburg BtCut; hiess, fllr einen odrysischen 
Hauptstamm halten. In der Tab. Peut. fijiden wir am Hebrus 
Brusdorciani verzeichnet, d. i. (O)DRUS(AE) DORCIANI (vgl. 
den See Aepxo^, oder nach einem Orte A6pxiov, wie es noch jetzt 
ein Dorkowo selo an der C^pina gibt?); oder ist BORCIANI 
zu lesen (vgl. die Göttin Bopxtjtöia bei Kanitz, Donaubulgarien 
ni, n^ 36)? — Erst seit den Perserzügen tritt der Odrysen -Stamm 
deutlicher hervor: bisher waren die thrakischen Stämme unge- 
eint gewesen; durch den Skythenzug des Darius wurden sie 
aufgerüttelt, und im Hebrusbecken, das eine natürhche Einheit 
darstellt, erhielten die Odrysen die Obmacht über alle Stämme; 

Sitxongsber. d. phU-Mst. Cl. CXXVm. Bd. 4. Abh. 6 



82 IV. Abhandlung: Tomischek. 

ihr FUrst heisst fortan 0piQ<xü)v ßaiiXe6^ (Hdt. VIII 137), innige 
FamiKenbande verknüpften ihn mit dem skythischen Herrscher- 
hause (IV 80). 

Das Gefüge dieses Staatswesens lernen wir ans dem Be- 
richt des Thucydides (11 29, 97) kennen: ,Die Herrschaft der 
Odrysen hat zuerst Ti^ptj? über einen grösseren Theil des übrigen 
Thrakiens ausgedehnt. Sein Sohn ItTaXxiQ^ (431 — 424) ver- 
grösserte die Macht nach allen Seiten. (Er unternahm Züge gegen 
die Paionen und Triballer, sowie jene grosse Ebcpedition gegen 
Perdikkas von Makedonien, die wir bereits mehrfach berührt 
haben.) Sein Sohn S66ÖY3; beherrschte ein Gebiet, das sich von Ab- 
dera bis zur Istrosmündung, von Byzantion bis zu den Quellen 
des Strymon erstreckte. Die Einnahmen in Gold und Silber 
betrugen gegen 400 attische Silbertalente; ausserdem giengen 
viele freiwillige Gaben ein, Gold und Silber, gestickte und 
einfache Zeuge, Hausgeräthe aller Art. Diese Gaben waren nicht 
blos fUr den König bestimmt, auch die Edelinge wurden damit 
bedacht. Denn am Hofe der Odrysen lässt sich nur mit Gte- 
schenken etwas erreichen; hier gilt der Grundsatz: Nehmen ist 
seliger als Geben, und wer mehr gibt, erhält mehr. So war 
denn damals das Odrysenreich das grösste an baren EinktLnften 
und an sonstigem Wohlstand; auch die Wehrkraft war be- 
deutend : Sitalkes brachte ein Heer von 150.000 Mann auf, davon 
ein Drittel Reiter; nur die Skythen standen in dieser Hinsicht 
über.* Nach Seuthes Tode verfiel das Reich in mehrere Theil- 
gebiete; wir finden drei, vier, einmal sogar fünf Herrschaften 
neben einander. Wir haben nicht vor, die verwickelten Ver- 
hältnisse dieser Fürstenthümer und die Beziehungen derselben 
zu den Griechen und Makedonen, deren König Philipp endlich 
Alles unter sich brachte, genau darzulegen; die Werke über 
die demosthenische Zeit geben darüber Auskunft, und die 
Reihenfolge der odrysischen Fürsten hat Ad. Hock (Hermes 
1891, Bd. 26, S. 76—117) genau festgestellt. Xenophon wirft 
interessante Streiflichter auf das raubsüchtige Gebahren der 
odrysischen Fürsten; so wenig waren diese noch vom Griechen- 
thum beeinflusst, dass beispielsweise Seuthes in seinem Verkehr 
mit Xenophon stets eines Dolmetschen sich bediente. Wenn 
die griechischen Schriftsteller von Thraken im Allgemeinen 
reden, haben sie meist die Odrysen, das nächste und best be- 



Die alten Thnker. I. 83 

kannte Volk^ vor Augen. Auf Alles^ was fUr dieses Voiksthnm 
charakteristisch ist; werden wir in dem Artikel ^Thraken' zurück- 
kommen. 

Nach Alexander's Tode gerieth die makedonische Herr- 
schaft über Thrake ins Schwanken; es bildete sich ein neues 
odrysisches Reich heraus. Schon unter Lysimachus sehen wir 
den VasallenfUrsten Seuthes eine zweideutige Rolle spielen, 
indem er es versuchte (314/13), den gegen die Geten kämpfenden 
Makedonen die Haemuspassage zu sperren. Wider die Odrysen 
zog noch Philipp, des Demetrius Sohn, zu Felde, ohne dauernde 
Erfolge zu erzielen. Zu den Römern stellte sich das odrysische 
Reich auf den besten Fuss: galt es doch für beide Seiten, die 
rohen Bergstämme in Zaum zu halten; wiederholt suchten die 
Odrysen ihren Todfeinden, den Bossen, den Vereinigungspunkt 
der gesammten thrakischen Völkerwelt, das dionysische Orakel, 
zu entreissen, und dies gelang ihnen auch mit Hilfe der Römer, 
welche hinwieder in dem odrysischen Fürstenhause eine kräftige 
Stütze für die Sicherung der makedonischen und mysischen 
Provinz erhielten. Bei einigen OdrysenfÜrsten gewahren wir 
den EinfiuBS hellenischer Bildung; tief ins Hebrusgebiet drang 
die griechische Sprache und Götterwelt ein. Doch reichte der 
Eanfluss der von Rom bevormundeten Dynasten nicht immer 
aus, um die Freiheits- und Raubgelüste der Bergstämme zu 
dämpfen. Von der Zeit an, als die mächtig gewordenen Daken 
ständig Einfälle über die Donau machten, fieng es unter diesen 
zu gähren an; und ab gar der Zwang zum Legionendienst 
hinzutrat, und als die Landessöhne in alle Welt verschleppt 
wurden, brach der Aufstand im Bergland los und wurde erst 
unter Strömen von Blut unterdrückt. Thracia wurde endlich 
römische Provinz (46 n. Chr.), und die Odrysen als herrschendes 
Volk verschwinden von der Bildfläche. — Wir führen nun jene 
Stämme an, welche nicht nur räumlich, sondern auch verwandt- 
schaftlich den Odrysen nahe standen. 

Binoi oder Bivoe, (Plin.) BENI, finden wir in der Nach- 
barschaft der Korpilen und Odrysen am Unterlauf des Hebrus 
an beiden Ufern und im Flachgebiet des untern Erginias sess- 
haft; wenn sie etwa bis zur Meeresküste reichten, wo einst 
Apsinthier sassen, so konnte 6 ßewixb; x6Xwo; (St. B.) den Melas- 

busen bezeichnet haben; es gab jedoch, wie man meint, eine 

6» 



84 r7. AbhandloDf : Tomas ob« 1c. 

von Thraken, die auch in Erythrai erscheinen, besiedelte, füXij 
'E^eadov, Namens B6^a oder BsTva, (Ew. Beevatot); vielleicht liegt 
ein Thema ves-no, f. ves-na, zugi'unde, von ves- ^wesen, weilen, 
wohnen'; an das gallische Wort benna ,Wagensitz^, woher con- 
bennones, ist nicht zn denken. Ptolemaeos kennt eine thrakische 
oTpoTTjY^a BevvtxT^. Herodian nannte Biwa oder B^« • xoXi^ OpoxvK 
und deren Einwohner Bewiatot; vermuthlich war es derselbe Ort, 
der seit Hadrian Plotinopolis hiess, das byzantinische AiSupioTiTxoc. 
— In ihrem Gebiet, nahe dem Hebrus, erscheint eine x«cotx(a 
ep<iyiT^<;, Namens Ti|/r;XtTat (St. B.), HYPSALTAE (Plin.), ge- 
bildet wie Bisaltae; wahrscheinlich zu sondern von Ku^^sXo, Bpatra 
7c6Xi<; (Polyaen. IV 16), dem heutigen Ipsala. 

Katvoi • IOvo<; epaxtov (Apollodorus ap. St. B.), CAENICI 
(Plin.), Sassen südöstlich von den Odrysen, an den südlichen 
Zuflüssen des Erginias bis zur Propontis. Unter den thrakischen 
Stämmen, welche den Manlius (188) zwischen Kypsela und dem 
Hebrus überfielen, nennt Livius (XXXVIII 40, 8) auch die 
CAENI. Einen echt-thrakischen Namen führt An^^uXi? 6 Rocvdv 
ßaaiX66<; (Strabo XIII, p. 624, 6 tÖv epoxwv ßaaiX66<; Diod. XXXIII, 
fr. 17 App. Mithr. 6; Diogyris Val. Max. IX 2 ext. 4), ein 
Zeitgenosse des Attalus 11. (159 — 139) und bekannt ob seiner 
Grausamkeit; er überfiel die Griechenstädte an der Propontis 
und zerstörte Lysimacheia durch Brand; von diesen iiK8po|Aal 
handelt eine Inschrift aus Sestos (Wiener Studien I 32 ff., 
Dittenberger's Sylloge n® 246), wobei der Thaten des Strategen 
im Chersonnes Straton gedacht wird. Attalus Asiae rex subegit 
CAENOS (Trog. Pomp. prol. XXXVI). Die Römer machten 
die KatvwT^, regio CAENICA, zu einer arpoTYjY^a vf^q BponiQ^; 
Ptolemaeus verzeichnet sie östlich von der Bevvtxif bis gegen 
Perinthos. In ihrem Gebiete lag die colonia *A7cpo>^. Ihr Name 
könnte die ,Jungen, Frischen' (gr. xatvo{ vgl. skr. kanyä ,virgo') 
oder auch die ,am Anfang, an der Küste sesshafben' (vgl. slaw. 
konü , Anfang'), von Wurzel ken- ,anfangen, frisch sein', be- 
deuten; sie fUr tylenische Galater zu halten (vgl. Katvb^ icoroqjiö^ 
Fluss in Gallia Narbonensis) wäre verfehlt. 

'AiTa{, ASTAE oder ASTII, was vielleicht ,die Ansässigen' 
bedeutet, gehörten zu den odrysischen Stämmen; ihr Vorort 
war Bit^üY) • ib twv 'Aotwv ßaciXetov, arx regum Thraciae, das heutige 
Wizöh. Der Istrand2a-dagh, welcher den Byzantinern das Bau- 



Die alten Tbnker. I. 85 

holz für die Flotte lieferte, benannt nach der im Quellgebiet 
des Erginias gelegenen Ortschaft Sep^evr^tov (= 'EpYt<Jxr< des 
Alterthums) , hiess zur Römerzeit MONS ASTICUS (TP.). 
'AoTixi^ wird neben der Thynias als x^^ Bul^avTiwv erwähnt 
(St. B.). Die römische Strategie ASTICA war wahrscheinlich 
eingetheilt in eine ,obere', welche den Bergzug umfasste, und 
eine ,untere^, 'Aotixtj t^ zepl DepivOov; letztere findet sich auf zwei 
Inschriften erwähnt. Neben den ASTII, welche Livius beim Zug 
des Manlius vermerkt, gab es PEHASTII (TP.): es sind die 
Uidaxai • lOvo? 'Kpb^ tw U6^w (St. B.), östlich vom Bergzug; denn 
auch die Thynias wird zur 'AaitxY) BpoxiQ gerechnet (Scymn. 759); 
die thrakische Vorsilbe pi- vertritt die Praeposition £ic{, skr. dpi, 
neupers. pi-, fi- ,zu, bei, an' (vgl. die Glosse ici-tut)). Zum 
letztenmale erscheint der Name Astica, al likai t^^ 'Aotixt)^, bei 
Theophylactus Simocatta a. 584 flf. 

SofJLatot, obwohl nicht ausdrücklich als Volk bezeugt, waren 
die Insassen der von Ptolemaeus ans mittlere Tundra-Gebiet, 
wo RaßuXt] Vorort war, angesetzten orpocTTjYia "fl SaptaiVti^. Als 
von den Sapaiem der Rhodope gehandelt wurde, fanden wir 
eine Inschrift mit av3s SäxaVxtjv lp(ßü)Xov, mit der Variante 
£ä|Aacx-)^v. Die Samaier Hessen sich gut deuten als ,die Ge- 
zähmten, Ruhigen, Friedfertigen'; vgl. skr. 9äma ,gezähmt', von 
Wurzel Kem : kam (gr. xajxvw) ,sich mühen , müde werden, 
ausruhen'; allein wer bürgt daftlr, ob das Wort im Thra- 
kischen nicht etwa mit ö angelautet hat? Von den alten 
Skyrmiaden, Nipsaiem, Siren etc. ist in späterer Zeit nicht 
mehr die Rede. 

KotXaXriXai, ein den Odrysen nahe stehendes Volk, nicht 
zu verwechseln mit den K^paXXoi im getischen Haemus, waren 
zur Römerzeit in zwei Abtheilungen geschieden: COELALETAE 
MAIORES Haemo subditi, MINORES Rhodopae (Plin.). Es 
gab also zwei Strategien dieses Namens: Ptolemaeus fUhrt nur 
die eine, im Arda-Thal der Rhodope, zwischen den Bessen, 
Bennen und Odrysen gelegene KotX(aX)rjTtxT^ an; die Tab. Peut. 
dagegen setzt an den Südabhang des Haemus, neben die moe- 
sische Artacia am Fluss Tonzus, PETE • CoLoLETICA d. i. 
das Gebiet der ,grossen' Coelaletae. Das Element pete wird 
nicht auf die Uavzoi der Hebrusmünde bezogen werden dürfen; 
auch die dem Haemus benachbarten Qetae werden kaum darin 



86 rV. AblumdloDf : Tomatchelc. 

Stecken; ich glaube, es ist das thrakische Wort für den Begriff 
ygross, ausgedehnt' lat. patulus, von Wurzel peta- ^ausbreiten' 
(icetovvüfjit). Zur Zeit des Tiberius (26) empörten sich wider 
den Römerfreund Rhoemetalcas^ welcher die Landessöhne zum 
Dienst in den römischen Legionen zwang, ausser den Dii und 
Odrysae namentUch die COELALETAE (Tac. Ann. IV 46); 
der Fürst selbst kam dabei in Lebensgefahr; vgl. die Inschrift 
bei Dumont p. 31 n® 62, e: urcep t^; 'PotjxiQTaXxoü xai nuOoBcdptSo^ 
ex Tou %axk tov RoiXaXrjTtxbv xoXefjLov xiv^uvou ocoTTipCa^. Allgemach 
fanden sich die gebändigten Koilaleten in ihr Schicksal; ja sie 
zeichneten sich im Kriegsdienst aus. So verlieh Kaiser Domi- 
tianus (86) ein MUitärdiplom (C. L III n« XIV p. 857) 
SEUTHAE TRAIBITHI CoLoLETICO equiti coh. H. Thracum. 
Der Singular lautete COELALA, COLOLA, gebildet wie 
DANSALA; zum Thema Coela, Cola vergleicht sich der Ort 
im Chersonnes Coela, Cuila, Cuela, Culla (so die Varianten auf 
röm. Münzen); man denkt hiebei zunächst an xotXo^ (xcfiXoq) 
,hohP; möglich wäre auch eine Herleitung von Wurzel qel: qol 
,drehen, bewegen; sich bewegen, bewohnen, weidend 

SeXXriTsq, die Insassen der weiter westwärts sich an- 
schliessenden crpaiTQYta ^eXXtqtixtq im mittleren Haemus, deren 
Vorort KaprojSatjxov (Ptol.) gewesen zu sein scheint, werden 
wahrscheinlich schon unter Augustus erwähnt, als M. Licinius 
Crassus gegen die Grenzvölker Makedonien's zu kämpfen hatte 
(28 V. Chr.); nachdem er die Bastarnen verjagt hatte, beschloss 
er die moesischen Stämme im westlichen Haemus zu unter* 
werfen; er fiel zuerst in Sey^tixt^ ein, hierauf in die Mjai? (Cass. 
Dio LI 23); Th. Mommsen denkt hiebei an die 2€p2txi{, 
Mtülenhoff verbessert SeXercxi^. Bei barbarischen Wörtern stand 
die Schreibung nicht immer fest. Auch die ^XXiQTtx')^ war in 
zwei Theile geschieden: ii ipsivi^, welche den Bergzug und das 
Einfallsthor in die Moesia, wo die Station Monte Emno lag, und 
in später Zeit die Tpatavou Tp(ßo^ vermerkt ¥rird (an der Quelle 
der Gjopsa), umfasste, und r« iceStaoia im Flachland (an den 
Bächen Sspfjiio^ und ^Ap^oq?) ; in einer Inschrift von Swrlyg 
(Arch. epigr. Mitth. 1886 X p. 240 n^ 4) erscheint ein Stratege 
StiXt^tcxy;; opetvfjc;. Ob die Selleten thrakischer oder moesischer 
Abkunft waren (vgl. SeXXi^e^ TZixa\i.6(; bei Arisbe in der Troas)^ 
lässt sich nicht ermitteln. 




Die alten Thraker. I. 87 

Wir reihen mehrere Stämme an, denen das Element -gero- 
(ytjpo, gerro) anhaftet; dieses hängt wohl mit der Wurzel ger- 
,sich einander nähern, sich schaaren, hewohnen' zusammen; 
vgl. drxeipta, «T^P«, skr. grftma ,Schaar, Dorf*, gael. ger ,nahe* 
etc. — Zwischen Bergule und Hadrianopolis verzeichnet die 
Tab. Peut. BETTE-GERRI. Weiters erwähnt am mittleren 
Hebras neben den Odrysen DRU-GERI, d. i. ,Bewohner der 
Gehölze', wie die slawischen Drewljani, von dru, 8pü^, ,Holz^ 
Nördlicher von den hessischen Carbiletae sassen nach Plinius 
PYRO-GERI, etwa im Gebiet von PhilippopoHs oder Trimon- 
tium; die Tab. Peut. setzt die Pyrogen an das Nordufer des 
Hebrus, zwischen den Bächen "Ap^o(; und Sepjjwo;, also in das 
vortrefflich angebaute, getreidereiche Gebiet von Cirpan. Schon 
Theophrast (de causis plant. IV 11, 5) erwähnt den thrakischen 
Weizen oder Spelt, SpAaioq ic^po^-^ gewiss hat es in der thra- 
kischen Sprache ein dem gr. iz'iipoq^ slaw. pyro, lit. pura ent- 
sprechendes Wort gegeben, so dass wir die Pyro-geri als ,Be- 
wohner der Getreidefelder* fassen dürfen. Ein nördlich von 
PhilippopoHs gelegener vicus (C. I. VI n« 2799 a. 227) hiess 
Cuntie-gerum; eine mutatio am oberen Hebrus m. p. IX Bessa- 
pars, Xn Philippopoli hiess Tugu-gerum (IH.); bei Germane, 
dem Geburtsort des Belisar, lag ein Castell 'PoXki^epoii; ebendort, 
an der Ostseite des oberen Strymon, zwischen den Bossen und 
Dantheleten, hauste nach Plinius das Volk der DI-GERRI, also 
nordwärts vom Ryla; von den £iiyripoi • Idvo^ Opoxäv hatte bereits 
Polybius im 13. Buch berichtet (St. B.). Nördlicher, zwischen 
Dardanem, Triballern und Moesen sassen nach Plinius CEILE- 
GERI, vielleicht ,Höhlen- oder Hüttenbewohner' (vgl. lat. cella, 
und thrak. Siro-cellae, im Gebiete der Siren), von Wurzel qel: 
qol ,bergen, sich bergen, hausen'. 

Endlich müssen wir der TptßaXXoC gedenken, deren ältere 
Sitze Herodot (IV 49) angibt: weJCov to Tptß«XXtx6v, an der Ver^ 
dnigung der Flüsse ^Arffpo^ und ßp6f)fo<;, d. i. der serbischen 
Morawa (sammt Ibar und Sitnica) mit der Binöa-Morawa, also 
die Ebene von Niä und das Feld Dobriö; nicht das Kosowo- 
polje^ wo illyrische Dardaner sassen. Nordwärts, entlang der 
Morawa, reichten sie wohl bis zum Istros; ostwärts schlössen 
sich die Tilataier und Treren an (Thuc. II 96). Während 
diese dem Sitalkas unterthan waren, waren die Triballer unab- 



B8 nr. Abhandlnng: Tomas chek. 

liäDgig; sie hatten die Angriffe der Odrysen glücklich zurück- 
gewiesen (IV 101); der Teiievhtj^ X690<; cv tyj Opoxt) bildete die 
Grenzmarke %phi; xij TpcßaXXcov (St. B.). Dieses Volk, das vor- 
einst an • der Auflösung der moesischen Nation am stärksten 
betheiligt war, stand lange mächtig und wehrhaft da. Heraclides 
Ponticus berichtet: die Triballer ziehen in vier Schlachtreihen 
ins Feld; im ersten Treffen stellen sie die Schwächeren auf, 
dann folgen die Stärksten und Tapfersten, hinter diesen bildet 
die Reiterei die dritte Reihe, zu allerletzt lagern beim Tross 
die Weiber, welche (wie bei Kelten und Germanen) die Männer, 
falls diese den Rücken wenden, mit Zurufen zu erneuter Gegen- 
wehr anstacheln. Ihre Sitten waren roh; die Redner, zumal 
Isocrates (Panegyr. 89), schildern die Triballer als wahre Wilde, 
cu^ ^cavTe^ ^ajiv diuoXXuvai ou pLovov xou^ b^tapoM^ xat xwq xXi^vCov 
oixouvra^, aXXa x.ai tou;; oXXou;; 3a(«>v Sy e^ix^oOot Buvcdvrai. Aristophanes 
(Av. 1565 — 1693) lässt einen ungeschlachten TptßaXXo^ auftreten, 
in der Maske eines Barbarengottes und als Prototyp eines thra- 
kischen Sclaven oder Häschers, welcher das Griechische in 
seiner Weise verhunzte; er sagt z. B. vaßaCaa Tp£u ftir devaßi^ott) 
u{jia^ 'TpeT;;, oder aau vixa ßocxxapt xpo6aa für aol voexo^ ßaxTv^pCci» 
xpouact), und xaXavt xipauva xal [LV^iXa ßactXtvau für xoXi^v x^piQV xai 
|jL6YiXiQv ßa(jiX6(av — man glaubt einen Skythen oder Perser zu 
hören. Aber den illyrischen Stämmen war dieses Barbarenvolk 
weder gewachsen noch ebenbürtig, ebei^o wenig den Galatem. 
Zuerst waren es die Autariaten, welche über ihre nächsten 
Stammesgenossen, Eneter und Dardaner, sodann über die Tri- 
baller, die sich von den Agrianen bis zum Istros fünfzehn 
Tagereisen weit erstreckten, die Oberherrschaft errangen 
(Strabo VII p. 318); dieses Drängen der Illyrier steht mit der 
Ausbreitung der Galater in den Ostalpen und an der Adria im 
Zusammenhang (400 — 300). Schon im Jahre 376 erschien eine 
flüchtige Raubschaar von mehr als 30.000 Triballen mit Weib 
und Kind im Gebiet des Nestos und drang bis Abdera vor 
(Diod. XV 36, Aen. Poliorc. 15); die Abderiten standen damals 
im Kampfe mit den Bürgern von Maroneia, welche sich der 
Beihilfe der Triballer bedienten; vgl. schol. Aristid. III p. 275: 
'AßSrjp(tat(; eßuK^^jGS Xa^piaq €v 6paxY} xoXE(jiou[jt.ivo(^ uro Mapii»v€iTd>v 
xat TptßaXXwv, wv l^pye. XaXr<?; Chabrias brachte einen günstigen 
Vertrag zustande. Aber auch am Haemus und Istros ver- 



Die alten Thraker. I. 89 

breiteten sich die gedrängten Triballer immer weiter; wir hören 
sogar von Kämpfen zwischen dem Skythenkönig 'Axeac; und 
Schaaren von Triballem (Frontin. 11 4, 20 Polyaen. VII 44, 1). 
Als Philipp von seiner Expedition gegen Ateas zurückkehrte 
(339) y verlegten ihm die Triballer die Haemuspassage und 
forderten die skythische Beute fUr sich; im Gefecht wurde 
Philipp schwer verwundet, und die Beute gieng an die Barbaren 
verloren (lust. IX 3). Da die Raubzüge der Triballer nicht 
aufhörten, zog Alexander (334) zur Haemuspassage und schlug 
die verbündeten Thraken; er verfolgte die Triballer, deren 
König £6p|jL0<; war, bis zur Einmündung des Baches Au-ftvo^ 
(Cema-woda) in den Istros; Syrmos fand Schutz auf der Donau- 
insel Peuke; nachdem jedoch Alexander die mit den Triballem 
verbtkndeten Qeten jenseits des Stromes heimgesucht hatte, 
huldigte ihm Syrmos (Arr. An. I 3. 4, Aen. 15); es hiess 
damals in Athen, Alexander sei im Kampfe mit den Triballem 
gefallen. Als Alexander nach Asien zog, standen in seinem 
Heere Dlyrier, Odrysen und Triballer, 5000 Mann (Diod. 
XVII 17). Nach seinem Tode erhielten Krateros und Antipater 
Makedonien, dazu 'A^ptovo^ %ai TpißaXXoo^ (Arr. ap. Phot. bibl.). 
Die Macht der Autariaten wurde von den Galatem ge- 
brochen. Schon um das Jahr 300 kämpfte Kassander im 
Haemus gegen die Galater (Seneca, Nat. quaest. III 11); er 
siedelte zugleich 20.000 flüchtige Autariatenfamilien als Grenz- 
wacht im Orbelos an (Diod. XX 19). Immer häufiger wurden 
die Einfalle nach Makedonien; die Dardaner, welche damals 
eine starke Macht bildeten, zählten leider ebenfalls zu den 
Feinden. Eäne grosse Galaterschaar unter Kerethrios wandte 
sieh (280) iwl Opoxo? xit tö eövo^ twv TpißaXXoiv (Paus. X 
19, 4) und zog, fugatis Getarum Triballorumque copiis (lust. 
XXV 1, 2) zum Nestos und Strymon, wo sie Antigonus Gonatas 
(277) fast aufrieb; er nahm 9000 Galater unter Bid^rios in 
Sold (Polyaen. IV 17). Galater wurden im Bermios angesiedelt; 
es waren VETTH, gens GalUca beUicosa (Liv. XLV 30, 5). 
An der Morawa hatten sich neue galatische Schaaren unter 
BoOccvato^ festgesetzt; diese treten später unter dem Namen 
(illyr. maked.) SxopJCaxat, (thrak.) 2xop8ujxoi auf; der Weg, den 
sie auf ihren Raubzügen nach Süden nahmen, führte entlang 
der Morawa (slaw. put Morawskyj) und hiess noch lange 



90 TV. Abhandlung: Ton a 8 che 1c. 

BaOavoersia 686<; (Athen. VI p. 234, b). Sie bedrängten aufs 
äusserste die hier ansässigen Tri baller ; schaarenweise verliesaen 
diese ihr Land und flüchteten ins Donaagebiet, wo sie schon 
lange heimisch waren; vgl. App. Illyr. 3: SxopJCoxot xaJ TptßaXXot 
£? ToaoüTov aXXi^Xou; xoXepio) Bt^fOeipov, ü^ Tp(ßsXXa>v el Tt incoXoncov 
ijv iq Vexa^ uwep ''lorpov ^irfetv xal y^^o? touto oxfAseerav \ki/jpi 4>(X(irxou 
TS xal ^AXeJavBpoü vöv Iprjfxov xal ovtovufjiov toi? lij^e eTv«. So wurden 
auch die Skordisker geschwächt; doch waren sie noch im Stande, 
geeint mit den Resten der Triballer, die römische Provin« 
Macedonia ständig zu beunruhigen (135 — 84), obwohl sie oft 
tüchtig geschlagen wurden, z. B. im Jahre 110: a M. Minncio 
Rufo in Macedonia Scordisci et Triballi victi sunt (Eutr. IV 27). 
Als unter Augustus Moesia als Provinz eingerichtet wurde, gab 
es hier noch Reste der Triballer, an der Seite der Dardaner 
und Moesen (PUnius; Cass. Dio LI 23. 27); bei Ptolemaeos 
finden wir sie beschränkt auf den Strich zwischen den Flüssen 
Kiabros und Utos, und als ihr Vorort erscheint OToxo? TptßatXXt&v. 
Unter Tiberius wird in der Moesia noch eine TREBALLIA 
unterschieden. Der Kaiser Maximinus (236 — 237), ein Thra- 
ciscus, war früher Hauptmann einer ala Triballorum ; Diocletianns 
datierte ein Schreiben (294, cod. lust. VHI 48, 5) TRIBALLIS. 
Das sind die letzten Spuren ihres Namens; die Byzantiner, die 
sich gerne verschollener Namen anstatt der gleichzeitigen be- 
dienten, durften schon wegen der theilweisen Uebereinstimmang 
der Wohnsitze wie des Namens die slawischen Srbljane oder 
ZepßXoi Triballer benennen. In diesem unstreitig thrakischen 
Volk wollte V. Hahn vielmehr Illyrier erkennen; tri-bÜl^ konnte 
nämlich im Elyrischen ,dreigipfelig' oder ein Volk bedeuten, 
dessen Front nach drei Seiten gekehrt war. Doch sind auch 
andere Deutungen möglich; z. B. aus tri-bala ,8ehr mächtig, 
überschwenglich', von Wurzel bhel: bhal (vgl. fiXXo? gaeh baH 
,penis, membrum*). Wir wollen noch Einiges über die gala- 
tischen Intrusionen anfügen. 

An der Donau, an der Morawa und NiSawa finden wir 
Spuren der keltischen Namengebung: erinnern wir uns an Orte 
wie Singi-dunum, Taliata, Gerulata; an den Namen Navissus 
flir die Niäawa; ferner an die civitas Remesiana und die mansio 
Meldia, welche in das Gebiet der Serder führten. Denn 
Remesiana, das heutige Aq-palanka, hatte seinen Namen von 



Die alten Thraker. I. 91 

den gallischen 'Ptiixot, Remi, obgleich die Bewohner den Anklang 
an Roma bevorzugten und ihren Vorort Romansiana oder Ro- 
matiana benannten; eine Landschaft RIMESICA setzt die Tab. 
Peat. an den östlichen Haemus^ also in das Galaterreich von 
Tylos. Meldia hinwieder, etwa bei Sliwnica gelegen, erhielt 
diesen Namen von den Nachbaren der Remer, den MeXBst oder 
MdXdat; diese erscheinen thatsächlich im Norden des Beckens 
von Sofia zur Zeit der Heereszüge des M. Licinius Crassus: 
toi ofcov MeXBsu^ (cod. (xspSou;) [jt.£v xal Zep8ou^ V^'/o^^i xaTaxpaTu>v 
fXtipbiQaxo (Cass. Dio LI 25, 4). Die Zeploi dagegen, welche 
die thrakische Strategie SepBixiQ bewohnten und deren Vorort 
££pScdv 7r6Xt<;, dann auch 2ep8ixTQ und SapSixij (das heutige Sofia, 
slaw. Sr^ec, byz. TptaBixCa) hiess, werden wir den thrakischen 
Stämmen zuweisen müssen, da gallische Namensanalogien fehlen ; 
der Name könnte etwa ,die Trotzigen, Ragenden' bedeutet 
haben, von der Wurzel ker + dh, skr. 9ardh-. Die Galater, 
welche in starken Banden die Haemushalbinsel bis Delphi und 
Dodona hinab durchzogen, haben sich auch südlich vom Haemus 
eine Heimstätte bereitet; es waren die TuXTxat oder TüXr^voi, so 
benannt nach ihrem Vororte T6Xiq oder TuXtc; • ic6Xt<; Opaxrj^ tou 
AEjjwü icXt)<j{ov (St. B., Suid.). Diesen Raubstaat hatte (278) 
Kommontorios, ein Grenosse des Brennos, gegründet, nachdem 
Leonorios und Lutarios mit ihren Schaaren über den Hellespont 
gesetzt hatten, um Kleinasien zu beunruhigen; derselbe bestand 
bis auf Kavaros, welcher (um 213), von den Thraken vertrieben, 
gleichfalls nach Asien auswanderte. Die Tyliten hatten ihr 
Gebiet bis vor die Mauern von Byzantion ausgedehnt, dessen 
Bdi^er hiedurch weit ärgere Feinde erhielten, als es bisher die 
thynischen und odrysischen Thraken waren; sie mussten den 
Galatem Jahrgelder entrichten, zuerst 3000, dann 5000 und 
10.000 Goldstücke, zuletzt sogar 80 Talente (Polyb. IV 46). 
üeber das ßaaCXetov TuXy) hat Jireöek eine ansprechende Ver- 
muthang vorgebracht: er vei^leicht das Dorf Tulowo im Tu- 
lowsko-polä (provincia de TuHa e Zagora, Urkunde a. 1595) 
am Oberlauf der Tundra östlich von Qazanlyq; hier gibt es 
zahlreiche Tumuli, in denen Waffen aus Bronze und Eisen 
gefimden werden; das. gut angebaute Hochthal besitzt an der 
Tundia-Beuge ein Ausfallsthor nach Süden. In dieser Gegend 
hat Ptolemaeus einen Ort 'OpxcXXaC, d. i. Vercellae; das spät 



92 !▼• Abhuxdlang: Tomaschelc. 

erwähnte Castell roX6tj (Zon. Said, etc.) hat einen Namens* 
genossen in dem x<*>P^o^ roX6t) (juxpo^ Takaxiaq (C. I. Gr. n® 9764, 
christl. Inschr. aus Rom). 

Schliesslich seien noch einige Stämme erwähnt, deren 
Lage und Herkunft unbekannt ist: 'EvrpißaC • l6vo? ^pA^T^, 
Hecataeus (St. B.); BavTtot • 60vo<; öpaxr,^, Hecataeus (St. B.); 
Boacxvtaai oder Baviooi, Herodianus (St. B.); Bußat • l6vo« Bpoxtxov 
(St. B.); üoBap^oLi • eOvo? epAnriq (St. B.); IpteXat • lOvo; epobucv, 
Hecataeus (St. B.). Femer Baaaapoi, ein Menschen opferndes und 
verzehrendes Volk in Thrake; ebenso Oös? (Porphyr.) — 
wahrscheinlich pure Erfindungen der Orphiker. 

b) Die nördliche oder getische Gruppe. 

Den letzten Theil der thrakischen Völkerwelt, der aus 
dem Nordland auszog und über dem Haemus sich lagerte, wo 
sich noch Reste moesischer Völker erhalten hatten, bilden die 
Fexat oder, wie sie Arrian gelegentUch nannte (St. B.), Fctijvoi; 
diese dürfen von der grösseren Masse der Karpatenstämme in 
keiner Weise getrennt werden, wenn auch erst in römischer 
Zeit die Gleichheit der Geten und Daken hervortrat. — Um 
gleich mit dem Namen zu beginnen, so lässt sich derselbe, 
gleichwie jener des edonischen Königs FeTo^, nur schwer deuten: 
am besten als ,Gänger, Schreiter, Hirten', von der Wurzel g'Ä: 
g'e ,gehen'; vgl. griech. ßoii-ßijTe^ lit. getis, gatwis, gatwe ,Vieh- 
trift, Weidet FiQTi-orpdou; hiess ein Castell in Haemimontus; eine 
reduplicierte Form finden wir im dakischen (Sarmi-) ze-gete, 
zegetusa, vgl. skr. ^-gat, gr. ßt-ßi<;. — Die Geten fUhrt Herodot 
in die Geschichte ein, mit dem ehrenden Beisatz: ol F^at 6pi}&iwt 
iovxt^ div2pY](6TaToi xat ^nMi6':axoi, Die griechischen Colonisten, 
welche an den pontischen Gestaden einen günstigen Boden Air 
ihre Handelsgeschäfte und sogar fUr dauernde Niederlassungen 
gefunden hatten, erkannten in den ,Stutenmelkem und Milch- 
essern' des Homer, den Nachbaren der Mysen, ,sehr gerechte 
Leute'; ein Redner gieng nachmals so weit, zu behaupten 
(lord. 5): Getae paene omnibus barbaris sapientiores semper 
extiterunt Graecisque paene consimiles. Das einfache Leben 
der Barbaren, die ,noch nicht vom entnervenden Hauche der 
Civilisation angekränkelt' waren, mochte moralisch angelegten 



Die alt«n Tbnker. I. 93 

Naturen als etwas Hohes erscheinen — so pries im sittenver- 
dorbenen Rom, in einer Anwandlang moralischer Extase^ Horaz 
den G^tennamen und die im dakischen Gemeinwesen wuchernde 
Natorkraft. Tapfer waren die Geten unstreitig; doch entsprach 
der Erfolg nicht immer ihrem Heldenmuth: mitten durch ihr 
Land hatten die Skythen Raubzüge bis zur Propontis unter- 
nommen; unschwer bezwang Darius die Geten; dem Odrysen 
Sitalkas leisteten diese und die übrigen zwischen Haemus und 
Hister gelagerten Stämme Heeresfolge. Sie stellten Bogen- 
schützen zu Ross, lincoTo56Tat (Thuc. H 96), von gleicher Tracht 
und Bewaffnung wie bei den Skythen. Unter Seuthes I., dessen 
Reich sich bis zur Donaumündung erstreckte, stand der Geten- 
häuptling offenbar noch im Vasallenverhältniss zu dem Odrysen- 
reiche. Gerne hätten wir erfahren, wie jener Getenherrscher 
geheissen habe, der dem persischen Heere nach kurzem Kampfe 
unterlegen war; vielleicht hilft da eine Vermuthung aus. 
Sophokles hatte in seinem Triptolemos als Gegner des Demeter- 
dienstes einen barbarischen Getenflirsten vorgeführt (Hygin. 
Astr. II 14), und aus diesem Stück citiert Herodianus den Vers 
,xa: Xapvaßc5vTo^, 8; FeToJv äpr/ti -zk vuv^ Aus dem Beisatz t3i vuv, 
sowie aus der echtthrakischen Namensform Xapvotßojv (vgl. armen, 
cham-a-ban ,einer, der die Worte durcheinander mengt', z. B. 
in unbesonnener oder prahlender Rede), könnten wir schliessen, 
dass der Dichter einen Namen aus der unmittelbaren Ver- 
gangenheit seinen Zuhörern in Erinnerung gebracht hat, eine 
Freiheit, die sich die Tragiker manchmal gestatteten. 

Das, was den Griechen seit Hecataeus bei den Geten- 
stämmen am meisten auffiel, war der ihnen in Fleisch und Blut 
übergegangene Unsterblichkeitsglaube und die Verehrung des 
Naturgottes 2iX(jio§t(;, den die pontischen Colonisten in euheme- 
ristischer Weise zum Schüler des Pythagoras machten. Das 
hat auch neuere Forscher bewogen, den Geten und ihrem Gotte 
Beachtung zu widmen; hiezu kommt die Aehnlichkeit der 
Namen Tixai und röx^oi, welche bereits den Cassiodorius ver- 
anlasst hatte, die Geschichte der Goten mit jener der Geten 
EU verquicken; Jakob Grimmas Versuch, diese Theorie ernstlich 
zu begründen, musste sich jedoch alsbald als nichtig erweisen, 
üeber den Zalmoxisdienst werden wir bei den mythologischen 
Namen handeln; hier sei nur erwähnt, dass die G^ten stets 



94 IV. Ablumdlnng: Tom»tohe1c. 

das bezeichnende Prädicat ol dOavaxiXovre^ (Hdt. V 4) behalten 
haben; Plato spricht von thrakischen Aerzten des Zahnoxis, ot 
XefovTat x«t dtTcoOavarilJeiv; ebenso Diodor (I 94), Arrian, Kaiser 
Julian und Origenes, von Tizai ol aTCaOavatiT^ovTe?, Julian leitet 
die Tapferkeit des Volkes von diesem Glauben ab: Fetai twv 
^(iyi70T£ (jLOXtfiKdTaTO'. Y^Y^^^^'^) ^ ^ devdpeix^ [jt.6vov tou Qii^iunoQf 

Was die weiteren Geschicke der Geten betrifft^ so hat 
darüber Müllenhoff (vgl. DA. III 125 ff.) ausführlich gehandelt; 
wir beschränken uns auf die wichtigsten Thatsachen. Als 
Philipp das Odrysenreich bewältigt hatte, erhob er Ansprüche 
auf das Getenland. KcOt^Xa; 6 twv FeTöv ßactXe6^, drfwv Mi^Bov t^ 
OüYaTepa xat Soipa tcoXXöE (Theop. ap. Athen. XIU, p. 557, c; 
Meda, Gudilae regis Gothorum filia, lord. Get. 10), zog 
ihm entgegen, und es kam ein Vergleich zustande: Kothelas 
gelobte Heeresfolge zu leisten, und Philipp nahm die Tire? zur 
Frau. Theopomp benutzte dieses Ereigniss zu einem Excurse 
über die getischen Sitten; wir erfahren von ihm: Ti-cai xcOapa; 
Ixovte? %ol\ xiOap(CovT£^ xa^ exixY;pux6{a? icotouvrat (Athen. XIV 
p. 627, c); ferner vofxoq Ih retwv ib STnc^a^eiv tJ)v Tuvoctsut xw ctvjpt 
(St. B.): so sehen wir einen aus der Urzeit vererbten grausamen 
Brauch, dem auch die strymonischen Thraken folgten, vereint mit 
der herzgewinnenden Gabe der Musen. Als später (339) Philipp, 
um seine Kriegscasse zu füllen, Odessos angriff, welche Stadt 
zum Bereich der Getia gehörte, erschienen wiederum getische 
Priester ,cum citharis et vestibus candidis, patriis diis voce 
supplici modulantes' vor ihm: Odessos wurde geschont, der 
getische Freundschaftsbund erneuert; denn Philipp mochte in 
den Geten eine Schutzwehr gegen die Skythen, Triballer und 
andere Bergstämme Thrake's erkennen. Das Vasallenverhfiltniss 
bestand noch in den ersten Jahren Alexander's; als dieser 
(335) die Geten heimsuchte, waren es nicht die Haemus-G^ten^ 
sondern Fixat ol wdpav toQ lorpou (dxta{i.ivoi (Arr. I 3, 5), welche 
4000 Reiter und über 10.000 Fussgänger aufgestellt hatten; 
geschlagen, flohen sie zuerst in eine schwach verschanzte Stadt 
an der Donau, dann in die weite ipiQjxCa (4, 4) nördUch vom 
Delta oder die sogenannte reT{a i^ lpt)|jio^. Unter den Truppen 
Alexander's in Asien werden Geten nicht genannt; völlig miss- 
lang ein Feldzug des Zopyrion (327/26) ins Flachland über die 



Die alt«n Tbnker. I. 95 

Donau gegen Geten und Skythen. Die Geten südlich vom 
Strome scheinen sich damals der pontischen nevTobcoXi^ ange- 
schlossen zu haben ; welche Lysimachus (seit 313) zu unter- 
werfen versuchte; gegen die Geten entbot er seinen Sohn 
Agathokles, welcher von ihnen gefangen und mit Geschenken 
zurückgeschickt wurde; ob hierauf Lysimachus die pontischen 
Städte und die benachbarten Geten wirklich bezwang, wird 
nicht überliefert; es ist dies jedoch sehr wahrscheinHch , weil 
Lysimachus seine Schätze in der getischen Veste TCpt^t; barg. 
Nachdem er mit Demetrius von Macedonieif EVieden geschlossen, 
erneuerte er den Krieg gegen die noch freien Geten jenseits 
der Donau, ,kriegskundige und an Zahl weit überlegene Streiter' 
(Paus. I 9, 5), und deren König Apo|jLixai'nQ; (Strabo VII, p. 302); 
ein G^te, Namens 'AeOt]^, spielte damab die Rolle des Zopyrus 
(Polyaen. VII, 25); Lysimachus gerieth mit seiner Armee, 
100.000 Mann, in die wasserlose FexcLv £pY;(/.{a, die Noth stieg 
aufs höchste, und er musste capitulieren. Dromichaites kam, 
nannte ihn Vater und flihrte ihn in die Veste ''HXt<;, wo er 
ein Mahl bereiten Hess, köstUch ftlr die Makedonen, ärmlich 
für die Geten — mit dem Hinweis auf die Armuth und Bar- 
barei seines Volkes wollte der Fürst die Eroberungssucht des 
Makedonen dämpfen. Es kam ein Vertrag zustande: Lysimachus 
verzichtete ,auf den jenseits der Donau gelegenen Theil seiner 
Herrschaft' (Paus.). Wir sehen hier, trotz der Siege der Geten, 
die Herrschaft des Dromichaites auf die Striche über der Donau 
beschränkt. Nach Lysimachus' Tode (281) hören wir wenig 
von Geten; ihr Land wurde ein Durchgangsgebiet der Galater- 
schaaren sowie der Bastamen ; die Herrschaft des Dromichaites 
musste sich^ in der Folgezeit in mehrere schwache Theile auf- 
gelöst haben, und südlich vom Strome traten mehr die Moesen 
hervor, mit denen zuerst C. Curio von Westen her (74), 
M. Lucullus (71) von der pontischen Küste aus Bekanntschaft 
machte. Zur Zeit des Boeribista stand das rechte Ufer der 
Donau bis zum Ostende des Haemus unter der dakischen Bot- 
mässigkeit, und selbst nach seinem Tode hörten die Einfalle 
der Daken über den Strom nicht auf; zwischen Geten und 
Daken lässt sich überhaupt kein Unterschied mehr ziehen. Für 
Daken müssen wir auch jene Fürsten halten, welche zur Zeit 
des Augustus unter M. Crassus (27) am Donaustrom sassen: 



96 IV. Abbandlang: Tomasebelc. 

den römerfreundlichen T(iXt)? und seinen Ghegner AchcoS, sowie 
den Zupi^^, dessen Veste FevouxXa an der Donaubeuge vor dem 
Delta lag (Cass. Dio LI 26); Crassus triumphierte ex Thraecia 
et GETEIS. Geten hiessen im Munde der Griechen, wegen 
der Gleichheit der Sprache und Sitten, auch die nördlich vom 
Slrome gelagerten Stämme, die Daken; diesem Sprachgebrauche 
folgten mitunter auch die Römer (z. B. Antonius bei Sueton. 
Oct. 63 jCotiso rex GetarumO, vor allem die Dichter. Für 
die Haemus-Geten, welche im Bereiche der pontischen Griechen- 
Städte standen, wurde häufig, gemäss der politischen Ein- 
theilung, der Name Moesi verwendet. 

Die Griechen der pontischen Küste fanden sich mit den 
Geten stets gut ab; nicht selten fanden Wechselheiraten statt 
Die Krämer Ueferten den Binnenstämmen Fabrikate aller Art, 
Ocl und Wein und das unentbehrliche Salz; dafür erhielten sie 
Getreide, Bauholz und vor allem Sklaven. Bei den Dichtem 
der neuattiscl^pn Komödie spielen T^tyjc; und Aio^ (G^ta, Daves) 
eine ständige Rolle. Ein charakteristischer Zug ftlr die Geten, 
wie flir alle Thraken, war die Ungebundenheit der Sitten, femer 
die Vielweiberei, wie der getische Sklave bei Menander (Strabo 
VII, p. 297) sie schildert — schon dieser Zug hätte unseren 
J. Grimm von seiner Theorie abhalten sollen. Bei Natursöhnen, 
welche ihrer Sinnlichkeit keine Zügel anlegen, stehen hinwieder 
Asketen, Männer des Heiligenscheins, in hohem Ansehen; darum 
genossen bei Moesen und Geten nach dem Zeugniss des Posi- 
donius gerade die weiberlosen xaTcvoßatai und die asketischen 
xTtcrca'. (s. d. Glossen) Verehrung und Einfluss. — Die Geten 
bei Tomi, die man ebenso gut Daken nennen könnte, lernen 
wir aus der Schilderung Ovid's kennen: sie erhalten bei ihm 
die Epitheta Marticolae, crudi, rigidi, truculenti, hirsuti, intonsi, 
pelliti, braccati; Menschenopfer waren ihnen nicht fremd; sie 
trugen stets das Messer im Gurt» und waren bewehrt mit Bogen 
und vergifteten Pfeilen. In Tomi wurde griechisch und getisch 
gesprochen; Ovid erlernte die getische Sprache und schrieb in 
derselben ein Gedicht über die pontischen Fische. — Wenn 
wir uns überdies den Geten tätowiert denken, wie er wenigstens 
in älterer Zeit geschildert wird, so haben wir den echten Typus 
des Barbaren vor uns. Mit Unwissenheit verbindet sich oft lächer- 
liche Gewichtigkeit und Grosssprecherei; ßopu^^Tat hiessen den 



Die alten Thmker. 1. 97 

Komikern ^ipo^ iJtiv l^ovre;, xal aAa2^ove<;, Yixai 8e Svte; (Hes.). 
Ungeachtet ihres Unsterblichkeitsglaubens und ihres Kriegs- 
muthes waren die Geten Barbaren, wie die übrigen Thraken, 
und wir dürfen uns ihre Zustände nicht ideal ausmalen. 

Von Sonderstämmen des gotischen Inlandes erfahren wir 
wenig; Plinius flihrt an: AODES ('AwBeT^, etwa ,Zustösser, 
Schläger', von vedh: vodh wOeiv), CAUGDAE (etwa ,Hügel- 
bewohner' oder ,Holländer' von Wurzel keug- ,wölben', lit. kügis 
,Haufe' etc.) und ülariae (Var. Claneac, Dareae). Mitten in 
den Haemus setzt Strabo (VII, p. 318) KopaXXoi, während sie 
bei Ovid (ex Ponto IV 2, 37. 8, 83) als ,flavi' und ,pelliti' 
Coralli am Hister erscheinen (vgl. App. Mithr. 69, wo sie neben 
li^uYe? stehen): wahrscheinUch eine sarmatische Horde, die 
zum Theil in den Haemus eingedrungen war, etwa als ,Thätige, 
Kriegerische' zu deuten (altpers. k.ira ,Heer% skyth. KoXi-^aV^ 
,Heereskönig'). Ebenso waren sarmatische AKKAEI oder 
AREATAE (Plin.) ins Gctenland eingewandert, und die heutige 
Dobrudi^a führte zuletzt den Namen Scythia minor. Die Küsten- 
stämmc waren den Griechen genauer bekannt. 

Die TiptH^oK nannte bereits Hecataeus, nach ihm Hellanicus 
(EM. p. 408, Phot. Lex., Suid. v. TeptCoi, ZaixoXStq): aOavatiCoiiat 
li tat Tipi^oi xal Kpoßu^oi xal tou<; aicoOavovxa; a>{ ZaX(Jio^iv faaiM 
o^e^at, l^eev Ik auOtc;. Sie wohnten an dem Landvorsprung 
Tipel^t^ oder Ttptl^a (ebenso hiess ein Küstenpunkt Paphlagoniens; 
vgl. Tecpisraoi^ zwischen Ganos und Bisanthe an der Propontis, 
von Wurzel ter- ,eindringen'), der späteren KäXyj oxpa (j. Celigrö- 
borun). — Hecataeus nannte femer die Kpößul^oi • SOvo; ^cpb^ v6tov 
aye{Aov TOü 'löTpoü (St. B.). Nach Herodot (IV 49) flössen die 
zum Istros gehörigen Bäche östlich vom Athrys (Jantra) $t^ 
Bpijdudv Tcüv Kpoßul^cov — so weit erstreckte sich die Kpoßul^ixifj ins 
Inland! Nach Scymnus (745. 750. 756) wohnten sie rings um 
Odessos und am Ostende des Haimos, sowie bei Dionysopolis, 
wo sie an die Skythen stiessen. Auch Ptolemaeus setzt sie 
zwischen Odessos und Kallatis (j. MangaUa). Einer ihrer 
Häuptlinge, Namens 'iaovBtj^, tü>v xaXoupiEvcov KpoßOCcov ßaatXeu^ 
(Phylarchus ap. Athen. XU p. 536, a), zeichnete sich durch 
Schönheit, Reichthum und Wohlleben aus. Plinius setzt Cro- 
bigni nördlich über das Donaudelta, also in die epiQpiia. Ob der 
Name von Wurzel kreu- ,verletzen^, lat. crü-du-s ,roh, blutig* etc., 

SitxiinffBber. d. phil.-hist. Cl. CXXVUl. Bd. 4. Abb. 7 



98 IV. Abhandlnag: Tomsüchek. 

hergeleitet werden könnte? zd. Krvighni ^greulich'? — Tpa>YXo- 
86Tat oder Tp<i)YoB>>Tai wohnten in Kleinscythien nahe dem Hal- 
myris (Ptol. Plin.), oder auch ^repl xou Tr,v TpißaXXcov yijv (Eost. ad 
Dion. 180). Noch jetzt finden sich an der unteren Donau^ so- 
wie in Armenien, Erdwohnungen, die mit Rohr und Dünger 
zugedeckt sind; es können auch Grotten im Fels gemeint sein. 

Öpt^t^iv [JLiYaBe; SxuOai werden an der unteren Donau bei 
Ap. Rh. IV 320 erwähnt; nach Herodot hatten die Skoloten 
das ganze Flachland etwa bis zur Einmündung des Alt inne. 
Kallistratos wusste von Kämpfen zwischen Skythen und Thraken 
zu erzählen, wobei letztere den Kürzeren zogen; die skythischen 
Weiber sollen die ihnen dienstbaren Thrakinnen, t3e? Bpoxiov 
Tälv i:po^ l(7zipav xa; depxtav ^uepioixcov ~^vaix2;, als Zeichen der 
Schmach tätowiert haben, woraus dann später ein k6<j|jlo^ wurde 
(Athen. XII, p. 524). An der Westgrenze der Skythen finden 
wir in der That unterworfene thrakische Stämme, z. B. die 
ackerbautreibenden 'AXa^ove; und die später zu besprechenden 
Kapx{5at. Die über den Stromschnellen des Borysthenes hau- 
senden 'A(xa3ox9i jedoch waren, obgleich sich 'AfxaSoxo^ als Eigen- 
name bei den Odrysen findet, keine Thraken, sondern Jäger- 
stämme finnischer Herkunft, ,Rohäeischesser' (skr. ämAdaka), 
wie sie bei den Skythen hicssen. 

Nach dem Sturze der Skythenmacht — der letzte mächtige 
skolotische Herrscher war jener 'ÄTsa;, gegen welchen Philipp 
einen Zug unternahm — erhielt sich -zwar noch ein Rest der 
,königUchen^ Skythen oder Saist (zd. khsaya) im Gebiet von 
Olbia, die eigentlichen HeiTcn des pontischen Steppengebietes 
wurden jedoch die Sarmaten vom Tanais; ausser kleineren 
Stämmen waren es zunächst die lazygcn (zd. yazuka ,gros8, 
mächtig'), welche zur unteren Donau vorrückten; sie scheinen 
bereits nach Boerebista^s Tode (ca. 43 v. Chr.) den karpatischen 
Grenzwall und das dakische Reich bedroht zu haben; Strabo 
setzt sie neben die Tyrigeten, Ovid spricht von ihren Einfällen 
über die Donau. Wann sie in das Land zwischen der Donau 
und Theiss eingerückt waren, lässt sich nicht genau bestimmen; 
jedenfalls sassen sie hier in den späteren Jahren des Tiberios 
(27 — 37), und Vannius (ca. 50) fand in ihnen Bundesgenossen. 
In die bisherigen Sitze der lazygen rückten die sarmatischen 
Rhoxolani vor; für einen rhoxolanischen Häuptling dürfen wir 



Die alten Thnker. 1. 99 

jenen Susagus halten, den Pliniuä d. J. in einem Schreiben 
an den Kaiser erwähnt. Dasselbe gilt von jenem SardoniuB, 
den Aorelius Victor als Verbündeten des Dekebalos und, wie 
es scheint, als rex Sacorom anfUhrt (vgl. oset. Sürdon, Name 
eines Narten oder nrtd). Noch zur Zeit des Kaisers Valens 
(367) erscheinen auf den Vorhügeln des südlichen Karpaten- 
walles sarmatische SEKRI (Amm. Marc. XXVII 5, 3), in 
welchen einige Forscher haben Serben erblicken wollen. Auch 
diese sarmatischen Abtheilungen sind endlich unter den Slawen 
verschwunden. 

Im Norden des Karpaten walles, wo sich ursprüngUch an 
die thrakische Völker weit die slawische anschloss, war eine 
grosse Wandlung durch das Eindringen volkischer Galater- 
stämme (3(X) — 200), denen sich Schaaren von Ostgermanen 
(Skiren u. A.) anschlössen, zustande gekommen; dieses ,Bastard- 
Volk', bei dem erst später das germanische Element stärker her- 
vortrat, verbreitete sich (200 — 100) entlang dem östlichen Berg- 
abhang (Alpes Bastarnicae, TP.) und auf den Platten zu beiden 
Seiten des Tyras bis Olbia und zu den Donaumündungen, auf 
der Nord- und Ostscite wie mit eisernen Armen das Stammland 
der Thraken umklammernd. Sie erbauten am Tyras die Burgen 
Kapp68ouvov, Maixa>viov, Oüißavrauapiov, ^'HpaxTov und an der unteren 
Donau, im Gebiete der BpiToXa^at, 'AXioßpt? und iNoouiöSoüvovj von 
hier aus unternahmen sie wiederholt weite Fahrten und Raub- 
züge in die südlichen Striche; so reichten sie den Skordiskem 
and den übrigen Keltenstämmen der Ostalpen die Uände. 

Zu Beginn der geschichtUchen Zeit linden wir im karpa- 
tischen Bergwall als Ursasseu die ^ÄYi-Ojpaoi, d. h. im skythischcn 
Munde die ,bösen, quälenden^ (zd. agha) Tliyrsen. Bupaot aber, 
skythiscli etwa Thurso oder Thwarso (vgl. 'IvSa-Oupac;), erscheint 
wie eine dem Skythischcn angepasste Umformung eines thra- 
kischen Völkernamens, nämlich IpoeuaoC. Nun linden wir in der 
aus Schriften des Uerodianus zusammengesetzten Uüstkammer 
des Stephanus von Byzanz folgenden Artikel: Tpauao{ * tuöXk 
K^Xtou; (offenbar verderbt; A. v. Gutschmid, Lit. Cb. 1864 
S. 1200 schlägt vor icXv)(7ioy KeXiotq; vielleicht blosse Dittographie : 
xoXi^ xai eOvo;, oüc;), ^Övoc;, olic; oi "KXXtjve^; ovoiAä^ouat 'AYaOupaou?. 
Irgend ein kundiger Schriftsteller hatte die Agathyrsen der 
Skythen und der pontischen Colonisten ausdrücklich den Trausen 



100 rV. AbhAadUng: Tomsichek. 

gleichgesetzt; der Stamm also, der seit Alters das karpatische 
Bergland innehatte, nannte sich selbst TpocucroC; die armseligen 
Trausen, die wir in der Rhodope fanden, waren nur ein kleiner 
losgerissener Theil des in der Heimat verbliebenen grossen 
Stammes. Wenn es heisst: 'ÄYaOupaoi * lOvo; Iv^oT^po» toO AI(aou 
(St. B.), so müssen wir uns erinnern, dass der Name Haimos 
in älterer Zeit auch den Karpates eingeschlossen hat; die drei 
grossen Ströme "AtX«; Aüpa<;, und T{ßtffi<; (Hdt. IV 49), ,welche 
von den Höhen des Haimos herablaufen', gehören dem Nord- 
lande an, wie der Hauptstrom MapK;, welcher dem Istros eu- 
strömt. Die Agathyrsen wohnen (Hdt. IV 100) oicb ^orpoü ia 
xaTikepOs £i^ ty;v pieaoYaiav, und der Maris äiesst mitten durch ihr 
Land. Die vorgeschichtUche Cultur des agathyrsischen Landes 
lässt sich aus zahlreichen Fundstücken, welche der neolitbischen, 
der Kupfer- und der Bronzezeit angehören, annähernd erkennen; 
vgl. darüber Carl Gooss (Archiv d. V. f. siebenbürg. Landes- 
kunde Xm. Bd. 1877 S. 409 ff. 466 ff. 529 ff.). Im Lande 
selbst wurde jedenfalls Grold und Kupfer gewonnen; beide 
Metalle waren schon den Indogermanen bekannt, und die erz- 
und goldreichen Gebiete der ungarischen Länder haben ohne 
Zweifel einen Theil der indogermanischen Heimstätte gebildet 
— Sitten und Bräuche der Agathyrsen waren thrakisch; ak 
eigenthümlich wird nur die Ueppigkeit und das Geschlechts- 
leben dieses Volkes hervorgehoben (Hdt. IV 104). Es herrschte 
bei ihnen Weibergemeinschaft (exixotvov xöv -^uvaMtöv tijv jaT^iv 
TcoieuvTot), unter dem Verwände, sie würden dadurch ,ein einig 
Volk von Brüdern^ frei von Neid und Feindschaft. Der Bericht 
lautet übertrieben, und die Motivierung legt Zeugniss ab von 
der humoristischen Ader der Olbiopoliten; es werden im Gefolge 
der Ueppigkeit die ehelichen Bande sich etwas gelockert haben; 
auch mochte es vorgekommen sein, dass ein Agathyrse eine 
oder die andere seiner Frauen dem Gastfreunde überliess, um 
ein andermal die gleiche Gunst von diesem zu beanspruchen; 
bei den Thraken war namentlich den Jungfrauen volle Freiheit 
im Umgange mit den Männern gestattet. Weiter heisst es: 
ißpötoTot äv3pü>v ebi xal XP^^^P^^ "^^ pidXtoia. Noch jetzt ist 
Siebenbürgen an Gold ergiebig; es wird daselbst von Zigeunern 
und Wlachen aus dem Sand der Bäche ausgewaschen. Als 
begehrtes Tauschobject brachte das Gold den Agathyrsen die 



Die alten Thraker. 1. 101 

Fabrikate des Südens sowie die Gaben entfernter Länder, 
Perlen, Bei*nstein und Zinn, ein; zuletzt kamen Münzen ins 
Land, von Kerkyra, Apollonia und Dyrrhachion, von Thasos, 
Erythrai und Lysimacheia. 

Einen Beitrag zur Charakteristik des Volkes lernen wir 
durch Aristoteles kennen (Problem. 19, 28): die Agathyrsen 
hatten den Brauch (wie die gallischen Druiden), die Summe 
ihrer Gesetze in Gesangsform dem Gedächtnisse ihrer Nach- 
kommen zu überliefern. Der jüngere Pisander hatte der Aga- 
thyrsen gedacht mit Anspielung auf den dionysischen ö6pao5 
(St. B.); Valerius Flaccus gebraucht die Form Thyrsagetae. 
Etwas Weinbau war im Lande vorhanden, das überhaupt ver- 
möge seiner alpinen Natur für Mythenbildung wie geschaffen 
ist; eine dem Zalmoxis entsprechende Naturgottheit wurde dort 
seit Alters verehrt. Sonst wird den Agathyrsen noch die Be- 
malung des Leibes zugeschrieben; auf das Vorhandensein 
eines Geschlechtsadels weist der Beisatz: je dichter und grösser 
die farbigen Zeichen der Haut eingeprägt waren, einen desto 
höheren Rang der Person zeigte dies an. — Später hat man 
das Volk nicht mehr vorgefunden, es wurde immer weiter in 
den Norden hinausgeschoben; denn als die Römer in den Donau- 
ländem auftraten, hörten sie nicht mehr von Agathyrsen; ein 
ganz anderer Name war im Karpat üblich geworden, der 
dakische. 

DACI (sing. Däcus, C. L VI n« 3236 Daqus), Aoxci oder 
Aaxot, auch Aöbuxi und Aixe^, in der Tab. Peut. DA GAE (wie 
Sagae für Sacae), nannten sich die vormaligen Trausen, die 
Brüder und Nachbaren der Geten; völlig unbekannt ist uns 
die Veranlassung zum Aufkommen dieses schwer deutbaren 
Namens. Strabo (p. 304, St. B.) erinnerte an die Aaoi; Cassius 
Dio an die ATot und -das Aiaxcv y^^^?? ^^^ c ohneweiters in 
loxtxiv änderte. In neuerer Zeit hat Leo skr. dhavaka ,Läufer, 
Renner' verglichen; näher hegt das dakisch-thrakische Wort 
dava : deva ,Siedelung', von der Wurzel dh6 : dhe ,setzen', und 
die Daken wären dann ,Sassen^ Sonst liesse sich noch die Wurzel 
das ,zeigen' heranziehen (vgl. Bs-Sadx; ,kundig'; also Leute, 
welche sich verstehen). Strabo, welcher die Daken nach 
griechischem Brauche stets Geten nennt, bezeichnet sie aus- 
drücklich (VII p. 303. 305) als 6[jL6YXcdTTov toi? 9pa§iv lövo?. Dies 



102 IV- Abhandlung: Tomsschek. 

ergibt sich auch aus den geringen Sprachresten, z. B. aus den 
Personennamen auf -porus (thrak. bithjm. -icopi?, von Wurzel 
per : per ^durchbohren, stechen, schlachten') und den Ortsnamen 
auf -dava (vgl. Desu-dava im Lande der strymonischen Maiden); 
doch müssen dialektische Abweichungen für das Dakische natur- 
gemäss zugegeben werden. 

Der erste dakische König, den die Geschichte zu nennen 
weiss (lust. XXXII 3, 16), war OROLES (vgl. den Thraken 
"OXopo?, "OpoXo;): lange kämpfte er unglücklich gegen die Ba- 
starnen, welche um die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. auf 
dem Gipfel ihrer M«acht standen; endlich gelang es ihm, den 
Muth seiner Mannen dadurch anzustacheln, dass er sie nöthigte, 
alle weiblichen Dienstleistungen zu verrichten, wie es Memmen 
geziemt. Die Daken fassten ein Herz und schlugen die Ba- 
starnen. Wir finden frühzeitig (HO) Daken als Waffenbrüder 
der Skordisker im Kampf mit den Römern (Frontin. II 4, 3): 
Minucius Rufus imperator a Scordiscis Dacisque premebatur, 
quibus impar erat numcro. Als C. Curio die Dardaner be- 
zwungen hatte (74), rückte er bis zu den Stromschnellen der 
Donau (>taiappaxTai Strab. p. 304) vor, willens, ins Dakenland 
einzudringen ; doch schreckten ihn, wie Florus bemerkt, die un- 
erforschten Waldberge und Thäler ab. Vielleicht hatte schon 
damals Boirebista zu regieren begonnen. 

Dieser dakische Herrscher führte im Verein mit den 
Priestern, an deren Spitze Aexaivso^ (Strabo nennt ihn einen 
dEvvjp ^6r,q' ob er aus Aegyptcn gekommen war, darf bezweifelt 
werden) stand, ein grosses Reformwerk durch, die sittliche 
Hebung der Nation. Mitten im Lande, in einer unzugänglichen 
Höhlengegend, erhob sich bei einem Flusse der Berg KwYafwvo?, 
zubenannt der ,hcilige% weil man ihn f\ir den Sitz des Natur- 
gottes (Zalmoxis) hielt; hier hatte auch der jeweilige Ober- 
priester, ,der Nachfolger des Gottes', seinen Aufenthalt; selten 
verkehrte er mit der Aussenwclt, nur der König und seine 
Diener erholten sich bei ihm Rathes. Seine Rathschlttge wurden 
als ,göttliche Befehle' verkündet, und das Volk gehorchte dem 
Könige um so williger, weil es in seinen Befehlen den gött- 
lichen Willen ersah. Stets hatte der Pontifex Antheil an der 
Regierung. Boirebista wusste mit Hilfe des Dekaineos sein 
Volk zu bereden, den Weinstock auszurotten und ohne Wein 



Die alten Thraker, l. 103 

ZU leben; die Hecresdisciplin wurde mit allen Mitteln straff 
gehalten. Durch häufige und unglückliche Kriege hatten sich 
die Daken sehr geschwächt; durch Nüchternheit und Folgsam- 
keit,, wie durch das theokratische Regimen erstarkt, erwehrten 
sie sich in wenigen Jahren der Grenzfeinde und unterwarfen 
sich sogar die meisten Nachbarvölker. Gegen die Germanen 
bildete das hercynische Bergland die Grenze, wo die ANARTES 
Sassen (Caes. B. Gall. VI 25, 2; ein Collectivname für keltische 
Stämme; vgl. ir. anart ,sago indutus^ von kelt. an = pan 
,weben* gr. wjvo^ etc.?). Die Bastarnen scheinen damals nicht 
mehr Feinde, sondern WaflFengenossen des Boirebista gewesen 
zu sein; so konnte er denn auch nach dieser Seite Erfolge er- 
ringen: eTXov xt;v 'OXß(av FeTai %ol\ t«; «XXa; toc; £v to:^ opiarspoT? 
Toö növTOü zoXet^ l^XP' 'A7:oXXa)via(; (Dio Chrys. or. 36 U, p. 75 R.); 
diese TsXeuTaia xa». yLS-^hvfi aXwai; von Olbia fällt etwa in das 
Jahr 50 v. Chr. — Boirebista überschritt mehrmals die Donau 
und verheerte alles Land bis Makedonien und Illyrien; mit den 
galatischen Skordiskern verbunden, deren Gebiet am Saus und 
Margus er bereits früher verheert hatte, warf er sich (ca. 44. 
43) auf die Teurisker (Noriker) und Boier, deren König 
Kritasiros war, und vernichtete die letzteren gänzlich; schwache 
Reste der Boier verblieben in den ,Einöden^ südöstlich vom 
Neusiedlersee. Die Daken unter Boirebista vermochten ein 
Heer von 200.000 Mann aufzustellen; so erschienen sie den 
Römern furchtbar, ein aucrTr,pbv %a\ ^iXoiccXefJi.ov xat ^eiibv £0vo(; (App. 
B. civ. n 110), gegen welches Caesar eine grosse Expedition 
auszurüsten begann, bevor ihn der Tod ereilte (15. März 44). 
Aber auch sein Zeitgenosse Boirebista wurde zuletzt von einigen 
Empörern entthront, welche das theokratische Regimen satt 
bekommen hatten: sein Reich schied sich in vier Theile. 

Nach Dio Chrysostomus (lord. 11 fg.) soll nach Dicineus 
als rex et pontifex COMOSICUS höchst gerecht regiert und 
nach diesem CORYLLUS den Thron durch 40 Jahre einge- 
nommen haben; die übrigen Berichte wissen davon Nichts. 
Von jenen vier Theilherrschern werden zur Zeit des zweiten 
Triumvirates (40 — 31) zwei namhaft gemacht, Acxciatj; (Plut. 
Ant. 63) und Koxiawv (Suet. Oct. 63); einen dritten, SxopuXwv 
(vgl. Coryllas des lord.) lernen wir aus einer Anekdote bei 
Frontinus I 10, 4 kennen. Als M. Crassus gegen die Bastamen 



104 I^- Abhandlung: Tomsschok. 

kämpfte, sassen am rechten Donauufer drei Fürsten der Geten 
oder richtiger (vgl. Cass. Dio LI 53) Daken, 'PwXt)?, Aöbcü? und 
Züpa5Y;(;. Am linken Ufer muss aber noch die Macht des Cotiso 
bestanden haben, da wir wiederholt von dessen Einfällen .über 
die Donau (nach Pannonien?) hören; auch sarmatische Horden 
waren dabei betheiligt. Um endlich Ordnung zu schaffen, 
schickte Kaiser Augustus nach Beendigung des pannonisch. 
delmatischen Krieges den Gnaeus Lentulus aus, um das schwer 
zugängliche Dakenvolk vom Donaulimes zu entfernen; dieser 
setzte über die Donau und schlug nachdrücklich die Daken, 
deren Reich damals sogar in fünf Theile geschieden war (Strabo 
p. 304); so wurden die ,gente8 DACORUM^ gezwungen, die 
Befehle des römischen Volkes über sich ergehen zu lassen 
(Mon. Ancyr. V 47 — 49). Damals wurden, wie Strabo bezeugt, 
50.000 gefangene Daken von Aelius Catus am rechten Ufer 
unter den Moesen angesiedelt. — Unter Tiberius herrschte Ruhe; 
aber es scheinen damals in das Flachland zwischen der Donau 
und Theiss die sarmatischen lazygen eingedrungen zu sein — 
ein Ereignis, welches die Macht der Daken an der Westseite 
schwächte: DACI, pulsi ab lazygibus montes et saltus tenent 
usque ad Pathissum amnem (Plin.). Gleichwohl hören wir von 
einem Einfalle der Daken und Sarmaten in Moesien (ca. 35, 
Suet. Tib. 41). — Unter Nero finden wir den Einfluss der 
römischen Macht sehr gefestigt, wie die Inschrift des Ti. Plautius 
Aelianus lehrt (C. I. XIV n'> 3608 a. 56/57): 100.000 trans- 
danuvianische Familien mit ihren Stammeshäuptern wurden ans 
rechte Ufer gebracht und zur Steucrleistung gezwungen; durch 
das Eingreifen der Legionen erhielten die Könige der Bastamen 
und Rhoxolanen ihre Söhne, die Könige der Daken ihre Brüder 
aus Feindesland wieder zurück. Die Wirren nach Nero's Tode 
wurden jedoch von den Rhoxolanen, lazygen und Daken zu 
neuen EinfUllen ausgenützt. Die grossen Kriege der Daken 
unter Dekebalos, dem Nachfolger des Duras, und die Unter- 
werfung des dakischen Landes durch Traianus (107) dürfen 
wir übergehen, da hierüber vortreffliche Arbeiten vorliegen^ 
ebenso die Zustände dieser Provinz bis auf Gallienus und Aure- 
lianus; Alles, was sich an Namen knüpft, wird in der 2. Ab- 
handlung zur Sprache kommen. Nur Folgendes sei hervor- 
gehoben. 



Die alten Thraker. I. 105 

Traianuß hatte den Beschluss gefasst und ansgefiihrt, die 
dakische Nation auszurotten ; das Loos der Vernichtung wider- 
fuhr nicht nur dem königlichen Hause und allen Eldelingen, 
die nicht rechtzeitig zu den freien Bergstämmen entkommen 
waren; auch von den Wehrhaften, die der lange Krieg etwa 
verschont hatte, wurde der grösste Theil nach römischem Brauch 
in die Sklaverei verkauft. Was sonst übrig blieb (erwähnt 
werden dakische Reiter ausser Landes unter Hadrian, denen 
erlaubt war, ihre einheimischen Schlachtrufe zu gebrauchen, Arr. 
Tact. 44), verfiel in der zweiten Generation der Roman isierung. 
Aus der römischen Dacia ist uns nicht eine einzige dakische 
Gottheit, nicht ein einziger dakischer Personenname bekannt 
geworden ! Die ins Land gezogenen Colonen kamen vorwiegend 
aus Kleinasien, Thracien, Macedonien, Dalmatien und Pannonien 
— das dakische Element war ganz verdrängt, und Alles sprach 
römisch. Die Namengebung der Ortschaften, Berge und Flüsse 
lässt sich aber nicht so leicht verdrängen. Der Pinax des 
Ptolemaeus, der uns die Dacia Traiana darstellt, zeigt uns 
neben neuen römischen Castellanlagen eine Reihe offener Orte 
(dava) aus der dakischen Zeit, sowie einige Reste der dakischen 
Stämme: wenn wir nämlich aus den drei Reihen von ,Völker- 
schaften^, welche Ptolemaeus verzeichnet, zuerst die nach Ort- 
schaften benannten herausnehmen (Burridavenses, Potulatenses, 
Albocenses, Saldenses, Ratacenses, Sienses, Cotenses, Caucoenses), 
femer die fremden "AvapTot und Tsupicxct, welche durch den Ein- 
bruch der lazygen ins dakische Nordland waren verschlagen 
worden, so bleiben nur noch drei Stämme übrig: Bdrj^o', Keiorfswoi 
und Dti^eiYot. Die erstgenannten sassen nördlich vom Temesch- 
fluss am Westrand der Bergumwallung; die beiden anderen am 
linken Donauufer östlich vom Altfluss; auf beiden Gebieten 
fehlen römische Inschriften, die Namen selbst sind echt dakisch; 
also haben sich hier am längsten dakische Volksreste erhalten. 

Nach löOjährigem Bestände wurde die Provinz von den 
Römern aufgegeben — zu mächtig erwies sich der Ansturm 
der germanischen Völker, der Vandalen und Tervingen. Doch 
gieng die Räumung in voller Ordnung vor sich, die Legionen 
und Provinzialen wurden südlich von der Donau geborgen, 
wo eine neue Dacia erstand. Doch darf eingeräumt werden, 
dass nicht Alles über den Strom gezogen wurde, und dass ein 



106 IV. Abhandluug: Tomaftchek. 

Theil der minderen Bevölkerung im Lande zorilckblieb — 
Krämer, Handwerker, Bauern und Hirten — ein Element, von 
dem sich Reste der dakischen und römischen Namengebung 
(z. B. Ampeluni, slaw. Omplö, magy. Orapoly, Ompoy) auf die 
späteren Insassen vererben konnte. Die Besitznahme der Dacia 
durch die Germanen trägt mehr einen tumultuarischen, vorüber- 
gehenden Charakter; dauernder erwiesen sich die Spuren der 
slawischen Besiedlung in allen Ortsnamen; dann folgt die 
ungarische Einwanderung, die sächsische und zuletzt die wla- 
chische. Jene inferioren römischen Ueberbleibsel haben sich 
gegenüber der slawischen Einwanderung nicht halten können, 
sowie im Laufe der Zeiten selbst das slawische Element ein- 
gieng. Der römische Grundstock der wlachischen Dialekte 
weist mit Nothwendigkeit auf eine südlich von der Donau ge- 
legene Heimstätte hin und auf den sermo rusticus, wie er sich 
von 400 bis GOO in der illyrisch-thrakischen Diöcese ent- 
wickelt hat. 

Ausserhalb der römischen Provinz Dacia gab es im kar- 
patischen Waldgebirge neben den Bastarnen und Transiugitanen 
(Amra. XVII 12; Transmontani, Ptol.) unabhängige Stämme 
dakischcr Abkunft, Aaxol o'. Trpocopo'., ol bizkp t/jv Aax{<r/ ßapßapot 
auTovofjLot. Wir betrachten zuerst die westlichen Stämme, welche 
von der oberen Theiss an bis zu den Quellen der Weichsel 
Sassen und in diese Sitze durch den Einbruch der lazygen 
waren verdrängt worden, gleich den 'Avapxo^ppaxTot, die wir 
weit von den übrigen "AvapTci an den Weichselquellen finden; 
an diese schliessen sich die 'Apci^Tai an, mit dem Orte *Apaöviov; 
lag auch noch SsTi-^aua in ihrem Gebiete, so dürften wir die 
Arsieten mit einigem Rechte ftir einen dakischen Stamm halten. 
Sicher gilt dies von den Saßoixot, deren dakische Herkunft durch 
das Element -ß^xo». (vgl. KcTTo-ßaixoi) erwiesen wird. Sie werden 
als Theilnehmer am Markomannenkrieg erwähnt (lul. Capitolinus, 
M. Aur. 22, 1 : Bessi, Cobotes, d. i., nach MüllcnhoflF, SABOCES). 
Weiter ostwärts sassen die lIisY^hat, vielleicht Anwohner irgend 
eines, Pienga genannten, Flusses. Südlich von beiden, mitten im 
Karpates, verzeichnet der Pinax Bis^ac, deren Name eine dem 
dakischen Dialekt entsprechende Nebenform von Bfjcaot — jenem 
grossen thrakischen Central volke — darstellt; wie erwähnt, 
werden sie im Markomannenkriege neben den Saboken erwähnt, 



Die alten Thraker. I. 107 

V 

und zwar in der classischen Form BESSI. Safafik und Lelewel 
haben auf diese dakischen Besäen den Namen des Ortes Besko 
und des Bergzuges der Beskyden zurtickftihren wollen, was 
natürlich sehr unsicher ist; sie sassen jedenfalls südlich vom 
Dukla-Passe, dem Einfallsthore der vandalischen Stämme, und 
östlich von den germanischen Boupoi, den Nachbaren der lazygen; 
diese Buren treten schon unter Dekebalos als Verbündete der 
Daken auf. 

Unmittelbar an der Nordgrenze der Provinz Dacia sassen, 
neben Anarten und Teuriskern, dakische Kocrroßtoxoi 5 an diese 
schlössen sich die Bastamen vom Tyras und weiter südlich die 
Rarpen an. Die von Ptolemaeus vermerkten Orte Kapat-Bowa 
und KXYjm-Sowa dürfen wohl für kostobokische Ansiedelungen 
gelten. Das Element xocto- (mit den Varianten xoitco, xtoro-) 
wird uns auch in d«r tlirakischen Nomenclatur begegnen; 
-ßü)xo^ sonst nur in Sa-ßwxo». erhalten, erinnert an gael. bocc(ot) 
,BuckeP (z. B. am Schilde) und an slaw. boktt ,Seite, Bergab- 
hang^ Ein dakischer Provinziale (Ephem. epigr. V n^ 496) 
erhielt das Cognomen COSTOBOCUS, ,quod inter Costobocos 
nutritus sit^ Es gibt sogar Münzen dieses Volkes (Eckhel, DN. 
VI 330). COSTOBOCI erscheinen in der Reihe der Völker, 
welche sich zur Zeit des markomannischen Krieges an den 
römischen Grenzen drohend erhoben hatten (Capitol., M. Aur. 22), 
neben den Bastamen; in der That finden wir die traianische 
Provinz unter dem tapferen Statthalter M. Claudius Fronte 
(ca. 170) von den Barbaren ernstlich bedroht; unter seinem 
Nachfolger Cornelius Clemens fielen die vandalischen Azdingen 
mit aller Macht über die Kostoboken her (Cass. Dio LXXI 12): 
'ri;v Xüjv Ko9TCuß(üX(i)V yju>pccf zoXq otcXok; XTT;a6[X£vot, vwi^^avTec; Ik €>t6{vou?. 
xai TY)v AaxCov ob^h ySttov eXuxouv. Dieser dakische Stamm gerieth 
also damals unter die Herrschaft der Vandalen; grosse Schaaren 
zogen es jedoch vor, Reissaus zu nehmen, den Durchzug durch 
Dacien und Moesien zu erkämpfen und in Raubbanden auf- 
gelöst nach Macedonien vorzudringen. Eine stadtrömische In- 
schrift (Arch.-epigr. Mitth. 1890 XIII 189) nennt einen L. lulius 
Vehihus Gratus lulianus, der als praep. vexillationis per Achaiam 
et Macedoniam ,adversus CASTABOCAS' kämpfte. Eine Raub- 
schaar drang bis Phokis vor, wo sie Mnesibulos aufrieb (165), 
wie Paosanias (X 34, 5 vgl. Suid. Xy)crTai) berichtet: tb ^k 



108 IV. Abbuddlang : Tomaschek. 

Ko9Toßa)xü>v Tü)v XY]cmyai5v ib xai iyik ty^v 'EXXaSa ^(dpa|Abv afweto 
xal iizi TTjV 'EXiTeiav. In die Zeit des Kaisers Pins oder auch 
des M. Aurelius Mt wohl jener PIEPORUS REX COISSTa 
BOCENSIS, dessen Enkel Natopoms und Drilgisa zu Rom ihrer 
Grossmutter Ziais^ Tochter des dakischen Magnaten Tiatus^ 
einen Inschriftstein setzten (C. I. VI n^ 1801); diese Enkel 
waren wohl als Geiseln nach Rom gekommen^ und Pieporus 
(vgl. IIi£-9£tY0' und die thrak. Eigennamen auf -poris) war ent- 
weder ein Grenzfeind oder ein unzuverlässiger Bundesgenosse 
der Römer gewesen. Noch später hat Antonius Caracalla den 
freien Daken Geiseln abgenöthigt; sie wollten unter MacrinoB 
(208) in die Provinz einfallen, standen jedoch davon ab, als sie 
die Geiseln zurückerhielten (Cass. Dio LXXVIII 27). Die 
Kostoboken verschwinden seit dem Einbruch der Vandalen 
völlig von der Bildflächc. 

DAC(i) • PETOPORIANI werden in der Tab. Peut an 
der Grenze von Dacien neben den Bastarnen vermerkt: es 
waren wohl Kostoboken oder auch Karpen, welche zur Zeit der 
Antoninen unter einem Fürsten, Namens PETO-PORUS (vgl. 
Pie-porus) standen — ob als Grenzfeindc, ob als Verbündete 
Roms, lässt sich nicht entscheiden. Die Tabula verzeichnet 
ferner neben DAGAE oder den freien Daken über den Donau- 
mündungen PITI-GETAE (GR. Geto-Githi): es sind vieUeicht 
,picti Getae' d. h. Daken, welche ihren Leib bemalen (vgL 
Plin. XXII 2: apud Dacos mares quoque corpora inscribunt; 
Vn 50). 

Kaprco-Sixat erwähnt Zosimus IV 34 (a. 380) als Bundes- 
genossen der Hunnen und germanischen Skiren; diese mit 
Aoxai zusammengesetzte Form erweist den innigen Zusammen- 
hang der Kapicoi mit der dakischen und thrakischen Nation 
(vgl. Kap7:ou5at(ji.ov , Ort im Haemus; und KapicornQ? 5po?). Als 
KaXXiTCxiSat — mit gemächlich gedehnter skythischer Aussprache 
— treten sie schon bei Herodot (IV 17) in der Nähe von Olbia 
auf: aiTOv xal G7:e{psuai y.7\ ctTeovrat, xsl xp6[x{jLua xal ax6po3a xal fcoLoh^ 
xal xsYxpoü; ; unter dem Einfluss der Städter hatten sie sich in 
"EXXiQvsq Sx'jOai verwandelt. In der echteren Grundform Kaprdiai 
verzeichnet sie Scymnus 'S41 als Barbaren zwischen den Donau- 
mündungen und den IxjOai apoTYJpsc. Westwärts mochten sie 
sich an den Seret {TidpxKoq^ *Hpacoq, byz. ^otporo?, Sepeto^) an- 



Die alten Thraker. I. 109 

lehnen: in dieser Lage kennt Ptolemaeus das Volk der "ApTuto'., 
d. i. eine dialektische Nebenform von KopTctot, mit dem Vororte 
'Apict? über dem Sumpfe Qi<r(oka und den peukinisch-keltischen 
BpcToXi^oa; zahlreiche Ortschaften auf -dava entlang dem Seret 
erweisen die dakische Herkunft der Harpier, so wie der weiter 
nordwärts aus einem römischen Bericht eingesetzten Kapiriavoi. 
Diese Karpianen mögen an der Quelle des Prut den Kostoboken 
die Hand gereicht haben. Seit dem Markomannenkriege traten 
auch die CAßPI als Qrenzfeinde auf; sie verbreiteten bei ihren 
ESnfkllen in den Umes Dacicus Schrecken und Flucht; gar 
mancher Provinziale mochte ; wenn er ihren Händen entgieng, 
den Göttern danken (vgl. C. I. IH n^ 1054 ,a Carpis liberatus, 
pro Salute sua et suorum'). Von den Donaumündungen her 
fielen sie meist in das benachbarte Moesien ein. Unter Maximus 
und Balbinus (237/38) begann der gothische Krieg mit der Ein- 
nahme von Histropolis durch die Barbaren; schon damals wurde 
^ Carpis contra Moesos' gekämpft (CapitoL, 16); Dexippus schil- 
derte weitläufig, ä Kiprcoi xal Ta irspa ßapßapa sövyj £7:pa5av (Euagr. 
BQst. eccl. V 24). Unter Gordianus HI. war in Moesien Statthalter 
Tullios Menophilus (240 — 242, Priscus fr. 8); da der Kaiser 
den Gothen Jahrgeldcr bewilligt hatte, forderten solche auch 
die Karpen: ifjfAsT^ y^P xpetirove^ twv r6T0ü>v sopLgv — ohne jedoch 
etwas zu erreichen. Sie verbanden sich, 3000 Mann stark, mit 
den Schaaren der Ostrogotha; lordanes (Get. IG) schildert die 
Garpi ab ,genus hominum ad bclla nimis expeditum, qui saepe 
fitere Romanis infesti^ Kaiser Philippus schlug jedoch (245) 
ihre AngriflFe zurück (Zosimus I 20: outs; eicl Kip^ouq ri^ti xa xepl 
tbv "Jorpov Xr/tffaix^oü^ eoxpaTeüae). Die nördlichsten Castelle von 
Dacia waren damals schon aufgegeben. Unter Decius wurde 
zwar Dacien noch gut vertheidigt; aber Moesien und das Haemus- 
gebiet wurde von den Gothenschaaren des Cniva, denen sich 
wiederum Karpen angeschlossen hatten, verheert; im Kampfe 
mit diesen fiel Decius bei Abryttus. Unter Gallus und Gallienus 
wurden die pon tischen und ägäischen Gestade von germanischen 
Piraten beunruhigt; die Haemüsproviiizen Utten durch die £in- 
fiüle der Gothen und Karpen; die Provinz Dacia gicng ver- 
loren (257). Der tüchtige Kaiser Claudius regierte zu kurz, 
als dass seine Heeresreform Dacien hätte retten können. Da 
selbst alle Haemusläudcr von den Barbaren durchzogen und 



110 IV. Abhaadlang: Tomsschek. 

verwüstet wurden, gab Aurelian diese Proviuz endgiltig auf 
(271); als er aus dem Orient zurückkehrte (274)^ schlug er in 
Tliracien die Grothen, Karpen und Sarmaten; unter seinen 
Titeln begegnet daher auch Carpicus — er selbst pflegte gering- 
schätzig Carpisculus zu sagen. Unter Diocletianus und Galerius 
(ca. 295) wurden die äarmaten, die Karpen und die Bastamen 
in zahlreichen Schlachten gesciilagen und bedeutende Reste 
dieser Völker in den Donauprovinzen, Pannonien und Moesien, 
angesiedelt (vgl. Aur. Vict. Caes. 34: Carporum natio translata 
omnis in nostrum solum). Wir sehen also, dass selbst das nörd- 
lichste Grenzvolk des trajanischen Daciens, die Bastamen, aus 
dem solum Barbaricum vertrieben, in der Romania Aufnahme fand; 
und da soll eine die römische Oultur ruhig weiter fortpflianzende 
Masse römischer Provinzialen im Karpatenland sich weit über 
die Zeit der Völkerwanderung hinaus erhalten haben? Alle in 
die Romania aufgenommenen Nationen verwandelten sich bald 
in lateinisch sprechende Provinzialen; so auch die Karpen und 
Bastarnen. Ein Römer karpischer Abkunft war der in Sopianae 
geborene Staatsmann Maximinus (Amm. Marc. XXVU 1, ö: 
ortus a posteritatc Carporum, quos antiquis excitos sedibus 
Diocletianus transtulcrat in Pannoniam). Als Valens (376) an 
der unteren Donau gegen die Gothen kämpfte, lagerte er ,prope 
Carporum vicum* am moesischen Ufer (id. XXVIU 5, 5). Jene 
Kapi:oBixat, welche noch unter Theodosius I. als Genossen der 
Hunnobulgarcn und Skiren auftreten, werden bald unter diesen 
Völkern verschwunden sein. Wiis die Bastarnen betrifft, so 
finden wir ihre letzten Spuren im Uaemns: hier fiihrt noch 
Prokop ein moesisches, im Gebiet von Nikopoiis gelegenes 
Castell B37;£pv2: an: ein zweites Ciustell BiTiefvai gab es noch in 
spätbyzantinischor Zeit zwischen Iteroe und Lardea an der Beuge 
der Tund2a. Mit den Karpon ist der Kreis der thrakischcn Kar- 
paten Völker geschlossen; AHo^, was mit dem Namen der römi- 
schen Provinz l^acia zus^immenhängt, die barbarischen 8t&mme 
sowohl wie die riunisohen Pri>vinzialen. hatte südlich von der* 
Donau, in der 1 >acia dos Auivlianus und im Uaemns, eine neue 
Heimstätte gefunden: hier hat sich auch die ostromanische oder* 
,wlachisohe* Nation hemusirobildet. An dieser Bildung haben die 
ver^»hietiensten Völker und ^>ti&mme tbotigvnomiuen: der llteast^ 
Grundstock jedoch gehört unstreitig der thmkisohen Nation an« 



Die alteu Tbr&kor. I. 111 

Damit Nichts fehle, sei hier noch an den Ursprung des 
Namens ,Wlache' erinnert. Die galatischen VOLCAE (vgl. 
gael. folc ,celer, alacer'), welche entlang dem hercynischen und 
karpatischen Bergzuge* Nachbaren der Germanen geworden 
waren und von diesen Valhos genannt wurden, standen den 
germanischen Stämmen als ein fremdes und anderssprachiges 
Volk entgegen; da schliesslich alle volkischen Stämme der Ro- 
manisierung anheimfielen, erhielt jene Bezeichnung den Begriff 
,Romanen^ Name und Begriff fanden im Slawischen Eingang: 
dieses bezeichnet mit Vlahü (pl. Vlaäi) jeden ,Welschen^, vor 
allem jedoch den Ostromanen; der Nebenbegriff ,Wanderhirte' 
ergibt sich aus der Thatsache, dass der Ostromane im Mittel- 
alter vorzugsweise als Viehzüchter und Wanderhirte auftrat. 
Sowohl jene Hirten, welche von der unteren Donau seit dem 
11. and 12. Jahrhundert in das Karpatenland einwanderten, 
als auch jene, welche im späteren Mittelalter dem Zuge des 
Karpat folgend bis nach Mähren kamen, wurden Wlachen 
genannt. 

IV. Allgemeines über die Thraken. 

Das Volk der Thraken hatte seine Heimat in der kühlen 
Hochregion des karpatischen Bergzuges, auf dessen Halden es 
der Viehzucht oblag. In der thrakischen Namengebung spielt, 
wie sich zeigen wird, ähnHch wie bei den Ariern und Griechen 
das Ross eine hervorragende Rolle; die Jagd zu Ross bildete 
das Hauptvergnügen des Nordländers. Als lange nach dem 
Abzüge der arischen Nachbaren die Thraken als Eroberer über 
den Haemusgürtel hinabstiegen, fanden sie da in den moesischen 
und phrygischen Stämmen leiblich und sprachlich verwandte 
Ursassen vor, die sie theils bewältigten, thcils bei Seite schoben 
und zur ägäischen Küste drängten; der Thrakenname — un- 
gewiss, wie zu deuten — wurde vom Bosporus bis zum Strymon 
allherrschend; selbst die ,hohe' Samos erhielt den Beinamen 
Opii'txfri, und der nördliche Theil des ägäischen Beckens hiess 



' Beachtung venlient eiue von R. Mucb (in Sievor's Beiträgen z. Gesch. 
d. d. Spr. XVll. Bd., S. 12) vorgebrachte Ansicht, wonach die Wohn- 
ritze der Volken auf das Marchland beschränkt und volkische Händler 
die Träger des Handelsverkehrs zwischen 8üd und Nord waren — daher 
die allgemeine Bekanntschaft ihres Namens bei den Deutscheu. 



112 IV. Abhandlung: Tomaschek. 

fortan 9pifjt)Wo<; tcövto?, xb TceXorfo^ Vo 6piQfx(ov, Bponua 'OiXoovz. 
Sogar als Piraten mögen die Thraken einst aufgetreten sein; 
an Schiffsbauholz war ihr Bergland reich, und es wird von 
einer ,thrakischen Thalassokratie* gesprochen, wie von Piraten- 
ziigen nach Naxos. Aber den Seevölkern des Südens waren 
hierin die thrakischen Noraaden doch nicht gewachsen, und in 
historischer Zeit blieb die Thätigkcit derselben durchaus auf 
das Festland beschränkt. Während die Eroberer als Vieh- 
züchter, Jäger und Krieger in der Cultur eine primitive Stufe 
einnahmen — die Geschichte bietet Beispiele genug von No- 
madenstämmen , welche höher stehende Völker überfiuthet 
haben — , standen die Untergebenen thcils infolge eigener 
Thätigkcit auf dem milderen und culturfreundUcheren Böden, 
theils infolge inniger Berührungen mit der vom Orient stark 
beeinflussten lelegisch-pelasgischen Völkerwelt, bereits auf einer 
relativ höher entwickelten Stufe; man kann sagen: Boden- 
wirthschaft, Bergbau, Handwerk und Verkehr lagen in den 
Händen der älteren Landesbewohncr. Der Gegensatz zwischen 
den beiden Bevölkerungsschichten Thrakcs spricht sich am 
dcutUchstcn in den mythologischen Gebilden aus: während die 
ägäischen Küstenstämme mit ihren orgiastischen Culten sich 
innig an die nach Kleinasien ausgewanderten Brudersippen an- 
schUessen, zeigt die Sagenwelt der Thraken grössere Verwandt- 
schaft mit jener der nordischen Völker, namentlich der Ger- 
manen; doch lässt sich eine endliche Ausgleichung auch auf 
diesem Gebiete an der Geschichte des dionysischen Cultes ver- 
folgen, wobei sich die Thraken als der empfangende Theil 
zeigen. 

Vielen Forschern, zumal W. Heibig (Das homerische Epos 
aus den Denkmälern erläutert, 1884, S. 4 ff.), war es aufgefallen, 
dass das Epos die Thraken in Hinsicht auf Bewa£Ehung und 
materielle Cultur als den Acliaicrn ebenbürtig behandelt. Wiö 
die Achaier, so kämpfen die ,thrakisehen^ Bundesgenossen der 
Troer auf Streitwagen, sie tragen die gleiche eherne und reich- 
verzierte Rüstung, die gleichen Helme, sowie lange auf Hiel^ 
und Stich berechnete Schwerter; selbst von einem herrlicheim 
thrakischen Becher ist die Rede; von der musischen Begabung 
legt der Thrakc Thauiyras Zeugniss ab. Die Phoeniker hattea 
einst die Metallschätze des Pangaios und von Thasos ans' 



Die alt«D Thnker t.« 113 

gebeutet; vielleicht gieng ihre Metalltechnik auf die Thraken über, 
and konnteD phoenikische Fabrikate als thrakische in Umlauf 
kommen; zwischen der thrakischen Küste und den klein- 
asiatischen Griechenstädten fand bereits im homerischen Zeit- 
alter ein reger Verkehr statt. Unmöglich konnten daher die 
Sänger die Zustände der wohlbekannten Thraken dichterisch 
idealisirt haben! Wie verschieden von diesem älteren Cultur- 
stande zeigen sich später die ökonomischen Zustände und die 
Gesittung der rohen, der Trunksucht völlig ergebenen thrakischen 
Stämme! Offenbar war, meint Heibig (S. 9), die alte ,thrakische^ 
Cultur eine ,kurzlebige Treibhauspflanze' gewesen, welche die 
orientalische CiviUsation der Phocniker, die bloss friedUchen 
Tauschhandel getrieben hatten, ins Leben rief; dieses Gewächs 
wurde aber in seiner Entwicklung gehemmt, als die Phoeniker 
ausblieben, und erstickt von der aufschiessenden Macht der 
Griechen, welche auf der thrakischen Küste Ackerbaucolonien 
gründeten und unter Kämpfen stetig an Boden gewannen. So 
verfielen die Thraken wiederum in einen barbarischen Zustand, 
ähnlich wie die Irländer, die einst Culturträger waren, später 
aber zu Heloten herabsanken. Wir müssen von unserem Stand- 
punkt aus Folgendes bemerken. Die Cultur der binnenländischen 
Thraken war sich vom Anbeginn bis in die hellenistische Zeit 
gleich geblieben; sie trug stets den Charakter der Rohheit der 
altindogermanischen Zustände; nur der knegerische Sinn und 
die kräftige Phyäis zeichneten den echten Thraken allezeit aus 
und befähigten jhn zur Rolle eines Eroberers. Der höhere 
Stand der Civilisatiou der homerischen Thraken gilt einzig und 
allein ftlr die höher gesitteten Küstenstämme phrygischer Ab- 
kunft; es war eben die höhere geistige Begabung und der 
bessere Culturstand, was diese Stämme schliesslich dem 
Hellenismus zuführte, der hier nicht bloss eine auflösende, 
sondern auch eine befruchtende Thätigkeit entfaltet hat. 

Der Thrake blieb allezeit angestrengter schaffender Thätig- 
keit abhold; seine Losung war der Krieg, seine Lust die Jagd, 
seine Sorge das Ross; Bodenanbau, Gewerbe und niedere Han- 
thierungen überliess er den Untergebenen; ft\r edelgeboren 
{frfynot, thrak. i;tßüO{S£(;) galten ihm nur die Söhne des Mars, 
das Handwerk verachtete er (Hdt. H 167); oder, wie Herodot 
an anderer Stelle (V 6) sich ausdrückt, ,sein Liebstes ist, von 

SUxaii«sb«r. d. phil.-hist. Cl. CXXVIU. Bd. 4. Abh. S 



114 [V. Abhandlung: Toinaschek. 

Krieg und Raub leben; nichts zu arbeiten gilt ihm für hoch- 
anständig, Feld bauen für ehrlos (ap^bv sivai xiXXiorov, •fiq Ik 
spYaTYjv dcTijxcTaTov)^ — hierin glich er also dem Bastarnen, auch 
wohl dem kriegerischen Germanen. Auf Ausbeutung der Unter- 
gebenen beruhte das Wesen der odrvsischen Fürsten ; offenherzig 
gestand Seuthes: ,Ich lebe von dem, was ich mit meinem Kriegs- 
volk auf dem mir vom Vater hinterlassenen Gebiete erbeute.' 
Dass voreinst auf dem Boden Thrakes grosse innere Reibungen 
stattgefunden haben, Verschiebungen von Stämmen, ja völlige 
Vernichtungskämpfe — das bezeugen die wiederholten Auszüge 
von Stummen und Völkern nach dem kleinasiatischen Süden. 
Auf dem Tummelplatz des Ares gab es keine Einigkeit der 
Völker; wo sich Staatswesen bildeten, wie bei den Odrysen und 
Daken, wurden sie mit Gewalt zusammengehalten, und sie haben 
niemals die ganze Nation umfasst. Und doch wurde die Grösse 
und Ausdehnung dieser Nation gefühlt und erkannt: Manchem 
erschien Thrake als eigener Erdtheil neben Europa, als ein 
Viertel der Erde; Herodot (V 3) gibt seine Meinung folgender- 
massen kund: ,Das Volk der Thraken ist nach den Indiern 
unter allen Völkern das grösste; wenn es zusammenhielte oder 
einen Herrn hätte, so wäre es unbekämpfbar und bei weitem 
das mächtigste — aber, weil es ihnen dahin zu kommen un- 
möglich ist, so sind sie demgemäss auch schwach. Ihre Bräuche 
sind aber so ziemlich dieselben, obwohl sie in eine grosse 
Anzahl von Stämmen zerfallen.* Aehnlich spricht sich Pau- 
sanias aus (19,5): ,Die Thraken zusanmiengenommen sind das 
zaldreichste aller Völker, mit Ausnalime der Kelten, wenn man 
sie als Nation den anderen Nationen gegenüberstellt; deshalb 
hat wohl vor den Römern Niemand die gesammten Thraken 
unterworfen: den Römern aber ist jetzt ganz Thrake unterthan.' 
Die Odrysen hatten unter Sitalkas ein Heer von 150.000 Mann 
aufgestellt, davon ein Drittel Reiter (Thuc. II 98); die Daken 
unter Boirebistas stellten eine Armee von 200.000 Mann auf. 
Nach Strabo bestand das Thrakenland südlich von der Donau 
aus 22 Völkerschaften und vermochte, wenngleich ausser- 
ordentlich erschöpft, 200.000 Fussgänger und 15.000 Reiter zu 
stellen. Auch Plinius reclmet die Tliraken ,inter validissimas 
Europae gentes' und spricht von 50 Strategien oder Volks- 
bezirken. 



Die alten Thraker. I. 115 

Unbestritten blieb allezeit der kriegerische Sinn der 
Thraken und ihre Verwendbarkeit zum Heeresdienst. Die Dier 
der Rhodope fochten in geschlossenen Reihen und wussten sich 
bei Reiterangriflfen regelrecht zu vertheidigen ; von den Skythen 
sollen die nördHchen Thraken (Geten) die keilförmige Schlacht- 
ordnung gelernt haben (Arr. Tact. 16, 6). Thrakische Söldner 
kämpften in den Heeren der Epigonen: und wie stark die 
Römer die Thrakenstämme, zumal die Bossen, zum Legionen- 
dienst herangezogen haben, davon legen die Inschriftsteine in 
allen Reichsprovinzen Zeugniss ab. In einer Beschreibung des 
römischen Reiches heisst es: Thracia provincia, dives in fructi- 
bus et maximos habens viros et fortcs in hello, propter quod 
et frequentes in de milites tolluntur. Noch K«üser Justinian er- 
geht sich darüber in rühmenden Worten (Nov. 26 a. 635): 
ex£;vo Toiv av(i)|/.oXoYiQ(JL£V(i)v ecriv, oii i:e.p iX ti? Ttjv 6paxü)V ovofAötceis 
X(i>pav, euöu^ ouveiaepy^STat to) X^y*!* ^^^ '^^^ avBp£{a(; xxl aTportwTtxou 
xAi^doü^ xal TCoXe|jui)v xal j^a/r^; svvotot. Wir fügen hier eine pane- 
gyrische Schilderung des thrakischen Lebens aus dem Gedichte 
des Sidonius an den Thraken Anthemius an: Rhodopam quae 
portat et Haemum, | Thracum terra tua est, hcroum fertilis ora. 
I excipit hie natos glaeies et matris ab alvo | artus infantum 
molles nix civica durat; | pcctore vix alitur quisquam, sed ab 
ubere tractus | plus potat per vulnus equum: sie lacte reUcto | 
virtutem gens tota tibit; crcvcrc parumper, | mox pugnam ludunt 
iaculis; hos suggerit illis | nutrix plaga iocos; pueri venatibus 
apti I lustra feris vacuant; rapto ditata iuvcntus | iura colit 
gladii; cosummatamque senectam { non ferro tinire pudet: tali 
ordine vitae ( cives Martis agunt! — Wir wollen uns dieses 
Leben etwas näher betrachten. 

Die griechischen Aerzte und Physioguomiker reihen die 
Thraken in Bezug auf Haut und Haar den nordischen Völkern, 
Skythen und Kelten, au. Die Nordvölker gelten seit Aristoteles 
flir ixaXotyi-, eüOü-, Xsttcc- und -^lüppo-Tpi^s? j bei Dichtern finden 
wir auch die Praedicato ^avOot, flavi; so heisscn z. B. die bi- 
stonischen Frauen AP. VH 10 5avOa(, die gotischen Coralli bei 
Ov. ex Ponte IV 2, 37 flavi. Was die Haartracht bctriflft, so 
kämmten die Thraken ihr langes Haar nach rückwärts und 
banden es entweder am Scheitel zu einem Schöpfe zusammen 
oder Hessen den Haarbusch herabwallen; ohne alle Ordnung 

8* 



116 IV. Ablumdlaog: Tomaschek. 

Hessen die Geten ihr struppiges Haar hängen. Auf der Bühne 
erschienen die Tliraken als öbtpoxcjxat (Pollux H 28) und oÄXP^ijpc- 
xofjwit (Anaxandrides ap. Athen. IV p. 131); in dieser Tracht 
erscheinen bereits die homerischen Abanten auf Euboia^ was 
die Alten seit Aristoteles veranlasst haben mag; in ihnen ein 
thrakisches Volk zu erblicken, Iiol to xopifv toc 2hna6sv t^ QpcpJxä 
vofxci) (Eust. ad Dion. per. 520). — Was die Haut betrifft, so 
schreibt Galenus (I p. 627) den Kelten und Germanen xal icovr«) 
Bpaxio) xe xal ^xuOixo) "^hei <]n;xpov %a\ uyph^ Tb iip[ka xal 8ia xouto 
(jiaXaxöv te xal Xeuxbv xal tj/cXcv Tpi/o^v zu; ihre Haut neigt zum 
Fettansatz, als 7ut(jLsAa)§£(; erscheinen nicht bloss alle Kelten und 
die kleinasiatischen Galater, sondern auch QpänLtq xal BtOuvoC 
(XI p. 513). Als Gegensatz zu den dunkelhäutigen Aethiopen 
stellte die lichtgefärbten Thraken bereits Xenophanes hin, als 
er darauf hinwies, dass jedes Volk seine Götter nach seiner 
eigenen Leibesbeschaffenheit sich bilde, AJMozi^ te (asXovjc^ oijiou^ 
T6, 9paxe^ T£ Tcuppolx; xal •{>^(xm%o()^ (Clem. Alex. Strom. VII p. 302 
Sylb., Theodoret. IH p. 519) — wobei irupp6<; sowohl auf die 
röthhche Hautfarbe wie auf das röthUche Haar bezogen werden 
darf. Ebenso wirft lul. Firmicus I 1 die Frage auf: cur omnes 
in Aethiopia nigri, in Thracia rubri procreantur? Die Griechen 
nahmen eine Mittelstellung ein, der nordländische Typus war 
bei ihnen bereits stark verwischt. Auf die Schädelform haben 
die Alten bekanntlich noch nicht Rücksicht genommen; den 
heutigen Ostromanen ist im Durchschnitt die Mittelform, der 
mesokephale Typus, eigen; die Armenier sind brachykephal, 
wie alle Kleinasiaten, was als Folge einer langandauemden und 
durchgreifenden Mischung mit dem Aboriginerelemente betrachtet 
werden darf. Ucbcr die Schädelform der Thraken werden wir 
erst urtheilen können, wenn sich einmal in einem Tumulus so- 
matische Uebcrreste vorfinden werden. 

Der uralte barbarische Brauch, die Haut mit Farben zu 
ätzen, war den meisten thrakischen Stämmen eigen, etwa bis 
in die römische Zeit hinein, wo die Nachrichten hierüber fast 
aufhören. Ihm huldigten im thrakischen Stammland die Aga- 
thyrsen. Mela berichtet: Agathyrsi ora artusque pingunt, ut 
quisque maioribus praestat, ita magis aut minus, ceterum iisdem 
omnes notis et sie, ut ablui nequeant; ebenso Amm. Marc. 
XXII 8, 30: interstincti colore caeruleo corpora simul et crinesy 



Die alten Thraker. I. 117 

et humiles qaidem minutis atque raris, nobiles vero latis fucatis 
et densioribus notis. Sie heissen darum bei Verg. Aen. IV 146 
picti (vgl. TP. PITI • GETAE), was von den Erklärern meist auf 
das Haar bezogen wird: cyanea coma placentes (Serv.), caeru- 
leo capillo Agathyrsi (Plin.), caeruleo picti colore^ fucatis in 
caeruleum crinibus (Solin.). Die angeborene Blondheit des 
Haares scheint, weil im Volke allgemein verbreitet, flir gemein 
und unedel gegolten zu haben; die Edelinge färbten sich darum 
ihr Haar stahlblau. Die Leibesbemalung gieng auf die Daken 
über: apud Dacos mares quoque corpora inscribunt (Plin. XXn2): 
quarto partu Dacorum originis nota in bracchio redditur (VH 
50). Noch im vorigen Jahrhunderte wusste der Türke Had2i- 
Chalfa (Sitzungsber. d. kais. Akad. XL S. 570), dass die Woj- 
woden der Moldau ihren Söhnen eine eigene Marke einätzen 
liessen, um sie als ,Herrensöhne' (bej-zäde) für immer kenntlich 
zu machen. — Callistratus (ap. Athen. XH p. 524) hat wiU- 
kürlich pragmatisiert, wenn er die Tätowierung der Thrakerinnen 
als einen von den Skythen ausgehenden Brauch hinstellt, der 
ftir ein Zeichen der Knechtschaft gegolten habe und erst später 
zu einem >t6ajxO(; geworden sei. Allerdings waren die aus den 
pontischen Colonien bezogenen getischen Sklaven tätowiert, weil 
auch Kinder von Edelingen in die Sklaverei verkauft wurden; 
die Tätowierung aber galt als ein Vorrecht des Adels. So lassen 
sich die Nachrichten vereinigen: soril^ovTo irapa loT; 0pa$lv ol eu^eveT^ 
^caTSe^, xapa 8s tcT; Yixau; ol SoöXot (Artemidorus Onirocr. I 9); 
ol xapa TW 'IffTpü) oiXÄÖvTei; aT'XovTat (Hesych. v. Icrcptova (xeTtoxa); 
vor allem gilt aber Herodot's Zeugniss (V 6): xb [x^v daxt^Oat 
^TfVikq xixptTat, t^ Ik aaTtxTov ÄYevvd^. Vornehmlich die Weiber 
Hebten das Bemaltsein, wie der Rhetor Dio Chrysostomus angibt: 
kü^pocMi^ oi5v ^v OpaxY) Ta<; Y^vaixa? Ta(; iXsuÖEpai; ortYlAa^wv jxeora^ xal 
tojouTü) icXefova lyp'na^ GrCYM^axa x.at xoixtX^Tspa, Saw äv ßsXtiou^ xal 
ex ßsXTtivwv Jcxoöai; Nach Phanokles soll die Zerreissung des 
Orpheus durch thrakische Bakchantinnen die Thraken veran- 
lasst haben, dass sie fi; aXö^ou; loriljov, Tv' iv /pol aY^iAor' 
^Xouaai I xüovea oiuYspou |jlyj XeXaöoivro fovou. Das oriljetv geschah, 
wie Callistratus angibt, mit Nadeln: £i:o(xiXXov za awfjLata, 7cep6vai^ 
YpofJjv evstaai; nach dem Epigramm der AP. VH 10 haben die 
bistonischen Frauen den Tod des Orpheus beweint und aus 
Leid sich die Arme tätowiert, indem sie durch die Haut Nadeln 



118 IV. Abhandlung: Tomascbek. 

zogen, deren Fäden mit Russ imprilgniert waren: otixtou? 5' 
i^jfxa^ovTo ^poi'/io'^aq^ apL^tpieÄatvY) { SeuöfjLevat oiro^iY] 6pT]t)ciov zX6xa{i.ov. 
So ätzen sich noch jetzt die Weiber der Tungusen die Haut 
ihrer Stime, ihrer Wangen, des Kinns und der Arme mit Boss. 
Die Kleidung bestand vorwiegend aus grobem Hanfzeug 
und darüber geworfenen Fellen. Der Hanfanbau wurde sehr 
gepflegt, und xöcvvaßtc scheint urspriingKch ein thrakisches Wort 
gewesen zu sein (s. d. Glossen); Hcrodot berichtet (IV 74 vgl. 
Hesych.): £a xavvaßtoc Bpi^ixe^ |X£V xai eTixot« xotsuvtat, ToTat Xtv^ot« 
ojxoi^iaTa etc. Diese feineren Hanfzeuge, mit Hilfe eines primi- 
tiven Webstuhles gewoben, wurden mit Pflanzenfarben allerart 
bunt gefärbt oder mit bunter Stickerei ausgenäht: ol Bpcos; 
7C0tx(Xai; i'i^fjtQi xpwviai (Hesych.); die lang herabwallenden 
ßaaaipai der Bakchen waren bunt, nicht selten auch mit kleinen 
Goldflinsen belegt — solche Gewänder tragen in antiken Dar- 
stellungen Orpheus, Thamyris und Dionysos selbst; es waren 
Fabrikate der Siidstämmo, zumal der Edonen, IBwva \[ukv.2. 
Witzig sagte Aeschylus vom bunten Wiedehopf, er habe einen 
thrakischen Waff*enrock an. In missduftende Schafpelze waren 
die nördlicheren Thraken, z. B. die Bossen und Geten, gehüUt; 
sie heissen darum pelliti. Langärmel ige Kittel tragen die Daken 
auf den Standbildern, ebenso weite Hosen, laxae braccae, gleich 
den Geten. Der Filzhut gehörte zur Tracht der dakischen 
Priester und Edelinge (s. d. Glosse tarabostei, 7:tÄOf6pot). Den 
Fuss schlitzten Ledersandalen oder dicke Filzsohlen, d[j.ßa5e? • 
svrceXI^ [xev to U7:65r<|xa, Bpaxiov Be tb £jpY;|xa, tyjv 5s llioa xo06pv9i( 
TaiuetvoT; eotxev (Pollux II 85). Entsprechend dem kühleren Klima 
und den rauhen Temperatursprüngen kleidete man sich warm, 
selbst in Bithynien. Xenophon sagt: ,l)ie Thraken hüllen um 
Kopf und Ohren Fuchspelze; ihre Leibröcke bedecken auch die 
Schenkel; der Kälte wegen tragen sie zu Pferde statt kurzer 
Wamse Reitermäntel (l^eipaq), welche bis auf die Füsse herab- 
reichen. ^ Schon Herodot beschreibt uns die Tracht der bithy- 
nischen Thraken im Heere des Xerxes (VII 75): exl jjl^v ttJ« 
xe^aXi^Gi aXdüTztyLiaq l^ovieq eorpaTeiovro, Tuspl Bs Tb (7(o|xa xi0c5va^, ewt 8^ 
^etpai; ireptßsßXrjfjisvoi xoixiXa^, rspl Be to*j(; 7:5oa; t£ xal t«^ xvi^{jLa^ 
Tzi^ikoL veßpwv (vgl. die Glossen eßyjvot und ^eipä). Weit leichter 
war die Sommertracht der dakischen Krieger: ein gegürtetes 
Wams mit einem über die Schulter geworfenen Mantel, den 



Pio alten Thraker. I. 119 

eine Fibel festhält. Erinnert sei noch an den ständigen Typus 
des thrakischen Reiters und Jägers in Wams, flatternder Chlamys, 
Pelzmütze und Ledersehuhen, den Jagdspiess in der Rechten, 
den Pferdezügel in der Linken, und den Hund hinterher. 

In der Bewaffnung waren, wie bereits erwähnt, schon zu 
Homer's Zeiten die Thraken den Achaiern ebenbürtig; schon 
damals stand das thrakische Schwert (;i<po; D. XXIII 808, 
(pisYovov XIII 577) in gutem Rufe. Sollen die Phöniker den 
Thraken alle Waffenstücke geliefert haben? Dürfen wir nicht 
vielmehr an Erzeugnisse einheimischer Schmiede denken? In 
der phrygischen Sage treten die metallurgischen Daktylen KeXfjits 
oder ilxeX[xt<; (,Schürfer, Gräber*), Aa{i.vai^.£vs'j<; (,Bläser*) und 
"AxfjLwv (,Ambos' aus Kiesel, dann aus Stahl) nebst AsXXa; (dem 
ySpalter, Schmelzer') bedeutungsvoll hervor, und die Anfiinge 
der Erzbearbeitung wird die phrygische Nation schon in ihrer 
erzreichen europäischen Htnmat sich eigen gemacht haben ; von 
den thrakischen Stämmen liaben namentlich die Dessen Erze 
aller Art zutage gefördert und verarbeitet ; so konnten denn noch 
zu Thukydides' Zeit die Dier der Rhodope als jjiaj^aipo^opot auf- 
treten; als thrakischer Ausdruck für die [Aa^aipa wird axaX[ji.Y; 
überliefert. Die Thraken kannten auch schon den , Krummsäbel*, 
apTOQ • \}.i'/jxiz% xaixTCuXr^, Bpaxwv eupscTK; (Clem. Alex. Strom. I p. 307) 
oder sica * 0pax.txbv ^{^s^ £7:iy,a|x7:£; (Gloss. Labb.), die falx supina 
(luv.) der dakischen Sichel träger. Speer, Spiess und Lanze 
gehörten gleichfalls zur thrakischen Bewaffnung (vgl. die Glossen 
Xo^x^Q; ffopiasa und besonders popi^ata); die d%:vTta werden 
namentUch den Bithynen und den illyrischen Agrianen beigelegt, 
den ersteren auch Dolche (i^xeipiSta [xixpa, SoXwve;). Dass daneben 
Bogen (mit Pferdesehnen) und Pfeile ihre uralte Rolle nicht 
verloren hatten, versteht sich von selbst; als Bogenschützen zu 
Fuss (To^i^Tai) wie zu Pferde (k^roTö^oTai) treten die Odrysen, 
Geten und Daken auf; diesen war auch der Brauch eigen, die 
Pfeilspitzen zu vergiften — sie sollen dazu den Saft von Alant 
(inula helenium, Galen. XIV p. 244) verwendet haben. Ausser 
Bogenschützen, Sichelträgern und Speerwerfern zeigt uns die 
Trajanssäule auch Steinschleuderer. Die odrysischcn und ge- 
tischen Reiter im Heere des Sitalkas, die dakischen im Heere 
des Dekebalos, waren gepanzert — es waren entweder Platten- 
oder, wie bei den Sarmaten, Schuppenpanzer. Auch Helme 



120 IV. Abhandlung: Tomaschek. 

und Schilde (galeae ac scuta, Plin. XVI 144) fehlten nicht; 
namentlich werden die thrakischen "X^ppo^, wapjAat und wdXTat er- 
wähnt, und die iceXta galt flir ein eüpr^iAa 6paxc5v (s. d. Gl.); 
wenn die Thraken flohen, warfen sie den Schild auf den Rücken 
(Xen.). Die Daken brachten es sogar zu einem eigenen Feld- 
zeichen, der Drachenfahne, deren Aussehen uns sowohl aus der 
Abbildung der Trajanssäule wie aus alten Schilderungen (Suid. 
V. oTifAsTa SxuOixa * ufaaixaTa ßo^YJ TSTcoixiXjx^va; Arr. Tact. 36, 3: 
ext xovTöv 5piAovT6(; axatpoujxsvct etc.; Amm. Marc. XVI 10: pur- 
pureis subteminibus texti dracones, hastarum summitatibus illi- 
gati, hiatu vasto pcrflabiles et ideo velut ira perciti sibilantes 
caudarumque volumina reUnqucntes in ventum) genugsam be- 
kannt ist; Hadrian gestattete dieses nationale Abzeichen den 
ausser Landes verwendeten dakischen Schwadronen. Der 
homerische Kriegswagen, auf dem noch der Thrake Rhesos fiihr 
und dessen sich die Kikoncn auf ihrem ebenen Boden wohl 
bedienen konnten, kam nachmals ausser Gebrauch. Erwähnt 
sei noch die geschätzte eiserne Axt der Thraken (su^oaCplei icsXsxu; 
9paxt>t6(;, Pollux I 149), wiederum ein Beweis für die Metall- 
technik des Rhodopelandes, welche mit jener der Lakonen vom 
Taygetus rivahsieren durfte. Mit der Bewaffnung der thrakischen 
Eroberer stand es demnach auch in historischer Zeit nicht schlecht 
Die Wohnorte der Thraken waren sehr verschieden; wir 
finden alle Formen, von der Hühlenwohnung des Troglodyten 
bis zur gut verschanzten Vestc, vom Viehgehöfte des Senners 
und vom Fischerpfahldorf bis zur offenen Stadt, dem Knoten- 
punkt des Verkehrs. Die Sitze der Troglodyten an der unteren 
Donau haben wir bereits erwähnt, ebenso die paionischen Pfahl- 
bauten am Prasias — vielleicht hal)en hier eigentUch edonische 
Leute gehaust, da [xocctjv (s. d. Gl.) phrygischen Ursprung ver- 
räth. Herodot's Zeugniss über jene Fischerwohnungen (V 16) 
ist allen Forschern zu sehr bekannt, als dass wir es wörtlich 
anflihren und erläutern sollten; erwähnt sei nur, dass man dort 
sogar Rindern und Schafen Fische zur Nahrung gab; die am 
unteren Strymon gesäete Gerste war ob ihres schlechten Ge- 
schmacks und Geruchs berüchtigt — Pferde und Rinder, 
Schweine und Hunde verschmähten sie, nicht aber der Mensch 
(Mirab. ausc. 116), der in Zeiten der Noth sogar mit einem 
Brote aus den Nüssen des TpißoXo? (trapa natans) verlieb nahm 



Die alten Thraker. I. 121 

— dieselbe Verwendung der Wassernuss finden wir bei den 
Urinsassen des Laibacher Moors. Das dakischc Pfahldorf 
mitten im (See- oder Fluss-) Wasser hat, wie die Trajanssäulc 
zeigt, runde Holzhütten mit spitzigem Dach. Xenophon schildert 
uns die Weiler und Viehgehöfte der Tliynen (Anab. VII 4, 14): 
an die Wohnhlitte (xaXußri) schlössen sich Stall und Schafpferch 
an, und das Ganze war mit Holzpßlhlen (oroupoi?) verschanzt. 
Eß gab natürUch auch offene Dörfer und Märkte (para, dava 
oder deva ,SiedelungO, verschanzte und mit Dämmen umgebene 
Orte (xsXtuv), Umfriedigungen auf erhölitem Boden (ßpta oder 
ßpca) und regelrecht theils mit Holzpfahlwerk, theils mit thurm- 
besetzten Steinmauern, die den Sturmböcken Widerstand ent- 
gegensetzten, versehene Vesten (Bt^a oder Be^t) sowohl in der 
südlichen Thrake wie im Dakenlande und bei den Geten — 
leider kennen wir nicht das dakische Wort flir solche Vesten, 
da diese alle von den Römern geschleift worden waren, so dass 
nur die offenen Dörfer (dava) übrig blieben. Leider wissen 
wir auch Nichts von der inneren Einrichtung und den Geräth- 
schaften des thrakischen Hauses; die wenigen Tumuli, welche 
bisher auf thrakischem Boden aufgedeckt wurden, enthielten 
ausser Thon- und Glasscherben kupferne und bronzene Lanzen- 
spitzen; die weitere Durchforschung derselben wird wohl einmal 
bestimmtere Resultate ergeben. Ueber die von Skorpil be- 
schriebenen Steindenkmäler getrauen wir uns kein Urtheil zu. 
Nach Diodor (I 55 vgl. Hdt. II 103) soll es an vielen Stellen 
Thrakes Standsäulen gegeben haben, welche Sesostris als End- 
ziel seiner Eroberungen beim Skythenzuge aufgestellt hatte. 

Die Küsten- und Seeanwohner nährten sich hauptsächUch 
von Fischen, von denen die Alten mehrere besondere Arten 
aufzählen (vgl. d. Gl. TCöncpa?, tiXoiv, TueirpiBtXo^, X40pa5, 8eXxav6^, 
femer ^pd^/P^^ ^^^^ xtöapa). Bei den phrygischen Küstenbewohnem 
wurden die Früchte der Demeter, Weizen und Gerste, Roggen 
imd ßpK«, fleissig angebaut; das Getreide wurde in Erdgruben 
(ffipoi) aufbewahrt. In dem Namen der Pyro-geri am mittleren 
Hebrus haben wir ,Siedler des Weizengebietes* erkannt; die 
thynischen MsXivo9aYot bauten vornehmlich Hirse an, eine Gattung, 
die auch den Sarmaten und Pannoniern die Hauptnahrung 
lieferte. Die KopxtBat im heutigen Bessarabien bauten ausser 
Weizen und Hirse auch noch Zwiebeln, Knoblauch und Linsen 



122 IV. Abhandlung: Tomas che k. 

au; allen Thraken diente Knoblauch als Würze zum Mahle 
(vgl. schol. ad Aristoph. Acharn. 165 £axopo5tc[X6vO(; 5 Hesjch.: 
crAcpocc^oYsSjiv cl 0pax£;). Salz jedoch war rar, nur das dakische 
Land besass davon (vgl. Salinae, Ort bei dem heutigen Thorda); 
die pontischen Griechen gewannen Salz aus Lagunen, bei An- 
chialos und Mesembria, Tyras und Olbia. Dieses Salz wurde 
vortheilhaft an die binnenlilndischen Thraken verhandelt, gegen 
Sklaven: twv 0pa:cü)v o\ [kzco-^zioi aXwv a'/TaaxriXXaTovTO tou^ sixets^ 
(PoU.; vgl. Hesych. v. aXü)^nr;To; • tsu; äXa^ XafAßovovTs«; c\ Bpaxe; 
avBpazoBa eMSoaov). So geriethen selbst Kinder von Edelingen 
in die Sklaverei, und spöttisch hiess es: 0pa; suysv/j; et; Tzpz:; 
aXa^ wvr^fjLsvs;! — Die echten Thraken, Viehzüchter von Haas 
aus, zogen allezeit die animalische Nahrung vor. Schon die 
Säuglinge erhielten mitunter frisch abgezapftes und mit Rahm 
gemischtes Pferdeljlut. Fleisch aller Art wurde theils roh (vgl. 
den Eigennamen '\\):r,lo%oz ,Rolifleische8ser*), theils gebraten ge- 
gessen, in schmale Stücke zerschnitten (s. d. Gl. •^vna). Milch- 
nahrung war aUgemein und Butter sehr beliebt — '^jkont.'zoTKxai 
und ßouTupo^aY^i werden die Thraken öfter genannt; ein flacher 
Brotkuchen, Bienenhonig und Gemüse bildeten die Zukost. Mit 
der Käsebereitung waren Thraken und Ulyrier gleich vertraut. 
— Der thrakische Wein stand seit den homerischen Gesängen 
im besten Kufe; wir werden die schrittweise Verbreitung des 
Weinbaues in Thrake im Artikel At(i)vu7o; verfolgen. Die harte 
Arbeit des Winzers überliess der faule Thrake seinen Unter- 
gebenen, desto tapferer sprach er sell)st der dionysischen Gabe 
zu. p]s war wohl eine harte Aufgabe für Boirebistas und seinen 
Pontifex, dem dakischen Volke den Weiiigenuss abzugewöhnen 
und die Rebenstöckc auszurotten! Bei allen thrakischen Stämmen 
finden wir Unmiissigkeit im Trinken; szteixü); 8* sict xivTsg o\ 
6pa)^£? xoXuxotat (Theop. ap. Athen. X p. 242). Sie tranken den 
Wein stets ungemischt (Athen. XI p. 781, d nach den Versen 
des Callmachus X j). 242, f); eine Ausnahme machte König 
Kotys IV., welcher stets vii^rry]; bliel) (Suid.). Die Troren büsstea 
ihre Trunksucht vor Herakleia am Pontus, wo ihnen der Weia 
mit axcv'.Tov vergiftet wurde; die Thraken pflegten angetrunkea 
zur Schlacht auszuziehen (Paus. IX 31, 5). Wie die Paionen, 
so tranken auch die Odrysen, Geten und Daken bei ihren Ge- 
lagen aus Stierhörnern (vgl. d. Gl. ßovaccoj;), und wir finden bei 



Die alten Thraker. I. 123 

ihnen die Sitte des Zutrinkens und des Weingusses. Wie es 
bei diesen Gelagen zugieng, ersehen wir aus den Versen des 
Anaxandrides über die Hochzeit des Ipliikrates zur Zeit des 
Kotys und aus Xenophon's Schilderung vom Gastmahle des 
Seuthes, die wir hersetzen: ,Die Geladenen setzten sich im 
Kreise herum nieder; darauf wurden für Alle dreifüssige Tische 
hereingebracht, bedeckt mit Fleisch schnitten und gesäuerten 
Broten. Seuthes nahm die Brote, brach sie in Stücke und 
vertheilte sie, ebenso die Fleischstücke; dasselbe thaten die 
Anderen. Es wurden dann Hörner mit Wein herumgereicht, 
und Alle sprachen zu. Seuthes erhob sich, umarmte Xenophon 
und dessen Begleiter, wobei sie einander nach thrakischer Sitte 
zutranken. Während des Trinkgelages kam ein Thraker mit 
einem weissen Pferde, ergriff ein volles Trinkhorn und sprach: 
ich trinke dir zu, Seuthes, und schenke dir dieses schnelle Ross. 
Ein Anderer brachte einen Knaben und schenkte ihn, unter 
Zutrinken, dem Fürsten; ein Dritter brachte fiir dessen Gemahlin 
Kleider, u. s. w. Seuthes trank zuletzt mit Xenophon das Hörn 
aus und goss den Rest über dessen Genossen hin.^ Wir kennen 
noch das thrakische Wort für ,Wein^, nämlich (^etXa oder ^'Xot. 
Zu Heilzwecken wurden auch Säfte von anderen Pflanzen z. B. 
a']^tvOo; abgezogen und zu weinähnlichen Getränken verarbeitet. 
Endlich müssen wir noch des Gerstenl)ieres Erwähnung thun, 
das Phrygen und Thraken, sowie Paionen und Illyrier zu 
brauen verstanden (vgl. d. Gl. ßpuio; oder ßpokoc ,Gebräu'): 
schon Archilochus hatte dies bezeugt (Athen. X p. 447, b): 
^OTcep ?:ap' aüXw ßpOiov 9^ Spr^q avY)p | Yj ^Pp'J? sßp^^Ce, x6ß5a 3' 9jv 
xovEujjiivt). Die Trunksucht der Thraken war ein Erbe aus der 
indogermanischen Vorzeit und nicht, wie Heibig meint, eine 
Folge ökonomischer und geistiger Decadenz, wie etwa bei den 
Schnaps trinkenden Wandern. Wissen wir doch, dass auch 
die Arier am oberen Indus, wenn nicht dem Weine, der dort 
erst später bekannt wurde, so doch dem berauschenden Soma- 
tranke bis zum P>brechen huldigten, und dass alle Naturvölker 
energischer Natur ihre Lebenskraft mit berauschenden Ge- 
tränken aufzufrischen suchen; eine nähere und innigere Ver- 
wandtschaft der Thraken mit den Germanen hieraus abzu- 
leiten, erscheint unnöthig. — Von den Skythen stammt wohl 
der thrakische Brauch, sich mit dem Dampfe der auf heisse 



124 rv. Abhandlang: Tomaschek. 

Steinplatten geworfenen Hanfkörner in Schweiss und schlaf- 
ähnliche Betäubung zu versetzen (Plut. de flum. 3; 3; Tocilescu's 
Dacia p. 758). 

Wenn die Odrysen assen und tranken , durfte dabei der 
auX6; nicht fehlen; zuletzt schmetterten die Trompeten, und Alles 
sprang auf zum Waffentanze. Xenophon schliesst seine Schilde- 
rung des Mahles bei Seuthes mit den Worten: ^Hierauf traten 
Leute ein, die aus Hörnern und Trompeten nach dem Takte 
und gleichsam in der Oktave bUesen; Seuthes stand auf, stiess 
einen Kriegsruf aus und machte sehr behend einen Luft- 
sprung.* Andernorts (An. VI 1, 5) schildert er den thrakischen 
Waffentanz (s. d. Gl. xaXaßpta[x6<;): ,Die Thraken ftihrten zur 
Flöte den Tanz auf, wobei sie mit Leichtigkeit hohe Sprünge 
machten und ihre Schwerter schwangen und gegen einander 
zückten; zuletzt hieb einer auf den anderen los, der Getroffene 
fiel zum Scheine um, der Sieger zog ihm die Rüstung ab und 
gieng den Sitalkas singend davon, während der Getroffene fort- 
getragen wurde.* Nicht immer verliefen solche Erlustigungen 
unblutig: so war bei einem Kampfspiele ein scharfgeschliffenes 
Breitschwert aufgestellt, das denjenigen sofort tödtlich verletzte, 
der beim Luftsprunge das Ziel verfehlte — und die Anderen 
lachten ob seines tödtlichen Falles (Seleucus ap. Athen. IV 
p. 155, e)! Die Odrysen konnten ein Gelage nicht schöner ab- 
schliessen, als dass sie zuletzt über einander herfielen und sich 
selbst wie die Anderen im Rausche zerfleischten (Amm. Marc. 
XXVII 4, 9). Ueberhaupt hatte das Leben des Einzelnen in 
Thrake geringen Werth; grausam waren die Spiele, lebens- 
geftlhrlich die Leibesübungen — man wird förmlich an die Blut^ 
abzapfungen der Indianer gemahnt, die uns Catlin in seinen 
Aquarellen so drastisch hingeworfen hat, — grausam und 
summarisch die Rechtspflege: ohneweiters und schonungslos 
stiess z. B. Seuthes die ihm vorgeführten Gefangenen mit dem 
Wurfspiesse nieder. Henkersknechte wurden mit Vorliebe aus 
Thraken gewählt; noch in christlichen Legenden spielt der 
Mucapor ständig seine Rolle als Schlächter. Ein solches Volk 
war wie geschaffen zu blutigem Zweikampf in der Arena; der 
Threx, mit allen Mitteln der Disciplin für das Gladiatorenhand- 
werk abgerichtet, bot in seinem Blute schwimmend Neronen 
und Messalincn ein ergötzliches Schauspiel. 



Die alten Thraker. I. 125 

Daneben fehlte es nicht an edleren Regungen; auch dem 
Thraken war die sänftigende Wirkung der Musik nicht unbe- 
kannt. Wenn die Geten um Frieden baten, so zogen ihre 
Priester in weissen Gewanden unter Cither- und Flötenspiel 
heran. Wenn freilich schon bei Homer der Kitharöde Tliamyris 
um die Palme des Sieges ringt, so ist zu beachten, dass dieser 
,Thrake^ doch eher dem Volke der Edonen oder Brigen ange- 
hört hat; auch die apollinische Gestalt des Orpheus war ur- 
spriingUch dem thrakischen Boden fremd; erst seit der Blüthe- 
zeit der orphischen Mystik treibt die Bpaxta jjLOüfftxTQ, der 0paxto^ 
vojio^, die Öp^oaa xiOipa bei Dichtern ihr Wesen. Die Anfänge 
der musischen Kunst sind von den phrygischen und griechischen 
Stämmen ausgegangen, nicht von den rohen Thraken. Eine 
Art Op^vog wurde dem verstorbenen Thraker unter Flötenbe- 
gleitung und mit dem Refrain -zopzXKri nachgesungen, sowie selbst 
dem Nadowessen ein solcher Nachruf zutheil ward — das will 
nicht viel bedeuten. — Zu einem eigenen Schrift wesen haben 
es die Thraken selbstverständHch niemals gebracht; Inschriften 
finden sich nur in griechischer und lateinischer Sprache; Münzen 
mit griechischer Legende haben zuerst die Edonen und Bisalten 
geschlagen. Wie verschieden die Culturstufen der thrakischen 
Stämme gewesen sein mochte, erkennen wir beispielsweise aus 
der Notiz des Aristoteles (Problem. XV 3), wonach einer der 
Stämme nicht weiter als bis vier gezählt haben soll — so be- 
schränkt war dessen Gesichtskreis, so stark von allem Welt- 
verkehr abgelenkt! Denn schwerüch wird man annehmen dürfen, 
dass es richtiger heissen sollte ,bis vierhundert^, entsprechend 
dem Vigesimalsystem, dessen Endzahl 20mal 20 lautet; dem 
indogermanischen Sprachgebiete war diese Zählmethode fremd. 
Bemerkt sei noch, dass die öp^^aaat aav{5e;, worauf Orpheus Heil- 
mittel verzeichnet hatte (Eurip. Ale. 967), Erfindung der Or- 
phiker sind. Ihre Gesetzbücher haben Goten und Daken in 
Gtesangsform mündlich überliefert, wie die gallischen Druiden. 

Bei den Thraken war den Jungfrauen, denen offenbar 
Gelegenheit geboten war, sich mehr in der freien Natur herum- 
zutummeln, volle Freiheit im Umgange mit der männlichen 
Jugend gestattet; die Frauen dagegen, durch ihren Beruf ans 
Haus gefesselt, durften die Treue niemals verletzen (Hdt. V 6). 
Hatte ein Junggeselle seine Wahl getroffen oder hatten sich 



124 rV. Abhandlang : Tomaschek. 

Steinplatten geworfenen Hanfkörner in Schweiss und sehlaf- 
ähnliche Betäubung zu versetzen (Plut. de flum. 3, 3; Tocilescu's 
Daeia p. 758). 

Wenn die Odrysen assen und tranken, durfte dabei der 
auX6; nicht fehlen; zuletzt schmetterten die Trompeten, und Alles 
sprang auf zum Waffentanze. Xenophon schliesst seine Schilde- 
rung des Mahles bei Seuthes mit den Worten: ,Hierauf traten 
Leute ein, die aus Hörnern und Trompeten nach dem Takte 
und gleichsam in der Oktave bliesen; Seuthes stand auf, stiess 
einen Kriegsruf aus und machte sehr behend einen Luft- 
sprung.^ Andernorts (An. VI 1, 5) schildert er den thrakischen 
Waffentanz (s. d. Gl. xaXaßpta|x6^): ,Die Thraken fUhrten zur 
Flöte den Tanz auf, wobei sie mit Leichtigkeit hohe Sprünge 
machten und ihre Schwerter schwangen und gegen einander 
zückten; zuletzt hieb einer auf den anderen los, der Getroffene 
fiel zum Scheine um, der Sieger zog ihm die Rüstung ab und 
gieng den Sitalkas singend davon, während der Getroffene fort- 
getragen wurde.' Nicht immer verliefen solche Erlustigungen 
unblutig: so war bei einem Kampfspielc ein scharfgeschliffenes 
Breitschwert aufgestellt, das denjenigen sofort tödtlich verletzte, 
der beim Luftsprunge das Ziel verfehlte — und die Anderen 
lachten ob seines tödtlichen Falles (Seleucus ap. Athen. IV 
p. 155, e)! Die Odrysen konnten ein Gelage nicht schöner ab- 
schliessen, als dass sie zuletzt über einander herfielen und sich 
selbst wie die Anderen im Rausche zerfleischten (Amm. Marc. 
XXVn 4, 9). Ueberhaupt hatte das Leben des Einzelnen in 
Thrake geringen Werth; grausam waren die Spiele, lebens- 
geftlhrlich die Leibesübungen — man wird förmlich an die Blut- 
abzapfungen der Indianer gemahnt, die uns Catlin in seinen 
Aquarellen so drastisch hingeworfen hat, — grausam und 
summarisch die Rechtspflege: ohnewciters und schonungslos 
stiess z. B. Seuthes die ihm vorgeführten Gefangenen mit dem 
Wurfspiesse nieder. Henkersknechte wurden mit Vorliebe aus 
Thraken gewählt; noch in christlichen Legenden spielt der 
Mucapor ständig seine Rolle als Schlächter. Ein solches Volk 
war wie geschaffen zu blutigem Zweikampf in der Arena; der 
Threx, mit allen Mitteln der Disciplin für das Gladiatorenhand- 
werk abgerichtet, bot in seinem Blute schwimmend Neronen 
und Messalinen ein ergötzliches Schauspiel. 



Die altoD Thraker. I. 125 

Daneben fehlte es nicht an edleren Regungen; auch dem 
Thraken war die sänftigende Wirkung der Musik nicht unbe- 
kannt. Wenn die Geten um Frieden baten, so zogen ihre 
Priester in weissen Gewanden unter Cither- und Flötenspiel 
heran. Wenn freilich schon bei Homer der Kitharöde Thamyris 
um die Pahne des Sieges ringt, so ist zu beachten, dass dieser 
,Thrake' doch eher dem Volke der Edonen oder Brigen ange- 
hört hat; auch die apollinische Gestalt des Orpheus war ur- 
sprüngUch dem thrakischen Boden fremd; erst seit der Blüthe- 
zeit der orphischen Mystik treibt die 0pax(a jjwucjix^ der öpoxto^ 
vöjAo?, die 0pf|Gaa xiOipa bei Dichtern ihr Wesen. Die An&nge 
der musischen Kunst sind von den phrygischen und griechischen 
Stämmen ausgegangen, nicht von den rohen Thraken. Eine 
Art Opijvo(; wurde dem verstorbenen Thraker unter Flötenbe- 
gleitung und mit dem Refrain TopsXX^ nachgesungen, sowie selbst 
dem Nadowessen ein solcher Nachruf zutheil ward — das will 
nicht viel bedeuten. — Zu einem eigenen Schriftwesen haben 
es die Thraken selbstverständlich niemals gebracht; Inschriften 
finden sich nur in griechischer und lateinischer Sprache; Münzen 
mit griechischer Legende haben zuerst die Edonen und Bisalten 
geschlagen. Wie verschieden die Culturstufcn der thrakischen 
Stämme gewesen sein mochte, erkennen wir beispielsweise aus 
der Notiz des Aristoteles (Problem. XV 3), wonach einer der 
Stämme nicht weiter als bis vier gezählt haben soll — so be- 
schränkt war dessen Gesichtskreis, so stark von allem Welt- 
verkehr abgelenkt! Denn schwerhch wird man annehmen dürfen, 
dass es richtiger heissen sollte ,bis vierhundert^, entsprechend 
dem Vigesimalsystem, dessen Endzahl 20mal 20 lautet; dem 
indogermanischen Sprachgebiete war diese Zählmethode fremd. 
Bemerkt sei noch, dass die Opf^acjat aaviSe;, worauf Orpheus Heil- 
mittel verzeichnet hatte (Eurip. Ale. 967), Erfindung der Or- 
phiker sind. Ihre Gesetzbücher haben Geten und Daken in 
(Jesangsform mündlich überliefert, wie die gallischen Druiden. 

Bei den Thraken war den Jungfrauen, denen offenbar 
Gelegenheit geboten war, sich mehr in der freien Natur herum- 
zutummeln, volle Freiheit im Umgange mit der männlichen 
Jugend gestattet; die Frauen dagegen, durch ihren Beruf ans 
Haus gefesselt, durften die Treue niemals verletzen (Hdt. V 6). 
Hatte ein Junggeselle seine Wahl getroffen oder hatten sich 



126 IV. Abhaadlaog: Tumaschek. 

die Eltern gegenseitig verständigt, so wurde fiir die Braut der 
Kaufpreis in Geld und Gut erlegt, und sie gieng dann in das 
Eigenthum des Mannes über. So stellte auch Seuthes dem 
Xenophon das Anbot: ,Wenn du eine Tochter hast, so will ich 
sie dir nach thrakischer Sitte abkaufen und ihr Bisanthe zum 
Wohnsitz vermachen/ Bei den meisten Stämmen herrschte 
Vielweiberei: je reicher ein Mann war, desto mehr Frauen 
konnte er sich kaufen und halten: honoris loco iudicatur multi- 
plex matrimonium (Sohn.). HeracUdes Ponticus berichtet: ^ Jeder 
heiratet drei, vier und mehr Frauen ; ja es gibt Keiche, welche 
bis dreissig Frauen besitzen; diese nehmen die Stellung von 
Dienerinnen ein. Wenn der Herr der Keihe nach einer solchen 
beiwohnt, so muss sie ihn waschen und auf jede Weise pflegen; 
führt sie sich schlecht auf, so wird sie heimgeschickt und vom 
Kaufpreis muss dann ein bestimmter Theil zurückgezahlt werden. 
Stirbt der Gemahl, so gehen die Frauen, wie jedes andere Gut, 
in den Besitz des Erben über.' Humorvoll spricht sich über 
die Vielweiberei der gotische Sklave in einem Lustspiel des 
Menandcr aus (Strabo VII, p. 21)7): ,Stirbt einer, dessen Weiber- 
zahl nur vier beträgt | oder fünf, so heisst er bei uns zu Land 
ein armer Wicht, | der ohne Brautlust, ohne Hochzeittanz ver- 
schied;^ er lügt hinzu: ,Die Thraken alle, wir jedoch zu aller- 
meist, I wir Getcn sind in Sittlichkeit | nicht eben Muster.' 

Das war auch bei den Agathyrsen der Fall, bei denen als Folge 
der Ucppigkeit die Bande der Ehe locker waren, so dass die 
böse Welt von Weibergemeinschaft sprach. Die Sitte der Viel- 
weiberei fanden wii* namentlich bei den Stämmen oberhalb 
Krcstone, bei Maiden und Sinten (Hdt. V ö). 

Die Stellung des Weibes war überall eine untergeordnete. 
Im Orient und in allen subtropischen Strichen, wo die Frauen 
in Harems eingesperrt sind und wo überdies das Klima sinn- 
Uche Verirrungeu befordert, bildet sich das Laster der Knaben- 
üebe aus — wir meinen nicht jene ideale Form derselben, wie 
sie in Sparta gepflegt wurde, oder jenes poetische Verhältniss, 
wie es etwa zwischen Anakreon und dem lakonischen Jüngling 
Smerdies bestand — sondern die entartete Form, wie sie in 
der südlichen Thrake und bei den Persern bezeugt erscheint; 
darauf bezieht sich wohl auch jene Anspielung des Aristophanes 
ül)er die Odomantcn, die man gewöhnlich mit der Beschneidung 



Die altCQ Tliraker. I. 127 

in Zusamineuhang bringt. Die Thraken wurden mit dem Epi- 
theton y.a^pü}v-£(; beehrt, d. i. ol 5p[xr|Tiy,a); l/o'^zeq 'izpo^ cuvousiav 
(Hesych. vgl. -Aiizpo^ * Tb aiBoTov tou avBpi;). Um so grösserer 
Scheu und Verehrung erfreuten sich bei den nördlicheren 
Stämmen Asketen, welche Entsagung von allen sinnlichen Lüsten 
predigten, wie die Zalmoxispriester und die moesischen xTiorat 
und xairvoßiiat. — Bei der grossen Zahl der Weiber und der 
sinnlichen Naturanlage der Thraken, sowie bei der leichten 
Beschaffung des Lebensunterhaltes infolge der Viehwirthschaft 
finden wir es begreiflich, dass sich die thrakische Nation trotz 
stärkster Heranziehung zum Kriegsdienst sehr lange forterhielt 
und allezeit einen Ueberschuss an Population aufwies; so konnten 
die politischen Händler thrakische Burschen und Mädchen nach 
Hellas auf den Markt bringen (Hdt. V 6); in Athen wurde die 
6parca mit Vorliebe als Dienstmagd und Amme verwendet; die 
römische Arena bezog aus Thrakc ihre taugUchsten Kräfte. 
Eine solche populationskräftige Nation konnte niemals völlig ver- 
schwinden, gerade so, wie sich ihre Tochter, die wlachische 
Nation, seit Jahrhunderten einer steigenden Prosperität erfreut: 
noch heutzutage steigt in Siebenbürgen die bedürfnisslose 
Menschenzahl der Wlachen, während Sachsen und Magyaren 
im Status verbleiben. 

Die Art und Weise, wie die alten Völker ihre Todten be- 
statteten, bildet ein wichtiges Merkmal ihres Daseins; gerade 
in dieser Hinsicht m.angelt es sehr an zuverlässigen Nachrichten. 
Die Lebensdauer des Thraken war — wenn wir von den römi- 
schen Legionären absehen, für welche sich aus den Inschriften 
eine mittlere Lebenszeit von nur 28 bis 30 Jahren ergibt — 
eine verhältnissmässig lange: nicht nur am Athos linden wir 
iwtxpößtot, auch die Landleute in der Rhodope und im Haemus 
wurden gewöhnlich sehr alt, dank ihrer einfachen Lebensweise 
(Amm. Marc. XX VII 4, 14). — Starb ein thrakischer EdeUng, 
80 blieb sein Leichnam durch drei Tage aufgebahrt, während 
die Angehörigen allerlei Opferthierc schlachteten; nachdem sie 
den Verstorbenen genugsam beweint hatten, hielten sie den 
Schmaus ab; darauf bestatteten sie ihn, indem sie den Leich- 
nam entweder verbrannten oder auch bloss in der Erde ver- 
gruben (xaTa3ca63avT£(; y^, aXXw; yjj xp j'{/avi£;) ; in jedem Falle warfen 
sie einen Tumulus auf (yw;^« yM"^'^^^)^ worin entweder die Aschen- 



128 IV. Abhandlung: Tomaschek. 

urne oder der Leichnam beigesetzt wurde, und zuletzt stellten 
sie mannigfaltige Kampfspiele an, wobei sie werthvolle Kampf- 
preise für die Zweikämpfer aussetzten. So lautet Herodofs 
Bericht (V 8) über die Ta^aC. Beide Arten, Verbrennung des 
Leichnams oder dessen einfache Beerdigung, finden wir zu 
freier Wahl in den ältesten Veden; auch die dreitägige Auf- 
bahrung ist den meisten indogermanischen Stämmen gemein- 
sam. Den nach dem Opijvoi; folgenden Leichenschmaus bezeugt 
auch Xenophon (Hell. III 2, 5): man sprach hiebei dem Weine 
nach Kräften zu, bis zur völligen Trunkenheit. 

Aus der entlegensten Epoche der Menschheit hat sich in 
die geschichtliche Zeit des thrakischen Volkes der Brauch ver- 
erbt, am Grabe des Herrn dessen Lieblingsfrau zu schlachten. 
Man könnte die Bewahrung dieses barbarischen Brauches der 
Nähe der pon tischen Skythen zuschreiben, bei denen die 
Schlachtung der Weiber beim Tode eines Fürsten in üebung 
war; vom Nachbarvolke der Skythen, den Geten, berichtet 
Theopomp: vojjloi; FsTaiv to l^ria^a^siv Ttjv YwvaXxa tw avSpt. Herodot 
(V 5) legt jedoch die Witwenschlachtung gerade den südlichsten 
Stämmen am Strymon bei, den Sinteu und Maiden: ,Wenn einer 
von ihnen stirbt, so kommen die Frauen und deren Anver- 
wandte in ernstlichen Eifer und Streit darüber, welche von 
ihnen am meisten von dem Manne geliebt worden sei. Jene, 
welche schliesshch den Vorzug vor allen erhält, wird unter 
Lobpreisungen der Männer und Frauen von ihren nächsten 
Verwandten über dem Grabe des Mannes geschlachtet und 
alsdann mitbegraben. Die anderen Frauen aber zeigen grossen 
Kummer; denn ihnen ist grosser Schimpf widerfahren.' Mela 
dehnt diesen Brauch auf alle Thraken aus; er hat jedoch deutlich 
Herodot vor Augen, nur dass er mehr Worte macht. Da sich 
diese Sitte auch bei den Ariern am Ganges und selbst bei 
einigen alten Völkern Europas vorfand, so werden wir der- 
selben ein hohes Alter beimessen müssen. — Die Anschauung 
der Trausen über Geburt und Tod haben wir bereits kennen 
gelernt und zugleich bemerkt, dass dieselbe nur von der nie- 
drigen geistigen und ökonomischen Stellung dieses Volkes Zeug- 
niss gibt. 

Der edelgeborenc Thraker war bereit, wenn Alles fehl 
schlug, muthig dem Tode ins Auge zu blicken; selbst stürzten 



Die alten Thraker. I. 129 

sich in ihre Schwerter die Häupter der Odryscn, Koilaleten 
und Dier, die Vertheidiger der nationalen Selbständigkeit wider 
die Römer; ebenso schloss Dekebalos sein thatenreiches Leben; 
die dakischen Edelinge sehen wir auf der Trajanssäule um 
den Kessel sitzen und einen nach dem andern den Giftbecher 
leeren; bei Geten und Daken mochte der Glaube an die Un- 
sterblichkeit des Individuums diesen letzten Schritt erleichtern. 
Die Alten wollten überhaupt in der Psyche des Thraken Todes- 
verachtung und den Hang zum Selbstmord erkennen : £Tot|x6T6pov 
Övi^/Txouai (Eust. ad Dion. per. 304); Thracibus barbaris inest 
contemptus vitae et ex quadam naturalis sapientiae disciplina 
concordant omnes ad interitum voluntarium (Solin.); habent 
appetitum maximum mortis (Mart. Cap.). Dieser Hang wurde 
jedenfalls durch die grausamen Spiele und die ständigen 
Kaufereien gefördert; der Thrake war gewöhnt, bei jeder Ge- 
legenheit Blut zu vergiessen. Schon Thucydides sagt von den 
Diem, einem sonst geachteten Stamme: sie stehen keinem 
Barbarenvolke an Mordgier nach. Die Grausamkeit der da- 
kischen Weiber hat die Trajanssäule verewigt. — Sonst wird 
den Thraken der Hang zu Meineid und Treubruch zuge- 
schrieben; die 6pax{a icapeupeci; war zum Sprichwort geworden, 
und seit Menander galt der Satz: öpofxe;; 5p>tta oux exiatovrat. 
In gleichem Rufe standen im Mittelalter die Pinduswlachen. 
So finden wir im Wesen des thrakischen Volkes, wie bei allen 
halbbarbarischen Völkern, Erhabenes und minder Gutes ver- 
einigt; die Triebfedern zu Allem hat aber die Natur gegeben; 
nur die fortschreitende Civilisation vermag die Naturwüchsigkeit 
zu mildem und auf gute Bahnen zu lenken. 

Die Psyche eines Volkes lernen wir übrigens am besten 
aus dessen Sagengebilden und aus der Sprache kennen; über 
diese Dinge wird der folgende Theil handeln. 



Sitningsber. d. phil.-hist. Cl. CXXYin. Bd. 4. Abh. 9 



130 IV. Abhandlung: Tomaschek. Die alten Thraker. I. 



Inhalt. 



Seite 
Eiuleitung 1 — 12 

I. Die paionisch-dardaniBohe Gruppe 13 — 27 

Tenkrernnd Mysen S. 13. Pelag^nen S. 17. Paionen S. 18. 
Agrianen S. 21. Dardaner S. 23—26. Veneter S. 26. 

II. Die phrygisoh-mysische Gruppe 27 — 52 

1. Phrygen oder Brigen S. 27—33. 

Edoniscbe Stämme S. 33—39. Mygdoneu S. 33—35 (Be- 

bryker und Dolionen 8. 35), Krestonen und Krusaier 

S. 85. Sithonen S. 37. Edonen 8. 37—39. 
Odomanten 8. 39. Bistonen 8. 40. Xanthier 8. 41. Ki- 

konen 8. 42. 8a¥er 8. 43. Siutier 8. 44. Paiten und 

Apsinthier 8. 45. 

2. Mysen und Moesen 8. 47. Artakier, Kebrenier und 8kaXer 
8. 50-52. 

III. Die thrakischen Völkerstamme 53—111 

a) Die südlicbe Gruppe S. 53—92. 
Treren 8. 53. Trallen 8. 56. 

8try monier oder Maidobitbynen 8. 58—68. Bisalten S. 68. 

8inten 8. 59. Maiden 8. Cl. Denseleten 8. 62. Bi- 

tbynen und Tbynen 8. 62—67. Dolongken 8. 67. 
8atren 8. 68. Dier 8. 71. Diobessen 8. 72. Bessen 

8. 72—80. 8apaier 8. 69. Korpilen 8. 69. Trausen 

8. 70. 
Odrysen 8. 80. Bennen, Rainen, Asten 8. 83. Samaier, 

Koilaleten, 8ialeten 8. 85. Namen auf -geri 8. 87. 
Triballen 8. 87. (keltische Intrusionen, Reich von Tylis 

8. 90). 

b) Die nördliche oder getisch-dakische Gruppe 8. 92 — 111. 
Geten, Terizen, Krobyzen 8. 92 — 98. 

Agathyrsen und Trausen 8. 99. Daken 8. 101. Dakische 
Bergstämme, 8aboken, Bessen, Kostoboken, Karpodaken 
8. 106—111. 

IV. Allg^emeines über die Thraken 111—129 

Culturunterschiede 8. 112. Leiblicher Typus 8.115. Täto- 
wierung 8. 116. Kleidung und Bewaffnung 8. 118. Be- 
hausung 8. 120. Nahrung und Getränke 8. 121. Waffen- 
tänze und Spiele S. 124. Musik 8. 125. Schriftwesen 
8. 125. Sittlichkeit und Ehe 8. 125. Todtenbestattung 
8. 127. Witwenschlachtung 8. 128. Todesverachtung 
8. 129. 



Y. AbhftDdlang: Zingerle. Zoi vierten Decade des Livins. 



V. 



Zur vierten Decade des Livius. 

Von 

Prof. Dr. Anton Zingerle, 

coiresp. Mitgliede der kais. Akademie der Wissenschaften. 



,j3ei der unsicheren und zum Theil lückenhaften Kennt- 
niss, die wir von der handschriftlichen Ueberlieferung der 
vierten Decade haben, ist die Texteskritik gerade hier mit 
bedeutenden Schwierigkeiten verbunden/ sagt mit Recht H. J. 
Müller im Jahresbericht des philologischen Vereines 1891, 166. 
Die hier folgende Abhandlung möchte nun einige Partien und 
Fragen beleuchten, die mir bei der eingehenden kritischen Be- 
handlung der Bücher XXXVI— XXX VIÜ fiir den 6. Theil 
meiner Livius -Ausgabe noch immer in der einen oder anderen 
Beziehung zu erneuten Versuchen oder Auseinandersetzungen 
einzuladen schienen. Der Inhalt ist so trotz der angestrebten 
Kürze ^ ein ziemlich mannigfaltiger geworden, da bei der Be- 
sprechung einzelner, bis zum heutigen Tage recht zweifel- 
hafter Stellen natürlich auch die von bewährten Forschern 
zwar fleissig gepflegten, aber dennoch nicht überall abge- 
schlossenen Untersuchungen über Detailverhältnisse der zum 
Theile verlorenen Handschriften hie und da wiederholten Er- 
wägungen zu unterziehen waren und die durch die Güte des 
Herrn Director Dr. H. J. Müller in BerUn mir zur Verfügung 
gestellte Collation des Bambergensis im Vereine mit genauer 
Prüfung der alten Ausgaben und Durcharbeitung der Drakeu- 
borch'schen Fundgruben bis zur Verfolgung paläographischer 
Veraehen herab manchmal, wie ich hoffen möchte, wohl noch 
beachtenswerthe Ausbeute bot. Auch fiir Sprachgebrauch und 
für Parallelstellen ergab sich in Punkten, wofür Fügner's ver- 

Sitsnngvber. d. phil.-hist. Cl. CXXVIII. Bd. 5. Abb. 1 



2 V. Abhandlangr : Zingerle. 

dienstvolles Buch noch nicht vorliegt, gelegentlich im Rahmen 
einer Begründung aus meinen Sammlungen einige Vermehrung 
des Materials. 

Bei der Eintheilung glaubte ich nun aber nach reiflicher 
Ueberlegung am besten so vorgehen zu sollen, dass ich zu- 
nächst die Erörterungen über einzelne Stellen, die mir in erster 
Linie bcachtenswcrth schienen und für die ich darum mehr- 
fach im Apparat der Ausgabe nach Angabe des kritischen Ma- 
terials auf diese Abhandlung verwiesen habe, mit allen mir zu 
Gebote stehenden Erfahrungen vorführe, wobei ich jedoch stets 
mir wahrscheinliche Verbesserungen von blossen Andeutungen 
eines etwa einzuschlagenden neuen Weges schon durch den 
Ausdruck schied, und dann erst, nachdem bei solchen Einzel- 
untersuchungen Manches auch über die Handschriftenverhält- 
nisse erneut zur Sprache gekommen, ein paar zusammen- 
fassende Nachträge über Beobachtungen anreihe, die mir auf 
diesem schwierigen Gebiete theilweise vielleicht noch zu der 
einen oder anderen Ergänzung zu führen scheinen. 

I. 

XXXVI, 9, 12 revocati (feinde castigationibus prin- 
eipum* so wird nun seit Aldus mit Berufung auf den ver- 
lorenen M gelesen. Die ältesten Ausgaben bieten castigationef 
was durch die cod. rec, darunter Lov. 2, bestätigt wird; B hat 
catftigationes. Fehlerhafte Zusetzung oder Auslassung eines 
8 im Wortschlusse spielt, wie ich erprobt, in den bekanntlich 
so reichen Reihen zufälliger Versehen des cod. B eine besondere 
Rolle und scheint im Ursprünge theilweise auf ähnliche alte 
Veranlassungen hinzuweisen, wie ich sie für manche Hilarius- 
handschriften in den Studien zu Hilar. Pict. S. 32 [898] ange- 
deutet.^ So hat z. B. B im § 11 desselben Capitels multis statt 
multi] XXXVI, 11, 6 Apollinis st. Apollini*^ 14, 4 maiestatis st. 
maie8tati\ 24, 6 Aetolis st. Aetoliy 24, 11 inhellis st. inhelli^ 
28, 9 condicionis st. condicioni] 35, 11 missis st. miMi; 36, 2 
senatus st. senatu (woraus sich das weitere Verderbniss erklärt); 



* Für dio Fortdauer vgl. jetzt z. B. auch Paoli, Abkürznng^n in der 
lateinischen Schrift des M.-A. § 21 (übersetzt von Lohmeyer 1892). 



Zur rierten Decade des Livius. o 

37, 4 Cereris st. Cereri; umgekehrt 27, 8 Uli st. illis', 28, 8 quo st. 
qtLOSy ipsi st. ipsis*, 44, 1 Polyxenida st. Polyxenidas. Diese zugleich 
für die betreflfende Charakteristik der Handschrift nur aus dem 
36. Buche ohne Wahl herausgegriffenen Beispiele^ dürften wohl 
schon so ziemlich wahrscheinlich machen, dass das obige casti- 
gationes in unserer Handschrift auch näherliegend auf ein 
Verderbniss aus castigatione , als auf ein sonst freiUch auch 
belegbares aus cctstigationibus weist; wenigstens würde man 
aber im letzteren Falle hier eher das Versehen castigatianis 
erwarten, wie denn B umgekehrt XXXI, 46, 11 wirkUch ein 
coHigationis in ca^tigationihus corrumpirt hat. Vgl. auch 
Drakenborch zu XXH, 8, 7. Die Stellen, welche ich für den 
Gebrauch dieses Wortes bei Livius sonst notirt, scheinen, 
wenn Ftigner's Lexikon nicht etwa noch übersehene Nach- 
träge liefert, auch für den Singular zu sprechen ; z. B. XXVH, 
10, 10 tacita castigatio] 15, 2 cum verhorum tantum castiga- 
iioiie'^ XXX, 37, 1 revocatis legatis et cum multa castigatione 
perfidiae monitis; XXVIH, 26, 3 ad multitudinem castiga- 

tionejn satis esse] XXXI, 46, 11 castigationis regis me- 

Tnores'y ebenso fand ich den Singular vorwiegend bei anderen 
Schriftstellern, und wenn man in der besprochenen Liviusstelle 
den Plural etwa wegen des da folgenden principum für noth- 
lirendig oder passender halten wollte, so könnte Curtius Ruf. 
X, 2, 13 als bezeichnend entgegengehalten werden: nee aut 
praefectorum castigatione aut verecumlia regis deterriti} 
Stehen die Sachen so, dann scheint mir der im Grunde wahr- 
scheinliche Consens B 4> dem Berichte über M vorzuziehen. 
XXXVI, 10, 1 : Intra decimum diem^ quam Pheras venerat j 
Kii perfectis Crannonem profectv^ cum toto exercitti primo 
adventu cepit — profectus fehlt in B 4> und in den ältesten 
Ausgaben, es wurde von den Moguntini aus M beigefügt. 
Weissenborn vermuthete in der praefatio der Teubner'schen 
Ausgabe p. XVII, dass das Wort ursprünglich hinter perfectis 



* XXXVII, 37, 3 liat diis Versehen profectin st. profecti in B* dann zur 
Fehlerentwicklung profectus in den meisten Handschriften geführt. 

' Vgl. auch Justin. I, 6, 16 hoc represai conti ff atiane in prodium redeunt, 
wo die yCastigatio* ebenfalls von einer Mehrzahl, den matres et uxores, 
ausging. 

1* 



4 V. Abhandlung: Zingerle. 

stand, wodurch sich auch der Ausfall um so leichter erklären 
würde; wie ich aber sehe, hat Livius dasselbe meist der An- 
gabe der Begleitung nachgestellt. Vgl. II, 16, 6 infesto 
exercitu in agrum Sabinum profecti] 19, 3 magnis copiis pe- 
ditum equitumque profecti] 62, 1 cum exercitu in Aequos pro- 
feciu9\ IV, 46, 12 novo exercitu profectua*^ VDI, 6, 8 duobuB 
scriptis exercitibus per Marsos Paelignosque profecti; 30, 4 exer- 
citu instructo paratoque profectus] XXI, 48, 4 tadto agmine 
profectus'^ XXIII, 17, 3 cum exercitu omni profectU8\ 40, 3 cum 
his equitum pedituinque copiis profectus in agrum hoHium^ 
XXIV, 30, 1 cum omni exercitu profectus in Leontinos ^ 35, 1 
cum tertia fere parte exercitus ad recipiendas urbes profectus'y 
35, 8 cum decem milibus peditum^ quingentis equitibu^ nocte 
per intermissa ctistodiis loca profectus*^ 41, 6 P. Scipio cum 

expeditis dam profectus'^ 41, 9 Cn, Scipio cum legione ex- 

pedita profectus] XXV, 25, 12 cum triginta quinqvs navibus 
ex poi'tu SyracHiiaiw profectus '^ 27, 2 cum classe profectus 
Carthaginem* XXVIII, 7, 16 cum expedito agmine profectus; 

8, 8 inde quinqueremibus septsm profectus',^ doch genug der 

Beispiele, welche nach meinen Sammlungen die abweichenden 
weit ül>ersteigen und schliesslich nur noch die Bemerkung, 
dass selbst an der in Rede stehenden Stelle im unmittelbar 
Folgenden gleich derselbe Gebrauch wiederkehrt: XXXVI, 10,5 
cum tribus milibus peditum Aetolorum et ducentis equitibus in 
Perrhaebiam profectus MaUoeam et Cyretias vi cepit. Vgl. auch 
XXXVI, 30, 3 inde toto exercitu profectus: 42, 1 cum quinqua- 
ginta navibus tectis profectus', 43, 8; 13 u. o. Ich möchte mit 
Rücksicht auf Derartiges und auf den Umstand, dass oben § 1 
auch Anderes bei wiederholter Leetüre den Verdacht einer 
Verstellung des Wortes profectus entweder in M oder in der 
Angabe der Moguntini erweckt, vorschlagen: Crantionem cum 
toto exercitu profectus primo adventu cepit. Zudem ist der 
Ausfall des Wortes in B ^ so bei dem folgenden primo immerhin 
auch leichter erklärlich als bei der Lesart der Moguntini. 

XXVI, 21, 5 Host man noch immer ad Hydruntum, und 
diese Liviusstelle erscheint bei Neue Formenlehre I, 326, Georges 
Wortf. S. 327, Georges Lex." I, 2'>69 unter den wenigen 
Belesren tur die Nebenform. B stützt aber, wie ich aus der 
CoUation orsoho, vielmehr durch sein ad hidrunt^m die von 



Zur rierten Decade des Livins. 



alten Ausgaben (Camp., Rom. 1472, Parm. 1480) überlieferte 
und von Cicero ausnahmslos gebrauchte Form ad Hydruntem,^ 
XXXVI, 28, 4 wird in neuester Zeit einfach prope dicen- 
iem interfatus Romanum gelesen, und Weissenborn bemerkte 
dazu: ,das8 Phaeneas gemeint sei, zeigt der Zusammenhangt 
Ich mnss gestehen, dass ich hier, je öfter ich die Stelle lese 
und alle Umstände überlege, vielmehr mit früheren Heraus- 
gebern einschhesslich Bekker^s den Ausfall jenes Namens in B 
und dem grössten Theile der 4>-Classe für wahrscheinlich halte. 
Dass die Ergänzung des Subjectes consul im vorangehenden § 3, 
worauf sich Weissenborn in der praefatio der cd. Teubn. p. XVTII 
und in der genannten Anmerkung der Weidmännischen Aus- 
gabe berief, denn doch gewiss viel leichter ist als die hier 
weiter geforderte des Subjectes Phaeneas, zeigt Jedem ein Ueber- 
blick über diese Satzreihe sofort; bekannt ist ferner die häu- 
fige Versehenreihe eines Wortausfalles in B, wie uns gerade 
früher ein sicheres Beispiel begegnet ist;^ und wie dort das 
in B <l> ausgefallene Wort durch eine Notiz aus M angedeutet 
war, so findet sich an unserer Stelle eine Andeutung des Aus- 
falles in Elrmangelung einer Bemerkung über M wenigstens in 
zwei Vertretern der 4>-Classe, deren mehrfach beachten swerthe 
Verhältnisse wir in dieser Abhandlung wiederholt zu berühren 
haben. Der cod. Voss, bietet prope dicentem interfatus Pha- 
neos (sie!) Romanorum, Lov. 2 prope dicentem interfatus legatus 
Romanorum. Die häufige Corruptel Romanorum statt Romanum, 
die sich in der ganzen 4>-Classe findet, konnte vielleicht theil- 
weise auch zum Ausfalle von Phaeneas beitragen, erklärt aber 
jedesfalls die Entstehung des weiteren Verderbnisses im Lov. 2 
leicht; legatus, das vielleicht doch auch schon vor jener Corrum- 
pirung des Romanum in 4> hier und dort entweder zur Ergän- 
zung des ausgefallenen Phaeneas oder vielleicht einst zur 
Erklärung desselben dem Rande beigeschrieben war (vgl. § 1 
Phaeneas legationis princeps), wurde dann bei gedankenloser 



* XXXVI, 10, 8 alüs nunc vires urhis nequaquam Pheris conferendae me- 
muMrantUma, B liest hier phaereU, und das weist zunächst doch auf Phe- 
raeis, wie ich es in alten Ausgaben (ed. Parm. 1480, Par. 1510) fand. 
Ich sehe darüber bisher nirgends etwas notirt, aber auch kaum einen 
ganz zwingenden Grund, diese Herstellung nach B zu verlassen, 

» Vgl. oben S. 3. 



4 V. Abhandlung: Zingerle. 

stand, wodurch sich auch der Ausfall um so leichter erklären 
würde; wie ich aber sehe, hat Livius dasselbe meist der An- 
gabe der Begleitung nachgestellt. Vgl. II, 16, 6 infesto 
exercitu in agrum Sabinum profecti] 19, 3 magnis copiis pe- 
ditum equitwnque profecti] 62, 1 cum exercitu in Aequos pro- 
fectus] IV, 46, 12 navo exercitu profectus] VTII, 6, 8 du6bu$ 
scriptis exercitihus per Afarsos Paeligyiosque profecti'^ 30, 4 exer- 
citu instructo paratoque profectus' XXI, 48, 4 tacito agmine 
profectus] XXIII, 17, 3 cum exercitu omni profectus] 40, 3 cum 
his equitum peditumque copiis profectus in agrum hostium^ 
XXIV, 30, 1 cum omni exercitu profectus in Leontinos ] 35, 1 
cum tertia fere parte exercitus ad recipiendas v^rbes profectus] 
35, 8 cum decem milibus peditum^ quingentis equitihus nocU 
per intermissa custodiis loca profectus'^ 41, 6 P. Scipio cum 

eocpeditis dam profectus '^ 41, 9 Cn. Scipio cum legione ex- 

pedita profectus 'j XXV, 25, 12 cu77i triginta quinque navibus 
ex portu Syraciisano profectus'^ 21 j 2 cum classe profectus 
Carthaginem] XXVIII, 7, 16 cum expedito a^ine profectus^ 

8, 8 hide quinqueremibus Septem profectus ', doch genug der 

Beispiele, welche nach meinen Sammlungen die abweichenden 
weit übersteigen und schliesslich nur noch die Bemerkung, 
dass selbst an der in Rede stehenden Stelle im unmittelbar 
Folgenden gleich derselbe Gebrauch wiederkehrt: XXXVI, 10, 5 
cum tribus milibus peditum Aetolorum et ducentis equitihus in 
Perrhaebiam profectus Malloeam et Cyretias vi cepit. Vgl. auch 
XXXVI, 30, 3 inde toto exercitu profectus* 42, 1 cum quinqua- 
ginta navibus tectis profectus] 43, 8; 13 u. ö. Ich möchte mit 
Rücksicht auf Derartiges und auf den Umstand, dass oben § 1 
auch Anderes bei wiederholter Leetüre den Verdacht einer 
Verstellung des Wortes profectus entweder in M oder in der 
Angabe der Moguntini erweckt, vorschlagen: Crannonem cum 
toto exercitu profectus primo adventu cepit. Zudem ist der 
Ausfall des Wortes in B ^ so bei dem folgenden primo immerhin 
auch leichter erklärlich als bei der Lesart der Moguntini. 

XXVI, 21, 5 Hest man noch immer ad Hydruntum, und 
diese Liviusstelle erscheint bei Neue Formenlehre I, 326, Georges 
Wortf. S. 327, Georges Lex." I, 2869 unter den wenigen 
Belegen für die Nebenform. B stützt aber, wie ich aus der 
Collatiou ersehe, vielmehr durch sein ad hidruntem die von 



Zv Tierten Dccide 4es Lmi 



ahen Ausgaben (Camp., Rom. 1472, Parm. 1480) überlieferte 
nnd von Cicero aosnahmslos gebrauchte Form ad Hydruntem^ 
XXXVI, 28, 4 wird in neuester Zeit einfach prope dicen- 
tem interfatus Romanum gelesen, und Weissenbom bemerkte 
dasa: ,das8 Phaeneas gemeint sei, reigt der Zusammenhang'. 
Ich muss gestehen, dass ich hier, je öfter ich die Stelle lese 
and alle Umstände überlege, Tielmehr mit früheren Heraus- 
gebern einschliesslich Bekker's den Ausfall jenes Namens in B 
und dem grössten Theile der <1>-Classe fiir wahrscheinlich halte. 
Dass die Ei^nzung des Subjectes consul im vorangehenden § 3, 
worauf sich Weissenborn in der praefatio der ed. Teubn. p. XVUI 
und in der genannten Anmerkung der Weidmännischen Aus- 
gabe berief, denn doch gewiss viel leichter ist als die hier 
weiter geforderte des Subjectes Phaeneas^ zeigt Jedem ein Ueber- 
blick über diese Satzreihe sofort; bekannt ist femer die häu- 
fige Versehenreihe eines Wortausfalles in B, wie uns gerade 
früher ein sicheres Beispiel begegnet ist;* und wie dort das 
in B <l> ausgefallene Wort durch eine Notiz aus M angedeutet 
war, so findet sich an unserer Stelle eine Andeutung des Aus- 
falles in Elrmangelung einer Bemerkung über M wenigstens in 
zwei Vertretern der ^-Classe, deren mehrfach beachten swerthe 
Verhältnisse wir in dieser Abhandlung wiederholt zu berühren 
haben. Der cod. Voss, bietet prope dicentem interfatus Pha- 
neos (sie!) Romanorumy Lov. 2 prope dicentem interfatus legatus 
Romanoram, Die häufige Corruptel Romanorum statt Romanum^ 
die sich in der ganzen 4>-Classe findet, konnte vielleicht theil- 
weise auch zum Ausfalle von Phaeneas beitragen, erklärt aber 
jedesfalls die Entstehung des weiteren Verderbnisses im Lov. 2 
leicht; legaiuSy das vielleicht doch auch schon vor jener Corrum- 
pirung des Romanum in 4> hier und dort entweder zur Ergän- 
zung des ausgefallenen Phaeneas oder vielleicht einst zur 
Erklärung desselben dem Rande beigeschrieben war (vgl. § 1 
Phaeneas legationis princeps), wurde dann bei gedankenloser 



* XXXVI, 10, 8 aliU nunc vire» urhi» nequcujuam Pheri» conferendae nie- 
morantibu». B liest hier phaereisy und das weist zunächst doch auf Phe- 
raeisj wie ich es in alten Ausgaben (ed. Parm. 1480, Par. 1510) fand. 
Ich sehe darüber bisher nirgends etwas notirt, aber auch kaum einen 
ganz zwingenden Orund, diese Herstellung nach B zu verlassen, 

• Vgl. oben S. 3. 



6 V. Abbandlang: Zingerle. 

Abschreibung dem verdorbenen Romanorum im Texte beigefligt! 
Ich möchte aber bei dem sichtlich frühen Ausfalle von PÄa€- 
nects^ nach manchen Erfahrungen in diesen Partien auf die 
Stellung im Voss, nicht zu grossen Werth legen, auch die bei 
den früheren Herausgebern beliebte Stellung des Sigonius prope 
dicentem interfatus Romanum Phaeneas nicht zu hoch halten, 
sondern im Anschlüsse an die nächst liegenden unverdorbenen 
livianischen Stellen (XXXII, 34, 2 orsum ev/m dicere . . . violenter 
Phaeneas interfatus '^ XXXVI, 27, 3 qu^s dicere exorsos consul 
interfatus) schreiben: prope dicentem Phaeneas interfatus Ro- 
manum. 

XXXVI, 41, 3 Hannihal magis mirari se 

aiehaty quod non iam in Asia essent Romaniy quam, venturos 
duhitare; propius esse ex Graecia in Asiam quam ex Italia in 
Graeciam traicerey et multo maiorem causam Antiochum quam 
Aetolos esse; neque enim mari minus quam terra poliere Ro- 
mana arma. 

Das handschriftlich einstimmig überlieferte nequ^ enim 
(eni) hat bereits J. F. Gronovius mit Recht beanstandet, daftür 
aber ein hier recht zweifelhaftes neque etiam vorgeschlagen. 
Man hilft jetzt der Stelle nach dem Vorgange der ed. Camp. 
meist durch einfache Streichung des enim auf, was ja auch 
paläographisch noch begründet werden kann. Denkt man aber 
an die bereits von den älteren Kritikern gut hervorgehobene 
Dreitheilung der Gründe, so könnte an dieser letzten Stelle 
der Gedanke an ein nee denique nicht zu ferne hegen.* Die 
vielen Verwirrungen, welche die que respective q; gerade 
auch in der Liviusüberlieferung anrichteten, sind bekannt; 
sollte hier etwa bei aller sonstigen Leichtigkeit der palAo- 
graphischen Erklärung der Ausfall des Buchstabens d Bedenken 
erregen, so könnte bemerkt werden, dass derartiges nach ein- 
mal angerichteter Verwirrung auch sonst nicht selten ist; ent- 
stand ja, um nur ein örtlich recht naheliegendes Beispiel dieser 



' Oder sollte Jemand im legattu das Ursprüngliche sehen wollen, welches 
Wort allerdings in der Nähe eines interfatu» besonders leicht ausfallen 
konnte? 

' Ich hatte zuerst iiec denique oder non (nj denique vermuthet; ich theilte 
letzteres, da ich dair erstere ilir Livius nicht so belegt hatte, H. J. Müller 
mit, der, obwohl selbst für ed. Camp., nee denique für möglich hält. 



Zv Tiert«D Decade des Lirint. 7 

PjLTtie m citiren, XXXVII, 37, 1 in B aus deinde Rhoeteum 
ein de indro & eum\ 

XXX\TI, 4, 8 möchte ich fast ohne Bedenken necopitiat^m 
statt inopinatam vorschlagen. Letzteres ist nur Lesart mehrerer 
jüngerer Handschriften und der alten Ausgaben, während B und 
die ihm oft besonders nahe stehenden *^- Vertreter Lov. 2 und 
Voss, opinatam überliefern. Beachtet man nun einerseits die 
Vorliebe des Livius für necopinatuSy die bereits Drakenborch 
zu TVy 27, 8 durch Keihen von Beispielen beleuchtet hat, wie 
dieselbe auch aus den bisherigen Indices, z. B. bei Emesti- 
Blreyssig, sich ergibt, anderseits auch wieder die häufigen Ver- 
wirrungen, welche diese beiden Formen in den Manuscripten 
selbst bis zur Vereinigung necinopiuatus veranlassten (so z. B. 
cod. Voss. XXXVII, 11, 7 und dazu die weiteren Beispiele 
Drakenborch's), so liegt es wohl auch an unserer Stelle näher, 
das opinatam der besseren Ueberlieferung zu einem necopinatam 
zu ergänzen.^ 

XXX\T[I, 13, 8: Postquam nemo adversug ibnty elasst divisa 
pars in salo ad ostium portiis in ancoris stetity pars in terram 
milites exposuit, in tos iam inrftntem praedam laU depopulato 
agro agentis Androniciis MacedOj qui in praesidio Ephesi tratj 
iam moenibus appropinqiiantis eruptioneni fecit Schon Crevier 
dachte an Tilgung des ersteren /am, und ihm folgten in neuester 
Zeit Madvig und M. Müller; Weissenborn berief sich filr die 
nahe Wiederholung dieses Wortes auf XXXVI, 34, 2, zu welcher 
Stelle er aber selbst wieder bemerkte: ,doch ist vielleicht das 
eine iam unächt^ Im obigen Passus des 37. Buches scheinen 
mir die Ueberlieferungsverhältnisse einer zusammenfassenden 
Erwähnung werth, da Erscheinungen in B, il und <l> hier viel- 
leicht auf eine ziendich früh entstandene Verwirrung hindeuten 
könnten. BezügUch des im eos iam scheint Uebereinstimmung 
der Ueberlieferung anzunehmen mit Ausnahme des Harl., wel- 
cher ind^ eos iam bietet; das zweite iam (vor moenibus) fehlt 
in B, dem grösseren Theile der 4> Classe, sowie in den ältesten 
Ausgaben, und es wurde erst von Aldus aus M aufgenommen; 



' XXXVni, 30, S findet sich allerdings inopinata re, aber dort ist es ein- 
stimmig überliefert; andererseits aber vgl. für dieselbe Verbindung 11, 14,6 
res necopinata; 111, 3,2 necopinaia etiam re«, XXX VII, 11, 7 inre necopinata. 



8 y. Abhandlung: Zingerle. 

dagegen haben vier <l>-Codices, darunter der Voss., für dieses 
zweite iam ein in (in moenibus). Derartiges könnte auf die 
Vermuthung fUhren, dass eine Verwechslung zwischen inde (ifl), 
in (vgl. darüber flir Livius z. B. die Sammlung bei Drakenborch 
zu X, 20, 6) und dann iam (iö) zu allen diesen Wirrnissen 
und Erscheinungen Anlass gab. Ein in eos inde ingeniem 
praedam u. s. w. am ersteren Platze würde zudem ähnlichem, 
auch sonst bei Livius begegnendem Wortklange entsprechen; 
vgl. z. B. V, 17, 1 ingen^ inde haberi captivus vates coepttu] 

VI, 6, 8 ingena inde ait onus a populo Romano sibi in- 

iungi. 

XXXVII, 16, 9: Hiy dum missilibus primo et adversus 
paucoa levibtcs excursionibus lacessebatur magis q^iKim conr 
serebatv/r pugna cet. Diese Fassung datirt seit der ed. BasiL 
1535, M hatte leuibus et excursionibus, B ^ überliefern nur 
leuibus, Weissenborn vermuthete in der praef. zur Teubner- 
schen Aasgabe p. XIX levibus annis und ftigte in der Weid- 
männischen S. 184 dem beibehaltenen Basler Texte die An- 
merkung bei: ,levibus excursionibus ist nicht sicher, da excur- 
sionibus nur die Mz. Hs. und davor et hat, und wohl parvae 
excursion^s, tumultuosae u. ä. sich findet, aber mehr levia cer- 
tamina, proelia oder levia per excursiones proelia^. Mir scheint 
diese Bemerkung beachtenswerth, und ich denke an die Her- 
stellung levis armaturae excursionibus mit Vergleichung der 
nahen Stelle XXXVII, 18, 4 excursionibus equitum levisque 
armaturae magis lacessebat quam sustinebat hostem] vgl. zur 
Sache auch XXXXIIII, 4, 2 et hostes levis ai'matura erai, 
promptissimum genus ad lacessendum certamen] XXIII, 26, 7 
praemissa igitur levi ai*matura, quae eliceret hostes ad ceHamen, 
In B <1> sind in der in Rede stehenden Stelle des 37. Buches 
gleich dann nach lacessebatur auch die Worte magis quam con- 
serebatur durch aberratio ausgefallen. 

XXXVII, 18, 7: Plurimum terroris in Gallorum mercede 
conductis qn-attuor milibus erat, hos p au eis admixtis od 
pervastandum passim Pergamenum agrum [milites] emisit, Daa 
in allen erhaltenen Handschriften überlieferte, nun aber in 
den Ausgaben mit Recht eingeklammerte milites hatte schon 
Gelenius als fehlerhaft erkannt; ob mit Hilfe einer seiner Hand- 
schriften, muss bei seinem diesmaligen Ausdrucke {,redund(it^ 



Zur rierten Decade des Lirins. v 

freilich zweifelhaft bleiben. Am einfachen paucis admixtia (B 
mit den meisten Handschriften paucis admixtos) haben aber erst 
Neuere Anstoss genommen. Weissenbom erwartete statt paucis 
eine genauere Bezeichnung, vielleicht Dahis ; M. Müller bemerkt 
praef. p. VI ,nomen gentis aut excidit post paucis aut latet in 
paucis.^ Fast möchte man in diesem Zusammenhange die er- 
stere Annahme Jf. Müller's für wahrscheinlicher halten, namentlich 
wenn man in einer bald folgenden Partie unseres Buches cap. 
38, 3 liest niaxima pars Gallograeci erant et Dahae quidam . . . • 
intermia^i. Nicht unpassend schiene etwa noch und im Aus- 
fall paläographisch nicht schwer zu erklären paucis Syris ad- 
mixtis'^ vgl. cap. 40, 12 Syri plerique erant Phrygibus et Lydis 
immixti. 

XXX Vn, 24, 7: Consurrexere omnes, contemplatique 
irepidationem fuganique hostium ac prope una voce omneSy 
ut sequerentury exclamaverunt. So lautet die hier überein- 
stimmende Ueberlieferung B M; in den Ausgaben wird jetzt 
gewöhnlich mit den jüngeren Handschriften das ac gestrichen, 
doch machen sich mit Rücksicht auf jene auffallende Ueber- 
einstimmung der Hauptvertreter mit Recht noch immer Zweifel 
geltend. Weissenborn dachte in der Weidmännischen Ausgabe, 
nachdem er die früher in der Teubner' sehen angedeutete Er- 
klärung des ac durch Ergänzung eines sunt zu contemplatique 
aufgegeben, an einen Ausfall, und auf diesem Wege dürfte nach 
manchen Erfahrungen in solchen Fällen wohl am ehesten vor- 
zugehen sein. Vielleicht ist (alacrt) ac prope una voce zu 
schreiben; vgl. z. B. Liv. VI, 24, 8 et adhortatio in vicem totam 
alacH clamore perva^it aciern; XXIV, l(i, 10 ad quam vocem 
cum clamor ingeiiti alacritate suhlatus esset; Curt. IX, 4, 23 
non alias tarn alacer clamor ah exercitu est redditus iuhentiumj 
duceret dis secundis cet. Dieser Ausfall würde sich auch paläo- 
graphisch ziemlich leicht erklären. 

XXXVII, 34, 6:^ cum turma Fregellana missiim explo- 
ratum ad regia castra, effuso ohmam equitatu cum reciperet 
tw«, in eo tumultu delapsum ex equo cet. Dies die ge- 
wöhnliche Fassung seit Kreyssig, die bei den letzten Worten 



* lieber die Stelle im Allgemeinen und über die wahrscheinliche Quelle 
vgl. Mommsen, Rom. Forschungen II, 517. 



10 V. Abhandlung: Zingerle. 

die Wortstellung der Lesart der cod. rec. und ed. vet. (in 
eo tumulto delapso equo) beibehielt. M, welcher hier die Her- 
stellung erleichterte; bot in eo delapsum tvmiuUu ex equOy 
B überliefert nur delapsum equOj zeigt also wie so oft einen 
Ausfall. Beachten wir nun aber diese Erscheinungen in den 
zwei Hauptvertretern, so muss sich uns wohl die Wortstellung 
delapsum in eo tumultu ex equo als die ursprüngliche fast auf- 
drängen. Nicht nur wird so der Ausfall in B paläographisch 
plausibler, sondern auch die unhaltbar gezwungene Wortstellung 
in M durch frühen Ausfall und dann Eindringen eines Rand- 
nachtrages an die falsche Stelle des Textes erklärUch — ein 
Fall, den ich in den Hilariusstudien so oft in besonders be- 
zeichnender Weise nachweisen konnte. Ein Zweifel, den auch 
Weissenborn in der Anmerkung andeutet, könnte etwa noch 
wegen des ex bestehen, welches durch M allein überUefert ist 
Doch scheint, abgesehen von den oben dargestellten Verhält- 
nissen, die auch diesen Ausfall in B <P noch unschwer erklären 
lassen, der vorwiegende Uvianische Sprachgebi'auch ziemlich 
deuthch dafUr zu zeugen. Trotz sonstiger Schwankungen finde 
ich in meinen Sammlungen lahi und dessen Composita gerade 
in Verbindung mit equus bei Livius mit ex construirt; vgl. II, 
6, 9 ea? equis lapsi* X, 36, 4 dslapsi ex equis] XXI, 46, 6 muüia 
labentibus ex equis'^ XXV, 34, 11 labentem ex eqiLO] XXVII, 
27, 7 prolabentem ex equo] XXXV, 11, 9 labi ex equis (IX, 
22, 7 hat H. J. Müller in der 5. Aufl. 1890 nach Indicien man- 
cher Handschriften nun auch (ex) equo praecipitaret vermuthet), 
XXX VII, 38, 1 wird äd Hyrcanium campum in den 
Text zu setzen sein. Hertz bezeichnete Hyrcanium st. Hyr- 
canum nur als Conjectur Drakenborch's ; nach Alschefski's CJol- 
lation steht aber im cod. B selbst hyrcaniri; in einigen cod. rec. 
findet sich hyrcamum und hyrcaneum, was auf dasselbe weist, 
und dazu vergleiche man Strab. XIII, 4, 13 xb Tpxaviov r^ilion, 
— Nur nebenbei sei bei dieser Gelegenheit bemerkt, dass cap. 
36, 2 das in neuester Zeit von M. Müller wieder erkannte 
und durch den Hvianischen Sprachgebrauch schön begründete 
est pollicitus^ bereits bei Aldus begegnet. 

* Cf. Liv. ed. Weissenboru — M. Mttller, Pars IV, Fase. I, praef. p. HI; 
Fase. II, p. VIII, dazu H. J. Mililer, Jahresber. des Berl. phil. Vereins 



Zar Tierteo Decade des LiyioB. 1 1 

XXX Vn, 41, 2: Nebula rtuitutina, crescente die levata in 
nubeSy ccdigiiiem dedit; umor inde ab austro velut perfudit 
omnia. Der neneste Herausgeber, M. Müller, schliesst sich 
nach der Bemerkung praef. p. VlLL ,coniecturae propositae non 
satisfacinnt^ im Texte an Weissenbom's Lückenzeichen nach 
vdut an. Weissenborn neigte sich nämlich in der Weidmann- 
schen Ausgabe, in welcher er seine früher in der Teubner' sehen 
praef. p. XXI angedeutete Conjectur selbst nicht mehr erwähnt, 
sur Annahme, dass nach velut das Verglichene ausgefallen und 
vielleicht imber zu ergänzen sei, wofür er die Stellen aus Florus, 
Frontin und Aurelius Victor (bei letzterem 53 aber pluvia) an- 
ftLhrt. Nachdem hier selbst Madvig auf seine frühere Conjectur 
nicht mehr Werth legte und weiter M. Müller auch die Be- 
ziehung des velut auf perfudit gewiss mit Recht bestritt, dürfte 
diese Ansicht Weissenbom*s den richtigen Punkt in der 
Hauptsache getroffen haben. Auch der sonst öfter in dieser 
Beschreibung wiederkehrende Gebrauch des velut mit Ver- 
gleichungen scheint mir dafür zu sprechen; vgl. z. B. 41, 10 
haec velut procella; repente velut effrenati; 43, 9 velut caeci. 
Ich habe mir auch bezügliche Stellen griechischer Schriftsteller 
zur Ergänzung der bisherigen Sammlungen angesehen und fand 
da bei Appian und Zonaras auch die, wie es scheint, in allen 
Beschreibungen dieser Schlacht fast stereotype Hervorhebung 
der Dunkelheit und Feuchtigkeit. Des späten Zonaras Be- 
merkung über den letzteren, uns hier interessirenden Punkt 
ähnelt in der allgemeinen Auffassung sichtlich der in nach- 
livianischen römischen Schriftstellern kurz sich vorfindenden;^ 
etwas interessanter für unseren Zweck könnte vielleicht die 
Fassung bei Appian Syr. 33 erscheinen: d/XuwSou^ Be xal C^^spac 
T^^ TilkipoLq YevopievTf;; ij xe öi|;iq eaßsaro xi;^ e7:i8e(^e<i>; vm xa TO^euixata 
'xarzoL apißXuTepa ^/, w? ev ddpi u^pw xal ay.0T£iv(7>. Wenn nicht 
Alles täuscht, so standen sich in diesen Beschreibungen, wie 
öfter auch sonst, zwei Varianten gegenüber, einerseits der 



1888 S. 101, 1891 S. 168 und meine Bern, in der Berl. phil. Wochen- 
schrift 1891 S. 1038. 
^ Zon. IX, 20 (II, p. 308 Dind.): t^v 8e ro^eCov xai d^v a^EvdovTjaiv ofißpo^ 
icoXuf &ciYevd(i£vo^ aoÖsv^ iTCoiTjoev; vgl. Flor. II, 8: imbre, qui subito super- 
fiuus mira feUcUtUe. Persicos arcus corruperal, Aur. Vict. 53 : cum arcus 
hostium pluvia hefjetati fuissent. 



12 V. Abhuidlang: Zingerle. 

dunkle ; regnerisch-feuchte Tag, anderseits der niederfallende 
starke Platzregen.^ In der ersteren Anschauung scheinen sich 
aber Livius und Appian, wenn man die Ausdrücke prüft (vgl 
z. B. wiederholt uvwr bei Livius mit ev depi u^pw bei Appian) 
ziemlich nahe zu stehen. Sollte daraus bei Livius vielleicht 
noch auf eine Ergänzung umor inde ab austro velut (jplumalü) 
perfudit omnia zu schliessen sein, zumal da selbst Aur. Victor 
bei seiner Darstellung wenigstens noch das Wort pluvia er- 
halten hat?^ Allerdings kann man pluvialis in den uns aus 
dem grossen Werke des Livius erhaltenen Partien nicht nach- 
weisen; aber da wir das Wort in der augusteischen Dichter- 
sprache, der gegenüber sich bekanntlich Livius nicht immer 
ablehnend verhielt, bereits geläufig und öfter in bezeichnenden 
Verbindungen treffen (z. B. Verg. Georg. lH, 429 vere madent 
vdo terrae ac pluvialibus austris'^ Ov. Met. ViU, 335 pluvicdes 
fungi [,durch Regen erzeugt^]), da es anderseits auch bald in 
der Prosa, z. B. bei Colum. 11, 13, 9 und hier nicht uninteressant, 
durch plumalis dies belegbar ist, könnte die Annahme eines 
U7nor ab austro velut pluvialisj namentUch mit gleichzeitiger 
Beachtung der Darstellung Appians immerhin nicht gar zu ge- 
wagt erscheinen. 

XXX VII, 44, 4: legati ab Thyatira et Magnesia ab Si- 
pylo ad dedendas urbes venerunt. Obwohl nun diese auch 
durch B bestätigte Ueberlieferung in den neuesten Ausgaben 
durchweg in den Text gesetzt wurde, kann man sich doch 
gewisser Zweifel nie enthalten. Ich brauche hier nicht auf die 
bekannten Erklärungsversuche einzugehen und bemerke nur 
kurz, dass die von Weissenbom, welcher sich gegenüber Madvig 
mehr zur Auffassung des ab Sipylo als einer attributiven Be- 
stimmung von Magnesia hinneigt, beigebrachten Beispiele ftlr 
eine solche Verbindung bei Livius wenig beweisen, wie denn 
der gewissenhafte Gelehrte am Schlüsse seiner Anmerkung 
selbst den sonstigen diesbezüglichen Gebrauch des Livius durch 



^ Am stärksten hat diesen Standpunkt wolil Frontin zur Geltung gebracht 
IV, 7, 30: ciim die ac nocte imhre continuo vexeUum exercitnm ArUiochi 
videret, nee hominejt tanttim aut er^w« deficere, verum arcw» quoque madenr 
tifrtu nrrvU inhahUe^ factos. 

* Vgl. zur Wortbedeutung nun z. B. auch Schmidt, Latein.-griech. Sy- 
nonymik S. 233. 



Zar rierten Decade des Liyias. 13 

Beispiele klarlegt; letzteren wären noch Stellen beizufügen, wie 
XXX Vn, 45, 19 Magnesiam ad Maeandrum; 56, 2 Maffnesiam 
ad Sipylum;^ XXX VII, 11, 3, wo nur Magnesia am Mäander 
gemeint sein kann, zeigt die einstimmige Ueberlieferung Magne- 
riam ad Sipylum wenigstens auch noch, wie sehr der gewöhn- 
liche Sprachgebrauch immer nachklang. Dennoch würde es 
fast unnütz sein, diesen Punkt nochmals zu berühren, wenn 
nicht die genauer geprüften paläographischen Verhältnisse des 
cod. B und zum Theile auch der <1>-Classe noch einen weiteren 
Anhaltspunkt zu bieten schienen. Da zeigte sich, dass Ver- 
wechslung von ad und ab auch hier ziemlich ausgedehnt auf- 
tritt. Schon zufkllig herausgegriffene Beispiele können dies zur 
Genüge beweisen. XXXVI, 14, 6 ad cieria B statt ab Cierio; 
19, 1 ab ea castella B statt ad ea ca^tella; 44, 7 ad tHbus 
B statt ab tribus; XXX VU, 14, 3 ad hellespanto B statt ab 
Hellesponto; 23, 3 ad aspendiis B und zum Theil <I> statt 
ab ÄBpendiis; 32, 10 ab rege B <P statt ad regem; 34, 6 ab 
regia caMra B statt ad regia castra; 54, 17 ist das in B nach 
ab servitio regio folgende fehlerhafte ad sichtlich auch nur 
durch dieses Versehen und durch Dittographie zu erklären; 
XXXVni, 14, 1 ab tabusian B statt ad Thabusion; 38, 5 uaq; 
ab itiga B statt usque ad iuga; 40, 5 ad lysimachiam B statt 
ab Lysimachia; 41, 9 adderitarum B statt Abderitarum; was 
aber wohl das Interessanteste ist, es findet sich selbst in dem 
in Rede stehenden Passus XXXVII, 44, 4 unmittelbar vor dem 
verdächtigen Magnesia ab Sipylo in B das Versehen ad tyatira 
statt oJ Thyatira! Unter solchen Verhältnissen, wo sprachliche 
und paläographische Beobachtungen so auffallend zusammen- 
stimmen, kann man doch kaum mehr daran zweifeln, dass das 
ah Sipylo sich nur successive in Folge jener Verwechslung 
entwickelt hat, wie ich gerade auch solche Beispiele in den 
Hilariusstudien^ auffallend belegen konnte (hier: ad sipylü, ab 
fipylüy ab sipylo). 



^ Diese hier seit der ed. Basil. 1631 natürlich überall aufgenommene Les- 
art ist in den Handschriften auch verdorben; mag^nemam & asypüum B, 
und so oder magnesiam asipylium die jüngeren Codices, Magnesiam et 
Sipylum die alten Ausgaben. 

* Vgl. 8. 24 [890], 38 [904] ; für Livius auch die oben citirte Stelle 
XXXVII, 32, 10. 



14 V. Abhandlang: Zingerle. 

XXX VIT, 51, 9: desierant enim victum in Aetolia metuere. 
Da jüngst M. Müller in seiner Ausgabe p. IX die Vermuthimg 
äusserte, es sei mit Umstellung der Madvig'schen Ergänzung 
(regem) zu lesen victum in Aetolia metuere regem^ H. J. Müller 
aber im Jahresbericht des philologischen Vereines 1891, S. 169 
dieselbe schwer glaublich fand, darf bei den neuangeregten 
Zweifeln hier wohl in aller Kürze darauf aufmerksam gemacht 
werden, dass die von Madvig Em. L. p. 534 an zweiter Stelle 
angedeutete Ergänzung in der Form victum in Aetolia An- 
tiochum metuere paläographisch doch am meisten Wahrschein- 
lichkeit für sich hat; ich kann dafUr nun auch auf ein treffendes 
Beispiel in meinem Bericht über die Innsbrucker Fragment- 
blätter der Historia rom. des Paulus (Phil. Abhandl. IV, S. 54) 
verweisen, wo das dort sonst überlieferte Antiochu^m durch 
Versehen in ähnlicher Weise ausgefallen ist, wie femer auch im 
cod. B des Livius an den Stellen XXXVI, 20, 3; XXXVIII, 
38, 2.1 

XXX Vn, 54, 18: Non^ qiiae in solo modo antiqtw sunt^ 
Graecae magis urbes suntj quam colonias earum, illinc quan- 
dam profectae in Asiam, Am modo hat schon Crevier Anstoss 
genommen und es wird nun in den Ausgaben meist einfach 
getilgt; paläographisch ist diese Streichung sicher nicht sehr 
leicht, da an eine etwaige Entstehung durch Dittographie hier 
doch kaum gedacht werden kann. Es würde die Entzifferung 
eines Wortes, aus dem jenes modo corrumpirt sein könnte, 
jedenfalls ein einfacheres Mittel sein. Bedenken wir nun, wie 
wenig weit die uns flir diese Partie des Livianischon Werkes 
erhaltene Ueberlieferung hinaufreicht und dass uns das be- 
treffende Wort da oft in der Abkürzung md begegnet, wie ich 
es auch in den älteren Ausgaben durchweg noch fand, so dürfte 
die Entwicklung dieses mö aus einem undeutUch geschriebenen 
illo (luo) in einer Vorlage nicht unwahrscheinlich sein: in wh 
illo antiquo schiene wohl auch für den Sinn gut zu passen, und 
nicht ganz uninteressant ist bei den bekannten Fehlerverhält- 
nissen des cod. B auch der Umstand, dass dort das folgende 



* Da an diesen beiden Stellen regitt Antiochiy resp. regi Antiocho gelesen 
wird und ähnlich auch sonflt öfter (z. B. XXXVIII, 58, 8 cum AnUocho 
rege), so läjje aufh an der unserig-en Ajitiocktim regeni nicht ferne. 



Zur Ticrten Dccade des Livioa. 15 

illinc mit leer stehendem Räume ausgelassen ist, was naeh 
manchen Erfahrungen auf eine alte Verwirrung an dieser Stelle 
zu weisen scheint. 

XXXVn, 56, 2: Lycaoniam omnem et Phrygiam utramque 
et Mysiam^ regia 8 Silvas y et Lydiae loniaeque cet. So die 
Handschriften, nur mit der Abweichung, dass Mysiam blos 
durch M nach ed. Mogunt. belegt ist, während die anderen 
Codices Mysias {mi»ias B) oder Myssias bieten. Die mehr- 
fachen Bedenken gegen diesen Wortlaut haben Madvig Em. L. 
S. 535ff. und Weissenborn im achten Bande der Weidmännischen 
Ausgabe S. 258 auseinandergesetzt mit Benützung der bereits 
von Drakenborch verglichenen Stelle XXX VDI, 39, 15: Phry- 

giarti utramque et Mysianiy quam Piiisia rex ademerat^ 

et restituerunt et Lycaoniam et Milyada et Lydiam cet. An 
dem auf dieser Vergleichung beruhenden Herstellungsversuche 
Madvig's an unserer Stelle des 37. Buches: et Mysiam regiam 
et Milyas et Lydiae est. muss der richtige Blick bezüglich des 
et Milyas wohl so ziemlich einleuchten; Anstoss erregen kann 
regiamy wie nach Harant Em. S. 190 auch M. Müller in der 
praefatio seiner Ausgabe S. X wieder betonte. Weissenborn 
1. c. dachte zweifelnd an Mysiam regi ademptam^ M. Müller, 
welcher an einer solchen Stelle die Nothwendigkeit stärkerer 
Heilmittel hervorhebt, schrieb dieselbe im möglichst engen An- 
schlüsse an die genannte des 38. Buches so: et Mysiam, quam 
Prusia rex ademerat, restituit regi et Milyas et Lydiam cet. 
Dagegen bemerkt H. J. Müller, Jahresbericht des Berliner 
philologischen Vereines 1891, S. 169: ,Ganz unsicher^ Wenn 
an einer solchen Stelle auch weitere Versuche wenig lohnend 
scheinen, wird die Mittheiluug eines Gedankens, der vielleicht 
wenigstens auf einen noch möglichen Weg hinweisen könnte, 
immerhin auf Nachsicht rechnen dürfen. Unter den geltend 
gemachten Zweifeln ragt immer besonders der hervor, dass zu 
Mysiam auch hier eine nähere Bestimmung erwartet werde; 
schon Drakenborch berührte leise diesen Punkt mit den Worten: 
,non dubito, quin indicetur, quae vulgo Mysia minor vocatur; 
haec enim Straboni XII, 571 ouveyr;; tt^ Biöuvia dicitur.* Und 
Bekker berief sich in der Anmerkung seiner Ausgabe auf diese 
Aeusserung, welche, wenn man Alles beachtet, der Bestimmung 
im 38. Buche quam Prusia rex ademerat etwa doch am nächsten 



16 V* Abhuidlnog: Zingerle. 

liegen könute.^ Und sollte dann an dieser sichtlich schwer 
verderbten Stelle vielleicht noch an eine Entstellung eines geo- 
graphischen Namens, etwa des in jener Gegend eine Rolle 
spielenden Flussnamens Rhyndacus^ zu denken sein? Jeder 
Erfahrene weiss, wozu Corrumpirung von Namen und nament- 
lich geographischen in Handschriften allmäUg flLhrte, und 
Herausgebern kommen solche Beispiele bei Eintragung des 
kritischen Apparates besonders oft vor Augen.* Darnach könnte 
' auch noch eine ähnHchc Herstellung, wie et Mysiam ad Rhyn^ 
dacum sitam et Milyas et Lydiae cet, nicht undenkbar scheinen. 
War aus mysiäad einmal das gewöhnlich überlieferte mysieu 
entstanden, so lag in solchen Dingen im Folgenden weitere 
Corrumpirung nicht zu ferne, et MilyaSy das Madvig in den 
Schriftzeichen siluas zu sehen glaubte, könnte ja ebenso vor 
et Lydiae ausgefallen sein. 

XXXVn, 58, 8 schreibt jetzt M. MüUer ab Ultimi» 
Or lentis ßnihuSy welche Lesart aber nicht auf codd. dett. und 
Gronovius zurückzuführen, sondern als Conjectur Weissenbom'ß 
zu bezeichnen war. Ich möchte an dieser vielbesprochenen 
Stelle* bei Beachtung der Schriftzeichen B ab ultimis otnentii 
in und der allerdings nach Gelenius nur unsicher vermutheten 
Lesart M ab ultimis orientis Heber noch an die Herstellung ab 
ultimis Orientis t er mini 8 denken, wie wir in der verhältniss- 
mässig nahen Partie XXXV, 48, 8 wirkUch auf Grund ein- 



^ Vgl. auch Madvig I. c. 8. 535. Bei Polybios 21, 4S wird jetzt bekannt- 
licli auch die einst schon von Drakenborch angedeutete Einsetzung des 
Namens üpoudCa^ für Conjecturen verwerthet. Vgl. Hultsch IV, p. 1086. 

* Vgl. z. B. Kiepert, Lehrbach der alt. Googr. S. 106 oder Forbiger in 
Pauly's K. E. V, 307 («Mysia minor, wozu auch die von Strabo er^ 
wähnten Landschaften Morena und Abrettena am Fusse des Olympiu 
und längs des Khyndacus, also an der Grenze Bithyniens, zu rechnen 
sind'). Zur nahen Zusammenstellung des Rhyndacus und des Myser- 
landes vgl. Apollon, Rhod. I, 1164; Plinius, N. H. V, 32, 40 nennt ihn 
,Asiani Bithyniamque disterminans\ 

' Ein derartiges Beispiel haben wir schon oben S. 7 gelegentlich ge- 
troffen (de indro & cum st. deinde RhoeteumJ; vgl. auch XX2CVIII, 12, 9, 
wo das erst dur^h ed. Bas. hergestellte ad Hieran Oomen in M ad phi- 
leram conicn lautete, in B coviejien, im Voss, ad aynienaes , im Lov. 3 
ad canuniern, im Lov. 6 ad eunieneni u. dgl. 

* Vgl. auch meine Bemerkungen in der Berl. philolog. Wochennchrift 1891» 
S. 1Ü39. 



Zar TiertoD Deoade des LiTius. 17 

stiinmiger Ueberlieferung lesen: quamquam ab ultimis Orientis 
terminis ad liberandam Graeciam oeniat 

XXXVin, 7, 13 inde non solum magna vis fumi sed 
acrior etiam foedo quodam odore ex adusta pluma cum totum 
cuniculum complesset cet. Die Aufrechthaltang des odore gegen- 
über dem bestechenden, von Hertz und Weissenborn bevorzugten 
nidore der ed. vet. scheint doch ein paar Worte der Begründung 
sa fordern. Die handschriftliche Ueberlieferung weist deutlich 
auf odore: in B ist quodam odore aus quodam modore corrigirt, 
wobei die Entstehung des getilgten m aus fehlerhafter Wieder- 
holung des Schlussbuchstabens des vorhergehenden Wortes — 
ein in B auch häufiges Versehen — Jedem klar sein muss; die 
meisten Vertreter der «l^-Classe, darunter Lov. 2, geben quodam 
odorcy wenige (Voss.) qv^dam more, was neben dem Fehler 
jener Dittographie eben auch noch den einer ebenso geläufigen 
Silbenauslassung ^ involvirt und so gewiss eher aus odore als 
aus nidore verdorben ist. Aber auch die Verbindung mit foedu^ 
scheint mehr ftir ersteres Wort zu sprechen. Vgl. z. B. Cic. 
d. n, d. n, 50, 127 insectantis odoris intolerabili foeditate; 
Sali. Cat. 55, 4 sed incultu, tenebrisj odore foeda . . eius fades 
est; auch in ähnlichen Verbindungen findet man odor häufiger 
als nidor, vgl. Caes. b. c. III, 49, 3 odore taetro^ ex multi- 
iudine cadaverum; Verg. Georg. IV, 49 odor caeni gravis; 
Petron. 117 Buch, et strepitu obsceno simul atque odore viam 
impUhai. u. dgl. Hält man alles Derartige zusammen, so kann 
die bei Drakenborch ftir das nidore der alten Ausgaben haupt- 
sächlich ins Feld geführte Stelle Verg. Aen. XH, 300 (olU ingens 
barba relvacit Nidoremque ambusta dedit) mit der aus Colum. 
de r. r. VI, 18 gegenüber der Ueberlieferung an der unserigen 
doch nicht als ausschlaggebend betrachtet werden. Das in 
einigen Vertretern der «l^-Gruppe schliesslich überlieferte ad- 
implesset (adimplesstt Voss.) statt complesset könnte möglicher- 
weise den Gedanken an ein ursprüngliches implesset (iplesset 
statt cplesset)^ wecken, wie wir dies Wort auch in ähnlicher 

^ Vgl. s. B. auch meine ililariiisstudien S. 31 [897]. Im cod. B des Liv. 
finden wir in der nächsten Nähe XXXVIII, IG, G trahendo st. tracehendo, 

* Diese Verbindung ist bekanntlich auch aus Lucrez so wohl belegt. 

* Die Zugabe des ad in diesen Handschriften würde sich durch ein aus 
dem vorhergehenden adusta entwickeltes Versehen erklären lassen. 

SttnufBber. d. phii.-hist. Cl. CXXVIII. Bd. 5. Alth. 2 



18 V. Abhaadlirag: Zingerle. 

Verbindung bei Petronius getroffen, doeh dllrfte Derartiges erst 
nach der ganz vollständigen Sammlung über den Gebrauch 
beider Composita bei Livius im Lexikon Flign. eventuell in 
Betracht gezogen werden. 

XXX VUI, 13, 9: parva disceptatio de Attali auxiliaribu$ 
orta est, quod Roviano tantum militi pactum Antiochum ut 
daretur frunientum Seleucus dicehat; discuBsa ea quoque €9t 
constantia coiisulis y qui misso tribuno edixit cet Das alte 
Bedenken Crevier's bezüglich des quoqvs an dieser Stelle (,ei 
hie locus non est, cum de nulla aUa disceptatione superius 
mentio facta sit^) fand auch Weissenborn in seinem Commentar 
der Erwähnung werth, obwohl er das Wort durch Hinweis auf 
zwei Stellen, wo dasselbe sich auch nur auf etwas Qedachtes, 
nicht bestimmt Ausgesprochenes beziehe, noch zu retten suchte. 
Bei näherem Nachsehen stehen aber jene Stellen mit der 
unserigcn doch wohl nicht auf ganz gleicher Linie, wie dies 
gut auch durch die nunmehrige Fassung des Commentars 
Weissenborn — H. J. Müller' zu II, 22, 4 beleuchtet wird.* 
In unserem Falle handelt es sich eben nicht blos um die 
freiere Stellung des Wortes oder um Beziehung auf eine ent- 
ferntere, resp. allgemeine Andeutung, sondern um die einmalige 
Erwähnung einer disceptatio, von der dann gleich gesagt werden 
soll disciissa ea quoque est. Das Bedenken dürfte darum 
immerhin hier und dort von Neuem auftauchen, aber statt der 
etwas gewaltsamen Streichung von quoque könnte dann vielleicht 
die nicht zu schwere Acnderung in utique vorgeschlagen werden. 
Letzteres Wort ist bei Livius ohnehin in mehrfachen Nüanci* 
rungen bekanntlich sehr beliebt. Bezüglich der Partien, wo es 
auch schon in die Bedeutung ,zumaP, wie der Ausdruck bei 
Fabri — Hcerwagcn deutsch wiedergegeben ist, oder in die von 
praesertim, wie Kreyssig mit lateinischen Commentaren parar 
phnisirte, hinüberspielt, genügt es hier, auf die Sammlungen 
bei Fabri — Ilecrwagen zu XXI, 54, 9 und bei Kreyssig im 
Index zu verweisen. Allerdings wird das Lexikon in einzelnen 

^ ,quoqti€ reiht au das bellum parare das legatos dimiUere, als wenn L. 
oline leyalo« goMigt hätte: mUtunt quoqiie, qui itoUieitenV'. Weissenborn 
oiiiHt: jquot/ue kauii auf das durch die neuen Rüstungen gegebene Bei- 
spiel bezogen werden, oder es gehOrt zu Latiuniy wie bei L. qwtque bis- 
weilen freier gestellt wird'. 



Zur Tierten Deeade de» Lirins. 19 

üebergängen, die sich auch dem fleissigen Beobachter bisher 
schon mehr und mehr nach den verschiedenen Satzformen auf- 
drängen mussten, genauer zu unterscheiden haben, aber die 
Sache an sich steht fest und Stellen, wie z. B. XXII, 7,11 oder 
XXXXn, 19, 7 könnten jedes Falls auch fllr die unserige heran- 
gezogen werden.^ 

XXXVIII, 37, 11 dato tempore ad eam diem praesidio 
decessum est. So wird nun stets nach der ed. Basil. 1535 
gelesen. B 4> bieten einmüthig decessit praesidio et, beztigHch 
M haben wir die Notiz der Mogunt. praesidio decessum ^ von 
der wir nicht wissen, ob sie genau und vollständig ist. Ich 
möchte nach meinen wiederholt auch in der Ausgabe der 
Bücher 31 — 35, namentlich für solche Fälle, entwickelten Grund- 
sätzen lieber im möglichsten Anschlüsse an die Schriftzeichen 
B ^ decessfi praesidio est herstellen. Vgl. z. B. auch IV, 29, 5 
deeesserit praesidio; XXXVI, 14, 4 decedenti praesidio,^ 

XXXVin, 58, 8 L. Sdpionem con- 

sulem et ab senatu dignum visum^ cui extra sortem Asia pro- 
vincia et bellum cum Antiocho rege decerneretury et a fratre, cui 
cet. Der überlieferte Ausdruck msum wurde in solcher Ver- 
bindung von Weissenborn wiederholt und auch von Madvig 
bezweifelt; M. Müller stellte jüngst daftlr habitum in den Text 
mit der Bemerkung in der praefatio crit. p. XV: ^habitum dedi 
ex incerta coni. Weiss, et Madv. Codd. visum, quod ferri 
nequit^ In Weissenbom's Commentar der Weidmännischen 
Ausgabe liest man: ,Man erwartet habitum^ iudicatum oder ein 
ähnliches Wort^ Vom paläographischcn Standpunkte läge 
wohl noch am nächsten ductum. In Folge Ausfalles des d nach 
dem vorhergehenden dignum — ein in unserer Ueberlieferung 
öfter notirter Fehler — konnte aus dem übrig gebliebenen 
uctum am leichtesten uisum sich entwickeln; sonst dürfte viel- 
leicht auch die Verwechslung zwischen uictiis und ductus, uictor 



* Vgl. auch die Erklärer zu Curtius Ruf. V, 6, 17. 

' XXXVIII, 39, 17 machte ich für das ergänzte rea diese Stellung em- 
pfehlen: quia pars eitis citra, pars ultra Taurnni est, res integra ad se- 
natum reicüur» Vgl. XX VIT, 25, 2 res integra postea referretur\ XXXIX, 
38, 6 rem inlegram r^erri iusserurU und meine Bemerkungen in der 
Berl. philolog. Wochenschrift 1891, S. 1038. (Aehnlich XXXIX, 4, 4 
discepUUio irUegra] XXX X, 17, 6 causam irUegram u. dgl.) 

2* 



20 V. Abhandlung: Zingcrle. 

und ductal' nicht ganz uninteressant sein, vgl. z. B. Drakenborch 
zu Liv. V, 26, 8; VH, 3, 9 und zu Sil IX, 199. Und ducere 
findet sich gerade in Zusammenstellungen mit dignuSy idoneui 
u. dgl. nicht ungeme; z. B. Liv. XXTTT, 42, 13 qiMSy ut socios 
hahei'es, dignos duxisti. 

Durch verschiedene Arten der aberratio, Dittographie eder 
Haplographie hervorgerufene Versehen finden sich in B über- 
haupt recht gerne auch in den hier nächstliegenden Partien, 
und es sei gestattet, Einiges von diesem Qesichtspunkte noch 
in tibersichtlich knapper Weise vorzuführen, um dann im An- 
schlüsse, wenn es sich da auch nicht um neue Conjecturen 
handelt, wenigstens die bei ein paar noch immer mehr oder 
weniger zweifelhaften Stellen bevorzugte Gestaltung kurz in 
rechtfertigen. 

XXXVI, 28, 7 et qui adaint aetolorum scire aetolarum B^ 
während die übrigen Handschriften von der fehlerhaften Wieder 
holung frei sind; 34, ist nondum tot B ^ (st. iiondum dwu 
M) durch Abirrung wegen des vorhergehenden und folgenden 
tot entstanden, und die ältesten Ausgaben suchten dann dieses 
Versehen in ihrer Weise zu corrigiren (vgl. darüber meinen 
Apparat); XXXVII, 5, 1 in muros ingererent B (st. in mwro$ 
gererent M 4>) ; 6, 7 perfecta virtutis videhatwr res B, wo virtuti$ 
aus der vorhergehenden Zeile wiederholt ist; 11, 6 ea; utraque 
classe B <^ (st. ex utraque parte M) wieder wegen cUuMe in 
der früheren Zeile; 16, 11 navalium remigum turham B (st 
remigum turham M <1>) durch das gerade voranstchende navolei 
etiam hervorgerufen; 18, 11 agendi de pace esse B ^ (st. agendi 
de pace Mogunt.) mit Abirrung auf das vorangehende esse und 
essent (auch hier ist auf die Herstellungsversuche einiger O- Ver- 
treter zu Beibehaltung des esse nicht zu achten, und es steckt 
nichts Weiteres dahinter, wie Weissenborn einst meinte); 
20, 2 9; tii biduü B (st. qui hidiium); 20, 2 8tationihu9qu€ B 4> 
(st. temporiljHsqtbe M) in Folge des nahen stationes, ^ Es mögen 
solche in so kurzen Zwischenräumen sich drängende Beispiele^ 
wobei ich schon von Anderen besprochene wegliess, genttgen, 



^ 23, 3 erklärt, sich die Verstiimmelnng des auf ah AspendiU fol^nden ad 
Sidam in iam ß <l> zieinlicli einfach , wenn man sich erinnert, daas ab 
AxpendiU auch hier in ad aspendÜM corrumpirt ist; vgl. oben S. 13. 



Zur Tierten Decade de» Lirim. 21 

um zu zeigen, dass u. A. auch XXXVII, o, 2 im et qiiidem 
cibo et quiete B, <^ plerique (st. et tunc cibo et qniete M, et 
dbo et quiete Lov. 2) nichts Weiteres zu suchen sein dürfte 
als ein Heilungsversuch einer ursprünglichen Abirrung auf 
quiete (Weissenbom hatte einst an eine Combination et tunc 
quidem cibo et quiete gedacht), oder dass selbst XXXVÜ, 10, 7 
das an sich noch haltbare facturum esse B (st. facturum M ^) 
doch auch nur aus dem unmittelbar vorhergehenden esset er- 
wachsen sei. XXXVn, 6, 2 halte ich es nach ähnlichen Er- 
fahrungen nicht für zu gewagt, Weissenborn's nur in der An- 
merkung mitgetheilte Conjectur iam enim in sinu Maliaco erat^ 
in Form einer Parenthese in den Text zu setzen; das venerat 
in B <^ ist wohl auch nur unter dem Einflüsse des gerade vor- 
anstehenden veniebat entstanden, und im Uebrigen kann auf 
diese Weise die Ueberlieferung B (iam enim in sinumaliaco) 
vollständig gehalten werden, während die hier immerhin 
besonders auffallende Wiederholung verschwindet und Pa- 
renthesen solcher Art gerade in diesen Partien so häufig sind 
(z. B. gleich im nämUchen Capitel § 3 iam enim magna ex 
parte moenibu^ nudata erat; § 7 nihil enim u. s. w.; 13, 5 
ita enim placuit; 7, 11 inde enim est dimissus; 14, 4 u) enim 
ett primus rogattis sententiam^ oder gar die diesbezügliche 
Häufang 21, 7!). 

Schliesslich mögen in diesem Zusammenhange noch einige 
Lesarten des Lov. 2 beispielshalber übersichtlich vorgeführt 
werden, die zur Beurtheilung dieser im Vorhergehenden schon 
mehrfach berührten und auch im Folgenden noch heranzu 
siehenden Handschrift Beiträge liefern könnten. Zu XXXVHI, 
17, 13 bemerkte Madvig Em. L. p. 543: ,vix dubium est, quin 
Livios in sua quidque se.de scripserit, non hoc uno loco quid- 
quid pro quidque^; bereits Florebellus hatte sich für quidque 
ausgesprochen, ihm stimmten dann Sigonius und J. F. Gronovius 
bei, und Drakenborch fügte hinzu: ,ita in uno Lov. 2 iuvenil 
Wir werden bei solcher Bestätigung durch einen bei genauerer 
Beobachtung öfter sich beraerkHch machenden Codex und bei 
der ohnehin leichten Verwechslung der beiden Wörter, trotz 



* Für die Wortverbindung vgl. ss. B. 18, 10 audivU conmdeni cum fixe.rcitu 
iam in Macedonia atm. 



Za V. Abhandlung: Zingerle. 

dos quicq^d des hier noch vorhandenen B, diese leichtere Her 
stellang der schon etwas gewaltsameren , von M. Müller auf- 
genommenen Wescnberg's um so eher vorziehen dürfen. Der- 
artiges scheint dann nach Erfahrungen verschiedener Art 
namentlich auch dort einiger Beachtung würdig, wo B aufhört 
(nach XXXVni, 4i\ 4) und über M, S keine näheren Mit- 
theilungen der Einzelheiten vorliegen. Wenn z. B. XXXVIII, 
47, 6 Lov. 2 mit Lov. 1 und Harl. cepi auf cecidi bietet 
statt der Vulgata repi auf oecidi und gleich 49, 11 eeei- 
deriint et cepe.runt nach Lov. 2 und der Mehrzahl (mit Aus- 
nahme von Lov. 1 und 4) von allen Herausgebern anerkannt 
wird, so kann nun wohl auch bezüglich der ersteren SteUe 
berechtigter Zweifel entstehen: vgl. auch IV, 61, 7 infra arcem 
caen! capfique mHlfi mtniales; XXXVI, 36, 6 exereitumque 
eins vevuHf (rnecidif B) B mit den meisten codd., nur Voss, 
und Lov. 6 ocnilif^ wozu die Sammlung bei Drakenborch n 
vergleichen. XXXVIII, 52, 10 hat Lov. 2 mit Harl. und 
Mead. die Wortstellung morbitm cauitae esse; man vergleicbe 
damit dieselbe Stellung oben v^ 3 desselben Capitels, wo sie 
durch (iclcnius lH?zeugt und von allen neueren Herausgebern 
gebilligt ist. XXX VÜI, 08, 6 Lov. 2 mit allen •!>, wie es 
scheint, morte ovcubui*<se^ was auch Drakenborch, selbst Bekker 
und Hertz noch hielten, während Weissenboni und M. Müller 
mit ed. Tarvis. und ein paar Folgenden mortem accubuisse in 
den Text setzten: man vergleiche Weissenbom-II. J. Müller s« 
I, 7, 7, wo übrigens auch M. Müller morte occuhuit aufnahm 
und in der Anmerkung seiner erklän^nden Ausgabe auf XXIX, 
18, 6 sich berief. XX XVI IL i^\ 9, wo die neuesten Ausgaben 
einschliesslich der M. XlüUer's noch immer a cognatis lesen, hat 
nun Fügner im Lexikon Liv. S. 12 richtig ab cognatis notirt; 
es ist dies die Lesart des Lov, 2 und der Mehrzahl der <I>- Ver- 
treter. Erwähnt wenlen kann nach derlei Erfahrungen Tielleicht 
auch noch XXX VUL 4>^, 15 das at pr*» yWicifa*« mea des Lov. 8 
^ Düker hatte l>emerkt« dass zu dem sonst überlieferten dn- 
fachen />r») uliritatf im#»/i ein .W zu ei^inxen sei, Crevier 
und Ussing' setzton davor ein ft ein, Hertz dachte an immo, 
M. Müller an die l>«»pjvIoin>ohicbung j*/ pn» ftUritate tantum 

* Vpl. daru Mä-Ivii: Em L. p. &o'». 



Zar Tiertea Decado des Livios. 2o 

mea\ und der Umstand, dass XXXVIII, 49, 9, Lov. 2, Hari., 
Mead. darch ihr in hoc quo casu infeliciter incidit ut allerdings 
der Hertz'schen Vermuthung in hoc, quod casu infeliciter in- 
cidit, ut günstig wären. ^ 

IL 

Vieles ist Air Aufhellung und Lösung der besonderen 
Schwierigkeiten, auf welche Handschriftenforschung und Kritik 
bei der vierten Decade des Livius in Folge der bekannten 
Verhältnisse und Verluste stossen, in neuerer Zeit geleistet 
worden, namentlich durch übersichtliche Untersuchungen, wie 
sie Weissenborn, Madvig und Luchs lieferten. 

Im Grossen und Ganzen stellt sich trotz mancher Ab- 
weichungen im Einzelnen, respective in der Werthschätzung, 
das Resultat der zwei Classen heraus, von denen die eine durch 
den verlorenen, aber durch mehrseitige Mittheilungen und £x- 
cerpte charakterisirten Moguntinus, die andere durch den für 
den grösseren Theil erhaltenen Bambergensis und die jüngeren 
Codices, sowie durch den zwar auch verschollenen, aber von 
Gtelenius benützten Spirensis vortreten werde. Bezüglich des 
letzteren hatte Weissenborn bereits in seiner Besprechung der 
Kreyssig'schen Ausgabe des 33. Buches in den N. Jahrbüchern 
f. Phil. 1840, S. 183 die in vieler Hinsicht wahrscheinliche Ver- 
wandtschaft mit dem Bambergensis hervorgehoben; derselbe 
Gelehrte betonte dann in den Commentationes Mommsen. 1877, 
8. 311 wieder dessen nahe Berührung mit dem Bambergensis 
und den jüngeren Handschriften; Madvig in den Emendationes 
Liv.* S. 460 charakterisirte ihn als ,Bambcrgensi per omnia 
simillimum'; Luchs im Progr. Univ. Erlang. 1890* stellt ihn 
auch zu derselben Classe, hält ihn aber den jüngeren Hand- 
schriften (<^) näherstehend als dem Bambergensis (B) und ist 
der Ansicht, dass Spirensis (8) und <1> nicht aus derselben 
Vorlage stammen wie B, wohl aber auf denselben Archetypus 



* Für die Verbindung könnte ausser XXX XV, 8, 5 auch das öfter (1,46,5; 
XXVI, 28,2; XXVIII, 17, 13) begegnende /orte ita incidU, ut oder (III, 
40, 9) fato incidit f ut theil weise verglichen werden. 

' De Gelenii codice Liviano Spirensi commentatio. 



24 V. Abluuidlaiif : Zingerle. 

zurückgehen (8. 12). Trotz dieses wenigstens in der Haupt- 
eintheilung der zwei Classen im Wesentlichen übereinstimmenden 
Resultates werden sich aber bei immer genauerer Darcharbeitung 
des kritischen Apparates aller Bücher der genannten Decade 
und namentlich derjenigen, in welchen Gelenius wohl beide 
verlorenen Handschriften benützte, in Folge der Vergleichung 
seiner, allerdings vielfach recht dunkeln, Angaben mit den 
besser controlirbaren Apparaten aus B ^ und theilweise aus M 
im Einzelnen unwillkürlich noch manche Zweifel aufdrängen. 
Und überschaut man dieselben auf Grund der gemachten No- 
tizen unbefangen, so scheint bei aller Achtung vor der von so 
erprobten Liviusforschem im Ganzen richtig erkannten Haupt- 
eintheilung doch der Gedanke nicht ferne zu liegen, dass man 
beim hier allerdings doppelt noth wendigen Streben nach einer 
endlichen genaueren wissenschaftlichen Sonderung und bei den 
oft so zweifelhaften Angaben über die verlorenen Handschriften 
bisweilen in das selbst bei viel günstigeren Verhältnissen an- 
derer Autoren wiederholt vorgekommene Verfahren gerathen 
kann, etwaige Verbindungslinien zwischen zwei Handschriften- 
classen theilweise zu übersehen. Ich gebe zunächst einige hier 
und dort aus meinem Apparat herausgegriflFene Beispiele ftlr 
doch auch zwischen M und *1> belegbare Berührungen, da hier 
das Vergleichungsmaterial mehrfach immerhin hinreichend ge- 
sichert ist und daraus dann vielleicht der eine oder andere 
Schluss über Einzelheiten in S und über Angaben des Gelenius 
(G) sich ergeben könnte. 

XXXVI, 6, 4 ist das richtige, zuerst von Aldus aus M 
aufgenommene per legatos nach Drakenborch auch Lesart des 
Lov. 2 gegenüber dem ad legatos von B, <I^ pl.;* 10, 11 findet 
sich das dem M zugeschriebene, in B ^P fehlende metatus längst 
vor der Moguntina und Aldina bereits in ältesten Ausgaben; 
35, 7 weisen alle •!>- Vertreter selbst noch in orthographischen 
Abirrungen auf die Lesart M Eleisy während zum Aetolü B 
sich hier nur die alten Ausgaben vor der Mogunt. bekennen; 
40, 7 stellte G mit Berufung auf seine ,exemplaria^ spem pro 
re ferentes her gegenüber dem durch B und 4> pl. überlieferten 
ispem pro re ferentibus'^ mit der obigen Verbesserung des Ge- 



^ Ich bozeichue mit 4> pl. kurz die Mehrzahl der Vertreter der «P-CUsse. 



Znr Tlert«D Decade des Lirias. 25 

lenioSy die man nun meist kurz auch auf jVI allein zurückführt^ 
berührt sich aber doch ein Glied der ^»-Classe nahe, und zwar 
wieder Lov. 2 mit seinem spem praeferenteSy das offenbar nur 
aus einem spem p rae^ ferentes weiter leicht verdorben wurde; 
XXX Vn, 1, 1, wo B richtig institerunt hat, stimmen mit dem 
insigtere des M auch 3 <^ überein (darunter Voss., Gaertn.); 
l, 7 coeptum agi est B und ^ pl., coeptum est agi M und 3 <^ 
(Lov. 2, Harl., Mead. 1); 3, l halten die meisten <1> (darunter 
Lov. 2, Voss., Gaertn.) mit M in promncias, nur vier mit B 
in provinciamy 33, 3 triflft Lov. 2 in der Wortstellung ut impedi- 
menta aegrique consequerentur mit M zusammen ; 49, 5 perdoman- 
dosque richtig B und <^ pl., perdomandos M, 3 <1> (darunter 
Lov. 2, HarL); XXXVHI, 14, 14 u. 15, 11 Tnedimnum B und ^ 
pL, modium M, 2 <I> (Harl. und Gaertn.); 16, 14 ahsisterent B 
und 4> pl., abstinerent M, 2 ^ (darunter Lov. 3 nicht uninter- 
essant zwischen der Zeile!) und die ältesten Ausgaben; 20, 1 
oppugnandis richtig M und Lov. 2, expugnandis B, <1> pl. ; 52, 7 
tribunum (st. tribunos) M, Lov. 2, Harl. Durch solche Bei- 
spiele, die sich leicht mehren Hessen, dürfte der oben berührte 
Gedanke an manche Verbindungslinien, die denn doch auch 
zwischen M und gewissen Vertretern der 4>-Classe hie und da 
noch durchblicken, bestätigt worden sein; reihen wir daran 
zwei weitere Erfahrungen, erstens die, dass einerseits Gelenius 
selbst wenigstens XXXVI, 22, 8 auch einen Consens von M 
und S ausdrücklich betont,* zweitens den Luchs'schen Nach- 
weis, dass S zwar zur zweiten Classe (B ^) gehörte, im Ganzen 
aber den O näher stand als dem 6,^ so könnte sich aus Allem 
zusammen vielleicht nicht allzuschwer ergeben, dass, wie un- 
leugbar manche 4>- Vertreter, so wohl auch S öfter doch noch 
Verbindungsfkden mit der ersten, d. h. mit der M-Classe, 
aufweisen konnte, und dass demnach Gelenius selbst dort, wo 
er allgemeine Ausdrücke wie ,exemplaria nostra', ,archetypa*, 



* Vgl. über Derartiges meine Hilariusstudien S. 13 [879]. urbae st. urhe 
hat unser B XXXVl, 3, 3. 

' »Maguntinus et Spirensis Codices aliter habent, hoc modo : a ainu MatiticOf 
qu€bß^\ vgl. übrigens über diese Stelle auch Weissenborn, Comment. 
Momms. p. 310, Luchs 1. c. p. 3. 

' Vgl. auch H. J. Müller, Jahro-sber, dos Berl. phil. Vereins 1801, S. 186. 



26 V. Abhandlung : Z i n g e r 1 e. 

,vetU8 lectio' u. dgl. gebrauchte, wirklich manchmal^ auch die- 
selbe Lesart in M und S gefunden hatte. 

Wenn er z. B. XXXVI, 7, 7 für das richtige qui dubitare 
gegenüber dem quid (qd B) dubitare auf seine ,archetypa' sich 
beruft und mit letzteren auch wieder Lov. 2 und die alten 
Ausgaben seit 1482 sich decken, so können wir wohl glauben, 
dass hier auch M S dieselbe Uebereinstimmung hatten, dass 
also die Lesart in den Apparaten doch nicht einfach mit M zu 
bezeichnen sein dürfte. Oder nehmen wir wieder ein zu 
Wichtigerem aufsteigendes Beispiel. XXXVI, 35, 7 quia BucLe 
gratiae reservari eam Achaei, Elei per se ipsi quam per Ro- 
manos maluerunt Achaico contribui concilio^ so Gelenius mit 
Berufung auf seine ,exemplaria'; quia suae gratiae resertiari ea 
Achaei per se ipsi quam per Romanos maluerunt Achaico con- 
tribui concilio <I>, <Ja suore graeciae reseruari eä achaei p malue- 
runt achaico contribui consilio B. Beachten wir, wie nahe hier 
auch <1> der ersten Lesart stehen, während B mit seinem be- 
sonders starken Ausfalle sich allein findet, so können wir 
Madvig nur beistimmen, wenn er Em. L. p. 526 ausdrücklich 
annimmt, dass die ,exemplaria^ da wirklich auf M S zu beziehen 
seien; denn wenn selbst bei Betonung naher Verwandtschaft 
zwischen S und 4> doch zugegeben werden muss, dass letztere 
im Verlaufe mehrere Fehler entwickelten, so ist es sehr 
glaubUch, dass im alten S das leichte Versehen ea, welches ja 
auch B nicht hat, und der Ausfall des Elei nach Achaei noch 
nicht platzgegriffen hatte. XXXVI, 38, 7 corrigirte Gelenius 
wieder mit Hinweis auf seine ,exemplaria' ubi ut; da hier die 



^ Freilich wird hier immer genauer ge8ondei*t werden müssen, und bis- 
weilen wird allerdings auch die schon öfter aufgestellte Annahme galten, 
dass er auch das nur in einem seiner beiden Codices Gefundene mit 
einem allgemeinen Ausdrucke empfahl. So wird z. B. XXXVII, 11, 13 
,vetus lectio* cum duabiis Coia wohl am ehesten auf S zurückgehen, der 
den Fehler copiis B <t> bei der sonst gleichen Wortstellung noch ver- 
mieden hatte, während M test. Mogunt. die verschiedene Wortstellung 
cum Cois duabua hatte; ähnlich wohl auch XXXYI, 17, 4 UU et ,ex 
vetustis codd.S was mit B 4> sich deckt, während M test Mogunt. muUo et 
bot; wenn G XXXVllI, 55, 4 Fnrii Äciileonis corrig^rt, so stammt dies 
auch wahrscheinlich aus S, da die meisten 4>, darunter Lov. 2, durch 
ihr furiacii leonia nach Heilung der falschen Worttrennung auf dasselbe 
fuhren, während M test. Mod. Furii CktUeoni» las 



Zar rierten Decade des LiTiiu. 27 

Mogantini diese Lesart ausdrücklich für M bezeugen^ könnte 
es scheinen, es sei sicher an letzteren Codex allein zu denken; 
sieht man aber, wie B *l> ubi überliefern, alle ältesten Ausgaben 
vor Aldus aber ut, so ergibt sich, dass die auf ubi ut führenden 
Verbindungslinien auch ausserhalb M nicht fehlen, S also das 
Richtige wohl auch noch haben konnte. XXXVII, 53, 4, wo 
ipsi auiem von Gelenius durch ,lege' empfohlen ist, haben wir 
nach Drakenborch dieselbe Lesart wahrscheinlich auch in Lov. 2 
und Lov. 1 anzunehmen, B und 4> pl. bieten sibi autem, Lov. 6 
bezeichnend si autem; überblicken wir diese in ihrer Entstehung 
gewiss sehr durchsichtige Mischreihe, so werden wir hier Madvig 
weniger beipflichten, wenn er Em. L. p. 444 ipsi autem geradezu 
nur auf M zurückführen zu müssen glaubt. Wir haben im Laufe 
dieser Abhandlung wiederholt bei verschiedenen Gelegenheiten 
den Lov. 2 durch gewisse Erscheinungen hervortreten gesehen, 
welche diesem Codex unter den jüngeren eine besondere Auf- 
merksamkeit zuwenden und theilweise vielleicht auch zur etwas 
besseren Aufhellung mancher Fragen beitragen könnten. Es 
ist übrigens nach den bisherigen Auseinandersetzungen kaum 
nöthig, noch ausdrücklich hervorzuheben, dass derselbe, wie 
wir ihn einerseits hie und da in gewisser auffallenderer Be- 
rührung mit richtigen oder unrichtigen Lesarten M getroffen, 
anderseits auch mit B das Richtige schützt.^ Nur noch ein 
Beispiel. Wenn XXXVU, 51, 9 Madvig Em. L. p. 535 die von 
Gelenius fälschlich durch ein ,legendum' bevorzugte Lesart 
mctam Aetoliam (statt victurn in Aetolia) dem Cod. M zuweist, 
was allerdings nicht unwahrscheinlich ist, so hat derselbe auch 
hier 4>-Genossen im Lov. 3 und theilweise im Voss.; Lov. 2 
aber stimmt hier im Wahren mit B überein, was wohl auch 
in S stand. 

Fast möchte man, wenn man alle derartigen Beobachtungen, 
die an dieser Stelle, wie gesagt, nur durch mehrere Beispiel- 
reihen beleuchtet werden konnten, zusammen überbUckt, zur 
Meinung gelangen, dass etwa doch schon ziemlich frühe ge- 
wisser gegenseitiger Einfluss der zwei Classen in theilweise 



^ Aach Unrichtiges, so z. B. das von Hertz za gewisseuliaft gehaltene in- 
dftxU 8t. induit XXXVI, tl, 3, wo sichtlich nur das vorhergehende tra- 
duxU einwirkte. 



28 ▼• Abbivndlang: Zingerle. Znr Tiert«]i Decftde des Livins. 

durchcorrigirten Exemplaren stattfand, und dass auch S viel- 
leicht mehrfach solche Spuren zeigte. Durch eine solche kaum 
zu gewagte Annahme könnten manche trotz der richtig nach- 
gewiesenen Haupteintheilung noch bestehende Schwierigkeiten 
und Zweifel im Einzelnen am einfachsten sich lösen, vielleicht 
zum Theile auch die über einige Stellen, wo S im 31. und 32. 
Buche nicht mit B <t> übereinstimmt. Indem ich schliesslich 
den Wunsch nicht unterdrücken kann, es möchte A. Luchs, 
der ja auch neue CoUationen jüngerer Codices sich zu besorgen 
in der Lage ist, diesen Untersuchungen im ganzen Umfange 
der Decade erneute Aufmerksamkeit in solcher Beziehuug 
zuwenden, glaube ich es vorderhand auch gerechtfertigt zu 
haben, warum ich nun im Apparate des 6. Theiles meiner 
Liviusausgabe auch die Lesarten mancher jüngerer Hand- 
schriften, namentlich des Lov. 2, nach nochmaliger wohlüber- 
legter Durchmusterung der Speicher Drakenborch's öfter na- 
mentlich aufführe, als dies in neuerer Zeit sonst geschehen ist. 



YI. Abb.: t. Zelstberg. Belgien anter Erzherzog CmtI (1798, 1794). 



VI. 



Belgien unter der Generalstatthalterschaft 
Erzherzog Carls (1793, 1794). 

Von 

H. B. V. Zeissberg, 

wirbl. Hi^liede der kau. Akademie der Wissenschaften. 

I. TheU. 



I. Traattmansdorff und Metternfch. — Die Brflsseler 

Conferenz. 

Der Kaiser hatte sieh nach der Katastrophe des Jah- 
res 1792 anfangs mit der Absicht getragen, das niederländische 
Gouvernement gänzlich aufzulösen, stand jedoch von diesem 
Vorhaben nachträglich, als man die Wiedergewinnung Belgiens 
ernstlich ins Auge fasste, ab und ermächtigte Metternich, wie 
dies auch in den Jahren 1789 und 1790 der Fall gewesen war, 
ein Comit^ beizubehalten, dessen Mitgliederzahl sich nach den 
vorhandenen Bedürfnissen richten sollte. In dem Masse, in wel- 
chem der Feind gezwungen sein würde, die Niederlande zu 
räumen, sollte Metternich der Armee mit jenem Comit^ folgen 
und letzteres im Verhältnisse zu den sich mehrenden Geschäf- 
ten verstärken. 

Zugleich wurde Metternich der Entwurf einer Proclama- 
tion zugesendet, die, von Coburg unterzeichnet und in einer 
grossen Anzahl von Exemplaren gedruckt, allenthalben erst 
nach erfolgtem Einmärsche der kaiserlichen Truppen in dem 
von dem Feinde occupirten Gebiete veröffentlicht werden sollte. 
Man stellte es dem Zufall anheim, inwiefern dies etwa bereits 
zuvor geschehe, keineswegs aber sollte Letzteres officiell ver- 

Sitznogsber. d. phiL-hist. Ol. CXXVUI. Bd. 6. Abh. 1 



2 VI. Abhandlung: v. Zeissberg. 

anlasst werden, um nicht das Manifest muthwilliger Behandlung 
auszusetzen und dadurch compromittirt zu werden.^ 

Die Proclamation ' eröffnete vor Allem die Aussicht auf 
die Wiederherstellung der von den Franzosen umgestürzten 
constitutionellen Rechte und jener Grundsätze, welche, von den 
Franzosen angefochten, Jahrhunderte lang den Provinzen zum 
Segen gereicht hätten. Dies sei der einzige Zweck aller An- 
strengungen jener Armee, welche der Kaiser seinen treuen 
Unterthanen zu Hilfe gesendet habe. Er erwarte, dass sie sich 
beeilen werden, ihrerseits zu diesem heilsamen Zwecke beizu- 
tragen, während diejenigen, welche es wider alles Erwarten 
wagen würden, sich diesen Absichten zu widersetzen^ der 
vollen Strenge des Gesetzes verfallen sollten. 

Es war dies die letzte Weisung, welche Philipp Cobenzl 
an Mettemich erliess. In eben diesen Tagen bereitete sich 
sein Sturz vor. Am 27. Februar wurde er der Leitung des 
niederländischen Departements enthoben und dieses dem Grafen 
Trauttmansdorff mit dem Titel eines belgischen Kanzlers über- 
tragen,' eine Massregel, die, abgesehen von dem Charakter 
der betreffenden Personen, insofeme nicht unzweckmässig war, 
als dadurch das belgische Departement aus den Agenden der 
Hof- und Staatskanzlei ausschied und eine besondere Ver- 
tretung erhielt, welche seiner in Folge der letzten Ereignisse 
gesteigerten Bedeutung entsprach. 

Cobenzl selbst* behauptet, durch diese Verfügung über- 
rascht worden zu sein, während sie nach der Behauptung 
Anderer von seiner Seite eifrig bekämpft worden war.* Ec 
betrachtete sich ab das Opfer einer Cabale, die von dem Ca- 



^ Ph. Cobenzl an Mettemich. Vienne, le 20 fövrier 1793. Orig. 

* Vergl. Wiener Zeitung, 1163. 

* Ameth v.: Graf Philipp Cobenzl und seine Memoiren (Archiv f. (taterr. 
Gesch. LXVU, 43). 

* Ph. Cobenzl an Mettemich. Vienne, le 1*' mars 1793. Orig. (abgedruckt 
bei Gachard, Analectes II, 105), In einem eigenhändigen vortraulichen 
Schreiben vom selben Datum an Mettemich fügt Ph. Cobenzl dieaer 
Mittheilung bei: ,V. E. n*aura pas ^t^ peu surpris d*apprendre de mm 
lettre d'office de ce jour que c^est la demi^re que j*ai Thonneur de vous 
adresser sur les affaires provinciales des Pays-Bas. H n*y a que vingt- 
qnatre heures que j*ai eu la mSme surprise.' 

^ Araeth, a. a. O. 43. 



Belfien tinter der Oeneralstatthaltenchaft Enchcnog Carls (1708, 1794). 3 

binetsminister CoUoredo und dem Oberstkämmerer Rosenberg 
ausgegangen und die auf die Erhebung TrauttmansdorfiTs und 
Thugut's gerichtet gewesen sei, welche beide damals unbe- 
schäftigt waren und eine Wiederansteliung im Staatsdienste an- 
strebten.* In der That vergingen seit jenem ersten Schlage 
nur vier Wochen, und Cobenzl wurde auch seiner Stellung als 
Staats- Vicekanzler enthoben, mit der neu geschaffenen Würde 
eines Kanzlers der italienischen Provinzen bekleidet, dem Frei- 
herm von Thugut aber zunächst als Director des auswärtigen 
Amtes die mit demselben verbundenen Geschäfte übertragen.* 

Trauttmansdorff war kein Neuling in den niederländischen 
Geschäftien. Unter Maria Theresia 1770 in den Staatsdienst ein- 
geftlhrt, blickte derselbe auf eine ebenso rasche als glänzende 
Beamtenlaufbahn zurück. 1780 wurde er kurböhmischer Ge- 
sandter beim Reichstag zu Regensburg, 1783 von Josef II. 
gleichzeitig im fränkischen Kreise accreditirt. Während des ,Für- 
stenbundes' (1785) wurde er in wichtigen Geschäften nach Mainz, 
in den oberrheinischen und in den fränkischen Kreis entsendet, 
1787 in schwierigster Zeit trotz seiner Gegenvorstellungen zum 
bevollmächtigten Minister der Niederlande ernannt, in welcher 
Stellung er sich durch sein Eingehen auf dessen Ideen das Ver- 
trauen des Kaisers im höchsten Masse erwarb. Von demselben 
ftlr den Posten eines Reichs -Vicekanzlers, ja zum Nachfolger 
Kaunitz' ausersehen, wurde er, da sich beides nicht bewerk- 
stelligen Hess, durch die Verleihung des goldenen Vliesses aus- 
gezeichnet. ' 

Die Leitung der Niederlande wurde Mettemich und Trautt- 
mansdorff zu einer Zeit anvertraut, in der die Lösung der bald 
wieder hervortretenden Spannung der inneren Verhältnisse weni- 
ger von Persönlichkeiten als von der Entscheidung der äusseren 
Frage, von dem Ausgange des Krieges mit Frankreich abhing. 
Immerhin war es ftir Belgien kein Glück, dass es fortan von 
zwei so verschieden veranlagten Staatsmännern geleitet werden 
sollte; jedenfalls war vorauszusehen, dass es der inneren Politik 



» Arneth, a. a, O. 164—155. 

* Ebenda. 43. 

' Nach einer undatirten, durch seine spätere Enthebang von dem Amte 

eines Kanzlers der Niederlande veranlassten Eingabe desselben an Kaiser 

Frans. 

1* 



4 VI. AbhAndlang: t. Zelstberf. 

auch fernerhin an Festigkeit und Beständigkeit fehlen werde, 
da dem Minister, diesem ausgesprochenen Anwalte der ständi- 
schen Wünsche, in dem Kanzler eine Persönlichkeit gegenüber- 
stand, die bei aller, selbst von Leuten wie Baillet anerkannten 
Mässigung ihre Vergangenheit nicht verleugnen konnte. Metter- 
nich wurde denn auch durch den Personenwechsel von vorne- 
herein auf das Unangenehmste berührt; auf Cobenzl's Mittheilong 
erwiderte er: ,Eucre Excellenz bemerken ganz richtige dass der 
Wille des Souveräns für mich stets ein Befehl ist und sein wird. 
Doch ist es nicht minder gewiss, dass ich äusserst erstaunt war, 
als ich von dieser neuen Ordnung der Dinge vernahm,'* Und 
in der That gestaltete sich das Verhältniss Mettemich's zu Trautt- 
mansdorff binnen kürzester Zeit so unerquicklich, dass es wieder- 
holt des unmittelbaren Eingreifens des Kaisers bedurfte, um dem 
Federkriege beider ein Ziel zu setzen. Letzterer blieb nicht lange 
ein Geheimniss * und wurde von den Ständen gar bald zu ihrem 
Vortheile ausgebeutet. 

Gleichzeitig mit CobenzFs Entfernung von der Leitung des 
niederländischen Departements wurde die Jointe in Wien, die 
man wohl als seine Schöpfung bezeichnen darf, und deren Un- 
Zweckmässigkeit sich während der kurzen Zeit ihres Bestandes 
erwiesen haben mochte, aufgelöst. * Statt dessen wurden in Brüs- 
sel selbst die sogenannten Conferenzen eingeführt. In Nachbil- 
dung einer Einrichtung nämlich, die der verstorbene Kaiser für 
die Lombardie getroflFen hatte, sollte der Generalgouvemeur der 
Niederlande sich fortan zur Erledigung der Geschäfte und der 
Berichte an den Kaiser nicht blos wie bisher der Beihilfe des be- 
vollmächtigten Ministers und des Staatssecretärs, sondern ausser- 
dem noch der Mitwirkung zweier eigens hiezu ersehener Räthe 
(conseillers assesseurs) bedienen. Während bisher die Angelegen- 
heiten in Conferenzen, die nicht an einen bestimmten Tag und 
an eine bestimmte Stunde gebunden waren, zwischen Statthalter 
und Minister erörtert zu werden pflegten, sollten in Zukunft 
wöchentlich drei regelmässige Sitzungen und im Falle des Be- 
dürfnisses auch mehrere unter Intervention jener zwei Räthe 

^ Mettennoh an Cobenzl. Coblence, le 20 mars 1793. Copie. ,Confidentielle 

autogfraphe/ 
' Mercy an Thugut. BruxelleB, le 28 juin 1793. eig. 
' Trauttmansdorff an Mottemich. Vienne, le 1*' mars 1793. 



Belgien unter der Oenerftlstatthalterscbaft Erzherzog Carls (179S, 1794). 5 

Stattfinden. Den beiden Käthen und dem Staatsseeretär fällt die 
Berichterstattung, jenen in allen inneren, diesem in allen äus- 
seren Angelegenheiten, zu. Der Generalgouvemeur, oder in sei- 
ner Abwesenheit der Minister, fasst das Conclusum nach der 
Stimmenmehrheit zusammen, ausser wenn gewichtige Gründe 
dagegen sprechen, die in diesem FaUe im ProtokoUe zu vei- 
merken sind. Auf diese Weise hat die Verleihung aller Aemter 
und Beneficien^ über die das Generalgouvernement verfügt, sowie 
die Anweisung der Gagen, Pensionen und Gratificationen, endlich 
die Erstattung der Anträge bezüglich jener Stellen, deren Be- 
setzung sich der Kaiser vorbehält, zu geschehen. Bei Meinungs- 
verschiedenheit hat jeder Votant seine Ansicht zu Protokoll zu 
bringen und in demselben zu motiviren, und ist es eine Sache, 
deren Entscheidung dem Souverän unterbreitet wird, so steht 
es überdies jedem Beisitzenden frei^ seine Ansicht unmittelbar, 
und zwar versiegelt, Sr. Majestät zu übersenden. Mit Ueber- 
gehung jener Anordnungen, welche sich auf die Anlegung und 
die wöchentliche Einsendung der Protokolle nach Wien, die 
Vertheilung der Referate, die Wahrung des Amtsgeheimnisses, 
Beschleunigung der Erledigungen u. dergl., kurz auf die Ge- 
schäftsordnung, beziehen, sei hier noch hervorgehoben, dass 
keine Weisung des Generalstatthalters, weder an die Conseils 
collatöraux, noch an die Justiztribunale, noch endlich an die 
Stände ergehen sollte, ohne dass sie zuvor den Gegenstand 
eines Berichtes in jener Conferenz gebildet habe. Alles, was 
zur Kenntniss des Souveräns zu gelangen hatte, sollte ent- 
weder, und zwar in wichtigen Fällen durch einen Bericht des 
(Jeneralgouvemeurs, oder, in minder wichtigen, durch einen 
Auszug aus dem Protokolle, im ersten Falle unter der Signatur 
des Erzherzogs, im zweiten unter jener des Staatssecretärs, unter- 
breitet werden. Umgekehrt sollten alle Anordnungen Sr. Ma- 
jestät dem Gouvernement entweder durch vom Kaiser gezeich- 
nete, an den Generalstatthalter gerichtete Depeschen oder durch 
Schreiben des Hofkanzlers an den Minister erfolgen, in beiden 
Fällen aber die gleiche Geltung haben. Endlich sollte es dem 
Generalstatthalter zustehen, wenn es sich um Gegenstände von 
grosser Tragweite handle, ausser den gewöhnlichen Beisitzern 
auch andere Staatsräthe oder königliche Beamte zu jenen Con- 
ferenzen beizuziehen, wie dies auch bisher unter dem Namen 



6 VI. Abhandlung: y. Zeissberg. 

einer Joiute geäcliefaen sei. Doch sollte vou dem Generalstatt- 
halter der Landescommandirende in all den FäDen in die Cton- 
ferenz berufen werden, in denen es sich um einen wichtigen 
Fall handle, bei welchem die Civilregierung militärischer Assi- 
stenz bedürfe oder das Umgekehrte der Fall sei. In all diesen 
Fällen sei die Ansicht des Generalcommandanten dem Proto- 
kolle beizuschliessen. ^ 

Am 1. März setzte Trauttmansdorff den bevollmächtigten 
Minister von seiner Fmennung in Kenntniss. Während er ihn 
im Allgemeinen auf die Instruction verwies, welche binnen 
Kurzem für den Fall des Einmarsches der österreichischen 
Truppen in Belgien nachfolgen werde, forderte er ihn bereits 
jetzt auf, flir die Neubesetzung der verschiedenen Conseils cd- 
latöraux Sorge zu tragen. ,£uere Excellenz kennen,' bemerkte er, 
,die Intention des Kaisers, die dahin geht, dass an der seit je- 
her bestehenden Ordnung dieser Conseils nichts geändert werde, 
da bisher jede Aenderung von üblen Folgen begleitet gewesen 
ist. Se. Majestät beabsichtigt nicht, den Launen ii^end einer 
Partei der Nation in Bezug auf seine Beamten blindlings zn 
folgen, aber sie ist zugleich entschlossen, der öffentlichen Mei- 
nung nicht vor den Kopf zu stossen.' Die Mitglieder der auf- 
gelösten Wiener Jointe Müller, Lannoj und Du Rieux sollte 
Metternich in seine Vorschläge einbeziehen, da denselben der 
Kaiser eine entsprechende Verwendung in Belgien zugedacht 
habe, obgleich Trauttmansdorff selbst wünschte, dass denselben 
noch ein längeres Verweilen in Wien gestattet werde, weil er 
sich ihrer Unterstützung bei den bevorstehenden Arbeiten be- 
dienen wolle.* In einem vertraulichen Schreiben fügt er hinzu, 
dass der Kaiser nur deshalb bisher Alles im Status quo belassen 
und die bereits damals (s. unten) überreichte Demission des Chef- 
Präsidenten Crumpipen und des Staatssecretärs Feltz nicht an- 
genommen habe, weil die Absicht bestehe, das ganze Gouverne- 
ment aufzulösen und man sich daher nicht auf eine vereinzelte 
VeH\igung beschränken wolle.* 



^ Ordre k saivre daus les conförences que le ser^niasime ^UTemeur g^ 
ii^ral tiendra avec le ministre plenipotentiaire, le secr^taire d'Etat et 
les conseillers assesseurs. A.-A. 

' Trauttmansdorff an Metternich. Vienne, le l*' mars 1793. Orig. 

' Trauttmansdorff an Metternich. Vienne, le 1*' mars 1793. Orig. eig. 



Belfien nnt«r der Oenenlatmttbaltencbaft Erzbenof Carls (1798, 1794). 7 

Am 2. März sandte Trauttmansdorff durch La Valette 
dem Minister eine neue Proclamation zu, die fllr alle Pro- 
vinzen gelten und an Stelle des früheren Entwurfes treten 
sollte. Die Publication derselben sollte weder zu früh, noch zu 
spät erfolgen, denn im ersteren Falle würde man die Procla- 
mation der Gefahr der Verspottung aussetzen, im zweiten die- 
selbe ihren Hauptzweck verfehlen. Für die Verbreitung des Auf- 
rufes könne theils durch die Generale Sorge getragen werden, 
welche denselben jedoch erst in dem Augenblicke feierHch zu 
verkündigen hätten, in welchem sie sicher wären, dass sie sofort 
die betreffende Provinz besetzen würden, theils könne dies durch 
vertraute Personen unter der Hand geschehen. Trauttmansdorff 
billigte zugleich, dass Mettemich zunächst in Coblenz seinen 
Sitz zu nehmen gedenke, nur sollten dahin auch die Mitglie- 
der des geheimen Rathes beschieden werden, um die Geschäfte 
an einem Orte zu concentriren. ' 

Die neue kaiserliche Proclamation war im Wesentlichen 
desselben Inhaltes wie die frühere; nur stellte sie auch eine all- 
gemeine Amnestie, die sich selbst auf die Deserteurs der Armee 
erstrecken sollte, in Aussicht.* Doch wurde, wie wir vorgrei- 
fend bemerken wollen, in Wirklichkeit nicht diese zweite Procla- 
mation (vom 2. März), sondern die erste, mit dem Datum 1. März 
versehen, von Coburg zu Aldenhofen und später (25. März) auch 
zu Brüssel publicirt. 

Es ist falsch, wenn behauptet wird,' Mettemich habe im 
Februar von Wesel aus an seinen Hof die Anfrage gerichtet, 
ob das vielverbreitete Gerücht von dem bairisch - belgischen 
Tauschprojeete der Wahrheit entspreche, und füi' diesen Fall 
um die Enthebung von seinem Posten gebeten, da unter dieser 
Voraussetzung die Wiederherstellung der alten Verfassung nur 
Verlegenheiten bereiten würde, und es vorzuziehen sei, das 
Land nach dem Wiedereinmarsche der österreichischen Trup- 
pen vorläufig unter militärische Verwaltung zu stellen, es sei 



^ Trauttmansdorff an Mettemich. Vienne, le 2* mars 1793. Orig. 

' Das Manifest datirte vom 2. März und trug Siegel und Unterschrift des 

Kaisers. Beilage zu Trauttmansdorff*s Weisung an Mettemich, ddo. Vienne, 

le 9 man 1793. 
' M. Craofurd an Lord Auckland. Brüssels, April 29^ 1793, im Journal 

UI, 41. 



8 VI. Abliftndlang; r. Z«i8sb«rf. 

ilim aber bedeutet worden^ dass der Kaiser uicht daran denke, 
sich Belgiens zu begeben, dass derselbe gesonnen sei, die alt- 
hergebrachte Verfassung aufrecht zu erhalten, und dass num 
in dieser Hinsieht den Bewohnern des Landes jeden Zweifel 
benehmen möge. Eine derartige Anfrage Metternich's liegt in 
den Acten nicht vor, wie sich denn auch sonst nachweisen 
lässt, dass der Minister schon längst von den constitutionellen 
Absichten des Kaisers wohl unterrichtet war. Nur so viel ist 
richtig, dass es am Hofe allerdings eine Partei gab, die hierin 
anderer Ansicht war. 

Trauttmansdorff wusste dies wohl, als er im Gegensatze 
zu seinem Vorgänger Cobenzl, der die Geschäfte seiner De- 
partements direct mit dem Kaiser zu behandeln pflegte,^ den 
Entwurf der Instruction fUr Mettemich der Begutachtung der 
Conferenz-Minister unterzog. Er wusste, dass unter den Rath- 
gebern des Kaisers Meinungsverschiedenheit darüber bestand, 
ob man die günstige Stimmung der belgischen Nation und Eng^ 
lands benützen sollte, um bei dem Wiedereinmarsche ins Land, 
auf Waffengewalt gestützt, den Streitigkeiten ein Ziel zu setzen, 
die zu den inneren Unruhen den Anlass gegeben, oder ob es 
sich vielmehr empfehle, auf dem verfassungsmässigen Stand- 
punkte zu verharren. Trauttmansdorff war der letzteren An- 
sicht. Er hoffte nicht nur, dass sieh auch die Conferenz in 
diesem Sinne äussern werde, sondern war seiner Sache bei 
dem Kaiser so sicher, dass er, noch ehe jene sich geäussert 
hatte, bereits am 3. März, Mettemich in diesem Sinne infor- 
mirte: ,Se. Majestät werde nie erlauben, dass die Fundamental- 
gesetze des Landes, die stets zur Richtschnur dienen müssen, 
verletzt, abec auch nicht gestatten, dass unter diesem Ver- 
wände oder mittelst falscher Interpretationen Ihre Rechte ver- 
kümmert werden.'* 

Die Instruction fUr Mettemich' datirte vom 27. Februar 
1793 und wurde demselben ebenfalls durch La Valette über^ 
sendet ;'^ sie bezog sich theils auf gewisse Verfassungsconfliete, 



* Archiv f. Qsterr. Gesch. LXVII, lö4. 

' Trauttmansdorff an Mettemich. Vienne, le 3 mars 1793. Orig. 

* Geilnickt bei Gachani, Analectes V, 148—153. Doch sind die der In- 
struction bei^fii|rten Erläuterungen in diesem Abdrucke nicht entludten. 

* Mettemich an Eraheraog Carl, 13 mars 1793. A.-A. Copie. 



Belgien imter der QeneraUtattbaltorsebaft Enlienog Cerli (1798, 1794). 9 

welche, wie die Besetzung des Conseüs von Brabaut ^ und jenes 
von Flandern,* oder der Streit über den Conseii von Limburg,' 
unter der letzten Statthalterschaft entbrannt, aber nicht zum 
Austrage gebracht worden waren, theils fasste sie die Wieder- 
herstellung der alten Ordnung der Dinge, die Beruhigung der 
G^müther, aber auch die Ueberwachung der Malcontenten ins 
Auge. Daher sollten zunächst alle höheren und niederen Ge- 
richtstribunale mit Ausnahme der Conseils von Brabant und 
Limburg, für welche besondere Verfügungen in Aussicht stan- 
den, alle Magistrate, Fiscal-, Justiz- und PoUzeibeamten und 
alle legalen Corporationen aufgefordert werden, ihre Functionen 
wie vor der französischen Occupation wieder zu beginnen, und 
nur da, wo dies nicht mögUch sei, provisorischer Ersatz ge- 
schaffen und soweit die Ernennung dem Gouvernement zustehe, 
so bald wie möglich zu einer Neubesetzung der Magistrate in ver- 
trauenerweckendem Sinne geschritten werden, da die getroffene 
Verfügung nur dem Uebelstande begegnen wollte, dass nicht 
etwa in der ersten Zeit Justiz und Polizei in völligen Stillstand 
geriethen. Wurde einerseits dem Minister, sobald Brabant be- 
setzt sei, die Verkündigung einer allgemeinen Amnestie aufge- 
tragen, so sollten dagegen Clubs und illegale Gesellschafiten 
nicht geduldet werden, und wurde die Bestrafung der Bethu- 
nisten und die gerichüiche Verfolgung der Personen, welche 
zur Zeit der Fremdherrschaft eine besondere Hinneigung zu 
dem französischen System gezeigt hätten, in Aussicht genom- 
men. Auch die Ueberwachung, eventuell Ausweisung der fran- 
zösischen Emigranten wurde dem Minister zur Pflicht gemacht. 
Vor Allem aber sollten die Stände der Provinzen baldigst ein- 
berufen und zur Entrichtung der bereits bewilligten, aber noch 
nicht bezahlten Subsides, jene von Brabant überdies zur Be- 
willigung der Entschädigung des königlichen Schatzes und der 
durch den Aufstand von 1789 und 1790 geschädigten Personen 
veranlasst werden. Auch die Beilegung der Differenzen bezüg- 
lich der aufgehobenen Convente wurde als wünschenswerth be- 
zeichnet. Von vorneherein erklärte sich der Kaiser einverstan- 



^ Vergl. den Aufsatz: Zwei Jahre belgischer Geschichte (Sitzungsberichte 

Bd. CXXm und Bd. CXXIV). 
> Ebenda, Bd. CXXIV, 162 ff. 
' Ebenda, Bd. CXXm, 151 ff. 



10 VI. Abhandlnng : v. Zeissberg. 

den mit der Wiederherstellung aller Convente^ bei denen dies 
möglich sei; nur sollte daraus keine Belastung für den könig- 
lichen Schatz erwachsen^ auch sollte von den früheren Con- 
ventualen Niemand zum Wiedereintritt gezwungen und die Pen- 
sionen Derer, die nicht wieder eintreten wollten, sichergestellt 
werden. Endlich wurde Mettemich eingeschärft, in allen Edicten 
und Declarationen, deren Verkündigung sich bei dem Einmärsche 
der Truppen und der Rückkehr des Gouvernements als noth- 
wendig herausstellen würde, eine einfache, bestimmte, der Würde 
des Kaisers angemessene Sprache zu fUhren und durch die That 
zu beweisen, dass die Absicht des Kaisers auf die Aufrechthaltung 
der Verfassung, wie dieselbe in den letzten Regiemngsjahren 
Maria Theresias bestanden habe, gerichtet sei, sich aber über 
dieselbe in keine Discussion einzulassen. 

Mettemich wurde beauftragt, diese Instruction auch dem 
Prinzen von Coburg mitzutheilen, so wie andererseits ihm ein 
Exemplar der Instruction Coburg's mitgetheilt wurde. In dieser 
— sie datirt gleichfalls vom 27. Februar — wurde dem Prin- 
zen die grösste Mässigung ans Herz gelegt. Die Truppen soll- 
ten strenge Mannszucht halten und den Bewohnern nicht über 
Gebühr zur Last fallen. Coburg sollte die friedlichen Bürger seines 
Schutzes versichern, zwar keine Clubs und poUtischen GeseU- 
schaften dulden, doch der Civilgerichtsbarkeit volle Wirksam- 
keit gewähren; gefangene Franzosen sollten als Kriegsgefangene 
gelten, Belgier, sowie Bewohner von Lüttich und die Bethoni- 
sten, di^ mit Waffen betreten würden, als Rebellen standrecht- 
lich behandelt werden.^ 

Die Instruction fUr Mettemich wurde am 4. März durch 
die Bemerkung ergänzt, dass er stets die Haupteache im Auge 
behalten und diese nicht etwa accessorischen Gesichtspunkten 
unterordnen möge. Vor Allem sollte er sich die Gunst des 
AugenbUckes und den Eindruck, den die Anwesenheit einer 



* S. Witzleben a. a. O., 85—86, der jedoch mit Unrecht Ton der Vorau' 
setznng ausgeht, dass diese Instruction bereits vor Eröffnung des Feld- 
zuges zur Kenntniss des Prinzen gelaugt sei. Die Abschrift im Wiener 
Staatsarchiv ist ausdrücklich bezeichnet: ,Copie du projet, faitiVienne, 
27 fevrier 1793S Auch eine Copie derselben in A.-A. (Beilage sn einem 
Briefe Mettemich's an Erzherzog Carl, ddo. 13. Mfirz 1793) ist ebenso 
datirt. 



Belgien unter der Oeneralstatthalterschaft Enherxog Carli (179S, 1794). 11 

siegreiciicu Armee^ sowie die Proclamation des Kaiser» auf die 
Gemüther ausüben werde^ nicht entgehen lassen. Sollte sich 
der Zusammentritt der Ständeversammlungen verzögern ^ so 
möge er sich vorläufig in jeder vom Feinde geräumten Provinz 
drei Deputirte zugesellen und im Einvernehmen mit diesen zu- 
nächst jene Anordnungen treffen, die der Augenblick, nament- 
lich die Sorge ftir die öffentHche Ruhe und Sicherheit gebiete. 
In Anbetracht der Anhänglichkeit der Belgier an die Religion 
und des mächtigen Einflusses der Priesterschafit auf das Volk 
möge er an die Prälaten des Landes ein Rundschreiben rich- 
ten, das ohne Affeetation auch zu pubUciren, und in dem ge- 
schickt, zugleich aber in würdiger Weise die Interessengemein- 
schaft des Clerus und Thrones hervorzuheben sei. Mettemich 
sollte die öffentUchen Gelder, die nicht dem Feinde zur Beute 
geworden seien, in Sicherheit bringen, namentlich aber, da der 
gegenwärtige Krieg mit grossen Kosten verbunden sei, darauf 
bedacht sein, die Hilfsquellen Belgiens dem Kaiser dienstbar 
zu machen. Als die wichtigsten dieser Quellen werden bezeich- 
net: die rückständigen Subsides, Abkürzung der für die Ent- 
schädigung von 7,700.000 Gulden festgesetzten Zahlungstermine, 
neue Dons gratuits, ein später flir Rechnung des Kaisers, 
nöthigenfalls unter der Garantie der Stände zu eröffnendes 
Anlehen, specielle Heranziehung des Clerus zu Opfern ftir den 
Staat unter gleichzeitiger Ermächtigung desselben zur Veräus- 
serung seiner weniger werthvoUen Besitzungen, theilweise Ver- 
äussemng von Domänen, deren Verwaltung kostspielig sei, 
u. dergl. m. ,Wenn man,^ so schUesst Trauttmansdorff, ,die 
Gelegenheit ergreift, welche die Kundgebung der gerechten 
und wohlwollenden Absichten Sr. Majestät gegen Ihre belgi- 
schen Provinzen gewährt, so wird man Hilfsquellen genug bei 
einer Nation finden, die in der Liebe wie im Hasse ihre Ge- 
fühle bis zum Extreme zu äussern pflegt.'^ 

,Sie werden,^ heisst es in einem anderen Schreiben, ,ge- 
wiss einsehen, dass in diesem Augenblicke die Geldmittel uns 
am meisten am Herzen liegen, und dass daher dies die Aufgabe 
ist, mit der Sie sich vor Allem beschäftigen müssen, denn in 
Wirklichkeit hängt Alles davon ab. Zeichnen sich die Nieder- 



* Trauttmansdorff an Metternich. Vienne, le 17 mars 1793. Orig. 



10 VI. Abhandlung: v. Zeissberg. 

den mit der Wiederherstellung aller Convente^ bei denen dies 
mögUch sei; nur sollte daraus keine Belastung für den könig- 
lichen Schatz erwachsen^ auch sollte von den früheren Con- 
ventualen Niemand zum Wiedereintiitt gezwungen und die Pen- 
sionen Derer, die nicht wieder eintreten wollten, sichei^estellt 
werden. Endlich wurde Mettemich eingeschärft, in allen Edicten 
und Declarationen, deren Verkündigung sich bei dem Einmärsche 
der Truppen und der Rückkehr des Grouvemements als noth- 
wendig herausstellen würde, eine einfache, bestimmte, der Würde 
des Kaisers angemessene Sprache zu fahren und durch die That 
zu beweisen, dass die Absicht des Kaisers auf die Aufrechthaltung 
der Verfassung, wie dieselbe in den letzten Regiemngsjahren 
Maria Theresias bestanden habe, gerichtet sei, sich aber über 
dieselbe in keine Discussion einzulassen. 

Mettemich wurde beauftragt, diese Instruction auch dem 
Prinzen von Cobui^ mitzutheilen, so wie andererseits ihm ein 
Exemplar der Instruction Coburg's mitgetheilt wurde. In dieser 
— sie datirt gleichfalls vom 27. Februar — wurde dem Prin- 
zen die grösste Mässigung ans Herz gelegt. Die Truppen soll- 
ten strenge Mannszucht halten und den Bewohnern nicht über 
Gebühr zur Last fallen. Coburg sollte die friedlichen Bürger seines 
Schutzes versichern, zwar keine Clubs und politischen Gesell- 
schaften dulden, doch der Civilgerichtsbarkeit volle Wirksam- 
keit gewähren; gefangene Franzosen sollten als Kriegsgefangene 
gelten, Belgier, sowie Bewohner von Lüttich und die Bethuni- 
sten, di^ mit Waffen betreten würden, als Rebellen standrecht- 
lich behandelt werden.^ 

Die Instruction fUr Metternich wurde am 4. März durch 
die Bemerkung ergänzt, dass er stets die Hauptsache im Auge 
behalten und diese nicht etwa accessorischen Gesichtspunkten 
unterordnen möge. Vor Allem sollte er sich die Gunst des 
Augenblickes und den Eindruck, den die Anwesenheit einer 



* S. Witzleben a. a. O., 85—86, der jedoch mit Unrecht Ton der VoraiU' 
Setzung aasgeht, dass diese Instruction bereits vor Eröffnung des Feld- 
zuges zur Kenntniss des Prinzen gelaugt sei. Die Abschrift im Wiener 
Staatsarchiv ist ausdrücklich bezeichnet: ,Copie du projet, Uäi k Yienne, 
27 f^vrier 1793S Auch eine Copie derselben in A.-A. (Beilage su einem 
Briefe Mettemich's an Erzherzog Carl, ddo. 13. März 1793) ist ebenso 
datirt. 




B«lfi«ii oBtar dar CteneraUtaUhaltencluift Enhenof Carli (179S, 1794). 11 

siegreiclieu Armee^ sowie die Proclamation des Kaisers &\x£ die 
Gemüther ausüben werde, nicht entgehen lassen. Sollte sich 
der Zusammentritt der Ständeversammlungen verzögern, so 
möge er sich vorläufig in jeder vom Feinde geräumten Provinz 
drei Deputirte zugesellen und im Einvernehmen mit diesen zu- 
nächst jene Anordnungen treffen, die der Augenblick, nament- 
hch die Sorge für die öffentHche Ruhe und Sicherheit gebiete. 
In Anbetracht der Anhänglichkeit der Belgier an die Religion 
und des mächtigen Einflusses der Priesterschafit auf das Volk 
möge er an die Prälaten des Landes ein Rundschreiben rich- 
ten, das ohne Affeetation auch zu publiciren, und in dem ge- 
schickt, zugleich aber in würdiger Weise die Interessengemein- 
schaft des Clerus und Thrones hervorzuheben sei. Mettemich 
sollte die öffentUchen Gelder, die nicht dem Feinde zur Beute 
geworden seien, in Sicherheit bringen, namentlich aber, da der 
gegenwärtige Krieg mit grossen Kosten verbunden sei, darauf 
bedacht sein, die Hilfsquellen Belgiens dem Kaiser dienstbar 
zu machen. Als die wichtigsten dieser Quellen werden bezeich- 
net: die rückständigen Subsides, Abkürzung der fUr die Ent- 
schädigung von 7,700.000 Gulden festgesetzten Zahlungstermine, 
neue Dons gratuits, ein später für Rechnung des Kaisers, 
nöthigenfalls unter der Garantie der Stände zu eröffnendes 
Anlehen, specielle Heranziehung des Clerus zu Opfern ftlr den 
Staat unter gleichzeitiger Ermächtigung desselben zur Veräus- 
serung seiner weniger werthvollen Besitzungen, theilweise Ver- 
äusaerong von Domänen, deren Verwaltung kostspielig sei, 
a. dergl. m. ,Wenn man,^ so schliesst Trauttmansdorff, ,die 
Gelegenheit ergreift, welche die Kundgebung der gerechten 
und wohlwollenden Absichten Sr. Majestät gegen Ihre belgi- 
schen Provinzen gewährt, so wird man Hilfsquellen genug bei 
einer Nation finden, die in der Liebe wie im Hasse ihre Ge- 
flihle bis zum Extreme zu äussern pflegt.' ^ 

,Sie werden,' heisst es in einem anderen Schreiben, ,ge- 
wiss einsehen, dass in diesem Augenblicke die Geldmittel uns 
am meisten am Herzen liegen, und dass daher dies die Aufgabe 
ist, mit der Sie sich vor Allem beschäftigen müssen, denn in 
WirkHchkeit hängt Alles davon ab. Zeichnen sich die Nieder- 



* Traattmansdorff an Metteruich. Vienne, le 17 mars 1793. Orig. 



12 VI. Abhandlung: v. Zeisgberg. 

laude nicht durch besonderen Eifer aus und bieten sie in diesem 
Augenblicke der Monarchie nicht wesentliche Vortheile dar^ so 
kann man fast nichts mehr Denen erwidern, die — und sie 
sind in der Mehrheit — mehr als je und um jeden Preis sich 
von denselben losmachen wollen. Vielleicht finden Sie Gelegen- 
heit, diese Bemerkung, als käme dieselbe von Ihnen, gegen- 
über Personen fallen zu lassen, von denen zu erwarten steht, 
dass sie einen guten Gebrauch davon machen werden/^ 

,Ein anderer Gegenstand Ihrer Aufmerksamkeit,^ fHhrt 
Trauttmansdorff fort, ,wird die Entschädigimg sein, welche die 
SUlnde den Mitgliedern des Gouvernements leisten müssen, deren 
Entfernung sie wünschen, da dieselbe sonst den königlichen 
Finanzen sehr zur Last fallen würde. Es wäre dies wenigstens 
ein Mittel, um Jene zum Schweigen zu bringen, welche den 
gewünschten Aenderungen eine allzugrosse Ausdehnung geben 
möchten. Sobald Eure Excellenz in Brüssel angelangt sein und 
die volle Freiheit der Action erlangt haben werden, werden Sie 
auch ohne Zweifel die Nothwendigkeit des Festhaltens an einem 
bestimmten System erkennen. Ebendies ist es, woran es nach 
meiner Meinung stets sowohl hier wie in Brüssel gefehlt hat 
Man darf fortan nicht mehr zwischen zwei Wässern schwim- 
men und es gleichzeitig Allen recht machen wollen. Man mnss 
sich fUr eine Partei entscheiden, die andere aber ausrotten 
(Fräser). Man muss, im Vertrauen bemerkt, von der Lection 
profitiren, die uns das Benehmen der Stände ertheilt hat, die 
ihr wirklichem Unrecht vergessen und aus einer anfangs schlech- 
ten eine gute Sache gemacht haben.^^ 



II. Erzherzog Carl wird zum Generftlstattludter ernamit. 
Sein Einzug als solcher In Brüssel. 

Der Kaiser hatte das belgische Statthalterpaar — Erz- 
herzogin Maria Christine und ihren Gemahl, den Herzog Albeit 
zu Saohsen-Tesohen — unmittelbar nach ihrer Ankunft in Wien 
\^^Iitte Februar 1793) von ihrem Posten enthoben. Schon seit 



* Traattmaiudortf «n Metlernich. Vienne, le 19 nuurs 1793. Orig. 

* EbendMelbat 



BdflMi vntor d«r Oenenlttittlmlterechaft Enhenof CtfU (1T98, 1T94). 18 

längerer Zeit hegte er die Absicht, diese Stelle seinem Bruder, 
dem Elrzherzog Carl, zu verleihen, doch behielt er sich vor, die 
Ernennung desselben erst ,nach Erledigung des Kriegs und 
hergestellter Ruhe in Niederland' eintreten zu lassen; ,da', wie 
er an ihn schrieb, ,ich bis dahin hoffe, Dich mit ehrlichen und 
wohldenkenden Leuten umgeben zu können, die Dir, wo es 
Dir an Erfahrung fehlet, gern an die Hand gehen werden: denn 
von Deinem Herzen und Deinen Fähigkeiten bin ich über- 
zeugt*^ 

Dem Erzherzog kam dies äusserst erwünscht. An sich ent- 
sprach der militärische Dienst unendlich mehr als die ihm zu- 
gedachte Stellung seiner Neigung; * ausserdem glaubte er aber 
auch, dass es im Interesse der Sache liege, wenn er sich 
nicht in die erste Einrichtung des Landes, bei der es vor- 
aussichtlich nicht ohne ,An8tände und Difficultäten' abgehen 
werde, menge. Er bezeichnete es daher geradezu als ,eine 
recht grosse Gnade', wenn ihn der Kaiser während der Dauer 
des Ejrieges bei der Armee belasse.' 

Doch änderte der Kaiser bald seine Ansicht; vermuthlich 
wurde er hiezu durch den unerwartet raschen Wechsel der 
Dinge auf dem Kriegsschauplatze bestimmt Die gix)ssen Waffen- 
erfolge, an denen dem Sieger von Aldenhofen der rühmlichste 
Antheil gebührte, und welche den baldigen Einmarsch der kai- 
serlichen Truppen in Brüssel gewärtigen Hessen, namentlich aber 
die Kunde von der freudigen Stimmung, mit der man allenir 
halben die Befreier von dem französischen Joche begrüsste, 
mochten die früheren Bedenken des Kaisers zerstreuen; ja, es 
mochte sich jetzt an die Ernennung des Erzherzogs die Hoff- 
nung knüpfen, dass es gerade ihm geUngen werde, die ersten 
Schwierigkeiten zu besiegen und die Opferwilligkeit der belgi- 
schen Nation zu entflammen. Den Ausschlag aber gab der 
Wunsch des Landes selbst; denn dass dieser auf die sofortige 
Ernennung des Erzherzogs zum Generalstatthalter gerichtet war 
und auf irgend eine Weise, vielleicht durch jene heimliche Ge- 
sandtschaft, die zu Beginn des Jahres (Februar) sich in Wien 



^ Kaifler Franz an Enhensogf Carl. Wien, den 16. Homong 1793. 
' Erzherzog Carl an den KaUer. KOln, den 21. Homong 1793. Orig. ; 
6rofl»-£ldem, den 11. März 1793. Orig. eig. 



14 VI. Abhandlnng: v. Zeissberg. 

eingefunden hatte,' zur Eenntniss des Kaisers gelangte, geht 
aus der Erklärung des Letzteren ebenso bestimmt hervor, als 
es anderseits keinem Zweifel unterliegt, dass man in Belgien 
dem jugendlichen Helden von Aldenhofen und Neerwinden die 
lebhafteste Zuneigung entgegenbrachte.* So wurde denn Erz- 
herzog Carl schon jetzt von dem Kaiser zum Gheneralgouvei^ 
neur und Generalcapitän der Niederlande ernannt. Am 18. März 
setzte er selbst seinen Bruder yon dieser Emennimg in Kennt- 
niss. ,Da8 Land wünscht es,' schreibt er an ihn, ,und Du hast 
Dir um einen Titel mehr hiezu erworben, weil Du zur Räumung 
und Eroberung desselben beigetragen. . . . Ich bekenne, dass 
Du eine grosse Bürde auf Dir hast; allein der Dienst erfordert 
es und Du kannst gleich viel Gutes wirken. Sobald Niederland 
geräumt ist, komme ich dann selbst, um mit eigenen Augen 
das Land und jene Einrichtungen zu sehen, welche noch zu 
machen wären.' Er weist den Bruder an Mettemich; an ihm 
habe er einen rechtschaffenen Mann zur Seite, der ihn gut 
unterstützen werde; auch den neuen Staatssecretär Müller 
empfiehlt er ihm als einen ,ehrlichen Mann', flr bittet den Ei*z- 
herzog übrigens, ihm ausser den ofüciellen auch vertrauliche 
Briefe zukommen zu lassen, denn es sei zu wünschen, dass 
diesmal das Land ,in Ordnung reoccupirt werde und man nicht 
aus Mangel an Instructionen und Benehmungsart in eine Con- 
fusion verfalle, wie es unter ihrem gottsehgen Vater geschehen'. 
Uebrigens sollte die Publication der Ernennung Carls zum Ge- 
neralgouvemeur durch Mettemich erst dann erfolgen, wenn so- 
wohl Brüssel als auch der grösste Theil der Niederlande sich 
im Besitze der Kaiserlichen befinden würde. Erzherzog Carl 
sollte daher die Sache vorläufig für sich behalten imd auf sei- 
nem Posten verbleiben.* Doch wurde bereits jetzt (17. März) 
das kaiserUche Patent ausgefertigt, durch welches seine Er- 
nennung den verschiedenen Provinzen der Niederlande bekannt- 



* Vergl. den Aufsatz: Aldenhofen, Neerwinden und LOwen 8 (Sitsongs- 
bericht Bd. CXXVH). 

* Starhemberg an Thng^t, k la Haye, le 16 avril 1793: ,Je ne suis qne 
r^cho de Tarm^e et de toute la nation belgiqae, en parlant k V. E. de 
renthoQBiaBme que S. A. R. inspire par ses vertus militaires et civilee k 
tous ceux qni ont Thonneur de Tapprocher.* 

3 Franz II. an Erzherzog Carl. Wien, den 18. März 1793. Orig. eig. A.-A. 



B«lgi«n noter der OeneralMtatthaltcn<chaft Erzherzog Carls (1798. 1794). 15 

gegeben werden sollte/ desgleichen (18. März) eine Zuschrift, 
welche sich auf die Einführung der Conferenz bezog. * Die Er- 
nennung des Erzherzogs wurde übrigens so schleunig vollzogen, 
dass man nicht Zeit fand, um an dem betreffenden Patente die 
Blechbüchse^ in der sich das Siegel befand, in herkömmUcher 
Weise vergolden zu lassen, und dass dies daher, falls man 
daran in Belgien Anstoss nähme, erst nachträglich geschehen 
sollte.' 

Es war bisher nicht Sitte gewesen, den Generalstatthalter 
mit einer speciellen Instruction zu versehen. Auch diesmal sah 
man davon ab. Gleichwohl schlug Trauttmansdorff dem Kaiser 
vor, den Erzherzog durch eine besondere Depesche, die der 
Staatssecretär Müller an seinen neuen Bestimmungsort bringen 
könnte, von seinen Intentionen in Eenntniss zu setzen. Und 
zwar unterschied Trauttmansdorff selbst zwischen allgemeinen 
Directiven und solchen, die sich auf besondere Gegenstände 
bezogen. 

Im Allgemeinen bezeichnete es der Hofkanzler als von 
besonderer Wichtigkeit, dass der Generalgouvemeur selbst- 
thätig eingreife oder, falls er dies entweder nicht wolle oder 
nicht könne, sich wenigstens den Anschein gebe, da er sonst 
von vornherein die Liebe und das Vertrauen der Nation ein- 
büssen und bald ganz und gar bei Seite geschoben werden 
würde. Der Minister habe ihn im Detail der Geschäfte und in 
der Ueberwachung der verschiedenen Departements zu unter- 
stützen; seine wahren Rathgeber aber müssten die Conseils col- 
Ut^raux sein, zumal wenn sie, wie man dies gegenwärtig an- 
strebe, gut zusammengesetzt seien. Eben indem man sich von 
diesem Principe entfernte, haben die Minister und noch mehr 
die Staatssecretäre einen ftir den Dienst so schädlichen Einfluss 
gewonnen. Der Minister kenne als Fremdling in der Regel die 
Administration zu wenig und sei daher auf den Staatssecretär 
angewiesen, durch den er sich, so wie dieser, da er mit Ge- 
schäften überbürdet sei, sich von seinen Creaturen leiten lasse. 



* Qachard, Lettres ^rites par les souveraines des Pajs-Bas 287. Moniteor 
Nr. 123, pag. 539 ff. 

' Gachard 289. Monitenr Nr. 742, pag. 511 ff. Ein ähnliches Schreiben er- 
ging an den Erzherzog. 

' Trauttmansdorff an Mettemich. Vienne, le 17 mars 1793. Orig. 



16 VI. Abhandlung: ▼. Zeissberg. 

Dies habe zu Verfügungen Anläse gegeben^ die Missvergnügen 
erzeugten und den Prineipien der betreffenden Departements 
zuwiderliefen. Auch schleiche sich auf diesem Wege Nepotis- 
mus in den Aemtem ein. Diesem Uebelstande solle eben die 
Einrichtung jener Conferenz begegnen, die es sich jedoch^ um 
ihrem Zwecke zu entsprechen, zum Grundsatze machen müsse, 
den Conseils collat^raux Credit im Publicum zu verschaffen, dies 
umsomehr, als die Eigenliebe imd das Ansehen jener Körper- 
schaften durch die neue Einrichtung einigermassen beeinträch- 
tigt würden. Am besten werde man dies dadurch erzielen, dass 
man die Chefs häufig zu jenen Conferenzen heranziehe und 
ihnen die Prineipien Sr. Majestät einpräge. Vor Allem aber sei 
es erforderlich, dass die Mitglieder der Conferenz selbst sich 
jedes persönlichen Interesses entäussem und nur das Öffentliche 
im Auge haben. ^ 

Zur Ausfertigung einer Directive für den Ek'zherzog be- 
züglich specieller Punkte scheint es indess nicht gekommen zu 
sein; ohnedies war in dieser Hinsicht die Instruction für Metter- 
nich erschöpfend genug. Die Depesche aber, in welcher der 
Kaiser die allgemeinen Gesichtspunkte, die ihm zur Richtschnur 
zu dienen hätten, seinem Bruder mittheilen liess und die er 
demselben durch La Valette übersandte,* war folgenden In- 
halts: Art. 1. Als oberstes Princip hat in allen Provinzen die 
Wiederherstellung imd Erhaltung der Verfassung auf dem Fusse 
zu gelten, auf welchem sie zu Ende der Regierung der Kaiserin 
Maria Theresia beobachtet worden ist. Daraus folgt (Art. 2), 
dass in allen auf die Constitution bezüglichen, zur Zeit der 
französischen Invasion strittigen und seither noch nicht durch 
ein Uebereinkommen mit den Ständen ausgetragenen Fragen 
der Stand der Dinge zu Ende der Regierung Maria Theresias 
als Richtschnur zu dienen hat und Alles rundweg zurückzu- 
weisen ist, was zu jener Zeit nicht vorhanden war. Aus diesem 
Principe folgt: 1. (Art. 3) dass, was während der letzten Un- 
ruhen geschah, ganz und gar vergessen werden muss. Daher 
hat man, namentlich anfangs, den Willen zu offenbaren, nicht 
mehr davon sprechen zu hören, denjenigen, die während der 



^ Trauttmansdorff an den Kaiser, 18. März 1793. A.-A. Copie. 
' Mettomich an Erzherzog Carl, 13 mars 1793. A.-A. Copie. 



BelftMi unter der Qenertlstattlialtertohaft Erzhersog Carls (1798, 1794). 17 

Unrahen Anhänger der Stände gewesen, öffentlich wie privat, 
freundlich zu begegnen und das gleiche Benehmen den Chefs 
und Mitgliedern der Conseils collatöraux, der Justiztribunale, 
kurz allen Beamten zur Pflicht zu machen, zugleich denen, 
die dem Souverän treu geblieben sind, zu erklären, dass eines 
der sichersten Mittel, um Gnade und Gunst, auf die sie An- 
spruch hätten, zu erlangen, darin bestehe, das Ihrige mit bei- 
zutragen, um alle Gemüther zur alten Anhänglichkeit an den 
legitimeti Herrscher und zur Achtung gegen die Gesetze und 
constitutionellen Autoritäten zurückzuführen; 2. (Art. 4) dass 
das Militär nicht gegen die Bürger und Landbewohner ver- 
wendet werden darf, ausser auf Requisition der Richter und 
Magistrate und in flagranti, und dass man nöthigenfalls alle 
militärischen Proclamationen, die den Titel: ,Loi martiale' füh- 
ren, widerrufen muss; 3. (Art. 5) dass das Gouvernement in 
den Provinzen, wo der dritte Stand in seine Versammlungen 
herkömmlicher Weise keine Militärpersonen zulässt, es vermei- 
det, derartige Personen zu MitgHedern des dritten Standes zu 
ernennen; dass, wenn 4. (Art. 6) Schwierigkeiten bezüglich des 
Unterrichtes in den Schulen und CoUegien sich ergeben, man 
sich darüber mit den Ständen einigt, um die Unruhen beizulegen, 
welche durch die Depesche vom 21. December 1791 hervoi^e- 
rofen wurden, indem man aber zugleich den Zweck derselben 
zu erreichen sucht. 5. (Art. 7) Da gute Sitten so wichtig wie die 
Gesetze sind, so hat man von denen, die sich um Civilämter, 
Gterichtsstellen, Würden u. dergl. bewerben, als wesentliche Be- 
dingung zu fordern, dass ihr Ruf unbescholten sei und sie sich 
allgemeinen Ansehens erfreuen. 6. (Art. 8) Da die Religion der 
mächtigste Zügel für die Menschen und der festeste Halt für 
die Sitten ist, muss man derselben ihren alten Glanz wiedergeben. 
Sie muss als Barriere gegen das jeder socialen Ordnung und 
jedem politischen Bande verderbliche System dienen. Man muss 
demnach den Clerus begünstigen und ihm empfehlen, die kirch- 
liche Disciplin wieder in Kraft zu setzen in all den Punkten, 
die nicht den Gesetzen und Privilegien des Landes zuwider- 
laufen, und den Cult in seinem Glänze zu erhalten. 7. (Art. 8) 
Ein Hauptgegenstand, auf den von Anfang an sich die Auf- 
merksamkeit vor Allem zu richten hat, ist, dass jene Magistra- 
turen, deren Verleihung dem Gouvernement zusteht, gut zu- 

Sitsongsber. d. phil.-hist. Cl. CXXVni. Bd. G. Abb. 2 



13 VI. Abhandlung: t. Zcissberg. 

sammengesetzt werden. Dieser Punkt ist sehr wichtig für das 
Volky welches glauben würde^ dass man nichts fUr dasselbe 
gethan habe^ dass die zugestandene Verzeihung nicht vollkom- 
men, und dass die Absicht, die Verfassung zu beobachten, nicht 
aufrichtig sei, wenn die Magistrate und Polizeibeamten, welche 
über das Schicksal und das Leben der Einzelnen zu entschei- 
den haben, nicht der Verfassung zugethan wären oder in die- 
ser Hinsicht nicht das öffentHche Vertrauen genössen. Um dies 
zu erreichen, wird man die Personen in ihr Amt wieder ein- 
setzen oder anderweitig befriedigen müssen, welche anlässlich 
der Unruhen derselben illegal beraubt worden sind, aber auch 
keine Schwierigkeiten der Wiedereinsetzung solcher Personen zu 
bereiten haben, welche in Folge ihrer Anhänglichkeit an die Ver- 
fassung das Vertrauen des Publicums genossen haben. 8. (Art 10) 
Der Lauf der Justiz und die Vollstreckung der Urtheile (juge- 
ments), Sentenzen und Arr^ts dürfen in keiner Weise und unter 
keinem Vorwande unterbrochen, gehindert oder suspendirt wer- 
den, vorbehaltHch des Begnadigungsrechtes. 9. (Art. 11) Vor- 
schläge, welche auf eine Neuerung in der Organisation der 
Stände, der Art der Ernennung und Zusammensetzung der 
Magistrate, sowie der Gerichtsordnung abzielen, sind ebenso zu 
verwerfen wie jede Bitte, welche auf eine Minderung der Aus- 
dehnung und Ausübung der Rechte der souveränen Autorität, 
der administrativen Gewalt der Stände und der legalen Körper- 
schaften, sowie der Autorität der Justiztribunale gerichtet ist, 
da deren Existenz auf den constitutionellen Gesetzen, Gewohn- 
heiten und Privilegien des Landes beruht, so wie diese zu Ende 
der Regierung Maria Theresias in Kraft waren, und eine Aen- 
derung überhaupt nicht stattfinden kann, ehe die Geister hin- 
länglich beruhigt sind.^ 

Die Ernennung des Erzherzogs zum Generalgouvemeur 
war, wie schon bemerkt, in aller Eile erfolgt, und auch Metter- 



^ Am 13. August 1793 wurde der Erzherzog beauftragt, diese Depesche 
auch den Mitgliedern der Conferenz und der Conseils collat^raux als 
Richtschnur mitzutheilen. Nochmals wurde dem Gouvernement einge- 
schärft, an dem Status quo zu Ende der Regierung Maria Theresias 
nichts zu ändern, und wo sich dennoch eine Aenderung als im Interesse 
der Sache wUnschenswerth darstellen sollte, zuvor den Kaiser davon in 
Kenntniss zu setzen. 



BelgieD iiDt«r der 0«neralstatthalterschaft Ersherzog (arls (1793, 1794). 19 

nich wurde nunmehr Eile zur Pflicht gemacht.^ Aber gerade 
in diesem AugenbUcke trat die schlimmste Eigenschaft Metter- 
nich's^ die Langsamkeit seiner Geschäftsführung^ zum grössten 
Nachtheile der Sache zu Tage. Denn statt, wie ihm früher be- 
deutet worden war, sich der siegreich vordringenden Armee 
anzuschliessen, weilte er fast den ganzen Monat März in Cob- 
lenz, wohin er sich am 14. Februar von Wesel begeben hatte, 
und brach erst am 25. März nach Maestricht auf. In Tirlemont 
freundlich empfangen, zu Löwen von MitgUedern der Stände 
begrtisst, hielt er am 29. seinen Einzug in Brüssel, der sich 
ebenfalls recht herzUch gestaltete.^ 

Durch diese Verzögerung gerieth aber der Erzherzog in 
eine ziemUch peinliche Lage. Das Gerücht seiner bevorstehen- 
den Ernennung war ihm vorangeeilt, so dass man sich schon 
bei seinem ersten Einzüge in Brüssel (25. März) an ihn mit 
den verschiedensten Anfragen wendete, die er aber, ohne die 
Intentionen des Kaisers zu kennen, nicht beantworten konnte. 
Erst am folgenden Tage (26. März) langte Graf Wratislaw mit 
dem Ernennungsschreiben des Erzherzogs in Brüssel an. Da 
' Mettemich noch immer nicht eingetroffen war und auch sonst 
sich Niemand von den Beamten des Gouvernements in Brüssel 
befand, beschloss Carl, vorläufig bei der Armee zu verbleiben, 
dies umsomehr, als die Franzosen den Palast in Brüssel voll- 
ständig ausgeplündert hatten. 

Auch der Kaiser war über das Zaudern Mettemich's un- 
gehahen, zumal, wie er meinte, jetzt ,Activität' mehr als je 
nöthig sei, um von dem Eifer und guten Willen der Nation zu 
profitiren.* Daher bat er seinen Bruder, sofort nach erfolgter 
Proclamation das Gouvernement zu übernehmen, um durch 
seine ^Activität' die Langsamkeit Metternichs zu ersetzen, den 
er in einem anderen Schreiben* als einen ,Phlegmaticu8' be- 
zeichnet. Er ersucht den Erzherzog, bestimmte Auskünfte über 
alle VorMle zu geben, und wenn etwas Wichtiges geschehe, 



^ Tranttmansdorff an Metternich. Vienne, le 19 mars 1793. 

' Mettemich an Trauttmansdorff. Coblence, ce 25 mars, le 31 mai 1793. 

Henne et Wauters, Histoire de la ville de Bruxelles, 1. c. II, 433. 
' Franz 11. an Erzherzog Carl. Wien, den 1. April 1793. Orig. eig. A.-A. 
* Franz II. an Erzherzog Carl. Wien, den .... April 1793. 

2* 



20 ^- Abhandlang: v. Zelssberg. 

weder Couriere noch Stafetten zu sparen^ da Mettemich kern 
Freund des Schreibens sei. ,Denke, dass Du in diesem Augen- 
blicke der Monarchie Dienste leisten kannst^ welche Du zu 
leisten vielleicht nie mehr in die Lage kommen wirst/ 

Erzherzog Carl begab sich von Brüssel nach Mons^ wo 
man ihn^ als er an der Spitze der Avantgarde (29. März) sei- 
nen Einzug hielt; so wie irüher in Brüssel mit aufrichtigem 
Jubel empfing. Zu Boussu (8. April) wurden ihm die Insignien 
des Maria Theresien-Ordens überbracht. Von da begab er sich 
in das Hauptquartier, welches Coburg mittlerweile von Mona 
nach Qui^vrain verlegt hatte. ^ Der Erzherzog weilte nun einige 
Tage auf dem benachbarten Schlosse Qui^vrechin, in dessen 
Nähe die Avantgarde lag, während die Plauptarmee zwischen 
Cond^ und Valenciennes bei Quaroublc stand. ' Man beschränkte 
sich vorläufig bis zur Ankunft der zu Antwerpen in Aussicht 
gestellten Verstärkungen auf die Beobachtung von Valencien» 
nes und die Einschliessung von Cond^. Erzherzog Carl begab 
sich einmal bis unter die Kanonen der letzteren Festung, so 
dass er die Umfassungsmauern wahrnehmen und die Unifor- 
men der französischen Soldaten, welche in den Forts vor der 
Stadt lagen, unterscheiden konnte.* Sein Gesundheitszustand 
war damals vortrefflich; ,trotz aller Strapazen, trotzdem, dass 
er nur wenig schläft, und trotz der ungeregelten Lebensweise, 
die es mit sich bringt, dass er bald um 10 Uhr Morgens, bald 
um 8 Uhr Abends, bald kalt, bald warm speist, erfreut sich 
mein Herr des besten Wohlbefindens,* konnte Delmotte an 
Carls besorgte Tante schreiben. "* 

Stündlich sah der Erzherzog der Ankunft Mettemich's ent- 
gegen. Auch Prinz Coburg erwartete den Minister ,wie die 
Juden den Messias^ ,Man erwartet ihn,' schreibt Delmotte am 
16. April, ,fur morgen, und so geht es von einem Tage zum 
andern. Mein Herr (Erzherzog Carl) hat ihn noch nicht ge- 



» Witzleben II, 181. 

" Delmotte an Maria Christine, s. d. Orig. eig. A.-A. 

' Delmotte an Maria Christine und Herzog Albert, s. d. Orig. eig. A.-A. 

Vergl. Aackland an Grenville. Hague, April 23, 1793; in AuckUnd, 

Journal III, 31. 

* Delmotte an dieselben. Mons, le 6 avril 1793. Orig. eig. A.-A. 



BelgieD ant«r der OeoeralBtattbalierscbaft Enherxof Carls (1798, 1794). 21 

seheiiy seit er im Lande ist; es sind miudesteus vierzehn Tage, 
dass er zu kommen verspricht/^ 

Endlich langte Mettemich im Hauptquartier an, und da- 
mit trat zugleich der Zeitpunkt ein, in welchem der Erzherzog 
das Generalgouvernement übernehmen sollte. Aber obgleich er 
bisher diesen Augenblick kaum erwarten zu können schien, so 
versetzte ihn doch jetzt die Nothwendigkeit, die Armee zu ver- 
lassen, in die missUchste Stimmung, da, wie er seinem Oheim, 
Herzog Albert, gegenüber bemerkt, das Kriegshandwerk, ,der 
Gegenstand aller seiner Wünsche, seine einzige Leidenschaft* 
sei. ,Und nun werde ich,^ fügt er hinzu, ,zu einer Aufgabe er- 
sehen, von der ich nichts oder nur wenig verstehe, und das in 
einem der kritischesten Momente und mit einem Minister wie 
Mettemich. Ich bin trostlos darüber und fühle mehr denn je 
das Unglück, von Ihnen getrennt zu sein. Wenigstens hoffe 
ich, dass, wenn es mir nicht gehngt, Sie mich bedauern und 
nicht verurtheilen werden . . . Seien Sie versichert, lieber 
Onkel, dass es mich ungemein schmerzt, Ihnen auf einem 
Posten folgen zu müssen, auf den Sie nicht verzichtet haben, 
und dass ich Alles, was in meiner Macht steht, dafür geben 
würde, wenn es anders wäre.*^ 

Dieselben Klagen ergiessen sich in einem Briefe an den 
Erzherzog Josef: ,Mit den grössten Schmerzen und mit Thrä- 
nen in den Augen werde ich diese Armee verlassen, und ohne 
mir zu schmeicheln, werde ich bei selber bedauert werden. 
Schon jetzt geben sie mir Beweise davon, und die Nachricht 
meiner Abreise hat Alle verdrossen, Alle geschmerzt.'^ Und 
auch dem Kaiser gegenüber machte Erzherzog Carl aus dieser 
Stimmung kein Hehl. ,Wie hart es mir geschähe/ schreibt er, 
,die Armee eben in dem AugenbHcke zu verlassen, wo sie so 
glorreiche und wichtige Unternehmungen vor sich hat, kannst 
Du Dir einbilden. Nur der Wunsch, Deine Zufriedenheit zu 
erwerben, und die Hoffnung, vielleicht dem Staate nützen zu 



• Delmotte an Maria Christine und Herzog Albert Qoi^vrain, le IC avril 
1793. Orig. eig. A.-A. 

• Erzherzog Carl an Herzog Albert von Sachsen- Teschen. Qui^vreehin, 
le 20 avril 1793. Orig. eig. A.-A. 

• Erzherzog Carl an Erzherzog Josef. Qui^vrechin, den 19. April 1793. Orig- 
eig. A.-A. 



22 VI. AbhandloDg: t. Zeissberg. 

können, lindert in etwas meinen Schmerz. Ich habe Ursache, 
mich zu schmeichehi, dass die Armee mich ungern von hier 
weggehen sieht/ ^ 

Wenn übrigens Erzherzog Carl von seiner völligen Un- 
kenntniss der niederländischen Geschäfte spricht, deren oberste 
Leitimg er nunmehr übernehmen sollte, so ist dies der Aus- 
druck einer zu weitgehenden Bescheidenheit, die den übrigens 
nicht verhehlten Verdruss, dem seinen Neigimgen und seinen 
Fähigkeiten so sehr entsprechenden militärischen Berufe wenig- 
stens ftlr einige Zeit entsagen zu müssen, nur leicht zu ver- 
schleiern vermag. Darum bittet er in jenem Briefe den Kaiser, 
da er sich während dieses Krieges doch einige militärische 
Kenntnisse gesammelt und die Hoffnung, seinem Bruder mit 
der Zeit in diesem Fache Dienste leisten zu können, nicht auf- 
gegeben habe, ihm zu gestatten, im Falle, dass es im Felde 
zu einer wichtigen Operation kommen sollte, sich auf einen 
oder zwei Tage zur Armee begeben zu dürfen, zumal die Ent- 
fernung des gegenwärtigen Kriegsschauplatzes — Valenciennes 
— von Brüssel nur neun Stunden betrage und er daher jeder- 
zeit sofort auf seinen Posten zurückkehren könne.* 

Gleich ihrem Liebling wurde auch Maria Christine durch 
die Nachricht, dass Carl die Armee verlassen müsse, peinlich 
berührt. Sie erblickte in diesem Auftrage nichts als eine Intri- 
gue der ,Mini8ter^, d. i. Mettemich's und Thugut's, welche, so 
meinte sie, befiirchteten, dass der Prinz bei längerem Verwei- 
len in der Armee seine Gelehrigkeit einbüssen und die ihm so 
noth wendige Energie finden könnte.* Richtiger, jedenfalls ruhi- 
ger, urtheilte ihr Gemahl, der vielmehr den Erzherzog zu trö- 
sten versuchte. Es handle sich, meinte er, wohl nur um eine 
momentane Verfligung, um eine einfache Besitzergreifting, und 
er werde voraussichtlich noch genug Gelegenheit finden, um 
seinem gerechten Ehrgeize, der ihn zum Waffenhandwerke 



* Erzherzog Carl an den Kaiser. Qui^vrechin, den 19. April 1793. Orig. 

eig. Auch Delmotte schreibt am 26. April (Orig. eig. A.-A.): «Unser 

gnädigster Herr ist trostlos, dass er die Armee verlassen musste, wo er 

angebetet und der er selbst zugethan war.' 
» Ebenda. 
' Maria Christine an den Kurfürsten von KGln, le 6 mai 1793. Orig. 

A.-A. ä 



B«lffi«D nnter der Qeneralstetthaltonichaft Erzherzog Carls (1798, 1794). 23 

ziehe. Genüge zu leisten. Auch werde, da man ja den Wün- 
schen der Belgier bereits zuvorgekommen sei, seine Aufgabe 
eine angenehme und leichte sein. Der Erzherzog, ftigte er nicht 
ohne Bitterkeit hinzu, werde nur Beifall zu ernten und Blumen 
zu pflücken haben, wo Andere Kummer empfanden und Dor- 
nen ernteten.^ 

Mit um so grösserer Genugthuung empfand der Kaiser 
die Resignation, mit der sich sein Bruder schliesslich in seinen 
Wunsch fUgte. Er bezeichnete dessen Entschluss als einen 
Dienst, den er dem Vaterlande erwiesen habe. ,Ich begreife 
gar wohl,^ bemerkte er, ,dass Du ungern die Armee verlassest, 
wo Du Dir gewiss noch mehr Ehre gemacht hättest. Indessen 
Du mosst Deine Privatwünsche dem Dienste aufopfern, zumalen 
da es Dich nicht hindert, bei wichtigen Unternehmungen, die 
ohnehin immer von kurzer Dauer sind, wie Du es wünschest, 
gegenwärtig zu sein. . . . Ich kann Dich übrigens nur an Alles 
hier erinnern, was ich Dir in den vorhergehenden Briefen ge- 
schrieben, und recommandire Thätigkeit und genaue Folge- 
leistung meiner Befehle oder Vorstellungen dagegen, wenn sie 
nicht ausführbar sind. Endlich nehme von Allem Einsicht und 
handle durch Dich selbst und nicht durch Impulsion der An- 
deren, sonst würdest Du in Kurzem alle Liebe und Achtung 
des Landes verlieren.** Und wie wenig der Kaiser wünschte, 
dass sein Bruder sich etwa blos von Mettemich als Vorwand 
seiner Massregeln gebrauchen lasse, geht aus einem anderen 
Schreiben hervor, in welchem es heisst: ,Mache, dass Dir 
nichts unbekannt bleibe von Allem, was geschieht, und handle 
soviel möglich durch Dich selbst, da mir viel an Deiner Repu- 
tation und an dem Besten des Dienstes lieget.*^ 

Carls Pflichtgefiihl war jetzt so rege, dass er, als Metter- 
nich die Veröffentlichung der Ernennung des Erzherzogs zum 
Qeneralgouverneur und der oft erwähnten Proclamation, welche 
dieser gleichsam zum Präludium dienen sollte, neuerdings hinaus- 

^ Herzog Albert an Erzherzog C&rl. Dresde, ce 2 mai 1793. Copie. 

A.-A. 
> Franz II. an Erzherzog Carl. Wien, den 16. oder 26. Mai 1793. Orig. 

eig. A.-A. (Das Datum ist undeutlich corrigirt). 
* Franz II. an Erzherzog Carl. Wien, den 12. Mai 1793. Orig. eig. 

A.-A. 



24 VI. Abhandlung: t. Zeissberg. 

schieben wollte, unter Berufung auf den directen Wunsch des 
Kaisers auf ein beschleunigtes Tempo drang. ^ 

Am 21. April wurde im Hauptquartier Coburg's (Quiövrain) 
durch Armeebefehl bekanntgegeben, dass Erzherzog Carl zum 
Generalgouverneur und Capitän ernannt worden sei, deshalb 
die Armee verlassen müsse und das Commando der Avant- 
garde, die er bis dahin befehligt hatte, an FML. Benjowskj 
übergebe. Am 23. kam der Erzherzog nach Brüssel; da aber 
die Vorbereitungen des glänzenden Empfanges, den man ihm 
daselbst bereiten wollte, einige Tage in Anspruch nahmen, be- 
gab er sich zunächst nach Laeken, das die Franzosen fireilich 
in einem kläglichen Zustande zurückgelassen hatten. Da nicht 
einmal eine Equipage zur Verfügung stand, schlug Mettemich 
dem Erzherzog vor, auf seinem Schlachtross in Brüssel einzu- 
ziehen, was, wie er meinte, im Publicum Sensation machen 
werde. Doch dass es eines solchen Theatereffectes nicht be- 
durfte, dafür hatten die Bürger von Brüssel gesorgt. Als Tag 
des Einzuges war anfangs der 25. April bestimmt, doch wurde 
auf Bitten der Stadt die Ceremonie auf den 28. verschoben. 

Der Empfang des jungen Generalgouvemeurs, dessen Brost 
bereits die Insignien des Maria Theresien-Ordens schmückten, 
war ebenso glänzend als herzlich. Der Einzug fand um 4 Uhr 
Nachmittags statt. Als Triumphwagen diente ein Phaäton, der 
ihn am Thore von Laeken erwartete und auf dessen Sitze ein 
Amor angebracht war. Statt der Pferde spannten sich drei- 
hundert Bürger selbst vor den Wagen und brachten den Ge- 
feierten unter dem Jubel der Bevölkerung in sein Palais, nach* 
dem er zuvor bei St. Gudule angehalten und dem Te Deum, 
das der Nuntius anstimmte, bei*i:e wohnt hatte. Es war eine 
durchaus spontane, echt bürgerliche Huldigimg; blos die be- 
waffneten Serments bourgeois empfingen ihn am Stadtthore, and 
sie, nicht eine militärische Bedeckung, geleiteten ihn in das 
Palais Royal, wo ihn ausser den Comit^s des Gouvernements, 

^ Erzherzog Carl an deu Kaiser. Qui^vrechain, 19. April 1793. Ori^. eig. 
Noch am 3. April war die bevorstehende Proclamation des Erzherzogs 
weitereu Kreisen ein Geheimniss; in England meinte man damala noch, 
dass Coburg für diesen Posten ausersehen seL Lord Laughboroiigfa an 
Auckland in The Journal and correspondence of William Lord Anckland 

m, 8. 



Bel^n unter 4er GeneraUtatthalterscbaft Erzherzog Carls (1798, 1794). 25 

der Conseil von Brabant, der Magistrat von Brüssel, der Adel, 
die Stände und die Notabein der Bürgerschaft erwarteten. 

,Es wäre unmöglich,' schreibt Mettemich, ,die Freude zu 
schildern, die das Volk während des Zuges des Erzherzogs 
durch die Stadt an den Tag legte. Alle Häuser waren decorirt 
und die Devisen fiir Se. königl. Hoheit äusserst schmeichel- 
haft. Bei Hof war grosser Cercle. Die ganze Welt drängte 
sich um den Prinzen, um ihm ihre allgemeine und lebhaft 
empfundene Freude auszudrücken. In dem Augenblicke, in 
dem ich dies schreibe, begibt sich Se. königl. Hoheit ins 
Theater, worauf ein Souper und Ball in dem Maison du Roi^ 
stattfindet, auf Kosten der Stadt, die an diesem Abende allge- 
mein illuminirt sein wird. Es ist eine merkwürdige Anekdote 
in Umlauf, auf die man grosses Gewicht legt, dass Se. königl. 
Hoheit weiland Prinz Carl von Lothringen ebenfalls seinen Einzug 
durch das Thor von Lacken, denselben Tag, denselben Monat 
und zur selben Stunde gehalten habe.'^ 

Namentlich war das Theater in Brüssel in diesen Tagen 
der Schauplatz rauschender Ovationen, in denen der Wechsel 
der politischen Stimmung augenfälligen Ausdruck fand. Wäh- 
rend der firanzösischen Zwischenherrschaft hatten sich die Schau- 
spieler dieses Theaters den Titel: ,Les com^diens belgiques' bei- 
gelegt. Seit dem 8. Januar 1793 hi essen sie: ,Comödiens r^unis 
de la räpublique fran9aise et belgique^, zwei Tage darnach : ,Les 
com^diens de la r^publique fran9aise sous la direction de la 
citoyenne Montassier, reunis aux com^diens de la r^publique 
belgique^, nach jener berüchtigten Montassier — eigentlich Mar- 
garite Brunet — die nach einem abenteuerlichen Leben und 
anfänglichen Misserfolgen an der Comedie fran9aise die Leitung 
des Theaters zu Nantes und später anderer Bühnen übernahm, 
bis sie sich zuletzt trotz der Ghinst, die ihr Marie Antoinette 

^ Eine Abbildnngf des Maison du Roy oder Broodhnjs bei Wauters m, 61. 

* Metternich an Tranttmansdorff. Bmxelles, le 28 avril 1793. Ver^l. auch 
Qachard, Analectes U, 105 — 106; den officiellen Bericht des Erzherzogs 
an den Kaiser. Brnxelles, le 1*' mai 1793; Klinkowström, Le comte de 
Fersen II, 71. Denkmünze: V. Carl. Lud. arch. Austr. Belg. praef. Brust- 
bild im Kürass mit goldenem Yliess. R. Sechszeilig: Fusis fugatis. que Gallis 
Belgarom cum principe suo fortuna redux. MDCCXCIII. Lorbeer und Palme, 
bei Ameth, Katalog Nr. 469. Die Schilderung bei Duller *, 142 beruht auf 
derSchrtft : ,Leben Sr.kOu. Hoheit Karl Ludwig u.s.f.' Nürnberg 1801. S.25ff. 



26 VT. Abhsndlnng: t. Zeissberg. 

erwies^ der Revolution mit leidenschaftlicher Gluth in die Arme 
warf und an der Spitze einer Schauspielertruppe im Gefolge 
der Armee nach Brüssel kam, wo sie die damals in Paris be- 
liebten Stücke aufführen Hess. Mit dem Einzüge der Oester- 
reicher verschwand natürlich ihre Gestalt von der Bühne. Die 
Truppe nannte sich jetzt: ,Com^diens de Son Altesse Royale/ 
Aber auch das Publicum war jetzt ein anderes geworden. Hatten 
zuvor die revolutionären Stücke so elektrisirend gewirkt, dass 
ein Theil der Zuschauer auf die Bühne sprang, um die Carma- 
gnole zu tanzen und die Marseillaise zu singen, so fand jetzt, 
am 30. April, in Gegenwart des Erzherzogs eine Vorstellung des 
,Hommage de Bruxelles, scfene lyrique de De Beaunoir, musique 
de Duquesnoy^ statt, welche der leichtbeweglichen Menge zu 
neuen Huldigungsbezeigungen Anlass gab. 

Vermuthhch ist es diese ,lyrische Scene*, von der Metter- 
nich bemerkt, dass man dieselbe zu BrtLssel dreimal und jedes- 
mal mit grösstem Erfolge aufgeführt habe. ,Ich bemerke,* 
schliesst Mettemich, ,dass dergleichen zu anderen Zeiten gleich- 
giltig wäre, es aber in diesem AugenbUcke nicht ist, wo alle 
Völker sozusagen unter dem Eindrucke des wahnsinnigen Rau- 
sches stehen, der Frankreich bethört und der grösstentheils auf 
jene Gesänge zurückzufahren ist, wie seine grossen Verbrechen 
auf die Marseillaise.*^ 

Der Erzherzog nahm derartige Huldigimgen mit einer Be- 
scheidenheit entgegen, die ihm zu um so grösserer Zierde ge- 
reichte, je leichter sich sonst das jugendliche Herz, besonders 
wenn sich damit der Glanz tUrstlicher Stellung verbindet^ 
Schmeicheleien zugänglich zeigt. ,Gestern Nachmittag,* schreibt 
der Erzherzog am Tage nach seiner Ankunft in Brüssel, wie 
gewöhnlich das, was ihm an Ehren zu Theil geworden war, 
mit Stillschweigen übergehend, ,habe ich meinen Einzug hier 
gehalten, und heute habe ich das Gouvernement übernommen. 
Gott gebe, dass Alles gut gehe und dass Du Ursache habest^ 
mit mir zufrieden zu sein; wenigstens wird es gewiss nicht an 
gutem Willen von meiner Seite fehlen, und ich werde keine 
Mühe sparen, um Deine Zufriedenheit zu erreichen.** 



* Metternich an Trauttmansdorff. Bruxelles, le 21 avril 1798. Copie. 

3 Erzherzog^ Carl an Kaiser Franz. Brüssel, den 28. April 1798. Orig. eig. 



Belgien nnter der Generalstat thAlterscbaft Erzherzog Carls (1798, 1794). 27 

Wenn man sich die Huldigungen Brüssels gerne gefallen 
liess, ja unter den gegebenen Verhältnissen denselben sogar 
einen gewissen Werth beilegen zu mllssen glaubte, so sah man 
dagegen von ähnlichen Festen, wie sie sonst bei derartigen An- 
lässen auch in den übrigen Städten abgehalten zu werden 
pflegten, ab, um den Bewohnern, die durch die feindhche In- 
vasion harte Einbussen erlitten hatten, die mit solchen Veran- 
staltungen verbundenen Kosten zu ersparen.^ Es fiel daher 
Mettemich nicht schwer, die Stände von Brabant in diesem 
Falle gegen den Vorwurf* knauserischer Sparsamkeit, die ihrer 
Opferwilligkeit ein schlimmes Prognostiken stelle, in Schutz zu 
nehmen, da ja er selbst es gewesen war, der mit Zustimmung 
des Erzherzogs die Stände zur Ersparung von 50.000 Gulden 
veranlasst hatte.^ 

m. Der Hofhält Erzherzog Carls In BrOssel. 

Durch die Ernennung des Erzherzogs Carl zum General- 
statthalter der österreichischen Niederlande wurde die Bildung 
eines neuen Hofstaates fUr denselben bedingt. Aus früherer Zeit 
gehörten seiner Umgebung vor Allem WarnsdorflF und Maldeghem 
an. Auf Wamsdorff's Rath und mit Zustimmung des Kaisers 
nahm, da Wratislaw damals eine Reise nach Wien unternom- 
men hatte, der Erzherzog den jungen Hauptmann Graf Collo- 
redo (von Wenckheim-Infanterie), Sohn des Conferenzministers, 
in seinen Dienst.* Dem Haushalte des Erzherzogs gehörte auch 
der Hauptmann Delmotte an, der Vertrauensmann der Erzher- 
zogin Maria Christine, mit welcher er in eifrigem Briefwech- 
sel stand. 

Der Erzherzog wünschte, diesen Kreis alter Bekannter 
auch fernerhin beibehalten zu dürfen, ,da es gar zu traurig 
wäre, wenn ich Niemand um mich hätte oder Leute zu mir 



^ Mettemicli an TrauttmansdorflT, le 23 avril 1793. Copie. 

' Trauttmansdorff an Mettemich. Vienne, le 3 mai 1793. Orig. 

' Mettemich an Trauttmansdorff. Braxelles, le 13 mai 1793. Entw. 

^ Erzherzog Carl an den Kaiser Bierbeck, den 23. März 1793. Orig. eig. 

Derselbe an Albert von Sachsen-Teschen. Louvain, ce 24 mars 1793. Orig. 

eig. A.-A. Franz ü. an Erzherzog Carl. Wien, den 1. April 1793. A.-A. 

Orig. eig. 



28 VI. Abhandlung: v. Zeissberg. 

nehmen und mit Leuten leben müsste^ so ich nicht kenne und 
deren ich nicht sicher wäre/^ 

Soweit es sich um den Haushalt des Erzherzogs handelte, 
fand sich auch der Kaiser bereit, dessen Wünschen Rechnung 
zu tragen. Was aber die vier belgischen HofUmter* betraf^ so 
musste nach altem Herkommen bei deren Besetzung auf die 
eingeborenen Niederländer Rücksicht genommen werden. Wams- 
dorflF, entschied der Kaiser, könne fortan nicht mehr als Oberst- 
hofmeister fungiren, noch eine andere Hofcharge bekleiden, da 
er kein Niederländer und im Lande nicht beliebt sei. ,Du 
wirst,' fügte der Kaiser scherzend hinzu, ,den Prinzen von 
Gavre,^ der es schon ist (nämhch Grand -mi^tre), speisen 
müssen/ Als Grand- marechal fasste der Kaiser den Duc de 
Beaufort-Spontin* ins Auge; bezüglich des Amtes eines Oberst- 
stallmeisters überliess er Carl die Wahl zwischen Maldeghem 
und dem Grafen d' Arberg: ,Ersterer war immer bei Dir; letz- 
terer ist nicht ganz im Rufe der Heiligkeit.' Auch bezüglich 
der Stelle eines Oberstjägermeisters stellte er die Entscheidung 
Carl anheim. ^ 

Dieser erklärte sich einverstanden mit der eventuellen Er- 
nennung Gavre's und Beaufort's. Dagegen berührte es ihn nahe, 
dass sein bisheriger Obersthofmeister Wamsdorff für keines jener 
Hof ämter in Betracht kommen sollte. Er bat den Kaiser, diesem 
die Würde eines Oberststallmeisters, die Maldeghem zugedacht 
war, die aber nicht unbedingt mit einem Niederländer besetzt 



^ Erzherzog Carl an den Kaiser. Qni^vrecbain, den 19. April 1793. Orig. eig. 

* Jenes des Grand-maitre, des Grand-mardchal, des Grand-^uyer und des 
Grand -veneur. 

' Fran^ois Joseph Prince de Gavre, Comte du S. E. R., Marquis d'Aiseau, 
Chevalier de Tordre de la Toison d'or, Chanibellan, Conseiller d^Etat 
intime actuel , Gouverneur - capitaine g^nöral , Administrateur g^n^ral, 
Souverain - bailli de la ville et comt6 de Namur, G^n^ral-migor au Ser- 
vice de S. M. TEmpereur et Roi. 

* Fr^döric Auguste Alexandre (Marquis seit 1782) Duc de Beaufort-SponÜn, 
Comte de Beauraing et du St. Empire Romaine, Marquis de Florennes, 
Vicomte d^Esclaye, Chambellau actnell de S. M. (Biogp-aphie nationale 
sub b. V., Yio aber seine Ernennung zum Grossmarscball ÜUschlich in 
das Jahr 1794 verlegt ist.) 

^ Franz U. an Erzherzog Carl. Wien, den 8. März 1793. Orig. eig. 
A.-A. 



Balgitn unter der GenenUtattbalterseliaft Erzherxog Carls (1708, 1704). 29 

werden müsse^ zn verleihen und dafür Maldegheni; der ohne- 
dies Grand -veneur von Brabant sei, zum Oberstjägermeister 
zu ernennen. Sollte dies unmöglich sein, so würde er, erklärte 
Carl, immer noch Maldeghem dem Grafen d' Arberg vorziehen 
und im Einvernehmen mit Mettemich eine geeignete Persönlich- 
keit für die Würde eines Oberstjägermeisters in Vorschlag 
bringen. In letzterem Falle bat er zugleich, dass Wamsdorff 
zum Generalmajor und Generaladjutanten mit der Anstellung 
bei ihm ernannt werden möge. ' 

Der Kaiser verlieh indess zunächst, und zwar ,um^, wie 
er sich ausdrückte, ,die Nation noch mehr zu obligiren^, blos 
Maldeghem die Würde eines Oberststallmeisters, während Wams- 
dorff nach wie vor Adjutant bei dem Erzherzog verbleiben 
soUte.* Dieser fühlte sich durch die getroffene Entscheidung 
sehr verletzt; er erklärte, seine Stelle niederlegen zu wollen. 
Mit Mühe hielt ihn Erzherzog Carl davon zurück; neuerdings 
verwendete sich dieser ftlr ihn bei dem Kaiser, den er bat, 
Maldeghem zum Oberstkämmerer zu befördern, Wamsdorff zum 
Oberststallmeister zu ernennen. ,Solltest Du,' bemerkte er, ,diesen 
Antrag genehmigen, so würdest Du mir eine wahre Gnade er- 
weisen und mir dadurch einen alten Freund erhalten. Diese 
sind unschätzbar, wie Du es selbst aus Erfahrung weisst.'* In 
einem Postscript hebt er die Verdienste Wamsdorff's in der 
Schlacht bei Neerwinden hervor.* , Anfangs war seine Idee, 
deswegen das Kreuz* zu verlangen, allein hernach verhinderte 
ihn seine Modestie daran.' 

Dass sich die Entscheidung längere Zeit verzögerte, gab 
zu mancherlei Gerüchten und Intriguen den Anlass. Die Stände 
suchten Merode und Beaufort in den Hofstaat des Erzherzogs 
zu bringen, dagegen standen ihnen der Prinz von Gavre imd 
Maldeghem nicht zu Gesichte. In demselben Sinne arbeitete 
La Valette in Wien. Wamsdorff wieder suchte, so behauptet 



' Erzherzog Carl an den Kaiser. Hai, den 26. März 1793. Orig. eig. 

' Der Kaiser an Erzherzog Carl. Wien, den April 1793. A.-A. In fran- 
zösischer Uebersetzung bei Mortimer-Temaux VI, 538. 

' Erzherzog Carl an den Kaiser. Brüssel, den 28. April 1793. Orig. eig. 

* Siehe den Aufsatz: ,Aldenhofen, Neerwinden, LOwen' (Sitzungsberichte 
Bd. CXXVU, 70). 

' Das Maria Theresien - Ordenskreuz. 



30 VI. Abhaiidluni; : v. Zcissberg. 

wcmigstons Dolmotte^ durch den Minister und dessen Frau, 
sowie durch den jungen Colloredo, den er ins Haus des Erzher- 
xogH gebracht hatte, den Wiener Hof, namentlich den Cabinets- 
minister sich günstig zu stimmen. Als er vernahm, dass die 
SUindo Duras, d'Overchies und den Bischof von Antwerpen 
nach Wien senden wollten, machte er sich an diese, ja selbst 
au La Valette und dessen Geführten, den jungen Lalaing und 
Van Schorell vor ihrer Reise nach Wien heran.* 

Wenn es sich wirklich so verhält, so hatte sich Wams- 
dorflf wenigstens in den zuletzt genannten Personen gründlich 
goUluscht. La Valette und Lalaing arbeiteten ihm in Wien ent- 
gt'gon.* Dagegen war es nicht richtig, wenn man behauptete, 
Mottornich begünstige d' Arberg und d'Overchies;' ziemlich con- 
form mit dem Erzherzog brachte er vielmehr (javre, Beaofbit 
und WarnsdorflP in Vorschlag. Besonders eifrig nahm er sich 
dos Lotzten^n an. Auf eine ausdrückliche Anfirage des Kaisers^ 
erklärte or. dass Wamsdorff's Ernennung im Lande keinen 
Ublon Eindruck machen und auf die Geschäfte keinen nack- 
Uioiligen Einfluss nehmen werde, während er von Maldegkon 
behauptete« dass derselbe geringes Ansehen im Lande geniease 
und zurückzutreten gedenke. Bei dieser Gel^enheit brmdile 
MotUTuich die Ein(\lhrung von Hofconferenzen in Vorschlag, 
in denen joder Chef über die Angelegenheiten seines Departe- 
ments Borathungon pflegen und deren Protokolle dem Eniker- 
s\^^ zur Entscheidung vor^^^legt werden sollten, um Ordnoap 
und iVkononiio in den Hotlialt zu bringen.* 

IWh der Kaiser wies diesen Vorschlag zurück und ncser- 
saglo OS überhaupt den Departements, sich in die hinsBclMm 
Attg^logvnhoitou seines Bruders zu mengen.^ Andererseis Ees 
er sich aber auch nicht durch die Wünsche der üim sa ach 
wenig svmjvithischen Stände von Brabant beim^n^ iiid<m er 
v:}«. Juui^ den IMnzen von Gavre zum Grand-maitre« der 






Belgien unter der GenerftUtatthaUcn^cliaft Erzherzog Carls (17US, 1794). 31 

gleich die Dienste eines Grand- chambellan leistete, den Herzog 
von Beaufort zum Qrand-mar^chal ernannte/ einige Zeit dar- 
nach aber die Würde eines Grossstallmeisters Wamsdorff,* die 
eines Oberstjägermeisters Maldeghem verlieh. 

Damit war der Hofhalt des Erzherzogs im Wesentlichen 
gebildet. Den bisherigen Grand-maitre de cuisine, den Comte 
de Lalaing^ Vicomte d'Oudenarde, behielt der Erzherzog bei, 
ebenso die Capitäne der beiden Leibgarden, jenen der Archers 
den Grafen von Woestenraedt und jene der Hallebardiers 
Gomignies und Baron CoUns de Ham.' 

Es geschah nun aber, was Mettemich vorausgesagt hatte. 
Hatte firUher Wamsdorff den Beleidigten gespielt, so fühlte sich 
jetzt Maldeghem tief verletzt, und dies mit viel grösserem 
Rechte, da ihm bereits die Würde eines Oberststallmeisters zu- 
gedacht war und er sich jetzt mit dem der Reihe nach vierten 
Hofamte, eines Oberstjägermeisters, begnügen sollte. Mochte man 
auch vielleicht zu Gunsten dieser Verftlgung geltend machen, 
dass er bereits die ähhUche Würde eines Grand -veneur von 
Brabant bekleide, so lehnte er doch die ihm zugedachte Hof- 
würde (19. JuU) ab und bat auch um seine Enthebung von der 
Stelle eines Grand -veneur von Brabant. Er verreiste auf einige 
Zeit nach Flandern und hielt sich fortan vom Hofe ferne, zum 
grossen Leidwesen Delmotte's, der hierin nichts als eine Intrigue 
des ,Dicken^ (d. i. Wamsdorff) erblickte. ,Mich und den Kleinen 
(d. i. Wratislaw)^, schreibt er an die Erzherzogin Maria Christine, 
,hat dies sehr betrübt; er war ein anständiger Mensch.'* 

Am 19. August wurden der Prinz von Gavre, der Herzog 
von Beaufort und Baron Wamsdorff zum Erzherzog beschieden. 



^ Ebenda. Delmotte an Maria Christine. Bnixelles, le 10 juillet 1793. Orig. 
A..A. 

' Im Calendrier de la conr von 1794 wird dieser auch als ,aide-de-camp 
g^n^ral an senrice de S. M. rEmpereor et Roi* bezeichnet. Uebrigens 
ist der Calendrier von 1794 (vergl. Mettemich an Trauttmansdorff. 
Bruzelles, le 8 fävrier 1794) auch sonst im Einzelnen unzuverlässig. 8o 
werden S. 164 Erzherzog Carl und Marie Louise als Kinder Kaiser 
Franz n. aufgeführt. 

' Vergl. Guillaume, Histoire des r^iments nationaux des Pays-Bas 400 — 402. 

* Mettemich an Trauttmansdorff. Bruxelles, le 24 juillet 1793. Copie. Del- 
motte an Maria Christine und Herzog Albert Bruxelles, le 19 juillet, le 
16 aoüt, le 27 d^cembre 1793. A.-A. Orig. eig. 



32 VI. Abbandlnng: t. Zeissberg. 

und es fand deren Prociamation statt; am nächsten Mittwoch er- 
folgte in Beisein des Staats- und Kriegssecretftrs die Eides- 
leistung.* Bei dieser Gelegenheit kam auch eine Vereinbarung 
über das frühere Hofpersonale zustande, das einst von dem 
Prinzen Carl von Lothringen auf die Erzherzogin Maria Christine 
übergegangen war. Bisher hatte die Letztere die Pensionen dieser 
Hofleute (20.000 Gidden) bezahlt. Jetzt wurde sie natürlich von 
dieser Verpflichtung entbunden und die Bezahlung von den 
belgischen Finanzen übernommen. Um aber auch diese wo- 
möglich zu entlasten, fand sich der Erzherzog bereit, die irgend- 
wie taughchen Personen in seinen Hofstaat aufzunehmen. ' Doch 
ging man hierin wie in allen Dingen mit grosser Sparsamkeit 
zu Werke; man beschränkte das Hofpersonale auf das Noth- 
wendigste; auch sollte die Compagnie de Thötel allmäÜg von 
300 Mann auf die Hälfte reducirt werden. ' Denn die jährliche 
Revenue des (jcneralgouvemeurs belief sich zwar auf 385.000 
Gulden; aber es verging längere Zeit, bis diese Summen, die 
erst von den Ständen bewilligt werden inussten, flüssig gemacht 
werden konnten. Vorerst half der Kaiser mit VorschfLssen am 
dem TWsor royal aus. 

Kaiser Josef H. hatte einstens gegen Uebemahme jener 
Pensionen dem Statthalterpaar die beiden aus der Hinteriasseih 
Schaft des Prinzen Carl von Lothringen stammenden Schldes^ 
Marimont (^im Hennegau) ^ und Tervueren zum Nutzgenosse 
überlassen. Jetzt hätten dieselben an den Tresor royal zorüct 
fallen sollen. Doch beantragte Mettemich, ausser dem Palais 



* Delmotte jld Maria Chri5tine nnd Henop An>erL BnixeUc«. ce 19 aoit 
1793. Ori^. A.-A. Enhenop Cjirl an den Kaiser. Brosiel. den 21. Angvii 
1793. Ori|r. eip. 

' Mettemich an Tranttmanfdorff. BnueH«»« le 11 join 1793. Copie. En- 
heixop Carl an den Kaüer. Brü»«!. dem 10. Jnni 1793. Ori|r. cogr. TVantt- 
manMorff an Men^mich. Vienne« le ^ jnin 1793. Oriir. Enkeraofr Cari 
an den Kaijier. BriiMel. den tU Aurast nnd 3. September 1793. Orif. 
es|r. Frans IL an Enbenc^ Caii. Laxenbm^. den 24. Aniroj« 1793. Orif. 
eif. A.-A. 

* Moneniich an TTaT:ninAr.s«^orff. Brr*xelle*. le 7 jnillet 1793. Entw. 

* l'ebrr den einsnrvTi Znftanxl t^mi MariTOvni renrl- Le^enne, Le pajv et 
le» iardin» de la maÜK>n de plaisance de Marimc'iit sons le« airliidnci 
Albert et Iftabelle. 159$ — 1650. In drn Annale» du c««r)e aKhÄOc^qne 
de MiMW^ t XVI, 534 ff. 



B(Plfien unter der GenerBlstmtthalterschafl Erzherzog Curls (1798, 1794). 33 

royal in Brüssel aach jene beiden Schlösser^ deren Besitz dem- 
selben besonders wegen der damit verbundenen herrlichen Jagd- 
reviere manche Annehmlichkeiten bereiten mochte, dem Erz- 
herzog unter derselben Bedingung wie seinen Vorgängern, 
nämlich gegen die Verpflichtung, fUr deren Erhaltung Sorge 
zutragen, einzuräumen.^ Der Kaiser genehmigte diesen Antrag; 
nur sollte Tervueren vorläufig in seinem Stande verbleiben und 
dessen beabsichtigter Umbau in ein Jagdschloss auf günstigere 
Zeiten verschoben werden.* Zur Uebernahme des Palais royal 
und der genannten Schlösser wurde von dem Erzherzog Warns- 
dorff ermächtigt.' Am 3. Januar 1794 fand die Uebergabe des 
Palais royal, am 23. Januar jene des Schlosses Tervueren, am 
27. Januar jene des Schlosses Marimont statt. ^ 

Der Erzherzog übernahm diese Besitzungen im traurigsten 
Zustande, namentlich galt dies von Tervueren, wo das Schloss 
während der Unruhen von 1790 aller Eisen- und Bleibestand- 
theile beraubt worden war, und wo es im Parke, der noch die 
deutlichen Spuren der Verwüstung an sich trug, kein Wild 
mehr gab, da man die Umzäunungen gegen den Sonierwald 
hin niedergerissen hatte.^ Aber auch das Palais royal hatten die 
Franzosen vollständig ausgeplündert. Die Conventscommissäre 
hatten Alles verkauft. Kein Tisch, kein Sessel, kein Spiegel war 
vorhanden. Die kostbaren Bronzen, der Kamin, der Thron im 
Audienzsaale waren gestohlen und verschleppt worden, sogar 
die Tapeten hatte man von den Wänden gerissen und die 
Fensterscheiben zertrümmert. Die einst von den dankbaren 



^ Mettemich an Trauttmansdorff. Bruxelles, le 11 juin 1793. Copie. Erz- 
herzog Carl an den Kaiser, den 10. Juni 1793. Orig. eig. Mettemich an 
Tranttmansdorff. Bmxelles, le 17 aoüt 1793. Entw. 

' Tranttmansdorff an Mettemich, 31 aoüt, 13 septembre 1794. Orig. 

* Delmotte an Müller, le 28 novembre 1793. Orig. eig. A.-A. Die Voll- 
macht datirt vom 20. December 1793. 

* Beeogne et Proc^ verbal de Textradition du Palais de Bruxelles, ainsi 
que des chftteaux Marimont et de Tervueren avec leurs d^pendances, 
meubles et effets k S. A. R. Tarchiduc Charles Louis d' Antriebe, gouver- 
nenr-g^n^ral des Pays-Bas Autrichiens. A.-A. Datirt ist dieser für die 
damalige innere Einrichtung des Palais royal, sowie der beiden Schlösser 
sehr instructive Notariatsact vom 22. Februar 1794. 

* Delmotte an Maria Christine. Bmxelles, le 6 septembre 1793. Orig. 
eig. A.-A. 

Sitnngsber. d. pbil.-hist. Cl. CXXVm. Bd. 6. Abh. 3 



34 YI- Abhundinng: v. Zeisaberg. 

Belgiern errichtete Statue des Prinzen Carl von Lothringen hatte 
man umgestürzt^ und den schönen ^Parc^ hatten die französischen 
OfHcicre als Man^e für ihre Pferde benutzt.^ Anfangs fehlte 
es an Allem: an Möbeln, Silbergeschirr und Pferden. Das 
Te Deum anlässlich der Geburt des Kronprinzen (Ferdinand) 
konnte nicht, wie es sonst üblich war, zu St. Gudula abgehalten 
werden, da es dem Erzherzog an den zu einem derartigen Auf- 
zuge erforderlichen Gala wagen und Galapferden fehlte; die 
kirchhche Feier fand daher in der Hofkapelle statt, wo der 
Nuntius das Te Deum anstimmte. ^ Aus demselben Grunde nahm 
der Erzherzog, der überdies damals unwohl war, auch nicht an 
der sonst so prunkvollen Frohnleichnamsprocession theil.' ,Wir 
sind,' schreibt Delmotte an die Erzherzogin am 12. Juni, ,80 
wie wir ins Feld gezogen sind, im Gegentheil noch schlimmer 
als damals besteUt. Se. königl. Hoheit speist noch mit eisernen 
Gabeln, da er kein Silbergeräth hat.'^ Am 19. kam der Mar- 
stall aus Wien; Wratislaw war es, der die Pferde filr den Era- 
herzog zuritt.^ Noch anfangs Juli heisst es: ,Wir sind nun zwei 
Monate hier und noch konnte Niemand zu Tisch geladen werden^ 
denn wir haben nicht einen SilberlöfPel, wir sind, so wie wir 
im Feld gewesen.** 

Da sonach das Palais roval erst wieder eingerichtet werden 
musste« so nahm der Erzherzog hier blos tagsüber sein ,Ab6teig- 
quartier* und liielt sieh vorläufig meist in Lacken (Schoenen- 
borgh") auf, das Privateigenthum des Herzogs Albert war, von 
diesem jedoch ihm zur Verfügung gestellt wurde.* 

* Henne und Wauter». 1. o. III, 339. 

* Menemieh an Trauttniaustlorff. BruxeUe«. le 7 nuü 1793. 

' Delmotte an Maria Christine, Schoenenberiph, le 29 mai a 8 bearm da 

skur J793\ Orig. A.-A. 
^ Delmotte an Maria Christine und Herzog^ Albert. BmxelleB» ce 13 jmn 

1793, i>riy. A.-A. 

* Derselbe an dieiselben. Srhoenenber^h, le 22 jnin 1703. Der boUiadifcke 
General Warteusleben. der sich mehrere Jahre in Brfisvel aii%elialieB 
hatte« sandte damals dem Enheraog ein kleine« türkische Pieni xn, tär 
das ihm I2i^ Lui»d\^r anp^U^ten freweä^^en sein sollten. Delmotse aa dcr 
snb 6 citirten Su»Ue. 

* Delmotte an Albert und Maria Christine. Schoenenbereh, le 1*', 2«. 3 jvillcC 
I7i^3- OriiT. 

Enhersv"^ Carl an Mener.üoh s. d. A. -A. 

* Hort. VC .Vibor: aa Erihen-TC Carl Dpt>»:e, oo 2« t::ai 17*3. 



B«lfi«D anter der Oenrralst itthalterficbaft Erzherzog Carls (17»8, 1791). 85 

In die Kosten der Wiederherstellung des Palais royal 
theilten sich der Kaiser und der Erzherzog.^ Es gelang, eine 
Anzahl von Möbeln des Palastes um denselben Preis zurück- 
zukaufen, um den sie von den Franzosen veräussert worden 
waren. Die Kosten des Ameublements überhaupt, 28.000 Gulden, 
trug der Kaiser allein. ^ Da es dem Erzherzog an einer silbernen 
VaisseUe gebrach, eine solche aber unter 80.000 Gulden nicht 
zu beschaffen war, bat er den Kaiser, ihm gelegentlich einen 
Service von Wiener Porzellan zu schicken.* Wie es scheint, 
willfahrte der Kaiser der Bitte und versorgte den KeUer des 
Erzherzogs auch mit Tokayer, der in Brüssel nicht zu be- 
kommen war.* 

Die WiederhersteUungsarbeiten an dem Palais gingen je- 
doch anfangs äusserst langsam von statten.^ Erst die vertrau- 
liche Mittheilung des Kaisers, dass er im November nach Bel- 
gien zu kommen gedenke, gab den Arbeiten einen kräftigen 
Impuls,^ so dass der Erzherzog am 1. November seine Appar- 
tements zum ersten Male eröffnen konnte. ,Das Palais,^ meldete 
Mettemich, ,ist wieder hergestellt, in anständiger, wenn auch be- 
scheidener Weise. Am 4., d. i. am Namenstag des Prinzen, 
wird Gala sein, Morgens Cercle, Abends Appartement. Man wird 
in Trauer erscheinen. Der folgende Tag (5.) ist zur Wieder- 
aufiichtung der Statue des Prinzen Carl bestimmt.^ ^ 

Der Erzherzog brachte den Winter in Brüssel zu. Nur 
fanden wöchentlich zwei- oder dreimal Fuchsjagden in dem 
kleinen Parke von Tervueren statt. Der Oberst Brady, ein 
passionirter Jäger, der Marquis de Gavre, Traizignies und 



^ Erzherzog Carl au den Kaiser. Brüssel, den 21. August und den 3. Sep- 
tember 1793. Orig. eig. 
' Mettemich an Trauttmansdorff. Bruxelles, le 24 jnillet 1793. 
' Erzherzog Carl an den Kaiser. Brüssel, den 3. September 1793. Orig. eig. 

^ ESrzherzog Carl an den Kaiser. Brüssel, den 26. September 1793. Copie. 
A.-A. Franz II. an Erzherzog Carl. Wien, den 11. October 1793. Orig. 
eig. A.-A. 

* Delmotte*8 Briefe an Maria Christine vom 22. Juli, 16. Angfust, 8. und 
10. September 1793. A.-A. 

* Delmotte an dieselbe. Bruxelles, le 10 octobre 1793. Orig. A.-A. Franz II. 
an Erzherzog Carl. Laxenbnrg, den 22. September 1793. Orig. A.-A. 

' Mettemich an Trauttmansdorff. Bruxelles, le 1*' novembre 1793. Copie. 

3* 



36 VI. Abtaandlung: t. Zeissberg. 

D'OcttiDghem waren die gewöhDlichen Jagdgefkhrten des Prinzen, 
der sich auf diese Art, sowie durch längere Spazierritte körper- 
lich zu stählen suchte.^ 

Auch trat jetzt der Erzherzog im gesellschaftlichen Leben 
häufiger hervor. Zwischen Mens, dem Winterquartiere Coburg'«, 
und der Hauptstadt Brüssel herrschte ein reger Verkehr. Gäste 
reisten ab und zu, denn Coburg pflegte grosse Tafel zu halten, 
und die Besuche, die er gelegentlich von dem Erzherzog (Ende 
Docember), dem Herzog von York und dem Ek'bprinzen von 
Uranien erhielt, gaben zu Bällen und Festen Anlass,* die, wenn 
hinwiederum Coburg und seine Gäste nach Brüssel kamen, von 
dem Erzherzog und dem Minister erwiedert wurden. Besonders 
im Februar 1794 herrschte in Brüssel ein lebhaftes Faschings- 
trciben. Coburg und York, der englische Prinz Adolf und der 
Erbprinz von Oranien kamen wiederholt nach Brüssel Am 
1. März trafen die Prinzessin-Mutter von Oranien, der Erb- 
prinz von Oranien sammt Gemahlin, sowie der Erbprinz von 
Braunschweig, ebenfalls mit seiner Frau, ein.' Der E^henog 
gab zu Ehren seiner Gäste grosse Cercles, der Minister ver 
anstaltete Bälle und der sonst so ernste Mercy Maskeraden.^ 

Besonderer Glanz wurde bei diesen Anlässen fireilich nicht 
entfaltet, wie denn unter Anderem die von Coburg veranstalte- 
ten Gelage neben der Unterhaltung der jugendlichen Heer- 
ftlhrer den Zweck verfolgten, die Stimmung der Trappen za 
heben. Sonst floss das Leben des Erzherzogs ziemlich ein&ch 
und gleichmässig dahin. Es war dies umsomehr der Fall, ab 
auch die Physiognomie der Stadt Brüssel den Wechsel der 
Zeiten nicht verkennen Hess. Selbst der einst so lärmende 
Haufe der Emigranten war stiller geworden, seitdem Marquis 
Caraman seine Diners nicht mehr bezahlen konnte und die 
Prinzessin von Montmorency dem Prinzen von Ligne gestehen 
musste, dass sie nur 12 Louis in ihrem Vermögen besitze und 
sich einem Modehämllor der Stadt zu Nachtarbeit vei 



^ Delmotte an Maria ChristiDe, le tl dec^mbre ^lidS"^. Oiip. cig-. A.-A. 

' Mettemicli an Trauttmausdorfr. BnueUets« le 1*^ aiax«, le 4 man IT 

Ori^. 
• Witzleben Orig. A.-A. 



Belgien vnter der Qenonktatthaltorscbaft Frzberzog Csrls (179S, 17M). 37 

wolle, und so manches von den Ahnen ererbte Kleinod in den 
Sfont de piet^ von Brüssel wanderte.* 

Nur das CeremonieU des Hofes und das diplomatische 
Corps erinnerten noch an die glänzendere Vergangenheit. Seit- 
dem sich Belgien in österreichischem Besitze befand, war es 
das erste Mal, dass ein Erzherzog als Generalstatthalter an die 
Spitze der Niederlande trat. Es ergaben sich daraus verschie- 
dene Fragen der Etiquette, in Bezug auf die sich Mettemich 
Weisungen erbat.* Von Wien aus wurde auf* die am Hofe des 
Erzherzogs Ferdinand zu Mailand übUchen Formen verwiesen;* 
doch konnte Mettemich flLgUch geltend machen, dass die Stellung 
des Generalstatthalters der Niederlande jener des Statthalters 
der Lombardei nicht vollständig analog sei, dass jener gewisse 
£3irenrechte geniesse, die diesem nicht zukämen, insbesondere 
dass am BrUsseler Hofe verschiedene Gesandte, ja sogar ein 
päpstlicher Nuntius accreditirt sei.* Den päpstUchen Stuhl ver- 
trat in Brüssel (seit Februar 1793*) der Nuntius Conte Cesare 
de Brancadoro,* der sich indess in der Folge, wenn auch 
nicht bei Mettemich, so doch bei der Wiener Regierung,^ wie 
zuvor bei Maria Christine® durch seine Hinneigung zu den 
Ständen discreditirte. Auch die übrigen Gesandten, die mit der 
Osterreichischen Armee das Land verlassen hatten, kehrten jetzt 
nach Brüssel zurück; so Lord Elgin, der schon im letzten Jahre 
die Functionen eines ,bevollmächtigten Ministers und ausser- 
ordentlichen Gesandten' des Königs von England bekleidet hatte 
und im August 1793 dem Erzherzoge seine neuen Creditive 
überreichte,* durch sein intrigantes Wesen aber bald Anstoss 
erregte. Auch der G^nerallieutenant Graf Tauentzien, der bis 



^ Briefwechsel des Grafen MontvaUat. Erinnerangen an die französische 
Emigration von 1792—1797. Herausg. von W. M. Zürich 1868. 8. 146. 
' Mettemich an Trauttmansdorff. Bruxelles, le 29 janyier 1794. Orig. 
' Trauttmansdorff an Mettemich. Vienne, le 11 f^vrier 1794. Ong. 

* Mettemich an Trauttmansdorff. Bruxelles, le 23 f^vrier 1794. Orig. 

* Ph. Cobenzl an Mettemich. Yienne, le 13 fSvrier 1793. 

* Im Calendrier de la cour von 1794: Brauerdoro. 

* Thugnt an Colloredo, le 22 juillet 1796; Vivenot, Vertrauliche Briefe 
I, 246. 

■ Maria Christine an den Kurfürsten von COln, ce 22 aoüt 1796. Orig. 
eig. A.-A. 

* Mettemich an Trauttmansdorff. Bruxelles, le 6 aoüt 1793. 



38 VI. Abhandlung: v. Zeissberg. 

(laLiu prcussischer jVlilitärbevollmächtigtcr bei der Armee Cobarg's 
gewesen und dem später eine so glänzende militärische Lauf- 
bahn besehieden war, wurde als preussischer Gesandter zu 
Brüssel beglaubigt, indess bereits zu Anfang 1794 wieder ab- 
berufen und durch den Grafen Dönhoff, Rittmeister und Flügel- 
adjutanten des Königs, ersetzt, der bisher Gesandter bei der Eid- 
genossenschaft gewesen war und in Brüssel nun gleich seinem 
Vorgänger zugleich als MiUtärbevollmächtigter fungirte. Als sol- 
cher fand er bei dem damahgen Chef des General-Quartier- 
meisterstabes, Mack, freundliches Entgegenkommen; die bitte- 
ren Klagen über die Abgeschlossenheit, zu der man ihn zwinge, 
stammen erst aus späterer Zeit.^ Bevollmächtigter Minister 
HoUands war Baron de Hop, den Kurfürsten von der Pfalz 
vertrat Graf Vieregg, den Maltheserorden der Bailli Chevalier 
Texien d'Hautefeuille, den Fürstbischof von Lttttich dessen 
Geheimrath und Geschäf^träger Dotrenge. 

In der Besetzung der grossen Hofkmter trat unter der 
kurzen Statthalterschaf); des Erzherzogs Carl keine Aenderung 
mehr ein. Die Stelle eines Grand-veneur bUeb auch weiterhin 
unbesetzt. Als sich das Gerücht verbreitete, der Herzog von 
Beaufort wolle sich bewerben, dass ihm ausser seiner Würde 
eines Hofmarschalls auch die Functionen eines Oberstkämmerers 
übertragen würden, die seit den Tagen des Prinzen Carl von 
Lothringen der Prinz von Gavre versehen hatte, sprach sich 
der Erzherzog gegen die Berücksichtigung eines derartigen An- 
suchens entschieden aus, nicht nur, weil Gavre, der ,alte, ehr- 
Uche, brave Mann' es als ein Zeichen unverdienter Ungnade 
betrachten müsse, wenn man ihn einer Stellung entkleiden 
wolle, die er seit langer Zeit in zufriedenstellender Weise aus- 
geflült habe, sondern auch, weil bereits die Ernennung Bean- 
fort's zum Grossmarschall in Anbetracht seines höchst anstössi- 
gen Benehmens während der Revolution unangenehmes Ao&ehen 
gemacht habe und weil, falb man ihm auch die Functionen 
eines Obristkämmerers übertrage, zu besorgen stehe, dass es 
zwischen ihm und den Kammerherren, besonders den WaUonen- 
OfHeieren, die Hitzköpfe und Zeugen seines unwürdigen Ver- 



^ Mettemieh an Tntuttmaiisdorff. Broxelles, le 27 janvier 1794. Witaleben 
a. a. O. n, 36. 



Belfi«! unter der GeneralitftttliaUorRcliaft Erzherzog Carls (1799, 1794). 39 

haltens gewesen seien, zu peinlichen Scenen kommen könnte.^ 
Doch erwies sich das Ganze als leeres Gerede. ,Was Deine 
Hofchargen anbelangt/ schrieb der Kaiser, ,so habe ich nie an 
eine Aenderung gedacht, ohne darüber eher Dich zu ver- 
nehmen/ * 

Traten die Hofwtirdenträger nur bei feierlichen Anlässen 
hervor, so wurde das häusliche Leben des Erzherzogs durch 
seine nächste Umgebung bestimmt. Es waren noch immer die- 
selben Männer, die schon zuvor in seinen Diensten gestanden 
hatten. Leider herrschte unter denselben nicht jene Eintracht, 
die allein geeignet gewesen wäre, dem jungen, vereinsamten 
Erzherzoge wenigstens einigen Ersatz für den gänzlichen Mangel 
eines FamiUenlebens zu bieten. Namentlich war es Wamsdorff, 
dessen Ehrgeiz und Unverträglichkeit bereits Maldeghem seine 
Stellung verleidet hatte und nun auch den übrigen Herren lästig 
fiel. Delmotte, auf dem fast ausschliesslich die Last der Geschäfte 
ruhte,' sehnte sich aus dieser Stellimg heraus; er war entschlos- 
sen, wenn sich die Verhältnisse nicht bald ändern würden, zu 
seinem Regimente zurückzukehren.* Auch Wratislaw wollte nicht 
länger bleiben, trotz aller Vorstellungen des Erzherzogs, der 
ihn umsomehr schätzte, als er sich bei Aldenhofen hervorge- 
than hatte. ^ 

Der Erzherzog zeigte sich stets gleich gütig gegen seine 
Umgebung; er schien nichts zu merken von dem, was um ihn 
vorging. Mit Besorgniss glaubte Delmotte wahrzunehmen, dass 
er sich von Wamsdorff leiten lasse; er befürchtete, dass der 
Einfluss des harten, jähzornigen Mannes den Erzherzog selbst 
um die Neigung des Landes bringen werde. ^ Aber wir werden 
wohl nicht irregehen, wenn wir den Grund seiner Nachsicht 
in diesem Falle nicht blos auf die Macht der Gewohnheit imd 
auf allzugrosse Nachgiebigkeit, sondern auf die Rücksichten 



> Erzherzog Carl an den Kaiser. Brüssel, den 21. December 1793. Orig. eig. 
' Der Kaiser an Erzherzog Carl. Wien, den 11. Jänner 1794. Orig. eig. A.-A. 

* Delmotte an Maria Christine und Herzog Albert, s. d. Orig. eig. A.-A. 

* Derselbe an dieselben, le l•^ 2«, 3 juillet 1793. Orig. eig. A.-A. 

* Erzherzog Carl an den Kaiser. Kolduc, den 2. Martii 1793. Orig. eig. 
Delmotte an Maria Christine und Herzog Albert Bruxelles, le 16 aoüt 
1793. Orig. eig. A.-A. 

* Delmotte an dieselben, le 1«', 2«, 3 juillet 1793. Orig. eig. A.-A. 



40 VI. Abhandlnni^: t. Zeitsberg. 

zui*llckilllu*eu^ welche derselbe einem Maune tragen zu sollen 
glaubte^ dem er nicht nur als einstigem Erzieher zu Dank ve^ 
pflichtet war, sondern der sich erst jüngst im Felde in einer 
Weise hervorgethan hatte, die ihm in der Folge (1794) das 
Maria Theresienkreuz eintrug. 

Man fUldte sich übrigens erst etwas behaglich, als Wams- 
dorfF sich in einem anderen Hause einlogirte. Namentlich galt 
dies von Delmotte, der nun nicht mehr zu Airchten brauchte, 
spät Abends von diesem auf seiner vertraulichen Correspondenz 
mit der Erzherzogin ertappt zu werden. ,Wir sind jetzt häufiger 
allein mit unserem guten Herrn und können tmgenirt mit ihm 
sprechen. Wamsdoff kommt Meißens vor der Messe, dann zur 
Zeit, da der Erzherzog ausreitet, was täglich der Fall und sehr 
nothwendig fUr seine Gesundheit ist, und zwar Montag, Mittwoch 
und Freitag wegen der Audienzen von 11 — 1^', ühr, Dienstag, 
Donnerstag und Samstag von 9 — 11 Uhr, um sodann zur Con- 
ferenz zurück zu sein. Nach dieser Promenade kehrt der Baron 
nach Hause zurück oder begibt sich zu Mettemich, sein Lieb- 
lingshaus, und wir sehen ihn erst beim Diner wieder, worauf 
er bis zur Theaterstunde bei uns bleibt. Manchmal geht er ins 
Theater. Doch geschieht dies nicht regelmässig. Nach dem 
Theater wünscht er ims an der Treppe ,6ute Nacht' und ent- 
fernt sich. Er ist jetzt weniger herrisch tmd ftngt an zu merken, 
dass sein Herr Oberwasser gewinnt. Freilich wohl nicht genug.' ^ 
Erfreulich war es, dass sich auch der junge CoUoredo im All- 
gemeinen an Wratislaw und Delmotte anschloss. Letzterer konnte 
nicht umhin, ihn als einen, wenn auch vielleicht beschränkten, 
so doch gutmüthigen tmd höchst anständigen jungen Mann n 
bezeichnen.* 

Hatten sich so die Verhältnisse im Hanse des Erzhenogs 
fUr den AugenbUck etwas leidlicher gestaltet, so blickte der 
treue Delmotte doch nicht ohne neue Sorge in die nächste 
Zukunft. l>enn der ,Kleine\ wie er scherzhaft Wratislaw numte, 
fühlte sich in seiner SteUung dauernd unbehaglich nnd dachte 
daher ernstlich daran, im nächsten Frühling wieder bei der 



* IVlmott« «u Maria Christine oimI Hermof Alben. Bnixell«^ \t IC 

vwubn? I7t3^ OrijT, A.-A. 
' Der^^lbe an dieselben. Broxelles. le 7 join, le 17 decembre ITfS. On^. 

A..A. 




Belgien unter der Generalstatthaltorschaft Erzherzog Carls (179S, 1794). 41 

Truppe einzurücken. Für diesen Fall hatte Warnsdorff die er- 
ledigte Stelle seinem Bruder, Major im Regimente Würzburg, 
einem Manne, wie es heisst, ohne jede höhere Bildung, zugedacht, 
der übrigens auch selbst durch Beaufort, Merode und den 
Minister, dessen Haus er eifrig besuchte, ans Ziel zu kommen 
trachtete. Ein anderer nicht minder geftlhrlicher Bewerber war 
der Vicomte de Nieidant, der trotz ihrer gegenseitigen Ent- 
zweiung mit Wamsdorflf und Maldeghem auf gutem Fusse stand 
und sich auf jede Weise bei dem Erzherzog einzuschmeicheln 
sachte. Unter diesen Umständen legte es Delmotte dem Erz- 
herzog nahe, Wratislaw dauernd an sich zu fesseln, seine Stelle 
vorläufig unbesetzt und ihm, während er im Felde stehe, seine 
Zulage zu belassen. Sollte aber der Erzherzog trotzdem ent- 
schlossen sein, den dritten Kämmererposten in seinem Hause 
wieder zu besetzen, so wies Delmotte auf D'Oettinghem hin: 
,Er stammt aus dem Lande, ist ein äusserst anständiger und 
sanfter Mensch, hat eine gute Conduite und ist ganz und gar 
flir diesen Platz geeignet. Ausserdem liebt ihn der Erzherzog 
bereits in hohem Masse.' ^ 

Gütig und dankbar wie immer, verwendete sich der Erz- 
herzog ftlr Wratislaw bei dem Kaiser, indem er ihn bat, den- 
selben bei einem Freicorps oder bei irgend einem anderen vor 
dem Feinde dienenden Eegimente als Major anzustellen. ,Sollten 
wir dann wieder Frieden bekommen,' setzt er hinzu, ,so werde 
ich suchen, ihn dahin zu bringen, wieder zu mir zu kommen, 
da es mir hart fallen müsste, einen so ehrlichen, braven Mann, 
der nun schon zwei Jahre bei mir war, entbehren zu müssen.'* 
Uebrigens kam es nicht dazu; vermuthlich war es der sinkende 
Einfluss Wamsdorfifs, der Wratislaw bewog, von seinem Vor- 
baben abzustehen. ,Die zwei Chinesen,' wie sie der Erzherzog 
im Scherze zu nennen pflegte, Colloredo und Wratislaw, blieben 
im Hause und schmiegten sich immer enger ihrem geliebten 
Herrn an. 

Leibarzt Carls war ein gewisser Dr. Wolf, bis derselbe 
jacobinischer Gesinnung verdächtigt und von dem Kaiser eine 

^ Delmotte an Maria Christine. Bruxelles, le 16 aoüt, le 27 novembre, le 
17 d^cembre (1793). Orig. eig. A.-A. Erzherzog Carl an den Kaiser. 
Tirlemont, den 21. März 1793. Orig. eig. 

' Erzherzog Carl an Ii^anz II. Brüssel, den 6. December 1798. Orig. eig. 



42 VI. Abhandlnng: ▼. Zeissberg. 

Uutersucliuug wider ihn augeordnet wurde. ^ Natürlich büsste 
er darüber seine Stellung ein. Im Calendrier de la cour von 
1794 wird er nicht mehr genannt. Die Stelle eines Leibarztes 
war jetzt überhaupt nicht besetzt. Als ^Leibchirurg' des Erz- 
herzogs erscheint Hubertus, ein Zögling des Josefinums in Wien, 
der zuvor als Bataillonschirurg bei dem Militär gedient hatte, 
und dem auf Wunsch Carls der Charakter und die Uniform 
eines Stabschirurgen, doch ohne Gehalt, zugestanden wurde.' 

Indess erwies sich gleich so manchen ähnlichen Verdäch- 
tigungen jener Zeit auch die gegen Wolf ausgestreute als völlig 
unbegründet. Denn nur unter dieser Voraussetzung konnte es 
geschehen, dass sich derselbe zu Anfang des Jahres 1795 um 
seine Wiederanstellung bei dem Erzherzog bewarb. Zwar wollte 
ihn der Kaiser vielmehr mit Belassung seiner Bezüge ins Wiener 
allgemeine Krankenhaus versetzen.' In der Folge finden wir 
ihn aber doch auf Empfehlung des berühmten Arztes Lfagusios 
bei dem Erzherzog wieder angestellt,^ ja bestimmt, denselben 
zur Armee zu begleiten,^ während Hubertus zur Truppe ein- 
rücken sollte,^ wovon man aber bald wieder abkam. 

lY. Aas dem Privatleben des Erzherzogs. 

Unter den geschilderten Verhältnissen mochte das häus- 
liche Leben des Erzherzogs wohl wenig Erfreuhches bieten. 
Von den Personen getrennt, die ihn zärthch liebten, und denen 
auch er in der Verehrung und Liebe eines Sohnes ergeben 
war, sah er sich von Männern umgeben, die zwar, woran nicht 
zu zweifeln ist, ihm insgesammt zugethan, die aber unter sich 
uneinig und zum Theile mit ihren Stellungen unzufrieden waren, 
und imter denen, von ihrem meist noch jugendlichen Alter ab- 



^ Trauttmansdorff an Mettemich. Vienne, le 17 döcembre 1793. eig. En- 
herzog Carl an den Kaiser. Brüssel, den 80. December 1793. Orig. eig. 
Der Kaiser an Erxherxog Carl. Wien, den 11. Jänner 1794. Orig. eig. 

' Vortrag Lac/s vom 11. Februar 1794 und kaxserl. Resolution. Kr.-A. 

' Erzherzog Carl an Delmotte. Vienne, ce 3 fSvrier 1796. Orig. A.-A. 

* Maria Christine an Delmotte. Angsboorg, ce 24 avril 1795. Orig. A.-A. 

^ Dieselbe an denselben, ce 4 mai 1795. Orig. A.-A. 

" Lacy an den Kaiser. Neuwaldegg, den 21. Juli 1795. Kr.-A. 




Belgien inker der GenenlsUtthalterschaft Enbenog Cu-lt (179S. 17M). 43 

gesehen, sich keiner befand, der etwa durch hervorragende 
Begabung einen tieferen Einfluss auf die geistige und moraliBche 
Entwicklung Cark zu üben vermochte, wie er selbst in einem 
späteren Rückblicke auf diese Zeit bedauernd hervorhebt. Im 
Ghrunde auf sich selbst angewiesen, stählte sich dieser in der Er- 
füllung der ihm übertragenen harten Pflicht und suchte tmd 
fand fast nur in jenen Ausflügen Erholung, die er mit Erlaub- 
niss des Kaisers zu seiner militärischen Ausbildung in das Haupt- 
quartier des Prinzen Coburg unternahm. Gewöhnlich fand er 
sich ein, wenn irgend ein grösseres Unternehmen im Werke 
war, kehrte aber*nach wenigen Tagen immer wieder zu seinen 
Amtsgeschäften nach Brüssel zurück. 

Es heisst, dass er auf einem der ersten dieser Ausflüge in 
die Gefahr gerieth, von den Franzosen gefangengenommen zu 
werden. ,Seine königl. Hoheit der Erzherzog Carl,' schreibt der 
,heimliche Botschafter', eine sonst allerdings mit vieler Vorsicht 
zu gebrauchende Quelle,^ unter dem 14. Mai 1793, ,werden 
nicht mehr zur Armee gehen, da Höchstdieselben ihr kostbares 
Leben zu sehr der Gefahr aussetzen; bei Valenciennes wäre 
der Erzherzog, da er sich zu weit vorwärts wagte, beinahe ge- 
fiwgen worden. Der Erzherzog war schon vom Feinde umrungen 
und nur durch die Tapferkeit des Mourray'schen Regiments wurde 
er gerettet, da dies Regiment ein Quarrt um den Prinzen schloss 
und so unter beständigem Gefechte ihn bis zu seinem Corps, 
das er commandirte, zurückbrachte.' Und imter dem 21. Mai 
heisst es in derselben Quelle: ,Seine königl. Hoheit der EIrz- 
herzog Carl gehen nicht mehr zur Armee und haben den Bitten 
der niederländischen Stände, sein kostbares Leben nicht mehr 
aufe Spiel zu setzen, nachgegeben, und werden künftighin das 
Gouvemeurspalais in Brüssel immer bewohnen.'^ Freilich steht 
es im Widerspruche damit, wenn es in derselben Quelle unter 
dem 7. Juni heisst, dass der Erzherzog der Belagerung von 
Condö beiwohnen werde und deswegen bereits von Brüssel zur 
Armee abgegangen sei.^ 



1 Kaniiscr. der Hofbibliothek in Wien; über den Autor: Standinger vergeh 

Warzbach s. h. v. 
* Ebenda, S. 82 b. 
' Ebenda, S. 92 a. 



44 VI. Abh&ndliing : v. Zeissberg. 

Ist nun aber auch in dieser Fassung die Angabe zu ver- 
werfen, da die betreffende Quelle sich selbst und den nachfol- 
genden Thatsachen widerspricht, so scheint sie doch nicht ganz 
gegenstandslos gewesen zu sein, wie man aus dem Schreiben 
ersieht, das Dumouriez ebenfalls am 14. Mai von Mei^entheim 
aus an den Erzherzog richtete und das mit den Worten beginnt: 
,Ich habe erfahren, dass Eure königl. Hoheit Gefahr gelaufen 
sind, gefangen genommen zu werden. Ich war entsetzt darüber. 
In was für Hände wäre ein Ftlrst gefallen, der für das Wohl 
des Volkes nöthig ist. Diese Meinung, welche ich mir über Sie 
gebildet habe, ist es, die mir das grösste Interesse an Ihrer 
Erhaltung und Ihrem Euhme einflösst. Eure Hoheit müssen es 
über sich gewinnen, jenen, den man mit den Waffen gewinnt, 
dem zu opfern, der die Frucht der Bürgertugenden ist. Ge- 
statten Sie diesen Kath einem alten Kriegsmanne, der den mili- 
tärischen Ruhm nicht höher anschlägt, als er es werth ist'^ 
Die allerdings sehr fömüiche Antwort des Erzherzogs* auf 
diesen Brief geht über die in letzterem enthaltene Anspielung 
schweigend hinweg, und auch sonst findet sich — namentlich 
auch in der sonst in solchen Dingen sehr gesprächigen Corre- 
spondenz Delmotte's — keine Andeutung dieser Art. Aber gerade 
der Umstand, dass der Erzherzog über die Sache schweigt, 
scheint sie zuzugeben. Undenkbar wäre es gewiss nicht, dass 
schon damals französischerseits versucht worden wäre, sich des 
Erzherzogs zu bemächtigen, wie denn im späteren Verlaufe des 
Jahres 1793 noch einmal sich das Gerücht von einem Complot 
der Jacobiner verbreitete, das dahin zielen sollte, über Charleroy 
ein Cavalleriecorps nach Brüssel zu senden, um den Erzherzog, 
Mercy und Mettemich als Geiseln fiir die verhafteten Convents- 
commissäre aufzuheben, ein Gerücht, das damals Coburg sogar 
den Anlass zu einigen Gegenvorkehrungen gab.' Thatsache 
ist übrigens blos, dass sich Erzherzog Carl am 4. Mai ins 



^ Dumouriez an Erzherzog Carl. Mergentheim, le 14 mai 1798. Orig. eig. 

St.-A. Abgedruckt bei Mortimer-Temaux, 1. c. VI, 589, wo aber der 

Anfang verstümmelt ist. 
> Erzherzog Carl an Dumouriez. Bruxellee, le 21 mal 1792. Entw. Metter- 

nich*s. 
' Delmotte an Maria Christine und Herzog Albert Bruxelles, le 81 octobre 

1793. Orig. A.-A. 




B«lgi«n unter der G«n«ralsUtthalter8chaft Enbenog Carls (1798, 1704). 45 

Hauptquartier begab, um der Einladung Coburg's zufolge dem 
Te Daum beizuwohnen, das am 5. ftlr den Sieg vom 1. Mai 
über Dampierre gesungen wurde.* 

Am 22. Mai wohnte der Erzherzog der Eröffnung der 
Trancheen vor Cond^ bei.* Am 23. kam es zur Schlacht bei 
Famars, deren nächste Folge die Einschliessung von Valen- 
ciennes war. Am 24. kehrte Carl nach Brlissel zurück,' wo er 
unmittelbar darnach an einem Fieber erkrankte.* Doch erholte 
er sich rasch wieder und begab sich (12. Juni) nach Valcn- 
ciennes, um die dort eröffneten Trancheen zu besichtigen.^ Es 
war ein buntes, ungemein fesselndes Bild, das sich dem auf- 
merksamen Beobachter vor Valenciennes darbot, wo bei Etris 
rechts von der Strasse das englische Lager, reinlicher als das 
Ankleidezimmer einer deutschen Modedame, stand, während 
links das kaiserliche vielfach an die Zustände an der türkischen 
und croatischen Grenze erinnerte. Aber dem Erzherzog mochten 
auch die Unterschiede der Nationalcharaktere nicht entgehen, 
wenn er wahrnahm, wie der Ungar oder Slovenier, immer genüg- 
sam und thätig, in Mussestunden die Gelegenheit wahrnahm, 
eine Kegelbahn anzulegen, oder sich im Laufen und Springen 
zu üben, während der Hesse die Ruhepausen verschlief, der 
Engländer spazieren ging oder sich und die Zelte putzte, der 
Hannoveraner kochte und ass. Einen eigenthümlichen AnbUck 
mochte ihm auch eine Wanderung durch die Trancheen ge- 
währen: die fast unheimUche Stille, mit der hier jeder, was 
ihm zukam, ohne dass ein Befehl nöthig war, verrichtete, und 
selbst der jüngste österreichische Bombardier über den Hergang 



* Mettemich an Trauttmansdoff, 4 mal 1793. Erzherzog Carl an den Kaiser. 
Brüssel, den 6. Mai 1793. 

* Mettemich an Trauttmansdorff. Bruxelles, le 22 mai 1793. Vergl. Erz- 
herzog Carl an den Kaiser. Brüssel, den 18. Mai 1793. Orig. eig. Nach 
dem Moniteur Nr. 156, p. 669 erfolgte die Abreise Carls ins Haupt- 
quartier am 21. Mai. 

' Erzherzog Carl an den Kaiser. Brüssel, den 26. Mai 1793. Orig. eig. 

* Mettemich an Trauttmansdorff. Bruxelles, le 26 Mai 1793. Briefe Del- 
motte's an Maria Christine vom 26., 27., 28. und 30. Mai und vom 2. Juni. 
Orig. A.-A. Vergl. auch Trauttmansdorff au Colloredo. Orig. eig. ohne 
Datum (pres. 6 juin 1793). 

' Delmotte an Maria Christine. Bmxelles, le 12 juin, le 16 juin. Orig. eig. 
A.-A. Mettemich an Trauttmansdorff. Bmxelles, le 18 juin 1793. 



46 VI. Abhandlang: v. ZeisHberg. 

der Belagerung Bescheid zu geben wusste^ indess die Engländer 
in den Laufgräben wie in einer Wachtstube bei Ramflasche 
oder Punschbowle sich gütlich thaten, der Hesse aber sein 
Pfeifchen schmauchte und, wenn es nicht anders ging, im 
Stehen schlief. ^ 

Uebrigens verband mit diesem Ausfluge nach Valenciennes 
der Erzherzog noch eine andere Absicht. Es verlautete nämlich, 
dass sich der Prinz von Wales bei der Armee einfinden werde. 
Carl wollte sich die Qelegenheit nicht entgehen lassen, um sich 
mit demselben zu befreimden. Er meinte, dass dies, da man 
sich mit England enger verbinden wolle, nicht ganz werthlos 
sei, zumal der König zu altem beginne. Wohl erwies sich jenes 
Gerücht als falsch, hingegen suchte sich jetzt der Erzherzog 
aus demselben Grunde dem Herzog von York zu nähern,* der 
den Oberbefehl über die engHschen Truppen fllhrte und gleich 
seinen Brüdern, den Herzogen von Kent und Cumberland, 
durch manche kühne Waffenthat glänzte. Es hing wol mit dem 
fortan ziemlich lebhaften Verkehr Carls mit diesem Prinzen zu- 
sammen, dass sich das übrigens völlig unbegründete Gerücht 
der bevorstehenden Vermählung des Erzherzogs mit einer eng- 
Uschen Prinzessin verbreiten konnte.' 

Am 16. Juni kehrte der Erzherzog nach Brüssel zurück. 
Am 18. treffen wir ihn zu Schoenenbergh, wo man im Parke, 
wenn kein widriger Wind blies, jeden Kanonenschuss von 
Valenciennes hören konnte.* Wie Delmotte versichert, war sein 
Herr trostlos, der Belagerung nicht beiwohnen zu können, son- 
dern an Conferenzen theilnehmen zu müssen, in denen der 
Minister keinen Schritt vorwärts kam.^ Carl selbst schrieb an 
seinen Oheim: ,Sobald alle Batterien errichtet sein werden, 
gehe ich zur Armee, um sie spielen zu sehen, das wird ein 
Heidenlärm sein.'^* 

Zuvor aber ging es nach Cond^, denn am 11. Juli Mor- 
gens traf der Kürassierrittmeister Graf Rosenberg, den gegen 



^ Girtanner, Politische Annalen III, 1793, S. 480 ff. 

* Erzherzog Carl an den Kaiser. Brüssel, den 8. Juni 1793. Orig. eig. 

» »Der lieimliche Botschafter* 166 a zum 16. October 1793. Moniteur Nr. 88. 

* Erzherzog Carl an Herzog Albert, lo 16 et 18 juin 1793. 

» Delmotte an Maria Christine, le 1«', 2«, 3 juillet 1793. Orig. A.-A. 

* Erzherzog Carl an Herzog Albert, le 18 juin 1703. Orig. eig. A.-A. 




Belgien nntcr der Gonenil»tatthaltcrscbaft Krzherzog Carls (17!h1, I7!M). 47 

den Wunsch des Erzherzogs* Mcttemich mit zwölf Postillons 
in die Stadt einreiten liess, mit der Nachricht in Brüssel ein, 
dass Cond^ capitulirt habe.* In Folge dessen reiste der Erz- 
herzog am folgenden Tag nach dieser Festung.* 

,Am 13./ erzählt Delmotte, ,kam er um 2 Uhr Morgens 
in der Eremitage an, wo er bei dem Prinzen von Würtemberg' 
(dem Eroberer von Condö) ,sich einlogirte. Um 7 Uhr begaben 
wir uns nach Cocq, um die 4008 Mann starke Garnison^ ab- 
ziehen zu sehen, die sehr gut aussah, trotz der Hungersnoth, 
unter der sie durch einige Zeit gelitten hatte. Sie zogen mit 
allen kriegerischen Ehren ab, mit ihrer Artillerie und ihren 
Pulverwagen (caissons). Als sie in Cocq anlangten, streckten 
sie die Waffen und marschirten nach Peruwels, wo sie die 
Nacht zubrachten. Das ganze Corps des Prinzen von Würtem- 
berg bildete längs der Strasse Spalier, vom Stadtthore an. Auch 
Ihre Division Chevauxlegers befand sich dabei; sie ist süperb, 
man kann nichts Schöneres sehen. Se. königl. Hoheit sprach in 
gütiger Weise mit Chancel, dem Commandanten von Condö. 
Als sich der Erzherzog entfernte, rief jener aus: „Ach Gott! 
hätten wir doch in Frankreich königliche Prinzen wie diesen 
gehabt, es wäre nie zu einer Kevolution in tmserem armen 
Lande gekommen, wir hätten sie angebetet; wie glücklich sind 
Sie^ meine Herren!^' Um 11 Uhr begaben wir uns in die Stadt, 
besichtigten die Werke, die noch unversehrt sind, imd fanden 
über 105 Feuerschlünde vor. Die Municipalität der Stadt trug 
noch die tricolore Schärpe; Graf Mercy befahl ihnen, dieselbe 
sofort abzulegen, tmd cassirte anigleich diese Behörde. General- 
major Czemezy wurde Platzeommandant, der Civilcommissär 
Maco de Toumy Chef der Stadt, um Alles zu regeln. Wir 
speisten sodann bei dem Prinzen von Würtemberg in der 
Heremitage; der Tafel wohnten bei: der Herz<^ von York, die 
Prinzen Ernst und Adolf von England, der Sohn des Herzogs 
von Braunschweig, Prinz Coburg, FZM. Clerfayt und alle ihre 
Adjutanten. Man brachte nur einen Toast aus, und zwar auf die 
Sieger von Conde. Es ging dabei ebenso heiter als anständig 

* Metteniich an Erzherxog Carl, le 11 jnillet 1793, Ori^. eig. A.-A. 

' Debnoftte an Maria Christine, le 11 joillet, an moment dn d^part. (frig^. A.-A. 
' Metternich an Tnuttmanadorff. Bruxüilen, le 12 jnillet 1793. Copie, 

* Nach Witzleben IL 220 waren en 277 ^'^fficiere nnd -Ußff.i Mann 



46 VI. Abbandlang: v. Zeissberg. 

der Belagerung Bescheid zu geben wusste^ indess die Engländer 
in den Laufgräben wie in einer Wachtstube bei Rumflasche 
oder Punschbowle sich gütlich thaten^ der Hesse aber sein 
Pfeifchen schmauchte und^ wenn es nicht anders ging, im 
Stehen schlief. ^ 

Uebrigens verband mit diesem Ausfluge nach Valencienne« 
der Erzherzog noch eine andere Absicht. Es verlautete nämlich^ 
dass sich der Prinz von Wales bei der Armee einfinden werde. 
Carl wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, um sich 
mit demselben zu befreimden. Er meinte, dass dies, da man 
sich mit England enger verbinden wolle, nicht ganz werthlos 
sei, zumal der König zu altem beginne. Wohl erwies sich jenes 
Gerücht als falsch, hingegen suchte sich jetzt der Erzherzog 
aus demselben Grunde dem Herzog von York zu nähern,* der 
den Oberbefehl über die englischen Truppen fllhrte und gleich 
seinen Brüdern, den Herzogen von Kent und • Cumberland, 
durch manche kühne Waffenthat glänzte. Es hing wol mit dem 
fortan ziemlich lebhaften Verkehr Carls mit diesem Prinzen zu- 
sammen, dass sich das übrigens völlig unbegründete Gerücht 
der bevorstehenden Vermählung des Erzherzogs mit einer eng- 
lischen Prinzessin verbreiten konnte.' 

Am 16. Juni kehrte der Erzherzog nach Brüssel zurück. 
Am 18. treffen wir ihn zu Schoenenbergh, wo man im Parke, 
wenn kein widriger Wind blies, jeden Kanonenschuss von 
Valenciennes hören konnte.* Wie Delmotte versichert, war sein 
Herr trostlos, der Belagerung nicht beiwohnen zu können, son- 
dern an Conferenzen theilnehmen zu müssen, in denen der 
Minister keinen Schritt vorwärts kam.^ Carl selbst schrieb an 
seinen Oheim: ,Sobald alle Batterien errichtet sein werden, 
gehe ich zur Armee, um sie spielen zu sehen, das wird ein 
Heidenlärm sein.'® 

Zuvor aber ging es nach Cond^, denn am 11. Juli Mor- 
gens traf der Kürassierrittmeister Graf Rosenberg, den gegen 



^ Qirtanner, Politische Annalen III, 1793, S. 480 ff. 

* Erzherzog Carl an den Kaiser. Brüssel, den 8. Juni 1793. Orig. eig. 

* ,Der heimliche Botschafter* 166 a zum 16. October 1793. Moniteur Nr. 88. 

* Erzherzog Carl an Herzog Albert, le 16 et 18 jnin 1793. 

» Delmotte an Maria Christine, le 1«% 2«, 3 juillet 1793. Orig. A.-A. 

* Erzherzog Carl an Herzog Albert, le 18 jiiin 1793. Orig. eig. A.-A. 



Belfpen nnt^r der G«iieraUUttbaltenchAft Enherzng Carls (1793, 1794). 47 

den Wunsch des Enherzogs^ Mettemich mit zwölf Postillons 
in die Stadt einreiten liess, mit der Nachricht in Brüssel ein, 
dass Cond^ capitulirt habe. ^ In Folge dessen reiste der Erz- 
herzog am folgenden Tag nach dieser Festung.^ 

,Am 13./ erzählt Delmotte, ^kam er um 2 Uhr Morgens 
in der Eremitage an, wo er bei dem Prinzen von Würtembcrg' 
(dem Eroberer von Condö) ,8ich einlogirte. Um 7 Uhr begaben 
wir uns nach Cocq, um die 4008 Mann starke Garnison^ ab- 
ziehen zu sehen, die sehr gut aussah, trotz der Hungersnoth, 
unter der sie durch einige Zeit gelitten hatte. Sic zogen mit 
allen kriegerischen Ehren ab, mit ihrer Artillerie imd ihren 
Pulverwagen (caissons). Als sie in Cocq anlangten, streckten 
sie die Waflfen und marschirten nach Peruwels, wo sie die 
Nacht zubrachten. Das ganze Corps des Prinzen von Würtcm- 
berg bildete längs der Strasse Spalier, vom Stadtthore an. Auch 
Ihre Division Chevauxlegers befand sich dabei; sie ist süperb, 
man kann nichts Schöneres sehen. Se. königl. Hoheit sprach in 
gütiger Weise mit Chancel, dem Commandanten von Cond^. 
Als sich der Erzherzog entfernte, rief jener aus: „Ach Gott! 
hätten wir doch in Frankreich königliche Prinzen wie diesen 
gehabt, es wäre nie zu einer Kevolution in unserem armen 
Lande gekommen, wir hätten sie angebetet; wie glücklich sind 
Sie, meine Herren!^' Um 11 Uhr begaben wir uns in die Stadt, 
besichtigten die Werke, die noch unversehrt sind, und fanden 
über 105 Feuerschlünde vor. Die Mimicipalität der Stadt trug 
noch die tricolore Schärpe; Graf Mercy befahl ihnen, dieselbe 
sofort abzulegen, und cassirte zugleich diese Behörde. General- 
major Czemezy wurde Platzcommandant, der Civilcommissär 
Maco de Toumy Chef der Stadt, um Alles zu regeln. Wir 
speisten sodann bei dem Prinzen von Würtemberg in der 
Heremitage; der Tafel wohnten bei: der Herzog von York, die 
Prinzen Ernst und Adolf von England, der Sohn des Herzogs 
von Braunschweig, Prinz Coburg, FZM. Clerfayt und alle ihre 
Adjutanten. Man brachte nur einen Toast aus, und zwar auf die 
Sieger von Cond^. Es ging dabei ebenso heiter als anständig 

» Metternich an Erzherzog Carl, le 11 juillet 1793. Orig. eig. A.-A. 

* Delmotte an Maria Christine, le 11 juillet, au moment du d6part. Orig. A.-A. 
' Mettemich an Trauttmansdorff. Bruxelles, le 12 juillet 1793. Copie. 

* Nach Witzleben II, 220 waren es 277 Officiere und 4009 Mann. 



4o VI. Abhandlung: v. Zcittberg. 

ZU. Nach Tisch gingen wir nach Aubry (bei Valenciennes), wo 
wir in einem kleinen Schlosse mit drei Zimmern einquartirt sind. 
Die dritte Parallele war fertig, und wir wurden durch den 
Donner der Kanonen belästigt, der unaufhörlich wiederhallte. 
Heute Morgens war das Feuer excessiv. Wir gehen um 7 Uhr 
nach Herin^ (dem Hauptquartiere Coburg's), ,um dem Te Deum 
beizuwohnen, das vor dem Lager der Grenadiere abgehalten 
und von der Observations-, der Belagerungsarmee, allen Corps 
zu Cond^ wiederholt werden soll. Wir speisen bei dem Prin- 
zen Coburg.^ ^ 

Auch dem FZM. Ferraris stattete bei dieser Gelegenheit 
Erzherzog Carl einen Besuch ab.* In der Nacht vom 18. bis 
19. Juli kehrte dieser nach Brüssel zurück.* 

Interessant ist, was Erzherzog Carl selbst über diesen 
kurzen Ausflug zu erzählen weiss. ,Ich habe am 13. d.,' schreibt 
er an seinen Oheim Herzog Albert, ,um 10 Uhr Morgens die 
Garnison von Condä abziehen gesehen. Sie belief sich auf 
4009 Mann. Man hatte ein Späher gebildet von der Festung 
bis Cocq mit den Truppen der Blokade, nämUch 2 Bataillone 
Josef Colloredo, 1 Bataillon Wartensleben, 1 Bataillon d' Alton, 
den Chevauxlegers Ihres Regiments, die sich süperb ausnahmen, 
und den Regimentern Saxe, Berchiny imd Royal Allemand. 
Die Garnison, Chancel an der Spitze, rückte aus unter Trommel- 
schlag und mit fliegenden Fahnen in bester Ordnung. Zu Cocq 
streckten sie die Waffen; sie thaten dies schweigend, aber man 
sah den Schmerz auf ihren Gesichtern; sodann ftLhrte man sie 
nach Peruwels, von wo sie nach Cöln durch 1 Bataillon d' Alton 
und 2 Peletons Blankenstein escortirt werden. An der Spitze 
der Garnison marschii^te eine Compagnie Grenadiere, Linien- 
truppe, die sehr schön war, die übrigen Linientruppen war^i 
passable, die Nationalgarde aber sah erbärmlich aus. Es war 
nichts als Canaille, Kinder, insgesammt zerlumpt und zerfetzt^ 
von unglaubUcher Unsauberkeit (saloperie). Darunter befanden 
sich auch zwei junge Mädchen, die bitteriich weinten; sie trugen 



^ Delmotte an Maria Christine und Herzog Albert. Aubry, le 14 (julUet) k 

öVs heures de matin 1793. Orig. A.-A. 
' Erzherzog Carl an den Kaiser. Brüssel, den 18. Juli 1793. Orig. 
^ Delmotte an Herzog Albert und Maria Christine. Bruxelles, le 19 juillet 

1793. Orig. A.-A. 



Belgien nnter der Genenlstattbalter-siliaft Erzherzog Carls (1793, 1794). 49 

die Uniform der Nationalgarde, aber ohne Gewehr. Chancel 
macht einen sehr respectablen Eindruck. Man fand Cond^ in 
ziemlich gutem Zustande: 95 Kanonen und Mörser, zahlreiche 
Munition, aber keine Lebensmittel. Wir wurden mit Schweigen 
und ohne ein Zeichen der Freude empfangen, was ganz natür- 
lich ist^i 

Am 28. Juli capitulirte Valeneiennes ; am 29. Abends eilte 
der Erzherzog wieder dahin. ^ Dem Umstände, dass auch Graf 
Fersen sich damals nach Valeneiennes begab und über diesen 
Ausflug Mancherlei in seinem Tagebuch vermerkte, verdanken 
wir auch einige Details über die Reise des Erzherzogs. 

So erfahren wir, dass sich dieser am 31. Juh zu Kaismes 
befand, wo sich damals der Armeeintendant Bartenstein auf- 
hielt, der ein Diner zu Ehren des Erzherzogs und des Prinzen 
Coburg gab, dem auch Mercy beigezogen wurde. Am 1. August 
traf Fersen den Erzherzog früh Morgens zu Aubry und be- 
gleitete denselben in Coburg' s Hauptquartier nach Hörin. Im 
Gefolge des Erzherzogs wird bei dieser Gelegenheit Wamsdorff 
genannt Die ganze Gesellschaft brach von hier um 7 Uhr Mor- 
gens auf, um zunächst auf einem der drei Dämme, die man 
errichtet hatte, das Inundationsgebiet zu Fri in Augenschein 
zu nehmen. ,Um 8 Uhr,' föhrt Fersen zu erzählen fort, ,kamen 
wir nach La Briguette; die englischen, österreichischen imd 
hannoverischen Truppen waren bereits angelangt und formirten 
sich zu einem Spalier, das die Franzosen passiren sollten. Diese 
Versammlung der schönsten Truppen Europas bot ein ebenso 
einziges als seltenes Schaustück dar. Die engUschen Truppen 
waren ztmächst der Stadt postirt. Die Formation währte sehr 
lange, und es schien mir, als ob sie nicht gerade sehr gut ge- 
troffen seL Um 9 Uhr, zur Stunde, in der die Garnison abziehen 
sollte, benachrichtigte man den Herzog von York, dass die 
(Convent8-)Commissäre' den Anspruch erhöben, an der Spitze 
der Garnison auszurücken. Der Herzog von York liess ihnen 
sagen, dass er Commissäre nicht kenne, und dass, wenn sie ab- 
ziehen wollten, sie dies entweder in Uniform thun oder sich unter 



^ Erzherzog Carl an Herzog Albert. Schoenenbergh, ce 21 juillet 1793. Orig. 

A.-A. 
' Mettemich an Trauttmansdorff. Bruxelles, le 29 juillet 1793. Copie. 
' Jean de Brie und Cochon. Wiener Zeitung 2438. 
Sitznngsber. d. phil.-bist. Cl. CXXVIII. Bd. 6. Abb. 4 



50 ^- AbhandlQDg: ▼. Zeissberg. 

den Tross mischen müssten. Coburg stimmte ihm bei, Mercy 
dagegen schien anderer Ansicht. Doch der Herzog von York 
blieb dabei und sandte Saint-Löger ab, um ihnen dies zu sagen. 
Man hätte gewünscht, dass sie das Volk in Valenciennes ver- 
haftete, und man würde dies in jeder Weise erleichtert haben. 
Am Abende zuvor hiess es auch, dass dies geschehen werde, 
aber man hatte sich getäuscht.'^ 

Statt indess der Erzählung Fersen's weiter zu folgen,* 
ziehen wir es vor, den anschaulichen Bericht mitzutheilen, den 
Erzherzog Carl seinem Oheim Herzog Albert über den Auszug 
der französischen Garnison aus Valenciennes erstattete und der 
die Erzählung des schwedischen Diplomaten in willkommener 
Weise ergänzt. 

,Der Auszug der Garnison,' erzählt Erzherzog Carl, ,fand 
am 2. August^ Morgens statt. Den Zug eröffnete Madame 
Cochon, die Gattin des (Convent8-)Commi8Särs, begleitet von 
einer Anzahl hübscher Mädchen und Frauen von Paris und 
einigen Bürgern von Valenciennes. Die Garnison bestand aus 
6000 Mann, theils Linientruppen, theils Nationalgardisten, und 
aus 1000 Kanonieren. General Ferrand befand sich an der 
Spitze, desgleichen General Boileau und Tholoze, der Chef der 
Ingenieurs. Sie benahmen sich äusserst artig. Dagegen zog 
General Beauregard, einst Komödiant, nicht einmal den Säbel 
und lüftete nicht den Hut vor dem Herzoge von York und dem 
Prinzen von Coburg. Die Commissäre marschirten nach ihrem 
Range; sie hatten den Gesichtsausdruck grosser Schurke (sce- 
lörats). Da man nicht wusste, was man mit ihnen anfangen 
sollte, hatte man ihrer in der Capitulation nicht ausdrücklich 
gedacht, sondern blos gesagt, dass es jedem Bürger nach Be- 
lieben gestattet sein solle, mit der französischen Armee Valen- 
ciennes zu verlassen. Die französische Besatzimg marschirte in 
geringer Ordnimg, defilirte vor der englischen und hannoverischen 
und einem Theile unserer Armee und wurde zu den Vorposten 
der französischen Armee geflüirt, nachdem sie die WaflFen nieder- 



* Klinkowström, Le comte de Femen II, 77 ff. 

' Vergl. auch den interessanten Brief bei Girtanner, Politische Annalen IV, 

1793, S. 8 ff. 
^ Das ist ein Irrthum; vielmehr muss es heissen: 1. August. 



Belgien nnter der OeneraUtuttbalt^^rscbaft Erzherzug CarU (l7{tS, 1794). 51 

gelegt hatte. Sechs Deserteurs, die man unter den Franzosen 
entdeckte^ wurden ohne Gnade und Erbarmen gehenkt. Nach- 
dem die Garnison ausgerückt war, begaben wir uns in die Stadt. 
Die Municipalität kam uns zum Empfange entgegen und über- 
reichte die Schlüssel dem Prinzen von Coburg. Wir wurden mit 
vielen Zeichen der Freude empfangen.^ Ich eilte durch die Stadt, 
begierig, zu sehen, welche Wirkung unsere Artillerie daselbst 
hervorgerufen habe, und ich kann Sie versichern, dass ich mir 
eine solche Wirkung nicht vorgestellt hätte. Der ganze an der 
Frontseite gelegene Stadttheil existirt sozusagen nicht mehr. 
Alle Häuser sind zusammengestürzt, und die Strassen sind mit 
Trümmern so erfüllt, dass man kaum Einer hinter dem Andern 
vorwärts kommt Zwei grosse Kirchen, der grösste Thurm von 
Valenciennes sind fast eingestürzt, und man sieht nur noch zwei 
Mauern von dem grössten Thurme der Stadt, der dem Feinde 
als Observatorium diente. Und all' dies ohne eine Spur von 
Feuer, denn wir haben nie die Stadt mit glühenden Kugeln 
beschossen. Man wird Jahre bedürfen, um dem abzuhelfen. 
Was die Werke des Platzes betriflft, so sind ihre Mauern so 
zu Grunde gerichtet und eingestürzt, dass man die Aussen- 
werke erstürmen konnte, ohne Breschenbatterien angelegt zu 
haben, und die Innenwerke so schadhaft, dass sich in weniger als 
zwölf Stunden eine prakticable Bresche hätte herstellen lassen.' * 
Am 2. August um 7 Uhr Morgens fand sich der Erz- 
herzog zu Hörin im Hauptquartiere Coburg's ein ; von da begab 
man sich zur Observationsarmee, weichein zwei Linien auf den 
Höhen vor Denain lag. Die Truppen, durchaus Oesterreicher, 
gewährten einen prächtigen Anblick; namentlich die Hussaren, 
die vor acht Tagen aus Kaschau eingetroffen waren und aus- 
sahen, als wären sie eben erst aus ihren Quartieren gekommen. 
£b fand ein Te Deum statt, welches sowohl der Einnahme von 
Valenciennes, als jener der Stadt und Festung Mainz galt. Als 
man sich sodann Mittags zu einem Diner, das in der Kirche 



^ Im Gegensatze hieza heisst es in dem officiellen Berichte der ,Wiener 
Zeitang': «B^i dein Einrücken der k. k. Truppen herrschte in der Stadt 
tiefe Stille; nar einige auf dem Platze versammelte Personen weiblichen 
Geschlechts klatschten in die Hände/ Wiener Zeitung 2437. 

* Erzherzog Carl an Herzog Albert zu Sachsen-Teschen. Bruxelles, ce 7 aoüt 
1793. Orig. A.-A. 

4* 



52 VI. Abhandlnng: t. Zeissberg. 

stattfand, versammelte, traf die Nachricht ein, dass Wunnser 
die Franzosen bei Weissen bürg zurückgeworfen habe.^ 

Am 4. August befand sich der Erzherzog wieder in Brüs- 
sel,* wo aus demselben Anlasse zu St. Gudule ein feierlicher 
Gottesdienst stattfand und Abends die Stadt beleuchtet war. Im 
September besuchte der Erzherzog die Festung Le Quesnoy, 
wozu deren Capitulation den Anlass gab.' Am 15. September 
kehrte er wieder nach Brüssel zurück,* um sich am 26. neuer- 
dings zur Armee zu begeben, da am 28. und 29. der AngriflP 
auf das verschanzte Lager von Maubeuge stattfinden sollte.^ 

Es wurde bereits bemerkt, dass der Erzherzog bis in den 
Spätherbst meist auf dem Lande zu Laeken weilte. Hier fand 
der bekannte Augeard öfters Gelegenheit, den Erzherzog za 
sprechen. Auf dessen Wunsch fand er sich jeden Sonntag 
Mittags bei ihm ein, um ihm Vortrag über die Ursachen und 
Folgen der französischen Revolution zu halten. ,Ich habe nie,' 
bemerkt Augeard, ,ich will nicht sagen einen jungen Prinzen, 
nein, einen jungen Mann gefunden, der mehr Eifer für das 
Gute und mehr Ruhmbegierde gezeigt hätte als Erzherzog Carl 
Ich sagte ihm damals voraus, dass er sich die höchste Achtung 
in Europa erwerben werde. Niemand kennt besser als er die 
Unfähigkeit und die Thorheit der Minister des unglücklichen 
Ludwig XVI. Er schien stets auf das Aeusserste der Königin 
zugethan und gerührt über ihre traurige Lage und trug mir 
auf, dem Grafen Mercy Alles mitzutheilen, was ich aus Ver- 
sailles erfahren könnte.*^ Auch auf Malmesbury, der den Er«- 
herzog am 5. December sprach, machte derselbe den günstigsten 
Eindruck : , Well mannered and speaking to the purpose,^ ver- 
merkt er über ihn in sein Tagebuch.' 

Am 31. October wurde der Sejour in Laeken aufgehoben, 
und der Erzherzog bezog das wiederhei^esteUte Palais royal 

* Fersen II, 81. Wiener Zeitung, Beilage Nr. 64. 
« Wiener Zeitung 2437. 

' Delmotte an Maria Christine. Bruxelles, le 12 septembre 1798. Orig. 
eig. A.-A. 

* Erzherzog Carl an Herzog Albert, le 16 septembre 1798. Orig. eig. A.-A. 
^ Erzherzog Carl an den Kaiser. Brüssel, den 26. September 1798. Orig. 

eig. Delmotte an Maria Christine. Bruxelles, le 2 octobre 1798. Orig. A.-A. 

* Augeard 808. 

' Maline.sbury, Diaries and corresp. lU, 15. 



BolfiMi unter der Oeoeralstatthalterschaft Erzherzog Carls (1793, 17M). 53 

in Brüssel.^ Vielleicht hing es mit der veränderten Lebens- 
weise, vielleicht auch mit dem tiefen Eindrucke, den auf ihn der 
tragische Ausgang der Königin von Frankreich machte,' zu- 
sammen, dass der Erzherzog bald darnach (Anfangs November) 
fieberkrank wurde, so dass er genöthigt war, einige Tage das 
Bett zu hüten. In dem betreffenden Briefe an den Kaiser geht 
nämlich zwar der Erzherzog, der es überhaupt nicht liebte, die 
Regungen seiner Seele zu erschlicssen, mit wenigen Worten 
über die erschütternde Katastrophe seiner königlichen Tante 
hinweg, indem er blos bemerkt, dass er die übliche Hoftrauer 
angeordnet habe 5^ dass aber das Ereigniss ihn heftig bew^egte, 
da^ ist wohl Augeard ein zuverlässiger Zeuge, so ungerecht 
auch sein Urtheil über Mercy lautet, mit dem er sich auf Carls 
Wunsch zur Rettung der Königin in Verbindung gesetzt hatte, 
der ihn aber ziemhch trocken abgefertigt haben soll.* 

Zwar erholte sich auch diesmal Carl bald wieder — schon 
am 5. November verliess er zum ersten Male das Bett ^ — und 
seine Genesung rief in Brüssel die grösste Freude hervor.^ 
Man beging sein Namensfest nachträglich, am 12. November, 
mit einem Hochamte, einer Illumination und einem Festspiele 
im Theater du Parc, betitelt: ,L' Hommage de Bruxelles', dem 
ein anderes Stück: ,Les yeux de l'amour et du hazard^ folgte.'' 
Auch wurde aus diesem Anlasse die Statue des Prinzen Carl 
wieder aufgerichtet. Aber von den gewöhnlichen Ausflügen zur 
Armee war wohl in Anbetracht des Gesundheitszustandes Carls 
und der bereits vorgerückten Jahreszeit nicht mehr die Rede. 



1 Delmotte an Maria Christine. Bruxelles, le 31 octobre 1793. Orig. A.-A. 
' Mettemich an Trauttmanfldorff, le 4 novembre 1793. Copie. 

* Erzherzog Carl an den Kaiser. Brüssel, den 20. Octobre. Orig. eig. 

* Augeard 208. Vergl. aber Vivenot-Zeissberg UI, 275, Nr. 177 und 330, 
Nr. 202. Bacourt II, 418 ff. 426 ff. 

* Mettemich an Trauttmansdorff. Bruxelles, le 11 novembre 1793. Orig. 
Delmotte an Maria Christine. Bnixelles, le 6 novembre 1793. Orig. A.-A. 

* Delmotte an Maria Christine, le 14 (novembre) k 10 heures du soir. Orig. 
A.-A. 

^ Das Festspiel ist gedruckt (A.-A.) und betitelt: ^a, nouvelle Dibutade, 
Bouquet pour le jour de St. Charles, fete de S. A. R. Tarchiduc Charles, 
gouvemeur des Pays-Bas. Ex^cut^ dans la salle du Parc, devant 8. A. R., 
le mardi 12 novembre 1792. Par Mr. de Beaunoir, a Bruxelles. Chez 
J. L. de Bonbers, imprimeur libraire 1793. 8^* 



54 ^I- Abhandlung : t. Zeissberg. 



y. Die Stellung des Erzherzogs als Generalstatthalter 
im Allgemeinen. — Sein Yerhältniss zu den Ständen 

und zu Metternich. 

Wir kennen bereits die Stimmung, in der Erzherzog Carl 
die Statthalterschaft der Niederlande übernahm; wir wissen^ 
wie ungern er seinem mihtärisehen Berufe entsagte, um sich 
einer Thätigkeit zu widmen, der er sich nicht gewachsen wähnte, 
und die ihm durch die Voraussicht, dass es zu neuen unfirucht- 
baren Kämpfen mit den Ständen von Brabant kommen werde, 
von vorneherein verleidet wurde. Und diese Stimmung beherrschte 
ihn auch in der Folge. Beweis dessen sind zahlreiche Briefe 
desselben an vertraute Freunde, namentlich aber an den Kaiser, 
in denen er sich mit einer für sein Alter bemerkenswerthen 
Klarheit und Klugheit über die Vorgänge in dem ihm anver- 
trauten Lande aussprach, aber auch deutUch zu erkennen gab, 
dass er sich ebensowenig als in seinem häuslichen Leben in 
dem ihm übertragenen pohtischen Wirkungskreise glücklich 
fiihlte, ja dass er schon durch die erste Berührung mit jenen 
unerquicklichen Verhältnissen angewidert und entmuthigt wurde, 
und daher den Wunsch, seiner Aufgabe so bald wie möglich 
wieder enthoben zu werden, durchschimmern Hess. 

TieferbKekenden entging diese Stimmung nicht. ,Ich glaube 
wohl,' schrieb am 22. Juni Feltz, der frühere Staats- und Kriegs- 
secretär, an ihn, ,dass in gewisser Beziehung zu dem, was gegen- 
wärtig geschieht, das General-Gouvernement wenig Anziehungs- 
kraft für Eure königl. Hoheit haben dürfte. Ihre Seele ist zu 
gross, Ihr Genie zu erhaben, Ihr Urtheil zu gesund, um nicht 
so manche der Verfügungen zu beklagen, die in Ihrem Namen 
erflossen sind, gegen die Würde und gegen die wahren Inter- 
essen der Krönet ^ 

Besonders bemerkcnswerth aber fUr die anfängliche Stim- 
mung des Erzherzogs ist ein Brief, den er ungefkhr einen 
Monat nach seinem Amtsantritte an den Kaiser richtete. Der 
Brief Uegt uns nicht blos in dem an den Letzteren abgesandten 
Originale in deutscher Sprache vor; ausnahujsweise hat ihn der 



1 Feltz an Erzherzog Carl. Mastricht, lo 22 juin 1793. Orig. eig. A.-A. 



Belgien anter der Generalstatthalterscbaft Erzherzog Carls (1793, 17M). 55 

Erzherzog zuerst in französischer Sprache concipirt und diesen 
Entwurf dem Grafen Mercy vorgelegt, der denselben mit eini- 
gen Bemerkungen in Bleifederschrift versah, die eine spätere 
Hand vor der Gefahr des Verwischens dadurch bewahrte, dass 
sie dieselbe nachträglich mit Tinte nachzog.^ 

Das Schreiben ist, wie gesagt, wenige Wochen, nachdem 
der Erzherzog die Statthalterschaft angetreten hatte, verfasst. Es 
könnte daher auf den ersten Blick wohl befremden, dass er, 
ohne zuvor Erfahrungen auf diesem Gebiete gesammelt zu haben, 
sich bereits anheischig machte, sein Urtheil über die innere 
Lage Belgiens abzugeben. Allein wir dürfen nicht übersehen, 
dass Carl nun schon seit längerer Zeit in Belgien weilte, und 
dass er sich daselbst keine Gelegenheit, seinen politischen Blick 
zu schärfen, entschlüpfen Hess. Wenn er nun überdies den Ent- 
wurf jenes Schreibens einem so erfahrenen und kundigen Manne 
wie Mercy zur Prüfung vorlegte, so zeigt dies, mit welcher 
Vorsicht und Bescheidenheit er auch in diesem Falle zu 
Werke ging. 

,Du hast von mir verlangt,' so lautet der merkwürdige 
Brief, ,dass ich Dir die Wahrheit und meine Art, über die 
Affairen dieses Landes [zu denken], schreiben solle. Erlaube 
mir einige Bemerkungen, so ich in dem kurzen Zeiträume eines 
Monats, so ich erst hier bin, gemacht habe. Das Land war 
in drei Parteien getheilt: die der Stände, der RoyaHsten und 
[der] Demokraten. Die erste war die beträchtlichste, und man 
hat sich vorgenommen, selbe zu gewinnen. Man hat den Ständen 
in den strittigen Punkten nachgegeben, und ich glaube, dass 
dies nöthig war, um die Ruhe in dem Lande wieder herzu- 
stellen; alle Verbrechen, so während der Revolution begangen 
worden, hast Du verziehen, und dies macht Deinem Herzen 
und Deiner Grossmuth Ehre; endhch hat man alle Diejenigen 
vom Gouvernement entfernt, so der ganzen Nation verhasst 
waren. Dies Opfer war flir das öflfentliche Wohl nöthig, und 
bisher, glaube ich, wird Niemand Ursache haben, sich zu be- 
klagen oder die Operationen des Gouvernements zu tadeln. 

^ Erzherzog Carl an Franz ü. Brüssel, den 18. Mai 1793. Orig. in deutscher 
Sprache im 8t.-A. Der ebenfalls eigenhändige französische Entwarf im 
A.-A. Die Randbemerkungen Mercy^s werden nachstehend in den Anmer- 
kungen mitgetheilt. 



56 VI. Abhandlang : t. Zeissberg. 

Allein hier sollte man sich aufhalten und nie einer Partei er- 
lauben, sich zu rühren oder den Kopf zu heben. Die vergan- 
genen Verbrechen hätte ich verziehen, aber nie die Dienste 
vergessen, welche Diejenigen geleistet, so dem Souverän zuge- 
than waren, flir den sie ihr Glück, ihr Hab und Gut au%e- 
opfert haben. Dem Publicum musste man Gleichgiltigkeit für 
alle Parteien zeigen; allein durch die Erfahrung unterrichtet^ 
wer ehrliche Leute und wer Spitzbuben^ sind, sich deren be- 
dienen, ohne diese zu Verstössen. Da die Departements sozu- 
sagen directe dem Souverän zugehören und in seinen Diensten 
stehen, so sollte man diese mit ehrUchen, dem Souverän zuge- 
thanen Leuten besetzen, und denen wenigen Intriguanten, so 
nicht den Wunsch der Nation ausdrücken, und welche so lange 
schreien werden, bis nicht der Souverän lauter ihrige Creaturen 
in seine Dienste genommen haben wird, sollte man ewiges Still- 
schweigen auferlegen. Die Magistrate^ sollten aus Personen 
von allen drei Parteien zusammengesetzt werden, um sich gegen- 
seitig im Gleichgewichte zu erhalten, und gewiss hätten sie dann 
dem Souverän und dem Lande gut gedient [und wären ihm] 
nützUch gewesen. Die Pensionärs der Stände, welche diese 
leiten, müssen geschmeichelt, ihnen Gnaden und Belohnungen 
hoffen gemacht w^erden, dann und wann [muss man] etwas f&r 
sie thun, sie immer anhören, sich aber nie in ihre Arme werfen, 
nie [sollten] sie um Alles zu Rathe gefragt werden, in Allem 
gefolgt werden. Dies war nach meiner Meinung der Weg, wel- 
chen man einschlagen sollte, gewiss wäre er von Statten ge- 
gangen, wenn man zu gleicher Zeit durch eine noble Stand- 
hailigkeit den Ständen über alle übrigen Forderungen, so sie 
hätten machen* können, den Mund gesperrt hätte. Zufrieden, 
die Constitution und über die strittigen Punkte eine ihren Wün- 
schen gemässe Entscheidung erhalten zu haben, steht es ihnen 
nicht an, dem Souverän vorzuschreiben, was er thun, wen er 
in seine Dienste nehmen oder nicht nehmen solle o. s. w. Allem 
wer wird sich jemals trauen, standhaft femer mit den Ständen 
zu reden und zu handeln, wenn man nicht sicher ist, von Wien 



^ Im fT«Qid«u5che& Eutwnrfe: tripous. 

* Dain Mercy jun Rjuide de« t'nuii(!s«UcheD Entwurfes: «aecur« iBfiBimcBt 
juste et la :$eule qne 1«» Prvvinces ;üeut demauiiee « U f— ti g^ 4e t TSlX.' 



Belgitn unter der Generalstattb alterschaft Erzherzog Carls (1793, 1794). 57 

aus unterstützt zu werden? Anstatt nach denen Grundsätzen zu 
Iiandeln, so ich hier angeführt habe, hat man gerade das Gegen- 
theil gethan. Nachdem die Constitution hergestellt/ denen vorigen 
Klagen der Stände war genug gethan worden, hat man weiteren 
unschicksamen Forderungen Gehör gegeben, so man gar nicht 
aufkommen lassen sollte. Denn seit wann soll es Unterthanen 
erlaubt sein, dem Souverän den Weg vorzuschreiben, den er 
einschlagen solle, ihnen Gesetze zu geben? Man hat vielen 
Personen ihre Anstellung weggenommen, weil die Stände ohne 
gegründeter Ursache sagten, diese missfielen der Nation, und 
dies, weil sie zwei oder drei Personen missfielen, so die Stände 
leiteten. Man hat Ungerechtigkeiten begangen, um ihnen zu ge- 
fiällen, und erst kürzlich hat das Conseil de Brabant einen Ein- 
bruch in die Constitution gemacht,* indem es den Procureur 
göneral seiner Anstellung entsetzt hat, so vermöge der ersten 
Artikel der Joyeuse entröe nicht ohne einen Process und einen 
darauf erfolgten Rechtsspruch geschehen kann. EndUch hat man 
bei den Aenderungen der Magistrate, so eben vor sich ge- 
gangen sind, nur die Pensionärs, die wüthigsten Anhänger der 
Stände zu Rathe gezogen, und die Magistrate sind, anstatt ge- 
mischt zu sein, blos aus Leuten besetzt, so den Ständen er- 
geben sind, und so sich während der Revolution der schauer- 
lichsten Verbrechen schuldig gemacht haben. Da man sich 
dadurch ganz in die Arme der Stände geworfen hat, hat man 
seinen Endzweck verfehlt. Man wollte sie gewinnen, man hat 
sich blos ihre Verachtung zugezogen, und Royalisten und Demo- 
kraten sind nun noch aufgebrachter wider den Souverän und 
das Gouvernement, als es je die Anhänger der Stände waren, 
so dass, wenn heute eine Revolution vorgeht, der Souverän 
Niemand mehr finden wird, der es mit ihm wird halten wollen. 
Was ich Dir hier schreibe, sind nicht pure Worte oder Ideen, 
ich habe Beweise davon neulich gehabt, als ich zu G^nt war, 
wo ich einige wüthige Anhänger der Stände triumphirend, alle 



^ Franzöaischer Text: la Constitution comme eile 6toit sous le r^ne de 
Marie Tb^rcse. 

* Hiezu bemerkt Mercy am Rande des französischen Entwurfes: ,obser- 
vation d^autant plus importante qu^elle prouve avec quelle impudence 
on pr^nd astreindre le souverain k une Constitution que Ton n'b^site 
pas de violer manifestement, quand cela convient aux Etats/ 



Öo VI. AbhandluDg: v. Zeissberg. 

Uebrigen aber traurig und abgeschlagen gefunden habe. Lasse 
Dich nicht über die Absichten der Stände in Irrthum führen. 
Sie waren einmal Souveräns^ können sich an den Gedanken 
nicht gewöhnen, keine Macht mehr zu haben, und arbeiten be- 
ständig daran, so viel als möglich an sich zu ziehen, es mag 
nun directe oder indirecte sein, indem sie die Operationen des 
Gouvernements leiten und sich unterwerfen wollen.^ 

jDies ist die Lage, in welcher ich die Affairen in diesem 
Lande gefunden habe. Wir sind nun schon zu weit gegangen, 
um uns zurückzuziehen, wir werden dem Systeme folgen müssen, 
so wir angefangen haben zu folgen, und nur nach und nach 
und sehr langsam uns zurücke zu ziehen [vermögen]. Schon 
hat man sich bei einem guten Drittel der Nation verhasst ge- 
macht; schon schreien alle Demokraten, Röyalisten, alle Die- 
jenigen, so ihre Emplois Creaturen der Stände haben abtreten 
müssen, über die Ungerechtigkeit; man wird ihnen müssen 
nach und nach das Maul sperren, sie wieder anstellen, ihnen 
Entschädigungen flir den für den Dienst erlittenen Verlust ver- 
schaffen u. s. w. Allein das grosse Uebel ist schon geschehen. 
Vielleicht wird es glücklich gehen, vielleicht werden die Stände 
endlich filhlen, dass ihr Wohlsein von dem des Souveräns nicht 
zu trennen ist. Allein das Uebel, sich bei zwei Parteien ver- 
hasst gemacht zu haben, ohne eine dritte zu gewinnen, das 
Uebel, währenddem man allen Parteien ein Ende machen woUte, 
der einen so viel Consistcnz gegeben zu haben, dass sie alle 
übrigen unterdrückt und dadurch der Parteigeist immer er- 
halten wird, dies Uebel, sage ich, ist schon geschehen.* 

,Zum Glücke für Deinen Dienst und für mich schreibt 
man mir Alles, was geschehen ist und was so viele Leute 
schreien macht, nicht zu. Man bedauert mich im publice. Dies 
ist ein junger Mensch, sagt man, der weder die Menschen, 
noch die Aflfairen kennt, der den Räthen, so man ihm gibt, 
folgen muss, und dem man übel rathet. Zum Glücke lieben 
mich noch alle Parteien. Allein wenn die Sachen fortdauern so zu 
gehen, wie sie gehen, so wird das auch aufhören, und was soll 
ich thun, da ich weder die Affairen noch die Menschen kenne, 
als den Räthen folgen, so man mir gibt, und wenn man sich in 
der Nothwendigkeit befindet, eine Partei zu ergreifen, so den 
Hass eines grossen Theiles der Nation nach sich zieht^ wäre 



Belgien unter der Oenenüstatthalterschaft Krxtaenog CerU (1799, 1794). 59 

es nicht besser, wenn ich davon befreit wäre; ist es wohl fllr 
Deine Dienste nützlich, dass der, so dieses Land zu gouvemiren 
bestimmt ist, von einem Theile der Nation verhasst sei? In 
dieser Absicht,* und da ich voraussah, wie nlltzHch es wäre, 
dass ich nicht daö Opfer der ersten Einrichtungen und Ent- 
schlüsse, so man hier nehmen muss und zu nehmen müssen 
glaubt, sei, hatte ich Dich gebeten, mir zu erlauben, so lange 
bei der Ai*mee zu bleiben, bis eine Einrichtung wäre gemacht 
gewesen. Wegen dem Namen Carl, den ich fUhre, beliebt, 
hätte ich dann kommen und alle Parteien vereinigen können. 
Niemand wäre wider mich aufgebracht gewesen, weil ich an 
Allem, was geschehen wäre, keinen Theil gehabt hätte, und 
vielleicht hätte ich die geschehenen Fehler verbessern oder ihnen 
abhelfen können. Nun wird es aber bald oder spät heissen, dass 
ich daran Theil hatte, da, wie ich Dir geschrieben habe, man 
nun den eingeschlagenen Weg nicht ändern kann. Ein Theil 
der Nation wird mich hassen, und ich werde nie im Stande 
sein, das Gute zu stiften, was ich hätte thun können, wenn ich 
an allem Vergangenen keinen Theil gehabt hätte. Um diesem 
abzuhelfen, sehe ich nur zwei Mittel: entweder dass Du mir 
erlaubst, zu der Armee zurückzugehen oder eine Keise zu 
machen, oder wenigstens mich so passiv als möglich zu halten. 
Alles, was man mir sagt, anzuhören, den Wunsch zu zeigen, 
dass Alles gut gehe, sich alle Parteien um das Wohl des Landes 
zu machen u. s. w., aber nie in keine Details von AflFairen 
einzugehen. Denjenigen, so etwas Bestimmtes wissen wollen, zu 
sagen, dass ich von den Sachen nicht genug unterrichtet bin, 
hören werde, was mir die Jointe, so übermorgen ihre Sitzungen 
anfangen wird, und der Minister vorschlagen werden und der- 
gleichen mehrere nichtsbedeutende Ausdrücke. Dadurch werde 
ich immer neutral [bleiben], und in einem schweren und wichtigen 
Falle wird man zu mir seine Zuflucht nehmen, und ich werde 
im Stande sein, einen Entschluss zu fassen, ohne verdächtig zu 
sein, vom Parteigeist dazu gebracht zu werden. Ich bitte Dich, 
bester Bruder, alle diese Betrachtungen wohl zu überlegen und 



^ Zu den folgenden Sätzen bemerkt Mercy am Rande des französischen 
Entwurfes eigenhändig: ,tout ceci est d'unej astesse de raisonnement sans 
repliqae.* 



60 VI. Abhandlung: t. Zeissberg. 

mir dann Deine Befehle zukommen zu lassen. . • . Da die Erz- 
herzogin und der Herzog am Ende des Monats nach Bonn za 
kommen gedenken^ so hoffe ich, wirst Du mir erlauben, auf 
einige Tage zu ihnen en visite zu gehen/ 

Von derselben Gesinnung erfüllt zeigt sich ein Brief des 
Erzherzogs an den Kaiser vom 1. Juni, in dem es unter Be- 
rufung auf den soeben mitgetheilten Bericht und ein, wie es 
scheint, nicht mehr erhaltenes Schreiben des Kaisers vom 22. Mai 
heisst: ,Graf Rosenberg hat mir einen Brief von Dir vom 22. Mai 
gestern überreicht. Aus dessen Inhalt ersehe ich, dass Du selbst 
eingesehen hast, dass bei uns der Parteigeist wieder auflebet 
und neue Wurzeln zu fassen scheinet Allein, wie kann dies 
wohl anders sein, wenn man von einer Seite in Deiner Kanzlei 
zu Wien Intriguanten, so von einer oder der andern Partei 
dahin geschickt werden. Gehör gibt und sich von der andern 
Seite einer Partei, nämlich der ständischen, ganz in die Arme 
wirft und sich durch sie leiten lässt. Man muss sich über die 
Absichten der Stände nicht betrügen; sie herrschten einmal in 
diesem Lande und wollen noch immer regieren, sei es nun 
geradewegs oder indem sie die Operationen des Gouvernements 
leiten. Das Opfer von einigen Milhonen selbst wird ihnen nichts 
kosten, wenn sie dadurch ihre Absicht erreichen und uns so 
in der Schhnge tlihren, dass wir uns ihrer Leitung unterwerfen 
müssen.* ^ 

Kaiser Franz beantwortete den Brief seines Bruders in 
einem Schreiben, das die Auffassung, als sei es darauf abge- 
sehen, die Partei der Stände principiell zu ergreifen, widerlegen 
sollte und zugleich in eindringlichen Worten den jungen Statt- 
halter ermahnte, nicht über die ersten Schwierigkeiten, die sich 
seinem Wirken entgegensetzten, den Muth zu verlieren, sondern 
standhaft auf dem ihm anvertrauten Posten auszuharren. ,Die 
Bemerkungen,' schreibt der Kaiser, ,die Du mir in Deinem 
letzten Briefe gemacht, sind alle wohl gegründet, und ich bin 
mit Dir der Meinung, auch ganz überzeugt, dass das Land in 
mehrere Parteien getheilet war. Da die Partei der Stände die 
stärkste war. so musste selber, um die Ruhe herzustellen, etwas 
mehr nachgegeben werden. Da aber, wie ich wünsche ond ver- 

^ Enhen«^ CatI jui deu Kaiser. Brüssel, den 1. Juni 1793. Qri^. eig. 



Belgien unter der Oeneralstatthaltersrtaaft Krzhorz«>g Carls (1798, 1794). 61 

laDge, selbe bei ihren Fondamentalgesetzcn, bei der Joyeuse 
entröe zu erhalten, so bin ich jedoch nicht gesinnt, von meinen 
Rechten als Souverän zu weichen, und ich müsste sehr verübeln, 
wenn nicht hierauf aller Bedacht getragen und auf mein An- 
gehen und Bestes gesehen würde.' Der Kaiser berührt auch 
die ertheilte Amnestie. Es sei durchaus nicht seine Meinung 
gewesen, dass die Uebelgesinnten in Bezug auf Bedienstungen 
denen, die ihm und ihrem Dienste treu geblieben, vorgezogen 
werden sollten. Er habe nur jene nicht ganz auf die Seite ge- 
setzt wissen und dadurch zu erkennen geben wollen, dass er 
vergangene Fehler und ihm zugefügte Beleidigungen vergebe. 
Bei allen Gelegenheiten aber werde er es sich angelegen sein 
lassen, denen, die ihm stets treu geblieben seien. Beweise seiner 
ErkenntUchkeit zu geben und sie vor Anderen nach Verdienst 
zu belohnen. ,Du meldest mir,* fUhrt er fort, ,dass die Unzu- 
friedenheit und noch wenig hergestellte Ordnung weder mir 
noch Dir zugemuthet, dass Du geliebet, aber zugleich bedauert 
bist; weiters, dass es viel filrträglicher gewesen wäre, erst das 
Gouvernement anzutreten, wenn die Ordnung ganz hergestellet 
und in Gang gebracht worden. Du äusserst den Wunsch, Dich 
zu der Armee zu verfügen oder eine Reise zu machen. Auf 
alles dieses werde ich Dir frei meine Willensmeinung sagen. 
Ich finde dermalen Deine Gegenwart an Deinem Platze iment- 
behrlicb. Ich trage Dir auf, bei allen Gelegenheiten auf mein 
Bestes zu sehen; ich setze mein ganzes Vertrauen auf Dich, 
versehe mich auch, Du wirst wissen, durch Deine Klugheit, 
gute Art sowohl mir als Dir selbst die Liebe und das erforder- 
liche Zutrauen zu gewinnen. Alle Deine Aufmerksamkeit 
muss dahin gerichtet sein, die Stimmung der Gemüther 
wohl auszunehmen, die etwaigen Factionen zu ergrün- 
den;^ trachte eine Wahl einiger treu und gut Denkenden zu 
machen, Dich mit selben zu unterreden und zu bcrathschlagen. 
Ertheile mir von Allem, so meinen Dienst und das all- 
gemeine Beste betrifft, genaue Auskunft,* handle mit 
mir aufrichtig und in dem besten Vertrauen, versichere Dich, 



' Zaerst mit Bleifeder, dann mit Tinte unterstrichen. Am Rande von an- 
derer Hand: k observer. 
* Ebenso. Am Bande von anderer Hand: a avertir. 



()2 VI. Abhandlnog: t. Zeissberg. 

class ich Dir bei allen Gelegenheiten mit Rath und That an die 
Hände gehen und sicher von hier aus unterstützen werde. Lasse 
nicht den Muth sinken und wende alles Mögliche an zu dem 
Besten meines Dienstes, ja des Landes selbst. Ich muss Dir 
noch einmal wiederholen, dass ich nicht zugeben kann, dass 
Du Dich weiters von dem Gouvernement entfernest, und ich 
ertheile Dir blos die Erlaubniss, höchstens auf 24 Stunden zu 
der Erzherzogin Marie Dich zu verfügen.^* 

Auch Erzherzog Leopold richtete an Carl damals ein Schrei- 
ben, das in herzlichem Tone und wahrhaft brüderlicher Weise dem 
Zagenden Muth oinzuflössen suchte. ,Ich bedauere,^ heisst es in 
demselben, ,Euere Lage der Geschäfte ; wenn ich Dir aber meine 
Meinung als Dein bester Freund sagen soll, so erheischt eben 
diese Lage Deine Gegenwart und Deine soi^ältigste Arbeit 
Man Hess Dich in dem Lande, weil man weiss, dass Du es gut 
meinst, und dass Du die Nation wieder liebest. Alle Parteien 
sind mit Dir zufrieden, weil sie wissen, dass Du von keiner 
bist. Erhalte Dich darin, sei von keiner Partei und gehe den 
geraden Weg fort. Freilich ist dies nicht leicht, aber eben diese 
AuÖHUurung, dieses Bestreben, das Beste des Landes zu wollen, 
muss Dir die Liebe Deines Souveräns und des Landes gewinnen 
und befestigen. Wenn auch gleich nicht Alles beiderseits gehet, 
wie es sollte, so musst Du Geduld haben, es den Umständen 
zuschreiben. Wirbelköpfe, unruhige Leute kann man nur mit 
der Zeit curiren. Fehler, die von hier gemacht werden, muss 
man der Entfernung, etwa auch der Uner&hrenheit zuschreiben, 
überhaupt aber sich trösten, wenn man seine Schuldigkeit ab 
ein ehrlicher Kerl gemacht und für alle Parteien gleich den ge- 
raden Weg gewandert [sie] hat Darum glaube ich, dass, da in 
einem Lande, wo so viele Parteien sind, ein Chef nothwendig 
ist auf welchen sie ihr Vertrauen haben, da sie sicher sind, dass 
er sich nicht von einer gegen die andere gebrauchen wird, son- 
dern das Land nach Gerechtigkeit regieren werde, Se. Majetstit 
Dir unmöglich erlauben könnte, eine Reise zu machen und jetil 
die Geschäfte liegen zu lassen, wo es meiner Meinung die här 
ligste Ptlieht ist. Dir alle Mühe zu geben, die Sachen zu re- 
dressiren. Verzeihe mir meine Offenherzigkeit, wenn ich Dich 



^ Fraiiz II. an Enhenog CarL Laxenbarp, den {l)t. Joni 179S. Ori|^. A.-A. 



Belgien unter der Gener&lstatthaltprscbaft Erzherzog Carls (1799, 1794). 63 

nicht 80 herzlich liebte, schriebe ich Dir nichts von allem diesem. 
Ich kann Dir sagen, dass mein Bruder gar nicht dasjenige, was 
Du ihm geschrieben, übel genommen hat. Er liebt, schätzt und 
bedauert Dich, aber sieht auch so wie ich ein, dass er Dich 
jetzt unmögHch von Deinem Amte dispensiren kann.'^ 

Erzherzog Carl fügte sich zwar fortan in das Unvermeid- 
liche, aber seine Ansichten blieben dieselben, und ebenso auch 
die Stellung, die er den Vorgängen im Innern Belgiens gegen- 
über einnehmen zu müssen glaubte. ,In meinem Briefe vom 
18. Mai,' heisst es in einem Berichte vom 28. Juni 1793, ,habe 
ich Dir geschrieben, dass die Factionen anstatt vermindert oder 
ganz verschwunden zu sein, noch immer dieses Land theilen. 
Dies bestätigt sich von Tag zu Tag. . . . Jede Provinz enthält 
zwei oder drei Personen voll Geist und mit einem besonderen 
G^ist von Intrigue begabt Diese formiren mitsamm eine geheime 
G^ellschaft, correspondiren miteinander und arbeiten alle zu 
dem nämlichen Zwecke, alle Autorität an sich zu ziehen. Sie 
sind es, welche das Gouvernement zu Brüssel überUefen, sich 
anmassten, zu entscheiden, welche Personen dem Volke ange- 
nehm oder unangenehm seien, vorgaben, unterrichtet zu sein, 
was das Volk wünsche, und in alledem blos dem Triebe ihrer 
Leidenschaften folgten, dasjenige als Wünsche des Volkes dar- 
stellten, so ihrem Interesse gemäss war und in ihr System ein- 
schlug, kurz, welche es dahin brachten, dass ihre Creaturen zu 
allen Magistratsstellen ernannt wurden, sich dadurch einen thäti- 
gen Einfiuss in alle Aflfairen verschafften und das Gouvernement 
zugleich so zu locken und zu gewinnen gewusst haben, dass man 
glaubt, nichts ohne ihnen thun zu können. Dies sind die näm- 
lichen Leute, welche sich seit der Regierung des Kaisers Josef 
allem demjenigen widersetzen, so das Gouvernement machen 
wOl, so unter Kaiser Leopold so viele Anstände gemacht hatten, 
weil man ihrem Systeme und ihrem Plane nicht folgen wollte, so 
mm eine Menge Anstände gehoben [sie] haben oder wenigstens 
zu heben schienen, und deren man sich bedienen musste, ohne 
sich ganz in ihre Arme zu werfen, ohne ihnen blindlings zu 
folgen. Sie haben ihren Endzweck erreicht und werden uns für 



^ Erzherzog Leopold an Erzherzog Carl. Laxenhurg, den 8. Juni 1873. 
Orig. eig. 



64 VI. Abhandlung: y. Zeissberg. 

den Augenblick keine Difficultäten machen^ allein^ wenn wir 
einmal werden etwas Anderes thun wollen oder werden ge- 
zwungen werden, etwas zu thun, was nicht in ihren Plan ein- 
schlagen wird, dann werden wir entsetzliche Difficultäten, An- 
stände von allen Seiten zu überwinden haben, und alle Parteien 
werden missvergnügt sein, sowohl die, welche es zuvor waren, 
als die, welchen man bis dahin wird geschmeichelt haben, und 
denen man nun auf einmal wird vor den Kopf stossen müssen.' 
,Dies ist,* so schliesst der Erzherzog, ,die Art zu denken und 
zu handeln von der Gesellschaft, welche sich Alles unterwerfen, 
Alles leiten will. Ich will nicht sagen, dass man sie gänzlich 
auf die Seite setzen soll; man sollte sich ihrer bedienen. Viel- 
leicht hätte man alle diese Leute ganz gewinnen und Dein 
Interesse mit dem ihrigen verbinden können, wenn man die 
vornehmsten directe in Deine Dienste genommen hätte. Ich 
glaube sogar, dass sie gedacht haben, dass dies der Plan des 
Gouvernements sei, und glaube, dass dies die Ursache ist, warum 
Kapsaet, welcher einer von den ersten unter ihnen ist, die Stelle 
von Conseiller priv^ nicht angenommen hat, so ihm angetragen 
worden. Ihre Hauptintrigue geht jetzt dahin, dass die Vornehm- 
sten von dieser Gesellschaft zu Pensionären der Stände in denen 
verschiedenen Provinzen erwählet werden, und dass sie dadurch 
sich von allen Schritten, so die Stände machen werden, ver- 
sichern und selbe so leiten, wie sie es mit dem Gouvernement 
schon machen. Gelingt ihnen, ihren Plan auszuftihren, so wir 
nicht verhindern können, da die Wahl der Pensionärs blos von 
den Ständen abhängt, so haben sie dadurch alle Autorität in 
Händen und werden bald unter dem Namen des Gouverne- 
ments, bald unter dem der Stände^ regieren.' Erzherzog Cail 
kommt unter diesen Verhältnissen zu seinem anfänglichen Vor- 
satze zurück. ,Was mich betrifft, bester Bruder,' sagt er, ,glaube 
ich bis jetzt ftir das Wohl Deines Dienstes nichts Anderes thun 
zu können, als bei Allem, was geschieht, passiv zu bleiben, um 
mir den Hass weder von einer noch von der anderen Partei 
zuzuziehen und nicht zu scheinen, an Sachen und Einrichtungen 
Theil zu haben, so vielleicht bald oder spät werden geändert 
werden müssen, und mich immer, wenn zu grosse Inconvenients 



1 Im Originale: ,des Gouvernements*. 



Belgien unter der Oenenlstatthaltcrüchaft Enhenog C&rb (1793, 1794). 65 

daraus entstehen sollten, als ein neutraler Mensch ins Mittel 
legen zu können. Man hat ein System genommen, man kann 
es jetzt nicht ändern, nur mit der Zeit und nach und nach, 
oder wenn zu grosse Anstände entstehen sollten, wird man viel- 
leicht über verschiedene Sachen zurückkommen müssen. Ich 
werde indessen suchen, mir die Liebe und das Vertrauen des 
Landes zu gewinnen, um im sich ergebenden Falle Dir wich- 
tige Dienste leisten zu können, auf welches ich verzichten 
müBste, wenn ich jetzt zu viel AnhängUchkeit fUr eine oder die 
andere Partei zeigen imd zu viel Antheil an Operationen nehmen 
würde, so durch eine Partei allein geleitet werden.** 

Anlässlich der Brabanter Kanzlerfrage kommt der Erzherzog 
auf seine Voraussagungen zurück. ,Nun zeigt sich,^ schreibt er, 
was ich Dir schon einmal die Elire gehabt habe zu schreiben, 
dass Alles gut gehen wird, so lange man den Ständen in Allem 
nachgeben wird, dass aber Alles wird rebelUsch werden, wenn 
man in etwas ihrem Willen nicht folgen wird. Sie haben sich 
von ersterem geschmeichelt. Nun verweigern sie oder machen 
wenigstens die grössten Anstände mit den Lieferungen für die 
Armee, so dass es neuUch bei selber bald an Stroh gefehlt 
hätte, weil sie keines hefern wollten. Nun wollen sie nichts 
mehr von Inauguration reden hören; kurz, nun sind wir wie- 
der wie zuvor. Alles in Unordnung. Wenn je Standhaftigkeit 
nöthig war, so ist es nun mehr als jemals. Sei versichert, dass 
ich Alles thun werde, was von mir abhängen wird. Deinen 
Dienst zu befördern. Sollte ich aber jemals das Unglück haben, 
meinen Zweck nicht zu erreichen, oder sollte es Dir scheinen, 
dass ein Anderer besser als ich und besser für das Wohl des 
Staates diese SteUe bekleiden könne, so bitte ich Dich durch 
die Freundschaft, die Du immer für mich gehabt hast, mir es 
zu schreiben. Ich werde zu glückUch sein. Dir in etwas eine 
Probe geben zu können, dass mir nur die Beförderung Deines 
Dienstes und das Wohl des Staates am Herzen hegt, und dass 
ich bereit bin, demselben alles Privatinteresse aufzuopfern.^^ 

Nicht minder interessant ist ein Brief, den damals Erz- 
herzog Carl an seinen einstigen Lehrer, den Bisehof Hohen- 



^ Erzhersog Carl an deu Kaiser. Brüssel, den 28. Juni 1793. Orig. oig. 
* Derselbe an denselben. Brüssel, den 27. Juli 1793. Orig. eig. 
Sitraugsber. d. phil.-hist. Ol. CXXVUl. M. 6. Abb. 5 



66 VI. Abhaadlung: v. Zeissberg. 

wart, richtete, da er die Schwierigkeiten seiner Stellung noch 
von einer anderen Seite als den bisher berührten beleuchtet 
,Sie beurtheilen,' schreibt er, ,meine Lage recht gut, bester 
Freund, sie ist sehr beschwcrUch. Ein Land leiten zu müssen, 
welches, noch voll vom Geiste verschiedener Revolutionen, in 
Parteien getheilt ist, und in welchem noch ein stilles Feuer 
unter der Asche glimmt, welches besonders durch unsere Nach- 
barn erhalten wird, ist sehr schwer. Und was mir auch oft 
sehr hart fidlt, ist. Befehle aus der Entfernung von 200 Meilen 
aus einem Lande, wo man weder mit der hiesigen Lage, noch 
mit der Verfassung dieser Provinzen bekannt ist, zu erhalten 
und mich oft gezwungen zu sehen, diese Befehle nicht aus- 
üben zu können, aber sie doch manchmal ohngeachtet wieder- 
holter Vorstellungen ausüben zu müssen, obwohl ich von dem 
Schaden überzeugt bin, der daraus entstehen muss. Nur mit 
der Zeit und mit vieler Geduld darf ich mir schmeicheln, dass 
es mir von Statten gehen wird, die Ruhe vollkommen herzu- 
stellen. Der Ausschlag des französischen Krieges kann, wenn 
er glückhch ist, am meisten dazu beitragen.** 

Mit der Brabanter Kanzlerfrage, meinte Erzherzog Carl, 
werde die Hauptsache geschehen sein. ,Aber,' fügt er voraus- 
Ijlickend hinzu, ,das Detail wird noch viele Klugheit und 
Festigkeit erheischen, allen Paii;eiungen ein Ziel zu setzen, 
den Geist derselben zu ersticken, zu belohnen oder doch Ge- 
rechtigkeit zu üben gegen so Viele, die man nicht, wie sie es 
verdienten, behandelt, die souveräne Autorität wieder herzu- 
stellen, die man manchmal nur zu sehr erniedrigt hat; mit 
einem Worte, wir werden noch auf lange Zeit hinaus viel zu 
thun haben. Nehmen die Dinge in Frankreich ein gutes EInde, 
so zweifle ich nicht, dass sich hier Alles beruhigen wird, aber 
im entgegengesetzten Falle wird Alles umgestürzt werden, hier 
und in allen Monarchien und Staaten Europas.*^ 

Es wäre indess durchaus verfehlt, wenn man aus der 
Stimmung des Erzherzogs auf den Grad des Eifers schliessen 
wollte, mit dem er sich den Ptiichten seines Amtes widmete. 

* Erzhensog Carl an Hoben wart. Brüssel, dou 30. October 1793. A.-A. 

' Erzherzog Carl an Herzog: Albert von Sacbson-Teschen. Bmxelles, le 

26 (novembre) 1793. Orig. eig. A.-A. Da» Schreiben erwähnt die soeben 

erfolgte Eiuualime von Fort Loais. 



Belgien unter der GenerftUtatthaltorschaft Erzherzog Carls (17*J3, 171M). 67 

Wie geschickt er vielmehr sich in seiner schwierigen Stellung 
zu benehmen wusste, geht aus der unfreiwilligen Anerkennung 
hervor, die ihm selbst der Feind zu zollen sich gezwungen 
sah. ,Der junge Erzherzog/ heisst es im ,Mouiteur^, ,spielt die 
ihm zugewiesene Rolle mit Vollendung. Er behandelt mit Klug- 
heit alle Parteien, er schmeichelt dem Aberglauben des Volkes 
und sucht den Despotismus liebenswürdig zu machen. Mehrere 
Personen haben patriotische Spenden dargebracht; der Prinz 
hat sie in einer Weise angenommen, die zur Nachahmung an- 
spornt. Als eine Commune ihm jüngst ein Don gratuit anbot, 
nahm er die Abgesandten dei*selben so freundlich auf, dass sie 
mit Thränen in den Augen fortgingen. Schon vergleicht man 
ihn mit dem „edlen Carl von Lothringen, dem Vater des Vol- 
kes", ein Ausdruck, der freiHch auf das Alter des Erzherzogs 
noch nicht passt. . . .' ^ 

Man wird dies um so williger anerkennen, als dem Erz- 
herzog in Metternich nicht blos nach dem Urtheile des immer- 
hin befangenen Delmotte, der ihn geradezu als einen schwa- 
chen Mann, der nach der Pfeife der Stände tanze, bezeichnete,* 
sondern auch nach der übereinstimmenden Ansicht aller ein- 
sichtsvollen und wohlmeinenden Augenzeugen ^ ein Minister zur 
Seite stand, der neben manchen vortrefflichen ügenschaften 
gerade diejenige, deren er vor Allem bedurft hätte, ziel- 
bewusste Festigkeit, nicht besass. 

,Ich fiirchte, dass der bevollmächtigte Minister, begabt 
mit den schätzbarsten moralischen Eigenschaften ^ einer Auf- 
gabe, die über seine Kräfte geht, unterUcgen wird. Er wird 
von Trauttmansdorff gequält, der ihn sehr hart behandelt; man 
setzt ihn unter die Vormundschaft eines sehr kleinen Areopags, 
der aus einigen aus Wien gesandten Personen besteht, welche 
den Ständen sehr ergeben sind. Diese gewinnen an Raum auf 
Kosten der souveränen Autorität, die sich bald auf nichts re- 
ducirt sehen wird. Der Erzherzog sieht entweder selbst ein 
oder Andere zeigen ihm, dass man ihm die Statthalterschaft 

> Moniteur, le 22 mal 1793, Nr. U2, pag. 611. 

* Delmotte au Marie Christine, le !•', 2% 3 juillet 1793. Orig. A.-A. 

Vergl. auch dessen Brief an dieselbe vom 7. Juui ebenda. 
' Vergl. das äusserst sitharfe Urtheil Erzherzog Johanns über ihn bei 

Krones, Aus Oesterreichs stillen und bewegten Jahren, S. 141. 

5* 



68 VI. Abhandlung: ▼. Zeissberg. 

verleidet; er sucht sich also fernzuhalten von AUenu was ge- 
schieht, und das wird einen Zustand herbeiflihren, den man 
sehr schwer zu heilen im Stande sein wird/ ^ 

Aber auch in Wien war man über die Thätigkeit Metter- 
nich's nichts woniger als entzückt. Wenn schon ein Fremder 
wie Craufort^ zunächst allerdings nur von den Ständen von 
Brabanty bemerkte^ sie seien so unempfänglich ftir die Gefahr, 
als wäre Frankreich 100 Meilen entfernt von ihnen,* so ist es 
begreiflich, dass man in Wien den Mangel an Enthusiasmus 
ftlr die Sache des Kaisers auf das Tiefete beklagte. Man war 
geneigt, einen Theil der Schuld daran auf den Minister su 
wälzen, und tadelte vor Allem dessen fortgesetzte Nachgiebig- 
keit gegen die Stände, die doch nicht die gehofften Früchte 
bringe. Aber auch die Rückstände, die sich Mettemich in 
seiner Amtsgebahrung zu Schulden kommen liess, sowie die 
Eigenmächtigkeit, mit der er häufig in directem Widerspruch 
zu den Intentionen des Kaisers zu Werke ging, gaben za den 
bittersten Vorwürfen Anlass. 

Umsomehr verdient es betont zu werden, dass zwar der 
Erzherzog sich die Unabhängigkeit von dem Minister zu wah- 
ren wusste, wie es denn- überhaupt aufmerksamen Beobachten! 
nicht entging, dass derselbe sich nicht mehr so nachgiebig wie 
früher zeigte,^ dass er aber nicht etwa gleich seiner Tante ein 
principieller (icgner Mettcniich^s war. Wenn auch mit Vielem 
von dem, was geschehen war, nicht einverstanden, suchte er 
doch auch den unverkennbaren Verdiensten seines Berathen 
gerecht zu werden. ,Er besitzt/ schreibt Carl, ,das Vertrauen 
von allen denen Leuten, so die Stände dirigiren, er eriiält vid 
dadurch, was wir sonst nicht erhalten würden, und man kann 
ihn in der jetzigen Lage der Sachen nicht genug souteniren/^ 
«Gewiss ist er/ heisst es ein anderes Mal, ,ein grundehrlicher, 
diensteifriger und unermüdeter Mann, arbeitet Tag und Nacht 
imd opfert sieh ganz dem Dienste auf.*^ ,Gewis8 ist er/ hdaBt 



* Merv'V an Thusriit, HnixolK\H. le :i^ inai 1793. bei Vivenot-] 
UI, 83. 

* Aucklauil lU, 137. 

' IVlmottt' an Mario Christine. Bnixelle«, le 26 uoveinbre 179a. Orip. A.-A. 

* Enherzt^ Carl au Franc II. BrfiMel, den 1. Juli 179S. Orif. «ip. 

^ Erzhenog Carl an den Kaiser. BrüsseL den 1. Juni 179S. Orif. «if. 



Belgien unter der Oeneralstatthaltentchaft Erzherzog Carls (1793, 17M). 69 

es bei einer dritten Gelegenheit, bei der ihn der Erzherzog 
geradezu wider Vorwürfe des Kaisers in Schutz nimmt, ,der 
ehrlichste Mann von der Welt, und ich bitte Dich flir das 
Beste des Dienstes, ihn in diesem Augenblicke zu schonen. 
Er besitzt das Vertrauen des grössten Theiles der Nation und 
besonders der Stände, und er ist dadurch in diesem Augen- 
blicke der Einzige, welcher uns aus der Verwicklung heraus- 
ziehen kann, in der wir uns befinden, weil er der Einzige ist, 
in welchen die Stände Vertrauen haben. Wenn man ihn de- 
goutirt und verliert, so werde ich und das ganze Gouverne- 
ment in einem erschrecklichen Embarras sein, aus welchem 
sich weder ich, noch was immer ftlr ein Nachfolger, den Du 
mir geben wirst, wird herausziehen können.^ * 

Besonders der rauhe Ton, den der Hofkanzler in seinen 
Weisungen an den Minister anschlug, war dem Erzherzog in 
tie&ter Seele zuwider. Wiederholt bat er den Kaiser, Trautt- 
mansdorff aufzutragen, den Grafen Mettcrnich in seinen Briefen 
etwas mehr zu schonen. ,Man hat ihm in zwei oder drei 
Briefen hintereinander auf das Härteste mit so unangenehmen 
Ausdrücken begegnet und ihm so starke Sachen gesagt, dass 
ich an seiner Statt den nämUchen Tag meine Stelle (Dir) zu 
Füssen gelegt hätte. Dies thut Deinem Dienste den grössten Scha- 
den, verursacht ein Missverständniss zwischen denen Departe- 
ments, einen Federkrieg zwischen Deinem hiesigen und dem 
Wiener Ministerium, gibt einen öffentHchen Scandal und trägt 
viel bei, den Gang der Affairen zu verzögern. .'. . Graf Met- 
iemich hat gewiss Fehler, und grosse Fehler begangen, allein 
in diesem Augenblicke wäre es der grösste, ihn zu entfernen, 
man würde glauben, dass man dadurch Alles, was bis jetzt 
geschehen ist, desavouirt, Aenderungen machen will: Misstrauen, 
Murren und Unordnungen würden daraus entstehen, und nie 
wtlrden wir mit den Ständen ein Ende machen, so in ihn 
allein ihr Vertrauen setzen. Der Brief, den Graf Trauttmans- 
dorflF auf Deinen Befehl an Metternich geschrieben, ist vortreff- 
lich, man macht darin den ewigen Nachgiebigkeiten, so man 
bis jetzt für die Stände gehabt hat, ein Ende und bestimmt 
Grundsätze, auf welchen man festhalten soll. Man wird sich 



* Erzherzog Carl an den Kaiser. Brüssel, den 20. Juli 1793. Orig. eig. 



70 VI. Abhandlung: v. Zeicsberg. 

g(^wisH daran halten, nur bitte ich Dich inständigst, immer dar- 
auf Uileksicht zu nehmen, dass man nur nach und nach und 
nicht auf einmal von dem einmal angenommenen System, in 
dem man schon so weit vorgegangen ist, zurückkommen kann.' ' 
Auch in dem gereizten Briefwechsel, der sich zwischen Metter- 
nicli und TrauttmansdorfF über Dumouriez entspann, ergriff der 
Krzherzog fi\r jenen das Wort* und erreichte auch, dass zwar 
der Kaiser über Metternich's Benehmen in diesem Falle noch- 
mals seine Missbilligung aussprach, aber zugleich versprach, 
dass Invectiven und Beleidigungen wider Mettemich fortan ver- 
mieden werden würden, sofeni auch er derselben sich enthalte.' 
Noch spilter, zur Zeit der Anwesenheit des Kaisers in Belgien, 
ergab sieh ein iihnlieher ZwischenfaD, in dem auf die Inter- 
vention des Krzhei*zog9 der Kaiser neuerdings und diesmal auf 
das Strengste den Federkrieg seiner beiden Minister untersagte.* 
niese wiederholten Beweise gütiger Gesinnmig blieben 
nicht ohne Eindruck auf Mettemich. Zu Anfang des Jahres 1 iM 
wollte dieser seine Stelle niederlegen, wohl ans Verstimmong 
über die Angriffe, denen er neuenlings in der Brabanier 
Kan/.lertrage ausgesetzt gewesen war: nur die VorsleDnngeii 
des Entherzi^ bewogen ihn damals, wie er selbst bemerkt. 
von diesem VorhaWn abzustehen.*^ Er mochte wohl all dessen 
eingedenk sein, als er in dem Augenblicke, da er Brüssel Ar 
immer verliest, an den Erzherzog schrieb: ^ien Sie aber 
zeugt, das* ich als den schönsten Augenblick meines 
jenen Moment erachte, in welchem mich glücklichere 
wie\ler zu Eurvr köniirl. Hoheit tubren werden: denn icb bin 
ont^chKvsisen, in der schwierigen Beamtenlanfbahn. die ick seit 
äS J,^hr\^n vertelirt», nur unter der Betlimnmsr ausznbarren. i^» 
dies unter lhr\T Leitung: der Fall ist."^ Und die sieieifee Ter- 



» ErBh^rivy Carl w d^c KA£<«r. RrtÄwI. den 2»>. JoU ITML O 
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^v,^ ^uJT A -A 
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Belgi«D unter der GeneraUtstthaltorHchaft Erzherzog CarU (1793, 1794). 71 

Sicherung kehrt auch in einem Schreiben wieder, das er, bereits 
auf der Reise nach Wien be^fFen, an den Erzherzog richtete. ^ 
Erzherzog Carl hatte, obgleich ihn sein Beruf als General- 
statthalter an Brüssel kettete und er nur ab und zu sich in das 
Hauptquartier begeben durfte, auch die Vorgänge auf dem 
Kriegsschauplatze nie aus dem Auge verloren, und seine Briefe 
an den Kaiser sowohl, als an den Herzog Albert beweisen, dass 
er ein scharfer Beobachter und Beurtheiler dereelben schon in 
jungen Jahren war. In Folge dieses Umstandes und der meist 
zutreffenden kritischen Bemerkungen, mit denen der Erzherzog 
die Vorgänge im Felde begleitete, erheben sich jene Briefe zu 
Geschichtsquellen von nicht zu unterschätzender Bedeutung. So 
glaubt man das Urtheil eines modernen Kriegsschriftstellers * zu 
vernehmen, wenn sich Carl über den Angriff auf das Cäsar- 
lager folgendermassen äussert: ,Die Operation gegen das Cäsar- 
lager war an sich gut, doch glaube ich, dass, wenn wir ihn 
mit grösserem Nachdrucke (rapidit^) unternommen, wenn wir 
die französische Armee sofort verfolgt hätten, als sie sich aus 
ihrer Position zurückzog, wir sie hätten schlagen und ft\r das 
ganze Jahr ausser Stand setzen können, sich im Felde zu be- 
haupten, was ja der Zweck dieser Operation war. Indem wir 
dies nicht vermochten, haben wir einen Monat mit Märschen 
und Gegenmärschen verloren, und der Feind kann heute, wenn 
er will, seine alte Position wieder einnehmen. Das war die Ur- 
sache der Zerwürfnisse, zu denen es zwischen dem Prinzen von 
Hohenlohe und dem Herzog von York kam. Letzterer wollte 
den Feind verfolgen, da aber Ersterer es nicht wollte, blieb 
dem Herzog von York nichts übrig, als die Verfolgung mit 
einiger englischer und hannoverischer Cavallerie auszuführen. 
Unsere Truppen blieben auf ihrem Platze, ohne jenen zu fol- 
gen und ohne sie zu unterstützen, obgleich der Herzog von 
York dem Namen nach die ganze Colonne commandirte. Dies 
imd ausserdem das rauhe Wesen des Prinzen von Hohenlohe, 
der, obschon der rechtschaffenste Mann der Welt, nicht auch 
der höflichste ist, verbunden mit dem grossen Unterschiede, 
den man in Allem zwischen ihm und Mack findet, gab Anlass 

* Mettemich an Erzherzog Carl. Beurath (Bayreuth?), le 26 aoftt 1794, 

Orig. eig^. A.-A. 
' Vergl. Witzleben, Prinz Fri«Mlrich Josias von Coburg II, 263 ff. 



72 VI. Abbasdlnng: v. Zeissberg. 

ZU Klagen und wird ihm, wie ich fürchte, Unannehmlichkeiten 
bereiten/ ^ 

Nicht minder interessant ist, was Erzherzog Carl über die 
bevorstehende Belagerung von Maubeuge, die bekanntlich fehl- 
schlug, bemerkt. Man sieht es seinen Worten deutlich an, dass 
er zur Ansicht Clerfayt's,* Hohenlohe's und Tauentzien's neigte, 
welche vielmehr die Belagerung von Landrecies empfahlen. 
Letztere thaten dies, weil sie die Belagerung von Maubeuge 
für schwieriger erachteten. ^ Anders der Erzherzog. ,Landrecies,' 
bemerkt er, ,wäre für uns und die gemeine Sache der wich- 
tigste Punkt. Es ist ein Platz der zweiten Linie, wir wären 
dadurch im Stande, in weitem Umkreise zu fouragiren und das 
Land in Contribution zu setzen. Landrecies würde ab Vor- 
posten für Maubeuge und Lo Quesnoy dienen, doch ftirchte ich, 
dass die Engländer, denen ihr Interesse mehr als das gemein- 
same am Herzen Hegt, von der Belagerung von Dünkirchen 
nicht ablassen^ und dass wir uns dazu werden entschliessen und 
dies schwierige Unternehmen noch vor den Winterquartieren 
ins Werk setzen müssen. Dann werden wir einen Cordon von 
Plätzen haben, um unsere belgischen Provinzen vor feindlicher 
Invasion zu decken; wenn wir aber fortfahren, auf dieser Seite 
zu agiren, so werden wir noch zwei Linien von Festungen vor 
uns finden, alle Schwierigkeiten, die wir bisher hatten, werdeo 
sich von Neuem zeigen, und wir werden weniger Mittel be- 
sitzen, sie zu besiegen, als wir in diesem Jahre hatten. Diese 
Revolution und dieser Krieg sind von allem Andern ganz ver 
schieden; man kann nichts vorhersagen und das Ende nicht 
voraussehen. Kommt der Kaiser, so wird er Vieles selbst sehen, 
was er nicht weiss oder was man ihm unter einem falschen 
Gesichtspunkte darstellt.' * 

Um so tiefer beklagte er den Ausgang der Belagerung 
von Maubeuge. ,Oott gebe!' ruft er aus, ,das8 wir bald durch 



^ Ersherzogr Carl an Herzog Albert. Bnixelles, ce 8 septembre 179S. Orig. 
eig:. A.-A. Vergl. Witzleben, a. a. O. 11, 264, dessen Angaben hiedvrch 
eine willkommene Ergänzang oder vielmehr Widerlegung erfahren. 

' Vergl. Fersen II, 97. Nach diesem war aber auch Hohenlohe dagegen. 

• Vergl. Witzleben a. a. O. 

* Erzherzog Carl an Herzog Albert. Bmxelle.s, ce 10 octobre 1793. Orig. 
eig. A.-A. 



B«lfMn unter der Gtnenlttatthaltenichaft Enheraof Carls (1793, 17M). 73 

einen Sieg diesen Schandflecken auswetzen. Ich glaube gewiss, 
wir können nichts Besseres thun, als den Feind aufzusuchen 
und uns alle MtLhe zu geben, ihn mit Vortheil anzugreifen, wo 
wir dann ihn ohne Zweifel schlagen werden/ ^ ,Man weiss/ 
klagt er ein anderes Mal, ,gewöhnlich nicht, wo sich die feind- 
lichen Streitkräfte befinden; sie werden plötzlich erscheinen da, 
wo wir sie am wenigsten erwarten, und das kann uns recht 
übel bekommen/^ 

Erzherzog Carls Bemerkungen beschränkten sich übri- 
gens nicht auf den belgischen Kriegsschauplatz; auch die Vor- 
gänge am Oberrhein zieht er in Betracht. Er bezeichnet es als 
einen grossen Fehler, dass Wurmser den König von Preussen 
an dem Angriffe auf Saarlouis gehindert habe. ,Die Einnahme 
dieses Platzes hätte das Trier'sche und Luxemburgische ge- 
deckt, unsere Verbindung mit Deutschland abgekürzt und ge- 
sichert, und die preussische Armee würde gute Winterquartiere 
an der Saar gewonnen haben. Statt dessen theilen wir unsere 
Kräfte, wenn wir sie hätten vereinigen können, und statt der 
reeUen und sicheren Vortheile, die wir uns hier verschaffen 
konnten, suchen wir sehr wenig sichere an den Ufern des 
Rheins. Das ist meine Ansicht, wenn ich auch hier nur wenig 
in der Lage bin, darüber zu urtheilen.^^ Ebenso tadelte er 
Wurmser's Absicht, Strassburg zu belagern. ,Ich halte das fiir 
eine schlechte Speculation, auch ist die Jahreszeit bereits zu 
weit vorgerückt und seine Armee nicht stark genug zur Be- 
lagerung dieses Platzes. Saarlouis ist fiir . uns der wichtigste 
Punkt, und man vernachlässigt diesen über eine Chimäre.^* 

Ueber Frankreich befindet sich in den Briefen des Erz- 
herzogs aus jener Zeit folgende bemerkenswerthe Aeusserung: 
,In Frankreich wird die Confusion immer ärger, und Gaston 
scheint das Uebergewicht zu bekommen. So glücklich das für 
ans ist, und so sehr es wahr ist, dass das das einzige Mittel 
ist, um einen König wieder auf den Thron zu bringen, so 
wenig muss man sich doch darüber betrügen. Was immer fiir 

* Erzherzog Carl an den Kaiser. Brüssel, den 20. October 1793. Orij^. eig. 
' Erzherzog Carl an Herzoge Albert. Bmxelles, ce 11 novembre 1793. Orig. 

eig. A.-A. 
' Derselbe an denselben. Braxelles, ce 8 septembre 1793. Orig. eig. A.-A. 

* Derselbe an denselben, le 5 octobre 1793. Orig. eig. A.-A. 



74 VI. Abhandlung: ▼. Zeissberg. 

eine Partei die Oberhand erhalten wird, so wird sie uns gewiss 
immer feind sein, keine wird leiden wollen, dass wir Eroberun- 
gen über Frankreich machen, und soUten sie sich auch fbr den 
Augenblick diu'ch eine grosse Uebermacht gezwungen sehen, 
ruhig zu bleiben, so werden sie doch immer wieder suchen, 
was man ihnen wird abgenommen haben, mit Frankreich .wie- 
der zu vereinigen/^ 

Unermüdlich war der Erzherzog, soweit sein Einfluss 
reichte, in der Theilnahme für die Armee. ,Es wäre überflüs- 
sig,' schreibt gelegentlich Mettemich, ,dem durchlauchtigsten 
Generalgouvemeur zu empfehlen, sich der Witwen und Waisen 
der braven Soldaten zu erinnern, die in diesem Kriege sterben, 
da dieser Prinz auf das Eifrigste beflissen ist, dass die Gnaden- 
bezeigungen am rechten Platze ertheilt werden, namentlich, wie 
es recht und billig ist, so viel als möglich an Personen dieser 
Kategorie/ * 

Unter Anderem gab die mangelhafte Verpflegung der 
Verwundeten zu mancherlei Klagen Anlass. Nicht selten blieben 
sie in Brüssel stundenlang auf den Wagen liegen, allen Unbilden 
der Wittoning ausgesetzt. In den Hospitälern mussten oft xw« 
Verwundete in einem Bette untergebracht oder auf den Fo8S> 
boden oder auf Stroh gelagert wenlen, und Sttmden vergingen, 
bevor sie einen Verband erhielten.^ Es war eine Folge davon, 
dass im Spital zu Brüssel allein von iiOOO Mann täglich 28 bb 
30 Mann starben, was bei der aUerdings auffallend grossen 
Gesammtzahl von 14.(XX) — 15.000 Blessirten und Ejranken im 
Lande eine proportionelle t'lgKche Verlustziffer von 150 Mann 
ergab. * Der Zustand der Spitäler hatte daher schon seit länge- 
rer Zeit die Aufmerksamkeit des Erzherzogs auf sich gelenkt 
Gehörte sie auch nicht in sein Ressort, sondern in jenes des 
Generalcommandos, so wendete er ihr doch den regsten Eifer 
zii. Ein Hauptübolstand war die geringe Anzahl von Militir 
Chirurgen. Er luit daher den Kaiser, Chirurgen ans Wien la 
senden, und richtete an das Generalcommando die Anfinge« ob 
es zidässig sei. den Militär- Ci\*ilchiru!^n zuzugesellen, sofeni 

^ EIniheni>|!r Cat\ an den Kniser. Bnlssel. den 21. Jnli 1793. Orir. op. 

* Metteniioh «n TniuttmÄnisd»^rtf. le ?> n«">vembre 1793. P.-S. 

' Tniamnanstiortr an Menemich. Vienne, le 3 novembi« 1793. Orifr. 

^ KrEhen^Y Carl an den KaL<er. BrÜ5wl. den 15. Norember 1793. Ori|r* ^- 



B«lgieii unter der Otneralstatthalterschaft Erzherzog Carl» (1793, 17M). 75 

diese aus der Civilcasse bezahlt werden würden. Freilich hatte 
bei der Eifersucht der Älilitärchirurgen, welche trotz der notori- 
schen Uebelstände und trotz ihrer ebenso notorisch ungenügen- 
den Anzahl behaupteten, dass die Kranken ganz gut versorgt 
und sie selbst für den Bedarf ausreichend seien, diese Mass- 
regel nicht den gehofften Erfolg. 

Ein besseres Verständniss für seine Intentionen fand der 
Erzherzog diesmal bei den Ständen, namentlich jenen von Bra- 
banty die unter dem Eindrucke der Depesche vom 15. November^ 
einen Theil des Zuchthauses von Vilvorde auf eigene Kosten 
zu einem Militärhospital fllr etwa 1200 Kranke adaptirten und 
überdies für dessen Erweiterung eine freiwillige Subscription 
veranstalteten, die einen günstigen Fortgang nahm, nachdem 
sich der Erzherzog für zehn Plätze an die Spitze gestellt hatte. 
Ueberdies that sich eine Anzahl von Brüsseler Büi^em unter 
dem Brauer Van den Esse zusammen, um den bürgerhchen 
Concertsaal als Krankendepöt einzurichten, während auch die 
Beggarde (Bogards) in Brüssel,* deren Zahl sehr zusammen- 
geschmolzen war, einen Theil ihres Conventes zu einem Hospital 
für 600 Personen zur Verfugung stellten.^ 

Das Beispiel von Brüssel, wo bald drei angesehene Btlr- 
ger als Opfer ihrer Nächstenliebe am Spitalfieber starben,* fand 
Nachahmung an anderen Orten. ^ Auch zu Namur veranstal- 
tete man Subscriptionen für die Militärhospitäler der Stadt. ^ 
Antwerpen erbot sich, 1000 Kranke zu übernehmen. Nur in 
Löwen sträubte sich die Universität, drei ihrer Collegien'' zu 
dem gleichen Zwecke zu überlassen, indem sie die Gefahr vor- 
schützte, die sich daraus für die Gesundheit der studirenden 
Jagend ergeben würde, ein Argument, dessen Gewicht selbst 
Mettemich zugestand. Anders der Erzherzog, welcher der An- 

' S. unten. 

• Ueber deren Convent, Wauters III, 478. 

• Delmotte an Maria Christine. Bmxelles, le 26 novembre 1793. Orig. eig. 
A.-A. — Metternich an Trauttmansdorif. Bmxelles, le 25 novembre 1793. 

^ Mettemich an Trauttmansdorif. Bmxelles, le 12 mars 1794. 

* Schon früher (31. März 1793) hatte man den Kapuzinerconvent zu Ath 
in ein Militärhospital verwandelt. Annales du cercle archSol. de Mons 
XV, 628. 

* Mettemich an Trauttmansdorff. Bmxelles, le 18 janvier 1794. Orig. 
^ Die Colleges de Bay, de Winckel und des Veterans. 



76 VI. Abhasdlnng: v. Zeissberg. 

sieht war, dass in diesem Falle der Humanität jede andere 
Rücksicht weichen müsse und daher unnachsichtig auf die 
Räumung der Gebäude drang. ^ Er handelte hierin unter voller 
Billigung der Bürgerschaft und der Stände. Dass die Proviso- 
ren der in Betracht kommenden CoUegien der ihnen drohenden 
Gefahr durch die rasche Vornahme von Bauten zu begegnen 
suchten, die deren Werth von 12.000 auf 40.000 fl. erhöhte, 
deren Fassungsraum aber beträchtlich minderte, hatte zur Folge, 
dass das Gouvernement an dem Entschlüsse, die Collegien in 
Hospitäler zu verwandeln nur noch entschiedener festhielt.' 

Freilich vermochte bei dem besten Willen der Erzherzog 
nicht allen Uebelständen zu begegnen, denen durch die Be- 
schafiung geeigneterer RäumHchkeiten nur zum Theile abge- 
holfen wurde, denn es traten noch manche andere und noch 
viel betrübendere Erscheinungen zu Tage. So fiel der Nach- 
lass der in den Militärhospitälern Verstorbenen gewöhnlich deD 
Krankenwärtern zu, woraus sich die Härte und Nachlässigkeit 
erklärte, mit welcher die Kranken von diesen behandelt wur 
den. Es gab Chirurgen, die nicht einmal von den Elementen 
ihrer Wissenschaft Kenntniss hatten. Mit Thränen in den Augen 
sprachen die Aerzte davon; einer derselben, Dr. van Leenpoel, 
überreichte jNIetternich eine darauf bezügliche Denkschrift. Es 
waren das, wie Mettemich mit Recht bemerkt, Uebelstände, 
denen nicht das Gt)uvemement, sondern nur die Militärverwal- 
tung begegnen konnte. 

Der Erzherzog unterliess es nie, sich verdienter Officiere 
anzunehmen. Die betreffenden Briefe an den Kaiser sind aach 
insofern von historischem Interesse, als in denselben hie und 
da von Waffenthaten der Empfohlenen die Rede ist, die sidi 
unter seinen Augen zugetragen hatten. So heisst es von dem 
Grenadierhauptmann Grafen Gyulay: ,Ich war Augenzeuge, da 
er von meiner Brigade war. Er hat sich so brav au^efthrt, 
dass Keiner braver thun kann. Den 22. (März), als sein Batail- 
lon gesprengt war, hat er 40 Mann, und das ohne Befehl von 
Niemand, gesammelt, den Feind freiwillig attaquirt, reponssiit, 
alle gesprengte Mannschaft zusammengerafft, auf den Feind 



^ Mettemich au Traottmaiisdoiff. BnixeUe:^ le it fevrier 1794. Otig, 
• Tnnittmanstlortf an Metteruioh. Vieime, le 20 man 1794. Ori|r. 



Belgien unter der Oenenüsiatthalterschaft Erzherzog Carls (1793, 1794). 77 

noch einmal losgegangen, ihn bis in Löwen und aus Löwen 
herausgejagt. Den 19. vertrieb er auch freiwillig, ohne Befehl 
von Niemand den Feind um Tirlemont und nahm ihm eine 
Kanone ab. Kurz, er hat sich so distinguirt, dass er, wenn er 
um das Commandeurkreuz einkommt — denn er hat schon das 
kleine Elreuz — es ohne Zweifel erhalten wird.* . . . Und in- 
dem ihn der Erzherzog zur Beförderung empfiehlt, fügt er bei : 
,Gyulai ist selbst so modest, dass er mich gar nicht darum an- 
gegangen und den Schritt, den ich gemacht habe, gar nicht 
weiss.' ^ Auch ftir den Oberst Mylius und den Obristwacht- 
meister Branowaczki, die Anspruch auf Auszeichnung zu haben 
glaubten, legte er sein mächtiges Fürwort ein. ,Ich kann Ihnen 
die Gerechtigkeit leisten, dass beide, besonders aber der Oberst 
Mylius, so lange sie unter meinem Commando standen, sich 
überall hervorgethan und dieser beständig ein detachirtes Corps 
zur allgemeinen Zufriedenheit commandirt hat.'' Ein anderes 
Hai gilt seine Empfehlung dem Obersten De Vay von Ester- 
hÄzy-Husaren. ,Du hast an ihm sowohl einen kreuzbraven Sol- 
daten, als auch einen Officier, welcher sehr geschickt und sehr 
in allem dem, was zum kleinen Krieg und zu den Vorposten 
gehört, zu brauchen ist. Die Art, mit welcher er voriges Jahr 
unseren Rückzug von Lüttich bis Köln deckte, unsere Vor- 
posten während des ganzen Winters commandirte, den Vortrab 
der Avantgarde durch die Campagnc führte und sich am 13., 
15., 16. und 18. März besonders hervorthat, wo er dann auch 
leicht blessirt wurde, haben ihn bei der ganzen Armee bekannt 
gemacht und den Beifall aller Generals und des Prinzen Co- 
burg selbst zugezogen, und ich muss ihm die Gerechtigkeit 
leisten, dass er, so lange er an mich angewiesen war, sich 
überall distinguiret und oft durch einen schnell gefassten Ent- 
schluss und durch Thaten, so er von sich selbst gethan, ohne 
Befehl zu erhalten, zu dem glückhchen Fortgang vieler AfFairen 
beigetragen hat.'^ 

Als die Regimenter Royal Allemand, Saxe und Berchiny 
in den kaiserlichen Dienst übernommen wurden, nahm sich 



* Erzherzog Carl an den Kaiser. Quiövrechaiu, 19. April 1793. Orig. eig. 
' Derselbe an denselben, Brüssel, den 15. November 1793. Orig. eig. 

• Derselbe an denselben. Brüssel, den 8. December 1793. Orig. eig. 



78 VI. Abhandlung: t. Zeissberg. 

Krzlicrzog Carl der vielen dadurch brotlos gewordenen Offi- 
ciere an und unterstützte aufs wärmste die Bitte derselben, 
welche dahin ging^ dass man sie wenigstens als supemumerSr 
bei den Kogimontem ftllu-c und ihnen Fourage und Brot- 
portionon zuweise, währtuid die in den Regimentern beibehal- 
tenen OiKieiere sich anheischig machten, sich in die Löhnung 
mit ihren einstigen Kameraden zu theilen. ,Diese armen Leute, 
so sich aus Liebe t\lr ihren König aufgeopfert haben, meist 
deutsche und gewiss brave Leute sind, verdienen gewiss eine 
Ktlcksicht, besonders da das dem Aerarium gar nicht zur Last 
fallen wird/^ 

Ebenso unterstützte Krzlierzog Carl die Bitte der einsti- 
giMi Ilauptleuto Lualdi und Dumont, die 1790 anlässlich der 
lleborgabo der Citadelle von Antwerpen an die Rebellen cassiit 
worden waivn und denen später im Gnadenwege eine Pension 
von je «KK) (Tulden zugestanden worden war, um Zuerkemmng 
der llauptmannsponsion, ila Erkundigungen, welche aber sie 
bei ihren einstigen Kriegskameraden eingezogen worden waren. 
in Bezug auf ihn* Uuschidd ziemUch günstig lauteten.* 

Um so strenger urtheihe Erzherzog Carl in all den FU- 
len, wo es sich um die Aufrechthaltimg miHtärischer DiscipEs 
und Ehn' handelte. Als sich die Stände von Henne^a uni 
Flandern t\lr zwei thticiere.^ welche die kaiserliche Aimce 
vorlassen und bei den Patrioten Dienst genommen hatleii und 
in Folge dessen kriegsrätliHch zum Tode verurtheilt word« 
waren, verwendeten, sprach sich der Erzherzc^ entschiedcB 
dagogi'u aus, in diesem Funkte nachzugeben, ,da es bei der 
Armee den üWlston Fimlruck machen würde, wenn OfficKfCL 
so ihnni Eid »rebrochon. desertirt. Cassen bestohlen, wider ihra 
Souverän goiliont haben und in etKgie aufgehangen werden 
sollten begnadisrt wonlen/ .Bios die Ehre maehu* ftgt er 
KU, ,dass unsort* IhMcioiv cut dienen, nimmt man ihiieii 
Triobfeiler wog vhUt sohwachi mar. sie. so wird unsere AivM 
eben so sohlecht als alle anderen/* Eben deshalb lelirsc te 

^ Krs.be n-y i'*r'. *xi xur. Kjü^^r. K:la» deu 13. Ucrciukp 17*3^ t>räp- mf 
• Krshorf.y Cari An d^r. K^is^r Bris*«?!, det ?• XoT^pinKer II^ML ^nc 



Belgien nnter der OenermlsUtthaUcrsi-haft Erzherzog Tarls (1793, 1794). 79 

die BefllrwortODg des neuerlicheu Äusucheus^ das La Marck um 
die Verleihung des Generaltitels an den Kaiser richtete, ab. 
^ch habe versprochen, Dir die Sache zu schreiben, aber unter- 
stützen kann ich diese Bitte nicht. Sollte es geschehen und ich 
hätte es empfohlen, so würde ich mir einen Vorwurf zu machen 
haben und die ganze Armee würde über mich aufgebracht sein.' ^ 
Niemandem unter allen Officieren der Annee wendete der 
Erzherzog lebhaftere Theilnahme zu als dem auch sonst von den 
Zeitgenossen vielbewunderten Obereten v. Mack, den er wieder- 
holt als seinen Lehrmeister in der höheren Kriegskunst bezeich- 
nete. Desto tiefer verletzte es auch ihn, als nach den grossen Er- 
folgen, von denen der Beginn des Feldzuges von 1793 begleitet 
gewesen war, dem Verdienste die Krone versagt zu bleiben 
schien, und um so schmerzUcher empfand er es, als Mack in 
seiner Verstimmung die Functionen eines Generalquartiermeisters 
niederlegte und, nachdem er von einer Wunde, die er bei dem 
Angrifife auf Famars davongetragen hatte, geheilt worden war, 
den Kriegsschauplatz verliess, um den liest des Jahres auf einem 
Oute in Böhmen zur Wiederherstellung seiner allerdings schwer 
erschütterten Gesundheit zuzubringen. So nachhaltig war der 
Eindruck, den damals Mack auf den jungen Erzherzog übte, 
dass dieser, als der Krieg im weiteren Verlaufe des Jahres 1793 
eine minder günstige Wendung nahm, auf ihn als den Retter 
in der Noth hinwies. 

VI. Reorganisation der Aemter des Gouvernements. 

Die erste Aufgabe, welche neben der nothwendigen Ein- 
richtung des erzherzogUchen Hof haltes an den Generalstatthalter 
and dessen Minister herantrat, war die Neubesetzung der Aemter. 
Denn in missverständlicher Deutung seiner Instruction hatte 
Mettemich das frühere Gouvernement, nämlich die Conseils 
collat^raux und die Chambre des comptes, vollständig aiifgelöst 
und dies durch die Bemerkung zu motiviren gesucht, dass über 
eine Massregel, von welcher Alle insgesammt betroffen wür- 
den, sich Niemand beschweren könne. ^ 

^ Erzherzog Carl an den Kaiser. BrUssel, den 21. Juli 17D3. Orig. eig. 
* Mettemich an Trauttniausdorff, le 20 mar» 1793. Vergl. TrauttmansdorflTs 
Weisungen vom 26. März und 2. April. 



80 VI. Abhaodlang: v. Zeitisberg. 

Während aber Mettemich sich mit Vorschlägen bezüglich 
der Neubesetzung nicht beeilte, hatte der Kaiser bereits auf die 
ersten Siegesnachrichten aus Belgien über die beiden wichtigsten 
Posten des Gouvernements verfügt. Der Chef-Präsident Crumpipen 
(der Jüngere^) und der Staats- und Kriegssecretär Feltz waren 
vor Allem jene Männer, bezüglich deren man der denselben un- 
günstigen öffentUchen Meinung Rechnung tragen zu sollen glaubte. 

Crumpipen, der durch 36 Jahre in verschiedenen Stellungen 
dem Staate die wichtigsten Dienste geleistet, hatte bereits selbst 
im Januar Mettemich zu Wesel mündlich um seine EntLassong ge- 
beten und am 8. März, angesichts der bevorstehenden Rückkehr 
des Gouvernements, von Köln aus diese Bitte auf schriftlichem 
Wege wiederholt.* Er war dadurch dem Auftrage an Mettemich' 
zuvorgekommen, der ihn in schonender Form, unter Aussicht auf 
günstige Pensionsbedingungeu und auf anderweitige Verwendung 
zu diesem Entschlüsse veranlassen sollte. Und ganz dasselbe war 
bezügUch Feltz' der Fall.^ Auch dieser hatte sich stets durch 
E^er und Anhänglichkeit an die Regierung hervorgethan, ab^ 
auch seine Enthebung wurde von der ,öffentlichen Meinung^ ge- 
fordert, da sie ihn als das Haupt jener sogenannten Christine- 
schen Partei bezeichnete, deren Streben darauf gerichtet sein 
sollte, dem früheren Statthalterpaare wieder zu seiner Stellung 
zu verhelfen, ein Vorwurf, den Feltz in einem Schreiben an Er»- 
herzog Carl mit der zutreffenden Bemerkung zu entkräften im 
Stande war, dass es ihm, falls er wirklich der Intriguant^ als 
den man ihn hinstellte, gewesen wäre, wohl willkommener hätte 
sein müssen, unter einem jugendlichen Statthalter zu dienen als 
imter einem Generalgouvemeur, dem vieljährige Erfahrung zu 
Gebote stand. ^ Auch er hatte eine ehrenvolle Dienstzeit von 21 
bis 28 Jahren hinter sich und demnach ebenfalls Anspruch auf 
rücksichtsvolle Behandlung. 

Diese wurde denn auch ihm und Crumpipen zutheil. Zum 
Chef und Präsidenten des geheimen Rathes aber wurde Fier- 
lant, bisher Präsident des grosen Rathes zu Mecheln, zum 



^ Henri Uermau Werner Frau^ois Autoine Cr. s. Biogr. nationale. 

' Crumpipen au Mettemich. Cologne, le 8 mars 1793. Copie. 

' Trauttmansdorff an Mettemich. Vienne, le 6 mars 1798. Orig. 

* Ebenda. 

^ Feltz an Erzherzog Carl. Mastricht, le 21 juin 1793. Orig. eig. A.-A. 




Belgien unter der Qeneralstatthaltorächftft Krahcrzog Carls (1793, 17M). 81 

Staats- und Eoiegssecretär der geheime Kath Müller und zu 
Fierlant's Nachfolger im grossen Rathe zu Mecheln der Staats- 
und geheime Rath Le Clerc ernannt. 

Was den geheimen Rath (Conseil prive) betraf, so wm'de 
von dessen früheren Mitgliedern De Aguilar in Ruhestand 
versetzt und sollte De Reuss nicht mehr in Betracht kommen. 
Dagegen wurden der Exconseiller von Brabant, Robiano, und 
der Pensionär der Chätellenie von Oudenarde, Rapsaet, für den 
geheimen Rath in Aussicht genommen. Demnach sollte dieser 
Conseil zunächst aus den früheren Mitgliedern: dem älteren 
Limpens, Le Vieilleuze, De Berg und Van der Fosse, von denen 
jedoch Berg stets kränklich war, und aus den neu hinzutreten- 
den Mitgliedern Robiano und Rapsaet bestehen. Robiano sollte 
die Ernennung zur Entschädigung flii* die Verluste dienen, 
welche er wegen seiner Anhänglichkeit an den Hof im Jahre 1787 
erlitten hatte, dagegen die Ernemiung Rapsaet's, der sich zur 
Zeit der Revolution nicht tadellos verhalten hatte, als ein Opfer 
gelten, das der Kaiser dem Lande, und zwar zunächst der 
Provinz Flandern bringe.^ 

Da indess weder Robiano noch Rapsaet in den geheimen 
Rath eintreten wollte,^ sali sich endlich Metternich zu Gegen- 
vorschlägen veranlasst, wobei er von dem Grundsatze ausging, 
dass man auf die verschiedenen Provinzen Rücksicht nehmen 
und sich bei der Wahl an Personen halten müsse, die ,das Ver- 
trauen^ des betreffenden Landes, oder sagen wir vielmehr jenes 
der Stände besässen. Eben weil sie dies Vertrauen nicht zu ge- 
messen glaubten, hatten Rapsaet und der von dem Minister in 
Aussicht genommene Flandrer Mullie, Greflier zu Courtray, ab- 
gelehnt. Bei Baron Josef Bartenstein, dem einstigen Conseiller 
von Brabant, stiess er auf denselben Widerstand. Doch wusste 
ihn Metternich zu bewegen, einer etwaigen Ernennung durch 
den ELaiser Folge zu leisten, und der Minister hoffte, dass der 
£jitschluss Bartenstein's, der sich im Volke des grössten An- 
sehens erfreute, auch auf Rapsaet und Andere günstig zurück- 
wirken werde. Da Metternich an dem bisherigen Status von 
sechs Mitgliedern festhalten zu sollen glaubte, da jedoch von 



^ Trauttmaunsdorif au Metternich. Vienne, le 11 mars 1793. eig. 
' Metternich an Trauttmansdorflf. Bruxelles, le 19 avril 1793. Copie. 
Sitxungsber. d. phil-hist. Ol. CXXYUI. Bd. 6. Abb. 6 



82 VI. AbhandliiDg: v. Zeissberg. 

den früheren Mitgliedern Le Clerc, nunmehr Präsident de» 
Grand-Conseil, der Staatsseerctär Müller, ferner Van der Fosse, 
der um seine Entlassung gebeten hatte, Aguilar und Berg, die 
im Auftrage des Hofes pensionirt werden sollten, nicht in Be- 
tracht kommen konnten, demnach der Conseil auf zwei seiner 
früheren Mitglieder, den älteren Limpens und Vieüleuze, zu- 
sammenschrumpfte, von denen aber auch der Letztere sich um 
die durch den Tod Pepin's erledigte Präsidentschaft von Toumay 
bewarb, so waren für den Fall der Gewährung dieser Bitte, 
und falls, wie Mettemich es wünschte, Berg vorläufig noch auf 
seinem Posten belassen wurde, vier Stellen zu besetzen, für 
welche er Bartenstein, Rapsaet oder eventuell einen anderen 
Flandrer, Du Rieux aus Hennegau und den ehemaligen Pen- 
sionär der Stände von Namur Petit- Jean de Prez in Vorschlag 
brachte. ^ 

Nun wünschte man aber in Wien, dass in Anbetracht der 
Menge rückständiger Geschäfte, die der Conseil priv^ aufisu- 
arbeiten habe, derselbe aus sieben Mitgliedern bestehen möge^ 
von denen sechs sofort in Activität zu treten hätten. Und wenn 
auch der Kaiser die Auswahl der Individuen im AUgemeinen 
dem Minister anheimstellte, so begleitete Trauttmansdorff dodi 
die Personalvorschlägc des Letzteren mit verschiedenen Gegen- 
bemerkungen. Eben wegen der zahlreichen Geschäfte, welche 
demnächst zu erledigen seien, wünschte er nicht, dass Berg dem 
Conseil fernerhin angehöre, er bedauerte aber aus eben diesem 
Grunde, dass Van der Fosse um seine Enthebung nachgesucht 
habe, und wünschte, dass man denselben veranlassen möge, 
wenigstens vorläufig noch im Amte zu verbleiben. Gegen Petit- 
Jean machte man seine prononcirtcn Anschauungen^ geltend 
und schlug statt dessen ftU* Namur den Pensionär der dortigen 
Stände Fallen vor.^ Auch Bartcnstcin's Ernennung flösste Be- 
denken ein, da man sich nicht dem Vorwurfe der Vereinigung 
der wichtigsten Aemter in den Händen einer Familie aussetzen 
wollte, der insoferne erhoben werden konnte, als die beiden 
Bartenstein mit dem neuen Chef et Pr<58idcnt, dem Tresorier 

^ Mtitturnich an Trauttmutisdorfi', lo 23 niai und lo 3 juiu 1793. Copie. 

' Des prini'ipo8 un pou outres. 

^ Trauttmansdorff an Metternich. Vieuue, le 3 juin 1793. Orig. 



BeiffiMi uitor d«r Ooienastetth&lterschaft Erzhenog Carl» (1793, 17M). 83 

genend (De Sandrouin) und dem Staatssecrctär verwandt waren. 
Das siebente Mitglied des Conseil priv^ sollte den höheren Justiz- 
tribanalen entnommen werden^ und man wies auf den Rath an 
dem Conseil von Hennegau Antoine hin. 

Mettemich bestand indcss auf seinen Vorschlägen und auf 
der vorläufigen Beschränkung des Conseils auf sechs Mitglieder^ 
da es schwerfalle, auch nur diese Zahl ausfindig zu machen. 
Er bat daher nochmals, dass man Berg vorläufig belassen möge, 
da Van der Fosse bei seiner erschütterten Gesundheit zu länge- 
rem Verbleiben im Conseil nicht zu bewegen und es, um nicht 
den Zusammenhang der Geschäfte zu verUeren, nöthig sei, dass 
wenigstens vorderband einige der früheren Mitglieder beibehalten 
würden. Gtegen Fallen machte Mettemich sein jugendliches Alter 
geltend. Neuerdings betonte er die Nothwendigkeit, die Mitglieder 
des Conseil privä aus den verschiedenen Provinzen zu wählen, 
namentlich legte er Werth auf die Vertretung Luxemburgs, da 
die EigenthümUchkeiten dieses Landes denen, die nicht daselbst 
gewohnt, wenig bekannt seien, und da in diesem AugenbUcke 
der Conseil privö einen sehr befähigten Beisitzer an dem Staats- 
radie Le Clerc verliere. Auch hielt der Minister den Vorschlag 
Petit-Jeans aufrecht, den er gegen Verleumdung in Schutz nahm. 
£2r schlug also neuerdings ausser dem Chef et President und 
den Käthen Limpens (rainö), Vieilleuze und Berg zu Käthen: 
Du Kieux, Bartenstein und Petit -Jean vor. Die früheren drei 
Secretäre, darunter ein supemumerärer, und die Subaltem- 
beamten sollten wieder eingesetzt werden.^ 

In Wien trat man zwar auch jetzt noch für eine Ver- 
stärkung der Mitgliederzahl des Conseil prive ein ; auch tadelte 
man, dass Mettemich bei dieser Frage nicht die Conferenz zu 
Rathe gezogen habe.^ Doch ehe noch diese Weisung nach 
Brüssel gelangen konnte, war hier der Conseil priv(5 bereits in 
der von Mettemich zuletzt vorgeschlagenen Zusammensetzung 
reactivirt* Am 28. Juni nahm der Erzherzog die Eidesleistung 



* Mettemich an Trauttmaiisdorff. Bruxelles, le 15 juin 1793. Copie. 
' Tranttmansdorff an Mettemich. Vienne, le 27 juin 1793. 

* Derselbe bestand aus: Ficrlant als Präsidenten, dem älteren Limpens, 
Vieilleuze, De rilove, Do Berg, Du Rieux, Barteustein und Petit- 
Jean. 



84 VI. AbhftndluDg: t. Zeissberg. 

des neuen Clief et President entgegen.^ Am 1. Juli Morgens 
trat der Conseii priv(^ selbst zusammen und wurde von dem 
Minister mit einer passenden Anspraehe eröffnet. Aguilar schied 
aus dem Couseil prive^ und das Gleiehe stand bezüglich De 
Vieilleuze's zu erwarten^ falls ihm die Präsidentschaft des Con- 
seils von Tournay zutheil wurde. 

Die neue Besetzung des Conseii privö wurde nachträglich 
von dem Kaiser genehmigt^ dagegen blieb der Antrag Metter- 
nichts, aus diesem Anlasse Aguilar, Limpens und Le Vieilleuae 
den Titel von Staatsräthen zu verleihen, vorläufig unerledigt 

Die weitere Ergänzung des Conseii privö, wie sie der 
Kaiser wünschte, wurde erst im folgenden Jahre (1794) in An- 
griff genommen, wobei, wie bei der Ergänzung der Conseils 
collat^raux Uberliaupt vor Allem auf jene Personen Rücksicht 
genommen werden sollte, die in letzter Zeit auf Verlangen der 
Stände aus ^unfruchtbarer Gefälligkeit^ gegeii dieselben pen- 
sionirt worden seien.* 

Dem Herkommen gemäss wurden die eingelaufenen Ge- 
suche, darunter jene der früheren Conseillers am Conseii von 
Brabant Mercx und Bois St.-Jean und des Advocaten am Cob- 
seil von Luxemburg, Franck, zunäclist (2. April) dem Conseii 
privö selbst zur Aeusserung zugesandt, sodann letztere der Con- 
ference zu weiterer Berichterstattung mitgetheilt. 

Das Gutachten des Conseii prive ging von der wohl gani 
zutreffenden Betrachtimg aus, dass es, sowie jederzeit, namenl- 
lich auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen von der grössten 
Bedeutung sei. dass eine Körperschaft, in deren Schoosse An- 
gelegenheiten der Legislative, der Justiz und der höheren Polini 
des ganzen Landes verhandelt würden, mit Männern besetil 
werde, welche sich bereits in anderen Aemtem bewährt hätton 
und die zugleich allseitig Achtung und Vertraaen genössen. 
Daher habe man stets mit VorÜebe verdiente Mitglieder der 
höheren Gerioht^höfo, begabte Beamte des Gouvernements oder 
geachtete Pensionäre der Stände oder der Städte in VorscUag 



Mvuitcur Nr. ll^. IWh führ: der übrigens wenig veriäaüicke Gütiadiür 
«le U cour vou ITiH »uoh uvK*h d'Afuilar aud Beuss 

* Moiüteur Nr. ll^i^. 

* Trauttman$«lorir an Metieniich. le 11. le lö maz« \7^L 



Belgien unter der Qenentlstattbaltemch&ft Erzherzog Carls (1793, 1794). 85 

gebracht Auch darauf habe man geachtet, dass nicht zu viele 
Mitglieder einer und derselben Provinz entnommen, vielmehr 
bei der Auswahl die vorzüglichsten Provinzen und die verschie- 
denen Justiztribunale in Betracht gezogen würden, um sich so 
die genaueste Kenntniss der mannigfachen Gesetze der ver- 
schiedenen Provinzen zu sichern. Daher glaubte der Conseil 
priv^ sich nicht lediglich auf eine Begutachtung der einge- 
reichten Gesuche beschränken, sondern auch sonst im Kreise 
der Tribunale und Magistrate Umschau halten zu sollen, zumal 
es bekannt sei, dass die ausgezeichnetsten Mitglieder der letz- 
teren in der Regel nicht petitionirten, wenn sich ihnen nicht 
zuvor Aussicht auf Erfolg erschlösse. 

Auf Grund dieser Erwägungen schlug der Conseil priv^ 
(Berichterstatter de le Vieilleuze) den Conseiller am Conseil 
von Brabant, Charlier, und den Conseiller am Grand conseil von 
Mecheln, Pouppez, vor, von denen jener ein ebenso genauer 
Kenner der Geschichte, Gesetze und Gewohnheiten von Brabant, 
als dieser in den Gesetzen und dem Herkommen namentlich 
Flanderns bewandert und beider Landessprachen kundig sei, 
und von denen der Letztere noch in der Blüthe der Jahre 
stehe, während gegen den Erstercn nichts als sein Alter geltend 
gemacht werden könnte, wofern man nicht wüsste, dass er sich 
einer festen Gesundheit erfreue. Für den dritten Platz schlug 
der Conseil prive einen Flamändcr vor; zwar wusste er selbst 
nicht eine geeignete Persönlichkeit ausfindig zu machen, nament- 
lich nicht unter den Mitgliedern des dortigen Conscils; doch 
schien ihm unter den dortigen Magistratspersonen der Conseiller 
pensionnaire des Franc de Bruges Sola die meiste Eignung zu 
besitzen. Gegen Mercx und Bois St. -Jean machte man geltend, 
dass beide Brabanter seien. Da nämlich ausser dem Chef et 
President bereits zwei Conseillers geborene Braban90ns waren 
und das Gleiche von Charlier galt, dem der Berichterstatter 
jedenfalls den Vorzug vor jenen Beiden gab, so war der 
Conseil bereits zur Hälfte aus Brabantem zusammengesetzt. 
Ausserdem wendete man gegen Mercx und Bois St. -Jean ein, 
dass beide nur kurze Zeit im Conseil von Brabant gesessen, 
und dass die Art ihres Eintrittes in den Conseil von Brabant 
im Publicum Misstrauen erregt habe, das, so ungerecht dies 
auch sein möge, doch auch auf den Conseil prive sich aus- 



86 ^- Abhandlang : v. Zeissberg. 

dehnen würde, falls sie demselben als Mitglieder angehörten. 
Franck endlich zog man gar nicht ernstlich in Betracht, da 
er blos kurze Zeit Richter erster Instanz in Luxemburg ge- 
wesen sei. 

Der Referent der Conferenz Robiano pflichtete im Ganzen 
dem Vorschlage des Conseil priv^ bei. Namentlich stellte auch 
er CharUer, mit dem er selbst seit 1768 im Conseil von Brabant 
gesessen hatte, das günstigste Zeugniss aus ; wohl habe er, fügte 
Robiano bei, seither manchen Tadel wider denselben vernommen, 
doch wisse er nicht, inwieweit derselbe begründet sei. Beson- 
deren Nachdruck aber legte der Berichterstatter auf die Kennt- 
niss der vlämischen Sprache, da sonst in Folge der vielen Ein- 
gaben in diesem Idiom die ganze Arbeitslast auf ein paar 
Mitglieder falle. Sonst nannte er nur noch den pensionirten 
Conseiller Bara, der seine beiden CoUegen Mercx und Bois 
St. -Jean entschieden überrage, aber des Vlämischen nicht mäch- 
tig und zu kurze Zeit im Conseil gewesen sei, um jene Kennt- 
nisse zu besitzen, die der blosse Beruf eines Advocaten nicht 
schaffe. Ueberdies gelte von ihm, was der Conseil priv6 von 
der grossen Anzahl von Brabantern in seiner Mitte bemerkt habe. 

Lannoy und Müller gaben in der Conferenz besondere 
Voten ab. Lannoy machte vor Allem darauf aufmerksam, dase 
De le Vieilleuze demnächst den Conseil priv^ verlassen werde, 
dass De Berg, der in Folge dessen das älteste Mitglied des 
Conseil priv^ werde, diesem erst seit 1787, und zwar mit Unter- 
brechung von fast zwei Jahren angehöre, dass endlich die zwei 
übrigen Mitglieder erst seit acht oder neun Monaten dieser 
Körperschaft angehörten, dass auch der Chef et Präsident seil 
etwa 17 bis 18 Jahren den Geschäften des GouvemementB 
femegestanden habe, dass also nach Abgang De le Vieilleuze's 
es im Conseil prive eigentlich Niemand gebe, der auf dem Lau- 
fenden der Geschäfte sei. Was die Vorzuschlagenden anbelangte, 
war auch Lannoy der Meinung, dass der Eine darunter ein 
Flandrer sein müsse. Ueber Charlier's Verdienste gebe es nur 
eine Stimme, er sei wohl alt, aber noch thatkräftig. Dag^en 
beschuldige man ihn, dass er während der Unruhen Vonckist 
gewesen sei und durch vier bis fünf Monate die Functionen eines 
Fiscals versehen, dann aber sich zurückgezogen habe. Doch auch 
angenommen, seine Ansichten seien tadellos, so sei es, meinte 



Bellen unter der Qener»l8tatthalt«rRchaft p:rzherzog Carls (1793, 1794). 87 

Lannoj, nicht zu empfehlen, ihn aus dem sowohl was Talent, 
als was die Gesinnung der Mehrheit seiner Mitglieder betreffe, 
ungünstig zusammengesetzten Conseil von Brabant zu entfernen. 
Gegen Pouppez hatte Lannoy nichts einzuwenden. Sola sei ihm 
durch seine trefflichen Arbeiten auf dem Gebiete der Municipal- 
administration wohl bekannt; er habe vor Allem dazu beige- 
tragen, den Franc de Bruges in gute Stimmung zu versetzen, 
doch sei ihm unbekannt, ob derselbe mit den Principien der 
Verwaltung im Grossen vertraut sei. In Bezug auf Mercx und 
Bara schloss sich Lannoy dem Votum Robiano's an. 

Staatssecretär Müller hinwiderum fand, dass es überhaupt 
keine Auswahl gebe. Charlier kenne er nicht; ihm genüge aber, 
dass das Volk über dessen Grundsätze in Zweifel, und dass er 
ein wenig zu alt sei. Gegen Pouppez hatte er nichts vorzu- 
bringen. Für Sola spreche, dass er ein Flamiinder sei und die 
Empfehlung Maroucx', der denselben stets als einen unterrich- 
teten, gemässigten, klugen Mann gerühmt, welcher mit allen 
Parteien gut stehe, und gegen den die öffentliche Stimme nichts 
einzuwenden habe. Müller sprach sich also blos* für Pouppez 
und Sola aus. Bezüglich der drei Conseillers von Brabant theilte 
er die Ansicht des Conseil privö und meinte, dass es nicht auf 
die Ersparung einer Pension ankomme, wo so wichtige Inter- 
essen im Spiele seien. Unter den Competenten befand sich auch 
der Pensionär der Stände von Limburg, Wildt. Auch gegen ihn 
wurde, ob mit Recht oder nicht, geltend gemacht, dass er 
Vonckist sei. Es sei, schloss Müller, sehr zu beklagen, dass sich 
eine so geringe Auswahl darbiete, aber man müsse bedenken, 
dass das Land noch immer in drei Parteien getheilt sei, und 
dass man keine exaltirte Persönlichkeit selbst aus der gutge- 
sinnten Partei in Vorschlag bringen dürfe. Das Alles schränke 
gar sehr die Wahl ein, wenn man die Eigenschaften im Auge 
behalte, die ein geheimer Rath besitzen müsse. Dazu komme, 
dass man innerhalb weniger als einem Jahre den wichtigsten 
und ersten Conseil des Landes vollständig erneuern müsse, 
während man sonst nur höchstens alle drei oder vier Jahre ein 
Mitglied für den geheimen Rath zu wählen habe. Auch Metter- 
nich sprach sich im Sinne MüUer's gegen Charlier und blos flir 
Pouppez und Sola aus und beantragte, den dritten Platz vor- 
läufig offen zu lassen und erst später, etwa im Zusammenhange 



88 VT. Abb&ndlQDg: v. Zeissberg. 

mit der schon damals geplanten Umgestaltung der Conferenz, 
ßobiano auf denselben zu berufen.^ 

Im Mai 1794 wurden vom Kaiser Bara, Pouppez und Sola 
zu geheimen Käthen ernannt. Insbesondere sollte, wie Trautt- 
mansdorff bemerkt, die Ernennung des Ersteren zum Beweise 
dienen, dass man nicht auf die vergesse, welche ,der Autorität' 
ergeben seien. ^ Und aus demselben Grunde wurde im geheimen 
Rathe dem bisherigen Conseiller von Brabant Bara, den UbrigeuB 
auch Metternich als einen ,sehr honneten und fUr die Stelle sehr 
geeigneten Mann' bezeichnet,^ der Vorrang vor Pouppez einge* 
räumt, obgleich sonst die Conseillers am Grand Conseil, aas 
deren Reihen der Letztere hervorging, im Range den Conseillers 
priv^s so ziemlich gleich zu stehen pflegten.* 

Es ist wohl als eine Folge der Besetzung des Conseil privi 
mit diesen neuen Mitgliedern zu betrachten, dass endlich, am 
8. Juni 1794, De le Vieillcuze auf den seit zehn Monaten ver 
waisten Posten eines President Grand -Bailli des Conseil von 
Tournay-Tournesis mit Belassung seiner bisherigen Bezüge ve^. 
setzt wurde. ^ 

Mindere Schwierigkeiten als die Wiederbesetzung des Con- 
seil privö bereitete jene des Conseil des finances. Es haur 
delte sich blos um Ersatz der zwei Räthe Limpens und Lannoji 
von denen jener nach des Kaisers Wunsch nicht mehr in Be- 
tracht kommen sollte,^ dieser in die Conferenz tibergetreten war. 



^ Metternich an Trauttmansdorff, 30 avril 1794, sammt Beila^n. Denelbt 

an Erzherzog Carl, le 3 mai 1794. Orig. eig. A.-A. 
' Trauttmansdorff an Metternich. Brnxelles, le 8 mai 1794. Orig. 
' Metternich an Erzherzog Carl, le 8 mai 1794. Orig. eig. A.-A. 

* Metternich an Trauttmansdorff. Hruxelles, le 8 mai 1794. Traattmam- 
dorff an Metternich. Bruxellos, le 9 mai 1794. Orig. 

* Trauttmansdorff an Metternich. Bruxelles, le 8 juin 1794. Orig. 

* Trauttmansdorff an Metternich. Vienne, le 21 juin 1793: ,S. M. veut bidn 
approuver au.ssi que le conseiller des finances Limpens reste enoore em- 
ploy^ provisionnellement a lajointe des terres contest^es, mais d*aprte 
des renseignomens qui sont parvenus sur les principes de ce conseillari 
Fintention de S. M. n'est ancunement qu'il fasse partie da comit^ qa^ 
pourroit etre question d^6tablir pour Fadministration et goavemement 
interiour dos places fran(^i8es k conquerir.* Doch schlug die Stimmnng 
in Wion siiäter zu seinen Gunsten um; denn als er sich spKter danun 
bewarb, dass seine provisorische Stellung an der Jointe dos terres con- 
tost^t^s in eine definitive umgewandelt werde, wurde in Anbetracht ,d« 



BelgitD QDter d«r Oenemlitatthaltenchaft Erzherzog Carls (1793, 1794). 89 

Mettemich schlug ftlr die eine der erledigten Steilen den Cheva- 
lier Van der Dilft vor, der bereits Finanzrath war, aber bisher 
nicht in diesen Conseil eingetreten, sondern blos in der Jointe 
d'administration et du s^questre verwendet worden war und im 
Rufe eines genauen Kenners des Zollwesens stand. Für den 
anderen Posten hatte bereits Trauttmansdorff auf den Baron de 
Charvet, Conseiller et maitre an der Chambre des comptes hin- 
gewiesen, und Mettemich stimmte diesem Vorschlage zu. Zu- 
gleich sollten die früheren Greffiers, zwei ordentliche und zwei 
snpemumeräre, und ebenso die Subaltenibeamten wieder ein- 
gesetzt werden. Vorsitzender des Finanzrathes war der Tr^sorier 
gänöral Vicomte De Sandrouin. 

In der Folge gab gerade der Finanzrath häufig Anlass 
zu Klagen über Mangel an Subordination, die sich namentlich 
in einer abfälligen Kritik jener Anordnungen des Gouverne- 
ments äusserte, deren Zweck die Versöhnung der Parteien war. 
Die Verhandlungen in diesem Conseil nahmen oft einen recht 
stürmischen Verlauf, und der Tresorier gc^n^ral war nicht immer 
im Stande, den Ausbruch der Leidenschaften zurückzuhalten. 
Ueber manche Gegenstände fanden überhaupt keine Berathun- 
gen statt, und der Ton, in dem die Berichte dieser Körperschaft 
abgefasst waren, gab wiederholt zu ernster Rüge Anlass.^ 

Die Besetzung der Chambre de comptes bereitete in 
Folge der grossen Zahl von Bewerbern und der von denselben 
geltend gemachten Ansprüche vielerlei Schwierigkeiten,* so dass 
dieselbe überhaupt erst später, während der Anwesenheit des 
Kaisers (20. Mai 1794), erfolgte. Dieselbe sollte fortan aus 
8 Conseillers maitres, 12 Auditeurs und 2 Greffiers bestehen, 
'wie dies der Conseil des finances bereits 1791 vorgeschlagen 
liatte. Vorläufig sollten die bisherigen Beamten an derselben 
l>ela8sen werden, um die Rückstände aufzuarbeiten. Um den 
Präsidenten Kulberg zu entlasten, wurde demselben der Finanz- 



m^rite de cet excellent ouviier en mati^re des finances* nicht nur das 
Ansuchen g^ewKhrt, sondern ihm auch Titel und Rang eines ,Conseiller 
des finances* auf Grund seines frilheren Patentes vom Jahre 1770 be- 
lassen. Trauttmansdorff an Mettemich. Vienne, le 6 dccembre 1793. 
Orig. 

* Mettemich an Trauttmansdorff. Bmxelles, le 7 dccembre 1793. Copie. 

' Trauttmansdorff an Mettemich. HnixoHes, le 9 mai 1794. Orig. 



90 VI. Abbandlang: t. ZeittBberg. 

ratb Bartenstein als Vicepräsident zugesellt und Letzterem Titel 
und Rang eines Staatsrathes verliehen. Im Conseil des finances, 
wo er dem Cassenwesen vorgestanden hatte, wurde Bartenstein 
durch den Conseillcr maitre Barbier ersetzt.^ 

Hingegen ist die im Jahre 1794 beabsichtigte Errichtung 
eines ,Bureau h la recette g^nirale^, in dessen Ressort vorzüg- 
lich Anlehenssachen, die Assignationen k ordre imd die regel- 
mässig einlaufenden Dons gratuits fallen sollten, nicht mehr zu- 
stande gekommen.^ 

Die Zusammensetzung des Staats secretariates, dem 
nunmehr Müller vorstand, erfuhr keine wesentliche Aenderung. 
Dagegen wurde die frühere specielle Kanzlei des Statthalte^ 
paares nicht wiederhergestellt und die Secretäre derselben 
Pisiricht und Vicomte de Nieidant pensionirt.* 

Die sogenannte ,Direction des ctudes' hatte, wie alle 
öffentlichen Institute, durch die Unruhen der letzten Jahre er- 
heblichen Schaden erlitten. Sie war in Folge der Aufhebung 
des Jesuitenordens entstanden, 1791 wiederhergestellt worden. 
Damals hatte man in dieselbe nur zwei Assessoren fUr das 
Schulwesen aufgenommen: den ständigen Socretär der Aka- 
demie Abbe Mann und den Pater Janssens, Mitglied des Brüs- 
seler Augustinerconvents. Letzterer war aber im März 1792 
gestorben und seine Stelle bisher unbesetzt geblieben, während 
seine Functionen mit seinem Oehalte auf den Actuar Podevin 
übergingen. Natürlich konnte diese Vertilgung nur eine provi- 
sorische sein; ja die Erfahrung der drei letzten Jahre hatte ge- 
lehrt, dass zwei Assessoren zur Bewältigung der Menge literari- 
scher Arbeiten und eines Theiles der ökonomischen Geschäfte 
der Commission nicht ausreichend seien. Daher stellte die Stadien- 
commission selbst den Antrag auf Ernennung eines dritten Mi^ 
gliedes. Die Conferenz befürwortete den Antrag, zumal über 
den mangelhaften Unterricht in den königHchen CoUegien und 
über die Vemaehlässiirung dieses Zweiges der Verwaltung all- 



* TrÄuttmansdorff an Mottomich. Bnixelles, le 20 mai I7d4. Ori^. 

* Trauttnian.'wlorflF an Mettcnüch. Bnixelle«, le 10 juin 1794. Otig. 

* Note snr la conipnsition de la secretairerie d'etat. Broxelles, le 12 juin 
1794. Mottomich an Traiittniansdorff. Bnixelle«», le 15 juin, le 13 aoüt, 
le 30 soptcinbro 1793. Trauttmanitdorff an Mettemich, le 10 juillei, le 
25 aoüt, le 21 soptembre 1793. 



B«lffi«n onter der OeneraUtattbalterschaft Erzherzog Carls (1793, 1794). 91 

gemein geklagt wurde. Auch der Erzherzog unterstützte den 
Antrag; wohl, meinte er, sei die Mehrbelastung der Finanzen 
im gegenwärtigen Augenblicke misslich, aber man dürfe sich 
nicht täuschen darüber, dass, wenn man fähige Männer ftir 
dies Departement gewinnen wolle, dieselben entsprechend ge- 
stellt werden müssten. Auch sei nicht zu übersehen, dass der 
öffentliche Unterricht ein Erbe sei, das man von den Jesuiten 
übernommen, imd dem der Staat bisher nur geringe Summen 
zugewendet habe. 

Unter den Bewerbern um die beiden erledigten Stellen 
gab die Studiencommission dem bisherigen Actuar Podevin und 
Huart, der 1788 — 1789 Directeur des ^coles latines gewesen 
war, den Vorzug. Für beide sprach ihre umfassende Bildung, 
ftir Podevin überdies seine lange Dienstzeit, fllr Huart seine 
frühere Stellung. Allerdings wurde gegen den Letzteren ange- 
ftihrt, dass er sich seinerzeit den Ständen angeschlossen habe. 
Allein man wusste keinen passenden Ersatz für ihn, wollte sich 
auch den Ständen von Brabant, die sich fllr ihn interessh*ten, 
gefällig erweisen' und ging zugleich von der allerdings sonder- 
baren Ansicht aus, dass es sich ja nur um das Schulfach handle, 
das darüber hinaus keinen Einäuss übe. So wurde also Podevin 
zum zweiten, Huart zum dritten Mitgliede der Commission mit 
erhöhten Bezügen ernannt, während die Stelle eines Actuars 
dem Professor der Rhetorik an dem königlichen Colleg in 
Brüssel und Mitglied der Akademie Le Broussart zu Theil 
Wurde. * 

In Bezug auf die Besetzung der neugeschaffenen Con- 
ferenz zu Brüssel war beschlossen worden, dass das eine 
^er Mitglieder in den Finanzen, das andere in den Geschäften 
^e« Conseils bewandert sein müsse. Eben deshalb konnte auch 
Xücht ausschliesslich auf Stä