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Full text of "Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Classe"

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SITZUNGSBERICHTE 



DER KAISERLICHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE. 



ACHTER BAND. 



WEN. 

AUS DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 

IM COMMISSION BEI W. BRAUMULLER, BUCHHÄNDLER DE8 K. K. HOFES UND DER 
K. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

1852. 



SITZUNGSBERICHTS 



DER 



PHILOSOPHISCH-HISTORISCHEN CLASSE 



DEH KAISERLICHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



ACHTER BAND. 

Jahrgang 1852. Heft I— V. 



WIEN. 

AUS DER K. R. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 



IN COMMI88ION BEI W. BRAUMÜLLER, BUCHHÄNDLER DE8 K. K. HOFES UND DER 
K. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

1852. 



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INHALT. 



Seile 

Sitzung vom 7. Jänner 1652. 

Freiherr Hammer- Purgetatt, Über die Geisterlehre der Meelimen . 3 

Wocel, Bericht Oher eine kiwstarcfaäologiache Bereiaung Böhmens . % 

Sitxang vom 14. Jänner 1852. 

Freiherr Mammer-PmrgataÜ, Fortsetzung obiger Abhandlung, , 25 

Beidtel, Über österreichische Zustände in den Jahren 1740—1792. 
IV. Über den Charakter der CoaununaWerfassungeti (t740— 

1780) 26 

Sitanng vom 21. Jänner 1852. 

Freiherr Hammer-Pur gttaÜ, Fortsetzung obiger Abhandlung ... 39 
v. Kremer, Topographie von Damaskus und Mittel-Serien .... %1 

Verzeickmee der eingegangenen Druckschriften 16 

Sitaang vom 4. Februar 1852. 

Freiherr Hammer-PurgstaH, Fortaetzaog obiger Abhandlang ... 53 

Ckmel, Habsburgische Excurse III 5% 

Sitaung vom 11. Februar 1852. 

Freiherr Hammer-Purgstall, Schluse obiger Abhandlung .... 112 
Ferd. Wolf, Ein spanisches Frobnleichnamsspiel vom Todtantanz 11% 

Beidtel, Fortsetzung. V. Über die Entwicklung der Justizgeseta- 
gebung unter K. Joseph II. in Hinsicht auf die Hjpothekar- 

geeetze 151 

Sitavng vom 18. Februar 1852. 

Otto , Zur Charakteristik des heiligen Jostinus des Philosophen und 

Märtyrers 16% 

Beidtel, Fortsetzung. VL Über die Entwickelung der Justiagesetz- 
gebung unter K. Joseph II. in Hinsicht auf die Gemeinde- 

Verlassungen 181 

Schleicher, Über v f -or-, -ev-) vor den Casusendungen im Slawischen 1 0% 

Ver%eichni*B der eingegangenen Druckschriften 211 

Sitaung vom 10. März 1852. 

Freiherr v. Schleehta , Verzeichnis der neuesten in Konstantinopel 

erschienenen orientalischen Druckwerke 215 

Seidl, Fortsetzung der Beiträge zu einer Chronik der archäologischen 

Funde in der österreichischen Monarchie 216 

Schimper, Berichte aus und Ober Abysslnien 227 

Sitzung vom 17. März 1852. 

Jäger, Zur Vorgeschichte des Jahres 1809 in Tirol 240 



Seite 

Sitzung vom 24. M&rz 1862. ^ 

Sibifjan, Ober 17 unedirte Münzen der armenisch - rubenischen 

Dynastie in Kilikien 275 

Verzeichnis der eingegangenen Druckschriften 301 

Sitzung vom 14. April 1862. 

Zappert, Ober den Affect des geistigen Schmerzes im Mittelalter . . 305 
Zimmermann, Der Cardinal Nicolaus Cnsanus als Vorläufer Leib- 

nitzens 306 

Ameih, Alfred, „Der Feldmarschali Starhemberg" (Ansauge) . . . 328 
Sitzung vom 21. April 1862. 

Haas, Aus dessen Schreiben an Hrn. Director Ereil 330 

«. Karajan, General -Bericht Über die Arbeiten der historischen 

Commission 331 

Hofier, Betrachtungen über das deutsche St&dtewesen im 15. und 

16. Jahrhundert 372 

Ameih, Fortsetzung der Auszöge aus dem Leben des Feldmarschalls 

Starhemberg 374 

Sitzung vom 28. April 1862. 

Pfizmaier, Ober einige Eigenschaften der japanischen Volkspoesie . 377 
Zappert, Ober den Affect des geistigen Schmerzes im Mittelalter 

(Schluss) 388 

v. Kremer, Ober sein Werk: DeseripHon de t Afrique par un arabe 

anonyme du 6? stiele de f Hegire 389 

Verzeichnis» der eingegangenen Druckschriften ........ %29 

Sitzung vom 12. Mai 1852. 

Chmel, Versuch einer Begründung meiner Hypothese über den Ur- 
sprung des „Privilegium majus*' von 1 1 56 335 

Sitzung vom 19. Mai 1862. 

v. Karajan, Ober eine neue Handschrift von Ottackers Reimchronik %82 
Freiherr Hammer • Pur g»iall , Neuestes zur Förderung der Länder-, 

Sprachen- und Völkerkunde Nord-AfHka's 183 

Zeibig, Beitrage zur Geschichte der Wirksamkeit des Basler Concils 

in Österreich 515 

Verzeichnis» der eingegangenen Druckschriften 617 



SITZUNGSBERICHTE 



DEH 



KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE. 



f III. BAND. 



/. HEFT. — JÄNNER. 



JAHBÖAIG 1852. 



3 



SITZUNG VOM 7. JANNER 18S2. 



1/ie Classe beschliesst auf Antrag der historischen Commission ihr 
fiir die Kunde der ctassischen Alterthümer in der österreichischen 
Monarchie den Hrn. Regierungsrath Arneth als peftnanentes Mit- 
glied beizugesellen. 



Die Ton dem w. M., Hrn. Reichshistoriographen Stülz, einge- 
sandte Abhandlung: „Das Leben und Wirken des Bischofs 
Altmann von Passau," wird zur Aufnahme in die Denk- 
schriften bestimmt. 



Freiherr Hammer-Purgstall begann die Lesung einer 
ebenfalls fiir die Denkschriften der Akademie bestimmten Abhand- 
lung „über die Geisterlehre der Moslimen," deren Ueber- 
blick natürlich nicht in die Daimonologie des Zendavesta hinaufreicht, 
aber von der der Araber unmittelbar vor Mohammed Kenntniss nimmt. 
Nach der Rechenschaft über die Quellen, deren beide ersten der 
Koran und die Ueberlieferung, und nach der Einteilung in die 
guten Geister (die Engel) , die bösen (die Teufel) und die mittleren 
(die Dschinnen), welche theils bös theils gut wie die Menschen, stellt 
der Verfasser als Einleitung die Uebersetzung der LXXII. Sure des 
Korans, welche die Dschinnen betitelt ist, an die Spitze, weil 
dieselbe den Beweis enthält, dass Mohammed den Glauben an die 
Dschinnen , so wie den an die Engel und Teufel bei seinem Volke 
schon vorfand ; diese Sure wird mit Recht von allen Lebensbeschreibern 



4 Freih. Hammer-Purgstall. Ueber die Geisterlehre der Bf oslimen. 

Mohamtned's als eine der phantasiereichsten und feinsten des Korans 
erwähnt, wie dies noch der jüngste und beste Lebensbeschreiber 
Mohammed's, Hr. Dr. Sprenger , ein geborner Tiroler, dermalen 
Vorsteher des Collegiums von Calcutta und Secretär der asiatischen 
Gesellschaft in Bengalen, in seinem verflossenes Jahr zu Allahabbad 
erschienenen ersten Theile von Mohammed's Leben bemerkt hat. Die 
moslimische Hierarchie der Engel besteht zuerst aus den vier Erz- 
engeln: Gabriel» Michael, Israfel und dem Todesengel, 
welcher, nachdem die drei ersten sich durch die Bitten der Erde 
hatten erweichen lassen, von ihr die zur Schöpfung des Menschen 
nöthige Erde (welche sie auf Gottes Befehl nehmen sollten) nicht zu 
nehmen, ihr dieselbe gewaltsam entriss, wesshalb er beim Tode der 
Menschen der Erde was er ihr gewaltsam geraubt, als Staub zurück- 
gibt ; dann di^ yier Träger des Himmels in Stieres-, Löwen-, Adlers- 
und Menschengestalt; die beiden Schutzengel, Schreiber der guten 
und bösen Handlungen, die Grabesengel, die beiden gefallenen Engel 
Harut und Marut, welche zur Strafe dafür, dass sie die schöne 
und tugendhafte Anahid verführen wollten, im Brunnen von Babel, 
wo sie die Menschen die Zauberei lehrten, bei den Füssen aufgehängt 
sind u. s. w.; die Unterwürfigkeit der Daimonen unter die Herrschaft 
Salomon's gründet sich auf Verträge, und ein merkwürdiger Beleg 
hiezu wird denSchluss dieser Abhandlung bilden, nämlich ein Vertrag 
Satans mit Salomon, dessen Abschrift Lord Byron in einer Röhre aus 
Goldblech um den Hals gehängt als Amulet auf der Brust trug, und 
welches im Besitze Sr. Durchlaucht des Hrn. Fürsten t. Metternich. 



Vorgelegte AbkaBiiwg. 

Bericht über die im August und September 1851 unter* 

nommene kunst-archäologische Bereisung Böhmens. 

Von dem c. M. Hrn. Fref. Jth. Wtcel in Prag. 

Durch das hohe Cultus- und Unterrichts - Ministerium huldvoll 
unterstützt, hatte ich in den Ferienmonaten des Jahres 1861 eine 
Bereisung Böhmens in der Absicht unternommen, um die bisher wenig 
oder gar nicht bekannten Ueberreste der Kunst und des Alterthums 



Prof. J o b. W o c e 1. Bericht Aber eine kunst~arehiol. Berelsuog Böhmens. 5 

in Böhmen zu erforschen und nach Möglichkeit dahin zu wirken» dass 
dieselben dem ihnen drohenden Verderben entrissen werden mögen. 
Die» Ergebnisse meiner Bereisung sind in mancher Beziehung erheb- 
lich und bedeutend , daher ich es wage , eine Uebersicht derselben 
der kais. Akademie der Wissenschaften vorzulegen, zuvörderst in 
der Absicht, um die Aufmerksamkeit der Forscher auf diese und ähn- 
liche Kunstschätse, als die Grundbedingungen einer künftigen Cultur- 
geschichte Oesterreichs, hinzulenken, vor Allem aber, weil ich die 
Ueberzeugung hege, dass die kais. Akademie der Centralpunct ist, in 
welchem die Kenntnis« der Errungenschaft der gesammten Völker 
Oesterreichs im Gebiete der Kunst und Wissenschaft niedergelegt 
werden soll. 

Hein Augenmerk war vorzüglich auf diejenigen Gegenstände 
gerichtet, welche, wiewohl durch ihren artistischen oder archäolo- 
gischen Werth denkwürdig und bedeutungsvoll, unbeachtet und wenig 
bekannt, daher dem nahen Verderben am meisten ausgesetzt sind. 
Als solche erschienen vorAllem die Kirchengebäude des Rund- 
bogenstyles, die Miniaturhandschriften und Tafelge- 
mälde aus dem XV. und XVI. Jahrhunderte. 

I. Kireben im Rundbogenstyle. 

Eine sehr bedeutende Anzahl solcher Denkmale der ältesten Kir- 
chenbaukunst in Böhmen ist bereits bekannt und beschrieben worden; 
ich glaubte, dass es nicht nothwendig wäre, meine Aufmerksamkeit 
auf diese, dem Dunkel der Vergessenheit bereits entrissenen Monu- 
mente zu richten, sondern hielt es filr nöthiger solche aufzusuchen, 
die zumeist unbekannt und unbeachtet in den abseit gelegenen Ort- 
schaften des Landes sich bergen. Auf meiner diesjährigen archäo- 
logischen Reise durch den Prager, Pilsner , Egerer , Böhm. Leipaer 
und Pardubitzer Kreis hatte ich folgende im XII. und am Anfang des 
XIII. Jahrhunderts im Rundbogenstyle erbauten Kirchen untersucht. 

Die Pfarrkirche zu Potvorov (Potfuhre), im Pilsner 
Kreise, Bezirkshauptmannschaft Krälovic, ehemals Herrschaft Blas. 
Diese Kirche gehört unstreitig zu den interessantesten Baudenkmalen 
des Rundbogenstyles in Böhmen und ist um so beachtenswerther, weil 
sie fest und dauerhaft, in allen ihren Bestandteilen wohlerhalten ist. 
Der innere Kirchenraum ist 10° i' lang, wovon auf das Presbyterium 
2* 3' entfallen; die Breite des Schiffes beträgt V 3'. Besonders 



6 Prof. Job. Woeel. 

interessant ist die , vom Kirchenschiffe durch zwei Bogenstellungen 
getrennte Vorhalle, Aber welcher eine Loge oder Eropore angebracht 
ist. Ausgezeichnet erscheint die mittlere Stütze der Empore» diefaus 
einem viereckigen, reichgegliederten Pfeiler besteht, an dessen Flä- 
chen sich vier mit zierlichen Capitälern geschmückte Säulen an- 
schliessen. 

In Harmonie mit dem Mittelpfeiler und durch eigenthümlich ge- 
schmückte Capitäler ausgezeichnet, sind die übrigen die Empore stüt- 
zenden Säulen. Eben so trefflich ausgeführt ist das Portal dieser 
Kirche. Die Gewände desselben stufen sich in rechten Winkeln ab. 
In den dadurch gebildeten Ecken stehen auf jeder Seite zwei Wand- 
säulen; das Capital zweier von diesen Säulen ist mit einem aus 
sinnreich geschlungenen Kreisen gebildeten Ornamente geschmückt, 
während die beiden anderen Säulenknäufe mit schuppenförmig über- 
einanderliegenden Blättern geziert erscheinen. Einfach, aber von 
kräftiger Form und rein ausgeführt sind die vier Bogen, die das Portal 
krönen. Zwei derselben entspringen aus denPilastergewänden, die ein 
einfacher Abakus deckt, und zwei aus den zierlichen Capitälern der 
Wandsäulen. Das Basrelief im Halbkreisfelde über dem Eingange 
ist durch die Zeit und den Kalkanwurf beinahe gänzlich zerstört. 
Leider ist dieses Portal durch eine später angebaute Thorhalle 
verdeckt. 

Von aussen gewährt diese Kirche einen imponirenden Anblick. 
Das halbrunde Presbyterium ist in seiner ursprünglichen Form treff- 
lich erhalten. Unter dem Dachgesimse läuft die würfelförmige Ver- 
zierung und unter dieser die charakteristische Rundbogenreihe hin, 
welche durch vier stark vortretende Lissenen gestützt wird. Die 
schmalen, vom Rundbogen überhöhten Fensteröffnungen sind an ihrer 
inneren Wandfläche durch kräftig markirte Rundstäbe belebt. Die 
Hauptmauern ruhen auf einem hohen Sockel, dessen oberen Theil 
trefflich geformte Rundstäbe, Hohlleisten und Platten bilden. Die 
Structur des ganzen Gebäudes ist meisterhaft, die Quadersteine rein 
zugehauen , die Mörtelfugen kaum kennbar. Die Kirche zu Potvorov 
stellt sich als ein noch wohl erhaltenes Meisterwerk des ausgebildeten 
Rundbogenstyles dar, wie er am Ende des XII. und am Anfange des 
XIII. Jahrhunderts in Böhmen blühte ; der Thurm an der Westseite 
der Kirche ist in viel späterer Zeit angebaut worden. Der Patron der 
Kirche ist Se. Durchlaucht der Fürst Metternich. 



Bericht Aber eine kanst-Arentologlsehe Beretsang Böhmens. 7 

Die Kirche zum heil. Jakob dem Gr. in Rudig (Vrou- 
tek), im Egerer Kreise» Bezirkshauptmannschaft Saaz. Dieses Kirchen- 
gebäude, in dem seit mehr als 100 Jahren kein Gottesdienst mehr 
gehalten wird, erscheint in seiner Struetur und äusseren Ausschmüc- 
kung der Torbeschriebenen Kirche zu Potvorov ähnlich, nur ist es 
bedeutend kleiner und in einem sehr verwahrlosten Zustande. Wür- 
felverzierung , Halbkreisbogen und die stark vortretenden Lissenen 
sind sowohl am halbrunden Presbyterium wie auch unter dem Gesimse 
der Qbrigen Wandflächen gut erhalten. Der erhöhte Sockel, auf dem 
die Hauptmauer ruht, die pilasterförmigen Lissenen und die gesammte 
Bauart der Kirche beweisen, dass dieselbe derselben Periode und 
derselben Kunstrichtung wie die Kirehe zu Potroror angehört. Leider 
haben Menschenhände weit mehr als die Zeit an der Verwüstung die- 
ses schönen Baudenkmals gearbeitet. Besonders wahrnehmbar ist die- 
ses am Portale der Kirche, von dem nur zwei Säulen, deren Schäfte 
schneckenförmig gekerbt sind, mit dem darauf ruhenden Rundbogen 
sich erhalten haben. Uebrigens sind die Mauern des Gebäudes sowohl, 
als auch die Wölbung desselben fest und können noch manches Jahr- 
hundert überdauern. Durch Freimachung der Kirche von den daran 
geklebten Bienenstöcken und durch einige wenig kostspielige Repa- 
raturen würde dieses interessante Denkmal der ältesten Kirchenbau- 
kunst dem Vaterlande erhalten werden. Der Patron der Expositur- 
Pfarre zu Rudig ist Se. Excellenz Graf Eugen C z e r n i n. 

Die Pfarrkirche zu Liebshausen, Egerer Kreis, Be- 
zirkshauptmannschaft Teplitz. Ein ansehnliches, im Rundbogenstyl, 
wahrscheinlich am Schlüsse des XII. Jahrhunderts aufgeführtes Kir- 
chengebäude. Es ist in seiner ursprünglichen Form erhalten, bis auf 
das gothische Presbyterium und die zwei Fäulen, welche die Empore 
stützen; diese sind nämlich von Holz, zum Theile mit Mauerwerk 
verkleidet. Der an der Westseite befindliche Thurm ist der ur- 
sprüngliche, byzantinische. Die Fensteröffnungen sind durch eigen- 
tümlich geformte, aus zwei sich verschlingenden Rundstäben gebil- 
dete, mit einem Blättercapitäl gekrönte Säulen in zwei Abtheilungen 
geschieden. Das Portal, wiewohl durch eine Vorhalle zum Theile ver- 
baut, ist ein schönes, nach den strengen Regeln des Rundbogenstyles 
ausgeführtes Werk. Das Halbkreisfeld über dem Eingange ist durch 
eine aus dreifachen Halbkreisen gefügte Bordüre eingefasst Unter 
dem Gesimse des Thurmes ist die Würfelreihe, unter jenem des Kir- 



8 Prof. Job. Woeel. 

chenschMFes aber die Rundbogenverzierung sichtbar. Die Kirche ist 
fest und im trefflichen Znstande. Sie soll aber, wie mir berichtet 
wurde, erweitert werden. Möge dieses nur mit der nöthigen Umsicht 
und Sachkenntniss geschehen I Der Patron der Kirche ist Se. Durch- 
laucht Fürst y. Lobkowitz, Herzog zn Raudnitz. 

Die Kirche-der heil. Apostel Peter und Paul zu 
Schelkowitz (ZeHcovice), eine halbe Stunde östlich von Liebs- 
hausen. Dieses Gebäude gehört zu den merkwürdigsten Kirchenbauten 
des Rundbogenstyles in Böhmen, indem sich dasselbe als eine Rotunde 
darstellt, aus der ein halbrundes Presbyterium an der Ostseite her- 
vortritt. Unter dem Gesimse des Presbyteriums läuft die Reihe der 
Halbkreisbogen hin. Ueber der Rotunde erhebt sich ein laternförroi- 
ges Thürmehen, dessen Fensteröffnungen durch zierliche, eigentüm- 
lich geformte Säulehen in zwei Theile geschieden erscheinen. Der 
ziemlich schmale Eingang, zu dem drei hohe Stufen hinauffuhren, ist 
anstatt eines Portals, von einer breiten aus dreifachen Halbkreisen 
bestehenden Bordüre eingefasst. — Diese Kirche hat eine auffallende 
Aehnlichkeit mit den bekannten kleinen Rundcapellen in Prag (in der 
Postgasse, am Wyschehrad und in der Nähe der St. Stephanskirche). 
Wölbung und Mauerwerk ist noch immer fest und dauerhaft. Bemerkt 
muss werden, dass dieselbe ein bedeutendes Kirchenvermögen besitzt; 
daher soll sie, wie ich in Erfahrung gebracht, eingerissen und an ihrer 
Stelle eine andere Kirche erbaut werden. Sollte dieser Fall eintreten, 
so würden unsere Nachkommen, bei denen wohl ein regerer Sinn für 
die Achtung und Würdigung solcher Denkmale geweckt sein wird, 
die Vernichtung eines der ältesten und eigenthümlichsten Tempel in 
Böhmen tief bedauern müssen. Die Kirche zu Schelkowitz ist eine 
Filiale der Pfarrkirche zu Liebshausen. 

Die Kirche zu Vinec (unrichtig Podvinec), bei Jungbunzlau. 
Von der schönen, mit einem vollkommen erhaltenen, zierliehen Por- 
tale geschmückten Aussenseite dieses interessanten Denkmals des 
Rundbogenstyles geschah zwar in mehreren Schriften Erwähnung; die 
bei weitem interessantere Emporloge dieses Gotteshauses ist aber 
bisher unbeachtet geblieben. Sie zieht sich an der Westseite längs 
der ganzen Breite der Kirche hin, und wiewohl sie bloss einen Raum 
von 21' Länge und 10' Breite umfasst, so ist sie dureh ihre Anlage 
und Ausschmückung überaus wichtig für die Kenntnis« des Details 
und der Ornamentik des Rundbogenstyles. Nach der untern Kirche zu 



Bericht ober eine knnst-arch&olegische Bereisung Böhmens. 9 

öffnet sich diese Empore mit einem Bogen, der alle Elemente eines 
zierliehen Portals umfasst. Ein hoher, reichgegliederter Sockel dient 
itur Basis der innern Gewandung dieser Bogenöffnung, in der ohne 
Zweifel ehemals ein zweiter Altar befindlich war. Die breite Band- 
veräernng, welche die Archivolte des ersten Bogengliedes schmückt, 
hat eine auffallende Aehnlichkeit mit dem architektonischen Schmucke, 
der den Eingang der Rundkirche zu Schelkowitz umgibt. Ueber die- 
ser Bogenöffnung raget ein Kämpfer, auf dem ein aus Rundstäben, 
Hohlkehlen und Leisten gefügtes Gesims aufruht, das hier als blosser 
Schmuck rechts und links sich ausflfigelt und über zwei Säulenknäu- 
fen , die zu beiden Seiten des Kämpfers Ober der Bogenöffnung 
ragen, seinen Abschluss findfet. Auf diesem Kämpfer ruht der Bogen 
auf, der über die Breite der Empore zum gegenüberstehenden Wand- 
pfeiler gespannt ist. Die zu beiden Seiten desselben hervortretenden 
Säulencapitäler sind viereckig und mit einer sorgfältig ausgeführten 
Ornamentirung versehen. Der Ansatz eines Säulenschaftes senkt 
sieh einige Zoll tief unter diesen Capitälern herunter. In der Scheide- 
mauer, welche die Empore von dem untern Kirchenraume trennt, sind 
zwei' Fensteröffnungen. Jede derselben ist durch ein eigentbümlich 
und überaus zierlich geformtes Säulehen in zwei vom Rundbogen 
überhöhte. Theile geschieden. In den vier Ecken dieser Emporkirche 
stehen Wandsäulen, deren Capitäler einen sternenförmigen, durch 
mannigfache Streifen eingefassten Schmuck tragen. Eine fünfte Säule 
dieser Art ragt aus der, dem Altarbogen gegenüber befindlichen Wand. 
Der Aufgang zu dieser Empore ist eine schmale, in der innern Mauer- 
dicke angebrachte Steintreppe. 

Die Lange der untern Kirche mit Einscbluss der unter der Em- 
pore befindlichen Vorhalle beträgt 42', wovon auf das Presbyterium 
14' entfallen. Das Presbyterium selbst ist nicht halbrund, sondern, 
eine seltene Ausnahme des Kirchenbaues im Rundbogenstyle in Böh- 
men, dreiseitig. Die in den Ecken der Unterkirche befindlichen Säu- 
len haben in ihren Capitälern eine aus Laubflechtwerk gebildete Ver- 
zierung. 

Die Kirche oder vielmehr Doppelcapelle zu Vinec bietet meiner 
Ansicht nach einen belehrenden Stoff dem Künstler, der in das Wesen 
der Bauweise und der Ornamentik des Rundbogenstyles eindringen 
will ; dieselbe ist wohlerhalten und zur Dechanteikircbe zu Jungbunz- 
lau eingepfarrt. 



10 Prof. Joh. Wocel. 

Die Kirche zu Mohelnic an der Iser, Jiciner Kreis, Bezirks- 
hauptmannschaft Jungbunzlau. Das Innere dieser, im Rundbogen- 
style erbauten Kirche, rrtisst im Lichten 30' in der Länge, 15' in der 
Breite. Die stark verbaute Empore an der Westseite wird von zwei 
Rundbogen, die auf Wandpfeilern und einer mit byzantinischem Capital 
gekrönten Säule aufruhen . gestützt. Das Portal ist durch eine, in 
neuerer Zeit angebaute Vorhalle verdeckt. Die charakteristische Wür- 
felreihe und Rundbogenzier ist sowohl am Friese des Kirchenschiffes 
als auch am halbrunden Presbyterium sichtbar. Leider ist das Letz- 
tere durch eine darangebaute Sacristei grösstenteils versteckt. Der 
an die Westseite der Kirche sich anschliessende massive Thurm ist 
bis auf das moderne Dach in seiner ursprünglichen Form erhalten. 
Die Fensteröffnungen im obern Theile desselben sind durch byzanti- 
nische Säulchen in zwei, vom Rundbogen Oberhöhte Abtheilungen 
geschieden. Unter jeder dieser Fensteröffnungen befindet sich noch 
ein schmales Rundbogenfenster; die Mitte des Thurmes ist von einer 
schmalen Rundbogenbordüre eingefasst. 

Wiewohl dieses Kirchlein nicht zu den in künstlerischer Hin- 
sicht ausgezeichneten Gebäuden dieser Art gehört, so verdient es 
doch besonders des wohlerhaltenen Thurmes wegen Beachtung. Es 
wäre daher sehr zu bedauern, wenn diese Kirche, wie beabsichtigt 
wird, umgebaut und ihr ursprünglicher Typus vernichtet werden 
würde. Sollte eine Vergrössung derselben nothwendig sein, so müsste 
sie mit Umsicht und Sachkenntniss vorgenommen werden. Das Ver- 
mögen dieser Kirche ist sehr bedeutend. Patron derselben ist der Be- 
sitzer von Münchengrätz, Se. Excellenz Graf v. Waldstein. 

Die Kirche zu Holubitz (Holubice), bei Tursko im Prager 
Kreise. Dieses Dorfkirchlein hat zwar keine architektonischen Orna- 
mente, ist aber durch seine eigentümliche Bauart merkwürdig. Es 
ist eine Rotunde, aus welcher östlich das Presbyterium in einem Kreis- 
bogen, der beinahe % der Peripherie beträgt, hervortritt ; an die Süd- 
seite der Rotunde schliesst sich eine eben so stark vorragende Rund- 
capelle und an die Nordseite die viereckige Sacristei an. Ein latern- 
förmiges Thürmchen krönt den mittleren Rundbau; an der Westseite 
ist ein gothischer Thurm, der Bauart nach aus dem XV. Jahrhundert 
angebaut. Bloss die Aussenseite des Presbyteriums ist durch 3- weit- 
geöffnete von schmalen Wandsäulen gestützte Rundbogen belebt. 
Die drei Fenster des Presbyteriums sind gothisch und wurden an die 



Bericht ftfeer eine kunit-arehiologiacne Bereisnng B&hment. 1 1 

Stelle der ursprünglichen schmalen Rundbogenfenster, höchstwahr- 
scheinlich zu derselben Zeit da der Thurm gebaut wurde, angebracht. 
Aermüche Ueberreste der Glasmalerei befinden sich im Fenster zur 
rechten Seite des Hochaltars. 

Die Kirche ist nach Minitz eingepfarrt; sie ist sehr fest und bei- 
nahe unverwüstlich. Jeden dritten Sonntag wird hier Gottesdienst 
gehalten. Sie besitzt ein sehr bedeutendes Vermögen. Patron der- 
selben ist Se. Durchlaucht Ferdinand Fürst zuLobkowitz. 

Bedeutende Ueberreste der ursprünglichen byzantinischen Anlage 
enthält die im XVIII. Jahrhundert erneuerte Pfarrkirche im Dorf e 
Libcan bei Königgrätz. Ausser zwei schönen byzantinischen Säu- 
len, welche die in einen Musikchor umgewandelte Empore stützen, 
befinden sieh da zwei Portale, von denen das eine zwar schmucklos 
aber bedeutend durch seine correcten Formen, einer Vorhalle gleich 
nach aussen sich ausweitet, dass andere aber durch die schöne Glie- 
derung und sorgfältige Ausführung seiner Bestandteile interessant 
erscheint. 

Bei meiner diesjährigen Bereisung hatte ich keine der bekannten 
theils ron andern, theils von mir bereits beschriebenen Kirchen des 
Rundbogenstyles in Böhmen berührt, und war vor allem bemüht bisher 
unbeachtete Baudenkmale dieser Art aufzusuchen und zu erforschen. 
Ueber die Kirche zu Podvorov, Rudig, Vinec und Holubic hatte ich 
wohl bestimmte Andeutungen ; die Kirchen zu Liebshausen, Schel- 
kowitz, Mohelnic und Libcan wurden aber erst bei dieser Bereisung 
von mir als Denkmal des Rundbogenstyles erkannt und gewürdigt. 
Solcher, bisher unbeachteter Baudenkmale mag Böhmen noch eine 
sehr bedeutende Anzahl besitzen ; die Ausforschung derselben bietet 
aber ungewöhnliche Schwierigkeiten dar. Denn häufig wurde mir 
irgend eine Kirche als ein Bauwerk des Rundbogenstyles charakterisirt; 
hatte ich aber an den entlegenen Ort die zumal in der diesjährigen 
regnerischen Witterung beschwerliche und kostspielige Reise unter- 
nommen, so fand ich, dass es ein gothisches Gebäude mit niedrigem 
Presbyterium oder eine im Renaissancestyle gebaute baufällige Kirche 
war. Belehrungen, die über solche Gegenstände in Zeitschriften und 
Broschüren verbreitet werden, dringen selten in solche abgelegene 
Gegenden, wo ihre Beachtung eben wünschenswerth wäre. 



12 Prof. Job. Wocet. 

II. Mlniaturhandsohrifteo. 

Die Bedeutung alter Miniaturen für die „Kunstgeschichte eines 
Volkes und die Kennthiss seiner Culturzustände, seiner Sitten und 
Gebräuche ist in neuerer Zeit lebhaft anerkannt worden. Der hohe 
Werth der böhmischen Miniaturen des Mittelalters, die sieh in ver- 
schiedenen Pergamenthandschriften bis auf unsere Tage erhalten 
haben, wurde in neuester Zeit durch sachkundige Männer des Aus- 
landes anerkannt und so hoch angeschlagen, dass nach dem Urtheile 
Waage n 1 s (im deutschen Kunstblatt 1850) viele altböhmische Mi- 
niaturen in die erste Reihe der gleichzeitigen europäischen Kunst- 
denkmale dieser Art eingereihet werden müssen. Waagen hatte 
aber bloss die in Prag und Wien befindlichen Miniaturen böhmischer 
Meister gesehen; die zahlreichen in den Landstädten Böhmens zer- 
streuten Pergamentgemälde hatte er nicht in das Bereich seiner For- 
schung gezogen. Ich hielt es daher für meine Pflicht, auf meiner Reise 
diesen vaterländischen Kunstdenkmalen meine besondere Aufmerk- 
samkeit zuzuwenden, damit einerseits der Vorrath, den wir an diesen 
Kunstresten besitzen, erkannt und sicher gestellt werde, andererseits 
aber, damit die Kirchen- und Gemeindevorsteher auf die Bedeutung 
der, ihrer Obhut anvertrauten mit Miniaturen geschmückten Perga- 
mentbücher aufmerksam gemacht und angeregt werden, dieselben 
sorgfältiger als es bis jetzt der Fall gewesen, zu bewahren und vor 
Verderben zu schützen. 

Während dieser Reise hatte ich zwanzig Miniaturhand- 
schriften in verschiedenen Städten Böhmens untersucht. Das 
ausführliche Resultat dieser Untersuchung gedenke ich in einer 
besondern Abhandlung bekannt zu machen, und beschränke mich hier 
darauf, bloss eine gedrängte Schilderung der vorzüglichsten dieser 
Kunstwerke vorzulegen. 

Das Leitmeritzer Cantional. 

Dieser merkwürdige Pergamentcodex ist, wie beinahe alle alten 
Cantionale in Schweinsleder gebunden und mit kunstvoll von Messing 
gearbeitetem Laubwerk beschlagen. Die Länge desselben beträgt 
2' 8", die Breite 19"; sein Gewicht ist HO Pfund, die Zahl der 
Blätter 466. Der Text der darin enthaltenen Kirchengesänge ist 
lateinisch. Aus dem auf dem ersten Blatte befindlichen Epigramme 
leuchtet hervor, dass Jakob Ronovskyder Stifter dieses Cantionals 



Bericht Ober eine kunet-archiologiaclie Bereisung Böhmens. 1 3 

gewesen ; das mehrmal vorkommende Wappen der Stadt Leitmeritz 
beweiset, dass es für den gottesdienstlichen Gebrauch dieser Stadt 
verfertigt wurde. Die unter den Choralnoten gesetzten Kirchengesänge 
sind: Introitus, Kyrie, Gloria, Graduale, Offertorium, Sanctus, Agnus 
Dei, dann Rhythmen, Hymnen und Prosen. Die Texte fangen mit gros- 
sen Versalbuchstaben an, von denen viele eine Fläche von 16Q" 
einnehmen. Das Innere dieser, auf das glänzendste ausgeführten, mit 
Gold und lebhaftem Farbenschmuck gezierten Buchstaben ist mit 
herrlichen Miniaturbildern ausgefüllt. Die übrigen Buchstaben des 
Textes, sowie die Musiknoten sind öfters, besonders im Texte gros- 
ser Festtage, und zuweilen auch in der Mitte an bedeutenden Stellen 
mit massivem Golde aufgetragen, worauf die Fortsetzung bald mit 
rother, blauer und endlich schwarzer sehr regelmässiger Minuskel- 
schrift folgt. Die Ränder sind mit sinnreichen Arabesken, Engel- 
gestalten und wohl auch mit Bildern geschmückt, die auf den Text 
Bezug haben. Bei grossen Kirchenfesten befindet sich überdies häufig 
ein grossartiges, das ganze Blatt ausfüllendes Gemälde. Der Kunst- 
werth dieser Miniaturgemälde ist sehr bedeutend. Originalität der 
Composition, Sorgfältigkeit der Ausführung und grösstenteils auch 
richtige Zeichnung weisen denselben einen bedeutenden Rang unter 
den gleichzeitigen Werken dieser Art nicht bloss in Böhmen, son- 
dern, wie ich ohneUeberschätzung ihres Werthes zu behanpten wage, 
in Europa an. Hervorragend durch ihre Schönheit sind insbesondere 
folgende Bilder: 1. die Geburt Christi; 2. das letzte Abendmahl, ein 
wundervoll ausgeführtes Blatt, voll Kraft, Ausdruck und Schön- 
heit; 3. Christus im Tempel und in der untern Randfläche die Taufe 
Christi. Merkwürdig in historischer und artistischer Beziehung ist 
das, eine ganze Blattseite ausfüllende Bild , auf welchem Huss vor 
der Kirchenversammlung zu Costnitz auf einem Katheder unter einem 
Baldachine, in rothem Talare und rothem Barette, das Haupt mit gol- 
denem Scheine umgeben dargestellt ist. Auf der anderen Seite er- 
blickt man Huss auf dem angezündeten Scheiterhaufen. Zur Seite 
dieses Bildes erscheint ein Wappen, in welchem im blauen Felde zwei 
geharnischte Arme von unten auf in die Höhe langen ; dabei liest man 
den Namen Wns de Rzepnicz. Da Wenzel v. Rzepnicz im 
Jahre 1517 als Bürgermeister von Leitmeritz vorkommt, so kann 
daraus geschlossen werden, dass dieses kostbare Werk am Anfange 
des XVI. Jahrhunderts verfertigt wurde. Kaum dürfte eine der in 



14 Prof. Joh. Wocel. 

Prag befindlichen von Waagen gepriesenen Miniaturen an Tüch- 
tigkeit der Ausführung, an Farbenglanz und Reichthum der Vergol- 
dung diesem Werke gleich kommen» wiewohl dasselbe, wie aus dem 
Verlaufe dieses Berichtes ersichtlich wird, noch immer nicht das aus- 
gezeichnetste Miniaturwerk in Böhmen genannt werden kann. — Es 
wird gegenwärtig im alten Rathhause der Stadt Leitmeritz sorgfältig 
aufbewahrt. 

Böhmisches Cantional der Stadt Lnditz (Zlatice). 

Dieses fiir die Kunstgeschichte Böhmens höchst wichtige Rie- 
senbuch enthält 494 Blätter; die Höhe desselben beträgt 2', die 
Breite 1' 4". Der Schreiber des Textes und der Noten war Jan 
Taborskyz Klokotske hory; der Maler der Miniaturen der 
Prager Bürger Fabianus Polirar. Dasselbe wurde in den Jah- 
ren 1558 — 1559 verfertigt. Den Inhalt des Werkes bilden böhmische 
Kirchengesänge, die beinahe in derselben Reihenfolge wie die latei- 
nischen im Leitmeritzer Cantionale vorkommen. In ihrer Art unüber- 
trefflich sind die Miniaturbilder, welche die Versalbuchstaben und die 
Ränder der Blätter zieren. Der Ideenreichtum, der sich in den zarten 
und sorgfältig ausgeführten Gemälden kund gibt, kann nicht genug 
bewundert werden. Eben so bewundernswerth ist die Pracht und 
Schönheit der Farben, die sich in ihrer lebhaften Frische bis auf un- 
sere Tage erhalten haben. Durch meisterhafte Conception und Treff- 
lichkeit der Ausführung sind besonders ausgezeichnet folgende Bilder : 
1. die Offenbarung der Majestät Gottes im Himmel, nach dem IV. und 
V. Capitel der Apokalypse aufgefasst. Gott Vater am Throne vom 
Strahlenglanze umschlossen, das Buch des Lebens haltend, dessen 
Siegel das Lamm Gottes öffnet. Rings im Wolkenkranze die 24 Ael- 
testen in weissen Gewändern, die ihre Harfen und Kronen vor dem 
Throne neigen ; im Vordergrunde der apokalyptische Seher Johannes. 
Wiewohl dieses Bild in mehreren böhmischen Cantionalen sich wie- 
derholt, so ist es nirgends in solcher Schönheit und Vollendung wie 
hier ausgeführt. 2. Die Geburt Christi, ein durch die Innigkeit und 
Naivetät der Auffassung ausgezeichnetes Bild, das in seiner reichen 
prachtvollen Einfassung eine magische Wirkung hervorbringt. 3. Chri- 
stus mit der Siegesfahne über dem offenen Grabe. Die Gestalt Christi 
ist überaus correct und kühn gezeichnet, das Antlitz voll Ausdruck 
und Würde* 4. Die Himmelfahrt Christi. Die Gruppirung der zahl- 



Bericht aber eine kunat-areh&ologisehe Bereitung Böhmens. 1 ß 

reichen Gestalten ist trefflich, Zeichnung und Perspectiye untadelhaft. 
5. Die Sendung des heil. Geistes. Die Richtigkeit der Zeichnung, der 
Fleiss der Ausführung und der geistige Ausdruck in den Gesichtern 
kann nicht genug gepriesen werden. 6. Eben so mu*9 die Darstellung 
des letzten Abendmahles als ein bedeutendes Kunstwerk anerkannt 
werden. Der hohe Adel im Antlitze Christi und die Lebhaftigkeit des 
Ausdruckes der um einen runden Tisch trefflich gruppirten Jünger 
verleihen diesem Bilde einen ungewöhnlichen Werth. 

Die Arabeskenverzierungen in diesem Werke sind die herrlich- 
sten unter allen, die in den zahlreichen Miniaturen, die ich zu sehen 
Gelegenheit hatte, vorkommen. Die mit wunderbarem Fleisse ausge- 
führten Blumen und Fruchtstücke in demselben würden selbst einem 
tüchtigen Blumenmaler unserer Tage zur Ehre gereichen. 

Das Luditser Cantionale gehört nach meiner Ueberzeugung in 
die erste Reihe der Kunstschätze in Böhmen, welche durch ein glück- 
liches Geschick aus den Stürmen der Vergangenheit gerettet wurden. 
Es wird gegenwärtig im Locale des Luditzer Stadtrates aufbewahrt. 

Böhmisches Cantional zu Trebnitz. 

Ein Pergamentcodex, fast von derselben Dimension wie das Lu- 
ditzer Cantional. Er wurde um das Jahr 1578 verfertigt; der Maler 
der Miniaturen war aller Wahrscheinlichkeit nach Matthias v. Lind- 
perk. Derselbe scheint sich das Leitmeritzer Cantional zum Vor- 
bilde genommen zu haben, indem die Motive, welche in den Ge- 
mälden des Leitmeritzer Codex vorkommen, häufig im Trebnitzer 
Cantional erscheinen. Auch in diesem kommen Bilder vor, welche 
die ganze Blattseite einnehmen, nur sind sie nicht mit demselben 
Aufwände von Gold und Farbenpracht ausgeführt. Ausgezeichnet 
durch treffliche Zeichnung sind die meisten der darin enthaltenen Bil- 
der, doch müssen sie, was die Sorgfalt und die Zartheit der Ausfüh- 
rung betrifft, den Miniaturen der beiden vorbeschriebenen Cantionale 
nachstehen; dafür muss an demselben die charakterische Individuali- 
sirung der fleissig ausgeführten Gesichtszüge mit Lob anerkannt 
werden. Die ausgezeichneteren Gemälde in diesem Werke sind: Das 
erste Blatt, welches das Wappen der Stadt Tfebnitz, den heil. Georg, 
darstellt, über welchem Christus schwebt; zu beiden Seiten stehen 
die vier Evangelisten. Im breiten Seitenrande ist der Stammbaum 
Christi durch die hervorragendsten Personen desselben repräsentirt. 



16 Prof. Job. Wo c eh 

Das Ganze ist trefflich componirt und mit grossem Fleisse ausgeführt. 
Sehr wacker gezeichnet und schon gearbeitet sind ferner : a) die 
Geburt Christi und im untern Rande des Blattes der bethlehemitische 
Kindermord, b) die Sendung des heil. Geistes und darunter die Taufe 
Christi» c) die allerh. Dreifaltigkeit d) das letzte Abendmahl, e) die 
Auferstehung. Das Cantional wird im Rathhause der Stadt Tf ebnitz 
sorgfältig verwahrt 

Lateinisches Cantional zu Jungbunzlau. 

Ein ungeheuerer Pergamentcodex, dessen Lange 2' 2", die Breite 
1' 6" beträgt, lieber den Schreiber und Maler dieses Cantionals 
findet sich im Buche selbst eben so wenig irgend eine Aufklärung, wie 
über den Zeitpunct, in welchem dasselbe zu Stande kam. Die Aehnlich- 
keit der Schriftzüge und gewisser typischer Formen der Bilder mit 
den Zügen und Formen des Leitmeritzer wie auch des Königgrätzer 
Cantionals setzen es aber ausser Zweifel, dass dieses Buch am An- 
fange des XVI. Jahrhunderts in Böhmen verfertigt wurde. Die Far- 
ben der zahlreichen Miniaturen sind von ausgezeichneter Schönheit 
und Frische, das Gold sowohl am Hintergrunde der Bilder, als auch 
in der Schrift und auf den Musiknoten reichlich aufgetragen. Die 
meisten Lichter sind auf die Deckfarben zart aufgelegt; oft vertritt 
das Gold die Stelle der Lichtfarbe. Die Arabesken haben zwar nicht 
den phantasiereichen Schwung der Luditzer Verzierungen, sind aber 
mit grosser Meisterschaft ausgeführt. Vorzüglichen Werth haben die 
zahlreichen Figuren in den Randverzierungen, insbesondere die vie- 
len Engelgestalten der musicirenden Genien , die 14 Brustbilder im 
Stammbaume Christi, die mit Recht als Meisterwerke dieser Art be- 
zeichnet werden müssen, wie auch die vielen Vögel und Thiergestal- 
ten, mit denen das zarte Flechtwerk der Arabesken belebt ist. Die 
Bilder in den Versalbuchstaben sind zwar mit ausserordentlichem 
Fleisse ausgeführt, aber mehr typisch gehalten und einigermassen 
steif, wogegen die zahlreichen Figuren in den breiten Randbändern 
ungezwungen und natürlich bewegt erscheinen. Dieser Unterschied 
zwischen den Versalbildern und den Randverzierungen ist bei den 
meisten Cantionalminiaturen wahrnehmbar. Die Ursache dieser Ver- 
schiedenheit ruht darin, dass bei den Heiligenbildern der Versalien 
die Künstler an gewisse Formen und Vorbilder mehr oder weniger 
sich banden, wogegen die Randverzierungen einen freien Spielraum 



Beriebt Ober eine kunst-archiologiache Bereitung Böhmen«. 1 7 

der Phantasie und Künstlerthätigkeit gewährten. Die bedeutendsten 
unter den Versalbildern sind : a) der segnende Gott Vater von anbe- 
tenden Engeln umgeben ; b) die Geburt Christi ; c) die Auferstehung 
Christi ; d) die Steinigung des heil. Stephans ; e) die Gottesmutter 
mit dem Christuskinde in der Strahlenglorie stehend. 

Dieses kostbare Werk lag leider bis in die neuere Zeit unbeachtet 
in einer Kammer, und war dem Muthwillen von Menschen preis gegeben, 
welche von dem hohen Werthe desselben keine Ahnung hatten. Viele 
Miniaturbilder wurden herausgerissen und mehrere der schönsten 
Randverzierungen weggeschnitten und wie man mir erzählte, Kindern 
als Spielzeug fiberlassen. Gegenwärtig wird es auf der Dechantei 
wohl verwahrt. 

Böhmisches Cantional zu Jungbunzlau. 
An Umfang und Grösse gibt dieses Pergamentbuch dem vorbe- 
schriebenen wenig nach, ist aber bedeutend stärker, indem dasselbe 
S52 Blätter enthält. Der Kunstwerth der zahlreichen Miniaturen des- 
selben ist aber geringer als jener der sich in den vorbeschriebenen 
Gemälden kund gibt. Dieses Cantional liess die Bürgersfrau Katha- 
rina Militka im Jahre 1S72 von dem Prager Künstler Johann 
Kantor verfertigen. Mit Auszeichnung können bloss drei Bilder 
genannt werden, und zwar das erste grosse Bild, worauf das Wap- 
pen der Herrn Krajir v. Krajek, rings von den personificirten 
vier Cardinaltugenden umgeben, dargestellt ist. Die Farben sind 
leicht aufgetragen, die Lichter durchsichtig, die Zeichnung vortreff- 
lich. Ferner das schöne Blatt, auf welchem der Maler Jan Kantor 
vor dem Crucifixe kniend dargestellt wird , und endlich der Traum 
Jakobs, ein meisterhaftes mit ausserordentlicher Sorgfalt gemaltes 
Bild ; besonders vortrefflich ist die Landschaft im Hintergrunde. 

Lateinisches Cantional zu Chrudim. 
Enthält 344 Pergamentblätter, ist V t" lang und 1' S" breit. 
Es wurde im Jahre 1830 vollendet; die Schrift rührt, wie aus dem 
Monogramme ersichtlich, von Johann Taborsky her. Der Maler 
der Miniaturen ist nicht bekannt. Die Farben derselben sind frisch 
und lebhaft, das Gold stark aufgetragen, die Zeichnung ist aber mei- 
stens uncorrect, der Faltenwurf steif. Bloss die Darstellung der 
allerh. Dreifaltigkeit im Buchstaben V muss als gelungen hervorge- 
hoben werden. 

Sitib. d. phil.-hiitt. Cl. VIII. Bd. I. Hfi % 



18 Prof. Joh. Wocel. 

Böhmisches Cantional zu Chrudim. 
Enthält 298 Pergamentblätter, ist V lang und 1'4" breit. Ver- 
fertigt wurde es um das Jahr 1870. Die darin enthaltenen Miniaturen 
gehören zu den vorzüglichsten Leistungen der böhmischen Kunst- 
schule des XVI. Jahrhunderts, wiewohl nicht alle denselben Werth 
haben. Besonders ausgezeichnet sind folgende Bilder: 1. das erste 
Miniaturblatt, den in den Wolken schwebenden Erlöser darstellend, 
zu dessen Füssen König Dayid kniet; 2. Gott Vater im Kaiserornate; 
3. die Auferstehung Christi; 4. die Taufe Christi; S. die Sendung des 
heil. Geistes. In den breiten Seitenrändern dieses Blattes gewahrt 
man ein reich componirtes Bild, den Zug der Israeliten durch das 
rothe Meer darstellend. Richtige Zeichnung, eigentümliche Auffas- 
sung und sorgfältige Ausführung weisen diesem Bilde einen bedeu- 
tenden Rang unter den gleichzeitigen Miniaturen an. Das böhmische 
sowohl als das lateinische Cantional befinden sich am Literatenchor 
der Dechanteikirche zu Chrudim. 

Lateinisches Cantional zu Königgrätz- 

Inhalt, Form und Grösse dieses Cantionals stimmt mit dem Jung- 
bunzlauer und Chrudimer lateinischen Cantionale grösstenteils über- 
ein. Was den Farben- und Goldschmuck betrifft, so muss ich es als 
das reichste und prachtvollste unter allen Gradualen, die ich zu sehen 
Gelegenheit hatte, bezeichnen. Es kommen darin ganze Seiten vor, 
deren sämmtliche Buchstaben sammt den Musiknoten von reinem 
Dukatengold gebildet sind. Die Versalbilder sowohl, als auch 
die Arabeskenyerzierungen sind äusserst zart und sorgfältig ausge- 
führt, wiewohl viele Figuren steif, und die Extremitäten manchmal 
verzeichnet erscheinen. Tadellos gemalt sind aber folgende Bilder : 
1. die Auferstehung Christi; 2. die Himmelfahrt Christi; 3. die Sen- 
dung des heil. Geistes ; 4. Die Mutter Gottes im Strahlennimbus mit 
dem Christuskinde ; darunter das Wappen der Stadt Königgrätz von 
einem Engel mit gezücktem Schwerte gehalten; S. das letzte Abend- 
mahl, ein prachtvoll geschmücktes, zart ausgeführtes Bild. Der Maler 
dieses Prachtwerkes ist nicht bekannt 

Zwei böhmische Cantionale zu Königgrätz. 

Wiewohl von diesen merkwürdigen Pergamentbüchern in topo- 
graphischen Schriften häufig genug Erwähnung geschah, so ist doch 



Bericht Ober eine kmut-archiologuehe Bereisang Böhmens. 19 

ihr Kunstwerth und die ästhetische Bedeutung derselben noch nir- 
gends würdig unerkannt und hervorgehoben worden. Es sind zwei 
mächtige Bände» deren Dimensionen mit dem früher geschilderten 
Cantionale grösstenteils übereinstimmen. Das erste derselben ent- 
hält Adventgesänge, das zweite Gesänge auf die Festtage des ganzen 
Jahres. Beide sind mit herrliehen Miniataren auf das grossartigste 
ausgeschmückt. Der Maler derselben war der Chrudimer Bürger 
Matthias Radaus. Die Bücher wurden zwischen den Jahren 1586 — 
iö94 auf Kosten der Königgrätzer Bürger für das Literatenchor die- 
ser Stadt verfertigt. 

Der erste Theil des Cantionals enthält auf der ersten 
Seite ein meisterhaftes, das ganze Blatt ausfüllendes Getnälde, in 
welchem die Porträte des Malers Matthias Radaus, des Verfassers 
des Textes Georg Richnovius und des Schreibers Matthäus Li- 
tomifieky sorgfältig ausgeführt erscheinen. Die breiten Ränder 
schmücken musicirende Engelgestalten. Meisterhaft sind ferner: 
1. die Geburt Christi, ein das ganze Blatt ausfüllendes Bild. Die Treff- 
lichkeit der Auflassung, Schönheit der Formen, besonders aber die - 
fromme Innigkeit und der Liebreiz im Antlitze Marien's verleihen diesem 
Bilde die höhere Kunstweihe; 2. die Beschneidung und die Taufe 
Christi; 3. die heil, drei Könige, ein herrliches Blatt roll Leben und 
individuellem Ausdruck; 4. die Auferstehung Christi. Der Heiland, 
tob dessen nackten Schultern ein rother Mantel herabwallt, steht mit 
der Siegesfahne auf dem Deckel des Grabes. Der Ausdruck der Ma- 
jestät im Antlitze Christi, die Zeichnung und die Behandlung des 
Nackten dieser Gestalt ist wahrhaft bewundernswerth. Ebenso 
herrlich ausgeführt ist 6. die Himmelfahrt Christi. 

Im zweiten Theile des Cantionals sind unter den zahl- 
reichen trefflichen Miniaturbildern besonders hervorzuheben: 1. die 
Sendung des heil. Geistes , durch meisterhafte Gruppirung der Ge- 
stalten und die charakteristische Lebhaftigkeit der Gesichtszüge aus- 
gezeichnet; 2. Christus am Kreuae. Das schmerzvolle , edle Antlitz 
des Gekreuzigten ist von ergreifender Wirkung, die Zeichnung und 
Färbung des Körpers untadelhaft. Ueberaus schön ist die das Kreuz 
umgebende Landschaft. Die Localtöne im Vordergrunde und die har- 
monisch verschwimmenden Tinten der Ferne sind trefflich gehalten ; 
3. das letzte Abendmahl, ein grossartiges Bild voll Leben, Bewegung 
und Ausdruck ; 4. die Taufe Christi ; S. der Kampf Michaels und 



20 Prof. Joh. Wocei. 

seiner Engel mit dem Drachen nach dem XII. Capitel der Apokalypse 
dargestellt Die poetische Auffassung dieses höchst schwierigen Stof- 
fes» die kühne Zeichnung der lebhaft bewegten Gruppen, die kunst- 
reiche Beleuchtung der Scene beurkunden • dass der Name des ge- 
nialen von der religiösen Idee hochbegeisterten Meisters Radaus 
in das Ehrenbuch der Künstler seiner Zeit eingetragen zu werden 
verdien t. 

Die Zeichnung der sahireichen, wiewohl nicht mit gleicher Mei- 
sterschaft ausgef&hrten Bilder in diesen beiden Cantionalen ist durch- 
aus correct, der Pinsel breit, die Farben leicht aufgetragen. Stau- 
nenswerte ist die vortreffliche Ausführung der Gesichter insbeson- 
dere aber der Hinde, die den Miniaturmalern unserer Zeit zum Vor- 
bilde dienen könnten. Möge mein Urtheil Ober diese Miniaturen nicht 
für Obertrieben oder Oberschwänglich im Ausdrucke gehalten wer- 
den; jeder Kunstkenner, der diese Gemälde mit derselben Genauig- 
keit wie ich betrachtet, wird gewiss meinem Urtheile beistimmen, 
ja gestehen, dass ich eher zu wenig als zu viel die Werke des Mei- 
sters Radaus gepriesen habe. 

Diese sind die ausgezeichneteren Miniaturen , die ich während 
meiner Bereisung in Böhmen untersucht habe. Ausser diesen hatte 
ich noch eilf mit Miniaturbildern gezierte Pergamentbücher gefun- 
den und untersucht; da aber der Kunstwertk der darin enthaltenen 
Malereien bedeutend geringer ist, als derjenigen, die ich hier be- 
schrieben, so will ich, um den Umfang dieses Berichtes nicht zu sehr 
anwachsen zu lassen, dieselben bloss oberflächlich anführen. 

InRakonitz. Am Chore der Dechanteikirche ein böhmisches 
Cantional yom Jahre 1&96. 

InLaun. Lateinisches Cantional yom Jahre 1530. Mehrere 
der in demselben enthaltenen Miniaturen haben einen bedeutenden 
Werth, besonders schön sind die Arabesken ; das Gold ist reichlich 
aufgetragen. 

Eben daselbst ein zweites, älteres lateinisches Cantional von ge- 
ringerem Kunstwerthe. Beide werden im Archive der Stadtgemeinde 
aufbewahrt. 

Zu Leitmeritz ein böhmisches Cantional vom Jahre 1679 im 
Dekanal-Archive. 

Im Rathhause derselben Stadt ein zweites lateinisches Cantional 
aus der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts. 



Bericht über eine kunftt^arehlologiaelre Berelsnng Böhmens. 21 

InKöniggrätz ein Cantional auf gewöhnlichem Papier unter 
dem Titel Knihy roratnf, vom Jahre 1885 mit 6 trefflichen Ab- 
bildungen der Stifter dieses Buches , die sehr interessante Costüm- 
bilder darbieten. 

Ebendaselbst befinden sich noch B lateinische Cantionale, deren 
Miniaturen, wiewohl sie einen geringeren Werth als die eben beschrie- 
benen haben, doch manches Interessante darbieten. Leider sind 
diese Bücher sehr verwüstet, gar viele Bilder ausgeschnitten und das 
Gold herabgekratzt. Gegenwärtig werden aber diese und die oben- 
beschriebenen Königgrätzer Cantionale am Literatenchor der Deka- 
nallrirche zu Königgrätz sorgfältig verwahrt. 

III. Tafelgemälde. 

Es ist ftrwahr hohe Zeit in Oesterreieh und zumal in Böhmen 
ernstlich dahin zu trachten, dass nach dem Beispiele, das uns Deutsch- 
land, vorzüglich durch die Brüder Boisserö gegeben, die aus dem 
Ungeheuern Schiffbruche der Vergangenheit noch geretteten, für die 
vaterländische Kunstgeschichte hochwichtigen Tafelgemälde dem Dun- 
kel der Vergessenheit entrissen werden. Der Zahn der Zeit, die Hand 
der Rohheit und Unwissenheit arbeiten unaufhaltsam am Untergange 
dieser Kunstreste die von dem hundertjährigen Staube, der sie ver- 
deckt gereinigt, und würdig aufgestellt, den Freunden der Kunst und 
des Alterthums zur Freude, und dem Vaterlande zur Ehre gereichen 
würden. Vor der Hand muss man sich aber bloss auf die Kenntniss, 
Rettung und Erhaltung solcher Kunstreste beschränken; die Samm- 
lung und artistische Würdigung derselben ist die Aufgabe späterer 
Zeiten. Auf solche, meistens verkannte und verwahrloste Bilder hatte 
ich daher auf meiner Reise mein Augenmerk gerichtet und lege hiermit 
ein vorläufiges Verzeichniss der von mir untersuchten alt-böhmischen 
Tafelgemälde vor, von denen die meisten einen nicht unbedeutenden 
Kunstwerth haben. 

In der Dechanteikirche zu Rakonitz hängen im Presbyterium 
vier auf Holz gemalte Bilder mit goldenem Hintergrunde und zwar : 
1. die Verkündigung (auf der Rückseite Christus im Garten Geze- 
roane); 2. die Geburt Christi (Rückseite: Christus vor Pilatus); 3. 
die Beschneidung (Rückseite : die Dornenkrönung Christi) ; 4. die 
heil. 3 Könige (Rückseite : Christus am Kreuze). Der Kunstwerth 
dieser Gemälde ist bedeutend., 



22 Prot Joh. Wocel. 

In Leitmeritz liegen in einer dunklen Kammer des Rath- 
hauses vier vortreffliche Bilder mit goldenem Hintergrunde und zwar: 
1. die Geisselung Christi; 2. die Krönung Christi; 3. Maria und Eli- 
sabeth; 4. die Geburt Christi. 

In der Propsteikirche zu Raudnitz hängen im Presbyterium 
neun altböhmische Tafelgemälde , deren Werth bereits von andern 
Kunstkennern erkannt wurde, und zwar: 1. Ein grosses Gemälde 
den Tod Marlenes darstellend, wahrscheinlich aus dem XIV. Jahrhun- 
dert; 2. das letzte Abendmal; 3. Christus vor Pilatus; 4. Christus 
vor Kaiphas ; 8. Die Geisselung Christi ; 6. ein Ecce Homo ; 7. Chri- 
stus unter der Last des Kreuzes fallend ; 8. Christus am Kreuze und 
9. die Grablegung. Im linken Seitenschiffe derselben Kirche befin- 
den sich zwei Gemälde auf Goldgrund, deren Ursprung wahrschein- 
lich in das XIV. Jahrhundert fällt. 

Zu Königgrätz befinden sich am Literatenchore die Ge- 
mälde eines alten Flügelaltars ; das Mittelbild stellt die heil. Familie 
dar; im rechten Flügel unten die heil. 3 Könige, oben Maria und Eli- 
sabeth; der linke Flügel enthält unten die Geburt Christi, oben die 
Verkündigung. Auf der Rückseite des einen Flügels ist die heil. Anna, 
auf der andern Joachim dargestellt. Diese Gemälde sind besonders 
ausgezeichnet durch die Trefflichkeit der Zeichnung, Schönheit der 
Ausführung , Wahrheit und Innigkeit des Ausdruckes. Wahrschein- 
lich sind sie im XIV. Jahrhundert gemalt und sind vielleicht Werke 
des Meisters Radaus, wenigstens haben sie grosse Verwandtschaft 
mit seinen meisterhaften Miniaturbildern. 

In Kuttenberg befinden sich in der Barbarakirche zwei Ta- 
felbilder auf Goldgrund , das eine in der Nähe der Sacristei , das 
andere in der ersten Seitencapelle zur linken Hand des Hochaltars. 
Das letztere ist unbestreitbar ein Werk des XIV. Jahrhunderts. In 
der Muttergotteskirche derselben Stadt hängen am Musikchore zwei 
alte Flügelaltäre, wovon das zur rechten Hand der Orgel befindliche 
einen vorzüglichen Werth hat. 

In C h r u d i m erblickt man in der St. Katharinenkirche einen Flü- 
gelaltar, dessen Mittelbild zwar fehlt, die beiden hohen Seitenflügel 
aber mit trefflichen Bildern auf Goldgrund geziert erscheinen ; der 
rechte Flügel stellt die heil. Katharina von Engeln gekrönt , der linke 
die Enthauptung dieser Heiligen dar. In derselben Kirche befinden 
sich noch die Bruchs tu che eines zweiten Flügelaltars. In der heil. 



Bericht Aber eine kanst-archäologfsche Bereisung Böhmen». 23 

Kreuzkirehe derselben Stadt ist ein Flögelaltar, dessen Mittelstüek 
Maria mit dem Christuskinde im Goldgrunde darstellt ; die Seiten* 
flflgel enthalten die Bilder einiger Apostel und ein Ecce Homo ; am 
Sockel ist die Verklärung Christi dargestellt. Ebendaselbst befindet 
sieh noch ein zweiter Flügelaltar; das Mittelbild desselben stellt die 
Auferstehung Christi, 'die Seitenflügel die Apostel Petrus und Johan- 
nes, dann Jakob und Philipp vor; im obern Theile ist Christus im 
Garten der Magdalena erscheinend, am Sockel aber sind die böhmi- 
schen Landespatrone dargestellt. Alle Bilder sind auf Goldgrund, ihr 
Kunstwerfh ist sehr bedeutend. 

Im Vorhause der Dechantei zu Chrudim hängen unbeachtet 
zwei herrliche Bilder der altböhmischen Schule. Das erste stellt die 
heil, drei Könige, das zweite die Geburt Christi dar. 

Im Dorfe K o c i nahe bei Chrudim hängen im hölzernen Thurme, 
der zugleich die Vorhalle des Dorfkirchleins bildet, zwei Bilder aus 
dem XVI. Jahrhundert, wovon das eine, das letzte Gericht darstel- 
lende, meisterhaft componirt und ausgeführt ist. Leider sind beide 
Bilder sehr beschädigt und mit Schmutz bedeckt. 

Ich beschränke mich bloss darauf, jene alten Tafelgemälde hier 
anzuführen, die ich auf meiner diesjährigen Reise untersucht hatte, 
mit der Bemerkung, dass, soweit mir aus eigener früherer Anschau- 
ung und fremden Berichten bekannt ist , Böhmen in seinen Gottes- 
häusern noch eilie sehr bedeutende Anzahl solcher Bilder besitzt. 



Ein Verzeichniss und eine Sichtung der einheimischen Kunst- 
denkmale ist vor allem nothwendig, wenn die Kenntniss und das 
Studium der vaterländischen Kunst- und Kircbenalterthümer einen 
gedeihlichen Anfang in Oesterreich nehmen soll. Bisher hatte man 
zumeist dem Auslande die Aufmerksamkeit zugewendet; denn es war 
viel bequemer das bereits durch Schriften und Abbildungen Bekannte, 
dem Beschauer leicht Zugängliche zu studiren, als sich der mühsa- 
men Aufsuchung und Erforschung der einheimischen Kunstreste zu 
unterziehen. Und hatten auch einige wackere Forscher in Oester- 
reich die Hand an das mühevolle Werk gelegt und in Monographien 
manches interessante Alterthum vor das Forum der Oeffentlichkeit 
gebracht, so waren es doch nur vereinzelte Unternehmungen, 
die ohne Zusammenhang unter einander sporadisch auftauchten 
und bloss einzelne Bausteine zur Construirung einer systema- 



24 Prof. J o h. W o c e 1. Bericht Ober eine kunst-arch&ologiache Bereis. Böhmens. 

tischen Kunstgeschichte Oesterreichs lieferten. Wohl ist es unum- 
gänglich nöthig, dass auch die Kunstdenkmale des Auslandes aufge- 
sucht und studirtVerden ; aber dieses Studium muss im vorliegenden 
Falle als Mittel zur Erreichung eines höher liegenden Zweckes be- 
trachtet werden. Der Forscher im Bereiche der vaterländischen 
Kunstgeschichte und Alterthumskunde hat somit eine doppelte Auf- 
gabe : Er muss die Errungenschaft fremder Völker auf diesem Ge- 
biete kennen lernen ; und gerüstet mit dieser, Kenntniss, die seinem 
Urtheile die nothwendige kritische Schärfe verleiht, im eigenen Va- 
terlande nach den Ueberresten der alten Kunst forschen. Die auf 
diesem Wege gewonnenen Ergebnisse sind für die einheimische 
Alterthumskunde bedeutungsvoll. So z. B. gewährt eine Vergleichung 
der von Putrich herausgegebenen deutschen Kirchenbauten des Rund- 
bogenstyls mit den in Böhmen befindlichen Bauwerken dieser Art 
interessante Resultate, und weiset auf so manche Eigenthümlichkeit 
des böhmischen Baustyls jener Zeit hin. 

In den oben beschriebenen Miniaturen und Tafelbildern gewahrt 
man ferner Motive, welche an die Werke der alten italienischen und 
deutschen Meister lebhaft erinnern, und eben daselbst erblickt man 
Gebilde, die einen eigenthömlichen nationalen Typus haben. In dem 
Ludizer Cantional bemerkt man z. B. Randverzierungen, welche eine 
auflallende Aehnlichkeit mit einigen Motiven in Raphael's Logen haben, 
und im Königgrätzer lateinischen Cantionale vom JaRre 1505 befin- 
den sich Bilder, deren Composition mit den Holzschnitten in Albrecht 
Dürer 's, im Jahre 1511 zum erstenmal gedruckten Passio Christi 
erblicken lässt. Ueberhaupt wird durch solche Vergleichungen ein 
tiefer Einblick in das bewegte Künstlerleben des XV. und XVI. Jahr- 
hunderts in Böhmen eröffnet. 

Schlüsslich bemerke ich, dass der österreichische Kaiserstaat 
in der Mannigfaltigkeit seiner nationalen Elemente eine überreiche 
Fülle an alten Kunstdenkmalen bewahrt, in welchen das edelste 
Vermächtniss der Vergangenheit ruht. Die Erforschung derselben 
ist eine schöne, dankenswerthe Aufgabe, [die in unserer Zeit um so 
wichtiger erscheint, weil der Nationalgeist der Völker in einer sol- 
chen Würdigung des theuren Nachlasses der Ahnen eine edle, den 
Kunstsinn wie auch das humane und religiöse Gefühl anregende Be- 
friedigung findet. 



Freih. Hammer-PurgstaU. Ueber die Geisterleor e der Muslimen. 2 S 

SITZUNG -VOM 14. JÄNNER 1852. 



Der Präsident derClasse, Hr. v. Karajan, eröffnet die Sitzung 
mit einer Ansprache an die Ciasse , worin er mit tiefem Bedauern 
des grossen Verlustes erwähnt, den die Wissenschaften und die 
Akademie durch den am 10. d. M. erfolgten Tod ihres w. M., Hrn. 
Prof. Grauert, erlitten. 

Zugleich aber gibt er Hoffnung, dass ein Freund des Verbliche- 
nen, der, wie bekannt, ein Schüler Niebuhr's, die römische Ge- 
schichte zum besonderen Studium gemacht und sie von einer neuen 
eigentümlichen Seite aufgefasst hatte, eine von ihm fast vollendet 
Unterlassene grössere Abhandlung : „Cato und Ennius" in sei- 
nem Geiste völlig ausarbeiten , und zum Abdruck in den Schriften 
der Akademie fertig machen werde. 



m 

Gelesene Abhandlungen. 

Freiherr Hammer-Purgstall fährt in der Lesung seiner 
Abhandlung ober die Daimonologie der Moslimen fort, er führt die 
Stellen des Korans an, in welchen Iblis, das Dschinnenkind, dessen 
Erziehung im Himmel so übel gerathen war , sich weigert , wie ihm 
Gott befahl , den Menschen , vor demselben sich niederwerfend , zu 
verehren. M a c h du m , d. i. der Bediente, welcher Name von den 
Arabern und Persern insgemein nur Wefiren und grossen Herren, die 
ein grosses Gefolge haben, beigelegt wird, heisst ursprünglich der 
von den Dschinnen Bediente, und M e s ü r heissen ursprünglich nur 
die von Teufeln und Dschinnen für Salomon verfertigten Klingen ; 
hieraus erklärt sich, warum so viele persische und türkische Säbel 
mit Koransteiten vorkommen , die sich auf Salomon beziehen ; die 
Dschinnen dienten ihm nicht nur als Baumeister und Perlenfischer, 
sondern auch als Schwertfeger und Glasbrenner , indem sie für ihn 
auch die Gläser der Flaschen und der Bäder, die halb kugelförmigen 
gläsernen Kuppen, wodurch von oben das Licht einfällt, verfertigten. 
Gabriel heisst der Pfau des Himmels undMelek eth-thäus, 
d.i der Engel; der Pfau ist der Gegenstand der Verehrung der Jefi'di, 



26 Iffnaz Beidtel. 

die darunter aber nicht den Engel Gabriel, sondern den Teufel ver- 
stehen. Ainsworth hat daher Unrecht die Sage vom Engel Pfau in 
bezweifeln, welche noch jüngst Moriz Wagner in seinem Berichte 
über die Jefidi (in der Beilage der A. A. Z.) gegeben. 

Die Dschinnen, d. i. die Genien, sind männliche und weibliche. 
Die Gule, welche in der neuesten Zeit von europäischen Dichtern 
gewöhnlich nur als weibliche aufgeführt werden, sind männliche und 
weibliche , die letzten sind Zauberinnen oder Hexen ; eine Art der 
Dschinnen sind die Nisnas (Halbmenschen), welche die Inseln des 
indischen Meeres bewohnen (grosse Paviane) und die Schikk (ge- 
spaltene Menschen) welche nur ein Aug, eine Hand, einen Fuss 
u. s. w. haben , wie der Wahrsager, welcher Mohammed's Ankunft 
prophezeihte. Von den Dschinnen sind mehrere metonymische Aus- 
drücke des Arabischen hergenommen, so heisst die Grille Dikold- 
schinn, d.i. der Hahn der Dschinnen, hftssliche Menschen; Mesi- 
chol-Dschinn,d.i.in Dschinnen Verwandelte, die Pest ; R e m a- 
chol-Dschinn, d. L die Lanze der Dschinnen. Die schnellsten 
Arten der Kameele wyden zu den Dschinnen gerechnet. 



lieber österreichische Zustände in den Jahren 

1740 - 1792. 

Von dem c. M. Hrn. tkerlaidesgtricktsrath Beidtel. 

IV. 

Ueber den Charakter der Communalverfassungen in den Österreichischen 
Staaten (1740—1780). 

Bei den nach dem Jahre 1783 beschlossenen Justizreformen 
boten für die österreichischen Staaten die Communalverfassungen die 
grössten Schwierigkeiten dar, und da auch seit 1848 die Gemeinde- 
Verfassungen eine der schwierigsten Aufgaben für die österreichische 
Staatsverwaltung geworden sind, so scheint es nicht unangemessen 
über den Zustand der Communalverfassungen der böhmisch-österrei- 
chischen Provinzen, wie er vor 1780 war, einen Vortrag zu halten. 

Ungeachtet aller Schwierigkeiten , welche diese von den 
österreichischen Historikern wenig auseinandergesetzte Seite der 
altern Staatsverfassung zeigt , glaube ich doch ' darüber apre- 



Ueber ftaterr. Zuilindc in den Jabren 1 740 — 1 7*2. 27 

chen zu dürfen, weil Ich als Mitglied höherer Gerichtsstellen 
Gelegenheit hatte , viele Acten in Ansehung der filtern Gemeinde- 
einrichtungen yon Mfihren, Schlesien, Steiermark, Kärnten, Krain, 
dem Kastenlande und Dalmatien zu sehen, und diese Acten 
grösstenteils dasjenige erläuterten oder näher bestimmten, was 
mir aus gedruckten Werken bekannt war, eine übrigens sehr natür- 
liche Erscheinung, dadieEntwickelung den westeuropäischen Staats- 
verfassungen während des Mittelalters überall in den Grandzügen 
dieselbe gewesen ist und in den österreichischen Staaten die Institu- 
tionen des Mittelalters noch um die Mitte des achtzehnten Jahrhun- 
derts vorherrschend waren. 

Wie in den meisten westlichen Ländern Europas war auch 
in den westlichen Provinzen des jetzigen Kaiserthums Oester- 
reich das Land in dem Besitze von Edelleuten, geistliehen Stiftun- 
gen und einigen grösseren Städten gewesen, welche die Bauern ihres 
Gebietes oder wie man in den letzten zwei Jahrhunderten sagte, ihres 
Herrschaftsbezirkes in dem Zustande gänzlicher oder halber Leib- 
eigenschaft hielten. Ereignisse und Betrachtungen verschiedener Art, 
unter denen auch religiöse gewesen waren , hatten aber viele dieser 
Edelleute und Communitäten bestimmt, einzelnen Ortschaften auf ihren 
Gütern eine mehr oder weniger beträchtliche Freiheit zu geben, bald 
unentgeltlich , bald auf leichte Bedingungen , ohne sie jedoch aus 
dem Herrschaftsverbande ganz zu entlassen. 

Eines der gewöhnlichsten Privilegien der begünstigten Orte war, 
dass die Einwohner einen gesicherten Besitz ihres Vermögens er- 
hielten, Gewerbe treiben konnten, sich ihre Ortsobrigkeit zu wählen 
befugt waren und ihre Kinder zu was immer fllr einem Stande be- 
stimmen durften. Oft kam dazu noch eine Marktfreiheit, gewisse 
Ehrenbezeugungen in dem Wohnsitze des Herrn , das Recht Zölle 
anzulegen und noch so manches Andere. Dagegen war es sehr ge- 
wöhnlich, dass die begünstigte Gemeinde die Bestätigung ihrer Obrig- 
keiten bei dem Besitzer des umliegenden Landstriches ansuchen, 
ihm einen bestimmten jährlichen Zins entrichten, gegen ihn ein ge- 
wisses Ceremoniel beobachten und ihn in Nothftllen mit einem Zu- 
züge von Mannschaft unterstützen musste. Solche th eil weise 
Emanzipationen gewisser Ortschaften kamen noch im Anfang des 
achtzehnten Jahrhunderts in Mährea vor, wie das Beispiel der Stadt 
Ungrisch-Brod beweiset. 



28 Ignaz Beidtel. 

Es gab aber auch Städte und Märkte, welche schon in sehr 
alter Zeit unter keinem Edelmann , sondern unmittelbar unter 
dem Landesherrn standen. Diese hielten sich für vornehmer, waren 
auch gewöhnlich sehr begünstigt» und diese Ortschaften erscheinen 
nach Verschiedenheit der Landesverfassungen unter dem Namen der 
landesfürstlichen oder königlichen Städte und Märkte. Sie wurden, 
als die landesherrliche Macht sich mehr ausbildete, gewöhnlich zu 
den Landtagen berufen und es gab Zeitpuncte, in denen ihr Ansehen 
gross war. Die andern Städte und Märkte wurden als halb unter- 
thänig betrachtet, gegenüber dem Herrschaftsbesitzer, auf dessen 
Besitzungen sie lagen. 

Alle diese ganz- oder halbfreien Gemeinden legten auf ihre Stel- 
lung einen grossen Werth, denn gegenüber dem Landvolke, welches 
oft leibeigen und stets mit Leistungen der verschiedensten Art gegen 
die Herrschaft belastet war, war die Stellung der Bewohner der 
Städte und Marktflecken eine beneidenswerthe. Sie richteten sich 
also zufolge der ihnen gewährten Autonomie alles nach ihren An- 
sichten und Bedürfnissen ein, Bürger aus ihrer Mitte, auf längere 
oder kürzere Zeit gewählt, versahen alle obrigkeitlichen Aemter, 
übten die Gerichtsbarkeit, sorgten nothdürftig flir die Polizei, hoben 
die Abgaben ein und leiteten , insofern irgendwo von Verteidi- 
gung die Rede sein konnte , die durch die Bewaffnung der Bürger- 
schaften ohnehin schon vorbereitete Verteidigung. Das bürgerliche 
Recht in diesen Gemeinden, bestand meistens in einigen Landes- 
gesetzen und den örtlichen Gewohnheiten *)> welche den Rechtspre- 
chenden von Jugend auf bekannt waren und für einfache Rechts- 
verhältnisse hinreichten; in den reicheren Gemeinden , wo manch- 
mal die Rechtssachen schwieriger waren , hatte man aber seit dem 
sechzehnten Jahrhundert oft rechtsverständige Consulenten mit ver- 
schiedenen Benennungen. 

Als in Städten und Märkten sich eine sehr bemerkbare Zufrie- 
denheit des Volkes und ein steigender Wohlstand zeigte , wurde es 



fl ) Von diesen örtlichen Gewohnheiten und einigen andern Acten der Istria* 
nischen Gemeinden Parenzo, Mantona, Aibona, Pisino, Capo d' Istria u. s. w. 
befanden sich beim Appellationsgerichte zu Klagenfurt Abschriften, welche 
die Regierung hatte machen lassen, dagegen war von den Statuten der mähri- 
schen Städte in den Registraturen wenig zu finden. 



Uefaer ötfterr. Zuutinde in den Jahren 1 740 — 1792. 29 

auch gewöhnlicher, den Dörfern etwas ron einer geordneten Ge- 
meindeverfassung zu bewilligen. Die Herrschaftsbesitzer erlaubten 
oft den Bauern Richter und Geschworne aus ihrer Mitte, nur behiel- 
ten sich viele Herrschaftsbesitzer die Kenntnissnahme oder die Be- 
stätigung der Gemeindebeschlüsse vor, sie beschränkten auch sonst 
den Wirkungskreis der Dorfgemeinde auf mannigfaltige Art, gaben 
ihr aber in der Verwaltung ihres Gemeinde-Eigenthums viele Freiheit. 

Da diesen Einrichtungen zufolge die Stadt- und Dorfgemeinden 
eine Art kleiner Republiken mit höchst verschiedenen Graden von 
Abhängigkeit, von Vermögen und von Macht wurden, so entstand 
auch eine beträchtliche Verschiedenheit der Gemeindeverfassungen. 
Hier dring das aristokratische Element vor, zufolge dessen man die 
wichtigeren Gemeindeämter nur in dem Besitze der Vornehmeren 
oder Reicheren sehen wollte, dort das demokratische, welches eine 
mehr oder weniger allgemeine Wählbarkeit verlangte. Hier gab es 
erbliche Gemeinde-Obrigkeiten, dort nicht, hier gab es Besoldungen, 
wo anders gab es keine. Hier ergänzten sich die Stadtobrigkeiten 
selbst, dort wurden sie nach bestimmten Perioden von allen Ge- 
meindegliedern oder einem Ausschuss derselben gewählt. 

Ganz natürlich war es, dass auch in diesen Gemeinden Verfas- 
sungsfragen vorkamen und die Gemüther erhitzten. Oft geschehen 
auf diesem oder jenem Wege Verfassungsveränderungen, welche, wie 
bei Staaten, hier zum Guten, dort zum Uebeln führten. Im Ganzen 
aber waren , da bald der Herrschaftsbesitzer , bald der Regent sich 
einmengen konnten, diese Veränderungen doch selten, manche Ver- 
fassungen waren erweislich Jahrhunderte alt, aber seit der Glau- 
benstrennung des sechzehnten Jahrhunderts waren die Veränderungen, 
weil der Zwiespalt in unzählige Gemeinden gedrungen war, häufiger 
geworden. 

In mehreren der österreichischen Besitzungen, namentlich in 
Böhmen, Mähren und Schlesien wurde die Communalfreiheit während 
des dreissigjährigen Krieges sehr eingeschränkt. Die Landesregie- 
rung traf, um einer Auflehnung der grösseren Gemeinden gegen den 
Landesherrn vorzubeugen, mancherlei Vorsichtsmassregeln, unter 
welche in Mähren gehörte, dass in jeder der königlichen Städte ein 
sogenannter königlicher Richter als Regierungscommissär aufgestellt 
war, dessen Zustimmung zu verschiedenen wichtigen Gemeinde- 
beschlüssen gesetzlich hothwendig wurde. Als aber die Periode der 



30 Igna* Beidiel. 

Religionskriege rorüber war, bekamen die Gemeindeverfassungea, 
weil die Staatsgewalt jetzt wenig mehr Änderte, von Neuem mehrere 
Festigkeit. 

Eines der Hauptelemente der Stadt- und Marktverfassungen 
waren die verschiedenen Zünfte. Diese hatten herkömmlich durch 
ihre Vorsteher viel zu sagen. In vielen Orten von Böhmen und Mäh- 
ren bestand ein Uebergewicht der sogenannten Grossbürger Aber die 
Kleinbürger und der Stadtbürger aber die Vorstadtbürger. In den 
südlichen Gegenden bemerkt man den Eiafluss der italienischen 
Städtebildung durch die Existenz eines Patriciats, wovon sich zu 
Triest und Görz noch manches erhalten hat Wien hatte aiuser sei- 
nen gewöhnlichen Stadtobrigkeiten auch noch einen sogenannten 
äussern Rath. 

Als Resultat dieser verschiedenen Verhältnisse bemerkt man 
gewöhnlich in den Gemeinden grosse Anhänglichkeit an den Wohn- 
ort, eine oft sehr verschiedene Sitte von der Sitte anderer Orte, viel 
redlichen Sinn, viel Sparsamkeit; aber auch das, was man um das 
Jahr 1780 Kleinstädterei oder spiessbflrgerliche Gesinnung nannte. 
Im Ganzen genommen schlössen aber die Stadt- und Marktgemeinden 
ein gutes und rechtschaffenes Volk ein, welches bei einem massigen 
Wohlstande nach der Sitte der Väter lebte, und von dem, was sonst 
in der Welt vorging, wenig Notiz nahm. 

Diese Zustände waren auch, jedoch gewöhnlich mit mehr Roh- 
heit verbunden, auf den Dörfern zu finden. Sie kamen auch theil- 
weise in den ungrischen Provinzen vor, wo sich gleichfalls auf den 
in den deutschen Provinzen betretenen Wegen eine Anzahl halb- 
und ganzfreier Gemeinden gebildet hatten , und in diesem Zustand 
fand (1740) Maria Theresia das Gemeindewesen in den österreichi- 
schen, böhmischen und ungrischen Provinzen. 

Unstreitig hatte dieser Zustand gute und üble Seiten, doch die 
ersteren waren überwiegend. Sie waren aber nicht bloss die Folge 
der Communalzustände, sondern vieler zusammenwirkender Ursa- 
chen. Da man in jener Zeit wenig reiste , so waren , Handwerker 
ausgenommen, die in ihren Wanderjahren weit herumgekommen 
waren, wenig Menschen, welche viel von der Welt gesehen 
hatten, oder ein Verlangen hatten, andere Lebensverhältnisse 
eingeführt zu sehen. Bei dem Mangel an Fabriken wurde jedes 
Gewerbe zunftmässig betrieben und die Zunftordnungen hielten auf 



Ueber österr. Zustinde ia den Jahren 1740 — 1792. 31 

Unterordnung und Sittlichkeit. Die Staatsorganisation sperrte dem- 
jenigen, welcher nicht beträchtliche Mittel und gute Verbindungen 
hatte, jede Aussicht, im Stande den Staatsbeamten vorzukommen. 
Von einem kolossalen Vermögen hörte man, einige Familien des 
hohen Adels ausgenommen, nichts. Gelesen wurde wenig, gespro- 
chen viel, man gefiel sich in örtlichen Sagen, so wie in Familien- 
geschichten und der Befriedigung des Ehrgeizes im Orte , ganz na- 
türlich aber mussten solche einfache Verhältnisse mehr auf gute Sit- 
ten hinwirken als unsere heutigen Zustände. 

Als das Cabinet naeh 1745 das ganze österreichische Regie- 
rungssystem zu ändern bqgehloss, mussten in so vielen Bezie- 
hungen Veränderungen einzelner Verhältnisse hervortreten, dass, 
wenn auch die alten Communalverfassungen geblieben wären , doch 
eine grosse Veränderung in den Sitten und Begriffen des Volkes 
hätte kommen müssen. Aber die Communalverfassungen mussten bei 
der Sfstemsveränderung auch als ein Hauptgegenstand in Betrach- 
tung kommen, und der Zustand, welcher sich (1748) zeigte, war 
folgender : 

Die Stadt- und Marktgemeinden hatten der Regel nach die Civil- 
gerichtsbarkeit Aber die nicht privilegirten Gemeindeglieder, wie- 
wohl oft mit mancherlei Einschränkungen. So konnten zwar die grös- 
seren Städte ihre Urtheile schöpfen und ohne weiters kundmachen, 
aber die minder privilegirten Städte und Flecken bedurften oft, ehe 
ihr Urtheil kundgemacht werden durfte, der herrschaftlichen Bestä- 
tigung, welche wieder bald eine aus dem Standpuncte eines Cassa- 
tionsgerichtes zu schöpfende Entscheidung, also keine eigentliche 
Bestätigung, bald aber eine wahre Approbation oder Abänderung 
war. Auch auf den Dörfern hatten die Dorfgerichte eine wahre Ge- 
richtsbarkeit, nur wurden, weil die meisten Bauern nicht lesen und 
schreiben konnten, viele ihrer mündlichen Aussprüche erst bei dem 
herrschaftlichen Amte zu Papier gebracht und sofort den Parteien 
jene Ausfertigungen, deren sie bedurften, hinausgegeben. 

Nach den Begriffen unsers Zeitalters ist eine solche Justizver- 
waltung ein Unding, auch begriffen schon in den letzten fünfzig Jah- 
ren viele Rechtsverständige nicht, wie sie überhaupt möglich war. 
Allein der frühere Zustand der Gesetzgebung erklärt die Sache. 

Da das Verfahren nicht bei allen Gerichten gleich war , und 
ebenso wenig jener Theil der Gesetzgebung, welcher die Frage, 



32 Igntz Beidtel. 

was ist Rechtens, entscheidet, so war die wissenschaftliche Rechts- 
kenntniss bei weitem nicht bei a 1 1 e n Gerichten nothwendig, son- 
dern oft die Kenntniss gewisser Landesgesetze oder Gewohnheiten 
hinreichend und in den mehr verwickelten Folien entschied, oft bes- 
ser als man geneigt ist zu yermuthen, der gesunde Menschenverstand; 
Entscheidungen dieser Art wussten aber gewöhnlich auch die ange- 
seheneren Einwohner des Ortes zu Allen , auch hatten viele Städte 
und Städtehen unter verschiedenen Namen rechtsverständige Con- 
sulenten. 

Bei den damaligen Verhältnissen zeigte sich auch das als be- 
sonders wichtig, dass eine Art von traditioneller Jurispru- 
denz nach und nach unter dem Volke entstanden war. Diese um- 
fasste die mehr praktisch wichtigen Bestimmungen der Gesetze und 
Rechtsgewohnheiten. So wussten zwar der Landmann und der Bür- 
ger der kleinen Städte nicht, wie dieser Contract sich von jenem 
unterscheide, wer die Gesetze gemacht habe , oder welche Gesetze 
bei einem andern Gerichte oder in einem anderen der österreichischen 
Länder gelten. Aber er wusste, welcher Sohn nach dem im Orte 
gültigen Rechte der Grunderbe sei, welche Ansprüche eine Tochter 
in Ansehung des Heiratsgutes machen könne, zu wem er gehen und 
die Bewilligung einholen müsse, wenn er Schulden auf seinen Grund 
machen wollte, und diese und ähnliche Rechtskenntnisse reichten 
hin, um die einfachen Rechtsß&lle, welche gewöhnlich vorkamen, zu 
entscheiden. 

Ganz anders wurde aber die Lage, als man unter Maria There- 
sia ein wissenschaftliches Recht in einer systemati- 
schen Ordnung und in einer möglichst präcisen 
Sprache aufstellen wollte. Jetzt war es einleuchtend , dass nur 
wissenschaftlich gebildete Rechtsverständige oder wie der gemeine 
Mann sich ausdrückte, Juristen, zur Justizverwaltung taugten. 
Ganz natürlich konnten also nur Orte, welche, um Juristen als Rich- 
ter aufzustellen, die Geldmittel und die verfassungsmässigen Befug- 
nisse hatten, im Besitze einer eigentlichen Gerichtsbarkeit, d.h. 
einer solchen, die ihre Aussprüche ohne weiters kundmaqhen kann, 
bleiben und da die meisten Dörfer und Flecken in der österreichi- 
schen Monarchie sich nicht in diesem Falle befanden, ging ihre 
Civiljurisdiction, wenn die Regierung auf ihren Ideen beharrte, 
verloren. 



Ueher ögterr. ZueULnde in den Jahren 1740 — 1792. 33 

Aehnlichc Betrachtungen galten auch von dem den Gemeinden 
öberlassenen Theile der Polizeiverwaltung, in so fern man bei dem- 
selben schriftliche Aufsätze brauchte, und da den alten Gemeinde- 
gerichten dann höchstens noch derNamevonGerichten konnte 
gelassen werden, so waren, da man ohnehin schon' in mehreren Pro- 
vinzen den meisten Gemeinden (1754 — 1768) die Criminalgerichts- 
barkeit abgenommen hatte, die alten Gemeindeverfassungen 
vernichtet 

Der Hinblick auf dieses Resultat war fiir jene Staatsmänner, 
welche auf die Zukunft sahen, nicht erfreulich. Sie wünsch- 
ten nicht, dass die Communalverfassungen, welche ihnen die Quelle 
von so manchen guten Eigenschaften des Bürgerstandes zu sein 
schienen, wesentlich verändert würden. Aber ihnen zur Seite 
standen andere Politiker, welche, wenn sie auch gerade nicht auf die 
unmittelbare Vernichtung der alten Communalverfassungen Werth 
legten, doch eine Menge anderer Ideen, welche der Fortdauer der 
alten Communalverfassungen nachtheilig waren, gut hiessen. 

Unter diese Ideen gehörte die Hoffnung, dass, wenn das Volk zu 
einer höheren Bildung gelange, wozu ihnen die Gesetzgebung und die 
Volksschulen die Mittel zu liefern schienen , bald ein Zeitpunct ein- 
treten werde, in welchem die gebildeten Gemeindeglieder mit Beru- 
higung das Richteramt würden führen können. Viele Staatsbeamte 
hielten dafür, dass die Organisirung der Volksschulen und der Poli- 
zeiverwaltung eine Sache des Staates sei, und schon von dieser 
Seite die alten Communalverfassungen einer Reform bedürften. Noch 
andere, physiokratischen Ideen nachhängend, wollten die Zünfte, wo 
nicht ganz, doch zum Theil aufgelöst haben , und meinten, dass mit 
der Lockerung des Zunftwesens ohnehin die alten Gemeindeverfas- 
sungen verschwinden würden. 

Unterstützt wurden diese Betrachtungen durch eine andere 
Partei , welcher das Vorherrschen des aristokratischen Elementes in 
den meisten Gemeindeverfassungen zuwider war. Wenn der Gross- 
bürger den Kleinbürger , der Stadtbürger den Vorstadtbürger, der 
Besitzer eines ganzen Bauerngrundes den Halbbauer geringschätzte, 
gewisse Familien erbliche Vorrechte im Orte ansprachen und 
lang ansässige Familien sich gegen die Ansässigmachung neuer An- 
kömmlinge sträubten , schien ihnen dies nicht minder verwerflich, 
als der aristokratische Dünkel unter den höchsten Ständen» und 

Silzb. d. phil.-hist. CI. VIII. Dd. I. Hft. 3 



34 I*na& Beidtel. 

demokratische Grundlagen, welche aber nur bei einer Totalreform 
des Gemeindewesens Geltung erlangen konnten, schienen ihnen eben 
desshalb die einzigen richtigen Grundlagen für eine Gemeinde zu sein. 

Auch jene militärische Hülfe, welche die altern Stadtverfassun- 
gen durch die Verwendung der Bürgerschaft zur Verteidigung ihrer 
Mauern der Staatsgewalt gegeben hatten, und von der die Jahrbücher 
so vieler österreichischen Städte glänzende Beispiele aufstellten, 
schien vielen Militärpersonen um das Jahr 1758 von keiner Erheb- 
lichkeit mehr. Man ineinte in den froheren Jahrhunderten, als die 
Armee klein und die Artillerie sehr schwach war , hätten Städte, da 
sie oft nur von einigen hundert Mann angegriffen wurden, allerdings 
Widerstand leisten , und wohl auch in Verbindung mit einer regu- 
lirten Kriegsmacht der letzteren eine nützliche Aushülfe leisten kön- 
nen, dies sei aber Alles, was man zugeben könne, mehr zu erwarten 
sei bei den starken Armeen und der Vermehrung des schweren Ge- 
schützes schlechterdings unmöglich, und zum Wesen eiuer festen 
Ordnung iin Staate gehöre, dass nur die Armee bewaffnet sei. 

Auch das, was man von den Fortschritten der Bevölkerung und 
des Handels erwartete, lief gegen die alten Städteverfassungen. In 
den altern Zeiten waren die Städte so gebaut worden, dass man einen 
möglichst kleinen Umkreis zu vertheidigen habe. Daher gewöhnlich 
enge Gassen, kleine Plätze und vor allem Stadtmauern mit verschie- 
denen Thürmen. Könnte diese Ausdehnung und Bauart der Städte 
bleiben, wenn die Bevölkerung sehr gross würde und etwa durch In- 
dustrie und Handel ein beträchtlicher Theil der Einwohner zuReich- 
thümern gelangte? Was bedeuteten dann aber die Unterschiede zwi- 
schen Stadt- und Vorstadtbürgern, zwischen Grossbürgern und Klein- 
bürgern ? 

Auch das machte man gegen die alten Stadtverfassungen geltend, 
dass sie eigentlich Staaten im Staate bildeten. Diese Behauptung war 
offenbar unrichtig, da sie Corporationen waren und keine Souverai- 
nitätsrechte ansprachen, aber um 1750 behauptete man auch von 
jeder Corporation, dass sie einen Staat im Staate bilde, und viele an 
sich gutdenkende Menschen Hessen sich diese Behauptung gefallen. 

Während diese Veränderung in den politischen Ansichten die 
alten Stadtverfassungen immer mehr bedrohte, war auch im Wege der 
Gesetzgebung schon Einiges geschehen, um ihre Stellung gegen die, 
Staatsgewalt zu ändern. Hier soll von jener Masse einzelner Decrete, 



Ueber öaterr. Zustünde iu den Jahren 1740 — 1792. 35 

welche in die Gesetzsammlungen nicht aufgenommen wurden , keine 
Erwähnung geschehen, nur von einigen der wichtigeren Gesetze für 
diesen Zweck soll die Rede sein. 

Ein Gesetz vom 7. Juni 1749 hatte in Ansehung der vielen lan- 
desfärstlicheu Städte des Landes ob der Enus verordnet, „dass, wenn 
die Stadtschreiber- oder Syndicusstellen in Erledigung fallen sollten, 
„deren Ersetzung zwar wie bisher more consueto durch ordentliche 
Wahl vorgenommen, der neue clectus aber nicht eher zur Activität 
gelassen werde, er sei denu vorher von der königlichen Repräsenta- 
tion und Kammer confirmirt worden/' 

Ein Hofdecret vom 19. August 1750 verbot in Ansehung der 
Sachen der Marktregulirungen, welche damals im Werke waren : 
„Deputationen ohne vorher eingeholter Bewilligung an das a. h. Hof- 
lager zu schicken" wobei zugleich einige allgemeine Maximen für 
ähnliche Fälle aufgestellt wurden. 

Ein Hofdecret vom 18. September 1751 für Böhmen gab den 
dortigen Kreisämtern eine »Aufsicht in den Städten" auf alles jenes, 
„was in den publicirten Generalien und Patenten verordnet wird, und 
namentlich auf Gewicht und Maass der Comestibilien ," was vorher 
fast ganz den Stadtobrigkeiten anheimgestellt war. 

Eine andere allgemeine Verordnung vom 3. Jänner 1752 unter- 
sagte den Städten die Abreichung der herkömmlichen Geschenke an 
die Regierungsstellen. 

Als mit dem Patente vom 24. Juli 1753 die Kreisämter in Oester- 
reich ob der Enns, „gleich wie in allen übrigen deutschen Erblän- 
dern bereits geschehen ist," eingeführt wurden, erhielten sie eiue 
Instruction , welche mit der in andern Provinzen gleich scheint ge- 
wesen zu sein, und welche in Gewerbssachen die Autonomie der 
Städte sehr einschränkte. 

Ein Gesetz vom 7. Jänner 1754 lautete : „bei den in Städten und 
Märkten obwaltenden Gebräuchen und Unordnungen in Ansehung der 
Polizeigeschäfte werden sämmtliche Städte und Märkte erinnert, dass 
jeden Ortes sich befindenden Zünften wohlerfahrne Männer als Com- 
missäre vorzustellen, über alle politischen Vorfälle und Veranlassungen 
einProtokoll zu führen und dasselbe namentlich dem Kreisamte zur 
Einsicht einzureichen und in erheblichen Gegenständen die höhere Ent- 
scheidung zu gewärtigen sei." Dieses Gesetz setzte die Zünfte in grös- 
sere Abhängigkeit; jener Theil desselben, welcher die Errichtung von 



36 Ignaz Beidtel. 

Protokollen über alle politischen Vorgänge und Veranlassungen betrifft, 
wurde aber bald von der Praxis so ausgelegt, dassdas mündliche 
Verfahren über viele gerichtliche und polizeiliche Gegenstände, 
in Ansehung deren man früher höchstens die Resultate schriftlch 
aufzeichnete, aufhörte und das schriftliche Statt fand. Besonders war 
die Wirksamkeit der Bauerngerichte in den Dörfern dadurch getroffen. 

Gegen den Wunsch der Städte wurde mit dem Hofdecret vom 
29. Jänner 1754 die Conscription „in den gesammten deutschen 
Erblanden" eingeführt. Zu Wien wurde (26. Juni 1784) auch eine 
den damals neucreirten Polizeicommissären ertheilte Instruction kund- 
gemacht. Mit dem Hofdecret vom 29. Jänner 1757 kam die Baupo- 
lizei mehr an die Landesstellen. 

Ein Gesetz für Böhmen vom 22. -Juli 1765 erklärte, von den 
damals im Lande bestandenen 378 Halsgerichten würden nur 24 bei- 
behalten , und die Ortschaften , welche die Criminalgerichtsbarkeit 
verlieren , hätten bestimmte jährliche Geldbeiträge an den Criminal- 
fond zu leisten. 

Die für die Städte so wichtigen Dienstbotengesetze, wurden im 
Erzherzogthum Oesterreich durch eine Dienstbotenordnung vom 
12. August 1765 abgeändert, ohne die Städte zu fragen. 

Mit dem Patente vom 18. November 1768 wurde die Zerstücke- 
lung der für die kleinen Orte sehr wichtigen Gemeindeweiden an- 
geordnet, 

Ein Gesetz vom 25. September 1770 stellte allgemein, also auch 
bei den Stadtobrigkeiten, den altherkömmlichen Gebrauch der Man- 
telkleider ab, wodurch es für diese Obrigkeiten an jeder Staatsklei- 
dung fehlte. 

Als 1770 die ersten Schritte zur Einführung der Normalschulen 
in den grossen Städten geschahen und mit der allgemeinen Schul- 
ordnung vom 6. December 1774 das gesammte Volksschulwesen in 
die Hände der Regierung kam, verloren die Gemeindeobrigkeiten 
dabei viel von ihrem ehemaligen Einfluss auf diesen Gegenstand. Ein 
Hofdecret vom 29. März 1776 begünstigte auch bereits in einem hohen 
Grade die Gewerbsfreiheit, und ein anderes vom 13. Juni 1778 wollte 
eine allmähliche Abstellung der verkäuflichen Gewerbe. 

Durch diese und mehrere andere Decrete für einzelne Provinzen 
war die alte um das Jahr 1740 bestandene Gemeindeverfassung un- 
tergraben, die jüngere Generation sah aber dieses nicht ungern, und 



Ueber österr. Zustünde in den Jahren 17%0 — 1792. 37 

wenigen Menschen scheint die Frage eingefallen zu sein , wie wohl 
die künftige Organisation der Gemeinden und Gemeindeverwal- 
tungen ausfallen werde. 

Diese Frage fiel aber auch im Auslande, wo ähnliche Mass- 
regeln gegen die alten Gemeindeyerfassungen statt fanden , wenigen 
Personen ein , obschon die Veränderung , welche in Ansehung der 
Sitten, Wünsche, Trachten und Bestrebungen des Bürgerstandes 
stattfand, vielen Menschen auffiel und namentlich in Ansehung Wiens 
Pezzl, welcher im Jahre 1791 eine viel gelesene Charakteristik 
Kaiser Joseph's II. schrieb, schon bemerkte, dass der Wiener Bürger 
yon damals den alten Bürgern von Wien in nichts mehr ähnlich sehe. 

Die Wichtigkeit der alten Communalverfassungen wurde in 
Preussen erst eingesehen, als nach der Schlacht bei Jena (14. Oc- 
tober 1806) das ganze preussische Staatsgebiet, ohne dass von der 
Bevölkerung dem Feinde irgend ein Widerstand geleistet worden 
wäre, von den Franzosen überschwemmt wurde. Der Minister Frei- 
herr von Stein und andere glaubten eine der Ursachen in der statt- 
gefundenen Zerstörung der alten Communalverfassungen zu sehen, 
und seit jener Zeit bis in die neueste herab wurde die Ausmittelung 
einer guten Gemeindeverfassung einer der Hauptwünsche der neueren 
Staatsverwaltungen. 

Preussen hat sich in dieser Rücksicht sehr thätig gezeigt, ohne 
dass es aber in der langen Zeit von 1808 bis 1851 zu einem befrie- 
digenden Resultate gelangt wäre. Wer jedoch diesen preussischen 
Bestrebungen seine Aufmerksamkeit zugewendet hatte, wird bei aller 
Anerkennung der Talente mehrerer preussischen Staatsmänner zur 
Ueberzeugung gelangen , dass die Wiederbelebung der ehemaligen 
Gemeindeverfassungen, des altern Bürgersinns und der alten Genüg- 
samkeit eine Unmöglichkeit sei. Die wissenschaftlichen Gesetzge- 
bungen der neueren Zeit, die Aufhebung der Zunftverfassungen, die 
fast in allen Staaten eingeführte Centralisation der Geschäfte , die 
Schulverfassungen , der vermehrte und erleichterte Verkehr , nebst 
hundert andern Einflüssen hindern solche Restaurationen und der 
Abgang aller constitutiven Elemente der alten Gemeindeverfassun- 
gen macht sich selbst bei dem Plan fürmodificirte Gemeindever- 
fassungen geltend. 

Auf modificirte Gemeindeverfassungen wurde aber noch 
unter Maria Theresia um das Jahr 1780 in den österreichischen 



38 Ignaz Beidtel. Ueber Ssterr. Zustände i. d. Jahren 1740—1792. 

Staaten gedacht. Man sali ein, dass man mit jenen Gemeindever- 
fassungen , welche bestanden , weder die politische noch die Justi- 
zverwaltung zu Stande bringen könne. Mit dem Grundsatze 9 dass 
man über viele polizeiliche Vorgänge und Gewerbsfragen schriftliche 
Protokolle aufgenommen und nach Umständen den Oberbe- 
hörden vorgelegt wissen wollte , vertrug sich nicht die Communal- 
verfassung der Dörfer, eben so wenig wollte man in Sachen der all- 
gemeinen Landespolizei viel von der Einsicht oder dem guten Willen 
der Städte abhängen lassen. 

Noch einleuchtender war die Notwendigkeit, wegen derJustiz- 
regulirung viel in den Communalverfassungen zu ändern und mit 
jedem Jahre überzeugte man sich aus dem bereits früher angeführten 
Grunde mehr von dieser Notwendigkeit. Aus den Registraturen der 
Gubernien und dem Appellationsgerichte zeigte sich , dass zwischen 
1778 und 1780 die Hauptgedanken die waren, den Dorfgerich- 
ten den Einfluss auf jene Geschäfte , welche nach dem Gesetze 
schriftliche Verhandlungen forderten, zu nehmen, und die Ge- 
schäfte den Herrschaftsämtern zuzuweisen, den grösseren Gemeinden 
aber die Pflicht aufzulegen, sich för die wichtigeren ihrer Geschäfte 
der Hilfe von Juristen , die dann Communalbeamte werden mussten, 
zu bedienen, wodurch die Stadtobrigkeiten Collegien, welche 
theils aus Juristen theils aus Nicht- Juristen bestehen sollten, werden 
mussten. Dass dies eine unvollkommene Organisation sei, ver- 
kannte man nicht; man glaubte aber nicht den Städten die Justiz- 
verwaltung ganz abnehmen zu können und sachverständige Männer 
riethen, wenigstens vorher einen Versuch zu machen, in wiefern 
man mit den auf diese Art modificirten Stadtverfassungen ausreichen 
könne. Bei diesem Stande der Frage über die Communalverfassungen 
bestieg Kaiser Joseph II. den Thron. 



Freih. Hammer-Pur gst all. Ueber die Geisterlehre derMosiimen. 39 

SITZUNG VOM 21. JÄNNER 1852. 



Die von Herrn Johann Hulakowsky aus Prag eingesandten 
Probebogen seines in lateinischer Sprache abgefassten und lithogra- 
phirten Werkes ober „Abkürzungen von Wörtern, wie sie vorzüg- 
lich in lateinischen Handschriften des Mittelalters vorkommen, mit 
beigefugten slawischen und deutschen dergleichen Schriftzügen, ge- 
sammelt und erklärt/' konnten die Classe zwar nicht bestimmen, auf 
Uebernahme der Herausgabe dieses Werkes durch die Akademie an- 
zutragen, weil es eben die dazu unerlässliche Bedingung der Erwei- 
terung der Wissenschaft zu erfüllen sich gar nicht zur Aufgabe ge- 
macht hat. Aber die Aufgabe, die der Verfasser im Auge hatte, einen 
verlässlichen, bequemen und wohlfeilen Auszug aus dem kostbaren und 
seltenen Lexicon diplomaticum Walter's und eine Zusammenstel- 
lung des in mehreren Werken Dobrowsky's und Kopitar's zer- 
streuten Materials zu liefern, hat er so befriedigend gelöst, dass die 
Classe beschloss, dieses Werk ausdrücklich in ihren Sitzungsberich- 
ten zu erwähnen, und Alle die sich mit Urkunden und Handschriften 
beschäftigen , darauf aufmerksam zu machen , und es insbesondere 
den Bibliotheken der gelehrten und Hochschulen als ein sehr zweck- 
mässiges Compendium der praktischen Diplomatik, ganz geeignet, 
die so wünschenswerthe grössere Verbreitung dieser Wissenschaft 
zu fördern, zu empfehlen. 



Freiherr Hammer -Purgstall verfolgt die Lesung seines 
Aufsatzes für die Denkschriften, über die „Daimonologie der 
Muslimen," indem er die Stellen der Ueberlieferungüber die Engel, 
Erzengel, Schutzengel, Grabesengel, Folterenge] und gefallenen 
Engel, H^arut und Marut, gibt; solche Ueberlieferungen des Pro- 
pheten sind : 

Färbet euren Bart, denn die Engel heissen das Färben des 
Bartes gut. 

Wenn ein Mann sein Weib ins Bett ruft und sie sich dessen 
weigert und er sich zornig niederlegt , so fluchen ihr die Engel bis 
an den Morgen. 



4 Freih. Hammer-Pnr&fiUll. Ueber die Geisterlehre der MosUmen. 

Wenn das Kind eines Gottesdieners stirbt , sagt Gott zu den 
Engeln : Ihr habt das Kind einer meiner Diener in Empfang genom- 
men — sie sagen: ja! — Gott sagt: Ihr habt die Frucht seines Her- 
zens in Empfang genommen — sie sagen : ja ! — Gott sagt : Wie 
benahm er sich ? — sie sagen : er lobte Dich und kehrte zu Dir 
zurück! — da spricht Gott: bauet meinem Diener ein Haus im 
Paradies ! 

Suchet die Wissenschaft! und wäre es in China; das Suchen 
der Wissenschaft ist Pflicht für jeden Moslim, die Engel dehnen ihre 
Schwingen aus über den der die Wissenschaft sucht und haben 
Wohlgefallen daran, dass er sie sucht. 

Steht (beim Gebete) in Reihen, denn die Engel stehen in Reihen, 
schliesst euch Schulter an Schulter, dass kein Zwischenraum bleibe, 
und fasset die Hände eurer Brüder , damit der Satan keinen Raum 
finden möge sich einzudrängen; wer die Reihen hält, gelangt zu Gott, 
und yon dem der dieselben trennt, trennt sich Gott. 

Die Engeln halten sich an den Steighügeln der reitenden Wall- 
fahrer und umarmen die zu Fusse gehenden. 

Die Engel gehen in kein Haus, worin ein Hund oder ein Bild. 

Die Engel wohnen dem Begräbnisse eines Ungläubigen nicht bei, 
sie meiden den mit Salben oder Safran Durchdüfteten und die Handrosse. 

Gottes des allerhöchsten Engel steigen jede Nacht nieder, um 
die verirrten Lastthiere der Fronkämpen zu Recht zu weisen, welche 
keine Glocke am Halse haben. 

In der Nacht meiner nächtlichen Himmelfahrt kam ich bei einer 
Schaar Engel vorbei, die mir sagten : Mohammed, lass dich schröpfen ! 

Reitergeschwader mit Schellen werden nicht von Engeln be- 
gleitet. 

Der Donner wird von einem Engel , der den Wolken vorgesetzt 
ist, hervorgebracht, er treibt die Wolken mit feurigen Geschossen. 

Nennt euch nach den Namen der Propheten und nicht nach den 
Namen der Engel. 

Es liegt euch ob, Kopfbünde zu tragen , denn solche tragen die 
Engel, und lasst das Ende derselben über eueren Rücken fliegen. 

Die längste Ueberlieferung von den 9875 , welche der kleine 
Sammler So juthi's enthält, ist weniger durch den Namen Gabri- 
els, welcher darin vorkömmt, als durch die Beschreibung der nächt- 
lichen Himmelfahrt merkwürdig , nach welcher die XVII. Sure : d i e 



Prof. A. t. Krem er. Topographie von Damaskus u. Mittel-Syrien. 41 

nächtliche Reise, betitelt ist ; ein Wunder, welches Mohammed 
durch den Koran beglaubigte , so dass Herr Ernst Renan im 
Decemberhefte der Revue de deyix mondes sehr Unrecht hat zu 
behaupten , Mohammed habe seine Sendung durch keine Wunder 
beglaubigen wollen. 



Hr. Prof. A. t. Krem er legt sein handschriftliches Werk: 
„Topographie von Damaskus und Mittel-Syrien 19 
vor, und hält darüber nachstehenden Vortrag : 

Uochzuverehrende Versammlung! 

Als mich die kais. Akademie der Wissenschaften im Anfange des 
Jahres 1849 mit einer Unterstützung zu einer wissenschaftliehen 
Reise in den Orient beehrte , setzte sie mir ausser der Erforschung 
der Bibliotheken von Damaskus und Haleb noch den Zweck vor, 
während meines wenigstens sechsmonatlichen Aufenthaltes in Da- 
maskus Daten zu einer Topographie dieser Stadt zu sammeln. 

Dadurch, dass mir eine weitere Unterstützung für ein zweites 
Jahr bewilligt wurde» war ich nicht nur im Stande» statt der sechs, 
zwölf Monate in Damaskus zu verweilen, sondern es erübrigte 
mir Zeit genug, um nach den wichtigsten Städten und Gegenden 
Syriens Ausflüge unternehmen zu können, auf welchen ich das 
Materiale zu vorliegendem Werke sammelte. 

Die kais. Akademie hat mir als Muster einer Topographie von 
Damaskus das von dem englischen Arzte Rüssel zu Ende des 
vorigen Jahrhunderts über Aleppo verfasste Werk vorgesetzt; da 
dasselbe aher grösstenteils naturhistorischen Inhalts ist und auch 
der dem Leben und den Sitten der Bewohner von Haleb gewidmete 
Abschnitt eher die Sitten einer Classe und zwar die der türkischen 
Bewohner von Haleb schildert» wie schon Lane bemerkt, so war es 
mir nicht möglich, mich streng an die Form desselben zu halten. 

Unter die Fortschritte der Wissenschaft in unserem Jahrhun- 
derte muss auch gerechnet werden, dass man in reisebeschreibenden 
Werken nicht mehr wie ehemals bloss die Merkwürdigkeiten der 
Länder und Städte, die eigenthümlichen Sitten ihrer Bewohner be- 
schreibt» sondern vielmehr die Denkungsweise der Bewohner, ihren 
gesellschaftlichen und politischen Zustand, ihre Literatur, ihre Re- 



42 Prof. A. v. Krem er. 

ligion, ihre Gesetze, bürgerlichen Institutionen, eben so gut wie ihren 
Aberglauben, ihre Sagen, Ueberlieferungen und ihr häusliches Leben 
einer genauen Erforschung würdiget. 

-Der bekannte Orientalist Lane, der mit grösster Aufopferung 
während eines achtjährigen Aufenthaltes in Kairo die Notizen zu 
seinem Werke : »The modern Egyptians" sammelte, hat zuerst über 
Egypten ein solches Werk geliefert, das uns den heutigen Egyptier 
im Schosse seiner Familie sowohl als in der Rathsversammlung des 
Divans, den armen Fell ah auf seinem Durrafelde eben so genau 
wie den reichen Efendi in seinem Harem schildet 

So wie nun der genannte Orientalist seine Schilderungen des 
arabischen Volkes und seiner Sitten an die Schilderung des Lebens 
in Kairo, als einer der grössten rein-arabischen Städte anknüpft, so 
• war es mein Zweck bei der Verfassung des Werkes , welches ich 
hier (fünf Hefte sammt Plan von Damaskus) vorzulegen die Ehre habe, 
anknüpfend an die Schilderung der Stadt Damaskus und des umlie- 
genden Gebietes eine so getreue als genaue Darstellung des Landes 
und des Volkes zu geben. 

Nach einer genauen topographischen und geographischen Schil- 
derung der Stadt und des umliegenden Gebietes gehe ich daher auf 
die Schilderung der Bewohner, ihrer Abstammung, Sitten, Gebräuche, 
Feste, Erziehung, Literatur, politischen und commerciellen Verhält- 
nisse über, wovon besonders das über den Handel neu Gesammelte 
und hiemit zum ersten Male Veröffentlichte bei dem grossen Auf- 
schwünge, den der österreichische Handel neuester Zeit im Oriente 
genommen hat, nicht ohne Interesse sein dürfte. 

Ich habe daher allerdings die mir von der kais. Akademie auf- 
getragenen Notizen vollständig gesammelt, zugleich aber ein viel 
umfassenderes Werk geliefert, als ursprünglich beabsichtiget war. 

Wenn der obengenannte englische Gelehrte acht Jahre zubrachte, 
um seine Notizen zu sammeln, so dürfte die Masse des von mir wäh- 
rend der Zeit meines zweijährigen Aufenthaltes im Oriente gesam- 
melten Stoffes den genügenden Beweis liefern, dass ich die Zeit wohl 
benützte, während welcher Zeit ich ausserdem. noch anderen Studien 
oblag, von denen ich in meinen eingesendeten Berichten Rechen- 
schaft gegeben habe. 

Es dürfte allerdings sonderbar scheinen, dass ich während eines 
so beschränkten Zeitraumes so viel Neues über ein Land und ein Volk 



Topographie von Damaskus und Mittel -Syrien. 43 

zu sagen fand, über das fast alljährlich dicke Bände von englischen 
und französischen Touristen und wissenschaftlichen Reisenden ge- 
schrieben werden ; — allein der grosse Vortheil , den ich vor allen 
solchen Reisenden voraus hatte war der , dass ich der Sprache des 
Landes mächtig bin. Dem Beispiele des grossen Reisenden Burk- 
hardt folgend, der in Bauerntracht unerkannt das Land wie ein Ein- 
geborner durchzog, vermied ich auf allen meinen Reisen mich als 
Europäer erkennen zu geben , bald hielt man mich fttr einen Kauf- 
mann aus irgend einer Küstenstadt, bald für einen türkischen Officier 
u. s. w. — So vollbrachte ich die so schwierige Reise nach Pal- 
myra, ungeachtet sich gerade mehrere Beduinenstämme, deren Ge- 
biet durchzogen werden musste, in Fehde befanden , in Begleitung 
eines einzigen Beduinenscheichs auf Dromedaren, in einem halben Mo- 
nate hin und zurück. Freilich fehlte oft alles, was man unter dem Aus- 
drucke Comfort versteht , — oft musste ich in den rauchigen Hütten 
der Bauern übernachten, wie z. B. ums Neujahr 1880, wo ich bei 
Uebersteigung des Libanons in einem elenden Dorfe Mekse ein- 
geschneit wurde und sechs Tage dort zubringen musste. 

Ungeachtet zweier in Constantinopel erwirkter F e r m a n e konnte 
ich doch von dem fanatischen Saidpascha nicht die Erlanbniss er- 
halten , die grosse Moschee von Damaskus zu betreten , so dass ich 
mich genöthiget sah, mich ebenfalls in Verkleidung einzuschleichen, 
was nicht ohne Gefahr war, da jeder in der Moschee entdeckte Christ 
dem Tode verfällt. Dass ein nicht geringer Eifer fttr die Wissen- 
schaft dazu gehört, abgesehen von meinen eigenen peeuniären Opfern, 
solchen Entbehrungen und Gefahren sieh auszusetzen, ist leicht be- 
greiflich ; aber ehen dadurch gelang es mir, mich mit den Verhält- 
nissen des Landes und des Volkes vertrauter zu machen als es den 
meisten der früheren Reisenden möglich war. 

Um aber das ganze Werk, insbesondere die zahlreichen in dem- 
selben gesammelten arabischen Inschriften, die oft wichtige histori- 
sche Daten enthalten , verständlich zu machen , sah ich mich genö- 
thiget, eine ausführliche historische Einleitung vorauszuschicken, 
wobei mir besonders das grosse Werk Ibn Kettr's, das sich 
auf der kaiserl. Hofbibliothek befindet, von grossem Nutzen war. 
Für die mir bereitwilligst zugestandene Erlaubniss dasselbe zu 
Hause benützen zu dürfen, muss ich hier öffentlich meinen Dank 
aussprechen. 



44 Prof. A. v. Krem er. 

Durch die Daten des genannten Werkes war ich in den Stand 
gesetzt, eine viel ausführlichere Schilderung der Eroberung Syriens 
und Damaskus zu geben, als in den bisher die Geschichte der Araber 
behandelnden Werken enthalten ist 

Nicht geringere Ausbeute gewährte mir die auf der kais. Hof- 
bibliothek befindliche Chronik von IbnForät,so wie das in meinem 
Besitze befindliche Werk K i t ä b-e r-R a u d'a t e i n. 

Auf diese historische Einleitung, welche die Geschichte Syriens 
und Damaskus von der Eroberung des Landes durch die Araber, bis 
auf die türkische Eroberung herab umfasst, folgt der eigentliche 
topographische Theil, der die Lage der Stadt, ihr Klima, ihre Flösse, 
ihr Bewässerungssystem, ihre Mauern, Thürme, Thore, Viertel, 
Strassen, Bazare, private und öffentliche Gebäude beschreibt; unter 
letzteren ist besonders die berühmte grosse Moschee von Damaskus 
einer ausführlichen Beschreibung gewürdiget und eine höchst interes- 
sante griechische Inschrift, die ich neu entdeckt, hiemit zum ersten 
Male veröffentlicht worden. 

Dieser Beschreibung der grossen Moschee sind allgemeine Be- 
trachtungen über die Entstehung und die verschiedenen Epochen des 
arabischen Baustyles vorausgesendet. 

Dem Ganzen ist ein Plan der Moschee beigegeben , so wie eine 
Abbildung des zum ersten Male bekannt gemachten, vor der Moschee 
befindlichen römischen Triumphbogens. 

Daran schliesst sich die topographische Schilderung der B a z a r e 
der Stadt und ihrer Stadtviertel an, mit zahlreichen arabischen 
Inschriften , so wie die Schilderung der Citadelle , mit einem von 
mir entworfenen Plane der Stadt Damaskus. . 

Hierauf folgt die Beschreibung der nächsten Umgebung der 
Stadt, namentlich des grossen Dorfes S Alibi je, das voll von Me- 
dreseen und Grab-Monumenten. 

Der nächste Abschnitt enthält eine statistische Darstellung aller 
in Damaskus befindlichen Medreseen , Moscheen und übrigen Lehr- 
anstalten mit einer allgemeinen Einleitung, welche das Entstehen der 
öffentlichen Lehranstalten und deren Einfluss auf das wissenschaft- 
liche Streben der Araber schildert. Es werden 123 Medreseen, 27 
Moscheen und 74 Grab-Monumente mit den Namen ihrer Erbauer und 
biographischen Notizen über dieselben aufgeführt. 



Topographie von Damaskus und Mittel - Syrien. 45 

Daran schliefst sich die Schilderung der Ghuta, d. i. der 
Ebene von Damaskus und Mittel-Syriens bis Hama im Norden, Tibe- 
rias im Süden, Beirut an der Seeküste, so wie Palmyra in der Wüste 
— mit zwei Kartenskizzen und zahlreichen griechischen und palmy- 
renischen neu veröffentlichten Inschriften. 

Zur Vervollständigung des Bildes von Damaskus und der Umge- 
gend wird noch in einem besonderen Abschnitte die Schilderung ver- 
schiedener Localitäten in und um Damaskus durch Eingeborne gegeben. 

Hierauf folgt der ethnographische Theil , welcher die Abstam- 
mung, Sitten und Gebräuche der Syrer behandelt. 

Ein besonderer Abschnitt ist den Volksfesten gewidmet , da bei 
keiner Gelegenheit der Charakter eines Volkes sich besser zeigt, als 
bei diesen; — eben so der Bildung und Literatur der heutigen Syrer, 
woran sich eine Abhandlung über den Dialekt des Arabischen, den sie 
sprechen, so wie über den Volkscharakter im Allgemeinen anschliesst. 

Den Schluss macht der Abschnitt über Regierung, bürgerliche 
Zustände der Christen und Juden und über den Handel, wo übersicht- 
liche Tabellen über Ein- und Ausfuhr, über die in Damaskus befind- 
lichen Seidenfabriken und Weberstühle, über cursirende Münzen, 
über die üblichen Maasse und Gewichte gegeben werden. 

Dies ist der Inhalt des Werkes, das ich unter dem Titel: 
„Damaskus und Mittel-Syrien" der Classe zur Beurtheilung vorzu- 
legen mir erlaube. 

Dass dieses Werk in Vielem mangelhaft sei, ist bei der Schwie- 
rigkeit und der Masse des Stoffes möglich; ich habe aber wenigstens 
das Bewußtsein überall das Wahre gewollt zu haben, und kann 
sagen , was in unserer an Compilationen so überreichen Zeit viel ist, 
dass mein Werk aus eigenen Forschungen entstanden ist. 

Schlüsslich muss ich noch bemerken , dass , um das Werk in 
jeder Druckerei zum Drucke bringen zu können , die einfachste Art 
der Transcription orientalischer Namen gewählt wurde, nämlich die : 
alle sogenannten emphatischen Buchstaben des arabischen Alphabetes 
durch einen nachgesetzten Apostroph zu bezeichnen. 

Die Classe weist dieses Werk einer Commission zur Prüfung zu. 



46 Verzeichnis» dar 



VERZEKHMSS 

DBE 

EINGEGANGENEN DRUCKSCHRIFTEN. 



(7. und 8. Jänner 1852.) 

Annalen der Chemie und Pharmacie. Herausgegeben von Friedrich 

W ö h 1 e r und Justus L i e b i g. Bd. 8, H. 1 . Heidelberg 185 1 ; 8°. 
Annales des Mines. T. XIV, livr. 1—3. Paris 1848; 8°. 
Bizio, B., Dinamica chemica. T. I, p. 3. Venezia 1851; 8°. 
Boucher de Perthes, Hommes et cboses. 
Caumont, de, Abecedaire, ourudiment d'Archäologie. Ouvrage ap- 

prouvepar l'institut desprovinces de France, 2. ed. Paris 1851 ; 8°. 
G&tifHanta, UnimptaUf^riften a. b. 3. 1850/51. 
Cocckelberghe, Charles de Dutzele, Histoire de Tempire d'Au- 

triehe depuis les temps les plus reculäs jusqu'ä nos jours. 6. Vol. 

Vienne 1847—1851; 8°. 
Effemeridi astronomiche di Milano, p. 1851. Milano 1851; 8°. 
Golden thal» J., Die neuerworbenen handschriftlichen hebräischen 

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$Ubenbranb, Aatl, Untccfu^ungen übet bie gcraaniftyeu $öntteiu 

tialbüdjcc. aBuqbtrcg 1851 j 8°. 
Institut des provinces. Annuaire 1850 — 1852. Paris; 8°. 

„ „ n Rtemoires, 2. serie» t. 1. Paris 1845; 4°. 

Journal, the astronomical. Vol. II, no. 6. Cambridge 1851; 4°. 
SDUtbiug. Unimfttdtffötiften a. b. 3. 1850/51. 
Mignard. Histoire de differents eultes, superstitions et pratiques 

mystärieuses d'une contree Bourguignone. Dijon 1851; 4°. 
M o h 1 , Jules, Rapport annuel fait ä la societe Asiatique dans la seauce 

generale du 3 juillet 1850. Paris 1850; 8°. 
2Rö$t, X&eobor *>., Strdjfo f. b. ©efdjityc ber Sffcpublif ©raubunbten, 

SBb. I, £. 6. G$ur 1851; 8°. 



eingegangenen Druckschriften. 47 

Namias, Giacinte, Della elettriciti applicata alla medicina. Venezia 

1881; 8°. 
R o m a n i n , S. Bajamonte, Tiepolo e le sue ultime vicende trattc da 

documenti ined. Venezia 1851 ; 8°. 
Santini, Giov., Calcolo delle perturbazioni prodotte dalle attrazioni 

di Giove, Saturno, della terra e di Venere negli elementi elittici 

della cometa di Biela. Venezia 1851 ; 4°. 
Scheerer, Th. 9 Beiträge zur näheren Kenutuiss des polymeren Iso- 
morphismus. Leipzig ; 8*. 
Scriba, Heinr. Ed., Regesten der bis jetzt angedruckten Urkunden 

zur Landes- und Ortsgeschichte des Grossherzogthums Hessen. 

Abth. 3. Darmstadt 1851 ; 4°. 
Societas scient. Upsaliensis. Nora Acta, Vol. 2 — 14. Upsal. 

1775—1850; 4°. 
Societe d' Archäologie etc. de St. Petersbourg. Memoires, Vol. XIV. 

St Pttersbourg 1851; 8°. 
Societe franfaise pour la conservation des monuments. Bulletin 

monumental. Serie 2, tom. 6. Paris 1850; 8°. 
Societe fran?aise. S^ances generales etc. 1850. Paris 1851 ; 8°. 
Societe Imp. des Naturalistes de Moscou. Bulletin T. 24f no. 2. 

Moscou 1851; 8°. 
herein, fyftotifätx, für Sttieberfaiern. SBer^anbtungen, SBb. I,£. 1 — 4; 

»b. II, £. 1. «anbaut 1851; 8°. 
98 er ein, $tftorifd>et , für ®teiermarf. SRitt^eilungen , $. 2. ©rafc 

1851; 8°. 
SBebcr, »eba, ©a* Zf)al $a{feier unb feine »e»o$ner. SKtt befonberer 

mdfät auf «nbtea* $ofe c u. b. 3<$r 1800. 3nn*btutf 1852 * 8°. 
Woepke, F., L'Alg£bre d'Omer Altshayyäml, publiee, traduite et 

accompagn£e d'extraits de manuscrits inedit*. Paris; 8°. 
»ürjburg. Umwrfttdtfföriften a. b. 3. 1850/51. 



(14. und 15. Jänner 1852.) 

Archiv der Mathematik und Physik etc. von Grunert, Th. XVII, 
Nr. 23. 

Gesellschaft, physikalisch-medicinische, in Würzburg. Verhand- 
lungen, Bd. II, Nr. 6—13. 

Gi essen. Universitatsschriften a. d. J. 1850. 



48 Verzeichnis* der 

Lancet, nederlandsch. 2. Serie, I. Jahrgang, Nr. 1 — 4. Gravenhage 
1851; 8°. 

Reichsanstalt, k. k. geologische. Jahrbuch II, 3. 

De la Rive. De Candolle, sa vie et ses traraux. Paris 1851; 8°. 

@ $ m i b t, V. 89., SSotarl&crö na$ ben »on bem geognoftifö'montamfHfd^n 
3$etein für £iro( unb Sorart&trg üeraufapten Begebungen, gcognofttfd) 
befcfytieben unb in einer geogn. Äarte bargeftedt. 3nn£buuf 1843 ; 
8°. r mit Äarte, gol. 

Society chemical, Journal, no. 14, 15. London 1851; 8°. 

Verein, naturforschender, zuRiga. Correspondenzblattl851, no. 1,3. 

Schmidt, A. R, Tirols geognostische Karte, aufgenommen und her- 
ausgegeben auf Kosten des geogn. - montan. Vereines von Tirol 
und Vorarlberg. 11 Bl. Fol. Innsbruck 1851. 



(21. und 22. Jänner 1852.) 

In den Sitzungen beider Classen vorgelegt. 

Bianchi, Giuseppe, Del preteso soggiorno di Dante in Udine ed 
in Tolmino durante il patriarcato di Pagano della Torre. Udine 
18&; 8°. 

— Documenti per la storia del Friuli dal 1317 al 1325. Udine 
1844; 8°. 

— Documenti per la storia del Friuli dal 1326—1332. Udine 
1845; 8°. 

— Thesaurus ecclesiae Acquilejensis. Opus saec. XIV, quod cum 
ad archiepiscopalem sedem nuper restitutam Zacharias B r i c i t o 

• primum accederet typis mandari jussit civitas Udine. Utini 1 847 ; 8°. 

Colombi, Instruction pour le micrometre Lugeol. Brest 1849; 8°. 

Gerhard, Eduard, Ueber Ursprung, Wesen und Geltung des Po- 
seidon. Berlin 1851; 4°. 

Giornale, fisico-chemico italiano, punt. 3 — 5. Venezia 1851; 8°. 

fingen au gm$. *., #anbbud> ber Setgted)t$funbe. SBien 1851; 8°. 

Jaffe, Philippus, Regesta pontificum rom. ab condita ecclesia ad 
annum p. Chr. n. 1198. Berolini 1851; 4°. 

Kr eil, Karl, Magnetische und geogr. Ortsbestimmungen im östcrr. 
Kaiserstaate, Jahrg. IV. Prag 1851 ; 4°. 

SKufcet, ©ebaft, Ueber bie 23ertoanbtfd>aft ber germcmtf$'norbif<$en unb 
$ettenifd>en Oittertoett. Sngolfiabt 1845; 8°. 



eingegangenen Drucluchriften. 4D 

Mutzet, Sebasi, Die römischen Wartthörme v besonders in Bayern. 

München 1851; 4°. 
Stuftet, ©e&aft, Heber ein an ber SeufetSmauer aufgefunbene* ©eripp 

mongoliföer 9tace. s. 1. et d. ; 4°. 
Patellani, Luigi, Osseryazioni zootomico-fisiologiche sul baco da 

seta. Milano 1851; 8°. 
Rozet, R£sumö d'une suite d 1 observations mdWorologiques faites 

sur Ies Pyr6n£es etc. Paris 1851 ; 4°. 
Serein, fleojjnofttfd)*motttamjtifd)er, für Steiermark Grfter SBericfyt. 

©rafc 1852; 8°. 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE. 



Till. BAND. 



IL HEFT. — FEBRUAR. 



JAHR6AÄ6 1852. 



53 



SITZUNG VOM 4. FEBRUAR 1852. 



V#r gelesen* 

Fortsetzung der für die Denkschriften bestimmten Abhand- 
lung über dieDaimonologie der Araber 9 Perser und Türken. 
Vom Freiherrn ■ammer-FirggtalL 

Er fährt in den Ueberlieferungen ron den Teufeln und Dsehinnen 
fort. Dergleichen sind: 

Nehmet einen weissen Hahn, in dem Hause wo ein weisser Hahn, 
bleibt kein Teufel und kein Zauberer. 

Wenn einer von euch isst, so esse er mit seiner Rechten, und 
wenn er trinkt, so trinke er mit seiner Rechten, denn der Teufel isst 
und trinkt mit seiner Linken. 

Wenn einer von euch gähnt, so lege er die Hand auf seinen- 
Mund, damit der Teufel nicht hineinfahre. 

Wenn einer von euch rülpset oder nieset, so rülpse er und niese 
er nicht laut, denn der Satan liebt das laute Rülpsen und Niesen. 

Wenn ihr den Hahn krähen hört, so bittet Gott um seine Huld, 
denn der Hahn hat einen Engel gesehen, und wenn ihr einen Esel 
yahen hört, so flüchtet euch zu Gott, denn der Esel hat einen Teufel 
gesehen. 

Satan hat besondere Augenschminken und wenn er damit die 
Augen der Menschen salbt, so schlafen dieselben beim Gebete und 
sein Schleck spitzt die Zunge zum Bösen. 

In jeder Glocke wohnt ein Teufel. 

Hütet euch den Teufel zu rufen, denn er ist ohnedies dem Her- 
zen und dem Auge nahe. 

Das Weinen und das laute Geschrei sind vom Satan. 

Die Zögerung kommt von Gott und die Eile vom Teufel. 



54 Joseph Chmel. 

Die Blasen sind des Teufels. 

Der Reitende ist ein Teufel , zwei Reitende sind zwei Teufel 
und der dritte ist das Handpferd. 

Schmücket euere Tafeln mit Gemüsen, denn sie vertreiben 
den Satan. 

Der Teufel folgt der Teufelinn, d. i. der Taube. 

Die Jugend ist eine Art von Wahnsinn und die Weiber sind die 
Fallstricke des Teufels. 

Die Dschinnen belästigen nicht das Haus worin ein edles Pferd. 

Die Niederträchtigkeit hat siebzig Theile, wovon neun und 
sechzig den Dschinnen und ein Theil den Menschen zufallen. 

Die Engel sind aus Licht erschaffen» die Dschinnen aus rauch- 
losem Feuer. 

Jeder rasend Verliebte heisst Medschnun, d. i. der von den 
Dschinnen Besessene. 

Eine der seltsamsten Ueberlieferungen , in der sich die ganze 
Phantasie des Arabers ausspricht, ist die Prosopopöie von siebzehn 
verdienstlichen Werken oder guten Eigenschaften, die dem Propheten 
als Retterinnen des Gläubigen erscheinen. 



Habsburgische Excurse. 
Von Hrn. leglerugsratfc Ckmel. 
ffl. 
Ich habe in meinem zweiten Excurse die „Stellung des 
Hauses Habsburg und seine äusseren und inneren Ver- 
hältnisse in der Zeit von 1273 bis 1473" als die Aufgabe meiner 
kleineren Abhandlungen angekündet und zuerst die Lage des Stifters 
dieser Dynastie beim Beginne seiner politischen Laufbahn zu 
schildern gesucht. 

Erlauben Sie, dass ich aus mehreren Gründen vorerst den län- 
geren Zeitraum von 1274 bis 1452 übergehe und Sie gleich zu einem 
Zeitpunct führe, der mit meinen früheren Studien und Arbeiten zusam- 
menfällt*). 



') Der Hauptgrund ist die erlangte Ueberzeugung, dass die bisher veröffent- 
lichten Quellen nicht hinreichen, die Verhältnisse klar zu erkennen. — Ehe 



Hababurgiaebe Excurae. 55 

K.Friedrich IV. hat mit seinem Ahnherrn, dem kräftigen 
Rudolf, wohl nur die Anhänglichkeit an die römische Kirche gemein, 
die ihn mit Recht zu ihren frömmsten Söhnen zählt. 

K. Friedrich IV. hat sich in einer Zeit, die för den päpstlichen 
Stuhl zur gefährlichsten wurde» für ihn erklärt und dadurch sich 
auf immer Ansprüche erworben auf seine Dankbarkeit und seinen 
— Schutz. 

Durch den Sieg über den gefährlichsten Gegner, das Basler 
Concilium, hatte der römische Papst gegenüber dem römisch-deutschen 
Kaiser und den deutschenReichsffirsten sogleich wieder eine so günstige 
Stellung erhalten, dass der, welcher als oberster Vogt der römischen 
Kirche ihr Schützer sein sollte, selbst ihr Schützling wurde. 

Dazu trugen am meisten die Deutschen und unter den Deut- 
schen dieOesterreicher bei. In Oesterreich wurde die Macht. des 
Hauses Habsburg so geschwächt, dass sie gegen die deutschen 
Reichsftrsten durchaus unkräftig wurde. 

Es sind nun gerade vierhundert Jahre; — die Geschichte des 
Jahres 1452, welches zur traurigen Spaltung eines Länder-Complexes 
den Grund legte, der erst theilweise nach 70 Jahren wieder sich 
vereinte, ist gewiss yon Interesse; ihre umständliche Erörterung 
jedenfalls lehrreich. 

K. Friedrich IV. war am 18. März des Jahres 1452 mit der 
lombardischen (eisernen?) Krone, am 19. desselben Monats mit der* 
goldenen des römisch -deutschen Kaiserthums gekrönt worden — zu 
Rom Tom Papste Nicolaus V. 

In den nächst darauf folgenden Tagen ertheilte derselbe dem 
neu gekrönten Reichs-Oberhaupte in mehreren speciell ausgefertigten 
Bullen solche Gnaden, dass ihre genauere Betrachtung uns räthlich 
scheint, sie wird die Stellung des neuen Kaisers zur römischen 
Kirche beleuchten ')• 



nicbt die Archive, vor allen die römischen, zugänglich und ausgebeutet wer- 
den, wird man nur höchst ungenügende Schlüsse machen können. — Ich will 
mich also vor der Hand auf die Zeit beschränken, welche durch meine 
früheren Forschungen, so wie durch so viele Mittheilungen Anderer wenn 
auch noch nicht gans klar, doch unendlich verständlicher sein dürfte, als die 
des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts. 
*) Es ist diese Erörterung um so nöthiger, je unklarer die Begriffe und Ansichten 
sind, welche man über das Verhältnis» der christlichen Staaten »ur Kirch e 



56 Joseph Chmel. 

Vor allem wichtig sind die beiden Bullen Pap stNicol aus' V. Tom 
16. und 19. März 1452, durch welche er die Vollziehung zweier 
Krönungen beurkundet *). 

In der ersten sagt Papst Nicolaus V. Folgendes : „Er (Papst) 
auf die höchste Warte der streitenden Kirche gestellt, obschon ver- 
pflichtet darüber zu wachen, dass alle orthodoxen Könige zur 
Förderung des Friedens und der Gerechtigkeit bei ihren Völkern 
fortwährend in Aufnahme kommen, wende doch um desto lieber allen 
Fleiss an, dass der römische König auf würdige Weise zur 
kaiserliehen Ehre und Würde gelange, je mehr Er selbst aus 
eigener Erfahrung die eifrige Ergebenheit desselben gegen Ihn 
und den apostolischen Stuhl erprobt habe. König Friedrich 
hat auseinander gesetzt, dass er zwar bei seinem Eintritt in Italien 
um. die Kaiserkrone aus seinen Händen zu empfangen früher be- 
schlossen habe, sich persönlich nach Mailand zu begeben, um dort 
die ihm gebührende Krone des Königsreichs der Lombardei mit 
gewöhnlicher Feierlichkeit aus den Händen des Erzbischofs von 
Mailand zu empfangen, wie bekanntlich einige seiner Vorfahren 
(römische Könige) gethan. Weil aber in einigen Theilen der Lom- 



so hfiufig findet selbst bei denen, welche sich fürhistorisch gebildet halten. 
Man studirt eben Geschichte nur aus Compendien oder aus Geschichtsschrei- 
bern, die ihre Darstellung selten aus den Originalquellen schöpften. — 
Welchen Begriff hat man zum Beispiele von Maximilian^ Idee, Papst zu 
werden , das heisst die geistliche und weltliche Macht in sich zu vereinen, 
wie etwa das Oberhaupt der griechischen Kirche? Wir gestehen, dass wir in 
dieser Beziehung eine erschreckende Seichtigkeit und Oberflächlichkeit des 
historischen Wissens in Oesterreich mit Freimüthigkeit beklagen müssen. — 
Es ist mithin keine unnütze Arbeit, die Verhaltnisse auf eine Weise zu be- 
leuchten, die wir historische Anatomie nennen möchten. — Wir wollen 
nämlich die urkundlichen Aeussernngen der Handelnden bis ins Einzelnste 
verfolgen und unbefangen darlegen. 

Zu den grellsten Beweisen von höchst beschränkten Ansichten muss man 
gewiss die hftufig gehörte Aeusserung zählen, „das sind mittel altrlge 
Zustände, das sind tempi paesati." — In der römisch-katholischen 
Kirche , welche mit grösster Consequenz ihre Principien bewahrt, bleiben die 
Verhältnisse, nur die Personen wechseln; wir sehen, dass die Ge- 
schichteschreiber von katholischer Gesinnung durchaus ihre Darstellung der 
Begebenheiten und Verhältnisse darnach bilden, wir dürfen voraussetzen, dass 
den Meisten diese Werke bekannt sind. — 
& ) Abgedruckt im ersten Bande meiner Regesten K. Friedrich*« IV. Anhang. 
Nr. 95 u. 96. 



Habsburgische Excurse. 87 

bardei und besonders in der Stadt Mailand eine ansteckende tödtliche 
Krankheit so grassirte, dass er ohne höchste Lebensgefahr für sich 
und die Seinen nicht hinreisen konnte, da auch die Verhältnisse und 
Zustände jener Gegenden so waren, dass Seine Herrlichkeit weder in 
Hailand noch in der Nachbarschaft mit Fug und gebührender Aus- 
zeichnung gekrönt werden konnte, musste er diese Reise unterlassen 
und nach Rom eilen um nach empfangener kaiserlicher Krone also- 
bald nach Deutschland zurückzukehren, dessen mannigfach verwirrte 
Angelegenheiten seine Gegenwart dringend erheischten. Damit nun 
nicht die Krone dieses lombardischen Reiches, welche als die ge- 
ringere schicklicher vor der Kaiserlichen empfangen werde als 
nach ihr, vernachlässigt werde und da die oben angedeuteten Hin- 
dernisse obwalten, hat er uns demüthiggebeten, dass wir geruhen 
mögen diese Krone ihm hier in Rom zu verleihen *). Wir aber, den 
Bitten des Königs geneigt, in Anbetracht, dass das von ihm Ausein- 
andergesetzte wahr und seine Bitte eine billige sei, haben heute nach 
dem Rathe und mit Beistimmung unserer ehrwürdigen Brüder 
(der Cardinäle) beschlossen, diese Krone des Königreichs der Lom- 
bardei sei demselben Könige durch uns zu übergeben und zuzu- 
weisen und haben ihm selbe auch mit allen Rechten, Ehren, Ge- 
rechtsamen, Bezügen und Vorzügen während des feierlichen Hoch- 
amtes in der Kirche des heiligen Petrus vor dem Hochaltare in zahl- 
reicher und ansehnlicher Versammlung von Prälaten, Fürsten, Grossen 
und Baronen mit allen und jeden gewöhnlichen Feierlichkeiten über- 
geben und zugewiesen*) und ergänzen aus eigenem Antrieb alle 



*) Mailand war bekanntlich durch den Tod des letzten Visconti (13. August 
1447) als kaiserliches Lehen ledig geworden; ich habe im zweiten Bande 
meiner Geschichte K. Friedrich's IV., S. 455—476, die vergeblichen Bemüh- 
ungen erzählt, welche König Friedrich anwendete um seine Herrschaft dort 
zu begründen. Franz Sforza, der Gemahl der natürlichen Tochter 
des letzten Herzogs (Bianca Maria) hatte am 25. Mirz 1%50 seinen Einzug 
in Mailand gefeiert, K. Friedrich war zu unm&chtig, ihn zum Gehorsam zu 
zwingen, doch war ihm die Krönung durch den Papst wichtig zur Behauptung 
der Oberherrlichkeit, wenn die Verhältnisse sich günstiger gestalten sollten ; 
die mailAndischen Gesandten suchten diese Krönung zu verhindern. 

*) Der urkundliche Ausdruck ist: tradidimus et aaaignavimus, es liegt in 
dem letzteren Worte offenbar die Ansicht, dass der Papst das Recht habe, die 
Krone zu ertheilen; der Erzbischof von Mailand konnte ihn nur krönen, 
was bei ihm nicht die Bedeutung hatte — des Zutheilens. 



58 Joseph Chmel. 

und jede Mängel» welche aus Ursache des Ortes, der Zeit, des Stuhles 
(erzbischöflichen), der Person oder wie sonst immer vorgeworfen 
werden könnten — und damit nicht der geringste Zweifel wegen 
dieser Uebergabe und Zuweisung erhoben werden könne, wollen 
wir und beschliessen, dass gegenwärtige Bulle darüber volle Be- 
weiskraft habe und die Sache keines weitern Beweises bedürfe. 
Dieser einzelne Fall soll jedoch dem Rechte und der Gewohnheit des 
lombardischen Reiches und des Erzbischofs nichts vergeben, sie 
bleiben unversehrt." 

Wichtiger und charakteristischer noch ist die zweite Bulle, 
welche in wenig Worten die ganze römische Theorie des christ- 
lichen Staaten- und Völkerrechtes entwickelt. „Gott ist — 
der ewige Kaiser, der alles — Himmlisches und Irdisches — leitet, 
er hat den Erdkreis zum Besten der Menschen in gewisse Reiche 
getheilt. Als dieselben von der wahren Kenntniss ihres Schöpfers 
und seiner Verehrung abwichen, hat er seinen eingebornen Sohn 
geschickt, um sie zurückzuführen. Als dieser zum Vater zurückkehrte 
hat er den ersten der Apostel zu seinem Stellvertreter eingesetzt, 
damit derselbe über das Heil Aller wache und den ihm anvertrauten 
Völkern zu ihrem Heile vorstehe. Wir nun, die wir, obgleich un- 
würdig, vom Herrn zum Nachfolger dieses Apostel-Fürsten in seinem 
Statthalter-Amte bestellt wurden und durch seine Barmherzigkeit der 
streitenden Kirche , unter welcher auch das heilige römische Reich 
dem (ewigen) Kaiser dient, vorstehen, verwalten freudig mit 
wachsamer Sorgfalt das uns anvertraute Amt, damit die Gerechtsame 
dieses (ewigen) Kaiser-Reiches und der einzelnen (darin bestehen- 
den) Reiche unter erspriesslicher Leitung zur Ehre des göttlichen 
Namens zur Verbreitung des katholischen Glaubens und zur Be- 
glückung des ganzen (christlichen) Staates treu gewahrt und mit 
Erfolg geleitet werden." 

„Nachdem durch den Tod des römischen Königs Albrecht das 
römische Reich verwaist war, haben unsere Brüder und Söhne die 
ChurfÖrsten ihr Augenmerk auf das Haus Oesterreich gerichtet 
(dem auch Albrecht angehörte) und den Herzog Friedrich ein- 
müthig zum römischen König, künftigen Kaiser erwählt, in der Hoff- 
nung, derselbe werde sich bemühen, der redlichste Nachahmer seines 
Vorgängers, Albrecht, zu sein, welchen die ganze Kirche als katho- 
lischen und frommen Fürsten, als Eiferer für die Gerechtigkeit als» 



Hahsburgisehe Excurse. 50 

treuesten Schatzer des Glaubens und der Kirche, als Vorbild aller 
Tugenden immerwährend preiset. 

(Es folgt nun ein warmes Lob Friedrichs) ')• »Derselbe hat sich 
„nun um die Salbung und das kaiserliche Diadem von der Kirche zu 
»empfangen („ad honorem s. Romane ecclesie et sacri imperii 
m decus"J unsTOrge st el 1t (^nostro se conspectui presenta- 
„vifjunddemüthig gebeten, ihm dieselben zu verleihen ( n et 
'„t'tfa per manus nostras sibi impendi humiliter supplicavif); 
„wir haben übertroffen gefunden, was der Ruf von ihm verkündet 
„hatte („etquamquam in minoribus constitutide meritis et vir tu- 
n tibus suis fuissemus sufficienter edocti, nichilominus e«, que 
n laudis sue preconia nostris auribus retulerant, experi- 
„mento comperimus fore longe maiora, quam fame 
„facultas sufficeret explicare"). »Wir haben nun seinen 
„Bitten nicht unverdient gnädiges Gehör geschenkt und diesen unsern 
„geliebten Sohn, dem wir mit herzlichster Neigung und gebührlicher 
„Auszeichnung zugethan sind, nach gepflogener Berathung mit unsern 
„ehrwürdigen Brüdern den Cardinälen der heiligen römischen Kirche 
„und mit ihrem Rathe zum Preis des allmächtigen Gottes und der 
„glorwürdigen Jungfrau Maria und der heil. Apostel Petrus und Pau- 
„lus und zur Erhöhung und Verherrlichung der genannten römischen 
„Kirche und des heiligen Reiches zum Empfang der kaiserlichen 
„Würde geeignet und derselben würdig erklärt, und indem wir 
„seine Erwählung bestätigen, haben wir ihn durch die Hände 
„unsers ehrwürdigen Bruders des Bischofs von Porto salben lassen, 
„ihm alle Insignien dieser Würde übergeben und ihm endlich die 
„kaiserliche Krone aufzusetzen geruht, indem wir alle Mängel ergän- 
zen, sollten welche bei dieser Gelegenheit sich ereignet haben. — 
(„Ad suscipiendum imperialis dignitqtis culmen dignum et 
„ydoneum declaravimus et electionem approban- 
m tes . . .) Daher Wir allen getreuen Vasallen und Unterthanen 



*) Der sich nach l&ngerer Ueberlegung dieser Last unterzog und „de virtutibus 
„in rirtutes proficiens ac merita meritis accumalans per annos fere duodecim 
„regni sui gubernacuU adeoprovide utiliter et aalubriter gesserit, 
„ecclesie unitati et ipsius regni Prosperität! singulorumque servandis juribua 
„et fidelibus quibuslibet in pacis successibus votive dirigendis diligenter in- 
„tentus, ut ipsum Imperium tarn providi fidelis et pii principis felici 
„regimini multipliciter gaudeat se commissum." 



60 Joseph ChmeL 

»des besagten Reiches was immer Ar eines Standes, selbst wenn 
„sie in königlicher oder bischöflicher Wflrde glänzen, strenge 
„befehlen („dist riete preeipimus"}, dem besagten Kaiser pflicht- 
gemäss zu gehorchen und zu Gebote zu stehen. 19 — (Folgt die 
gewöhnliche Schlussformel.) 

Wir sehen aus dieser wichtigen Bulle, dass erstens der Papst 
die Bestätigung (oder Verwerfung) des zum König, künftigen 
Kaiser von den Churfflrsten Erwählten als Recht des päpstlichen 
Stuhles wie so viele seiner Vorgänger vindicirte, und zweitens, 
dass die Haltung des frommen Friedrich's die Erwartung selbst 
übertroffen habe, welche man von seiner Ergebenheit hatte. — 

Dass zu dieser Haltung gegen den päpstlichen Stuhl die Lage 
Friedrich's in seinen Reichen wesentlich beigetragen, ist in die Augen 
springend; es waren ja von Oesterreich und Ungern Deputationen 
erschienen, welche den Vormund ihres Erbherrn förmlich verklag- 
ten. Doch davon später. — 

Wir müssen noch einige andere 'päpstliche Erlässe berücksich- 
tigen, welche die Stellung des neuen Kaisers beleuchten. 

Vom selben Tage (19. März) der Krönung ist die Erlaubniss 
datirt, nach alter Gewohnheit unter gewissen Bedingungen für persön- 
liche Verdienste seiner Getreuen geistliche Pfründen durch soge- 
nannte erste Bitten in Anspruch zu nehmen '). 

In der Einleitung wird hervorgehoben, dass der Kaiser gelobt 
habe, ein treuer Vogt der Kirche zu sein, welche er als seine Mut- 
ter und Herrinn anerkenne („ab eadem ecclesia cuius te fidelem 
„advocatum devovistz . . eam humili professione mattem tuam 
„recognoscens et dominam . . . "^. 

Aus dieser demüthigen Unterwerfung ist auch zu erklären, dass 
der fromme Kaiser sich eine Reihe von päpstlichen Gnaden erbat, 
welche theils seine Person, theils seine Lande betrafen. 

So wünschte er vom päpstlichen Stuhle die ausdrückliche 
Genehmigung zu erhalten, seine Güter und Gerechtsame ver- 



*) S. Regesten K. Friedrich's IV., Bd. I, Nr. 2777, abgedruckt im Anhange 
S. CXVII, Nr. 97. Die Erörterung der Bedingungen würde uns hier zu 
weit fuhren, wir bemerken nur, dass ausdrücklich untersagt ist , Beneficien 
in Anspruch zu nehmen, welche der päpstlichen Disposition vorbehalten 
waren. 



Habsburgische Excurse. 61 

mehren und auf seine Erben diese vermehrten Besitzungen vererben 
zu dürfen *). 

Keine Zeit ist auf Erwerbungen und Machtvergrösserung mehr 
bedacht gewesen als gerade das fünfzehnte Jahrhundert, es fehlte an 
grossen begeisternden Ideen, nur der Streit der Interessen, selbst- 
süchtiger Bestrebungen ist es, der die Nationen erfüllt. Zwischen 
dem Zeitalter des Kampfes der geistlichen Macht mit der weltlichen 
und dem Zeitalter der Reformation sind ein paar Jahrhunderte 
verflossen, in denen die materiellen Interessen bei weitem die 
nichtigsten und vorherrschenden waren ; selbst der Hussitenkrieg, 
obgleich der religiöse Fanatismus ihn entzündete, trug dazu bei, 
die Selbstsucht und das Streben nach materiellen Gütern noch 
mehr zu wecken und zu nähren. — Gerade desshalb ist die Ge- 
schichte von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts bis zum Jahre 
1517 nur dann richtig zu erkennen, wenn man diesen Grund- 
charakter der Zeit stets im Auge hat und die Wege und das 



*) Siehe Regelten K. Friedrichs IV. II. Nr. 2803. Der Geschichtsschreiber des 
Hauses Habsburg (Lichnowsky) führt im Bde. VI., S. 112 und 113, die 
päpstlichen Bullen auf eine Weise an, aus der man geradezu schliessen muss, 
es sei ihm das ganze Verhältniss des römisch-deutschen Kaisers zum päpst- 
lichen Stuhle nicht klar gewesen ; er zählt mehrere dieser päpstlichen Ver- 
willigungen unter solche, welche „ganz geistlicher Art 1 ' seien, die aber 
gerade sehr gemischter Natur waren und der Kern aller ist ja die 
Ansicht gewesen, die „weltliche Macht sei der geistlichen unter- 
worfen." — Lichnowsky sagt: „Besonders aber war: die Erlaubniss die 
„Lande seines Hauses vermehren und verbessern zu dürfen; welches der 
„Kaiser, als seiner Unabhängigkeit und seinem Ansehen zu 
„nahe tretend, wohl hätte ablehnen sollen.'" — Ablehnen? — 
Der Kaiser hatte ja ganz speciell um diese päpstliche Erlaubniss gebeten — 
„ut in bis, que tibi et posteris tuis profutura fuerint, petitionibus tuis 
„favorabiliter annuamus." — „Hinc est, quod nos, ut terrae, dominia, 
„castra et jura tui ducatus Austrie ex quibuscunque bonis 
„ad te undecunque legitime provenientibus meliorare et augmentare 
„tuique heredes, in Ulis sie melioratis, tibi succedere, ac tu Uta cum 
„sana conscientia libere et licite tenere possitis, tibi et eisdem heredibus 
„auetoritate apostelica tenore presentium indulgemus." — Zur Erläuterung 
dieser BuUe könnte man .eine grosse Menge von Daten aus der späteren 
Regierungsgeschichte K. Friedrich's anführen, bei Gelegenheit der grossen 
Cilly'schen Erbschaft wird sich herausstellen , dass diese päpstliche BuUe 
nicht ganz so unpraktisch gewesen, als Viele glauben wollen. 



62 Joseph Chmel. 

Labyrinth dieser selbstsüchtigen Bestrebungen ins Einzelne 
verfolgt, dann wird auch diese Periode lehrreich und interessant, 
wenn gleich das Interesse mehr ein pathologisches ist. 

Auch Kaiser Friedrich IV. hielt sich von diesem Streben nicht frei, 
wie konnte er, da es ein allgemeines war und gerade er und sein 
Haus ron ihm am meisten zu leiden hatten; wir werden im Verfolg 
unserer Betrachtungen sehen, dass des klugen Kaisers Sinn und 
Trachten auf Begründung materiellen Wohlstandes gerichtet war, um 
eben dadurch den Angriffen so vieler Gegner und Neider gewachsen 
zu sein. Zahlreiche Käufe und Erwerbungen liegender Güter beschäf- 
tigten ihn, oft mehr als es der von allen Seiten hereinbrechenden 
Unsicherheit und Noth entsprechend war. Da aber besonders bei 
Tauschhandlungen und Käufen solcher Güter, welche in Händen 
geistlicher Corporationen und Orden gewesen, die grösste Vor- 
sicht räthlich war, indem in der geistlichen Hierarchie stets die 
Bestätigung der Obern stattfinden muss, um jeden solchen Act 
nach canonischem Rechte vollkommen gültig zu machen, so war ein 
solches Privilegium, wie K. Friedrich hiemit vom Papste Nicolaus V. 
erhielt, gewissermassen eine eventuelle Bestätigung aller derlei 
Acquisitionen. 

Wir finden, dass der gewissenhafte Kaiser nicht bloss das Kir- 
chenvermögen respectirte und weit davon entfernt war, sich ein- 
seitige Verfügungen darüber zu erlauben; sondern dass er sogar die 
päpstliche Intercession in Anspruch nahm, wenn es sich darum han- 
delte, weltliches Besitzthum zu reclamiren, das zufälliger 
Weise im zeitlichen Fruchtgenusse geistlicher oder weltlicher Perso- 
nen war. — 

Die Sache ist von hohem Interesse. Nach der damaligen 
Staatswirthschaft waren Verpfändungen von Staatsgütern, das heisst 
von landes fürstlichen Burgen und Herrschaften die Hauptmittel 
zu baarem Gelde zu gelangen ; die Pfandinhaber bezogen die Renten 
und blieben in deren Besitze, bis die Pfandsumme derselben baar 
ausgezahlt wurde, was oft lange Zeit nicht geschehen konnte. Nicht 
selten war das Darlehen in einigen Jahren durch die jährlichen 
Renten getilgt, die Pfandinhaber bezogen sie aber fort und fort, weil 
das baare Geld zur Einlösung fehlte. — K. Friedrich, der diesen 
Uebelstand, man darf sagen, diese Verschleuderung der landesf&rst- 
lichen Bezüge nicht länger dulden wollte, beschloss ein anderes 



Habsburgische Rxcurse. 63 

System einzuführen; um dieses neue Verfahren gleichsam als ein 
billiges und gerechtes zu rechtfertigen, wendete er sich an den Papst. 
Dieser ertheilte auch in einem Breye dem Bischöfe von Gurk den 
Auftrag, derlei Pfandinhaber zur Abtretung und Rückzahlung nöthigen 
Falls selbst durch geistliche Censuren zu verhalten 1 ). 

Aus diesem GefQhl demüthiger Unterwerfung ging auch die Bitte 
hervor, welche Papst Nicolaus V. durch eine eigene Bulle am 
22. März 1452 gewährte, dass dem Kaiser nämlich gestattet sein soll, 
sich im Nothfalle zur Verteidigung seiner Lande des Beistandes der 
Schismatiker und Excommunicirten bedienen zu dürfen »). 

Zu den häckelichsten Verhältnissen der Kirche und ihrer Diener 
(Kleriker) gehören die Immunitäten oder besonderen Freiheiten und 



*) S. Regefiten K. Friedrich'» TV. II, Nr. 2845. Vom 27. April 1%52. Vollständig 
abgedruckt in m. Materialien etc. II, 8. 12, Nr. X. „Exposult nobis carlasimus 
„in Christo filiun noster Fridericus Romanoram Imperator semper Augustus, 
„quod pleriqueabbates etalii infra districtum sui ducaüs dominii con- 
„stituti certa eastra cum suis pertinentiis ad ipsmn imperatorem legitime 
„spectantia titulo pignoris detinent licet ex Ulis perceperint ultra sortem. 
„Quare idem imperator nobis bumillter supplicayit, utsibi super pre- 
„missis oportune providere de benignitate apostolica dig- 
„naremur. Nos igitor huiusmodi suppUcationibus inclinati iraternitati tue 
„per apostolica scripta mandamas, quatinus vocatis dictis abbatibus et aliis 
„qui iüerint evocandi, si est ita, eosdem abbates ac alios ut sua sorte con- 
sent! pignora ipsa et quicquid ultra sortem perceperint pre- 
„fato Imperator! restiuant, monittone premissa per censuram ecclesias- 
„ticam appellatione remota preria ratione compellas." 
*) S. Regesten K. Friedriche IV. Bd. II., Nr. 280%. Da den strenggläubigen Ka- 
tholiken der nihere Umgang mit Ketzern, Schismatikern und Excommunicirten 
untersagt ist, war allerdings die Aufnahme von schismatischen Söldnern, 
wie damals gerade es recht viele böhmische, m&hrische, auch südslawische 
(letztere griechischer Religion) Miethlinge gab, ein Missstand. Der Papst 
dispensirt von der Pflicht , solche Leute zu meiden , mit folgenden Worten : 
„Apostolice sedis Providentia negotiorum et temporum qualitates matura con- 
„sideratione peretringens, illa quandoque catholicis principibus, quos 
„tarnen in fidei constantia et derotienis sinceritate conspicuos non ambigtt pro 
„rerum et temporum necessitate concedit, que alias forent non inme- 
„rito deneganda; tuis igitur in hac parte supplicationibus inelinati 
„tibi , ut ai terra» et dominia tua hereditaria inimicorum tuorum insultibus 
„inradi contingaTet necessitas id tibi faciendum persuaserit scisma- 
„ticorum et extra communionem fidelium exlstentium succursuetauxilio 
„te et huiusmodi tua hereditaria dominia tueri et recuperarecum 
„sana conscientia possis." .... 



64 Joseph ChmeL 

Privilegien» welche sie für sich und ihre Güter beansprechen; Be- 
steuerung der Güter, Gerichtsbarkeit über die Personen das 
waren oft genug die Veranlassungen zu Reibungen und zum bitter- 
sten Streite in früherer Zeit, K. Friedrich's Haltung in dieser Bezie- 
hung zu beleuchten werden wir späterhin Gelegenheit haben, hier 
wollen wir nur jene päpstlichen Bullen berücksichtigen, welche 
die Haltung der römischen Curie beurkunden. 

Kaiser Friedrich hatte dem Papste vorgestellt, dass in früherer 
Zeit bisweilen („nonnunguam") in seinen Erblanden ihm und 
seinen Vorältern zur Verheirathung der weiblichen Familienglieder 
oder zur Bestreitung anderer Auslagen (»pro marüandis puellis et 
„pro incumbentibus vobis negotii* perferendis") von geistlichen 
Personen Beiträge geleistet wurden („collecte sive contributiones 
„et subsidia") mit Einwilligung derDiöcesanen („de dio- 
cesanorum locorum consensu"), welche natürlich von Fall zu Fall 
eingeholt werden musste. Er bat nun, der Papst möge gestatten, dass 
zur Einhebung dieser geistlichen Subsidien die Einwilligung der 
Diöcesanen nicht erforderlich sei. („Quare nobis humiliter suppli- 
»carifecistiut cum huiusmodi casus id rationabiliter regui- 
„sierint, tu et heredes tui simües coilectas' et eontributiones 
„sive similia subsidia a clero dominn huiusmodi exigete et 
„recipere possitis etiamsi ad id diocesanorum eorun- 
„dem assensus non accesserit, vobis gratiose concedere 
„de benignitate apostolica dignaremur") Der Pap«! gab nun 
ihm und seinen Erben diese Indulgenz mit der Bedingung, dass diese 
Subsidien massig und nach altherkömmlicher Gewohnheit berechnet 
seien 1 ). Er hatte Veranlassung genug, dem ergebenen Kaiser willfährig 
zu sein („Quae iura prohibent guandoque necessitatis 
„casus indulget et quae expia causa negantur respectu con- 
„gruo ut utiliora s uc c e d ant favorabiliter t ole rantur"). 



*) Ebenfalls am 22. Marx U52, 8. Regesten K. Friedrich's IV., Bd. II, Nr. 2805. 
„Nos igitur huiusmodi supplicationibus incUnati SerenitaU tue et etsdem 
„heredibus ut huiusmodi necessitatis tempore collectaa et subsidia mode- 
„rataiuxta taxam vel consuetudinem antiquam a elero et prelatis 
„prefati tui dominii reeipere et exigere etiam diocesanorum predic- 
„torum ad id non accedente consensu libere et lieite pos- 
„sitis tibi et eiadem heredibus auetoritate apostolica tenore preaentiura in- 
„dulgemus." 



Habsburgische Excurse. 65 

Die Diöcesanen aber (d. i. die Bischöfe) und noch mehr der Klerus 
waren mit dieser Indulgenz (auf ihre Kosten) höchst unzufrieden 
und ihre Klagen waren auf der im Jahre 1456 gehaltenen Proyinzial- 
Synode lebhaft genug. 

Kurze Zeit darauf bewilligte der Papst dem Kaiser die Erhebung 
des zehnten Theils der Einkünfte eines Jahres von dem Klerus im 
gesammten heiligen römischen Reiche und beauftragt den Erz- 
bischof Ton Cöln und die Bischöfe von Siena und Gurk mit der Exe- 
cution dieser Einräumung ')• 

Ausser diesen Bewilligungen gab der Papst dem frommen Kaiser 
auch eine Reihe von geistlichen Gnadenbriefen, welche zunächst seine 
Umgebung betrafen •). 



') Rom am 18. April 1452. S. Regesten K. Friedrich'« IV„ Bd. II, Nr. 2820. Voll- 
ständig abgedruckt in m. Materialien IL S. 10, Nr. IX. Ale Veranlassung zu 
diesem Zetaentwird die treue Sorgfalt für die Rechte der Kirche und die auf- 
opfernde Mühe angeführt, welche K. Friedrich hatte, der Kirche den Frieden zu 
Terschaffen. „Attendentes igitur, quod carissimus in Christo filius nosterFride- 
„ricus Romanorum Imperator semper AugustusunWersi cleri dicU imperii iuribus 
„et libertatibua consenrandis fidelis protection!* suhsidiis, ac ecclesiamm 
„et locorum sah eins imperio consistentium huiusmodi, sed etiam uni- 
versalis ecclesie pace et unitate ac apostolice sedis et 
„sacri Remani imperii huiusmodi honore et commodo cum 
„fructu ecclesiarum earumdem Onera subiit expensarum, ac 
„recensentes aquum fore et rationi consentaneum , quod idem clerus pro- 
„Tide congrua sibi gratitudlne assurgat ac accomodum et relevamen 
„prestet onerum huiusmodi sumptibus deducendis" • . . Die Abgabe trifft alle 
„ohne Unterschied (Sicular- und Regularklems) , nur die Cardin äle sind 
ausgenommen (wenn sie Bisthümer oder Pfründen im Reiche besitzen). 
Die Widersp&nstigen sind durch geistliche Censuren zu zwingen. . . „Volumus 
„autem, quod iuzta ordinationem Viennensis conciüi calices llbri et alia orna- 
„menta et paramenta ecclesiarum, monasteriorum, capellarum, domorum et 
„aliorum ecclesiasticorum locorum divino cultui inibi deputata ex causa pigno- 
„ris occasione exactionis decime huiusmodi nuUatenus recipiantur , distrahan- 
„tur, rel etiam occupentur, quodque miserabiles persone et impotentes ad 
„prestationem ac solutionem subsidii et subTentionis predictorum nullatenus 
„possint seu debeant compelli aut quovis modo coarctari." — 
*) So Terftnderte er den Namen der Gemahlinn des Kaisers (Eleonore) in den Na- 
men Helena, zum Andenken der Mutter desjenigen Kaisers (Constantin), 
welcher das Christentum zur Staatsreligion erhoben hatte; als woUte er da- 
durch anzeigen, das* K. Friedrich durch sein Verfahren die Kirche aufs Neue 
begründet habe. D.dto. Rom 22. März 1452. Regesten K. Friedrich»* IV. Bd. II, 



66 Joseph Chmel. 

So hatte er ihm schon vor seiner Ankunft in Rom eine Bulle 
ausfertigen lassen, in welcher dem Kaiser für sich und noch hundert 
von ihm auszuwählende Personen bewilligt wurde, dass der von ihm 
(oder ihnen) gewählte Beichtvater ihn (oder sie) von allen Sünden 
(auch den sonst vorbehaltenen) lossprechen könne einmal im Leben 
und dann in der Todesstunde ')• 

Einige Tage nach der Krönung wurden auf seine ergebene 
Bitte zahlreiche Indulgenzen ihm eingeräumt *). 



Nr. 2807. Wir finden aber keine Spar, das« die Kaiser innrem dieser Namens- 
verinderung Gebrauch gemacht. Abgedr. in m. Materialien II, S. 3, Nr. III. 
volentes et decernentes , quod delnceps Elena voceris et nomineris , et tu ipso 
nomine fangaris" . . . 

') D. d. Rom 11. Februar 1452. 6. Regesten K. Friedrichs IV., Bd. I, Nr. 2766, 
vollständig abgedruckt im Anhang S. CXIV, Nr. 94. Die Bedingungen sind: 
wenn er (Kaiser) oder sie (die hundert) im Gehorsam verharren gegen Ihn 
(Papst) oder seine canonisch-erw&hlten Nachfolger ; die Beichtväter soUen von 
der Pflicht der Genugthuung , wenn jemand dieselbe zu fordern berechtigt ist, 
nicht dispensiren; sollten er oder diese hundert dadurch zu Vergehen ge- 
neigter werden, ist die Gnade ungültig. Eine weitere Bedingung ist, dass 
er oder diese hundert ein ganzes Jahr nach Empfang der Gnade alle Frei- 
tage fasten sotten oder falls aus einem kir chlichenGebote dieser Tag ein F a s t- 
tag (das heisst nicht bloss ein Abstinenztag) wäre, an einem andern Tage in 
der Woche ; soUten sie in dem bestimmten Jahre oder einem Theile desselben 
verhindert sein , wird das Fasten auf eine andere Zeit verlegt oder kann auch 
vom Beichtvater in andere fromme Werke verändert werden. Wird die Bedin- 
gung nicht erfuHt, ist die Gnade ungültig. — Diese Bulle wurde erneuert 
(wenn sie nicht dieselbe ist?) am 23. Miro 1452; s. Regesten K. Friedrichs IV. 
Bd. II, Nr. 2811. 

E ) So am 23. März 1452 (s. Regesten Bd. I, Nr. 2689, durch einen Verstoss zum 
Jahre 1451 gezählt, abgedruckt in meinen Materialien I, S. 346, Nr.CLXVÜ). 
Erstens bo oft und wo immer in seiner (des Kaisers) Gegenwart das Wort 
Gottes durch einen Prediger verkündet wird während des heiligen Messopfers, 
kann derselbe Prediger mit apostolischer Auctorit&t allen Anwesenden („verc 
poenltentibus et confessis") Ablass ertheilen, ist's ein Bischof, von 100, ein 
Abt, von 60 und ein gewöhnlicher Priester, von 40 Tagen; zweitens bei einem 
in seiner (des Kaisers) Gegenwart gehaltenen feierlichen Hochamte kann nach 
demselben durch was immer für einen Bischof (antistes), wenn er es wünscht, 
der feierliche S egen ertheilt werden, auch ohne Erlaubniss des Diöcesanen, 
wenn nur nicht ein päpstlicher Legat oder der Diöcesan selbst anwesend ist; 
drittens zur Verherrlichung seiner Capelle („ut tua imperialis capella am- 
„pliori ex hoc venustate et decore proficiat") dürfen seine Captine („capellani 
ejusdem capelle domestici tui") in derselben und in ihren Pfarrkirchen, 



Habsburgisehe Ezcvrse. 67 

So erlaubt er ihm aueh den Genuss von Milch- und Eier-Speisen 
zur Fastenzeit (für sich und seine Gäste) und einen Trag- Altar, auf 
welchem er sich zu jeder Zeit Messe lesen lassen dürfe *). 

Auch an Orten» die unter kirchlichem Interdicte liegen, soll er 
för sich und die Seinen selbst öffentlichen Gottesdienst 
abhalten lassen dürfen 1 ). 

Ausser diesen mehr persönlichen geistlichen Gnadenbriefen er- 
hielt aber Kaiser Friedrich noch eine Reihe von Bullen, welche auf 
seine Schöpfungen und Stiftungen oder seine öffentliche Stellung 
Bezug hatten und zum Theile von grosser Wichtigkeit sind» so dass 
sie eine gründliche Erörterung verdienen. 

Wie man schon aus dem bisher Angeführten abnehmen kann, 
war Friedrich mit einer Vorliebe den geistlichen und kirchlichen 
Angelegenheiten hingegeben, welche selbst seiner Stellung und seinen 
Pflichten nicht ganz förderlich schien. 



die sie inne haben („quarum rectores fuerint") Almuzen (ein Kopf- 
Überwurf) von grauem Pelzwerk tragen („almutia de vario griseo deferre 
valeant"), wenn nur nicht Canonici von Kathedralkirchen oder andere 
Prälaten gegenwärtig sind, welche eben solche tragen* 

1 ) Beide Bullen vom 2%. März 1452, s. Regesten K. Friedrich's IV. Bd. II, Nr. 
2815 und 2816. Die Messe kann selbst ausnahmsweise Nachmittags cele- 
brirt werden („ac etiam post meridiei horam"). Es wird jedoch hinzugesetzt : 
„Proviso, quod paree ultimis concessionibus huiusmodi utaris, quia congruit 
„ut in hijs communis servetur ecclesie ritus et com in altaris officio imoletur 
„dominus noster Jesus Christus dei h'lius qui candor est lucis eterne, ne hoc 
„fiat in noctis tenebris sed in luce" . . . Man sieht aus diesen päpstlichen Be- 
willigungen, wie das ganze Leben und Trachten des frommen Mannes durchaus 
kirchlich gewesen und er in Dingen, welche sonst von Laien als höchst gleich- 
gültig betrachtet wurden, sich der strengsten Disciplin unterwarf. Einem solchen 
Manne gegenüber konnte die römische Curie wohl von der gewöhnlichen 
Strenge nachlassen und Dispens ertheilen, wie sie damals noch selten üblich war. 

') Bulle vom 22. März 1452. s. Regesten K. Friedrich's IV. Bd. II, Nr. 2803. 
„Tuis . . . devotis supplicationibus inclinati , serenitati tue auctoritate preaen- 
„tium indulgemus , ut si forsan ad loca ecclesiastico interdicto supposita te 
„contigerit declinare, liceat tibi in Ulis etiam apertis ianuis excom- 
„munieatis tarnen et interdictis exclusis pulsatis vel non pulsatis 
„campanis alta vel submissa voce prout discretioni tue videbitur 
„in tua et obsequentium tibi et aliornm quos ad hoc admit- 
„tendos decreveris presentia missam et alia divina officia facere cele- 
„brari, dummodo tu vel illi causam non dederitis interdicto nee id tibi vel 
„Ulis contigerit specialiter interdici" . . . 
Sitzb. d. phil.-hisU Cl. VIII. Bd. II. Hft. 5 



68 Joseph Chmel. 

Er, das Oberhaupt eines grossen weitausgedehnten Reiches, 
das nur durch die persönlichen Eigenschaften des Muthes, der 
Strenge, der Tapferkeit in Ordnung erhalten werden konnte, 
der Ael teste eines Hauses, das seine Lande in den schwierigsten 
Verhältnissen und in nicht selten feindlicher Nachbarschaft nur durch 
umsichtige Energie und allzeit schlagfertige Rüstigkeit behaupten 
konnte, der Vormund eines Knaben, der Erbe von Ungern und 
seinen Nebenländern, von Böhmen, Mähren, Schlesien, von Oesterreich 
u. s. w. war, aber nur in einem Theile dieser Lande aufrichtige An- 
erkennung, Liebe und Hingebung erwarten durfte, da er mit dem Erbe 
seines Vaters auch dessen Feinde erbte, hätte ganz andere Eigen- 
schaften bedurft, um den äusserst schwierigen Verhältnissen zu genü- 
gen, ihrer Meister zu werden. 

Diese eiserne Zeit brauchte einen Mann, dem selbst k rieger i- 
schesWesen nicht fremd sein durfte. 

K. Friedrich war klug, friedliebend, gerecht, fromm» 
aber unentschlossen, weich, und Beschäftigungen hin- 
gegeben, die seinen Regentenpflichten hinderlich waren. 

Mit Vorliebe pflegte er Bauten und Oekonomie, nebst ihnen waren 
religiöse Uebungen und kirchliche, besonders klösterliche Ange- 
legenheiten seine Hauptbeschäftigung. 

Man kann K. Friedrich in den ersten Jahren seines Reichsregi- 
mentes durchaus nicht der Unthätigkeit beschuldigen, schon das ein- 
fache Itinerar weist einen grossen Wechsel des Aufenthalts nach ; 
indess beweisen eine grosse Menge von Correspondenzen und Urkun- 
den aus diesen Jahren, dass er schon damals weniger Mann des Han- 
delns als der Unterhandlungen war, die keineswegs zum Ziele 
führten. 

Lieblingsideen des frommen Friedrich's waren eine Reihe von 
kirchlichen Stiftungen in seinem Lieblingsaufenthalte in Wiener 
Neustadt. 

In einer Zeit, wo in Oesterreich die grösste Unsicherheit 
herrschte, wo unbefriedigte Söldner Räubereien übten, feindliche 
Ueberfalle aus dem benachbarten Ungern, aus Mähren dem Lande 
grosses Wehe brachten, verhandelte Kaiser Friedrich nicht bloss die 
freilich hochwichtige Beilegung des Kirchen-Schisma, die übrigens 
durchaus keinen Einfluss hatte auf die Sittenverbesserung, sondern 
er betrieb aufs Angelegentlichste auch mehrere Stiftungsangelegen- 



Habsburgische Excurse. 69 

heiten mit einem Eifer, der ftr eine ruhigere friedlichere Zeit pas- 
send gewesen wfire. 

Da wir die kirchliehen Verhältnisse der Passauer Diöcese an 
einem andern Orte 1 ) zum Gegenstande sorgfältiger Untersuchung 
machten, wollen wir hier Beispiele aus den Diöcesen des Erzbischofs 
ron Salzburg und seiner Suffragane oder des Patriarchen von Aquileja 
und seiner Suffragane wählen, da die Erblande K. Friedrichs (das ist 
Steiermark , Kärnten und Krain) zu diesen Diöcesen gehörten; um 
sein Verhalten und seinen Eifer zu beleuchten. Leider fehlt <»s 
gerade an Einzelforschungen für die Kirchengeschichtc 
Innerösterreichs. Die Diöcesen Salzburg (filr Steiermark und 
Kärnten), Seckau, Gurk sind noch gar nicht bearbeitet, Tangl's 
Reihenfolge der Bischöfe von Lavant ist ein verdienstliches Werk, 
aber welch grosses Feld ist die Geschichte einer Diöcese! Höh en- 
auer's Skizze einer Kirchengeschichte von Kärnten ist eben nur 
eine Skizze und zeigt die ungeheuren Lücken unsers Wissens. Die 
historischen Vereine könnten wohl hier am verdienstlichsten wirken, 
wenn sie das Materiale fiir eine Kirchengeschichte (freilich lieber 
gleieh die ganze Geschichte des Landes, es hängt ja alles aufs 
Innigste zusammen) mit Sorgfalt sammeln würden. Auch hier ist der 
einzig erspriessliche Weg, die Arbeit zu t heilen und zu geben was 
man hat und findet; will man warten, bis etwas Ganzes, Vollstän- 
diges zusammenkömmt , so kann man lange , vielleicht ewig warten. 
Monographien, selbst Fragmente können unsere Kenntniss 
wesentlich erweitern, aber freilich wird man darauf gefasst sein 
müssen, dass später neue, reichere Quellen auftauchen, welche die 
Ansichten modificiren, oft gänzlich umwandeln müssen. 

Zu den schwierigsten Verhältnissen, weil sie gemischter Natur 
sind, gehören die Patronats Verhältnisse, überhaupt Besitz- 
verhältnisse, Gerichtsbarkeit, Unterthänigkeit der geist- 
lichen Besitzungen ; in dieser Beziehung ist freilich die K i r c h e n- 



*) Siehe meine Abhandlung: „Beitrage zur Beleuchtung der kirchlichen Zu- 
stande in est erreich im fünfzehnten Jahrhunderte 1 ' (die Passauer Diöcese 
unter Bischof Leonhard von 1439(1424) bis 1451 in dem «weiten Bande 
unterer Denkschriften. Was ich in derlei „Abhandlungen" oder in „Exe Ur- 
sen" theilweise nicht ohne Mühe mit sorgfältigem Einzelforschung zusammen- 
trage , hoffe ich im vierten (letzten) Bande der Geschichte K. Friedriche IV. 
im übersichtlichen Zusammenhange darstellen zu können. 

5 * 



70 Joseph Chmel. 

geschichte von der politischen nicht zu trennen. Besonders ist 
das Verhältniss des Erzstiftes Salzburg und seiner Suffragane, Seckau, 
Gurk, Lavant von höchster Wichtigkeit; die Besitzungen dieser Kir- 
chenfiirsten und ihre Stellung gegen den Landesfürsten, zumal in 
der Zeit, wo derselbe zugleich deutsches Reichsoberhaupt war, ver- 
dienen die umsichtigste Beleuchtung. Leider sind die Acten und Ur- 
kunden aus diesen Jahren (1440 — 1452) so fragmentarisch und 
lückenhaft, dass man sehr leicht irre gehen kann in positiven Be- 
hauptungen. Salzburg war auf Seite des Concils zu Basel, selbst 
noch zu einer Zeit, da K. Friedrich bereits mit Papst Eugen IV. und 
seinem Nachfolger Nicolaus V. aufs innigste verbunden war; wahr- 
scheinlich hatte diese Stellung Einfluss auf des römischen Königs 
Benehmen gegen den Erzbischof, der aber nicht versäumte, sich das 
Wohlwollen einflussreicher Räthe zu verschaffen, um die königlichen 
Gesinnungen zu seinen Gunsten umzustimmen *). 



*) Die Geschichte des Erzstiftes Salzburg iu diesem Zeiträume verdiente aller- 
dings eine umständliche Beleuchtung, die wir uns für eine besondere Abhand- 
lung vorbehalten , wir können hier nur des Erzbischofs Verhältniss zum rft- 
\ mischen Könige berücksichtigen. 

Zu Brixen vermittelte König Friedrich auf der Rückkehr von seiner ersten 
Krönungsreise (10. und 12. Jänner 1443, 8. Regesten I, Nr. 1337 und 1343) 
zwischen Herzog Heinrich von Baiern und dem Erzbischof Friedrich von Salz- 
burg, welche durch längere Zeit Jurisdictionsstreitigkeiten in Unfrieden ver- 
setzt hatten. 

Der Erzbischof musste das oberste Halsgericht in MGldorf und auf der 
Herrschaft Mattsee durch eine betrachtliche Geldsumme an sich lösen und dem 
Herzog die Gerechtsame des Erzstiftes im Landgerichte Tittmoning und einem 
Theile von Trossberg cediren. 

Wenige Wochen später verlieh König Friedrich in Salzburg selbst dem 
Kirchenfürsten die Reichsregalien , der den gewöhnlichen Lehenseid leistete 
(Regesten I, Nr. 1381, 30. J&nner 1443). 

Hinsichtlich der Verhältnisse des Erzbischofs in den Erblanden des 
römisch-deutschen Königs ist zu bemerken, dass die landesfürstlichen Ge- 
richte bei Klagen innerösterreichischer Landesedlen gegen den Erzbischof 
bereit waren , den letztern zum persönlichen Erscheinen in der Landechranne 
zu nöthigen. Der König jedoch scheint durch das Ansichziehen der Rechts- 
aachen der Stellung des geistlichen Reichsfürsten gebührende Rücksieht ge- 
schenkt zu haben. 

Zu der in meinen Materialien, Bd. I, S. 171, Nr. LV, abgedruckten Urkunde 
vom 28. Juni 1445 (s. Regesten I, Nr. 1933), vermög welcher K. Friedrich 
verspricht, den Process zwischen dem Erzbischof und dem krainerischen 



Habsburgische Excurse. 71 

Was insbesondere die Capitel und Klöster des Landes betrifft, 
so waren sie an den Schutz des Landesfürsten um so mehr an- 



Landes-Edlen Friedrieb Zobelsberger zum Saunstein bis Martini dieses Jabres 
zu entscheiden , kann ich jetzt noch mehrere seitdem aufgefundene Acten- 
stücke hier mittheilen, welche auf diese Streitigkeiten, wenn schon nicht hin- 
ttrifctiches doch jedenfalls mehr Licht werfen, als uns bisher vergönnt war. 

1) 14%*, 6. April. Salzburg. Erzbischof Friedrich von Salzburg schickt 
seinen Secret&r Friedrich „Grenn", päpstlicher Rechte Licenciaten > als Be- 
vollmächtigten zu dem Tage (der gütlichen Ausgleichung oder rechtlichen 
Entscheidung), welchen K. Friedrich ihm (Erzbischof) und dem Friedrich Zo- 
belaberger auf den Sonntag nach Georgi bestimmte („für sein kuniglich Ma- 
iestat, sein Rete und Lanndlewte"). — Orig. Papier« (K. k. geh. Haus-, Hof- u. 
Staatsarchiv.) 

%) 1*1%, 21. Juli. Passau. K. Friedrich IV. stellt dem Erzbischof Fried- 
rich von Salzburg einen Schuldbrief aus über viertausend ungrische Gold- 
gulden , welche Ihm derselbe baar geliehen hat („zu unsern notdurfften") und 
die innerhalb eines Jahres wieder zurückgezahlt werden sollen („zu Ley- 
benncz in dem Slosz , so ir vieztumb daselbs von iren wegen innehat"). — 
Orig. Perg. (Hausarchiv.) 

3) „Es ist ze merckn Als Friflreich Zobelspergcr zwm Sawnstain ettwas 
sprüche ze habn vermaint zu dem hoch wird ign Fürstn vnd herrn hern Frid- 
rich Erczbischofn ze Saltzburg von einer vischwayd bey Liechtenwald auf 
der Saw. auch von wegn ayner behabnuss so der benant Zobelsperger in der 
Landschrann ze Krayn darüber vermaynt erlangt habn darumb denselben be- 
den tailn für vnsern allergnedigsten herren den Romischen kunig auf den Sun- 
tag nach Band Jorgn tag nächst vergangn, tag benennet was. Also ist zwischn 
des von Salczburg anwald vnd des Zobelsperger furgenommen vnd beredt 
wardn. Doch auf ain anbringen an den benanten von Salczburg auf solich weg 
das bede obbenant tail yetz an ainen schuh nemen sulln von vnserm allergne- 
digsten herren dem Rom. kunig auf sand Michelstag schierst, vnd sulln da- 
zwischn auf sand Barth olomeestag schierst ainen tag mit einander haldri durch- 
sichselb oder Ir anweld ze Liechtenwald vnd sol daselb yeder tail zwen 
Spruchman nyder seezfi vnd für diselben vier Spruchleut sulln bede obbenant 
tail all ir notdurft für bringen lassen der sy dabey ze genyessn vermainen. 
Möchten dann diselben vier Sprecher dy benantn bede tail in der gutlichait 
vnd mit irem wissen nicht veraynen so sulln sy auf der bemeltn beder tail 
furbringen, red vnd widerred recht sprechn — vnd wie Sy oder der merer tail 
aws In diselb Sache mit dem rechtn entschaidn dabey sol es an verrer way- 
grum beleibn. Wer aber daz dyselben vier Sprecher zwayg wurdn vnd zwen 
auf aynen tail vieln vnd zwen auf den andern , so sulln sy von bedn tayln 
ganezn voUn gwalt habn aws den nachbenanten vier mannen hern Erasm 
Liechtenwerger , hern Andre Sawrer, Andreen Raminger oder Leopoldn As- 
pach, Ir aynen welhes ay all vier Sprecher oder der merer tail aws in aynig 



72 Joseph Chmel. 

gewiesen, als die Zeit eine sehr schwierige war und sie von den 
Uebergriffen der Nachbarn oder dem Ungehorsam der Unterthanen 
vielfach bedrängt wurden. 



werdn tv ainem obman nemen , der sol von hayden talln gebetn werdn sich 
der sacheo anzenemmen. Vnd wie derselb obman aolich obgemelt recht 
sprechn der bemeltil vier Spruchlewt dy im iren Spruch in gesebrift zw 
senndii sulln, durch recht entscheidet dabey sol es auch an all verrer waygrum 
genczlich beleibn, vnd dem sol von baydn tailn vngeuerlich nachgangn werdn. 
Es sol auch der von Salczburg hye zwischn vnd sand Johannstag zwo Sunn- 
wenndn dem Zohelsperger verkundn ob er der sach also eingeen well oder 
nicht. Vnd ob sich fögte das der von SalUborg des nicht eingeen wold, vnd 
das dem Zobelsperger zwschrib so sulln dann Sy obgenant bede tail durch- 
sichselb oder ir anweld für vnaern allergnedigsten Herren des Römischen ku- 
nigs auf Sand Michelstag schierst körnen vnd iren Sachen verrer nachgeen in 
maas als dann vor herkomen vnd In seinem kun. schubbrief begriffu ist auch 
vngeuerlich. Vnd ist solich obgemelt beredum beschehil ze Wyenn an mitichn 
nach Sand Jörgn tag Anno domini etc. xliUji?. (39. April M%%.) 

Der tayding ist der Zobelsperger nicht nachgangn funder ist er an vrlawb 
von dem tag abgeschaidn , darumb ist ein lad um wider in gegebn er kom oder 
nicht etc. — Concept. Papier. (Geh. Hausarchiv.) 

4) Vermerckt das anbringn an vnsern Allergenedigisten herrii den Römi- 
schen kunig so des von Salczburg potschaft getan habii. 

Von erst als vnser allergn. her der Rom. K. dem von Salczburg geschribn 
vnd an In begeret hat ettlich seiner Räte zu dem tag der zu Grecz gewesn 
solde sein ze senndn den sein k. gnad verlengt hat vntz auf den montag nach 
Invocavit in der vastn schirst, also hat vns der von Salczburg zu demselben 
tag gesant vnd beuolhn vnserm gn. Herren den Rom. K. ansebringn das der 
von Salczhurg vnd sein voruodern von solichn gultn vnd gutem so dann das 
gotshaus Salczburg in den lanndn Steir Kerndn vnd Krain hat allezeit willig 
gewesn sein in allen gemaynem lanndes notdurftn hilf vnd beybestand ze tun 
doch so habii des gotshaus Salczburg lewte in denselben lanndn angesessn 
mereklich gebrechn vnd beswerum als mit dem Jarmarckt zu Leybentz vnd 
andern Irn gewerbn gen (die) von Grecz vnd andern dye sy mit iren gewerbn 
nicht hanndeln lassn als Inwoner sunder als gest vnd auslennder das doch 
von alter nicht also herkomen ist vnd darumb der von Salczburg wenndum 
begert hat an sein k. gnad dye Im aber vntz her nicht hat ergeen mugn ist 
des von Salczburg dyemütig gebete suUe er von den obberfirtn gültn vnd 
gutern in Steir Kerndn vnd Krain gelegn dye dem gotshaus Salczburg 
zugehörn denselbn lanndn vnd Inwanern daselb hilf vnd beybestand tun das 
dann sein lewt in denselben lanndn angesessn als Inwoner vnd mit Iren 
handeln vnd gewerbn als von alter herkomen ist gehalden vnd das in solich 
ir gebrechn dye Sy meniger mal anbracht habn gewendet werdn. 



Habsburgische Excurse. 73 

Die Zusammenstellung der wenigen uns zu Gebote stehenden 
Notizen wird jedenfalls herausstellen» welchen Einfluss Friedrich als 
Landesfurst hatte, und wie sehr er ihnen geneigt war. 



Item das vor zelten dhain Erczbischoue von Salczburg in aigner person in 
die lanndschrannen Steir Kerndö vnd Krain geczogn noch zu recht geladn 
wordn ist sy sein auch von B&bsten vnd Römischn Kaysern gefreyet das sy 
an den oder an andern enndn für recht persöndlich nicht sulln gezogn werdn 
dye weil sy sich vor iren Beten zu recht verantwurttn welln Sy haben auch 
ire anwild vnd vicsdom in denselben lanndn dye all sach voraws was Grund 
vnd Podn des gotshaus Salczburg berurent in den lantschrannen verantwurttn 
salin dye auch ains herrn von Salczburg klag vnd notdurft in denselben lannd- 
schrannen furbringn mfign Nu sein ettlich ladung Beind Ercabischof Eberhartz 
des Newnhauser sillgn zeitn von den bemeltn lanndschrannen ausgangii darinn 
die ertzbischof wider altes herkomen gwonhait vnd sölich obberurte freyhait in 
aygner person fürgeiadn sind darin Sy sich wider sölich ir obgemeli freyhait 
nicht begebt» habn. Nu ist dem gotshaus Salczburg aus sölichn ladungn merck- 
licher schad und Irem lewin verderbn leibs vnd guts maniger mal erganngn 
Bitt der von Salczburg in aller dyemut vnser allergn. herr der Rom. K. 
geruche solichs abzeschaffo vnd das gotshaus Salzburg haldn bey freyhaitn 
vnd gwonhaitn als von alter her körnen ist wann doch der von Salczburg 
willig ist sich durch sein viczdom und anweld in den landschrannen zu ver- 
antwurttn vmb sach dye des gotshaus Salczburg grund vnd podn berurn in 
denselben lanndn gelegn vnd das auch ein vicsdom sein vnd seines gotshaus 
notdurft in den lanndschrannen zu recht auch furbringn möge als dann von 
alter herkomen ist. 

Item von des von Freysing des Orunnwald wegn ist der von Salczburg 
vast vnd hoch angehaldn wordn er solde im recht tun wider alle dye, die des 
gotshaus Freysing gslAsser vnd guter in Oesterretch Kerndn vnd Krain inn- 
hieldn. Es hat auch herczog Albrecht von Baiern dem von Salczburg ge- 
schribn wie vnser allergn. herr der Rom. K. solichs vergunt hyete es habn 
auch das Capitl vnd alle Brieaterschaft des Bistumbs zu Freysing dem 
von Salczburg geschribn vnd durch ir trefflich botschaft vmb recht ange- 
haldn, ob aber der von Freysing rechtlos gelassn* wurde von dem von 
Salczburg so mustn sy gedenckn damit sy von seiner gwaltsam ausgeczogn 
vnd sich mit gehorsam an dye ennde gebn da sy zum recbtn geschirmet wurdn 
als dann des alles ir brief vorhanden sein. Sy habn auch protestation getan 
ob sy solicbs recht verczog zu schadn komen das sy denselben schadn zu 
dem von Salczburg vnd seinen gotshaus »uchfi woldn das alles dem von 
Salczburg swer vnd zu besargn ist er vnd sein gotshaus möchte des in 
mercklichfi schadn vnd Swechung körnen. Nu hat der von Salczburg noch 
darin nicht (s) getan und Bitt In aller dyemut vnser allergnedlgister herr 
der Rom. K. geruche ine ze ratii wie er sich in den Sachen haldö sulle 
damit er recht vnd nicht vnrccht tue vnd damit sein kuniglich Stift Salcz- 



74 Joseph Chmel. 

So gibt er am 13. Juli 1440 dem Chorherren-Stifte Seckau 
Behufs einer Stiftung eine herzogliche Waldung bei Knittelfeld mit 



bürg bey solich Eer vnd wirdikayt beleibn als von alter herkomen ist vnd 
darinn nicht geswecht noch gesmelt werde, auch in dhaynen Schadft körne. 
Item Als vnser allergnedigster herr der Rom. K. Fridreichn Zobelsperger 
von des von Salezburg wegn für sein Ret vnd Lantlewt geladii hat der- • 
selben ladum der Zobelsperger aber nicht nachkomen «ander ist, so verr 
gerecht von des von Salezburg wegn das zu Kuromberg nächst nicht anders 
notdorft gewesn wäre dann ain vrtail in denselben Sachen se uettn nach 
Innhalt des gerichtzeugbrief daselb zu Nfiremberg darumb gegebn. Na aber 
vnser allergnedigster herr der R6m. IL auch dje Rät dye solich vrtail 
sprechn eoldfi an irem aafbmcb vnd absebaidn gewesfi sind das dye vrtail 
nicht gesprochn ist wordn, ist Friedreichn Gren des von Salezburg Secre- 
tarien zu enboten wanne vnser allergnedigster herr der Rom. K. her in dlsew 
lannd körne daz dann sein K. gnad angebaldn werde so welle sein gnad 
schaffiri vrtail in der berQrttn sach ze sprechn. Also bitt der von Salezburg in 
aller dyemut vnser allergnedigster herr der Rom. K. schaffe Im noch vrtail in 
der hemeltn sache ze sprechn." (Promemoria, gleichz. Pap. Geh. Hansarchiv.) 
5) „Allerdurichlaucbtigister genadigister herr vnd KOnig Ich schikch ewrn 
kunigleichil gnadn ain chlag zedl vnd ain Notell, daran ewer kunigleich genad 
wol verneinen werd was prechn ich gen dem von Salezburg vnd den seinen 
habe vnd pitt ewer kunigleich genad diemuttigleich Ir wellet die genadig- 
leichn horri vnd vernemen darann werdet ir wol verneinen ob mir gutleich 
oder vngutUeich von dem von Salezburg vnd von den sein peschikcht das 
ist die gegnwurttig zedl vnd Nottell. 

Item von Erstn hat mir der Pangracz Reysperger bei dem grossen Stein 
bey Nider Fresaw auff meiner vischwaid ain Byshakchn geprochn vnd ain 
Arch geslagn des hab ich mich dem von Salezburg erchlagt Bisscholff Jo- 
hansen Ercztbisscholff ze Salezburg vnd prleffleich anbracht darauff hat er 
mir geschriebn, er biet mir ain antwurt getan die wurd mir churczleich 
chomen vnd ain antwurtt tun, da mir die chomen ist steit also in dem 
brieff Er wolt sein Rett her in schikchn zu Mittervastn gen Liechttnbald 
da habent sie mir enpottn daz leb hin in zun in chem vnd biet ich icht 
zun In zespreebn daz Ich das fürbrecht so westn sew die sach wider an 
den von Salezburg zebringn , da gab ich ze antwurt Er biet mir geschribn 
man schult mir ein antwurt tun wan mir die chem so west ich verrer darin 
fürzebringn Also hat mich Sigmund Weinaitter vnd auch der Chrug vnd 
Johannes Schreiber mitpurger ze Liechttnbald den Got genad vast ich scholt 
hin in reyttn, da gab ich inn ze antwurt Ich wolt durich des pbajfö willn 
herrn Yincenczn vber den weg nicht reyten, der die czeit viezdom ze 
Leybnicz vnd pharrer ze Pettaw gewesü ist vnd da sew mich also vast 
pattn da sprach ich ich wil zu dem Ratter vnd zw dem Holnekcher gern 
reytn vnd lies mich des vber reden vnd rayt also hin in zun in gen Liechtn- 



Habsburgiscbe Excurse. 75 

vollem Jagdrecbte; nur bleibt den Bürgern von Knittelfeld das alte 
Recht, Holz zu fällen, auch soll das zu den herzoglichen Bauten 



bald 4a fragttn sew mich ab ich icht fürzebringn biet gab ich in ze anl- 
wurtt hiettn sew volln gebalt so wolt ich in das vnd merz farbringn , was 
ir antwurt aew wolltn daz an den von Salczburg bringen was der schuft" 
das wolltn sie tun der viczdom vnd auch der holnekcher der Rätter bat 
sich nichts darumb angenomen vnd da mir nicht genug da beschftchn ist 
des hab Ich mich dem landesrecht zu Laibach erchlagt vnd ain behabnuss 
getan dauil Jrumer lewt wappens genos an dem Recbtn gesessen sein vnd 
geweyst mit gerichtes potten als auff zehn phnnt gelts des ich an Recht 
entwerdt pin wordnfl 

Item die antwurt darauf daz sich bei dem Pangracz Reysperger der 

vor phleger hie zu Liechttnbald gewesen ist vergangn hat darumb ist 

, mir Niklasn GaUfiberger vnd auch vns Liechttnbaldern nichts wissnt- 

lleich wie sich die sach pegebn hat darin mag man sich wol verrer 

lerfarn ausgenomen daz mir Niklasen Gallenbergcr vnd vns Liechtnbaldern 

wissntieich ist nach dew als wir vns darin erfam habn daz der selbig 

4 \Syahakchn zu dem Gealos Liechtnbald gehaldfi wurdn ist vnd ich den als 

lieh phleger hie gewesen pin als pey vierczebn' Jarn prechn hab lassii vnd 

nach den zu meines genadign herrn von Salczburg etc. banden gehalttn hab 

vnez auff die czeitt — auch von des Arch stit wegn die leyt ze nächst an dem 

^margkt vnd des Zoblsperger grünt nach gerlcht in einer nahent nicht beruertt 

Item so hat mir Globattecz die czeitt ricbter ze Liechttnbald meinen 

man einem genant Matheus geuangft an Recht vnd an cblag vnd hat mir 

den von dinst pracht 

. ( Item darauff ist mefn des Globattecz antwurt mir ist nicht wissntieich 

e j darumb daz ich den Matheus des Zoblsperger man ye geuangfi noch von 

^ j dinst bracht hab vnd der selbig Matheus h&t mich auch des vor frümen 

< ( lewttn beredt. 

Item so hab Ich auff mein vischwald gescbikcht vnd bab Eyshakchii haissn 
prechfi da ist Niklas Gallenberger mit den purgern von Liechttnbald chömen 
vnd hat die mein mit gewalt dauon getribn vnd mein vischnecz genoinen. 

iltem darauff Ist mein Niklasfi Gallenberger vnd vnser der Liechttnbalder 
antwurt daz wir dem Zoblsperger an seiner vischwaid nye chaln Eys- 
hakchii gewert habn ze prechfi nach chain vischnecz genoinen Sunder die 
sein sind chomeff auff meina genadign herrn von Salczburg etc. grundt 
vnd gericht vnd vischwaid vnd bahnt an einem Eyshakehfi geproehnn daz 
hab wir In gewertt vnd ein pös vischnecz genoinen. 

Item so hat meiner mafi einer genant Janes am perg dem Richter klagt 
vber ein vergn darumb in der Richter teg penent batt darczu mein man 
mit frumen lewttn cboinen ist So hat man in die teg nye abgesagt nach 
Recht ergen lassii. Also sein wir ain es tags aynig wordii herr Hanns 
Reichnburger vnd ich gen Liechttnbald ze cboinen da ist mein man für- 



76 Joseph Chmel. 

nöthige Holz daraus genommen werden (Regesten I, Nr. 89). Am 
3. April 1443 ertheilt er demselben Stifte die Erlaubnis», im Dorfe 



trettn vnd bat sein sach furbracht md darumb das er nicht ein Lieehttn- 
balder tw sewgnuss gehabt hat vnd hat säst frumer man »wen su Zewgen 
gehabt darumb hat in das sein nicht chunnen widerfaren. 

Item darauff ist mein die cseit Richter antwnrt Es ist wol an dem das 

mir des Czoblsperger man genant Jenes am perg gechlagt hat vber den 

vergn Ich hab Ihm auch teg darumb benent Nu hat der obgenant verg in 

der czeitt mfissn in meines genadign berrn von Salczburg etc. geschafft vnd 

£ 1 notdurfft fueter hinab gen Rain ffirn damit die saeh also verhaitn ist wurdn. 

Q J 

\ \ Darnach ist herr Hans der Reychenborger hawbtman ae Rain vnd Niklas 
Gallenberger vnser pbleger vnd der Zobleperger vmb die vnd vmb merr 
ander bernach geachribn sachn eines tags her genn Liechttnbald aynig 
wordn vnd pey dem selbign tag ist die sach gancs gericht vnd geayntt 
wurdn mit des Zoblsperger willn darumb den frümen lewttn die pey dem 
tag gewesen sind wol wissntleichn ist. 

Item hat mir der huetter Michelca vnd sein prueder der Jacob vnd des 
Jannses vischer chnecht aw Liechttnbald mein scheff nechtleich abtrukchn 
land genomen das hab Ich den Richter lassn anbringn das er mir das 
wider schaff« biet vnd doch der hueter an laugn gewesn ist das ist mir 
nicht wider tan wurdn darumb ich hab müssen pheattn vnd ein pherd auff 
meinem gericht genomen vnd darumb dam ich mit dem pherd ettweuil hab 
lassn arbitten darumb hat man mir das scheff engegn abgeeprochn vnd mir 
mein Vrfar damit Nider gelegt des Ich grossn sebadn seyt genomen hab 
vnd nach tegleich nym. 
/ Item darauff ist mein die cseit richter antwurt Es ist wol an dem das 
mich der Zoblsperger hab lassn anbringn das im der micbeics bueter ein 
scheff abtrukkn land genomen scholt habn darumb hab Ich den penanttü 
hueter se red gesacst, der hat mir geantwurtt Er hab einen poden von 
einem posen sehakchttn scheff von des Zoblsperger man einem genant 
Jurscbe gechaufft vmb fünf vnd swaincsigk Phenlng, wie darumb biet der 
Zoblsperger daran nicht ein benugn so wolt er im gern darumb se Recht 
sten vor mein als vor einem Richter das hat der Zoblsperger also abge- 

e / slagn vnd hat darüber einen mitpurger se Liechttnbald genant Jacob ar- 
baitter ein pherd genomen vnd das vast abgenucst darumb nu herr Hanns 
der Reichnburger bawbtman se Rain vnd Niklas Gallenberger vnser phleger 
vnd der Zoblsperger eines tags aynig wurdn sind her gen Liechttnbald 
darczu der Zoblsperger mit etleichn seinen frewndtn chömen ist die bäbiit 
sieh nw mitsampt hern Hansn in die sach geseest vnd habnt darumb aus- 
gesprochn mit des Zoblsperger willn also das der hueter dem Jacob er- 
bauter für sein schedn die im der Zoblsperger an seinem pherd getan hat 
durch geiymphes willn ain gülden gebii bat vnd damit ist die sach gancs 
gericht vnd geayntt wurdn. 



Habsburgische Excurse. 77 

unter St Marienkirchen bei Prank eine Taverne zu errichten (Re- 
gesten I, Nr.* 1401). — Am 7. October 1445 bestätigt er dem Propste 



Item so hab ich «wen Erbholdn zu Liechttnbald der ain haisset Maiczn 
Floysschakcher des Jane* sun Selign am vrfar vnd Matheos 8mid dea Mer- 
tin Sun am perg darumb Ich mich an den Gallnberger ein landarecht begertt 
hab da bat er mir ein margkt recht gepottn darumb Ich mich einem lann- 
desrechtn au Laihacb Erklagt hab da habnt die landtlewtt daz Recht gen 
mir erchant er wer in dem Und nicht gesessn vnd bat doch sein Erb vnd 
gutt vnd auch sein Siez in der hawbtmanschafft zu Kr ain pey Stein ze 
Minkchendorff ein Turn verstet m&nigleich wol ab mir gutleich peschiecht 
ader nicht vnd schol also meiner Erbholdnn aussen ligenu. 

Item darauff ist mein Niklas des GaUuberger antwurt als der Zoblsperger 
zwen purger hie ze Liechttnbald an mir eruodertt h&t im die ze antwurttn 
ader Im die zu einem lanndesrecht ze stelln darauff hab Ich Im hinwi- 
derumb enpottn Ich wolt Im die hie ze Liechttnbald zu einem margkt recht 
stelln doch also ward daz von den früraen lewtil erchant die zu solhn 
tegil ehernen vnd auch von der nakchparschafft daz ich im die zu einem 
lanndesrechtt stelln scholt des wer ich im willig daran hat er chain be- 

< jnügn gehabt vnd hat mich verrer darumb gen Laibach in ain Landesrecht 
geladn wie er der sachn vmb zway hundert phunt phening schedn ge- 
nomen hiet mynner ader merr darauff pin ich in antwurt chomen vnd hab 
Im die teg abgenomen vnd die Bach hat sich auch anders in eym lann- 
desreehttn pegebn wen des Zoblsperger schreibn vnd ffirbringn Inne haltt. 

Item So ist vor etleieher zeitt meiner man einer gestorbn genant Michl 
zu Luppawicz da ist Mathe Chudanit auff dasselb mein guet geLauffn vnd 
hat an klag vnd an alles anbringn subii frissching ab meinem guet vnd in 
meinem geriebt an recht genonien daz bab ich den Gallenberger auch lassn 
anbringn daz er mit im schaff vnd auch darezu hielt daz er mir vnd den 
mein die frissching wider tan hiet vnd hiet der selb Chudanit icht zu 
meinen lewttn ze sprechn so wer ich im willig ein Recht widerfarn lassn 
also lig ich der Frissching aussenn. 

Item darauff ist mein Niklasn Gallnberger antwurt Ich hab den Mathe 
Chudanit darumb ze Red geseezt des antwurt stet also Er hab Sechs fris- 
sching von des Zoblsperger pawer einem geehaufft vnd beczalt vnd er hat 
im die selbes geantwurt wie darumb so hab ich dem Zoblsperger ein Recht 
darumb pottn Daz hat er also abgealagn vnd daz dan nachmain zu solhn 
tegn gericht vnd geaynt ist wurdn als her haus der Reychnburger hawbt- 
man ze Rain vnd der Zoblsperger ze Liechttnbald pey einander gewesn sind. 

Item So ist der Sorgko ZSOne purg für den Crisan brabiezsch vmb drey 

mark phening der ist gesessn ob vnserer frawn in einer müll an der 

Liechttnbald der lig ich auch aussenn. 

"C ( Item darauff ist mein NikUsn Gallnberger antwurt ich ways chain Sorko 

> < Zsune der da gesessn ist ob vnserer Frawn an der liechttnbald an einer 

< [ mul ich hab auch des nicht chunen erfarn. 



78 



Joseph Chmel. 



Andreas von Seckaa den Kauf zweier Höfe, gelegen zu Sehendorf bei 
Knittelfeld, zweier Güter, einer Mühle und zweier Hofst&tte daselbst 



4 



Item 00 hat der Gallnberger vnd der Richter ze Liechttnbald meinen lewttn 
zway pherd an alles Recht genomen vmb daz daz ich des Arbaitter Schu- 
ster pherdt zu Liechttnbald in meinen weingarttn gespants in einer Eysen- 
halt nechttleich gangn ist vnd grossn schadn getan hat als es in plottn 
gewesii ist do man den grosstn scbadii tun mag in weingarttn da hab 
ich ir widerumb newn genomen da sind die liechttnbald er zu mir chomen 
ich schol in irew pherd wider tun da gab ich in zu antwurt ich biet chain 
anefangk gemacht also pattii sie mich vast da gab ich In ze antwurt Ich 
wolt in die pherdt zu gelvmpbn nakcbpar schafft willn wider gebii daz sew 
auch meinen lewttn Irew pherdt wider schikcbttfi daz habn sew tan vnd 
hab in auch Irew pherd widergebn verstet man wol was man mit mir vnd 
meinen lewttn vbermuts getriebn bat wol hab ich geredt ich wurd daz 
wol verrer wtssä ze sucbn rnd des nach vil merr zu merkchen wer ge- 
wesen. 

Item darauf ist mein Niklasn Gallennerger vnd des Richter antwurt als 
/ ver vnd wir in den sachn gehandlt vnd erfarn habn Es hat sich pegebn 
daz der arbaiter schuster zu seinen weingarttn gerittn hat dapey der Zobls- 
perger auch einen weingarttn hat da ist dem arbaitter sein pherd ledig 
wurdn vnd ist peym liechttn tag in des Zoblsperger wetngartii chomen 
daz bahnt des Zoblsperger chnecht auf geuangn darauff ist der arbaitter 
zu dem Zoblsperger gangn vnd hat in gepettn daz er im sein pherdt biet 
wider geantwurt nach dew als es im chainen schadn nicht getan hab des 
hat er nicht welln tun sunder für den schadn geuodert hat fünf margk 
phening die hat ihm der Arbaiter nicht welln gebii darauff hat der Arbaiter 
den Zoblsperger aber gepettn Er scbolt an ein peschaw schikchn vnd was 
sich da erfand daz sein pherdt schadn hiet getan daz wolt er Im beczalln 
daz hat der Zoblsperger also getan vnd hat an die peschaw gesannd vnd 
die selbign frume lewtt die an der peschaw gewesen sind die habnt chainen 
schadn mugn erchennen anders wen einen iungn schussling an einer rebn 
der ist der Nider gelegn daz das pherdt villeicht mit dem schwancz ab- 
geslagn hat vnd da die frunie lewtt die an der peschaw gewesfi sind die 
er dar gesand hat Im zugesagt habn sew mochttn da chainon scbadii 
pruefen alB vmb den schussling darumb babfit sew auch chainen schadn 
mugfi scbeczn darauff hab ich meiner chnecht einen zu dem Zoblsperger 
geschikcht Seydermaln im chain schad nicht beschehn wer daz er dem 
arbaiter sein pherd wider gebii hiet des hat der Zoblsperger nicht gebii 
welln anders er hat im ein margk phening müssn gebfi darauff es frum 
lewtt chawm erpettn vnd pracht habn Aueb bat mich Hans Verg meines 
genadigft herrn von Salczburg etc. vischer vor etleicher zeit anpracht wie 
im der Zoblsperger ein scheff vnd ein necz auf meines herrn von Salcz- 
burg etc. vischwaid genomen hat darauff hab ich zu dem Zoblsperger ge- 



Habsburgische Excurse. 79 

und macht diese früheren L eh en des Fürsten thums Steier zu freiem 
Eigen des Stiftes (Regesten I. Nr. 1965).— Am 20. Juli 1446 gibt 



' schikcht daz er sollich scheff vnd nee* wider getan biet nach dew als da* 

auf meines berrn von Salczburg etc. vischwaid genomen wer wurdn darauff 

bat er mir geantwurt es wer auff seiner yisebwaid genomen wurdn darauff 

nah icb an in wider umb pegert daz wir darnmb auff ain anlaidt eboinen 

, scholtn . Erfund sieb da das ers auf setner yisebwaid genomen biet so biet 

I icb dester mynner darin ze redn Erfand sieb aber das ers auf meines berrn 

I von Salczburg etc. yisebwaid genomen biet daz er das wider tan biet daz 

' bat er also abgeslagn. Nu bab icb von des sebeffs vnd necz vnd des Ar- 

ö , baiter wegn des Zoblsperger pawrn zway pberdt bie ze Liecbttnbald da- 

^ lrurab auffgebaldn da enkegn hat der Zoblsperger den purgern bie ze Liechtii- 

Jbald auff freyr strassn newn pberdt genomen da enkegn bat man die pberdt 

f gegn einander ausgebn wie dem allin so bat der viseber seins sebeffs vnd 

yiscbnecz niebt vnd der Arbaiter der margk pbening aueb nicht. Auch hat 

der Zoblsperger aber hernach dem Arbaiter ein vas most genomen wider 

recht als ers dan maynt. Da pey mag man wol versten ab den meines 

hern von Salczburg von dem Czoblsperger guettleich peschiecht ader nicht. 

Item So habnt mich die Liechttnbalder geeziegn wie ich des Progkler 

geselln enthaltn biet in seinem ebrieg vnd auch yetz in berr benedicts von 

Turcz chrieg habnt sie mich auch geeziegn wie ich sein geselln enthalttn 

biet der sich kaines in warbaitt Ervindn mag. 

-£ ( Item darauff ist vnser der Liechtnbaider antwurtt Es ist merr wen einst 

% l an vns gelanget wie vnser veindt scholttn sich pei dem Zoblsperger enthalttn 

jj I habnn vnd wir auch vns ein solhns . selbes nicht erdachtt habenn. 

Item so habnt sew mein vischer mit leib vnd mit guett gesidlt vnd ein czülln 
entfurtt gen Liecbttnbald der mir auch mein zina schuldig ist das bab icb den 
Richter lassn anbringen also ist mir chain wenttung nach benugn peschehn 
vnd von soll icher drohredt wegn die er dan geredt hat Er well mir mein vergn 
slahen daz hat er in enpottn pey dem prabeezsch da ist mir cbain went- 
tung nicht peschehn von dem Richter daz ist besehen n am herbst im lesenn. 

iltem darauff ist vnser der Liechttnbalder antwurt vns ist nicht wissntleich 
daz wir dem Zoblsperger ye cbain vischer gesidlt nach czfll ent füret scholttn 
habn vnd der selbig vischer den der Zoblsperger maynt der ist vnder vn- 
serm genadign berrn von Salczburg etc. nicht mit wonung gesessen vnd 
der Richter ha* auch nichts vber in ze piettn auch hat der selbig vischer vns 
vor frumen lewtt peredt daz wir an solher sidlung chain schuld nicht habn. 
Item so sind an der nächst vergangen mittich nacht vor Symonis vnd Jude 
etleich Liechttnbalder vnd der selb viseber als pey vierezign nachtleich auff 
mein guet vnd gericht gelauffn vnd habnt mir ein haws auff gebrochn mein 
vergen vnd ein Jungn boldn geuangn vnd ein czülln genomen vnd daz alles 
gen Liechttnbald gefnret da bab ich zu dem Richter geschikcht Er scholt 
mir mein lewtt ledig lassn hiettn sy zu in icht ze sprechn gehabt ich wer 



80 



Joseph Chmel. 



er ihm einen Auftrag des Vertrauens (Schiedsgericht) in einem Streite 
ober eine Stiftung und gewisse Bezüge vom Opferstock in der Frauen- 



in Bechtns genug gewesn vnd hab doch nicht« chunnen erfarn daz sew in 
warhaitt scholttn verhandlt habn wol ist ein cbneeht chomen der ist vber 
nacht pey dem Vergn gewesn den hat er gepettn er scholt pey im pleibn 
man wolt im ein czülln nächtlich nemen daz Er Im die hülff ze rettfi da- 
raus? ist der gut gesell beliebfi das ist peschehn in berii Benedicts von 
Turcz frid den Er mit dem von 8alczburg gehabt natu Aach als ewer 
Künigleiche Gnad am nachstn zw Laibach gewesn ist vnd ewern Gnadn 
Niklas Gallenberger anbracht wie ich ein vnwillii gen in biet darumb mir 
ewer chunigleich genad geschribii h&tt vnd der selb brieff ist gebn wordn 
am phincztag vor sand Colmanstag vnd ist mir wordn an aller heiligii obend 
also hat er mir vormaln mer brieff verhalttn von des von Salczburg wegn 
pi8s daz ich ausgerittn pin vnd zerung vmbsust hab müssen tan vnd des 
wer nach vil mer ze schreibn. 
/ Item Als sich der Zobisperger vber vns Liechttnbalder Erchlagt wie wir in 
nachtleichn auff sein gatt vnd gericht gelauffn habn vnd im ein haws auff ge- 
brocbil vnd einen vergn vnd ein iungn holdn darin geuangn vnd ein zolin 
scholttn genoiüen habn mit mer worttü verfangn, daraaff ist vnser antwartt 
daz wir denselbn vergn vnd den hingfi höldn geaangn hab/i als für vnser veinde 
die vns vnserm leib vnd gatt nach getracht habn mit andern vnsern veinttn 
die sieb mer wen einst pey demselbn seinen vergn vnd inn sevm baws auff 
vnser schadn enthalttn habn vnd die selbe nacht da auch in gegnwurttigkait 
sind gewesn vnd durich seine hulff vns dauon chomen sind vnd auch der selbig 
verg hat von dem gutt daz vns die veindt genoiüen habn geleichn tail ervodertt 
als er des selbes anheilig ist vnd daz vor frumen lewttn bechant hat. Auch 
als der Zobisperger inn seinem schreibn perürt von des vischer wegn vnd wie 
_ wir im ein zulln entfürt scholttn habn darumb vns nichts wissntleicb ist vnd 
& J msg sich auch zun vns nicht erfindn vnd der selbig vischer ist daselbs pey 
'S \ vns auch nicht gewesn nach wir sein da gesehn habn. Auch als der Zobis- 
perger peruert in seinem schreibn wie wir die geuangn hiettn ins heim 
Benedicts von Turcz frid, daraaff ist vnser antwurt wir habn zu der zeitt 
vmb chain fridn nicht gewest sew habnt auch zu der selbign zeit vns vn- 
serm leib vnd guet nach getracht als daz der Zobisperger der jung hold 
selbs pechant hat. Auch bat vnsers herrii gnad von Cily etc. unserm phleger 
mer wen einst darumb geschribn ^r scholt darob sein daz die selbig ge- 
vangn ledig gelassn wurdn darauff hat vnser phleger von vnser wegn seinen 
genadn geantwurt als die sach an ir selbs vnd oben beraert ist. Wir habn 
vns auch gewilligt seinen gnadn die geuangn ze antwurtln doch also daz 
sein genad vns damit für sech damit wir von der sach wegn nicht verrer 
angelanget wurdn als wir des ein guette hoffhung czu seinen furstleichii 
gnadn habn darauff hat sein genad geantwurt Er wolt sollich schreibn daz 
\ vnser phleger von vnser wegn getan hat dem Zobelsperger zu schikchn 



Habsburgische Excurse. 81 

Capelle der Pfarre Trafo ss (Regesten I, Nr. 2118), und fordert 
ihn am 12. August desselben Jahres insbesonders auf, die Entschei- 



c 

< 



( damit er in vnderweyse wie sich die sachn halde daz er dan verrer darin 
wisse x« handln* vnd dax stet nach also ann. 

Aach als der Zoblsperger in seinem Schreibn berürt vnd sich Erklagt 
Tnserm allergenadigistn herrn* dem Romischn künig etc. vber mich Niklasn 
denn Gallnberger wie ich seiner genadn brieff rerhalttn hab mit merr worttn 
verfangn daraaff ist mein Niklasn Gallnberger antwurtt Ich hab dem Frid- 
reich ZobUperger merr wen einst geschribfi nach dew als er ein vnwilln 
in mir hftt Er scholt mich verschribn wissfi lassft wes ich mich gegn im 
fürsehn scholt darauff mir ran im nye chain antwart wurdn ist leb hab im 
auch sn geschribfi ab in dawehtet daz ich wider in ader wider die sein 
icht vnpillich gehandlt biet, darumb wolt ich mit im gern fOrchömen für 
meinen genadign herrn von Salczborg etc. nach dew als ich seiner genadn 
versprochner diener pin ader für seinen hawbtman ze Rain ader für vnsern 
Allergenadigistn herrn den Romischn künig etc. der vnser paider lanndes- 
furst vnd herr ist ader für seiner gnadü verbeser in Krain vnd welher tail 
sich da vnrecht erfand der ward darumb gestrafft vnd tet dem andern tail 
daromb ein abtragn darauff mir auch von ihm chain antwart wurdn ist 
daz han ich du ann vnseren allergenadigistn herrn den Romischn künig etc. 
bracht als er am nachstn ze Laibach gewesn ist der hat mir darauff einen 
brieff in die Chanczley geschafft daz der Fridreich Zoblsperger mit mir 
vnd den meinen in vnguttn nicht ze schaffn scholt habn biet er aber zu 
mir ader zw* den mein icht ze sprechn daz er daz tett mit recht an pillichn 
stettn, in dem bat an mich gelanget wie vnser benantter herr der Römisch 
kanig etc. Fridreichn den Zoblsperger zu sich ervodert biet als ander 
lanndlewt darauff hab ich mit dem brieff auff In verhaltt n vnd hab auff in 
gewartt damit ich selbes gern mit im für vnsern Allergenadigistn herrn etc. 
chomen wer vnd da er nicht choüien ist da han ich den brieff aus der chancz- 
ley genomen vnd hab im denn zugeschikcht vnd dapey mag man woil versten 
daz ich vnseYs Allergenadigistn herrn des Römischen künigs etc. brieff nicht 
geverleich verhalttfi hab Auch han Ich im mit vnsers allergenadigistn herrn 
etc. brieff selbes auch geschribn Er scholt mich verschribn wissii lassn wes 
ich mich vnd die mein gegn im versehn scholUn darauff er mir auch chain 
antwart getan hat Aach als der Zoblsperger in seinem schreibn berürt wie 
ich im vormaln merr brieff verhalttn nah von meines genadign herrn von 
Salczburg etc. weg» darumb mir nicht wissntleich ist wol ist ann dem daz 
mir brieff za geschikcht wurdn sind die da gelawt habn wn vnaerm Aller- 
genadigistn herrn dem Romischn kunig elc. vnd die meinen genadign herrn 
von Salczborg etc. berürt habn vnd ich scholt die dem Zoblsperger darich 
Ndder vnd czewgnass antwarttn vnd ab ich sothe brieff in einem solhn ver- 
halttn hiet daz wer an mein schuld vnd czeicht mich der Zoblsperger in 

\ einem solhn ains andern daran tuet er mir vnd auch Im selbes vngutleicb. 
(Gleichzeitige Abschrift. Geh. H.-Archlv. 5 Bl. Fol.) 



82 Joseph Chmel. 

dung so einzurichten, dass die obenerwähnte Stiftung nicht zum 
Nachtheile dieser Pfarre (Traföss) gereiche (Regesten I, Nr. 2130). 



6) 14 45, 29. Mira. Notariatsinstrument Ober die Citation des Friedrich 
Zobelsberger vor du königliche Gericht (die juridica nach St. Jörgentag), 
auf Klage des Erzbischofs Friedrich von Salzburg. 

Die CiUtion geschah durch Nicolaus Gallenberger, Castellan des Schlosses 
Lichtenwald und zwar: „in valvis Castri Sawnstain" mit dem Briefe König 
Friedrich 's in der Hand („presentibus ibidem honorabilibus nobilibus atque 
„discretis viris D. Georgio perpetuo vicario in Liechtenwald Bartholomeo divi- 
„norum socio ibidem presbiteris, Sigismundo Gallenberger, Andrea Kchager 
„armigeris, Georgio et Nicoiao Concivibus opidi Liechtenbald, Aqutlegiensis 
„et Salzburgensis dioc." Notar: „Clemens deReyffnicz, Clericus Aquileg. dioc. 
„imperialis notarius." — Orig. Perg. (Geh. Hausarchiv.) 

Dass übrigens noch vier Jahre spater die Streitigkeiten nicht beigelegt 
waren, beweist 7) ein Schreiben desselben Friedrich Zobelsberger an den Viz- 
dom und Hauptmann zu Pettau, Wilhelm Roysperger. 

1449, 21. December. „Dem Edelenn und vestenn Ritter hern Wilhalbm den 
Reysperger etc. 

„Mein frewntlichenn dinst lieber Herr Wilhalbin. Ich schicke euch hyemit 
„des allerdurcbleuchtigistenn FQrstenn meines allergenadigisten berrn des 
„Romischenn Kuniges etc. Brieff den wisset ir meinem herren von Salczburg 
„woll zu schikeben wan er mir vor zugeschriben hat Ich bedorfft als fer hinaus 
„nicht zuschikchen Ich scholtz seinen viezdom zue schikenn der weste das woll 
„zu senden und meins hern Brieff ist mir worden nur an der nächst vergangen 
„Phincztagnacht das er nicht dacht das ich in verhalden Mette als mir besche- 
ren ist mit etlichen Briefen." — Orig. Papier. (Geh. Hausarchiv.) 

Dunkel ist noch, was es eigentlich für eine Bewandtnis» habe mit jener merk- 
würdigen Bulle Papst Eugen's IV. vom 4. Februar 1446 (abgedruckt in meinen 
Materialien, Bd. I, S. 195, Nr. LXXIU, Regesten K. Friedrich's IV. Bd. I, 
Nr. 2019), wodurch dieser dem noch nicht ganz entschiedenen Könige Frie- 
drich, um ihn ganz für sich und die Curie zu gewinnen lebenslänglich die 
Befugnis« einräumt, die sechs BisthÜmer Trient, Brisen, Gurk, Triest, 
Char und P i b e n im Erledigungsfalle zu besetzen ; eine bisher beispiellose 
Bewilligung, wodurch die Rechte der Capitel, bei Gurk insbesonders das 
offenbare Recht des Erzbischofs von Salzburg verletzt wurden (s. Gesch. K. 
Friedrich's IV., Bd. 2, S. 385). 

Was Gurk betrifft, so wurde von Eugen's Nachfolger Papst Nicolaus V. 
gleich nach seiner Wahl dem Erzbischofe, um ihn vom Concilium abzuziehen, 
das wohlbegründete, von Kaisern und Päpsten vielfach bestätigte Recht der 
Besetzung der aus der so weitausgedehnten Diöcese von den salzburgischen 
Erzbischofen selbst ausgeschiedenen und gestifteten Bisthümer Gurk, C h i e ra- 
se e, Seckau und La van t aufs neue gesichert (Mezger Hist. Salisburg. 
p. 984. Lünig, Spicil. Eccl. I. Tb., Forts, p. 1014). 



Habsburgische Exeurse. 83 

Das regulirte Chorherren-Stift Voran erhielt am 1. Juli 1443 
einen Bestätigungsbrief aller Privilegien und Freiheiten» K. Friedrieh 
gab ihn als älterer regierender Fürst des Herzogthums Steyer; ein 
Beweis, dass sein Bruder Herzog Albrecht als Mitbesitzer galt (Re- 
gesten I, Nr. 1493). Das Stift hatte in diesem Zeiträume einen resig- 
nirten Propst, Nicolaus Zink, welcher von mehreren Chorherren, 
dem Dechant an der Spitze, im zweiten Jahre seiner Verwaltung (1432) 
wegen übler Wirthschaft war gefangen worden, zu erhalten, obgleich 
er den Besitz der Pfarre Friedberg zu erlangen wusste ; K. Friedrich 
bestätigt ihm am 21. April 1449 die vom Capitel selbst ausgeworfene 
jährliche Rente (Regesten I, Nr. 2560), und lässt durch seine Räthe 
eine Convention abschliessen zwischen ihm und dem wirklichen Propste 
Andreas zur Beilegung ihrer langjährigen Streitigkeiten, am 13. Juli 
1449 (Regesten I, Nr. 2578). 

Dem Abte Andreas des Benedictiner-Stiftes Admont überliess 
K. Friedrich am S. August 1449 die Veste und Herrschaft mit Land- 
gericht zu Wolkenstein; er soll und mag jederzeit einen („erbern 
vernuftigen") Edelmann als Pfleger setzen u. s. w. Am St. Oswalds- 
tage jedes Jahres hat der Abt von den Nutzen 100 Pfund Pfennige 
abzuliefern, das Haus muss dem Landesfttrsten offen stehen, auf Ver- 
langen abgegeben werden; mit dem Tode des Abtes Andreas wird 
die Veste ledig (Archiv des Finanzministeriums, Ms. SO. b, fol.59). 



Es wäre eine kritische Untersuchung der Bullen und Actenstflcke aus diesen 
Jahren höchst wünschenawerth, denn die Beurtheüung der Verhältnisse wie 
der Personen hangt von der Echtheit oder vielmehr von der wahren Kenntniss 
dieser schriftlichen Denkmäler ab. Wo so vielfache Interessen sich kreuzen, 
ist die Möglichkeit fingirter Actenstucke nicht bloss von einer Seite nahe 
liegend. Der Erzbischof von Salzburg war übrigen», wie begreiflich bei seiner 
Stellung, mit den babsburgischen Landesfürsten im besten Einvernehmen. So 
quittirt K. Friedrich IV. am 5. Juni 1*47 aus „Grecz" den Erzbischof Fried- 
rich von Salzburg über 15000 ungrische Ducaten, welche Herzog Sigmund 
von Oesterreich-Tirol bei ihm hinterlegt hatte, und die dem Leonhard Harra- 
cher, k. Rathe, und Bernhard Fuchsperger, kdnigl. Diener, wirklich übergeben 
wurden (Geh. Hausarchiv, Salzb. Kammerbücber V, Nro. 166, p. 280). Von 
dem am 17. Februar 1448 zwischen dem römischen Stuhle und der deutschen 
Nation durch den Cardinal Johann Carvajal, p&pstl. Legaten, und K. Friedrich 
zu Wien abgeschlossenen Concordate schickte der Letztere an demselben Tage 
ein mit den Siegeln des Kaisers und des Legaten versehenes Duplicat demErzbi- 
schofe zu. (Geh. Hausarchiv. Salzb. geistl. Abth. 8 (6) 1S V 10 *) Im Bauern- 
aufruhr 1525 wurden die Siegel abgeschnitten. 
Sitzb. d. phil.-hUt. Cl. VUI. Bd. II. Hit 6 



84 Joseph Chmel. 

Mit dem Cistercienserkloster Rein („Reun") bei Grits schliesst 
K. Friedrich IV. verschiedene Tauschverträge , so gibt er im Jahre 
1442, bei Gelegenheit seines mehrwöchentlichen Aufenthaltes daselbst, 
dem Abte alles Marchfutter zu Qualstorf und auf vier Hüben zu 
Gross-Sulz, auch auf vier Hüben zu See; wofür der Abt seine Hol- 
den zu Wurmschach abtritt und den dabei gelegenen Wald , so auch 
Viehhöfen mit aller Zugehör (Regesten I, Nr. 438). Am 24. August 
1447 überlässt er dem Kloster jährlich 90 Eimer Weinmost (Grätzer 
Kaufmass) aus dem Hubamte zu Grätz (»doch also daz si denselben 
most von unserm Hubmaister in unserm hof zu Grecz auf is selbs 
kost und mue in ir selbs vesser ingiessen und vechsen lassen") ; dafür 
erhält er die zwei Theile Weinzehent zu Weikerstorf und 37 Eimer 
Zinsmost aus der Münichprunt, dann 2 Eimer von der Öd und 1 Eimer 
Bergrecht vom langen Weingarten (alles Neustädter Mass). (Archiv 
des Finanzministeriums , Ms. Nr. 50. b, fol. 38 b.) 

Besondere Gunst wendete König Friedrich dem Cistercienser 
Kloster Neuberg, einer Stiftung seines Hauses (Herzog Otto des 
Fröhlichen), zu. So weist er ihm am 22. November 1441 jährlich 
400 Pfund Wienerpfennige schwarzer Münze aus dem Salzsieden zu 
Aussee an (Regesten I, Nr. 408), mit der Verpflichtung die Zahl der 
Mönche zu vermehren (um 6). Am 2. August 1443 bestätigt er den 
Kauf einer Gülte von jährlichen 124 Pfennigen von einem Hof zu 
Vischa, und macht dieses bisherige Lehen des Fürstenthums Oester- 
reich zum freien Eigen (Regesten I, Nr. 1S07). Am 8. Mai 1444 
erhält das Kloster von ihm eine Bestätigungs-Urkunde aller Privile- 
gien unter goldener Bulle (Regesten I, Nr. 1639), und am IS. Mai 
1444 wird es von jeglicher Steuer, unter welchem Namen immer 
sie gefordert würde , frei erklärt , wogegen das Kloster fortwährend 
30 Mönche unterhalten soll (Regesten I, Nr. 1644). 

Das Basler Concilium ward auf dieses vom römischen Könige 
so begünstigte Kloster aufmerksam und erthcilte (wohl aus freiem 
Antriebe) den Aebten die Befugniss, sich der Pontificalien zu bedie- 
nen und feierlich bei verschiedenen Gelegenheiten den Segen erthei- 
len, auch für den Gebrauch des Klosters geistliche Kleider und Or- 
namente weihen zu dürfen 1 ). 



') Am 8. Juni 14*% ; s. Regeeten K. Friedriche I. Nr. 1653. Diese Bulle h&tte za 
Folge der dortigen Angabe im „Anhang" mitgetheUt werden sollen, sie ward aber 



Hababurglsche Exeurse. 80 

Papst Eugen IV. hingegen gab auf König Friedrich's Bitte selbst 
den Aebten nicht bloss des Klosters Neu bergt sondern auch der 



nebst andern Documenta» aus Mangel an Platz zurückgelegt. Wir theilen sie 
jetst mit, 4a sie beweist, wie sehr sich das Concilium bemüht hatte, den um 
diese Zeit noch schwankenden König für sich zu gewinnen. „Sacrosancta ge- 
neralis Synodns Basiliensis in spiritu sancto legitime congregata universalem 
„ecclesiam representans." Dilectis ecclesie filiis Abbau impresentiarum et Con- 
„uentuf monasterii Novimontis Cisterciensis ordinis Salzeburgensis Diücesis 
„Salutem et omnipotentis dei benedictionem. Locis pia religione conspicuis in 
„quibus diviae maiestatis gloria frequentie devote laudis attoliitur et pie rite 
„studio virtutum domino deservitur decet universalis ecclesie providentiam in 
„hlls que sunt honoris et gracie ad illorum decorem se munificam exhibere. 
„Xos igitur propter fervorem multe religiouis , quo ad Monasterium Novimon- 
„tis Cisterciensis ordinis Salzeburgensis diöcesls , in quo ut accepimus dicti 
„ordinis cum divini eultus actione solemni , viget observantia regularis valde- 
„que refloret, ac Carissimi ecclesie filii Frederici Romanorum Regie IHustris, 
«quem suorum intuitu meritonua in viaceribus gerimus caritatis quique ut si- 
„militer accepimus successu temporis promotivi fauoris presidio tarn grandia 
„tamque deo grata in ipsius monasterii structuris ac inibi degentium persona- 
„rum sustentatione congrua impendit augmenta, quod ex hoc inibi numero mi- 
„nistrorum dei salubriter multiplicato cum celebri venustate cuhus divini de- 
„eenter coatinue altissimo famulatu exhlbeter , ut tu ili impresentiarum et 
»successoreB tui pro tempore existentes ipsius Monasterii Abbates Mittra Ba- 
„culo , Anulo et aliis pontificalibus insigniis libere possitis uti , nee non quod 
„in dicto Monasterio et Prioratibus eidem subiectis ac Parrocbialibus ecclesiis 
„ad vos communiter vel divisim pertinentibus quamvis vobis pleno iure non 
„subsint benedictionem solemnem post Missarum Vesperorum et Matutinorum 
„solemnia dummodo ibidem — aliquis Antistes vel sedis apostolice Legatus 
„presens non taerit nisi ad id eius assensus accesserit elargiri — Et insuper 
„Corporalia Vestes et alia ornamenta ecetesiastica pro usu dicti monasterii 
„benedicere possitis, felicis recordationis Alexandri pape IUI. que ineipit Ab- 
„bates , ac Benedicti XII. et aliis quibuseunque Constitutionibus apostolicis in 
„contrariura editis nequaquam obstantibus, tibi abbati et eisdem successoribus 
„auetoritate vniversalis ecclesie de speciali gratia tenore preseniium indul- 
ftgemus. Nulli ergo omnino hominum liceat hanc paginam nostre concessionis 
„iofringere vel ei ausu temerario contraire. Si quis autem boc attemptare 
„presumpserit indignationem omnipotentis Dei et vniversalis ecclesie se no- 
„verit ineursurum — Datum Basilee VI. Idus Junii anno a Nativitate Domini 
„Millesimo quadringentesimo quadragesimo quarto." 

CXXXVI1I Jo. de Rocapetri. 

G. Cossel. 

M. Loelioger. Von Aussen s Concessio Pontificalium pro monasterio 

Novimontis expedita per Dominum Wal- 
ramum in Baden plebanum." 
Orig. Perg. Bleierne Bulle. (Geh. Hausarchiv.) 

6* 



86 Joseph Chmel. 

beiden andern vom Könige begünstigten Cistercienser-Kldster, Rein 
und Neustadt, dieselbe Befugniss; auch können sie ihren jungen 
Mönchen die minderen Weihen ertheilen, so wie den Mönchen dieser 
Klöster gestattet wird, dunkle Kleider zu tragen („vestibus seu pan- 
nis brunis sive nigris uti") und darüber goldene Kreuze (?). Die 
Bulle reiht sich denen an, welche Papst Eugen damals dem Könige 
ausstellte, als er sich deGnitiy ihm angeschlossen hatte (ddo. Rom, 
5. Februar 1446, s. Regesten I, Nr. 2021, abgedr. bei Koptik: 
Hist. Hospitalis etc. 1735, p. IS, unterm Jahre 1445). 

Da die jährlichen zweihundert Mark Silber, welche von den 
Herzogen Otto und Leopold dem Kloster Neuberg waren zur Herhal- 
tung der Gebäude zugesagt worden , seit einiger Zeit nicht ausge- 
zahlt wurden, so gab König Friedrich für sich und als Vormund K. 
Ladislaus P. (eigentlich als Aeltester des Hauses?) zur Schadlos - 
haltung dem Kloster die einträgliche Pfarre Herrantstein (Hirnstein), 
in Oesterreich (am 22. August 1446 , s. Regesten I, Nr. 2133) 1 ). 
Am 13. Juni des folgenden Jahres (1447) erhielt das Kloster einen 
neuen Beweis der königlichen Gunst in der Erlaubniss , in den Bächen 
„Vischa" und „Wintbach" fischen zu dürfen (auf Klostergrund in 
den Dörfern Vischa und Weikerstorf bei Neustadt; s. Regesten I, 
Nr. 2292). 

Da der königliche Rath Walther Zebinger zu Kranichberg sein 
Haus zu Neustadt („in minner brüder virtail zwischen Hern Mathiasen 
des Kefer und Niclasen des Knarschen hewser") an das Kloster Neu- 
berg vertauscht hatte gegen ein anderes daselbst („im egk ze nagst 
dem purgkgraben steg bei den minnern brüdern gelegen 11 Tausch- 
Urkunde vom 4. Jänner 1448 im Hausarchiv, Orig. Perg.), so bestä- 
tigte K. Friedrich am 20. Februar 1448 diesen Tausch und über- 
trug die auf dem frühereu Hause des Klosters ruhenden Freiheiten auf 
das neueingetauschte (s. Regesten I, Nr. 2425). 

In Betreff der übrigen steierischen Mannsklöster haben wir bis- 
her nur wenige Notizen sammeln können. — So bestätigt K. Friedrich 
am 23. Mai 1443 auf Bitte des Hanns Lauer zum Hannstein das von 



') Der Besitz dieser Pfarre war nichts weniger als gesichert, Zehentholden wei- 
gerten sich cum Beispiele durch längere Zeit , ihre Abgabe zu leisten. Am 
3. März 1451 erUess K. Friedrich einen Befehl an den Pfleger zu Starhem- 
berg, derlei Renitenten zu ihrer Pflicht zu verhalten (s. Regesten I, Nr. 268%). 



Habsburgische Excurse. 87 

dessen Vorfahren zu Voitsberg gestiftete Karmeliter-Kloster, 
freiet die Gründe und Leute desselben, die aber im Fall der Notb 
dem Kloster durch eine massige Steuer unter die Arme greifen sollen. 
Das Kloster erhält vom Könige auch die Erlaubniss jährlich 6 Fader 
Wein über den Semering (aus Oesterreich) oder aus der Mark, wie 
auch 300 Vierling Getreides mauth- und zollfrei heimzuführen zum 
eigenen Gebrauch oder auch zum Verkauf; auch geforstete Freiung 
im Bezirk seines Gebäudes wird ihm bewilligt , die Verletzung seiner 
Privilegien wird mit einer Pön von 20 Mark Goldes gebüsst (Re- 
gesten I, Nr. 1439). 

Das Karthäuser -Kloster Seiz hatte Streit mit dem Pfarrer 
Niclas Sakh zu Gonowitz , dessen Drittel-Zehent es unentgeltlich mit 
seinen zwei Dritteln heim führen sollte, da doch bisher die Kosten 
seines Theiles der jeweilige Pfarrer bestritten hatte. König Fried- 
rich befiehlt auf Ansuchen des Priors am 1. Juni 1443 dem Pfarrer, 
seinen Theil selbst zu fechsen (Regesten I, Nr. 1455). 

In jeglicher Beziehung wichtiger aber ist die von K. Friedrich 
als Landesfürsten und oberstem Vogt gegebene Urkunde 
Tora 3. Mai 1447, wodurch die Streitigkeiten der zwei Klöster in 
Pettau (Dominikaner und Minoriten) mit ihren Leuten und Holden, 
welche sich über Zinsen und Roboten beschwert hatten , entschieden 
wurden. König Friedrich spricht in dieser Urkunde ganz bestimmt 
aus, dass er oberster Erbvogt aller in seinen Fürstenthumen und 
Landen gelegenen Klöster sei 1 ). • 



*) Die Leute und Holden werden verpflichtet, die gewöhnlichen Zinsen und 
Abgaben zu geben und Roboten zu leisten, welche sie bei Lebzeiten der Herren 
von Pettau gegeben und geleistet hatten, keine neuen Steuern dürfen die be- 
sagten Klöster von ihnen fordern. — Wir theilen dieses Document aus einer 
im Hausarchive befindlichen handschriftlichen Collection des Dominikaner- 
klosters zu Pettau mit. „Wir Fridreich von goLs gnaden Romischer kunig zu 
„allentzeytn merer des reichs Hertzog ze Osterreich ze Steir ze Kerenden vnd 
„ze Krain , Graft* zu Tirol etc. Beckennen von der stöss vnd zwitrecht wegen, 
„so gewesen sind zwischen den erbern geistlichen n. den brudern vnd klo- 
„sterleuten der prediger vnd der minnerbrüder orden zu Pettau ains vnd aller 
„irer vnd irer gotsheuser leut vnd holden die in n weilend n die von Pettaw 
„geben habend, des andern tails, die Sy vns als lanndesfursten, vnd irem obristen 
„vogt fürpracht vnd angerußt habend entschaidung darumb zwischen in ze tun, 
„wie es hinfür darumb zwischen in steen vnd gehaldn sali werdn. Das wir 
„die selben ihr stöss vnd zwitrecht aigenttlelch f&rgenomen vnd nach vnser 



88 Joseph Chmel. 

Am 13. December 1451 bestätigt er auch denselben zwei Klöstern 
die Güter, welche ihnen weiland Bernhard von Pettau gegeben hatte 



„ret rat , «in solhe Ordnung «wischen in gemacht vnd gesetzt haben wissent- 
lich mit dem brieff, als hienach geschriben steet. Von erst, daz die obgenan- 
„ten leut vnd holden all sollen nutzs zinns dienst vnd gult als phenning, wein, 
„getraid, zehent, pergkhrecht , hüner rnd ander essefid dienst , den obgemeltii 
„brudern vnd iren anweiten vnd ambtleuten zu ihren hanndn zu jeden zeyten 
„rnd diensttetzen raichen vnd geben stillen in aller der mass vnd gewonhalt 
„als sy n. den von Pettaw die geben vnd gereicht haben vnd darinn keinerlay 
„enndrung noch newng furnemen noch machen in dhain weis. Item von robat 
„ wegen , darin die egenanten leut beswert sein worden , als sy vns fürpracht 
„habent, ordnen vnd setzen wir, das sy den obgenantn brudern vnd ordenn ir 
„zinns, als getraid vnd wein zu beiden klostern vnd darzw souil tagwerch 
„prennhotts füren sullen , als sy den vorgenannt von Pettaw die vortzeiten 
„gefurt habent, darüber sy auch die . obgenantn bruder mit kainer anderley 
„robat nicht beladn noch beschwern sullen in dhain weis. Item von vell vnd 
„wenndt wegen ordnen vnd setzeu wir, das die obgenantenn bruder vnd ir an- 
„weldt von allen peenmessigen Sachen vnd tatn, die den tod nicht berurend nach 
„solhen gewonhaiten vnd rechten so dieselben leut vnder in vnd in den gegen- 
„den daselbs habend vell vnd wenndl nemen mögen nach genaden vnd an der 
„leut verderben als von alter Ist herkomen , dem die selben leut also nachuoi- 
„gen vnd sich darin nicht setzen sullen. Item von Stewer wegen ordnen vnd 
„setzen wir, das die obgenantn bruder noch ir anweld den egemeltii inl leuten 
„nw hinfur kainerlay stewer noch ansleg auflegen noch von in nemen noch 
„auch dieselben leut in die ze geben phllchtig sein sullen, sunder sich an iren 
„gewondleichenfeinsen, di engten vnd gaben von in benagen lassen, in mass als 
„oben berurt vnd von alter herkomen ist. Ob aber wir oder unser erben auff 
„die bemelt leut von vnser oder des lanndes noturflt wegen icht stewer legen 
„vnd ansleg auff sy tun wurden, die sullen durch die vnserii, den wir das we- 
„u eichen werdn beschehn ingenomen vnd inpracht werden vngeuerde. Wir 
„mainen vnd setzn auch, als wir aller kloster in vnsern furstentumen vnd 
„lanndeu gelegen, sunder der egenantii kloster obrister Erbguet (erbuogt) 
„sein , das in die obgenantn bruder vnd leut keinen andern vogtt fürnemen, 
„den vns vnser erben vnd nachkomen lanndesfursten oder wen wir in zu vogt 
„geben vnd setzen vnd sich anderswohin ann kein ander herschafft nicht 
„vogttii noch stachen in dhain weis. Ob auch ettleich der obgenantn holdri 
„abfuril vnd den egenantn brudern ire guter nicht zusüfftetn als lanndsrecht 
„ist, oder ob denselben brudern ettleich grünt veruielhl oder ledig wurdil, 
„darinn sullen sy vnd ir anweldt alle die recht haben vnd geprauchen als die 
„obgenantn von Pettaw in solhen gehabt habent vnd von alter herkomen vnd 
„landesreebt ist. Es sol auch ein yeder vnser haubtinan in Steier wer der yetz 
„ist, oder kunfftigkleich wirt, die benantn klosterleut vnd vrbarleut von vnsern 
„wegen hanthaben beschirmen vnd in allen notdurfften so sy an in bringen 



Habsburgfache Excurse. 30 

und die Anordnung desselben , dass der Landesfürst von Steiermark 
jederzeit ihr Vogt sein soll (ddo. Gretz, S. Lucientag. — G. Haus- 
archiy, Ms. 176, foL 103. v.). 

Wenig wissen wir von den steierischen Frauen-Klöstern. 
Am 21. September 1441 befreiet König Friedrich das Frauen- 
kloster zu Grätz von der Steuer, die jeznw eilen von den 
Landesfiirsten auf die Prälaten und den Klerus des Landes gelegt 
wird, da seine Dotation unzulänglich sei (Regesten I, Nr. 376). 

Dem Frauenkloster zu Mährenberg verleiht er am 26. Jänner 
1450 Mauthfreiheit für seine Lebensbedürfnisse und die Ausübung 
der eigenen Gerichtsbarkeit (durch seinen Anwalt und seine Amts- 
leute, s. Regesten I, Nr. 2605). 

Die Privilegien des ansehnlichen Frauenklosters zu G ö s s be- 
stätigte König Friedrich am 17. December 1443 unter einer Pön 
von 50 Mark Goldes (Regesten I, Nr. 1570), nachdem er am 27. Juni 
desselben Jahres (1443) dem Richter zu Eisenerz befohlen hatte, 
die Holden des Klosters,* welche steh geweigert hatten die auf sie 
gelegte Steuer (6000 fl. mussten die steierischen Prälaten und Klöster 
'beisteuern zur Abfertigung Herzog Albrecht's , Bruder des Königs) zu 
entrichten, dazu zu iföthigen (im Joanneum zu Gratz). — Einen 
Streit des Klosters mit dem Erbmarschall in Kärnten und Oberst- 
Kämmerer in Steiermark, Niclas von Liechtenstein, hinsichtlich des 
Marschallfutters, das das Kloster von seinen Gütern in Kärnten zu 
geben hatte, liess König Friedrich durch den Patriarchen von Aquileja 
(Lorenz) und Verweser des Bisthums Lavant gütlich ausgleichen 1 ). 



„werden, ratsam hilffteicb vnd gewalts vnd vnrechts vor sein, vntz an vns doch 
„vntz auff vnser widerrufen. Ob auch hinfur von der obgeineltü artikl ainem 
„oder mer oder in ander weg icht zwitrecht zwischen in entstunden vnd erhebt 
„wurden, die suUen sy an den obgenantfi vnseru haubtman bringen sy darumb 
„xu entachaiden vnd welher tau die vorgeschriben vnser Ordnung nicht stett 
„hielt vnd dawider tet , vnd vns darumb furp rächt wurde , den wo Ken wir 
„schwerlich darumb schaffen zu straffen. Mit vrkund des briete. Geben zu 
„Pettaw, an des heiligen kreutztag inventionis nach kristi gepurd im viertze- 
„benbundert vnd sibenundviertzigisten Jar, vnsers reichs im achten jar. 

Commissione domini Rdfcis in consilio." 
Ms. N. 176. Oestr. Collect, d. Dominicanerkl. 
zu Pettau. toi 100. v. 
l ) Revers des Liechtenstein vom 15. April 1445 ; wir theilen denselben aus dem im 
geh. Hausarchive liegenden Originale hier mit. „Ich Nielaß von Liechtenstein 



90 Joseph ChmeL 



« 



Einen Zehent- und Gültentausch, welchen Kloster G&ss mit 
seinem Rathe Hanns Ungnad und dessen drei Brüdern eingegangen 
hatte , bestätigt K. Friedrich als Landesförst in Steier und Erbvogt 
des Klosters am 18. Juli 1449 (s. Regesten I, Nr. 2580). 

Aber nicht nur den bestehenden Klöstern wendete K. Friedrich 
seine Gunst und Sorgfalt zu , er dachte auch mit Vorliebe an neue 
Stiftungen; da ihn die gleich zu erörternden in seiner Lieblingsstadt 
Wiener Neustadt vorzugsweise beschäftigten, so überliess er die 
Sorge für ein in Steiermark zu Rottenmann zu gründendes Chor- 



„Erbmarsehalich in Kerenden vnd Obrißter Camrer in Steir Bekenn offenleich 
„mit dem brieff far mich vnd all mein eribn ynd tuen kund allen den die Nu 
„sind, oder noch kunftigklich werdent. Als ich stössig gewesen bin mit der 
„Hochwirdign frawn frawn Anna Abbtessinn des Gotzhaws zu Goss vnd mit 
„Irem Conuent, von wegen ainer mass des marschalichfueter ao ich von des 
„Marschällen Ambts auf den GQetern so das benant Gotzhaws in dem lannde 
„Kerendn hat, darumbe vns der Hochwirdig Fürst und herr her Laurencz, der 
„heylign ki riehen ze Aglay Patriarch yetz verweser des Bistumbs Lauent nach 
„empfelhung des Allerdurlewchtigisten Fürsten ynd herrn herii Fridreichen 
„des Romischn kunig etc. vnsers allergnädigisten herren mit andern ao dabey 
„gewesen sein frontleich gericht. Vnd alles mit blider taill guetem wiUen ge- 
„aint hat , solicher maynung das ich vnd all mein eribn ynd nachkomen oder 
„wer das marschalich fueter von vnsern wegn inaymbt von den obberuerten 
„guetern ye von ainer htteben nemen schullen zwen virling habern Band Veiter 
„masze vnd ain achttail vnd nicht mer nach inhaltong ainer mass so dann 
„yetz gemacht wirdet , vnder der Stat zu sand Veit zaichen vnd auch vnsern 
„zaichen , die schullen sew ewigkieich gestrichen geben an widerred« Vnd obe 
„sew darin vereziechn vnd nicht zu rechter zeit zynnsen wolten , als zwischn 
„sand Merttentag vnd derLiechlmess. das schol der, der das Marschalichfueter 
„von vnsern wegen innymbt an des Gotshaws Ambtman bringen der schol an- 
„uereziechen schaffen auszerichten , wäre der aber sawmig darinne so mag 
„sich der, der das Marschalichfueter von vnsern wegen innymbt selb» darumbe 
„phennden, als von alter her komen ist, vnd hat darinne wider nyemants ge- 
„tan. Vergassen wir vns aber darinne vnd die ohgeschriben Tayding vnd richti- 
„gung nicht ginczleich stät halden wolden des sol In vor vnd Ir schirm sein 
„der Lanndesf&rst sein Hawbtman , vnd Ir anwalt vnd sew dabey hanndhalden 
„vnd scherm nach dem lanndesrechtii in Kerenden. Das in all ohgeschriben 
„Tayding vnd Richtigung von mir vnd all meinen eribn stät vnd vnezebrochen 
„ewigkieich beleibn gib Ich in den offen brief vnder meinem aigeii anhangun- 
„dem lnsigill darunder ich mich verpind mitsambt meinen eriben, alles das 
„war vnd stät zu haltfi das in dem brieff geschribn stet. Der geben ist nach 
„Kristi geburd Tawsent vierhundert vnd in dem fünf vnd virezigistem Jare am 
„nagsten phineztag vor Jubilate." 



Habsburgische Excurse. 91 

herren-Stift vorläufig seinem Amtmann daselbst, Wolfgang D i e t z , 
mittelst Auftrag vom 30. November 1451 , indem ihn bereits die An- 
stalten zur Reise nach Italien ganz in Ansprach nahmen (s. Regesten I, 
Nr. 2738) '). 

Dass K. Friedrich aber wie den Klöstern so auch den Kirchen 
und Pfarren der sogenannten Weltgeistlichen ein treuer Vogt und 
Patron gewesen, ist nur desshalb weniger bekannt, weil überhaupt 
die Geschichte dieser Kirchen noch sehr vernachlässigt ist; nur 
einzelne Notizen tauchten hier und da auf. So legte er im Jahre 1450 
den Grundstein zum Wiederaufbau der St. Aegidiuskirche in 
Grätz (Caesar Ann. Styriae III, HO) die auch unter ihm vol- 
lendet wurde. 

Dem Pfarrer zu Mitterndorf gibt er auf 3 Jahre (1450 — 
1452) den Reutzehent in der Pfarre Mitterndorf ( „daz zway tail 
uns und der drittail dem pharrer zu der Purg gepuren zeneraen") 
in Bestand gegen eine massige Gebühr (18 Schillinge Pfenninge) 
und eine geistliche Verpflichtung *). 

Der Pfarre Grauschern, jetzt Bürk genannt, bestätigte 
König Friedrich um diese Zeit ihre Freiheiten , darunter eine auffal- 
lend genug ist 8 ). 



*) Wahrscheinlich derselbe Wolfgang Diez, „Bürger zum Rottenmann" erklärte 
am 6. Juny 1%%9, dass er dem Spitale zu Rottenmann seine Lehenguter in der 
Strechau überlassen und dafür dem K. Friedrieb und dessen Bruder Herzog 
Albrecht seine freieigenen Güter in der „Vedunger und Hint erber ger" Pfarre als 
Lehen des FÜrstenthnms Steier Übergeben habe. (Geh. Hausarchiv. Orig. Perg.) 

*) Dd. Neustadt, Britag vor Ootzleichnamstag 1450. Der Pfarrer, Herr „Mathes" 
„soll ynner der benanten drein Jarn an aim yglichen Suntag in der pbarrkirchen 
„zu Mitterndorf ain ambt von der heiligen driualtikait singen lassen; wer 
„aber daz an der Suntag aim ain vesst ains heiligen tag genauen und dadurch 
„das obgenant ambt ze singen angestellt ward, so sol dann dasselb ambt allweg 
„am nagsten tag darnach oder an aim anndern tag in derselben Wochen daran 
„das fuglich wirt gesungen werden (wie er es versprochen bat). Befehl dess- 
halb an den Landschreiber des Fürstentums* Sleyer , oder wer das Amt sonst 
zu verwesen hat. (Archiv des Finanzministeriums, Ms. Nr. 50 b. fol. 62 b.) 
Es ist kaum glaublich , wie wenig man sich bisher um geistliche Stiftungen 
und ihre Urkunden bekümmert hat, und doch wäre die Zusammenstellung der- 
selben von bedeutendem Interesse ! 

*) In demselben Cod. Ms. Nr. 50 b, fol. 24 (im Archiv des k. Finanz -Mini- 
sterium'«). Leider ist die Urkunde daselbst unvollständig (es fehlt das Ende). 
„Bekennen — als der hochgeborn fürst Herczog Ernst loblicher gedechtnuss 



92 Joseph Chmel. 

Von den Klöstern und Kirchen des Herzogthums Kärnten 
und König Friedrich^ Verhältnissen gegen dieselben haben wir 
wenige urkundliche Daten aus dieser Zeit 



„hayl willen der pharrkirchen und ainem yeden pharrer der ye zu zelten zu 
„Krawscharn sein wirdet, die genad getan und die freiheit geben bat, daz 
„ain yeder pbarrer derselben pharrkirchen umb alle die wenndl und vell die 
„sich dann auf den gruntten in dem dorfflein zu der Purg und in dem 
„winkl genant imTslem zwischen den lewten die daselbs gesessen sind und 
„die zu der egenanten kirchen Grawscharn gehören ynner oder ausser haws 
„verhandlen und verkauften pessern und püssen sol und mag und suUen auch 
„dieselben leut als oft ir einer oder meniger wandl vellig werden mit 
„ainem yedem pharrer oder sein» anwalt darumb abdingen 
„und abkomen (!) als dann gewondleich ist von aller menicUch unge- 
„hindert. Doch ausgenomen was solher Sachen sein die den tod berüren, 
„darumb sol unser lanntrichter zu Wolkenstain gewalt zu pessern und 
„zu richten haben als von alter ist herkomen. Ob auch lebt schedleich lewt 
„auf die obgenanten grünt an dem dorfflein zu der Purg und im Tslem 
„kernen und meinten sich daselbs zu enthalten und der obgenanten freyhait 
„zu geniessen die sull und mag unser kmndrichter zu Wolkhenstein an eins 
„yeds pharrer anwalt und ambtman ervordern der sol im dann soUch zu unsern 
„hannden antlwurtten an all waygrung und widerred als das alles von alter 
„ist herkomen angeuerd. Hat auch der gegenwurttig n. pharrer derselben 
„pharrkirchen zu Grawscharn zu erkennen gegeben, daz sich dieselb 
„freyung anheben an dem stein an dem Stoderling prucken und von dem 
„stain auf unez in den Mitterpach und nach demBiitter pach der enhalb 
„des Talers rintt auf unez under den Ko gel von dem Ko gel auf durch 
„die Kogelrin von der Kogelrin unez auf den weg, der auf an den 
„p r a n t get nach demselben weg unez auf den prent, von dem prant den weg 
„nach unez auf dieChremmuscheben von Chremmuseheben an Gimd- 
„1 e i n s wisen von derselben wiseu auf den L e p i e n nach Lepien auf den 
„Satel nach dem Satel den weg ab in den Krumppenbach nachdem 
„Krumppenbach in den Wersesspach nach dem Wersesspach ze tal 
„unez daz der Snesinczpach darin rindt, nach dem Snesiuczpach auf unez 
„an den Vogeloffen von dem Vogeloffen auf unez den Melling von dem 
„Melling zetal ab unez auf dem Übeleck von dem Übelekch dem graben 
„zetal ab unez auf den Stubenpach, von dem Stubenpacb unez an den 
„Hi Ins lein, von dem Hfilnstain unez an die Gryming da der Lance h- 
„pach darin rindt von dem L&nechpaeh ze tal ab nach der Gryming unex 
„auf die K 1 a c h a u von der Klachau ze tal ab nach der Gryming unez ab der 
„Tretschmul in die Mawr nach der Maur unez an den Purkchstalstain 
„von dem stain unez an den Ras Uta in von dem Raststain unez an den 
„Halenstain von dem H&lnstasn under der Es e lue 1 unez in den S tod er- 



Habsburglsche Exeurse. 93 

Am 14. (?6?) December 1441 bestätigt König Friedrich dem 
Propst Christoph von Eberndorf (Oberndorf) im Jaunthal den Besitz 
der Güter und Zehente, welche er und sein Content von den Rech- 
bergern erkauft hatten 1 ), obschon die Letztem den Kauf mit Ge- 
walt rückgängig machen wollten. 

Am 1. Mai 1447 bestätigt er demselben Stifte regulirter Chor- 
herren alle Gerechtsame und Privilegien (Regesten I, Nr. 2217) und 



„lingpach, aus demselben Stoderlingpach auf den etain vor der Stoderling 
„prukchen da sich die freyung anhebt. — „Auch alle die freyhait die auf den 
„obgesehriben graniten begriffen sind die hat daz dorffei auf defKlacha w 
„mit aller seiner zugehörung." — K. Friedrich bestätigt dieselben alle. — 
Die Geschichte dieser Pfarre, welche meist als Dotation landesfurstlicher 
Diener verwendet wurde, wäre gewiss nicht ohne Interesse. 
') Dd. „Prugk an der Mur Pfingstag nach St. Niclastag lül." Abschrift im 
geh. Hausarchive. Der Propst hatte vorgebracht: „wiowol inen Hanns Rech- 
aberger der aeltere und Christoph und Hanns die Rechberger seine Söhne 
„die hernach benannten Stück Güter und Zehent recht und redlich verkauft 
„und inen ihr versiglt brief darum gegeben, jedoch so bitten dieselben Rech- 
„bergec sie und das benannte Gotteshaus« freventlich angaqdffen, beraubt, 
„beschädigt und die benannten kaufbrief um dieselben hernach benannten 
„Güter lautend mit gewalt genommen zerschnitten und vernichtet" — er 
bittet also um Schutz gegen solchen Frevel. K. Friedrich bestätigt dem 
Kloster die Güter, als wären die Briefe nie zerschnitten worden und erlässt 
desshalb gemessenen Befehl. Die angeführten Güter sind : „von erst ein gut 
„unter Rechberg und batst unter dem Prart da etwann Niklauss Hur- 
„eaim und nun sein son aufgesessen ist; it. ein gut gelegen bei Vel lach 
„unter der Brücken vor der Capellen und haist am Kremsers, das jezund 
„ain Rupplt innhat; it. ein gut gelegen untern Prart, das etwann Fridrich 
„des Mannspurger ist gewesen und das Martin Zekalo innhat und auch einen 
„zehend daselbst gelegen. It. ein gut gelegen zu Gor sach, da die Raifuer 
„aufbiezend ; it. ein ödes gut genannt am Purdeles mit einer wisen gelegen 
„zwischen GÖrsach und Glansach, das die obgenannten Raifner ion- 
„habent; it. ein gut gelegen an der V eil ach im dorf, da ein Kristan aufsiezt. 
„Item ein wisen und vorst zwischen St. P r e u n s und Oberwcingurk 
„neben. dem see gelegen, die jezund Matbee zu Gozzeldorf innhat; it. zwey- 
„theil Zehend gel. zu Keusaz der kaufft ist worden zu St. Elen Gotteshauss 
„gegen Sitterstorf; it. aber »«reitheil zehend von des Kopauzen gut gel. 
„ob Sitterstorff; it. aber zwey guter gel. zu St. Stephan im Nidera 
„G 1 a b a s s n i z da an dem ainem jare und an dem andern etwann ein Andre 
„aufgesessen war ; it. zweytheil zehend gel. am Hart neben Weinberg zu S i t- 
„terstorff, der auch etwann des Mannspurger ist gewesen." (Ad mandatum 
d. Regis. Conradus Praepositua Wiennensis Cancellarius.) 



94 Joseph Chmel. 

trägt seinen Hauptleuten, Verwesern und Richtern auf, alle gegen 
das Stift, dessen Urkunden vor einigen Jahren meist entfremdet und 
vernichtet worden sind, auftretenden Kläger an ihn, den König, 
zu verweisen, er werde dann Recht sprechen lassen (Regesten I, 
Nr. 2278). Der Propst zu Eberndorf hatte von Bernhard von Laakch 
eine Hube im Dorfe Gutenstein bei der Pfarrkirche und eine Wiese 
daselbst erkauft, beide Stücke waren Lehen des Förstenthums 
Kärnten; König Friedrich machte am 7. März 1448 dieselben zu 
freiem Eigen (Regesten I, Nr. 2428). Eberndorf hatte übrigens nicht 
bloss widrige Schicksale von äusseren Feinden zu erdulden, auch 
innere machten ihm zu schaffen; so erlässt der König am 19. Sep- 
tember 1448 einen Steckbrief gegen einen flüchtigen Chorherrn, der 
bei seiner Entweichung allerlei Stiftsgut mit sich genommen hatte. Der 
Auftrag lautet übrigens auch auf andere Chorherren, falls sie aus 
diesem Stifte entweichen würden, zu greifen; vermuthlich gab es 
einen inneren Krieg, wie damals so manche andere geistliche 
Communitäten innerlich zerrüttet waren (Regesten I, Nr. 2483). 

Der Propstei Werd bestätigt König Friedrich am 5. Jänner 
1444 zu St. Veit sämmliche Privilegien, insbesondere einen Schied- 
spruch des Bischofs Berthold von Bamberg zu ihren Gunsten, gegen 
die Finkensteiner (Regesten I, Nr. 1888). 

Die Privilegien des Benedictiner - Klosters St. Paul im 
Lavantthale bestätigt er am 2. September 1449 ebenfalls während 
eines Aufenthaltes in St. Veit (Regesten I, Nr. 2590). 

Dem Cistercienser-Kloster Vi kt ring gibt er 1443 seine Mühle 
„an der Lankchwart auf der Landstrass bei der prukgen gelegen," 
die jetzt Jakob Kriechpaum inne hat und jährlich 2 Pfund Pfge. 
zahlt. Auch gestattet er aus besonderer Gnade, dass man jährlich 
zwölf halbe Fass seines Bauweines auch Zehent und Bergrechts von 
„Lembach" und „Pyker" durch die Stadt Marburg und auf der 
Strasse durch den „Traawald" nach Viktring fiihre (Archiv des 
Finanzministeriums, Ms. Nr. 80 b, fol. 14.) 

Dem Benedi ctiner-Kloster St. Salvator zu Millstatt bestätigt 
er am 18. August 1444 die vtffi seinen Vorfahren erhaltenen 
Privilegien (Regesten I, Nr. 1689) und zwei Tage später (20. Aug. 
1444) die geforstete Freiung im Bezirk seiner Mauern (Regesten I, 
Nr. 1692 it. Nr. 1701). Aus einem zu Nürnberg am 1. October 1444 
erlassenen Gerichtsspruche König Friedrich's erhellt, dass Abt 



H&bsburgische Excurse. 9ö 

Christoph von Millstatt vor- dem königlichen Kammergericht Process 
fährte gegen Grafen Morand vonPorzili wegen des weltlichen Gerichts 
zu St Focat und denselben gewann, wobei dem Grafen Heinrich von 
Gorz aufsein Verlangen die Lehenschaft desselben Gerichtes bestätigt 
wurde (Regesten I, Nr. 1767). 

Die Privilegien des Frauenklosters St Georgen am Läng- 
see (bei St Veit), insbesondere ein inserirter Bestätigungsbrief 
Herzog Rudolph's IV. vom 11. März 1360, werden von Konig Friedrich 
am 30. October 1450 zu Neustadt bestätigt (Hausarchiv, Salzb. 
Abth. Diplomatarium von St. Georgen). 

Eben so vereinzelt sind die Notixen über die Klöster und 
Kirchen des Herzogthums Krain. 

Am 10. Februar 1444 bestätigte König Friedrich zu Laibach 
die Privilegien der Karthause Freudnitz (Freudenthal) mit der 
beträchtlichen Pön von 100 Mark Goldes gegen ihre Verletzung 
(Regesten I, Nr. 1598). Friedrich besuchte selbst dieses Kloster 
laut einer gleichzeitigen Notiz auf der Kehrseite dieser von ihm aus- 
gestellten Urkunde. 

Auch die Privilegien der Karthause Plettriach bestätigt er 
daselbst, am 19. Februar 1444 (Regesten I, Nr. 1600) und am 
selben Tage in einer eigenen Urkunde zwei Privilegienbriefe seines 
Vaters Herzog Ernst und seines Oheims Herzog Leopold (Regesten I, 
Nf. 1601); er vermehrt auch diese Privilegien, indem er dem Kloster 
geforstete Freiung und das Landgericht auf seinen Gründen verleiht. 
Es darf in seinem Dorfe zu Ob er fei d mit Rürgern und Geschwornen 
das Landgericht besetzen , seine Leute sollen von den benachbarten 
Städten (Landstrass, Mettlik, Neustadt) nicht wider Willen des 
Klosters zu Bürgern aufgenommen werden; eben so wenig dürfen 
sie sich sonst wo im Lande ansiedeln, sie können abgefordert 
und müssen ausgeliefert werden (ein flüchtiger Holde mit dem 
mitgebrachten Habe, ein Erbholde (?) „als er mit Gürtel um- 
fangen ist 11 ). — Das Kloster ist jedoch zu gleichem verpflichtet 
Es erhält Mauth- und Zollfreiheit für seine Lebensbedürfnisse und die 
Bergwerke auf seinen Gründen, seine Leute und Güter sollen von 
allen Steuern frei sein, welche die landesfürstlichen Hauptleute, An- 
wälde oder Amtleute im Lande auflegen würden; sie dürfen nicht 
aufgehalten oder gepfändet werden wegen eigenen oder fremden 
Schulden, ohne früher beim Klostergerichte Klage geführt zu haben; 



96 Joseph Chmel. 

die Bussen der straffälligen Holden gehören dem Kloster. Der Prior 
ist immer (eo ipso) Hofeaplan, alle Güter im landesfürstlichen Schutz. 
Pön gegen die Verletzer dieser Privilegien 10 Mark Goldes (abgedr. 
in m. Materialien I, S. 135, Nr. XXXVII). — Dass es nicht an An- 
fechtungen fehlte , beweist eine vom Verweser der Hauptmannschaft 
in Krain, Jörg von „Tschernöml," am 29. Juni 1460 ausgestellte 
Urkunde, dass drei Gerichtsbriefe von den Jahren 1407 und 1408 
Tolle Gültigkeit haben, obgleich die Siegel etwas verletzt seien, und 
dass Niemand die Stiftsgüter anfechten soll *)• 



1 ) Ich theile diese Urkunde hier mit, weil sie die Verhältnisse der Klöster 
gegenüber den landesfürstlichen Behörden beleuchtet ; es wurden die neuen 
Stiftungsgüter in offener Schranne in drei verschiedenen Terminen „berufen," 
damit die dagegen zu machenden Einwendungen vorgebracht werden binnen 
Jahresfrist, erst dann ward der ruhige Besitz rechtlich zugesprochen. 
„Ich Jörig von Tschernöml Verweser der Haubtmanschaft in Krain vergich 
„das der Erwirdig vnd geistleich herr Bruder Hilary Prior Kartuser Ordens 
„des Klosters zu Plettriach hewt für gericht kom vnd bracht für drey ge- 
„richtsbrieff weillend hie in dem lanndesrechtn ausgegangn der Erst lautund 
„Ich Jacob von Stubenberg Haobtman in Krain , Vergich das der Ersann Her 
„Her Hartman ausricbter der Newnstifft zu Plettriach, Chartuser Ordens 
„heut für mich vnd das Recht komen ist vnd Hess ain stifftbrieff hörn den 
„in ir Stiffter geben hat vnd auch meins hern Herczog Ernsten , Herczogn 
„ze Österreich etc. Bestettbrieff darüber , vmb etzlich gütter, die der Stiffter 
„zu dem benantn gotshaws gebn hat , als der Stifftbrieff lautt, vnd Bat dajp- 
„umb ze fragil ob man billeich beruften lieese ob yemandt zu denselben 
„Güttern begriffen in dem Stifftbrieff icht ze sprechn hettn, der solt das 
„suchen inner Jarfrist. Beschech aber das nicht , so solt er vnd sein nach- 
„komen furbasser darumb geruht sein . Da ward berufft offenleich in der 
„lanndschran nach völlig vnd frag vnd solt auch das nach beruften lassen 
„zu dem nagsten boftaidingn vnd beschech dan aber was Recht sey. Gebn 
„zu Laybach an Montag vor des heilign Krewcztag Exaltationis anno do- 
nmini etc. quadringentesimo aeptimo" der ander lautund — „Ich Paul 
„der Clowiczer, des Edln hern hern Jacobs von Stubenberg verweser in 
„Krain vergich das der Ersam herr, her Hartman ausrichter der Newn- 
„stifft zu Plettriach Khartuser Ordens beut für mich vnd das Recht komen 
„ist vnd hat sein andern tag lassn beruften nach laut vnd sag seiner 
„Stifftbrieff, die das egenant Gotshaws hat, ob yemand zu denselbn Göttern 
„begriffen in dem Stifftbrieff icht ze sprechn hettn , der solt das suchn inner 
„Jarfrist. Beschech aber das nicht» so solt er vnd sein nachkomeo für* 
„basser darumb geruht seyu, da ward berufft offenleich in der lanndschran 
„nach volig vnd frag vnd solt auch das noch offennlich beruffen lassen zu 
„dem nagsten Hoftaiding vnd beschech aber was Recht sey — Gebn zu Lai- 



Habsburgische Excurse. 97 

Dem Frauenkloster Münchendorf bestätigt König Friedrich 
am 1. August 1443 alle Freiheiten und Privilegien (Regesten I, 
Nr. 1505) und in einer zweiten Urkunde (am selben Tage) das von 
Herzog Albrecht (II.) erhaltene und von seinem Vater Herzog Ernst 
bestätigte Privilegium in Betreff der Gerichtsbarkeit, dass nämlich 
nur des Todes würdige Verbrecher aus den Klosterleuten dem Lan- 
deshauptmann zur Verurtheilung auszuliefern sind („als mit Gürtel 
umfangen"), das Habe bleibt dem Kloster. Pön 100 Mark Gold! 
(siehe Regesten I, Nr. 1506). 

Ein ähnliches Privilegium wird dem Frauenkloster M ich ei- 
stet ten am 29. Jänner 1444 ausgestellt (siehe Regesten I, Nr. 1597). 

Zu Laibach machte der fromme König im J. 1444 (13. März) 
eine Stiftung zu Ehren des heiligsten Altars -Sacramentes, mit 



„back an Montag vor Anthony — Anno domin! MMesimo quadragentesimo 
„oetavo" — Der dritt laut und „Ich Paul Giowiczer, des Edlen hern 
„herrn Jacobs von Stubenberg verweser in Krain, vergich das herr Hart- 
„man aosrichter der Newnstifft zu Plettriacb Chartuser Ordens hewt vor 
„mein vnd dem Rechten erfundn vnd ertaill ist wardn mit völlig vnd mit 
„frag, wer zu den güttern icht ze sprechn hat, dfe in dem Stifftbrieff be- 
„ griffen sind, die dieselb Newstift von dem Stifter hat, der sol das mit 
„dem lanodesrechtn suchn von dem hewtigen tag inner Jarfrist, geschech 
„das nicht so sol der egenant Her Hartman vnd sein nachkomen hinfttr 
„darumb genntzUch gerubt beJeibn. Es ward auch erfunden, das das also 
„solt berufft werdn offcnleicb in der Schran , und dasselb ward auch also 
„beruft — Gebn zu Laibach an Mantag nach Gotslcichnamstag Anno do- 
„mini etc. Oetavo** — die also aigenlich vor gericht gelesen gehört vnd 
vernomen sind werdn vnd der egenant Prior gab durch seinen Redner dar- 
auff zu erkennen wie das dieselbn obberüriB Gerlchtsbriff etwas an Insi- 
gelln vnd betschaftn verseret wern , die darauff aigenlich vor gericht be- 
sichtet vnd reebtgeuertigt sind fundn wardn vnd er batt darauff ze fragen, 
ob ich im vnd seinem Convent vnd irn nachkomen dieselbn gerichtbrieff 
billeich durch ain andern czewgbrieff, den ich in darumb von gericht sol 
gebn zu recht, zu kreftn gesprochn, damit derselb zewgbrieff binfur kunff- 
tiklich bey krefften beleibn vnd vernewet sein sol. Vnd ich vnd ain yeder 
künftiger Haubtman oder verweser in Krain sullil den egenantn Prior sein 
Convent vnd ir nachkomen bey solhen güttern solher Stifft haltii vnd dar- 
auff vestikleichen schermen als recht ist vnd des ist dem obgenantn Prior 
seinem Convent dieser Sewgbrieff auff hewt von gericht erfunden wardn, 
den ich in gegenwurtikleich gib vnder meinem anhangunden Insigel. Geben 
zu Laibach an montag Sannd Petter vnd sannd Paulstag apostolorum Nach 
Cristi geburd tausent vnd vierhundert Jar vnd darnach in dem funffezi- 
gisten Jare." Orig. Perg. 1 Siegel. (Geh. Hausarchiv.) 



98 Joteph Chmel. 

deren Obsorge er die Zechleute der Gottesleichnams-Zeche der 
Schneider daselbst betraute. Dieselben sollen nämlich in Bereitschaft 
halten 4 leinene Chorröcke, 4 Gugeln (Kopfbedeckung) von braunem 
Wollentuch, dann 2 Kreuzföhnlein von Seide, 2 Glaslaternen mit 
Wachskerzen; so oft nun die Priester der Pfarrkirche zu Laibach das 
Sacrament den Kranken bringen in der Stadt und den Vorstädten, so 
sollen 4 arme Schüler, die von Almosen leben, die Chorröcke an- 
legen, 2 sollen die Fähnlein, 2 die Laternen tragen, mit brennenden 
Kerzen vor dem heil. Sacrament hergehen und das Responsorium: 
Homo guidam fecit u. s. w. oder den Hymnus: Fange lingua ab- 
wechselnd singen : dafür sollen die Zechleute jedesmal den Knaben 
4 Wienerpfennige und dem Messner der Pfarrkirche jährlich 60 Pfen- 
nige geben, damit er Chorröcke, Fähnlein und Laternen in seine 
Obhut nehme. Die Zechleute beziehen dazu jährlich zu Michaelis aus 
dem Vizthumamte in Krain 6 Pfund Wienerpfennige. Auch soll 
täglich bei dem Frohnamte von 2 Schülern der Hymnus : Tantum 
ergo Sacramentum, oder der Vers : Ecce panis angelorum ange- 
fangen und vom Schulmeister und dem ganzen Chor ausgesungen 
werden. Sind die Zechleute nachlässig, sollen die Bürger von 
Laibach die 6 Pfund erheben und sind in ihrem Gewissen verpflich- 
tet, für die Ausführung zu sorgen (siehe Regesten I, Nr. 1608, 
»abgedr. in m. Materialien I, S. 137, Nr. XXX VIII). 

König Friedrich bestätigt am 9. Mai 1449 die von dem Laiba- 
cher Bürger Heinrich Stauthaimer und seiner Hausfrau Katharina 
gemachte Stiftung einer Capelle am Rain zu Laibach zu Ehren des 
heil. Clemens und heil. Fridolin mit einem eigenen Caplan und einer 
ewigen Messe. — Er (Abnimmt auch für sich und seine Erben das 
Patronat über diese Capelle, und soll nach Stauthaimers Tod, so oft 
der Fall eintritt, einem Pfarrer oder seinem Vicar einen Caplan präsen- 
tiren. — Diese Bestätigung gibt er nicht bloss als Landesfilrst son- 
dern auch als römischer König. Am selben Tage trägt er seinem 
Vizthum in Krain Jörg Weichselberger auf, von den Renten seines 
Amtes eine Fleischbank zu Laibach neu herrichten und zum Besten 
dieser Capelle vermiethen zu lassen. — So bestätigt er auch zu glei- 
cher Zeit alle übrigen Stiftungen der Stauthaimer'schen Eheleute, 
welche mit freigebiger Hand der Karthause Freud nitz, den armen 
Leuten im Spital zu Laibach, den Franziscanern daselbst und andern 
Gotteshäusern und Bruderschaften einen Theil ihres Hab und Gutes 



Habsburgische Ezcurse. 99 

vermacht hatten (siehe Regesten I, Nr. 2561, 2862 und 2863); 
am 10. Juni 1449 cedirt Stauthaimer das Patronatsreeht Ober diese 
Capelle schon bei seinen Lebzeiten. (Or. geh. Hausarchiv.) 

Diese Daten liessen sich ohne Zweifel ungemein vermehren, 
wenn man den Urkunden jene Aufmerksamkeit geschenkt hätte, zum 
Theil noch schenken wollte, die sie so sehr verdienen; aus ihnen 
muss mühsam zusammengelesen werden, was einzig und allein uns 
die Verhältnisse der Vorzeit klar machen kann. 

Sehen wir aus den wenigen Notizen, die ich beibringen konnte, 
dass der LandesfÜrst von Steiermark, Kärnten und Krain ein ganz 
besonderer Freund und Gönner des Klerus und seiner Kirchen und 
Klöster gewesen, so stellt sich das noch ungleich lebendiger aus den 
Stiftungen heraus, welche der fromme Friedrich in diesen Jahren zu 
Wiener-Neustadt machte, sie fordern eine umständlichere Be- 
sprechung. 

Wiener-Neustadt war schon von König Friedrich^ Vater, Herzog 
Ernst, besonders ausgezeichnet worden, die dortige Burgcapelle 
ward zu einer Familienstiftung bestimmt. — Die Ausführung ver- 
zögerte sich bis in das Jahr 1444, am 8. April dieses Jahres aber 
zugleich mit der Stiftung eines Cistercienserklosters daselbst ward die 
Capelle zu einer Propstei erhoben und nebst dem Propste einDechant 
mit 11 (9?) Canonicis gestiftet. Der König selbst schrieb in der 
Stiftungs-Urkunde genau vor, auf welche Weise der Gottesdienst 
gehalten werden sollte; es begann eine Reihe von Anordnungen, 
Verhaltungsregeln, Einrichtungen und Abänderungen, die im Laufe 
der Jahre nicht wenig Zeit in Anspruch nehmen mussten, welche 
wichtigeren Regierungsgeschäften entzogen wurde 1 ). 



f ) S. Regesien I, Nro. 1610. Der dort angeführte Inhalt ist jedoch minder genau, 
wir wollen aus der bei Pez (Anecd. VI, 3, 293) abgedruckten Urkunde hier 
einen Auszug mittheilen , der uns die An - und Absichten K. Friedrich' s klar 
machen wird. Es helsst darin : — „volentes , ut idem Prepositus , Decanus et 
„(11) Canonici perpetuis futurig temporibus officium septem horarum canoni- 
„carum, videlicet Matutinum, Primam, Tertiam, Sextam, Nonam, Vesperas et 
„Completorium cottidie cantent , singulisque boris ipsis Officium Beate Vir- 
„ginis, quod Cursus appellari consuevit, legendo subiungant. Ad hoc qua- 
„libet die prior Miss» de tempore aut festo , prout occurret , nee non int er 
„easdem missas etiam una missa de B. Vlrgine ab ipsis Canonicis ad finem 
„tum SequentiA, Symbolo, Praefatione et Oratione dominica plenarie iuzta 

SiUb. d. phil.-hist. Cl. VIII. Bd. II. Hfl. 7 



100 Joseph Chmel. 

Die Dotation dieser Propstei war: die Lehenschaft Ober die 
Pfarre in der Bark im Ennsihale, die Corporis-Christi-Capelle in der 



„cuiuaUbet temporis exlgentiam decantentur. Dicti etiam Prepositus , Decanus 
9 et Capitulum cottidie ante vel post missarum solemnia, proat ipsis placuerit, 
„alta voce septem psalm<*s poenitentiales premisso hymuo: Veni creator 
„spiritus, legere et post psalmos illud canticum: Exaudi dos Domine, ac 
„Lytaniam subiungere , et cum duabus coUectis , una pro pace , et alia pro 
„peccatis concludere , ac in quallbet angaria anni vigilias mortuorum una cum 
„officio pro defunctis ultra predicta tria officia decantare debebunt, fiantque 
„alii cantas , lectiones et processiones cum eeteris Ecclesiasticis ceremonüs, 
„quemadmodum haec omnia iuxta ordinem rubrice seu Breviarii Ecclesie 
„Salzburgensis et Statuta de quibus infra fit mentio , pro quolibet tempore 
„anni fuerint observanda." — „Praefatas quoque horas et officia, et reliquum 
„divinum eultum dicti Prepositus , Decanus et Canonici nunc pro principio in 
„Capella Castri nostri in hoc oppido nostro Novo civitatis ordinabiliter et 
„devote debebunt peragere, donec nos aut heredes nostri ad id 
„aliam Ecclesiam edificare seu deputare curaverimus, in 
„qua et tunc höre et oflicia huiusmodi futuris temporibus , ut prefertur, 
„laudabiliter compleantur. Si vero Prepositus, Decanus et Canonici predicti 
„ultra prescriptas Hissas et officia etiam alias et plures missas celebrare 
„voluerint, ia hoc eos suis conscientiis et libere yoluntati rellqulmus, ita 
„quod illos presentis fundatlonis nostre vigore ad plura officia, quam superius 
„expreasum est, non intendimua obligare. Idem etiam Prepositus, Decanus et 
„Canonici communem vitam ducere in uno Refectorio, de cellario et coquina 
„communibus victum habere , in uno dormitorio iacere , et alias ecclesiasticas 
„disciplinas ac bonos mores obserrare, in omnibusque laudabilem vitam 
„ducere debebunt, prout in eorum Statutis et ordinationibus deraper ratioua- 
„biliter edendis videbitur contineri." — Die Statuten werden sie be- 
schwören. — Das Patronatsrecht und die Besetzung der Pfründen bleibt 
den Landesffirsten — „ducibua Austrie , Ducatum Stirie pro tempore repen- 
tinus" — „Ita ut Decanus Archiepiscopo Salxburgensi , qui erit pro tempore, 
„et canonici eorum Preposito per hos presentent, confirmationes suas et 
„investituras ab ipsis recepturi, prout iuxta Juris communis dispositionem 
„fuerit faciendum." — „Et ut prefatus Prepositus, Decanus et Capitulum 
„divino cuitui eo Uberius Insistere vaieant, ipsis de gratia special! concedimus 
„et impartimur omnia iura civilia dicti nostri Opidi Nove civitatis , ita quod 
„üs uti possint, quemadmodum Cives ei usdem Opidi utuntur et potiuntur in 
„emendo et vendendo intra et extra ipsum Opidum impedimentis cessanti- 
„bus quorumcunque. Vina etiam ex cultura eorum sive iure montano , cen- 
„sibus aut decimis » quas modo possident , aut futuris temporibus possidebunt, 
„provenientia in prefatum nostrum opidum duci facere, inibique sine solutione 
„Ungelde, vendere aut ad ducillum propinare poterunt iuxta arbitrium sue 
„voluntatis. Nolumus tarnen, quod dicti Prepositus, Decanus et Capitulum seu 



Habsburgiscbe Excurse. 101 

Borg zu Neustadt, beide mit allen Renten; dann die Unterthanen 
und Güter der abgebrochenen Yeste Grimmeiistein , 20 Pfund Pfen- 
nige jährlich aus den Renten des Gerichtes Neustadt und 2 Mühlen. 
Von diesen Einkünften soll der Propst jährlich SO Pfund Wiener- 
pfennige, der Dechant 30 und jeder Chorherr 20 ungrische Gold- 
gulden beziehen. 

Die Einwilligung des Erzbischofs von Salzburg als Ordinarius 
war vorausgegangen, das Basler Concilium beeilte sich, diese Stif- 
tung des römischen Königs zu bestätigen (am 26. September 1444, 
siehe Regesten I, Nr. 1762); wie es scheint anfangs aus freiem 
Antrieb, wenige Wochen später neuerdings nach dem inzwischen 
kund gegebenen Wunsche König Friedrich^ (10. October 1444, 
siehe Regesten I, Nr. 1787). — Das Concilium ertheilt dem Könige 
and seinen Nachfolgern (als Fürsten von Steiermark) das Präsen- 
tationsrecht sowohl zu den einfachen Canonicaten als zur Propst- und 
Dechants würde, dem neuen Stifte selbst alle Rechte und Vorzüge, 
welche die Dignitare und Canonici zu St. Stephan (in Wien) gemessen. 



„familiäres aut homines eorum occasione huiusmodi prerogadvarum et gra- 
„tiarum, ipsis per nos, ut prefcrtur, concessarum, vigiliis, custodia portarum 
„seu murorum labore in fossatis aut aliis quibuscunque oneribus realibus 
„seu personaUbus ullatenus pregraventur , quin imo eos ab ils omnibus volu- 
„mus habere liberos et quietos.'* — „Volumus quoque, quod Capitanei 
„nostri, Lantscbr eiber, Castellanei, iudices quieunque 
„aut quevia alia secularis potestas in dictos Prepositum, 
„Decanam, Capitulum, eorum familiäres, colonos, bomines 
„et bona potestatem et suporloritatem aliquam nullatenus 
„habeant, neque sibi vindicent, aut vendicare presumant, quoniam nobis, 
„beredibus et successoribus nostris uti fundatoribus et advocatis eorum , aut 
„de certa scientia ad id a nobis deputandis potestatem et superioritatem huius- 
„modi quoad temporalem iurisdlctionem specialiter duximus reserrandam." 
Der Propst ist landesfurstlicber Rath , Propst und Capitel dürfen rotb siegeln. 
Am Ende: „Nos Fridericus preUbatus prescripta recognoseimus, profitemur 
„et approbamu8. Ad mandatum Domini Regia in consüie, presentibus renera- 
„bilibus Friderico Ratisponensi , Leonhardo Pataviensi, Jobanne Gurcensi, 
„SyWestro Kiemensi et Laurentio Lauentinensi Episcopis, Caspar Slick, 
„CaaeeUarlo, Conrado de Kreyg, Magistro Curie, Jobanne de Neytperg, 
„Georio de Puchbaim, Jobanne de Starhenberg, Alberto de Pottendorf, Sigis- 
„mundo de Ebersdorff, Jobanne Ungnad, Magistro Camere, Walthero Zebin- 
„ger, Georio Fncbs, Marsebalco Curie, et aUis quam pluribus personis fide 
„dignis." 

7 * 



102 Joseph Chmel. 

An demselben Tage gibt das Concilium in einer eigenen Bulle auf Bitte 
des Königs die Erlaubniss, dass der Abt des neuen Cistercienserklosters 
in Neustadt die Kirehenkleider und Paramente der neuen Collegiat- 
kirche weihe, weil die Entfernung von Salzburg zu gross sei» um sie 
bequem und ohne grosse Kosten dort weihen zu lassen (siehe Rege- 
sten I, Nr. 1788). — Es war damals der Propst der neuen Stiftung 
noch nicht in Actiyität, denselben (Wolfgang Günther hiess der 
erste Propst) zu introduciren gab Erzbischof Friedrich von Salzburg» 
der ihn investirt hatte , dem Abte des Cistercienserklosters zu Neu- 
stadt Auftrag» am 21. November 1444 (Orig. Perg. Hausarchiv). 

Am 21. December 1444 präsentirte König Friedrich» der den 
Propst auch ernannt hatte» acht Canoniker zur Investitur (abgedr. in 
m. Materialien I» S. 149» Nr. L» Regesten I» Nr. 1872)» die Hälfte 
derselben war aus der Passauer» die Hälfte aus der Salzburger 
Diöcese. 

Bald stellte sich heraus» dass die von König Friedrich selbst 
vorgeschriebenen Obliegenheiten den neuen Capitularen zu beschwer- 
lich fallen mussten» daher der Erzbischof von Salzburg als Diöcesan 
sie durch eine eigene Verordnung vom 2. April 1445 von einem Theile 
der auferlegten Last dispensirte ; zugleich regelte er in derselben 
Urkunde das Verhältniss der der neuen Collegiatkirche incorporirten 
St. Ulrichskirche '). 



*) Wir theileo dieses Stück , welches für dte innere Geschichte dieser Propste! 
wichtig ist, aus dem im Hausarchive Hegenden Originale hier mit. — Am 
seihen Tage (S.April 1445) verordnet der firzbischof, dass die Canoniker 
zur Advents- und Fastenzeit, so wie an den Qoatembertagen und am Tage 
Aller-Seelen Gagein (Kopfbedeckung) von dankler Farbe aus Wolle tragen 
sollen (Hausarchiv, Abschrift). Eine ähnliche Verordnung (sur Advents- und 
Fastenzeit in ihren Supercilicien im Chor zu erscheinen) erliess er 
bereits am 10. Februar 1445 (Hausarchiv, Abschrill). „Fridericus de! gratia 
„sancte Saltzburgensis Ecclesie Archiepiscopus, Apostolice Sedis Legatus. 
„Notum facimus vniversis, ad quos presentes nostre litere pervenerint in 
„perpetuum. Quoniam non verbis sed corde orandus est deus. Id Circo melior 
„est paucorum psalmorum decantatio cum cordis puritate, spiritualique hila- 
„ritate, quam totius psalterii modulatio cum anxietate cordis atque tristitia. 
„Hinc est sicut accepimus Quod diiecti nobis in Christo . . Prepositus, Decanus 
„et Canonici ecclesie Collegiate Castriducalis .Noue civitatis nostre Diöcesis, 
„omnes et singulas horas canonicas nocturnas atque diurnas juxta Breviarium 
„nostrum Salczburgense, nee non missamm offlcia tria cottidie decantare, es 



Habsburgische Excurse. 103 

König Friedrich IV. aber gab seiner neuen Stiftung als römisch- 
deutscher König ein Wappen (österreichischen Bindenschild mit einem 



„eorum primaria fundatione sint astricti. Verum quia dicti canonici propter 
„prolixitatem horarum huiusmodi, nee non triam officioram supradictorum, 
„per eos decantandorum, Eisdem horis canonici! tarn attenta tamque deaota 
„mente intendere non valeant. Idcirco ut prolixitas, que mater tedionim 
„existit euitetur, Breoiarium seu Rubricam ecclesie nostre Salczburgensia 
„predicte, quoad horas canonicaa in prefato collegio decantandaa in punetis 
„infrascriptis duximus relaxandom seu moderandum, ac iuxta fllam que 
„sequitur formam tenore presentium aoetoritate nostra metropolitlca relaxa- 
„mus atque moderamus. Primo videlicet nt in Ecclesia collegü supradicti a 
„festo pasce usque ad oetavas corporis Christi inclusive, tarn de tempore 
„quam de sanetis Nocturnus in matntinali officio non dicatur, sed tres 
„psalmi cnm tribus lectionibus , sine preeibus ad horas, preter primae et com- 
„pletorium in quibus preces inchoentur a versiculo Dignare domine etc. Et 
„longa prima infra idem tempus dominicis diebus non dicatur. Item per om- 
„nes oetavas solemnitatum , per nostram diöcesim servari solitas , totius anni 
„tarn de tempore quam de sanetis tres psalmi cum tribus lectionibus in ma- 
„tutino teneantuT , excepüs festis sanetorum ibidem oecurrentibus sine pre- 
„eibos ut 8npradictum est. Item ad binos per totam, preces in primis et 
„completorio inchoentur a versiculo Dignare domine etc. et dicantur usque 
„ad sacerdotes. Item in festis novem lectionum et dominicis diebus preces 
„consuete in primis et completorio usque ad Sacerdotes dicantur , et psalmi 
„poenitentiales in fine horarum obmittantur. Item In festis trium lectionum 
„preces ad horas obmittantur , preter primas et completorium , in quibus sollte 
„preces absque Miserere dicantur In fine tarnen horarum unus dumtaxat de 
„Septem psalmis poenitentialibus sine gradibus adjungatur. Item in feriis 
„extra Quadragesimam et quatuor t empor a preces solum ad primas et Com- 
„pletorium plenarie cum Miserere dicantur , ad omnes tarnen horas unus de 
„septem psalmis poenitentialibus cum gradibus adiciatur. Item in Quadrage- 
„sima psalmi usque quo etc. qui in preeibus post miserere solent dici obmit- 
„tantur , et preces in primis a versiculo Repleatur os meum laude inchoentur 
„Item quindeeim gradus et finales obmittantur. Item cursus beste virginis 
„per totum annum Vigilie mortuorum et Septem psalmi penitentiales in Qua- 
„dragesima cuilibet in privato dicenda relinquantur. Dudum etiam supradic- 
„torum prepositi et canonicorum mense ecclesiam parochialem saneti Vdalrici 
„extra muros Nouecivitatis nostre diöcesis et collationis — cum omnibus suis 
«fructibus atque pertlnentiis de consensu Capituli nostri subieeimus et incor- 
„poravimus sub talismodi moderaclone quod Sacerdos pro tempore ponendus 
„ad regimen eiusdem ecclesie a nobis aut successoribus nostris curam ani- 
„marum reeipere deberet, veluti in literis incorporationis desuper concessis 
„clarius continetur. Verum quia dictis Preposito et Canonlcis graue nlmlsque 
„sumptuosum foret , propter loci distantiam singulis vieibus pro presbiteris 
„ibidem ad nutom removibiliter ponendis, curam animarum a nobis aut suc- 



104 Joseph Cbmel. 

ausgebreiteten goldenen Adler, oben mit einer Infel) und gestattet 
dem Capitel, mit rothem Wachs zu siegeln (die Urkunde wurde am 
IS. Februar 1446 ausgestellt, siehe Regesten I, Nr. 2025). 

Da sich herausgestellt hatte, dass die ursprüngliche Dotation 
der neuen Propstei unzulänglich sei, so verbesserte er dieselbe durch 
einen Weingarten am Brunneberg, genannt der Rttd, eine Alpe 
(Schwaig) zu Sehluttarn im Ennsthal und drei Hallämter zu Aussee, 
bis ein Aequiyalent in Gülten angewiesen würde (Urkunde vom 
23. Mai 1446, siehe Regesten I, Nr. 2091). Die drei Hallämter zu 
Aussee wurden am 19. Februar 1449 (siehe Regesten I, Nr. 2551 
und 2553) vertauscht gegen einen jährlichen Bezug von 450 Pfund 
Pfennige aus der Salzmauth zu Aussee, bis zur definitiven Gülten- 
anweisung. 

Konig Friedrich hatte inzwischen die Liebe Frauenkirche, welche 
zum Sitze des Collegiatstiftes bestimmt war, neu herrichten lassen; 
die St. Ulrichskirche in der Vorstadt war demselben incorporirt *). 



„eessoribus nostris impetrari. Idcirco predictos prepositum et canonicos 
„fauoribus amplioribus prosequi volentes, Eisdem ut sacerdoti pro tempore ad 
„Regimen antedicte ecclesie ponendo, curam ipaam animarum in antea com- 
„mittere habeant. Dummodo tarnen babili et idoneo committant, in quo ipso- 
„rum conscientias oneramus. Similiter ut et ipsi prepositus decanus atque 
„canonici, eorumque cottidiana et dornest! ca familia Sepulturam ecclesiasticam, 
„apud dictam ecclesiam sancti Vdalrici eligere et habere possint, nee non 
„singula Jura parochialia et ecclesiastica sacramenta ibidem pereipere valeairt, 
„indulsimus et concessimus , ac tenore presentiam concedimus et indulgemus. 
„In omnibus autem aliis presenti indulto nee non Incorporatione literis nostris 
„supradictis non insertis nee expressis Jus EpLscopale in dieta parochiali 
„ecelesia sancti Vdalrici quomodolibet competens nobis et successoribus nos- 
„tri8 salvum esse volomus ac illesum. Harum testimonio literarum — Datum 
„Salcxburge mensia Aprilis die Secunda Anno domini MUlesimo quadringente- 
„simo Quadragesimoqointo." Orig. Perg. 1 Sieget (Geh. Hausarchiv.) 
*) Am 3. März 1149 genehmigt das Collegiatcapitel zu unserer lieben Frau im 
Schlosse xu Neustadt (Wolfgangus Prepositus Ulricus Decanus et Capitu- 
lum etc.) den Tausch zwischen dem Pfarrer Stephan in „Pvesting" („cu- 
„ius presentandi ad nos racione ecclesiae sancti Udalrici inSuburbioNoue ciui- 
„tatis sitae pertinere dinoscitur") und jenem zu „Perny tz" (LeonhardOben- 
inn) und bittet den Erzbischof Friedrich von Salzburg, als Diöcesan, den 
zum Pfarrer in Piesting prSsentirten L. Obeninn zu investiren — (Orig. 
Perg. Hausarchiv). In der kirchl. Top. Bd. 13, S. 16% (Pfarre Piesting) heisst 
es, „dass sie im Jahre 1478 schon zu dem vom K. Friedrich IV. 1460 bei 
St. Ulrich zu Neustadt gegründeten regulirten Chorherrenstifte gehörte" . . . 



Habsburgische Excnrse. 105 

Seine Sorgfalt erstreckte sich auf das Einzelne des dort gefeierten 
Gottesdienstes, so ordnete er an, dass (wie in Laibach) das zu den 
Kranken von der St. Ulrichskirche aus getragene heil. Altarssacrament 
von 4 Knaben begleitet werde (in Chorröcken und Gugeln mit bren- 
nenden Kerzen und Gesang) , wie es auch in der Frauenkirche (zu 
Neustadt) gewöhnlich ist. Er wies zur Entschädigung jährlich 4 Pf. 
Pfennige aus seinen Aemtern an (Beyers des Collegiatstiftes vom 
24. August 1448, siehe Regesten I, Nr. 2468). 

Am 19. September 1448 tritt die Propstei die 2 Mühlen an der 
Fischa, welche ihr in der Dotation waren gegeben worden , wieder 
dem Könige ab» weil dieselben wegen Baufälligkeit wenig Ertrag 
gaben; König Friedrich wies ihr dafiir einstweilen jährlich 38 Pf. 
Pfennige von der Salzmauth zu Aussee an (s. Regesten I, Nr. 2484). 

Eine zu gleicher Zeit vom König Friedrich ins Leben gerufene 
Stiftung zu Neustadt, die eines Cistereienserklosters, beschäftigte ihn 
noch mehr. 

Um dem zu gründenden Kloster einen passenden Platz anzuwei- 
sen, mussten weitläufige Anstalten getroffen werden, ein Nonnen- 
kloster zu St. Peter in der Sperr (Ad 8. Petrum in cateni*, Petri 
Kettenfeier, 1. August, nicht aber wie es in der kirchlichen Topogra- 
phie Bd. 12, S. 89 heisst: „von ihrer nahen Lage am Wienerthore"), 
wurde aufgehoben (die Nonnen wurden in andere Klöster ihres Ordens 
— Dominikanerinnen — vertheilt) , weil es nicht im Stande war, 
sich selbst yon seinem Verfalle (an Gebäuden und Wirtschaft) zu 
restauriren; an die Stelle der Klosterfrauen wurden die Dominikaner 
▼ersetzt (am 1. Jänner 1444 gab der General des Dominikaner- 
Ordens dazu seine Einwilligung, siehe Regesten I, Nr. 1585). — 
Das Dominikanerkloster erhält als Schadloshaltung die Freiheit, 
jährlich 7V» Fass Wein zu Neustadt ungeldfrei ausschänken zu 
dürfen (2. Jänner 1445, Archiv des Finanzminist. Ms. Nr. 44, 
fei. 59). — In dem bisherigen Dominikanerkloster aber wurden 
Cistercienser gestiftet (Stiftbrief vom selben Tage, wie der der Col- 
legiatkirche, 5. April 1444, siehe. Regesten I, Nr. 1618, vgl. kirchl. 
Topographie, Bd. XIII, S. 1—175) «)» die ersten Mönche, 12 an der 



') Die Einwilligung zur Stiftung hatte der Abt ron Cisteaux, als Cistercienser 
Vaterabt, bereite am 19. Jänner 1%%3 gegeben, s. Regesten I, Nr. 1359. Er 
dankte lebhaft für die gute Gesinnung und Geneigtheit des Königs gegen den 



106 Joseph Chmel. 

Zahl, mit ihrem Abte Heinrich Sternberger, kamen aus Rein. — 
Die Dotation dieser Stiftung war: die Veste Rohr mit Zugehör, das 
Marchfutter, das von Alters her in den Kasten zuGrätz gedient wurde, 
wird nach Rohr übertragen; 300 Pfund jährlich von der Pfarre 
St. Peter ausser Laibach» deren Lehenschaft dem Landesfürsten 
zusteht; der Maierhof in der Vorstadt vor dem Ungerthor, mit den 
dazu gehörigen Gemärken; alle diese Güter werden frei von dem 
bisherigen Lehenverbande, das Kloster erhält verschiedene Gerecht- 
same in der Stadt , ohne zu den gewöhnlichen bürgerlichen Lasten 
verbindlich gemacht zu werden. Die Professen haben freie Wahl des 
Abtes , der k. Rath sein und desshalb den gewöhnlichen Eid (eines 
Rathes) ablegen soll, er darf mit rothem Wachse siegeln. Die Bestä- 
tigung des Erzbischofs von Salzburg als Diöcesan erfolgte im selben 
Monate 1 ). Das Basler Concilium bestätigte am 26. Juni 1444 diese 
königliche Lieblingsstiftung und wiederholt am lO.October desselben 
Jahres (Marfan IV (8), p. 347, kirchl. Topogr. XIII, p. 160)«). 



Orden ; König Friedrich betrieb alle diese Angelegenbeilen mit grossem Eifer, 
indess wichtigere Geschäfte bei Seite geschoben wurden. 
') Ersbischof Friedrich von Salzburg schreibt am 15. April 1%%* dem Bischof 
Sylvester von Chiemsee, der König habe ihn um Bestätigung des zu Neustadt 
an demselben Platze gestifteten Cistercienserklosters „ubi antea erat Clau- 
„strum Fratrum Praedicatorum licet imperfectum" gebeten auch hinzugefügt: 
„Nee non fraternltati vestre, ut dilectum nobis in Christo Heinricum Strem- 
„berger Professum monasterii in Runa in Abbatem eiusdem monasterii pre- 
„ficere ac munus benedictionis ad virgam pastoralem eidem impendere pos- 
„sitis, concedere (nos) et indulgere desideravit." — „Nos itaque destderiis 
„Regie maiestatis iustis et rationabilibus libenter annuentes, uti tenemur, 
„dilectioni vestre committimus" ... Er (Chiemseer) soll alles untersuchen 
und die Commission ausrichten, auch die gewöhnlichen Indulgenzen verlei- 
hen. — (Pez B. Anecdota VI, [III], p. 302.) 
*) Das Concilium sagt in s. BesUtigungsbulle : „Sane carissimi ecclesiae filii Frid. 
„R. R. Illustris exhibita nobis nuper petitio continebat , quod olim ipse pio 
„devotionis zelo succensus et cupiens t e r r e n a in celestia, et transi- 
„toria In aeterna felici commerefo commutare de bonis sibi a Deo 
„coUatls ad laudem Dei omnipotentis totjusque Curiae coelestis pro sua et 
„progenitorum suorum Austriae dueum animarum salute in- 
„signe monasterium sub ordine Cistertiensium in Nova Civitate opido suo Sal- 
„czeburgensis dioecesis , in quo Rex ipse ut plurimum residere et moram fa- 
„cere solitus est sub honore et vocabulo sanetae et individuae trinitatis ac 
„gloriosissimae Dei genitricis Virglnis Mariae denovoerexit,magnifice 
„fundavit, et dotavit copiose." (Kirchl. Top. XIII, p. 161.) 



Habtsburgiache Excurse. 107 

König Friedrich fuhr fort, dieselbe mit neuen Gnaden zu beden- 
ken; so verordnete er am 10. Juli 1445, der Abtei jährlich SO Fuder 
Salz aus dem Salzwerke zu Aussee zu reichen (Regesten I, Nr. 1939), 
drei Tage später befreit er sie von dem Ungelde , das sie von dem 
in der Stadt und Vorstadt auszuschenkenden Weine entrichten sollte 
(13. Juli 1448, siehe Regesten I, Nr. 1940). 

Bereits einige Wochen frOher (im Juni 1445) hatte er bei 100 
Joch Aecker, 100 Tagewerk Wiesen im Hauthaie bei Lichtenwörth, 
mehrere Weingärten, worunter drei bei Fischau sammt Bergrecht 
und zwei in Ober-Enzersdorf bei Medling waren, ein Haus vor dem 
Ungerthor — jetzt zu einer Schäferei verwendet — und einen Garten 
vor dem Wienerthor hinter dem ehemaligen Spitale derselben gege- 
ben (kirchl. Topogr. XIII, p. 7, 169). Am 16. Juli 1446 verleiht er 
dem Kloster ein Wappen (österreichischen Schild, im weissen Felde 
ein goldenes Kreuz, auf demselben eine Infel) und die Freiheit, mit 
rothem Wachs zu siegeln (siehe Regesten I, Nr. 2026). 

Im Jahre 1447 Hess der König in der Klosterkirche einen Hoch- 
altar errichten (kirchl. Topogr. XIII, S. 143), der von Viktring 
herkam (?). 

Am 18. Februar 1449 machte er Lehengüter (Zehente zu 
Prodestorf, Mitterndorf, Walterstorff), die das Kloster von Marga- 
reth, Gattinn des Bernhard Braun, erkauft hatte, zu freiem Eigen 
(siehe Regesten I, Nr. 2550). 

Der zweite Abt des Klosters, Gottfried von Otterstet, war ganz 
besonders begünstigt und auf des Königs Antrag hatte ihn Papst Nico- 
laus V. zum Executor jener Bulle ernannt, durch welche Friedrich 
die päpstliche Erlaubniss erhielt, eine Zahl erledigter Beneficien 
(100) zu besetzen (siehe Regesten I, Nr. 2623, vom 1. Mai 1450 
ein Auftrag König Friedrich's in dieser Hinsicht). 

Wir sehen aus den angeführten Daten, dass König Friedrich 
einen sehr grossen Theil seiner Zeit und seiner Sorgfalt auf geist- 
liche Stiftungen und ihr Gedeihen verwendete; er ward desshalb von 
Ordens-Obern, wie von einzelnen Corporationen förmlich zum Mit- 
glied ihrer geistlichen Communitäten aufgenommen und aller der 
guten Werke theilhaftig erklärt, welche durch sie 
gewirkt wurden. — So vom Augustiner-Eremiten-Ordens- 
Generalen am 23. August 1444 (siehe Regesten I, Nr. 1699), 
vom Cistercienser Vater- Abte im Jahre 1448 (siehe Regesten I, 



108 Joseph Cbmel. 

Nr. 2527), Tom Franciscaner Johann Capistran am 16. Juli 

1451 (siehe Regesten I, Nr. 2704), vom Kloster Tegernsee am 
24. August 1449 (siehe Regesten I, Nr. 2586). u. s. w. 

Diesem frommen und der römischen Kirehe ganz ergebenen 
Fürsten konnte die römische Curie ganz vertrauen und ihm in allem 
willfährig sein, ja der Papst fand esräthlich, ihm Rechte einzuräumen, 
welche bisher weltlichen Obrigkeiten nicht zustanden, nach canoni- 
schem Rechte. So wurde in der Bulle Papst Nicolaus V. Tom 7. April 

1452 (Regesten II, Nr. 2822), nebst der nicht aufl&lligen Erlaubniss 
zur Errichtung eines Stiftes regulirter Chorherren (in Neustadt 
oder in sonst einem andern Orte) und der Bewilligung für die Pröpste 
dieses neu zu errichtenden und der bereits bestehenden Chorherren* 
Stifte Vor au und Stainz, sich der Pontificalien zu bedienen und 
Paramente u. s. w. weihen zu dürfen (was auch dem Abte des Cister- 
cienserklosters zu Neustadt gestattet sein soll), dem Kaiser das Recht 
eingeräumt, in diesem und allen andern Klöstern seiner Lande Miss- 
bräuche, falb selbe von den Diöcesanen nicht abgestellt würden, 
reformiren zu dürfen *). 

Die Motivirung dieser geistlichen Gnaden und eingeräumten 
Rechte beweist, dass der Papst das Benehmen und die ganze Hal- 
tung des neugekrönten Kaisers nach Verdienst würdigte *). Ja er 



') Abgedr. in m. Materialien II, 8. 7, Nr. VI. Ea heiaat daaelbat: „Adjiclentea 
„premiaaia ad hoc , ut in predictia omnibua et aingulia aliia tui ducalia do- 
„minii monaateriia quorumcunque ordinum regularia observantia in omni 
„integritate vigeat et integra conaervetur, ut quotiena in eiadem monaateriia 
„quicquam deforme aut ab hniaamodi obserrantia deviam irrepaerit dioceaania 
„locorum reformandie deformitatibna bniuamodi non intendentibua tu viroa 
„ydoneoa anb buiuamodi obserrantia riventea deputare poaeia, qui dicta mo- 
„naateria illorumque peraonaa viaitent, aingula, qoae ad yiaitationia officium 
„spectant , ibidem exerceant qaaeque in eiadem monaateriia deformia refor- 
„ment, exceaaua et crimina quorumcunque corrigmnt et puniant, ipaiaque etiam 
„monaateriia preeidentea prout eornm culpae et deraerita id exegerint , et id 
„alias de jure faciendum fuerit, ab illorum regimine deetituantetamoveant". • . 

*) Ea heiaat in der Einleitung: „Dignum arbitramur et congrunm ut tu fili 
„cariaaime, quem favor Tirtutum omnium celeatia imperii diapoaitio proyida ad 
„terreni imperii faatigium cenauit aalubriter aublimandum quique tuae appro- 
„bationem peraonae ad huiuamodi faatigii culmen nee non victoriae conae- 
„erationem et imperiale diadema a nobU vicario Uli as licet immer ito 
„cuiua aunt omnium iura regnorum digne auaeipert meruiati 
„ab eccleaia aanctaRomana cuiua te fideliaaimum devoriaU 



Habsburgiache Excurse. 109 

rlumte auf dringende Bitten des frommen Fürsten diese ihm früher, 
in der Bulle vom 7. April» nur persönlich bewilligte Befugnis* , die 
sfimmüichen geistlichen Orte und Personen seiner Lande visitiren 
und wo es Noth thut reformiren zu lassen, auch den Nachfolgern 
ein, in der Bulle vom 30. April 1452 ')• 

Ausser diesen wichtigen Bullen erhielt der Kaiser für seine Stif- 
tungen und Klöster noch mehrere bezeichnende päpstliche Bewilli- 
gungen. So wirkte er dem Nonnenkloster Göss aus, dass die Nonnen 



„advocatum omnia favoris et beni volentiae fovearis affec- 
„tibus et petitiones tuae nedum in hija quae tua sincera devotio in divini 
„cultus et sacrae religionis augmentum pie prosequitur, verum etiam in aliis, 
„per quae cultu« ipsius venustag aive decor exigitur, et in religiosorum loci» 
„sacrae rcgalaria observantiae disciplina subsiatat et te aliia gratiosum exbibere 
„poaais ad exaudiUonis gratiam Hberaliter admittantur." 
1 ) S. Regesten II, Nr. 28*9. Vollständig abgedruckt in den Materialien II, S. 13, 

Nr. XII. „ licet ministerium nostrum ubilibet exequi studeamus, ad loca 

„tuorum dominiorum tui dominii p i a tua instantia moti, illud eo specialiua 
„convertimua, quo id ibidem magis didicimua fore oportunum. Cupientea igitnr 
„ut aingula religioaorum loca dictorum tuorum domini- 
„orom illorumque persona« quorumcunque etiam mendiean- 
„t i u m ordinum fuerint in suae religionia et aacrae observantiae cultu 
„semper floreant, nee quiequam in Ulis irrepat de vi um ab buiusmodi cultu 
„Yolumus ac tibi et successoribus tuia Austriae dueibua 
„auetoritate apostolica tenore presentium concedimus, quod quo- 
„Hescunque in quibuseunque loci» buiusmodi Visitation!» 
„et reformationis ministerium necessarium fuerit etiam ai 
„loca, ordinea et peraonae buiusmodi quoeunque exemptionis pririlegio quod 
„presentibu* obsistat a sede apostolica aut alias qualitercunque munita 
„fuerint superioribua suis in buiusmodi visitatione et reformatione quae per 
„eos faciendae essent negligentibus vei remisais peraonae utile« et ydoneae, 
„quas tu vel ipai succeseores toi ad hoc deputaveritis, una cum aliia rdi- 
„giosis aub regulari obaerrantU viventibus ac de ordinum ipsorum regu- 
„laribus institutis et quae circa ea statuenda et ordinanda fuerint sufficienter 
„edoctis, loca et personaa buiusmodi, quociena opus fuerit visitare, delin- 
„quentium exceasua corrigere, defonnitates reformare, presidentea eisdem 
„locis, suis eulpis et demeritis exigentibus deatituere et quae circa ea 
„necesaaria fuerint atatnere et ordinäre , nee non omnia alia , -quae visi- 
„tationis , correctionis et reformationis requirit officium facere et exercere, 
„ac ea quae facienda, statuenda et ordinanda decreverint, per cenauram 
„ecclesiasticam et ordinum buiusmodi diseiplinam, ac alia iuris remedia 
„exequi possint, super quo ipsis praeaentium serie plenam et liberam con- 
„eedimus potestatem.'' — Von einem Concilium hätte K, Friedrich eine 
solche Bulle wohl nicht erlangt. 



HO Joseph Chmel. 

von der sonst überaus strengen Disciplin, welche die gänzliche Ent- 
haltung vom Fleischessen forderte» durch drei Tage in der Woche 
befreit sein sollen (am 23. April 1452, siehe Regesten II, Nr. 28S5). 
Dem neuen Collegiatstifte zu Neustadt (nun bereits an der Frauen- 
kirche daselbst) wird gestattet, dass der Propst und das Gapitel das 
»Officium matutinale" (einTheil des Chorgebetes), welches bisher 
um Mitternacht gehalten werden musste, zur Tageszeit beten dürfen 
(am 28. April 1452, siehe Regesten II, Nr. 2847). Den beiden 
neuen Stiftungen, eben dieser Collegiatkirche so wie dem Cister- 
cienserkloster zu Neustadt gibt der Papst auf Kaiser Friedrich^ Inter- 
cession eine ganz ungewöhnliche Auszeichnung, dass nämlich 
nicht bloss der Propst und der Abt Infel und Ring tragen dürfen, son- 
dern auch der Dechant und der Prior (siehe Regesten II, Nr. 2850). 
Doch soll dies nur innerhalb der Propstei und Abtei ge- 
stattet sein. 

Da sich bald nach Errichtung beider Stiftungen ein Rangstreit 
zwischen den geistlichen Vorstehern und den Gliedern beider Insti- 
tute erhoben hatte, welcher am 25. Februar 1451 durch den päpst- 
lichen Legaten, den Cardinal Cusanus (Cardinal S. Petri ad vincula), 
war dahin entschieden worden, dass bei öffentlichen Processionen 
der Abt und der Propst zusammen (collateraliter), und die Canonici 
den Mönchen vorgehen sollten, und da wo wegen Enge des Raumes 
nicht beide Vorsteher neben einander schreiten könnten, der 
Abt den Vortritt haben sollte, die Mönche aber nach Kaiser Fried- 
rich^ Bericht mit dieser Entscheidung nicht zufrieden waren, übrigens 
aber die Sache unentschieden wäre ( n ac hesitetur 8i super ea 
(ordinationej legitima quae executioni debitae demandari pos- 
sint appareant documenta" der Legat hatte in dieser häckeligen 
Sache wahrscheinlich nur mündlich entschieden), so verordnete der 
Papst in einer eigenen an die Bischöfe von Gurk und Seckau und den 
Salzburger Official gerichteten Bulle vom 28. April 1452, dass diese 
Entscheidung seines Legaten wirklich in Ausfährung komme (siehe 
Regesten II, Nr. 2848, abgedr. in den Materialien II, S. 12, Nr. XI). 

Ungleich wichtiger war die päpstliche Gnade, welche Kaiser 
Friedrich fiir jene Unterthanen seiner Pfandschaften in Ungern er- 
wirkte, die von Zeit zu Zeit wegen Ungehorsam in zeitlichen Dingen 
(wahrscheinlich Versagen gewisser Leistungen und Dienste) von 
ungrischen Bischöfen in Bann gethan wurden. Sie wurden davon 



Habsbargische Excurse. 111 

befreit uod losgesprochen» weil es nur eu oft geschah, dass sie daran 
ganz unschuldig waren und der Gehorsam gegen ihren weltlichen 
Herrn seinem geistliehen Gegner anstössig gewesen 1 ). 

Es erübrigt noch eine Reihe von päpstlichen Bullen aus diesen 
Tagen, die bei weitem das grösste Interesse erregen, es sind jene 
Erlässe, in denen der Papst sich für Kaiser Friedrich, den geliebten 
Sohn der Kirche, erklärt gegen seine Gegner und Feinde, welche 
eben in diesen Tagen seine Abwesenheit von den Erblanden seines 
Mündels benützt hatten, um seiner Vormundschaft ein Ende zu machen. 



*) Baue vom 22. Mira 1452, in einem Vidimus vom Jahre 1*58, zu welcher 
Zeit (nach K. Ladislaus P. Tode) freilich die Feindseligkeiten gegen 
K. Friedrich, den ein Theil der Ungern zum König wählte, in rollern 
Maasse sich kond gaben. 

„Nicolaus Eplscopus seruus seruorum dei Cariaaimo in Christo filio 
„Friderico Romanorum imperatori semper Augusto Salutem et apostolicam 
„benedictionem. Tue celsitudinis fauor et eximie deuotionis merita non 
„indigne deposcunt, ut petitionibus Ulis in htfs que subditis tuis in salutem 
„cedunt animarum et per que ipsi a grauaminibus releventur indebitis fauo- 
„rabiliter annuamus. Cum itaque sicut pro parte tua nobis nuper exibita 
„petitio continebat Subditi tui habitatores castrorum opidorum et viUarom 
„que in regno Ungarie obtines ut plurimum p reter eorum deme- 
»rita per locorum diocesanoa, seu alios ordinarios iudices quamuia offi- 
„ciales per te in eisdem castris constituti singulis de eis quenilantibus 
„expeditam iustitiam ministrare parati sint excommunicationum sententiis 
„involuantur , ac ioca incolatus ipsorum per eosdem diocesanos seu ordi- 
„narlos iudices ut plurimum ecclesiastico subicl eontingat interdlcto pro parte 
„tua nobis fuit humiliter suplicatum ut prouldere super hiis salubriter de 
„benignitate apostolica dignaremur. Nos fgitur tuis in hac parte snpplica- 
„tionibus inclinati Serenitati tue ut iidem subditi per diocesanos et ordi- 
„narios iudices prefatos excommunicati et loca incolatus seu ad que decii- 
„nauerint interdici absque sedis apostolice expressa licentia minime possint 
„certis etlam ratiOnabilibus per te nobis expositis suadentibus causls tenore 
„presentlum indalgemur. Absolrentes omnes ex prefatis subditis tuis qui 
„huiusmodi sententiis tenentur irretiti qui parati sunt stare iuri, Omneque 
„interdictum in prefatis locis forsan appositum harum Serie relaxantes. 
„Nulli ergo omnino homini liceat hanc paginam nostre concessionis absolu- 
„tionis et relaxationis infringere vel ei ausu temerario contraire. Si quis 
„autem hoc attemptare presumpserit indignationem omnipotentis dei et bea- 
„tornm Petri et Pauli apostolorum eius se nouerit incursurum. Datum Rome 
»apud Sanctum Petrum anno incarnationis dominice miilesimo quadringen- 
„tesimo quinquagesimo primo rndecimo kalendas aprilis Pontificatus nostri 
„anno sexto." 

Notariatsurkunde von 1*58. (Hausarchiv.) 



112 Freiherr Hammer-Purgstall. 

Sie hatten den Papst zum Schiedsrichter gemacht, weil sie hofften, 
er werde sich für sie erklären. 

Doch diese leidigen Verhältnisse erfordern eine genaue unpar- 
teiische Untersuchung, welche der Gegenstand des nächsten (vierten) 
Excurses sein soll. 



SITZUNG VOM 11. FEBRUAR 1852. 



Von dem c. M„ Freiherrn von Ank er shofen zu Klagenfurt, 
und Hrn. Wolny, Subprior zu Raigern, die zu den eifrigsten Mit- 
gliedern der Classe in den Kronländern gehören, werden neuerdings 
eingesandte Beiträge zu dem „Archiv" und dem „Notizenblatt" der 
historischen Commission vorgelegt, und zwar von dem ersteren 
urkundliche Beiträge aus dem Gurker Dom-Archiv; von Letzterem 
drei Aufsätze: 1) Excommunication des Markgrafen von Mähren 
Prokop im Jahre 1399; — 2) Inventarium der Olmützer Dom- 
kirche vom Jahre 1438; — 3) Urkundliche Beiträge zur Geschichte 
von Mähren, Böhmen, Ungern und Oesterreich. 



Derk. k. General - Consul zu St. Petersburg Hr. James Thal, 
welcher der Akademie schon so vielfache Beweise seiner thätigen 
Theilnahme gegeben hat, sendet ihr die erste Lieferung des durch 
Alexis Uwaro ff herausgegebenen Prachtwerkes über die Alter- 
thömer Sud-Russlands und der Ufer des schwarzen Meeres (in rus- 
sischer Sprache, mit vielen Abbildungen) und Verzeichnisse der 
jüngst in Russland erschienenen wissenschaftlichen Werke. 



Vorgelesen: 

1 Schlus8 der Abhandlung über die Daimonologie der 

Moslimen. 

Freiherr Hammer-Purgstall beschliesst seine Abhandlung 
über die Daimonologie der Moslimen mit der Uebersetzung des im Be- 
sitze Sr. D. des Hrn. Fürsten von Metternich befindlichen Anmiete s 
Lord Byron's; dieses enthält einen Vertrag Salomon's mit einem weib- 



Ueber die Geiattrlehre der Moslimen. j 1 3 

liehen Teufel, welcher Omm efs-fsibjan, d. i. Mutter der Knaben, 
heisst. Der Glauben der Moslimen an die Kraft solcher Verträge, 
erhellet aus besonderen Werken, die darüber bestehen. In die Ciasse 
solcher Werke gehört auch das persische in der Bibliothek des Joan- 
neums zu Gratz, dessen Anfang und Ende fehlt, auf dessen Einband 
aber: Gemälde geistiger Arzney steht, was vielleicht der Titel 
desselben. Darin erscheinen zwei und siebzig Teufel und Engel vor 
Salomon, der auf dem Throne sitzt und dieselben zwingt, ihm die 
Talismane und Amulete wider eben so viele Krankheiten anzusagen, 
jeder dieser Daimone hat eine phantastische Gestalt und willkürlichen 
Namen. Ethisch und psychologisch ist von der höchsten Merkwür- 
digkeit der Glauben des Moslims an die Kraft geschriebener Verträge 
und der Aberglauben Lord Byron's an die Abschrift eines solchen, die 
er um den Hals trug. Wiewohl Salomon durch den Koran als Herr- 
scher der Menschen und Daimonen beglaubigt ist und durch seine 
Macht die letzten, Verträge einzugehen zwingen kann, so sind sie doch 
nur durch ihr schriftliches Wort gebunden von der Qual der Men- 
schen abzustehen. Das Amulet ist halb türkisch, halb arabisch, die 
Erzählung des Gespräches mit Salomon türkisch, der Vertrag selbst, 
der aus Koranstexten, Gebeten und Zufluchtsformeln besteht, arabisch, 
die Gebete sind die Adams, Noes, Jobs, Jonas, Abrahams; der 
Inhaber dieses Amuletes Ibrahim der Sohn Mustafa's i. J. der Hidschret 
1166 (1763). Schwerlich war Lord Byron mit dem Inhalte dieses 
seines Amuletes vollkommen bekannt, aber dass er es trug beweiset 
seinen Aberglauben an diesen Vertrag Salomon's mit dem Teufel, kraft 
dessen dieser dem Träger nichts Böses anhaben kann. Die Daimo- 
nologie der Moslimen ist, wie aus dieser Abhandlung ersichtlich, schon 
grösstenteils vor dem Islam da gewesen und die wenig bekannte 
Mythologie der alten Araber war eine weit ausgebreitete. Beweis genug 
ist das halbe Hundert ihrer Idole, wovon jedes besondere Namen und 
besondere Geschichte hatte. Herr Renan (im Decemberhefte der 
Revue desdeux mondes) hat also eben so Unrecht die Mythojogie 
der alten Araber vor dem Islam zu läugnen, als zu behaupten, dass 
Mohammed seine Sendung durch keine Wunder habe beglaubigen 
wollen. 



114 Ferdinand Wolf. « 

Ein spanisches Frohnleichnamsspiel vom Todtentanz. 

Nach einem alten Druck wieder herausgegeben. 

Von Ferdiiaid Weif. 

Die k. Hof- und Staatsbibliothek zu München besitzt neben 
mehreren anderen spanischen Druckwerken des 18. und 16. Jahr- 
hunderts yon der grössten Seltenheit *) auch in Einem Quartbande 



*) [So wurde ich durch die Nachricht des Herrn Dr. Konrad Hofmann, 
dessen freundlichen Bemühungen ich schon so viele Mittheilungen über die 
Schatte der Münchner Bibliothek in der älteren spanischen Literatur zu ver- 
danken habe, auf das Angenehmste überrascht, dass nicht bloss das British 
Museum sich rühmen könne, ein Exemplar beider Theile der Silva de 
varios romances in der ersten Ausgabe von 1550 zu besitzen, — wie 
ich noch bei Abfassung meiner Abhandlung: „Über eine Sammlung spa- 
nischer Romanzen in biegenden Blättern auf der Universitäts-Bibliothek 
zu Prag" (Wien 1850, Quart-Ausgabe, S. 13%) vermuthen musste, — son- 
dern dass sich ein ebenso vollständiges Exemplar davon auch auf einer Biblio- 
thek Deutschtands, auf der Münchner, befinde. — Ja ich bin noch Über- 
dies durch die gütige Vergleichung des Herrn Dr. Hof mann der daraus 
in meiner Abhandlung abgedruckten 13 Romanzen in den Stand gesetzt 
worden, die Auslassungen und Nachlässigkeiten meines englischen Copisten 
hier zu verbessern, bei welcher Gelegenheit ich auch ein paar übersehene 
Druckfehler berichtigen will. 

S. 140, Z. 19 v. o., statt 19, lies 9 Blätter ohne Foliation mit Chistes. 
n 155, Rom. 1, Sp. a, Vers 5 v. u., statt Prendadlo, 1. Prendeldo. 
„156, „ 2, Sp. a, V. 10 v. u., 1. vestidura. 

3, Sp. a, V. 1 v. o., 1. Muerto sois como buen hombre. 

3, Sp. b, V. 18 v. o. 9 sL amaba, 1. ama. 

3, Sp. b, V. 8 v. u., st toma, 1. torna. 

5, Sp. a, V. 5 v. o. 9 st, andado, 1. andando. 

5, Sp. b, V. 6 v. u. , st. le , 1. se, wodurch meine Conjectur 

(la) unndthig wird. 
5, Sp. b, V. 3 v. u., st. casa, l. cosa. 
0, Sp. a, V. 6 und 7 v. o., sind im Text drei Verse: 
Velese bien ei casUUo, 
que al que haUare velando 
avudarle con mi grito; 
„162, „ 6, 8p. a, vor dem letzten Vers ist folgender ausgelassen: 

Ortuno me Hämo, Cid, 
„163, „ 7, Sp. b, V. 7 v. u., st. moco, I. moco (mozo). 



» 158. 


» 


» «8, 


» 


» 158. 


» 


* »M. 


» 


» 1«1. 


» 


» iei, 


» 


„ IM. 


n 



Bin spanisches Frohulelchnamsspiel vom Todtentanz. 115 

(P. 0. hisp. 4*. 29 ; ex electoralibibliothecaeereni**. utriusgue Ba- 
variae ducum) zusammengebunden eine Anzahl von Comedias, Farns 
und dramatischen Eclogas aus der Mitte des 16. Jahrhunderts; einige 
wenige kostbare Ueberbleibsel aus jener Periode des spanischen 
Dramas, in welcher die Keime zu seiner naehherigen EigenthOmlich- 



S. 165, Rom« 8, Sp. a, nach V* 14 v. o., Ut der Vera ausgefallen: 
Treinta dias daran las bodas, 
daher die Interpunction der nachfolgenden nun so zu verändern ist: 
treinta dias, qne mas non. 
Y an dia estando comiendo etc. 
Und wonach die am Ende In den Zusätzen dazu nachgetragene Anmer- 
kung wenigstens in Bezug auf diese Stelle zu berichtigen ist. 
S. 165, Rom. 8, Sp. b, V. 16 v. u., 1. otorgan. 
„166, „ 8, Sp. b, V. 2 r. o., st. Gustos, 1. Gusto. 
„ 166, „ 9, Sp. a, vor V. 5 v. u. sind die beiden folgenden ausgelassen: 
muy esforzado en las armas, 
y de letras adornado; 
„167, „ 9, Sp. a, nach V. 2 v. o., sind wieder zwei Verse ausgelassen : 
muchas justas y torneos 
antre ellos se han concertado« 
„168, „ 10, Sp. a, V. 21 v. o., st, Llamado ha, 1. Llamando a. 
„168, „ 10, Sp. b, V. 5 v. o„ nach yo fehlt muy. 
„ 169, „ 10, Sp. a, V. 8 v. u., 1. quo el rey crlado habia. 
„169, „ 10, Sp. b, st. V. 1 v. o. sind zwei : 
a las puertas de Sevilla; 
las puertas hallo cerradas, 
daher hat das Comma am Ende des vorhergehenden Verses wegzubloiben. 
S. 169, Rom. 10, Sp. b, vor dem V. % v. u. sind, wie ich angezeigt habe, 
in der That zwei Verse aasgelassen: 

otro dia eseribio cartas 
a Call* (sie) aquesa vüla. 
„ 173, Rom. 11, Sp. a, nach V. 8 v. o. fehlen die zwei Verse: 
y a don Fadrique el maestre, 
el maestre de Santiago, 
„173, „ 11, Sp. b, V. 1 v. o., st. d'Orozco, 1. Orosco. 
„173, „ 11, Sp. b, V. 8 v. u. 1. Sintiendolo. 
„174, „ 12, Sp. b, V. 6 v. o., hat me, nach a mi, wegzubleiben. 
„175, „ 12, Sp. a, V. * v. o., st. agradan, 1. agradaban. 
„175, „ 12, Sp. a, V. 5 und 6 v. u., st. Alvendafto, 1. Avendafto. 
„ 176, „ 13, Sp. b, nach V. 2 r. u., steht der von mir supplirte Vers 
wirklich im Texte: 

traidora sola, la duquesa. 

Sitzb. d. phil.-hist. Cl. VIII. Bd. II. Hft. 8 



116 Ferdinand Wolf. 

keit und Grögse gelegt wurden, indem es aus dem engeren Kreis 
der Kirche und aus seiner Abhängigkeit yon der Liturgie auf den 
„lauten Markt" unter das Volk hinaustrat und mit mehr Selbststän- 
digkeit sich zur Volksbühne gestaltete. Es liegt in der Natur der 
Sache» dass solche für das Volk geschriebene und yon dem Volke 
dargestellte Stücke yon geringerem Umfange, gleich den fliegenden 
Blättern durch Verbrauch und Nichtbeachtung dem Verderben 
preisgegeben, sich in nur sehr geringer Anzahl erhalten haben; 
und selbst die gelehrtesten und umsichtsvollsten Geschichtsschreiber 
des spanischen Dramas, von Sc hack und Ticknor, die das 
reichste Material mit grossem Eifer zusammenzubringen suchten, 
haben sich mit der Autopsie yon ein paar solchen Stücken, mit spär- 
lichen Notizen yon da und dort zerstreuten ihnen unzugänglich ge- 
bliebenen ähnlichen Seltenheiten, und mit Vermuthungen und Schlüs- 
sen auf grösseren einst vorhanden gewesenen Reichthum begnügen 
müssen 1 ). Um so kostbarer und merkwürdiger ist der erwähnte 



] ) Vgl. v. Sc hack, Gesch. d. dramat Lit. and Kunst in Spanien. Bd. I. 
S. 195, 203 — 205, wo er sagt: „Die gegenwärtig noch vorhandenen 
Stucke der letztgenannten Art aus der Zeit vor 1550 sind unstreitig nur • 
ein sehr geringer Theil des ursprünglichen Vorrathes. Man kann* da- 
her zweifeln, ob von diesen' Resten ein Schluas auf die ganze Gattung 
erlaubt sei.' 1 — Auch Ticknor, Geschichte der spanischen Literatur, 
ins Deutsche übersetzt von N. H. Julius, Leipzig 185a, 8., Th. I, 
S. kkk — 4*7, kennt nur sieben solcher Stacke aus Autopsie, die sich, 
in einen Band zusammengebunden, im Besitze des berühmten Bibliophilen 
Henri Ternaux-Compans befanden. — Ebenda, 8. 444, Anm. 8, habe 
Ich auf einen ähnlichen Sammelband in der Bibliotheca Heberiana 
hingewiesen. — Als einen Beweis von der ausserordentlichen Seltenheit sol- 
cher Stflcke kann man auch ansehen, das« die k. k. Hofbibliothek, — die, wie 
Herr Baron von Manch in seiner unlängst erst hier vorgelegten Abhand- 
lung : „Ueber die Alteren Sammlungen spanischer Dramen," nachgewiesen 
hat, unter die im Fache des •panischen Dramas reichsten Bibliotheken 
der Welt gebort, — von Stacken der Art aus der ersten Hilfte des 16. 
Jahrhunderts nur ein Paar hat, nämlich, so viel mir bewysst» nur die 
beiden nachstehenden allerdings sehr merkwürdigen und fast ganz unbe- 
kannten: 

1. Cgloga ttuettanffttte trcfofta ptr «fternanfco fce Pawflua*, 
tu loor fte fa «atitiiöaö fte nutftro ftffor; <£* 1« 4»al fe intro&Hjeit 
quatvo pafiore*. tfmjo* nomftrr* fort, ttttugo fatido. ®U pata. 
Senitiüc. Pero ptiifa, fo* qutie* irtfortnafcc* *e lo* angele* conto 



Bin spanisches Frohnlekhaamsspiel vom Todtentanz. 117 

Band der Münchner Bibliothek, worauf ich durch die gütigen Mit- 
theilungen meines verehrten Freundes Herrn Prof. Dr. V. A. Hub er 



djrtfto era 9a natido hielten it adorar 9 ofreten f»0 done* 
tweftra feftora da (ad fradao 9 (le&a ntin^o faftdo taftendo ttna 

$at)ta tj M^e etc. 8 Bll. in 4°. mit gothischen Buchstaben ohne Ort and 
Jahr, aber aas der Mitte des 16. Jahrhunderts. In achtzeiligen Strophen 
de arte major, und am Ende ein Villandco. Bin g&nzlich unbekanntes 
• Weihnachtsspiel. 

2. Cra&eMa iiamata 3ofep$ina: mteuamettte fäcada de (a profan- 
didad de la fagrada efcripttsra t> troftada por OTi<fcae( de tfa« 
ratsajaf de Ja dudad dePia?encia. Diri^ida almut) uUnftre feüor 
den äfoar pertj de $forio; eonde de (Fraftamara: marqtte* de 

Jlfiorga, et£. Darüber ein Holzschnitt mit den Personen des Stückes, nlm- 
lich wie die Uebereehriften lauten: Jaceb et IUI eius generaeio. Abrahe, 
Putifar. Joseph. Zenobia. Faraon. und zwei Abbildungen des Domus Jacob. 

Am Ende: fite impreffa (a prefente ofrra en U imperial ciitdad de So- 
ledo en cafa de Juan de Jltpata. Acaftofe a do* dia* def meo de jJuffe, 

atiO ... de 1546. 32 Bll. in 4°., mit gothlschen Buchstaben. In achtteiligen 
Coplas de arte comun mit Canciones und Vülaneicos am Ende der Acte 
und prosaischen Argumenten. Diese schon völlig ausgebildete Comedia 
divin* in vier Acten (am Schlüsse jedes Actes befindet sich merkwürdiger- 
weise ein: choro de las tres donzellas), welche die Geschichte des ägyp- 
tischen Josephs zum Gegenstände hat, war bisher nur aus M oratio (a.a.O. 
p. 104, unter dem Jahre 1543) dem Namen nach bekannt, den er im Index 
der Inquisition angeführt fand. Sie verdiente in mehr als einer Beziehung 
einen Wiederabdruck. Ich will nur als Probe den auch in literar-histori- 
scher Hinsicht merkwürdigen Prolog des ersten Actes hersetzen, den der 
Faraute (d. i. der Schauspieler des Prologes) spricht: 

Prologe coa argimeato. 

Faraute. 
Quanquam ad sacre solemnitatis ornamentum etc. Que donoso tras barras: 
perdonen vuestras mercedes que en verdad no me aeordaua que todos soys 
tan sabidos que ninguno sabe latin | porende a nuestro romance me aten- 
go | no por falta de lenguajes | que si quereys del Tudesco hasticoz hex 
tinguert tanque gutliber het hex lifex lanceman. Pues de las vandas de 
Italia pot* de saneta Null* faro diro cho pue bisogna fin al cancaro que 
ti vengnan il mal de la Cantina anchora. Pues del France« alomenos essas 
son mis missas. Y mas si es del beuer y avn ei parlar. Perla sandi alebu- 
san donami ballesa del von vtn. No hablo del gorgear de Coca : ni de Ma- 
drigal: pues que a todos se nos entiende medianamente. Ansi que senores 
yo soy Faraute y al presente mensagero del seßor | del sonor Auetor : por 
cuya tndustria se que se vos suelen representar passos dela 

8* 



118 Ferdinand Wolf» 

aufmerksam gemacht wurde und woyon ich die nachstehende biblio- 
graphische Beschreibung der Gefälligkeit des Herrn Dr. Konrad 
Hof mann verdanke. Er enthält nämlich folgende Stücke: 

I. 

Üomtttia ttamata Slovinea: qtte ttada öe lo* amort* öel 
bntn önqoc Slotiano , con ta litt Öa 9 rmit) cafta 9 generofa 25?ltfea, 
mtetmntente Jjedfja: trntg gradofa 9 feirtiöa, 9 tmiij proped^ofa para 
anifo öe murfjo* itecto0. 

tfifla 9 etaminatta, 9 con Ikertria tmpreffa. Vtttdetift (sie) eit 
BTeöina öel <£antpo ett cafa de 4fört an ©fjemart. 1 554. 

Dieser Titel ist mit einem schlecht ausgeführten Rande in Holz- 
schnitt eingefasst. Ueber dem Druckorte das Sinnbild des Buchhänd- 
lers: eine Hand die einen Falken trägt, mit der Bandumschrift: 
Post Tenebras spero lucem. 



sagrada hystoria:~ya creo me conosceys: algunos me parece qae se 
alegran: otros se alborotan: que sera: mas qae sera. Ha. Ha. Ha. Ya: 
ya» ya: voa entiendo | oy sonores qae gente tan sentida: sabed que 
muchos se quexan porqiie machos en estos trances se entremete trage y 
gente de Jadea: ami me paresce tienen razon que para en Verano no son 
sanas tantas Capirotadas avn qae los qae se sienten Ajos han comido en 
ellas: en verdad que el sefior Aaetor dessea complazer a raestras merce- 
des: para lo quäl ha trastornado todo Amadis y la demanda 
del saneto Grial de peapa por remembrar oy algo qae sin perjuyzio 
sea: y no halla sino easos de maertes: armas campos: reboeltas: peleas: 
golpes: espadadas tan estra&as que en tal representacion por ventura el 
corrimiento passado agora eeria correncia. Y por tanto senores el Auetor 
se ha buelto a sus treze | y ha sacado dela sacra hystoria para esta 
saneta fiesta de Corpus Christi: vna Tragedia Uamada Josefina: 
y el caso es que diez hermanos bijos de Jacob Key de Canaan qaeriendo 
por embidia matar a su hermano Joseph: por industria de sa hermano 
Rüben en el campo le empozan. Y al fin le venden a Egipcianos. El 
padre le llora por muerto : con que acaba la primera parte : y antes de la 
segunda nos veremos. Es materia que en figura contiene la causa que 
oy causa esta saneta Fiesta: oygase con atencion y nadie marmure: qae • 
la intencion del Auetor es ornar la saneta Fiesta j y a ninguno injuriar. 
Mas contentar a todos : aloinenos a los buenos y sabios : y porque desto« 
quando mas mas ay tantos como cueruos blancos: por ventura auremos 
sembrado en Arena y contentado a ninguno: que alas vezes enla Placa 
llana esta el Desierto: lo quäl no querria que con vuestras mercedes acon- 
tesciesse: tu seßor reseibe el seruicio. * 



Ein spanisches Frohnleiehnamupiel vom Todtentanz. 119 

Zuerst yier unfoliirte Blatter. Auf dem 2. r*. eine Zuschrift: 
Cf bafyUtv yoart Itodrigtte? enderefattdo \a comciia IIa- 
mcüa Slotima a vn efpectal amigo ftitf©, 9 confamtttar ett el efto» 
dto, a&feirfe. 

Bl. 2 v°. beginnt: tttt proemto frei atttor, in Versen bis Bl. 
3 Y* Bl. 4 v°. enthält das Personen- Verzeichniss. Dann folgt auf 156 
foliirten Blättern die Comedia , die in Prosa ist mit hie und da einge- 
streuten Versen, ohne Absätze gedruckt, und in 43 „scenas" einge- 
teilt (eine dramatische Novelle ä la Celestina ; vgl. darüber Tick- 
nor L, S. 220, der dieselbe Ausgabe benutzte, aber nur ganz kurz 
den Titel angibt). 

Am Schlüsse: Hcaia ta comedta tto metto* vtil qtte grariofa t) 
compendtofa: Hamada 5tarittea: mtepantettte compttefta. Jmpreffa 
ett JRedma deHtantpoett cafTa de (Btttnenito de lffiU?0, tra* la tgiefta 
ntatpor. Uno de 1 554. 

Dieses Stück wird auch angeführt von ColonyColonin sei- 
nen: Noticias del teatro espanol anterior 2 Lope, in der Zeitschrift 
El Semanario pintoresco espanol. Madrid , Serie 2 * Tomo II , ano 
de 1840, p. 163—166. 

II. 

Stagtcomedta alegortca: del Paratjfo 9 del tnftento. 

Darunter ein Holzschnitt, zwei Schiffe vorstellend; dann eben- 
falls in einzelnen neben einander gereihten Holzschnitten die Figuren 
folgender namentlich bezeichneter Personen: Hidalgo, Juan, Logrera, 
Ladron, Alcahueta, Corregidor, Letrado. Und unter diesen: 

Jlforalreprefetriactoftdel dttterfo Camino qut #a?ett la* anima* 
ett partiendo defta prefettte wda. 5t$tiraöa por Io0 do* nattio* qtte 
aiptt parefmt. $! tm© del riete. V *1 otro del tnßemo. (Sttga ftt&tH 
mttenrion tf materta tn ei argumenta de (a 'o&ra fe pttede trog 
Weit t>er. 

12 unfoliirte Blätter; in Versen, aber ohne Abtheilung in Jor- 
nadas oder Scenen; mit einem „Introyto" (Bl. 1 v°. — 2 v .). 

Am Ende des Stückes: Deo gracias. Dann: In omnibus ope- 
ribus tuis tnemorare novissüna tua : et in eternum non pec- 
cabis. EccleeiasHci septkno capitul. Darunter: üpftcacfott dejla 
atittortdad al propoftto dejla* do* frarca*. In zwei achtzeiligen 
Strophen, Dann Laus Deo. 



120 Ferdinand Wolf. 

Ohne Jahr und Ort (jedoch kommen zwei der Figuren in den- 
selben Holzschnitten, nur mit veränderten Namen, in Nro. IV, V, VI 
und VIII, und sechs in Nr. XIV wieder verwendet vor). Die Blätter 
sind zu zweien signirt. 

v. S c h a c k (a. a. 0. 1, S. 205) und M o r a t i n (Origenes del tea- 
tro esp. in dessen Obras, in der Biblioteca de aut. esp. Madrid 1846. 
Tom. II, p. 193), beschreiben eine Ausgabe desselben Stückes von 
Burgosl539; und in den Zusätzen zu Moratin wird nachgewiesen, 
dass 6 i 1 V i c e n t e selbst diese spanische Bearbeitung seiner früheren 
portugiesischen verfasst habe , und davon eine Probe gegeben. 

M. 

<£ontedta Hantada äqtt H an a. Agora nnenantettte ympttfia 
corregtda 9 emendada. *edf>a pot 2$artyolonte de Gorre* Ha« 
fjarro. M. D. L. II. (1552). Darüber ein Adler, der einen Mann 
auf dem Rücken trägt. 

Am Schlüsse : Ate ttnprefTa la prefettte obta en 2tot$o* ett 
cafa de ^tian de %tmta, fya Öeji=*e90 dta* del me* de Bejicmbrc. 
Äfto de mit 9 qitmtento* 9 ctnqttenta 9 do* Äito*. 

24 unfoliirte , zu zweien signirte Blätter. In fünf Jornadas ab- 
getheilt. 

Vgl. über diese bekannte , hier wahrscheinlich schon von der 
Inquisition castigirte Comödie des Torree Naharro: Moratin, 
l. c. p. 187. (Diese Comödie des Naharro wird im Index der Inqui- 
sition noch besonders, ausser der Sammlung seiner Werke, Propa- 
ladia, angeführt.) 

IV. 

<£otttedfaHamada$idea: conttHteftapor£ranct*co de la* 
H ata*: frenepriado eti (a tjßlefta ptttodfiai (sie) de la viüa (fite* 
bat rubiat, 9 ett la 9$lefta de faneta <£r»? de( lugar de IfeMtta 
cafrrtada. Stt Ja quäl fe »ntroöttjen tttt gettftl Jjombrc canallero Ha« 
ntado dott ©deo 9 &o* ertado* fut)c& ei vno Pntdente, e( otro §\* 
letto , 9 vna trieja alcagneta Hamada 25eroe, 9 tma don?effa noble 
Ilamada 5attfHtta con vna ftt ertada 3tofKna. Bo* paftore* ei tmo 
Uantado Danton, elofrolttenalca*. tto a(gtta?tt con fn* criado*. 
(Elpadre9 ntadre de (a donjella, ei padre Htffeo, (a ntadre&eria. 
Gtatamfe Jo* atnore* de den ©deo con (a don?effa, 9 conto lo 



Sin «paniechei Frohnteiehnamf spiel vom Todtentanz. 121 

dlcatf fc por htf trpoft doit de aqutUa viqa aUa&urta : 9 en fht por Wen 
&e paj freron et* vno cafabo*. <g* ebta grariofa 9 apa?tMe. 1 550* 
Ohne Druckort. 

Darunter auf einseinen Holzstöcken 5 von den Personen. 

16 unfoliirte Blätter, zu zweien signirt. Mit „Introyto." In Ver- 
sen und in 5 Jornada« abgetheilt. 

Am Schlüsse: Finis presentis interlocutionis. Francisco 
Natas beneficialu8. 

Mo ratin, a. a. 0. p. 193, fuhrt dayon eine Ausgab^ von 1535 
an, kennt sie aber nur dem Titel nach (und auch den gibt er unrich- 
tig: „Fidea," und ebenso falsch den Namen des Verfassers: „Franc, 
de lasNayas")aus dem Index der Inquisitionen dem Index von 1583, 
abgedruckt bei Adolfo de Castro, Historia de los Protestantes 
espanoles, Cadiz 1851. 8°., p. 435 — 446, ist aber Titel und Namen 
des Verf. ganz richtig so wie in unserem Druck angegeben, s. y. Co- 
media, und Tidea). 

V. 

(iomttia intttitlata ff Ipefort na: Ia materta &e laqttafe* 
tmo* amore* *>e im ptnaio por vna feiiora, 9 otrae perfona* aö^e* 
rente*. 4>td)a nnetmmente por yaqmt &e ® stete. Pero ftpor 
fer fn natural lengna aragonefa no fitere por mag cendrado* ter- 
mmo*, qitanto a efio merefee perdon. €00 ittterloattore* fort (0* in« 
fra pstefio*: 9 e* de notar que el fragte e* fajea&or (sie). 

Darunter die Holzschnitt-Figuren folgender Personen : 

Citeria 1x109a de Lu (sie), Pinedo mojo de Te, Lucina .dama, 
Fray yegecio frayle, Tesorino cauallero, Pero grillo pastor, Giliracho 
pastor de Ti, Sircelo mo$o de Ti, Timbreo padre de Lu, Margarita 
esclaua de Tim. — 

20 zu zweien signirte aber unfoliirte Blätter. In Versen und in 
5 Jornadas abgetheilt. 

Am Schlüsse : Authoris ad Zoilum duplex propugnatorium 
Nano8thicon. In lateinischen Distichen yon denen das letzte : 

Nunc humilemturbare meamrogo desine musan (sie) 
quamvis non Tortes digna Nauarro venu. 

TeUs. 

Ohne Ort und Jahr. — Angeführt in der Bibliotheca He- 
beriana, Vol. VI, Nro. 2818 (hier heisst der Verf. wohl durch 



122 Ferdinand Wolf. 

einen Druckfehler Guerte); — bei Schack I., S. 1»5; — Tick- 
nor t S. 446; — und bei Moratin, 1. c. p. 193, unter dem 
J. 1531, aus dem Index der Inquisition. Bei all diesen lautet der Name 
des Verf. Huete, und ebenso in dem erwähnten Index von 1583, 
1. c. p. 437, wiewohl Moratin hinzufügt: „No hay otra noticia de 
ella [comedia] ni de su autor." Ticknor und Schack aber fiihren 
unter : H u e t e's Namen noch eine andere Comedia llamada V i d r i a n a 
an, und mit Merkmalen, die keinen Zweifel an der Identität des Verf. 
lassen; ührigens ist Gü et e für Huete nur eine in der Aussprache 
des Hue wie Gtie gegründete oft vorkommende orthographische 
Variante, wie güerto für huerto, Origfiela für Orihuela etc., (vgl. 
Diez Grammatik der roman. Spr. I, S. 222). 

VI. 

(Someöw $i o r i f t a nucvamtntc comptiefla pot $tanci*co 
Öe Alte ni an 0, etc. Siehe den ausführlichen, mit unserem Druck 
wörtlich zusammenstimmenden Titel bei Moratin, 1. c. p. 197, und 
Schack I, S. 233, die eine Ausgabe ohne Ort vom J. 1553 be- 
schreiben und über den Verf. , den eigentlichen Einfilhrer der Ein- 
theilung in 3 Jornadas, berichten. 

Unter dem Titel in Holzschnitt die Figuren folgender Perso- 
nen: Muerto, Floriseo, Biancaflor, Salauer, Pedruelo (die beiden 
letzten haben nur Einen Holzstock). Ohne Druckort. 1551. 8 unfo- 
liirte zu zweien signirte Blätter. Eine Jornada. Am Ende ein Villan- 
cico; dann: Deo gractas. 

VII. 

Örage&ia p o l ici a n a tU. Soleto 1 547. Siehe die genaue Be- 
schreibung nebst einer Uebersicht des Inhalts dieser Nachahmung 
der Celestina in den Zusätzen der spanischen Uebersetzung von 
Ticknor's Werk (Madrid 1851. 8°., Tomo I, p. 825—528). Dort 
wird aus dem Akrostischon der dem Stücke vorstehenden und mitge- 
teilten vier achtzeiligen Strophen $ los enamorados , von welchen 
die Anfangsbuchstaben der Zeilen 1 — 29 folgende Lesung ergeben: 
EL BACHELLER SEBASTJAN FERNANDEZ, gefolgert, dass darin der 
Verfasser seinen Stand und Namen ver- und enthüllt habe; 
allein dies Gedicht ist nur eine ganz allgemein gehaltene Warnung 
vor den Täuschungen der weltlichen, und eine Ermahnung zur himm- 



Bin spanisches Frohnleiehnamstpiet vom Todtentanz. 123 

tischen Liebe, welches wohl auch Ton einem Freunde des Verfassers 
herrühren konnte; während in dem Exemplar der k. k. Hofbibliothek 
Ton der Ausgabe: £ofeto, en cafa teStrnanto t>tfantaüatf)alina..* 
Ol primero Ma frei me0 U IlTarfo. Uno te 1548, auf der Rück- 
seite des vorlezten Blattes sieh ein Epilog findet, der, was wohl 
zu bemerken, allerdings in der Ausgabe yon 1847 uoch fehlt, und 
der wohl zu der Annahme berechtiget, dass der auch sonst bekannte 
Dichter und Verfasser des Ritterromans Palmeriudelnglaterra, 
Luis Hurtado de Toledo (vgl. Ober ihn und diese Ausgabe der 
Policiana , meine Abhandlung über die Prager Romanzensammlung, 
S. 125) auch der Verfasser dieser „Tragedia" gewesen sei. Um 
diese von mir (a. a. 0.) aufgestellte Behauptung zu rechtfertigen, 
will ich den Epilog nach dem Exemplar der hiesigen Hofbibliothek 
ganz hiehersetzen : 

Luis Hurtado al Lector. 

Lector, desseoso de ciaras aentencias, 
aqai debaxa la madre Claudina 
debazo de gracias sabrosa doctrina, 
para gnardar de mal las conciencias: 
veris los aaisos de mil excelencias 
que a los virtaosos son claro dechado : 
y si su autor se haze callado ! ), 
es por el valgo, tan falto de ciencias. 

Y paes qae sant Pablo, claro doctor, 
nos da por auiso, qae toda escritura 
es saladable, teniendo grau cura, 
qae della s'escojga lo santa (sie) y mejor: 
bien me paresce, qae en casos de amor 
vaya mezclado auiso con ellos, 
por que se halle remedio de aquellos 
que hazen al bombre mortal pecador. 

Solo dire la leigas notando 
lo prouechoso qae en ella es hallado, 
por qae lo malo, sieado mirado, 



*) D. i. wohl nur in so weit „sich verschwiegen hat,' 1 als er sich, wie bemerkt, 
Inder ersten Ausgabemodi gar nicht zu erkennen gegeben und auch in 
dieser sich nicht auf dem Titel genannt hat; denn dieser Epilog, besonders des- 
sen letzte Strophe scheinen doch kaum einen Zweifel übrig zu lassen , dass 
der Schreiber desselben auch der Verfasser des Werkes sei ! — 



124 Ferdinand Wolf. 

auise huyllo y »er de otro vando. 

Y si algnn error hallares uiirando, 

su pla mifalta tu gran discrecion: 

pues yerra la mano, y no ei coracon, 

qne aqueste lo bueno va siempre buscando. 

vin. 

<£$lo$a pafiortl nttettatttente compttefta ett la quäl fe itttroön- 
jen dttco paftore* 9 el ttno e* encantador 9 el vicatio del ltt$ar: el 
qttal e* llamado para qtte Jja$a fe d'tttt cafatmento, 9 el rajona« 
ttttento dello* e* la matjor parte de la* eofa* qtte fe $att fegtttdo ett 
Valencia de f)m)t de la* &enU*, 9 del tornar, 9 de la* fttfta* de 
(00 ntoro* 9 conto tttteftra fetiora, 9 faitt Vtcente ferrer tte* f>an 
gttardado de perecer 9 conto ttn paflor tno a tma* fetiora* noUc* 
qtte efiando rttvat)t>a& por la* tmterte* ett ntt ltt$ar fe t;t>an a vtv 
la* fttente* 9 la* (ytterta* 9 aqttel paflor &ije qtte de*en de tjr a 
6tt*tar letta para ganar la vtia, 9 otro paflor le refponde 9 le dtje 
ett rierta ntanera lo* nomftre* de Matyfabel 9 Maria 9 ata mejela 
depo tamfeten de la* pafftone* qtte lo* paftore* fttelett iener 9 att- 
fta* de la* tjertta* 9 de( ganado, 9 cottto a Ja fm *n paftor fe qtte« 
rta tttortr por antore* de Ximtna de Ijontorto, 9 el encantador le 
fano con fn* vnto* 9 tncantt* e l)t jo qne ella pettaffe de antore* de! 
9 ala fttt tm villancico. 

Ober diesem Titel acht Holzschnitte in zwei Reihen, darstellend 
die namentlich bezeichneten Personen : Juan melenudo, Peranton, Cli- 
mentejo , Gil caluo, Mossen bartholome, Llorente encantador, ein 
Schloss und einen Baum. 

8 unfoliirte zy zweien signirte Blätter. In Versen ; ohne Abthei- 
lungen. Ohne Ort und Jahr. 

IX. 
Sgloga mtet>a ett (a qnal fe ttttrodtt|ett la* perfotta* ftgmettte*. 
tttta paftora, tttt fantero, ttn melcodfjero, vn ffvaqle, 9 do* paftore*. 
Antra la paflora catttando vn ptltanctco« 

Dann fünf Figuren; darunter das Villancico: 
Quien podra estar sin temor 
de las fuercas del amor. 
Dann: 

Comien$a la farsa. * 

6 Blätter» mit Signatur. Ohne Ort und Jahr. In meist neunzeili- 
gen Strophen* 



Ein spanische» Frohnlelclmunsspiel vom Todtentonx. 125 

X. 

Satfa Ilama&a dattfa de la ntnerte ttc. (Siehe den nachstehen- 
den Wiederabdruck derselben.) 

XI.» 

Satfa del mtmdo 9 ntoral del atttor de la real qtte e* £e rtt an 
£opej de tyangtta*: la quäl ra diri$tda a la^ffnftre 9 magnt« 
ftca feitora, la fenora dofia JTttana de (fafttga (Sondeffa de Ü$itt« 
lar. M. D. L. I. (1S51) Ohne Ort. 

Darüber vier Figuren. 16 Blatter, mit Signatur. Ganz in acht- 
zeiligen Strophen. 

Ueber den Verfasser, der wahrscheinlich auch der jener oben 
angeführten im Besitz der k. k. Hofbibliothek befindlichen Egloga ist, 
vgl. Nie. Antonio, Bibl. hisp. nova, Tom. II, p. 379. 

Xll. 

5arfa mtettamente trofrada por Fernando Btaj. Sit la 
qttal fe mfrodtt?en tre* paffore* tlamado*. $nan cafado. änton &o« 
dt$o. Pero grttllor. 9 ttn angel. la q»al farfa de ma0 de fer mttt) 
grariofa IjaMa en leer del na*ctmtettto de ^Keftt tf&rtfto. (Sntra pri« 
mero Jtoatt cafado. 

Darüber ein Holzschnitt, Christus in der Krippe darstellend, mit 
der Jahreszahl: 1584. 

8 Blätter, das letzte ganz leer. In achtzeiligen Strophen. Am 
Schlüsse : 

Stotpreffa eti $ttt£O0 en cafa de Oftian de ^ftittta. 

xm. 

5arfa nttetmmettte compttefta per 3na« de Part*: en la 
quäl fe infroönjen rinco perfotta*. ttn efatdero Kantado (gftario : 
9 tttt <6ermttano : 9 tma Iffofa: 9 nn Diablo 9 doepaftore*. (EI 
9tto Uamado t> kettle : 9 ei otro cremott. W. D. C. 3L (1881) Ohne Ort. 

Darüber ein Holzschnitt. 

12 Blätter zu zweien signirt. In achtzeiligen Strophen. 

Von diesem Stücke führt Ticknor (a. a. 0. 1, S. 444—445) 
eine Ausgabe von 1536, jedoch unter dem Titel „Egloga 11 an, und 
gibt eine Inhaltsanzeige mit Auszügen dieses „ ausserordentlich merk- 
würdigen Dramas." 



)26 Ferdinand Wolf. 

XIV. 

Satfa Hamata Salamantina nnenamettte ectnputfta por 
»attljolomepalatt eftofriante Öe^uroagncna: ett la quäl fe 
intro&njett Ja* perfona0 fi^tiientee. (gfhtttaitte. Soriatto tncfo &e 
efpncla*. ^nand^o tfijcatjtto. Antonio 6060. WTenria trtpera. »el« 
trän paffer. Salamantma fconjella. Serefa mofa. $t fcadjtUer tri= 
pero. Ceanfrro |>«&re de Salamantttta. ty vn JHgttajtf con fit* cria= 
fco*. £* o&ra qtte paffa entre 100 eftufttairtf * en Salamattca. 1 552. 

Darüber Holzschnitte, darstellend : Estudiante, Soriano, Vizcayno, 
Anton» Mencia, Beitran» und in zweiter Reihe : Salamantina , Teresa» 
Bachiller, Leandro, Alguazil. 

18 Blätter» nach Doppelblättern signirt Ohne Druckort. Sechs 
Ton den Holzschnitten sind mit denen yon Nr. II gleich. 

In Versen und zehnteiligen Strophen mit: „Introyto y argumento." 
In fiinf Jornadas. 

Da mich dieser Titel einen nicht nur für die Kunst- sondern 
auch filr die Sittengeschichte interessanten Studenten-Schwank er- 
warten Hess» so erbat ich mir von Herrn Dr. Hofmann eine Ab- 
schrift, Allein meine Erwartung wurde in beiden Rücksichten g&nz* 
lich getäuscht» und das Stück verdient keinen Wiederabdruck. Denn 
für die Kunstgeschichte ist es höchstens als Beweis merkwürdig» 
dass noch» oder — nach Torres Naharro's Vorgang — wieder um 
die Mitte des 16. Jahrhunderts Producte von solcher Rohheit auf der 
spanischen Bühne erscheinen konnten. Diese Posse ist so arm an 
Erfindung» so ganz ohne alles dramatische Geschick» und dabei in 
den Charakteren und selbst in der Sprache so pöbelhaft -gemein» so 
plump-unanständig» dass» wurde sie um jene Zeit wirklich» und» wie 
es scheint, sogar von den Studenten zu Salamanca aufgeführt *)» man 



') Dies ersieht man nicht nur aus dem Titel, sondern auch ans dem: 
„Introito y argumento/' dessen erste zwei Strophen zugleich als 
Probe der Sprache und des Versbaues hier stehen mögen: 

;Ht, no peae a aan Julian, Qoe no son para desir 

porque tanto me tarde ! a mt raerce: „que se assient«.*' 

jY qnantos boboa ettan No noe deben coonoscer, 

eaperando a mt merc«" Juri a mi y a aant Vincente, 

aqoi paamadoa! quereya ver: 

jüio«, y quantos licenciados pues tambien «oy bachiller 

ay aea, y qaantaa magerea! de tibi qnoque coxina, 

4IV0 miraya, loabachillerea, y cuydo me qnerran her 

que tales ic eslan aentades doctorato en merdecina 

sin yergnir? sin dudar. 



Ein spanisches Frohnleiehnamsapiel vom Todtentans. 127 

nur Ober diesen Rückfall staunen kann. Aber auch filr die Sitten- 
geschichte bietet sie» ausser eben dieser Thatsache, sehr wenig Be- 
merkenswerthes. Wie Äusserst dürftig und trivial die Fabel ist, wird 
aus folgender Analyse erhellen. Ein Student und Soriano, ein verab- 
schiedeter herrschaftlicher Reitjunge (raozo de espuelas), treffen 
sich, klagen sich gegenseitig ihre Armuth und Noth, wobei jeder die 
wenig lohnenden Aussichten und um so grösseren Beschwerden seines 
Standes schildert, und verabreden sich, eine wohlhabende Schöne 
aufzusuchen und ihr den Hof eu machen, um dadurch zu Geld zu 
kommen ; sei es auch, indem sie sie bestehlen und dann sitzen lassen 
sollten. Dazu müssen sie aber vor Allem bessere Kleider borgen, 
was der Student durch den Credit seiner Freunde möglich zu machen 
verspricht, und der eine als galanter Cavalier, der -andere als sein 
Diener erscheinen; die eratere Rolle fällt dem Studenten zu, der 
Hozo bleibt durch Uebernahme der anderen in seinem Fache. Noch 
bevor sie dies ausführen, kömmt ihnen ein betrunkener Biscayer in 
den Wurf, für welchen der Student um einen Real einen Brief an 
dessen Angehörige nach Hause schreibt, und der Junge einer Kai- 
daunenverkäuferinn, der Tölpel (bobo) des Stückes, dem sie in das 
Haus seiner Mutter folgen, und als sie dort einen Schinken stehlen 
wollen, yon ihm ausgeprügelt werden. Müssige Scenen als komische 
Würze aber vom gröbsten Schrot. Damit schliesst die erste Jor- 
nada. Die zweite ftihrt uns in das Haus der Heldinn des Stückes, 
Salamantina, der Tochter eines wohlhabenden Landedelmannes, ein ; 
der yon dem auf seinem Landgute abwesenden Vater gesandte Bote, 
ein Hirte, überfallt gleich bei seinem Eintritte ins Haus keineswegs 
mit arkadischen, sondern sehr brutalen Liebkosungen die Zofe Te- 
resa, die sich vor seinen handgreiflichen Zudringlichkeiten nicht an- 



Uebrigens ist dieser Introito ein mit dem Stücke in gar keinem Zusam- 
menhang stehendes Quodlibet, in welchem der Autor (Verfasser oder 
8chauspieldirector, wahrscheinlich beides zugleich ) dem Publicum seine 
Laasi vormacht (er selbst sagt davon: contando's cosas de loco) die mit- 
unter sehr unanständig sind, und höchstens dadurch einen Vorgeschmack 
von dem im Stücke herrschenden Ton geben; von dessen Argument aber 
nichts enthalt und nur kurz dessen am Schluss erw&hnt: 
que es ma farsa muy fina, Es un muy nueuo argumenta 

Uamada Salamantina; de mos amores flngidoa, 

lo demaa, bien lo vereys en cinco autoi rapartidos . . . 

so intento. 



128 Ferdinand Wolf. 

ders mehr zu schützen weiss, als indem sie die Herrinn «u Hülfe ruft; 
noch während diese mit geringem Erfolge sich bemüht, die Liebes- 
brunst des Schäfers zu massigen» erscheinen der Student und der 
Mozo Verabredetermassen als Galan und Gracioso, um der Dama und 
der Moza die herkömmlichen Liebeserklärungen zu machen, die An- 
fangs allerdings mit Befremden, dann mit Misstrauen, endlich aber 
doch unter der Bedingung aufgenommen werden, das« man sieh von 
den ehrlichen Absichten und standesmässigen Qualitäten der im- 
provisirten Liebhaber vergewissern müsse. Natürlich erhält die 
Zofe diese diplomatische Mission, und damit schliesst die zweite 
Jornada. Die dritte eröffnet wieder eine ebenso grobkörnige Scene 
zwischen dem zudringlichen Schäfer und der sich dessen kaum er- 
wehrenden Zofe, die, als sie ihn endlich losgeworden, mit dem Reit- 
jungen Soriano zusammentrifft, und nun beginnt ihn über seinen 
Herrn auszuforschen, den er natürlich für einen vornehmen und 
reichen Edelmann aus dem Gesehleehte der Guzmanes und in To- 
ledo ansässig* ausgibt, dabei aber unablässig seine eigenen Liebes- 
werbungen bei ihr auf nicht viel minder handgreifliche Weise als 
der Schäfer, wenn auch endlich mit mehr Glück betreibt, indem sie 
nicht nur unter sich eins werden , sondern auch verabreden , ihre 
Herrschaften zu verkuppeln. Hierauf folgt wieder eine ganz müssige, 
komiseh sein sollende, aber sehr platt-triviale Scene, in welcher der 
Bachiller Tripero zur Kaidaunen verkäuferinn kommt, ihre Bekannt- 
schaft durch sehr unzweideutige Reminiscenzen an Jugendsünden 
erneut, und ihren Jungen, den Bobo, anwirbt zu der von ihm 
vorzunehmenden Beschwörung der Heuschrecken (ä conjurar la lan- 
gosta) das nöthige Geräthe ihm nachzutragen (nämlich : que me ha 
de llevar — una estola y camisas — y el hisopo y calderilla — y el 
libro de conjurar) ; als sich der Tölpel aber über seine Verrichtun- 
gen bei der Beschwörung praktisch unterrichten will, verdirbt er 
das Geräthe, und will den darüber aufgebrachten Bachiller verlassen, 
wenn er ihm nicht die wohl seine Weisheit verspotten sollende 
Frage: „el rio, jadö va i dormir, — cuando quiere anochescer?" — 
beantworten könne. Mit dessen Versprechen, sie ihm beantworten zu 
wollen , schliesst die dritte Jornada. In der vierten erscheint der 
Vater der Salamantina, empfiehlt ihr sehr eindringlich ein eingezo- 
genes Leben zu führen und ihren guten Ruf zu wahren , was sie na- 
türlich verspricht. Unmittelbar darauf folgt wieder eine komisch sein 



Ein «panisches Frohnleiehnatn*spiel vom Todtentanz. 1 29 

sollende, mit der Handlang in gar keiner Verbindung stehende Scene 
zwischen dem Tölpel» der Blutwürste zu Markte trägt , und dem Al- 
gnacil , der durchaus ihre Sauberkeit in Zweifel ziehen will, eigent- 
lich aber es auf ein Geschenk abgesehen hat; unter Drohungen ent- 
fernt sich endlich der Alguacil, und der Tölpel stösst auf die beiden 
Gauner, die ihr Liebesabenteuer auszubeuten kommen, erkennt sie 
als die Sehinkendiebe, wird aber von ihnen durch ein Trinkgeld be- 
schwichtiget und bewogen, den Platz zu räumen. Unterdess sind die 
Beiden Tön ihren Schönen gesehen, erkannt und eingeladen worden, 
das Nachtmahl bei ihnen einzunehmen. Salamantina vergisst sehr 
schnell Ober den Liebesbetheurungen des Studenten die Lehren ihres 
Vaters, und nachdem er ihr die Ehe versprochen, ist sie bereit, mit 
ihm zu entfliehen. Nun glauben sich die Gauner am Ziel ihrer 
Wünsche, denn, was für sie die Hauptsache, ein Sack Geld, Sala- 
mantina's mütterliches Erbtheil enthaltend, soll auch mitgenommen 
werden, und schon hat sich der Student damit beladen. Da tritt ihnen 
ein unwillkommener Bote Tom Vater, der Hirt, unter der Hausschwelle 
entgegen, erkennt die Mädchen, und Verrath witternd sucht er die 
Flucht zu hindern ; umsonst suchen ihn die Weiber zu beschwichtigen, 
die Männer durch Drohen einzuschüchtern ; und als Soriano mit dem 
gewichtigsten Argument, mit Prügeln, ihn zur Raison bringen will, ruft 
er die Häscher zu Hülfe. Auch gegen den herbeigeeilten Alguacil 
und seine Diener setzten sich die Gauner zur Wehre, und es gelingt 
ihnen, mit dem Geldsack zu entfliehen ; die beiden Schönen aber be- 
nützen die Verwirrung des Streites , sich wieder in ihre Behausung 
zurückzuziehen, und als der Hirte, dessen Behauptung, die Ertappten 
seien seine Herrinn und deren Zofe gewesen, der Alguacil ohnehin 
wenig Glauben beimisst, auf dessen Geheiss Einlass begehrt, stellt 
sich die Zofe wie vom Schlafe aufgeschreckt und betheuert, sie seien 
schon vor ein paar Stunden zu Bette gegangen, so dass der Alguacil, 
ron ihrer Unschuld überzeugt, sieh entfernt; der Hirte aber, endlich 
eingelassen, zu schweigen verspricht , wenn Teresa ihm zu Willen 
sein wolle; mit ihrer ausweichenden Erwiederung: pensare sobre 
ello, schliesst die vierte Jornada. Die fünfte eröffnen die beiden Gau- 
ner, die, ganz zufrieden mit diesem Erfolge, den erbeuteten Sack mit 
Geld theilen und ihr Gewissen beruhigen, indem der Student in Be- 
zug auf das gegebene Eheversprechen ganz casuistiscb also argu- 
menta: 



130 Ferdinand Wolf. 

Faltando el consentimiento 
lo demas es bnrleria; 
aunque es verdad 
que en el foro judicial 
tiene esta regia falencia, 
que me harian casar: 
pero HO quanto ä conciencia. 

Doch sind sie noch ehrlich genug, die geborgten Kleider zurück« 
zustellen, bevor sie sich aus dem Staube machen. In der darauffol- 
genden Scene besprechen sich Salamantina und Teresa, wie sie sich 
benehmen sollten, wenn der zurückgekehrte Vater ihre Schmach er- 
führe; die' Zofe ist nur wegen des entwendeten Geldes beunruhigt, 
als ihr aber Salamantina versichert, es sei ein Erbtheil von ihrer 
Mutter, und ihrem Vater unbekannt, rath sie auf alle Anklagen : negar 
ä pies juntos. Der Hirte, der sie belauscht und Ober dessen Bedin- 
gung des Schweigens die Gedanken der Zofe, wie sich nun zeigt, 
noch nicht ins Reine, oder vielmehr Unreine gekommen, droht, wenn 
sie sich nicht gleich entscheide, alles zu verrathen. In diesem kriti- 
schen Augenblick erscheint der Vater, und der Ober Teresa 's Sprö- 
digkeit erbosste Hirte platzt nun mit seinen Anklagen und mit der 
Erzählung des nächtlichen Abenteuers heraus. Die Mädchen beharren 
bei ihrem Leugnen und beschuldigen dagegen den Hirten, er sei be- 
rauscht um Mitternacht heimgekehrt und habe das Alles geträumt. 
Der Vater beschliesst, um sich zu vergewissern, zu dem Alguacil zu 
gehen, und verlässt unter Drohungen die angsterfüllten , und noch 
überdies wegen des Schicksals ihrer Liebhaber besorgten Mädchen. 
In dem Alguacil finden sie aber unvermuthet einen Retter; denn die- 
ser beharrt bei seiner früheren Ansicht, dass der Hirte sich ge- 
täuscht, die Mädchen verkannt („es seien gewiss: algunas putas 
rameras que se dan £ ciento y veinte, gewesen") und nun seine Herrinn 
und ihre Zofe falsch beschuldigt habe, die wirklich das Haus nicht 
verlassen hätten; dadurch wird nicht nur der Vater vollkommen 
beruhigt, sondern sogar der Hirte zweifelhaft, ob er recht gesehen, 
und sie begeben sich zufrieden nach Hause. Damit ist die eigentliche 
Fabel völlig zu Ende ; aber um das Stack würdig mit einem komischen 
Knall-Effect seiner Art zu schliessen , folgt noch eine Zank- und 
Prügel-Scene zwischen dem Tölpel, seiner Mutter und dem Alguacil, 
und nachdem die ersteren beiden den Mann der Justiz fortgeprügelt 
haben, was wahrscheinlich das sicherste Mittel war, das „Victor" 



Ein spanisches Frohnleichnamsspiel vom Todlentanz. 131 

des Publicums, auf welches die Farce berechnet war, zu erlangen» 
rftth der Tölpel sich zu verstecken, und schliesst mit dem an die 
Zuschauer gerichteten Witze : 

aus audar, 

sefiores, £ reposar 

con la bendicion de Christo : 

y si nos vienen a bascar, 

decid que no nos habeis visto. 

XV. 

Glosa sobre la oBra que hizo don George manrrique a la muerte 
del Haestre de Santiago don Rodrigo manrrique su padre dirigida a 
la muy alta y muy esclarescida y christianissima Princesa dona Leonor 
Reyna de Francia Con otro romance y su glosa. 

Darunter ein Holzschnitt, darstellend den Tod mit der Sense, 
der yor einem sitzenden Ritter steht. Dann : 

Impreso en Leon. 

16 Blfitter, mit Signatur. Von Bl. 1. y° — IL v° das „Pro- 
hemio"; dann die „Obra," je eine Strophe Text und vier Strophen 
Glosse auf einer Seite. Jede Strophe zwölfzeilig. Die Glosse schliesst 
Bl. XIV. v° Dann folgt: > 

Lo que don George dixo en loor de su padre. 

Der Verfasser der Glosse nennt sich :FranciscodeGuzman. 

Dann folgt mit fortlaufender Signatur (von C 1 an), aber be- 
sonderem Titel : 

Romanze fecho quando el Emperador Charlo (sie) quinto entro 
en Francia por la parte de Flandres con gran exercito. M. D. XLV. 
anos. Fue impresso en Leon. 1548. 

6 Blätter , die Rückseite des letzten Blattes ist leer, lieber je 
acht Verse der Romanze sind vier Glossen-Strophen in Decimen; von 
dem Glossator des vorhergehenden Gedichtes. 

Am Schlüsse : 

Haz aqueilo que quisieras 

Auer hecho quando mneras. 
Impresso en Leon por Pedro Compadre y Blas Guidon. 1848 *)• 



*) Die Romanze beginnt : 

En la Gaul» de Aqailon 
que Belgica nombre »via, 
y en la Cesalpina Galia 
que Piamonte ie dexia, 

SiUb. d. phil.-hi»t. Cl. VIII. Bd. II. Hft. 



132 Ferdinand Wolf. 

Mir schien vor allem die unter Nr. X aufgeführte Farsa tob 
Interesse su sein , und ich wandte mich desshalb mit der Bitte um 
Besorgung einer Abschrift an meinen verehrten Freund» Herrn Biblio- 
thekar Schindler. Dieser, selbst ein gründlicher Kenner und 
Freund der spanischen Sprache und Literatur» hatte die ausseror- 
dentliche Gefälligkeit, mir eine eigenhändig gemachte Abschrift 
zuzusenden 1 ). 

Ich habe es daher für das Passendste gehalten , von einer so 
verlässlichen Abschrift eines Denkmals des 16. Jahrhunderts einen 
genauen Wiederabdruck zu geben, mich darauf beschränkend, die 
offenbaren sinnstörenden Druckfehler im Texte zu verbessern und 
die urkundliche Leseart in den Anmerkungen dazu anzuführen ; eben 
dahin die minder zweifellosen Verbesserungsvorschläge zu verwei- 
sen, und nur durch Hinzufügung der Interpunction, der nothigsten 
Accente und einiger Didascalien (die von mir herrührenden sind 
cursiv gedruckt) sowie durch Erklärung einiger minder bekannten 
veralteten Formen das Verständniss zu erleichtern; hingegen habe 
ich mich enthalten, an dem häufig unregelmässigen und mangelhaften 
Versmass eine Verbesserung zu versuchen, selbst wo eine solche nahe 
lag, da eben diese Unregelmässigkeiten mit zu den charakteristischen 
Merkmalen ähnlicher volksmässiger Dichtungen gehören. 

Um mich aber zu rechtfertigen» dass ich mich nicht in meiner 
Vermuthung getäuscht zu haben glaube» das nachstehende Stück 
werde von besonderem Interesse für die Geschichte des spanischen 
Dramas und der Literaturgeschichte Oberhaupt, und desshalb, ab- 
gesehen von seiner Seltenheit als bibliographische Curiosität, schon 



Und schliesat: 



la Mnfre de loa ehristianoa 
por loa eampoa ae Tertia, 
qne entre loa GaJoa y Hiapanoa 
nroy cruda gaerra havia. 



Po« «ine* terneU loa enejoa 
contra la aeeta maldita : 
ai no daia presto el remedio 
qne en aqaeeto eonuenia, 
la aeeta mahometana 
noeatra fe Hera rencida. 
i Verguenea, verguenea, Reyea 
efcriatianoa qne aoya oy dia! 

*) Ueberdies war Hr. Dr. Hof mann so gütig, die zweifelhaften Stellen 
nochmaj* zu vergleichen, 



Ein spanisches Frohnleichnamsspiel vom Todtentanz. 1 33 

des Wiederabdrucke»rin den Schriften der Akademie werth sein, er- 
laube ich mir nur auf Folgendes aufmerksam zu machen. 

Es scheint mir nämlich in allgemein literar-historischer Hinsicht 
merkwürdig» als die» meines Wissens» einzige eigentlich dramatische» 
d.i. ftr dramatische Darstellungbestimmte Bearbeitung des mit- 
telalterlichen Mythus Tom Todtentanze 1 ). Wohl ist jenes bekannte» den- 
selben Gegenstand überhaupt zuerst poetisch behandelnde und einen 
Ähnlichen Titel führende Gedicht: „Danza general de los muertos" 
(nun vollständig von Ticknor herausgegeben) 8 ) aus der Mitte des 
14. Jahrhunderts auch schon dramenartig und wird meist unter den 
Anfangen des Dramas in Spanien aufgeführt; aber es ist doch nur 
noch ein ganz roher Anfang» ein höchstens zur Begleitung mimischer 
Tänze bestimmter Gesang (un triste Cantar» wie es sich selbst nennt) 
in dialogischer Form» in ganz loser Scenenreihe ohne eine eigentliche 
abgeschlossene Handlung. 

Das vorliegende Stock hingegen ist aber ein vollständig ausge- 
bildetes Auto sacramental mit allen charakteristischen Merk- 
malen dieser Art von Autos» und daher auch noch insbesondere für 
die Geschichte des spanischen Dramas von bedeutendem Interesse. 

Denn wir haben darin nun einen urkundlichen Beleg» dass» wie 
Herr v. Sc hack (I» S. 239 ff.) aus Mangel daran nur vermuthen 
konnte» schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts (1SS1) die Froh n- 
leichnamsspiele als eine besondere Art von Autos aus den 
kirchliehen Spielen sich entwickelt und nach dem Vorgänge der 
Moralitäten gebildet hatten» mit einer symbolischen Handlung» mit 



') Ueber die poetischen und bildlichen Darstellungen dieses Mythus ist 
so eben ein die Resultate der zahlreichen vorausgehenden Untersuchungen 
zusammenfassendes und durch neue eigene erweiterndes Werk erschienen: 
Essai blstorique, phüosophique et pittoresque sur les danses des morts, 
par M. E. H. Langlois (du Pont-de-1' Arche) j aecompagoe de 5% plan- 
ches et de nombreuses Vignette«, suivi d'une lettre de M. C. Leber et 
dune note de M. Depping sur le meme sujet, ouvrage compttte ei 
pubUe par M. Andre Pottier, et M. Alfred Baudry. Rouen 1851, 2 
Voll. In 8. (une premiere rädaction de ce travail parut en 1832 dans les 
Bulletins de la societe d'emulatton de Rouen. — Vgl. Journal des sa- 
vants, Janvier 1852, p. 58). 

2 ) Dieser alte castilische Todtentanz wurde von Pere Miquel Carbonell 
ins Catalanische metrisch übertragen; — vgl. die span. Uebers. von Tick- 
nor's Werk, Tomo I, p. 536, 537. 

9 * 



134 Ferdinand Wolf. 

allegorischen Personen und einer fast epigrammatischen Schluss- 
anwendung auf das Fest des Corpus Christi; alle diese die Autos 
sacramentales in ihrer ausgebildetsten Form durch C a 1 d e r o n charak- 
terisirende Merkmale finden sich auch schon in unserer „Farsa." 
Schon der Titel kündet die festliche Bestimmung ausdrücklich an 
(Va dirigida i loor del santissimo Sacramento) ; das Stück ist schon 
mit einem Prologo oder einer Loa versehen; und die symbolische 
Handlung, nämlich: die Erlösung von dem Tode durch die Unterwer- 
fung der Leidenschaft (Ira) und des beschränkten menschlichen Ver- 
standes (Entendimiento) unter die Leitung der durch göttliche 
Offenbarung erleuchteten Vernunft (Razon), und die Theihaftwer- 
dung an der Erlösung durch den Genuss des Leibes Christi selbst 
für den Einfältigen und Niedrigen, aber Demüthigen und Gläubigen 
(Pastor), ist auch hier schon durch die Einführung yon allegori- 
schen Personen und die Anknüpfung an das Frohnleichnams- 
fest dargestellt und gelöst. 

Endlich ist dies Stück noch dadurch merkwürdig, dass es zugleich 
den Beweis liefert, dass diese Festspiele schon damals, wie Sc hack 
(a. a. 0. S. 242) ebenfalls nur noch yermuthen konnte, aus dem 
Bereich der Kirche und ihrer Abhängigkeit von der Liturgie getre- 
ten waren; denn es ist von einem Weltlichen, einem Tuchs eher er 
(tundidor) und Bürger (vezino) von Segovia yerfasst, der im Prtf- 
logo in der Person des Hirten (Pastor), den er wahrscheinlich selbst 
auch dargestellt hat, sich ausdrücklich rühmt, „obgleich ein Hirte, 
doch mehr zu wissen, als ein guter Kirchendiener (que, aunque 
pastor, mäs s6 que un buen sacristan), und zur Verfassung und Dar- 
stellung des Stückes „von dem Weisesten und Klügsten des ganzen 
Gern eind erat hes der Stadt erkoren worden zu sein (A loqual .... 
he venido cierta mente por el mas sabio y prudente de todo nuestro 
concejo)." Es war also wahrscheinlich ein yon der in Segovia sehr 
zahlreichen und angesehenen Zunft der Tuchscherer im Auftrage des 
Gemeinderathes dargestelltes, und jedenfalls von einem aus ihrem 
Mittel verfasstes Festspiel zum Frohnleichnamstage ; und zwar gewiss 
ausser der Kirche dargestellt, wie schon aus der Anrede an das 
Auditorium im Prologe hervorgeht, worin es wiederholt „gebeten 1 ' 
(ruego y no mando) wird „schweigend" (callando) bis ans Ende 
(de lo inte rpuesto, d.i. wohl des der Frohnleichnams-Procession 
eingefügten Zwischenspiels) auszuharren; und aus dem 



Ein spanisches Frohnlelcbnainsspiel vom Todtentanz. 135 

Schlüsse des Stückes, wo das Auditorium „um Verzeihung wegen der 
Belästigung des langen Aufenthaltes gebeten wird (perdon deroan- 
dando al noble auditorio de la pesadumbre de nuestra engorrencia)." 



Satfa tiamaia dattfa de U mtterte, tn qne fe de» 
data conto a todo* lo0 mottalt* , de0de el paya fyafta el qtte tto 
iiette capa, \a mtterte l)aje tn efle mtfero fttelo fer t^ßtiale^, 9 a ttadte 
persona. (lottttctte ma0 como qttalqttter frtttcttte fjmttatto dette amar 
la rajon, temettdo enttdttttteitfo della: conftderando el prottedjo qtte 
de ftt compania fe conftgtte. IIa dtrtgtda a loor Öet fantiffimo Sacra» 
mettto. ^6ed)a por3ttattdeßedra;a, fattdtdör, t>e;mo de Se» 
$ot>ta. Sott ittterloattore* de la prefente ofrra la» perfotta* de ftifo 
COtttettida*. M.D.L.I. (8 Bl., die Rückseite des letzten Blattes leer. 
Nicht foliirt, aber zu zweien signirt; mit goth. Buchst; ohne Ort). 

Nämlich ober dem Titel ein Holzschnitt mit vier Figuren , mit 
der Unterschrift der : 

P erso Aas. 



Jlfaerte. 

Hetj. 

Dama. 

Paftor. 

Ca JTajon. 

Ca >a. 

(H Stttettdimtettfo. 

Villancico. 

Mi melena pendar6, *) 
podra ser qoe la agradarä. 
Pendare mi melena, 
de piojos bien llena, 
para agradar a Elena. 
Quando al poblado yre, 
mi melena pendar6, 
podra ser que le agradare. 



*) D. i. peinarf. 



136 Ferdinand Wolf. 

(Dt'ce el Pastor al prölogo 6 la Loa.) 

1 que enora buena venga 
mi merce, y en tal esten, 
soncas, alos que aqui ven 
ä Pascaal el de re venga *) ! 
Sefiores, Dios vos mantenga, 
y ob de hucrte gasajado. 
Sabed, soy aqui aballado, 
para ob ser breve vna arenga. 

A lo quäl, sin ser perplexo, 
he venido cierta mente 
por el mas sabio y pradente 
de todo nuestro concejo. 
No barles del zagalejo, 
que aun debaxo del sayal, 
yo cuydo, soncas, que ay dl 
de lo que en qualquiera viejo. 

Pues ja otras! jjuri a san 8 )! 
por el nuestro *) sabio honrrado 
de todo nuestro poblado 
aqui embiado me han. 
Ved, los otros j quien seran, 
quando yo soy el mejor ! 
No penses: que, aunque pastor, 
inas se* que un buen sacristan. 

Vengo { pardios t aguijando, 
a daros cuenta, seSores, 
de los interlocutores 
que aqui estays esperando. 
Por eso estad muy callando, 
honrrada gente y de chapa, 
pues veres luego entrar un Papa, 
en vana gloria jatando *). 



1 ) Wahrscheinlich verdorben, and entweder zu lesen: y en tal esten, soncas 
(Traun), ellos que aqui ven a Pascual, i\ de revenga; oder wahrscheinlicher: 
ellos, que aqui den a Pascual el de : revenga. 

2 ) juri a san; so wie: a otras, Betbeurunggfonneln. 
*) Wahrscheinlich verdruckt für : mas. 

. *) D. i. jactando. 



Ein spanisches Frohnleichnamsspiel vom Todtentanz. 137 

Y luego, muy presUmente * 
veres la Mue rte cruel, 

que viene, soncas, por 61, 
de que no sera paciente. 
Muerto el Papa, lo siguiente 
es, qu'en muy poca destancia 
unRey esta con jatancia 
de esforcado y muy valiente. 

El quäl ansi de tal suerte 
tratando sus valentias , 
para dar fin ä sus dias, 
ver£s tornar a entrar la Muerte; 
y dexandolo, aunque fuerte, 
quäl al Papa, ö como se llama, 
entrara luego vna D am a 
qu'en *) mil vicios se pervierte. 

Y al mejor sabor que esti, 
notando su gentileza, 

la Muerte muy sin pereza 

con ella jpardios! sera; 

y muy poco tardard, 

;y os 8 ), por vida de mi aguelo! 

de dar con ella en el suelo, 

do muerta la dexard. 

Luego entrara im Pastor, 
con su curron platieando, 
para dar 2 por san Herrando t 
a la obra gran sabor: 
con quien tendra sin rigor 
la Muerte, segun qme siento, 
sabroso razonamiento, 
apazible al auditor. 

Y luego, sin tardar nada, 
entrara la R a z n a tiento, 
delray Enteniimiento, 
quäl veres, acompaSada, 
por quien el ato y majada 
dexa el Pastor, y bazen via: 
salido en su eompafiia, 
queda la obra acabada. 



*) Im Text: que, wo offenbar das n (quen) ausgefallen ist. 
») Wohl für : bevos, he aqui. 



138 Ferdinand Wolf. 

Y porqne estan esperando, 
que salga yo para entrar. 
no qaiero mas delatar, 
sino que os ruego, y no mando, 
a todos, que estäs callando 
ata *) el fin de lo interpnesto. 
Ceso, seSores, con esto, 
aas pies y raanos besando. 



(Comiema la Far$a.) 

Papa. 

i quan sublimada que fue mi Ventura! 
jY quan ä aabor tambien fortunado! 
Venido de nada en tal alto estado, 
vicario en la tierra de Aquel del altura, 
de quien «obre toda qualquier criatura 
poder me fue dado aca sin dubdar, 
para absolver, ligar, desatar, 
segan que ä sant Pedro verdad digo para. 

Principes grandes, aunque emperadores, 
re> es, perlados, seSores potentes, 
y todos estado« me son obedientes, 
por ser desigual al mio y menores: 
todos aqnestos me son Bervidores, 
por ser mas divino mi officio que humano, 
y todos procuran besarme la mano, 
por mas que presuman de grandes seSores. 

I Con qaanta hamildad me sirven y acatan 
todos estados aca en este suelo ! 
Pues para salud del alma y consaelo 
remedios esperan de mi en lo que tratan : 
y si de lo tal verdad me relatan, 
paesto qae a Dios se da la noticia, 
de mi son absueltos de toda immundicia, 
qae aca en Sa lugar me tienen y acatan. 

(Sau la) ITTtierfe. 

1 quan sin acuerdo de mi y sin temor 
yazes en vicios terrenos jatando l 
La gloria passible de aca procurando, 
sobervia mostrando por ser gran seftor, 



1 ) Wohl xu lesen : haata. 



Ein «panisches Frohnlelchnamsspiel vom Todtentanz. 139 

en quien la humildad, segun que a pastor , 
avia de «er grande exemplo al ganado : 
y pues fue al reves, yraa muy priado 
comigo ado quenta daras de tu error. 

Papa. 

I muerte ! no vengas con ianto faror, 
aplaca tu yra, ten mas sufrimien(o, 
mira qu'es grande mi merescimiento, 
de may alta estima mi estado y valor ; 
no muestres comigo tan grande rigor, 
que tengo en la tierra muy gran senorio. 

Wlutrtt. 

Muy poco te escusa tan gran desuario 
el golpe mortal de mi pasadqr. 

Sin mas resistencia sabras sin mentir, 
annqae tu estado a todos oy «obre, 
muy breve seräs ygual con el pobre 
en solo este passo que llaman morir. 

Papa. 

Dexame vn poco, ri quieres mi *) uiuir, 
Muerte, no vengas tan arrebatada, 
para que enmiende la vida passada. 

Jlfuert*. 

No puede ser, digo, comigo aveys de yr. 

(Entränge.) 



Ihn. 

Yo qu*en la tierra por Rey elegido 
foy justamente por ser de los Godos, 
mi nombre en la fama delante de todos 
y s ) puesto, y mando jamas ser vencido. 
; quantos valientes a mi se han rendido ! 
Villa 6 ciudad •) cerco pusiesse, 
jamas se escapö, que no se me diesse. 
Varon tan notable jamas fue nascido. 



*) So, statt des offenbar verdruckten: b i u i u i r. 

') Wohl für: &hl. 

*) Sinn und Versmass fordern hier die Einschaltung von; a que* 



140 Ferdinand Wolf. 

No siento provincia ninguna ni parte, 
paes es cosa cierta, yo no me adelanto, 

1 do pnesto no aya grandissimo espanto 
mi muy vitorioso y real estandarte? 

(Vuelve la) TUtUtttt. 

2 quin a sabor tu Alteza, de parte 
de mi teniendo.acnerdo ninguno! 
Que vengo, sabras, segun que repnno, 
de priessa, quäl res, sin dada a llamarte. 

Ifetf. 

^No miras, que son de grande memoria 
mis faercas valientes, y mafias sotiles? 

BTtierte. 

Aqui do me ves, te bare" qnerciles *) 
traydo 4 mis pies tu grau vanagloria. 

Met). 

iNo miras, que siempre sali con vitoria 
de muchas batallas, refriegas, combates? 

VtutrU. 

Ningun caso hago de quanto debates, 
paes breve tu cuerpo sera como escoria. 

Kttf. 

No quiero contigo tener mas contienda, 
por ser de razones en nada apazible. — 
Despide a tu *) furia que bien es terrible, 
y no me pertnrbes el tiempo de emienda. 

Iffttertf. 

Sin dada sabras qne mas no te atienda, 
paes tiempo bas tenido sobrado, y lugar. 
jSus vamos! qu'es tarde, do caenta bas de dar 
estrecha sin dada quäl fue tu bivienda. 

(Vanse.) 



i ) ist so Terstümmelt, und auch der Vers so mangelhaft, dass kaum eine Coiyjec- 

tur zu wagen ist; vielleicht: que reiles (rehiles)? 
2 ) So ganz klar, statt des verdruckten: sn* 



Ein spanisches Frohnleichnamsspiel vom Todtentanz. 141 

Stoma. 

De gracias dotada &quien tal como yo? 
En toda hermosura ^quien tanto perfeta? 
Dispuesta, galana, no menos discreta, 
l en quien la natura assi se revio\ 
qne fama de hermosa tan alto bo\6, 
segun qne contemplo, por mäi qne bolasse, 
que a ser de la mia ygual alcancasse? 
im quien tan serrida de grandes se vid? 

1 quantos oy penan que son amadores, 
heridos de mano del alto Capido, 
con an desigual dolor muy crescido 
a mi muy augetos por causa de amores! 

(Vuetoe la) OTttfrte. 

\ En quanta jatancia de vanos dulcores 
yazes, hermosa, de mi trascordada! 
Que vengo por priessa por ti, que casada 
estas con el mundo, compuesta de herrores. 

TDama. 

lO vaiame Dios! iy que sobrevienta 
que siento al presente, y quän gran turbacion! 
Pues veo delante tan triste vision, 
en nada apazible, segun que lamenta. 
Dolor excesivo me a dado, que sienta, 
para la vida privar muy bastante. — 
Suplicote, Muerte, que passes adelante, 
no eures hazer de mi tanta cuenta. 

Usa de ser muy bien comedida 
comigo, que peno en ver tu crueza: 
mira* que en dama de tanta belleza 
razon no consiente que falte la vida. 

»ftierte. 

Por mas que seays galana y poüda, 
comigo, do cuenta dareys sin herrar, 
yreys brevemente sin mas dilatar. 
i Sus vamos ! pues veys que estoy de partida. 

(Vante.) 



142 Ferdinand Wolf. 

Paftor. 

Sin duda ninguna de entrar hora en cuenta 
con vos, mi curron, yo traygo acordado, 
pues es cosa cierta, segun que he notado, 
que Dios la salud nos da, y acrecienta ; 
no menos la vida tambien nos augmenta 
comer con gran gana mny huerte de todo: 
que de otra manera la muerte de lodo 
nos pone, y debaxo de tal aposenta *). 

Quicas que aunqae el horabre este trascordado, 
y harto de andar por valles y cnestas, 
y trayga las mientes en vos mucho puestas, 
dirts vos a 2 ) bombre qne coma an bocado. 
Yo acnerdo sentarme, pues vengo cansado, 
y no dilatar con vos mas razones. 
I Süs ea, sali por los cabecones ! 
Veamos lo que es en vos encerrado. 
(Saca una bota) 

Vos estares queda aqui do os assiento. 
Mira , que guardes muy bien el despojo. 

1 Sali vos aca ! que tengo cordojo 

en ver t no hazeys cuenta de mi buen aliento. 

2 que cabeca de ajos! ique a tientof 

No traygo otra cosa ipor san! mas preciada: * 

con esta yo cuydo de no hos dexar nada 
dentro en el cuajo, si no me arrepiento. 

; que sabor ! 2 mal ayan mis males I 
I Y cömo se cuela tarn bien con el ajo I 
Ygual es aquesto que el otro 8 ) brevajo, 
que me mand6 dar el licenciado Morales 
de aquesta manera, por yr a pascuales. 
Qui9as podra ser que vamos agejas *). 
1 cömo me arden aquestas orejas ! 
i Benditas las vioas que dan vinos tales ! 

De aquesta manera me entiendo curar, 
y dense mis amos priessa a gruSir: 
pues he, no se quando , ; pardios ! de morir, 
y si hombre algo tiene, aca ha de quedar. 

1 ) So fordert der Reim, stall des verdruckten: aposento. 

8 ) Im Text offenbar verdruckt : ha. 

») Im Text: ellotro. 

*) Wohl statt: a quejas, oder wahrscheinlicher ä aquejas, d. i. aquejamientos, 
dass wir Eile haben, getrieben werden; nach der Analogie von: andar a las 
bonicas, und dem spater auch hier vorkommenden: andar a porrada«? 



Bin spanisches Frohnleichnamsspiel vom Todtentanz. 143 

1 Pardiobre ! si puedo, que no ha de ganar 
fiesego *) nada, ni cregos 8 ) comigo. 

Si desta manera de agora nie sigo, 
bien paeden an perro jpardios! espulgar. 
Pues dexo el ganado paciendo segoro, 
acaerdo a esta sombra hecharme a dormir: 
que en esto poquillo que aca he de biuir, 
gozar mis madexaa de oy mas 2 yo lo juro ! 
(Echase & dormir.) 

(Vuelve la) TttUCViC. 

Bien piensa el villano, que tiene algun muro 
que sea baetante a mi resistencia. 
Y jcömo pone en dormir gran emencia 1 ) 
el bruto salvaje, villano maduro ! — 

2 Recuerda, y levanta del sueno, pastor ! 
Cata, que el mundo te tiene vencido. 
Levanta del bueno, y torna con eentido, 
qu' estas muy tendido, darmiendo a sabor. — 

2 Maldita la cosa ! j le aquexa, temor ! 

jNi acaerdo ningano qae tenga de mi ! — *) 
2 Levanta, zagal! qae vengo por ti, 
que ansi me es mandado de alto sefior. 

Paftor. 

I Quien es el qae Uaina, que tanto temor 
me ha paesto con voz tan triste, espantosa ? 



') Wohl für fisco. 

*) D. i. clerigos. 

•) D. i. hemencia, vehemencia. 

*) Diese Stelle ist etwas dunkel, und die gegebene Interpunction nur ein Versuch, 
einen Sinn herauszubringen, nämlich der Tod spricht diesen und den vorher- 
gehenden Vers für sich, nachdem er vergeblich versucht, den Schl&fer zu 
wecken, der, wohl gemerkt, mit Todesgedanken eingeschlafen war; darum 
sagt nun der Tod : „Verwünscht ! Ängste ihn, Furcht ! Noch möge er irgend 
eine Erinnerung an mich haben!" — (um ihn unvorbereitet zu überraschen). — 
Jedenfalls ist es ein sehr beachtenswerther Zug, dass der Tod über die in 
weltlicher Eitelkeit Versunkenen und seiner gänzlich Vergessenden, seien sie 
auch so hoch gestellt wie der Papst, der König, augenblicklich Gewalt erhält; 
hingegen dem einfachen Schäfer, der aber der Vergänglichkeit alles Irdischen 
and der Nahe des Todes selbst im Genüsse des Augenblickes eingedenk bleibt, 
nicht überraschen und bewältigen kann. 



144 Ferdinand Wolf. 

JXlWttt. 

Hermano, la Muerte, que nnnca reposa, 
haziendo al mas grande ygual al menor. 
Yo hago qu'el Papa, el Rey, el senor 
vengan a ser yguales a ti. 

PafJor. 

jEn algo *) entiendes ! echaos, y dormi 
debaxo essa pefia, y seriös mejor. 

Vtutttt. 

No son essas cosas, hermano, a mi dadas , 
que nnnca las huve jamas menester, 
ni haze a mi •) caso dormir ni comer, 
sino andar con los bivos contino a porradas. 

Paffer. 

Pnes i cömo r y teniendo tan rnynes qoixadas 
sali» de contino, dezi, vitoriosa? 

Äfnerte. 

Si, porqae biva en el mundo no ay cosa 
ni cosas que a mi no sean sojnzgadas. 

Por tanto no pienses, pastor, escapas 
de mi general y fnerte combate ; 
mas tien por muy cierto , que te he de dar mate, 
y en esta mi forma y manera tornar. 

Paffer. 

(Par diobre! que tengo con vos de luchar. 
Saco, no valgan j mira I cancadillas, 
que quiero muy sanas tener las costill&s, 
y gana no tengo jpar Dios ! de finar. 

Mftterte. 

1 cömo es grande, pastor, tu inoceneia, 
en qnererte comigo poner a luchar! 
Tu piensas, si dado me fuesse lagar 
de aquella divina y real providencia, 
que fuercas, sentidos con grave dolencia 
perder no te haria con gran turbacion. 



1 ) Wohl für : en al, cü otra cosa; beschäftige dich mit etwas Anderem. 
*) Im Text unrichtig : u n. 



Ein spanisches Frohnletehnamsspiel vom Todtentanz. 145 

Paffor. 

Luego tu esperaa, como haze el sayon, 
a que pronuncie el jaez la aentencia. 

Hftterfe. 

Tu dizes en esto t paator, la verdad ; 
maa ya que alcancaate lo tal a entender, 
razon es qoe aientaa, qoe tienes el «er 
subjeto a mi fuerca do no haa libertad: 
y pues tienes vida sin aeguridad, 
della haa de ser, eontempla, privado 
muy presto, pues tiempo no hay limitado. 
Baris con aquestos, pastor, ygualdad. 

PafJor. 

Con ease oso 1 ) que j por san! que no qoiero. 
iPenaaa en aliviarme con vuestraa conaejaa? 
I Pardiobre ! no dexe guardar mis ovejaa 
por otro renazgo *), papazgo ni *) papero. 

Wtterte. 

Escuchame aca si quieres, majadero, 
que digo que tienes con estos venir 
en au ygualdad en quanto al morir. 

PafJor. 

Y mi esposa despuea i qu6 hara, si yo muero ? 

Tttuevtt. 

I Aquesto te pena? Quica yra primero 
comigo tu esposa querida Costanca. 

Pafar. 

No tengo della yo tal confianca 

qne dexe por otro mi gala y 4 ) papero. 

Sabes tqual parö i Juan meseguero, 

porque Uegö a hazelle cosquillas ? 

I Por san ! con la rueca le diö en las costillas, 

y un huerte rascu&o en aquel traaero. 



*) D. L hueso, 

a ) D. i. reinasg o. 

*) Das im Text stehende : ▼ n scheint keinen Sinn zu geben ? 

*) Das im Text fehlende y scheint der 8inn au fordern. 



146 Ferdinand Wolf. 

Mhttrtt. 

i como hnelgas hablar necedades, 
echando por alto, pafitor, mis razones ! 
No qniero contigo travar mas quistiones, 
pues viene quien burle de tus liviandades: 
escucha l ) aus dichos que son las verdades, 
mediante los qnales, si estas muy atento, 
muy presto vendras en conoscimiento 
de quanto me deven temor los mortale*. 

(8aU la) MfifOn. 

Dios te d6 vida y gracia, pastor, 
tal que me ames de muy buena mente. 
Mucho me huelgo de verte presente, 
exemplo tan sano a qualquier peccador: 
contempla qu'el Papa, el Rey, el sefior, 
no menos los otros estados menores 
hasta los miseros pobres pastores, 
que aquella 2 ) los lleva sin mas defensor. 

Por tanto no fies, hermano, del mundo, 
ni menos de nada por quanto el ofresce 
aca en esta vida do todo peresce, 
salvo el servicio del verbo jocundo : 
si en este servicio te ocapas, profundo, 
por Dios deapreciaivdo las cosas terrenas, 
yo te asseguro que escapes de penas, 
qu enpues a los malos se dan s ) en el profundo. 

Ten esperanza contino, y temor 
de aquella que a todos los bivos aquexa, 
pues cosa en el suelo, aunque fuerte, no dexa, 
no menos lo flaco, con grande furor 
tirando muy cierto con su passador, 
segtin avras visto en tiempo passado. 

Paffer. 

Tambien me hiriö ; mas vesme escapado. 



*) Im Text wohl irrig : e s c u c h o. 

8 ) D. i. la muerte. 

s ) Der Text hat : da, und auch das Versmaas fordert hier eine Elision ; da 
aber häufig unregelmaasige Verse vorkommen , so scheint dan vorzuziehen, 
wie ea die grammatische Construction und der Sinn fordern. 



Bin spanisches Frohnleichnajiisspiel vom Todtentanz. 14? 

Murrte. 

Por tanto da graciaa, hermano, al Sefior. 

Y mira qae aientae, le plugo y qu'61 *) qaieo 
dezarte, qae endendes U vida pasaada: 
por ende las cosaa del mundo en no nada 
tendraa, procnrando aca* el parayao. 

Paffor. 

De aqni yo'a prometo bivir aobre aviso, 
y nnnca papar de oy mae peccadoe. 

(VobUmdot ä U Bmman.) 

Dezidme, eeffora, icomeree doa boeadoa 
de pan de centeno y an ajo bien liao? 



ÄOJOtl. 

a me do c 
ni, y a ti. 

Paffor. 



Ante, yo meema me do en eolaeion 
i qoantoe me qoieren, y i ti. 



Qae a voa daya , 
paea icdmo aveys nombre, dezidme, i dö vaya? 
qae isoncaa, me^apanta tan gran novacion! 

Majott. 

TA devea aaber qae aoy la Razon, 
a qnien loa hamanoa biviendo aborreacen 
en caeoe fortonoa qae aca lea conteacen. 
(Sälen la Ira y el Entendimiento) 

Por mi qae procaro dar tal ocaaion. 

La quäl interpongo de dar con preateza 
do qaiera qae quadra aca entre mortale« 

(SeSala a la Razon) 
Pore*), eata faltando, sacedan mil malea 
a donde mi intento, eabrae, ae endereca. 



1 ) Im Text das unverständliche :queu, was, sollte auch nach galioischer Mond- 
art qae ea für qae yo stehen, nicht mit qulso zusammenstimmen würde, und 
ebenso wenig kannte man lesen : qae ea, qulso (nämlich el Seffor), denn dann 
mflsste et beissen: te deje. 

s ) 8o: por e, wohl für: poren oder por qae; ersteres würde aber ohne Eli- 
sion den Vers am eine Sylbe sa lang machen and den Rhythmus serstdren. 

Sitab» d. phlL-hist. Cl. VIII. Bd. II. Hfl 10 



148 Ferdinand Wolf. 

(SntoiMmtettto. 

(Senalando a la Ira) 
Eata de mi — que en toda cabeca 
Boy ciertamente, sabras, habitante — 
es la que haze salir, y aun adelante 
de ei la Razon, 6 *) con gran forialeza. 
Esta corrompe qaalquier voluntad, 
que varias se paeden la« tales dezir: 
pues parte contraria las haze seguir, 
y junto con ellas a mi en ceguedad. 

Hajo«. 

En todo la dicho no falta verdad. 

(Vohiendote al Pattor) 
lHaslo, por dicha, sentido y notado? 

Paffer. 

j Par Diego, que no ! que va revesado. 

Jfft?Ott. 

Nota pues, dello te 2 ) doy claridad. 

Tu deves, hermano, sin duda saber, 
que aquesta es la Ira, muy grave peccado. 
la quäl me destierra de todo poblado, 
echandome fuera segun su podffr. 

(Senate al Entendimiento) 
De aqueste que agora su nombre a entender 
procuro de darte, por hazer contento, 
el quäl introduze por entendimiento, 
que por ser muy flaco se dexa vencer. 

Paftor. 

2 A otras, senora! segun que magino *), 
a parte dexando que soys muy hermosa, 
pues vos a los hombres soys tan provechosa. 
que os traten tan mal, es gran desatino. 
Mas, por que" no salga jamas de Camino 
aca mientra biva en qualque provecho *), 
con vos, que guiays Camino derecho, 
tener compania de oy mas*) determino. 
(Seßala el Bntendimiento) 



*) So wohl das im Text stehende: rasono zu verbessern. 

•) Im Text wohl verdruckt: le; man mosste denn den ganzen Satz: dello le 

doy claridad, ats ein aparte nehmen ? 
•) D. i. imagino. 

*) Im Text offenbar verdruckt: perroch o, was sinn- und reimlos ist. 
*) Im Text verdruckt: maa. 



Bin spanisches Frohnleichnamsspiel vom Tedtentanz. 149 

Y vos, sobre aviso de oy mas estareys. 
2 Guar da! qae la Ira viniendo, mirad, 

la puerta no os gane de la voluntad, 
por donde se alcanca y consigue interes 
de parte de aquesta maldita, lo 1 ) quäl es, 
segun que percalo, la justa razon: 
y aquesta biviendo, mira bobarron, 
conviene qae siempre muy huerte guardeys. 

Y desta manera teniendo cuydado, 
anai resistiendo muy huerte a la Ira. 

I por san ! qae la hagaya maa rezia, qae vira 
bolver donde vino, i otraa, priado. 

(Volviendose ä la Ra*on) 
Y paes qae por suyo, senora, me he dado 
yre do me qniera ipardiobre! Uevar. 

Jtajoti. 

May cerca de aqui a ver y adorar 

a Dioa sempiterno, en pan transformado. 

En cuyo servicio con loor muy crescido 
oy haze la yglesia may grande memoria. 
^Y cömo? jtal fiesta a ti no es notoria! 

Pafior. 

No, pese hora a san, que he *) estado dormido. 

Jtajott. 

Si quieres saber, despierta el sentido, 
y escdchame aca, pues tanto dormiste : 
tä deves saber que oy corpus Christe, 
fiesta may digna de gozo complido. 

Pafior. 

\ O qaan bien andante, dichoso zagal 
me puedo oy llamar sin duda, pardios •) ! 
en solo topar, seffora, con vos 
por estos deaiertos en este herial: 
de ado muy placiente concluye Pascual, 
Uevando hos delante, senora, por guia. 
Partamos loa dos de aqui en compaßia 
a do ver podamos al Rey celeatial. 



i ) So wohl statt de« im Text stehenden beziehungslosen el. 

*) Die im Text fehlenden 4 und he sind supplirt worden, wie sie Sinn 

und Conatruction fordern und da sie ohnehin nur durch die Synalftphen 

ausgefallen sind. 
*) Statt des im Text stehenden sinnlosen : Parnos. 

10 * 



150 F e r d. W o 1 f. Ein spanische» Frohuleiclwamsspiel vom Todtentanz. 

Hajoti. 

{Sus vamos, hermano, sin mai dilacion 
do tienes respeto segun buen christiano! 
Camina placiente asido a mi mano, 
pues eres venido comigo en union. 
Sey sossegado, y ten atencion, 
pon las rodillas en tierra priado : 
que Dios sempiterno, en pan trasformado 
tvesle do yace? jSua, hazle oracion 

Paftor. 

{0 pan excelente, divino manjar, 
en carne del hijo de Dios eonvertidot 
saero mysterio, por qnien soy venido 
aqni, dö me truxo Razon sin herrar, 
solo a te ver, Seöor, y adorar, 
qu'en pan trasformado, segun tengo mientes , 
y hazes por bien de todas las gentes 
que qnieren coniigo sobir a reynar ! 

Adoro te, verbo divino, sagrado, 
que yaces debaxo de aqueste acidente, 
y & tu magestad suplico humilmente, 
paesto que indigno, de ynojos prostrado : 
nos libres y guardes, Seßor, del peccado, 
dando nos gracia aci, que alcancemos 
el reyno de gloria, Sefior, que atendemos, 
por ti prometido a nos de buen grado. 

Y pues he gozado sin mas resistencia 
ver quäl he visto sin dubda oy, por san, 
a Dios sempiterno en forma de pan, 
manjar saludable de nuestra dolencia: 
concluyo — pues quiero con gran diligeneia 
bolver a mi hato — con gozo notorio, 
perdon demandando al noble auditorio 
de la pesadumbre de nuestra engorrencia. 

Laus Deo. 



Ignas Beidtel. Ueber «eterr. Zustände i. d. Jahren 17%0 — 1792. 151 

Fortsetzung der Vorträge über österreichische Zustände 
m den Jahren 1740 — 1792. 

Von dem c. M. Hm. •berlsidesgerlehtsrsth Beidtel« 

V. 

Ueber die Entwickelaog der Justizgesetzgebung unter Kaiser Jesepb II. 
in Hinsicht auf die Hypothekargesetze. 

Die Entwickelung der Justizreformen unter der Regierung 
Joseph's II. (1780 — 1790) ist für den Historiker, welcher der 
inneren Geschichte der österreichischen Monarchie in der Periode 
Ton 1740 bis 1792 seine Auftnerksamkeil zuwendet, nicht minder 
merkwürdig, als es die ersten Schritte zu dieser Justizreform und 
ihre Einwirkung auf die Gemeindeverfassungen unter Maria Theresia 
gewesen sind. Diese Entwickelung zeigt, was unter Joseph geworden, 
und wenn man erwägt, dass an dem damals Eingeführten unter dem 
Kaiser Leopold II. wenig geändert worden und unter den späteren 
Regierungen stets die Josephinischen Justizgesetze die Grundlage 
aller neuen Justizeinrichtungen geblieben sind, indem man nur Ver- 
besserungen im Einzelnen wollte, so sieht man, dass die 
Josephinischen Reformen eigentlich auf unsere gesellschaftlichen Zu- 
stände so entscheidend einwirkten, als es nur Oberhaupt Justiz- 
reformen, welche von der Staatsgewalt ausgehen, vermögen. 

Joseph II. war der Mann seiner Zeit. Er gehörte ihr mit seiner 
Bildung, seinen Ansichten, seinen Hoffnungen und seinen Besorg- 
nissen. Er hatte grosse Pläne, aber um sie ausführen und noch unter 
dem Baume ruhen zu können, welchen er gepflanzt hatte, wollte er, 
dass in allen Verwaltungszweigen schnell an den für nothwendig 
erachteten Reformen gearbeitet werde. Ganz natürlich wollte er also 
auch die Justizgesetzgebung, deren grosse Wichtigkeit für die meisten 
Lebensverhältnisse er nicht verkannte, bald beendigt sehen, und zwar 
im Sinne der Aufklärungspartei, welche schon seit dem Jahre 1760 
auf die österreichische Gesetzgebung einen bedeutenden Einfluss 
gehabt hatte. Joseph wechselte daher nach seinem Regierungsantritte 
schnell Referenten und Instructionen und innerhalb acht Jahren trat 
durch eine Reihe einzelner mehr oder weniger wichtigen Gesetze eine 
neue Gesetzgebung hervor, welche man vollständig hätte nennen 



152 lgna» Beidiel. 

können, wenn nicht im Februar 1790, in welchem der Kaiser 
starb, noch das Sachenrecht des bürgerlichen Gesetzbuches ge- 
fehlt hätte. 

Zufolge dieser Gesetzgebung bestand für alle Streitsachen eine 
und dieselbe Processordnung; bei den als Collegien organisirten Ge- 
richtsstellen bestand eine auch viele Amtshandlungen des nicht strei- 
tigen Richteramtes betreffende Instruction; der Gerichtsstand 
durch Gleiche hatte fast ein Ende erreicht, die Gerichtsbarkeit der 
Universitäten und der bischöflichen Gerichte hatte aufgehört ; die alten 
Communalverfassungen waren aufgehoben worden; ein neues Straf- 
gesetzbuch stand da, ebenso ein neues Strafverfahren; der Geschäfts- 
gang war geändert; ein folgenreiches Gesetz über die gesetzliche Erb- 
folge war eingeführt; in Ansehung der Heiratsgüter und der Ehe war 
viel neues angeordnet; ja selbst das Familienverhältniss hatte neue 
gesetzliche Grundlagen erhalten. 

Mehrere Bestimmungen dieser Gesetze griffen tief in das gewöhn- 
liche Leben ein; sie bestimmten die Art, wie manche Verträge z. B. in 
Ansehung des Heiratsgutes und der weiblichen Ansprüche abzufassen 
seien; sie entschieden über die Leichtigkeit das Vermögen zu con- 
centriren, zu theilen oder zu verbrauchen, und nach Umständen wohl 
auch über die Art, wie man sein Vermögen oder seine Kräfte auf die 
vorteilhafteste Art geltend machen könne. 

Hier soll nur eine der wichtigeren neuen Einrichtungen, welche 
unter Joseph IL hervortraten, nämlich die Einrichtung des Hypotheken- 
wesens betrachtet werden, jedoch keineswegs mit jener Umständlich- 
keit, welche etwa der Rechtsgelehrte wünschen könnte, sondern bloss 
nach den Wirkungen, welche sie in historischer Rücksicht 
hervorgebracht hat und wodurch sie auch auf die politischen 
Zustände zurückwirkte. 

. Es ist eine bekannte Sache, dass man in allen Staaten die Grund- 
eigentümer fiir die natürlichenStützen der Ordnung im Staate gehalten 
hat und im Allgemeinen ihre Lage eine glückliche nannte. Unstreitig 
gibt ein Grundbesitz, wenn er gross genug ist, die Bedürfnisse einer 
Familie zu decken und nicht etwa dem Besitzer durch zu hohe Ab- 
gaben, durch Schulden oder durch Feudallasten ein grosser Theil 
des Ertrages entzogen ist, einer Familie eine behagliche Existenz, 
welche, gleiehweit von Reiehthum und Armuth entfernt, Anhänglich- 
keit an den Boden , welcher sie nährt, erzeugt. In dieser Lage be- 



Ueber ftsterr. Zustände in den Jahren 17%0 — 1792. 1 SS 

stehen gewöhnlich einfache Sitten, wenig Hang zu Veränderungen 
und überhaupt günstige Einwirkungen auf den Nationalcharakter. 

Wird dagegen der Reinertrag des Bodens, von welchem eine 
Familie lebt, bedeutend vermindert, sei es nun durch Steuern, Un- 
glücksfälle, Schulden oder hohe Feudalabgaben, so dass die zur Ver- 
fügung übrigbleibende Rente des Grundeigentümers seine gewöhn- 
lichen Ausgaben nicht deekt, so entsteht ein Ringen mit den Ver- 
hältnissen, eine beständige Beschäftigung mit Gedanken, deren 
Mittelpunct das Geld ist, und eine Denkungsart, bei welcher die 
Vaterlandsliebe nicht gewinnt. 

Aus diesem Gesichtspuncte betrachtet, sind die Belastungen 
des unbeweglichen Eigenthums an Häusern und Grundstücken sowohl 
für die Besitzer als den Staat keine gleichgültige Sache. 

Die älteren Zeiten, welche bedeutende Feudalabgaben kannten, 
hatten eine Menge von Institutionen, welche die Belastung des Grund- 
eigentums mit Schulden erschwerten oder verhinderten. Bei den 
grösseren Familien galt meistens, zufolge der Gewohnheit, des Ge- 
setzes oder des Privilegiums, das Recht der Erstgeburt oder es war 
die' Begünstigung des männlichen Geschlechts gegen das weibliche 
eingeführt; in den Städten herrschten ähnliche Einrichtungen und auf 
den Dörfern machten die den Feudalherren oder der Gemeinde 
zuständigen Heimfallsrechte, dass der Landmann in der Benützung 
des Realcredites sehr beschränkt war. Diejenigen nämlich, denen die 
Heimfallsrechte zustanden , wollten dem Landmann keine Aufnahme 
ron Capitalien gestatten, welche sieselbstin dem Falle des Heimfalls 
hätten zahlen müssen, auch schien es ihnen oft wegen der andern 
Lasten, welche auf den Bauerngütern lagen, bedenklich noch Ein- 
schuldungen zuzulassen. 

In den österreichischen Staaten war nach der Verfassung der 
meisten Provinzen noch um das Jahr 1765 der Landmann bloss ein 
mehr oder weniger beschränkter Nutzungseigenthümer seiner 
Grundstücke. Die Qegierung hatte in einigen Provinzen und nament- 
lich in Böhmen durch das Gesetz vom 6. Februar 1770 dahin gewirkt, 
dass die Bauern auf leichte Bedingungen das Eigenthum ihrer Grund- 
stücke erhielten, allein um das Jahr 1783 hatten noch nicht alle 
Bauern ihre Grundstücke im vollständigen Eigenthume, auch war von 
den Bauerngründen an Steuern, Feudalabgaben, Zehnten u. s. w. so 
viel zu entrichten, dass nur die Bauern mit einem grösseren Grund- 



154 Ignai ßeidtel. 

besitze wohlhabend genannt werden konnten, jene mit einem Weinen 
aber in einer dfirftigen^Lage waren, welche dann, wenn etwa mit der 
Bauernhütte kein Grundbesitz verbänden und der Besitzer derselben 
an Handarbeiten gewiesen war, bis zur eigentlichen Arrouth hinab- 
gehen konnte. 

Unter der Regierung des Kaisers Joseph IL bestand aber, wie in 
dem ganzen westlichen Europa, so auch in den österreichischen 
Staaten, das Verlangen, die Lage des Bauernstandes zu ver- 
bessern. Unter die Mittel sollte vor allem eine fortgesetzte Milderung 
der Feudallasten gehören. Vieles erwartete man aber auch davon, 
dass der Bauer, wenn er eine grössere Schulbildung erhalte, mittelst 
eines mehr rationellen Betriebes der Landwirtschaft seine 
Einkünfte erhöhen werde. Allein, dass dann auch Capitale flir die 
Verbesserungen nothwendig sein würden, war nicht zu verkennen, 
diese aber dem Bauer zu verschaffen, hielt man, wenn er auf seinen 
Grund Schulden machen könne, für leicht. 

So wie man der landwirtschaftlichen Verbesserungen wegen 
für den Bauer seinen Realcredit zu gründen wünschte, so wünschte 
man wieder fut die Herrschaftsbesitzer und die Hauseigentümer in 
den grösseren Städten einen solchen Credit im Hinblick auf jene 
Gleichheit der Rechte, welche man für eine Forderung der Vernunft 
erklärte und daher dem Erbrechte zum Grunde legte. 

Warum, hiess es, soll ein Sohn den ganzen Grundbesitz und die 
andern Söhne und die Töchter keinen Theil davon erhalten? Sie sind 
Kinder so gut wie die andern vorher von dem Gesetze Begünstigten. 

Die Betrachtung ging noch weiter. Wenn, hiess es, der Grund- 
eigenthümer seinen Geschwistern Erbtheile hinauszuzahlen und bis 
zur Hinauszahlung auf den ererbten Grund zu versichern hat, so wird 
der Eigenthümer der Realität zwar allerdings eine kleinere freie Rente 
haben, als er ausserdem gehabt haben würde, allein er wird dadurch 
gezwungen industriös zu sein, um seinen Grundertrag durch Ver- 
besserungen zu erhöhen. 

Es kann auch sein, dass der Grundeigenthümer, um sich die Hin- 
auszahlungen an die Geschwister zu erleichtern, eine wohlhabende 
Braut sucht und findet. Die Geschwister aber haben den Vortheii, 
dass sie ein Capital erlangen, welches ihnen vielleicht den Antritt 
eines Gewerbes oder eines kleinen Handels möglich macht, wodurch 
wieder die Industrie gewinnt. 



Ueber foterr. Zustinde in den Jahren 17%0 — 1792. 185 

Man verkannte nicht, das« Besitzer, welche viele Schulden auf 
ihrem Besitze haben, leicht auf Andringen der Gläubiger durch den 
Aasspruch des Richters ihren Besitz verlieren können. Allein diese 
Betrachtung schien kein erheblicher Einwurf gegen die Freiheit 
der Schuldencontrahirung auf das unbewegliche Eigenthum zu sein. 
Man meinte, der aus dem Besitz getretene Besitzer werde doch 
noch Einiges an Vermögen retten, was ihm zur Gründung einer 
andern bürgerlichen Stellung zu Gute komme, und der heue Käufer 
werde sich hflten dann zu kaufen, wenn er nur einen kleinen Theil 
des Kaufgeldes bezahlen könne und also mit grossen Schulden an» 
fangen müsse. 

Es gab Finanzmänner, welche bei einem häufigeren Wechsel der 
Eigenthümer auch Vortheile Ar das Stempelgeffll, die Gerichtstaxen 
und die Veränderungsgebühren sahen, es gab Menschen, welche es als 
einen Vortheil fltr die Gultur ansahen, wenn von Zeit zu Zeit Aus- 
wärtige in eine Gemeinde treten, es gab endlieh Politiker, welche 
meinten, Alles gehe, wenn es einmal eingeführt sei, die Menschen 
wfissten sich nämlich in jeder Lage zu helfen. 

Diese Betrachtung«! schienen es nun den von dem Monarchen 
mit der Gesetzgebung betrauten Männern zu empfehlen, dass die Be- 
stallung von Hypotheken auf Grundstücken und Häusern durchdas 
Gesetz erleichtert werde. Einrichtungen dieser Art waren bereits 
in vielen Staaten von Europa gemacht, in den österreichischen Staaten 
kamen aber noch einige besondere Verhältnisse hinzu, welche sie 
begünstigten. 

In den meisten österreichischen Provinzen war es nemlich 
mehr durch die Gewohnheit und die Convenienz, als durch Gesetze 
eingeführt worden, dass man Eigenthümer mit geschlossenen 
Grundbesitzungen hatte. Zu jeder Herrschaft, zu jedem Bauernhofe 
gehörten gewisse Grundstücke , welche nicht willkürlich von dieser 
Besitzung getrennt werden konnten. Der Besitzer hatte zwar manch- 
mal noch andere trennbare Grundstücke, aber dies war eine zufällige 
Erscheinung. In ganzen Provinzen herrschte daher das sogenannte 
„System der Complexe." Es lag oft der Besteuerung oder den Feudal- 
abgaben zum Grunde, und obgleich man in der Periode von 1780 
bis 1790 sehr wenig von den grösseren Besitzungen zu halten anfing 
und daher von der Staatsverwaltung das System der Zerstückungen 
begünstiget wurde, so konnte doch keine Trennung des Complexes 



156 Igiifts Beldtel. 

ohne obrigkeitliche Bewilligung erfolgen, wodurch also 
stets das System der Complexe blieb, wenn sieh auch ihr Umfang 
von Zeit zu Zeit ändern konnte. 

Eine solche Verfassung war für die Begünstigung des Real- 
credits ungemein yortheilhaft. Der Gläubiger kennt bei ihr genau das 
Object, auf welches er eine Versicherung sucht, und da keine Tren- 
nung des Complexes erfolgen kann, ohne dass er früher von ihr 
verständiget wird, so kann auch eine von dem Eigenthümer veran- 
staltete Parcelirung seines Grundeigenthums den Hypothekargläubiger 
wegen seiner Sicherheit nicht beunruhigen. 

Nur ein Umstand war für den Geldverleiher, welcher einen 
Realcredit gibt, nach dem Zustande von 1779, oft bedenklich, und 
dieser war die Existenz gesetzlicher und privilegirter 
Hypotheken. Schon das römische Recht, welches in so vielen 
Gegenden des österreichischen Staates noeh subsidarisches Recht 
war, kannte sie und die Landesgesetze hatten hierüber noch neue 
erweiternde Bestimmungen gemacht. So konnte es geschehen, dass 
gesetzliche Pfandrechte bestanden, welche man aus dem öffent- 
lichen Buche nicht erfahren konnte, oder privilegirte Pfand- 
rechte geltend gemacht wurden, welche, obgleich später erworben, 
dennoch einer schon früher erworbenen Hypothek vorgingen. 
Nothwendig beschränkten also solche Hypothekargesetzeden 
Realcredit. 

Zu diesen durch die gesetzlichen und privilegirten Hypotheken 
entstandenen Bedenklichkeiten der Darleihen kamen noch andere, 
veranlasst durch die oft sehr mangelhafte Führung der öffentlichen 
Bücher. Ohne gehörige Nachweisungen, warum diese oder jene 
Tabularschuld erloschen sei, erschien sie oft im öffentlichen Buche 
durchstrichen, oder eine vom Gerichte bewilligte Löschung war gar 
nicht angemerkt und Hess also eine nicht mehr bestehende Schuld 
in dem öffentlichen Buche erscheinen. 

Diese Betrachtungen und eine oft für die Eintreibung von For- 
derungen allzu langsame oder kostspielige Justizverwaltung beschränk- 
ten selbst auf jenen Grundbesitzungen sehr den Realcredit, auf welche 
sonst ohne Anstand von dem Eigenthümer Buchschulden gemacht 
werden konnten, was zur Folge hatte, dass selbst bei solchen Be- 
sitzungen vor dem Jahre 1784 selten eine beträchtliche Hypothekar- 
last vorkam. 



Ueber österr. ZusUode ia deu Jahren 1 7*0 - 1 702. 157 

Bei der Josephinisehen Jastizgesetzgebung ging man aber, dem 
Zeitgeiste folgend» welcher die Mobilia irung des Grundeigen- 
tums wollte, Ton der Ansicht aus, dass man durch Abschaffung der 
gesetzlichen und privilegirten Pfandrechte, so wie durch Maasregeln 
zu einer geordneten Führung der öffentlichen Bücher den Realcredit 
sehr heben könne. Man that in dieser Rücksicht viel, aber doch nicht 
Alles, was geschehen konnte. Die oben angedeuteten Grundsätze 
wurden weder vollständig noch rein ausgeführt und es kam das in 
so vielen Beziehungen wichtige System der Pränotationen und Su- 
perpränotationen auf, welches die Führung der öffentlichen Bücher 
verwickelte und die Uebersicht der auf einer Besitzung haftenden 
Lasten erschwerte. Aber die zwei Hauptgrundsätze, von denen jede 
gute Führung der öffentlichen Bücher ausgehen muss, wenn sie dem 
Einsichtnehmenden Beruhigung verschaffen soll, nämlich der Grund- 
satz, dass nur die aus dem öffentlichen Buche ersichtliche 
Hypothek gestehe, und zweitens, dass unter den bestehenden die 
frühere Forderung» wenn es auf Zahlung ankommt, stets der spä- 
teren vorangehe, wurde doch ziemlich genau durchgeführt. 

Demzufolge war die Jo-sephinische Justizgesetz- 
gebung derErlangung des Realcredits sehr günstig; 
aber es entstanden nun auch, besonders da sie bis auf den heutigen 
Tag geblieben ist, mehrere wichtige Folgen. Um sie gehörig zu 
würdigen, müssen wir aber vor allem die Hauptursachen, welche die 
Belastung des städtischen und Landeigentums mit Hypotheken her- 
beizuführen pflegen, in Betrachtung ziehen. Es waren folgende : 

1. Die Erbfolgegesetze, welche allen Kindern ein gleiches ge- 
setzliches Erbrecht gewähren. Wenn nämlich irgend ein Sohn das 
Haus oder die Landwirtschaft seines Vaters übernimmt, aber wegen 
des Abganges an anderm Vermögen seinen Geschwistern Erbtheile zu 
zahlen hat, so bleibet ihm in den meisten Fällen nichts anders übrig, 
als diese Erbtheile als Schuld auf seinem Besitze zu versichern, 
oder wie der Kunstausdruck lautet, intabuliren zu lassen und sofort 
zu verzinsen. Es begreift sich, dass die zu versichernden Summen 
verhältnissmässig sehr hoch sein müssen, wenn etwa viele Ge- 
schwister sind, und daher ist es eine alltägliche Erscheinung, 
dass mancher Besitzer, dessen Haus 4000 Gulden werth ist, auf 
diesem Hause mehr als 2000 Gulden seinen Geschwistern ver- 
sichern muss. 



158 Ignas Beidtel. 

2. Oft geschieht es, besonders bei grösseren Landbesitzungen, 
dass der Besitzer» um landwirtschaftliche Verbesserungen durchzu- 
fahren, auf seinen Besitz Schulden machen muss. Allerdings werden 
oft solche Verbesserungen aus dem Ertrage der Verbesserungen 
wieder bezahlt, aber manche Verbesserungsplane misslingen und 
selbst bei den gelungenen besteht wenigstens längere Zeit, nämlich 
bis zur Tilgung der Schuld, die Buchschuld. 

3. Bei den Käufen und Verkäufen der Realitäten geschieht es 
alle Tage, dass der Käufer die auf der Realität versicherten Schulden 
zur Zahlung übernimmt und diesen Betrag von dem verabredeten 
Kaufgelde abrechnet. So werden , wenn Jemand eine Landwirt- 
schaft um 10.000 Gulden kauft, aber auf dieser Landwirtschaft 
4000 Gulden an intabultrten Schulden bestehen, nur 6000 Gulden baar 
dem Verkäufer fibergeben und gleichwohl wird der Käufer der Eigen- 
tümer der auf 10.000 Gulden geschätzten Landwirtschaft Hier 
bestehen also Buchschulden schon zufolge des Ka ufvertrages 
und ihre Uebernahme war auch eine wirkliche Zahlung, weil gesetz- 
lich der jeweilige Besitzer einer Realität Ar die auf ihr haftenden 
Buchschulden haftet „ 

4. Manchmal geschieht es auch in Zeiten allgemeiner Noth, oder 
einer schlechten ökonomischen Lage des Realitätenbesitzers, dass er 
auf sein Eigenthum Buchschulden machen muss, anderer Veranlas- 
sungen z. B. der Ausheirathung einer Tochter, oder des Antrittes 
eines Amtes, nicht zu erwähnen. 

Durch diese Verhältnisse ist es geschehen, dass in jenen öster- 
reichischen Provinzen, in welchen die Hypothekargesetze das Auf- 
nehmen von Schulden begünstigen, schuldenfreie Grundbesitzungen 
sehr selten vorkommen, dagegen die meisten Grundbe- 
sitzungen bis zur Hälfte des Werthes mit Schulden, deren 
Zinsen der Besitzer zu zahlen hat, bebürdet sind, und dass der Be- 
sitzer oft, wenn der Gläubiger die Zahlung verlangt, in Verlegenheit 
ist, wie er sie werde leisten können. Es ist bekannt, dass wenn er sie 
nicht leistet, gewöhnlich von dem Gläubiger die richterliche Hülfe 
verlangt wird, wo es dann mit einem executiven Verkauf der Realität 
sich zu endigen pflegt. 

Ohne Zweifel ist die Lage eines Besitzers, welcher viele Hypo- 
thekarschulden hat, eineweitschlimmere, als die eines schulden- 
freien Besitzers. Der erstere hat nicht nur, wie der letztere, für die 



Ueber öaterr. Zustfinde in den Jahren 1 740 — 1 792. 159 

landesherrliehen Abgaben und die etwa verfassungsmässigen Zehent-, 
Feudal- und Landesabgaben zu sorgen , sondern auch für die Inter- 
essen seiner Tabularsehulden und die Mittel, sich in dem Falle der 
Aufkündigung seiner Schuldposten zu helfen. Das sorgenfreie Leben 
des schuldenfreien Besitzers wird also dem mit Schulden beladenen 
nicht zu Theil und das ist etwas Bedeutendes Ar die allgemeinen 
Zustande eines Landes, weil die Grundbesitzer und ihre Familien den 
grössten Theil der Bevölkerung ausmachen. Aus dieser Lage folgt 
Ton selbst Einschränkung der Gastfreiheit, eine gewisse Aengstlich- 
keit bei jeder neuerwarteten Ausgabe, ein Streben reicher zu scheinen 
als man ist, ein gewisses Haschen nach reichen Heirathen, also eine 
solche Veränderung in den häuslichen Verhältnissen, welche viel von 
den ehemaligen Annehmlichkeiten des Landlebens nicht mehr möglich 
macht 

Eine andere Folge ist, dass die Festsetzung der Grundsteuern 
an den Staat, welche ohnehin zuweilen durch Feudal- und Local- 
abgaben zu einem sehr misslichen Geschäfte gemacht wird, nun 
noth wendig noch misslicher werden muss. Der Staat rechnet 
zum Beispiel , dass eine Besitzung von dem und dem Ertrage die 
und die Grundsteuern den Staat ertragen kann und die Berechnung 
wäre auch eine ganz richtige gewesen, wenn dem Eigentümer der 
ga n ze Grundertrag bliebe, da aber der Eigentümer vielleicht von sei- 
nen Einkünften von 4000 Gulden 1000 an seine Hypothekargläubiger 
bezahlen muss, also nur 3000 Gulden an reinem Ertrage hat, so wird 
die Grundsteuer ftkr ihn drückend, und selbst in solchen Ländern, in 
welchen sonst die Grundsteuern noch nicht übermässig sind, sind für 
ihre Steigerung sehr enge Grenzen gesetzt. 

Manche Finanzverwaltungen des Auslandes, welche mit ähnlichen 
Verhältnissen der Grundeigentümer es zu thun hatten, blickten zwar 
auf dieses Verhältniss hin, aber sie verweilten nicht dabei. Sie 
meinten der Grundeigenthümer könne den auf seinem Grundeigenthum 
versicherten Capitalisten verhältnissmässige Abzüge an ihrem 
Zinsengenusse machen. Allein wer dies denkt, kennt nicht die leichte 
Beweglichkeit der Capitale von Puncten , auf denen sie wenige Vor- 
theile verheissen, auf Puncte, wo sie mehrere Vortheile versprechen. 
Es ist die allgemeine Erfahrung aller europäischen Staaten, dass die 
Grundeigenthümer durch verhältnissmässige Abzüge an dem Zinsen - 
genusse ihrer Gläubiger sich nicht erholen können. 



100 Ignaz ReidtH. 

• 3. Eine dritte Folge der Belastungen des Grundeigentums mit 
Hypothekarschulden ist die, dass viele, dem Landmann von der 
Staatsverwaltung zugedachte Vortheile z. B. die Verminderung 
oder Aufhebung des Pfarrzehentes, oder der Feudallasten, die 
Lage der Bauern im Allgemeinen gegen das, was sie einst war, wenig 
oder gar nicht verbessert haben. Was der Grundbesitzer an Feudal- 
abgaben oder Zehenten jetzt erspart, wird nämlich oft überwogen, 
auch ganz abgesehen von der Erhöhung der Staatslasten seines Be- 
sitzes, durch die Summe seiner Interessenzahlungen. 

4. Auch das geht aus dieser Stellung hervor, dass, einige grosse 
Grundbesitzer ausgenommen, selten ein Grundbesitzer viel für die 
Verbesserung seiner Landwirtschaft thun kann. Versuche sind ihrem 
Resultate noch immer ungewiss und wer bereits mit Schulden bela- 
den ist, scheuet sich, eines Experimentes wegen, neue Schulden zu 
machen. Ueberhaupt hat man in jener Zeit, in welcher man der Bo- 
denverbesserung wegen, dem Grundeigenthümer einen möglichst 
grossen Realcredit verschaffen wollte, das , was von Verbesserungen 
dieser Art zu erwarten sei, viel zu hoch angeschlagen. Man findet 
in dem Lehrbuche von Sonnenfels *), der einen grossen Einfluss auf 
die österreichische Gesetzgebung hatte, wie viel er von dem, was man 
heut zu Tage Spatenwirthschaft nennt, erwartete. Ungeachtet seit 
beinahe einem Jahrhundert fiir die Vervollkommnung der Landwirt- 
schaft viel geschah, haben sich die Vervollkommnungen doch meistens 
nur auf den grossen Grundbesitz beschränkt und wahrscheinlich den 
Totalertrag der Ernten in Deutschland, in so fern nicht der Anbau von 
Mais oder Knollengewächsen Unterschiede hervorbringt, nach dem 
Urtheil der erfahrensten Landwirthe kaum um drei Procente ge- 
steigert. 

5. Die Belastung des Grundeigentums mit Buch-Schulden hat 
ferner zu einem grossen Wechsel der Besitzer geführt. Der eine 
verkauft aus Noth, der andere aus Speculation, das Grundeigenthum 
ist, wie Leinwand oder Tuch, eine Waare geworden, welche aus einer 
Hand in die andere geht. Jene innige Verbindung, welche ehemals bei 



1 ) Handlungswissenscbaft. Auflage von 1771, Seite 110, 111 in der Anmerkung, 
wo behauptet wird, der Besitzer von ein Paar Joch Feld würde dabei eine 
grössere Ernte haben, als der Besitzer von acht Joch, welche auf die ge- 
wöhnliche Art bestellt wurden. 



Uebcr öeterr. Zustände in den Jahren 1740—1 792. 161 

einem mehr dauerhaften Besitze die Glieder einer Gemeinde zu einem 
möglieh gleichartigen Ganzen vereinigte, welches Gemeinde-Interessen 
schuf und Verhältnisse erzeugte, Ton denen man glaubte, unter keiner 
andern Regierung Hessen sie sich auf eine eben so befriedigende Art 
fortsetzen, haben nach und nach andern Verhältnissen Platz gemacht 
und bilden einen Theil jener Schwierigkeiten, mit denen heut zu 
Tage alle Versuche zur Bildung fester Communalverhältnisse es zu 
thun haben. 

Diese wenigen Andeutungen über die durch die Hypothekar- 
Systeme in den österreichischen Staaten entstandenen Veränderungen 
dürften es, da ähnliche Einrichtungen in so vielen auswärtigen Staaten 
getroffen worden, erklären, wie sich in so vielen europäischen Ländern 
die Verarmung grosser Menschenclassen einfinden und das Grundei- 
gentum sich in ein den früheren Zeiten unbekanntes Verhältniss zur 
Industrie stellen konnte. Nach den von dem preussischen Statistiker 
Hansemann 1 ) bereits im Jahre 1833 mitgetheilten Daten waren im 
Jahre 1827 die zu einem Gesammtwerthe von 27 Millionen Reichs- 
thaler abgeschätzten Rittergüter der Churmark mit 21 Millionen 
Thaler Hypothekarschulden belastet. In demselben Jahre waren nicht 
weniger als 1 7.547Subhastationsprocesse vorgenommen. Nach Schön*) 
waren (1839) in Westpreussen yon 262 grossen Gütern nur 67 schul- 
denfrei und 71 befanden sich unter Sequester. Man schlug das 
Landeigenthum im ganzen preussischen Staate auf 1700 Millionen 
Thaler an und darauf hafteten 450 Millionen Thaler Hypothekar- 
schulden. Bei einem Häuserwerth von 348 Millionen bestanden 
205 Millionen bücherliche Lasten*). 

Der Freiherr von Haxthausen, welcher königlich-preussischer 
Regierungsrath war und im Jahre 1839 ein Werk über die ländliche 
Verfassung in den Provinzen Ost- und Westpreussen herausgegeben 
hat, erzäht mit Umständlichkeit die Geschichte der nach dem Jahre 
1763 in jenen Provinzen zu Stande gekommenen Creditsinstitute und 
bemerkt, wie günstig sie anfangs wirkten ; sagt aber in Ansehung der 
späteren Zustände nach 1806: „die Creditsinstitute erleichterten den 



*) Hansemann, Preussen und Frankreich. Leipzig 1833, S. 292, verglichen mit 

PÖlitz Jahrbacher der Geschichte und Politik. Decemberheft 1839, S. 527. 
') Schön, Statistik der Centralisation, 8. 230. 
s ) Krause: Worin haben die Unruhen ihren Grund? Ilmenau, S. 71, 72. 



1 62 IgnazBeidtel. Ueber ööterr. Zustände in den Jahren 1 7*0 — 1 792. 

Verkehr mit dem grossen Grundeigenthum ungemein. Da kam jener 
berüchtigte Güterschwindel» hier wie in anderen Provinzen das Ver- 
derben der Familien. Die Güter des Adels wurden Sache der Specu- 
lation. Die Anhänglichkeit an den vaterländischen Herd , der ehren- 
feste Sinn» der in den von den Vorältern ererbten Gütern ein 
unantastbares Heiligthum sieht» ging unter. Es war damals gar nicht 
nöthig» dass man Vermögen hatte» um Güter zu kaufen» man kaufte sie 
wie jetzt in Staatspapieren» um sie mit einigem Profit in der nächsten 
Stunde wieder zu verkaufen." Haxthausen* nachdem er noch einige 
interessante Wahrnehmungen mitgetheilt, bemerkt» dass nach [der 
Katastrophe von 1806» um welche Zeit die französischen Armeen in 
das Land kamen» sämmtliche Gutsbesitzer bei dem gesunkenen Werth 
der Güter zu Grunde gerichtet waren» indem die Tabula rgläubiger mehr 
als den ganzen damaligen Werth zu fordern hatten. 

Auch Frankreich hat darüber» wohin die Vermehrung der Hypo- 
thekarschulden führe» seine Erfahrungen gemacht Schon im Jahre 1846 
war das französische Grundeigenthum mit 12.000 Millionen Livres 
belastet; deren Verzinsung jährlich von den auf 16S0 Hillionen Livres 
angenommenen Ertrage 630 Millionen» also mehr als den dritten Theil 
wegnahm 1 )« Das schwedische Grundeigenthum ist in den mittäglichen 
Provinzen bis zu 50 Procent des Werthes belastet 

Zieht man nun die Wirkungen in Betrachtung» welche jener 
Theil der Justizgesetzgebung hervorbringt» welcher sich mit den 
Hypotheken beschäftigt» so wird man zugeben» dass er tief in alle 
ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse eines Volkes ein- 
greift. Es kann hier nicht davon die Rede sein zu untersuchen» ob die 
gewöhnlichen Ansichten über die Begünstigung des Realcredites die 
richtigen sind » oder wie die jetzt in so vielen Staaten bestehende 
Begünstigung des Realcredites auf die Industrie» den Handel» die 
Steuerfähigkeit dieser oder jener Classe und die Summe unserer 
sämmtlichen Staatseinrichtungen einwirkt; die Absicht bei dem heu- 
tigen Vortrage war nur zu zeigen» wie weit oft die Wirkungen eines 
einzigen unter die Grundlagen der Justizgesetzgebung aufgenommen« 
Grundsatzes gehen und wie sehr sich also» besonders bei der neuen 
Geschichte des Studium dieser Grundsätze einem Historiker empfiehlt 



l ) Nach Duic Statistique de V agrieultwe, von 1848, pag. %— %S. 



168 
SITZUNG VOM 18. FEBRUAR 1852. 



Hr. Fontana» k. k. Consulats-Agent zu Molsetta (in Apulien) 
gibt in einem an die Akademie gerichteten Schreiben Nachricht von 
dem neuesten antiquarischen Funde in der Umgegend seines Wohn* 
ortes , und besonders von einer bei Ruvo ausgegrabenen sehr merk- 
würdigen gross «-griechischen Vase, wovon er eine Abschrift des 
ofiiciellen Berichtes der Ausgrabungs-Commission beigeschlossen hat. 

Hr. Regierungsrath Arneth wird auf Ersuchen der Ciasse 
darüber berichten und dem Hrn. Einsender den Dank derselben in 
einem eigenen Sendsehreiben aussprechen. 



Das c. M. v Hr. Bibliothekar Seh melier in München» sendet 
der Classe einen Abdruck seines in der k. baier. Akademie gelesenen 
Berichtes über seine Vorarbeiten zu einem Wörterbuche der Sprache 
der sogenannten Cimbern der VII. und XIII. Communen von Vicenza 
und Verona, und bietet ihr seine Arbeiten über diese Sprache , da 
sie ein speciell österreichisches Interesse haben, zur Herausgabe an. 

Die Classe nimmt diesen Antrag mit grossem Interesse und an- 
erkennender Würdigung auf, und überweist ihn zur Begutachtung 
der zweckmässigsten Art der Ausführung einer Commission. 



Eine von Hrn. Dr. Ludwig St eub aus München eingesandte 
Entgegnung auf die in dem Sitzungsberichte vom 6. November 18S0 
abgedruckten: „ Kritischen Beiträge zur Geschichte und Alterthums- 
kunde Tirols, von Matthias Koch, 1 ' wird vorgelegt und ebenfalls 
einer Commission zur Prüfung zugewiesen. 



Dann bestimmt die Classe die Zusendungen der mährisch- 
schlesischen Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues zu Brunn, 
auf deren Ansuchen durch die Sitzungsberichte der Classe, und die 
von ihrer histor. Commission herausgegebenen Fontes und Archiv zu 
erwiedem. 



Sitob. der phil.-hißt. Cl. VIII. Bd. II. Hft. 11 



164 Prof. Or. Karl Otto. 

Gelesene Aufsfitie. 

7/tir Charakteristik des heiligen Justinus, des Philosophen 

und Märtyrers. 

Von Hrn. Prtf. lr. Iftrl ttt#. 

Als die theologische Facultät der Universität Jena ihren 
Studirenden im Jahre 1839 die Schriften und die Lehre des be- 
deutendsten unter den altchristlichen Apologeten als Gegenstand 
einer Preisaufgabe stellte, trieb mich die Liebe zum Alterthume der 
Kirche die Untersuchung mit Eifer zu beginnen und zu dem Grade 
der Vollendung durchzuführen, welcher den Kräften des im zweiten 
Studienjahre stehenden Jünglings entsprach. Die Entscheidung der 
Preisrichter ermuthigte mich zu weiterem Streben auf demselben 
Gebiete; meine literarische Thätigkeit blieb, soweit die Arbeit des 
akademischen Berufs es gestattete, hauptsächlich jener glaubens- 
und begeisterungskräftigen Zeit der Kirche zugewendet *)• 

Demnach dürfte es nicht auffallen, dass ich obgedachten Haupt- 
apologeten des zweiten Jahrhunderts hier vorführe: den „heiligen 
J u s t i n u s, den Philosophen und Märtyrer". 

Derselbe war zu Flavia Neapolis in der Landschaft Samaria um 
Anfang jenes Jahrhunderts geboren »). Da er im hellenischen 
Glauben seiner Aeltern das innere Bedürfniss nicht befriedigt fand, 
ward er gleich Vielen jener Zeit zum Studium der Philosophie 
hingetrieben. Er selbst erzählt ausführlich im Eingange seines 
Dialogs mit Tryphon '), wie er durch die damals namhaftesten 
Schulen hindurchgegangen sei. Zuerst besuchte er längere Zeit den 
Unterricht eines Stoikers ; aber dieser wusste ihm nichts über das 



*) Meine Preisschrift über Jastinns wurde im J. 18% 1. gedruckt. Ihr folgte 
18%* ff. die Bearbeitung seiner Werke. Die zweite Auflage fuhrt, in Folge 
der Erweiterung des Unternehmens , den aUgemeinen Titel : Corpus Apologe- 
tarum christianorum saeculi secundi. Jenae apud Fr. Mauke. Davon enthalten 
xunichst die ersten 5 Bande (1847 — 1850) Justin's uud der 6. Band (1851) 
Tatian's Werke. Ausserdem erschien: De Epistola ad Diognetum. Jenae 1845. 
Die zweite Auflage dieser Schrift ist unter der Presse. 

*) Apol. I. c. 1. 

•) Dial. c. Tr. c. a. 



Zur Charakteristik des heil. Justin us etc. 1 68 

göttliche Wesen zu sagen. Daher ging er von selbigem weg und 
begab sich zu einem Peripatetiker; doch schon nach einigen Tagen 
missheiligte ihn dieser in Betreff des Honorars. Wegen dieses un- 
würdigen Benehmens verliess ihn Justinus und wandte sich an einen 
Pythagoräer ; allein dieser setzte Kenntniss der Musik, Astronomie 
und Geometrie voraus, weil durch dieselben der Geist vom Sinnlichen 
abgezogen und zum Schauen des Obersinnlichen befähigt werde. 
Justinus bekannte seine Nichtkenntniss jener propädeutischen Wissen* 
Schäften, und darum wurde er sofort zurückgewiesen. In seiner 
Verlegenheit ging er zuletzt zu einem Platoniker ')• Bei ihm ver- 
schaffte er sich eine Fülle philosophischen Wissens. „Die Er- 
kenntniss der übersinnlichen Dinge und das Schauen der Ideen 
beflügelte meinen Geist; in kurzer Zeit meinte ich ein Weiser 
geworden zu sein, und in meiner Thorheit hoffte ich alsbald Gott zu 
schauen, denn dies ist das Hauptziel der platonischen Philosophie. 11 
Weiter nun erzählt er a ), wie er aus einem begeisterten Platoniker 
ein glaubensvoller Christ geworden. Einstmals wanderte er, um der 
Contemplation sich ungestört hinzugeben *), in eine stille, nicht fern 
vom Meere gelegene Gegend. Daselbst fand er einen ehrwürdigen 
Greis, der hierher gekommen war um abwesender Verwandter 
willen, die er einholen wollte. Justinus pries in dem Gespräche, 
welches sich an dea Zweck seiner Anwesenheit knüpfte, lebhaft die 
Philosophie; ohne sie trage überhaupt das Leben etwas Ungöttliches 
an sich, daher müsse jedweder Mensch sie betreiben. Ihr Object 
sei das Absolute (rö £v) und ihr Preis die Glückseligkeit. Nun er- 
greift jener Alte das Wort. Er weist nach, dass die Philosophie, 
insbesondere auch die platonische, dieses nicht vermöge, insofern 
weder durch empirisches noch durch discursives Verfahren eine 
Wissenschaft vom Göttlichen angestrebt werden könne. Eine solche 
sei nur möglich durch unmittelbares Schauen des Göttlichen, ein 
Schauen, von welchem die platonische Philosophie nieht ausgehe. 
Justinus fragt, wer ihm denn Aufschluss über das Göttliche gewähren 
könne. Der Greis verweist ihn auf die Propheten, welchen ein 
unmittelbares Schauen zu Theil geworden. Diese , älter als die 



*) L. c. c. 3 sqq. 

11 



166 Prof. Dr. Karl Otto. 

hellenischen Philosophen» seien erfüllt gewesen vom heiligen Geiste 
und als Träger desselben durch Weissagungen und Wunder be- 
glaubigt worden; sie hätten Gott den Vater gepriesen und den von 
ihm gesandten Sohn Jesus Christus den Menschen verkündigt Er 
möge Gott bitten, dass er ihm die Pforte des geistigen Lichtes öffne. 
Der Greis entfernte sich. Und in Justin's Seele entbrannte ein 
göttliches Feuer. Mit Eifer las er die Bücher der altheiligen Pro- 
pheten; es bemächtigte sich seiner eine innige Liebe zu ihnen, zu 
Christus und den Seinen. So ward er ein Jünger der alleinwahren 
Philosophie — ein Christ. Er sagt vom Christentum i) : rat/njv 
fi6vr)V iüpioxov fiXoaofiocv dafakfi re xai aO^ifopov. 

Wir ziehen jene Erzählung des Justinus über seine Wanderung 
durch die Philosophenschulen und über die Art seiner Bekehrung 
nicht in Zweifel. Auch in seinem glaubwürdigen Martyrologium 
antwortet er auf die Frage des Stadtpräfecten von Rom: „ Welcher 
Philosophie bist du zugethan?" also: „Ich suchte mich mit allen 
Systemen bekannt zu machen; beigepflichtet aber hab' ich der christ- 
lichen Wahrheit, ob sie gleich den durch Vorurtheile Verblendeten 
missfällt." Und in seiner zweiten Apologie a ) bekennt er, dass er, 
jetzt ein Christ, einst an Platon's Lehren sich erfreut habe. Auf ähnliche 
Art fanden so manche Andere dieser Zeit, da weder heidnischer 
Cultus noch hellenische Weisheit ihr religiöse? Bedürfniss befrie- 
digten, die ersehnte Beruhigung in der christlichen Sache: auch 
ihnen trat nach langem vergeblichen Suchen endlich in den heiligen 
Schriften der Christen, insbesondere den prophetischen, das Göttliche 
entgegen; auch sie wurden durch diese Schriften zu Christus hin- 
geführt. Wir erinnern nur an Tatianus und Theophilus. 

Den Unterricht des Platonikers hatte Justinus in seiner Vater- 
stadt *) genossen, welche, als eine römisch -griechische Colonie, 
hellenischer Bildung zugänglich war. Von dort war er in die ein- 
same Gegend des Meeres hingewandert, d. i. nach unserem 
Dafürhalten in das JordaQthal , nördlich vom todten Meere *). 
In dieser wenig belebten Gegend, kaum drei Meilen von Jerusalem 



f ) C. 8. 

*) Apol. II. c. 12 sq. 

s ) Vgl. S. 165 Anm. 1. 

*) Von Jogepbus wird es noWij Ipijpi« genannt. Vgl. &. 165, Anm. S . 



Zur Charakteristik des heil. Justinus etc. 1 67 

entfernt, wohnten Christen jüdischer Abstammung. Demnach würde 
jener Greis, welcher den nachsinnenden Justinus auf die Bücher 
der Propheten hinwies und ihn dadurch auf den Pfad zum christ- 
lichen Glauben leitete, einer dieser Christen gewesen sein — ein 
philosophisch gebildeter und einer derjenigen , welche Justinus im 
Dialoge mit Tryphon *) als christliche Brüder anerkennt, im Gegen- 
satz zu den strengen (akatholischen) Judenchristen, welche auch 
yon den Heidenchristen die Beobachtung des mosaischen Gesetzes 
verlangten und daher jener Anerkenntniss nicht gewürdigt werden. An 
welchem Orte Justinus durch die Taufe zum Christenthume auf- 
genommen worden, l&sst sich nicht ermitteln. Er sagt nicht, dass 
ihn jener Greis in die judenchristliche Gemeinschaft eingeführt habe; 
im Gegentheil erzählt er *)» dass jener ihm ein weiteres Nach- 
denken über den Gegenstand der gepflogenen Unterredung an's Herz 
gelegt und er selben nie wieder geschaut habe. Wir sind auch 
anderweitig nicht berechtigt, den dem Heidenthume entsprossenen 
Justinus als einen Proselyten des Judenchristenthums, am wenigsten des 
schon damals als ketzerisch geltenden, anzusehen. Wohl mag er in 
männlicher Jugend um Anfang des vierten Jahrzehends zum Christen- 
thume übergetreten sein. Denn noch als Platoniker, kurz vor seinem 
Übertritte, sah er wie die Christen gemartert und getödtet wurden, 
aber standhaft blieben bei Allem was von den Menschen als furcht- 
bar gehalten wird *). Es ist bekannt, dass gerade seit Beginn jenes 
Jahrzehends, unter Hadrian's Regierung, die palästinensischen Christen 
blutigen Verfolgungen ausgesetzt waren, nicht nur von Seiten der 
Juden, weil sie verweigerten sich mit diesen zu verbinden und 
unter dem falschen Messias Bar-Cochba gegen die Feinde des 
gemeinsamen Vaterlandes zu streiten, sondern auch von Seiten der 
Römer, weil sie von diesen als Juden angesehen und demgemäss 
behandelt wurden. 

Justinus fand, wie wir bemerkten, im Christenthume die einzig 
wahre Philosophie, und als yvhaios rrfc &\y)$qOs tpiXoeofixg ip&arhc *) 
legte er nach seinem Übertritte den Philosophenmantel nicht ab '). 



*) Dial. c. Tr. c. 47. 

*) L. c. c. 8. 

•) Apol. n. e. 13 sq. 

+) Busebins H. E. IV. c. 8. 

») Dial. c. Tr. c. 1. 



168 ^of. Dr. Karl Otto. 

Wahrscheinlich wählte er, wie Quadratus, den Beruf eines Evange- 
listen. Als solcher war er an eine bestimmte Gemeinde nicht ge- 
bunden, sondern verkündigte das Evangelium wo sich ihm eine 
Gelegenheit darbot. Bei dieser Verkündigung zeigte er sich, Heiden 
wie Juden gegenüber» gewissenhaft und muthig 1 ). „Wer die 
Wahrheit nicht verkündigt, obschon er sie verkündigen kann, verfällt 
dem göttlichen Gerichte. Ich verkündige sie sonder Menschen- 
furcht 1 ' *). So finden wir ihn in Ephesus, der Hauptstadt des 
proconsularischen Asiens, wo er in einer Halle den Tryphon und 
dessen Freunde fttr den christlichen Glauben zu gewinnen suchte; 
so finden wir ihn zweimal während längerer Zeit in der Weltstadt 
Rom, wo er in seiner Wohnung den ihn Aufsuchenden die Heils- 
wahrheit verkündigte '). Gerade in den christlichen Hauptge- 
meinden des Morgen- und Abendlandes tritt er auf. Demnach sind 
seine Berichte über kirchliche Verhältnisse der damaligen Zeit von 
höchster Bedeutung. 

Aber Justinus war zugleich ein Apologet des Christenthums ; 
er nahm dasselbe in Schutz gegen die ihm damals entgegentretenden 
zwei feindlichen Elemente: das Judenthum und das Heidenthum. 
Die Juden erhoben sich wider die Christen in Wort und That; sie 
verfluchten und verliumdeten dieselben, ja sie übten, wenn die Um- 
stände wie unter Bar - Cochba es zuliessen, sogar Gewalt gegen die- 
selben *). Justinus , aus Palästina stammend und darum mit dem 
Judenthume näher betraut, zeigte im mündlichen Verkehre, so oft 
sich ihm eine Gelegenheit darbot, den Juden das Thörichte ihres 
Benehmens gegen die Christen, und hob zu diesem Behufe die Unter- 
schiede des alten und neuen Bundes bestimmt hervor. Diesen apolo- 
getischen Eifer rühmt der Jude Tryphon im Dialoge '). Mehr 
standen die Heiden den Christen feindlich gegenüber: die Staats- 
männer, weil das Christenthum den Titel der Verjährung nicht bean- 



') Vgl Apol. I. c. 3. Dial. c. Tr. cc. 36. 58. 
*) Dial. c. Tr. cc. 83. 120. 

s ) L. c. c. 1 (Bus. IV. c. 18); ActL martyi*. S. Just, c. 3 (Apol. I. c. 26 und 
II. c. 3). 

4 ) Apol. I. c. 31. Dial. c. Tr. cc. 16. 17. 

5 ) C. 50 : "Eoixdf pot ix ffoXXifc irpoffrptyc u; rfc irpd? iroXXovf ircpi iravrav 
r&y (qroufiivwv 7«70vfroci xal &c£ roOro frotfAttf fy ,lv afroxpCvträai irpd? 
irdcvr« & &y intpwnqSfc. 



Zur Charakteristik des heil. Juatlnus ete. 1 60 

spruchen könne, zum Abfall yon der Religion des Staates verlocke, in der 
Stille gefährlichen Tendenzen huldige; die Priester, weil es ihren 
Tempeln die Opfergaben entzog; die philosophisch Gebildeten, weites 
ihre Weisheit als Thorheit betrachtete; die ungebildete Menge, weil es 
den altväterlichen Cultus aufgegeben und darum als die Ursache yon 
Landesnöthen galt. Justinus, der auf Reisen die Leiden der Seinen 
sah, suchte zu vermitteln so oft er konnte. So überführte er, wie 
er selbst ') berichtet, den Christenfeind Creseens, einen Cyniker, 
als er mit ihm in Rom zusammentraf, seines unwürdigen Benehmens. 
Inmitten der Christen selber war ein gefährliches Element zu be- 
kämpfen : die häretische Gnosis. Diese, aus orientalisch-heidnischem 
Geiste hervorgegangen, offenbarte sich in verschiedenen Formen und 
hatte damals eine drohende Macht erreicht; sie richtete sich mehr 
oder minder gegen das historische Christenthum, verflüchtigte die 
christlichen Grundlehren, fand die dnoXOrpüXJtg in der Befreiung 
des Geistes, zersetzte die Kirche in Parteien. Diese christlichen 
Häretiker nahmen die Thätigkeit Justin's ganz besonders in Anspruch : 
gegen sie trat er als Polemiker auf. Selbst mit Häuptern derselben, 
wie mit Marcion, kam er während seines römischen Aufenthaltes in 
persönliche Berührung *). 

Doch nicht nur im mündlichen Verkehre wirkte Justinus apolo- 
getisch-polemisch für die christliche Sache, sondern auch durch 
Schriften. Es richtete an die Juden bald nach dem Jahre 139 den 
Dialog mit Tryphon, und für die Heiden waren, von zweifelhaften 
Schriften abgesehen, berechnet die beiden Apologien, welche gewiss 
nicht bloss rhetorische Übungsschriften sein sollten: die grössere im 
Jahre 139 an Antoninus Pius und seine Adoptivsöhne, die kleinere 
zwischen den Jahren 161 und 166 an Marcus Aurelius und seinen 
Mitregenten. Er verfasste endlich ein — leider verlorenes — Werk 
»wider alle Häresien,' 1 wovon ein Theil sich im Besonderen gegen 
den antijudaistischen Gnostiker Marcion wendete. Hier ein Wort 
über das apologetische Verfahren, welches er einschlägt. Im Dialoge 
mit Tryphon werden zuerst die Vorurtheile der Juden gegen das 
Christenthum widerlegt, dann die Lehren des letzteren von der 
Gottheit und der Menschwerdung Jesu Christi sowie der Ver- 



') ApoL. II. c. 3. 

*) Apol. I. cc. 26. 58. 



1?0 Prof. Dr. Karl Otto. 

söhnung durch sein Blut nachgewiesen, endlich die Christen als das 
wahre geistige Israel und das Volk Gottes dargestellt. Der Haupt- 
zweck, welchen Justinus durch seine erste Apologie erreichen will, 
als nach Hadrian's Tode Verfolgungen ausgebrochen waren, ist: es 
möge Ton den römischen Machthabern nicht zugelassen werden, dass 
die Christen als Christen verfolgt würden. Dieser Gedanke zieht 
sich durch die ganze Schrift hin. Der Apologet weist zu jenem 
Zwecke nach: es sei mit dem Begriffe eines Christen der eines 
Cbelthäters nicht verbunden, vielmehr beruhe ihre Lehre auf einem 
guten Grunde, und ihr Cultus fördere zu allem Guten. Am Schlüsse 
ruft er aus: „Haltet ihr unsere Sache für wahr, so achtet sie; wo 
nicht, so verachtet sie. Aber tödtet uns nicht als Übelthäter. 
Zwar könnten wir auf Grund des Hadrian'schen Rescriptes von euch 
verlangen, dass ihr bei vorkommenden Anklagen uns nicht als 
Christen, sondern nur als eines wirklichen Verbrechens Überwiesene 
bestrafet; doch wir thun dies nicht, vielmehr sind wir von der Ge- 
rechtigkeit unserer Bitte überzeugt, und darum haben wir diese 
Verteidigungsrede abgefasst. Wir fügen die Abschrift von dem 
Rescripte des Hadrianus bei, damit ihr euch auch darin von der 
Wahrheit unserer Behauptung überzeugen möget" *). Im Eingange 
der zweiten Apologie .schildert Justinus die bedrängte Lage der 
Christen, welche der Willkür heidnischer Richter preisgegeben seien; 
zum Belege erzählt er die Martergeschichte mehrerer Christen, die 
in Rom wegen ihres Glaubens unlängst gelitten. Solchen Reden 
pflegten die Heiden Hohn entgegenzusetzen. „Warum beklagt ihr 
euch, wenn ihr getödtet werdet, und tödtet euch nicht selbst, um 
bald zu eurem Gotte zu gelangen?" „Oder warum lässt euch euer 
Gptt, wenn er so mächtig ist, ohne Hülfe und von den Widersachern 
tödten ?" Dieser nachtheilige Hohn musste zurückgewiesen werden. 
Justinus suchte daher beide Einwürfe der Heiden zu entkräften: 
den ersteren kurz, den anderen ausfuhrlich, indem er dabei hingeleitet 
wird auf Erörterungen über die Weltschöpfung, die Dämonen, den 
Sohn Gottes, das ewige Gericht Zuletzt bittet er um die officielle 
Bekanntmachung dieser Schutzschrift, damit die Leute, welche nur 
aus Unkenntniss der guten Sache thörichte Meinungen in Betreff der 



i ) Dann folgt dai Rescript , deaaen (laiein.) Original ieh stierst in meiner Aqa- 
gäbe mitgetheilt habe: Corp. Apoll. Vol. I, p. 163. 



Zur Charakteristik dea heil. Justinus etc. 171 

Christen an den Tag legten, ihrer strafbaren Unwissenheit sich ent- 
ledigen könnten '). 

Sicher sind Jostin's halieutischen nnd apologetisch-polemischen 
Bestrebungen in Wort and Schrift von gutem Erfolge begleitet ge- 
wesen. Daher erklärt sich die ausgezeichnete Anerkennung, welche 
er in der Kirche fand. Schon von Tatianus wurde er als 6 Sau/ia- 
attararog gepriesen, und von Tertullianus unter die viri sanctitate et 
praestantia insignes gezählt »). Frühzeitig erhielt er in der Kirche ') 
das Prftdicat „des Philosophen und Märtyrers," weil er nach seiner 
Wanderung durch die hellenischen Philosophenschulen im Christen- 
thume die einzige und alleinbeseligende Philosophie fand, sie mit 
begeisterter Liebe verkündigte, und selbst der irdischen Güter 
grtsstes Ar sie opferte. Kirchliche Schriftsteller der nächst- 
folgenden Zeit, besonders lrenftus und Tertullianus, schlössen sich 
ihm oft an in wörtlicher Entlehnung von Stellen aus seinen Schriften. 
Noch Spätere, wie Eusebius, muntern zum Studium dieser Schriften 
auf. Justinus war einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit: 
iroXu/iaScfa rs xal loropiüv jrc/>c/5/5föftfvos n\oOrq> — sagt Photius 4 ). 
Er hatte die hellenische Literatur kennengelernt; mehrmals über- 
trägt er in seine Schriften Stücke von dorther, vorzüglich aus Piaton. 
Sehr betraut war er mit den Büchern des alten Testaments, welche 
er nach damaligem Brauche lediglich in der griechischen, auch als 
inspirirt geltenden , Übersetzung las. Einige Irrthümer und Un- 
genauigkeiten, besonders historischer Art, dürfen wir ihm nicht zu 
hoch anrechnen »); dergleichen finden sich auch bei anderen 
Schriftstellern, wie die Erzählung von der griechischen Übersetzung 
des alten Testamentes 9 ). Die Darstellung in seinen (anerkannt 
echten) Schriften, den beiden Apologien und dem Dialoge mit 
Tryphon, ist schmucklos. Er spricht in ihnen die Sprache des 



') Ich erklare mich entschieden gegen die Hypothese BoU's (Illgen's ZeiUchr. 
f. d. histor. Theol. 18*2. H. 3. 8. 3 ff.): beide Apologien hätten ursprünglich 
nur eine einzige gebildet Vgl. Leip*. Repertor. d. deutsch, und ausländ. Lite- 
ratur 1862. N. %. S. 197 ff. 

*) Tatianus Or. ad Gr. c. 18. Tertullianus adr. Valent. c. *• 

') Dafür zeugt Tertullianus 1. c. 

*) Biblioth. cod. 125. 

») Apol. I. cc. 26. 31. %2. 62. Oial. c. Tr. cc. 3%. 86. 

•) Apol. I. c. 31 1 vgl. Cohort ad Gentt. c. 13. — Dial. c. Tr. c 181. 



172 Prof. Dr. Karl Otto. 

Lebens ; daher ist der Gedankengang mitunter durch Abschweifungen 
gehemmt, der Satzbau zuweilen schleppend, der Ausdruck nicht 
immer gewählt Schönrednerei lag ihm fern, wie den anderen Apolo- 
geten, im Hinblick auf die schlichte Rede der heiligen Schriftsteller 
des alten Testaments, rpayäg fyuv «vioropcrv juiAXw, otf xaraoxc uqv 
X6y<av iv /xövyj rty^? imfoixvvaSoti antOdoy *)• Mitunter aber erhebt 
sich seine Darstellung, zumal wenn er auf die Erhabenheit der christ- 
lichen Sache und ihre Erfolge zu reden kommt *). 

Die christliche Überzeugung, welche Justinus durch Wort und 
Schrift verkündigt hatte, besiegelte er durch seinen Tod. Im Jahre 
166 erlangte er die Krone des Narterthums. 

Die Apologeten des zweiten Jahrhunderts bewegen sich beson- 
ders im Kreise derjenigen Lehren, bei welchen das Interesse der 
Gegensätze des Judenthums und Heidenthums sowie des Gnosti- 
cismus coincidirten ; zur genaueren Erörterung anderer Probleme 
fehlte die Nöthigung. Auch Justinus entzieht sich gern Specula- 
tionen, die nicht im Zusammenhange mit dem Glauben stehen ; er 
meidet Bestrebungen, die ohne Beziehung auf die Kirche sind. Fra- 
gen wir genauer nach seiner dogmatischen Richtung, so kommt sein 
Verhfiltniss zum Piatonismus und Ebionitismus in Untersuchung. 

Die Frage aber den Piatonismus der Vfiter, Justinus an ihrer 
Spitze, ist seit Ausgang des 17. Jahrhunderts viel verhandelt wor- 
den, und zwar meist einseitig , insofern als sie unbedingt entweder 
bejaht oder verneint wurde. Wohl waren die alten Vftter der plato- 
nischen Philosophie zugeneigt: wegen der gegenseitigen Verwandt- 
schaft des Piatonismus und des Christenthums. Aber diese Verwandt- 
schaft darf nicht zu weit ausgedehnt werden. Wenn in neuerer Zeit 
bereits im Piatonismus das sittliche Verderben und die Erlösungs- 
bedürftigkeit angedeutet gefunden wurde, so ist dies nur zum Theil 
richtig; denn die Erneuerung bei Piaton ist mehr intellectueller als 
moralischer Art : sie ist Erneuerung durch Wissenschaft. Die Logos- 
lehre des vierten Evangeliums vermittelte Piatonismus und Christen- 
tum. Die platonische Schule selber erfuhr Einwirkung vom Chri- 
stenthume her. Der Neuplatonismus entlehnte aus demselben die 
Vorstellung über die Schöpfung der Welt frei aus Gott, indem er 



') Dial. e. Tr. e. 58. 

*) Apol. I. e. 1%. Dia», c Tr. ce. 12. 2%. 99. 110. 113. 122. 127. 19%. 



Zur Chjtrakteritftik de« heil. Jiistinus etc. 173 

die ewige Materie verwarf; Proklus besonders machte den Begriff 
des Glaubens» welcher in der antiken Philosophie verworfen wurde, 
zu einem Hauptbegriffe. Die Einwirkung des Piatonismus auf das Chri- 
stenthum zeigt sieh bis in's 5. Jahrhundert , wo er dem Aristotelis- 
mus wich. Zuvörderst wurden in der Kirche die Lehren von der 
Weltschöpfung , Trinität und vom menschlichen Geiste von dorther 
'ausgebildet. Dann sind einige kirchliche Formeln ganz platonischen 
Ursprungs: Gott, der unbegreifliche, unwesentliche, überwesent- 
liche. Besonders im 4. Jahrhundert wurde Manches in Sprache und 
Methode von dort entnommen. Die Meinung, dass die Spuren des 
Piatonismus zunächst der Apologeten des zweiten Jahrhunderts aus 
dem alexandrinischen Judenthume herzuleiten seien, lässt sich histo- 
risch nicht beweisen; es war ja in letzteres ebenfalls Piatonismus 
eingedrungen. Aber weiter hat man zu beachten: 1) dass eine Ver- 
fälschung der christliehen Lehre durch den Piatonismus nicht ange- 
nommen werden kann ; denn einestheils ist aus ihm keine Idee ins 
Chcistenthum herübergekommen, welche sich nicht aus der ursprüng- 
lichen Idee des Evangeliums hätte entwickeln können , und andern- 
theils ist die Idee des Evangeliums durch platonische Einflüsse nicht 
verändert worden. Darum hielt 2) die Kirche stets den Widerspruch 
gegen den Piatonismus fest *) und behauptete den absoluten 
Vorzug der christlichen Offenbarung. 3) Gerade einige Hauptbegriffe 
des Piatonismus hat die Kirche gar nicht aufgenommen. So wird 
das bei Piaton viel geltende i<xtn6yta von der Kirche immer in 
schlimmer Bedeutung gefasst. 4) Der Einfluss des Piatonismus war 
überhaupt mehr in der Sittenlehre als in der Glaubenslehre vorhan- 
den. Allerdings grenzt die platonische Ethik am nächsten an die 
christliche, wie sie denn hinweist auf Ideale im Menschenleben und 
in der gesellschaftlichen Verfassung. Dazu kommt S) dass als 
Quell der platonischen Lehre am wenigsten die Schriften Platon's 
selbst gebraucht wurden, meist Timftus und unechte Briefe; es 
folgten die „platonisirenden" Väter mehr dem Geiste der platoni- 
schen Schule, welcher damals besonders in Alexandrien und Vorder- 
asien sehr verbreitet war, der platonischen Tradition. — Die ersten 
Spuren platonischer Philosophie in der Kirche zeigen sich bei Justi- 



f ) Hierher gehört auch die gegen die Platoniker gerichtete Schrift (det HIppo- 
Ijtot) iripl rov payrö*? , „vom AU der Dinge/' 



174 Prof. Dr. Karl Otto. 

nus. Er hatte derselben» wie wir sahen , ein möglichst eingehendes 
Studium gewidmet. Als Christ weist er oftmals auf die Verwandtschaft 
der christlichen Lehre mit der platonischen ausdrücklich hin , wie in 
Beziehung auf Weltschöpfung *)t Logos , heiligen Geist ») , sitt- 
liche Freiheit '), letztes Gericht 4 ). Diese Anklänge der christ- 
lichen Wahrheit in der yorchr istlichen Zeit leitet er sowohl von 
der inneren Offenbarung des spermatischen Logos her (X679? f*p ^v 
xai forty 6 <v navrl wv), als auch von der Süsseren durch Einsieht 
in die mosaischen Schriften zugeflossenen Offenbarung »). Aber wie 
es das eine Verdienst Justin's ist, dass er einzelne Strahlen des Gött- 
lichen, Funken religiöser Wahrheit, auch im Hellenismus fand und 
dadurch die neue Welt mit den classischen Erzeugnissen der alten 
in Verbindung brachte : so ist es sein anderes Verdienst, dass er im 
Evangelium , obgleich es ihm als Eine Sache mit der allgemeinen 
Vernunft galt , das Göttliche in vollkommenster Weise zur Erschei- 
nung gekommen betrachtete. Da er in Christus den göttlichen Logos 
in seiner Totalität, die absolute Vernunft, erkannte (6 nä$ A670?, 
iauXpiarov), so fasste er das Christentum als die Wahrheit an sich, 
als die Religion der Vernunft schlechthin. Deutlich spricht er in der 
zweiten Apologie •) so von den platonischen Lehren, dass sie nicht 
gleich den christlichen seien, sondern ihnen nur Ähnlich. XpujTiavdg 
tüpt&jvou xai ctfxöjievo? xod frafijxdx*)? dyoivi^öfxsvog öfxoloyQ , oüjj 
ort dXkdrpid iört t« IIXarcovo? dtidy^ara toö XpioroS, &W 6rt ot)x 
fort TravTY? ofjLoea. Also sein Piatonismus hält sich durchaus auf der 
Basis des Christentums ; stets behauptet Justinus den unbedingten 
Vorzug des letzteren: es ist ihm die absolute und einzig wahre 
Philosophie. Der eigentliche Mittelpunkt der Justin'schen Philosophie 
ist die Lehre vom Logos , welcher sich in der Schöpfung, in der 
Vernunft und in der Person Jesu geoffenbart habe. Doch diese Lehre 
ist nicht die rein platonische; sie ist im Anschluss an die jüdisch- 
alexandrinische Theosophie entwickelt. Sie unterscheidet sich von 
der platonischen 1) der Grundbedeutung nach, denn bei Piaton ist 



*) ApoL 1. c. 20. 

*) L. c. c. 59 sq. 

') L. c. e. %%. 

4 ) L. c. c. 8. 

*) L. c. ee. %*. 59. 60. 

•) Apol. II» g. 13. 



Zur Charakteristik des heil. Juatinua etc. 1 75 

der Logos nichts Transeuntes, sondern ein Immanentes; er ist nichts 
Selbstständiges, wie ihn die Alexandriner aus Gott hervorgegangen 
dachten (npofopixög), vielmehr das Denken Gottes selbst. 2) Die 
Unterscheidung zwischen innerlichem und äusserlichem Logos findet 
sich bei Piaton nicht» welcher voO; und +ux*5 hat, wo die Kirche 
schwankt zwischen äusserem Logos und heiligem Geist 3) Der Ge- 
danke, dass der göttliche Logos nicht nur der Welterbauer, sondern 
auch der Herr und Verwalter der Geisterwelt gewesen sei, an dem 
die Menschengeister Theil genommen hätten, beruht nicht auf dem rei- 
nen Piatonismus. Hier ist der voO; die Seele der Welt; zu dieser Seele 
gehören die Menschenseelen , in denen sich der Zug (das Abbild) 
jener Seele finden soll. Der Justin 'sehe Ausdruck A670? «rspjxorcxög 
hängt mit dem Stoicismus zusammen, welcher damals im Occident 
überwiegend herrschte als die eigentliche philosophia civilis , wie 
ja der Ton dortherstammende Pantänus ein Stoiker gewesen sein soll, 
obwohl zu Alexandria nie Viele ausschliesslich dieser Philosophie 
angehörten. Besonders war die stoische Fatumlehre dem christlichen 
Bewusstseinsehr anstössig, während hinwiederum die stoische Sitten- 
lehre Anerkennung fand; in der zweiten Apologie schreibt Justinus den 
Stoikern bloss hinsichtlich des letzteren Punktes treffliche Leistungen 
zu *). Aber im Stoicismus bezeichnet jener Logos den aus Keimen 
sich entwickelnden Weltgeist (6 iv onipfkaai Atyog), dagegen ist 
er bei Justinus eigentümlich die durch die Vernunftwelt hindurch- 
gehende (zerstreute) Gotteskraft, verwandt mit dem Göttlichen in 
Christus (anaptls \6yog). Noch darin trifft Justinus mit dem Stoicismus 
zusammen, dass er in seinen echten Schriften nirgends mit Bestimmt- 
heit als Trichotomist erscheint; er unterscheidet neben <Jcö/xa nicht 
zwischen $»'//) und nvsOpM, d. b. zwischen dem animalischen Le- 
beosprineip (dem Sitze der Begierden und Affecte) und dem Princip 
der Vernunft und des Willens. Diese Nichtunterscheidung eines un- 
vernünftigen und vernünftigen Theiles der Seele ist ganz im Sinne 
der lateinischen Kirche, welche schon durch ihre Sprache der Tren- 
nung eines doppelten seelischen Principes fern blieb. Sie ist hoch- 
bedeutend für die Gestaltung der christologHchen Ansicht. Man hat 
Justinus, gerade in neuerer Zeit, zum Vorläufer des Apollinaris ge- 



*) L. c. c. 8 : Xrauxol x&v rdv >j$ix<Jv \tf70v xrffffMot 717**«*^ — toi t6 
?fA?vrov irovri 7fr« av3pw*wv <mip\k<x roö Xefyov. 



176 Prof. Dr. Karl Otto. 

stempelt. Er sagt in einer berühmten Stelle seiner zweiten Apolo- 
gie *) : die Person Christi bestehe aus töjuia, Xöyo?, 4* U X*?' Wenn 
nun Justinus seine Anthropologie auf die platonisirende Annahme 
von der Trichotomie der menschlichen Natur gestützt hätte, so würde 
er allerdings anstatt des Pneuma (der Vernunftseele) in Christus 
den göttlichen Logos gesetzt haben und apollinaristisch lehren. Aber 
Tom Standpunkte der Dichotomie ist in jener Stelle die Zusammen- 
stellung von töjiä und ^v^h als Bezeichnung der vollständigen 
Menschheit Christi zu lassen und \6yog als Ausdruck seiner Gottheit. 
Demnach behauptet der Märtyrer im kirchlichen Sinne : in Christus 
sei Göttliches und Menschliches zur persönlichen Einheit verbunden 
erschienen. 

Über das Verhältnis* Justin's zum Ebionitismus ist erst in 
neuerer Zeit verhandelt worden. Am Weitesten ging Schwegler, 
welcher geradezu behauptete »), der dogmatische Standpunkt Ju- 
stin's müsse wesentlich als eigentümliche Entwickelungsphase des 
akatholischen» d. i. ebionitischert Judenchristenthums aufgefasst wer- 
den. Die Annahme einer solchen Hinneigung Justin's zum Ebionitis- 
mus ging von der Voraussetzung aus, dass das Judenchristenthum 
schon damals als Secte aus der Kirche ausgewiesen gewesen und 
dennoch von Justinus mit grosser Milde beurtheilt weMe. Dabei 
kommt die vielbesprochene Stelle des Dialogs mit Tryphon c. 47 
in Frage. Justinus unterscheidet dort zwei Arten von Judenchristen : 
die eine mildere, deren Anhänger nur für sich am mosaischen Ge- 
setze festhalten wollten, ohne dessen Beobachtung von den Christen 
heidnischer Abstammung zu verlangen ; die andere strengere (ebio- 
nitisch gesinnte), welche das Gesetz auch för die Heidenchristen 
als absolut verbindlich betrachtete. Wenn er die milden Juden- 
christen nicht von der Seligkeit ausgeschlossen sein , sondern sie, 
obschon als schwache, doch als christliche Mitbrüder gelten lässt, 
so gibt er damit zu verstehen, dass dieselben damals noch nicht als 
Secte aus dem kirchlichen Verbände ausgeschieden worden waren. 
Gleichwohl verschweigt er nicht , dass Manche seiner Richtung in- 
sofern anderer Meinung $eien, als sie auch mit ihnen keine Kirchen- 
gemeinschaft haben mochten. Doch hatte diese Meinung Einzelner 

*) L. c. c. 10. 

*) Das nachapostol. Zeitalter. 1. Bd. (Tob. 1846) S. 359 ff. 



Zur Charakteristik de» heil. Jtwtinu« etc. 177 

einen weiteren Einfluss nicht erlangt , wie aus der von Justinus hin- 
geworfenen Bemerkung hervorgeht : olg ij'ta ori aitvGuv6$ sifit. Was 
berichtet er nun von den strengen Judenchristen ? Er kündigt , da 
sie mit denjenigen Heidenchristen, weiche das Gesetz nicht beobach- 
teten, keine Gemeinschaft haben wollten, ihnen auch den Verkehr 
auf; er stellt sie als Secte hin. Denn bei dieser Aufkündigung spricht 
er offenbar im Sinne und als Repräsentant des gesammten das Gesetz 
nicht haltenden Heidenthums. Daneben nennt er in analoger Weise zwei 
Arten von solchen Heidenchristen, welche die Beobachtung des Geset- 
zes eingegangen : die eine, welche dabei den Glauben an Christus 
festhielt; die andere, welche damit das eigentlich Christliche aufgab. 
Die der ersten Art Angehörenden werden nach Justin's, d. i. der das 
Gesetz nicht haltenden Heidenchristen, Annahme vielleicht (foo>?) 
selig; aber den Angehörigen der zweiten Art wird die Seligkeit 
geradehin abgesprochen. Also jenes milde Urtheil Justin's über das 
Judenchristenthum bezieht sich lediglich auf die milderen Juden- 
christen, und da mit diesen die Kirche in ihrer Mehrzahl den Umgang 
nicht aufgegeben hatte, so wird auch eine Hinneigung Justin's zu 
ihnen nicht auffallen dürfen. Hauptsächlich machte man noch fol- 
gende drei Momente geltend : 1) Justinus schweige in seinen Schrif- 
ten über den Apostel Paulus , welcher den Judenchristen verhasst 
gewesen. Aber daraus folgt noch nicht, dass er im Geiste der Juden- 
christen eine Abneigung gegen Paulus gehabt. Denn wäre dies der 
Fall, so hätte er oftmals Gelegenheit gehabt sich mit Anführung 
des Namens des Apostels förmlich von ihm loszusagen. Dazu kommt 
noch ein Umstand. Wie von den Judenchristen wurde Paulus , der 
Heidenapostel und gewaltige Gegner des mosaischen Gesetzes , von 
den Juden mit tödtlichem Hasse verfolgt. Da nun Justinus im Dialoge 
mit Tryphon ausschliesslich auf Juden einwirken wollte , so gebot 
ihm diese Rücksichtnahme Schweigen über die Persönlichkeit jenes 
Apostels. In den Apologien erwähnt er ihn ebenfalls nicht, weil sie 
in weiteren Kreisen gelesen wurden und auch in die Hände der Juden 
gelangen konnten *). Übrigens geht er in seiner Darstellung der 
christlichen Lehre immer auf Jesus Christus als den Anfänger und 
Vollender selber zurück. 2) Justinus lasse sich nie auf den eigen- 
tümlichen Lehrbegriff des Paulus ein. Aber er schliesst sich gerade 

<) litt Belege in Tilgen'« ZeiUchr. f. d. histor. Theol. 18«. H. 2. S. 53. 



178 Prof. Dr. Karl Otto. 

in seiner Polemik gegen das absolute Fortbestehen des mosaischen 
Gesetzes eng an die paulinische Lehre an : die Christen hätten ein 
neues Gesetz, welches für das ganze menschliche Geschlecht, nicht 
bloss fiir ein Volk, bestimmt und durch welches das frühere Gesetz 
aufgehoben sei *). Dies führt er dergestalt durch , dass sich die 
paulinische Grundlage nicht verkennen lfisst. 3) Justinus spreche 
sich an einer Stelle des Dialogs ») gegen den Genuss des Opferflei- 
sches aus, während Paulus I. Kor. 10, 25 ff. nur unter einer ge- 
wissen Bedingung dagegen sei. Aber jener richtet sich dort nicht gegen 
den Apostel, sondern gegen die Gnostiker, indem er dem Verbote die 
Beziehung jenes Fleisches auf die heidnischen Götter, die Dämonen, 
zum Grunde legt Aus diesem Gesichtspunkte verbietet auch Paulus 
I. Kor. 10, 14 ff. die Theilnahme an Opfermahlzeiten eben als Dämonen- 
dienst. Andere dem Apostel nichts weniger als feindlichgesinnte Väter 
klagen ebenfalls über die Gleichgültigkeit der Gnostiker in jenem Punkte. 
Weitere Einwände übergehen wir , da sie sich auf durchaus neutrale 
Vorstellungen beziehen. Justinus kann schon darum nicht ebfonitisch 
gesinnt gewesen sein, weil er sich über die judaisirenden Christen 
als ihm fremde Parteien erklärt. Und wie hätte er die Heidenchristen 
in seiner ersten Apologie höher als die Judenchristen setzen können ? 
Er nennt jene geradezu ak^i^Tepoi xai mardrtpoi *). Demnach 
gehörte er zu den gemässigten^echt apostolischen Heidenchristen. 

Er hat eine doppelte Grundlage seiner Darstellung der christ- 
lichen Lehre: das kirchlich-traditionelle Taufbekenntniss und die 
heilige Schrift. Die prophetischen Schriften des alten Testamentes 
haben ihm ja die Brücke zum Christenthum geschlagen, und stets 
beruft er sich in seiner Darstellung auf die (neutestamentlichen) 
»Denkwürdigkeiten der Apostel." In Bezug hierauf vermag kein 
Widerspruch sich geltend zu machen. Nur hinsichtlich des enteren 
Punktes erlaube ich mir noch Einiges beizufügen, da er von den 
Gelehrten bisher keine Berücksichtigung gefunden hat. 

Die Grundlage jenes Bekenntnisses war das Taufmandat auf 
Vater, Sohn und Geist*), worin die Centralidee des Evangeliums 



*) Dtal. c fcr. cc 11 13.67. 
■) C. 3« sq. 
') Apol. I. c. 53. 

*) Matth. 28, 10. — Schon in den Schriften des neuen Testamentes finden wir 
weiter« Spuren davon. So ist Hebr. 10, SO, was alle Ausleger merkwürdiger 



Zur Charakteristik des heil. Justlnus etc. 179 

erklärt ist : die Idee vom göttlichen Reiche. Dasselbe enthielt das 
was die apostolische Verkündigung in die Gemeinden gelegt hatte 
und die rechtgläubige Kirche festhielt : den Glauben an Gott den 
Weltschöpfer, an Jesum Christum den Gottessohn, der zu unserem 
Heile Mensch geworden und gestorben , an den heiligen Geist, der 
durch die Propheten und Apostel geredet und die Gläubigen zur 
Heiligung fahre. Es war das Ursymbol der Kirche. Wir finden es 
bei TertuIIianus und Irenäus unter dem Namen der Glaubensregel. 
Das allgemein Geschichtliche von Christus flocht sich in selbige 
hinein, einzelne Begriffe reihten sich an, wie sie das kirchliche 
Interesse erheischte, doch nicht tiberall dieselben und in gleicher 
Weise ; dies geht daraus hervor, dass jene beiden Väter in ihrer 
Anfuhrung der Glaubensregel unter einander abweichen *)- Im An- 
fange flüssiger gehalten, erhielt sie im Laufe der Zeit aus den gegen 
die Häresien gerichteten Lehrbestimnumgen der Kirche immer mehr 
Zusätze, und gab so die Grundlage dessen was später unter dem 
Namen des apostolischen Symbols durch Rufin's Redaction festgestellt 
wurde. Die theologische Forschung hat es bisher ganz übersehen, 
dass schon bei Justinus sich die Spuren finden des ausdrücklich bei 
der Taufe vor der Gemeinde abgelegten Bekenntnisses, der Glaubens- 
regel. Er führt mitunter, jedesmal dem besonderen Zwecke der Rede 
angepasst, die Summe des christlichen Glaubens oder einzelne Sätze 
so an , dass man die stillschweigende Beziehung auf etwas kirchlich 
Gegebenes merkt; man sieht, dass er einer gewissen Norm folgt. 
Überhaupt spricht er meist communicativ aus dem Bewusstsein der 
Übereinstimmung mit Anderen, die ihm gleich denken und glau- 
ben ; er -7- der echt apostolische Christ — redet gern als Repräsen- 
tant einer Gemeinschaft, und zwar der Gemeinschaft der jxaSijrai 
rf/? dhiStrfis 'I190OO XpceroO xai xc&apöts iiiaaxakla^ *), im Ge- 



lttassen Übersehen haben, eine Uinweisung auf die Taufformel ; erst durch 
diese Beziehung wird die Stelle klar. Bs heisst: die welche von der christ- 
lichen Sache abfallen stossen von sich 1) Gott in seinem Sohne, *) den 
Sohn der durch seinen Tod den Bund besiegelte , 3) den Geist der Gnade 
verleiht; kurz sie handeln gegen die in der Taufe übernommene Verpflichtung. 

1 ) Irenius adv. haer. I. c 10. $. 1 m. III. e. %. $• 3. TertaUianus de virgg. 
vel. c. i, adv. Praz. c 3, de praescriptt. haer. e. 13. 

») Dial. c Tr. c. 35. 

Sitxb. d. phü.-hist. Gl. VIII. Bd. II. Hfl. 12 



180 Prof. Dr. Kar 1 O tto. Zur Charakteristik dos heil. Justinns etc. 

gensatze zu den Gnostikern, die er filr unechte Christen erklärt *)• 
Nicht willkürlich aufgestellte Satzungen , vielmehr allgemein aner- 
kannte Lehren (&$ iStidx^o^sv *)) will er vortragen. Seine 
Schriften zeigen iu den einzelnen Sätzen des Bekenntnisses Ober 
Gott» Christus, heiligen Geist bereits (kirchlich*) antignostische 
Bestimmungen; besonders das Bekenntnis« Christi stellt sich in 
Annäherung zu einem mehr formulirten Schema heraus, und nament- 
lich ist schon die Gewohnheit sichtbar mit der declaratorischen 
Nennung Christi factische und historische Aussagen zu verbinden. 
Bei solcher Grundlage, die hinsichtlich der wesentlichen Lehren 
kirchlich gegeben war, blieb ihm natürlich die Freiheit der weiteren 
Ausführung seiner individuellen Denkungsart gemäss , und anderes 
nicht Wesentliche liess freie Forschung zu. Wir machen auf die 
wichtigsten Stellen aufmerksam. Die Taufformel erwähnt er Apol. I. 
c. 61, wo er unter Anderem auch sagt: die Taufe werde vollzo- 
gen auf den Namen rou narpdg rwv oicuv mal deroörou £coO, 
und auf den Namen 'hjaoö Xpc'oroG roO a raup a>£iv tos ixl 
Uovrlov ücAarou, und auf den Namen jrvcOfAaro? dytov, o dt* 

TCüV KpO<pY)T<jJV KpQ€XY)pu£t TCC XOLXä TÖV 'hjffOVV K&VTCt. Als 

Objecto des Glaubens nennt er c. 6 den Vater, den Sohn, die Engel 
nebst heiligem Geist*). Wir verehren, bemerkt er c. 13, röv 

tiqfuovpydv roOdc rou /ravrös, avsvtitri acfAccrav xac otov&mv mal 
£ujxcajxdra>v xtA. , di$daxal6v rt rourwv yevdfxsvov f)[uv mal ti$ 
roöro y&vySivTa 'IqaoGv Xpcaröv, röy aroLvp^ätvra. inl Ilovrtou 
IleXdrou, toö 7«vojtxfvov £v 'hviala inl x/»6v*cff Tißcptov Kafoa- 
pos imvp6nov f uWv atfroO roO 6vra>; £eoö xrA., 7rvct>/ia n /rpopijrcxöv. 
Im Martyrologium 4 ) legt er sein christliches Bekenntniss ab und 
nennt als summarischen Inbegriff der rechtgläubigen Lehre den 
Glauben dg rdv $s6v, 8v ityofyxc^a iva rourov i£ dpxvt notyrip 
mal äqfuoupyöv rifc jraap? xrcacot»?, dparifc rc xac dopärov, mal 
xGptov 'itjjoöv Xpcaröv 7rai£a £cou, 5$- xac npoxsxhpvxrai und twv 



1 ) L. e. cc. SS. 80. 
*) Apol. I. cc 6. 13 a. o. 

*) Wir verweisen auf eine bisher unbeachtet gebliebene Parallele 1. Tim. 5, %\ : 
Atapaprvpopai Ivctatov rou 3coG xol Xpurroö 'Iijaoö xsl rwv AcXfxr&v 

*) c. a. 



IgnaiBeidtel. Über Gsterr. Zustände in den Jahren 17*0—1 792. 181 

npopnrüv fjiXAwv KapayiveoSoa toi yevtt rcSv dvSp&nwv ao)rtjpla$ 
xi)pv£ xad $iid<JxaXog xaXwv fxaAjrcSv. Zugleich fögt er bei : Kdtycb 
SvSptonos &v juuxpa vo/ii'Cw Xlyetv npds tt^v onkoO anetpov ^-eÖT^ra, 
Kpo<pr)Ttxi)v nva ä&va/xev 6fxo\oyü)V' intl npoxtxrqpvxrou nepi roGrov 8v 
ifr,v vOv SeoO vlöv Svra. Namentlich gibt er in Beziehung anf Chri- 
stus Andeutungen des Bekenntnisses, wie Apol. I. c. 21 und 42. Dort 
lautet es : 'bjcxoöv XpttJTÖv röv ät idoxalov >J/aS>v, xad roörov aravpia- 
Ssvra xal dnoBoLvtvra xat dvouTT&vra, dvth}\v$ivat eis töv odpavöv. 
Hier , mit Beifügung einer neuen Formel : '\y)<sqv$ Xptardg tfraupw- 
Selg xotl dizo$av6)v dviorri) xod ißotai'ktvaev dvcX£et>v tlq oüpavöv. 
Endlich, um Anderes zu übergehen, sagt er c. 46 : „Christus, ge- 
boren von einer Jungfrau , gekreuziget und gestorben , auferstanden 
und aufgefahren in den Himmel." 

Möge es mir in diesen ob auch flüchtigen Zügen gelungen sein, 
das Verständniss und die Würdigung Justin's , des Philosophen und 
Märtyrers, einiger Massen gefördert zu haben. 



Fortsetzung der Vorträge über Österreichische Zustände 

in den Jahren 1740 — 1792. 

Von dem c. M. Hrn. ftberlaiidesgeriditgrath leldtel. 

VL 

Ueber die Entwickelung der Jusäzgesetzgebung unter K. Joseph II. in 

Hinsieht auf die dadurch in den Gemeinde- Verfassungen hervorgebrachten 

Veränderungen. 

Die Veränderung an den Gemeindeverfassungen, welche unter 
der Regierung Joseph's IL Statt fand , gehört unter die wichtigsten 
unter dieser Regierung hervorgetretenen Neuerungen. Im Jahre 1780 
waren diese Verfassungen durch das, was seit 1780 in Ansehung 
ihrer geschehen, zwar sehr erschüttert aber nichts weniger als auf- 
gelöst. Die Staatsverwaltung trug daher Bedenken, eine neue Ge- 
meindeverfassung einzufahren, bei welcher das alte Recht der freien 
und halbfreien Gemeinden, durch Männer aus ihrer Mitte die Justiz 
zu verwalten, ignorirt oder aufgehoben würde. Man war geneigt, den 
Gemeinden diese Gerichtsbarkeit, wenn es auf angemessene Bedin- 
gungen geschehen könne, zu lassen, sei es auch mit theilweiser Auf- 

12* 



182 Ifnftx BeUtel. 

gebung des Grundsatzes einer wissenschaftlichen Justizpflege. Man 
bemerkte nämlich leicht, dass wenn gewisse Gemeinden sichselbst 
nach den neu einzufahrenden Landesgesetzen das Recht sprechen 
sollen , dies nur geschehen könne wenn * allenfalls mit Zuziehung 
eines in den neueren Gesetzen bewanderten Mannes , ein aus Ge- 
meindegliedern zusammengesetztes Collegium die Gerichtsbehörde 
des Ortes werde. Diese Betrachtung bestimmte zum Abwarten 
und selbst zu einer gewissen Toleranz bei der Handhabung der neuen 
Gesetze. . / - 

Bald im Anfang der Regierung Joseph's II, erschien (1. Mai 1781) 
die allgemeine Gerichtsordnung und die mit ihr in eine enge Verbin- 
dung gesetzte Concurs-Ordnung. Sie beruhte im Wesentlichen auf 
den Vorschriften des canonischen Rechtes, verbunden mit Zusätzen 
neueren Ursprunges und von ungleichem Werthe. 

Alle anderen Process-Ordnungen, welche in den deutsehen Pro- 
vinzen und Galizien bestanden und deren Zahl ungemein gross und 
selbst in Ansehung der leitenden Grundsätze höchst verschieden war, 
wurden durch das Kundmachungs-Patent aufgehoben und dadurch 
für die meisten Städte und Märkte, wenn sie nicht Juristen zu Rich- 
tern oder Consulenten gehabt hatten, eine grosse Schwierigkeit her- 
beigeführt, die Gerichtsbarkeit Im Sinne der nunmehr bestehenden Ge- 
setze aqMqüheo. Auf den Hemfehaft<i*Bezirkf n entstand aber filr 
die Herrschaftsbesitzer sogleich die Notwendigkeit, sich um einen 
oder den anderen mit den neuen Gesetzen bekannten Beamten für die 
Justizverwaltung umzusehen. 

Die Gerichtsordnung hatte die zum Richteramte in Zukunft erfor- 
derlichen Eigenschaften festgesetzt. Sie bestanden nach den §§. 430 
und 431 in vollendeten Rechtsstudien und einem voa dem Ober- 
gerichte nach vorhergegangener Prüfung ausgestellten Fähigkeits- 
decrete. Nur ausnahmsweise wurden durch den Schlusssatz des 
§. 431 auch Männer ohne Rechtsstudien, wenn sie ihre Fähigkeit 
praktisch bewährt hatten, zum Richteramte zugelassen. Diese letz- 
- tere Ausnahme musste man anfangs als Regel betrachten, um nicht 
in den meisten Städten und Märkten sogleich die Justizpflege unmög- 
lich zu machen , die Dörfer aber musste man ganz an die herr- 
schaftlichen Gerichte weisen. 

Ungeachtet dieser Versiebten konnte jene wissenschaftliehe 
Justizpflege, welche bei der Kundmachung der Gerichts- und Con- 



Ueber Osten*. Zustande in den Jahren 17*0—1792. 183 

curs-Ordnung beabsichtiget worden, durchaus nicht erreicht werden. 
Selbst bei den Stadtgerichten fanden sich die Beisitzer äusserst 
schwer und meistens auch widerwillig in die neuen Processformen. 
Theilweise hatte dies die Regierung vorhergesehen. Dies war der 
Hauptgrund , dass die Gerichtsordnung ganz gegen die Grundsätze 
der früheren Zeiten, in jeder auch noch so unbedeutenden Rechts- 
sache gegen ein Urtheü die Appellation und gegen jeden Bescheid 
des unteren Richters den Recurs gestattete und bei einer Verschie- 
denheit der Entscheidungen des unteren und oberen Richters auch 
noch die Revision» oder den Recurs an den obersten Gerichtshof er- 
laubte. Man begreift, dass man auch noch andere Gründe fflr diese 
Begünstigung der Appellationen und Recurse hatte, aber diese Begün- 
stigung, welche wegen des Zustandes der Untergerichte weiter ging, 
als sie vielleicht sonst gegangen wäre , gereichte der Justizpflege 
nicht zum Vortheil. 

Die Schwierigkeiten, mit den alten Communal- Verfassungen eine 
wissenschaftliehe Justizpflege zu erreichen, vermehrten sich, als 
(23. Juni 1782) eine neue Vorschrift in Ansehung des Geschäftsstyls 
erschien, welche Gleichförmigkeit, Präcision und Kürze des Styls 
verlangte und dazu auch Formulare hinausgab. Zwar wirkte diese 
Vorschrift mehr auf die sogenannten politischen Geschäfte ; die Ge- 
richtsordnung hatte aber auch etwas Aehnliches verlangt und auch 
dies machte den alten Communal-Beamten Schwierigkeiten. 

Die Schwierigkeiten vermehrten sich aber , als in den Jahren 
1783 und 1784 Jurisdictions-Normen erschienen, welche neue Be- 
stimmungen über die Competenz der Gerichtsstellen gaben. Durch 
sie erloschen die Gerichte der Universitäten, die geistlichen Gerichte, 
die privilegirten Instanzen für unadeliche Staatsbeamte und die soge- 
nannten siegelmässigen Personen. Die Communalgerichte hatten 
nun oft über Dinge, welche bei den aufgehobenen Gerichten erster 
Instanz vorgekommen und zum Theil wichtige Fragen betrafen, zu ent- 
scheiden und die Klagen , dass schlecht entschieden werde, waren 
häufig. 

Obgleich nun die Staatsverwaltung, um eine gute Justizpflege 
im Sinne der neueren Gesetze sicher zu stellen, schon mit dem Hof- 
decrete vom 1. Nov. 1783 den Wiener Magistrat und um dieselbe 
Zeit auch die Magistrate einiger andern Städte organisirt hatte, 
musste sie sich, da auch bei der politischen Geschäftsführung über die 



184 Ignaz Beldtel. 

Gemeinde-Obrigkeiten der Städte und Märkte geklagt wurde, ent- 
schliessen, auch dort eine neue Organisirung eintreten zu lassen. Sie 
geschah vorzugsweise durch das Hofdecret von» 9. September 1785 
und das an alle Appellationsgerichte ergangene Gesetz vom 19. De- 
cember 178S. Diese Gesetze stellten ftr die Regulirung die Grund- 
sätze auf. 

Zu Folge derselben war bei den Gemeinde- Verfassungen der 
Städte und Märkte darauf zu sehen, ob die Gemeinde nach der Ver- 
fassung von 1780 ihre Urtheile in Civilsachen, ohne sie einer höhe- 
ren Bestätigung vorlegen zu dürfen, kundmachen durfte oder nicht. 
Im ersten Falle sollte sie einen Anspruch auf die Beibehaltung der 
Civil-Gerichtsbarkeit haben, im zweiten Falle geht die Gerichts- 
barkeit an jenes Amt über, welches das Recht hatte , die Vorlage 
der Gemeinde-Ansprüche vor ihrer Kundmachung zn verlangen. 
Doch auch in dem Falle , wenn die Gemeinde nach dem eben er- 
wähnten Grundsatze einen Anspruch auf die Beibehaltung der Ge- 
richtsbarkeit hatte, gehörte zurwirklichenAusübung noch das, 
dass sie ein rechtsverständiges von dem Appellationsgerichte als 
tauglich anerkanntes Individuum als Justiz-Referenten aufstellen und 
mit einem gewissen Gehalte betheilen kann. Kann dies die Gemeinde 
thun , so wählt sie den Referenten , kann sie mit der gehörigen 
Besoldung keinen Justiz-Referenten aufstellen, so geht die Gerichts- 
barkeit auf so lange , als dieses Hinderniss besteht, an den Besitzer 
jener Herrschaft über, auf deren Gebiet die Gemeinde besteht 

Neben diesen Justiz-Referenten sitzen in dem Gemeinderathe, 
welcher stets den Titel Magistrat führt, einige von der Gemeinde 
zu Räthen gewählte Männer und ein gleichfalls aus der Gemeinde 
gewählter Bürgermeister. Wenn es aber bei grösseren Städten 
der Umfang der sämmtlichen dem Magistrate zugewiesenen ge- 
richtlichen, politischen und ökonomischen Geschäfte fordert, dass 
mehrere Referenten, welche die Rechte studirt haben, bestehen , so 
können und sollen auch mehrere oder sogar alle Magistratsräthe aus 
dem Stande der Juristen gewählt und aus demselben Stande auch 
mittelst einer Wahl der Bürgermeister aufgestellt werden. Das min- 
dere Personal eines jeden Magistrates besetzt der Magistrat 

Die hier angeführten Grundsätze der Organisation der Magi- 
strate wurden , in soferne es die Verschiedenheit der Provincial- 
Verfassungen forderte, eingeführt. An und für sich schienen diese 



Ucber fttterr. Zustände in den Jahren 1740 — 1792. 185 

Gnmdsötze in Beziehung auf die Gemeinde- Verfassungen ziemlich 
einfach zu sein ; sie sind es aber nicht und machten daher manche neue 
Zusätze und Erläuterungen nothwendig. Als Resultat ergab sich 
Folgendes : 

1. Die alten Communal- Verfassungen in den Städten und Markt- 
flecken hatten als unverträglich mit der Organisirung der Magistrate 
aufgehört und mit ihnen die alten Titel oder Aemter von Schul- 
theissen, Primatoren, Stadtältesten , Rathsherren, Senatoren, Stadt- 
schreibern, Consulenten u. s. w. 

2. Der Magistrat bestand in den kleineren Städten und Märk- 
ten, welche die Civil-Gerichtsbarkeit beibehalten hatten, gewöhnlich 
aus einem Bürgermeister, dem Justiz-Referenten, welcher Syndicus 
hiess und zugleich erster Rath war, und zwei oder drei von der Ge- 
meinde aus den ihrigen gewählten Räthen. In den etwas grösseren 
Städten war der Bürgermeister, ja zuweilen auch noch ein Rath aus 
dem Stande der Juristen genommen, ja in grossen Städten bestand 
das ganze Collegium des Magistrates aus Männern mit Rechtsstudien. 

3. Der Magistrat hatte die sämmtlichen gerichtlichen, politi- 
schen und ökonomischen Geschäfte seines Bezirkes über sich und 
vertheilte ihre Besorgung unter seine Mitglieder. In Ansehung der 
ökonomischen Geschäfte bestand jedoch ein von Zeit zu Zeit erneu- 
erter Gemeinde-Ausschuss zur Controle des Magistrates und zur 
Entscheidung über Ausgabsposten oder jene Neuerungen in der Ver- 
waltung, welche der Magistrat in Antrag bringt. 

4. In den kleinen Städten und. Märkten, welche keinen gesetz- 
mässig bestellten oder nach der Geschäftssprache keinen organi- 
sirten Magistrat erlangten, konnten zwar die alten Titel und auch 
etwas von der älteren Geschäfts- Vertheilung fortdauern , doch war 
die Stellung im Ganzen wesentlich verändert, weil die Civilgerichts- 
barkeit wegfiel und gewöhnlich auch die Polizei- Verwaltung, in so- 
fern die letztere es gesetzlich mit schriftlichen Aufsätzen zu thun 
hatte. 

5. Zufolge der Organisation der Stadtgemeinden hörte dadurch 
der den Zünften verfassungsmässig gesicherte Einfluss auf gewisse 
Geschäfte , die ausschliessliche Wählbarkeit gewisser Classen oder 
Familien zu bestimmten Gemeindeämtern , die alten Cereroonien 
bei der oder jener Veranlassung, die herkömmlichen Gastmähler 
nach gewissen Wahlen auf; die alten städtischen Gedenkbücher, 



186 Ignaa. Beidtel. 

welche zum Theil für die Geschichte des Ortes wichtig waren, wur- 
den oft als Maculatur behandelt und meistens nicht fortgesetzt, 
und Tide das Rangsverhältniss zu anderen Städten oder die gegen- 
seitige Hülfeleistung betreffende Verträge wurden als nicht mehr be- 
stehend angesehen. Viele Familien kamen dadurch in ganz neue 
ihnen oft unangenehme Verhältnisse. 

6. An manchen Orten war die Gemeindeverfassung auf eine 
noch auffallendere Art geändert worden. So waren zufolge des 
Hofdecretes vom 27. Februar 1784 die vier Prager Städte, Altstadt, 
Neustadt, kleine Seite und Hradschin in eine einzige Gemeinde ver- 
einigt. In Galizien wurden durch das Hofdecret vom 13. April 1784 
periodische Wahlen der Dorfrichter ganz gegen die alten Obser- 
vanzen eingeführt. 

7. Die gesetzmässige Stellung des Gemeindeausschusses fährte 
gewöhnlich zu Misshelligkeiten zwischen ihm und dem Magistrate. 
Viele ruheliebende Bürger verlangten daher weder den einen noch 
den anderen Platz , wer aber solche Plätze nicht erhielt, hatte in 
den Gemeinde-Angelegenheiten gar nichts zu reden Wenige Bürger 
bekümmerten sich daher um diese Angelegenheiten, und da ohnehin 
zufolge der Geschäftsordnung die bei manchen Stadtobrigkeiten und 
fiir manche Geschäfte bestandene Oeffentlichkeit der Verhandlung 
aufgehört hatte , so waren auch manche Gegenstände nicht mehr da, 
welche ehedem ein Interesse für die Ortsbewohner gehabt hatten. 

8. Ungeachtet durch die Aufstellung von Männern mit förm- 
lichen Rechtsstudien die Geschäfte meistens in die Hände fähiger 
Personen gelegt worden , so war es doch unvermeidlich, dass die 
neue Gemeindeverfassung ihrem Zwecke, den Gemeinden die 
Handhabung einer wissenschaftlichen Justiz-Gesetzgebung möglich 
zumachen, nur zum Schein erreichte. 

Die eigentlichen Juristen sprachen , wenn der Magistrat gross« 
tentheils aus Nichtjuristen bestand, gewöhnlich in allen Geschäften 
das entscheidende Wort, und wenn die Nichtjuristen ja zuweilen eine 
andere Meinung hatten, so war sie selten gut begründet. Der Syn- 
dicus, ein Mann, der vor seiner Anstellung als solcher gewöhnlich 
der Gemeinde fremd gewesen war und stets Neigung hatte, sie gegen 
einen bessern Platz zu verlassen, war nun meistens der einfluss- 
reichste Mann der Gemeinde, und es kam oft vor, dass er diese Stel- 
lung missbrauchte. 



Ueber österr. Zustlnde in den Jahren 1 7*0 ~ 1 792. 1 87 

9. Für manche kleine Stadt- und Marktgemeinde entstand die 
Folge, dass ihre Einwohner in vielen Fallen, für welche vorher 
die Entscheidung i n der Gemeinde geschah, an das oft sehr entfernte 
herrschaftliche Amt gewiesen waren , und dem Besitzer der Herr- 
schaft, auf welcher die Gemeinde lag, die Justizverwaltung Ar sie 
zukam. 

Der Besitzer der Herrschaft konnte nun zwar seine Gerichts- 
barkeit eine vergrftsserte nennen, da er aber nach dem Hofdecrete 
vom 29. Jänner 1786 keinen anderen als einen vom Appellationsge- 
richte för fähig erkannten Mann als Ortsrichter oder Justitiar auf- 
stellen konnte, er selbst, wenn er diese Befähigung nicht hatte, zur 
Ausübung des Richteramtes nicht berechtiget war und die neuen Ge- 
richte, ohne Rücksicht auf den etwaigen Befehl des Herrschafts- 
besitzers, filr ihre Geschäftsführung den Appellationsgerichten ver- 
antwortlich waren, so hatten der Sache nach die Herrschaftsbesitzer 
in vielen Beziehungen aufgehört Obrigkeiten zu sein, wenn auch in 
der Geschäftssprache der Titel Obrigkeit allen Herrschaftsbesitzem 
bis zu den Ereignissen von 1848 geblieben ist. 

10. Bei der Menge neuer, selbst in ihrer Grundlage oft von den 
ehemaligen sehr verschiedenen Gesetze zeigte sich bei den meisten 
bei den Gerichten erster Instanz angestellten Beamten eine verhält- 
nissrotssig geringe Gesetzkenntniss, aber noch viel geringer wurde 
sie jetzt bei den Bewohnern der Städte und Märkte, welche den Ver- 
handlungen fern standen. Die Regierung schien daher, wenn man 
die Endclauseln in dem Kundmachungs-Patente der Gerichts-Instruc- 
tionvom 9. September 1785 berücksichtigt, den Gedanken gehabt zu 
haben, jene Organisation, welche sie (1783 — 1788) den höheren 
Gerichten und den Magistraten der grossen Städte gegeben hatte, 
nämlich die eines bloss aus Juristen zusammengesetzten Collegiums, 
auch allen Gerichten erster Instanz zu geben, allein wie das Orga- 
nisations-Decret vom 19. December 1788 zeigt, war man sehr bald 
von dieser Idee zurückgekommen. Sie hätte allzu grosse Gerichts- 
bezirice geschaffen, zu viel gekostet und der alten Patrimonial- und 
Municipal -Gerichtsbarkeit ein -Ende gemacht. Diese Betrachtungen 
zusammen hatten auch zur Folge, dass man selbst nach 1786 das 
System, die Justiz in erster Instanz durch einzelne Richter verwalten 
zu lassen annahm und es auch später (1787 — 1848) als passend 
beibehielt, so viel auch einzelne Rechtsverständige dagegen erinnerten. 



188 * Ifiihx Beidtel. 

1 1 . Man drang also nur darauf, in Ansehung der Herrschafts- 
bezirke geprüfte Justizbeamte zu haben , und um den Herrschafts- 
besitzern die Kosten dieser Einrichtung nicht allzu drückend zu machen, 
gestattete man mit dem Hofdecrete vom 14. Juni 1787 den Justiziären 
ausserhalb ihres Gerichtsbezirkes die Partei-Vertretung, was einer gu- 
ten Justizpflege Abbruch that. Man hatte übrigens auch nichts dagegen, 
wenn der als Richter aufgestellte Beamte auch andere Geschäfte 
seines Gerichtsherren, z. B. ökonomische oder polizeiliche, besorgte. 

Diese letztere Gestattung war f&r alle Herrschaftsbesitzer, vor 
allem aber f&r die minder reichen wichtig und wohlthätig, allein bei 
der Seltenheit der Juristen in jener Periode fanden die Herrschafts- 
besitzer nicht leicht Männer, welche nebst den Justizgeschäften stich 
noch die Besorgung polizeilicher und ökonomischer Geschäfte über- 
nehmen wollten. Sie mussten also, wenn ihnen die gesetzlieh ge- 
stattete Delegation der Gerichtsbarkeit nicht leicht war, einen eige- 
nen Richter aufstellen , was ihnen schwer fiel. Selbst wenn 
dieses nicht der Fall war, war die Erscheinung, dass oft die Justiz, 
die Polizei und die Ausübung der herrschaftlichen Rechte bei drei 
verschiedenen Personen waren , den Bauern» weil diese nicht 
immer den Wirkungskreis jedes einzelnen Beamten kannten , un- 
angenehm, besonders da der herrschaftliche Richter oft mit den 
Local- und Personal-Verhältnissen seines Bezirkes wenig bekannt 
war. Die Klagen wurden daher von so vielen Seiten laut, dass die 
Regierung wie bei den Stadtgemeinden, so auch hei den herrschaft- 
lichen Gerichten von ihrem Lieblingsgedankeu, die wissenschaft- 
liche Gesetzgebung bloss durch Juristen handhaben zu lassen, noch 
mehr abgehen zu müssen glaubte. 

Ein Hofdecret vom 21. August 1788 beschränkte nämlich den 
Wirkungskreis der Justizämter und setzte fest: „Soll auf dem 
Lande nicht Alles zum Gerichtsstande gezogen, sondern folgende 
Justizgeschäfte von dem Wirthschaftsamte derjenigen Grundobrig- 
keit verhandelt werden , unter welche in Streitsachen der Ge- 
klagte, in Grundbuchsgeschäften die Realität und in den Geschäften 
des adelichen Richteramtes der Waise oder der Erblasser gehört." 
Es wurden dem Wirthschaftsamte die sämmtlichen Grundbuchsge- 
schäfte, gewisse Schuldklagen und die Injurienhändel zugewiesen, 
so wie in den Geschäften des adelichen Richteramtes die Bestel- 
lung des Gerhaben (Vormunds), die Bestätigung aller den Mündel 



Ueber österr. Ztmtände in den Jahren 1 740 - 1 792. 1 89 

betreffenden Contracte, die in Waisensachen vorkommenden Consens- 
ertheilungen, die Aufnahme und Berichtigung der Waisenrechnungen, 
die Verlassenschafts-Abhandlung mit allen Amtshandlungen, die dahin 
gehörig sind, die Entwerfung des Abhandlungsvertrages oder die 
eigentliche Verlassenschafts-Einantwortung, welche jedoch wegen 
der Gesetzmässigkeit dem Ortsgericht zur Einsicht und Bestätigung 
vorzulegen sind. 

Durch dieses Gesetz, welches noeh im Jahre 1848 bestand, 
war, da das herrschaftliche Wirthschaftsamt gewöhnlich mit einem 
Manne ohne Rechtsstudien besetzt war, der bei weitem grössere 
Theil der auf den Herrschaftsbezirken vorkommenden Geschäfte wie- 
der in die Hände von Nichtjuristen geliefert worden. Die Controle 
des Herrschaftsvorstehers durch den Justiziär , welche durch das 
Gesetz vom 21. August 1788 vorgeschrieben war, nützte wenig, 
mehr aber die strenge den Herrschaftsbesitzern auferlegte Haftung 
und die wegen dieser Haftung für sie entstandene Notwendigkeit, 
sich in schwierigen Fällen mit Consultationen zu helfen. 

Die ganze Justizverfassung und dem zufolge auch die Gemeinde- 
verfassungen kamen aber in ein neues Stadium, als durch das Ge- 
setz vom 10. Februar 1789 angeordnet wurde, dass gegen einen den 
Herrschaftsbesitzern anzuweisenden Antheil an der Grundsteuer vom 
1. November 1789 an alle Frohnen, Zehnten und herrschaftlichen 
Bezüge an Geld oder Naturalien, welche von den Landleuten zu lei- 
sten waren, aufhören sollten. Von jetzt an war es sonderbar, wenn 
man die Patrimonial-Gerichtsbarkeit beibehalten wollte, weil der 
alte Begriff von Unterthanenim Feudalsinne gerade in den wichtigsten 
Beziehungen aufhörte. So wie man aber keine Patrimonial-Gerichts- 
barkeit mehr duldete, liess sich kein genügender Grund finden, um 
die Municipal-Gerichtsbarkeit , welche gewöhnlich aus den alten 
herrschaftlichen Jurisdictionsreehten durch die Ertheilung von Privi- 
legien hervorgegangen war, beizubehalten. Gleiche Betrachtungen 
sprachen auch dafür, den Herrschaftsbesitzern und den Städten die 
politische Verwaltung und die Einhebung der directen Steuern abzu- 
nehmen und in des letzteren Beziehung enthielt bereits das Patent 
vom 10. Februar 1789, welches die neue Grundsteuer einführte, 
Bestimmungen. Dem ganzen Verhältnisse der Herrschaften und der 
Gemeinden standen daher zufolge des Patentes vom 10. Februar 1789 
neue und tief in alle Landesverhältnisse eingreifende Veränderungen 



190 Iguaz Beidtel. 

bevor. Jeder Sachverständige erwartete sie, sie erfolgten aber doch 
nicht, und Folgendes scheint davon die Ursache gewesen zu sein. 

Im Jahre 1788 hatte ein Krieg zwischen Österreich und der 
Türkei begonnen, welcher die Aufmerksamkeit des Kaisers und die 
Finanzen gleich sehr in Anspruch nahm. Die Einführung 1 an des* 
fürstlicher Gerichte anstatt der herrschaftlichen und Com- 
munalgerichte kostete aber, auch wenn der Regel nach keine Collegial- 
Verfassung eingeführt wurde, sehr viel» und wenn man auch diese 
durch die Gerichtstaxen decken konnte , so gab es desto grössere 
Umstünde mit der Ausmittlung von Kanzleien, Wohngebäuden, Ar- 
resten und den fiir Gerichte zuweilen notwendigen Fuhren. Nicht 
minder schwierig war bei der Ausraittlung der Geriohtsorte die Be- 
rücksichtigung aller Convenienzen der Bevölkerung. Endlich hing 
man um jene Zeit der Idee nach , auch in erster Instanz die Justiz 
von der politischen Verwaltung zu trennen, doch konnten die Männer 
von Einfluss nach den Erfahrungen, welche zu dem Patente vom 
21. August 1788 geführt hatten, über diesen Punct sich nicht ver- 
einigen, weil viele fürchteten, dass das Volk, wie es schon seit 1785 
einigermassen deutlich geworden war, sich in diese Trennung nicht 
würde finden können. So geschah es also, dass man auch nach 
dem 1. November 1789, an welchem das neue Steuersystem mit 
Aufhebung der Frohnen in Wirksamkeit trat, die Justizverfassung 
von 1788 noch beibehielt und Joseph IL (20. Februar 1790) starb, 
ehe noch die Communal- und Jurisdictions- Verhältnisse auf eine Dauer 
versprechende Art geordnet waren. 

Die zufolge der neuen Geriehtsverfassung nothwendig gewor- 
dene Umgestaltung der Gemeindeverfassungen war aber nicht das 
Einzige, was die alten Verbältnisse der Gemeinden änderte, auch 
manches Andere kam selbst in der Justizlinie hinzu. 

Die alten Gemeindeverfassungen hatten fast durchgängig das 
sogenannte Einstandsrecht gekannt , zufolge dessen, wenn ein Ge- 
meindeglied sein unbewegliches Vermögen an eine nicht zur Gemeinde 
gehörige Person überlassen wollte, bald die Gemeinde und bald auch 
die Verwandten des Eigenthümers das Recht halten, dieses Eigen- 
thum gegen Erlegung einer gewissen Geldsumme an sich zu bringen. 
Da diese Geldsumme fast immer kleiner war, als der wirkliche Werth 
des wegzugebenden Gutes , so war dies ein Hauptmittel , die Zahl 
der Kauflustigen, welche sich etwa finden könnten, klein zu erhalten 



Ueber Öfterr. Zu«Uiid6 in den Jahren 1 740 — 1892. 191 

and dadurch bei den Eigentümern nicht leicht Veräusserungs-Ideen 
aufkommen zu lassen. Den Fremden war dadurch der Weg gesperrt» 
sieh in einer Gemeinde, welche nicht schon ihr Wohnort war, ein 
Grundeigenthum zu kaufen; eben desshalb bildeten die Ortsbe- 
wohner eine auch in Rücksicht auf Sitten, Sprache und Interesse 
enggeseMossene Corporation. Ganz dieselbe Einrichtung bestand 
auch zum Theil unter dem Namen der Landmannschaft, des Incolats 
oder des Indigenats unter den Landständen der meisten Provinzen. 

In dem zweiten Capitel des ersten Theils des Josephinischen 
Civilgesetzbuches war bereits (1786) die Aufhebung des Einstands- 
reehtes ausgesprochen worden und als man dort und da versuchte, 
dem nicht ganz deutlieh abgefassten Gesetze eine möglich ein- 
schränkende Auslegung zu geben, erklärte ein Gesetz vom 8. Mai 
1787, „dass nicht bloss das landmännische und bürgerliehe Einstands- 
recht, sondern alle Gattungen des in den verschiedenen Landes- 
gesetzen und Gewohnheiten gegründeten Einstandsreehtea allgemein 
und ganz, unter was immer für einer Art und Benennung dasselbe 
derzeit gewöhnlich und Hechtens gewesen, aufgehoben sei," und nur 
nachträglich wurde zur Beruhigung derjenigen, deren Einstandsrecht 
sich auf Verträge gründete, durch das Hofdecret vom 27. Mai 1787 
erklärt, dass jene froheren Anordnungen „die Rechte, die aus Con- 
traeten entstehen, nicht berühren." 

Ein auf Contracte gegründetes Einstandsrecht kam aber selten 
vor, und da das auf Gesetze und Gewohnheiten gegründete Einstands- 
recht gesetzlich aufgehört hatte, so stand es nun jedem Gemeinde- 
gliede frei, sein unbewegliches Eigenthum demjenigen, welcher die 
besten Bedingungen anbot, zu verkaufen. In der Regel war jetzt 
das Kaufgeld dem wahren Werthe entsprechender als früher, 
daher die Verkäufe häufiger, aber eben dadurch kamen jetzt in alle 
Gemeinden von Zeit zu Zeit neue Grund- und Hausbesitzer. 

So wie nun in der Justizlinie durch die neuen Gesetze über die 
Competenz und die Zusammensetzung der Gemeinde-Gerichte so wie 
durch die Gesetze über das Einstandsrecht die alten Gemeinde- Ver- 
fassungen sich auflösen mussten, so wurde auch duroh die Ge- 
setzgebung in der sogenannten politischen Linie selbst in Ansehung 
der Zusammensetzung der Bevölkerung und der Sitten viel geändert. 
Die Wanderung der Einwohner von einem Orte zum andern war 
durch die Aufhebung der in mehreren Provinzen bestandenen Leib- 



192 tg»as Beidtel. 

etgenschaft (1782) sehr erleichtert» weil nun viele Bauernsöhne 
xu den statischen Gewerben abergingen, in den Jahren 1783 und 
1784 verschwanden viele Zünfte, die seit 1781 eingeführte Toleranz 
brachte oft protestantische Gewerbsleute in Ortschaften , in denen 
vorher nur Katholiken gelebt hatten, und die schon durch ein Gesetx 
vom 12. October 1771 sehr begünstigten Grundzerstfiekangen wur- 
den zufolge des Gesetzes vom 18. Mai 1786 so häufig, dass sie in 
manchen Provinzen fast in jedem Orte neue Häuser entstehen Hessen, 
deren Bewohner sich grösstenteils von industriellen Beschäftigungen 
ernährten. 

Ganz natürlich musste also in mehr als einer Rücksicht das Ge- 
meindewesen anders als ehemals aussehen und eben daraus sich auch 
die Unmöglichkeit ergeben, jemals wieder die alten Gemeinde- Ver- 
fassungen herzustellen. 

Mehr noch als diese Einrichtungen wirkten auf den Dörfern die 
durch die Gesetzgebung sehr begünstigten Grundzerstückungen. 

Schon nach einem Gesetze vom 12. October 1771 sollte ein 
ganzer Bauerngrund höchstens in vier Theile zerstückt werden 
können, und im Gesetze vom 20. Mai 1785 wurde eine Prämie auf 
Grundzerstückungen gesetzt, doch musste in diesem Falle der neu 
entstehende Bauernhof noch immer nicht unter 40 Metzen enthatten. 
Allein bald ging man mit den Grundzerstückungen weiter. Mit der 
Hofentschliessung vom 18. Mai 1786 wurde befohlen, jenen Dominien 
und Kreisämtern, unter deren Amtswirksamkeit die meisten Grund- 
zerstückungen zu Stande gekommen waren, die höchste Zufriedenheit 
ihres Kaisers und die Belobung ihres Diensteifers zu erkennen zu 
geben. Am weitesten ging aber das Hofdecret vom 18. Mai 1786, 
indem es verordnete: „wo die Agricultur den einzigen oder doch 
den bei weitem wichtigsten Nahrungszweig ausmacht, ist darauf 
zu sehen, dass bei der Zertheilung der grossen Höfe wenigstens Eine 
Besitzung von vierzig Metzen Feld im Ganzen bleibe, wenn auch der 
Ueberrest in kleinere Theile zertheilt wird. In gebirgigen Gegenden 
aber, wo nicht sowohl der Ackerbau als die verschiedenen Gattungen 
des industriellen Verdienstes die Hauptnahrung der Bauernclasse 
ausmachen, haben die Obrigkeiten bei der Vertheilung sich an kein be- 
stimmtes Maass zu binden. Sie können die Gründe in was immer für 
kleine Theile zertheilen lassen. Zu dieser Gestattung bestimmt die 
Regierung die Betrachtung, dass in Gegenden, wo Handel, Fuhrwerk 



üeber Asterr. Zusttode in deo Jahren 1740— 1792. 193 

und Nanufacturarbeiten die Hauptnahrung ausmachen, ohnehin der 
grösste Theil der Victualien aus anderen Bezirken herbeigeschafft 
werden muss. Kleine Grundbesitze bieten dann nur Beihülfe für die 
Hauswirthschaft und im Allgemeinen kann aus 'solchen Zerstücke- 
lungen in sehr kleine Theile kein Schaden entstehen. 1 ' 

Man sieht aus diesem Gesetze, dass längere Zeit hindurch die 
Staatsverwaltung einen Theil jener Industrie, welche nach der älteren 
Verfassung nur in Städten ihren Sitz gehabt hatte, auch auf die 
Dörfer verlegen wollte, und in der That zufolge fortgesetzter und im 
Sinne der obigen Gesetze geleiteter Grundxerstückungen auf den 
Dörfern eine Menge Besitzer, welche den grösseren Theil ihres Un- 
terhaltes von Manufacturarbeiten zogen, entstehen musste. Diese 
Besitzer waren also in der Hauptsache Handwerker und als solche 
ein der alten Dorfverfassung sehr fremdartiges Element. V* 

Eine nothwendige Folge der vielen neuen Ansiedlungen war die 
Erweiterung vieler Ortschaften durch neue Gebäude, wodurch in 
manchen Gegenden die Rechte, der einzelnen Hausbesitzer, über 
Gemeinde-Angelegenheiten zu sprechen, oder an dem und jenen ein 
Interesse zu nehmen, sich änderten. 

Selbst in Ansehung der Bauart änderte sich manches durch neue 
Bauordnungen. Mit dem Hofdecrete vom 17. August 1789 wurde mit 
Strenge auf die r Abstellung der längst verbotenen hölzernen Rauch- 
ftnge hingewirkt und den Herrschaften und Gemeinden zur Pflicht 
gemacht, unvermögliche Hausbesitzer dabei mit Baumaterial zu unter- 
stützen. 

Ganz natürlich änderte sieh nun von Jahr zu Jahr mehr der 
äussere Anblick sowie die innere Constituirung und die Sitte der Ort* 
Schäften, was sehr verwickelte Verhältnisse allen denjenigen zeigte, 
welche der Vervollkommnung der Gemeinde- Verfassungen ihre Auf- 
merksamkeit zuwendeten. 



194 Prof. Schleicher. 

Ueber v (-ov-, -ev-) vor den Casusendungen im 

Slawischen. 

Von Hrn. Prof. Schleicher in Prag. 

Nicht selten zeigt bekanntlich in den Sprachen des indogerma- 
nischen Stammes der Nominativ singtilaris eine kürzere Form als die 
anderen Casus. Dies findet im Slawischen ebenfalls Statt. Theils geht 
hier die vollständigere Form durch alle anderen Casus hindurch, wie 
math, Marrtpn hma, haum; 3Kp«fcfiA, Kp«fcBATt; nieo, hibici, 
theils zeigt sie sich nur in gewissen Casus mehr oder minder Con- 
sta nt, wie CkifTk, rkmofif, rkMOB'k u. s. w. neben ckihh, rkitrk. 
.Schon dadurch unterscheiden sich Formen der letzteren Art scharf 
Von den zuerst angefahrten Beispielen» dass hier gewisse Casus mit 
Vorliebe die längere Form haben, andere sie nie zulassen (so gestattet 
im Kirchen-Slawischen im ganzen Singular bloss der Dativ die längere 
Endung), ferner auch dadurch, dass die Zwischensylbe -ob-, -ib- 
nicht auf eine bestimmte Classe offenbar gleichartiger Nominalstämme 
beschränkt ist, wie die Sylben -ip-, -m-, -AT-, -ic-, sondern an 
Stämmen verschiedener Art, an a- und i-Stämmen sich zeigen: 
HÄTfBN neben ctiMOBH, 6oroBH. Warum ich die u-Classe im 
Slawischen nicht als eine besondere Classe betrachte , wird sich aus 
dem Folgenden ergeben. 

Jene zuerst aufgezählten Formen richtig aufzufassen ist nicht 
schwierig. Nur der Nominativ ist hier verkürzt, die anderen Casus 
zeigen die volle Form, oder, wie bei d§h Neutris auf o-, es entwickeln 
sich zwei Stammformen neben einander, indem sieh namentlich in 
der jüngeren Sprache aus dem Nominativ ein kürzerer Stamm neben 
HiBfc ohne -tc herausbildet. 

Weniger klar ist das Wesen der Zwischensylbe -OB-, -«-. Sie 
scheint zwar auf den ersten Blick ebenfalls auf die Weise erklärt 
werden zu müssen, wie die anderen Formen — als entsprungen aus 
der in anderen Casus eingebflssten Stammendung u — allein diese 
Erklärungsart stösst, so dünkt es mich, auf unüberwindliche Schwie- 
rigkeiten. Da die eben erwähnte Auffassungsart dieser Zwischen-* 
sylbe von Auctoritäten wieBopp, Miklosich, Safaffk aufge- 
stellt ist , und da sie ferner von grosser Bedeutung fiir die slawische 
Laut- und Formenlehre ist, so schien mir eine ausführliche Bespre- 



Ueber v vw den Caausendungen im Slawischen. 195 

chung dieses Punktes von Wichtigkeit. Ob es mir gelingen dürfte 
eine befriedigendere Erklärung zu geben» bezweifle ich mehr als 
dass sich die Bedenken gegen die bisherige Auffassung als gegründet 
herausstellen werden. 

Als Grundlage meiner Untersuchung nehme ich die Darstellung 
der in Rede stehenden Spracherscheinung» wie sie f&r das Kirchen- 
Slawische» Russische» Serbisch -Illyrische, Alt- und Neuböhmische, 
Polnische » auf welche Hauptdialekte ich mich beschränken su dürfen 
glaube» in den besten grammatischen Werken vorliegt. Ich lasse die 
yon mir angezogenen Gewährsmänner hier mit ihren eigenen Worten 
reden: würde ich selbst das Bild jener Spracherscheinung entwerfen, 
so könnte leicht meine Ansicht auf dasselbe unbemerkt Einfluss 
nehmen oder mich doch leicht der Verdacht treffen» meiner Auffas- 
sungsart zu Liebe einzelne Züge jenes Bildes zu scharf markirt» 
andere verwischt zu haben. 

Kirchen-Slawisch. Miklosich, Formenlehre der altslo- 
venischen Sprache pag. 2 „im Sing. dat. und in allen Endungen des 
Plurals, ohne Zweifel auch des Duals» erscheint häufig» vorzüglich bei 
einsylbigen Substantiven, zwischen dem Thema und dem Casussuffix 
dieSylbe OB, welche als euphonische Stellvertreterin des % angesehen 
werden muss. Im Dual kann ich die Sylbe ob nur durch ein Beispiel: 
CkiHOBoy belegen» was daher kommen dürfte» dass der Dual nicht 
so gar häufig ist," ebend. „Sing. Dat. Nach ob ist das Casussuffix H 
nicht oy: OBoy kommt nie vor: BOrOBH cod. sup. ant. glag. cloz. *) 
138, 908; neben Boroy glag. cloz. 298, MfrtptBH neben MHpoy, 

CUHOBH, Tpe^AOBH» AptyrOBH, BparOBH, AkBOBH, B*kC0BH» 
HACB-fcKOBH, rOCflOAHHOBH , flpdBkAhHHKOBH *nt. A* M * KH i>arl ' ; 

selten ist AOMOBt prol. 86» es heisst domum» otxa&t *); aus orh 
st» so scheint es» OB*k und daraus oy hervorgegangen; häufig ist 
obh bei fremden Wörtern : nonoBH, HCoycoBH , Hp*A*RH, nrrpOBH, 

nd&A0RH 9 HHAdTOBH; H04H0BH» THTOBH , HOCHFORM , AAdMtBH, 
JfpHCTtRH , apJfHTpHKAHHtBH." 



*) Findet »ich auch in den rpaMMATmecKiA iip abhjia zu Vostokova Oatromir mit 
der Bemerkug o^HaSAU BCTpiiaeTCfl, fehlt aber im WörterverxeichnUße. 

*) Die Abkürzungen zur Bezeichung der Quellen behalte ich hier wie im Folgen- 
den unverändert bei. Dem Kenner der betreffenden Literatur find aie ver- 
ständlich, für den Niehtkesner aber auch die volle Bezeichnung ohne Nutzen. 

s ) Eben deaiwegen nicht nothwendig ein Dativ. 

Sitzb. d. phil.-hiit Cl. VIII. Bd. II. Hft. 13 



196 fr«*- Schleicher. 

Pag. 3. „i nehmen an (im Plur. Nom.) diejenigen Substantira, 
in welchen zwischen Thema und Casussuffix ob erscheint: CkiHOBt 

B*kC0Bf , HHNOBt, B(TkA*Bt, CkTOBf, IUTOYA*B*> nOIlOBf, OAPOBf, 
AOiMOBI, AkBOBI, BOAOBf, AH KOR I, I1AOAOBI, A^P**') A^VX *'» 
ttfAtOBi, AE*p*K$) HOCOBf , OVA OKi und *VA H " — 

«Plur. Genit. ob tritt ein: AtMOB^k, c'kiHOB'k, A 4 0° RVk 9 I*P*- 
BOB*k, TpO^A 08 * 1 ^ BOAOBTk, ffA'kMOB'k, BpArOBt, noTOBit; im 
cod. ostrom. nur einmal: rp'kjfOB'k." 

Pag. 4. „Plur. Dat. ob tritt ein: HCHAOROAVk, rkcoBOMik, 

CIJHOBOAl'k, CkHOgOAlVk, B^TpOBOMlk, rpdAOROM'k, «fA*****!*, 

AOMOROM-k, AP*^ !**&***% rp-fc^OROMTk u. s. w." — 

»Plur. Acc. ob tritt ein: B'fccOB'ki, BA'kKOB'ki, A^osiii, 
BpaHOR'ki , rpdAOR-ki, AtAtft'ki, AP^V 1 ***™» A^^roBiü, r^AORTki, 

HACOBtl, CkHOBtl, TpAflOBtl U. S. W. 11 — 

„Plur. Instrum. OB tritt ein: crhobm, cJlAOB'ki, UiTHTOB'ki. 11 — 

„Plur. Loc. OB tritt ein: HACOBiff, «fA««*^ ^HAOR-tjf, po- 
AOB*b)f 9 CTkiHOR-k)f neben HACOBOjpk, HCHAOROjfk, rp4A«R*)Tfc"— 

Pag. 5 enthält das Paradigma von AkB*k mit ob im Dat. Sing, 
und im ganzen Plural. 

Ibid : „Man bemerke dass bei den Adjectiven ob nie eintritt. 11 

Pag. 6. „ob geht hier (bei Masc. mit Aussl. h) in <B über: 
paiBBH ant. 9 saihibbh pat, KpaieBf, smhibbi psalt. glagol. 3AUne- 
BOAVk ioann. 1 ' 

„Die aus fremden Sprachen entlehnten Substantira auf "fcH 9 <h 
werden in den meisten Casus nach rkiH'k declinirt: Sing. Dat. an- 
ApiOBH ioann. 12. 22. 4p)fHi6p#o«H ioann. 18. 24. cod. ostrom., 
MOHckoBH ant. hom. mohciobu ioann. 8. 29. thmotiobh cod. 
sup. dagegen £Ap4A4AMiHi6BH cod. ostrom. man bemerke hoibbh 
triod. 11 (im Plural gibt M. kein Beispiel von Einschaltung des ob 
oder ib). 

Pag. 7. „ Auslaut k. — Sing. Dat. ib tritt ein: KicapiaBH 
ioann. 19. 12. KiCApiBH, BHHApfBH cod. ostrom. lue, 13. 7. rocno- 
A<bh ioann. 6. 23. ammubh lue. 1. 27. cod. ostrom. i^apiBH, 
H3pAHAi6RH ioann. 1. 31. KAAiiHfBH lue. 4. 3. orHKBH georg. mon. 

OATApfBH, A^A««" — 

„Plur. Nom. «^ tritt ein : cTpaKiRt , BpasiBi , kaioic Bf ." 
Pag. 8. „Plur. Genit. ib tritt ein: Al&XMB'k, RpdsiRTk, KO- 

pABAI€R r k. V — 



Üeber v vor den CuuMndangen im Slawischen. 197 

Plur. Dat. <b tritt ein: A v kKA*R*M'k prol. 

Plur. Acc. IR tritt ein: HOttfKiu, MkifB'kl. — 

Plur. Instr. ib tritt ein: HOftiß'kl, MkniBiu prol, KOtuiB'ki pat. 

spank wird daher mit willkürlicher Annahme der Sylbe ib im 
Sing. Dat. und im Plur. so declinirt: (folgt Paradigma» in welchem 
aueh loc. Plur. Bpa«ifB'fc)fk). 

Da AtfUKk für Mftftj'k, KpaH für Kp^JTv steht, wie dies aus 
der bei diesen und ähnlichen Worten eintretenden Sylbe ob , IR klar 
hervorgeht» so fallen die Declinationen ckJN*k, KpaH und MAUKk 
zusammmen" etc. 

Pag. 9 werden aufgeführt: „n&TfBH, TaTfBH, äB'fcpfBH, 
A^HieBH, Hp-kBißH vostok. rocnoA'BH cod. sup." 

Pag. 17 „saaTOBH fast unerhört". Ibid. MOpfBH cod. sup. wo- 
mit 3AdT0RH zu vergleichen. 

Pag. 19 „OTpOHATlBH barl." 
-Russisch. Ausser der Endung des Gen. Plur. -ob*» -eBi 
hat nur bei einigen Yerwandtschaftswörtern der ganze Plural die 
Zwischensylbe. Vostokov, pyccKaa rpaamarBKa 7. Ausg. 1848 
zählt cuHOBfcji, KyMOBbfl, aflTeBbfl Gen. cbiHoseü u. s. f. auf und 
setzt hinzu» dass auch die regelmässige Flexion bei cum» und saxb 
stattfinde» so wie bei anderen Wörtern, die im Plural ha u. s. w. 
ohne -ob-» -en- haben» falls sie yaorpeöjifleMoe bi> Baa&HOfi pinn 
hah bt» aepeuocHOM'b auaHeuiH. 

Puchmayer» Lehrgebäude der russischen Sprache» fügt diesen 
noch hinzu: csaTOBbA von cbbte in der Bedeutung von Schwieger- 
vater meines Sohnes und meiner Tochter und uym% Plur. MymeBbH 
in der Bed. Ehemann. 

Serbisch-Illyrisch. Vuk Stephanovid in der dem 
serbisch-deutsch-lateinischen Wörterbuche (Wien 1818) vorausge- 
schickten kurzen serbischen Grammatik geht nicht genauer auf unseren 
Gegenstand ein» es heisst dort Pag. XXXVIII: „Cna HMeua Koja ce 
CBpniyjy na o» u miora Apyra» ocoöhto je^HocjiosHa h ABojecjoa&Ba» 
Hapaery y mjohk, ßp°jy Ha eeu hah Ha oeu; diese Zwischensylbe 
kommt in allen Casus des Plurals vor» wie die Paradigmen ausweisen; 
ho OBa CBa HMeHa Mory hmbth h no npaBHjy» h hoa ^6bojh ce 
roBopH oöaABOje , h. n. mhuh h mhiucbh u. s. w. 

B e r 1 i d» Grammatik der illyrischen Sprache» Agram 1850, setzt 
zu obiger Regel» die auch er gibt» noch Mehreres hinzu» wodurch 

13 * 



198 Prof. Schleicher. 

wohl der Usus bei einzelnen Wörtern genauer bestimmt wird , aber 
eben dieser Usus scheint sieh nicht in Regeln fassen zu lassen. Trotz- 
dem tritt die später zu besprechende Bedeutung der Zwischensylbe 
in Folgendem klar zu Tage: pag. 36, § 34, d. „züb, der Zahn, hat 
in der vielfachen Zahl zübi, wenn es die Zähne im Munde; aber 
zAbovi, wenn es die Zähne an den Rädern oder andern Werkzeugen 
bezeichnen soll. MjAsic hat in der Bedeutung des Mondes mj&ecevi; 
aber in der Bedeutung des Monats mjftsöci. — List das Blatt hat Iistovi, 
wenn es Briefe oder die Blätter eines Buches bedeutet; aber zur 
Bezeichnung der Blätter an Bäumen bedient man sich des Collectives 
listje. — cvjet die Blume, hat cvjetje; man sagt aber auch cvjetovi, 
wo es dann künstliche Blumen bezeichnet." 

Böhmisch. Safarfk, pocätkovä staroceskä mluwnice im 
Vybor z literatury ceskä, y Praze 1845, gibt .folgende Beispiele der 
verlängerten Form zum Paradigma pän % 33: Dat. sg. pozdeji ovi: 
Davidovi ÄG. synovi ZK. ostnoyi Alx. PI. Nom. pozdeji ovi: obrazove. 
närodovä ÄG. synove, vrahovä ZK. cechove Pass. pohanove CE. ÄSO. 
— Gen. obycejneji ov : bogtfv LS. vrahöv. junäv. kvitdv. lesöv RK. 
angeMv. präduchriv. kozMv. psöv.ZK. — Dat. ridceji ovdm: bohov<Sm. 
Tataroröm RK. — Beispiele zu parad. otec. § 34. Dat Sing, nekdy 
evi Zbyhonjeyi RK. Jefcfsevi Pass. Se zpätecnf prehläskou ovi: krä- 
ovi ZK. Annäsovi. otcovi.Pass.-Plur. nom. Mdko evi: Judeve" Ev.-Gen. 
äasteji ev: knjazev. Judev. Ev.mec'ev. häjev. vojev. krahujcey. Nemcev. 
RK. tisfcev Alx. pastyf ev. Pass. kolääev. klicev. Rem. pozdeji se zpi- 
teänf prehttskou ov: krajöy ZG. ZW. saÄöv. krflöv. tisücdv. ZK. 
srsnjtfv. Dal. — zu par. host § 35. iokttfv CE. — zu parad. kmed 
§36:dnov£ZK. dnöv ZK. 

Neuböhmisch. Tomfcek, ceskä mluynice. v Praze 1850. Zu den 
Paradigmen had und sud. § 20. Unterschied der belebten und unbe- 
lebten: Dat. Sing, holubu a slavnejsf t£z: holubovi, u nezivyeh pouze: 
srtromu (nikoliv stromoyi). Im Genit. Plur. hat bis auf Spuren über- 
all &y Platz gegriffen. % 26: vom Dativ Sing.: vlastnf jmena osob 
majf vidyyychod ovi, druhovä pak jmena, s nimi ve pftsade jsoucf, 
jenom u: urozen&nu pänu, panu Jiftkovi a. t. d. Bfth mä jen bohu — 
Lok. jest rovefi Dativu — u zivych jest hustöji u ne* ovi. die beim 
Dativ gegebene Regel gilt auch hier. — Nom. PI. § 32. Koncovku 
ovi majf iivf i nezivf zaroveö. Jednoslabtäni majf vsak castiji ovii 
Cechove\ lvov£, synove (starf syni jiz docela se zanedbalo), duchovä, 



üeber v vor den CuuBendungen im Slawischen. 199 

rekov6; tak i: orlovä, pfedkovä, svedkovä. Pesmirpsoväipsi; pin: 
pinovä i pÄni; ptäk: ptici, zffdka ptftovi a. i d. — Zu Paradigma 
zet und pWSt. Gen. Plur. wie oben überall -fiv. Dat. sg. belebt -i 
und -oyi unbelebt -i. § 45. na ce ukon£en£ milujf vfce t ne& ovi : dirci, 
odp&rci a. t. d. § 47. nom. Plur. wie oben : einsylbige belebte lieber 
oy6 als i; auf ce, ec: soudcovä, zrädcovS; oväem \&L podle libosti: vo- 
lenci neb yolencovä a. t. d. den hat dni und dnovä. Gen. dni, dnftv. 
knez hat nur knefci. — §4. und inTomföek's pravopis jfesky 1860: 
kdy£ nominativ mno&näho poctu nefcivych muiskych bytostf na w>4 
se konft, mi poyahu bytostf £ivych, pro£ez i prfdavni jmena s 
nfm jako pfi iivych se spojujf n. pf . stromovd vysocf (aber stroroy 
vysokS). 

Polnisch. Muczkowski, grammatyka jezyka polskiego. 
Wydanie drugie. w Krakowie 1836. Im Dat. Sing, ist bei Parad. sad 
und sfod sadowi, sloniowi Regel, so wie im Genit. sadöw, sioniäw. Die 
Endungen ohne u> gelten als Ausnahmen ; in diesen beiden Casus hat 
die längere Endung alle Beziehung zur Bedeutung verloren (was im 
Böhmischen nur im Gen. Plur. stattfand). Wir geben daher hier 
nicht das Einzelne» sondern beschränken uns auf das, was Mucz- 
kowski über den Dativ Sing, sagt, weil hier die Spracherschei- 
nungen im Polnischen sich besonders auffallend von anderen Dialekten, 
namentlich vom böhmischen entfernen: § 126. „Celownik liczby 
pojedyrfczäj na owi zakoiiczony moie si$ skracad na u, szczegölntäj 
z przyimkiem ku, n. p. ku koAcu, zamiast ku kohcowi, kuJSrakowu. 
127. Skracanie na u w iiiektörych imionach tak weszio w zwyczaj, 
ze ich na owi nigdy nie koticzymy. Takiemi sa : Bogu, bratu, chtopu, 
czartu, diaWu, Ibu, kpu, katu, ksifdzu, kwiatu, ojcu, panu, swiatu, i 
we wszystkich jednozgloskowanych , ktöre e wyrzucaja : n. p. lwu, 
psu." Also gerade Personenbezeichnungen und einsylbige. Nom. (voc.) 
Plur. „Zakodczenie na owie , dawniäj powszechniejsze, bo nawet i 
nieosobowym rzeczownikom dawane (n. p. ptaszkowie, zefirkowie), 
dzis maja tylko nazwiska narodöw starozytnych (oprtfcz Grecy i na 
anin zakodczonych), imiona osobowe, rodowe , urz^dowe lub pokre- 
wieristwo wyrazajace, osobowe na ek (oprtfcz parobek), tudziez 
cudzoziemskie osobowe na f 9 g 9 1, m 9 r, zakodczone n. p. Janowie, 
Kartagidczykowie — ojcowie, wujowie, synowie, swiadkowie" i. t. d. 
„Imiona urz$dowe na k , nigdy nie przybieraja zakodczenia owie ale 
y" i. t. d. 



200 P"f. Schleicher. 

Diese Zwischensylbe stellte Dobrowsk^ und nach ihm viele 
ganz auf gleiche Linie mit den anderen gegen den Nominativ Sing, 
verlängert erscheinenden Casusformen. So sagt er in den institutt. 

pars. II , cap. I , §. 4 , pg. 468 : casus formantur 2. augmenta 

quaedam inserendo. Assumunt autem Masculina es, ib. Neutra 

in, AT, ic. Feminina ip. — — 

Bopp in der vergl. Gramm, erklärt sie für Gunasteigerung von 
y; aynov aus dem vorauszusetzenden syny (y= skrt u), ognev-i 
aus OGNJY u. s. w., er nimmt Stämme auf y (u) an, aus denen sich 
dann leicht jener Zwischenlaut entwickelt. Dieselbe Ansicht hat im 
Wesentlichen Miklosich, der jene Sylbe aus der Steigerung von 
Tk hervorgehen lässt s. o. ebenso Safarfk staroc. mluvn. § 31: 
„koncovka av 9 ev (im Gen. Plur.): bohöv, otcev, vlastne ap&vodne 
Jen jistym slovum, majfcfm ji jiz ve kmenu ve forme u, pffstojnä a 
ve vsech pädech uzfvanä." 

Dieser scharfsinnigen und die vorliegende Spracherscheinung 
in so genaue Parallele zu den verwandten Sprachen stellenden Erklä- 
rung gegenüber drängen sich mir doch folgende Bedenken auf. 

Es ist unerhört in der Geschichte der Sprachen , dass eine so 
verschwindend kleine Anzahl, wie die der substantivischen u-Stämme 
im Slawischen, fiir eine ungeheure Masse, wie die der a-Stämme, die 
Analogie abgebe, dagegen steht der entgegengesetzte Vorgang in 
vollem Einklänge mit der sprachgescbichtlichen Erfahrung. Als echte 
unzweifelhafte Beispiele sind mir nur wenige bekannt , etwa BfTkjfk 
lit. virszus; /MiAt lit. medüs *TO; octAt goth. asilus; rkitrk lit. 
sunus, goth.sunus, *j^J; Tpi^rk lit. türgus; Tp'kH'k goth. thauraus, 
AOAVk kann gegen lit. namas (für damas) $6(1.0$ v£d. 2[*T wegen des 
schwankenden domus nicht als u-Stamm gerechnet werden ; solcher 
zweifelhafter gibt es noch einige. Bei Adjectiven tritt aber -ob-, -ib- 
nie ein, warum, werden wir später sehen. Für die weichen wie 
KOynttJik lit. küpczius u. a. ist aber trotz des litauischen kein 
ursprünglicher u- Stamm anzunehmen, da sie den Stämmen auf 
skr. -ja, lat. -iu , griech. -to entsprechen und auch im Litauischen 
nur im Sing, und Dual unursprünglicherweise nach der u-Declination 
gehen, im Plural ßber die Declination der a-Stämme beibehalten 
haben. Mag man auch noch mehr substantivische u-Stämme auf- 
treiben, so wird ihre Anzahl immer eine so kleine seig, dass es un- 
denkbar erscheint, wie diese wenigen Formen die grosse Masse mit 



Ueber v vor den Ca« usen düngen im Slawischen. 201 

sieh fortreissen konnten. Suche man sich nicht etwa dadurch über 
die Schwierigkeiten hinweg zu helfen, dass man sagt: ursprüngliches 
11 und a sind im Slawischen gleichmässig durch t (u) vertreten, wie 
etwa im Lateinischen durch u, und desshalb konnte die Declination 
beider verwechselt werden. Schon das Lateinische zeigt das Gegen- 
theil, die Sprachen behalten sehr wohl das Gefühl für den verschie- 
denen Ursprung später gleichlautender Elemente ; es bleibt die alte 
Schwierigkeit» dass die vereinzelten echten u den Massstab abgege- 
ben für die aus a entstandenen. Man müsste auch annehmen , dass 
die Sprache mit der Bildung der anderen Casus so lange gewartet 
habe, bis die Nominative auf as zu u* oder bis beide zu t herabge- 
sunken waren, und bis sie das Gefühl für die verschiedene Herkunft 
dieses Endlautes verloren. 

Sehr befremdend wäre es, ja unbegreiflich , wenn der Ursprung 
des -ob-, -ib- vom Auslaut des Stammes herzuleiten wäre, dass 
bei den Adjectiven mit gleichem Stammauslaut, deren Flexion sonst 
nicht im mindesten von der der Substantiva abweicht , doch diese 
Zwischensylbe sich nimmer und nirgends vorfindet. 

Dass einige Casus häufiger, andere nie -*B-> -iß- zeigen, dass 
es ferner in der Mehrzahl besonders beliebt ist, im Dual fehlt, wäre 
völlig unbegreiflich , wenn es eine Folge des Stammauslautes wäre. 
Wie verschieden sich Doppelformen ausnehmen , deren Ursache ver- 
schiedener Stammauslaut ist, wird klar, wenn man die Declination 
von CAORO mit der von ctitrk vergleicht. 

Es zeigt sich ein Überhandnehmen dieser Formen in der jün- 
geren Sprache, Stammerweiterungen aber pflegt die Sprache nach 
Analogie der nicht erweiterten Stämme eher abzuschleifen als her- 
vorzurufen; vgl. caobo, wie denn die Sprachen in ihrem geschicht- 
lichen Verlaufe immer mehr den alten Formenreichthum verlieren. 
Da -ot>-, -et?- in der späteren Sprache besonders häufig auftritt 
(vgl. Alt- und Neuböhmisch), so müsste. man nach der bisherigen 
Erklärung annehmen, die Sprache sei auf dem Wege gewesen, die 
u-Stämme in die a-Stämme aufgehen zu lassen, und habe später die 
entgegengesetzte Richtung eingeschlagen — eine unthunliche An- 
nahme. 

Die Endung -OB-, -ib- steht in Zusammenhang mit der Bedeu- 
tung des Wortes, dem sie sich anfügt; sie ertheilt ihm sogar eine oft 
sehr stark hervortretende Beziehung (s. o. Böhmisch, Illyrisch, Rus- 



202 Prof. Schleicher. 

sisch) — ein Factum, welches nicht erklärt wird, wenn man sie nur 
für ein rein phonetisches Erzeugniss hält. 

Der bisherigen Ansicht bleibt nichts anderes übrig, als Formen 
auf -iB- von t -Stämmen: nftTiBH u. s. w. (s. o.) 9 fiir sehr unorga- 
nisch zu erklären. Auf der anderen Seite aber sollten Adjective, 
welche wirklich den «-Stämmen der verwandten Sprachen entspre- 
chen (cfr. jfkiTpt lit. kytrüs, Gen. kytraus, mit den analogen Bil- 
dungen im Sanskrit, wie z. B. H^; rkiTk lit. sotus) deren sich meh- 
rere nachweisen lassen, nie die Zwischensylbe annehmen, dieselbe 
also gerade da nicht stattfinden, wo sie organisch wäre, während 
sie sich weit über ihre natürlichen Grenzen hinaus über o- und t- 
Stämme verbreitet hätte. Es ist eine bedenkliche Sache, wenn man 
in einer Sprache solche gründliche Desorganisation statuirt. — For- 
men, wie rocnoAA, rocno^oy u. a. harte Formen, in der späteren 
Sprache noch häufiger, sind auf ganz regelrecht sprachgeschicht- 
lichem Wege entstanden durch das Umspringen der selteneren t-De- 
clination in die vorherrschenden a-Formen und haben mit -ob-, -cb- 
nichts zu thun ; neuere Dialekte bieten von der Declination rocTk 
nur Spuren, das ist begreiflich, und die im Indogermanischen noch 
viel selteneren u-Formen sollten nicht nur diesem Loose entgangen 
sein, sondern sogar die a-Formen in ihr Bereich theilweise herein- 
gezogen haben ? 

Eine unbefangene Betrachtung, dünkt mich, findet auch im Sla- 
wischen in Bezug auf die Nominalstämme das Ergebniss vor, welches 
wir nach Massgabe aller sonstigen sprachgeschichtlichen Erfahrung 
allein erwarten können: die seltenen «- Stämme sind durch die über- 
wiegende Analogie der o-Stämme verdrängt, und ihre Declination 
i&llt somit mit der a-Declination unterschiedlos zusammen: sie sind 
in a-Stämme übergegangen *)• ' Wir haben uns demnach Ar die Er- 
scheinungen, die man auf ein auslautendes Stamm-u zurückführt, 
nach anderer Erklärung umzusehen. 



') Sichere Spur eines u-Stammes finde ich nur in Mi^s/kAt * mi ahni. In diesen 
nach der Bedeutung zu schllessen uralten Wörtern hat sich , wie nicht selten 
in Zusammensetzungen und Ableitungen , erhalten , was sonst verloren ging. 
Dass einmal ein ciih«rh und cvimobi Ähnlich klingt wie HHG| 3TO? t u. s. w. 
vermag nichts gegen die Fülle anderweitiger Erscheinungen zu beweisen. 



lieber v vor den Casuaendungen Im Slawischen. 203 

Hierher gehören die Dative Sing, der Substantive, Adjectiva, 
Pronomina Masc. und Neutr. auf u 9 so wie die in der späteren 
Sprache häufigeren mit einem gleichlautenden Genitive Sing, und die 
Vocativ-Formen auf u .• CkiNty, ArkcTty, A* B P*Y ( Masc - und Neutr.) 
KpAKj MJk*c*{ (Dativ, Voc.) TOAicy u. s. w. Will man diese Formen 
mit Bopp für flexionslos halten, so nöthigensie dennoch nicht zur 
Annahme echter «-Stämme. Wir nehmen im Slawischen wie z. B. 
auch im Lateinischen zweierlei «, t-Laut an, einmal *k als Vertreter 
yon urspröngl. a, der häufigere Fall ; sodann *k als Vertreter eines 
ursprünglichen u (z. B. BtA'feTH u * a )'» beiderlei iv kann in den vol- 
len Vocal oy fibergehen. Obschon «y aus ob entstehen kann (vor 
einem Consonanten im Inlaute: -ob-ath, -ty-HH), so ist es doch 
nicht thunlich ihm im Auslaute diese Entstehung zuzuschreiben. Aus 
ctiNORH mfisste CkiHOBh, später vielleicht CkiNOBt werden (vgl. den 
Genitiv Plur. *)• Indessen gestehe ich gerne , dass die Annahme, 
jene Casus seien ohne Flexionsbezeichnung, mir nicht zusagt, wage 
jedoch noch keine andere Erklärung hier auszusprechen. Ich behaupte 
nur so viel, dass es unstatthaft sei, jene Formen auf c*f aus dem 
Oberhandnehmen echter u - Stämme zu erklären. Wäre ovi überall 
die ursprüngliche Form, warum sollte es sich denn nur bei Substan- 
tiven erhalten haben, nie bei Adjectiven und Pronominen. Letztere 
lieben ja besonders alte Flexionen zu bewahren» und doch wird sich 
nun und nimmer etwa ein tomobh auffinden lassen. Obrigens ist 
-OBH später als *y, worauf schon hingewiesen worden ist und ich 
später zurückkommen werde. 

Ferner wurde besonders die Zwischensylbe -ob,- iß- auf den 
Stammauslaut u zurückgeführt. Der folgende Erklärungsversuch 
steht nicht nur im Einklänge mit allen sonstigen sprachwissenschaft- 
lichen Erfahrungen, sondern genügt auch, so bedünkt mich, vollkom- 



*) Erat die neuböhmische Umgangssprache macht aus der Endung des Genitiv 
Plor. (and hier and da auch des Besitzbeiwortes, Tomicek $. 112) -uv ein 
blosses 6, dies hat aber seinen besonderen Grand darin , dass der Neuböhme 
hier uv statt ov spricht; eine solche Annahme ist für das Kirchen-Slawische 
ganz anstatthaft, hier fordern die Lautgesetze die oben angegebene Form. 
Der böhmische Datir Plural auf -um (-6m) hat nichts mit jenem -et- zu 
schaffen also nicht etwa an Zusammenztehung aus -orom zu denken) wie dies 
die Formen (s. o.) auf -ovom darthun. Die Dehnung in -uv und -um läuft pa- 
raUel und ist eine Elgenthtimlfchkeit des. Böhmischen. 



204 Prof- Schleicher. 

men fllr die hierher gehörigen, oben aufgezählten Formen des Sla- 
wischen. 

Es werden nämlich, wie bekannt, im Indogermanischen einzelne 
Casussuffixe nicht selten mittelst pronominaler Elemente an den 
Stamm gefügt, wie z. B. in der pronominalen Declination mittelst 
*ma, welches durch seine Anwendung im Slawischen gerade im Da- 
tiv Sing, genau dem ob im Dativ Sing, der Substantiv-Declination 
entspricht *) ; im Deutschen hat sich das pronominale (demonstra- 
tive) Element n, ursprünglich nur gewissen Wortstämmen eigen, zu 
einem Flexionselement entwickelt, das die schwache Declination 
charakterisirt a ). Im Deutschen gilt n fllr Substantiva und Adjectiva 
in gleicher Weise, im Slawischen theilen sich zwei Pronominalstämme 
in dieselbe Function: bei den Substantiven, wo sich übrigens der 
Gebrauch des Zwischenlautes auf die Masculina beschränkt, was wir 
auf seine Bedeutung zurückzuführen haben, erscheint B, bei den Ad- 
jectiven das volle Pronomen M. In jenem B erkennen wir das Haupt- 
element des im Slawischen auch als selbstständiges Wort vorkom- 
menden Pronomen *Bt, 0B4, obo; serbisch-illyrisch o/vaj, ova, 
ovo, altböhm. ov, ovo, ovo; poln. dw 9 oira, otoo. Dies Prono- 
men findet sich auch in anderen indogermanischen Sprachen wieder: 
Zend. •*»» (ava), Altspers. www *~lf^ (ava), Neupers.^i, im Sansk. 
fft, Griech. oöt6s und in anderen Sprachen zeigen sich Spuren des- 
selben , nur im Iranischen und Slawischen findet es rieh als selbst- 
ständig gebrauchtes Pronomen. Dies Pronomen spielt im Slawischen 
wie in anderen Sprachen andere Pronominalelemente, in den Wort- 
bildungs- und Ableitungs-Sylben überhaupt eine hervorragende Rolle, 
wozu es die demonstrative Bedeutung beffchigt ; mit ihm werden Ad- 
jectiva gebildet, Verba abgeleitet, kurz es gehört zu den frequen- 
testen Wortbildungselementen. In der Declination gerade dies Pro- 
nomen auftreten zu sehen, kann demnach nicht Wunder nehmen. 

Dass nach ob im Dativ Sing, h als Casusendung gebracht wird, 
scheint mir durch die Analogie der übrigen im Vergleiche zum No- 



*) Anwendung ron Wortbildungselementan in einzelnen Casus ist mir aas neu- 
indischen Sprachen erinnerlich aber nicht deutlich genug, um die Beispiele hier- 
her setzen zu können. Die nftthigen Bücher aber sind mir nicht zur Hand. 

2 ) In der Auffassung der schwachen Declination im Deutschen folge ich Grimm, 
der namentlich in seiner Geschichte der deutschen Sprache diese Sprach- 
erscheinung mit der ihm eigenen Meisterschaft dargestellt und erklart hat 



Ueber v vor den Catusendungeu im Slawischen. 205 

minativ verlängerten Formen bewirkt zu sein, da sonst die Endungen 
nach B sich von der vocalischen a-Declination nicht unterscheiden, 
wie ja consonantische und vocalische Declination im Slawischen über- 
haupt durch Oberhandnehmen der letzteren wenig verschieden sind. 
In bh erscheint die einzige consonantische Endung nach R, ausser- 
dem erscheinen die gewöhnlichen Suffixa der a-Declination, was man 
sich aus dem Überhandnehmen derselben erklären kann oder daraus, 
dass von ORT* (urspr. ava) va in die Flexioir eingesetzt wurde, wo 
dann rh als Ausnahme erscheint. Die letztere Annahme gilt mir als 
die wahrscheinlichere. Vielleicht wirkte im Dativ auch der Umstand 
ein, dass mit der Endung ORoy der Dativ des Substantivs mit dem 
Dativ des von demselben abgeleiteten Besitzadjectivs zusammenge- 
fallen wäre. 

Bei den a-Stämmen ist nur s (Bit) angetreten, das o von ob 
gehört dem Stamme (vgl. Formen wie npoTHBt von npOTH u. s. w.) ; 
in nXTiBH, OTpOMATiRH dagegen ist nach halbconsonantisch 
(auf Tfc) auslautenden Stämmen -ob- statt des blossen B gewählt 
und die Verbindung - toB nach der Regel in -ib verwandelt worden. 

Die Declination mit B ist offenbar wie die deutsche schwache 
Declination (in der überwiegenden Mehrzahl von Fällen) späteren Ur- 
sprunges, dies folgt aus ihrem Wesen und ist historisch nachweis- 
bar, da sie nur dem Slawischen eigenthümlich ist und auch hier in 
der jüngeren Sprache zunimmt. Doch davon später. Es lässt sich 
dies aber auch an den Formen selbst wahrnehmen. Wäre sie ein- 
getreten zur Zeit, als noch die Nominative (von der muthmasslichen 
älteren Form der Wurzelsylbe sehen wir hier ab) bogas, synus, p;- 
tis existirten, so müssten z.B. die Dative dieser Wörter heissen: 
bogavi, synuvi, pativi; sie trat aber offenbar ein als a zu o gewor- 
den: soroBH , als die Endung -us schon untergegangen war und 
synus als Ckitrk wie Kork flectirt wurde, also * v fciNOBH»soroBH 
und als pftis bereits p&Tfc geworden war. Namentlich durch die er- 
schlossenen Formen wird die Parallele recht anschaulich, in welcher 
unsere Spracherscheinung mit der deutschen schwachen Declinations- 
weise steht. Ein solches nach auslautendem Stamm-o (a) mit einem 
gunirten Stamm-u zusammenfallendes Flexions-Element von so häu- 
figer Anwendung niusste , falls es, was nicht unwahrscheinlich , zu- 
nächst und zuerst in der a-Declination, der häufigsten, Platz griff, 
das Seinige dazu beitragen, um die «-Stämme obsolet zu machen. 



206 Prof. Schleicher. 

Fliessen doch auch im Deutschen die Wortbildungssuffixa mit n mit 
den Formen zusammen» in welchen das n ein nur der Declination zu-' 
kommender Zusatz ist, durch welchen die Casusendung mit dem 
Stamme in Verbindung tritt. Oberhaupt wird das n in deutscher 
Wortbildung und Flexion in einer der Anwendung des gleichbedeu- 
tenden B im Slawischen in vielen Stöcken analogen Weise gebraucht 

Betrachten wir nun das Vorkommen der durch R erweiterten 
Formen und sehen wir zu, wie sich damit unsere Herleitungsweise 
vertragt. 

Allen Dialekten gemeinsam ist dass dieZwischensylbe nur beim 
Masculinum vorkommt, ursprünglich , meist auch jetzt noch aber 
auch wegbleiben kann. 

Beim Adjectivum konnte B keine Anwendung finden, da das Be- 
dQrfhiss für das bestimmte Adjectivum schon durch ein anderes Pro- 
nomen gedeckt ist und das unbestimmte eben einen solchen bestim- 
menden Zusatz nicht verträgt: auch beim Nomen werden wir b nicht 
ohne Bedeutung finden. Das Pronomen bedarf ebenfalls einer solchen 
Zuthat nicht Bei diesen Wortclassen kann B nur als wortbildender 
Laut verwandt werden. 

In der Substantivflexion gesellt sich B nur dem Masculinum, nie 
dem Femininum, nur in ganz seltenen Spuren im Kirchen-Slawischen» 
wo überhaupt der Gebrauch dieser Zwischensylbe noch wenig fixirt 
ist, dem Neutrum. Überblicken wir nämlich den Gebrauch von B, 
so zeigt es sich, dass es eine individualisirende Beziehung ausdrückt 
die sich z. B. im Böhmischen bis zur belebenden steigert Der Ge- 
brauch des b wäre desshalb allerdings beim Neutrum kühn, das Fe- 
mininum liesse ihn eher zu, allein dem b ward einmal eine entschie- 
den masculine Bedeutung, den Femininal-Formen, die sich ja über- 
haupt vom Concreten zum Abstracten hinneigen, ward diese Aus- 
zeichnung versagt. 

Der Gebrauch des b nimmt in der späteren Sprache zu und 
setzt sich fest. Diese Erscheinung, die der bisherigen Erklärung zu- 
wider ist, wird nach unserer Auffassung in ihrer Ursache ersichtlich« 
Wir finden ja in diesem b nichts Ursprüngliches, aus der indoger- 
manischen Ursprache Mitgebrachtes und daher in anderen Sprachen 
ebenfalls Vorkommendes, sondern ein speciell slawisches Erzeugniss, 
ähnlich wie die Eigenthümlichkeit in der Beziehung des Zeitwortes, 
welches erst vor unseren Augen sich weiter entwickelte und feste 



üeber r vor den Casuvendungen im Slawischen. SS 07 

Bedeutung gewann. Hatten wir nur ältere slawische Denkmäler, ge- 
Nriss würde ron unserem Flexions-B nicht viel darin zu finden sein. 

Im Genitir Plural setzte sich in der späteren Sprache B ohne 
Rücksicht auf die Beziehung fest, weil die Endung dieses Casus, v k 9 
namentlich bei kurzen Worten eine Erweiterung der Form begün- 
stigte. ImAccusativ, Instrumentalis, Locativ kam sie gänzlich ab. 
Im Plural war B von besonderer Bedeutung, weil es ihn als einen 
Complex Einzelner erscheinen Hess, was im Dual wegfiel, weil hier 
schon die genaue Beziehung auf Zwei in der Form gegeben ist, 
woraus ich mir erkläre, dass es im Dual nicht in Anwendung kam. 

Die Betrachtung der einzelnen Dialekte wird die Bedeutung des 
besprochenen Elementes in klarem Lichte zeigen. 

Weniger scharf tritt die Bedeutung von b im Kirchen-Slawischen 
hervor. Es ist natürlich , dass eine spätere Sprachform , fflr welche 
wir die Gasusendungen mit b erklären müssen, erst mit der Zeit 
festen Gebrauch und Bedeutung erhält; auch muss man sich hierbei 
erinnern, dass in Übersetzungen der originelle Geist einer Sprache 
sich weniger entfalten kann. Zumal solche Feinheiten in der Auffas- 
sung der Beziehung leiden leicht Wir möchten eine Parallele hier 
ziehen zwischen der eigentümlichen Auffassung der Beziehung beim 
Nomen mit der beim Verbum im Slawischen. Wie sich im Zeitworte 
vorzüglich die Sonderung des Einmomentigen und in mehr Momente 
Zerlegbaren auf der einen Seite vom ununterscheidbar Dauernden 
auf der andern ausspricht, so wird hier im Plural geschieden zwi- 
schen einer Mehrzahl von einzelnen Individuen und einer mehr ab- 
stract empfundenen ununterschiedenen Menge. Stromovä im Böhmi- 
schen z. B. sind einzelne Bäume, jeder tritt gleichsam persönlich 
für sich heraus, daher werden diese Formen den belebten gleich 
geachtet, stromy sind Bäume schlechthin. Im Singular verhält es sich 
ähnlich, -ovi bezeichnet bestimmt den Einzelnen als Individuum, 
daher für die belebten im Böhmischen ausschliesslich in Gebrauch — 
vgl. padnouti, — die gewöhnliche Endung gibt schlechthin nur die 
Dativbezeichnung ohne solche Hervorhebung — padati. — Im Kir- 
chen-Slawischen sind es im Plural besonders einsylbige Substantiva, 
denen auf diese Weise mehr Gewicht verliehen wird, im Dativ Sin- 
gular vor allem CkiHTw in der Bedeutung von Gottes Sohn. Fremden 
Wörtern wird obh mit Vorliebe gegeben , weil es Nomina propria 
von Personen, seltener Bezeichnungen von Beamten u. dgl. sind, 



208 Prof. Schleicher. 

welchen beiden das Suffix vermöge seiner Bedeutung zukommt. Eine 
genauere Untersuchung , in wie weit auf die Wahl dieser Endung 
ausser der Einsylbigkeit die Bedeutung und die jeweilige Fassung 
der Beziehung Einfluss nimmt, geht mir zur Zeit noch ab. Die be- 
lebten scheinen vorzüglich mit diesen Endungen bedacht zu sein, 
doch findet sie auch bei zahlreichen einsylbigen unbelebten statt. 

Im Russischen liegt die deünirende Bedeutung unserer Endung 
schon klar vor. Sie wird hier sparsam gebraucht, nur im Plural bei 
Verwandtschaftswörtern, wenn sie nicht im übertragenen Sinne ge- 
nommen werden, d. h. wenn man die einzelnen Individuen bezeichnen 
will; bei CBarb beschränkt sie die Bedeutung auf den csarb x«t* 
*I*X* V » den Schwiegervater der eigenen Kinder, bei rnymi» unter- 
scheidet sie den Ehemann vom Manne schlechthin. 

Im Serbisch -Illyrischen ist v ebenfalls dem Singular fremd, 
desto häufiger zeigt es der Plural; die zwei Auffassungsweisen sind 
freilich oft gleich gut möglich, nur bei einigen Substantiven hat die 
Sprache sieh für eine der beiden entschieden. Sehr belehrend sind 
die Fälle, in welchen der Pronominalzusatz die Bedeutung des Sub- 
stantivs ändert: zübi die Zahnreihe des Menschen, zAbovi die ein- 
zelnen Zähne der Maschine. MjÄseci die leblosen in einander ver- 
fliessenden Monate, mj&secevi die einzelnen, gleichsam belebt ein- 
herwandelnden Monde. Lfstovi, cvjfttovi die übertragen so genannten 
oder künstlich verfertigten Blätter, Blumen, im Gegensatze zum 
natürlichen Laub- und Blumenwerke. 

Das Altböhmische zeigt, wie sich die Endungen mit v erst spä- 
ter entwickeln; sie kommen hier vor allem den belebten zu, im Sin- 
gular hat sie der Dativ, selten der Locativ, der Accusativ, Instrumen- 
tal, Locativ Plural nie, selten der Dativ, am häufigsten der Genitiv, in 
welchem Casus die Form mit v sich später ganz festsetzte, aus pho- 
netischen Gründen s. o. Im Nom. Plur. begünstigte das schwächer 
hervortretende Casusverhältniss die Nebenbeziehung, dem Vocativ 
musste sie besonders erwünscht sein. Im Neuböhmischen haben die 
belebten, aber nur diese, mit Vorliebe die längere Endung; bei 
Eigennamen ist sie die allein gebräuchliche, ganz im Einklänge mit 
der Bedeutung des Zusatzes. Mehrmals hintereinander, bei zusammen- 
gehörigen Wörtern setzt man die Formen mit v nicht : panu doktoru 
Pavlovi, was ebenfalls in der Bedeutung des v begründet ist. b&h 
kann, anscheinend ausnahmsweise, nur bohu haben ; da es kein nomen 



üeber v ror den Cutuendnngen Im Slawischen. 209 

proprium ist» so würde die Endung ovi den Sinn geben: einem ein- 
zelnen, bestimmten Gotte, sie ist demnach nur, wenn Ton einem 
Götzen die Rede ist , mit Fug zu brauchen. Fast gleichen Schritt mit 
dem Dativ hält der Locativ Singular; im Nominativ, Vocativ Pluralis 
tritt der Zusatz auch an unbelebte, wodurch sie aber als Einzelwesen, 
Individuen gefasst und gleichsam personificirt werden, so dass sie als 
begleitende Adjectiva die Endung der belebten annehmen. Stromy 
und stromovä machen ganz verschiedenen Eindruck; bei Personifi- 
cationen ist die längere Endung am Platze, man würde z. B. mit 
Recht sagen: vysocf dubovä mi poseptali, aber: vysoke duby divajf 
mnoho dobräho drfvf. Im Genitiv Pluralis hat -&v ohne Rücksicht auf 
die Bedeutung überall Platz gegriffen. 

Im Polnischen hat nicht nur im Genitiv Pluralis sondern auch 
im Dativ Singularis die längere Endung sich zur herrschenden erhoben 
und so ihre eigentliche Bedeutung eingebüsst. Daher kommt es, dass 
die Endung ohne Zwischensatz im Dativ bei den gewöhnlichsten 
Wörtern im ausschliesslichen Gebrauche ist al* Abkürzung: da nun 
Verwandtschaftsbezeichnungen und andere Benennungen von Perso- 
nen unter die am häufigsten gebrauchten Wörter der Umgangssprache 
gehören, so ist es gekommen, dass diese völlig im Gegensatze zu 
den mehr am Älteren haftenden Dialekten die kürzere Endung haben. 
Im Plural dagegen hat sich die längere Form bei den Personen, Ge- 
schlechter, Stände etc. bezeichnenden Namen in ihrer ursprüngli- 
chen Geltung erhalten, wiewohl der Usus, wie es in modernen Spra- 
chen der Fall zu sein pflegt, hier bestimmte Regeln festgesetzt hat. 

Eine so entschieden an der in Rede stehenden Endung haftende 
Bedeutung wird man weder wegläugnen können, noch geneigt sein, 
sie auf eine rein phonetische Erscheinung zurückzuführen, auch ab- 
gesehen von den oben entwickelten Gegengründen. Namentlich die 
böhmische Sprache, die bei manchen starken Einbussen doch viel 
Altes, echt Slawisches erhalten hat, zeigt die Bedeutung unserer For- 
men, von denen sie sehr ausgedehnten Gebrauch macht, im hellsten 
Lichte — vielleicht kommt dies mir nur desshalb besonders klar zur 
Anschauung, weil ich mit dieser Sprache genauer vertraut bin und 
sie aus dem Leben kenne. 

Dadurch, dass das eingeschobene Element noch in seiner Be- 
deutsamkeit empfunden wird, unterscheidet sich die slawische De- 
clinationsweise von der deutschen schwachen Substantivdeclination, 



210 Prof. Schleicher. Ueber v vor den C&gusendungen im Slawischen. 

mit welcher sie formell, abgesehen von der Verschiedenheit der 
verwandten Pronominalelemente, viel Übereinstimmendes hat Zu 
dem Vielen, was beide Sprachen, die germanische und die slawische, 
Übereinstimmendes, nur ihnen beiden Eigentümliches besitzen, 
würde sich in bedeutsamer Weise auch die besprochene Sprach- 
erscheinunggesellen, falls unsere Erklärungsweise derselben die rieh* 
tige ist. Sollte dies auch nicht der Fall sein, so ist es doch für 
klare Auffassung und sicheres Verstftndniss einer so wichtigen 
Spracherscheinung nicht ohne Nutzen, wenn sie von verschiedenen 
Seiten aus beleuchtet wird. 



211 



muiciNiss 

DER 

EINGEGANGENEN DRUCKSCHRIFTEN. 

(Februar.) 

Academie d'Archäologie de Belgique. Annales« Vol. IX. 
Annalen der Chemie and Pharmacie. Herausgegeben von Friedr. 

Wöhler und Just. Liebig. Bd. 81. 1. 
Annales des Mines. Tom. XX. livr. 1. 
Archiv der. Mathematik und Physik etc. Herausgegehen ron 

Grunert Greifswald. Th. XVII. H. 2. 3. 
Breguet, A., Manuel de la . t£I£graphie eUectrique a l'usage des 

employäs des chemins de fer. Paris 1851; 8". 
Buch» Leop. Ton, Lagerung der Braunkohlen in Europa. Berlin 

1851; 8", 
Catalogue des principaux appareils d'acoustique et autres objets 

qui se fabriquent chez Marloye a Paris. Paris 1851 ; 8" 
Flora. 1852, Nro. 1—4. 

Frankenheim, M. L., Krystallisation und Amorphie. Breslau; 8*°. 
Gesellschaft« deutsche morgenländische. Zeitschrift. Bd. VII. 1. 
«efeUföaft, f. f. mafc fttef., be* Wtabaua ic. äRtttfeitonflen 

1850. Stto. 1—4. 1851. 9lxo. 1—4. 

— 8<wbtoirt$föaftf*Äatenbet für 1852. 2 Gxtmpl. 
Hermann, Karl Friedr., Perseus und Andromeda. Eine Marmor- 
gruppe der k. Sammlung im Georgengarten zu Hannover. 
Göttingen 1851; 4 to . 

— Disputatio de sceptri regii antiquitate et origine. Göttingen. 
1851; 4*. 

d'Hombres Firmas, Notes sur Fressac et description de deux 
anciennes töräbratules inädites. S. C. A. etc. 

Sitzb. der phil-hist. Cl. VIII. Bd. II. Hft. 1% 



212 Verwlchnka der eiagegangtnsii DmekscMflen. 

Muquardt, Charles, De la propri&l litttraire internationale de la 

contrefa$on et de la libertä de la Presse. Bruxelles 1851 ; 8". 
Otto, J., De epistola ad diognetum S. Justini, Philosophi et Martyris 

nomen prae se ferente. Jenae 1845; 8**. 3 Exempl. 
Patellanf, Luigi, Abbozzo per an trattato d 1 Anatomla e Fisiologia 

yeterinaria. Vol. III, fasc. I. Milano 1847; 8". 
Pluskal, F. S., Die Ursachen des Fortbestandes und des all- 

mihlich stärkeren Wiederauftretens variolftser Epidemien. Brunn 

1851; 8". 
Selskab, K., Danske for Faedrelandets Historie og Sprog Danske 

Magazin. 3. Reihe. Bd. 1—2, 3. H. 1 — 4. 
Schleicher, A., Nal a Damajantf. Prag 1852; 8". 
Soci£te d'Archfologie et de Numismatique de St Pjtersbourg. 

BKmoires. Vol. XV. 
Society» R., geographica! of London. Journal. Vol. 21. 
Uwaroff, Graf Alexis, Forschungen Aber die Alterthümer Süd- 

Russlands etc. Lief. 1, Fol. (3n rttfllfdjer 6j>ra$e). 
»erein für gamturgiffie Oefötyte. Scitfötift. »b. m., $. 3—4. 
Vukotfnovic, PrirodosloTje. Agram 1851; 8~. 
Werlauft, E. C, Det Kong. Danske Selskab for Faedrelandets 

Historie og Sprog i dets förste Aarhundrede. Kjobenharn 1847; 

8**. 3 Exempl. 
— Tillaeg til skriftet, Det Kong. Danske Selskab for Faedrelandets 

Historie etc. i dets ftrste Aarhundrede. KJobenham 1847; 

8". 3 Exempl. 
Gesellschaft, physikal.-medicin., in Würzburg. Verhandlungen. 

Bd. n, Nro. 6—22. 
Weiss, Siegf., Die praktische deutsche Nationalökonomie in Ver- 
bindung mit ihrer Politik. Leipzig 1852; 8". 
Wochenblatt, Österreich, botanisches. Red. ron Alex. Skofits 

I. Jahrg. Wien 1849. 
3ürid) f ttntoetfit&tftförifteit. 3ut ben Sagten 1850—1851. 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE. 



VIII. BAND. 



111. HEFT. — MÄRZ. 



JAHB6AI8 1852. 



15 



215 



SITZUNG VOM 10. MÄRZ 1852. 



Vorgelegt: 

Verzeichnis 8 der neuesten in Konstantinopel erschienenen 

orientalischen Druckwerke. 

Von dem c. M. Freiherr! ▼. Schlechte 

1) JjUl Jb>l J ij^Al Üs£, d. i. Geschenk der Könige in Bezie- 

hung auf die Rechtweisung im Wandel ; ein Druckwerk in türki- 
scher Sprache, enthaltend Vorschriften und Belehrungen für 
die dem Nakschibendi-Orden angehörigen Derwische. 

2) oUai) v^U, d. h. Schöne Sitten der Richter; lithographirte 

Broschüre, handelt von den einem mohammedanischen Richter 
(Kadhi) zustehenden Pflichten und Obliegenheiten (metrisch 
und gereimt). 

3) CS^»J\ 9 d. h. Denkmal des Schewket, ein türkisch -arabisch- 

persisches Wörterbuch (Druckwerk). 

Sammtliche drei Werke wurden in der hiesigen grossherrlichen 
Staatsdruckerei aufgelegt. 



Zur Geschichte und Genealogie der Grafen von Bogen. 
Von dem c. M. Freiherr! t. Ankershtfen *)• 



1 ) Wird In dem No Uz en blatte der hietortoehen Commifaion erechelnen. 

15* 



216 J. G. Seidl. 

Fortsetzung der Beiträge zu einer Chronik der archäo- 
logischen Funde in der österreichischen Monarchie. 

Von dem w. M., Hrn. Custos J. 0. Seidl. 

In der Sitzung am 11. Juli 1849 erlaubte ich mir, der verehrten 
Classe einen Aufsatz unter dem Titel: „Beiträge zu einer Chro- 
nik der archäologischen Funde in der österreichi- 
schen Monarchie 11 vorzulegen und die Aufnahme desselben in 
das von der kais. Akademie herausgegebene „Archiv für Kunde 
österreichischer Ge seh ichts quellen 11 zu bevorworten. 
Indem ich in meiner Einbegleitung den Zweck andeutete, den ich 
bei meiner Arbeit im Auge hatte, und zugleich auf die Hindernisse 
hinwies , die dem Einzelnen bei Verfolgung dieses Zweckes sich ent- 
gegenstellen, unterliess ich es nicht, offen zu erklären, dass ich mir 
wohl bewusst bin , nur Kärnerdienst zu verrichten und nur nach 
Massgabe meiner Kräfte auch einiges Material zu dem Baue herbei- 
zuschaffen, bei dem noch Manche gleich mir werden zu thun haben, 
bis ein König der Wissenschaft den Grund zum Baue wird legen 
können. Die verehrte Classe hat diese Bausteine freundlich aufge- 
nommen und ihnen das beanspruchte Plätzchen im Archiv angewie- 
sen. Eine zweite Lieferung solcher Bausteine habe ich im Jahre 1881 
dem damaligen Redacteur des Archives , unserem verehrten Mitgliede 
Herrn Regierungsrathe Chmel, als Fortsetzung der von mir begon- 
nenen Sammlung übergeben, als welche sie ohne weitere Erörterung 
im Jahrgange 1851 (Bd. 1, Hft. 3 und 4) abgedruckt wurde. Ich 
habe nunmehr die dritte Lieferung zum Drucke vorbereitet und würde 
dieselbe als Fortsetzung einer von der verehrten Classe im Principe 
bereits wiederholt gebilligten Arbeit kurzweg zum Abdrucke im Ar- 
chiv überreicht haben, wenn die verehrliche Redaction dieses letz- 
teren nicht gewünscht hätte, dass ich mein Manuscript in einer Clas- 
sensitzung vorlege, was ich hiermit um so lieber thue, als es mir die 
willkommene Gelegenheit darbietet, einige allgemeine Bemerkungen 
über den Zweck auszusprechen, den ich durch die vorliegenden 
Blätter wenigstens einigermassen zu fördern bestrebt bin. 

Der Boden der österreichischen Monarchie ist eine unerschöpf- 
liche Fundgrube für die Geschichte unseres Vaterlandes während der 
Römerzeit und der dieser unmittelbar vorangehenden Periode. Ist 



Befolge zu einer Chronik der archftolog. Funde in d. österr. Monarchie. 217 

die ungewöhnliche Menge der aufgefundenen und noch aufzufindenden 
Monumente durch die grosse Ausdehnung des Kaiserstaates bedingt, 
so sichert die eigenthOmliche Zusammensetzung desselben aus so 
fremdartigen Elementen dieser ungewöhnlichen Menge zugleich eine 
seltene Mannigfaltigkeit und Charakterverschiedenheit. Die Grenzen 
des Ländercomplexes, der unser heutiges Österreich bildet, reichten 
im Süden einerseits bis nahe an die Marken Ton Italia propria, ande- 
rerseits durch den Küstenstrich von IHyricüm in die unmittelbare 
Nachbarschaft Griechenlands. So drang der Wellenschlag etruski- 
scher Cultur durch Gallia cisalpina herauf bis in die Alpenthäler von 
Tirol, während die Inseln des Adriatermeeres durch den Typus ihrer 
Münzen schon das Gebiet der griechischen Numismatik berühren. 
Die ungeheuere Strecke zwischen Gallia transalpina im Westen und 
Sarmatia im Osten bot den wandernden Scharen , wie den zeitweilig 
sesshaften Fürsten des grossen Keltenvolkes Raum genug, um allent- 
halben Spuren ihrer Herrschaft und ihrer eigenthümlichen Entwicke- 
lung zurückzulassen. Vom Norden her aus Germania magna wälzte 
sich die drohende Gefahr, gegen welche die Römer an unserer Donau 
ihre Wartthürme und Castelle errichteten. Unser Marchfeld ward 
schon damals zu der blutigen Rolle eingeweiht, die es in den nach- 
folgenden Jahrhunderten zweimal auf eine für Österreich entschei- 
. dende Weise zu spielen hatte. Nebstbei tauchten im Norden und 
Nordosten die räthselhaften Gebilde des alten Slawenthumes auf, 
während ron Südosten über Dacien her ein abenteuerliches Gemisch 
von barbarischer Originalität und unbehilflicher Nachahmung classi- 
scher Muster sich Bahn brach. So kam es , dass , während andere 
Länder durch ihre Monumente nur ein Volk in verschiedenen Perio- 
den charakterisiren, Österreich durch seine Denkmäler in jeder 
Periode verschiedene Völker zu vertreten hat. Gross ist daher die 
Menge dessen , was in Österreich bereits zu Tage gefördert worden 
ist, eine noch grössere Menge aber würde den Augen sich zeigen, 
wenn man durch die Decke der Oberfläche, wie durch den Spiegel 
des Meeres auf eine versunkene Vineta , hinabsehen könnte in die 
Tiefen unseres heimischen Bodens, der durch dasjenige, was er uns 
bisher fast ohne unser Zuthun gegeben hat, uns ahnen lässt, wie 
reich er allenthalben, selbst in unserer nächsten Nähe, ein emsiges 
Forschen nach dem kostbaren Vermächtnisse der Vergangenheit be- 
lohnen würde. 



218 J. 0. SeidL 

Diese Masse zu bewältigen thut Noth, wenn die Geschichte 
unseres gemeinsamen Vaterlandes von vorneherein ergänzt werden, 
wenn die Specialhistorien der einzelnen Kronländer nicht nebelhaft 
in einander rinnen, sondern klar aus einander gehalten sein, wenn 
sie nicht in einen wirren Klumpen zusammengeknäuelt bleiben , son- 
dern in deutliche Gruppen sich abheben, wenn sie nicht bloss auf 
eine hypothetische Übertragung des Allgemeinen aufs Besondere sich 
beschränken, sondern ein anschauliches Bild der historischen Krystal- 
lisirung, möchte ich sagen, gewähren sollen. Die Lücke, die es 
hier auszufüllen gibt, lässt nicht von aussen sich verkleistern, sie 
muss von innen aus organisch sich verwachsen. 

Damit dies wenigstens in Betreff derjenigen Periode möglich 
werde, die hier in Betracht kommt, muss der Stoff, der dazu nöthig 
und auch zum grossen Theile schon vorhanden ist, zur Bearbeitung 
gehörig vorbereitet werden, — ich sage ausdrücklich vorbereitet, 
— wohlwissend, dass, bei der nicht seltenen Überschätzung mancher 
ganz unbedeutender Funde und bei dem oft ans Kleinliche grenzenden 
Bestreben , ganz unerheblichen Dingen den Schein der Wichtigkeit 
anzukünsteln, eine nachträgliche, genauere Sonderung des Wesentli- 
chen vom Unwesentlichen, der nichtssagenden Nullen von wirklich zäh- 
lenden Ziffern, des brauchbaren Stoffes von dem unbrauchbaren nicht 
minder nöthig sein wird. Der gesammte Stoff aber lässt sich, meines 
Bedünkens, in drei Kategorien abtheilen. 

In die erste Kategorie gehören die umfang- und inhaltreichen 
Sammlungen epigraphischer Denkmäler, grossentheils das Erbe des 
Riesenfleisses unserer Väter, von Apian, Laz, Gruter, Mu- 
ratori, Donati, Doni u. A. bis herab auf Schön wisn er, Ka- 
tancsich, Orelli, Zell, Steiner u. s. f., die Beschreibungen 
einzelner Museen, die Kataloge berühmter Münzcabinete , die Ver- 
zeichnisse der in öffentlichen Anstalten und bei Privaten vorfindigen 
plastischen Monumente , Anticaglien und anderer Alterthumsgegen- 
stände. Da jedoch alle diese Sammlungen, mit wenigen Ausnahmen, 
von einem weiteren Gesichtspunct aus angelegt sind und nicht sowohl 
die Provenienz der beschriebenen Gegenstände, als vielmehr das 
allgemeine archäologische und historische Interesse derselben ins 
Auge fassen, so ist eine Aussonderung dessen, was aus dem grossen 
Schatze auf die einzelnen Kronländer der österreichischen Monarchie 
entfällt, eine der nächsten Aufgaben, die gelöst werden müssen, — 



Beiträge zu einer Chronik der arch&olof . Funde in d. öaterr. Monarchie. 219 

eine Aufgabe» zu gross für die Kräfte eines Einzelnen und selbst von 
Mehreren nur in so fern zu leisten, als sie mit den nöthigen Quellen 
gehörig vertraut und in der Lage sind, dieselben mit Müsse benützen 
zu können. Diese mühevolle Arbeit wäre daher unter die geeigneten 
Individuen dergestalt zu vertheilen, dass jedem derselben eine be- 
stimmte, ein oder mehrere Kronländer umfassende Section zugewie- 
sen würde, für die er Alles, was die in diese Section fallenden AI ter- 
thümer aus dem mehrfach berührten Zeitabschnitte betrifft, zu excer- 
piren und nach gleichmässig bezeichneten Rubriken zu ordnen hätte. 

In die zweite Kategorie gehören diejenigen selbständigen Werke, 
Monographien, Dissertationen, Aufsätze, Notizen und Nach Weisun- 
gen, die ab Ergebniss der Forschungen neuerer Zeit an die eben 
erwähnten Sammlungen fortsetzend, ergänzend, aufhellend und 
berichtigend sich anschliessen. Da diese Literatur höchst weitläufig 
und vielfach zerstreut, somit schwer zu verfolgen und oft kaum un- 
mittelbar an der Quelle aufzuspüren ist, so ist es nöthig, die Aus- 
beutung derselben solchen Männern anzuvertrauen, welche diese 
specielle Richtung von vorneherein eingeschlagen haben. Hier möchte 
nicht einmal die Vertheilung in Sectionen nach den Kronländern aus- 
reichen; hier wird es gerathen sein, unmittelbar in jedem Kronlande 
selbst einen in der archäologischen Literatur seiner Heimat vollkom- 
men bewanderten Gelehrten zu gewinnen, der diese Detailarbeit 
als Ehrensache betrachtet und ihr mit gewissenhaftem Fleisse sich 
unterzieht. 

Ist nun endlich einmal das Material, das diese beiden Katego- 
rien liefern, aus dem rohen herausgearbeitet, d. h. ist alles aufge- 
speichert, was auf diesem Wege zu gewinnen war, dann beginnt 
erst die nachträgliche Controle, die Richtigstellung des Gelieferten, 
das will sagen, die zuverlässige Angabe, was noch vorhanden ist, 
was nicht, was an Ort und Stelle geblieben, was in Museen gewan- 
dert, was Eigenthum von Privaten geworden, was gewissen Fund- 
orten fälschlich zugeschrieben, was übersehen worden ist u. s. w. 
Da ist Fehlerhaftes zu verbessern, Zweifelhaftes ins Reine zu brin- 
gen, Unvollständiges zu ergänzen, Bildliches, wofür das Wort zu 
ungef&g ist, durch einfache aber getreue Zeichnungen zu versinnli- 
chen. Diese unerlässliche Controle würde zugleich zur Nachlese, 
durch die nebstbei gar Manches noch zu Tage kommen dürfte, das 
dann in die dritte Kategorie fiele, von der ich unten sprechen werde. 



220 J. O. Seldl. 

Denn die Spuren des Alterthumes sind in manchen Provinzen so ge- 
drängt, dass, während der Sammler, der mit dem Detail der Gegend 
minder vertraut nur die hervorstechenden Puncte ins Auge fasst, oft 
nebenan und drfiberhin ein bisher übersehener, wichtiger und ertrag- 
reicher Ort mit vollstem Rechte gleiche Beachtung fordert. Zum Behuf 
einer solchen Controle aber ist eine noch grössere Theilung der Arbeit 
nothwendig. Hier wird vielleicht ein einziger Mann kaum für ein ein- 
zelnes Kronland genügen, sondern er wird nach seinem Ermessen 
unterstützende Kräfte zu wählen , sie gehörig zu instruiren und die 
Resultate ihrer Vergleichungen und Wahrnehmungen zu redigiren 
und in ein übersichtliches Gesammtbild zu vereinigen haben. 

In die dritte Kategorie gehört der Stoff, den die laufende 
Gegenwart bringt und den die nächste Zukunft in Aussicht stellt. 
Hier könnte das Sammelgeschäft, meines Bedünkens, unter gewissen 
Voraussetzungen bedeutend erleichtert, um vieles vereinfacht und 
zugleich höchst fruchtbringend gemacht werden. Diese Voraussetzung 
bestünde darin, dass der vielseitige Zuwachs an Material concentrirt, 
d. i. auf einem Puncte vereinigt würde. Mögen immerhin gelehrte 
Altertumsforscher die Früchte ihrer Studien mit löblicher Finder- 
freude und gerechter Behauptung der Priorität sowohl in Bezug auf 
Entdeckung als Auslegung an beliebiger Stelle, je nach ihrem Gut- 
dünken und Ermessen, zur Öffentlichkeit bringen, — nebenbei aber 
werde auch ein bestimmter Platz offen gehalten, wo Alles, was als 
unmittelbarer oder mittelbarer Fund aus dem Schosse der Erde oder 
der Vergessenheit auftaucht, in übersichtlicher Kürze möglichst voll- 
zählig zusammenfiiesse , ein Sammelpunct für alles ohne Ausnahme, 
was von Monat zu Monat oder von Semester zu Semester im weiten 
Umfange der Monarchie als absolut oder relativ neuer Beitrag zu dem 
gemeinschaftlichen Zwecke, von dem die Rede ist, sich bemerkbar 
macht. Dahin gehören alle behördlich oder auf Privatweg einlau- 
fenden Berichte über neue Entdeckungen, ausführliche Beschreibun- 
gen bisher unbekannt gebliebener Fundobjecte, Besprechungen schon 
vorhandener, aber noch nicht zur Öffentlichkeit in weiterem Kreise 
gelangter Monumente u. s. w. Aus Aufsätzen dagegen, die nicht 
vorzugsweise von diesem Gesichtspuncte ausgehen, dürfte hier in 
kurzen Andeutungen nur dasjenige Platz finden, was in einer solchen 
Zusammenstellung nicht vermisst werden kann , wenn sie der Voll- 
ständigkeit sich nähern soll. Dazu rechne ich die Erwähnung alles 



Beiträge sii einer Chronik der arch&olog. Funde in d. Osten*. Monarchie. 221 

Derartigen, was die historisch-archäologischen Vereine und Gesell- 
schaften der einzelnen Kronländer in ihren Abhandlungen, Mitthei- 
lungen, Schriften und Berichten hinterlegen, die, trotz ihres unbe- 
steitbaren Verdienstes , doch nur selten über den Kreis des engeren 
Vaterlandes hinaus Verbreitung finden, und höchstens im Austausche 
gegen die Veröffentlichungen ähnlicher auswärtiger Institute in die 
Bücherschränke dieser letzteren wandern, wo sie, Von Wenigen gese- 
hen, von noch Wenigeren beachtet, unverdienter Vergessenheit 
anheimfallen. Für Österreich waltet in dieser Beziehung ein eigener 
Übelstand ob. So erfreulich nämlich einerseits die selbständige Reg- 
samkeit der einzelnen Kronländer ist, so wenig lässt andererseits sich 
läugnen, dass dieses löbliche, aus dem frischerwachten Nationalitäts- 
bewusstsein hervorgegangene Bestreben, im eigenen Hause selbst 
aufzuräumen , in seinen äussersten Consequenzen zu einer Art von 
separatistischer Zersplitterung führt, die der wissenschaftlichen Con- 
centrirung fühlbaren Abbruch thut. Die grosse Anzahl der Publica- 
tionen erschwert den Überblick, die Verschiedenheit der Landes- 
sprachen das Verständniss ; Vieles findet an Stellen seine Besprechung, 
wo man es nicht sucht, oder von welchen aus auf den allgemeinen 
Sammelplatz übertragen es scheinbar zur müssigen Wiederholung 
herabsinkt. Wer aber steht dafllr ein, dass Alles, was dergestalt 
zerstreut erscheint, auch wirklich zur Kenntniss all derjenigen ge- 
lange, denen darum zu wissen Noth thut? — In dieser Beziehung 
drängt sich die Frage auf, ob es zulässig oder wohl gar geboten sei, 
irgend etwas , das schon anderswo , vielleicht sogar in den Publica- 
tionen einer und derselben Anstalt , nur in einer anderen ihrer Sec- 
tionen und unter einem anderen Gesichtspuncte besprochen worden, 
abermals zu erwähnen, um eine Lücke zu vermeiden. Wenn 
derartige Mittheilungen, wie die beantragten, ein möglichst vollstän- 
diges Repertorium, so zu sagen, ein Register, einen Elenchus, gewis- 
sermassen eine Controle alles dessen vorstellen sollen, was binnen 
einer bestimmten Frist neu entdeckt oder zum Erstenmal bekannt 
geworden ist, so lässt sich an der Nothwendigkeit der Berufung auf 
anderweitige Quellen und gelegenheitlicher Benutzung derselben 
nicht zweifeln. Bei solchen Monumenten, welche leichter unter 
einem bestimmten Schlagworte zusammenzufassen sind, das hinreicht, 
die für jeden Archäologen kennbar zu charakterisiren, mag das ein- 
fache Citat genügen; bei Münzen aber, und namentlich bei Inschrift- 



222 J. O. Seldl. 

steinen , deren eigentliche Bedeutung nicht aus einem Schlagworte» 
sondern nur aus einer detaillirten Beschreibung und Copie zu erkennen 
ist , ja deren buchstabengetreue Abschrift selbst nur ein unvollstän- 
diges Surrogat für genaue Abbildung darbietet, langt das dürftige 
Citat bei weitem nicht zu; hier scheint die wiederholte Aufnahme 
des Monumentes selbst unerlässlich. Alles jedoch muss vom gleichen 
Gesichtspuncte aus aufgefasst , und wenn gleich die einzelnen Bei- 
träge von Vielen herrühren können und sollen, das Ganze doch von 
einer geübten Hand gehörig redigirt und in übersichtliche — am 
besten vielleicht, im Hinblick auf den Zweck, geographisch-chrono- 
logische — Ordnung gebracht werden, um zur schnellen Orientirung 
geeignet zu sein. Auf diese Weise würde allmählich eine Fundgrube 
zu Stande kommen , aus der die vorhandenen Lücken in den bisherigen 
Sammlungen ausgefüllt , und diese bis auf den heutigen Tag fortge- 
führt und ergänzt werden könnten, was ohne die grösste Mühe und 
Unsicherheit auf anderen Wegen nicht leicht dürfte zu erreichen sein. 
Ein solches Bepertorium ziemlich vollständig fortzuführen, schien 
vordem das k. k. Müoz- und Antiken-Cabinet vorzugsweise berufen, 
da alle Funde demselben angezeigt und zum Theile auch eingeliefert 
werden mussten. Schon von der grossen Maria Theresia zu einem 
Sammelplatze bestimmt, wohin alles Merkwürdige , was im Vater- 
lande auf dem Gebiete der Archäologie zu Tage käme , als in das 
gemeinschaftliche Becken zusammenzufliessen hätte, hat diese kaiser- 
liche Anstalt fortwährendes für ihre Aufgabe gehalten, die Theilnahme 
für heimische Monumente anzuregen und zu erhalten, das Fundwesen 
zum Vortheile der Wissenschaft , so wie im eigenen Interesse der 
Finder, zu regeln und zu beleben und für die Evidenzhaltung des 
jeweiligen Standes der Alterthumsforschung in Österreich die nöthi- 
gen Anhaltspuncte zu gewähren, — eine Aufgabe, der die Vorsteher 
des kaiserlichen Museums vom Anbeginne bis auf den heutigen Tag mit 
rühmenswerther Ausdauer ihre besten Kräfte geweiht haben. So hat 
namentlich vom Jahre 1812 an das k. k. Cabinet dem Fundwesen 
mit fast erschöpfender Anstrengung Zeit und Studium gewidmet. Die 
in neuerer Zeit erschienenen Schriften, in denen zwei unserer ver- 
ehrten Mitglieder theils ganze Partien des k. k. Cabinetes illustrirt, 
theils einzelne Gegenstände desselben zur Grundlage gelehrter For- 
schungen gewählt haben, wie des Herrn Begierungsrathes Arneth 
Synopsen der griechischen und römischen Münzen, seine Monographie 



Beitrlge su einer Chronik der archiolof . Funde in d. Osten*. Monarchie. 22 3 

Ober römische Militärdiplome, vor Allem seine mit Unterstützung der 
kaiserlichen Akademie gedruckten Prachtwerke über die Cameen, 
Gold- und Silber-Monumente des kaiserlichen Museums , dann des 
kais. Rathes Bergmann Medaillen auf berühmte Österreicher, bis 
herab auf die in den Publicationen der Akademie mitgeth eilten archäo- 
logischen Analekten und Abhandlungen Beider, bergen in sich eine 
Menge schätzenswerther Resultate, die nur dadurch möglich geworden 
sind , dass das Cabinet auf alle im Vaterlande gemachten Funde un- 
abgewendet sein Auge gerichtet hatte. So wurde auch im Jahre 1846 
von der Direction dieses Cabinetes Alles aufgeboten, um geeigneten Or- 
tes dahin zu wirken, dass ein humanes Zugeständniss zu Gunsten der 
Finder, dem, insoweit es mit dem Vortheile der Wissenschaft ganz 
wohl vereinbar schien , das Cabinet selbst warm das Wort redete, 
nicht zum empfindlichsten Nachtheile der Wissenschaft ausschlüge, 
ohne dass durch dieses Opfer das materielle Interesse des Publicums 
besser gewahrt wäre. Bekanntlich hatte es in Folge jener Verhand- 
lungen von den bisherigen Massregeln sein Abkommen, und wurde 
es den Findern anheimgestellt, von ihren Funden Anzeige zu er- 
statten. Hierdurch ward das Cabinet aus der glücklichen Lage ver- 
drängt, noch ferner wie bis dahin, des Überblickes über alle archäo- 
logischen Vorkommnisse in der Monarchie sich zu versichern. Nur 
zufällig und unvollständig gehen ihm seither Nachrichten über neue 
Funde zu; was anderwärts zur Öffentlichkeit gelangt, ist kärglich 
und unverlässlich ; die Gegenstände seihst wandern, kaum ans Tages- 
licht gekommen, in die Hände von Mäklern, und hald ist jede Möglich- 
keit ihre Provenienz zu ermitteln, die doch ein so wichtiges Moment 
f&r die Geschichte bildet, unwiederbringlich verschwunden. Bei 
solchen Umständen ist jede Notiz in den Journalen, jeder kurze Be- 
richt, jede freundliche Anzeige mit Dank aufzunehmen und an dem 
oben bezeichneten Centralpuncte festzuhalten, wenn nicht jeder mög- 
liche Gewinn verloren gehen soll. Bei solchen Umständen ist es aber 
auch nöthig, durch Belehrung zu ersetzen, was früher durch Zwang 
erreicht werden sollte. % 

Ich glaube daher den Wunsch hier nieht unterdrücken zu dür- 
fen, dass es an der Zeit sei, daran zu denken, dem grösseren 
Publicum mittels einer populären, fasslichen Auseinandersetzung der 
Wichtigkeit und des Werthes antiker Denkmäler Interesse für die 
Sache einzuflössen. Denn gewöhnlich ist es der schlichte Mann, der 



224 J. G- Seidl. 

Bauer» der Taglfthner, der auf solche verborgene Schätze stösst, und 
gerade dieser ist, wie die Erfahrung es bestätigt, weit empfänglicher 
für Belehrung, als der sogenannte gebildete Finder, der, wenn er 
Nichtkenner ist, vor Allem den materiellen Gewinn vor Augen hat, 
wenn er Kenner ist, mit dem Gefundenen häufig aus egoistischer 
Eifersucht zurückhält. Ich denke noch immer mit Vergnügen daran, 
wie oft ich Zeuge des ehrfurchtsvollen Staunens war , womit Land- 
leute einen auf ihrem Acker liegenden oder an ihrer Hütte einge- 
mauerten, früher unbeachteten Stein betrachteten, wenn sie erfuhren, 
dass er über ein Jahrtausend alt sei , dass er das Andenken einer 
geliebten Gattinn, eines theuren Sohnes, eines redlichen Heiers oder 
eines im Kriege ruhmvoll gefallenen Soldaten verewige, und wie be- 
reitwillig sie waren, solch ein Denkmal zur Aufbewahrung an geeig- 
neterer Stätte, etwa im Pfarrhause oder an der Kirche oder im Lan- 
des-Museum, abzugeben. Mag auch das, was zunächst Gemüth und 
Phantasie anspricht, in wissenschaftlicher Beziehung nicht immer das 
Wichtigste sein ; wenn nur dieses mit jenem gewahrt wird. Meines Er- 
achtens bedürfte es nur einer im volkstümlichen Tone geschriebenen 
Aufklärung, um die Leute auf allfällige Funde aufmerksam zu machen, 
um ihre Theilnahme für derlei Gegenstände anzuregen und ihnen die- 
jenige Pietät für Denkmäler der Vorzeit einzuflössen, welche hinreicht, 
um sie in ihrem eigenen Interesse, über den verzeihlichen Wunsch 
schneller und billiger Verwerthung des Gefundenen, wenigstens der 
vorläufigen Anzeige und Mittbeilung nicht vergessen zu lassen. 

Ein zweiter Wunsch bestünde darin , dass auch die Schule es 
nicht länger verabsäume, in dieser Richtung das Ihrige zu thun. 
Weit davon entfernt, der Volksschule oder auch nur der Mittelschule 
zuzumuthen, dass sie ihre Schüler mit Dingen plage, die vielen noch 
unpraktischer scheinen, als so Manches für unpraktisch Gehaltene, 
glaube ich nur, dass man die jungen Leute, eben so gut als man sie 
auf einheimische Pflanzen und Steine aufmerksam macht, auch auf 
heimische Alterthümer und Überbleibsel aus der Zeit ihrer Väter 
aufmerksam machen könnte. Die Sache liegt der jugendlichen Phan- 
tasie und Wissbegierde des einfachsten Bauernknaben näher als man 
denkt So gern er heimische Märchen und Volkssagen erzählen 
hört, und so genau er jede Stelle und jede Erscheinung sich merkt, die 
darauf Bezug hat, eben so aufmerksam würde er auch Erzählungen 
aus der heimischen Geschichte lauschen, und eben so leicht und tief 



Beiträge zu einer Chronik der archiolof . Funde in d. Österr. Monarchie. 225 

das Bild ron Münzen, Steinen, Gerätschaften, Baudenkmälern u.dgl. 
sich einprägen, die man ihm als die sprechenden Zeugnisse fflr das 
Erzählte und Geschilderte in seiner unmittelbaren Nähe nach- 
wiese oder mit dem Bedeuten beschriebe, dass dergleichen ehrwür- 
dige Reste der Vorzeit je zuweilen noch in Feld und Wald, auf Wei- 
den und Wiesen, an Berg und Bach auftauchen, und er wohl selbst 
so glücklich werden könne, Finder oder Zeuge eines solchen Fundes 
zu sein. So würde schon der Schulknabe jenen Sinn fflr die 8aero- 
sancta Vetustas in sich aufnehmen, dessen Abgang durch keine 
Zwangsmassregeln sich ersetzen lässt; so würde er einst, wenn er 
ins Leben hinaustritt, der beste, weil unverdächtigste, Lehrerund 
Rathgeber seiner minder gebildeten, daher oft misstrauischen Umge- 
bung werden, und durch seinen Einfluss der Wissenschaft selbst ab- 
sichtslos einen grossen Dienst leisten. — Die Hittelschule brauchte 
in den verwandten Fächern manchmal nur einen kurzen Schritt 
weiter zu thun, und es würde genügen, um das Interesse für ein 
Fach zu wecken, dessen Vernachlässigung später hinaus gewöhnlich 
durch den unleidlichen Dünkel sich rächt, der Allem, was nicht zu 
kennen er sich schämt, mit yornehmthuender Geringschätzung seine 
Berechtigung abspricht. Nebstdem stünden dabei noch anderweitige 
Resultate in Aussicht. Die Liebe zum Vaterlande findet Nahrung in 
der Kenntniss seiner Vergangenheit, der unwillkürliche Rückblick 
auf die Erlebnisse unserer Väter gibt Anlass zu ernsterem Nach- 
denken über unsere eigenen; oft reden Steine, wo Menschen schwei- 
gen; zudem liegt ja überhaupt in dem Verkehre mit der Vorzeit so 
viel Bildendes, in dem Ausdrucke mancher ihrer Monumente so viel 
rein Menschliches, in dem Vergleiche von einst und jetzt so viel 
geistig Anregendes, ja Poetisches, dass die Schule gewiss keinen 
Fehlgriff thäte, wenn sie diesfalls ihr eigenes Interesse mit dem unse- 
rigen in besseren Einklang brächte. 

Auf solche Weise von verschiedenen Seiten gleichzeitig die 
Theilnahme fflr die Archäologie zu wecken und zu nähren, Messe 
allmählich den Weg zur Erreichung eines Zieles ebnen, das gewiss 
würdig ist, von Allen angestrebt zu werden, denen es um einen bal- 
digen festen Unterbau der vaterländischen Geschichte von den frü- 
hesten Zeiten an zu thun ist. 

Auf einen der dazu bestimmten Bauplätze ebenfalls wieder einige, 
vielleicht nicht ganz unbrauchbare Bruchsteine beizuschaffen, ist wie 



226 J« G. SeidL Beitrftge su einer Chronik der arch&oL Funde etc. 

ich mehrmals zu erwähnen mir erlaubt habe, auch meine Absicht bei 
der Zusammenstellung, deren dritte Lieferung ich hiermit der ver- 
ehrten Classe überreiche. Dieselbe enthält kleine Excnrse in 12 Kron- 
länder, in denen theils wirklich neue Funde gemacht, theils bisher 
noch nicht allgemein bekannt gewordene Monumente von dortigen 
Forschern und Kennern zum Gegenstande der Besprechung gewählt 
worden sind. Wirklich Neues wird zwar nur von Wien und dessen 
Umgebung: Kahlenberg, Hauer, Mödling, Himberg, von 
Poisdorf und Dürnstein in Österreich, von Gleichenberg 
und Judenburg in Steiermark, von Petersdorf, Jicin und 
Gross-Skal in Böhmen, von Ofen, Laaz, Losoncz und 
Bogschan in Ungern, von Balta Verata in der Militärgrenze von 
Ohläh-Piänin Siebenbürgen u. e. a. geboten, dagegen über zwei 
Orte Nachholendes mitgetheilt, über vierzehn Fundorte zusammen- 
gestellt, was in öffentlichen Blättern lautgeworden, auf zehn Orte 
mit Hinzugabe eigener Erörterung hingedeutet und über sechs- 
unddreissig mit nöthiger Angabe der Monumente auf die Provinzial- 
vereinsschriften, in denen sie ausführlicher beschrieben sind, ver- 
wiesen, somit das Fundregister doch wieder um mehr als siebzig 
Namen vermehrt. 

Da eine derartige Zusammenstellung ihrer fragmentarischen Be- 
schaffenheit wegen zum Vortrage nicht wohl geeignet ist, so erlaube 
ich mir dieselbe mit Berufung auf die früheren Lieferungen, die mehr- 
seitiger Zustimmung sich zu erfreuen hatten, mit dem Wunsche zu 
überreichen, dass die verehrte Classe um des Zweckes willen, dessen 
klare Erkennung ich in meinem Vortrage dargethan zu haben glaube, 
auch den vorliegenden Beitrag zu den Mitteln zur Erreichung des- 
selben eines Platzes in den Publicationen der kaiserl. Akademie, und 
zwar im „Archiv," würdig erachten wolle. 



Dr. Schi mp er. Berichte aus und Ober Abysstnien. 227 

Berichte aus und über Abyssinien 1 ). 
Von *r. Sdriaper. 

Amba-Sea, November 1849. 
Ich kam hieker als Ausgeschickter eines wissenschaftlichen 
Vereines, Reise- Vereines, der seinen Sitz in Wirtemberg hatte. Vom 
Grossherzog von Baden, dessen Familie meinem in Russland geblie- 
benen Vater gewogen war, wurde ich unterstützt, und auf seine Em- 
pfehlung hin interessirte sich auch der König von Wirtemberg für 
meine Reisen, die ich bereits im Jahre 18»°/»i mit einem Ausflug 
nach Algier antrat, von da nach Ägypten, später nach dem 
felsigten, und dann nach dem Hedschas - Arabien ging, wo ich im 
Laufe mehrerer Jahre die Flora vom Berge Sinai , ron Mekka und 
Taif einsammelte. Seit 1837 bin ich in Abyssinien, wo ich mit den 
unerhörtesten Schwierigkeiten kämpfend , die Flora dieses Gebirgs- 
landes in allen seinen Höhen - Unterschieden gewann und zugleich 
durch meine Geduld das Misstrauen der Einwohner gegen Europäer 
bekämpfte. Durch meine Ausdauer und Friedensbemühungen ist 
dieses Land von Europäern jetzt weit leichter zugänglich als früher. 
Die Abyssinier gewannen Vertrauen zu mir und behandelten mich gut. 
Ich erhielt 18 u /u eine kleine Provinz zum Geschenk, Antitscho, 
zwischen Agame und Adoa, in Ausdehnung zwei Tagreisen im Um- 
fang mit 18 kleinen Ortschaften, einer Population yon ohngefthr 
4000 Seelen. Meine Stellung ist nicht die eines Statthalters allein, 
sondern zugleich entsprechend jener eines Barons in Deutschland 
zur Zeit des Mittelalters. Auch habe ich mich hier verheirathet, 
indem ich es fast nach 20jähriger Abwesenheit nicht für geeignet 
hielt, eine neue Laufbahn in Europa mir anzubahnen. Meine pecuniäre 
Lage ist, ungeachtet meiner dem Anscheine nach lucrativen Stellung, 
nicht vorteilhaft, weil meine Einnahmen in diesem gewerbs- und 
geldlosen Lande meist nur in Naturproducten bestehen, womit ein 
Europäer mit seinen angebornen Bedürfnissen nicht ausreicht; um so 
besser ist mein Familienglück. Ich habe 3 Kinder, 1 Knaben und 
2 Mädchen, wodurch ich die Nothwendigkeit fühle, durch Fort- 
setzung meiner Privatarbeiten die Mittel zur Erziehung derselben in 



*) Von dem hohen Ministerium des Handel» gütigst mitf etbeilt. 



228 Dr - Schimper. 

Deutschland aufzubringen, denn meine sämmtlichen Privatmittel, mit 
etwa 12,000 Thalern Zuschussgeldern, habe ich während meiner 
Reisen, besonders in Abyssinien, geopfert. Ich bin bereits 46 Jahre 
alt, doch rüstiger, als es gewöhnlich Europäer von 36 Jahren sind. 
Das Klima sagt mir zu und hat meine in Algier und Arabien sehr 
gelittene Gesundheit mehr als wieder hergestellt. Im Jahre 1834 
machte ich in Ägypten die persönliche Bekanntschaft des Herrn 
Ritter Lau r in, wodurch mir während einiger Zeit angenehme 
Tage in Ka i ro bereitet wurden. Er hat auch bis jetzt seine Freund- 
schaft zu mir, ungeachtet einer Trennung von 18 Jahren, nicht er- 
kalten lassen. Meine naturhistorischen Arbeiten setze ich mit den 
durch die Landesverwaltung entstehenden Unterbrechungen fort. 



Ober die Häuptlinge und die Landesbeschaffenheit Abysslniens. 

Abyssinien ist eines der seltenen Länder, wo die Regierungsform 
einer längst vergangenen Zeit bis fast zu unsern Tagen bewahrt 
worden. Die Titel der Angestellten, welche heute noch im Gebrauche 
sind , geben eine Idee von der bewunderungswürdigen Staatsorgani- 
sation. Das Land war glücklich , im Besitz einer die Nachbarländer 
beschämenden Civilisation, Grösse und Macht früherer Zeiten, wovon 
heute nur noch die Ruinen zu uns sprechen und die herrliche Natur, 
welche beständiger ist , als der Mensch , der sie beherrschen soll. — 
In diesen glücklichen Epochen glich Abyssinien unserm deutschen 
Vaterland zur Zeit des Kaiserreichs ; — wie dort so auch hier fanden 
sich Verschiedenheiten geeint durch das Feudalsystem , geleitet und 
gehalten durch einen Kaiser (Negus), unter welchem ein Major- 
domus (Ras) das Land verwaltete. 

Die Ereignisse sind noch nicht richtig beurtheilt, welche dieses 
glückliche Land zerrüttet und in das Unglück gebracht haben , das 
wir heute beklagen. Seit 300 Jahren geht die Desorganisation 
mit Schnelle weiter. Zu vermuthen ist, dass die Ursache der heutigen 
Uneinigkeit weniger in Ereignissen des Zufalls, als in der Vermi- 
schung allzugrosser Volksverschiedenheiten beruht. Der Name A t h i- 
opien verwandelte sich in Habe seh, Habyssinien, Abyssi- 
nien, bedeutend Land der Vermischung. — Die Kaiser (Negus) 
boten durch eine allzugrosse Zurückgezogenheit von den öffentlichen 
Geschäften eine zu grosse Macht ihren Verwaltern (R a s), welche durch 



Berichte au« und über Abyssinien. 229 

Missbrauch derselben sieb zu Herren ihrer Herren machten ; und es 
scheint, dass diese Usurpirung eine Hauptursache des innern Zwie- 
spaltes ist, der Abyssinien zu vernichten droht. — Die Kaiser, 
obwohl Titel und Eigenschaft des Geheiligten bewahrend, sind herab- 
gesunken zu einem Nichts, beraubt jeder Einwirkung auf das Land und 
gedrückt Ton materiellem Mangel"; — eine elende Hütte bewohnend, 
leben sie seit mehr als 100 Jahren ron almosenähnlichen Einkom- 
men, von der Marktbuttersteuer der Stadt 60 n dar, und einigen 
Äckern, zusammen im Betrag von jährlich 300 Thalern. 

Zu bewundern ist, dass die Kaiser, herabgesunken zu dieser 
Nichtigkeit , stets nach dem sorgfältig bewahrten Gesetz der Legiti- 
mität aus der gleichen Familie erwählt , und von dem Chef ernannt 
werden, der die zeitliche Macht zu G on dar ausübt. — Diese Eigen- 
tümlichkeit , dieses einseitige Conserviren beim Versinken , enthält 
die Hoffnung einer Zukunft. 

Wie in der Politik, so auch in der Religion, ist dieses Festhal- 
ten an der Form die besondere Eigentümlichkeit. Alle Hauptformen, wie 
sie zur Zeit des Yerschwindens der Apostel bestanden, finden sich hier 
gehandhabt, während der innere Glauben fast vollkommen verschwun- 
den ist. Ein buntes Gemische macht sich auch hier bemerkbar, doch 
ist die Urreligion, die katholische, ohne dass es Jemand weiss, die 
Torherrschende; gleichwohl kämpft der Fanatismus , gehetzt durch 
den koptischen Bischof, mit dem besten Erfolge gegen die katholi- 
schen Missionäre. — Sonst finden sich in diesem äusseren abyssi- 
nischen Cultus Elemente des Juden- und Heidenthums, des Mohamme- 
danismus, des griechischen und koptischen Cultus. Am bemerkbar- 
sten ist das katholische, das koptische und das jüdische Element. — 
Der Bischof wird nicht aus den Abyssiniern erwählt, sondern durch 
eine zahlreiche äthiopische , politische und geistliche Gesandtschaft 
von den Kopten in Ägypten gegen eine Bezahlung von 7000 Thalern 
erbeten, welche Summe der koptische Patriarch zu Kairo erhält, der 
sie nach Gutdünken mit seinen geistlichen Unterhäuptern und dem 
von dieser Gemeinschaft auserwählten kopülchen Bischof für Abyssi- 
nien theilt. — Nach dem Gesetz soll letzterer nicht unter 40 Jahre 
alt und gebrechenlos sein, wovon aber bei der letztstattgehabten 
Bischofswahl im Jahre 1841, Umgang genommen und ein einäugiger 
junger Mensch von 20 Jahren geschickt worden ist, der dem eng- 
lisch-protestantischen Missionshause zu Kairo eben entnommen und 

Stob, d. phiL-hUt. Cl. VIII. Bd. III. Hft 16 



230 Dr. gchimpor. 

erst nach Eintreffen der abyssinischen Gesandtschaft in den 
Priesterstand gebracht war , für sein jugendliches Alter ein seltenes 
grosses Intriguen-Talent besitzt und seit seiner achtjährigen Anwe- 
senheit hier in Abyssinien die Interessen der Engländer fördert, mit 
welchen er lebhafte Verbindungen unterhält, Abgeordnete nach 
Aden sendet, woher ihm moralische Unterstützung zufliesst, mittelst 
welcher er hier die Zwistigkeiten unter den Häuptlingen anfacht, und 
mit grossem Geschick zu unterhalten weiss. Die ihm eingeräumte 
Einwirkungsmacht ist der Art wenig begrenzt, dass selbst der mäch- 
tige Fürst Üb y6 in steter Besorgniss lebt und es noch nicht ver- 
mochte, dieses ihm gefährlichen Menschen sich zu entledigen. 

Seit den letzten 20 Jahren ist der Kaiser der unterthänige Die- 
ner, zuweilen von Uby6, öfter und gewöhnlich von Ras Ali, 
welch' Letzterer in Gondar befiehlt , dem Aufenthaltsort Seiner * 
kaiserlichen Majestät. 

Die Dedschesmadsche, d. h. die Herzoge und Grossher- 
zoge, gereizt durch die illegale Aufführung des Ras, haben nichts 
versäumt, um sich von einander so unabhängig zu machen als mög- 
lich , wodurch natürlich auch der Einfluss des Ras in seiner Eigen- 
schaft als Verwalter des Gesammten untergraben wurde. Durch Miss- 
brauch seiner Amtsfunction hat er selbst seinen Einfluss vernichtet, 
und steht darum heute nur als Chef einer Partei den verschiedenen 
Landesherren, den Mitregenten des Kaisers, d. h. den Herzogen 
(Dedschesmadsche) feindlich gegenüber , suchend zu seiner Macht- 
vergrösserung die Hülfe der mohammedanischen Gallasstämme , mit 
denen er verbunden und verwandt ist, was schon sein Name »Ali" 
beurkundet. 

Es besteht ein grosser Unterschied zwischen Ras , dem Diener 
und Befehlsvollstrecker des Kaisers, und den Dedschesmadschen, den 
•Befehlshabern, den Herren und Eigentümern der Einzelpartien des 
Landes, die nur verwaltlich — nicht im Innern ihres eigenen Lan- 
des, sondern nur in Bezug auf die Einheit des gesammten Reiches — 
dem supremen Haupt, Nqpus, untergeordnet sind. 

Die inneren Kriege, geschaffen durch die Eifersucht der losge- 
wordenen Häuptlinge, zerstörten das Land und boten den äusseren 
Feinden eine seltene Leichtigkeit desselben sich zu bemächtigen. 
Einerseits fixirten sich die heidnischen und mohammedanischen Gallas, 
während andererseits die Türken vordrangen und mit ihnen der Mo- 



Berichte aus und aber Abyssinien. 23 1 

hammedanismus. Die Aufmerksamkeit stets nur auf kleine persönliche 
Interessen gerichtet, erstreckte sich nicht mehr nach aussen» alle 
Beziehung mit dem Auslande verlor sich und jede Art von Civilisation 
sah sich vernichtet. Ein Röckschritt geht schneller als ein Fortschritt, 
schneller ist ein Haus eingerissen als aufgebaut» und so ist es also eini- 
germassen erklärbar, dass viele Reisende nur von wilden Horden spre- 
chen, die sie in Abyssinien beobachtet: sie fanden nicht die Spur der 
ehemaligen Civilisation, worin auch wohl der Mangel an Beobach- 
tungsgabe einige Schuld trägt. Zweifellos ist es aber, dass heute ein 
geringes Unglück hinreichen würde, die abyssiniseben Völker voll- 
kommen zu zerstören, denn sie stehen am Rande des Verfalles. 

Das herrliche Abyssinien, eine Gabe Gottes, bestimmt zur Glück- 
seligkeit seiner Bewohner, aber verschmäht von denselben durch den 
blinden Materialismus, der auch in Europa heute die Menschen zu 
bethören scheint, bietet die grösste Leichtigkeit, in kleinen Räu- 
men alle möglichen Producte der Erde zu erzielen. Man findet hier 
jedwelches Klima, zwischen 40 Grad R£aum. Hitze und 6 Grad 
Räaum. Kälte (also — 6 Grad), letztere Temperatur zur Nacht auf 
14000' absol. Höhe, wo die extreme Hitze +6 Grad berägt. — 
40 Grad Hitze findet sich zuweilen in den Ebenen am Meere ; in den 
innern Thälern beträgt sie 25 — 35 Grad, je nach deren absoluten 
Höhe und Position. In der mittleren Landeshöhe zwischen 6000 und 
7000' absoluter Höhe , wo die grössere Bevölkerung dieses Landes 
lebt, und wo auch ich in Antitscho wohne, beträgt die Temperatur 
in der trockenen Jahreszeit, vom October bis Ende Mai, früh 
10— 14 Grad, Mittags 18—23, Abends 14—18 Grad. Die kühleren 
Nächte finden sich im December und Jänner, zuweilen fällt in dieser 
Zeit der Thermometer auf -j-4 Grad. Die Monate Mai und Septem- 
ber haben die heissesten Tage. Obschon vom Juni bis Ende August 
die Sonne am höchsten steht, so ist doch die Hitze nicht bedeutend, 
indem der alsdann täglich zwischen 2 und 5 Uhr Nachmittags fallende 
Regen die Temperatur bedeutend herabstimmt , der Art , dass solche 
in dieser Regenperiode auf der angegebenen Landeshöhe früh 11 Grad, 
Mittags 16 und Abends 12—14 Grad beträgt. Während der Regen- 
zeit ist also, wie natürlich, die Temperatur gleichartiger, es wird 
weder so heiss noch so kalt, als während der trockenen Jahreszeit. 
— Diese Temperatur auf der mittlem Höhe des Landes ist massge- 
bend für ganz Abyssinien. Die grösste Hitze im Tacaze-Thal, das 

16* 



232 Dr. Schlmper. 

tiefste Thal im Lande, 2700' überm Meer, beträgt 36 Grad; im 
Mareb-Thal, 4000* überm Meer, wechselt die Mittagswärme zwischen 
23 und 33 Grad während des Jahres. In den Thälem von 5000' ab- 
soluter Höbe , welche sich allenthalben finden , ist die Mittagshitze 
23 — 30 Grad. Alle Thäler, tiefe wie hohe , haben zuweilen kalte 
Nächte. Im Jänner beobachtete ich* im Hareb +4 Grad , während 
die Mittagshitze am gleichen Tage 26 Grad betrug (das hier ge- 
brauchte Höhenmass ist das Pariser Thermometer-Mass Reaumur). 
Die Thäler und Bergplateau's haben eine sehr verschiedene 
Höhe, und diese Höhenverschiedenheiten finden sich fast fiberall 
terrassenförmig nahe an einander, was ein besonderer Vortheil 
für den Ackerbau ist, der sich andererseits durch gutes Terrain, 
Trachyt und Urthonschiefer , begünstigt findet. — Die geologischen 
Verhältnisse dieser weit ausgedehnten , kolossalen und gleichartigen 
Gebirgshebung sind sehr einfach. Das Terrain ist fast nur vulcani- 
scher Natur, das Gestein Trachyt, Eisenthon, Sandstein, Grauwacke, 
Urthonschiefer, hie und da Granit und Syenit, und an einigen weni- 
gen Orten, z. B. in Endata, Kalk , wahrscheinlich letzterer der se- 
cundären Formation angehörend. 

Nach den Höhen ist das Gestein fast gleichartig vertheilt : von 
7000 bis 14.000', fast überall Trachyt; diese Höhe ist zugleich von 
7000 bis 9000' die Region des Weizenbaues; Gerstenbau fängt eben- 
falls yon 7000' an und zieht sich wieder bis über 11.000' hinauf. Die 
Gerste ist die am höchsten hinauf cultivirte Getreideart. Die höchsten 
Äcker sind zwischen 11.000 und 12.000' absoluter Höhe. Von 5500 
bis 7000' Eisenthon, auch Sandstein und Grauwacke, zugleich Region 
des Tefbaues. Von 4000 bis 6000' Urthonschiefer ; hier ist auch die 
Höhenregion des Dagussa- und Maisbaues. Von 3000 bis 5000' Ur- 
thonschiefer, hie und da Granit und Syenit, grösstentheils unbewohn- 
tes, aber an entsprechenden Stellen mit Mais und Dagussa angebautes 
Land. Die unbebauten Stellen zeigen, dass diese Höhe die Region 
der Terebinthenhölzer und der Mimosen ist; — hier ist Reichthum 
an Gummi und Harz. Die obgenannte Getreideart Tef oder auch Täf, 
welche ein gemässigtes und gleichartiges Klima verlangt, ist Era- 
grostis Aby8Sinica , die beliebteste Brodnahrung der Abyssinier. 
Man bereitet davon gesäuerte, flache, sehr dünne und biegsame Brod- 
kuchen , eine leicht verdauliche, gutschmeckende, doch wenig kräf- 
tige Nahrung, aber, wie erwähnt, das Lieblingsbrod der Abyssinier, 



Berichte aus und Über Abysslnien. 233 

am besten geeignet, mit den äusserst pikanten abyssinischen Pfeffer- 
saucen in Gemeinschaft gespeist zu werden. 

Dagussa ist Eleusine Tocusso (sollte eigentlich genannt wor- 
den sein; Dagussa), wird ebenfalls zu Brod benützt, ohne jedoch 
beliebt zu sein ; dagegen eignet sich Dagussa besonders zu Bier und 
ist dessbalb den Abyssiniern stets erwünscht. Diese Getreideart ver- 
langt warme und heisse Gegenden. — Mais gibt es eine Menge Arten 
und Varietäten, nämlich Büschelmais, Sorghum, welche zu Brod 
und zu Bier benützt werden. Zea-Mais kommt auch vor, doch nur an 
wenigen Stellen so häufig , dass er zu Brod verwendet wird. Etwas 
ist aber allenthalben angebaut, und da, wo er nur spärlich vorkommt, 
dienen die Körner nur als eine Art Naschwerk. 

Vom Granit habe ich noch zu erwähnen, dass er sich auf allen 
Höhen zeigt, doch liegt er von 4000' abwärts am häufigsten zu Tag. - 
Eisenthon und Sandstein, gewöhnlich auch Trachyt, haben Plateau- 
form; Urthonschiefer bietet wellenförmige Abfälle zu den Thälern 
und trägt oben die merkwürdigen Eisenthonebenen. 

Die unzähligen Plateau's des Eisenthons und Sandsteins erschei- 
nen dem Auge als gleich hoch , sie haben jedoch eine leichte Sen- 
kung in der Richtung nach Südwest. Obscbon sich aus denselben 
manche hohe Trachytberge, selbst kleine Gebirgsreihen erheben, 
so ist doch deren Senkung sowohl vor, als hinter diesen aus ihnen 
emporsteigenden Bergstrichen, eine weithin regelmässig constant fort- 
laufende, derart also, dass sie, diese Eisenthon-Plateau's in ihrer 
Vereinigung, eine unermessliche Ebene bilden, welche unendlich 
durch gewöhnlich ganz enge aber tiefe Thäler zerrissen ist, und de- 
rqi Hauptüberblick, je nach dem Gesichtspuncte , hie und da durch 
einzelne, hie und da auch durch mehrere Trachytberge mehr oder 
weniger gestört wird. 

Dieses derart zerrissene Plateau des Eisenthons und Sandsteins 
hat im Nordosten , wo es nach dem rothen Meere hinabblickt , die 
Höhe von 8000' ; hier ist es über 200' mächtig , und der Sandstein 
ist die vorherrschende und zu oberst liegende Bildung ; bei Adoa 
hat es die Höhe von 6300'; hier fängt der Sandstein an zu ver- 
schwinden, fast nur Eisenthon ist da , dessen Mächtigkeit kaum nur 
100' beträgt. Dies ist 4 Tagreisen vom ersten Punct südwestlich. 
Wiederum 4 Tagreisen von da nach Südwest hat dieses Plateau nur 
die Höhe von 3500' , zeigt nur Eisenthon von geringer Mächtigkeit 



234 Dr. Scblmper. 

und macht sich da, wie auch an* den andern besagten Orten» durch 
seine rothe Farbe kenntlich, indem die steilen, senkrechten Wände 
desselben weithin in die Ferne blicken, während die auf diesem 
rothen Plateau befindlichen Trachytplateau's an ihren gewöhnlich 
ebenfalls senkrechten Wänden schwarz sich zeigen. 

In der Form unterscheiden sich die Plateau's des Eisenthons 
von jenen des Trachyts dadurch, dass sie an allen Seiten senkrecht 
abfallen, während jene des Trachyts gewöhnlich eine sanft abfal- 
lende Seite haben (nach Südwest) ; diese letztgenannten Trachyt- 
plateau's haben nicht immer eine grosse Ausdehnung, sind zuweilen 
sogar sehr klein, und unter einander an Höhe sehr verschieden; aber 
eben die Höhenverschiedenheit dieser theils grösseren, theils klei- 
neren Trachytplateau's gewährt ungemeinen Vortheil ftr den Acker- 
bau und zugleich eine Annehmlichkeit, die wohl nirgends in der 
Welt in gleicher Art zu finden ist. Ohne sich besonders zu delo- 
giren geht man je nach Wunsch zu jeder beliebigen Stunde in ver- 
schiedene Klimate und findet derart auf die freundlichste Weise einen 
weiseren Arzt, als das intelligente Europa ihn besitzt. 

Die Vegetation dieses wunderbaren Landes hat von 6000' auf- 
wärts ein perennes Grün, ebenso der Strand aller Flüsse und Bäche 
jedwelcher Höhe. Grosse Bäume und schöne Wiesengründe finden 
sich in dieser Region überall , letztere in schönster Pracht auf der 
Höhe von 8000 bis 10.000'. Der Holzwuchs verliert sich auf H. 000', 
die Wiesen ziehen sich bis über 13.000' hinauf, gewinnen aber je 
weiter nach oben, je mehr Einförmigkeit in den Grasarten. Von 
$000' abwärts haben die meisten Höhen ein zur heissen Zeit abfal- 
lendes Laub, wesshalb alsdann diese relativ niederen Landschaften 
von Grün entblösst einen dürren Charakter aussprechen, um so 
reichlicher aber bringen sie zur Regenzeit in Erstaunen erregen- 
der Schnelle eine saftgrüne, dichte Vegetation in unzähligen Kraut-, 
Baum- und Straucharten hervor, und Gräser, deren Höhe die Men- 
schen überragt. 

Zwischen 5000 und 6000' nimmt man ein Mittel dieser beiden 
Vegetations- Verhältnisse wahr. Diese wenigen Worte können ge- 
nügend eine Farben-Ansicht des Landes geben. 

Soviel über die Beschaffenheit dieses Landes , woraus hervor- 
geht, dass Abyssinien die Bedingungen zu einem Paradies enthält, 
und alles Erwünschbare ftir den Menschen hervorbringen kann, aber 



Berichte aus and aber Abyssinien. 235 

es gehört dazu» dass der Mensch seine gottlose Selbstsucht im Indi- 
viduum verliere, in einmüthiger Gesammtheit das Werk der Cultur 
ergreife. Auf der ganzen Erde gibt es kein Land, das mehr Vortheil 
und Annehmlichkeiten zugleich bieten kann, als dieses von uns so 
wenig beachtete Abyssinien. — Heute ist es eine stets an Umfang zu- 
nehmende dornenreiche Wildniss, welche die verwilderten und sich 
selbst zerstörenden Bewohner in immer enger und enger werdende 
Räume bannt. Auch die wilden Thiere nehmen so sehr überhand» 
dass in nicht sehr ferner Zeit ein förmlicher Krieg zwischen ihnen 
und den Menschen in Aussicht steht. Schon jetzt sind die Thäler 
von 4000' abwärts so damit bevölkert, dass der Jagdfreund den 
mannigfaltigsten Stoff zur Beschäftigung daselbst findet, zugleich 
aber auch, besonders zur Nachtzeit, in der grössten Gefahr schwebt; 
einzelne Bestien greifen sogar zuweilen ganze Caravanen an, und 
reissen aus derselben einzelne Menschen vom Wachtfeuer fort. 

Nach diesem ausgedehnten Abschweif komme ich wieder auf 
die politische Gestaltung des Landes zurück. 

In neuerer Zeit hat der Dedschesmadsch Ubyi eine Menge 
Seigneurs und Chefs sich unterjocht, indem er den Zweck verfolgt, 
den Kaiser als Einigungspunct in seine ursprüngliche Macht einzu- 
setzen. 

Die Neigung des R a s A 1 i zum Mohammedanismus, die für Abys- 
sinien hieraus entspringende Gefahr hatte U b y 6 bestimmt, im Jahre 
1841 alle christlichen Stämme zu vereinigen, an die Spitze der 
Geistlichkeit einen Bischof zu stellen und den Ras zu bekriegen. 
U b y 6 ward Sieger ! Aber ein Zufall nach siegreicher Schlacht 
machte ihn zum Gefangenen einer ganz kleinen feindlichen Abthei- 
lung. Der Ras kam hierauf von seiner Flucht zurück, übernahm 
von Neuem seine Stellung und gab aus Furcht vor dem Volke seinem 
Gegner die Freiheit (das Landvolk hatte den Ras mit Prügeln 
durchgeprügelt!). — Leider etwas spät, weil bereits in Ubyä's 
Ländern dessen Bruder und andere Häuptlinge das Volk gegen ihn 
beschäftigten. Uby6 hatte nun mit Widerwärtigkeiten aller Art zu 
kämpfen, aber ausgerüstet mit Schlauheit und Energie überwand er 
Alles. Mit 24 Mann zog er aus, seinen Bruder Merrso zu be- 
kriegen , der sich in Sem&n eingenistet hatte. Nach glücklichem 
Erfolge strömte seine zerstreute Armee ihm wieder zu; und nun zog 
er nach Tigr£, wo Baigatt' Ar ei ja die Flucht nahm und der 



236 Dr. Sehimper. 

Nebrid von Axum (d. i. Wächter der Bundeslade zu Aium) in 
seine Hände kam. Auch die grossen Provinzen Wolkeit, Tacade, 
Enderda u. s. w. kamen wieder an üb yö; die bewunderungswürdige 
Geschicklichkeit, welche er in Überwindung der Schwierigkeiten 
entwickelte, vergrösserte seine Macht und bald war er mächtiger als 
je. Kaum waren 6 Jahre verflossen, als er von Neuem gegen den 
Ras auszog 1846 — 1847, der aber diesmal nach langer Vorbe- 
reitung zum Kampfe ebenfalls eine grosse Streitkraft durch die Gallas- 
mohammedaner erhalten hatte. Die zwei Krieger standen sich mehrere 
Monate unthätig einander gegenüber, ohne dass einer den Angriff 
wagte, bis endlich in die beiden Heere zugleich der Hunger ein- 
drang, und die beiden Häuptlinge zum Rückzug nöthigte. — Bei je- 
desmaliger Abwesenheit U b y 6 's von Tigre erschien dort der be- 
rüchtigte Ballgatt' Ar ei ja (ein Verwandter des verstorbenen Ras 
WoldaSelasse, eines gewesenen Doppel-Ras) , der sich damit 
beschäftigte, Reichthümer durch Raubzüge im bloss gestellten Lande 
zu erwerben. Ohne Weiteres zu unternehmen , zog er bei jedes- 
maliger Annäherung Ubye's in seine Schlupfwinkel zurück, 
was allerdings klüger sein mochte, als mit den Waffen gegen 
Ubye's Übermacht zu kämpfen. — Die Schlauheit Balgatta 's 
wird von Ubye" gefürchtet, der nun schon seit 1847 eine grosse 
Abtheilung seiner Armee an dessen Schlupfwinkeln aufge- 
stellt hat, um ihn wo möglich auszuhungern. - (Balgatta ist der 
Titel, bedeutend Salzwächter oder Münzhüter; Areija ist der 
Name. — Der Balgatta hat besonders auch für die Sicherheit des 
Weges zur Salzebene zu sorgen, und begleitet desswegen mit seinen 
Truppen die Salzhändler dorthin, deren stets mehrere Tausende zu- 
gleich sich in Marsch setzen. — Diese Vorsicht verlangt die Mord- 
lust der Teltal, die zwar mittelst ihrer Häuptlinge unter abyssi- 
nischer Hoheit stehen , aber zur Ordnung nicht angehalten werden 
können , weil ihr tief liegendes Land, fast unbewohnbar, schrecklich 
heiss ist. — Dieses Verhältniss besteht seit den ältesten Zeiten.) 

Die Hauptparteien von Abyssinien sind heute repräsentirt einer- 
seits durch Ras Ali, anderseits durch Ubye. Mit Letzterem sind 
verbunden, doch unabhängig von ihm, der Dedschesmadsch 
Goscho mit seinem kriegerischen Sohn Bürru in Godscham, der 
Dedschesmadsch Kassai, Sohn des verstorbenen Fürsten 
Confu, Chef der Länder am Sennaar und noch einige Fürsten im 



Berieht« ans und filier Abyasfnfen. 237 

Lasta. Diese mit Uby & verbundenen Häuptlinge theilen die Absicht 
Ubyä's, die alte Regierungsform unter dem Kaiser wieder herzu- 
stellen. Eine dritte Partei ist durch den König (Negüs) von Sc ho a 
repräsentirt, dessen Land durch einen schmalen von den Gallas be- 
setzten Streifen Landes sich findet. Diese Ausgeschiedenheit hat 
Schoa unabhängig von hier gemacht, wesshalb der Chef den Titel 
Negüs fuhrt, welcher froher nur dem Kaiser zukam. (Das Wort 
Negüs bedeutet sonst : Selbstständig Regierender, also Regent, Hüter 
und Vollbringer des Gesetzes zufolge des fetta Negüst, d. h. Staats- 
gesetzbuch.) 

Ich habe noch der Menschen-Varietäten zu erwähnen, welche 
sich in Samhar finden, und ein wahrhaftiges Chaos darstellen durch die 
verschiedenartigsten Körperformen, Farben und Sprachen. Sie lassen 
sich in 7 Hauptclassen theilen: 

1) Eigentliche, aber ausgeartete Abyssinier mit einer Mundart, die 
zwar abweichend von der Tigr&prache ist, aber gemeinschaftlich mit 
derselben die Geessprache zur Grundlage hat. Diese sind um das 
Hochland herum nach allen Richtungen verbreitet, bewohnen mehr 
gebirgige Theile als Ebenen und sind theils Ackerbauer, theils Hirten. 
Religion: theils Christen, theils Mohammedaner, auch zum Theil 
Heiden. Hieher gehören ausser jenen , welche zerstreut in den Ge- 
birgen Samhar's wohnen, die Völkerschaften Bogho's, Chal-Chal, 
Bidel und ein dem Laufe des Mareb's entlang wohnender Volkstheil, 
den die Abyssinier fälschlich Schangalla nennen, wahrscheinlich weil 
der Wohnsitz dieses Volkes in Mitte der Schangalla, d. h. Neger, ist. 
Diese Schangalla, von denen hier die Rede ist, sind keine Neger und 
unterscheiden sieh in Bau und Farbe in Nichts vom Abyssinier; auch 
ist die Sprache fast ein reines Gees, d. i. die Wurzelsprache der 
abyssinischen Dialekte. 

2) Habab, in Typus, Farbe und Sprache fast gleich den Stäm- 
men der vorstehenden ersten Classe. Der Unterschied ist nur durch 
einige arabische Elemente bezeichnet; sie sind Ackerbauer, Hirten und 
Fischer, wohnen im flachen Küstenland zwischen Sanakin' und Mas- 
sanah; sie sind Mohammedaner. 

3) Schoho ,«*inter sich in viele kleine Stämme getheilt, mit 
eigentümlicher Sprache, über die ich nicht urtheilen kann. Diese 
Schoho haben zwar unverkennbar einen abyssinischen Typus , sind 
aber ganz schwarz und vollkommen verwildert, durch ihr Benehmen 



238 Dr. Sc hin per. 

und ihre Lebensart stellen sie sieb fast als entmenschlicht dar ; sie 
sind grösstenteils Nomaden und bewohnen vorzüglich den kleinen 
Landestheil, der im engeren Sinne Samhar heisst, und ziehen sich 
auch östlich hin zu den : 

4) Teltal, die wiederum eine andere, doch etwas verwandte 
Sprache reden sollen , und im Ruf einer ebenfalls ausgezeichneten 
Verwilderung stehen ; — sie tragen in sich eine leichte Mischung 
mit den Galla-Nachbarn, den Abyssiniern und den Schohö. Bei Ein- 
zelnen sieht man eine Mischung mit Griechen , welch 9 Letztere vor 
einigen hundert Jahren in Agami eingewandert waren und in Mi- 
schung mit denAbyssiniern des Hochlandes, den Teltal und Schoho, 
untergegangen sind. Hieraus war der berühmte Sabagadis hervor- 
gegangen, welcher wfibrend einiger Zeit Regent von Tigr6 war und 
von Uby6 besiegt worden ist. — Die Teltal wohnen südöstlich von 
Massanah und sollen sehr verbreitet sein. Religion : theils Christen, 
theils Mohammedaner, in der Hauptmasse aber Heiden. 

8) Galla's mit leichter Teltal-Misehung wohnen am Abhänge 
des Hochplateau^, südöstlich von den Teltal und sind im Zusammen- 
hang mit den unzähligen Gallastämmen des afrikanischen Hochlandes; 
Religion : Heiden und zum Theil Mohammedaner. 

6) Danakil. Diese bewohnen südöstlich von Massanah bis 
gegen Berbera hin den ftusserstenRand der Küste und sind grössten- 
teils Fischer und Schiffer. Sie sind augenscheinlich stark mit 
Yemen-Arabern vermischt. Näheres weiss ich mit Sicherheit nicht 
anzugeben. Religion: Mohammedaner. 

7) Race von Harkiko, ausgezeichnet durch ihre Mischung zwi- 
schen Bosniern und Habab, Abyssiniern, Schohö und Negern; sie 
spricht einen eigentümlichen Dialekt, welcher die Geessprache zur 
Grundlage hat und von den Habab und jenen unter Nr. 1 genannten aus- 
gearteten Abyssiniern sehr gut verstanden wird. Religion: Moham- 
medaner. 

Mit alleiniger Ausnahme der wenigen Galla's sind alle diese 
Stämme abyssinischen Ursprungs. 

In dem Lande der Teltal, ungefthr 3 Tagereisen S. S. 0. von 
Massanah zwischen dem rothen Meere und dem Hochplateau wird durch 
permanent vulcanische Vorgänge ein festes Kochsalz erzeugt, welches 
von den Abyssiniern des Hochlandes bezogen, als Münze gebraucht 
und weit hin ins Innere von Afrika verführt wird. Eben daselbst 



Berichte aus utad über Abyssinien. 239 

erzeugt sieh Schwefel, welcher den ganzen Bedarf für diesen Theil 
von Afrika deckt. Dieses Salz wird zu 8 Zoll langen, 1% — 3 Zoll 
breiten und l*/ a Zoll dicken Stücken (Pariser Mass) zugehauen und 
bildet so geformt jenseits des Flusses Tacazä , also bereits diesseits 
Gondar das circulirende Geld, und ist also, indem es den Finanzfond 
des Landes vertritt, von ausserordentlicher Wichtigkeit, auch be- 
schäftigt sich mit der Ausbeute und Ausfuhr eine bedeutende Volks- 
menge , indem hier die Transporte grösstenteils nur auf Menschen- 
rücken statthaben. Es ist also einleuchtend, dass dieses Salz eine 
äusserst lebhafte Volksbewegung verursacht, auf verschiedene Weise 
Nahrung unter alle Classen der Bevölkerung bringt. 

Salzpreise« 

Am Rand des Hochlandes in der Ortschaft Azebi 8000' über 
dem Meere, unmittelbar oberhalb der Salzlocalität (welche, der erhal- 
tenen Information gemäss, tiefer als der Meeresspiegel zu sein scheint) 
ist das erste abyssinische Salzdepot. 

Hier in Azebi ist der Mittelpreis für 100 Stück 1 Thaler (österr. 
M. Th. Th.), i % Tagereise weiter zu Addegral 80 Stück 1 Thaler, 
wiederum 2 Tagereisen weiter zu Addoa ffir 60 StüUk 1 Thaler, 
» 6 » » Wogera „ 45 „ 1 „ 

n Vi* * m * '» Gondar „30— 40 „ 1 „ 

Von Azebi nach Gondar sind 12 — 14 Tage langsamer Reise 
erforderlich, und auf diesem Wege IG Zollstellen, wo ein halbes 
Stück Salz bezahlt wird, also tts nach Gondar 8 Stücke, d. i. von 
einer Trägerlast, welche gesetzlich nicht mehr als 80 Stücke beträgt. 
Hieraus geht die Geringfügigkeit des Gewinns hervor, aber eben die 
Geringfügigkeit desselben ist Beweis, dass dieses Salz-Geld alle 
Verhältnisse des Volkes seit undenklicher Zeit mittelst seines Ein- 
flusses durchdrungen hat. 



240 Prof. Jlger. 

SITZUNG VOM 17. MÄRZ 1852. 



Ci elesei t 



Der Secretär liest einen von dem h. Ministerium des Äussern 
der Akademie mitgetheilten Bericht vor, den der k. k. Consular- 
Agent in Cartum, Hr. Dr. Constantin Reitz, über seine im August 
v. J. stattgehabte Zusammenkunft mit der Princessinn Siddi Saua- 
kin, der Tante des gegenwärtigen Sultans Hussein von Dar für» 
eingesandt hat. 



Zur Vorgeschichte des Jahres 1809 in Tirol. 
Vom Professor Jäger. 

Es war am 29. December 1805, wo Kaiser Franz durch den 
Mund des -damaligen Gouverneurs von Tirol» Grafen Brandis, 
allen Bewohnern dieses Landes den Schmerz ausdrücken liess, den 
sein Vaterherz empfand» Unterthanen verlieren zu müssen» die durch 
ftknfthalbhundert Jahre mit einer zum Beispiel gewordenen Treue an 
Österreichs Fürsten hingen. „Lag es aber» so fügte der Kaiser 
„hinzu, nicht in meiner Macht» die empfindlichsten Stösse abzuwen- 
den, so habe ich es wenigstens an meiner Vermittlung nicht fehlen 
„lassen, die weitern Wünsche der Tiroler zu erfüllen, nämlich, dass 
„das Land ungetheilt bleibe» und seine Einrichtungen beibehalte. 19 

Nicht volle drei Monate später vernahmen die Gesandten der 
tirolischen Stände aus dem Munde des Königs Maximilian von 
Baiern die nicht minder herzlichen Worte : „Liebe » brave Tiroler ! 
„Ich verspreche euch nochmal» kein Jota an eueren alther- 
gebrachten Einrichtungen soll geändert werden. Ihr 
„habt einen guten Landesherrn verloren; ihr bedauert diesen Ver- 
„lust; ich schätze euch darum, und würde euch nicht schätzen, wenn 
„ihr es nicht thätet Wohl fähr ich es, ich habe einen harten Stand, 
„mir eure Liebe und Achtung zu erwerben ; aber ich werde es mir 
„zu meiner angelegentlichsten Pflicht machen, und dann hoffe ich, es 



Zar Vorgeschichte des Jahres 1809 in Tirol. 24 1 

»werde euch einst auch am mich leid sein» wenn ihr mich durch den 
»Tod verlieret." 

Unter den Auspicien dieser kais. und kön. Trostworte ging Tirol 
am 11. Februar 1806 als grossmüthiges Geschenk Napoleon's an das 
neuerrichtete Königreich Baiern über. Allein ungeachtet dieser münd- 
lichen Versicherungen, und ungeachtet des 8. Artikels des Press- 
burger Friedens, der festsetzte, dass der König von Baiern Tirol 
„auf dieselbe Weise und unter denselben Titeln, Rech- 
ten und Prärogativen besitzen sollte, wie es Kaiser 
Franz oder die Prinzen von Österreich besessen 
hatten, und nicht anders," lag doch weder in den Zusiche- 
rungen der beiden Monarchen , noch in dem Friedensartikel eine 
beruhigende Bürgschaft für den Fortbestand der alten Zustände 
Tirols. Denn auch die vorder-österreichischen-Lande waren unter 
denselben Bedingungen und ganz mit denselben Aus*- 
drücken an Baden und Würtemberg abgetreten worden; und doch 
hatte der König von Würtemberg und der Grossherzog von Baden 
die früheren Einrichtungen dieser Länder als nicht mehr geeignet 
fiir die neuen Verhältnisse sogleich abgeändert. Tirol unterwarf sich 
daher in banger Erwartung der Dinge die da kommen würden der 
neuen Regierung. 

Allein Baiern, in dessen Plane es allerdings lag, die verschie- 
denartigen Verwaltungsformen der neuerworbenen Provinzen durch 
Ausscheidung der unbequemen und Assimilirung der brauchbaren auf 
eine leichter zu beherrschende Einheit zurückzuführen, wollte nicht 
gleich im Anfange die Sache auf die Spitze treiben, und begann seine 
Umgestaltungen nicht mit zerstörenden, sondern mit wohl th ä- 
tigen Reformen. 

Es übernahm das Land aus den Händen eines Guberniums, 
welches mit Ausnahme des an der/Spitze stehenden Chefs und eini- 
ger wenigen tüchtigen Räthe, aus Individuen zusammengesetzt war, 
deren körperliche Gebrechen der ganzen Verwaltung das Gepräge 
des hinsiechenden Alters, der Schwäche und Langsamkeit aufgedrückt 
hatten. Daher auch der Volkswitz das Hitleid erregende Collegium 
mit dem Spottnamen „das Spital 11 belegte. 

Die Baiern hingegen stellten an die Spitze der Landesregierung 
ein mit ziemlich grosser Selbstständigkeit ausgerüstetes General- 
Commissariat, unter der obersten Leitung des Grafen v. A r c o 



242 Prof. J&ger. 

und der gewandten Feder des Herrn v. Mieg. Um in die politischen 
und justitiellen Geschäfte raschen Gang zu bringen» trennten sie das 
Gubernium rom Appellations-Gerichte» welche bisher unter demselben 
Chef vereint waren ; dann theilten sie das Gubernium in zwei weitere 
Sectionen, deren erste sieh vorzüglich mit staatsrechtliehen und 
polizeilichen» die zweite mit den staatswirthschaftlichen Gegenständen 
zu befassen hatte. Das Land wurde vorläufig in 24, später in 30 
Landgerichts- und in 24 Rentamtsbezirke eingetheilt, und den Land- 
richtern eine einflussreiche Stellung angewiesen. Sie wurden zur 
Mittelbehörde zwischen dem Volke und der Landesstelle erhoben, 
und ihnen die Ausübung der Civil- und Criminal-Geriehtsbarkeit und 
Polizei in vollem Umfange überlassen, und alle Patrimonialgerichte 
ihrer Aufsicht unterworfen. 

Wie die Landgerichte wurden auch die neuorganisirten Rent- 
ämter unmittelbar der Landesstelle untergeben. 

Die vorgefundenen Kreisämter liess Baiern einstweilen noch fort- 
bestehen; es beschränkte aber deren Wirksamkeit dergestalt, dass 
es ihnen nicht mehr als einen höchst indirecten Antheil an den Ge- 
schäften überliess, wesshalb auch das Personale bei diesen Ämtern 
fast überall bis auf den Kreishauptmann und einen Actoar einschmolz. 

Die Vortheile dieser Einrichtung gestalteten sieh sowohl fiir die 
Regierung als auch für das Volk ziemlieh günstig. Für jene ergab 
sich mittelst der streng überwachten Rentämter nicht nur eine klare 
und geordnete Übersicht der Einnahmen und Ausgaben, sondern 
auch eine regelmässige und ausgiebige Erhebung der Gefälle. Die 
Brutto - Einnahme aller Rentämter betrug am Schlüsse des Jahres 
1806 1,774.542 fl., während die Besoldungen für die ganze Landes- 
verwaltung im J. 180% nicht mehr als 113.841 fl., und im J. 180%, 
wo das Verwaltungspersonale vermehrt wurde, 121.000 fl. betrugen. 

Das Volk erfreute sich einer viel rascheren und durchgreifen- 
deren Handhabung der Justiz und Polizei, und selbst Tiroler Beamte, 
welche anfangs ein günstiges Ergebniss bezweifelten, mussten am 
Ende der baierischen Landgerichts - Einrichtung den Vorzug zuge- 
stehen vor der mechanisch - abgemessenen Geschäftsführung der 
früheren Kreisämter. 

Die günstige Seite der baierischen Landes-Organisirung wurde 
auch im Ganzen so anerkennend gewürdiget, dass von dieser 
Seite in Verbindung mit andern materiellen Vortheilen, welche dem 



Zur Vorgeschichte de« Jahm 1809 in Tirol. 243 

Lande aas der Vereinigung mit Baiern damals, ungefähr wie in unsern 
Tagen von der Idee des Zoll- Vereines in Aussicht gestellt waren, der 
baierisehen Regierung schwerlich je eine Verlegenheit entstanden 
sein würde. Man sagte sich unverholen , dass, wenn einmal die Zoll- 
stangen fallen, welche Tirol vom Nachbarlande trennen, von dorther 
Überfluss an Getreide auf die tiroler Märkte strömen, und umgekehrt 
in Tirol die Viehzucht, der Weinbau, die Seidencultur und Obstzucht 
einen wünschenswerten Aufschwung nehmen, und in Baiern einträg- 
liche Absatzmärkte finden werden. Im Genüsse dieser Vortheile würde 
Tirol, so glaubten einige, sogar die Aufhebung seiner ständischen 
Verfassung und selbst das Unglück seiner Trennung von dem alten 
Fürstenhause allmählich 'verschmerzt haben, und vielleicht baierisch 
geblieben sein. 

Wenn es mir nun gegönnt ist, auf die Frage überzugehen, woher 
es kam, dass ungeachtet dieser günstigen Verhältnisse Baiern und 
Tirol doch nicht in einander verschmolzen, dass sieh vielmehr gerade 
in den materiell nicht unglücklichen Jahren 1807 und 1808 jener 
Volkshass gegen Baiern entzündete, der im J. 1809 in die helle 
Kriegsflamme aufloderte, so werde ich nicht die justitielle, finanzielle, 
oder polizeiliche Verwaltung des Landes als Ursache jener Erschei- 
nung bezeichnen dürfen; ich werde vielmehr auf eine andere, bisher 
viel zu wenig beachtete Quelle hinweisen müssen, und diese Quelle, 
aus welcher so recht eigentlich wie aus dem tiefsten Ursprünge alle 
Ereignisse des Jahres 1809 flössen, und ohne deren genauere Kennt- 
niss der Aufstand der Tiroler nie vollkommen begriffen werden kann, 
diese Quelle ist jene gewaltsame und schonungslose Umwälzung 
in kirchlichen Dingen, welche die baierische Regierung mit 
völliger Verkennung des tirolischen Volkseharakters in den Jahren 
1806, 1807 und 1808 durchzusetzen bemüht war. 

Man darf ohne Umschweife behaupten, dass Baiern im Verhält* 
nisse zur Kirche sich auf einen falschen Standpunkt gestellt hatte. So 
wenig es dem Geiste der Kirche und den vernünftigen Grundsätzen 
einer Regierung widerspricht, Missbräuche abzuschaffen, so war 
doeh das, was Baiern in Tirol that, nicht mehr ein blosses Abschaffen 
von Missbräuehen, sondern ein zerstörender Angriff auf die Kirche 
selbst. Die baierische Regierung ging von Principien aus, die mit dem 
Wesen der katholischen Hierarchie unverträglich sind, und schlug 
in der Durchführung dieser Principien einen Weg ein , der nur von 



244 Prof. Jlger. 

Terrorismus und Verachtung aller Rechte eingegeben sein konnte. 
Ich kann den Geist dieser Grundsätze nicht treffender bezeichnen, 
als wenn ich mir erlaube, eine einschlägige Stelle aus dem Berichte 
des Herrn vonMieg an das Ministerium des Innern mitzutheilen. Der 
Bericht bezieht sich auf eine Note des päpstlichen Hofes an den baie- 
rischen Gesandten in Rom, und lautet also: 

„Die Note, welche der Cardinal-Staatssecretär dem köngl. Ge- 
sandten in Rom wegen der geistlichen Angelegenheiten in Tirol 
übergab, und welche mir durch allerhöchstes Rescript vom 26. Februar 
mitgetheilt wurde, liefert einen neuen Beweis, dassdasPapstthum, 
sowie es dermalen besteht, im bleibenden Kampfe mit der 
weltlichen Herrschergewalt, und mit dem Geiste des Jahrhunderts 
seinem Untergange entgegengeht. Dem dermaligen römi- 
schen Hofe hängt der krasseste Mönchsgeist an, ohne dass er die 
gewöhnliche Mönchspolitik besässe. Aller Waffen beraubt, die ihm 
im Mittelalter theils durch äussere Verhältnisse, theils durch die 
eigenen eminenten Talente und die wissenschaftliche Bildung seiner 
Schriftsteller und Geschäftsmänner zu Gebote standen, will er heute, 
wo eine Trennung zweier Gewalten, die über Staats- 
bürger herrschen sollen, gar nicht mehr denkbar ist, 
sondern alles auf die vollkommenste Concentrirung 
der Herrschermacht hindeutet, von seinen alten weder auf 
das Wesen noch die Gesetze der Kirche gegründeten Anmassungen 
nicht nur nicht abgehen, sondern gar noch eine ähnliche Oberherr- 
schaft, wie damals, ausüben. 1 ' 

In dieser Stelle des Herrn von Mieg sind die Grundsätze der 
baierischen Regierung in Bezug auf die Kirche klar ausgesprochen. 
Sie betrachtete die katholische Hierarchie als ein in Trümmer fallen- 
des Gebäude, auf dessen Schutt die weltliche Herrschaft ihren 
absoluten Thron aufschlagen , und die bisher getrennten zwei Ge- 
walten, die kirchliche und staatliche, in der Hand des weltlichen 
Landesfursten vereinigen sollte. Daraus ergab sich natürlich von 
selbst, dass jede Weigerung oder Reclamation der Kirche und des 
Klerife als eine Störung dieses neuen Staatsgebäudes auch mit Gewalt 
unterdrückt werden musste. Dass solche Principien in Tirol früher 
oder später, ja wohl bald, zu einem heftigen Kampfe fähren mussten, 
war leicht vorauszusehen , und ging bald in Erfüllung. Ich beginne 
daher die Darstellung dieses merkwürdigen Kampfes. 



Zar Vorgeschichte des Jahre« 1809 in Tirol. 245 

Bei dem Eintritte der baierischen Regierung in Tirol schien sich 
ein günstiges, ja sogar ein freundschaftliches Verhältniss zwischen 
Staat und Kirche bilden zu wollen. Bereits unter dem 7. Nov. 1805 
Hessen die Ordinariate das Volk durch die Seelsorgsgeistlichkeit auf- 
fordern , den einrückenden fremden Kriegsvölkern Ruhe und fried- 
liebende Ordnung, wie es wahren Christen geziemt, entgegenzusetzen, 
und jede unnütze Gewalttätigkeit zu beseitigen. Die Bischöfe sandten 
einen Abgeordneten nach München, um dem Könige ihre Glücks- 
wünsche zu seinem Regierungsantritte in Tirol darzubringen, und der 
König geruhte, ihnen Folgendes zu erwiedern: „Wir erkennen es als 
eine unserer ersten Regentenpflichten, die geistlichen Vorsteher in 
der Erfüllung ihrer wohlthätigen Amtspflichten auf das Kräftigste zu 
unterstützen, und den durch die wahre Lehre der katholischen Religion 
bezielten heiligen Zweck zum Glücke unserer Völker thätigst zu 
befördern." 

Allein bald trübte sich das freundliche Verhältniss, und die 
Besorgnisse, welche die antikirchlichen Vorgänge in Baiern längst 
schon erweckt hatten, wurden in hohem Masse gesteigert. Denn 
durch ein königliches Rescript vom 16. April 1806 wurden auf ein- 
mal alle kirchlichen Zustände Tirols, der Bestand der Domcapitel 
und Beneficien, die Existenz der Prälaturen und Mönchsklöster, selbst 
die Örtlichkeit und Zahl der bischöflichen Sitze, und die bisherige 
Diöcesan-Eintheilung, alle Studienanstalten u. s. w. auf den schwan- 
kenden Fuss eines ungewissen Provisoriums gesetzt. Die Be- 
ängstigung und Aufregung der Gemüther wurde noch grösser, als die 
bairisehe Regierung nebst vielen kleineren Plackereien gegen den 
niedern Klerus, drei Forderungen an die Ordinariate stellte, welche 
das Wesen der bischöflichen Rechte im innersten Kern anzugreifen 
drohten. Erstens verlangte die Regierung, dass die Bischöfe keinen 
Kleriker mehr zu den höhern Weihen befördern sollten, der nicht von 
den Professoren der Universität zu Innsbruck geprüft und gutgeheissen 
wäre. Zweitens sollten die Bischöfe an die gesammte Seelsorgsgeist- 
lichkeit ein Circulare erlassen, worin diese angehalten würde, allen 
Verordnungen der Regierung in Bezug auf Kirchenpolizei unver- 
züglichen Gehorsam zu leisten , und drittens sollten die Bischöfe die 
Verleihung aller Beneficien auch der Pfarreien in ihren Diöcesen dem 
Könige überlassen. Da der erste Punkt den Sinn ausdrückte, als 
dürfe der Bischof in Zukunft Niemand mehr weihen, als wen sie, 

Sitzb. d. phil.-hiBt CL VIII. Bd. III. Hit 17 



246 Prof. Jiger. 

die Regierung, dazu tauglich fände; da der zweite Punkt den wahrlich 
neuen Grundsatz aufstellte, dass zukünftig in kirchlichen Dingen der 
Staat Gesetzgeber, und der Bischof und Klerus nur Vollzieher der 
politischen Verordnungen sein sollte, und da endlich der dritte Punct 
den Bischöfen nicht nur ein wichtiges Recht entriss, sondern auch 
die zukünftige Anstellung aller Seelsorger an den Staat übertrug, so 
war, wenn die Bischöfe nicht auf ihre wesentlichen Rechte verzichten 
wollten, das Signal zum Streite gegeben. Doch ehe ich weiter fahre, 
wird eine kleine Schilderung der Individualitäten, die den Kampfplatz 
betraten, hier nicht am unrechten Orte stehen. 

Tirol hatte damals 3 Bichöfe in seinem Lande. Es erstreckte 
sich nämlich das Bisthum Chur, seit den Tagen seiner Gründung, 
hinein ins Land, und urafasste nebst dem ganzen Vintschgau auch 
noch im Burggrafenamte alle Berg* und Thalgemeinden, die am 
linken Etsch- und rechten Passer-Ufer gelegen sind. Der damalige 
Fürstbischof Karl Rudolf Freiherr vonBuol aus dem Geschlechte der 
Schauenstein residirte zu Meran, wo er seit dem Jahre 1803 auch 
ein Seminarium für Kleriker errichtet hatte. Auf dem Stuhle des 
heil. Vigilius in Trient sass Emanuel Maria Graf von T hu nn aus der 
Linie von Castell Brughier. In Brixen trug die bischöfliche Infel Karl 
Franz aus dem gräflichen Hause derLodro'n. An der Nordgrenze 
Tirols griffen noch herein die Bisthümer Augsburg, Chiemsee und 
Salzburg, und übten über kleinere oder grössere Landestheile ihre 
geistliche Macht. Der Charakter der drei Fürstbischöfe von Chur, 
Trient und Brixen lebt noch in zu frischem Andenken, als dass 
er einer umständlicheren Beschreibung bedürfte. Karl Rudolf von 
Chur war ein klarer Verstand , und besass eine unbeugsame eiserne 
Willenskraft. Gefahren und Hindernisse kannte er sowenig, als ein 
winkelzügiges Benehmen; er war in Wort und That ein gerader 
Mann. Seine nächste Umgebung bestand, weil Gleichheit der Naturen 
sich gegenseitig anzieht, aus Männern von derselben eisernen Willens- 
festigkeit. Dahin gehören der Kanzler Baal, ein praktisch-gelehrter 
Kanonist und Theolog, die beiden Purtscher, Gottfried und Ignaz, 
ersterer eine unerschöpfliche Fundgrube von Mitteln in allen Ver- 
legenheiten seines Bischofs; die beiden Tapfer, Anton und Michael, 
fromme, gelehrte Männer; der Provicar Nicolaus Patscheide r, 
Pfarrer von Meran, und Joseph Lutz, ein Priester ohne höhere 
Stellung. Was diese Männer sammt und sonders auszeichnete , und 



Zur Vorgeschichte des Jahres 1800 in Tirol. 247 

was sich als gemeinsamer Charakterzug durch alle damaligen Churer 
Geistliche hindurchzog, und selbst in den noch lebenden letzten 
Überbleibseln nicht erloschen ist, das war eine ungeheuchelte be- 
geisterte Liebe zu ihrem Bischof, mit dem sie nicht bloss ihr Ver- 
mögen, sondern auch seine Dürftigkeit und Schicksale freudig 
theilten. 

Der Bischof E m a n u e 1 von Trient glich seinem Nachbar an Ge- 
sinnung und Willensstärke in hohem Grade; doch verfolgte er seine 
Grundsätze nicht mit jener zähen Consequenz, welche dem Bischöfe 
von Chur eigen war. Freilich hatte er nicht Gelegenheit gehabt, 
seinen Charakter in jener Schule der Erfahrungen zu stählen, die 
dem von Chur so reichlich zu Theil geworden. Die Diöcesan-Geschäfte 
leitete in Trient der General- Vicar Zambaiti, ein moralisch fester 
aber altersschwacher Mann; und unter den Domherren ragten Buffa, 
Trentini und der Baron von Eyrl durch einige Entschiedenheit des 
Charakters hervor, obwohl nicht in dem Masse, wie die Umgebung 
des Bisehofs von Chur. In Brixen war die Seele des Consistoriums 
der Domherr Konrad von Buol. Grossen Einfiuss auf den Fürsten übte 
der Kanonikus Giuliani, und auch Michael Fei cht er, in späterer Zeit 
der belebende Geist der Brixner Diöcese, war nicht ohne Ansehen. 
Cbrigens leitete das Brixner Consistorium damals eine Klugheit, 
welche, wenn man auf den Ausgang sieht, wohlberechnet erscheint, 
von denjenigen aber, denen das entschiedene Auftreten der zwei 
andern Bischöfe besser gefiel, heftigen kaum verdienten Tadel 
erfuhr. 

Von Seite der Regierung erschienen auf dem Kampfplatze der 
General-Commissär Graf Arco, wohlwollend, gutmüthig, ein pünkt- 
licher Beamter, der nichts höheres kannte, als die Vollziehung der 
Befehle seines Herrn. Ihm zur Seite stand der Kanzlei- und Kreis- 
director v. Mj e g, eine gewandte Feder, klar in seinen Ansichten, aber 
verknöchert in den Grundsätzen der damaligen antikirchlichen Philo- 
sophie und Staatsweisheit, von Seite des Charakters heftig, für terro- 
ristische Massregeln eingenommen , und bis zum Erstaunen verblen- 
det im Glauben an die Zweckmässigkeit eines Schreckensystems zur 
Beherrschung der Gemüther der Menschen. Später ward der Hofrath 
und Kreishauptmann vonBruneck, Hofstetten, auf den Schauplatz 
hervorgezogen, ein nicht unfähiger besonders mit inquisitorischen Ta- 
lenten begabter junger Mann; aber heftig, leidenschaftlich, wie Mieg 

17 ' 



248 Prof. Jiger. 

gewaltthätig, und unbesonnen, moralisch in hohem Grade gemein und 
bübisch-leichtfertig. Minder wichtige Individualitäten, die nur als 
Vollzieher der höhern Befehle eine untergeordnete Rolle spielten, 
verdienen keine Erwähnung. 

Mit diesen Streitkräften ward also der Kampferöffnet. Über 
dessen Ausgang konnte kein Zweifel walten; er musste in seinen 
äussern Folgen für den Klerus verloren gehen, weil der Regierung 
physische Macht und Willkar zu Gebote standen; er musste aber 
moralisch vom Klerus gewonnen werden, weil das Recht Ober das 
Unrecht, und Charakterstärke über Charakterschwäche, selbst wenn 
sie äusserlich zu unterliegen scheinen, den Sieg davontragen. 

Der erste Schritt, den die Bischöfe zur Behauptung ihrer Rechte 
thaten, war die Erlassung eines Circulares an den Klerus, worin sie 
diesem geboten , den Befehlen der Regierung in Kirchenpolizei- 
Sachen zu gehorchen, vorausgesetzt, dass durch diesel- 
ben, wie es sich von selbst versteht, und von den 
religiösen Gesinnungen eines katholischenMonarchen 
mit Grund vorausgesetzt werden kann, keinevonder 
Kirche anerkannte Glaubenssache oder Kirchenzucht 
offenbar gefährdet werde. Ihr zweiter Schritt war ein Recurs 
nach Rom, um sich beim päpstlichen Stuhle Raths zu erholen, wie 
weit sie den Forderungen der Regierung ohne Verletzung ihrer 
bischöflichen Rechte nachgeben dürften. 

Von Rom kam unter dem 25. April 1807 Antwort. Sie enthielt 
vor Allem die Aufforderung, in dem delicaten Geschäfte mit der 
grössten Vorsicht, Bescheidenheit und Festigkeit zu Werke zu gehen. 
Dann mögen die Bischöfe in Bezug auf die erste Forderung der 
Regierung ein Auge zudrücken , wenn unter der Universitätsprüfung 
nicht eine wesentlich-noth wendige Vorbedingung zur Weihe, sondern 
nur ein überflüssiges aber ehrenvolles Zeugniss für die Tauglichkeit 
des Jünglings verstanden werde. Sollte aber die Regierung behaupten, 
die zu weihenden Kleriker müsstenihre Studien an der Universität 
zurücklegen, und der Bischof du rfe sie ohne vorläufiges Zeugniss der 
UniversitätsProfessoren gar nicht weihen, in diesem Falle würde den 
Bischöfen ihr eigenes Gewissen zu erkennen geben, dass sie ihre Hände 
denen nie auflegen dürfen, die nicht von ihnen ausgewählt, und nicht 
von ihnen als tauglich erfunden seien, indem der Priester nicht durch 
die Macht der weltlichenGewalt in dasHeiligthum eingedrungen, sondern 



Zar Vorgeschichte des Jahres 1809 in Tirol. 249 

durch freie bischöfliche Wahl aufgenommen werden müsse. In Betreff 
der zweiten königlichen Forderung sei es in der Kirche Gottes wirk- 
lich eine neue Erscheinung, dass Verordnungen über Gegenstände, 
welche die kirchliche Polizei betreffen, vom Staate ausgehen, und 
Ton den Bischöfen nur vollzogen werden sollen. Es wäre allerdings 
zu wünschen, dass die politischen Verordnungen jederzeit von der Art 
wären, dass die geistlichen Behörden sie unbedingt unterschreiben 
und vollziehen könnten ; allein die bisherigen Vorgänge im König- 
reiche Baiern geben hierüber keine Beruhigung; sie beweisen viel- 
mehr zur Genüge, dass die Grenzen des schon bestimmten landes- 
fiirstlichen Rechtes circa Sacra allenthalben überschritten, und die 
geheiligten Rechte der Kirche und des Priesterthums von der welt- 
lichen Macht überall verdrängt werden. Es wäre daher des hohen 
Charakters der Bischöfe unwürdig, wenn sie sich erniedrigen wollten, 
ihren Priestern den Vollzug solcher Verordnungen aufzudringen, 
die den Rechten der Kirche schädlich und zuwider sind. Endlich in 
Betreff der dritten Forderung werden die Bischöfe selbst bemerken, 
dass, wenn in Zukunft der König alle Beneficien, selbst die pfarr- 
lichen nicht ausgenommen, verleihen sollte, ihnen nicht nur jedes 
Recht und jedes Mittel taugliche Priester zu befördern, oder verdiente 
zu belohnen, benommen, sondern überhaupt eine ganz verkehrte 
Ordnung in die Kirche eingeführt werde , indem der Bischof seine 
Stellvertreter aus den Händen des Staates empfangen soll. Dieser 
Punkt, bemerkte dann das päpstliche Schreiben, mache bei den Ver- 
handlungen über das Concordat die grössten Schwierigkeiten ')• Der 
König will nämlich, fährt das päpstliche Schreiben fort, in allen Bis- 
thümern seiner Staaten nicht nur alle jene Beneficien verleihen, wozu 
ihm das Patronatsrecht von Alters her gebührt, sondern auch die- 
jenigen, welche bisher der Bischof oder der heil. Stuhl vergeben hat. 
Seine Ansprüche gründet er auf jene Säcularisation des Jahres 1803, 
vermög welcher ihm alle Rechte der weltlichen Fürstenthümer der 
Bischöfe zugefallen seien. Allein dieser seltsamen Behauptung wird 
sich der heil. Stuhl immer standhaft entgegensetzen. Die Bischöfe 
sollen also einstweilen folgende Maximen als Regel befolgen. Der 



') Es wurde n&mlich damals durch den Cardinal Hannibal della Genga an 
einem deutschen Concordat zu Regensburg gearbeitet, bekanntlich ohne Erfolg, 
indem das mit Baiern erst 1817 *u Stande kam. 



250 Prof- J&ger. 

Ernennung zu jenen Beneficien (mit oder ohne Seelsorge), Ober 
welche die Regierung althergebrachtes rechtmässiges Patronatsreeht 
ausübt, sollen sie sieh nicht widersetzen, sondern nur die Vor- 
schriften des Conciliums von Trient festhalten, die dem Bischöfe 
gebieten, keinen Priester zur Seelsorge zuzulassen, der nicht von 
ihm würdig und tauglich erfunden werde. Aber in Bezug auf jene 
Beneficien- Verleihungen , deren sich der König vermög des oben 
bezeichneten neuen Grundsatzes anmasst, da sollen sie sich weigern, 
die vom Könige Ernannten einzusetzen, sie mögen würdig oder 
unwürdig sein, um nicht die Ungerechtigkeit solcher Ernennungen 
und den Raub der Episcopats-Rechte durch einen ämtlichen Act gut- 
zuheissen. Am Schlüsse drückt das päpstliche Schreiben noch den 
Schmerz aus, den Rom über die unkirchlichen Schritte des Königs 
von Baiern empfinde, und schildert die Bemühungen, welche der 
Papst angewendet habe, um ihn zu bewegen, einmal aufzuhören, die 
Kirche des Herrn zu betrüben. „Würden, heisst es noch am Ende, 
würden alle Bischöfe mit einer ihres hohen Charakters würdigen 
Festigkeit, und zugleich mit jener Ehrfurcht und Sanftmuth, die sieh 
geziemt, dem Könige ihre Vorstellungen über diesen Gegenstand ein- 
reichen, so wäre zu hoffen, dass der, der katholischen Religion doch 
ergebene Fürst die Stimme des kirchlichen Lehramtes, und die Stimme 
der Hirten seiner eigenen Seele noch erhöre." 

Das war die Antwort, welche Rom unter dem 2K. April auf die 
Anfragen der Tiroler Bischöfe erliess, und wie diese dem Rathe und 
dem Geiste Roms entsprachen, wird die folgende Darstellung zeigen. 

Inzwischen erfuhr das General-Landes-Commissariat in Inns- 
bruck zu seinem grössten Ärger, mit welchem Vorbehalte die Bi- 
schöfe das verlangte Circulare an den Klerus erlassen hatten. Es er- 
ging also unter dem 12. Mai und 26. Juni an die Bischöfe von Chur 
und Trient, von denen obige Fassung des Circulares ausgegangen 
war, die Aufforderung, jene Stelle wegzulassen, und den Klerus in 
einem neuen Umlaufschreiben ohne Vorbehalt zur gebührenden Be- 
folgung der landesfürstlichen Verordnungen anzuweisen. Da der Bi- 
schof von Chur in zwei Schreiben sich an den König selbst gewen- 
det, und darin die Gründe auseinander gesetzt hatte, welche ihn zu 
jenem Vorbehalte nöthigten, so erhielt er diese, wie sie genannt 
wurden „ungeziemenden" Schreiben zurück, und ward neuer- 
dings aufgefordert, die„höchstahndungswürdige" Stelle weg- 



Zar Vorgeschichte de« Jahres 1809 in Tirol. 251 

zulassen; zugleich wurde beigefügt, dass die Regierung ihn für jeden 
Ungehorsam seines Klerus persönlich verantwortlich mache, und 
dass er bei fortgesetzter Widerspenstigkeit die Entfernung aus dem 
Lande und die Einziehung seines Gehaltes zu erwarten habe. Als 
Termin» seinen Gehorsam zu beweisen» wurden ihm 4 Wochen fest- 
gesetzt. 

Es geschah aber» was zu erwarten war. Die Bischöfe» von 
ihrem Gewissen und von Rom zur Behauptung ihrer Rechte» und von 
der Regierung zu gegründetem Misstrauen aufgefordert, änderten 
das Circulare nicht» und sendeten je nach ihrem Charakter» der von 
Trient bittend, der von Chur erörternd, ihre Entschuldigungen 
ein. Es geschah also auch von Seite des Gen.-Landes-Commissariats» 
was angedroht worden war. Unter dem 22. Juni und 13. Juli wurde 
jede fernere Gehaltsbezahlung an die Fürstbischöfe von Chur und 
Trient bei der kön. Provinzial-Hauptcasse und den Rentämtern sistirt» 
und dem königlichen Ministerium in München Gewaltschritte gegen 
die persönliche Freiheit der Bischöfe empfohlen. Das General-Com- 
missariat rieth nämlich unter dem 9. September» den Fürstbischof 
von Trient auf seine Präbende nach Salzburg, und den Fürstbischof 
von Chur als Fremdling aus dem Lande zu verweisen. „Es würde» 
so lauten die Formalien» es würde sehr rathsam sein, diesen frem- 
den Bischof, der nur den Samen des Unkrautes ausstreut, aus dem 
Lande in seine eigentliche Diöcese zu entfernen, hingegen den Theil 
seiner Diöcese in Tirol einzuziehen, und selben etwa der Diöcese 
Augsburg» Freising oder Constanz einzuverleiben. Die 6000 fi.» 
welche der Bischof bisher bezogen» könnten zum Religionsfonde 
verwendet werden. Ich glaube E. k. Majestät versichern zu können, 
dass ein einziges warnendes Beispiel dieser Art von den wohltätig- 
sten Folgen sein, und allem Streite der Geistlichkeit in Tirol mit 
der weltlichen Macht ein Ende machen wird." 

Dass die baierische Regierung diese und ähnliche Gewaltstreiche 
wirklich ausfähren würde» darüber konnten die Bischöfe nicht im 
Zweifel sein. Es geschah gerade um diese Zeit manches , was auf 
grosses Gelüsten zu extremen Massregeln hindeutete. Weil ein ge- 
wisser Mönch A g o s t i n i Klagen gegen sein Kloster vorgebracht hatte, 
nahm die Regierung davon Veranlassung, das Stift Wälsch-Michael 
als ein in Disciplin und Ökonomie zerrüttetes Kloster aufzuheben. 
Unter dem 3. Juli erneuerte sie unter Androhung der schwersten 



252 Prof. Jftger. 

Strafen das schon zu Kaiser Jo s eph's Zeiten gegebene Verbot, wel- 
ches Ordens-Corporationen die Verbindung mit auswärtigen Klöstern 
und Vorgesetzten untersagte. Unter dem IS. Juli geschahen Vor- 
bereitungen zur Aufhebung des Churerischen Priesterhauses zu 
Meran; an demselben Tage begannen auch die Inyentirungen aller 
Kirchenschätze, namentlich der goldenen und silbernen, und eines 
schönen Morgens, es war der 16. September, erschienen in allen 
Stiften, Abteien und Commenden Tirols Commissäre , und setzten 
die geistlichen Institute unter weltliche Administration. 

Unter diesen Verhältnissen durften die Bischöfe erwarten, dass 
die gegen sie ausgesprochenen Drohungen bald in Erfüllung gehen 
würden. Aufmunternd und tröstend kam ihnen gerade um diese Zeit 
ein vom 1. Angust datirtes päpstliches Breve zu Händen, worin sie 
der Papst zur Ausdauer in der Verteidigung der kirchlichen Rechte 
ermahnt, ihre bisherige Standhaftigkeit lobt , und sie im Hinblicke 
auf seine eigenen Leiden fiir die Rechte und Freiheiten der Kirche 
Trost suchen heisst 

In der Vorahnung, dass sie keinen Tag mehr sicher seien vor 
einem Gewaltschritte, versammelte der Bischof von Chur, so weit 
es ohne Aufsehen geschehen konnte, die angesehensten Geistlichen 
seines tirol. Diöcesan-Antheiles zu Meran, und verabredete mit ihnen 
die Grundsätze ihres Benehmens , falls die Regierung Zwangsmass- 
regeln gegen ihn ergreifen würde. Alle versammelten Priester gelob- 
ten Gehorsam und treues Zusammenhalten in Vertheidigung der bi- 
schöflichen Rechte, und versprachen, sich von der Regierung weder 
gewinnen noch schrecken zu lassen, um schismatische Versuche der- 
selben zu begünstigen. Hierauf kam der Bischof von Chur auch mit 
seinem Amtsbruder, dem Fürstbischof von Trient in Botzen zusammen, 
um die Grundsätze zu besprechen, welche sie selbst der Regie- 
rung gegenüber gemeinsam befolgen wollten. Der Fürstbischof 
Erna nuel von Trient war nämlich bereits auf der Durchreise nach 
Innsbruck, wohin ihn das General-Landes-Commissariat berufen 
hatte. Veranlassung dazu gab folgender Vorfall. 

Dem Bischöfe und Domcapitel in Trient waren vier Fragen bin- 
nen 24 Stunden zu beantworten vorgelegt worden. 1. Ob sie das be- 
stehende Staatsgesetz in Betreff der Beneficien- Vergebung anerken- 
nen wollten? 2. Ob ein Bischof unter dem Vorwande, er sei verbun- 
den, die Rechte seiner Kirche zu vertheidigen, oder unter Berufung 



Zur Vorgeschichte des Jahres 1800 In Tirol. 283 

auf römisches Verbot, diesem Gesetze den Gehorsam versagen dürfe? 

3. Ob das Verbot der Regierung, mit Rom ohne Wissen und Bewil- 
ligung der Landesstelle zu verkehren, im Gewissen verbinde? und 

4. Ob päpstliche Bullen, Breven u. s. w., ehe sie das placetum re- 
gium erhalten, verbindlich seien ? 

Der Bischof und seinGeneral-VicarZambaiti, dann die Domher- 
ren Eyrl, Trentini und Buffa beantworteten die Fragen in einem 
der Regierung entgegengesetzten Sinne, während sechs andere Dom- 
herren aus Furcht vor der angedrohten Temporaliensperre sie nach 
dem Wunsche der Regierung unterschrieben. Das General-Landes- 
Commissariat lud nun den Bischof in der Voraussetzung, ihn durch 
mündliche Unterhandlung leichter gewinnen, oder Falls er hartnäckig 
den Gehorsam verweigern würde, leichter und ohne grosses Auf- 
sehen entfernen zu können, nach Innsbruck. Obwohl der Bischof sein 
Schicksal klar voraussah, folgte er ohne Verzug der Einladung, und 
besprach sich, wie ich früher bemerkte, am 26. September zu Botzen 
mit dem Bischöfe von Chur. 

Während er sich auf der Reise befand, wurde durch den könig- 
lichen Landrechtspräsidenten und Kreishauptmann in Trient, Grafen 
Welsberg, Beschlag gelegt auf alle bischöflichen Zimmer und 
Schriften. Das Gleiche geschah dem General- Vicar Zambaiti und 
dem Domherrn Eyrl; dieser letzte wurde zu Botzen, wohin er den 
Bischof begleitet, vom Kreisamte unter Polizei-Aufsicht gestellt und 
vielen Verhören unterzogen, und am 27. September der Priester 
Gratl, eine einflussreiche Autorität, unter Militärbedeckung nach 
St Johann im Leuckenthale deportiri So hatten also die Gewalt- 
massregeln ziemlich geräuschvoll begonnen. 

Der Bischof von Trient kam am 29. September nach Innsbruck. 
Sogleich erhielt das kön. General-Commando den Auftrag, bei den 
Thorwachen zu Innsbruck solche Vorkehrungen zu treffen, dass der Bi- 
schof von Trient, falls er ohne Wissen des General-Landes-Commis- 
sariats sich entfernen wollte, angehalten und nicht durchgelassen 
werde. Das Postamt erhielt Befehl, alle an den Bischof von Trient 
einlaufenden Briefe an das General-Landes-Commissariat abzugeben. 
Dann begannen die Verhandlungen. Es wurden ihm vier Proposi- 
tionen zur Unterschreibung vorgelegt. 1 . Unbedingter Gehorsam ge- 
gen alle königl. Befehle; 2. kein Recurs nach Rom und keine Ver- 
bindung mit einem andern Ordinariate; 3. Bewilligung oder Annahme 



254 Prof. J&fer. 

eines Tema- Vorschlages bei Besetzung der Beneficien, den entweder 
die Regierung dem Bischof, oder der Bischof der Regierung zu 
machen hätte ; und 4) keinen Kleriker zu weihen» ausser solche» die 
an einer königl. Universität die Studien absolvirt hätten. 

Über den Erfolg der Verhandlungen kann ich nichts besseres 
mittheilen, als den Bericht des General-Landes-Commissariats an 
das Ministerium des Innern. „Der Bischof von Trient," heisst es in 
demselben, „ist wirklich hieher gekommen. Ich habe es an keinen 
Vorstellungen fehlen lassen, um ihn zur Nachgiebigkeit gegen die 
allerhöchsten Befehle zu bringen. Er sah ein, und wiederholte selbst 
mehrmals, dass Sr. königl. Majestät Absichten weise und den Reehteu 
der Kirche nicht nachtheilig seien, gleichwohl blieb er unabänderlich 
bei seinem Erklären, dass er dem Eide, durch welchen er 
sich zur Aufrechthaltung der Vorrechte der Kirche 
verpflichtet, getreu bleiben wolle; wenigstens könne er 
durch seinZuthun und seine Unterschrift zur Schmälerung der- 
selben nicht beitragen, und werde sich lieber allen schlimmen Fol* 
gen, die für seine Person aus seiner Weigerung entspringen mögen, 
unterwerfen, als sein Gewissen beschweren. Wirklich habe ich 
mich auch vollkommen überzeugt, dass Gewissensangst ihn von der 
Erklärung abhalte, den allerhöchsten Anordnungen Folge leisten zu 
wollen. Nun erlaube ich mir die unterthänigate Frage, ob ich den 
widerspenstigen Bischof nach Salzburg verweisen, oder dahier 
lassen soll? und zweitens, ob ich nicht auch von den Bischöfen von 
Chur und Brixen die Unterwerfung unter die königlichen Befehle um 
so mehr fordern soll, als. die aufgenommenen Protokolle über ihre 
Theilnahme an dem ahndungswürdigen Betragen des Bischofs von 
Trient sehr deutliche Aufschlüsse geben, und insbesondere beweisen, 
dass der Bischof von Chur der erste Veranlasser des Recurses nach 
Rom war." 

Noch ehe von München eine Weisung kam, war der Bischof 
von Chur schon vermocht worden , ebenfalls in Innsbruck zu er- 
scheinen. Der Bischof von Trient musste auf Verlangen des General- 
Landes -Commissärs, Grafen Areo, seine beiden Collegen, die 
Bischöfe von Chur und Brixen, zur persönlichen Unterredung nach 
Innsbruck einladen. Der Bischof von Brixen, sei es, dass er wirklich 
krank war, oder vor den Gefahren erschrack, entschuldigte sich mit 
Unpässlichkeit und erschien nicht Dieses Ausbleiben zog ihm von 



Zur Vorgeschichte des Jahres 1809 in Tirol. 255 

Seite seines eigenen Klerus heftigen Tadel zu, als hätte er nicht so 
viel Muth gehabt, wie seine Collegen, ftr die Sache der Kirche zu 
leiden, und als hätte er das später ihm zu Theil gewordene gelindere 
Schicksal einer feigen Nachgiebigkeit zu verdanken. Allein mir liegt 
ein Brief des Fürsten vor, worin er betheuert, jeden Augenblick 
bereit zu sein mit seinen Amtsbrüdern tapfer zu handeln und zu lei- 
den, und worin er auf die Frage, warum er nicht nach Innsbruck 
gekommen, antwortet, er sei zwar von den beiden dort anwesenden 
Bisehöfen dazu eingeladen worden , aber theils wegen Kränklichkeit, 
theils aus dem Grunde nicht erschienen, weil er es fttr rathsamer 
hielt, in seiner Residenz zu bleiben, so lange ihn die Regierung 
nicht abfordere. 

Der Fürstbischof von Chur hingegen brach ohne Verzug nach 
Innsbruck auf. Er hatte sogar auf eine Reise nach Graubünden , die 
früher beantragt war, verzichtet, sobald er seinen Amtsbruder von 
Trient in Innsbruck in Gefahr sah. Vor seiner Abreise rief er noch 
einmal den Klerus zusammen, und ertheilte ihm mündliche und 
schriftliche Verhaltungsbefehle, falls er länger zu Innsbruck aufge- 
halten werden, oder gar nicht mehr zurückkommen sollte, Die frü- 
heren Meraner Conferenz-Beschlüsse wurden als Norm aufgestellt, 
und der gesammte Klerus an den Provicar von Meran, Nicolaus 
Patscheider, angewiesen, dem er, sowie dem Provicar Schuster 
Von Schluderns, die Gewalt eines General- Vicars übertrug. Am 16. 
oder 17. October traf er in Innsbruck ein. Über die Verhandlungen 
erlaube ich mir wieder den Bericht des General-Landes-Commis- 
sariats an das Ministerium des Innern mitzutheilen. „Ich habe mit 
den Bischöfen, so schrieb Graf Are o, in wiederholten mehrstündigen 
Unterhandlungen alle Mittel der gütlichen Überredung erschöpft, 
ihnen zu vielmahlen alle Gründe wiederholt, aus denen sie, ohne ' 
Nachtheil ihres Gewissens, den allerhöchsten Gesinnungen Folge 
leisten könnten. Von dem Gewichte mancher dieser Gründe waren 
sie selbst überzeugt; allein ihre vorgebliche oder wahre Gewissens- 
ängstliehkeit erlaubte ihnen nicht, der Stimme der Vernunft Gehör 
zu geben. Am Ende bestanden sie immer darauf, es stehe nicht in 
ihrer Gewalt, wesentliche Rechte der Kirche, die sie aufrecht zu 
erhalten beschworen, durch ihr Zuthun, oder ihre Nach- 
giebigkeit schmälern zu lassen; dahin gehöre das Jus liberae 
colUMonis, in Fällen, wo es nicht durch päpstliche Bewilligung, Her* 



256 Frof. Jftf er. 

kommen oder Stiftung und Dotation von Kirchen oder Laien erworben 
sei. So sehr sie eifrigst wünschen, in allen Gegenständen, wo es die 
Grenzen ihrer Gewalt nicht übersteige, den allerhöchsten Anord- 
nungen nachzuleben , so wenig können sie sich doch gegen Gott, 
Papst und Kirche etwas zu Schulden kommen lassen, und sie ziehen 
die Ruhe ihres Gewissens allem irdischen Glücke vor. Zwar wünschten 
sie, dass sie der Papst ermächtigt hätte, oder in Zukunft ermächtigte, 
das Jus collationis oder nominandi bedingt oder unbedingt an den 
König abzutreten; aber so lange dies nicht geschehe und es ihnen 
vielmehr ausdrücklich vom heiligen Stuhle durch das jüngste Breve 
untersagt sei, können sie sich nicht entschliessen, ein so wesentliches 
Recht der Kirche eigenmächtig zu vergeben, und sie müssen eher 
das Schlimmste geduldig und in christlicher Ergebenheit über sich 
kommen lassen. Wegen Stellung der Geistlichen, oder der dem 
geistlichen Stande sich widmenden Subjecte zu den jährlichen 
Concurs-Prüfungen würden sie, mit Vorbehalt der bischöflichen Prü- 
fung vor der Ausweihung, nachgegeben haben. Zur unbedingten 
Ausschreibung des königlichen Befehles an den Klerus, dasserdie 
von der Landesstelle erhaltenen Aufträge in Kirchen- 
Polizei-Gegenständen zu befolgen hätte, auch wenn 
sie ihm noch nicht von dem Ordinariate bekannt ge- 
macht worden wären, konnte ich sie nicht bewegen, obwohl 
ich ihnen einen Aufsatz hiezu entwarf, der so schonend als möglich 
die stillschweigende Widerrufung des von ihnen früher eingeschal- 
teten anstössigen Reservates enthielt. Sie besorgten, schwache 
Geistliche möchten sich daran stossen, und glauben, die Bischöfe 
hätten auch Anordnungen über dogmatische Gegenstände oder 
wesentliche Rechte der Kirche der weltlichen Gewalt überlassen. 
Was endlich die noch verlangte Zusicherung betrifft, ohne aller- 
höchste Erlaubniss oder Vorwissen der Landesstelle keinen Recurs 
nach Rom zu ergreifen, verstand sich der Bischof von Trient hierzu, 
jedoch mit Ausnahme jener Fälle, wo er zur Sicherstellung seines 
Gewissens in höchst wichtigen Angelegenheiten der Kirche der 
Weisung und des Entschlusses des sichtbaren Oberhauptes der 
katholischen Kirche zu bedürfen glaube. — Übrigens konnte ich von 
diesen beiden Bischöfen nicht einmal die Zustimmung erhalten, dass 
sie geneigt wären , um doch das Jus collationis und nominandi 
zu behalten, statt ihres Orts eine Tema vorzuschlagen, auf eine 



Zar Vorgeschichte de« Jahre« 1800 io Tirol. 257 

ihnen vom Hofe oder von der Landesstelle vorgeschlagene Tema 
su nominiren, weil dieefes nicht mehr eine »libera collatio" wäre. 
So blieb mir also , schliesst Graf Arco seinen Bericht , unter diesen 
Umständen, welche, wenn die Bischöfe wirklich aus Gewissenhaftig- 
keit so handelten und sprachen» in der That Mitleiden er- 
wecken, nichts anderes mehr übrig, als die allerhöchsten Befehle 
rasch in Vollzug zu setzen. 

Datirt vom 17. October war nämlich ein allerhöchstes königl. 
Rescript aus München angekommen, welches befahl, die Bischöfe 
von Chur und Trient binnen zweimal 24 Stunden über die Grenzen 
der königlichen Staaten zu schaffen, welche sie ohne ausdrückliche 
Bewilligung Sr. königl. Majestät nicht mehr betreten sollten. 

Mit Thronen in den Augen kündigte Graf Arco am 23. October 
den beiden Fürstbischöfen den königlichen Befehl an , der zugleich 
dem General-Commando, den sechs Kreisämtern, allen Landgerichten 
und Polizei- und Grenzzollbehörden mit dem Auftrage mitgetheilt 
wurde, den deportirten Bischöfen auf keinem Punkte der Landes- 
grenze den Rücktritt zu gestatten. 

Am 24. October wurde der Fürstbischof von Trient unter Auf- 
sicht des Gubernialraths-Accessisten Karl Grafen von Wolkenstein 
bis ganz nahe an der österreichischen Grenze bei Salzburg jenseits 
Reichenhall, und der Fürstbischof von Chur unter Aufsicht des 
Polizei-Commissärs Joseph von Schubert durch Oberinnthal bis 
Martinsbruck an die Bündner Grenze deportirt. Beide Commissäre 
waren filr die pünktliche Ausführung ihrer Aufträge persönlich ver- 
antwortlich gemacht, und hatten Befehl, im Nothfalle alle Civil- und 
Militär-Behörden zu ihrer Unterstützung aufzufordern. 

Die Reise ging ohne Unfall vor sich. Der Fürstbischof Emanuel 
von Trient blieb in Salzburg, wo er am Domcapitel eine Pfründe 
besass; Karl Rudolf von Cbur wurde bei Martinsbruck über die 
Grenze geschafft. Ganz in der kräftigen Weise seines Charakters 
setzte er, begleitet von drei Männern aus Nauders, die Reise zu Fuss 
durch Engedein fort, überstieg noch Abends das beschneite Joch 
Scbarl und gelangte unter mannigfaltigen Entbehrungen um Mitter- 
nacht in das Kloster Münster. Seine Führer erzählten, dass sie 
manchmal bis über die Knie in den Schnee einbrachen , und wenn 
sie dann den armen Bischof bedauerten, er sie ermunterte und zu 
ihrer Aufheiterung geistliche Lieder sang. 



258 Prof. Jlfer. 

Nun suchte die Regierung die Vortheile des vermeintfichen 
Sieges raseli au benfitzen. In der Voraussetzung, dass der gezeigte 
Ernst vorzugsweise den Fürstbischof von Brixen auf bessere Gesin- 
nungen bringen werde, erhielt der Kreishauptmann von Bruneck, 
Herr von Hofstetten , den Auftrag, zu sondiren , in wieferne man am 
dortigen Consistorium geneigt wäre, den Forderungen der Regierung 
nachzukommen. Um auch Mittel der Klugheit nicht unbenutzt zu 
lassen, ward ihm gleichzeitig befohlen, vorzüglich auf die Umge- 
bungen des Bischofs, insbesondere auf den Canonicus Giuliani so 
weit es fllglich geschehen könnte, einzuwirken. Ich werde später 
Gelegenheit haben zu bemerken, dass man nicht zum erwünschten 
Ziele kam. 

Vollkommen aber gelang der Sieg in Trient. Hier gab es 
Männer , denen Gunst und geschmeidige Willfährigkeit über Pflicht 
und Ehre ging. Schon unter dem 8. October, wo das General-Landes- 
Commissariat den Entscbluss gefasst hatte , den Bischof Emanuel 
nicht mehr in seine Diöcese zurückkehren zu lassen, hatte der Land- 
rechts-Präsident und Kreishauptmann von Trient, Graf Welsberg, den 
Auftrag erhalten , das Bisthum als erledigt zu erklären, und 
unter möglichster Beobachtung der canonischen Formen, die Wahl 
eines General -Vi cars einzuleiten. Graf Welsberg erklärte die- 
jenigen sechs Domherrn, welche früher die vorgelegten Fragen im 
Sinne der Regierung unterschrieben hatten , als das bischöfliche 
Kapitel und übertrug ihnen die Wahl eines neuen Kapitel- 
Viears. Diese Männer wählten sofort wirklich, ohne Rücksicht auf 
die canonischen Gesetze und ohne sich dadurch stören zu lassen, 
dass die Bestimmungen des Conciliums von Trient über die Sedis- 
vacanz auf den vorliegenden Fall keine Anwendung fanden, mit 
Überschreitung ihrer Gewalt den Archidiacon ihres Kapitels Franz 
Grafen von Spaur zum General -Vicar, und Spaur war schwach 
genug, ein Amt und eine Würde, die ihm nicht zukam , anzunehmen. 
DasGeneral-Landes-Commissariat war mit dem Vorgange vollkommen 
einverstanden, und Graf Welsberg sowohl als der gewählte General- 
Vicar und die sechs Domherren erhielten die glänzendsten Belobungs- 
decrete, jener über seine Klugheit, diese über ihre Willfährigkeit 
und ihren Gehorsam. Der neue General- Vicar wählte sich an Franz 
Teeini einen Gehülfen für die Geschäfte seines Amtes. Tecini war 
ein talentvoller Mann , hatte sich der bairischen Regierung durch 



Zur Vorffesehicht« du Jahre» 1809 in Tirol. 250 

Schriften über ihr Schulwesen empfohlen und von ihr eine Ehren- 
medaille erhalten. Das General-Landes-Commissariat legte nun dem 
neuen General- Vicariate alle seine bisher immer zurückgewiesenen 
Forderungen vor, und alles wurde jetzt mit der grössten Bereitwillig- 
keit unterschrieben und ausgeführt. Der alte General- Vicar Zambaiti 
und die Domherren Eyrl, Buffa und Trentini, die wie früher gegen 
die Fragen so jetzt gegen die uneanonischen Einrichtungen prote- 
stirten , wurden in kurzem Processe mit Temporaliensperre, Polizei- 
Aufsicht und Inquisitionen gestraft und gequält; der neue General- 
Vicar hingegen erliess einen in sehr frommen Ausdrücken verfassten 
Hirtenbrief an den gesammten Klerus , worin er diesen aufforderte, 
sich der neuen Constituirung der Diöcese gehorsam zu unterwerfen. 
Sämmtliehe Landrichter erhielten Befehl, zur Verbreitung des geist- 
lichen Hirtenbriefes nach Kräften beizutragen und die Befolgung zu 
überwachen. 

Eine ganz andere Wendung nahmen die Dinge in dem Antheile 
des Churer Bisthums, der sich über Vintschgau und das Burggrafen- 
amt erstreckte. Die in Trient gelungene Durchführung der von der 
Regierung beabsichtigten Massregeln wurde auch hier versucht; 
allein hier stiess die Regierung auf hartnäckigen Widerstand. Den 
ersten Versuch zur Aufstellung eines General- Vicars machte sie mit 
dem Provicar Nicolaus Patscheider, Pfarrer zu Meran. Im Auftrage 
des General-Landes-Commissariates musste ihm am 6. November der 
dortige Landrichter (Wiese») ein Circulare zur Unterschrift vorlegen, 
worin er und der gesammte Klerus unter verschiedenen Drohungen 
aufgefordert wurden, den königlichen Befehlen unbedingten Gehorsam 
zu leisten. Um ihn auch durch Acte des Vertrauens zu gewinnen, 
wurden Pakete und Briefe, welche auf der Poet an den Bischof ein- 
gelaufen waren, ihm zur Eröffnung zugesandt. Als aber Patscheider 
das eine wie das andere, weil er von seinem Bischöfe dazu nicht 
ermächtigt wäre, zurückwies, und auch der Geras die Unterschrift 
des Circulares verweigerte, überzeugte sich das General-Landes- 
Commissariat, dass auf dem Wege der Unterhandlungen hier nichts 
zu erreichen sei. Es entschloss sieh also wieder zu strengen Mass- 
regeln. Der Kreishauptmaim von Oberinnthal v. Anderlan, der sich 
als Commissär im administrirten Benedictiner- Stifte Marienberg 
befand, erhielt Befehl, den Verkehr mit dem im Münsterthale verwei- 
lenden Bischöfe von Chur zu überwachen und zu verhindern, die 



260 Prof. Jiger. 

Correspondenz aufzufangen und alle Geistliche und Laien, die auf 
Besuch beim Bischöfe waren, zu bestrafen. Gegen Gottfried Purtscber, 
der mit dem Bischöfe aus dem Lande verwiesen war, es aber gewagt 
hatte, wieder in Tirol zu erscheinen und eine päpstliche Bulle zu 
verbreiten , wurden Verhaftbefehle erlassen. In Meran alle Papiere 
und Gerätschaften des Bisehofs in Beschlag genommen; sein Caplan 
unter Polizei-Begleitung über die Grenze geschafft und gegen alle 
Geistliche, welche von Purtscher die päpstliche Bulle angenommen, 
Inquisitionen eingeleitet. Da sich aber das General-Landes-Commis- 
sariat bald fiberzeugte, dass alle diese Gewaltmassregeln den beab- 
sichtigten Erfolg nicht herbeiführten, indem z. B. Gottfried Purtscher 
am 10. November als Kaufmann verkleidet wieder ganz Vintschgau, 
Meran und Passeyr durchwandert und allenthalben zur Anhänglich- 
keit an den Bischof aufgemuntert hatte , so brachte selbes das von 
ihm sogenannte Purificirungs-System mit allem Nachdrucke 
in Vorschlag. Der General-Landes-Commissär trug nämlich darauf 
an, das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten sollte bei der 
helvetischen Regierung dahin wirken, dass der Bischof von Chur 
von der Grenze Tirols entfernt und in dem Innern der Schweiz 
irgendwo unter Polizei-Aufsicht gestellt werde. Selbst den Einfluss 
des französischen Hofes rieth er hierbei geltend zu machen. Er 
empfahl ferner dem König die Diöcesanrechte des Bischofs von Chur 
in Tirol und somit seinen Einfluss auf das diesseitige Gebiet gänzlich 
zu zerstören; dies könnte dadurch bewirkt werden, wenn Se. Majestät 
der König die Verwaltung der Pontificalien des Bischofs von Chur 
in Tirol dem Churfftrsten von Trier, als Bischof von Augsburg 
oder dessen Weihbischof übertragen wollte. Wenn Se. Majestät der 
König diese Vorschläge genehmigte, so erbat sich das General- 
Landes-Commissariat für diesen Fall die Ermächtigung, auch den 
Bischof von Brixen aus dem Lande schaffen und gegen alle wider- 
spenstigen Priester dieselben Massregeln ergreifen zu dürfen, die 
gegen die Bischöfe von Trient und Chur angewendet worden. 

Der König von Baiern ging auf diese Vorschläge, mit Ausnahme 
ihrer Anwendung auf Brixen, wirklich ein. Unter dem 14. November 
unterzeichnete er ein Rescript, durch welches er nicht nur dem Bi- 
schöfe von Chur, sondern auch allen anderen auswärtigen Bischöfen 
das, wie das Rescript besagte, zur Ausübung ihrer Ordinariats-Gewalt 
in den baierischen Landen nöthige placetum regium entzog. Dieser 



Zur Vorgeschichte des Jahre« 1809 in Tirol. 261 

kön. Beschluss wurde dem Bischöfe von Chur unter dem 21. Novem- 
ber von dem Tiroler General-Landes-Commissariat mitgetheilt. Die 
Fassung der Mittheilung ist zu bezeichnend , als dass ich sie nicht 
wörtlich hieher setzen sollte. „Ich habe die Ehre, Ew. fttrstl. Gnaden 
hierait zu ersuchen und aufzufordern, den Diöcesan-Antheil, welchen 
Sie in Tirol inne haben, Seiner königlichen Hoheit, dem Bischöfe von 
Augsburg , frei zu resigniren ; einstweilen aber bis zur definitiven 
Vollziehung jener gänzlichen Resignation Ihre Ordinariats-Facultäten 
an das bischöfliche Consistorium zu Augsburg zu delegiren. Ew. 
Fürstl. Gnaden werden von selbst bedacht sein , die nöthigen Anord- 
nungen möglichst zu beschleunigen, da vom 1. Jänner 1808 an das 
Placetum regium, welches der Ausübung der geistlichen Gerichts« 
barkeit als nothweadige und unerlässüche Bedingung zum Grunde liegt, 
für Hochdieselben durchaus nicht mehr ertheilt, eine Verlängerung 
dieser Frist aber ganz und gar nicht stattfinden kann." 

Im Besitze dieser Vollmacht schritt das General-Landes-Com- 
missariat zur Durchführung seines Planes. Es machte den Anfang mit 
dem Provicar Patscheider zu Meran. Da dieser in der Zwischenzeit 
einer neuerdings an ihn ergangenen Aufforderung, die königlichen 
Befehle in Kirchen-Polizeisachen zu publiciren, eine feierliche schrift- 
liche Weigerung entgegengesetzt hatte , sollte er unter polizeilicher 
Bedeckung zur Verantwortung nach Innsbruck abgeführt werden. 
Allein dieser Antrag musste in Folge der Aufregung, die hierüber in 
Meran und in der dortigen Gegend entstand , unterbleiben. Kaum war 
nämlich der Befehl zu Patscheider 's Wegführung bekannt geworden, 
als in der Stadt eine solche Gährung und eine so drohende Stimmung 
sichtbar wurde und eine solche Masse von Bauern zusammen- 
strömte, dass die dortigen Behörden ohne Militär -Unterstützung 
keinen weiteren Schritt zu thun wagten. Es mussten also vorher 
Truppen nach Meran gesendet werden. Aber da entdeckte man einen 
merkwürdigen, kaum glaublichen Fehler. Als das General-Commando 
am 26. November vom General-Landes-Commissariate um Abordnung 
einiger Truppen mit etwas Artillerie ersucht ward, konnte ersteres 
wohl Fussvolk zur Verfügung stellen, aber kein Geschütz, indem es 
nicht einmal mit der Bespannung für den Dienst einer 
einzigen Kanone versehen war; es musste daher erst an das 
oberste Kriegs-Departement um Beischaffung von Geschütz und Be- 
spannung geschrieben werden; so vernachlässigt sah es mit der 

Siteb. d. phil.-hiut CL VIII. Bd. III. Hft. 18 



262 Prof. JAffer. 

baierischen Militärmacht im Lande aus, während doch die Regierung 
fortwährend Schritte that, die jeden Augenblick Volksaufläufe herbei- 
führen konnten. Man muss aber diese Versäumniss um so mehr 
staunen, als bereits unter dem 13. November der Kreishauptmann von 
Botzen Besorgnisse über tumultuarische Bewegungen geäussert hatte 
und auch anderwärts Spuren von Bauern-Conventikeln in Unruhe 
setzten. Man hatte Anzeigen, dass bei Gelegenheit des Katharina- 
Marktes zu Meran bedenkliche Bauern-Complotte stattfinden sollten. 
Man entdeckte, dass in der Mahr bei Brixen wirklich schon eine 
solche Zusammenkunft stattgefunden. Als besonders verdächtige 
Theilnehmer wurden die Bauern Aster aus Sarnthal, Plattner zu 
Verdings, der Sandwirth Hofer in Passeyr und der Ex-Professor 
Mals in er in Brixen bezeichnet. Die geheimen Fäden sollten sich 
vorzugsweise im Vintschgau, Etschlande, Eisack-, Wippthal und 
Unterinnthal verzweigen und in Sterzing, als ihrem Mittelpunkte, zu- 
sammenlaufen. Alle obengenannten wurden vorgerufen und scharf 
examinirt, und Hofstetten , zu dessen inquisitorischen Talenten das 
General- Landes -Commissariat ein besonderes Zutrauen zu haben 
schien, beauftragt, die Fäden der Verschwörung bis zu ihrem Ur- 
sprünge zu verfolgen. Allein man kam auf nichts. 

Indessen wurde das Militär-Commando ersucht, ein Piquet Trup- 
pen nicht nur in Meran, sondern auch in Sterzing aufzustellen, und 
am 19. November traf das Militär an den bezeichneten Plätzen ein. 

In Meran hatte mittlerweile der Proviear Patscheider von seinem 
Bischöfe ein Schreiben erhalten, worin dieser die Gründe entwickelte, 
welche ihm die Einwilligung in die verlangte Abtretung nicht ge- 
statteten, und worin er dem Klerus verbot, einen andern Bischof 
oder Vicar anzuerkennen , als welchen er oder der Papst ihnen vor- 
setzen würden. Da die Fassung des Briefes für den Charakter des 
Bischofes von Chur sehr bezeichnend ist, glaube ich ihn seinem 
Wortlaute nach hiehersetzen zu dürfen: „Ich soll bis ersten Jänner 
meinen tirolischen Bisthums-Antheil an Augsburg abtreten; mir 
werde das Placetum regium, welches der Ausübung der geistlichen 
Gerichtsbarkeit als nothwendige und unerläßliche Bedingung zum 
Grunde liege, nicht mehr ertheilt u. s. w. Allein resigniren darf ich 
nicht, erstens weil die canonischen Gesetze ohne Bewilligung des 
Papstes es mir verbieten; zweitens weil man mir die Resignation aus 
einem offenbar häretischen Principe abdringen will, dem ich auf keine 



Zar Vorgeschichte 4e« Jahres 1809 in Tirol. 263 

Weise beitreten darf, entstehe daraus, was da wolle. Machen Sie 
sieh also auf eine neue Verfolgung gefasst. Mein Wille ist, dass Sie 
keinen auswärtigen Bischof oder Vicar anerkennen, den nicht ich oder 
Rom Ihnen vorsetzt. Erklären Sie jeden för einen Eindringling und 
Schismatiker. Bereiten Sie mit Bescheidenheit den Klerus und das 
Volk auf den kommenden Sturm vor. Könnte es ohne Unruhe und mit 
gehöriger Ordnung geschehen, so wünschte ich , dass der gesammte 
Klerus in ganz Vintsehgau eine ehrerbietige Bittschrift um die Frei* 
gebung der Verbindung mit dem rechtmässigen Bischöfe an den König 
einreichte. Würden sieh auch die Gemeindevorsteher anschliessen, 
so wäre die Wirkung desto verlässiger. 11 

Auch an die Regierung hatte Karl Rudolf seine Protestation 
gegen die Abreissung des tirolischen Diöcesan-Antheiles eingesendet. 
Er setzt darin auseinander , dass ohne Bewilligung des höchsten 
Kirchenoberhauptes weder er seine Diöcese ganz oder theilweise ab- 
treten, noch ein anderer Bischof dieselbe annehmen dürfe. In Betreif 
des Bisehofe von Augsburg, bemerkte er, fürchtete ich die Recht- 
aehaffenheit dieses würdigen Prälaten und seine Ehrfurcht gegen den 
heiligen Stuhl schon durch die Zumuthung zu beleidigen , als könnte 
sich Seine königliehe Hoheit zur Annahme eines Bisthum-Antheiles 
bereitwillig finden lassen , der von dem rechtmässigen Besitzer aus 
Abgang der gesetzliehen Befugniss weder weggegeben werden kann 
noch will. 11 Über die Notwendigkeit des Ptacetum regiutn, 
welches die baierische Regierung als unerlässliche Bedingung zur 
Ausübung der geistlichen Gerichtsbarkeit bezeichnete , machte Karl 
Rudolf folgende Bemerkung. „Ich will nicht untersuchen, schreibt 
er» in wie fern selbes zur Gewaltausübung eines einmal canonisch 
eingesetzten und durch eine Reihe von Jahren dafür anerkannten 
Bisehofes nothwendig sein möge; aber die Bemerkung kann ich nicht 
ganz unterdrücken, dass dieser Grundsatz in der katholischen Kirche 
neu und von ihr nie anerkannt wurde , und insbesondere , dass unser 
deutsches Vaterland, so wie andere katholische Länder, das Glück 
des wahren Glaubens noch heute vermissen würden, wenn die ersten 
Verbreiter desselben den Abgang der souveränen Bewilligung als 
gründliches und verbindliches Hinderniss ihrer Berufserfilllung ange- 
sehen hätten. Gewiss versagte der grosse Rath zu Jerusalem dem 
Petrus und Johannes sein Piacetum; aber was der Apostel für sich 
und seine Nachfolger im bischöflichen Amte antwortete , ist zu be- 
te» 



264 Prof. J&ger. 

kannt, als dass es hier einer Wiederholung bedürfte. Endlich ist 
jede einseitige Disposition Qber die Bisthumssprengel dem klaren 
Buchstaben des von Seiner Majestät dem Könige yon Baiern selbst 
anerkannten Reichsdeputations-Recesses zuwider. 19 

Nach diesen Erklärungen des Bischofs schritt der Provicar 
Patscheider an das schwere Amt, das ihm aufgetragen war. Er for- 
derte den Klerus auf, sich gegen die hereinbrechenden Bedrängnisse 
zu rüsten , und theilte ihnen die bischöflichen Verordnungen mit, an 
welche sie sich halten sollten. Ich erlaube mir Kürze halber nur 
einige derselben anzuführen. Da die Verbindung mit dem Bischöfe 
wahrscheinlich ganz unterbrochen und viele Priester deportirt werden 
dürften , .so hatte ihnen der Bischof ausgedehnte seelsorgliche Voll- 
machten ertheilt. Sie durften die ihnen übertragene Gewalt an andere 
delegiren, auch zwei Mal des Tages Messe lesen, sich dabei gläserner 
und zinnener Gefftsse bedienen» und das Opfer in Kellern, Höhlen, 
Wäldern und auch um Mitternacht darbringen. Mit den yon der 
Regierung aufgedrungenen Priestern sollten sie selbst keine Gemein- 
schaft haben, und auch dem Volke dieselbe untersagen. Sie sollten 
das Volk belehren, dass es aus den Händen solcher Priester keine 
Sacramente empfangen, ihren Messen und Predigten nicht beiwohnen, 
ihnen keine Zehenten und Zinse bezahlen , von ihnen , ausser in der 
Todesgefahr, keine geistliche Hülfe annehmen dürfe. Die Leute soll- 
ten, wenn sie keinen treuen Priester finden, ihre Kinder selbst taufen, 
ihre Ehen nur vor katholischen Zeugen schliessen , und fiir die Ver- 
storbenen, wenn sie zu Grabe getragen werden, zu Hause beten, denn 
alle Handlungen der von der Regierung bestellten Priester erklärte 
der Bischof als ungültig und sie selbst als ipso facto suspendirt; 
und wir werden sehen, wie pünktlich diese Vorschriften befolgt 
wurden. 

Nachdem also, wie oben bemerkt wurde, das Militär am 19. No- 
vember in Meran eingerückt war, fertigte das General-Landes-Com- 
missariat unter dem ö. December dem Provicar Patscheider neuer- 
dings zwei Decrete zu, mit dem Befehle, erstens jeder Verbindung 
mit dem Bischöfe zu entsagen, und zweitens sich unbedingt dem Ordi- 
nariate von Augsburg zu unterwerfen. Gleiches sollte vom ganzen 
Klerus geschehen. Patscheider antwortete unter demselben Datum : 
„Die heute mir zugefertigten Decrete kann weder ich noch ein anderer 
Priester dieser Diöcese unterschreiben; das erste nicht, weil wir in 



Zur Vorgeschichte des Jahres 1809 in Tirol. 265 

Kraft göttlichen Gebotes schuldig sind, der Stimme unseres 
Hirten zu folgen, das zweite nicht, weil wir uns von dem Bischöfe zu 
Ghur so lange nicht trennen dürfen, als wir nicht nach kirchlichen 
Gesetzen von ihm entlassen sind. 91 

Nun folgte Gewaltthat auf Gewaltthat. Um kräftiger durchzu- 
greifen , ernannte das General-Landes-Commissariat den königlichen 
Hofrath und functionirenden Kreishauptmann im Pusterthal, Herrn 
von Hofstetten, zum Specialcommissär in der geistlichen Ange- 
legenheit, und erwartete von seiner Thfttigkeit und Klugheit, dass 
er dem Vertrauen entsprechen werde. Hofstetten war dem über- 
tragenen Geschäfte, wenn dessen Endziel Gewaltstreiche waren, 
vollkommen gewachsen; er war, wie ich schon früher bemerkte, ein 
junger Mann, nicht ohne Talente; er hatte ja den Spaurischen Hir- 
tenbrief ins Deutsche übersetzt und mit nachhelfenden Noten beglei- 
tet, und sogar ein Gebet für den König von Baiern verfasst, welches 
im Bezirke seines Commissariats von allen Kanzeln den Gläubigen 
vorgesagt werden musste; übrigens war er ein unbesonnener, hefti- 
ger, und mehr als jugendlich leichtsinniger Mann. Noch erzählen die 
Bürger von Meran, wie er sich mit den baierischen Officieren nach 
Art der Gassenjungen in der Stadt herumtrieb, und einst, als er spät 
Nachts von Abenteuern in das Gasthaus zurückkehrte, von einigen 
Burschen auf dem Pfarrplatze in den Brunnen getaucht wurde. 

Dieser Hofstetten erschien in Militärbegleitung und mit sei- 
sem deutschen Hirtenbriefe in der Hand am 26. December in Meran, 
und hatte den Auftrag, den Klerus zur Unterschrift derselben Decrete 
aufzufordern, die dem Pro-Vicar Patscheider vorgelegt worden 
Waren, und im Weigerungsfalle mit Temporaliensperre und Deporta- 
tion vorzugehen. Die Verhandlungen zwischen ihm und dem Klerus 
gewähren ein höchst anziehendes Bild; ich kann aber der Kürze 
wegen nur einzelne Züge daraus hervorheben. Der Klerus erschien 
unter Vortritt des Provicars Patscheider, des Priesters Lutz 
und des Rectors der kön. Mittelschule Benedict Langes, vor dem 
Commissäre. Als dieser beim Namen eines gewissen Priesters an 
ein Fräulein erinnert wurde, das er in Bruneck kennen gelernt, wurde 
die Versammlung eine Viertelstunde lang mit dem Lobe auf dessen 
herrliche Eigenschaften unterhalten; dann begann die Aufforderung 
zur Unterschrift mit einer Rede, worin Hofstetten die Macht sei- 
nes Königs, das hohe Vertrauen der Regierung auf seine eigene 



266 Prof. Jiger. 

Geschäftskenntniss und das schändliche Betragen des Klerus hervor* 
hob. Die Unterschrift ward einstimmig verweigert. Nur ein gewisser 
Gilg, Walser, Achmüller und Pedroni , dieser letztere ein 
unsauberer Priester, bereits yon drei Ordinariaten verwiesen und 
suspendirt, unterschrieben, und Hofstetten machte sieh das Ver- 
gnügen, diese vier Männer als wackere Geistliche und Muster des 
Gehorsams den übrigen vorzustellen. 

In der Nacht auf den 27. wurden hierauf Patscheider und 
Lutz unter Militärbedeckung, jener anfangs nach Botzen, später 
nach Trient, dieser nach Innsbruck deportirt. Lutz fand seinen 
Arrest bei den Serviten in Innsbruck und der Prior des Klosters 
wurde unter persönlicher Haftung verpflichtet, den Schlösset des 
Arrestantenzimmers immer bei sich zu tragen. Patscheider ward 
später im Kloster zu S. Marco in Trient eingesperrt. Ignaz Purt- 
scher, Anton und Michael Tapfer und Kaspar Karl wurden Aber die 
Bündnergrenze gewiesen. Einige Tage später liess Hofstetten aueh 
die Priester Anton Matscher, Alois Patscheider, einen Neffen des 
Provicar, Josef Ladurner, den spätem fleissigen Geschichtsforscher, 
den Pfarrer Prieth von Glurns, Zingerle und Philipp Moser nebst 
mehr andern aufheben , und theils nach Trient, theils nach Brixen 
abführen. Dem Rector der Mittelschule, Benedict Langes, nahm 
Hofstetten die Rectoratsgeschäfte ab und übertrug sie, so wie die 
Pfarrverwaltung zu Meran an den elenden Gilg. Die Häuser und 
Güter, welche zum bischöflichen Seminar gehörten, nebst allem be- 
weglichen und unbeweglichen Eigenthume der Priester Purtscher 
und Tapfer wurden eingezogen; und um allen Massregeln desto 
kräftigeren Nachdruck zu geben, erschien, dathrt vom 7. Februar 
1808, ein königliches Rescript, welches den Bischof von Chur aus 
allen baierischen Landen proscribirte, und sämmtliche obrigkeitliche 
Behörden des Königreiches anwies, ihn, wo er auf baierischem Ge- 
biete sich betreten liess, als gefährlichen Volksaufwiegler gefäng- 
lich einzuziehen. Dessgleichen sollten alle geistlichen und weltliehen 
Unterthanen des Königreiches, welche mit demselben eine fernere 
Communication unterhielten, als Landesverräther angesehen und be- 
handelt werden. „Und da nach diesen Vorgängen/ 1 fährt das Rescript 
weiter, „der Bischofsitz für unsere Staaten als Sedes vacans oder 
wenigstens als gesetzlich impedita zu betrachten ist, so werden Wir 
schleunigst die Einleitung treffen , damit die provisorische Admini- 



Zur Vorgeschichte de« Jahres 1809 in Tirol. 267 

strrtkm des Churischen Sprenkels, so weit derselbe in Unsere Staa- 
ten hereinreicht, von einem unserer inländischen Bischöfe übernom- 
men, und von diesem für jeden Bezirk würdige Viearien angestellt 
werden/ 1 

Allein an diesem letzten Punkte scheiterten alle Berechnungen 
und Bemühungen der Regierung. Es war dem Commissär Hofstetten 
einige Augenblicke gelungen, den Proricar Schuster in Schluderns 
willfährig Ar seine Absichten zu finden. Als aber Schuster sein 
Vicariat über den Clerus von Vintschgau geltend machen wollte, er- 
hielt er alle seine Gurrenden mit bittern Vorwürfen zurück. Beiläufig 
um die Mitte Februars änderte er selbst seine Gesinnung, und weigerte 
sich auf die Anträge der Regierung weiter einzugehen. 

Eben so wenig gelang die beantragte Vereinigung des abge- 
rissenen Churertheiles mit Augsburg. Der ChurfÖrst von Trier und 
Bischof von Augsburg, ein Prinz von ausgezeichneter Rechtlichkeit, 
konnte so wenig, selbst durch den allerhöchsten Einfluss des Königs, 
zur Annahme, als der Fürstbischof von Chur durch wiederholte Dro- 
hungen und Aufforderungen zur Abtretung bewogen werden, und es 
grenzt nun beinahe ans Komisehe, wie die baierische Regierung die 
abgerissenen Bisthumsstücke feilbietend von einem Ordinariate zum 
andern herumtrug. Der nächste Bischof, dem sie angeboten wurden, 
war der von Brixen. Brixen hatte offenbar in der ganzen Geschichte 
mehr Geschmeidigkeit bewiesen , als die andern Ordinariate. Es war 
schon im November 1807 auf Purificirungs - Anträge eingegangen, 
und hatte als Tausch für den Bezirk von Lienz die Gemeinden im 
Zillerthale: Dux, Hyppach und einen Theil von Fügen an Salzburg 
abgetreten. Dennoch hatte das General - Landes - Commissariat nie 
grosses Vertrauen zu Brixen gefasst In einem Berichte an das Ministe- 
rium des Innern schreibt Graf Arco oder Herr v. Mieg ganz naiv : 
„Wir müssen anrathen, dass derjenige Theil Tirols, der bisher unter 
Salzburg und Chiemsee stand, dem Freisinger und nicht dem Brix- 
ner Sprengel untergeben werde, weil Ew. kön. Majestät nur allzu 
bekannt ist, welcher Geist im Bisthume Brixen herrscht, so dass die 
ganze Brixner Diöcesan- Geistlichkeit durch ihre tiefe Verfinsterung 
weit hinter dem benachbarten Salzburger Klerus zurücksteht. Auch 
in politischer Rücksicht wird es rathsamer sein, die baierische 
Didcese Freising eher nach Tirol auszudehnen, als die sehr anti- 
baierische Brixner Didcese zu vergrössern. 



268 Prof. Jiger. 

Indessen in der Noth musste man doch auch bei Braten anklo- 
pfen, und das General-Landes- Commissariat erhielt den Befehl, dem 
Bisehofe die Übernahme des abgerissenen Churer Sprengeis geradezu 
aufzutragen. Doch dasselbe fand nicht für gut, gebieterisch zu 
Werke zu gehen, und berichtete unter dem 13. Februar an den 
König: „Ich erlaube mir die Vorstellung, dass so wie ich den Bischof 
von Briien und seine Umgebung kenne, und wie frühere Vorgänge 
beweisen, durchaus nicht zu erwarten sei, er werde auf eine directe 
Aufforderung der Regierung den Churer Sprengel provisorisch über« 
nehmen. Sowohl er als besonders seine Rathgeber denken viel zu 
finster, um den Wünschen Ew. kön. Majestät so gerade zu entspre- 
chen. 11 An den Bischof von Brixen jedoch schrieb Graf Areo unter 
demselben 1 3. Februar : „Möchte doch der verlassene Churer Sprengel 
so glücklich sein, nach dem Wunsche Sr. Majestät von einem inländi- 
schen Oberhirten, wie dieses die Kirchengesetze auf den Fall sedis 
vacantis seu impeditae so wohlthätig vorgesehen haben, bald mög- 
lichst unter Ew. ftirstl. Gnaden einstweilige geistliche Obhut genom- 
men und dadurch vor denjenigen Nachtheilen geschützt werden, 
denen eine geistliche Gemeinde ohne Oberhaupt nur allzu leicht aus- 
gesetzt ist. 11 Allein Fürst Karl hatte filr den schmeichelhaften Antrag 
kein Gehör; er erklärte kurzweg, die abgerissenen Churer Antheile 
nie übernehmen zu wollen, wenn sie ihm nicht delegirt werden, und 
ich finde, dass das General-Landes-Commissariat unter dem 9. März 
dem Ministerium des Innern rieth, mit dem Bischöfe von Brixen 
schonend umzugehen, um nicht auch diesen durch directe Befehle 
zu heftigerem Widerspruche zu reizen. Wahrscheinlich hatte der 
später in der Brixner Diöcese so einflussreiche Michael Feichter an 
dieser Haltung des Bischofs grossen Antheil; denn gerade um diese 
Zeit musste Hofstetten ihn, wie das Decret sagt, wegen seiner hin- 
terlistigen Widersetzlichkeit auf der Stelle von Brixen entfernen, 
und ihm einen unschädlichen Aufenthalt anweisen. 

Da also bei dem Ordinariate Brixen so wenig zu gewinnen war, 
wie bei Augsburg, wendete die kön. baierische Regierung ihr Augen- 
merk auf das Ordinariat Trient, von dessen Generalvicar sie die 
nachgiebigste Willfährigkeit erwartete. Sie täuschte sich nicht. Graf 
Spaur kam dem Wunsche der Regierung bereitwilligst entgegen, er 
fand sogar, dass schon die Natur das ganze Vintschgau geographisch 
an Trient angewiesen habe, Freilich hatte die Regierung die Herzen 



Zur Vorgeschichte 4es Jahre« 1809 in Tirol. 269 

der beiden Männer, des Generalvicars und des Dechants Teeini kurz 
zuvor durcb glänzende Titel gewonnen , indem sie den erstem zur 
Würde eines kön. geheimen Rathes, den letztem zur Würde eines 
wirklichen geheimen Rathes erhob. Das General-Landes- 
Gommissariat verkündigte also den Cbergang des abgerissenen Churer 
Sprengeis an Trient unter dem 14. Mai allen betheiligten Behörden 
und dem gesammten Klerus in den Provicariaten von Unter- und Ober- 
Vintschgau. Auf den Wunsch der Regierung erliess auch der Triden- 
tinischeGeneralvicar sogleich einenHirtenbrief an die neuübernommene 
Geistlichkeit, worin er ihr seine neue Gewali ankündigte. Von der 
kön. Regierung wurde er sowohl für den Hirtenbrief, als auch ins- 
besondere Ar die darin ausgesprochenen richtigen Ansichten von dem 
Verhältnisse zwischen Kirche und Staat mit glänzendem Belobungs- 
decrete belohnt. Das General-Landes-Commissariat that nun unge- 
säumt Schritte, um die neue, wie es glaubte, gelungene Einrichtung 
für seine Zwecke weiter zu verfolgen. Einer der wesentlichsten be- 
stand darin, dass es ergebene Männer an den Pfarren der deportir- 
ten Churer Priester anstellte, und sie von Trient mit den geist- 
lichen Facultäten versehen Hess. Unter diesen war die Anstellung 
des bisherigen Professors der biblischen Exegese und Pro-Kanzlers 
der Universität von Innsbruck, Ingenuin Koch, als Pfarrer zu 
Meran die bedeutendste. Koch war, wie der Erfolg zeigte, ein ge- 
wissenhafter und redlich denkender Mann, aber ohne tiefere dogma- 
tische und kirchenrechtliche Schulbildung. Ihm war die Aufgabe zu- 
gedacht, als landesfürstlicher und bischöflich trientnerischer Commis- 
sär die Einigkeit und Unterwerfung der Geistlichen zu bewirken; 
allein dazu fehlte ihm die nöthige Kraft und geistige Überlegenheit. 
Koch kam am 5. Juni nach Meran und eröffnete sogleich die Verhand- 
lungen mit dem Klerus. Am 19. Juni fand eine zahlreiche Conferenz 
Statt, bei welcher die einflussreicheren Geistliehen aus Vintschgau, 
Meran und Passeyr erschienen. Koch suchte sie durch viele Gründe 
zu bewegen, sich dem Generalvicariate von Trient zu unterwerfen; 
der Bischof von Chur, sagte er, sei bürgerlich todt, und somit das 
Ordinariat von Trient berechtigt, sich der verlassenen Heerde anzu- 
nehmen. Zur Begründung seiner Behauptung berief er sich auf die 
Canonisten Lucius Ferrari und Fagnani, und auf das Concilium von 
Trient, welches im 16. Cap. der 24. Sitzung wirklich bestimmt, 
dass bei einer Sedis-Vacanz der benachbarte älteste Bischof der 



270 Pr«f. Jlf er. 

verwaisten Diöeese sieb annehmen könne. Allein diese Schaustellung 
von Gelehrsamkeit bekam dem armen Koch sehr übel. Die ange- 
fahrten Stellen waren nämlich nicht Blöthen in seinem eigenen Gar- 
ten gewachsen, sondern der Italiener Tech» hatte sie ihm von Trient 
ans an die Hand gegeben, und Koch die Unbedachtsamkeit gehabt, 
sie in den Quellen nicht nachzulesen. Als er daher in die versammel- 
ten Priester drang, Angesichts dieser canonischen Gründe und der 
Bestimmung des Conciliums von Trient die Unterwerfung nicht län- 
ger zu verweigern, trat Benedict Langes, ein ebenso gründlicher 
Theolog als Schulmann hervor, und bat den Commissär Koch, die 
Stelle im Concilium von Trient nur weiter zu lesen, denn da wird 
der fremde Bischof mit klaren Worten nur für den Fall einer Sedis- 
vacanz durch den physischen Tod des Diöcesan-Bisehofs, und dann 
erst, wenn sich das Capitel der Vernachlässigung seiner Pflichten 
schuldig macht, zum Einschreiten ermächtigt; bei Chur war aber 
weder das Eine noch das Andere der Fall. Koch stand betroffen da, 
und wusste nichts zu antworten. Die Versammlung ergriff nun die 
Gelegenheit, ihm eindringliche Vorstellungen aber die von ihm über- 
nommene Sendung zn machen, und erklärte mündlich und schriftlich, 
dass, so lange sie von Chur nicht entlassen und im Einverständnisse 
mit Rom einem andern Ordinariate zugewiesen seien, sie die Treue 
ihrem Bischöfe weder brechen können noch wollen. 

Am 26. Juni erschien hierauf gleichsam das Ultimat-Aufgebot 
an den Klerus , worin ihm nur die Wahl zwischen gehorsamer Un- 
terwerfung unter Trient, oder allen Strafen gelassen wurde, die 
Landesverräther treffen sollten. Der Klerus wählte das Letztere; und 
nun sah man Scenen in Tirol, welche mit den Vorgängen Frank- 
reichs in den neunziger * Jahren Ähnlichkeit hatten; ich hebe nur 
einige derselben hervor. Am 23. Juli rückte Militär mit einer Kanone 
in Meran ein; in einer Nacht um die Mitternachtsstunde wurden die 
Kapuziner-Klöster zu Meran, Schlanders und Mals, umringt , die 
Mönche auf Wägen geladen, und theils nach Neumarkt, theils nach 
Brixen deportirt, wo sie ihr weiteres Schicksal erfuhren. Die Bene- 
dictiner von Marienberg, die als Professoren in Meran und als Seel- 
sorgspriester in Passeyr angestellt waren, wurden nach Fiecht 
übersetzt, das Stift Marienberg gänzlich aufgehoben , und die dort 
wohnenden Priester von der baierischen Regierung theils willkürlich 
verwendet, theils den Vorangegangenen nach Fiecht nachgesendet; die 



Zur Vorgeschichte de» Jahres 1 809 in Tirol. 27 1 

Weltpriester, die ihrem Bischöfe anhingen, wenn sie sich nicht durch 
die Flacht retteten, der eine da, der andere dorthin verwiesen. An 
die Stelle der Deportirten schickte die baierische Regierung andere 
Priester, die ihr Vertrauen genossen, unter denen ein gewisser 
Dresch, Elzenbaum, Sandbichler, Köfler, Prantner, Hermeter, Arabach 
u. s. w. genannt werden, Männer aus verschiedenen Klöstern und 
Diftcesen zusammengerafft, leider nicht immer vom besten Wandel 
und Charakter. Den Einzug Hermeters in St. Martin in Passeyr 
schildern die Bauern noch mit einiger Schalkheit, wie er mit Jagd- 
hunden an der Schnur und Flinten auf dem Rücken daher kam, und 
sich sogleich nach dem Wildstande im Thale erkundigte. Allein die 
armen Männer waren zu bedauern. Vom Bischöfe von Chur ip*o 
facto suspendirt, könnten sie keine einzige geistliche Function ver- 
richten; erschienen sie in der Kirche, so lief das Volk davon; wollten 
sie Kranke besuchen, so wurden ihnen die Thüren verschlossen. Man 
erzählt sogar komische Auftritte. In St. Martin starb ein Bauer. Wer 
ihm die Sacramente gereicht oder im Tode beigestanden, blieb mir 
unbekannt Als ihn einige Männer ohne kirchliche Ceremonie zu 
Grabe trugen, erschien plötzlich Pfarrer Hermeter im Chorrock. So- 
gleich stellten die Träger die Bahre nieder und liefen davon. Kaum 
hatte sich Hermeter entfernt, kehrten die Bauern zurück und trugen 
die Leiche weiter. Hermeter erschien wieder, und die Träger liefen 
wieder davon, und so zum dritten Male. Erst als sich Hermeter hier- 
auf nicht mehr sehen Hess, wurde die Leiche ohne Sang und Klang 
eingescharrt. — Der Kurat Sandbichler zu Riffian war buchstäblich 
nahe daran zu verhungern; Niemand gab ihm Zins und Zehent, Nie- 
mand wollte ihn pflegen und hegen. Überall musste die Regierung 
mit Militärmacht nachhelfen. In das Thal Passeyr rückten daher in 
der Nacht vom 29. auf den 30. Juli unter Anführung der Majore von 
Zoller und Speicher zwei Compagnien Soldaten, eine von Sterzing, 
die andere von Meran ein, zu keinem andern Zwecke, als um die 
Bauern in die Messe und Predigt der suspendirten Geistlichen zu 
treiben, und die Rädelsführer aufzuheben, die es gewagt hatten, bei 
einem ohne Geistlichen gehaltenen Kreutzgange, den man für einen 
Landsturmzug ansah, die Fahnen zu tragen und vorzubeten. Und so 
verblendet war das General-Landes-Commissariat, dass es Aber den 
Erfolg dieser Massregeln unter dem 8. Aug. folgenden Bericht an 
den König schrieb: „Die Bestürzung über den unerwarteten Ein* 



272 Prof. Jager. 

marsch hat den Trotz der Bauern erstickt, und die Ruhe scheint im 
Thale Passeyr dauerhaft hergestellt zu sein. Wenige Beispiele 
dieser Art werden hinreichen , das Ansehen der Regierung in Tirol 
gegen alle Versuche der Widersetzlichkeit sicher zu stellen. Über- 
haupt ist seit dem Einmärsche einer beträchtlicheren Militärmacht die 
Verbindung der Widerspenstigen unter sich lockerer geworden; Ew. 
Kön. Majestät werden sich neuerdings überzeugen, dass das General- 
Landes-Commissariat jederzeit nach Wahrheit und Pflicht gespro- 
chen, wenn es behauptete, dass Energie, Muth und Beharrlichkeit 
der Regierung indiesemLande Alles vermögen/ 1 

Nicht so verblendet waren hingegen einige der Bessergesinnten 
unter den eingeschobenen Priestern, und unter ihnen vorzugsweise 
Koch zu Meran. Schon jene Conferenz mit dem Klerus hatte ihn so 
erschüttert, dass er am 11. Juli die Resignation der Pfarre Meran an 
das General-Landes-Commissariat einsandte, die aber nicht angenom- 
men wurde. Unter dem 18. Juli erhielt er hierauf ein Schreiben des 
Bischofs von Chur, worin dieser seine Verwunderung ausdrückte, wie 
Koch, den er bisher für einen ehrlichen Mann gehalten , es wagen 
könne, in einer fremden Diöcese, ohne Bewilligung des Bischofs, 
pfarrliche Functionen auszuüben. Karl Rudolph kündigte ihm sodann 
mit aller Förmlichkeit die Suspension an , woferne er seine falsche 
Stellung länger einzunehmen fortfahre. Koch weinte hierüber einen 
ganzen Tag lang, schrieb an das General- Vicariat von Trient bittere 
Vorwürfe, dass es ihn betrogen und um Ehre und guten Namen ge- 
bracht, verliess Meran, und wurde von Brixen nach Lermos versetzt. 

Dass ein so gewaltsamer Zustand trotz der gegenteiligen Über- 
zeugung des General-Lande8-Commissariats und trotz der bisherigen 
Ruhe des Volkes im Allgemeinen doch nicht von Dauer sein konnte, 
und, wenn man es nicht auf einen völligen Bruch ankommen lassen 
wollte, auf irgend eine Weise abgeändert werden musste, sah man 
bereits seit einiger Zeit in München besser ein als in Tirol. In diesem 
Sinne waren dem General-Landes-Commissariate wiederholte Mah- 
nungen zur Mässigung im Gebrauche der ertheilten Vollmachten dem 
Klerus gegenüber zugegangen. Unter dem 28. Juli war diese Mahnung 
wiederholt und dabei ausdrücklich die Bemerkung hinzugefügt wor- 
den, dass man von der Gewalt ablassen sollte, weil Aussicht auf 
nahe Verständigung mit Rom vorhanden sei. Rom hatte näm- 
lich bereits seit dem Anfange des Jahres 1808 auf friedliche Beile- 



Zur Vorgeschichte des Jahres 1809 in Tirol. 273 

gung der Wirren hingearbeitet. Auf eine Anfrage des Bischofs von 
Chur, in wieferne ihm den Forderungen der baierisehen Regierung 
nachzugeben erlaubt sei oder nicht, hatte Pius VII. unter dem 16. 
Jänner ihn sehr gelobt, dass er bisher nichts abgetreten ; der Papst 
gab ihm das Versprechen, ihm bald anzukündigen , was mit Baiern 
in bereits eingeleiteten Unterhandlungen ausgemacht werden würde. 
Diese Unterhandlungen müssen sich aber zerschlagen haben; denn 
unter dem 7. Mai erhielt Karl Rudolph ein Breve , worin ihm jede 
Abtretung oder Delegation bestimmt untersagt» sein und des Vintsch- 
gauer Klerus bisheriges Benehmen hoch gerühmt und beide zur fer- 
nem Standhaftigkeit ermuntert wurden. Erst unter dem 9. Juli finde 
ich wieder eine Breve, worin der Papst dem Bischöfe von Chur an- 
kündigt, dass er den König von Baiern um einen Gesandten zur Bei- 
legung der kirchlichen Wirren ersucht habe, um den Leiden der Bi- 
schöfe von Ghur und Trient ein Ende zu machen. Da inzwischen die 
Stimmung in Tirol, wie wir gesehen, eine Wendung genommen, die 
bedenklich wurde, und der Ausbruch eines Aufstandes das baierische 
Cabinet vorzüglich wegen des Eindruckes, den ein solcher Fall auf 
die französische Regierung machen musste, in Verlegenheit gesetzt 
hätte, kam Baiern den Anträgen Roms entgegen, und den Zer- 
würfnissen wurde dadurch ein Ziel gesetzt, dass der 
abgerissene Churer Theil durch päpstliche Ent- 
schliessung vom 7. Sept. 1808 an das Bisthum Brixen 
übertragen wurde. 

Baiern stand also nach beinahe dreijährigen Stürmen und 
Umwälzungen dort, wo es sich gleichs Anfangs hätte hinstellen 
können, nämlieh bei einer im Einverständnisse mit Rom getroffenen 
neuen Bisthutns-Eintheilung, ohne erst durch falsch berechnete Mass- 
regeln sich an den Bischöfen zu vergreifen, altbestandene kirchliche 
Verhältnisse eigenmächtig über den Haufen zu werfen, die Gemüther 
zu verletzen, sich selbst im Lande verhasst zu machen , und die Er- 
eignisse vorzubereiten, welche sechs Monate später mit so schwerem 
Schlage über die baierische Regierung in Tirol hereinbrachen. 

Ich glaube somit meinen Anfangs ausgesprochenen Satz ge- 
rechtfertigt und nachgewiesen zu haben, aus welcher Quelle das 
Jahr 1809 in Tirol hervorging. Nicht weniger wird man die Erschei- 
nung begreiflich finden, warum in den Tagen und Thaten des Jahres 
1809 gerade die sonst so harmlosen und gutmüthigen Männer des 



274 Prof. Jäger. Zur Vorgeschichte des J*hw* 1809 In Tirol. 

Thaies Passeyr und die sonst so behagliehen Bauern des Burggrafen- 
amtes mit hervorragender Begeisterung an der Spitze -des Aufstandes 
fochten und ihr Blut verspritzten. In keinem Theile Tirols hatte die 
baierische Regierung so übel gewirthschaflet wie dort. Zur Vollstän- 
digkeit des Bildes erlaube ich mir noch die weitern Schicksale des 
abgerissenen Churer Bisthum-Antheiles in den äussersten Umrissen 
anzudeuten. Die Unterwerfung unter das Ordinariat Brixen ging in 
den folgenden Monaten ruhig vor sich. Das General-Landes-Commis- 
sariat machte zwar gegen Brixen noch manchmal Einwendungen und 
schlug vor, die abgerissenen Churer Theile lieber an Trient zu über- 
geben und den General- Vicar Grafen Spaur zum Bischof zu erhe- 
ben; allein diese Vorschläge blieben unbeachtet, Brixen ordnete 
ruhig und mit möglichster Nachgiebigkeit gegen die Regierung die 
Angelegenheiten der neu übernommenen Bezirke. Die deportirten 
Priester wurden zwar nicht wieder eingesetzt, viele von ihnen zur frei- 
will igeoResigni mag bewogen, und die von der baierischen Regierung 
Angestellten grösstenteils bestätiget. So verging der Winter ziemlich 
ruhig , bis zu dem in der Tiroler Geschichte ewig denkwürdigen 
9. April 1809, wo der Feldmarschall -Lieutenant C haste 11 er bei 
Lienz den tirolischen Boden betrat, und dadurch das Signal zur all- 
gemeinen Erhebung gab , das wie die Blitze des Kreidenfeuers von 
Berg zu Berg, von Thal zu Thal durchs Land hinleuchtete. Am 10. 
April früh Morgens überstieg der Sandwirth Andreas Hofer mit 
seinen Thalleuten den Jaufen, am 11. erhob Frischmann in 
Sehlanders die Fahne für Österreich ; an demselben und dem darauf- 
folgenden Tage überreichte Tschöll an der Spitze des Landsturms 
von Algund , Tirol und Mais den baierischen Beamten in Meran ihre 
Verhaftungsbefehle. Am 14. April entband Brixen den Klerus von 
Meran und Vintschgau des angelobten Gehorsams , und wies ihn aa 
den von Kaiser Fr anz in seine Diöeese wieder eingesetzten Bischof 
vonChur an. Tags darauf enÜiessen die Trientner die eingekerkerten 
Priester Patscheid er und seine Gefährten, die am 28. April ihren 
Einzug in Meran hielten, und im Laufe der folgenden Monate kehrte 
alles in das Geleise zurück, in welchem sich die Dinge vor dem An- 
tritte der baierischen Regierung in Tirol bewegt hatten. 



P. Clemens Sibiljan. Ober 17 vnedtrte Münzen der rnben. Dynastie. 275 

SITZUNG VOM 24. MÄRZ 1852. 



Der von der Ober-Lausitzischen Gesellschaft der Wis- 
senschaften zu Görlitz angesuchte Schriftentausch wird angenommen, 
und beschlossen deren Zusendungen durch die Sitzungsberichte 
der Classe, die Fontes, das Archiv und Notizenblatt der 
historischen Commission zu erwiedern. 



Vorgelegt t 

Vocabularium der Aino- Sprache. 
Vom Hrn. lr. Mmaler *)• 



Über 17 unedirte Münzen der Artnenisch-rubeni- 

sehen Dynastie in Kilikien. 

Von P. CleaeiB Sibtljaa, 

Priester der Mecbitharisten- Gongregalion in Wien. 

(MH AMUdugvn.) 

Bei dem immer grösseren Fortschreiten in der Münzkunde 
konnte auch jene über die rubenische nicht zurückbleiben, und es 
erschienen allmählich darüber Abhandlungen wie in neuester Zeit 
(1850) eine von Langlois, wodurch diese Münzen den Sammlern 
immer mehr bekannt wurden und mannigfaches Interesse erweckten. 
Wir bemerken indessen, dass dennoch selbst nach diesem genannten 
neuesten Werke noch mehrere rubenische Münzen unbekannt ge- 
blieben sind, welcher Umstand die richtige Classification der Münzen 
verschiedener Könige und die genauere Beachtung der Wahrschein* 
lichkeitsgründe verhinderte. Da wir nun theils im Besitze, theils in 
Kenntnis» mehrerer solcher noch unedirter Münzen sind , so halten 



l ) Wurde «um Abdruck in den Denkschriften bestimmt. 



276 P. Clemens Sibiljan. 

wir es im Interesse der Wissenschaft für unsere Pflicht, durch Ver- 
öffentlichung derselben eine Lücke in der Numismatik auszufüllen 
und unsern Beitrag zu leisten. 

Diese ron uns zu veröffentlichenden Münzen bestehen in 17 
Stücken, deren IS dem Cabinete der P. P. Mechitharisten in Wien, 
1 dem k. preussischen Museum in Berlin und 1 dem National-Münz- 
cabinete zu Paris angehören. Alle diese Münzen waren bisher gänz- 
lich unbekannt, daher deren Beschreibung auf die Geschichte der 
rubenischen Dynastie ein neues Licht werfen und zur bessern, 
richtigeren Einreihung der Münzen dieser Art wesentlich bei- 
tragen kann. 

Unter diesen Münzen ist die zweisprachige Münze des Ala- 
eddin, Sultans von Iconien, und des Königs HethunTs I., und die 
Silbermünze Guidon's ein Unicum. Ebenso waren die Silber- und 
Kupfermünzen des kurz regierenden Sämbat's bisher noch gar nie 
Veröffentlicht, und jede der andern hat ihre wesentliche Bedeutung. 



Unter den Dynastien, welche beim Verfalle der byzantinischen 
Macht in verschiedenen Theilen des Reiches zur Selbstständigkeit 
gelangten, befand sich auch die der armenischen Rubenier in Kilikien. 
Rüben L, (1080) der Stammvater dieser Herrscherfamilie aus 
dem Geschlechte der Bagratiden, fand einen Zufluchtsort in der 
Bergkette des Taurus, wo er die daselbst befindlichen Armenier um 
sich sammelte, bei welchen er in hohem Ansehen stand und dadurch 
bald zu bedeutender Macht gelangte. Seine Nachfolger erweiterten 
durch ihre Tapferkeit die Grenzen ihrer Herrschaft, so dass Leon IL, 
der früher ein einfacher Fürst war, wegen seiner vielfachen den 
Kreuzfahrern geleisteten Dienste von Kaiser Friedrich I. Barbarossa 
das Versprechen einer Königskrone erhielt, welches Versprechen der 
Nachfolger und Sohn Barbarossa^ , Heinrich VI. und Papst Coele- 
stin III. im Jahre 1198, vermittelst einer Gesandtschaft in der Person 
des Conrads, Cardinal-Erzbischofes von Mainz in Ausführung brachte* 
In Folge dessen wurde Leon II. in Tarsus zum Könige geweiht. 

Die Dynastie wurde durch ihre vielfachen Beziehungen zu den 
Kreuzfahrern, Griechen, Genuesen, Sicilianern, den Königen von 
Cypern, den arabischen und tatarischen Herrschern , mit denen sie 
mannigfache Verträge schloss, bekannt 



Über 17 unedirte MQnien der rubenischen Dynastie. 277 

Die Rubenier regierten vom Jahre 1080 bis zum Jahre 1393, 
in welchem König Leon VI. durch seinen in Paris erfolgten Tod, 
wodurch die vierte und letzte armenische Herrscherfamilie erlosch, 
seine Herrschaft an die Mamelucken verlor. Diese kilikischen Könige 
hatten, von Leon II. angefangen, bis zu ihrem Ende ununterbrochen 
eigene Münzen geprägt, die aber lange Zeit der Aufmerksamkeit der 
Gelehrten entgingen , und Niemand genaue Kenntniss darüber hatte, 
so dass Pembrocke eine solche rubenische Münze för eine runische 
hielt. Als diese Münzen sich in den Cabineten vermehrten, zogen sie 
erst die Aufmerksamkeit der Numismatiker auf sich, und wurden 
einzeln ans Licht gebracht. Der Erste, der eine besondere Schrift 
darüber veröffentlichte, war Sestini im Jahre 1789; seitdem sind sie 
durch die Arbeiten Brossefs 1839, Kraffi's 1843, Borrelia 1845 und 
Langlois 1850, immer mehr bekannt geworden. Die meisten der 
eben erwähnten Schriften leiden aber an grösseren oder geringeren 
Ungenauigkeiten, welche ihren Grund theils in der minderen Ver- 
trautheit der Verfasser mit der armenischen Sprache, theils in dem 
Zustande der ihnen zugänglichen aber nicht gut erhaltenen Münzen 
haben. Diese beiden Umstände verhinderten unsere Vorgänger, bei der 
Classification und Bestimmung der einzelnen Stücke die Umschrift 
richtig zu lesen, die Verhältnisse der Münzen zu einander zu be- 
merken und den Wahrscheinlichkeitsgründen genügende Rechnung 
zu tragen. Die Berichtigung dieser Ungenauigkeiten, so wie eine 
wahrscheinlichere und weit vollständigere Classification der rubeni- 
schen Münzen verschieben wir jedoch auf eine gelegene Zeit und 
beschränken uns hier darauf, einige bisher unedirte Münzen der 
Öffentlichkeit zu übergeben, da selbst nach der neuesten französischen 
Arbeit von Langlois (im Jahre 1850), worin drei bis vier neue 
Münzen veröffentlicht wurden , unter den uns bekannten rubensichen 
Münzen Aoch 17 Stücke unedirt geblieben sind, welche ftir die 
Forschung der Geschichte damaliger Verhältnisse neue Anhaltspuncte 
liefern und der Aufmerksamkeit der Numismatiker um so mehr würdig 
erscheinen, als sie die Münzen-Serie der rubenischen Dynastie nam- 
haft vermehren. Wir halten es daher für eine Pflicht, dem Wunsche 
der Gelehrten dadurch zu entsprechen, dass wir von diesen inter- 
essanten Münzen eine Beschreibung liefern, worin wir nicht nur die 
nöthigen Bemerkungen darüber geben, sondern auch unsere Gründe 
zu deren Classification anführen wollen. 

Sitzb. d. phiL-hUt. Cl. VIII. Bd. III. Hit. ' 19 



278 P- Clemens Sifeiljan. 

Die hier beschriebenen Münzen zerfallen in Münzen von Köni- 
gen, yon denen bisher noch gar keine bekannt geworden waren, und 
in Münzen yon Königen, von denen wir schon Münzen hatten, aber 
nicht yon derselben Prägung, Form oder demselben Metalle wie diese. 

Hethum I. ( 1224 — 1270) und Ala-eddiu ( 1219 — 1239). 

Nr. 1. Avers, f ^MIMT IWWIMM 1 AKttMi (**«*** 
thagauor Hajoz, d. i. Hethum, König der Armenier). Der König 
mit der Krone, rechts reitend, im Felde ein Kreuz. 
Revers. Jtlaül Aa-sultan 

jijJUM. . . . .JA Al-mu .... ala-eddin 
& Sii£ Kajkobad ben 

js^ff Kajkhosrew 

K&niglich-preoMiflches Museum in BerUn. 

Die historische Wichtigkeit der von uns hier mitgetheilten 
Münze besteht darin, dass sie zu den Zeiten des Vorgingers Ghajas- 
eddin's angehört, nämlich dem Sultan Ala-eddin Kaikobad ben Kaj 
Khosrew. Sie ist ein Unicum und unterscheidet sich wesentlich Ton 
den bisher bekannten zweisprachigen Münzen. Es fehlen auf der- 
selben der Prägeort Sis und die Jahreszahl, was, wie später darge- 
than werden wird, auf keiner der bisher veröffentlichten zwei- 
sprachigen Münzen der Fall ist; ferner sind in der Umschrift die 
Buchstaben f) und |* des Wortes rjMVM^MP (Thagauor) nicht 
vereinigt, wie auf den übrigen derartigen Münzen. Im Felde findet 
sich weder der Stern, noch der Mond, sondern nur das Kreuz. 
Ala-eddin regierte vom Jahre 616 bis 634 der H. (121» bis 1236 
n. Chr.), und unsere Münze ist daher zweifelsohne König Hethum I. 
zuzuschreiben, der vom Jahre 1224 — 1269 regierte. 

Zweisprachige Münzen König HethunTs I. sind schon bekannt, 
und auf allen findet sich die Jahreszahl , obwohl bei einigen nicht 
deutlich, und der Prägeort Sis ist jedesmal deutlich zu lesen. In 
keinem zweisprachigen Stücke fehlt die Jahreszahl, ob auch Herr 
Langlois (Nr. 11, Taf. I) von einem Stücke behauptet, dass es ohne 
Jahreszahl sei ; am Rande der Münze sieht mau aber die Buchstaben 
der Jahreszahl, wenn auch nicht leicht lesbar. Langlois hat diese 
Münze nach Brosset's Taf. 1, Nr. 12, nachgebildet, wo sowohl die 
Buchstaben der Jahreszahl als auch der Prägeort ersichtlich sind. 



Über 17 unedirte Munxeu der rubenischen Dynastie. 5J7Ü 

Von diesen Münzen sind acht bis zehn Stücke aufgefunden worden, 
und alle sind von Ghajas-eddin Kaj Khosrew ben Kajkebad und von 
Uethum (oder Haiibon) I. Die verschiedenen Jahressahlen, welche auf 
diesen Münzen sich finden, sind von 636—641 der H. (1238—1243). 

In manchen Schriften ') sind diese zweisprachigen Münzen des 
rubenischen Königs von Kilikien und der Seldschuken-Sultane als 
Beweis angeführt worden, dass der kilikische König in einem Unter - 
thftnigkeits- und Tribut -Verhältnisse zu den Sultanen von Ikonien 
stand, und es wird bei dieser Behauptung auch auf &aint-Murtiri$ 
Memoire« historiques ei giographifues *ur CArmenie verwie- 
sen; wir "waren jedoch nicht im Stande, in dem angeführten Werke 
eine Beweisstelle für diese Behauptung aufzufinden, im Gegentheile 
glauben wir aber aus der Münze selbst und den Stellen gleichzeitiger 
armenischer Geschichtsschreiber die freundschaftlichen Verhältnisse 
des kilikischen Königs und der Seldschuken-Sultane beweisen zu 
können. 

Schon die äussere Form der Münze bestätigt nämlich, dass sie 
die gemeinschaftliche Münze zweier Verbündeten von gleicher Macht 
sei; auf dem Avers findet sich im Felde das christliche Zeichen des 
Kreuzes, was der muhammedanische Herrscher bei seinem damaligen 
Glaubenseifer kaum für die Münze eines tributpflichtigen Fürsten 
zugestanden haben würde. Dieses Kreuz findet sich, ohne Aus- 
nahme, auf allen diesen zweisprachigen Münzen, während Mond und 
Stern, bald der eine bald der andere, und bald alle beide zugleich, 
manchmal fehlen, wie eben auf der hier mitgetheilten Münze. Für 
die freundschaftlichen Verhältnisse Ala-eddin's und Hethum's I. ver- 
mögen wir aber überdies das Zeugniss des gleichzeitigen armenischen 
Geschichtsschreibers Kyrakos Ganzaketzi (oder von Ganzak s ) aufzu- 



*) Ducange, Edition de Joinville, pag. %SS. Wss. XVI. Adler. Museum Cuficum. 
Seatini u. s. w. 

*) Kyrakos Ganaaketai (aus Ganaak, jetat Elisabethpol) schrieb armenisch 
seine Geschichte in der Mitte des dreisehnten Jahrhunderts. Er fängt mit 
dem heiligen Gregorys dem Erteuchter, der i. J. 303 Armenien aum Christen« 
thume bekehrte, an, und fuhrt die Reihenfolge der KathoUkossen oder der 
Generalpatriarchen Armeniens bis au seiner Zeit fort, wie er auch Erwähnung 
macht von den arsakidisehen Königen bis au ihrem Falle, der Marapanen (von 
der Seite Persiens über Armenien aufgestellten Stathalter), der Ostikanen 
(von den Khaüfen nach Armenien geschickten Praefecten). der Armenisch- 

' 19* 



280 P- Clemens Sibiljan. 

fthren, welcher sich folgendermassen ausdrückt : „|%»fr 4» fe fr-* * 

ll«—" ***** AT*«- «*■ •&#"■*■«/¥■* P~fMH* f **p-irm%% mm, fay 

*irfl9-£*Jiy 9 mmJm%my» 4"f **tLE'*l***-P'lrmkfb jtmaJSb mm.bm^ (fJlmwm%mmp9m[ 

f mp a miuimk* • • • • Hr^T "fr * c ^»gutAmtfi-^ g&y. tyujmmfrf* ^»m-mAg, 

n r muf *.%„*% fy IVrfr**-" (In der Bibliothek der Mechitharisten- 
Congregation in Wien, Fol. 7x1*1«** = 129) d. i. „Der Grosse Fürst 
Con8tantin übernahm , als er die königliche Macht für seinen Sohn 
Hethum übernahm, alle Sorgen des Königreiches auf sich, und ordnete 
es weise .... und schloss Freundschaft und Bündniss mit dem Sultan 
Ton Rum '), welcher Aladin hiess". Constantin führte bloss Ar seinen 
königlichen Sohn Hethum I. die Regentschaft, desswegen nur der 
Name des Letzteren als des eigentlichen Königs auf der Münze ge- 
prägt ist. Der Grund zur Abschliessung dieses Freundschaftsrer- 
trages scheint die Furcht vor den Tataren gewesen zu sein, welche 
Iberien (Georgien), Aluanien (Albanien) und einen grossen Theil 
Armeniens erobert hatten , und mächtig gegen Westen vordrangen, 
wodurch die Fürsten dieser Länder (der seldscbukische Sultan und 
der armenische König) zu engem Bündnisse mit einander und mit 



Bagratidischen Könige Nord-Armeniens und ihrer Thaten und Geschichte. 
Er erzählt auch , wie Mahomed's Macht anwuchs, wie er und seine Nachfolger 
sich Syriens und Armeniens bemächtigten und welche Verheerungen und 
Blutbäder sie anrichteten. Ein besonderer Gegenstand seiner Geschichte tot 
der Andrang und Einlall der tatarischen Horden in Iberien (Georgien) und 
in die nördlichen Gegenden Armeniens, wo sie sich mehrerer Provinzen mit 
Raub und Blutvergiessung bemächtigten und sich niederließen. Was aber die 
rubenische Dynastie in Kilikien betrifft, so beginnt er die Geschichte der- 
selben von Rüben I. und setzt sie fort bis Hethum I. (i. J. 1260), dessen 
Zeitgenosse er war, und damit endigt er sein Werk, welches, allgemein ge- 
sprochen und abgesehen von manchen Einzelheiten , die mit Recht bestritten 
werden können, einen grossen Werth hat, indem Kyrakos die frühere Ge- 
schichte meist aus den gleichzeitigen Historikern schöpfte und von der Ge- 
schichte im letzten Theile seines Werkes er selbst Zeitgenosse und Augenzeuge 
war. Das Manuscript, welches wir besitzen, ist in-8. und 258 Seiten stark. 
') Die Seldschukischen Sultane von Ikonien (Konia) werden bei den Orientalen 
Sultane von Rum genannt, weil sie sich eines grossen Theiles der Lander 
des oströmischen Reiches bemächtigt hatten, welche Gegenden hauptsachlich 
in dem Romanien genannten Theile Kleinasien's lagen. Ausser unserm Kyrakos 
kann man es auch bei dem arabischen Makrizi häufig finden , dessen zwei 
Bande von Quatremere ins Französische übersetzt und Paris 1837 — 1845 her- 
ausgegeben wurden. 



Über 17 unedirte Münzen der rubeniscben Dynastie. 281 

den in Syrien befindlichen europäischen Herrschern gezwungen 
waren, um dem gemeinsamen Feinde, wenn auch erfolglos, gemein- 
schaftlich die Spitze bieten zu können. Und dass die drohende Ge- 
fahr eine gemeinsame war, und daher ein allgemeines Bündniss der 
seldschukischen und armenischen sowohl, als der in Syrien herr- 
schenden europäischen Fürsten zur Folge hatte, bestätigt der oben 
erwähnte gleichzeitige Geschichtsschreiber, indem er weiter erzählt : 

~%mg %m f,.£*,qmg j^f^P-f jm^um^fi, fV^fWirA^, in. fy %u, gAn. 
/f^tamitatfi-kmJft ^mmw^I yfttL£mrm%ft% 9 bu bin a^tmmwtmmtatTm%n. %J$u bu mm. 
m%m • • • • t Qlp*—- bt. maJrpt-Miff «juanmrtj/ 1 ifatnmin.ii j/af fa mmvLftf-tfcl; \\"L^y 
mm%ffc ^Hm-nJmg f omm J^jmnfM» f «££/& * ^*y** r Jfttmfom%ym§^ |JjMgamar^u!&; 

&+ h' n r m v* i '9 L v % S^rmmW* (ß- Ti\¥* = 1B°)> <*• *• »Nach- 
dem er (der chorasmische Dschelal-eddin) diese Obelthaten verübt 
hatte, zog er gegen die im Lande der Beznunier gelegene Stadt 
Khlath , welche unter der Botmässigkeit des Sultans Aschraf stand, 
und lieferte einen Krieg gegen ihn, und bemächtigte sich der 
Stadt .... Nun ging er weiter und verwüstete mehrere Provinzen, 
welche dem Sultan von Rum, Namens Aladin, angehörten. Hierauf 
verbündeten sich die Sultane Aschraf und sein Bruder Kamil , der 
über Egypten herrschte, und Aladin. Sie riefen die armenischen 
Truppen von Kilikien und die der Küstenländer der Franken (der 
Europäer nämlich) zu Hülfe, und sie vereinigten sich, um gegen den 
chorasmischen Dschelal-eddin Krieg zu liefern". 

Wie es aus dieser angeführten Stelle leicht zu entnehmen ist, 
so sind die kilikischen Truppen auf dieselbe Weise zu Hülfe ge- 
rufen worden, und zeigen dasselbe Verhältniss zu diesem Bunde, 
wie die in Syrien angesiedelten Europäer. Nun , wie Niemand aus 
dieser Begebenheit das Unterthänigkeitsverhältniss der europäischen 
Fürsten zu den oben genannten Sultanen folgern kann, indem ein jeder 
die Unabhängigkeit der Ersteren von den Letzteren weiss, ebenso 
wenig kann man dasselbe Urtheil über den kilikischen König fällen. 

Überdies, nachdem Ala-eddin's Nachfolger, Ghajas-eddin , von 
den Tataren aufs Haupt geschlagen wurde, sagte sich der König von 
Kilikien Hethum I., um seine Länder, als eines der Verbündeten 



282 P- Clemens gyblljan. 

mit den Seldsehuken Tor den feindlichen Einfallen der Tataren zu 
bewahren , Ton dem erwähnten Bündnisse los , und fing an bis zum 
Ende seines Lebens einen jährlichen Tribut an die Tataren zu be- 
zahlen, wie es die gleichzeitigen armenischen Historiker ausdrücklich 
erzählen ; er Hess aber immer die Münzen in seinem eigenen Namen 
allein und nur einsprachig, nämlich armenisch» prägen. Wenn nun 
die Behauptung wahr ist, dass Hethum I., König von Kilikien, seine 
Münzen als eines im Unterthänigkeits- und Tributverhältnisse zu den 
Seldsehuken stehenden Fürsten in zwei Sprachen hätte prägen 
müssen , so hätte er bei einer wirklichen von gleichzeitigen Histo- 
rikern ausdrücklich erwähnten Tributpflichtigkeit gegen die Tataren, 
und in noch weit längerer Zeit, gewiss derartige zweisprachige 
Unterthänigkeits-Münzen prägen müssen, während kein solches Stück 
aufzuweisen ist. 

Öfters wird in den armenischen Geschichtsschreibern des Bünd- 
nisses Ala-eddin's mit Hethum erwähnt, während der Alliance des 
Letzteren mit Ghajas-eddin nicht besonders gedacht wird; doch lässt 
sich auf ein Fortdauern der freundlichen Verhältnisse zwischen 
beiden aus den vielen zweisprachigen Münzen , und aus dem Factum 
schliessen, dass Ghajas-eddin beim Andränge der Tataren seine 
Familie nach Kilikien in Sicherheit brachte. 

Aus allen diesen vorgebrachten Gründen glauben wir ge- 
nügend bewiesen zu haben, dass aus den zweisprachigen Münzen 
man nicht immer die Untertänigkeit Eines zum Andern richtig 
folgern kann, sondern vielmehr in den meisten Fällen, wie auch hier 
im gegenwärtigen, es richtiger ist, derartige Münzen als ein Zeichen 
der freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Regierungen, 
und als eine gemeinschaftliche Münze zur Erleichterung des Handels- 
verkehres zu halten , wie es auch aus den zweisprachigen für die 
Russen und Tataren zugleich geprägten Münzen erhellt. 

Lee III. (1270—1289). 

Nr. 2. Av. f lj*in,l* KKV/httMIPl* Attlltt (Moni thagauori*) 
haoz, d. i. Leon's, des Königs der Armenier). Einfaches latei- 
nisches Kreuz. 



l ) Der Laut mancher armenischer Buchstaben und besonders mancher Conso- 
oanten. wie sie jetzt bei einem grossen Theile der Nation and hauptsächlich 



Über 1 7 unedirte Münzen der rubenischen Dynastie. 283 

»▼ + Attsw^K t> w/i jw^ii ijmj (Hatjai i Kaiaün 

Sis, d. i. geprägt in der Stadt Sis). Ein Löwe nach links 
schreitend» ohne Krone, Ä». 

Cabinet der Btecfcitharisten-Congregation in Wien. 

Diese Münze verdient wegen der Neuheit ihrer Umschrift Be- 
achtung; sie ist nämlich die einzige der bisher bekannten, auf welcher 
sich der Name des Königs im Genitiv befindet. Auf den andern 
Münzen kommt er immer im Nominativ vor, z. fi. | l^ffli M*U C M*~ 
MM 1 *U*(MHV (L£on thagauor Hajoz, d. i.,"Uon, König der 



bei den in der Türkei wohnenden Armeniern ausgesprochen werden , steht im 
Widerspruche mit dem Verhältnisse, welches das armenische Alphabet seit 
dem Anfange des fünften Jahrhunderts zum griechischen oder lateinischen 
Alphabet hatte. Ä. B. in früheren Zeiten das fi (der zweite Buchstabe des 
armenischen Alphabets) entsprach ganz genau dem griechischen ß oder latei- 
nischen b, während jetzt ein grosser Theil des armenischen Volkes es als p 
ausspricht, so auch das <}* ( der dritte Buchstab) war das Äquivalent des 
griechischen 7 = <7, das *f» •= <J = rf, das 1) = x = * oder e, das 4| = ir = p, 
das g = t = f *. b. w., welche jetzt als *, t, g, b t d ausgesprochen werden. 
Aber ein nicht unbedeutender Theil der Nation, und besonders die in Russisch- 
Armenien, Persien und Ostindien wohnenden Armenier erhalten das ursprüng- 
liche Verhältnis« bis zum heutigen Tage auch in ihrer Aussprache, sie sprechen 
daher das fi wie 6, das <r» wie g u. s. w. aus. Hier ist nicht der Ort es zu 
beweisen, welche von beiden Aussprachen die natürlichere oder die richtigere 
sein kann. Es genügt uns hier nur allgemein zu bemerken, dass wir, trotz der 
jetzigen Aussprache es vorgezogen haben , an der früheren oder an dem 
ursprünglichen Verhältnisse des Alphabetes festzuhalten, indem wir überzeugt 
sind, dass das letztere sicherer sei , und die alte Schreibart so vieler Eigen- 
namen sowohl als Überhaupt die ursprüngliche Harmonie des armenischen 
Alphabets mit denen des Abendlandes nicht stört, und folglich haben wir das 
pi durch b (nicht p), das S» durch g (nicht k), das 1) durch * (nicht g), das 
ß» durch ih u. s.w. gegeben; so haben wir Rüben, Thagauor, Kostantin u.s.w. 
geschrieben, statt Hupen, Takauor, Oosdantin u. s. w. zu schreiben, wie 
manche, gestützt auf die heutige Aussprache, es thun. Ferner haben wir 
das *fi durch li ausgedrückt. Das t^ welchem man schlechtweg den Gut- 
turallaut gh oder den eines arabischen £ beilegt, geben wir hier durch ein 1, 

um es von einem blossen 1,(0 zu unterscheiden als auch zu bezeigen, 
dass es dem 1 oder einem weichen I gleichkommt, wie die Vergleichungen 
bestätigen. Demnach haben wir den hier oft wiederholten Namen *BU1JVK 
(Stadt) nicht Kaghak sondern K'aiak 4 umschrieben. Das « haben wir 
statt des armenischen £, das t statt \* das <f« statt \p gebraucht. 



284 P- Clemens Sibiljan. 

Armenier) AlrfMlMT fWMIMIP AU«»» (Hethum tha- 
gauor Hajoz, d. i. Hethum, König der Armenier). Ferner auf dem 
Revers der bisher bekannten rubenischen Münzen fand sich zur Be- 
zeichnung des Prägeortes immer die Formel: f KbWil^l* MM1" 
'1 JlM^b 1* 1IMJ (schinjal i Raiatn i Sis, d."i. fabricirt in der 
Stadt Sis), (\Kt,UV b MMl'lJWVbMIWI (schinads i ta- 
IaRn i Sis, d. i., fabricirt [nach einer vulgären Form der vergan- 
genen Zeit] in der Stadt Sis), während die vorliegende Münze das 
passendere und classische ^JlSl^Ul^ (hatjal) deutlich darbietet, 
da der Infinitiv «iJlSlTlilH^ (hatauel, schneiden) aus welchem das 
vergangene ^1181*111 ,* (hatjal, geschnitten) abgeleitet ist, bei den 
armenischen Classikern auch besonders für („Münzen) prägen" oder 
„schlagen" gebraucht wird, während f J*'lil/|^ (schinel) eigentlich 
dem deutschen „bauen, erbauen" entspricht, und nur nach einem an 
die Vulgärsprache sich annähernden Sinne schlechtweg „machen, 
verarbeiten, fabriciren" bedeutet. Noch eine andere Münze befindet 
sich in unserer Sammlung, deren Avers -Umschrift J 1*11*1*1* frMV 
€ hUMIl"l % «U'Htt (Leoui thagauori Haoz) im Genitiv steht, und 
mit der oben erwähnten Münze übereinstimmt ; auf dem Revers aber 
sind die ersten Buchstaben der Umschrift beschädigt, doch «i, und \\ 
mehr zu lesen, als (* l'|, (schin), und man liest bloss deutlich .... 
1?U1J» *MVUWV|, UM1 ( . . . . jal i Halalin Sis). 

Eine ähnliche ebenso kupferne Münze , was den Typus betrifft, 
findet sich auch bei Sestini, Tab. II, Nr. 3, er liest die Umschrift 
des Reverses: f ^"1*1/1*1 (schinjal) , wo auf der Abbildung nicht 
zu bestimmen ist, ob das Wort f J*I*1*U1 (schinjal) ist, oder 
«JXÄl^UK (Ml a 0- Brosset zweifelte an der Existenz eines 
solchen Typus, da aber schon fünf Münzen mit gleichem Typus, wenn 
auch mit Varianten in der Umschrift bekannt sind , so ist kein Grund 
mehr vorhanden, an der Existenz dieses Typus länger zu zweifeln. 

Was den Grund anbetrifft, warum wir diese Münze Leon III. 
zuschreiben, so ist er von der Grösse der Münze hergenommen, die 
mit der der mittleren Kupfermünzen Hethum's I. zusammentrifft, und 
daher wohl seinem Nachfolger zuzuschreiben ist, da ein aufmerk- 
sames Betrachten der Kupfermünzen der rubenischen Dynastie her- 
ausstellt, dass die ersten Kupfermünzen derselben die grössten sind, 
und mit der Zeit immer kleiner werden, wie sich jeder in einer 
reichen Sammlung leicht überzeugen kann. 



Über 17 unedirte Möiwen der rubeniacben Dynastie. 285 

Einen zweiten noch überzeugenderen Grand finden wir darin, 
dass auf dieser Münze wie auf den schon bekannten Silbermünzen 
Leon 's III. der Name 1 J^lfl* (L6on) ohne den Buchstaben |* (hiun 
== y oder u) geschrieben ist. Die Umschrift der erwähnten Silber- 
münzen lautet nämlich: IJ^ffb fcM'/httMU 1 Wn/tiWtti 
«lUCMKl (L£on thagauor amenajn Hajoz , d. i. Leon, König aller 
Armenier). Eben in solcher Schreibart erscheint der Name Leon's ID. 
auch in dem mit den Genuesern im Jahre 1288 abgeschlossenen 
Tractate, während dem Namen der übrigen Leone das 1* (hiun) oder 
l| (w) niemals fehlt, indem er immer | j^MPt* (Lewon) ge- 
schrieben wird , wie in dem von Leon Y. mit den Sicilianern ge- 
schlossenen Vertrage yon (fl* c h7^1^— 1330) und auf den Mün- 
zen der übrigen Leone. Wir glauben , zur Erhärtung unserer Ansicht 
wird auch nicht wenig beitragen der Umstand, dass der Löwe nach 
links schreitet, wie es nur auf den Silbermfinzen Leons III. der 
Fall ist Diese Gründe zusammengefasst, glauben wir, dass die vor- 
liegende Münze Leon III. zuzuschreiben sei, wenn auch weder Kraut 
noch Langlois Kupfermünzen yon ihm nachgewiesen haben. Auch 
ist es sehr unwahrscheinlich, dass Leon III. in der langen Regierung 
Yon 21 Jahren keine Kupfermünzen geschlagen haben sollte, wie 
dies seine Zeitgenossen genug gethan. 

Sembat (1296—1298). 

Nr. 3. Ay. f ... Kg frM'/MH 1 -itt« 0- * thagor Haj) der 
König mit der Krone sitzend auf einem Yon zwei Löwen ge- 
stützten Throne. In der rechten Hand den Reichsapfel mit dem 
Kreuze , in der linken Lilien oder Scepter haltend. 

R*. t HlUll - frM^li UlKSttbV (garo • thbn Astuz) 
das Doppelkreuz zwischen zwei aufsteigenden Löwen. Durch- 
bohrt A. 

Cabinet der Mechitharieten-Congregation in Wien. 

Diese Silbermünze hat einen grossen Werth bei den Münz- 
kundigen, da bisher noch keine Münze veröffentlicht war, die auf eine 
zuverlässige Weise dem Könige Sfembat zugeschrieben werden 
konnte. Es ist wahr, Sestini in seiner Beschreibung (Tom. II, Tab. II, 
Nr. 6) führt auch eine als S&nbat zugehörige Silbermünze an ; es 
ist aber nunmehr allgemein bekannt, dass sie gar keine armenische, 
sondern eine serbische ist. 



286 P. Clemens Siblljan. 

Vdn den Münzen seines Vorgängers Leon III. und von denen 
seiner Nachfolger unterscheidet sich die vorliegende dadurch, dass 
auf jenen der König immer zu Pferde dargestellt ist, während er hier 
auf dem Throne sitzt, wie auf dem gewöhnlichen Typus Leon B. 
Merkwürdig ist auf unserer Münze auch die Abkürzung: frH^hflP 
(thagor) fflr frMVH'WM* (thagauor), welche Abkürzung wir auf 
den Münzen der früheren Könige unter ISO Stücken nur zweimal 
gefunden haben, nämlich auf einer Münze im asiatischen Museum zu 
St. Petersburg und auf einer im National-Cabinete zu Paris. 

Die Arbeit dieser neuen Münze ist ziemlich roh , so dass man 
beim ersten Anblick gleich bemerkt, dass sie eine ganz andere 
Fabrication als die Münzen Leon II. hat , mit denen sie nur in der 
Grösse übereinstimmt. 

Nr. 4. Av. + iHTIMUi fWMlNIT ±11 (S*n**t thagauor Ha.) 
Der König mit der Krone zu Pferde nach rechts reitend, in der 
rechten Hand eine Lanze mit lilienähnlicher Spitze. 

Rv. + C-h HMVIJ>ft h »••• (»eh i iaiat 

i Si . . ) Lateinisches Kreuz , mit 4 langen Strahlen in Form 
von Lanzen oder Lilien. iE. 

Cabinet d«r Mechitharitfen - Congrtgatioo in Wien. 

Diese vortrefflich erhaltene Münze lässt keinen Zweifel auf- 
kommen ; der Name des Königs IHFINRÄ (S&nbat) ist vollkommen 
deutlich, nur sind die beiden ersten Buchstaben zusammengezogen. 
Der Styl ist fein und die Form der Buchstaben ist verhältnissmässig. 
Auch die Kupfermünzen, welche Sestini (Nr. 8) und Broaset (Nr. 18) 
veröffentlicht haben, gehören offenbar dem König Stimbat an; da 
aber die beiden Schriftsteller mit den armenischen Schriftzügen 
nicht hinlänglich vertraut waren , und indem der Name des Königs 
auf ihren Exemplaren halb verwischt war, so vermochten sie ihn 
nicht zu entziffern. Sestini schreibt die Münze Constantin IL zu, und 
Brosset gesteht, dass der Name auf seiner Münze ganz unlesbar sei, 
jedoch auf der Münze Sestini 1 « sind die letzten zwei Buchstaben des 
Namens : UtJT*U8 (Sembat), nämlich \\8 (at), welche den ersten 
Buchstaben des Wortes frHVl^Mll* (thagauor) vorangehen, 
und auf der Brosset' s der Anfangsbuchstabe \) deutlich zu lesen, 
so dass aus der Form des Beverses und aus den Anfangs- und 
Ende -Buchstaben dieser beiden Münzen notwendiger Weise zu 



Über 1 7 uneäirte Mftnten der rnbentoben Dynastie. 28? 

folgern ist, das* sie König Sfcmbat, dem einzigen dieses Namens» 
angeboren. 

Nr. 6. Av. f inflMUi fMi'MIP ^ (S*mbat thagor H . . .) die- 
selbe Vorstellung. 

R*. f f JKliHK HMVI j: % *< 11 (Schinal KalaK. S.) die- 
selbe Vorstellung. IR. 

Cabinet dar Mechitharisten-Congrefation in Wien. 
Ob auch die Hauptvorstellung dieser Münze dieselbe isK wie 
die der vorhergehenden, so hat sie doch einige Unterschiede, nämlich 
in der Trennung der Buchstaben 1) und |Jt Auch ist die Arbeit 
roher. Der Name frM^MM* (thagor) ist ganz wie der der Silber- 
mflnze Stimbat's. Die Form der Buchstaben hat nicht dieselbe Fein- 
heit, wie auf der Kupfermünze Nr. 4. Das Pferd des Königs gleicht 
kaum einem Pferde, das Kreuz der Rückseite ist einfacher, es ist 
nämlich nicht mit Punkten verziert. Beide eben beschriebenen Kupfer- 
münzen sind kleiner und dünner, als die Hethnm II. zugeschriebenen. 
Die Kupfermünzen SSmhat's sind jetzt ziemlich hfiufig. Die 
obigen Bemerkungen gelten auch von den Kupfermünzen in unserer 
Sammlung, wie auch von zwei anderen bei Herrn Timoni in Wien, 
wo man aber bald: (\Kl#1?K 1* MMV)]>fl («chinel i KalaK), 
bald r KlJ^K ^MVIJVP* (schinel taiaE) findet. In dem 
königl. Cabinete zu Berlin befinden sich ebenfalls drei Kupfermünzen 
S&nbat's, auf zweien derselben sind die Buchstaben || und ff* ver- 
bunden, und statt des frHVbtt WM' (thagauor) scheint es fcHf/MM* 
(thagor) zu sein, die dritte, deren Avers verdorben ist, lftsst sich 
nur nach dem Revers bestimmen, in weichem sich die Münzen S8m- 
bat's von denen aller übrigen Könige derselben Dynastie unterschei- 
den, nämlich darin, dass die Strahlen des Kreuzes in Form einer 
Lanze gebildet und so lang als die Seiten des Kreuzes sind. Oft 
findet man an den Enden und dicht am Centrum des Kreuzes kleine 
Punkte. In Bezug auf die Arbeit sind die Berliner Kupfermünzen 
Sftnbat's mittelmäßig zu nennen. Alle Kupfermünzen S&nbat's sind 
in der Grösse gleich. 

Die Kleinheit und Dünne der Kupfermünzen Sftmbats werfen 
nicht wenig Licht auf die Classification der Kupfermünzen der rube- 
nischen Dynastie. Auch die Umschrift der Samba fachen Münzen 
trägt wegen ihrer bedeutenden Verschiedenheit von den Münzen der frü- 
heren Könige sehr viel zur Erleichterung der richtigen Einreihung der 



288 P- Clemens Sibiljan. 

rubenischen Münzen bei. Erstens findet sich das Wort f<H* < M*M)P 
(thagauor) auf dem Avers der Münzen S 8 m ba t's häufiger frH^MH 1 
(thagor), auf dem Revers aber sieht man statt des regelmässigen 
fJKtffoUl (schinjal, d. i. fabricirt) der froheren Münzen, bald 
C JKliW^ (schinel) bald CJ^foHl (schinal), welche beide eine 
Abkürzung des f JKMMVU (schinjal) sind. Diese Bemerkung 
über die Umschrift der S 8m bat' sehen Münzen wird eine nicht ge- 
ringe*Hfilfe leisten, um zu bestimmen, ob eine rubenische Münze vor 
oder nach SSmbat geprägt sei, denn vor S&nbat auf den Münzen 
Leon II. , Hethum I. und Leon III. findet sich immer f KM^IH 
(schinjal), während von der Zeit S 8 m bat's angefangen, man eine 
Abweichung von den früheren sieht, indem bald (* Kbl^l^ ( sc hi~ 
nel) bald f" JKliUl (schinal) , bald (nach vulgärischer Form der 
vergangenen Zeit, f J»*|fUl (whinal) und sehr selten f J**| f IjI^ 
(schinjal) sich findet, so dass auf vierzehn Münzen der letzten Ko- 
stantine auch nicht ein einziges Mulf ff | f 1?l*1 (schinjal) Vorkommt. 

Leo IV. (1305 — 1307). 

Nr, 6. Av. + 1 \?UTl, OT/hCNM 1 AUOiltt (^ewon *■- 
gauor Hajoz). Der König mit der Krone zu Pferde, nach rechts 
reitend; in der rechten Hand ein Kreuz, im Felde drei 
Puncte (.-.). 

Rv + CFbWiK W/MVP'li UNI (^hinjal Halalin 
Sis). Ein Löwe ohne Krone nach rechts schreitend, auf dem 
Rücken desselben ein Kreuz , im Felde ein Punkt. M. 

Cabinet der Mechitbaristen-Congreg&tion in Wien. 

Noch keine der bisher veröffentlichten Münzen ist König 
Leon IV. zugeschrieben worden. Zur Erforschung des Grundes, 
warum wir die vorliegende dem genannten Könige beilegen zu müs- 
sen glauben, dürfte es nothwendig sein, im Allgemeinen über die 
Silbermünzen, die den Namen „Leon" mit dem Könige zu Pferde 
tragen, zu sprechen. Es finden sich nämlich drei auffallende Unter- 
schiede unter denselben. 

I. Einige tragen die Umschrift 1 J/Iftf frM'/httWM 1 1HT1* 
*hVXTU «UUiH{> (Leon thagauor amenajn Hajoz). Die Arbeit 
dieser Münzen ist fein und zart, der Kopf des Löwen auf dem Revers 
erscheint mit der Krone herausschauend, und die meisten der Löwen 
schreiten nach links. Auf diesen Silbermünzen ist das Kreuz, sowohl 



Ober 17 unedirte MQhmd der rubeniachen Dynastie. 289 

das in der Hand des Königs» als jenes auf dem Rücken des Löwen 
im Revers ein Doppelkreuz. Es finden sich auch manche ähnliche 
Silbermünzen, auf denen die Form und Grösse der gekrönten Löwen 
und das Doppelkreuz ganz gleich den ersteren sind, die Umschrift 
aber lautet: 1 J?hlTU frMybUMll* ±VAUU\ (Lewon thagauor 
Hajoz, d. i. Leon, König der Armenier), es fehlt hier nämlich 
das Wort lUTI/lfUCrii (amenajn, alle). Die gekrönten Löwen ge- 
hören in die ersten Zeiten der rubenischen Dynastie, wie man aus 
den Kupfermünzen Leon's IL und den im Namen des Königs He- 
thum's I. und der Königinn Zabel geprägten, Löwen tragenden Silber- 
münzen ersieht. 

II. Andere, die die Umschrift lJ^Mfli fNVMlhflP 
«iliftfltt (Lewon thagauor Hajoz) tragen , und wo der Löwe des 
Reverses nicht gekrönt ist, und rechts schaut, sind gleich den Silber- 
münzen des Königs Auschin; die Form der Buchstaben, der Styl der 
Arbeit und der Feingehalt mittelmässig, so dass man sie wohl für 
später , als Leon III., halten rauss ; sie sind aber ia jeder Beziehung 
viel schöner und kunstvoller als die Silbermünzen der letzten Leone. 
Auf den Silbermünzen dieser zweiten Classe finden sich immer drei 
Puncte (.-.) im Felde. Der Kopf des Königs ist immer sehr schmal, 
und das Gesicht durch Puncte deutlich bezeichnet. 

III. Die Silbermünzen der dritten Classe aber haben in Hinsicht des 
Styles und der Form der Buchstaben und des Pferdes dieselbe Arbeit 
mit den Silbermünzen Auschin's, so dass sie, falls die Umschrift ver- 
wischt und der Name unleserlich wäre, höchst schwierig zu be- 
stimmen sein würden , ob sie Auschin oder Leon zuzuschreiben sind. 
Diese letzten Leone haben häufig im Felde unerklärbare Zeichen 
M . a. ». c, wie sie sich auch durchgängig auf den Silber- 
münzen Auschin's finden. 

Die erste dieser drei Classen wird daher Leon OL, die letzte 
Leon V., dem Zeitgenossen Auschin's zuzuschreiben sein, und die 
von uns hier mitgetheilte, welche die Mitte der ersten und der dritten 
Reihen, oder vielmehr den Übergang von einer zur andern bildet, 
kann daher keinem andern als Leon IV. angehören. Vier Stücke von 
dieser Münze befinden sich in dem Cabinete der Mechitharisten-Con- 
gregation in Wien, und eines in der Sammlung des Herrn Timoni. 
Diese Münzen sind übrigens selten, was einen neuen Grund gibt , sie 
Leon IV., der nur drei Jahre regierte, zuzuschreiben, während die 



290 I** Clemens Sibiljftii. 

Münzen, welche Leon V., der zweiundzwanzig Jahre lang regierte, 
zugeschrieben werden, häufiger sind. Alle diese fonf Silbermünzen 
haben in der Umschrift kleine Unterschiede gegen einander, was die 
verschiedene Prägung einer jeden derselben beurkundet. 

Auschin (1308-1320). 

Nr. 7 a. Av. f EM» J*|, frM'/httMN' AUO (Auschin thagauor 
Haj.) der König mit der Krone zu Pferde, nach rechts reitend, 
unter dem Kopfe des Pferdes das Zeichen 3 , im Felde ein Punkt. 

»v. ff JtbfrK h Htr/I JWVb «Hl (ScKnel i talaftn 
Sis) Ein Löwe ohne Krone nach rechts schreitend, auf dem 
Racken ein Kreuz. /R. 

Cafcinet der MachUharittsn-CongrtgatUMi iu Wien. 

Die gewöhnliche Legende auf dem Revers der Silbermünzen 
Auschin's ist (\K|pl'\p(schinads) oder f J?btl\y»l* (schinads e) 
wie alle bisher bekannten Münzen haben, nur auf der gegenwärtigen 
sehr wohl erhaltenen liest man (\K|fIj1^ (achinel) wie auch auf 
einer andern kleinen Kupfermünze Auschin's (Nr. 1 &.), die sich 
in derselben Sammlung befindet. Auf einer in letalerer Zeit von 
Langlois veröffentlichten Kupfermünze Auschin's ist, da die Münze 
beschädigt ist, nicht zu erkennen, ob sie CJKMH^ (achtnei) oder 
rjKltU\p (schinads) hat. 

Die von Langlois in seiuer Schrift: „Essais sur les monnaies 
Rubeniennes 18S0" als unedirt veröffentlichte Silbermünze Auschin's 
(Nr. 34) stellt sich nach genauer Betrachtung als dieselbe heraus, 
welche Kraft unter Nr. 53 veröffentlicht hatte-. Auch Langlois' Be- 
schreibung ist nicht vollkommen treu; -da die auf der Tafel abge- 
bildete Münze mit der erwähnten bei Kraft vollkommen überein- 
stimmt, Langlois über die Revers-Umschrift gelesen hat, wie folgt 
UM\Kl* fWhGNM 1 ±VAl (Auschin thagauor Haj), wäh- 
rend man doch auf der Abbildung deutlich liest : UM\Kt# frMl 
'M'MM 1 -U*<MI (Auschin thagauor Hajo), wie auch bei Kraft 
steht, und auf dem Revers hat er gelesen f JKltUVH^ b 4MVI Vir 
HM1 (»ehinadsl i liaiafta) statt f>1 f UV 1? h MMVIjVH IIb 
(schinads e i ftaiaÜ Si), indem die beiden letzten Buchstaben \) 
und IP verbunden sind, wie auch bei Kraft Tab. 1, Nr. S3. Wer die 
beiden Abbildungen vergleicht, wird sich leicht von der Identität 
derselben überzeugen. 



Über 17 uuedirte MflnxeD der mbeniachen Dyntatie. 291 

Unter den von Ausehin bekannten Kupfermünzen finden sich* 
welche auf der Umsehrift des Reverses f J»*| f |^\]fi(schinads) haben, 
so in unserer Sammlung. Manchmal haben sie auch f Kbl?l 
(schinel) wie oben gesagt. Ans dieser Thatsaehe folgt natürlicher- 
weise, dass auf den Münzen Auschin's die Revers-Umschrift nicht 
immer CJfuV^if* (schinads) ist, sondern manchmal auch fJKlitel^ 
(schinel) sowohl auf den Silbermünzen als Kupfermünzen. 

Die Kupfermünzen Auschin's, fünf an der Zahl, sind alle klein 
und dünn. Der Typus derselben unterscheidet sich Ton dem seiner 
unmittelbaren Vorgänger dadurch, dass der König hier auf dem 
Throne sitzt, die Füsse bis zur Erde reichend, während seine unmit- 
telbaren Vorgänger (Leon IV. und Hethum II.) immer mit gekreuzten 
Beinen auf dem Boden sitzen. 

Lee V. (1320- 1342). 

Nr. 8. Ar. + 1>Mn, MWMIMM* AU Owon thagauor Ha.) 
Der König mit der Krone sitzt auf dem Throne utt schaut 
heraus, die Füsse reichen bis auf die Erde, in der rechten 
Hand hält er den Reichsapfel mit dem Kreuze; links eine Lilie 
mit langem Stiel, oder ein Scepter in Form einer Lilie. 

Rv. f J*bM m h Wl JIM* »Hl ( Schi « el « *** «■•) 

Lateinisches Kreuz mit kleinen Strahlen, an den Spitzen der 
Kreuzesarme vier Punkte. 

Cabioet der Bibliothek zu Paris. 

Diese seltene Münze, obgleich sie sich im genannten Cabinete 
zu Paris befindet, ist dennoch vom Herrn Lang lois nicht veröf- 
fentlicht wovde«. Eine dieser Münze ähnliche findet sich auch im 
k. Cabinete zu Berlin. In der Umschrift unterscheiden sie sich etwas. 
Die Arbeit beider Münzen ist schön und rein, in der Grösse gleich 
jener Leoa's IV. Wir schreiben sie Leon V. zu, weil der König 
nicht mit gekreuzten Beinen auf dem Boden sitzt, wie man auf den 
Münze« Uethum's II. und den ebenso geformten Leonen sieht, son- 
dern auf dem Throne, die Füsse bis zur Erde reichend ; ein Typus, 
der von den oben beschriebenen Münzen Auschin's hergenommen 
zu sein seheint. Man könnte sich vielleicht versucht fühlen, diese 
Münze einem der früheren Leone zuzuschreiben; wir halten jedoch 
unsere Classification fifr eine noch wahrscheinlichere, indem der auf 
dem Throne sitaende König, und die sprachlich verdorbene Form 



292 P. Clemens SibUjan. 

CJKbl/l^ (schinel) and das regelmässige lateinische Kreuz mit 
kleinen Strahlen, auf die letzten Zeiten der Dynastie mehr hinweisen. 

Nr. 9. Av. f 1 Jrhfrb IWH1MM 1 ±VAl (Lewon thaganor 
Haj) der König am Throne sitzend , im Übrigen wie die vor- 
hergehende Münze. 

Rv. + fJKbWlK 1* WIJM^b (Schinjal i talatn) 
Lateinisches Kreuz mit kleinen Strahlen. M. 

Cabine' der Mecbitbaristen-Congregation in Wien. 

Diese Münze hat im Ganzen diegrösste Ähnlichkeit mit der vor- 
hergehenden, insbesondere in Bezug auf die Form des Thrones; sie 
ist aber kleiner als diese» und kommt somit in ihrer kleinen Form 
den in den letzten Zeiten der Dynastie geprägten Kupfermünzen 
gleich. Im Felde ist ein Punct. Wir besitzen noch zwei andere 
kleine Kupfermünzen , die dieser ähnlich sind, auf deren Avers die 
Könige am Throne sitzen , die Füsse zur Erde reichend. Was aber 
die Ums^rift dieser beiden kleinen Kupfermünzen anlangt, so haben 
sie manche Verschiedenheit; die Arbeit jedoch ist ziemlich fein und 
man kann sie daher mit der gegenwärtigen Münze in dieselbe Classi- 
fication einreihen. 

Nr. 10. Av. f lJ^MMf (Lewon ) Der König mit der 

Krone schaut heraus, auf dem Throne sitzend, die Hände in 
gleicher Höhe haltend, zur Rechten das Kreuz zur Linken die Lilie. 

»▼• t rjKlfWlU 1* W/l JIM* 111* (Schinjal i Halali 
Si). Lateinisches Kreuz, die zwei Puncte nahe der Mitte des 

Kreuzes. JE. 

Cabinet der Meehitharisien-CongregaUon in Wien. 

Beim ersten Anblicke zeigt diese Münze eine grosse Ähnlich- 
keit mit den Kupfermünzen Auschin's, wo der König ebenfalls auf 
dem Throne sitzt und die Hände in die Höhe hält, und in jeder Be- 
ziehung ist sie den Kupfermünzen Auschin's so täuschend ähnlich» 
dass man bei verwischter Umschrift sie gewiss für eine Münze Au- 
schin's halten könnte, wir trafen aber einige gut erhaltene Stücke 
davon, aufweichen wir den Namen Leon deutlich gelesen, und dar- 
aus geschlossen haben, dass es Leon V., dem unmittelbaren Nach- 
folger und Sohne Auschin's, angehört. Wir kennen vier Exemplare 
dieser Münze, die alle in unserem Cabinete sich befinden. Eines von 
diesen hat auf der Rückseite vier Puncte nahe der Mitte; ein anderes 



Über 17 unedirte Möiistn der rubenUchen Dynastie. 293 

mit vier kurzen Strahlen. Der Grösse nach sind diese Münzen gleich de- 
nen Auschin's, was den Beweis liefert, dass dieRubenier so kleine und 
dünne Münzen, wie die Kreuzfahrer, geschlagen haben. Diese vier rube- 
nisehen Münzen sind wahrscheinlich kleiner als die schlechtweg «J»»^ 
(Phol oder Jy) und '1*«äj. (Dang oder Jilj) genannten Münzen. 

Guide. 

Nr. 11. Av. + 1|1% JcH'/l- (Gui thag ) Der König mit 

der Krone rechts reitend, in der Hand einen Scepter haltend, 
im Felde an beiden Seiten des Königs zwei Ringe. 

Ry. f ^. l v . . 1). . .) (seh ... 1 S.) Ein Löwe 

rechts schauend, auf dem Rücken ein Kreuz. M 

Cabinet der Mechitharisten-Congregation in Wien. 

Quiton oder Guidon oder Guid, Bruder Costantin's IB., wurde 
nach dessen Ableben zum Könige der Armenier ausgerufen, aber 
nachdem er unter Unruhen zwei Jahre lang regiert hatte, wurde 
er getödtet Seine Münzen waren bis jetzt noch nicht aufgefunden, 
und eine Lücke in der Serie der Münzen rubenischer Könige wurde 
durch dieses Unicum zum Theil glücklich ausgefüllt. Obwohl diese 
Münze nicht gut erhalten ist, so sind doch der Name des Königs und 
die drei ersten Buchstaben des Wortes fd»n € |*l'MlP (thagauor) 
sehr deutlich, was die Classification, in die wir sie einreihen wollen, 
erleichtert. Das fremde Wort Guido wird bei armenischen Ge- 
schichtsschreibern llhtfin» (Guidon) und öfters als Verkürzung des 
ursprünglichen Namens Guido \H*$ (Guit) gebraucht. Auf der vor- 
liegenden Münze fehlt aber der letzte Buchstabe und nur \\\* (Gui) 
ist zu lesen. Dieser Umstand kann aber nicht im mindesten veran- 
lassen, dass wir nicht behaupten dürfen, dass diese Münze ohne allen 
Zweifel die des Königs Guido sei; denn 1., das Wort 1]^ (Gui) geht 
dem Worte frM^WlWM 1 (thagauor) (König) unmittelbar vor; 
2. die Verkürzung oder Endung \\\* (Gui) finden wir in keinem 
Namen anderer Könige vor, nicht einmal treffen wir irgendwo in 
einem anderen Namen diese zwei Buchstaben beisammen ; 3. dieser 
Name Guido heisst bei den Franzosen auch Gui, daher ist es wahr- 
scheinlich, dass auch der König, welcher ein Franzose aus dem 
Hause Lusignan war, sich desselben bedient habe; 4. die Auslassung 
der Buchstaben in der Umschrift der rubenischen und besonders in 
den letzten Zeiten geprägten Münzen ist ganz allgemein ; 5. was die 

SiUb. d. phil.-hUt. Cl. Vlll. Bd. III. Hit. 20 



294 P- Clemens Sibiljan. 

Arbeit dieser Mflnze anlangt, so ist sie mit jenen silbernen Münzen 
Costantin's ganz ähnlich , die auf dem Felde drei Pnncte haben ; 
auch die Form des Pferdes ist gani dieselbe, die wir auf den Mün- 
zen der Costantine gewahr werden, da, wie bekannt, auch Guido in 
die Zeit der letzten Costantine fällt ; Die Umschrift der Rückseite 
ist unleserlich, aber die in der Umschrift Ton beiden Seiten des Re- 
verses liegenden f^(sch) und |) (s) Buchstaben zeigen genug, das» 
es die gewöhnliche Legende der Rückseite sei, nämlich: TJKblrUK 
h MMVI JIM^ 1IM (schinjal i KaiaR Sis). 

Alle diese Wahrscheinlichkeitsgründe verleihen unserer Ansicht 
und Behauptung einen festen Boden, dessen ungeachtet wünschen 
wir, dass noch besser erhaltene Stücke von dieser Münze aufgefunden 
werden mögen, damit wir desto klarere und genauere Kenntniss von 
den Münzen des Königs Guidon erlangen können. 

Diese seltene Silbermünze sammt noch anderen sieben Stücken 
Silber- und drei Stücken Kupfermünzen der rubenischen Dynastie 
hat uns Herr Khatschik Mekertitschjan (Christophe von Baptiste), 
ein edler Armenier, gegenwärtig englischer Vice-Consul in Bagdad 
mit seltener Uneigennützigkeit zum Geschenke gesandt, um zur Ver- 
vollständigung der Classification der armenischen Münzen freiwillig 
beizutragen, woftlr wir ihm unsern inaigen Dank schulden. 

Cestanttn *). 

Nr. 12. Av. f IU1US - - V** l h ( Cost %)• Der K5ni £ rait der 

Krone rechts reitend. Im Felde der Buchstabe f- und drei Puncte. 
R^ f CyuWK 1* *MV.UM<> 11 (Schinal i tala* S.) 
Ein Löwe ohne Krone, rechts gehend, auf dem Rücken ein 
vilreckiges Kreuz. JR. Durchbohrt. 

Cabinet der Mechitharisten-Congregatfon in Wien. 

Merkwürdig ist diese Münze wegen des im Felde des 
Averses sich deutlich befindenden Buchstaben f. (g), dessen eigent- 
liche Bedeutung nicht bekannt ist; er lässt zwei Deutungsarten zu. 
Er ist entweder als Ordnungszahl zu fassen, dann zeigt er die Zahl III 
an, oder als Anfangsbuchstabe des Namens des Stempelschneiders» 

*) Die Münzen, welche den Namen Costantin tragen, gehören drei Königen 
diese* Namen*; wir verschieben die Classification dieser MOmen auf eine 
andere Zeit, «ad darum auch bestimmen wir hier nieht. welchem der Costan- 
tine die hier veröffentlichten Münzen angehören. 



Ober 17 unedirte Münxen der rubenitthen DyntaUe. 295 

da es doch unzulässig erscheint, ihn für zufällig und bedeutungslos 
iu halten. Das erstere würde wahrscheinlicher sein, wenn es nicht 
eine grosse Schwierigkeit in dem Umstände begegnete, dass sich auf 
den rubenischen Münzen niemals eine solche Ordnungszahl findet, 
wie auch auf keiner der gleichzeitigen Münzen der Kreuzfahrer, und 
Oberhaupt jener Gegenden, welche den rubenischen Münzen als 
Modell dienten, und es kaum glaublich erscheinen dürfte, dass die 
Rubenier auf ihren Münzen etwas zu ihrer Zeit ganz ungewöhnliches 
angebracht hätten. Es bleibt uns daher nur übrig, das f. (g) für den 
Anfangsbuchstaben des Namens des Stempelschneiders zu halten. 
Dagegen lässt sich aber ebenfalls anführen, dass auch dies auf den 
Münzen jener Zeit etwas ganz ungewöhnliches ist. Wir theilen auch 
dieselbe Meinung, wir haben aber diesen unsern Gedanken hier nur 
ausgesprochen» um die Aufmerksamkeit der Numismatiker auf diesen 
Punct zu leiten, der vielleicht durch Yergleichung mit anderen der- 
artigen Münzen eine bessere Erklärung erlangen wird. Die drei 
Puncte im Felde des Averses, finden sich auch auf einer andern 
Münze unserer Sammlung, welche Kraflt Nr. 56 veröffentlichte, 
deren Umschrift er aber nicht entziffern konnte. Er liest nämlich; 

Av. llfUIitfM* 'ff KH (Costba . . . nth) und Rv. •|,fcl% 

b U\b (nau i In) statt l||)l]#IVKt' #- (Costönt'n th) 

&▼• rj^lfUKb MMl'U* O chinal i ia ' a )- Da Langlois, Nr. 30, 
diese Münze wieder abgedruckt hat, so finden wir uns veranlasst 
diesen Irrthum hier zu berichtigen, damit er nicht noch weiter ver- 
breitet werde, und zu unnöthigen Hypothesen Anlass gebe, oder eine 
besondere Varietät bilde. < 

Nr. 13. Av. f 1HKS (8-118) Itl/Wb M* ^ (CostSntin 
thk. H) der König mit der Krone zu Pferde, nach rechts rei- 
tend, zwischen den Füssen des Pferdes im Felde die Buch- 
staben 1^ (L) und 1/ (E). 

Rv. i CyuWK V *WHJ1*H Hl* (Schinjal i Sa- 
lafc Si.) Ein Löwe ohne Krone rechts gehend, auf dem Rücken 
desselben ein gleichschenkliges Kreuz, im Felde 1 v AR. Durch- 
bohrt. 

Cabinet der Neehithuriftten-CongregaUon in Wien. 

Sowohl auf dem Avers dieser Münze sind die Buchstaben \) 
(S) und $ (T) als auch auf dem Revers die Buchstaben \\ (A) und 

20* 



296 P Clement Sibiljan. 

1^ (L) vereinigt. Die erwähnte Münze ist wieder wegen der in 
Felde befindlichen Buchstaben 1^(L) und \? (E) merkwürdig, von 
denen wir vielleicht in einer Beziehung dasselbe behaupten können, 
als wir oben (Nr. 12) ober den Buchstaben <)i gesagt haben, dass 
sie nämlich die ersten zwei Buchstaben des Namens Leon, des Stein- 
pelschneiders, seien. Zu bemerken ist, dass sich auf den Mflnzen 
dieses und der übrigen Costantine häufig unbekannte Charaktere 
und besonders das Arabische j mit oder ohne Punct finden. 

Nr. 14. Av. f lifUKS • • • Kl* IWMM 1 All« (Cost . . . 
in thagor Hoz) Der König mit der Krone zu Pferde nach rechts 
reitend, dieses Zeichen j zwischen den Fassen des Pferdes. 

R* + fJKlfl*U h •Ni i L- 1* BMI (SeWnel i faj . . . 
i Sis). Ein Löwe ohne Krone rechts gehend, auf dem Rücken 
ein gleichschenkeliges Kreuz ; zwischen den Füssen des Löwen 
j, im Felde ein grosser Punct. AR. 

Cabinet der MeehitfaarUten-Congregation in Wien. 

Die Umschrift ZS\l\ (Hoz) auf dieser Münze als Abbreviatur 
von «iUCMKi (Hajoz) gebraucht, ist ganz neu und findet sich auch 
auf den anderen Münzen Costantins in obiger Sammlung. Die 
Münze ist aus Billon, obwohl sie als ein gewöhnliches tr—** (dram) 
geprägt ist. Der schlechte Silbergehalt dieser Münze, verbunden 
mit der Dünne derselben, gibt uns einen sicheren Beweis, dass sie 
in den letzten Regierungsjahren Costantin's IV. geprägt ist. Ihr Ge- 
wicht ist gerade die Hälfte des Gewichtes der Silbermünzen aus den 
ersten Zeiten nämlich Leon II., Hethtm I. und Leon III. Obwohl die 
Münze nicht sehr gut erhalten ist, kann man doch ihre grobe und 
barbarische Arbeit deutlich genug erkennen , um zu sagen, dass es 
wenig so grob gearbeitete Münzen gibt. 

Nr. 15. Av. f lifHJ • • • *M« C H) (Cos . . . thago). Die Figur 
des Königs ist eine ungewöhnliche. 

R v- f J*liUk 4MV • WWU • • (Schinal Ha . . aftn . • ) Ein 
lateinisches Kreuz mit kleinen Strahlen. iE. 

Cabinet der Mechithartoten-Congregaiion in Wien. 

Costantin's silberne Münzen sind wohl ziemlich bekannt, doch 
diese Münze so wie auch die folgenden kupfernen, wurden bisher 
nicht edirt, und können als echte von Costantin wirklich berkom- 



Ober 17 unedlrte Manien Aar ruhenischen Dyneatie. 297 

mende betrachtet werden , und verdienen demnach die rolle Beach- 
tung der Münzkundigen. 

Die Leibesgestalt des Königs hat eine ungewöhnliche Form; es 
scheint, dass man ihr die Form eines sitzenden Königs geben wollte, 
indem von beiden Seiten zwei den Armen entsprechende aber un- 
förmliche Gestalten ausgespannt erscheinen, auf einer Hand ein 
Kreuz, auf der andern eine Lilie haltend, die Fasse zur Erde gesenkt. 
Da die Münze jedoch eine ganz ungewöhnliche Figur darstellt, so 
lässt sie vielleicht noch eine andere Ansicht zu. Die Figur scheint 
wie der Länge nach gespalten , so dass es den Anschein hat, als 
stünden zwei Personen neben einander. Dieses ist aber nicht wahr- 
scheinlich , weil sonst fttr zwei Personen nur Ein Kopf vorhanden 
wäre; die Figur ist ziemlich deutlich, aber die Umschrift ist halb 
▼erwischt. Wir besitzen ein zweites Exemplar von derselben Münze, 
deren Figur ganz dieselbe ist, die Umschrift aber sehr mangelhaft, 
so dass nur die untere Hälfte der Buchstaben darauf geprägt er- 
scheint, doch kann man darauf deutlich erkennen am Avers : 1| . • • . 
l^l/M*li frMl (C . . . . «ntin Tha . .) und am Revers: fJKb 
(Schin . . .) 

Das lateinische Kreuz dieser beiden Münzen hat kleine Strahlen 
und ist regelmässig geformt. Der Grösse nach sind diese Münzen 
den kleinen Kupfermünzen Leon V. gleich , wie auch die Arbeit des 
Reverses denselben ganz ähnlich ist. 

Nr. 16 a. Av. f . . . f?|/hKb *K1 • • ( * ntiD tha • • •) Def 

König auf dem Throne, die Füsse herabreichend. 

Rv. + . . . %\?}^ h *IM1 •••(••• Nel i Ua .. .) Lateinisches 
Kreuz mit kleinen Strahlen. iE. 

Cablnet der Mechtthariaten-Congregation In Wien. 

Es befinden sich drei solche Münzen in unserem Cabinete, deren 
zwei, obwohl sehr verwischt und der Name des Königs unlesbar ist, 
jedoch durch manche Buchstaben hie und da und durch die Arbeit 
beurkunden, dass sie ein und demselben Könige angehören. 

Die Figur desselben ist nicht wie die der vorhergebenden, son- 
dern regelmässiger. Auf dieser Münze sind die Buchstaben 

1^1,'hKl* faW • • • gut lesbar und es bleibt daher kein Zweifel, dass 
sie Costantin angehört, weil fjh\\ (tha) offenbar die Anfangsbuch- 
staben des Wortes JiHCM'WM 1 (Thagauor «= König) sind, und weil 



208 P. Clemens SibUjan. 

unter den rubenischen Königen kein Name als der Costantin's mit 
den Buchstaben |*|/M*| f («ntin) endigt. 

Die obere Avers-Seite ist völlig verwischt , daher weder der 
Kopf des Königs noch die Lage der Hände zu ersehen ist; dieses 
vervollständigen aber unser zweites und drittes Exemplar, deren Um- 
schriften wohl verwischt, die Figuren aber deutlich sind, der König* 
beide Arme in gleicher Höhe ausspannend, in der einen ein Kreuz 
und in der andern anscheinend eine Lilie haltend. (Nr. 166.) Auf 
der Revers-Seite aller drei Münzen befindet sich em lateinisches 
Kreuz, auf zweien davon mit kurzen Strahlen, die sich dicht au den 
Mittelpunct des Kreuzes anschliessen; auf dem dritten Stücke, dessen 
Prägung noch roher, ist das Kreuz ohne Strahlen. Alle drei Münzen 
sind äusserst klein und dünn, wie bisher noch keine gesehen wor- 
den sind. Sie sind kaum die Hälfte so gross als die Kupfermünzen 
Auschin's und die kleinen Kupfermünzen Leon V., und die vorher- 
gehende Münze Costantin's (Nr. 15). Ihre Dünne ist in demselben 
Verhältnisse. Es ist unbekannt, wie man damals diese Münze ge- 
nannt hat, doch so' viel scheint gewiss zu sein, dass diese viel kleiner 
sind als 4>-t (Phol) und f |*-*f. (Dang) genannte Münzen. 

Bemerkenswert ist noch auf Costantin's Kupfermünzen , dass 
das lateinische Kreuz der Revers-Seite beinahe immer kleine Strah- 
len dicht am Mittelpuncte bat, welche zuweilen selbst mit dem Mit- 
telpuncte vereinigt sind ; auf den Kupfermünzen Leon's V.ist dasselbe 
zu finden. Drei andere kleine und unbekannte Münzen haben gleich- 
falls dieselbe Revers-Seite. Das lateinische Kreuz auf allen diesen 
Kupfermünzen, wie auf denen Auschin's, ist ganz regelmässig. Aus 
dieser allgemeinen Obersicht lässt sich folgern , dass die Kupfer- 
münzen, welche solche kleine Strahlen und regelmässiges lateinisches 
Kreuz tragen, immer den letzten Zeiten der rubenischen Dynastie 
angehören, während in früheren Zeiten die Kupfermünzen sowohl 
mit Strahlen als auch mit Sternen oder Puncten oder andern Ge- 
stalten versehen waren, hörten diese letztere Zeichen später ganz 
auf und jene erschienen nur noch mit Strahlen. 

Wenn wir die Kupfermünzen der Könige der letzten Zeiten mit 
den Silbermünzen derselben Könige vergleichen, so ersehen wir, dass 
überhaupt die Arbeit sowohl als die Umschrift der ersteren regelmäs- 
siger sind als die der letzteren , wie auch die Kreuze der ersteren 
schöner sind, während die SHbermünzen der ersteren Könige im Yer- 



Ütar 17 unedirte Mfinsen der rubeuloehea ItyoMtie. 290 

gleiche ihrer Kupfermünzen mehr Regelmässigkeit und schönere Ar- 
beit und die Buchstaben deutlichere Formen haben. Sestini in sei- 
nem Werke veröffentlicht die Münze Nr. VIII , Tab. II, als eine 
Kupfermünze Costantin's, wir haben aber oben gezeigt, dass jene 
Münze eigentlich eine Kupfermünze Sembats ist. Ebenfalls Herr 
Langlois in seinem Werke schreibt Costantin eine Kupfermünze 
zu, welche HerrLagoy ihm aus der Stadt Aix schickte und mit einem 
Briefe bekannt gab, dass sie eine Kupfermünze Costantin's sei. Herr 
Langlois hat diese Meinung anerkannt, aber wir haben einen 
grossen Zweifel darüber, weil es unmöglich ist , die in seiner Be- 
schreibung gegebene Umschrift im Abbilde der Münze zu lesen, die 
Umschrift der Revers -Seite aber ganz willkürlich ist. Die Le- 
gende, welche Herr Langlois gibt, ist, Avers: llHU 

€ M1MIP «411 ( c ° s gauor Ha ) und Revers: f JK| f 

1% UW1 (Schin i Sis) , während die Buch- 
staben auf der Abbildung keineswegs auf dieselbe Weise entziffert 
werden können. Wir könnten freilich dieses nicht so fest behaupten, 
wenn wir nicht in Wien drei Exemplare derselben Münzen hät- 
ten, deren eines die Umschrift viel deutlicher hat, als jenes des 
Herrn Langlois, und dennoch lässt es sich nicht auf dieselbe 
Weise erklären. Ebenfalls auf dem Reverse sind deutliche Buch- 
staben sichtbar, aber in solcher Form und in solcher Reihe, dass sie 
ebenfalls nicht so gelesen werden können, wie Herr Langlois 
angibt. 

Die Kupfermasse dieser drei Münzen ist verschieden von der 
andern, nämlich ganz roth. Wir wissen nicht, ob auch die von Herrn 
Langlois von derselben Farbe ist, wir müssen daher alle diese vier 
Münzen in unentziffertem Zustande lassen, bis deutlichere Umschriften 
derselben Münzen oder wenigstens manche entscheidende Buch- 
staben gefunden und auf unzweifelhafte Weise entziffert werden 
können, wodurch unser begründeter Zweifel ganz aufgelöst und die- 
selben Münzen aus ihrem unbekannten Zustande treten, und in gehö- 
rige Classification eingereiht werden können. 

Lee VI. (1365 — 1393). 
Nr. 17. Av. f l^fc.. in, fcK... UM 1 «Ulttll (Le..on, 
th. . .auor Hajo) Der König mit der Krone zu Pferde, nach 
rechts reitend, im Felde |\ 



300 P. ClemeueSibiljan, Über 1 7 uoedirte MQnseu der ruben. Dynastie. 

»▼• + f J^bCK + 1 JlM^b • • • (Schinal i lato .. .) 

Ein Löwe ohne Krone rechts gehend» auf dem Rücken ein 
gleichschenkliges Kreuz; zwischen den Füssen des Löwen AR« 

Cabinet der Meehltharisten-CongregaUoD in Wien. 

In Styl und Arbeit gleicht diese dünne Münze vollkommen der 
Costantin's (Nr. 14), der Silbergehalt sehr schlecht, die Arbeit sehr 
grob, daher wir sie mit Recht dein letzten der Leone. Leon VI. näm- 
lich, zuschreiben können, da sie sich in der That von den Leon V. 
zugeschriebenen wesentlich unterscheidet. Sie hat die Grösse eines 
gewöhnlichen rubenischen Dram's, ihr Gewicht und ihre Grösse sind 
gleich der Nr. 14 Costantin's; ein Beweis, dass sie der Zeit des 
gänzlichen Verfalls des Reiches, der unter Leon VI. unverkennbar 
war, angehört. 



Verseiehnba der eingegangenen Druckschriften. 301 



THtniCHNISS 

DER 

EINGEGANGENEN DRUCKSCHRIFTEN. 

(Mira.) 

Acaderoy, R. Irish; Proceedings. Vol. 1 — 4. Vol. 5. 1. Dublin 
1837—1851; 8°. 

— Transactions. Vol. I— XXI. XXII. p. 1. 2. Dublin, 1787 
—1851; 4°. 

Akademie» k. bayrische» Abhandlungen der histor. Classe. Bd. VI. 
2. München, 1851; 4°. 

— mUffttt «tojelflem 8b. 32. 33. «Wunden, 1851; 4°. 

— Suttetin. 1851. 4". 

Annalen der Chemie und Pharmacie. Herausg. v. Fried. Wöhler 
und J. Liebig. Bd. 80, 2. 81. 2. 

Ann al es des Mines. Vol. XX« 8°. 

Archiv für schweizerische Geschichte. Bd. 7. Zürch, 1851; 8°. 

Sonn, Unieerfitdtif^rtften a. b. 3. 1851. 

Buch, Leopold von, Über Blattnerven und ihre Vertheilung. 

De j ardin, Tälägraphe älectrique. Lille; 8°. 

Ehrlich, Geognostische Wanderungen im Gebiete der nordöstlichen 
Alpen. Linz, 1852; 8°. 

Ferrari, Silvio Barone, Dodici figure riguardante il Dodecagouo 
regolare inscritto a priori nel circolo ecc. Torino 1851 ; fol. 

Gesellschaft, natur historische zu Nürnberg. Abhandlungen« 
Bd. 1. Nürnberg, 1852; 8°. 

Gesellschaft, Schleswig -holstein-lauenburgische für vaterlän- 
dische Geschichte, Archiv Bd. 6. 1. Kiel, 1850; 8°. 

Hamburger, Stabt* unb @d)ulfd)ttftett a. b. 3» 1851. 

$in genau, $retl). »., $anbbud) ber 89etflted)t$funbe. Sief. 2. 

Instituto di corrispondenza archeologica. Bulletino. 1850. n. 1 — 12; 
Roma; 8°. 

— Monumenti inediü. 1850. Fase. 1 e 2; Roma; fol. 

— Annali Serie nuova. Vol. VII. Roma, 1850; 8*. 
Journal, the astronomical. Vol. II. Cambridge 1851 ; 4°. 
Atel, Unfoetfltatfföriften a. b. 3. 1851. 

Lotos. 1852. n. 2. 

Memorial de Ingenieros 1852. 1. 

Sitzb. der phü.-taiM. Cl. VII!. Bd. III. Hft. *1 



302 Verzeichnis* der eingegangenen Druckschriften. 

Mohr, Theodor von, die Regesten der Archive in der schweizer. 
Eidgenossenschaft. Bd. 3. 4. Chur, 1851 ; 4°. 

Ne ve/ F., Essai sur le mythe des Ribhavas. Paris, 1851 ; 8*. 

Moni, Staxl $einr., ®runbfäfce ber 8fmanjtrijTcnfd>aft. 3. «uffoge, 
«6t$. 2. $etbelber fl , 1851;. 8°. 

R ep o r t of the recent arctic expeditions in search of Sir John Frank- 
lin etc. London, 1852 ; fol. 

— Adclitional Papers. London, 1852. fol. 

Big] er, Lorenz, die Türkei und deren Bewohner in ihren naturhi- 
storischen, physiologischen und pathologischen Verhältnisse, 
vom Standpuncte Konstantinopels. Wien, 1851. 2 Vol. 8°. 

So ei 6t 6 nationale des Antiquaires de France. Annuairel848 — 1851, 
Paris; 8°. 

— Mlmoires et dissertations sur les antiquitäs nationales et 6tran- 
gäres. Nouv. s«*rie. T. 7—10. Paris, 1844—1850; 8°. 

S o c i & 1 6 du Museum dTiistoire naturelle de Strasbourg. Memoires 

T. 1—3. Strasb. 1833—1846; 4°. 
Soci 6t6 de Physique et dTiistoire naturelle de Genfeve. T. IL 1. 2. 

Supptem. 1. 2, Geneve 1849—1851; 4*. 
Sociäte" R. des sciences de Liege. Memoires. Vol. 1 — 7. Liege, 

1844—1851; 8°. 
Society, R. Asiatic. Journal. Vol. XIII, XIV. 1. London, 1851; 8*. 
Society, R. Astronomical. Monthly notic. Vol. XI. London, 1851; &\ 

— M&noires. Vol. 20. London, 1851 ; 4°. 

Society, Geographica). Journal. Vol. 20, p. 1. 2. London, 1851 ; 8°. 
Steiner, Codex inscript. Romanor. Danubii et Rheni. Vol. II. Seli- 

genstadt, 1851 ; 8°. 
Verein Ar meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde. 

Quartalbericht. 17. n. 1—3. Schwerin, 1851; 8°. 

— 3a^rtöo>er. 3Mrg. 16. Sterin, 1851 ; 8°. 

Setein, $ifh>rtf$er, für SMeberbapern. 93erfymb(ungen. 9b. II r $. 2. 

8anM$ut, 1851; 8°, 
SB c rein, tyjtiriföer, von unb für ßberbajern. 3a$rettetid)t 1851. 

2Rün$en, 1858; 8°. 

— *r$it>. ®b. 12, $>. t.9Rün*en, 1851; 8°. 

Verein, siebenbürgischer für Naturwissenschaften, zu Hermann- 
stadt. Bd. II. 1851 ; 8°. 

Veselila, Kr. Jos., Pokusenje u Travoslorje. H. 1. 2. Novom 
Sadu, 1852; 8°. 

SBMttmann, bie (Setmanier unb bie SfWmet in tyten SBe^fefoerWlt* 
niffen *ot bem f$afle beö 3BeffreM>e$. Ständen, 1851 ; 4°. 



Beschreibung von \i noch nnedirten Münzen 
der Armenisch -Rubenischen Dyn«stie in KyhkiCTi 

VON PATER CLEMENS SIBILYAN. TAF.l. 









y//:///npj/-ri/<w/ t/ri Am/iK». Au»/**?. (/ '<*« 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE. 



VIII. BAND. 



IV. HEFT. — APRIL. 



JAHB8AI6 1852. 



82 



305 



SITZUNG VOM 14. APRIL 1852. 



Gelesen 

Über den Affect des geistigen Schmerzes im Mittelalter. 
Von dem c. M., Hrn. läppert 

(Im Aufzuge.) 

Bei Völkern im Naturzustände äussert sich der Affect des 
geistigen Schmerzes zwar meist lebhaft, doch stets nur kurz an- 
dauernd. Die Sitte der Leichenmale trug mit dazu bei, die Dauer 
des Schmerzes zu kürzen. Die Kirchenlehrer, welche die Todtenmale 
in allgemeiner Übung vorfanden, traten ihnen nicht feindlich ent- 
gegen, denn sie lehrten selbst, dass das Beweinen der Todten des 
Christen unwürdig sei. Und nicht bloss die Schmerzäusserung über 
Hingeschiedene, sie bekämpften gleichmässig jede solche, über welch 
immer zeitliches Widerfahrniss. Sie erklärten den Thränenguss 
einzig gestattbar im Dienste Gottes, einzig in dem des Seelenheiles. 
Mit derselben Entschiedenheit, mit der sie der secularen Thräne ent- 
gegentraten, mit gleichem Eifer suchten sie den Austritt der religiösen 
zu fördern. Ordensregeln erklären das tägliche Beweinen seiner 
Sünden als eine Pflicht des Mönches. Asceten kommen dieser Vor- 
schrift mit Inbrunst nach. Endlich klärt sich ihre Buss- zur Sehn- 
suchtszähre. Sündengereint verlangen sie fort aus der irdischen 
Fremde in das jenseitige Vaterland. Dies war der Weltschmerz des 
Mittelalters und wenn sich in unserem Jahrhundert eine ähnliche 
Stimmung waltend zeigte, so sprach sie sich mehr negativ als ein 
Unbehagen an irdischen Zuständen aus, während der Weltschmerz des 
Mittelalters sich positiver Weise als eine Sehnsucht nach dem Jen- 
as» 



306 Prof. Zimmermann. 

seits, als eine Art Heimweh zu erkennen gab. Es werden nun die Qualität 
und Quantität der Buss- und Bittzähren und der sie begleitenden 
Geberden besprochen , die psychischen und physischen Mittel aufge- 
zählt, durch die man den Erguss religiöser Zähren zu wecken oder 
zu steigern suchte. Der heutige Vortrag gelangt endlich bis zu jener 
Zeit, in der Manche diese Thränen zu heucheln sich beigehen Hessen. 



Der Cardinal JMcolaus Cusanus als Vorläufer Leibnitzens. 

Vom Hrn. Frtfesstr Ilnnermii. 

In den neueren Lehrbüchern der Geschichte der Philosophie 
wurde noch vor kurzem in der merkwürdigen Periode, die das 
Wiedererwachen des Altertbums und den Anbruch einer neuen Mor- 
genröthe der Wissenschaften verkündigt, neben den gefeierten Namen 
eines Cardinais Bessarion, eines Marsilius Ficinus, eines 
Pico von Mirandola, ReuchIin,Pomponatius,Giordano 
Bruno, Campanella, nur selten und flüchtig der Cardinal Nico- 
laus von Cusa genannt. Sein Name verschwand in der dichten 
Finsterniss , in welcher man in der Epoche der sogenannten Aufklä- 
rung das gesammte Mittelalter und insbesondere dessen philosophische 
Bestrebungen vergraben wähnte, und die um so greller gegen das 
Licht abstach, das ein Jahrhundert später plötzlich aufgegangen sein 
sollte. Der neuesten Zeit blieb es vorbehalten, die Vergangenheit 
gerechter und unparteiischer zu beurtheilen und in der Geschichte 
der Wissenschaft, wie in jener der Völker den folgenschweren Satz 
anzuerkennen , dass die Natur keinen Sprung in ihrer Eqtwickelung 
duldet. Man fing an einzusehen, dass der Baum der Erkenntniss, der 
so plötzlich in Blüthe stand, seine Wurzeln bis tief in die Vorzeit 
gestreckt habe, und dass wer die Gegenwart begreifen wolle, die 
Vorwelt verstanden haben müsse. So ward es klar , dass die neuere 
Philosophie, deren Beginn man übereinstimmend in die Zeit eines 
Descartes und Bacon von Verulam setzte, nicht mit einem 
Schlage sich gebildet haben könne, und die Keime ihrer Welt- 
anschauung in ihren Vorgängern längst gefunden werden müssten. 
Dieser Einsicht ist es zu verdanken, dass zunächst der Übergangs- 
periode aus der Scholastik zur neueren Philosophie ein aufmerksames 
Studium zugewendet, dass die traditionell gewordenen Schriften eines 



Ober die Philosophie des Cardinsls Cusanus. 307 

Agrippa von Nettesheim, Theophrastus Paracelsus, 
Bernardiaus Tolosius, Cardanus, Bruno's, u. A. neuerdings 
gelesen» studirt, geprüft und den Anfängen nachgespürt wurde, 
welche ihre Systeme mit jenen der Nachfolger verbanden. Je weiter 
man jedoch zurückging, desto weiter überzeugte man sich noch rück- 
schreiten zu müssen. Immer weiter deuteten die Bezüge nach rück- 
wärts, bis sie endlich in dem durch die nach Italien eingewanderten 
Griechen neubelebten Studium des Plato und Aristoteles unter den die 
Wissenschaft ohne beengende Rücksicht auf ihre Herkunft schützen- 
den Päpsten des fünfzehnten Jahrhunderts in einem sicheren Puncte 
zusammentrafen. Damals war Italien der Sitz der humanen Bildung, 
Rom der Hort echter Wissenschaft, und der höchste Würdenträger 
der allgemeinen Kirche kannte keinen schöneren Ruhm als auch der 
erste Pfleger der Wissenschaft zu sein. Das Licht, das sich von hier 
ergoss und an der lang umwölkten Sonne des Alterthums entzündet 
wurde , ging dea jenseits der Alpen wohnenden Culturrijlkern des 
Nordens wie ein mildes Roth der Zukunft auf, das, wenn es klüglich 
und wie es im Sinne seiner Erwecker lag, genützt worden wäre, das 
blutige Nordlicht, das schon verborgen unter dem Horizonte stand, 
hätte verdrängen können. 

Zu den Ersten, die den Geist des classischen Alterthums der 
neueren Zeit im Leben und in der Wissenschaft einhauchen wollten, 
gehört unser Cardinal , dessen Name und Persönlichkeit uns um so 
näher berühren muss , als er von Geburt ein Deutscher und durch 
Amt und Beruf dem engeren österreichischen Vaterlande lange Zeit 
hindurch angehörig war. Erst vor kurzem hat ein verehrtes Mitglied 
dieser Classe, Herr Prof. Jäger, an diesem Orte auf die noch unbe- 
nutzten Quellen hingewiesen, welche zur Aufhellung und Berichtigung 
der Geschichte des Cardinalbischofs Nicolaus von Brixen die- 
nen , nichts destoweniger bisher in den tirolischen Archiven ver- 
borgen waren und hoffentlich nur eine kundige Hand erwarten. Diese 
Quellen werden ohne Zweifel den Biographen in den Stand setzen, 
einen merkwürdigen Theil der Lebensgeschichte desselben aufzu- 
klären, der von seinen Geschichtsschreibern bisher nur nach jenen 
Urkunden beurtheilt werden konnte, die er selbst zu dem Zwecke 
hinterlegt zu haben scheint, um das Urtheil der Nachwelt über seinen 
Conflictmit dem Herzoge Sigmund von Österreich-Tirol festzu- 
stellen. Über den Charakter des Cardinais wird durch das sich aus 



308 Prof. Zimmermann. 

diesen herausstellende Resultat um so mehr Licht verbreitet wer- 
den» als gerade jener Confliet geeignet ist, die starre Zähigkeit des 
Cardinais im Festhalten der verbrieften Rechte seiner Kirche hervor- 
treten zu lassen. Der gewaltige Vorfechter des hohen Berufs der all- 
gemeinen Kirche auf dem Basler Concil , Ar welches er in seiner 
concordantia catholica gleichsam das Programm seiner Wirksamkeit 
entwarf» fand in jenem Conflicte Gelegenheit, die Macht der von ihm 
aufgestellten Grundsätze auch praktisch zu bewähren. Erwartet diese 
Seite von Cusa's Leben und Thätigkeit noch mannigfache Berich- 
tigung, so hat dagegen sein wissenschaftliches Streben in letzter Zeit 
sich regerer Aufmerksamkeit und unparteiischen Lobes zu erfreuen 
gehabt Während Dtix und Scharpff in ihren Lebensbeschrei- 
bungen (von jener des Letzteren ist leider nur der erste Band 
erschienen) uns den ganzen Mann in der Fülle und Allseitigkeit 
seines grossartigen Wesens zu schildern unternahmen , haben C 1 e- 
mensin seiner Abhandlung: „Giordano Bruno und Nicolaus 
von Cusa" und erst ganz neuerlich Ritter im O.Bande seiner 
Geschichte der Philosophie ein tieferes Verständniss der Cusa'schen 
Philosophie uns zu eröffnen sich bemüht. Man muss ihre gründlichen 
Darstellungen mit den Quellen selbst und den Darstellungen, welche 
frühere Geschichtsschreiber der Philosophie von C u s a 's Lehre gegeben 
haben, vergleichen, um recht deutlich die Oberflächlichkeit wahrzu- 
nehmen, mit welcher selbst so gefeierte Historiker wie Buhle und 
Tennemann in Bezug auf Cusa zu Werke gegangen sind. Cle- 
mens hat durch Zusammenstellung der beiden letzteren nach- 
gewiesen, sowohl dass der Erstere Cusa's Lehre gänzlich missver- 
standen , als dass der Letztere dem Ersteren getreulich fest bis auf 
die Worte nachgeschrieben hat. Von den neuesten Darstellern hat 
C a rri h r e in seiner Geschichte der Weltanschauung im Reformations- 
zeitalter dem seltenen Tiefsinne des deutschen Cardinais Gerechtig- 
keit wiederfahren lassen. Er und Clemens weisen daraufhin, dass 
namentlich ein Verständniss des genial-dunklen Giordano Bruno 
ohne das vorausgegangene der Cus an'schen Philosophie nicht ge 
wonnen werden könne. Bruno, der den Cardinal selbst einen 
„göttlichen Mann 91 nennt, ist vor Allem ein treuer Anhänger und 
Schüler des Cusaners. 

Wenn wir nach so trefflichen und theilweise erschöpfenden Vor- 
arbeiten es dennoch unternehmen, ein neues Bild der Philosophie 



Ober die Philosophie des Cardinais Cusaous. 309 

Cusa's zu entwerfen, so bestimmt uns besonders der Umstand hiezu, 
dass, wenn wir Clemens abrechnen, noch Niemand die innige 
Beziehung hervorgehoben hat, welche zwischen desCusaners und 
eines Mannes Ansichten stattfindet, dessen Bild, von Guhrauer's 
Meisterhand entworfen, eine treffende Parallele zu dem vielseitigen 
Charakter des Cardinais darbietet, wie derselbe den Lesern seiner 
Werke und der Schar pffschen und Düx'schen Lebensbeschrei- 
bung entgegentritt. Grossartiges Umfassen und hohe Klarheit des 
Denkens, Erhabenheit über Parteistandpuncte , stetes Streben nach 
Einigung, unablässiges Suchen nach dem Wahren und bereite Geneigt- 
heit, dasselbe in jeder Form und Hölle anzuerkennen, sind Charakter- 
züge, die uns, hier wie dort, bei Leibnitz wie bei Cusa begegnen. 
Wie der „ Reformator vor der Reformation ," wie ihn Naumann 
nennt, in seinem Dialogus de pace fidei die Bekenntnisse aller 
Religionsparteien auf einen gemeinsamen Inhalt als verschiedenfarbige 
Strahlen eines Lichtes zurückzuführen strebt, wie er anfangs als 
geistiger. Beherrscher des Concils, dann als Legat des Papstes und 
Cardinal selbst die Reformbestrebungen der Kirche der von ihm höher 
geachteten Einigung der getrennten Kirchen des Abend- und des 
Morgenlandes zu opfern kein Bedenken trägt, so sehen wir auch 
Leibnitz einen grossen Theil seines Lebens hindurch von irenischen 
Bestrebungen in Anspruch genommen, die er erst der protestantischen 
und katholischen, dann der Versöhnung beider protestantischen Con- 
fessionen widmet Wie Er ist ferner der Cardinal ein Vertheidiger des 
ewigen Friedens , auf kirchlichem wie staatlichem Gebiete. „Durch 
Vereinigung weniger Weisen," sagt er in der obenerwähnten Schrift, 
«mit richtiger und hinreichender Kenntniss aller dieser in der Welt 
herrschenden Religionsverschiedenheiten ausgerüsteten Männer könnte 
gar leicht eine allgemeine Obereinstimmung ausfindig gemacht und 
vermöge derselben ein immerwährender Friede oder dauerhafte 
Einigkeit in der Religion bewirkt und festgestellt werden. 11 (Rei- 
ch ard's Übersetzung.) In dieser merkwürdigen Schrift lässt der 
Cardinal Abgesandte aller Religionsparteien „die auf Erden gewaffnet 
gegen einander zu Felde ziehen , und deren Schwächere von den 
Mächtigeren gezwungen werden, entweder ihre alte und seit undenk- 
lichen Zeiten beobachtete Religion zu verläugnen und abzuschwören, 
oder sich das Leben nehmen zu lassen/ 9 vor die Versammlung der 
Heiligen hintreten und Klage führen, dass Gott, der die Wahrheit 



310 Prot. Zimmermann. 

allen Völkern ins Herz gepflanzt habe, durch deren Mannigfaltigkeit 
den Grund zur Misshelligkeit und zum Streite in dieselben gelegt 
habe. „Lass geschehen, 11 spricht der Älteste der Gesandten, „dass so 
wie Du ein Einiger bist, auch nur Eine Religion und ein Gottesdienst 
auf Erden Platz greife. 11 Auf des menschgewordenen Logos Vorbitte 
beruft hierauf der König des Himmels eine Versammlung der Wei- 
sesten aller Völker zu Jerusitfem. Juden, Türken und Tataren, 
Griechen, Araber und Italiener geben ihre Namen ab, und das Ende 
ist, sie Alle bekennen sich zu einer und derselben Wahrheit „Ab* 
est" heisst es dort, n nisi una religio in ritttum varictate; licet 
appareat diver sitas dictionis, est tarnen una in — sententiaJ" 
Ein Wort sehr kühn fiir seine, ein kühnes für alle Zeiten. 

Die Parallele lässt sieh noch weiter Ähren. Wie in dem 
deutschen Cardinal sich im seltenen Vereine der Theolog, der Denker 
und der Mathematiker begegnen, so bricht in dem Weisen des sieb- 
zehnten Jahrhunderts das Genie sich auf den gleichen Gebieten 
schöpferische Bahnen. Wie es beinahe keine wissenschaftliche 
Bestrebung der Neuzeit gibt, mag sie dem philosophischen, theolo- 
gischen, mathematischen oder naturwissenschaftlichen Felde ange- 
hören, deren Spur und Ahnung nicht schon in den Werken Leib- 
nitzens angetroffen würde, so steht auch der scharfsinnige Cardinal 
von St. Peter de mnculis zu Rpm als ein Mann da, in dessen Geist 
die glänzendsten Entdeckungen der Nachwelt wie im Keime schlum- 
merten. Eine der ersten Zierden unserer Zeit, Ehrenberg, hat 
Leibnitzendas gewichtige Zeugniss ausgestellt, dass seine Mona- 
denlehre den Entdeckungen der Welt des kleinsten Lebens wesentlich 
den Weg gebahnt habe. Ein nicht weniger ehrenvolles Zeugniss gab 
erst vor kurzem (in der 2. Abtheilung des III. Bandes seines Kosmos) 
Alexander Ton Humboldt unserem Nicolaus von Cusa. 
Wenn es auch irrig ist, wie man anfänglich glaubte, dass Nico laus 
von Cusa das Copernikanische Weltsystem zuerst aufgestellt 
und dieser es von ihm entlehnt habe, so ist doch so viel gewiss, dass 
er zuerst die Bewegung der Erde gelehrt habe. Merkwürdiger noch 
ist es, dass der Cardinal, wie Clemens sehr richtig bemerkt, 
beinahe „divinatorisch" diejenige Construction des dunklen Sonnen- 
körpers und jener drei theils feurigen, theils atmosphärischen Um- 
hüllungen geahnt haf, welche Arago 1845 zuerst ausgesprochen 
und die neuerlichen Sonnenfinsternissbeobachtungen als die wahr- 



Ober die Philosophie de« Cardin«!* Cuuimu. 311 

seheinliehste bewährt haben. Mit Recht sagt Ritter von unserem 
Nico laus» treffend auf dessen Geburt im Jahre 1401 anspielend: 
„Gleich im ersten Jahre des IS. Jahrhunderts sei ein Kind geboren 
worden, dessen Leben und Wirken, wie es in Wendepuncten der 
Geschichte zu geschehen pflegt, als die Vorbedeutung fast alles 
dessen angesehen werden kann, was die folgenden Jahrhunderte 
bringen sollten. Philologische Erneuerung aller Philosopheme und 
Theosophie, Reform der Kirche und Wiederherstellung desKatholicis- 
mus, mathematische und physikalische Bestrebungen, alles das finden 
wir in ihm vereinigt. Nicolaus Cusanus steht noch auf der Scheide 
des Mittelalters und der neuen Zeit; aber seine Hoffnungen und 
seine Wirksamkeit sind der letzteren zugewendet." (IX» S. 141.) 

Jedoch nicht nur in Charakterzfigen und ftusserlichen Ähnlich- 
keiten erinnert Cusanus an Leibnitz; viel auffallender und das 
Interesse des denkenden Betrachters der Geschichte der Philosophie 
lebhafter anregend ist die Obereinstimmung beider in sehr wesent- 
lichen Grundlagen ihrer Lehre und diese ist es, auf welche Schreiber 
dieses die Aufmerksamkeit der verehrten Gasse durch Nachstehendes 
sich erlauben will hinzulenken. 

Des Cusanerfe Philosophie ist ein Wissen des Nichtwissens 
in echt somatischer Weise, eine docta ignoranHa. Auf der Rück- 
fahrt von Konstantinopel, erzählt er, wo er nicht vergebens versucht 
die Union der morgen- und abendländischen Kirche zu Stande 
zu bringen, sei ihm nach langem fruchtlosen Nachdenken das Räth- 
selwort aufgegangen. Es gibt eine Wahrheit, eine volle ganze Wahr- 
heit, welche die Auflösung aller Gegensätze und die desshalb (in neu- 
platonischer Weise) weder das Grösste noch das Kleinste, oder viel- 
mehr beides zugleich, die schlechthin Eins und ewig ist. Dieses Eine 
ist Gott, das Unendliche, Schrankenlose, das Grösste, welches ohne 
Schranken Alles umfasst, und eben desshalb auch das Kleinste, weil 
ihm nichts fehlen darf, die absolute Wahrheit, welche wir suchen. 
Er ist die absolute Möglichkeit, aber zugleich auch, da diese sich 
nicht selbst zur Wirklichkeit bringen kann, die absolute Wirklichkeit, 
er ist das Können, welches ist (posse est), das passest , wie der 
barbarische Titel einer der wichtigsten metaphysischen Schriften 
Cusa's lautet. Keine Kategorie drückt ihn aus; er ist weder das 
Sein noch das Nichtsein, weder das Unendliche noch das Endliche, 
weder die höchste Intelligenz allein, noch das Intelligible, denn dieses 



312 Prof. Zimmermann. 

Alles setzt Gegensätze voraus. Wäre Gott das Sein, so wäre er dies 
nur im Gegensatz gegen das Nichtsein, wftre er unendlich, so wftre 
er dies nur im Gegensatz gegen das Endliche; er ist aber was er ist 
ohne allen Gegensatz , denn er ist schrankenlos und die Einheit aller 
Gegensätze. Von ihm muss Alles bejaht und Alles verneint werden; 
er ist als Princip aller Dinge Alles und zugleich Nichts von Allem, 
weil er keine von den Einschränkungen an sich trägt, durch welche 
ein Etwas zum besonderen Etwas wird. 

Es folgt daraus, 'dass wir von Gott uns keinen Begriff machen 
können, denn jeder Begriff ist Einschränkung seines Wesens; dass 
ferner alle Bestimmungen, die wir von demselben kennen, nur negativ 
sind, dass Gott nur durch ein „Nichtwissen" erkannt wird. 

Diese Ansichten verrathen deutlich Cusa's Bekanntschaft mit 
dem Neuplatonismus, dem er doch wie wir sehen werden alsobald 
untreu wird. Als Princip alles Könnens sowohl als alles Seins kann 
Gott kein anderes Princip neben sich haben. Die Welt also der 
Geschöpfe, die von der Gottheit so weit abstehen wie das Sichtbare 
vom Unsichtbaren kann nur aus ihm und durch ihn sein. In ihm 
ist die Möglichkeit und Wirklichkeit der Dinge vereint Die Möglich- 
keit aber ist die erste Materie (der Urstoff) der Dinge. Daher ist die 
Welt der Materie nach ewig, nam quia mundue potuii creari, 
Bemperfuit ipsius essendi po9sibilita8,8ed essendi possibÜitas 
in sensibilibus materia dicitur. Ftdt igitur semper materia; et 
quia nunquam creata, igitur increata, quare principmm aeter- 
num. (Dial. de possest. fol. 178, a. /. voL Par. Ausgabe.} 
Nur die sinnliche Materie, welche in der Welt ist, ist geschaffen; 
die höhere, die Möglichkeit aller Dinge, welche in Gott ist, ist ewig. 
Daher ändert sich Gott nicht, auch dann nicht, wenn er die Welt 
schafft, denn die Möglichkeit der Dinge ist mit ihrer Wirklichkeit 
Eins. Er verändert sich auch nicht, indem er sie regirt, denn die 
ewige Vorsehung, mit welcher er Alles beherrscht, bleibt immer die- 
selbe: »sive enim aliquid fecerimus aliquid, sive eins Oppo- 
sition out nihil, totum in dei Providentia implicitum fuit; nihil 
igitur nisi secundum dei providentiam eveniet" (De docta 
ign. I. /, c. XXII, fol IX, bj 

Ist die Gottheit das Princip aller Dinge, ist sie ferner das allein 
Schrankenlose, Unendliche, die wahre Einheit, welche zugleich 
weder grösser noch kleiner werden kann, so folgt, dass alle Dinge 



Ober die Philosophie des Cardinab Cusanus. 313 

ihre letzten Gründe in ihr haben, und dass alle nur durch Grade, die 
zwischen den ftussersten Gliedern des Gegensatzes liegen, also durch 
Einschränkung des Schranken-, Begrenzung des Grenzenlosen , Ver- 
endlichung des Unendlichen entstehen können. Gott das schlechthin 
Selbige, das Seiende, Eine, Unendliche, die Form aller Formen steigt 
zu dem Nichtselbigen, Nichteinen, zur Vielheit, die nur ist, sofern 
sie an der Einheit Theil hat, hernieder, und so entsteht die Mehrheit 
der Formen, deren jede auf andere Weise Theil an dem Selbigen 
hat. Die Ordnung und Harmonie, die in der Vielheit und Mannigfal- 
tigkeit dieser Formen herrscht, deutet übereinstimmend daraufhin, 
dass deren Jede an dem wahren Sein , an der zu Grunde liegenden 
Einheit Theil hat, und diese Übereinstimmung ist die Verähnlichung 
des Vielen mit dem Einen. So ist die Welt als xdapoe als geordnete 
faannigfaltige Darstellung des unerreichbar Selbigen. Jede Form ist 
sieb selber gleich und von jeder andern verschieden; jede aber stellt 
auf besondere Weise das Abbild der höchsten Form dar, und in ihrer 
unerreichbaren Mannigfaltigkeit spiegelt sich die Unerreichbarkeit 
der absoluten Form. So verhalt sich yergleichungsweise Gott als die 
unendliche Form zu den Formen der endlichen Dinge, wie sich das 
durch keine Farbe erreichbare reine Licht zu den in den Farben 
mitgetheilten Lichtern verhält. (De dato patris luminum 1. 
fol.l94,a.) 

So ist dieMfelt das Bild Gottes, in welchem wir in einem Buche 
geistig die Gedanken der Gottheit lesen sollen. „Wie das Sein der 
Hand ihr wahreres Sein hat in der Seele als in der Hand , weil die 
Seele das Leben und die todte Hand keine Hand mehr ist, und der 
ganze Körper das wahrere Sein seiner Glieder, ebenso verhält sich 
das Universum zu Gott, von dem Einzigen abgesehen, dass Gott nicht 
die Seele der Welt ist. 1 ' (Dial. de possest. fol. 175, b.J Das wahre 
Sein der Welt ist daher in Gott , und nur dann haben wir das Sein 
eines Dinges vollkommen begriffen, wenn wir es im Zusammenhange 
mit dem höchsten Sein, mit dem Sein der Gottheit begriffen haben. 
Und wie in der Zahl, welche die Einheit entfaltet, nichts gefunden 
wird als die Einheit, so wird in Allem, was ist, nichts gefunden als 
das Grösste. 

Das All daher dessen, was ist, ist Alles, was Gott ist, denn es 
ist das Abbild Gottes, nur auf eingeschränkte, <L i. dem Wesen 
Gottes entgegengesetzte Weise. Was diesem unbedingt, kommt 



314 Prot Zimmermann. 

dem AU auch, aber bedingt zu. Gott ist; das All auch; aber Jener 
ohne, dieses mit Voraussetzung eines höheren Seins. Die Gottheit 
ist die absolute Grösse und Einheit ohne Vielheit; das All als ein* 
geschränkte (contractu) Einheit, obwohl nur Eines, doch nicht 
ohne Vielheit. Die Gottheit schlechthin Eins, schlechthin unendlich, 
schlechthin einfach, schlechthin ewig; das' All in seiner Einheit be- 
schränkt durch seine Vielheit, in seiner Unendlichkeit durch die 
Endlichkeit, in seiner Einfachheit durch die Zusammensetzung , in 
seiner Ewigkeit durch die zeitliche Aufeinanderfolge. Wie Gott als 
der Unermessliche weder in der Sonne noch im Monde, wiewohl in 
beiden das ist, was sie schlechthin gefasst sind; so ist auch das 
All weder in der Sonne noch im Monde, wiewohl es in beiden das 
ist, was sie auf eingeschränkte Weise sind. Ihrem absoluten 
Wesen nach ist die Sonne dasselbe, was der Mond ist, nämlich Gott, 
das absolute Wesen vor Allem; ihrem eingeschränkten (indivi- 
duellen) Wesen nach ist sie dagegen etwas Anderes als der Mond. 
Denn die Einschränkung (Besonderung) macht jedes Wesen zu Dem, 
was es ist Durch Einschränkung wird das All zum All und die ein- 
zelnen Dinge im All zu dem, was sie als Einzelne sind. Das Univer- 
sum als das Vollkommenste geht der natürlichen Ordnung der Dinge 
zufolge allem Übrigen (minder Vollkommenen) vorher, damit Jedes 
in Jedem sein und Jegliches Alles in sich aufnehmen kann , damit es 
in ihm auf zusammengezogene Weise sei. Weil aber Gott auf ein- 
geschränkte Weise im AU und das All in Allem ist, was heisst sagen, 
dass Jegliches in Jeglichem sei , Anderes als dass Gott durch Alles 
in Allem sei und Alles durch Alles in Gott. Da nicht jegliches Ding 
wirklich Alles sein konnte, weil sonst Jegliches Gott gewesen wäre, 
darum Hess Gott Alles in verschiedenen Abstufungen sein. Damit 
endlich Alles sei, was es ist, weil es anders und besser nicht sein 
kann, Hess Gott ferner auch jenes Sein, das ohne Nachtheil nicht 
zugleich sein konnte, ohne Schaden in zeitlicher Aufeinanderfolge 
sein. So ruht Jegliches in Jeglichem sicher aus, weil eine Seinssiufe 
nicht ohne die andere sein kann , wie unter den Gliedern des Körpers 
jegliches jeglichem dient, und Alle in Allen mitberührt werden. Wie 
die Hand im Fusse ist , weil der Mensch und seine lebendige Kraft 
in diesem sind , obgleich Alles im Fusse als im Fusse , Alles im Auge 
als im Auge ist, so ist Gott in Allem und alle Dinge sind in Gott, 
obwohl ein Jegliches in seiner besonderen Weise ist und Gott, sich 



Ober die Philosophie des Cardlnala Cusanus. 315 

immer gleich bleibend, m jeglichem Dinge auf dessen besondere 
Weise sich darstellt. (De dort. ign. I. II, c. V, fol. XVI, b.) 
So ist Jegliches in Jeglichem und Gott ist in Allem; stellt jeder 
Theil das Ganze dar, erscheint Gott in der Welt und die Welt 
in jedem ihrer Theile auf eigentümliche Weise. Wie zwischen 
Gott und der Welt Beziehungen stattfinden» vermöge deren Gott 
das uneingeschränkte All und das All die eingeschränkte Gott- 
heit ist, so finden zwischen jedem Theile der Welt und dem ganzen 
Universum Ähnliche Statt, vermöge welchen Jegliches im All das 
AD selbst; dieses Letztere in Jeglichem auf verschiedene Weise 
und Jegliches endlich auf verschiedene Weise im All ist. „Was ist 
also die Welt als des unsichtbaren Gottes sichtbare Erscheinung? 
Was Gott, als des Sichtbaren Unsichtbarkeit?" (Dial. de possest 
fol. 183, a.) 

Wenn dergestalt das All in Allem und in Jeglichem auf ver- 
schiedene Weise ist, so folgt, dass es so viele Abbilder des Alls, 
deren jedes vom andern verschieden ist, geben muss, als es Einzel- 
dinge (indwidua) gibt, in deren Jeglichem sich das All nach seiner 
Weise offenbart. Es folgt ebenso daraus, dass nicht zwei Individuen 
einander vollkommen gleich sein können , weil in Jedem sich das All, 
dessen eingeschränkte Darstellung, auf eine von jedem Andern sich 
unterscheidende Weise sich darstellen muss. Denn, da das All nur in 
eingeschränkter endlicher Weise ist, so muss Jegliches in selbem 
zwischen den beiden Endpuncten der Einschränkung, dem Grössten 
und dem Kleinsten, liegen, welche in der Gottheit in Eins zusammen- 
fallen. Über jeden Grad der Einschränkung hinaus kann es in Ge- 
danken einen grösseren oder kleineren geben, aber nicht in Wirk- 
lichkeit. Hier muss es sowohl ein der That nach seiner Klein- 
heit wegen Untheilbares, Atome geben, als in der Menge eine 
bestimmte Zahl, das All. Für jede Gattung, jede Art, jedes Einzel- 
ding kann es höhere und niedere in Gedanken, in Wirklichkeit aber 
muss es unterste Gattungen, unterste Arten und Individuen geben, 
unterhalb welchen Andere wohl denkbar aber nicht wirklich sind. 
Nichts ist im Weltall, das sich nicht einer besonderen Eigentüm- 
lichkeit, die sonst an keinem Andern wiederzufinden ist, erfreute, 
und in keinem Einielding stimmen die es dazu machenden Gründe 
(principia indtviduantia) in gleich harmonischen Verhältnissen 
wie in irgend einem nderen zusammen , damit Jegliches durch sich 



316 Prof. Zimmermann. 

selbst Eines sei und vollkommen in seiner Weise. (De dort. ign. 
I III c. 1, foh XXIV, b.) 

Aus dem Lehrsatz , dass das All in Jeglichem auf seine Weise 
sei, folgt endlich noch, dass auch Jegliches das All nur auf seine 
Weise verstehen und einsehen kann, dass es nichts zu erkennen ver- 
mag, was nicht schon in seinem eigenen Wesen vorgebildet liegt, 
und dass folglich das Einzelne nichts erkennt, was es nicht in einge- 
schränkter Weise selbst ist Denn das All, das sich in Gattungen 
und Arten entfaltet, existirt nicht anders als in den Einzeldingen, 
denn die Arten sind nicht anders als in den Einzeldingen wirklich, 
und es kommt weder ihnen noch den Gattungen ein Sein ausserhalb 
der Dinge zu. Sie sind in den Dingen, wie das AU in den Individuen. 
Jedes Individuum hat die Art und die Gattung auf eingeschränkte 
Weise in sich und die Allgemeinheiten , welche der Verstand als 
Gedankendinge durch Abstraction von der Ähnlichkeit der Dinge 
bildet, bestehen in ihm selbst schon auf eingeschränkte Weise, bevor 
er sie durch äussere Zeichen kundgethan hat Was er auf diese 
Weise entfaltet, ist in ihm, ist seine eigene eingeschränkte Natur als 
Individuum, und er kann nichts entfalten, was nicht vorher in ihm 
präformirt gewesen wäre. 

Cusanus zieht aus den angeführten Thesen die Folgerung, 
sowohl dass das gesammte Weltsystem ein auf das Vollkommenste 
gegliedertes, nach dem Principe der höchsten Harmonie und Zweck- 
mässigkeit geordnetes Ganzes sei, in welchem Jegliches auf Jegliches 
und Jegliches zum höchsten Endzweck zusammenwirkt und kein 
Glied ausserhalb seines Zusammenhanges mit dem Ganzen begriffen 
werden kann , als auch dass unsere eigene Erkenntniss der Wahrheit 
nur eine beschränkte und unvollkommene, weil lediglich particulari- 
stische sein kann. „So hat Gott der Gebenedeite ," sagt er, »Alles 
erschaffen, dass, während Jegliches sein Dasein wie eine Art gött- 
lichen Geschenkes zu erhalten sucht, es dies in Gemeinschaft mit 
allen Andern thut; dass, wie der Fuss nicht sich allein, sondern dem 
Auge, den Händen, dem Leibe und dem ganzen Menschen dadurch 
schon dient, dass er zum Wandeln bestimmt ist, so dasselbe gilt von 
dem Auge, von den übrigen Gliedern, und gleichmässig von den 
Gliedern der Welt" (De doct ign. I. II, c. XII fol. XXII a.) 
Das ganze All ist ein Organismus, in welchem jeder Theil gerade 
die Stelle einnimmt, welche er im Interesse des Ganzen einnehmen 



Ober die Philosophie dea Cardinab Cusanua. 317 

rnuss. Die Erkenntniss aber der Wahrheit kann unsererseits lediglich 
eine unvollkommene sein, weil sie nur von einem ausserhalb des 
Centrums gelegenen partieularen Standpuncte ausgeht , weil zwar die 
Wahrheit in Allem ist, in Jedem aber auf eine andere Weise: im Leib 
als Leib, im Menschen als Mensch, in der Seele als Seele, in der 
Vernunft als Vernunft." (De conject. 1. I, c. VI, fol. XL1II, a.) 
Einiges zwar vermögen wir wohl von der Wahrheit zu eskennen, 
aber nicht Alles, und dieses Einige nur getrübt durch den individuellen 
Standpunct, den wir der objectiven Wahrheit des Alls gegenüber 
einnehmen. Um dieses letzteren willen haben mehre (z.B. Brück er 
und Tiedemann) dem C u s a n e r Skepticismus vorgeworfen. 

Bei dem bisher Angeführten, — denn die weitere wesentlich die 
Durchführung des Trinitätsgrundsatzes betreffende Ausführung seiner 
Lehre, so wie die darauf basirte anPythagoras erinnernde Zahlen- 
mystik lassen wir, als zu unserem nächsten Zwecke nicht gehörig, 
bei Seite, — drängt sich jedem Kenner der L ei bni t z'schen Welt- 
anschauung die Betrachtung auf, dass die Hauptgrundzüge derselben 
bereits bei Cusa vorgebildet liegen. Wir begegnen den Monaden, 
wenn nicht dem Namen doch dem Wesen nach; dem Grundsatze 
durchgängiger Harmonie, vernünftiger Zweckmässigkeit und stetiger 
Wiederholung des Ganzen im kleinsten Theile ; dem Grundsatze der 
Einerleiheit des Nichtzuunterscheid$nden , dem strengen Idealismus 
der einzelnen Monas, vermöge dessen diese nichts zu erkennen vermag, 
was sie nicht bereits dem Keime nach in sich trägt, mit einem Worte, 
wir begegnen den Hauptsätzen der Monadologie in einer Fassung, 
welcher zur noch höheren Ähnlichkeit mit der L e i b n i t z'schen Lehre 
nur ein Grad der Klarheit und Präcision zu mangeln scheint, welcher 
diese auszeichnet. 

Auch Leibnitz geht von dem Grundsatze aus, dass die Reihe 
der Wirkungen nur aus einer Grundursache, welche nicht mehr 
Wirkung einer anderen ist, begriffen werden könne. „Der letzte 
Grund der Dinge," sagt er (Monadol. §. 38, nach der Übers, des Ref.), 
„rnuss sich in einer noth wendigen Substanz vorfinden, in welcher 
sämmtliche Veränderungen als in ihrem Urquell formaliter ihren 
Grund haben, und diese ist es, welche wir Gott nennen. In dieser 
Substanz ist der zureichende Grund des Ganzen, und da dieses in 
allen seinen Theilen auf das Engste verbunden ist, so gibt es nur 
einen solchen Grund, der einzig, noth wendig, allumfassend, und da 



918 Prof. Zimmermann. 

er nichts ausser sieh hat, das Ten ihm unabhängig wäre und selbst 
nur die Folge der Möglichkeit seines eigenen Wesens ist, auch keiner 
Grenien fthig ist, daher wenn er überhaupt Realität besitzt, auch 
alle nur irgend mögliche Realität besitzen muss. Daher ist Gott allein 
absolut vollkommen (d'une perfection absohnnent inftniej, 
schrankenlos; die Geschöpfe dagegen nur relativ vollkommen, 
in sofern sie an der Vollkommenheit Gottes Theil haben, und be- 
schränkt, in sofern sie ihre eigene Natur an sich haben. Darin 
besteht ihr Unterschied von der Gottheit." (Monadol. §. 42.) Gott 
ist ferner „die Quelle nicht allein des Seins (exittence), sondern 
auch des Wesens (e&Bence)" d. i. der Wirklichkeit sowohl als der 
Möglichkeit, so dass es ohne ihn „nichts Reelles in der Möglichkeit, 
nicht nur nichts Existirendes, sondern auch nichts Mögliches gibt. 11 
(Ebend.) 

Diese Ansicht entspricht genau der Grundlehre C u s a 1 s. Er, wie 
Leibnitz (Monadol. $. 47), nennt die Gottheit die „ursprüngliche 
Einheit, 11 die einfache ursprüngliche Substanz, deren Production nach 
Cusa alle einzelnen Dinge (das All), nach Leibnitz alle »abge- 
leitete oder geschaffene Monaden (kleinste Wirkliche, Atome bei 
Cusa) sind, die nach Cusa durch (nicht pantheistisch zu nehmende) 
Emanation, nach Leibnitz von Moment zu Moment durch be- 
ständige Ausstrahlungen (Fulguration) der Gottheit entstehen, deren 
Thätigkeit nach Cusa nur durch die „ wesentlich eingeschränkte 
Natur 11 der Dinge, nach Leibnitz durch die „ wesentlich begrenzte 
Empfänglichkeit der Creatur 11 beschränkt ist. 

Die Ansicht Cusa's, dass die Eigenschaften, welche der Gott- 
heit unbedingt, den übrigen Dingen nur bedingt zukommen, 
und dass sonach die Einzeldinge Verähnlichungen der Gottheit seien, 
spricht Leibnitz in den Worten aus (Monadol. §. 48), dass die 
Eigenschaften der höchsten Erkenntniss und des vollkommensten 
. Willens in Gott demjenigen entsprechen, was in den Geschöpfen das 
Subject und die Grundlage ausmacht, dem Vorstellungs- und Begeh- 
rungsvermögen. In ihm sind sie absolut, unendlich vollkommen, 
während sie in der geschaffenen Monas blosse Nachbildungen der 
Seinigen nach Massgabe der jedesmaligen Vollkommenheitsstufe der 
Monas sind. Keine Monas daher drückt das gesammte Wesen der Gott- 
heit aus, sonst „wäre sie Gott, 11 sondern jede nach ihrer eigenen indi- 
viduellen Natur und nach der Stelle, die sie im Weltganzen einnimmt, 



Über die Philosophie de* Cardin&U Cusaaus. 319 

Was da allein wahrhaft existirt, sind, nach Cusa, die Indivi- 
duen, Atome, solche Wirkliche, kleiner als welche es keine gibt, 
nach Leibnitz, die Monaden, die einfachen Substanzen, die wahren 
Atome der Natur, die Elemente der Dinge. (Monadol. §. 3.) Wie nach 
Cusa nicht zwei Individuen einander völlig gleichen können, weil in 
jedem das All und das Wesen der Gottheit auf eigentümliche Weise 
sich darstellt, so muss nach Leibnitjs jede Monas verschieden sein 
von jeder anderen, denn „schon in der Natur gibt es nicht zwei 
Wesen , welche einander in allen Stücken völlig gleich und wo wir 
nicht im Stande wären , eine innere oder auf einer inneren Bestim- 
mung ruhende Verschiedenheit zu gründen." Das berühmte prtn- 
cipia de identitate indiscernibilium , worauf Leibnitz mit 
Recht so grosses Gewicht legte, weil dadurch allein die monadistische 
Grundansicht der alleinigen Existenz selbstständiger Individuen ge- 
rechtfertigt wird, ist daher im Grunde eine mit überraschender 
Schärfe ausgesprochene Entdeckung des Cusaners. 

Die auffallendste, oft bis in die Worte herabreichende Über- 
einstimmung aber finden wir in Folgendem. Nach des Cusaners 
Lehre ist Gott in Allem und das All in Jeglichem, aber auf verschie- 
dene, d. i. in Jeglichem auf seine Weise. Jeder Theil des Alls stellt 
das Ganze dar und steht mit allen übrigen Theilen desselben im ge- 
nauesten Zusammenhang, so dass er an sich Beziehungen zu allen 
übrigen trägt , die keinem anderen Theile in eben derselben Weise 
zukommen. Clemens citirt hierzu als Parallelstelle bei Leibnitz, 
dessen Aussprüche in dem Cinquieme ecrü ä M. Garke 87 , in 
Monadol. §. 62 und 65 (? scheint ein Druckfehler zu sein und 56 lau- 
ten zu sollen) und in Nouv. syst. f. 14. Er hätte leicht noch andere 
Stellen anfahren können, denn jene Ansicht Cusa's enthält Leib- 
nitzens allenthalben und in allen möglichen Formen wiederkehren- 
den Lieblingsgedanken, dass jeder Theil des Universums ein Spiegel 
desselben sei. „Zwischen sämmtlichen geschaffenen Dingen, heisst 
es, Monadol. §. 56, herrscht eine so innige Verknüpfung (liaison) 
und (vollkommene) Übereinstimmung Aller mit jedem Einzelnen und 
jedes Einzelnen mit allen Anderen, dass jede einfache Substanz Be- 
ziehungen (rapports) an sich trägt, die ein Ausdruck aller ihrigen 
(einfachen Substanzen) sind und folglich jede Einzelne gleichsam 
als ein lebendiger immerwährender Spiegel des Universums er- 
scheint." Wie derselbe Gegenstand von zahllosen Spiegeln in ver- 
sitib. <L P hü.-hißt. ci. vni. Bd. iv. uft. as 



320 Prof« Zimmermann. 

schiedener Lage zurückgeworfen, in jedem derselben ein anderes 
Bild gewähren muss, wie „eine und dieselbe Stadt, yon verschiedenen 
Seiten aus angesehen» immer als eine andere and gleichsam verviel- 
ftltigt erscheint, so kann es geschehen» dass es» wegen der unend- 
lichen Menge einfacher Substanzen, eben so viele verschiedene 
Welten zu geben scheint, die, genauer besehen, nichts Anderes sind» 
als die mannigfaltigen Ansichten der einzigen von den verschiedenen 
Standpunoten der einseinen Monaden aus angeschauten Welt." 
(Monadol. §. 87.) Referent hat an einem anderen Orte (Leibnitz' 
Monadologie deutsch u.s. w. Wien 1847, S. 52) Leibnitzens An- 
schauung des Weltalls mit einem Mosaikbilde verglichen» darin jedes 
Steinchen eine durch seine Verhältnisse zum Ganzen und allem 
Übrigen genau festgesetzte Stelle einnimmt und keine andere einneh- 
men darf» wenn die Harmonie des Ganzen im Totalbilde «reicht 
werden soll. Jedes Steinchen hat durch seine Lage bestimmte Be- 
ziehungen zu jedem anderen» so wie zum ganzen Bilde; eine voll- 
kommene Intelligenz mOsste daher im Stande sein, aus der Lage 
eines einzigen Theilchens sich die nothwendig dazu gehörige Lage 
aller übrigen und des ganzen Bildes zu erzeugen, ebenso» wie Dide- 
rot behauptete, aus der erhaltenen Fusszehe einer Venus deren ganze 
Statue reproduciren zu können. Jedes Steinchen drückt dergestalt das 
Ganze aus» aber jedes aus einem anderen Gesichtspunct, und wie mit 
Leibnitz (in der oben citirten Stelle des Briefes an Clarke) zu 
reden: Jede einfache Substanz ist vermöge ihrer Natur, so zu sagen, 
une concentration et tut miroir vivant de tout Vumvert suivunt 
son point de vue." 

Die Art und Weise , wie jede Monas das Universum von ihrem 
Standpunete aus wiederspiegelt, ldsst uns noch tiefer in die Verwandt- 
schaft zwischen Cusa's und Leibnitzens Ansichten hineinblicken. 
Des Cusaners Weltansicht kennt kein Leeres, die Leibnitz'sohe 
ebenso wenig. Nach Nicolaus sind alle einzelnen Dinge die 
stetige Entfaltung des Alls, nach Leibnitz fliessen alle geschaf- 
fenen Substanzen in Gott, als ihrem Urquell» in Eins zusammen. So 
wit nach der Meinung unseres Cardinais jedes Einzelding seinem 
wahret Wesen nach, welches Gott ist, mit allen Anderen Eins ist, so 
lisst Leibnitz jede Monas durch das ewige Band ihrer von der 
Gottheit angeordneten Beziehungen zu jedem Anderen und zum gan- 
zen Universum mit allen Theilen desselben in Verbindung stehen. 



Über die PhiloaopMe 4« CardluU Cumihu. 321 

Als Anordner des Alls und der darin befindlichen Dinge hat Gott bei 
der Stellung jeder einzelnen Monas yon vorneherein auf die aller 
übrigen Röcksicht genommen. Weil der ganze Raum erfüllt ist , so 
wird jeder Theil im Räume „nicht nur yon jenem Körper afficirt, der 
auf ihn wirkt» und empfindet gewissennassen mit was diesem zustösst, 
sondern nimmt durch dessen Vermitteiung auch an den Zuständen 
jener Körper Theil , die mit dem ersten , yon dem er unmittelbar be- 
rührt wird, in Verbindung gerathen." Daraus nun folgt, dass „jeder 
Theil des Alls Alles mit empfindet , was im gesammten Universum 
sich ereignet, und der Allsehende gleichsam in jeder einzelnen Mo- 
nas liest, was in allen Übrigen geschieht , geschah und geschehen 
wird." (Monadol. §. 61.) Jener stellt zunächst jede Monas und ihren 
eigenen Körper vor, aber „weil dieser Körper durch seinen Zusam- 
menhang mit der den Raum ausfüllenden Materie auch mit dem gan- 
zen Uniyersum in Verbindung steht, so stellt die Seele, indem sie 
ihren Leib vorstellt, das Uniyersum selbst vor. 1 ' (Monadol. %. 62.) Die 
Materie ist das Band aller Theile des Weltalls; jeder Theil derselben 
repräsentirt das All und „in den kleinsten Theilen der Materie lebt 
noch eine Welt yon Geschöpfen." Jeder Theil „der Materie kann 
angesehen werden als ein Garten voll Pflanzen oder ein Teich voll 
Fische. Aber jeder Zweig der Pflanze, jedes Glied des Thieres, jeder 
Tropfen seiner Säfte ist noch ein solcher Garten und ein solcher 
Teich." (Monadol. %$. 65, 66, 67.) So ist Alles Leben, Thätigkeit, 
Bewegung im Universum; das All ein Makro- und jeder einzige Theil 
desselben ein Mikrokosmus, der das Abbild des Ganzen darstellt. Das 
ganze All ein einziger Organismus, darin jeder Theil des Theiles auch 
Theil des Ganzen ist, keiner ohne alle Übrigen und das All nicht 
ohne Alle, gleichwie Cusanus sie schildert, der die Piaton 'sehe 
Behauptung gutheisst, die Welt gleiche einem thierischen Wesen, 
dessen Theile so zusammenhängen , dass keiner derselben von den 
übrigen abgesondert sein Dasein behaupten könne. 

Der Gedanke liegt nahe, dem strengen Sichentfalten des Alls 
im Einzelnen und des Einzelnen im All bei L eibnitz wie bei Cusa 
eine pantheistische Grundansicht unterzulegen. Aber abgesehen 
davon, dass so Leibnitz wie Cusa aufs Schärfste den Gegensatz 
der Welt als des Alls des bewirkten zu der Gottheit als letzter wir- 
kender Ursache festhalten, liegt in der beiden gemeinsamen Behaup- 
tung des Alls als einer Summe selbstständiger Individualwesen , die 

äs* 



322 Prof. Zimmer mann. 

als solche das allein wahrhaft Wirkliche ausmachen, der sicherste 
Gegenbeweis gegen jede monistische Zumuthang. Der Pantheismus 
als solcher kennt keine wahre Vielheit der Einzelwesen , sondern 
nur eine wahre Einheit der Grundursache mit dem Schein der 
Vielheit des Bewirkten; der Indiridualismus dagegen eine wahre 
Vielheit in der Wirkung mit einer wahren Einheit in der Ur- 
sache. Zurflckfikhrung des rielfachen S c h e i n e s auf ein v i e 1 f a c h e s 
Sein und das letztere als eines abhängigen auf ein letztes unab- 
hängiges unbedingtes Sein, von dem als bedingtes jedes Andere ab- 
hängt, ist die Parole des Cusanischen Indiridualismus, wie des 
Leibnit z'schen Monadismus. Beiden ist die wahre metaphysische 
Grundlage der Welt eine unbestimmte Mehrheit allein wahrhaft exi- 
stirender Einzelwesen , deren jedes von jedem anderen verschieden, 
und jedes auf jedes Andere bezogen und deren jedes in seiner Weise 
wie Abbild jenes Ganzen ist, das in seiner Gesammtheit die entfaltete 
Vielheit der unentfalteten Einheit, die in unendlich vielen Grad- 
abstufungen entwickelte Schöpfung der allumfassenden, Alles in sich 
beschliessenden und aus sich entwickelnden unendlichen Schöpfer- 
kraft darstellt. 

Im Vorstehenden ist dargethan , dass die Ansichten beider über 
das objective Sein der Welt im Wesentlichen mit einander überein- 
stimmen. Es erübrigt uns noch, die Ähnlichkeit ihrer Lehren in den 
Puncten zu berühren, wo die Seele von ihrem subjectiven Standpunct 
zur Erkenntniss der Aussenwelt gelangt. Da das All in Jeglichem 
nur auf seine Weise, da das Universum in jeder Monas nur von 
ihrem individuellen Gesichtspuncte aus sich spiegelt, so kann auch 
das Erkennen jedes Einzelnen nothwendig nur ein subjectives , auf 
seine eigene individuelle Natur eingeschränktes werden und 
bleiben. „Der Verstand, sagt Nicolaus, kann nichts verstehen, 
was er nicht in eingeschränkter Weise selbst ist, denn Alles was ist, 
ist in ihm , aber, seiner individuellen Natur nach, in eingeschränkter 
Weise. So fasst die Seele, indem sie die Weit fasst, eigentlich nur 
sich selbst; unser gesammtes Denken und Forschen bleibt in der 
Seele und ihrem Gedankenkreise beschlossen; sie ist das Bekannte 
(Innere), durch welches wir das Unbekannte (Äussere) messen, um 
zu dessen Verständniss zu gelangen. Über uns kommen wir so wenig 
hinaus, als wir uns anders machen können, als wir sind; unser Trost 
muss darin bestehen, dass wir Alles sind, was ist, wenn auch be- 



Über die Philosophie des Cardinal« Guanos. 323 

schränkt und innerhalb besonderer, uns allein eigentümlicher Gren- 
zen. Nnr dnrch Analogie zu dem, was i n uns ist, erkennen wir die 
Welt, welche ausser uns ist Sinne und Verstand lehren uns das 
Äussere, aber nur vermuthungsweise kennen. Nicht einmal den Ge- 
danken eines Anderen vermögen wir genau in uns wiederzugeben, son- 
dern nur meinungsweise zu vermuthen. Alle unsere Gedanken sind 
„Conjecturen," wahrscheinliche Voraussetzungen, in denen wir das 
Fremde durch das Eigene annäherungsweise zu messen uns bemühen. 
Eine Gedankenwelt besitzen und schaffen wir, wie Gott die wirk- 
liche Welt; aber nur in dem Grade nähert unser Gedanke sich dem 
Gegenstand, in dem unser Sein sich dem Sein der Gottheit verähn- 
licht. Was der Mensch immer wahrnehmen mag, das stellt sich ihm 
menschlich dar, in sein eigenes Wesen , in seine Form gekleidet , die 
Erkenntnis* ist lediglich subjectiv und hat in Bezug auf die Aussen- 
welt blosse Wahrscheinlichkeit. 

Des C usaners Erkenntnisstheorie stellt nach Obigem einen 
vollständigen Idealismus dar, der dem Skepticismus die Hand reicht. 
Zwar ist Gott, die absolute Wahrheit, in Allem, aber in Jeglichem 
durch dessen subjective Besonderheit getrübt. Jeder weiss und er- 
kennt nur, was in ihm, nicht was an si ch ist, oder vielmehr, er er- 
kennt das An sich der Dinge nur i n sich, im subjectiv beschränk- 
ten Reflex. Die ganze Wahrheit ist dem Einzelnen, der nur ein 
Bruchtheil hat, unerreichbar; das eine ewige Licht erscheint in Jeg- 
lichem nach dessen Individualität in besonderen Farben gebrochen; das 
Erkennen eines Jeden ist schlechthin subjectiv, die Gesammtmenge 
der erkennenden Einzelwesen ist eine Menge in sich abgeschlossener 
Gedankenkreise, deren Kommen dem Anderen nicht anders als mittelst 
Vermuthungen zugänglich ist, und deren jeder der absoluten Wahrheit, 
welche Gott ist, gegenüber sich nur wie eine Masse persönlicher 
Meinungen in mehr oder minder fest begründeter Weise sich verhält. 

Auch Leibnitzens Monas ist ein solcher „aparter" Idealismus, 
eine in sich beschlossene Gedankenwelt, deren Erkenntniss über den 
eigenen Ideenkreis nicht hinausgehen kann und nichts Anderes denkt, 
als was in ihr selbst ihrer Eigennatur nach bereits vorgebildet ruht. 
Denn von aussen kann nichts in die Monas hineintreten — die Mo- 
naden haben keine Fenster, durch welche etwas in dieselben ein- oder 
aus ihnen herausgehen könnte — was in ihr ist, war von Ewigkeit in 
ihr, und was in ihr wird, konnte nur durch sie selbst, durch ihr 



324 Prot. Zimmermann. 

eigenes immanentes Veränderungsgesete werden. (Monadol. f. 11.) 
Alle Vorstellungen (perceptiones) , welche die Monas besitzt» 
empfängt sie demnach ausschliesslich von innen her, aus ihrer eigenen 
vorstellenden und an die Sehranken der eigenen Individualität ge- 
bundenen Natur; sie kann nur diese und keine anderen empfangen, 
weil ihre vorstellende Natur gerade diese und keine andere ist; sie 
kann daher, was sie erkennt, nicht frei, noch durch Äusseres be- 
stimmt, sondern einzig nur so erkennen» wie ihre eigene einge- 
schränkte Natur sie dasselbe zu erkennen zwingt, oder besser gesagt, 
sie erkennt was ist, nicht w e i 1 es ist, sondern sie stellt vor, was sie 
vorstellen muss, ohne Rücksicht, ob es ist, d. h. ob diesem Vorge- 
stellten etwas ausserhalb ihrer selbst entspreche oder nicht. 

Der Zweifel, ob dem kraft der inneren Natur der Monas von ihr 
Vorgestellten ausserhalb ihrer -selbst Realität entspreche, liegt auf der 
Hand; treffendhatBayle dagegen eingewandt, dass die Reihe der Vor- 
stellungen auch dann noch in der Einzelmonas ablaufen müsste, wenn 
nur sie allein und nichts ausser ihr im Weltall vorhanden wäre. Nicht 
einmal vermutungsweise , wie Nico laus von Cusa zugibt, ver- 
möchte eine Seele das Dasein, noch weniger die Gedanken der anderen 
zuerrathen, denn ihr eigener idealistischer Vorstellungskreis wäre von 
dem Dasein wie von den Gedanken jeder anderen völlig unabhängig. 

Hier nun wendet Leibnitz plötzlich wie Cusa, auf einem ent- 
scheidenden Wendepuncte angelangt, von dem individuellsten Sub- 
jectivismus den Blick zurück auf die Einheit des Fundamentes , das 
aller Vielheit der Einzelwesen gleichmässig zu Grunde liegt. Obgleich 
jedes Einzelwesen der That nach nur dasjenige zu erkennen vermag, 
was es seiner Natur nach selbst ist , so vermag es doch Alles zu er- 
kennen, weil es selbst Alles ist. Zwar erkennt, wie Nicolaus meint, 
der Verstand nur, was in ihm ist; aber die Natur jedes Einzelwesens 
ist Alles zu sein , denn in Jeglichem ist das All auf eingeschränkte 
Weise. So erkennt der Verstand, indem er sich erkennt, in Wahr- 
heit das ganze Universum, deren zusammengezogenes Bild er» und die 
Gottheit selbst, deren Bild das Universum ist. Je mehr er sich von 
den Schranken befreit, die seine Stellung als eingeschränktes Bild 
des Ganzen ihm auferlegt, je mehr er vom Individuellen empor zum 
Höheren, Allgemeineren sich zu erheben vermag, desto mehr dringt er 
in die Erkenntniss des Wesens ein , das sein eigenes ist, und zu- 
gleich das Wesen jedes anderen im Universum , in das Wesen der 



Über die Philosophie de* CanMnala Cusanua. 325 

Gottheit. Cusa's Lehre verlässt hier den sicheren Boden und streift 
in das Gebiet theosophischer Mystik Ober; Leibnitz aber, an dem 
strengen Idealismus der einzelnen Monas festhaltend , erweist nichts 
desto weniger, dass diesem Idealismus ein Reales, der geträumten 
Weltansicht eine wirkliche entsprechen muss, von welcher jene nur 
wie die perspectivische Ansicht von der wahren Grösse und Stellung 
des Gegenstandes sich unterscheidet Denn jede Monas in ihrer 
Isolirtheit ist ein lebender Spiegel des Universums; jede steht in 
Beziehung zu Allen und Alle zu ihr; jede trägt in Folge dessen solche 
Beziehungen zu Andern an sich, aus welchen eine vollkommene In- 
telligenz diese sämmtlich zu ergänzen vermöchte. Diese Beziehungen 
(rapports) sind Bestimmungen der Monas und machen jene indivi- 
duelle Natur aus,' die jede Monas als solche und keine andere in der- 
selben Art besitzt, und aus welchen dieselbe, da sie Bezüge auf das 
ganze Universum enthält, sobald sie sich ihrer bewusst wird, des ge- 
dämmten Universums wie der Gottheit aus ihren Beziehungen zu diesen 
von ihrem besonderen Standpuncte aus sich bewusst zu werden vermag. 
Dass sie ihrer und dadurch der Welt und Gottes sich bewusst 
wird, ist das Werk des gemeinschaftliehen Urquells aller Monaden, 
ihrer inneren Veränderungen und äusseren Verhältnisse» Gottes. Er 
hat von Anbeginn an unter allen möglichen Welten die beste erkannt, 
gewollt und demgemäss geschaffen. In dieser müssen notwendig die 
inneren Veränderungen aller Monaden , die kraft ihrer immanenten 
Veränderungsprincipe in Ewigkeit erfolgen, den Verhältnissen gemäss 
bestimmt sein, in welchen jede Monas zu allen übrigen steht, da sie 
von dieser selbst im Ablaufe der Zeit wegen der Abwesenheit tran- 
sienter Wirkungen zwischen Monaden nicht bestimmt werden können. 
Die inneren Vorgänge aber, d. i. der Vorstellungskreis der einzelnen 
Monas ist das Abbild der äusseren Verhältnisse, in welchen sie steht; 
indem die Seele jener sich bewusst wird, wird sie es sieh dieser. Auf 
diesem Wege gewinnt das Erkenntnissvermögen jeder einzelnen 
Monas allmählich die Überzeugung, dass sein individuelles Bild der 
Welt auch das Bild der wirklichen Welt, so wie subjective Vorstel- 
lung des Seins auch das wahre Abbild des objectiven sei, und das 
Bindeglied, das Vorstellung und Gegenstand (subjectiven Gedanken- 
kreis und objectives Universum) von Ewigkeit in Harmonie gebracht 
hat und erhält» ist Gott, der Urquell alles Seins und alles Vorstellens, 
der uns unmöglich kann täuschen wollen. 



326 Prof. Zimmermann. 

Wie nach Cusa das All in Jeglichem ist, und darum Jeder, der 
sich erkennt, in sich das All, nur in eingeschränkter Weise und 
durch das All Gott gewahrt, so herrscht nach Leibnitzens Worten 
prästabilirte Harmonie zwischen den von Gott eingepflanzten Vor- 
stellungs- (Perceptions-) Reihen der einzelnen Monaden und ihren 
von Gott angeordneten äusseren Verhältnissen. Wie Jene diesen, so 
müssen Diese jenen von Ewigkeit her und für alle Zeit entsprechen. 
Das Erkennen jeder Monas, wenn es auch zunächst sich nur auf ihren 
eigenen Inhalt erstreckt, dehnt sich eben dadurch auf Alles aus, was 
überhaupt erkannt werden kann, und zu welchem die Monas in 
äusserüchen Beziehungen steht, d. i. auf das gesammte Universum. 

Dergestalt finden Cusa und Leib nitz aus dem schroff abge- 
sperrten Idealismus der einzelnen Wesen durch Vermittlung der 
Gottheit den Ausweg zur adäquaten Erkenntniss des Objeetiven. Zwar 
nimmt ein Jedes nur von seinem individuellen Standpunct die Wahr- 
heit wahr, aber Jegliches nimmt die ganze Wahrheit wahr. Das 
ganze All ist ein Spiegel Gottes und jedes kleinste Theilchen des- 
selben das Universum im Kleinen. In jedem einzelnen erkennenden 
Subject wiederholt sich als dessen Vorstellungsinhalt, was ausserhalb 
desselben den realen Gehalt des Weltalls ausmacht. Wie die Gott- 
heit die Welt real aus sich formt und schafft, so schafft rückwärts 
das vorstellende Subject dieselbe ideal im Inhalt seines Denkens. 
Alles Bilden und Vorstellen des Subjectes ist nur ein Entdecken des 
von der Gottheit ins Innere gepflanzten Wissensschatzes. Die Gottheit 
aber ist wie der letzte Urgrund alles Seins, so der Urgrund sämmt- 
lichen Vorstellens. Die Harmonie zwischen beiden ist ihr Werk, 
mag sie nun, wie Cusanus mit mystischem Anflug lehrt, daher 
rühren, dass ihr Wesen in Allem und Jegliches in Jeglichem sei, oder 
wie Leibnitz in grossartig mechanischer Ausdrucksweise sagt, 
daher, weil „Gott von Anbeginn der Dinge her jede von je zwei Sub- 
stanzen so eingerichtet hat, dass sie zufolge ihrer innewohnenden, 
zugleich mit ihrem Dasein empfangenen Gesetze beständig mit der 
anderen dergestalt übereinstimmt, als gäbe es eine wechselseitige 
wahrhafte Einwirkung zwischen beiden, oder als hätte die Gottheit 
unausgesetzt ihre Hand im Spiel." (IL Eclaircissem, ä M* Fou- 
eher. O. b. ed. Erdm, p. 134). 

Das Vorstehende wird, glauben wir, genügen, die innere Ver- 
wandtschaft Cusanischer und Leibnitz'scher Weltanschauung 



Über die Philosophie des Cardinais Cusanus. 327 

in den Grundzügen darzuthun und den Ausspruch zu rechtfertigen, 
den der Titel gegenwärtigen Vortrages thut, dass Nicolaus yon 
Cusa wahrhaft als geistiger Vorläufer Leib nitzens dürfte ange- 
sehen werden. Schwerer wird es zu sagen, ob die innere Verwandt- 
schaft der Lehre ohne Süssere Belege uns das Recht gebe , auf eine 
stattgefundene Entlehnung gewisser Lehrsätze aus des Cusaners 
Werken, ja auch nur auf eine Kenntniss der letzteren von Seite 
Leib nitzens zu schliessen. Es ist längst bekannt, dass Leibnitz 
Vieles seinem Vorgänger verdankte, und H. Ritter, dieser gründ- 
lichste der jetzt lebenden Kenner der Geschichte der Philosophie, 
hat erst vor kurzem in der Anzeige einer Schrift des Referenten 
(Gott. Gel. Anz. Nr. 21 u. 22 v. 3. Febr. 1882) mit Recht auf das 
Verhältniss hingewiesen, das zwischen L e i b ni t z ens und den Lehren 
des Thomas vonAquin herrscht. Von einer directen Beziehung 
Leib nitzens auf die Werke des Cardinais von Cusa ist uns je- 
doch wenigstens nichts bekannt. In seinen philosophischen Schriften 
haben wir den Namen des Cardinais nicht angetroffen , wohl aber in 
seinen historischen. In dem Werke: Scriptores Brunswicensia tf/ti- 
strantes berichtet Leibnitz von unserem Cusa zwar nicht als Philo- 
sophen, wohl aber als Reformator der Klöster und päpstlichen Legaten. 
Nichts desto weniger ist es ausser Zweifel, dass ihm der wesent- 
lichste Inhalt der Cusan'schen Lehre, wenn auch vielleicht aus 
zweiter Hand, nicht fremd geblieben sein kann. Clemens hat dar- 
gethan, dass der Hauptkem der Schriften und Lehre des Giordano 
Bruno, aus dem wieder Spätere , wie Vanini und Campanella, 
schöpften, aus den Werken des Nicolaus Cusanus genommen 
sei. Den Jordanus Brunus hat aber Leibnitz nicht nur ge- 
kannt, sondern auch häufig im Munde geführt, und Carri&re 
(a. a. 0. S. 471 u. ff.) hat mit Erfolg auf die innere Ähnlichkeit 
hingewiesen, welche Leibnitz ens Philosophie mit jener Bruno's 
zeigt. Der Punct aber, den er als entscheidend för die Verwandt- 
schaft beider hervorhebt, „dass Gott als Einheit sich offenbart in 
einem System unendlicher Einheiten , die nicht qualitätslose Atome, 
sondern von so unendlicher Lebensftille sind , dass Alles in Allem 
ist," gehört, wie wir gesehen haben, unserem Cusanus zu. So 
haben wir denn, wenn keinen directen, doch einen indirecten Beweis, 
dass die grossartige Weltansicht des Cardinais nicht ohne nach- 
haltigen Einfluss auf seinen um dritthalb Jahrhunderte späteren und 



328 Arneth. 

grösseren Landsmann geblieben sei, in dessen Geist sie sich geläutert 
durch das inzwischen zu höherer Stufe erhobene Studium der Mathe- 
matik und der Naturwissenschaft, Air deren Anfinge er selbst so 
rüstig Bahn gebrochen , als stolzer architektonischer Prachtbau wie- 
derholen sollte. Dem Geschichtsschreiber aber» der den Spuren der 
Gedanken im Geistesleben nachgeht» wie ein anderer denFussetapfen 
der Völker im Süsseren Dasein, ist es ein erhebendes Schauspiel, in 
gewahren, dass in dem wirren Gewoge einander drängender und 
aufhebender Ansichten die rechte Perle der Wahrheit nicht unter- 
geht, und wie an dem vom Grunde des Meeres trotz der Brandung 
aufechiessendemCorallenstock sich Ast um Ast, so am Baume der Er- 
kenntnis trotz zahllosen Irrthumes sich Blatt um Blatt im stillen eom- 
tinuirlicheu Fortschreiten entwickelt. 



Auszüge aus dem vorgelegten Werke: »Der Feldmar- 
schall Starhemberg" 

Von Hrn. Arneth, Hofconcipisten im Ministerium des Äussern* 

Herr Arneth liest ein Bruchstück aus dem Ten ihm verfass4en 
und der Akademie vorgelegten Werke über das Leben des kaiser- 
lichen Feldmarschalls Grafen Guido Starhemberg. Nach einigen ein- 
leitenden Bemerkungen über die Gründe durah die er sieh bewogen 
gefanden , die Biographie dieses Feldherrn z« seiweihen , wirft Herr 
Arneth einen Blick auf die frühere militärische Laufbahn des Feld- 
marschalls Starhemberg, welcher im Jahre 1677, als zwanzigjähriger 
Jüngling in kaiserliche Kriegsdienste getreten war, Anfangs unter dem 
Herzoge Karl yon Lothringen am Rheine gekämpft, dann alle Feldzüge 
gegen die Türken von der Belagerung Wiens bis zum Karlewitzer 
Frieden mitgefochten hatte. Bei Wiens heldenmütigem Widerstände 
gegen die Ungläubigen, hei der Eroberung yon Neuhäusel, Ofen und 
Belgrad, in den Schlachten bei Batotschin, Nissa und Szlankanent, 
bei der Verteidigung von Nissa und Esseck, yor Allem aber in dem 
Entseheidungskampfe yon Zenta , wurde Starhemberg unter den be- 
geistertsten Streitern gegen die Feinde der Christenheit genannt. — 

Nach dem Ausbruche des spanischen Sucoessionskriegee diente 
Guido Starhemberg Anfangs unter Eugen und dann als Oberfeldherr 
in Italien. In seine Hände übergab der in Cremona's Mauern gefangene 



Aufzüge aofl dem Werke: Der Feldmarschall Starhemberg. 329 

Marschall Villeroi seinen Degen , ihm war grossentheils der Sieg bei 
Luizara zu danken. Starhemberg war es, der Yendome von Ostiglia 
zurückschlug, den französischen General Albergotti besiegte und 
endlich jenen kühnen Zug mitten durch das feindliche Heer nach 
Piemont vollbrachte , durch welchen die weitaussehenden Plane der 
übermächtigen Gegner vollständig durchkreuzt wurden. 

Während der Jahre 1706 und 1707 kämpfte Starhemberg mit 
Glück gegen die Insurgenten in Ungern» im Jahre 1708 aber sandte 
ihn Kaiser Joseph I. nach Barcelona, wo sich König Karl, der nach- 
malige Kaiser Karl VI. nach der Niederlage, welche seine Streitkräfte 
gegen das Heer seines Nebenbuhlers Philipp von Anjou bei Almanza 
erlitten hatten, in wahrhaft verzweiflungsvoller Lage befand. Aber 
dem Feldmarschall Starhemberg gelang es trotz der geringen Anzahl 
und des verwahrlosten Zustandes seiner Truppen sich nicht nur in 
Catalonien zu behaupten, sondern auch die Macht seines Herrn und 
Königs naeh and nach immer weiter auszudehnen. Zwei Jahre nach 
seiner Ankunft in Barcelona fährte Starhemberg den König Karl nach 
zwei gewonnenen Schlachten in den Mittelpunct Spaniens, nach 
Madrid, büsste jedoch, von widrigem Geschicke verfolgt, noch in 
demselben Feldzuge die Früchte seiner Siege wieder ein. 

Die Darstellung dieser Ereignisse bildete das zur Vorlesung 
gewählte Bruchstück. Auf die Vorstellungen Starhemberg's und des 
englischen Generals Stanhope, welcher die brittischen Hülfstruppen in 
Catalonien befehligte und zugleich als Gesandter der Königinn Anna 
an Karl's Hoflager stand , hatte dieser sich entschlossen , persönlich 
ins Feld zu gehen und seinem Gegner Philipp , der sich gleichfalls 
zu seinem Heere begeben hatte, die Stirne zu bieten. Da Philipp's 
Heer dem der Verbündeten Anfangs beträchtlich überlegen war, ver- 
mied Starhemberg ein Treffen mit dem Feinde, bis er nach Ankunft 
von Verstärkungen aus Italien seine Streitkräfte für zahlreich genug 
hielt, um sich mit denen des Gegners in offenem Kampfe messen zu 
können. Nach verschiedenen Bewegungen kam es endlich bei Alme- 
nara zum Streite, der mit dem Siege Starhemberg^, mit dem flucht- 
ähnlichen Rückzuge König Philipp's endigte. Unter den Mauern von 
Lärida sammelte dieser seine zerstreuten Schaaren und zog sich in 
Eilmärschen gegen Saragossa zurück. Der Feldmarschall folgte ihm 
auf dem Fusse. Am 20. August wurde bei Saragossa neuerdings 
gekämpft. Philipp's Niederlage, der Triumph des Königs Karl war 



330 Arneth. AtuzAge aas dem Werke : Der Feldmarschall Starhemberg. 

vollständig. Saragossa öffnete dem Sieger die Thore und ganz Ara- 
gonien wandte sieh , durch die Wiederherstellung seiner alten Privi- 
legien vollends gewonnen, der Sache des Hauses Österreich zu. 

Zu Saragossa kam es zwischen den Generalen der Verbündeten 
zu lebhaftem Streite Ober die weiteren Kriegsunternehmungen. Star- 
hemberg war dafür, dass man den Feind nach Navarra verfolge und 
ihn so lange unablässig bekämpfe, bis Philipp gezwungen sein werde, 
Spanien zu verlassen und nach Frankreich zu flöchten. Stanhope 
aber sprach sich mit Heftigkeit für den Zug nach Madrid aus. Obgleich 
der König selbst Starhemberg's Ansicht theilte und vertheidigte, 
wusste doch Stanhope durch die Drohung , er werde die englischen 
Truppen keine andere Strasse Ähren, als die nach Madrid, seine 
Meinung durchzusetzen. Das siegreiche Heer wandte sich nach der 
Hauptstadt Spaniens, in welche es nach langem, mühseligen Marsche 
einzog. Der ungünstige Empfang aber , den der König und seine 
Truppen zu Madrid fanden, erfällte sie mit düsteren Ahnungen und 
sogar Stanhope und diejenigen, die mit ihm gestimmt hatten, begannen 
einzusehen, welchen Fehler sie begangen, als sie sich der Meinung 
des Königs und Starhemberg's widersetzt hatten. 

Durch den Einzug des Heeres der Verbündeten in Madrid schien 
das Kriegsglück des Königs Karl seinen Höhepunct erreicht zu haben. 
Er sollte leider auch sein Wendepunct sein. Die Schilderung der 
nachfolgenden Ereignisse wurde auf die nächste Sitzung verspari 



SITZUNG VOM 21. APRIL 1852. 



Die Classe empfing mit Dank von dem h. Ministerium des Han- 
dels die Mittheilung eines Aufsatzes des k. k. Consuls Rössler zu 
Rustschuk: „Skizze von Bulgarien/ 9 



Durch das w.M. der andern Classe, Hrn. Director Kr eil, wer- 
den bei Übermittelung eines Exemplare» des „Gedenkbuches der 
Stadt Fünfkirchen," von dem dortigen Stadtpfarrer, Hrn. Haas, aus 
dessen Einbegleitungsschreiben nachstehende Auszüge mitgetheilt: 

„Ich werde trachten dem Wunsche des hochgebornen Herrn 
Hofrathes Hammer-Purgstall zu entsprechen, und die orien- 



r. Kar »Jan. Bericht Aber dte Leistungen der bist. Commieslon 331 

talischen Inschriften, die sich noch vor kurzem in der Moschee 
von Szigeth vorfanden, und die der Sohn des dortigen Rabbiners genau 
abgeschrieben hat, einzusenden. Auch will ich , sobald es mir meine 
Berufsgeschäfte erlauben, Originaldocumente mit deutscher Über- 
setzung einsenden von den Verhältnissen der Bauern , welche unter 
türkischer Botmässigkeit lebten , zu ihren christlichen Grundherren, 
die in nicht occupirten Theilen Ungerns wohnten. Dieses besondere 
Verhältniss ist noch, so viel ich weiss, Ton keinem Geschichtsschreiber 
beachtet worden und ich hoffe, die von mir einzusendenden Original- 
briefe sollen einiges Licht Ober die innere Geschichte Ungerns von 
1543 bis 1686 verbreiten. 

Auch ist die Geschichte der Deutschen in unserer Gegend von den 
frühesten Zeiten an noch gänzlich vernachlässigt; vielleicht kann 
ich auch in dieser Hinsicht etwas Interessantes beitragen zur Ge- 
schichte unseres grossen nun einheitlichen Vaterlandes — Österreich." 



Der Präsident der Classe, Herr v. Karajan, liest als Referent 
der historischen Commission folgenden General - Bericht : 

Schon wenige Monate nach der Gründung unserer Akademie im 
«Fahre 1847, als kaum die ersten, nöthigsten Einrichtungen zu Stande 
gebracht waren, und mit dem Herbste des Jahres die regelmässige 
Thätigkeit der jungen Anstalt begonnen hatte, richtete unsere Classe 
ihr Augenmerk vor Allem auf die Forderung der vaterländischen 
Geschichte. Denn sie musste nur zu gut fühlen , was vorerst noch 
alles an vorbereitenden, grundlegenden Arbeiten zu leisten ist, ehe 
an eine streng wissenschaftliche Lösung der riesigen Aufgabe einer 
Geschichte des Kaiserreiches nur im Entferntesten gedacht werden 
kann. Soll nämlich unsere Geschichte endlich einmal aus dem ewigen 
Einerlei herkömmlicher, dadurch nichts weniger als begründeter 
Annahmen heraus, soll der neue Bau auf festerem Boden sich erheben, 
die Fügung und Stützung der einzelnen Theile eine sichrere und 
gleichmässigere werden, so müssen die Grundlagen breiter gelegt, 
eine strengere Prüfung des Stoffes, als bisher geliefert wurde, durch 
rüstige dabei zahlreiche Werkgenossen Ar alle Theile des weiten 
Reiches unternommen werden. 

Zur Vorbereitung einer so ernsten und weitaussehenden Aufgabe 
ernannte die verehrte Classe am 24. November 1847 aus ihrer Mitte 



332 ▼• Karajan. 

vorerst einen Ausscbuss, bestehend aus den wirklichen Mitgliedern 
Chmel, Endlicher, Münch und Wolf, welchem sie am 27. des- 
selben Monates den bestimmten Auftrag ertheilte, vor Allem einen 
Bericht auszuarbeiten Ober die zweckmässigste Art und Weise der 
Veröffentlichung einer reicheren und verlässlicheren Sammlung öster- 
reichischer Geschichtsquellen. 

Der Ausschuss erstattete dem zu Folge am 22. December 1847 
einen ausführlichen Bericht in der Gestalt eines „Programme* der 
historischen Commission," welches noch am nämlichen Tage die 
Genehmigung der Gesammt- Akademie erhielt. Diese erklärte zugleich, 
da die beabsichtigten Arbeiten nur langsam reifen, dabei eine 
gleichmässige und ununterbrochene Leitung derselben, so wie ein 
beständiger Verkehr mit den Mitarbeitern in den einzelnen Kron- 
ländern wünschenswert scheine, in dieser Sitzung noch die Com- 
mission fiir permanent. 

Ich unterlasse hier, der Kürze wegen, die Aufzählung aller 
Puncte jenes Programmes, welches, wie das so leicht geschieht, in 
frischer Lust und vertrauensvoller Zuversicht manche Verheissung 
in sich aufgenommen hatte, die später, theils durch die Ungunst der 
Zeit, theils durch nicht vorher zu sehende Verhältnisse nicht zur Aus- 
führung gelangte. Die wichtigsten zwei Punkte aber aus demselben, 
jene, welche noch jetzt der Commission als Richtschnur ihrer 
Thätigkeit dienen, will ich in Kürze hier aufführen. Das Programm 
selbst findet sich seinem ganzen Inhalte nach abgedruckt in unserem 
Almanache, Jahrg. 1881, S. 91 — 97. Schon früher in den Sitzungs- 
berichten, Jahrg. 1848, Hft. I, S. 72—77. 

Der Ausschuss beantragte vor Allem: Erstens: die Herausgabe 
österreichischer Geschichtsquellen in zwei Hauptabtheilungen, näm- 
lich Scriptores und Diplomataria* und zwar in Rücksicht auf die 
verschiedenen Bestandtheile des grossen Kaiserreichs in ftlnf geson- 
derten Gruppen, unter folgenden Titeln: a) Fontes rerum Austria- 
carum für die Quellen der altösterreichischen Kronländer; b) Fontes 
rerum Bohemicarum für Böhmen, Mähren, Schlesien u. s. w. ; c) Hun- 
garicarum für Ungern, Siebenbürgen, Croatien, Slavonien u. s. w.; 
endlich d) Polonicarum und e) Jtalicarum; Zweitens: dieser 
Quellensammlung zur Seite eine periodische Schrift erscheinen zu 
lassen, in welcher Untersuchungen, Nachweisungen und Zusam- 
menstellungen über einzelne Quellen obiger Gruppen niedergelegt, 



Berieht Ober die Leistungen der historischen Commission. 333 

einzelne kleinere derselben» mit den nöthigen Erläuterungen versehen» 
gleich in ihr mitgetheiltund durch sie vor Allem der wissenschaftliche 
Verkehr der durch den Raum getrennten Forscher in den einzelnen 
Kronländern vermittelt werden sollte. Diese Schrift sollte ferner 
nach dem Programme den Sitzungsberichten unserer Classe all- 
monatlich beigelegt werden und den Titel führen „Archiv für öster- 
reichische Geschichtsquellenkunde;" Drittens: ward als vorläu- 
fige Abgrenzung der aufzunehmenden Quellen, in Bezug auf die Zeit, 
deren Beleuchtung sie dienen sollten , das Todesjahr Kaiser Fer- 
dinande III., 1687, also beiläufig die Mitte des siebzehnten Jahr- 
hunderts, angenommen. 

Hierauf ward rasch Hand ans Werk gelegt, so dass schon zu 
Anfang April 1848 das erste Heft des Archives erschien. Im Laufe 
des Jahres folgte aber nur noch Ein Heft, da die k. k. Staatsdruckerei 
in jener Zeit durch die ungeheure Vermehrung ihrer Arbeiten fÄr 
die Bedürfnisse der Staatsverwaltung zu sehr in Anspruch genommen 
war und nur mit Anstrengung die Sitzungsberichte beider Classen 
ununterbrochen Hefern konnte. 

Trotz dem aber, dass durch den Drang der Verhältnisse zu 
jener Zeit sämmtliche Behörden des Staates auf ausserordentliche 
Weise in Anspruch genommen waren , unterliessen sie doch nicht, 
der jungen Anstalt bereitwillig ihre Unterstützung zu gewähren. 
Schon am 22. März 1848 gelangte an die Commission die ämtliche 
Mittheilung, dass der Präsident der damaligen Hofkammer ihr die 
Benützung des reichen Archives jener Behörde gestattet habe. Acht 
Tage darnach am 29. März erhielt ihr Ausschuss die erfreuliche Nach- 
richt, dass der oberste Kanzler sämmtliche Landeschefs beauftragt 
habe , den Mitgliedern der historischen Commission die Archive der 
landesffirstlichen Städte und Gemeinden zu eröffnen. Später gewährte 
auch der Minister des Äussern ihrem Ausschusse die Benützung des 
geheimen Haus- und Staafoarchives , was in der Classensitzung vom 
7. März 1849 amtlich mitgetheilt wurde. 

Seit dem Erscheinen nun des ersten Heftes unseres Archives 
bis jetzt sind vier volle Jahre verflossen , vier Jahre inhaltsschwer 
und bewegt wie wenige. Die Grundfesten des grossen Reiches 
erbebten in ihnen, Wirrsal und Stürme aller Art und aller Enden 
hemmten, ja unterdrückten zum Theile jeden Verkehr, Wissenschaft 
und Kunst, die nur im Frieden fröhlich gedeihen und segensreiche 



334 t. Karajan. 

Früchte bringen, fristeten zurückgedrängt und kaum beachtet ihr 
Dasein fort» — aber dennoch fristeten sie es. 

Auch ihr Ausschuss war während dieser Zeit nicht unthitig und 
wenn er auch bis zur Stunde nicht vor sie hintrat und in ausfiihr- 
licherer Darstellung auf die Früchte seiner Thätigkeit hinwies, so 
geschah es nicht, weil er nichts zu bieten hatte, sondern weil er ab- 
wechselnd mit Dringenderem beschäftigt war, auch wohl absichtlich 
längere Zeit wollte hingehen lassen, um dann auf reichere Ausbeute 
hinweisen, die spärlicheren Ergebnisse der ersten Zeit durch die 
reicheren der folgenden ausgleichen zu können. 

Die Theilnahme, welche das Unternehmen bei den angedeuteten 
ungünstigen Zeitverhältnissen in den einzelnen Kronländern des 
Reiches fand, musste begreiflicher Weise weit hinter den ursprüng- 
lichen Erwartungen der Commission zurück bleiben. Um so erfreu- 
licher und höher angeschlagen werden muss die Rührigkeit und 
unverdrossene Theilnahme jener Wenigen, welche aus dem so 
beschränkten Gebiete sich dennoch so thätig erwiesen, dass die 
ursprünglich durch die Classe bestimmten Räume und Ausmasse für 
die Unterbringung der Mittheilungen nicht mehr zureichten und 
noch zwei neue Sammlungen gegründet werden mussten, nämlich die 
Monumenta Habsburgica und das Notizenblatt. 

Die ersteren sollten gewissennassen eine dritte Abtheilung der 
österreichischen Geschichtsquellen bilden und neben jenen fflnf 
Gruppen, welche mehr die Landesgeschichten der einzelnen Kron- 
länder zum Zielpuncte nehmen , der Geschichte des ihnen gemein- 
schaftlichen Regentenhauses gewidmet sein. 

Das Notizenblatt aber sollte kleinere, vereinzelte Mittheilungen 
über Quellen aufnehmen, während im Archive grössere Abhand- 
lungen und Zusammenstellungen quellenartigen Stoffes neben klei- 
neren Quellen geliefert würden. 

Von diesen vier verschiedenen Sammlungen nun sind bis zur 
Stunde im Ganzen zwölf Bände in 8°. erschienen. Vier Bände Fontes, 
sieben Bände Archiv und ein Band Notizenblatt Der erste Band 
der Monumenta Habsburgica aber, wichtige diplomatische Acten- 
stücke zur Geschichte Karl's V. enthaltend, aus den Jahren ISIS — 19, 
und hauptsächlich die auswärtigen Verhältnisse desselben, als Herren 
der Niederlande betreffend, befindet sich bereits, so wie der fünfte 



Bericht über die Leistungen der historischen Commission. 335 

Band der Fontes, der achte des Archive* und der zweite des 
Notizenblattes unter der Presse. 

Ausser diesen schon veröffentlichten oder in der Veröffentlichung 
begriffenen Quellen und Untersuchungen hat aber die Commission 
auch noch vieles zum Drucke vorbereitet und in bedeutenden Samm- 
lungen niedergelegt. So vor Allem beiläufig 10,000 Stücke Urkunden 
und Regesten zu einem Codex diplomaticus Austritte inferioris; 
eine umfangreiche Sammlung von Auszügen aus den Verhandlungen 
der nieder-österreichischen Stände, mit Kaiser Maximilian I. beginnend 
und vor der Hand bis zum Jahre 1634 reichend, eine ergiebige Quelle 
zum Verständnisse der Landesgeschichte , so wie zum Theile durch 
die Ausschusslandtage mehrerer Kronländer selbst für die Geschichte 
des ganzen Reiches. Die Sammlung wird seiner Zeit fortgesetzt, 
und gewährt schon jetzt reiche Ausbeute. Auch fllr die Monumenta 
Habsburgica ist bereits ein höchst bedeutendes Materiale gewonnen. 
Die Zahl der abgeschriebenen Urkunden, Regesten und Auszüge 
erreicht schon jetzt die Ziffer der Urkunden des obigen Codex 
diplomaticus für Österreich unter der Eons, nämlich zehn Tausend. 

Nicht unerwähnt darf ich ferner lassen , den durch ihren Aus- 
schuss als Unterlage und Träger der Ausbeute so vieler geschicht- 
lichen Forschungen und so reichen Stoffes vorbereiteten historischen 
Atlas, vor der Hand „Altösterreichs," d. i. der fünf alten Provinzen 
desselben, nebst beträchtlichen Theilen der angrenzenden Gebiete. 
Die Commission Hess nämlich mit bedeutenden Kosten im grossen 
Maasstabe eine verlässliche Terrainkarte des erwähnten Gebietes in 
sechs grossen Blättern anfertigen. Auf die genaue und klare Dar- 
stellung des Terrains wurde desshalb die grösste Sorgfalt verwendet, 
weil hauptsächlich das Verständniss der Verhältnisse des Terrains 
erst jenes geschichtlicher Vorgänge, getroffener Eintheilungen und 
mancher Besitzverbältnisse, möglich macht. Die Karte lässt, was ihre 
Ausführung betrifft, fast nichts zu wünschen übrig und wurde bereits 
an gelehrte Gesellschaften wie einzelne Forscher vertheilt, zur Ein- 
zeichnung der erforderlichen Bestimmungen nach Jahrhunderten, und ist 
auch schon durch einzelne derselben theil weise in Angriff genommen. 

Wie man aus dem blossen Umfange des bis jetzt Geleisteten 
sieht, hat die Commission mit den von der Akademie ihr bisher in 
ausgiebiger Weise gewährten Geldmitteln, redlich und erfolgreich 
gebahrt, es soll auch fernerhin geschehen, sind auch die Geldkräfte 

Sitsb. d. pbiL-hist. Cl. VIII. Bd. IV. Hfl. 2 lf 



336 y- Karajm. 

der Ciasse durch manche andere Unternehmungen, welche aber der 
Unterstützung der Akademie nicht minder würdig sind, dermal 
ungleich mehr in Anspruch genommen als früher. Das Forterscheinen 
der begonnenen Sammlungen aber ist gesichert, sollte es auch nicht 
möglich sein, mit den jetxt gewährten Geldmitteln neben diesen noch 
neue anzulegen. 

Auch in der Zusammensetzung ihres Ausschusses hat sich im 
Laufe dieser Tier Jahre Manches verändert. Ich will es hier gleich 
hinzufügen als am Schlüsse des allgemeinen Theiles meines Berichtes, 
jenes nämlich , der sich mehr mit dem äusseren Umfange und den 
verschiedenen Einteilungen des bis jetzt Unternommenen und zum 
Theile schon Gelieferten zu beschäftigen hatte, während der zweite 
besondere Theil die genauere Darstellung und Durchordnung der 
Ausbeute sich zur Aufgabe stellen wird. 

Von den ursprünglichen Mitgliedern der Commission wurde ihr 
gleich in den ersten Monaten ihres Bestehens Stephen Endlicher 
durch seinen gänzlichen Austritt aus der Akademie entrissen. An 
seine Stelle wurden noch im Februar 1848 zwei wirkliche Mitglieder 
Bergmann und Karajan von der Commission erwählt und diese 
Ergänzung und Verstärkung derselben durch die Classe gutgeheissen. 

Bis zum dritten November vorigen Jahres blieb Cbmel Bericht- 
erstatter der Commission. In dieser Eigenschaft las er in den Classen- 
sitzungen vom 23. Februar 1848 und 14. März 1849 jedesmal einen 
kurzen Bericht über die Erfolge der durch die historische Commission 
getroffenen Einleitungen. Dass diese Berichte mehr Hoffnungen und 
Erwartungen als wirkliche Erfolge zur Kenntniss der Classe bringen 
konnten, war bei den damaligen Zeitverbältnissen und dem kurzen 
Bestände der Commission erklärlich und natürlich. An dem oben 
bezeichneten 3. November 1851 nun , legte Chmel, der sich bis 
dahin überwiegend und mit wahrer Aufopferung den Geschäften der 
Commission unterzogen hatte , seine Stelle als Berichterstatter der- 
selben nieder. Ihr Ausschuss erwählte hierauf einstimmig mich an 
dessen Stelle. In dieser Eigenschaft erstatte ich heute der Classe 
meinen ersten Bericht. 

Von weiteren Veränderungen in der Commission habe ich 
schlüsslich nur noch zu erwähnen, dass unterm 12. December 1849 
durch Bescbluss der Classe die beiden wirklichen Mitglieder Safaf ik 
und Palacky in Prag zu Mitgliedern der Commission ernannt wurden. 



Bericht Ober die Leistungen der historischen CommUslon. 337 

und zwar zur Prüfling und Begutachtung allenfalls einlangender slawi- 
scher Geschichtsquellen und Abhandlungen ; ferner dass nach ihrem 
Beschlüsse vom 7. Jänner laufenden Jahres auch das wirkliche Mit- 
glied Arneth zur Vertretung der Interessen der vaterländischen Alter- 
thumskunde in die Commission eingetreten ist und seit dem 12. Jän- 
ner 1882 an den wöchentlichen Sitzungen derselben theilnimmt 

Ich wende mich nun zum zweiten besonderen Theile meiner 
Aufgabe» nämlich zur genaueren Darstellung und Durcbordnung des 
in den bisherigen Veröffentlichungen der Commission niedergelegten 
geschichtlichen Stoffes. 

Ich werde denselben» wie ich glaube, am ungezwungensten nach 
den einzelnen Kronländern durchordnen. Es wird sich auf diesem 
Wege am klarsten ein übersichtliches» gegliedertes Bild des Gelie- 
ferten ergeben. Nach der Betrachtung der Ausbeute für jedes einzelne 
Kronland, sollen dann jene Beiträge an die Reihe kommen, welche 
sich auf die Geschichte mehrerer Kronländer zugleich» sowie der 
Gesammtmonarchie beziehen. Hierauf will ich zur Betrachtung der 
Ausbeute für die Geschichte ehemaliger Bestandtheile des Reiches 
übergehen und dies wird den natürlichen Übergang zur Geschichte 
der Nachbarländer des Kaiserstaates bilden. Zum Schlüsse endlich 
wollen wir unseren Blick auf jene Beiträge lenken » welche die Ver- 
hältnisse Österreichs zum deutschen Reiche und dessen Bestand- 
teilen durch neuen Stoff beleuchten. 

Ich beginne, wie billig, mit dem kleinen Stammlande der Mon- 
archie, mit dem Erzherzogthume Österreich, und will zuerst aufführen, 
was zur Geschichte von 

Österreich unter der Enns 

geliefert wurde. Die Beiträge zur Geschichte dieses Kronlandes 
zerfallen in vier Abtheilungen» nämlich 1. zur Landesgeschicbte im 
Allgemeinen; 2. zur Geschichte des Städtewesens; 3. der geistlichen 
Körperschaften und endlich 4. des Adels. 

1. Als Beiträge zur Landesgeschicbte im Allgemeinen 
lassen sich folgende Stücke bezeichnen. Vor Allem eine Untersuchung 
unseres verstorbenen correspondirenden Mitgliedes Maxim. Fischer 
zu Klosterneuburg unter dem Titel: „Einstige Klöster und Ortschaften 
im Lande Österreich unter der Enns/ 1 Archiv 2, 79 — 136. Die 
Nachweisungen zu dieser Arbeit sind zum grössten Theile den 

a%* 



338 v. Karajan. 

urkundlichen Schätzen des Stiftes Klosterneuburg entnommen. Gans 
ähnlicher Natur sind die „Nachträge und Bemerkungen," welche 
der Chorherr und Archivar Wilhelm Bielsky zu Herzogenburg zu 
den Regesten unseres wirklichen Mitgliedes Dr. v. Meiller im 
Notizenblatte 1851 , S. 75 — 79 geliefert hat. Auch sie beziehen sieh 
auf ehemalige Orte Österreichs unter der Enns und belegen diese 
zum Theile aus archivalischen Quellen des reichen Herzogenburger 
Archives. Zu vergleichen sind übrigens Meiller's Nachträge eben* 
da S. 138 — 144. Auf gleiche Weise hat auch unser verstorbenes 
correspondirendes Mitglied Johann v. Fräst die Schätze des Zweiter 
Archives in dieser Richtung benutzt, und eine Abhandlung unter dem 
Titel „ Urkunden und geschichtliche Notizen, die sich in den Hand- 
schriften des Stiftes Zwetl finden," im Archive der Commission 
2, 361 — 427 mitgetheilt. Als den vierten Beitrag zur Landes- 
geschichte können wir eine zwar nur kurze Mittheilung Chmers 
aus einer Urkunde des Haus- und Staatsarchives bezeichnen, die 
aber desshalb von Werth ist, weil sie eine jetzt völlig verschwundene 
Burg des Landes, nämlich Scheurberg bei Scheibbs im V. 0. W. W. 
betrifft. Sie ist aus dem dritten Jahrzehent des vierzehnten Jahr- 
hunderts und nennt uns noch Glieder dieses längst ausgestorbenen 
Geschlechtes. Notizenbl. 1851, S. 30. 

Einen ferneren Beitrag zur Landesgeschichte aus dem Archive 
seines Stiftes lieferte Maximilian Fischer im Notizenblatte 1881, 
S. 181 — 192. Er betraf mehr allgemeinere Verhältnisse des Ver- 
kehres, namentlich Handel und Wandel, unter dem Titel: „Bemer- 
kungen über den Werth des Geldes, der Häuser, Weingärten, des 
Weines und der Feldfrüchte, über Besoldungen, Lohn und Satzungen 
in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters aus Klosterneuburger 
Archivs-Schriften. " 

Der Erforschung altertümlicher Kunstdenkmale im Lande Öster- 
reich unter der Enns ist endlich die Arbeit zweier Freunde gewidmet, 
welche das Ergebniss ihrer gemeinschaftlichen Reise in einer längeren 
Abhandlung in unserem Archive 5, 139 — 178, dann 523 — 606 nie- 
derlegten. Sie führt den Titel : „Archäologische Notizen, gesammelt 
auf einem Ausfluge nach Herzogenburg, Göttweih, Melk und Seiten- 
stätten im September 1849 von Dr. 3. Heider und J. V. Haeufler." 

2. Richten wir unseren Blick von der allgemeinen Geschichte 
des Landes unter der Enns auf die besondere einzelner Städte in 



Bericht über die Leistungen der historischen Commission. 339 

demselben, so finden wir auch diesen Theil im Archive wie Notizen- 
blatte reichlich vertreten. Es zeigen sich nicht weniger als neun ver- 
schiedene Beiträge, welche die Schicksale und rechtlichen Verhält- 
nisse von fünf verschiedenen städtischen Gemeinden dieses Kron- 
landes beleuchten. 

Um mit der Hauptstadt zu beginnen, so lieferte unser corre- 
spondirendes Mitglied Friedrich Blumberger zu Göttweih für die 
älteste Geschichte derselben eine kritische Untersuchung, nämlich 
„Bedenken gegen die gewöhnliche Ansicht von Wiens Identität mit 
dem alten Faviana." Archiv 3, 383—366. Die Hauptgründe gegen die 
dem Bischöfe Otto von Freisingen, somit dem zwölften Jahrhunderte 
zugeschriebene Behauptung, der Identität Favianas und Wiens, wer- 
den aus der „Vita 8. Severini," dem „Itinerarium Antonini" und der 
„Notitia utriusque imperii" geschöpft, und namentlich aus der letz- 
teren, erst in neuester Zeit kritisch herausgegebenen Quelle gefestigt. 

Den Schicksalen späterer Zeit, dem Glanzpuncte der Geschichte 
Wiens, nämlich seiner zweiten Belagerung durch die Türken im 
Jahre 1683, sind zwei wichtige Beiträge gewidmet, beide um so 
willkommener, weil sie uns neue Quellen zuführen. Den ersten lieferte 
der Capitular des Benedictiner-Stiftes Raigern in Mähren , P. Beda 
Dudik, nämlich „des P. Bernard Brulig, Ord. S. Ben., Bericht über 
die Belagerung der Stadt Wien im Jahre 1683." Archiv 4, 258—296, 
dann 397 — 498. Er ist, wie man schon aus dem Umfange sieht, ein 
sehr ausführlicher , zudem aber auch ein sehr werthvoller, da er 
ein gleichzeitiger ist, und abwechselnd Geschäftsstücke, Briefe, Kund- 
machungen u. s. w. der Erzählung einflicht. Nicht minder wichtig ist 
das vom Archivar des geh. Haus- und Staats- Archives, Friedrich 
Fimhaber, im Archive 4, 496 — 808 veröffentlichte „Diarium, was 
sich vom 7. Juni anno 1683 bis zu Ende der Belagerung Wiens bei der 
türkischen Armee zugetragen." Dieses Tagebuch ist von einem Augen- 
zeugen verfasst und beschreibt den Anzug des türkischen Heeres 
durch Ungern mit vielen Einzelheiten. Der Verfasser nennt das 
türkische Heer, S. 807, „vnser kriegsheer," war somit nicht etwa ein 
Gefangener aus dem Heere Leopold's. Das Tagebuch scheint mir 
Übersetzung, etwa eines italienischen Originals zu sein. Wenn mich 
mein Gedächtniss nicht trügt, so sah ich auch vor Jahren einen 
gleichzeitigen sehr seltenen Druck dieser Übertragung, was natür- 
lich ihrem Werthe keinen Eintrag thut. 



340 *• Kar »Jan. 

Als letzten Beitrag zur Geschichte der Hauptstadt , und zwar 
zum Verständniss der früheren Rechtsverhältnisse ihrer Borger, 
lieferte as correspondirende Mitglied J. E. Schlager, „eine Bulle 
Papst Bonifaz' IX. vom 2. Juni 1399." Diese Urkunde, welche sieh in 
dem sogenannten „Eisenbuche" des stadtischen Archive* Erhalten 
hat, befreit die Borger Wiens von der „jurisdictio episcopalis," 
oder dem Chorgerichte des Bischöfe». Den Ursprung dieser Gerichts- 
barkeit aber, so wie deren allmähliche Ausdehnung Über die ihr zu- 
kommenden Grenzen hinaus belegte mit den erforderlichen Gesetzes- 
stellen unter Einem der damalige Privatdocent der Rechte an der 
Wiener Hochschule, Dr. Emil Franz Rössler, in der der Urkunde 
selbst folgenden Erläuterung. Archiv 3, 215—224. 

Neue Quellen zur Kenntniss des Städtewesens in den übrigen 
Theilen des Kronlandes brachten folgende Beiträge. Vor Allem für die 
Geschichte der Wien zunächst liegenden Stadt Klosterneuburg 
das durch Dr. H. J. Zeibig im Archive 7, 309—346 mitgetheilte 
„Urkundeftbuch der Stadt Klosterneuburg." Es enthält von Albrecht I. 
an herab bis auf Maximilian II. Vom Jahre 1298' — 1565 in zweiund- 
vierzig Urkunden die Rechte, Freiheiten und Ordnungen der Stadt, 
so wie eine Reihe landesfiirstlicher Befehle an dieselbe, theils voll- 
ständig, thefls in Auszügen. 

Auf gleiche Weise lehrreich für die Gfcschfchte der lande&flirst- 
lichen Stadt Krems sind die „Auszüge aus den städtischen Gedenk- 
büchern" derselben, welche Karl von Sava im Notizenblatte 1851, 
S. 256 — 286, niedergelegt bat, so wie desselben Verfassers * Aus- 
züge aus dem Stadtarchive zu St. Polten," ebenda S. 251 — 255. 
Erstere umfassen den Zeitraum von 1267—1516, jene über St. Polten 
die Jahre 1487 bis 1615. 

Der Beleuchtung einer etwas früheren Periode der Geschichte 
dieser Stadt dienen „dreizehn Urkunden über die Verpfändung von 
St. P&lte n und Mautern an König Matthias Corvinus 1481—1491, 
nebst einigen anderen Beiträgen zur Geschichte der Stadt St. Polten," 
welche der Bibliothekar des Benedictiner- Stiftes Melk, P. Theodor 
Mayer, im Archive 6» 403—426 mitgetbeilt hat. Sie sind aus den 
Originalen des Stadtarchives zu St. Polten geschöpft, wichtig für die 
Gesehichte der Finanzen unter K. Friedrich IV. und lehrreich zur-Kennt- 
niss „einiger unerquicklicher Seiten des Verhältnisses zwischen der 
damaligen Kirche und dem Staate," wie sich der Herausgeber ausdrückt 



Beriebt Aber die Leistungen der bUtorUeben CommiMioo. 341 

Schlüsslich ist noch ein kleiner Beitrag zur Geschichte der Stadt 
Hetz hier einzureihen, welchen K. v. Sava im Notizenblatte 1851, 
S. 303, aus dem Stadtarchive lieferte, nämlich ein Befehl K. Maximi- 
lians I. yom 19. August 1516 an die von Retz, wegen mehrerer Ver- 
fügungen des kaiserlichen Pflegers daselbst, Herrn Michael von 
Eytzing, das dortige Spital und mehrere andere Gemeinde -Angele- 
genheiten betreffend. 

3. Reicher noch bedacht als die Geschichte der Stftdte dieses 
Kronlandes erscheint jene seiner geistlichen Körperschaften. 
Schon der oben erwähnte Aufsatz P. M. Fischer'* „Einstige Klöster 
und Ortschaften Österreichs unter der Enns," beschäftigte sich mit 
ihnen, ungleich mehr aber folgende Mittheilungen, welche mittelbar 
auch Beiträge zur Kirchengeschichte des Landes bilden, auf anderer 
Seite aber wieder durch die reichen Besitzungen dieser Körper- 
schaften bedeutend in die allgemeine Landesgeschichte eingreifen. 

Am reichsten bedacht zeigt sich vor Allem durch den Eifer 
unseres verstorbenen Mitgliedes, P. M. Fischer, und dessen 
Ordensbruder, Dr. H. J. Keibig, das Augustiner Chorherren-Stift 
Klosterneuburg. Zur Beleuchtung der Geschichte desselben 
lieferte ersterer in den Fontes, Abtheilung 2, Bd. 4, den „Codex 
traditionum ecclesiae collegiatae Claustroneoburgensis ab anno 
1198 usque circiter 1260." Über die grosse Wichtigkeit dieser 
Mittheilung für die Geschichte der Körperschaft, wie iür jene des 
Landes überhaupt glaube ich mich jeder Bemerkung enthalten zu 
dürfen. Schon der Auszug der hier vollständig mitgetheilten Quelle, 
welchen Fischer vor 37 Jahren seinem Werke über die Schicksale 
Klosterneuburgs beigab, hat allenthalben unsere Landesgeschichte 
wesentlich gefördert, um wie viel willkommener muss daher die voll- 
ständige und verlässliehere Mittheilung einer Quelle sein , die zu den 
reichsten und ältesten des Landes überhaupt gezählt werden muss. 

Der Ordensbruder Fischer 's, der Chorherr Dr. H. J. Zeibig, 
tritt mit noch rüstiger Jugendkraft in die Fussstapfen desselben. 
Durch ihn finden sich in unserem Archive drei Beiträge zur Geschichte 
seines Ordenshauses. Der erste und bedeutendste ist die zum ersten 
Male vollständige Mittheilung des wichtigen „Todtenbuches Kloster- 
neuburgs/ 9 das in seinen frühesten Anführungen ins zwölfte Jahrhun- 
dert hinaufreicht. Schon die Auszüge in Pez's Scriptoren I, 491 ff. 
und Fischer's merkwürdigen Schicksalen II, 101 ff. lehrten die 



342 ▼. Karajan. 

Bedeutung dieser Quelle kennen. Wir haben sie nun vollständig im 
Archive 7, 269 — 307 vor uns. Schon der blosse Umfang der 28 
eng bedruckten Seiten verglichen mit den 14 halbleeren Fiseher's 
zeugt von der noch einmal so reichen Fülle dieser Veröffentlichung. 
Welcher Forscher aber kennt nicht die Wichtigkeit ähnlicher Quellen? 

Zeibig's zweiter Beitrag ist „die kleine Klosterneuburger- 
Chronik" in deutscher Sprache, Nachrichten aus den Jahren 1322 bis 
1428, dann in einem Anhange aus den Jahren 1S69 bis 1576 ent- 
haltend. Sie hat einen Bürger der Stadt zum Verfasser, behandelt 
zum grössten Theile die Schicksale des Stiftes und war bis zur 
Stunde völlig unbekannt. Obwohl klein an Umfang , im 7. Bande des 
Archives die Seiten 227 — 2S2 flkllend» birgt sie doch höchst wichtige 
Nachrichten. So z. B. zum Jahre 1367 jene völlig neue über den 
eigentlichen Erfinder des Ungelds in Österreich, den Bischof 
Johann von Brixen, so wie über manche Äusserungen, Ansichten und 
Gewohnheiten des Volkes, die sich sonst nirgends bewahrt finden. 

Als dritten Beitrag zur Geschichte seines Ordenshauses lieferte 
Zeibig im Archive 5, 261 — 316, eine Geschichte und Beschreibung 
der Büchersammlung seines Stiftes, deren Beilagen namentlich fin- 
den Literarhistoriker von Werth sein müssen. Es befinden sich nfim- 
lich darunter vier sehr alte Handschriften- Verzeichnisse abgedruckt, 
auf welche zwei Namenreihen der Schreiber des Stiftes folgen, die 
eine von 1380 — 1496, die andere von 1340 — 1457. Die siebente 
Beilage endlich enthält die Aufzählung jener Handschriften , welche 
Lehrer der Wiener Hochschule zu Verfassern haben. Wir begegnen 
dadurch unter ihnen Namen, wie Thomas von Strassburg, Heinrich 
von Langenstein, d. i. Henricus de Hassia, Niklas von Dinkelspül, 
Heinrich von Oyta, Johannes de Gamundia, Thomas Ebendorfer von 
Haselbach u. s. w. Der Reichthum an Handschriften , gerade der Mei- 
ster dieser Hochschule, an sich schon erfreulich, da Wien damals 
neben Prag die bedeutendste Universität Deutschlands war, legt zu- 
gleich Zeugniss ab von dem wissenschaftlichen Sinne dieser geist- 
lichen Körperschaft. 

Zur Geschichte des Benedictiner-Stiftes Seitenstetten bringt 
das Archiv und Notizenblatt vier Beiträge, zwei von unserem wirk- 
lichen Mitgliede Chmel und zwei von J. E. Ritter von Koch-Stern- 
feld zu Tittmaning in Baiern. Chmel tbeilte vor Allem im Archive 
Bd. 1, Heft 5, 3—18 „das älteste Urbarium" des Stiftes mit Es ge- 



Bericht Aber die Leitungen der historischen Commission. 343 

hört in die Zeit des Abtes Konrad IV., also in die Jahre 1290—1308, 
and lag bisher ungedruckt im Archive des Klosters. Über mehrere die 
Geschichte dieser Körperschaft beleuchtenden Handschriften in dem- 
selben Archive handelt Chmel's zweiter kleinerer Beitrag im Notizen- 
blatte 1851, S. 63. Die beiden Abhandlungen des Ritters von Koch- 
Sternfeld stehen im Archive 1848, 4, 83—120, dann 121 — 141. 
Die erste bringt Forschungen „über den Erzbischof Wichmann von 
Magdeburg und die Abtei Seitenstetten", die zweite handelt Ober »die 
Dynastie von Hagenau, Mitstifter der Abtei Seitenstetten." 

Die Geschichte des Augustiner Chorherren-Stiftes Herzogen- 
burg hat durch seinen thätigen Archivar, Wilh. Bieskly, zwei 
kleine, aber wichtige Beitröge erhalten. Beide stehen in unserem 
Notizenblatte 1851, S. 1S9— 160, dann 204—208. Der erste der- 
selben enthält eine förmliche Verfassungs-Urkunde des Stiftes, die 
bis dahin völlig unbekannt war. Sie ist durch den Propst Jakob im 
Jahre 1378 errichtet und bestimmt genau die Rechte des Propstes 
jenen des Capitels gegenüber. Dieselbe wurde im bezeichneten Jahre 
in Gegenwart eines öffentlichen Notars vor dem Hochaltäre der Stifts- 
kirche feierlich gegeben und angenommen, war aber bis jetzt in dem 
Archive des Stiftes verschwunden und gänzlich in Vergessenheit ge- 
rafhen, als sie Bielsky auf den Deckeln eines Urbars zum Einbände 
verwendet fand, darauf sorgfältig ablöste und dem Archive wieder 
einverleibte. Der zweite Beitrag enthalt eine Reihe von urkundlichen 
Nachweisungen zur Geschichte des Stiftes unter der Überschrift: 
„Notizen zur Geschichte Herzogenburgs." Höchst anziehend unter 
denselben ist eine längere Aufschreibung des Propstes Nicolaus vom 
Jahre 1360, in welcher er sich Ober die Gewalttätigkeiten und Ein- 
mischungen Herzog Rudolphe IV. in kirchliche Dinge beklagt und 
namentlich über die wiederholten Einlagerungen von Kriegsvolk und 
andere Forderungen des Landesherrn in halb komische Wuth ge- 
rftth. Diese Aufzeichnung steht auf Seite 208. * 

Ausser den bisher erwähnten Beiträgen zur Geschichte der 
geistlichen Körperschaften des Landes, sind noch ganz vorzüglich 
drei Klöster mit solchen bereichert worden. Vor Allem das Cister- 
cienser-Kloster Zwetl im V. 0. M. B., dessen vollständiges Stif- 
tungsbuch, herausgegeben durch unser nun verstorbenes Mitglied 
J. v. Fräst, der dritte Band der zweiten Abtbeilung unserer Fontes 
zum Gemeingute macht. Um wie viel verlässlicher, reicher und be- 



344 ▼* Karajan. 

quemer ist diese wichtige Quelle unserer Landesgeschichte jetzt tu 
benutzen gegen früher, wo man sich mit Links verdienstlichen aber 
unvollständigen Auszügen kümmerlich behelfen musste. 

Ein zweites nicht mehr bestehendes Cistercienser- Nonnen- 
Kloster dieses Kronlandes» nämlich jenes von St. Bernhard nächst 
Alt-Melon im V. 0. M. B., wird nächstens ebenfalls in unseren 
Fontes sein Stiftungsbuch vollständig abgedruckt erhalten. Es ist 
bereits durch den Chorherrn Dr. Zeibig druckfertig der Comntis- 
sion zur Herausgabe übergeben. 

Als dritte bedeutende Bereicherung der Geschichte geistlicher 
Körperschaften in Österreich unter der Enns , sind die durch den 
Bibliothekar von Melk, P. Theodor Mayer, im Archive 2, i bis 52 
mitgetheilten Urkunden des Prämonstratenser-Stifte* Geras au be- 
trachten. Sie sind um so vollkommener» als gerade über dieses Stift 
ausser dem wenigen, was sich in Marian-Fidlers „Österreichischer 
Klerisei" findet, nirgends Verlissliohes gesammelt begegnet. Dieser 
Beitrag ist aber auch fllr die Landesgeschichte von eben so grosser 
Bedeutung, weil sich gerade Qber diesfen Theil Österreichs unter 
der Enns auffallend wenig urkundliches erhallen hat. 

Zum Schlüsse will ich noch auf vier kleinere Beitrag« zur Ge- 
schichte dreier Ordenshäuser und einer Kirche hinweisen, welche 
alle vier im Notizenblatte J8S1 niedergelegt wurden. Einmal auf 
Seite 28 eine „Urkunde vom 26. April 1310, durch welche Friedrich 
der Schöne dem Frauenkloster zu Tuln den Kauf eines Hauses zu 
Chrut" bestätigt und demselben seine und seiner Brüder Rechte auf 
dieses Haus überlässt. Sie wurde von Chmel aus dem Originale 
des geheimen Haus- und Staatsarchive« mitgetheilt. Darnach auf 
Seite 64 durch den Abt Bernhard Schwindel eine Nachweisung der 
historischen Handschriften des Cistercienser-Stiftes Neukloster 
zu Wiener-Neustadt. Ferner durch K. v. Sava auf Seite 298 und 
299 eine wichtige Urkunde, das Nonnenkloster St Niclas vor 
dem Stubenthor zu Wien betreffend, aus den Jahren 1227 bis 1242; 
endlich durch denselben auf Seite 300 bis 302 ein Inventar der 
Ottheimen-Capelle zu Wien aus dem Jahre 1431. 

4. Für die Geschichte des Adels im Kronlande Öster- 
reich unter der Enns sind zwar nur zwei Beiträge aufzuführen, und 
beide nur ein und dieselbe Familie betreffend, aber nichts desto we- 
niger von bedeutendem Interesse, nämlich: „Die Familien- Chronik der 



Bericht über die Leistungen der Mitotischen CommUiion. 345 

Becken von Leopoldsdorf/ 1 herausgegeben durch Dr. H. J. Zeibig» 
und als zweiter Beitrag ein Anhang zu derselben, bestehend aus 
„Regesten ungedruckter Urkunden zur Orts-, Familien- und Landes- 
geschichte Österreichs aus dem Archive zu Leopoldsdorf," von Dr. 
Wolferth. Die Chronik selbst ist die Original - Aufschreibung der 
Familienglieder und reicht vom Jahre 4467 bis 1571. Begonnen 
hat sie Conrad Beck, Bürger zu Mengen im Donaukreise des 
heutigen Königreiches Würtemberg. Sie hat sieh auf einigen Blät- 
tern einer Miscellan- Handschrift der Stiftsbibliothek zu Kloster- 
neuburg erhalten und berichtet auf lebendige und anschauliche Weise 
das Emporkommen dieses Geschlechtes, das bald am Hofe Ferdi- 
nande I. und Maximilian^ IL hohe Würden bekleidete. Leider bricht 
sie zu früh ab, sonst würde sie wahrscheinlich auch über die weiten 
Reisen des zuletzt eintragenden Hieronjrmus, der seinen Namen in die 
grosse Pyramide zu Ghis< meisselte, zu erzählen wissen. Beide Auf- 
sätze liegen der Commission druckfertig vor und sollen nächstens 
unter die Presse. 

Wir gehen nunmehr nach unserem Plane zur Aufzählung und 
Durchordnung jener Mitteilungen über, welche zur Geschichte 
des Landes 

Österreich ob der Enns 

geliefert wurden. 

Als Beiträge zur allgemeinen Landesgeschichte lassen 
sich folgende auffassen. Vor Allem die wichtigen »»Urkunden, Briefe 
und Actenstücke zur Geschichte K. Ladislaus Posthumus, Erzher- 
zog Albrecht's VI. und Herzog Sigtnund's von Österreich ," welche 
Chmel im zweiten Bande der zweiten Abtheilung der Fontes, zu- 
meist aus den Schätzen des Haus- und Staats-Archives zum ersten 
Male veröffentlicht hat. Sie betreffen die Jahre 1445 bis 1465. 
Namentlich sind hier jene Documente zu berücksichtigen, welche 
sich auf Herzog Albrecht VI. beziehen, dem das Land Ob der Enns 
als Erbtheil durch Vertrag vom 15. Mai 1458 zugefallen war. 

Ebenso das Land im Allgemeinen betreffend sind zum grossen 
Theile die „Nachrichten über archivalische Vorräthe in Aistersheim, 
Freistadt und Wartberg ," welche A. M. Böhm im Notizenblatte 
1851, Seiten 91 bis 93 geliefert hat, als einen Thfeil seiner „Wande- 
rungen durch die Archive des Etzherzogthums Österreich ob und 



346 v. Karajan. 

unter der Enns." Unter ihnen scheint besonders eineMiscellan-Hand«- 
schrift mit historischen Gedichten und Liedern ans dem sechzehnten 
Jahrhundert zu Aistersheim, ein Tagebuch Aber die Belagerung Frei- 
staats durch die empörten Bauern unter Hanns Christoph Hayden, 
endlich ein altes Gedenkbuch zu Wartberg beachtenswerte 

Eine gründliche Untersuchung „über den Ufgau," dessen Lage 
und Umfang seit fast hundert Jahren verschiedenartig aufgefasst 
wurde und zu den abweichendsten Annahmen ffthrte , lieferte unser 
wirkliches Mitglied J. Stülz im Notizenblatte 1851, S. 347 bis 352. 
StQlz wies schlagend nach, dass derselbe zwischen der Traun und 
dem Hausruck zu suchen sei, und südlich an den Attergau grenzte. 

Als letzter Beitrag und zwar zur speciellen Landesgeschichte 
ist hier das durch Ghmel im Notizenblatte 1851, S. 37 bis 43, 
51 bis 57 und 66 bis 74 gelieferte „Urbar der ehemaligen Staats- 
herrschaft Falkenstein im Mühlkreise" einzureihen. Es ist im Jahre 
1570 errichtet und viel ausführlicher und umständlicher abgefesst, 
als gewöhnliche Urbare. Recht schlagend sieht man an diesem her- 
vorstechenden Beispiele, wie viel aus gewöhnlich so gering geach- 
teten Quellen zur genauen Kenntniss der Rechtsverhältnisse früherer 
Zeiten zu lernen ist. 

Zur Geschichte der geistlichen Körperschaften dieses 
Landes wurden zwei bedeutendere Beiträge geliefert. Erstens eine 
kritische Prüfung der seit ihrer ersten Veröffentlichung durch 
F. Kurz im Jahre 1808 so oft besprochenen und angefochtenen äl- 
testen Urkunden des Klosters Gleink, durch den Archivar von 
St. Florian, unser wirkliches Mitglied Jod. Stolz im Archive 3, 267 
bis 280 unter der Überschrift: „Die ältesten Urkunden des Klosters 
Gleink," in welcher sich derselbe dahin ausspricht, dass die Lö- 
sung des Räthsels, wie der echte Inhalt der Urkunden zu den Feh- 
lern der Ausfertigung passe, vielleicht darin liege, dass, nachdem 
schon zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts die Originale durch 
Brand oder Sorglosigkeit untergegangen waren, was eine Urkunde 
Herzog Leopold's VII. geradezu erwähne, bei einer Wiederherstellung 
derselben nach alten echten Abschriften in Diplomatarien ein unge- 
schickter Ausfertiger manches, ja vieles versehen habe. 

Den zweiten und letzten Beitrag zur Geschichte einer geist- 
lichen Körperschaft Österreichs ob der Enns lieferte Prof. F. X. 
Pritz zu Linz, im Archive 5, 639 bis 659, und zwar unter der Auf- 



Bericht Über die Leistungen der historischen Commission. 347 

schritt: „Die Gründung des Collegiatstiftes weltlicher Chorherren zu 
Mattighofen." Die Stiftungs-Urkunde ist vom Jahre 1438, das 
Stiftungsjahr war bisher streitig, Die vorliegende Untersuchung 
weist aber nach, dass der Entschluss zur Gründung des Stiftes durch 
die Brüder Conrad und Hanns Kuchler schon im Jahre 1430 ge- 
fasst war, und erst durch die Witwe Hannsens von Küchel ins 
Werk gesetzt wurde. 

Reicher bedacht als jene der geistlichen Körperschaften zeigt 
sich bis jetzt die Geschichte des Adels in Österreich ob der 
Enn8. Den bedeutendsten Beitrag hiezu lieferte Jod. Stülz im No- 
tizenblatte 1861» Seite 315 bis 320, 329 bis 336, 341 bis 347, 
361 bis 368 und 372 bis 382, durch eine mühsame Reihe yon 245 
„Regesten zur Geschichte der Grafen von Schaunberg." Sie um- 
fassen die Zeit vom Jahre 1263 bis 1407, und sind desshalb von 
Bedeutung für die Geschichte des Landes, weil dieses Geschlecht 
zu den hervorragendsten desselben gehörte und durch seinen reichen 
Grundbesitz innig mit dessen Schicksalen verflochten, auch durch 
hohe Stellungen an der Leitung derselben betheiligt war. 

Zur Geschichte eines zweiten berühmten Adelsgeschlechtes, 
nämlich der Lamberge, theilte F. X. Pritz im Archive 7, 183 
bis 203 einiges mit, unter dem Titel: „Ein Beitrag zur Geschichte 
der Lamberge von Steier, besonders in jüngerer Zeit." 

J. E. Ritter von Koch -Sternfeld endlich lieferte eine Unter- 
suchung über die uralten, ins eilfte Jahrhundert hinaufreichenden 
Geschlechter von Moosbach und Weng im Innviertel. Sie findet 
sich im Archive 1, 4, 151 bis 159 unter der Oberschrift: „Die 
dynastischen Zweige zu Moosbach und Weng." 

Hiermit sind die bisherigen Leistungen zur Geschichte Öster- 
reichs ob der Enns geschlossen und wir gehen nun zur Aufzählung 
jener Mittheilungen über, welche sich auf beide Theile des Stamm- 
landes oder das 

Erzherzog th\im Österreich 

beziehen. Die bis jetzt gelieferten Arbeiten über dieses Kronland 
lassen sich wieder nach drei Gesichtspunkten durchordnen. 

Erstens in Bezug auf allgemeine Landesgeschichte. 
In dieser Hinsicht sind filr die filtere Zeit, besonders die „Auszüge aus 
Hermann's von Nieder-Altaich Urkunden und Notizen-Sammlung 1 * zu 



348 v. K*r»J«n. 

berücksichtigen, welch© Chmel im Archive l v 1, i bis 72 in reicher 
Falle mitgetheilt hat. Sie umfassen die Zeit von 1242 bis c. 1300. 

Ebenso wichtig sind die »historisch -topographischen Erörte- 
rtingen Ober Pottenburg, den Gau Gruzwiti, dann Askituna" von Dr. 
A. v. Meiller im Notizenblatte 1851» Seite 269 bis 272, 283 bis 
288. Besonders die Untersuchung über den Grunzwitengau, der schon 
seit fast einem Jahrhunderte zahlreiche in- und ausländische Forscher 
wie ein Irrlicht zum Besten hielt. Nicht minder sind jene ober As- 
kituna, welches wie der Grunzwitengau von verschiedenen Forschern 
nach den einzelnen Theilen des Erzherzogthums hin- und her- 
geschoben wurde, von grossem Interesse und zeigen auf erfreuliche 
Weise, dass die Forschung unserer Tage, mit ungleich reicherem 
Hateriale ausgerüstet, sicherer einherschreite, und dann häufiger 
zum Ziele gelange. 

Auf jüngere Zeiten bezüglich sind folgende zwei Mittheilungen. Der 
»Absagebrief Erzherzog Albrecht's VI. dem Erzherzogthume Öster- 
reich zugesandt am 19. Juni 1461" in der Absicht, es mit Heeresmacht 
gegen König Georg Podiebrad zu besetzen , welchen Karl von Sava 
aus dem Originale einer Privat-Sammlung im Notizenblatte 1851, 
Seite 302 veröffentlichte, dann die durch Chmel, ebendaselbst 
Seite 212 bis 224, 228 bis 240, 241 bis 251 und 263 bis 268 
mitgetheilten beiden Verzeichnisse: „die Regimentsräthe des n. ö. 
Regiments von 1529 bis 1657" und „die Kammerräthe der n. ö. 
Kammer von 1529 bis 1606." 

Zweitens in Bezug auf die Geschichte geistlicher Kör- 
perschaften. In dieser Hinsicht ist nur ein einziger Beitrag auf- 
zuführen und dieser nicht strenge genommen, weil er überwiegend 
Österreich unter der Enns betrifft, nämlich die durch den Bibliothekar 
des Stiftes Melk P. Th. Mayer im Archive 3, 281 bis 351 gelie- 
ferten und sorgfältig untersuchten »Acta S. Quirini Martyris". Es 
dreht sich nämlich bei dieser Untersuchung hauptsächlich um die 
Frage: ob die Gründer des Stiftes Tegernsee in Baiern auch jene 
S. Pöltens sind, ob bairische Grosse im siebenten und achten Jahr- 
hunderte wirklich Besitzungen im Avaren-Lande besassen, und ob 
damals überhaupt fromme Stiftungen in Österreich, namentlich unter 
der Enns möglich waren oder nicht Zur Beantwortung dieser Fra- 
gen sind die erwähnten »Acta" von grosser Bedeutung, sie gewähren 
aber auch sonst noch mannigfaches Interesse. 



Bericht Ober die Leistungen der historischen Coromlssioo. 349 

Drittens in Bezug auf die Geschichte des Adels im Erz- 
herzogthume. Zu dieser begegnen wir sechs verschiedenen Beiträ- 
gen. Zwei davon betreffen das Freiherrengeschlecht derEitzinger 
von Eitzing, welches, aus Baiern nach Österreich gelangt, im 
fünfzehnten Jahrhunderte den grössten Einfluss auf die Geschicke 
des Landes nahm. So war bekanntlich Ulrich Eitzinger der Führer 
der Opposition gegen Kaiser Friedrich IV, Beide bedeutende Mit- 
theilungen verdanken wir Chmel. Sie stehen im 1. Bande des 
Archives 2, 1 bis 69 und 8, 19 bis 116. Der erstere mit der be- 
sonderen Oberschrift: „Auszüge aus einem Diplomatarium dieses 
Geschlechtes , das in dem Archive der Herrschaft Aspern an der 
Zaya aufbewahrt wird» 11 umfasst die Jahre 1438 bis 1450. Der zweite 
ohne eine solche nur mit der beiden gemeinschaftlichen : „Zur Ge- 
schichte des österreichischen Freiherrengeschlechtes der Eitzinger 
von Eitzing 11 umfasst die Jahre 1450 bis 1561. Schon ein Jahr 
früher hatte Chmel in Schmidl's österreichischen Blättern 1847» 
Nr. 53 ff. aus demselben Diplomatar zahlreiche Auszüge geliefert. 
Der Sitz dieses Geschlechtes war allerdings Österreich unter der 
Enns, da es aber so entschiedenen Einfluss auf die Schicksale des 
ganzen Landes nahm, übrigens seine Besitzungen in beiden Theilen 
desselben hatte, hielt ich es für zweckmässiger, es hier einzureihen. 

Auf ähnliche Weise verhält sichs auch mit den folgenden Bei- 
trägen zur Geschichte der grossen Herrengeschlechter. So gleich 
mit jenem der Hardecke, zu dessen Geschichte folgender Aufsatz 
gehört: „Heinrich Graf von Hardeck, Burggraf von Duino, judex 
provincialis von Österreich von F. Firnhaber. 11 Archiv 2, 173 
bis 209. In demselben wird namentlich eine sorgfältige Untersuchung 
angestellt über die Frage, nach welchem Theben die Grafen von 
Hardeck auch Grafen von Theben genannt werden. Es bleibt kein 
Zweifel, dass Duino an der Küste des adriatischen Meeres in Istrien, 
ein uraltes Besitzthum der Hardecker, diesen Beinamen veranlasste, 
ein Resultat, zu dem auch ich schon im Jahre 1845 gelangt war, 
und zwar gegen die gewöhnliche Annahme, welche Theben an der 
ungrischen Grenze, Hainburg gegenüber, dafür ansieht. Man sehe 
Haupt's Zeitschrift 5, 243. Hier aber wird die Sache mit reichen 
urkundlichen Belegen weiter ausgeführt. 

„Die Jugend- und Wanderjahre des Grafen Franz Christoph von 
Khevenhüller nach seinen eigenen Aufzeichnungen 11 hat eine 



380 t. K»r»j»n. 

höchst anziehende Arbeit Jod. Stülz's im Archive 4» 331 bis 395 
zum Gegenstande. 

Ausser diesen grösseren Arbeiten stehen schlüsslich noch zwei 
kleinere Beiträge, eine zur Geschichte der berühmten Meissauer, 
der andere zu jener der Rogendorfer, im Notizenblatte 1851, 
S. 12 und 106 bis 111, dann 119 bis 123. Der erstere Aufsatz lie- 
fert aus dem Originale des Haus- und Staats-Archives : „Die Ver- 
kaufsurkunde Stephan's von Meissau und Otto's von Kyau über meh- 
rere lehenbare Gülten zu Vetzeindorf, Peigarten, Aspern u. s. w.," 
bestätigt durch Herzog Friedrich den Schönen am 6. Mai 1307. Der 
zweite aber besteht aus einem Verzeichnisse von 283 Original-Ur- 
kunden, welche zum grössten Theile die Geschichte des Geschlech- 
tes der Rogendorfer betreffend im Franzens-Museum zu Brunn ver- 
wahrt werden. 

Hiemit sind die Mittheilungen zur Geschichte des kleinen Stamm- 
landes der Monarchie geschlossen, und wir gehen nun zur Durch- 
ordnung jener Arbeiten über, welche bis jetzt zur Beleuchtung der 
Geschichte der übrigen Kronländer geliefert wurden. Wir wollen 
zuerst das 

Herzogthum Salzburg 

ins Auge fassen. Für die Geschichte dieses Kronlandes ist nur we- 
niges eingelangt. 

Zu dessen Landesgeschichte im Allgemeinen liegt 
ein Aufsatz G. Pichler's vor: „Geschichte der ehemaligen Herr- 
schaft Radeck im Salzburgischen," der nächstens im Archive erschei- 
nen wird. 

Für die Kirchengeschichte und jene geistlicher 
Körperschaften wurden mehrere Arbeiten geliefert. Vier dersel- 
ben betreffen einen und denselben Gegenstand, nämlich die alte Streit- 
frage über das wahre Zeitalter des heil. Ruprecht. Zur Lösung dieser 
schwierigen Frage, wurden folgende Aufsätze veröffentlicht. Zuerst 
im Archive 8, 385 bis 497 eine Abhandlung J. E. Ritter's von Koch- 
Sternfeld: „Über das wahre Zeitalter des heiligen Ruprecht/ 1 und 
ihr unmittelber auf dem Fusse folgend eine zweite von Dr. W. Wat- 
tenbach : „Ober das Zeitalter des heiligen Rupert," Archiv 5, 499 
bis 822. Die erstere der beiden Abhandlungen fusst auf der 
Tradition der Salzburger Kirche, die zweite auf den Ergebnissen 



Berieht über die Leistungen der historischen Commission. 35 1 

der uns erhaltenen ältesten Nachrichten, mit Ausschluss schon 
jener des zwölften Jahrhunderts» welchen, als nicht unparteiischen, 
neben jenen ungleich älteren kein Gewicht beigelegt wurde. Es 
konnte nicht fehlen , dass beide Forscher zu verschiedenen Er- 
gebnissen gelangen mussten. Die Replik und Duplik liess von beiden 
Seiten nicht lange auf sich warten. Erstere erschien im Notizenblatte 
1851, S. 129 bis 138, letztere ebenda S. 260 bis 263. Das Ergeb- 
nis war wie gewöhnlich keine Vereinigung, sondern wie bisher in 
Bezug auf Ruprechtes Tod ein Abstand von mehr als hundert Jahren. 

Koch-Sternfeld lieferte ausserdem noch eine Abhandlung filr 
die Adelsgeschichte dieses Kronlandes, nämlich in seiner Unter- 
suchung „die Sarchili" und „Scharsachs 11 im Hause Playen-Beil- 
9t ein," welche im Archive 1, 4, 143 bis ISO veröffentlicht wurde. 
Beide Namen begegnen nämlich in sehr alten Urkunden, z. B. des 
10. und 11. Jahrhunderts als Namen von Gaugrafen im Salzburgischen, 
in Kärnten, Österreich ob der Enns u. s. w. Koch -Sternfeld hält 
nun diese Grafen mit jenen von Playen-Beilstein für identisch , und 
sucht seine Ansicht durch urkundliche Belege zu festigen. 

Nicht weniger ergiebig der Zahl wie dem Inhalte nach waren 
die gelieferten Arbeiten und urkundlichen Beiträge für die Ge- 
schichte der 

Steiermark. 

Vor Allem sind für die allgemeine Landesgeschichte 
von Bedeutung die schon oben zur Geschichte Österreichs erwähn- 
ten von Chmel im ersten Bande der zweiten Abtheilung der Fontes 
gelieferten „Urkunden zur Geschichte Österreichs, Steiermarks, 
Kärntens u. s. w.," aus den Jahren 1246 bis 1300, so wie ein Paar 
kleinere Mittheilungen F. Firnhaber's im Notizenblatte 1851, S. 74 
und 75. Diese betreffen nämlich „Nachweisungen zur Geschichte 
Ernst's des Eisernen, namentlich dessen Titel Erzherzog, 19 und brin- 
gen eine bisher unbekannte Urkunde Cimburga's von Massovien vom 
21. März 1428. Bei der grossen Seltenheit von Urkunden dieser 
Fürstinn gewinnt die mitgetheilte , welcher die nöthige Erläuterung 
beigegeben ist, um so mehr an Bedeutung. 

Als eine fernere Bereicherung der Quellenkenntniss zur Lan- 
desgeschichte Steiermarks ist das von Chmel im Notizenblatte 1851. 
S. 111 bis 112 mitgetheilte „Volkslied über den Aufruhr der windi- 

SiUb. d. phiL-hist Cl. VIII. Bd. IV. Hit 25 



352 ▼• Kftrftjfta. 

sehen Bauern in Steiermark, Kärnten, Krain u. 8, w." vom Jahre 
1516 zu betrachten« 

Die Geschichte des Städtewesens aber hat durch die 
im Notizenblatte 1851, 8. 11, mitgetheilte Urkunde Herzog Friedrieb 1 « 
des Schönen vom 15. März 1307, durch welche derselbe die Frei- 
heiten der Stadt Voitsberg bestätigt, eine zwar kleine aber 
werthvolle Bereicherung erhalten. 

Zur Adelsgeschichte des Landes endlich sind zwei Arbei- 
ten eingelaufen und veröffentlicht. Erstens im Archive 4, 157 bis 
230, dann 6, 319 bis 401 eine längere Untersuchung Dr. Karlmann 
Tangl's aus zwei Abteilungen bestehend und bis zum Jahre 1077 
reichend, mit der Überschrift: „Die Grafen, Markgrafen und Her- 
zoge aus dem Hause Ep penstein," zu welcher unser wirkliches 
Mitglied Jodok Stülz , ebenfalls im Archive 4, 643 bis 654 wichtige 
Nachträge lieferte. 

Zweitens über denselben Gegenstand eine Arbeit J. E. Bitters 
von Koch-Sternfeld im Archive 7, 347 bis 359 mit dem Titel: 
„Zur Vorgeschichte der Dynasten von Mürzthal und Eppeastein ia 
der Steiermark»" und wie die Nachträge Stülz's durch die Arbeit 
Tangl's veranlasst 

Die Geschichte des Nachbarlandes 

Kärnten 

hat nicht geringere Bereicherung, sowohl an geschichtlichem Stoffe, 
als durch ernste, wissenschaftliche Arbeiten erhalten. Besonders 
thätig erwies sich im Lande selbst Gottlieb Freih. v. Ankershofen, 
Director des historischen Vereines. 

Vor Allem zur Kenntniss des Materiales der allgemeinen 
Landesgeschichte förderlich war dessen „Nachweisung über 
die Handschriften des historischen Vereines zu Klagenfurt," im Ar- 
chive 1, 2, 71 bis 82. Dann aber ganz besonders dessen „Regesten 
zur Geschichte Kärntens," von welchen bereits drei Abtheilungen, 
von der ältesten Zeit bis zur Mitte des zwölften Jahrhunderts reichend 
in folgenden Bänden des Archives 1, 3, 1 bis 39, 2, 309 bis 359, end- 
lich 5, 179 bis 260 sich abgedruckt finden. Eine vierte Abtheilung, 
die Jahre 1151 bis 1170 umfassend, ist bereits eingelangt und wird 
nächstens unter die Presse kommen. Durch diese Regesten namentlich 
ist für die Geschichte des Kronlandes erst fester Boden gewonnen. 



Berieht Aber die Leistung«* der historischen Commiuion. 353 

Als fernere Beiträge zur Landesgeschichte müssen hier einge- 
reiht werden: die schon oben in der Abtheilung Steiermark erwähn- 
ten beiden Veröffentlichungen Chmel'*, nämlich die »Urkunden zur 
Geschichte Österreichs, Steiermark», Kärntens u. s. w." aus den 
Jahren 1246 bis 1300, dann das ebenda erwähnte „Volkslied über 
den Aufstand der windischen Bauern." 

Auch zur Geschichte der Landesfürsten Kärntens 
kann hier auf die oben S. 352 erwähnten Arbeiten Tangl's, Stülz's 
und Koch - Sternfeld's über die Grafen, Markgrafen und Herzoge 
aus dem Hause Eppenstein verwiesen werden. 

Zur Ergänzung dieses Theiles der allgemeinen Landesgeschichte 
sind aber noch zwei Arbeiten im Archive zu nennen. Die eine ist im 
3. Bande desselben S. 228 bis 265 abgedruckt und handelt „Über 
Friaul und die Herzoge von Kärnten nach dessen Trennung von Baiern 
im Jahre 995." Ihr Verfasser ist unser wirkliches Mitglied J. Berg- 
mann. Es bildet dieselbe einen Theil seiner Arbeit über die Topo- 
graphie der sieben und dreizehn Gemeinden auf den venezianischen 
Alpen. 

Die zweite Abhandlung, vor kurzem eingelangt , erscheint in 
einem der nächsten Hefte des Archives , nämlich eine Untersuchung 
des Freiherrn von Ankershofen „Über den angeblichen Herzog 
Gottfried von Kärnten 11 im 11. Jahrhundert. Auch diese Arbeit 
ist durch Tangl's oben erwähnte Abhandlung über die Eppensteiner 
hervorgerufen worden. 

Für die Geschichte des Städtewesens in diesem Kron- 
lande von Bedeutung sind die von Chmel im Notizenblatte 185, 27? 
bis 283, 294 bis 293, 310 bis 314, 325 bis 328, 337 bis 341, end- 
lich 354 bis 361 gelieferten fünf und siebenzig Urkunden , theils 
vollständig, theils im Auszuge, zur Geschichte der Stadt Fries ach. 
Sie umfassen den Zeitraum vom Jahre 1162 bis zum Jahre 1596. 
Unter ihnen begegnet auch eine längere Urkunde vom 3. October 
1346, und zwar auf S. 326 bis 328, welche die Stadt Gmünd in 
Kärnten betrifft. 

Den Ursprung und die Geschicke geistlicher Körper- 
schaften im Lande haben nachfolgende Beiträge zum Gegenstande. 
Einmal eine Abhandlung Koch-Sternfeld's : „Genealogische und topo- 
graphische Forschungen über die Stifter, die Stiftung und Ausstat- 
tung von Eberndorf, Gurnitz, Teinach und St. Lorenz 

35* 



384 ▼. K*r*J*n. 

zu Burg Stein in Kärnten," im Archive 4, 231 bis 254, beglei- 
tet von Bemerkungen unsers wirkl. Mitgliedes Jodok Stülz auf den 
Seiten 643 bis 654 desselben Bandes. 

Zweitens eine neu zugewachsene Quelle zur Geschichte des 
Klosters Ossi ach, nämlich: „Des Abtes Zacharias Gröblacher 
Annales Ozziacenses mit der Fortsetzung durch Abt Hennann 
Ludinger," im Archive 7, 205 bis 226, mitgetheilt durch den uner- 
müdlichen Freih. v. Ankershofen. Die Auffindung dieser Annalen ist 
um so erfreulicher, weil wir in ihnen, wie der Herausgeber nach- 
weist, den „antiquus codex" vor uns haben, dessen wir bis jetzt 
so ungern entbehrten, wenn wir die zahlreichen Auszüge aus dem- 
selben in Wallner's „Annus millesimus monasterü Ozziacensis" 
lasen, und dann ausser Stande waren, ihre Quelle weiter zu verfolgen. 

Die Geschichte des Herzogthums 

K r a i n 

so wie jene des Nachbarlandes 

Gör z 

ist in den bisherigen Veröffentlichungen 3er Commission durch keine 
besondere Abhandlung oder Quellensammlung bedacht. Was für die 
Geschichte dieser beiden Kronländer an neuem Stoffe geliefert wurde, 
findet sich in den durch Chmel herausgegebenen „Urkunden zur Ge- 
schichte von Österreich, Steiermark, Kärnten, Krain, Görz u. s. w.," 
im ersten Bande der zweiten Abtheilung der Fontes. Es sind Ur- 
kunden aus den Jahren 1248 bis 1293, für Krain nur wenige Stücke, 
fttr Görz etliche sechzig. 

Friaul, 

und zwar zuerst dessen Landes geschieh te, findet in dem schon 
erwähnten Aufsatze unseres wirklichen Mitgliedes J. Bergmann: 
„Topographie der sieben und dreizehn Gemeinden auf den veneziani- 
schen Alpen, 11 im Archive 3 , 225 — 265, namentlich Air die Zeit des 
ausgehenden zehnten Jahrhunderts, einige Nachweisungen. 

Dieselbe Abhandlung enthält auch einen eigenen Abschnitt zur 
Geschichte der geistlichen Körperschaften jener Gegenden, 
unter der Überschrift: „Das dem heiligen Gallus geweihte Benedic- 
tiner-Kloster Mosach, jetzt „Moggio di sopra" in Friaul. 11 



Bericht Über die Leistungen der htetorleehen Commigslon. 355 

Istrien and Triest 
sind in der oben zu Krain und Görz erwähnten Urkunden-Sammlung 
im ersten Bande der zweiten Abtheilung der Fontes mit vertreten, so 
wie sich auch der oben zur Adelsgeschichte des Erzherzogthums 
Österreich erwähnte Aufsatz Firnhaber' s Ober „Heinrich Grafen 
von Hardeck, Barggrafen von Duino" im dritten Bande des Archives, 
S. 173 — 209, auf diese Gebiete bezieht. 

In viel reicherem Masse als die eben genannten Kronlander zeigt 
sieh aber 

Tirol 

vertreten. Ausser der wiederholt erwähnten Urkunden -Samm- 
lang im ersten Bande der zweiten Abtheihmg der Fontes welche 
reiche Beiträge zur Geschichte des Landes und seiner Re- 
genten, namentlich aus den Vierziger- bis Neunziger- Jahren des 
dreizehnten Jahrhunderts enthält» findet sich noch reichere Ausbeute 
in den ebenfalls durch Chmel im zweiten Bande der zweiten Abthei- 
lung der Fontes gelieferten „Urkunden, Briefen und ActenstOcken zur 
Geschichte K. Ladislaus Posthumus , Erzherzogs Albrecht VI. von 
Österreich und namentlich Erzherzogs Sigmund von Österreich," 
dem Landesfttrsten Tirols. 

Während obige Beiträge die Verhältnisse Tirols im fünfzehnten 
Jahrhunderte beleuchten, bringt ein anderes Actenstück, welches 
abermals Chmel im zweiten Bande des Archives auf S. 137 — 172 
zum ersten Male aus dem Originale des Haus- und Staats-Archives 
vollständig mittheilte, einen sehr wichtigen Beitrag zur späteren 
Landesgeschichte Tirols. Unter der Oberschrift: „Kaiser Ferdi- 
nand^ I. Antwort auf einen Rathschlag, den ihm die oberösterreichische 
Regierung zu Innsbruck vorgelegt hatte, vom 29. Jänner 1562," ent- 
hält nämlich dieses Actenstück eine ausführliche Auseinandersetzung 
Ober die neu einzurichtende Landesverteidigung Tirols und bespricht 
bei dieser Gelegenheit auf höchst merkwürdige Weise die ganzen 
politischen und religiösen Zustände Deutschlands. 

Als wichtige Bereicherung zur Kenntniss der kirchlichen 
Verhältnisse Tirols und insbesondere des Bisthumes Trient 
vom Ausgange des eilften bis zum Ende des dreizehnten Jahr- 
hunderts muss vor Allem der im fünften Bande der zweiten Ab- 
theilung der Fontes erscheinende »Codex Wangianus, oder Urkun- 



356 ▼- Kar«j»n. 

denbuch des Hochstiftes Trient" beseichatt werden. Die Herausgabe 
desselben besorgt Ministerial-Coneipist Rudolf Kink und ist der 
Druck dieser höchst bedeutenden Quelle schon sehr weit vorgeschrit- 
ten. Die Zahl der Urkunden dieses Codex ist eine sehr reiche in 
nennen, denn sie belauft sich selbst ftr diese kurze Periode auf 
305 Stücke. 

Zur Geschichte der tirolischen Kirche im fünfzehnten Jahrhundert 
müssen die von unserem wirklichen Mitgliede Prof. Albrecht Jäger 
gesammelten „Regesten und urkundlichen Daten über das Verhftltniss 
des Cardinais Nicolaus von Cusa als Bischofs von Br ixen zu Herzog 
Sigmund von Österreich und zum Lande Tirol in den Jahren 14S0 
bis 1464" als ein wichtiger Beitrag angesehen werden. Sie stehen 
im Archive Bd. 4, S. 297—329 und Bd. 8, S. 173—186. 

Eine zweite Reihe von Regesten über das Verhftltniss desselben 
Kirchenfürsten zum Benedictiner-Nonnen-Kloster Sonnen bürg im 
Pusterthale, die Jahre 1018 bis 1468 betreifend, und ebenfalls von 
Prof. A. Jäger bearbeitet» stehen im Archive Bd. 8, S. 147 — 172. 
Die erstere der beiden Sammlungen umfasst 808 , die zweite 243 
Stücke. Es begreift sich, dass beide reiche Aufschlüsse über die gan- 
zen kirchlichen Verhältnisse des Landes gewähren müssen und es 
wäre nur zu wünschen, dass auch über andere Verhältnisse und 
andere Länder ähnliche und eben so sorgfältige Durchordnungen des 
geschichtlichen Stoffes geliefert würden, dann erst könnte an verläss- 
liche Landesgeschichten gedacht werden. 

Wir haben hier scblüsslich noch zwei Arbeiten zur Beleuchtung 
der Geschichte dieses Kronlandes einzureihen. Erstens : »Beiträge 
zur Geschichte des deutschen Ordens in Tirol von Matthias 
Koch," im Archive Bd. 2, & 83 — 76. Sie sind aus dem Archive 
der Deutschordens-Ballei zu Botzen geschöpft und bis jetzt die ersten 
ausführlicheren Nachrichten über diesen Orden im Kronlande Tirol. 
Zweitens: einen Beitrag zur Adelsgeschichte des Landes von 
Kögl in Brixen, nämlich „fünf genealogische Tafeln von tirolisohen 
Adelsgeschlechtern." Sie stehen im Archive 8, 883 ff. 

Auch die Geschichte des Kronlandes 

Vorarlberg 

ist in den Veröffentlichungen der Commission nicht leer ausgegangen. 
Vor Allem zu erwähnen sind die durch J. Bergmann im Archive 1* 



Bericht über die LeUtiiDgen der historischen CommlMion. 387 

3, 40 — 160, dann 1» 4, 1 — 82 zum ersten Male herausgegebenen 
«Urkunden der vier vorarlbergischen Herrschaften und der Grafen 
von Montiert," als eine wesentliche Bereicherung der allgemeinen 
Landesgeschichte, welche zu einer verlftsslichen Geschichte 
jeaer Gegenden erst festen Grund legt. 

Ausser dieser Arbeit, die eine Fortsetzung früherer Mittheilungen 
desselben Verfassers in Chmel's österreichischem Geschichtsforscher, 
Jahrgang 1838 und 1841 bilden, sind hier noch zwei kleinere 
Aufsitze F. K. Zimmermann'* im Archive Bd. 3, S. 203—214 und 
Bd. Um 8. 607—638 unter den Aufschriften „Beitrag" und „Beitrüge 
zur Geschichte Vorarlbergs" zu erwähnen. An der ersteren Stelle hat 
Zimmermann Untersuchungen „Über das Freigericbt zu MQsinen, 
die Gerichte Rankweil und Sulz, dann Ober Landammanns-Wahlen" 
geliefert und ein Verzeichniss der Landammftnner von 1407 — 1807 
versucht. Am zweiten Orte, S. 609 — 618, bespricht er die örtlichkeit, 
wo. das alte Feldkirch gestanden hat, ferner S. 619 — 634 eine Ge- 
meindeordwngRankweils vom Jahre 1596 und schliesst S. 634 — 636 
mit Nachweisungen über das ehemalige Steuerwesen Vorarlbergs. 

Wenden wir uns von dem westlichsten Theile der altösterreiehi*- 
schen Lande zum nördlichsten Kronlande, nttmlieh nach 

Böhmen, 

so begegnen wir nur drei Beiträgen» welche unmittelbar auf die Be- 
leuchtung der Geschichte dieses Kronlandes Bezug nehmen. 

Vor Allem zur Quellenkunde der allgemeinen Landesge- 
schichte, und insbesondere zur Geschichte derHussiten von Be- 
deutung ist eine Briefsammlung des fünfzehnten Jahrhunderts, welche 
sieh in einer Handschrift zu Lübeck befindet und auf welche Dr. 
W. Wattenbach im Notizenblatte 1881, S. 382—384, unter der 
Überschrift : „Notizen aus Handschriften der Stadtbibliothek zu Lü- 
beck" aufmerksam macht. 

Ebenfalls ein wesentlicher Beitrag zur Geschichte Böhmens im 
f&nfzehnteu Jahrhunderte sind die durch Chmel im zweiten Bande 
der zweiten Abtheilung der Fontes mitgetheilten »Urkunden zur Ge- 
schichte K. Ladislaus Posthumus, Erzherzogs Albrecht VI. u. s. w.," 
auf welche wir schon wiederholt hingewiesen haben. 

Ein dritter wichtiger Beitrag zur Geschichte dieses Kronlandes 
liegt der Commission druckfertig vor und wird bald im Archive 



358 v. Kar»jan. 

unter die Presse kommen» Nr. IV der fränkischen Studien des Prof. 
C. Höfler. Dieser enthält nämlich „Urkundliche Beiträge zur Ge- 
schichte der politischen Beziehungen der Häuser Habsburg und 
Brandenburg , der Kronen Ungern und Böhmen aus der Zeit Kaiser 
Friedrich^ IV.» der K. Matthias Corvinus und Georg von Podiebrad." 
Von Böhmen zum Nachbarlande 

Mähren 

übergehend» haben wir vor Allem auf zwei willkommene Berichte zur 
Quellenkunde der Landesgeschichte im Allgemeinen hinzu- 
weisen. Erstens : auf den durch P. Gregor Wolny im Archive 1, 8, von 
S. 147 — 165 gelieferten „Bericht über den historischen Vorrath im 
Archive des Benedictiner-Stiftes Raigern in Mähren, 11 und zweitens : 
auf das im Notizenblatte 1851, S. 106—111, dann 119—123, durch 
die mährisch-schlesische Ackerbaugesellschaft mitgetheilte „Verzeich- 
niss von 283 Original-Urkunden im Franzens-Museum zu Brunn. 1 ' 

Einen Beitrag zur Geschichte der Regenten dieses Kron- 
landes lieferte Bibliothekar F. Richter zu Olmütz im Notizenblatte 
1851, S. 195 — 204, nämlich das „Testament des Markgrafen 
Johann von Mähren, ddo. Brunn 26. März 1371." 

Zur Kirchengeschichte Mährens sind endlich drei Beiträge 
geliefert worden, deren Bedeutung, da sie grösstenteils auf neuem 
Materiale beruhen, von selbst einleuchtet 

Erstens: durch G. Wolny im Archive 8, 67 — 138 eine län- 
gere Abhandlung unter der Überschrift: „Die Wiedertäufer in Mäh- 
ren." Als Quelle diente hauptsächlich eine ausführliche, bisher unge- 
druckte Chronik eines Anhängers dieser Secte, Ambros. Resch, 
welcher im Jahre 1592 starb und dessen Aufzeichnungen, mit dem 
Jahre 1524 beginnend, von drei Fortsetzern bis zum Jahre 1654 
weiter geführt wurden. 

Zweitens eine Abhandlung des Dr. G. A. Branowitzer zu 
Kremsier: „Über das Münzrecht der Fürstbischöfe und Erzbischöfe 
von Olmütz, 91 im Archive 3, 553 — 569, mitgetheilt Die hier ge- 
gebenen Nachrichten beruhen auf noch vorhandenen Urkunden und 
Münzen, beginnen mit der ursprünglichen Verleihung dieses Rech- 
tes durch K. Wladislaw von Böhmen im Jahre 1144 und reichen bis 
zur Aufhebung desselben in den Dreissiger-Jahren des laufenden 
Jahrhunderts. 



Bericht Aber die Leistungen der historischen Commission. 359 

Ab dritter Beitrag zur Kirchengeschichte dieses Kronlandes ist 
hier noch ein grösserer Aufsatz des P. 6. Wolny anzureihen , der 
erst kürzlich der Commission zur Veröffentlichung mitgetheilt wurde 
und in einem der nächsten Binde des Archives erscheinen wird. Er 
trägt die Überschrift: „Die Excommunication des Markgrafen von 
Mähren, Prokop, und seines Anhanges im Jahre 1399 und was damit 
zusammenhängt." Hienut ist- die Aufzählung der ffir die Geschichte 
Mährens gelieferten Arbeiten geschlossen. 

Dalmatien 

ist zwar unter den vielen Beiträgen, welche die Bände der Veröffent- 
lichungen der historischen Commission der Wissenschaft zufahren, 
nur durch eine einzige Arbeit vertreten, diese aber ist eben so um- 
fangreich als belehrend. Sie beruht zudem grösstentheils auf bisher 
unbenutzten Quellen, ist somit durch und durch die Wissenschaft er- 
weiternd und namentlich eine bedeutende Ergänzung zu Reutz's 
verdienstlichem Werke über die dalmatinischen Küstenstädte. Dorpat 
1841, 8°* Ich meine die durch drei Bände des Archives, nämlich 3, 
1—76, 4, 509 — 581 und 7, 361—422 laufenden „Beiträge zur 
Quellenkunde der dalmatinischen Rechtsgeschichte des Mittelalters' 1 
von Prof. Dr. Gustav Wenzel zu Pesth. 
Von Dalmatien zum Nachbarlande 

Ungern 

übergehend, sind wir im Stande, auch zur Beleuchtung der Geschichte 
dieses Kronlandes, ungeachtet die Ereignisse der jüngsten Jahre sehr 
hemmend in den Weg traten , so dass an Beiträge aus dem Lande 
selbst nicht wohl zu denken war, dennoch Einiges und nicht Unerheb- 
liches als geliefert zu bezeichnen. 

Sämmtliche Beiträge betreffen die politische Geschichte 
des Landes und seiner Regenten. Wir müssen dabei vor 
Allem auf die bereits wiederholt erwähnten „Urkunden zur Geschichte 
K. La dis laus Posthumus u. s. w.''im zweiten Bande der zweiten 
Abtheilung der Fontes so wie auf jene durch Th. Mayer im Archive 6, 
403 — 426 veröffentlichten „dreizehn Urkunden über die Verpfändung 
von St. Polten und Mautern von K; Matthias Corvinus 1481" 
hinweisen, deren wir schon S. 340 gedachten. 



360 v. KAr*j*n. 

An sonstigen Arbeiten sind hier einzureihen die durch Fr. Firn- 
haber im Archive 3» 37S — 852, niedergelegten „Beitage zur Ge- 
schichte Ungerns unter der Regierung der Könige WladislausIL 
und Ludwig II. aus den Jahren 1490 — 1526." Diese sind grössten- 
teils aus den Schätzen des Haus- und Staats-Arehtres geschöpft und 
ron soleher Wichtigkeit» dass sie namentlich, was den Erbvertrag 
zwischen Wladislaus II. und Kaiser Maximilian I. vom Jahre 1402, no 
wie dessen bisher unbekannte Bestätigung durah die Made betritt. 
ganz neues überraschendes Licht gewährt. Man lernt nämlich daraus, 
dass die Behauptung ungrischer Geschichtsschreiber und Publicisten, 
Ferdinand I. habe weder durch diesen Vertrag noch durch seine Ver- 
mählung mit Anna , der Tochter K. Uladislaus von Ungern , ein Erb- 
recht auf Ungern besessen, völlig entkräftet wird. 

Zur Geschichte K. Matthias Corvinus finden sich ferner 
„Eilf Documente aus den Originalen des Mailänder Archives, die 
Absicht des Königs betreffend, seinen natürlichen Sohn Johann mit 
Bianca Maria, Schwester Herzogs Galeazo von Mailand, zu vermählen/ 9 
im Archive 1,1, 75 — 100, mitgetheilt durch Chmel. 

Gleichfalls die politische Geschichte Ungerns und namentlich 
die „Verhältnisse des Königs Matthias Corvinus zu König Georg 
von Böhmen, sowie zum deutschen Kaiser betreffend" sind die oben 
S. 358 unter Böhmen aufgeführten „Urkundlichen Beiträge C. Höf- 
ler's" in dessen fränkischen Studien Nr. IV. 

Von der grössten Bedeutung sind ferner die von F. Firnhaber 
aus Privatsammlungen im achten Bande des Archives folgenden 
„Actenstücke zur Aufhellung der ungrisehen Geschichte des sieb* 
zehnten und achtzehnten Jahrhunderts," denn wir gei&ngen durch 
sie zur Kenntniss mehrerer bisher völlig unbekannt gebliebener 
Staatsverträge und Gesandtschaften. 

Schlüsslich will idi noch auf einen kleinen Beitrag hinweisen» 
welcher zugleich als der einzige zur Geschiebte des «ngrisehen 
Städtewesens gelieferte erscheint, nämlich auf F. Firnhaber 's 
Aufsatz im Notizenblatte 1851, S. 123—128, dann 162—176, mit 
der Überschrift: „Urkundliches zur Geschichte der Stadt Güns." 
Er enthält nämlich zur Geschichte dieses merkwürdigen Städtchens 
57 Numern Regesten und 14 bisher ungedruckte Urkunden aus 
einer Handschrift des städtischen Archives, welche dem sechzehnten 
Jahrhundert angehört. 



Beriebt über die Leistungen der historischen Commission. 361 

Für die Geschichte des Grossfftrstenthumes 

Siebenbürgen, 

dem äussersten Grenzlande gegen Osten , das mehr noch als Ungern 
in den letzten verhängnissvollen Jahren gelitten hat, wurde nur Eine 
Abhandlung geliefert, welche im Archive Band 5, S. 321 — 381, 
gedruckt erschien. Ich meine die „Beiträge zur Geschichte Sieben- 
bürgens unter K. Ludwig I., 1342 — 1382, von G. D. Teutsch." 
Diese Arbeit, abgesehen von ihrer streng wissenschaftlichen Haltung* 
bringt zudem auch neuen geschichtlichen Stoff, nämlich vierzehn 
Beilagen, sämmtlich bisher ungedruckt und dem vierzehnten Jahr- 
hunderte angehörig. Sie erläutern die Gauverfassung und sonstigen 
Verhältnisse des Gemeindewesens und sind eine schöne Bereicherung 
zur Kenntniss deutschen Wesens , das sich im fernen Osten, mitten 
zwischen Völkern fremder Zunge, bis zur Stunde noch lebensfrisch 
erhalten hat. 

Ausser dieser grösseren Arbeit findet sich im Notizenblatte 1851, 
S. 272, nur noch ein ganz kurzer Wink Dr. W. Wattenbach's zur 
Deutung der im siebenbfirgischen Landeswappen bisher unerklärten 
sogenannten „Seeblätter." 

Für die beiden Kronländer Oberitaliens ist von Eingehornen bis 
zur Stunde kein Beitrag geliefert worden. Nur fllr das Gebiet von 

Venedig 

können wir hier die durch unser Mitglied J. Bergmann gelieferte 
geschichtliche „Topographie der sieben und dreizehn Gemeinden in 
den venezianischen Alpen," abgedruckt im Archive 3, 225 — 265, 
auffahren, und gehen nun, nachdem die die Geschichte der einzelnen 
Kronländer betreffenden Leistungen durchgeordnet sind, zur Betrach- 
tung jener Arbeiten über, welche mehrere derselben zugleich behan- 
deln und dadurch theilweise, andere aber, welehe dies mit allen thun, 
die Geschichte der gesammten 

österreichischen Monarchie 

zum Gegenstande haben. Wir stellen auch hier wieder jene Lei- 
stungen voran, welche die Geschichte der Monarchie im All- 
gemeinen, so wie jene des gemeinschaftlichen Regentenhauses 
und seiner Glieder betreffen» bringen aber zugleich, da hier die 



362 v. Karajan. 

Ausbeute eine reichere ist, diese Mittbeflungen in eine wenn auch 
gerade nicht ängstliche Reihenfolge nach den Zeiten, welchen ihre 
Gegenstände angehören. 

Zur geschichtlichen Erforschung des Ländergebietes Öster- 
reichs, hauptsächlich während der Römerzeit, bestimmt, sind 
die dureh mehrere Rande des Archives geführten „Beiträge zu einer 
Chronik der archäologischen Funde in der österreichischen Mon- 
archie 19 unseres wirklichen Mitgliedes J. 6. Seidl. Sie stehen im 
Archive 3, 159—202 und 6, 206—271. Eine dritte Abtheüung 
liegt bereits druckfertig vor und wird einem der nächsten Bände des 
Archiyes einverleibt werden. 

Für die Zeiten des babenbergtschen Regentenhauses 
sind drei Arbeiten aufzuführen. Zuerst einige bisher ungedruekte 
Urkunden in der Abhandlung Theod. Mayer 's „Spieilegium von 
Urkunden aus der Zeit der österreichischen Babenberger Fürsten," 
aus dem Archive des Klosters Melk, in unserem Archive 6, 273 — 318; 
ferner: „Vier Nachträge zu v. Meiller's Regesten," vom Archivare 
Herzogenburgs, P. W. Rielsky, und zwar aus Urkunden seines 
Stiftes, mitgetheilt im Notizenblatte 1851, 8. 79—80. Endlich 
einiges über die Resitzungen der Rurggrafen von Nürnberg in 
Tirol und Österreich, zerstreut in Höfler 's fränkischen Studien, 
Archiv VI, 583— 642. 

Einzelnes f&r die Zeit des Interregnums und die An- 
fänge habsburgiseher Macht in unseren Ländern bieten 
die durch Chmel in der zweiten Abtheilung der Fontes Rd. I, gelie- 
ferten „Urkunden zur Geschichte Österreichs, Steiermark, Kärn- 
tens u. s. w. von 1246—1300." Ein Landfrieden K. Ottokar's IL, 
wahrscheinlich vom Jahre 1251, findet sich aber unter den Auf- 
zeichnungen des Abtes Hermann von Nieder-Altaich, welche Chmel 
im Archive 1, 1, 1 — 72 zum ersten Male veröffentlicht hat. 

Die Zeit Alb recht's I. findet in dem nach ihm benannten 
Formelbuche, herausgegeben durch Chmel im Archive 3, 211 — 307, 
reiche Vertretung, welche noch vermehrt wird durch ein zweites 
ähnliches Denkmal aus derselben Zeit, den „Liber formularum 
Petri de Hallis" durch F. Firnhaber aus einer Handschrift des 
Stiftes Göttweih bearbeitet und bereits zum Abdrucke in einem der 
nächsten Rande der Fontes der Commission übergeben. In demselben 
finden sich sehr viele geheime Mittheilungen, deren einige ihre Deu- 



Beriebt Aber die Leistungen der historischen Commission. 363 

tung noch erwarten» während andere durch die Bemühungen des 
Herausgebers als schon gelöst zu betrachten sind. 

Friedrich^ des Schönen bewegte Regierungszeit ist 
durch yier Beitrüge nicht unbeträchtlich beleuchtet worden. Erstens 
durch einen längeren Aufsatz Chmel's im Archive II, Sil — 557, 
mit der Aufschrift : „Zur Geschichte Kaiser Friedrich 's des Schönen." 
Derselbe beruht hauptsächlich auf einer bis dahin nur wenig oder 
einseitig benützten Handschrift des Haus- und Staats- Archive«, welche 
gleichseitig abgefasst, besonders die beengte finanzielle Lage dieses 
Regenten erkennen lässt. Sie umfasst nämlich eine Reihe mitunter 
höchst wichtiger Pfandbriefe yon 1308 — 1315. Die zweite Mittheilung 
enthält eine bisher unbekannte Urkunde desselben Archives, und zwar 
eine * Vermittelung zwischen Friedrieh dem Schönen und einigen An- 
hängern Ludwig's yon Baiern, geschehen zu Strassburg am 26. März 
1315," Notizenblatt 1851 , S. 44 und 45. Die dritte Mittheilung, 
ebenfalls im Notizenblatte 1851 , S. 95 und 96, abgedruckt, bringt 
zum ersten Male aus dem Originale desselben Archives einen „Brief 
Erzbischofs Peter yon Mainz yom 20. Jänner 1315," der Ober den 
Stand der Angelegenheiten K. Ludwig's des Baiern , Friedrich dem 
Schönen gegenüber, erwünschten Ausschluss gewährt. Endlich eben- 
falls im Notizenblatte 1851, S. 45, als vierte Mittheilung eine Über- 
einkunft K. Friedrich's des Schönen mit Herzog Eberhard und Ulrich 
yon Würtemberg , über einige Forderungen der letzteren. Ausge- 
fertigt vor Esslingen am 13. August 1316, deren Original ebenfalls 
im Haus- und Staats-Archiye liegt. 

Zum Theile derselben Zeit angehörig, zum Theile der folgen- 
den sind die „Regesten für die Geschichte Innerösterreichs yom 
Jahre 1312 — 1500," welche unser verstorbenes Mitglied Albert 
yon Muchar in reicher Fülle , 524 an der Zahl, im Archive Bd. 2, 
S. 429—510, mitgetheilt hat. 

Hier ist auch eine durch K. v. Sava im Notizenblatte 1851, 
S. 302, veröffentlichte „Urkunde Herzog Albrecht's V., ddo. Wien 
1437," einzureihen, ein Schuldbrief an einen Bürger Wiens, welcher 
ihm 60 Pfund Wiener Pfennige geliehen hatte, zur Einlösung meh- 
rerer während des Hussitenkrieges verpfändeter Burgen. 

Eben so reich wie die Zeit Friedrich's des Schönen ist jene 
K. Friedrich's IV. bedacht. Ausser den bereits oben wiederholt 
erwähnten« von Chmel veröffentlichten „Urkunden, Briefen und 



364 ▼♦ Karajftü. 

Actenstüeke zur Geschichte K. Ladislaus Posthumus, Erzherzogs 
Albrecht VI. und Herzogs Sigmund von Österreich, 1 ' im zweiten 
Bande der zweiten Abtheilung der «Fontes , sind hier zu erwähnen, 
der ebenfalls durch Chmel im Archive Bd. 3, 8. 77 — 157, abge- 
druckte Beitrag „Urkundliches zur Geschichte K. Friedriche IV.," 
abermals aus einer Handschrift des Haus- und Staats-Archives, dann 
die „ Urkundlichen Beiträge zur Geschichte der Häuser Habsburg 
und Brandenburg, der Kronen Ungern und Böhmen aus der Zeit 
K. Friedrichs IV.," in Nr. IV der fränkischen Studien C. Höfler's, 
welche bald erscheinen wird. 

Auch für die Geschichte K. Ferdinande L finden sich neue 
urkundliche Belege. Einmal im Archive 1, 2, 83 — 149 eine höchst 
wichtige „Instruction Ar Karl von Burgund, Herren zu Bredam, vom 
Jahre 1824, zu dessen Gesandtschaft an Karl V.," aus dem Originale 
des Haus- und Staats-Archives durch Chmel veröffentlicht. Dieses 
Actenstttck hat doppeltes Interesse, einmal durch die Aufdeckung 
der Pläne Ferdinand's , um zur römischen Königswürde zu gelangen, 
dann auch weil es offen dessen Ansichten Ober Martin Luther und 
die Reformation überhaupt an den Tag legt. 

Nicht minder wichtig ist ein von P. J. Stütz eingesandter 
Aufsatz : „Der Ausschusstag der fünf nieder-österreichischen Lande 
zu Wien 1556," namentlich in Bezug auf die Bestrebungen der pro- 
testantischen Partei in der Monarchie. Er soll nächstens im Archive 
erscheinen. 

Zur Geschichte K. Fer dinand's H. finden sieh durch A. Böhm 
im Notizenblatte 1881, S. 156 — 168, sechs eigenhändige Briefe des 
Kaisers an den Landmarschall Seifried Christoph Grafen v. Brenner 
abgedruckt. Sie stammen aus dem reichen Archive zu Aspern an der 
Zaya und sämmtlich aus dem Jahre 1621. 

Die druckfertig vorliegende Nr. IV von Höfler's fränkischen 
Studien, bringt auch neue Documente über „des Herzogs von 
Friedland Plane und Verfahren, März bis November 1633," und 
ebenfalls ungedruckte Stücke: „Über das Verhältniss des Churfflrsten 
Friedrich Wilhelm von Brandenburg zu Österreich und zur katholi- 
schen Kirche." 

Zum Schlüsse sind noch vier Mittheilungen hier anzufahren, 
welche Unterabtheilungen der allgemeinen Geschichte der Monarchie 
zum Gegenstande haben. 



Bericht Aber die Leistungen der historischen Commission. 365 

Erstens zur Kirchengeschichte von grossem Interesse 
sind die durch Chmel im Archive Bd. 4, S. 1 — 156, abgedruckten 
„Actenstttcke zur Geschichte des österreichischen römisch-katholi- 
schen Kirchenwesens unter K. Leopold II., 1790". Sie sind mitge- 
theilt aus den Originalen des Archive« des Ministeriums für Cultus 
und Unterricht. 

Zweitens ein äusserst gründlicher und wichtiger Beitrag zur 
Finanzgeschichte älterer Zeit, nämlich eine kritische Unter- 
suchung „Über den Gehalt des österreichischen Pfennigs im Tier- 
zehnten Jahrhunderte," von unserem correspondirenden Mitgliede 
Fr. Blumberger zu Göttweih , Ar den achten Band des Archires 
eben im Drucke begriffen. 

Drittens „Materialien zur österreichischen Kunstgeschichte 91 
von dem correspondirenden Mitgliede J. E. Schlager im Archive 5, 
661 — 780. Diese sind zum grossen Theile aus den alten Hofstaats- 
Rechnungsbüchern gezogen und beginnen schon mit dem sechzehnten 
Jahrhunderte. 

Endlich viertens ein kleiner Beitrag zur österreichischen Adels- 
geschichte, nämlich „Zwei Urkunden zur Geschichte der Grafen 
von Cüly," beide vom 2. August 1437, mitgetheilt aus dem Originale 
des Haus- und Staats-Archiyes von Chmel im Notizenblatte 1851, 
8.48. 

Unsere bisherige Darstellung hat die Durchordnung des in den 
Veröffentlichungen der Commission Gelieferten nach den einzelnen 
Bestandteilen des Kaiserreiches versucht und mit jenen Arbeiten 
den Schluss gemacht , welche sich auf die Geschichte der Gesammt- 
monarchie beziehen. In den bisher durch die Commission veröffent- 
lichten Bänden findet sich aber auch manches, was zur Geschichte der 

ehemaligen Bestand theile der Monarchie 

gehört. Wir wollen daher auch dieses näher betrachten und fahren 
zuerst jene Mittheilungen auf, welche sich auf die Geschichte der 
österreichischen 

Vorlande 

beziehen. Auch hier müssen jene „Urkunden, Briefe und Actenstücke" 
vor Allem genannt werden, welche Chmel im zweiten Bande der 
zweiten Abtheilung der Fontes herausgegeben hat und welche, da 



366 ▼. Karftjftn. 

sie sich so sehr auf die Verhältnisse Albrecht's VI. und Sigmund'« 
von Tirol beziehen, begreiflicherweise auch für die österreichischen 
Vorlande von Wichtigkeit sind. Ausserdem sind noch vier kleinere 
Beitrüge hier anzureihen. 

Erstens eine Urkunde des Grafen Tbeobald von Pfirt und 
seiner Söhne, Ober dreitausend Mark Silber als Schadenersatz an den 
römischen König Albrecht und die Herzoge Rudolf, Friedrich und 
Leopold von Österreich für die Schilden, welche sie letzteren bei 
Tattenriet zugefügt hatten. Die Urkunde ist vom 30. Hai 1301 und 
ist mitgetheilt von Chmel im Notizenblatte 1851, Seite 27 und 28. 

Zweitens: M Verzicht Margarethens von Lanzberg, Witwe des 
Verwalters des Amtes Kiburg, auf Forderungen, die sie an Herzog 
Leopold von Österreich zu stellen hatte, vom 4. December 1316." 
Ebenfalls von Chmel mitgetheilt und wie die vorhergehende Ur- 
kunde aus dem Originale des Haus- und Staats-Archives im Notizen- 
blatte 1851, S. 29. 

Drittens: » Herzogs Leopold von Österreich Vertrag mit der 
Stadt Kolmar Ober hundert Mark Silber, welche sie ihm auf Jahres- 
frist geliehen hatte, vom 14. Mai 1319." Aus dem Originale des 
Kolmarer Archives mitgetheilt von Prof. J. E. Kopp zu Luzern im No- 
tizenblatte 1851, S. 58 bis 60. Endlich 

Viertens: „ Huldigungs-Revers der Stadt Türkheim im El- 
sass für die Herzoge von Österreich, vom 31. Mai 1314." Aus einer 
alten Aufzeichnung des Haus- und Staats-Archives, mitgetheilt von 
Chmel im Notizenblatte 1851, Seite 13. 

Zur Geschichte der 

Schweiz 

und ihres alten Verhältnisses zu den Herzogen von Österreich, ist 
zwar nur ein einziger Beitrag zu erwähnen, aber ein um so gewich- 
tigerer, nämlich die zweite Abtheilung der „Urkunden zur Geschichte 
der eidgenössischen Bünde von J. E. Kopp, im Archive 6, 1 — 103. 
Eine nähere Auseinandersetzung dieser Sammlung filr Österreich 
würde aber viel zu weit führen. Statt dessen will ich lieber noch 
jene vier Beiträge aufzählen, welche die Geschichte von 

Würtemberg 
als ehemaligen Bestandtheil Alt-Österreichs urkundlich erläutern. 
Vor Allem eine durch J. Bergmann im Archive 5, 317 — 320, mit- 



Bericht über die Leistungen der historischen Commission. 367 

getheilte „Bulle Papst Alexander 1 * IV. vom 25. Juli 1286, för das 
Frauenkloster zu Pfullingen;" dann die Ȇbereinkunft Herzogs 
Leopold von Österreich mit den Brüdern Simon, Conrad und Ludwig, 
Herzogen zu Teck, in Betreff der Herrschaft und Burg zu Teck 
*om 6. December 1308", aus dem Originale des Haus- und Staats- 
Archives, mitgetheilt von Chmel im Notizenblatte 18S1, Seite 93 
— 9S. Ferner die „Urkunde vom 29. September 1313, wodurch 
sich die Stadt Ulm bis zur einhelligen Wahl eines neuen römi- 
schen Königs den österreichischen Herzogen Friedrich und Leo- 
pold anschliesst." Mitgetheilt im Notizenblatte 1851, Seite 43, aus 
gleicher Quelle. Endlich eben daher die „Übereinkunft der Grafen 
Eberhard und Ulrich yon Würtemberg mit Friedrich dem Schönen 
von Österreich und seinen Brüdern, in Betreff mehrerer Forderungen, 
vom 13. August 1316" im Notizenblatte 1851, S. 45. 



Unserem ursprünglichen Plane gemäss, schreiten wir nun, nach- 
dem die über die jetzigen wie ehemaligen Bestandtheile der Mon- 
archie eingegangenen und durch die Commission der Wissenschaft 
zugef&hrten Arbeiten und Stofflieferungen in ein übersichtliches, geo- 
graphisch wie historisch geordnetes Bild gebracht sind , zur Auf- 
zählung derjenigen Beiträge, welche sich auf die Geschichte der an 
Österreich grenzenden Theile Deutschlands beziehen und wollen 
darnach mit jenen Arbeiten schliessen, welche auf die Geschichte 
von ganz Deutschland Bezug nehmen. Wir beginnen mit 

Baiern. 

Für die allgemeine Landesgeschichte dieses König- 
reiches, so wie für die seiner Regenten von nicht geringer Be- 
deutung sind die mehrmals erwähnten „Fränkischen Studien" des 
Professors C. Höfler, abgedruckt im Archive Band 4, 583 — 642, 
dann 5, 1 — 66 und 7, 1 — 147. Eine Fortsetzung derselben, 
wie schon erwähnt, erscheint in einem der folgenden Bände des 
Archives. 

Die Aufzeichnung des „Landfriedens Herzog Otto's von Bai- 
ern, Erzbischof Eberhard's von Salzburg, Bischof Rüdiger's von 
Passau u. s. w." aus den Jahren 1244 bis 1247, sowie des „Land- 
friedens zu Straubing von Herzog Heinrich und den Bischöfen 

Sitzb. d. phil.-hist. CK VIII. Bd. IV. Hft. 36 



368 v. Karajan. 

Otto von Passau und Conrad tob Freising aufgerichtet,' 1 enthält das 
Archiv Band 1, 1, 1—72. 

Zur Geschichte der Kirche Baierns und namentlich jener 
seiner geistlichen Körperschaften von Bedeutung sind, die 
durch Chmel am eben erwähnten Orte gelieferten ausführlichen 
»Auszüge ans der Urkunden- und Notizen-Sammlung des Abtes 
Hermann von Nieder-Altaich und mehrerer seiner Nachfolger, 
aus den Jahren 1242 bis 1300;" zur Geschichte Tegernsees 
aber die durch P. Th. Mayer angestellte genauere Untersuchung 
der bekannten „Acta S. Quirini Martyris," Archiv 3, 281 — 351. 
Endlich Ober die Frage der Bekehrung Baierns durch den he il igen 
Ruprecht müssen die zwischen J. E. Ritter von Koch -Stern- 
feld und Dr. Wilh. Wattenbach zu Berlin gewechselten Streit- 
schriften angereiht werden, welche sich im Archive 5, 385 — 497, 
5, 499 — 522 im Notizenblatte 1851, Seite 129 — 138 und 260 
— 263, befinden. 

Die Geschichte des bairischen Städtewesens hat durch die 
Veröffentlichung der „Statuten der Stadt Landshut vom Jahre 
1256," ebenfalls aus den Aufzeichnungen des Abtes Hermann von 
Nieder-Altaich, siehe oben Seite 347, eine nicht unwesentliche Berei- 
cherung erhalten. 

Zur bairischen Adelsgeschichte sind zwei Abhandlungen 
J. E. Ritters von Koch - Sternfeld zu erwähnen, beide im Archive I, 
4, 121 — 141 und 151 — 159 abgedruckt. Die erstere beschäftigt 
sich mit der „Dynastie Hagen au als Mitstifter der Benedictiner- 
Abtei Seitenstetten in Österreich," die zweite belegt und sondert 
„die dynastischen Zweige zu Moosbach und W eng," Adelsge- 
schlechter, welche für die Zeit vor dem Jahre 1156 begreiflicher 
Weise Baiern angehören. 

Für die Geschichte des Königreiches 

Sachsen 

und seiner ehemaligen wie jetzigen Bestandteile, enthält der durch 
C. Höfler herausgegebene „Codex epistolaris Reinhardsbrunnensis" 
in dessen fränkischen Studien Nr. III, abgedruckt im Archive 
Band 5, Seite 1 — 66, namentlich was die Thüringischen Herzog- 
tümer betrifft, wichtige Beiträge aus dem zwölften und dreizehnten 
Jahrhunderte. 



Beriebt über die Leistungen der historischen Commission. 369 

Die eben erwähnten „Fränkischen Studien" bieten auch flir die 
Geschichte von 

Preussen 

nicht unerhebliches neues Material , namentlich der eben der Com - 
mission druckfertig überreichte Theil derselben. In ihm finden sich 
2. B. „Urkundliche Beiträge zur Geschichte der politischen Bezie- 
hungen der Häuser Habsburg und Brandenburg, aus der Zeit 
K. Friedrich's IV. und des Markgrafen Albert Achilles ," ferner „Chur* 
ALrst Friedrich Wilhelm von Brandenburg und sein Verhältniss zu 
Österreich und zur katholischen Kirche" betreifende Documente : 
1. „Das churfflrstliche Testament vom 20. März 1688" und 2. „Con- 
versione della Prussia alla fede catoliea." 

Aus dem bereits gedruckten Theile dieser „Studien" ist aber 
hier einzureihen: „Die ältesten Urkunden des bambergischen Ar- 
chives über das Emporkommen der Burggrafen von Nürnberg» hohen- 
zoller 'sehen Stammes" und die „ ältesten Aufzeichnungen über den 
allmählichen Erwerb der bohenzoller'schen Territorien in Franken." 
Erstem im Archive Band 4, Seite 883 — 609, letzteres von 6t 
bis 642. 

Zum Schlüsse ist noch ein Bejtrag zur Kirchengeschichte 
Preussens hier zu nennen, nämlich die bereits erwähnten „For- 
schungen über den Erzbischof Wichmann von Magdeburg, von J. E. 
Ritter von Koch -Sternfeld," im Archive 1,4, 83 — 120. 

Wir sind nun beim letzten Abschnitte unserer Durchordnung 
angelangt; nämlich bei jenem, welcher über die Leistungen Rechen- 
schaft abzulegen hat, welche die Geschichte von ganz 

Deutschland, 

sei es nun durch Stoff oder Forschung irgendwie bereichern. Es 
sind hier im Ganzen sechs Beiträge zu nennen. Wir wollen sie, da 
sie alle mehr oder minder die allgemeine Geschichte des Landes 
wie seiner Regenten betreffen, nach der Zeitfolge ihres Stoffes 
aufführen. 

Ein kleiner Beitrag zur Geschichte der zweiten Gemahlinn 
K. Heinrich's III., der Tochter Wilhelm's von Poitou, Agnes, lieferte 
Bibliothekar F. Richter zu Olmütz im Archive Band 3, Seite 367 
bis 373, nämlich einen ftr sie geschriebenen „Prologus Johannis 

26* 



370 ▼. Karajan. 

pauperis de contemplacione oracionis," der somit in die Mitte des 
eilften Jahrhunderts zu setzen sein wird. 

Reiche Ausbeute für die deutsche Geschichte der beiden folgen- 
den Jahrhunderte ist in den durch Höfler im Archive 6, 1 — 66 gelie- 
ferten „Codex epistolaris Reinhardsbrunnensis" zu holen , wie nicht 
minder in dem ähnlichen „Formelbuche K. Albrecht's I.," wel- 
ches Chmel aus dem Originale des Haus- und Staats-Archives im 
zweiten Rande des Archives der Commission auf Seite 211 — 307 
veröffentlicht hat. Auf die Wichtigkeit dieser Handschrift ist schon 
oft hingewiesen worden, z. R. durch Röhmer in den Regesten. Auch 
Palacky hatte schon vor der Herausgabe derselben sechs Stücke 
aus ihr veröffentlicht. 

Die Geschichte Deutschlands im fünfzehnten Jahrhunderte wird 
aus der der Commission bereits druckfertig vorliegenden Fortsetzung 
der „Fränkischen Studien" Höfler's erwünschten Zuwachs erhalten. 
Sie bringt nämlich : „Fürstenbriefe aus dem fünfzehnten und sech- 
zehnten Jahrhunderte/ 9 dann eine Reihe von „Urkunden zur Be- 
leuchtung der Entwickelungs-Geschichte des monarchischen, aristo- 
kratischen und demokratischen Elementes im deutschen Reiche vom 
fünfzehnten bis siebzehnten Jahrhunderte." 

Auf das grosse Interesse der durch Kaiser Ferdinand 1. am 
29. Jänner 1 562 der Regierung zu Innsbruck ertheilten Antwort för 
die Geschichte der politischen und religiösen Zustände Deutschlands 
in jener Zeit ist schon oben Seite 3S& hingewiesen worden. Sie steht 
im zweiten Rande des Archives auf den Seiten 137 — 172. 



Und so wäre denn die bunte Reihe der Mittheilungen, welche 
mit den im Drucke befindlichen zusammen fünfzehn starke Rande 
füllen, hiemit durchlaufen und in sachlich geordnete Folge gebracht. 

Es lässt sich nicht läugnen, dass in ihnen eine überraschende 
Menge sowohl neuen geschichtlichen Stoffes , wie auch gründlicher 
Untersuchungen niedergelegt ist. Dass diese Leistungen in buntem 
Wechsel einliefen und veröffentlicht wurden, dass dabei kein ängst- 
lich entworfener und darnach gewissenhaft eingehaltener Plan eines 
gleichmässigen Eintrittes und Wechsels der Beiträge nach Ländern 
oder sonst wie, etwa nach der Leistungsfähigkeit oder Wichtigkeit 
der einzelnen Kronländer befolgt werden konnte , liegt zum Theile 



Beriebt Ober die Leistungen der historischen Commission. 371 

in der Natur der Sache, mehr noch aber in der schon oben erwähnten 
Ungunst der Zeitverbältnisse der letzten Jahre. 

Freuen wir uns lieber, dass überhaupt geleistet wurde, was vor- 
liegt. Wir haben uns desselben nicht nur nicht zu schämen, sondern im 
Gegentheile, wir können nur wünschen , dass der bisher an den Tag 
gelegte Eifer unserer Mitarbeiter nicht erkalte. Schmollt auch hie und 
da Einer oder der Andere, der dies oder das anders haben will , so 
soll uns das wenig kümmern, denn unsere Mitarbeiter, wie wir, haben 
das Bewusstsein, in der ungünstigsten Zeit das Mögliche geleistet zu 
haben und kein Gerechter darf mehr von uns verlangen. 

Soll durchaus filr die Zukunft ein Wunsch ausgesprochen 
werden, so wäre es der, dass in den einzelnen Kronländern, nament- 
lich in den Königreichen Böhmen, Lombardie und Venedig, Ungern 
und Galizien u. s. w. die einzig richtige Ansicht immer mehr Boden 
gewinne, dass unsere Akademie der Vereiniguogspunkt aller wissen- 
schaftlichen Bestrebungen des weiten Kaiserreiches sein solle, dass 
durch diese Vereinigung die Wissenschaft an sich nur gewinnen 
könne und dass der Akademie nichts ferner liege, als der kleinliche 
Gedanke, einzelne Kronländer auf Kosten der übrigen bei ihren Un- 
ternehmungen zu bevorzugen. Denn dass in den bisherigen Lei- 
stungen der historischen Commission, welche die oben versuchte 
Zusammenstellung zur Übersicht gebracht hat, die alt-österrei- 
chischen Kronländer überwiegend vertreten sind, fällt nicht der 
Commission zur Last, sondern jenen Kronländern selbst, welche 
bisher trotz aller Aufforderungen sich an unseren Bestrebungen fast 
gar nicht betheiligten. 

Doch wir hoffen, dass die Zeit auch hierin das Versäumte 
nachholen und dass dann ein folgender Bericht ein noch reicheres 
Gemälde von Leistungen aus aHen Theilen des Kaiserreiches vor 
den Blicken der gelehrten Welt entfalten werde. 



372 Prof. HAfler. 

Vorgelegt: 

Durch Herrn Birk: 

Betrachtungen über das deutsehe Städtewesen im 15. 

und 16. Jahrhundert. 

Von dem c. M., Hrn. Professor lifler. 

I. Die Städte Im Zeltalter der politischen Reformbewegtrag bis zum Aus- 
bruche der Revolution. 

(Aus gröaatentbeil* un gedruckten Mfeteriallen, den Reichs- und SMdteUgs-Acten 
mit urkundlichen Behelfen.) 

Bekanntlich existirte das deutsche Reich, als die Krone der 
Ottonen und Heinriche zum zweiten Male an das Haus Habsburg ge- 
langte, längst nicht mehr in dem Sinne, in welchem sie wohl die 
Sachsen und Franken, aber schon kaum mehr die Hohenstaufen 
besessen hatten. Albrecht II. , Friedrich 1Y. und Max I. hatten es 
bereits nur mehr mit Ständen und • wohlorganisirten Parteien, 
aber nicht mehr mit den Vertretern der Nationalherzogthümer, des 
siebenfach gegliederten Reichsheerschildes der „Reichsland- und 
Prorincien" zu thun. Das Reich im älteren Sinne des Wortes war 
längst entschwunden. Von den Parteien jener Tage nun gerade die 
näher zu beleuchten, in deren Händen die eigentliche Geldmacht lag, 
ihre Tendenzen urkundlich zu bestimmen , den Grad ihres National- 
gefühles anzugeben und ihr Verhältniss zu den habsburgischen 
Kaisern (zweiter Folge) zu erörtern, möchte aber um so anziehender 
sein, als in der Gegenwart sich ähnliche Tendenzen wiedergaben, 
in jener Partei das demokratische Element seinen Schwerpunct hatte 
und nichts destoweniger die Kaiser, von der aufstrebenden Klein- 
staaterei überall beengt und gehemmt, bei mehr als einer Gelegenheit 
die Treue und Anhänglichkeit der Reichsstädte nicht genug zu rahmen 
wussten. Ja man kann selbst sagen, dass bei der Auflösung des 
Kaiserreiches, die im 15. Jahrhunderte so nahe gerückt schien, die 
Städte noch am meisten die kaiserliche Partei ergriffen, wenn auch 
anderseits geltend gemacht werden muss, dass oft in den kostbarsten 
Augenblicken eine Spiessbürgerlichkeit der Gesinnung, eine Knauserei 
und Engherzigkeit der politischen Ansichten hervortrat, dass Kaiser 
und Reich darüber hätten zu Grunde gehen dürfen , wäre nur der 
Nürnberger Pfeffersack gerettet worden! Es ist nun in der That ein 



Über daa deutsche 8tidteweaen im 15. und 16. Jahrhundert. 373 

eigentümliches Schauspiel, erst die Ähnlichkeit und Verschiedenheit 
der Entwickelung des deutschen und italienischen Städtewesens an 
sich Torübergehen zu lassen, dann hervorzuheben was im 18. Jahr- 
hunderte besonders beigetragen, den deutschen Reichsstädten ein 
grösseres Ansehen zu verleihen und das politische Gewicht der 
republikanischen Partei im Gegensatze zur fürstlichen abwägen zu 
sehen. Der Aufsatz , welcher sich wie in Allem , so auch in diesen 
Stöcken auf bisher unbekannte Documente stützt und Erörterungen 
enthält, welche aus Mangel an Quellen bisher nicht angeregt 
werden konnten, weist nach, wie nahe eine Vereinigung der Reichs- 
ritterschaft, die Max I. so sehr begünstigte, mit den Reichs- 
städten, ihren bisherigen Gegnern, somit, da die zahlreichen 
geistlichen Staaten meist den Impulsen des Adels folgten, eine 
Vereinigung des gesammten republikanischen Elementes im 18. 
und 16. Jahrhunderte lag, von welcher Tragweite sie flkr die 
Zukunft gewesen wäre! Es ist dies aber auch desshalh von 
Wichtigkeit, weil man sich erinnern wird, dass, was im 18. Jahr- 
hunderte noch aufgehalten worden, mit Glück im darauffolgenden 
und namentlich im 17. Jahrhunderte durch eine Vereinigung des 
Adels mit dem demokratisirenden Theile der Fürstenpartei, insbeson- 
dere aber des Adels in Böhmen, Österreich, Ungern u. s. w. versucht 
wurde, jedoch ohne eine quellenmässige Kenntniss der früheren Ver- 
suche, auch der spätere, als der richtigen Grundlage entbehrend, 
nicht richtig gewürdigt werden kann. Der Aufsatz zeigt nun wie 
durch das Eindringen mercantilischer Interessen — es war die Zeit 
der grossen Entdeckungen und der Veränderung des bisherigen 
Welthandels — durch die Monopolien (Handelsgesellschaften) und 
die Theilnahme der deutschen Reichsstädte am Welthandel die 
Spaltung in der republikanischen Partei unversöhnlich, der Bruch 
unheilbar wurde. Gerade die Seite der deutschen Entwickelung, 
welche dem Reiche einen neuen Aufschwung verhiess , die Förde- 
rung der materiellen Interessen ward Anlass zu noch grösserer 
Spaltung; sie fand bei dem Adel die heftigste Opposition. Als 
aber darüber die Verwirrung eine allgemeine wurde, musste die 
Schuld auf Seite des Kaisers liegen, der die Berge hätte abtragen 
und die Thäler hätte ausfüllen sollen, gegen den sich aber 
alles setzte, als er von seinem Kaiserrechte auch Gebrauch zu 
machen suchte. Die hierüber entstandenen Verwickelungen werden 



374 Arneth. 

dem Aufsätze bis in die ersten Jahre Karl's V. fortgeführt und dessen 
anfängliche Stellung zu den Reichsstädten erörtert. Es ist da yon 
nicht bloss historischem Interesse zu sehen, wie die materiellen 
Fragen jener Zeit vielfach genau mit denjenigen übereinstimmen, 
welche in den letzten Jahren und Monaten den Gegenstand der wich- 
tigsten Berathungen der mitteleuropäischen Grossmächte bildeten, 
somit, ohne eine Parallele ziehen und Zeitfragen mit historischen 
Erörterungen vermengen zu wollen, ein Parallelismus sich von selbst 
ergibt. Der Verfasser glaubte es daher der Sache schuldig zu sein, 
alles dasjenige, worin die Geschichte früherer* Tage der Gegen- 
wart ähnlieh ward, diese belehren kann, ruhig und unbefangen her- 
vorzuheben , es dem Leser überlassend, die Schlussfolgerungen nach 
besserem Ermessen herauszunehmen. Es galt auch damals, dass 
deutsche Freiheit, Recht und Verfassung als Aushängschild für Ten- 
denzen gelten mussten , die mit den schönen Ausdrücken im grellen 
Widerspruche standen ; die Politik aber, welche der Kaiser einschlug, 
bezeichnete den einzig möglichen Weg zu etwas Tüchtigem zu ge- . 
langen und wenn dieses, aller Bemühungen ungeachtet, nicht erreicht 
wurde, war wieder nicht der Kaiser anzuklagen, sondern neben 
den vielen Sonderinteressen . die im Laufe weniger Jahre den Deut- 
schen in Fleisch und Blut gedrungene neue Spaltung, welche bis 
zum gegenwärtigen Augenblicke Ursache ist, dass in Deutsch- 
land auch nicht die einfachste politische oder mercantilische Frage 
vom politischen oder mercantilischen Standpuncte allein aufgefasst 
oder gelöst werden kann, sondern jeder sich das confessionelle 
Interesse beigesellt. Der mit dem Jahre 1525 eingetretene blutige 
Ausbruch des neuen bis zum Sitze der Seele gedrungenen Haders, 
vertagte die angeregten Fragen ad calendas graecas, und erst 
einem andern Karl V. war es vorbehalten sie wieder aufzunehmen. 



Fortsetzung der Auszüge aus : »Der Feldmarschall 

Starhemberg" 

Von Arneth, Hof-Concipisten im Ministerium des Äussern. 

Herr Arneth vollendet die in der letzten Sitzung begonnene 
Lesung eines Bruchstückes aus dem Lehen des Feldmarschalls Guido 
Starhemberg. Er schildert die missliche Lage des Heeres der Ver- 



Aufzüge au« dem Werke: Der PeldmarschaU Starbemberg. 375 

bündeten zu Madrid» den Hass der Castilianer und deren Bestreben, 
den fremden Truppen wo nur möglich Schaden zuzufügen, die Wei- 
gerung endlich des an der spanisch-portugiesischen Grenze stehen- 
den, aus Engländern und Portugiesen zusammengesetzten Heeres, 
nach Madrid zu ziehen und sich mit Starbemberg zu gemeinsamer 
Bekämpfung des Feindes zu vereinigen, der inzwischen keine Zeit 
verloren und keine Anstrengungen gespart hatte, um 'die grossen Ver- 
luste zu ersetzen, welche das Schwert des Feldmarschalls ihm zuge- 
fügt hatte. Der Mangel an Lebensmitteln und die Unterbrechung 
aller Verbindung mit Catalonien zwang endlich den Feldmarschall, 
Madrid und dann auch Toledo zu räumen. König Karl eilte auf die 
Nachricht, dass der Herzog von Noailles zu Perpignan einen bedeu- 
tenden Artillerietrain gesammelt und die Absicht habe, in Catalonien 
einzudringen, yon zweihundert Reitern begleitet nach Barcelona 
zurück. Starbemberg beschloss, bis an die Grenze yon Aragonien 
zurückzugehen und dort eine Aufstellung zu beziehen. General Stan- 
hope hatte dem Feldmarschall die Bewilligung abgedrungen, in be- 
trächtlicher Entfernung von dem Hauptheere den Rückzug bewerk- 
stelligen zu dürfen. Er wurde yon der rasch nachfolgenden spanischen 
Armee, welche nun der Herzog yon Vendome befehligte, in dem 
Städtchen Brihuega umrungen. Nach tapferem, leider aber zu kur- 
zem Widerstände ergab sich Stanhope mit all seinen Truppen als 
kriegsgefangen. 

Starhemberg war auf die erste Nachricht von Stanhope's Ge- 
fahr zu dessen Rettung herbeigeeilt, konnte jedoch seine Gefangen- 
nehmung nicht mehr verhindern. Der Feldmarsehall sah sich hingegen 
selbst von dem fast zweimal so starken Feinde in der Ebene yon 
Villaviciosa zur Schlacht gezwungen. Er wusste aber in diesem 
hartnäckigen und blutigen Kampfe durch Entwickelung aller glänzen- 
den Eigenschaften, die den grossen Feldherrn ausmachen, nicht nur 
dem übermächtigen Gegner die Spitze zu bieten, sondern denselben 
sogar zurückzutreiben und die Wahlstatt zu behaupten. Alle, auch 
die der feindlichen Partei angehörigen Stimmen, können das vortreff- 
liche Benehmen des Feldmarschalls in der bedrängten Lage, in der 
er sich befand, nicht genug erheben. 

Wenn gleich dem Grafen Starhemberg die Ehre des Sieges bei 
Villaviciosa nicht streitig gemacht werden kann, so waren doch die 
Folgen dieser Schlacht denen einer Niederlage vergleichbar. War 



376 Arneth. Auszöge aus dem Werke : Der FeldmarachaU Starhemberg. 

Starhemberg's Verlust auch nicht so bedeutend wie der der Spanier, 
so war er doch ftlr ihn weit schwerer zu ertragen. Am empfind- 
lichsten aber war der vollständige Mangel an Zug- und Lastthieren, 
durch welchen der Feldmarschall sich gezwungen sah , nicht nur die 
eroberten feindlichen, sondern auch seine eigenen Kanonen auf dem 
Schlachtfelde zurück- und dem Feinde zu überlassen. Er Hess die 
Laifetten verbrennen , die Geschütze vernageln. Die Unmöglichkeit 
sich in Castilien langer zu halten vor Augen, trat er am ll.December 
seinen Rückzug an. In bester Ordnung, alle Angriffe der feindlichen 
Reiterbanden und des ringsumher aufgestandenen Landvolkes zurück- 
schlagend, alle Mühseligkeiten eines Marsches durch rauhes, unfrucht- 
bares Land , in der kältesten Jahreszeit, ohne Lebensmittel Dir seine 
Soldaten, ohne Fourage für die Cavalleriepferde, mit Standhaftigkeit 
ertragend, ging Starhemberg in langsamen Märschen bis an die cata- 
lonische Grenze zurück , so dass er am Ende dieses wechselvollen 
Feldzuges sich wieder dort befand , von wo er im Anfange desselben 
seinen Ausgangspunct genommen hatte. 

Dritthalb Jahre noch kämpfte Guido Starhemberg auf dem Boden 
Spaniens für die Rechte des Hauses Österreich auf die Krone dieses 
Landes. Der Tod des Kaisers Joseph I. und die Erhebung Karl's 
auf Deutschlands Kaiserthron , die dadurch veranlasste Abreise des 
Letzteren aus Catalonien, namentlich aber der jeder völkerrechtlichen 
Verpflichtung Hohn sprechende Abfall Englands von dem gemein- 
samen Bündnisse brachten einen solchen Umschwung der Verhält- 
nisse hervor, dass Catalonien im Jahre 1713 von den kaiserlichen 
Truppen geräumt werden musste und sodann von Philipp von Anjou 
völlig unterworfen wurde. 

Was den Gang dieser Ereignisse und die späteren Erlebnisse 
des Feldmarschalls Starhemberg, seine Stellung am kaiserlichen 
Hofe, sein Verhältnis» zu seinem grossen Zeitgenossen Eugen von 
Savoyen , seine letzten Lebensjahre endlich und seinen Tod betrifft, 
weiset Herr Arneth auf den Inhalt des von ihm verfassten Werkes 
hin, welches er der Akademie vorgelegt hat. 



Pfismaier. Ober einige Eigenschaften der japanischen Volkapoetie. 377 

SITZUNG VOM 28. APRIL 1852. 



Die Classe empfängt von dem h. Ministerium des Äussern mit 
gebührendem Danke die durch dessen gütige Verwendung einge- 
langten, filr Herrn Prof. Dudik zur Benützung erbetenen zwei 
Handschriften aus der k. Bibliothek zu Stockholm: 1. Diplomatariuni 
monasterii Zarensis in Moravia ; — 2. Pulkawa e Historia Bohemiae. 

Sie nimmt mit Vergnügen das von Hrn. Fassel, Ober-Rabbiner 
zu Gross-Kanischa, eingesandte Dedieations- Exemplar des ersten 
Bandes seines der k. Akademie gewidmeten Werkes: „Mosaisch- 
rabbinisehes Civilrecht," entgegen. 



Gelesen 

Über einige Eigenschaften der japanischen Volkspoesie. 

Von Br. August Pf imaier. 

Die merkwürdige Erscheinung einer Sprache» welche in ihren 
poetischen Erzeugnissen den Reim nicht kennt, und auch keinerlei 
Art ron Prosodie, weder Sylbenmaass noch Zeitraaass angenommen 
hat, ist von dem Verfasser schon in seinem in den Sitzungsberichten 
der kais. Akademie erschienenen „Beitrage zurKenntniss der ältesten 
japanischen Poesie 11 etwas näher beleuchtet worden. Da unter den 
in Wien vorhandenen japanischen Werken Poesie leider nicht ver- 
treten ist, so konnte er seine Kenntniss derselben bisher nur aus 
den in Werken anderen Inhalts zerstreuten Bruchstücken schöpfen, 
von denen ein grosser Theil der populären oder , insofern als ihre 
Verfasser nicht genannt werden, der Volkspoesie angehörte. Damit 
seine auf diesem Gebiete gemachten Beobachtungen nicht völlig ver- 
loren gehen, glaubt er bis zu der Zeit, wo ihm vielleicht die Be- 
nützung einiger in Holland aufbewahrten Bücher gestattet sein dürfte, 
nicht unrecht zu thun , wenn er dieselben, so wenig erheblich sie 
auch sein mögen, durch die gegenwärtige kleine Abhandlung zur 
Kenntniss bringt. 



378 Pfismaier. 

Wie schon in dem oben erwähnten Aufsatze gesagt worden, 
bildet das Lied yon 31 Zeichen die Grundlage aller japanischen Vers- 
gattungen. Ferner ist zu bemerken, dass yon der höheren oder Kunst- 
poesie die Wörter chinesischen Ursprungs, keineswegs jedoch die 
Zeichen, völlig ausgeschlossen sind. In Übereinstimmung mit diesem 
ist anzunehmen, dass Gedichte, welche yon dem angegebenen Hu- 
ster nicht bedeutend oder doch nur in der Anordnung der einzelnen 
Abschnitte abweichen, und zugleich aus rein japanischen Wörtern 
bestehen, der Kunst- oder besseren Volkspoesie, Gedichte jedoch, 
in welchen die einzelnen Abschnitte dieses Musters verändert sind, 
oder welche chinesische Wörter enthalten, der Classe der Volkslie- 
der angehören. 

Zu den besseren alten Volksliedern mögen namentlich die in der 
Sammlung Man-yeo-ziu (Sammlung der zehntausend Blätter), welche 
jedoch dem Verfasser nur aus wenigen Bruchstücken bekannt ist, zu 
zählen sein. 

Beispiele sehr alter Gedichte mit unregelmässigen Abschnitten, 
übrigens in rein japanischer Sprache, welche als niedrige Volkslie- 
der zu betrachten sind , sind die in dem Beitrage zur Kenntniss der 
ältesten japanischen Poesie angeführten zwei sogenannten „gemei- 
nen Weisen" (fina-buri), ferner die in der zweiten Abtheilung des- 
selben Aufsatzes enthaltenen füfif Gedichte von etwas grösserem 
Umfange. 

Eine regelmässige Abweichung von dem Liede der 31 Zeichen 
besteht vorerst darin, dass die letzten sieben Zeichen abgeschnitten 
und die somit noch übrigen 24 als wiederkehrende Strophen, deren 
Grenze jedoch durch den Schluss der Perioden nicht bezeichnet 
wird, an einander gereiht werden. So in folgenden alten Versen 
des Man-yeo-ziu : 

f 7 7 7 * v. "2 % ? ? * ; ? 

b ± * ( /u~ V 7 ^ =» ;x £ o. / 

7 ? 



Ober einige Eigenschaften der japanischen Volkspoesie. 379 



J 
i 

9^ 



7 7 7 } v 



Ame-fura%u 
Fi-no kasanare-ba 
Take-n-ta-mo 
Maki-$i-fatake-mo 
Aga-koto-ni 
Sibomi-kare-yuku 
So-wo mire~ba 
Kokoro-wo itami 
Midori-ko-no 
Tti-ko-buru-gotoku 
Ama-t*u mid%u 
Afugi-te-%Q matsu 
Ari-biki-no 
Yama-no tawori-ni 
Kono mi yuru 
Ama-no rira-kumo 
Wata-tsumi-no 
Oki-tsu miya-be-ni 
Tatsi-watari. 

Als die regenlosen 

Tage wiederkehrten, 

Das erhöhte Feld, 

Der bepflanzte Garten 

Mit jedem Margen 

Dorrend schwand dahin. 

AU er dies sah, 

Da im Herzen voll von Schmerz, 

Wie ein junges Kind, 

Wie ein Säugling zitternd 

Des Himmels Wasser 

Aufwärts blickend er erwartet 

Zu Asi-biki's 

Jähem Bergeshang 

Indem er wankt, 

Des Himmels weisse Wolke 



380 



Pfismaier. 



Zu des Meergott« 
Tempel an der Bucht 
Wandelt hinüber. 

Eine andere Art fortlaufender Verse wird dadurch gebildet, das« 
das erste Mal das Lied von 31 Zeichen vollständig wiedergegeben 
wird, bei dessen Wiederholung aber zwei Zeichen des letzten Ab- 
schnittes wegfallen. So in folgenden neueren schon mit chinesischea 
Wörtern gemischten Versen : 



* t * t 






3 2- 

7 









t 
* 



5 * 
P * 

M 

T 
) 



u 



7 



7 



Mutm-goto-no 
Rcn-ri-to iü-wa 
Kata-kurosi 
Fi-yoku-*ita-te-no 
Nc-maki-m fatamu 
Fitoye-wobi 
Fon-ni fi-tatri-no 
Kami-*an-wa 
Sui-na koto-rite 
Ttuma-iadame. 

Die traute Rede 

Innig wenn sie heisst, 

Ist ein an das halbschwarze 

Gepaartflfig'lig geschnitt'ne 

Nachtkleid drückender 

Einz'ger Gürtel. 

Im Gnuide des Fitatsi 

Hohe Gotter 

Mit dem rohen Stoffe schon 

Brachten die Ein'gung. 



Ausserdem zeigten sich noch die einzelnen Abschnitte des Mu- 
sters so geordnet, dass sie zu zweien mit einander abwechselten. 



Über einige Eigenschaften der Japanischen Volkspoesie. 



381 



7 



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Wakare-ni fa-wori 
Ki-ie-nagara 
Sode-wo $odc-te-no 
Moro fa-gai 
Simere-ba nmeU 
* Kasatagi-no 
Fori-ni tatoye-ii* 
Fuia-Uu mon. 

Gesondert in den Mantel 

Wie er sich kleidet, 

Den Aermel mit dem Aermel 

Als zwei Flügel 

Er anschliesst, and im Schliessen 

Des Aelsterbildes 

Sternen vergleichbar 

Sind die zwei Streifen. 

„ Hierbei fanden sich auch zwei gleiche Abschnitte» entweder 
yon sieben oder von fünf Zeichen, vorangesetzt. 



3 



fr 

' i * 



1 



i > a L T ; 

7 t T 1 * 

t t V ff 



Kihu-no ki-te wata 
Mada atataka-ni 
Fana-mi ko-aode-no 
Kayeri-zaki 
Nui-no he-ieö-no 
Firm-fira-tv 



382 



Pfiznaier. 



Magaki-wo tneguru 
Koma-geta-ya 
Ta-dzuna-kai-kuri 
Fidari-dzuma. 

Von Goldblumen die Wolle, 

Sie erwärmt nicht, 

Der Blnmenleib des Aermelkleides 

Gestülpter Vorschlag. 

Der Schmetterling des Stickwerks 

Breiten Flügels 

Umflattert die Hecke. 

In dem kleinen Söller 

Des Zügels Perlen windend 

Die Verlobte weilt 



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3 



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7 



J 

Sora kumoru 
Para-para-to 
FtUa-tsubu mi-ttubu 
Fuyu-no ame 
Natnida-no kowori 
Kiyete naku 
Sugata nyombori 
Kawa-yanagi. 

Der Himmel wölkt sich: 

Herniederrieselnd 

Zwei Körner, drei Körner 

Der Winterregen 

Das Eis der Thr&nen 

Schmilzt und weint 

Das Antlitz schrumpfend steht 

Die Stromesweide. 

Mit einander in der äusseren Form fibereinstimmend, so dass 
das eine das Seitenstack von dem andern bildet» sind folgende zwei 
Gedichte» welche jedoch nicht ganz frei von Unregelmässigkeiten sind. 



Ober einige Eigenschaften der japanischen Volltspoesie. 383 



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Koi-to fana 














Toga-nai nara- 


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Ka»e-mo fuke-fuke 












Kagami-mo iranu 












Yami-nara uki-na-g 


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Tat*i-ya 


«ewiat 














Yeye ma-a mku-ya 












Woboro-tsukL 













In dieser Welt, 

Wenn der Neigung Blume 

Frei von Schuld, 

Wie der Wind auch wehe, wehe, 

Er kann sie nimmer beugen. 

In Finaterniss ein leichter Name 

Voll Drängniss ragt. 

Und ach ! wie hlsslich 

Der trübe Mond. 

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Kono nato-ni 
Ma-buto-tsuki 
Toganai nara-b* 
Tori-*M ndke-nake 
Kumoru-ba kumort 
Sitab. d. phiL-hiat. Cl. VIII. Bd. IV. Hit 27 



384 Pfi »maier. 

Simeteneta 
Yo-wo kokoro-naku 
Yc-ye ma-a niyaku-ya 
Ake-*o kane. 

In dieser Strasse, 

Wenn der volle Mond 

Frei von Schuld, 

Wie der Hahn auch krähe, krähe, 

Er Usst ihn immer grollen. 

Um die Welt, die liegt im Schlafe, 

Ohne Kummer, 

Und acht wie frühe 

Die Morgenglocke. 

Einige Gedichte sind durchaus unregelmässig, sowohl hinsicht- 
lich der einzelnen Verse , als auch der Anordnung derselben. Fol- 
gende Verse, welche nicht ganz ohne Verdienst sind, mögen hier 
als Proben stehen. 

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Saru-ftde-ni 
Mina-m4>to~no 
Yoti-tome-w* 
Kmma*4*ura~f»-gen-iio 
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ftbor «inige Eigenschaften der japanischen Vollupoesie. 388 

Sibaraku yon'-no-m 
Gd-ki-yo aru-ide 
Sono koro^wa 
Yayei naka-ba 
Sakura-wo wonofu 
8ira-kumo-to 
Min^-mo fumoto-mo 
Itsi-men-ni 
Sakari-araso 
Fanarikusa 
Sore-ka amnu-ka 
Faru-ka%c-ni 
Tsurete kikoyum 
Toki-no kaye. 

Wenn nun .endlich 

Der Waaserquelje 

Jositsune 

Den Fogen von der Stromesfläche 

Sacht in dem Land« 

Sogleich auf dem Joei-No 

Ist in Aufruhr die Welt. 

Um die Zeit sodann, 

In des Füllemonat« Mitte, 

Mit der kirscjibaumUeben<|en 

Weissen Wollte, 

Von Gipfel und vom Berges fuss. 

Von allen Seifen 

Stürzend zum Streit 

Das Heer der Blumen 

Sich zeigt es nicht ? 

Vom Frühlingawind 

Begleitet schallt 

Der Siegesruf. 



Zum Yerständniss des Obigen möge bemerkt werden , dass der 
Feldherr Josi-tsune zur Familie Mina-moto (im Jap. |* t jr l 
mina-moto 9 der Ursprung des Wassers, die Quelle) gehörte, und 
sein Gegner Fogen zur Familie Kawa-tsura (im Jap. y *p ;\ -^ 
kawa-tsura, die Oberfläche des Flusses). Josi-No (im Jap. 
' v' 3 yosi-no, das vortreffliche Feld) heisst ein District in 
der Provinz Jamato. 



27 



386 Pfismater. 



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£ait«ari-ii»a«e-6a 
Taka-ma-ga fara 
Wo-nidsure-ba 
Goku-raku-9e-kai 
DS satotte-mo 
Yume-no yo-nt 
A#o6t<-0a foftu-fo 

Ni-fon-dzutsumi-no 
Futa-basira- 
Kami-to mania-wo 
Fiki-tsuretc 
Toko-yami siranu 
Wowo-kado-no 
Iwa-to-ni ato-wo 
Tare-tamö. 

Wenn als Gott er scheidet, 
Auf de» hohen Himmels Feld 
Gründet die Königsstadt, 
In der höchsten Freude Land 
Erwacht sich findend, 
In der Welt der Träume 
Wie er Instwandelt, 
In des Abends Fernsicht 
Von Japans Ufern 



Über «folge Eigenacb*ften der japanischen Volkspoesie. 387 

Die beiden Ursprnngs- 

Götter zum Altar 

Er begleitet, 

An des der Urnaebt fremden 

Grossen Fensters 

Felsentbor die Kunde 

Schickt er hernieder. 

Das Obige bezieht sieh auf den Tod des Himmelssohnes» der 
auf den Feldern des Himmels den Königssitz aufschlägt. Die beiden 
Ursprungsg5tter heissen der Gott I-za-nagi-no Mikoto und des- 
sen Gemahlin I-za-nami-no Mikoto, von welchen das Geschlecht der 
Himmelssöhne abgeleitet wird. 



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Te ure*i-na*dda*no 
Para-para-to 
Noki-ba-wo tneguru 
Si-gure-no ari- 
Fana-to miye-ri-wa 
Yuki-moyofu 
Bora mono-sugoku 
Yü-gure-no 
Kane-no fibiki-ni 
Sasowarete 
Idzutri yukuran 
Fito-bito-no 
Kage-mo ri-dai-ni 
Kiye~u*ure-ba. 

Die Frendenthrinen 

In Fluten 

Den Traofenplatz umrollen. 

Im frühen Regen des Schilfs 

Blamen vor dem Blick 

Wandeln gereiht. 

Per Himmel ist yoll Ruhe, 



388 Zappert. Über den Äfftet des geutigen 8e)un*r»ea Im Mittelalter. 



Von der ahendliehen 

Glocke Wiederhall 

Fortgeführt, 

Der des Wege* liebenden 

Menschenmenge 

Schatten nach einander 

Schwindend vergeh'». 



Über den Affect des geistigen Schmerzes im Mittelalter. 

Von dem <\ M., Hrn. läppert 

(Schluss.) 

Mit welchem durchgreifenden Erfbige die Kirchenväter der 
ersten drei christlichen Jahrhunderte die Äusserungen des zeitlichen 
Schmerzes bekämpften, zeigen die erhebenden Beispiele der Märtyrer 
und Bekenner. Die Kirchenlehrer der späteren Jahrhunderte jedoch 
vermochten nicht die Gesammtheit der Gläubigen auf dieser Höbe 
christlicher Stoa zu erhalten. Sie sahen sich genöthtgt, der gebrech- 
lichen Menschennatur Zugeständnisse zu machen, und der Thräne um 
Hingeschiedene den Austritt zu gestatten Diese Concession benutzt 
bald auch die Abschiedszähre, und fromme christliche Mütter weinen, 
wenn eines ihrer Kinder auch nur zeitweilig dos elterliche Haus ver- 
lässt. Ihre Hochfluth erreichte diese Thräne, als der Geist des Glau- 
bens die kampfrüstige Welt des Mittelalters kriegerisch überflammte, 
und keines der christlichen Jahrhunderte sah so viele voitAbschieds- 
zähren rothgeweinte Augen, als die der Kreuzzüge. 

Auch die früher als heidnisch streng verpönten Schmerzesge- 
berden erschienen nun in den Gebilden mittelalterlicher Kunst. — Wie 
an Laien, so übt der zeitliche geistige Schmer/ seine Macht auch an den 
Trägern der christlichen Lehre, an Oberhirten wie Mönchen; und nicht 
etwa angehende Jünger klösterlicher Disciplin, sondern selbst in der 
Schule der GefÖhlsabtödtung ergraute Veteranen der Ascese erliegen 
seiner Gewalt, und über altehrwftrdige Anachortoten-Bärte perlen in 
langen Reihen die Zähren des gefühlten Beileids. Unter dem Einflüsse 
dieser Thränengeneigtheit modificiren sich theologische Ansichten, 
und man verleiht mit Beginn des zwölften Jahrhunderts evangelischen 
Personen ein reiches Mass von Zähren. Während so die religiöse 
Poesie dieses Jahrhunderts in den Marienklagen ihre seufzendsten 



v. K r • m e r. De*eripUon de Y Afrlqu«. 389 

Blüthen entfaltet, trafen gleichseitig Kirchenlehrer jene Gefühlvollen, 
die sich auch von den Producten weltlicher Dichtkunst Thränen ent- 
locken eu lassen keine Scheu trugen. Sie verweisen ihnen diese 
fabelhaften Thränen , sie eifern wider das Dichtervolk, wider diese 
lügenhaften Scribenten , die statt der Elaborate profunder Gelehrt- 
heit die Schöpfungen ihres dichterischen Genius den Gläubigen zum 
Besten gehen. Aber vergebens. Die Cultur der religiösen Zähre 
hatte auch die der rein menschlichen und mit ihr die Empfänglich- 
keit fflr das Rührende fördern helfen. Die Enkel Hermanns, deren 
Ahnen den Schmers um ihre oft blutigen Todten mit einer kurzen 
Thrftne abfertigten, die Enkel des Kriegsftrsten Arminias vergiessen 
jetzt heisse Zähren über die romantischen Leiden der Paladine 
König Arthurs. 



Vortrag des Herrn Prof. v. Krem er über sein vorgelegtes 
Druckwerk: »Description de VAfrique par un arabe anonyme 
du 6' stiele de THigire. 

Das Werk , von dem ich hier die erste arabische Text- Ausgabe 
vorzulegen die Ehre habe, enthält unter dem Titel: Kit&b-el-Istibsär- 
fi-Adschiib-el-Amsär eine geographische und topographische Schil- 
derung des den Arabern bekannten Theiles von Afrika, nämlich: des 
Gebietes der Paschalike von Tripolis und Tunis, dann der jetzt fran- 
zösischen Colonie Algier und des marocanischen Reiches bis an die 
Gestade des atlantischen Oceans; — es werden die von diesen Län- 
dern ins Innere von Afrika ausgehenden, durch die Sahara führenden 
Handelsstrassen beschrieben und dabei auch die spärlichen Nach- 
richten arabischer Reisender über die Städte und Völker des inneren 
Aftika's angeführt, worunter sich besonders der den Oasen gewidmete 
Artikel durch neue Angaben auszeichnet 

Bei der Mangelhaftigkeit unserer Nachrichten über diesen Theil 
Afrika's dürfte die Herausgabe dieses Textes allein schon hinreichend 
gerechtfertiget erscheinen, um so mehr , da diese Gegenden sowohl 
durch die Eroberung Algiers von den Franzosen ein erhöhtes Interesse 
gewonnen haben , als auch dadurch , dass der Handel Österreichs in 
jene Gegenden im stäten Zunehmen begriffen ist 

Ein anderer Grund aber noch war es, der mich zur Herausgabe 
dieses Testes bestimmte ; es ist bekannt, dass gerade der geographi- 



390 v. Kremer. 

sehe Theil der arabischen Literatur Ar uns das Wichtigste igt, und 
dennoch ist bis jetzt für die Herausgabe von Texten und Übersetzun- 
gen arabischer geographischer Werke nur sehr wenig, ja fast gar 
nichts geschehen, verglichen mit der Masse von Werken historischen 
und philologischen Inhaltes, die durch den Druck veröffentlicht 
werden. 

Ausser Ab ulfeda, dem grössten der arabischen Geographen» 
haben wir keinen anderen in einer vollständigen Textausgabe; 
Edrisi ist zwar in einer französischen Übersetzung erschienen» es 
lftsst dieselbe aber viel zu wünschen übrig; — eben so fehlt uns eine 
Textausgabe der Reisen des Ibn-Batuta; — Ibn-Dschobair, von dem 
Amari im Journal Asiatique die auf Sicilien bezüglichen Stellen 
seiner Reisebeschreibung gegeben hat, soll zwar durch einen ge- 
lehrten Schotten (Herrn William Wrigt) herausgegeben werden, bis 
jetzt ist aber noch nichts erschienen; — 'Obeid-Allah-el-Bekri, von 
dem sich Handschriften in Paris, Oxford und, wie ich glaube, im 
Escurial befinden, ist nur durch die von Quatrem£re gegebenen Aus- 
zügebekannt; — diesem Mangel nun wollte ich durch die Herausgabe 
des vorliegenden Werkes abhelfen. 

Das von mir im Texte herausgegebene arabische Werk befindet 
sich im Besitze der k. k. orientalischen Akademie, in welche es aus 
den Händen des Herrn von Dombay überging, der es aus Maroko mit- 
gebracht hatte. 

Der nur zu früh den orientalischen Studien entrissene Kraft 
macht schon in seinem treulich ausgearbeiteten Kataloge der Hand- 
schriften der k. k. orientalischen Akademie auf diese Handschrift auf- 
merksam, die noch dadurch an Werth gewinnt, dass Hadschi Chalfa 
sie nicht zu kennen scheint. 

Obschon die Herausgabe eines Textes nach einer einzigen 
Handschrift ein immerhin sehij schwieriges Unternehmen bleibt, so 
Hess ich mich dadurch nicht abschrecken und habe versucht, die ver- 
derbten Stellen durch Conjecturen herzustellen, wobei jedoch immer 
die verderbte Leseart des Textes in den Noten gegeben wurde, so 
dass der Leser im Stande ist, selbst über die Richtigkeit meiner 
Emendationen zu urtheilen. 

Auf diese Art war ich im Stande, die arabische geographische 
Literatur wenigstens mit dieser kleinen Spende zu bereichern. Was 
den Verfasser unseres Werkes betrifft, so ist er unbekannt, da in der 



Description de V Afrique. 391 

Handschrift derselbe nicht genannt wird und, wie gesagt, Hadschi 
Chalfa uns darüber keine Auskunft gibt. Das Zeitalter übrigens» in 
dem das Werk gesehrieben wurde, sind wir im Stande, genau anzu- 
geben, da der Verfasser sich darüber selbst Äussert, pag. 82, wo er 
sagt: „wir sind jetzt im Jahre (5) 87 im Monate Redscheb." Wir 
gehen nun zur ausführlichen Inhaltsanzeige des Werkes über : 

Das Werk beginnt mit der Schilderung der an der Seeküste 
gelegenen Städte, deren erste die Stadt Tripolis ist, welche wir 
ebenso wie die der darauf folgenden Stadt Kftbes übergehen, ohne 
das von unserem Geographen über sie Gesagte hervorzuheben, da die 
Schilderung beider in den von Quatrem&re gegebenen Auszügen 
enthalten ist. Umsoweniger aber können wir die Gründung und Be- 
schreibung der Stadt Kairow&n übergehen, über die unser Schrift- 
steller Folgendes erzahlt: Im Jahre 47 der mohammedanischen Zeit- 
rechnung ernannte der Chalife Muäwije den 'Ukbat-Ibn-Nifi', den 
Koraischiten, zum Statthalter über Afrika; er eroberte das Land mit 
10.000 Muslimen, und Hess, was er an Christen fand, über die Klinge 
springen. Dann sagte er zu seinen Genossen : Mir dftucht, wenn ein 
Imäm (Religions-Oberhaupt, eigentlich Vorbeter) nach Afrika kftme, 
würden alle Neubekehrten am Islam festhalten, verliesse sie aber 
derselbe, so würden sie auch den Glauben Gottes wieder aufgeben, 
und zum christlichen Glauben znrückkehren, desshalb rathe ich euch, 
o Gemeinschaft der Muslimen, euch eine Stadt auszuerwählen, auf 
dass es euch zur Ehre gereiche fllr alle Zeiten. 

Das Volk nahm diesen Vorschlag an und sie kamen überein, 
dass die Bewohner dieser Stadt eine Grenztruppe bilden sollten, und 
sie sprachen: Lasst uns die Stadt. nahe am Meere gründen, damit der 
Glaubenskampf und der Grenzkrieg ununterbrochen stattfinde. 

Doch 'Ukba meinte : Wir müssen uns vor dem König von Kon- 
stantinopel furchten. Endlich wurden sie in Bezug auf den Ort der 
Stadt einig, und es sagte 'Ukba zu ihnen: Verlegt die Stadt in die 
Nähe des Marschlandes, denn der grösste Theil eurer Heerden be- 
steht in Kameelen , damit diese vor dem Thore der Stadt sicher vor 
den Berbern seien. Hieraufrief r Ukba alles das, was in dem Haine 
war von wilden Thieren und Gewürm an und sprach : Zieht fort mit 
der Erlaubniss Gottes! — und siehe, da zog alles, was darin war, 
fort, so dass kein einziges Thier mehr zurückblieb — und das Volk 
(der Muslimen) sah dies (und staunte). 



398 *. Kremer. 

Ibn-Rakik sagt in seiner Geschiente : Durch vierzig Jahre sah 
man in KairowAn kein Ungeziefer und kein Gewürm. 

Da entstand ein Streit darüber, in welcher Richtung die KiUe 
der Moschee erbaut werden müsse. 'Ukba brachte desshalb die 
Nacht mit betrübtem Sinn zu. Da sah er im Traume Einen, der ihm 
sagte : Nimm die Fahne in deine Hand, und so lange du den Ruf (des 
Volkes): Allah-Akbar! — hören kannst, schreite fort, wo dann dieser 
Ruf verstummt, dort pflanze die Fahne auf: das sei der Ort eurer 
Kible! — so that auch 'Ukba, und an diesem Ort ist der MihrAb der 
Moschee von KairowAn bis zum heutigen Tage. 

Hassan Ihn NumAn riss die Moschee von KairowAn nieder, und 
baute die Seiten des MihrAb neu, doch liess er ihn selbst (unver- 
sehrt). 

Die Moschee von KairowAn wurde drei 1hl niedergerissen und 
drei Mal aufgebaut, da jeder Statthalter von KairowAn wollte, das« 
die Moschee von ihm erbaut sei, nur den MihrAb Hessen sie unver- 
sehrt aus Verehrung fllr den Bau 'Ukba 's. 

Wir übergehen nun ein kleines Stock, in dem ein Gottesgericht 
erzfthlt wird, welches über die erging, welche auf Befehl des Maadd 
Ibn IsmAil Ibn 'Obeid-AUah-eseh-Schfi das Grab 'Ukba's verwüsten 
wollten. Interessanter fltr uns ist das, was Ober die Alterthümer von 
KairowAn gesagt wird: Gegenüber der grossen Moschee von Kairo- 
wAn sind die zwei rothen gelb gesprenkelten Stufen, die ihres Glei- 
chen nicht haben. Sie waren ki einer der Kirchen der Römer, und 
es übertrug sie aus dieser in die Moschee von KairowAn Hassan 
Ibn-en-NümAn. Sie stehen gegenüber dem MihrAb , und auf ihnen 
ruht die Kuppel, welche den MihrAb überwölbt. 

Ausserhalb der Stadt KairowAn sind fflnfsehn Wasserleitungen 

(<^*l?*) d. i. Canftle zum Behufe der Bewohner von KairowAn. 
Einige davon wurden in den Tagen des Chalifen HischAm Ibn 'Abdel- 
Melik Ibn MerwAn erbaut, andere unter der Herrschaft anderer Cha- 
lifen; — die grösste und bewunderungswürdigste Wasserleitung ist 
die von Ahmed Ibn Aghlab am Stadtthore Bab-Tunis vor KairowAn er- 
baute, — sie ist kreisförmig und von ausserordentlicher Grösse, In 
der Mitte derselben ist ein achteckiger Thurm, der eine offene Kuppel 
trügt, unter welcher mehrere Thore sind. Wenn ein Schütze am 
Rande der Wasserleitung steht und mit dem stärksten Bogen einen 



Deacriptton del'Afrique. 393 

Pfeil abschiebt, so kann er sieht den Thurm erreichen , der in der 
Mitte dieser Wasserleitung steht. 

An dieser Wasserleitung stand ein grosses Schloss von be- 
wundernswerther Bauart und mit Sälen, welche auf die Wasser- 
leitung die Aussicht hatten. 

In diese Wasserleitung mündet eine andere hübsche Wasser* 
leitung, die damit in Verbindung steht ; in dieselbe ergiesst sieh das 
Wasser des Flusses, wenn es fliegst, und darin bricht sich der Lauf 
der Strömung, erst dann ergiesst es sich in die grosse Wasserleitung. 
Dieser Fluss, der in die Wasserleitung mündet, ist ein Winterfloss, 
da er nur im Winter strömt. Wenn die (eben besprochene) Wasser- 
leitung ebenso wie die anderen Wasserleitungen voll ist, so trinken 
daraus die Bewohner von KairowAn so wie ihre Heerden, und es wird 
das Wasser dieser Leitung bis zum Sommer aufbewahrt, wo es dann 
kalt, rein und süss bleibt, wegen der grossen daselbst aufbewahrten 
Wassermenge '). 

'Abd-Allah-esch-Schfi pflegte zu sagen: Ich sah in Afrika zwei 
Dinge, dergleichen ich nie im Oriente gesehen habe, es sind das : 
der Graben am Stadtthore BAb- Tunis von KairowAn (nämlich diese 
grosse Wasserleitung) und das Schloss, das in der Stadt RakkAde 
ist und unter dem Namen Kasr-el-Bahr, d. i. Meerschloss, bekannt ist 

Wir übergehen nun die Schilderung der Städte Sabra, RakkAde 
die von Quatremere ausführlich beschrieben werden und bemerken 
nur, dass unser Autor die Stadt Seftkes wegen ihres Handels mit dem 
trefflichen öl, was sie erzeugt, anfahrt, welcher Handelsartikel nach 
Sicilien, Italien, in die Lombardie (ibjdol), Calabrien und in die 

Länder der RAm (d. i. der Römer) versendet wird. Es würde mich 
zu weit führen, das anzugeben, was der Autor über die Städte 
Mehdije, TemmAdschert, DschelAIa, SAse und Tunis sagt, hingegen 
will ich das hervorheben, was über die Stadt Kartadschenne und über 
die Ruinen des alten Karthago gesagt wird , so wie die Schilderung 
der Städte Benzert, Tarfa, AstlA und Sela (Salle), womit die erste 
Abtheilung des Werkes, welche die Städte der Seeküste behandelt, 
abgeschlossen wird. 



') Zar Ergänzung der Beschreibung der Stadt Kairowill leae man da« ron Barth 
in seinen Wanderungen am Mittelmeere darüber von einem gans anderen 
Standpunete aua Gesagte. 



304 v. Krem er. 

Von besonderem Interesse ist die Schilderung der Stadt Kar- 
tadschenne, da sie uns ein ziemlich genaues Bild von dem Zustande 
der antiken Ruinen daselbst gibt, die, wie es nach der Beschreibung 
unseres Autors scheint, damals noch viel bedeutender waren als jetzt 
Ebenso beweiset uns das in der Einleitung Aber die Geschichte der 
Stadt Gesagte, dass die Araber von den Werken griechischer und 
römischer Literatur nicht bloss die naturhistorischen, mathematischen 
und philosophischen kannten, sondern auch die reinhistorischen in 
guten Übersetzungen besassen, denn die hier gegebene Stelle unseres 
Autors ist offenbar aus einem classischen Werke übersetzt; — dieses 
beweiset allein die Stelle , wo Hannibal redend angefthrt wird und 
sagt: Ich wollte die Spur der Römer von der Erde vertilgen, doch 
jetzt glaube ich, dass der Himmel es anders wollte. Ein Araber, als 
Muslim, würde nie seinem Helden, wenn er ihn sprechend anführt, 
einen andern Schwur in den Mund legen, als den: bei Gott. Beim 
Himmel zu schwören ist ganz ungewöhnlich, und die Anwendung 
dieser Redensart lässt sich nur dadurch begründen, dass man an- 
nimmt, es habe sich der Autor wahrscheinlich strenge an den Text 
der arabischen Übersetzung aus dem griechischen oder lateinischen 
halten wollen. Wir lassen nun unseren arabischen Geographen 
selbst sprechen : 

Die Stadt Kartadschenne ist von Tunis zehn Meilen entfernt und 
die Hafenstadt ist beiden gemeinsam. Kartadschenne ist eine der 
berühmten Städte, und daselbst ist von Ruinen und wunderbaren 
Bauresten so viel , wie in keinem Lande des Orients oder Occidents. 
Man behauptet, wenn ein Mann diese Stadt beträte und sein Leben 
damit zubringen wollte, die Ruinen zu beschauen, so könnte er jeden 
Tag ein anderes Wunder sehen, das er noch nicht früher bemerkt. 

Man erzählt, dass derjenige, der sie bewohnte, ein mächtiger 
gewaltiger König war, der den grössten Theil der Erde beherrschte ; 
er hiess Anbil (Hannibal); er betrat das Land der Römer, tödtete 
ihre Grossen, eroberte ihr Land, und sandte nach Kartadschenne von 
den Siegelringen der getödteten Grossen drei Scheffel. Es wird be- 
richtet, dass er die Stadt Rom (Rümet-el-Kubrä), welche die Haupt- 
stadt der Römer war, belagerte. Als er sie berannte und ihren König 
in die Enge trieb, sandte der König von Rom einen seiner Feldherrn 
ab, und dieser versammelte alle Römer, die in seinem Lande waren 
und die Heere, und befahl, nach Afrika zu ziehen, Kartadschenne zu 



Deseriptlon de TAfrique. 395 

belagern und zu verwüsten. Der Name dieses Feldherrn war Schi- 
biun (Scipio), — so zogen sie also naeb Afrika, belagerten Karta- 
dschenne, und es war in dieser Stadt Niemand, der sie hätte beschützen 
können, desshalb sandten die Einwohner an ihren König Hannibal, um 
ihm kund zu thun, welches Missgesehiek ihr Land betroffen habe 
von dem Volke von Rom, und sie flehten ihn an, ihnen eiligst zu 
Hülfe zo ziehen. Da soll sich der König von Kartadschenne ver- 
wundert und gesprochen haben : „Ich wollte die Spur der Römer 
Ton der Erde vertilgen, doch jetzt glaube ich, dass der Himmel es 
anders wollte." Hierauf kehrte er eilends zurück, und Scipio, der 
Feldherr des Herrschers Ober Rom, griff ihn an und schlug ihn mehr- 
mals • bis er ihn tödtete und sein Heer vernichtete. Hierauf zog er 
in Kartadschenne ein und verwüstete und verbrannte die Stadt. 

Die Muslimen, als' sie Afrika eroberten, vernichteten den Rest 
der Stadt, wie allen bekannt ist Jetzt ist in Kardatschenne nur ein 
einziges Schloss mehr bewohnt, das K a 1 & (a«1») genannt wird. Dieser 

Bau ist höchst bewundernswert!! , von ausserordentlichem Umfange 
und bedeutender Höhe, bestehend aus in grossen Stockwerken über- 
einander gebauten Gewölben (li))> er hat die Aussicht auf das Meer 

und ist ein mächtiges Schloss. 

In Kartadschenne ist ebenfalls ein Amphitheater, das die Be- 
wohner jener Gegend Tiätri nennen. Es besteht aus Gewölben , die 
auf marmornen Säulen ruhen , auf diesen Gewölben ruhen wieder 
andere, vier Stockwerke hoch, diese umschliessen das eigentliche 
Haus. Das Haus selbst ist rund und von eigenthümlicher Bauart, es 
hat viele Thore und ober jedem Thore ist die Abbildungeines Thieres 
(zu sehen). Auf den Wänden sind die Abbildungen aller Hand- 
werksleute mit ihren Werkzeugen in den Händen. 

In djesem Hause ist so viel Marmor, dass, wenn alle Bewohner 
von Afrika sich versammeln würden, sie ihn doch nicht forttragen 
könnten, wegen seiner grossen Menge. 

Hier sind auch noch zwei Schlösser, die mit dem Namen der: 
„beiden Schwestern 11 — bezeichnet werden; kein Stein von diesqp 
gleicht dem andern. Hier findet sich auch eine Marmorplatte von der 
Länge von dreissig Spannen und der Breite von fünfzehn Spannen. 
Westlich davon soll ein ganzes Haus aus einem einzigen Steine sich 
befinden. Die Leute pflegen den Marmor dieser beiden Schlösser 



396 v - Krem er. 

schon seit langer Zeit zu versehleppen, und doch hat er noch bis 
jetst kein Ende genommen. 

Bei diesen beiden Schlössern ist eine Wasserleitung» die tob 
der Gegend des Dsch6f (d. t. des Meerbusens) herkömmt, obwohl 
die Quelle nicht bekannt ist An dieser Wasserleitung sind Wasser- 
räder und kleine CanAle, welehe die Gftrten bewässern. Hier stand 
ein grosses Schloss mit der Aussicht auf das Meer das KAmas ') ge- 
nannt wurde; es ist eine der grössten Merkwürdigkeiten von Karte- 
dsohenne, denn es ist dieses Sehloss auf marmornen Sftulen von aus- 
serordentlicher Grösse erbaut, so dass auf jeder Säule zwölf Männer 
gut sitsen könnten und in ihrer Mitte noeh ein Tisch mit Speisen und 
Trank Platz ftnde *). Die Säulen sind gestreift und weiss wie Schnee. 
Die Peripherie jeder Säule beträgt dreissig Spannen, die Höhe ist 
sehr bedeutend ; auf diesen Säulen ruhen andere quer darüber, hie- 
rauf ist das Schloss erbaut, bestehend aus aufeinander ruhenden Ge- 
wölben, die mit wunderbarer Kunst und auf die solideste Art gebaut 
sind. 

Es war dieses Schloss eine feste Burg und ward erst neuerlich 
zerstört, weil sich Räuber darin aufhielten , welche diese Gegenden 
unsicher machten und sich dahin zu flöchten pflegten. Desshalb 
zogen die Leute von Tunis gegen sie aus, tödteten sie und riessen 
das Schloss nieder. In der Nähe ist ein Ort mit Gewölben und Gängen 
unter der Erde , die man zu betreten sich ftrchtet. Darin sind die 
Körper der Todten unverweset 

Innerhalb der Stadt ist ein Canal, den Schiffe mit Segeln be- 
fahren können. In der Stadt sind ausserdem viele Wasserleitungen, 
von denen einige Mawädschil-esch-Sehejätin, d. i. Wasserleitungen 
der Teufel, genannt werden; desshalb weil jeder, der sich ihnen 
nahet, darin ein Drohnen hört. Die Leute weigern sich sehr, die- 
selben zu betreten und wer es wagt, sie in der Nacht zu betreten, 
von dem weiss man, dass er sehr muthig ist. Ich habe sie bei Tag 
betreten, mit einer Anzahl guter Freunde, und sah etwas höchst 



*) Quatremere schreibt nach Bekri \ J m V^ Noiieet et ExtraiU de ia Biblio- 

thique du Roi, XII- vol. 
3 ) So glaube Ich diese Stelle verstehen au müssen, die in Quatremere's Über- 

setsang ander« lautet und desshalb von Barth fftr eine Darstellung des 

Abendmahles gehalten wird. 



Deecriptien deTAfrique. 397 

erstaunliches, nämlich, wenn Jemand mit leisester Stimme ein Wort 
aussprach, hörte man einen gewaltigen Nachhall. Das Merkwür- 
digste aber, was ich dort bemerkte, war, dass das Wasser daselbst 
noch bis jetzt vorhanden ist, obwohl das Regenwasser nicht hinein- 
dringen kann, wegen der Festigkeit der Überdachungen. 

Es besteht diese Wasserleitung aus achtzehn Wasserbehältern '), 
die mit einander in Verbindung stehen und bei zweihundert Ellen 
hoch sind, bei grosser Breite. Das Wasser ist darin bei sechs 
Mannslingen tief und es ist anbekannt, ron wo das Wasser hinein* 
kämmt. 

Ebenso ffihrt auch Obeid-Allah-el-Bekri im Buche el-Meaftlik- 
wel-Memälik an, dass das Merkwürdigste von dem, was er in Kar- 
tadsehenne sah, die Wasserleitungen seien, die mit dem Namen der 
Wasserleitungen des Teufels bezeichnet werden, deren Zweck unbe- 
kannt wäre. 

Eines der wundervollsten Bauwerke aber ist der Canal, in den 
das Wasser von der Quelle Ain-Dscheffän zur Stadt Kartadschenne 
geleitet wird, durch eine Strecke von fünf Tagreisen. Es ist dies 
eine grosse Wasserleitung, in der so viel Wasser zuströmt, dass es 
fünf oder mehr Mahlen treiben könnte. Die Breite der Wasserleitung 
beträgt bei acht Spannen und die Höhe des Wassers ist ein und 
eine halbe Manneshöhe. 

Manchmal verliert sich diese Wasserleitung unter der Erde an 
hochgelegenen Orten, während sie, sobald sie über Niederungen 
läuft, auf über einander erbauten Gewölben ruht, die so hoch sind, 
dass sie die Wolken erreichen. Es ist dieser Bau einzig in seiner Art. 

In der Mitte der Stadt ist ein grosser Wasserbehälter, von dem 
noch bis jetzt bei tausend sieben hundert kleine Canäle auslaufen, mit 
Ausnahme derer, die zerstört sind. Hierein ergoss sich das Wasser, 
welches in jener Wasserleitung herbeigeführt wurde, und von hier 
aus verzweigt es sich in die weiteren Wasserleitungen. 

Ich sah an einem der Pfeiler dieser Gewölbe eine Stein-Inschrift, 
deren Obersetzung besagt, dass dieses ein Werk der Bewohner von 
Samarkand sei. 



') Damit stimmt Barth in seinen Wanderungen am Mittelmeere rottkommen 
Oberein. Pag. 10%. 



398 *- Kremer. 

AbA-Dschäfer Ibn Ibrahim der Medieiner erzählt in seinem 
Werke ((her die Eroberungen von Afrika, dass Musa Ibn Nosair, als 
er Spanien eroberte, befahl : den ältesten Greis des Landes herbeizu- 
bringen. Da brachte man ihm einen Greis, dessen Augendeckel mit 
einer Binde hinaufgebunden waren vor Alter, und Musa frug ihn: 
„Von wo bist du gebürtig, o Scheich!" Er entgegnete: „Von Karta- 
dschenne," — Da fuhr Musa fort : Und was hat diese Stadt zu Grunde 
gerichtet und wie lautet die Sage von Kartadsehenne? — Der Scheich 
erwiderte: „Es erbaute sie ein Volk von den Überresten der Aditen 
und sie bewohnten die Stadt, so lange es Gott gefiel. Hierauf lag die 
Stadt tausend Jahre wüste, bis Ermfn, der Konig, Sohn der Ered, 
Sohnes des Nimrdd, sie neu aufbaute und das Wasser auf Bogen über 
Thäler und Berge hinleitete, bis er es in die Stadt Kartadsehenne ge- 
langen machte. Mein Volk bewohnte nun die Stadt so lange es Gott 
gefiel, bis eines Tages ein Mann an den Grundfesten dieser Gewölbe 
grub. Da fand er auf einem Steine eine Inschrift, welche lautete: 
Diese Stadt wird veröden, wenn das Salz in ihr zum Vorschein kommt, 
und während wir noch sassen, erzählte der Scheich, siehe da keimte 
das Salz aus einem Steine hervor. Da beschauten wir dieses und 
bald ereignete sich dasselbe in der ganzen Stadt Da reisete ich fort 
und kam hieher. — So weit der Scheich. — 

Glaubens würdige Männer erzählen von 'Abd-er-Rahmän-Ibn- 
Zijäd-Ibn-En&m , er habe folgendes berichtet: „Ich ging mit meinem 
Oheim in Kartadsehenne herum, um die Ruinen zu beschauen und die 
wundervollen Bauten zn betrachten; da fanden wir ein Grab, auf den 
in himjaritischer Schrift geschrieben stand: Ich bin 'Abd- Allah, der 
Gesandte Gottes, Sälih; Gott sandte mich an die Bewohner dieser 
Stadt, auf dass ich sie zu Gott zurückführe, und sie tödteten mich 
ungerechter Weise und ihr Abrechner ist Gott und er ist der beste 
Stellvertreter. 

Dies ist ohne Zweifel (fügt unser rechtgläubiger Geograph 
hinzu), die Ursache des Unterganges von Kartadsehenne, doch Gott 
weiss am besten, was richtig ist. 

Mit diesen Worten schliesst unser Autor seine Schilderung der 
Stadt Kartadsehenne und ihrer Alterthümer, die, wie sich jeder durch 
Vergleichung überzeugen kann, viel vollständiger ist, als die in 
QuatremAre's Auszügen gegebene Beschreibung von 'Obeid-Allah- 
el-Bekri. 



Description de PAfrique. 390 

Es folgt nun die Beschreibung der Stadt ßenzert, welcher 
Name auf unseren Karten von Afrika falschlich Bizerta geschrieben 
wird. Wir können nicht umhin, auch den dieser Stadt gewidmeten 
Artikel mitzutheilen, wegen der interessanten Beschreibung des Fan- 
ges der Fischart, die auf arabisch Büri genannt wird, d. i. auf 
deutsch Meeräsche. Es scheint dieser Fischfang zur Zeit des ara- 
bischen Geographen einen sehr bedeutenden Erwerbszweig der Be- 
wohner Ton Benzert ausgemacht zu haben. Dass derselbe noch bis 
jetzt fortbesteht, das berichtet uns Barth in seinen Wanderungen am 
Mittelmeere, dem zufolge die Regierung das Monopol des Fischfanges 
in Benzert alle Jahre für 30.000 Thaler verpachtet. 

Die Stadt Benzert liegt am Meere und ist zwei Tagreisen von 
Tunis entfernt und hat ausser anderen AlterthOmern einen alten aus 
Steinblöcken erbauten Wall. 

Ein Fluss ergiesst sich daselbst ins Meer f der sehr fischreich 
ist. In der Nähe der Stadt ist ein grosser See , der mit dem Meere 
in Verbindung steht und dessen Wasser (folglich) salzig ist. Dieser 
See ist überreich an Fischen und in jedem Monate wird darin eine 
andere Art von Fischen gefangen, die man nicht eher wieder fängt, 
als bis in demselben Monate des nächsten Jahres. 

Die Stadt hat ein reiches Einkommen, denn von ihr werden die 
Fische in alle Länder Afrikas ausgeführt und die meisten, die man in 
Tunis verzehrt, kommen aus Benzert. 

Die verschiedenen Arten dieser Fische erhalten sich durch meh- 
rere Jahre vollkommen wohlschmeckend. Der ergiebigste Ort filr 
die Jagd dieser Fische ist die Stelle zwischen dem Meere und dem 
See, denn diese Fische entstehen in dem Meere, verlassen es dann, 
wenn sie noch so klein wie eine Mandel sind und wachsen erst 
in diesem See heran. Zur Zeit der Begattung kehren sie dann 
in das Meer zurück und werden mit Lockfischen gejagt, auf die Art, 
wie die Tauben (mit Lockvögeln) gejagt werden. Dieser Lockfisch 
ist das Weibchen des Fisches, den man Büri (d. i. Meeräsche) nennt. 

Es gehen die Kaufleute zu den Fischern und kommen mit ihnen 
über eine gewisse Anzahl zu liefernder Fische überein. Der Fischer 
nimmt nun seinen Lockfisch und lässt ihn los , nachdem er an dessen 
Finne einen verlässlichen Angelhaken mit einem Stricke befestigt 
hat. Der Lockfisch schwimmt nun im Meer und der Fischer folgt in 
seinem Nachen mit seinem Netze. Die Männchen beginnen nun 

Sitxb. d. phil.-hiit. Cl. VIIT. Bd. IV. Hfl. 28 



400 ▼• Kr einer. 

herumzukreisen und er wirft sein Netz auf sie aus und fängt so viel 
er kann und wiederholt dies, bis er soviel hat, als er bedarf. 

Nieht weit von diesem See im Innern des Landes sind zwei 
andere Seen , deren einer süsses , der andere aber salziges Wasser 
hat, ohne dass das Wasser des Meeres sich hinein ergösse. Durch 
sechs Monate ergiesst sich wechselseitig einer dieser Seen in den 
anderen, ohne dass ihr Wasser sich verändert; es wird das süsse 
Wasser nicht salzig und das salzige nicht süss. 

So wie wir'hier die Haupterwerbsquelle der Bewohner von Ben- 
zert kennen lernen , so gibt uns der nächste den Städten Tarfa und 
Mersä-el-Chazar gewidmete Artikel beachtenswerthe Aufschlüsse 
über die Korallenfischerei. 

Die Stadt Tarfa ist eine uralte Stadt mit vielen Resten des 
Alterthums, sie liegt am Ufer eines Stromes in der Nähe des Meeres, 
so dass die Schiffe an den Thoren der Stadt anlegen können. Nicht 
fern davon ist die Stadt Mersä-el Chazar, es ist dies eine alte Stadt, 
die vom Meere von allen Seiten umgeben ist , mit Ausnahme einer 
einzigen hübschen Landenge , die aber manchmal im Winter von der 
See unter Wasser gesetzt wird. Die Stadt ist von alten Mauern um- 
geben und daselbst werden Schiffe zur ßekriegung der Länder der 
Römer erbaut. 

Hier werden die Korallen gewonnen und damit nach allen Welt- 
theilen Handel getrieben. Es wohnen daselbst Leute, die Schiffe und 
Nachen haben und deren einziger Erwerb der ist , Korallen aus dem 
Grunde des Meeres heraufzuholen. 

Es sind die Korallen geästete Pflanzen mit Verzweigungen, und 
die Weise, wie man sie gewinnt, ist die, dass man Hölzer kreuzweis 
über einander nagelt, dann darüber Schlingen aus Hanf, oder Wolle 1 ) 
wirft, sie mit Seilen belastet und ins Meer versenkt. Wie die Kähne 
fortsegeln, so schleifen diese hänfenen Stricke auf dem Grunde des 
Meeres nach und es brechen die Korallen ab und bleiben in den 
Stricken hängen, die man dann herauszieht urn das, was daran hängen 
blieb, abzunehmen. Man behauptet, dass die Korallen im Grunde des 
Meeres weich und biegsam seien , doch wenn die Luft sie berühre, 
würden sie hart. 



*) Statt dem Worte JP, da* ich im Texte beibehalten habe , möchte ich gern 



Ja* lesen. 



Deacription de V Afrique. 40 1 

Auf diese Art gewinnt man alljährlich viele Centner, und es sind 
diese Korallen von bester Qualität und werden in Indien und China 
sehr gesucht. 

Korallen gewinnt man auch in der Meerenge von Gibraltar 

(jvi 5 :) an der Küste des Städtchens BiliAnesch im Gebiete von 
Sibte (Ceuta) und die daselbst gewonnenen Korallen sind so gut wie 
jene oder noch trefflicher. Eben so werden Koralle^uch im sphäri- 
schen Meere gewonnen und auf einigen Inseln des grünen Meeres 
(d. i. des arabischen Meerbusens) und diese Art ist die vorzüglichste. 

In der Nähe der Stadt Tarfa, zwischen dieser und der Stadt 
Bädsche, ist ein grosser See, der bis vierzig Meilen im Umfange hat 
und sich ins Meer ergiesst , eben so wie das Meer zeitweise in den- 
selben strömt. Das Wasser des Sees ist weder salzig noch süss, 
doch ist er reich an Fischen , besonders gedeihen in ihm die Meer- 
äschen, die von vorzüglicher Güte sind. Man soll daselbst Fische 
fangen, die bei zehn Pfund schwer sind und darüber. Die Bewohner 
jener Gegenden fangen diese Fische und heben sie auf zum Ver- 
brauche, wenn andere Lebensmittel fehlen. 

Auf diese Notizen folgt nun in dem Werke die Beschreibung 
der Stadt Büne (Bona), die wir, da sie in Quatrem&re's Auszügen 
genau gegeben ist, hier übergehen können, ebenso wie die nur in 
ein paar Zeilen abgefertigte Beschreibung der Stadt Kil. Der Name 
der hierauf folgenden Stadt wird im arabischen Texte mehrmals 
Dscheihal geschrieben, wesshalb wir ihn nicht veränderten, obgleich 
wir kaum zweifeln, dass der Name Dscheidschel gelesen werden 
müsse, wie auch Barth in seinen Wanderungen am Mittelmeere 
(pag. 66) schreibt. 

Nicht übergehen können wir hingegen den der Stadt Bidschäje 
gewidmeten Artikel wegen der ganz neuen geschichtlichen Daten, die 
er über die Könige des berberischen Stammes der Sinhädsche gibt. 

Die Stadt Bidschäje ist eine grosse Stadt am Ufer des Meeres, 
das deren Mauer bespült, sie wurde neu erbaut von den Königen der 
Sinhädsche, den Besitzern des Schlosses Kal&t-Abi-Tawfl, das 
jetzt unter dem Namen Kalat-Hammäd bekannt ist Die Ursache der 
Erbauung der Stadt war die, dass der Herr über Kairowän, der aus 
dem Stamme Sinhädsche war, als die Araber in Afrika eindrangen, 
sich flüchtete und sich in der Stadt Mehdije verschanzte. Sein Vetter 

»8* 



402 v. Kremer. 

Mansür Ibn Hammäd, der Besitzer des (früher genannten) Schlosses, 
war mächtiger als der Herrscher über Kairowän und hatte ein zahl- 
reiches Heer. Dieser zog nun aus, den Sohn seines Oheims zu unter- 
stützen und versammelte ein zahlreiches Heer; er traf die Araber, 
denen sich auch die Einwohner der Stadt Sebfbe angeschlossen 
hatten , in der Nähe von Kairowän und es fiel zwischen ihnen eine 
grosse Schlacht vor, in welcher Mansür geschlagen und sein Bruder 
getödtet ward, * wie die meisten von Sinhädsche. Dieses ereignete 
sich folgendermassen : Es war sein Bruder älter als er und er rieth 
ihm ab von der Bekämpfung der Araber und sagte ihm : „Bleibe Du 
in Deinem Lande und sende (Boten) an die Araber und schmeichle 
ihnen, so werden sie schwach und demüthig zu Dir kommen und den 
Tribut 1 ) Dir auszahlen, denn das ist wegen der Zwietracht der 
Araber von Alters her ihr Brauch , wenn Du Dich nur nicht ihnen 
entgegenstellst." 

Als nun die erwähnte Schlacht vorfiel und er sich flüchten 
musste, sagte sein Bruder zu ihm: „Habe ich Dir nicht abgerathen, 
Dich persönlich ihnen entgegenzustellen , doch gib mir jetzt Deine 
Krone und das Banner, bleibe a ) beim Heere und rette Dich, und ent- 
kommst Du, so danke Gott, denn wenn Du nicht für das Volk übrig 
bleibst, so ist kein Nachfolger nach Dir vorhanden." — Dieses ist 
in der That die bewunderungswürdigste Aufopferung, die je ein 
Bruder seinem Bruder oder ein Freund seinem Freunde erwiesen 
hat. Hierauf gab er seinem Bruder wirklich seinen Turban und sein 
Banner , das allbekannt war und er zog nun mit dem Heere fort, bis 
er eingeholt und getödtet war. 

Es pflegten die Könige von Sinhädsche mit Gold geschmückte 
Turbane zu tragen, die hoch im Preise waren, so dass ein Turban 
fünf- oder sechshundert Dinare und darüber werth war. Sie pflegten 
diese Turbane mit grosser Kunst ums Haupt zu winden , so dass sie 



*) Dm Wort *l>>, das im Texte vorkommt, und in dem P reyta g'schen Wör- 
terbucbe fehlt, leite ich, wenn überhaupt die Stelle nicht verdorben ist , tob 
f»» ab und übersetse es folglich als Tribut gleichbedeutend mit AjI»» 

a ) Statt «91 wie der Text hat, würde ich lieber ^3] lesen und dann über- 
setzen : und ich will beim Heere bleiben u. s. w. 



Deacription de V Afrique. 403 

aussahen, als bildeten sie zwei Kronen; in ihrem Lande waren Leute» 
die eigens sich auf diese Kunst verstanden und es nahm ein Gold* 
schmid gewöhnlich für das Aufsetzen eines solchen Turbans zwei 
Dinare oder darüber. Sie hatten in ihren Buden Modelle von Holz, 
die sie die Häupter nannten und denen sie diese Turbane aufsetzten 
(um sich im Binden derselben zu Oben). 

Als nun Mansür sich in das Schloss geflüchtet hatte , lagerten 
davor die Heere der Araber und bedrängten seine Länder, doch er 
schmeichelte ihnen, bis die Ursachen (welche sie zum Kriege bewegt 
hatten) abnahmen. -Da er aber (dessenungeachtet) nicht im Stande 
war nach Belieben über seine Länder zu schalten, so forschte er um 
einen Ort, wo er eine Stadt bauen könnte, welche die Araber nicht 
erreichen würden; da wies man ihn auf die Stelle hin, auf der jetzt 
Bidschäje steht, wo zugleich ein Hafen war. Es sollen daselbst alte Rui- 
nen gewesen sein und dort in alten Zeiten eine Stadt gestanden haben. 

Mansür erbaute nun hier eine Stadt und nannte sie MansArije 
und es ging nun ihre Herrschaft von dem Schlosse auf Bidschäje 
über, welches nun die Haupstadt ihres Reiches wurde. 

Zwischen dieser Stadt und dem Schlosse des Hammäd ist eine 
Distanz von vier Tagreisen. 

Bidschäje ist eine grosse Stadt zwischen hohen Gebirgen, 
welche sie rings umgeben. Ein Weg fährt zur Stadt von Westen 
her und wird Madtk, d. i. Engpass, genannt; er läuft entlang dem Ufer 
des Flusses, der Wädi-1-Kebir heisst. Der südliche Weg fährt zum 
Schlosse Kal&t- Hammäd über Bergsteige und Steingerölle und eben 
so auch der Weg nach Osten , so dass die Stadt nur einen einzigen 
guten Zugang hat und zwar von der westlichen Seite. Die Araber 
konnten daher bis zu dieser Stadt nicht vordringen und es betrat sie 
Niemand von den Arabern , ausser der, den der König hinschickte 
zur Erhaltung der Freundschaft *) für das Gebiet des Schlosses und 
die übrigen Länder. Auf diese Art betritt die Stadt manchmal ein 
Reiter oder zwei (von den Arabern) aber nie ein Heer. So blieb der 
Herrscher über Bidschäje in seinem Reiche fast so mächtig , wie der 
Herrscher über Ägypten, denn zu Bidschäje gehört ein grosses Gebiet 
und ihr Befehlshaber ist mächtig. 



i) Die Üperietsun; de* Worte« Ä^Ua\l in diesem Sinne ist *weifeln#f| r 



404 ▼• Kremer. 

Die Stadt Bidschäje hängt an einem Berge, der in das Meer 
hinein sich erstreckt und AmsiAl genannt wird. Die Stadt hat mäch- 
tige Wälle, welche das Meer bespült. Zwei Arsenale sind daselbst 
zum Baue der Schiffe. Von hieraus werden Kriegszüge zur See 
gegen die Länder der Römer unternommen, denn zwischen dieser 
Stadt und Sicilien sind nur drei Tagreisen. Bidschäje ist eine grosse 
Hafenstadt, denn hier legen die Schiffe der Römer an, die aus Syrien 
und anderen Gegenden der fernsten Länder der Römer kommen, 
ebenso wie die Schiffe der Muslimen von Alexandrieu aus Egypten, 
Schiffe aus Jemen, Indien und China und anderen Ländern. 

Die Stadt Bidschäje ist reich an Früchten und Obst und allen 
Lebensgütern. Die Stadt ist hoch gelegen, ist gesund und hat die 
Aussicht auf das Meer und auf ein Gebiet, das rings von Bergen um- 
schlossen wird. Der Umfang dieses Gebietes ist beiläufig zehn Meilen 
und es wird von Flüssen und Quellen bewässert, hier liegen die 
meisten Obstgärten der Bewohner. Die Stadt hat einen grossen Fluss, 
der beiläufig zwei Meilen oder weniger von ihr entfernt ist, an der- 
selben liegen die meisten Lustgärten der Einwohner. An seinen 
Ufern hat man Wasserräder construirt, die Wasser aus dem Flusse 
schöpfen. Dieser Fluss bietet (überhaupt) den Leuten der Stadt 
grosse Annehmlichkeiten dar. 

In Bidschäje ist ein Ort, der LemulAwwe genannt wird, es ist 
dies ein in die See vorspringender Theil des Gebirges , der mit der 
Stadt im Zusammenhange steht, daselbst sind Schlösser, erbaut von 
den Königen von Sinhädsche. Man kann keinen schöneren Bau als 
diesen und keinen lieblicheren Ort sehen. Es sind daselbst Fenster, 
welche die Aussicht auf das Meer haben, mit eisernen Gittern, ebenso 
Thore von durchbrochener Arbeit im Bogen gebaut, Säle mit Schnitz- 
arbeit geziert, deren Mauern von oben bis unten aus weissen Marmor 
erbaut sind, der mit herrlichen Sculpturen verziert und mit Gold und 
Lazur eingelegt ist. Darauf sind schöne Inschriften angebracht, die 
ebenfalls mit Gold geschrieben sind, ausserdem sind (auf den Wänden) 
noch andere schöne Bildnereien. 

Diese Schlösser sind herrlich in Bezug auf ihre Lage und Aus- 
schmückung. 

Der Berg Amisün (früher AmsiAl genannt), auf dem Bidschäje 
ruht, ist ein gewaltiger Berg, der in die Lüfte emporragt und sich 
ins Meer hinein erstreckt. Er ist reich an fliessenden Wässern und 



Descrlption de l'Afrique. 405 

vielen Quellen und Gärten; auf diesem Gebirge halten sich auch 
viele Affen auf, so wie auch das stachelige Thier, das Dirb 1^-0^1 
d. i. Stachelschwein genannt wird. 

Die Beschreibung der Stadt Mersi-d-Dudschädsch, die nun 
folgt, können wir hier füglich übergehen; nicht aber das, was der 
Verfasser über die Stadt Dschezäir-Beni-Mazghanna, d.i. das heutige 
Algier sagt , weil die in Quatremere's Auszügen gegebenen Notizen 
etwas davon abweichen, und andererseits, weil die Stadt, als jetziger 
Sitz des französischen Colonial - Gouvernements, viel wichtiger ge- 
worden ist, als sie im Mittelalter war, wo hingegen das jetzt so 
tief gesunkene Bidsehäje reich und wohlbevölkert war. 

Das, was unser Autor Aber Algier zu sagen weiss, ist fol- 
gendes : 

Die Stadt Dschezäir-Beni-Mazghanna liegt am Ufer des Meeres, 
das die Mauern der Stadt mit seinen Wellen bespült. Die Stadt ist 
von altem Baue und enthält bewundernswerthe Ruinen , die darauf 
hindeuten, dass sie die Residenzstadt unter früheren Völkern war. 

Daselbst ist ein Amphitheater, dessen Hofraum mit Marmor ge- 
pflastert, der aus kleinen Stücken zusammengesetzt, wie Mosaik aus- 
sieht. Es sind darauf Abbildungen von Rossen und anderen Thieren 
mit grösster Kunstfertigkeit ausgeführt. 

Mit dieser Stadt hängt ein Landstrich zusammen, der District 
von Metidsche genannt wird. Es ist dies ein grosser Landstrich, 
ergiebig an allem und reich an Dörfern und Ansiedlungen , durch- 
strömt von Flüssen. Der Umfang dieses Districtes beträgt beiläufig 
zwei Tagreisen in der Länge und Breite und rings umgeben ihn 
Berge wie ein Kranz. Am Ende dieses Districtes ist ein Berg, über 
den die Strasse führt, er ist mühsam zu passiren und heisst Halk- 
Wädschid. Die Bewohner des Landes aber nennen ihn : „Bäb-el- 
Gharb," d. i. Thor des Westens, denn jeder, der den westlichen Theil 
von Afrika betreten will, muss diese Stelle passiren. 

In der Stadt Dschezäir-Beni-Mazghanna war eine grosse Kirche, 
von wundervollem Baue, von welcher bis auf den heutigen Tag eine 
Mauer übrig geblieben ist, welche jetzt die rechtmässige Kible 
der grossen Moschee bildet, sie ist reich verziert mit Sculpturen 
und Bildern. 



406 ▼• Kremer. 

Der Hafen der Stadt ist sicher und enthält eine Quelle süssen 
Wassers, die von den Schiffsleuten aufgesucht wird. 

Bei der Beschreibung der Stadt Sibte, die nun folgt, erwähnt 
der Autor des Meeres, welches unter dem Namen Jeswäl bekannt ist; 
ob diese Leseart die richtige sei , ist schwer zu entscheiden , auf 
jeden Fall ist aber die in dem Texte der Handschrift unseres Autors, 
welche sich im Besitze der k. k. orientalischen Akademie befindet, 
angegebene Leseart ^j zu verwerfen, wie ich schon in einer Note 

in meiner Ausgabe des Textes angegeben habe. Edrisi, der für 
diesen Theil Afrika's ein viel zuverlässigerer Gewährsmann als 
Abulfeda ist, schreibt in der französischen Übersetzung von 
Jaubert (II, p. 6), Jl^j da aber leider diese Übersetzung nicht 

mit gehörig kritischer Genauigkeit gemacht ist, so können wir dieser 
Leseart auch nicht unbedingtes Vertrauen schenken. 

Nach dieser Abschweifung, die zur Rechtfertigung der in meiner 
Ausgabe des Textes gewählten Leseart nothwendig war, kehren wir 
nun zur Schilderung der nächstfolgenden Stadt zurück. 

Die Stadt Tandscha ist eine bedeutende Stadt, die viele Über- 
reste des Alterthums, Schlösser und Gewölbe enthält, in denen das 
Wasser in einem grossen Canale herbeigeleitet wurde, ausserdem 
enthält die Stadt Cisternen , sie besitzt überdies noch eine Quelle 
guten Wassers, die Berkäl genannt wird und welche die Eigenschaft 
haben soll, dass jeder, der daraus trinkt, blödsinnig wird. 

Die Leute von Tandscha wenden diesen Umstand daher im 
Gespräche an, wenn Jemand einen Verstoss beging und sagen dann : 
Du hast vom Wasser der Quelle Berkäl getrunken und desshalb wird 
(Dein Vergehen) Dir nicht angerechnet. 

Desshalb sagt ein Dichter: 

Zu Tandscha ist eine Quelle mitten im Sande. 
Lieblich ist ihr Wasser, wie das des Selsebil, 
Leicht von Gewicht und süss : jedoch 
Fliegt es mit dem, der davon trinkt, tausend Meilen weit. 

An ihr war viel Marmorgestein angebracht und herrlich be- 
haltene Felsenblöcke. Von dieser Quelle aus ging ehemals eine 
Brücke über die Meerenge (Bahr-ez-Zoäk) bis an die Küste Spa- 
niens, die in der Welt ihres Gleichen nicht hatte, über sie zogen die 



Description del'Afrique. 407 

Karawanen und Heere vom Ufer von Tandscha bis an die Küste von 
Andalus ')• 

Zweihundert Jahre aber beiläufig, bevor die Muslimen Spanien 
eroberten, schwoll das Wasser des Meeres an und es brach das 
Weltmeer herein auf die See der Meerenge, und bedeckte diese 
Brocke und einige der an sie grenzenden Gegenden. Es soll diese 
Brücke zwölf Meilen breit gewesen sein, während jetzt die Meer- 
enge an ihrer Stelle bei dreissig Meilen breit ist. Manchmal zeigt 
sich diese Brücke den Schiffern und sie hüten sich vor ihr. Man be- 
hauptet es würde am Ende der Zeiten der Antichrist *) über diese 
Brücke ziehen. 

Tandscha *) wird als die äusserste Grenzstadt Afrika's gegen 
Westen angesehen. 

Die Entfernung zwischen Tandscha und Kairowftn beträgt 1000 
Meilen. 

Tandscha wird in den Geschichtswerken als Tandschat-el- 
•Beidft angeführt, und es soll das Gebiet der Stadt ehemals eine 
Monatsreise lang und eben so breit gewesen sein. 

Die Könige des Westens (Maghrib) von den Griechen und 
anderen Völkern hatten ihre Residenz in Tandscha und dies wegen 
der Brücke, damit der Feind nicht eine der beiden Seeküsten über- 
rumple. 

Wer in den Ruinen von Tandscha nachgräbt , findet daselbst 
vielerlei Arten von Edelgestein, das den Beweis liefert, dass diese 
Stadt die Residenz von Königen früherer Völker war. 

Gegenüber Tandscha im grossen Weltmeere sollen die Inseln 
liegen, welche man mit dem Namen der Fortunäsch (d. i. der Glück- 
seligen) bezeichnet, welchen Namen sie desshalb erhalten haben, weil 
ihr Boden Ernte hervorbringt ohne Saat, ihre Haiden und Haine sind 
angefüllt mit allen Arten herrlicher Früchte, dort gedeihen alle Arten 



') Diese Überlieferung ist ein merkwürdiger Beweis der im Gedächtnisse des 
Volkes fortwährenden Erinnerung der in der Urzeit bestandenen Verbindung 
der beiden Continente von Europa und Afrika. 

*) So verstehe ich das Wort j^t\j Naschir. 

*) Tandscha wird auf berberisch Jul • genannt ; siehe Doxy Ouvrage* arabe$ 
UT* Nvraiion, pag. 78, 



408 v* Kremer. 

wohlriechender, duftender Pflanzen ohne Dornen. Es sind diese 
Inseln zerstreut im Meere, nicht fern von der westlichen Küste des 
Landes der Berbern. So berichten die Bewohner der Kaste von 
Maghrib, und ich selbst sah Jemanden, der sie aufzusuchen versucht 
hatte. 

Die Stadt Tandscha hat einen grossen FIuss , der Ar Seeschiffe 
befahrbar ist; er strömt von den Gebirgen Tandscha 's ins Heer und 
es münden in denselben Giessbäche, die oftmals von der Stadt Häuser 
fortschwemmen. 

In der Abtheilung des Werkes, welche die Küstenstädte behan- 
delt , folgen nun noch die Städte Asfla, Teschümes und Selä , womit 
die Reihe der Küstenstädte abgeschlossen ist. 

Die nächste Abtheilung enthält die Schilderung der Städte, die 
im Innern des Landes in der Nähe der Wüste liegen. Bevor wir 
aber diese besprechen, wollen wir die interessanten Angaben unseres 
Geographen über die Stadt Aslla mittheilen, indem hiedurch auch die 
mageren Angaben 'Obeid-Allah-el-Bekrfs mit neuen Bemerkungen be- 
reichert werden. 

Asfla war eine grosse mächtige Stadt, reich bevölkert und er- 
giebig an allen Lebensbedürfnissen, ihr Hafen war sehr besucht. Die 
Ursache ihrer Verwüstung waren die Franken f^^y^)- Denn wenn 

diese ins Meer segelten, so war der erste Ort, auf den sie stiessen, 
Asfla , sie stiegen in ihren Hafen ab und verwüsteten von ihr so viel 
sie konnten. Da versammelten sich die Berbern, um sie zu bekämpfen, 
doch jene sagten : Wir kommen nicht des Kampfes wegen , sondern 
es sind in euerem Lande verborgene Schätze , ziehet euch also von 
uns zurück, dass wir sie ausgraben und euch eueren Antheil geben. 
Die Berbern nahmen diesen Vorschlag an und zogen sich von dem 
angedeuteten Orte zurück , und die Franken begannen nun an einem 
der Orte, die sie genannt hatten, zu graben, und fanden aber an dem 
verborgenen Platze Gruben , die mit Hirse angefüllt waren. Als die 
Berbern von Ferne die gelbe Farbe der Hirse sahen, glaubten sie, 
es sei Goldstaub, eilten darauf los und brachen so ihr Versprechen; 
die Franken aber flohen auf ihre Schiffe. Als nun die Berbern die 
Hirse sahen, bereueten sie (ihre Voreiligkeit) und forderten die 
Franken auf, nochmals zurückzukehren, um die Schätze auszugraben, 
doch jene weigerten sich und sagten : Wir haben von euch einmal 



Degcription del'Afrique. 409 

das Versprechen verletzen sehen und wollen nichts weiter mit euch 
zu thun haben. 

In dem von dem verdienstvollen Orientalisten und Forscher spa- 
nischer Geschichte herausgegebenen Geschichtswerke: el-Bej&n-el- 
Mughrib-fi-Achbär-il-Maghrib finden wir im zweiten Bande S. 240 
einen längeren die Geschichte der Stadt Asfla behandelnden Artikel, 
der im Wesentlichen mit dem eben angeführten übereinstimmt und 
nur hinzuf&gt, dass der Vorfall zwischen den Franken und den Ber- 
bern, den wir oben erzählten, aus dem Werke: el-Memftlik-wel- 
Mesalik von Mohammed Ibn Jusuf-el-Kurawf entnommen sei. 

Der nächste Abschnitt des Werkes behandelt nun die Städte, 
welche im Innern des Landes und in der Nähe der Wüste liegen. Es 
enthält dieser Abschnitt folgende Städte: Muna, Barka, Adschdänije 
(ist richtiger Adschdäbije zu lesen), Seräs, Ghud&mes, Zawfte. Hie- 
mit schliesst der Abschnitt über die Städte des Innern und der 
nächstfolgende höchst beachtenswerthe Abschnitt ist den Oasen der 
grossen Sahrä (falsch Sahara) gewidmet. Bevor ich jedoch zur 
näheren Anzeige dieses Abschnittes übergehe, muss ich das in dem 
Artikel der Stadt Serüs über die in dem Gebirge in der Nähe der 
Stadt wohnenden Völkerschaften und ihre Religionssecten Gesagte 
hervorheben. 

Die Stadt Serüs *)» heisst es bierin, ist eine grosse, herrliche, 
alte Stadt, die einige Alterthümer enthält. Sie ist in der Gewalt von 
Charidschiten (Häretikern), desswegen ist keine Moschee in derselben 
und nicht in dem umliegenden Gebiete. In dem Districte der Stadt 
sollen mehr als dreihundert Dörfer liegen, deren Bewohner nach ihrer 
Secte den Freitag nicht feiern. Überhaupt wohnen in diesem Gebirge 
viele Völkerschaften , die verschiedenen Secten folgen; die meisten 
sind Charidschiten , sie haben keinen Emir, nach dessen Befehlen sie 
sich richten, sondern bloss rechtsgelehrte Scheiche , die ihrer Glau- 
benslehren kundig sind, denen sie gehorchen. Ihre Secte zeichnet 
sich durch eine grosse Nachlässigkeit (in der Beobachtung der Reli- 
gionspflichten) aus. Es erzählte mir ein glaubwürdiger Mann Folgen- 
des: Ich sah einen Mann, der in ihr Land eine Reise unternommen 
hatte; da erblickte er (eines Tages) einen Mann, der sich reinigen 



*) Jaubert und Quatremere schreiben ^y»j-£* 



410 v. Kremer. 

wollte. Dieser stieg zum Wasser hinab , zog seine Kleider aus und 
fing an zu gestikuliren, als ob er wasche und die vom Gebot vorge- 
schriebenen Waschungen (Wudö) verrichte , als ob er sich auf sein 
Haupt und seinen Leib Wasser giesse. Da sagte zu ihm jener Mann: 
Was soll das bedeuten? Doch dieser schwieg, bis er fertig war; da 
ergriff ihn der fremde Mann, führte ihn zum Dorfrichter und sagte: 
ich sah diesen Mann so und so thun. Da frug ihn der Richter: Yon 
woher kömmst du? (o Fremdling) er entgegnete: aus dem Maghrib. 
Als der Richter dieses vernahm, sprach er: Bei Gott, wärest du nicht 
fremd in unserem Lande, so hätte ich dich gezüchtiget, denn woher 
weisst du denn , ob jener nicht eine Entschuldigung habe (für das, 
was er that) ? Weisst du nicht, fuhr der Richter fort, dass Gott euch 
das Leben leicht machen will, nicht aber erschweren ') ? 

Diese ist die vorwiegendste ihrer Secten und es gibt unter ihnen 
manchen, der das Waschen mit Wasser gar nicht beobachtet, und 
will sich einer waschen, so wälzt er sich im Staube und wendet die 
Tejemmum *) statt der gewöhnlichen Waschung an. 

In Afrika gibt es viele von dieser Secte ; eben so ist in dieser 
Secte auch die Unzucht erlaubt im Gebirge Nefüse; jeder reiche 
Mann von ihnen hat viele Mädchen , die er mit herrlichen Kleidern 
bekleidet, mit Schmuck verzieret und auf verdächtige Wege führt; 
sie haben sogar eigene dazu bereitete Häuser. Dies ist bei ihnen all- 
bekannt und wird nicht getadelt »). 

Vom Berge Nefüse bis nach Ghudämes sind sieben Tagreisen in 
einer Wüste, in der in einem Umkreise von drei Tagreisen und 
darüber kein Wasser zu finden ist. 

Ghudämes selbst ist eine grosse Stadt mit weitem Gebiete , mit 
vielen Palmen und Quellen ; die Bewohner sind muslimische Berbern, 



*) Dieses ist ein Ausspruch des Propheten, den die Mohammedaner sehr oft im 
Munde führen, wenn sie sich wegen Nichtbeobachtung der strengen Religions- 
yorschriften entschuldigen. 

*) Tejemmum ist der Name Ah* die Verrichtung der nach dem Koran vor jedem 
der fünf täglichen Gebete vorgeschriebenen Waschungen mit Sand, welches 
aber nur in der WOste bei absolutem Wassermangel erlaubt ist, im Gegensätze 
wir Wudu, d. I. der regelmassigen Waschung. 

*) Dieselbe Sitte herrscht in Oberagypten und in Chartern , unter den reichen 
Mohammedanern. 



Description de l'Afrique. 411 

die sich (ihre Gesichter) verschleiern nach der Sitte der Berbern 
der Wüsten vom Stamme Lemtdne und Mesftfe und anderen Stämmen. 

Der nun folgende , sehr wichtige, wenn auch im Wesentlichen 
nur zu kurze Artikel über die Oasen fehlt in Quatremäre's Auszügen, 
ebenso wie in Edrisi's Werk, wo ich ihn vergeblich suchte. 

Das Land der Oasen f oU-Ull ist ein weites Gebiet in der 

(grossen) Wüste, die sich zwischen dem eigentlichen Africa (Africa 
propria) und Ägypten ausbreitet. Wäre nicht diese Wüste von 
Wasser entblösst, so würde der Weg aus Africa *) nach Ägypten über 
die Oasen der nächste sein. 

Nach den Oasen reiset man durch die Städte Audschela, Sula a ) 
und andere, die in der Wüste liegen, welche sich hinter Tripolis (und 
den Ländern der Römer) ausbreitet. 

Die Oasen sind reich an Datteln und Palmen und enthalten viele 
umwallte und offene Städte, und jede Stadt hat einen Namen, der 
mit dem Worte Wäh, d. i. Oase ausgeht, wie z. B. Ers!s-el-Wäh, 
Tennfs-el-Wäh, Wäh-el-Charfdsch und Wäh-Dabr; alle haben solche 
Namen und ihre Bewohner sind Muslimen; sie sind die äussersten 
Lande des Islands , und von ihnen bis nach Nubien sind sechs Tag- 
reisen. 

In einigen Städten der Oasen wohnen Stämme von Lewita, die 
nicht arabischer Abstammung sind. Am fernsten Ende des Landes 
der Oasen soll ein Land sein, das Wäh-Dabr genannt wird; Niemand 
gelangt dahin , ausser dann und wann wer sich in der Wüste verirrt. 
Es soll dieses ein grosses Land sein , reich an Datteln und Saaten, 
allen Früchten und Goldbergwerken, so dass es das gesegnetste Land 
der Erde ist. 

Wer zu den Bewohnern dieses Landes käme, lebe bei ihnen in 
Fülle und Überfluss , und wenn man ihn in sein Land zurücksenden 
wolle , sehne er sich nach ihnen und er könnte nicht bei den Seinen 
verweilen und reise so schnell zu ihnen zurück, als er im Stande sei. 



l ) Unter Afrikye verstehen die Araber nicht den ganzen WelttheU , sondern nur 
eben wie die Römer den Theil, der die heutigen Regentschaften von Tripolis, 
Tunis und ein Stück der französischen Colonie Algier umfasst. Siehe La Geo- 
graphie (VEdriti traduite par Jauberi /, Pag. 5, im Reoueil de Voyages et 
de Mimoire*, publie par la Societe de Geographie T. V. 

*) Vergleiche Quatretnere, der Pag. 640 i-**» schreibt. 



412 ▼• Krem er. 

In dieses Land gelangte ein Mann von den Arabern der Beni- 
Kurra und verweilte bei ihnen längere Zeit, worauf er in seine Heimat 
zurückkehrte und das berichtete, was er von Überfluss bei ihnen ge- 
sehen hatte und was sie an Reichthfimern besässen ; dass sie keinen 
Widerstand zu leisten im Stande wären und eben so wenig vom 
Kriege verstünden und keine Waffen hätten , weil sie nie den Krieg 
gekannt. Der Emir der Beni-Kurra, dessen Name Mukrib-Ibn-M4d, 
machte dies kund und fasste den Entschluss, gegen sie auszuziehen ; 
er bereitete daher viel Proviant vor und fasste viel Wasser, und zog 
dann in die Wüste, um die Oase Wäh-Dabr aufzusuchen. Den Weg- 
weiser machte der Mann, welcher jenes Land betreten hatte. Als sie in 
die Stadt der äusseren Oase (p^>UÜ ^»yi) gelangten, frugen sie um 

die Oase Wäh-Dabr. Da erwiderten Alle: Wir kennen nicht den Weg 
dahin und es findet ihn Niemand ausser dann und wann t wer in der 
Wüste irre geht; der Reichthum des Landes ist aber so gross, wie 
dir berichtet wurde, und noch grösser. Hierauf durchstreiften sie 
einige Zeit die Wüste und fanden das Land nicht und konnten nicht 
hinzu gelangen. Aus Furcht , dass ihr Proviant ausginge, kehrten sie 
um. Auf ihrer Rückkehr lagerten sie in einer Nacht auf einem Hügel 
in dem Flugsande dieser Wüste, und da fand einer der Leute in der 
Umgegend dieses Hügels ein altes Gebäude; sie gruben es auf und 
sahen, dass es ganz von Ziegeln von rothem Kupfer erbaut war; nun 
gruben sie noch eifriger nach und fanden die Fundamente einer 
Mauer von rothem Kupfer. Da beluden sie alles , was sie mit sich 
hatten von Lastthieren, mit diesen Ziegeln und zogen fort, bis sie zur 
Stadt der äusseren Oase gelangten , wo sie dieses Kupfer für hohen 
Preis verkauften. Sie wollten nun zu diesem Hügel zurückkehren, wo sie 
das Kupfer gefunden hatten ; doch gelang es ihnen nicht mehr, denn sie 
verloren den Weg, und wären sie hingelangt, so hätten sie dort Güter 
gefunden (die ihnen ausgereicht hätten) bis zum Ende der Zeiten. 

Es wird nun noch eine ähnliche Erzählung angeführt , die uns 
aber zu fabelhaft ist, um hier in der Übersetzung geliefert zu wer- 
den; nur wollen wir die Schlussbemerkung hier mittheilen, welche 
also lautet: Es wird übrigens erzählt, dass zwischen dem Lande der 
Oasen und dem Dattellande (fälschlich Bileduldscherid genannt) der 
eigentlichen Provinz Afrika breite Sandwüsten liegen , in denen es 
Striche gibt, die Dschezäir, d. i. Inseln genannt werden; diese ent- 



Description de l'Afrique. 413 

halten Palmen und Quellen , doch sind sie Öde und unbewohnt. Man 
sagt sogar, dass man dort nichts anderes höre als das Pfeifen der 
Dschinnen. Ich bezweifle nicht, spricht unser Autor, dass diese Orte 
ehemals bewohnt waren. Dort häufen sich die Datteln unter den 
Palmen zu Hügeln an, und es geniesst sie Niemand als die Vögel und 
die wilden Thiere. Manchmal sammeln die Menschen dieselben auf 
flüchtigen Reisen ein, und zur Zeit der Noth. Einer, der dieses ge- 
sehen hat, sagt: Wir sind überzeugt, dass der Stamm Selim, welcher 
in der Wüste von Tripolis vereinzelt (von allen übrigen Menschen) 
wohnt, die Datteln dieser Örter sammelt, denn davon leben sie; 
nach diesen Örtern flüchten sie sich , wenn ihnen nachgesetzt wird, 
und daselbst verbergen sie sich. Dies habe ich gehört, bevor ich 
durch die Gnade Gottes , der gelobt und gepriesen sei , im Stande 
war, euch selbst davon zu überzeugen *)• 

Hiemit ist die zweite Abtheilung des Werkes, welche die Städte, 
das Innere und die Wüste behandelt, abgeschlossen, die nächst- 
folgende führt den Titel: Beschreibung des Beläd-el-Dscherid , d. i. 
Land der Palmreiser, welcher Name in den meisten geographischen 
Werken in Bileduldscherid verstümmelt und nicht ganz richtig: 
„Dattelland" übersetzt worden ist. 

Unser Autor gibt auch die Erklärung dieses Namens auf ähnliche 
Weise und sagt: Beläd-el-Dschertd nannte man dieses Land wegen 
der Menge der Palmen, die es besitzt ; es enthält dieses Gebiet viele 
Städte und weite Landstriche , so wie ununterbrochen an einander 
gränzende Ortschaften, die reich an allen Dingen sind, vorzüglich an 
Datteln , Oliven und Obst und allen anderen Lebensgütern. Es ist 
dieses Land das letzte der eigentlichen (Provinz) Afrika am Rande 
des Sahara (d. i. Sahrä) und enthält strömende Wasser und Flüsse, 
so wie viele Quellen. Es beginnt dieses Gebiet beim Gestade von 
Käbes, welcher Stadt unter den Seestädten Erwähnung gethan wurde. 

Diese Abtheilung des Werkes ist die an neuen Daten reichste; 
wir schreiten vorerst zur Aufzählung der angeführten Städte und 
werden dann mehrere der interessantesten Artikel ausführlicher be- 
sprechen. 



1 ) Wir bemerken hier nur noch, dass im Texte Pag. 32 erste Zeile von oben die 
beibehaltene Form sJ*y vulg&r statt w*i ist. 



414 v. Krem er. 

Die Reihenfolge der in diesem Abschnitte besprochenen Städte 
ist folgende : 

1. Hämmet-Matmäta. 

2. Kafsa. 

Hier folgt die Beschreibung des Districtes Kastilije, dessen 
Hauptorte die Stadt. 

3. Tüzer. 

4. Nafta. 

8. Takjüs i). 

6. Hammet-Beni-Behldl. 

Hiernach folgt die Beschreibung des Districtes Nefräwa mit 
seinen Städten 

7. Tarra, welche Stadt Edrisi nicht kennt» eben so wie die 
folgenden : 

8. Beschrt. 

9. Itmelfmen. 

10. Derdschin, welche als Gränzstadt des eigentlichen Beläd-el- 
Dscherfd bezeichnet wird. 

Ohne Unterbrechung reihen sich nun noch folgende Städte an : 

11. Bädsche. 

12. Tabarka. 

13. Sebtbe. 

14. Medschäne. 

15. Mermähina oder, wie Edrisi schreibt, Mermädschine. 

16. Tebesft. 

17. Baghäna. 

Nun folgt die Beschreibung des Gebirges Asrau und unmittelbar 
darauf: 

18. Elmüs, die Stadt. 

19. Schakjanärije. 

20. Die Stadt Kasantfne, von den Franzosen Constantine genannt . 

21. Mtle. 

22. Ghadtr. 

23. Kafct-Abi-Tawfl. 

24. Aschfr. 



') Dass dieser Name richtig ist, hierüber siehe Doxy Ouvrages arabts III, pag. 200 
und Edrisi, übersetzt von Jaubert I, 252, 253. 



Description de 1' Afrique. 4 1 S 



25. Meliäne. 

26. Chadrä. 



Zum Districte von Zäb werden gerechnet die Städte : 

27. Mestle. 

28. Nakdwus. 

29. Tabne. 

30. Beskera. 
81. Tehüda. 
32. Kadis. 

Hier endet dieser Abschnitt, der unstreitig der gehaltvollste des 
ganzen Werkes ist. 

Wir beginnen nun die wichtigsten Angaben des Geographen 
hervorzuheben und fangen mit dem der Stadt Kafsa gewidmeten sehr 
ausführlichen Artikel an, der um so erwünschter ist, als Edrisi nur 
sehr karge Andeutungen über diese Stadt gegeben hat. Einige ge- 
schichtliche Bemerkungen, die gleich im Anfange über verschiedene 
Schicksale der Stadt gemacht werden, werden hier übergangen, um 
sogleich zu den geographischen Daten zu schreiten. 

Die Stadt Kafsa wurde ehemals Medlnet-el-Hanije genannt, d. i. 
die Stadt des Bogengewölbes , weil daselbst ein alter Bau war, der 
wie ein Bogengewölbe aussah , nach diesem erhielt die Stadt ihren 
Namen, sie liegt in der Mitte zwischen Kairo wän und Käbes und ent- 
hält viele Quellen, wovon besonders zwei grosse krystallhelle Quellen 
in Bezug auf die Trefflichkeit des Wassers, Beinheit und Menge 
desselben ihres Gleichen nicht haben. Die eine von diesen Quellen ist 
am Thore der grossen Moschee und wird Widi-1-Kebfr genannt. 

Diese Quelle ist sehr gross und mit einem aus festen Steinblocken 
errichteten Gemäuer umgeben, dessen Umfang beiläufig vierzig Ellen 
in der Länge und Breite beträgt. Etwas oberhalb dieser Quelle ist 
eine kleinere Quelle, die Bas-el-Ain genannt wird; zwischen diesen 
beiden Quellen ist eine Brücke von altem Baue; zweifellos haben diese 
beiden Quellen einen gemeinschaftlichen Ursprung. Das Wasser der 
ersten Quelle ist bläulich und ausserordentlich klar, dergestalt dass 
man den Grund der Quelle von oben ausnehmen kann, obgleich das 
Wasser darinnen sieben Mannslängen tief ist. Die zweite Quelle ist 
unterhalb dem Schlosse von Kafsa und wird Tirmid genannt, auch sie 
ist mit einem alten wunderbaren Baue überdeckt. Gegenüber steht 

Sitzb. d. phil.-hist. Cl. VIII. Bd. IV. Hft. 29 



41 Ä v. Krem« r. 

die Moschee der Apostel. Diese Quelle quillt aus einem massenhaften 
Steine hervor, aus einer Öffnung, die einen Mann fassen würde. Das 
Wasser strömt mit grosser Heftigkeit heraus. Für diese Quelle ist 
ein eigener Wasserbehälter erbaut worden, um welchen herum sich 
Buden» die aus Steinen erbaut sind, ausbreiten; der Wasserbehälter 
ist überwölbt und darauf hat man eine grosse Moschee erbaut. Wenn 
sich das Wasser dieser Quelle mit der grossen Quelle vereiniget, die 
bei der grossen Moschee ist, so bildet sich ein bedeutender Fluss 
daraus, der viele Mühlen treibt und die Hälfte des Palmenhaines von 
Kafsa bewässert, so wie die Hälfte des Gebietes der Stadt und ihrer 
Saaten. Die zweite Hälfte des Palmenhaines von Kafsa bewässert eine 
grosse Quelle ausser der Stadt, welche 'Ain-el-Monastfr, d. i. die 
Quelle des Klosters, genannt wird. Es ist diese grosse Quelle voll 
hellen und reinen Wassers und aus ihr entspringt ein grosser Fluss; 
diese ist eine der schönsten Quellen, die man sehen kann, an der Seite 
des grossen Flusses, der Jäisch genannt wird, und der den Hain von 
Kafsa durchströmt; obwohl sein Wasser im Sommer abnimmt, so 
versiegt er doch nicht ganz. Das Bett dieses Flusses ist harte Erde, 
die mit Wasser voll getränkt ist; die Beduinen fahren ihre Kameel- 
heerden hieher um sie abzuwassern und höhlen Gruben aus, in welche 
süsses reines Wasser aufsickert. 

Die Bewohner von Kafsa zeigen in der Bewässerung ihrer 
Gärten besondere Kunstfertigkeit und grossen Scharfsinn und Be- 
rechnung. Sie selbst sagen: Wenn du Leute streiten siehst und es zu 
heftigen Worten zwischen ihnen kömmt, so kannst du überzeugt sein, 
dass die Ursache dieses Streites das Wasser ist. 

Ober einem der Stadtthore ist eine in Stein gehauene alte 
Inschrift, die übersetzt lautet: „Das ist eine Stadt der Genauigkeit 
und des Scharfsinnes." 

In ganz Afrika gibt es keine schöneren Weiber, als die von Kafsa, 
die sich zugleich durch gute Sitten und feine Redweise auszeichnen. 

Die Quelle, die innerhalb der Stadt entspringt und die Hälfte 
ihrer Gärten bewässert, nennt man das innere Wasser, und die ausser 
der Stadt entspringende Quelle, nämlich Ain-el-Monastfr und Wadi- 
Jäisch, wird das äussere Wasser genannt. Ausserdem sind noch 
andere Quellen vorhanden, welche das kleine Wasser genannt 
werden, es sind dies zahlreiche Quellen in der Nähe der Stadt, 
welche einen Theil ihrer Gärten bewässern. 



Description de PAfrique. 417 

Die Bewässerung findet nach Stunden Statt, daher kömmt es, 
dass die Diener dieser Gärten aufs Genaueste die Stunden des Tages 
kennen. Fragst du einen von ihnen, der gar keine Kunde davon hat, 
welche Stunde des Tages verflossen ist, so blickt er bloss auf die 
Sonne und misst durch das Fortschreiten ihres Schattens die Zeit 
ab und sagt dir alsogleich: Es ist so und soviel von einer Sechstel- 
Stunde. 

Die Leute von Kafsa streiten sich um diese Wasser und ver- 
kaufen sich wechselseitig das Recht zur Bewässerung um hohe 
Preise. 

Die Stadt Kafsa hat einen grossen Hain, der sie von allen 
Seiten wie ein Kranz umgibt, in einem Kreise dessen Durchmesser 
zehn Meilen beträgt. In diesem Haine sind Niederlassungen, die 
Kuzft (d. i. Dörfer) genannt werden , achtzehn an der Zahl, den Hain, 
die Niederlassungen und das Ganze umschliesst eine Mauer, welche 
die Mauer des Haines genannt wird. In dieser Mauer sind grosse 
Thore, oberhalb welcher bewohnte Thürme angebracht sind, welche 
Thore Durdb (d. i. Wege) genannt werden. Der Hain von Kafsa ist 
reich an Palmen , Ölbäumen und allen Obstarten, die hier besser, als 
irgendwo anders gedeihen. Hier gibt es herrliche Äpfel von kost- 
barem Gerüche, die man Sudsf nennt und dergleichen in keinem 
anderen Lande zu finden sind, ebenso vortreffliche Granatäpfel, 
Citronen und Bananen. Auch gibt es eine eigene Art von Datteln, 
die ausgezeichnet ist und die Mehrzahl ihrer Datteln ist von dieser 
Art. Es hat diese Dattelart die Länge von vier Zoll und der Umfang 
eines Hühnereies und ist so rein und fein von Haut, dass sie fast 
durchsichtig ist. Man pflegt diese Datteln in grossen Gefftssen aufzu- 
bewahren ; nimmt man sie dann heraus, so bleibt auf dem Boden des 
Geftsses eine klebrige Flüssigkeit zurück, die süsser als Honig ist 
und die zur Bereitung von Süssigkeiten verwendet wird. 

Kafsa bringt auch die meisten Pistazen hervor, so dass mir 
däucht, ganz Afrika werde von ihm mit Pistazen versehen, ebenso 
wie das eigentliche Maghrib, Spanien und Ägypten, denn -die Pistazen, 
welche aus Syrien kommen, sind kleiner und mit denen von Kafsa 
nicht zu vergleichen, welche die Grösse einer Mandel erreichen. 
Wenn die Früchte noch auf dem Baume sind , so gewährt der Baum 
einen sehr schönen Anblick , denn es hängt die Frucht in Büscheln 
darauf gerade wie die Weintrauben. Diese Pistazen haben einen so 

20* 



418 v. Kremer. 

herrlichen Gemch, dass Niemand davon etwas stehlen kann , denn 
der Geruch allein würde ihn verrathen. 

In den Gärten von Kafsa gedeihen auch alle Arten von duftenden 
Kräutern und Wohlgerüchen, als Myrthen, Jasmin, Orangen, Nar- 
cissen, Lilien, Veilchen u. s. w. Die Rosen von Kafsa sind grössten- 
teils weiss und das daraus bereitete Rosenwasser ist vortrefflich, 
und gleicht dem Dschäwi (d. i. dem aus Java gebrachten), das ans 
Ägypten bezogen wird. 

In Kafsa werden auch mäntelartige Tucher (Tailesän) und 
Kopfbinden aus Schafwolle verfertiget, die sich durch Feinheit aus- 
zeichnen und den Ehrenkleidern (an Feinheit) nahe kommen. Hier 
werden auch Wassergefftsse aus einer Thonart verfertiget, die Rib- 
dschije genannt wird, die sehr weiss und fein sind, so dass man ver- 
geblich ihresgleichen wo anders suchen würde. Ferner werden in 
Kafsa gute Glaswaaren und schöne GeAsse verfertiget, ebenso ver- 
goldete Vasen. 

In allen Dingen zeigt sich Kafsa als eine grosse Stadt und ihre 
Einwohner sind wohlhabende Leute, sehr fromm und Almosen spen- 
dend, den Tag Aschära halten sie hoch und wie einen Festtag; sie 
spenden an demselben Almosen und betheilen die Armen mit Klei- 
dern. 

Die Stadt Kafsa ist in Bezug auf das von ihr abhängige Gebiet 
eine der grössten Städte von Afrika, denn um sie herum liegen mehr 
als zweihundert wohlbevölkerte Dörfer mit Bäumen und Palmgärten, 
Ölbäumen, Pistazen und allen anderen Obstbäumen, es sind alle 
diese Örter reich an Quellen, Flüssen und Überresten des Alterthumes, 
sie werden die Schlösser von Kafsa genannt, d. i. Kusür-Kafsa, zu 
diesen wird auch die Stadt Tawirik gerechnet, die auf halbem Wege 
zwischen Kafsa und Feddsch-el-Him&r liegt, in der Richtung nach 
Kairowän ; es war diese Stadt gross und wohlbevölkert mit einer 
Freitag-Moschee. Die Karawanen pflegten , wenn sie in diese Ge- 
gend zogen, die Mäuler ihrer Kameele und Lastthiere zu verbinden, 
damit sie nicht von den Blättern der Bäume weideten, welche hier in 
solcher Menge am Wege stehen. 

Diese Stadt ist aber jetzt öde und verlassen seit der Zeit als die 
Araber Afrika betraten und das Gebiet von Kairowän , so wie viele 
andere Länder, Dörfer und Ortschaften und die meisten Städte in 
Afrika verwüsteten. 



Description de V Afrfque. 419 

Es folgt nun die Beschreibung des Districtes Kastilije, dessen 
Hauptstadt die Stadt Tüzer ist, deren Schilderung nach einigen ge- 
schichtlichen Notizen folgendermassen gegeben wird : 

Die Stadt Tüzer ist eine grosse alte Stadt mit einem Walle, der 
aus Steinen und gebrannten Ziegeln erbaut ist, um sie herum sind 
weite Vorstädte. Die eigentliche Stadt hat vier Thore und ist von 
einem grossen Walde umgeben; sie ist zugleich die an Datteln 
reichste Stadt im ganzen Beläd-el-Dscherfd. Von hier aus versieht 
sich ganz Afrika mit Datteln , ebenso wie die Länder der Sahära 
(Sahrä) wegen ihrer Menge und Billigkeit daselbst, so wie desshalb, 
weil diese Stadt am Rande der Wüste liegt, ohne dass man weiss, 
was für Länder hinter ihr sich befinden. 

Niemand ist im Stande , in das Innere der Sahära einzudringen, 
die sich südlich von der genannten Stadt ausdehnt. In dieser Wüste 
soll ein Strom von Triebsand sein , der so fliesst, wie das Wasser, 
dies ist eine allbekannte Erzählung. 

Die Bewohner von Tüzer stammen ab von den Übriggebliebenen 
der Römer, welche Afrika vor der Eroberung durch die Muslimen 
bewohnten, so wie gleichfalls die Mehrzahl der Leute von Kastilije 
und Beläd-el-Dscherfd von ähnlicher Abstammung sind, denn als die 
Muslimen in Afrika einbrachen, bekehrten sich die meisten Ein- 
wohner, um ihr Hab und Gut zu retten, zum Islam; — doch gibt es 
unter ihnen auch Araber , welche schon daselbst angesiedelt waren, 
zur Zeit der Eroberung durch die Muslimen , eben so wie Berbern, 
die nach Afrika in alten Zeiten einwanderten, als sie ihr ursprüng- 
liches Heimatland verliessen und daraus sich flüchteten. Denn die 
Berbern hatten ursprünglich Palästina in Syrien inne, und es war 
ihr König Dschälüt (d. i. Saul) der Übermächtige, der Halstarrige, 
(der Name Dschälüt ist eine Benennung aller Könige der Berbern) 
bis ihn Dawid tödfete , wie Gott auch in seinem Buche Erwähnung 
macht, worauf ihre Länder von den Israeliten unterworfen wurden, 
da zerstreuten sie sich in allen Ländern und die meisten von ihnen 
zogen nach Westen, einige von ihnen Messen sich in der Nähe des 
Landes Ägypten nieder. Auf diese Art zerstreuten sich die Berbern 
nach Afrika und die Länder des Westens, als sie an die äusserste 
Grenze des Maghrib vordrangen, ferner als zweitausend Meilen 
von Kairowän ; in diesen Ländern wohnten sie bis zum heutigen Tage. 
Anfangs hatten die Franken diese Länder inne, allein die Berbern 



420 v. Krener. 

verjagten sie auf die Inseln» wie z. B. Sicilien u. s. w. In der Folge 
kehrten die Franken mittelst eines Vertrages und Friedens wieder in 
ihre Städte und Absiedlungen zurück und die Berbern erwählten sieh 
als Wohnstätte die Berge» Sandstrecken» Wüsten und Grenzländer, 
während die Römer die Städte und Niederlassungen bewohnten , bis 
die Muslimen Afrika eroberten und die Römer sich ein zweites Mal 
flüchten mussten vor den Arabern auf die Insel des Meeres und in 
andere Länder» mit Ausnahme derer» die sich zum Islam bekehrten 
und im Lande und im Besitze ihrer Güter blieben» wie die Bewohner 
des Districtes Kastilije. 

Einige Bemerkungen des Autors über die Art und Weise» wie 
die Bewohner von TAzer ihre Felder düngen» können hier füglich 
übergangen werden. 

Eine andere Stadt im Gebiete von Kastilije ist Nafta» zwischen 
welcher und TAzer zwanzig Meilen liegen; es ist dies eine alte 
Stadt mit einem Walle von antikem Baue; — um die Stadt liegt ein 
Palmwald und Gärten» die reich an allen Obstarten. Ein Fluss durch- 
strömt ihre Gärten. Die Einwohner sind wohlhabende Leute und 
römischer Abstammung. 

Eine andere Stadt dieses Gebietes ist Takjus » welche eigentlich 
aus vier Städten besteht, deren Mauern so nahe an einander sind» dass 
ihre Bewohner sich sprechen können ; — auch diese Stadt ist reich 
an Palmen und Obstbäumen, so wie an allen anderen Obstgattungen. 
Diese Stadt ist besonders an Oliven reicher als jeder andere Platz 
in Kastilije, hat das grösste Einkommen und die reinste Luft mit vie- 
len fliessenden Quellen süssen Wassers. 

Zu dem Districte Kastilije gehört auch noch die Stadt HAmme, 
welche gewöhnlich Hämmet-Beni-Behl&l genannt wird (um sie von 
der Stadt Hämmet-Matmäta zu unterscheiden). Es sind diese Beni- 
Behlül eines der edlen Geschlechter von Kastilije, ja sogar das ange- 
sehenste unter allen» sie sind ebenfalls Abkömmlinge der Römer» die 
sich» um ihre Habe zu retten, zum Islam bekehrten. Sie sind berühmt 
wegen ihrer Grossmuth und Gastlichkeit, und dies ist es» was ihren 
Ruf in diesen Ländern weit verbreitet hat. 

Diese Stadt hat ein grosses Schloss» das Kali genannt wird 
und das von den Beni-Behlül und ihrem Gefolge bewohnt wird » be- 
völkerte Stadttheile umgeben es. Die Stadt hat Überfluss an Datteln» 



Description de l'Afrique. 421 

Oliven und allen anderen Obstgattungen. Nur im Districte Nefräwa 
gibt es Städte, die ihr verglichen werden können. 

Alle Quellen dieser Stadt geben heisses Wasser; auch ist im 
ganzen Lande BelAd - el - Dscherid kein Ort reicher an Weintrauben, 
aus welchen herrlicher Wein bereitet wird ; ausserdem bringt diese 
Stadt eine eigene Art von Datteln hervor, die Chinfis (d. i. Käfer) 
genannt werden, diese Dattelart ist von schwarzer Farbe, ausser- 
ordentlich süss und sehr gross. 

Im Gebiete von Kastilije gibt es viele Schlösser und an einander 
grenzende Ortschaften, die ausführlicher hier zu schildern der 
Raum fehlt. 

Zum Gebiete Bel&d-el- Dscherid gehört auch der Landstrich 
Nefräwa 1 ), der an Umfang Kastilije gleichkommt und Städte, Schlös- 
ser und viele bevölkerte Ortschaften umfasst, wie die feste Stadt 
Tarra, ferner Bischri, beide reich an Palmen und Olivenpflanzungen. 

Auch die Stadt Itmelhnen liegt in diesem Districte und ist eine 
feste Stadt mit Vorstädten, Palmen und Ölbaumpflanzungen, reich 
an allen Früchten. 

Der Landstrich Nefräwa enthält gerade so wie Kastilije reiche 
Städte, Schlösser und Ortschaften. In der Stadt Nefräwa selbst ist 
eine grosse Quelle, die auf berberisch Tawurghi *) genannt wird, sie 
ist von altem Bau und im ganzen Lande Beläd-el-Dscherid gibt es 
keine grössere Quelle als diese, sie ist so tief, dass man den Grund 
nicht erreichen kann. 

In der Nähe von Nefräwa ist eine alte verödete Stadt, in der 
viele antike Baureste übrig sind, es wird dieser Ort jetzt schlecht- 
weg „Medfne" genannt. Zwischen Nefräwa und Kastilije ist eine 
Tagreise Weges und es führt die Strasse durch eine Strecke voll 
Sümpfe, Moor cfnd salziger Gründe, wo man den Weg nur durch auf- 
gerichtete Hölzer erkennt, die man in den sumpfigen Boden gesteckt 
hat, der an Weichheit der Seife gleicht. Yerfehlt Jemand den Weg 
dieser an der Strasse aufgerichteten Hölzer, so verirrt er sich in die- 



*) Quatremere and Bdrisi schreiben beide Nifoawa, da aber untere vorliegende 
Handschrift immer Nefräwa geschrieben hat, 00 glaubten wir diese Leeeart 
im Texte beibehalten au müssen. 



*) Quatremere schreibt ^PuÜ, Pag. 503, 



422 ▼- Kremer. 

sen Sümpfen, in welchen schon in alten Zeiten ganze Heere umge- 
kommen sind. Die Grenze dieser Sümpfe kennt man nicht, sondern 
es erstrecken sich dieselben in die Wüste hinein, und es wird durch 
solche der nach Tüzer und nach Kastilije führende Weg in der Nähe 
des festen Landes nur mittelst dieser Hölzer betreten. Man behauptet, 
dass sich diese Sümpfe bis gegen Ghudämes hin ausdehnen, sie sind 
alle voll Salz ; — ein Ort zwischen Nafta und HAmme ist unter dem 
Namen der sieben Sümpfe bekannt. Auf der Hälfte des Weges , der 
von Tüzer nach NefrAwa fährt , ist eine kleine Insel , in der eine 
Quelle süssen Wassers, aus welcher alle trinken, die des Weges 
ziehen. Wenn die Reisenden im Sommer diesen Weg passiren, gehen 
sie vor der Hitze des Salzes fast zu Grunde , und das Wasser, wel- 
ches sie in ihren Schläuchen führen, wird salzig, so dass es nicht 
trinkbar ist , ausserdem wenn man es mit Zucker oder Honig ver- 
mischt; dieses alles habe ich gesehen und selbst erfahren (spricht 
unser Geograph). 

Die äusserste Stadt des Beläd-el-Dschertd ist Derdschfn, eine 
grosse Stadt in der Nähe von Nafta gelegen ; in dieser Stadt werden 
die derdschinischen Kleider verfertiget, die den in Sedschetraäsa 
verfertigten ähnlich, jedoch untergeordneter Qualität sind. 

In der Nähe dieser Stadt liegt das Land Süf, alles hinter diesem 
Lande liegende Gebiet ist unbekannt, dort gibt es keine Wohnungen 
und lebende Wesen ausser Berge von Sand, in denen man das Thier 
jagt, welches „Funk" genannt wird, das Fell dieses Thieres ist 
ausserordentlich fein. 

Die Bewohner dieser Gegenden erzählen, dass einst einige Leute 
die Gegenden, die hinter Kastilije liegen, erforschen wollten, wie z. B. 
Tüzer und andere, sie rüsteten sich mit Proviant und Wasservorrath 
aus und zogen in diesen Wüsten mehrere Tage herum, ohne dass sie 
eine Spur von Wohnungen angetroffen hätten, (hierauf kehrten sie 
heim) aber die meisten von ihnen kamen in diesen Sand wüsten um. 

Die Bewohner des Landes Beläd-el-Dschertd essen die Hunde 
und erklären sie für sehr schmackhaft, desshalb mästen sie diesel- 
ben und füttern sie mit Datteln, ja sie sagen, ihr Fleisch sei schmack- 
hafter, als alle anderen Fleischgattungen. 

Sonderbar ist es, dass im ganzen Lande Beläd-el-Dschertd nie- 
mand am Aussatze leidet, und betritt ein Aussätziger dieses Land, 
so hört seine Krankheit auf zuzunehmen. 



Deecription de 1' Afriqne. 423 

Die Bewohner dieses Landes sagen, dass die Datteln, wenn sie 
grün gegessen werden, vorztiglich aber die Dattelart, welche „Buhr" 

y* ) genannt wird, dieses verursachen; denn sobald derjenige, an 

dem sich Aussatz zeigt, viel von den Datteln isst, die „Buhr" heissen, 
sie kocht und ihren Absud trinkt, so gesundet er. 

Hier folgt nun die Beschreibung mehrerer Städte der Provinz 
Africa, deren erste die Stadt Bädsche ist, die durch ihren Reichthum 
an Getreide so bekannt ist , dass sie die Kornkammer von Afrika ge- 
nannt wird. In der Nähe dieser Stadt liegt der wegen seiner Frucht- 
barkeit berühmte Landstrich Kil. 

Bedeutende Städte sind ebenfalls die nun folgenden : Tabarka, 
Sebibe, Medschäne und Mermähine *)• 

Nicht ohne Werth ist das über die Stadt Tebesä Gesagte: „sie 
enthält viele Ruinen und Alterthümer , so dass nach Kartadschenne 
in ganz Afrika keine Stadt in dieser Beziehung bedeutender ist. In 
dieser Stadt ist ein Amphitheater von wunderbarer Bauart; es steht 
darin ein Tempel, der so aussieht, dass man glauben möchte, als sei 
gerade der letzte Stein daran gelegt worden. Der Bau ist so fest, 
dass man den Zwischenraum zwischen den Steinen nicht erkennen 
kann und wollte man eine Nadel zwischen zwei Steine hineinstecken, 
so fände sie keinen Raum; im Innern sind Gewölbe in mehreren 
Stockwerken übereinander gewölbt, eben so auch unter der Erde 
Gemächer und viele Gewölbe, die einen grossartigen Anblick ge- 
währen. 

Man behauptet, dieser Tempel habe zur Beschwörung der Gei- 
ster gedient, denn man sieht darin noch bis jetzt die Spuren des 
Rauches. Darin sieht man die Abbildungen aller Thiere und ver- 
schiedene Figuren, deren Bedeutung unbekannt ist. 

In der Mitte der Stadt ist ein grosser Tempel auf mächtigen 
Marmorsäulen ruhend, auf dessen äusseren Mauern ebenfalls die Ge- 
stalten aller Thiere mit bewunderswerther Kunst ausgeführt sind. 
Man behauptet, es seien dies Talismane, von welchen man auch 
viele in den Ruinen findet. Als ich die Stadt betrat (erzählt unser 
Autor) gab mir einer der Bewohner des Ortes einen Talisman in der 
Gestalt von zwei Löwen aus rothem Kupfer, die mit ihren Hinter- 



1 ) Edrisi schreibt Merm&dschine* 



424 v. Kremer. 

theilen sich aneinander stemmten und mit grosser Kunst gearbeitet 
waren. 

Der einzig bewohnte Theil vonTebesd ist jetzt dasSchloss, das 
mit Mauern aus festem Gestein und von solider Bauart umgeben ist, 
und so wohl erhalten, dass es scheint, als wäre es erst gestern vol- 
lendet worden. In der Stadt Tebesä sind auch Gewölbe, in welchen 
die Reisenden mit ihren Thieren im Winter Unterkunft suchen , ein 
einziges solches Gewölbe fasst zweitausend Pferde und darüber. 

In der Nähe der Stadt Tebesä ist ein Wädi, welches Wädi- 
Melän genannt wird, dessen Wasser im Sommer abnimmt, es ist 
schwer zu passiren, wegen der Menge des Schlammes. Oberhalb 
diesem Wadi erhebt sich ein Berg, der Kalb - Melan genannt wird 
und so hoch ist, dass er schon in der Entfernung mehrerer Tagreisen 
sichtbar ist. In der Nähe von Tebesä ist noch ein anderer Berg, der 
Kitf genannt wird. 

Die Stadt Bäghäna ist eine grosse angesehene Stadt, die manche 
Alterthümer enthält; sie hat reiche Quellen, Saaten und Wiesen und 
liegt am Fusse des Berges Auräs (mons Audus). Dieses Gebirge 
durchzieht die Länder des Westens (Maghrib) und Afrikije ; eines 
der von ihm auslaufenden Vorgebirge ist das Vorgebirge AighiritAk 
im Weltmeere, dort wo der Bergsteig Akabat-el-Mostedschäb auf- 
hört; sein zweites Vorgebirge ist das Vorgebirge Autän im mittel- 
ländischen Meere in der Nähe von Alexandrien , nach dessen Um- 
segelung die Schiffe ihre Fahrt filr sicher halten. Es beginnt dieses 
Gebirge im Maghrib und ist eins mit dem Gebirge Dschebel-el-Mu- 
s&mide, das auch Dschebel Deren genannt wird oder Dschebel 
DschezAIe oder endlich Ankist *)• 

Dieses Gebirge wird von Stämmen von Lewäte bewohnt und 
heisst auch Dschebel-Nefftse , es erstreckt sich ein Vorsprung des- 
selben bei zweihundert Meilen ins Meer und bildet einen grossen 
Golf; wenn nun der Wind ein Schiff in diesen Golf hineintreibt, so 
fehlt ihm der Wind, um wieder heraussegeln zu können , auch findet 
es dort keinen Ankerplatz , da der Berg von harten Gestein und so 
glatt wie eine Mauer ist. 



*) Sieh« Qnatremere's Extraita Pag. 564 , wo dieser Name in der Handschrift 
Obeid-Allab-el-BekrTs fan» yeratAmmelt ist 



Descriptlon de 1' Afrique. 425 

In der Nähe von Baghäna ist das Grab des M&d&ras , das so 
gross wie ein Berg ist, ganz aus kleinen mit Blei eingegossenen 
Ziegeln erbaut *). An den Seiten desselben sind kleine Nischen an- 
gebracht» in denen Menschen- und Thier-Abbildungen zu sehen sind. 
Es hat auf allen Seiten Stufen. 

Viele Völker haben es zu zerstören gesucht , waren es aber 
nicht im Stande» man weiss übrigens nicht» ob es ein Grab oder 
Tempel sei» nur das ist gewiss» dass es ein sehr alter Bau ist 
und es versammeln sich darauf alle Vögel » die dort einen Talisman 
haben sollen. 

Unter die bedeutenden Gebirge von Afrika gehört auch das 
Gebirge Asrau; ein reiches Gebirge voll von Städten mit vielen 
Alterthümern und verödeten Orten wie z. B. die Stadt Tanka » eine 
alte Stadt mit wunderbaren Bauresten. 

Ich selbst (spricht unser Geograph) sah darin ein Haus» dessen 
zwei Thorschwellen aus zwei Steinen von ausserordentlicher Grösse 
bestanden» auf welchen ein Querbalken ruhte» der ebenfalls aus 
einem einzigen Steine war auf eine Art cisilirt und gemeiselt» wie 
man bei uns das Holz zu bearbeiten pflegt. 

Der folgenden Stadt ElmAs sind nur einige Worte gewidmet. 

Hingegen zeichnet sich die Stadt Schakjanartje, am Fusse des 
Berges Asrau gelegen, durch Ruinen aus. Es sind noch jetzt dort 
die Reste einer grossen Wasserleitung zu sehen » ebenso wie ein 
Gang» der unter dem Berge durchführt und der so geräumig ist» 
dass ein Reiter mit der längsten Lanze die Decke des Ganges nicht 
erreichen kann. 

Am Berge Asrau liegt ferner die Stadt Kasantfne (Constantine)» 
eine alte» wohlbevölkerte Stadt, deren Wasser in einer Wasserleitung 
herbeigef&hrt wurde, welche der von Kärtadschenne wenig nachgibt. 
Die Stadt Kasantfne ist ausserordentlich fest gelegen, so dass es in 
ganz Afrikfje keine Stadt gibt, die eine festere Lage hätte als Kasan- 
tine; in dieser Beziehung kann mit ihr nur die Stadt Ronda in Spa- 
nien verglichen werden , die ihr in Bezug auf die Lage und den sie 
umgebenden Graben gleicht, doch ist die Stadt Kasantfne grösser 
und höher, denn sie liegt auf einem grossen Berge von hartem Stein; 



f ) Von diesem Grabe bat an« kein neuerer Reif ender Kunde gegeben; der Name 
allein deutet auf einen nicht arabischen Ursprung hin. 



426 ▼• Kremer. 

— dieser Berg ist zerklüftet, so dass gleichsam ein grosser Graben 
die Stadt von drei Seiten umgibt , ein grosser Fluss ergiesst sich in 
diesen Graben und umströmt die Stadt und man hört von seiner 
Strömung ein gewaltiges Brausen aus dem Stadtgraben herauf. 

Über diesen Graben führt eine von den Alten erbaute grosse 
Brücke, eigentlich aus drei über einander gespannten Bogen beste- 
hend ; über diese Brücke gelangt man zum Thore der Stadt. Am 
Ende dieser Brücke nahe am Thore ist ein Haus auf Gewölben erbaut, 
das Ton den Eingebornen 'Abür, d. i. Syrius, genannt wurde (mit 
Anspielung auf den Stern Schirä) , weil dieses Haus ebenso wie der 
Stern in der Luft schwebt. Steht man auf der Mitte dieser Brücke 
und will auf die andere Seite hinübergehen , so meint man in der 
Luft zu schweben und es erscheint der grosse Fluss in der Tiefe 
der Schlucht wie ein kleines Bächlein. 

Die Stadt hat ein weites, reiches, wohlbevölkertes Gebiet mit 
Gärten, welche verschiedene Obstgattungen hervorbringen, allein 
wegen der hohen Lage ist die Temperatur sehr streng und Schnee 
und Winde sind sehr häufig. Der nächste Hafen ist Kil, welcher von 
Kasantine zwei Tagreisen entfernt ist. 

Auch die Stadt Mtle ist nicht unbedeutend wegen des grossen 
dazu gehörigen Gebietes. In der Stadt ist eine Quelle süssen Was- 
sers , das von dem in der Nähe der Stadt gelegenen Berge Tämrftt 
kommen soll; diese Quelle wird Ain-Abts-Sibä 1 genannt. Nicht ferne 
von der Stadt Mtle ist der Berg Unsul , der jetzt Dschebel-Beni- 
Zeldüi genannt wird. 

Es bestehen diese Beni-Zeldüi aus vielen berberischen Stämmen, 
welche diesen Berg bewohnen. Sie sind sehr widerspenstig gegen 
die Statthalter und dies wegen der Unzugänglichkeit ihres Gebirges, 
in welchem viele Städte, Ortschaften und Dörfer sind. Dieses Gebirge 
ist das reichste in ganz Afrikije , erzeugt alle Obstgattungen , vor- 
züglich aber Äpfel und ausgezeichnete Pfirsiche, auch viele Trauben. 

Auf dem Wege von der Stadt Mtle zum Schlosse Kal&t-Abi- 
Tawfl liegt die Stadt Setff, in der Entfernung einer Tagreise 
von Mlle. 

Die Stadt Medfnet-el-Ghadir liegt mitten zwischen Bergen, ihr 
Fluss, der Schür genannt wird, sammelt sich an einem morastigen Orte 
aus mehreren Quellen und strömt zur Stadt Mesfle, die im Districte 
des Zäb liegt und deren wir in der Folge erwähnen werden. 



Deseription de l'Afrique. 427 

In der Nähe der Stadt Ghädir ist die Ebene 'Adschfse, auch 
Medfr genannt, reich an Heerden und Saaten, und sie hat nur den 
Übelstand, dass ihre Temperatur sehr rauh ist. 

Die nun folgende Schilderung des Schlosses Kal&t-Abi-Tawfl, 
des Sitzes der Sinhädscha , deren Paläste daselbst zu sehen sind, 
gibt längere historische Daten Ober die Eroberung und die Schick- 
sale des Schlosses sowie einige Anekdoten ober Hammftd-Ibn-MonAd. 

Es beginnt hiernach der dem Districte Belad-ez-Zäb gewidmete 
Abschnitt, welcher folgende Städte umfasst : 

Mesfle, die am Flusse Schür liegt, in der sehr ergiebigen und 
fruchtreichen Gegend, wohnen berberische Stämme von Adschfse, 
Hawwära und Beni-Berzäl. 

Nicht minder reich ist die Stadt Nakäwas , ebenso die mit einer 
Mauer aus Ziegeln umwallte Tabna. 

Die bedeutendste Stadt dieses Gebietes ist Beskera, die, reich 
an allen Früchten, besonders eine Dattelart hervorbringt, die Lijäri 
und eine andere die Kesbä genannt wird , welche vorzüglich ist *)• 
Die Stadt bewässert ein Strom, der vom Gebirge Auräs herabströmt. 

Nicht minder wichtig ist die Stadt Teh Ada, reich an Gärten 
und Saatfeldern , aber vorzüglich desshalb historisch merkwürdig, 
weil vor ihren Mauern c Ukbat-Ibn-Näft, der arabische Eroberer 
Afrika'8 fiel, besiegt von dem überlegenen Heere der Römer unter 
Anführung des KesfleMbn-Akdam *). 

Die letzte Stadt dieses Abschnittes ist die Stadt Kädis, welche 
zwei Schlösser enthält mit grossen Vorstädten und weitläufigen 
Saatfeldern, dieses ist zugleich die letzte Stadt des Districtes 
von Zäb. 

Es folgt nun der vierte Abschnitt des Werkes , nämlich jener, 
welcher das mittlere Maghrib (Maghrib-el-Ausat) beschreibt, nach- 
dem vorher über die Städte der Seeküste, des Innern und der Wüste 
und das Gebiet Beläd-el-Dscherid gehandelt worden ist. Es werden 
hierin folgende Städte aufgezählt: 

1. Telemsdn, 

2. Wadschde, 



*J Diese Dattelart kennt man auch in Ägypten unter dem Namen Kusbe. 
*) Nach Ibn-AdÄri herausgegeben von Dozy, I. livrais. pag. 16, ist der Name 
dieses Feldherrn : Kesfiet-Ibn-Lemzem-el-Birinsf. — 



428 v. Krem er. Dewrlptlon de l'Afrique. 

3. Adschersff, 

4. Tahirt, 

5. Kalit-Hawwära. 

Die über die Städte Telemsän und Kalit-Hawwära gegebenen 
Notizen sind besonders voll beachtenswerter Angaben. 

Der nächstfolgende letzte Abschnitt des Werkes enthält die 
Beschreibung des äussersten Maghrib , d. i. des jetzigen marocca- 
nischen Reiches und beginnt gleich mit der Beschreibung der Stadt 
Fas (Fez). 

An die Beschreibung der Stadt Fas schliesst sich die der in 
der Umgegend liegenden bedeutendsten örter und Gebirge an; be- 
sonders anzuführen ist hier die Stadt Medfnet-el-Ribät, die auch 
Miknäset-Tazä heisst, weil sie im Lande Tazä liegt; — den Namen 
Miknäse erhielt sie von einem grossen dort wohnenden berberischen 
Stamme» der so heisst. 

Die nächste Stadt ist: Miknäset-ez-ZeitAn. 

Hierauf folgt Dschenjäre, dann Kirmet, auch Basrat-el-Elbän 
genannt, dann Kasr-Sinhädsche und der letzte angeführte Ort ist das 
Schloss des Ibn-Dschundäb, wo die Handschrift, aus welcher der 
Text herausgegeben wurde, plötzlich abbricht. 



Verzeichnis» der eingegangenen Druckschriften. 429 



VBBIBICHNI88 

DBB 

EINGEGANGENEN DRÜCKSCHRIFTEN, 

(April.) 

Acadämie des sciences, arts et belles-lettres de Dijon: 

— S&nce publique. 1810. 19, 21, 23, 25, 27, 29, 36, 43; 8°- 

— M&noires. 1782, I sein. 1783, I sem. 1784, 1823, 1830, 
1850; 8*- 

Acadämie nationale de Mädecine. M&noires. T. 16. Paris 1852; 4°* 

Accademia pontificia de'nuovi Lincei. Atti. Anno IV, sess. 7» 
Roma 1851; 4°- 

Analyse de FAcadämie (de Dijon) pendant le coura de Tan 12. 
Dijon 1805; 8°- 

Annalen der Chemie und Pharmaeie. Herausgegeben von Friedr. 
Wöhler und Just. Liebig. Bd. 80, Heft 3. Heidelberg 
1851; 8°- 

Annales Academici 1840 — 49. Lugduni Batavorum 1851; 4°- 

Chatellier, A. du, L' Inde antique, extrait d'un ouvrage inädit 
sur les grandes nationales des temps anciens. Paris 1852; 8°* 

Description de FAfrique. Par un gäographe arabe anonyme du 
6 si&cle de I'Hägire. Texte arabe publik pour la premi&re fois 
par M. Alfred de Krem er. Vienne 1852; 8°* 

Ehrlieh, Karl, Geognost. Wanderungen im Gebiete der nordöst- 
lichen Alpen. Linz 1852; 8°- 

Ettingshausen, Const. v. Über Palaeobromela, ein neues fossiles 
Pflanzengeschlecht. Wien 1852; 4** 

— Beiträge zur Flora der Vorwelt. Wien 1851; 4°- 
Expedition, arctic. Further correspondence and proceedings con- 
nected with the arctic expedition. London 1852; fol. 



430 VerMichnis» 

gaffet, $irft *., Sa* mofaffö-tabbfmfd>e ©t>itted>t. S#. I, 1, 2. 

SBten 1852; 8. 
gfota. 1852, »r. 8— 12. »egenttura; 8 ## 
Fritsch, K. , Resultate mehrjähriger Beobachtungen über jene 

Pflanzen, deren Blumenkronen sich täglich periodisch öffnen 

und schliefen. Prag 1851; 4°- 
Girault, C. X., Archäologie de la cöte d'or. Dijon 1823; 8°» 

— S^rie par ordre chronol. de faits etc. sur l'histoire des deux 
Bourgognes. Dijon 1821; 8°- 

— Dissertation sur l'äpoque et les causes de l'&rection de la 
colonne de Cussi. Dijon 1821; 8°* 

®raf, St , Die <gntjie$unfl ber ijlerretd}ifd)en SDtanargie. Älagenfttrt 

1852; 4°- 
$aa£, fltkftael, öebenfbttdj bet f. freien ©tabt 8funßted>en. günf^ 

firmen 1852; 8°. 
$änle, <S$r.$r., Die Urfad^en ber inneren Srbmärme w. 8a$t 1851 ; 8'* 
Ha xo, R^flexions sur l'ichthyog&iie ou äclosion. artificielle des 

oeufs de poissons. Epinal 1851; 12° 
fingen au, Otto grei^. t>., Uebetfidjt ber geoloflifd^en SSer&dttmffe 

von SRctyren in Oejlerreidjtfd)*@d)lejten. SBien 1852; 8°* 
Sa^rbudj, ©erg* unb fcfotenmannifdjeS , ber f. f. 3R<mtan*8e$tanßalt 

ju «eoben. »b. 2, SBien 1852; 8" 
Jahresbericht, zweiter, über die wissenschaftlichen Leistungen 

des Doctoren-Collegiums der medicinischen Facultät zu Wien, 

unter dem Decanate des Dr. J. Schneller, im Jahre 1850 — 51. 

Wien 1852; 8°- (5 Exemplare.) 
Ibn 1 Je m ins Bruchstücke. Aus dem Persischen übertragen von 

Ottokar Maria Freih. v. Schlechte- Wssehrd. Wien 1852; 8*- 
Institut des prorinces de France. Bulletin bibliographique des 

soci&äs savantes des däpartements. No. 6. Paris 1852; 8 # * 
Journal, the astronomical. Vol. II. 12. Cambridge 1849; 4°* 
Istituto I. R. Lombardo di scienze ecc. Giornale fasc. 13, 14. 

Milano 1852; 4°. 
Karadschitsch, Wuk. Stephan. Lexicon serbico-germanico-lati- 

num. Vindob. 1851 ; 8°- 
Lamont, Beschreibung der an der Münchner Sternwarte zu den 

Beobachtungen verwendeten neuen Instrumente etc. München 

1851; 4°- 



der eingegangenen Druckschriften. 431 

Seemann, 3. ©., Dfylomatifte Oefä^te be* Stifte* be« $. W^PP 

ju 3ell in ber <PfaI$. Speiet 1852 : 4°« 
Lotos, Nr. 3. Prag 1882; 8°- 
Memorial de Ingenieros. Nr. 2. Madrid 1882; 8°* 
Notice de la säance publique, tenue le 10 germ. an 7 par la 

soci&ä libre etc. de Dijon. Dijon an 7; 8°* 
Parrat, H., Traduction chaldäique, latine et fran$aise de I'inscrip- 

tion hiärogtyphique du grand eercle du Zodiaque de Denderah. 

Porrentruy. 5 Blätter Fol. 
Perrey, Alexis, Documents relatifs aux tremblements de terre 

dans le Nord de l'Europe et de PAsie. St. Petersbourg 

1849; 4°- 
Plan d'une histoire litteraire de Bourgogue, projetäe par l'Acadänie 

des sciences de Dijon. Dijon 1832; 8°* 
Rapport ä l'Acad&nie de Dijon etc. contenant une notice historique 

sur l'dtablissement des fontaines publ. Dijon 1835. 

— lu ä l'Acad&nie etc. de Dijon dans ses seances partic. des 3 
Juil. 1811 et 19 Mai 1813. Dijon 1815; 8°- 

— sur les annales du moyen äge. p. Nault. Dijon 1826; 8°' 

— verbal sur une excursion archäologique en Lorraine etc. fait k 
la soci£t£ frangaise pour la conservation des monuments par Mr. 
de Caumont. Paris 1851; 8°- 

Stau, (Beorg, ©ie gtegtment8*93etfajfwig ber freien SftetdjSjiabt ©peter, 
in tyrer gefd)td)tlid)en ßmttoidefanfl utfunbltd) gef^Ubert. Speiet 
1844—45; 4°- 

— St. $., lieber ben ffetnjlen Umfang eines SauenijjüteS. $eibelberfl 
1852; 8°- 

Report by the government commission on the chemical quality of 
tbe supply of water to the metropolis. London 1851; 8°* 

Ro nal ds, Francis, Epitome of the electro-meteorolpgical andmagne- 
tic obseryations experiments. Chiswick 1848; 8°* 

— Report concerning the observatory of the british association at 
Kew. London 1850; 2 Hefte, 8'- 

— On photographic-self-registering meteorological and magneti- 
cal instruments. London 1847; 4°- 

Saadi, Der Fruchtgarten. Aus dem Persischen auszugsweise über- 
tragen von Ottokar Maria, Freih. y. Schlechta-Wssehrd. Wien 
1852; 8°- 

Sitzb. d. phii.-hist, CI. VIII. Bd. IV. Hft. 30 



432 VeraeichBisa der eingegangenen Druckaehriften. 

Scolari, Filippo, Del piü vero studio delP arte poetica di Qu. 

Orazio Flacco a profitto della civil societi. Yenezia 1852; 8*. 
Sociätä fran$aise pour la conseryation des monumente. Bulletin 

monumental. T. 7. Paris 1852; 8** 
Teleki, Graf Joseph, Hunyadiak kora Magyarorszigon (bo* 3eiU 

alter ber $un$abter tu Ungern) Pesten 1852. Vol. 1 ; 8°- 
Tübingen, ttntoertftätfförtften a. b. 3 1851. 
»erein, Nflorif*«, ber $fal$. 3afrrett«f$t 1, 2. «peter 1852. 8- 
3euß, bie freie 8Wd)«jtobt epeier t>or ffrrer SetfMrung, «*!) itrfiatb* 

tt$en Cuetten JrtU$ geföllbert. Qptitx 1843; 4°. 
— Traditiones possessiooesque Wirenburgenses Codices dno cum 

supplementis. Spirae 1852; 4°- 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE. 



Till. BAND. 



V. HEFT. — MAI. 



JAHR6AW6 1852. 



81 



438 



SITZUNG VOM 12. MAI 1852. 



Es wird der Classe eine handschriftliche Abhandlung des 
Herrn Skreinka, Senior und Katecheten an der Real-Schule zu 
Arad: „ Exegetisch - chronologische Ausmittelungs - Versuche über 
einige Dunkelheiten in Beziehung zur Zeit des zweiten Tempels in 
Jerusalem," mit dem Ersuchen um deren Aufnahme in die Druck- 
schriften der Akademie vorgelegt und zur Prüfung einer Commission 
zugewiesen. 



Auf Ansuchen der historisch -statistischen Section der k. k. 
mShrisch-schlesischen Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues, 
der Natur- und Landeskunde zu Brunn, und des königl. baierischen 
Reichs-Archivs zu München wird mit diesen beiden gelehrten Körper- 
schaften der Schriftentausch eingegangen. 



Gelesen: 

Versuch einer Begründung meiner „Hypothese" über den 

Ursprung des „Privilegium majus" von 1156. 

Vom Hrn. ftegteraagsrath Chnel. 

Ich habe vor einiger Zeit (im December 1850) die Frage über 

die Echtheit des sogenannten „majus" des Fridericianum von 1156 

zur Sprache gebracht, bei dieser Gelegenheit einer Abhandlung eines 

jungen Gelehrten gedacht, die vorbereitet werde und die Unecht- 

heit dieser vielbesprochenen Urkunde zu erweisen suche. Ich hatte 

81 • 



436 Joseph Chmei. 

in demselben kleinen Aufsatze , der bestimmt war, die kritiscbe 
Untersuchung einer der vorzüglichsten bisherigen Quellen der 
österreichischen Staats -Geschichte gleichsam vorzubereiten, meine 
eigene Ansicht aufgestellt, und dasselbe Document ftir unterschoben 
erklärt; zugleich auch ausgesprochen, dass ich es für ein Werk der 
Kanzlei König Ottokar's II. (beiläufig um 1274 von dem königlichen 
Notar Henricus de Isernia angefertigt) halte. Seitdem ist nun diese 
Abhandlung des Privat -Docenten an der k. Universität zu Berlin, 
Herrn Dr. Wilhelm Wattenbach, der historischen Commission 
eingeschickt, und von ihr auch zum Abdruck in unserm „Archiv fttr 
Kunde österreichischer Geschichtsquellen" bestimmt worden. Sie 
erscheint sogleich. Herr Wattenbach hält (mit Dr. Böhmer) den 
von 1358 bis 1365 regierenden Herzog Rudolf IV. f&r den Urheber 
dieser und mehrerer anderer Fälschungen 1 )- — Er nennt meine 
Hypothese „ganz unwahrscheinlich" und glaubt, König Otto- 
kar IL habe daran nicht gedacht, nicht zu denken gebraucht! 
Aufforderung genug, meine Ansicht zu begründen und zu recht- 
fertigen! Man könnte über diese Frage ein ganzes Buch schrei- 
ben, sie ist ja eine der wichtigsten in unserer Geschichte. Da ich 
aber mit Herbeischaffung neuen Stoffes und dessen Zurechtlegung 
aus einem längeren Zeiträume vollauf beschäftigt bin, zudem zwar 
Kritik der Q u e II e n , durchaus aber nicht Polemik der Geschieht s- 



l ) Bereits im Jahre 1830, also fünf Jahre vor Böhmer, und dreizehn Jahre 
vor Wattenbach hat der Geschichtsschreiber des Hauses Habsburg, Fürst 
Lichnowsky, in seiner Geschichte durch sehr freimüthige Andeutungen 
dem „titelsüchtigen" und „eitlen 1 ' Herzoge Rudolf IV. die Urheberschaft 
dieser Urkunde zugedacht. 

Ich habe allen Respect vor Lichnowsky 's Freimut h und seiner (sub- 
jeetiven) Unparteilichkeit, die an sehr vielen SteUen seines umfang- 
reichen Geschichtswerkes hervorleuchtet, übrigens mit dem Vorworte des 
ersten Bandes nicht selten in Widerspruch gerftth; aber gründliche 
Kenntniss der so verwickelten Verhältnisse im dreizehnten, 
Tierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderte wird nur durch die umfassend- 
sten und mühsamsten Studien erworben, die man im T e x t e dieses durch 
seinen reichen Apparat von Beilagen (Regesten u. s. w.) jedenfalls höchst 
schätzenswerthen Werkes nur zu häufig vermisst. Lichnowsky macht 
sehr oft Äusserungen , die durch seine eigenen Regesten widerlegt werden 
können. — 



Hypothese über den Ursprung des Privilegium majus Ton 1156. 437 

forscher liebe, so werde ich mich möglichst kurz fassen; ich stelle 
es dann Jedem frei, selbst zu prüfen und sich für oder gegen meine 
Ansicht zu erklären *). 

Dr. B ö h m e r, den Wattenbach als competentesten Richter und 
„ersten Kenner unserer Zeit" erklärt, hat, wie ich bereits in meinem 
froheren Aufsatze angeführt habe, das Majus des Fridericianum Ton 
1186 in der zweiten Bearbeitung seiner Regesten yon 1198 — 1254, 
S. 199, Nr. 1086, för unecht erklärt und seine Entstehung dem 
Herzog Rudolf IV. zugeschoben. — Er nennt diese Urkunde „in 
der äussern form täuschend, in der spräche auffal- 
lend, im inhalt läppisch." — Zugleich erklärt er das soge- 
nannte minus für echt. 

Wir müssen also vor Allem in den Inhalt beider Documente 
näher eingehen, ihre Ähnlichkeit so wie ihre Unterschiede scharf 
auffassen. 

Doctor Böhmer nennt den Inhalt des majus „läppisch." 
— Wir wollen sehen, ob es diese Signatur Ter diene. 

Das sogenannte Privilegium minus*), das jetzt nur in Hand- 
schriften des 13. bis 15. Jahrhunderts existirt, enthält Tier Artikel 
oder Hauptpuncte. 

Diese vier Puncto hat der Verfasser des Privilegium majus 
(man kann füglich sagen) zu sechzehn Artikeln erweitert. — Zu- 
erst nun den Inhalt des minus. 

Kaiser Friedrich L, welcher die bisherige Markgrafschaft Öster- 
reich zu einem Herzogthum erhoben , mit einem Theile Ton Baiern 
vergrössert und dem Heinrich, bisherigen Herzog von Baiern und 
Markgrafen von Österreich, und seiner Gemahlinn Theodora als Lehen 



Ohnehin will ieh später in meinen „habsburgischen Excursen 1 ' die Zeit 
Rudolfs I. und seiner Söhne und Enkel gründlich erörtern , da soll alles ur- 
kundlich belegt werden. 

Ich verweise der bequemeren Benützung wegen auf den dem XXVTII. Bande 
der Monumenta boica (Band I der „Collectio nova) beigegebenen : Commen- 
tarlus diplomatieo-criticus super duplex Privilegium 1 * etc. etc. des P. 
M o r i z , der unter A. und B. den Abdruck des Minus und Majus so ziemlich 
correct liefert. — Bekanntlich hat Hormavr gegen diesen Commentarius eine 
umständliche Abhandlung geschrieben, aber weder er noch Moriz geben in 
den Inhalt heider Urkunden tief genug ein. — r 



438 Joseph Chmel. 

verliehen hatte, gewährt demselben für die bereitwillige Resignirung 
auf Baiern» das der Kaiser dem Herzog Heinrich von Sachsen (dem 
Löwen) zurückgab, folgende wichtige Concessionen : 

„Erstens sollen sie, und ihreKinder nach ihnen, ohne 
„Unterschied, Söhne wie Töchter, dasselbe Herzogthum Öster- 
reich erbrechtlich vom (römisch -deutschen) Reiche inne haben 
„und besitzen 1 ). 

„Wenn aber 1 ' (heisst es weiter) „der vorbesagte Herzog von 
„Österreich , unser Oheim, und seine Gemahlinn kinderlos abgehen 
„sollten, sollen sie die Freiheit haben, dieses Herzogthum wem sie 
„immer wollen zugetheilt zu wünschen*). 

Diese Ar die damalige Zeit allerdings wichtige Concession der 
Nachfolge einer Tochter war für Herzog Heinrieb Jasoroirgott, der 
zur Zeit der Ertheilung dieses Freibeitsbriefes noch keine männ- 
lichen Leibeserben, wohl aber eine Tochter Agnes hatte, ohne 
Zweifel der Preis seiner Nachgiebigkeit und Resignirung auf das 
mit vollem Rechte ihm zustehende Herzogthum Baiern. 

Die Bewilligung, vor kinderlosem Abgange einen Erben 
seines Reichslehens vorschlagen zu dürfen, ist daneben nur höchst 
untergeordnet. 

Im Grunde war diese ganze Concession eine rein persönliche, 
diese Gnade erstreckte sich nur auf den Herzog, seinen patruus 
(nicht aber auf dessen jeweilige Nachfolger im Herzogthume) , auf 
dessen Gemahlinn Theodora und ihre Kinder; an eine Disposition 



*) Der Wortlaut ist : „perpetuali iure sanecientes, ut ipsl et liberi eontm posl 
eos indifferenter fiUi et fiUe eundem Ducatum Austrie hereditario jure a regno 
teneant et poasideant.'' 

•) Es ist schwierig im Deutschen ohne Umschreibung die Worte des Textes ge- 
nau au geben, der wahrhaft diplomatische Ausdruck der lateinischen 
Urkunde |st: „81 autem predictus Dux Austrie, patruus noater, et uxor eins 
absque überis decesserint, libertatem habeant, eundem Ducatum affeetandi 
eul cumque voluerinf — Das Wort affeetandi heisst hier den Wunsch 
auszusprechen, dass diesem oder jenem das Hersogthum Österreich ver- 
liehen werde. Das Verhaltniss des Landes als Reichslehen wird dadurch 
nicht verändert, der Oheim und seine GemahUnn haben nur die Freiheit ihren 
Nachfolger im Besitie dieses Reichalehens namhaft su machen. — Das 
Reichsoberhaupt behält das Recht, diesen Wunsch au bestätigen — oder 
auch au beseitigen ! 



Hypothese über den Ursprung des Privilegium majut ron 1156. 439 

für alle Zeiten war nach dem Wortlaute dieses Privilegiums nicht 
zu denken! 

Die zweite Concession betrifft wie die zwei folgenden die künf- 
tige Stellung des Herzogs von Österreich. 

2. Der Herzog von Österreich soll allein im Namen des Kai- 
sers (das brachte ja der Begriff eines Reichslehens mit sich) in 
seinem Gebiete (Herzogthume) das Recht verwalten, Niemand 
soll ohne seine Einwilligung undErlaubniss darin Rechtsprüche 
ergehen lassen 1 ). 

3. Der Herzog von Österreich schuldet von seinem Herzog- 
thume keinen andern Dienst dem Reiche, als dass er sich bei den 
Hof tagen, welche der Kaiser in Baiern ausschreiben l&sst, ein- 
finde, wenn er dazu aufgefordert wird. 

4. Er schuldet auch keinen andern Heeres zug, als den 
der Kaiser etwa in solche Reiche oder Provinzen anordnet, welche 
Österreich benachbart sind 8 ). 

Bemerkenswerth ist noch, dass in dem Ausdrucke der Schluss- 
formel dieses „Minus": Presentem inde paginam conscribi et Sigilli 
„nostri inpressione insigniri iussimus" angedeutet ist, dass diese 
Urkunde ein aufgedrücktes Wachssiegel gehabt haben müsse. 

Von diesem „Minus" existirt, wie gesagt, kein Original mehr, es 
ist uns nur durch einige diplomatische Sammlungen in Handschriften 
des dreizehnten Jahrhunderts erhalten. 

Dieses der Inhalt des sogenannten „Privilegium minus". 

Wie wir gesehen haben, ist es aus zwei Theilen bestehend, der 
erste Theil (Artikel 1) spricht aus, dass Herzog Heinrich und seine 



*) Es heust : „Statuimus quoque, ut null» magna rel parva persona in eiusdem 
Ducatus regimine sine Ducis (so steht in den Handschriften', nicht aber 
Ducum, das Moria in seinem Abdrucke S. 2 hat) consensu vel permissione 
all quam iusticiam presumat exercere." — Es ist dieses auch wieder 
ein sehr unbestimmter Ausdruck. In seinem Gebiete hatte nur der Herzog 
die RechtSTerwaltung, es steht aber nicht, dass sein Gebiet das ganze Land 
umfassen soUte; ausser dem herzoglichen Gebiete konnte es daneben noch 
selbstsUndige Gebiete anderer Reichsfürsten geben und es gab sie ! — 

*) „Dui vero Austrie de ducatu suo aliud seruicium non debet Imperio nisi 
„quod ad curias quas Imperator prefixerit in B auaria erocatus reniat, nullam 
„quoque ezpedieionem debeat, nisi forte quam Imperator in regna vel 
„prouincias Austrie v i c i n a s ordinarerit." — 



J 



440 Joseph Cbmel. 

Gemahlina Theodor« und ihre Kinder, Söhne wie Töchter, das zu 
einem Herzogthum erhobene mit einem Theile von Baiern vergrös- 
serte bisherige Markgrafthum Österreich als Reichslehen 
besitzen sollen. 

Der zweite Theil (Artikel 2, 3 und 4) besagt, dass der Herzog 
?on Österreich in seinem Gebiete allein im Namen des Reiches 
das. Recht handhaben und nur zu beschränkten Leistungen 
gegen das Reich verpflichtet sein soll. 

Sollte auch der zweite Theil für alle Zeiten giltig sein, 
was streng genommen nur gefolgert werden kann aus den Worten : 
„ut hec nostra Imperialis constitucio omni euo rata et inconvulsa 
„permaneat presentem inde paginam conscribi et Sigilli nostri 
„inpressione insigniri iussimus," welche Worte aber nicht hindern, 
dass der Kaiser wieder eine andere Constitution geben konnte, so ist 
doch ganz gewiss der erste Theil nur auf fttnf Personen (den Her- 
zog, seine Gemahlinn, seine zwei Söhne und seine Tochter) be- 
schränkt. — 

So wenigstens meinte es der Kaiser, die Geschichte bestätigt 
diese Auslegung. 

Kaiser Friedrich II. bestellte nach dem Tode des letzten Baben- 
bergers, Friedrich des Streitbaren (+ 15. Juni 1246), sogleich 
Reichs-Vicare und Statthalter, zuerst Otto von Eberstein, 
(den Ottokar in seiner Reimchronik einen hohen Herrn von Ach 
nennt), dann Herzog Otto von Baiern, später den Grafen Meinhard 
von Görz, der aber nach des Kaisers Friedrich II. Tode sich 
zurückzog* 

Er bestimmte in seinem Testamente (s. Böhmens Regesten von 
1198—1254, Stuttgart 1849, Seite 210) seinem Enkel Friedrich 
(Margarethens Sohn) die Herzogtümer Österreich und Steier nebst 
10000 Goldunzen. 

(„Item statuimus, quod Fridericus nepos noster habeat Ducatus 
ff Austriae et Stiriae, quos a praedicto Conrado teneat et recognoscat 
*cui Friderico iudicamus pro expensis suis decem millia unciarum 
„auri".)- 

Doch dieser Enkel starb eines gewaltsamen Todes bald nach 
seinem Grossyater. 

Noch bei Kaiser Friedrich^ II. Lebzeiten hatte sein bitterster 
Gegner Papst Innocenz IV. alles Mögliche in Bewegung gesetzt, dem 



Hypothese über den Ursprung des Privilegium majus von 1 156. 44 1 

verhassten Hohenstaufen-Geschlechte den Besitz dieser heimgefal- 
lenen Reichslehen zu entreissen. 

Auf seinen Antrieb wurden die noch lebenden weiblichen Nach- 
kommen des babenbergischen Geschlechtes, Margarethe und Gertrud, 
als Erben von der kirchlichen Partei erklärt. 

In den Regesten P. Innocenz IV. (Ep. 249) findet sich der Aus- 
zug eines Schreibens vom 3. September 1247 an den Bischof von 
Passau „praecipit Episcopo Pataviensi, ut a Fratribus Domus Theuto- 
„nicorum , castra de Starkemberg et de Pottenstein tenentibus, resti- 
„tui faciat M. (Margarethae) relictae quondam H. (Henrici), nati 
„F. (Friderici) dudum Imperatoris, et G. (Gertrudi) relictae quon- 
„dam W. (Wladislai) Filii Regia Bohemiae, quaedam privilegia, per 
*quae ipsae in Ducatu Austriae hereditario jure suc- 
„cedere debent." — Hätten wir diese, so wäre alles klar! — 
(Königsberg ? Abschriften ?) 

Wäre die römische Curie mit dem Hohenstaufen-Geschlechte 
nicht in Zerwflrfniss gewesen , würden die Herzogtümer Österreich 
und Steiermark ohne Zweifel als erledigte Reichslehen heimgefallen 
sein. 

So aber ward in der furchtbaren Zerrüttung des römisch-deut- 
schen Reiches, welche auf K. Friedrich'« IL Tod durch den erbitterten 
Kampf der römischen Curie mit dem Geschlechte der Hohenstaufen 
erfolgte, das Recht des Reiches hindangesetzt. 

Bei der Spärlichkeit von gleichzeitigen Quellen in diesem 
Zeiträume müssen wir unsere Schlüsse und Urtheile nur mit grösster 
Vorsicht und kritischer Behutsamkeit Schritt für Schritt zu begrün- 
den suchen. 

Eine der vorzüglichsten Quellen, um die uns alle übrigen deutschen 
Lande beneiden dürfen, weil kein einziges aus diesem Zeiträume ein 
ähnliches Denkmal der geschichtlichen Traditionen und zeitge- 
nössischen Ansichten besitzt, ist Ottokar's Reimchronik. Von 
ihr sagt Böhmer in seiner so schätzenswerthen Einleitung zu den 
Rudolfinischen Regesten (Ausgabe von 1844, Seite 87): Ottokar's 
Reimchronik von 1250 — 1309, welche den ganzen dritten Band von 
Pez Script, fallt. „Er (Ottokar) ist gleich Gottfried fehlerhaft in der 
„Zeitfolge der einzelnen begebenheiten und ohne ein chronologisches 
„repertorium, wie ich mir eins zu demselben gemacht habe, fast nicht 
„zu brauchen. Der Verfasser, dienstmann des in Steiermark sehr an- 



4-42 Joseph Cfamel. 

„gesehenen und bis an seinen tod im jähre 1311 in alle landesan- 
* gelegen heiten verflochtenen Otto von Lichtenstein, hat so kloster 
„Lilienfeld aufbewahrte schriften gelesen» und die salzburger annalen 
„benutzt, aber mehr noch von augenzengen gehört, 
„viele der handelnden personen gekannt und manchen 
„Vorgängen, besonders feierlichkeiten und hochzeiten, wo singer 
„und sager an ihrem platze waren, selbst beigewohnt Gerade 
„durch die Umständlichkeit und das farbige colorit wird sein werk 
„neben den uns allzukurzen angaben der annalen ein wahrer schätz. 
„Was die Nibelungen für die heldensage sind, das 
„ist Ottokar für die wirkliche geschichte. Der 
„Österreicher, welcher dieses werk in bequemem format in der art 
„neu herausgibt, dass er die handschriften benutzt, die eingerückten 
„reden bemerklich macht, die Zeitbestimmungen dem einzelnen und 
„ein chronologisches repertorium dem ganzen beigibt, der hat 
„(auch wenn er vorerst vieles weglSsst wobei Ottokar nicht eigent- 
liche quelle ist, und was Deutschland zunächst nicht angeht), wie 
„ich meine, für sein Vaterland genug gethan. Wer 
„wird diesen Kranz erringen ?" Also Böhmer. 

Ich setze hinzu, dass bei einer solchen neuen Ausgabe, die wah- 
res Bedflrfniss ist, jedenfalls ein historisch-kritischer Commentar mit 
urkundlichen Belegen fast unentbehrlich sein dürfte 1 )- 

Diese Ottokarische Reimchronik nun, welche Herr Böhmer mit 
Recht so hoch schätzt, ist uns für die Geschichte König Ottokar's II. 
eine Hauptquelle. Er erzählt uns, wie (nachK. Friedrich'* II. Tod und 
dem Abgange des k. Statthalters des Grafen Meinhard von Görz) die 
österreichischen Landherren sich einen babenbergischen Sprössling, 
einen Sohn der Constantia, Markgrftfinn von Meissen (bereits 1243 
gestorben), als Herrn erbitten wollten , wie aber die Abgesandten, 
durch den König von Böhmen bearbeitet, sich für seinen Sohn Ottokar 



*) Möchte doch der Herausgeber des Seifried Helbling, einer ähnlichen 
Quelle aus dem Schlüsse des dreizehnten und dem Beginne des vierzehnten 
Jahrhunderte, welche für die Cultur- und Sittengeschichte unsere Vaterlandes 
unschätzbare Daten liefert, für Ottokar's Reimchronik der Commentator 
werden, er wäre dazu durch Kenntnisse wie durch kritischen Geist der 
berufenste. Nur ein gründlicher Kenner unserer Geschichte kann diese 
herrliche Quelle würdig herausgeben helfen und zugfinglich machen. 



Hypothese über den Ursprung des Privilegium majus von 1156. 443 

gewinnen Hessen, der durch reichlich gespendetes Gold sich auch bald 
einen bedeutenden Anhang im Lande zu verschaffen wusste. — Ottokar 
ward als Herr anerkannt, und um sich gegenüber der hohenstaufischen 
(kaiserlichen) Partei einen Rechtstitel zu verschaffen , vermählte er 
sieh aus Politik mit der alternden (46 jährigen) Margarethe. 
Die Reimchronik sagt nun: 

Pe* 88. 3, 33. 10 Welt ir hoeren waz nu tuo *) 

cap. XXII. diu kOniginne Margret, 

d6 fie gemehelt het 

den herzöge von öfterrtch ? 

Sie gab im eigenlich 
15 vor den wssgften und den bellen 

mit gold ein hantveften, 

die fie het von dem riche 

Ober Stire und öfterrfche: 

ob ir bruoder verdürbe, 
SO das er erben niht erwürbe, 

fie folt der lande erbe wefen. 

Dö man die hantveft het gelefen, 

üe nam Re felb in die hant 

und gap hantveft unde lant 
25 von öfterrtch dem hersogen. 

Daz fie von im unbetrogen 

beliben folt des hlten win 

vil witziger man. 

den wart daz fit vil leide, 
30 dd fie die vrouwen beide 

von den fachen verlorn. 

dar an fie grozen fehaden kam. 

A die Admonter Hm. V die ältere Wiener. P die jüngere. 

10. Wolt ir. P. 16. Mit galt eyn hanntfeften. V. Mit guldel». AP. 20. enwurb. 

A. 21. So folt er lannt erb wefen. V. Sy fchold der land erib. P. Sy folt 

der Lannd« Erib. A. 23. fy felben. V. 27. dex het auch Wan. A. daz het auch. 

P. 28. Vil maniger wiesiger. V. Maniger wicziger. A. 29. feint vü laid. A. 

, laid. VP. 

Diese Vermählung und Übergabe geschah am 8. April 1 282. — Am 
6. Mai desselben Jahres bestätigte Papst Innocenz IV., um ja diese 
Herzogtümer nicht in die Hände des Hohenstaufen Konrad gelangen 



*) Ich verdanke die Textbericbtigung unserm verehrten Herrn Präsidenten, 
dem Heraasgeber des „Seifried HelbUng." 



444 J oseph Chmel. 

zu lassen, dieser Margareth, (und implicite ihrem jungen Gatten Otto- 
kar) ihr Erbrecht. Er beauftragt die Bischöfe von Freising und 
Seckau , alle Beeinträchtiger desselben durch die geistlichen Strafen 
abzuschrecken (im Anhange bei Rauch» III. Band» Nro. X). 

Wir sehen also, dass Ottokar, der neue Herr des Landes, sich 
allerdings um einen Rechtstitel beworben habe, dass er sich das Land 
nach allen Seiten sichern wollte. 

Was lässt sich nun aus dieser so eben angefahrten Stelle der 
Ottokarischen Reimchronik schliessen? 

1. Die Königinn Margarethe übergab ihrem Gemahl Ottokar von 
Böhmen eine Handfeste in Gegenwart der angesehensten Zeugen. 

2. Diese Handfeste hatte eine goldene Bulle. 

3. In dieser Handfeste mit Gold, die sie vom Reich hatte, stand 
ausdrücklich, dass sie Erbe von Österreich und Steier sein sollte» 
wenn ihr Bruder ohne Erben abgehen (verderben) sollte. 

4. Margarethe übergab nach Vorlesung des Inhalts ihrem Gemahl 
eigenhändig Handfeste und Land. 

8. Die dabei gegenwärtigen und die darum wissenden Leute 
„vil witzig" Männer hofften, ihr Gemahl werde dieses Geschenk w Hand 
und Land 19 in Ehren halten und Margarethe werde gute Tage haben 
bei ihrem Gemahl. 

6. Sie wurden aber enttäuscht , denn nach zehn Jahren wurde 
Margarethe von ihrem ihrer überdrüssig gewordenen Gemahl Ver- 
stössen, aber das Land gab er nicht mehr zurück. 

7. Und nicht bloss Margarethe sondern auch die andere Baben- 
bergerinn Frau Gertrud wurden den Wohldenkenden (das heisst den 
Altösterreichern, babenbergisch Gesinnten) entrissen. 

Man sieht, dass der Chronist nicht klar und seiner Sache sicher 
gewesen, er hat eine confuse Ansicht — 

Was ist das für eine Handfeste, in der Margarethe (als äl teste 
Tochter eines Babenberger Herzogs) das Erbrecht hat, wenn ihr 
Bruder ohne Erben abgeht? Vermög welcher sie mit ihrer 
Hand auch die beiden Herzogtümer ihrem Gemahl übergeben 
kann. 

Ist es das „Minus," dessen Inhalt wir bereits erörtert haben? 

Sollte dieses „Minus" auch eine goldene Bulle gehabt haben, 
was nicht wahrscheinlich, so .stimmt doch nicht der Inhalt mit diesen 
Folgerungen. — 



Hypothese Ober den Ursprung des Privilegium msjus von 1156. 445 

Nach dem Minus müssen die Erben „indifferenter fiiii et filiae" 
das Herzogthum als Lehen vom Reiche empfangen, nach dem Minus 
könnte Margareth nicht verfügen über das Land, es einem andern 
übertragen. 

Wohl a