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Full text of "Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Classe"

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SITZUNGSBERICHTE 



DEB KilSEBLICHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEiN. 



PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE. 



SIEBENUNDACHTZIGSTER BAND. 



WIEN, 1877. 

IN C0MMI8S10N BEI KARL GEROLD'S SOHN 

BUCMHlMDLKH DKR KAIB. AKADEMIE DKH WISSBNSCUAFTKM. 



CW.iJ-' (= '(ÄS" 



SITZUNGSBERICHTE 



DES 



PHILOSOPHISCH-HISTORISCHEN CLASSE 



DES KAISESLICHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



SIEBENUNDACHTZIGSTER BAND. 
JAHRGANG 1877. 

MIT DREI KABTEN. 



WIEN, 1877. 
IN COMMISSION BEI KAKL GEROLD'S SOHN 

BUCHUlllDLBB DKB KA18. AKADEMIE DBB WIBBBBSCHArTBII. 



LSoc^9t«S- 






Druck von Adolt HoUhanaen in Wien 
k. k. UniTeraitilto-Bachdruckci-ei. 



INIJALT. 



Seite 

XVII. Sitxiiner vom 4. Juli 1877 3 

XVIII. Sitennfr vom 11. Jnli 1877 5 

Hartel: Demostheniscbe Btndien 7 

TomaRchek: Centralaiiiatifiche Stadien. I. Sogdiana. (Mit 3 

Karten) 67 

<2> ]^inong: Hnme-Htndien. 1 185 

XIX. Sitssnng vom 18. Jnli 1877 261 

PfiEmaier: Das Han» einen Statthalters von Fari-ma. 

II. Abtheilung 263 

^Heinzel: lieber die Endsilben der altnordischen Sprache . 343 
Kaltenbrunner: Die Polemik über die Gregorianische 

Kalender-Reform 485 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLA8SE. 



LXXXVII. BAND. I. HEFT. 



JAHRGANG 1877. — JULI. 



«tenirixr. d. phlL-hUt O. LXXXTIL Bd. I. Hft. 



Aufig-eg^hen am 17. Deeember 1877. 



XVII. SITZUNG VOM 4. JULI 1877. 



Die Direction des k. k. Realgymnasiums zu Freiberg spricht 
ihren Dank aus für die Ueberlassung akademischer Publicationen. 



Herr Dr. Michael Ring, Professor an der königl. 
Akademie zu Fressburg, übersendet eine Abhandlung unter dem 
Titel : ^Das Werden'sche Fragment der Historia Apollonii Regis 
Tyri', mit dem Ersuchen um ihre Aufnahme in die Sitzungs- 
berichte. 

Herr Franz Gotthard, Professor am Gymnasium in Neu- 
haus, übersendet eine Abhandlung : ,Ueber die possessiven Ad- 
jectiva auf av (Hv) ova, ovo und über die Form auf üj, über 
die Personennamen auf d, und über die Deutung der possessiven 
Pronomina moj, tvoj, svoj (mAj, tvAj, svüj) im Slavischen^ mit 
dem Er-suchen um Aufnahme derselben in die Sitzungsberichte. 



Verzeichniss der vorgelegten Druekschriften: 

Acad^mie royal des Sciences, des Iiettres et des Beaux-Arts de Belgiqae : 

Bulletin. 46« Ann^e, 2« S^rie, Tome 43. Kr. 4. Broxelles, 1877; 8^. 
Äkftdemijft jagoslavenska znanosti i umjetnosti : Rad. Enjiga XXXIX. U 

Zagrebn, 1877; 8«. 
Genootschap, Bataafscli der Proefonderyindelljke Wijsbegeerte te Rotterdam : 

Nienve VerhandeUngen« Tweede Reeks: Tweede Deel, Tweede Stnk. 

Rotterdam, 1876; 4». 

— het Provinciaal Utrechts van Künsten en Wetenschappen : La Constmc- 
tion de TEglise paroissiale de St. Jaques k Utrecht par W. Pleyte. 
Iieide, 1876; folio. 

Gesellschaft, k. k. geographische, in Wien: Mittheilnngen. Band XX. 
(nener Folge X.) Nr. 6, 6 und 7. Wien, 1877; 4». 

— Oberlausitzische der Wissenschaften : Neues Lausitzisches Magazin. 53. Band. 
1. Heft. Görlitz, 1877; 8°. 

1* 



Harx-Yerein for Geschichte und Alterthimiakiuide : Zeitschrift. ErginzoogB- 

heft zum 9. Jahrgänge. Wernigerode, 1877; 4«. 
Institnut koninklijk voor de Taal-, Lind- en Yolkenknnde tui KederUndsch- 

Indie. Bijdragen. Derde Volgreeks. Elfde Deel. 2« Stok. — Vierde 

Volgreeks. Erste Deel. 1* Stak. — Verslag der feestriering van het Tijf- 

en twintig-jarig bestaan tu het InsÜtirat (1851 — 1876). *8 GniTenhage, 

1876; 8«. 
Littre, Emil: Supplement au DicÜonnaire de la langne finufaise. 1'* liTiaiaon. 

Paris, 1877; 4« 
JKeTne politique et litteraire' et ^Reme scientifiqne de la France et de 

l'Etranger*. VI« Annec, 2« Serie. Nr. 52—53. Paris, 1877; 4«. 
Societj, the rojal Asiatic: The Journal of the Bomhaj brauch. Vol. XIL 

Nr. XXXIV. 1876. Bombay, London, 1877; 8«. 
Verein, für Geschichte und Alterthnm Schlesiens: Zeitschrift XIIL Band. 

2. Heft. Breslau, 1877; 8®. — Scriptores remm Silesiaearum. X. Band. 

Annales Glogovienses bis z. J. 1493. Breslau, 1877; 4*. 

— für Kunst und Alterthnm in Ulm und Oberschwaben : Korrespondensblatt 
II. Jahrgang. Nr. 2—5. Clm, 1877; 8». 

— militar-wissenschaft lieber, in Wien: Organ. XFV. Band. 4 und 5. Heft 
Wien, 1877; 8«. 



XVIII. SITZUNG VOM 11. JULI 1877. 



Dankschreiben sind eingelaufen für Subventionen behufs 
der Drucklegung und zwar des dritten Bandes der , Geschichte 
des Benedictinerstiftes Admont' von Herrn P. Wichner, des 
ersten Bandes des ^Aruchlexikons von R. Nathan ben Jechiel' 
von Herrn Dr. Kohut, und der ^Reise in den egyptischen 
Aequatorialprovinzen und in Kordofan' von Herrn Marno. 



Das w. M. Herr Professor Dr. Hartel legt eine für 
die Sitzungsberichte bestimmte Abhandlung unter dem Titel: 
jDemosthenische Studien' vor. 



Verzeiohniss der vorgelegten Druokschriften : 

AcadÄmie Imperiale des Sciences de St.-P^tersbonrg: Memoires. Tome XXII. 

Nr. 11, 12etdernier. St-P^tersbourg, Riga, Leipzig, 1876; 40. — Tome XXIII. 

Nr. 2—8 et dernier. St.-P6tersbourg, Biga, Leipzig. 1876; 4<'. — Tome 

XXIV. Nr. 1—3. St.-Peter«bourg, Riga, Leipzig, 1876; 4«. — Tome XXVIII. 

Nr. 2. 8t.-P^tersbourg, 1876; 8«. — Berichterstattung über die 18. Zu- 

erkennung der Uvarov^schen Preise. St Petersburg, 1876; 8^. 
Gesellschaft, anthropologische, in Wien: Mittheilungen. VII. Band. Nr. 6. 

Wien, 1877; 12^ 
Halevy, J.: Priores des Falaschas ou Juifs d*Abyssinie. Paris, 1877; 12^. 
,ReTue politique et litt^raire* et ,Revue seentifique de la France et de 

r^tranger*. VII« Ann^e, 2« S^rie, Nr. 1. Paris, 1877; 40. 



6 

Societe des Antiqnaires dn Nord: M^moires. NoiiTelle S^e. 1875/76. 
Copenhagae; 8^ — Tillaeg til AaibSger for nordisk Oldkyndighed og 
Historie, Aargiang 1875. KjöbenhaTii, 1876; 8®. ~ Aarbo^r for nordisk 
Oldkyndighed og Historie. 1876. Tredie og Qerde Heefte. Kjöbenhayn; 8<>. 

UniTersitit, kaiserlich Kasan^scke: Sitaniigsbericbte nnd I>enkschrifien. 
Band XL.ni. 1876. Nr. 1—6. Kasan, 1876; gr. 8». 

Verein, f&r Siebenbfirgische Landeskande: Archiv. Nene Folge. XHI. Band. 
I-ni. Heft Hermannstadt, 1876/77; 8« » Jahresbericht fnr dasVereins- 
jahr 1875/76. Hermannstadt; 12®. — Programm des Oymnasinms A. B. sn 
HermannsUdt für 187.5/76. Hermannstadt, 1876; 12. 



Hartel. DemoftheDisehe Stadien. 



Demosthenische Studien. 

Von 

Prof. Dr. Wilhelm Hartel, 

wirU. Mitglied« der k. Akademie der Wiitenschafteii. 



rür Zeit und Verlauf des olynthischen Krieges^ niclit 
minder^ um Veranlassung und Erfolg der demosthenisclien 
Reden zu erkennen, ist eine Stelle des Philochoros von Be- 
deutung, die uns Dionysius in dem Briefe an Ammaeos 1, 9 
S. 734, 10 erhalten: (6 'OXuvOiaxb? xöXe[jLO<;) ext KaXXc[i.axou Y^yovev 
ip/^ovTO?, üx; 873X0T 0'.X6xopo<; sv •;' ß(ßX(i) vqq 'At6(8o;, xata Xd$iv o&rw 
Ypif wv. *Koik'kl\kT/oq Uep^asf^ösv • exi to6tou 'OXuvöioi^ xoXcfAOüfJLevot? uxb 
4>'.X{x7:ou xal xp^aßst^ 'AOi^vocI^e x6[JL^a9iv oc "AOYjvaioc au(jL(jioc)^iav xe exoii{- 
ffx/To . . . . xal ßsi^Osiav IxcfJL'I^av, xeXTaora«; [x^v SioxtXiouq ipti^pei^ 8^ 
Tpiixo*/Ta TO^ [xera XapirjTo? xal 5^ QjvexXi^pwaav ixtdi). * 'Exsixa 5i- 
£$sX6ü)v bXv^a Ta [xsta^b Yevofjieva TiOtjat TauTt* jUepl 8e xbv aufov xp6vov 
XaXxiS^cov Tb)v ext BpoxT]^ OXißopL^viov t(J) xoXqjLco xai xpecßeu^aiiievcov 
!\d;^va^£, Xapßr^ii.ov auroT? Ixeji.^'av ol AOYjvatoi tov iv *EXXy)(7xövt(i) 
crparcYjYOV Iq S^wv 5xT(i>xa{3exa xpii^pei? xal xeXTacra^ Texpoxi^ x^^'^'^^^j 
wxeT? Be xevn^xo^/ra xal Ixativ, ^iXOev et; xs UaXXi^vriV xal xf^v Bsxxiafav 
[JL6X* 'OXüv6to)v xal xt)v x<»>pÄV ^xöpOtjaev.' "Exetö* Oxsp xrj; xp{xY;(; (ju|jLjji.a- 
Xioq Xr^et xxjxi" jOaXiv 5^ xwv 'OXuvötwv xp&aßeic axoaxsiXavxwv et^ 
xo^ A^va^ xal dec(Asyu)v (xi} xepttBeTv auxob^ xoxoxoXeixrjOevxa^, aXXa 

^ Van Herwerden (Dionyni HaliearTUuteMia epUtolae tre», Gronin^e 1864, 
p. 10) hat zuerst statt der Vulgata S( xat a. (ohne oxxto) ans dem besten 
Codex (Ambrosianas D. 119) xsi Sc ouvETcXiipcovav oxtco hergestellt und 
constatirt nach aTj(i{i.a)f{av xs iiroiiJaavTo eine Lücke von 18 Buchstaben. 
Ich verdanke eine sehr genaue Collation des Ämbrosianns Herrn Professor 
F. Knoell, nach welcher die Lücke 0*056", also fast genan eine halbe 
Zeile betrXgt. Sie beginnt mit dem Anfang der Zeile, ohne dass die Be- 
schaffenheit des Papiers dazn Veranlassung gab. 



8 Hartel. 

Tzfo^ Tai; uTcapxcOaai; 3uvd[jLeai iziitj^on ßo/jOeiov, (jlv) ^ev(XT;v^ aXX' avriov 

8e > ::oXtTwv iicXCta? Btc/iXCoü^ xal t-Kset; Tptaxoafou; sv voüaiv tzicYjYO^? * 
crpamriYOV Je XipTjTa toO otoXou Tcavtoi;.' 

Darauf gestützt bestimmte Dionysins als das Jahr^ in 
welchem die drei olynthischen Reden gehalten wurden, Kalli- 
machos' Archontat (Ol. 107, 4 = 149/8), a. a. O. 4, S. 726, 4: 
e^l 3s KoLXki\kdc/p\) .... tpsX; SidOsTO StjtAYpfopta; icapaxaXb)v "A^vaiou; 
ßoi^Ostav 'OXuvOtot; airoorsiXai TOt; ncX6(ii.oupL£vo(; incb <l>iX('incou, xp<i)TT;v 
jASv, ^; eoTiv apxT^ ,'Ezi xoXXwv jxsv tSeiv dfv xt;, &vSpe; *A., SoxeT 
jjLOt', SsuTSpav 8^, ,0'jxl fauia zapiffratai jjLOt YtYvwoxstv, jltvSpe; A.', 
tpiTTjv Be, /Avil xoXXwv äv, jav^pei; A., xP^^F^'^wv', violleicht auch 
die von unserer handschriftlichen Ueberiieferung abweichende 
Aufeinanderfolge derselben, jedenfalls aber die specielle Ver- 
anlassung und den Erfolg jeder einzelnen, indem er sie mit 
den drei von Philochoros bezeugten Hilfssendungen in Beziehung 
brachte, deren jede durch je eine Rede des Demosthenes ver- 
anlasst worden. ^ Das geht hervor aus 10, S. 736, 11 : (Jisra y^ 
öEpxovTa KaXX{jjLaxov, e^* ou xa? et? "OXuvOsv ßoTiOeia? onrdTcetXav AOtj- 
vaToi ^etaOevTe; Ottd AtiiAocOevoui;, Oei^tXd? imv 5p)fwv, xa6' 3v expa- 
TTjcre Tf|? 'OXuvOiwv ^oXecoq «I>{/a7nco;, welche Worte die Scholien 
S. 74, 10 Dind. verdeutlichen: torsov Be cv, fr^civ 5 <tiX6xopo; oti 
ipet? ßdi^Os'.ai ez^fA^ÖYjffav, xaO' gxaorov Xcvcv [xia; x£;jLTOii.r/r,(;5 w; rij; 
7:pu)TY;; (At} cuoti? IxxnJ;. Davon sagt Philochoros nichts und 
konnte kaum etwas sagen; denn Demosthenes polemisirt in 
seinen Reden lebhaft gegen derartige Söldner-Expeditionen und 
hat, wie ich in meiner Abhandlung ,Demosthenische Anträge' 
nachzuweisen versuchte, keinen selbständigen Antrag gestellt.' 



1 Der Codex hat nach Kaoell tiuv noXiTtuv o};X(tsc h\ xtX. 

3 Vgl. Schaefer II 149, Weil, 2et harangues de Dhnosihhie p. 168 f., 
Fr. Blass, die alt ßeredaamkeit (Demosthenes) III 1, S. 278. Dagegen 
Spengel A7](xy)Y- (Abh. der k. bayr. Akademie d. W. I. GL, IX. B.» 
I. Abth. 1860) p. 70|. 

3 Ich freue mich in diesem Punkte mit Blass fast völlig übereinzustimmen, 
dessen Werk mir erst nach dem Druck jener Abhandlung zukam. Zur 
zweiten olynthischen Rede bemerkt derselbe a. a. O. S. 272: ,Weder über 
die Hilfssendung noch über die Gesandtschaft lässt sich Demosthenes auf 
genauere Entwicklungen ein; einen Antrag wird er also nicht ge- 
stellt haben*; und zur dritten 8. 276: , Augenscheinlich war auch diese 
Rede Ton einem Antrage nicht begleitet*; zur ersten S. 270: ,Es hat nicht 



DenMiheniBch« Btndien. \) 

Seinen Namen hat demnach Philochoros in keinem Psephisma 
lesen können. Nur aber, wenn Demosthenes als Antragsteller 
die einzelnen Hilfssendungen veranlasst und dies Philochoros 
urkundlich bezeugt vorlag, konnte er mit einiger Wahrschein- 
lichkeit die erhaltenen drei Reden mit den drei Hilfssendungen 
in ui*8ächliche Verbindung bringen. Hätte er aber eine derartige 
Vermuthung ausgesprochen, so würde Dionysius sie anzuführen 
nicht unterlassen haben. Philochoros bezeugte also nur die 
di*ei Hilfssendungen, alles andere ist Conjectur des Dionysius, 
eine Conjectur, die auf nichts als auf dem rein äusserlichen 
und zufälligen Umstand der übereinstimmenden Zahl der Reden 
und Expeditionen zu fussen scheint. 

Gleichwohl halten vorsichtige Forscher die Meinung des 
Dionysius wenigstens theilweise für richtig und lassen, wenn 
sie auch einen Causalzusammenhang zwischen den Reden und 
den Expeditionen bündig in Abrede stellen, * nach je einer 



den Anschein als sei diese Rede von einem förmlichen Antrag begleitet 
gewesen: der ertheilte Bsth ist wenig ausgeführt and sehr kurz in seinen 
Einzelheiten begründet, und was Demosthenes über die Geldmittel sagt, ist 
nichts als Hinweisung auf die Schwierigkeit, die in der Verwendung der 
Ueberschüsse zu Schaugeldern lag, während er die Stellung eines Antrages 
darüber ausdrücklich ablehnt. Die Absicht der Rede ist also wesentlich, 
das Volk im Allgemeinen anzuspornen und zu energischem Handeln, vor 
Allem auch zu persönlichem Kriegsdienst willig zu macheu*, während ich, 
was diese Bede betrifft, in den § 16 über die Modalität der Rüstung und 
Kriegsführung gegebenen Rathschlägen Anträge erkenne, über die freilich 
nicht in dieser Versammlung, auf deren Tagesordnung weder die Ausfüh- 
mngsfrage noch die Oeldbeschaffung stand, abgestimmt werden sollte. 
Auch glaube ich nicht, dass er § 2 es ,v erlauf ig als seine Meinung hin- 
stelle, dass man die von den Olynthiern erbetene Hilfe baldigst schicken 
und eine Gesandtschaft abordnen solle* (S. 269), sondern dort schUesst er 
sich einem von anderer Seite, wie ich vermuthe vom Rath gestellten 
Antrag an, worauf schon der Wortlaut führt <{nf]9(aaaOai \i.h ffir^ t^v 
ßoiJOfiiav. 
' So bemerkt richtig A. Schaefer 11 161: ,Aber selbst wenn bezeugt wäre, 
dass die Athener auf die Reden des Demosthenes und gemäss seinen 
Anträgen die zur Ausführung gebrachten Beschlüsse fassten, so müssten 
wir erklären, dass nicht die erhaltenen Reden, sondern andere, welche 
nicht herausgegeben wurden, diese Wirkung gehabt hätten ; denn mit Aus- 
nahme der letzten Sendung steht die Art der Rüstung durchaus in Wider- 
spruch mit dem Willen des Demosthenes, wie die drei olynthischen Reden 
ihn kundgeben*. 



10 Hartel. 

Rede einen Hilfszug abgehen. So setzt Grote die drei von 
Philochoros erwähnten Hilfszüge allerdings nicht ohne einen 
Zweifel an der Richtigkeit dieses Zeugnisses zu änssem^ in 
das Jahr Ol. 107; 4 = 349/8; ausser diesen nimmt er aber 
noch zwei Expeditionen im I^ufe des vorbeigehenden Jahres, 
dem er die drei Reden zuweist, an, indem er die eine im 
Herbst 3öO einige Zeit nach der zweiten (wie Grote meint 
ersten) Rede, die andere aber kurz vor dem Beginn des 
Jahres 349, also nach der dritten oljnthischen Rede, aber 
nicht in Folge derselben in See stechen lässt (vgl. die Meisner- 
Höpfner'sche üebers. VI S. 263iß, 267, 279). A. Schaefer, an 
der überlieferten Abfolge der Reden festhaltend, lässt nach der 
ersten den Chares mit seinem Corps, nach der zweiten Chari- 
demos, längere Zeit nach der dritten das Bürgercorps Olynth 
zu Hilfe ziehen. Aber nicht die Autorität des Dionysius ist 
fdr solche Anschauungen bestimmend, sondern es liegen un- 
verächtliche Indicien dafür in den Reden selbst Sie treten am 
unzweideutigsten in der dritten Rede hervor, und um ihre Art 
und Tragweite kennen zu lernen, wird es angezeigt sein, von 
dieser Rede auszugehen. 

Schon Libanius erkannte auf Grund einer aufmerksamen 
Leetüre derselben, dass die Athener zuvor ein Hilfscorps gesandt, 
von dem günstige, das Volk zu kühnen Hoffnungen erregende 
Nachrichten eingelaufen waren, vgl. Einl. S. 27 : £iue(i.6av ßoifOetov 
Totq *OXuv6{otq oi 'AOrjvaiot xat v. xoTopOoDv l8o5«v 8 t' auitj^, %a\ Toura 
auTöT? ancf^^iXkt'vo. 6 51 S^[i.o; zepi^api^;, ot xe ^i^Tope^ icapotxaXouaiv 
exl Ti{jL(i)p(3y ^iXCtc^oü xtX. ^ 

Die Stellen der Rede, welche dafür in Betracht kommen, 
sind folgende. § 35: oux eortv 5xou \Lyfih i^l^ 7:oiou9t ts tc^v icotouvrtov 
efcov üq 861 v^fAStv, ou5' oircob^ jjl^v dp^sTv %x\ c^oXal^stv xal ÄicopeTv, 
5ti 8^ o\ Tou 8eivo^ vty.h)9i 5ivoi Tauxa wjvOavecBaf Tauia y«P 
vüvt ^i^^fiOLi, xal 6i//\ [i.i|x^O|JLai wotoüvxa xt xwv Seivxwv uicep 
u(jLu>v, dXXa xal ujjlo«; xnzkp u[m>v auT(5v d^iü» «parreiv xoura e^^ oiq 
ixepou^ xtiAore, xat [ji.73 icapoxc^peTv, ti £v8p6^ AOT)vatoi, ty)^ to^edK, ^v 
ü[JLtv ol zpo^ovoi vfi^ Äpc'nS^ [Aexa twXXöv xal xaX(5v xtv86v(i>v XTiQ^aiAevot 
xax^Xixov. § 1 : &x/\ xauxa TcapijxaTai [xot Yi1fV(offX6iv, S> av8p6? 'A^Tjvalot, 
orav xe st? xa zpoYjjiaxa aicoßXe^u) xal oxov Tzphq xou^ Xi^o^ 0^ dxouü) * 



Vgl. Schol. sn §. 1, S. 28, 1: ejnjpjjivov xbv 8ii[iov tg v^xyi guot^Xeu 



Demo^thenisnlte Stadien. 11 

TOü? iJL^v Y*P Xö^ou? rept ToO TijJLwpi^aaaOai ^>{Xtx7cov opö fiY^o- 
|4.svoo^, T« 84 xpiYJxaT« eJq toüto icpoiixo^/xa, ft^Te oicw? [xi; iceta6[Jt.£6a 
auTOi icpcT£pov xaxb)^ axe^'^aOa'. 8sov. 

Wir entnehmen daraus, dass die Athener ein Heer, and 
zwar ein Söldnerheer nach Olynth gesandt, dass dieses gegen 
Philipp oder seine Truppen Vortheile errungen, welche das 
Siegesbulletin des Führers oder seine athenischen Exegeten 
als den Beginn einer entschiedenen Wendung zum Bessern 
begrüssten, die aber der Redner in dieser Bedeutung nicht 
anerkennen will, indem er der Ueberzeugung ist, dass die 
Athener im Kampfe gegen Philipp noch nichts gethan, was 
seiner Grösse entspräche und eingedenk dessen vielleicht, was 
Thukydides von Perikles sagt II 65 : 6tc6t6 y^^v awjOoiTi Tt autou^ 
•^rapa xatpbv tJßpet öap(JOuvTa(;, Xsywv a^/rexXYjccev iitl tb ^oßetaOai, v.oA 
3sBi6Ta? flw 4X670)? dvTixaOCöTiQ waXtv exl xb OapaeTv. 

Welches Söldnerheer auf Chalkidike glücklich gekämpft, 
wissen wir nicht. Grote denkt an eine Expedition, die 350 noch 
vor dem Beginn des euböischen Krieges nach Olynth abgefertigt 
ward und die er nicht für unansehnlich hält, indem er auf sie 
die aus der Rede gegen Meidias bekannten freiwilligen Schen- 
kungen reicher Bürger bezieht (Grote II 26727). Uiesö An- 
nahme beruht aber auf einer völlig irrthümlichen Behandlung 
der Philochoros-Stelle bei Dionysius, der, ,zufrieden drei Ex- 
peditionen nach Olynthos zu finden, die sich mit den drei Reden 
des Demosthenes in Verbindung bringen Hessen, die drei aus 
Philochoros zu hastig herausgeschrieben und die Zeitangabe 
349 — 348 V. Chr. den drei Reden zugewiesen hat, bloss weil 
er bei Philochoros diese Jahre den drei Expeditionen beigelegt 
fand' (a. a. O.). Dass diese Stelle an Irrthümern leide, ist auch 
meine Meinung, nur fallen dieselben nicht Dionysius, sondern 
Philochoros zur Last, der sich bei seiner chronikartigen Dar- 
stellungsart bemühte, die sachlich zusammengehörenden Ereig- 
nisse unter einem Archontat unterzubringen und so in dieses 
Dinge zusammendrängte,^ die sich auf eine längere Zeit 
vertheilen. Aber ein Fehler, wie ihn Grote vermuthet, ist 
nicht wahrscheinlich. Denn zwischen dem Vertragsabschluss 
und der Expedition unter Chares hat Philochoros keine Expedition 
angesetzt, wie der Wortlaut zeigt, und dort kann Dionysius 
keine übersprungen haben. Die von Grote postulirte musste aber 



12 Hartel. 

hier erwähnt sein. Auch sieht es Dionysius nicht gleich, dass 
er, indem er aus Philochoros die für Fixirung demosthenischer 
Reden dienenden Ereignisse excerpirte, jene Expedition sich 
entgehen liess, welche nach Grotes Schätzung alle andern bis 
auf die letzte an Bedeutung übertroffen, noch weniger Philo- 
choros, dass er gerade sie nicht mitgezählt. 

Es kann demnach nur an eine der drei philochorischen 
Expeditionen gedacht werden, und zwar an jene, welche auf 
die Gesandtschaft der Chalkidier Charidemos gegen Philipp 
führte; denn diese scheint nicht erfolglos operirt zu haben, 
indem sie in Verbindung mit den Olynthiern nach Bottiaea, 
also in macedonisches Gebiet vordrang und das Land verwüstete. 
Dieselbe war auch nicht, was die Truppenzahl betrifft, gering- 
fügig, sie zählte 18 Trieren, 4000 Peltasten und 150 Reiter. 
Aus Philochoros* Worten ist nicht mit zweifelloser Sicherheit zu 
entnehmen, dass sie erst einige Zeit nach der ersten Expedition, 
welche auf die Gesandtschaft der Olynthier unter Chares' Com- 
mando ^ abgesandt ward und 2000 Peltasten, die 30 Trieren, 
die er führte und überdies noch acht in Athen bemannte Schiffe 
umfasste, abging oder später auf dem Kriegsschauplatz ankam. ^ 
Auch stand Charidemos, der im Herbst des Jahres 351 mit 
einem Observationscorps gegen Philipp nach dem Hellespont 
geschickt worden war, dem Kriegsschauplatz näher, und darauf 
deutet wohl Philochoros, indem er ihn tcv ev 'EXXYjcnuivTC}) (jTpanijYov 
nennt. Auch das kann gegen eine gleichzeitige oder nahezu 
gleichzeitige Absendung beider Führer nicht eingewendet werden, 
dass dadurch die Einheit der Kriegsführung von vornherein 

1 Daas Chares Commandant war, B^gt Philochoros nicht ausdrücklich , aber 
er meinte dies wohl und so war es, wie dies auch Suidas* Irrthum be- 
stfitigen kann, unter Kapavo; : o|jlcü; h\ ßo7]6ou( tr,i\i'^w ^AOifjvatoi ^a,^^ \k' xaX 
XapyjTa aipairjov • ou y £1[jlwvi oKoXrjflpOsvTO^ rpoSovTwv h\ Ti^v "OXuvOov EuOu- 
xpaTOu; xai AaoO^vou; t^v (jlW avaoraatv ino^Tjae (<^{Xl7^loc), der hier offenbar 
die erste und dritte Expedition confundirt, durch das gleiche Commando 
irre geführt. Die Zahl von 40 Trieren ist rund die der ersten Expe- 
dition (38 nach berichtigter Losart); die dritte und letzte zählte nur 17 
neu ausgerüstete, die wie das Wörtchen li/pa; zeigt zu den früher aus- 
geschickten stossen sollten. Vgl. auch Weil S. 112. 

> jPhüockoiftSy qui dana aes Annales ^ auiisait exactement Vordre des temps^ 
trouvaü peu de faiU h enregiib'er entre le premier et U second tecoura; 
iU se suivaient donc de prkt* Weil p. ISö}. 



Demostbenische Studien. 13 

gefährdet war. Denn sie brauchten nicht gleich Anfangs dasselbe 
Operationsfeld zu haben, was auch anzunehmen durch Philo- 
choros' Worte gerade nicht nahe gelegt wird; indem einmal die 
Olyntl^er und dann die Chalkidier Athen um Hilfe angehen. 
Es konnten ganz wohl Städte des olynthischen Bundes, die von 
Olynth entfernt lagen Athens Schutz auf Grund des auch f&r 
sie abgeschlossenen Bündnisses in Anspruch nehmen und zu 
ihrer Unterstützung zunächst Charidemos heranrücken. Dass 
in der That beide Qeneräle auf Chalkidike gleichzeitig operirten, 
wird später noch dargethan werden. 

Ob nun Chares oder Charidemos oder auch beide einigen 
Erfolg gehabt und ihre Meldungen in Athen gute Hoffnungen 
erweckten, Athen hatte zu der Zeit, da die dritte olynthische 
Rede gehalten ward, bereits für die bedrängten Bundesgenossen 
etwas geleistet. Qleichwohl ignorirt dies Demosthenes von seinem 
Standpunkt aus, indem nur das Aufgebot aller verfugbaren 
Kraft, vor allem aber die Mobilisirung eines Bürgerheeres dem 
Ernst des Augenblickes zu entsprechen schien, vollständig und 
geisselt in Ausdrücken die Fahrlässigkeit, Trägheit und Blind- 
heit seiner Mitbürger, als ob sie bis dahin auch nicht die Hand 
gerührt. Er sagt 

§ 3: TTficetGiAat y^P ^^ <<^^ icapcov %2\ oxoucov ouvoiSa ik rXetfa) 
Töv TipayiiiiTcov 'ft[iaq h.7:^t\jr(Vfon Tcji [xyj ßouXeaOai ta BeovTa icotetv 
i) TW ixf| ouvt^vat. 

§ 14 : Ol) jjiijv Oü8' exetvo ^ \>[Kaiq «Y^oeTv Bei, & devSpeq AOTjvawi, 
3ti ^^ic\UL ouSevb? a^töv ^ortv, Äv jjly; wpo<TYivt)Tat xb icoteTv iOdXeiv xa 
YE Sd^avxa i:po%[Ud<; üjaä;. et *{kp autapxT] xa f^fi<j\LonoL ^v . . . ., 
o5x' Äv uixst; TfoXXi <J/iQ®ilJ6ix€vot [jt.ty,pa [xaXXov 8' ouB^v expixxexe 
xo6xwv, 0UX6 4>{XirK0? xocoOxov ußpCxet yjpS'fo^, 

§ 16: xiva "^ap xP^vov 9i xtv« xatpbv, & ivBpc? AOrjvaTot, xoö 
xap6vxo? ßeXxto) IjTjxeixe, ^ x6x6 5 Set Tcpa^exe, et [JLtj vOvj cu^ 
XKTna (Asv iQ{jLb>v zpoeCXiQ^e x3e x<^p^'^ &v6p<«)ico^, et 3i xai xae6xiQ( xupto^ 
Tij? X^^^ Y^^^^'^'j ^a^w*' aX(T/jLv:o[, X6icr6[i.e0a ; ou^r ot^; sl xoXe(ji.i^9aeev, 
mi\Mq 7a>9e(v {KcioxvcujjieOa, ouxot vjv xoXeixouat; xxX. 

§ 20: ouxci aü>9p6y(i)V OüSe YsvvaCwv eoxtv avöpcüxwv, iXXeticovxa? 
XI 8i* SvBetav ^P'^H^i'^f wv xöv xou xoX^jacü eu^epco^ x3t xotaux' iveßy) 
f spetv, oü8' ext [jikv KoptvObu^ xal MeYapea? apxöfaavxa^ xa SxXa xopeu- 
ecOai, <I>tXtxxov 8' eav xoXei; 'EXXtjvCS«; avSpaxö8(?6a0at 8t' 
dixop{av ^9o8((i>v xot^ 9xpaxeuo[i.^vo'.^. 



14 H»rtel. 

Ja nicht einen Einwurf etwa wie ^Weist Du nicht dasB 
wir den Olynthiern bereits Söldner geschickt, dass diese gesiegt?^ 
erwartet er, sondern er darf (§ 3: aXX' 5ti [kh 8ti Jet ßoY)ÖeTv, 
efrcot Tiq av, wavre^ 6YV(ll)xajAev, xai ßoY20i^9O[Aev) der Majorität der 
Versammlung die Meinung insinuiren, dass die gebotene Hilfe 
keine war, dass man den Bundesgenossen die Einlösung des 
beschworenen Versprechens, sie 'jcavil oO^vei xara xb 3uvat6v zu 
unterstützen, noch schulde. So fest stand bei Demosthenes und 
Anderen die Ueberzeugung von der Unzulänglichkeit und Kriegs- 
untüchtigkeit der Söldnertruppen im Kampfe gegen eine Macht 
wie die makedonische und dass nur von einem Bürgerheer 
Rettung zu hoffen, dessen endliche Ausrüstung energisch ge- 
fordert wird (vgl. §§. 6, 8, 9, 30, 33, 36). 

An diesen Aeusserungen der dritten Rede gemessen, ver- 
lieren meines Erachtens alle jene der zweiten, welche gegen 
die Voraussetzung der Absendung eines oder mehrerer Söldner- 
heere zu sprechen scheinen, lun so mehr ihre Beweiskraft, als 
nicht etwa ein das Volk mit Freude und Hoffnung erfüllender 
Sieg die Schroffheit des Urtheils milderte. Die bezüglichen 
Aeusserungen erinnern häufig selbst im Ausdruck an ähnliche 
Stellen der dritten Rede. Es sind 

§ 2: 3et To(vüv, & düvSpe^ AÖYjvoio'., toOt' ffit] oxoweTv auroOq, 
Stcüi? jxyj yeipou^ icepl i^fjia^ autou? elvai 86§ojjLev twv in:apx6vTU)v, üq 
Iffti Tüiv ai9XP<^^; i^aXXov 8^ töv atcxtaxwv, [at; ptivov TcdXecDV xal 
t67;(i)v ü)v ^[jl^v icore x6pioi 9a{vea6at Tcpcie^iievcu^, iXkk xat t(i>v dvo 
TV^q TU^iQ^ icapa9xeua70ivT(ov 9U[i.[i.axcov xai xaipcov (vgl. III 
§ 7 und § 8: x<«>pk T^P '"5? xeptoriijYiq Äv t^^jl»; ataxuvYji; xxX.). 

§ 3: TO [ji.4v ouv, & of. A., ty]v 4>iXiinuou ^(i>[JLrjV Sie^idvat %a\ Sia 
to6twv töv X^ywv icpotpeweiv xa S^ovt« woteTv ü^xa? ou^'i >WfXü)^ ex^tv 
il^ou(jM(i (vgl. III § 3: TG) [xv] ßouXeoOai T3e BäovTa Tcoieiv). 

§ 11: ^Yjfxi 8^ 8eTv i^jj-a? toT^ [aev X)Xüv8{ot? ßoTjöeTv, xat 
8k<»>? Tt? Xi^st xdXXiffxa xai Toxiffia, oütox; apeoxst [xot (vgl. III § 10 : 
dXX' 5x1 |i.ev 873 8£t ßorjOetv, sfcot xi? dtv, i:avx£<; €Y^ü)xaiJL£v, xat 
ßoif)0i^ao[JLev).- 

§ 12: ffxoTceioöe [xevxot xouxo, (o & A., oicw; jjlt; X6you? jaövov 
ol wap' T^jJLÖv icpdaßet?, dXXa xai Ipyov xi 8eixv6£:v iS^^aiv £^£Xif]Xu> 
Ö6x(i>v ufjLÖv d^icDq x?3? tuoXew? xai 5vx(i)v €7ci X0T5 xpaYii.a^t xxX. 
(vgl. III § 33: £av o3v aXXa vöv y' exi d7caXXaYivx£<; xouxwv xöv iOwv 
eOeXt^g/jxs Gxpax£ü£a6at xai Tcpaxxfitv a^ltaq ujjlwv auxdiv xxX.) 



DtmosthtniBch« Studien. 15 

§ 13: TcoXXtjv 86 tT|V [xeTdorafftv xal [jL6YflcXt;v Seixiiov ir^v [xeia- 
ßoXifVy etfffepovxa^ i^iövTa^ &icavTa icotouvxa^ iTO^iJLco^, eiicep 
Ti; uiJLtv zpoffi^ei Tov voüv, x5v tauia eOsXi^avjTe &? Tcpo^i^xet xal 
l^ TTspaCvecv (vgl. III § 30—34). 

§ 20: SoxeT 8' Siaoiys^ & dKvSpe; AOiqvoioC; Se^^eiv oux ei^ (jLaxpiv, 
d^ ot TS Oeoi 0£X(i>ai xai u(4.et( ßouXYjvOe. 

§ 22: ou jjLYjv aXX' i^to^e^ ei xt^ atjpeciv jAOt 8o6q, ttjv tyj^ T^jjLe- 
TJpo^ TCÖXeox; t6xv)v dlv ^Xo{(jly]v, eOeXövToiv £ icpo9i^xei icoieiv u(4.d)v 
auTü>v xal xaTa (Aixpbv ^ ti]v exeivou. 

§ 23: dXX' cT|jLai xa0i^(jLe6a ouBev icocouvtc^* cux Ivi 8' aütbv 
dpYöuvTa ouSe xot? ^(Xoi^ eiciTarretv ux^p aüToG ti «oteTv, [xyj t{ y^ 5tj 
ToT( Osot^. ou 8t3 0<xu(Aot9T6v eoTiv, ei aipaieu^iAevo^ xai irovuv exetvo^ 
auTO^ xal 7capu>v e^" Smaai xal (jiiQSeva xaipbv (Arj8' (opav nopaXedccDV 
ilJ}jL(i>v [jieXX6vTb)v xal (l<v]9i!^C(ji.dv(i>v xal iruvOavo(ji.dvb>v ?cepiY(Y^CTai* 
ou8i Oau{JidC(d tout' eYu>. Touvavrtov y^ ^^ ^^ 6au{i,a9T6v^ ei [jLig8^v 
t:oiouvt6? TQlJi-ei? 2)v xot^ «oXeiAOÖct icpo^i^xei tou ravia wotouvro? 
7epi?3{jLev (vgl. III § 35: oux lotiv oicou (Aig8äv i-^^ icotouatv t3i 
Tuv i?oco'Jvt(i)v eT?cov d)^ 8£i vd|jLeiv, ou8' auxou^ (a^v apY^iv xal a^^ 
Xil^eiv xal dicopeTv^ 5x1 8^ ot toO 8£tyo{ vtxa>fft ^ivoi, xaura icuvOi- 
veffOai xxX.y § 14: e! y^P «uxdpxv] x3c f^^io^LOL'zoL ^v ^ u{jidg ovoYxdl^ecv 
3 rpoai^xet icpdxxetv xxX.). 

§ 24: xal xoXXd I8(a icXsovexx^ffat xoXXoxi; ujaTv e^'o^ oy>^ i^Öe- 
Xi^jaaxe, dXX' Tv' oi oXXoi x6xwai xöv 8txa{o)v, xd ujjiixep' auxdv dvY)X{axexe 
elfffspovxe^ xal 7:poexiy8uveuexe 9xpaxeu6(Aeyot, vuvl 8' 8xvetxe 
eqi^vai xal [xdXXexe ela^epeiv uicep xcöv u{i.ex^p(i>v auxiov xxiQ(jLdx(i)v, 
xal xou^ {jiiy dXXou^ areardl>xaxe TcoXXdxi^ Tcdvxa^ xaO' Iva auxüiv iv (x^pei, 
xd 8' üjxdxep' auxc5v dicoXu)Xex6xe( xdOiQoOe (vgl. HI § 9: dXXd [jltjv 
elxi^ u|ju5v et{ xouxo dvaßdXXexai icoii^9£iv xd 8dovxay t8£Tv ^yT^Osv 
ßouXexat xd 8ecvd; d^bv dxo6eiv dXXoOi y^T^V^'^^) ^^^ ßov]Oob^ iaux^ 
Ctixetv, 45^v vuv Ixipot? auxbv ßoYjOsTv). 

§ 27: Y^\d 8i} 8eTv eia^ipeiv xp^|ji.axa, auxou; i^i^vat xxX. 

Aus diesen Stellen geht zunächst allerdings nur so viel 
hervor, dass sie, auch wenn ein oder mehr Söldnerheere Athens 
auf Chalkidike standen, gesagt worden sein können, nicht 
aber, dass solche dort in Wirklichkeit operirten. Wer aber 
an den Aeussorungen der dritten Rede sein Ohr für die Fein- 
heit demosthenischer Wendungen geschärft, wer namentlich 
den gleichen Nachdruck beachtet, der auf persönlichen Kriegs- 
dienst gelegt wird, und dass die consequente Forderung der 



16 Hartel. 

höchsten Leistung die Bestätigung einer kleinen Abschlags- 
zahlung nicht ausBchliesst, sondern den Gedanken daran viel- 
mehr nahelegt) indem das zu Leistende (xa S^ovxa) noch 
durch einen steigernden Zusatz präcisirt wird (vgl. § 12: 
dXXa xal Sp-^ov xi Betxv^eiv f^ouatv e§eXY]Xu66T(i>v uijlcov i^itaq i^; 
Tcö'keijiiq^ § 13: x2v xaura lOeXifoiQTe &^ icpoai^xet xal S)) xepoCvstv, 
§ 23: {xiqS^v icoiouvre^ i^fJtet^ &v xoXi; icoXepLouai rpoai^xet und 
vorher als Gegensatz cTpaT£u6[j.evO(; xai iccvcov exeivo^ auxbq xal 
i?ap(«)v, § 22: eOeXdvxtov £ ^p09i{xei ttocsTv u[ji.(i)v auT(5v. § 24: 
Jxveiie i^t^vai): der wird der Annahme nicht widerstreben, 
selbst wenn sich weitere Indicien für sie nicht gewinnen Hessen, 
dass die Situation zur Zeit dieser Rede die gleiche war, dass 
die Athener, was sich ohne grosse Opfer thun Hess, fUr Olynth 
gethan hatten, indem ihre Söldnerheere bereits dahin abge- 
gangen waren, welche, wie sie hofften, ihnen die Mühe persön- 
lichen Kriegsdienstes ersparen würden. 

An Indicien solcher Art aber fehlt es nicht. § 26 schil- 
dert Demosthenes die Lage und das Verhalten der Athener 
während des ganzen Krieges mit Philipp und im gegenwärtigen 
Augenblick: rare y*P Si^'ifou touO', 8xi (jlsXXövtcov auxüiv, Ix^pou? 
Ttva^ dXiciCovTWv Tcpa^stv, aiTUi)[ji.ivo)v dXXi^Xou^, xptvövrwv, icoXtv 
iXm^övxwv, o^eSbv xauxa Sicep vuvl xoioövkov Sckol^ b xp^vo^ JieXi^ 
Xü6ev. Man könnte bei flüchtiger Betrachtung der Stelle aller- 
dings glauben, dass aus dieser Vergleichung schon um des 
o^eBöv willen nicht alle Züge sich wiederholen müssen, dass 
die Athener nicht im Augenblicke sich mit Hoffnungen auf 
die Erfolge ihrer Söldnerfuhrer (h^pou? xtva? IXic(2^6vx(i)y icpöt^eiv, 
wozu die Scholien bemerken: oiov xou^ §^vou^ xat Xapvjxa xai 
Xap{8T2|jLov) zu tragen brauchen. Allein gerade dieser Punkt 
ist der Kernpunkt des Vergleiches, wie die weitere Ausführung 
zeigt ,Glaubt ihr^ fährt der Redner fort ,dass durch eben 
dasselbe Verfahren, welches unsere Macht so herabgebracht, 
diese sich wieder erheben könne? Das steht um so weniger 
zu erwarten, je schwieriger es ist, Verlorenes wiederzugewinnen, 
als sich im Besitz zu behaupten. Wir aber müssen Alles 
wiedererobem. Das aber vermögen nicht andere, jene §xepc{ 
xiv6^, sondern nur wir selber.' abxöv ouv t^jjlöv Sp^ov xoux' ffit^. 

Noch unwidersprechlicher zeig^ das Folgende § 27 ff., 
dass die öffentliche Meinung sich im Augenblicke lebhaft mit 



Dettosthenuehe Studien. l7 

den Generälen beschäftigte, die in gewohnter Weise ihrem 
eigenen Vortheil nachgingen oder^ weil ohne die nöthige Unter- 
stützung gelassen, nachgehen mussten, dass gegen sie Vorwürfe 
und Anklagen laut wurden, welche der Redner bis nach Been- 
digung des Krieges auf sich beruhen zu lassen auffordert. Es 
ist ganz undenkbar, dass ohne actuelle Veranlassung auf Grund 
von alten Erfahrungen hier diese Methode der Kriegsfiihrung 
akademisch discutirt würde, > und um so mehr, als auf 
einen der Führer, auf Chares wie mit dem Finger gewiesen 
wird. ^ Aber man würde irren, wenn man darauf gestützt 
meinte, dass zu der Zeit Chares allein, noch nicht Charidemos 
neben ihm auf Chalkidike gegen Philipp im Felde stand. Denn 
der Redner spricht nicht von einem, sondern von mehreren 
Generälen (§ 28: si SeT ti twv Svtwv xaJ zept töv cjTpaTr^Ywv 

1 Man ygL damit den Ton, in welchem die Mängel des Söldnerwesens 
z. B. in der ersten philippischen Rede § 46 behandelt werden, um den 
Unterschied zn fühlen. 

* § 28 : hat 8i xfvSuvot jiiv iXcircou^, la 8i Xijp,(xats twv i?p6crc7|xoT«ov xai twv 
oTpaTuoTtov, AiiJL^^axo; £{YEtov xa nXoia S ouXcoaiv. Sigeion war Chares* Resi- 
denz sobald er nicht zu einem Commando berufen ward. Diese Stadt sowie 
Lampsakos hatte er im Bundesgenossenkriege für sich erobert (vgl. 
A. Schaefer IT 51). Die Beziehung auf Chares erkannte auch der Scho- 
liast zu Wo\}^ . . . 7coX.^[jiou; : ?8(ou; Xifzi oO; autoi loita^ Ttoiouvtai exto; tt)^ 
t:oX£cü;. aivfrcstai 8e ^aco? €?? tbv XapT)Ta, und treffend bemerkt Weil zu 
dieser Stelle: Au lieu de combatlre P?Ulippe, et de venir en aide aux 
OhfnÜikna, Charit, n*ayaiU pas de quoi nourrir et payer see aoldcUa, avaii 
San» doute pilU de neutre», capturi de vaisseaux, Pourquoi Dimosthhne 
eOKuseraitril ici cea abtu, si un abus pareil ne foumissait pcu alors mime 
un grief ä ceux qui voulaient faire rivoquer Charks, et qui y riussirent 
en effetf — nur ist die Behauptung, dass Chares abberufen wurde, die 
sich auch bei A. Schaefer II, 131 findet, unrichtig. Denn darüber haben 
wir keine Nachricht Sie stützt sich, so weit ich sehe, nur darauf, dass 
man die von Aristoteles Rhet 3, 10 S. 1411% 6 citirte Aeusserung des 
Kephisodotos : Krj^ia^SoTo; <ncouBa2^ovTO( Xapr^TO^ cuOuva^ Souvai iiipX tov 
DXuvOiocxbv :cdX£[jLov i^YavöbcTSi, ^aaxcov ei; nvry|xa tov StJiaov fyovia toc^ euOuva^ 
n£ipa96ai Souvai, auf eine Anklage bezieht, die Chares auf Grund seiner 
ersten Expedition in Athen persönlich zu bestehen hatte, auf welche 
Demosthenes (Olynth. II § 29: oTav h\ 8ovi6( Xo^ov Ta^ dvayxa^ obco6a7jt£ 
Tsuto^ a9(ETE) anspiele. Wenn aber in diesem Hinweis auf die von Athen 
verschuldete Nothlage ein ,die Kehle zuschnüren* liegt, so kann zu solcher 
Anklage und Vertheidigung eine gleich passende Gelegenheit nach der 
Beendigung des Krieges gesucht werden. Wie aber, wenn Chares an der 
Spitze seiner Truppen von Olynth ans dem Rath seine Rechtfertigung 
aitanngiber. d. phiL-hirt. a. LXXXYII. Bd. I. Hft 2 



18 Hariel. 

ei-KcTv, § 27: ^r^ji-l Syj Setv .... [xi^Sev' attiaTSat -jcptv 5v täv icpaY[xoKTu>v 
xpaTii5(n;Te, TrjVtxauta Bs air' auxwv xwv epywv xpivavTai; xob? |X£v i^^O'J? 
ezatvoü Ttp^v, toü? S' dSistoüvT«? xoXaJeiv). Und wie § 27 deutlich 
genug zwei Führer bezeichnet werden, die nicht einer dem 
anderen untergeordnet, sondern selbständig für Athen Krieg 
führen, so tritt noch greifbarer diese Doppelfuhrung, welche 
bis in das athenische Parteitreiben ihre Schatten wirft , in 
der Vergleichung der politischen Organisation mit dem Sym- 
morienwesen für die Steuereinhebung hervor, in der wenigstens 
das eine klar ist, dass der Redner von zwei Parteien spricht, die 
den Staat zerklüften, deren jede um das Duumvirat eines 
Redners und Generals sich schaart (§ 29: vüvl Ss iroXiTeiscOe 
xara ou|i.[xcp{a^ * pi^Twp •^y£|jlü)v sxaTSpcov xal ffrpa-nQYO? ^^ to6tcj)). > 
Wir haben keine Veranlassung ausser Chares und Charidemos, 
die im olynthischen Kriege ihre Rolle gespielt, nach anderen 
Namen zu suchen, auf welche die Worte des Redners gehen 
könnten, und werden demnach nicht zweifeln, dass die beiden 
ersten Hilfsheere, von denen Philochoros meldet, vor dieser 
Rede bereits nach Chalkidike abgegangen und Nachrichten von 
dort in Athen eingelaufen waren. 

Kurze Zeit vorher wurde die erste olynthische Rede 
gehalten. Auch sie setzt die Absendung eines oder mehrerer 
Söldnerheere voraus; dass von denselben bereits eine Nach- 
richt nach Athen gelangt, ist aus der Rede nicht zu ersehen. 
Diese Behauptung wird selbst bei denjenigen, welche sich 
durch die bisherige Betrachtung überzeugen Hessen, auf starke 
Bedenken stossen. Auch ist an keiner Stelle der Rede auf 



gegen erhobene Beschuldigungen eingesandt und durch die Androhung 
Reine» Abzugs in jene Zwangslage versetzte, die Kephisodotos so bittrr 
ärgerte und Senat und Volk ein Auge zudrücken Hess? Wie dem auch 
sei, als die Olynthier zum letzten Male nach Athen um Hilfe sandten, 
war Chares neben Charidemos noch in Chalkidike; denn sie verlangen 
Tzpoq Tat? uTiapyouaat; ouvdc|jLEai 7c^(X'}ai ßoiJOEiav, p^ feviXTJv aXX* auTwv 
'AOrjvattüv und Athen sendet TpiijpEi; |xkv kxipoii i^' xtX. 
^ Hlass a. a. O. 8. 272^ macht nicht unerhebliche Bedenken gegen den 
Satz § 29 Tipotepov ^h — ixsfvou? geltend: ,Nfimlich dieses Stück hat 
so viel Hiaten und rhythmische Verstösse, und ist auch dem Ausdruck 
und Gedanken nach so hart und unausgeführt, dass man es nicht als 
Theil der ausgearbeiteten Rede betrachten kann. Der Zusammenhang 
gewinnt durch die Entfernung* u. s. w. 



ÜAidoitheniseh« Stadien. 19 

Generäle, die für Athen Krieg führten, oder einen Erfolg 
derselben hingedeutet. Allein das, was die Lage der Dinge 
fordert, die sofortige Mobilisirung des gesammten Bürgerheeres, 
wird mit solchem Nachdruck verlangt, auf den persönlichen 
Dienst ein solcher Accent gelegt, wie er ohne den Eindruck 
verwirrenden Befremdens nie hätte gelegt werden können, 
wenn Athen sich nicht bereits in der gewöhnlichen Weise 
durch Absendung von Söldnern, über die es verfügte, der olyn- 
thischen Forderung gegenüber für abgefunden hielt. 

,Der gegenwärtige Augenblick' so beginnt der Redner 
»ruft mit lauter Stimme, dass ihr die Dinge dort persönlich in 
die Hand nehmen müsst, wenn euch ihre Rettung am Herzen 
liegt' (§ 2: 6 |jlsv ouv ^opJDV xatpoc, & av3p£^ AOyjyatoi, (iivov ou^^ 
Kt{t\ fuvvjv oL^xuq cTt Twv rpaYlAoctcov ufAtv exetvcov auToT? avTiXiQ'rcTSOv 
isTiv, etxep Oxsp ot^vriplou; autäv cpo'/rtCeTs). ,Meine Ansicht ist, die 
Expedition sofort zu beschliessen und sie auf das rascheste aus- 
zurüsten, damit ihr von hier aus Hilfe bringet und nicht 
dieselbe Erfahrung machet, wie schon fi*üher' (lott §€ toc Y ^t^^ 
Soxo'jna, tlnr^iuaaOat \kh ifßri ty)v ßo-njöeiav xal TcapaaKsudaaffBa«. ty;v 
txj^faitjv, otcwj; svd^vSe ßoY;8i^(JTQTe xal fJiT) waörjte tautbv tep xat 
xpörepov). — ,Von hier aus' sagt er, das heisst mit einem 
athenischen Bürgerheer, wie er § 17 auffordert xohq touto ^oi-f^- 
?9via^ ffTpaTi(i>Ta; exxepLxeiv, imd nicht mit einem anderwärts 
gedungenen Söldnerheer, und zugleich vielleicht mit einer An- 
spielung auf die Sendung des Charidemos, die von seiner Station 
im Hellespont aus erfolgte. Auch Ohares dürfte, als er Ordre 
erhielt, Olynth zu schützen, sich auswärts herumgetrieben haben 
(vgl. Philochoros : lxs|jL'|r/ . . . xpii^petc X' xa^ [xcTa Xdprt^xo^' . . . Xap{8iQ)j.ov 
ibv ev 'EXXrjOxcvTa) ffrpaiTJYOv). Die Erfahrung aber, die als Lehre 
dienen soll, setzt er in § 8 ausführlicher auseinander: ,Als die 
Belagerung von Pydna, Potidaea, Methone, Pagasae gemeldet 
wurde, wenn wir damals gleich einer dieser Städte bereitwillig 
und in der erforderlichen Art mit einem Bürgerheer Hilfe 
gebracht hätten, dann hätten wir mit Philipp jetzt eine leich- 
tere Arbeit und er stünde nicht so mächtig da' (^^vi^a IIu8ya 
IloTßata MeOojvri Ua^^OLcal TaXXa, Iva jat; xaO' hiOLOxa Xsfwv BtaTpißu), 
^sXiöpxoujjieva aT:Y;^f^iXX£To, ei Tore toütwv evt xw icpwio) TcpoOujjiax; 
im «5 icp09Y;y.sv eßoiQOii^aatJLev auTot, paovi •mlI tcoXu TaireivoTipü) 
vuv av €Xp(b(A£Qot TW ^'.Xfeü)). In doppelter Hinsicht war die 

2* 



20 fiarteU 

damals geleistete Hilfe unzulänglich und darum erfolglos. Theils 
indem sie zu spät in Stand gesetzt nach der Einnahme jener 
Plätze ankam, was wir aus der ersten philippischen wissen 
(§ 35, vgl. § 4), und dann, weil kein Büi^erheer auszog, 
was wir aus dieser Stelle ersehen und den mit Rücksicht 
auf solche Erfahrungen gemachten Vorschlägen der ersten 
philippischen Rede entnehmen können. Dass jeder Hörer die 
Stelle so verstehen musste, das erreichte der Redner, indem er 
an das musterhafte Vorgehen Athens, als es im Jahre 357 galt 
Euboea zu retten, erinnerte (§ 8: et vap 50' f|Xs;jLev Eußoeuai ßeßor^ 

0»pi5t£^ XXI TZOLSftfSTi Api.ft7C0XsTfa>V *l6pa5 *«l -TpflrtOxX^i; hA TOUtl TO 

ß^{xa, xsXeucvTS^ i^ixa^ xXeTv %ai «apaXaiA^Ecv ti;v «oXtv, Tijv a7i7;v 
X2pei/C{ie0' iQ{Ji£i^ uxsp if^{juiiv gtjtciiv zpsdJtJL'Iay ^yi:ep uirep vf^^ £i>ßo£ii>y 
cbrrnpioc, etxex* dv "Aix^ixoXiy tots xtX.). Damals ward die erbetene 
Hilfe rasch und voll gewährt: för den Flottendienst rief man 
freiwillige Trierarchen auf, in drei bis fünf Tagen war mobi- 
lisirt und gelandet, in dreissig Tagen der Feldzug siegreich 
beendet Damals zpoOüfjud^ xat ü^ TzpoorpLsy i^v^^tox)» 2Üto{ (vgl. 
Schaefer I 143 flF.). 

Dass die Athener für Olynth bereits etwas, aber nicht 
das was sie mussten (t2 Hoyzz) ganz und voll gethan, das liegt 
noch in anderen Stellen ausgesprochen vor, so § 11: X2t irepl 
Tü)y 7parf(Aitfa>v cvT(a>^ oi (aTi /pr|Ci(Aeyot toT{ xaipot^ 5p6u>^ o^' 
61 cuyeßi; ti i:api xÄy 6ewy xpi;cTby {jtyTfiAoyeuoüot, § 14: et 3* 6 jisy 
(4>{Xi'K7:c;) w; ae» ti |A£ii;oy TÄy O^apxoyrwy Bei i:parcety e^y^xw; lor», 
i^{iet; Bs ü)^ cuBsyc? iyTtXij^Teoy eppiojjieyü)^ Töy xpavjiaTwy, 
7xozeis6e ei; it xcr' eXzt^ -zxjzol TeXeuiijjaL Das aber, was der 
Augenblick verlangt und was der Redner auch hier zu fordern 
nicht müde wird, ist ein zahlreiches, wohl ausgerüstetes 
Bürgerheer (§ 27: Bet Tciyjy . . . stoi{jici>^ cuvipacOai xa ^oy- 
ixaxa, xal xpäjßeucjjieyow; es' a Zei xai 5TpaT£jc;jL6vou^ auxoO;, vgl. 
noch § 17, 18, 24), in das, wie er mit einiger Ueberschwäng- 
lichkeit am Schlüsse sagt, alle eintreten sollen (§28: xocyra Bti 
Txjra Sei cuviBsyra^ äxayTa^ ßoijOeiy). Und so ist es auch be- 
zeichnend, dass Demosthenes besorgt, Philipp würde die Athener 
Olynth gegenüber verleumden, nicht damit, dass sie dem ge- 
schlossenen Bundesvertrage entgegen keinerlei Hilfe gesandt, 
sondern nur, dass sie selber nicht als Helfer erschienen (§ 3: 
xa B' t;ja5^ BtaßiXXuiy xai xtjy aTTsuciay xT,y f|[JLexepay). Dass dies 



Demoitlieniiclie Stodieo. 21 

aber von allem Anfang der Wunsch der Olynthier gewesen 
und sie ihn nicht erst gefasst und durch die letzte Gesandt- 
schaft geäussert {%i[u^ax ßoi^Oeioev, |ji.^ ^svtxifv, dikV autäiv A6Y]va{ü>v), 
nachdem sie vielleicht unter dem Hader des Chares und Cha- 
ridemos gelitten^ ist selbstverständlich. Hatten sie ja berech- 
tigten Anspruch darauf, und die Nichterfüllung dieser Pflicht 
mochte die philippische Partei in Olynth gegen Athen geltend 
machen. ^ 

Die Athener waren ihrer Verpflichtung nachzukommen 
besten Willens. Das gesteht ihnen selbst Demosthenes zu, nur 
fehlte es an den Geldmitteln für die Ausführung. Indem sie 
thaten, was sie zu thun im Stande waren, sandten sie bald 
nach Abschluss des Bündnisses mit Olynth, welches, wie in der 
Abhandlung ,Demostheni8che Anträge' nachgewiesen wurde, in 
den Anfang des Jahres 350, Ol. 107, 2 unter das Archontat des 
Theellos^ zu setzen ist, Chares und wohl gleichzeitig Chari- 
demos mit ihren Söldnern, indem sie die unter Chares' Führung 
stehende Macht um acht in Athen bemannte Trieren verstärkten 
und zu Charidemos von Euboea aus ein Detachement von 
150 Reitern stossen Hessen, so dass beide Corps hauptsächlich 
ans Söldnern bestanden. Für diese aussergewöhnliche Finanznoth 
bedarf es einer Erklärung, die sich ungezwungen bei unserem 
Ansätze des Bündnisses, das mit dem Ausbruch des Krieges 
wohl zusammenfallt, aus der Lage Athens im Frühjahr 350 ergibt. 



II. 

In einer Processrede aus demosthenischer Zeit, welche in 
dem Corpus dieses Kedners uns erhalten ist, ohne von ihm 
verfasst zu sein, in der Rede gegen Neaera § 3 S. 1346, 2 flF. 



> Grote stützt sieh auf diese SteUe, am darznthun, dass der ersten olyn- 
ihischen Rede in der Reihe der Reden der letzte Platz gebühre, indem 
eine solche Verdfichtigung eine längere Zeit seit Abschluss des Bundes- 
Tertrage« Toraussetze. Einer solchen Voraussetzung ist man überhoben, 
wenn die Olynthier an Stelle des Bürgerheeres, das sie erwarteten, mit 
SÖldnerhaufen sich zufrieden geben mussten. 

» Vgl. über Theellos Carl Curtius' in Jen. Literaturzeitg. 1877, Nr, 32, 
S. ÖOU 



22 Hsrtel. 

wird Athens Lage zur Zeit des Ausbruches des olynthischen 
Krieges in charakteristischen Zügen also geschildert: (TujAßivTo^ 
T^ xoXet xaipoü toioutou xäc TCOAejAOu ev &> ^v i^j xpan^aaatv i^jxiv jisYtcroic 
T(i)v '£XXii)v(i)v eivae xal avaix^icßYjTi^TG); xa xe Opiexepa aurt^v xexojjiCoOat 
x«t xararcexoXeiJiTjjc^vat ^OvITWtov ij uorepiiffaGt xy; ßoy)Ö€{a xat xpoe^Jisvst; 
Touq cufjLjjiaxou?, 8t' azopiav /pYjjxaTwv xaxaXuO^vToq to5 ctpot« 
xoTceSoü, TOÜTOüq x' dncoXeaai y.al xoT; oXXoi^ "'EXXtjaiv dictJTOüq elvat 
Soxetv xat xivS'jvsusiv irspi xwv OttoXcitcwv, xepi xe Aijjjlvou xai Ifxßpoy 
xal Xxupcu xai Xeppovi^aou, xat (xeXXcvxcov axpaxeöeaOat u{Jiü>y zavBr^piec 
eti; xe £ußciav xat "OXuvOov, lyptttf^s ^^iviJLa ev x^ ßouXiJ AicoXXc- 
Bü>po^ ßoüXeuü)v xal e^i^vsTxe xpoßoiXeü|xa elq xbv SijfJiov, Xeywv Sia- 
/etpoxovtjffat xbv SiJiJiov eixe Soxet xa wepiovxa xp/,]jLaxa xij^ Btoat^fCec«)^ 
TcpoxKoxtxa slvai eixe Oecoptxa, xeXeusvx<ov [ih xd)v vc[au)v, Sxav icöXefjio; 
jj, xa iceptovxa XP^H'^'^^ '^s ^toixi^aeo)^ crxpaxtcoxtxa elvai xxX. 

Aus dieser Stelle, verbunden mit einigen Angaben der 
Rede gegen Meidias, geht zunächst hervor, dass die Athener, 
nachdem sie mit Olynth den Bundesvertrag geschlossen und 
ihr Ansehen auf dem Spiele stand, wenn sie ihren Bundes- 
genossen nicht Hilfe brächten, zugleich Krieg auf Euboea zu 
fuhren hatten, und sie lassen wenigstens die wichtigsten Ereig- 
nisse dieses Krieges und ihre Aufeinanderfolge noch erkennen. 
Plutarch, der Tyrann von Eretria, hatte von Athen Hilfe gegen 
seine Gegner begehrt und sie ward ihm auf Verwendung des 
Meidias und seiner Freunde gegen Demosthenes' Rath zugesagt. 
Zu diesem Zwecke wurden freiwillige Trierarchen aufgerufen 
(§ 11); es war dies der zweite Fall derartiger Trierarchie * und 
damals war es wohl auch, dass Apollodoros, um für so weit- 
ausschauende Unternehmungen die Mittel flüssig zu machen. 



1 Rede g. Meidias 161 S. 566, 23: Ey^vovT £c( KlSßoiav s7:iSo9Et( rap'* u[xtv 
TTptüTai. TOüTwv oux Jjv MetSfac, aXX' sytü, xai auvrpH^papyo^ ^v {jloi 4>iXtvo5 
6 NixoaTpoTou. £TEpai 8euT£pai [xcia Tauia ei; "OXuvOov. ou$l toutcov 
^v MetSfa^. xa{TOi tov ye 89) 9iX6ti{j.ov jcavtayou npoaTJxsv EEeToR^eaOai. xpixai 
vuv aurai Yeydvaaiv eniBdaEt; • EvtauO' etc^coxev. kw? ; ev ti) ßouXj yt^voii^vüiv 
£}:ioo9E(i>v naptüv oux enE8{oou t^te. insid^ Bl ;;oXiopxEUjOat tou( ev Ta(i.tjvatc 
QxpaxuhxoL^ s^YYcXXsio, xal TiavTa; c^isvai tou; u7coXo&:ouc iKfzia^, oiv sTc 
ol^To; ^v, KpoeßouXeuaEv ii ßouXtJ, TYjvixaura 9oßy]0Ei( r^v aTpatECav Tauiijv, e?{ 
xfjv ETCtouaav ExxX7)a(av, Tcpiv xal npo^Bpou^ xa&il^EaÖai, 7;apEX0(ov etc^Bojxev . . . 
(§ 163) oox av^ßaivEv ekI ttjv vauv Sjv ezeocüxev, aXXa xbv fie'Toixov efsnE^Juls 
TOV Aiy^giTiov, na(i.9tXov, aurb; ok {/.^vcjv svOaBs toT^ Aiovuaioi^ SisisparrsTo 
TaOi' eo' oiq vuvl xpfvEiai xtX. 



Demostheoisclie Studien. |^3 

seinen Antrag auf Verwendung der Theorika für Kriegszwecke 
stellte. Gegen Ende des Winters nach den Xosi;, die am 12. An- 
thesterion gefeiert wurden, landete Phokion an zwei verschie- 
denen Punkten; das Reitercorps mit jener Reiterabtheilung, die 
für Olynth bestimmt war, ging bei Chalkis über und lagerte 
bei Argura. Der andere Haupttheil, aus Fussvolk und Reitern 
bestehend, setzte sich bei Tamynae fest. ^ Zur Feier der 
Dionysien wurden zahlreiche Bürger, die damit zu thun hatten, 
beurlaubt; auch die Reiter von Argura gingen nach Athen 
zurück, um bei dem dionysischen Festaufzug mitzuwirken, bis 
auf jene Abtheilung, die, für Olynth bestimmt, nun dahin trans- 
portirt wurde. Die Lage des Heeres bei Tamynae wurde bald 
eine sehr schwierige. Auf die Nachricht, dass es sich in arger 
Bedrängniss finde, wurden ein drittes Mal freiwillige Trierarchen 
aufgerufen und im Rathe beschlossen, dass eine neue Armee 
mit dem Rest der Reiter und einem neuen Geschwader von 
Triremen nach Euboea gehen solle. Als aber noch vor den 
Dionysien Nachrichten von dem Siege Phokions bei Tamynae 
einliefen, nahm die Volksversammlung davon Umgang, ver- 
harrte aber bei der Ausrüstung der Schiffe. Phokion kehrte 
gegen Ablauf des Jahres im Sommer mit dem Heere und der 
Flotte nach Athen zurück, nur eine kleine Abtheilung ver- 
blieb unter Molossus als Bewachung. Sie wurde sammt ihrem 



1 figBoeotos § 16 S. 999, 6: xat yap vuv, ox" e^ Ta(Jiuvac T^ap^Oov o\ 
aXXot, EvOaSs tou; Xo«; aywv aneX£{90T) xai xoT? Aiovuc{oi« xarajjLEiva; £)(^dpEU£v, 
(u; onavTE; !copaO* oi £ni07)p.ouvT£$. — § 17: abzEXOovTwv 5' £$ Kußo{a; t(ov arpa- 
TKüTüjv XmoxoL^ioM nooaExXijOT), xaytj Ta^iapytüV rrj; 9uX^? ■?^yar('/.o^l^6\xr^v xaTOi 
Tou ovoaaToc Tou ijjLauTou TiaTpoÖEV 8^5(^£aOai ttjv XtJSiv. x«i Et (jii'dOb; £:rop{a67) 
roT( $ixaaT7]p{oi( , eltiJYov av dfjXov ort xtX, — RgMeid. 132 S. 558, 2: izzpX 
Be x(5v cruaTpaxewaoifJL^vwv Iktie'wv eZ? "Apyoupav 'i<jt£ Sijnou Kxne^ 
ol* £87]{i.9]YdpY]aE Kap' «{itv, oO' ^xev ex XaXx(8o5, xaTTjyopwv xai 9a(7xeDV 
ovEiBo^ e^eXOeTv t^v OTpaiiav toujttjv tt) 7;dX£i .... xa{Toi izoxtp* tlah oveiBo?, 
w MEi8(a, t5 ti^Xei, ol SiaßdivTE^ £v Tot^Ei xai t^v oxeu^v £)(^ovt£5, ^v ;:poa^xE tou; 
hü Tob? 7coX£[ji{ou; e^idvTa? xai <7U|ißaXou{JL^vou; toT? au^[idc)(^oi; ?j a^, 6 |x^ 
Xo-^^eTv £0yd(jL£VO( Tcov E^idvTcov, OT^ ExXvjpou, Tov Ocupaxa B* ouBEncüTCor' evSu;, 
hC aatpaß7]i; V dx^o6(Ji£VO( ap^upac, xffi e^ Eußo(a$ .... xauta yotp eU tou« 
0ÄX{Ta5 iQjia? oTWjYy^XeTo • oO yap £?; TaOxbv :^|X£t<; xouxois St^ß7][jL£v. — Ebend. 
197 S. 578, 1: £vOu[X£taOE rap' ujiTv auxoT?, oxi ouxo? xwv (xeÖ' lauxou 
(JTpaxEuaajjL^vtüv l:::u^wv, ox' ei; "OXuvOov Bi^ßrjaav, iXOtov rpo; ufxa; 
£15 xj)v ExxX7]9iav xaxTi^dpEi, ;^aXiv vuv |X£{va5 npo^ xou; iSfiXTjXuOdxa; xou 
Bi{|iou xaxv]Y0piiJ9£i. 



24 Hartel. 

Feldherrn zu Qefangenen gemacht und musste um 50 Talente 
von den Athenern ausgelöst werden. So endete dieser Krieg 
schimpflich und nicht ohne den empfindlichsten Nachtheil für 
die athenischen Finanzen. Von der Noth, in welche die gleich- 
zeitigen Rüstungen für Olynth und Euhoea im Jahre 350 den 
Staat gebracht^ gibt der Umstand eine Vorstellung, dass eine 
Zeit lang nicht genug Geld in den Gassen war, um die Dika- 
sterien zu bezahlen. 

Wir sind mit dieser Expedition in der eigenthümlichen 
Lage, dass wir über ihren Verlauf und eine Reihe gleichzeitiger 
Massregeln im Innern, die sich auf sie beziehen, detaillirter 
unterrichtet sind als über eine andere dieser Epoche; aber 
über das Jahr, in welches sie fkllt, fehlt jedes Zeugniss und 
wir können dasselbe nur auf dem Wege der Conjectur fest- 
stellen. Nur so viel ist sicher, dass sie mit den beiden andern 
Expeditionen nach Euboea vom Jahre 357 und 341 v. Chr. 
nichts zu thun hat. Sie muss zwischen sie fallen. Zur chrono- 
logischen Fixiining dient zunächst die Thatsache, dass während 
sie vorbereitet wurde und im Gange war, in Athen auch für 
Olynth gerüstet wurde und eine Expedition dahin abging. 

Dem Zwange dieser Thatsache sucht man in verschiedener 
Art gerecht zu werden, indem man entweder an der philochori- 
sehen Datirung des olynthischen Krieges (Ol. 107, 4) festhaltend, 
den euboeischen Zug in das Jahr 349 oder 348 setzt, oder 
aber, indem man den Ausbruch des Krieges auf Chalkidike 
im Jahre 350 erfolgen und die Athener auf ein unbestimmtes 
Gerücht davon einen militärischen Spaziergang nach Olynth 
unternehmen lässt. In beiden Fällen ist die Comcidenz des 
euboeischen und olynthischen Krieges und der athenischen 
Rüstungen für Beide gewahrt. Die erstere Ansicht vertheidigen 
Grote und Weil mit dem Unterschiede, dass Grote den euboei- 
schen Zug nach den Reden des Demosthenes und den drei 
philochorischen Hilfssendungen in den Frühling des Jahres 348 
setzt, während Weil mit zum Theile eigenthümlicher Begrün- 
dung ApoUodors Antrag und die Rüstungen für Euboea und 
Olynth in dem Winter und Frühling des Jahres 348 vor sich geben 
lässt, während bereits Charidemos, der Führer der zweiten 
philochorischen Expedition, auf Chalkidike operirte. Ihm ist 
es gelungen, eine Autorität auf diesem Gebiete wie Friedrich 



Demosthenische Studien. 25 

Blas 8 für seine Uebei*zeagung zu gewinnen (a. a. O. S. 276 
u. bes. 287 f.). Die andere Meinung wird von A. Schaefer ver- 
treten und hat in Emil Müller einen wackeren Vertheidiger 
g;efunden. ^ Die Erwägungen beider Parteien sind grossentheils 
richtig, aber was sie einander vorzuwerfen haben, nicht minder; 
denn die Äuskunftsmittel, den Schwierigkeiten, in die beide 
Annahmen verwickeln, zu begegnen, sind nicht leicht und 
unbedenklich. 

Wie soll man es mit der Thatsache, an der Schaefer als 
an einer unumstösslichen festhält, dass Philipp ernstlich erst 
im Jahre 349 in Chalkidike eingefallen, dass Olynth erst in 
diesem Jahre das Bündniss mit Athen geschlossen und von 
Athen Zuzug erhalten, vereinbar finden, dass ein Jahr zuvor 
eine Flotte mit Reiterei Olynth ohne dringende Veranlassung 
und ohne dass Athen vertragsmässig zu einer solchen Leistung 
verpflichtet war, zu Hilfe zog? Allerdings verweist Schaefer 
(H 114) auf zwei Stellen (Phil. I § 17 und Ol. I § 13), in welchen 
eine vorübergehende Qefehrdung olynthischen Gebietes durch 
Philipp angedeutet sein soll. Dass diese Auffassung irrig ist, glaube 
ich in meiner Abhandlung ,Demosthenische Anträge' (S. 525) 
gezeigt zu haben. Dieselbe aber als richtig vorausgesetzt, wer 
erkennt in dieser Handlungsweise die Athener des nächsten 
Jahres wieder, welche Olynth bis an den Rand des Verderbens 
kommen Hessen, ohne zu kräftiger Unterstützung sich aufzu- 
raffen? Sie sollten, ohne Olynths Bundesgenossen zu sein^ auf 
eine feindliche Demonstration Philipps hin in solcher Art 
reagirt haben? Sie sollten bloss aus politischer Vorsorglichkeit 
zu einer Zeit, da sie kaum die Kosten für die euboeische Unter- 
nehmung zu bestreiten vermochten, sich noch einen weit kost- 
spieligeren Krieg in der Ferne aufgelastet haben? Sie sollten 
durch keine Vertragspflicht gedrängt aus blosser Opferwilligkeit 
auf die Theorikengelder durch Volksbeschluss haben ver- 
zichten wollen, und Demosthenes sollte sich nicht daran in 
einer seiner olynthischen Reden erinnern müssen, um wirkungs- 
voll die Fahrlässigkeit des Augenblicks mit dem guten Willen 
vom vorigen Jahre zu vergleichen? Würde er wohl gesagt 
haben: ,Stehen nicht die jetzt im Kriege, welche wir bereitwillig 

* Ansgewfihlte Reden des Demosthenes erklärt von Anton Westermann, 
1. Bdch., 7. Aufl. von Bmil Müller, Berlin 1876, S. 390 ff. 



26 Uartol. 

ZU retten versprachen, wenn es zum Kriege kommen sollte?^ 
(Ol. III § 16: oux o^;? €1 'KsXepLT^aratEv, ^toCpiu)^ ccÄffStv ü«ii(j)rvo6|jt£0a, 
ouToi vOv iroXspiouaiv), und nicht vielmehr: , werden nicht die jetzt 
vom Kriege bedrängt, die wir, da blosse Gefahr sie bedrohte, 
bereit und thatkräftig unterstützten und so mit blindem Ver- 
trauen zu uns erfüllten'? Würde er sagen können: ,Nun hat 
sich das, wovon ihr alle den Mund voll hattet, dass man die 
Oljnthier mit Philipp entzweien müsse, von selbst gemacht 
und in der Art, wie wir es nur wünschen konnten?' (Ol. I § 7: 
vuvl Y°^?5 S roivTeq eöpuXeiTS, w? DXuvöiou? ey.'TroXepLcoaat Set ^lAferw, 
YSYSvsv auT6|xaT0v, xal xaud' C^q dlv ujjitv [j.iXt9ta ffufji^epot) oder: ,wir 
haben nichts gethan, um diese günstige Gelegenheit des olyn- 
thischen Krieges herbeizuführen, sie ist ungesucht dem Staate 
in den Schooss gefallen' (Ol. I § 9: vuvt 3tj xaipb; ^xei Ttq cuto; 
6 xöv DXuv6tü)v auTÖjAOTO^ vfi ^oXst). 

Wir wissen überdies aus der Rede gegen Neaera, dass, als 
die Athener während der euboeischen Händel für Olynth rüsteten, 
sie dies nicht für ein fremdes Volk, sondern für ihre Bundes- 
genossen thaten, dass sie dies thaten, um nicht der Untreue 
geziehen zu werden, um mit ihrer Hilfe nicht zu spät zu 
kommen, indem man besorgte, dass das für diesen Zweck 
bestimmte Heer sich auflösen könnte. Schaefer muss dieses 
Heer gegen Sinn und Zusammenhang der ganzen Stelle, die 
nur an Olynth denken lässt, ^ auf Euboea suchen, wo doch Phokion 
seine Truppen der Feste wegen zum Theile sogar beurlauben 
konnte und bei welchem eine derartige Situation, die Gefahr 
der Auflösung, nicht leicht denkbar ist. Es kann nur ein 
Söldnerheer gemeint sein, das entweder bereits in Olynth stand 
oder dahin abzugehen im Begriffe war. Man wird an Chares 
oder an Charidemos oder besser an Beide zu denken haben. 
An das Heer des Chares, weil wir in der zweiten olynthischen 
Rede von einer frappant ähnlichen Situation dieses Heeres und 
von Handlungen seines Führers vernehmen, welche Demosthenes 
zwar nicht vertheidigt, aber mit der Nothlage der Truppen, 
dem Mangel an Sold entschuldigt. ^ 

^ ,Die Hauptgefahr ist demnach augenscheinlich die um Olynth, nicht die 

des Heeres auf Euboea* Blase a. a. O. p. 276, Weil Harangues p, 165. 

2 VgL Ol. II § 27: ^tjfii orj oetv . . . xaq Rpo^aaei; o' a96XEtv xat ti 



Demosthenisclie Studien. 27 

Der Einwurf, den nian gegen diese Conjectur erheben 
könnte, dass das die gewöhnliche Lage athenischer Söldner- 
heere jener Zeit gewesen und dieselben nicht Einmal nur wegen 
Soldmangels auseinander gingen, besagt nichts gegen ein wei- 
teres Moment, welches ihre Wahrscheinlichkeit in hohem Qrade 
vermehrt. In der Notiz des Philochoros, welche die Stärke 
des Expeditionsoorps unter Chares angibt, werden ausdi*ücklich 
die acht Trieren, welche die Athener bemannten, von den 
Truppen und Trieren, die Chares führte, unterschieden und wir 
werden nicht irren, wenn wir die freiwillige Beisteuer, die 
eztSc^etq £(<; \)XuvOov aus der Midiana auf sie beziehen. Für 
die Beiter, welche von Euboea nach Olynth übersetzten, ist 
allerdings in den Corps des Chares kein Platz, aber derselbe 
Philochoros meldet, dass Charidemos ausser 4000 Pel tasten 
150 Reiter commandirte, welche dem euboeischen Detachement 
auch der Zahl nach entsprechen dürften. Zudem ist ein so 
geringer Zug von Reiterei als selbstständig operirende Truppe 
kaum denkbar. Indem wir dieselben unter Charidemos stellen, 
sind wir der unbezeugten Annahme Grotes überhoben, dass 
ein noch zahlreicheres Corps Hopliten diese Reiter begleitete. 
Unsere Combination hat den weiteren, unverächtlichen Vorzug, 
dass durch sie Philochoros' Angaben ebenso viel an Präcision 
gewinnen, als sie durch die bekämpfte Hypothese daran ein- 
bussten, indem nach ihr Philochoros eine, wenn auch um ein 
Jahr vorausliegende, so doch nicht unbedeutende Leistung Athens 
für Olynth mit Stillschweigen übergangen haben würde. 

Gegen die Stelle der Rede wider Neaera, welche, wie 
wir sehen, gegen Schaefers Hypothese in allen Punkten unweg- 
räumbaren Widerspruch erhebt, indem nach ihrer Darstellung 
zu der Zeit, als ApoUodor die Verwendung der Schaugelder 
für Kriegszwecke beantragte, der Entscheidungsjtampf mit 
Philipp um das politische Uebergewicht in Hellas ausge- 



«v fiYj izap* u(A(uv auieüv TipüSiov U7:ac^i] xk deovia- r(vo; ^ap evExa (u avSps; 
'AOi^vatoi vo{i.^ETE TOUTOv {i^v ^^{f^zvi Tov noXE{i.ov jcavta? oaoüi av ex7c^(Ji<]/T)rs 
TTporojyou?, IZioM^ 5' Eupfoxsiv 7:oX/(jLO\i;, ei SeT ti töSv ovtcov xai nepi twv 
TTpstr^Y^v EiTCE^ ; oTi evTauOa [a^v eoti ta aOXa unkp ojv Eariv o iz6Xe\i.oi u[jls- 
Tcpa, xav Xnj^O^ [so nach Madvi^ A. C. I 456 für die Vulgata ^Aia^^tioXi; 
xai äy Xij^Oij], TzapQC/(fifl\i.oi l\uX^ xo{xi6ra0£ * ot tk x^vBuvoi tcov e^ettvjxötcov 'tBiot, 
{itaOb; 8* oOx ^oTtv. 



28 Hsrtel. 

brochen ist, die Olynthier bereits als Bundesgenossen Athens 
erscheinen y Athen selbst in Gefahr schwebt, durch säumige 
Leistung seiner Vertragspflicht das Vertrauen der Nation zu 
verlieren, ein für Olynth zusammengebrachtes Heer aus Mangel 
an Sold auseinander zu gehen droht, gegen diese Stelle hat 
Emil Müller in verständiger Taktik seinen Hauptangriff 
gerichtet, indem er in ihr ,durchaus den Stempel übertrei- 
bender Ungenauigkeit' erkennen will. Welches sind die ver- 
dächtigenden Merkmale? Der Redner versichert, ,die Athener 
seien, als ApoUodor seinen Antrag einbrachte, im Begriffe ge- 
wesen, mit ihrer gesammten waffenfähigen Mannschaft (navSi;{jic{) 
nach Euboea und Olynth zu ziehen (da dieselben doch selbst 
in ihrer besten Zeit nach einem entlegenen, überseeischen 
Kriegsschauplatz niemals mit gesammter Mannschaft ausge- 
zogen sind und auf den letzten Nothschrei der Olynthier nur 
2000 Bürgerhopliten und 300 Reiter ausgesandt hatten), und 
behauptet ganz unglaublicher Weise, der Volksbeschluss auf 
Verwendung der Ueberschüsse zum Kriege, sei ein einstimmiger 
gewesen (ov>8ei? dvTexeipoTsvr^aev § 4), die Verurtheilung Apollo- 
dors in dem Paranomenprocesse aber sei nur durch persönliche 
Verläumdungen des Anklägers und falsche Zeugen herbeigeführt 
worden/ Allein weder in dem 7cav8t3|xe{ noch in dem ouSet? 
dvTex£ipo'f6vY)aev liegt etwas unerklärliches, unannehmbares. In 
ersterem nicht, denn wir haben es eben mit einem hochtra- 
benden Psephisma zu thun, wie sie damals in Athen beliebt 
waren ^ imd brauchen uns nur an den Beschluss vom Winter 352 
zu erinnern, wo man auch xavBv;(i.e{ auszuziehen gedachte (OL III 
§ 4: Tob? P^s/pi ic£vx£ xal TerrapaxcvTa etwv auTOu;^ gjxßaCvetv), obwohl 
es einen Zug nach dem thrakischen Cherronesos galt, und 
nicht wie im vorliegenden Falle nach Olynth und Euboea oder, 
wie Müller will, bloss nach Euboea, von wo man in längstens 



* Vgl. Phil. I § 20 : xa\ OTitoq jjit] TCOiijarjTe, onoXXaxt; &{j.a? £ßXa<|*ev j:avT* iXairrw 
vo(Jin^ovTe{ eTvai xou Ö^ovto; xai t« jx^yiat' iv toTc <|'T)9{a(Jia9iv alpo6(jievoi, 
lizi Tto 7:paTT£iv oOSi Tot (iixpa ;:oi£tTE, und Ol. I § 28: k«vt« 5ij rauta 5et 
ouv'.B^VTa; ^TsavTa; ßoT]0£tv. 

2 aaTo6$ verlangte für aOrov; Nanck im Bnlletin de TAcademie de St. P^ters- 
bourg tom. VI p. 51, eine Conjectur, welche darch die vorher (S. 26 ff.) 
ansgeBchriebenen Stellen über persönlichen Kriegsdienst, wq nirgends 
das Wort octtoC gebraucht ist, widerlegt wird. 



DenoatheBiBclie Stadien. 29 

SOTageB; wie Ol. 105, 3, zurück zu sein hoffen durfte (vgl. 
Schaefer I 143, H 754). 

Aber auch jenes ohleu; avtsxeipoTCVYjoev muss nicht auf die 
Abstimmung über den Antrag ApoUodors bezogen werden und 
eine übertreibende Unwahrheit enthalten, sondei'n es kann ganz 
wohl als ein doppeldeutiger Ausdruck für eine wahre That- 
Sache aufgefasst werden. Die Worte lauten (§ 5 S. 1346, 26): 
YSvojjLsvY)«; Y«P '^^ StoxeipOTOvta? ouSei; a^ns.x&ipo'iOYtiQt^ üq cü SeT toT*; 
Xpi^(juzc( To6TOiq crpoTWüTixotj; yu^a^ai^ akXk xal vuv ext, eiv xou kcr^oq 
Ysvijrai xapa icavrwv 6|xoXoYeTTat o); Ta ßeXTicjTa efea? deSiXÄ xiOot. 
Ist es plausibel, dass der Redner in dem Falle, dass wirklich 
alle oder auch nur mehrere einfiussreiche Persönlichkeiten aus 
der Zahl der Vertheidiger der Schaugelder simpel ftir den 
Antrag ApoUodors gestimmt und sich so in Widerspruch mit 
ihren Ueberzeugungen gesetzt hätten, dafür diesen milden Aus- 
druck, diese vorsichtig negative Fassung würde gewählt haben? 
Zudem enthält die zweite Hälfte des Satzes, wenn auch die 
erste an eine förmliche Abstimmung denken lässt, nicht den 
förmlichen und wörtlichen Antrag, sondern gleicht mehr einer 
Resolution, einem Stück Motivirung, ja vielleicht der Motivirung 
einer etwas abweichenden Ansicht. Denn ,keiner stimmte da- 
gegen, dass man diese Gelder nicht als Eriegsgelder benützen 
dürfe,' legt die Ergänzung nahe, wenngleich mancher Bedenken 
trug, dass es in dieser Weise, d. h. durch ein einfaches Pse- 
phisma und nicht auf dem allein verfassungsmässigen, legis- 
latorischen Wege geschehen solle. Dass gleichwohl nicht sofort, 
wie es scheint, gegen den Antrag eine fpa^Y) xapavcfjiwv ein- 
gebracht wurde, wird verständlich, wenn es der Partei, von 
welcher eine solche Opposition zu erwarten war, im Augen- 
blicke nur darauf ankam, die euboeische Expedition nicht 
scheitern zu lassen. ^ 

' Wie hier die aus der Debatte über den Antrag ersichtliche, allgemeine 
Zustimmung den Antragsteller zu entlasten dienen soll, in ähnlicher Weise 
rechtfertigt Aeschines mit der ^einstimmigen* Annahme durch das Volk 
ein gesetzwidriges Psephisma des Philokrates, welches dieser dbipoßo^XEurov, 
wie ich glaube, unmittelbar in der Ekklesie eingebracht hatte, vgl. Aesch. 
RvdGes, § 13; Sfdcocri tj^9icr[xa <l)iXoxpaT7]( o ^Ayvouato^ xat 6 ofjjjio; oizciq 
o^jLOYvtojjLcuv f/Etpotdv7}OEv E^ETvai <I>iX{7;3Cbj xtX. und kurz vorher tou otJiiou 
Q^6^p!* aj:o865«(jivou ... «vxEiJidvxo; o'oOSevo^. — Zu dieser die Wahr- 
heit kaum verhüllenden Uebertreibnug vergleiche man Demosthen es' Aussage 



30 Kartet. 

Alle andern Umstände jener in ihrer Glaubwürdigkeit 
angefochtenen Darstellung sind Thatsachen, die, wenn auch 
übertrieben dargestellt, sich nicht fortinterpretiren lassen. 
Um über sie hinwegzukommen, bleibt Müller nur die verzwei- 
felte Ausflucht übrig, dass der Redner die Zuhörer verleite, 
,jene Vorboten des olynthischen Krieges, zu deren Zeit der 
Antrag gestellt ward, mit dem olynthischen Kriege selbst zu- 
sammenzuwerfen, welchem Bestreben die natürliche Neigung 
der Zuhörer, jene unter sich zusammenhängenden, zur Zeit 
der Rede aber längst abgethanen Ereignisse, ohne genauere 
Beachtung der Stadien ihrer Entwicklung in der Erinnerung 
als ein Qanzes zu fassen, von selbst entgegenkamt Diesen 
Vortheil wahrnehmend, suche er seinen Zweck durch eine 
allgemeine Schilderung der drangvollen und entscheidungs- 
schwangeren Lage mit stai*kem Farbenauftrag zu erreichen, 
nenne den euboeischen Krieg und die Anstrengungen zur 
Rettung Olynths in äinem Athem, hüte sich aber, durch eine 
bestimmtere Bezeichnung des Zeitpunktes erst darauf auf- 
merksam zu machen, dass die damalige Heeressendung nach 
Olynth ein militärischer Spaziergang blieb und der wirkliche 
Ausbruch des olynthischen Krieges erst 18 oder 19 Monate 
später erfolgte. Dass aber jene Vorboten eitel Fiction sind, 
meinen wir unwidersprechlich dargethan und damit die Wahrheit 
und Treue dieser historischen Charakteristik, welche lebendiger, 
treffender und nachdrucksvoller kaum Demosthenes selbst hätte 
liefern können, im Allgemeinen wie im Einzelnen gerettet zu 
haben. 

Wenn es aber mit jenen Vorboten des olynthischen 
Krieges, welche Schaefer und Müller präsumiren, nichts ist, 
dann wird die Zuverlässigkeit der philochorischen Nachricht, 
dass der Krieg erst Ol. 107, 4 ausgebrochen sei, durch eine 
Stelle der ersten olynthischen Rede (§ 13) vollends erschüttert. 

über die seine Person betreflfende Abstimmting RgMeid. § 2 8. 616, 2: 
oOo^ obceßXEtjiev et; t«; ouvta^ lo^ toutcov ouS^ 'zaq bitov^ion^y aXXoc |jLta 
yvto[i.y) xaTe/£tpoTovv)9Ev «utou, — RgTimokratos § 67 S. 715, 27: 
yjsijv 9E . . . £t 7:a9iv X07)va{oi$ iSoxEt, ypa^Eiv xat vo^aoOetsTv, n&chdera 
kuriB vorher (§ 65) die Zahl der Znstimmenden auf 6000 festgesetst war. 
ITebrigens sind die» nicht die einzigen Beispiele soloh^ nnschuldiger 
Zahlen- Hyperbel. 



Dcniosthenisehe Stndien. 31 

Dort lässt nämlieh DemostheiieS; iudein or die rasch aufoinander 
folgenden Züge Philipps aufzählt, unmittelbar auf den thra- 
kiscben Zug und die Erkrankung desselben im Jahre 352 
V. Chr. die Befehdung Olynths folgen (xaXiv ^wa; oux £xl to 
paOu|i£Tv dTvSxXtvev, aXX* eüOu? W^uvOictj; kizs/dpTt<jev). Allerdings 
lässt der Ausdruck eu66^ eine strenge Bemessung seiner Dauer 
nicht zu, und fände sich die Stelle in der Eranzrede^ so wäi*e 
die Annahme eines mehrjährigen Zwischenraumes durchaus 
zulässig. Aber dieses Wort findet sich, wie Grote S. 2574 treffend 
bemerkt; hier in einer Rede, die wahrscheinlich in der letzten 
Hälfte des Jahres 350 v. Chr., ganz gewiss aber nicht später, 
als in der eraten Hälfte von 348 v. Chr. gehalten worden ist. 
Demnach ist für das durch euOu; bezeichnete Zeitintervall 
höchstens die Dauer eines halben Jahres anzusetzen, wodurch 
^vir, indem wir Philipp ungefähr Mitte 351 v. Chr. genesen 
lassen, auf den Anfang des Jahres 350 geführt werden. 

Während wir gegen Schaefers Behandlung der entschei- 
denden Stellen aus den Reden gegen Meidias und Neaera 
Einsprache erheben mussten^ finden wir uns mit der übrigen 
Untersuchung desselben über die Zeit des euboeischen Krieges 
in vollem Einklänge. Was Weil dagegen vorbrachte, ja vor- 
zubringen, sich gezwungen sah, um seine Behauptung zu 
halten, ist hinfallig und zum Theil bereits von Müller richtig 
widerlegt, so dass eine kurze Hinweisung auf die von Schaefer 
acceptirten oder neu beigebrachten Argumente an dieser Stelle 
genügen wird. 

In durchaus unverfänglicher Weise bezeugt Dionysius, 
dass die Abfassung der Rede gegen Meidias in das Archontat 
des Kallimachos (Ol. 107, 4) falle. Drei Jahre vorher, d. i. 
Ol. 107, 2 = 351 V. Chr., übernahm Demosthenes freiwillig 
die Choregie für seine Phyle und genügte an den Dionysien 
im Frühjahre 350 dieser Pflicht zu jener Zeit, da das athenische 
Heer auf Euboea stand. Es war bei dieser Gelegenheit, dass 
Meidias den Demosthenes in gemeiner Weise insultirte. Um 
diese Dionysien zu feiern, war Boeotos, wie wir aus der Rede 
,gegen Boeotos vom Namen' erfahren, in Athen geblieben und 
wurde deshalb wegen Fahnenflucht belangt; da aber in Folge 
mangelnden Richtersoldes die Gerichte nicht fungirten, kam 
der Process nicht sofort zur Verhandlung, wohl aber unmittelbar 



32 fiartel. 

nach Eröffnung der Dikaaterien. Die bezügliche Proceasrede 
des DemoBthenes setzt nun Dionysius in die Archontenjahre 
Ol. 107, 2 oder 107, 3 (vgl. Dionys. Dein. c. 11 S. 656, 6: 
6 [kh Y<*P Av)|JLca6£voü^ xepl toj 6vO[j.aTO? Xo^o; . . . xxca BecaaXbv ^ 
'AxoXX6$a)pov dpr/orzx xsTeXecrai, üx; ev toT? irspl Ar^pLccOevou; SeSij/jih 
xa{jLey). So wie Dionysius' Zeitansatz der Midiana sich durcli 
Heranziehung der in ihr erwähnten historischen Thatsachen 
mit seinen Mitteln leicht und sicher machen Hess, so ist es 
offenbar die in der Rede vom Namen § 16 S. 999, 7 berührte 
Schlacht bei Tamynae, auf welcher sein Zeitansatz dieser fusst 
Wäre aber bei Tamynae erst Ol. 107, 3 gekämpft worden, 
dann konnte er nicht annehmen, dass der Process und die 
Rede Ol. 107, 2 oder 3 falle, sie musste dann dem Jahre 
107, 3 zugewiesen werden. * Auch kann der euboeische Feldzug 



Bla08 (a. a. O. S. 288) erkennt auch nach dem was Müller (a. a. O. S. 399) 
gegen Weil (Harang. p. 166) vorgebracht, in dem Zeugniss des Dionysins 
einen Irrthum, den er aufklären zu können meint ,Denn er las, wie es 
scheint, in seinem Exemplar statt Ta[jLuva; die Verderbniss IluXac, und 
somit sagt er anderswo [in derselben Schrift c. 12 ii^{j.vi]rai Y^p cu; vecoari 
TTjt £?( IluXac g^öSou yevoiJi^VT]; (Dem. Boiot. 16 xai yap vuv, ots ei; To^iuvo; 
napfSXOov ol aXXoi)' ii 5' ei? [IluXa?] 'AOrjvaiwv ?5o5o5 Eiti BouSijjxou opj^ovio; 
t^ivtxo, TpioxaiB^xarov eto? AEivap)(^ou ex,ovtoc], dass die Rede vom Namen 
bald nach dem 106, 4 fallenden Seezuge nach Thermopylae geschrieben 
sei; weiter aber kurz darauf, dass die andere Rede, gegen denselben 
Boiotos oder Mantitheos, von der Mitgift, zwei oder drei Jahre spfiter 
als die vom Namen falle, das heisst 107, 2 oder 3. Nun lieg^ es nahe zu 
vermutheu, dass er an jener erstoren Stelle einfach die beiden Boden 
gegen Boiotos mit einander verwechselt*. Zunächst dünkt es mir uu- 
wahrscheinlich, dass Dionysius durch einen Fehler seines Textes, den or, 
wenn or zwei Zeilen weiter las, leicht verbessern konnte, in einen so 
folgenschweren Irrtbum geführt worden sein soll; denn durch die nächsten 
Worte (RvNam. 16 S. 999, 9 (xkeXOövtwv o' s? Eußofa;) wurde er an den 
ihm aus der Midiana wohlbekannten euboeischen Feldzug erinnert. Es 
wäre ebenso leicht denkbar, dass des Rhetors Worte durch ein Verderb- 
niss oder eine Interpolation entstellt ursprünglich das Richtige enthielten, 
dass er von Tamynae sprach und darnach den Archonten richtig nannte. 
Auch Deinarchos* Altorsbezoichnung widerspricht seiner eigenen Berech- 
nung, wornach dieser erst 107, 4 im dreizehnten Jahre stand. Aber wenn 
Dionysius iu grosser Zerstreutheit irrte, wo ist ein solcher Irrthum psycho- 
logisch wahrscheinlicher? Doch niclit dort, wo er über die Zeit der beiden 
Reden eingehende Untersuchung anstellte, in der Schrift über Demo- 
Rthencs, auf deren Begründung seiner AnsStze er beide Mal verweist, 
a. a. O. c. 1 1 ü); £v ToT; nspi A7jp.o<T0£vo'j; 8£ÖTjXf6xa[i.£v (für den Ansatz der 



D«mostltaniMba Stadien. 33 

erst nach Ende des Jahres 107, 1 ausgebrochen sein, da die 
erste philippische Rede von ihm nichts weiss, wo von euboei- 
schen Angelegenheiten die Rede ist wie § 37, und er ist zu 
Ende des Jahres 107, 4 (348) durch einen Frieden geschlossen 
worden. Somit muss der Aufbruch nach Euboea, sowie die 
damit gleichzeitige Rüstung für Olynth in den Anfang des 
Jahres 350 gesetzt werden. 

Diese Thatsachen sind es zunächst, welche die von Grote 
und Weil empfohlene Verlegung des euboeischen Unternehmens 
in die Mitte des olynthischen Krieges, nachdem Demosthenes 
bereits seine Reden gehalten, verbieten. Aber auch die Reden selbst 
vertragen sich mit diesem Ansätze nicht. Demosthenes kommt 
an zwei Stellen derselben, I § 19 und III § 10—13, auf die 
Theorikengelder zu sprechen in einer Weise, die nur unter der 
Voraussetzung begi*eiflich wird, dass dieselben bereits einmal 
iiir Bedeckung der Kriegskosten, aber erfolglos in Aussicht 
genommen worden waren. * Nachdem er also an der ersten 
Stelle dargelegt, dass es an Kriegsgeldern nicht mangle, dass 
diese aber für andere Zwecke leichtsinnig verwendet werden, 
lässt er sich den Einwurf machen: ,du stellst den Antrag, 
dass diese Gelder Kriegpgelder sein sollen?' und antwortet 
hierauf: ,Gott bewahr', ich stelle keinen Antrag. Es ist das 
nur meine Meinung, dass man Soldaten ausrüste, dass diese 
Gelder dazu zu dienen haben und dass eine Anordnung die 
Bezahlung und Leistung des Gebührenden regeln müsse, dass 
ihr sie aber, ohne euch dafür anzustrengen für die Feste in 
Empfang nehmet^ Warum diese Ablehnung einen Antrag zu 
stellen, der nach seiner Ueberzeugung billig war und eine 
nicht unergiebige Geldquelle eröffnen konnte? Warum die 
Hervorhebung dessen, was seine Meinung ist, wenn nicht eine 

Rede Tom Nam. 107, 2 oder 3) nnd c. 13 co; axpiß^aT£pov ntpX autcuv iv 
T^ izzp\ A7]p.oo6^vou^ TP^?!) ^£^^^o^xa[i.£v (dafür dass die andere Rede zwei 
oder drei Jahre später falle). Ebenso mnss Dionjsias in seinen Angaben 
über die Midiana sich geirrt haben, damit diese Ansicht sich halten könne. 
Doch darüber Tgl. Müller a. a. O. S. 399. 

* Wenngleich ich Blass (a. a. O. S. 276) zugestehe, dass Demosthenes 
ausdrücklich nirgends sagt, dass ein solcher Versnch auch gemacht sei. 
Dazu hatte er wohl seinen Grund, indem ihm von feindlicher Seite die 
höhnische Insinuation, er selber hfitte es wagen sollen, nicht erspart ge- 
bUeben sein mag. 

Sitrangtber. d. phil.-hist. Gl. LXXXTII. Bd. L Hft. 3 



34 Hart«!. 

andere, entgegengesetzte Meinung vorher zum unzweideutigen 
Ausdruck gekommen? Wozu der sarkastische Humor dieser Aus- 
lassung^ wenn nicht in ihm der Aei^cr bitterer Erfahrung oder ge- 
täuschter Hoffnung sich ausspricht? Sinn und Beziehung der Stelle 
werden mit einem Schlage klar^ wenn wir uns des verunglückten 
apollodorischen Antrags erinnern, der für seinen Urheber leicht 
mit der Verurtheilung zu einer unerschwinglichen Geldstrafe — 
der Ankläger hatte fünfzehn Talente beantragt — enden konnte. 
Noch schlagender erhellt diese Beziehung auf eine that- 
sächliche Erfahrung aus der andern Stelle (Ol. III § 10) 
,Was die Geldmittel betrifft' sagt er dort ,so wundert euch 
nicht, wenn ich etwas rathe, was der Mehrzahl sonderbar er- 
scheinen wird. Setzt Nomotheten nieder. Durch diese lasst 
aber keine neuen Gesetze aufstellen, denn wir haben deren 
genug, sondern hebt jene, die im Augenblick Schaden stiften, 
auf; ich meine die über die Theorikengelder ohne alle Um- 
schweife (in der ersten olynthischen Rede hatte er sichtlich den 
Namen vermieden, mit Xa{xßaveTs si; la^ iop-iq § 20 nur auf die 
Sache anspielend), und einige über die Mobilisii*ung, von denen 
jene die Kriegsgelder denen die zu Hause bleiben als Festgelder 
zutheilen, jene aber, die ihrer Dienstpflicht sich entziehen, straflos 
halten und die, welche ihrer Pflicht nachkommen wollen, nur mit 
grösserer Unlust erfüllen. Erst, wenn ihr diese aufgehoben und 
den Weg das Beste zu rathen, gefahrlos gemacht, dann suchet 
jenen, welcher das, was, wie ihr alle wisst, frommt, beantragen 
wird. Bevor ihr dies gethan, erwartet keinen, der dafür, dass 
er in eurem Interesse das Beste räth, durch euch wird zu Grunde 
gehen wollen; denn ihr werdet ihn nicht finden, zumal ja nur 
das dabei herauskommen könnte, dass der, welcher dies räth 
und beantragt, ungerecht zu Schaden käme, der Sache aber nichts 
nützte, sondern iiir die Zukunft noch mehr abschreckte, das 
Beste zu rathen. Diese Gesetze aber aufzuheben, rauss man 
dieselben auffordern, welche sie gegeben haben, denn es ist 
nicht gerecht, dass die Popularität einer Massregel, welche dem 
ganzen Staate Schaden brachte, jenen, die sie veranlasst, ver- 
bleibe, die Gehässigkeit des Vorschlags aber, durch den wir alle 
in bessere Lage kommen dürften, dem, der jetzt das Beste räth, 
als Strafe zu Theil werde. Bevor aber das in Ordnung gebracht, 
muthet Niemanden zu, bei euch so einflussreich zu sein. 



D«mosth«nise]ie 8tiidi«ii. 35 

ungestraft sich über diese Gesetze hinwegsetzen zu können, oder 
80 thöricht; dass er sich in das sichere Unglück stürzen möchtet 
Wenn die Verhältnisse zur Zeit der Rede so waren, wie sie 
Weil voraussetzt, dass sich jener, welcher Verwendung der 
Schaagelder für Kriegsgelder beantragte vielleicht nur eine 
Ypa^i xapav6{A(i>v zuzog, wenn er aber das nicht wollte, nur den 
legislatorischen Umweg einzuschlagen hatte, dann sind Demo- 
sthenes' Worte wahrlich nicht ein Denkmal seines Muthes und 
unternehmenden Patriotismus, sondern das Gegentheil; sie sind 
unpassend, unbegreiflich. Aber noch unbegreiflicher erscheint 
es, wenn das Schicksal eines solchen Wagnisses so unzweifelhaft 
und unabwendbar feststand, wie Demosthenes es hier darlegt, 
dass Apollodor einige Zeit darauf den Antrag, welchen Demo- 
sthenes ablehnte, wirklich stellte und damit beim Rath und 
Volke ohne erheblichen Widerstand durchdrang. 

Zu einer ganz entgegengesetzten, richtigeren Folgerung 
aus diesen Stellen gelangt Müller, welcher erkannte, dass 
Demosthenes' Worte auf die Voraussetzung führen, ,es müsse 
nicht lange vorher einem ein solcher Antrag übel bekommen 
sein, und das Volk müsse vor Kurzem seine Willensmeinung, 
die Ueberschüsse für die Festspenden und nicht für den 
Krieg zu verwenden, von Neuem auf das Unzweideutigste 
zu erkennen gegeben habend Aber derselbe will darin sogar 
eine Bestätigung der von Libanius und den Scholien über- 
lieferten Nachricht sehen, dass Eubulos bei dieser Gelegenheit 
nach der Verurtheilung Apollodors ein Gesetz veranlasst, 
welches jeden ähnlichen Versuch, selbst den Antrag einer 
Abänderung auf dem verfassungsmässigen Wege mit Todes- 
strafe bedrohte. Darin aber liegt ein doppelter Irrthum, indem 
die Gefahr einzig und allein demjenigen, welcher wie Apollodor 
durch ein einfaches Psephisma den Theorikengeldem beizu- 
kommen suchte, drohte. Dass aber Todesstrafe auf einen solchen 
Versuch gesetzt worden sei, das müsste besser bezeugt sein, 
als durch die Scholiasten und Libanius, ^ um glaubwürdig zu 



Das sind nicht mehrere Zeugen für dieselbe Sache, sondern sie stellen nnr 
ein Zengniss dar, indem Libanius unsere Scholien oder eine bessere und 
reichere Sammlung derselben benutzte. Wie ein Erklärer auf diesen 
Einfall kam, habe ich Anm. 28 meiner ,Demosthenischen Anträge* dar- 
zuthun versucht. Für denjenigen, welcher selbst nach dem dort über die 

3* 



36 Hariel. 

scheinen. Auch wüi-de einer solchen Ungeheuerlichkeit gegen- 
über Demosthenes' Tadel ganz anders gelautet haben, zudem 
dadurch nicht bloss die Theorikengesetze, sondern auch Gesetze 
über den Kriegsdienst vor Abänderung geschützt sein mussten; 
denn er redet zugleich von beiden. Ja er hätte nicht sagen 
können, wenn bereits jeder Versuch mit Todesstrafe bedroht 
war, dass ein solches Wagniss noch mehr davon abschrecken 
werde, das Beste zu rathen (xal si? xo Xciicbv ixaXXov ixi üj vüv 
To xa ßeXxtaTa Xe^eiv (pcßspwtepov zot^cyai). Ueberdies wird im 
weiteren Verlauf eines derartigen drakonischen Gesetzes mit 
keiner Sylbe gedacht. Allerdings hat Demosthenes, nachdem 
er durch Jahre hindurch in einflussreicher Stellung Athens 
Politik bestimmt, erst als die patriotische Partei im Jahre 341 
und 340 glänzende Siege errungen^ am Vorabende der Ent- 
scheidungsschlacht von Chaeroneia, zur Zeit, da Philipp bereits 
Elateia belagerte, die Theorikengelder einer bessern Verwen- 
dung zugeführt (Ol. 110, 2 = 339/8). ^ Wir brauchen jedoch, 
um dies zu erklären, nicht mit Müller an die drohende Gefahr der 
Todesstrafe zu denken. Weshalb er als leitender und an Einfluss 
wachsender Staatsmann eine Massregel, die er als Oppositions- 
redner wiederholt hervorgekehrt, nicht sofort und ohne die 
zwingendste Veranlassung in die Hand nehmen wollte, das 
sagt uns mit einer Aufrichtigkeit, die nichts zu wünschen 
übrig lässt, Demosthenes selbst in der besprochenen Stelle der 
dritten olynthischen Rede. Dass er damals nicht an die Sache 
herantreten wollte, dazu bedarf es nicht dieser Erklärung; denn 

Beziehung de» Wortes a7:oX£o8ai, nicht bloss auf Todesstrafe, sondern auf 
gerichtliche Verurtheilung überhaupt bemerkten noch zweifeln sollte, mag 
verwiesen werden auf die RgTimokrates § 121 8. 738, 15: o^toi aüroi 
aitoT; SixaCo^^^®* «koXoivto xai t« /pijjjLara xaraOetev BexaffXavia xrX., 
RgMeid. § 83 S. 541, 21: OKtp tov TaXaficcopov oux opOcu; . . . ouoc ^ixa^cof 
aTroXcoXsxsv von der Atimie Stratons (vgl. § 87: aTcavTtüV Ä::earT^p7)Tai twv 
£v T^ Tz6X£i xai xaOaTua? anji.05 ys'yove, § 91 : 6 {Jikv fj(jjLWTai xai izapanokttiXi'* 
und § 99), RvdGes. § 287 S. 433, 17: (KjAop^oO cxtcoXwXe xäi OppKTrai, 
vgl. § 2: tbv {jikv avyJpTjxe tc5v etci Ta; Eo06vac eXOovtcov, welche Stelle zu 
einem ähnlichen MissverstKndniss Veranlassung gab im Leb. d. x. R. 
S. 841a: $1 (Tl^Lapyoi) ixXiTruv tov ayt^va auTOv ftvi{pTiQ9Ev, a>( icou ^vjai 

1 Vgl. Philochoros bei Dionysius ad Amm. I 11 S. 742, 4: Au<n{ioc)(^{Sr^; 
""Ayopveus' bkI toutou . . . . ta ypi5(JLaT' fid^ij^iaravro jiöivt' s7vai arpaTicorixa 
Aif]{jio90^vou( ypd^wzo^. 



DemoBtheniBChe Studien. 37 

an Popularität hatte er zu jener Zeit vermuthlieh wenig ein- 
zubüssen. Aber er konnte in Erinnerung an das frische Sehicksal 
des apollodorischen Antrages nicht hoSeHy auf dem chikanen- 
reichen Wege der Gesetzgebung durchzudringen oder rechtzeitig 
etwas zu erreichen. Wie es sich aber auch damit verhalte, die 
beiden Reden fordern unabweislich; dass Apollodors Antrag 
sammt dem euboeischen Krieg, in welchen er fällt, vor dieselben 
gesetzt werde. 

Zu derselben Folgerung sehen wir uns durch eine andere 
Stelle der dritten olynthischen Rede geführt. Demosthenes 
berechnet dort (§ 28) die bis dahin erwachsenen Kosten des 
Krieges mit Philipp auf 1500 Talente; es mag zugegeben werden, 
dass diese Berechnung nur eine summarische sei, auch das, 
dass Demosthenes, um die Summe abzurunden, die wirkliche 
Auslage um etwas erhöht, wodurch auch begreiflich würde, 
dass Aeschines, der um einige Jahre später dieselbe Berech- 
nung der Ausgaben von der Zeit der Einnahme von Amphi- 
polis im Jahre 358/7 bis zum Frieden von 346 anstellt, zu 
derselben Ziffer gelangt (Aesch. 2, 71); denn nach unserer 
Annahme liegt als wichtigster Ausgabeposten zwischen beiden 
Additionen das Erforderniss für die dritte Expedition nach 
Chalkidike, welches kaum erheblich ins Gewicht fallen konnte, 
wenn die Armee auf die Nachricht von Olynths Einnahme sofort 
zurückkehrte. Von kriegerischen Expeditionen, die nach diesem 
Zeitpunkte stattgefunden, erfahren wir nichts. Wie aber soll 
nach der Groteschen Annahme das Resultat beider Kostenberech- 
nungen noch stimmen, wenn nach der dritten olynthischen Rede 
d. i. nach dem demosthenischen Rechnungsabschluss noch die 
Kosten für die drei philochorischen Expeditionen nach Olynth 
und den kostspieligen Krieg auf Euboea bestritten wurden? 
Die Ausgaben für diese Unternehmungen, deren zerrüttenden 
Einfluss auf Athens Finanzen er anerkennt, müssten gleich Null 
sein, wenn die Ziffer des Aeschines als richtig erachtet wird, 
Grote bleibt demnach nichts übrig, als auf diese Berechnungen 
kein grosses Gewicht zu legen. Das no7i liquet ist aber nur 
eine Folge seiner verfehlten historischen Construction. * 

1 Wenn Äescliineii auch in gewohnter Uebertreibung nnr Chares nennt, 
welcher die Verlnste verschuldet nnd die Summen verausgabt, so hat er 
doch sammtliche Verluste und Ausgaben im Äuge. Ob er f^ber selbst 



38 Hartel. 

In den behandelten Fragen ist, wie wir sahen^ vor Allem 
ein Punkt, and zwar von allen Gelehrten bis auf Boehneeke 
und Grote, als unumstösslich festgehalten worden, nämlich das 
Zeugniss des Philochoros, welches den Beginn des olynthischen 
Krieges vor Ol. 107, 4 nothwendig ausschliesst, und daraus 
ergaben sich alle die Widersprüche und Inconvenienzen mit 
andern nicht minder wohlbezeugten Thatsachen. Wir glauben, 
die Autorität des Philochoros in diesem einen Punkte durch 
die bisherigen Untersuchungen entkräftet zu haben. Es lässt 
sich aber die Zuverlässigkeit seiner chronologischen Bestim- 
mung selbst durch eine Stelle der dritten olynthischen Rede 
(§ 4), wenn dieselbe richtig erledigt wird, in Zweifel ziehen. 
Hier rechnet nämlich der Redner von dem Augenblick, da er 
spricht, bis zur Belagerung von Heraion Teiches im Maima- 
kterion des Jahres 352 zurück und bezeichnet die Zeit- 
distanz durch TptTOv t) TeiapTOv £toc touTf (jxejjLvr^ffOe, & ovSpeq 
'AOr^voiot, 5t* dxr;^ff€AOiQ ^(Xitttco^ 'j|mv ev Bpoxf) xpCxov i) teTaprov 
2x0? TO'jxl *Hpaiov xeT^o? xoXiopxöv. xixs to(vuv [i.t;v jjl^v Jjv [jiati|JLaxT)Q- 
piwv). Die Worte sind in sehr abweichender Weise interpretirt 
worden. Rehdantz bemerkt zu der Stelle: , Jetzt vor drei bis 
vier Jahren (Poppe zu Thuk. 1. 82. 2, so kann, was im Mai- 
makterion, d. i. November 1870 geschehen ist, im Januar 1874 
als vor drei oder vier Jahren geschehen bezeichnet werden)'. 
Ein solcher Ausdruck scheint nicht unzulässig, wo es dem 
Sprechenden darauf ankommt, annäherungsweise genau zu sein 
und wo er durch das kurze ,drei bis vier' der genaueren Da- 
tirung ,drei Jahre und so viel Monate' überhoben sein will. 
Das ist aber hier nicht anzunehmen, und eine beiläufige Bo- 
zeichnung des Jahres bei genauer Angabe des Monats um so 
unangemessener, als sich der Redner einer Menge Details aus 
jenen Monaten klar zu entsinnen weiss. Diesen in der unbe- 
stimmten oder unsichern Jahresangabe liegenden Anstoss fühlte 
richtig Westermann und stellte in seiner Anmerkung folgende 
Erklärung auf, welche Weil als die einzig richtige acceptirte: 
,Der Redner scheint die Wahl zwischen drei und vier Jahren 
deshalb zu lassen, weil man verschieden rechnen kann: Von 

die Rechnung gemacht, mag zweifeUiaft sein: denn für die Zahl der 
verlorenen Schiffe nennt er seine Quelle: xai laOia ujitv ev toT; dyw«« 
ii\ ToTi; Xapy)To; ol xaxif^yopoi $eixvuou9iv. 



Demoithanische Studien. 39 

Tag zu Tag nach natürlichen Jahren^ oder, wie den Athenern 
geläufig, nach bürgerlichen Jahren von Archont zu Archont, 
das Jahr, in welchem jene Nachricht eintraf, mitgerechnet. 
Nach der ersten Zählung lief das dritte Jahr im November 349, 
das vierte im November 348, nach der andern das dritte im 
Juli 349, das vierte im Juli 348 ab. Hätte sich Demosthenes 
also ganz genau ausgedrückt, so müsste die Rede vor Novem- 
ber 349 gehalten sein, denn wäre sie erst Anfang 348 gehalten 
worden, so fiele sie nach beiden Zählungen in das vierte Jahr.' * 
Um die Worte so zu verstehen, bedarf es allerdings eines 
Commentars, indem ohne einen solchen Niemand herauszufinden 
vermöchte, dass die durch ein kurzes ,Oder' verbundenen Zahlen 
verschiedene Bedeutung und Beziehung haben; für die Sache 
allerdings verschlägt es nicht viel, ob man so oder so zählt, 
indem die Differenz beider Zählungen nur drei Monate be- 
trägt, aber beide können unmöglich mit einander verkoppelt 
sein. Dass nun der Redner nach dem attischen Jahr rechnet, 
geht aus § 5 mit voller Evidenz hervor: xal [xeia ta-ka 8ieX- 
OovToq Tou svtauTOu TOüTOü ixaTO{jLßau«»y, {AeTaYetTviwv, ßoY23p9[Ai(i)y * 
to6toü tou [LTi^nq ix^yt? fj^xa Tot (ju>0Ti^pia Sex« vou^ aicscrceiXaTe. TpCiov 
i) TetapTov ixoq bedeutet also, nach griechischer Art zu zählen, 
es ist das zweitfolgende oder das dritte Jahr. Beides kann 
nicht richtig sein. ,Wir müssen entweder das Eine oder das 
Andere wählen^ bemerkt Grote S. 26829 ^^^ ^tpitov hoq fuhrt 
uns zum Jahre 350/49 v. Chr.^ Wenn Grote damit meint, 
dass Demothenes nicht Beides neben einander geschrieben 
haben könne, so pflichte ich ihm bei und halte die Worte t} 
-£TapTov für Interpolation, indem leicht ersichtlich ist, wie gerade 
sie in den Text kommen konnten. Ein aufmerksamer Leser, 
der seinen Dionysius zur Hand hatte, verglich die Daten und 
fand, indem er vom Archontat des Kallimachos, in welches die 
demosthenischen Reden gesetzt werden, bis zur Belagerung der 
Ilerafeste zurückrechnete, vier Jahre und schrieb so sein 
fl TeiapTov als berichtigende Losart in den Text. Der Scholiast 

1 Wie ich sehe, hat sich nun auch Rehdantz in der ehen erschienenen 
5. Auflage seines verdienstvoUen Commentars dieser Ansicht ange- 
schlossen. ,80 könnten wir* meint er ,von einem Factum des Mai 1874 
im April 1877 sagen, es sei seitdem das dritte (natürliche) oder vierte 
(Calender)Jahr^ Allerdings, aher mit Weglassnng der Klammern, 



40 Hartel. 

zui* RgMeid. 13, S. 518, 27 scheint unsere Stelle noch ohne 
diese Interpolation gelesen zu haben. Demostbenes selbst konnte 
also nur TpiTOv ho^ schreiben und somit fällt diese Rede in die 
Zeit vom Mittsommer von 350 auf Mittsommer von 349. 

Aus den bisher festgestellten Thatsachen wird sich ein 
genaueres Bild der Situation, für welche die drei olynthischen 
Beden berechnet sind, entwerfen lassen. Athen hatte bereits 
zu Anfang des Jahres 3öO mit Olynth einen Bundesvertrag 
geschlossen. Als Philipp Olynth bedrohte oder zu bedrohen 
schien, sandten die Athener, die ganze Bedeutung des Augen- 
blicks erkennend, kurz hintereinander zwei Corps, das eine 
unter Chares, das andere unter Charidemos. Ausrüstung und 
Transport dieser Truppen ward zum Theile durch freiwillige 
Beiträge reicher Bürger bestritten. Sie bemannten acht Trieren 
für das Corps des Chares und gaben einer Abtheilung Oavallerie 
den Auftrag, von Euboea nach Chalkidike überzusetzen, um 
Charidemos zu verstärken. Inzwischen hatte Athen die Expe- 
dition nach Euboea unternommen, von der Demosthenes, wie 
nun klar ist, um eine Zersplitterung der Kräfte zu verhüten, 
vergeblich abmahnte, indem man dieselbe leicht und rasch 
zu beenden hoffen mochte. Die Dinge kamen anders. Der 
Feldzug auf Euboea zog sich in die Länge und verschlang 
grosse Summen, so dass man aus Geldmangel die Dikasterien 
schliessen musste. Die Opferwilligkeit der Büi^er ward durch 
dieses erfolglose Unternehmen vollends erschöpft. So ist es 
begreiflich, dass an Olynth und eine energische Unterstützung 
jener Bundesgenossen in diesem Jahre nicht gedacht werden 
konnte. 

Vielleicht hoffte man, mit dem, was man bereits für 
Olynth gethan, genug gethan zu haben, auch mochte der Krieg 
im ersten Jahre von Seiten Philipps nicht mit jener Energie 
geführt werden, welche eine schnelle oder für Olynth unglück- 
liche Entscheidung befürchten liess; * stellte es ja Philipp 
anfangs überhaupt in Abrede, es auf Olynth abgesehen zu haben 



> Noch in der zweiten Rede nimmt Demosthenes (§ 1), wie der Gebraach 
des Faturum in dieser Stelle anzudeuten scheint, eine lange Daner des 
Krieges in Aussicht (ib ykp tou^ noXEfjiiJaovrac «PiXdnwü ycYgvijfföai xat 
/(op«v o(JLOpov xai 8uva{x{v ttva x£xtt)(i.^vou; x«i . . . i^v U3ckp tou 7;oX^p.ou 
YVtüji7)v ToiaOnjv tyip^fzoL^ xtX.) 



Denotthenitolie Studien. 41 

und wies solche Anschuldigung wiederholt durch Gesandte 
zurück. Als Charidemos auf Chalkidike erschien; waren die 
Olynthier um die Vertheidigung ihres Gebietes so wenig be* 
sorgt; dass sie mit ihm vereint einen Einfall in die makedo- 
nische Landschaft Bottiaea unternehmen konnten. Und als 
schon der Krieg im Gange war, hofiPte ja Philipp noch immer 
durch kluges Diplomatisiren Olynth von dem athenischen Bund* 
nisse abzudrängen. Alle diese Umstände reichen hin^ die 
zuwartende und lässige Politik des in seinen Finanzen völlig 
erschöpften Athens zu erklären. Energischer begann die Cam- 
pagne des nächsten Jahres, in dessen Anfang wir die drei 
olynthischen Reden stellen, und immer enger zog Philipp um 
Olynth und seine Städte den Kreis. ^ Dringend unterstützte 
Demosthenes in seiner ersten Bede den Antrag auf Ausrüstung 
und rasche Absendung eines Bürgerheeres. Es ist bezeichnend; 
dass es ihm nur zunächst auf die Durchbringung dieses 

* Dies scheint aus einer Nachricht bei Plinias hervorzugehen, welche zuerst 
Boehnecke heranzog, um nachzuweisen, dass Philipp Ol. 107, 3 = 350/49 
gegen Chalkidike im Felde gestanden. Die Worte lauten: Plin. H. N. 
II 27 (97): ,Fit ei eadi ipaitu hiatu$, quod vocant ehasma. FU et ton^tnea 
ipeeiCj quo nihil terrihiUtu mortalium Umori e»t^ incendium ad terrtu ectdem 
inde; iieut Olpmpiadia eenteaimae aeptimae anno tertio^ cum rex 
PhilippuM Oraeeiavi quateret. Atque ego haee atcUU tempoHbu9 na- 
turae, ut cetera, arbitror exUtere, non, ut plerique, variü de catuis, qua9^ inge- 
niorum aeunien excogitaty quippe ingentium niatorum fuere praenunda ; nd ea 
accidisae non quia haec facta tunt arbitror, verum haee ideo facta, quia xnca- 
9ura erant itta, raritate autem occuUam eortim es»e rationem, ideoque non 
aicut exortua nipradictoa defecttisque et multa alia noad*, Schaefer (II 147) 
gesteht zu, dass Plinins damit die Zerstörung der chalkidischeu Stfidte 
meine, aber auch, fügt er hinzu, ,die Verwüstung Phokiens und alles 
Unheil, was Philipp über Griechenland gebrach tS um durch diese weitere 
Deutung die chronologische Beweiskraft der Stelle zu schwächen. Wie 
ich glaube, mit Unrecht. Allerdings konnte zwischen den Vorzeichen 
und den Ereignissen, die sie anzukündigen schienen, ein längerer Zwischen- 
raum eintreten, aber Plinius setzt sie gleichzeitig, und dass er dies nicht 
auf eigene Faust gethan, sondern einem Historiker folgend, der nach den 
Jahren die Ereignisse erzählte, scheint die Art dieser Notiz, die Ver- 
bindung einer datirten historischen Thatsache mit dem Falle des blut- 
farbigen Meteors zu verbürgen. Was Philipp bisher gegen Griechenland 
gethan, das waren einzelne Schläge, deren Stärke und Zusammenhang 
die öffentliche Meinung kaum fühlte. Aber als eine chalkidische Stadt 
nach der anderen fiel (das war eben Ol. 107, 3), da begann ganz Griechen* 
Und zu beben. 



42 Hartel. 

BeschlusBcs ankam. Die Hauptschwierigkcit der Geldbeschaffung 
berührte er nicht ernstlich; nur für die Modalität der Kriegs- 
führung stellte er einen vorläufigen Antrag. Mahnten vielleicht 
die bedrängten Olynthier und wollte er sie zunächst mit diesem 
Beschlüsse beschwichtigen? Wollte er das Volk durch einen 
Beschluss nur neuerdings verpflichten , auf dass diese beste 
Gelegenheit^ den langen Krieg gegen Philipp zum endlichen 
erfolgreichen Abschlüsse zu fuhren^ nicht bei längerem Säumen 
ungenützt vorübei*streiche? Ich vermuthe das letztere. Auf 
diesen Beschluss gestützt^ urgirte er drängender in der zweiten 
und dritten Rede Ausrüstung und Abmarsch, aber bei der 
Uneinbringlichkeit oder Geringfügigkeit der ausgeschriebenen 
Vermögenssteuern fruchtlos. ^ Erst als eine neue Gesandtschaft 
Olynths die Athener von der Unzulänglichkeit der Söldnercorps 
und dem Ernst der Lage überzeugte und ausdrücklich ein 
Bürgerheer verlangte, da geschah das oft Geforderte, und zwar 
in einer Form, die bereits Demosthenes in der ersten philippi- 
schen Rede empfohlen, indem die in Olynth vorhandenen 
Söldnertruppen durch ein Bürgerheer, und zwar 2000 Hopliten 
und 300 Reiter verstärkt wurden und Chares das Commando 
über die vereinigten Truppen übernahm als (TTpaiTj^b? tou otoXoj 
xavTÖ^. 



III. 



Die genaue Betrachtung der ersten philippischen und der 
drei olynthischen Reden, die ich hier und in der Abhandlung 
,Demo8thenische Anträge* durchgeführt, hatte den Zweck, das 
Verständniss derselben dadurch zu fördern, dass durch die Fest- 
stellung und Unterscheidung dessen, was Demosthenes förmlich 
beantragte, von dem, was er bloss rieth und wozu er ermahnte, 
durch die Erwägung der praktischen Aufgaben des Augenblicks 

<i Die Situation, aus welcher die drei olynthischen Reden hervorgingen, ist 
demnach fast unverfindert geblieben. Daher erklärt es Bich, dass der 
mit dem Aufwand grossen Scharfsinns und wiederholt gemachte Versudi, 
aus den Reden selbst ihre Abfolge zu bestimmen, nur dürftige Resultate 
erzielte, welche nicht stark genug waren, gegnerische Meinungen voll- 
ständig zum Schweigen zu bringen. 



Demoathanisdi« Stadien. 



and seiner ideellen Ziele, die politische Bedeutung derselben 
klarer erkannt würde. Wir sahen dabei, dass jene Massregeln, 
zu deren Durchführung er mit der Stellung förmlicher Anträge 
die Initiative ergriff, nur dann einigermassen beurtheilt werden 
können, wenn wir uns Zeit und Veranlassung derselben, innere 
und äussere Zustände des Staates durch sorgsame Verwerthung 
unserer dürftigen Tradition in schärferem Umriss vergegen- 
wärtigten; eine Würdigung der Politik des Demosthenes, glaubten 
wir, müsse sich auf einer zusammenfassenden Erwägung aller 
dieser Momente aufbauen; sie habe sich zu hüten, jede über- 
schwängliche Motivirung in eine wirkliche Ueberzeugung des 
Redners umzusetzen, aus jedem herben Tadel eine historische 
Thatsache, aus jedem Imperativ ein fertiges Psephisma heraus- 
zuschälen; allerdings aber müsse sie aus den Worten desselben 
zu gewinnen suchen, was er weise oder zufidlig verschweigt, 
was seine Gegner, die wir nicht mehr ins Verhör nehmen 
können, gewollt und gedacht; ohne dieses vorsichtige Abwägen 
nach allen Seiten würde sie sich in einen Knäuel von Wider- 
sprüchen verwickeln. 

Das Nützliche und Zeitgemässe unseres Versuches, für 
eine solche Würdigung der demosthenischen Politik den Boden 
zu ebnen, konnte nicht schlagender demonstrirt werden, als 
durch eine jüngst erschienene Abhandlung A. Weidners (im 
Phil. 36, 246 ff.), welcher auf Grund der von uns behandelten 
Reden, Demosthenes' Politik dieser Epoche einer einschnei- 
denden Kritik unterzieht und dabei zu einem Resultate gelangt, 
welches den bisher geltenden, von Männern wie Grote und 
A. Schaefer getheilten Ansichten diametral entgegensteht. Diese 
fanden in den bezüglichen Reden alle Qualitäten eines grossen 
Staatsmannes ausgeprägt. Freilich an der Grösse der Erfolge, 
wonach als Massstab Weidner nicht bloss Demosthenes' intel- 
lectuelle, sondern auch seine moralischen Eigenschaften ab- 
schätzen zu können meint, sahen und suchten sie dieselben 
nicht Mit Recht. Denn das hiesse bei unserer dürftigen Kennt- 
niss jener Zeit mit mehreren Unbekannten rechnen. Wenn auch 
das Resultat von Demosthenes' Bemühungen gegen Philipp uns 
gleich Null erscheint, wer wollte sagen, wie sich Athens Lage 
ohne die von Demosthenes genährte und gesteigerte Wider- 
standskraft gestaltet hätte? Wer will auch nur behaupten, dasQ 



44 Hartel. 

es damals in Athen fernsichtigere Politiker gab, die mitten 
im Strome der Bewegung den Irrthum des Demosthenes^ der 
unS; die wir das Ende der Entwicklung tibersehen, klar vor- 
liegt, durchschaut und in dieser Erkenntniss es widerrathen, 
gegen die schlagfertige, von einem Herrn wie Philipp geleitete 
makedonische Macht das innerlich morsche und zerklüftete 
Athen in Kampf zu bringen? Von solchen Irrthümern lebt die 
Weltgeschichte. Wie gross der demosthenische war, lässt sich 
bei unserer Unkenntniss der realen Machtverhältnisse kaum 
mehr bestimmen, und darum ist auf diesem Wege zu einer 
billigen Beurtheilung des Redners nicht zu gelangen. 

Demosthenes bezeichnet an einer klassischen Stelle seiner 
Rede vom Kranz (§ 246 S. 308, 26), worin die Verantwortlichkeit 
eines Staatsmannes liege. ,Er muss' sagt er ,die Dinge in 
ihrem Anfange wahrnehmen, ihre Bedeutung voraus erkennen 
und sie den Andern im voraus ansagen, ferner so viel, wie 
möglich, die von der Leitung einer freien Stadt unzertrenn- 
lichen Mängel; die langsamen Bewegungen, die Bedenklich- 
keiten, die Unkenntniss und die Eifersüchteleien mindern und 
im Gegentheile den Bürgern Eintracht, wohlwollende Gesin- 
nungen und Eifer für die Erfüllung ihrer Pflichten einflössen'. 
Es kann uns genügen, was hier von dem Politiker gefordert 
wird, um innerhalb dieses erkenn- und abschätzbaren Kreises 
von Pflichten die Prüfung vorzunehmen. 

Grote findet, dass gleich die erste philippische Rede 
Demosthenes das Recht gibt, das Verdienst in Anspruch zu 
nehmen, die Dinge in ihren ersten Anfängen wahrgenommen 
und seine Mitbürger gewarnt zu haben. ,Wir sehen hier' sagt 
derselbe (a. a. 0. S. 252) ,wie Demosthenes, ein Mann von nur 
erst 30 Jahren, ein Jüngling erst im politischen Leben, 13 Jahre 
vor der Schlacht von Chaeroneia, die politischen Beziehungen 
zwischen Athen und Philipp genau abwägt, wie er diese Be- 
ziehungen während der Vergangenheit prüft, wie er aufzeigt, 
wie sie sich von Jahr zu Jahr ungünstiger gestaltet haben und 
wie er die Gefahren und Ereignisse der Zukunft vorhersagt, 
wenn nicht bessere Vorkehrungen getroffen würden, wie er 
nicht nur die bisherige schlechte Verwaltung der Staatsmänner, 
sondern auch jene tadelnswerthen Gesinnungen des Volkes selbst, 
in denen diese Verwaltung wurzelte, muthig und ofi^en zur Schau 



DemoMthenltehe Stadien. 45 

stellt und dem Tadel unterwirft; wie er endlich auf seine eigene 
Verantwortlichkeit hin es wagt; in die widerwilligen Bürger zu 
dringen; dass sie die schwere Last der Steuern und persönlichen 
Strapazen auf sich nehmen. Sein beharrliches Bestehen auf 
dieser nämlichen Verpflichtung; das den leitenden Staatsmännern 
80 lästig wie dem Volke ward; begegnet uns in allen seinen 
philippischen und olynthischen Reden wieder. Wir hören seine 
Warnungen in einer so frühen Zeit gegeben, wo rechtzeitige 
Vorkehrungen so leicht auszuführen gewesen wären; wir be- 
merken seine Ueberlegenheit über ältere Staatsmänner, wie 
Eubulos undPhokion in der besonnenen Würdigung; in der klugen 
Voraussicht; in dem Mutho; unangenehme Wahrheiten auszu- 
sprechen'. Grote findet aber; dass er auch den andern Theil 
staatsmännischer Pflicht glänzend erfüllt, ;nämlich seine Bürger 
zu einmütbigem und entschlossenem Handeln anzuhalten und 
sie zu jener Höhe der Gesinnung emporzuheben; die erforderlich 
ist; um gegen den öfiPentlichen Feind nicht bloss zu sprechen 
und zu beschliesseU; sondern auch zu handeln und zu leidend 
Die erste philippische Kode erscheint ihm als ein oratorisches 
Meisterstück; ;da8 mit Kraft und Unwiderstehlichkeit an die 
Leidenschaften appellirt; das Auditorium auf vielerlei und ver- 
schiedenen Wegen zu der grossen Ueberzeugung führt; die der 
Redner ihm beizubringen und einzuprägen sucht; durch und 
durch von echtem panhellenischen Patriotismus durchweht und 
von der Würde jenes freien Griechenlands; das jetzt von einem 
Monarchen von Aussen bedroht wird; erfüllt ist^ Es ist nur 
eine Wiederholung und Steigerung dieses bewundernden ür- 
theilS; welches nicht minder dem oratorischen Effect; als der 
staatsmännischen Einsicht gerecht zu werden sucht; zu welchem 
Grote durch die olynthischen Reden sich hingerissen fühlt 
(vgl. 263; 266; 270). 

Es kann der einsichtigen; massvollen Politik; welche die 
erste philippische Rede des Demosthenes vertritt; kaum ein 
grösseres Lob gespendet werden; als die Worte Schaefers über 
dieselbe enthalten (H 61): ;Was Demosthenes zu Ende seiner 
Rede ausspricht; dass er der Wahrheit die Ehre gibt; unbe- 
kümmert darum; ob sie auch angenehm zu hören ist; weil sie 
allein den Staat retten kann, das ist der Eindruck, den die 
ganze Rede in uns hinterlässt. Sie bekämpft alles eitle Schein- 



46 Hftrtftl. 

wesen^ erspart den Athenern keinen verdienten Vorwurf, aber 
nicht aus Tadelsucht, sondern um sie aufzurichten und zum 
besseren zu führen. Dabei strebt der Redner nicht einem Ideale 
nach, das nicht zu erreichen steht, sondern den ersten Schritt 
der sich thun lässt und der vorwärts bringt, den will er nur 
erst gethan wissen: er hält sich aufs strengste an das mit 
den vorhandenen Mitteln ausführbare. Ebenso wenig treibt er 
blindlings in den Krieg, sondern er will nur, dass der obwal- 
tende Krieg, den er nicht angestiftet hat, so geführt werde, 
dass man zu einem .ehrenvollen Frieden oder zum Siege ge- 
langet Und über die olynthischen Reden urtheilt mit nicht 
minderer Anerkennung derselbe (II 119): ,Die olynthischen 
Reden sind ein so grossartiges Denkmal staatsmännischer Ein- 
sicht und edler Freimüthigkeit, welche die Gunst der Menge 
verschmäht und den Machthabern, welche ihren Neigungen 
schmeicheln und durch eigene Entwürdigung auf Kosten des 
gemeinen Wesens ihre Huldigungen erkaufen, die Hülle her- 
unterreisst; sie sind dabei so wohl bemessen, bei aller Wärme 
des Gefühls und sittlicher Entrüstung, die aus freier Liebe 
zum Vaterlande entspringt, mit solcher Kunst durchgearbeitet, 
dass es unmöglich ist, in einer Skizze ihre Bedeutung nur von 
ferne anschaulich zu machend 

Ganz anders das Bild, das uns Weidner von Demosthenes 
und seiner Politik entwirft. Man möchte kaum glauben, dass 
auf Grund derselben Urkunden eine solche Verschiedenheit des 
Urtheils möglich ist. Mit ,kluger Umgehung des Solonischen 
Gesetzes über die Reihenfolge der Sprecher in der Volksver- 
sammlung,' stürme der Redner mit seiner ersten Philippika 
auf das ßijpia und verstehe es, mit kecker Anschuldigung sein 
, vorschnelles Auftreten' zu motiviren. Durch ein ,leeres So- 
phisma, das der Wahrheit entbehre' (§ 2), suche er zu trösten, 
durch ,ein für diesen Zweck wenig zutreffendes Beispiel' zu 
ermuthigen (§ 3), ,mit leichtfertiger Sophistik glaube er den 
Einwurf, dass Philipp schwer für Athen zu bekriegen sei, 
beseitigen zu können' (§ 4). Wenn er den Athenern Erfolge 
verspreche, wofern nur jeder Bürger seine Schuldigkeit thut, 
und einen Umschwung des Glückes in Aussicht stelle, so seien 
das ,Phrasen, idealistische Redensarten, geknüpft an ein un- 
sicheres Wenn', ja, was weit schlimmer, ,Demosthenes sei es 



D«mo8tliraiMh« Stadien. 47 

mit seinem herrlichen Versprechen nicht einmal Ernst' (S. 249,«). 
WeDD er § 15 als Ziel seines Planes wörtlich bezeichne: ib>^ 

so jlasse diese Alternative die Möglichkeit ganz ausser Acht, 
dass Athen auch wider Willen zum Frieden gezwungen werden 
könne'. ,Wenn Demosthenes nicht einen ausfuhrbaren Vor- 
schlag bringe^ dessen Realisirung die beklagenswerthe Lage 
des Staates völlig zu ändern im Stande sei/ mit diesen Trost- 
gründen und Versprechungen, mit dieser Discussion von Möglich- 
keiten sei nichts geleistet, aber freilich Demosthenes sei ,Oppo- 
sitionsredner, und die Opposition verliere sofort ihre Schwingen, 
Bo wie sie zur Prosa der praktischen Wirklichkeit herabsteiget 
Seine Vorschläge seien ,armselig' und unzureichend. Was die 
Mobilisirung von 50 Kriegsschiffen und eines entsprechenden 
Bürgercontingentes betreffe, so ,wage Demosthenes den Antrag 
doch nicht zu stellen' (§ 16); ,er begnüge sich also mit einem 
Söldnerheere, dem sich wenige Bürger anschliessen sollen, einer 
Macht, welche freilich die Kriegslage nicht ändern, ja nicht 
einmal den Feind belästigen könnte, weil ihr Bestand voraus- 
sichtlich nicht von langer Dauer wäre'. Ja Demosthenes, ,der 
heftige Gegner der bisherigen schlaffen Kriegsführung, wage 
nicht einmal den Sold für jene Söldner zu fordern, es sei ihm 
genug, wenn sie die Verpflegungsgelder erhalten (§ 20, 23), 
weil eben der Staat und die Bürgerschaft kein Geld habe! 
(§ 23.) Er begehe zwar die Täuschung, dass er wiederholt von 
der Leistung des Soldes spreche (§ 24), aber später, wo er die 
Geldmittel bespreche, müsse er bekennen, dass es genug sei, 
wenn das (jiXYjpecriov bezahlt werde (§ 29), und dass man dann 
erwarten dürfe, dass das Heer sich den Sold ([xiaObv vntkir^ 
selbst verschaffe, ohne natürlich einen der Bundesgenossen zu 
belästigen! Ja, in prahlerischer Weise füge der Redner hinzu: 
£r wolle selbst mitfahren und mit seinem Leben für den Erfolg 
einstehen! Sähe das nicht ganz Gambetta ähnlich? Und doch, 
welche Verblendung!^ u. s. w. ,Demosthenes hätte wissen können, 
dass die Söldner sich gegen die Bundesgenossen hätten wenden 
müssen, wenn Philipp, wie es zu erwarten wäre, seine Länder 
mit Umsicht und Energie vertheidigte^ ,Officiere unserer Zeit 
würden einen solchen Vorschlag, dass zur Controle der Kriegs- 
leitung Büi^ersleute mit ins Feld ziehen, als eine Ausgeburt 



48 Hftrtel. 

demokratischer Raserei bezeichnend Am Schlüsse der Rede 
,ergehe er sich wieder in den stolzesten Versprechungen genau 
so prahlerisch, wie in der Einleitung.^ Endlich folge die ,Unge- 
heuerlichkeit, dass Athen die meisten Trieren, Hopliten, Reiter 
und Staatseinkünfte besitze, eine Behauptung, welche gegenüber 
dem armseligen Vorschlag des Demosthenes, wie der Aufputz 
im Narrenspiele aussehe, — wenn nur diese Art prahlerischer 
Ueberhebung nicht einen tiefen Blick in die gewissenlose Leicht- 
fertigkeit gewisser athenischer Demagogen eröfinete^ 

Ebenso wenig, wie hier, findet Weidner in den olynthi- 
schen Reden, von denen er die erste und zweite einer genaueren 
Prüfung unterzieht, ,grosse politische Weisheit oder auch nur 
praktische Rathschläge' (S. 255), vielmehr dieselbe ,frivole 
Schmeichelei gegen die Volksmasse,' dieselbe totale Verkennung 
der Lage, in welcher es ,eine Thorheit gewesen wäre, um 
Olynths willen sich mit Philipp zu verfeinden,' sowie ,ein 
Frevel, die Existenz des Staates an die Verfolgung einer so 
unglücklichen Politik zu setzen' (S. 258); das habe besser Iso- 
krates erkannt, ,mochte er auch nur Professor sein und Piaton 
dessen politische Weisheit für Wahnsinn erklären müsse, wer 
die Politik des Demosthenes billigen wolle' (259). Was er von 
der besonders ungünstigen Lage Philipps sage (I § 21), sei 
,willkürliche Ansicht des Redners, ohne reelle Basis^ veranlasst 
durch die unglaubliche Geduld, welche Philipp Olynth gegen-' 
über bewahrt hätte' (261). Was Demosthenes beantrage, wenn 
er überhaupt einen eigenen Antrag bringe, sei ungenügend 
und unüberlegt. Neues enthalte auch die zweite Rede nicht, 
,wenn man nicht das § 3 bis 4 aufgestellte Programm dafür 
halten wolle, welches mit unverblümten Worten erkläre, dass 
es staatsmännisch ist, nicht etwa die Macht des Gegners zu 
erwägen, sondern möglichst viel Schimpf und Schande auf das 
Haupt des Feindes zu geifern' (263). ,Da8 moralische Pathos 
des § 6, welches fast an Aeschines und Stahl erinnere, sei dem 
Feinde gegenüber im Kriege ebenso nutzlos als widerlich'. 
,Trotz der auffallenden Schwäche seiner Darlegung versteige 
er sich zu der kecken Herausforderung: ij rapeXOtäv Tt? eixot See- 
53tTw xtX. Mit sophistischer Kunst stelle der Redner die Fragen 
so, dass diese bejaht werden könnten, ohne dass deshalb seine 
Beweisführung anerkannt würde' (264). Ebenso ,leichtfertig', 



Demostheniscbo Studien. 49 

wie die Rechnung, dass das ganze Gebäude von Philipps Macht 
selbst in Makedonien sich morsch und faul erweisen werde, 
wenn Athen sich zur Thatkraft aufraffe, ,ebenso einseitig und 
abgeschmackt erscheine die Charakteristik des makedonischen 
Hofes' (§ 18). Das geringschätzige Urtheil über Makedoniens 
Militärmacht (§ 14) sei ,mehr leichtfertig als lächerlich' (265). 
,Auf die unvernünftigen Schmähungen (§ 18 ff.) des Nähern 
einzugehen, glaube er dem Leser ersparen zu dürfen. Solche 
gewissenlose Vorwürfe erblassten vor den grossen Thaten des 
Mannes; Demosthenes selbst verwickle sich in die ärgsten 
Widersprüche, wenn er sonst die unglaubliche Thatkraft des 
Mannes seinen Mitbürgern zum Beispiel und zur Nachahmung 
vorführe' (266). Demnach ,könne er auch in dieser Rede staats- 
männische oder militärische Gedanken, welche dem Kriege eine 
Wendung hätten geben können, nicht vorfinden. Denn die 
wiederholte Forderung, Geld zu zahlen und in den Krieg zu 
ziehen, würden auch andere Redner vor und nach Demosthenes 
variirt haben; solche allgemeine Leitartikel genügten nicht 
zur Regierung eines Staates. Umgekehrt entdecke er sehr viele 
Irrthümer, bewusste oder unbewusste sei gleichgültig, welche 
die Athener nicht zur Einsicht und Mässigung führen, wohl 
aber in verhängniss volle Leidenschaft verstricken mussten' (267). 
In gi*elleren Farben kann man diesen Gerngross eines 
Duodezstaates mit seiner Kirchthurmpolitik, diesen verbissenen, 
beschränkten, aufgeblasenen Sophisten nicht malen, stärker 
nicht verdammen, unbarmherziger nicht den Irrthum des un- 
kritischen Haufens, der bisher voll Bewunderung und Andacht 
dem Redner gelauscht, vernichten. Aber Weidner glaubt bei 
seinem zuversichtlichen Tadel festen Boden unter den Füssen 
zu haben, er weiss nicht bloss, was Demosthenes schlecht ge- 
macht, er kann sagen, wie er es besser zu machen hatte; 
indem er das zeigt, setzt er an Stelle des deplacirten Demo- 
sthenes ein neues Götzenbild, Philipp den Braven, der insofern 
einer gesicherteren Lage sich erfreut, als er klug genug war, 
bei Lebzeiten über die Motive seiner Handlungen zu schweigen 
und vorsichtig genug, um das Gegentheil von dem zu sagen, 
was er dachte. ,£in Staatsmann' so lehrt Weidner ,welcher 
wie Demosthenes vor eine so traurige Wirklichkeit gestellt 
ist, dass er zur Bekämpfung des Feindes grössere und bessere 

Sitaugs^M. d. p)iU..hUt. Gl. LXXXVIL Hd. I. Hft. 4 



50 Hartel. 

Mittel nicht mehr vorschlagen kann, wird, wenn es ihm erastlich 
um das Wohl seines Vaterlandes zu thun ist, nicht von Krieg 
und Rache poltern , sondern seinen Mitbürgern den ernsten 
Kath ertheilen, augenblicklich einen mögliclist günstigen Frieden 
zu schliessen. Solche Staatsmänner hat es zu Athen auch ge- 
geben; Demosthenes nennt sie nach dem Sprachgebrauch tyranni- 
scher Demagogen Verräther' (S. 252). ,Das geschwächte Athen 
durfte nur, um sicher zu Bein, nicht die unhaltbare Stellung 
einer entscheidenden Grossmacht beanspruchen' (S.262). Und dies 
war um so gebotener einem Herrscher wie Philipp gegenüber, 
^dessen bisherige Bemühungen nur das Bestreben zeigten, für 
sein Vaterland natürlichere Grenzen und Lebensbedingungen zu 
gewinnen, dem ein weiteres Uebergreifen über die Machtsphäre 
Makedoniens hinaus, d. h. Eroberungssucht fernlag' (S. 259). 
Nicht Philipp war der Friedensstörer, sondern die Veranlassung 
zum Krieg ist in den Umtrieben der Volkspartei in Olynth zu 
suchen, die von Athen aus gehetzt und geschürt wurde (S. 256). 
Dass durch diese neue Auffassung Philipps als eines 
Eroberers wider Willen seine historische Bedeutung und Grösse 
verwischt und herabgedrückt wird, liegt auf der Hand. Aber 
man wünschte sie nicht ohne Beweis hingestellt zu sehen, ja 
sie müsste unwiderleglich dastehen, um von ihr aus das ganze 
Streben Demosthenes' in den ersten Jahren seines öffentlichen 
Wirkens als eine Thorheit stigmatisiren zu können. Dass aber 
Philipp zuerst Olynth Wohlthaten erwies, um es mit Athen zu 
verhetzen und sein Misstrauen einzuschläfern, dann aber, als 
er sich stark genug fühlte, es zu vernichten, von Friede und 
Freundschaft den Mund voll nahm, ist kein Beweis dafür, 
sondern ein Zeichen seiner diplomatischen Kunst, die wohl 
auch um Mittel nicht verlegen war, den Angegriffenen die 
KoIIe des Friedensstörers spielen zu lassen. Vielleicht dass er 
damit, so wie mit dem bescheidenen Verlangen nach den natür- 
lichen Grenzen den einen oder andern Athener eine Weile 
getäuscht und dadurch der Friedenspartei, welcher bei den 
damaligen Verhältnissen des Staates die Majorität leicht folgte, 
einen Halt gegeben. * Als aber der Fall Olynths und so vieler 

* Dass im Gegfensatz zu diesen Andere in ihrer Furcht vor Philipp yiel 
weiter gingen als Demosthenes für richtig hielt, können Stellen wie 
1 Phil. § 48 ff. zeigen. 



DemoBthenische Stadien. 51 

hellenischer Städte den Schleier seiner Politik lüftete, sein 
zielbewusstes, unentwegbares Streben zeigte und seine Pläne 
in ihrer ganzen Furchtbarkeit erscheinen Hess, da fiel es Eu- 
bulos und seinen Genossen, den Vertretern des Friedens um 
jeden Preis, wie Schuppen von den Augen; da schrieen sie 
nach den Waffen, sandten nach allen Richtungen Kriegsboten 
aus und riefen Hellas zum Kampfe gegen Philipp, * indem sie 
dadurch Demosthenes' Politik, welche sie, wenn nicht bekämpft, 
so doch nicht unterstützt hatten, da es noch Zeit war, als die 
richtige anerkannten. So wenig, wie die Furchtbarkeit der 
Pläne des makedonischen Eroberers, war Demosthenes die Stärke 
seiner militärischen Macht, sein Feldherrntalent, die schlag- 
fertige Oi^anisation seines Reiches, die Unzugänglichkeit und 
Unangreifbarkeit seiner Grenzen unbekannt; wenn er gleich- 
wohl den Kampf mit ihm aufnahm, so geschah dies im Glauben 
an die nationale Mission Athens, im Vertrauen zu der Uner- 
schöpflichkeit der Hilfsquellen des Staate^, die er zu mehren 
bestrebt war ; es erfüllte ihn wohl auch die trügerische Hoffnung, 
dass Makedoniens Macht, wie sie plötzlich aus dem Boden 
emporgeschossen, so leicht und schnell zerfallen könnte. Es 
mögen dies Fehler sein, deren Erkenntniss aber noch nicht 
jene Politik an die Hand geben musste, welche als die Athen 
allein angemessene uns gerühmt wird, Philipp nach Belieben 
in Griechenland schalten zu lassen ; denn es handelte sich nicht 
nur um Athens politische, sondern eben so sehr um seine 
materielle Existenz, die von dem Augenblick ab, als Philipp 
den Cherronesos und die wichtigste Handelsstrasse nach dem 
schwarzen Meere beherrschte, in seinen Händen lag. Und, 
wie Weidner wenn auch nicht neu so doch wahr bemerkt, 
jVerloren ist der Staat, dessen Sicherheit und Freiheit auf 
fremdem Willen und fremder Macht beruht^ (S. 258). 

Was Demosthenes der von Makedonien drohenden Gefahr, 
die er am frühesten und vollsten erkannt hatte, zu begegnen 
vorschlägt, verdient dadurch, dass es über die verfügbaren 
Mittel des Staates nicht hinausgreift, die grösste Anerkennung. 
Allerdings tritt er, wie es uns scheinen will, in seiner ersten 

» Vgl. Dem. RwdQe». 10 8. 344, 3. 302 ff. S. 438, 4. .311 S. 441, 6. 
Aescb. 2, § 164; Schaefer II 156 ff. 

4* 



52 Hartel. 

philippischen Rede etwas vorschnell mit »einer Meinung hervor, * 
aber doch nur, weil er von der Vortrefflichkeit seines Planes 
durchdrungen ist. Ebenso war er der erste auf der Redner- 
bühne, als er seinen Symmorienentwurf vorzulegen hatte (vgl. 
Dem. 15, 5 S. 192, 2: •fydv,' eßojXeuecOs dzkp Toiv ßaciAixwv, 7:apeX0ü>v 
izpCixo^ £-]fa) zapVjveca). In den olynthischen Reden sehen wir ihn 
sich bescheiden unterordnen, indem er nicht seine Anträge, 
sondern was andere vorgeschlagen mit gleicher Wärme ver- 
theidigt und nur den einen und andern Gedanken fiir die Art 
der Ausführung einer weitern Berathung anheimstellt. Und in 
diesem Sinne müssen auch die demosthenischen Anträge der 
ersten philippischen Rede, die wegen ihrer Originalität für das 
Verständniss seiner Politik von ganz besonderer Wichtigkeit 
sind, beurtheilt werden; sie treten uns als ein umfassendes 
Programm, welches nach dieser Einführung in der Volksver- 
sammlung der reifen Erwägung des Rathes unterbreitet und in 
seinem Detail noch ausgearbeitet sein wollte, ja von welchem 
Theile vielleicht ohne Gesetzesänderung nicht einmal durchfuhrbar 
waren, entgegen. Wer freilich dieselben und die Dinge, wozu 
sonst Demosthenes in seiner Rede auffordert, so ansieht, als 
ob sie mit ihrer Mittheilung und der sie begleitenden Empfeh- 
lung genügend vorbereitet wären, um sofort vom Volke durch 
Abstimmung angenommen zu werden, dem muss vieles daran 
mangelhaft, unverständlich, verkehrt erscheinen; der muss im 
Unterschiede von ihnen in den perikleischen Reden bei Thu- 
kydides ,überall bewusste Planmässigkeit, nirgends allgemeine 
Forderungen ohne bestimmte Ziele' finden (Weidner S. 26O.27V 
Eine solche Auffassung erzeugt Schwierigkeiten ohne Zahl. 
So findet denn Weidner die Aeusserung Demosthenes' in der 
ersten olynthischen Rede (§ 20): , Andere schlagen andere 
Massregeln vor, um das nöthige Geld zu finden, nun wählt, 
was euch zuträglich und zweckmässig erscheint,' höchst auf- 
fallend und bemerkt dazu, ,dass er in Perikles* Reden ein 
solches Schwanken nirgends gefunden; eine moderne Volks- 

^ Dass er sich dabei klug über das solonische Gesetz von der Reihenfolge 
der Redner (Äeschines I § 25) hinweggesetzt, ist ein unhaltbarer Vor- 
wurf; denn dieses Gesetz war längst ausser Gebrauch gekommen, wie 
Äeschines III § 2 u. § 3 ausdrücklich sagt und auch aus Demosthenes' 
RvKr. § 170 ff. zu entnehmen sein dürfte. 



Demosthenische Studien. 53 

Vertretung würde aus solchen Worten schliessen^ dass es dem 
Antragsteller mit seinem Antrage nicht Ernst sei^ (S. 26I29). 
Möchte man sich doch bei Demosthenes nicht abhalten lassen 
dasselbe zu thun und erkennen ^ dass es verschiedene Aus- 
drucksformen für einen Gedanken gibt und der Redner 
seine Meinung ,mir ist es gleichgiltig, woher ihr das Geld 
nehmet, wenn es nur beschafft wird/ auch in die Form der 
Auffordemng kleiden konnte, ohne das Präsidium in Versuchung 
zu fuhren, diese Imperative als Anträge zur Abstimmung zu 
bringen. Aber freilich Weidner hat über die parlamentari- 
schen Usancen seine eigene Meinung; er glaubt, dass es 
jeden Augenblick jedem Redner möglich war, durch besondere 
Anträge und Beschlüsse die herrschende Richtung zu durch- 
kreuzen' (S. 260) und dass deshalb von einer consequenten 
Leitung der athenischen Politik, also auch von der Verantwort- 
lichkeit einer Regierungspartei nicht die Rede sein könne. 

Nur unter solchen Voraussetzungen hat die scharfe Kritik 
Weidners gegen die Anträge der ersten olynthischen Rede 
auf Absendung eines zweifachen Hilfsheeres, zur Vortheidigung 
der chalkidischen Städte und zum Angriffe auf die eigenen 
Besitzungen Philipps (§ 16) Berechtigung, ja ihre vollste Be- 
rechtigung; er findet dabei eine Menge Umstände nicht erwogen, 
sowie Mängel, die eine sofortige Annahme derselben ganz 
undenkbar erscheinen lassen: ,Wie gross sollten die beiden 
Hilfsarmeen sein? Wie sollte die Aushebung vor sich gehen? 
Wie lange sollten die Armeen das Feld behaupten und woher 
sollte Unterhalt und Sold genommen werden? Wo sollte die 
Angriffsarmee landen? Auf alle diese nothwendigen Fragen 
erhalten wir keine Antwort. Und doch kommt es in solchen 
Fragen nicht auf Wunsch oder Willen, sondern auf Ausführ- 
barkeit, Planmässigkeit und Ausdauer an^ Das sind Fragen, 
auf w^elchc eine Antwort gegeben sein musste, bevor zur Ab- 
stimmung geschritten werden konnte. Wenn diese Antwort ver- 
gebens in der Rede gesucht wird, nun dann wird eben in jener 
Versammlung die Abstimmung über diese Punkte auch nicht 
erfolgt sein. ^ Es müsste *gegen eine Annahme der Art, dass 

* Diese Erwägxmgeii waren es, welche mich bestimmten, in diesen Vor- 
schlägen nicht Amendements zu dem ::poßouX£U[ia des Rathes zu erblicken, 
über welche sofort abzustimmen war. Ich benutze die Geleg-enheit, um 



54 Hartol. 

darüber und über ähnliche der Berathung des Volkes unter- 
breitete Vorschläge zuerst der Kath commissioniren musste, 
ebenso viel sprechen^ als in Wahrheit für sie spricht^ ehe man 
aus den von Weidner richtig erkannten Eigenheiten demosthe- 
nischer Anträge einen so schweren Tadel gegen den Antrag- 
steller zu ziehen befugt wäre, üebrigens würde derselbe nicht 
die Anträge selbst, ihre Nützlichkeit und Angemessenheit, 
sondern nur die Art der Einführung und Begründung treffen 
können, welche fiir die athenischen Hörer, die eine Menge 
Wissen über die Verhältnisse des Augenblicks in die Ver- 
sammlung mitbrachten, auch in jener Art vollauf genügen 
mochte, welche wir durchaus ungenügend finden. Diess Wissen 
hatte der Historiker Thukydides durch seine Reden selbst 
zumeist seinen Lesern zu vermitteln. Darf darum der Unter- 
schied der Reden beider den demosthenischen nachtheilig aus- 
gelegt werden? 

Die Angemessenheit der demosthenischen Anträge, welche 
die erste philippische Rede enthält, in wiefern dieselbe aus 
den damaligen Verhältnissen und ihrer wahrscheinlichen Ver- 
anlassung erkennbar, habe ich zum Theil bereits in meiner 
Abhandlung ,Demosthenische Anträge' darzulegen gesucht. Ich 
will hier, um nicht zu wiederholen, nur kurz die irrigen 
Voraussetzungen bezeichnen, von denen die ,kritisch-pol]tische 
Untersuchung' Weidners ausgeht; allein über sie alle zu 
sprechen, auch das würde zu weit führen, indem in seinem 
Resume kaum ein Gedanke des Redners unentstellt und 
unverdreht geblieben ist. Ich beschränke mich auf die wesent- 



die in meiner Abhandlung ,DeniostheniBche Anträge* S. 521 über Zusatz- 
antrlige im Allgemeinen mit zu grosser Zuversicht vorgetragene Ansicht 
auf ihr richtiges Mass zurückzuführen. Ich hielt dort im Anschluss an 
U. Köhler gegen Sauppe die Ergänzung der Inschrift CJA II 1 nr. 55 Z. 6 
2aTupo5 für sicher. Diese Sicherlieit wird einigermassen erschüttert durch 
die jüngst entdeckte, von U. Köhler in den Mittheilungen des deutschon 
archaeologischen Instituts in Athen I 1 84 ff. behandelte Unterwerfungsacte 
der Chalkidier auf Euboea vom Jahre 44G/Ö, wo die Amendements-Formel 
vollständiger als in einer anderen von den mir bekannten Urkunden 
erhalten ist. Nachdem dort Z. 40 ff. 'Avtixat-; eThsv ayaO^ Tuyi] t^ 'AOt,- 
vaCtüv KotetaOai tov opxov xiX. der Hauptantrag mitgetheUt ist, folgt Z. 70 ff. 
der Zusatzantrag: 'Apy^axpaTo[;] eT-e- t« \t.h aXXa xxdaaztp fAJvTixX^«, -a? 
[o]£ sjOtiva« XaAxiÖEuai xaia ajfüv aOiüiv sTvai xtX. 



Domosthenischo Studien. OÖ 

liebsten Punkte^ deren genug sind. Denn nicht nur das Ziel^ 
welches sich Demosthenes in dieser Rede als nächstes ge- 
steekty ist falsch aufgefasst, sondern auch seine Massregeln in 
ihrer Bedeutung und ihrem Zusammenhang verkannt. Es ist 
eine Täuschung anzunehmen^ wie Weidner thut, Demosthenes 
lege die Auffassung nahe, seine Vorschläge seien das Radical- 
mittel; welches die beklagenswerthe Lage des Staates sofort 
und völlig zu ändern im Stande sei (Weidner S. 248), durch 
welches mit Sicherheit alles Verlorne werde wiedergewonnen 
werden. Im Gegentheil, darnach scheint ihm die gegenwärtige 
Lage nicht angethan: an eine Aufnahme der Offensive gegen 
Philipp ist jetzt nicht zu denken (§ 23: ov>x evi vuv i^jjliv icopi- 
wjOai BuvafjLiv tt;v ixsfvw irapaxa^ofjievTQv). Als der Krieg ausbrach, 
konnte man so hochfliegende Plane hegen, Philipp zu strafen, 
jetzt müsse man zusehen, nicht selber Schaden zu nehmen 
(§ 43: ^xj^Li^tji , . V. iJLY;Ssi; u[ji.wv . . . opYt^sTai öpwv tyjv jasv apxV 
TcO ^loXspLOu 7£Y£*^ji.£VY;v -juepl toü Ttfxwpi^jaaOai ^'tXtwiccv, tt;v 8^ TsXeutTjv 
cjsav rfir^ uxsp toO jjlt; TiaOfiTv xay.o); u-icb tcu 4>im'w:oj). Der räth 
jetzt das Richtige, welcher zeigt, welche Macht, in welcher 
Stärke und mit welchen Mitteln erhalten, im Stande sein 
wird auszudauern, bis man entweder den Krieg durch Unter- 
handlung abschliesst oder den Feind besiegt; denn nur im 
Besitze einer solchen Macht dürfte man fürderhin keinem Nach- 
theil mehr ausgesetzt sein (§ 15: it^ xopiJÖsija TrapaoxeuY) xal 
-foTj xal TTCÖev Siafjistva'. SjvijasTai, ?io; äv i) ciaXuffwixeOa xetoOevTS? 
ibv TioXspiov tJ xepiYSvwjji.sOa twv e/Öpwv ' cutü) ^ap ouy.eTt tou Xoitco'j 
»2T/o'.(jL£v (Sv xay.ü>q). Noch näher bezeichnet der Redner als 
unmittelbare Folge seiner Vorkehrungen den Schutz vor wei- 
teren Unbilden (§ 34: toD icdcxstv auiol xaxö^; e^w ^evT^asoOe), 
dass Philipp nicht mehr wie bis jetzt athenische Bürger von 
den Inseln in die Gefangenschaft führen, Getreidekähne mit 
unermesslicher Habe aufgreifen, noch das heilige Schiff bei 
Marathon kapern werde, sowie dass er in Zukunft die Mittel 
zur Kriegführung nicht mehr durch Plünderung athenischer 
Bundesgenossen sich werde schaffen können (§ 34: xae ht. 7cpb<; 
TO/rcd icpÖTOV |JL£V xbv {Ae^i^ov TÖv £xs(vou '^cdpwv ayaipiJceaOe. ^ori B' outo? 
•{;; oTcb TÖv ufxsxepwv u[jLtv zoXefxsT au[jL|JLax(i)v, ay^*' **• ?^pwv tou^ 
Tikio^notq triv OiAaiTav). Kann der defensive Zweck der aufzustellen- 
den Heeresmacht klarer und nachdrücklicher bezeichnet werden? 



56 Hartel. 

Um diese kräftige Defensive einzuleiten, entwickelt De- 
inosthenes ein Programm von Massregeln, welche nicht minder 
durch ihre Neuheit, wie durch eine bei dem jugendlichen Redner 
geradezu überraschende Tiefe der Ueberlegung sich auszeichnen. 
Man muss es ihm dabei zu Gute halten, wenn er an die 
gewissenhafte Durchführung derselben Hoffnungen knüpft, die 
über das zunächst durch sie zu erreichende Ziel weit hinaus- 
liegen und muss in seinem Selbstgefühle, das auf der festen 
Ueberzeugung ein Heilmittel für den siechen Staat gefunden 
zu haben beruht, nicht unehrliche Prahlerei und ungerechtfer- 
tigte Ueberhebung finden. Worin Athens Sch.wäche und Philipps 
Stärke liege, das meinte er richtig erkannt zu haben. Nicht 
darin lag sie, dass Athen als Seemacht gegen eine starke Land- 
macht fem von seinen Hilfsmitteln den Kampf zu fuhren hatte, 
konnte es ja nicht einmal als Seemacht sich und seine Bundes- 
genossen vor den Angriffen dieser Landmacht völlig schützen, son- 
dern ihm fehlte ein stehendes Heer, das nicht bloss während 
der guten Jahreszeit, sondern auch während der schlechten Fahr- 
zeit und im Winter am Platze sei. Aus diesem Mangel erklärt 
er die ganze Misere der bisherigen Kriegführung, die drastischer 
nicht geschildert werden kann. Mit der Schöpfung eines solchen 
schien allem Elende mit einem Schlage ein Ende gemacht. 
Darin ist der Kern seiner Anträge zu suchen (§ 19: 'scpb Zk 
TOüTwv 8üva[jL(v Ttva, & a. 'A., 9y;[jl' zpoxetpiaacOat 8eTv i^ixa;, i^ cuvexöq 
7:oXe(Ai^(7ei %ol\ xatccot; exeTvov ::otT^|(jei und § 31: toi? luveiifjLafft xal 
'zoiiq wpat^ toO ho'jq la 7:oXXa i:poXa(JLßay(i)v JiaxpoTTSTai <I>(Xt7c::o? xäI 
^uXd$a(; tou? irTiGict^ ij tov /et{jt.(ova ^n^eipsT, tI;v(x' äv ii\kv.q jaij Suvat- 
(AeOa IxsTae a^aecOai. BeT to(vuv Taut" evOu{Aou[jLevou^ {av] ßdTjOstociq 
xoXejxeTv (jj(r:sp\o\j[LVf vip axavTwv), aXXa xapaaxsüt] auve/ei xat 
Suvifxsi xtX.). Um zu diesem Ziele zu gelangen, geht er be- 
hutsam vor und verlangt nicht auf einmal Alles. Besser, man 
thue etwas Bescheidenes ganz und wenn das nicht auszureichen 
scheint, lege man etwas zu, als dass man grossartige Pläne 
entwirft und dann unausgeführt lässt (§ 20: la (jLtxp3e ^n^^avTe^ 
xal woptWi»Ts<; toOtoi? 7:poT:{ÖSTS, äv iXicata ^afvTQTat). Er begnügt 
sich demnach mit der Aufstellung eines kleinen Corps, lässt 
davon noch die grössere Hälfte Söldner sein und nimmt für 
die Erhaltung desselben zunächst die bescheidensten Mittel in 
Anspruch (§ 23: XtjtJTeiejv dvavxiQ xal toutw tw TpÖTcco tou -KoXejjiou 



Democtheniscbe Stadien. 57 

Xp^s6ai TY]v 7:pü)TY}v), indem er wohl hoffen mochte, dass aus 
einem solchen Anfange, wenn man sich vom Nutzen der Sache 
überzeugt, eine grössere und solidere Organisation heraus- 
wachsen werde. 

Dieses stehende Heer combinirt Demosthenes mit der bis- 
her üblichen Mobilisirung fiir einzelne und bestimmte Aufgaben 
in der Art, dass, während jenes in der Nähe des Feindes 
operirt, um ihn unablässig zu bewachen und zu belästigen, 
eine andere, grössere Macht für den eintretenden Bedarf mit 
Allem, was für ihren Ausmarsch erforderlich ist, zu Hause bereit 
gehalten werden soll. £s ist reine Willkür anzunehmen, dass 
Demosthenes den Antrag, fünfzig Trieren und ein entsprechen- 
des Bürgercontingent in Bereitschaft zu halten, doch nicht zu 
stellen gewagt habe (Weidner S. 251). Er ist ein Theil seines 
Gesammtprogramms und mit diesem beantragt, d. h. der weitern 
Berathung und endlichen Beschliessung anheimgegeben. Den 
Antrag auf sofortige Mobilisirung, welchen Weidner zu erwarten 
scheint, musste er nur dann ausdrücklich stellen, wenn es sich 
um eine aggressive Operation gegen Philipp, um Zurückweisung 
eines Angriffes desselben handelte, was nicht der Fall war; 
denn auch dieses Bürgerheer hat die rein defensive Aufgabe, 
gegen Philipp auszurücken, wenn dieser einen Punkt, wo Athens 
Interesse im Spiele ist, bedroht (§ 17: lauta |jl€v oTfxai Selv Oicdpxeiv 
£rt T«^ e^awvT)^ TauTo? anm rfiq cixeta? X^P^^ aurou axpaxeictq slq 
üdXaq %a\ XeppivTQCjov xat "OXuvOov %a\ ozot ßo6XeTai). Auch liegt in 
den Worten § 18: oötoc TcavTeXö? ou8' e? jxt^^ xottjcait' äv touto, w? 
s^w^e fr,|Ai 8elv, euxaTafpovYjTov ecrctv nicht ausgesprochen, dass es 
dem Redner gleichgiltig sei, ob sie diese Massregel ausführen 
oder nicht, sondern er behauptet nur, dass dieselbe auch in 
dem Falle, dass sie nicht so durchgeführt würde, wie er sie 
durchgeführt wissen will, wenn sie z. B. statt selbst die Schiffe 
zu besteigen (§ 16: wXeuTc^ov s'!?'Ta6Ta^ au-oT^ ejjLßdfctv) Söldner 
werben, oder in geringerer Zahl sich einschiffen würden, dennoch 
nicht unverächtlich erscheinen und Philipp von dieser Bereit- 
schaft in Eenntniss gesetzt, Ruhe halten werde. 

Eine doppelte Täuschung findet Weidner in der vorgeschla- 
genen Ausführung des gesammten Planes, indem Demosthenes 
bald von Zahlung des Soldes für die Truppen spreche, an 
der entscheidenden Stelle aber, wo er auseinandersetzt, was 



58 Hftrtel. 

der Staat für diese Expedition an Kosten aufzubringen habe 
(§ 28), nur das Verpflegsgeld, nicht aber die Löhnung, wie sie 
neben jenem in gleichem Betrage in der Regel bezahlt wurde, 
in Rechnung stellte; ferner darin, dass die Ausgaben nur für 
ein Jahr berechnet werden. Auch davon steht das Gegentheil 
bei Demosthenes. Für die stehende Truppe nimmt er von vorn 
herein und consequent als etwas von der Staatscassa zu lei- 
stendes nur die Verpflegsgelder in Anspruch (§ 20, 22). Dass diese 
auf eine Soldzahlung aus der Staatscassa nicht rechnen dürfe, 
wird § 23 ausdrücklich gesagt und aus eben diesem Gesichts- 
punkt die geringe Zahl der Truppen gerechtfertigt, indem diese 
sich den fehlenden Lohn leicht durch Freibeuterei verschaffen 
werden, was bei einem grösseren Truppenkörper nicht möglich 
sei, daher man einem solchen nothwendig Sold zahlen müsste, 
wofür aber das Geld fehle (§ 23: tocau-njv [ih^ w &. 'A., ou 
Taih«, CTi oinc svi vjv t^ijlTv TcopiaaaOat Suvajji'.v tTjV exeivco 7:apaTa$0|jivr|V, 
aXXa XTjOTSuetv avi^XY) xal touto) tw TpoTTW to5 %oki\f.o\) yjpria^OLi t^v 
xpwTTiV cu Totvuv ü7:ipcYy.ov aW^v, ou y^P seit [xicOb;, oucs zx/reXw; 
TaxsivrjV etvai SsT). Ebenso ist es aber andererseits consequente 
Voraussetzung, dass das Heer nicht ohne Sold dienen könne 
und werde (vgl. § 24: ou fotp s(jt' äpy^ev^ [i-tj SiScvTa [xioOsv, § 25 
und 46). Nur soll dieser Sold nicht aus der Staatscasse fliessen, 
daher von Demosthenes keine Summe dafür in das Budget 
gestellt wird, sondern die die Truppe begleitenden Zahlmeister 
werden ihn aus dem Erlös der Beute flüssig machen. Der 
Redner ist von der Möglichkeit, dass dem Heere die Löhnung 
aus dem Ertrag der Beute, ohne dass dabei einem Hellenen 
oder , einem Bundesgenossen ein Schaden zugefügt wird, be- 
schafft werden könne, so überzeugt, dass er mit seinem Kopfe 
dafür einstehen will (§ 29: £i U ti; siexat |JL'.>cpav d(popp.Y;v etvat 
airrjpsdiov toT^ cTpaTS'JOfXEvci; uzap^ew, oux cpöw; eyvwxsv eya) ^ap 
oloa GOL^dq Ott, toOt' 5v fr/i^Tai, ^poo^rspiet Ta Xon^a airrb to arpi- 
TsufjLa axb toj xoXsfjiO'j, ouosva twv 'EXXtjvwv aBixouv ouSe twv (7U[jLjxa)fwv, 
wen' e^siv [awOgv evTsX^ • i-^ii au[jLTrX£wv eOsXovir;; zas^eiv ^Ttouv Itciiac^, 
eav [xt; Taut' outw; i)(ri). ^ 

* Diese Art durch Freibeuterei das Kriegsbudget zu entlasten ist für jene 
Zeit etwas durchaus gewölinliches; das zeigt «clion der Ton, in welchem 
die Schriftsteller davon erzählen. Nach dem Siege des Thrasybulos über 
den spaiianischen Harmosten auf Lesbos im Jahre 390 t«; (xb npoor^yoTTro 



DemoBthenische Studien. 59 

Wer darf, von dem unaufmerksamen Leser abgesehen, 
sich beklagen; hierin von Demosthenes getäuscht zu sein? 
Aber freilich ^so viel konnte und musste Demosthenes wissen, 
dass es für das Heer leichter war, die eigenen Bundesgenossen 
als Philipps Staaten zu plündern, und dass die Söldner sich 
gegen die Bundesgenossen wenden mussten, wenn Philipp, 
wie es zu erwarten war, seine Länder mit Umsicht und Energie 
vertheidigte' (Weidner S. 252). Wie gross die Seemacht war, 
über welche Philipp damals bereits verfügte, wissen wir nicht, 
aber dass sie kaum über ihre ersten Anfänge hinaus war, 
erhellt daraus, dass Demosthenes in zehn Schnellfahrern einen 
genügenden Schutz gegen dieselbe sieht (§ 22: Sei ^op, iy ovxoq 
a£ivo'j vauTixov, xal toxeiwv Tpti^püiv Tl;iJitv, äxw; a'3<f(xk(d<; i^ 8uva[jLt; 
*AeT]), sowie das maritime Uebergewicht Athens sich darin zeigt, 
dass ohne eine besondere Anstrengung von seiner Seite Philipps 
Häfen blokirt und der Handel Makedoniens so gut wie ver- 
nichtet war (vgl. Olynth. II § 16 und meine ,Demo3th. Antr.^ 
Anm. 23). Wie aber der König ohne eine mächtige Flotte mit 
Erfolg gegen eine freibeuternde Flotille sich und seine Bundes- 
genossen schützen konnte, ist nicht abzusehen. Ferner heisst 
es doch Demosthenes' Intentionen absichtlich verkennen, wenn 
man nicht sehen will, dass die ganze Organisation der stehenden 



T(üv }:^£a)v, ex Bl Tcov ou npoo/copouacov XE7)XaT(ov )(^pi)[iaTa tot; arpa- 
itwTai? 6<n:£uaev lU trjv TdSov aoix^aOai. oj:ü){ 8' av xai inLiX o); 
£pp(o[i£vf aTttTOV To aTpocTEujjia ^roniaaiTO, e$ oXXwv t£ h^Xeiüv i^pyu- 
poXoyEi xat U *Aai:£v8ov a9ix(JjjL£vos «opixfaaio £?s tov Eupu(jL/SovTa Tiotajxov. 
^§7) 8' fyovTO? «üTou ypijfjLaTa 7:«pa TtSv *Aa7:£v8(ü)v, a§tXY]vavT(DV ti Ix 
Twv drjfpöjv Tüiv arpaTitoTtüV, opyiaO^VTs; o\ 'Aa;:{v6ioi . . , xaraxo;rrou9tv , , 
auTov (Xenoph. Hell. IV 8, 30). Daraus, wie aus Diodors Worten (XIV 99: 
/piSoaia £i>.r|90io( auTou izotpa, xüjv 'Aotievo^wv 0{j.ü>5 tiv^ Toiv OTparitoTwv 
söTjwaav Tijv y(top%Mi) sieht man, dass es sich um Kriegscontributionen 
bandelt, welche, um von weiteren Plünderungen verschont zu bleiben, die 
neutralen oder feindlichen Gebiete entrichteten. Vgl. Bnsolt, der zweite 
athen. Bund 8. &16 (J. f. Phil. Suppl. N. F. VII) — Dieselbe Einnahms- 
quelle hat Isocrates im Auge BvUmtausch 112: Ti^dBfo; rioTföaiav eTXcv 
flbio T(5v yjsr^jiocTtov wv auib; iii6pi(js, xat twv auVTaffitov xciSv oazo 6pix7)(. 
Im Jahre 365 erhielt Timotheos seine 2000 Peltasten auf solche Art (Ix 
ti]( 7:oX£[jL(a( (jLiaObv xrj^tixz). Eine gute Berechnung der Höhe dieser 
Einnahmsquelle auf Grund dieser und anderer Stellen gibt Bnsolt 
a. a. O. 718 ff. 



60 Hartel. 

Truppe darauf berechnet ist, Ausschreitungen derselben un- 
möglich zu machen. 

Die zu schaffende Armee soll eine Staatsarmee oder 
wenigstens eine Armee in eigener Regie sein (§ 19: {jii^ 

SuvcijAsi? , aXX' i^ t^; ic6X£(i)(; latat und § 27), von einem dem 
Staate verantwortlichen, vom Volke gewählten Feldherrn geführt 
(§ 33: Twv Ik xpi§eu>v xapa tou TrpanfJYOJ tov X670V ^ijTOjvrec, § 27: 
xal Ol) Tov av8pa [jLc[jLf6|xevo^ Taüta Xi^w, aXX' 69' OjAtSy eBsi xsxsipsTOvri- 
jxevov eTvaj toutov, 0? ti<; dv ij), welchem uneingeschränkt die stra- 
tegische Leitung zukommen wird (§33: ä (aIv ouv xp^aerat xa; 
z6t8 Tfj ^uvifjiei, 7:apa tov xaipbv 5 toütwv x6pio? xaTarra^ Of' upuSv 
ßouXsüffeTai) ; dass auch die übrigen vom Volke gewählten militäri- 
schen Chargen dabei sein sollten, wird wenigstens nahe gelegt 
(§ 27 : ou Y^p ^xptjv Ta5iap/cü^ 7:ap' ujjtwv feap^ov i:ap^ üjxuiv ap;fovTa; 
oixfitou? eTvat, Tv' Jjv w? aXr^Ocoq t^; TcdXeox; 1^ Suvajx'.;;). Es ist selbstver- 
ständlich, dass Demosthenes den im Heere an der Seite der Söldner 
dienenden Bürgern keinerlei Ingerenz auf die strategische Lei- 
tung zugesteht, wohl aber sieht er dieselben an als Wächter 
der Heerfuhrung (§ 25) &<j7:ep erixTag tcüv crpotnQYOuiJLcVwv, aber 
doch nur in dem Sinne, um die bei Soldtruppen gewöhnlichen 
Ausschreitungen, dass diese ihre Waffen gegen Freunde und 
Bundesgenossen kehren (§ 24: e^ ou B* auta /.aö' aOia xa ^e^fnux 
u|i.Tv oTpaTeueTat, Tobg ^iXou^ vixa xai tou^ au\i,\kx/o^q und §45: 01 3s 
au|i.(Aaxoi TeOvaat tw Seei Tcbg toicutou^ dn:offToXou<;), ihre eigenen Ziele 
verfolgen . und den Feldherrn zwingen, ihnen zu folgen (§ 24), 
von vornherein unmöglich zu machen und vor allem darüber 
zu wachen, dass die Beutegelder ihrer nunmehrigen Bestimmung 
der Soldzahlung richtig zugeführt werden (§ 33: twv jx^v xp>JFetu)v 
auTol TafA^ai xat 70pc(7Tat -^ifKi^v^oi) und dass sie zurückgekehrt 
nach der Heimat als Augenzeugen ein gerechtes Urtheil über 
die Handlungen der Feldherren ermöglichen und der crassen 
Ungerechtigkeit und Verkehrtheit ein Ende machen, indem 
jetzt auf blosse Gerüchte hin dieselben ungehört verurtheilt 
wurden (§ 47). Sieht das der ,Ausgeburt einer demokratischen 
Raserei' ähnlich, wenn Demosthenes auf Grund zahlreicher 
übler Erfahrungen, welche Athen mit seinen Söldnern gemacht, 
auf diese Weise das Bewusstsein der Verantwortlichkeit in den 
Führern schärfte und lebendig erhielt? Wenn er durch Bei- 



Demotthenisebe Stadien. 61 

mischuDg eines besseren Elements athenischer Bürger, welche 
für das Interesse ihres Staates kämpften, den Geist der Ti'uppe 
hob und kräftigte? ^Konnte und musste Demosthenes wissen/ 
dass dieses Heer die eigenen Bundesgenossen plündern würde, 
nachdem auf diese Art die Erhaltung der Disciplin mit allen 
erdenklichen Garantien umgeben war? 

Weiter bezeichnet Weidner (S. 252) es als ^merkwürdig, dass 
auch das aiTiQpeaiov nur für ein Jahr berechnet wird, während 
doch diese Ausgabe eine Reihe von Jahren ertragen werden 
musste, wenn das Heer als auvex^<; oder ouveonQxoi; bestand und 
Wirkung haben sollte'. Unter allen Einwürfen, die wider De- 
mosthenes erhoben wurden, scheint mir dies der merkwürdigste. 
In nichts zeigt sich nämlich die einschneidende Bedeutung der 
demosthenischen Reform klarer als in der Art, wie er ihre 
Bedeckung bespricht. Wenn es sich nur um eine Expedition 
nach einem Punkt der makedonischen Küste handelte, um 
einen kurzen Jahresfeldzug, dann brauchte Demosthenes, nach- 
dem er das ciTigpeatcv für ein Jahr berechnet, kein Wort mehr 
zu verlieren. Es galt dann nur die Bestreitung einer ausser- 
ordentlichen einmaligen Ausgabe, für welche vermuthlich die 
Geldmittel, welche bereits füi* die seit Monaten geplante thra- 
kische Expedition in Aussicht genommen waren, doppelt und 
dreifach genügt hätten. Oder es bedurfte des einfachen An- 
trags auf Ausschreibung einer Vermögenssteuer, womit sonst 
vorübergehende Ausgaben gedeckt wurden. Indem aber mit 
der Aufstellung eines stehenden Heeres eine dauernde, jährlich 
sich wiederholende Ausgabe geschaffen war, musste in den regel- 
mässigen Einnahmen des Staates dafiir nach einer Bedeckung 
gesucht werden, und diese entwickelte ein sorgflütig ausgearbei- 
teter Finanzplan, welchen der Redner als Basis der weiteren Be- 
rathung in seiner Rede mittheilte. Wie konnte aber Demosthenes 
dabei anders vorgehen, als dass er die Eriegskosten für ein Jahr 
berechnete? Leider ist uns dieses Finanzprogramm verloren 
gegangen und wir können demnach nicht wissen, wie er den 
Hehrauslagen durch Ersparungen im Budget oder Vermehrung 
der Einnahmen gerecht wurde. Nur so viel steht auch ohne 
Einsieht in dieses Programm fest, dass er die Kosten für seine 
militärische Reform nicht in einer vorübergehenden Massregel 
gefunden haben wird. 



62 Hartel. 

Zur Durchführung des demosthenischen Programms ge- 
nügte nicht die einfache Annahme desselben durch die Volks- 
versammlung, nachdem es an dieselbe mit einem Rathsgutachten 
zurückgelangt war, sondern — und daraus erhellt wieder 
schlagend, dass damit nichts weniger als eine transitorische 
Massregel intendirt war — ohne Oesetzesänderung mag selbst 
Demosthenes es nicht für durchführbar gehalten haben, wovon 
einige Andeutungen in der Rede leicht überzeugen können. 
So scheint wenigstens die Verpflichtung, dass athenische Bürger 
längere Zeit Sommer und Winter ausserhalb des Landes dienen 
sollten, durch ein Gesetz ausgesprochen werden zu sollen (§ 33: 
äv Taura, w ä, 'A., TuopCcrjTs Ta /pT^ixorca -irpÖTOv ä XeYW, elxa, r.a\ 
tSXX« xapacxeuaaavTe? toü^ arparwoTa? Ta<; -pti^pst^ tou? te^a? evxeXij, 

xaaav Ttjv SuvaiJLiv v6|jl<i> xaTaxXe(ffTr)Te * exi tw TzoXi[uo jxsveiv , 

xauaeoO' aet «ept töv auTcov ßoüÄ€u6[JL6vot xal rXsov ouSev xoioOvre?), 
wenngleich das ganze Militärwesen einer gesetzlichen Regelung 
überaus bedürftig ist; denn während bei den Festen alles zur 
rechten Zeit und ordnungsmässig verläuft, so herrscht in allen 
kriegerischen Vornahmen bare Unordnung (§ 36: ott exsTva piev 
SicavTa v6|jL«i> TETax-cai, xas xposiSev S^aoro? üjxöv ex xoXXoö t{? X®P^®? 
9) Y^jAvadfap^o? -rij^; ^uXyjc, xöxe xal xapa toö xal T{va Xaßdvra t{ Bei 
xotetv, oüSev aveSsTaorov ouS' aöptorcv ev touroig T^jxeXTjTai, ev 8e xdi? 
xepl Tou xoXefJLOu xal lij toutoü xapaoxeutj aiaxta äSiöpöwxa di6pi5Ta 
äxavTa). 

Die Regelung dieser Verhältnisse brauchte Demosthenes 
im Detail nicht jetzt schon in Vorschlag zu bringen; sie ei^ab 
sich als eine unabweisliche Consequenz, sobald sein übriges 
Programm einmal angenommen war. Und so erklärt sich auch, 
dass er noch andere Fragen offen lässt, wie die Altersclasse 
und Dienstzeit des Aufgebots, die Ablösung desselben (§ 21: 
Xe^w 8t) tou? xavra? arpaTiwTa^ 8iaxtX{oü<;, toütwv Ss 'Aörjvatou? ©rijxt 
SeTv etvat xevTaxoafoug, e^ ?; <£v inoq üjjLtv i^Xixta? xaXw? l/eiv 8oxt), 
Xp6vov taxTOv GTpaT6üO[JLivou;, {jLY) (jLaxpov TOUTOv, aXX* 5<J0v äv Soxtj 
xaX(5(; exetv, ex BtaSo/ij; äXXiJXoK;). Auch war es misslich, detaillirte 
Anträge über alles und jedes, was mit den Hauptpunkten dieses 



1 Verpflichtung durch ein Gesetz bedeutet auch der Ausdruck bei Andok. 
3, 7: avTjv^yxÄfjLEV x.^ia xaXavta ilq t^v axprfroXiv x«i vojjlco xaTExXsfcTafxsv 



Demosthenische Studien. 63 

Programms zusammenhing, ehe die Entscheidung über diese 
von competenter Seite vorlag; zu stellen. Demosthenes ist sich 
klar bewusst; mit seiner Programmrede über den Anfang 
nicht hinausgekommen zu sein; er weiss^ dass ihm eine Reihe 
langwieriger Verhandlungen in Aussicht standen, wenn es ihm 
gelang, das Volk zu bestimmen, auf die Berathung einzugehen; 
denn er fürchtet nicht ohne Grund den Vorwurf, dass er den 
auf der Tagesordnung stehenden Zug gegen Philipp hinaus- 
schieben wolle (§ 14: [uß^ div e^ «PX^? oovtXb xvn xaivTjV xapaoxsjYjv 

,Ti^|jLcpov' etrovTe; ixa/ucra v.q 8sov Xs^oustv). Er verzichtet um 
den PreiS; den Unternehmungen gegen Philipp eine solide 
Grundlage und dem Staate, was dieser bisher nicht hatte, eine 
stehende Truppe im Felde zu geben, aus der mit der Zeit 
eine kriegstüchtige Armee sich bilden konnte, auf eine sofortige 
Expedition nach dem thrakischen Cherrones, welche auszurüsten 
man im Augenblicke nicht abgeneigt schien. 

Demosthenes müsste von der Wirksamkeit und Bedeutung 
seines Programms weniger überzeugt sein, als er es in der 
That ist, wenn er nicht hie und da einen siegesfrohen, selbst- 
bewussten Ton anschlagen durfte. Er wäre ein schlechter 
Vertreter seiner Sache, wenn er nicht wüsste, dass er diese 
siegesfrohe Hoffnung dem Volke mitzutheilen habe, um es für 
die Annahme so entscheidender Reformen geneigt zu machen. 
Und berechtigte dieser Zeitpunkt nicht mehr dazu als ein 
anderer? Die rasche Expedition nach Pylae hatte Philipp 
von Mittelgriechenland ferngehalten. Der thrakische Zug Phi- 
lipps schien, Dank der Erkrankung desselben ^ ohne ernste 
Folgen für den athenischen Besitz vorüberzugehen. Man konnte 
hoffen, bald einen mächtigen Bundesgenossen wie den chalki- 
dischen Städtebund im Kampfe gegen Philipp an der Seite zu 
haben und dadurch die grossen Nachtheile, welche eine See- 
macht im Kriege mit einer Landmacht zu überwinden hat, 
auszugleichen. Gleichwohl regt Demosthenes trügerische Hoff- 
nungen nicht an. Von einem völligen Umschwünge der innem 
Verhältnisse, von der opferwilligen Bereitheit für die Interessen 
des Staates mit Out und Blut einzustehen, wovon die gestellten 
Forderungen nur den Anfang und einen Theil bezeichneten^ 
macht er den Wiedergewinn des Verlornen abhängig (§. 7: 



64 Hart«!. 

awtb^ JJL6V ouBiv IxÄffro^ iron^cetv eXxil^idv, ibv 3i tiX^joiov icivO' üi:^p 
ouTou ?:pol^eiv* xat toc ujjieTep^ auTuv xojjLteToOe, (ht Oeb^ OsXt), xal xa 
xaT6ppaOu|jLi2|jL£va ^iXiv avaXi^^^co^e xdbcetvov TC{Afa)pi^7eo6s). Nur unter 
dieser VorauBsetzung erscheint ihm der schwierige Kampf mit 
diesem gewaltigen G^^er, dessen Grösse er^ wie es dem 
praktischen Staatsmann ziemt^ kennt und anerkennt^ die er 
nicht y widerlegen und umgehen' will (§ 4: et 6^ tu; 0|jLh)v Sucxo- 
XejxijTOv oieTai tov ♦iXwwrov eivai, cxo^v t6 te xXi^^ t^^ iw:apxo6ar|^ 
ouTCi) Suvitieu)^ xxi to ta ;((i>pi2 icfna a'^oXbiXevai xrj icoXei, ipOö>{ |A£v 
oisTai); nicht aussichtslos. Wenn dabei hie und da seine von 
edler Leidenschaft durchglühte Logik sich ein Sophisma oder, 
was uns so erscheinen will, erlaubt, so verbietet schon der 
Ernst seiner Ueberzeugung, der überall zu Tage- tritt, an be- 
wusste Täuschung zu denken. Gerecht und einsichtsvoll hat 
über Sophismus und Entstellung Blass (a. a. O. 184 £F.) ge- 
sprochen. 

Auf diesem Gebiete aber bewegen sich zumeist die Aus- 
stellungen, welche Weidner gegen die olynthischen Reden erhebt, 
deren Werth und politische Bedeutung, wenn auch sein Tadel 
noch so b^ründet wäre, dadurch nicht berührt würden. Aber es 
heisst dem Redner die Seele nehmen, aus welcher allein Leben 
und Erregung strömt, aus der die Funken sprühen müssen, 
um Kopf und Herz der trägen Versammlung zu entflammen, 
wenn ihm die Ruhe und Kaltblütigkeit des Historikers wohl 
anstehen soll. Wenn demnach Weidner die persönlichen In- 
vectiven gegen Philipp und den makedonischen Hof als über- 
trieben und ungerechtfertigt tadelt, so mag er Recht behalten, 
ausser Theopomp und seinesgleichen wird doch niemand daraus 
Geschichte machen. Aber dem Redner muss es zu Gute ge- 
halten werden, wenn er, wie es ihm gut dünkt, die Entrüstung 
gegen Athens furchtbarsten Feind, welche im Augenblick ihn 
eifüllt, in die Seelen seiner Hörer überleitet, um sie zu zwingen, 
so zu denken und zu fUhlen wie er. Um vieles gerechter muss 
aber der Zorn und die Entrüstung, welche ihn gegen die innern 
Gegner seiner damaligen Politik entflammte, erscheinen, denn diese 
Vertreter einer friedlichen Politik hatten durch eine Reihe von 
Jahren das Militärwesen verkommen. lassen, das Kriegsbudget be- 
schnitten, anstatt einen Schatz für Kriegszwecke zu sammeln und 



DemottliMisohe Stadien. 65 

dadurch den Staat stark und widerstandsfähig zu machen, die 
Mehreinnahmen auf Feste und fUr Besoldung des Volkes, welches 
sich das gern gefallen Hess, verwendet, und setzten diese Politik 
zu der Zeit, da sich Athens Schicksal entscheiden sollte, 
unbedenklich fort. Wenn in diesen Männern Demosthenes die 
Mithelfer von Philipp sieht, ist er nicht im Unrecht; dass er 
sie des bewussten Verrathes zeiht, was übrigens in diesen Reden 
nicht geschieht, mag unbillig und ungerechtfertigt sein. Seine 
Heilmittel zu ertragen, war Athen nicht mehr stark genug. 
£ine moralische Umwandlung des siechen Volksgeistes, dessen 
nationale Regungen in erhabenen Seelen selbst bei einem 
Piaton fast erstorben erscheinen, von der Rednerbühne aus zu 
bewirken, dünkt uns von vornherein ein vergebliches Bemühen; 
ihm däuchte es eine patriotische Pflicht, und darin liegt der 
tragische Zug, der Demosthenes' Leben und Streben durchzieht, 
das von Jahr zu Jahr an getäuschten Illusionen reicher, doch 
immer wieder hoffend und übermenschlich ringend, endlich 
jener grössern Macht der Verhältnisse unterliegt, nicht ohne 
durch manche Schuld den Ausgang zu rechtfertigen. Dieser 
Schuld nicht bloss im Allgemeinen zu gedenken, sondern sie 
im Einzelnen zu suchen, zu bestimmen, zu begrenzen, halte 
ich für eine Pflicht der historischen Wissenschaft, und bin weit 
entfernt, den kritisch-politischen Versuch Weidners als einen 
principiell unberechtigten zu verwerfen. Nur meine ich nicht, 
dass davon sich viel oder auch nur etwas in jener Sturm- und 
Drangperiode, in welche die besprochenen Reden fallen, werde 
nachweisen lassen. Die Ausführlichkeit der Begründung dieser 
Meinung möge durch die Bedeutung des Gegenstandes fiir ge- 
nügend entschuldigt gelten. 

Dass das von Demosthenes in der ersten philippischen 
Rede vorgelegte Programm nicht durchgedrungen ist, unterliegt 
keinem Zweifel. Demosthenes schweigt von dem Erfolg seiner 
. Anträge, ja noch mehr, er schweigt von den Anträgen selbst, wo 
sich eine Gelegenheit ihrer zu gedenken bot, wie § 4 der dritten 
oljnthischen Rede. Er versagt es sich, in nutzlosen Recrimi- 
nationen gegen jene aufzutreten, die rechtzeitige, wohl überlegte 
und leicht ausführbare Vorkehrungen zu treffen verschmähten. 
Um so weniger darf es befremden, dass Demosthenes in den 
olynthischen Reden an keiner Stelle den euboeischen Feldzug, 

Sittongvber. d. phiL-lüit. CI. LXXXVir. Bd. I. Hft. 5 



ob Hart«I. Demostheniiehe Stadien. 

von dem er in erfolgloser Opposition gegen die herrschende Partei 
abgerathen^ in Erinnerung bringt, ein Umstand, der bedeutsam 
genug erschien, um damit die Annahme, dass diese Reden vor 
dem Ausbruch desselben gehalten wurden, zu begründen. Ein 
solches Argument stützt sich zugleich auf eine andere Voraus- 
setzung, die nicht ohne weiteres zugestanden werden darf, 
darauf nämlich, dass Demosthenes in der olynthischen Frage 
nur mit den uns erhaltenen Reden und nicht zuvor das Wort 
ergriflFen. Wer das nicht glaubt, wird sich leicht eine Gelegen- 
heit denken können, bei welcher derselbe Eubulos und den 
Andern ihre verkehrte euboeische Politik vorgehalten und dann 
sich um so leichter zufrieden geben, wenn er in den erhaltenen 
Reden eine Wiederholung solcher Recriminationen nicht findet, 
als dies nur dazu beitragen konnte, in unnützer Weise den 
inneren Hader zu mehren, * ja vielleicht die Sache der Bundes- 
genossen zu gefährden. 

^ Wurde ja Demosthenes selbst, der den Zug nach Euboea widerratben 
(RvFr. § ö; lyro yip^ rTi a. 'A., ^ptoTov piv, ^^vix"* ?n£i8ov upia; itüv ev Eußo(i 
7:paY(AdlT(i>v Taparco(x^vtov ßo7)0Etv IlXourapytü xat 7co\s{xov aSo^ov xai 8au:aviripov 
apaaOai, irptoTo; x«i pidvo^ napEXStov avTEtnov xai (xovov ou StEfficaoOTjv), 
yielleicht in Folge dessen für den ungünstigen Verlauf verantwortlich 
gemacht, vgl. Rg.Meid. § 110 S. 560, 25: (MEi$(a;) -mm iv Kv>ßo{a jrpayfndTcov 
— TouTi yap au piixpou xap^O* pi^ cinstv — a llXoutop/o^ 6 toutou ^i'io^ 
xai f^IXoi BiETcpfli^aTO, w; iyto aKrio? £?[ii, xarsixsiia^e izpo tou to ^icayjia 
IfEv^aÖai Kaai 9av£pbv 6 t« IIXouTap/^ou yeyov^;. 



Tomaschek. CentralMiatlflChe Studien. I. H7 



Centralasiatisehe Studien. 

Von 

Wilhelm Tomaschek, 

Lekrer an dem Mariahilfer Commnnal-Beal- nnd Ober-Gymnasinm in Wien. 

I. 

Sogdiana. 

(Mit drei KArten.) 

Den Namen ,Sogd' lernte die occidentalische Welt zuerst 
durch den Vater der Geschichte, Herodotos, kennen. Dieser 
fiihrt einmal in seiner Uebersicht der durch Dareios eingerich- 
teten Steuerbezirke (III 89 — 95), in welchen ohne Rücksicht 
auf ethnischen Zusammenhang so wie auf Satrapenverwaltung 
benachbarte Volker so zusammengestellt sind, dass die Steuer- 
quoten jeder Gruppe eine runde Summe ausmachen (ähnlich 
wie in den Steuerlisten aus der Sassaniden- und Khalifenzeit 
bei Khurdäd-beh und Qodäma), als in der sechzehnten Steuer- 
gruppe vereinigt folgende ansehnliche und weitab entlegene 
Völkerschaften an (93): IlotpOoi 5s yjxi XopacjAtoi xat S^y^oc ts xai 
"Apstoi TpiY]x67(a TaXavra (dtTcoryivgov) • v6[jlo; ixxo? y,al 8äxaT0<; outo<;; 
dann in der Aufzählung (VII 61 — 99) der Völkerschaften und 
Heeresmassen, welche Xerxes auf seinem Zuge nach Hellas 
in der Ebene von Doriskos musterte, in ziemlich paralleler 
Zusammenstellung (66): IlapOoi Bs xai XopaajjLioi xat 26780t xs xai 
Trtldpiot xat AaSixat, Tyjv auTt)v cxsü-^v Eyof'zeq, ri^v xoti BaxTpiot 
STTpaTEüovTo. Dic Parther und Chorasmier hatten ihren eigenen 
Heerführer, ebenso die Gandarier und Dadiker, SoySwv 8s (•^/pxs) 
ACflrnjq 6 Apratou. — Sehen wir uns nach den einheimischen 
Denkmälern um, die aus den Zeiten des Dareios und seiner 
Nachfolger stammen und welche entziffert zu haben die Wissen^ 
Bchaft unseres Jahrhunderts sich zu höchstem Ruhme anrechnen 
darf, so müssen wir zuerst in die grosse Inschrift von Bahistan 

6* 



68 Tomaichek. 

Einsicht nehmen , in welcher Dareios die Provinzen seines 
Reiches theils nach einer gewissen Rangordnung, tbeils in 
geographischen Gruppen geordnet aufzählt, und worin als acht- 
zehnte Provinz Sogdiana vorkommt; nach Katapatuka (Cappa- 
docia) folgt nämlich folgende Reihe von Namen : Parthava (13), 
Zaraka (14), Haraiva (15), Uvärazmiya (16), Bäkhtris (17), 
gvGVDA (XVIII), Gandara (19), ^aka (20) etc.; die letzten 
fUnf Namen lauten in den Keilschriften der dritten Ordnung oder 
in assyrischer Sprache: Huvariismu (16), Baahtar (17), Swkdv 
(XVUI), Paaruparaisaanna (19), Gimiri (20). In der zunächst 
zu beachtenden Inschrift von Persepolis lesen wir in nur wenig 
erweiterter und verstellter Reihenfolge folgende Provinzen der 
östlichen Reichshälfte : Ayagarta (13), Parthava (14), Zaraka (15), 
Haraiva (16), Bäkhtris (17), Qvgda (XVIII), Uvärazmiya 
(19) etc. In der grossen Inschrift von Näkhs-I-Rüstam endlich, 
oder der Grabinschrift des Dareios, folgen die Ostprovinzen 
gleich hinter den im Range höchsten, Pär9a, Mäda und Uvaga, 
und zwar wieder in ähnlicher Aufeinanderfolge: Parthava (4), 
Haraiva (5), Bäkhtris (6), Sygvda (VII), üvärazmis (8), 
Zaraka (9) etc.; in assyrischer Sprache: Partuu (4), Ariivu (5), 
Baahtar (6), Swkdv (VII), HuvariiSmu (8), Zaraanga (9) etc. 
Wir sehen, dftss die Gruppirung bei Herodotos doch einiger- 
massen zu der von Dareios beliebten stimmt, insofern als auch 
in den Keilinschriften Parthien, Areia, Sogdiana und Chorasmia 
einander meist nahe gerückt sind; in bedeutsamer Verbindung 
schliesst sich aber ^^g^^^ ^^^^^ ^^ Bäkhtris an. 

In eine viel ältere Zeit, in die Epoche des assyrischen 
Weltreiches, verlegt den Namen Sogdiana's jener griechische 
Geschichtsschreiber, welcher zuerst eine pragmatische Dar- 
stellung der sagenhaften Eroberungszüge der Herrschergrössen 
Ninos und Semiramis zu geben versucht hat, Ktesias aus Knidos. 
Dass die assyrische Herrschaft Arachosien und Baktra um- 
fasste, scheint eine alte, durch manche Denkmäler bezeugte 
Tradition der Orientalen gewesen zu sein; Semiramis selbst 
rühmt sich auf einer Stele (Polyaen. VIII 26, 1 offenbar nach 
Ktesias), gegen Osten den Fluss Dyamuna oder lofiiivw;«; als 
Reichsgrenze festgesetzt zu haben, gegen Norden aber das 
Gebiet der Sogdier und Saken, ZxMiq xal Xo^Bou^. Liesse sich 
eine dauerndere Besitznahme der nordischen iranischen Lande, 



CoDtnlMUtuehe Stadien. I. 69 

Baktra und Sogd, durch die Assyrier oder selbst durch die 
Meder als wahracheinlich hinnehmen^ so könnten wir uns die 
frühzeitigen Einflüsse der semitischen Glaubens- und Cultur- 
weit auf die Tränier und auf den zarathustrischen Glauben 
leichter erklären, und wir hätten nicht einmal nöthig, die später 
entwickelte Tradition von der Herkunft Zarathustra's aus 
Atropatene gläubig hinzunehmen. Wenn, sicherlich nach ein- 
heimischer Sago, berichtet wird (Diodoros I 94, 2 nach Ktesias), 
-apa Tol; *AptavoT(; Zaöpauanrjv tov cr/'aöbv Satfxova (= Ahuramazda) 
zpo970(i^(Taa6at tsu; vc{jlou<; auTo) ^iBovac so muss unter diesen Arianern 
die iranische Bevölkerung von Ost- und Nord-Irän verstanden 
werden. Mit vollem Recht behauptet Strabo XV- p. 724: 
eZiXTSivsTai 5s To5vc|j.a t^; 'Apta^/Yj^ x«l In ixs^pt twv itpo^ apxtov 
BaxTpiü)v xat 2io73iavü)V' slal ^dp icci)? xat öixoYXwxrot xapa [Atxpov. 
Der kundige Apollodoros (Strabo XI p. 510) nennt Baktrien 
die Zier von ganz Ariana, rriq ou|j.7caar<<; Aptavijq rpCdxr^iJLa. Es ist 
bei diesem Namen offenbar nicht an die Satrapie "Apeia, Haraiva, 
zu denken, sondern an die viel allgemeinere uralte Bezeichnung 
der iranischen Ostlande, Airyana. 

Die einheimische Sagenwelt der Perser stellt an die Spitze 
aller Genealogie die durchweg der Mythologie angehörigen 
Paradhäta's oder die Schöpfer der menschlichen Satzungen und 
Sitten, den Beginn und Fortlauf des nationalen Lebens jedoch 
verlegt sie in die nachfolgende Zeit der Dynastie der Kavya's, 
welche mit Kava Kaväta beginnt und ausgefüllt ist mit Kämpfen 
wider die Turanier, unter welchen nicht etwa Stämme, die in 
Kace, Religion und Sprache von den Iraniern total abwichen, 
etwa türkischer oder tübetischer Abkunft, verstanden werden 
dürfen, sondern Stammverwandte oder Bruderstämme, deren 
Herrscher ihr Geschlecht gleichfalls auf die Paradhäta's zurück- 
führten und mit dem Herrscherhause der Kavya's in einem 
ununterbrochenen Kampfe der Blutrache verfehdet waren. Wir 
werden noch nachzuweisen versuchen, dass in alt-iranischer 
Zeit die durchaus stammverwandten Saken und Massageten 
des Nordostgebietes es waren, welche als ständige Feinde oder 
Tura's auftraten, und dass erst seit der Existenz der türkischen 
Khäqäne oder seit dem fünften Jahrhundert n. Chr. diese Rolle 
den Türken zugeschrieben werden konnte, eine Auffassung, 
welche mit Consequenz z. B. im äah-nämah durchgeführt ist, 



70 Tomaicb«k. 

worin Afrüsläb (Fraügragyan) ganz und gar wie ein Türken- 
khäqän geBchildert erscheint. Gleichwohl ist das Bewusstsein, 
dass vor Kyros und Dareios das alt-iranische Leben vorzüglich 
in Baktra pulsierte und dass dort die höchste Herrschermacht 
ihren Sitz hatte^ der persischen Sagenwelt niemals ganz ent* 
schwunden ; im Königsbuch ist es Lohrasp (Kava Aurvafaypa), 
der die Residenz nach Balkh verlegt und dort einen Feuer- 
tempel errichtet; Balkh ist die Residenz auch unter seinem 
Nachfolger Gu§tasp (Kava Vi8tä9pa); und Zarathustra, der unter 
Guätasp lehi-te, vollendete seine Prophetenlaufbahn in Balkh. 
Auch nachher, als die Pär9a die Führerschaft in den iranischen 
Landen erworben hatten , regte sich zu Zeiten das Selbst- 
bewusstsein des alt-iranischen Herrschergebietes. Noch unter 
Kjros, nach der Besitznahme von Lydien^ erhoben sich die 
Baktrer und Saken (Hdt. I 153) ; auch unter Xerxes gab sich 
dort ein gewisses Bestreben nach Selbständigkeit und Sonder- 
verwaltung kund (Hdt X 113); später durfte Bessos daran 
denken^ in Baktra und Sogdiana ein selbständiges nationales 
Reich zu gründen. Und wie sehr in Baktra^ noch mehr aber 
in Sogdiana, das nationale Selbstgefühl lebendig war, lehrt die 
Geschichte der Eroberung durch Alexander. Während in den 
meisten übrigen iranischen Provinzen der Volkskrieg wider 
die Fremdherrschaft entweder gar nicht oder nur schwach zum 
Durchbruch gelangte, hatte Alexander in Sogd die blutigsten 
Kämpfe mit der Einwohnerschaft zu bestehen, Sogd wäre fast 
im Stande gewesen, die makedonischen Colonnen zu erdrücken 
und der Heldenlaufbahn des tollkühnen Eroberers vor der 
Zeit ein Ziel zu setzen. ,In Sogd lebte noch ungebrochen bei 
dem mächtigen Adel wie bei dem kräftigen Volke eine wilde 
Freiheitsliebe , ein trotziges asiatisches Nationalgefühl ; den 
turanischen Nachbarstämmen fühlte man sich weniger fremd als 
den stolzen herrischen Makedonen, die mit dem beleidigenden 
Hochmuth einer höheren Race die nationale und religiöse 
Gährung wachriefen' (Hertzberg, Feldzüge AI. d. Gr. IL Th.). 
Nur dem Aufgebote der höchsten Raschheit und Enei^ie so i^rie 
der Anwendung einer unmenschlichen Vemichtungswuth von 
Seite des Eroberers gelang es die wiederholt ausgebrochenen 
Volksaufstände zu unterdrücken und in Sogd Ruhe, freilich die 
Buhe einer Leichenstätte, zu schaffen. Es scheinen in Sogd die 



CentnlMMtiMlia Stadien. I. 71 

Fremden vorzüglich das religiöse Gefühl, den zarathustrischen 
Glauben, in roher Weise angetastet und die Qläubigen zu 
fanatischem Widerstände gereizt zu haben; doch besitzen wir 
hierüber sowie überhaupt über die innere Seite der make- 
donischen Invasion nur äusserst spärliche Andeutungen. So 
berichtet Onesikritos (Strabo XI p. 517) als ein Zeichen der 
Barbarei bei den Sogdianen und Baktriem; es habe bei ihnen 
die Sitte geherrscht die altersschwachen Greise den Hunden 
zum Frasse vorzuwerfen, und die Hunde seien eigens zu diesem 
Zwecke, als evTa^iaorai, gefüttert worden ; Alexander aber habe 
diesen Unfug abgestellt. Wir wissen, wie innig dieser Ge- 
brauch mit den Ideen der Lichtreligion über das Jenseits 
zusammenhängt und wie der Gläubige glücklich geschätzt wird, 
dessen in dem Leichenbehälter ausgesetzter Gadaver den Hun- 
den und Raben zum Frasse dient. In jenem Falle aber hat 
sich das Verbot des HeiTschers gegenüber der eingewurzelten 
religiösen Sitte unwirksam erwiesen. So wie Justinus (XLI 
3, ö) von den Parthern berichtet: ,sepultura vulgo aut avium 
aut canum laniatus est; nuda demum ossa terra obruunt' und 
wie Andere von anderen iranischen Stämmen Aehnliches be- 
richten, so schildern sinische Beobachter denselben Brauch der 
Leichenbestattung als eine in Sogdiana noch im sechsten Jahr- 
hundert fest bestehende Sitte (Abel-R^musat, Nouv. möl. asiat. 
I p. 230): ,11 y a au dehors de la ville royale deux cents 
familles de gens qui se consacrent particuli^rement au soin des 
fiinerailles. Ils bätissent des pavillons dans lesquelles ils 
nourissent des chiens. Quand un homme meurt, ils vont cher- 
cher son cadavre, le deposent dans un de ces pavillons et le 
fönt divorer par leurs chiens; lorsqu^l n'y a plus de chair. 
Ils recueillent les os et les enterrent, mais sans les mettre dans 
une bi&re^ Hier bemerken wir gleich, dass derselbe sinische 
Berichterstatter sich auch über einige sogdianische Feste und 
Gebräuche verbreitet, welche ihrem Wesen nach mit dem 
zarathustrischen Glauben zusammenzuhängen scheinen, obwohl 
es für uns schwer ist eine Kritik darüber zu versuchen, bevor 
uns das grosse chronologische Werk al-Blrünf s, welches äusserst 
werthvolle Angaben über die Jahreseintheilung, über die Fest- 
tage, über die Bräuche und Sitten der Sogdianer sowie aller 
älteren Culturvölker enthält und dessen Herausgabe die kritische 



72 Tomasehek. 

Hand Sachau's besorgt^ ganz vorliegt. ,Le commencement de 
l'annee^, heisst es bei Ma-tuan-lin (Abel-Kemusat I p. 229), 
^est fixe chez eux au premier jour de la sixi^iue lune. Ce 
jour-Iäy le roi et jusqu'aux hommes du peuple se revetent 
d'habits neufs, se rasent les cheveux et la barbe, et se ren- 
dent dans une foret qui est ä Torient de la ville (Samarqand) 
pour tirer de Tarc^ ä cheval. Le jour oü Ton veut terminer 
cet exercice, on suspend une piece de monnaie d'or devant 
une feuille de papier, et celui qui Tatteint en tirant obtient le 
titre de roi pendant une journee^ Nach dieser Schilderung 
des Festes Naw-rüz folgt eine Angabe über ein Naturfest^ das 
uns an die trieterische Feier des phrygisch-thrakischen Dio- 
nysos, so wie an die Adonisfeier gemahnt, aber auch auf Wesen 
der zarathustrischen Religion, z. B. auf die von Ahurö Mazdäo 
abstammenden Amesa ^penta's Vohumanö und Qpenta-ärmaiti, 
die Genien des Gedeihens und Fruchtsegens, sowie auf Mithra, 
den Gott des Lichtes, und das grosse Fest Mithragän bezogen 
werden darf. ,Ils adorent Tesprit divin et se montrent tr&s 
zeles dans le culte qu'ils lui adressent. IIb racontent que le 
fils de Dieu est mort ä la septi^me lune, et que ses ossements 
ont ete perdus. Chaque mois les personnes consacrees au culte, 
et ce mois-lä surtout, les autres habitants, sans distinction, pa- 
raissent revetus de robes de iaine noire ; ils vont pieds nus en 
se frappant la poitrine, poussant de grands cris et versant des 
turrents de larmes. Trois cent cinq personnes, tant hommes que 
femmes, jettent de Therbe et parcourent les champs en cher- 
chant les os du iils de Dieu. Cette cer^monie cesse au bout 
de sept jours.' Wir können nicht ermessen, ob und in welchem 
Grade sich bei dem Volke der Sogdianer mit den alt-iranischen 
Glaubeusanschauungen und Festbräuchen einerseits hellenische 
Naturculte, anderseits buddhistische Satzungen und Ideen ver- 
mischt und verquickt haben. Was den Buddhismus betriflFt, 
so lässt sich mit Sicherheit behaupten, dass derselbe seit der 
Gründung des indo-skjthischen Reiches auch in Baktra und 
Sogd Wurzeln gefasst und sich mächtig entfaltet hat. Aus- 
drücklich bemerkt der sinische Bericht (p. 230) ,ils honorent 
Feu-thu (Buddha)' und (p. 228) ,on adore Fo^ Uebrigens 
kommt auch noch das barbarische Volkselement in Betracht, 
das mit den Nomaden Hochasiens in das alte Culturgebiet des 



C«iitnÜMUtiMha Stadien. I. 73 

Zweistromlandes eindrang und sich gleichfalls in Lebens- 
einrichtungen Sitten und Ceremonien äusserte; so heisst es in 
obigem Bericht (p. 228): ,Les usages relatifs aux mariages et 
aux funärailles sont les m&mes que chez les Turcs'^ und an 
das Wesen des Schamanenthums gemahnen uns Bemerkungen 
solcher Art (p. 230): ^Ils adressent des sacrifices aux esprits 
malins, et executent des Operations magiques. A la onzi^me 
lune, on frappe des tambours pour demander du froid, etc^ 
Im grossen Ganzen aber mögen sich dennoch die herrschenden 
Stämme — namentlich von den Eusänen lässt sich dies be- 
haupten — den Einflüssen der höheren Cultur der ansässigen 
Iranier und auch dem Glauben derselben zugänglich erwiesen 
haben. Und so dürfen wir wohl Recht haben, wenn wir später 
versuchen werden den Gott Te-si, welcher den sinischen Nach* 
richten zufolge in Tsao (Sogd) verehrt wurde, mit zarathustri- 
schen Göttergestalten zusammenzustellen und aus iranischen 
Sprachmitteln zu deuten. 

£s scheint überhaupt in keinem iranischen Lande der 
zarathustrische Glaube seit Alters so sehr in den Volksgeist 
eingedrungen zu sein wie in Sogdiana, ja wir können be- 
haupten, Sogdiana sei die älteste Culturstätte gewesen, wo sich 
das iranische Volksleben von der ursprünglichen nomadisch- 
patriarchalischen Lebensweise zu einem höher entwickelten 
politischen Dasein, zu complicierteren staatlichen Verhältnissen 
erhoben hat. So wie das Vordringen der östlichen Arier in 
den indischen Landen mehrere Phasen und Stillstände auf- 
zuweisen hat, so haben auch die westlichen Stämme oder die 
iranier in ihrer stetigen Ausbreitung nach Süd und West, ent- 
lang den grossen Strömen und den binnenländischen Wasser- 
adern und Canälen, an mehreren Buhepunkten sich gesammelt 
and entwickelt, um wiederholt ein ,ver sacrum' auszusenden 
und immer weitere Gebiete der iranischen Welt zu erobern, 
bis endlich die Berge Armenieu's und der Frät dem Vordringen 
ein Ziel setzten. Der älteste dieser Buhepunkte, der ursprüng- 
lichen Heimat der Arier an den Ufern des Jaxartes zunächst 
gelegen, war unstreitig Sogdiana, das breite fruchtbare Thal, 
welches der ZarafSän durchfliesst. Es ist wohl kein Zufall, 
dass die älteste Urkunde des iranischen Geisteslebens, das 
Zendavesta, in dem ersten Fargard des Vendidäd, worin Ahura- 



74 Tomftioltak. 

mazda seine Schöpfungen so wie die Gegenschöpfungen Aftgra- 
mainyu's aufzählt, unmittelbar nach dem arianischen Quellen- 
lande, worin durch zehn Monate Winter herrscht und nur 
durch zwei Monate Sommer, als zweite Schöpfung des guten 
Qeistes anführt: 6&um yim Qughdhösayanem d. h. G-ava, die 
Wohnung von Cughdha, und erst dann auf Möuru, auf Bäkhdhi, 
auf Ni9ft u. s. w. übergeht. Können wir auch nicht der An- 
sicht huldigen, dass in diesem Fargard mit Bewusstsein und 
gleichsam in Erinneining der ältesten Geschehnisse der Gang 
der iranischen Wanderung angegeben sei, so können wir uns 
hinwieder nicht der Meinung entschlagen, dass mit der Voran- 
Btellung des sogdischen Gebietes demselben eine gewisse Prä- 
ponderanz, sei es auf religiösem, sei es auf politischem Ge- 
biete, eingeräumt wird, und dass es in der Anschauung des 
Verfassers gleichsam den Ausgangspunkt, den Focus des na- 
tionalen Culturlebens bildete, von welchem die übrigen Lande 
strahlenförmig nach allen Seiten ihr Licht erhielten. 

Schon der Name ^ughdha ist charakteristisch genug und 
bezeichnet, hieratisch aufgefasst, das Gebiet, worin Licht und 
Reinheit herrscht, worin alles Unreine und Finstere, alles 
Feindliche und Schädliche, alles Ahrimanische, verbannt und 
ausgeschlossen ist. Für die baktrisch-sogdianische Form 9^^* 
dha sahen wir in den Keil Inschriften der ersten Ordnung die 
altpersischen Modificationen ^^gT^da, Suguda, Cugda, in jenen 
der dritten die assyrische Aussprache Suukdu (Sükdu) ein- 
treten ; die Schriftwerke der neueren Perser und die arabischen 
Geographen bieten die verkürzten Formen iX^^^ 4Xi^? i^Ajo 
Süghd (Soghd) oder ijJughd. Die Griechen nennen die Ein- 
wohner Sö^Bot (so namentlich Herodotos), Scy^ioi, Xo^Biawi, ^07- 
Siavo'!, ZofBaiw., woneben die im Stammvocal reineren Formen 
für das Land Soü^Bir/ij (Zonar. Lex. p. 1661, Eustath. zu Dion. 
Per. 747), lou-fiia und Sou^oia; (Dion. Per. 747, Niceph. et 
Paraphr. ibid.) sporadisch auftreten; auch bei Mela I 13 und 
III 42 haben die besten Handschriften Svgdiani. Der Name 
ist echt iranisch, und die Sprachforacher leiten denselben über- 
einstimmend ab von der arischen Wurzel 9UÖ ,leuchten, strah- 
len, glänzen', ,brennen, glühen', neupers. (Inf.) sükhtan, wozu 
baktr. 9üöa ,klar,' 9üka ,leuchtend, Erleuchtung' und 9ukhra 
,hellfarbig, roth,' gehört; der Eintritt der Media- Aspirata ist 



OntralMiaftuebe Si&di«n. I. 75 

bedingt durch den nachfolgenden Causativcharakter dha, welcher 
mit skr. dhä baktr. da ^setzen, machen, schaffen^, identisch ist. 
In Form und Bedeutung stimmt mit fughdha Vollständig überein 
das ösische Adjectiv (tag.) süghdä-g, (südl.) sighda-g, ^lauter, 
ptti> rein, heilig'^ welches in dem reineren, digorischen Dialekte, 
dessen Sprachschatz noch nicht in Wünschenswerther Vollstän- 
digkeit vorliegt, jedenfalls sughda^g oder sughda-k lauten 
iiiüsste. In derselben, mitten im Kaukasus gesprochenen, ira- 
nischen Sprache findet sich auch neben sug ,Feuerbrand, Feuers- 
brunst' (baktr. 9aoda) das Compositum sugh-zarine ,lauteres 
Gold, Reingold'; und weil die Ösen oder As unstreitig Nach- 
kommen der mächtigen Alanen sind, welche seit dem ersten 
Jahrhundert v. Chr. bis auf Timur's Zeit in der Geschichte 
eine Rolle spielen, so halten wir folgende Notiz über eine 
gleichnamige alanische Ortschaft in der Krym für keinen 
müssigen Beitrag zur iranischen Nomenclatur. Das heutige 
Sudagh nämlich, ein schöner Hafenplatz an der Südostküste 
Taurien's, im Mittelalter Sitz eines bedeutenden Handels für 
Pelzwaaren, Sklaven und nordische Waaren, Station erst der 
Venetianer, hierauf der Genuesen, tartarisch seit 1223, heisst 
in den griechischen Episkopatlisten und bei den byzantinischen 
Historikern lou^Baia, in dem Briefe des Khazaren-khftqftn's Josef 
a. 960 (Russische Revue 1875 S. 87) Sugdai, in der altslove- 
nischen Legende vom hl. Kyrillos (Denkschr. d. Wiener Akad. 
Bd. XIX, p. 227) Coyi'MH, auf den italienischen Seekarten 
Sodaia oder Soldaia (Soldadia), während die arabischen Geo- 
graphen die Form Südäq {^^^y^) bieten; die echte Bezeich- 
nung für diesen, einem Synaxarion zufolge (Zapiski Odeskago 
obSöestwa, V p. 605) bereits im Jahre 212 gegründeten. Ort 
war ohne Zweifel Sughdag, dem ösischen sughdag ,heilig' ent- 
sprechend, eine Gründung der Alanen. Man erstaune nicht über 
diese Combination! 'AXav{a hiess im Mittelalter der taurische 
Küstenstrich bei Kapsi-khör, Uskut (Scuti), Tuak; im vierzehnten 
Jahrhundert stritten sich um denselben die Metropoliten von 
Cherson und von Gothia (Acta Patriarch. Cpol. II p. 67, 150). 
Eine Ansiedlung auch im westlichen Taurien, im Gebiete von 
Cherson, wird ausdrücklich in dem ao^o«; AXavixo; des Bischofs 
Theodoros a. 1230 bezeugt (Nova Patrum Bibliotheca ed. 
Mai, VI p. 382 — 384). Bereits aus dem fünften Jahrhundert 



76 Tomaschek. 

berichtet über Kaffa ein Periplus Euxini Ponti (§ 51, p. 415 M.): 
vjv 3e AevsTat -^ ÖeoBoaia rf) AXavtxYj -liTOt. ty; Taüpixt) SiaXextci) Apd- 
aßSa, TouTeoTiv iicriOso^. Müllenhoff (Monatsber. d. Berliner Äkad. 
1866 p. 564) vorbessert ganz mit Recht 'AßBapSa, und ich be- 
merke, dass der Consonantismus beider Wortbestandtheile spe- 
cifisch ösisch ist: aß3- ^sieben' ist ös. awd, baktr. hapta, dtpSa 
ist ard ,hehr, göttlich, Genius^, baktr. areta ereta, altpers. arta 
(vgl. dazu öS. ardar aldar ,IIerr, Äeltester', armen, ardar ^ge- 
recht, wahrhaftig', *Ap8apo^ und "Ap^iponuoq sarmat. Eigennamen 
auf Inschriften, endlich "AXoy; alanische Prinzessin bei Ke- 
drenos II p. 503 a. 1033), wozu noch das ös. Pluralsuffix -tha 
getreten ist. ,Die sieben Herren (Genien)' sind offenbar die 
sieben Ameää-9peiita, ein Wahrzeichen dafür, dass die Alanen 
aus Centralasien ausgezogen sind und als jüngste iranische An- 
kömmlinge des zoroastrischen Lichtgluubcns theilhaftig waren, 
während ihre Vorgänger, die Skoloten, ihren eigenen Mythen- 
kreis besassen, den noch keine zoroastrischen Ideen berührt 
hatten. 

Doch kehren wir zurück zu ^ughdha, dem ,reiu geschaffe- 
nen, heiligen' Lande des Ostens! Wir müssen nämlich von 
einer zweiten Bezeichnung für dasselbe Meldung thun, der 
allerdings ein späteres Alter zukommt. Im Huzväreä nämlich 
wird ^ughdha mit Surik (-{ms und >ii^yy** mit der Variation 
vJK«^ Süräk) umschrieben, und heisst es vom Arang: ,er 
fliesst vom Har-burz in das Land Sürik, das man auch Same 
nennt' (Bundehes cap. XX, mit Justi's Verbesserung Same-de 
für Ame-öe). Beruht auch letztere Angabe auf einer Ver- 
wechslung von Sürik mit Süristän oder Säim, und ist es auch 
noch immer nicht ausgemacht, ob unter Arang, baktr. RaAha^ 
was ursprünglich Bezeichnung eines mythischen Stromes ge- 
wesen, später der Jaxartes oder der Oxus verstanden worden 
ist, so steht doch die Existenz des Namens Sürik für Sogdiana 
fest. Wir legen weniger Werth auf das von Spiegel (Eran. 
Alt. I S. 220) herbeigezogene Appellativ eines neben dem 
Könige von Kabul genannten Fürsten im Sah-nämah, Süri, 
weil wir der Meinung sind, dass darunter nur der Marzabfta 
von Marw verstanden werden darf, sowie ja noch unter Yaz- 
dagird ein fast unabhängiger Fürst Mäha-vöh Süri erwähnt 
wird, der alles Land bis zum Oxus besass, während die Jen- 



CeatnlMiatStelie Studiea. I. 77 

seitigen Lande dem Ehäqän gehörten (T&bari, p. Zotenberg, 
in p. 504); sondern verweisen vielmehr auf eine Notiz, die 
sich bei Hiuan-Thsang findet. Dieser sinische Pilger, welcher 
um 630 n. Chr. den Boden Sogdiana's betrat, bietet nämlich 
zwei Gesammtbenennungen für die Länder des Da-äb, eine 
fiir die südliche Hälfte oder das Gebiet von Baktra, nämlich 
Tv-Ho-Lo (|^ j^ f^) oder Tukhftra, und eine für den nörd- 
lichen Ijändercomplex, welcher von dem ,eisernen Thore' bei 
KasAna (Ke§§) bis hoch hinauf zu der Residenz des Ehäqän's 
am Flusse Öui sich erstreckte, nämlich Sv-li (t&C 5|H|) ^^^^ 
Sürik. Die Stelle lautet (Si-yü-ki, p. St. Julien, I p. 12 sv.): 
jDepuis la ville de la rivifere Su-§e, jusqu'au royaume de Kie- 
ioang-na, le pays s'appelle Su-li, et les habitants portent le 
meme nom. Cette dönomination s'applique aussi k T^criture et 
au langage. Les formes radicales des signes graphiques sont 
peu nombrenses; elles se riduisent k trente-deux lettres, qui, 
en se combinant ensemble, ont, peu k peu, donnä naissance k 
un grand nombre de mots'. Damit ist eine zweite Stelle zu 
verbinden (p. 24): ,L'6criture (dans le pays de Tu*ho-lo) se 
compose de vingt-cinq signes radicaux qui se combinent en- 
semble; ils servent k exprimer toutes choses. Les livres sont 
ecrits en travers et se lisent de gauche k droite. Les compo- 
sitions litteraires et les m^moires historiques se sont augment^s 
peu a peu, et sont, aujourd^iui, plus nombreux que ceux du 
pays de Su-li'. Man könnte versucht sein diesen Namen aus 
türkischen Sprachmitteln zu erklären, und da böte sich aller- 
dings z. B. sülu süly, in älterer Form sughluq suwlyq, ,wasser- 
reich', eine nicht unpassende Bezeichnung für das Zweistrom- 
land. Indess, das Sürik des BundeheS spricht unab weislich für 
Identität mit Su-li, trotzdem dass der Gebietsumfang des letz- 
teren nach Norden zu ein weiterer ist als der von Sogdiana. 
Entweder ist Sürik eine directe Entstellung von Qughdha in 
türkischem Munde, ähnlich wie jenes Sughdag in der Krym 
zufolge der tief-gutturalen Aussprache des gh bei Arabern, 
Tataren und Russen auch zu Formen wie Surdag (Frähn, Ibn- 
Foszlan über die Russen, S. 28), Surag oder Suro2 mundgerecht 
gemacht wurde; oder wir haben in dem Namen ein buddhi- 
stisches Aequivalent für die iranische Benennung, wobei auf 



78 Tomaiieliek. 

skr. sQrya hindust. sürag ^Sonoe, Sonnenglanz, Glück, Herr- 
lichkeit^ und ved. süri ^glänzend, reich, heiTÜch, Opferherr' 
verwiesen werden darf. Dass in Sogd, wie in Baktra, in den ■ 
ersten Jahrhunderten n. Chr. der buddhistische Cultureinfluss 
sehr mächtig war und den Parsismus zeitweilig überwog, ist 
eine ausgemachte Thatsache; es dürfte uns das Vorkommen 
eines hieratischen Appellativums indischen Ursprungs durchaus 
nicht Wunder nehmen. Bemerkenswerth ist übrigens die That- 
sache, dass, während in Tukhärist&n entweder eine einfache 
Abart der Keilschrift oder das primitive Alphabet von 24 (25) 
Zeichen (etwa gar das griechische?) in Uebung war, in Sogd 
dagegen eine compliciertere Gestaltung desselben, nach Art des 
Zend- oder Sanskrit-Alphabets oder den 34 Zeichen der tübe- 
tischen Schrift ähnlich, angewendet wurde. 

Versuchen wir nun in grösster Kürze — wie es auch das 
spärliche Quellenmateriale mit sich bringt — eine Schilderung 
des sogdischen Gebietes nach den ältesten Berichten zu geben 
und beginnen wir mit der Hauptader desselben, auf deren 
beiden Seiten das iranische Leben am regsten blühte, mit dem 
Zarafdän. 

Der Sogdfluss führt bei den Geschichtschreibern der 
Thaten Alexander's des Grossen den Namen, welchen ihm nach 
dem ausdrücklichen Zeugniss des Aristobulos (Strabo XI 
p. 518) Griechen und Makedonier beilegten, noX'JT{|j.r|To^ d. i. 
,vielgeschätzt, hochgeehrt, verehrungsreich*. Unmöglich können 
die Fremdlinge aus Eigenem eine so überschwängliche Be- 
zeichnung für einen Fluss, der ihnen kaum anders vorkommen 
mochte wie viele andere Hyrkanien's, Baktra's oder der par- 
thischen Wüstenstriche, aufgestellt haben : wir besitzen in dem 
griechischen Worte offenbar nur die getreue Uebersetzung einer 
einheimischen, iranischen Bezeichnung, deren Lautcomplex zu 
erschliessen uns vielleicht noch gelingen wird. Die Sogdianer 
allerdings hatten vollen Grund dem heiligen Strome ihres L<an> 
des, der ihnen Alles gab und spendete, mit solch' ausser- 
gewöhnlichem Namen ihre Verehrung und Dankbarkeit zu be- 
zeugen. Ziemlich unzureichend sind übrigens die Nachrichten 
über selben, welche uns in den Auszügen aus den sicherlich 
reichhaltigeren Quellenwerken der alexandrinischeu Kpoche 



C«ntralttifttiseho Studien. I. 79 

vorliegen. Im Herbst des Jahres 329 hatte sich Spitamenes 
mit der aufständischen Macht vor dem Andringen des Lykiers 
Phamuches aus der Umgebung von Marakanda weiter nach 
Westen zurückgezogen^ to; eut tov tzotolilo^ tov IIoXut{[at^tov (Arr. IV 
5, 6), um plötzlich, vier Tagmärsche westlich von Marakanda, 
über Pharnuches herzufallen; die makedonischen Reiter wurden 
auf eine Insel (v^ao^ ti^ töv ev tw TbOrafjuü o-j [xs^aAT; § 9) des 
steiluferigen Polytimetos (xpT)|xv<j;)5ei? ai 25xöai § 7) gedrängt, 
wobei viele in den Wellen durch die feindlichen Pfeile ihren 
Tod fanden; der Rest wurde auf der Insel niedei^emacht. 
Als hierauf Spitamenes nochmals Marakanda bedrohte, eilte 
Alexander selbst herbei, trieb den Rebellen bis zu den Steppen- 
rändern vor sich her und nahm für die Niedermetzelung der 
Division Pharnuches schreckliche Rache : e^XOe ^dcaov tyjv x<«>p^v 
5ct;v 6 TzoxoLiko^ 6 noXuT{|ji.t)To? eicapSwv eTCSpxetai, übergab alle Dörfer 
und Städte der blühenden Sogdlandschaft den Flammen und 
der Plünderung, wobei 120.000 Einwohner (Diodor XVII x-y') 
niedei^ehauen wurden. Es heisst da von dem Flusse, dessen 
Wellen von Sogdianerblut geförbt wurden: o noXüT{jit}Toq zoXu 
ETI |i.6i!i(«)v ^ iK.oi'za. tbv IlYjvetbv xoTa|Ji6v kazi (Arr. IV 6, 7). Die 
Makedonier verfolgten den Lauf bis dahin, tva afavd^etai xb) 
zv:oL\iM TO uBcop • opavCCetai ^k YMiizzp xoXXou lov lioaio; eq tyjv tj^ötjjLjjLOv 
(§6); vgl. Strabo XI p. 518: et; tt)v a'ixfjLOv xaTazivetai b IIoXü- 
TijiiiTo;, und Curtius VII 39: ingens spatium rectae regionis 
est, per quam amnis — Polytimetum vocant incolae — fertur 
torrens. Eum ripae in tenuem alveum cogunt; deinde caverna 
excipit et sub terram rapit. Cursus absconditi indicium est aquae 
meantis sonus, cum ipsum solum, sub quo tantus amnis fluit, 
ne modico quidem resudet humore. — Bei Ptolemaeus ent- 
springt ein namenloser Fluss auf den IlcyBia 5pr^ und ergiesst 
sich nach einem bogenförmig gekrümmten Laufe in der 'Q^siocvy) 
XiV/v], zwischen dem Oxus und Jaxartes, ganz nahe an ersterem, 
— also kein anderer als der Sogdfluss. Den Namen DoXuTiiJLVito; 
legt Ptolemaeus sonderbarer Weise einem Flusse bei, der 
zwischen Jaxartes und Oxus in das kaspische Meer einmünden 
soll, — ein gewaltiger Irrthum! Wenn wir von einer sehr 
zweifelhaften Notiz absehen, die sich bei Julius Honorius und 
Ethicus findet, worin von einem Fl. Svgotan (SoYBiavog?) die 
Rede: nascitur de raonte Caucaso et geminatur et facit coro- 



80 Toniftsohek. 

nam etc., so haben wir alles was die Alten über den Sogd- 
fluss berichten. 

Genauere Nachrichten bieten schon die arabischen Geo- 
graphen, namentlich Ibn 9auqal und Tdqüt, mag auch deren 
Kunde über den Oberlauf des Flusses immerhin noch dürftig 
sein. Ihnen zufolge entspringt der ,F1ubs von l^ughd^ in dem 
Gebirge Buttam (|%jü) im I^nde der Qarluq-Türken, nach der 
Seite von al-Räit und ^aghäniyän und gegen Farghftna hin. 
Die Länge des Thaies bis Bukhftrft hin beträgt 50 Parasangen 
oder acht Tagereisen. Nach längerem Laufe sammelt sich das 
Wasser zu einer Art kleinen See's, Namens Wal (,5^, etwa 
baktr. vaidhi? oder scüir. ^s^ wari, baktr. vairi ^Seebecken', 
vairya ,Canal'?). Hierauf folgen Ortschaften, namentlich der 
unter dem Namen Burghar oder Yurghas bekannte Gau. Der 
Fluss gelangt zum Orte Waraghsar ( w^ij^), der bereits zu 
Samarkand gehört; hier ist ein Damm aufgeführt, dessen Er- 
haltung den Bewohnern obliegt, was ihnen als Aequivalent 
der Kopfsteuer (kharag) angerechnet wird; hier theilen sich 
die Gewässer in zahlreiche Canäle, um sich hinter Samarkand 
zu einem Hauptfluss wieder zu vereinigen. Von der Quelle 
bis zu den Mauern Samarkand's sind es mehr als 20 Para- 
sangen. Hinter Bukhärä und Baikand in der Steppe verlieren 
sich die Gewässer in einem Wasserbecken, das bei Idrisi (II 
p. 194) den Namen Sam-ga^ führt. Dies die Nachrichten der 
Araber den Hauptumrissen nach; in die Namen der zahlreichen, 
das Gebiet Samarkand's bewässernden Canäle, welche sie 
anführen, wollen wir nicht eindringen, sondern gleich einige 
ergänzende Notizen aus anderen raorgenländischen Quellen 
anfügen. Bei den persischen Geschichtschreibern bis auf die 
neueste Zeit herab ist kein anderer Name für den Sogdfluss 
häufiger in Gebrauch als Kühikfiuss, äb-i-Kühik. Die Be- 
zeichnung rührt von einer tumulusartigen Anhöhe auf der Nord- 
seite Samarkand's her, an welcher der Fluss vorüber flieset, 
und die jetzt unter dem türkischen Namen Cupän-ätä-täpä 
bekannt ist, vormals aber den persischen Namen Kühik ,monti- 
culus' führte (Memoires de Baber, p. Pavet de Courteille I 
p. 98) ; hier hatte Mirza Ulugh-begh sein astronomisches Obser- 
vatorium errichtet zum Behufe der Rectificirung der Erdtafeln 
seines Vorgängers Khoga Na^ir al-T^^iy eine Gründung, welche 



C«Dtralwtfttiscb6 Stndlen. I. 81 

nachmals der Zerstör ungswuth Saibäni Ehän's erlag. Der Name 
Kühik (Qühik) Hndet sich besonders häufig bei dem Geschieht- 
Schreiber Timur's, Öarlf al-dln 'All (p. Petis de la Croix III 
p. 221. IV p. 261, 282 etc.), und bei Bäbr. Der Bezirk, 
worin sich der Fluss verliert, führt bei letzterem nach einer 
Ortschaft an der Westseite den Namen Qara-göl ; nach neueren 
Berichten wird das Schlammbecken selbst Teftgiz oder ,Meer' 
schlechtweg genannt. Ueber den Ursprung des Daryä Qühik 
weiss selbst Mir I'zzet-ullah (Magasin asiatique II p. 165) 
nichts anderes zu sagen, als er liege nach der Seite von Darwäz 
und Sari-qol (Taäkurghan), wodurch wir allzuweit nach Osten 
gefährt werden. Licht in diese dunkle geographische Frage 
hat erst in neuester Zeit (1870) die russische Expedition unter 
General Abramow gebracht, welcher sich der Reisende A. Fed- 
^enko angeschlossen hatte. Als Resultat derselben ergab sich, 
dass sich die Quellen des Zaraf San auf einem, das Alai-Plateau 
(dast-i-Aläi, Öarlf-al-din I p. 174, 185; vgl. Wu-lui* in einer 
sinischen Beschreibung der Westgebiete, Deguignes 1, 2 p. 
LXXXV) im Westen abschliessenden Gebirgsrücken in einem 
7 y<2 Meilen langen Gletscher befinde und von demselben herab 
in gerader Richtung nach Westen an den Gebirgsorten Pal- 
durak und Ab-burdan vorüber unter dem Namen Ma6a fliesse 
und sich bei Warza-minar mit einem zweiten, ebenso bedeu- 
tenden Zufiuss aus Süden, dem Fan, vereinige. Dieser letztere 
entspringt in dem Küh-tan, dem Scheidegebirge zwischen Bad- 
Hi^är und dem Zarafdangebiet, durchfliesst den Iskandar-göl, 
der einen Umfang von ly^ Meilen besitzt und 7000 Fuss hoch 
liegt, und nimmt von Osten her den Yäghan-äb, welcher einen mit 
dem Maöa fast parallelen Lauf hat, und von entgegengesetzter 
Seite den Bach Pfts-rüd auf. Das Fängebiet hatte drei Jahr- 
zehende vorher (1841) AI. Lehmann betreten und durchforscht; 
aber bereits im Jahre 1500 war Bäbr auf seinem Zuge von 
Qara-tagin und Hi^är nach Yär-ya'ilaq in denselben unweg- 
samen Bergdistrict gelangt : aus dem Thale des Kem-rüd, eines 
Nebenflusses des Hi^ärstromes, hatte er nämlich den fast un- 
übersteiglichen Gebirgsrücken Sarw-tagh, wahrscheinlich in dem 
12.300 Fuss hohen Murapass, überstiegen, um in das Territo- 
riam Fän einzudringen, das seinen eigenen Fürsten besass, 
von welchem Bäbr Pferde bester Race zum Geschenk erhielt; 

SitiuigsW. d. phiL-hist CI. LXXXYIL Bd. I. Hft 6 



82 Tomftscbak. 

daselbst fand er einen herrlichen Bergsee, wahrscheinlich den 
Qül-I-qaIän der neuesten Berichte (I p. 176: Au milieu des 
montagnes de Fan se trouve un grand lac qui a enviroo un 
ser'i de circuit; c'est une belle nappe d'eau et qui offre un 
spectacle des plus curieux), und schlug hierauf nordwestwärts 
den Weg über Eiätüt nach dem Qühik ein. Die Berg^amen 
Fan und Qän werden uns noch später begegnen. — Hier nur 
noch die Erörterung des heutzutage fasst ausschliesslich in 
Uebung bestehenden Namens Zar-afään, d. i. xp^^^f^p^^* D^n 
Grund zu dieser Bezeichnung bot unzweifelhaft die Thatsacbe, 
dass die Wassermassen der oberen Zuflüsse aus dem Kühtan 
und Qara-tagh einen mit Goldkörnchen und Goldkrystallen 
untermischten Bergschutt mit sich führen und dieses Geschiebe, 
zu überaus dünnen Plättchen ausgeschmiedet, an den flacheren 
Uferstellen absetzen; dass jenes Gebirge Ganggold enthalten 
muss, ergiebt sich auch aus dem Vorhandensein von Gold- 
Schüppchen in den das Gebiet von Hi9är durchschneidenden 
Zuflüssen des Oxus. Schon die sinischen Berichte fähren Gold 
als ein Product von Sogd an, und die arabischen Geographen 
bezeugen das Vorkommen von Gold in dem Gebirge Buttam. 
Der reisende Naturforscher Lehmann erfuhr (S. 115), dass 
die Tagik's bei Ura-mlthan aus dem Ufersande des Flusses 
Gold in feinen Körnchen wüschen; er selbst sah (S. 119, 122) 
einige feine Goldkörnchen, die 10 Werst aufwärts von Warza- 
minar an dem Fänbach waren erwaschen worden, und be- 
schreibt das mühsame Verfahren der überaus spärlichen Gold- 
gewinnung, mit welcher sich vornehmlich die Juden befassen 
sollen. Uebrigens ist der Name Zaraf San ein durchaus modemer 
und in keiner älteren Schriftquelle nachzuweisen; denn dass 
bei Aristoteles Meteorol. I, 13 der Flussname 6 Xodan^ ver- 
ändert werden müsse in Zapiaa^i; und dass der Zarafsän damit 
gemeint sei, wie Roesler (Aralseefrage S. 52) will, — credat 
Judaeus Apella. 

Sollte sich der älteste Name des Sogdflusses gar nicht 
erschliessen lassen? Doch vielleicht, wenn wir den sinischen 
Berichten über Sogdiana aus den Zeiten der Dynastien Su'i 
und Thang Aufmerksamkeit schenken wollen; darin ist mehr- 
mals von dem Na-mi sui' oder dem Flusse Na-mi (^ß f^) die 
Rede, und es wird bemerkt, Khang oder Sa-mo-kien (Samarkand) 



CentnlMiatisebo Studien. I. 83 

liege südlich vom Na-mi (Klaproth, Magasin asiatique I p. 106), 
der Sitz des Herrschers von Mi (Maimurgh) sei westlich vom 
Na-mi (Deguignes 1, 2 p. LXXII; Abel-Remusat, Nouv. m^l. 
aa. I p. 233; Klaproth p. 105), das westliche Tsao (lätikhan) 
liege nur wenige Li entfernt vom Südufer des Na-mi (Klaproth 
p. 105), der Vorort des Reiches Ho (Qawa) befinde sich mehrere 
Li südlich vom Na-mi (Klaproth ebd.; A. Remusat p. 237; 
fehlerhaft Deguignes p. LXXIII: k plusieurs mille li au sud 
de la rivifere Na-mi §u'i), ferner das westliche 'An liege südlich 
(Klaproth p. 107 ; nördlich, Remusat p. 232) vom Na-mi, end- 
lich der Hauptort der A-si liege ,sur la rivifere Na-mi, au sud 
de cette rivi^re ; cette ville ^tait entour^e d*un quintuple cercle 
d'eau courante^ Lassen wir die letzte Angabe, bei welcher 
eine Verwechslung mit einem anderen Flusse, vielleicht dem 
Murgh-äb, mitspielen dürfte, bei Seite, so laufen alle übrigen 
topographischen Angaben auf die. eine Thatsache hinaus, dass 
unter Na-mi, wie zuerst Klaproth (p. 121) ersehen hat, kein 
anderer Strom als der heutige Zaraf §än verstanden werden 
darf; auch die nach dem Thang-§u und einer vollständigeren 
Redaction des Hiuan-Thsang zusammengestellte japanische 
Karte vom Jahre 1710 zeichnet den Lauf des Na-mi sui dem 
Sachverhalt genau entsprechend nordwärts vom Oxus oberhalb 
der Orte Mi-mo-ho Sa-mo-kien Kiü-soang-ni-kia und Pu-ho 
(Bakhär). Dieser von den sinischen Berichterstattern gebotene 
Name fiir den Sogdfluss verdient unseres £rachtens näher in's 
Auge gefasst zu werden, da wir mit vollem Rechte annehmen 
dürfen, dass in dem Lautcomplex Na-mi, wofür mehreren 
Analogien zufolge entweder Namidh oder Namiq substituiert 
werden kann, die in Sogdiana alteinheimische Bezeichnung für 
den heiligen Strom, welcher das Sogdthal befeuchtet und mit 
Pflanzenwuchs segnet, enthalten ist, während der von den 
Griechen ausgegangene Name IIoXuT{|it)TO(; bloss die Uebersetzung 
des altiranischen Namens darbietet. Es läge nun nahe, auf 
baktr. nämau, altpers. näma, neupers. näm ,nomen, fama, gloria', 
und baktr. namista ,nobilissimus', neupers. näml (^b, aus 
näm -|- ya) ,illustris, celebratus* hinzuweisen; das Richtigere 
glauben wir indess zu treffen, wenn wir eine sogdianische 
Namensform Namiq statuieren, welche einem älteren Nemanhya 
oder Namaqya = ved. namasia ,adoranduB, reverendus, izpoq- 

6* 



84 Tomascbek. 

%'xfTiTioq, xoXut{|xiqto;' entspräche und wie baktr. nemaqjämahi 
,wir beten an, huldigen', nemanh ved. nämas ^Anbetung, Ver- 
ehrung' auf den arischen Verbalstamm nam ^sich beugen' 
zurückgie9ge. Einen ähnlichen Gang in der Lautentwickelung 
muss auch ösisches (dig.) namug (tag.) namüg (südl.) namig 
,Korn, Getreide' durchgemacht haben, wenn es wirklich wie 
neupers. namak («^JU3) ,Salz' ursprünglich die ,verehrnngs- 
würdige, heilige' Nahrung, die Speise der Opferflamroe, bedeu- 
tete. — Wenn wir Namiq als einheimische Vulgärbezeichnung 
für den ZarafiSan hinstellen, welche die sinischen Pionniere 
des Westens im sechsten und siebenten Jahrhundert nach Chr. 
in ausschliesslichem Gebrauche stehend vorgefunden haben, 
so sind wir damit noch nicht zu der Annahme gezwungen, 
dass dieser Name seit ältester Zeit der einzige gewesen, welcher 
für den heiligen Strom in Uebung war. Es konnten neben 
Namaqya recht wohl auch noch andere, vorzugsweise hieratische, 
Bezeichnungen bestanden haben: so ist es z. B. in hohem 
Grade wahrscheinlich, dass der in dem Avesta vorkommende 
Däitya, huzv. Däitik, der aus Airyana vaega fliesst und an 
welchem Zoroaster seine Offenbarungen erhalten haben soll, 
bevor er nach Balkh zog, kein anderer ist als der Sogdfiuss, 
— eine Meinung, welche uns gelegentlich Prof. Sachau mit- 
getheilt hat und die derselbe hoffentlich bald gründlich dar- 
legen wird. Wir können uns wenigstens nicht mit der Ansicht 
befreunden, welche das arische Quellenland nach Medien und 
Atropatene verlegt und den Däitya bald mit dem Araxes, bald 
mit dem Kür identificiert ; für Airyana- vaega gilt uns noch 
immer die östliche oder Gebirgsseite von Sogd mit den an- 
grenzenden Cantonen Farghäna, Darwäz etc.; auch haben wir 
keinen Gnind im ersten Fargard des Vendidäd bei den Worten 
airyanem vaögö vafthuhyäo däityayäo von der traditionellen 
Uebersetzung ,der guten Däitya' abzuweichen, da wir uns nicht 
zu wundern brauchen, dass der Däitya, falls wir darin den 
Sogdfluss erblicken dürfen^ eine solche Wichtigkeit beigelegt 
wird; wenn es heisst: ,der Däitik ist reich an Kharfastar's 
oder schädlichen, ahrimanischen Thieren', so kann dies, wenig- 
stens für den Unterlauf des Flusses, wirklich zutreffend sein und 
kann das Ungeziefer gerade so als Gegenschöpfung Ahriman's 
gegolten haben wie der Winter Airyana-vaägas. Justi ver- 



CeDtralasiatiiche Stadien. I. 85 

muthety daes der im BundeheiS angeführte Fluss Zi&inand, der 
von Sogd aus gegen den Khagand fiiessen soll, der Zarafdän 
sei; dies geht nicht an; gemeint ist entweder der Yilan-ötii 
von Dizak oder der Fluss von Ura-tübä; nicht einmal an den 
bei Ölsmän an dem Nürätänyn Aq-tau vorüberstreichenden 
Zufluss des Zaraf^n kann gedacht werden. 

Ausser dem Zaraf§an kommt nur noch der Fluss von 
^ahr-I-sabz in Betracht, welcher im SultAn-Häzrat-Tagh, dem 
Verbindungsknoten zwischen dem Samarkand-Tagh und dem 
Kuh-i-tan, entspringt und über QardI in der Richtung gegen 
Bukhärä fiiesst, um sich im Sande zu verlaufen oder^ gleich 
dem ZarafSän, ein Wüsten wasserbassin auszufüllen ; sein be- 
deutendster Zufluss ist der Fluss von Khuzär, der bei Qarsi 
einmündet. Dieses Wassersystem, obwohl von minderer Be- 
deutung als das des Zarafdän, ist für die alten Dependenzen 
von Sogd, Kaiäniya und Nakhäap, die Quelle des Gedeihens 
und der Blüthe gewesen, und noch jetzt soll das Gebiet von 
Sahr-l-sabz an Wohlstand und Industrie Bukhärä und Samar- 
qand zum mindesten erreichen, wo nicht übertreffen. Von 
Flussnamen alten Klanges auf diesem Gebiete, in welchem auch 
das später zu erörternde Nauioxa oder Nawqat lag, erfahren 
wir nur wenig in den Schriftwerken der Vergangenheit. Bei 
Idrisl (II p. 200) finden wir eine Notiz über zwei Flüsse im 
Gebiete von Ke§§, von denen der eine Qa§arln im Gebirge 
Bttttam, der andere As-rüd im Gaue Ea§ka entspringt; beide 
vereinigen sich bei Nasaf, dem heutigen Qar§i. In eine viel 
ältere Zeit geht zurück die Angabe der sinischen Annalen 
(Abel-Kömusat, Nouv. mä. asiat. I p. 238; Klaproth, Magas. 
aaiat. I p. 105; Deguignes I, 2 p. LXXII): ,le pays de Sse 
est a dix li au midi de la rivifere tv-mo'. Wir werden später 
sehen, das» das Territorium von Sse so ziemlich mit Kess zu- 
sammenfallt; der Flussname Tumo §ui oder Tüma ist iranischen 
Ursprungs, und wir vergleichen baktr. tüma ,kräftig, strotzend', 
von WZ. tu ,strotzen, vermögen', wie skr. tümra ,geschwollen, 
feist, kräftig' und lat. tumidus. Freilich finden wir auch im 
Türkischen \^^y^ tümäq ,rivifere' (Pavet de Courteille, Dic- 
tionnaire p. 245). Es ist uns gelungen die sinische Nachricht 
durch eine Notiz aus später Zeit zu bekräftigen. Bei dem 
Geschichtschreiber Timur's, Sarif-al-din *Ali al-Yazdi, finden 



86 Tomaschek. 

sich folgende zwei Stellen, welche auf den> bei Ta&-kurghftn 
laufenden Zufluss des Kadka-daryä bezogen werden müssen 
(I p. 147) : jAlaga Itu et Pulad Bugha etoient campes au ruis- 
seau de Tum, et TEmir Hussein ätoit arrivä k Qaräi^; (III 
p. 174) : ,Timur alla camper au bord d'une petite rivi^re, nomm^e 
Tum' und am folgenden Tage ,dans la d^liceuse campagne 
de Ke§§^ So genau und zuverlässig sind die Angaben der 
sinischen Berichterstatter über die so entfernten Westgebiete! 
Uebrigens findet sich bei Serif al-din auch der Name Kaska 
oder Khuäka für den Fluss von Kess, z. B. (I p. 205): ,il 
alla Camper dans la plaine de Khüämls sur le bord de la belle 
rivi^re de Ehuäka^ Ist es gestattet den Namen mit neupers. 
khuäk baktr. huska ,trocken^ in Verbindung zu bringen, so hätten 
wir da einen Gegensatz zu dem ^wasserreichen, strotzenden' 
Zufluss Tum; auch sonst wird berichtet, dass der Fluss von 
Qarsi und Kesä im Sommer wasserarm sei und mitunter gänzlich 
austrockne. Indess sind auch andere Ableitungen, zumal im 
Zusammenhange mit dem Ortsnamen Kess^ möglich. 



Wenden wir uns von den Wasseradern zu den Rippen 
des Landes Sogd ! Der Name von Sogd haftet bei Ptolemaeus 
einem Gebirge an, das sich über das Land von Westen nach 
Osten in langem Zuge erstreckt und dessen Westende den Lauf 
des nicht genannten Polytimetos an der südlichen Uferseite bis 
zur Krümmung begleitet; es umfasst also die ptolemäische 
Bezeichnung Ta lo^Bia 5piQ zunächst jenen Gebirgszug, der aus 
der Nachbarschaft Bukhfträ's, entlang dem ZarafSan bis zu 
dessen Quelle streicht, dann aber auch das System aller jener 
parallelen Ketten, welche nach Osten hin bis zu den Quellen 
des Jaxartes und Oxus sich hinziehen, und als deren Fort- 
setzung der Thian-§an gelten darf, also die Gebirge von OsrüSana 
und Farghäna einerseits und die von Hi^är und Qai*a-tagin 
anderseits; Ptolemaeus bemerkt nämlich: ärh twv ^oySiwv 6pwv 
xoTap.ol Siappeouci xXetou; avü)vu[jioi, cujjißaAAovTe? toT? 86o TCOTapioT^, 
und meint darunter die Zuflüsse zum Oxus in Hi^är und 
Qara-tagin und jene zum Jaxartes in Khöqand. — Treffend 
charakterisirt die vorherrschende Richtung der sogdischen Ge- 
birge von West nach Ost der arabische Geograph Qodäma, 



CentnOMiatiselio Studien. I. 87 

wenn er bei der Position Ktil, welche, wie wir sehen werden, 
etwas nördlich von dem heutigen Bustän in Bukhäräi gesucht 
werden muss, bemerkt (Sprenger, Post- und Reiserouten, S. 17) : 
^südlich davon beginnen die Berge, welche sich bis Sin aus^ 
dehnend Wir übergehen die Sonderbezeichnungen, die sich 
bei anderen arabischen Geographen für diesen Bergzug vor- 
finden, und erwähnen nur den Namen Sah, den al-Iftakhri 
(übers, v. Mordtmann, S. 130) für das Gebirge südlich von 
Samarqand kennt. Am häufigsten begegnet der Name Buttam 
{f^) als Gesammtbezeichnung für den Gebirgsstock, welcher 
im Gebiet von Nakhsap und Kiss anhebt und in der Richtung 
nach Osten sich hinziehend die Quellen des ZarafSän in sich 
schliesst, so wie die Quellen aller jener Zuflüsse, welche Oxus 
und Jaxartes aufnehmen; in neuerer Zeit, zum ersten Male 
bei Bäbr (I p. 56), begegnet dafür der Name Küh-i-tan oder 
Küh-tan, und auch die neuesten Kartenwerke bieten fiLr das 
Scheidegebirge von Ki§fi und Hi^är den entstellten Namen 
Koten oder Kütün. Seit Lehmann sind auch die Benennungen 
Wafi&an-tau und Fän-tau (von neupers. &n ,morsch, brüchig^) 
für die südwärts von Ura-mithan und Warza-minar am Zarafään 
sich erhebenden Bergzüge in Gebrauch. 

Auch in den sinischen Schriftwerken finden sich Angaben 
über Gebii*ge in Sogd. So findet sich z. B. die Notiz, südlich 
von Tong-Tsao oder Osrü§ana nach Fe'i-'an oder Farghftna hin 
erstrecke sich der Po-si ian oder das Gebirge Po-si (Abel- 
Remusat, Nouv. mel. asiat. I p. 235; Po-sie, bei Deguignes), 
,ou sont des retranchements et des foss^s creusäs par un g^n^ral 
du temps des Han' ; man wäre versucht in dem Namen baktr. 
parsti neupers. püSt ,Rücken' zu suchen, oder Basä (Lmo), was 
bei einigen Geographen als Gesammtname für die von Galöa's 
bewohnten Gebirgscantone von Wärukh, Sükh und Hü§iyär 
vorkommt ; sogar an die Thalschlucht Basmanda, durch welche 
man von Ura-täpä in das ZarafSänthal hinübergelangt, könnte 
gedacht werden. Bald darauf heisst es in demselben Berichte : 
,on y voit la ville de Ye-6a, qui est gard^e par un comman- 
dant. On sacrifie deux fois par an, en se tenant debout vis-a-vis 
d'une caverne d'ou il sort de la fumäe; le premier qui la 
touche est frapp6 de mort.' Bei diesem Naturwunder werden 
wir an die heiligen Feuer der Parsen gemahnt, noch mehr aber 



88 Tomasohek. 

an das intereseante Phänomen, welches Lehmann zur Rechten 
des Fanbaches unterhalb Wair-flbäd nahe einem Berggipfel 
beobachtete (S. 127 f.) und das durch das Vorhandensein 
brennender Steinkohlenlager im Innern des Berges erzeugt wird. 
,Wir näherten uns dem Gipfel des Berges, als uns plötzlich 
erstickende Dämpfe umfingen, deren starker Schwefelgeruch 
augenblicklich über ihre Natur belehrte. Wir hatten die ewigen 
Feuer erreicht und befanden uns vor einem natürlichen Ofen; 
zwischen den Spalten der Sandsteinschichten drangen nämlich 
an mehreren Stellen heisse, unterirdische Dämpfe und zuweilen 
helle Flammen hervor. Hier hat man in den Fels eine kleine 
Höhle in Form eines Backofens hineingehauen und die Wände 
derselben mit Steinen ausgemauert. Aus der Tiefe des Ofens 

' vernahmen wir ein beständiges Kauschen, Murmeln und Kochen. 
Etwa 50 — 100 Fuss über dem Ofen und etwas weiter öst- 
lich gewahrten wir mehrere künstliche Vertiefungen, die 
locker ausgefüllt waren, so dass durch die Zwischenräume be- 

. ständig heisse Dämpfe emporstiegen; wir sahen das ganze 
Gemäuer mit einem Aggregat von 3chwefelkrystallen bekleidet. 
Anderen ähnlichen Gruben entstiegen ausser den Schwefel- 
dämpfen auch Salpeterdämpfe, die sich in der Gestalt niedlicher, 
fast Zoll hoher Dendriten condensieren. Schwefel und Salpeter 
wird zum Verkauf eingesammelt, etc.* — Schon der arabische 
Polyhistor Qazwin!, und nach ihm mehrere Verfasser geo^a* 
phischer Compendien, kennen dieses Phänomen und berichten 
darüber ungeßihr Folgendes (Baqüwi, Notices et extraits des 
manuscripts, tome H p. 508; Mesalek alabsar, Not. et extr., 
tome Xni p. 256; vgl. auch I^takhrl S. 130, Idrisi I p. 486 etc.): 
,Buttam ist ein Gebirgscanton im Bereich von Farghäna. Die 
Berge von Buttam sind hoch und ziemlich unzugänglich ; gleich- 
wohl giebt es daselbst viele Heerden von Schafen , Rindern 
und Pferden, in den Thälern blühende Dörfer, an den Berg- 
abhängen starke Vesten. Man findet daselbst Gold, Silber, 
Ammoniaksalz, Borax, Vitriol; ferner Eisen, Blei, Kupfer, 
Quecksilber; auch Steine, welche wie Kohlen brennen. Daselbst 
ist nämlich ein Fels mit einer natürlichen Höhle, aus welcher 
beständig Dämpfe dringen, die bei Nacht hell leuchten; der 
Qualm ist unerträglich; an den Wänden werden die Dämpfe 
fest, und die Anwohner sammeln die so gebildeten Brocken 



CentnÜMiAtische Studien. I. 



von Ammoniak und Salpeter^ Schwerlich bezieht sich auf 
diese Gegend der Bericht, der sich bei Mas*üdi (Les Prairies 
d'or, p. Barbier de Meynard, I p. 347 sq.) findet und worin 
die Rede ist von einem 40—50 Meilen langen Thalo, welches 
die Karawanen passieren müssen, wenn sie aus Khurftsän über 
Sughd nach Sin ziehen : in diesem befänden sich die Berge, aus 
welchen Ammoniak (nuSädar) gewonnen . wird. Denn man kann 
dabei mit Reinaud (Geographie d^Aboulfeda p. CCCLXXII) 
viel eher an die flammenden Berge Ho-San im Thian-San 
denken; vgl. auch die Stelle aus dem Kao-dhang-hing-ki (Journal 
asiat. IV. s^rie, tome IX, p. 63): ,on tire du sei ammoniac 
d'une montagne situ^e au nord de Pe-thing (= Urumtsi)'. 
Mit grösserer Berechtigung ziehen wir hieher eine Notiz aus 
dem Alterthum, die sich bei Plinius, dem Naturforscher, findet 
(II § 237) : flagrat in Bactris Cophanti noctibus vortex. Baktra 
ist hier in weiterem Sinne für das makedonisch-baktrische 
Reich zu nehmen, welches auch Sogdiaua umfasste ; der Name 
RwoflcvTT;<; (vgl. KbxpavTa, Ort in Karmanien, Ptolem. VI. 8, 14, 
und yj^jS Küfan, 6 Fars. v. Abiward, Yäqüt) geht zurück auf 
baktr. kaofa, altpers. kaufa ,Höckery Bergrücken^, woraus 
neupers. koh ,Berg^ hervorgegangen, und bedeutet somit ,höckrig, 
kuppenreich^ Zu kühn wäre wohl die Vermuthung, dass der 
in dem Reiseberichte Fedtschenko's vorkommende Name Kan- 
tagh fiir den Berg, auf dessen brennenden Steinkohlenschichten 
Schwefel gewonnen wird, in irgend welchem lautlichen Zu- 
sammenhange, etwa durch die Mittelform Kuhän, mit dem 
plinianischen Cophantes stünde; auch müssen wir absehen von 
der Variante Qän für Fan, die sich in dem persischen Texte 
bei Bäber (I p. 176: nous arrivames aux limites du district 
de Fan etc. ; laissant Fän k main droite, nous primes la route 
de Kiätüt etc.) vorfindet. Auch eine zweite, sich uns auf- 
drängende Vermuthung, dass nämlich die Völkerschaft der 
KivBapoc, welche Ptolemaeus neben den (, waldbewohnenden*) 
ApußixTai im östlichen oder gebirgigen Sogdiana anführt, etwa 
das Thal (darra, derena) des Berges Kan bewohnt haben möge, 
müssen wir zurückweisen, da einmal der heutige Name des 
Berges keine alte Gewähr besitzt imd anderseits die KdvBapoi 
auch anderswohin verlegt werden dürfen, in das Kandargebirge 
ÖBtUch von TaS-kurghän (Sary-qol), das seinen Namen von 



90 Tomascbek. 

einer aromatischen Holzart (skr. kandara, neupers. kandär) zu 
haben scheint. 

Einen fabelhaften Ruf haben durch Alexander's Helden- 
thaten gleich dem Felsen Aornos an der Grenze von Indien 
drei Gebirgspositionen in diesen nordischen Gegenden erlangt, 
deren Schilderung so ziemlich das Gepräge orientalischer Dich- 
tung trägt — so wie denn im «Sah-nämah unter anderm die 
Bergveste Sipend fast mit denselben Details ausgemalt wird 
wie die sogdianischo Pelsenburg, von welcher die Geschichte 
Alexander's Kimde gibt. Wiewohl nun die griechischen Berichte 
fast nur die romanhaft-poetische Seite hervorkehren und aller 
topographischen Genauigkeit ermangeln, so lässt sich doch 
vielleicht aus dem Sachverhalt und der Aufeinanderfolge der 
Thatsachen die Lage der drei Gebirgsvesten annähernd be- 
stimmen. Machen wir den Versuch mit den beiden ersten, 
der baktrischen und der sogdianischen Veste; die dritte, in 
Paraitakana gelegene, soll Gegenstand der Untersuchung in der 
zweiten Abhandlung sein, worin wir die sakischen I^ande 
schildern werden. 

Im Spätherbst oder zu Winterbeginn des Jahres 328 war 
es der makedonischen Truppenmacht gelungen den sogdia- 
nischen Rebellen Spitamenes vollständig zu schlagen und den 
Westen der Provinz dauernd zu beruhigen. Die Gefahr war 
jedoch für die Eroberer noch immer bedeutend gross, da sie 
fürchten mussten von Baktra abgeschnitten zu werden, indem 
die Aufständischen die Cantone von Xenippa (Nakhfiap) und 
Nautaka (Nawqat) mit den südwärts gelegenen Gebirgszügen 
besetzt hielten, so dass den Makedoniern geradeso wie bei 
Beginn der Expedition nur der Weg durch die Wüste offen 
blieb. Alexander nun nahm zuerst Xenippa ein und eroberte, 
bevor er in Nautaka das Heer in den Winterquartieren aus- 
ruhen Hess, die starke Felsenposition des Sysimithres, wodurch 
die Verbindung mit Baktra über das Gebirge hin ein f)ir alle- 
mal hergestellt und gesichert war. Diese Position, tq ev x^ 
BoxTpiavtj 1^ 2ici{x{6pou ^sipa (Strabo XI p. 517), war 15 Stadien 
(9000 Fuss) hoch und zählte am Fusse 80 Stadien oder 2 Meilen 
im Umfang ; auf der breiten befestigten Höhe des Berges konnte 
für 1500 Mann Korn angebaut werden, so dass für die Ver- 
theidiger der Position Nahrungsmangel nicht zu befürchten 



Cantnlttifttiiche Stadien. I. 91 

war. Zur Ergänzung diene der Bericht, der sich bei Curtius 
VIII 8, 19 findet: ,in regionem, quam Nautaca appellant, rex 
cum toto exercitu venit. Satrapes erat Sysioiithres : is armatis 
popularibus fauces regionis, qua in artissimum cogitur, valido 
munimento saepserat. Praeterfluebat torrens amnis, terga petra 
claudebat: hanc manu perviam incolae fecerant. Sed aditus 
specus accipit lucem, interiora obscura sunt. Perpetuus cuniculus 
iter praebet in campos, ignotum nisi indigenis etc^ Alexander 
nahm zuerst die von Sysimithres aufgeführten Bollwerke ein 
und drang über den Bergstrom, — ,interveniebat fluvius^ 
coeuntibus aquis ex superiore fastigio in vallem' — zu der 
zsTpa vor, die er nach allen Kegeln der Kriegskunst belagerte, 
bis sich Sysimithres ergab. Wir haben also in dieser iziTpx 
einen Engpass vor uns, einen angeblich durch Menschenhand 
bewerkstelligten ungemein schmalen Durchgang mitten durch 
einen steilen Felsenrücken, auf welchem ein geräumiges Schloss 
Unterkunft für zahlreiche Vertheidiger bot; eine sich lang 
hinziehende Clause, durch welche man wieder in ebenes Ge- 
biet gelangte. Dieser Umstand, sowie das gänzliche Schweigen 
über die Nachbarschaft des Oxus, verbietet an die Position 
von Kalif (v-äJI^) zu denken, welche bei persischen Autoren 
ganz ähnlich beschrieben wird; wir müssen uns, schon wegen 
der Anführung des nahe gelegenen Nautaka, das, wie wir 
sehen werden, in dem Gebiete von Kisä oder Sahr-I-sabz ge- 
sucht werden muss, zu der östlicheren Passage wenden, welche 
nach Tarmidh (baktr. tarö-maetha ,jenseitige Ansiedelung ?0 
fuhrt und das Scheidegebirge zwischen KiSs und Bas-Hi^&r 
oder den Küh-i-tan in dem ,ei8ernen^ Pass durchschneidet. 
Dass die Burg des Sysimithres noch zu dem Gebiete von Baktra 
gerechnet wird, darf uns nicht stören; wie später das Gebiet 
der Tukhära vom eisernen Pass anhub, so mag in alter Zeit 
die Satrapie Baktra nordwärts über den Oxus gereicht und 
das Stromgebiet des Flusses von Tarmidh mit dem benachbarten 
Durchgangsthore umfasst haben. — Den iranischen Namen 
des ,ei8ernen Thores', Dar-1-ähin, bietet einer der ältesten 
arabischen Geographen, Ya*qübi in seinem ,Buch der Länder^ ; 
nach ihm ist Dar-i-ähln eine nördlich von Balkh gelegene, 
bewohnte Ortschaft wie Ki&s und Nakhsap ; auch Idrisi spricht 
von einer ,kleinen, bevölkerten Stadt' bei dem Engpass. Das 



92 Tomftsehek. 

vollständige Itinerar zwischen NakhSap und Baikh lautet bei 
den arabischen Geographen seit Ibn-Qawqäl so : Nakhsap, 
Sünigy Didakl; Kandak, Bäb al-]^adid oder ^das eiserne Thor', 
Därank, HäSim-gird, Tarniidh; von Tarmidh über den Oxus 
nach Siyah-gird oder ^Schwarzburg^ , dann nach Balkh. Im 
Ganzen sind es neun Stationen oder Tagemärsche, und zwar 
von Nakhsap nach dem eisernen Thore vier, und von da nach 
Balkh fünf. — Sehr genaue Angaben über diese wichtige 
Position liefern die sinischen Schriftwerke. Kurz ist allerdings 
die Notiz bei Ma-tuau Lin, der in seinen Excerpten aus der 
älteren Keiseliteratur nach einer gedrungenen Beschreibung 
des Reiches von KiäS Folgendes hinzufugt (Abel-Remusat, Nouv. 
mel. asiat. I p. 238): ,C'est lä qu'est la porte de fer; les mon- 
tagnes a droite et ä gauche sont inaccessibles. Les rochers 
sont de couleur de fer, et ce d^filä sert de limite ä deux 
royaumes. On le ferme effectivement avec des portes de mätal^ 
Dagegen beschreibt Hiuan-Thsang (um 630 n. Chr.) das süd- 
lich von KäSftna oder Ka§§ gelegene Gebiet und den eisernen 
Pass in folgender ausführlicher Weise (Si-yü-ki, par St. Julien^ I 
p. 22): ,En sortant de ce royaume, il fit environ deux cents 
li au sud-ouest, et entra dans des montagnes. La route des 
montagnes ^tait rüde et raboteuse, et les sentiers des ravins 
etaient bordös de pröcipices; on ne rencontrait aucun village, 
et Ton ne voyait ni eau ni herbes, (p. 23): II fit environ trois 
Cents li au sud-est, ä travers les montagnes, et entra dans les 
Portes de fer. On appelle ainsi les gorges de deux montagnes 
paralleles, qui s'äfevent ä droite et k gauche, et dont la hauteur 
est prodigieuse. EUes ne sont sdparöes que par un sentier qui 
est fort etroit, et, en outro, härisse de precipices. Ces mon- 
tagnes forment, des deux cötös, de grands murs de pierre dont 
la couleur ressemble ä celle du fer. On y a etabli des portes 
k deux battants, qu'on a consolidees avec du fer. On a suspendu 
aux battants une multitude de sonnettes en fer; et, comme cc 
passage est difficile et fortement defendu, on lui a donne le 
nom qu41 porte aujourd'hui. Lorsqu'on est sorti des Portes de 
fer, on entre dans le royaume de Tu-ho-lo (Tukhärä)^ Der 
sinische Pilger gieng also von Kä^na aus zwei Tagreisen lang 
in südwestlicher Richtung gegen Nakh§ap zu, ungeföhr bis zur 
Station Sünig oder bis Didaki, wofiir auch die Variante Dizqän 



C«ntnlMUtiM]i* Bedien. I. 93 

begegnet; und schlug von da eine mehr südöstliche Route ein, 
bis er in drei Tagereisen zum eisernen Thore gelangte, dessen 
Befestigung er noch wohlerhalten antraf. — In der mongo- 
lischen Epoche, im Jahre 1222, gelangte Ehieu Cang-Uhün in 
diese Gegend, auch ein gleichzeitig Reisewerk Ye-lü-öhu-thsai' 
bietet Angaben über selbe; ersterer schildert als Augenzeuge 
die vielen Gebirgszüge südlich von Sie-mi-sse-kan (Samarkand) 
und Ki-Si (KisS), sowie die eiserne Pforte, durch welche er in 
südöstlicher Richtung zum A-mu gelangte (Pauthier, Journal 
asiat, VI. s^rie, tome IX, p. 76, 77). Auch in einem Abriss 
der Thaten Cingis-khdn's wird der eisernen Pforte und des 
A-mu gedacht (Pauthier, Marco Polo, p. CXXII). In allen 
diesen Schriftwerken finden sich die Charaktere Thie-men 
1^ P^ ,£isen — Pforte* für die Localität angewendet, während 
der mongolische Name, der seit dem dreizehnten Jahrhundert den 
iranischen und arabischen verdrängt hat, Tämür-^aghalgha 
lautet, worin der zweite Bestandtheil auf das Verbum xsLghs^yo 
,verschliessen^ zui*ückgeht ,* in persischen und alttürkischen 
Schriftwerken findet sich dafür die Modification Tlmür-qahlaqa 
oder -qohluga (xälgV ^%-hh)- Wir fiihren die zwei wichtigsten 
Stellen aus Sarif-al-din 'Ali an; in der einen (tome III p. 173) 
werden folgende Localitäten, welche Timur 1398 berührte, 
angeführt: Tarmidh, der kiSlaq von Ölhän-Säh, Tarki, das 
eiserne Thor oder Qohluga mit dem Bergstrom Bärik, der Ort 
Cikdaliq, ferner Qüzimundaq, Dürbilgln, der Fluss Tum, endlich 
Keii; in der anderen, ziemlich parallelen Stelle (IV p. 173): 
Tarmidh, Qohluga, Sikdaliq, Dulburgin, KeSs. Anderorts wird 
der Fluss von Sikdaliq (I p. 69), sowie der Ort Quzimundaq 
(1 p. 141) erwähnt. — Da wir bereits die Hauptresultate der 
russischen Expedition nach Hi§är kennen, sind wir auch in 
der Lage die Position der eisernen Pforte auf der heutigen 
Landkarte genauer zu fixiren und in ein helleres Licht zu 
stellen, als es bisher nach den allgemeinen Angaben der älteren 
Reiseberichte möglich war (vgl. Majew, Izwestija der kais. 
russ. Geogr. Ges. XII, 1876, Heft 5, S. 349—363; Lerch, Russ. 
Rev. VII, 1875, Heft 8). Wir erfahren, dass der Fluss von 
Khüzär, der sich mit dem KaSka-darya vereinigt, in seinem 
Oberlaufe aus zwei mächtigen Quellenarmen besteht, dem 
«grossen (katta)^ und , kleinen (kiöl)* üru-darya. Dieser letztere 



94 ToBfttc^ok. 

entspringt in dem Baii^ün-tagh, einem bedeutenden, von Nord- 
ost nach Südwest streichenden Querriegel, welcher die Wasser- 
scheide gegen den Oxas bildet, dem er nach Süden zu den 
Fluss von Siräbäd zuschickt. Verfolgt man den Weg von 
Khüzdr ostwärts mit einer ziemlichen Neigung nach Südost, 
so gelangt man an dem Weiler KuSluS vorüber in das Thal 
des Kidi-uru-darya und über Tang-i-khurftm zu dem 4509 engl. 
Fuss hohen Pass von Aq-robät; aus dem sich anschliessenden 
breiten (Jaköathale gelangt • man zu dem Passe von Derbend 
oder der ^eisernen Pforte', welche die hohe südwestlich strei- 
chende Bergkette durchbricht und über den Ki6laq Derbend 
nach der ziemlich bedeutenden Ortschaft Bai'-i^ün führt. Es 
ist eine schmale Schlucht, 2 Werst lang und 5 bis 35 Schritte 
breit, mannigfach gewunden und von einem Giessbach durch- 
strömt, der im Sommer austi*ocknet und nur bei Hochwasser 
den Siräbäd-darya erreicht; ihr westliches Ende liegt 3740, ihr 
östliches 3540 Fuss hoch. Diese Schlucht (,perpetuu8 cuniculus' 
bei Curtius) fuhrt jetzt den Namen Buzghala-khana ,Haus des 
wilden Ziegenbockes', der Bach (,torren8 amnis' bei Curtius), 
den Serifeddln Bärik nennt, Buzghala-khana-bulaq. Auf den 
älteren Karten findet sich ein Ort Darwan verzeichnet, das ist 
offenbar Darband, ein etwa aus 500 Gehöften bestehendes 
Winterdorf, nach welchem der Fluss von Slräbad auch Darband- 
darya genannt wird. Diese am östlichen Ausgange des eisernen 
Thores gelegene Oertlichkeit erwähnt auch der Reisende Ruy 
Gonzales de Clavijo, welcher (1403) im Auftrage des Königs 
von Castilien Henrique III. zu Timur nach Samarkand zog 
und eine ziemlich genaue Beschreibung des eisernen Thores 
giebt, dessen Befestigungen damals bereits in Trümmern lagen 
(Historia del grau Tamorlan, Madrid 1782, p. 140); Clavijo 
schliesst nämlich seine Beschreibung mit folgender Notiz 
(p. 141): Darbante es una muy gran ciudad, que se cuenta 
SU senorio con una grande tierra, e las primeras destas puertas, 
que son mas cerca de nos se llaman las puertas del Fierro 
de cerca Darbante, e las otras postrimeras se llaman las puer- 
tas de Fierro cerca Tennit que confinan con el terreno del 
India menor. Die Ruinen von Tarmidh (Terraiz) sind an dem 
Ausfluss des Sürkhän in den Amü bei dem Flecken Gulgul 
aufgefunden worden. Von Tarmidh nach dem östlicheren 



G«ntnaMUtiaebe Stadien. I. 95 

Qabädiyän zählen die arabischen Geographen, ebenso wie nach 
Balkh, zwei Tagereisen. — So viel über den Felsen des Sysi- 
mithres ! 

Ganz im Unklaren sind wir dagegen über die Lage des 
zweiten Felsens, der ^sogdianischen' Il^ipa, welche von Aria- 
mazes vertheidigt worden war. Die Verschiedenheit der Nach- 
richten über diese Felsenburg ist so gross, dass wir diese mit 
gleichem Rechte in den äussersten Westen wie in den äussersten 
Osten von Sogdiana verlegen dürfen, je nachdem wir die 
Tradition des Curtius oder die des Arrianos zu Grunde legen. 
Curtius schildert sie uns so : ,petra in altitudinem XXX eminet 
stadia, circuitu C et L complectitur. Undique abscissa et abrupta 
semita perangusta aditur; in medio altitudinis spatio habet 
specum . . .; fontes per totum fere specum manant, e quibus 
collatae aquae per prona montis flumen emittunt^ Also nicht 
ein Engpass, sondern ein hohes Felsplateau mit einer Veste; 
Ariamazes soll daselbst 30.000 Bewaffnete beherbergt und 
Lebensmittel auf zwei Jahre aufgespeichert haben! Wo sollen 
wir nun das Felsennest mit einem Umfang von 3^^ Meilen 
und einer Höhe von 18.000 Fuss suchen? Curtius und seine Ge- 
währsmänner (Kleitarchos und Timagenes) verlegen die Ein- 
nahme desselben in die Zeit der Expedition nach Margiana. 
Als nämlich Alexander im Winter 329/328 in Baktra-Zariaspa 
Quartier hielt, brach in dem kaum bewältigten Sogdiana aller- 
orten der Aufstand mit verstärkter Wuth aus, und scheint 
diesmal der Hauptstützpunkt der Insurrection das westliche 
Steppengebiet gewesen zu sein, wo heute die Türkmänen noma- 
disiren, im Alterthum aber die Daher und Massageten hausten. 
Für das Frühjahr 328 entwarf Alexander den Verhältnissen 
gemäss folgenden Feldzugsplan: um die westliche Linie zu 
decken und die Verbindung mit Hyrkanien und Parthien auf- 
recht zu erhalten, sollte eine Expedition von Baktra längs des 
OxuB nach Margiana und dann weiter nach dem Ochus vor- 
dringen und diese Flanke durch Anlegung von Colonien dauernd 
befestigen; war dies geschehen, sollten dann mehrere selbst- 
ständig operirende Colonnen Sogdiana von West nach Ost 
durchziehen und sich im Centrura des Landes, in Marakanda, 
vereinigen, so dass hierauf die Möglichkeit geboten wurde, 
auch an die Unterwerfung der östlichen Berggebiete, namentlich 



96 Tomateh«k. 

Paraitakana's, zu denken. Der Zug nach Margiana wird von 
Curtius kurz berührt (VII § 40): ^Alexander exercitu aucto 
ad ea, quae defectione turbata erant, componenda processit; 
quarto die ad flumen Oxum perventum est. Superatis deinde 
amnibuB Ocho et Oxo, ad urbem Margianam (codd. marganiam) 
pervenit; circa eam VI oppidis condendis electa sedes est: 
duo ad meridiem versa, quattuor spectantia orientem, modicis 
inter se spatiis distabant, ne procul repetendum esset mutunm 
auxilium^ Gleich daran schliesst sich mit den Weiten ,et 
cetera quidem pacaverat rex; una erat petra etc.' die Schilderung 
der Einnahme des Felsens und die Nachricht, dass Alexander 
die Gefangenen und die gefundenen Schätze unter die Colonisten 
jener neuen Städte vertheilt habe. Unter Margiana ist nun 
offenbar das Mouru des Avesta, Margus der Keilinschriften, 
Marw aUlähigan (,Königsseele') der arabischen Geographen 
oder das heutige Märw in der Türkmänensteppe gemeint, eine 
Stadt, die nach dem Glauben der Perser von TahmQraf ge- 
gründet, von Alexander dem Griechen erneuert und vergrössert 
worden war, wie denn auch Sirakhs, 30 Farsang südlich von 
Marw,' Kai-käwQs angelegt und Alexander befestigt haben soll. 
Wenn dann von einer Ueberschreitung des Ochus, d. i. des 
Tegend oder des Unterlaufes des Hare-rüd, die Rede ist, so 
haben wir darin den Fingerzeig, dass sich die Expedition bis 
Nasa oder Nisä an der Grenze von Hyrkanien erstreckt hat. 
In der angrenzenden Steppe sassen die Dahae, ein den Parthern 
verwandtes Nomadenvolk, das in mehrere Stämme zerfiel, unter 
welchen namentlich die "Azapvoi oder Ilapvot (zend. aperenäyüka 
, Bursche' perena neupers. barnft ,voll, erwachsen, Knabe'), SivBioi 
und Uiaffoupot (vgl. den Flecken Pissurak in Dihistän) erwähnt 
werden; Reiterschaaren dieses Volkes waren von Spitamenes, 
dem Haupte der aufständischen Sogdianer, aufgeboten worden 
und beunruhigten die von den Makedonen unterworfenen Ge- 
biete, Baktra, Margiana, Areia, ferner \\<rtaür|VT^ (Astawa oder 
Ustuwa s^umI der arab. Geographen, wo jetzt Khabüsän oder 
KhüSän liegt) und das benachbarte NT;aa{a (Nisä Lm^^), welches 
der "öxo? durchfloss (Strabo XI p. 509). Dort, wo der Ochus 
das Hochland verlässt, indem er den Nordabhang des Gulistän- 
gebirges bespült, war eine alte Grenzscheide iranischen und 
turanischen (sakischcn) Gebietes. Hamza meldet die Sage, 



Centralaalatlsoh« Studien. 1. 97 

ManoSöihr habe in dem Vertrag mit Afnisiäb durch einen 
Pfeilwurf die Grenze seiner Herrschaft bis Mazdörän (etwa 
.das grosse Thor') festgesetzt, einen Ort zwischen T^üs und 
Sirakhs, nach welchem der Küh-T-Gulistän bei Ptolemaeus den 
Namen xo Mac§b)pavbv 5po<; führt. Eine andere Bezeichnung 
dieses Gebirgszuges, Oschobates (var. Ochobaris), lernen wir 
aus einer Notiz kennen, welche auf die Chorographia des 
M. Agprippa oder die Weltkarte des Augustus zurückgeht, bei 
Ethicus (Mela ed. Gronov., p. 726 = Orosius Hist. 1, 2 p. 20 
Hav.) : ab öppido Catippi (= KaXXiow)) usque ad vicum Saphrim 
(= 2a9p{, Isid. Charac. § 12) inter Dahas Sacaraycas et 
Parthyenos mens Oschobates. Hier werden neben den alt- 
einheimischen Dahern auch die ^akä rawakä (SaxapaOy.ai, Z<xr,i- 
pxjxoi) erwähnt, welche gleich den Tukhärä (To^apot) ans Inner- 
asien stammend um 130 v. Chr. über den Jaxartes gedrungen 
waren und, während die Tocharer dem baktrianischen Reiche 
der Diadochen Alexander's ein Ende machten, für sich die 
Sitze der westlichen Saken und Chorasmier eingenommen hatten 
und von da aus oft in die Geschicke des parthischen Reiches 
eingriffen, also die Vorfahren der Haital oder der ,wei8sen 
Hunnen^ Den Dahern lagen auch die Xipaxs^ nahe, nach welchen 
Ptolemaeus eine Ijandschaft am Tegend Xtpay.r^vYJ benennt, deren 
Vorort ohne Zweifel die alte Stadt Sirakhs oder Sirkhas (etwa 
iq Zipaxaq? vgl. über sie Yäqüt s. (jjaä^wui) bildete. Ist es nun 
nicht möglich, dass in der Nähe dieses äussersten Vorpostens 
von Khuräsän und im Machtgebiet der befreundeten Daher der 
Megistane Ariamazes mit den flüchtigen Sogdianern eine feste 
und sichere Position gefunden hatte, von wo aus er die make- 
donischen Zuzüge auf der grossen Verkehrsstrasse über den 
Hare-rüd mit Erfolg zu beunruhigen gedachte? Wenn sich 
nicht in den Gebirgen von Marw al-rüd oder auch (woran 
Mützell gedacht hat) von T^lliqän eine Localität vorfindet, 
welche auf die Beschreibung der ITitpa passt, worüber indess 
jede Nachricht fehlt, so schlagen wir vor, die Position von 
Kilät (cyik^ bei Yäqüt; vgl. Qilat io^* in Dailam) heran- 
zuziehen, da diese so ziemlich zu passen scheint. ,Da8 heutige 
Kilat,' sagt Spiegel (Iran. Alterth. I 54), ,liegt in einem Thale, 
das .5 bis 6 Stunden breit von Ost nach West, und 10 bis 11 
geogr, Meilen lang ist; ein kleiner Strom durchsetzt das Thal; 

Sitciiiigi.ber. d. phü.-hist Cl. LXXXYII. Bd. I. Hft. 7 



98 T«>aicbek. 

die Felsen, auf denen die Veste liegt, sind fast unersteiglich; 
sie kann bei einiger Aufmerksamkeit leicht vertheidigt werden/ 
Vielleicht ist damit identisch Ju»l ^^ Kharaq al-gebel oder 
Qar'ak der arab. Geographen ; auch im Bundehes ist von einem 
Berge Rawak die Rede, auf dessen beiden Seiten ein Weg in 
die Burg sdj^y3 Qarak läuft; ,man nennt diesen Ort auch die 
Pforte des Landes Sirak (vj^)^ Zwischen Sirakhs und Abiward 
(Bjlward) lagen auch noch andere Vesten, wie Khawarän und 
Sawkftn. Weiter nach Süden, gegen Tös und Abr-§ahr oder 
NlsApür (Nisiaea im Thalgebiet IIapöa6-viffa, Isid. Charac. § 12), 
ist die sagenberühmte Stätte, wo Iranier und Turanier manch 
harten Strauss ausgefochten haben sollen; wir erinnern nur 
an die Namen Gonäwat und Rewand (Raevanta). — Eine andere 
Aussicht böte sich aus der Angabe des Curtius, dass bei jener 
Expedition auch der Oxus überschritten wurde; dann könnte 
man auch an die Position von Kalif (Kilif) denken, welche 
zwischen Tarmidh und Amol auf dem äussersten Ausläufer 
der von Ost nach Südwest streichenden sogdianischen Gebirge 
gelegen das Oxusgebiet gegenüber von Baktra beherrscht. 
Sehr gut stimmt dazu die Bezeichnung i^ toO ^Q^om icetp«, welche 
nach Strabo XI p. 517 identisch sein soll mit i^ xsO 'Apiaixz^isu 
z^Tpa. Die Araber zählen von Balkh nach Kalif IH bis 20 
Farsang, und in persischen Schriftwerken findet sich die An- 
gabe ,que cette place forte occupe le sommet d'une montagne 
couverte de rochers noirs et qui a 8 farsakhs de circuit; les 
abords en sont inaccessibles , mais sur le plateau sont des 
sources et des paturagcs' (Barbier de Meynard, Dictionnaire 
g^ographique de la Perse, p. 474, N. 2). 

Arrianos dagegen, der aus den zuverlässigen Memoiren 
des Ptolemaeus Lagi und des Aristobulos geschöpft hat, ver- 
setzt das Ereignis» der Einnahme des sogdianischen Felsens 
durch die 300 xpriiJLvsßiTa'. in den Frühling des Jahres 327, 
in jene Zeit, wo Alexander bereits aus den Winterquartieren 
von Nautaka aufgebrochen war und in Baktra alle Vorberei- 
tungen zu seinem Zuge nach Indien traf. Sein Werk war 
indess damals noch nicht vollendet; nach der energischen 
Bewältigung der mehrmaligen Aufstände in Westr und Central- 
Sogdiana, so wie nach der bereits erfolgten Einnahme der ,eiser- 
nen Klause', musste er daran gehen auch noch die östlichen 



CentraluUtische Stadien. I. ' 99 

Berggebiete von Sogdiana so wie Paraitakana (BädakhSän) 
zu unterwerfen, um hinter seinem Rücken einen allseitig ge- 
sicherten und dauernden Besitz zu lassen. Viele sogdianische 
Häuptlinge hatten in den unwegsamen Berggebieten des öst- 
lichen Theiles, welcher sich bis zu den Quellen des Oxus und 
noch darüber hinaus erstreckte, Zuflucht und Sicherheit gesucht 
und waren bereit, zu gelegener Zeit aus ihren Verstecken 
hervoraubrechen und das nationale Werk der Befreiung von 
der verhassten Fremdherrschaft wieder aufzunehmen. Merk- 
würdiger Weise weiss Arrian in seinem Bericht nichts von 
Ariamazes; er meldet bloss, dass ausser vielen sogdianischen 
Adeligen auch die Familie des baktrischen Pahluvän's Oxyartes 
(d. i. wohl Vakhsuvarta), zumal dessen Tochter Roxane, ,die 
Rose des Orients', sich auf dem Felsen in Sicherheit befunden 
habe. Da nun Curtius selbst im Verlauf der Begebenheiten 
des Frühjahres 327 auch die Unterwerfung des Oxyartes und 
die Vermälung Alexander 's mit Roxane anführt, so dürfen 
wir vermuthen, dass w^ir es mit einem ganz verschiedenen 
Factum zu thun haben und dass der Felsen des Arimazes und 
der ,sogdianische' Felsen, auf welchem Roxane gefangen wurde, 
verschiedene Localitäten sind, die in den oberflächlichen Dar- 
stellungen der späteren Epitomatoren und Geographen will- 
kürlich vermengt erscheinen. Wie gaüz anders würden wir 
über diese topographischen Fragen urtheilen können, wenn 
wir die gleichzeitigen Memoiren sowie die i^TaOjjLol vf^q 'AXe^av- 
2pou TOpsta; eines ßatiwv, Aioyvtqtoc, \\[x6vTa^ u. a. besässen! 
Arrian theilt fast gar nichts über die vor den Aufbruch nach 
Indien fallenden Expeditionen mit und weiss ausser der Ein- 
nahme des ,sogdianischen' Felsens überhaupt nur die Unter- 
werfung des Chorienes in Paraitakana zu melden; nur der 
,Rhetor' Curtius bietet einige topographische Einzelheiten, die 
wir näher erörtern wollen, nachdem wir die wichtigsten Nach- 
richten der arabischen und sinischen Berichterstatter über die 
Gebiete von Hi^är Wakh§ und Khuttal vorausgeschickt und 
mit der heutigen Kunde über diese vor kurzem erschlossenen 
Regionen verglichen haben. Aus dem Alterthum ist noch die 
bestimmte Angabe des Ptolemaeus über das Volk der Ape^iavoi 
von Belang, welches das Gebiet zwischen Oxus und Jaxartes 
inne gehabt haben soll ; dort lag Aps'J/a ii |jLr,Tp6;:oAt?, ein Vorort, 

7* 



100 Tomaschek. 

der nur das heutige Hi§är gewesen sein kann ; er darf nämlich 
nicht mit Apatl^xy,« oder dem heutigen Kunduz^ das bei Ptole- 
maeus den Namen Xoiva (sin. Ahuan oder Huo) führt, ver- 
wechselt werden; die Namensähnlichkeit soll uns nicht täuschen, 
da ein generelles Appellativum, welches den Begriff der Herr- 
schaft (baktr. drafga ,Banner, Fahne', neup. diraf§) ausdrückt 
und verschiedene Herrschersitzen anhaften konnte — auch 
Baktra heisst im Awesta eredhwödraf§a ,mit hohem Banner ver- 
sehen, weit gebietend', — beiden Namen zu Grunde liegt. Sind 
doch Balkh Kunduz und Hi^är bis in spätere Jahrhunderte 
die Hauptsitze der Macht im nordöstlichen Khuräsän gewesen! 
Eine andere Oertlichkeit bei Ptolemaeus, XoXßiaiva (var. XoXßücca) 
an der rechten Uferseite des oberen Oxus (Koköa), scheint 
identisch mit Hulbuk siLJjD, dem Sitze der Sultane von Khuttal, 
zu sein; keinen Zweifel leidet es aber, dass die Position 
'AXe^avSpeia eaxa-nr), südwestlich von der ipsivt] Ko[i.r|3u)v in der 
Nähe des oberen Oxus, in Khuttal anzusetzen ist; eine feste 
Stadt daselbst heisst noch bei den arabischen Geographen 
Iskandra S^OüXamI (Yäqüt s. Jüülf) oder Sikandra, gleichwie 
die neuesten Pionniere des Ostens für den Quellensee des 
Panga oder den Sari-kul auch die Benennung Sikandar vor- 
fanden und wir von einem Iskandar-kul im Gebiet des oberen 
Zarafsan Kunde haben. Es scheint keine blosse Erdichtung, 
sondern eine glaubhafte Tradition zu sein, wenn die Fürsten 
von Bädakh§än, Wakhän, Saginän, Köänän und Darwäz nach 
alten und neuen Berichten ihre Macht bis auf den Griechen 
Alexander zurückführen; hatte doch der Eroberer auf ihrem 
Boden gewaltet und Städte seines Namens angelegt, während 
seine Nachfolger ihre Macht, wie Strabo bezeugt, bis nach 
Tibet ausdehnten, [xsxpt Srjpwv xat ^puvwv (XI p. 516). Die 
Vermälung Alexander's mit der schönen Baktrierin Roxane 
und das kluge politische Verfahren, welches er in der Besetzung 
der Machtstellen befolgte, hatte allmälig eine solche Sinnes- 
änderung bei dem iranischen Adel hervorgerufen, dass die 
stolzen Megistane freiwillig die Macht des Eroberers unter- 
stützten und sich seiner Herrschaft fügen lernten; sein Name 
wurde fortan gefeiert. Sage und Tradition sind seines Ruhmes 
voll. — Nach dem Sturze der griechischen Herrschaft in 
Baktra-Sogdiana durch die Yätya und Tukhära, war die 



Centralasifttieche Stadien. I. 101 

Herrsch ergewalt daselbst im Besitze von Nomadenfürsten hoch- 
asiatischer Abkunft. Während das indische Culturelement in 
seiner buddhistischen Gestaltung immer stärker eindrang, 
entfremdeten sich diese alt-iranischen Lande dem Grossreiche 
der Arsaciden und Sassaniden immer mehr und nur zeitweilig 
gelang es den Herrschern des Westreichs Tukhäristan in ihren 
Machtbereich zu bringen; stärker erwies sich von Norden her 
seit dem sechsten Jahrhundert die Gewalt der Türken. Nach 
dem Untergange der Königsfamilie der Kusänen zerfiel das 
ganze Gebiet am obern Oxus in 27 gesonderte Fürstenthümer, 
die mehr oder weniger unter der Suprematie des türkischen 
Khäqän's standen, welcher am Flusse Sui (Cui) im Norden 
von Farghäna seinen Sitz hatte. Nur vorübergehend war die 
Oberhoheit des sinischen Reiches in diesen so fernen West- 
gebieten (seit ()56). Als die Araber alle iranischen Lande 
unterworfen hatten, benützten sie die Fehden der einzelnen 
Fürsten unter einander, um die Macht der Türken einzu- 
schränken, und es gelang ihnen, ganz Tukhäristan in ihre 
Gewalt zu bringen; die Sämäniden herrschten unangefochten 
in allen Oxusländern bis an die Grenzen von Wakhän, Saqniya, 
Qumidh und al-Rägt; weiter ostwärts war türkischer Boden, 
unterthan dem Ehäqän der Qarlüq. — In der Aufzählung der 
nördlich vom Oxus (WakSu, sin. Fo-tsu) gelegenen tukha- 
rischen Fürstenthümer beginnen wir mit dem an Baktra und 
das ,eiserne Thor' zunächst gelegenen Reiche Ta-mi (||g[ ^), 
d. i., wie Cunningham erkannte, Tarmit (v;;ajoo) oder Tarmidh 
(JooJ)), dessen gleichnamiger Fluss im Bundehes als Neben- 
fluss des Veh-rut angeführt erscheint; der Fluss von Tarmidh, 
äbi-Tarmidh, oder der heutige Surkhän, ist wasserreich und 
einer der grössten Zuflüsse des Oxus, so wie der wichtigste 
Strom des Hi§ärgebietes ; sein Unterlauf durchfliesst jetzt eine 
mit Röhricht erfüllte wüste Strecke, wo sich allerlei Wild 
herumtreibt, Tiger, Schakale und Wildschweine. Die Stadt 
selbst, welcHe auf Felsen an beiden Ufern des Flusses gebaut 
^ar und deren Mauern von Süden her der Oxus bespülte, 
war, wie wir aus dem Säh-näma und Moqadassl ersehen, seit 
Alters ein wichtiger Uebergangspunkt über den Oxus, ein volk- 
reicher Hafenort ; ihr Gebiet betrug nach Hiuan-Thsang sechs 
(sin.) Tagereisen von Ost nach West, vier von Süd nach Nord; 



102 Tomaschek. 

in der Capitale fand der Pilger zehn sanghäräma's (buddh. 
Klöster) mit 1000 Gläubigen. Zu Tarmidh gehörten wahr- 
scheinlich noch die an der Strasse nach i^aghäniyän entlang 
dem Ufer des Surkhän gelegenen Orte $armingän (^jLsLowiö) 
oder Carmiqän (jjliüyo*.^) und weiter nordwärts Därzingl 
(^^AXjyf4>); ebenso der District äafa, welchen Bäbr (I p. 261), 
und die Prairie Buya, welche 8arif-al-dln (I p. 182) nennt. 
In der arabischen Epoche bildete die Herrschaft Tarmidh eine 
Dependenz von ^aghäniyän. Weiter gegen Nordosten, und 
zwar noch immer im Stromgebiet des Surkhän, in einer breiten 
fruchtbaren Ebene, welche für den Äckerbau trefflich geeignet 
war — der Sage nach war sie einst so dicht bewohnt gewesen, 
dass sich ohne Unterbrechung bis zum Oxus Dach an Dach 
reihte, — erstreckte sich in einer Breite von vier und einer 
Länge von fünf (sin.) Tagereisen das Fürstenthum Chi-oo-yan-na 
(^ ^ flf W^)y ^' ^-> ^^® Cunningham zuerst gesehen, 
Caghäniyän (^jLoUä») oder ^aghäniyän (^jLüU-o), ein Name, 
den wir auf mongol. caghan ,weiss' zurückfuhren möchten, 
wenn wir sicher wüssten, dass unter den Tukhära's mongolische 
Elemente vorhanden gewesen ; vgl. auch Gäghän (^LcLä») oder 
l^äghän (^jL^Lö), eine Burg bei Marw (Yäqüt). Nach der 
Hauptstadt heisst auch der Strom Surkhän bei den arabischen 
Geographen meist ,der Fluss von Caghäniyän' und I^takhrl 
sagt ausdrücklich, dass die Einwohner von Tarmidh das Wasser 
aus dem öai^ün und dem , Flusse von Caghäniyän' holen; 
vgl. auch die Namen Gaghäna und öaghän-rüd bei Sarif-al-din 
(I p. 108, 123). Kurz und treffend ist die Schilderung, welche 
wir bei al-Bal§ärT al-MoqaddasI lesen: ,$aghäniyän ist ein 
grosses Wilajät in Mawarä'1-nahr, welches mit seinem Gebiet 
an Tarmidh grenzt; eine Gegend von ausgiebiger Cultur, reich 
an Wohlstand, gleich Palästina, nur mit reicheren Tränke- 
plätzen an den Flüssen versehen ; die Wässer ergiessen sich in 
den Gaitün, bleiben aber in heissen Jahren aus. Es sind da 
bei 16.000 Dörfer, aus welchen 10.000 Krieger vollgerüstet 
und mit Proviant und Vieh versehen dem (Sämäniden-) Sultan 
*A1t Zuzug geleistet haben. Die Hauptstadt gleichen Namens 
gleicht Kamla, nur dass sie schöner ist; daselbst herrscht eine 
grosse Billigkeit der Nahrungsmittel; mitten auf dem Markte 
steht die Moschee; jedes Haus hat sein fliessendes Wasser 



CentralMiatiseh« Studien. 1. 103 

mit Baumpfianzungen. Hier finden sich viele Vogel, viel Wild. 
Die Weideplätze an dem Ufer haben so üppigen Graswuchs, 
dasB sich Reiter darin verbergen können. Die Stadt, so blühend 
sie einst war, gerieth, so scheint es, zur Zeit der Einfälle der 
Ghozz und später der Moghol immer mehr in Verfall und Bäbr 
(I p. 56, 121, 122, 201, II p. 164) kennt wohl den District, 
nicht aber die Stadt, auf deren Koston Hisar-l-6admän sich 
immer mächtiger erhob. Die Tägik's dieses alten Culturgebietes 
scheinen seither einen neuen Ort, den sie Dih-i-näu oder Dih- 
näu (y^(>) ^den neuen Gau' benannten, cultiviert zu haben; 
gegenwärtig werden auch Qalüq, Yüröi, Sar-i-asyä, Sar-i-gui 
und Regär (d. i. Hi^ärek oder Hifär-payan der Chronisten) 
als blühende Ortschaften angeführt. Von Sar-i-gui führt ein 
Gebirgsweg über den Sangri-dagh nach Khüzär und Sahr-I-sabz; 
dieser- Berg mit dem Phänomen eines Bergnebels und Wasser- 
sturzes wird von Sidi-Ali (a. U^f^, Journ. asiat. IX. Paris 1826, 
p. 205 sq. vj<> JCu*#) beschrieben ; der Fluss, der bei Sar-i-guY 
vorüberfiiesst und in den mächtigen Surkhän sich ergiesst, ist 
der bei den Chronisten häufig genannte Tupaläu oder Tufaläq, 
den man bisher irrthümlich für den Hauptstrom gehalten hat. 
Auch die arabischen Geographen ^ namentlich I^tftkhrl und 
MoqaddasI, führen zahlreiche Ortschaften an; doch sind die 
Lesarten sehr unsicher; wir führen nur an: Bärsend {öJumXj) 
oder BäSend ((XJLamL) gegen Osten im Gebirge, Gür^äb (v^K^) 
oder Kür-äb (^Uy^) oder Bür-äb (v^K^), Hanbär (jLiiß), 
Sinür (cuvopta) oder Dinür (%yüt>), Ghadar (^Aä), Bahäm 
(|»L^), Barabdä (IcXjv?) oder Nübdä (tJo^) etc.; Qodäma 
nennt auch 'Aman, ,ein grosses volkreiches Dorf, 7 Farsakh 
von Därzingl. Aus allem ersehen wir, dass Caghäniyän aus 
kleinen Anfangen — Hiuan-Thsang nennt die Stadt kleiner 
als Tarmidh und zählt daselbst nur fUnf sanghäräma's — sich 
unter der Herrschaft der Araber, namentlich unter den Sftmä- 
niden, zu dominirender Bedeutung emporgehoben hat, um später 
wieder zu verfallen. — Weiterhin, gegen Nordosten, nennt 
der sinische Pilger das Fürstenthum Ho-lv-mo (^^ ^ J^), 
das in einem langen Thal drei (sin.) Tagreisen von Süd nach 
!Nord, eine Tagereise von Ost nach West sich erstreckt haben 
soll; er zählt in der Stadt, welche an Grösse Caghäniyän 
g^leichkam, nur zwei Conventikel mit hundert Gläubigen und 



104 Tomaschek. 

bemerkt, der Fürst des Ländchens sei ein Türke aus dem 
Stamme Hi-su (^ ^) oder Ho-su (Ghozz?). Weiters reiht 
er an das Fiirstenthum Sv-man (|^ ^) in einer Ausdehnung 
von vier Tagereisen von West nach Ost und hundert Li 
(=: einem sin. Tagmarsch) von Süd nach Nord; gegen Südost 
reichte es bis in die Nähe des Fo-tsu (Wakhs); die Haupt- 
stadt war noch kleiner als die vorige und besass ebenfalls nur 
zwei Convente mit einer kleinen Anzahl von Frommen; der 
Herrscher stammte gleichfalls von den Hi-su-Türken ab. Weiter 
gegen Südwest (also wieder gegen Tarmidh und Caghäniyän 
hin) schloss sich an Su-man das Fürstenthum Kio-ho-yan-na 
(jUII 5^ ^ ^) ^^} i^ einer Ausdehnung von zwei Tagereisen 
von Ost nach West und drei Tagereisen von Nord nach Süd; 
die Stadt war so gross wie Öaghäniyän und hatte drei sanghä- 
ränia's mit hundert Religiösen. Oestlich von Su-man (und wohl 
auch von Kio-ho-yan-na) erstreckte sich in einer Längen- 
ausdehnung von fünf Tagereisen entlang dem Fo-tsu (Wakh§) 
und einer Breite von drei Tagereisen das Reich Hv-Sa (^ Ü^)f 
dessen Hauptstadt eine ziemliche Grösse besass. Gegen Osten 
von Hu-Sa war das Reich Kho-tv-lo (IpJ ||{[} |^) in der bedeu- 
tenden Länge und Breite von zehn Tagereisen und mit einer 
Hauptstadt so gross wie Tarmidh. Noch weiter gegen Osten 
lag das Reich Kiv-mi-tho (:f^ gjjr jjß) im Centrum des Ta- 
Tsong-ling, zwanzig Tagereisen von West nach Ost, zwei (?) von 
Süd nach Nord ausgedehnt, mit einer ebenso grossen Capitale 
wie das vorige; gegen Südwest stiess es an den Fluss Fo-tsu 
(äb-i-Panga) an. Endlich, gegen Süden von Kiü-mi-tho, kam 
das Reich Si - kiii - ni ( P ^ f^) , welches Hiuan - Thsang 
(p. St. Julien H p. 205 sq.) bei seiner Rückreise aus Indien und 
Ghazna über Andaräba, Khwasta, Mungän, Karsama, Bädakhgäna, 
Yämagäna, Kuräna, Mastug und (Wakhän — diese Partie ist 
offenbar ausgefallen — ) als nordwärts von letzterem gelegen an- 
führt und näher beschreibt; sein Umfang betrug zwanzig Tage- 
reisen, die Hauptstadt war unbedeutend; das mit Getreide noch 
einigermassen gesegnete, aber sonst ziemlich sterile Gebiet be- 
steht aus einer Reihe von Bergen und Thälern, abwechselnd mit 
sandigen und felsigen Hochsteppen; ist es doch das Vorland 
zu dem gegen Osten sich erstreckenden wüsten und von rauhen 
Bergketten durchzogenen Plateau Po-mi-lo (Äfr ^ S|) oder 



CentralMiatische Studien. I. 105 

Pamira, das bis an die Reiche Ebabanda (Tas-qurghän), U-§a 
(Waödha) und KäSaghära reicht ; dieser Lage entsprechend ist 
auch das Klima von Si-khi-ni kalt und rauh; die Einwohner, 
rauh und abgehärtet, sind ohne höhere Cultur, gehen in Fellen 
. und Wollstoffen gekleidet, und führen ein räuberisches Leben ; 
der buddhistische Glaube ist dahin nicht gedrungen; ihre 
Schrift ist der tukhärischen ähnlich, aber die Sprache hat einen 
verschiedenen Charakter. — Wir haben hier alle nördlich vom 
Wakh& und Fang gelegenen Reiche aufgezählt, um deren 
gegenseitige Stellung zu fixiren und auf der heutigen Land- 
karte sicher zu stellen. Die Forscher, welche eine Kritik der 
sinischen Nachrichten versucht haben, wie Reinaud (Memoire 
sur linde p. 152 sqq.), Alex. Cunningham (Journ. asiat. soc. 
Bengal. 1848, XVII 2), Vivien de Saint- Martin (Memoire 
analytique sur la carte de TAsie centrale et de Tlnde) und 
H, Yule (Journ. asiat. soc. Gr. Br. 1873, VI p. 92—120), 
stimmen darin überein, dass unter Si-khi-ni das heutige Sugnän 
oder Saghinän, unter Kiü-mi-tho das Land der ptolemäischen 
Ko{jLv;^ac oder das heutige Darwäz, unter Kho-tu-lo das so oft 
erwähnte Reich Khuttal (pl. Khuttalän, Khotlän) oder die 
beutige Herrschaft Kül-äb, unter Su-man das in arabischen 
Schriftwerken genannte Gebiet Sümän zu verstehen sei; nur 
über Ho-lu-mo, Hu-§a und Kio-ho-yan-na gehen die Meinungen 
auseinander. Was nun Ho-lu-mo betrifft, so ist es offenbar, 
dass Yule Unrecht hat, wenn er darin Gharm in der Land- 
schaft Qara- tagin am oberen Kyzyl-sü (WakhS) finden will; 
der Reihenfolge nach kann nur an den heutigen Vorort Qara- 
tagh am oberen Surkhän gedacht werden, und wenn wir die 
Distanzangaben der arabischen Geographen berücksichtigen, so 
fällt ebendahin die von Caghäniyän 10, von Sümän 13 Far- 
sang entfernte Ortschaft Hamürän {{^Uf4^) oder Hamawärän 
'v:^'y^^' Var. ,jUI^-^), an einem wädl gelegen, d, h. dem 
FluBsthal des Qaratagh-daryä , das man passiert, um nach 
Dah-i-näwät und nach Hsiär zu gelangen. Hi^är-i-bälä oder 
i-»ädmän (,das obere', ,das freudenreiche*) ist vielleicht erst in 
der ghozzischen Zeit zur Bedeutung gelangt, und entspricht 
dieser Veste in den arabischen Itinerarien die Station Abär- 
qair (*-ÄJ%Ll, Var. ijfyCiAMb oder ^\i>yA*S[j\ etc.), so dass 
wir dann weiter Sümän nach dem heutigen Dü-§amba ver- 



106 TomaRchek. 

legen dürfen. Indessen wäre es gewagt, den Namen Hamüran, 
wie Cnnningham versnelit hat, mit Ho-lu-mo zusammenzustellen; 
der Analogie zufolge dürfen wir nur mit Gharma Kharüma 
Rüma und ähnlichen transscribieren, und da bieten sich, da 
wir das von Reinaud herbeigezogene Kholom nirgends be- 
glaubigt änden, zwei M^iglichkeiten. In der Geschichte der 
Eroberungen der Araber berichtet al-Balädhüri, dass Qotaiba, 
welcher a. H. 86 (= 704 n. Chr.) zum Wäll von Khuräsän 
ernannt worden war, bald darauf zu faliqän (^jLäJUo) im 
Gebiete von Marw al-rüd seine Truppen zusammenzog und, 
vereint mit den Vasallenfürsten und Dihqänen von Balkh und 
'J.^ukhäristnn, den Oxus überschritt; während des Uebersetzens 
kam zu ihm der König von Saghäniyän mit Geschenken und 
mit goldenem Schlfissel, gelobte ihm Gehorsam und lud ihn 
ein, in seinem liande zu campioren; er war nämlich damals 
hart bedrängt von den benachbarten Fürsten von a-Rharün 
(,j^%Ä.I, Var. (J^Vä»'; doch vgl. Yäqüt s, \j^j^) ^^nd Sümän 
(^J^y^)f und forderte Hilfe. Qotaiba leistete der Einladung 
Folge, beliess den König von Saghäniyän in seiner Herrschaft, 
wies die Fürsten von Kharün und §umän in ihre Schranken, 
und kehrte mit reicher Beute nach Marw zurück. Dürfen wir 
in Kharün eine spätere Form von Kharüma (Ho-lu-mo) er- 
blicken? Anderseits ist in persischen Schriftwerken öfter von 
einem District und Vorort Harm (t^y^y Var. t^)^ und &}y^) 
die Rede, aber ohne nähere Bezeichnung der Lage ; nur durch 
die gelegentliche Anfuhrung des Ortes Na^vandak (bei Sarlf- 
al-dln I p. 109 1, 10), der nach Bäbr (I p. 175, II p. 164) 
zwischen Caghäniyän und dem Kam-rüd lag, werden wir in 's 
Hi^rgebiet geführt. — Was Su-man oder Sümän (jjL«^) 
betrifft, das wir nach Dü-8amba verlegen, so wissen wir aus 
dem Thang-Su, dass die sinische Regierung bei Gelegenheit 
der Organisation der tukhärischen Fürstenthümer im Jahre 661 
das Reich Ho-su mit dein Vororte Su-man als viertes Gouver- 
nement (tu-tu-fu) mit zwei Districten (ceu) unter dem Titel 
Thian-ma eingerichtet hat; wir wissen ferner, dass Qotaiba 
a. H. Ol eine neuerliche Expedition gegen Sümän unternahm 
und das Reich nach Besiegung des Fürsten 'All-Säh und Er- 
beutung ungeheurer Schätze der Herrschaft der Gläubigen 
unterwarf; die arabischen Geographen bieten die kurze Notiz: 



CentralMiatUobe Studien. I. 107 

Suinän ist kleiner als Tarmidh, der Bezirk gut bebaut und 
besonders ergiebig an Safran. Ibn-Dasta nennt auch die Flüsse, 
welche diese Gegend bewässern; er sagt (Lerch, Russ. Revue 
VII. 1875 H. 8) : ,unter den Nebenflüssen des Öai^ün ist noch 
der Fluss, welcher Rümidh 4>Juoi% (corr. Juyo^K Raomidh) 
genannt wird; er kommt aus dem Lande al-Rri§t, darauf fliesst 
er in das Gebiet von §aghäniyän ; in ihn ergiessen sich mehrere 
Flüsse, welche von dem Gebirge Buttam und den Bergen von 
Sanum, Nihflm und Khäwar kommen und Kam-rüdh, Niham- 
rfidh, Khäwar- rüdh heissen. Und es fliesst dieser Rfimidh bis 
zum Ende des Gebietes von Saghriniyan, dann ergiosst er sich 
in den Gaibün oberhalb Tarmidh. Die Gebirgsgegend zwischen 
dem Rfimidh und dem WakhS-ab wird Qobndhiyan genannt'. 
Wir sehen, Ibn-Dasta vermengt die beiden Flüsse von »Saghä- 
niyan und von Qobadhiyän mit einander und macht daraus 
einen Fluss, den Ramidh ; es ist aber ein wichtiges Resultat 
der jüngsten Hi§ar-Expedition, dass der Oxus von dieser Seite 
zwei grosse Flüsse aufnimmt, den Surkhan (= Fluss von 
Tarmidh und ^aghaniyan) und den ab-I-Qaflr-nihan (== Fluss 
von Qobadhiyän), der aus Qara-tagln (al-Rast) kommt. Der 
Hauptquellfluss des letzteren heisst noch jetzt Rumit-darya, 
nach einem Orte seines Oberlaufes Rümit oder Raomidh (zend. 
rao-maetha ,offener, freundlicher Ort'?); ein zweiter Zufluss 
heisst Zigdi-darya, . an welchem Dü-samba liegt, und ein 
dritter, an welchem Higär gelegen, Khanakardaryä. Das Thal 
des letzteren bildet mit dem des oberen Surkhan ein fast gar 
nicht unterbrochenes Ganzes; daher auch der Irrthum des 
arabischen Geographen entschuldigt werden mag. Einer dieser 
Quellflüsse, vielleicht der des Surkhän oder der Qaratagh- 
darya, fiihrt seit Alters den iranischen und mit der Benennung 
des kaspischen Meeres im Bundehe§ gleichlautenden Namen 
Kam-rüdh; durch das Thal desselben gelangte man über einen 
hohen Pass des Sarah-tagh (var. Sarw-tagh) in das Zaraf§än- 
gebiet; vgl. Bäbr I p. 71 et p. 175: ,Nous primes le parti de franchir 
leServ-tagh en remontant la vallee du Kem-roud'; ,nous entr^mes 
dans la vallee du Kem-roud et la remontames. Beaucoup de 
chevaux et de chameaux ne purent nous suivre dans ses passages 
etroits et escarpes, sur ces pentes raides et k pic. Apr^s avoir 
fait trois ou quatre haltes, nous atteignimes le col du Serv-tagh'; 



108 Tomaschek. 

^enfin, apr&s etre sortis au prix des plus grands efForts de ces 
defiles p^rilleux et impraticables^ nous arrivames aux limites 
du district de Fän*. An dem Rümit-daryä, bei der Einmündung 
des Ilaq, liegt jetzt der Ort Qaftr-nihän, der dem Hauptfluss 
den Namen verliehen hat; in den arabischen Itinerarien heisst 
der entsprechende Ort Andiyän (,jL>Jüt) oder Amdiyär (sLjool), 
5 Farsang von Sümän und 5 von Wasgird entfernt. Wäsagird 
(4>*X«if^) oder Wasgird i*>ys>^{J^^y) gehörte wahrscheinlich bereits 
zu dem Districte WakhS und war ,eine kleine Stadt, kleiner 
als Tarmidh und Sümän; hier herrscht lebhafter Handelsverkehr; 
Leute kommen aus Saghäniyän und Khuttal und Qawädhiyän 
und verkaufen Leinwand, Krapp u. a.; von hier wird Safran 
nach anderen Gegenden ausgeführt^ Auf der heutigen Karte 
entspricht diesem, im Sah-nrima in der dichterischen Form 
Wesa-gird (4>J?iu*o^ d. i. ,Stadt des W^sa*, des Vaters des 
turanischen Helden Pirän) vorkommenden Orte Faizäbäd, am 
Ilag gelegen und von Tägik's bewohnt, durch den Nür-tagh 
und einen 3350 engl. Fuss hohen Pass von dem Orte Närak 
getrennt, der bereits am Wakh§-äb liegt. Wir setzen, Cunningham 
folgend, Hu-§a des Hiuan-thsang Wäsagird und WakhS gleich; 
auch kann es keinem Zweifel unterliegen, dass in Kio-ho-yan-na, 
wie Yule erkannt hat, der berühmte Ort Qobädhiyän (^jUiLo) 
oder Qawädhiyän ((jL><>l»J') enthalten ist, der nach Einigen 
persischen Quellen von dem mythischen Kavi-kaväta (Kaikobad), 
nach Anderen von dem Sassaniden Qowad I. (490 — 531) ge- 
gründet worden sein soll; letztere Meinung (Täbarl, p. Zoten- 
berg, II p. 147: ,11 fonda sur le territoire de Khotlän une ville, 
nomm6o Qobäd-abäd, qu*on appelle aujourd'hui Qowädyän; il 
fonda aussi Termed et une ville nommee Wazm-gird, sur les 
bords du öltün etc.') däucht uns trotz ihrer Bestimmtheit 
minder glaubhaft als die erstere, wonach das Alterthum der 
Stadt in die altbaktrische Epoche hinauf gerückt wird, da der 
Saasanide, ein Zeitgenosse des mächtigen indoskythischen Königs 
Oolla, ganz unter dem Einflüsse der Haital stand und erst sein 
Nachfolger Khusraw Nüsirwän in Balkh und Tukhäristän 
namhafte Erfolge errungen hat. Die arabischen Geographen be- 
merken : , Qawädhiyän ist eine Stadt, etwas kleiner als Tarmidh, 
und ein Wilajat am Gaibün, zwischen Tarmidh und Khuttal 
gelegen, von Tarmidh zwei, von $aghäniyän drei (arab.) Tage- 



Centraluiatische Studien. I. 109 

märsche entfernt. Die Gegend ist im Norden sehr gebirgig 
und steril; südlieh liegt Uwaga oder Ubäg, ein Uebergangs- 
punkt über den Oxus^ Der von I^takhri genannte ^Fluss von 
Qobädhijan' ist kein anderer als der äb-i-Qafir-nihän, oder 
der Kamid des Ibn-Dasta. Wenn letzterer u. a. Qowädhiylln 
zu Rhuttal rechnet, so mag er Recht haben; das Thalgebiet 
des WakhS-äb (iran. Surkh-äb, türk. Kyzyl-su) gehörte bis 
WäSagird hinauf zu dem Wilajat WakhS oder dem linken, 
westlichen Khuttal. Denn es gab, wie Yäqut bemerkt, zwei 
Khnttalän, verbunden zu einem Gebiet; das eine, links ge- 
legene, führte den speciellen Namen al-Wakh§ ((jibÄ^I) und 
war ein langgestreckter District, reich an Naturgaben, mit 
angenehmer Luft; ,hier gibt es Quartiere der Könige und es 
herrscht ein grosser Wohlstand^; zu demselben gehörten auch 
die grossen Städte Haläward ((> w^Üd) und Läwakand {OuSyf), 
welche beide an dem Wakhs-ub lagen: eine davon entspricht 
sicherlich dem heutigen Qurghän-tübä, in dessen Nähe gold- 
haltiger Sand aus dem Flusse gewonnen wird; der Wakhs-äb 
selbst mündete bei dem Orte Milah (&JLju0, arab. ,campus, 
desertum^), welcher berühmt ist durch einen Sieg des Mahmud 
von Ghazna, in den Gäriyäb oder Wakhkhäb (= äb-I-Pang, 
der grosse Oxus); dieses Mündungsgebiet ist jetzt eine mit 
Wassertümpeln und mit Rohr und Gestrüpp bedeckte, von 
Tigern bewohnte Niederung, welche Fieberluft erzeugt und an 
die indischen D^ungeln erinnert. So viel über Kio-ho-jan-na 
und Hu-§a. — Das zweite oder eigentliche Khuttal (cki^.), sin. 
Kho-tu-lo, nach den daselbst häufigen Bergkesseln und Pässen 
so genannt, schildert Moqaddasi folge ndermassen : ,Es ist ein 
weiter District an der Grenze von §ind, jenseit des Gai];^an, 
zu Haital gehörig, bedeutender als l^aghäniyän und an Lände- 
reien und grossen Städten reicher, auch an Wohlstand und 
Naturgaben gesegneter ; seine Capitale ist die zweitgrösste Stadt 
Hulbuk oder Hulbak (dLJÜo), wo der Sultan seinen Sitz hat; 
die erste und grösste Stadt ist Munk (dLüo); ausserdem sind 
zu bemerken Tamliyät (^jLJU-)) oder Tamliyäb, Käwand (Ju^l^), 
Iskandra (s^JüJCu^I) und das Dorf Bangärä' (cKL^o)^ Andere 
fügen hinzu: ,Khuttal liegt zwischen dem Gariyäb (v^L^) und 
dem Wakhsäb; es erzeugt viele Saatfelder und Früchte; der 
fruchtbare Boden nährt viele Hausthiere, besonders Pferde 



110 TomaBchek. 

vorzüglicher Race, ihresgleichen gibt es in keinem Laude der 
Welt. Die Einwohner sind vorzügliche Jäger und beständig mit 
Jagd beschäftigte Kamen somit die Einfiissler des Mahabharata; 
welche dem Yudhisthira (360 v. Chr.) huldigten, darbringend 
,wilde, sehr schnelle, cochenillen-farbige, weisse, regenbogen- 
farbige, morgenrothfarbige, buntfarbige Pferde^, und die vor 
den Königen genannt werden, welche die Esel von Vanksu 
(Oxus) brachten, aus dem sakischen Lande Khuttal? Auch 
die Annalen der Hau preisen die ,blutschwitzenden' Argamak's 
von Ta-wan und Tukharistan. In der Sassaniden-Epoche führte 
der Herrscher des Landes den Titel Khuttalän-khudah ; auch 
der Name »Sabll (Jül^m), in dessen zweitem Bestandtheil skr. 
päla ,Für8t^ enthalten zu sein seheint wie in dem Namen des 
Kabulän-Säh Zotbil (= Yätya-päla), begegnet a. H. 80. Die 
Distanzangaben, die sich bei MoqaddasI und I^t^kbrl finden, 
sind sehr verworren; wir halten folgende Skizze für die an- 
nähernd richtigste : , Wenn man von Bädakhsän aus den Gariyäb 
überschreitet — 1 Farsakh von diesem Flussübergang entfernt 
liegt Käwand (var. Kaubeng ^^ oder Käweng), d. i. das 
spätere Dilli, bei Sidi-Ali, Journ. asiat. Paris 1826, IX p. 205, — 
so gelangt man in zwei Tagereisen nach Hulbak (vielleicht das 
jetzige Khülbagh am Balguun-darjä oder Kiöl-surkhäb), wo man 
den Fluss Äkh§ oder Akhis jm^I überschreitet; es folgt der 
Fluss Bartän (jL->>J, noch weiter der Fluss Färighl oder Färighän 
oder Pärighar, endlich der äb-i-Bangärä', worauf man nach 
Munk gelangt, das von Hulbak zwei Tagereisen entfernt ist 
(offenbar das heutige Bälguan, Bälgwän bei Sarif-al-din I p. 64, 
wenngleich die Anführung von vier Flüssen Schwierigkeiten 
macht, da wir jetzt nur zwei Flüsse in diesem Gebiete kennen, 
den Bälguän-daryä und den Kül-äb, vgl. Kül-äbe nS^y^ bei 
Sidi- Ali 1. c. p. 205 und im Akbar-näma ; beide voreinigen sich 
bei Khülbagh); von Munk zählen die Itinerarien bis zur Ueber- 
fahrt über den Wakh§, sowie nach Läwkand und Holäward 
am Wakhä-äb je einen Tagmarsch; letztere Orte selbst waren 
einen Tag von einander entfernt. In der Nähe von Munk \s^ 
der Gau Tämliyät, und von da bis zum Wakhs-äb zählte man 
4 Farsang; die Verbindung von Khuttal mit Wäsagird war 
durch eine Brücke hergestellt, unter welcher der wasserreiche 
Strom in einem wunderbar zwischen Felsen eingeengten Bette 



OentralMiatitche Stadien. I. 111 

dahinfloss; so dass sein Lauf in der Erde sich zu verbergen 
schien; diese Brücke führte den Namen Pül-I-saogin d. i. 
,8teinerne Brücke' (türk. taS-köprü), eine Position, die durch 
die mannigfaltigsten Zeugnisse Berühmtheit erhalten hat. So 
sagt Ibn-Dasta: ,Der Wakhs-ab kommt aus dem Lande der 
Qarlüq-Türken und fliesst den Fämir (Pämir) zur Seite lassend 
in's Land al-RäSt, dann in's Land der Qumidh; darauf fliesst 
er zwischen den Bergen, die einerseits im Gebiete von Wä&agird 
(j. Gebirge Nür-tagh), anderseits im rustäq Tamliyät des 
Landes Khuttal (j. Bergzüge Khod^a-yuqur und Säbistän mit 
dem 3Ö80 Fuss hohen Passe GüI-I-zindän) liegen; in dieser 
Bergenge führt eine Brücke, welche die steinerne Brücke heisst, 
von Khuttal nach dem links gelegenen Wäsagird'; kürzer 
I^takhn: ,Der Wakh§-äb fliesst aus dem Lande der Türken, 
bis er nach Wakliä kommt; in diesem Gebiete durchbricht er 
das Gebirge und passiert eine Brücke, welche Khuttal von 
Wäsagird trennt ; man kennt keinen Fluss, der bei der Menge 
seines Wassers sich so einengt, wie der Wakhs-äb an dieser 
Stellet Idrisi behauptet daher, der Strom verliere sich unter 
der Erde und breche erst eine lange Strecke unterhalb wieder 
hervor. Diese Brücke, zehn Schritte lang, an zwei vorsprin- 
gende Felsen befestigt, passiert man noch heute bei dem 
Uebergang von Balguän nach Närak und Faizftbäd. Sie nennt 
ausserdem Sarif-al-din (II p. 11: ,1a rivi^re de Wakhs' ,le pont 
de pierre, nomm6 Tas-köprü' ,au royaume de Khotlän'; I p. 64: 
,du c5te de Balgawän' ,entre Giala et le pont Sangin' ,au bout 
du pont Sangln' etc.), ferner Sidi-Ali (L c. ,1a ville de Öar-sü 
^^l^' ,de lä, rencontrant le fleuve, nous passämes le pont 
Pül-i-sangln ^^^jJCUm Jo' ,nou8 continuamos notre route pour arriver 
ä Bazarend Jü^KL et au bourg de öehär-samba auJu^ )^y^y ^^ 
Ik notre route nous conduisit ä la forteresse Sädmän ^Lo(>Lim etc/) 
und Andere. Es ist daher merkwürdig, dass Hiuan-thsang dieser 
Brücke nicht gedenkt. — Was nun das Reich Kiü-mi-tho 
(= Kümidha) betrifft, welches sich zwanzig Tagereisen im Nord- 
osten von Khuttal erstreckte, so ist das Vorkommen dieses 
Namens bei dem sinischen Pilger so wie bei dem arabischen 
Geographen Ibn-Dasta (in der Form Juyo^ Kümidh, Kom6dh) 
eines dei* glänzendsten Zeugnisse für die Akribie der ptole- 
maeischen Nachrichten über den Handelsweg von Sogd nach 



112 TomAselielr. 

Cina. Bei Ptolemaeus ist i^ spstvtj Ko{i.Y;Sü)v, t^ twv Kfa>|jiv)$(5v hpivdt 
ein vastes Berggebiet, aus welchem der Jaxartes und seine 
Zuflüsse hervorgehen ; die Karavanen, welche nach Serina zogen, 
betraten dieses Hochplateau äT:h twv lovBiavwv, aber von der 
nördlichen Seite her (aus der Gegend von Marghlnän und Us 
in Fargh&na), und durchmassen dasselbe in mehreren Tage- 
reisen (gegen 3000 Stadien) von Nordwesten nach Südosten, 
indem sie offenbar das Alaiplateau und einige der sechs von 
Ost nach West streichenden Parallelketten des Pamir (wyoLj) 
überschritten ; sie gelangten hierauf (am Fusse des Kyzyl-yart) 
in ein langgestrecktes Hochthal, -fi ^ipa^; tiov K(«>[j.rjSfa)v (d. i. 
,the Tägharma plain^), dessen Länge in der Richtung von 
Südwesten nach Nordosten 50 schoenen, d. i. 3000 Stadien 
oder sechs ptolem. Grade, betrug; am Ausgange dieses Hocb- 
thales lag der berühmte A(6ivo(; roipYo?, d. i. nach H. C. Rawlin- 
son's treffender Vermuthung (Journ. of the R. Qeogr. Soc. 1872 
p. 504) das heutige Qilä-I-TaS-qürghän in Sir-i-qAl, und von 
da führte der Weg v.q zo y.aTa ib "Ifxacv 5po; ipfj-Yj-n^pisv twv v^ 
T»)v Si^pav 6[jLTCop£üO|i.6V(i)v, d. i. nach Yärkand. Die Anwohner 
jener opeivij nennt Ptolemaeus KofjL^B«'., während er an die 
Jaxartesquellen das Volk der ApicneT? setzt; beide gehörten zu 
dem mit den Iraniern verwandten Volke der Zr/.a'.; selbst der 
Name der Komeder ist nicht ohne Analogie (vgl. Juy0%^Küroidh, 
Veste in T^baristän, bei Yäqüt ; Kumüda, eine der zehn eisigen 
Höllen der buddhistischen Mythologie, im Dharmapradipiku ; 
ja selbst ein dem Vanksu benachbartes Gebirge wird so ge- 
nannt, im Brähma^a-purä^a). Aus dem Alterthum hat sich 
noch ein zweites, wenngleich entstelltes Zeugniss über das 
Volk erhalten ; auf der Weltkarte des Augustus, deren Spuren 
sich nach Müllenhoff's Untersuchung noch in dem Machwerk 
des sogenannten Ethicus und Julius Honorius nachweisen lassen, 
hoisst es: Oxos ff. nascitur de monte Cavmkste; in quinque 
alveos dividitur et transeunt omnes per montem Caucasum 
(:= Meru, mit dem See Anavatapta; also eine indische An- 
schauung !) etc. ; hier ist offenbar zu lesen : de monte Cavmede. 
Bei den Genannten findet sich auch ein innerasiatisches Volk 
Travmedae, d. i. Cavmbdae, wenn nicht die Taupc{i.7;5oi. Bei 
Hiuan-Thsang umfasst das Gebiet der Kiü-mi-tho vornehmlich 
die heutigen Landschaften Darwäz^ Wänag (oder Wang; etwa 



r«DtralMiaiMehe Studien. I. 113 

das in indischen Schriftwerken genannte pferdereiche nordische 
Land Vanäyuga oder Vanäyu?) und Ku&nän, worin die Haupt- 
orte Qilä-i-Khumb, QÜÄ-i-Wang, QÜÄ-I-Wämär liegen. Eine 
uralte Capitale der Saken hiess nach Ktesias (bei Nikolaos 
V. Damaskos) Tw^avaxtj* ii x6Xi;, vf^OL Zay.a'.^ to ßa(j{X6iov ^jv, 
vgl. Steph. Byz. "PoSovoKata- tccXi; {laxwv)^ auch dieser Name 
ist echt iranisch, von baktr. raokhsna , glänzend, leuchtend, 
GlanZy Licht/ neupers. röian ^»y^yy herzuleiten ; die Benennung 
hat sich noch jetzt auf dem alten sakischen Boden erhalten, 
eben in jenem an dem äb-i-Pang ober Sighn&n gelegenen 
Canton Ruinän (oder RöSän; auch südlich von Yassln in 
Dardistän finden wir einen gleichnamigen Ort); mehr über 
die Saken so wie über das Land Highnän, über welches Blruni 
vorzügliche Nachrichten bietet, anderen Ortes. — Kehren wir 
nach Wäfiagird zurück und verfolgen wir noch das Itinerar 
nach dem Lande al-RnSt. Einen Tagmarsch nach WäSagird 
in nördlicher Richtung (also am Westufer des WakhS-äb oder 
Kyzyl-su) war die Station Iläq oder Ailäq (^'i^^l, nach welcher 
noch heute der Zufluss des Käfir-nihän den Namen Iläk führt; 
auch Bäbr (I p. 259, 260, 309) gedenkt der Sommerhalden 
oder yailaq's im Gebiet von Hi^Ar und Qara-tagin. Eine Tag- 
reise weiter war die Klause Darband Jüj%4>, einen Tag weiter 
der Ort Gabäkhän ^jL^U:» oder Gäwkän (jl^^l^ oder Käwkän 
^l^^l^, und noch einen Tag weiter das Felsenschloss al-Qalaa 
uJUil, wo die äussersten Vorposten des musulmanischen 
Khuräsän's standen. Ibn-Khurdädbeh und Ibn-Sayd berichten 
über diesen Grenzort : ,er liegt zwischen zwei Gebirgen, gegen 
Farghdna hin, in dem Lande al-Rä§t ; hier brachen die Qarlüq- 
Türken ein, um Raubzüge zu machen; um diese Einfalle zu 
verhindern, Hess hier der Wazir Fadhl ben Yahiyä ben Khaled 
al-Bärmaki (a. 793 n. Chr.) eine Mauer von Nord nach Süd 
aufführen, welche durch zwei Castelle geschützt wurde; von 
diesem Thore (al-bäb) gegen Ost ist KäSghär gelegen^ Der 
äosserste Ort in Farghäna allen arabischen Nachrichten zufolge 
war Uz^kand ; ostwärts lag das Gebiet des Gür-takin al-dihqän, 
und man gelangte nach einer Tagreise zu dem Fuss eines 
hohen Gebirges, über welches zwischen hohen Felswänden 
ein steiler und dann jäh abfallender Pass führte, welcher 
unwegsam wurde, wenn Schnee fiel; am zweiten Tage gelangte 

Sitnngsber. d. phil.-hitt. Ol. LXXXVII. Bd. I. Hft. 8 



114 Tomatchelr. 

man nach Atäs, welches auf einem Hochplateau lag^ von wo 
aus man durch wüste und unbewohnte Strecken in sechs Tagen 
nach Ober-Birsgän (am obern Sirr oder Narin) und in sieben 
Tagen nach Tubat (Yärkand) gelangte. Dieses an dem Berg- 
stutz gebaute At&s und die Veste al-RäSt müssen als die 
äussersten Grenzpunkte des erst in neuester Zeit erschlossenen 
Alaiplateau's in Ost und in West betrachtet werden. Die 
Veste al-Rä§t lag wohl in irgend einem der Pässe (etwa dem 
Tarak-dawän ?) der hohen Gebirgskette, welche Farghäna von 
Qara-tagln scheidet; den Namen R&dt (siia^äK, Var. v^>dM#b 
Qasb, wobei an die bei Herodot III 93, VII 67, 86 neben den 
baktrischen Saken genannten K(xa7;io( gedacht werden könnte, 
wenn die Lesart sicher wäre) oder AriSt, RiSt (v»uä^I, väa-ä^) 
so wie den in Farghäna seitwärts von Vh und den Jaxartes- 
quellen gelegenen Ort Riitän (^Lcmj) sind wir versucht in 
Zusammenhang zu bringen mit dem Volke der 'Apurrel«;, welches 
Ptolemaeus an die Jaxarteszuflüsse setzt; der heutige Name 
der Landschaft Qara- tagin, welche von Galöi's oder persisch 
sprechenden ,montagnards' bewohnt wird, liihrt von einem 
türkischen Machthaber der Khitan her; als Eigenname begegnet 
er schon unter den späteren Sämäuiden (von qara , schwarz' 
und ^jjJo takln, tagin , Wohlgestalt, kräftig, muthig, Held'). 
Ueber Karitegin hat in neuerer Zeit der russische General 
Abramow einen kurzen Bericht veröflFentlicht (Journ. of the 
Roy. Geogr. soc, 1871, XLI p. 338—342); darin erscheinen als 
wichtigere Ortschaften Gharm (der Vorort, mit 800 Häusern), 
Qalai, Sar-I-pül, Sarym-saly, Naudanak, Komar-äb, Tang>l- 
namazga, Langar-sah (wo Salz gewonnen wird) u. a., sämmtlich 
in der Nähe des Kyzyl-sü (Surkh-äb, WakhS, Oxus) gelegen; 
Sar-pül und Zankun nennt 8arlf-al-din (I p. 23). Somit sind 
wir mit der Beschreibung des Hi^ärgebietes zu Ende, und wir 
widmen noch einige Aufmerksamkeit den Zügen Alexander's, 
so weit sie das östliche Sogdiana oder die Striche ostwärts 
von dem ,eisernen Thor' (dem Felsen des Sisymithres) be- 
treffen. — Curtius gibt folgende kurze Nachricht (VIH 14, 1): 
tertio mense (a. 327) ex hibernis (vgl. Arrian. IV 18, 2: 
'AXi5«v8po^ xepl xa Naiixaxa avs-jcaue 17)7 cxpaTiav OTticsp dx{jtmov 
Tou YeK[iMi^oq ?iv) movit exercitum, regionem quae Gabaza appel- 
latur aditurus. Diese Gegend lässt sich nicht bestimmen, da 



C«ntralastAtUche SUdien. I. 115 

von einem annähernd ahn liehen Namen nirgend eine Spur 
vorhanden; weder Qobftdhiyftn noch Ubaga noch jenes Gabäkhftn 
oder Gräwakftn^ welches wir bei dem Dorband al-Ra§t kennen 
gelernt haben, will recht stimmen. Da das ^eiserne Thor^, 
der Schlüssel zu der Hi^ärlandschaft, sich bereits in der Ge- 
walt des Eroberers befand , so ist die Annahme, dass wir 
Gabaza jenseit des Surkhftn und gegen den Wakh§-äb hin zu 
suchen haben, keine allzu kühne. Curtius spricht von einem 
Saltus^ wo die makedonischen Colonnen von einem grossen 
Gewitter überrascht wurden ; furchtbar litt das Heer von Winter- 
frost und Mangel; wenige Weiler, von Barbaren bewohnt, 
lagen am Ausgange der Enge und in den Bergthälem ver- 
steckt; doch zur rechten Zeit erschien die von Sysimithres 
geleistete Zufuhr, welche das Heer reichlich versorgte. Berg- 
engen und Pässe gibt es nach dieser Seite hin viele. Dass wir 
uns aber nicht weit von Khuttal und Signän befinden, lehrt 
die sofortige Änreihung der Expedition gegen die Saken : 
,rex sex dierum cocta cibaria ferro milites iussit, Saqas petens. 
Totam hanc regionem depopulatus XXX milia pecorum ex 
praeda Sysimithri dono dat' (VH! 15, 20). Arrian übergeht 
diese Expedition, obwohl es (VH 10, 5) bei ihm heisst: 
AXs^avSpo; vt>to)v — xal Bay.Tptou; xat ^oxa;. Diese Saken sind 
verschieden von jenen Reiterhorden, welche jenseit des Jaxartes 
(Tanais) nomadisirten und meist ^xuOat ol "Aßcoi genannt werden, 
auch von den Massageten zwischen Chorasraien und dem Sogd- 
fluss. Es sind die Saken am obern Oxus (äb-i-Pang), die 
Nachbarn der Inder; vgl. Curtius VII IT), 6: venturos Choras- 
mios et E^ahas Sacasque et Indos et ultra Tanain omnem 
colentes Scythas; V 9, 5: Bactra intacta sunt, Indi et Sacae; 
Strabo XI p. 513: ^Yjai o' 'EpaTO<;0£vif]^, Xoxaq [asv xai So^Siavou^ 
"coi; okov; eSößpeaiv avTixsTffOai rj) IvoixYJ. Drei ihrer Stammesfürsten 
unter Darius I. (bei Polyaen. VII 12) haben echt iranische 
Kamen: SaxecfapY)? (^aka-i^fära), '0[jiapYir)<; (Haumavarga, vgl. 
\K\vj^({Qi bei Herodotos), ©afjLupt; (Tahmüraf); ihr Heerftihrer 
unter Darius III. führt den echt skythischen Namen MaüaxTj? 
(Arr. III 8, 3; vgl. Meuöbcr^q auf bosporan. Inschr.). Choirilos 
(Strabo VII p. 303) nennt die Saken [jLY)Aov6|^.ot, und wir dürfen 
uns nicht wundern, wenn die Makedonen ihnen 30.000 Schafe 
wegtrieben. Ob sich die Expedition bis zu ihrer Capitale 

8* ' 



116 ToinaBch«k. 

Rökh§änaka erstreckte, wird nicht berichtet und ist auch kaum 
anzunehmen ; dass aber Khuttal erobert wurde, können wir aus 
der Gründung Sikandra schliessen. Curtius berichtet weiter: 
,inde pervenit in regionem, cui Oxyartes satrapes nobilis 
praeerat, qui se regia potestati fideique permisit'. Fällt also 
in diesen Verlauf der Heereszüge die Einnahme des ,80gdia- 
nischen' Felsens, tq toj "Q^ou Trexpa? Uebereinstimmend mit 
Curtius verlegt in diese Zeit Arrian die Vermälung Alexander's 
mit Roxane, der Tochter des Oxyartes, welche auf dem Felsen 
verwahrt gewesen. Arrian berichtet unmittelbar darauf von 
der Expedition nach Bädakhfiän; denn dass unter Paraitakana 
die heutige Landschaft Paraigän und unter dem Gebiete des 
Xopisvr^ (vgl. Xopii'/Y)^ Xwpidvr^c, Perser bei Prokopius b. Ooth. 
IV 1 u. 8) der Canton Khuryäna oder Qurrän verstanden 
werden darf, werden wir anderen Ortes darlegen. Nachdem 
auch noch die Häuptlinge Austana und Katanna bewältigt 
worden waren und nachdem Polysperchon die Landschaft 
Bubakana (vgl, BoußaxYj;, Perser bei Arn II 12, 8) durchzogen 
fUnd unterworfen hatte, gieng es mit gesammelten Streitkräften 
frischen Muthes durch's Kabulthal — nach Indien! 



Indem wir nun die am Zarafsan gelegenen Hauptgebiete 
und die am meisten genannten Ortschaften des Herzens von 
Sogd nach den vorhandenen ältesten Schriftwerken zu schildern 
versuchen, folgen wir im grossen Ganzen der Reiseroute, 
welche der bewährteste Führer auf diesem Gebiete, der sinische 
Pilger Hiuan-Thsang, in seinem Si-yü-ki einzuhalten fiir gut 
fand^ und beginnen mit der Landschaft, welche die sinische 
Bezeichnung Tong-Tsao (]^ "fif) kue oder ,das östliche Reich 
Tsao' fuhrt, worin Tsao (sin. ,1a multitude*) schwerlich auf 
einen Namen iranischen oder türkischen Ursprungs zurückgeht ; 
es ist dieselbe Landschaft, welche bei den arabischen und 
persischen Schriftstellern 0§rüsenah genannt wird. Matuan-lin 
gibt aus den Annalen der Dynastien Sui' und Thang folgendes 
R^sume über dieses Gebiet, als dessen Centrum das heutige 
Ura-täpä gelten muss (Abel-Remusat, Nouveaux melanges 
asiatiques, I p. 235): ,1a partie Orientale du pays de Tsao se 
nomme aussi Tu-su-Sa-na, Su-tui-sa-na, Su-tu-Si-ni. Elle est au 



CentralMiatiiohe Stadien. I. . 117 

Dord du mont Po-si. Elle est k deux cents li de Öi (TaSkend) 
vers le nord, de EhaDg (Samarkand) vers Touest, de Ning-yuan 
(Fai-ghäna) vers Test. II y a au midi cinq eents li jusqu'au 
Tokbarestan. On y voit la ville de Ye-öa, qui est gardöe par 
un commaudant^ Wir finden ausserdem die Notiz (p. 203): 
,le royaume de Su-tu'i-Sa-na, qui fut connu sous les Su'i, n'est 
antre que le pays des Ta-wan au temps des Han' — eine An- 
gabe, der wir nur den Werth einer blossen Conjectur beimessen 
können, da weit gewichtigere Gründe dafür sprechen, dass wir 
unter Ta-wan ein östlicheres Gebiet (Farghäna, wenn nicht 
Caghäniyän) zu verstehen haben. Weiters berichteten die 
Annalen, dass die Herrscher von Su-tui-Sa-na zu wiederholten 
Haien Gesandte an den sinischen Hof schickten, um ihre 
Erg^ebenheit und Unterwürfigkeit zu bezeugen, so namentlich 
um 618 bis 626 n. Chr.; im Jahre 752 wurden Boten nach 
Bin abgeschickt, um Hilfe gegen die stetigen Einfälle der 
Araber (,les Ta-Si k robe noire') zu erbitten; die praktisch- 
kluge Regierung des entfernten Reiches der Mitte fand es 
nicht rathsam dem Ansuchen zu willfahren. Vor den Arabern 
waren es die westlichen Türken, welche wie in den Jaxartes- 
landen so auch in Osrüäenah zeitweilig die Oberherrschaft 
besassen. Ursprünglich gehörte jedoch das Gebiet zu Hai^al. 
Ueber die Eroberung durch die Araber geben die orientalischen 
Schriftwerke nur kurze Notizen. Balädhürl berichtet, dass 
im Jahre 94 d. H. Qotaiba gegen Odrüsnah und Khogand 
gezogen und bis Kägän und Ura§t in Farghäna vorgedrungen 
sei; später wird von einer Besitznahme OSrüsna's durch Sa'id 
la. 103 H.) und durch Fadhl (a. 178) berichtet. Der Name 
des letzten einheimischen Fürsten von Oärüsnah soll Affiln 
oder If&In gelautet haben; er hat das Gepräge eines Appella- 
tivura's und eines iranischen Ursprungs. — Hören wir was 
Hiuan-Thsang über OSrfisnah berichtet ; er war von Ce-Si (CäS) 
nach Fe'i-han (Farghäna) gezogen und verfolgte nun weiter 
seine Route. ,En partant de ce pays — heisst es im Si-yü-ki, 
p. Stanisl. Julien I. p. 17 — -, dans la direction de Touest, il 
lit environ mille li, et arriva au royaume de Su-tu-li-se-na. 
Le royaume de Sv-tv-li-se-na (^ ^ 7^ |^ ^) a de qua- 
torze a quinz« cents li de tour. A Test, il est voisin du fleuvc 



118 Tomaachek. 

Se. Le 8b-ho (^ ^) sort du plateau septentrional des 
monts Tsong-ling, et coule au nord-ouest. Sous le rapport des 
produits du sol et des mceurs^ ce royaume ressemble k celui 
de Ce-Ii (Cäl). Depuis qu'il a uu roi, 11 s'est mis sous la 
d^pendance des Tu-kiue (Turcs). En partant de ce royaume, 
dans la direetion du nord-ouest, on entre dans un grand desert 
sablonneux, oü Ton ne voit ni eau, ni herbes. La route s'ätend 
ä perte de vue, et 11 est impossible d'en calculer les limites. 
II faut regarder dans le lointain quelque haute montagne, et 
chercher des ossements abandonn^s, pour savoir comment se 
diriger et reconnaitre le chemin qn'on doit suivre. Apr^s 
avoir fait environ cinq cents li, il arriva au royaume de Sa- 
mo-kien (Sainarkand)^ Was der buddhistische Iteisende von der 
wüstenartigen Beschaffenheit des Landes in der Richtung nach 
Westen (und Südwesten) berichtet, stimmt vortrefflich zu der 
Schilderung, welche ein anderer sinischer Berichterstatter Jahr- 
hunderte später (1221) von der Strecke südlich von dem 
Khogendflusse oder dem Sirr bis Samarkand entwirft (Jouru. 
asiat. VI* ser. tome IX p. 69): ,Au sud-ouest du fleuve Ho- 
khian (ou Ho-tan, i. e. Khogand) on fait plus de deux cents 
li Sans trouver absolument ni eau, ni herbe. Ensuite au midi, 
on aper^oit de hautes montagnes couvertee de neige*. Auch 
die arabischen Geographen reden von einer ausgebreiteten 
Steppe zwischen Dizak und Zämin, und neuere Reiseberichte 
schildern uns die nordwestlich von Ura-tübä sich erstreckende 
Gegend als ein sandiges Gebiet, das im Sommer, wenn die 
Gluthitze unerträglich wird, alles vegetabilischen und anima- 
lischen Lebens ermangelt; Nazarow (Magasin asiat. I p. 66) 
macht sogar die Bemerkung : ,C'est pourquoi Ton n'elfeve dans 
ce pays qu'une tres-petite quantite de bctaiP. Diesen Angaben 
zufolge wagen wir sogar den Namen Usru^ranah, dessen ältere 
Form im Si-yü-ki mit 8u-tu-li-se-na (Suthriyana) wiedergegeben 
ist, durch die Annahme einer alt-sogdianischen Namensform 
Khäudra^änaka mit der Bedeutung ,Vcrnichtung alles leben- 
digen Samens^ zu deuten, indem wir auf baktr. Khsudra^ 
huzw. §usr, neupers. suhr ,Same* verweisen, wofür wir eine 
im siebenten Jahrhundert bestehende sogdianische Mittelform 
Suthr annehmen dürfen, die später in der Zusammensetzung' zu 
uSthr und uSr degenerierte, so wie auf baktr. ^äna ,Zerreibiing, 



CentmUsiatische Studien. I. 119 

Veruichtung^ und ^^naka ,Steppe*, von ^an ,zerstüren*. Aller- 
dings könnten wir auch baktr. ustra neupers. uStur Sutur 
jKameeP zu Hilfe nehmen; <iber, wir denken , die von uns 
vorgezogene, nicht minder durchsichtige Lautdeckung ergibt 
sich auch, wenn wir eine sogdianische Völkerschaft aus dem 
höchsten Alterthum herbeiziehen, welche i\ns Ptolemaeus nord- 
wärts von 26v3ia opyj gegen die Jaxartesbiegung hin, also genau 
in der Landschaft Osinisnah, anführt: wir meinen das Volk 
der X)^3paYxat oder '05'jopaaYy,2i, das bekanntlich auch an dem 
Indus einen Namensvetter besitzt, den wir mit den Sanskrit- 
lauten Ksudraka wiederzugeben gewohnt sind. Sicherlich hat 
unsere Deutung mehr Bestand als die von Vivien de Saint- 
Martin vorgebrachte, wonach für Satrugna indischer Ursprung 
angenommen werden müsste, unter Berufung auf skr. ^atru- 
ghnd (-ghand, -hin) ,Feinde schlagend, Gegner vernichtend', 
,une denomination connue dans Tancienne geographie sanscrite 
et qui se rattache aux vieilles legendes de la race solaire^ 
Auch werden wir uns hüten die Existenz einer buddhistischen 
Colonie tief im Norden des Oxus anzunehmen, da es kaum 
glaublich, dass HiuanThsang von derselben nicht Meldung 
gethan hätte. Unsere Zusammenstellung mit 'O^üSpa^xat dagegen 
darf schwerlich abgewiesen werden. Ausser diesem Volke 
nennt Ptolemaeus den mittleren Jaxartes entlang auf der West- 
seite die AiTfaXot, ferner die 'laiio'. xat Toxopoi, endlich gegen 
die Mündungen des Stromes hin die 'Aptobiai. Die ersteren 
dürfen kaum mit den räthselhaften AtfXot des Herodotos III 
p. 92 zusammengestellt werden ; eher dürfen wir an die Au^ioici 
iOvc^ Macaa-feTcov Steph. Byz. p. 145 (wonach zu corrigiren o\ 
'Xiractoi bei Strabo XI p. 513) denken, worin wir als ersten 
Bestandtheil das die Nähe und Umgebung ausdrückende bak- 
trische Vorwort aiwi, als zweiten eine geographische Position 
wie das später zu erwähnende Foc^a erkennen. Bemerkenswerth 
ist aber die Thatsache, dass der Quellenschriftsteller, welchen 
Mai'inos oder Ptolemaios vor sich hatte, die lortoi (oder Yatya, 
sin. Yue-ti und Ya-ta, I-ta) und die Tixopo: oder Tc/apoi (Thogari 
bei Justinus, sin. Tu-ho-lo, die Bewohner von X^ikhäristan 
oder, wie Yäqüt auch schreibt, Takhyristän ^\jiM*yfJ^ic) erst 
an der Nordgrenze von Sogd nomadisierend kannte; es muss 
diese Angabe aus einer Zeit sta.mmen, wo diese beiden inner- 



120 Tom»ichek.' 

asiatischen Stämme das baktrianische Reich bedrohten, aber 
noch nicht aufgelöst hatten — wir müssten denn lieber an- 
nehmen, dass darunter nur einzelne zurückgebliebene Theile 
der nach Süden gezogenen Stämme zu verstehen seien. Die 
Landschaft; welche diese beiden Völker bei Ptolemaios ein- 
nehmen, entspricht dem Qebiete Yläq der arabischen Geo- 
graphen, wofür wir eine ältere Form Yraq (vgl. die 'Aptixa'. 
des Ptolem.) substituieren dürfen, trotzdem auch an türk. yailaq 
,Sommerweideplatz' gedacht werden kann. Durch die ein- 
gewanderten Yatya und Tukhära wurden die iranischen 'Apiaxai 
von den A'>faatot und *05u5paYx,a'. verdrängt und nach Norden 
geschoben. Unter die iranischen Stämme Sogdiana's gehören 
vielleicht auch die ^aßa^tst, welche Ptolemaeus sammt MapoiuxvBa 
und dem Flusse AapYapiavK; an den Paropanisos versetzt hat; 
die arabischen Geographen erwähnen in Osrü&nah eine grosse 
Stadt Säbädh oder Säbäth östlich von Zämin. — Nach diesen 
ethnologischen Bemerkungen können wir auch die wenigen 
Localitäten, von denen die Schriftsteller über Alexander melden, 
erörtern. Nachdem Alexander Marakanda eingenommen und 
daselbst eine massige Besatzung zurückgelassen hatte, zog er 
nordwärts; auf einem benachbarten steilen Berge (5po? '^9^/y 
TÄTOv xal ^avTY) «1:3101X07, Arr. III 30, 10), entweder dem saniar- 
kandischen Cupän-ätä-täpä (vgl. Plutarch. de Alex, virtute 
1, 2 u. 2, 9 zpb; Mapaxavcoi;) oder dem Khodym-tagh auf der 
Passage von Süzän-ghirän, hatten sich gegen 30.000 Sogdianer 
gesammelt, um ihm den Durchgang zu verwehren. Hier er- 
hielt Alexander einen Pfeilschuss in's Schienbein, aber die 
Sogdianer wurden geworfen und nur 8000 überlebten die 
Niederlage. Nun ging es durch die Steppe bis an das Ufer des 
Jaxartes; die Entfernung von Marakanda wird zu 1500 Stadien 
(= 37 ^/.2 geographische Meilen oder über 278 Kilometer) an- 
gegeben. In dieser nordischen Gegend gab es sieben feste 
Plätze, welche Sogdiana vor den jenseit des Jaxartes noma- 
disierenden Saken schützten. Alexander liess in diesen Plätzen 
Besatzungen zurück und fasste den Plan an dem Ufer des 
Jaxartes eine mächtige Schutzwehr gegen die nordischen Bar- 
baren zu gründen, welche seinen Namen tragen sollte. Da 
brach auf einmal in ganz Sogdiana ein Volksaufstand los, dem 
sich sofort auch die sieben Vesten von Osrü&nah anschlössen. 



CentnlMiatifche Btndien. I. 121 

Alexander überliess die Belagerung des wichtigsten Platzes, 
RupdroXe^ oder KOpa, wo sich 15.000 streitbare Sogdiaoer an- 
geBammelt hatten, seinem Feldherrn Krateros; er selbst warf 
sich mit rasender Energie zunächst auf Vd^oL (Arr. IV 2), 
welches allsogleich fiel, nahm noch an demselben Tage drei 
andere Plätze ein, zog hierauf vor Mat^Aoxa und rächte die 
Niedermetzlung der makedonischen Besatzung mit der gänz- 
lichen Zerstörung dieser starken Position (Curt. VII 27: 
Maemaceki, valida gens. Alexander urbem Corona circumdedit, 
munitiorem quam ut primo impetu capi posset . . . non alia 
urbs fortius obsidionem tulit . . . cuniculo suffossa moenia . . . 
Victor urbem dirui iussit). Nach Einnahme dieser ringsum 
gelegenen Vesten konnte die Belagerung von Eyra um so 
ernstlicher betrieben werden; Alexander drang durch das 
ausgetrocknete Flussbett (zo':oi\Loq 5ia vfi<; xoXsa); yji[Ldppo\}q wv 
hip^ziaiy Arr. IV 3) in die Stadt und drängte die Rebellen in 
hitzigem Strassengefecht, wobei er im Nacken verwundet wurde, 
in die Burg (ig oxpa); aber auch diese musste wegen Wasser- 
noth capitulieren, und Kyra wurde der gänzlichen Zerstörung 
anheim gegeben. Nachdem auch noch Marakanda wieder be- 
wältigt worden war, konnte der Eroberer, wenn auch nur in 
Hast, die geplante Gründung von 'AXs^avSpeta durchführen; 
um die Macht der makedonischen Waffen den Völkern der 
äussersten Nordgrenze des Reiches fühlbar zu machen, setzte 
er sogar über den Jaxartes, auf welchen Strom der Name 
Tana'is übertragen wurde, und unternahm in einer Strecke von 
60 Stadien in dem unbekannten Lande der Massageten, welche 
man für die Abier des Homeros hielt, eine abenteuerliche 
erfolglose Recognoscierung. Es ist nicht möglich, die genannten 
Positionen auf der heutigen Karte mit voller Sicherheit zu 
bestimmen; Vermuthungen sind jedoch nicht ausgeschlossen. 
Und so dürfen wir annehmen, dass KupcTroXi^ oder Kupa mit 
dem Vororte der Landschaft OSrüsnah, dem heutigen Ura-tübä, 
in dessen Bereich gegen den Sir hin noch jetzt ein Kurghan 
den Namen Eür-kend führt, ferner faCa mit Dlzak (öizakh), 
die unbenannte benachbarte Veste, ':eiyoq ^pijtvcv t5 atX oux u^jXöv 
lArr. IV 2) mit Zamln (baktr. zemaßna zemaönya '^n^Vvc<;, slav. 
zemlini), die drei folgenden Plätze mit Säbät Suwa-kath und 
Khawast,' M«'[jia-Aa mit einer südlich von Ura-tübä im Gebirge 



122 Tomaschek. 

gelegenen festen Position, etwa mit Dakh-kath oder mit 
Ma§ikhay endlich 'AXe^avBpsu mit Khogenda zu identificieren sei. 
Hier noeli die Bemerkung über KupouwoXi;. Neuere Forscher, 
welche in dem 'Apa;r<(; des Herodotos durchaus nur den Oxos 
(Amii) erkannt und die Massageten nur nach Chorasmien ver- 
legt wissen wollen, wie Roesler (Aralseefrage S. 8 ff. 82 ff.), 
vergessen ganz auf die Nachrichten der Alten, wonach Kyros 
alles Land bis zum mittleren Jaxartes besessen und als Denk- 
mal seiner sieghaften Thätigkeit gegen die nordischen Barbaren 
in der Nähe des Araxes oder Orxantes oder Jaxartes (etwa 
baktr. Yamkhsanta ? oder Vara khSaeta , leuchtendes Wasser- 
becken^ ?) die starke Veste Kupa oder Kupo67:o>vt^ angelegt haben 
soll; vgl. Strabo XI p. 517: Tic Köpa, sc/aTOv ov Kupoj xTiajJia 
£-1 TO) laJapTYj i:OTa|Jwo y.£{(j.£vcv, czsp ^v cpicv t^; lUpffcov ap/i^;; 
Arr. IV 8: Kupou-oXic, TSTiiyt^iJir/Y) t£ '^v O'JflrjXoTepw tsixci *i|Xep a'. 
a>xAai 7c6A£t^, ola 87) uTcb Kupou oixiaOcIora. Ueberhaupt wurde der 
Jaxartes als die äusscrste Grenze aller alten Eroberungszüge 
angesehen, vgl. Plin. VI § 49 : arae ab Hercule et Libero Patre 
constitutae, item Samiramide et Cyro atque Alexandre, finis 
omnium eorum ductus, includente flumine Jaxarte. Vielleicht 
gab es noch eine zweite Gründung des Kyros und zwar am 
oberen Jaxartes, die durch ihre weitere Entfernung der Zer- 
störung durch Alexander entgieng ; wenigstens kennt Ptolemaeus 
einen Ort Kupe^r/^ata, dessen Lage er so genau situiert, dass wir 
darin die Position des heutigen Usgent oder Uz-qand erkennen 
müssen; ,hier vereinigen sich die Jaxartesquellen' heisst es 
bei Ptolemaeus wie bei den Arabern. Auch die Massageten 
werden wir in das Jaxartesgebiet versetzen, uns aber gleich- 
wohl hüten, eine genauere Kenntniss des unteren Jaxartes oder 
gar des Aralsees bei den alten Persern wie bei den Griechen 
(vor Ptolemaeus) vorauszusetzen ; was Herodot über den Araxes 
berichtet, vage und phantastische Anschauungen, ist Wiederhall 
orientalischer Sagen und Vorstellungen ; aber der Jaxartes liegt 
denselben zu Grunde. Nach Alexander soll auch Demodamas 
(,Seleuci et Antiochi regum dux' Plin. 1. c.) den Strom über- 
schritten haben ; uns fehlen aber Nachrichten über diese Expe- 
dition. Bei Ptolemaeus finden sich richtige Angaben über den 
Jaxartes so wie über Völkerschaften jenseit des Stromes, die 
— wie wir zu beweisen gedenken — auf glaubwürdigen 



CentnlasiatiBChe Studien. I. 123 

Orig^nalnachrichten beruhen; aus guter Quelle stammt auch 
die Notiz bei Plin. XXX § 74: in Bactris duo lacus vasti, 
alter ad Scythas versus, alter ad ArioS; sale exaestuant; da 
Baktra hier, wie öfter, das baktrianische Reich in seiner 
grössten Ausdehnung bezeichnen kann, so dürfen wir in dem 
gegen die ,Skythen' gelegenen See das schmale, aber sehr 
langgestreckte Salzbecken von Tiiz-khanah nordwestlich von 
tiizakh erblicken. So weit die Nachrichten der griechisch- 
römiBchen Schriftsteller über OSrüsnah. 

Viel reichhaltiger an topographischen Daten sind die 
arabischen. Geographen. Yäqüt gibt folgenden Ueberblick s. v. 
&x4M^%dMl: ,0§rüsene, eine grosse Landschaft in Transoxanien, 
nach Moqaddasi zu Haital gehörig, zwischen dem Saif^ün und 
Samarqand, 26 Farsang von letzterem. I§takhri sagt, es gebe 
keinen Ort und keine Stadt dieses Namens, derselbe gelte nur 
für die Landschaft; gegen Süden ist selbe mit Gebirgen an« 
gefüllt, an welche sich dann die Gebiete von Ke§§, l^aghäniyftn, 
iSümän, Buttam und Radt anschliesseu, während Farghäna im 
Osten liegt. Die grösste Stadt ist Bulsän; andere Orte sind 
Bungikat, Säbä(, Zämin, Dlzak, Kharqäna^ Daneben heisst 
es wieder: ,die grösste Stadt und der Sitz des Wäll ist 
Bungikat, die nächste hierauf Zämln^ Unter diesem Artikel 
i\J^^)) bemerkt Yäqüt : ,Zämin, eine volkreiche Stadt, welche 
auch den Namen Sabadha sJu^m^ führt; in ihrem Rücken be- 
ginnen die Berge von OSrüsena, gegen Westen sind Steppen 
und Ebenen^ Man erinnere sich an die I^aßaBtoi des Ptolemacus, 
über deren Sitz wir oben eine Verniuthung ausgesprochen 
haben. Der Vorort von Osrüsene heisst bei Idrisl Bümange- 
kath (o X s\x>^), bei dem Verfasser des Mesalek al-absar gar 
Nauba-kath (o^^a ^, o) ; vielleicht ist eine Verwechslung mit 
Bangl-kath, d. i. Pang-kand am Soghdfluss, im Spiel; jeden- 
falls ist das obige Bulsän, so wie das bei al-BaqüwI vor- 
kommende Sebll, räthselhaft; auch mit Ye-öa der sinischen 
Berichte wissen wir nichts anzufangen. Der Hauptort von 
Osrüsene lag sicherlich im Centrum der Landschaft, wie sich 
aus den Itinerarien ergibt, und ist das heutige Ura-tübä, wie 
Bäber (I p. 16) bemerkt: ,le nom de Ura-tipa s'öcrit origi- 
nairement Usrüsana et Usrügana'. Die Araber zählen von 
Dizak {^yiO) über Qifrän-darra (5j4> (jl Jaj) oder auch über 



124 Tomasehek. 

Kharqäna (&iÜ^) nach Zämin (^j^a^U) 9 Farsangen; von da 
nach Säbät (ieULw) 4 Farsangen; von da über Ur-kand und 
Süwa-kath (oder 8äwa-kath) nach Khogenda zwei Tage oder 
10 Farsangen. Von Säbät nach der Hauptstadt von Ofirüsene 
3 (Variente 9) Farsangen ; von da über Kür-kath (ov5^^ Var. 
\lSöS) und ^Araq (osx) nach Khogenda 7 Farsangen. Von 
der Hauptstadt nach Asbäni-kath (öJCa^LajimI) oder dem heutigen 
Asfänah an der Grenze von Farghäna 9 Farsangen. Von Zämln 
führt ein Weg nach Taskand über Yftm und KhäSt (väa^ää.; Var. 
Khawast; Khawüs, Khäs etc.). Ausserdem werden genannt 
Marsminda (sJuLm«'«^), Dah-kath (v^aXcJ), Bfig-kath (vaJkj>.o) 
und andere Orte mit zweifelhaften Lesarten. Von Belang ist 
nur noch das Itinerar Mir-rzzel-Ullah's, worin folgende Orte 
vorkommen zwischen Khogend und Dizak: Aq-tipa (auuCSf), 
Aq-sü (^-»*fcSl) ,derni6re Station du territoire de Khokand', Qür- 
kant (sa^ÄS^y») jvillage entoure d'un mur de pierre et de terre 
qui forme un carre; c'est le dernier endroit du territoire 
d'Ura-tipa', Ura-tippah (&jük^l) ,8 heures de Qur-kant, cite 
entre deux hautes coHines, le long desquelles les maisons 
s'ötendent; eile est d^fendue par un mur', Urä-kant (sä^ii^lj^), 
Sawät («yU^) ,grand village avec un fort en terre', Yam (*L>) 
,grand village avec un mur en terre', Quduq ((^'«W), Dizakh 
(-^S4>). In Qur-kant, dem Kür-kath der arabischen Geographen, 
könnte man eine Spur des uralten KOpa erblicken ; doch ziehen 
wir die Gleichstellung mit Ura-tippah vor; auch lässt sich der 
Name Kür-kath recht gut aus dem Türkischen deuten, von 
qür sJü ,ceinture, aime, garde, defense' (indogerm. vära). 
Ueber die uralte Metropole von OSrüöene oder das heutige 
Ura-täpä (tübä, tippah) veröffentlichte zuerst Generalmajor Gens 
(Beiträge z. Kenntniss d. Russ. Reiches, IL Bd. 1839 S. 73 ff.) 
einige Daten : ,Der Berg Ura-täpä (also die iV-pa von Kupo,koXi;) 
ist nur ein paar hundert Fuss hoch und trägt eine, Citadelle; 
die Stadt selbst liegt am Fusse des Berges und ist mit einer 
Mauer umgeben ; zwischen der Stadt und der Citadelle befindet 
sich der Bazar, den ein auf dem Berge entspringender Bach 
durchfliesst; ein anderer Bach, der diesen in sich aufnimmt, 
(also der Tcoxaixbi; ysiixippou; öv von KupcOzoXi;), strömt durch die 
Stadt und versorgt sie hinreichend mit Süsswasser. Die Häuser 
sind aus Lehm erbaut'. ,30 Werst von Ura-täpä gegen Khogand 



CentnUsifttiscbe Stadien. I. 125 

befindet sich ein bucharischer Wachtposten, an eiDem Bache, 
der sich in den Syr-darya ergiesst', offenbar das obige Qürkand. 
— Für die Topographie der Landschaft bieten noch die Me- 
moiren Bäbr's einige Ergänzungen. Erwähnt sind darin (I p. 37) 
Aq-sü gegen den Cir (Syr-darya) hin, im Territorium von 
üratipa die Flüsse Bürdan-sui und Amäni-sm (I p. 214), 
welche aus den Bergen von Ma^ikha'i kommen und die Ebene 
von Yalghär bewässern; ferner Dah-kat oder Dakh-kat (I p. 208 
suiv.), ,run des districts d'Uratipa, situe dans le Maliq-tagh; 
il se trouve au pied d'une haute montagne ; de Tautre c6t6 de 
cette montagne Bietend le gouvernement de Masikhai, dont les 
habitants, quoique tagik, poss^dent des troupeaux de chevaux 
et de moutons, comme les tribus turquctf; Dah-kat est situäe 
sur un terrain bas et uni^; und am Oberlauf des Bürdan-sui 
der Weiler Äb-bürdan (p. 214), ,le village le plus bas situe de 
la d^pendance de Masikhai^ Südlich und westlich von Uratipa 
sind viele yailaq's (p. 130), z. B, Böreke-ya'iiaqi (p. 168) auf 
dem Wege nach Sang-zär, dem Vororte des Districtes Yär- 
yailaq (p. 120), und Aq-kapcighai (p. 26) ,ä 18 igag k Test 
de Samarkand^ Sehr häufig ist bei ihm und den persischen 
Chronisten die Rede von Zämin, von Yäm (oder öam) und dem 
Flusse von Yäm, von Dizäk und den Passagen von Biti-quduq 
und Suzän-ghirän. Von Zämin führte nach Süden ein Weg 
nach dem District Yär-yailaq über Pesä-ghyr (Bäbr I p. 127, 
129, 208). Und somit scheiden wir von dem uralten Gebiet 
der Oxydranker und deren Metropole Suthrisana, um mit 
Hiuan-Thsang nach dem hochberühmten Kaftha, nach Samar- 
kand, zu pilgern. 



,Le royaume de Sa-mo-kibn (j^ jjgjj ^)S sagt der sinische 
Wanderer, welcher die Stadt in ftinf Tagereisen oder nach 
Zurücklegung von 500 Li erreichte, ,a une circonförence de 
seize ä dix-sept cents li. II est allongä de Test a Touest, et 
resserrä du sud au nord. La capitale a environ vingt li de 
tour. II est protögä par des obstacles naturels et poss^de une 
nombreuse population. Les marchandises les plus pr^cieuses de 
pays itrangers se trouvent r^unies en quantite dans ce royaume. 
Le sol est gras et fei*tile, et donne d'abondantes moissons. Les 



126 Touaschek. 

arbres des for&ts offrent unc magiiiüque v^g^tation, et les fleurs 
et les fruits viennent en abondance. Ce pays fournit beaucoup 
d'excellents chevaux. Les habitants se distinguent de ceux des 
autres pays par une grande habilete dans les arts et m^tiers. 
Le climat est doux et temp^r^, les mcBurs respirent Tenergie 
et la bravoure. Ce royaume occupe le centre des pays barbares. 
Pour tont ce qui regarde la conduite morale et les rfegles de 
la biens^ance, les peaples voisins et ^loign6s se mod^lent sur 
lui. Le roi est plein de courage, et les royaumes voisins obäissent 
k ses ordres. II a une forte arm^e et une nombreuse cavalerie. 
La plupart de ses soldats sont de la i*ace des Cb-kie. Les 
Öe-kie sont d'un naturel brave et imp^tueux, et affrontent la 
mort avec joie; quand ils combattent, nul ennemi ne saurait 
tenir devant eux^ Zur Ergänzung der allerdings kurzen 
Schilderung Hiuau - Thsang's mögen einige Notizen dienen, 
welche Ma-tuan-lin in seiner ^umfassenden Prüfung der alten 
Litteratur' (uen hian thung khao) älteren Schriftwerken aus den 
Zeiten der Dynastien Han, Tsin, Wei, Sui und Thang entnommen 
hat (Abel-R^musat, Nouv. m^l. asiat. I p. 225—239). ,Ce 
royaume peut 6tre appele puissant; beaucoup d'etats sont soumis 
ä celui-lk. Les habitants ont tous les yeux enfonc^s, le nez 
proeminent et une barbe touifue. Ils excellent dans rexercice 
du negoce; beaucoup de barbares se rendent chez eux pour 
echanger des chevaux. On voit dans ce pays de grands et de 
petits tambours, des guitares, des luths k cinq cordes^ des flütes 
de plusieurs espfeces.' ,Le climat est doux et tempore, il convient 
aux diverses sortes de grains; on donne beaucoup de soins k 
Tentretien des jardins^ oü l'on cultive des l^gumes, des arbres, 
des fleurs odoriferautes. Le pays produit des chevaux, des 
chameaux, des muletS; des bo^ufs k bosse, de l'or, du sei 
ammoniaque, des pignons doux, du asana, sorte de parfum, du 
phi-pha, de la peau de cerf, des tapis, des ctoffes de laine brodees, 
beaucoup de vin de raisin; les maisons riches en conservent 
quelquefois jusqu'a mille §i, et il ne se gäte pas dans Tespare 
de plusieurs annees. II y a dans ce royaume trente grandes 
villes et deux cents hameaux.^ Fruchtbarkeit des Bodens und 
Reichthum der Producte wissen schon die griechischen Schrift- 
steller zu rühmen; voll des Preises sind aber die arabischen 
Geographen, wenn sie auf $oghd zu reden kommen; das $oghd- 



Centtuluifttiaohe Stadien. I. 127 

thal gilt den Orientalen fiir eines der vier irdischen Paradiese, 
wie das Thal von Biwän in FarS; von Ghawtah bei Damask, 
UDd das Flussgebiet von Obullah. Gewöhnlich ist von zwei 
$oghd die Rede, nämlich $oghd von Samarqand, und Soghd 
vonBukhärä (HäzimI, bei Yäqüt); das erstere heisst im Munde 
der Perser auch $oghd-i-kaIän, ^das grosse l^oghd^ Moqaddasi 
rechnet es zu Haital und sagt: ,$oghd ist ein prachtvoller 
District mit der Hauptstadt Samarqand. Es sind zusammen- 
hängende Dörfer, umgeben von Bäumen und Gärten, von 
Samarqand bis nahe an Bukhärä; man sieht kein Dorf, ehe 
man hineinkommt, wegen der Bäume in und um dasselbe; es 
ist das schönste Land auf Gottes Erden^ reich an Bäumen und 
voll von Flüssen, von Vogelgesang durchtönt^ Aehnlich drückt 
sich I^tanhri aus: ^^oghd erstreckt sich von der Grenze Bukhärä's, 
rechts und links entlang dem Wadi von $oghd bis zur Grenze 
von Buttam, ununterbrochen, in einer I^änge von acht Tage- 
reisen. Es ist voll von Wiesen, Gärten und Feldern, überall 
sind Wasseradern und Brunnen. Das Grüne der Bäume und 
der Saaten verbreitet sich an beiden Ufern des Thaies, um- 
geben wird es von bebauten Feldern; hinter diesen sind wiederum 
Weideplätze für die Kamele. Ganz $oghd erscheint wie ein 
Kleid von grünem Brocat, in das blaue Adern fliessenden 
Wassers eingestickt sind, geziert mit dem Weissen der Bulben 
und Wohnhäuser*. In dichterischer Weise vergleicht GaihänT 
in seinem Buche Mutagäwabe $oghd von Samarqand mit der 
Gestalt eines Menschen. ,Sein Haupt ist Bungikat, seine Füsse 
Kaiänija, sein Rücken Wadhär, sein Unterleib Kabüdangkat, 
seine Hände Mäyamurgh und Buzmägar. Seine Breite beträgt 
36, seine Länge 46 Parasangen' (Yäqüt s. öJuc). Wir fügen 
hier die begeisterte Schilderung eines Reisenden an, welcher 
das mittlere Zaraf§anthal in jüngster Zeit besucht und be- 
schrieben hat (Radioff, Zeitschr. d. Ges. f. Erdk. zu Berlin, 
1871,8.401—439,497—526): ,Das ganze ZarafSanthal, soweit 
es mit einem Netze von Canälen bedeckt ist, bildet eine un- 
unterbrochene Reihe von Ansiedlungen. Wenn man auf der 
Höhe der Grenzgebirge entlang reitet, so sieht man in der 
Niederung einen dunkeln Wald sich hinziehen, der sich scharf 
gegen die hell erleuchtete Steppe abgi-enzt: dies ist das mit 
Ansiedlungen bedeckte Thal des ZarafSan. Hier grenzt Acker 



128 Tomasckek. 

an Acker, Garten an Garten, ohne die geringste Unterbrechung, 
jedes Fleckchen Land ist bearbeitet. Wenn man von der kahlen 
Höhe zu dem Thale hinabreitet, glaubt man sich aus der Wüste 
in ein Paradies versetzt zu sehen. Herrliche Wiesen, mit dem 
grünen Bädäkraute besäet, prangen im schönsten Grün des 
Frühlings, zwischen ihnen sind üppige Felder mit Tabak, 
türkischem Weizen, Arbusen, Melonen. Die Felder sind alle 
in regelmässige Vierecke abgotheilt. Sprudelnde Bäche fliessen 
rauschend zwischen ihnen dahin, deren Ufer meist dichte Baum- 
reihen begleiten. Zwischen diesen Feldern liegen die Gärten, 
über deren niedrige Lehmmauern ein dichter Wald von Bäumen 
emporragt. Hier recken hohe Pappeln mit silbergrauen ge- 
zähnten Blättern ihre schlanken Stämme hoch in die Luft 
zwischen den mächtigen dunklen Karagaö - Bäumen mit den 
runden ballonförmigcn Kronen. Dort erscheinen saftgrüne BVucht- 
bäume, die ihre von Aepfeln, Pfirsichen, Aprikosen u. s. w. be- 
ladenen Aeste herabhängen lassen. Hier sehen wir von Wasser 
bedeckte gelbgrüne Reisfelder^ dort Baumwollpflanzungen. Das 
Auge kann sich gar nicht satt sehen an all der Pracht, die in 
buntem Durcheinander uns umgibt. Wir glauben zu träumen. 
Eben befanden wir uns noch in der öden Steppe, die Sonne 
brannte mit sengender Gluth auf uns herab, uns umgab die 
endlose graugelbe Steppe, Menschen und Thiere waren erschlafft 
in der todten menschen- und thierlosen Umgebung. Jetzt ruhen 
wir im Schatten der mächtigen Bäume, umgeben von herrlichen 
Bildern einer mannigfach gruppirten Landschaft. Ein munteres 
Treiben herrscht um uns her, überall sehen wir Arbeiter auf 
den Feldern, die ihrem Tagewerke nachgehen; die Hitze, wenn 
auch noch bedeutend, erscheint uns hier Kühlung gegen die 
sengende Gluth der Steppe. Und all diese Pracht und Herrlich- 
keit dankt der Mensch allein dem Wasser, das in Silberadern 
die Steppen durchrinnt und sie zu einem Paradiese umschafft. 
Nirgends auf der Erde sieht man die wohlthuende Wirkung 
des Wassers so deutlich wie hier*. So beschaffen ist ^ugl^^^l^^? 
das , reine, hellglänzende' Gebiet, auf welchem die Iranier sich 
zuerst aus der nomadisch-patriarchalischen Lebensweise zu einer 
höheren Cultur emporgearbeitet haben; wo der Lichtglaube zu 
seiner ersten Blüthe gedieh; wo der nationale Geist der Iranier 
am regsten sich entfaltete, am kräftigsten sich zu vertheidigen 



CentrftlMiatiscbe Stadien. I. * 129 

wusste; wo noch immer der FleiBs der Tägikbevölkerung dem 
Lehmboden durch künetliche Bewässerung Schritt auf Schritt 
die schönsten Früchte abringt. Fürwahr, das Ufergelände des 
, verehrungswürdigen (namaqya)^ des ,gesetzlichen (däitya)' 
Stromes^ welcher tausende von Canälen mit Wasser speist und 
dadurch den fleissigen Anwohnern grasreiche Wiesen, pracht- 
volle Felder, herrliche Gärten hervorzaubert, heisst mit Recht 
ein Paradies der Erde, und ist ein schönes Denkmal des iranischen 
Fleisses, eine bleibende Stätte menschlicher Thätigkeit! 

Allerdings, das Ueberwiegen der indolenten türkischen 
Nomadenbevölkerung, so wie die Unsicherheit der politischen 
Zustände bis in die Zeit der russischen Invasion, hat auch hier 
Vieles umgestaltet, manche herrliche Culturbiüthe zum Welken 
gebracht, manche Oase in ödes Gebiet verwandelt. Am stärksten 
bat die Ungunst der Zeiten die Metropole selbst betroffen; das 
alte Marakanda oder Samarqand ist schon lange nicht mehr 
das was es einst gewesen unter den Makedonen sowohl wie unter 
den Haital's, unter den Sämäniden wie unter Timür. Die zahl- 
reichen Ruinen alter grosser Gebäude und die Verödung der 
Vororte sind sprechende Zeugen des allmäligen Sinkens der 
Stadt, und erwecken in dem Besucher trübe Gedanken. Indem 
wir die Schilderung der alten Prachtbauten, der Medressen und 
Grabdenkmäler, den Reisenden, welche Samarkand aus eigener 
Anschauung kennen gelernt haben (wie Khanikoff, Lehmann, 
Vämbery, Radioff u. a.), überlassen, beschränken wir uns auf 
die Darlegung der allerdings spärlichen Zeugnisse über die 
Metropole aus dem höheren Alterthum. — Ueber Umfang und 
Grösse derselben zur Zeit Alexander's haben wir eine einzige 
kurze Notiz bei Curtius (VII 26, 10); als nämlich Bessus be- 
seitigt worden war und Alexander zum ersten Male Sogdiana 
betreten hatte, marschierte er direct,ad urbem Maracanda; LXX 
stadia murus urbis amplectitur; arx alio cingitur muro^ Curtius 
bezeugt hiemit das Vorhandensein der Citadelle (arx, i^ axpa 
Arr. IV 3, 6; 5, 2, pers. 'arq) und unterscheidet von der Burg- 
mauer die äussere Stadtmauer; die Länge der letzteren betrug 
70 Stadien {J^^li Stunden) oder etwas über 3 Parasangen. 
Hiuan-Thsang gibt nur 20 Li oder 1 Parasange an; wenn er 
die äussere Umfassung gemeint hat und wenn die Stadt, wie 
doch vorauszusetzen, unter den Fürsten der Kuei-Suang und 

SitsQQgiber. d. pbü.-hist. Gl. LXXXVn. Bd. I. Hft. 9 



130* Toni»8ch0k. 

Ye-ta nicht an Umfang eingebüsst hat, so dürften 60 Li richtiger 
sein. Ungemein an Umfang und Blüthe gewann die Stadt zur 
Zeit der Sämäniden; die arabischen Geographen unterscheiden 
gleichfalls eine innere und äussere Stadt; ,die innere Stadt hat 
vier Thore, und ihre Area beträgt 2500 gerib ; die äussere Stadt 
hat zwölf Thore, eines von dem andern ist je 1 Parasange 
entfernt, so dass der Umfang der Mauer 12 Parasangen be- 
trägt; die Stadttheile liegen auf beiden Seiten des $oghd- 
thales^ Eine classische Beschreibung Samarkand's und seiner 
nächsten Umgebung bietet Bäber in seinen Memoiren (p. Pavet 
de Courteille, Paris 1871, I p. 96 — 105); wir entnehmen 
derselben folgende Einzelnheiten. Die Stadt, deren Umfang 
10.600 Schritte beträgt (d. i. mehr als 2'/.2 arab. Meilen oder 
fast 1 Parasange, wie bei Hiuan-Thsang), liegt südlich von 
dem äb-I-Kühik und dem Hügel Kühik (j. Cupän-ätä), west- 
lich von dem Bach äb-i-rahmet (,eau de la merci'), welcher die 
Wiesengründe von Khan-yurti und Kän-i-gül bewässert, und 
nördlich von dem Fluss oder Canal Dargham, der bei Külbeh 
in den Kühikfiuss einmündet. Ucber den Kühikfluss fiihrt die 
Brücke pül-i-mughäk (,le pont profond*). Reizende Gärten um- 
geben die Stadt; ausser dem bägh-i-bihist (,jardin du paradis') 
und dem bagh-i-semäl (Jardin du Nord^) und dem nordöstlichen 
oder ,Türkisthor^ unmittelbar anliegenden Garten budeneh- 
kurughi (,parc aux cailles^), an welchen sich weiterhin die 
Anlagen Nak§-i-gihän (,le tabicau du monde*) und bägh-I-dilkuSä 
(,le jardin qui ouvre le coeur*) anschli essen , sind weiter be- 
merkenswcrth der bägh-boldi (,lo jardin parfait*) und der bägh- 
I-öinär (jardin des platanes^), ferner der an dem Südwestabhang 
des Kühikberges und in der Nähe des astronomischen Obser- 
vatoriums gelegene bägh-I-maidän, worin Ulugh-begh*s wunder- 
voll construirter Palast öihil-sutün (,le8 quarantes colonnes*) 
und der berühmte Porcelainpavillon sich befinden, endlich der 
schönste der Gärten, der von Dcrwis Mohammed Tarkhan im 
Nordwesten der Stadt angelegte ^'ehär-bägh. In noch weiterem 
Umkreis umschlicssen die Stadt gras- und wasserreiche, mit 
Ansiedlungen belebte Wiesengründe und Ebenen, so gleich im 
Anschluss an den letztgenannten Garten die Prairie göKl-mughäk 
(,de r^tang profond*), die Prairie von Külbeh an dem Kühik- 
fluss, und im Osten die an dem Kahmetbache sich dehnende 



Ceatralasiatiscke Stadien. I. 131 

Ebene K&n-I-gül (^mine des roses') und die Wiese von Khan- 
yurti (,1a demeure du khan^). In der Nähe des südöstlichen 
oder ,eisernen* Thores befindet sich die Grabstätte des Glaubens- 
boten Qäsim ben-Abbas, mazär-I-Säb (^le monument fun^raire 
du roi^. Südlich von der Stadt beginnt das Gebirge Aghallyk- 
tagh, an dessen Fuss ein Weg nach Westen (gegen Eattah- 
qürghän) führt. — Arrianos sagt von Marakanda (III 30, 6): 
ti M i(m ßac^Xsia t^c 2oY3ioevwv yjiipoLq. Er kennt aber noch einen 
zweiten Herrschersitz dort, wo Ptolemaeus Tp{ßaxTpa anftihrt 
(d. i, entweder Baikand oder Bokhärä), und spricht im All- 
gemeinen von mehreren epOfjLata twv SofStavöv im Bereich des 
Polytimetos (IV 15, 7; 16, 3); es ist nicht unmöglich, dass der 
Sitz der Herrschaft zu verschiedenen Zeiten gewechselt hat. 
Die Annalen der Han geben als Residenz von Khang-kiü an 
die Stadt Pi-thian im Bezirke Lo-yuei-ni; die Annalen der 
Sui den Ort A-lu-ti an dem Flusse Sa-pao — Localitäten, die 
sich jetzt nicht mehr bestimmen lassen. Das Awesta nennt 
Gäu oder Gava die Wohnung von Sughdha; wir werden weiter 
unten nachzuweisen versuchen, dass darunter die Capitale des 
Reiches Hoa oder KüSäni-kath, das spätere Ribat-i-^oghd oder 
das heutige Kattah-qurghän , verstanden werden müsse oder 
dürfe. Auch sonst finden wir ausser Samarqand den Ort 
AStikhan, ausser Bokhärä den Ort Baikand als Residenz an- 
geführt. 

Von den classischen Autoren wird Marakanda höchst selten 
erwähnt; Ptolemaeus verlegt es in merkwürdiger Confusion nach 
Baktriana an den Nordabhang des Paropanisos; Plinius führt 
es an richtiger Stelle an, doch ist die Leseart der Handschriften 
verstümmelt: denn (VI § 49) statt oppiduin Panda muss es offen- 
bar heissen oppidum [MaraJcANOA. Es fallt somit Wilson's 
(Asiat. Research. XV p. 12, 95) und Lassen's (Ind. Alterth. 
2. A. I p. 800) Anknüpfung der indischen Pändava's an Sogdiana 
in Nichts zusammen. Nach den übereinstimmenden Sagen der 
Orientalen soll die Stadt al-Iskandar erbaut haben, — er, welcher 
den geschichtlichen Zeugnissen zufolge Sogdiana gräulich ver- 
wüstet, Marakanda mehrinal eingenommen und nach Strabo 
(XI p. 517) sogar der Zerstörung preisgegeben hat. Wenn die 
Stadt und das Land die alte Blüthc wieder erreicht hat, so 
geschah dies erst nach Bewältigung der Aufstände mit Hilfe 

9* 



132 Tomasebek. 

der Colonien, welche der Eroberer aus allen Theilen seines 
Reiches; sogar aus Hellas^ hieher gezogen hatte; er soll ev tc 
TYj Bay-TpiavY) y,al tt; Xo^BtavY) 6y.T(i) izokei^ nach Strabo XI p. 517, 
duodecim urbes nach Trogus Pompeius gegründet haben; von 
Städtegründungen ev vr, Xo^Siavi) spricht auch Arrian IV 16, 3. 
Als Alexander in Indien war, wollten 3000 Griechen, welche 
wider ihren Willen hieher verschleppt worden waren, ihre Heimat 
wiedergewinnen und giengen bei diesem Versuche elend zu 
Grunde (Diod. XVII 99, 5: oi xaia tyjv BaxTpiav7)v xal 2oY5iavt;v 
xaToix'.GrOevTS? "EXXtivfi^ ix tuoXXoü [jlsv tov ev Tot«; ßapßapoi? xaToex{qi.bv 
/aXe^w; fdpovie«; etc.). Marakanda erholte sich erst unter den 
Diadochen, unter welchen Sogdiana einen Adnex der baktrischen 
Provinz bildete; bereits im Jahre 323 bei der Tbeilung des 
Reiches durch Perdikkas wurde dem Philippos, Sohn des Balakros, 
il BaxTptavT) xai Io^^ioly/i verliehen (Diod. XVIII 3, Phot. bibl. 
cod. 82). Diodotos, welcher 255 von den Seleukiden abfiel und 
ein eigenes griechisch-baktrisches Reich begründete, wird von 
Trogus Pompeius ,mllle urbiura Bactrianarum praefectus' ge- 
nannt; darunter sind offenbar auch die Städte Sogdiana's und 
der sakischen Ostlande mit einbegriffen. Die Blüthe dieses 
Reiches dauerte bis 140 v. Chr., zu welcher Zeit ,Bactriani, 
Sogdianorum et Arachotorum et Drangianorum Indorumque bellis 
fatigati^ ad postremum ab invalidioribus Parthis velut exsangues 
oppressi sunt^ Wir dürfen vermuthen, dass speciell in Sogdiana 
das einheimische nationale Element wieder sich erhoben und, 
unterstützt von den stammverwandten Parthern und den nordi- 
schen Nomadenvölkern oder den , Wasser - Saken' (Awaaiflcxai 
Strabo XI p. 513, Polyb. X 48, Steph. Byz., Paesicae, Pestiei, 
Pasicae, Psacae bei den Römern), sich frei zu machen veraucht 
hatte. Die Parther unter Mithradatcs nahmen damals von Baktra 
Besitz, und wieder waren auf kurze Zeit alle iranischen Lande 
bis zu den Indern und den Oxusquellen vereinigt; aber schon 
zehn Jahre später zogen, von den Hunnen gedrängt, inner- 
asiatische Stämme aus dem Ot^ap^ri^-Bassin und vom Lob-naor 
in das Sakengebiet und über den Jaxartes ein, und gründeten 
eigene Herrschaften, welche seither in steter Fehde mit den 
Parthern stehen, die Tukhära in Baktra, die (^akäraukä in Choras- 
mien und Dahistan, die Asya und Yatya in Sogdiana; letztere 
überflutheten in allmäligem Vordringen auch Baktra, das Kabul- 



CentrmiuiatiBcke Studien. I. 133 

thal und die Indusebenen, und gründeten das mächtige indo- 
skythische Reich. — Nichtsdestoweniger war die makedonisch- 
griechische Herrschaft von solcher Dauer gewesen, dass die 
Cttltureindrücke und Einflüsse des hellenischen Lebens sich 
nicht so schnell und nicht spurlos verwischen Hessen. In diese 
Epoche könnnen wir z. B. die Verbreitung des Weinstockes 
und der rationellen Weincultur nach Centralasien setzen; helle- 
nische Ansiedlungen sind mit der Cultur der Rebe, der süssen 
Gabe des Bakchos, unzertrennlich verbunden; seither ward in 
Margiana, und noch weiter nördlich, die Rebe gepflegt, und 
die sinischen Annalen der Handynastie rühmen die po-tao 
Frucht (ßorpu-;) als das herrlichste Erzeugniss der Länder 'An-si, 
Ta-hia und Khang-kiü. Wie wir oben andeuteten, mochte sogar 
die trieterische Festfeier des Dionysos sich mit den iranischen 
Jahresfesten verbunden haben. Alexander soll, den Sagen der 
Parsen zufolge, in Samarkand ein goldgeschmücktes oder mit 
goldenen Lettern geschriebenes Exemplar des Awesta in einem 
ätaS-gäb zu ewigem Andenken niedergelegt haben, es ist wohl 
möglich, dass in dem letzten Jahre seiner Herrschaft sich das 
hellenische Element mit dem einheimischen vollständig ausge- 
söhnt hat und dass namentlich auch die religiösen Ansichten 
der Tränier in klugpolitischer Weise von den späteren Macht- 
habern geschont wurden. 

Wir wollen nun eine Deutung des Namens Marakanda 
versuchen und über die verschiedenen Formen und Synonymen 
desselben handeln. Wir halten die älteste, aus der Zeit 
Alexander's überlieferte Form xa MapaxavSa, trotzdem man an 
baktr. mara skr. smara ,Erinnerung, Ruf oder an baktr. mära 
neupers. mär ,Schlange, Reptil denken könnte, für eine im 
Anlaut verstümmelte, indem wir als ersten Bestandtheil das 
altpers. hamara ,Kampf, eigentlich das Zusammenkommen' hin- 
stellen und zwar in der zufolge der Etymologie nicht unmög- 
lichen Bedeutung , Versammlung' (skr. samaryä. , Festversammlung, 
Panegyris', ähnlich baktr. hangamana, neupers. anguman), weil 
die I^age des Ortes von selbst zu dieser Erklärung drängt; hier, 
wo die Flussadern und Canäle von Sogd zusammentreffen, wo 
die Wege aus Khuräsän nach den turanischen Landen und 
nach Sin einen Vereinigungsknoten bilden, war seit Alters ein 
Sammelpunkt der Stammesgenossen, eine Panegyris der Handels- 



134 Tomascbek. 

leute und Kauflustigen. Eine zweite Deutung wäre übrigens 
ebenfalls statthaft, wenn wir von baktr. hama ,Sommer' armen, 
amarh ausgiengen (vgl. 'Aixapojaa, Ort in Hyrkanien bei Ptolem.) 
und auf die sommerliche Beschaffenheit des sogdianischen Klimas 
hinwiesen; doch macht die Ableitungssylbe -ra, welche im Zead 
mangelt, Schwierigkeit. So viel ist gewiss, dass einerseits die 
Makedonen sich kein Gewissen daraus zu machen brauchten, 
wenn sie ta *A[xapaxav5a in xa MapaxavSa verkürzten, und daas 
anderseits die Sogdianer selbst während der 180jährigen make- 
donischen Herrschaft mit Leichtigkeit sich die hibride, durch 
den griechischen Artikel bceinflusste Form Thamarakanda oder 
Samarakanda aneignen mochten; Koesler (Aralseefrage S. 11 
Anm. 2) denkt sogar an die Formel s; Mapanavoa, um das s 
zu erklären, wobei jedoch der Ausfall des Artikels befremdet 
(vgl. \ Tav itöXtv, stamboli); sogar ein secundärer Einflass 
buddhistischer Sprechweise, wodurch der im Indischen übliche 
s- Anlaut für baktr. h sich festigen mochte, könnte angenommen 
werden. Als Hiuan-Thsang die Stadt besuchte (630 n. Chr.), 
war die Aussprache zweifellos Samarkand (Sa-mo-kian); auch 
als die Araber das Zweistromland betraten, fanden sie den 
Namen JJil^dww (4Xx9 y »dw) in unbestrittener Geltung. Die ein- 
gedrungenen Hunnen, Türken und Mongolen jedoch legten sich 
den Namen ihrem Idiom zurecht; al-Blrünl behauptet (Sprenger, 
Post- und Reiserouten S. 20), im Türkischen sage man Samiz- 
kand öuSL^Mi, d. i. ,Sonnenstadt^ Die Etymologie ist unrichtig, 
weil dem arabischen ((jam>^) entnommen; in allen türkischen 
Dialekten bedeutet yA4^ samiz w^ sämiz v^^^ sämir j. t * *or 
simäz \y4^,'M> \y4^ simuz (jak. ämis, tat. sämis sämäs simis) 
,fett, dick, saftreich^ und verwandt ist mong. simä ,Nahrung8- 
saft, Kraft' (adi. simätäi , saftig, markig, wohlhabend, reichO, 
mandz. simengge ,Fett, VoUsaftigkeit, Ueberschwang, Freude', 
semc^en und semsu ,Fett' etc. Jedenfalls ist die türkische Be- 
nennung für die reiche, an Boden und Fruchtertrag gesegnete 
Metropole von Sogd eine höchst zutreffende. Auch Bäber berichtet 
(I p. 96), die türkischen und mongolischen Stämme gebrauchten 
den Namen Simer-kent. Der sinische General Cang-öhün (a. 1221) 
bezeichnet die Stadt gleichfalls mit Charakteren, denen die Aus- 
sprache Si-mi-sse-kan (Simizqand) zukommt (Journ. asiat. VP ser. 
IX p. 70), ebenso der sinische Bericht über die Thaten Cingis- 



CentrulMiatiBcbe Studien. I. 135 

khan's und Hulagu^s. Auch Gonzalez de Clavijo bedient sich 
der Form Cimesquinte, und im Jahre 1328 wird ein christlicher 
Bischof ;in civitate Semiscantensi^ erwiihnt. Was nun den zweiten 
Bestandtheil betrifft, der sich sonst nirgend bei Ptolemaeus vor- 
findet (denn Scoxav^a in Hyrkanien ist offenbar baktr. ^aokenta 
jbrennend^), so glauben wir nicht zu irren, wenn wir xivSa 
(kand, qand, kent) auf baktr. kanta ,gegraben' (von kan, 
neupers. kandan ,graben^) in der Bedeutung ,Qraben, Canal^ 
oder ,Veste, ein mit Gräben und Mauern versehener Ort' zuiück- 
fähren, wie Uz-qand auf baktr. u9-kanta. Sicherlich ist dieses 
in so vielen Ortsnamen des iranischen Dü-äbe vorkommende 
Element nicht türkischen Ursprungs, wie noch VuUers (Lex. 
Pers. 2, 894), freilich auf Grund arabischer und persischer 
Notizen, anzunehmen geneigt ist; denn in allen diesen Orts- 
namen bietet die echte türkische Form statt -kand das Apellativ- 
Clement -kat, -kath, was im Türkischen ,Haus, Heim, Zelt' 
bedeutet. 

Als zweite Bezeichnung für Samarkand und das Reich 
Sogd kommt in Betracht der in den sinischen Annalen der 
Dynastien We'i, Su'i und Thang vorkommende Name Khang. 
Schon die Annalen der Handynastie kennen ein grosses Reich 
des Westens, das sich zwischen den U-sün oder den Qazaq- 
Türken und den Yuei-si bis nach Ta-wan und Ta-hia erstreckte, 
unter dem Namen Khang-kiü (Khanggü), beschreiben es aber 
in so allgemeinen und ungenauen Ausdrücken, dass die ge- 
wiegtesten Sinologen im Zweifel darüber waren, ob damit Kip^ak 
oder etwa ein südlicheres Gebiet verstanden werden solle. Noch 
Deguignes (1, 2 p. LXIX— LXXVII) hatte Khang und Khang- 
kiü nach Kipöak versetzt; dem aufmerksamen Auge Visdelou^s 
war es jedoch nicht en%angen, dass im Thang-su ausdrücklich 
bemerkt wird, Khang werde auch Sa-mo-kian genannt. Wir 
halten an dieser Identität fest und werfen die Frage auf, ob 
Khang eine Bezeichnung barbarischen (hunnisch-baitalischen) 
Ursprungs war oder eine altiranische, hieratische Bezeichnung, 
die von den eingedrungenen Nomaden nachmals adoptirt wurde. 
Allerdings wissen wir nichts über die Sprache jener Barbaren; 
doch ist es uns gestattet, eine Verwandtschaft derselben mit den 
späteren Türken anzunehmen, und somit wäre der Hinweis auf 
uignr. käng (dim. kängäs, adv. kängrü) cag. kän ,weit; breit, 



136 Tomateliek. 

geräumig' (Vambery, Kudatku>bilik 215) gar nicht zu verwerfen. 
In neuerer Zeit ist jedoch die andere Ansicht mehrfach vor- 
gebracht worden und verdient in £rwägung gezogen zu werden. 
In dem Awesta findet sich nämlich der Ausdruck Kaftha ftir 
eine sagenhafte Region^ welche östlich vom See Vourukasa lag; 
und das Königsbuch weiss zu erzählen von Kang, der Haupt- 
stadt des turanischen Königs Afräsiäb, von Kang-bihi§t, der 
prachtvollen, auf einem Felsenrücken jenseits des Gul-zarriün 
gelegenen Veste Afräsiäb's, von dem paradiesischen Gau Kang- 
d\i im Osten hinter dem Meere von Cin mit seinem von Siyäwüs 
erbauten uneinnehmbaren Felsen schlösse. Der Ausdruck gehört 
allerdings seinem Wesen und Ursprünge nach der mythischen 
Komenclatur an und entbehrt somit einer wirklichen geographi- 
schen Unterlage. Indess ist die Annahme nicht ausgeschlossen, 
dass die Iranier diesen mythischen Namen auch für ganz be- 
stimmte Oertlichkeiten des Nordens und Ostens angewendet 
haben. So hat es H. C. Rawlinson (Journ. of the Roy. Geogr. 
Soc. 1872 p. 503) wahrscheinlich gemacht, dass das heutige 
Ta§-qurghän im Sdr-i-q61gebiet vor Alters mit Kang bezeichnet 
wurde; so fuhren arabische Geographen jenseits des Jaxartes 
zwischen Isping-äb und Fär-äb einen Gau Kang-dih (oder -d\i) 
an; das Säh-nämah kennt ein weiteres Kang-dii^, die Stadt 
Baikand in Bokhärä; möglich, dass auch Khwärizm so hiess 
(Sachau, Zur Gesch. u. Chron. v. Khw. S. 17) — und endlich, 
dass auch das herrliche Soghdthal, welches die Orientalen für 
eines der vier irdischen Paradiese ansehen, dieser alte Sitz 
iranischer Cultur und Glaubensreinheit im hohen turanischen 
Norden, mit Kang bezeichnet wurde. Und so dürfte Reinaud^ 
welcher zuerst das mythische Kang einer gründlichen Betrachtung 
unterzogen und mit Khang, dem sinischen Namen von Sogdiana 
und Samarkand, in Verbindung gebracht hat (Geographie 
d'Aboulfeda I p. CCXX— CCXXUI), mit dieser GleichsteUung 
keinen unglücklichen Wurf gemacht haben. Dazu kommt folgende 
Erwägung. Die sinischen Annalen erwähnen wiederholt, dass 
nicht nur das Herrscherhaus in Khang, sondern auch in den 
übrigen sogdianischen Fürstenthümern den Namen Cao-wu oder 
Sao-wu geführt habe und dass sich die Fürsten dieser Abkunft 
rühmten. Zwar wird bemerkt, dass dies ursprünglich der Name 
einer Ortschaft in der Urheimat der Yuei'-si, d. h. im Gebirge 



Centnlasiatiselie Studien. I. 137 

KbUian lan der Provinz Kan-su gewesen sei, und dass der 
Name so viel wie ,berühniter Krieger^ bedeute; doch scheint 
diese Anknüpfung an die sinische Heimat willkürliche Erfindung 
zu sein. Viel wahrscheinlicher dünkt uns die Annahme, dass 
in Sao-wu der Name des iranischen Heros Siy&wüS (SiyäwakhS, 
baktr. Qy^^arääna, Sohn des Kava U^a) enthalten sei, den die 
sogdianischen Herrscher an die Spitze ihrer Stammtafeln gesetzt 
hatten, um eine Anknüpfung ihrer barbarischen Abkunft an die 
Traditionen der Iranier zu schaffen. Kein Name ist seit Alters 
im turanischen Norden berühmter gewesen als der des SiyäwüS, 
welcher sein Dasein dem Ehebunde des iranischen Herrschers 
Eai-käus mit einer turanischen Prinzessin verdankte, welcher 
in Turan ein Asyl gefunden und daselbst Kang-di£ erbaut 
hatte, zuletzt aber der turanischen Hinterlist zum Opfer gefallen 
war. In der Urgeschichte von Bokhärä spielt Siyäwüd eine 
Rolle, da er das Schloss von Bokhärä gegründet haben soll 
(TaVlkh-i-Naräakhl, Vdmb^ry S. 1 f.); er soll auch nach 
Khwärizm gekommen sein, woselbst seine Nachkommen über 
zweitausend Jahre den Thron inne hatten (Sachau, 1. c. S. 17); 
auch die Herrscher von Kabandha scheinen einer Tradition bei 
Hiuan-Thsang zufolge auf Siyäwüs ihr Geschlecht zurückgeführt 
zu haben. Warum sollten nicht auch die Fürsten von Soghd 
und Samarqand, das vor allem den Namen Kang führte, von 
dem glorreichen Heros abzustammen sich gerühmt haben? 

Eine Ausgeburt orientalischer Phantasie und zugleich un- 
geschickter Pragmatik ist die Sage, unter Qobäd, dem Sohne 
des Piröz, habe Samar oder §umar, Sprössling eines Tubba", 
an der Spitze einer arabischen Heldenschaar einen Zug durch 
Iran bis nach Türkistan und Sin unternommen, um endlich in 
Tubbat eine Herrschaft zu gründen; jenseit des Gai^ün habe 
er eine starkbefestigte Stadt, genannt Öln, durch Verrath der 
Königstochter, einer zweiten Tarpeia, eingenommen und nach 
sich entweder Sumran (,jl>4-& bei Yäqüt) oder §amar-qand 
(Täbari, p. Zotenberg II p. 156—159, mit der Bemerkung, 
kand bedeute im Türkischen , Stadt') benannt. Oft sind Appella- 
tive sprechende Merkmale wichtiger, historischer Thatsachen 
und Zeugnisse des Völkerverkehrs in alter Zeit. So auch hier; 
trotz der Verkehrtheit der ganzen Sage verdient doch die Nach- 
richt, Samarkand habe vormals Sin oder Cina geheissen und 



138 Toraasehek. 

Sinesen hätten zur Sassanidenzeit die Stadt bewohnt und be- 
Bessen, alle Beachtung. Die Annalen der Handynastie gedenken 
der rühmlichen Thatsache, Söhne des sinischen Ostens hätten 
die Westbarbaren in der Fertigkeit, Metalle zu giessen und 
Waffen und Gefässe zu fabriciren unterwiesen, so wie sinische 
Kaufleute schon damals Seide, Porzellan und Firniss nach Ta- 
wan und den übrigen Westlanden brachten. T^bari (p. 158) 
schreibt ihnen auch die Erfindung des Papiers zu; Thatsache 
ist, dass das Papier von Samarkand im Orient die grösste Be- 
rühmtheit genoss; Bäber bemerkt hierüber (I p, 103): ,Le 
roeilleur papier qui existe au monde provient de Samarkand; 
Tespice appelee geväz sort en totalite de Kän-I-güI^ Anderseits 
wird in den sinischen Berichten den Bewohnern von Khang 
selbst Handelsgeist und ausgebildeter Gewerbfleiss nachgerühmt, 
und Wei-tsi bemerkt in seiner Geschichte der Westvölker 
(Nouv. möl. asiat. I p. 229), in Khang würden die Knaben 
schon im fünften Lebensjahre im Lesen und Rechnen unter- 
richtet, um zu Kaufleuten ausgebildet zu werden. Auch in 
der Geographie, welche dem Geschichtswerke des Moses von 
Khorni einverleibt ist, werden die Sogdiq als intelligente und 
thätige Kaufleute hervorgehoben (Saint-Martin, Mcimoires sur 
TArm^nie H p. 374), Den byzantinischen Nachrichten aus 
der Kegierungszeit Justinian's zufolge waren die Sogdianer (ol 
SouYSaiTat) die Vermittler des Seidenhandels zwischen Öin und 
dem Abondlande, sowohl unter der Sassanidenherrschaft als 
auch, seitdem KhüSnawäz, der Haitalänääh ('E^OocXavo; 'E^OocXtxcov 
ßa<TiX€u? Theophan. in Phot. bibl.), nach der Besiegung des 
Piröz (um 485) sich in den Besitz der kaspischen Emporien 
gesetzt hatte^ so wie sich schon seit lange die indischen Häfen^ 
namentlich der Stapelplatz Barygaza, im Besitze der Indo- 
skythen befanden; die Hunnen hatten damals die nomadische 
Lebensweise bereits aufgegeben und waren, gleich ihren Unter- 
thanen, den Sogdianern, ein städtebewohnendes Volk geworden 
(ol 'EfOaXiTa'. diaiixot to ^uXcv, Menander p. 299 Nieb.). Handels- 
interessen waren es also vorzugsweise, welche die Herrscher 
des sinischen Ostens bewogen die Verbindungen mit den Völkern 
des Zweistromlandes zu pflegen und aufrecht zu erhalten, und 
die politischen Verhältnisse des Westens mit aufmerksamen 
Augen zu überwachen. Zwar misslang die Mission des sinischen 



CentnluiatiMho SUdien. I. 139 

Generals Cang-kian nach Ehang-kiü (122 v. Chr.) in Folge 
der feindlichen Haltung der Iliung-nu, sowie die Expedition 
des Generals Kan-'ing (97 v. Chr.) nach ien Gestaden des 
kaspischen Meeres in Folge der Passageschwierigkeiten; aber 
immerhin wurden Handelsbeziehungen angeknüpft und lange 
Zeit unterhalten. Die politischen Verhältnisse des Orients gaben 
Bcbon dem weitsichtigen Minister des Augustus, Maecenas, zu 
denkeiJ^ (Horat. od. 1, 12 ,tu nrbi sollicitus times, quid Seres 
et regnata Cyro Bactra parent Tanaisque discors*); schon da- 
mals schickten die Indoskythen und die Baktrer Gesandte nach 
Rom ,orando foederis Unter Traianus ist die Rede nicht nur 
von den ,proceres Parthorum', sondern auch von den ^duces 
Serum' (Martial. XH 8). Unter Hadrianus schickten die ,reges 
Bactranorum' (Aet. Spartianus 21 § 14), d. i. die Fürsten der 
Kutanen, nochmals Gesandtschaften nach Rom, um BUndniss und 
Freundschaft zu erbitten, wahrscheinlich um sich vor der Ueber- 
macht der Parther zu sichern ; sie erlagen jedoch derselben, und 
Baktra ist gegen das Ende der Ardakidenepoche förmlich ein 
Adnex des parthischen Reiches, wie Sagistan, Armenien und das 
kaukasische Albanien. In dem Kampfe des armenischen Fürsten 
Khusraw mit dem Begründer der Sassauidendynastie Artasir 
(227 — 237 n. Chr.) steht der König der Kudanq Veh-sagan auf 
Seiten des erstereu, welcher die Rechte der gestürzten Arsakiden 
verficht. Bemerkenswerth in diesen politischen Wirren ist 
die ausdrücklich bezeugte Einmischung des Gen-bagur oder 
Himmelssohnes von Genastan (Clna-biigaputhra, arab. )^ajü )y^ 
baghbür faghfür), der damals als Vermittler und Friedensstifter 
auftrat. In einem freundlichen Verhältniss stand der sinische 
Hof namentlich zu Khusraw NüSlrwän (531 — 578), an dessen 
,brüderliche Majestät^ der Faghfür ein Schreiben gerichtet haben 
aoll, dessen Eingang Ma§'üdl (Les prairies d'or II p. 200) über- 
liefert hat. Seitdem der hai talische Fürst K«tO'jX^c^ sich dem 
Türken-khäqan 'Aaxuiv (sin. Sse-kin Mokan ko-han) unterworfen 
hatte (um 565), waren die Türken das herrschende Volk in 
Centralasien geworden; die letzten Sassaniden machten unge- 
heure, aber vergebliche Anstrengungen, sich der Türkenmacht 
zu erwehren. Von Tong ae-hu ko-han melden die Annalen der 
Thangdynastie, dass er nicht nur Balkh, das Reich der Kudanen, 
sondern auch Persien, wo Ku-so-ho (Khusraw Abarwiz) herrschte, 



140 Toinaschok. 

tributär gemacht habe (627). Gegen dessen Nachfolger Sse 
öe-hu, welcher mit barbarischem Terrorismus wüthete, sachten 
die Fürsten von Ehang vergebliche Hilfe bei dem sinischen 
Kaiser (631, also zur Zeit, als Hiuan-Thsang das Dü-äb durch- 
wanderte); einige Jahre später (638) soll sogar Yazdigird III. 
(sin. I-sse-keu) einen marzabän (sin. mo-sse-pan) an den sinischen 
Hof unter Darbringung zahlreicher Geschenke geschickt haben, 
freilich ohne den gewünschten Succurs gegen seine FeiÄie, die 
Araber, zu erhalten — auch die persischen und arabischen 
Berichte lassen Yazdigird bei dem König von Soghd, dem 
Khäqän der Türken, und dem Kaiser von Ölnastän Hilfe suchen. 
Einer der folgenden Khane, Thu-lu (d. i. Twr khan, Fürst von 
Tukhäristän, zu welchem Yazdagird geflohen war), behauptete 
sich, von Prätendenten verdrängt, gerade in Khang und Tu- 
ho-lo; er bewies bei der Einnahme von Mi (oder Mayamurgh) 
eine barbarische Zerstörungswuth (642). Bald aber gelang es 
der glorreichen Thangdynastie, den sinischen Waffen im Westen 
achtunggebietende Erfolge zu verschaffen und eine bedeutende 
Ländermasse dem Reiche der Mitte einzuverleiben; im Jahre 650 
hatten die sinischen Generale alle türkischen Oststämme zur 
Unterwerfung gebracht und versucht, dieselben an Ackerbau 
und friedliche Arbeiten zu gewöhnen; der Himmelssohn konnte 
nunmehr auch an die Bändigung der westlichen Türken und 
die Pacification der jenseits des Tsong-ling und Thian-&an g^c- 
legenen Länder denken. Schon im Jahre 052 begann der Krieg 
gegen den mächtigen Khäqän A-sse-na Ho-lu, und nach harten 
zahlreichen Kämpfen gelang es dem sinischen Heerführer Su- 
ting-fang die Macht der westlichen Türken zu brechen, und das 
ganze Ili- und Jaxartesgebiet dem Reiche einzuverleiben (657), 
was zur Folge hatte, dass auch die Vasallenstaaten der Türken 
bis zur Grenze von Khuräsän in ein ähnliches, aber gewiss 
freundlicheres Abhängigkeitsverhältniss zu Sin traten, dessen 
Staatsmänner sich in den neuen Eroberungen als praktische 
Organisatoren bewiesen. Ausdrücklich heisst es im Thang-§u: 
,üie Heerführer öffneten Strassen und Wege und errichteten 
ordentliche Posten in gleichen Zwischenräumen bis nach 'An-sL 
Provinzen wurden eingerichtet und in Districte, Gamisonsorte 
und Gaue eingetheilt^ Den Türken wurden ihre Stammes- 
Oberhäupter und Khane, den Vasallen die erblichen Vicekönige 



0«ntr»lMialiscbe Studien. I. 141 

(tu-tu tseu-ssc) belassen; als oberste Instanz stand über beiden 
der sinische Generalcommandant (tu-tu). Allerding^s behaupteten 
sich die sinischen Garnisonen gegen die stets rebellirenden 
Horden nicht allerorten und äusserte sich die Macht der nach 
voller Selbständigkeit strebenden Erbkhane, so namentlich Ä-sse- 
na tu-Si's, welcher sich mit den Tubat verband und (677) sogar 
'Än-si bedrohte, in fühlbarer Weise; trotzdem hielt sich das 
sinische Gouvernement in Sui-se öing (am Flusse Cui), also 
dort, wo auch der jeweilige Khäqän seinen Sitz hatte, bis zum 
Beginn des achten Jahrhunderts aufrecht. Während die sinische 
Politik ihren Einfiuss im Norden vergeblich dadurch zu be- 
haupten suchte, dass sie den Erbfolgestreit, welcher nach dem 
gewaltsamen Tode des Khäqäns Salax oder So-lo (737) zwischen 
der ,schwarzen^ und der ,gelben' Linie eintrat, zu gelegener 
Zeit schürte und bald diese, bald jene Partei begünstigte, was 
freilich endlich dahin ausschlug, dass der herrschende Stamm 
der Tu-ki-si (arab. Türqid; Reste derselben gibt es noch jetzt 
im kleinen Altai unter dem Namen Tirgäs) aufgerieben oder 
verdrängt wurde, und die Kho-lo-lo (türk. Qarluq arab. Khar- 
lukhija) zu Macht und zu voller Selbständigkeit gelangten (766), 
währte die sinische Oberherrschaft in den. südlicheren Vasallen- 
staaten, wenn auch nur dem Namen nach, in Folge der regen 
Handelsbeziehungen und der Gemeinsamkeit der buddhistischen 
Cultur unangefochten wenigstens so lange, bis das Vordringen 
der Ta-si (Tägik's) oder der glaubensfanatischen Araber ihr ein 
jähes Ende bereitete. Noch im Jahre 661 wurde in Tu-ho-lo 
das sinische Gouvernement mit dem Hauptsitze in A-hwan 
Yue-6i fu (j. Kunduz) eingerichtet und wurden in 15 andere 
ringsum gelegene Königreiche, welche im Thang»§u aufgezählt 
sind (Abel-Remusat, Memoires de Tinstitut royal, tome VIII 
p. 86 — 88), Garnisonen gelegt, so dass es im Ganzen 88 Districte, 
HO Bezirke und 126 Garnisonsplätze gab; sogar Po-sse (Par9a) 
erscheint darunter als tributäres Gebiet, worin der Sohn Yaz- 
dagird's Pi-lu-sse (vielleicht Firüz Khüsän-sedah), der bisher als 
Flüchtling in Tukhäristän herum geirrt war, das Gouvernement 
führte, mit dem Sitze in Tsi-ling (etwa 2{pirf5 an der Grenze 
von Täpuristän und Varkäna bei Polyb. X 31, 6? oder Zarang 
in Sagistan?) — freilich nur auf kurze Zeit; denn von den 
Ta4i vertrieben, flüchtete er nach Sin und starb daselbst (672), 



142 Tomaschek. 

einen Sohn Ni-nie-sse (Narseh) hinterlassend, den (679) General 
PeY-hing-kian wieder einsetzen sollte; letzterer zog es aber vor, 
in Sui-se zu verbleiben, ohne sich mit den Ta-Sl in einen 
harten und erfolglosen Kampf einzulassen. Von etwas lUngerer 
Dauer war die sinische Oberhoheit in Khang selbst. Noch 
während der Kämpfe mit den Westttirken hatte sich der Fürst 
von Samarkand Fo-hu-man (Vahumän) unter das Protectorat 
des Himmelssohnes gestellt und wurde mit dem Titel Khang- 
kiü tu-tu belohnt; ebenso bewies sich Fürst Tu-so pa-ti (Tu9a 
paiti) dem sinischen Hofe ergeben (696), sowie sein Nachfolger 
To-hoen (Tarkhün). Die Intentionen der sinischen Politik waren 
vorwiegend auf Herstellung friedJichen Handels und Wandels 
gerichtet; die Vasall enfursten anerkannten diese Culturmission 
zu wiederholten Malen durch Gesandtschaften, welche die Er- 
zeugnisse heimischer Natur und Industrie überbrachten. Freilich, 
festen Rückhalt und dauernden Waffenschutz gegen die bald 
alles niederwerfende Gewalt der muselmanischen Glaubens- 
schaaren fanden auch die Fürsten von Khang wohl niemals in 
der Macht des Ostreiches; zu gross war die Entfernung, zu 
bedeutend die Hindernisse, welche Sandwüsten und unüber- 
steigliche Gebirge, sowie die Stützigkeit der türkischen Horden 
der Entfaltung bedeutender sinischer Heeresmassen in den Weg 
legten. Dies zeigte sich noch unter Tarkhün, den die Araber 
unter Qotaiba a. H. 90 so sehr in die Enge trieben, dass er, 
ohne auf den Schutz der sinischen Waffen zu bauen , mit 
Qotaiba einen höchst ungünstigen und schmachvollen Frieden 
schliesscn und sich zu einer enormen Tributleistung verpflichten 
musste. Gleich darauf beseitigten die Sogdianer ihren Fürsten 
und wählten Ghürek {^)y^, sin. 'U-le-kia) aus dem Fürsten- 
hause Osrüseno's, den Enkel des Aföln, zu ihrem Haupte. 
Qotaiba zog a. H. 92 mit 20.000 Gläubigen gegen den Präten- 
denten, nahm Samarkand mehr durch List als mit Waffen- 
gewalt ein, und machte Soghd tributär, ohne jedoch, wie es 
scheint, den Ghürek zu beseitigen. Von diesem meldet das 
Thang-äu, dass er gerade damals (713) unter Sendung werth- 
voller Geschenke den Schutz des sinischen Kaisers ei*äeht habe; 
es war aber zu spät; die Ta-Si standen bereits in Farghana. 
Aus den arabischen Berichten über die Eroberung von Mawara 
al-nahar ersehen wir, dass die Fürsten von Baikand, Bokharä^ 



CentnlMiatiBCbe Stadien. 1. 143 

KeiS, Soghd, Säd u. 8. w. zu dem' Khftqän der Türken, und 
durch diesen, der ein Vasall von 8in war, zu dem Reiche der 
Mitte selbst in einem gewissen Abhängigkeits- oder Feudal- 
yerhältnisse standen, und dass sinische Generale und Truppen 
die Heei-esmassen der Türken zu begleiten pflegten. In Rao- 
methan z. B. traf Qotaiba den Türken Kür boghän, welcher 
200.000 Krieger befehligte und ein Neffe des sinischen Kaisers 
gewesen sein soll. Das TaVikh-i-Nar§akhl lässt Raom^than 
Ton Sekegket, welcher die Tochter des Kaisers von Sin zur 
Frau hatte, erbaut werden; die Braut soll ihm zur Mitgift 
goldene (Buddha-) Idole mitgebracht haben. Als Qotaiba Käftän 
und Ure&t in FarghUna erobert hatte, fand er sein £nde; das 
Grab des heldenhaften Eroberers in i^m ((JJuo), d. h. auf dem 
§m unterworfenen Boden Farghäna's, verblieb, wie wir aus 
einem Verse des *Abd-aMlahman ben Guroanah al-Bahöli er- 
sehen, in ruhmvollem Angedenken bei den Gläubigen. Nach 
seinem Tode gieng ein Theil der nordischen Eroberungen auf 
längere Zeit wieder verloren ; darum melden auch die sinischen 
Annalen, dass U-le-kia's Nachfolger Tu-ho (Tugha) mit seinen 
Sympathien sich wieder dem sinischen Reiche zugewendet habe; 
ob dieser Reaction erhielt er den Titel Kin-hoa-wang und die 
verwitwete Königin-Mutter oder die Khatun den Zunamen 
Kiün-fu-2in. Von da an hören alle Nachrichten aus dem Ost- 
reiche über Khang auf. Wir mussten aber an alle diese histo- 
rischen Thatsachen erinnern, um die Bedeutung des Beinamens 
Sin und die Existenz einer sinischen Handclscolonie in Samar- 
kand in's rechte Licht zu bringen. Nur von topographischem 
Interesse ist der Name al-ÖIn, welchen das östliche gegen Sin 
gerichtete Thor von Samarkand unter den Sämäniden führte. 



Von Samarkand zog Hiuan-Thsang in südöstlicher Richtung 
nach Mi-mo-ho ; er gibt folgende Notiz über diesen Herrscher- 
sitz (I p. 19): ,le royaume de Mi-mo-ho ^ J^ ^) a do quatre 
k cinq cents li de tour. II est situe au milieu d'une vall^e; 
il est resserre de Test k Tonest, et allong^ du sud au nord. 
Sous le rapport des produits du sol et des moBurs, il ressemble 
an royaume de 8a-mo-kien'. Ma-tuan-lin (Abel-Remusat, Nouv. 
mel. asiat. I p. 233, vgl. Deguignes I, 2 p. LXXII, Klaproth, 



144 Tomaschak. 

Magas. asiat. I p. 104, 105, 107) bietet folgende Daten: ^le 
pays de Mi (sin. -^ g mi-kue d. i. ^le rojaume du riz') ou 
Mi-mo est situ^ k Toaest de la rivi^re Na-mi, dans Tancien 
Khang-kiü. II n'a pas de roi, mais un prince de la famille de 
8ao-wü, issu des rois de Khang, et dont le titre est pi-öue. 
La ville a deux li en carr^, et il y a quelques centaines de 
soldats. On compte cinq cents li vers le nord-ouest jusqa'au 
royaume de Su-tui-sa-na, deux cents li au sud-ouest jusqu'ä 
celui de Sse, et six mille six cents li a Test jusqu-k Kua-5eu. 
Les habitants ont pay^ le tribut en raretes de leur pays dans 
les annees Ta-niei de la dynastie des Sui (605 — 616)^ Hiezu 
füge man noch folgende Angabe (Abel-R^musat, Memoires de 
Tinstitut royal, YIII p. 95; Deguignes 1. c): ,1a capitale du 
royaume de Mi, etait la ville de Po-si-te'. Im Thang-Su endlich 
finden wir die historische Notiz zum Jahre 642: Thu-lu, der 
Ko-han der westlichen Turkhorden (d. i. T^r-khän; vielleicht 
derselbe, der nach YäqQt s. )^^y^ den letzten Sprossen des 
buddhistischen Hohenpriestergeschlechtes der Bärroak zu Balkh 
vergewaltigte), nahm Khang-kiü in Besitz; ,auf dem Marsche 
nach Khang griff er Mi an, bewältigte es, Hess die waffenfähigen 
Einwohner über die Klinge springen, verkaufte den Rest in 
die Sklaverei und verheerte das Gebiet'. Indess wird bald 
wieder, zum Jahre 658, ein Fürst in Mi erwähnt, Sao-wü 
Khai'öue, dessen Sympathien sich dem Reiche der Mitte zu- 
wandten; und noch zur Zeit des Khalifats, um 742, wird 
eines Fürsten von Mi, Namens Me-öhue, gedacht. Was den 
Namen der Capitale Po-si-te betrifft, so erinnern wir an das 
oben erwähnte Gebirge Po-si ian; aber noch mehr empfiehlt 
sich die Gleichstellung mit einer uralten, in der Geschichte 
Alexander's genannten Localität Bidwia; vgl. Diodor XVII v.c: 
rspl T5J 6v BajisTC'.c xj^/y^yisu -/.ai tou zX/iÖsj; twv h auT« OY;pic«)v. 
Ausfiihrliches berichtet darüber Curtius VIII 1,7: , Alexander 
Sogdianis rursus subactis Maracanda repetit'; ibi ,stativa ha- 
buit; quibus adiunctis', (§ 10) ^in regionem quae appellatur 
Bazista (codd. bazaira) pervenit'. (Gap. 2) ,Barbarae opulentiae 
in illis locis haud ulla sunt maiora indicia quam mag^nis 
nemoribus saltibusque nobilium ferarum greges clusi. Spatiosas 
ad hoc cligunt silvas, crebris perennium aquarum fontibus 
amoenas; muris nemora cinguntur, turresque habeut, venantium 



G«ntrmlMiatiieha Stndian. I. 145 

receptacula. Quattuor continuiB aetatibus intactam saltum fuisBe 
coDstabat; quem Alexander cam toto exercitu ingressus, agitari 
andique feras iussit'. ^Rex^ IV milibus ferarum deiectis; in 
eodem saltu cam toto exercitu epulatus est. Inde Maracanda 
reditum est'. Wir werden gar nicht irren, wenn wir diesen 
in der Nähe von Samarkand gelegenen Thiergarten (icapiSetoro^) 
von Bazista (sin. Po-si-te) an den quellen- und baumreichen 
Nordabhang des Eaman-baran-tau oder Samarkand-tau, etwa 
in das Flussthal von Urgut, dessen Platanengarten Berühmtheit 
geniesBt, verlegen und Mi-mo-ho, d. i. Maimaghar oder Mai- 
margha (vgl. neupers. ^Lo mäi ,animal repens, reptile, serpens, 
formica etc.' und baktr. meregha, os. margh, neupers. murgh 
,ayis') als den Namen des Bezirkes, welcher später auf die 
Capitale selbst übertragen wurde, auffassen. In der That finden 
wir bei den arabischen Geographen eine sogdianische Ortschaft 
Mäimürgh^ und bereits Abel-K^musat hat beide Namen mit 
einander identificiert. In den sinischen Berichten wird die 
Entfernung Mi's von Sse (oder KeSs) zu 200 Li, d. i. zwei 
Tagereisen; jene Samarkand's von Sse zu 240 oder 300 Li 
angegeben; auch heisst es (Klaproth p. 105): Ja räsidence du 
roi de Mi 4tait alors k Toccident de la rivi&re Na-mi; de Ik 
au nord-oüest jusqu'au royaume de Ehang, on comptoit 100 Li'. 
Auf der japanischen Karte erscheint Mi-mo-ho auf einer Insel, 
umgeben von Canälen des Na-mi äu'i, dem hier eine mehr 
nordwestliche Richtung beigemessen wird. Wenn wir das 
Maass der Entfernungen für die angegebenen Positionen auf 
der heutigen Karte ansetzen, so müssen wir Mi in das Gebiet 
des heutigen Guma'a-bazär und zwar mehr in die Nähe des 
ZarafSän (Namiq) setzen, zwischen die Weiler Durgän, Plwän, 
Eijik und Tutak ; hier vereinigt sich der aus der Thalschlucht 
von Urgut kommende Fluss mit den äussersten Canälen von 
Soghd, namentlich mit dem Läzän, imd umschliesst eine wasser- 
reiche fruchtbare Niederung, welche südwärts von den Äb- 
bängen des Kaman-baran-tau umschlossen wird. Jedenfalls 
müssen wir die Annahme Vivien de Saint-Martin's zurück- 
weisen, wonach Mi-mo-ho mit dem heutigen Maghyän eins 
wäre; denn dieser mitten im Hochgebirge an einem Zufluss 
des Zaraf &än gelegene Kurghän liegt bereits viel zu weit nach 
Südosten, und ist von Samarkand noch weiter entfernt als 

SitiQonber. d. phil.-hist. Cl. LXXXVII. Bd. I. Hft. 10 



146 TomasGh«k. 

Pangkand und Farap. — Welche Angaben bieten nun die 
arabischen Geographen über die Gegend, wo das alte Reich 
Mi gelegen war? Idnsi (p. Jaubert II p. 202) belegt die Ge- 
birgslandschaft südlich von Pangkand mit dem Namen Säwdär 
(\\ö^\m) oder Säwdhär (J^^LJ), und für Pangkand selbst 
verwenden die Araber die Form Bungikath oder Bangikath 
(c>Xs3u). 6aihani nennt Bangikath ,das Haupt von Soghd' 
oder die äusserste Position gegen Osten; von Samarqand bis 
dahin wurden 9 Parasangen gezählt. Zu dem Gebiete von 
Samarqand gehörte noch der Ort Waraghsar (y^M^s^), wo sich 
der Soghdfluss theilte, etwa das heutige Pang-äambe (Päiiämbi) ; 
dann folgte der Gau DarghaS {(J^)<^\ wofilr auch die Va- 
rianten Darghan {^j^)f>\ WarghaS {jL£\^), Burghas (jLtyj) 
und Burghar (y^y^) sich vorfinden, 4 Parasangen von Samar- 
qand ; eine Parasange weiter Mäimarkath [yS^S'y^Ji^), wofür bei 
MoqaddasI die Lesart Mäimarkhag (^^y^rXjo) begegnet, und 
landeinwärts Sahr-faghin. Wir dürften wohl dieses Mäimarkath 
dem sinischen Mi-mo-ho gleichsetzen; indess ziehen wir die 
Gleichstellung mit Mäimürgh vor. Ueber diese Ortschaft finden 
wir folgende Angaben : Gaihänl (bei Yäqüt) nennt Mäyamürgh 
(6y^}ue) und das wahrscheinlich nördlich vom Soghdfluss ge- 
legene Büzmägar (y^aXjOsy^, Var. ^^^Low Büzmägan, ^^Lo^ 
Bümägar) ,die beiden Hände von Soghd'; Yäqüt selbst bietet 
folgende Artikel : t^yt^ ,Dargham ist eine Landschaft und ein 
District des Gebietes von Samarqand; es umfasst eine Anzahl 
von Dörfern, welche an den District von Mäyamürgh grenzen'; 
c%^Le ,Mäyamürgh ist (erstens ein Dorf Bukhärä's auf dem 
Wege nach Nasaf ; zweitens) eine Ortschaft in der Nähe von 
Samarqand, dessen Gebiet mit dem Gebiet von Dargham zu- 
sammenstösst ; kein District ausser Samarqand ist so überfüllt 
mit Bäumen und volkreichen Weilern wie Mäyamürgh'. Der 
Wanderer traf also von Samarkand ausgehend zuerst den 
rostäq al-Dargham (j*.itj jJf) oder Dhargam ([^><>), dessen auch 
andere Geographen wie MoqaddasI und Idrisl gedenken, und, 
noch weiter gegen Südosten, etwa in einer Entfernung von 
5 Parasangen, welche den 100 Li (= eine kleine Tagereise), 
welche von Khang nach Mi gezählt wurden, entsprechen, den 
volkreichen und blühenden District Mäimürgh oder Mi-mo-ho, 



CentralMi&tische Stadien. I. 147 

eine Hauptposition von Soghd. — Was den Canton Dargham 
betrifft, so hatte er seinen Namen von dem wichtigsten Canale 
des Gebietes von Samarkand, dem heutigen Anggar-daryä; 
Bäbr (I p. 98) bemerkt: ,on a pratique dans le cours d'eau 
une large saignee qui forme comme un petit fleuve: c'est 1® 
Dargam qui coule au sud de Samarkand^ k la distance d'un 
ser'i; il sert ä föconder les jardins et les faubourgs de la 
capitale ainsi que plusieurs districts qui en ddpendent^ Diese 
wichtige Wasserader war schon in den heiligen Büchern der 
Parsen Gegenstand des Preises; der Bundehes nennt gleich 
nach dem Däitya den Fluss Dargäm (*Ü\4>), welcher in Südah 
(}t^y^j d. i. Süghda) fliesst, und zu vergleichen ist wohl auch 
der zendische Darega in Airyanem-vaögö, der Heimat Zara- 
thuBtra's. Auffallend ist, dass Ptolemaeus einen Fluss AapYap'<^vic 
in dem Gebiete der Paropanisaden entspringen und im Gebiete 
der ZaßiSioi in den Fluss ^Qyjx; einmünden lässt; noch auf- 
fallender , dass er an das Ufer des Dargamanis die Stadt 
MapoxavSa versetzt. Sollten bei dieser heillosen Verwirrung 
aller Ortslagen zugleich mit der Stadt nicht auch der Dargam 
oder der längste Canal von Sogd (vgl. baktr. daregha ,lang*) 
und ebenso die Sabadier von OSrüsene in die unrechte Lage 
versetzt worden sein, da man annehmen darf, dass Ptolemaeus 
den Fluss Dargamanis als die wichtigste Wasserader von 
Marakanda bei irgend einem Gewährsmann vorgefunden haben 
mochte? Dass er Marakanda gar an den Hindukoh versetzt 
hat, erklärt sich daraus, dass im Bereich dieses Gebirges und 
am Indus wirklich eine Völkerschaft unter dem Namen ZoeßiSioi 
(Sabei; Soßat, Zißat^ j. Swät) existierte, mit der er leicht den 
sogdianischen Stamm zusammenwürfeln konnte. — Den süd- 
lich von Guma'a-bazär und Pangkand gelegenen Bergdistrict 
Säwdär schildert uns Bäber (I p. 107) folgendermassen : ,le 
district de Säwdär est contigu & Samarkand et h ses faubourgs. 
C'est un tres-beau canton, Tun des c6t6s du dequel est occupö 
par la montagne qui est entre Samarkand et Sahr-i-sabz. Les 
villages y sont nombreux, et sont bätis, par la plupart, au 
pied de cette montagne. La partie de ce district, qui est 
arros^ par le Qühik, jouit d'une tempörature salubre et tr^s- 
pure; Teau y abonde et son territoire est trfes-fertile et trfes- 
riche. Les voyageurs qui ont visit^ TEgypte et la Syrie n'ont 

10* 



148 TonnABoliak. 

cit6 aucun pays qui puissent latter avec lui'; auch sonst kommt 
er auf dieses Gebiet zu sprechen; z. B. (p. 88) ^un chäteau, 
appel^ Erket (j. Urgut), au pied du mont Sftwdar'; (p. 128) 
,je sortis de Zamln et; passant par le chemin des montagnes, 
je marchai contre Ribät-I-Khoga, place, oü röside le gouvemeur 
du district de oäwdär (also vielleicht identisch mit Pang- 
kand?)'; (p. 178) ,apr&s avoir traverse la rivifere du Qühik 
sur un pont, en face d'Yäri, je chargeai les begs draller s'em- 
parer par surprise de la forteresse de Ribät-I-Khoga ; (p. 179) 
,nous traversämes le Qühik au-dessous de Kibät-I-Ehoga et 
regagnämes le Yär-yailaq^ — Nördlich vom ZarafSän ist das 
Sunggar- oder , Falkengebirge', und noch weiter der Sang-zftr- 
tau, die Grenze von OSrüsene; dazwischen die grasreichen 
Niederungen und Steppen von Yar-yailaq und der Bach Yilän- 
otü, welcher Gizakh erreicht und sich dann in der , Hunger- 
steppe' von OSrüsene verliert. Bäber: (I p. 178): je laissai 
derrifere moi Yäri et, franchissant la montagne de Sunkär- 
khäneh, j'entrai sur le territoire de Yar-ya'ilaq' ; (p. 120) ,quant 
k moi, passant par Börekeh-yaYlaqi, je parvins k Sang-zAr, 
place oü räside le gouverneur de Yar-yailaq'; (p. 178) ,nou8 
arrivämes au village fortifiö dlsfendek, qui depend du Yar- 
yailaq'; (p. 181) ,nous nous rendtmes dlsfendek ä Wäsmind 
(vers Samarkand)'. Die arabischen Geographen zählen von 
Samarkand nach Zämln 17 Parasangen und erwähnen auf dieser 
Nordostost-Route die Station Abärkath oder Bärkath (v^aS^UI), 
j. Äq-täpä, ein grosser Marktflecken ; die Steppe Qitwäne oder 
Fitwäne (xjl^Jaj), d. i. Yar-yailaq, mit dem Weiler Qisr-baghl; 
dann ein Gebirge, d. i. Sang-zär, mit dem Weiler Fawraha 
(?Ä5tk*j), endlich Zämln in OSrüsene. Auch das oben er- 
wähnte Büzmägar, so wie Wazmind (Jüuov^, Var. iX^\y)f 
Rlwerd (*>^^0 und Raskhftn {^^\) , müssen nach dieser 
Seite hin gesucht werden. Verfolgen wir nun eine mehr nörd- 
lich gewendete Route! 



Hiuan-Thsang fahrt in seinem Reiseberichte fort: ,£a 
partant de ce pays (Mi-mo-ho), dans la direction du nord, on 
arrive au royaume de Kie-pu-ta-na. Le royaume de Kib-pv- 
TA-NA (£ß ^ QB. ^) ^ ^^ quatorze k quinze cents li de 



C«DtnlMUtii6lie Studien. I. 149 

toor; il est allongö de Test k Touest, et resserrä da sud au 
Dord. Sons le rapport des propri^t^s da sol et des moeurs, il 
ressemble au royaume de Sa-mo-kien. En partant de ce royaume, 
il fit enviroD trois cents li k Touest, et arriva au royaume de 
Khiü-§oang-ni-kia'. Lag nun Eapütana Dördlich von M&imorgh, 
dem heutigen Urgut oder Öuma'a-bazar, und drei Tagereisen 
westlich von KuSftnI-kath oder Kattah-qurghän, so muss es 
direet nördlich von Samarkand, an dem Abhänge des Eodym- 
taa und im Bewässerungsrayon des Bulangghyr, gesucht werden. 
In der That finden wir daselbst noch heute einen Ort Gubdan 
oder GubduUy worin eine Entstellung von Kaputana in türkischem 
Munde ersichtlich; hier war also in alter Zeit ein Sitz der 
haitalischen Fürsten, die Bevölkerung muss jedoch vorwiegend 
iranisch gewesen sein. Schon der Name des Vorortes ist ent- 
schieden iranischen Ursprungs, und wir kennen noch zwei 
Localitäten auf iranischem Boden, welche gleichbenannt sind. 
Einmal fuhrt Ptolemaeus in nächster Nähe von 'Apeta (Haraiva, 
Har6), etwas nach Nordwesten, unter 104° 30' und 35® 30' eine 
Stadt an, Namens KaTcorava i) KoTcouTava, d. i. Eabudan ^'{öyjS 
;pagus in vicino Nlfiapürae' (VuUers). Dann heisst auch 
der Urmiyahsee in Adharbaigan bei den Armeniern Kapotan 
(«^«»•y»-»«Ä , Moses von Ehorni bei Saint -Martin, Mimoires 
8ur TArminie II p. 370, I p. 17), von armen, ^«r-yiv** kapojt 
jhimmelblau, meerblau', wie denn auch bei Strabo, der (p. 529) 
diese Deutung wohl kennt, anderen Ortes (p. 523) statt ^Ixauxa 
gelesen werden muss Kaicaura (vgl. KoncoOia in Oross-Armenien, 
Ptolem. V 13, 21); auch die arabischen und persischen Geo- 
graphen nennen den See mitunter Kabudän (^jl^^^; vgl. 
Qnatremfere, Histoire des Mongols, par Ra^ideddin p. 316, Mas'üdl 

Les prairies d'or I p. 98; auch Yäqüt s. v. «uuo>i 8>^ nennt 
die mitten im See sich erhebende Gebirgsplatte, auf welcher 
eine starke Veste erbaut war, ^li^AJ^Kabüdhän; vgl. neupers. 
^yS ,azurblau' {j^f^ kabütar ,Taube', skr. kap6ta ,TäuberichS 
von der grau-bläulichen Farbe der wilden Taube?). — Nach 
der in Japan verfertigten Karte vom Jahre 1710 lag Kie-pu- 
tan-na im Reiche Öono-Tsao {fp ^) oder dem ,mittleren Tsao', 
Wobei zu erinnern, dass das ,östliche' Tsao nach Ura-tübä, das 
»westliche* nach Ktikhau fällt. Ma-tuan-lin (Abel-Remusat I 



150 Tomaschek. 

p. 237) berichtet über dieses Reich: ,il y a ä Test du Tsao 
d'occident et au nord de Samarkaiid une division du pays de 
Tsao qu'on nomme moyenne. Le roi fait sa r^sidence dans la 
ville de Kia-ti-öin. Les habitants sont grands de taille et trfes 
belliqueux^ Die an Canälen so reiche Mittellandschaft nörd- 
lich von Samarkand ist das ^grosse Sogd', l^oghd-i-kalän der 
persischen Schriftwerke; daselbst wird eine ziemliche Menge 
von festen und offenen Ortschaften erwähnt, z. B. Khoga-didär, 
Wadhär (;t<>^) ,der Rücken von §oghd', Mürdän {J^f>^y^)j 
Ribat-mulq, ferner Siräz (\Ljum), einer der häufigst genannten 
Orte, nach Yäqüt 4 Parasangen nördlich von Samarkand, doch 
schon zu Bäber's Zeiten in Ruinen liegend (I p. 82), nahe 
dabei Käbid, ferner Saqrüge und *Ali-abäd, Khüb-kent und 
Qara-kent, u. a. Da es uns gelang, Kuputana sogar noch in 
der Gegenwart nachzuweisen, so müsste es uns Wunder nehmen, 
wenn nicht auch die arabischen Geographen dieser Position 
gedächten. Vivien de Saint-Martin (Memoire analytique etc. 
p. 281) verweist auf Kebud-mehe-ket, eine Localität von Sogd 
auf der rechten oder nördlichen Seite des Flusses bei Ibn- 
IJawqal und I^takhri (Oriental Geography, p. Ouseley p. 279), 
unter der Voraussetzung natürlich, dass die Leseart einer 
Correctur bedürfe. In der That muss für öJCagJ^xS^ oder 
\^i>yjS, bis wohin von Samarkand aus 4 Parasangen gezählt 
werden, gelesen werden \SJ<^^*öyjS und \iuS'öyjS'\ denn nach 
Yäqüt ist Kabüdhange-kat ,eine 2 Parasangen (sie! s. ^yjS 
4 Parasangen) von Samarqand entfernte Landschaft, ein be> 
bauter rostäq mit der Stadt LangQ'kath öXd^^sÜ' and 
Gaihani nennt Kabüdhange-kat ,den Unterleib von $oghd^ Dass 
Kabüdang eine sogdianische Vulgärform für das ältere Kapötana 
war, wozu noch das türkische Appellativum kath (,Sitz, Re- 
sidenz^ hinzutrat, ist nicht zu bezweifeln; in welchem Ver- 
hältniss jedoch dieser Name zu dem von Yäqüt angeführten 
Langü'kath und zu dem von Ma-tuan-lin angegebenen Kia-ti-öin 
gestanden haben mochte, ist schwer zu sagen; von wichtigeren 
Ortschaften auf diesem Gebiete führen wir aus den heutigen 
Karten noch an, Dagbit am Aq-daryä, Ciläk, Guma'a-bazar, 
Yangi-qurghän (auf der Süzän-ghirän-Passage), Sarailyk (bei 
Gubdan), Sirln-kent, Khoba, Aq-täpä (am Canale Tailan) und 
Yam-bai (am Be§-aryk oder den ,fünf Canälen', nordöstlich 



CenlnlasiatUcho Studien. I. 151 

vom Cupäa-ätä). Wer aber möchte bei der Lesung des un- 
scheinbaren Ortes Gubdun das hohe Alterthum desselben und 
das Bezeugtsein durch sinische Berichte voraussetzen?! 



Ueber Si-Tsao oder das ^westliche Tsao' bringt Ma-tuan-lin 
folgendes Resumä (Nouv. mal. asiat. I p. 234): ,Le royaume de 
Tsao a 6i& connu du temps de la dynastie des Sui. C'est une 
aneienne ville d^pendante du Khang-kiü, qui n'a pas de prince 
particulier, mais que le roi de Khang-kiü donna ä gouverner 
a son fils Niao-kian; ce prince a mille hommes sous son 
conunandement. C'est dans ce royaume que se trouve le dieu 
Te-si, adorö par tous les habitants des royaumes voisins jusqu'k 
la mer occidentale. Ce dieu est figur^ par une statue d'or de 
Pho-lo-kuo (Balkh?), haute de quinze pieds, trfes bien pro- 
portionnee du haut en bas. Chaque lune on lui immole cinq 
chameaux, dix chevaux, et cent moutons; plusieurs milliers de 
personnes vivent habituellement de la chair de ces victimes 
Sans jamais l'^puiser. On compte au sud-est cent li jusqu'au 
royaume de Khang (Samarkand); a Touest, cent cinquante li 
jusqu'a celui de Ho (Qawa), k Test six mille six cents li 
jusqu'ä Kua-£eu. Ils envoyerent payer le tribut dans les annees 
Ta-nie'i de la dynastie des Sui'^ (p. 236) ,Le Tsao occidental 
a et6 connu du temps de Sui. Au midi il touche ä Sse-ki-po- 
lan. La capitale est la ville de Se-ti-hen. Au nord-est, dans 
la ville de Yuei-iü-ti, il y a un temple du dieu Te-si oü les 
gens du pays vont offrir des sacrifices. On y voit un vase fait 
d'or et de coquilles qu'ils prötendent leur avoir ete donne par 
Tempereur (bagaputhra de la Chine) au temps de la dynastie 
des Han, Ils vinrent ä la cour dans les annees Wu-te (618 — 626). 
La premiire ann^e Thian-pao (742) leur roi Ko-lo-pu-lo (Qara- 
bura ,8chwarzgrau* oder qarabul, qaraghul , Wächter'?) envoya 
en tribut des marchandises de ce pays; un decret lui accorda 
le titre de roi de hoai-te (,qui a la vertu dans le c(Bur'). II 
fit representer que ses ancetres et son p^re ayant toujours ete 
attach^s au Khan Celeste, il desirait vivre en bonne intelligence 
avec les Chinois, et seconder le fils du ciel dans ses expeditions^ 
Um die Nachricht über den Gott Te-si würdigen zu können, 
erinnern wir uns vorerst an das^ was Herodot am Schluss des 



152 Tomaiohek. 

ersten Buches von den Massageten berichtet: öewv piouvov f^Xtov 
a^ßovtai, TW 06oüfft Tincou^. N6o(; Be outo<; vf^q 6uff{rj;. Twv öeöv tw 
Tax^oTCi) ravTwv twv ö^/iqtwv xb tox^"®^ BaisovTai. In den heiligen 
Büchern der Parsen erhält wohl die Sonne das Beiwort aurvat- 
a9pa ,mit schnellen Pferden begabt^; dass jedoch das Tages- 
gestirn bei den ältesten Iraniern eine viel reichere Mythologie 
hatte, lässt sich aus den Gebräuchen schliessen, welche die 
nordischen Massageten treuer bewahrt haben, als ihre culti- 
virteren Stammesgenossen. Bei diesen fand eine andere Ge- 
stirngottheit grössere Verehrung, der glänzende, majestätische 
Tistrya oder^x^' T^Star (Spiegel, Eran. Alterth. II p. 70), der 
Peiniger aller bösen Geister, welche Trockenheit und Misswachs 
verbreiten, der Daeva's und Pairika's, der Spender männlicher 
Nachkommenschaft, von Rindern, Schafen und Pferden, der 
für seine Gaben von den Menschen Opfer von Haoma und 
Fleisch der lichten, gutfarbigen Thiere erhält. Dürfen wir also 
in Te-si eine Verunstaltung von TeStri erblicken ? An Thwäia, 
den Gott des unendlichen Raumes, dem gleichfalls geopfert 
wurde, oder auch an ätars, äta§ ,Feuer' wollen wir nicht denken. 
Die haitalischen Fürsten haben sich stets der iranischen Cultur 
zugänglich gezeigt und Hessen sicherlich den Götterglauben der 
Sogdianer unangetastet. — Was nun die geographische Li^e 
des ,westlichen^ Tsao betrifft, so kann den obigen Distanz- 
angaben zufolge gar kein Zweifel darüber bestehen, dass wir es 
im Herzen von Sogd, nordwestlich von Samarkand, zwischen 
Kattah-qurghän und Gubdan suchen müssen. Der Vorort und 
Herrschersitz von Si-Tsao lag nur einige Li entfernt vom süd- 
lichen Ufer des Na-mi (Elaproth, Mag. asiat. I p. 105) oder 
dem Aq-daryä, dem Hauptflussbett des Zarafään; und der Name 
desselben Se-ti-hen entspricht Silbe für Silbe dem Lautcomplex 
Astikhan oder Ktikhan, wie noch heutigen Tages der be- 
deutendste Ort zwischen Kattah-qurghän und Ciläk genannt 
wird. Auch dieser Name ist entschieden iranisch, und bereits 
Ptolemaeus nennt einen Ort 'A(jTaxava unter 112<* und 43® 20', 
den wir ohne weiters mit Ifitlkhan identifizieren würden, wenn 
nicht der heutige Weiler Astänah am Amu-daryä unterhalb 
Eerki, den auch Yäqüt unter diesem Namen (lüÜuMt) als zu 
Balkh gehörig anführt, ein grösseres Anrecht hätte dafür zu 
gelten; eine Vertauschung der Ortslagen ist übrigens bei 



CADtnlMiatisoha Stadien. I. 153 

Ptolemaeus nichts seltenes. Dass Astikhan ein alter Herrscher- 
sitz in Sogd gewesen^ wird von den Arabern ausdinicklich 
berichtet; so sagt al-Balädhori bei Gelegenheit der Expedition 
Qotaiba's gegen Samarqand: ,die Könige von Soghd residierten 
früher in Samarqand, dann aber bezogen sie Istlkhan^ (vgl. 
Reinaud, Memoire sur Finde p. 183); ja einige behaupteten 
Bogar^ wie Yäqüt s. JlLio angibt; iStikhan (^.■^v.VmJ) sei die 
Hauptstadt von $oghd und ihr gebühre der Vorzug vor Samarqand. 
Yäqüt bietet folgendes Resumö s. ^j.'^vyovt: ^iStlkhan, eines 
von den Dörfern §oghd's von Samarqand, 4 (sie) Parasangen 
von letzterem entfernt. Nach I^takhri ist Iltikhan eine selbst- 
ständige Landschaft, von Samarqand unabhängig; es hat bebaute 
Felder und Dörfer, ist an Gärten, Wiesen und Bäumen, an 
Saaten und Obst reich und äusserst gesund; es hat eine Citadelle 
und einen robadh, vereinzelte Gehöfte mit Canälen^ I^takhrl 
rechnet von Samarqand nach iStikhan 9 Farsang, von IStikhan 
nach EaSänija westlich davon 5 Farsang; die richtigste Angabe 
ist wohl die bei Idrlsi (II p. 202), wonach die Distanz von 
Samarqand nach IstIkhan 21 Meilen oder 7 Farsang beträgt. 
Andere Geographen, wie MoqaddasI, ftihren nur den Namen 
an, unter den acht gi'össeren Städten von §oghd. — Unter dem 
Territorium Sse-ki po-lan müssen wir den Bergzug verstehen, 
welcher Sogd von der südlichen Steppengegend scheidet, den 
Eaman-baran, welcher bei I^takhrl den Namen Säk führt; vgl. 
auch Sakistän (^IJumXi&), nach Yäqüt ,ein Dorf iStikhan's in 
$oghd, nahe an Samarqand^, und den zendischen Bergnamen 
Barana. Die Ortschaft Yuei-iü-ti, wo der Gott Te-si seinen 
Tempel besass, ist vielleicht das heutige Methan (baktr. maethana 
,Niederla8sung, Stadt', neupers. möhan) oder, wenn die Richtung 
Nordost in Südost verändert werden darf, Dagbit (vgl. but 
yQötze*) oder Eabid (türk. ,Form, Gestalt, Statue'). Auf dem 
Wege von Samarkand nach IStikhan liegt jetzt Afrin-kent, 
welcher Ort häufig genannt wird, ferner Mozan (nach Yäqüt s. 
(jWo ,gro8se Burg, 3 Farsakh von Samarqand'), und die be- 
deutende Ortschaft Yangi-qurghän. 



Von Eapötana gelangte Hiuan-Thsang in drei Tagemärschen 
nach E*iü-§oang-ni-kia im Westen (I p. 2Ö) ; er schildert dieses 
Fürstenthum also : ,le royaume deE'iü-SoANG-Ni-KiA (^ ^ j^ JljJ) 



154 Tomaechok. 

a de quatorze k quinze cents li de tour; il est resserr^ de Test 
k Touest et allongö du sud au nord. Sous le rapport des 
produits du sol et des incBurs, il ressemble au royaume de 
Sa-mo-kien^ Der Name Kiü-§oang-ni-kia kann allen Analogieen 
zufolge nicht anders umschrieben werden als mit Kü§änl-kath 
d. i. yKuSanensitz'^ zumal wenn wir noch die Thatsache berück- 
sichtigen, dass die sinische Regierung um 655, nach Unter- 
werfung der westlichen Türken und gleichzeitig mit der Or- 
ganisirung von Ehang, auch aus diesem Fürstenthum einen 
Vasallenstaat bildete, welcher die Bezeichnung Kuei-§oang-deu 
(,arrondi88ement de Kue'i-Soang' Abel-Römusat I p. 237 suiv.) 
fährte. Euei'-soang hiess einer der fünf Stämme der Yue-ti 
(Fo-kue-ki p. 83, Deguignes I, 2 p. LXXXIX); der Vorort 
desselben war Hu-tsao, welche Benennung fast wie eine Com- 
bination von Hu (d. i. Ho oder Gawa) und von Tsao (Osrüsene, 
Eap6tana, I§tikhan) erscheint. Es wird aber berichtet, dass 
dieser Stamm ungefähr um 16 n. Chr. unter dem Fürsten 
Küöüko (sin. Kieu-tsieu-kio), der von Lassen (Ind. Alterth. 
n. Bd. 2. A. p. 372, 819) dem BACIAEYC OHMO KAA^ICHC 
gleichgestellt wird, die Obmacht über die vier anderen Stämme 
der Yu6-ti, nämlich Hieu-mi, Soang-mi, Hi-tün und Kao-fu oder 
Tu-mi, errungen und dass der Sieger den Dynastienamen Kue'i- 
§oang oder Eusan angenommen habe, wobei zu beachten, dass 
der Name sich bereits in den arianischen Legenden der Münzen 
eines früheren Fürsten der Yu§-ti, nämlich des KOZOrAO 
KAAOICHC (arian. kugala kasasa ku§ana yarugasa dharmathidasa) 
vorfindet und dass auch der mächtige KANHPKI oder EaniSka, 
welcher um 10 — 40 n. Chr. in Purufia-pura und Ka^mira 
herrschte, sich mahä-räga des Volkes GuSang genannt haben 
soll (A. Cunningham, J. of the As. soc. of Beng. XVH p. 20). 
Mit Unrecht wird jedoch der auf den Münzen so häufige Aus- 
druck KOPANO mit Ku§ana in Verbindung gebracht, auch kann 
OHMO oder OOMHN auf den Münzen des Eadphises II. nicht 
den Stamm Hieu-mi oder dessen Vorort Ho-me bedeuten. Was 
aber Eü§än ursprünglich bedeutete, ob etwa ,Todt8chläger', 
von baktr. ku§, neupers. ku§tan ,tödten', oder ,kraftvoll, mächtig, 
kühn', ui'gur. küöin, öerem. kostan (von osm. küö, güö, jak. käs, 
mand2. yjo&iin ,Eraft, Gewalt'), weiss Niemand. Da die Yue-ti 
anfänglich Sogdiana besassen, wie denn noch später die Fürsten 



CentreluUtisohe Stuaien. 1. 155 

vonKhang ausdrücklich dieser Race entstammt heissen (Nouv. 
mä. as. I p. 227), so ist es möglich, dass der zur Oberherr- 
schaft gelangte Stamm Kuei-soang ursprünglich im Herzen des 
Soghdthales sass und von da aus vorrückend Tukhäristän, Kabul 
und das Pangäb sich zu eigen machte. Die ai*menischen 6e- 
schichtBchreiber kennen ein mächtiges , mit den ArSakiden 
verbündetes Volk Kuäanq, welches süd- und nordwärts vom 
Veh-rut (Oxus) sass; auch Firdösi weiss die Macht der Kutanen 
EU rühmen (Vivien de St.-Martin, Nouv. ann. des voyages, 
1849, in p. 49 sq.). Der syrische Gnostiker Bardesanes ge- 
braucht bei der Schilderung der Sitten und des Luxus der 
baktrianischen Frauen, welche ihre Männer gänzlich beherrschten, 
— ähnliches berichten die sinischen Autoren; das Sui-Su fügt 
noch hinzu: ,bei den Ye-tha in Tu-ho-lo herrscht Polyandrie; 
mehrere Brüder nehmen zusammen eine Frau; die Frau, welche 
einen Mann hat, trägt auf der Mütze ein Hörn; diejenige, 
welche mehrere Brüder zusammen hat, trägt so viele Homer, 
als sie Männer hat', also ganz so wie in Tübät und Tanggut — 
synonym mit BaxTpoi den Namen Qufiani oder QaSani (Cureton, 
Spicilegium Syriacum, London 1855, p. 20, 21, 22, 82). In 
den römischen Schriftwerken linden wir allerdings, wie bereits 
erwähnt, nur die Bezeichnung Bactrianoe (Tab. Peut.) oder 
Bactrani (Script. Hist. Aug., Jul. Honorius, Amm. Marcell. 
XXIII 6, 55 ,natio antehas bellatrix et potentissima Persisque 
semper infesta, antequam circumsitos populos omnes ad dicionem 
gentilitatemque traheret nominis sui: quam rexere veteribus 
secnlis etiam Arsaci formidabiles reges*, und 57 ,gentes Bactranis 
oboediunt plures, quas exsuperant Tochari'; glossa Placidi ex 
Isidoro ,Bactrani Scythae fuerunt, qui suorum factione a sedibus 
suis pulsi iuxta Bactron fluvium consederunt^ Trogus Pomp. 
II 3, 6 ,Scythae Bactrianum imperium condiderunt') ; es ist 
aber wahrscheinlich, dass der Name Cvsani an zwei oder drei 
Stellen bei Ammianus Marcellinus herzustellen sein wird. Zu- 
nächst XVI 9, 4 (a. 356): ,Tamsapor refert ad regem, quod 
Constantius pacem postulat precativam; dumque ad Chionitas 
et EvsENOB haec scripta mittuntur, in quorum confiniis agebat 
hiemem Sapor, tempus interstitit longum^ H. Kiepert, der 
einzige Gelehrte unseres Wissens, welcher auf die Stelle 
des Ammian Bezug genommen, versetzt allerdings auf seinen 



156 Tomaschek. 

trefflichen Karten die Euseni in die Regionen des IlifluBses, 
indem er offenbar dabei an das Volk der U-siün oder U-sün 
der Annalen der Handynastie gedacht hat, welches jene nor- 
dische Qegend seit dem ersten Jahrhundert v. Chr. inne hatte 
und später den Hiung-nu gehorchte; der Name lebt heute noch 
unter den Kazäqen fort, deren ,grosse Horde' (ulu-diüz) sich 
Üeisün nennt (Radioff, Proben d. Volkliteratur d. sibir. Türken 
ni. Bd. S. XV u. 5). Aber die Annahme, dass Sapur IL 
(309 — 380) in seinen Kriegszügen wider die Turanier bis zum 
Ili vorgedrungen wäre, ist zu kühn und widerstreitet der That- 
sache, dass die Macht der Sassaniden auch zu ihrer höchsten 
Blüthezeit niemals über den Oxus und dessen Zuflüsse hinaus 
sich erstreckt hat; wohl aber ist an eine Expedition gegen 
die baktrischen Kutanen zu denken, da auch von Arta§Ir I. 
(226 — 240) berichtet wird, er habe NiSapur, Marw, Balkh und 
Khwarizm eingenommen und zur Anerkennung der persischen 
Oberhoheit gezwungen. Man lese also Cvsanos; das gleiche 
schlagen wir vor in der Parallelstelle XVII 5, 1 (a. 358) : ,rex 
Persarum in confiniis agens adhuc gentium extimarum, iamque 
cum Chionitis et Gelanis omnium acerrimis bellatoribus pignore 
icto societatis rediturus ad sua, Tamsaporis scripta suscepit, 
pacem Romanum principem nuntiantis poscere precativam'. Hier 
tritt für euseni die Schreibweise celani ein, und doch sind 
offenbar dieselben Völker gemeint; dieser Umstand, sowue der 
Ausdruck gentes extimae, hindert uns an die Q61än (FigXoC oder 
FtjXai) zu denken, welche gleich den Tapurän Kadu^iyän und 
Dailamän zu verschiedenen Zeiten der persischen Herrschaft 
Widerstand entgegengesetzt und stets eine gewisse Selbständig- 
keit bewahrt haben. Sapur schloss also mit den Chioniten 
und den Kuschanen, den Nachbarn im Korden und Nordosten 
von Khuräsan, Frieden und Waffenbrüderschaft. Die letztere 
zeig^ sich bei der Belagerung der festen Stadt Amida, XIX 2, 3 
(a. 359): ,Pbrsab omnes murorum ambitus obsidebant; pars, 

quae orientem spectabat, Chionitis evenit; meri- 

diano lateri sunt destinati; tractum servabant septentrionis 
Albani; occidentali portae oppositi sunt Segestani, acerrimi 
omnium bellatores^ Was für ein Volk auf der Südseite Amida 
bestürmte, kann für uns nicht zweifelhaft sein; wir iiillen die 
Lücke von etwa acht Buchstaben, welche in den besten Hand- 



CentnlatlfttiMho Studien. I. 157 

Schriften V^ P b zur Noth mit cuius ausgefüllt erscheint, zu- 
versichtlich mit CvsANi aus, so dass auch hier die Kuschanen 
den Chioniten zur Seite stehen. Dass die Chionitae (vgl. ^j^-^ 
haiün ^Pferd, KameeP bei Firdosi) kein anderes Volk sind als 
die Chunniy Ouvvot der klassischen Autoren, die Xeouvvl oder 
X»iwi des Theophylaktos, die HüQa (Hära-HüQa, Cedi-HQ^a etc.) 
des Mahä-bhärata, und die Hiung-nu oder Hiün-yo der sinischen 
Annalen, darf ebenfalls nicht bezweifelt werden ; aus den letzteren 
erfahren wir, dass die nördliche Horde der Hunnen im Jahre 
90 n. Chr. grosse Niederlagen erhielt und gezwungen wurde, 
westwärts zu ziehen; das Land, welches sie fortan bewohnte, 
hiess Yue-pan (vgl. türk. ^bb yäbän ,däsert, plaine vaste et 
Don cnltiy^e') und erstreckte sich von dem Flusse I-li bis zum 
Aral. Weiter gegen West war das Land der Yan-tsai oder 
A-lan-na ('AXavo{ und 'AXauvoi des Ptolem.) und reichte bis 
Ta-Tsin oder an die Grenzen des römischen Reiches; es enthielt 
jSümpfe, die weder Ufer noch bestimmte Grenzen haben', und 
besass Städte, welche von zahlreichen Kaufleuten besucht wurden. 
Mit den A-lan-na kamen die Hunnen in Conflict, und es heisst, 
der Öen-yü der Hunnen habe den König der A-lan-na getödtet 
(Deguignes I, 2 p. LXXVH sq. 123, 279 sq. 289). Ammian 
und die abendländischen Chronisten gedenken der Hunnen erst 
seit 375, und berichten als abgeschlossene Thatsache, dass die 
Hannen ,pervasi8 Alanorum regionibus' dies Volk sich unter- 
worfen und zur Waffengenossenschaft gebracht hatten; dass 
diese Thatsache schon lange vorher eingetreten war, schliessen 
wir daraus, dass bereits Ptolemaeus in bedeutungsvoller Nach- 
barschaft der europäischen Alanen die Xouvot anführt, während 
die Weltkarte des Augustus die Hunnen noch in ihren alten 
innerasiatischen Wohnsitzen angesetzt hatte (Chvnni Scyth^ 
bei Jul. Honorius und Ethicus; vgl. Orosius H p. 21 Hav.: ,a 
foDtibus Ottorogorrae usque ad civitatem Ottorogorram inter 
Chvmmos Sctthas et Gandaridas mons Caucasus'). Gewiss 
wird sich die Hunnenmacht auch südwärts, gegen Khwärizm 
und Soghd, sieghaft geäussert haben ; Beweis hiefür die That- 
sache, dass sowohl die Ephthaliten übereinstimmend Hunnen ge- 
nannt werden, als auch bei Cosmas jene Indoskythen, welche 
nach den Yu@-ti das Indusgebiet besassen. Von den Hunnen- 
abtheilungen, gegen welche die Sassanidenkönige einigemale mit 



158 Tomascbek. 

Glück, meist aber unglücklich gekämpft haben, begegnen am 
häufigsten die Namen Ouvvo'. KaSi(7Y]vo{ (z. B. bei Jo. MalalaS; 
Hermes VI. Bd. S. 327) und Oülwot KiSaptTat; letztere führen 
diesen Namen entweder von ihrer turbanähnlichen Kopfbe- 
kleidung (xföapi?* TzXkoq ßa(jiXixb? 5v xai Tiatpav Hesych.; hebr. keter, 
armen, khojr) oder von einem ihrer Hauptsitze Eidar oder 
Kedr (^J^ Var. ^öof ^öjS) im Gebiet Bäräb (yl^L?) am 
unteren Jaxartes. Andere wichtige Bollwerke waren Fcpya oder 
Top^w, d. i., nach Sachau, Urva des Awesta oder, wie bereits 
Deguignes erkannt hat, das spätere Gorgang (arab. Gorgäniya, 
türk. Urgeng, auf mittelalterlichen Karten Organcia), ferner 
BaXoYav, d. i. KhwärizmI-kath, welches in der Nähe des Berges 
Balgän ^L^o gelegen war. Einer der mächtigsten Hunnen- 
fürsten KhuSnawäz besass nicht nur Khwärizm, sondern auch 
Soghd, alle Lande der Kutanen, Bädakhsän, T^l^h^ristan, 
Gargistän, Marw und Bädegh^s; eine grosse Anzahl kleinerer 
Fürsten war ihm tributär. Im Besitze des zwischen Harät und 
Marw al-rüd gelegenen Bezirkes Bädeghös (baktr. Väitigae9ö) 
können die Hunnen allerdings nur zur Zeit ihrer höchsten Macht 
gewesen sein; der Vorort Bawan, Baün, Bün (^j^), auch Bina 
(&Juu) genannt, heisst (bei Yäqüt) ausdrücklich eine Capitale 
der Hayäjila, und noch a. H. 84 — 90 herrscht hier ein fast 
unabhängiger Fürst Nizek (pers. ,Lanze') ; auch der Sar (,König') 
des benachbarten Berggebietes von Ghar&istän, der in BaSln 
(ijjLäo) seinen Sitz hatte, war den Hayätila zeitweilig tribut- 
pflichtig. Die arabischen Geographen, vornehmlich MoqaddasI, 
rechnen im Gegensatz zuKhuräsän und dem westlichen Khwärizm, 
alles Land jenseit des Gaill^ün zu Haitäl, namentlich Bokhäräy 
Samarqand, Khogenda sammt Nasaf, Ka^s und $aghäniyän; 
Khwärizm selbst zerfiel, nach MoqaddasI, in zwei der Sprache 
und den Sitten nach ganz verschiedene Theile, das haijalische 
mit der am Ostufer des Gaibun gelegenen Hauptstadt Khw&riz- 
miya-käth, und das khuräsänische mit Gorgäniya. Da'qäl, der 
Genealogist, redet von zwei Brüdern, Khuräsän und Haitäl, 
Söhnen des 'Alam ben Sam ben Noah, von denen Haitäl der 
Ahnherr des beläd al-Hayätila wurde. Täbäri versichert, haitäl 
bedeute in der Sprache von Bokhärä einen ,Tapferen^ Wir 
wollen uns hier nicht in weitläufigen Untersuchungen ergehen, 
welche von den überlieferten Namensformen, ob arab, Haitäl 



CentralMiatische Stadien. L 159 

(pl. Hayätila), oder armen. Hephthal Thetal, oder byzant. 
'E^eaXtxat 'AßosXo(, oder sin. Ye-tha, Yi-ta, Ye-yi-ta, I-ta, den 
Vorzug verdiene und was dann die ursprüngliche Bedeutung 
gewesen sei; wir können aber nicht verhehlen, dass uns alle 
diese Formen wie eine Erweiterung, eine vollere Aussprache 
des älteren Namens Yue-ti oder 'litioi vorkommen, und dass 
nichts wider die Annahme spricht, dieser alte Name sei auf 
die neuere Schichte der Hunnen übergegangen, wie denn auch 
die sinischen Annalen bemerken ,les Ye-tha sont de la race 
des grands Yuei-Si* (Nouv. m61. asiat. I p. 240, 243). Noch 
heute sind Ueberreste des einst so niächtigen Volkes der ütioi 
oder der Indoskythen in Multän und in Sewistän vorhanden, 
in dem Stamme der Yät oder Gät, welche das yätki oder gätaki, 
einen Dialekt des Sindhi und Pangäbi, sprechen; die arabischen 
Berichte über die Eroberung des Ostgebietes nennen diesen 
Stamm Zot oder Zat, zwei Abtheilungen desselben fuhrt das 
Königsbuch an unter den Namen Mäi und Murgh. Wenn nun 
die Balüöen fUr eben diese Gat die Bezeichnung G-agdal oder 
öawdal (ursprünglich wohl Yawdal) anwenden, so dürfen wir 
darin dieselbe erweiterte Form erkennen, die wir ziemlich rein 
in 'AßSsXoi (Theophylaktos VII 7 p. 282) oder in dem Gau 
Yaftal (Yäqüt s. J^^), verstümmelt in T^Üq^n (armen. Italakan) 
wiederfinden. 

Die ausdrücklich überlieferte Thatsache, der Hunnenfürst 
Khi^nawäz habe seinen Hauptsitz in $oghd, und zwar irgendwo 
zwischen Bokhärft und Samarqand, gehabt, führt uns wieder 
nach Eü£ftni-kath zurück. An diese Position knüpft sich 
nämlich, so scheint es, eine weitere geschichtliche Erinnerung, 
welche mit dem Auftreten und der Machtentwicklung der 
Hunnen in Zusammenhang steht. Ein sinischer Bericht (Nouv. 
mel. asiat I p. 243) meldet, ,que ce nom de Ye-tha 6tait pri- 
mitivement celui de la famille royale du pays de Hoa, dont 
les habitants furent connus avant Tan 144 de J.-C, et avaient 
assuj^ti tous les royauines voisins, la Perse, Hiei-pan (vielleicht 
Yuei-pan, oder besser Kho-pan, d. i. Khabandha in SÄr-i-q61), 
la Cophfene (sin. Ki-pin), Su-le (Kasgar), Ku-me (Bai), Kue'i- 
tseu (Kuöe), Yü-thian (Khuttan) etc.' ; vgl. (p. 242) ,les regions 
de Toccident, le Khang-kiü, Khuttan, Su-le, les A-si, et plus 
de trente autres petits royaumes, se trouvirent places dans 



160 Tomasobek. 

leur d^pendance, et ils formferent un empire puissant qui s'unit 
par dos mariages avec les Öo-fio ou 2u-2u (d. i. mit den 'O^ti^p, 
sin. Yeu'kieu-liü, deren Fürst um 402 n. Chr. nach Besiegung 
der Hunnen in Yuö-pan sich zuerst den Titel "pj* f^ Kho-han 
und seiner Gemalin den Titel "pj* ^ Kho-tun beigelegt hat)^ 
Die Hunnen also, welche in Ceutralasien mächtig wurden und 
auf welche der Name der Yuö-ti übergegangen war, hatten 
einen ihrer ältesten Hauptsitze , einen Ausgangspunkt ihrer 
Dynastie, in Hoa, was nach Vivien de St-Martin eins ist mit 
Ho in Khang-kiü, oder dem Reiche, worin KüSänI-kath Vorort 
war. Ueber das Fürstenthum Ho ('^) gibt Matuanlin folgende 
Notiz (Nouv. m61. asiat. I p. 237): ,ce pays est au midi de la 
rivi^re Na-mi, ä plusieurs li; il faisait aussi partie de Tancien 
Khang-kiü. A Torient, jusqu'ä Tsao (Btikhan), on compte cent 
cinquante li; ä Toccident, jusqu'au pays des petits 'An, il y 
a trois cents li. Les moeurs des habitants sont les mSmesque 
Celles de Khang. Le roi, de la famille Sao-wü (SiyäwüS), est 
parent du roi de Khang; il a mille hommes de troupes. Sur 
le mur septentrional d'un pavillon qui est dans la ville royale 
(KüSänl-kath), on voit les portraits des empereurs de la Sin; 
sur le mur occidental, sont ceux des rois des etats qui fönt 
partie du Fu-lin (^coXtv, Teropire Romain); et enfin, sur le mur 
oriental, on a peint ceux des princes turcs et brahmanes^ 
Samarkand war allerdings zu jeder Zeit der Brennpunkt des 
geistigen Lebens, der Sammelplatz der Kaufleute, der Sitz 
des Wohlstandes und der Industrie; aber auch Ho oder Hoa, 
mitten in Sogd gelegen, hatte seine Bedeutung, seine grosse 
Vergangenheit als dynastischer Sitz unter den Kuschanen 
sowohl wie unter den haitalischen Hunnen. Wir glauben, die- 
selbe Bedeutung des Machtsitzes auch ftir die urälteste Zeit 
des Iranierthums in Anspruch nehmen zu dürfen, und sind 
überzeugt, dass der sinische Name Ho das zendische Gau oder 
Gava wiedergibt. Erinnern wir uns, dass im ersten Fargard 
des Vendidäd Ahuramazda sich rühmt als besten der Plätze 
geschaffen zu haben Airyanem vaSgö vanguhyäo däityayäo, 
und dann, Gäum yim gughdhöäayanem oder ,Gava, das in 
Sogd gegründete', und dass darin Angramainyus als Gegen- 
schöpfung ,eine Wespe (9kaiti kann auch den RiStawurm oder 
den in Sogd häufigen Skorpion oder eine Phalangengattang 



CeutralitliUtiocho tituUioii. 1. 161 

beaeichnen) die voll Tod ist für Rinder und Felder^ Der 
Name gava (skr. gö); in coUectivem Sinne genommen, bedeutet 
,RiBderheerde y Hab und Qut' und ist auf einen Landstrich 
angewendet, welcher an Weideplätzen und Ackerland nicht 
Mangel hat. Die eingedrungenen Nomaden haben also — diese 
Beobachtung konnten wir schon mehrmal machen — eine 
einheimische Benennung beibehalten; wir haben nicht nöthig 
den Namen Ho oder Hoa aus einer innerasiatischen Sprache 
(etwa aus mong. ghowa ghowai ,schön, lieblich') zu deuten. 
Ein weiteres iranisches Appellativum scheint auch in der Be- 
zeichnung Fu me (Deguignes p. LXX, Klaproth Magas. asiat. 
I p. 107 ,Ho etait dans lancien territoire de Fou-me^ enthalten 
zu sein, die zur Zeit der Han^ namentlich um 32 — 8 v. Chr., 
iiir diesen Landstrich üblich war (vgl. Klaproth p. 104: ^dans 
le Khang-kiü, il y avait cinq roitelets appel^s rois de Su-hiai, 
de Fu-me, de Yü-ni ou Ua-ni^ de Ki, de 'Ao-kian ou Yüe-kian'); 
wir können darin baktr. bümi (skr. bhümi); neupers. büm ^Erd- 
bodeD; Ackerland' erblicken. Wenn wir uns fragen, welches 
Gebiet auf der heutigen Karte dem uralten Bezirk Gau oder 
Buffl entspricht, so müssen wir zunächst von der Nachricht 
aasgehen, dass das Reich Ho sich südlich vom Namiq und 
westlich von Samarqand und I&tikhan in der Längenausdehnung 
von äüd nach Nord erstreckt habe; die Südgrenze war also 
der Tim-tau, welcher terrassenförmig zum Canal Nurpai und 
zum Zarafdän abfällt; die Abhänge sind baumlos, enthalten 
aber zahlreiche Ansiedlungen mit unabsehbaren Getreidefeldern, 
die allerdings nur dünn besäet sind und einen geringen Ertrag 
abwerfen. Schon Ibn-Khordädbeh führt Tim (falsche Lesart 
f^ Nim) als einen District von Soghd an, der an der Steuer- 
leistung Antheil hatte^ und Yäqüt bemerkt s. *jü ,Tim, in der 
Sprache von Khurä-sän ein Karawansarai bezeichnend, auch 
Tlmek genannt, ist wie Kasaf und Nasaf eine Burg in §oghd 
von Samarqand^ Unter den Ansiedlungen sind hervorzuheben : 
Qala-i-dawüs mit sehr ausgedehnten Begräbnissplätzen, Zeugen 
einer einstigen zahlreichen Bevölkerung (Lehmann 8. 97), 
höchst wahrscheinlich das alte Dabüsiya; das Dorf Mir; 
ferner Buzdubai oder ^irin-khatün, auch Sahr-i-qatän genannt, 
d. i. Kibät-I-qatän der pers. Chronisten, mit vielen Ruinen; 
Khoga - qurghän , Arab - khäna ; im Gebirge Sarai - qurghän, 

^itzongiber. d. phil.-hist. Cl. LXKXVU. Bd. I. Hft. 11 



162 Tömasohek. 

vielleicht die alte , Burg Tim ; endlich am Canale Nurpai, 
60 — 70 Werst westlich von Samarkand, Eattah-qurghän, in 
einem Quadrat gebaut, mit vier Thoren und einer Citadelle. 
Der letztere Ort, Sitz eines Emirs, scheint vormals den Namen 
Qaba-methan (vgl. Öarif-al-din I p. 71 a. 1363, p. 229 a. 1371; 
baktr. Gawa-maethana), später Ribät-I-§oghd (vgl. Bäbr I p. 148) 
und Qala'a (bei Sidi-Ali a* 1555) gefuhrt zu haben. Auf dem 
Wege nach lätlkhan liegt Öinbai, vielleicht Eün-baü des Bäbr. 
Die ganze zwischen Dabüs und Ifitlkhan gelegene Sogdland- 
schaft, welche vom ZarafSan und zahlreichen Canälen durch- 
schnitten wird, heisst bei den persischen Schriftstellern ge- 
wöhnlich Miyän-qäl (pl. -qälät) d. i. ,zwischen den Vesten 
gelegen^ Zwischen Samarqand und Kattah-qurghän , in der 
geraden Distanz von 8 Farsakh, nennt Mir Tzzet UUah fol- 
gende Stationen: Ribät Öarkhi {f^f>)) Dawül (J^^(>^, Na§r- 
abädy Qamäruq, A§ek-atä, Qarä-sü, Kattah-qurghän (^L^^^ tjf 
,das grosse Fort'). Das Itinerar der arabischen Geographen 
fuhrt uns von Samarqand den Sogdfluss entlang (in 7 Para- 
sangen) nach Istlkhan; von da zählt es 5 Parasangen wesIr 
wärts nach Kosäniya, dann 7 Parasangen über Arbingan nach 
Dabüsiya, endlich 5 nach Earmlniya; oder man gieng von 
Qa§r-*alqama, das 2 Parasangen westlich von Samarkand li^, 
5 Parasangen weit nach Zormän oder Rozmän, das selbst 
wieder nur 2 Paransangen von lätikhan entfernt war, und ge- 
langte in 6 Parasangen nach obigem Arbingan. lieber Eo&äniya 
bemerkt Yäqüt s. ^ujUwil ,es ist eine Landschaft von Samar- 
qand, nördlich (sie?) vom Thale §oghd; es ist das Herz der 
Städte ^oghd's; seine Bewohner sind jedoch die geringsten an 
Zahl; zwischen Easäniya und Samarqand sind 12 Parasangen^ 
Gaihäni nennt kx^LiS ,den Fuss' oder die westliche Spitze 
des samarkandischen $oghd. Moqaddasi fuhrt gleichfalls ^L^i^ 
Kosänl unter den Hauptstädten von $oghd an, ebenso iQtakhri 
und Blrüni, und in späterer Zeit Abu'lfida. Wir können daher 
Sprenger (Post- und Reiserouten S. 30) nicht beistimmen, 
wenn er eine Verwechslung mit Kadäniya oder KeSs annimmt. 
Der Name Hesse sich allerdings aus pers. xiLal^, luL&S' oder 
^LmI^ £lä§änah oder Kä^än ,habitation d'hiver, salle echauffte* 
(vgl. Kasan in Fai-ghäna) erklären; aber wir geben zu be- 
denken, dass die ursprüngliche Aussprache, wie aus den sinischen 



Centralasifttiiche Studien, l. 163 

fierichten und Uraschreibungen zur Genüge erhellt, vielmehr 
Eosäniya, Kuääniya lautete. Die Distanzangaben der arabischen 
Itinerarien und der sinischen Berichte fuhren uns nach dem 
heutigen Kattah-qurghän. Indess maclicn wir auch auf eine 
östlich von Katyröi und nördlich vom Hauptflussbett gelegene 
Localität Kasan aufmerksam, welche Ruinen eines alten Schlosses 
enthalten soll, und empfehlen russischen Gelehrten die archäo- 
logische Durchforschung dieses Gebietes. Und so hätten wir 
denn das Alterthum dieser wichtigen Position von Sogd, 
Kiti-soang-ni-kia , worin zuerst Keinaud (Memoire sur Finde 
p. 82, 163) Kosaniya der Araber wieder erkannt hat, ausführlich 
dargelegt. 



,Quand on a quitte ce royaume', fährt Hiuan-Thsang in 
seinem Si-yü-ki fort, ,ä une distance d'environ deux cents li a 
l'ouest, on arrive au royaume de Ho-han. Le royaume de 
IIo-HAN (|1^ 5(^) a environ raille li de tour. Sous le rapport 
des produits du sol et des moeurs, il ressemble au royaume 
de Sa-mo-kian. Quand on a quitte ce royaume, ä une distance 
d'environ quatre cents li k Touest, on arrive au royaume de 
Pu-ho'. Hier wollen wir gleich bemerken, dass der Name 
des Reiches mit einer geringen Veränderung in der ersten 
Hälfte (^) KiE-HAN lautet und dass beide Schreibweisen, 
allen Analogien zu Folge, auf einen Lautcomplex wie Garghän 
oder Karqän zurückweisen. Nach Hoei-Ii, Ma-tuan-lin und der 
Karte vom Jahre 1710 hiess dieses Reich auch Tong-'an, ,le 
pays des 'An orientaux' und Siao-'An ,le petit 'An', und lag 
südlich vom Na*mi Sui; es hatte zwanzig Städte und hundert 
kleinere Ortschaften. Nach der Umgestaltung von Khang-kiü 
in ein sinisches Vasallenreich, etwa um 656, wurde Tong-'an 
unter dem Namen Mu-lan öeu in das sinische Gouvernement 
einbezogen, der Fürst Sao-wu pi-si fügte sich der sinischen 
Oberherrlichkeit, Ho-han öing ward damals auch Yo-kin ge- 
nannt. Da Pu-ho unstreitig Bukhär gleichzusetzen ist, so 
müssen wir Garghana oder Karqäna auf der Sogdstrasse zwischen 
Bukhärä und Katty-qurghän suchen; wir verfolgen also das 
Itinerar, welches die arabischen Geographen bieten. Auf Bu- 
khärä folgt bei ihnen nach 4 Parasangen Sorgh (py^) mit einer 



11* 



164 Tomaschek. 

Burg und einem Bazar; hierauf nach 3 Parasangen der Canton 
Tawäwes (jjao^I^), reich an fliessenden Gewässern, an Gärten 
und Anlagen, mit Bazaren und Jahrmärkten, die stark be- 
sucht wurden; hierauf nach 3 Parasangen Kül (JyC Var. bei 
Ibn-Khordädbeh Kür yyf mit dem Zusatz ^jJix^j, etwa da§tqan 
,Ort in der Steppe*). Qodäma (Sprenger, Post- und Reise- 
routen 8. 17) macht hier die wichtige Bemerkung: ,Kül ist 
das Dorf von JuL^^, d. h. Jü^^ Gargand; daselbst hält 
sich der König der Türken auf zum Behuf von Raubanfallen. 
Südlich davon sind Berge, und diese dehnen sich bis Sin ans^ 
Wer wird in dem Territorium Gargand Fürstenthum und Stadt 
Ho-han verkennen wollen? Vielleicht findet sich auch bei 
MoqaddasI eine Spur dieses Namens; er führt unter den Städten 
Bokhära 8 ausser Tawäwes und anderen auch an ^^r^ öarghan 
und yc:^j[^y^ Uarghänkath. In demselben Gebiet, das in der 
haitalischen Epoche von einem Machthaber zweiten Ranges 
beherrscht worden war, hausten also noch zur Sämänidenzeit 
räuberische Nomadenhorden, welche unter einem König standen. 
Es folgt nach 4 Parasangen Karminiya (äuJUx^i^), ein Ort in 
Miyän-qäl, bald zu Bokhärä, bald zu Soghd gerechnet, welcher 
noch heute unter diesem Namen (Uuuo^y Karmihä) existiert 
und somit einen Anhaltäpunkt gewährt, die genannten Posi- 
tionen genauer zu fixieren ; nach 5 Parasangen kommt endlich 
das oben erwähnte Dabüsiya oder Dabbüs. Die Berge, von 
welchen Qodäma spricht, sind die ^97812 Bprq des Ptolemacus, 
deren westliche, bis Bostän und WangänzT reichende Ausläufer 
die Namen Qara-quttuk-, Kyz-bibi- und Karn-äb-tau tragen; 
weiterhin nach Osten, gegen Katty-qurghän, folgt der oben- 
erwähnte Tlm-tau. Südlich von diesen Bergen ist die grosse 
Steppe Orta-ßöl, welche von dem wasserarmen Flussbett des 
Karn-äb durchschnitten wird. Auch der Nordabhang dieser 
Berge erhält, je weiter man gegen West und gegen den Zaraf sän 
vorschreitet, immer mehr den Charakter der Steppe; eine förm- 
liche Wüste erstreckt sich zwischen Karminiya und dem Weiler 
Bostän. Lehmann gibt hierüber folgende Auskunft (S. 86 flF.): 
,Nachdem wir uns 4 Werst von Bostän entfernt hatten, hörte 
das Culturland mit dem letzten Canale, der vom Norden her 
aus dem Zarafgän kommt, plötzlich auf und folgte eine aus- 
gedehnte Wüste. Die Mälikwüste, wie wir sie nennen wollen. 



CentnlMiatische Studien. I. 165 

bildet einen wunderbaren Contrast zu den üppigen Fluren, die 
iiDB bisher begleitet hatten; man kann sie wegen ihrer Dürre 
und Unfruchtbarkeit den flachen Theilen der abscheulichen 
Kyzil-qumwüste vergleichen; sie dehnt sich von West nach 
Ost über 35 Werst aus. Die Mfllikwüste wird von dem Volke 
in drei Abtheilungen gebracht: das westliche Dritttheil wurde 
mir Khamrabat (d. i. wohl Khan-I-robät), das mittlere Kuyuk, 
das östliche Kharkhana genannt'. Der letzte Name erinnert 
auffallend an die alten Bezeichnungen Garghän, Earqgn, und 
wir dürfen auch hier einen Ueberrest der alten Nomenclatur Sog- 
diana's statuieren. ,Aus der Mitte der Wüste, 18 Werst von 
Bostän, taucht plötzlich eine kleine Oase hervor. Es sind die 
Ruinen eines festen Schlosses, welches zu den. ältesten Ueber- 
resten der Vorzeit dieses Landes gehört; denn nach der 
Aussage Aller, die ich darüber befragte, blühte es vor etwa 
achthundert Jahren und soll von einem Häuptlinge irgend eines 
Nomadenstammes des alten Mawera'l-nahar erbaut w^orden sein. 
Mälik-khän, so hiess der abenteuerliche Stifter dieser Veste, 
zog nun von ihr aus raubend und plündernd im Lande umher 
und war weit und breit gefürchtet. Nach ihm führt die Ruine, 
welche ein grosses Viereck, 106 starke Schritte lang und 
eben so breit, bildet und von schönen gebrannten Ziegeln 
ausserordentlich sauber und regelmässig erbaut ist, so wie das 
nahe gelegene Dörfchen, noch jetzt den Namen Mälik'. Stimmt 
diese Sage nicht vortreflflich zu der Nachricht Qodäma's über 
Kül, den Sitz eines viJULo nomadischer Türken ? Es ist übrigens 
noch die Frage, ob ftir Ho-han öing der sinischen Berichte, 
zumal wenn man die Distanzangaben Hiuan-Thsang's und 
Ma-tuan-lin's berücksichtigt (vier Tagereisen von Bukhär, und 
zwei von Ho oder KuSäniya), nicht vielmehr eine östlichere 
Position angenommen werden muss, etwa Karminiya selbst, 
welches 17 Werst von Mälik und 6 Werst vom Rande der 
Steppe Kharkhana entfernt ist ; das Gebiet dieser Stadt ist ein 
alter Cultursitz, reich an Wassercanälen, an vortreflflich ge- 
pflegten Gartenanlagen, an Earawan-sarai's, an Landsitzen und 
ergiebigem Ackerlande. Von Karminiya führte seit Alters eine 
Passage in das nördliche Berg- und Steppengebiet. Nach 
I^takhri lag, der Stadt gerade gegenüber^ 1 Parasango jenseit 
des Soghdthales, links von der Samarqandstrasse, Ganmkan; 



166 Tomasoliek. 

1 Parasange höher hinauf, Madiyangekath ; und endlich ge- 
langte raan nach Nur im Gebirge. Gegenwärtig führt auch 
ein Weg nach Westen, nach GhugduwÄn und Wardanzi, Ort- 
schaften, die zu Bokhfträ gehören. 



Ueber Bukhärä, das in neuerer Zeit die Aufmerksamkeit 
der politischen und wissenschaftlichen Welt in eben so hohem 
Grade auf sich gezogen hat, wie Khiwa oder Khw&rizm, dürfen 
'wir uns kürzer fassen, da wir über diesen alten Cultursitz 
ausreichende Berichte aus der Sämänidenzeit sowohl wie aus 
allen nachfolgenden geschichtlichen £pochen besitzen; wir ver- 
weisen in dieser Beziehung auf das Werk des unternehmenden 
und verdienstvollen Reisenden Hermann Vdmböry , Geschichte 
Bochara's, Stuttgart 1872, zwei Bände'. Die wissenschaftliche 
Kritik hat dieser Arbeit, allerdings mit Recht, den einen Mangel 
vorgeworfen, dass darin die ältesten Zeiten, die iranische, die 
makedonische, die hunnisch-haitalische, ja selbst die arabische, 
gar nicht oder doch in unzureichender Weise berücksichtigt 
sind; aber man muss bedenken, dass es einerseits nicht in der 
Absicht des Verfassers lag die zendischen^ griechischen, sinischen 
und arabischen Berichte zu sammeln und einer vergleichenden 
Prüfung zu unterziehen, und dass anderseits, was speciell die 
Stadt Bukhärä betrifft, die Nachrichten aus der vorislamitischen 
Zeit, wie wir gleich sehen werden, höchst spärlich fliessen. 

,Le royaume de Pv-ho (|£ |1^) a de seize k dix-sept 
Cents li de tour. II est allonge de Test k Touest et resserrä du 
sud au nord. Sous le rapport des produits du sol et des 
moeurs des habitants, il ressemble au royaume de Sa-mo-kiau^ 
So der kurze Artikel im Si-yü-ki. Etwas mehr bietet die 
Sammlung Ma-tuan-lin's. Wir lesen darin (Nouv. mel. asiat. 
I p. 231): ,Le pays de 'An, aussi nomm6 Pv-ho, est celui qu'on 
nommait Niev-mi au temps des premiers *Wei. Du cöte du 
nord-est, il est k cent li (sie) du 'An oriental (Tong-'An, Ho-han^ ; 
et du cötä du sud-ouest, k la mcme distance de Pi. II est borne 
k Touest par le cours de fleuve U-hiü (Veh, Oxus). La capitale 
est la ville d'A-lan-mi. C'est un petit 6tat du Khang-kiü^ et 
Tancien pays du roi de Ki. On y compte quarante grandes 
villes et un millier de hameaux. Les soldats les plus courageux 



CentnlMifttMche Stadien. I. 167 

sont appel^s Ce-kiei. Ce-kiei, en langiie du royaume du milieu, 
signifie guerrier^ £s ist dann weiter die Rede von Gesandt- 
schaften und Tributleistungen an den siniscfaen Hof, namentlich 
zu jener Zeit, wo nach Unterjochung der westlichen Türken 
Sogdiana in ein sinisches Gouvernement (Ehang-kiü tu-tu-fu) 
umgewandelt wurde; von dem damaligen Fürsten in 'An heisst 
es, dass dessen Familie bereits zweiundzwanzig Generationen 
sich im Besitze der Herrschaft befinde. Handelsleute aus allen 
lündern kamen hier zusammen. In der That findet sich Pu-ho 
oder Pu-huo als Station auf der mittleren Route jener drei 
Handeisstrassen genannt, welche der sinische General Pei-kiü 
in seiner , Geschichte und geographisch-statistischen Beschreibung 
der Westländer^ (um 601 n. Chr.) nach Erkundigungen aus 
dem Munde der Kaufleute statuiert hat; diese mittlere Route 
führte dmch das Uigurenland Kao-cang, über Su-le (KaSgar) 
und einen Pass des Tsong-ling, dann weiter über Fo-han 
(Farghana) Khang und Ho, endlich durch Gross- und Klein- 
'An nach dem Königreiche Mu (Marw) und so nach Po-sse 

{Par9a)r^ie feilt zusammen mit der alten Handelsstrasse nach, 

Serike. (Was nun den Namen Pu-ho betriflFt, so ist er offenbar 
auf den Lautcomplex Bukhär (collect. Plur. Bukhärä, Bukhäräi) 
zurückzuführen; diese Bezeichnung der Hauptstadt ist jedoch 
nicht die älteste, sondern datirt aus der haitalischen Epoche, 
in welcher der Buddhacultus der herrschende war. Denn es 
wird ausdrücklich berichtet (Niqbi ben Massud, bei Silvestre 
de Sacy, Notices et Extraits des Manuscrits, U p. 384): ,Bukhärä 
antiquioribus temporibus vocata est (Nü)meg-kath; et bukhar 
liogua idololatrorum Catayae et Uighuriae significat templum 
idolorum'; und in der That finden wir auch im Mongolischen, 
das die buddhistische Terminologie am getreuesten bewahrt 
hat, die an bukhär sich anschliessende Form buxar kiyit == 
skr. vihära 6aitya ,cella eremitica^; das sin. pu-ho ist also eine 
Variante für pi-ho-lo, skr. vihära ,locus secretus, claustrum 
8. templum buddhisticum^ Die Hayätila haben somit dem 
iodischen Worte vihära dieselbe Form gegeben, wie später die 
Cighuren und Mongolen, während sonst dafür auf iranischem 
Boden die Form behär einzutreten pflegt/ vgl. )^^y^ Nau-behär, 
der Klostersitz des buddhistischen Hohenpriestergeschlechtes 
der Barmakiden in Balkh (Yäqüt s. v.), ferner jL^Lm Sä-behär 



168 Tomasehek. 

(Yäqüt s. V.) und »^^Lgj Behär-zah (al-Farghäni bei Yäqüt 
8. jjLeLw), Localitäten bei Balkh. Wie der Fo-cultus noch zu 
Beginn des achten Jahrhunderts in BukhärA mächtig war, ersehen 
wir aus Balädhori's Bericht über die Einnahme der Stadt Bikand 
durch Qotaiba a. H. .87; unter der reichen Beute fand man 
daselbst ein mächtig-es Götzenbild (des Fo) aus Gold, welches 
ein bedeutendes Gewicht besass; an Stelle der Augen waren 
Perlen von aussergewöhnlicher Grösse und Schönheit eingefügt; 
wir werden dabei an den büt des Gebirges gebel al-Zör (W)) 
in Zaniin Dawar (Yäqüt s. v.) gemahnt, welcher Augen von 
Rubin hatte, und an den weissen und rothen büt von Bämiyän. 
Das Ta'nkh-i- NarSakhi (Vämb^ry S. 16) bemerkt: ,nach alter 
Sitte von der Zeit her, als die Einwohner von Bokhdrä noch 
Götzenanbeter waren, besorgten sie ihren Götzeneinkauf an den 
Markttagen*; in Raomethan ferner waren die Götzen unter- 
gebracht, welche die Tochter des Kaisers von Sin ihrem Gemale, 
dem Türken Sekegket, zur Mitgift gebracht hatte (Vdmbery S. 2). 
— Eine andere Erklärung des Namens böte sich aus der An- 
nahme, dass an Stelle Bukhärä's in ältester Zeit der Ort 
TpißaxTpa gestanden habe ; TpißoxTpa wenigstens nimmt bei 
Ptolemaeus fast ganz dieselbe Position ein wie Bokhäi*a, und 
so wie aus Boxtpa, altpers. Bäkhtari oder Bäkhtri, baktr. Bäkhdhi, 
sich allmälig die Form Bähar oder Bahr, sin. Fo-ho4o, arm. 
Bahl, entwickelt hat, woraus durch Metathese Balkh wurde, so 
mochte auch TptßoxTpa, das bereits zur Zeit Alexander's einfach 
Baxxpa genannt wurde (Gurt. VII 38, 10 ,Alexander ad Mara- 
canda urbem contendit, ex qua Spitamenes comperto eius ad- 
ventu Bactra perfugerat' = Arr. IV 5, 3 ,IxiTa|JL6VTj<; «5)c iq t« 
ßacrf/vsta t^<; I^o^Siav^c; oL'^v/jbipei')^ unter dem Einflüsse einer bar- 
barischen Aussprache in Bu^är sich umwandeln. Wir theilen 
indesB diese Ansicht nicht, weil in der ältesten Zeit niclit 
Bukhärä, sondern Pai'kand die Metropole und der Herrschersitz 
von Westsogdiana war. Wir werden vielmehr also den Namen 
TpißaxTpa oder BoxTpa, Ta ßaarAeia t^*; Zo^ha^friq, für Paikand in 
Anspruch nehmen und voraussetzen, dass derselbe in der haifa- 
lischen Zeit ausser Gebrauch kam und allmälig in Vergessen- 
heit gerieth, nachdem die appellative Bezeichnung Paiti-kanta, 
die wahrscheinlich dem persischen Namen Pai'-kand (arab. JüJC o 
Baikand, in Ermangelung der Tenuis) zu Grunde liegt, sich 



CeniralAsiatiBChe Stadien. I. 169 

Geltung verschafft hatte. Wir erkennen diese neue Bezeichnung 
auch i» sin. Pa-ti-yan (Nouv. m^I. asiat. I p. 240) : ,Le roi des 
Ye-tha faisait sa risidence dans la ville de Pa-ti-jan, ce qui 
veut dire demeure rojale; cette ville avait plus de dix li en 
carre; on y voyait beaucoup de temples et de tours, tous ornes 
d or*), und in herkömmlich stark verkürzter Form in Pi, das, 
wie wir oben lasen, eine Tagreise südwestlich von Pu-ho ent- 
fernt lag. Freilich hat Sachau in scharfsinniger Weise, aus- 
gehend von der arabischeil Aussprache, Baikand auf Vaekereta 
des Vendldäd zurückzuführen und aus baktr. vi, huzw. vae 
,Vogel' zu deuten versucht; jedoch hat diese Gleichstellung und 
Deutung ihre sachlichen und lautlichen Schwierigkeiten, und 
hat namentlich die Annahme, dass kand älterem kereta ent- 
spreche, sehr viele Bedenken hervorgerufen. Kawlinson, welcher 
ähnliches vermuthet, zieht auch das später zu besprechende 
Fa-ti des Hiuan-Thsang herbei; wir werden jedoch sehen, dass 
dies der Distanzangaben wegen nicht gestattet ist. — Nach 
Firdosi hiess Paikand ehemals Kang-di2, und Fr6dün soll 
daselbst einen Feuertempel gebaut und das Awesta mit goldenen 
Buchstaben geschrieben niedergelegt haben; nach dem Ta'rikh-i- 
NarSakhl war Bokhärä vormals eine Niederung, die mit Sümpfen 
und Morästen, mit Wäldern und Röhricht bedeckt war, und 
die Metropole darin Paikand, wo Abarzi Herrscher war. Vor 
dessen Tyrannei sollen die Wohlhabenden geflüchtet sein und 
weiter nördlich im Gebiete der Türken eine neue Stadt gegründet 
haben, die sie Gemu-kath benannten; diese soll später Bokhärä 
genannt worden sein. Wir halten Gemu-kath für eine verdorbene 
Lesart für Nümeg-kath und die Deutungen Vdmbery's (,schöne, 
gute Stadt') und SpiegeFs (,von Öem oder Yima gemacht') für 
unnöthig. Es heisst ferner, ,durch die Türken wurde Abarzi 
getödtet, und türkische Fürsten herrschten seither in Paikand ; 
vor Ankunft der Araber regierte Bendün, der das von SiyäwüS 
in Bokhärä gegründete Schloss restaurierte; er hinterliess einen 
minderjährigen Sohn Tüg-säde, in dessen Namen die Khätun 
oder Königin- Witwe die Herrschaft führte bis zur Ankunft der 
Araber. In der That ist von dieser Khätun sowohl in den 
sinischen Annalen, wie in abendländischen Quellen (z. B. 
Echellensis ad a. m. 6174) die Rede. Nach den arabischen 
Schriftstellern soll bereits 'Obaid-allah ben Abu-Bakara, der- 



170 Tomaschek. 

selbe, welcher den Zotbil von Kabul bekämpfte, den Gai'bun 
überschritten und Baikand, dessen König nach Samarkand ge- 
flohen war, und hierauf ganz Bokhärä eingenommen haben; 
sein Nachfolger, Muhallab, soll seinen Sohn Habib gegen KesS 
und gegen Bokhära, dessen König 40.000 Bewaffnete entgegen- 
stellen konnte, geschickt haben (a. H. 80—82). Dauernde 
Erfolge errang aber erst der Wall Qotaiba ben Muslim, der 
nach Unterwerfung des Fürsten von Bädeghes, Nizek, a. H. 87 
bei Zamm über den Gai^un setzte, und nach einem glücklichen 
Treffen mit den Türken, welche von Soghd Succurs erhalten 
hatten, und nach kurzer Belagerung Baikand (JüXaj), ,eine 
grosse und schöne Stadt zwischen dem Qai^un und der Haupt- 
stadt Bokhärä^ von letzterer nur einen grossen Tagmarsch ent- 
fernt^, einnahm. Alle Bewohner derselben wurden ausgerottet, 
eine ungeheure Beute fiel den Siegern in die Hände, darunter 
aucli jener goldene Götze. Ein grosser .Theil der männlichen 
Bevölkerung soll sich indess damals nicht in der Stadt, sondern 
Handels halber auswärts befunden haben; es waren dies wahr- 
scheinlich die Kes-kuSän, die weder Einheimische noch Araber, 
weder Feueranbeter noch Moslim, sondern Buddhaverehrer 
waren ; sich zumeist mit Handel beschäftigten und in ganz 
Bukhärä in grossem Ansehen standen (Vämbery S, 17) — also 
Nachkommen der Kuschanen und der Ephthaliten. Sie bauten 
sich später, als die Araber das Land beherrschten, neue An- 
Siedlungen, namentlich bei Bokhärä, und lebten in Frieden als 
wohlhabende Kauf leute. Noch unter den Arabern hiess Baikand 
,die Stadt der Kaufleute', und es herrschte daselbst ein leb- 
hafter Waaren verkehr bis zum Westraeer und bis Sin anderseits; 
darum sagt auch der Verfasser des KitJlb-al-*iqlim (über climatum) : 
,eine jede Stadt Mawerä'lnahar's hat Saatfelder und Dörfer, nur 
nicht Baikand; hier sind nur Bazare und Stationsgebäude 
(Hotels), deren Zahl an tausend beträgt; doch hat es Festungs- 
mauernd — Qotaiba nahm hierauf (a. H. 88) Nüme^kath 
(vaJCau»^, falsche Lesart ^Xa^.?' oder s:>X]<^^ Tümuäkatb) 
ein, d. i. die Stadt Bokhärä mit älterem Namen, nachdem die 
Einwohner freiwillige Unterwerfung und Zahlung eines grossen 
Tributes angeboten hatten; ferner zog er vor Raumethan 
(^wAAJuo^K, falsche Lesarten 2uJUxvl ^^^^^^ und ^j-AJuev*, im 
Ta'rikh-i-NarSakhl ^Aie'^), dessen Bewohner sich gleichfalls 



C«ntnlMiatiMhe Studien. I. 171 

ohne Schwertstreich unterwarfen. Was dann von der Besiegung 
des Königs Wardftn-khodsäh und der mit ihm verbündeten 
Türken, sowie von der Einnahme von Bokhärä durch List und 
Ueberrumpelung erzählt wird, scheint nur eine modificirte 
Wiederholung der früheren Ereignisse zu sein. Es schliessen 
sich daran die Expeditionen gegen KeilS und Nasaf , so wie 
gegen Soghd und Sainarqand an. — Auch Moqaddasi, nach 
welchem der Kreis von Bokhärä 12 Parasangen lang und 
12 Parasangen breit ist (Sprenger S. 20), sagt: die Hauptstadt 
heisst Nümeg-kath (vi^X^^, Var. vä^X^^^'^ Namüg-kath), ebenso 
I^takhri (oJCä»^, Var. v:;jC^^ Bümeg-kath). Dass wir von 
den bezeugten Lesarten Gemu, Bumeg, Meg, TümuS, NümeS, 
Namüg, Nümeg gerade der letzteren den Vorzug geben, woraus 
wir auf eine ältere Form Numeg oder Nümig schliessen dürfen, 
glauben wir genugsam begründen zu können durch die Heran- 
ziehung der sinischen Namensform Nieu-mi; über den gleichfalls 
überlieferten Namen A-lan-mi sind wir dagegen zu keinem 
Resultat gekommen, und es ist sogar möglich, dass die Angabe 
nur irrthümlich von den sinischen Gelehrten mit Pu-ho oder 
Nieu-mi in Verbindung gebracht worden ist. Der sinische Name 
des Reiches 'An bedeutet ,beruhigte8 Gebiet', Cong-'An ,da8 
centrale 'An' im Gegensatz zu dem östlichen und westlichen 
Fürstenthum, Ta-'An ,das grosse 'An' im Gegensatz zu dem 
kleinen; was jedoch der älteste überlieferte Name Ki bedeute 
und ob derselbe, wie bei Ho und Fu-me, auf ein iranisches 
Wort zurückgehe, kann Niemand sagen. — Was Raum^than 
(,jjuuo^K) betrifft, das wie Bokhärä selbst von Samarkand 
37 Parasangen entfernt ist (falsch 17 Parasangen, Yäqüt 
8. ijjuyotO, nur dass es westlicher und auf der andern Seite 
des Sogdflusses liegt, so finden wir darin als ersten Bestandtheil 
baktr. rava, rao ,leicht, frei, offen, freundlich', als zweiten das 
baktr. Appellativum maethana (v. mith ,vereinigen') , Ansiedelung, 
Wohnung, Stadt' neupers. ^^^-j^ m^han ,mansio, domus cum 
familia, populus vel tribus' (Vullers H p. 1260; über 5 als 
dentalen Hauch, vgl. die reiche Sammlung bei Fr. Müller, Beitr. 
z. Lautlehre d. neupers. Spr. I p. 10; der bukharische Dialekt 
hat also hier gegenüber dem von Fars die ältere Lautstufe 
bewahrt!), wie in dem gleichfalls bokharischen Ort Zör-methan 
(worin zura, zävare ,Gewalt, Stärke*) und Methan (2 Farsakh 



172 Tomaschek. 

Büdlich von Bokhärä); in dem khwftrizmischen KhöS-m^than 
(Moqaddasi) und Artha-khöSm^than (Yäqüt, und in den ost- 
BOgdianiBchen Oertlichkeiten Methan (zwischen iStikhan und 
Ciläk), Ura-m^than (3 Farsakh östlich von Pangkand am Za- 
rafään); Khaba-mdthan (bei Sarif-al-d!n) etc. Dieser alte Bezirk, 
auch unter dem Namen Cär-Sanbe bekann t^ wurde im Jahre 
1868 plötzlich durch die Sandmassen der westlichen Wüste 
total verschüttet, ein gleiches Loos erfuhr der stark bevölkerte 
und reiche Bezirk Wardänzi, und man beftirchtet, dass die 
Versandung des Khanates in der Richtung von Nordwest nach 
Stidost immer mehr vorschreiten und endlich die Hauptstadt 
selbst erreichen wird; die immer mehr um sich greifende Ent- 
waldung der nördlichen Bezirke und die Vernachlässigung und 
Zerstörung der Canäle scheint bei diesem Naturprocesse mit- 
zuwirken. Gross ist die Menge der Ortschaften, welche die 
arabischen Geographen, namentlich Moqaddasl und Yäqüt, als 
in Bukhära'i gelegen anführen; da jedoch die Lesarten meist 
zweifelhaft sind, so fuhren wir nur einige wenige namentlich 
an: Zindana (aüjüv), auch Bukhar-zindana genannt, 4 Farsakh 
nördlich von Bukhärä, Dima§ (^jm^^), nahe bei Sorgh, Sikath 
(öjCuär), KoSu-faghn (^^^JU^), Moghakän {^j^^m) oder Mükän 
(jjl^^), Mästi (^^Äd»A*Lo), Ghordän (,jJ4>>ä), Qurfiän etc. Möge 
dieses einst so blühende und reiche Gebiet, wenn es dereinst, 
wie sicher zu erwarten steht, unter die russische Herrschaft 
gelangt, und wenn der Verheerung durch die Sandmassen 
eine erneute sorgsamere Canalisierung Einhalt gebieten ^ird, zu 
neuem Flor gelangen ! 



,Quand on a quittö ce royaume (de Pu-ho)', lautet weiter 
der Bericht im Si-yü-ki, ,a une distance d'environ quatre cents 
li ä Touest, on arrive au royaume de Fa-ti. Le royaume de 
Fa-ti {^^ j/lj^) a environ quatre cents li de tour. Sous le 
rapport des produits du sol et des moeurs des habitants, il 
ressemble au royaume de Sa-mo-kian. Quand on a quitte ce 
royaume, k une distance d'environ cinq cents li au sud-ouest (sie), 
on arrive au royaume de Ho-li-si-mi-kia. Le royaume de 
Ho-Li-si-Hi-KiA (j^ 7^1) ^ Sj^ jjjn) est situe sur les deiix 
rivcs du fleuve Fo-tsu (j|fi ^). II a de vingt k trente li de 



OntralMiatitehe Studien. I. 173 

Test ä Touest, et cinq cents li du sud au nord. Sous le rapport 
des produits du sol et des moeurs des habitants, il ressemble 
au royaume de Fa-ti; mais la langue parl^e est un peu diff^ 
rente.' — lieber das Fürstenthum Fa-ti, das auch Si-'an oder 
das , westliche 'An' genannt wurde, können wir nicht mehr 
und nicht weniger mittheilen als was Vivien de St-Martin 
(Memoire analytique etc. p. 282) vorgebracht hat: ,Fa-ti, 
ä 400 li vers Fouest de Pu-ho, n'est representee dans cette 
direction par aucune localite historique; le seul Heu qui nous 
paraisse pouvoir convenir ä cette indication est Betik; Heu 
sitiiö sur la droite de TOxus, ä une trentaine de Heues au sud- 
ouest de Boukhara. L'importance de Betik est d'^tro le point 
de passage du fleuve le plus frequentö entre le Khora^än 
Occidental et la Boukharie, et cette importance nous paraft 
expliquer suffisamment la mention qui en aurait et^ faite au 
voyageur chinois parmi les informations qu'il recueillit k Samar- 
kand sur la r6gion du nord de TOxus'. Der Umstand, dass 
Hiuan-Thsang diese Theilfürstenthümer wahrscheinlich nicht 
selbst bereist hat, sondern nur aus den Erkundigungen, die er 
zu Khang eingezogen, schildert, macht uns die Dürftigkeit der 
gebotenen Angaben und die ünzuverlässigkeit der Distanzen 
und Richtungen, so wie die auffällige Thatsache erklärlich, 
dass die Lage von Fa-ti am Oxusufer nicht besonders hervor- 
gehoben wird. Die arabischen Geographen zählen von Bukhärä 
bis Flrabr am Oxus 20 (Var. 17) Parasangen, eine Distanz, 
welche so ziemlich stimmt zu den 400 Li (d. i. vier kurzen 
Tagmärschen) des Si-yü-ki; dies angenommen, erscheint dann 
die Distanz nach Khwärizmi-kath, nämlich 500 Li, viel zu 
kurz; sie muss vielmehr zu 1500 Li (d. i. fünfzehn sinischen 
oder zwölf arabischen Tagmärschen) angesetzt werden; auch 
ist die Richtung Südwest in Nordwest zu verbessern. Was 
aber sehr gegen die Vcrmuthung des Pariser Geographen zu 
sprechen scheint, ist der Umstand, dass kein einziger arabischer 
oder persischer Schriftsteller der Vergangenheit für jenen Ueber- 
gangsplatz von Sogd nach Khuräsän den modernen und türkisch 
klingenden Namen Betik anführt, sondern dass diese stets nur 
Firabr oder Perebr (j^v?) nennen. Es ist indess möglich, dass 
das Gebiet am rechten Oxusufer von Ilöik (bei Betik) bis 
Elöik, den weiter unterhalb gelegenen Hafen- und Stappelplatz 



174 Tomafchek. 

von Bukhäräy vor Alters den Namen Vaidhika (von baktr. 
vaidhi ^^^^s^^^^i^g' väidhi , Flugs') geführt hat und dass 
daraus in späterer Aussprache Betik entstanden ist. Vielleicht 
ist eine Spur dieser Benennung in einem Orte, welchen Mo- 
qaddasl als zu Bukhärä gehörig anführt, erhalten, nämlich, 
wenn die Lesung richtig ist, in Dü-bedek (d Jo^O). Jedenfalls 
hat diese Darlegung mehr Gewähr, als wenn wir vermuthen 
würden, Fa-ti sei in direct westlicher Richtung von Bokhfirä 
in dem gegen Khwärizm hin sich erstreckenden Steppengebiete 
anzusetzen, in einem Territorium, worin selbst die arabischen 
Geographen nur vereinzelte Ribät's (z. B. Ribät Täs Jwlj ioL^, 
Sörükh ^^syjSut, Remel Jüox, Ribät Toghän ^Ule etc. bei Mo- 
qaddasi) anführen und für ein Culturgebiet sicher kein Platz 
ist. Man könnte sich darauf berufen, dass in einer früheren 
Zeitepoche der Westen Bukhärä's gesegnetere, mit Wasser- 
adern erfüllte Culturstriche enthalten haben mochte, wie denn 
noch jetzt zeitweilig Ueberreste alter bedeutender Canäle in 
den versandeten Strecken der Kyzil-qüm wüste zu Tage treten. 
Auch ist bei Arrian die Rede von einer in Westsogdiana an 
der Grenze der Steppe gelegenen Veste Borfat (vgl. pers. bägh 
, Garten', l^b Bäghwä, alter Ort in Dahistän zwischen Faräwä 
und Nisä), bei welcher Spitamenes mit 3000 massagetischen 
Reitern in Sogd einbrach, (IV 17, 4): i^ Baya; (unus codex 
Taßi;, wobei man an Gäu des Vendidäd erinnert wird), x^^ptov 
TTjc SoYOiavi;^ ^^^p^''? ^'' jJLsOopiü) ttj? t£ SoYBiavwv -pj; xai -rij? Maaja- 
Y£T(i)v Zy.uOü)v (ox(?[JL£v3v ; die Nennung der Massageten macht es 
jedoch wahrscheinlich, dass wir diese Veste mehr nordwestlich, 
etwa bei dem späteren Nur (j. Nürätä, nördlich von Earmlniya, 
im Aq-tau), suchen müssen. Auch ist zu bedenken, dass die 
Zeit Hiuan-Thsang's nicht gar zu weit der arabischen Epoche 
entrückt ist und dass die Cultursitze, welche der sinische Pilger 
sonst anführt, sämmtlich auch bei den arabischen Geographen 
sich nachweisen lassen. — MoqaddasI führt zahlreiche Oxus- 
Übergänge an; nach Tarmidh, Kalif und Kerkera (j, Kerki) 
folgen bei ihm Ribät, Khawärän, Sar, Nü-wa'idhä (»Jlj^, ,wo 
die Leute von Samarkand über den Fluss setzen*; ein Name, 
der auffallend zu Fa-ti und dem von uns statuirten Vaidhika 
stimmt; vgl. Nü-waizä ^'jity^j Burg bei Sirakhs, und obiges 
ijju^4>?), dann noch drei andere, ferner Firabr und Ämül^ 



CentraUsiatiaclid Studien. I. 175 

eDdlich Sekäwa Mfthegirän und Darghän, der Greozort von 
Khwärizm, Marw und Ankhwärä (Kl^l, d. i. Bukhärä?). 
Firabr gegenüber; 1 Parasange vom linken Oxusufer, lag Äraüya 
(Amüi; Ämü) oder Ämül, sin. '0-niei oder '0-mo, das spätere 
Cär-gui* (zuerst bei Bäbr I p. 126), der wichtigste Uebergangs- 
punkt von Khurasän^ Sammelplatz der Karavanen und als 
solcher wichtig genug, um dem Oxus seinen Namen zu geben : 
äb-I-Ämu, daher bei Clavijo (p. 137) Viadme, (p. 199) Biamo, 
oder Amü-daryä. Von da nach Marw oder dem zendischen 
Möoru, der Metropole der Satrapie Margiana, werden 36 Para- 
saogen gezählt. Dieser alte Cultursitz wird unter dem Namen 
Mo (Mü R^musat; M^u Klaproth) auch in den sinischen Be- 
richten genannt, als Handelsstation von Khang nach Po-sse 
(Persien) und als ein Hauptsitz des Reiches 'An-si ('An-sie, 
'An-sik), von dem schon in den Annalen der Han die Rede 
ist. So heisst es im Sse-ki des Historikers Sse-ma-tsian (trad. 
par Brossel, Journ. asiat., Paris 1828, 11 p. 424 sq.) : ,'An-si, k 
quelques milliers de li a Toccident des Ta-Yue-§i, peuple 
s^dentaire et cultivateur. Les champs produisent du riz et du 
vin de po-tao, leurs villes mürbes sont comme Celles de Ta-wan. 
Ce pays, qui est fort giand, peut avoir en tout sens mille li. 
II est situ6 vers le fleuve üei' (' Weii). On y trouve des march^s : 
les n^gociants fönt usage de chariots et de barques pour aller 
dans les pays voisins jusqu'k quelques mille li. Tis ont des 
pi^ces de monnaie en argent, ä Teffigie du roi: k sa mort on 
change les empreintes pour celles du nouveau roi; des traits 
obliques semblables k des plantes entrelacees servent de date'. 
Wir sehen, dass unter 'An-si im Grossen Parthien, der Sitz 
der Arsakiden, gemeint ist, und müssen uns daran erinnern, 
dass Marw als Dependenz dazu gehörte und dass es der Haupt- 
prägeort der parthischen Münzen war. Zur Ergänzung diene 
die prägnante Schilderung des Landes bei Plinius: ,difficilis 
aditu propter harenosas solitudines per UXX p. Margiana regio 
apricitatis inclutae — sola in eo tractu vinifera — undique 
inclusa montibus amoenis, ambitu stadiorum MD, contra Par- 
tbiae tractum sita'. Zur Zeit der Machtentfaltung der HaitaFs 
war Mo-kue öing Sitz selbständiger Fürsten aus der Race der 
sogdianischen Yue-5i, die ihr Geschlecht auf Öao-wü (SiyäwuS) 
zurückführten, mit dem Titel A-lan-mi (Nouv. mel. asiat. I p. 234) ; 



176 Tomaschek. 

und es heisst: ,Ia capitale du pays de Mu est ä Touest du 
U-hiü ho (du fleuve Oxus ou W^h-rut); on compte cinq cents 
li au nord-est jusqu'au pays des *An (Pu-ho), et deux Cents li 
a Torient jusqu'k celui de U-na-'o ; vers Toccident, il y a plus 
de quatre mille li jusqu'au royaume de Po-sse'. Ueber U-na-'o 
(Unaga ; wenn iranisch, entweder Gunawftt oder Annawa Annau 
vgl. 'Ava'jK^ in Har^, Isid. mans. Parth.), den zweiten haitalischen 
Sitz am linken Oxusufer, den näher zu bestimmen uns bisher 
nicht gelungen ist, heisst es (I. c. p. 233): ,le royaume de 
U-na-'o est a Touest du U-hiü ho, dans Tancien pays des *An-8i. 
Le roi est de la famille Sao-wu, issu^ comme les precedents, 
de la race royale des pays de Khang, et portant le titre de 
Fo-61. La ville capitale de cet 6tat a deux li en carre; les 
troupes quHl entretient sont de plusieurs centaines d'hommes. 
On compte vers le nordest, jusqu'au royaume des 'An (Pu-ho), 
quatre cents li ; au sud-ouest, jusqu'ä celui de Mu, deux cents 
li et davantage^ 

Was endlich Ho-li-si-mi-kia des Hiuan-Thsang betrifft, so 
ist darin der Lautcomplex Khwärizmiya- oder KhwÄrizmI-kSth 
nicht zu verkennen; die Hauptstadt des Landes Chorasmien 
war in ältester Zeit nicht Gurgäng, sondern Khwärizm, wofür 
auch das Appellativum Käth (c^l^, nach Yäqüt so viel wie 
,Mauer, Einfriedigung auf freiem Felde', gew. «o^ kath in 
türkischen Ortsnamen für pers. kand) in Gebrauch war. Sachau 
(Zur Gesch. u. Chronologie von Khwärizm L, Abh. d. Akad.) 
hat die Identität von Khwärizm und Käth als zweier Namen 
einer und derselben Stadt nachgewiesen und dargethan, dass 
Khwärizm ,die alte Stadt', al-Fil die Citadelle, und Käth ,die 
neue Stadt' unmittelbar an einander lagen, und zwar am öst- 
lichen oder rechten Ufer des Oxus, in der Nähe der Anhöhe 
Balgän (^L^o, nach Ibn-Arathir, ßaAai|i. bei Priscus). Wie 
nun Ibn-Khurdäd-bih Khwärizm und Käth neben einander stellt, 
so erscheinen beide Namen bei dem sinischen Pilger bedeutungs- 
voll in einen verbunden (,Kath von Khwärizm, Chorasmierstadt') ; 
auch wird das Land ganz richtig als ein schmaler, aber lang 
gestreckter Culturstrich zu beiden Seiten des Fo-tsu (Wakhäu, 
"Q^o^) geschildert. Ergänzend fügt Ma-tuan-lin hinzu, dass dieses 
Reich, namentlich der westlich vom Flusse gelegene Theil (wo 
Gorgäng lag), den sinischen Namen Ho-tsin führe und dass 



CentraUsiatisch e Studien . 1 . 177 

daselbst Fürsten, welche von Sao-wü (Siyäwüs) abstammten, 
Frieren. — Den Namen Khwärizm (f^s\^), baktr. Qäirizem, 
altpers. üvarazmiya, assyr. Huvarismu, bringen Spiegel und 
Jasti in Zusammenhang mit baktr. qar ,tadeln, verletzen^, qäiri 
,Tadel, Herabsetzung', neupers. )^y^ khwär ^niedrig, schlecht', 
und erklären ihn als ,8chlechte8, unfruchtbares Land'; Lerch 
(Khiwa oder Kharezm S. 2 ff.) schliesst sich dieser Etymologie 
an, deutet jedoch den Namen als ^niedriges Land, das Land 
der Niederung'; Sachau dagegen verharrt bei der von Burnouf 
vorgeschlagenen Erklärung durch ,Futterland', von baktr. qar 
(skr. hvar) ,essen, verzehren', neupers. khwardan, oset. yjorun 
jCsseo', xor ,Nahrung, Brod, Weizen', zumal da auch Andeu- 
tungen, welche sich bei arabischen Geographen finden, sie zu 
bestätigen scheinen. Wir unserseits geben zu bedenken, dass 
die Iranier die Oase des unteren Oxus, welche einen erfreu- 
lichen Gegensatz zu den sie umgebenden Wüsten bietet, diesen 
alten Cultursitz, gewiss nicht mit einem geringschätzenden und 
herabsetzenden Prädicat werden bedacht haben. Der Name des 
Landes ist frühzeitig nach dem Westen gedrungen ; die Xopacixioi 
nennt zweimal Herodot in Verbindung mit den IloepOoi (III 93, 
VII 66) und spricht von einen ttsBiov, iv oupoiai sbv XspaJixfwv t6 
xal Tp-iwcvtcov xai napOa)v etc. (III 117); merkwürdig, wenn aus 
dem alten und echten Hekataios entlehnt, ist folgende Angabe 
bei Athen. II p. 70 B: *EvtaTaTo; AaCa? Tcsptr^-pjaci • ,IIapOü)v r^poq 
f//.isv SniT/p^rzoL Xopotffjj.wt O'JtsoüC'., -|T// iyo'ntq vtai -rieSia xal oupsa* ev 
Ik zöizi oupsffi 86v5p£a evi a'Ypia, axavöa y,uvapr<, itsr,, ixuptjtri. ev Zk 
Tjzou; ic6Xt^ Xopac7|i.{Y)' ; hier kann izä'kiq sowohl ,Staat, Gebiet' als 
auch ,Stadt' bedeuten, und wir hätten in letzterem Falle das 
älteste Zeugniss über die Metropole vor uns. Zu Alexander's 
Zeit schlössen sich die sakisch-iranischen Chorasmier der na- 
tionalen Bewegung, welche von Sogdiana ausgieng, an und boten 
dem Spitamenes Schutz und Hilfe; vgl. Strabo XI p. 513: 
Toü Ik Tü)v MaffffaYETÄv xal twv Saxwv sOvou«; xal ol 'ÄTTajioi (d. i. ent- 
weder AuY«5ioi oder ATcaaiaxai) xai ol XwpaciJLioi, dq ouq oltzo twv 
BzxTpiovüiv x«i Twv ScY^iavaiv £(puY^ S^iTafAevr)?. Später aber, als die 
Aufstände bewältigt und die Reiterhorden der Steppe zurück- 
gedrängt worden waren, zog es der Chorasmierfürst vor, in 
ein freundschaftliches Verhältniss zu dem Eroberer zu treten; 
vgl. Curtius VIII 1, 8 : Phrataphernes, qui Chorasmiis praeerat, 

Sitsnngsber. d. phil.-hist. Gl. LXXXVII. Bd. I. Hft. 12 



178 Tomaschek. 

Massagetis et Dahis regionum confinio adiunctus, misit qui 
facturum imperata poUicerentur ; Arr. IV 15: <I>apa(7ji.avYjc 5 
X(i>pa7[x{(i)v ßaffiXsu; d^{xsTo 7:ap' 'AXeJavBpov ojv htizejai X'^-O'? "''•*' 
?C6VTaxoGr{oti; * l^aoxs 8c cfxopo^ otx£iv tw t£ KoX^wv ysvsi xat Tat^ Y^vaiHl 
Tai; 'A|i.aJ;6(7i. Er hatte also, wahrscheinlich in Folge von Handels- 
beziehungen, Kunde von den Völkerschaften des Kaukasus und 
den Sarmato-Alanen, deren Weiber als sehr kriegerisch ge- 
schildert werden. In der römischen Zeit werden die Chorasmier 
nur selten genannt; auf der Augusteischen Weltkarte waren die 
Chorasmii am unteren Oxus in der Nachbarschaft der MASSA- 
GETAE- PASICAE- DAHAE und DERBICCAE (Var. DER- 
VICAE, DREVICES, etc. ,quorum medios finis secat Oxus 
amnis'; vgl. baktr. driwika ,Bettelhaftigkeit, Armuth'; zu unter- 
scheiden sind die ApCßjxsc, die Ptolemaeus in Medien ansetzt, und 
von denen eine Spur in dem Derfek-dagh in Dailemän vorhanden 
ist) verzeichnet. Auch in armenischen Schriftwerken begegnen 
die Khrazmiq. Die weitere Geschichte und Topographie dieses 
Culturgebietes ist von Sachau und Lerch erschöpfend dargethan. 



Als MittelpuiKvt eines zu Khang oder Sogdiana gehörigen 
Reiches begegnet uns in den sinischen Nachrichten aus dem 
sechsten und siebenten Jahrhundert der Name Na-se-po (oder 
Na-Si-pho); ausser diesem Namen und der Bemerkung, dass 
daselbst gleichfalls Herrscher, welche von Sao-wü abzustammen 
sich rühmten, ihren Sitz hatten, findet sich keine weitere, in'b 
Einzelne gehende Notiz über dieses Fürstenthum. Erst die 
Araber ziehen den Ort wieder aus dem Dunkel hervor. In 
seiner Geschichte der Eroberungen erzählt BalädhorT, dass im 
Jahre 89 d. H., nachdem BaAand und Bukhärä in die Hände 
der Gläubigen gefallen waren, Qotaiba den Gai]|^un nochmals 
überschritt und ohne Schwertstreich ausser einigen Cantonen 
von Soghd Ki§S und das gegen die bukharische Wüste hin 
gelegene Territorium von Nasaf einnahm , worauf er nach 
Bukhärä und über den Fluss zurück nach Marw zog; im 
Jahre 91 d. H. wurden KisS und Nasaf von neuem in Besitz 
genommen ; auch in den späteren Kämpfen mit den Khäqänen 
der Türken geschieht beider Orte Erwähnung. Yäqüt hat über 
Nasaf (v-ft-wwJ) folgende Daten : ,Na8af ist eine grosse Stadt, reich 



CentnUsiatische Stadien. I. 179 

an Bevölkerung und bebauten Landstrecken, zwischen dem 
6ai{^un und Samarqand gelegen ; es wird auch Nakhsab (n^aA^cO) 
genannt. J§takhri sagt: ^Nasaf hat eine Citadelle, einen ribät, 
vier Thore, und einen Fluss, der mitten durch die Stadt fliesst 
and die Gewässer von Ki§3 aufnimmt; die Wasseradern ver- 
theilen sich unter die umliegenden Dörfer. Das Haus des 
Imärat's liegt am Ufer ' dieses Flusses bei dem Brückenkopf 
(ras al-qantara). Nasaf liegt in der Höhe von Bokhärä und 
Balkh, in einer Ebene, welche durch die Berge von Ei§i be- 
grenzt wird; gegen den Gait^ün dagegen ist eine Wüste ohne 
Berge. Jener eine Fluss trocknet in manchen Jahren ganz aus^ 
Die übrigen Geographen, namentlich MoqaddasI, bieten folgen- 
des Itinerar von Bukhärjl nach Nasaf: ,Bukhära, ein Tag 
(T'/j Farsang) nach Farägün (^^1*^; Yäqüt kennt auch einen 
Ort Färigak siiL>»^U, nach welchem das südöstliche Viertel und 
Thor von Bukhärä bäh al-Färigak hiess), weiter ein Tag 
(7 Farsang) durch wüste Strecken nach Mubärikäk (c)LC>sLjo, 
j. Khoga Mobärek), weiter ein grosser Tag (87.2 Farsang) nach 
Mäyamürgh, endlich ein Tag (7 Farsang) nach Nasaf. Ferner 
werden folgende Dependenzen oder grössere Orte bei Nasaf 
angeführt: Sirkath (v^a^Ixam), östlich von Nasaf, d. i. Sirkend 
bei Öarif al-din (I p. 115); Kasba (&a^, Var. Kasiya «uumJ^ 
und EaSta SmS, bei Yäqüt auch Kasaf, baktr. etwa Ka9ava 
oder Ea9apa), 4 Farsang westlich von Nasaf; endlich Bazda 
(»J%j), 6 Farsang südwestlich von Nasaf; Bazda, bei Yäqüt 
auch in der volleren Form Bazdava (5^4>yi), war mit Mauern 
und einer Citadelle versehen und lag auf der Strasse von 
Bakhära nach Kalif. MoqaddasI kennt auf dieser Strasse mitten 
durch die Wüste folgende Stationen : ,von Bukhärä nach Qakim 
ein Tag, nach dem „alten Ribät" ein Tag, nach der Cisterne 
des Sa*d ein Tag, nach Bazda ein Tag, dann nach dem Bukharier- 
dorf (am Gaibün) zwei Tage, nach dem Khwärizmierdorf ein 
Tag, endlich nach Kalif zwei Tage^ Yäqüt fuhrt in der Nähe 
von Nasaf noch an: Gawbag oder 6ubaq, Warghagan oder 
Wazghagan ([j^')^)} endlich Khuzär G'v^) oder das heutige 
Qozar auf der Strasse nach Tirmidh und Balkh, nach welchem 
Orte der Khuzär-rüd benannt ist. Sehr oft wird NakhSab auch 
von den persischen Chronisten genannt doch ist seit der mon- 
golischen Epoche der Name Qar^I {f^yS), was im Uighurischen 

12» 



180 Tomascliek. 

und im Mongolischen »Palast* bedeutet, weit häufiger. Einen 
Palast hatte nämlich der Khan Käpäk (oder Koyuk?), Sohn 
des OktaY, 2^/^ Meilen von NakhSab, das damals bereits in 
Ruinen lag, erbaut, und die neue Gründung verdrängte seither 
den alten iranischen Namen des zu einer Dorfschaft herabge- 
kommenen Ortes. — Wir bemerken noch, dass südlich von 
Khuzär in dem von Nordost nach Südwest gegen Kalif sich 
hinziehenden Ba§qurd-dagh Steinsalz gewonnen wird, welches 
Sogd versorgt und als ,samarkandische8' Salz in Kauf kommt; 
schon Ibn Khurdadbih nennt unter den Steuerbezirken von 
Soghd ,1a mine de sel^ (Journ. asiat. VI* sör., V p. 247). 

Wenn uns nicht alles trügt, so gibt bereits die Geschichte 
Alexander's von NakhSap Kunde. Wir halten nämlich Xenippa, 
welches Alexander gegen Ende des Jahres 328 einnahm, für 
NakhSap oder das heutige KarSi. Einzig bei Q. Curtius Rufus, 
dem wir auch sonst manche denkwürdige Notiz verdanken, 
finden wir den Ort erwähnt. Die Stelle lautet (VIII 7, 13 sq.): 
,decem diebus apud Maracanda consumptis, cum parte exercitus 
Hephaestionem in regionem Bactrianam misit, commoatus in 
faiemem paraturum; ipse Xenippa pervenit Scythiae confinis 
est regio habitaturque pluribus ac frequentibus vicis, quia ubertas 
terrae non indigenas modo detinet, sed etiam advenas invitat. 
Bactrianorum exulum, qui ab Alexandro defecerant, receptacu- 
lum fuerat^ Die Zahl der Aufständischen betrug 2500 Reiter; 
diese kampfgeübte Rotte focht mit wilder Verzweiflung und 
gab dem makedonischen Feldherrn Amyntas viel zu schaffen; 
erst nach hartem blutigem Strausso gelang deren Bewältigung. 
Es heisst dann weiter: ,his in fidem acceptis in regionem, quam 
Naütaca appellant, rcx cum toto exercitu venit'. Aus dem 
Zusammenhango der Thatsachen wird klar, dass Xenippa in 
jenem Theile Sogdiana's lag, der an Baktra angrenzte, und 
dass unter Skythien hier jene Wüste gemeint ist, welche den 
Unterlauf des Polytimetos von Baktra und dem Oxus schied. Das 
Stromgebiet des Polytimetos war seiner ganzen Länge nach 
von den makedonischen Colonnen zur Ruhe gebracht und von 
Insurgenten gesäubert worden; mittlerweile hatte jedoch die 
Verbindung mit Baktra selbst eine Unterbrechung erlitten, 
indem die Cantone zwischen Sogdiana und Baktra den aus 
dem Polytimetosthale verjagten Reiterschaaren Unterkunft boten 



CeDtralasiatische Studien. I. 181 

und 80 der Schauplatz erneuter Insurrection wurden. Alexander 
musste in aller £ile von Samarkand aufbrechen und die wichtigen 
Positionen von Xenippa und Nautaka^ d. i. von Kar^i und 
Sahr-i-sabZ; wiederzugewinnen trachten. Für den erstgenannten 
Canton^ der als gut angebaut und dicht bevölkert geschildert 
wird, passt die Lage des heutigen oasenreichen Gebietes von 
Karsi ausnehmend; sogar den I^auten nach sind wir versucht, 
zwischen Eivixica und NakhSap einen Zusammenhang anzunehmen; 
es ist sehr leicht möglich, dass die griechischen Eroberer den 
ihnen fremd klingenden iranischen Namen ihrem Idiome mög- 
lichst anbequemt haben, wie denn Silbenumstellungen und 
Consonantenversetzungen bei Wiedergabe orientalischer Orts- 
namen nicht selten eine Rollo spielen. Nakhäap dürfen wir 
wohl aus iranischem Sprachgut deuten, sei es dass wir das 
neupers. w>A?^ nakhäab ,leuchtend, hell scheinend (vom Voll- 
mond)^ zu Grunde legen, oder dass wir nakh§-ap mit Rücksicht 
auf die Nebenform nas-af als den mit einem todten oder lang- 
sam fliessenden Wasser behafteten Ort (vgl. baktr. naQU v£xp6<;) 
deuten. HävticTca selbst wird dann nicht mehr erwähnt, wir 
müssten denn zu einer Conjectur Zuflucht nehmen und den von 
Ptolemaeus im Flussgebiete des Zariaspes angeführten Ort 
Vhvaxia in Seva^ria verändern und nach Sogdiana verlegen wollen; 
dergleichen Transpositionen dürfen wir bei Ptolemaeus, dessen 
Abriss von Nord-Iran zu den confusesten Partien der Frdkarte 
gehört, ohne Bedenken annehmen. 

Das von Curtius genannte Nautaka, la Nauiaxa, spielt in 
den Kriegen Alexander's eine wichtige Rolle. Als Bessos die 
Satrapie Baktra, die ihm keinen festen Stützpunkt mehr zu 
bieten schien, da Drapsaka (Kunduz), Aornos (baktr. VarÖna) 
und die Meti-opole Zariaspa oder Baktra in die Hände des 
raschen Eroberers gefallen waren, verlassen hatte und die 
Richtung nach Marakanda über das eiserne Thor einschlug, um 
in Sogdiana den Krieg fortzuführen und für sich, wenn möglich, 
eine Herrschaft zu gründen, hielt er zuerst Rast in Nautaka; 
vgl. Arr. III 28, 9: Bf^aaoq dq NauTaxa rfiq Zo-^ßia^riq y^j^pOLq dwe- 
Xu>psi. Das nachrückende makedonische Heer nahm einen an- 
deren Weg: es durchzog die wasserarmen brennenden Sand- 
steppen auf dem rechten Oxusufer und schlug, indem es den 
von Hochsogdiana in's Flachland nach Südwest verlaufenden 



182 TomaRchek. 

Querrieg^l und das eiserne Thor vermied, eine mehr westliche 
Richtung nach Marakanda ein, offenbar desshalb, um mit Um- 
gehung von Nautaka dem Prätendenten, der bei der Organi- 
sierung des Widerstandes mit der Rivalität der Heerfiihrer viel 
zu schaffen hatte, zuvor zu kommen. Es gelang wirklich der 
von Ptolemaios geführten Avantgarde, welche damals in vier 
Tagen eine Strecke von zehn Tagmärschen durchflog, Bessos, 
der Nautaka bereits verlassen hatte und den Weg nach Mara- 
kanda über das Gebirge einzuschlagen im Begriffe stand, ein- 
zuholen und im Einverständniss neidischer Verräther gefangen 
zu nehmen. Alexander hatte indess an der Spitze der Haupt- 
armee das sogdianische Flachland (loca deserta Sogdianorum 
Curt VII 20) durchzogen und unter anderm an den Branchiden 
und dem von ihnen bewohnten Städtchen (to twv Bpa-f/i^öv äctj, 
Strab. XI p. 517; Branchidae bilingues, Curt.) eine sehr un- 
rühmliche Rachsucht bewiesen ; als er hierauf die rings um das 
verlassene Nautaka gelegenen Districte in Besitz nahm, konnte 
er den sehr zusammengeschmolzenen Bestand der Pferde durch 
Requisitionen wieder auf die frühere Höhe (viertausend Stücke) 
bringen ; er fand da eine ausgezeichnete Race voii Reitpferden 
vor, wie denn die Pferde von Khang und Ta-wan drei Jahr- 
hunderte später auch bei den sinischen Heerführern Lob und 
Bewunderung gefunden haben. Dann gieng es mit frischen 
Kräften gegen Marakanda, in das Herz von Sogd! — Auch 
nach der Bewältigung der sogdianischen Aufstände wird Nau- 
taka genannt, namentlich desshalb, weil Alexander den Winter 
328/327 vor seinem Zuge nach Indien zwei bis drei Monate 
daselbst Quartier hielt. Kurz vorher hatten Xenippa und Nau- 
taka eine Invasion durch die nationalen Reiterschaaren erfahren, 
auch das eiserne Thor war noch in der Gewalt des Sisvmithres; 
die Verbindung mit Baktra war also ernstlich gefiihrdet. Nach- 
dem jedoch Xenippa wieder erobert worden war, schlug der 
Sieger in Nautaka sein Lager auf und begann von da aus seine 
Operationen gegen die Pässe und Bergdistricte Ostsogdiana's ; 
vgl. Diodor. XVII x8': orpaTEta tou ßaatXso)^ el^ toüc (sie) xaXcü- 
[xdvoü; NauTaxa^ xai ^Oopi -rij«; 5üva|x£0); \jt:o icoXX^? y^^foq. Die 
Schlappe, von der hier die Rede, erlitt das Heer im District 
Gabaza, den wir oben im WakhSgebiet gesucht haben. — Was 
den Namen betrifft, so ist derselbe auf den ersten Blick als 



CentnüuiatiBche Studien. I. 183 

iranisch zu erkennen; näutak (iJÜ^b) bedeutet , schiffbar', und 
so heisst auch ein Fluss in Ghaznin, auf der Hochebene Peilyan- 
m, bis wohin Afräsiyäb vorgedrungen sein soll (Bundehe^ 
cap. XXX); auch die Deutung ,neu fliessend, neuer Wasser- 
lauf' ist möglich, da der Strom von KiSS zeitweilig sein Bett 
veräadert haben mochte; oder es ist NauToxx eine Entstellung 
in griechischem Munde für Naukata (vgl. baktr. kata ,Hau8, 
Leichenbehälter'), wobei man sich auf die im Qebiet von Eädä 
gelegene Ortschaft Nauqat oder Nauqad berufen könnte, wo 
der sogdianische Prophet al-Moqanna, dem die Secte der ,WeisB'- 
gekleideten' anhing, volle dreizehn Jahre hindurch (767 — 780) 
seinen Sitz inne hatte; sein Wohnsitz wird indess auch auf 
den Bergrücken Sanäm verlegt. Die arabischen Geographen 
zählen von Nasaf nach Sünig 4 Farsang, weiter nach Nüqäd 
und Qari§ einen Tag, und dann nach Küh einen Tag (5 Farsang). 
MoqaddasI nennt bei KisS folgende Ortschaften: Nüqad (cXiy), 
Qarii {{J^jS) oder Qawi§ (^JitjyS), ferner Sünig {^yjJ) oder 
Surnig i^M^syM)^ und Eski-faghn (^jJLäaJCimI), das von Nasaf 
etwas entternter lag als Sünig. Im Jahre 1377 verliess Timur 
mit seinem Heere Qaräl und lagerte auf den weiten und gras- 
reichen Gefilden bei Nauqat (Sarif al-din I p. 141). 

Ueber KiSS selbst bieten die ältesten Nachrichten die 
sioischen Schriftwerke. Ma-tuan-lin fasst den Sucus derselben 
in folgende Worte (Abel-Remusat, Nouv. m^l. asiat. I p. 238) : 
,Le pays de Sse est k dix li au midi de la rivifere Tu-mo 
(d. i. Tum, bei Sarif-al-din ; s. o. !); il a fait aussi partie de 
I'ancien Ehang-kiü. Le roi est de la famiile de Sao-wu, et 
parent de celui de Samarkand. II a plus de mille soldats. 
Les coutumes de cet etat sont pareilles a Celles de Khang, dont 
il est eloigne, au nord, de deux cent trente li (240 li, Klaproth 
Mag. asiat. I p. 105; 300 li, Hiuan-Thsang); du cot^ du midi, 
il est ä cinq cents li du Tokharestan; ä l'ouest, il est k deux 
Cents li de Na-se-po; au nord-est, il est k deux cents li de 
Mi*. ,La ville de Chuang-kian Ki-sse (KiiS ^jS) devint la 
capitale de plusieurs milliers de li de pays, et eut jusq'k vingt 
mille familles. C'est Ik qu'est la porte de fer. II y a dans 
la ville des temples d^dies aux esprits : on leur sacrifie toujours 
mille moutons k la fois'. ,Au temps des ann^es Hian-khing 



184 TomftBchek. Ccntralasiatiaclie Stadien. I. 

(656 — 660), on Terigea en arrondiBsement (ou Ceu) de Ehiü-§a, 
et le roi eut le titre de juge'. Auch wird bemerkt (Deguignes 
I, 2 p. LXXII, Klaproth p. 107): ,Ici il y avait autrefois 
(32-8 a. Chr.) la ville de Su-hiai (cf. p. 104: dans le Khang- 
kiü il y avait cinq roitelets appeles rois de Su-hiai, de Fu-me, 
de Yü-ni, de Ki et de 'Ao-kian)^ Hiuan-Thsang traf auf seiner 
Pilgerfahrt von Sa-mo-kien nach Ta-mi (Tarniidh) über den 
Qebirgspass des ^eisernen Thores* nach einem Marsche von 
300 Li zuerst Stadt und Reich Kie-soang-na (Ka^äna), und 
bemerkt : ,Le royaume de Kie-Soan(j-na (^^ ^ Jlß) a de qua- 
torze ä quinze cents li de tour. Sous le rapport des produits 
du Bol et des moßurs des habitants, il ressemble au royaume 
de Sa-mo-kien^ Der Name Käääna oder Kaääniya fiir Kasä 
oder KiSä findet sich auch bei arabischen Geographen, z. B. 
Birüni, und bei Mirkhwand; derselbe ist, wie wir oben dar- 
gelegt haben, wohl zu unterscheiden von Eüsänl-kath oder 
Euääniya, und bedeutet ,Winterwohnung^ ; Kadfi ist wohl nur 
Abkürzung davon. Der sinische Name des Reiches Sse oder 
Ssü, scheint darauf hinzuweisen, dass zeitweilig Sir-kath (Wir- 
kend, 8. 0.) die Capitale war, ein Ort, der weiter gen Nasaf 
hin lag. Für Kes^ findet sich in späterer Zeit das Synonym 
8ahr-i-sabz (,ciie grüne Stadt*), namentlich bei barif al-dln 
(z. B. I p. 150, 307, II p. 415; Kesä I p. 30, II p. 404, III p. 174), 
der eine grosse Zahl von Oertlichkeiten in diesem Territorium 
anführt. Das eiserne Thor beschreibt Hiuan-Thsang ausführlich; 
dass der Felsen des Sisymithres dieselbe Position bedeute, haben 
wir unumstösslich dargethan. Und so sind wir denn bei UDserein 
Versuche, die Topographie Sogdiana's nach den ältesten Quellen 
darzustellen, wieder- dahin gelangt, woher wir den Ausgang 
genommen haben. 




im. 



LitJiuiDsL^XQk». J^&n. 



]f?2. 




jrs. 




Meinong. Hame - Studien. I. 185 



Hume-Studieü. 
I. 

Zur Geschichte und Kritik des modernen Nominalismus. 

Von 

Dr. Alexias Meinong. 

Jus gibt leider in der Psychologie nur zu viele Fragen, 
deren Lösung schon in der verschiedensten Weise versucht 
worden ist, ohne dass es gelungen wäre, eine allgemeine Ueber- 
einstimmuDg in Bezug auf diese Lösung zu erzielen; aber zum 
Glücke geht die Uneinigkeit doch nur in wenigen Fällen so 
weit, dass sie sich nicht blos auf die Erklärung, sondern selbst 
auf die Existenz eines psychischen Phänomens erstreckte, 
wie dies bei der Abstractionsfrage der Fall ist. Nicht nur 
darum handelt es sich seit Berkeley, wie man zu abstracten 
Begriffen gelange, sondern ob es überhaupt solche Begriffe 
gebe, — nicht wie der Abstractionsact beschaffen, ob er ein 
psychischer Vorgang ganz eigener Art, oder aus einem oder 
mehreren andern psychischen Acten erklärbar sei, muss in 
erster Linie festgestellt werden, sondern, ob ein solcher Ab- 
stractionsact überhaupt möglich sei^ ob er nicht die mensch- 
lichen Fähigkeiten weit übersteige. 

Es müssen erhebliche Schwierigkeiten der Lösung dieses 
Problems entgegenstehen^ wenn eine so lange Zeit dieselbe so 
wenig zu fordern vermochte, und kaum wird sich heute ein 
Einzelner noch Kraft genug zutrauen, gleichsam mit einem 
Schlage alle Zweifel und Controversen in dieser Hinsicht zu 
beseitigen. Aber was sich nicht mit einem Wurfe gewinnen 
lässt, mag vielleicht doch allmälig. Schritt vor Schritt, zu er- 
reichen sein, und zu diesem Ende hat es sich stets als das 
Leichteste und doch zugleich Lohnendste herausgestellt, eine 
kritische Betrachtung des bereits Geleisteten der eigenen Unter- 
suchung zu Grunde zu legen. Wenn daher an dieser Stelle 



186 Meinong. 

die eine der beiden heute einander gegenüberstehenden Ab- 
stractionstheorien in der Darstellung, die sie durch ihre ersten 
und hervorragendsten Vertreter gefunden hat, einer eingehenden 
Prüfung unterzogen wird; so ist mindestens nicht alle Hoffnung 
ausgeschlossen, dass aus einer solchen Untersuchung ausser für 
die Geschichte der Philosophie auch für die Aufklärung der 
in Rede stehenden Frage selbst mancher Nutzen erwachsen 
könnte. 



Die Historiker haben sich mit der Behauptung, ein spä- 
teres Ereigniss sei die nothwendige Folge dieses oder jenes 
früheren gewesen, niemals sehr zurückhaltend gezeigt; ja sie 
pflegen Thesen dieser Art mit einer Sicherheit aufzustellen, 
als ob nicht schon dem Bemühen, das wirkliche Vorhanden- 
sein eines solchen Verhältnisses auch nur einigermassen wahr- 
scheinlich zu machen, in der Regel die grössten Schwierig- 
keiten im Wege stünden. In dieser Beziehung muss die That- 
sache, welche zur Ausbildung der modernen nominalistischen Ab- 
stractionstheorie gewissermassen den Anstoss gegeben hat, zu 
den Ausnahmen zählen. Wer sich die Charakteristik vergegen- 
wärtigt, die John Locke im vierten Buche seines , Essay con- 
cerning human understanding' von den abstracten ,Ideen' ent- 
wirft, — der wird in der That, heute wenigstens, kaum anders 
denken können, als dass eine Reaction, wie sie in Berkeleys 
Schriften bald genug eintrat, geradezu unvermeidlich war. 

,Achten wir genau auf sie^, sagt Locke, ^ ,so werden wir 
finden, dass allgemeine Ideen Gebilde und Erfindungen des 
Geistes sind, die nicht ohne Schwierigkeit gebildet werden imd 
sich nicht so leicht von selbst einstellen, wie wir zu glauben 
geneigt sind. Erheischt es z. B. nicht einige Mühe und Ge- 
schicklichkeit, die allgemeine Idee eines Dreiecks zu bilden, 
die doch noch keine der abstractesten , umfassendsten und 
schwierigsten ist? Es soll die Idee eines Dreiecks gebildet 
werden, welches weder schiefwinklig noch rechtwinklig, weder 
gleichseitig, noch gleichschenklig, noch ungleichschenklig sei, 



a. &. O. eh. VII sect. 9. 



Hume-SlndieD. I. 187 

sondern alles dieses und zugleich nichts von diesem. In der 
That ist dies etwas Unvollständiges, das nicht existiren kann, 
eine Idee, worin einige Theile von verschiedenen und mit 
einander unvereinbaren Ideen zusammengestellt sind^ Was 
Locke bei diesen Worten vorschwebte, kann nicht im Geringsten 
zweifelhaft sein; aber indem er Umfang und Inhalt des Be- 
griffes Dreieck nicht auseinanderhielt, behaftete er den letz- 
teren zugestandener Massen mit einem inneren Widerspruch, 
und wer ihm einmal so weit folgte, fUr den lag wohl nichts 
näher, als noch einen Schritt weiter zu gehen und solchen 
abstracten Begriffen die Existenz kurzweg abzusprechen. 

Wirklich liegt denn auch in Berkeley's Ausführungen auf 
der Negation das Hauptgewicht. Er leugnet, dass die innere 
Erfahrung von einem psychischen Vorgange des Abstrahirens 
Kenntniss gebe^ < er bestreitet die Möglichkeit eines Abstrac- 
tums mit Rücksicht auf den Satz des Widerspruches, ^ — ein 
dritter Einwand, die Frage, wann sich das Individuum die 
Fähigkeit zu der von Locke als so schwierig geschilderten 
Operation eigentlich erwerbe, ' ist den beiden ersten gegenüber 
natürlich nur von sehr untergeordneter Bedeutung. So weit 
ist auch Alles klar und präcis; nicht das Nämliche ist aber 
von der Art und Weise zu sagen, in der er die so in die 
Erklärung der psychischen Phänomene gerissene Lücke wieder 
auszufüllen sucht. 

Es handelt sich einfach um die Frage: wie sind, wenn 
es keine Abstracta gibt, allgemeine Erkenntnisse möglich? 
ja was ist überhaupt, wenn die Dinge sich so verhalten, 
unter Allgemeinheit zu verstehen? ,Allgemeinheit besteht' nach 
Berkeley's Meinung ,nicht in dem absoluten, positiven Wesen 
oder Begriff von irgend etwas, sondern in der Beziehung, in 
welcher etwas zu anderem Einzelnen steht, was dadurch be- 
zeichnet oder vertreten wird, wodurch es geschieht, dass Dinge, 
Namen oder Begriffe, die ihrer eigenen Natur nach particulär 
sind, allgemein werden.'^ Von den ,allgemeinen Dingen' kann 

^ A treatise conceruing the principles of human knowledge, introduction 

8cct 10, — Alciphron or the minnte philosopher, dial. VII sect 6. 
^ Treat. intr. sect. 13, noch ausdrücklicher Min. phil. a. a. O. 
^ Treat intr. sect 14. 
* ihid. sect. 16. 



188 MeinoBf. 

bei der vorliegenden erkenntnisstheoretischen (Vage natürlich 
nicht eingehender die Rede sein, um so mehr aber von den 
allgemeinen Namen und allgemeinen Begriffen. 

Gibt es also auch keine abstracte allgemeine Idee, so 
können allgemeine Ideen doch auf anderem Wege entstehen. 
Eine particuläre Idee wird dadurch allgemein, ^dass sie dazu 
verwendet wird, alle anderen Einzelvorstellungen derselben Art 
zu repräsentiren oder statt derselben aufzutreten'. * Die Ideen 
vordanken daher ihre Allgemeinheit dem, was sie bezeichnen, 
man betrachtet sie darum auch ,viel mehr nach ihrem relativen 
Werthe, insofern sie für andere substituirt sind, als nach ihrer 
eigenen Natur oder um ihrer selbst willen'. ^ Wie freilich 
diese Substitution, wie jene Repräsentation zu denken sei, dar- 
über finden wir bei Berkeley keinerlei Aufschluss. 

Mit dieser Theorie von den allgemeinen Begriffen möchte 
es nun ganz wohl verträglich erscheinen, bezüglich der allge- 
meinen Worte an Locke's Behauptung festzuhalten: ,Worte 
werden dadurch allgemein, dass sie zu Zeichen allgemeiner 
Ideen gemacht werden,' ^ aber Berkeley widerspricht dieser 
Ansicht. Nach ihm wird ein Wort allgemein, indem es als 
Zeichen gebraucht wird für alle particulären Ideen, welche 
vermöge ihrer Aehnlichkeit zu derselben Art gehören und deren 
jede es besonders im Geiste anregt;^ es ist, wie man sieht, so 
ziemlich derselbe Vorgang wie bei der Bildung der allgemeinen 
Ideen. ,Ebenso, wie die einzelne Linie dadurch, dass sie als 
Zeichen dient, allgemein wird, so ist der Name Linie, der an 
sich particulär ist, dadurch, dass er als Zeichen diente allgemein 
geworden. Und wie die Aligemeinheit jener Idee nicht darauf 
beruht, dass sie ein Zeichen für eine abstracte oder allgemeine 
Linie wäre, sondern darauf, dass sie ein Zeichen für alle ein- 
zelnen geraden Linien ist, die existiren können, so muss auch 
angenommen werden, dass das Wort Linie seine Allgemeinheit 
von derselben Ursache herleite, nämlich von dem Umstände, dass 
es verschiedene einzelne Linien unterschiedlos bezeichnet/^ 



1 ibid. sect. 12. 

^ Min. phil. l. c. 

3 Essay book III chapt. III sect. 6. 

* Treat. intr. sect. 11 uud 18, Min. phil. 1. c. 

* Treat intr. sect. 12. 



Hmie- Studien. I. 189 

Sonach steht der allgemeine Begriff wie das allgemeine 
Wort in gleicher Weise denselben particulären Ideen als deren 
Zeichen gegenüber. Aber wie verhalten sich allgemeines Wort 
and allgemeiner Begriff zu einander? Sie sind nicht identisch^ 
denn die allgemeine Idee ist ja, wie gesagt wurde, ihrer Natur 
nach den particulären Ideen gleichartig, die sie vertritt, — 
nicht so das allgemeine Wort. Dieses ist aber auch nicht ein 
Zeichen für die allgemeine Idee, denn es bezeichnet, wie eben 
gezeigt, alle particulären Vorstellungen derselben Art unter- 
schiedlos. ^ Dass aber gar die Idee ein Zeichen für das Wort 
sein sollte, das hat weder Berkeley noch irgend jemand vor 
oder nach ihm behauptet. Besteht also gar keine Beziehung 
zwischen allgemeinen W^orten und allgemeinen Ideen? Das 
scheint denn doch der Erfahrung zu widersprechen, aber 
Berkeley selbst hat einen Weg, auf dem die Schwierigkeit zu 
lösen wäre, nicht gezeigt, und in der That ist kaum denkbar, 
wie hier ein Lösungsversuch zum Ziele führen könnte. 

Also Worte werden allgemein, indem sie Zeichen für 
particuläre Ideen werden; daraus darf jedoch nicht gefolgert 
werden, dass, so oft wir einen allgemeinen Namen hören, in 
uns noth wendig eine solche Idee erregt werden muss, da viel- 
mehr ,im Lesen und Sprechen Gemeinnamen grösstentheils so 
gebraucht werden wie Buchstaben in der Algebra, wo, obschon 
durch jeden Buchstaben eine bestimmte Quantität bezeichnet 
wird, es doch zum Zwecke des richtigen Fortganges der Rech- 



* Dies der Grund, weshalb ich mich der in diesem Sinne von Kuno Fischer 
(^Francis Bacon und seine Nachfolger*, 2. Aufl., Leipzig 1876, S. 706) 
gegebenen Lösung nicht anschliessen kann. Er fasst Berkeley's An- 
sicht so: ,Die Worte sind Zeichen (nicht abstracter, sondern) allgemeiner 
Vorstellungen, welche selbst Zeichen sind für eine Reihe gleichartiger 
Vorstellungen*. Dies entspricht im Ganzen H um e's Interpretation, deren 
Unstatthaftigkeit^ weiter unten dargethan werden soll. Hier nur so 
viel : Ich habe keine Stelle finden können, welche K. Fischer^s Auffassung 
stützte, wShrend alles oben aus Berkeley Citirte ihr entgegenzustehen 
scheint. Uebrigens wfire es doch höchst auffallend, dass Berkeley die 
Locke^sche Definition von allgemeinen Worten, die er zum Zwecke der 
Polemik (Treat. intr. sect. 11) anführt, nicht zugleich in seinem Sinne 
adoptirt, wenn sie, seinen Begrilf von allgemeinen Ideen vorausgesetzt, 
seinen Intentionen so vollkommen entspräche, als nach K. Fischer der 
Fall sein müsste. 



1 90 M e i n n if . 

nung nicht erforderlich ist, dass bei einem jeden Schritt jeder 
Buchstabe die bestimmte Quantität; zu deren Vertretung er 
bestimmt war, ins Bewusstsein treten lasse'. ^ Aber noch mehr: 
es gibt allgemeine Worte, denen gar keine Einzelvorstellungen 
zu Grunde liegen; ein activer Geist z. B. ,kann weder eine 
Idee, noch einer Idee ähnlich sein', denn eine Idee ist absolut 
inactiv. , Daraus scheint zu folgen, dass Worte, die ein actives 
Princip bezeichnen, wie Seele oder Geist, streng genommen 
nicht für Ideen stehen, aber trotzdem sind sie nicht bedeutungs- 
los, denn ich verstehe, was der Ausdruck Ich bedeutet, obwohl 
dies weder eine Idee, noch einer Idee ähnlich ist, sondern das, 
was denkt, will, Ideen empföngt und mit denselben operirt/^ 
Ebenso können wir den Worten Zahl, Kraft keine bestimmte 
Idee zu Grunde legen, dennoch stellen wir bezüglich Beider 
höchst evidente und nützliche Behauptungen auf.^ 

Diese Ausführungen könnten leicht zu der Meinung Anlass 
geben, als sei es Berkeley hier darum zu thun. Locke's Be- 
hauptung, Worte seien Zeichen für Ideen, in dem Sinne zu 
berichtigen, das Worte vielmehr Zeichen für vorgestellte Gegen- 
stände seien. Dass dies jedoch, zum Mindesten in seiner 
Allgemeinheit, der Ansicht des Irländers nicht entspricht, erhellt 
schon daraus, dass wenigstens bezüglich der Aussenwelt der 
Satz Locke's, so universell gefasst, niemandem besser zusagen 
konnte als eben Berkeley, für den ja alle sogenannten Aussen- 
dinge nichts als Ideen sind. Uebrigens muss jedem schon bei 
den wenigen, im Laufe unserer Darstellung citirten Stellen 
aufgefallen sein, wie Berkeley ohne Unterschied bald von Ideen, 
bald von Gegenständen spricht; im Treatise sect. 1 und 2 
weiMien ,Ideen' und ,Objecte der menschlichen Erkenntniss* aus- 
drücklich gleichgesetzt, — von einer Entgegenstelluhg derselben 
kann daher auch, wo es sich um die Bedeutung der Namen 
handelt, nicht die Rede sein. Es scheint sich vielmehr aus 
den angeführten Beispielen zu ergeben, dass für Berkeley hier 
zwei sehr verschiedene Gesichtspunkte massgebend waren: 
Worte wie Seele, Geist stehen nicht für Ideen, weil wir 



» TreaL intr. sect. 19, auch Min. phil. a. a. O. 
2 Min. pbU. dial. VII sect. 8. 
» a. «. O. sect. 8—10. 



Hnme - Stadien. I. 191 

nach Berkeley's Metaphysik vom thätigen Träger der Ideen 
überhaupt keine Idee haben können.^ Auch bezüglich der Kraft 
wäre es zum Mindesten naheliegend genug, die Inactivität der 
Ideen geltend zu machen; aber Berkeley thut es nicht, und 
bezüglich der Zahl kann er es nicht thun, dasselbe gilt von 
den in demselben Sinne aufgeiiihrten Worten wie Zufall und 
Schicksal,^ was mag also Berkeley hier vorgeschwebt haben? 
Da er selbst den Punkt nicht weiter aufgeklärt hat, kann man 
eben nichts als eine Vermuthung aufstellen, und es liegt wohl 
am nächsten, an solche Worte zu denken, von denen man in 
gewöhnlicher Ausdrucks weise zu sagen pflegt, dass sie nicht 
einzelne Dinge, sondern Attribute oder Relationen bezeichnen. 
Sind alle Allgemeinbegriffe ihrem Wesen nach nur concret, so 
mass es mindestens sehr zweifelhaft sein, ob Gegenständen, 
denen für sich gar keine Existenz zukommt, überhaupt eine 
,präci8e^ Idee entsprechen kann. Es genügt z. B. nicht, bei 
dem Worte Zahl an Zwei oder Drei zu denken; denn auch 
davon kann^man keine concreto Idee bilden, sondern nur von 
gezählten Dingen, — gleichwohl wenden wir in solchen Fällen 
Worte an, sie sind weit entfernt, bedeutungslos zu sein, aber 
es sind Worte ohne Ideen. 

All dies ist für die Abstractionsfrage insofern von Belang, 
als Berkeley in der Verkennung dieser Thatsachen den Anlass 
zur irrthümlichen Annahme von abstracten Begriffen zu finden 
glaubt. Setzen wir voraus, ,jeder Name, der etwas bezeichne, 
stehe für eine Idee, .... und ist es zugleich gewiss, dass Namen, 
die doch nicht für ganz bedeutungslos gelten, nicht immer denk- 
bare Einzelvorstellungen ausdrücken, so lässt sich mit Strenge 
folgern, dass sie für einen abstracten Begriff stehen*. ^ So ist 
durch die hier dargestellte Theorie nicht nur eine in sich 
widerspruchsvolle Lehre zurückgewiesen, nicht nur eine neue 
Erklärung an Stelle der unhaltbaren gesetzt, sondern zugleich 
auch der Ursprung des alten, für alle Philosophie so verhäng- 
nissvollen Fehlers nachgewiesen. 



* Vergl. Treatise sect. 135, worauf Berkeley an der in Rede stehenden 

SteUe selbst hinweist. 
' Min. phil. dial. VII sect. 11. 
3 Treat. intr. sect. 19. 



192 Meinong. 

Werfen wir nunmehr einen kritischen Blick auf die 
hier in möglichster Gedrängtheit wiedergegebenen Ausführungen 
des Bischofs von Cloyne, so muss in erster Linie bezüglich 
seines Verhältnisses zu Locke hervorgehoben werden, dass der 
Charakteristik gegenüber, die dieser von der Abstraction 
gab, dasselbe Dilemma anzuwenden war, das jeder mit der 
Wirklichkeit nicht übereinstimmenden Definition entgegen- 
gehalten werden muss, nämlich: entweder die Definition ist 
richtig, dann kann in der That das beschriebene Ding nicht 
existiren, — oder aber, die Definition ist falsch, und dann 
kann allerdings das fragliche Ding noch ganz wohl existiren, 
natürlich aber theilweise mit anderen Merkmalen als den ihm 
in dieser Definition ertheilten. Berkeley hat nun den funda- 
mentalen Fehler begangen, von diesem Dilemma nur das eine 
Glied zu berücksichtigen. Es wird heute Wenige geben, die 
sich seiner Polemik gegen Locke's Darstellung der Abstrac- 
tion nicht anschliessen möchten; aber wenn man auch zugeben 
muss, dass in den meisten Fällen das ,Abtrennen' metaphysi- 
scher oder logischer Begrifi'stheile bei Weitem nicht so selbst- 
verständlich vor sich geht, als Locke anzunehmen scheint, 
wenn man ferner den von Locke postulirten Widerspruch 
zurückweisen muss, wäre damit implicite schon die Möglich- 
keit aller Abstraction aufgehoben? Kann es nicht darum noch 
immer abstracto Begriffe geben, wenn sie nur auf anderem 
Wege entstanden, und von denen Locke's noch insofern ver- 
schieden sind, als sie nicht die Conception eines Widerspruches 
voraussetzen? 

Dass dem scharfsinnigen Denker gerade diese Seite der 
Frage entging, muss um so mehr bedauert werden, als einige in 
seiner Darstellung als Inconsequenzen erscheinende Zugeständ- 
nisse, gehörig ausgebildet, zu einer viel befriedigenderen Er- 
klärung der Abstractionsphänomene hätten führen müssen, als 
Berkeley auf dem von ihm eingeschlagenen Wege gelingen 
konnte. 

Die eine dieser Concessionen finden wir am klarsten in 
folgender Weise formulirt: ,Ich bestreite nicht, dass' der mensch- 
liche Geist ,in gewissem Sinne abstrahiren kann, insofern näm- 
lich, als Dinge, die in Wirklichkeit für sich zu existiren ver- 
mögen oder so percipirt werden können, auch abgesondert 



Hnne- Studien. I. 193 

vorgestellt^ oder eines vom andern abstrahirt werden können, 
z. B. der Kopf eines Menschen von seinem Leib, Farbe von 
Bewegung, Gestalt von Qe wicht/ ^ Dem zufolge erleidet die 
allgemeine Behauptung, es gebe keine Abstracta, schon sehr 
beträchtliche Ausnahmen. Zwar meint Berkeley, man pflege 
das Wort Abstraction gewöhnlich nicht in diesem Sinne zu 
gebrauchen, aber schon das kann nicht durchaus zugegeben 
werden. Wollte man z. B. die Körper nur in Bezug auf Gestalt 
und Farbe betrachten, dagegen von allen anderen Eigenschaften 
derselben, z. B. Gewicht, Solidität u. s. w. absehen, so würde 
wohl Niemand, der den Kaum nicht etwa für eine ,Anschauung^ 
a priori hält. Anstand nehmen, einen solchen Körperbegriff 
zwar minder abstract als den geometrischen, aber abstracter 
als den physikalischen Begriff des Körpers zu nennen, — und 
doch unterscheidet sich unser Begriff von dem letztgenannten 
nur dadurch, dass von diesem alle nicht direct durch den Ge- 
sichtssinn wahrgenommenen, also gewiss auch für sich perci- 
pirbaren Merkmale weggelassen wurden. 

Man braucht darum noch gar nicht so weit zu gehen, wie 
William Hamilton, der in seinen Vorlesungen über Metaphysik^ 
im Anschlüsse an Laromigui^re sogar von einer ,Abstraction 
der Sinne^ spricht und zur Erläuterung folgende Darlegung des 
Letzteren reproducirt: ,Da wir mit fünf verschiedenen Organen 
ausgestattet sind, deren jedes dazu dient, eine bestimmte Classe 
von Perceptionen und Vorstellungen uns zu Qemüth zu führen, 
theilen wir natürlich alle sensiblen Objecte in fünf Qualitäts- 
classen ein. Der menschliche Körper ist demnach sozusagen 
selbst eine Art Abstractionsmaschine. Die Sinne können 
nichts als abstrahiren. Könnte das Auge nicht Farben abstra- 
hiren, so raüsste es diese verschmolzen mit Gerüchen und 
Geschmäcken sehen, und Gerüche und Geschmäcke müssten 
nothwendig Objecte des Gesichts sein^ Hier ist nun wirklich 
das Wort Abstraction ganz unglücklich angewendet. Denn 
jedenfalls muss unter Abstraction, mag es nun eine solche 
geben oder nicht, ein psychischer Act verstanden werden, durch 



1 Min. phil. dial. VII sect. 8. 

3 Lectares on metaphysics and logic, ed. Mansel und Veitch, Edinburgh 

und London 1870. Bd. IL S. 284 ff. 
SiteongtbM. d. pUI.-hüt Ol. LXXXYII. Bd. I. Hft. 13 



194 Meinong. 

den eine oder mehrere Vorstellungen aus einem grösseren Vor- 
stellungscomplexe ausgeschieden oder doch hervorgehoben 
werden; ehe also ein solcher vorhanden ist, kann von keiner 
Abstraction die Rede sein. Wird daher auch, was gewiss nicht 
selbstverständlich ist, eingeräumt, dass die Ursachen mehrerer 
Vorstellungen einer Substanz anhaften, so sind dann zwar 
Complexe realer Qualitäten gegeben, nicht aber Vorstellungs- 
complexe, von denen allein erst abstrahirt werden könnte. 
Dass hingegen ein solcher Einwand bei den von Berkeley 
bemhrten Fällen nicht angebracht werden kann, leuchtet auf 
den ersten Blick ein; denn sind Vorstellungen auch abgesondert, 
von einander percipirt worden, so können sie doch durch Asso- 
ciation eng genug an einander geknüpft sein, um zur Loslösung 
eines besonderen psychischen Actes zu bedürfen. 

Von einer Beschränkung des Wortes Abstraction wird 
also besser Umgang genommen werden; darum ist indessen 
Berkeley's Unterscheidung an sich durchaus nicht werthlos. 
Unabhängig percipirbare Vorstellungselemente (vor Allem 
kommen hier solche in Betracht, welche gleich denen im 
obigen Beispiele dem Gebiete verschiedener Sinne angehören) 
haften in der That weit weniger fest an einander, als solche, 
die stets nur zusammen wahrgenommen werden können; darum 
gelingt dort in der Kegel die Abstraction in weit vollkomme- 
nerem Maassc als hier. Ich kann mir ganz gut ein Stück 
Steinsalz vorstellen und dabei von dessen Geschmack völlig 
absehen, während es mir unmöglich wäre, ein solches Mineral 
ohne jede Farbe zu denken. 

Auf ganz ein anderes Gebiet gehörig und völlig unzu- 
treffend ist jedoch Berkeley's Beispiel vom Kopf und Leib 
des Menschen; denn, wenn er damit auch die Fähigkeit, phy- 
sische Theile von einander zu sondern, durch die Bedingung 
selbstständiger Existenz oder eben solcher Wahrnehmbarkeit 
einzuschränken sucht, gibt er unausweichlich unhaltbaren Con- 
Sequenzen Raum, die sofort zu Tage treten, sobald man ver- 
sucht, diesen Grundsatz bei dem wichtigsten unserer Sinne, 
dem Gesicht, zur Anwendung zu bringen. Percipiren wir einen 
Gegenstand durch directes Sehen, was auf einen Blick ge- 
schehen kann, wenn er klein oder fern, mittelst Augenbe- 
wegung dagegen, wenn er gross oder nah ist, so müssen wir 



Harne -Stadien. I. 195 

gleichzeitig seine Umgebung mitpercipiren; diese mag wechseln, 
aber immer wird irgend eine sich der Wahrnehmung aufdrängen. 
Es scheint also, dass wir bei der Vorstellung eines direct ge- 
sehenen Gegenstandes von einer Umgebung (was bei Berkeley 
so viel besagt als von einer concreten Umgebung) unmöglich 
abstrahiren können^ wenn Berkeley's Einschränkung begründet 
ist. Nicht ganz dasselbe gilt nun allerdings von einem indirect 
gesehenen Object. Zwar ist durch Augenbrauen, Nase und 
Wangen das binoculare Qesichtsfeld nach oben und unten, das 
monoculare auch nach innen in sichtbarer Weise begrenzt, so 
dass jedes Objecto möchte es in den angegebenen Richtungen 
auch noch so weit vom Fixationspunkte abstehen, immer noch, 
wenn überhaupt sichtbar, die bezeichneten Theile des Antlitzes 
zur Umgebung hätte. Aber nach aussen ist jedes Gesichtsfeld 
offen; natürlich nicht ins Unendliche, aber doch so, dass ein 
Begrenzendes hier nicht wahrgenommen wird. Auf diesen 
Umstand könnte man sich nun zur Vertheidigung Berkeley's 
berufen, da es doch mindestens möglich sei, die Axe eines 
Auges so zu stellen, dass der fragliche Gegenstand gerade an 
die Grenze des Sehfeldes zu liegen käme, und so wenigstens 
theilweise ohne Umgebung percipirt würde. Wer dieses be- 
hauptete, übersähe jedoch, einmal dass eine solche Stellung 
zufällig nur äusserst selten eintreten könnte, einer Absicht 
aber, sie herbeizuführen, sich wohl keiner, dem es nicht etwa 
um das Experiment zu thun war, zu erinnern weiss, — ferner, 
dass die Bilder an diesem äussersten Ende des Gesichtsfeldes 
so schwach und undeutlich sind, dass sie kaum mehr vermögen 
als die Reproduction von vorher durch directeres Sehen er- 
haltenen Perceptionen zu erleichtern, ein Gegensatz so indirect 
erhaltener Bilder gegen directer erhaltene daher die Repro- 
duction gewiss nicht zu Gunsten der ersteren beeinflussen würde. 
Uebrigens scheint auch die Erfahrung eines Jeden ganz unzwei- 
deutig zu zeigen, dass, wenn wir uns eines gesehenen Gegen- 
standes erinnern, wir denselben als möglichst direct (selbst mit 
Zuhilfenahme der Augenbewegung) gesehen zu repräsentiren 
pflegen, — kurz, Alles weist darauf hin, dass auch das indirecte 
•Sehen in unserem Falle von keinem Nutzen sein könnte. Es 
ergibt sich daraus von selbst, dass, wenn Berkeley Recht hat, 
wir völlig ausser Stande sind, die Idee eines Gegenstandes von 

13* 



196 Meinong. 

der einer ganz bostimniten Umgebung zu abstrahiren. Dies 
widerspriqht aber aller Erfahrung; und auch Berkeley hätte 
gewiss Anstand genommen, explicite aufrecht zu erhalten, was, 
wie wir sehen, implicite mit seiner Behauptung stehen und 
fallen muss. 

Wir hätten uns bei diesem scheinbar so minutiösen Falle 
kaum so lange aufgehalten, wenn Berkeley 's Beispiel nicht 
eines von denen wäre, welche die richtige Lösung der Haupt- 
frage ganz besonders nahe legen. Mag einer auch über seine 
Fähigkeit, von metaphysischen oder logischen Theilen abzu- 
sehen, zweifelhaft sein, so wird ähnliches Bedenken bei phy- 
sischen kaum aufkommen. Keiner zweifelt daran, dass er 
von den verschiedenen Eindrücken, die sich etwa dem Auge 
oder Ohr auf einmal darbieten, in sehr vei*8chiedener Weise 
Notiz nimmt. Fragt man aber einen, der sich nie mit philo- 
sophischen Speculationen beschäftigt hat, wie ihm dies oder 
jenes entgehen konnte, was er unzweifelhaft vor Augen gehabt 
haben muss, so antwortet er etwa einfach, er habe eben auf 
etwas ganz Anderes Acht gegeben. Dabei ahnt er natürlich 
nicht, dass seine Antwort den Gesichtspunkt enthalte, unter 
dem vielleicht eine vieldiscutirte philosophische Streitfrage 
ziemlich einfach zu entscheiden wäre. 

Es ist übrigens leicht zu zeigen, dass auch Berkeley 
selbst den Schlüssel zur Beseitigung aller Schwierigkeit in 
Händen hält, ja zuweilen unwillkürlich benützt, — und es ist 
auffallend genug, dass er dennoch von dessen eigentlicher Be- 
deutung keine Ahnung zu haben scheint. ,Die Ueberein- 
stimmungen und Verschiedenheiten zu unterscheiden', sagt er 
einmal, * ,die zwischen unseren Ideen bestehen, zu sehen, welche 
Ideen in einer zusammengesetzten Idee enthalten sind und 
welche nicht, dazu ist nicht mehr erforderlich, als eine auf- 
merksame Wahrnehmung dessen, was in meinem eigenen 
denkenden Geiste vorgeht.' Diese Stelle müsste, alleinstehend, 
sehr befremden; es ist nicht abzusehen, wie man Elemente 
eines Ideencomplexes unterscheiden kann, wenn man diese 
Elemente, die doch Abstracta sein müssten, nicht vorzustellen 
vermag. Aber die Stelle wird vollkommen verständlich, wenn 

* Treat. intr. sect 22. 



Hnne- Stadien. I. 197 

man eine andere zu Rathe ziebt^ welche das zweite und wich- 
tigste der oben berührten Zugeständnisse des irischen Philo- 
sophen enthält; sie lautet: ^Es muss hier zugegeben werden, 
dass es möglich ist, eine Figur blos als Dreieck zu betrachten, 
ohne dass man auf die besonderen Eigenschaften der Winkel 
oder Verhältnisse der Seiten achtet. Insofern kann man ab- 
strahiren, aber dies beweist keineswegs, dass man eine abstracte, 
allgemeine, mit innerem Widerspruch behaftete Idee eines Drei- 
ecks bilden könne. In gleicher Weise können wir Peter, inso- 
fern er ein Mensch ist, oder insofern er ein lebendes Wesen ist, 
betrachten, ohne die vorerwähnte abstracte Idee eines Menschen 
oder eines lebenden Wesens zu bilden, indem nicht alles 
Percipirte in Betracht gezogen wird/* In der That, 
damit könnte sich der eifrigste Vertreter des Conceptualismus 
zufrieden geben. ^ 

Um die Tragweite dieser Worte zu ermessen, um zugleich 
zu erkennen, wie der Irländer, und wäre es auch zum Schaden 
seiner Consequenz, der Wahrheit zuweilen näher kommen Jkonnte, 
als viele seiner Nachfolger, muss man auf den Zusammenhang 
Kücksicht nehmen, in dem er sich zu diesem Ausspruche ge- 
drängt fühlt. Gemäss den oben reproducirten Erörterungen 
über die Allgemeinheit von Ideen und Worten lässt sich zwar 
vielleicht denken, wie wir dazu gelangen können, allgemeine 
Sätze aufzustellen, wie sind wir aber im Stande, sie zu be- 
weisen? Die von Berkeley betonte Repräsentation kann hier 
augenscheinlich keinen Dienst leisten; denn repräsentirte auch 
die Vorstellung a die ähnlichen 6, c, d, u. s. f., so sind die 
letzteren doch nur ähnlich, nicht gleich a, und nicht Alles, 
was von a bewiesen werden könnte, muss darum fiir die übrigen 
Geltung haben, — inwiefern aber a die anderen Vorstellungen 
vertritt, ist durch die einfache Thatsache der Repräsentation 
völlig unbestimmt gelassen. Berkeley verkennt keineswegs das 
Vorhandensein einer Schwierigkeit, er selbst wirft die Beweis- 
frage auf, und fährt dann (a. a. O.) fort: ,Ich antworte darauf, 
dass, obschon die Idee, die ich im Auge habe, während ich 
den Beweis führe, z. B. die eines gleichschenkligen, recht- 

* Treat. intr. sect. 16. 

' Vergl. Ueberweg s Uebersetzung des Treat. (Berlin 1869, Bd. 12 der 
Kirchmann*8cheii ,philoB. Bibliothek') S. 109, Anmerk. 5. 



198 Meinong. 

winkligen Dreiecks ist, dessen Seiten von einer bestimmten 
Länge sind, ich nichtsdestoweniger gewiss sein kann, derselbe 
Beweis finde Anwendung auf alle anderen geradlinigen Drei- 
ecke, von welcher Form und Grösse dieselben immer sein 
mögen, und zwar darum, weil weder der rechte Winkel, noch 
die Gleichheit zweier Seiten, noch auch die bestimmte Länge 
der Seiten irgendwo bei der Beweisführung in Betracht 
gezogen worden sind^ üebrigens liegt auch in diesen 
Worten nur, was schon die erst citirte Stelle enthält, nämlich: 
dass es in unserer Macht liegt, die Aufmerksamkeit bei 
der Betrachtung eines Individuums in solchem Maasse aut 
einige Merkmale desselben zu concentriren, dass wir in Folge 
dessen von den übrigen Attributen absehen können. Wenn 
sich das aber so verhält, dann ist auch ein grosser Theil von 
Berkeley's Polemik völlig gegenstandslos. Denn gehört die 
Aufmerksamkeit auch zu jenen Thatsachen des geistigen Lebens, 
für deren Erklärung die Psychologie noch am allerwenigsten 
gethan . hat, * so kennen wir sie doch. Dank der innei'en Er- 
fahrung, gut genug, dass die Frage nach der Abstraction 
wenigstens als gelöst zu betrachten ist, sobald sich diese, wie 
dem Verfasser kaum zweifelhaft sein kann, auf die Phänonaene 
der Aufmerksamkeit und der Ideenassociation zurückfühfen lässt 

Die letzten Erörterungen haben uns von Berkeley's nega- 
tiven Aufstellungen über Abstraction zu dessen positiven über 
Verallgemeinerung, von der Frage nach dem Inhalt zur Frage 
nach dem Umfang der BegriflFe, sowie dem Verhältniss von 
Inhalt und Umfang zu einander geführt, einem Thema, über 
das auch in der neueren Logik und Psychologie vielfach noch 
ziemliche Unklarheit herrscht. Es empfiehlt sich daher wohl, 
ehe wir in der Prüfung Berkeley's fortfahren, erst selbst ein 
wenig nach Klarheit zu suchen. Haben wir diese einmal ge- 
wonnen, dann wird auch die Beurtheilung sowohl Berkeley's 
als seiner Nachfolger viel rascher und sicherer von Statten 
gehen, ja wir werden uns, so weit wir auf neuere Leistungen 
zu sprechen kommen, leicht jeder Kritik enthalten können, da 
der Vergleich sich dem Leser von selbst aufdrängen wird. 

Berkeley selbst hat uns, wie wir sahen, den Gesichts- 
punkt gegeben, unter dem sowohl die Berechtigung seiner 



Hnme- Studien. I. 199 

Haupteinwendimgen gegen Locke, als auch das Vorhandensein 
abstracter Ideen anerkannt werden kann. Wie die Aufmerk- 
samkeit sich bei der Bildung abstracter Begriffe aus concreten 
thätig erweist, das erkennt jeder leicht, der auf sein eigenes 
Geistesleben achtet, und eine weiter unten (S. 249 f.) wieder- 
zugebende Darlegung John Stuart MilFs wird noch ein Uebriges 
thun, den Vorgang klar zu stellen. Ebenso ist es selbstver- 
ständlich, dass das, was die Logiker den Inhalt eines Begriffes 
nennen, bei abstracten Begriffen nur mit dem durch die Auf- 
merksamkeit hervorgehobenen Theile des betreffenden concreten 
Vorstellungscomplexes zusammenfällt, während in den Umfang 
dieses Begriffes alle Individuen gerechnet werden müssen, 
welche sämmtliche den Inhalt desselben ausmachende Attribute 
an sich tragen. Sobald wir nun aber daran gehen wollen, das 
Verhalten von Abstract und Concret zu Universell und Parti- 
culär auseinanderzusetzen, tritt uns sofort ein Hinderniss ent- 
gegen, das schon mancher philosophischen Untersuchung ver- 
hängnissvoll geworden ist, Unsicherheit und Verwirrung in der 
Terminologie. 

Von vielen wurden und werden nämlich die in Rede 
stehenden Ausdrücke ganz unterschiedlos für einander ge- 
braucht, so dass J. St. Mill sich in Folge dessen berechtigt 
glaubte, die gewissermassen bestimmungslos gewordenen Worte 
abstract und concret im Anschlüsse an die scholastische 
Diction zur Bezeichnung eines Unterschiedes in der Classe der 
allgemeinen Namen zu verwenden. ^ Auch in Deutschland haben 
Manche (z. B. Ueberweg, Siegwart) diese Ausdrucksweise accep- 
tirt; dennoch widerspricht sie noch immer dem gewöhnlichen 
Sprachgebrauche genug, dass eine Erwägung, ob denn gar 
nichts zu Gunsten des Letzteren anzubringen wäre, gewiss 
nicht verspätet genannt werden kann. Eines mindestens scheint 
ausser Zweifel: wer behauptet, dass die Prädicate allgemein 
und abstract, oder besonder und concret sich allemal von 
denselben Begriffen aussagen lassen, meint in der Regel damit 
eine sehr wichtige psychologische Thatsache anerkannt, keines- 
wegs aber blos eine leere Tautologie gesagt zu haben; als 
gleichbedeutend gelten also diese Worte auch dem gewöhn- 



^ Vergl. System of logic. b. I, chapt. II, §. 4. 



200 Meinong. 

liehen Sprachgebrauche keineswegs. Jedermann erkennt im 
Gegentheil bei geringer Ueberlegung, dass die Worte allge- 
mein und particulär auf den Umfang, die Worte abstract 
und CO n er et auf den Inhalt der Vorstellungen gehen. Allge- 
mein ist ein Begriff, dem mehrere Gegenstände entsprechen 
oder doch entsprechen können, particulär oder individuell hin- 
gegen der, welcher ohne Widerspruch oder wenigstens ohne 
unendlich grosse Unwahrscheinlichkeit eine Beziehung auf mehr 
als ein Object nicht zulässt. i Auf der andern Seite liegt es 
am nächsten, jeden Begriff abstract zu nennen, der als das 
Resultat einer Abstraction erscheint, während jeder, an dem 
noch nichts derartiges vorgegangen ist, als concret zu be- 
zeichnen sein wird.^ 

Eine Definition von der Art wie die beiden letzten könnte 
leicht ein idem per idem genannt werden, denn im Grunde 
besagen Beide doch niclit mehr als: ,abstract heisst, was ab- 
strahirt ist^, — allein jedenfalls ist dies das Naheliegendste 
und schon dieser Umstand ist bei Divergenzen im Sprach- 
gebrauch ein Vortheil. Uebrigens kann aber auch nicht gut 
daran gezweifelt werden, dass diese Definition für J. St. Mill 
nicht minder massgebend gewesen ist. Er spricht sich zwar 
(a. a. 0.) dagegen aus, ,den Ausdruck ,abstracter Name^ auf 
alle Namen anzuwenden, welche das Ergebniss der Abstraction 
. . . sind^, — was konnte ihn aber bestimmen, auch nur die 
Namen der Atribute ,abstract^ zu nennen, wenn nicht eben der 
Umstand, dass diese als ,Ergebni8s der Abstraction^ gelten? 



^ In den meisten Definitionen bleibt die physische Unmöglichkeit unbe- 
räcksichtigt, aber mit Unrecht, wie wir sehen werden. — Ungenüfj^nd 
w&re es, den Individualbegriff als einen zu bestimmen, ,unter dem nur 
ein Object vorgestellt wird*; denn das gilt auch von jedem Allgemein- 
begpriff, sofern er sich nicht etwa auf ein Collectiv be/aeht. Sagt mau: 
,ein Mensch', so stellt man sich gewiss nicht mehrere vor; aber jeder 
Mensch kann dieser eine sein, der Begriff ist also ohne Frage universell. 

3 Drobisch (neue Darstellung der Logik, 3. Aufl., Leipzig 1 863, §. 19, S. 21 ff.) 
bezieht abstract und concret, sowie allgemein und besonder auf Gattung 
und Art, gebraucht diese Namen also relativ. Dagegen ist jedoch ein- 
zuwenden, dass hiezu Bezeichnungen wie: allgemeiner und weniger all- 
gemein, abstracter und weniger abstract gewiss deutlicher wfiren, indess 
andererseits in Folge jener Ausdruck sweise auch für die von uns indi- 
viduell und concret genannten Begriffe die Termini fehlen. 



Ham«- Stadien, l. 201 

Kann dies aber von Weisse, Menschenthum, Alter aus- 
gesagt werden; so gewiss auch von weiss, Mensch, alt; die 
letzteren Namen (respective Begriffe) von der Classe auszu- 
schliessen, der die ersteron angehören, obwohl die speeiiische 
Differenz der Classe allen in gleicher Weise eigenthümlich ist, 
kann daher nur als ein logischer Fehler betrachtet werden. 
Damit ist natürlich durchaus nicht in Abrede gestellt, dass ein 
Unterschied besteht zwischen den Namen der Attribute und 
denen der Gegenstände, und um diesem Unterschiede auch 
im Ausdrucke gerecht zu werden, ohne neue Namen erfinden 
zu müssen, möchte es vielleicht angemessen sein, die erst- 
genannte Gruppe als ,Abstracta im engeren Sinne^ den Ab- 
stractis in der weiteren Bedeutung des Wortes entgegenzu- 
stellen. 

Ist die Terminologie in dieser Weise geregelt, so kann 
keiner der in Rede stehenden Ausdrücke überflüssig heissen; 
denn jedem derselben entspricht ein ganz bestimmter, eigen- 
thüinlicher Begriff, und wenn sich zwei dieser Begriffe auf 
denselben Gegenstand beziehen sollten, so wären sie darum 
nicht weniger verschieden als etwa die Begriffe: ,bei 0^ Celsius 
gefrierend' und: ,aus Sauerstoff und Wasserstoff bestehend^, 
die bekanntlich beide von demselben Dinge, dem Wasser, aus- 
gesagt werden können. 

Besteht nun aber wirklich eine solche CoincidenzV Dass 
ein Begriff zugleich allgemein und individuell sein könnte, wie 
Drobisch meint, * oder zugleich abstract und concret, wie James 
MilP und Alexander Bain*^ aufstellen, ist durch die obigen 
Definitionen von selbst ausgeschlossen, — dagegen dürfte die 
oft gehörte Behauptung des umgekehrten Quantitäts Verhältnisses 
von Umfang und Inhalt eines Begriffes* um so bereitwilligere 
Zustimmung finden. Das fragliche Gesetz lässt sich etwa so 
aussprechen: je grösser der Umfang eines Begriffs, desto kleiner 
der Inhalt; je grösser der Inhalt, desto kleiner der Umfang. 
Anders ausgedrückt: je allgemeiner, desto abstracter; je weniger 

' a. a. O. S. 23. 

^ Aoaljsis of the phenonieiia of the human niind ed. J. St. Mill London 

1869, vol. I eh. VIII S. -269 f. 
' Logic part I. dedaction London 1870, S. 7 §. 10. 
* Vergl. z. B. Hamilton a. a. O. Lectnre XXXIV Schlußs (S. 298 f.). 



202 Meinong. 

abstract, desto weniger allgemein. Ist der Inhalt = 1 (ein- 
facher Begriff), 80 ist der Umfang unendlich gross. Ist der 
Inhalt unendlich gross (das wird gewöhnlich als fligenthüm- 
lichkeit concreter Vorstellungen angegeben), so ist der Umfang 
= 1, d. h. jede concreto Vorstellung ist individuell, jede in- 
dividuelle concret, woraus sich von selbst ergibt, dass auch 
alle Abstracta allgemein, alle Universalbegriffe abstract sind. 
Umfang und Inhalt bestimmen sich also gegenseitig. 

Dass zunächst in der That alle concreten Vorstellungen 
zugleich auch individuell sind, muss jedem klar sein, der be- 
denkt, dass jede concreto Vorstellung eines psychischen oder 
physischen Objectes ganz bestimmte Daten der Zeity respective 
des Raumes und der Zeit enthält und in keinem der beiden 
Fälle eine Mehrheit von Vorstelhingsgegenständen angenommen 
werden kann, wenn auch der Grund, der diese Annahme ver- 
bietet, dort und hier nicht völlig gleichartig ist. Im ersten Falle 
schlösse die entgegengesetzte Behauptung einen Widerspruch 
in sich; denn wenn irgend etwas, so wird durch das Wort 
Identität das Verhältniss eines psychischen Phänomens zu 
einem psychischen Phänomen bezeichnet, das mit jenem in 
allen Stücken, die Zeit eingerechnet, übereinstimmt. Nicht so 
im zweiten Falle; der noch schwebende Streit der Psychologen, 
ob man an ein und demselben Orte zugleich verschiedene 
Farben sehen könne, ^ beweist; mindestens, dass eine solche An- 
nahme nicht absurd ist. Das Gesetz der Undurchdringlichkeit 
der Körper ist nicht analytisch; und ist es nicht widersprechend, 
dass verschiedene Gegenstände gleichzeitig einen Raum ein- 
nehmen könnten, so ist nicht abzusehen, warum diese Gegen- 
stände ihre verschiedene Individualität einbüssen sollten, wenn 
sie zufallig sonst in jeder Hinsicht übereinstimmten. Von prak- 
tischer Bedeutung ist diese Distinction natürlich nicht; denn 
hat das Gesetz der Undurchdringlichkeit nicht mathematische^ 
so hat es doch jedenfalls physische Sicherheit, — aber dies 
konnte uns nicht davon dispensiren, bereits in der obigen 
Deiinition des Individuellen diesen Unterschied namhaft zu 
machen. 



1 Vergl. Helmholtz Handbuch der physiologischen Optik (Kiursten^s allge- 
meine Encyklopädie der Physik, Bd. IX), Leipzig 1867, §. 20 S. 273 ff. 



Rnne- Studien. I. 203 

Also die Daten der Zeit^ beziehungsweise des Raumes 
and der Zeit, weisen unzweideutig auf ein Individuum; will 
man dagegen von Raum und Zeit absehen, so kann das nur 
durch Abstraction geschehen, und die fragliche Vorstellung 
kört damit auf, eine concreto zu sein. Das ist aber nicht 
etwa so zu verstehen, als ob die concreto Vorstellung alle 
dem voi^estellten Gegenstande eigenthümlichen Merkmale ent- 
halten müsste; deren mag es unendlich viele geben, viele 
mögen den Sinnen erst spät, viele gar nicht zugänglich werden, 
— die Zahl der Elemente des concreten Begriffs bleibt dagegen 
eine beschränkte, nicht einmal alle dem Vorstellenden be- 
kannten Attribute des Objectes müssen in der Vorstellung 
enthalten sein, ja sie können es oft gar nicht, namentlich wenn 
diese Attribute Relationen zu andern Objecten voraussetzen. 
Das Concretum umfasst eben nichts als den Complex von 
Merkmalen, die sieh vermöge der Natur des Gegenstandes den 
Sinnen auf einmal aufdrängen, also vor Allem die, welche 
unter Vermittlung des eben am meisten in Anspruch genomme- 
nen Sinnes, in der Regel des Gesichts, zum Bewusstsein ge- 
langen, — Daten anderer Sinne wohl nur, wenn sie sich in 
so auffallender Weise geltend machen, dass sie mit den ersteren 
sofort eine starke Association eingehen, die sich im Falle 
späterer Reproduction gar nicht oder sehr schwer lösbar er- 
weist. So mag z. B. das Gesichtsbild eines Wasserfalles sich 
lur den nahestehenden Beschauer mit der gleichzeitig wahrge- 
nommenen Gehörsempfindung des Rauschens vielleicht zu dem 
Ganzen einer concreten Vorstellung vereinigen; vielleicht ver- 
halten sich auch verschiedene Subjecte demselben Gegenstande 
gegenüber verschieden. Uebrigens sei, um Misverständnisse zu 
verhüten, hier ausdrücklich hervorgehoben, dass, sobald der 
Beobachter in unserem Beispiele den Gegenstand der Vor- 
stellung als jdiesen Wasserfall^ bezeichnet, er damit nicht nur 
das Vorhandensein einer concreten, sondern auch das einer 
abstracteu Vorstellung verräth; denn jene Worte sagen bereits 
eine Subsumtion des eben wahrgenommenen Phänomens unter 
eine Classe aus, was ohne allgemeine (und daher abstracto) 
Idee nicht geschehen kann. 

Eines Falles ganz eigenthümlicher Art, der aber auch in 
diesem Zusammenhange wenigstens erwähnt zu werden verdient. 



204 MeiBong. 

gedenkt Ä. Bain. ,Beim Sehen/ meint er, ^ ,können wir mehr 
mit den muskulären Elementen beschäftigt sein als mit den 
optischen und umgekehrt; aber wir können die beiden nicht 
ganz von einander trennen/ Hier wären also Daten ganz ver- 
schiedener Sinne (Gesichtsem piindung und Muskelgefühl) immer 
und überall zu einem Concretum verschmolzen; fraglich bleibt 
nur, ob Bain mit der Behauptung der Untrennbarkeit Recht 
hat; und das muss bei dem Umstände, dass nichts der Auf- 
merksamkeit leichter entgeht als Muskelempfindungen, min- 
destens sehr zweifelhaft bleiben. 

Also alle concreten Begriffe sind particulär; sind aber 
auch alle particulären Begriffe concret? Schon Hamilton hat 
versucht, das Vorhandensein particulärer Abstracta zu consta- 
tiren. ,Die Vorstellung von der Gestalt des Pultes vor mir/ 
sagt er,^ ,ist eine abstracte Idee, .... aber sie ist zugleich 
individuell, denn sie repräsentirt die Gestalt dieses besonderen 
Pultes und nicht die irgend eines anderen Körpers/ Aber so 
unangreifbar dies auch sein mag, wenn man mit Hamilton 
eine Substanz, deren Vorstellung angeboren ist, den sensiblen 
Qualitäten zu Grunde legt, so bedenklich muss es andererseits 
erscheinen, eine so vielbestrittene metaphysische Theorie 
ohne Erörterung derselben als Basis psychologischer Unter- 
suchung zu verwenden. Stellt man sich einen Augenblick auf 
den Standpunkt von Hamilton's Gegnern, betrachtet man die 
äusseren Gegenstände, um mit J. St. Mill zu sprechen^^ blos 
als ,Gruppen von Sensationen', so erkennt man sofort, wie 
unglücklich es war, gerade die Gestalt als Beispiel heraus- 
zugreifen. Die Gestalt bestimmt die Ausdehnung des Pultes, 
aber auch dessen Farbe tritt in ganz bestimmter Gestalt auf, 
und diese letztere Gestalt coincidirt ohne Frage vollkommen 
mit der ersteren; haben wir es aber darum nur mit einer 
Gestalt zu thun? Dies muss um so mehr bezweifelt werden, 
als Ausdehnung und mit ihr Gestalt des Pultes auch noch 
durch den Tastsinn percipirt werden können, während die 



' Mental and inoral science, London 1876, 8. 177. 

2 Lecturea a. a. O. S. 287 f. 

3 An examination of Sir William Hamilton \s philosophy chapt. XI, in der 
dem Verfasser allein zug^änglich fi^wesenen französischen Uebersetarang' 
von Cazelles (Paris 1869) 8. 216. 



Ham«-8taditn. I. 205 

Farbe und die auf diese bezügliche Gestalt doch dem Oebiete 
des Gesichtssinnes angehört. Um was handelt es sich dem- 
nach; all dies als richtig angenommen^ wenn von Gestalt des 
Pultes die Rede ist? Offenbar um eine Mehrheit, und damit 
hat der abstracte Begriff aufgehört, ein individueller zu sein. 
Wir haben zwar hier die Autorität J. St. Mill's für uns 
in Anspruch genommen; dennoch würde dieser unsere Objec- 
tion gegen seinen Gegner Hamilton schwerlich unterstützen. 
Coincidirt wirklich z. B. die gesehene und getastete Gestalt voll- 
ständig, so würde er wohl kein Bedenken tragen, beide nicht 
nur für gleich, sondern für identisch zu nehmen. Denn er 
geht in dieser Richtung noch viel weiter. Indem er sich für 
berechtigt hält, völlig gleiche Attribute für identisch zu 
setzen, creirt auch er eine ganze Classe abstracter Individualien, 
abstract in seinem, folglich jedenfalls auch in unserem Sinne. 
,Wenn nur ein Attribut,' meint er,* ,das weder Grades- noch 
Artunterschiede zulässt, durch den Namen bezeichnet wird, 
wie Sichtbarkeit, Greifbarkeit, Gleichheit, Viereckigkeit, Milch- 
weisse, — dann kann der Name kaum als ein allgemeiner be- 
trachtet werden; denn obgleich er ein Attribut vieler ver- 
schiedener Objecto bezeichnet, so wird das Attribut selbst doch 
immer als eines, nicht als eine Vielheit gedacht'. Ohne Frage 
hat Mill hier den Sprachgebrauch in ganz ausserordentlichem 
Umfange für sich. Täglich sagt man und hört man sagen, 
diese und jene Dinge hätten dieselbe Grösse, dieselbe Farbe 
u. 8. f., — aber fast eben so oft kommt der Ausdruck gleiche 
Farbe, gleiche Grösse etc. für dieselben Fälle vor, so dass 
es doch höchst bedenklich erscheinen niuss, sich blos auf die 
erste Redeweise zu stützen, da die zweite doch hinlänglich 
beweist, wie wenig der gemeine Gebrauch die Worte Iden- 
tität und Gleichheit auseinanderzuhalten weiss. Es bleibt also 
nichts übrig, als sich den Sinn beider Namen selbst möglichst 
deutlich zu machen. In der That, wollte man nichts identisch 
nennen, was ,sich für unsere Sinjie nicht durch dieselben Einzel- 
empfindungen kundgibt,' so müsste, wie Mill mit Recht gegen- 
über Herbert Spencer geltend macht, ^ ,auch das Menschenthum 



^ Log^ik Buch I Cap. II §. 4. 

' a. a. O. Buch II Cap. II §. 4 Anmerkung. 



206 Meiaong. 

eines und desselben Mensehen in diesem Augenblicke und eine 
halbe Stunde später als verschieden betrachtet werdend Nicht 
einmal absolute Gleichheit der Empfindungen ist erforder- 
lich; wir betrachten einen Gegenstand meist auch dann noch 
als identisch, wenn wir ihn zu verschiedener Zeit an ver- 
schiedenen Orten wahrnehmen, und so wenig geht die Gleich- 
heit stets mit der Identität zusammen, dass, wenn wir die be- 
treffenden zwei Perceptionen einander noch ähnlicher machen, 
indem wir unter Belassung der verschiedenen Ortsbestimmun- 
gen die Zeit für Beide gleichsetzen, gerade dadurch die Iden- 
tität aufgehoben wird. Bezüglich der Identität bei Gegen- 
ständen scheint indessen kaum eine Unklarheit möglich, — 
wie steht es aber bei den Attributen? Gesetzt, wir hätten 
zwei congruente Dreiecke, A und B] ist nun die Dreieckigkeit 
von A identisch mit der Dreieckigkeit von B? — d. h. ist die 
Dreieckigkeit von A die Dreieckigkeit von jB? Niemand wird 
bestreiten, dass A fortbestehen kann, auch wenn B vernichtet 
ist, — ebenso wenig wird angefochten werden, dass das Attribut 
an seinem Gegenstande haftet, mit ihm besteht, aber auch mit 
ihm vergeht. Gibt es nun B nicht mehr, so existirt auch nicht 
die Dreieckigkeit von By dagegen existirt A und die Drei- 
eckigkeit von A ungestört fort. Nun ist aber die Dreieckigkeit 
von A nach Mill die Dreieckigkeit von By somit existirt die- 
selbe Dreieckigkeit imd existirt doch wieder nicht, was wohl 
Niemand für möglich zu halten geneigt sein wird. — Was diese 
dem Anschein nach ziemlich müssigen Erörterungen darthun 
sollen, ist nur, dass wenn man bei gleichen Attributen ver- 
schiedener Dinge von Identität spricht, damit unmöglich Iden- 
tität im strengen Sinne gemeint sein kann, und dass es ebenso 
ungenau ist, die allgemeine Vorstellung das ,Eine im Mannig- 
faltigen* zu nennen, wie Mill thut. Will man einmal ein Attribut 
als Individuum betrachten, so muss man dann auch so viele 
attributive Individuen anerkennen, als es reale gibt; MiU's 
,Abstractum* muss daher genau so weit universell bleiben, als 
das zugehörige ,Concretum* allgemein ist; — dies war auch 
der Grund, weshalb wir schon oben (S. 199) diese ,Abstracta' 
zu den , allgemeinen Namen' rechneten. 

Jedenfalls ist in dieser Frage Hamilton der Wahrheit 
näher gekommen^ denn er hat sich im Grunde nur in der 



Harne -Stadien. I. 207 

Wahl des Beispieles vergriffen. Hätte er statt der Gestalt etwa 
die Farbe seines Pultes vorgeführt; so wäre seine Behaup- 
tung wohl von jedem Standpunkte aus unanfechtbar. Sollten 
aber Beispiele individueller Abstracta nur unter den Vor- 
stellungen von Attributen anzutreffen sein? Wenn ich an einen 
Freund denke, so habe ich sicher von ihm eine particuläre 
Vorstellung; aber ich weiss nicht, wo er sich eben jetzt be- 
findet, jener Vorstellung fehlt also das Datum des Ortes, sie 
kann somit nicht mehr concret sein. — Ich komme an einen 
Ort, wo, wie ich weiss, mein Freund gewesen ist; allein ich 
weiss nicht wann, denke ich ihn daher an dieser Stelle, 
so muss ich die Zeit unbestimmt lassen. Aber auch ohne 
solchen besonderen Anlass denke ich an den Freund als in 
seinem Wesen den Wechsel von Raum und Zeit überdauernd, 
d. h. ich ab strahl re in der R^el bei der Vorstellung dieses 
Menschen von Raum und Zeit. Dasselbe gilt auch von leblosen 
Gegenständen, sofern Raum oder Zeit nicht etwa ein wesent- 
liches Merkmal derselben ausmacht. — Betrachten wir ein 
anderes Beispiel: In einem Sacke befinden sich unreife Aepfel; 
jemand nimmt einen Apfel heraus, geht hierauf zum £igen- 
thümer und bittet ihn uro diesen Apfel. Der Eigenthümer 
aber, der in eine Arbeit vertieft ist, antwortet, ohne aufzu- 
sehen: ,Du wirst ihn nicht geniessen können, er ist noch 
unreif^ Der Redende denkt hier gewiss nur an einen Apfel 
(der Andere hat ja nur einen genommen), er abstrahirt vom 
Räume (er weiss ja gar nicht, wo der Apfel ist), ebenso von 
einem bestimmten Augenblicke (der Apfel wird in einer Stunde 
noch eben so gut unreif sein, als er es vor einer Stunde war); 
aber noch mehr: er hat auch keine bestimmte Vorstellung von 
Farbe, Gestalt, Grösse des Apfels, denn wenn er auch jedes 
Stück seiner Aepfel von andern zu erkennen vermöchte, so 
kann er doch keinen ausschliesslich im Auge haben, denn er 
weiss nicht, welcher herausgenommen worden ist. — In gleicher 
Weise spreche ich von dem Schreiner, der meinen Schreib- 
tisch hergestellt hat; ich denke nur ein Individuum, aber ich 
habe ihn nie gesehen, kann also unmöglich eine concreto Vor- 
stellung von ihm haben. Betrachtet man endlich Vorstellungen 
'Wie: Der Weiseste von allen Menschen, der glänzendste von 
Allen Sternen, so wird man auch nicht die Spur von etwas 



208 Meinong. 

Concretein antreffen, sie sind aber nichtsdestoweniger individuell; 
denn wären z. B. zwei Menschen weiser als alle anderen, so 
könnte man sie zwar die Weisesten von Allen, streng genommen 
aber Keinen von ihnen den Weisesten von Allen nennen. 

Augenscheinlich sind also die abstracten Individualbegriffe 
keineswegs etwas so Seltenes, als noch selbst nach Hamilton's 
Weise, die Sache darzustellen, zu vermuthen war. Aber vielleicht 
gelingt es uns nun auch, die mannigfachen, aus der Erfahrung 
zusammengelesenen Fälle unter einige einheitliche Gesichts- 
punkte zu bringen. Offenbar kommt es vor Allem darauf an, 
zu ermitteln, was erforderlich ist, um einer Vorstellung den 
Charakter des Individualbegriffes zu geben. Auf dreierlei Weise 
scheint dies möglich zu sein: entweder 1. der Begriff ist con- 
cret, oder 2. sein Gegenstand wird in Relation gedacht zu 
einer concreten Vorstellung oder deren Gegenstand, und zwar 
in einer solchen Relation, die eine Mehrheit der Glieder auf 
Seite des erstgenannten Gegenstandes ausschliesst, oder endlich 
3. die Relation bezieht sich auf alle Individuen der Classe, 
welcher der fragliche Gegenstand angehört, mit einziger Aus- 
nahme eben dieses Gegenstandes selbst. 

Die erste Art umfasst alle concreten Individualien und 
wurde bereits oben unter dem Titel der Concreta, mit denen sie 
ja ganz und gar zusammenfällt, abgehandelt. Dies ist die Form, 
in der jedes empirische Datum uns zuerst ins Bewusstsein 
kommt, und insofern sind die Concreta die Grundlage aller 
Erkenntniss. Aber Erkenntniss geht zunächst nicht auf unsere 
Vorstellungen, sondern auf deren Gegenstände, sie sucht das 
diesen Eigenthümliche von dem durch den betreffenden Vor- 
stellungsact hinzugebrachten Zufalligen möglichst loszulösen, — 
damit wird aber fast immer gerade das entfallen, was die Vor- 
stellung zur concreten macht, und schon daraus erhellt, dass 
die allermeisten Begriffe von Individuen Abstracta sein müssen. 

Diese abstracten Individualbegriffe nun sind unter den 
zweiten und dritten der obigen Fälle zu subsumiren. Charak- 
teristisch ist für den einen wie für den andern eine Rela- 
tion; während aber in der zweiten Gruppe wenigstens das Cor- 
relat noch concret ist, fallt in der dritten Gruppe auch dies 
weg, so dass hier der Individualbegriff nur aus abstracten 
Begriffen besteht. 



Hame-Stadien. I. 209 

Von diesen beiden Classen ist die erste, als die bei Weitem 
umfangreichste, vor Allem wichtig. Hierher gehörige Beispiele 
sind die oben gegebenen vom Freunde, vom Apfel, vom Schreiner. 
Zur völligen Klarstellung mögen hier noch einige Bemerkungen 
Platz finden: Dass das Correlat hier immer individuell ist, 
also eine Verwechslung verhindert, dafür bürgt schon seine 
Natur als Concretum. Nicht dasselbe kann von jeder Relation 
gelten. Sage ich: ,dieser Mensch' (den ich eben sehe oder 
gestern gesehen habe), so ist die Persönlichkeit vollkommen be- 
stimmt; es liegt eine concreto Sinneswahrnehmung vor und ein 
Object, das als deren Ursache gedacht wird, — diese Sinnes- 
wahmehmung konnte offenbar nur durch ein Object bewirkt 
werden, wobei darüber, ob dieses Object etwa ein CoUectiv 
sei oder nicht, natürlich noch gar nicht präjudicirt ist. Das 
Concretum kann auch in mittelbarer Relation zum Gegenstande 
der Individualvorstellung stehen; so, wenn ich sage: Der Vater 
dieses Menschen. Auch hier ist die Individualität des Be- 
griffes unzweifelhaft; hätte ich dagegen gesagt: Sohn dieses 
Menschen, Nachbar dieses Menschen, so wären das zunächst 
Allgemeinbegriffe, die zu ihrer Individualisirung noch einer 
näheren Bestimmung bedürften. — Es ist übrigens ziemlich 
selbstverständlich, dass es für den Charakter der in Rede ste- 
henden Begriffe ganz einerlei bleibt, ob das Vorgestellte ein 
Ding oder ein blosses Attribut ist. Ein Beispiel der letzteren 
Art ist, von dem oben geltend gemachten Bedenken abgesehen, 
das von Hamilton erwähnte particuläre Abstractum; in der That^ 
ob ich dieses Pult vorstelle, oder das Merkmal x dieses 
Pultes, in jedem Falle kann sich die Vorstellung nur auf 
einen Gegenstand beziehen. 

Die zweite Art abstracter Individualbegriffe ist durch die 
Beispiele vom weisesten Menschen und schönsten Stern wohl 
genügend beleuchtet worden. Während in der vorigen Classe 
dem Vorhandensein mehrerer Gegenstände meist nur unend- 
lich grosse UnWahrscheinlichkeit entgegenstand, ist dies hier 
durch den Satz des Widerspruches ausgeschlossen. In der 
Sprache entspricht diesen Vorstellungen, wie es scheint, eine 
eigene Ausdrucksform, der Superlativus singularis des Adjectivs. 

Hat sich demnach aus unserer Untersuchung eingeben, 
dass nicht nur nicht alle, sondern nur die wenigsten Individual- 

8itnngtb«r. d. phil.-Hist. C\. LXXXYII. Bd. I. Hfl. U 



210 Meinouff. 

begriffe concret genannt werden können^ so folgt nun von 
selbst; dass zwar alle Allgemeinbcgriffe abstract; nicht aber 
alle Abstracta allgemein sind. Wie steht es nun aber mit 
dem scheinbar so plausiblen Gesetz vom umgekehrten Ver- 
hältnisse in dem Umfang und Inhalt der Begriffe sich verändern 
sollen? 

Wird auch der Umfang eines einfachen Begriffes als un- 
endlich gross zugegeben, so ist doch noch gar nicht abzusehen, 
warum nicht auch ein complexer Begriff unendlich viele Ob- 
jecto unter sich begreifen könnte, auch wenn es deren weniger 
sein sollen als die, welche der einfache Begriff umfasste. Aber 
bezüglich des Inhaltes der Individualbegriffe lässt sich schon 
das Zugeständniss der Unendlichkeit in keiner Weise machen« 
Ein Begriff mit unendlich vielen Merkmalen wäre eine For- 
derung, die die Grenzen unserer Fassungskraft wohl weit 
überstiege; übrigens haben wir schon bei den concreten Indi- 
vidualvorstellungen nur eine beschränkte Zahl von Merkmalen 
antreffen können, — dass von den abstracten Individualien das- 
selbe nur noch in erhöhtem Grade gilt, braucht kaum hervor- 
gehoben zu werden. Wir denken zwar das Individuum als 
mit unendlich vielen (wenn auch uns unbekannten) Attributen 
ausgestattet, aber die Vorstellung von etwas Unendlichem hat 
doch sicher nicht selbst unendlich viele vorgestellte Bestand- 
theile. Zum Ueberfluss dürfte sich, wenn man nun einmal 
diese Attribute ins Auge fasst, schwerlich ein Grund an- 
geben lassen, warum mehrere Individuen nicht auch in einer 
unendlichen Zahl von Attributen übereinstimmen könnten 
(das Zusammentreffen von Raum- und Zeitbestimmung natür- 
lich ausgenommen). Hat ein Individuum wirklich unendlich 
viele Merkmale, und lässt man davon die (endlich. vielen) seine 
Individualität voraussetzenden weg, so ist der Rest immer noch 
unendlich gross und kann ohne Widerspruch als allgemein 
gelten. 

Wir haben ferner gefunden, dass Individualbegriffe, die 
doch alle gleichen Umfang haben, sehr verschieden grossen 
Inhalt aufweisen können. Auch liegt es auf der Hand, dass 
es Fälle gibt, wo ein Zuwachs oder eine Abnahme bezüglich 
des Inhaltes eines Begriffes den Umfang ganz unverändert 
lässt, nämlich, wenn man einem Gattungs- oder Artbegriff ein 



Hnme- Studien. I. 211 

Proprium dieser Gattung oder Art zufügt oder umgekehrt den in 
letzterer Weise complicirten Begriff durch Weglassung des Pro- 
prium auf den blossen ßattungs-, respective Ärtbegriff reduciii;. 
Kurz, es kann kein Zweifel darüber bestehen^ dass das fragliche 
Gesetz, wenigstens in seiner Allgemeinheit; völlig unhaltbar 
ist. Drobisch hat daher den Versuch gemacht^ dasselbe min- 
destens auf beschränktem Gebiete zu constatiren ^ und bezüglich 
einiger einfacher Fälle das Verhältniss von Umfang und Inhalt 
sogar in mathematische Formeln zu bringen.^ Aber zu den 
schon von Ueberwcg^ geltend gemachten praktischen Bedenken 
gegen diese Formeln kommt noch ein theoretisches. Drobisch 
hat sich die Lösung seiner Aufgabe wesentlich erleichtert, ja 
einzig möglich gemacht durch seine Definition vom Umfange. 
Dieser ist nach ihm ,die geordnete Gesammtheit aller einander 
beigeordneten Arten' des Objectsbegriffs, * es* sind damit 
natürlich die niedrigsten Arten gemeint. Durch diese Definition 
ist aber der Sinn des Wortes Umfang ganz verschoben; ge- 
wöhnlich meint man damit doch die Gesammtheit der unter 
den fraglichen Begriff fallenden Individuen, während nach 
Drobisch bei den niedrigsten Arten ein Umfang gar nicht 
mehr in Frage kommen oder höchstens als Einheit betrachtet 
werden kann. Unter Voraussetzung des gewöhnlichen und 
wohl einzig statthaften Begriffes jedoch sind die in Rede 
stehenden Formeln unanwendbar; denn eben weil sie die nie- 
drigsten Arten sämmtlich = 1 setzen, werden deren Umfange 
als durchaus gleich behandelt, was der Wirklichkeit wohl kaum 
in irgend einem Falle entsprechen wird. 

Abgesehen von dem mathematischen Theile wird man 
aber Drobisch's Modificationen nur beipflichten können. Nach 
ihm erhält das Gesetz diese Form: ,In jeder Reihe einander 
untergeordneter Begriffe kommt demjenigen von je zwei mit 
einander verglichenen Begriffen, welcher einen grösseren Inhalt 
als der andere hat, ein kleinerer Umfang, und umgekehrt dem- 
jenigen, welcher einen grösseren Umfang als der andere hat, 

» a. a. O. §. 26 8. 29f. 

^ ibid. S. 206 ff. Loirisch-mathematificber Anhang^ I. 

^ System der Logik 2. Aufl. Bonn 1865, §. 54 S. 104. 

* a. a. O. §. 25 S. 28. 

14* 



212 Meinonff. 

ein kleinerer Inhalt zu^ Es muss hier ira Auge behalten 
werden, dass nur von einer Reihe ßubordinirter Begriffe 
die Rede und die Grösse von Zuwachs oder Abnahme ganz 
unbestimmt gelassen ist. Ueber diese Grenzen hinaus kann 
dem Gesetze nicht einmal eine annähernde Richtigkeit einge- 
räumt werden. — 

Was sich aus unseren Betrachtungen ergeben hat, ist in 
Kurzem dies: Für die Frage, ob ein Begriff universell oder 
particulär sei, ist die Anzahl der dem Inhalt desselben aus- 
machenden Attribute ganz unwesentlich, nicht ebenso die Qua- 
lität dieser Attribute; denn je nachdem mit Rücksicht auf 
diese Qualität das Vorhandensein von mehreren, dem fraglichen 
Begriffe entsprechenden Individuen als mathematisch oder phy- 
sisch unmöglich betrachtet werden muss oder nicht, muss auch 
der Begriff als individuell oder allgemein gelten. Für die Frage 
dagegen, ob ein universeller Begriff mehr oder minder 
universell sei, kann die Inhaltsgrösse unter Umständen von 
Belang sein, und die Inhaltsqualität ist es immer, aber aus 
dieser oder jener oder beiden allein wäre darüber gar nichts 
zu entnehmen; denn beim Umfang handelt es sich um ein 
Verhältniss und mit dem Inhalte ist nur ein Glied des- 
selben gegeben, das zweite kann nur durch die Erfahrung bei- 
gebracht werden. 

Der Umfang ist, und das verdient wohl festgehalten zu 
werden, nicht etwas, das, gleich dem Inhalte, selbstverständlich 
oder gar noth wendig in dem Begriffe vorgestellt würde. Man 
wird zwar häufig, wenn man einen Begriff denkt, sich auch 
vergegenwärtigen, ob der Umfang desselben gross oder klein 
sei; aber dies ist durchaus nicht wesentlich, und wenn nach- 
trägliche Erfahrung ergibt, dass der Umfang weit grösser ist 
als man vorher glaubte, kann dies am Begriffe selbst nicht das 
Geringste ändern. Deshalb wird der Umfang des Universal- 
begriffes gewöhnlich als etwas für unsere Erkenntniss Unbe- 
stimmtes gedacht, da Vieles in denselben gehören mag^ das 
wir niemals vorgestellt haben. Der wirkliche Umfang ist 
eben von unserer Erkenntniss gerade so unabhängig als ii^nd 
eine Thatsache der äusseren Welt; dass daher zwischen allge- 
meiner und individueller Vorstellung erst eine Association 
contrahirt werden müsste, damit die letztere unter die erstere 



Httine- Studien. I. 213 

subsamirt werden könnte^ ist durch das Gesagte von selbst 
ausgeschlossen, wenn auch niemand bestreiten wird^ dass eine 
solche Association, schon in Folge der Aehnlichkeit zwischen 
dem universellen Begriff und den untergeordneten Particular- 
ideen, nichts eben Seltenes ist. Wo sie auftritt, wird sie sich 
natürlich auch durch Reproduction des einen Gliedes beim 
Erscheinen des anderen äussern; aber es ist klar, dass der 
gewaltig fehlgehen würde, der in dieser Reproduction das 
Wesen des Umfanges zu erblicken glaubte. 

Kehren wir nach dieser längeren, aber hoffentlich nicht 
ganz ergebnisslosen Abschweifung nun wieder zur Prüfung 
Berkeley 's zurück. Wie wir sahen, hat er von der Aufmerk- 
samkeit als Erkläruugsprincip für das Phänomen der Verall- 
gemeinerung eigentlich keinen Gebrauch gemacht. Durch die 
Opposition gegen Locke bis zur Leugnung aller Abstraction 
getrieben , hat er sich selbst die Möglichkeit entzogen , die 
Frage nach der Universalität befriedigend zu lösen. Damit ist 
manche richtige Bemerkung im Einzelnen natürlich noch sehr 
wohl vereinbar. Er hat, wie wir nun wissen, ganz Recht, zu 
behaupten, die Allgemeinheit bestehe nicht in dem ,absoluten, 
positiven Wesen' von etwas allein; auch wenn er davon spricht, 
dass allgemeine Begriffe die individuellen vertreten, kann das 
in zutreffender Weise aufgefasst werden. Aber Alles, was er in 
diesem Zusammenhange sagt, ist lückenhaft, unbestimmt. Liest 
man, dass die Ideen ihre Allgemeinheit dem verdanken, was sie 
bezeichnen, so weiss man schon nicht, ob man es hier nicht 
etwa mit einem Ansatz zu einer Associationstheorie zu thun hat; 
vollends zurückweisen muss man aber die Ansicht, als könnten 
Begriffe, ,die ihrer eigenen Natur nach particulär sind^, anders 
als eben durch Aufgeben dieser Natur allgemein werden. 

Nicht eben so rasch können wir an Berkeley's Aufstel- 
lungen über die Bedeutung der Worte vorübergehen. Hat sich 
ans auch bereits ergeben, dass seine Polemik gegen Locke in 
dieser Hinsicht nicht als ein Eintreten für die Beziehung der 
Worte auf Dinge aufgefasst werden kann, so ist damit doch 
keineswegs ausgeschlossen, dass Berkeley's Behauptungen dem 
wirklichen Sachverhalte weit näher stehen als die Locke's. 
Wenn nämlich dieser den Gebrauch der Worte für Dinge als 



214 Heinon;. 

einen verkehrten bezeichnet/ so hat dagegen J. St. Mill mit 
Recht darauf hingewiesen, ^ wie wir weit davon entfernt sind, 
mit dem Satze: ,die Sonne ist die Ursache des Tageslichts^ 
etwas über unsere Vorstellungen aussagen zu wollen. Berkeley 
steht nun gewissermassen in der Mitte zwischen diesen Gegen- 
sätzen, indem für ihn der Unterschied zwischen Idee und Ob- 
ject nicht existirt; der Fortschritt gegen Locke wird aber in 
der Behauptung deutlich; dass das allgemeine Wort nicht eine 
allgemeine Idee, sondern Individualvorstellungen bezeichne. 
In der That, wenn man sagt: jeder Körper ist schwer', so 
meint man dabei niemals, der Allgemeinbegriff Körper sei 
schwer oder dergleichen, man spricht im Gegentheil von allen 
Einzelindividuen, die allerdings nach Berkeley nur Einzel- 
ideen sind. 

Bezieht man also den in Rede stehenden Satz Berkeley 's 
nur auf die Bedeutung des allgemeinen Wortes, so ist der- 
selbe, von der metaphysischen Seite natürlich abgesehen, durch- 
aus unangreifbar. In der unbeschränkten Fassung jedoch, in 
der wir ihn antreffen, muss er, wie schon oben (S. 189) be- 
merkt wurde, Bedenken erregen. In gewissem Sinne ist ja 
das allgemeine Wort doch Zeichen einer allgemeinen Idee. 
Schon Hobbes definirt den Namen als ,ein Wort, .... das, 
Andern gegenüber ausgesprochen, diesen als Zeichen eines 
Gedankens dient, den der Sprechende früher in seinem Geiste 
hatte . . . .^ und J. St. Mill muss diese von ihm (a. a. O.) 
wiedergegebene Bestimmung als fehlerfrei anerkennen. Spricht 
also einer einen allgemeinen Namen aus, so wird der Hörer 
daraus in der Regel den Schluss ziehen dürfen, dem Sprecher 
schwebe eine Idee von mehreren Einzelobjecten, d. h. eben 
eine allgemeine Idee vor^ welche für ihn Veranlassung war, 
das Wort zu sagen. Es wäre somit ebenso einseitig zu be- 
haupten, Worte bezeichnen n u r Gegenstände, als: sie bezeichnen 
nur Vorstellungen; es ist vielmehr Beides der Fall, aber, wie 
wohl zu beachten ist, Jedes in einem anderen Sinne. Uebrigens 
trifft natürlich Keines von Beiden ausnahmslos zu. Wenn jemand 
ein Wort nicht versteht, so kann er es doch nachsprechen; in 



* Eüsay concerning hum. underst. b. III eh. II sect. 5. 
' Logic b. I eh. II §. 1. 



Hnme- Studien. I. 215 

diesem Falle bezeichnet es eben gai* nichts. Minder selbstver- 
ständlich ist eine Reihe von andern Ausnahmen^ auf die Ber- 
keley nicht ganz mit Unrecht hinweist, wo es sich nämlich 
um Worte handelt^ die uns durchaus nicht unverständlich er- 
scheinen. 

£s ist Thatsache, dass wir oft Worte gebrauchen, und 
richtig gebrauchen, ohne uns im Äugenblicke ihrer Verwendung 
ihren Sinn klar zu vergegenwäi*tigen ; darauf hat schon vor 
Berkeley Leibnitz und Locke aufmerksam gemacht^ auch nach 
ihm war diese Thatsache Gegenstand wiederholter Erörterung 
diesseits wie jenseits des Canals, > und heute sind sonst so 
gegensätzliche Schulen wie die empirische und intuitive in 
England über diesen Punkt vollkommen einig; — aber Berkeley 
geht weiter als sie Alle, indem er behauptet, wir brauchen 
Worte zu richtigem und fruchtbarem Urtheilen auch dort, 
wo wir mit den Worten nie Ideen verbunden haben noch ver- 
binden können/^ Das hiesse denn doch, das nur zu oft mit 
Recht auf philosophische Speculationen angewandte Dichter- 
wort: ,Wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit 
sich ein' zum erkenntnisstheoretischen Grundsatz erheben. Von 
einer Widerlegung dieser Ansicht Berkeley's oder einer Kritik 
der von ihm beigebrachten Beispiele wird also wohl Umgang 
genommen werden können. 

Eine Frage muss aber noch beantwortet werden, ehe 
wir uns von der Lehre Berkeley's zu der seines Nachfolgers 
wenden, die Frage, ob Berkeley zu den nominalistischen oder 
zu den conceptualistischen Denkern zu zählen sei. Es geschah 



^ Vergl. Hamilton, lect. yol. III. S. 171 ff., wo aber gerade Berkeley un- 
berücksichtigt bleibt; das sonderbare Missverständniss S. 183, als wären 
die von Leibnitz gebrauchten Ausdrücke ^synthetisches' und ,intuitives' 
Denken entsprechend dem deutschen ^Begriff^ und , Anschauung*, hat schon 
J. St Mill berichtigt (Examination, chapt. XVII. in der franz. Uebers. 
S. 385, Anm.). 

3 Aus der Einleitung zum Treatise ist hierüber noch kaum etwas zu ent- 
nehmen, um so mehr aus dem Min. phil., so dass die Vermuthung nahe 
liegt, Berkeley habe sich durch sein hier hervortretendes Streben, die 
Trinität und andere Mysterien der christlichen Religion zu rechtfertigen 
(dial. VII sect. 11), mehr als billig beeinflussen lassen. 



216 Meinong. 

zum Theil mit Rücksicht auf diese Frage, dass wir des Irländers 
Aufstellungen über allgemeine Namen in das Bereich unserer 
Darstellung und Kritik zogen, — nun haben wir das Material 
vor unS; die Entscheidung wird also rasch erfolgen können. 

Man hat sich so sehr gewöhnt^ Berkeley als einen der 
hervorragendsten Begründer des modernen Nomin alismus zu 
betrachten^ dass man gar nichts Auffallendes darin iindet, wenn 
z. B. Hamilton ihn kurzweg den , zweiten grossen Nominalisten^ 
nennt,' oder Kuno Fischer den Satz ausspricht: ,Unter den 
neueren Philosophen ist die nominalistische Denkweise ein- 
heimisch, aber sie ist von Keinem so sehr in den Vordergrund 
aller philosophischen Betrachtung gerückt , so grundsätzlich 
geltend gemacht worden als von Berkeley^ ^ In der That, dass 
alle nominalistischen Theorien dieses wie des vorigen Jahr* 
hunderts an Berkeley anknüpfen, ist sicher; aber das allein 
könnte doch wohl nicht ausreichen, um ihn selbst als Nomi- 
nalisten zu erweisen. Blickt man dagegen auf seine Lehre, 
so stellen sich dem Nachweis sofort Hindernisse entgegen. 
Freilich, wer mit Hamilton jene Ansicht nominalistisch nennt, 
die behauptet, ,dass jeder Begriff, für sich betrachtet, particulär 
ist, aber allgemein wird durch die Intention des Gemüthes, 
ihn jeden ihm ähnlichen Begriff repräsentiren zu lassen^ der 
muss mit ihm auch den irischen Philosophen in die Classe der 
Nominalisten einreihen, und Alles ist in diesem Falle klar 
und gerechtfertigt, nur nicht der Name Nominal ist selbst, da 
die Worte bei einer solchen Theorie gar keine wesentliche 
Rolle spielen. Daher dürfte es sich mehr empfehlen, mit 
J. St. Mill unter Nominalisten jene zu verstehen, die ,behaupten, 
es gebe nichts Universelles als Namen' ;^ und nun muss sogleich 
jedem einleuchten, dass Berkeley in diese Classe nicht gehört, 
denn er kennt zwar allgemeine Namen, aber er kennt auch, 
wie wir fanden, allgemeine Ideen. Allerdings, insofern es bei 
ihm Erkenntnisse gibt durch Worte, denen gar keine Ideen 
zu Grunde liegen, insofern ist er Nominalist bis zu einem 



1 Lect. vol. II S. 305. 

2 Francis Bacon S. 703. 

3 a. a. O. vol. II, S. 297. 

* Examinatiou, eh. XVII, a. a. O. Ö. 359. 



Hnm«. Studien. I. 217 

Extrem, zu dem sieh glücklicher Weise keiner seiner Nach- 
folger vorgewagt hat; im Uebrigen aber erweisen sich bei ihm 
die Namen zum Zustandekommen der AllgemeinbegrifFe noch 
gar nicht als wesentlich, — wir sind somit genöthigt, ihm eine 
Mittelstellung zwischen den Vertretern des Nominalismus 
und Conceptualismus zuzuerkennen. 

Um Berkeley's Abstractionslehre richtig zu verstehen und 
zu würdigen, muss man wohl stets vor Augen behalten, dass 
sie doch vor Allem ein Stadium des Ueberganges, der Ent- 
wicklung repräsentirt, das, mochte es vielleicht auch bestimmt 
sein, zu namhaften Erfolgen zu führen, doch in sich den 
Charakter des Unfertigen nicht verleugnen konnte. In Locke 
finden wir noch den alten Nominalismus, der sich seines Gegen- 
satzes gegen den Realismus noch wohl bewusst ist, vereinbar 
und vereinigt mit dem Conceptualismus; Berkeley vermittelt 
den Uebergang von dem alten Nominaiismus zum neuen, dem 
der Gegensatz gegen den Conceptualismus wesentlich ist, — 
aber er steht selbst noch mit einem Fusse auf dem Boden, den 
er durch seinen Angriff auf die abstracten Ideen zu erschüttern 
sucht, ja er bringt selbst Gedanken zur Geltung, die, gehörig 
entwickelt, vielleicht geeignet sein könnten, gerade dem Con- 
ceptualismus eine unerschütterliche Grundlage zu geben. Man 
kann demnach noch in einem anderen Sinne die eben ausge- 
sprochene Behauptung wiederholen, dass Berkeley in der Mitte 
zwischen den sich bekämpfenden Ansichten stehe, in dem Sinne 
nämlich, dass er gewissermassen Ansätze zu beiden Theorien 
in sich schliesst. 

Aber nach dem Keime lässt sich eben keine Frucht be- 
urtheilen, und so war es denn nöthig, dass seine Lehre erst 
eine geeignete Fortbildung erfahre, wenn sich ergeben sollte, 
ob er den rechten Weg gewiesen oder nicht. Ein solcher Fort- 
bildner hat sich gefunden, und zwar in der Person des Schotten 
David Hume, dessen Aufstellungen wir uns nunmehr zu- 
wenden. 



218 Meinong. 

David Hume schliesst sich in seinem ersten und umfang- 
reichsten Werke, dem jTreatise concerning human nature', das 
wir hier zunächst allein in Betracht ziehen, bezüglich der Ab- 
stractionsfrage ausdrücklich an Berkeley's Forschungen an ; er 
nennt das Resultat derselben ,eine der werthvollsten Entdeckun- 
gen, welche in den letzten Jahren in der Republik der Wissen- 
schaften gemacht worden sind^, und stellt sich nur die Aufgabe, 
diese Entdeckung durch einige neue Argumente völlig ausser 
Zweifel zu setzen. ' Durch diese Erklärung, die an Deutlichkeit 
nichts zu wünschen übrig lässt, scheint das Verhältniss der 
beiden Denker zu einander in klarster Weise festgestellt; und 
wirklich hat man niemals Bedenken getragen, Plume's Abstrac- 
tionstheorie als einfache Wiederholung und höchstens Neube- 
gründung der Berkeley'schen zu bezeichnen, — auch der 
neueste und wohl gründlichste Darsteller der Hume'schen Philo- 
sophie, E. Pfleiderer^ macht hierin keine Ausnahme. 

Aber trotzdem möchte es vielleicht nicht rathsam sein, 
auf Grund dessen, was Hume selbst über seine Beziehungen 
zu Berkeley sagt, die Art, in der er die Ansicht Berkeley's 
wiedergibt, ganz und gar zu vernachlässigen. Berkeley, sagt 
er, ,hat behauptet, alle allgemeinen Ideen seien nichts als par- 
ticuläre, geknüpft an einen bestimmten Ausdruck, der ihnen 
eine ausgedehntere Bedeutung verleiht und bewirkt, dass sie 
bei Gelegenheit andere Individuen, die ihnen ähnlich sind, ins 
Gedächtniss rufen'. ^ Ist dies nun wirklich Berkeley's Ansicht? * 
Wenn wir diese oben richtig dargestellt haben, so liegt der 
Unterschied auf der Hand. Richtig ist, dass nach Berkeley 
wie nach Hume die allgemeinen Ideen particuläre Ideen mit 
allgemeiner Bedeutung sind;"' falsch ist aber, dass sie nach 



^ Treatise, book I part. I sect. VII in der neuen vierbändig^n Ausgabe 
von T. H. Green und T. H. Grose (The philosophical worka of David 
Hume, London 1874) Bd. I, S. 325. 

2 Empirismns und Skepsis in David Hume's Philosophie, Berlin 1874, S. 123. 

3 Treatise a. a. O. 

♦ F. Jodl (Leben und Philosophie David Hume's, Halle 1872, S. 33) repro- 
ducirt Hume's Auffassung kurzweg als die Berkeley's, aber er hat unter- 
lassen, dafür auch nur eine Belegstelle aus Berkeley anzuführen. 

5 Darum dürfte Pfleiderer irren, wenn er (a. a. O. S. 122 letzte Zeile) 
behauptet, Hume leugne Geltung oder Vorhandensein allgemeiner 



Hame-Sftadie&. I. 219 

Berkeley ihre Allgemeinheit den an sie geknüpften Ausdrücken 
verdanken. Schon oben ^ wurde dargethan, dass nichts in Ber- 
keley's Ausfuhrungen auf einen Zusammenhang zwischen Worten 
und allgemeinen Ideen hinweist; dass aber vollends Hume's 
Interpretation den Intentionen des Irländers geradezu wider- 
streitet; ergibt sich leicht aus folgender Erwägung : Gegen £nde 
der oft citirten Einleitung in die Abhandlung über die Prin- 
cipien der menschlichen Erkenntniss lesen wir: ^Weil demgemäss 
Worte so leicht den Geist tu täuschen vermögen, so werde ich, 
welche Ideen auch immer ich betrachte, versuchen, sie gleich- 
sam bloss und nackt anzuschauen, indem ich aus meinem 
Denken, so weit ich es vermag, jene Benennungen ent- 
ferne, welche eine lange und beständige Gewohnheit so eng 
mit ihnen verknüpft hat . . /^ Ein solches ,Denken ohne 
Benennungen', das doch wohl, wie jedes wissenschaftliche 
Denken, Allgemeinbegriffe voraussetzt, wäre nun aber nach 
Hume schlechterdings unmöglich; nach seiner Meinung werden 
ja die particulären Ideen erst durch die an sie geknüpften 
Worte allgemein. Werden daher diese von den Ideen getrennt, 
so haben letztere ihre Allgemeinheit verloren und niemand 
könnte begreifen, wie Berkeley davon Vortheil für seine wissen- 
schaftlichen Untersuchungen erwarten mochte. Es erhellt daraus 
in völlig evidenter Weise, dass Hume in die Berkeley'sche Lehre 
ein dieser völlig fremdes Moment hineingetragen hat. 

Eine ganz andere Frage ist natürlich die, ob dieses neue 
jMoment nicht zugleich einen wesentlichen Fortschritt auf dem 
von Berkeley betretenen Weg in sich schliesst, sobald man von 
seinem Streben, die Begriffe von den Worten zu emancipiren, 
absieht. Eines wenigstens ist, noch ehe man Hume's Ar- 
gumente kennt, aus der blossen Formulirung seiner These zu 
entnehmen: die wesentlichsten Lücken der Berkeley'schen 
Aufstellungen sind hier ausgefüllt. Das Verhältniss ^wischen 
allgemeinen Worten und allgemeinen Ideen ist wenigstens in 



Ideen, während Hume's wie Berkeley's Angriffe nur gegen die Abstracta 
gehen. Aber vielleicht haben wir es hier nur mit einer kleinen Unge- 
nanigkeit im Ausdruck zu thun, wie der Schluss der Ausführung (S. 125 
in der Mitte) wahrscheinlich macht, 

» S. 189 in der Note. 

2 a. a. O. sect. 21. 



220 M e i n n g;. 

irgend einer Weise präcisirt, und vor Allem die Frage, wie 
eine particuläre Idee dazu komme, andere gleichartige Ideen 
zu ,reprä8entiren' oder zu ,bezeichnen', und so allgemein zu 
werden, hat eine Antwort gefunden. Mag die Hypothese nun 
haltbar sein oder nicht, jedenfalls ist sie dadurch, dass die 
Namen in den Vordergrund treten, klar und discutirbar ge- 
worden, und aus der Erörterung derselben kann für die Psy- 
chologie nur Gewinn erwachsen; ins9fern hat sich also Hume 
um die Förderung der Untersuchungen über Abstracta weit 
mehr und namentlich weit selbstständiger verdient gemacht, 
als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist. Er, nicht Berkeley, 
hat den Worten jene so hervorragende Stelle in unserem Geistes- 
leben zuerkannt, welche uns berechtigt, seine und seiner Nach- 
folger Theorie als nominalistische zu bezeichnen, und so 
verdient er weit mehr als Berkeley den Namen des eigent- 
lichen Begiünders des modernen Nominalismus. 

Treten wir nun näher an die Hume'schen Untersuchungen 
heran. Diese gehen davon aus, dass die meisten oder alle all- 
gemeinen Ideen von dem speciellen Grade der Qualität und 
Quantität abstrahiren, da ein solcher doch nicht leicht einen 
Artunterschied begründen kann. Dennoch ,repräsentirt die ab- 
stracto Idee Mensch Menschen von allen Grössen und Eigen- 
schaften, und man nimmt an, dies könne nicht anders geschehen, 
als indem sie entweder alle möglichen Grössen und Eigenschaften 
auf einmal, oder gar keine davon repräsentirt'. Das Erstere 
scheint eine unendliche Fassungskraft vorauszusetzen; man hat 
sich daher zu Gunsten des Letzteren entschieden. Dem gegen- 
über will Hume zeigen, einmal, dass es unmöglich ist, Quantität 
oder Qualität ohne bestimmten Grad vorzustellen, — ferner, dass 
wir uns trotz unserer blos endlichen Fassungskraft ,einen Begriff 
von allen möglichen Graden von Quantität und Qualität' machen 
können, nicht vollständig zwar, aber doch in einer Weise, die 
allen praktischen Zwecken genügt. ^ 

Den ersten, negativen Theil seiner Behauptung stützt 
Hume durch folgende drei Argumeßte: 



Treatise b. I p. I eh. VII, WW. Bd. I, S. 825 f. 



HniiM-BUdiM. I. 221 

1. Was verschieden ist, ist unterscheidbar, was unter- 
scheidbar; ist auch in der Vorstellung trennbar; und umge- 
kehrt: was trennbar, ist auch unterscheidbar und daher ver- 
schieden. Um zu entscheiden, ob bei der Abstraction eine 
Trennung überhaupt vor sich gehen kann, muss daher nur 
ermittelt werden, ob das, was bei einer allgemeinen Idee ab- 
strahirt wird, von dem, was als Wesen zurückbleiben soll, auch 
unterscheidbar und verschieden ist. Nun ist z. B. die bestimmte 
Länge einer Linie von der Linie selbst, der bestimmte Grad 
einer Qualität von der Qualität selbst so wenig verschieden 
als unterscheidbar, es kann somit auch von keiner Trennung 
die Rede sein. ^ 

2. Es ist anerkannt, dass uns keine Impression zum Be- 
wusstsein kommt, sie wäre denn bezüglich des Grades der 
Qualität und Quantität bestimmt; das Gegentheil enthielte eine 
contradictio in terminis. Ideen sind aber Copien von Impres- 
sionen, die sich von diesen nur durch ihre geringere Inten- 
sität unterscheiden; auch sie müssen daher graduell determi- 
nirt sein. 2 

3. Jedermann räumt ein, dass Alles in der Natur indi- 
viduell ist, und dass es absurd wäre, ein reales Dreieck ohne 
bestimmte Dimensionen anzuerkennen. Was in der Realität 
absurd ist, muss es auch in der Idee sein, denn nichts ist 
unmöglich, wovon sich eine klare und deutliche Vorstellung 
bilden lässt. Es ist ferner dasselbe, die Idee eines Gegen- 
standes oder eine Idee schlechtweg zu bilden, denn die Be- 
ziehung der Idee auf ein Object ist nur eine äusserliche Be- 
nennung, die nicht im Wesen der Idee begründet ist. Ist es 
also unmöglich, die Idee eines Gegenstandes zu bilden ohne 
graduelle Bestimmung, so gilt dasselbe auch von einer Idee 
überhaupt. ^ 

Alle abstracten Ideen sind somit an sich individuell; 
gleichwohl können sie im Denken ebenso angewendet werden, 
als wenn sie allgemein wären; — darauf geht der positive 
Theil von Hume's Behauptung. 



' ibid. 8. 326. 

* ibid. S. 327, aucb b. I p. III sect. I (a. a. O. 8. 376). 

' ibid. S. 327. 



222 H«inong. 

Der Weg, auf dem die particulären Ideen zu dieser all- 
gemeinen Anwendbarkeit gelangen, ist nun aber folgender: 
,Haben wir zwischen mehreren Objecten eine Aehnlichkeit ge- 
funden, die uns oft begegnet, so wenden wir auf sie Alle ein 
und denselben Namen an, was immer für Unterschiede wir in 
Bezug auf den Grad ihrer Quantität und Qualität beobachten, 
oder was immer für andere Diflferenzen an ihnen erscheinen 
mögen. Nachdem wir eine Gewohnheit dieser Art erlangt 
haben, ruft das Hören jenes Namens die Idee eines dieser 
Objecte wach und Uisst die Einbildungskraft das letztere mit 
allen besonderen Umständen und Verhältnissen vorstellen. Aber 
da dasselbe Wort, wie gesagt, häutig auch auf andere Individuen 
angewendet worden ist, die in verschiedener Hinsicht von der 
dem Geiste unmittelbar gegenwärtigen Idee verschieden sind, 
so ist das Wort zwar nicht im Stande, die Idee aller dieser 
Individuen wiederzuerwecken, aber es gibt der Seele einen 
Anstoss (touches the soul), wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, 
und ruft jene Gewohnheit wieder ins Leben, die wir durch 
Ueberblicken jener Individuen (by surveying them) erworben 
haben. Sie sind nicht wirklich und actuell in unserem Be- 
wusstsein gegenwärtig, sondern blos virtuell; wir ziehen sie 
in der Einbildungskraft nicht alle distinct hervor, sondern wir 
halten uns in Bereitschaft, welche immer von ihnen zu über- 
blicken (to survey any of them), je nachdem wir durch Ab- 
sicht oder Nothwendigkeit eben veranlasst werden. Das Wort 
erregt also eine individuelle Idee, zugleich mit einer gewissen 
Gewohnheit, und diese Gewohnheit erzeugt irgend eine andere 
individuelle Idee, für die wir eben eine Anregung haben. Aber 
da die Erzeugung aller Ideen, für welche der Name verwendet 
worden sein mag, in den meisten Fällen unmöglich ist, so 
kürzen wir das Geschäft durch eine mehr partielle Betrachtung 
ab, und finden, dass in unserem Denken nur wenige Unzu- 
kömmlichkeiten aus dieser Abkürzung erwachsen.' 

Dies ist dem ,höchst merkwürdigen Umstände' zuzuschrei- 
ben, dass uns jene Gewohnheit sofort auch irgend eines von 
den andern Individuen vergegenwärtigt, sobald wir zu&llig 
einen Gedanken bilden, der dem betreffenden Individuum nicht 
gemäss ist. Hören wir z. B. den Namen Dreieck, so denken 
wir zunächst etwa an ein bestimmtes gleichseitiges Dreieck; 



Harne -Stadien. I. 223 

wollten wir jedoch, auf Grund dessen behaupten, jedes Dreieck 
habe gleiche Winkel, so käme uns sogleich ii-gend ein gleich- 
schenkliges oder ungleichseitiges Dreieck in den Sinn. Oeschieht 
nicht» dergleichen, so beruht dies auf einer Unvollkommenheit 
der Geistesfahigkeiten, die dann leicht zu falschen Urtheilen 
Änlass gibt. Doch kommt solches meist nur bei abstrusen und 
complicirten Ideen vor, — in der Regel ist im Gegen theil die 
Gewohnheit so fest, dass sogar dieselbe Idee an verschie- 
dene Worte geknüpft sein kann, ohne dass die Gefahr einer 
Verwirrung vorläge. So könnte z. B. bei den Worten: Figur, 
geradlinige Figur, regelmässige Figur, Dreieck, gleich- 
seitiges Dreieck uns immer die Idee ein und desselben gleich- 
Beitigen Dreieckes vorschweben. 

,Ehe derlei Gewohnheiten gehörig ausgebildet sind, mag 
das Gemüth vielleicht nicht damit zufrieden sein, die Idee nur 
eines Individuums zu bilden, sondern vielleicht über mehrere 
hineilen, um sich selbst seine Meinung und den Umfang der 
CoUection klar zu machen, die es mit dem allgemeinen Aus- 
drucke bezeichnen will. Um den Sinn des Wortes Figur zu 
fixiren, betrachten wir im Geiste die Ideen von Kreisen, Qua- 
draten, Parallelogrammen, Dreiecken von verschiedenen Grössen 
und Proportionen, und lassen es nicht bei einem Bilde, oder 
einer Idee bewenden. Wie dem aber auch sein mag, gewiss 
ist, dass wir die Idee von Individuen bilden, wann immer wir 
irgend welche allgemeine Ausdrücke gebrauchen, dass wir selten 
oder nie diese Individuen erschöpfen können, und dass die, 
welche übrig bleiben, nm* durch den Habitus repräsentirt werden, 
durch welchen wir sie uns ins Gedächtniss rufen, wann immer 
eine sich eben ergebende Gelegenheit es erfordert.' ^ 

Der einzige Punkt, der Hume bei dieser Erklärung nicht 
ohne Schwierigkeit scheint, ist eben die Gewohnheit, die hier 
eine so wichtige Rolle spielt. Aber da es unmöglich wäre, die 
Seelenthätigkeiten auf ihre letzten Ursachen zurückzuführen, 
80 ist ein Act des Geistes genügend erklärt, wenn man andere 
Acte aufweist, welche ihm analog sind oder ihn unterstützen. 
Zu diesem Ende weist Hume darauf hin, dass auch sonst sich 
oft ein Habitus an ein einziges Wort knüpft, z. B. die Erinne- 

» a. a. O. S. 328. 



224 MeinoBff. 

rung an Sätze und Verse. * In unserem Falle aber wird der 
Wiedereintritt der eben nöthigen Idee ins Bewusstsein durch 
die Aehnlichkeit der unter einem allgemeinen Ausdruck ver- 
einigten Individualbegriffe wesentlich erleichtert.'* Was endlich 
die Unvollkommenheit betrifft^ die allen allgemeinen Ideen eigen 
ist, 80 findet auch diese ihre Analoga: wir können von grossen 
Zahlen keine adäquate Idee bilden, dennoch stört uns dies nicht 
im Denken;*' ebenso sprechen wir von verwickelten Dingen 
wie Regierung, Kirche, Unterhandlung, Eroberung, ohne uns 
alle in diesen Complexen enthaltenen einfachen Ideen zu ver- 
gegenwärtigen, — gleichwohl werden wir nichts Widerspre- 
chendes von ihnen aussagen, weil sich die Oewohnheit, die 
Ideen in gewisse Relationen zu bringen, auch auf die Worte 
erstreckt. * 

Damit hofft Hume seine Hypothese genügend gestützt zu 
haben. Aber das Schwergewicht legt er auf den negativen 
Beweis. Nachdem die abstracten Ideen als etwas Unmögliches 
dargethan sind, erhebt sich ein Bedürfniss nach Erklärung der 
Thatsachen, und da ist nach seiner Meinung kein Weg offen 
als der von ihm eingeschlagene.*^ 

Es ist unter solchen Umständen nur natürlich, dass auch 
wir bei der piüfenden Betrachtung der Hume'schen Darstellung 
von dem negativen Theile derselben ausgehen. 

Schon die Formulirung der negativen These ist höchst 
auffallend. Aus der Einleitung zu Sect. VII ei^ibt sich doch 
unzweifelhaft genug, dass es Hume's Absicht ist, alle Abstrac- 
tion zu leugnen;^ dennoch präcisirt er dann seine Behauptung 
dahin, ,dass es schlechterdings unmöglich sei, eine Qualität 
oder Quantität vorzustellen, ohne einen bestimmten Begriff ihres 



' ibid. 8. 330. 
' ibid. S. 331. 
3 ibid. S. 330. 
« ibid. S. 331. 
* ibid. S. 332. 
ö ,Ein grosser Philosoph hat ... . behauptet, dass alle allgemeinen Ideen 

nichts als particuläre seien , . . Ich will mich bemühen, dies durch einig-e 

Argumente zu bekrKftigen . . . .* (8. 325). 



Hnme-StnAitn. I. 225 

Orades zu bildend* Wie wenig alle AbstractionsföUe hier ein- 
begriffen sind, Hegt auf der Iland; denn wenn es auch in der 
That sich als unmöglich herausstellen sollte, Qualität oder 
Quantität in der Vorstellung von ihrem Grade zu trennen, so 
ist damit ja noch gar nicht entschieden, ob Complexe mehr 
als graduell verschiedener Qualitäten trennbare Elemente 
enthalten oder nicht. Man wird, um ein recht auffallendos 
Beispiel zu wählen, doch gewiss nicht behaupten wollen, Farbe 
sei ein Qrad von Ausdehnung oder Ausdehnung ein Grad von 
Farbe; es würde also nach Hume's These nichts im Wege 
stehen, etwa eine Fläche ohne Farbe vorzustellen, und doch 
ist gerade dieser Fall schon von James Mill als ein Hauptfall 
der , untrennbaren Ideenassociation' aufgeführt worden.^ 

Bleibt also ein Attribut nur graduell bestimmt, so scheint 
im Uebrigen die Möglichkeit, abstracto Vorstellungen davon zu 
bilden, unbeschränkt, und auf Fälle, wo von Gradunterschieden 
überhaupt nicht die Rede sein kann, wie gleich, dreieckig,^ 
fände der Satz vollends keine Anwendung. Gesetzt, es sei 
Hume gelungen, seine Thesis in unwiderleglicher Weise zu be- 
gründen, so ist doch der ausdrücklich daraus gezogene Schluss, 
Allgemeinbegrtffe seien ihrem Wesen nach nur concret, ^ wenig- 
stens in seiner Allgemeinheit unstatthaft, und er könnte um so 
mehr befremden, als er, zum Mindesten auf den ersten Blick, 
einer der Haupteinth eilungen, welche Hume von allen psychi- 
schen Phänomenen gibt, bestimmt zu widerstreiten scheint. 

Nach Hume zerfallen die Perceptionen bekanntlich einmal 
in Impressionen und Ideen, dann aber auch in einfache und 
complexe Perceptionen.'* »Obgleich^, fügt er erläuternd hinzu. 



1 S. 326. — ^Quantität* bedeutet hier nichts als Grösse; das Grösser nnd 
Kleiner ist in ziemlich nngewöhnlicher Weise als Qnantitätsgrad be- 
zeichnet. 

2 Analysis chapt. III (Bd. I S. 93). 

3 Es sind die Fälle, die wir oben S. 206 ff. als J. St. MilVs particulärc 
Abstracta zur Sprache brachten. 

^ Hume schliesst das dritte Argument mit der Behauptung: es sei un- 
möglich, eine Idee zu bilden, die Qualität und Quantität, aber keinen 
bestimmten Grad davon hätte. ,Abstracte Ideen,' fährt er fort, ,sind 
daher an sich individuell . . .< (S. 327 f). 

» Treat b. I p. I sect. I a. a. O. S. 311 f. 
Sitoongitber. d. phiU-hliit. Cl. LXXXYIL Bd. I. Hft. 15 



226 Vftinong. 

^bestimmte Farbe, Geschmack; Geruch alle als Eigenschaften 
an diesem Apfel vereinigt sind, so ist doch leicht einzusehen, 
dass dieselben nicht einerlei, sondern mindestens von einander 
zu unterscheiden sind/ Nur unter einer Annahme ist diese 
Stelle mit Hume's in Rede stehender Theorie vereinbar, unter 
der Voraussetzung grösster Ungenauigkeit im Ausdruck. Meint 
Hume, indem er einfach von ,Farbe^ spricht, alles durch das 
Auge am Apfel Wahrgenommene, umfasst er somit unter seiner 
einfachen Idee bestimmte Farbe und bestimmte Ausdehnung 
zusammengenommen, dann bleibt seine Ausführung hier vom 
Vorwurfe der Inconsequenz frei. Es spricht für diese Auf- 
fassung, dass Hume in der hier angezogenen Stelle augen- 
scheinlich die Wahrnehmungen ji^ei-schiedener Sinne einander 
entgegensetzt, — gegen diese Auffassung kann ausser dem 
Wortlaute die Thatsache geltend gemacht werden, dass Hume 
auch in dem Anhange, der dem dritten Buche seines Erstlings- 
werkes beigegeben ist, zwar ausdrücklich die Farbenvorstel- 
lungen als einfache Ideen hervorhebt, * der Ausdehnung aber 
auch da mit keinem Worte gedenkt. 

Nimmt man nun aber die Stelle, wie sie ist, so kann der 
Widerspruch nicht vermieden werden; denn was ist eine Vor- 
stellung von Farbe, und wäre es auch von der bestimmtesten 
Schattirung, Anderes als ein Abstractum? Und was von Farbe 
gilt, gilt auch von Geschmack u. s. f., kurz so ziemlich von 
jeder , einfachen Idee^ Man könnte vielleicht zur Vertheidi- 
gung Hume's geltend machen, dass er nicht nur von ein- 
fachen Ideen, sondern auch von einfachen Impressionen 
spreche, dass erstere eben so gut als Copien der letzteren 
betrachtet werden könnten, wie zusammengesetzte Ideen als 
Abbilder zusammengesetzter Impressionen, und dass somit die 
Annahme einfacher Ideen noch gar nicht die eines Abstrac- 
tionsactes involvire. Gerade mit Rücksicht auf die Beziehungen 
von Farbe und Ausdehnung zu einander ist dieser Einwurf, 
wenn man Hume's Raumtheorie mit in Betracht zieht, nicht 
ohne Schein. Wir werden sehen, dass man nach Hume farbige 
Punkte percipiren kann, die gleichwohl ausdehnungslos sind, 
während die Idee der Ausdehnung erst durch die Disposition 



^ Als Note zn S, 328 der von uns benutzten Ausgabe abgedruckt 



Hane-StadiM. I. 227 

dieser Punkte in uns erregt wird; wir percipiren also in diesem 
Falle Farbe ohne Ausdehnung. — Aber auch wenn dies richtig 
wäre, würde darum nicht nur Farbe percipirt; wir hätten ja 
doch farbige Punkte, denen mindestens eine Ortsbestimmung 
nicht fehlen könnte. Ueberdies kommt diese Seite der Frage 
beim Apfelbeispiel gar nicht in Betracht. Die Farbe des Apfels 
ist (schon um der Nuancen willen, die jeder an sich trägt) die 
Farbe einer Fläche, d. i. nach Hume, mehrerer Punkte, bei 
denen dann selbstverständlich die Disposition mit in die Per- 
ception fällt. Es liegt daher viel näher, Hume's Ansicht dahin 
za interpretiren, dass wir zwar nur complexe Impressionen 
erhalten, dann aber durch Analyse der sie copierenden com- 
plexen Ideen auf deren einfache Elemente gelangen, die dann 
ihrerseits erst den Schluss auf gleichfalls einfache Originale 
gestatten. Zum Ueberfluss bestätigt Hume selbst diese Auf- 
fassung im zweiten der sogleich näher zu eröi^ternden Beweise 
seiner These, indem er erklärt, dass ,keiDe Impression in unser 
Bewusstsein gelangen könne, ohne bezüglich des Grades von 
Qualität und Quantität determinirt zu sein^ ^ Gibt es keine 
Impression ohne bestimmten Grad von Qualität und Quantität, 
80 noch viel weniger eine ohne diese Qualität und Quantität 
selbst; jede einfache Idee kann daher nicht anders als durch 
Abstraction entstanden sein. 

Das scheint nun eigentlich so selbstverständlich, dass man 
leicht geneigt sein könnte, Hume*s gesammte Ausführungen nur 
auf die Frage zu beziehen, ob Quantitäten und Qualitäten ohne 
bestimmten Grad vorstellbar seien oder nicht, — was dagegen 
auf Hereinziehung der ganzen Abstractionstheorie deutet, als 
ungenau ausgedrückt bei Seite zu lassen. Aber auf der anderen 
Seite sind wieder die Aufstellungen letzterer Art so bestimmt, 
Hume bezeichnet sich so ausdrücklich als Vertreter der Ber- 
keley'schen Theorie, dass man schliesslich doch der her- 
gebrachten Auffassung der Hume'schen Doctrin beipflichten, 
den daraus entstehenden Widerspruch in Ilume's Behauptungen 
aber durch Annahme eines Lapsus im Ausdruck beseitigen 
muss. Befriedigend ist diese Lösung nicht; wir haben eben 
einen jener misslichen^ Fälle vor uns, wo gegen jede der 



a. Ä. O. S. 327. 

15» 



228 Meinong. 

beiden möglichen Interpretationen Einwände aufrecht bleiben 
müssen. 

Aber sehen wir nun des Näheren zw, wie es um die Be- 
weiskraft der drei Argumente bestellt ist, die Hume zu Gunsten 
seiner negativen Behauptung vorführt. 

Schon der Satz, mit dem Hume seinen ersten Beweis er- 
öffnet, und der auch in späteren Partien des Treatise wieder- 
holte Anwendung findet, scheint höchst bedenklich. Wie sollen 
wir die Qleichsetzung des Verschiedenen mit dem Unterscheid- 
baren verstehen? Heisst unterscheidbar das, was unter Voraus- 
setzung einer unbegrenzten Empfindlichkeit der Sinne selbst 
für die geringsten Differenzen nicht als gleich betrachtet werden 
könnte? Ist dies der Fall, so ist der Satz tautologisch und 
praktisch unbrauchbar, — wo nicht, so ist er falsch, man wollte 
denn behaupten, dass z. B. die Nebelflecke, die bekanntlich 
W. Herschel sämmtlich für Stemsysteme hielt, damals alle ganz 
gleichartig waren, und erst durch Anwendung der Spectral- 
analyse zu ihrer Erforschung sich einige von ihnen in glühende 
Gase verwandelt haben. 

Weit wichtiger als dieser erste Satz ist aber für den 
Beweis die sich unmittelbar an jenen schliessende Behauptung, 
alles Unterscheid bare könne getrennt werden. Man kann sich 
im ersten Augenblick einer gewissen Verwunderung darüber 
nicht erwehren, dass eine Polemik gegen das Vorhandensein 
von Abstractis ein so umfassendes Zugeständniss gegen die 
Abtrennungstheorie im Locke'schen Sinne enthält, wie es heute 
kaum ein Vertheidiger der Abstraction in Anspruch nehmen 
möchte, - ein Hinweis auf die schon berührten Fälle der so- 
genannten untrennbaren Association genügt, die Tragweite dieser 
Concession anschaulich zu mac}ien. Gleichwohl folgert Hume 
daraus für sich, und zwar in ganz correcter Weise, so dass, &Us 
die Beispiele, die er anfuhrt, genügen, gegen den Schluss nichts 
(wenigstens nichts zu Gunsten der Trennbarkeit) einzuwendeii ist. 

Kann man aber einräumen, dass die bestimmfe iJiBge 
einer Linie von dieser selbst weder verschieden noch luter- 
scheidbar sei? Sind Länge und Linie nicht versdikd««. so 
sind sie dasselbe, — mit der Länge ist also die Linie creg^eben : 
ob sie übrigens gerade oder krumm ist, ob sie in dk«r oder 



Harne -Studien. I. 229 

jener Ebene liegt, ist dann völlig einerlei; denn ist Länge gleich 
Linie, so ist auch Linie gleich Länge und Anderes kann nicht 
in Betracht kommen. Nicht minder befremdliche Consequenzen 
ergibt das zweite Beispiel. Der Grad einer Qualität soll von 
dieser nicht verschieden sein, also Grad gleich Qualität, z. B. 
rosenroth gleich roth. Aber auch dunkelroth ist gleich roth, 
daher rosenroth gleich dunkelroth, oder falls man davon aus- 
geht, dass rosenroth verschieden sei von dunkelroth, so ist auch 
roth verschieden von roth. 

über den Werth des in Rede stehenden Argumentes kann 
nach dem Gesagten wohl kaum mehr ein Zweifel obwalten. 
Hume hat nicht nur nicht bewiesen, was er beweisen wollte, 
sondern^ indem er alles Unterscheidbare auch fiir in der Vor- 
stellung trennbar erklärt, hat er zugleich den Gegnern nur 
neue Waffen in die Hand gegeben, die sie befähigen, ihre 
Theorie weit über die Grenzen der Wahrheit hinaus zu ver- 
theidigen. 

Das zweite Argument geht, wie wir sahen, davon aus, 
dass es widersprechend wäre, eine Impression anzunehmen, 
die nicht bezüglich des Grades von Quantität und Qualität 
bestimmt wäre. Dem steht aber ein anderer Ausspruch Hume's 
entgegen, auf den Green mit Recht hingewiesen hat. ' Bei der 
Erörtenmg der Frage nach der Immaterialität der Seele ^ tritt 
Hume nämlich für die ,von mehreren Metaphysikern verwor- 
fene* Theorie ein, ,däss ein Object existiren und dennoch an 
keinem Orte sein könne*. ,Man kann,' föhrt er fort, ,von einem 
Gegenstande sagen, er sei nirgendwo, wenn seine Theile nicht 
so gegen einander disponirt sind, als nöthig wäre, um irgend 
eine Gestalt oder Grösse (quantity) auszumachen, wenn sich 
ferner das Ganze zu anderen Körpern nicht so verhält, wie es 
unsern Begriffen von Contiguität oder Distanz entspricht. Dies 
ist unzweifelhaft bei allen unseren Perceptionen und Objecten 
der Fall, mit Ausnahme von denen des Sehens und Tastens. 
Eine moralische Reflexion kann nicht auf die rechte oder linke 
Seite einer Gemüthsbewegung gestellt werden, eben so wenig 



1 Tn der hier stets citirten Hume- Ausgabe Bd. I S^. 327 Anm. 1. 

2 TrcÄtise book I part. IV sect. V. a. a. O. S. 520. 



230 Meinong. 

kann ein Geruch oder Schall kreisrund oder viereckig sein/ 
Wie viel hievon zugegeben werden kann, wie viel zu verwerfen 
ist, wird sich uns vielleicht aus einer späteren Betrachtung 
ergeben. Für unsem nächsten Zweck genügt, festgestellt zu 
haben, dass Hume selbst die Möglichkeit, ja das Vorhanden- 
sein quantitätsloser Impressionen zugesteht, also nur in offenem 
Widerspruch gegen sich selbst oder höchstens in sehr uneigent- 
lichem Sinne des Wortes eine Bestimmtheit aller Impressionen 
bezüglich der Quantität oder gar eines Quantitätsgrades in 
Anspruch nehmen kann. Dass es übrigens andererseits auch 
Qualitäten gibt, die eine graduelle Bestimmung gar nicht zu- 
lassen, wie z. B. dreieckig, quadratisch (von Relationsquali- 
täten gar nicht zu reden), das ist schon oben zur Sprache ge- 
bracht worden. 

Aber auch der zweite Schritt, den Hume in diesem Be- 
weise thut, widerspricht einem, und zwar diesmal einem schon 
früher von ihm geltend gemachten Grundsatze, dem Princip 
der ,Freiheit der Einbildungskraft, die Ideen zusammenzusetzen 
oder zu vertauschend* Dass Impressionen sich durch nichts 
als durch ihre grössere Intensität von den Ideen unterscheiden, 
hat Hume allerdings auch schon früher aufgestellt, aber nicht 
von den Vorstellungscomplexen, sondern nur von den Ele- 
menten, während von jenen im Gegentheil ausdrücklich aus- 
gesagt wurde, ,dass es nicht zwei Impressionen gibt, die völlig 
untrennbar wären'. ^ Speciell für den in Rede stehenden Beweis 
wird übrigens dieser Widerspruch praktisch bedeutungslos, so- 
bald sich zeigen lässt, dass Hume eine graduell bestimmte 
Quantitäts-, oder Qualitätsidee für einfach nimmt. Bezüglich 
der letzteren wenigstens hat er dies in der That im Anhange 
zum dritten Bande des Treatise ausdrücklich betont, wo die 
Auseinandersetzung darüber, dass ähnliche Ideen auch noch 
ganz wohl einfach sein könnten, mit den Worten schliesst: 
,In derselben Weise verhält es sich mit allen Graden irgend 
einer Qualität. Sie sind alle einander ähnlich, dennoch ist im 
einzelnen Falle die Qualität von ihrem Grade nicht unter- 



» Treatise b. I pari. I sect. III. a. a. O. S. 818. 
2 a. a. O. S. 319. 



Hnme- Stadien. I. 231 

schieden.^ * Vor sich selbst erscheint demnach Hume in diesem 
Punkte so ziemlich gerechtfertigt. 

Können aber auch wir zugeben, dass die Impression der 
Qualität mit der ihres Grades ein einfaches Ganze ausmacht, 
an dem die Einbildungskraft nichts als die Intensität ändern 
kann? Hätte Hume Recht, so könnten wir, sofern es nicht 
etwa angeborene Ideen gibt, offenbar nur solche Qualitätsgrade 
vorstellen, von denen wir eine Impression erhalten haben. 
Denn so wie wir einen andern Grad als Grad derselben Qua- 
lität vorstellten, hätten wir die Idee der letzteren von den Ideen 
sämmtlicher Grade, die wir bisher von ihr kennen gelernt haben, 
getrennt, da wir die Qualität doch nicht zugleich in einem 
der uns aus directer Erfahrung bekannten und in einem neuen 
Grade vorzustellen im Stande wären. Gleichwohl hat Hume 
selbst an anderer Stelle einen hieher gehörigen Fall angeiiihrt, 
aber freilich nicht zu erklären vermocht. Er glaubt nämlich,^ 
die einzige Ausnahme von dem Gesetz, dass jede Idee Copie 
einer Impression sei, darin zu finden, dass, wenn Einer z. B. 
alle Schattirungen von Blau ausser einer erfahren hätte, und 
alle ihm bekannten Nuancen ihm der Reihe nach vorgeführt 
würden, er nicht nur diese Lücke wahrzunehmen, sondern auch 
durch die entsprechende Idee zu ergänzen vermöchte. Aber 
auch andere Fälle dieser Art sind uns geläufig: Wenn uns 
heute das hellste Weiss vor Augen kommt, das wir je gesehen, 
80 können wir uns immer noch ein helleres denken. Wird ein 
Ton von so vielen Instrimienten auf einmal angegeben, wie 
wir nie zusammenspielen gehört haben, so können wir uns den 
Ton doch immer noch stärker und voller vorstellen u. dgl. m. 
Wären diese und ähnliche Fälle wirklich, wie Hume conse- 
quenterweise zugestehen müsste, widersprechende Instanzen 
gegen die empirische Erkenntnisstheorie, so wäre es in der 
That um diese schlimm genug bestellt. Zum Glück für sie ist 
aber die Erklärung der obigen Fälle ziemlich naheliegend, 
wenn man festhält, dass mit zwei Vorstellungen auch deren 
Relationen zu einander gegeben sind, und dass die Glieder 
verschiedener Vorstellungspaare zu einander in derselben 



» ibid. S. 328. 

» Treatise b. I p. I s. I. ». a. O. S. 316. 



232 MelDong. 

Relation steheu könneu. Man ist täglich in der Lage, sich davon 
zu überzeugen, dass, wenn wir Voretellungsreihen reproduciren 
wollen, dabei diese Relationen oft eine weit grössere Rolle 
spielen als die Vorstellungen selbst. Wer ein Lied, das er 
gehört hat, nachsingt, wird, selbst wenn er ein sehr geübter 
Musiker wäre, nur sehr selten auch dieselbe Tonart wieder- 
geben (er hätte denn seine Aufmerksamkeit besonders daraaf 
gerichtet). Was hat er demnach sich eigentlich gemerkt, die 
Töne selbst und deren Aufeinanderfolge? Gewiss nicht, sonst 
hätte er nicht um eine Terz oder Quint tiefer singen können 
als die Tonlage war, in der er das Lied hörte. Was er sich 
gemerkt hat, waren demnach nur die Tonintervalle und 
deren Reihenfolge, die Uebertragung derBelben auf die durch 
die Intonation vielleicht ganz zufällig bestimmte Tonreihe geht 
dann ohne jede Schwierigkeit vor sich.- Mit eben solchen Re- 
lationsübertragungen nun haben wir es auch in den obigen 
Beispielen zu thun, die sich gewissermassen durch die Formel: 

a : b ^= b : X 

wo a und b gegeben sind, x bestimmt werden kann, veran- 
schaulichen lassen. Hätten wir an jeder der Farben des Sonnen- 
spectrums stets nur einen Helligkeitsgrad, ebenso an jedem 
Tone nur einen Stärkegrad wahrgenommen u. s. f., dann 
möchte es allerdings kaum gelingen, Vorstellungen von anderen 
Graden zu bilden, — wenn es aber gelänge, eine empirische 
Erklärung schwerlich möglich sein. Mit den verschiedenen 
Graden ist aber auch das Verhältniss derselben zu einander 
gegeben, und wir sind in den Stand gesetzt, dieses auch über 
die Grenzen der Erfahrung hinaus zu übertragen. 

In dieser Weise fällt das von Hume selbst gegen den 
Empirismus geltend gemachte Bedenken; aber auch seine Be- 
hauptung über die Einfachheit der graduell bestimmten Qua- 
litätsidee kann demselben Schicksale nicht entgehen. Wir 
stellen den Ton, den wir schwächer hörten, stärker vor als 
wir ihn je hören konnten; es ist derselbe Ton geblieben, dem 
Wesen nach dieselbe Qualität, dem Grade nach aber ver- 
schieden, — und da die neue Grad Vorstellung mit der alten nicht 
zusammenbestehen kann, so war erst eine Trennung der 



Harne. Stadien. I. 233 

letzteren von der Qualitätsidee nöthig, wenn die erstere Platz 
finden sollte. Es liegt uns natürlich nichts ferner, als auf 
Grand dessen etwa anzunehmen, man könne eine Qualität 
ohne jeden Grad, oder gar einen Grad ohne jede Qualität, 
von der er der Grad wäre, vorstellen; wir glauben im Gegen- 
theil, dass die Qualität und ihr Grad sich in dieser Hinsicht 
analog verhalten wie Farbe und Ausdehnung. Niemand vermag 
eine Farbe ohne jede Ausdehnung zu denken, aber für Keinen 
ist sie an irgend eine bestimmte. Ausdehnung untrennbar ge- 
knüpft, wie nothwendig der Fall sein müsste, wenn beide eine 
einfache Impression ausmachten. Es ist sonach nicht der 
Zweck unserer Polemik, für Lockens Abtrennungstheorie ein- 
zutreten; aber in gleicher Weise wie sie ist diesmal auch die 
von uns geltend gemachte Anschauung über das Wesen der 
Äbstraction durch Hume's Aufstellungen gefährdet. Wäre Qua- 
lität und Grad zusammen wirklich etwas Einfaches, könnten 
sich deren Impression und Idee durch nichts als durch die 
Intensität des untrennbaren Vorstellungsganzen von einander 
unterscheiden, so wäre natürlich auch die Concentration der 
Aufmerksamkeit auf einen Theil, da ein solcher sich gar nicht 
vorfände, undenkbar. Für die Richtigkeit der Ansicht, welche 
gerade auf diese Concentration Gewicht legt, ist natürlich durch 
die hier gegebenen Erörterungen gar nichts bewiesen, \\m so 
mehr aber gegen die Stichhaltigkeit von Hume's zweitem Ar- 
gument, dessen Prüfung hier ja vor Allem unsere Aufgabe war. 

Indem wir zur Besprocliung des dritten Argumentes über- 
gehen, erweist es sich vor Allem als nöthig, einige Missver- 
ständnisse zu beseitigen, die wohl durch Aequivocation ent- 
standen sein mögen. Ist der Satz: ,that everything in nature 
is individual', so zu veratehen: ,dass jedes Ding in der Natur 
individuell ist^, so kann niemand Bedenken tragen, diese Be- 
hauptung als analytisch zu acceptiren; auch damit, dass die 
Idee jedes ,Dinges in der Natur' individuell sei, wird jeder- 
mann einverstanden sein müssen, wenn man dabei blos die 
nur diesem Dinge entsprechende Idee, d. i. eben dessen Indi- 
vidualidee im Auge hat. Auf der anderen Seite wird auch 
dagegen nichts eingewendet werden können, dass es einerlei 
bedeute, eine Idee von etwas zu bilden, oder einfach eine Idee zu 



234 Meinong. 

bilden, — mit anderen Worten, dasB jede Idee ein immanentes 
Object habe, wenn auch gegen die hiefur von Hume gegebene 
Begründung (auf die wir hier noch nicht eingehen können), 
mancherlei zu erinnern sein sollte. Nur wie sich aus diesen 
beiden Prämissen der Schluss ergeben könnte, dass jede Idee 
individuell sein müsse, das scheint vorerst noch ganz unbe- 
greiflich. Argumentirt man hingegen so: jedes Object in der 
Natur ist individuell (und also hinsichtlich des Qualitäts- und 
Quantitätsgrades bestimmt), somit auch die Idee jedes Objectes; 
jede Idee ist aber die Idee von einem Object, daher ist jede Idee 
individuell (respective in der eben angedeuteten Weise bestimmt), 
— wenn man, sagen wir, in dieser Weise argumentirt, so liegt 
in der That der Schein eines Schlusses vor, aber dieser wird 
hervorgerufen durch eine Aequivocation im Worte Object. In 
der ersten und zweiten Prämisse bezeichnet es ein wirklich und 
für sich existirendes Ding, in der dritten Prämisse dagegen 
ein immanentes Object, oder wenigstens einen Vorstellungs- 
gegenstand, dem zwar vielleicht äussere, aber gewiss nicht 
nothwendig selbstständige Existenz zugeschrieben wird. Der 
Formfehler wäre beseitigt, wenn man in der dritten Prämisse 
das Wort Object in demselben Sinne nähme wie in den beiden 
ersten Prämissen; dann ist aber die dritte falsch, denn nicht 
jede Idee ist die Idee eines wirklich und selbstständig existi- 
renden Dinges. Stelle ich z. B. roth, blau, gerade, schwer u. dgl. 
vor, so sind das zwar Eigenschaften solcher Dinge, aber nicht 
selbst Dinge; denke ich aber gar an Apollo oder, um ein be- 
liebtes Beispiel Hume's zu gebrauchen, an einen goldenen Berg, 
so habe ich Ideen, denen meiner Vorstellung nach gar nichts 
in Wirklichkeit entspricht. 

Noch eine Auffassung wäre möglich, in der der Hume'sche 
Schluss giltig scheinen könnte, nämlich, wenn wir den oben 
englisch citirten Satz so übersetzen: , Alles in der Natur ist 
individuell', 1 und dann fortfahren: daher ist jede Idee von 
etwas individuell, jede Idee ist aber die Idee von etwas u. s. f. 
Allein diesmal ist, wenn auch alles Andere richtig sein sollte, 
doch die erste Prämisse so weit davon entfernt analytisch zu 



I Dies scheint sprachlich am nächsten zii liegen und wurde daher auch 
bei der referirenden Wiedergabe des vorliegenden Arguments acceptirt. 



H«in«> Stadien. 1. 235 

seiD; dass sie im Gegentheil falsch ist. Denn nennt man indi- 
viduell alles das, was entweder selbst ein Individuum ist, oder 
sich nur auf ein Individuum beziehen kann, so fallen unter 
diesen Begriff zwar alle Einzeldinge; dagegen gibt es aber 
kein einziges Attribut, das, für sich allein betrachtet, nur von 
einem Individuum ausgesagt werden könnte. Trotzdem sind 
die Attribute nicht minder wirklich als die Dinge, an denen 
sie haften; es kann somit durchaus nicht Alles in der Natur 
individuell genannt werden. 

Man sieht, wie immer man Hume's Beweis wendet, immer 
tritt bald ein formeller Fehler, bald ein materieller Irrthum 
zu Tage. Welche von den beiden hier versuchten Auf- 
fassungen auch dem schottischen Philosophen vorgeschwebt 
haben mag, in jedem Falle scheint dabei eine Aequivocation 
im Spiele. Im ersten Falle läge sie, wie schon bemerkt, im 
Worte ,object'; im zweiten Falle läge mindestens nahe, in dem 
Worte jCverything* die Ursache der Täuschung zu suchen, das, 
sobald man es mit ,every thing' gleichsetzt, leicht eine irre- 
fahrende Nebenbedeutung annehmen kann. 

Aber es liegt noch ein sehr beträchtliches Versehen in 
diesem Beweise. Was wir im Vorhergehenden der Kürze halber 
einfach als zweite Prämisse bezeichneten und übrigens ganz 
ununtersucht liessen, soll ja selbst aus dem ersten Satze ge- 
folgert sein. Allein wie kann sich der zweite Satz aus dem 
ersten ergeben, selbst wenn wir diesen so interpretiren, dass 
er eine Wahrheit aussagt? Wenn es absurd ist, ein Ding in 
der Natur anzunehmen, dessen Qualität und Quantität nicht 
graduell bestimmt wäre, wenn man demnach jedes Ding als 
ein in dieser Weise Determinirtes vorstellen muss, folgt daraus, 
dass auch jede Idee von einem solchen Dinge alle diese 
Bestimmungen mit Nothwendigkeit an sich trägt? Das anzu- 
nehmen, wäre eben so verfehlt wie die von uns schon früher 
zurückgewiesene (und sich theil weise damit deckende) Be- 
hauptung: weil das Individuum unendlich viele Merkmale habe, 
müsse auch der Inhalt des Individual begriff es unendlich gross 
sein. ^ Ueberdies ist, wie wir auch schon hervorzuheben Ge- 



1 Hame*8 Irrthnm drückt sich am prSgnantesten in dem Satze aus, der dieses 
Argument beschliesst: ,Now as His impossible to form an idea of an 



236 Mtinong. 

legenheit hatten, eine Idee von einem Individuum noch lange 
keine Individualidee; aber nur, wenn dies der Fall wäre, Hesse 
sich von der durchgängigen Individualität der Dinge auf die 
der Ideen schliessen. 

Was noch an diesem Beweise als befremdlich in die Äugen 
fällt, ist der ausdrückliche Gegensatz, in den hier Realität und 
Idealität gestellt sind, und der Hume's sonstigen Ansichten über 
diesen Punkt kaum zu entsprechen scheint. Da uns jedoch 
Hume's Metaphysik erst später beschäftigen wird, müssen wir 
uns hier begnügen, auf das Auffallende dieser Thatsache hin- 
gewiesen zu haben. 

Schauen wir einen Augenblick auf die Resultate unserer 
bisherigen Betrachtungen zurück, so müssen wir dieselben als 
durchaus negativ bezeichnen. Die These, die Hume aufstellt, 
um Berkeley's Verwerfung aller abstracten Ideen neu und ab- 
schliessend zu begründen, hat sich hiefiir als zu schwach, die 
zu Qunsten dieser These vorgebrachten Argumente haben sich 
aus den verschiedensten Gründen als ungeeignet erwiesen, das 
unmittelbar zu Beweisende, — noch ungeeigneter, das mittel- 
bar zu Beweisende zu stützen. Aber wir haben Berkeley's 
Polemik gegen Lockens Ansichten in der Hauptsache als be- 
rechtigt anerkennen müssen; hat also auch Hume zu dieser 
Polemik nichts Neues hinzubringen können, was haltbar wäre, 
so berechtigt uns dies, vom historischen Interesse ganz abge- 
sehen, auch sachlich noch keineswegs, Hume's Versuch, die 
Theorie Berkeley's auch nach der positiven Seite bin auszu- 
bilden, einfach unberücksichtigt zu lassen, und dies um so 
weniger, als sich Berkeley 's Positionen gerade als der schwä- 
chere Theil seiner Ausführungen herausgestellt haben. 

Die Erscheinung, um deren Erklärung es sich handelt, 
ist, wie wir wissen, die^ dass die nach Hume's Meinung als 



object, that is possessed of quantity and quality, and yet is posseased of no 
precise degree of eitber; it foUows that there is an eqnal impossibility 
of forming an idea, that is not limited and confined in both these par- 
ticulars* (a. a. O. S. 327). Bezieht sich hier das ,that* im Vorder8At«e, 
wie wohl am natürlichsten wäre, anf ,objpct', so ist der Satz richtig, aber 
für Hume unbrauchbar; bezieht es sich dagegen anf ,idea*, so stimmt er 
zu Hume's Absicht, ist aber falsch. 



Ham«-8todi«n. I. 237 

concret erwiesenen Ideen dennoch allgemeine Bedeutung haben 
können. Seine Erklärungshypothese ist oben fast ganz in ex- 
tenso vorgeführt worden, und zwar aus einem Grunde , der, 
nachdem dieselbe schon wiederholt anstandslos dargestellt 
worden ist, vielleicht in einer für den Verfasser nicht eben 
günstigen Weise auffallen mag. Es ist ihm nämlich trotz 
redlicher Mühe nicht gelungen, darüber, wie sich Hume eigent- 
lich den oben beschriebenen Vorgang denkt, volle Klarheit zu 
gewinnen, und auch die hier ziemlich cursorischen Referate 
Jodrs ^ und Pfleiderer's^ haben ihm die dunklen Punkte nicht zu 
erhellen vermocht. Sollte an dieser Unklarheit nun doch Hume 
selbst die Schuld tragen, so leuchtet wohl ein, dass wenigstens 
dies zu constatiren eine unerlässliche Aufgabe einer jeden 
Kritik sein müsste. 

Der Ausgangspunkt seiner Theorie ist zunächst noch voll- 
kommen verständlich: wir benennen ähnliche Gegenstände mit 
demselben Wort Hume hätte sich zur Unterstützung dieser 
Aufstellung auf das Gesetz der Association durch Aehnlichkeit 
berufen können, welches vollkommen begreiflich erscheinen 
Hesse, dass, wenn wir einen Gegenstand benannt haben und ein 
ihm ähnlicher uns begegnet, wir ganz von selbst den ersteren 
Gegenstand, und dann mittelbar auch das für diesen ein- 
geführte Wort reproduciren; von da aus liegt es nahe genug, 
auch für den zweiten Gegenstand dasselbe Wort zu ver- 
wenden. Aus der mittelbaren Association wird so eine unmittel- 
bare, und diese mag sich leicht allmälig auf eine ganze Reihe 
gleichartiger Objecto erstrecken. Hören wir nun den Namen, 
so tritt uns eine der associirten Individualvorstellungen ins Be- 
wusstsein, und zwar die, welche aus irgend welchen zufälligen 
Granden sich eben als nächste darbietet. Wie verhält es sich 
aber mit den andern, gleichfalls associirten Ideen? Sie sind 
uns, sagt Hume, nicht wirklich, sondern nur facultativ gegen- 
wärtig. Aber seit wann? — erst seit der erneuten Nennung des 
Namens? Nach Hume's Darstellung scheint das gemeint; muss 
aber nicht eine Disposition, die fraglichen Individuen vorzu- 
stellen, schon vorgelegen haben, wenn sie eventuell mit Hilfe 



* Leben und Lehre David Hurae's S. 33 f. 
^ KmpiriBmus und Skepsis S. 123 ff. 



238 Meinong. 

dos Wortes reproducibel waren (und das waren sie doch alle, 
da a priori nicht feststand; welche Idee der gehörte Name 
erwecken werde)? Das scheint ausser Zweifel; der Unterschied 
könnte also besten Falles ein gradueller^ die Disposition nach 
Hören des Wortes stärker sein als vorher. Aber so stark 
die Disposition sein mag, Disposition zu einer Vorstellung ist 
niemals selbst Vorstellung; die durch das Wort explicite re- 
producirte Idee ist also nach wie vor particulär und das Wort 
mit ihr. 

Um so mehr muss man erstaunt sein, wenn Hume nun 
doch erklärt; das Wort erzeuge neben der Individualidee eine 
Gewohnheit (das ist doch wohl die besprochene Disposition?), ^ 
und diese erzeuge wieder eine andere individuelle Idee, ;for 
which we may have occasion^ Dies kann nur etwa so zurecht- 
gelegt werden ; dass jene Gewohnheit als eine permancDte, 
unentbehrliche Vorbedingung der letztgenannten Idee, jene ;0cca- 
sion' dagegen als zeitlich letzte Ursache zu betrachten ist Dann 
steht und fällt aber die ganze Theorie mit dieser Occasion; 
muss also eine solche sich jedesmal einfinden, so oft wir jenes 
Wort hören? Hume sagt nichts davon; es ist auch nicht ab- 
zusehen, worin eine solche Noth wendigkeit begründet sein sollte, 
— dennoch kann, sobald diese Occasion entfiillt, von Allge- 
meinheit nun wieder nicht die Rede sein. 

Welcher Art diese Occasionen seien, erfahren wir nur 
ganz im Vorübergehen, wenn wir nämlich berechtigt sind, jene 
, Absicht oder Noth wendigkeit' hieher zu zählen, die, wie wir 
hörten, die vermöge jener Disposition vorzustellende Einzelidee 
bestimmt. Ueber die Anzahl der Occasionen, die bei einem 
Worte sich geltend machen können, lässt uns Hume völlig ohne 
Aufklärung; aber es ist zu vermuthen, dass deren mehrere sein 
müssen, da auf diesem mittelbaren Wege augenscheinlich mehrere 
Ideen zum Bewusstsein gebracht werden. Alle Individuen jedoch, 
an die sich jener Name knüpfen soll, vorzustellen, ist meist un- 
möglich (warum, wenn es möglich ist, einige vorzustellen?), 



* Ueber allen Zweifel sicher ist dies nicht. Im Text heisst es : ,that cuakom, 
which we have acquired bysurveying them* (die Individuen nämlich), 
aber von einem ,Burveying* war vorher gar nicht die Rede, «ondem nur 
von einem Anknüpfen derselben Worte an tihuliche Individaen. 



Hnme- Stadien. I. 239 

wir begnügen uns daher mit einer ,partial considoration^, wobei 
aber wieder nicht zu ersehen ist, ob jener Mangel zur blos theil- 
weisen Betrachtung des Inhaltes oder des Umfangs des betreffen- 
den Begriffes führt (wenn es erlaubt ist, uns für einen Moment 
der uns heute geläufigen Ausdrucksweise zu bedienen). Der 
erste Schein spricht natürlich flir das Letztere; aber Hume's 
noch zu besprechende Ausführungen über die ^distinctio rationis^ 
zeigen, dass auch die erstere Deutung nicht schlechthin von der 
Hand zu weisen ist. 

Indessen gerathen alle bisher wahrscheinlich gemachten 
Interpretationen wieder ins Schwanken, wenn man denselben 
Hume's nachträgliche Bemerkung entgegenhält, dass, ehe jene 
Gewohnheit durchgebildet sei, wir oft statt einer Idee mehrere 
hinter einander bilden, um uns über den Sinn jenes Wortes 
aufzuklären. Dies wird unfraglich als etwas von dem obigen 
Vorgange ganz Verschiedenes geltend gemacht; worin soll 
aber, wenn wir Hume bisher richtig verstanden haben, die Ver- 
schiedenheit liegen? Wodurch kann dieses Zusammensuchen 
verschiedener mit demselben Worte bezeichneter Gegenstände 
ermöglicht werden, wenn nicht durch die Associationen, welche 
sich an das Wort knüpfen, also durch das, was Hume früher 
Gewohnheit genannt hat? Man könnte einen Augenblick lang 
an Association der Vorstellungen selbst nach dem Gesetze der 
Aehnlichkeit denken, aber auch nur einen Augenblick. Denn, 
um bei Hume's Beispiel zu bleiben, hätten wir zur Illustration 
dessen, was Figur bedeutet, einen concreten Kreis vorgestellt, 
der, da er doch Farbe haben muss, etwa weiss sein mag, so 
könnte sich nach dem Gesetze der Aehnlichkeit Schnee oder 
Zucker daran mindestens ebensogut associiren, als ein weisses 
Quadrat. — Auch darin, dass wir hier einen Gegenstand 
nach dem andern vorstellen, kann kein Unterschied gegen- 
über dem ersten Falle liegen; denn mag jene Gewohnheit auch 
eine Disposition für alle associirten Ideen begründen, so 
können diese, mögen wir ihrer viele oder wenige wirklich 
vorstellen, doch kaum jemals sich alle gleichzeitig im Bewusst- 
sein vorfinden. 

Die hier hervorgehobenen Schwierigkeiten zu lösen, ist 
der Verfasser, wie schon oben bemerkt, nicht im Stande. Sollte 
es einem schärferen Verstände gelingen, das scheinbar Dunkle 



240 MeinoBg. 

dieser Ausführungen aufzukellen ^ so wird er sich dankbar der 
besseren Einsicht anschliessen; wenn aber nicht, so glaubt er nun 
in der That so viel ausgemacht zu haben, dass die Hume'sche 
Theorie hier an Unklarheiten leidet, über die man bei der Dar- 
stellung zwar leicht hinwegspringen, die man jedoch unmöglich 
durch Interpretation beseitigen kann. 

Es versteht sich unter solchen Umständen von selbst, dass 
hier das Gebiet der sachlichen Kritik ein ziemlich beschränktes 
sein muss. Gleichwohl dürfte sie auch hier nicht werthlos sein, 
einestheils^ weil wir erwarten dürfen, auf diesem Wege neues 
Material zur Charakteristik der vorliegenden Untersuchungen 
zu gewinnen, — dann aber auch, weil sich daraus wohl ergeben 
muss, welche Aussicht ein etwaiger Versuch hätte, Hume's 
Theorie unter Beibehaltung der wesentlichen Grundlagen weiter 
auszubilden. 

Schon der erste Schritt Hume's, die Anwendung desselben 
Wortes auf ähnliche Gegenstände, führt, von seinem Stand- 
punkte aus betrachtet, auf Inconvenienzen. Zwar haben wir 
selbst zur Unterstützung dieses Princips auf die Association 
durch Aehnlichkeit hingewiesen, und sind auch jetzt weit ent- 
fernt, dessen Bedeutung für die Bildung allgemeiner Namen zu 
unterschätzen; aber es muss hier darauf hingewiesen werden, 
wie wenig Association ohne Abstraction in dieser Richtung zu 
leisten vermöchte. Gesetzt, wir hätten etwas Kreisförmiges vor 
uns, sei es nun ein gezeichneter Kreis, ein kreisrundes Papier 
oder ein Mühlstein (einen Kreis in abstracto können wir ja 
nach Hume gar nicht denken) und nennten dies Figur,* so 
lässt sich wohl mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass uns 
nie und nimmer einfallen würde, sobald wir nun etwa ein qua- 
dratisch abgegrenztes Kornfeld sähen, uns jener ,Figur' als 
ähnlich zu erinnern und so auch dem Felde den Kamen Figur 
zu geben. Freilich, sind wir im Stande, an Gestalt in ab- 
stracto dabei zu denken, dann ist Alles einfach; aber eben das 
ist die Voraussetzung, die Hume am allerwenigsten zulässt. 
Die Schwierigkeit wird natürlich um so grösser, je allgemeiner 

> Um die philologiacbe Richtigkeit ist es ans hier natürlich nicht zu thnn. 



Hnme- Studien. I. 241 

der Name sein soll: was z. B. d^s eben berührte Wort Gestalt 
anlaogt,. so kann es auf alle Gegenstände im Räume ange- 
wendet werden, beruht also auf einer Aehnlichkeit, die, wenn 
man den Gegenstand nur stets mit allen seinen Details be- 
trachten kann, viel zu verbreitet und darum viel zu wenig 
auffallend ist, um eine Association zu begründen. 

Wenn übrigens Hume über die Festigkeit der oben oft 
genannten »Gewohnheit* staunt, welche gestattet, dass ohne Miss- 
verständniss dieselbe Parti cularidee an verschiedene allgemeine 
Worte geknüpft werden kann, so liegt dem offenbar eine That- 
sache zu Grunde, die noch viel erstaunlicher ist. Wie ist man 
denn nur darauf verfallen, ein und derselben Particularidee, 
bevor jene Gewohnheit sich bildete, die allerverschiedensten 
Namen zu geben, z. B. dasselbe Ding einmal Mühlstein, ein 
andermal ein Rundes, dann ein Weisses, Schweres, einen Körper 
u. 8. w. u. s. w. zu nennen, und dann, sobald man andere 
ähnliche Dinge antraf, diesen bald den einen, bald den anderen 
jener vielen Namen zu geben, und zwar so, dass den unter 
einander ähnlichen Dingen immer auch dieselben Namen zu- 
fallen, nicht aber unterschiedlos bald diesem, bald jenem Gegen- 
stande, wie doch zu erwarten wäre, wenn die Aehnlichkeit 
immer nur im Ganzen, und nicht in Beziehung auf einzelne 
Attribute in Wirksamkeit treten könnte? Eines mindestens 
scheint sich aus der ganzen Verwirrung ziemlich unzweifelhaft 
zu ergeben. Dasselbe Wort wird fiir sehr viele und sehr ver- 
schiedene Dinge gebraucht; dasselbe Ding wird (und zwar, wie 
es scheint, ganz grundlos) mit einer sehr grossen Anzahl ver- 
schiedener Namen benannt, — es ist also nicht abzusehen, wie 
sich unter so ungünstigen Umständen eine auch nur einiger- 
massen merkliche Association zwischen Wort und Idee bilden 
könnte. 

Gesetzt jedoch, alle hier geltend gemachten Bedenken 
bestünden nicht, gesetzt, es gelänge, die Associationen ganz so 
zu contrahiren, wie Hume verlangt: so gerathen wir doch sofort 
auf eine neue Schwierigkeit, sobald wir die auf dem Hume'schen 
Wege gebildeten ,allgemeinen Ideen' zu Urtheilen zu verwen- 
den suchen. Denn man erkennt leicht, dass Letztere durch 
Hume's Theorie alle Bedeutung verlieren. Spreche ich etwa 
den Satz aus: ,Die Wölfe sind Säugethiere', so ist damit zu- 

SiteUBgiber. d. phil.-hirt. Ci. LXXXYII. Bd. I. Hfl. 16 



242 if«iiioiig. 

nächBt nur etwas über Worte ausgesagt; bezüglich der Dinge 
lässt sich daraus nur ganz im Allgemeinen auf eine Aehnlich- 
keit schliessen, welche die Association an das Wort Säuge- 
thier voraussetzt, — da aber dieselben Gegenstände auch noch 
mit vielen anderen z. B. an den Namen organisches Wesen 
associirt sind, so ist mit der Erkenntniss jener Aehnlichkeit 
so gut wie gar nichts gewonnen. 

Lassen wir aber auch dies Alles bei Seite, so bleibt 
immer noch das sogenannte abgekürzte Verfahren, das nach 
Hume's Ansicht ja in der Regel eintritt, als etwas höchst Son- 
derbares übrig. Es ist sehr begreiflich, dass dem, der ein 
Attribut denkt, in Folge dessen ein Gegenstand in den Sinn 
kommt, der dieses Attribut an sich trägt. Dass uns aber darum, 
weil wir ein Attribut vorstellen, ein Object einfallen soll, das 
dieses Merkmal gerade nicht besitzt, das ist nicht nur, wie 
schon Hume meint, ,einer der ausser ordentlichsten Umstände^, 
sondern das widerspricht allem über Association und Repro- 
duction Beobachteten so sehr, dass eine umfangreiche Begrün- 
dung durch analoge Fälle erforderlich wäre, um einen solchen 
Erklärungsversuch überhaupt statthaft, um so mehr also, um 
ihn wahrscheinlich zu machen. 

Ganz ausser Acht gelassen hat Hume übrigens den Ana- 
logiebeweis nicht, wenn er ihn auch nicht zu Gunsten des letzt- 
besprochenen Punktes anwendet, sondern um anderweitig seine 
Theorie zu stützen. Allein die von ihm herbeigezogenen F«älle 
erweisen sich als wenig zu diesem Zwecke geeignet. Das Re- 
produciren von Versen mit Hilfe des Anfangswortes ist doch 
nicht mehr als ein Beispiel einfacher Ideenassociation, deren 
Vorhandensein Hume an dieser Stelle nicht erst sicher zu stellen 
hat. Weist er ferner auf die Aehnlichkeit als Hilfe für die Re- 
production hin, so wissen wir schon aus den obigen Betrach- 
tungen, ein wie zweifelhafter Bundesgenosse diese Aehnlichkeit 
gerade für Hume's Theorie ist. Aehnlich in irgend einer 
Hinsicht (wie ein Vertheidiger der abstracten BegrilBFe wohl 
sagen darf, nicht aber Hume) ist der durch das Wort zunächst 
ins Bewusstsein gerufene Gegenstand in der Regel sowohl den 
anderweitig unter jenes Wort als den nicht darunter fallenden 
Dingen ; vermag die Aehnlichkeit also einerseits die Reproduc- 
tion im Sinne Hume's zu fördern, so erleichtert sie auf der 



Harne -Stadien. I. 243 

andern Seite Verwechslungen in eben demselben Maasse. — 
Die beiden noch übrigen Beispiele beziehen sich auf den schon 
oben (8. 215) erwähnten Fall des richtigen Gebrauches von 
Worten, deren Sinn wir uns gar nicht oder nur theilweise 
gegenwärtig halten. Eine Analogie zu Hume's Abstractions- 
theorie ist aber darin nicht zu erkennen. 

Zum Schlüsse sei nur noch darauf hingewiesen^ dass 
Hume's Hypothese, auch wenn ihr sonst nichts im Wege 
stünde, doch durchaus nicht im Stande wäre, Alles, was man 
gewöhnlich unter die Phänomene der Abstraction einbegreift, 
zu erklären. Man hört häufig genug von Familienzügen, die 
Verwandten gemeinsam sein sollen, von Nationaltypen, National- 
charakter, — auch vom Styl einer Literatur oder Eunstperiode 
wird oft genug die Rede sein. Neben manchen Unklarheiten, 
die hier gewiss mit unterlaufen, handelt es sich doch um wirk- 
lich gemachte Beobachtungen, um Merkmale, die mehreren 
oder vielen Individuen gemeinsam sind. Die Vorstellungen dieser 
Attribute erscheinen demnach als Allgemeinbegriffe, bei denen 
aber kaum jemand bestreiten wird, dass das Gemeinsame erst als 
solches bemerkt werden musste, ehe man ihm einen Namen gab 
(wenn es nämlich überhaupt zur Namengebung gekommen ist). 
Hier also erhält sicher der Name durch den Begriff seine Allge- 
meinheit, nicht der Begriff durch den Namen. 

Auch auf das Urtheil müssen wir in diesem Zusammen- 
hange noch einmal zurückkommen, da sich hier Hume's Auf- 
stellungen als vollends ungenügend erweisen. Wen meinen wir 
mit dem Satze: ,Alle Menschen sind sterblich', nur die, welche 
wir gesehen, oder an die wir als Einzelne gedacht haben? 
Gewiss nicht; jedermann will damit etwas von allen Menschen 
ausgesagt haben, die existiren, existirt haben und existiren 
werden. Dass aber nicht die Vorstellungen von allen diesen 
mit dem Worte Mensch einzeln Associationen eingegangen sein 
können, dass andererseits der allgemeine Satz, wenn auf den 
durch Hume's Theorie geforderten Umfang eingeschränkt, den 
Charakter der Allgemeinheit völlig einbüssen müsste, das ist 
wohl handgreiflich genug. 

Vielleicht hat mancher Leser bei der hier versuchten Dar- 
stellung der Hume'schen Abstractionstheorie und noch mehr bei 

16* 



244 Ifeinong. 

der Kritik derselben die Berücksichtigung der Ausführungen 
unseres Philosophen über die ^distinctio rationis' vermisst, ja 
den Verfasser des Leichtsinns oder der Parteilichkeit beschul- 
digt, wenn er Einwendungen gegen Hume erhob, welche mit 
Hilfe dieser Distinctio allenfalls zu Gunsten Hume's zu besei- 
tigen gewesen wären. Aber eben in dieser Möglichkeit konnte 
der Anlass zu dem Missverständniss liegen, als wäre das, was 
Hume über die distinctio sagt, ein wesentlicher Theil seiner 
Abstractionstheorie,^ während er doch die vorliegende Frage erst 
anhangsweise zur Sprache bringt und noch ausdrücklich hervor- 
hebt: ,Zur Beseitigung dieser Schwierigkeiten müssen wir auf 
die obige Erklärung der abstracten Ideen recurriren*.^ Er will 
also mir eine Anwendung der zuvor aufgestellten Principien 
geben; diese Anwendung kann aber, mag sie nun auf that- 
sächlich richtige oder falsche Resultate führen, weder unbedingt 
für, noch unbedingt gegen jene Principien zeugen, da ja neben- 
her noch immer die Frage, ob die Anwendung auch eine rich- 
tige war, in Betracht kommen muss. Die Entscheidung über 
diese Frage orfordert nun aber bereits ein möglichstes Ver- 
ständniss der anzuwendenden Theorie; und da überdies die 
vorliegende Anwendung von Hume nicht erst als Beweis für 
jene in Anspruch genommen, der Beweisversuch vielmehr, wie 
wir sahen, auf ganz andere Fundamente gestützt wird, so haben 
wir uns auch keiner Ungerechtigkeit schuldig gemacht, wenn 
wir die Theorie für sich einer Prüfung unterzogen und für 
Inconvenienzen verantwortlich machten, die sie unvermeidlich 
mit sich zu fuhren schien. Sollten wir aber richtig geurtheilt 
haben, so wirft es schon von vorn herein kein eben günstiges 
Licht auf die Anwendung, wenn bei dieser Bedenken ver- 
schwinden können, die aus jenen Principien in correcter Weise 
erschlossen worden sind. 

Ueberdies erkennt man leicht, wie wenig diese ,Anwcn- 
düng' im Stande ist, das über der Theorie schwebende Dunkel 
etwa aufzuhellen. Es handelt sich hier um die Unterscheidung 
zwischen der Gestalt und dem gestalteten Körper, zwischen 



' Das scheint wirklich Green's Meinung, vergl. §. 218 der ,6eneral intro- 

duction* zu der von uns benützten Hume-Ausgabe (Bd. I 8. 179 f.). 
» a. a. O. ß. 382. 



Hnme- Studien. I. 245 

Bewegung und dem bewegten Körper. ,Die Schwierigkeit, diese 
Distiuction zu erklären/ sagt Hume, ^entsteht aus dem oben 
erörterten Princip, dass alle Ideen, die verschieden sind, trenn- 
bar seien. Denn es folgt daraus, dass, wenn die Gestalt von 
dem Körper verschieden ist, deren Ideen sowohl trennbar als 
uoterscheidbar sein müssen; sind jene nicht verschieden, so 
können ihre Ideen weder trennbar noch unterscheid bar sein.^ 
Das Dilemma lautet unzweideutig genug, und wenn man ein 
Paar Zeilen weiter unten Hume's Behauptung liest, Gestalt und 
pjestalteter Körper seien ,in Wirklichkeit weder unterscheidbar, 
noch verschieden, noch trennbar', so kann man nicht anders 
denken, als dass die Frage nach der distinctio rationis nun 
dahin entschieden sei, dass es eben nichts dergleichen geben 
könne. Aber Hume argumentirt anders. Der Geist hätte, meint 
er, von einer solchen Unterscheidung niemals auch nur geträumt, 
^bemerkte er nicht, dass selbst in dieser Einfachheit mancherlei 
Aehnlichkeiten und Relationen sich vorfindend An der Idee 
einer weissen Marmorkugel z. B. können wir in der That Farbe 
und Gestalt weder trennen noch unterscheiden, aber der Ver- 
gleich derselben mit einer Kugel von schwarzem, einem 
Würfel von weissem Marmor ergibt zwei verschiedene Aehn- 
lichkeiten. Mit einiger Uebung unterscheiden ^ir nun Gestalt 
und Farbe, d. h., wir stellen Beide zusammen vor, ,da sie 
faetisch identisch und ununterscheidbar sind, aber wir betrachten 
sie von verschiedenen Gesichtspunkten, je nach den Aehnlich- 
keiten, deren sie föhig sind. Wollen wir daher nur die Gestalt 
der weissen Marmorkugel betrachten, so bilden wir in Wirk- 
lichkeit eine Idee sowohl von Gestalt als von Farbe, — aber wir 
richten stillschweigend unser Auge auf die Aehnlichkeit mit der 
schwarzen Marmorkugel; in gleicher Weise wenden wir, wenn 
wir nur die Farbe' in Betracht ziehen wollen, unseren Blick auf 
die Aehnlichkeit mit dem Würfel von weissem Marmor. So 
begleiten wir unsere Ideen mit einer Art Reflexion, auf die 
uns die Gewohnheit in hohem Grade unachtsam machte ^ 

Wenn Hu,me versprochen hat, die distinctio rationis durch 
seine Abstractionstheorie zu erklären, so wissen wir nun, dass 
er von dieser nichts als den Satz von der Untrennbarkeit und 



Treatise, a. a. O. S. 332 f. 



246 Heinong. 

UnUnterscheidbarkeit des Identischen herbeigezogen hat. Aber 
es muss selbst bezüglich dieses Satzes sehr fraglich erscheinen, 
ob Hume durch ihn, ob er nicht vielmehr im Gegensatze 
zu ihm das eben dargestellte Resultat erreichte. Zwar hält ihn 
Hume, wie wir sahen, fortwährend aufrecht, er erklärt wieder- 
holt Farbe und Gestalt als identisch und ununterseheidbar; 
wie es dann aber möglich ist, dass zwischen Farbe und Gestalt 
nim doch, und wäre es auch durch die complicirteste Gedanken- 
operation, eine Unterscheidung erfolgen kann, das ist ein Räthsel, 
zu dessen Lösung uns Hume nicht verholfen hat, dessen Lösung 
zu finden wohl auch niemand Anderer im Stande wäre. 

Hier liegt also jedenfalls ein Widerspruch; aber noch ein 
Anderes muss hervorgehoben werden. In dem Beispiel von 
Kugeln und Würfel ist von dem Wahrnehmen zweier ver- 
schiedener Aehnlichkeiten die Rede. Zwar spielt, wie wir sahen, 
auch in der Hume'schen Abstractionstheorie die Aehnlichkeit 
eine grosse Rolle; indessen haben wir uns stets bemüht, an 
den betreffenden Stellen diese Relation zwar als associations- 
erregendes Factum in Betracht zu ziehen, die Vorstellung 
der Aehnlichkeit aber aus dem Spiele zu lassen. Der Grund 
dafür war einfach: Erwies sich der Grad einer Qualität von 
dieser, die Qualität selbst von dem mit ihr behafteten Körper als 
weder verschieden noch unterscheidbar noch trennbar, so musste 
dasselbe von einer Relation und deren Fundamenten gelten; 
man konnte also nach Hume höchstens zwei ähnliche Dinge, 
aber niemals Aehnlichkeiten vorstellen. Noch weniger war 
an die Möglichkeit zu denken, Ideen von Relationen zwischen 
Attributen zu bilden; und da solche wohl nöthig wären, um 
ein Ding mit mehreren andern in verschiedener Hinsicht 
ähnlich zu finden, so glaubten wir diese Möglichkeit, auch wo 
sie zu Gunsten Hume's in Rechnung gezogen werden konnte, 
ausser Acht lassen zu müssen. Wie nun, wenn die uns früher 
unmöglich erscheinende Annahme nun die Grundlage zur Er- 
klärung der distinctio rationis wird? Sicher ist, dass dieser 
Umstand allein nichts dazu beitragen kann, unsere früheren 
Bedenken zu beseitigen; im Gegentheil tritt hier noch ein 
Moment hinzu, durch das diese Erklärungsweise vollends un- 
statthaft wird: Um zu einem Unterschiede zwischen Gestalt 
und gestaltetem Körper zu gelangen, müssen wir, wie dargethan. 



Hnme- Studien. I. 247 

zavor zwei verschiedene Aehnlichkeiten wahrnohmeii; Aehniich- 
keiten, sagen wir; setzt dies nicht schon eine Unterscheidung 
zwischen Aehnlichkeit und den ähnlichen Gegenständen voraus? 
Das scheint ziemlich sicher; ist dem aber so, dann hat Hume 
die distinctio rationis durch — die distinctio rationis erklärt 



Wir haben bei der Darstellung und Analyse der Hume- 
schen Abstractionslehre von dem^ was wir vorher selbstständig 
zu ermitteln versuchten, fast ganz und gar abgesehen; und in 
dieser Zurückhaltung lag wohl der beste Schutz gegen jede 
Parteilichkeit. Denn wenn wir die fragliche Theorie sich-ge- 
wissermassen an sich selbst und an der Erfahrung erproben 
Hessen, so konnte bei der Beurtheilung, ob sie diese Probe 
bestanden habe oder nicht, Voreingenommenheit für oder gegen 
sie unmöglich die Oberhand gewinnen. 

Nachdem wir nun aber auf diesem Wege zu einem Resultate 
gelangt sind, ist es auch leicht, den Punkt namhaft zu machen, 
der ein Misslingen des vorliegenden Erklärungsversuches zur 
Nothwendigkeit werden Hess. Das Ausserachtlassen des Be- 
griffsinhalts, das Einführen der Ideenassociation zur 
Ableitung der Erscheinungen des Begriffsumfanges — 
das sind die beiden Grundfehler der Hume'schen Abstractions- 
theorie. Jetzt ist es wohl erlaubt, ohne weitere Begründung 
auf unsere frühere Darlegung zurückzuweisen. Klar genug dürfte 
sich dort namentlich ergeben haben, wie wenig der Begriffs- 
umfang mit der Ideenassociation gemein hat; und die völlige 
Unzulänglichkeit von Hume's Associationshypothese wird nur 
geeignet sein, diese Wahrheit in ein noch helleres Licht zu setzen. 
Aber auf Grund alles dessen könnte leicht ein Zweifel 
entstehen, ob Ausführungen, die sich so in jeder Hinsicht als 
unhaltbar herausstellen mussten, und daher die Gedankenrich- 
tuDg von Hume's Nachfolgern gewiss nicht nachhaltig beeinflussen 
konnten, — ob solche Ausführungen, sagen wir, einer einge- 
henden Betrachtung überhaupt werth gewesen wären. Solchen 
Einwürfen gegenüber ist jedoch zweierlei geltend zu machen. 
Vor Allem ist eben Hume's Unternehmen, die Allgemeinheit 
der Universalbegriffe auf Association zurückzuführen, so ver- 



248 Meinong. 

fehlt es ist, als ein Schritt und zwar einer der ersten Schritte 
in der Richtung zu betrachten, die seit Hume für die £Dt- 
wickelung der empirischen Schule von entscheidenstem Belang 
geworden ist, indem sie deren Philosophie im eigentlichen Sinne 
zu einer Philosophie der Ideenassociation gemacht hat. Wenn 
J. St. Mill gerade bei der Erörterung der auf die Abstraction 
bezüglichen Fragen sich zu dem Ausspruche gedrängt fiihlt. 
ydass es in der Psychologie nichts Universelles gibt, ausser 
den Gesetzen der Association', ^ so ist dies nicht nur höchst 
bezeichnend für die denn doch über Gebühr grosse Rolle, 
welche dieses, gewiss höchst bedeutungsvolle, Princip in der 
englischen Psychologie der Gegenwart spielt, sondern es be- 
leuchtet zugleich in unverkennbarer Weise den Einäuss, den 
Hume im Laufe eines Jahrhunderts auf das Denken seiner 
Landsleute zu nehmen vermochte. Denn es bedai'f nur noch 
eines Blickes auf die Weise, in der noch J. Locke am Ende 
des zweiten Buches seines Essay die Phänomene der Ideen- 
association behandelt, um zu erkennen, wie Hume es war, der 
zu einer wissenschaftlichen Verwerthung der Association zur 
Erklärung anderer psychischer Erscheinungen erst recht eigent- 
lich den Anstoss gegeben hat. 

Bezieht sich das eben Gesagte zwar nicht nur auf Hume's 
Abstractionstheorie, doch sicher auch auf diese, so muss 
zweitens unter alleiniger Rücksicht auf letztere noch einmal 
an das erinnert werden, was schon oben''^ über das Verhältniss 
Hume's zu Berkeley festgestellt wurde. Wenn heute unter den 
englischen Empirikern der Nominalismus als die herrschende 
Lehre gilt, so ist das eine Thatsache, die, wie wir wissen, zu- 
nächst nicht auf die berühmte Einleitung in Berkeley's Ab- 
handlung, sondern auf die hier von uns geprüften Ausführungen 
Hume's zurückweist. 

Freilich, wer den modernen englischen Nominalismus nach 
dem beurtheilen wollte, was J. St. Mill, der sich selbst auch 
unter die Nominalisten zählt, über Abstracta sagt, der könnte 
leicht zu der Meinung gelangen, dass dieser ,Nominalismus' 



1 Examination cfa. XVII, a. a. O. S. 379. 

2 S. 218 ff. 



Home -Stadien. I. 249 

selbst nichts mehr als ein leerer Name, und somit Hume's 
Einfluss in dieser Richtung nicht eben hoch anzuschlagen sei. 
Die Bedeutung MilPs berechtigt uns wohl, die vor Allem 
hiehergehörige Stelle aus seinem Buche über Hamilton > mit- 
zutheilen. 

,Die Bildung eines Begriffes/ heisst es da, ^besteht nicht 
darin, dass wir die Attribute, die ihn zusammensetzten; von 
allen andei-n Attributen desselben Objectes trennen, und uns in 
den Stand setzen, jene Attribute abgesondert von den übrigen 
vorzustellen. Wir concipiren sie nicht, wir denken sie nicht, 
wir apprehendiren sie nicht als Dinge für sich, sondern nur 
als Bestandtheile der Idee eines particulären Objectes neben 
vielen andern Attributen, mit denen sie zusammengesetzt sind. 
Aber eben indem wir sie als Theile eines grösseren Qanzen 
auffassen, haben wir die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit auf 
sie zu richten, so dass wir die übrigen Attribute, mit denen 
wir sie als combinirt vorgestellt haben, vernachlässigen. So 
lange diese Concentration der Aufmerksamkeit wirklich dauert, 
sind wir, sofern diese intensiv genug ist, im Stande, von eini- 
gen der übrigen Attribute kein Bewusstsein zu haben und für 
eine kurze Zeit nichts gegenwärtig zu halten, als die Attribute, 
welche den Begriff constituiren. In der Regel ist indess die Auf- 
merksamkeit nicht so exclusiv und lässt im Bewusstsein Raum 
für andere Elemente der concreten Idee, obwohl das Bewusst- 
sein dieser Elemente entsprechend der Energie und Stärke der 
Concentration schwach ist, — und in dem Momente, in dem 
die Aufmerksamkeit nachlässt, erscheinen diese andern Be- 
standtheile im Bewusstsein, sofern dieselbe Idee fortfährt, den 
Geist zu beschäftigen. Wir haben demnach, genau zu reden, 
keine allgemeinen Begriffe, wir haben nur complexe Ideen von 
Objecten in concreto; aber wir können unsere Aufmerksamkeit 
aasBchliesslich auf gewisse Theile der concreten Idee richten, 
und durch diese exclusive Aufmerksamkeit geben wir diesen 
Theilen die Fähigkeit, ausschliesslich den Lauf unserer Ge- 
danken, wie sie die Association successiv hervorruft, zu be- 
stiaimen, und sind bereit, einer Kette von Meditationen oder 
Folgerungen in Bezug auf diese Theile zu folgen, ganz so, 



t Chapt. XVII, a. a. O. S. 371. 



250 Meinong. 

als ob wir im Stande wären, sie abgesondert vom Reste vor- 
zustellen/ 

Es wai' vielleicht schon um der Sache willen nicht ganz 
unpassend, nachdem wir uns hier so viel mit Polemik beschäf- 
tigt haben, nun auch einer Darstellung des Abstractionsactes 
zu gedenken, mit der wir uns, abgesehen von der nicht eben 
vielsagenden nominalistischen Klausel, ziemlich rückhaltslos 
einverstanden erklären können. Aber auch dieser Differenz- 
punkt verdient hervorgehoben zu werden, da es sich dabei um 
eine, sowohl in unserem nächsten Zusammenhange, als auch 
für die Charakteristik der modernen englischen Philosophie 
nicht unwesentliche Thatsache handelt. 

Wir sprechen eben von J. St. Mill's sogenanntem Nomi- 
nalismus, und müssen hier nochmals auf die schon oben * be- 
nützte Definition, die Mill selbst von dem in Rede stehenden 
Worte gibt, recurriren. Ist wirklich den Nominalisten die An- 
sicht wesentlich, dass die Namen das einzige Allgemeine seien, 
was existirt, so wird zunächst wenigstens jedermann zugeben, 
dass aus der hier oeproducirten Stelle kaum etwas von einer 
derartigen Meinung ihres Verfassers zu entnehmen ist. Er fahrt 
dann zwar fort: ,Was uns dieses Vermögen gibt, ist vor Allem 
die Anwendung von Zeichen, und zwar insbesondere jener Art 
von Zeichen, welche am wirksamsten und uns vertrautesten ist, 
d. i. der Namen'; allein dies kann nicht genügen, um MilFs 
Theorie zur nominalistischen im obigen Sinne zu machen. 
Angenommen, was zu untersuchen uns hier zu weit fuhren 
würde, Mill habe in diesem Punkte Recht, gesetzt, es komme 
nie eine Verallgemeinerung zu Stande ohne Namen, so besagt 
dies nur, dass der Name eine conditio sine qua non der Ver- 
allgemeinerung sei, nicht aber, dass in ihm diese selbst liege. 
Im Gegentheil hat Mill selbst von Concentration der Aufmerk- 
samkeit auf gewisse Theile des Concretums gesprochen; durch 
was immer diese veranlasst sei, sie ist ein psychischer Act; 
der Begriff, dem die Aufmerksamkeit höchstens als Ganzem 
zugewendet ist, unterscheidet sich psychologisch von dem 
Begriffe, bei dem einzelne Theile durch die Aufmerksamkeit 
vor den andern ausgezeichnet sind; dor Unterschied liegt somit 

» S, 216. 



Hnne- Stadien. I. 251 

zwar nicht in der Zahl der Theile, wie Locke meinte, sondern 
im Verhältniss der Vorsteliungselemente zu einander und zum 
vorstellenden Subjecte, — aber der Unterschied zwischen diesen 
Begriffen, den concreten einerseits, den von uns abstract ge- 
nannten andererseits, ist unverkennbar. Nach MilPs eigener 
Theorie ist demgemäss ,die Allgemeinheit nicht nur ein Attribut 
der Namen, sondern sie ist auch ein Attribut der Ideen. Die 
äusseren Objecto sind alle individuell, aber jedem Namen ent- 
spricht ein allgemeiner Begriff', — das ist aber wörtlich genau 
die Charakteristik, welche Mill selbst * von den Conceptua- 
listen entwirft, zu deren Gegnern er sich bekennt; 

Es versteht sich, dass, wenn es sich bei der ganzen An- 
gelegenheit nur um Namen handelte, eine eingehende Erörte- 
rung hier um so weniger motivirt gewesen wäre, als sich ja 
die Anwendung der Bezeichnung ,Nominalismus', für die Mill 
eine begreifliche Vorliebe haben konnte^ auf seine Theorie in 
gewissem Sinne wenigstens rechtfertigen Hesse. Aber dieser 
Sinn wäre eben einer, den sonst weder J. St. Mill selbst noch 
jemand Anderer gewöhnlich mit diesem Worte verbindet, und 
darum kann die Behauptung, Mill sei ein Nominalist, auch wenn 
sie von ihm selbst ausgeht, nicht anders als irrig genannt 
werden. 

Das Eine scheint also ausser Frage: Auf J. St. MilFs 
Ansichten über Abstraction und Verallgemeinerung hat Hume 
keinen nennenswerthen Einäuss zu gewinnen vermocht. Sollte 
es mit den übrigen Anhängern des Nominalismus ebenso be- 
wandt, sollte für sie Hume's Theorie wirklich so überwunden 
sein, dass nichts auf ihn zurückweist, als etwa der Name, den 
sie sich beilegen? 

Man könnte in der Meinung, dass dem so sei, durch eine 
Bemerkung A. Bain's noch bestärkt werden. ,Wir sind fähig,' 
sagt dieser,*^ ,auf die Punkte der Uebereinstimmung ähnlicher 
Dinge zu achten, und die Differenzpunkte zu vernachlässigen; 
so wenn wir an das Licht leuchtender, oder an die Rundheit 
runder Körper denken, — diese Kraft heisst Abstraction'. Aber 

^ Examiiiation, h. a. O. S. 359 f. 

' Mental and moral scieuce b. II eh. V §. 2 S. 176. 



252 M«iaoDg. 

man braucht nur um Weniges weiter zu lesen, um den Irrthum 
mindestens bezüglich Bain's zu erkennen. Ungefähr eine Seite 
hinter der obigen Stelle ^ finden wir Folgendes: ^Abstraction 
besteht nicht eigentlich darin, eine Eigenschaft eines Dinges 
von den andern im Geiste zu trennen, z. B. die Rundheit des 
Mondes, abgesondert von seiner Helligkeit und seiner schein- 
baren Grösse, zu denken. P]ine solche Trennung ist undurch- 
führbar, niemand kann einen Kreis ohne Farbe und bestimmte 
Grösse vorstellen. Alle Zwecke der abstracten Idee werden 
erreicht, indem man ein concretes Ding vorstellt in Gemein- 
schaft mit anderen Dingen, die ihm in Bezug auf das frag- 
liche Attribut gleichen; und indem man von dem einen Con- 
cretum nichts aussagt, als was auch für alle übrigen wahr ist.' 
Es ist hier wohl kaum nöthig, den Leser an Hume's Beispiel 
von Marmorkugel an Marmorwürfel zu erinnern, um ihn zu 
überzeugen, dass Bain im Grunde nur Hume's Theorie über 
die distinctio rationis seiner Erklärung zu Grunde gelegt hat. 
Dieser Erklärung gegenüber ist auch kein Anlass vorhanden, 
die Wirklichkeit des durch sie gestützten ,Nominalismus' in 
Zweifel zu ziehen. Denn, dass ein Vorgang, wie der von Bain 
geschilderte, keine Abstraction ist, das muss jeder zugeben, 
wenn auch vielleicht nicht jeder zugeben wird, dass es möglich 
sei, auf diesem Wege zu wirklicher Allgemeinheit zu ge- 
langen. 

Es würde natürlich die uns gesteckten Grenzen weit über- 
schreiten, wollten wir es unternehmen, die Entwicklung, welche 
die Abstractionstheorie in England seit Hume genommen hat. 
Schritt für Schritt zu verfolgen; was wir allein thun können, 
ist, die Anknüpfungspunkte an Hume in Beispielen aufzu- 
weisen, und zu diesem Zwecke mag hier noch zweier Denker 
der neuesten Zeit gedacht sein. 

Der erste ist James Mill, der im achten Capitel seiner 
,Anal7sis of the phenomena of the human mind' die Frage der 
Verallgemeinerung eingehend erörtert: ,Der Mensch,' führt er 
aus, ,wird zuerst mit Individuen bekannt, er benennt' daher 
auch ,zuerst Individuen. Aber Indivirlueu sind unzählbar, der 

' a. a. O. §. 3 S. 177f. 



Hnme- Studien. I. 253 

Mensch kann nicht unendlich viele Namen behalten, muss daher 
einen Namen für viele Individuen dienen lassen.' Er bedarf 
eben eines Abkürzungsmittels, und als solches fungiren Namen, 
die in gleicher Weise ,eine Anzahl von Individuen mit allen 
ihren Besonderheiten bezeichnen', um von vielen auf einmal 
sprechen zu können.^ ,Worte erhalten ihre Bedeutung nur 
durch Association' mit einer Idee. 2 Wird nun z. B. das Wort 
Mensch zunächst nur auf ein Individuum angewendet, so asso- 
ciirt es sich mit der Idee desselben und gewinnt die Kraft, 
diese wachzurufen; das Gleiche gilt von der Anwendung auf 
ein zweites, drittes Individuum u. s. f., bis das Wort ,mit einer 
unbestimmten Zahl associirt ist, und die Kraft erlangt hat, eine 
unbestimmte Anzahl dieser Ideen indifferent aufzurufen'. Das 
Letztere geschieht nun in der That, so oft dieses Wort vor- 
kommt, und indem es jene Ideen ,in enger Verbindung wach- 
ruft, gestaltet es sie zu einer Art complexer Idee', wie auch 
sonst die Association oft complexe Ideen aus einer unbestimmten 
Anzahl von Ideen bildet. ^ ,Es ist auch eine Thatsache, dass, 
wenn eine Idee bis zu gewissem Grade complex ist, sie ver- 
möge der Mannigfaltigkeit der Vorstellungen, die sie enthält, 
auch nothwendig indistiuct ist', z. B. die eines Tausendecks, 
eines Heeres, Forstes u. dgl. Wenn in dieser Weise ,das- 
«elbe Wort Mensch die Idee einer unbestimmten Zahl von 
Individuen erweckt, nicht nur aller derjenigen, denen ich in- 
dividuell den Namen gegeben habe, sondern auch derer, denen 
ich ihn in der Phantasie gegeben habe, oder von denen ich 
mir einbilde, dass er ihnen je gegeben werden wird, .... so 
ist es offenbar eine sehr complexe Idee und daher indistinct, 
und diese Indistinctheit ist ohne Zweifel eine Ursache des 
Dunkels, welches darüber verbreitet schien'. * ,E8 ist daraus zu 
entnehmen, dass Appellativa oder allgemeine Namen eine 
doppelte Bedeutung haben; ... die einfachen Ideen, die . . . 
bei jedem Individuum zu einer complexen Idee zusammenge- 
wachsen sind, sind das eine Ding, das durch jedes Appellativ 



^ a. a. O. Bd. I S. 260. 
2 ibid. 8. 262. 
» ibid. 8. 264. 
* ibid. 8. 265. 



254 Meinong. 

bezeichnet wird, und diese coniplexe Idee des Individuums, 
verwachsen mit einer andern, einer dritten derselben Art u. s. f. 
ohne Ende ist das andere der dadurch bezeichneten Dinge. So 
bezeichnet das Wort Rose vor Allem einen bestimmten Ge- 
ruch, bestimmte Farbe, Gestalt, Consistenz, so associirt, dass 
sie eine Idee, die des Individuums, ausmachen; ferner be- 
zeichnet es dieses Individuum, associirt mit einem andern, 
einem dritten, vierten u. s. f., mit einem Wort, es bezeichnet 
die Classe/ * 

Gerade die letzten Zusammenfassungen legen den Ver- 
gleich mit Hume ungemein nahe. Wie bei diesem haben wir 
auch bei James Mill den Versuch vor uns, die Verallgemeine- 
rung als specicllen Fall der Ideenassociation zu erweisen; wie 
dort, so ist hier der Name zunächst an das Individuum geknüpft 
und erweckt auch jederzeit zunächst die concrete Individual- 
Vorstellung mit all ihren Bestimmungen; wie dort, so schliesst 
sich hier an diese ein eigenthümliches psychisches Phänomen, 
das vermöge der concurrirenden Association verechiedener Indi- 
vidualbegrifFe an denselben Namen entsteht, und dem in Folge 
der grossen Anzahl dieser Individualia eine gewisse Unklarheit 
anhaftet, was Hume als blos virtuelle Gegenwart der Einzel- 
vorstellungen, Mill als Indistinctheit seiner complexen Idee 
bezeichnet. Natürlich liegt uns eine Kritik Milfs hier völlig 
fern; so viel kann man jedoch schon auf den ersten Blick er- 
kennen, dass Hume ihm wenigstens in einem Punkte über- 
legen scheint: er hat auf die zum Zustandekommen einer 
geregelten Association noth wendig erforderliche Aehnlichkeit 
der Individuen hingewiesen, die James Mill völlig ausser Acht 
gelassen hat. 

Mancher Leser wird vielleicht ein wenig befremdet sein, 
an zweiter und letzter Stelle in diesem Zusammenhange den 
Namen H. Taine's anzutreffen. Er gedenkt wohl der Charak- 
teristik, die der Verfasser des ,Positivisme anglais' in seiner 
etwas rhetorischen Weise von der Abstraction gegeben hat. 
,Eine neue Fähigkeit erscheint', sagt er unter Anderem in der 



» ibid. 8. 266. 



Hane- Studien. I. 255 

erwähnten Schrift, * ,dio Quelle der Sprache, die Erklärerin 
der Natur, die Mutter der Religionen und Philosophien, der 
einzige wirkliche Unterschied, der je nach seinem Qrade den 
Menschen vom Thiere, die grossen Menschen von den unbe- 
deutenden trennt, — ich meine die Abstraction, die das 
Vermögen ist, die Elemente der Thatsachen zu isoliren und 
abgesondert zu betrachten;' — und da möchte man wirklich 
ebenso geneigt sein, zu fragen, wie dieser so zweifellos con- 
ceptualistische Denker unter die Nominalisten gerathe, 
als auf der anderen Seite das Hereinziehen des Franzosen 
in eine Studie über englische Philosophie auffallen kann. 
Beide Bedenken dürften indess schwinden, sobald man die 
weitläufigen Ausführungen in Betracht zieht, die dieser geist- 
volle Schriftsteller in seinem späteren Werke ,De l'intelligence* - 
demselben Gegenstände widmet. 

jPrüfen wir,' sagt Taine in dem in Rede stehenden Buche, 
,was in uns vorgeht, wenn mehrere Perceptionen uns eine all- 
gemeine Idee zuführen, so finden wir in uns niemals etwas 
Anderes als die Bildung, Vollendung und Präponderanz eines 
Strebens, das einen Ausdruck und unter anderen Ausdrücken 
einen Namen hervorruft.' ^ , Sobald wir eine Reihe von Gegen- 
ständen gesehen haben, die mit einer gemeinsamen Eigenschaft 
ausgestattet sind, zeigen wir eine bestimmte Tendenz, die der 

gemeinsamen Eigenschaft und nur dieser entspricht 

Wir nehmen nicht die allgemeinen Qualitäten oder Merkmale 
der Dinge wahr; wir haben blos in ihrer Gegenwart diese oder 
jene distincte Tendenz, die in der Natursprache zu der und 
der Mimik, in unserer künstlichen Sprache zu dem und dem 
Namen führt. Wir haben keine allgemeinen Ideen im strengen 
Sinne des Wortes; wir haben Tendenzen zum Benennen und 
Namen,'* ,Was wir eine allgemeine Idee, eine Gesammt- 
vorstellung nennen, ist nichts als ein Name; nicht der ein- 
fache Schall, der in der Luft schwingt oder unser Ohr er- 
schüttert, oder eine Ansammlung von Buchstaben, die das Papier 



^ Le posiüviBine anglalB, ätude sur Stuart Mill, Paris 1864, 8. 116. 

2 Paris 1870, 2 Bde. 

3 a. a. O. Bd. I 8. 33. 
* ibid. 8. 34f. 



250 HttinoiiK. 

schwärzen oder unsere Angen afficiren, nicht einmal diese 
Buchstaben als im Geiste wahrgenommen, oder dieser Schall 
als in Gedanken ausgesprochen, sondern dieser Schall oder 
diese Buchstaben als mit einer doppelten Eigenthümlichkeit 
versehen, sobald wir sie wahrnehmen oder uns vergegenwär- 
tigen, nämlich der Eigenschaft, in uns die Bilder der zu einer 
bestimmten Classe gehörigen Individuen, und nur dieser zu er- 
wecken, — femer der Eigenschaft, jedesmal wieder zu entstehen, 
wenn ein Individuum dieser selben Classe, und nur, wenn ein 
Individuum dieser Classe sich unserem Gedächtniss oder unserer 
Erfahrung darbietet/' So entspricht der Name ,der gemein- 
samen und unterscheidenden Qualität, welche die Classe con- 
stituirt und von andern trennt, und entspricht allein dieser 
Qualität ... In dieser Weise ist er ihr geistiger Repräsentant 
und erweist sich als Substitut einer Erfahrung, die uns ver- 
sagt ist'. 2 Denn ,wir können in unserem Geiste die allgemeinen 
Qualitäten isolirt weder percipiren, noch behalten .... Wir 
machen' daher ,einen Umweg; wir associiren an jede abstracto 
und allgemeine Qualität ein kleines particuläres und complexes 
Ereigniss, einen Ton, eine Figur, leicht vorzustellen und zu 
reproduciren, "^ wir gestalten diese Association so exact und so 
eng, dass in der Folge die Qualität in den Dingen nicht er- 
scheinen oder fehlen kann, ohne dass der Name in unserem 
Geiste erscheint oder fehlt und umgekehrt'.^ ,Handelt es sich,' 
also ,um eine allgemeine Qualität, von der wir weder eine Er- 
fahrung noch sensible Vorstellung haben können, so substituirea 
wir der unmöglichen Vorstellung einen Namen, und thun das mit 
vollem Recht. Er hat dieselben Verwandtschaften und dieselben 
Gegensätze, wie die Vorstellung, dieselben Hindernisse und Be- 
dingungen der Existenz, dieselbe Ausdehnung und dieselben 
Grenzen des Auftretens . . .' ^ ,Eine allgemeine oder abstraete 
Idee ist' somit ,ein Name, nichts als ein Name, dei* bezeich- 
nende und verstandene Name einer Classe ähnlicher Individuen, 

1 ibid. 8. 35. 

2 ibid. 8. 36 f. 

' Wir associiren also wohl eine Vorstellung', die wir haben, an etwas, dsfl 
wir nicht haben? 

* ibid. 8. 37. 

* ibid. 8. 38. 



Hnme- Studien. I. 257 

gewöhnlich begleitet durch die sensible aber vage Vorstellung 
von einer dieser Thatsachen oder Individuen/* ^Allein diese Vor- 
stellung ist nicht die allgemeine und abstracto Idee, sie ist nur 
deren Begleitung, ..... meine abstracto Idee ist vollkommen klar 
und bestimmt/ 2 jene Vorstellung hingegen ist nur ,ein Resi- 
duum der zahlreichen abgeschwächten und verworrenen Erinne- 
rungen*. 3 

Was hier aus Taine's von Tautologien keineswegs freier 
Darstellung hervorgehoben ist, genügt wohl, um über seine 
Stellung in der Abstractionscontroverse nicht den leisesten 
Zweifel übrig zu lassen. Wir haben einen Nominalismus vor 
uns, der weiter geht, als heute irgend ein anderer namhafter 
Vertreter dieser Richtung zu billigen geneigt sein dürfte, — 
weiter auch als der David Hume's, der bei aller Verwandtschaft 
mit der Taine'schen Ansicht doch nie die Namen mit den 
abstracten oder allgemeinen Ideen kurzweg identificirt hat. 

Das gilt zunächst natürlich nur von Taine, dem Verfasser 
des Buches ,De Tintelligence*; wie sich damit die allem An- 
scheine nach gerade entgegengesetzten Aeusserungen des Autors 
des ,Positivisme anglais' vereinigen lassen, darüber wird nicht 
leicht eine Hypothese aufzustellen sein. Liegt zwischen den 
Jahren 1864 und 1870 keine Meinungsänderung von Seiten 
Taine's, so ist es immerhin nicht ohne ein eigenthümliches Inter- 
esse, in dem im erstgenannten Jahre verfassten Buche den 
Nominalisten Taine gegen den angeblichen Nominalismus des 
Conceptualisten J. St. Mill polemisiren zu sehen. — 

Nur Beiträge zur Geschichte des englischen Nominalis- 
mus zu liefern, war die Aufgabe - dieser Schrift, — nicht eine 
Geschichte desselben; aber auch die wenigen hier beige- 
brachten Daten werden hinreichen, uns vor dem Vorwurfe zu 
bewahren, als wäre Hume's Abstractionstheorie an sich und in 
ihren Consequenzen etwas Ueberwundenes und daher eine ein- 
gehende Prüfung derselben nicht mehr gerechtfertigt. Aber 



^ Bd. II S. 241, rergl. auch das Folgende, in der Hanptsache nur eine 

Wiederholang des schon im ersten Bande Gesagten. 
' Bd. II S. 243. 
* ibid. S. 229. 
SiUangtber. d. phil.-hist. Ol. LXXXVil. Bd. 1. üft. 17 



258 Hainon^. 

wenn auch gegen die Kritik im Allgemeinen nichts einzuwen- 
den ist, so scheint doch ein anderer Vorwurf die vorliegende 
Studie mit um so mehr Recht zu treffen. Wenn es sich nur 
darum handelte, die Unhaltbarkeit der Hume'schen Ansichten 
über Abstraction darzuthun, wäre diese Absicht nicht auf viel 
kürzerem Wege zu erreichen gewesen? War es denn dazu 
nöthig, auf Locke zurückzugehen, eingehend bei Berkeley zu 
verweilen, ja eine Zeit lang ganz ohne Rücksicht auf histo- 
rische Facta von Inhalt und Umfang und deren Verhältniss 
zu handeln? Und was Hume selbst anlangt, welches Interesse 
konnte es haben, alle Fehler in seinem Raisonnement namhaft 
zu machen, wo doch einer genügt hätte, das Resultat umzu- 
stossen? 

In der That, wäre es uns nur um Widerlegung Hume's 
zu thun gewesen, wir müssten auf all diese Fragen die Ant- 
wort schuldig bleiben. Indessen waren es, wie schon eingangs 
angedeutet, zwei viel weitere Gesichtspunkte, denen wir in 
dieser Studie Rechnung trugen und bei dem essayistisch-mono- 
graphischen Charakter derselben wohl auch Rechnung tragen 
durften. Die beiden Gesichtspunkte, die wir meinen, sind der 
sachliche und der historische, von denen für uns keiner dem 
anderen an Wichtigkeit nachstand. Um des ersteren willen 
wurde, namentlich in dem hauptsächlich Berkeley gewidmeten 
Theile der Arbeit, Manches aufgenommen und ausgeführt, an 
dem historisch wenig mehr aufzuklären war; aus demselben 
Grunde wurde einmal die historisch-kritische Darstellungsweise 
ganz fallen gelassen, weil zu hoffen war, so einige der wichtig- 
sten Fragen rascher zum Austrag zu bringen. Dagegen war es 
wieder das historische Interesse, das uns schon bei manchen 
Stellen aus Berkeley zu verweilen zwang, zumal sich oi^ab, 
dass über seine Beziehungen zu Hume noch manche irrige An- 
sicht herrsche; und dieser Gesichtspunkt ist es denn auch vor 
Allem, von dem aus unser Vorgehen in Betreff der Hume'schen 
Hypothese wohl zu rechtfertigen sein wird. 

Bekanntlich hat Hume sein Jugendwerk, den ,Treatise 
on the human nature^ «päter einer gründlichen Umarbeitung 
unterzogen. Zwar liegen über das Verhältuiss der ersten und 
zweiten Fassung seiner Ansichten die unzweideutigsten Aeuase- 
rungen von Seiten des Autors selbst vor; trotzdem hat man 



Home-StodieD. I. 259 

bisher noch zu keiner rechten Klarheit über diesen Punkt 
kommen können. Da nun Hume einige Themen aus dem 
Treatise in die zweite Bearbeitung gar nicht mehr aufgenommen 
hat, 80 wird ein Versuch, die in Rede stehende Frage zur Ent- 
scheidung zu bringen; zweierlei zu leisten haben: einerseits 
müssen allerdings die doppelten Behandlungen derselben Ge- 
genstände verglichen^ andererseits aber auch die nur einmal 
behandelten Partien untersucht werden, um auf Grund dieser 
Untersuchung eine Ansicht darüber zu gewinnen, was Hume 
veranlassen konnte, Gegenstände von hervorragender Bedeu- 
tung nachträglich aus dem Kreise seiner Betrachtungen aus- 
zuschliessen. Zu diesem Zwecke ist jedoch ein genaues 
Eingehen auch auf Einzelheiten erforderlich; denn man be- 
urtheilt eine wissenschaftliche Arbeit nicht nur nach der 
Qualität des Resultats, sondern auch nach der Qualität der 
Erwägungen und Beweise, welche ihm vorangehen, — und 
dies war der Beweggrund, der den Verfasser dieser Studie 
veranlasste, die Kritik der Hume'schen Abstractionstheorie bis 
zur Ermüdung ins Detail zu führen. Das Abstractionscapitel 
ist eben eines von den nachher fallen gelassenen, und der 
Verfasser hat es sich in der vorliegenden Arbeit zur Aufgabe 
gemacht, Material zur entscheidenden Lösung der Redactionen- 
frage wenigstens in Bezug auf die hier behandelte Partie bei- 
zubringen. Erst wenn auch die übrigen in dieser Hinsicht in 
Betracht kommenden Abschnitte des Treatise einer ebenso 
eingehenden Betrachtung unterzogen sind, wird an einen end- 
lichen, dann aber auch abschliessenden Austrag der in Rede 
stehenden Angelegenheit zu denken sein; und die Geschicht- 
schreiber der Philosophie thäten wohl hier, wie noch in man- 
chen anderen Fällen, besser daran, ihre Kräfte zunächst den 
Vorarbeiten zuzuwenden, statt gleich von vorn herein sich eine 
Auffassung des Ganzen zurecht zu legen, die, eben weil ihr 
die Grundlage fehlt, von Willkürlichkeiten wohl niemals frei 
sein kann. 

Eines aber können wir, ohne den Ergebnissen der Einzel- 
untersuchung vorzugreifen, schon jetzt aussprechen, und es ist 
vielleicht nicht überflüssig, am Schlüsse einer vorwiegend ver- 
werfenden Beurtheilung dies ausdrücklich hervorzuheben: Ge- 
setzt, die ablehnende Haltung, die Hume in der Folge seinem 



2C0 Meinong. Hume-Stadien. I. 

Jugendwerke gegenüber eiugenommen zu haben scheint, wäre 
in jeder Hinsicht berechtigt, so wird das doch nicht im Stande 
sein können, der Achtung, die der schottische Denker wohl 
jedem eingeflösst hat, der ihm näher zu treten sich die Mühe 
nahm, auch nur den mindesten Eintrag zu thun. Fürwahr, es 
muss ein gewaltiger Geist gewesen sein, der durch sein Erst- 
lingswerk, ja durch einen so kleinen und im Grunde ganz 
verfehlten Theil desselben einen so umfassenden Einfluss auf 
die Nachwelt zu üben vermochte, wie ihn David Hume blos 
durch seine Aufstellungen über ,ab8tracte Ideen' thatsächlich 
geübt hat. 



XIX. SITZUNG VOM 18. JULI 1877. 



Das w. M. Herr Professor Dr. Maassen ersucht um die 
Intervention der Classe zur Erlangung von vier Codices aus 
Paris, St. Gallen, Engelberg und München. 



Der Berichterstatter der Weisthümer-Commission theilt mit, 
dass letzterer von Sr. Excellenz dem Grafen Johann Wilczek 
eiue Handschrift aus der Mitte des 15. Jahrhunderts mit Taidingen 
des Wiener Domcapitels von Matzleinsdorf, Bisamberg und 
Atzgei-sdorf zur Copiatur übergeben wurde. 



Das w. M. Herr Dr. Pfizmaier legt eine für die Sitzungs- 
berichte bestimmte Abhandludg unter dem Titel: ,Da8 Haus 
eines Statthalters von Fari-ma, II. Abtheilung' vor. 



Das w. M. Herr Professor Conze legt ein drittes Heft 
Römischer Bildwerke einheimischen Fundorts in Oesterreich' 
zur Aufnahme in die Denkschriften vor. 



Das c. M. Herr Professor Dr. Heinzel legt eine für die 
Sitzungsberichte bestimmte Abhandlung: ,Ueber die Endsilben 
der altnordischen Sprache' vor. 



Herr Dr. Ferdinand Kaltenb runner bespricht in einem 
Vortrage : ,Die Polemik über die Gregorianische Kalenderreform' 
und ersucht um Aufnahme der Abhandlung in die Sitzungs- 
berichte. 



262 



Verzeiohniss der vorgelegten Druckschriften: 

Accademia B. dei Lincei: Atti. Anno CCLXXIII. 1875/76. Serie secondA. 

Volume III. Parte prima. Transunti e Ballettino bibliografico. Roma, 

1876; 40. 
Akademie der Wissenschafteo, königlich preussische, zu Berlin: Monatsbericht 

März und April 1877. Berlin, 1877; 8«. 
Gentral-CommissioUyk. k. zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- and 

historischen Denkmale: Mittheilungen. lU. Band, 2. Heft. Wien, 1877; i\ 
Gesellschaft, Geographische, in Bremen: Deutsche geographische Blätter. 

Jahrgang I. Heft IL Bremen, 1877; 80. — Katalog der Ausstellang 

ethnog^phischer und naturwissenschaftlicher Sammlungen. Bremen, 

1877; 80. 

— Deutsche Morgenlfindische : Abhandlungen für die Kunde des Morgen- 
landes. VI. Band, Nr. 3. Leipzig, 1877; 80. 

— Antiquarische: Mittheilungen. Band XIX. Heft 2, 3 und 4. Zürich, 
1876/77; 4«. 

Jahrbuch, Statistisches des k. k. Ackerbau-Ministeriums für 1870. Wien, 

1877; 80. 
,Revue politique et Htt^raire' et ,Revue scientifique de la France et de 

TEtranger*. VII« Ann^e, 2« Serie. Nr. 2. Paris, 1877; 40. 
Roulez, J.: Trois MMaillons de poteries romaines. Paris, 1877; 4®.. 
Society Italiana di Antropologia et di Etnologia: Archivio. VII. Volume. 

Fascicolo I. Firenze, 1877; 8«. 
Soci^tö d'Histoire et d' Archäologie de Gen^ve: Memoires et Documenta. 

Tome XIX. Livraison 2. Geneve, Paris, 1877; 8^. 
Society, the royal geographica!: Journal. Vol. XLVI. 1876. London, 1876; 8*^. 
Verein, historischer, von Unterfranken und A schaff enburg: Archiv. XXIV. 

Band. 1. Heft. Würzburg, 1877; 8«. — Die Geschichte des Bauernkrieges 

in Ostfranken von Magister Lorenz Fries. Würzburg, 1876; 8°. 



Pfizmaier. Das Hans eines Statthalters von Fari-ma. 263 



Das Haus eines Statthalters von Fari-ma. 

(II. Abtheilung.) 
Von 

Dr. A. Pfizmaier, 

wirklichem Hitgliedc der kais. Akademie der Wissenschaften. 



Die vorliegende Abhandlung bringt die Erklärung der 
zweiten Hälfte des japanischen Werkes 1^ ^ ^ ^ mei- 
geUU'sei'dan ^klare Besprechungen über das Haus Aka-tsuki', 
dessen erste Hälfte bereits früher (in dem Novemberhefte des 
Jahrganges 1876 der Sitzungsberichte) erklärt wurde. Das 
hier Gebotene enthält den Ausgang eines auf eine Anzahl 
Jahre sich erstreckenden geheimnissvollen Ereignisses in dem 
Hause E6-tari Jori-nori Ason's^ Statthalters von Fari-ma, und 
zeigt sich in dem Laufe der Entwickelung, dass die Nebenfrau 
Faru-uo I nicht, wie man glauben machte, auf Befehl des 
Statthalters hingerichtet, sondern durch den ältesten Hausdiener 
Eazu-sada in einer fernen Gegend verborgen wurde. Dieselbe 
ist die schon in dem ersten Theile vorkommende Nonne J^ J^ 
Sei-getsu, ihr Sohn ist der in die Dienste des Hauses Aka- 
tsuki getretene I-suke, welcher zuletzt an der Stelle seines ent- 
arteten Bruders Fan-go-r6 Statthalter von Fari-ma wird. Die 
Erzählung fällt in das vierzehnte Jahrhundert unserer Zeit- 
rechnung, und ist auch dieser Theil derselben reich an Nach- 
richten von dem Leben und den Sitten der damaligen Zeit, 
worunter die ausführliche Schilderung eines am sechzehnten 
Tage des siebenten Monates in der Umgebung von Mijako 
stattfindenden Volksfestes besonders erwähnenswerth sein dürfte. 

Die Ueberschriften der in der Abhandlung bearbeiteten 
weiteren fünf Capitel lauten im Japanischen : 



264 Pfixmaier. 

(siü-gib-zta) 'j^ Ä (ke-ij-wo kokoro-mu. ,Ein alter Ackersmann 
erklärt die Verödung. Der den Wandel Ordnende prüft die 
Seltsamkeiten.' 

^ ]^ (Mon-mu) inw-se-wo 3^ (jakuj-si \ jft -^ (tsiu-si) 
^ j^ (an-ki)'WO ^ (rd)-8U, ,Der Mann der Schrift und des 
Krieges gibt das Versprechen wegen Schwester und Bruder. 
Der redliche Eriegsmann kümmert sich um Sicherheit und 
Gefahr.' 

^ (Kan)-wo tsuUumeru some-te-nugui \ ^ (ziüj-wo tsidzi- 
meru date-ju-kata. ,Da8 den Verrath einhüllende gefärbte 
Taschentuch. Das die Langjährigkeit verschrumpfen machende 
durchwirkte Sommerkleid.' 

^ 1^ (Sai-kuai)'seru wari-kb-gai \ -^ ^ (kt-gitj-nasu 
jume-no ura-kata. ,Die das Wiedersehen veranlassende ge- 
spaltene Haarnadel. Die das wunderbare Begegnen bewerk- 
stelligende Auslegung des Traumes.' 

Kegare-wo nagasu jodo-gawa-no fotori \ foniare-wo todomu 
jama-zaki-no ^ (go). ^Die Seite des den Schmutz treibenden 
Flusses Jodo-gawa. Der die Lobpreisung aufhaltende Kreis 
Jama-zaki'. 

Die Titel japanischer Bücher werden von europäischen 
Japonisten nicht selten unrichtig übersetzt. Um den Titel 
richtig wiedergeben zu können, muss man in der Regel das 
ganze Buch durchgelesen und den Inhalt vollkommen ver- 
standen haben. Einen Beleg für diese Wahrheit liefert der 
oben angeführte Titel, über welchen in dem Vorworte zu der 
ersten Abtheilung Einiges angedeutet wurde. Noch mehr gilt 
das Gesagte von den Ueberschriften, welche, durch kleinere 
Zeichen ausgedrückt, bisweilen mit dem Haupttitel vereinigt 
sind. Bei dem Titel des Mei-getsu-sei-dan sind in kleiner 
Schrift die AVorte ^jlj ^ -^ j^ (aen-sai-ki-jm) vorangesetzt. 
Dieselben, an sich völlig unerklärbar, werden erst nach Durch- 
lesung des Werkes verständlich, und ihr Sinn ist: Die wunder- 
baren Beziehungen 0-sen*s und Sai-zi-ro's. ^[Ij (aen) ist näm- 
lich die Abkürzung des Namens ^ ^jlj 0-sen, ^ (sai) die 
Abkürzung des Namens ^ ^ ^ Sai-zi-rö. 



Dm Haus eines Statthalters ron Fari-ina. 265 

Fanasi ini-si-je-ni kajeru, ^fe |5| P^ (Sa-e-man) ^ ^ 
(huti-8ada)-wa \ saki-tsu tosi kimi-no Sse-ni joUe \ Jami-ga 
^ ^ (ai-«ö) ^ (faru)-no ^ (i)'WO ^ ^ (tsiü-nkuj-vi \ 
mwo ^ ^ (tsuki'Waka)'too-mo ^ßr ^ (setau-gaij-nasi-te \ 
^ ;|^ (tan-konj-no fakari-goto-wo nasan-to se-si-ni \ sude-ni 
foka-ni fff ^ (kan-zoku) ari-te \ itsi-fajaku ^^ (waka)'WO 
ubai'kakuse^si'WO \ uairo-jasu-karazu-ja omot-ken \ sono iki-sini- 
too tadasan tote \ ^ '& (giiirkunj'ni si-i-te susume-idte-matsuri \ 
onore sono utte-to nari \ itoma-wo koi-te taist-ide-si ^ Qo) \ 
fasi-naku juki-tsigb fitori-no kuse-mono \ sono ide-tatsi-no kokoro- 
jergatcücu I atO'WO sitoje-domo ^ ^ ((^n-ja) nare-ba | tsui-ni 
kore-wo toraje-jezu. 

Die Erzählung kehrt za der alten Zeit zurück. Sa-e-mon 
Eazu-sada hatte in früheren Jahren dem Befehle des Gebieters 
gemäss Faru-no I, die geliebte Nebenfrau des Gebieters, mit 
dem Tode bestraft. Indem er noch nach seinem Plane Tsuki- 
waka zu morden und die Wurzel abzuschneiden gedachte, war 
ausserdem ein Verräther, welcher Waka schnell raubte und 
verbarg. In der Meinung, dass für die Zukunft keine Sicher- 
heit sein werde, wollte er über Leben und Tod nachforschen 
und redete dem Vorgesetzten und Gebieter eindringlich zu, 
indem er sagte : Jn der Nacht, in welcher ich der Todtschläger 
wurde, Urlaub begehrte und auszog, begegnete mir zufallig ein 
Bösewicht, dessen Verkleidung mir unbegreiflich war. Ich 
folgte .ihm nach, doch in der finsteren Nacht konnte ich ihn 
zuletzt nicht festnehmend 

Sore-jori so-ko ko-ko saguru-to ije-domo \ ^^ (wakaj-ga 
ari-sama-no sadaka-narazu, Ko-wa ^ H| {td"koku)-ni-wa arazi- 
kasi. Tatoje '(jg ^ (fenpi) J^ J^ (en-kiö) tari-to-mo | ame-ga 
sita-ni dani aru naraha \ ika-de-ka saguri-jezari-beki-to \ köre- 
jori ^ ^ (u'-fatsu)-no j^ ^ ^ (siü'gib-zta)'ni ide-tatsi \ 
sena-m-wa ]g |f, (zi-ß) ^ ^ (ai-min)- no j/jj^ ^ (dzi-zoj-wo 
woje-do I mune-ni j^ ^ (zan-gai) BBf ^ (ka-siakuj-no oni-wo 
idaki \ migi-ni ^k ^^ (fu-sibj-wo utsi-narasi \ fidam-ni jaiba- 
wo kome-si tsuje-too tsuki-tate \ omote-wa 'jj^ ^ (siü-zen) utsi- 
"'' ^ 15 f^a-aiw; ^ ^ (ze-fi) komo-gomo ^ ^ V^ 
(ftt-fun-mib), Ito-mo okdsi-ku-to fitori-jemi \ fari-ma^no kuni-tvo 
tatsi'toakare \ ina-ba-no jama-no matsu-to si-mo | iü-beki ukara-no 



266 Pfizmaier. 

imi'kirai | tsiri-akuta-nasu fowa-ki-no kuni \ sono fatca-ki- ^ 
(gij-^o ari'to kike-do \ waka-ni-wa imada mina-saka-no \ ada-ki- 
naki j^ (jo)'ni idzumo- j^ (zij-to \ omoje-do sasu-ga numo-no 
fu-no kokoro juruganu ^ ^ (iwarmi)-gaia. 

, Obgleich ich hier und dort suchte, war es nicht bestunmt, 
wie es um Waka steht Dieser dürfte sich nicht in diesem 
Reiche befinden. Seien es auch seitwärts liegende Flecken, 
ferne Gränzen, wenn er sich nur in der Welt befindet, wie 
könnte das Suchen nicht von Erfolg sein?' — Hierauf ver- 
kleidete er sich in einen den Wandel Ordnenden, der sein 
Haupthaar behält. Obgleich er auf dem Rücken den mitleidigen, 
bedauernden Qott der Erdkammer trug, schloss er an die Brust 
den verderbenden und züchtigenden Dämon. Mit der Rechten 
schlug er die Aentenglocke, mit der Linken stiess er einen 
Stab auf, in welchen eine Klinge eingelegt war. Aeusserlich 
übte er das Gute, innerlich tbat er Böses, Recht und Unrecht 
wurden gegenseitig nicht deutlich unterschieden. Mit den 
Worten: Sehr sonderbar! für sich allein lachend, trennte er 
sich von dem Reiche Fari-ma. Die Verwandten, welche man 
Fichten der Bei^e von Ina-ba nennen konnte, verabscheuten 
ihn. Er hörte, dass das Reich Fawa-ki, welches dem Staube 
und den Abfällen gleich ist, Besenbäume habe, doch er glaubte, 
dass für Waka noch Mima-saka, in der unglücklichen Welt 
der Weg von Idzumo sei, und somit war es die Seite von Iwa- 
mi, wo das Herz des Kriegsmannes nicht erschüttert ward. 

,Das Aentengeschlecht' hiess ehemals in China der Ver- 
fertiger der Glocken. Der Ausdruck hat den Sinn des Hohlen 
und Schwimmenden, weil die Aente in das Wasser geht^ ohne 
zu ertrinken. 

Fawa-ki ist der alte Name des Reiches F6-ki. Pawor-kx-gi 
,Besenbaum' oder favoa-ki-kusa ,Besenpflanze' ist ein Baum, 
aus welchem Besen verfertigt werden. Pawa-ki-gi ist hier eine 
Anspielung auf den Namen des Reiches Fawa-ki. 

Tosi-tmki iiaga-to su-fo-jori \ j{^ j^ (kiü-siü) ^ g (si- 
koku)'Wo fe-meguri'to \ sanu-ki-no kuni-wo so-ko ko-ko-to \ J^ ^ 
(si-doj-no ura-ni-wa ^ ]^ (fudzi-wara) >5 Jt ^ (fu-hi-toyga 
^ ^ (^'io)-wo ]^ (kan)'Zi \ jaaima-no ura-ni-toa ^ ^ 
(gen-fei) ^ ^ (red'ZiJ-no ^ ^ (ei-koJ-woV^ (tan)'zi \ ^ ^ 



Dm Hans eines Stattbolten von FftrUn». 267 

(maru'kamej'no ^ (jeki)'jori bin-go-ni toatari \ bittsiü bi-zen-wo 
fMguri-fatere-ba \ sasu-ga furu-aato-no natsukasi-ku \ fito-madzu 
j: ^ (siü-kunj-ni ^ (es) si-tsuUu \ toai'Uuki-no ku-rd-wo 
kikoje-age \ sono notsi W B| (to-gokuj-wo-mo saguran-to \ fari- 
ma-no kuni-ni tafsi-modoii-si-ga \ jafswe-fate-taru waga sugata- 
?w^ B (yj<o-«wJ ibuaeku'ja omoi-ken \ kam fukahi-to ntst-owoi | 
sinobi'te ^ "fC (zib'ka)-ni iran-to »u. 

Durch Jahre und Monde durchwanderte er, von Naga-to 
und Su-w8 kommend, Kiü-siü und Si-koku. In dem Reiche 
Sanu-ki hier und dort umherziehend, bewunderte er an der 
Bucht von Si-do die verständigen Entwürfe Fudzi-wara Fu- 
bi-to's, beseufzte an der Buclit der acht Inseln die Blüthe und 
das Verdorren der zwei Geschlechter Qen und Fei. Von dem 
Standorte von Maru-kame nach Bin-go übersetzend, durch- 
wanderte er ganz Bittsiü und Bi-zen. Unterdessen sehnsüchtig 
nach seiner Heimath, wollte er einmal früher den Vorgesetzten 
und Gebieter besuchen, dabei das Leiden von Jahren und 
Monden zu Ohren bringen und dann auch die östlichen Reiche 
durchsuchen. Er kehrte daher in das Reich Fari-ma zurück. 
Indem er glaubte, dass seine völlig herabgekommene Gestalt 
den Menschen auffallen würde, drückte er den Hut tief in das 
Gesicht und wollte heimlich in die Stadt unter der Feste treten. 

Geni'ja to-tose-wo fito-rmücasi-to ijeru-ni \ kuni-guni-wo 
saguri-motomuru koto \ aude-ni towo-mari nana-tose-wo fe-nure- 
ba I wono-dzukara S Q (zi-moku)'tDO odorokasu koto-no o-oku ] 
koko-ni oi-te ^^ ^ (setsu-butsu) ^ -^ (fü-kubj-no ^ (f^^)' 
zi'jcistJci'WO |d| (tan) '81 \ i^ (matsu)-mo rnukasi-to nagame-taru \ 
taka-sagchno ura-wo ^^ ^ (t8ib'bd)'8i \ kono watari-jori ma- 
ntsi-ni atari j|m "^ j|| (ka-kO'gawa)'to ijeru ari. 

In Wahrheit wohl nennt man zehn Jahre ein Ehemals. 
Indem er die Reiche durchsuchte, waren bereits über siebzehn 
Jahre vergangen, und es waren die das Auge und das Ohr 
erschreckenden Dinge viele. Demgemäss beseufzte er die leichte 
Verwandlung der Dinge der Zeit, des Windglanzes und sagte 
den Vers: ,Die Fichten auch ehemals^ her. Als er in die Feme 
auf die Bucht von Taka-sago blickte, lag von dieser Durchfahrt 
gerade im Westen ein Ort Namens Ka-ko-gawa, 



268 Pfismaier. 

Nagam/kf durch ^ ausgedrückt; hat auch die Bedeutung : 
hersagen. 

Koko-ni ^ ^ (tai-stüj'no simo-jcisiki-no ari-keru-ga \ kttzu- 
sada koko-ni ki-kakari miru-m \ ani fakaran-ja \ sasi-mo ^S JS 
(gioku-ten) ^ ^ (san-ranj-to site ^ ^ (feki-un)'ni magaje 
^ ^ (^in-rÖ) ^ V^ (kaku'kakayto site ^ g| f«e*:*v^; ^ 
Q'ei)'Ze'8i-mo \ ika-nari-ken "^ ^ (kub-faij-si \ ^ P^ f^iÄ-monj 
naname-ni kutsi-te kusa sigeri [^ ^ (kö-reo) j/jj^ (tsi)'ni joko- 
tawaUe fukuro-no sumi-ka-to nareru-ni \ kazu-sada akiruru koto 
Wi ^J r*^"^**i) nari'to ije-domo \ sara-ni sono ^ ^ (^mö- 
fatj'seru ju-e-too jjß (ge)-8ezu. 

Hier befand sich der besondere Wohnsitz des Statthalters. 
Als Eazu-sada hier anlangte^ sah er — wie sollte man es ver- 
muthen? selbst ein solcher Edelsteinpalast, schimmernd den 
lasurblauen Wolken nachgebildet, mit goldenen Söllern, die 
hell in der Abendsonne wiederglänzten, war, wie mochte es 
zugegangen sein? wüst und verfallen. Das mennigrothe Thor 
war schief und faulte, die Pflanzen wuchsen in Fülle, die Regen- 
bogenbalken lagen quer auf dem Boden, der Ort war der Wohn- 
sitz der Eulen geworden. Das Staunen Kazu-sada's dauerte 
mehrere Viertelstunden, doch er konnte sich die Ursache der 
Wüstheit und des Verfalls durchaus nicht erklären. 

K6-red , Regenbogenbalken' sind Dachbalken, welche gleich 
dem Regenbogen gekrümmt sind. 

Katatoara-ni fito-tsu-no kuzu-ja-no ari-te \ noki-ni fisago 
wara-gutau-wo burari-se-st-wa \ midzu-siki ^ -^ (no-fuj-to-wa 
iwade-mo drusL Kazu-sada-wa kore-ga kado-be-ni tsuje-xco 
tatete \ fisoka-ni utsi-wo mi-iruru-ni \ aruzi-mekeru nana-so-dzi-no 
oja-dzi kiseru-wo naname-ni kuwaje-tsutsn \ foso-nawa nai-taru 
omO'ZOM'Wa | imada mt-siranu mono^nare-ba \ kokovo-wo jasun-zi 
to-gutsi-ni tatsi-jori \ ko-wa ^ ||| (sio-kokuj-wo meguru su-gib- 
zia naru-ga ^ J^ (fb-stj-ni sibasi ikowase-tamaje. 

Zur Seite befand sich ein mit Flachs gedecktes Haus. Dass 
man an dem Vordache Kürbisse und Strohschuhe schwanken liess, 
war, ohne dass man es zu sagen brauchte, ein Zeichen, dass 
hier ein wasserbreitender Ackersmann wohne. Kazu-sada stellte 
an das Thor den Stab und blickte heimlich hinein. Ein siebzig- 
jähriger Greis, welcher der Besitzer zu sein schien, drehte, eine 



Das Hans eines Statthalters Ton Fari-ma. 269 

Tabakpfeife schräg zwischen den Zähnen haltend, einen Strick. 
Jener, da es nach den Gesichtszügen ein Mensch war, den er 
noch nicht gesehen hatte, war im Herzen beruhigt. An den 
£ingang gelehnt, rief er : Ich bin ein den Wandel Ordnender, 
der die Reiche durchwandert. Habet die Güte und lasset mich 
eine Weile ausruhen. 

Kano ^ ^ (ro-fu) to-no kata-too mi-idasi | so-wa ito 
jasusi. Kotsi'je iri-ne, Tanbako-no ß-wa kano ßki-kara-fan. Sä>U' 
tsia-wa kanata-no fa-kama-ni koso, Miraruru-ga goto wäre narade 
fito Jiasi. Noman-to nara-ba mani-mani-si-tabe. KazU'8ada''Wa 
1^ ^p (e'8iaku)'na8i \ na-kokoro-dzukai-si'tamai'SO'to | owoUtaru 
kasa-wo nugi^te \ aruzi-no katawara-ni kosi-utai-kake | jo-mo 
jama-no fana^-no taui-de-ni \ kono tonari-taru fito-kamaje-wa 
ika-ni-mo ate-btto-no tatsi-to mye-taru-ga \ ika-de-ka kh-made 
^ )S (^^^'f<*^)'^^'^-^-^ I sa-aranu sama-ni joao-nagara toje-ba. 

Jener alte Mann blickte bei der Thüre heraus und sagte : 
Dieses ist sehr leicht. Tretet hier ein! Das Tabakfeuer ist in 
dieser Sägespäneschüssel, der herbe Thee ist dort in dem 
Flügelkessel. Wie zu sehen, ist ausser mir Niemand da. Wenn 
ihr trinket, so thut nach eurem Belieben. — Kazu-sada ent- 
schuldigte sich und sagte: Gebet euch keine solche Mühe! — 
Indem er den Hut, mit welchem er bedeckt war, ablegte, setzte 
er sich neben den Wirth. Bei Gelegenheit des Gespräches über 
sämmtliche Gegenden fragte er gleichgiltig, als ob es ihn nicht 
beträfe: Der Bau in dieser Nachbarschaft erscheint einiger- 
massen wie der Palast eines vornehmen Menschen. Wie kommt 
es, dass er in einem solchen Masse wüst wurde und verfiel. 

Aruzi'Wa nai-sasi-taru nawa-too sasi-noki \ kaiawara-no 
sibu-utsi-fa tori-te fiza-ni tsuki-tate \ ko-wa ito rmgaki mono-gatan 
nare-do sono aramasi-wo Mkase-rnösan, Wa-nami-wa to-toae amari 
maje-tau kata \ joao-kunirjoH kono -^ (reqj-ni kitare-ba \ ao-ga 
maje-wa aadaka-ni airane-do \ ima-jori-wa fata-toae taikaki ini-ai- 
je \ ^=^ (ßb'bu)-no -j^ || (ta-jü) ^ ^ (jon-norij-to kikoje- 
si kimi ari-ai-ga \ aono ^ ^ (ai-aeoywo ^ (faru)-no ^ (ij-to- 
ka tjeri-ai-ni \ ika-naru Tnaga-taumika mitai-biki-ken \ fiaoka-ni 
kaj6 koto-tauma-no ari-ai-wo \ kimi kore-wo airoai-meai \ o-oi-ni 
ikari tatai-matai-ni \ te-utai-ni aen-to ai-tamai-ai-wo \ toki-no i^ ^ 
(sikk€n)'ni -J^ |^ p^ (aa-e-mon) ^ ^ (kazu-aadaj-to-ka ijeru 



270 Pfismaier. 

mono I ko-wa mata nasake-ndki mono-nite \ tsumi-no karo-karan 
kotO'WO isamen-io-wa sede \ kimi-ni koi-te kano-faru-no i-wo ßttate \ 
iß ^h (^i^-g^fii)-''^ siba-fu-nt aje-naku ^^ (tsiüj'si-ofvari'nu. 

Der Wirth legte den Strick, den er zu drehen aufgehört 
hatte, weg und einen zur Seite befindlichen mit Saft gefärbten 
Fächer auf das Knie Btossend, sagte er: ^Dieses ist zwar eine 
lange Erzählung, doch ich werde es in Kürze zu Ohren bringen. 
Ich bin vor mehr als zehn Jahren aus einem auswärtigen 
Reiche in diese Statthalterschaft gekommen. Wie lange es vor 
diesem gewesen, weiss ich nicht, doch von jetzt an nahezu 
zwanzig Jahre in das Ehemals zurück lebte ein Gebieter, der 
unter dem Namen Jori-mori, der grosse Stützende von der 
Abtheilung der Krieger, bekannt war. Dessen geliebte Neben- 
frau hiess Faru-no I. Dieselbe hatte — was für ein Unglücks- 
gott wird sie des Weges gefuhrt haben ? einen Buhlen, mit dem 
sie heimlich verkehrte. Der Gebieter, der dieses erfuhr, wurde 
sehr zornig und wollte sie plötzlich niederhauen. Der damalige 
Inhaber der Macht war ein Mann Namens Sa-e-mon Kazu-sada. 
Dieser, auch ein gefühlloser Mensch, richtete, ohne vorzu- 
stellen, dass das Verbrechen leicht sein werde, an den Gebieter 
die Bitte, zog jene Faru-no I mit sich und tödtete sie auf dem 
Rasenplatze ausserhalb der Feste auf unglückselige Weiset 

Sono fima-ni kokoro-kiki-taru mono ari-te \ kano faru-no i 
fara-ni umare-tamb \ ^ ^ (san-sai^no waka-gimi ^ ^ (tsukt- 
waka)'to ijeru-wo | nani-mono-ka ubat-kakuse-si-wo \ kazu-sada 
tatsi'kajette kore-wo kiki \ sute-oki-gatasi-to-ja omoi-ken \ waka-ga 
jl^ ^ (sib-sij-wo tadasazun-ba \ notsi kanarazu km aran nado ' 
sama-zama-ni sakasira-goto-ai \ isui-ni kimi-ni koi-te kuni-wo ide- 
ai'Wa I faja to-m>ari nanorja-tose \ ima-ni kazu-sada kajeri-konu- 
wa I ^ (ten) sono ^ ^ (zan-ninj-wo nikumi-tamai \ ^ ^j^ 
(to-roj-ni ihre- ^ (sij'Se-si naran. 

,Unterde8sen gab es einen scharfsinnigen Menschen, indem 
den von jener Faru-no I geborenen dreijährigen jungen Gebieter 
Tsuki-waka irgend Jemand raubte und versteckte. Als Kazu- 
sada zurückkehrte und dieses hörte, mochte er glauben, dass 
man die Sache nicht auf sich beruhen lassen könne. Er führte 
allerhand glatte Reden und sagte, wenn man nicht ausfindig 
mache, ob Waka am Leben oder todt sei, werde man es später 



Dm Haas eines Stettkaltan tod Fari-ma. 271 

gewiss zu bereuen haben. Er erbat es hierauf von dem Ge- 
bieter^ und dass er aus dem Reiche ausgezogen, sind bereits 
siebzehn bis achtzehn Jahre. Indem Kazu-sada jetzt nicht 
zurückkommt, wird der Himmel seine Grausamkeit verabscheut 
und ihn auf dem Wege fallen und sterben gemacht haben/ 

So-wa tamare kaku-mo are \ sore-jon-wa jori-nori-gimi \ futa- 
tabi Ä^ ^ (ai'8e6)'W0 sadametamatoazu Ifita-sura j£ ^ (stb- 
8it8u)-wo ^^ A (t8ib-ai)'ma8i-ma8e-si-ga \ — • SB (ittsib) ^ ^ 
(ki'kiüJ'Tio jamai'Wo uke-tamai \ BD Q (soku - zitsti) 2^ -^ 
(8okkio)'7iasUtamb, Waka-tono ^ ^ (fana-xßoka) ^ ^^ (kai- 
meij'si-tamai \ >ft 3l ^ (fan-go-röj-kimi-to tonaje-tsutsu \ ka- 
toku-no mi'Wa tsugi-tamaje-do \ ^ ^ (teS-sin) kori-kazuje -j^ ^ 
(nohu-mitnj-to ijeru-ga sikken-to site \ B| J^ (koku-sei) mina 
nobu-mitsi-ga Ht tH (fd-sunj-ni idete \ aono jj (wi) ataka-mo 
asa-ß-no 8aka-noboru-ga gotoku. 

^Dieses sei wie ihm wolle. Seit dieser Zeit bestimmte 
der Gebieter Jori-nori Niemanden mehr zur geliebten Neben- 
frau und schenkte seine Gunst einzig der rechtmässigen Gattin. 
Eines Morgens von einer gefährlichen Krankheit befallen, ver- 
schied er an demselben Tage. Der junge Gebieter, indem er 
seinen Namen veränderte und sich Gebieter Fan-go-ro nannte, 
folgte als Erbe des Hauses nach, jedoch der älteste Diener 
Nobu-mitsi, Haupt der Rechnungen des Kreises, wurde Inhaber 
der Macht. Alle Dinge der Lenkung des Reiches geschahen 
nach dem Willen Nobu-mitsi^s, und seine Gewalt war gerade 
der glänzend aufsteigenden Morgensonne gleich.' 

Sika nomi narazu kano -4^ ^ (ic?i-/:ttn)-no ^ ^ (kd- 
sitsti) ij^ (fnaki)-no H^ (kata)'fo ^ ^ (kan-tsüj-si \ ono-ga 
^1 ^ (sai-sedj'no gotoku j^ ^ (in-rakuj-se-si-ni | sono notsi 
nohu-mitsi-ga kosi-moto-ni \ Jft (namij-no Jj^ (uje)'to^ka ijeru 
tconna \ moto-wa nani-wa-no kata-i-naka-ni \ ijan-ki mono-no 
musume nare-do \ katatd koto-ni uruwasi-kare-ba \ tatsi-matsi 
kore-wo soba-me-to nase-si-ga \ kano tconna kokoro-zama-no ja- 
karanu mono-nite \ to-zama ko-zama pf 7^ (ku'niil)'8uru'W0 nobu- 
nütsi'Wa aono ^ ^ (ze-ßj-wo wakimbru koto atawazu \ iü-ga 
mani'mani'tii toH-fakaraje-ba ' J^, "K (^^'ff^) uvami-wo musubu 
mono sukuna-karazu. 



272 Pfi.m»ier. 

^Ausserdem hatte er mit Maki-no kata, der Witwe jenes 
früheren Gebieters^ geheimen Umgang und vergnügte sich mit 
ihr wie mit seiner Gattin und Nebenfrau. Später war ein 
Weib^ Namens Nami-no uje die Magd Nobu-mitsi's. Dieselbe 
war eigentlich die Tochter gemeiner Leute aus einem Dorfe 
seitwärts von Nani-wa, doch da sie von Gestalt besonders schön 
war, machte er sie plötzlich zu seiner Nebenfrau. Dieses Weib, 
von Gemüthsart nicht gut, befasste sich auf jegliche Weise 
mit Zwischenträgerei. Nobu-mitsi, nicht im Stande, Richtiges 
und Unrichtiges dabei zu unterscheiden, handelte ganz nach 
ihren Worten. Die Höheren und Niederen, welche auf ihn 
einen Hass warfen, waren nicht wenige.' 

Nakan-dzuku kano kd-süsu maki-no kata-wa \ kore-wo 
urami-netami'tamai \ siba-siba nobu-miisi-to idomi-arasoi-si-ga 
ika-nari'ken maki-no kata | fakavazu ^^ Ä (i-aitmiyni kakari' 
tamai \ nka nomi narazu |£ ^ (aku-sb) saje ^ (fas)'8i'ker&' 
ba I nobu-mitsi-no fakarai-mote \ kono tonari-naru simo-jagöci-ni 
osi-koTne-tari-si-ga \ iku-baku narade 2^ (sos) aerare-taru. 

,Vornehmlich zürnte und eiferte dagegen jene Witwe Maki- 
no kata und hatte häufig mit Nobu-mitsi Streit. Es mochte 
irgendwie geschehen sein. Maki-no kata wurde unvermuthet 
von einer seltsamen Krankheit befallen, und ausserdem brach 
eben an ihr ein böser Ausschlag hervor. Auf Veranstaltung 
Nobu-mitsi's wurde sie in dem hier in der Nachbarschaft be- 
findlichen besonderen Palaste eingeschlossen, und nach nicht 
langer Zeit starb sie.' 

Saru-kara-ni sono ä^ ^ (stü-nekij-no todomari-keru-ga 
kano tatsi-^o mamoru mono \ wake-naki-ni utsubari-ni ^ (mei)- 
wo tsizime | aru-wa i-do-ni kotobvki-wo sidzumu koto sono kazu- 
tco sirazu. Notsi-notsi-ni itari-te-wa fasira-wo ugokasi ^ ^ 
(ten-zibj-wo narasu. Tare-ka kore-wo sinobu mono aran \ tcare- 
kara saki-to nige-idete \ tsut-ni fitori-to site mamoru mono na- 
kere-ba ^ \^ (nen-nen) jg^ \^ (sei-set) are-masari \ ima-wa '|^ ^, 
(ke-ij-no ari-nasi-wa sirane-do \ bake-mono ja-kata-to odzi-osore ! 
P^ ^ (mon-gumj-ni saje asi-wo tomezu. A-a — • ^ (itsi-zin) 
^ ^ (tan-rei) nare-ba — • g (ihkoku) ^ (ran)-wo nasu-to 
iü. Kami-ni 1^ ^ (mei -hin) S? |^ (ken-sin) ara-ba \ ika-de 
kore-ra-no 'ß Ä (ke-i) aran. 



Dm Haas eines Statthalten von Fari-ma. 273 

^Hierauf hatte diese Hartnäckigkeit ein Ende. Die Menschen, 
welche diesen Palast bewachten, verkürzten ohne Ursache an 
den Dachbalken ihr Leben, Einige versenkten in dem Brunnen 
ihre Langjährigkeit. Ihre Zahl ist nicht bekannt. In viel 
späterer Zeit bewegte es die Pfeiler und machte die Zimmer- 
decken ertönen. Wer mochte dieses ertragen? Von mir an- 
gefangen floh man hinaus, und zuletzt war nicht ein Einziger, 
welcher den Ort bewachte. Er wurde von Jahr zu Jahr wüster. 
Gegenwärtig weiss man zwar nicht, ob es Seltsamkeiten gibt 
oder keine, aber man furchtet ihn als einen Palast der Ge- 
spenster und hält nicht einmal vor dem Thore den Fuss an. 
Ach, wenn der einzige Mensch gierig und ungesetzlich ist, so 
bewirkt er die Unordnung des ganzen Reiches. Wenn es nach 
oben einen erleuchteten Gebieter und weise Diener gibt, wie 
könnte es dann dergleichen Seltsamkeiten geben?' 

^ i (^To-«iÄ) fan-go-ro-kimi-to ije^m | imada j|Jt jfiE 
(ah-nenytO'Xoa i-i-nagara \ jhf^ j^ (fb-itsu) ^ ßf (mU'Zan)'no 
fui-umai o-oJcu \ ä^ ^ (8ikken)-no nobu-mitd okonai mala kaku- 
no gotosi, Sai'u-kara TO ^ (si-min) nbaraku-mo \ jasuki kokw^o- 
naku 1^ ^ (fakU'fibywo \ fumu-ga gotoki-no omoi-sen, 

,Der gegenwärtige Vorgesetzte, der Gebieter Fan-go-r6, 
obgleich noch nicht in reifen Jahren, hat häufig ein nichts- 
würdiges und ruchloses Benehmen. Die Handlungen Nobu- 
miti's, des Inhabers der Macht, sind ebenfalls so beschaffen. 
In Folge dessen hatte das Volk der vier Gegenden bald keinen 
ruhigen Sinn und machte sich Gedanken wie bei dem Treten 
auf dünnes Eis.' 

Ktmi klkazu-ja \ l||| ^ (mei-8tü)-no moto-ni ^ B (reo- 
nn) ari'to \ -^ ^ (aen-kun) jori-nori- ^ (koj-wa \ ^ ^ 
(zin-zi)-no ^1^ (8ib)'to i-i-tsuthru-ni \ nobu-mitsi-wa na-ni ni-ge- 
naki \ makoto-no mitsi-wa kari-ni-mo naku \ ]jjff ^ (kan-aku) 
3flJ ft (zia-kiokuyno ^ g (hb-koku)'no ^ (sin). Ima — • ^ 
(ikko)'no kazu'Sada-wa \ db (8ijü)-ni fitosi-ki soba-me-wo g^ 
(tsiil)-si ' nawo waka-gimi-wo ^ (gai)-8en'to fakaru I sono ^& ^ 
(seki'aku)'no kazu sadame-gatasi. Toki saiwai-ni HJ^ ^ (tai- 
f^yno ^^ (jo) nare-ba koso \ jo-midare-taru-iio toki nara-ba 

SitziuiKib«r. d. phil.-hiBt. Cl. LXXXVII. Bd. I. Hft. 18 



274 Pffsmaier. 

jo-mo-no ^ m (rin-kokn) tatsi-matsi okoUe \ tadatsi-ni J| |^ 
(ba-teij-no ato nomi nokoru-ran. Ifo aja-usi-aja-im, 

,Hört es der Gebieter nicht? Bei einem erleuchteten 
Vorgesetzten befinden sich vortreffliche Diener. Es wird ge- 
sagt, dass der frühere Gebieter, Fürst Jori-ttori ein mensch- 
licher und wohlwollender AnfUhrer gewesen. Nobu-mitsi hat, 
im Gegensatze zu seinem Namen, nicht das Geringste von dem 
wahren Wege, * er ist ein verrätherischer, verderbter, gegen 
das Reich verschworener Diener. Jetzt hat ein Kazu-sada die 
dem Vorgesetzten gleichgestellte Nebenfrau getödtet und geht 
noch damit um, den jungen Gebieter zu morden. Die Zahl 
dieser gehäuften Bosheiten zu bestimmen, ^ ist unmöglich. Jetzt 
ist zum Glück ein Zeitalter des grossen Friedens. Wäre es 
ein Zeitalter der Unordnung, so würden die benachbarten Reiche 
der vier Gegenden plötzlich sich erheben, und es würden 
gerade die Spuren der Pferdehufe nur noch übrig sein. Es 
ist sehr gefährlich, sehr gefahrlich! 

To omowazu iro-wo ugokasi \ kata-wo aohijasi-ie katari- 
keru-ga \ kono foki kokoro-dzuki-taru sama-nite \ ano-ga te-nte 
kutsi'ico owoi \ ^^ "S^ (feki-ni) ^ J3 (seki'k6)-no jo-no naka- 
ni I ware-wo wasurete kimi-tco ^^ ^ (fi-f6)'su. Jume-jume 
siü-ged'Zta kono kvdari-wo \ wa-nami-ga tsuge-si-to morasi-tamai- 
80-to I kbbe-wo sa-jü-ni megurasi-te se-do kado-no be-wo mi^deuru- 
toa I foka-ni kiku mono-no 3& ^ (u-mu^wo saguru nam-besi* 

So sprach er unbedacht mit erregter Miene und aufge- 
zogenen Schultern. Jetzt, als ob er sich besonnen hätte, ver- 
deckte er mit seiner Hand den Mund und sagte : In einem Zeit- 
alter, in welchem die Wände Ohren, die Steine einen Mund 
haben, vergesse ich mich und lästere den Gebieter. Möge der 
den Wandel Ordnende ja nicht verrathon, dass ich ihm diese 
Sachen erzählt habe. — Indem er das Haupt nach rechts und 
links drehte und bei der Hinterthüre und Thorseite hinaus- 
blickte, mochte er suchen, ob sonst ein Mensch da sei, der 
es hörte. 

KazU'Sada-ioa kono fanasi-wo kiku-ga mani-ma \ (trui-tca 
odoroki arui-wa ikari \ vmta-wa kanasi-mi katsu osore \ kono 

* Nobti-miUi bedeutet: der sich ausdehnende Weg. 

3 Kazu-9<ida wird als ketzu ^adamuru ,die Zahl bestimmen* betrachtet. 



Dm Hau eints 8tattbalt«n ron Fari-ma. 275 

toki nagakt iki-^wo tsuki \ waga mi-ni adzukani koto narane-do \ 
sa-ta-no foka-nam ^ ^ (te6'8in)'no sama kann. Sare-do 
^ ^ (ien-ofc«} ^^ ^ (tod-fd)'Wa ^ |lij^ (sia-rinyiio goto \ 
kano ^^ ^ (sai'&yga uma-wo imnai-si tamesi. fl|^ (Rnn)'wa 
yp C^i^O-wo ki-zasi-to-mo ije-ha \ jl^ -^ (tsi-si) jft^ ^ f^««f?- 
«»^ fito-tahi okora-ha \ — • J^ (ikkioj-ni kofo-no ^ yj^ (fei- 
dzij-sen, FukaJai na-urami-tamai-so. 

Während Kazu-sada diese Erzählung hörte, war er bald 
erschrocken, bald zorM^. Ferner betrübt und auch sich fürchtend, 
seufzte er jetzt lange uttd sagte: Die Sache geht mich zwar 
nichts an, doch welch' ein unerhörtes Vorgehen von Seite dieses 
ältesten Dieners ! Indessen ist die entsprechende Vergeltung des 
Guten und Bösen gleich dem Rade des Wagens. Jener Greis 
von Sai, der das Pferd verlor, ist davon ein Beispiel. * Die 
Unordnung ist das Aufsprossen der Ordnung. Wenn verständige 
Kriegsmänner, redliche Diener einmal aufstehen, werden sie 
durch ein einziges Unternehmen die Zurechtbringung der Sache 
bewirken. Seid nicht tief gekränkt! 

To nawo kika-ma-fosi-ki koto are-do \ ono-ga uje saje i-i- 
taterare \ sasu-ga-^i omo'-iiaku'ja omoi-ken \ jawora mi-wo okosi 
atsuku JU- (zia)'si \ kane utsi-narasi nen-butsu-wo fonaje \ kono 
ja-wo idete omojeraku -4^ ^ (sen-kim) sude-ni 2^ (sos) st- 
tanvai-si uje-toa \ futa-tabi db ^ (siü-kaj-ni kajeru-to-mo JS 
(senynaku \ kajette waga mi-no aja-u-kani-hesL Jami-nan-nan. 

Es waren zwar Dinge, die er noch zu hören wünschte, 
allein es war nur von ihm die Rede, und er mochte es in der 
That für eine Schande go^)alten haben. VjV erhob sich langsam, 
bedankte sich höflich, Hess dann die Glocke ertönen und betete 
laut zu Buddha. Aus diesem Hause tretend, dachte er sich: 
Der frühere Gebieter ist bereits gestorben. Wenn ich auch 
wieder in d^s Haus des Vorgesetzten zurückkehre, ist es von 
keinem Nutzen, es wird vielmehr für mich gefährlich sein. 
Ich werde davon abstehen. 

Saru-nite-mo \ fata-iose tsikaki ini-si-je-wo \ sinobure-ba mi- 
« tama-dare-no \ utsi-no ajornaku jukasi-ku-te Ifisoka-m moto-no 

* Der Greis von Sai glaubte, daaa das Böse immer sein Gutes habe. Das* 
Pferd, welches er verlor, kam später zurück und brachte ihm ein anderes 
schnelles Pferd. 

18* 



276 Pfizmaier. 

kudzure-ja kata-ni tatsi-kajeri \ tsui-dzi-no kudzvre-jori koje-ire- 
do I tare togamu-beki-ni arazare-ba \ ^ l|lljl (fansb) J^ ^ 
(gua-rekij-wo fumi-koje-koje \ ^ ^ (no-inJ-tDatari-wo mi- 
megwu-ni , ^ ^S& (gioku-ren) naka-ba tsi-girete kumo-no i-ni todzi- 
rare I fa-zttomi föne kutsi-te kadzura-no tsuru-ni karameraru \ koke 
^ (sibj-ztte J^ ^ (feki'kanJ'WO okasi \ takanna -^ (tedJ-ziU 
^ /jj|[ (tai-jen)-ni semai^ ari-mma. Sasu-ga ^ ^ (zan-mn)- 
no kctzu-sada-mo | fara-wata-too tatsu-no omoi-nam j ono-dzukara 
JS ^ r^ei-ÄWi; ^ ^ fez-fa>; I ^ ^ («-w?;; 1$ ^ (ten- 
fen)-no kotowari-xco J|| (kanj-zi \ ^ ^ (iiiJ-ze^ij-io «te i- 
tari-si-ga. 

Er hatte indessen eine Vergangenheit von nahezu zwanzig 
Jahren ertragen, das Innere der Edelsteinvorhänge, welches er 
gesehen hatte, war nicht zu unterscheiden, und er verlangte 
nach ihm. Wenn er zu dem ursprünglichen eingefallenen 
Gebäude zurückkehren, über die eingefallene Mauer steigen 
und eintreten würde, wäre Niemand, der ihm dieses als eine 
Schuld anrechnen könnte. Ueber die mannichfachen Pflanzen 
und die Ziegelsteine immerfort tretend, blickte er in dem Durch- 
gange des Bücherhauses umher. Die mit Edelsteinen besetzten 
Thürmatten waren zur Hälfte entzweigerissen und mit Spinnen- 
fäden geheftet, die Rahmen der Schubfenster verfault und mit 
den Ilanken der Schlingpflanzen gebunden. Das wachsende Moos 
nahm die Zwischenräume der Wände ein, die in die Höhe 
schiessenden Bambussprossen hatten das Aussehen, als ob sie 
gegen die kahlen Thürmatten drängten. In Wahrheit hatte 
selbst der hartherzige Kazu-sada ein Gefühl, als ob es ihm die 
Eingeweide durchschnitte. Von der Einrichtung der Fülle und 
des Schwindens, der Blüthe und des Verdorrens, der Umwälzung 
und Veränderung des Bestehenden ergriffen ^ weilte er be- 
trübnissvoll. 

Kono toki ^ A (ien-sioku) sude-ni kure \ sikamo ame 
saje furi-ide-kere-ba \ kazu-sada-wa utsi-unadzuki \ tatoje ^^ 4^ 
(jb'kvai)'Vio (dzuru-to-mo \ nani-fodo-no koto aran, Siit-gühzia-no 
jadori-ni-wa kukkib-no ^ ^ (sin-sio) nari-to \ nuki'-cm'Site 
. ktUsi-taru juka-ni nobon \ iairi-wo sa-jü-ni kaki-noke-tsutsu \ oi- 
tvo orosij^ ^^ (zib-dan)'no \ siki-i-wo makura-ni kost- wo nobtxst ] 
fu8U'ka-to sure-ba gb-gb-to fojuru-ga gotoku ibiki-wo kaki \ J^ ^^^ 



Das Hsns eines Statthalter« 70n Fari-ma. 277 

(sen-goj-mo toakade -U^ |^ (kan-8ui)'8eri. Fikkeo sono ^fl^ 'ß 
(p>'kuai)'no \ idzura-kn ina-tra ^ [g| (ko-ktialj-ni tokn-he^i. 

Um diese Zeit war die Farbe des Himmels bereits abend- 
lieh; und es schickte sich eben zum Regnen an. Kazu-sada 
nickte mit dem Haupte und sagte: Gesetzt, die Ungeheuer- 
lichkeit kommt zum Vorschein, welche Bedeutung könnte es 
haben? Bei der Einkehr des den Wandel Ordnenden ist es 
eine vortreffliche Schlafstätte. — Leise auftretend, stieg er auf 
ein verfaultes Bett, streifte den Staub rechts und links weg 
und stellte dabei den Bücherkoffer nieder. Die Schwelle der 
oberen Stufe zu einem Polster machend, streckte er die Lenden 
und machte es sich zum Liegen zurecht. Mit einem Geschnarche, 
welches einem Biüllen glich, schlief er, ohne Vorhergegangenes 
und Nachfolgendes zu unterscheiden, fest ein. Ob endlich diese 
Ungeheuerlichkeit zum Vorschein gekommen, wird sich in 
einem späteren Abschnitte aufklären. 

S? (Km)-tco ^ (ken)'to site iro-ni kaje-jo-to ^ ^ -^ 
(ko'fu-8i)'no imasime ube-naru kana. ^ ^ (Aka-tsuki) 1^ ^ ^ 
(sai'zi-r6) jq ^ (motO'faru)'Wa — • ^ (ittsib) jodo-gawa-no 
)t ^ (^^-joym I ^y ^ (sio-zio) f{^ f([| (o-8en)-ga ^ ^ 
(ki'kiü)-wo aware-mi \ — • |^ (itsi-jdj-no ftine-ni ^ ^ (bu- 
rai)'ioo 8ake'8i-ga \ köre ^ ^ (ten'en)-no sikarasimuru tokoro- 
ni-ja I tsui-ni ai-oniö-no omoi tokete \ ^ ^ (kairh) ^ 3|| 
Cren-riyno t8ikai ntue-si-jori \ moto-faru-mo ^ ^ (m-boj-no 
omoi -^ (8et8u)-ni site \ fi8oka-ni ^ ^ (sai-kuaij-no toki naki- 
wo urami-si-ga \ 8ono ^ ^ (ren-zib) todome-gataku-ja ari-ken \ 
aru toki H^ ^ (8ato-^i) ^ J|j[f (i-8uke)'^oo maneki \ kano 
^Iflf rtl (sen-tsiUJ-no tsigiH'Wo tsngete | fumi-wo o-sen-ni U (t8ÜJ' 
zen koto-wo gj (takuj-su, 

,Man mache die Weisheit zur Weisheit und wechsle die Sinn- 
lichkeit.' Wie angemessen ist diese Warnung Kung-fu-tse's ! Aka- 
tsuki Sai-zi-ro Moto-faru hatte eines Morgens auf einer Lustfahrt 
auf dem Flusse Jodo-gawa Mitleid bei der Gefahr des jungen 
Mädchens 0-sen und vermied auf einem Schiffe den Nichts- 
würdigen. Dieses wurde vielleicht durch die Beziehungen des 
Himmels so eingerichtet. Zuletzt lösten sich die Gedanken, mit 



278 Pfiimftier. 

denen sie an einander dachten, und sie thaten den Schwur des 
gemeinschaftlichen Altwerdens, des Zusammen Wachsens der 
Zweige. Seitdem waren bei Moto-faru die Gedanken der Liebe 
schmerzh'ch, und er kränkte sich im Geheimen, dass zu einer 
nochmaligen Zusammenkunft die Zeit nicht war. Einst — es 
mochte ihm wohl unmöglich gewesen sein, seiner Leidenschaft 
Einhalt zu thun — berief er Sato-mi I-suke zu sich, erzählte 
ihm von jenem Bunde, den er in dem Schiffe geschlossen, und 
betraute ihn mit der Uebermittlung eines Briefes an 0-sen, 

I-suke-mo moto'faru-gajb-su-wo \ fobo sirazaru-ni-wa arane- 
domo I am fakaran-ja ka-bakari -^ (setsuj-naran-to-wa \ tadaUi-ni 
isamete to-zaken-to omoi-si-ga , ina-ina koto-waza-ni ijeru midzu-no 
de-bana \ d-i-te kore-wo sajegiran-to suint-wa \ iwajuru — • Ä ^ 
(issia-aiJiJ'no ^ (j^j-wt — jj^ (ippaij-no \ midzu-wo motte suru- 
ni ni'taru-beku \ sika nomi narazu ika-naru jo-karanu koto aran- 
mo fakari-gatasL Josi-josi aibaraku ^ (meij-ni sitagai-te 
jori'jori-ni isame-wo iren-ni-wa-to \ fumi-wo o-sen-ni ^J (tsü^ze- 
81'jori kono kata \ ai-miru koto-wa katad-io ije-domo \ nha-siba 
juki-kai-no fumi-ni ^ (zib)-wo nobe \ adasi-gokoro-wo ^ (seij-si 
^ (aeij-serare \ kami-ni fotoke-ni tsikai-si-ka-ba \ naka-naka ai- 
h-Jori-wa ija-masi-ni \ fukaki tsigiri-to nari-ni-keriu 

Es war zwar nicht der Fall, dass Lsuke den Zustand 
Moto-faru's nicht im Ganzen gekannt hätte, doch wie sollte er 
Rath schaffen? Wo eine solche Heftigkeit sein wird, darf man 
nicht daran denken, Vorstellungen zu machen und fern zu 
halten. Es ist wie es in dem Sprichworte heisst: Bei der 
gross ten Höhe des Wassers dieses mit Gewalt verschliessen 
wollen. Es wird etwas Aehnliches sein wie: Bei dem Feuer 
von einem Wagen Brennholz mit einem Becher Wasser thätig 
sein. Ausserdem lässt sich nicht ermessen, welche üblen Dinge 
entstehen werden. Gut! Man wird einstweilen dem Befehle 
gehorchen und von Zeit zu Zeit Vorstellungen machen. — So 
denkend, übermittelte er den Brief an 0-sen. Seitdem war es 
zwar unmöglich, sich zu sehen, doch durch die häufig an- 
kommenden Briefe gab man der Leidenschaft Ausdruck, wehrte 
dem falschen Sinne. Diesem wurde gewehrt, und man schwor 
zu den Göttern und Buddha. In der That, seit sie einander 
begegnet, wurde der Bund immer inniger. 



Dab Haas eines Stattiiaiters Ton Fari-ma. 279 

I'suke-wa an-ni jjjQ ^ (sh-ij-nan \ kaku ^^ 4^ (ren-zib) 
atsu-karan-ni \ itsu-ka-wa fodasi-wo tatsu-beki-to \ fitori kokoro- 
wo kurusime-si-ga \ sude-ni — • j^ (itsi-zibj-no aawari koso (der 
ki-ni'keri. 

I-suke quälte sich in Gedanken und Bagte zu sich selbst: 
Es ist nicht anders^ als ich vermuthete. Wenn eine Leiden- 
schaft so heftig wird; so muss sie eines Tages die Fesseln 
durchschneiden. — Indessen hatte sich bereits ein Hinderniss 
gezeigt. 

Sono ju-e-tva \ kono goro mijdko ^ ^ ^ (fö-sio^zi) 
(ll ^h "« (tsiü-na-gon) tote \ koto-ni tokt-meki-tamai-si-ga \ 
^ (keoj-ni ^ ^ (kin-datsi) fime-gimi amata masi-masu-ga 
naka-'Ui'mo \ ^ ^ (waka-nayno ^ (kimi)'fo ijent ßme-iio 
tosi to-mari nafia-tose-ni nari-tamh-ga \ J|^ ^ (ßi-zi) ^ Ä 
(jo-nokti) fagui-naki nomi narazu \ te-kaki mono-jomi-wa iü-mo 
sara-nari \ jorodzu-no waza-ni ^ (tsibj-ze-sase-tavib mono-kara \ 
mi-kado-jori-mo mesase-tamb-to ije-domo \ tsitst-no ^j^ (kib) obosi- 
tamb iokoro nri-te \ koto-wo ^ >fe (sa-nj-in josete \ ||^ (zi)'8i' 
tate-matstirL 

Der Anlass war folgender. Um diese Zeit stand der mittlere 
Rath des Klosters Fo-sio von Mijako in besonders grossem An- 
sehen. Unter den Söhnen und Töchtern dieses Keichsministers 
war eine Tochter Namens Waka-na-no kimi, welche über 
siebzehn Jahre alt war. Ihre Gestalt und ihre Züge waren 
nicht allein ohne Gleichen, sie war nebst dem Lesen und 
Schreiben in den zehntausend Künsten erfahren. Von Seite 
des Kaisers erging daher eine Berufung, jedoch ihr Vater, der 
Reichsminister, der einen Wunsch hatte, brachte die Sache zur 
Verlautbarung und schlug es aus. 

Nani-to-zo kore-ga — • |^ (ittsuij-ni site \ mi-ma-fosi-ki 
muko-mo gana-to \ moppara ^ ^ ^ (bi-seo-neriywo saguri- 
tamb-ni \ fiio atte aka-tsuki-ke-no IßF ^ (so-zi) sei-zi-ro moto^ 
faru ko80 I ini-si-je-no Ä 3l (zai-go) fikaru kimi-ni ija-masaru" 
to-mo otorti-mazi'ku \ sika nomi narazu A^ "^ (mon-buj-wo 
^^ Ä (ken-bij-si | su-e-danomosi-ki -^ ^ (tai'Sib)'ZO'to kiki- 
tamai j(^ fb (sin-tsiUJ-ni jjS J^ (man-zokuj-nasi. 

Er sagte : Ö wie wünschte ich einen Schwiegersohn zu 
sehen, der sich ihr gegenüber stellen könnte! — Indem er 



280 Ffizmaier. 

ausschliesslich einen schönen Jüngling suchte, sagte Jemand 
zu ihm : Sei-zi-r6 Moto-faru, der Sohn des Hauses Aka^tsuki^ 
wenn er den unter den Fünfen gläuzenden Gebieter nicht über- 
trifft; so kann er ihm doch nicht nachstehen. Ausserdem ist 
er in der Schrift und in der Kriegskunst gleich bewandert 
und für die Zukunft ein verlässlicher grosser Anführer. — Als 
er dieses hörte, war er im Herzen ganz vergnügt. 

Naka-datsi-mo gana-fo \ knnefe ^ ^^ (bin-gQ-wo motoine- 
tamai'si-ga \ ko-tabi ^^ |^ (kln-kaku) ^ J^ (reiku-seij-ni 
jotte aka-tsuki-ke-ni-mo 3^ S^ (tmi'ki)'WO sasage \ iojo-kata 
mi-dzukara J^ ^ (zih-raku)'8i \ J^ 5^ (a8i'knga)-ke'ni 'fpj ^ 
(si'ko) nase-si-Jii | soiw & j^ (reO'en)-no foki itarH-ni-ja | tsiü- 
na-gon-no ^ (kih)'mo ^ jj^ (tai-ziü)-wo form-tamai-te \ ^ ^ 
(siü-en) take-nawa-no nori-karn \ tojo-kata '^ ^ (st-koj-no 
josi-wo ^S (8d)'se-si'ka-ha kanete 9S IX (tsiö-gii) -no tojo-kata 
nare-ba \ "^ jj^ (tai-ziü) sono & (seki)'ni mesarete sakadzuki- 
wo tanib. 

Einen Vermittler wünschend, suchte er vorerst eine Ge- 
legenheit. Weil die Niederlassung des goldenen Söllers * jetzt 
vollendet war, überreichte er dem Hause Aka-tsuki kostbare 
Geräthe. Tojo-kata kam in eigener Person in die Nieder- 
lassung und machte dem Hause Asi-kaga seine Aufwartung. 
Es mochte die Zeit für das treffliche Verhältniss gekommen 
sein, als auch der Reichsminister, der mittlere Rath, den Sio- 
gun besuchte. Als man bei dem Weinfeste eben im Trinken 
begriffen war, meldete Tojo-kata, dass er seine Aufwartung 
mache. Da es Tojo-kata war, welcher vorher der Gunst theil- 
haftig geworden, berief ihn der Siö-gun zu seinem Teppiche 
und verlieh ihm einen Becher. 

Tsiü' na-gon-no kib-ioa \ watari-ni fune je-si kokot^i-nasl 
ito nemogoro-m '&* ^ (e-siakuj-si-taviai \ jo-mo-ja-mo-no fanasi- 
no tsui-de-ni \ kaneU kikn tojo'kata-ni-wa \ ito joki gf B§ 
(sb'zij'too motasi'tamb'to \ ware-mo fitori-jw tootome ari. Ko-wo 
tsib-ai-surii oja-gokoro-ni-wa \ "]^ ^ ^ (ge-se'tüaj-nt ijeru 
-+- A (ziü-nin)-nami naran-ga \ ika-de-ka kakaru otto-wo koso \ 



* Der goldene Söller ist der von dem Siö-gun Josi-mitsu erbaute PaluBt, 
von welchem in der ersten Abtheilung (S. 361) die Rede war. 



Dm Hau ein«s Statthali«TB von Fui-m«. 281 

je-ie gi-gana-to-wa omoje-domo \ imada joki jeni-si-wo musubazu- 
to I kokoro-ari-ge-no ^ (kiö)''no kotoba-wo \ tai-ziü fobo s<mo 
^ (i)'tco ^ (sas) 81 I ika-ni tojo^kata ^ (ki'ö)'no kaku- 
made ^f^ (sib)-8i'tamb''Wa \ ito men-hoku-no koto nan-men, Koto- 
sara moto-fam ni-awam-ki tosi-goro^nare-ba \ fjM (kib-ni & -^ 
(soku'zioJ'WO kat-motome \ moto-fani-gn ^ (8%t8u)-to nase-jo 
wäre kore-ga naka-datsi f^ran-to jft (ked^zi-famb. 

Der Reichsminister, der mittlere Rath, hatte das Geföhl^ 
als ob er an der Ueberfahrt ein SchifF erlangt hätte. £r ent- 
schuldigte sich sehr artig und sagte bei Gelegenheit des nach 
allen Seiten sich wendenden Gespräches: Ich habe vorhin 
gehört, dass Tojo-kata einen sehr vortrefflichen Sohn besitzt. 
Auch ich habe eine Tochter. In dem Herzen des Vaters, der 
sein Kind liebt, werden es, wie das Sprichwort sagt, zehn 
Menschen sein. Wie sehr ich auch wünschte, für sie einen 
solchen Mann zu finden, habe ich noch kein gutes Verhältniss 
geknüpft. — Der Sio-gun, im Ganzen den Sinn der bedeutungs- 
vollen Worte des Reichsministers errathend, sagte vergnügt: 
Tojo-kata! Dass der Reichsminister in einem solchen Maasse 
preist, dürfte eine grosse Ehre sein. Besonders da Moto-faru 
in dem angemessenen Jahren ist, so begehre von dem Reichs- 
minister die Tochter und mache sie zur Gattin Moto-faru's. 
Ich werde fiir ihn der Vermittler sein. 

^ ^ (Kun-mei) ika-de =j^ (zi)-siiru koto-wo jen. Tojo- 
kata-wa ^ g|[ (tei'to)-si \ m-i-gataku seO'fsi'tsnkh'maUum. 
Sari-nagara \ j^J J^ (ken-gekij-wo koto-to suru inaka-bu-si \ 
fl^ (kib) osorakii'Wa kirai-tamawan, Tsiü-na-gon-no ktb koto- 
ni man-zaku-si-tamai \ makoio-wa kanefe ^^ ^ (kon-mGynaae- 
do I sokka-no kokoro-wo fakaH-kfine-fd \ motomu-to ara-ba ika-de 
"^^ (zi)'sen-to o-oi-ni Ä +& (ki-jetsu) ari-si-ka-ba. 

Wie könnte man sich bei dem Befehle des Gebieters 
weigern? Tojo-kata senkte das Haupt und sagte: Ich nehme 
e» dankbar an. Indessen bin ich ein mit Schwertern und 
Hakenlanzen sich befassender Kriegsmann vom Lande. Ich 
fürchte, dass der Reichsminister vor mir Abscheu haben wird. — 
Der Reichsminister, der mittlere Rath, war besonders zufrieden 
gestellt und sagte: Ich habe wirklich früher den ernstlichen 
Wunsch gehabt, doch ich konnte euer Herz nicht ermessen. 



282 Pfismaier. 

Wenn ihr es begehret, wie könnte ich mich weigern? — Er 
hatte grosse Freude. 

TojO'kata-mo kotihm jorohohi \ tai-ziü-je-^no on- ifi (rn) 
mawosi-age \ sa-aran-ni-toa gegare ojobi |^ (sin'ra)'tu-mo i-i-ki- 
kcue \ "^ J^ (kis9in)'WO motte ^ j^ (jtU'nh)'WO tate-matguran- 
to I kata-^mi-ni kataku kei-jaku-si \ nawo giba-siba sakadzuki-wo 
megurasi \jagate won-itoma-wo tamawari-ie \ tojo-kata | j^ BB 
(ki'kokuyn'tamai'tautgu \ ^ -^ (ka-ro) J^ ^ (jo-nin)- 
wo ataumerare \ madzu asi-kaga-ke-no "^ JS (sik-bij-wo tsuge- 
tamai \ nawo mala -^ j^ (tai'Ziü)-no tcon-naka-datn-nite 
Ä Ä ^ (fh'iiih'zi)-no i^ (kib)-no fime-tco i-i-nadz^tke-se-n 
jon-wo tsuge ^ jfflb (jui'nh)'no Q J^ (nitsi-zi)'WO eramasime-tamb. 

Auch Tojo-kata war besonders erfreut. Bei dem Sio-gun 
sich bedankend, sagte er: Also werde ich es meinem Sohne 
und den Dienern mittheilen und an einem glücklichen Tage 
das Brautgeschenk darreichen. — Indem man sich gegenseitig 
das bindende Versprechen gab, Hess man den Becher noch 
häufiger im Kreise herumgehen. Sogleich Abschied nehmend, 
kehrte Tojo-kata in das Reich zurück, und als die Aeltesten 
des Hauses und die in Verwendung stehenden Menschen ver- 
sammelt waren, erzählte er zuerst alles auf das Haus Asi-kaga 
Bezügliche. Dann erzählte er ihnen auch, dass man durch die 
Vermittlung des Sid-gun die Tochter des Reichsministers von 
dem Kloster F6-sio verlobt habe und Hess sie den Tag and 
die Stunde für das Brautgeschenk wählen. 

^ E (Sio-8hi)-ra ~J^ jg^ (ban-zei)'WO tonaje-tstUsit o-oi- 
ni isami-dojameki-n-ga \ madzn icon- W ^ (sb-ziyni-mo tstige- 
taie-matsuran-to ^ g (tsib-sin) ^ Q (furu-ta) J^ J|| (ten- 
zen) I moto-faini-no moto-ni ma-iri \ kono josi otsi-naku jjjg^ ^^ 
(fi-roj-nasu-ni \ moto-faru-tca kanete-jori \ o-sen-to kata-mi-ni 
adagi-gokoro-wo utsusazi-to \ kami-ni fgikai-si koto are-ba Joro- 
koH-no iro sara-ni naku gama-zama-ni inami-tamb, Ten-zen 
an-ni gb-i^aite \ iro-iro mitgt-tco motte toku-to ije-do \ katgu "^^ Q 
(fu'to) ^i ^1 (gib'in) arazare-ba \ ten-zenwa gen-kat^i-naku 
^ ^ (tai'giüj'in kono mune ^ J^, (gon-zibj-gi kagamte ^ ^ 
(ßb-gi)'ioo nagan-to »«. 

Sämmtliche Diener, in den Ruf: Zehntausend Jahre! ein- 
stimmend, waren sehr guter Dinge imd lärmten. Um es früher 



Dm Hans eines Statthftlten ron Furi-ma. 283 

dem Sohne zu melden, begab sich der älteste Diener Furu*ta, 
Vorgesetzter der Speisen, zu Moto-faru und machte ihm diese 
Sache, ohne etwas zu verschweigen, bekannt. Moto-faru, der 
schon früher zu den Göttern geschworen hatte, dass er und 
0-sen gegenseitig das entfremdete Herz nicht entziehen dürfen, 
zeigte durchaus keine freudige Miene und weigerte sich auf 
allerlei Weise. Der Vorsteher der Speisen, der dieses nicht 
vermuthet hatte, erklärte sich mit Hilfe verschiedener Mittel, 
doch Jener willigte wider Vermuthen gar nicht ein. Der Vor- 
steher der Speisen, nicht wissend, was er thun solle, meldete 
diesen Umstand dem Statthalter mündlich und wollte noch ein- 
mal darüber zu Rathe gehen. 

Tojo-kata-ioa ke-siki-wo j^ (8on)'Zi \ ^ jj^ (tai'Ziü)'no 
won-naka-datsi-fo i-i \ fsitsi-ga 3^ (jah^yse-si tsuma-sadanie-wo \ 
■?• (ko)'to Site inamu miisi-ja aru. Kono uje-wa fai-ziü-no 
mhsi-wake \ seppuku-sen-jori-foka nasi-to \ •Ä ^ (fun-zen)-to 
nie no-tamaje-ba ten-zen-wa kore-wo isame-tate-matsuH \ ^ (sin) 
Ä (zanj-zm-u mune-mo toje-ba sihcm ^ (sinj-ni makase-tamaje- 
to I jb'jb-ni nadame-tate-matsuri \ tadatsi-ni Tnoto-faru-ga ^ -^ 
(zi-dztoj-ra-wo maneki \ fisoka-ni moto-faru-ga jom-wo sagui^-ni 
kano (hsen-ga koto-wo usu-usii-to kiki-fe \ sa-koso arame-to utsi- 
unadzuki. 

Tojo-kata zeigte sich verletzt und rief unwillig: Eine 
Bestimmung der Gattin, wobei der Siö-gun sagte, dass er der 
Vermittler sein werde, der Vater das Versprechen gab, ist es 
Recht, dass der Sohn auf sie nicht eingeht? Ueberdiess bat 
man keinen Ausweg, als dass der Siö-gun sein Wort zu nichte 
macht. — Der Vorsteher der Speisen rieth davon . ab und 
sagte: Ich frage noch um die Absicht, die man hat. Uebcj?- 
lasset es für den Augenblick mir I — Hiermit beruhigte er ihn 
endlich. Er berief geradezu die Aufwärterinnen Moto-faru's 
zu sich und forschte sie insgeheim über das Verhalten Moto- 
faru's aus. Er hörte etwas von jener O-sen und nickte mit 
dem Kopfe, indem er sagte : So wird es sein. 

Ono-ga ja-siki-ni kajeri-tsutsu \ fisoka-ni sato-mi i-suke-wo 
maneki-jose \ kono kudcn^i-wo tsubara-ni toki-te \ kari-some-naranu 
aai-kaga-ke-no on-naka-datsi \ ima-sara inami-taU-maUuran-wa \ 
o-ije-no ^ *^ (fu-tsin) kono toki-to \ aama-zama kokoro-wo 



284 Pfixmftier. 

itamuru-ni \ ani fakaran-ja fisoka-ni kike-ha -^Q ^ (r«d-miwj- 
no fvonna-ni ^^ (tsii)-zi'tamai'te \ sono naka-datsi-wa nandzi 
naru josi \ n-jatsn fn-todoki-no si-waza kana-to \ fito-tahi kokoro- 
ni ikari-omoje-do \ mnta sirizoi-fe kangajuru-ni tosi-waka nare-do 
jj^ A (ziün-fsiü)'no nandzi \ fiJcaki omon-fakari-no artk^hen- 
to I omö-ga ju-e-ni tadzumiru nari. Ika-ni-se-ha ^ BJ (sb-zi)- 
no uke-fiki^tainai \ n-ijp. nn-do-no jorokohi-wo nasan. 

Zw seinem Wohnhause zurückkehrend, berief er heimlich 
♦Sato-mi I-suke zu sich und sagte zu ihm : Wenn ich mir diese 
Sache umständlich erkläre, ist die Vermittlung des Hauses Asi- 
kaga nichts Geringes. Indem man es jetzt wieder ausschlagen 
will, fiillt Schwimmen und Untersinken des eigenen Hauses in 
diese Zeit, und dieses schmerzt mich vielfach im Herzen. Wie 
sollte ich Kath schaffen? Insgeheim verlautet, dass er mit einem 
Weibe des Volkes der Statthalterschaft verkehrt und dass du 
der Vermittler bist. Denkend: Von diesem Menschen welch' 
ein ungebührliches Beginnen! war ich einmal im Herzen er- 
zürnt, doch ich ging wieder zurück und untersuchte es. Weil 
ich glaube, dass du ungeachtet deiner Jugend, bei deiner reinen 
Redlichkeit, tiefe Ueberlegung haben wirst, frage ich dich aus. 
Wie wird man es anstellen, dass der Sohn einwilligt und das 
Haus sich der Ruhe erfreut? 

Lsuke-wa kono toki fitai-joH taki-nasu ase-wo wosi-nugui 
ari-gataki sikken-no bse \ naka-naka kono mi-no woki-tokoro nasu 
Soregasi moto-jori A ^ (fi-zenj-no mono-wo \ nami-narcmu 
"^ tJ* (tai'8iil)-no meg^imi-wo motte \ wo-ije-ni -fe (koj-si 
amassaje \ waka-tono-no ^ ^ (siü-goj-ni '^ (meij-gi- 
tamaje-ba \ ^ ^ (bi-tsiu) kokoni tsukuaazun-ba \ itsu-ka 
j^ J@l (kun'0n)'W0 ^ (/dj-su-beki-to \ ^ jjjf^ (zi-motm) 
IS ilfe (ten'faij'ino kokoro-wo fanatazan-si-ka-domo \ kcJcaru 
itadzura-no ide-kitari-si \ sono fazime-wa sika-sika nari sono 
notsi'wa kaku-kaku-to, 

I-suke, um diese Zeit von der Stime den einem Wasser- 
falle ähnlichen Schweiss abwischend, sagte: Der schätzbare 
Befehl des Inhabers der Macht hat in der That bei mir keinen 
Ort, wo man ihn anbringt. Mir, dem ursprünglich niedrigen 
Menschen, der ich durch die ungewöhnliche Gnade des Statthalters 
in dem Hause aufwarte, hat man überdiess den Befehl zur Be- 



Dm Haut eines Stattlialters von Fari-ma. 285 

wachung des jungen Gebieters gegeben. Wenn ich die geringe 
Redlichkeit hier nicht erschöpfte, so hätte ich, um eines Tages 
die Gnade des Gebieters vergelten zu können, auch bei Umsturz 
und Verwirrung der Dinge im Herzen nicht abgelassen, doch 
es ereignete sich eine solche Ungehörigkeit. Der Anfang war 
u. s. f. Später war es so u. s. f. 

Jodo-gawa-mte o-sen-ga j^ ^ (ki-kiHJ-wo \ tasuke-si kudari 
tsubara-ni mono-gatari | sove-jori kono kata waka-tono-no 6b ^ 
(nai-mei) \ |^ (zij-sure-domo jui^si-tamawazu, Tabi-tabi-^o wo- 
Uvkai tsukamatsun'si'Wa \ köre mattaku soregaai-ga oi^-do-ni 
Site I ^ (tsinj'zuru-ni kotoba nasi. Sari-nagara kore-ga ju-e-ni 
jori I mosi'Tno sawari-no koto aran-ni-wa \ to-site kaku aen-no 
kokoro-gamaje \ arakazime ^ ;|^ (dan-kon)-no fakari-goto-wa | 
ojobazu-nagara kaku - go - seri, Sikken negatoaku-tva tsumi-wo 
jurusi I soregasMii kore-ioo jazast-tama-wa-ba \ Ö ^j^ (st-zeii) 
tDoka-tona-no jj^ ^jj^ (kon-tn)-ico \ uke-fiki-t^mb-ni itaru-beai. 

Er erzählte ausführlich wie man O-sen aus der Gefahr 
auf dem Flusse Jodo-gawa rettete, wie er sich seitdem bei den 
inneren Befehlen des jungon Gebieters geweigeii;, doch dass dieser 
ihn nicht enthoben. Er sagte : Dass ich oftmals die Aufträge 
ausrichtete, dieses ist einzig mein Fehler, und ich habe keine 
Worte, es zu läugnen. Indessen wird unter diesen Umständen 
vielleicht ein Hinderniss sein. Ich bin jedenfalls darauf gefasst 
und habe vorläufig, sind sie auch ungenügend, Verfügungen zum 
Abschneiden der Wurzel getroffen. Ich bitte, dass der Inhaber 
der Macht mir meine Schuld verzeihe. Wenn ihr mir dieses 
anvertrauet, wird es dahin kommen, dass der junge Gebieter 
von selbst in die Vermälung willigt. 

Ten-zen nikko-to utsi-fowo-jemi \ nandzi sa-aran-ta omo-ga 
ju-e I fisoka-ni tadzune kokoro-mu^'U-ni | fatasi-te kokoro-ni 4^ -^ 
(fu-gcj-seri. Sikare-donw nawo J^ ^ (en-rioj-nasi \ ^ ^ 
(bH'i)-no fakarai koso fff' SE (kan-jö) nare. 

Der Vorgesetzte der Speisen lächelte und sagte: Weil 
du glaubst, dass es so sein werde, forsche ich im Stillen nach 
und prüfe es. Es stimmt in der That mit meinen Gedanken 
überein. Indessen überlege man noch immer, und es wird 
ein unveränderlicher Plan nothwendig sein. 



Pfliaai«r. 



I'Suke-wa i-i-to ^ 1^ (ton-nnj-vasi \ jagate fe-ja-ni tatsi- 
hajeri \ moro-te-wo komanuki JQ^ Ä (si-iioj-wo meguragi ' naga- 
jaka-noJt&m iki-wo tsugi \ wäre ajaTiiatei^-ajamaUrL Futa-ba-no 
toki-ni karazun-ba \ wono-wo mottnjuru-no urei aH-to \ aude-ni 
futa-ba-no toki-wa sugure-do \ mata wono-wo motsijuru-no ^ 
(goj-ni-mo ojobazi \ a-a omoje-ba ^ ^ (fu'bin)-no ari-sama 
nare-do \ j^ ^ (kun-kaj-no ^ ^ (dai-zi)-nt'Wa kaje-gaiasi. 
Sika-nari-aika-vari-to toare-ni toi ware-ni kotaje-si i-suke-ga 
H^ dl (keo-taiü) \ ika-iiaru ai-an-ka fakari-gatasu 

I-suk6 sagte Ja, neigte das Haupt und kehrte sogleich in 
sein Gemach zurück. Beide Hände zusammenschliessend; liess 
er die Gedanken umherschweifen; seufzte lange Zeit und sagte : 
Ich habe gefehlt! ich habe gefehlt! Wenn man es um die 
Zeit der zwei Blätter nicht abmäht^ hat man den Kummer der 
Anwendung der Axt. Obgleich die Zeit der zwei Blätter 
vorüber ist, hat man auch die Zeit zur Anwendung der Axt 
nicht erreicht. Ach, nach meiner Meinung sind es zwar un- 
gelegene Umstände, doch in der grossen Sache des Hauses 
des Gebieters lässt es sich unmöglich ändern. So ist es! So 
ist es! — Dabei fragte er sich selbst und gab selbst sich die 
Antwort. Von welcher Art die Ueberlegung in der Brust 
I-suke's war, liess sich nicht ermessen. 

Koko'ui ^ g (th'koku)-no ^ ^ (riü-reij-nite \ tosi-goto 
fu'dzuki ziü-roku-nitsi-no ^ (jo)'Wa i^ "fl (ze6'ka)'ni ^ ^ 
(ki'sen)-no J| ^ (nan-nioj-ico tsvdoje \ — • ^ (itd-ja) odori- 
wo jurusase-tamb. So-mo-bo-mo odovi-no fazimari-to ippa 
3^ ^ (8iaku-son)-no ^ ffy ^ (mi-de-si) g ^ !$ # 
(moku-ren-8on'zia)'ga fawa \ ^ ^ (zb-aku) ^ ]^ ^ (/w-zi- 
fi^no kotO'ka ari-ken | Jff ^ (s^-go) tadatai-ni dzi-gokti-ni ^ 
(das) »t I ^ (nitsi-ja) Iffif ^ (ka-siaku)'no kurusi-ni b-wo 
siaku-ton ^ Jg^ (sen-ri) ^ ^ (sib-ranyno manorzin mote 
8ono ^ ^ ßu-genj'wo ^ ^ (sattsij-si-taniai \ sunatvatsi 
moku-ren-ni tsuge-iamb. 

In diesem Reiche war es Sitte, dass man alljährlich in 
der Nacht des sechzehnten Tages des siebenten Monats unter 
der Feste Männer und Weiber, Vornehme und Geringe, ver- 
sammelte und ihnen die ganze Nacht hindurch zu tanzen 



Du Emiob ein«! Stotthalton von Fari-na. 287 

erlaubte. Der Ursprung des Tanzes ist der folgende. Die 
Mutter des geehrten Moku-ren, eines Schülers Scbaka-Buddha's, 
stürzte, da verübtes Böses und unbarmherzige Handlungen be- 
stehen mochten; nach ihrem Tode geradezu in die Hölle und 
erlitt Tag und Nacht die Qualen der Züchtigung. Schaka- 
Buddha entdeckte durch seine tausend Ri erleuchtend über- 
blickenden Augenwinkel dieses Leiden und meldete es Moku-ren. 

Moku-ren ika-de jo-so-ni kiku-beku \ ^ j^ (koku-kiHJ-site 
kore-wo tukuwan koto-wo k8. Siaku-aon moku-ren-ni ioodjuru- 
m I fu'dzvki towo-ka-jori "^j^ d^ J^ (se-ga-kij-too naaasimu. Kot'e 
äl fiS ^L ftt-t-a-fconj-no fazime nari. Mokit-ren-ga fawa ojobi 
H^ (9io)-no 1(2 ^ (mo'zia) \ sono ^ fy (gongeöjno ^ ^ 
(ku-riki)'nijotte dzi-goku-no kurusi-mi tofiii-ni ffffi (gej-si fazimete 
Jt rfi (zib'bon) J^ ^ (zib-se6)-iOO je-tan-si-ka-ba \ te-no mal 
aBi-no fumi-do-wo tcasure \ tana-gokoiv-too age kibüu-wo sora-ni 
$i I jorokobi-isami |^ j^ (ju-jakuJ'Se'Si'jwH \ odori-to iü koto 
fazimari'tarL 

Wie hätte es Moku-ren anderswo hören können? Er 
wehklagte, weinte und bat, dass man sie rette. Schaka-Buddha 
gab Moku-ren einen Ratli und hiess ihn von dem zehnten Tage 
des siebenten Monates angefangen die Betheilung der hunge- 
rigen Dämonen vornehmen. Dieses ist der Anfang des Todten- 
opfers. Die Mutter Moku-ren's und alle Todten wurden durch 
die Kraft dieser angestrengten Handlung von den Qualen 
der Hölle schnell befreit und erlangten jetzt erst die höhere 
Cigenschaft; das höhere Leben. Bei dem Drehen der Hände 
den Ort des Auftretens der Füsse vergessend, erhob man die 
Handflächen, warf die Fersen in die Luft und hüpfte freudig 
und kühn. Hiervon hat dieser Tanz seinen Ursprung. 

Sare-ba Ä B (tb-gokuj-no ^ ^ ()ian-nio)'Wa \ tosi-tosi 
jubi'Wo wori fi-wo kazoja \ sono to/ci tsikaku naru majna-ni 
kanete ju-kata-no mo-jb-konomi \ aini-toa obi-no ori-nui viade , 
ofnai-omoi-ni takumi-wo naai \ aono fi wososi-to matsu koto naru- 
ni I sai-zi-ro moUhfaru-toa \ ko-tabi fakaranu tsuma-sadame'WO \ 
ten-zen-wo mote inami'Si'ka'do \ nawo ika-ga aran-to ^ i(^ (ku- 
8in)'9ure-domo \ sono notsi tajete oto-dzure na-kere-ba \ sukosi 
koküro-wo jasun-zi-tsutsu | sore-ni tsuki-te-mo kano o-sen-ni \ 
jK '^ (sai-kuatj-naki-wo urami-si-ga \ kitto ^ ^f* (tkkeij-wo 



288 Pfiimaier. 

an-suide \ sib-soko koma^goma-fo sitatamete \ ßsoka-ni i-suke-wo 
maneki-jose \ nandzi ^ ^ (taru-i)-ni jvki-mvkai \ Ä J^ (sei- 
get^-ni sika-sika i-i-te ßma ara-ha \ kono fumi-wo o-sen-m 
watase-to '^ (mei)-zuru'ni \ i-suke kokoro-joku ukegai-te \ mi- 
kokoro Jasu'kare siü-bi nasan-to \ sono mama taru-i-ni omobuki-tari. 

Die Männer und Weiber dieses Reiches brachen Jahr 
und Jahr die Finger, zählten die Tage. Wenn die Zeit nahe 
war, verfertigten sie früher nach ihren Gedanken das Be- 
liebte der Blumenmuster der Badekleider, bisweilen selbst das 
Gewebe und die Naht der Gürtel und konnten diesen Tag 
nicht erwarten. Sai-zi-rö Moto-faru hatte dieses Mal die ihm 
bestimmte Gattin vermittelst des Vorgesetzten der Speisen aus- 
geschlagen, doch er quälte sich noch immer im Herzen, wie 
dieses ausfallen w^erde. Als später durchaus nichts verlautete, 
wurde er im Herzen ein wenig ruhiger, und es verdross ihn 
demgemäss auch, dass er mit 0-sen keine Zusammenkunft 
mehr hatte. Sorgfältig einen Plan aussinnend, schrieb er in 
kleiner Schrift einen Brief, winkte heimlich I-suke zu sich 
und gab ihm Befehle, indem er sagte : Gehe in das Haus Taru-I, 
sprich zu Sei-getsu so und so, und wenn eine Gelegenheit ist, 
so übergib 0-sen diesen Brief. — I-suke stimmte freudig zu und 
sagte : Seid im Herzen ruhig ! Ich werde die Sache zu Stande 
bringen. — Hiermit ging er wie früher zu dem Hause Taru-I. 

Koko-ni jjj ||^ (jama-zciki)-no ^ ^ (reo-naij-ni \ ^ ^ 
(iai^'i) ^ "j^ ^ p^ (kiiUe-monJ-to ijeru ari, Mot<hjori jflh ^ 
(jo-jo)sumeru tami narane-do ^ (deii)-fata soko-baku-wo motat- 
taru-kara \ tje ito jutaka-ni wotoko-woniina amata tsukai-ie 
jorodzu kotO'tarai'taru aumi-nasi nari. Ai*uzi ktü-e-mon-wa 
fajaku'jori \ fotoke-gokoro-ja fuka-karv-ken \ moro-kuni-guni-no 
kamifotoke\ j|p[ ^ (ziijin-fat)'sen tarne sugi-tsurfi tost \ ije-wo 
^^ (dzi)'8ite kajeri-kozu. 

Hier in der Statthalterschaft von Jama-zaki lebte ein 
Mann Namens Taru-I Kiü-e-mon. Derselbe war eigentlich kein 
Mann des die Goschlechtsalter hindurch ansässigen Volkes, 
doch da er zahlreiche Felder bcsass, war sein Haus sehr an- 
sehnlich. £r nahm viele Knechte und Mägde in seinen Dienst 
und lebte in jeder Hinsicht an seinem Wohnsitze zufrieden. 
Dieser Besitzer Eiü-e-mon, dessen Sinn für Buddha frühzeitig 



Dm Hftai einea Stottbftltert Ton Fari-ma. 289 

innig gewesen sein mochte, hatte, um die göttlichen Buddha- 
Altare sämmtlicher Reiche zu verehren; in vergangenen Jahren 
von dem Hause sich verabschiedet und war nicht zurück- 
gekommen. 

Eu-su-moru tsuma-^o ^ ^ (sei-getsu) tote \ kore-^mo mi- 
dori-no kuro-gami-wo \ sogi ama-to si-mo mi-wo kajete {fitori-no 
medzu'ko Jjj^ ^^ (o-aenj-to tomo wotto-ga ru-su-wo mamori-si- 
ga I 8ugi-tsuru jajoi-no sure-tsu kata \ ^ ^ ^ (kin-kaku-zi) 
mbde-no kajeru-sa-ni \ fakarazu-mo ^ ^ (bu-rai)-no Ä (fo)- 
m ide-ai \ sude-ni o-sen-wo t^nb-be-ka^n-ai-wo \ ^^ i (reo- 
8iil)-no sb-zi i :ÄJ (stü'ziilj'ni mkuware \ amassaje sei-gefsu- 
f^ (ni) I i-8uke-ga atsuki nasake-wo iikesi \ sono JH 1& (on- 
geiJ'WO toki-no ma-mo wasurede \ fi-hi-ni i-i-idenu koto-mo naku \ 
tada kari'8ome-no ta-makura-ni-mo \ ^^ i (red-siüj-no kata- 
wo ato-ni nasazari-n-ga. 

Die in dem Hause zurückgebliebene Gattin hiess Sei- 
getsu. Auch diese schor das grünschwarze Haupthaar und 
wurde eine Nonne. So verändert, bewachte sie mit der einzigen 
geliebten Tochter 0-sen während der Abwesenheit des Mannes 
das Haus. In der letzten Decade des verwichenen dritten 
Monates des Jahres auf der Rückkehr von dem Besuche des 
Klosters des goldenen Söllers begriffen, begegnete sie unver- 
muthet nichtswürdigen Genossen und konnte bereits 0-sen 
verloren haben, als diese von dem jungen Sohne des leitenden 
Vorgesetzten, von Herr und Diener, gerettet wurde. Ueber- 
diess ward die Nonne Sei-getsu der grossen Güte I-suke's 
theilhaftig. Diese Güte in den Zwischenräumen der Zeit nicht 
vergessend und Tag für Tag es nicht unterlassend, davon zu 
sprechen, setzte sie selbst in einem leichten Schlafe, in welchem 
sie die Hand zum Polster machte, die Gegend des leitenden 
Vorgesetzten nicht zurück. 

Medzu-ko ist so viel als medzuru ko ,geliebtes Kind'. 

Tori'Waki o-sen-wa -^ dl (sen-tdUynite \ kano moto-faru- 
ga nagake-wo jete \ fukaJcu-mo ^ jH^ (m-sej-ico tsikai-si-joH j 
fito iirezu asa-ni koi \ jü-be-ni sitai \ tama-tama-ni i-suke-ga 
tgutajuru fumi-wo \ ai-miru omoi-ni omoi-wo ijamasi \ nani-to 
fiaku kofio gorO'Wa \ mi-mo Jose katatsi-no otoroje-si-ka-ba \ sei- 
getsu-wa odoroki-te \ ^ ßjß (i'si)'Wo mukaje ^ ^ (jaku-zt)- 

SiUuagthw. d. phil.-hiat. Cl. LXXXYII. Bd. L Hft. 19 



290 Pfismaler. 

WO fodokose-do i moto-jori l|j|jl ;|^ (sb-kon) ^ ^ (hoku-fi) mote i 
iie-wo tatsU'beM-no jainai narane-ba \ sara-m sofio sirusi-wo 
jezari-si-ga. 

Insonderheit 0-sen, welche in dem Schiffe die Gute jenes 
Faru-moto erfahren, seitdem sie feierlich auf die zwei Welten 
geschworen, liebte sie, ohne dass die Menschen es wussten, am 
Morgen, sehnte sich am Abend. Von Zeit zu Zeit in die 
Briefe, welche I-suke brachte, blickend, vermehrte sie bei ihrem 
Sehnen das Sehnen. Ohne dass etwas vorgefallen, magerte 
um diese Zeit ihr Leib ab, ihre Gestalt schwand. Sei-getsu 
erschrack und holte einen Arzt, man wendete Arzneimittel an, 
doch da es eigentlich keine Krankheit war, bei der man durch 
Pflanzenwurzeln und Baumrinden die Wurzel abschneiden konnte, 
erzielte man durchaus keine Wirkung. 

Am toki ^ ^ (te-dai) ^ ^ ^ (teo-ku-rb) sei-getsu- 
ni-fii mvkai ijeru-wa \ kono goro ^jj^ ^^ (go-re6)'7io won-najami- 
wo I 1^ ^j^ (i-si)'mo f(^ ^ (sin-kij-no musubore-to ijeri, Oe- 
ni sa-mo ari-nan. Sono ju-e-wa \ kano jodo-gawa-no Ar ^ (fci- 
ki4)-ni kori \ sore-jori tajete mono-mi-wo osore \ — • -^ Oppo)- 
no foka-ni ide-tnmawazv, Toki sude-ni ^& ^ (zan-stoj-to ije- 
do I kofo-waza-ni ijerii^ B (zib-go)-no fitai-fo j ^^ "^ (bon- 
zenj-no ntsiim faje-gataki icori-ni \ •Ä Ä (sin-sb)'7n nomi tare- 
komete-wa \ tatoi ^ ^ (tassiahno mono-tari-to-mo \ ^ |^ 
(ki'UfsnJ-no najami-no ide-ku^he-kere. 

Zu einer Zeit sprach der Stellvertreter Teo-ku-r(^ zu der 
Nonne Sei-getsu: ,Jüng3t nannte der Arzt das Leiden eurer 
Tochter eine Verdunkelung der Luft des Herzens. In Wahrheit 
wird es so sein. Die Ursache ist, dass sie durch die Gefahren des 
Flusses Jodo-gawa gewitzigt wurde, sertdem durchaus die Späher 
fürchtet und keinen Schritt vor das Haus geht. Die Zeit ist be- 
reits die übriggebliebene Hitze, doch, wie das Sprichwort sagt, 
an der Stirne des Trichters, um die Zeit vor dem Todtenfeste, 
wo die Hitze unerträglich ist, an dem verhängten tiefen Fenster 
sich einschliessen, gesetzt ein Gesunder würde dieses thun, es 
müsste das Leiden der Schwermuth zum Vorachein kommen.' 

Siknzu wori'Wori jü-kage-nüica \ no-be-ni kawa-be-m tcUsi- 
ide-masi \ sxiznmi-tori-isutsu fi-ni nure-si-mo \ fatsu-cM-no tsuld- 
ni kawakasi-tamawa-ha 1 mala mi-kusitru-no tasuke-to-mo nari- 



Du Hans et dm Staithalton too Fari-m». 



293 



na«. Kadzu narane-domo kono teö-ku-rb 1 wontonn^asa-i^^"^ / 
de-ka-wa \ jubi-mo sasu-beki mono aran \ nka-n-tamaje-to ^'V^ 
gaUn-ni \ to-iii iden koto-tco susiimuru-wü \ Jj^ j^P (8oko-t)-7io 
fodo-toa sirane-domo \ A (fsiUJ-to fonhru siro-nedzumi \fige kntsi 
iigokan tsamure-ba. 

,Da8 Beste ist, sie geht von Zeit zu Zeit im Abend- 
schatten auf die Felder, an die Ufer des Flusses hinaus. Wenn 
sie, frische Luft schöpfend, in der Sonne feucht wird, in dem 
Monde des Herbstanfangs die Kleider trocknet, so wird dieses 
auch eine Beihilfe für ihre Arzneien sein. Ich zähle zwar 
nicht mit, doch wenn dieser Teö-ku-rö sie begleitet, wie sollte 
da Jemand sein, auf den man mit dem Finger zeigen kann? 
Thuet so!' — Indem er so mit Gewalt zum Ausgehen rieth, 
wusste man nicht, welche Hintergedanken er hatte, doch als 
weisse Ratte, welche das Wort Redlichkeit hersagt, bewegte 
er Bart und Mund und machte Vorstellungen. 

Sei-get^-ni-wa utsi-unadzuki \ ao-ioa joku-mo kokoro-dzuki- 
si sari-nagara \ sono jodo-gawa-no ^ Ä (fu'rio)'no ||| ^l 
(mn-gi) \ moto-faru-gimi-no masi-masazu-wa \ ika-naran uki-me- 
ni-ka b-heki-to \ kaganaje-mire-ba ito-mo kasikosi, Wa-nami-wa 
moto-jori musume made \ kore-ni fnkakit mono-odzisite \ to-ni 
iden kotoba josl-to sezare-do \ on-mi-ga isame-mo mata kotowari 
nare-ba \ wori-wo mite suaume-min-to \ ßto-wo sodafsuru ^ ^j 
(rei'ri)'no kotoba. 

Die Nonne Sei-getsu nickte mit dem Haupte und sagte: 
Hier bist du gut bedacht. Doch bei der unvermutheten Gefahr 
des Flusses Jodo-gawa, wenn der Gebieter Moto-faru nicht 
gewesen wäre, was für einen Kummer hätten wir erfahren ! 
Wenn ich dieses betrachte, habe ich grosse Scheu. Ich bin 
eigentlich in Bezug auf meine Tochter dadurch äusserst ängstlich 
geworden. Ich halte deine Worte, dass sie ausgehen möge, nicht 
für gut, doch deine Vorstellungen haben auch ihre Berechtigung. 
,Man sieht den Zeitpunkt und wird sehen, wozu man räth.' 
Dieses ist ein kluges Wort bei der Erziehung der Menschen. 
Teö-ku-^b-wa si-taH-gawo \ a-a wäre sono toki-ni i-aivase- 
nase-ba | bu-rai-no jakara-ga muna-moto-wo \ kb tori-te kaku 
kadzuki | fidari-jori kakaru-tvo sa-soku-ni ke-tbsi \ migi-joii 
kakmni-wo kb nedzi'te \ sono mama mnkb-je dzu-den-do \ mata- 
mo kakaru-wo kb tori-te-to \ ware-wo wasurete si-kata-banasi \ 

19* 



^ 
y 



290 Pfli«»Ur. 

wo foih?*'^^'^^ '^o-emi-nagara \ kai-tatte j^ J^ (nan'do)'ni 
'^"tnä" I kosi-mou -ra kata-mi-ni me-tco müawcue \ ano-ga viani- 
nu^ni sono ha-noo sam-wo \ sirade teo-ku-rb nawo fokori-ka-id \ 
kata-se okan-ku ajancut-te \ kb si-kakure-ba kaku farai \ kaku 
tore-ba kb simete-to \ ataka-mo jj^ dl (sui-tnüj-ico ojogu gotokn 
ude-wo nohasi mata-wa Uidzime \ anii-wa furi-age sa-u-wo farai 
ka-bakari najamasi ^ ^S (bu-rai)'tco korasa-ba \ t^ri-dziri 
batto nige-nqn mono-tco \ sono ^ (zaj-ni tzarisi-wa ito ]^ x 
(zan-nen) \ sa-toa obosazu-ja. 

Teö-ku-rö sagte mit wichtiger Miene: Ach wenn ich 
damals anwesend gewesen wäre, ich hätte die nichtswürdigen 
Leute bei der Brust so ergriffen, so zugedeckt. Den von links 
Andringenden hätte ich sofort niedergetreten, den von rechts 
Andringenden so gedreht, den unterdess nach der entgegen- 
gesetzten Seite kopfüber Stürzenden und nochmals Andringenden 
so gepackt. — Während er so, sich vergessend, unter Geberden 
sprach, erhob sieb die Nonne Sei-getsu lächelnd und trat in 
den Verschlag. Die Mägde, einander anblickend, gingen eigen- 
mächtig von dem Orte weg. Teo-ku-rö, der dieses nicht wusste^ 
sagte mit noch grösserem Stolze und den Leib auf seltsame 
Weise krümmend: Wenn sie so angreifen, treibe ich sie so 
weg. Wenn sie so anpacken, drücke ich sie so zusammen. — 
Dabei streckte er, gerade als ob er in dem Wasser schwämme, 
die Arme und zog sie auch zusammen. Zuweilen warf er 
sie empor und fegte nach rechts und links. Er fuhr fort: 
Wenn ich sie so sehr quäle und die Nichtswürdigen züchtige, 
werden sie sich zerstreuen und entlaufen! Dass sie an ihrena 
Sitze nicht geblieben sind, thut mir sehr leid. Meinet ihr 
nicht so? 

To ose nugui \ ataH-wo mire-ba fito-wa naku \ tso-ku-rö-wa 
ware-nagara | amari-no koio-ni akire-tsutsu \ a-a 3^ ]^ ($iaku' 
8on)-mo no-tamai-8i \ wonna-ni-wa toku-be-karazu j^ QenJ-naki 
^ ^ (siü'zibj'wa |§[ (doj-si-gatasi-to \ fitori tsubajaJci taian- 
to se-si-ni \ saki-jori koko-ni ki-kakari-taru \ sato-^mi i-suke-ica 
ted'ku-rh-ga \ ai-te-mo aranu-ni ajasi-ki furumai \ fotondo /(^ ^ 
(sin-rij-ni ibukasi-mi \ masa-ni köre kitsune-tsuki narazu-tca 
osoraku ijj ^ (ked'ki)'ni nari-taru-ka-to \ ^ ^ (u-kitatsu)- 
ni-mo jobi-kakezu \ sibasi mi-awase-i'tari-si'ga. 



Das Hans eines Statthalters tod Fari-ma. 293 

Als er, den Schweiss trocknend, hinblickte, war Niemand 
da. Teö-ku-rö, seinerseits überaus erstaunt, flüsterte für sich: 
Ach, auch Schaka-Buddha hat es gesagt. * Weibern kann man 
die Schriften nicht erklären. Beziehungslose Geborene kann 
man unmöglich retten. — Hiermit wollte er sich erheben. 
Sato-mi I-suke, der schon früher hier angekommen war, über 
das sonderbare Benehmen Te6-ku-r6's, indem dieser keinen 
Gegner hatte, innerlich äusserst verwundert, dachte sich : Wenn 
Dieser eben nicht von einem Fuchse besessen ist, so glaube 
ich wohl, er ist wahnsinnig geworden. — Ohne ihn in der 
Entfernung anzurufen, heftete er eine Zeitlang auf ihn die 
Blicke. 

Kono toki ko-e-kake no ijä^ ^ (ban-tdydono | te6-ku-rb- 
doiw-to i(i ko-e-ni \ mi-hunii-nasi-te bikkuri-si | furi-kajeri mite 
ko-wa i'8uke-dano. Wa-nusi-mo fito-no utd-ni ira-ha \ nado an- 
nai'Wa nasazaru-ja. Ito-mo name-ge-naru onoko kana-to tdasi- 
nukare-si fara-tatsi-no \ atari-nianako-no ^ Ä (tsuki-go-e) \ 
i-svke-ga ki-gi-to kiku-jori-mo \ musubu-no kami-no omoi-wo tum \ 
o-sen-wa isogi tatsi-ide-si-ga. 

Bei dem jetzt ertönenden Rufe : He, Herr Dienstältester ! 
Herr Te6-ku-r6! fuhr dieser erschrocken zusammen. Schnell 
hinblickend, sagte er: Es ist Herr I-suke. Wenn ihr in das 
Haus eines Menschen tretet, warum lasset ihr euch nicht an- 
melden? Ein sehr unartiger Mann! — Er sagte ihm dieses 
unter die Augen mit einer plötzlich herausgestossenen zornigen 
Stimme. Sobald 0-sen hörte, dass I-suke gekommen, machte 
sie sich die Gedanken des knüpfenden Gottes und trat eilig 
hervor. 

Aja-mku teo-ku-rh-ga kuma-taka-me \ ko-wa joku koto ki- 
tamat-tsiiJ-e-to \ i-i-si fakan-ni me-mote sirase-ba | i-suke kokoro- 
je "^ fÜ (kuai-tsiu) osije | sa-aranu sama-ni kono goro-no 
atauaa \ itadzuki ika-ga owasu-ran, Sarade-mo sinogi-gataki mono- 
wo I sazo-kasi Q (kdyzi'tamh-ran'to \ i-i-tsutsu kosi-wo utai- 
kakete \ bgi-no kaze-ni ase-wo fosu. 

Zum Unglück das Höhenfalkenauge Teö-ku-rö's! Ihr 
seid zum Glück hergekommen ! — Dieses sagend, gab sie ihm 
einen Wink mit den Augen. I-suke, es verstehend, drückte 
den Brusttheil des Kleides nieder und sagte verstellter Weise : 
Wie wird es bei der gegenwärtigen Hitze mit euren Leiden 



294 Pfismai«r. 

stehen ? Ohnehin ist es schwer zu ertragen. Ihr dürftet somit 
angegriffen sein. — Dabei setzte er sich und trocknete in dem 
Winde des Fächers den Schweiss. 

Osije steht für osajey niederdrücken. 

O-sen-mo motsi-si kurenai-no \ utsi-wa-mote i-suke-ga sohira- 
wo bgi I utsi-ni wiru dani atsuki mono-wo \ to-no juki-kai-wa omoi- 
jaru-to I fito-kata-naranu asiraini \ teo-ku-rb-tva j^ H (fo-kai) 
fe ^ frin-Ai) I nb i-suke-nusi \ wa-nusi nado-wa sikasu-ga-ni 
Z^ ^ :^ (ni-gb-fanj-de-mo :tt ^j^ ^ (fu-tsi-nin) nare-ha 
aara-ni siru-masi ^ jS (nO'8eo)'Wa inu-no te nura-mo fito-no 
te-ni I kajen-to iü fodo isogcLai-ki \ kono ^^ (bon)-maje-ni furari- 
darari [ naga-banasi-te kokoro-tiaki \ mono-to ^ ^ (siü-zinj-m 
sodrare-tamb-na. Sikazu kokoro-wo 5pJ (kika) aan-ni-iva-to \ sono 
kajeran-to isogasvrwa \ o-seti-ga oto-dzure-wo fedaten-tame-ka. 

Auch 0-sen fächelte mit dem scharlachrothen Rund- 
fächer, den sie in der Hand hielt, den Rücken I-suke's und 
sagte: Selbst zu Hause ist es heiss. Wie es draussen beim 
Umhergehen ist, lässt sich denken. — Bei der nicht einseitigeo 
Unterhaltung sagte Teo-ku-rö voll Eifersucht in Bezug auf 
die Gränze der Vorschrift: Höret, Herr I-suke! Da ihr ein iu 
einem Maasse von dritthalb Löffeln betheilter Angestellter seid, 
so werdet ihr es genau wissen. Vor diesem Todtenfeste, mit 
welchem es eine solche Eile hat, dasSj wie die Ackersleute 
und Kauf leute sagen, man selbst Hundepfoten gegen Menschen- 
hände vertauschen würde, lasset euch nicht von den Menschen 
schelten, dass ihr auf's Gerathewohl lange Gespräche führet 
und ein sinnloser Mensch seid. Wenn man mit den Worten, 
dass es das Beste ist, die Sinne zu schärfen und dabei heimzu- 
kehren, euch eilen heisst, geschieht dieses, damit ihr euch 
zwischen die Nachricliten von O-sen stellet? 

Sei-getsu-ni-wa teo-ku-rb-ga \ name'-ge-no kotoba-wo kiki- 
kanete \ sarasi-no no-reii osi-age-tsutsu \ ko-wa usuke-gimi-ka 
joku'Zo ki-mase-si \ so-ko-wa kaze-mo tori-gatasu Konata-jt ki- 
mase» '^ jH^ (Sen-zaiJ-joH \ fuki'ini kaze-no suzusi-sa-wa 
noki-horno suzu-no ne-ni-mo sirusL Iza-iza-to i-i-nagara \ wäre- 
kara sakt-ni ^ (za)'WO sadame \ fito-wo matted ari-sama-ni 
0'Sen-W(i kokoro'uresi-kn-te \ fatva-no kaku-made no-tamb-wo , 
warawa-ga a-nai-to i-suke-ga soha-ni \ tatsi-joru fvri-no sodt- 



Om Hans einet Statthftlters too Fari-mft. 295 

gaki-ni \ ted^ku-rb-ga me-wo fedatsure-ba \ i-suke te-haja-ni 
motO'faru-ga \ fumi-wo watcm-te sa-aranu sama \ ika-aama ban- 
t^ga iwaf'Uini gotoku \ mono-iaogawusi-ki wori-kara nare-ba \ 
kimi-^o P J^ (kö'zib) nobe-tara-ba \ toku kajeri-nan no teo-ku. 

Die Nonne Sei-getsu^ nicht im Stande, die unartigen 
Worte Teü-ku-r6*8 anzuhören, rief, indem sie den Thürvorhang 
von gebleichtem Tuche erhob: Ist es Herr I-suke? Ihr seid 
willkommen. Dort kann die Luft unmöglich durchdringen. 
Kommet hierher! Dass von dem Vorgarten die kühle I^uft 
hereinweht, erkennt man auch an dem Tone der Glöckchen des 
Vordaches. Wohlan denn! — Dabei bestimmte sie weiter voran 
als für sich selbst den Sitz und bonahm sich wie bei der Er- 
wartung eines Gastes. 0-sen, im Herzen erfreut, sagte: Die 
Mutter spricht es insoweit aus. Ich fiihre euch. — Sich an 
die Seite I-suke's drängend, schloss sie an dem Melonenzaune 
die Blicke Teo-ku-rö's ab. I-suke übergab ihr flink den Brief 
Moto-faru*8, und als ob nichts wäre, sagte er: Jedenfalls, wie 
der Hauptbedienstete sagt, ist es gerade die Zeit, wo man Eile 
hat. Wenn ich den mündlichen Auftrag des Gebieters ausge- 
richtet habe, werde ich schnell zurückkehren. Nun Teo-ku! 

To I kaia-fo-ni emi-te oku-ni iri \ sei-getsu-ni-nl i-rnukai-te \ 
madzu mi-tsukai-no ovwviuki-wa \ sono notsi tajete |^ U (tai- 
men)-naku \ saiwai fodo-nh odori-ni nari-nu. Musume-wo tsurete 
kitare-jo \ kamaje-taru ^& Wb (aaii-zikij-ni an-nai-noitasen, Kure- 
gure fajaku ki-mase-jo'to \ nemogoro-ni no-tambto. 

Mit der einen Wange lächelnd, trat er in das Innere und 
sagte zu der Nonne Sei-getsu: Meine Botschaft besteht vorerst 
in Folgendem. Der Gebieter sagte freundlich: Später wird 
dui-chaus keine Zusammenkunft sein, doch zum Glück wird 
nach einiger Zeit der Tanz stattfinden. Komm mit dem Mädchen. 
Ich werde sie auf den errichteten Altan führen lassen. Komm 
immer wieder schnell! 

Kiku'jari sei-getsu ija-kasikomi \ mi-ni amm*u bse o-o-ke- 
naku oboje^faberu. Ika-sama itsu-tote-mo nigiwasi-ki-ni \ ko-tosi- 
wa wdki'ki toja-tosi nare-ba \ sa-koso nigitoai faberu-besi, O-sen- 
mo kono goro itadzvki-nagara \ odori-wa to-zo ^ ijjfff (ken-bus) 
si-tasi-to I kosi-moto nado-to ||^ ^k (seo-gi) nasL Jukata-no 
mo-jb to-ni kaku-to \ toku ^ (ke6)-zome-jii at»urajete ■ jb-jb kino 
ide^ki'si-wo | fajaku ke-sa-jori tatsi-nui-seri. 



296 Pfismaier. 

Sobald sie dieses hörte, spracl) Sei-getsu sehr ehrerbietig: 
,Für den Befehl, der für mich zu viel ist, bin ich dankbar. 
£s geht auf irgend welche Weise immer lebhaft zu. Da dieses 
Jahr ein ausgezeichnetes, fruchtbares Jahr ist, wird eine solche 
Lebhaftigkeit stattfinden. 0-sen ist um diese Zeit leidend, doch 
wenn man sie um den Tanz fragt, so will sie ihn sehen, und 
bei den Mägden ist kein Feilschen. Sie hat das Blumenmuster 
des Sonnenkleides jedenfalls schnell in der Färberei der Haupt- 
stadt bestellt, und da es endlich gestern herausgekommen ist^ 
hat sie schon seit heute Morgen daran genäht.^ 

Waki-ki, welches sonst nirgends vorkommt, scheint ein 
von waku ,theilen' abgeleitetes Adjectivum zu sein und die 
Bedeutung ,be8onders' zu haben. 

Sugi'si fi aja-uki koto-ni odzi \ aoto-ni-wa katsu ^ |§ 
(fU'to) ide-mo sezu \ ide-si-mo jarane-ba ito ^ ^ (da-tej-naru i 
odori-jukata-wa ^ (jo^nasi-to \ omo mono-kara ^ |^ (ki-utsu)- 
to jaran \ SL ^£ (u8sed)-to jaran-ni najamu sama | miru me 
koto-nb jasu'karane-ba \ kokoro-wo |fe|* (i)-suru tarne bakari \ 
nad-no mani-mani makase-nure-do \ koto-ni ßto-datsi-no odori-tio 
iMj (ba) I ito-mo ajabumi-fanberu. 

,Vor der Gefahr der vergangenen Tage zitternd, geht sie 
einstweilen nicht unversehens aus, und wenn sie nicht ausgeht, 
ist das sehr aufgezierte Tanzkleid für sie von keinem Gebrauche. 
Weil sie dieses denkt, ist es nicht ununterschieden leicht anzu- 
sehen, wie sie in ihrer Schwermuth, in ihrer Anlage zur Schwer- 
muth gequält ist. Ich habe es zwar ihrem Belieben überlassen, 
zu thun, was zu ihrer Ausheiterung dient, doch ist besonders 
der Schauplatz des Tanzes einer Menschenschaar sehr gefährlich,' 

To I ijervrni i-siike utsi-xvarai \ sono onwi-fakari-ioa kotowari 
nare-do I so-wa tokoro-ni-mo joru-be-kere, -^ ^ (Tai-sui) "^ ^ 
(sb-zij-mo mi-sonaivan \ ^ ^ (fi-zih) ^ ^ (kei-goj'no ^ j^ 
(sio'si) O'Oku I J^ mj^ (ba'Sio)'no Hj >^ (stü tsu-jnkuj-nasem 
mono'kara \ kart-some-no arasoi-mo arii-be-karazu, Onore-mo kanete 
80110 kazu nare-ba ' jo-so-nagara-mo J^^ -^ (sokvrdzioj-too ^dj^ ^£ 
(8iü'go)'8en \ usiro-joau-ku omoi-tamaje, 

I-suke lachte und sagte: Diese Erwägung ist zwar ver- 
nünftig, doch man soll auf den Ort Rücksicht nehmen. Da der 
Statthalter und dessen junger Sohn zusehen, die gegen unge- 



Dm Haas eines Stettbaltera Ton Fftri-na. 297 

wohnliche Ereignisse gerüsteten Kriegsmänner in Menge auf 
dem Schauplatze zum Dienste ausrücken, so kann auch nicht 
der geringfügigste Streit vorkommen. Da auch ich früher zu 
der Zahl gehöre, so werde ich, obgleich ich ihr fern stehe, 
eure Tochter bewachen. Seid in eurem Herzen ruhig! 

Sei-getsU'Wa ]BF ^ (sb-zi) i-suke-ga \ ima-ni fazimenu 
J? Iw (kh'zih)-wo I o-sen-ni tsugen-to maneku ko-e-ni \ fai-to 
irajete ßhjb-ni \ fito-me-wo fukaku sinobu gusa \ mitd-no ku-gami- 
ni moto-faru-ga \ fumuno j^ A, (fen-ziywo kaki-otoari-te \ 
futokoro-ni kakusi maro-te-site \ ima nui-tate-taru odori-jnkata- 
wo I iso^o-to Site motsi-ide-tsutsu \ moto-farurgimi-no hse^goto \ 
more-kiki ito-mo ari-gatasi. Sono uje i-suke-gimi-no mcLsi-masa- 
ha I ito-do kokoro-tcmka nari. Nani-to-zo ko-tosi odori-no ^Ü^ 
Qo) I sibasi itoma-wo tdbi-tamaje, I-suke-gimi köre mi-tamai 
tsi'toae-no ;^ (matauj-ni ^& JÖ (fudzi-vandyno \ kaJcaru mo- 
jh-wo me-sirusi'to site \ nani-goto-ni-mare negi-ma-irasu-to, 

Sei'getsu, in der Absicht, 0-sen das nicht jetzt beginnende 
grosse Wohlwollen des jungen Sohnes und I-suke's zu verkünden, 
winkte ihr. Dieselbe, mit Ja antwortend, hatte endlich, vor den 
Äugen der Menschen tief verborgen, auf Papier des Reiches Mutsu 
die Antwort auf den Brief Moto-faru's zu Ende geschrieben 
und versteckte sie in dem Busen. Mit beiden Händen das 
Tanzkleid, welches sie jetzt genäht hatte, in Eile erfassend, 
trat sie hervor und sagte: Ich habe das, was Herr Moto-faru 
befiehlt, herüber gehört) und es ist mir sehr schätzbar. Wenn 
Herr I-suke dabei ist, bii^- ich sehr beruhigt. Gewähret mir für 
die Nacht des diesjährigen Tanzes eine Weile Freiheit. Der 
Herr I-suke sieht dieses: Auf tausendjährigen Fichten Wellen 
der Färberröthe. Ein solches Blumenmuster mache ich zum 
Kennzeichen. Was es auch sei, ich bitte darum. 

Kokoro-wo kome-si kotoba-no nazo \ i-mke-wa kokoro-ni una- 
dzuki'te kokorO'jasU'kare ^ Q (jo-mej-nagara \ kono ^ ^ 
(da-te) mo-jb'WO me-ate-nite J^ j^ (ba-sioj-no ^ ^ (bin-gi)- 
wo fakarawan. Sei-getsu-ni-wa sore-to si-mo \ kokoro-dzukane- 
ba o-sen-wo ^j^ (seij-n \ ika-ni kokoro-joku no-tamb-to-mo \ i-suke^ 
gimi-wa tono-no go- ^ O'ö) | on-mi-no se-wa-wa negai-gatasi. 

Diesem Räthsel der Worte, in welches sie einen Sinn 
legte, stimmte I-suke innerlich zu und mochte unbesorgt sein. 



298 Pfiim»i«r. 

Selbst in der Nacht dieses BIumenmuBter des Putzes zum Ziele 
machend, wollte er die Gelegenheit des Schauplatzes ermessen. 
Die Nonne Sei-getsu bedachte nicht, dass es so sei. Sie wehrte 
0-sen indem sie sagte: Ob er auch irgendwie wohlgelaunt 
spricht, Herr I-suke handelt fiir den Gebieter. Hinsichtlich 
deiner Dazwischenkunft kannst du unmöglich bitten. 

Kono toki ban-to \ tm-ku-ro ^ ^Sk (no-renj-no finia-jori 
tsn-to idete \ hse sika-nari-sika-nari-keri. '^A (Ztb)-no mori-ni-tca 
kono ban-to \ teo-kn-rh koso H^ Jffi (sh-wh) nari, To-kaku M| 
Czib)-zama-wa soregad-wo \ >#C f^ (de'ku)'no gotoku-ni omoi-si- 
tamaje-do \ ware-mo mata ofoko nari, Tare-ni-mo are jubi-de-mo 
sasa-ba \ ^ ^ ^ (san-go-niuyno ai-te nani-ka osoren. 

Um diese Zeit trat der Hauptbedienstete Teo-ku-rö plötzlich 
aus dem Vorhange hervor und sagte : Das Wort war recht, es 
war recht. Zur Beschützung des Fräuleins ist dieser Haupt- 
bedienstete Te6-ku-r{) geeignet. Jedenfalls achtet mich das 
Fräulein einer Holzpuppe gleich, doch auch ich bin ein Mann. 
Wer es auch sei, wenn man mit dem Finger zeigt, drei bis 
fiinf Gegner, wie sollte ich sie ftirchten? 

De-ku wird in den westlichen Reichen für de^kurabb 
,Holzpuppe' gesagt. 

I-snke ^ ^S (kuaii'Ziyto utn-warai-te \ sn-koso ari-nan 
sn-koHo aru'besi, Nanigrisi 4q ^J (sen-koku) kitari-si toki 
^ ^ (ko'küJ'WO tsukami tatami-ivo utn \ ßfori JS^ "db (gei-ko)- 
110 -^ ^^^ [8iilL-ren)-no fodo \ jaja appare-no fntaraki-to \ warajc- 
ba sei-getsu ojobi o-sen \ kosi-moto midzusi-me niade \ fuki-dasi- 
dasi I .Ä P ^ Ä (i-ku'dO'OnJ'in dotto waraje-ba \ teo-ku-rb 
sasu-ga ja jjf (man-menj-ni (Me-wo nas^i \ sono ^ (za)-ni 
tamarazti nige-ide-tari. 

I-suke lachte herzlich und sagte: So wird es sein, so 
kann es sein! Als ich vorhin kam, erfasstest du den leeren 
Raum, schlugst die Flurmatte. Es war ein Maass von Geschick- 
lichkeit, wobei du dich allein übtest, eine ziemlich erstaunliche 
Thätigkeit. — Sei-getsu und 0-sen, die Aufwärterinnen, selbst die 
Ktichenmägde platzten mit verschiedenem Munde und gleichem 
Tone in ein Gelächter heraus. Teo-ku-rö hatte in der That 
das ganze Gesicht voll Schweiss. Er verweilte nicht in dem 
Saale und floh nach aussen. 



Du H»us eines StattbalterB ron Fari-m». 299 

O-sen-wa warai-dojameku ßma-ni \ i-suke-ni ^ ^ (/^*" 
zi)'U>o fisokorni watase-ba \ i-suke tokit tori tamoto-ni si | kure- 
gure sotio ^^ (jo)'WO j^ (jakuj-si-isutsu | geni joki jukata-no 
mono-zuki'to \ i-suke-wa kajesi-vii utsi-kajesi-mite \ kokoro-ni 
tmadzuki ßto-bito-ni itoma-wo tsugete tatsi-kajeru. 

0-sen übergab während des lauten Lachens I-suLe heim- 
lich die Antwort. I-suke nahm sie schnell und verbarg sie in 
dem Aermel. Immer wieder für jene Nacht das Versprechen 
gebend, sagte er: In Wahrheit, ein guter Geschmack für ein 
Sommerkleid! — Die Blicke wechselnd, ausdrucksvoll die Blicke 
wechselnd, stimmte er innerlich zu, sagte den Menschen Lebe- 
wohl und kehrte nach Hause zurück. 



Sdte-^tio fumi-dzuki ziü-roku-nitsi \ ^£ 'Wj (ka-reij-no odori 
aru-besi tote \ (yte-no ^ "K (zed-ka) ^^ ^ (tO'Zai)-ni jarai-wo 
musubi I t^ -^ (tsitl'iühj-ni -^ ^ (tai-siü) ojobi ^ "^ 
(sb'Zi)'no sa-ziki-wo kamaje \ sono foka ^ ^ J^ (sio-ka-BiJ-no 
mono-mi-ba-wo sitsurai \ ^ "jk (aa-jü^no noki-ni-wa kurenai 
aki-no W ^ (sö-kua)-no e-gakl-si :Ö^ j|^ (teo-idn) \ kira-fosi-no 
gotoku kake-tsurane I ^ ^ @ (sio'kei'go)'jio asi-garu f^ ^ 
(ß-ztb)-wo imasinie | tai-sik san-ziki-ni ide-tavib riiade ^^ ^ 
(t6'Zat)-no ki-do-wo katame ]|^ ^ (zb-kaku)-wo ire-simezu. 

Am sechzehnten Tage des siebenten Monats sollte der 
übliche Festtanz stattfinden. Man knüpfte zu diesem Behufe 
im Osten und Westen der an der Vorderseite der Feste be- 
findlichen Stadt Pfahlwerk, baute in der Mitte den Altan des 
Statthalters und des jungen Sohnes, errichtete ausserdem für 
die Kriegsmänner der Häuser Schaubühnen, hängte an den 
Vordächern rechts und links Laternen, auf welche scharlach- 
rothe Pflanzen und Blumen des Herbstes gemalt waren, gleich 
funkelnden Sternen in Reihen. Die ausgerüsteten Kriegsleute 
zu Fusse wehrten ungewöhnlichen Ereignissen, besetzten bis 
zu dem Heraustreten des Statthalters auf den Altan das öst- 
liche und westliche Festungsthor und Hessen die lärmenden 
Gäste nicht herein. 

Sono toki-ni ifari-te "Jj^ ^ (tai-koj-no ai-dzu-ni ki-do-wo 
ßrakan-to kamaje- tarL Sare-ba ^ H (td-gokii)-no yj^ ^ 
(rb-niakuj'wa moto-jori \ ^ H (kin-goku) ^ ^ (rin-gdyno 



300 Pfiim»i«r. 

Ä; ^ (ki'S^n) Jl ^ (nan-nio) | :^ ^ (kija-sia) ^ j^ 
(fü-riü) ^ ^^ (zen'bi)'tco tsukttsi | mada kiwe-jaranu koro- 
jori-mo \ ija-ga uje-ni ^ ^ C^un-^anJ-na^u. 

Als die Stunde kam, war man im BegrifFe, auf das Zeichen 
der Trommel das Festungsthor zu öffnen. Indessen trafen nebst 
den Alten und Jungen dieses Reiches, Männer und Weiber 
vornehmen und geringen Standes aus den nahen Reichen und 
benachbarten Bezirken, Artigkeit, Zierlichkeit und Schönheit 
erschöpfend, noch vor Sonnenuntergang über und über in 
Schaaren ein. 

Kore-ga tame-ni odori-ba-no "^ ^ (sen'goJ-ni'Wa \ mise- 
wo ßraki-te Ö^ J\^ (seo-giJ'WO tsurane \ ^^ (tHa)'Wo niru ari 
sake uru ari. An- hat josi-to jobe-ba ßto-jo-zake-to scJcebi 
$ H "T" ß^^d<^^^'9o) '^iese-to ije-ba ^ S^ ^ (jvrdo-fu) 
ika-ni'fo akinb \ sono nigiwai o-o-kata-narazu. 

In Betracht dessen eröffnete man vor und hinter dem 
Tanzplatze Buden und stellte Bänke in Reihen. Einige kochten 
Theo, Andere verkauften Wein. Rief man : Der Geschmack ist 
gut! so schrie man: Einnächtiger Wein! Sagte man: Esset Klösse 
an Speilern! so handelte man, indem man sagte: Eingelegte 
Bohnen mit Brühe! — Die Geschäftigkeit war keine geringe. 

Kakaru i^ ^ (gnn-aanyno sono naka-ni fito-kiwa me- 
datsii» — ' ^ (ittai)'no wonna | köre sunawatsi J||J ^ (betsu- 
zin) narade \ taru-i o-sen-ga i ^fjj^ (siü-ziü^nite \ sugata-wa 
t»une-no furi-sode-mo | '^ ^ (kijasiaj-wo takumi-no Jg^ ^ 
(fö'Si) ^ ^ (jd'biy I kosi^moto pg H (red'san) ^ ^ 
(zen-go)'WO kakoi i ko-mono-ga motsi-si fiikn-sa-dzutsumi-wa \ köre 
kano odon-jukata naru-besi. 

Unter den so eintreffenden Schaaren war eine Gruppe 
Frauen ganz besonders auffällig. Dieselben waren keine anderen 
als Taru-I, O-sen und ihre Dienerinnen. Was das Aeussere der 
Ersteren betrifft, so waren der gewöhnliche zitternde Aermel, 
die mit Artigkeit verbundene künstliche Miene und die Züge. 
Zwei oder drei Aufwärterinnen umgaben sie vorn und rückwärts. 
Ein Bündel Seidenflor, welches ein kleiner Knabe hielt, konnte 
das Tanzkleid sein. 

Siri-je-ni ban-td teo-ku-rb | ^ (sijüj-no ki-reo-wo waga 
mono-gawo-ni \ kataico ikarasi f^ d^ (gun-zUlJ-wo UHike-timtsu \ 



Das Haus eiaes StAtthalters Ton Fari-ma. 301 

Uharu ^ J^ (sa-tenym tsu-to iri-te | imada H^ ^J (zi-koku)- 
ni ma-mo are-ha \ koko-nite ^tic J^ (ki^-soku) rKm-tamaje-to \ 
atari-too mire-ba o-oku-no maro-uto-ni \ja8urh Ö^ J\^ (^^o^)- 
mo arazare-ba \ teo-ku-rh-wa aruzi-ni bakari \ jb-jb — — ^ 
(ikkiaku)-no j^ J\j^ (sib-gij-wo kaki-ide \ ^ :^ (siü-sdü) kore- 
ni kosi'%00 kakare-do \ kosi-moto-rcL-wa kokoro uwa-no sora \ kure- 
fatezaru'WO uramu-meri. O-sen-mo onazi-omoi-nagara \ odori-no 
cd'dzu-wa ^^ *S| (b-8e)-no naka-datsi faja-mo »irase-wo maUi" 
gawo nari. 

Hinter ihnen zuckte der Hauptbedienstete Teö-ku-r6, mit 
einem Gesichte, als ob die schön aussehende Vorgesetzte sein 
Eigen wäre, die Achseln. Die angesammelten Schaaren zer- 
theilend, trat er plötzlich in eine Theebude und rief: Da es 
noch Zeit ist, so ruhet hier aus! — Als er hinblickte, 
waren für die vielen Gäste keine Ruhebänke. Te8-ku-rö zog 
für die Gebieterin endlich eine Bank hervor. Die Gebieterin 
und deren Dienerinnen setzten sich zwar auf dieselbe, doch die 
Mägde waren zerstreut, und es schien sie zu verdriessen, dass 
es nicht ganz finster geworden. Auch 0-sen hatte gleiche 
Gedanken. Das Zeichen zum Tanze war der Vermittler der 
begegnenden Stromschnelle, und ihre Züge drückten die Er- 
wartung aus, dass man es schnell kundgebe. 

Wori'kara kore-mo ZIL ^ (ni-kuj-no faru mada koje-gate- 
no ßtori-no musume | fawa-to obosi-ki mu-so-zuno 8na \ kata-te- 
ni fu-ro'siki tsutsumuwo motsi \ onazu Ä (tsiaj-mise-ni tatsi-ire- 
do I kata-no gotoku-no ^^ ^S, (gun'kiaku)-ni \ jasurb tokoro-mo 
arazare-ba \ ika-ga-wa sen-to tatazumu-wo \ o-sen-tva köre- wo 
mi'kane-tgutsu \ ito semaku-to-mö itoi-naku-ba \ koko-ni jasuma^e- 
tamaje tote \ loaga mi sukosi kata-je-je jore-ba \ ona-wa koto-ni 
jorokobi-te \ o-tosi-wakaki-ni jasasi-ki wo-kotoba \ wa-nami-xoa to 
are kore-no mv^ume \ fisoM-ku jami-si notsi nare-ba \ sibaraku 
kata-je-wo kan-te tabe-to \ musume-wo-Tno ikowasete \ onore-mo 
kata-kosi utsi-kake-tsutsu \ kono won-tsut^umi-wa jukata naran \ 
wa-nami-ga motsi- si-mo jukata nare-ba \ name-ge nare-domo 
kaJcn sen-to. 

Um diese Zeit traten auch ein Mädchen, welches zweimal 
neun Frühlinge nicht überschritten haben konnte, und eine 
sechzigjährige alte Frau, welche die Mutter zu sein schien und 



802 Pflsmftier. 

in einer Hand ein Tuchbündel hielt, in die nämliche Thee- 
bude. Da jedoch für die gewöhnlichen Gäste kein Ruheplatz 
war, blieben sie, nicht wissend, was sie thun sollten, stehen. 
0-sen, welche dieses nicht sehen konnte, sagte : Der Raum ist 
wohl sehr eng, doch wenn es euch nicht zuwider ist, so ruhet 
hier aus. — Hiermit rückte sie ein wenig auf die Seite. Die 
alte Frau, besonders erfreut, sagte: Bei eurer Jugend ein 
liebenswürdiges Wort! Bei mir habe es sein Bewenden. Dieses 
Mädchen hier ist lange Zeit krank gewesen. Möget ihr eine 
Weile sie an eure Seite lassen. — Indem sie das Mädchen 
ausruhen liess und sich selbst zur Hälfte niedersetzte, sagte 
sie: Dieses Bündel wird das Sommerkleid sein. Da auch ich 
ein Sonnenkleid mitgebracht habe, so werde ich, obgleich es 
unartig ist, es so machen. 

O-sen-ga tsutsumi-to kasane-oki \ säte itsu-ni kawaranu nigi 
kana. Wa-nami-mo mu-so-zt-no jowai-wa ki-fure-do \ ima-mo 
odon-fca omo-sirosi. Sare-do acuu-ga-ni tori-ni fctdzi-te \ kono 
futa-tose-mari mizari-fd-ga \ kore-no musume saJci-tsv. tosi-jori \ 
nant-wa-no kata-ni mya-dzukaje-se-ai-ga \ sugi-ni-si koro-jori 
najami ari-te | ije^-ni kajeri-te -^j^ ^ (fo-jbj-fuisi \ jh-jaktt-ni 
najami-mo lookotain-si-ga \ ßsasi-bwi-ni odori-wo mi-t^ui-to | lü-ga 
mani-mani-ni ^ (nta-dzi^wa sttki \ wakaki toki-ni-wa waga 
mure-no \ — • (itn)'to jobare-si odori-no J^ -^ (ziö-dzu) \ atcare 
ko-joi'Wa te-wo furite \ mtikctsi-no -^ jjjj^ (diHrrenywo J^ (siü)- 
ni simesan. Ko-wa mala ai-dzu-no ososa-wa. 

Hiermit legte sie es über das Bündel 0-sen*8 und sagte: 
O eine niemals veränderte Lebhaftigkeit ! Ich habe das sechzigste 
Lebensjahr überschritten, doch noch jetzt ist der Tanz angenehm. 
Indessen schäme ich mich doch meiner Jahre und habe ihn 
durch diese zwei Jahre nicht gesehen. Dieses Mädchen hier 
verrichtete in früheren Jahren in Nami-wa den Dienst des 
Palastes. In einer verwichenen Zeit ward sie von einem Leiden 
befallen. Sie kehrte nach Hause zurück und pflegte sich. Ihr 
Leiden hat sich kaum gebessert. Indem ich schon lange Zeit 
sagte, dass ich den Tanz sehen wolle, findet sie daran Gefallen. 
In ihrer zarten Jugend war sie eine geschickte Tänzerin, 
welche in ihrer Schaar die Einzige genannt wurde. Ach heute 
Abend wird sie die Hände schwingen und ihre ehemalige 



Du Haut einet SUtthalttrt ron Ftfi-ma. 303 

Geschicklichkeit Allen darthun. Dieses ist auch eine Langsam- 
keit mit dem Zeichen. 

Towazu-gatari-mo oi-no kuse \ o-sen-wa joki-ni asiraje-do \ 
mimi-ni'Wa sara-ni iri-ai-no \ kane-no fibiki-ni ^^ ^j| (gun-zih) 
ijamcui \ ^ J& (ei-tobj-ei-wh wosi-b utsi-ni \ te-nugui-nite 
omote-wo tstitsumi-si futari-mi-tari-no \ saburai kono ^ (sa)- 
mise-wo sasi-nozoki \ seki-barai-site juki-mgure-ba \ teo-kv^rh-wa 
tsvrto tatte omote-no katn-ni tatsi-ide-tari. 

Ungefragt sprechen ist die Gewohnheit alter Leute. 0-sen 
behandelte sie zwar gut, doch in dem Ohre wiederhallte völlig 
der Ton der Qlocke des Sonnenuntergangs. Während die an- 
gesammelten Schaaren immer mehr unter Freudenrufen sich 
drängten, spähten zwei bis drei Kriegsmänner, welche das 
Angesicht mit Taschentüchern verhüllt hatten, nach dieser Thee- 
bude und gingen hustend vorüber. Te6-ku-rö erhob sich rasch 
und trat an der äusseren Seite hinaus. 

O-sen-toa kanete moto-faru-ni \ ^^ *^ (b'8e)-no 3j|J Äff 
(zia'ma)'7io ted-ku-rb-ga \ idzutsi-je-ka juki-si kono ßma-ni \ faja- 
mo ai-dzu-no are-kasi-to \ kokoro isogeru wori-kara-ni | jb^aku 
sonaje-ja totmioi-ken \ ai-dzu-no iai-ko-no kikojure-ba \ suwa-ja-to 
i'i'Uuisu ffijr ^C^ (su-senj-no ^^ d^ (gun-ziü) \ wäre saki^ni 

ißosi-ai tsuki-ai \ arasoi j^ B (ki-do^ni iran-to su. 

Während Teö-ku-r6, früher für die Zusammenkunft mit 
Moto-faru ein Hinderniss, irgend wohin gegangen war, hatte 
0-sen, wünschend, dass das Zeichen bereits gegeben werde, 
im Herzen Eile. In diesem Augenblicke — man mochte die 
Vorbereitungen endlich getroffen haben — hörte man die das 
Zeichen gebende Trommel. Mit dem Rufe Ah! wollte eine 
angesammelte Schaar von mehreren Tausenden, einer dem 
anderen voran, unter gegenseitigem Drängen, gegenseitigem 
Stossen, wetteifernd in das Festungsthor eintreten. 

O-sen-wa tobiAat^u uresi-aa-ni \ kokoro-bakari-wa fajare- 
domo I 8(i8u-ga ^j^ ^j| (gun-ziüj-no kastko-sa-ni \ ika^ga-wa aefi- 
io tatnerb tokoro-je ted-ku-rb-toa fasiri-kitari \ ima kanata-made 
i'Suke-no ki-mtm-te | ki-do-gutsi-wa koto-n^ abunasi \ figasi-no 
kutsi-je mawari'tamfije Ißsoka-naru iri-kutsi-ni a-nai-dts ' ^ bJ 
fsb'z{)'no sa-ziki-je ire-mbsan \ sare-do o-ozn-wa nari-gatasi. 
Kon-motx>-8ih'Wa ato-jori ki-mase \ wa-nuai fitori M| (zib^wo 'fi 



304 Pfiimaier. 

(gu)'9i I isogi ku^besi-to i-i-tari-si \ i-suke-ga kanata-ni matsi-te' 
ka aran \ fajaku'fajaku-to ira-daUure-ha \ o-sen-toa ^ BJ (sh- 
ziyno sa-ziki-to kiki \ on-mi-ra ato-jori ki-mase-to \ isami-jorokobi 
ted'ku-rb-ga | a-nat-ni tsurete fasiri-juku, 

0-sen, in ihrer auffliegenden Freude, war im Herzen 
schnell entschlossen, doch in ihrer Scheu vor den angesam- 
melten Schaaren wusste sie in der That nicht, was sie tbun 
solle und zögerte, als Teö-ku-r6 gelaufen kam und sagte : Jetzt 
ist bis dorthin I-suke gekommen und sagte: Das Festungs- 
thor ist besonders gefahrlich. Wendet euch zu dem östlichen 
Thore. Ich werde sie zu einem geheimen Eingang fuhren 
und in den Altan des jungen Sohnes treten lassen. Es 
dürfen jedoch nicht Mehrere sein. Die Aufwärterinnen mögen 
nachkommen. Ich werde allein das Fräulein begleiten und 
eilig kommen. — I-suke wird wohl dort warten. Schnell ! schnell ! 
— So sagte er ärgerlich. Als 0-sen von dem Altane des 
jungen Sohnes hörte, sagte sie : Kommet nach ! — Muthig und 
voll Freude lief sie unter der Führung Teö-ku-rö's fort. 

Ato-ni kos^i-moto-ra-wa kutsi-gtitsi-ni j msi-jori iran ßgasi- 
ka jukan-to \ sazameki-nagara fitori-no kosi-moto \ ko-wa fu-ro- 
siki-dzutsumi-no kawari-si-wa \ saki-no ona-ga tori-tsigafe-si-ga \ 
■^ "ft (sekkaku) to-ja kb fM (zibj-sama-no \ kokoro-wo tsukusi- 
tamai'taru jukata-wo \ sono mama sasi-okan-wa \ mina wart- 
ivare-ga otsi-do nari, Kano -^ -^ (bo-stj-dzure-mo foka-ni-wa 
arazi j fajaku nisi-gutsi-jori wake-iri-te \ tori-^nodosi-te o- jfi (zib)- 
ni mesasen \ sa-nam-sa-nari-to kosi-moto-ra \ utsi-tsure J^ fjff 
(ha-sio^ni faairi'jvki'taru 

Während die nachfolgenden Aufwärterinnen mit einander 
flüsterten und sich fragten, ob sie von Westen eintreten werden, 
oder ob sie nach Osten gehen werden, sagte eine Auf Wärterin : 
Das Tuchbündel hier ist verwechselt. Die alte Frau von vor- 
hin hat es aus Irrthiun mitgenommen. Das Sommerkleid, auf 
welches das Fräulein jedenfalls die grösste Sorgfalt verwendet 
hat, so zurücklassen, wäre von unserer Seite ein Vergehen, 
Jene Mutter und ihr Kind können sich nicht aussen befinden. 
Wir werden schnell durch den westlichen Eingang eintreten, 
es zurücknehmen und es dem Fräulein anziehen. So sei es, so 
sei es! — Die Aufwärterinnen liefen mit einander nach dem 
Platze fort. 



Du Hans eiae« Statthalten Toa Puri-ma. 305 

Jutaka-naru -^j^ (jo)'no sirvsi tote \ ^ ^^ (tsi-joj-no 
fazime-no fatsvrodori \ madzv^wa i^ (matauyzaka koje-tari-to \ 
^ "tft ("fni-joJ'WO JUJ (siukuj-se-si ßna-btisi-no \ ko-e ito ^ 
(aja)'ni utbre-ba \ ari-ja kori-ja-to ko-e soroje \ ot-mo wakaki- 
mo osi-nahete \ te furi kosi furi mi-wo aja-^aai \ takumi-naru 
ari "jf^ 'Jj^ -^ (fii-bib-si) ari \ ono-ga sama-zama odoreru-wa \ 
geni wosamareru o-o-mi- jti^ (jo)-wo \ tftutsi-kure-wo ntte jorokobu- 
ni koto-fiarazu \ ube-mo fatsu-aki-no ^ (mi)-mono nari-keri. 

Man sang in sehr kläglichem Tone die gemeine Weise, 
durch welche man das erhabene Zeitalter feierte: Des gedeih- 
lichen Zeitalters | Zeichen damit es sei, | des Anfangs der 
tausend Zeitalter | erster Tanz | zuerst die Bergtreppe der 
Fichten | er überschritt. — Mit dem einstimmigen Rufe: Es 
ist es! Dieses ist es! bewegten Alte und Junge insgesammt 
die Hände, bewegten die Hüften, stellten den Leib seltsam. 
Es gab deren, welche kunstreich waren, es gab deren, welche 
den Tact nicht hielten. Indem auf eigene Arten getanzt wurde, 
war es in der That nicht anders, als ob man über das ge- 
ordnete hohe Zeitalter, einen Erdkloss schlagend, sich freute. 
Es war fuglich eine Sehenswürdigkeit des Anfangs des Herbstes. 
Koko-ni sato-mi i-svke "j^ — • (tctka-katsuj-wa \ furu-ta 
ten-zen-ni kofoba 2^ (jaku)'»{ \ aka-fsuki-no A Bj^ (kd-faiywo 
iikegai-si-jovi sama-zama kokoro-ioo kunisime-si-ga \ fofe-mo W ^ 
(sb'Zi)-no moto-faru-ga \ Ä^ ^E (ai-dziakuyno 'j^ (nefii)-no tatsi- 
gafaki-too 3& (sas) si \ fu-bin-nagara-mo o-sen-wo SS (gaij-si ; 
viajoi-no tane-foo \ nozokan mono-to \ onazi-ku da-te-naru jukafa-wo 
4^ (tsiakuj-si I te'7mgui'mte ftdcaku omote-wo tsiitsumt \ odori- 
ko-ni magire tomo-ni fe-wo fuH \ knuaia-konaia^to sagwu-to ije- 
damo I 1^ -^ (susenj-no yji^ ^^ (rb-niakn)-m fedaterave ( katsii- 
te o-sen-ni ide-awazu, 

Sato-mi I-suke Taka-katsu, nachdem er Furu-ta, dem 
Vorgesetzten der Speisen, das Versprechen gegeben, und Er- 
hebung und Sturz des Hauses Aka-tsuki auf sich genommen, 
quälte sein Herz auf allerlei Weise. In Betracht, dass es 
jedenfalls unmöglich sei, die Liebesgedanken des jungen Sohnes 
Moto-faru abzuschneiden, wollte er, so leid es ihm auch that, 
O-sen morden, die Saat der Verirrung wegschaffen. Er zog 
daher ein eben so verziertes Sommerkleid an, verhüllte mit 
einem Taschentuche tief das Gesicht und bewegte, unter die 

Siteungiber. d. phil-hist. Ol. LXXXYII. Bd. I. Hfi. 20 



306 PfiBm»i«r. 

Tänzer gemengt^ mit diesen zugleich die Hände. Obgleich er 
hier und dort suchte, war er, durch mehrere Tausende alter 
und junger Leute getrennt, 0-sen nicht begegnet. 

I'Stike o-oi-ni kokoro-wo iratsi \ mosi kono toki-wo sugosi- 
na-ba | kasanete wori-wo u-be-karan-to \ nmco-mo aUi-kotsi saguni 
tokaro-ni \ o-sen-ga ^ ^ (ten-ziüj-ja koko^ni tsvki'ken \ — • ^ 
(iUai)'no wonna-tswe \ da-te-naru jvkaia tort-dori-no \ naka-ni 
mi'oboje-aru da-te-mo-jb \ omote-fca te-nugui ma-buka-ni kite 
sika-to swe-fo-wa mi-sadamene-do \ matsu^ni kakareru fudzi-nami 
ko80 I magb kata-naki o-sen nare-ba \ i-suke ikor-de^ka jü-jo-sU' 
beki I fu-bin-nagara-mo o-ije-no tame-to \ kutsi-ni ^ffi r^ (stb*me6) 
fasiri'kakari \ Ulka-jori-sama-ni nuki-utsu-m \ o-sen-ga kata-saki 
fi-wara-wo koke \ parari tH (8un)'to kim-sagure-ba \ atto tama- 
giru ko-e-to fitosi-ku \ db-to nokke-ni tbruru-wo | okosi-mo tatezu 
ßppusete I na-mu a-mi-da-butsu-to todome-wo sasu. 

I-suke war sehr ärgerlich und dachte sich, wenn er diese 
Zeit vergehen lasse, würde er nicht wieder eine Gelegenheit 
finden. Während er nochmals hier und dort suchte, zeigte sich 
— die von dem Himmel gewährte Langjährigkeit 0-sen's mochte 
hier geendet haben — bei einer Gruppe Frauen, unter den 
verschiedenen aufgezierten Sommerkleidern das als Zierath 
dienende Blumenmuster, das er sich vom Sehen gemerkt hatte. 
Ueber ihr Angesicht war ein Taschentuch tief gedeckt, und 
er sah nicht mit Bestimmtheit, ob sie es sei, doch die an 
Fichten hängenden Wellen der Färberröthe Hessen keinen Irr- 
thum zu, es war O-sen. Wie konnte I-suke unschlüssig sein? 
Obgleich es ihm leid that, sagte er mit dem Munde: Um des 
Hauses des Gebieters willen ! und lief hinzu. In dem Augen- 
blicke, als er sich näherte, das Schwert ziehend und schlagend, 
führte er über die Schulter und die Kippen O-sen's herab 
einen Hieb. Sie stürzte mit einem herzzerreissenden Schrei 
zu gleicher Zeit rücklings zu Boden. Ohne sie aufzurichten, 
zog er sie nieder und machte ihr mit den Worten: Namu 
Amida-Buddha ! den Garaus. 

A'fi kono ^ -^ (seo-dzio) \ mi-iii -^-^ S^ (itteti)'iw tsum 
naki-mo i ^ ^ (seki-enj-wo moto-faru-to musuhi-si'-jori i ^ ^ 
(faku-zinj-no sita-ni ^ (metj-ico tsidzimu | köre j^ St (sitSJcu- 
g6)'t0'Wa i-i-nagara \ fu-hin-to iü-mo amari ari. Sare-ba katawara- 
no ß^ -^ (nan-nio) — • ^ (fito-me) miru-jori \ suwa ßto-gorwi- 



Daa Haas eines Stottbalters Ton Pari-raa. 307 

to iü fodo-nt I ||j|r j^ (su'sen)'no ^ ^ (gim-san) uro-taje- 
sawaffi \ atcJca-mo kanaje-no waku-ga gotoku \ uje-wo sita-to 
Ä flL (^ö'*-''«w)-*w. UtsutO'ni ^ ^ (keigo)'no tomo-gaTa- 
no I kore-wo sidzumen-ni tajoH-naku \ bd-zen-to die i-tari-ai-ga. 

Ach dieses junge Mädchen, das nicht mit einem Punkte 
Schuld beladen, seit es das rothe Verhäitniss mit Moto-faru 
geknüpft, schrumpft unter der weissen Klinge ihr Lebensloos 
zusammen ! Nennt man dabei auch die Beschäftigung des 
früheren Lebens, es ist mehr als beklagcnswerth. Sobald die 
zur Seite befindlichen Männer und Weiber dieses mit einem 
Blicke gesehen, riefen sie : Ah, ein Mord ! — Die aus mehreren 
Tausenden bestehende Versammlung war bestürzt und auf- 
geregt. Es war gerade wie ein siedender Kessel, und man 
mengte das Obere mit dem Unteren. Die Wachen innen und 
aussen hatten kein Mittel, die Ruhe herzustellen und waren 
vor Staunen ausser sich. 

Kono tokl i'suke -j^ Ä (dni-on) age \ }S j3t (rh-zekt)- 
mono koso sato-mi i-fnüce-ga karame-tari. Mina-mina odm^oku koto 
na-kare, Sare-do ^^ ^ (tat-sanj-wa ono-ga mani-mani \ kokoro- 
ioo sidzume 'ß ^ (ke-gayaurn-na-to \ jobawaru ko-e-ni ^ |Sj 
(ge%'ko)-no ^ J^ (sto-si) \ ze-fi-wa sirane-do i-suke-ga ko^e-ni \ 
karame-fottaru-to kiku-jari-mo \ kono omomvki-wo S ^ f.^w"- 
sanj-ni tsutaje \ sawagu-mazito-zo ^ (seij-sure-bn \ sukoni-wa 
kore-^i sidzumai^-to ije-do \ mina ware-saki-ni kono J^ (ba)-wo 
saran-to su, 

I-suke erhob jetzt die Stimme und rief: Der Gewalt- 
mensch Sato-mi I-suke ist gebunden. Qerathet nicht in Schrecken! 
Indessen steht es Jedem frei, sich zurückzuziehen. Beruhigt euch 
und machet keinen Schaden! — Bei diesem Rufe wussten die 
wachehaltenden Kriegsmänner zwar nicht, was an der Sache 
Wahres oder Falsches sei, doch sobald sie aus dem Rufe 
I-suke's vernahmen, dass er gebunden sei, meldeten sie diesen 
Umstand den Versammelten. Sie sagten, dass sie nicht be- 
unruhigt zu sein brauchen, und wiesen sie zurecht. Obgleich 
hierdurch ein wenig Ruhe eintrat, schickten sich Alle im Wett- 
eifer an, den Platz zu verlassen. 

I-anke-mo fisoka-ni ki-do-wo kugtiriide \ ^ "^ (ziö-ka) 
fadzure-no ^ |g (kub-gm)'ni itari \ ktisa-mura-ni ^ (za)-wo 

20* 



308 Pfismftier. 

simete \ fu-tokoro-gami-wo tori-idasi \ ja-tate-no sumuni kuro- 
guro'to I ^ ^ (kwi'kaj-no tame-ni o-sen-wo ä^ (yaij-si , 
^ ^ (sb'zi)-no ^ ;|^ (bib'kon)-wo tatsi-taru amomuki j matta 
^ -^ (tai'Hiü) J^ ^ (zib-ranj-no j& mr (ba-sioj-wo satoagasi 
taumi-naki wonna-ico äS (gaijse-n tsumi \ tadatsi-ni seppuku- 
tsukamatsuru'to \ kotoba-mizikaku »itatarne \ obi-tam katana-no 
sage-o-nl jui-tsuke \ kono-uje-wa ^ä ^ (i-nefij-nasi j sa-koso 
o^sen-no ware-wo uramin \ kono i-i-wake-wa jorni-dzi-ni nasan-to 
saai'Zoje saka-de-ni tari-nawosi \ sude-ni fidari-ni tstiki-taten-to m, 

I-suke schlüpfte heimlich durch das Festungsthor und ge- 
langte zu der an dem Ende der Stadt gelegenen weiten Ebene. 
In dem Grase sich einen Sitz bereitend^ nahm er Busenpapier 
heraus und schrieb mit der Tinte des Tintenhorns ganz schwarz 
mit kurzen Worten nieder, dass er um des Gebieterhauses 
willen 0-sen gemordet und die Wurzel der Krankheit des 
jungen Sohnes abgeschnitten habe. Für das Verbrechen, dass 
er noch den Schauplatz, auf welchen der Statthalter blickte, 
in Verwirrung gebracht, ein schuldloses Weib gemordet, schneide 
er sich geradezu den Bauch auf. Er band die Schrift an die 
Schnur des Griffes des umgürteten Schwertes. Dabei war 
sein letzter Gedanke : So sehr wird O-sen mich hassen. Die 
Erklärung werde ich in der Unterwelt geben. — Hiermit drehte 
er das kleine Schwert um und wollte es sich bereits in die 
linke Seite stossen. 

Wori-kara ^ä ^ (rib-sanj-no waka-vdo-ra kowa-ddka-ni 
katarai \ säte mugo-taru-siku kiri-si mono kana, Ai-te-toa sirane- 
do kiraresi wonna-wa \ jJJ^ j/^ ^ (ko-tm-do^ga mura-no kano 
odori'Zitki \ I^ ^L ^ (zin-go-zaj-ga baba-no musume nari. 
Kano musume 'Zo mi-tose maje \ nani'Wa'WataH'no jasiki-to 
jara-ni \ fo-ko nase-si-ni kmio faru-jori \ ^B ^ (bib-ki) nari 
tote kajeri-isi-ga \ sadamete baba-ga suki-no odori \ musume-wo 
tsurete jvki-si mono-ka. Kakaru ^ ^ Cfi'-goJ'ni ^ (d)'Su 
nara-ba \ toku-mo jamai-ni slnuru kata \ ika-bakari-ka-wa masaru- 
be»i, Sa-ni arazu-ja-io fokori-ka-ni jo-so-no aware-mo sira-nami- 
no I ko-e-taka-daka-to fanasi-mote juku-wo. 

In diesem Augenblicke führten zwei bis drei junge Männer 
mit lauter Stimme ein Gespräch, indem sie sagten: erbar- 
mungslos niedergehauen! Der Gegner ist unbekannt, jedoch 



Dm Haas einet Statthjüten von Fari-ma. 309 

das Weib, welches niedergehauen wurde, ist die Tochter jener 
Tanzfreundin, der alten Frau Zin-go-za aus dem hierher ge- 
hörenden Dorfe. Jenes Mädchen hat vor drei Jahren auf einem 
Grunde an der Durchfahrt von Nani-wa gedient und ist in 
diesem Frühlinge wegen Krankheit nach Hause zurückgekehrt. 
Wahrscheinlich ist die alte Frau zu dem Tanze, welchen sie 
liebt, in Begleitung der Tochter hingegangen. Wenn man in 
einer solchen Schuldlosigkeit stirbt, um wie viel würde es da 
besser sein, schnell an der Krankheit sterben ! Ist es nicht so? — 
Stolz, in fremdem Bedauern mit der lauten Stimme der weissen 
Welle sprechend, gingen sie weiter. 

I-9uke-wa kiku-jori ^& 4ff^ (gaku-zen)4o si \ masasi-ku ma- 
zinufi-no da-te-jukata \ matsu-in fuzi-nami kakarxi-beki \ fito- 
tagaje'to-wa ibukasi-to \ kokoro-madoi-te jaiba-wo sute \ akire-fafe- 
taru usiro-jori \ nd i-suke-nusi o-sen koso ju-e atte saki-ni koko- 
wo sari \ jodo-gawa-dzutsumi-wo kudari-tari. Fajaku ai-juki- 
famö-besi. jM \^ (Tri-tstJ-se-ba tde-b koto katasL Faja toku- 
foku'to isogase-ba i-avke-wa sute-taru jaiba-ioo wottori | sore-jatte- 
wa-to iü mama-ni \ suso fase-wori-te kakeri-juku. Kono i-suke-too 
isogasi'iaru-wa nan-mono-zo so-wa su-e-no maki-ni siraru-besi. 

Sobald I-suke dieses hörte, entsetzte er sich und sagte: 
Es war richtig das Sommerkleid mit den als Kennzeichen 
dienenden Verzierungen. An Fichten sollten Wellen der Färber- 
röthe hängen. Dass eine Verkennung stattfand, ist sonderbar. — 
Verwirrten Sinnes warf er die Klinge weg und war vor Staunen 
ausser sich, als hinter ihm eine Stimme rief; Herr I-suke! 
O-sen ist aus einer Ursache früher von hier weggegangen und 
den Damm des Flusses Jodo-gawa hinabgestiegen. Ihr könnet 
ihr schnell nachgehen. Wenn ihr euch verspätet, ist es schwer, 
ihr zu begegnen. Schnell, schnell! — Mit diesen Worten zur 
Eile angetrieben, erfasste I-suke die weggeworfene Klinge. Er 
sagte: Sie ist abgeglitten. — In demselben Augenblicke sprengte 
er, den Saum des Kleides im Laufe brechend, fort. Was für 
ein Mann es gewesen, der I-suke zur Eile antrieb, wird in 
dem letzten Capitel bekannt werden. 



Koko-ni |j^ ^ (kb'tari) ^ 3l ^ ßan-go-rbywa \ sugi- 
koro M^ ^ (ri-kiHyno *£ "^ (sia-zeiij-nite \ taru-i-ga te-dai- 



42d 



310 Pfiinaier 

teS-ku-rh-m tsikadzuki-fo nari \ o-sen-wo si-i-te motomen-to fakaru- 
ni I jodo-gawa-nite ^ ^S (bu-raiyni iderai-si koro-jori \ aka- 
tsuki" ^ (keJ'Tio ^ ^ (sb'zi) sai-zi-ro moto-faru-wo ; 
(ke-nenj'si ßsoka-ni ^ ^ (kai-rbywo tsikai-taru-wo hki 
f^ |fa (sin-tsiü) jaku-ga gotoku mala musu-ga gotoku \ ^ (wj-tio 
fone-woH-site taka-no ^ff ^ (e'Ziki)'to \ sekkakn tahakari-te sei- 
getsU'WO fiki-wake \ o-sen-wo J^ (sen-tsiUJ-ni oi-kome-si-wa \ wäre 
mi'dzukara te-biki-nasi \ sai-zi-ro-ni me-awase-ai-ni koto-narazn, 
Sono uje ^ fb (sui-tsiUyni waga famari-ai-wa \ kare-ni iwai- 
no midzu abuse-wo \ wäre mata kawari-si kokotsi-site \ ^l ^ 
(ren-boj-ni urami utsi-kasane \ onore sai-zi-rS-ni fana akaaen-to I 
teo-ku-rh'WO fita-aura tanome-ha \ moto-jori Ä 5|s|) (^-no rij-wo 
taunori-muaabo^'u, 

K6-tari Ban-go-r6 war in den vergangenen Tagen vor dem 
Altäre des getrennten Palastes mit Teo-ku-rö^ dem Haupt- 
bediensteten des Hauses Taru-I, bekannt geworden und überlegte, 
wie er 0-sen mit Gewalt erlangen könne. Seit der Zeit, wo 
er ihr auf nichtswürdige Weise an dem Flusse Jodo-gawa be- 
gegnet war, hörte er, dass sie an Sai-zi-rö Moto-faru, den 
jungen Sohn des Hauses Äka-tsuki, ihre Gedanken gehängt 
und heimlich den Schwur des gemeinschaftlichen Alterns gethan 
habe. Im Herzen war es ihm, als ob es brennte, es war auch 
als ob es dünstete. Er sagte sich: Indem ich, mit der An- 
strengung des Wasserraben, mit der Lockspeise des Falken 
mühevoll betrügend, Sei-getsu wegzog, 0-sen in das Schiflf trieb, 
ist es nicht anders, als ob ich selbst sie an der Hand geführt 
und an Sai-zi-r6 vermalt hätte. Indem ich überdiess in das 
Wasser tauchte, liess ich ihn das Wasser der Festlichkeit ver- 
giessen. Mit einem Gefühle, als ob ich ebenfalls verändert wäre, 
hat bei der Liebe der Hass sich verdoppelt. Ich werde Sai-zi-ro 
die Nase röthen. — Dabei vei-liess er sich gänzlich auf Teo-ku-rö, 
und dieser begehrte im Grunde mehr Ehre und Nutzen. 

Ted-ku-rb iro-iro moku-^'omi nasi \ |K| (nanj-naku odari- 
ba-ni I o-aen-wo fakari \ kanete jo-i-no kago-ni woai-komi \ tote- 
ni joko-ni foeo-nawa-mote kukuri \ fan^go-rö ^ :^ (aiü'ziü)'ni 
wataaure-ba | fi-nezumi-no kawa-wo je-ai kokotai-nite \ kago- 
^ JSi (n^'f^'^okuj-wo wottate-wottaie \ jodo-gawa-dzutaumi-ico 
ma- — » ^ ^ (itat-mO'Zi)'ni \ -j^ "Jj^^ (nagara)'Watar%-ni küari- 



Dfta Hmm eines Statthalters von Fari-m». 31 1 

taru-ni \ oi-kurtt mono-mo arazare-ba \ sukosi kokoro-wo jcuun-zi- 
UuUfu I fiio-iki foito tsugi-taru-ni \ teo-ku-rh-wa kanete-no moku- 
romi I siü^bi joku J^ ]j^ (zib'ziü)-8e'Si uje-wa \ ikkado-no fo- 
hi'wo musaboran-io | kago-ni »iri-je-ni fase-kitari \ onazi-ku iki- 
wo tsugi'tsutsu'fno \ migi-te-ni ase-wo on-nugui Ifidari-de-ni hgi- 
no jabururu made \ utsi-bgi-tsutsu sa-koso kata-kata \ o-o-kata- 
narann ^ fljjf (^n-ku) narame. Sare-do man-morto fakari-ose \ 
fan-go-rö-iiitsi-no jSfi Jß (man-zoku)-8i-tamawan. 

Te6-ku-rö machte allerhand Entwürfe. Er berückte O-sen 
ohne Mühe auf dem Tanzplatze, schob sie in eine bereit ge- 
haltene Sänfte, band diese in die Länge und Quere mit dünnen 
Stricken und brachte sie zu Fan-go-ro und dessen Gefährten. 
Ban-go-ro, mit einem Gefühle, als ob er das Fell einer Feuer- 
ratte erlangt hätte, die Tr^er der Sänfte immer weiter treibend 
und in gerader liinie an den Damm des Flusses Jodo-gawa 
sich haltend, gelangte zu der Durchfahrt von Nagara. Da keine 
Verfolger nachkamen, schöpfte er, im Herzen ein wenig be- 
ruhigt, einmal Athem. Teo-ku-rö, der den früher entworfenen 
Plan vom Anfang bis zu Ende gut ausgeführt hatte und den 
überdiess nach einer vorzüglichen Belohnung gelüsten mochte, 
kam hinter der Sänfte dahergelaufen. Zu gleicher Zeit Athem 
schöpfend und mit der rechten Hand sich den Schweiss trocknend, 
mit der linken Hand, bis der Fächer zerbrochen wurde, sich 
ffLchelnd, sagte er: So wird jedes Einzelne eine nicht unbe- 
trächtliche Mühe sein. Indessen möge man es vollkommen 
prüfen. Der Herr Ban-go-r6 wird zufrieden sein. 

Ban-go-ro-wa atari-xco mite i kaburl-si te-nugui sukosijurume \ 
on-mi-ga -^ J^Qj (8iü'dan)'ni arazare-ba | 66 -fj^ (o-teki) ika^de 
waga te-ni iran. Kono jorokobi-wa ^ (si)-to-mo wasurezi-to ! 
bffi-sasi'taru ono-ga hgi-wo \ isogawasi-ge-ni motsi-kajete | ted-ku- 
ro-wo hgi ^ (rd)'Wo ^dk (8ia)'se-ba \ ted-ku-rb sono te-wo todome \ 
sa-na j^ \^ (jü'jü)-taru toori narazii, Ima-ni-mo otte-no kakari- 
tara-ba \ §|| (red)-wo e-gaki-te me-wo irezaru-ga gotosi, Toku 
idzutai-ni-mare isogi-tamaje. 

Ban-go-r6, umherblickend; lockerte ein wenig das Taschen- 
tuch, mit welchem er sich bedeckt hatte, und sagte: Wenn 
deine Veranstaltung nicht gewesen wäre, wie könnte das ge- 
suchte Weib in meine Hände fallen? Die Freude darüber kann 



312 Pfismaier. 

ich auch im Tode nicht vergeflsen. — Dabei drehte er den 
eigenen Fächer, mit dem er sich zu fächeln aufhörte, eilig im 
Griffe um und fächelte Te6-ku-r6, ihm für die Mühe dankend. 
Teo-ku-rö hielt ihm die Hand zurück und sagte: Es ist nicht 
die Zeit, in der man so sorglos ist. Wenn jetzt die Verfolger 
herankommen, ist es, als ob man einen Drachen gemalt und 
die Augen nicht eingesetzt hätte. Schnell ! Eilet fort, wohin es 
auch seil 

Ban-go-ro utsi-una-dzyki \ sa-narisa-nari kago-no mono \ 
ima fitO'iki-wo isogu-besi. Ki-gane-no saka-te-wo ath-heki-zo \ 
fajaku'fajaku'to ge-dzi-nase-ba \ so-wa ari-gatasi-to kago kaki- 
age \ itsi-asi dasi-te fasiran-to su. 

Ban-go-ro sagte kopfnickend: So ist es, so ist es! Sänften- 
träger ! Ihr müsset jetzt in einem Athem eilen. Ich werde das 
Trinkgeld in gelbem Golde geben. Schnell, schnell! — Bei 
dieser Weisung erhoben die Träger mit den Worten: Dieses 
ist schätzbar! die Sänfte imd wollten mit leichten Schritten 
* enteilen. 

TeS-ku-rb odoroki saki-ni fusagaH \ madzu matsi-tamaje 
fan-go-rd-gimi \ sokka koso omd wonnorwo ete | ato-ni-wn nozomi 
na-karu-besi. Wa-nami-wa kartete JR ^ (kei-neriyse-si \ fana- 
wo mi'dzukara ta-wori-mo sede \ sokka-no te-ike-ni ncLse-d-xca 
nani'ju-e-zo \ ima-no fl^ ^jf (zi-setsuj-m kake-uri kofmvari \ fatoi 
go- ^ i& (kon-i) tsikadzuki-de-mo \ migi-to fidari-no 3E)J ^ 
(gen-kin) akinai. Sare-domo ware-wa umare-jete \ kokoro-jotvaku- 
te anagaUi-ni \ iwanu iro-naru jama-buki-no \ fana-no sugata-too 
mi-ma-fosi-to \ nikko-to warb j/jj^ |^ (dzi-zbj-gatvo. 

Teo-ku-ro, erschrocken, stellte sich vorn in den Weg und 
rief: Wartet vorerst! Herr Ban-go-ro! Ihr habt das Weib, das 
ihr wünschet, erlangt, und später wird kein Begehren sein. Dass 
ich die Blume, an welche ich die Gedanken gehängt hatte, 
ohne sie zu brechen, durch eure Hand lebendig erhalten Hess, 
aus welchem Grunde geschah dieses? In der gegenwärtigen 
Zeit verkauft man nicht auf Borg. Gesetzt auch, ihr seid ein 
freundlicher Bekannter, es ist rechts und links ein Handel 
gegen baares Geld. Indessen bin ich von Geburt schwach- 
herzig, ich möchte durchaus die Gestalt der Blüthen der Muss- 
pflanze von nicht sprechender Farbe sehen. — Dabei hatte er 
das lächelnde Gesicht der Erdkammer. 



Dm Hau eines Statthalters tod Fari-ma. 313 

Iwanuriro ,die nicht sprechende Farbe' ist die Farbe des 
gelben Jasmins (kutsi-nan) und wird so genannt, weil kutsi- 
nasi die Bedeutung ^mundlos' hat. Desswegen wird es auch 
von der gelben Farbe der Blüthen der Musspflanze (jama-huki), 
des Baldrians (womina-fesi) und anderer Pflanzen gesagt. 

Banrgg-rd-wa utsi-unadzuki \ sa-na iwaztl-to-mo kono kudaH- 
no I fone-toori fjfy Ä (ku-roj-wa aara-ni tvasurezi. Kuni-ni 
hijera-ba sute-okade \ tomi-ni tsi-gane-wo okuru-heaL Sono sirusi- 
ni'wa sugi-ni'si ß ije-ni tsutajerti iM^ |^ (fi-zhj-no sina-wo \ 
nandzi-ni adzuke-oki-taru koso \ kotoba-wo tagajenu sinisi nari- 
k&'e. Koko-nüe ki-gane-wo ataje-taku \ om6 mono-kara miru-ga 
gotoki , '^ pb (kuai-tsiü) aara-ni munasi-kere-ba , itsuwari aranu- 
wa mono-no fu-no tsune \ ika-de sora-goto lü-be-ken, Fukaku 
utagai-ajabumi-zo \ ga-ten-juki-si-ga utagai toke-si-ga \ sara-ba 
isoge-to. 

Ban-go-rö nickte mit dem Kopfe und sagte : So sage ich 
wohl nicht. Diese Qual und Mühe kann ich durchaus nicht 
vergessen. Wenn ich in das Reich zurückkehre, werde ich es 
nicht unterlassen und schnell tausend Kobang schicken. Als ein 
Zeichen 'dessen habe ich dir an einem verwichenen Tage einen 
in dem Hause vererbten, im Geheimen aufbewahrten Gegen- 
stand anvertraut. Es mag ein Zeichen sein, dass ich mein 
Wort nicht breche. Ich wollte dir hier gelbes Gold geben. 
Indem ich daran denke, ist, wie ich sehe, mein Busen ganz 
leer. Nicht lügen, ist Gewohnheit des Kriegers, wie könnte 
ich eine unbegründete Sache gesagt haben ? Der tiefe Argwohn 
wurde verstanden, der Zweifel wurde gelöst. Also eilet! 

Kaki-aguru \ kago-wo sika-to teo-ku-rh \ kotoba-mo kakezu 
fiki-todome \ kukuri-si nawa-wo tokan-to sit. Fan-go-ro-wa ^^ ^j^ 
(gdku'Zen)-to si | ijj^E ^ (ked-kiynase-si-ga teo-ku-ro \ sono nawa 
toka-ba tatsi-matsi-ni \ tonde ide-nan fina-no ko-tori \ mata toH- 
nt'gasan kokoro-ni-ja-to \ tagajeru fan-go-rb totte tsuki-noke \ sude- 
ni c-sen-wo fiki-idasan-to su, Fan-go-rb o-oi-ni ikari | kiki-wake- 
nctsi'to teo-ku-rb-ga \ jeri-gami totte fiki-tbsi \ suwa kono fimorto 
kaki'idasu. 

Die getragene Sänfte, ohne ein Wort zu sprechen, 
fest anhaltend, wollte Teo-ku-rö die Stricke, mit denen sie 
gebunden war, lösen. Ban-go-r6, vor Staunen ausser sich, 
dachte: Er ist wahnsinnig geworden. Wenn Teo-ku-ro die 



314 Pfitmaier. 

Stricke löst, wird das KtichleiD; der kleine Vogel plötzlich 
herausfliegen. Oder geschieht es in der Absicht, sie entfliehen 
zu lassen ? — Jener, den sich widersetzenden Ban-go-r6 fassend 
und wegstossend, schickte sich schon an, 0-sen herauszuziehen. 
Ban-go-r6, sehr zornig, ergrifi^ mit dem Worte: Unüberlegt! 
Teö-ku-rö bei dem Kragen und zog ihn zu Boden. Mit dem 
Rufe: Ach in dieser Zwischenzeit! trug man die Sänfte weg. 

Kago-ni teo-kii-rh-wa sigami-tsxild \ matoka-naru me^wo muld' 
idasi I -^ -^ (bu'siyni itsuwmn naki-zo-to-wa \ dono kutsi-wo 
mote ijei'u naran. Mtisiime-too "Mf M (siil-bi) ^S] (joku) wafasi- 
na-ha \ fone-icori-siro-wa nare-ga nozomi-ni \ atajen-to si-mo 
itcazarU'ja. Ki-gane-ico je-maku omö-kara \ Ä M^ (faku-ßbj-ico 
fnmu aja-nki waza-sife \ on-mi-no jfe Ä (fon-i)'WO toge-sase- 
si-ni I kiini-m kajeri-te notsi-iii-to-wa sa-mo naga-naga-aiki jama- 
doH-no I O'koto-ga kokoro-no mani^-mani-wa \ je-koso mata-mazi 
ima-to iü \ ma-wo dani ososi fM-gane momo-gane | sore dani ono- 
ga kokoro-ni tarazwha \ atara-siro-mono je-koso nritasazi. 

Teo-ku-rö hielt sich an der Sänfte fest, machte die runden 
Augen heraustreten und sagte : ,Das8 ein Krieger nicht lügt, 
mit welchem Munde wird dieses gesagt werden? Habt ihr nicht 
gesagt, dass, wenn ich das Mädchen ganz glücklich überbringe, 
ihr mir eine Vergütung für die Mühe nach meinem Wunsche 
geben werdet? Weil ich gelbes Gold zu erlangen wünschte, 
unternahm ich eine Sache, welche gefahrlich ist wie das Treten 
auf dünnes Eis, und Hess euch eure Absicht erreichen. Ihr 
saget: Wenn ich in das Reich zurückgekehrt sein werde. Ich 
kann nicht warten, bis ich es nach eurem Belieben, nach des 
ewigen Bergvogels Belieben erhalte. Selbst den gegenwärtigen 
Augenblick halte ich für spät. Tausend Kobang, hundert Kobang, 
wenn ich damit eben nicht befriedigt werde, kann ich die 
neue Waare nicht überbringen.' 

On-mi-ga kuni-ni kajeri-jvki-te \ ki^gane totonoje ki-iamo 
viade I siro-mono-wa onore adzukai^u. Kane^wa on-mi-no mono 
siro-mono-tva ko-tsi-no mono \ tare-ka watasanu-wo ^k (^J-'wn- 
to iü'beki. To-ni kaku miisume-wa ite koso kajere. Kakaru on- 
mi-ga J^ ^ (dztü-daij-mo \ ware-ni ^^ (jekiynaki kono ko- 
dzuka I sara-ba kajesu-to iü niama-ni j kata-je-ni fata-io utsi-sute- 
tsutsu I nawo-mata kago-wo ßrakan-to su. 



Dftfl Hau •ioM StotthAlten Ton rari-ma. 315 

^Bis ihr, in das Reich zurückgekehrt, gelbes Gold her- 
schaffet und kommet; bleibt die Waare mir anvertraut. Das 
Geld gehört euch, die Waare gcihört mir. Wer könnte sagen, 
es sei unrecht, dass ich sie nicht überbringe ? Jedenfalls werde 
ich mit dem Mädchen heimkehren. Eine solche von euch die 
Geschlechtsalter hindurch aufbewahrte Sache, den für mich 
nutzlosen kleinen Stiel, ich gebe ihn also zurück.' — Indem 
er dieses sagte, warf er den Gegenstand bei Seite und schickte 
sieb noch immer an, die Sänfte zu öffnen. 

Ban-go-rb nani omoi-ken omote-wo jawarage nare-ga kotoba 
toki-te Jl^ (ri) ari. Ware — • "« (fitO'koto)'no ^ ^ (tsin-zia)- 
mo nasi. Sara-ba inia sukosi jnki-te \ nani-wa-no kata-ni itari- 
na-ba \ ki-gane motomen josu-ga-mo ari, Tote-mo ^ ^ (ku-ro)- 
no isui-de-nite \ kano tokoro-mcuJe ajvmi'kure-jo. Teo-ku-rb-wa 
utsi-fowo-emi \ ki-gane dani mi-ni tsuku kofo nara-ba \ uayii-ica- 
tca oroka minn moro-kosi ^ 4A (ien-dzikn) ^ 5J|$ (d-naj-wo- 
mo fowo9i-to sezu. Sara-ba kago-no ^S (siil) isoge-iro-to. 

Ban-go-rö — er mochte etwas gedacht haben — nahm 
eine ruhige Miene an und sagte: Wenn ich deine Worte er- 
kläre, hast du Recht. Ich habe nicht ein einziges Wort zur 
Entschuldigung. Ich werde also jetzt ein wenig weiter gehen, 
und wenn ich zu der Seite von Nani-wa gelange, habe ich 
Mittel, gelbes Gold zu erlangen. Gehe jedenfalls, nach Maass- 
gabe der Mühe, bis zu jenem Orte mit. — Teo-ku-ro erwiederte 
lächelnd: Wenn es nur der Fall ist, dass mir gelbes Gold 
zusteht, so halte ich, von Nani-wa nicht zu reden, auch die un- 
gesehene westliche Erde, Indien und China, nicht für entfernt. 
Eilet also, Leute der Sänfte ! 

Toi'taru nawa-wo fiki-musubi koko-wo sime kasiko-wo ßke- 
clo I ju-dan-wo mi-sumasi nuki-uisi-ni \ teo-ku-rb-ga kata-saki 
— > t|" (san-sunj-bakari \ zu-ba-to kire-ba atto sakende tbre-sama \ 
fan-g(Hrb'ga asi-ni sigami-tsuki onore fone-wori-fdro-wo ubawan- 
to Jotoke-ni tsikaki teo-ku-rb-wo damasi utsi-to-wa ^ j^ (fi- 
keo) nari, Ja-jo kono watari-no fito-hito-jo \ ide-ai-tamaje fito- 
gorosi'fo I wameki-nagara-mo ban-go-rb-ni \ tsukami-kakaru-too 
si'jatsu ^ -^ (men-doj-to furi-fodoki-sama eguru fi-bara \ ^ 
(siHJ-wo uri-tani -J^ 'S (ten-batauj-no \ ika-de nogaren 
P3 ^ A ^ (W-/«<-/aÄ:Ä:/t) | ^ ^ (kO'kü)'WO tsukande Jj^ 
f8i)'St'tari'k€i'i, 



316 Pfixmaier. 

Hiermit band er den gelösten Strick zusammen und war, 
obgleich hier schnürend, dort ziehend, sorglos. Jener bemerkte 
dieses. Das Schwert ziehend und zuschlagend, hieb er die 
Schulter Teö-ku-rö's drei Zoll tief ein. Mit einem Schrei zu 
Boden fallend, hielt sich Te6-ku-r6 an dem Fusse Ban-goro'ß 
fest und rief: Um den Lohn für meine Mühe zu entreissen, 
den nahe an Buddha stehenden Teö-ku-r6 betrügen und tödten, 
ist das Ende. Leute, die ihr an dieser Durchfahrt seid, kommet 
herbei! Ein Mörder! — So schreiend, wollte er sich an Ban- 
ge -rö mit den Händen anhängen. Mit den Worten: Der 
Mensch ist lästig! schüttelte ihn dieser ab und hatte ihm in 
demselben Augenblicke die Seite der Rippen ausgehöhlt. Wie 
sollte der Himmelsstrafe dafür, dass man den Vorgesetzten 
verkauft hat, zu entkommen sein? In vierfacher, achtfacher 
Qual ergriff Te6-ku-rö den leeren Raum und starb. 

Zu-ha-to kiru ist so viel als zuppari-to kiru ,mit Heftigkeit 
durchhauend Es soll ein Wort der gewöhnlichen gesprochenen 
Sprache sein. 

Ban-go-rh-wa atari-wo mi-mawasi \ ^^ |K (kin-zo) ^ ^ 
(un-feij-ra-ni si-gai-wo kakusasime \ furm-ononoku kago-kaki-tco 
Jobi'te I kano kago-wo kaki-age-saae \ itsi-asi-dasi-te fasircm-to 
stiru-ni \ kata-je-no Bf ^ (asi'ma)-joii ßtori-no mono-no fu 
araware-idzuru-to mije-taru-ga sono mama kago-no ^^ m, (^o- 
bana) oeaje \ JZl J (ni-tchj-tatsi-m-zo tattaH-keru. Köre nan- 
bitO'ZO sato-mi i-suke taka-itsu nari. 

Ban-go-rö, rings umherblickend, Hess durch Rin-zo und 
Un-fei den Leichnam verstecken. Er rief die zitternden Sänften- 
träger, Hess jene Sänfte emporheben und wollte mit schnellen 
Schritten enteilen, als zwischen dem zur Seite befindlichen 
Schilfrohr ein Krieger hervorzukommen schien. Derselbe drückte 
sogleich das Ende der Sänftenstange nieder und stellte sich in 
der Haltung der zwei Könige vor ihn hin. Was für ein Mensch 
war dieser? Es war Sato-mi I-suke Taka-itsu. 

Ban-go-ro-wa — • ^ (ikkeSJ-se-si-ga \ ^ 1^ (mu-tai)- 
ni kago'WO osi-jartt-ni \ i-suke-mo ^^ p||J ^ (kon'gb^ki)'^^) 
idasi \ korO'korO'to osi-modose-ha \ kin-zo un-fei kago-no mono 
ßtosi'ku kago-wo utaUotosi \ sirl-je-ni do-to thre-fusu. 



Dm Hans •taes Stftttküten ron Fari-ma. 317 

Ban-go-rö war erschrocken. Er schob mit Gewalt die 
Sänfte fort, doch auch I-suke entfaltete die Kon-g6kraft und 
drängte ihn heftig zmück. Kin-zö, Un-fei und die Sänften- 
träger Hessen gleichzeitig die Sänfte fallen und stürzten rück- 
lings zu Boden. 

Ban-go-rb o-oi-ni ikari \ nandzi nani-mono nare-ba ^ ^^ 
(fu'i)-ni ide-kite \ waga j^ ^ (wb-rai)-wo samatagen-to suru- 
ja, I-stike ^ ^J\ (kuan-zi)'to utsi-warai | ware-wa aka-t^uki-ke- 
no asi-garu-ni \ sato-mi i-suke-to iü mono nai-i, Ju-e atte saki-joi-i 
ukagcd ^ ^t (si-matsn) koto-goto-ku ^ pS (mi-monyseri, 
Mata kono kago-nai-u wonna-ni-wa \ wäre sukosi-no ffl (j6) 
are-ba I B. <^ (i-gij-naku wa-nami-ni tcatasu-besi. Most ajamatle 
majori'Wo tori wonna-wo watasazi-to suru nara-ba | wäre nandzi- 
ra-wo itaku korasan. Fajakn wonna-wo idase-jo-to. 

Ban-go-r6, sehr zornig, rief: Was für ein Mensch bist 
du, der du unverhofft hervorkommst und meinem Gehen und 
Kommen hinderlich sein willst? — I-suke lächelte und sagte: 
Ich bin ein Fussgänger des Hauses Aka-tsuki und heisse Sato- 
mi I-suke. Aus einer Ursache habe ich vorhin gespäht und 
alles vom Anfang bis zu Ende gesehen und gehört. Da ich 
ferner das in dieser Sänfte befindliche Weib ein wenig brauche, 
so wird man sie mir ohne Widerrede ausfolgen. Wenn man 
eine Irrung annimmt und thut als ob man das Weib nicht aus- 
folgen dürfe, so werde ich euch alle empfindlich züchtigen. 
Schnell, gib das Weib heraus! 

Kiku'jo^'i ban-go-rh *ß ^ (fun-zenj-to site \ kanete kiki- 
ojobu sato-mi i-suke \ manekazaru-ni jokn ^ j/j^ (si-tsij-ni 
kitareri. Ide-ja o-aen-wo watasi-jaran , aore-to p^ J^ (red'si)-ni 
me-kubase-sure-ba kin-zb nn-fei tsit-to tatsi-joH kobusi-wo katamete 
7^ yb (sa-jüj-jori i-sttke-ga g^ J^ (dzu-zeo)-wo utte kakare-ba \ 
i'Suke sukasazu mi-wo ßraku-ni \ tsikara-amari-te kin-zb un-fei \ 
kata-mi-ni omote-wo ^ -^ (do-si) uttd-ai \ ^ J^ (reo-si) ikatte 
muna-^noto kosi-giwa '^ ^ {zen-go)'^i wakarete sika-to torii. 

Sobald Ban-go-rö dieses hörte, entgegnete er aufgebracht: 
Sato-mi I-suke, von dem ich schon gehört habe, wurde nicht ge- 
beten, er ist auf dem Boden des Todes willkommen. Wohlan ! Ich 
werde O-sen ausfolgen. So! — Hiermit richtete er den Blick auf die 
beiden Kriegsmänner. Kin-z6 und Un-fei erhoben sich sogleich, 



318 Pfiimaier. 

ballten die Fäuste und begannen^ von rechts und links auf 
das Haupt I-suke's zu schlagen. I-suke, unmittelbar sich er- 
schliessend, schlug mit übermässiger Kraft die Angesichter 
Kin-zö's und Un-fei's aneinander. Die beiden Kriegsmänoer, 
zornig, erfassten ihn, nach vorwärts und rückwärts sich 
trennend, fest an Brust und Hüften. 

I-Buke 1j^ ^ {hi-8ed)-si. sitoorasi-ja-to \ muna-moto tm-si 
tm-fei-ga | ^ide-kuhi sika-to ta-nigire-ha ffit (miaku) saje taje- 
faru kokotsi'site \ masasi-ku ^ |ß| (en-koj-ga furi-sagam-ga 
gotoku I tsuri-age-nagara mi-gi-de-mote usiro-ni tori-tsuku ^ ^ 
(fatsvrse) kin-zb \ ohi-giwa totfe usiro- ^^ r?^>)-wi | fatta-fo ^ 
(ke) re-ba fvsi-marobv-wo \ okosi-mo tatezn J^ "7C (sokkaj-ni 
fume-ha I ataka-mo midzu-xco ojogn-ga gotoku te asi-wo mogakn- 
wo han-go-ro |J^ "^ (gan-zen) ^ -£- (ribsi)-ga tfi-gome-^o 
ari'Sama \ mi-kanefe usiro-je mawaru-to fitofti-ku \ ^^ -Jl^ (d^n- 
kub) ina-dzuma nuki-ritsi-ni ' i-suke-ga kata-saki h'ri-t»iJcurU'WO 
8a sittaru-wa-to snto-mi i-suke firari-to kawase-ba "^ |^ Q'oii- 
^^) %J iü (fafsu-se) I mi'tari ßtosi-ku nuki-tsurete \ kanaje-no 
gotoku ^ H^ (aan'hb)'jori kitte kakare-ba jamu koto-tco jezn 
isuke-mo onnzi-ku katana masaguH \ mi-tari-wo ai-te-ni kiri- 
musubn. 

I-suke lächelte. Mit dem Rufe: O herrlich! erfasste er 
mit festem Griffe das Handgelenk Un-fei*s, der ihn an der 
Brust ergriffen hatte. Während dieser ein Gefühl hatte, als 
ob die Adern nur zerrissen wären, hakte er ihn gerade einem 
sich herabschwingenden Affen ähnlich auf, erfasste dabei mit 
der rechten Hand das Gürtelende Fatsu-se Kin-zö*s, der ihn 
rückwärts festhielt, und trat ihn, nach rückwärts mit dem 
Fusse ausschlagend, nieder. Den zu Boden Fallenden nicht 
aufstehen lassend, trat er ihn unter den Füssen. Gerade als ob 
er in dem Wasser schwämme, verdrehte dieser Hände und 
Füsse. Ban-go-rö, nicht im Stande, die unbeholfene Haltung 
der beiden Kriegsmänner zu sehen, drehte sich nach rückwärts 
und führte, zugleich blitzschnell das Schwert ziehend, einen 
Hieb nach I-suke's Schulter. Als Sato-mi I-suke, dieses früh- 
zeitig erkennend, hurtig den Platz wechselte, zogen Josi-no und 
Fatsu-se die Schwerter, und drei Menschen, einem dreifüssigen 
Kessel gleich, hieben in Gemeinschaft; von drei Seiten ein. 



Dm Hans eines StattluütoTs tod Fari-ma. 319 

I-suke, der nicht ablassen konnte, suchte ebenfalls nach dem 
Schwerte, machte die drei Menschen zu Gegnern und hieb auf 
einen nach dem anderen ein. 

I-suke-wa moto-jori mi-tari-wo korasi , ^ ||| (hu-nanyni 
(hun-wo tori-kajesan-to j (mrai-asirai-i-iari-sUga \ kaku-te-ioa fatezi-- 
to me-ico ikarasi \ nandzi-ra mi-tari-ni ada na-kere-ba ] ikete kajesan- 
to omoi'8i-ni \ mi-no fodo nranu natsu-mtm-no | fonde sono mi- 
u>o kogasan-^to-ka. Ima-wa nani-wo-ka hM IS^ (t8i-yi)-su beki-to \ 
Q ^ (faku-zin) fito-furi furn-jo-to mye-si-ga \ un-fei kin-zb 
kaia-saki fi-bara \ kissaki ftikaku kiri-sagerare \ na-m 6 un-fei 
^ ^ (rakkun) :^ ^ (mi-dzin) kin-zb momiJzi-no tsirajeru 
gotoku I kara-kurenai-ni tbre-fusu. 

I-suke, der eigentlich die Drei züchtigen und 0-sen ohne 
Mühe zurücknehmen wollte, war schonend verfahren. Da es so 
nicht zu Ende ging, blickte er zornig und rief: Da zu euch Dreien 
keine Feindschaft besteht, gedachte ich, euch lebendig zurück- 
zuschicken, doch will das seine Lage nicht kennende Sommer- 
inseet im Fluge sich verbrennen? Wess wegen sollte ich jetzt 
zögern und zweifeln? — Hierbei sah man, wie die blosse Klinge 
sausend niederfuhr. Die Schulter und die Rippen Un-fei's und 
Kin-zö's wurden von der Schwertspitze tief durchhauen. Die 
an dem Namen getragenen fallenden Blüthen Un-fei*s wurden 
Staub, Kin-zö, als ob rothe Blätter sich zerstreuten, stürzte 
und lag in chinesischem Safranroth auf dem Boden. 

Josi-no, der Geschlechtsname Un-fei's, findet sich nebst 
■^ 1^ josi-no ,glückliches Feld' auch ^ |^ (josi-no) ,wohl- 
riechendes Feld' geschrieben, daher die Anspielung auf Blüthen, 
^$ |8| (Kin'Zb)j übrigens auch ^ ^ (Kin-zb) geschrieben, 
bedeutet ,Kamraer des Goldbrocats', daher die Anspielung auf 
rothe Blätter. 

Ban-go-^*b'Wa kore-ni ^ j[|| (kib-ku)-8i | itsi-asi dasi- 
fe ntgen-to stiru-wo \ tofte fippase j^ "TC (sikka)-ni osaje ' 
kafxt-je-ni otn-taru ko-dzuka^wo firoi , tokku-to nagame — * ^ 
(ikked)-st''tstitsu \ inotsi tcoai-ku-wa tasuke-mo jescisen. Sari-nagara 
to koto ari. Saki-ni teo-kx^-rb-to ^ ^HT (mon-dd)'ni \ won-mi-wa 
"^f f^ (dzi'(l'dai)'no mono naH-to-mo \ ware-ni-wa sara-ni ^^ 
(jeki)'nast'to \ nage-kajesi-taru kono ko-dziika \ nana-ko-dzi-ni 
ijfff^ ^ (si'8i)-no ^ (8aku)'mor\o \ kore-wo ^ ^ (dzril'dai)- 
to si-mo ijeru, Nandzi-ga j^ ^^ (sei-mei) tsutstimazu na-nore. 



320 Pfixmaier. 

Ban-go-r6; darüber entsetzt, streckte schnell die Fiisse 
aus und wollte entfliehen. Jener, ihn ergreifend, zog ihn nieder 
und drückte ihn unter die Knie. Den zur Seite herabgefallenen 
kleinen Stiel auflesend und ihn genau ins Auge fassend, sagte 
er erschrocken: Wenn dir um das Leben leid ist, werde ich 
dir Hilfe angedeihen lassen. Indessen habe ich etwas zu fragen. 
Dieser kleine Stiel, das Werk mit einem Löwen auf einem 
Fischgrunde, welches vorhin im Gespräche mit Te6-ku-r6 mit 
den Worten: Für euch mag es ein die Geschlechtsalter hin- 
durch vererbter Gegenstand sein, für mich ist es ganz ohne 
Nutzen! zurückgeworfen wurde, man hat es einen die Oe- 
schlechtsalter hindurch vererbten Gegenstand genannt. Nenne 
ohne Rückhalt deinen Geschlechtsnamen und Namen! 

Ban-go-ro-ioa ima kakaru wori-kara \ ^ ^^ (ka-meij-wo 
tsugen-wa kutsi-wosi-kere^domo \ itsuioari-tari-to-mo jo-mo jurusazi- 
to I ware-wa tSf W (ban-siü) kb-tari-no -^ ^ (reo-siü) han- 
gorTÖ-to si-mo lü mono nari-ga \ mala sono ko-dzuka-wa ije-no 
Ä -f^ (dziü'dai) \ waga J^ ij^ (do-dziynam-ni ^ ^ (/«- 
8in)-ga am, 

Ban-go-r6 erwiederte: Jetzt, in einem solchen Augenblicke 
den Namen des Hauses nennen, ist zwar bedauerlich, doch 
dass ich gelogen habe, darf ich niemals zugeben. Ich bin der 
leitende Vorgesetzte von dem Geschlechte K6-tari in Fari-ma 
und heisse Ban-go-ro. Auch ist dieser kleine Stiel ein die 
Geschlechtsalter hindurch aufbewahi'ter Gegenstand des Hauses. 
Dass ich ihn besitze, hat etwas Wunderbares an sich. 

I-suke-wa ko-tari-no -^ i (re6-8iü)'to kiki \ nani omoi' 
ken fiza-wo jurume-ha \ je-tari-to ban-go-rh oki-tatte \ tada fito- 
utsi-to furi-agtiru \ ahara-wo teo-to i-svJce-ga te-no utn \ han-go- 
rh tamarazu nokke-sama-ni | dö-to tbruru-wo mi-muki-mo jarazu \ 
^^ FJI (kuai'tsiil) ma-saguri f^ >|$ i^^^^'ß)^^^^ kb-gai \ fori- 
idasi-tsutsu kano ko-dzuka-to \ tJ" ^ (sun-bun) tagawanu ^ ^ 
(do'saku) ^ ^ (d6-mei). 

I-suke, das Wort ,leitender Vorgesetzter von dem Ge- 
schlechte K6-tari' hörend, lockerte — was mochte er gedacht 
haben — die Knie. Ban-go-rö, Zeit gewinnend, erhob sich. 
Mit den Worten: Nur einen Schlag! versetzte ihm Jener mit 
der erhobenen flachen Hand einen Schlag auf die Rippen. 



Du Hau eines SUtthalters von Fari-ma. 321 

Ban-go-r6, es nicht aushaltend, fiel rücklings zu Boden. Ohne 
nach ihm zu blicken, suchte I-suke in dem Busen und nahm 
eine einästige Haarnadel heraus. Sie war von jeiiem kleinen 
Stiele nicht im geringsten verschieden, es war dasselbe Werk, 
dieselbe Inschrift. 

Ihukaru wori-kara kanata-jori \ tohi-huru ^ ^ j^ (siü' 
ri'ken) i-stike-ga maje-ni \ sttku-to tafe-ni \ i-suke smoagazu \ nvki- 
tofte mire-ba ko-wa ikn-ni \ kore-nan — • Äf (ittstiij-no kb- 
gai nari, l-suke odoroki mi-aguru ffij "iw (men-zen) \ fitorUno 
Ü^ ^ ^ («iÄ-y«o-2iaj fs^tki'fafai'tsufsti ika-ni waka-ndo \ sono 
kh-gai-wa oboje-ari-ga. I-svke kofajefe ika-ni-mo sikari \ won- 
mi mala ika-ni^site ^ j^ (knta-je) ^fi( 1f^ (sio-dziyaurn-jn. 

Während er sich verwunderte, blieb ein von der anderen 
Seite berbeifliegendes Wurfschwert gerade vor I-suke stecken. 
I-suke zog es unerschrocken heraus und sah es an. Wie war 
dieses? Es war die eine Haarnadel des Paares. Als er voll 
Erstaunen aufblickte, stand dicht vor ihm ein den Wandel 
Ordnender und sagte: Junger Mann! Ist dir diese Haarnadel 
bekannt? — I-suke erwiederte: Wie kommt dieses und wie 
besitzest du noch den einen Ast? 

Siü-geo zia kotajete \ waga kata-je-ico fifr Ij^ (sio-dzt)- 
nnsu-ni-wa \ — • j& (itsi-dioj-no si-sai nri, Waka-udo-ga imtfa 
fff ^ (siO'dziJ'tidsU'Wa] tsitsi-no judzurl-ga kika-ina-fosi. I-suke 
uuadzuki wäre imada \ -^ J\^ ^ (roku'sitsisaiyno wori-kara 
tsitsi-iiaru mono \ kono kb-gai-wo ware-ni ataje | si-sat atte kono 
fito-sina \ nandzi-ni sadzuke-aü) mama \ SB ^ (tto-ho) fada-mi- 
ICO fanatazu mote-jo \ Ö ^ (si'Zen)-ni omoiawasii koto aru- 
besi'to I i'i'8i fakari-ni si-sai-wo katarazu. 

Der den Wandel Ordnende erwiederte: Dass ich den 
einen Ast besitze, hat eine Ursache. Hinsichtlich desjenigen, 
welches der junge Manu noch besitzt, möchte ich hören, wie 
es der Vater hinterlassen hat. — I-suke nickte mit dem Kopfe 
und sagte : Als ich erst sechs bis sieben Jahre alt war, gab mir 
der Vater diese Haarnadel mit den Worten : Ich übergebe dir 
aus einem Grunde diesen Gegenstand. Behalte ihn, ohne ihn am 
Morgen und am Abend von deinem Leibe zu lassen. Es wird sich 
vielleicht etwas ereignen, das du in Gedanken damit zusammen- 
stellst — Er sagte mir nicht den Grund dieser Vermuthung. 

SitzuQgsber. d. phil.-hi>t Gl. LXXXYII. Bd. I. Uft. 21 



322 Pfizasier. 

Siü-gib-zia-ioa ke-sikt-site ' sate-koao aate-koso \ wäre makofo- 
wa kh'tari- ^ (ke)'no womuni \ naga-wo aa-e-mon kazu-sada-to 
ijei^ mono. Itau-zo-ja ban-stü ^ ||^ (kuma'8aki)'7io iri-je-nite 
ajasi-ki de-tatsi-no — • 'jÖ (ikko)-no mono-no fu\juki'tngai-sama 

togame-si-ni , kotaje-ni Jffi (6)'zite sono kb-gai ware-ni utsi-kake 
jami-wa aja-naku \ ato-wo kuramasi otsi-use-taru-wa \ nandzi-ga 
tsitai-nite ari-keru-na. 

Der den Wandel Ordnende machte ein Gesicht und sagte : 
Also! Also! Ich bin in Wirklichkeit ein Diener des Hauses 
Kö-tari und heisse Naga-wo Sa-e-mon Kazu-sada. In dem 
Augenblicke als ich einst an der Einfahrt von Kuma-saki in 
Fari-ma einem Krieger von seltsamem Aussehen begegnete, 
beanständete ich ihn. Als Antwort warf er die Haarnadel auf 
mich. In der Dunkelheit war nichts zu unterscheiden, er A^er- 
barg seine Spuren und verschwand. Es war dein Vater! 

I'SuJce sara-ni >p ^^ (fu-trinj-nasi | naga toku tokoro sono 
jSp (i)-wo jezu. Waga tsitsi-wa moto tadzi-ma-no kuni-no | ijasi- 
ki ijj^ Ij^ (gio^'ed)'WO waza-to nase-ha \ so-wa osoraku-wa fito- 
tagaje naran, 

I-suke war durchaus im Zweifel und sagte: Den Sinn 
deiner Darlegung verstehe ich nicht. Da mein Vater eigentlich 
in dem Reiche Tadzi-ma niedrigen Fischfang und Jagd zu 
seinem Geschäfte macht, so glaube ich, dass hier eine Ver- 
wechslung mit einem Anderen stattfinden wird. 

Sada-kazu kasira-ivo sa-jv^ni furi \ sono viania ijasi-ki 
j^ ^ {gio-zin)'no mi-nite \ sono kh-gat-wa ika-de tmtate-si. 
I'Suke-wa kore-ni ^ ^ (fen-tbj-naku \ te-tvo komanui-te t^dtatm 
vxyi^'kara \ sono si-sai-wa soregasi rabsan-to \ tsutsumi-no kage- 
joH fai-ide-taru-wa \ o-sen-ga kago-wo kaki-taru ;^ ^ (rb-fu) 
kamuri'si te-nugui-wo toki-nagara \ won-mi-wa S^ ^^ (jo-mei) 

^ ^ ^ (i-no suke) narazu-ja, Ware koso tsitstno ^ r^ ^ 
(i'ta-jHyjo. 

Sada-kazu schüttelte den Kopf nach rechts und links und 
sagte : Wie hätte er somit als ein gemeiner Fischer die Haar- 
nadel vererbt? — I-suke hatte hierauf keine Antwort. Er ver- 
schränkte die Arme und erhob sich plötzlich. In diesem 
Augenblicke kroch mit den Worten: Den Grund werde ich 
angeben! aus dem Schatten des Dammes ein alter Mann, 



Dm Hmb eines BUtthftltora tob Fari-ma. 823 

welcher die Sänfte O-sen's getragen hatte, hervor. Das Taschen- 
tuch, mit welchem er sich verhüllt hatte, lösend, sagte er: Ist 
dein Kindername nicht I-no suke ? Ich bin dein Vater I-ta-jü ! 

I'suke odorokijoku mire-ha \ geni-mo tadzi-ma-no tsiUinam- 
ni I Ba9u-ga tsugezu-te H j|^ (koku-enj-ae-si \ sono ajamatsi-wo 
kajeri-mife \ kfisira-wo tarete i-tari-si-ga \ i-ta-jü-tca ko^'e-wa ^^ 
(sas) 8% I sa na-kokorO'WO-ba tstiijasi-so, Aka-tmki-no ije-no asi- 
garu'fii , i-siike-to ijeru JH i^ (o'ko)'iw mono-no fu \ ain-to karte- 
gane kiku-nnje-ni \ waga ko-mo kakaran ä J^ (jü-sij'to nara- 
ha I wäre nani-fodoka uresi-karan-to \ urajami-onio i-suke-fo 
ijeru'zo \ tka-de-ka siran, Waga ko naran-to-toa \ jorokobi koso 
8ure nikusi'to omowazi. So-wa madzu sasi-oki kazu-sada-mm-ni 
koto^iowan. 

I-suke, erschrocken, blickte genau hin: es war wirklich 
sein Vater aus Tadzi-ma. Indessen hatte er, ohne es bekannt 
zu geben, sich von dem Reiche fern gehalten. Sein Ver- 
gehen betrachtend, stand er mit gesenktem Haupte. I-ta-jü 
errieth dieses und sagte: ,Zerquäle nicht so dein Herz. Als 
ich früher hörte, dass unter den Fussgängern des Hauses Aka- 
tsuki ein begnadeter Krieger Namens I-suke sich befindet, dachte 
ich mit Neid : Wenn mein Sohn ein solcher muthiger Kriegs - 
mann wäre, wie froh würde ich sein! Wie sollte ich wissen, 
dass du I-suke genannt wirst? Der Gedanke, dass es mein 
Sohn sein wird, wäre nur eine Freude gewesen, es hätte mich 
nicht verdriessen dürfen. Vorerst lasse ich dieses bei Seite 
und werde mit Herrn Kazu-sada ein Wort sprechen*. 

Saje-ni, durch ^f^ ausgedrückt, hat die Bedeutung ,zu- 
gleich*. 

Waga ko-ga motsi-tai-u fc jjs^ (kata'je)-no kb-gai-wo \ 
togame-tamh-mo ^ ^ (fana-wakaydono-no \ am-ka-wo sirnn 
tarne naran, Sono waka-gimi-toa foka narazi \ waga ko i-no stdce | 
imano na-iva sato-mi i-svke-zo waka-gimi nari-to. 

,Das8 ihr an der einästigen Haarnadel, welche mein Sohn 
besitzt, einen Anstand findet, wird desswegen sein, um den 
Aufenthalt des Qebieters Fana-waka zu erfahren. Dieser junge 
Gebieter ist kein anderer. Mein Sohn I-no suke, jetzt mit Namen 
Sato-mi I-suke genannt, ist der junge Gebieter.' 

Kotoba-ni i-suke kazu-sada-mo \ »J^ ^ (gaku-zenyto säe 
odoroki-tsutsu \ si-sai ika-ni-to ibvkaru-ni \ i-da-jü ma-naka-ni 

21* 



324 Pfitmftiar. 

J^ (za)'WO simete \ kaganaje-mire-ha -p /V ^ (ziü-fatsi-nen) 
koro-VM jajoi'UO tsu^gomori-gata \ ^ (jo) anü utan-to kuma- 
saki-no \ watari-ni — • 1^ (itsi-jdj-no fune-wo ukame \ iri-je-no 
fasi 8ita-ni fune-wo todome \ fuJcami-ni ami-vco zan-bu-to utsi- 
komu I tO'tan-no W ^ (fib-styni fasi-no uje-jori db-to funa- 
soko-ni otsuru mono ari. Odoroki junde-ni adzuna-wo motsi 
me-de-ni funa-soko kai-sagure-ba \ ani fakaran-ja osana-go nari 

Bei diesen Worte waren I-suke und Kazu-sada vor Staunen 
ausser sich. Erschrocken fragend : Was ist der Grund ? hegten 
sie Zweifel. I-ta-jü - nahm in der Mitte einen Sitz ein und 
sprach: ,Wenn ich es überdenke, sind es achtzehn Jahre. Es 
war an dem ersten Tage des dritten Monats, als ich in der 
Nacht, um ein Netz auszuwerfen, in der Durchfahrt von Kuma- 
saki ein Schiff schwimmen Hess. Ich legte das Schiff unter 
der Brücke der Einfahrt an. Ebeu als ich das Netz in die 
Tiefe warf, Hei von der Höhe der Brücke ein Gegenstand auf 
den Boden des Schiffes. Erschrocken fasste ich mit der linken 
Hand das Seil des Netzes, mit der rechten Hand suchte ich 
auf dem Schiffsboden. Wie sollte man es muthmassenV Es 
war ein Knäblein. 

Ko'Wa ^ J^ (keo-zihyjori ajainatte \ tori-otose-si-ka-to 
bgi-mire-domo \ awtUe-odoroku fito-nio nasi. Sa-wa tote jo-fxdct- 
kakaru ^ ^ (gai'si)-no \ fitori fai-kon jb-mo nasi. ^ (Sas) 
suru-ni ko-wa ije madzim-ku-te \ — • -^ (issij-ico fagokumu |f^ 
(zlütsuj-nasa-ni \ kano sute-go-wo-ja imsi-tarii-ran, ßSaru-nitemo 
ono-ga ko-wo \ 'jjc pb (sui-tshtj-ni ^ (idj-zuru oja-gokoro 
oni-to-mo 4^ (zxa)'tO'mo itl-be-kere. Josi-josi saiwai waga ko-to 
si I oi'juku notsi-no tanosimi-to sen-to \ tadatsi-ni idaki-te tatsi- 
kajerv. 

,In der Meinung, dass man es von der Brücke vielleicht 
aus Versehen herabfallen gelassen habe, blickte ich empor, 
doch es war Niemand, der erschrocken gewesen wäre. Ich 
sagte mir also : Im Beginne der tiefen Nacht kann ein Knäblein 
allein nicht herbeikriechen. Nach meiner Vermuthung ist das 
Haus arm und hat kein Geschäft, um ein Kind zu ernähren, 
wesshalb man das Kind weggeworfen haben wird. Das Herz 
der Aeltern, welche somit das eigene Kind in das Wasser 
werfen, kann man ein Dämonen-, ein Schlangenherz nennen. 



Das HftQS eines Statthslten Ton Fari-m« 325 

Gut! Es ist ein Glück. Ich werde es zu meinem Kinde machen 
und an ihm, wenn ich alt geworden bin, Freude haben. — 
Ich nahm es geradezu in die Arme und kehrte nach Hause 
zurück/ 

Tsutaumi-m ajasi-ki mono-no fu-no arasoi JJ ^ (asi-ma)- 
je fisonii vkagaje-domo I ika-naru si-sai-ga sara-ni tokezu. Jagate 
tcaga ^ (jaj'f^i tatsi-kajeri \ toboai-bi kakage joku mire-ba \ tama- 
wo azamukn ^ ^ (JH-bi)-no osana-go \ mi-ni-wa j^ j^ (red- 
ra)'no kvnt-wo matoi-si-xca \ tada-bito naranu tane-to-wa sire-do I 
sirare-gataki'Wa osana-go-ga ^y j^ (kata-jej-no ko-gai tanigiri- 
te I fanatsi-mo jaramt am-samn-wa ko-ion sute-iaru ßto-ga notsi- 
no sirusi-ka, 

,Den Streit mit einem seltsamen Krieger an dem Damme 
hatte ich, zwischen dem Schilfrohr versteckt, zwar beobachtet, 
doch aus welcher Ursache er stattfand, konnte ich mir durch- 
aus nicht erklären. In mein Haus sogleich zurückgekehrt, 
hängte ich eine Lampe auf und sah genau. Es war ein des 
weissen Edelsteines spottendes liebliches Knäblcin, um dessen 
Leib ein Kleid aus feinem Seidenflor gewickelt war. Dass es 
kein Kind gewöhnlicher Menschen sei, wusste ich, aber nicht 
wissen Hess sich, warum das Knäblein eine einästige Haarnadel 
in der Hand hielt und aussah, als ob es sie nicht losliesse. War 
dieses ein späteres Kennzeichen für die Menschen, welche das 
Kind weggeworfen hatten?' 

Sara-ba ^ pb (sui-tsinj-ni-tcn ^ (töj-zu-mazi-ki-ga | ^ß 
(sas) Huru-ni osana-go-no \ Ö ^ (si-zenj-ni ^ pb (stti-Uiü)' 
ni :^ (t6)'Zeraren-^oo \ kokoro-m osore siite-si oja-wo \ fanare-zi 
mono-io kore-kare-ni \ tori-tstiki 8vgaru sono worini \ mosi ntike- 
idesi'wo ^ ^ (isikara-giyto \ ta-nigiH-nagara otsi-tari-si-ga \ 
to-mare kakit-mare mi-ni soje-na-ba \ notsi-no sv^si-to ßsome- 
oki-si-ga, 

,Dann hätte man es nicht in das Wasser werfen dürfen. 
Nach meiner Vermuthung war das Knäblein, als es mit Bedacht 
in das Wasser geworfen werden sollte, im Herzen voll Furcht 
und hielt sich, damit es der Vater, der es wegwarf, nicht los- 
lasse, hier und dort fest. In diesem Augenblicke zog es vielleicht 
die Haarnadel heraus, und indem es dieselbe als einen Baum 
der Stärke ergriflF, fiel es herab. Es mochte wie immer sein, 



326 Pfismaier. 

wenn ich sie mir aneignete^ so war es ein späteres Kennzeichen^ 
und ich legte sie heimtich nieder/ 

Soiio notsi otn-kotsi-no uwasa-wo hiku-ni \ kb-fari-no mi-taisi- 
no waka-gimi-wo \ nan-mono-ga tihai-toH-si-to-mo i-i \ mata sono 
waka-gimi-no ktihi utan-to \ miobi-te saguru mono aH-to , kiku-ga 
mani-mani kokoro-odoroki j sate-wa kono waka sore naran, ^ ,|^ 
(Kiü'teo) 8W'a fu-tokoi^o-ni ire-ba \ kari-suru mono dani kore-tco 
torazu I iwan-ja fu-sigi-ni fune-ni iri-si \ tsumt-toga-mo naki 
osana-go-ioo, 

,Wie ich später durch ein hier und dort verbreitetes 
Gerücht erfuhr, hatte den jungen Gebieter des Palastes des 
Geschlechtes Kö-tari irgend Jemand geraubt. Ich hörte auch, 
dass Jemand sei, der heimlich suche, um diesem jungen Gebieter 
das Haupt abschlagen zu können. Im Herzen voll Schrecken, 
sagte ich mir : Also wird es dieser junge Gebieter sein. Selbst 
wenn ein erschöpfter Vogel in den Busen kommt, ergreift ihn 
nicht der Jäger. Um wie viel mehr ist dieses der Fall bei 
dem auf wunderbare Weise in das Schiff gekommenen schuld- 
losen Knäblein!' 

Mosi-mO'ja saguri-ubaware-na-ba \ ika-bakari-ka-wa kutsi- 
tvosi-karan-to | fitori-zumi-naru kokoro-jasn-sa ^ ^fe (Jo-f^^J- 
ni magirete kuni-wo tatsi-noki \ tazi-ma-no kuni-no siru-be-ni 
tajori I wadzuka-ni kefuri-wo tafe-taru-ni \ kono ko -^ ^ j^ 
(ziü-srtn-sai)-to lü tosi-ni \ ije-wo idete kajeri-kozu. Sate-wa fisoka- 
m kono watari made \ kano ^& ^ (aku-nm)-ra-no saguri-kltf 
tsui-ni torajerare-ja sf-tamb-ran-to \ omoje-ba kokoro-mo kokoro- 
nararle \ mata 1^ jHj (han-sinj-ni tafsi-kojete Ißsoka-ni jS-^tt-tco 
saguH-kiku-ni \ sore-fo tasika-ni sirarezare-ba ^ ~J\ (zeo-ka)' 
fadzure-ni mata ^^ J^ (dziH'kio)'8ite \ fi-bi-ni jh-su-wo ukagai- 
tsutßu I tosi'Uuki'Wo ßiru koto snd^-ni -^ ^ (rokv-nen). 

,Ich dachte: Wenn man es aufsuchte und raubte, wie 
sehr bedauerlich würde dieses sein? Bei der Sicherheit meines 
Alleinwohnens verliess ich unter dem Schutze der Mitternacht 
das Reich imd brachte, indem ich an einer Bekanntschaft in 
dem Reiche Tazi-ma eine Stütze fand, in winzigem Maasse 
Rauch zuwege. Doch dieser Sohn ging in seinem dreizehnten 
Jahre aus dem Hause und kam nicht zurück. Ich dachte: 
Also sind heimlich bis zu dieser Durchfahrt jene schlechten 
Menschen im Suchen gekommen, und er wird endlieh ergriffen 



Das HftUB eines Stattluütera von Fari-roa. 327 

worden sein. Wider Willen zog ich wieder nach Fari-ma 
hinüber, forschte heimlich nach den Umständen und horchte, 
doch es war von der Sache nichts Sicheres bekannt. An dem 
Ende der unter der Feste befindlichen Stadt nahm ich wieder 
meinen Wohnort, und dass ich, Tag für Tag die Umstände 
beobachtend, Jahre und Monde verbringe, sind bereits sechs 
Jahre/ 

Sikaru-m wototsui-no jü-sari-gafa — • ^ (ikko)-no 
j^ ^ ^ (siü-geö-zta) waga ^ 0'ß)'ni itoi \ jo-so-nagara 
j^ ^ (f^nn-kayno ^ XT (fai-bbj-wo-tadzune \ joku-joku mire- j 
ha ^ rt^ (kt$ma-/iaki)-no in-je-ni \ ^ ^ (an-jaj'nagara'fno 
mkasi-mi-si \ fitori-no mono-no fu-ni sa-mo ni-tam. Ko-ja kiki" 
ojohu ^ ^^ (bu-dd)'no ff (sin) \ sa-je-mon kazu-sada-ni-mo 
aran-ka-to \ "^ ^ (kun-kaj-no art^sama-wo kataru utsi-ni ' 
sono l(^ pb (sin-tsiü-wo sag^iri-miru-ni \ j^ ^ (zannin)-ni'Wa 
katsu-te arazu, 

,Indessen ruhte um die Zeit des vorgestrigen Abends ein 
den Wandel Ordnender in meinem Hause aus. Derselbe fragte, 
obgleich fremd, wegen der Zerstörung des Hauses des Gebieters. 
Als ich ihn ganz genau anblickte, hatte er grosse Aehnlichkeit 
mit dem einen Krieger, den ich an der Einfahrt von Kuma-saki 
in finsterer Nacht ersehen hatte. Mich fragend, ob dieses der 
gesetzlose Diener Sa-je-mon Kazu-sada, von dem ich gehört 
hatte, sein werde, erforschte ich, während er von dem Zustande 
des Hauses des Gebieters sprach, dessen Herz, und er war 
keineswegs ein verderblicher Mensch.' 

Sate-wa waka-gimi-no won-mi-no uje-mo \ ^? (ki)-dzukai 
arazi-to kokoro-wo jasunzi \fazimete maktira-wo takb se-si ne-gomi- 
u'o okosu na-nusi-no ko-e ^ i (reo-siuyno ^ J^ (nin-soku)- 
in o-mi ko80 atareri. Asntte-iw asa -^ ^ (/nsi-viij-ni itare-to \ 
^ft ^ (hu'jekiyno ^ Jg^ (hun-fai) inami-gataku \ ke-sa kite 
klke-ha sika-sika-iw koto-to \ jo-karanu icaza-mo ^^ i (reo- 
siil)'7io [j|[ ^^ (ziki'dan) | jamu koto-wo jezu sasi-dzv-no mani- 
ma I wonna-wo nosete fasiri-si-ga \ saki-jori isurugi-no isakm-m \ 
mi-no ke jodatsi-te ^ M (asi-mayni kakure \ ^ ^fe (^^' 
matsuj'tvo kiku-ni j& ^ ^ (siu-geo-ziayica ^j^ -^ (sui-reoy 
ni tagawazU'to i-i ^ j^ (knta-je)-no kh-gai-no -Ä- ^ (ai- 
mon)-jori \ ijo-ijo tcaka- giml'naru'koto akirake-si-to. 



328 Pfizmaier. 

,Ua ich also wegen des jungen Gebieters nicht besorgt 
zu sein brauchte, war ich im Herzen beruhigt. Ich war, indem 
ich das Polster erhöht hatte, erst eingeschlafen, als mich die 
Stimme des Dorfvorstehers erweckte. Er sagte: Zu einem Träger 
des leitenden Vorgesetzten hast du es gebracht. Uebermorgen 
früh triff in Fusi-mi ein. — Bei der Zutheilung eines Fuss- 
dienstes konnte ich mich unmöglich weigern. Als ich heute 
Morgens ankam und hörte, nannte man mir solche und solche 
Dinge. Waren es auch keine guten Verrichtungen, der leitende 
Vorgesetzte sagte es mit eigenem Munde, und ich konnte nicht 
davon abstehen. Der Weisung gemäss trug ich ein Weib in 
einer Sänfte und lief. Bei dem voran sich entspinnenden 
Kampfe mit Schwertern standen mir die Haare zu Berge. 
Zwischen dem Schilfrohr verborgen, hörte ich den Anfang und 
das Ende. Aus den Reden ergab sich, dass es sich mit dem 
den Wandel Ordnenden nicht anders verhielt, als ich ver- 
muthete. Durch die Zusammenfügung der einästigen Haarnadel 
wurde es vollkommen offenbar, dass es der junge Gebieter sei.' 

Itsi bu-si-ziü'WO ioki-alcase-ha \ kazu-sada i-suke-ga maje-ni 
fei'i-kurJan | sate-wa vtayai-mo nakl kb-tarl- ^ (ke)-no \ fana- 
waka-ghni-nlte masi-viasu-zo-ja. Onore ka-hahiri sv^ata-wo kaje , 
koio-ni ^i ^ (zan-niiij-to moro-hito-no \ ;[§ g§ (si-tö)'ni ka- 
kam 801X0 ju-e-wa \ sihi-sika narito tokan-se-si \ won-kara knia- 
gata sibaraku-to \ ko-e kake-idzuru-wa \ akatstiki-ke-no \ -^ ^ 
(teo-sin) furu-ta ten-zen iiari. 

Hiermit erklärte er alles vom Anfang bis zum Ende. 
Kazu-sada demüthigte sich vor I-suke und sagte: Also seid 
ihr ohne Zweifel der Gebieter Fana-waka aus dem Hause 
Kö-tari. Mein Aussehen ist so verändert, dass ich an die 
Finger aller Menschen als besonders grausam angehängt bin. 
Die Ursache davon ist — Er wollte sich erklären, als Jemand 
mit den Worten: Herren, einen Augenblick! sie anrief. Es 
war Furu-ta, Vorgesetzter der Speisen, der älteste Diener des 
Hauses Aka-tsuki. 

Odoroku i-suke-wo jobi-kakete | nandzi-ni g^ (takuyse-si 
koto-wa ika-ni. I-suke kastkomi-tsuttatte \ o-sen-ga non-taru kago- 
nagara \ gutta tsukkomu sira-fa-no kissaJci \ te-gotoje-nakt-wa 
tbukdsi'to ! nawa kiri-fodoki ake-mire-ba ani fakaran-ja o-sentca 
mofO'jovi fito-kage sara-ni arazare-ba \ i-sukewa ^ ^ (gtJcw 



Dis Hana ei&ei Statth&lten von Furi-ma. 329 

zen)'to odoroki'tsutsu \ — • ^ (itsi-do) narazu ^ ^ (saUdo)- 
made \ utsi-morase-ai koso kntsi-wosi'kere'do \ do^to J^ (zaj-wo 
sime katana saka-de \ sude-ni Ö ^ (seppukuynasan-to-sxL, 

Dem erschrockenen I-suke rief er zu : Wie steht es mit der 
Sache, die ich dir anvertraut habe? — I-suke erhob sich 
ehrerbietig und löste an der Sänfte, in welche 0-sen gestiegen 
war, mit der schnell hereingestossenen Spitze der blossen Klinge, 
sich wundernd, dass ihm nichts Antwort gab, die Stricke. Als 
er öffnete und hineinblickte, war — wie sollte man es ver- 
muthen? von O-sen eigentlich nicht einmal der Schatten vor- 
handen. Erstaunt und erschrocken, bedauerte er zwar, dass 
sie nicht bloss einmal, sondern selbst zweimal ihm entschlüpft 
war, doch er setzte sich fest nieder, kehrte das Schwert um 
und wollte sich den Bauch aufschneiden. 

KazU'Sada fase-jori sikka-to todome \ sono kono moto-wa 
sirane-domo \ kimi fadznkasimeraru toki-wa ^ (sin) ^ (si)- 
su'to I madzu sono si-sai-tco katari-tamaje. Ten-zen nikko-to site 
{'suke-ni mnkai \ kago-nl o-sen-no arazarwico \ sa-koso >p ^ 
(fu-sinj-ni omi-heku \ maiu kata-gata-mo kiki-tamajc, Ware sugi- 
fsuiui koro jamn-zaki-no \ ||ft S (ri-kiü) ^ d^ (fatsi-manj-m 
mhde-si-ni \ jßj^ "^ (sia-zenj-no ^ ^^ (siü-roj-ni me-narezaru \ 
^ ^ (reo-sanyno J^ (si)-to ^^ ^ (reo-minyno \ taru'i-no 
te-dai ted-ku-rt \ jM ^fi (rei-setsuj-wo midase-si ^ ^ (siü-jen) 
*^ Sj5 (idn-sui) \ koto-ni "^ Ä (ko'SedJ-no monogatan-no 
utsi I ka7io aka-tstikUno sa{-zi-r6 | aru-wa moto-faru ki-jafsu sono 
mama | ika-de okamasi tada okazi-to \ ito niktisa-ge-narti kata- 

Kazu-sada, hinzulaufend, hielt ihn mit Kraft zurück und 
sagte: Ich weiss zwar nicht, was der Grund ist, doch es heisst: 
Wenn der Gebieter mit Schande bedeckt wird, stirbt der 
Diener. Saget mir früher die Ursache. — Der Vorgesetzte 
der Speisen lächelte und sprach zu I-suke: ,Da8s O-sen sich 
nicht in der Sänfte befindet, möget ihr für sonderbar halten. 
Ihr Herren, höret es ebenfalls! Als ich in den verwichenen 
Tagen zu dem Fatsi-man des abgesonderten Palastes von 
Jania-zaki ging, hatten in einem vor dem Altare befindlichen 
Weinhause zwei bis drei mir von Anblick fremde Kriegsmänner 
und der zu dem Volke der Statthalterschaft gehörende Teo- 



330 Pfiimftier. 

ku-rö, Ilauptbediensteter des Haases Taru-I, ein Weingelag, 
welches die ümgränzung der Gebräuche verwirrte. Volltrunken, 
sagten sie in ihrem Gespräche, das sie mit besonders lauter 
Stimme führten : Jener Sai-zi-ro oder Moto-faru aus dem Hause 
Aka-tsuki, wie wird er es bleiben lassen? Er lässt es aber nicht 
bleiben. — Es war ein sehr widerlicher gegenseitiger Handeln 

Ko'Wa ibnkasi-to sore-jori-wa \ kokoro-wo jwimsade ari-tsuru- 
ga I ko-tahi ^ ^|^ ^ (fh-sib-zi)- ^ (ke)-no tsuma-sadame-wo ' 
^ ^ (sb'Zi)'no fäkalen inami-tamh | sono mMo-wa kano o-sen- 
to I fukaku ^ "^ (kai'rh)'WO Uikh-qa ju-e-to \ kikit-join nandzi- 
ga ]^ S^ (si-rioj-wo saguru-ni \ o-seyi-wo nozokan — • Q (itsi- 
dzu)-no ^^ ^ (kei'sahi) \ ito-mo uhe-naru koto-nagara j mala 
sirizoi-te ^ ^ (gn-iywo meguram-ni \ ^ ^ (red-rmn) tsumi- 
naki-ni ^ (gai-sen)-wa \ motto-mo Ä Ä (zi-ketj-no mitsi na- 
razi'to \ jisoka-ni W flj (so-zi)-wo hnme-tate-mat^unini \ kam 
wonna-wo dani katawara-ni oka-ba \ suhete tsiima-sadame inamazi- 
to I soHU-ga tcaka-ge-no si-an-no foka \ moio-jori J^ (ai) "^ ^ 
(tai'fuyni ^ ^ (8ai-8ed)'7io \ sadamp-si are-ha nani faba- 
karan-to, 

, Darüber verwundert, war ich seitdem nicht sorglos. 
Sobald ich hörte, dass der junge Sohn hinsichtlich der von 
Seite des Hauses des Klosters Fo-sio erfolgten Bestimmung zur 
Gattin aus dem Grunde entschieden sich weigert, weil er jener 
O-sen feierlich den Eid des gemeinschaftlichen Alterns ge- 
schworen, erforschte ich deine Gedanken. Obgleich der Plan, 
O-scn aus dem Wege zu räumen, etwas sehr Angemessenes 
war, ging ich wieder zurück und überlegte. Mir sagend, 
dass, wenn die Menschen des Volkes der Statthalterschaft 
schuldlos sind, sie morden, schlechterdings nicht der Weg des 
Wohlwollens und der Güte sei, wollte ich heimlich dem jungen 
Sohne Vorstellungen machen und ihm sagen, wenn er jenes 
Weib nur zur Seite hinsetzte, brauche er sich hinsichtlich der 
Bestimmung zur Gattin nicht zu weigern. In der That ist die 
Jugend anders als man denkt. Da es ursprünglich für Kriegs- 
männer und Grosse eine Bestimmung hinsichtlich der Gattin 
und der Nebenfrau gibt, was sollte er sich da schämen? 

Kon^-ni ^^ (kesj se-si-wa keo-no Ju-zari nandzi-fü kono koto 
tsfifajen-to \ omoje-do mo-faja wodori-no ^j ^ (koku-gen) \ ^ 



Dm Hau e{n«s StatihAlten Ton Fari-mft. 33.1 

(reij-no ^ fö^ (fi'Zib)'WO inumme-no tarne \ sinonde so-ko mi- 
megum-ni \ kano ffi| ^ (rl-küD-nite mukake-si J^ (st) \ to-aru 
mono-gake-ni ßsomi-tru-wo \ si-ja ibukasi-to ukagb woH-kara \ 
taru'i-no te-dai teö-ku-rb | ßtori-no wotome-wo ßttate-kitari \ 
In |ris (mthtaij'nikago'mwosi-komete \ ^ ^ (red-sanj-no ]^ J^ 
(bu-st)'to moro^tomo-ni \ tsutsnmi-no kata-je fase-juku-wo miru-jori 
kokoro-ni omo jh \ ko-wa kartete kiku o-sen naran-ka, Sa-ara-ba 
^ "^ (ß^o-tej-ni watasi-na-ba \ kajette koto-no totonoi-gatasi-to. 

jHierzu entschlossen, gedachte ich, heute Abend dir diese 
Sache xnitzutheilen, doch es war bereits die bestimmte Zeit 
des Tanzes. Während ich wegen der üblichen Vorkehrungen 
gegen ungewöhnliche Ereignisse im Stillen dort umherblickte, 
waren die Kriegsmänner, welche ich in jenem abgesonderten 
Palaste gesehen hatte, in einem Verstecke verborgen. Als ich, 
über sie verwundert, beobachtete, zerrte Teo-ku-ro, der Haupt- 
bedienstete des Hauses Taru-I, ein Mädchen herbei, schob sie 
mit Gewalt in eine Sänfte und lief zugleich mit den zwei bis 
drei Kriegsmännern nach der Gegend des Dammes fort. Sobald 
ich dieses sah, dachte ich mir: Dieses wird wohl O-sen sein, 
von der ich früher gehört habe. Wenn man sie also anderen 
Händen übergibt, ist es wieder unmöglich, dass die Sache 
zusammenstimmt.^ 

Okure-8i'7iagara okkake-si-ni fu-si-gi-ja saki-ni osi-komerare^ 
fti I otome-tca ^ ^ (bu'ZtJ-ni tai-M-i-no ama-to \ ko-knge-ni ja- 
surb-nt kokor^o-madoi \ si-sai-wo toje-ba sirnrenu ^^ -it (rb-zio)- 
ga I seügefsu-ni tsngete kore-no j^^ -^ (soku-dzio) \ j^ ^ (ki- 
kiü)-no koto-no fanberu-zo \ fajfilciL odorl-ba-ni fjuki-ne-to j wostje- 
no mant-ma koko^ni kite \ jukuri-naku o-sen-ni ni-si-to i-i \ o-sen- 
ni toje-ba kore-wa onazi-ku \ teo-kti-rb-ga ffi |hk (mH-taf')-m kago- 
no utsi-ni \ osi4rerarn.L-to omoi-si-ni \ fitori-no ona-no fase-kitari 
tcarawa-wo tasuke-si-to omoi-si-ga \ sore-jori notsi-wa jnme ufsutsu \ 
ato-saki sirade fakarazu-mo \ fav:a-no ki-masu-ni ai-si-to id. 

,Al8 ich, obgleich ich mich verspätet hatte, ihnen nach- 
setzte, ruhte — wunderbar! das Mädchen, welches vorhin in 
die Sänfte geschoben wurde, wohlbehalten mit der Nonne des 
Hauses Taru-I in dem Schatten der Bäume aus. Verblüfft 
fragte ich die Nonne Sei-getsu um den Grund. Sie sagte: 
Eine unbekannte alte Frau sagte zu mir: Die Tochter hier 



332 Pfismafer. 

schwebt in Gefahr. Gehet schnell auf den Tanzplatz! Diesem 
Käthe gemäss kam ich hierher und traf unvermuthet 0-sen. — 
Ich fragte O-sen. Diese sagte auf gleiche Weise: Als ich 
glaubte, dass ich durch Teö-ku-rö mit Gewalt in die Sänfte 
geschoben worden, kam eine alte Frau herbeigelaufen. Ich 
glaubte, dass sie mir heraushalf. Hierauf wusste ich nicht, was 
Traum oder Wirklichkeit, was nachfolgte oder vorherging, und 
unverhofft kam die Mutter, mit der ich zusammentraft. 

Kare-kore ajasi-ki wori-kava-ni \ ^ >teS (iiagaraj-fjoatari- 
ni sato-mi i-stike \ mata-mo o-sen-wo ^ (gaij-se-si-to \ tare-to- 
mo sirazu tsuguru-wo kiku-jori \ si-sai-wo min-to fntari-too izanb, 
Seugetsu moro-to-mo koko-je-koko-je-to ■ nianeki-ni sei-getsu o-sen- 
mo t(yino-in \ i-suke-ga ^5 to (ki-sikij-tvo osoru-osont, \ koko-m 
ide-kite kazu-sada-wo miru-jori \ ko-wa waga tmima-ka t^tsi-nje- 
110 I joku ko80 kajein-kima^te-si-to \ sei-getsu o-sen tatsi-joreba | 
ten-zen-tca jf% ^^ (fu-shij-iiasi \ sate-wa faiu-i ^ ^ Ä& P^ 
(kiH-za-je-m^nJ-to-ioa \ won-mi-no koto-nite ari-keru-ka. 

,Diese8 und jenes war wunderbar, als Jemand — man wusste 
nicht, wer es war — meldete, an der Durchfahrt von Nagara 
habe Sa-tomi I-suke noch O-sen gemordet. Sobald ich dieses 
hörte, habe ich, um den Grund zu erfahren. Beide mitgenommen. 
Sei-getsu, kommet mit ihr hierher, hierher!' — Mit diesen 
Worten herbeigerufen, kamen Sei-getsu und O-sen, bei dem 
Anblicke I-suke's furchtsam, hierher. Sobald sie Kazu-sada 
erblickten, drängten Beide mit den Rufen: Mein Gatte! Der 
Vater ist glücklich heimgekehrt! sich an ihn heran. Der Vor- 
steher der Speisen staunte und sagte: Also Taru-I Kiü-za-je-mon 
seid ihr gewesen? 

KazU'sada-wa — • Jj^ (itsi-jü)'si \ ika-m-mo ^ ^ (go- 
redj'no ku-za-je-mon-wa \ snnawatsi onore-ga kari-na-ni site j 
fukaki ai-sauno fanhevu-nari-to \ i-i-tsutsu kazu-sada mi-wo okosi 
sei-getsu o-sen-ga te-wo iotte \ Usuke-ga kaiatcara-ni suje-orasime 
ilca-ni f^ ^ (ni-ko) o-sen-gimi \ kore-naru sai^mi i-sttke-to 
ijerU'ZO \ f^ ^ (ni-koj-ga waka-gimi "^ ^ (fana-wakaydono- 
nite I o-sen-gimi-to-wa Ä (sinj-no ^ jj^ (ren-sij-fo. 

Kazu-sada machte eine Verbeugung und sagte: Wie es 
auch sei, in eurer Statthalterschaft ist Ku-za-je-mon mein ent- 
lehnter Name, und es hat einen tiefen Grund. — Mit diesen 



Du Haas einei Stattbaltora Ton Fari-ma. 333 

Worten erhob er sich, setzte, die Hände Beider ergreifend, 
Sei-getsu und O-sen an die Seite I-Buke's und sprach: Frau 
Nonne! Herrin O-sen! Dieser sogenannte Sato-uii I-suke ist 
der junge Gebieter der Frau Nonne, der Herr Fana-waka, und 
der wahre mit der Herrin 0-sen zusammengewachsene Zweig. 
Kiku-jori sei-getau omoi-kakene-do \ tosi tsuki kogare-si waga 
ko'to kiki fana-waka naru-ka-to tori-sugaru-wo | i-suke-wa todo- 
mete ko-ja-ko-ja aa-je-mon I sei-getsu -^ -^ (bo-sO-ga nandzi-too 
mote I fjoottO'jo tsitsi-to Ol dani ibukaai, Saru-wo nandzi-ga tsuma 
ko'WO mote \ mata^mo onore-ga fawa imo-uto-to-wa kata-kata sono 
kokoro ^ (geJ-si-gatasL 

Sei-getsu, wie unerwartet ilir dieses auch kam, sobald sie 
hörte, dass dieses ihr Sohn sei, um den sie durch Jahre und 
Monde sich gekränkt, schloss sich mit dem Rufe: Bist du 
Fana-waka? an ihn fest. I-suke hielt sie zurück un4 sagte: 
Höre, Sa-je-mon ! Dass Sei-getsu und ihr Kind dich den Mann 
und den Vater nennen, ist eben wunderbar. Dass aber deine 
Gattin und dein Kind andererseits auch meine Mutter und 
meine jüngere Schwester sind, welchen Sinn dieses hat, kann 
ich mir unmöglich erklären. 

Kazu-sada-wa ^ "^ (ton-8iil)-iiasi \ tosi-tsuki jubi-wori 
kaganaje-ba \ kono ^ -^ ^ (i-ta'jüj-ga ijeru gotoku \ fata- 
tose-tsikaki niaje-tsu kata \ i Ä (sin-kun) £^ ^ (jori-nori) 
soregasi'ico \ ßsoka-ni niesare ko-ja kazu-sada nare-ga mame-naru 
0k 5 AÜ^ (tesseki-ain) \ wäre siru-ga ju-e | /(^ fb (sin-tsiü)- 
no -y^ ^ (dfii'zi)'WO uokosazu tsutb nari. Nandzi-mo siru 
gotoku ;jj)| (Tiiakijno ^ (kata) ^ (fariij-no ^ (i) \ ^ ^ 
(sai'seo) sono naka mutsumazi-ku ^k "ffi (sni-gioj-no maziwari- 
ico nasu-to ije-domo \ sono S^ ^ (siü-neki) koso kasiko-kere. 

Kazu-sada neigte das Haupt zu Boden und sagte : ,Wenn 
ich Jahre und Monde an den Fingern nachzähle, so war es, 
wie dieser I-ta-jü sagt, nahezu vor zwanzig Jahren. Der Vor- 
gesetzte und Gebieter Jori-nori beschied mich heimlich zu sich 
und sprach: O Kazu-sada! Weil ich dein redliches Herz, 
welches Eisen und Stein ist, kenne, theile ich dir eine wichtige 
.Sache meines Herzens, ohne etwas wegzulassen, mit. Wie du 
weisst, ist das Verhältniss zwischen Maki-nokata und Faru-no I, 
Gattin und Nebenfrau, ein inniges und bewirkt die Vereinigung 



334 PfiKBfti«r. 

von Wasser und Fisch. Gleichwohl ist ihr Eigensinn zu 
fürchtend 

Sugi-tsuru ^ 4i (jO'Wa)'no jume-no ulsi ' waga migi-fidari- 
ni maki-no kata \ faru-no i moro-tonio fusi-taru-ga \ futari-no 
mune-jori futa-tsu-no fehl \ araware-idete ^ (jo^ga ma-uje-ni 
kata-mi-ni febi-no agito-wo naroii me-wo ikarasUte knuai-si-ga \ 
tsui-ni faru-no i-ga febi-wa kizu-tsukerare naki-no kata-no febi- 
wa fokori-ka-ni Icasira-wo motage jo-mo-wo mUmegtiH \ ^ (jo)- 
ga 1^ ^ (ked'kanj'tii kldzu-tsuken-to 8e-»i-ga ! aka-UukUno kane 
makura-ni ßbiki \ jume-wa ^ (atoj-naku same'tarisi'ga. 

,In einem Traume, den ich in der vergangenen Mitternacht 
träumte, lagen zu meiner Rechten und Linken Maki-no kata 
und Faru-no I zugleich. Aus der Brust Beider kamen zwei 
Schlangen zum Vorachein und Hessen über mir gegenseitig 
die Schlangenkinnlade ertönen, rissen zornig die Augen auf 
und bissen einander. Endlich wurde die Schlange Faru-no Fs 
verwundet. Die Schlange Maki-no kata's erhob stolz das Haupt, 
blickte nach den vier Gegenden umher und schickte sich an, 
mich an der Brust zu verwunden. Die Glocke des Tages- 
anbruchs wiederhalltc an dem Polster, und ich erwachte ohne 
die Spur einer Verwundung aus dem Traume. 

Tsura^isura omo-m kono mama nara-ha \ ika-narii 3^ Ä 
(tsin-zi) aran-xoa sirezi \ sikazu faru-no t-tvo airizoken-ni'Wa-to 
omo mono-kara mame-mame-siki \ kare-ga misawo-no tadasi-ki 
uje I mata-mo mi-gomori-tavu josi-wo \ ^ "fC (mu-ge)'ni nasan- 
mo ^ ^ (fu'hin) nari-to sasu-gani omoi-sadamezaH-gi-ga 
faru-no i koao misoka-wo are-to \ maki-no kata-jovi fisoka-no 
P ^ (ku-niü) I 8Utca-ja masasi-ki junie-no ura-kata, Faja 
koto koko-ni ojobure-ba \ nandzi kaku se-jo wäre sika sen. Sono 
notsi nandzi faru-no i-xco ^^ (gu)-8i \ ika-naru kata-ni-mo sino- 
base-jo-to. 

,Ich überlegte reiflich und dachte: Wenn es so bleibt, 
weiss man nicht, was für Seltsamkeiten es geben wird. Man 
muss Faru-no I zurücktreten lassen. — Sofort dachte ich 
wieder: Bei ihrer Redlichkeit ihre lautere Festigkeit, ferner 
ihre Schwangerschaft auf das Niedrigste veranschlagen, wäre 
bedauerlich. — Ich war in der That nicht entschlössen. Die 
heimliche Hinterbringung von Seite Maki-no kata's, dass Faru- 



Dm Hftnt einet Stotthalten von Fari-m». 335 

DO I e'men Buhlen habe, siehe da! es ist die richtige Aus- 
leguDg des Traumes. Da es mit der Sache bereits bis dahin 
gekommen ist, so thue du so und so, ich werde so und so 
thun. Hierauf leiste du Faru-no I Gesellschaft und verstecke 
sie in irgend einer Gegend^ 

Ki-gane soko-baku tamaware-ba \ kimi-no ||^ '^ (kon-mei) 
1^ (zi)'zi gataku \ soregasi misoka-wo-no katatsi nasi \ kimi-mo 
ikari-no sama nasi-tamai \ soregasi-ni '^ (meij-zite utai-sute-to 
no-tamb. 8aru-kara ^ ^k (kb-guaij-ni ^ (tsiüj'Sii^wo na-to si 
9ono ^^ (jo) airU'be-no kata-ni adziike | ^^ (tsiUj-se-si sama-nite 
tatsi'kajeH'Si'-ga, 

,Da er mir gelbes Gold in Menge schenkte, konnte ich 
mich bei dem ernsten Befehle des Gebieters unmöglich weigern. 
Ich machte den Buhlen, der Gebieter stellte sich zornig und 
befahl mir, sie zu tödtcn und liegen zu lassen. Ich gab somit 
vor, dass ich sie ausserhalb der Vorwerke hinrichte, Hess sie 
in dieser Nacht bei einem Bekannten in Verwahrung, und 
indem ich that, als ob ich sie hingerichtet hätte, kehrte ich 
sogleich zurück*. 

Ani fakaran fito atte \ fana-waka-gimi-wo kaktise-si-wa \ 
8ono kokoro Josi-asl wakatazu. Kata-gata xoaka-gimi-wo saguran- 
<o I ^ ^ (siü'kunyni ^ JJ|J (ri-hetsuj-iio ^ (zio)-wo nobe ; 
fisoka-ni faru^iio i-gimi-too tamonai-te \ kono jama-zaki-no kata 
fotori-ni \ stimi-ka-too motome oniote-ni-ica \ nanigasi-ga ^ (mey 
to kari-ni jobi \ jorl-jori jakata-no ^ 3J (an-fiywo kiku-ni \ 
ajii fakarari'ja fodo-mo naka ; ^^^^ (jori-nori)- ^ (kd^ni-tva 
^1 ^ (Äi-AimJ-^jo koto-nüe ^ -^ (sei-kioj-niasi-masi ^j^ 
(koku-seij-wa \ — • IQ (it»i-jen) ^ ^|* (kazu'je)'ga fosi-i-mama- 
m I nasu naru josi-wo kiku-jori-mo | aoiio ^ J^ (i-kan) fito- 
kata-narazu, 

,Wie sollte man es vermuthen? Es war Jemand, der 
den Gebieter Fana-waka versteckte, und ob es in guter oder 
schlechter Absicht geschehen, erkannte man nicht. Um den 
jungen Gebieter in verschiedenen Gegenden aufzusuchen, er- 
klärte ich dem Vorgesetzten und Gebieter, dass ich geneigt sei, 
mich zu trennen. Indem ich die Gebieterin Faru-no I heimlich 
begleitete, suchte ich hier in der Nähe von Jama-zaki einen 
Wohnort und nannte sie zum Scheine meine Gattin. Während 



336 Pfiimaier. 

ich von Zeit zu Zeit hörte, wie es in dem Palaste Btehe, hörte 
ich — wie sollte man es vermuthen? nicht lange nachher in 
Betreff des Fürsten Jori-nori, dass er in Gefahr und Bedrängniss 
aus der Welt geschieden^ dass die TiCnkung des Reiches ganz 
der Willkür des Rechnungsvorstehers überlassen sei. Meine 
Theilnahme war keine geringe/ 

Farn no i-gimi-mo kore-uo kikasi-te \ midoH-no kuro-gami- 
tvonagitamö. Onore-mo ^ ^ (u-fafsuj-no ^ ^ (kuni-koku) 
Üi^ 'fr (^^^'''9^^) i ^ (siü'lcuH)'no on-tame futa-tsu-ni-wa 
fana-waka-gimi-no J^ ^jß (seo-sij-no fodo-mo \ kiki-sadamen-to 
ije-too ^f^ (zij'si amaneku kuni-guni-ico fe-meguri-sUni \ furu- 
sato-no natsukasi'Sa \ sinobi-fe ^jjSf Wl {han-sidyni ^ (tsiakv)- 
se-si-ga \ kimi-ga JJ|j ^ (hekkuanj-no & -^ (fai-böj-too kam 
'^ ^ ^ (f'ta-jü)'tO'Wa sirane-domo I ^ ^ (n6'fu)-ni kwoasi- 
ku ktkt'si'jori \ fisoka-ni abara-jn-ni — • J^ (issiühi-ai \ ^ 'ß 
(jh'kuai)'no ^ ft| (u'mu)'ico kokoro-mi-si-ni, 

,Die Gebieterin Faru-no I, als sie diedcs hörte, schor ihr 
grünschwarzes Haupthaar ab. Ich selbst, als ein das Haupt- 
haar behaltender, in den Reichen herumziehender Ordner des 
Wandels, nahm des Vorgesetzten und Gebieters wegen, dann 
auch, um über Leben und Tod des Gebieters Fana-waka 
Gewisses zu hören, von dem Hause Abschied und wanderte 
in sämmtlichen Reichen umher. In der Sehnsucht nach meiner 
Heimath gelangte ich heimlich nach Fari-ma. Warum der be- 
sondere Palast des Gebieters zerstört sei, wusste jener I-ta-jü 
zwar nicht, doch nachdem ich von dem Ackersmanne genaue 
Kunde eingezogen, übernachtete ich insgeheim in dem zerstörten 
Hause und suchte zu erfahren, ob es eine Ungeheuerlichkeit 
gebe oder nicht. 

Tajete ajasi-mi-nio na-kari-sika-donw \ aka-tsuki-tsikaki 
jume-no vtsi-iii \ — • ^ (ikko)-uo ^ ^ (ju-kon) makara- 
kami-ni tatte l-on-mi-ga motomtiru icaka-gimi koso asatte-no fi-ni 
sirarU'besi, hogi jodo-gawa-tco noboru-besi > jutne na-utagai-tamai- 
80'to I m-ka-to omoje-ba sino-no meno \ sora-danome-naru jume- 
no utsi-to I omoi-nagara-mo josi-ja waga \ sutni^ka-mo t^asi, 
Saiwai-ni \ faru-no i-gimi-nimo ^^ (es) sento \ isogi kajereru 
kono tokoro fafasl-te i ^Jj^ (siii-ziü) meguri-b \ -^ j^ (h'-jenj- 
no fodo koso fu-si-gi nare-to. 



Dms Hans «inai 3totthaU«n Ton Fari-ma. 337 

,£s gab durchaus nichts Wunderbares, allein in einem 
Traume, den ich gegen Tagesanbruch träumte, stand ein Geist 
über dem Polster und sagte: Der junge Gebieter, den ihr 
suchet, wird an dem morgigen Tage erkannt werden. Ihr 
sollet eilig zu dem Flusse Jodo-gawa hinaufziehen. Seid ja 
nicht im Zweifel! — So, wie ich glaube, sagte er. Ich hielt 
es für einen bei Tagesgrauen geträumten unzuverlässigen Traum, 
doch dachte ich: Gesetzt auch, so ist mein Wohnort nahe. Ich 
werde glücklicher Weise die Gebieterin Faru-no I besuchen! 
— Indem ich eilig heimkehrte, traf ich an diesem Orte im 
Umherwandern wirklich den Vorgesetzten und die Begleiter. 
Die Beschaffenheit der wunderbaren Beziehung ist seltsam.' 

Ari'si si'dai'WO katari-oware-ba \ sei-getsu- f^ (ntj-wa 
Ä ^^ (kiü-kaatj-no \ namida-wo osaje-kane-nagara \ ima kazu- 
sada-nusi-ga tokeru gotoku \ mi-wa nure-ginu-wo oi-sikanasi-saljai- 
ha-mfusi-te moro-fito-ni , akaki kokoro-wo misen-to omoje-do \ wori- 
fuai himi-ga on^nasake-no tane-wo jadose-ba \ u-ba-tama-no \ jami- 
jorijami-ni majowasanan-to \ imada minu -^ (koj-ni kokoro-ßkare \ 
wosi-karanu tsuki-ß-wo okuri-tsutsu \ umi'Otose'si-wa kono o-sen. 
Als er mit der Erzählung des Vorgefallenen zu Ende 
war^ sagte die Nonne Sei-getsu, die längst angesammelten 
Thränen zu unterdrücken nicht im Stande : ,In meiner Traurig- 
keit darüber, dass ich, wie jetzt Herr Kazu-sada dargelegt hat, 
ein* feuchtes Kleid auf dem Rücken trug, gedachte ich, mich 
in die Klinge zu stürzen und allen Menschen das rothe Herz 
zu zeigen, doch da ich die Saat der zeitweiligen Neigung des 
Gebieters beherbergte, wollte ich nicht von schwarzer Finsterniss 
in Finsterniss irren lassen. Von dem Kinde, das ich noch nicht 
sah, im Herzen angezogen, verlebte ich die nicht bedauerten 
Monde und Tage, und das Geborene war diese 0-sen.' 

Sare^mo jj^ (jo)'Wa'ba fabakari-te \ kazu-sada-nusi-wo 
iHUi'to jobi I fawO'Wo tsikara-ni fawa-wa -^ (ko)'WO \ tajori- 
to nasi'te \ kono tosi-Uuki tsuraki ^ f^ (sin-kuj-wo nase^si 
kai I ^ (si)-8e-8i'to omoi-si fana-waka-ica \ sitasi-ku katarb isuke- 
nnsi'io-wa \ jfiji (kami) naranu mi-no sirade sugi-si | ^ ^ 
(Tcin-kakti) mbde-no kajeru-sa-ni | on-mi-ni fazimete cd- ^ (take)- 
no I ^ ^ (fud-miyno sato-jon on-mi-no se-na-ni l^oware-tarU 
n-mo oja-to ko-no \ tsukinu jinii-si ari-st-ka-tx) \ kata-mi-ni te-ni 
te-too tori'kawasi \ ureai-namida-wo ndgaae-si-ga, 

Siteaugiber. d. phU.-hiitt. a. LXXXYII. Bd. I. Hfl. 22 



338 Pfitmaier. 

JndesBen, vor der Welt mich schämend, nannte ich Herrn 
Eazu-8ada Vater. Dass sie auf die Mutter baute, die Mutter 
das Kind zur Stütze machte und diese Jahre und Monde hin- 
durch harte Mühsal ertrug, war von Nutzen. Indem ich, da 
ich keine Gottheit bin, nicht wusste, dass Fana-waka, den ich 
für gestorben hielt, Herr I-suke sei, mit dem ich. selbst ge- 
sprochen, traf ich auf der Rückkehr von dem Besuche in dem 
goldenen Söller mit dir zum ersten Male zusammen. Dass ich 
von dem Dorfe Fusi-mi aus auf deinem Rücken getragen wurde, 
ist wohl das nicht endende Verhältniss zwischen A eitern imd 
Kind gewesen.^ — Hier nahmen sie sich gegenseitig bei der 
Hand und vergossen Freudenthränen. 

Ten'Zen-wa kata-gata-no \ ^ ^R (ki-güj'too fotondo J^ Äj 
(kan'tan)-8t \ saru-nite-mo -^ -^ (bosi) ^ ^ (svä-ziin) ' tarn- 
atsume-si ajasi-ki -^ -^ (rb-dzio) \ ika-naru 9^ (rei)-no nasu 
waza-ni-ja-to \ ibukaru kata-je-no jj^ ^ (asi-Tnayjori \ hait^ 
^ ^ (vi'ki)-no tatau-to fitosi-ku | ito-mo jase-taru wonna-no 
augata \ same-zame-to naku kawo-katatsi-wo \ faru-no t-tca tauku- 
dzuku mite \ won-mi maki-no kata-ni masi-rrMsazu-ja. Kazu-sada- 
mo me-wo tomete \ geni-mo ^ \^ (toku-toku) mi-tate-matsure- 
ba I tajete fisasi-ki oku-gata narazu-ja-to. 

Der Vorgesetzte der Speisen, die merkwürdige Begeg- 
nung dieser Menschen sich zu Herzen nehmend, sprach ver- 
wundert: Die seltsame alte Frau, welche Mutter und Eünd, 
Vorgesetzten und Diener zusammenführte, was fiir eines Geistes 
Werk ist es, welches sie verrichtet? — Zwischen dem zur 
Seite befindlichen Schilfrohr kam plötzlich, mit der aufsteigen- 
den Luft der Finsterniss gleich, die Gestalt eines sehr abge- 
magerten Weibes bitterlich weinend hervor. Faru-no I, genau 
ihr in das Angesicht blickend, fragte: Seid ihr nicht Maki-no 
kata? — Auch Kazu-sada heftete das Auge auf sie und sagte: 
Ich betrachte euch in der That aufmerksam. Seid ihr nicht 
die lange Zeit getrennte Hausfrau? 

Fai^u-no i moro-tomo tstka-joru-ni | aru-ka naki-ka-ni kagerd- 
no I faka-naki-nagara taje-daje-no \ musi-no ne naseru ko-e ari-te 
medzurasi-ja faru-no i-gimi \ kazu'aada-misi'ni'mo cuamasi-ki 
augata-wo ma'mije-mbaan'Wa ito-mo fadzukaai 8ari'n<igara\ f||^|^ 
(aan-gej'fii taumi-wo jd^ (mea) au-to kike-ba \ aore^wo taikara-ni 



Das Haui eines Statthalten ron Fari-raa. 339 

ari'si "j^^ (joj-no , kltanaki kokoroiio kazu-kazu-wo | koto nagdku- 
t<Hno kiki'te tabe. 

Als Faru-Do I zugleich nahe trat, erklang undeutlich eine 
dem abgerissenen Insectentone der vergänglichen Libelle ähn- 
liche Stimme^ welche sagte: ^Dass ich vor der seltenen Ge- 
bieterin Faru-no I und dem Herrn Kazu-sada in ärmlicher 
Gestalt erscheinen werde, ist sehr beschämend. Indessen hörte 
ich: Durch Busse tilgt man die Schuld. Kraft dessen möget 
ihr die zahlreichen unreinen Neigungen der gewesenen Welt, 
ist die Sache auch langwierig, hören*. 

Saki-ni kazu-sada-ga ijeri-d gotoku \ faru-no ugimi-wo 
waga kimi-no \ itsukusi-mi-masi-masu-ga kokoro-nikuku \ ito net^Jt- 
masi'ku amd-kara \ kori-kazuje-m amd mune-wo \ uUt-akcisi-tsutsti 
fakari-goto-wo koje-ba \ sika-aika se-jo-to osije-si mama \ faru-no 
ügimi-ni misoka-ivo ari-io \ ato-nasi-koto-wo makaUhai-jaka-ni 
P >\ (k6-mü)'8e'Si'ka'ba fakaruno gotoku \ waga kimi-no koto- 
ni ikari-masi'te \ faru-no i-gimi-wo ^ (kd)-zesime \ tsui-ni m- 
je-mon-wo site ^ (tsiüj-aesime-tamb. 

,Wie früher Kazu-sada gesagt, voll Verdruss darüber, dass 
der Gebieter die Gebieterin Faru-no I begünstigte, empfand 
ich grossen Neid, und indem ich dem Vorsteher der Rechnungen 
des Sa*eises meine Gedanken mittheilte, bat ich ihn um Rath. 
£r rieth mir, so und so zu thun. Diesem gemäss hinterbrachte 
ich auf eine Weise, als ob es wahr wäre, das unbegründete 
Wort, dass die Gebieterin Faru-no I einen Buhlen habe. Wie 
zu vermuthen, war mein Gebieter besonders zornig. Er brachte 
die Gebieterin Faru-no I in Verlegenheit und Hess sie hierauf 
durch Sa-je-mon hinrichten.' 

Kazuje-wa nawo-yno ne-wo tatan-to \ fana-waka-dono-wo 
fisoka-ni ubai \ kuma-saki-to jnran iri-je-ni sidzume \ warawa-ga 
nozomi'WO kanaje-si-ga sore-jori warawa-ni to-ni kaku-to j 1^ ^ 
(ren-bo)-no ¥^ (zihj-wo kaki-kudoku. Ko-wa mifai-naramt mono- 
to omoje-do \ warawa-ga ^f "A (mitsu-ziJ'WO nasi-owose \ koto 
totanoje-ai uje-kara-wa | ina-to-mo saau-ga je-mo iwade \ kare-ga 
mani-mani mi-wo makaae, 

,Der Vorgesetzte der Rechnungen, um noch mehr die 
Wurzel abzuschneiden, raubte heimlich den Herrn Fana-waka, 
versenkte ihn in der Einfahrt von Kuma-saki und erfüllte 
meinen Wunsch. Hierauf sprach er zu mir auf jede Weise 

22* 



340 Pfiimftier. 

von der Heftigkeit seiner Neigung. Ich hielt dieses zwar für 
etwas Ungebührendes, doch weil er meine Geheimnisse bei 
sich trug und die Sache eingerichtet hatte, konnte ich that- 
sächlich nicht Nein sagen und überliess mich seinem Willen.' 

Makura-no kazu-wo kasanure-ha \ itsn-si kimi-wo nku omi \ 
mata-nio kazuje-to fakari-tsutau \ ^ Ij^k (mottaij-naku-mo waga 
kimi-ni \ J^ s (tsin-dokuj-wo susume momo-tose-no joicai-wo 
tsidzime-tate-matsuri \ sore-jori-wa tare fahakaran - tsuTna-Jo tvotto- 
to namameki'te \ Q ^ (niisi-ja) jj^ ^ (in-rakuj-too fosi-i- 
mama-ni se-si-ni \ ^ Sf- (ten-batau) ika-de nogaru-beku \ waga 
mesi'Uukb }& (namij-no J^ (uje)-to iü kosi-moto-ni niata-mo-ja 
kokorO'WO knjowasite | ^ (sedj-ju-mo kowade soba-me-to se-ai-ni. 

,Als er die Zahl der Polster vermehrte, dachte ich einst 
bekümmert an den Gebieter. Indem ich mich nochmals mit 
dem Vorgesetzten der Rechnungen berieth, reichte ich schänd- 
licher Weise meinem Gebieter Gift und verkürzte sein hundert- 
jähriges Lebensalter. Hierauf — wer sollte sich schämen? 
schmeichelte ich mich ein wie die Gattin bei dem Manne und 
beging Tag und Nacht Ausschweifungen nach Gefallen. Wie 
konnte ich der Himmelsstrafe entkommen? Mit einer Auf- 
wärterin Namens Nami-no uje, welche ich in Dienst nahm, 
tauschte er ebenfalls die Gedanken aus und machte sie, ohne 
sie von mir auszubitten, zur Nebenfrau.' 

Kano nami-no itje-wa kawo-ni iii-ge-naki ^ ^ (doku-fu) 
nare-ba \ sama-zama jokosirna-wo susume-tsuf^u | tsui-ni toarawa- 
mo ^ 7^ (dokusas) serave-nv. Q ^ (In-gua) j^ ^ (teki- 
fb)-no jj^ (jo)-no ari-aama | ^ ^ ^ ^ (zi-gb-zi-tohihto 
i'i-nagara \ semete-wa kazuje-ga ^& ^ (aku-gfakuj-wo \ kono 
kata-gata'7i{ tsnge-uüajen-to \ kare-kore koko-ni-wa ^^ ^| (/«- 
injseru 

,Diese Nami-no uje war, im Widerspruche mit ihrem 
Gesichte, ein boshaftes Weib. Sie beredete ihn zu allerlei 
Unrecht, und zuletzt ward auch ich durch Gift getödtet Nach 
der Beschaffenheit der Welt der Strafe für Böses, der treffen- 
den Vergeltung empfangt man je nach den Werken, doch um 
wenigstens die Unthaten des Vorstehers der Rechnungen euch 
Allen anzuzeigen, habe ich jeden Einzelnen hierher geführt, 



Dms Hau eines Staftthftlten von Fari-ma. 341 

Sate-ntata saki-ni i-suke-nusi-ga | o-sen-misi-zo-to ^ ^ 
(setsu-gaij'nase'si'^ca \ JJ|j ^ (hetsu-zin) narade maje-ni toki-si \ 
kazuje-ga aoba-me-no jÖ (nami)-no J^ (uje) nari. Warawa-ga 
H ^ (on'gü)'WO wasurnru-ncmi'ka, Kare-ga ^ JfJ (zetth)- 
ni j|t (gaij-serare-tare-ha \ toaga ä|| ^ (siü-neki)-nite i-suke- 
nuai-ga te-too kam-motsi-te 2fe '^ (fon-gwn)'WO ^ (Ifa«) «eW. 

, Ferner ist diejenige, welche vorhin Herr I-suke, sie für 
die Gebieterin 0-sen haltend, mit dem Schwerte tödtete, keine 
andere, als Nami-no uje, die Nebenfrau des Rechnungsvor- 
stehers, über welche ich früher Aufschluss gegeben habe. Ver- 
gisst man einfach meine gütige Begegnung? Da ich durch ihr 
Zungenschwert gemordet wurde, hat durch meine Grimmigkeit 
Herr I-suke die Hand geliehen und ihren Busen durchdrungen/ 

Kakai^ ]^ ^ (zan'nin)'no warawa-ga fara-ni \ [jj ^ 
(fiüssedj-nase-si -Ife ^ 9{ (ban-go-rö) ^ (tenj-no nikumi-ni 
^ ħ (hurai)'no wotsi-wotsi \ kono notsi i-suke-nusi-wo kimi- 
^0 hgi I JjS^ J^ (kb-tari) ^ (udzi)'WO tsugase-tamaje, Mata han- 
gchrb'Wa sikasu-ga-m \ jori-nori-kS-no on-tane nare-ba \ koH-no 
ije-wo tsugastmete \ nagaku ^ ^ (ka-sinj-to nasasime-taniaje. 
Waga 4^ ^ (nen-riki) mote keo tada-ima jokosima-wo aizoke 
su-e-nagakti \ kb-tari-udzi-no J^ ^^ (tsiü-soj-to na^an-to. 

,Der aus meinem, der so Grausamen, Leibe hervorge- 
kommene Ban-go-r6 spielt zum Abscheu des Himmels nichts- 
würdige Stücke. Von jetzt blicket zu dem Herrn I-suke als 
dem Gebieter empor und lasset ihn das Geschlecht K6-tari fort- 
setzen. Da ferner Ban-go-rö in der That der Sprössling des 
Fürsten Jori-nori ist, so lasset ihn das Haus des Kreises fort- 
setzen und für immer sich zu einem Diener des Hauses machen. 
Durch meinen Entschluss wird er heute, eben jetzt, das Unrecht 
zurückweisen und lange Zeit bis zu Ende bei dem Geschlechte 
Kö-tari sich zum Fussgestell der Redlichkeit machen.' 

Kotoba-no sita-jori fitori-no oni-bi \ thre-fusi-taru ban-gb-rb- 
ga I mune-no aida-ni irn-to mije-»i-ga \ jcigate ban-go-rb ^ ^ 
(mU'ku)'to oki'te \ atari-wo nagame i-suke-ga maje-ni nukadzuki- 
noM I saki-jori ^t dl (mu-tsiil)'7ii nakt-bawa-iio | sugi-kosi-kata- 
no "hh ^jr (8i-matsu)-wo katari | itakti onore-ico imoMme-tamai- 
si I airazaru koto tote ^ ;|^ (d6-kon)'no | waga imo-nto-wo 

^ (ken-renj-si \ mata ^ f^ (ked-daij-to ^ ^ (faku- 



342 PfiimftUr. Dm Hau eine« StatthAlton Yon Fari-m». 

zinj'ißo awase-si koto koao kasiko-kere. Ima-Jori »otd-ica 3J|5 ^ 
(zia-aku)-%oo tozake \ nagaku kb-tari-no omi taran-to \ ^ 4^ 
(aku-neii) tatsi-matsi ^ j^ (fokkij-site \ -jg i^ {sin-gi)-^o 
mono-no fu-to nari-taru-wa \ iio ari-gataki koto nari-kein. 

Am Schlüsse dieser Worte schien ein Irrlicht in die Brust 
des zu Boden gefallenen Ban-go-r6 zu dringen. Ban-go-r6 stand 
sogleich unverdrossen auf, blickte vor sich hin und vor I-suke 
sich niederbeugend, sagte er : Vorhin erzählte mir im Traume 
die todte Mutter den Anfang und das Ende längstvergangener 
Dinge. Es war Unbekanntes, wegen dessen sie mich streng 
tadelte. Dass ich zu meiner Jüngern Schwester, welche aus 
derselben Wurzel gesprossen, in Liebe entbrannte, ferner mit 
dem Bruder die blosse Klinge kreuzte, es erfüllt mich mit 
Scheu. Von nun an werde ich das Böse fernhalten und fiir 
immer der Diener des Geschlechtes K6-tari sein. — Indem 
seine bösen Gedanken plötzlich verflogen, wurde er ein treuer 
und gerechter Eriegsmann: es war etwas sehr Schätzbares. 

Maki-no kata-no "^ ^ (bb-reij-wa \ kawa-kami-wo küto 
mite I are-are kanata^ni ma-fo agete \ koko-ni noboreru funa-kage 
ko80. ^ ^ (Kokvrzoku) kazuje ^ ^^ (itobu-mitstj-ga \ ban- 
go-rb-no mukai-to jBk (seoj-si \ kokorono utsi-ni-wa ^ ^r (bö- 
kei) atte \ mijako-ni noborerti fune nari-keri. Toki-mo tvori tote 
koko-ni kuru koso ^ jft3 (ten-mo) nogarezaru tokoro nari. Ana 
uresi-ja-to iü-ka-to omoje-ba \ sugatawa mijezu naH-ni-kerL 

Der Geist Maki-no kata's blickte scharf nach dem oberen 
Laufe des Flusses und sprach : Dort auf jener Seite hat man 
ein Segel aufgespannt, hier ist das Bild eines herauffahrenden 
Schiffes. Der Reichsräuber, der Rechnungsvorsteher Nobu-mitsi 
gibt vor, Ban-go-rö entgegen zu ziehen, in seinem Herzen hat 
er Hinterlist, es war das nach Mijako hinauffahrende Schiff. 
Meinend, es sei die Zeit, kommt er hierher, es ist der Ort, wo er 
dem Netze des Himmels nicht entkommt. O wie erfreulich! — 
Man glaubte, dass sie so sprach, und ihre Gestalt war ver- 
schwunden. 

Bemerkung. 

Das zehnte Capitel folgt an einem anderen Orte nach- 
träglich. 



He in sei. üeber die Bsdailben der altnordieclien Sprache. 343 



Ueber die Endsilben der altnordischen Sprache. 



Von 

Biohard Heinzel. 



Einleitung. 

XJie Gestalt der altnordischen Sprache, wie wir sie aus 
den Handschriften des dreizehnten und der folgenden Jahr- 
hunderte kennen, muss schon geraume Zeit vorher ausgebildet 
worden sein. Denn die Inschriften, welche die dänischen Könige 
Gorm und Harald Ende des neunten oder in der ersten Hälfte 
des zehnten Jahrhunderts * in Jaellinge einhauen Hessen, zeigen 
im wesentlichen schon das nordische unserer Grammatiken. 
Ueber die Jaellingesteine siehe Wimmer Opuscula ad Madvigium 
a discipulis missa S. 193 ff. 

Denselben Sprachformen aber begegnen wir auch in einer 
Reihe runischer Denkmäler, welche zwar keine historische 
Fixierung zulassen, aber sich eines alterthümlicheren Alpha- 
betes bedienen als die jaellingischen, die Steine von Ealderup, 
Snoldelev, Helnaes u. s. w. Ebenfalls dänische Inschriften, 
welche demnach nicht mit den Jaellingesteinen als gleichzeitig 
angenommen werden dürfen. Ein Jahrhundert können vrir 
getrost als Zwischenraum ansetzen. S. Wimmer Runeskriftens 
oprindelse S. 177. 

Vorangehen müssen diesen verhältnissmässig jungen In- 
schriften jene, welche ganz in dem älteren Alphabet, der 
längeren Reihe, abgefasst sind. Verschiedenheiten in Gestalt 
und Verwerthung der Zeichen, sich deckend mit Verschieden- 



1 Dahlmann Geschichte von Dänemark I, 68 ff. 



344 HeiDsel. 

heiten der LautgebuDg, nöthigen die Zeit dieser sehr alten 

Denkmäler in zwei Perioden zu zerlegen, die eine die der 

ältesten Schrift und der ältesten Sprache, die zweite einen 
Uebergang bildend. 

Die Sprachformen nun, welche die älteste Periode bietet, 
sind so beschaffen, dass sie unmittelbar oder sehr bald nach 
der Geburt des germanischen Sprachtypus, d. i. nach Eintritt 
des vocalischen Auslautgesetzes, entstanden sein können. Da- 
durch ergibt sich eine mit der Geschichte der Schrift parallele 
Periodisierung der nordischen Sprache seit ihrer Ablösung von 
einer europäisch -arischen Urform bis auf die Zeit der uns 
geläufigen Sprachform von selbst. Denn wenn es auch gar 
keine älteren Inschriften gäbe als die von Kalderup oder die 
Jaellingesteine, so müsste man doch versuchen, die nordische 
Schriftsprache von einer älteren Form abzuleiten, welche aus 
einer Vergleichung der ältesten geimanischen Sprachen mit 
den übrigen der europäisch-arischen Gruppe, sowie mit der 
nordischen Schriftsprache zu erschliessen wäre. Dass der 
Infinitiv im ältesten nordisch einmal faran gelautet, der Genitiv 
Sing, der masc. neut. a-Stämme einen Vocal vor dem s gehabt 
haben müsse u. s. w., kann man mit aller Sicherheit voraus- 
setzen. Und da z. B. der i-Umlaut im gewöhnlichen Nordisch 
nicht mehr wirkt, in der ältesten nach Massgabe der übrigen 
germanischen Dialekte noch nicht vorhanden war, ergibt sich 
nothwendig eine zweite Periode. 

Die dritte Periode bildet die Sprache unserer Hand- 
schriften, welche aber, wie gesagt, sich bis vor die Zeit König 
Gorms zurück verfolgen lässt. 

In dem folgenden ist der Versuch gemacht, ein Bild der 
nordischen Sprachentwicklung — vorzugsweise aber doch nicht 
ausschliesslich der Endungen — in diesen drei Perioden zu 
zeichnen: für die erste und zweite Periode sind die inschrift- 
lichen Belege des ersten und zweiten Alphabets, nach Wimmers 
Eintheilung, Runeskriftens oprindelse S. 177 beigesetzt. 

Die Endungen sind bei jedem Vocal zunächst in Gruppen 
gesondert, welche sich aus dem gleichen Schicksal der unter 
ihnen vereinigten Fälle ergeben: innerhalb derselben herrscht 
alphabetische Ordnung. 



üeber die Endsilbtii der altBordisohen Sprache. 345 

Eingerückt sind die Formen, in welchen der fragliche 
Vocal nach Eintritt der vocalischen Auslautgesetze vor der 
letzten Silbe zu stehen kommt, eingeklammert jenC; welche 
später durch Analogiebildungen verdrängt wurden, so wie diese 
selbst. 

Die Beispiele sind zum grossen Theil die Paradigmen 
der Wimmer'schen Grammatik. Hie und da wurden andere 
Wörter gewählt, um die Einwirkung des Umlautes ersichtlich 
zu machen. Die meisten werden am Schluss der Abhandlung 
zu dem gewöhnlichen Schema def Declination und Conjugation 
vereinigt vorgeführt. 



346 



Heinxel. 



Yoi den Auslaatgesetzen. 



Letste Silbe. 
A -am . . . . 



-an« .... 
A -ä 

-dn 

-är 

•dt 

Ä 'da 

-am, -aäm, -däm 



Erste Periode. 

Letzte Silbe. 
armä (A.Sg.), staina Tune, landä 
(N.A.Sg.), korna (A.Sg.) 
GallehuuB, hlaiya (N. Sg.) Bö, 
spakanä (A. Sg. Masc), mxnä 
(G. Sg.), innanä (Adv.) 

armann (A.Pl.), spakann (A.Pl. 
Masc.) 

landu (N.A.Pl.), vaJcu (N.Sg.), 
Saraln Orstad, spaku (N.Sg. 
Fem. N. A.P1. Neut.), [faru 
(l.Sg.)] 

hana (N.Sg.), ll(a)r(l)la Etel- 
hem, Wlwila Vaeblungsnaes, 
Nlnwila Varde. 

fadar (N.Sg.) 

tamida (3.Sg.),w(o)rta Etelhem. 



kalld (l.Sg. Ind. [2.Sg.Imp.]) 

mannd (G.Pl.), arbingano Tuoe, 
»pakaro, armo (G.Pl.), [vako 
(A.Sg.)], vak6 {Gt.Tl), spako 
(A.Sg. Fem.), tamido (l.Sg.), 
tawldo Gallehuus, faihido 
Einang, wird towidö^WOrahto 
Tune. 

tungo (N.Sg.), Flno Berga, 
Lntliro Dalby, Hariso Hün- 
linghöje, augo (N.A.Sg.) 

armSr (N.Pl.), ^<^J^ (Q.Sg.N. 
A.Pl.), ThuingoB (G.Sg.) 
Tune, rnnoB (A.Pl.) Var- 
num, Einang, thaior (N.A.P1. 
Fem.) 



üeber die Endwlbeik dar altnordisdien Spnohe. 



347 



Zweite Periode. 

Letste Silbe. 
A arma (A.Sg.) HariwnlAf A Ista- 
by, Hathuwolafa Gommor, 
landa (N. A, PI.) , spakana 
(A. Sg. Masc), mina (G. Sg.), 
innana (Adv.) 

arman (A.PL), spakan (A.Pl. 
Masc.) 

A löndu(S. A.¥l)y üöikt* (N. Sg.), 
spöku (N. Sg. Fem. N. A.Pl. 
Neut), [föm (l.Sg.)] 

hane (N.Sg.), dandeBjörketorp. 



Dritte Pmode, 

IietBte Silbe. 

arm (A.Sg.), land (N.A.Sg.), 
spakan (A. Sg. Masc.) , min 
(G.Sg.), innan (Adv.) 



arma (A.Pl.), spaka (A.PL Masc.) 



lönd (N.A.P1.), vök (N.Sg.), 
spök (N. Sg. Fem. N. A. PI. 
Neut), [fer (l.Sg.)] 



hani (N.Sg.) 



fader (N.Sg.) fadtr (N.Sg.) 

tamde (3. Sg.), sate Gomraor, i tamdi (3,Sg.) 

wurte ? Tjörkö. 



A kalU (l.Sg. Ind. [2.Sg. Imp.]) 

mannd, spakarä, armäf vakä 

(G. PL), [vakä (A. Sg. )], spakd 

(A.Sg. Fem.), tomda(l.Sg.) 



tungd (N.Sg.), augä (N.Sg.) 

armdr (N.PL), vakdr (G.Sg.N. 
A. PL), rnnaR (A. PL) Istaby, 
Björketorp, rnnoB Tjörkö, 
ronoR Stentofte, thaidr (N. 
A.PL Fem.), thaiaB (A. PL) 
Istaby. 



kalla (1. Sg. Ind. [2. Sg. Imp.]) 

manna, spakra, arma, vaka (G. 

PL), [v'ök (A:Sg.)], spaka 

(A.Sg. Fem.), tainda (l.Sg.) 



tunga (N.Sg.), auga (N.Sg.) 

armar (N.PL), vcJcar (G.Sg. 
N. A. PL), ^er (N. A.PL Fem.) 



348 



Heiniel. 



Vor den Auslautgesetzen. ! Erste Periode. 

Letste Silbe. < Letate Silbe. 

'ds ^ apt&r (Adv.) 

' iUd (Adv.) 



(l7lt 



Vor der letzten Silbe. 
A -anam ('alam^ -aram) 



-anam 

-anäm 

-ancis 

-ani 

-antdn 

-anti 

-alfis 

-anaa 

-aras 

-ald, -alaamdi, -aläi, -alai, 
-alaiasy -alanam 



-anai 

^arai 

-asja . . 



tamidSn (3. PL) wird tamdun. 

Vor der letaten Silbe. 
thnmalä, aptanä, hanuirä 
(A. Sg.), spakanä, gama- 
lanä, audeganä (A. Sg. 
Masc), innanä (Adv.) 
hanan (A.Sg.) 

[hanand{Q,Fl,)], arbingano 
Tune, augand (G.Pl.) 
hanann (G. Sg. A. PI.), [hanann 
(N. PI.)], Kethan (G. Sg.) 
Belland. 
faran (Inf.), hanan (D. Sg.) 
wltadahalaiban Tune. 
faranda (Part. Prs.) 
farann (3. PI.) 

thumalr (N.Sg.) 
aptanr (N.Sg.) 
hamarr (N.Sg.) 

gamalu (N.Sg. Fem. N.A. 
PI. Neut.) , ganicdummu 
(D. Sg. Masc.) , gamalu 
( D. Sg. Neut.) , th umale 
(D.Sg.), jfamaZer(N. PI. 
Masc), gamalanä (A.8g. 
Masc.) 
aptane (D.Sg.) 
hamare (D.Sg.) 
armasSj thumalassy apiafutsit. 
hamarass (G.Sg.), Hnabdas 
Bö, Godagas ValsQord, lan- 
dass (G.Sg.), onA<w(D. PI.) 



Ueber die Bndgilb«n der altnordisehen Sprache. 



349 



Zweite Periode. 

LetBte Silbe. 

aptär (Adv.) 
illd (Adv,) 

tömdun (3. PI.) 

Vor der letzten Silbe. 
A thumala, aptana, hamara 

(A. Sg.), spakana, gam^- 
lana, audegana (A. Sg. 
Masc), innana (Adv.) 
hanan (A.Sg.) 

[hanand (G.Pl.)], auganä 
(G.Pl.) 
hanan (G. Sg. A. Fl.) , [hanan 

(N.Pl.)] 
faran (Inf.), hanan (D. Sg.) 



farande (Part. Prs.) 
faran (3. PI.) 

thumalr (N.Sg.) 
aptanr (N.Sg.) 
hamarr (N.Sg.) 

gömulu (N. Sg. Fem. N. A. 
PI. Neut), gömulumu (D. 
Sg. Masc), gömtdu (D. 
Sg. Neut.), thumale (D. 
Sg.) , gamaler (N. PI. 
Masc), gamalana (A.Sg. 
Masc.) 
aptane (D. Sg.) 
hamare (D.Sg.) 
armas, thumalaSj aptanas, ha- 
maras, landab (G»Sg.), onkar 
(D.Pl.) 



Dritte Periode. 

Letzte Silbe. 
aptar (Adv.) 
üla (Adv.) 

tömdu (3. PI.) 

Vor der letzten Silbe. 

thumal, aptan^ hamar (A. 
Sg.) , spaJcan , gamlan, 
audgan (A. Sg. Masc), 
innan (Adv.) 
hana (A.Sg.) 

[hana{Q.?l)laugna{Q.Fl) 

hana (G.Sg. A. PL), [hanar (N. 

PI.)] 
fara (Inf.), hana (D.Sg.) 



farandi (Part. Prs.) 
fara (3. PI.) 

thunmll (N.Sg.) 
aptann (N.Sg.) 
hamarr (N. Sg.) 

gömul (N.Sg. Fem. N.A. 
PI. Neut.), göndum (D. 
Sg.Masc), gömlu(D.Sg. 
Neut.), thumli (D.Sg.), 
gamlir (N. PI. Masc), 
gamlan (A. Sg. Masc.) 

aptni (D.Sg.) 
hamri (D.Sg.) 
armSy thumah, aptans, hamars, 
lands (G.Sg.), okkr (D.Pl.) 



350 



Hein tel. 



Yor den Auslautgesetzen. 

Vor der letsten Silbe. 

'Osäm, -asjäs, -asjdi 



-atai . 
-atjani 



^adam 

^akas 
-anas 



-akaiaSj -akasmäi 



-anaiaa, -anasmai 



-ata 

-am 

-ama . 

'anbkims 

-anam 

'Osmäi 

Ä 'dni 

'dnidn 

'dnti 

'dsdVf 'dstaa . . . 

-Ärf 

'dta 

'ddhäm, -ddhäma usw. 



Erste Periode. 

Vor der letsten Silbe. 

spakaro (G.Pl.)i spakaror 
(G. Sg. Fem.) , spakare 
(D. 8g. Fem.) 

haitade (S.Sg.Pass.) 

hugassan (Inf.) 

that (N.A.Sg.), spakat (N.A. 

Sg. Neut.) 
audegr (N.Sg. Masc.) 
farenr, takenr (Part. Pf.), hai- 
tlnaBTanum, heidhenr, openr 
(N.Sg. Masc.) 

audeger (N. PI. Masc. j, an- 

degummu (D.Sg.Masc.) 

heidJiener , operier (N. PI. 

Masc.) ; heidhenummu, 

openummu (D.Sg. Masc.) 

fared (2. PI.) 

after (Praep.), afteB Tune, 
yhar (Praep.), obaR Varnmn. 

farum (l.Pl.) 

armumry landumr, hanumr, /i«- 
gumr (D.Pl.) 
fadurä (A.Sg.) 
spakummu (D.Sg. Masc.) 
kalldn (Inf.) 

kalldnda (PartPrs.) 
kalldnn (3. PI.) 

spakdra (N.Sg. Masc), spa- 
kostr (N.Sg. Masc), sin- 
gOsteB (N. PL Masc.) 
Tune. 
kall6r (2.Sg.) 
\kamd (2. PI.)] 

kallodd (l.Sg.), kalWddm 
(l.Pl.) wird kalludufiu 



Ueber die Endsilben der altnordischen Sprache. 



351 



Zweite Periode. 

Vor der lotsten Silbe. 
sfpdkard (G.PL), apakarär 

(G. Sg. Fem.) , spakare 

(D.Sg.Fem.) 
heitade (3. Sg. Pass.) 
hugasan (Inf.) 

that (N. A. Sg.), that Björketorp, 
spdkat (N. A.Sg.Neut.) 

audegr (N. Sg. Masc.) 

farenvy tekinr (Part. Pf.), heid- 
hmr, openr (N.Sg.Masc.) 

audger (N. PL Masc), aud- 
gumu (D. Sg. Masc.) 

heidhner y opner (N. PI. 
Masc), heidhnumu, op- 
nnmu (D. Sg.Masc.) 

fared (2. PI.) 

eftir (Praep.), yßr (Praep.) 

forum (l.Pl.) 

örnumr, löndumrj hönumr, au- 
gumr (D.Pl.) 
f'ödura (A. Sg.) 
spökumu (D. Sg.) 
Ä kallän (Inf.) 

kaUdnde (Part.Prs.) 
kcdldn (3. PI.) 

spakare (N.Sg.Masc), spa- 
kästr (N. Sg.Masc j 



kalldr (2.Sg.) 
[kaUdd (2. PI.)] 

kallddd (l.Sg.), köUudum 
(l.Pl.) usw. 



Dritte Periode. 

Vor der lotsten Silbe. 

spakra (G. PI.) , spakrar 
(G.Sg.Fem.), 8pakn{D. 
Sg. Fem.) 

heiti (3.Sg.Pass.) 

kugsa (Inf.) 

that (N. A. Sg.), spakt (N. A. Sg. 

Nei^t.) 
audigr (N.Sg.Masc) 
farinn, tekinn (Part. Pf.) heiiinn, 

opinn (N. Sg. Masc.) 

audgir (N. PI. Masc), aud- 
gum (D. Sg.Masc) 

heidnir, o/mir(N.Pl.Masc), 
heidnum, opnnm (D.Sg. 

Masc.) 

faHd (2. PI.) 

epHr (Praep.), yfir (Praep.) 

ßh^m (l.Pl.) 

öi-mum, löndum, hönwn, augum 
(D.Pl.) 

födur (A.S.) 

spökum (D.Sg.) 
kalla (Inf.) 

kaUandi (Part. Prs.) 
kalla (3. PI.) 

spakari (N. Sg. Masc), spa- 
ka^tr (N.Sg.Masc) 



kallar (2.Sg.) 
[kallid (2.?l)] 

kallada (l.Sg.), kölludum 
(1. PI.) usw. 



352 



Heiniel- 



Vor den Auslautgesetzen. 

Vor der lotsten Silbo. 
-dtaa 



-an 



-ana . . 

'änam . . 

'änäm 



'dnas 



'dnhhims 
'äni 



Letzte Silbe. 



JA -ja 



"jam 
'ijam 

'jas 



'jus 

'Jans 
'Jans 



JA 'ja 



Erste Periode. 

Vor der letsten Silbe. 

kaUddr (Part. Pf.) 

tamiddr (2. Sg.) wird tamddr, 

kalldm (l.Pl.) wird kaüum, ta- 

middm (1. PI.) wird tamdum, 
augon (N. A.Pl.) wird atigun, 
tungon (A.Sg.) wird tungun. 
tungond (G.Pl.) wird tun- 
guno. 
tungdnn (G. Sg.), Igingon Sten- 

stad, wird tungunnj \iun- 

gdnn (N.A.Pl.)] 
vakomr (D. PI.) wird vakumr^ 

tungdmr (D.Pl.) wird tungumr, 
tungon (D. Sg.) wird tungun. 

LetBte Silbe. 
tami, bargi, domi (2.Sg.Imp.) 

kunjä (N. A.Sg.), bakjä (A.Sg.) 
Uddhijä (N. A. Sg.), hallijä (A. 
Sg.) 

hakir (N. Sg.), frdgir, vdnir (N. 
Sg.Masc); SaligastiB Ber- 
ga, HlewagastiB Gallehaus, 
ThallB Bratsberg, MariR 
Thorsbjerg. 

halltr (N.Sg.) 

batir, haMir (Adv.) 

bakjann (A.Pl.) 
halljann (A.Pl.) 

tamju (l.Sg.), angju (N.Sg.), 
kunju (S.A.F\.)yfrägjn, van- 
ju (N.Sg. Fem.) 



XTelier die Endsilben der altnordischen Sprache. 



353 



Zweite Periode. 

Vor der letsten Silbe. 
kallddr (Part. Pf.) 

famder (2. Sg.) 

Mlum (l.Pl.), tömdum (l.Pl.) 

augun (N.A.P1.) 
tungun (A.Sg.) 

tungunä (G.Pl.) 

tungun (G. Sg.), \tungun (N. A. 
PL)] 

vokumr (D. PL), tungumr (D. PL) 

tungun (D.Sg.) 

Letste Silbe. 
JA temiy bergt, doemi (2, Sg. Imp.) 

kifnja (N. A.Sg.), bekja (A.Sg.) 
klaedhija (N. A. Sg.), hellija (A. 

Sg.) 

bekir (N. Sg.), fraegir, vaenir 

(N.Sg.Masc.) 



Dritte Periode. 

Vor der letzten Silbe. 
kaUadr (Part Pf.) 

tamdir (2. Sg.) 

köllum (l.PL), midum (l.PL) 

augu (N.A.PL) 
tungu (A.Sg.) 

tungna (G.PL) 

tungu (G. Sg.) [tungur (N. A. PL)] 

v^kum (D.PL), tungum{D.V\.) 

tungu (D.Sg.) 

Letste Silbe. 
<em, berg, doem (2. Sg.Imp.) 

kyn (N.A.Sg.), bekk (A.Sg.) 
klaedi (N. A. Sg.), hellt (A. Sg.) 

bekkr (N.Sg.), fraegr, vaenn 

(N.Sg.Masc.) 



hdlir (N. Sg.), HaeruwulaflR? heüir (N. Sg.) 

Istaby. 
betir, heldir (Adv.) 

bekjan (A.PL) wird bekin 
helljan (A.PL) 



betVj heldr (Adv.) 

bekki (A.PL) 
hella (A.PL) 



JA temju (l.Sg.), engjn (N.Sg.), iem (l.Sg.), mg (N Sg.), kyn 
kynju (N.A.PL), fraegju, , (N.A.PL), fraeg, vaen (N. 
vaenju (N.Sg. Fem.) | Sg. Fem.) 



SitiiingBber. d. phfl.-hi8i a. LXXXYII. Bd. I. Hft. 



23 



354 



Heiniel. 



Vor den AuslaatgeBetzen. ' lirste Periode. 

Iietste Silbe. Letste Silbe. 

-ijd I bargijuy ddmijn (l.Sg.), armgu 

I (N.Sg.), klädhiju (N.A.Pl.) 



'ijän 
'ijän 



'ja. 

'jäm 
'jäm 
-jäm 
'ijäm 
'jaäm 



atadja (N.Sg.) 
andja (N.Sg.) 

JA 'ja aggjo (l.Sg.Ind. [2.Sg.Imp.]j 

frägjd (A.Sg.Fem.) 

vänjd (A.Sg.Fem.) 

[angjd (A.Sg.)] 

[arm/ö (A.Sg.)J 

bakjd, kunjd, rtkjS (G.Pl.) 

haUjo, klddhjd (G.Pl.) 

-jääm angjo (G.Pl.) 

'jääm armjd (G.Pl.) 

-jäm I forjd , tdkjo , tamidjo (später 

tamdjS)y hargidjo, ddmidj6, 
vakedjd (später vaktj6)y kal- 
lddj6 (l.Sg.Opt.) 

bulgjd (N.Sg.) 

haUj6 (N.Sg.), aurj6 (N. A.Sg.) 



'jän 

-jän 

'jän [frödi (N.Sg.)J 



-jäs 
•jäs 



Vor der letzten Silbe. 
JA -ja^ 



bakjdr (N.Pl.) 

angjdr (G.Sg. N. A. PI.) 

armj6r (G.Sg. N.A.Pl.) 

Vor der letsten Silbe. 

tamir (2. Sg.Ind.) 



'ijasi I bargtr, d&mir (2.Sg.Lid.) 

'jasja baktsSj kuniss (G. Sg.), frdgtssy 

, vänise (G. Sg. Masc. Neut.) 

'ijasja ' hallisSf klddhiss, rikSss (G. Sg.) 

I 
'janam atadjan (A. Sg.) 

'janam andjan (A. Sg.) 



üeb«r die BndsilbM der ftUnordiiicbeD Sprache. 



355 



Zweite Fehode. 

Leiste Silbe. 

bergiju, doemiju (1. Sg.), ermiju 
(N. Sg.), klaedkiju (N. A. PL) 

ttedje (N.Sg.) 
mdje (N.Sg.) 

JA eggjd (1.1^. Ind. [2.Sg.Imp.)] 
fraegjä (A.Sg.Fem.) 
vamjd (A.Sg.Fem.) 
[engjd (A.Sg.)] 
[ermjd (A.Sg.)] 
hekjd, hynjd, nkja (G.Pl.) 
hdljd, klaedhjd (G. Fl.) 
engjd (G.Pl.) 
ermjä (G.Pl.) 

fonjd, toekjn, temdjd, bergiiijd, 
doemidjd , wJctjd, kaVädjd 

(i.Se.Opt.) 

hylgjd (N.Sg.) 

kdljd (N.Sg.), eifrjd (N.A.Sg.) 

\Jroedi (N.Sg.)] 

hekjär (N. PI.) wird heUr. 
engjdr (N.A.Pl.) 
ermjdr (N.A.Pl.) 

Vor der letzten Silbe. 

JA tendr (2.Sg.Ind.) 

her^T, doemir (2.Sg.Ind.) 
hekü, kynis (G.Sg.), fraegisj 
vaenü (G.Sg. Masc.Neut.) 

hellta, klaedhts, likts (G.Sg.) 

stedjan (A.Sg.) 
endjan (A.Sg.) 



Dritte Periode. 

Letste SUbe. 

bergi\ doemi (1. Sg.), ermi \ermr] 
(N.Sg.), klaedi (N.A.Pl.) 

stedi (N.Sg.) 
endi (N.Sg.) 

^ggja (l.Sg.Ind. [2.Sg.Imp.]) 

fraegja (A.Sg.Fem.)r 

vciena (A.Sg.Fem.) 

[mg (A.Sg.)J 

[ermi (A.Sg.)] 

bekkja, kynja, rikja (G.Pl.) 

hdla, klaeda (G.Pl.) 

engja (G.Pl.) 

erma (G.Pl.) 

fofra, toeka, ternda, bergda, 

doemda, vekta, kallada (1. Sg. 

Opt.) 

f>yigja (N.Sg.) 

heila (N.Sg.), eyra (N.A.Sg.j 

[froedi (N.Sg.)] 

hekkir (N.Pl.) 
engjar (N.A.Pl.) 
ei^ar (N.A.Pl.) 

Vor der letzten Silbe. 
iemr (2.Sg.Ind.) 
hergiry doemir (2. Sg. Ind.) 
hekks [hekkjar\, kyns (G.Sg.), 

fraegs, vaens (G. Sg. Masc. 

Neut.) 
hdlis, klaedia, rikis (G.Sg.) 



stedja (A.Sg.) 
enda (A.Sg.) 



28* 



356 



H«inxel. 



Vor den Ansiautgesetzen. 

Vor der lotsten Silbe. 
-jantM 



-jani 
'jani 
"jani 
'jani 



'jantän 



'jantdn 



-janti 
-janti 



-jasämy -jasjäsy -jasjäi 



-jata 



'jama . . 
'jama . . 
'janbhims , 



'janbhims . 



-janbhims . 

'janbhims . 
-jasmdi 
'jasmäi 



JA 'jädhäm, 'ji 

•jäni 



-jdntdn 



Erste Periode. 

Vor der lotsten Silbe. 
stadjann (G.Sg. A.PL), Thra- 
wingan (G.Sg.) Tanum, [stad- 
jann (N.Pl.)] 
andjann (G. Sg. A. PI.) , [and- 

jann (N.PL)] 
stadjan (D.Sg.) 
andjan (D.Sg.) 
tamjan bargjan (Inf.) 
ddmjan (Inf.) 

tamjanda, bargjanda (Part. 

Pr8.) 
domjanda (Part.PrB.) 
tamjann, barg jann (3. PL) 
ddmjann (3. PL) 

frdgjaro (G. Fl),frdgjar6r 
(G.Sg. Fem.), frdgjare 
(D.Sg. Fem.) 

tamjedj bargjed, d&mjed (2. PL) 

tamjum, bargjum (1. PL) 
ddmjum (l.PL) 
bakjumr , kunjumr , i-ikjumrj 
frdgjumr (D. PL) 

halljumr, klddhjumr, vdnjumr 

(D.Pl.) 
stadjumr (D.PL) 
andjumr (D. PL) 

frdgjummu (D. Sg. Masc.) 
vdnjummu (D.Sg. Masc.) 

agg j6d6 {l.Sg,), aggjod^ 
(l.PL) wird aggjudum 
usw. 

aggjonda (Part. Prs.) 



Veih%r die Endiilben der altnordiiolien Spnche. 



357 



Zweite Periode. 

Vor der leisten Silbe. 
ttedjan (G.Sg.A.PL), [stedjan 
(N.Pl.)] 

endjan (G. Sg. A.Pl.), [mdjan 

(N.Pl.)] 
stedjan (D.Sg.) 
endjan (D.Sg.) 
temjany bergjan (Inf.) 
doemjan (Inf.) 

temjandej bergjande (Part. 

Pr8.) 
doemjande (Part. Prs.) 
temjan, bergjan (3. PI.) 
doemjan (3. PI.) 

fraegjard (G.Pl.), fraeg- 
jardr(Ot.Sg.Fein.),fraeg- 
jare (D.Sg. Fem.) 

temjedf bergjed, domjed (2. PI.) 

ternjum, bergjum (l.Pl.) 

doemjum (l.Pl.) 

bekjumr , gestnm R Stentofte, 

kynjumr, rikjumry fraegjumr 

(D.Pl.) 
helljumry klaedhjumr, vaenjumr 

(D.Pl.) 
stedjumr (D.Pl.) 
endjumr (D. PI.) 

fraegjumu (D. Sg. Masc.) 
vaenjumu (D.Sg. Masc.) 

J-^ *?S/^<^" (l'SgO? ^ggjudum 

(l.Pl.) usw. 

eggjdn (Inf.) 

eggjdnde (Part. Prs.) 



Dritte Periode. 

Vor der lotsten Silbe, 

siedja (G.Sg.A.PL), [siedjar 
(N.Pl.)] 

enda (G.Sg.A.PL), [endar (N. 

PL)] 
steäja (D.Sg.) 
enda (D.Sg.) 
temja, bergja (Inf.) 
doema (Inf.) 

temjandiy bergjandi (Part. 

Prs.) 
doemandi (Part. Prs.) 
temjaj bergja (3 PL) 
doeina (3. PL) 

fraegra (G.PL), fra^,grar 
(G. Sg. Fem.) , fraegri 
(D.Sg. Fem.) 

temid, bevgid, doemid (2. PL) 

temjwn bergjum, (l.PL) 
doemum (l.PL) 

bekkjum, kynjum, rikjum^ fraeg- 
jum (D.PL) 

hellum, klaedum, vaenum (D.Pl.) 

stedjum (D.PL) 

endiim (D.PL) 

fraegjum (D.Sg. Masc.) 
vaenum (D.Sg. Masc.) 

eggjada (l.Sg.), eggjudum 
(l.PL) usw. 

eggja (Inf.) 

eggjandi (Part. Prs.) 



3Ö8 



HeiBieL 



Tor den Auslautgesetzen. 

Vor der lotsten Silbe. 

-jdnti 

'jdsi 

-y^to 

'jdtas 

'jdma 

'jdnam 

'jänam 

'jdnam 

-jdnam 

'jdna^ 

'jdnas 

'jdnhhims 

-jdnhhims 

'jdnbhims 

'jdnbhims 

'jdnt 

'jdni 

LetBte Silbe. 
t 'tnt 

4t 



Vor der letsten Silbe. 

I 'ilam^ -inam . . . 

-üaa, 'inas 



I 



Siste Periode. 

Vor der letsten Silbe. 

aggjdnn (3. PL) 

[aggjdd (2. PL)] 
aggjddr (Part. Pf.) 

aggjom (l.PL) wird aggjum, 
hulgjon (A. Sg.) wird bulgjun. 
halljdn (A.Sg.) wird halljun. 
bulgjdnS (G.PL) wirdbfdg' 

juno. 
halljdnd (G. PL) wird hau- 
jund. 
hdgjonn (G.Sg.) wird hvlgjunn^ 

[hulgjmn (N.A.PL)] 
halljonn (G. Sg.) wird halljunn, 

[halljdnn (N.A.PL)] 
angj&mr (D. PL) wird angjumr. 
armj&mr (D.PL) wird armjvmr. 
bulgjomr (D.PL) wird bulgjumr, 
halljdmr (D. PL) wird halljumr, 
bulgjdn (D. Sg.) wird bulgfun. 
haUjdn (D.Sg.) wird kaUjun. 

Iietste Silbe. 

f6rin, toiän, tamidtn (später 
tamdin)^ bargidtn^ ddmiün, 
vakedtn (später vakt n), kaUo- 
din (3.PL0pt.) 

fdri, t6U, tamidt (später tamdi), 
bargidi, dßmidi, vakedt (spä- 
ter vaktijj kaUddi (3. Sg. 
Opt.) 

Vor der letaten Silbe. 

lukilä, himinä (A. Sg.) 
lukilr, himinr (N.Sg.), mücür 
(N.Sg.Masc.) 



Ueber die Bndtilben der »linordischeii Sprache. 



359 



Zweite Periode. 

Vor der lotsten Silbe. 
egsjän (3. PI.) 
egsjär (2.Sg.) 
[egajäd (2. PI.)] 
eggjädr (Part. Pf.) 

eggjum (l.Pl.) 
hflgjun (A.Sg.) 
helljun (A.Sg.) 

hylgjunä (G.Pl.) 

Mljunä (G.P1.) 

hylgjun (G.Sg.), \hylgjun (N. 

A.Pl.)] 
hdljun (G.Sg.), \Mljun (N.A. 

PI.)] ■ 
engjumr (D.Pl.) 
ermjumr (D.Pl.) 
hylgjumr (D.Pl.) 
kelljumr (D.Pl.) 
bylgjun (D. Sg.) 
helljun (D.Sg.) 

Leiste BÜbe. 

1 /oeriny toekin, temdin, bergidtiiy 
ddmidin y vekHn , kcUlddtn 
(S.PLOpt.) 

yoert , toekt , temdi , bergidt, 
doemidi, vekti, kallddi (3.Sg. 
Opt.) 



Vor der letaten Silbe. 

lykila, himina (A.Sg.) 
lykilr, himinr (N.Sg.)^ mikilr 
(N.Sg.Maßc.) 



Dritte Periode. 

Vor der lotsten Silbe. 
eggja (3. PI.) 
eggjar (2.Sg.) 
[eggid (2. PI.)] 
eggjadr (Part. Pf.) 

^ggjum (l.Pl.) 

hylgju (A.Sg.) 
hellu (A.Sg.) 

hylgna (G.Pl.) 

hellna (G.Pl.) 

hylgju (G.Sg.), [hylgjur (N. 

A.P1.)] 
hdlu (G. Sg.), [ÄeKuf (N. A. P1.)J 

engjum (D. PI.) 
ermum (D.Pl.) 
6y^Mm (D.Pl.) 
AeHwm (D.Pl.) 
bylgju (D.Sg.) 
heUu (D.Sg.) 

Lotste Silbe. 
foeriy toeki, temdiy hergdi, doem- 
diy vektiy kalladi(d. PI Oipt) 



foeri, toeki, temdi, bergdi, doemdi, 
vektiy kalladi (3.Sg. Opt.) 



Vor der lotsten Silbe. 

lykil, himin (A.Sg.) 
lykill, himinn (N.Sg.), mikül 
(N.Sg.Masc.) 



360 



H«iniel. 



Vor den Auslautgesetzen. 

Vor der lotsten SUbe. 

'idJiämy 'idhjäm . , . 



-idhäm, -idhjäm . 



-Hai, 'ilaias, -ilaamäi 



-isdn 
'ist . . 
'istcts . . 

'itd 
'itaa . , 
'itaa . 
4ti . . 

'Üjä 

'ihhims 
1 4ma . 

'isi . . . 

'ita . , 



Erste Periode. 

Vor der letEten Silbe. 

tamidA (1 . Sg. Ind.), tawido 
Gallehuus^ wird tamdo, 
worahto (l.Sg.) Tune, 
w(o)rta(3. Sg.) Etelhem, 
usw. — tamidjd (l.Sg. 
Opt.) wird tamdjo uaw. 
bargid6,d6mido(l.Sg.lnd.)j 
faihido Einang, usw. — 
hargidjoy domidjö (l.Sg. 
Opt.) usw. 
lukile, himine (D.Sg.), miki' 
ler (N. Pl.Masc), miki' 
lummu (D.Sg.Masc.) 
batira (N.Sg.Masc.) 
farir (2.Sg.) 
batistr (N. Sg. Masc.) 
diupidhu (N. Sg.) 
tamidr (Part. Pf.) 
bargidr, dömidr (Part. Pf.) 
Ifarid (3.Sg.)] 

hmissu (N.A.P1.) 
\burdufnrj stadumr (D. PL)] 

fdrim, toJnm, tamidim (später 
tamdtm), bargidtm, domidim, 
vakedim (später vakttm)^ kal- 
lödim (1. PL Opt.) 

forir, tokir, tamidir (später 
tamdir) , hargidir , ddmidir, 
vakedir (später vakHr), kaüo- 
dir (2.Sg.0pt.) 

forid, tolAd, tamidid (später 
tamdtd), bargidid, d6midtd, 
vakedtd (später vak^d), kallo- 
did (2. PL Opt) 



U«ber die Bvdailban der altnorduchen Sprache. 



361 



Zweite Periode. 

Vor der leisten Silbe. 
tamdd (l.Sg.Ind.) ubw. — 
iemdjd (l.Sg.Opt.) usw. 



hergiddy doemida( l.Sg.Ind.) 
usw. — hergidjäy doemid- 
ja (l.Sg.Opt.) usw. 

lykUey himine (D. Sg.), mi- 
käer (N. Pl.Masc), miJd- 
lumu (D.Sg.Masc.) 
hetire (N.Sg.Masc.) 
ferir (2. Sg.) 
hetistr (N.Sg.Masc.) 
d^idhu (N.Sg.) 
inmdr (Part. Pf.) 
bergidry domidr (Part. Pf.) 
[ferid (3. Sg.)], abariutith Sten- 
tofte. 
hoentsu (N.A.P1.) 

[burdumr, stödumr (D. PI.)] 

1 foertmy toekiniy temdtniy hergidtm, 
doemidim , vektim^ kallddim 
(l.PLOpt.) 

foeiir, toeMr, temdh\ hergidir^ 
doemidir , vektir , kallddir 
(2.Sg.0pt.) 

foerid, toekid, temdid, bergidid, 
doemidtd , vekttd y kallddid 
(2.P1.0pt.) 



Dritte Periode. 

Vor der letsten Silbe. 

tamda (l.Sg.Ind.) usw. — 
temda (l.Sg.Opt.) usw. 



bergda, doemda (1. Sg.Ind.) 
usw. — bergday doemda 
(l.Sg.Opt.) usw. 

lykliy himni (D. Sg.), miklir 
(N. PL Masc.) , miklum 
(D. Sg. Masc.) 

betri (N.Sg.Masc.) 

betstr (N.Sg.Masc.) 

dypt (N.Sg.) 
tamdi' (Part. Pf.) 
bergdr, doemdr (Part. Pf.) 

[/.rr (3. Sg.)] 

hoens (N.A.Pl.) 
burdurtty stödum (D. PI.) 

foerimy toekimy temdimy bergdim^ 
doemdim, vektiniy kcdladim 
(l.PLOpt.) 

foevir, toekiry temdivy bergdir, 
doemdiTy vektiry kalladir (2. 
Sg.Opt.) 

foeridy toekidy t^nidid, bergdid, 
doemdidy vektid, kaUadid (2. 
PI. Opt.) 



362 



Heiniel. 



Yor den Auslautgesetzen. 

Vor der letsten Silbe. 
'tkai(My -ikasmäi. . . 



'inaiaSf 'inasmdi. 



•ikaa 

'inas 

Letzte Silbe. 

U -u 

-um 

-uns . 

'Unt 

'U8 

Vor der letzten Silbe. 

U 'UlcLS 

-unaa 

'ubhima 

'Uraa 

'ukaiaSy -uhasmdi . 

-ulam 

-ulai 

'Unam 

'Wnai 

-uram 

-urai 



Erste Periode. 

Vor der letsten Silbe. 

mahttger (N.Pl.Masc. ), mah' 
tigummu (D. Sg. Masc.) 
werden mahteger, mahie- 
gummu. 
guldhtner (N.Pl.Masc), gul- 
dhtnummu (D. Sg. Masc.) 
werden gtddhenery gvl- 
dhenummu. 
mahttgr (N. Sg. Masc.) wirdmoA- 

tegr. 
guldhtnr (N. Sg. Masc.) wird 
gnldhenr. 

Letste Silbe« 

fehu (N.A.Sg.), arm (Praep.) 
vallu (A. Sg.) 

vallunn (A. PL) 

f6run (3. PI.) 

vallur (N.Sg.), waruR? Tomstai 

Vor der letsten Silbe. 

sadulr (N.Sg.) 
iatunr (N.Sg.) 
vallumr (D.Pl.) 
ßaturr (N.Sg.) 

afluger (N.Pl.Masc), aflii- 

gummu (D. Sg.Masc.) 
aadvlä (A.Sg.) 
8aduU (D.Sg.) 
iatunä (A.Sg.) 
iatune (D. Sg.) 
foaturä (A. Sg.) 
fiature (D.Sg.) 



üeber die Bndnlbmi d«r altnordischen Spraclie. 363 

Zweite Periode. ! Dritte Periode. 



Vor der lotsten Silbe. 
moA^^er (N.PLMasc), Tnaht- 
gumu (D.Sg.Masc.) 



guldhner (N.Pl.Masc), gul- 
dhnumu (D.Sg.Masc.) 



mahtegr (N.Sg.Masc.) 
guidhenr (N.Sg.MaBC.) 



Letste Silbe. 

U feku (N. A.Sg.), änu, onu (Praep.) 
völlu (A.Sg.) 

völlun (A.P1.) 
fdrun (3. PL) 
vöUur (N.Sg.) 

Vor der letsten Silbe. 

ü södulr (N.Sg.) 
iötunr (N.Sg.) 
vöUumr (D.Pl.) 
fiötvar (N.Sg.) 

ößuger (N.Pl.Masc), öflu- 
gumu (D.Sg.Masc.) 

9ödula (A. Sg.) 

södule (D.Sg.) 

iötuna (A.Sg.) 

iötune (D.Sg.) 
ßötura (A.Sg.) 
föture (D.Sg.) 



Vor der letzten Silbe. 
mdtikiv (N. PI. Masc), matt- 
kum (D.Sg.Masc.) 



gidlnir (N. PI. Masc), gfwH- 
num (D.Sg.Masc) 



mätiigr (N.Sg.Masc) 
gullinn (N.Sg.Masc) 



Letzte Silbe. 

fe (N.A.Sg.), äfiy Ön (Praep.) 
voll (A. Sg.), sunu Sölvesborg, 

Helnaes. 
vöUu (A.P1.) 
foru (3. PI.) 
völlr (N.Sg.) 

Vor der letzten Silbe. 

södull (N.Sg.) 
iötunn (N.Sg.) 
vöUum (D.Pl.) 
fiöturr (N.Sg.) 

öflgir (N.Pl.Masc), öflgum 

(D.Sg.Masc) 
södul (A.Sg.) 
södli (D.Sg.) 
lötun (A.Sg.) 
iötni (D.Sg.) 
ßötur (A.Sg.) 
ßötri (D.Sg.) 



364 HaiiiBel. 

Vor den Auslautgesetzen. Erste Periode. 

Letste Silbe. IjetBte Silbe. 

AI -ai haitctde (3.Sg.FaB8,), armey lande 

(D.Sg.), Hite Varnum, Wo- 
duride Tune [apaker (S.?l 
, Masc.)], singoster Tune^ vah 
(2.Sg.Imp.) 

-aint fareti (3. PI. Opt.) 

-alt fare (3. Sg. Opt.) 

-aia vake (i.Sg. Ind.) 

-aians burdenn (A. PL) 

-aias fcMrdei' (N. PI.), «oA^er(N.A.Pl.) 

-aiint vaken (3. PI. Opt.) 

'aiit vake (3. Sg. Opt.) 

-aiam ^ faro (l.Sg.Opt.) 

-aiiam i vako (l.Sg.Opt.) 

-aiäm burdo, sohto (G. PI.) 

-aias [ burdoTy sohtor (G.Sg.) 

AI -ai, 'osmdij -aai | t;aÄ;u (D.Sg.), «pa/cummu (D.Sg. 

.Masc), »paku (D.Sg. Neut.) 

-asQ'Jdi ' spakare (D.Sg. Fem.) 

'dint ! kallen f3.P1.0pt.) 

'dit 1 kalle (3.Sg.0pt.) 

-diam , kallo (l.Sg.Opt.) 

Vor der letzten Silbe. | Vor der letzten Silbe. 

I 

AI 'aidhävij'aidjäm,'aidhdma vakedo (l.Sg. Ind.) usw., 

vakedß (l.Sg.Opt.) usw. 
— vakedöm (1. PL Ind.) 
usw. werden vakto, vak- 
tjd, vaktum usw. 

-aima ' farem (1. PL Opt.) 

vaker (2. Sg. Ind.), faver (2. Sg. 

Opt.) 
vaked (2. PL Ind.), fared (2. PI. 
Opt.) 



-am 



'Ulla 



Ueber die EndsHb^n der altnordischen Sprache. 



365 



Zweite Periode. 

i Lotste Silbe. 

I AI heit€tde(3,Sg.Va,BS.)yarmej lande 
! (D.Sg.), f^aAer(N.Pl.Ma8c.)J, 

vake (2.Sg.Imp.) 

faren (3.P1.0pt) 
fare (S.Sg.Opt.) 

vake (l.Sg.Ind.) 

bürden (A.Pl.) 

burder (N.PL), sohter (N.A.Pl.) 

vaken (S.Pl.Opt.) 
vake (S.Sg.Opt.) 

farä (l.Sg.Opt.) 
vakä (l.Sg.Opt.) 
burda, sohtd (G.Pl.) 
burddr, sohiär (G.Sg.) 

AI vöku (D.Sg.), spokumu (D.Sg. 
Masc), spoku (D. Sg.Neut.) 

spakare (D.Sg. Fem.) 
kaUen (S.Pl.Opt.) 
kaUe (S.Sg.Opt.) 

kalld (l.Sg.Opt.) 

Vor der letzten Silbe. 
AI vaktd (l.Sg.Ind.) usw., vekt- 

ja (1. Sg.Opt.) usw., vök- 
tum (l, PL Ind.) usw. 



farem (l.Pl.Opt.) 

vaker (2. Sg. Ind.), farer (2. Sg. 

Opt.) 
vcJced (2. PI. Ind.), fared (2. PI. 

Opt.) 



Dritte Periode. 

Letste Silbe. 
heiti (S. Sg. Pass.), armiy landi 

(D.Sg.), [«pafcir(N.Pl.Ma8c.)], 
mki (2.Sg. Imp.) 



fari (3. PL Opt.) 
fan (S.Sg.Opt.) 

vaki (l.Sg.Ind.) 

burdi (A.PL) 

burdir (N.PL), sottir (N.A.PL) 

vaJd (S. PL Opt.) 
vaki (3. Sg. Opt.) 

fara (l.Sg.Opt.) 
vaka (1. Sg. Opt.) 
burdaj sdtta (Q.PLj 
burdavj* sottar (G.Sg.) 

vöku, vök (D. Sg.), apöhim (D. 
Sg.Masc), «[pöÄ:M(D.Sg.Neut.) 

spakri (D.Sg. Fem.) 
kalU (3. PL Opt.) 
kalli (3. Sg. Opt.) 

kalla (1. Sg. Opt.) 

Vor der letsten Silbe. 

vakta (1. Sg. Ind.) usw., 
vekta (l.Sg.Opt.) usw., 
vöktum (1. PL Ind.) usw. 



farivi (1. PL Opt.) 

vakir (2.Sg.Ind.), /anV(2.Sg. 

Opt.) 
vakid (2. PL Ind.), fand (2. PL 

Opt.) 



366 



H6lni«l: 



Yor den Anslautgesetzen. 

Vor der letsten Silbe. 



Erste Periode. 

Vor der letsten Silbe. 



^aiima j vakem (1. PL Opt.) 

vaker (2.Sg.0pt.) 
vaked (2. PL Opt.) 



-attst 
-aiita 

AI 'äima 
-dita 



Letste Silbe. 
JAI "jai 



-^jaint , 

'jaü 
-jaiam . 
'jaiam 



JAI 'jdi, "jaai 
-jäi, 'jaai 
"jdiam . . 



Vor der letsten Silbe. 
JAI 'jaima 



'jaisi 
-jaita 



Iietste Silbe. 
AU -auas . . . . 
^aucta . . . . 
-aut . . . . 
-auäm . . . . 
-auas . . . . 



kallwi (1. PL Opt.) 
kaller (2.Sg.0pt) 
kaUed (2. PL Opt.) 

Letste Silbe. 
hakje, hallje^ kunje, klddhje (D. 

SgO> A«<7M ^nj^ (N.PL 

Masc.) 
tamjen, hargjen, domfen (3. PL 

Opt.) 
tamje, hargje^ domje (3.Sg.0pt.) 
tamjo, hargj6 (l.Sg.Opt.) 
ddmjo (l.Sg.Opt.) 

angju (D.Sg.), frdgju (D.Sg. 

Neut.) 
[armju (D.Sg.)], vdnju (D.Sg. 

Neut.) 
aggjo (l.Sg.Opt.) 

Vor der letsten Silbe. 
tamjemy hargjem, domjem (1. PI. 

Opt.) 
tarnjeTj bargjei', ddmjer (2.Sg. 

Opt.) 
tamjed, hargjedj dSmjed (2. PL 

Opt.) 

IietBte Silbe. 

vaUir (N.Pl.) 

handir (N.PL), dohtrlr Tune. 

vom (D.Sg.) 

vom (G.pi.) 

vaüdr (G.Sg.) 



üab«r die Eadtllbei der a1toordf«e1ien Spraebe. 



367 



Zweite Periode. 

Vor der letzten Silbe. 
vakem (l.Pl.Opt.) 
vaker (2.Sg.0pt.) 
• vaked (2.P1.0pt.) 

AI kaOem (l.Pl.Opt.) 
kaller (2.Sg.0pt.) 
kaUed (2.P1.0pt.) 

IiOtste Silbe. 
JAI bekJB, helljSf hynje, klaedhje (D. 

Sg.), fraegjer, vaenjet (N. PI. 

Masc.) 
temjen, bergjen, doemjen (3. PI. 

Opt.) 
temje, bergje, doemje (S.Sg.Opt.) 
temjd^ bergjd (l.Sg.Opt.) 
dö^ä (l.Sg.Opt.) 

JAI engjuy eng (D. Sg.), fraegju (D. 
Sg.Neut.) 
\ermju (D. Sg.)], vaenju (D. Sg. 

Neut.) 

«9a;« (l.Sg.Opt.) 

Vor der letsten Silbe. 
AI temjem^ hergjem, doemjem (1. PI. 

Opt.) 
temjer, hergjer, doemjer (2. Sg. 

Opt.) 
temjed-y bergjed, doemjed (2. PI. 

Opt.) 

Iietste Silbe. 
U vemr (N.Pl.) 
Aendir (N.Pl.) 
veUi (D.Sg.) 

V€Mm (Q.Pl.) 

wzOdr (G.Sg.) 



Mtte Periode. 

Vor der letsten Silbe. 
vakim (l.Pl.Opt.) 
vakir (2.Sg.0pt.) 
vcJcid (2. PI. Opt.) 

hdlim (l.Pl.Opt.) 
kallir (2.Sg.0pt.) 
kaUid (2. PI. Opt.) 

Letste Silbe. 

bekki [bekk], helli, kym\ klaedi 
(D. Sg.), fraegiry v€ienir (D. 
PI. Masc.) 

temi, bergi, doemi (S. PI. Opt.) 

temi, bergi, doemi (S.Sg.Opt.) 
temja, bergja (l.Sg.Opt.) 
doema (l.Sg.Opt.) 

engju, eng (D. Sg.), fraegju (D. 

Sg. Neut.) 
[ermi (D.Sg.)], vaenu (D.Sg. 

Neut.) 
eggja (l.Sg.Opt.) 

Vor der letsten Silbe. 
temim, bergim, doemim (l.Pl. 

Opt.) 
temiry bergir , doemir (2. Sg. 

Opt.) 
temid, bergid, doemid (2. PI. 

Opt.) 

Iietste Silbe. 

velKr (N.Pl.) 
hendr (N.Pl.) 
veUi (D Sg.) 
vaUa (G.Pl.) 
vallar (G.Sg.) 



368 Heinxel. 



ERLÄUTERUNGEN ZU PERIODE I. 



A. 

A ursprünglich in letzter Silbe/ 

Kurz A. 

Das Auslautgesetz ist vollzogen , kurzes a letzter Silbe 
ab- oder ausgefallen. Die Inschriften zeigen Thrawingan (G. Sg.) 
Tanum, Igingon (G. Sg.) Stenstad, iii(i)k (A. Sg.) Etelhem, rit 
(N.Dual) Varnum, was (3. Sg. Pf. Ind.) Tanum. 

Aber vor r des N. Sg. scheint a sich erhalten zu haben: 
WiwaR Tune, lathingaB Reidstad, HiligaB Orstad, EirilaR 
Vaeblungsnaes, ErilaB, LagnB Lindholm, ErilaB, HarabanaB 
Varnum, HoltingaB Gallehuus, DiigaR £inang, HagnstaldaR 
ValsQord (nach Zeichnung a) ), halaB Stenstad, stainaB Krog- 
stad, thewaB Valsfjord, Thorsbjerg. 

Man könnte dieses a fiir sy Ilabisch halten, für das alt- 
arische a der Endung -as, da es anders behandelt wird als die 
epenthetischen a, welche oft in I und II '^'zwischen Consonanten 
ähnlich wie im ahd. erscheinen: witadahalaiban, got. gahlaiba 
(comes), worahto Tune, HarabanaB, ahn. Hrafn, warita Var- 
num für *tt?rrtM, Sarala Orstad I, HariwuIAfA, HathawalAfR, 
HaerawulAflR, wArait Istaby (^4 das gewöhnliche Zeichen des 
alten Alphabets, welches später nasaliertes a wiedergibt, a die 
alte Jotrune), atharabasba^ ahn. ütharfaspä, barntB^ altn. 
br^tr, arageu, altn. ergil, falah, altn. fal Björketorp, Haiku- 

* Unter letzter Silbe ist im Folgenden auch der Fall zu verstehen, wenn 
die vocalisch auslautende Snffixsilbe mit einer yocaliseh auslautenden 
Endung versehen wird: a-din, ai-dm^ au-dm. 

* I, II, III ist im Folgenden immer für erste, zweite, dritte Periode ver- 
wendet. 



Uebar die Endsilbea der altnordischen Sprache. 369 

wolafB, HariwolafB, abarlutith, altn. hrytr^ Stentofte, Hatha- 
wolafB Gommor II. Aehnliches zeigt sich auch in der späteren 
Sprache, dem gewöhnlichen altn., s. Oislason Aarböger for 
nordißk oldkyndighed 1869, S. 35, — über andere Epenthesen 
der späteren Sprache , bei denen der Vocal gerne dem der 
nächsten Silbe gleicht , s. Bugge Tidskrift for philologi og 
paedagogik 7, 232. 8, 190. Aber vor den R des N.Sg. 
erscheint i4 in 11 nicht mehr. — Die Erhaltung eines thema- 
tischen a an dieser Stelle in I wäre nicht unglaublich. Die 
auslautenden 8 des N. Sg. und des G. Sg. A. PI. wurden, wenn sie 
nach n zu stehen kommen, verschieden behandelt, hana (G. Sg. 
A.Pl.) aber aptann (N.Sg.), werden also verschiedene Qualität 
gehabt haben. / hätte sich demnach in letzter Silbe ganz, n im 
Auslaut und vor den meisten r verloren, vor r des N. Sg., 
dann auch vor m und ns bewahrt, wie wir unten sehen^ t« ganz 
erhalten. — Die finnischen und lappischen kuningaSy gonogcta, 
Icemas, ruhtinas (dröttinn), Thomson Einfluss der germanischen 
Sprachen auf die finnisch-lappischen S. 86 ff., könnten diese 
Auffassung stützen, aber wohl nicht begründen, jedenfalls ent- 
scheiden sie nicht über die syllabische Qualität des a. Wahr- 
scheinlich sind die Anleihen aus dem germanischen uralt und 
vor der Durchführung des vocalischen Auslautgesetzes gemacht. 
Wenn die Finnen in kulta (aurum), Thomson, S. 73. 89, eine 
nordische Sprachform, die hinter das neunte Jahrhundert zurück- 
reicht, bis heute bewahrt haben, dann können sie ebensogut 
noch viele Jahrhunderte vorher schon im Mittelrussland von 
den Vorfahren der späteren Goten und Skandinavier kttningaa 
entlehnt haben, s. Thomson S. 121 ff. Aber allerdings erst nach 
Beginn des consonantischen Auslautgesetzes. Denn germanisches 
gulthariy got. giilihj wäre im finnischen wahrscheinlich kultan nicht 
kulta geworden, da diese Sprache keine Abneigung gegen aus- 
lautendes 71 hat 5 s. Thomson S. 29. — Die Schwierigkeit liegt 
in der späten Entwicklung. In II wird a von fadar I zu e, in 
III zu f, fadh-y d von tamiddr (2. Sg. Pf. Ind.) geht den gleichen 
Weg, lamdiTy a in hamai-r bleibt a. A vor dem r des N. Sg. hätte 
dann auf unerklärliche Weise eine von den verwandtesten Fällen 
— denn r zeigt hier überall gleiche Qualität — abweichende 
Bahn eingeschlagen, es wäre in II verschwunden, -wolafB, 
neben gefärbtem oder erhaltenem a in fadet*, hamarr II, fadiry 

SiUnngüber. d. phil.-hiai. Gl. LXXXYII. Bd. 1. Hfk. 24 



370 Heinxel. 

hamarr III. — Da erscheint es doch sicherer a in -aR I als eine 
Schreibung zu betrachten, welche versuchte dem neuen Laat- 
werth einer Rune, die ursprünglich z bedeutete und jetzt tönendes 
r auszudrücken hatte, gerecht zu werden. Natürlich wurde 
dadurch der Unterschied zwischen halaB (N. Sg.) und ttbaB 
(Praep.) verwischt. In II schien diese umständliche Bezeichnung 
des Nominativ-r nicht mehr nöthig. 

Dagegen ist kein Grund an der syllabischen Geltung des 
-a im A. Sg. Masc. N. A. Sg. Neut. der a-Stämme zu zweifeln. 
Wimmer Aarböger 1867, S. 56, Bugge Tidskrift f. ph, 7, 118, 
Aarböger 1870, S. 202, und Lundgren, Om substantivens stam- 
mar S. 86,. weisen auf die Gestalt gewisser Consonantauslaute 
hin, welche nordisch ganz anders sein müsste, wenn nicht 
dahinter ein a gestanden hätte : band (N. A. Sg.), aber hatt (Pf. 
von binda), hring (A. Sg.), aber gekk (Pf. von ganga), — Vgl. 
auch finn. kulta, Thomsen a. a. O, S. 86. — A muss einst hier 
gehört worden sein, während es sonst schon geschwunden war. 

Wahrscheinlich ist es die Nasalierung, welche die aus -am 
entstandenen -a vor der Wirkung des Auslautgesetzes schützte. 
Im gotischen, sächsischen, friesischen wird wenigstens der A. Sg. 
Masc. Adj. nasaliertes -a gehabt haben, blindana. Ebenso die im 
gotischen am besten bewahrten Adverbia auf -ana. Nur ^innanam 
erklärt das altn. innan der dritten Periode: ^iiinani z. B. hätte 
inna ergeben, wie hana D. Sg., fara Inf., — innandt, Bezzen- 
berger Untersuchungen über die got. Adv. und Part. S. 77, 
hätte altn. zu innana, got. zu innano geführt; s. die Adv. auf 
altn. -a, got. -ö. Wie innana werden gegangen sein ütan, got. 
ütana, undan, framan, vestariy austan, sunnan^ nordan, sicUdan. 

Die Qualität dieses -a von -am war von der des auf vor- 
germanisch -au zui-ückgehenden N, Sg. der an-Stämme Masc. 
unterschieden. Denn A. Sg. staiua, N. A. Sg. horna wird in 
der dritten Periode stein, hom, während hana (N. Sg.) I hani 
ni ergibt. Uebrigens verwendet die Inschrift von Istaby II 
für das letzte a in üariwulAfA (A. Sg.) dasselbe Zeichen, mit 
dem sie epenthetische a von anderen unterscheidet Und eben 
dieses brauchen die jüngeren Inschriften zur Bezeichnung des 
nasalierten a (A, q.) ; Wimmer Runeskriftens oprindelse S. 177. 
Wir lernen daraus nebenbei, dass das epenthetische wie nasa- 
lierte a in der Aussprache von dem gewöhnlichen a nicht weit 



Ueb«r die Endsilben der altnordiKcheu Sprache. 371 

abgestanden haben kann, wie denn die OommorinBcbrift II 
die graphische Unterscheidung des Istabysteines nicht kennt. 
Keinesfalls aber wurde ar in -WulAfAB ausgesprochen, wie 
im neuisländischen, als -ur. Auch hätte das nasalierte a des 
A. Sg. mit dieser Geltung Umlaut wirken müssen, also in III 
arm für ai'm ergeben. 

Aber die Nasaliernng war wohl facultativ. Die a »-Stämme 
müssen -am durch das Auslautgesetz ganz verloren haben. 
Sonst wäre lianan die Form des A. Sg. statt hana. 

Dagegen scheinen die tor-Stämme -a gehabt zu haben, 
fadurä (A.Sg.j; s. unten ,a ursprünglich vor der letzten Silbe* I. 
In der pronominalen Declination möchte ich weniger 
Gewicht legen auf tbat in der archaisierenden Björketorper 
Inschrift — s. Bugge Tidskrift f. ph. 7, 341 — als auf spdkt 
(N. A. ?^g. Neut.) in III. Setzte man in I spakatä, II spakata 
an, so hätten wir hier den einzigen Fall, dass a vorletzter 
Silbe zugleich mit dem Vocal der letzten ausgefallen wäre, 
8. hanwrs, hamar (G. A. Sg.) III. Es wird im altn. wie im west- 
germanischen in I that spakat gegolten haben. — Auch die 
Ausnahme heidinn (A. Sg. Masc.) in III gegenüber gamlan beruht 
wohl darauf, dass man bei aTz- Ableitungen des Adj. nicht -and 
in I sprach, sondern -an. 

Auch bei and-, i-, ti- Stämmen zwingt nichts A. Sg. auf 
-andäy -t, -ü anzunehmen. 

Ganz dieselbe Erhaltung eines nasalierten a gegenüber 
einem Gesetze, das a letzter Silbe befehdet, in III; s. unten. 
Der A. PI. der a-Stämme kann in I nicht anders als auf 
nn ausgelautet haben. S wurde durch das consonantische Aus- 
lautgesetz nicht angegriffen, aber dem n assimiliert, und a 
fand vor dem vocalischen durch die Doppelconsonanz Schutz: 
dagns armns, dagnr armnr ^ 9^9^^ ai-mnn wären undeutliche 
Formen gewesen, dagans wmans, daganr aiKoanr I hätten 
in III ann ergeben, wie aptanas in I aptanr, in III aptann. 
ebenso wurden die -ans behandelt, welche sich aus -anas nach 
Eintritt des vocalischen Auslautgesetzes gebildet hatten, im 
G. Sg. A. PI. der masc. an-Stämme, — ähnlich -ans im G. Sg. A. PI. 
der cm-Stämme. Ueberliefert sind die G. Sg. Masc. Eethan 
Belland, Thrawingan Tanum, Igingon Stenstad; s. Wimmer 

24* 



372 Heintel. 

Navneordenes böjning S. 119 Anm. Vgl. die gleiche Behand- 
lung des nt zwischen letzter und vorletzter Silbe : fara (3. PL) 
aus faranti setzt farann als Uebergangsform voraus. — Der 
N. Sg. Masc. aber duldet diese Assimilation nicht, s. haitinaR 
Tanuni^ HarabaiiaB Varnum, wo -naR nach dem oben Ent- 
wickelten gleich -nr ist. Das s wird hier länger tonlose Qualität 
bewahrt haben, wenn es auch in I schon tönend ist. Die Mög- 
lichkeit, 8 tonlos und tönend zu sprechen, wurde zur Diffe- 
renzierung benutzt. — Nähme man in I schon nn für nr in 
N. Sg. an wie fiir den G. Sg. der an-Stämme, so ei^äbe dies in 
III apta statt aptann wie hana (G.Sg.), fara (3. PL). 

A ursprünglich in letzter Silbe. 
Lang A. 

Vorbemerkung Über d und a. 

Es ist hier unmöglich, die sprachlichen Thatsachen zu 
erklären, wenn man nicht verschiedene Qualität der zu Grunde 
liegenden vorgermanischen Laute annimmt. Eine Gruppe alt- 
arischer langer a letzter Silbe wird nordisch inlautend zuerst a, 
in der dritten Periode ?, auslautend ti, das in III abf&llt, — 
eine andere zeigt zuerst o, in dritter Periode a, und zwar 
zum Theil unter denselben Bedingungen wie die erste Gruppe. 
Sowohl auslautend als in den Formeln -a», -dt wird altarisch d 
einerseits zu i, andererseits zu a : vaku I, vök III (N. Sg.), aber 
k€dla in (1. Sg.), hana I, hani III (N. Sg.), aber tungo I, 
itinga III (N. Sg.), tamida I, tamdi III (3. Sg. Pf. Ind.), aber 
lila III (Adv.), sind bezeugte Formen fiir die erste und dritte 
Periode. 

Scherer hat GDS. S. 120 zur Erklärung der verschiedenen 
Behandlung, welche in allen germanischen Sprachen die vor- 
germanischen d letzter Silbe erfahren, auf die vedischen aa, 
doy ad aufmerksam gemacht, über welche Kuhn Beiträge 4, 
180 ff. handelt. Es gab wahrscheinlich schon im altarischen 
zwei lange a, ein einfaches und ein übermässiges. 

Wenn wir nun im nordischen der Periode III einerseits r/, 
andererseits * finden , und » nur ganz selten — tamdir (2. Sg. 



üeber die Endsilben der aUnordisehen Sprache. 373 

Pf. Ind.), — a ganz regelmässig einer Länge in den verwandten 
germanischen Sprachen gegenübersteht, so wird man geneigt 
sein, in den nordischen Formen mit a ursprünglich ä, in den 
andern mit i einfach langes ä vorauszusetzen. 

Aber zu den in den Veden als zweisilbig bezeugten d 
der G. PI. , s. Kuhn a. a. O. S. 180 , der Aoristformen der 
Wurzel dhd, s. S. 181, der N. PI. auf -eis, s. S. 181, der Adver- 
bien auf 'ät^ s. S. 181, treten für das nord. noch hinzu die mit 
dem G. PI. gleich gebildeten A. Sg. der a-Stämme, von denen 
aber nur die adjectivischen, spaka, sich erhalten, während die 
substantivischen in der dritten Periode dem Nominativ gleich 
sind , vök, — der mit dem N. PI. auf -ds übereinstimmende 
G. Sg. der a-Stämme, s. Scherer GDS. S. 120, — die l.Sg.Prs. 
Ind. der schwachen Verba, welche got. ahd. 6 als Themavocal 
haben, vielleicht weil sie in der That auf da ausging, wahr- 
scheinlicher aber wohl wegen der d der vorletzten Silben, die 
sich im germanischen als o, in III des nord. als a, erhielten 
— kalhr (2. Sg. Prs. Ind.), :— auch die 2. Sg. Imp. bewahrt hier 
ursprünglich auslautendes d als a in III, im Gegensatz zum 
ahd., 8. Braune in seinen und PauFs Beiträgen 2, 152, — ferner 
an im N. Sg. Fem. der aw-Stämme, im N. A. Sg. Neut. der 
a;i- Stämme. 

Dieses aus ä entstandene o in I habe ich als lang ange- 
setzt, weil es in der zweiten Periode als a bezeugt ist, das 
wenn es kurz gewesen wäre, jedenfalls auslautend in dritter 
Periode hätte abfallen müssen, s. ami (A. Sg.), land (N. A. Sg.) 
usw. Auch vor einfachem r wäre es wohl ausgefallen, wie in 
okkr (D. PL). 

Vor erhaltenem n ist 6 vor II, der Periode der Umlaute, 
zu u geworden, wie tömdu in III zeigt. 

Dagegen ist a I aus einfachem d als kurz anzusehen, 
wie es das Auslautgesetz verlangt. 

Auslautend muss dieses d schon vor dem consonantischen 
Auslautgesetz eine andere Klangfarbe gehabt haben, als die d 
in -4n, N. Sg. der masc. aw-Stämme, oder in -dtf 3. Sg. Pf. Ind. 
schwacher Verba. Es wäre sonst nicht zu begreifen, wie die 
Sprache ursprünglich auslautende und durch das consonantische 
Auslautgesetz in den Auslaut versetzte d unterschieden hätte. 
Bei 'dn könnte man an Nasalierung denken, aber hier so wenig 



374 Heinzel. 

als bei -at begegnet uns die dunklere Färbung^ sondern bei 
ursprünglichem Auslaut. 

Fer (1. Sg.) in III ist natürlich nur eine Analogieform: 
fari braucht sogar nie wirklich bestanden zu haben. Vielleicht 
ist im Medium föru-nik die ursprüngliche Form erhalten? 
S. Blomberg Bidrag tili den germaniska omljudsläran S. 67. 

Handn war die Urform des N. Sg. Masc. der an-Stämme. 
Aus hanans wäre in III zwar nicht hana geworden, wie aus 
armaas (A. PI.) aimaj s. oben S. 369, 371, aber hanann, wie 
apta7i7i. Vgl, Leskien Die Declination im slavisch-litauischen 
und germanischen S. 20. Die Endung a ist für I in Inschriften 
bezeugt. Vgl. auch finnisch hertua (hertugi), Thomson a. a. O, 
S. 106. 

Ebenso pcUdr nicht patars, weil dieses in III nicht -ir, 
sondern -arr oder vielleicht -nrr ergeben hätte, wie hamarry 
ßSturr; s. Leskien a. a. O. S. 23 f., Scherer GDS. S. 316. 
Vgl. J. Schmidt Vocalismus 2, 241, 416. 

Die 3. Sg. Pf. Ind. der schwachen Verba geht auf ein- 
faches 'dt in der Endung -adhdt zurück; s. Scherer GDS. 
S. 202 f. Allerdings ist w(o)rta auf der Etelhemer Inschrift 
nicht ganz sicher; s. Wimmer Aarböger 18G7, S. 56, — und die 
Einanginschrift : DagaR thaR runo(R) faihido kann doch min- 
destens auch in der dritten Person abgefasst sein, — gegen 
Bugge Forhandlinger i Videnskabs-Selskabet i Christiania 1872 
(gedruckt 1873), S. 325. Nur weil die zweite Periode den Aus- 
gang -e aufweist, säte, und die dritte Periode tamdi in 3. Sg.^ 
tamda in 1. Sg. zeigt, sind wir berechtigt, die Möglichkeit 
eines vorgermanischen Unterschiedes -dm 1. Sg., -dt 3. Sg. zur 
Wahrscheinlichkeit zu erheben. Das -di der 3. Sg. Pf. Ind. kann 
nicht mit dem ablativischen -dt des Adv. zusammengefallen sein. 

Ueber die 1. Sg. Prs. Ind. 2. Sg. Inip. der schwachen Verba, 
welche got. ahd. den Stammcharakter o zeigen, sowie über die 
A. Sg. der (^-Stämme vbk und apaka s. oben S. 373. 

Dass die 1. Sg. Pf. Ind. der schwachen Verba den Vocal 
der Wurzel dhd lang erhalten hat, als 6 von übermässigem ^r^ 
gegenüber der 3. Sg. — während in den Veden auch die 
3. Sg. der Aoristformen von <^- Wurzeln zweisilbig ausgesprochen 



Ueber die Eudüilben der altiiordiachen Sprache. 375 

werden kann, b. Kuhn Beiträge 4, 181, ist vielleicht in der 
Aehnliehkeit mit der Form des G. PL oder nur in der folgen- 
den Nasah's begründet: -(ajdhdm Scherer GDS. S. 202 f. Auch 
die Part. Pf. auf äna haben Doppel -a, Kuhn a. a. O. S. 182. 
S. J. Schmidt über Dehnung des a vor einfachem n im Sanskrit, 
Vocalismus 1, 39. — lieber den Unterschied der 1. und 3. Sg. 
Pf. Ind. des schwachen Verba s. Bugge Tidskrift f. phil. 7, 221 
und schon Munch Aarböger 1847 S. 334. 

N. Sg. Fem. der a»-Stämme ist in I auf 6 bezeugt — 
vgl. im finn. kallio (hella), Thomsen a. a. O. S. 106, — nicht 
auf '6n für -onn von -6n«, und mit ihm stimmt in der Endung 
a in das Neut. der an-Stämme überein. — An mit übermässiger 
Quantität war die vorgermanische Endung. Vgl. Scherer GDS. 
S. 120, 316. Leskien a. a. O. S. 63, Delbrück KZs. 22, 272 
beweisen für das slaw. und ind. dass N. A. Sg. der neut. 
a/2-Stämme auf Länge mehr Nasalis endete. 

Wimmer fasst Aarböger 1867 S. 55 Luthro und Hariso 
als Frauennamen der a-Classe, in Navneordenes böjning S. 68 
sagt er, der N. Sg. der a-Stämme habe auf -o, der der a?i-Stämme 
auf 'O ausgelautet. Ob Luthro, Hariso zu den einen oder den 
andern gehören, lasse sich nicht entscheiden. Auch den N. A. 
PI. der neut. a-Stämme setzt er consequenter Weise als -o an, 
Navneordenes böjning S. 47. In Runeskriftens oprindelse S. 182 
wird Saraltt Orstad als jüngere Form von Saralu erklärt und 
allgemein bemerkt, dass älteres o schon in den ältesten In- 
schriften manchmal zu u werde, ebenso wie langes 6 in rnnoB 
später als a erscheine, runaB. Aber die Denkmäler berechtigen 
eine solche Auffassung nicht. Dass o zu u wird, sehen wir 
nur in der Wurzelsilbe und nur in der zweiten Periode: Hathu- 
wolafR, HariwolafB Stentofte I, HathnwulAfB Istaby IL 
U erscheint als Endung in den Inschriften der ersten Periode 
nur in Saralü (N. Sg.) Orstad, waritu (1. Dual) Varnum, da- 
lidun (3. PI.) Tune ; — o in ThuingoB (G. Sg.) Tune, runoB 
Varnum, Einang, Fino (N. Sg.) Berga, Luthro (N. Sg.) Dalby 
(Straarup), Hariso (N. Sg.) Himlinghöje, Igingon (G. Sg.) 
worahto (l.Sg.) Tune, tawido (1. Sg.) Gallehuus, faihido 
(^l.Sg.) Einang. Kein Fall der zwänge einen Uebergang aus 
einem Laut in den andern anzunehmen, ausser vor erhaltenem n in 
dalidan (3.P1.) gegenüber Igingon^ dem G.Sg. eines an-Stammes, 



376 Heinzel. 

dessen -on vor der zweiten Periode ebenfalls zu -wn geworden 
sein rauss, wie der Umlaut ausweist, götu. Die Lautbezeichnung 
und gewiss auch der Lautwerth der ersten Periode ist constant, 
nie R im N. Sg. der masc. a-Stämme wie in II, nur -aR, nie 
-ai? im G. Sg. N.A. PI. der a-Stämme wie in II, nur -6Ä. Auch 
Bugge Tidskrift f. phil. 7, 245. 251 erklärt Harlso, Fino fiir 
dii-Stämme. Aber mit ihm, Aarböger 1871 S. 209, Saraln gleich- 
falls für einen rm-Stamm zu halten — u sei nur ungenaue 
Bezeichnung des o-Lautes — sehe ich keinen Grund. 

Die Comparativadverbien auf -ar III müssen in I auch -6r 
gehabt haben, da -ai* sich nicht erhalten hätte, wie fadir in III 
zeigt. Wie aptar sind zu beurtheilen optar, sialdnar, vidav, 
nordar, sunnavy aiistar, vestar, Utar, Innar, ofar^ nednr, hindar, 
wahrscheinlich vorgermanisch auf -äs auslautend, wie lengr 
skemr, ßrr, naer, göiT (ö = t-Umlaut von o), betr, verr, mim 
(midr), meir, heldr, fyn\ auf -ji8j s. Scherer GDS. S. 105 f. 
Das d blieb hier unverkürzt wegen der adjectivischen Fülle, 
in denen der Vocal vor der letzten Silbe stand. Bezeugt ist siii- 
gOSteR (N. PL Masc.) Tune. Das Verhältniss also wie in 2, Sg. 
Imp. der schwachen Verba dritter Conjugation. 

Ueber thalör (N. A. PI. Fem.) , in III thaer , s. unten 
bei ai. 

Die 3. PI. Pf. Ind. der schwachen Verba auf -änt von 
adhänt, Scherer GDS. 202, hat wahrscheinlich übermässiges d 
gehabt, nach Ausweis des ahd. ; s. Braune in seinen und Paurs 
Beiträgen 2, 136. Aber es wurde schon in I zu xt wie dalidun 
Tune und der u-Umlaut der zweiten Periode zeigt. 



A ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Kurz A. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

A ist meist bewahrt, zum Theil bezeugt, zum Theil durch 
a in III gesichert: vor n (A. Sg. der masc. an-Stämme, im 
Inf.), vor nrty d. i. altem nas (G. Sg. A. PL der an-Stämme i 
und nti (3. PI. Prs. Ind.), dann vor /r, nvy rr (N. Sg.) und vor 
s8 (G. Sg. der a-Stämme). 



üeber die Endsilben der altnordischen Sprache. 377 

Bei n wäre zu bemerken, dass die nach Scherer GDS. 
S.474 für den Inf. angenommene Locativfonn auf -ani nicht die 
einzig mögliche ist. Auch -anam (A. Sg. Neut.), b. Ebel KZs. 
5, 303, Zimmer Zs. 19, 433, könnte in III a ergeben, da die 
Nasalierung des a ja facultativ ist; s. oben S. 371. 

Was nn anbelangt so ist der N. PI. der masc. an-Stämme 
deutlich eine Analogieform nach der a-Classe. Regelmässig 
müsste es in III statt hanas hana lauten, wie im G. Sg. A. PL, 
s. Lyngby Tidskrift f. phil. 6, 48. Noch' jüngere Formen rfind 
giimnar, hragnar III; sie setzen den schwächsten Casus des 
G.Pl. abna III voraus; s. unten über D.Pl. 

Dass hamarr in III bleibt, während fadar zu fadir wird, 
mag in der verschiedenen Consonanz oder in dem vorgermani* 
sehen ä begründet sein, auf welches fadar zurückgeht. 

A in G. Sg. der masc. neut. a-Stämme ist bezeugt. Das 
Doppel-« des Ansatzes soll mehr an die Bewahrung des 
«-Lautes durch Assimilation des folgenden j erinnern^ als die 
Aussprache aas für I behaupten. ^ Aber -assa muss jedenfalls 
einmal gegolten haben, sonst wäre arms neben fei-r, temr^ 
doemir unerklärlich; s. Lyngby Tidskrift f. phil. 6, 27, Bugge 
Aarböger 1870, S. 201. Nur das hat Gislason Tidskrift f. phil. 6, 237 
mit Recht bemerkt, dass man sich nicht auf thess berufen dürfe. 
Aber seine Erklärung aus thers nach Analogie von hvers scheint 
mir weniger wahrscheinlich, als die Scherer's GDS. S. 364, 
nach welcher es von thes-si stamme, wie man mit Bugge Tid- 
skrift f. phil, 9, 115 ansetzen kann. 

Diesen G. Sg. habe ich auch nnkas (D.Dual.) beigestellt, 
als Vertreter der Formen okkr, ykkvj oss, ydr in III, welche 
Kuhn KZs. 15, 130 und Scherer GDS. 242 f. als ursprüng- 
liche Genitive deuten. Leskien Die Declination S. 152 macht 
auf die lautgesetzliche Schwierigkeit aufmerksam, welche das 
nordische beireite: sja ist sonst nur als s, nicht als r erhalten, 
ai-ms, landsj thess. Aber seine Erklärung unterliegt grösseren. 
Es hält das r der D. (und A.) PL okkr, ykkr, oss, ydr für 
eine Analogiebildung nach dem Singular, r, ursprünglich is 
wie im got. ugh's neben ugk, sei dem wie das gotische zeige. 



1 Obwohl 99 in Hss. vorkommt, hirdi99, riki99; s. Gislason Oldnord. Form- 
laere S. 37. 



37H Heinxel. 

zur Dativ- und Accusativbezeichnung ausreichenden nns^ so- 
mit auch einem idv (izv), unk, ink angehängt worden. Aber 
wenn es in erster Periode ynsir unkir usw. hiess, wäre Umlaut 
eingetreten wie in betr, heldr, — setzt man -er an nach den 
mi^r, ther, str, so erhalten wir die Analogie hurdir (N. PI. der t-St.), 
das auf burder in I zurückgeht^ oder die der Partikeln nach 
after in I, eptir in III. Wo bei diesen kein Umlaut erscheint, 
wie in undir oder furir neben fyriv, da ist i in III bewahrt. 
Der Ausfall des a von as der ersten Periode in III aber 
stimmt gut zu armass I, arms III. Dass s hier nicht verdoppelt 
wurde, also der Umwandlung zu z und r erlag, ist nichts andres 
als was dem Element sja im Innern des Wortes bei der prono- 
minalen Declination der Feminina, got. thizai, thizos, blindaizosj 
ahn. theirij theirar, blindri, blindrar, geschehen ist. Eben die 
singulare Verwendung eines Genitivsufßxes für dativischen 
Gebrauch mag diese verschiedene Behandlung hervoi^erufen 
haben. Die Analogie von armass ward nicht empfunden und 
der Laut unterlag dem Zuge, welcher die nordischen «-Laute 
erst tönend machte, dann zu R, r trieb. Sehen wir doch in 
der Sprache der dritten Periode noch es und er, vesa und vera. ' 

Ueber that, spakat, s. oben S. 371. 

Aber das a der Suffixe an und ag hat häufig Färbung 
erlitten, zu e und m, in III i und w. Denn wenn auch die 
Inschrift von Tanum haitinaR = haitinr zeigt, so beweist 
doch der Mangel des Umlauts in III, dass i hier nicht die 
gewöhnliche Geltung haben könne. Nur nach Gutturalen finden 
wir Umlaut in den Part. Pf., tekinn neben haldinn, s. Wimmer 
Navneordenes böjning S. 53, Bugge Tidskrift f. phil. 7, 250, 
Holtzmann Gramm. 1, 82. 2, 63.*^ 

Selten blieb a bewahrt, im substantivischen aptann, in 
dem vereinzelten heüagr. Die vertretenden Vocale schwanken, 
morginn und morgtmn, atfdigr und audugr, s. Gislason Form- 
laere S. 15, oder werden zur Differenzierung verwendet^ so 
Adj. und Part. Pf. nur auf -iyin. 



^ Uebrigens vgl. über dieses * und r im Dativ des Personalpronomen Bugge 

KZs. 4, 244. 
2 Ueber den Einfluss der Gutturalen auf Färbung bis zu • in der folgenden 

Ableitungssilbe, s. Leflfler Tidskrift f. f., Neue Folge, 2, U. 274, STd. 



Ueber die Endvilheo der aUnordiechen Sprache. 379 

Allerdings könnte unter den Adj. auf -ugr eines oder das 
andere mit echtem ug, s. got. handugsj vorkommen^ gewiss 
keines mit echtem -ig-, oder -in-, got. nur fulgins» Denn auf 
eine Färbung des echten i zu e, wie wir sie hier wegen des 
fehlenden Umlauts doch annehmen müssten, werden wir sonst 
nirgends geführt, 

Wohl aber haben die Adj. auf got. -eigs, -eins ihr altes 
i gegen e, in III i ohne Umlaut aufgegeben, o£fenbar nach 
Analogie der Adj. auf -inrij -igVy s. unten ,i ursprünglich vor 
der letzten Silbe^ Freilich ist es nur sehr wahrscheinlich, dass 
nord. gidlinnj mdttigr, Ableitungen mit altem jnn, jag sind 
wie got. gulihems, mnhteigs. Vgl. Blomberg Bidrag tili omljuds- 
läran S. 16. 21. 

Aehnlich scheint es den Ableitungen auf al ergangen zu 
sein. Auch hier neben erhaltenem a, bagcdlf gamall, i^ ohne 
Umlaut, und u in III, öfters in einem Worte schwankend 
heimill heimall, drasill drösull, vadill vödull, s. Blomberg a. a. O. 
S. 20. 

Fared (2. PL Prs. Ind.) ist eine wahrscheinlichere Form für 
die erste Periode als farad. Denn der Weg a I, e II, i III, 
also in dritter Periode ohne Umlaut faHdj kommt sonst bei 
ursprünglich vorletzten Silben nicht vor. Inlautend finden wir 
ihn nur bei fadar I, in ursprünglich letzter Silbe, das in III 
fadir wird. A in -ar von fadar I aber stammt von vor- 
germanisch dj hatte also vielleicht eine verschiedene Qualität 
und die Schlussconsonanz ist eine andre. Dazu kommt dass 
got. hier die Färbung des Stamm vocals zu i bietet, farithy 
übereinstimmend mit e, i, im griech., lat., altir., altslaw., während 
die westgermanischen Sprachen, wie das litauische, a bewahrt 
haben. Ein europäisches e hier mit Curtius Spaltung des 
^-Lautes S. 26, J. Schmidt KZs. 21, 284, LeflFler Tidskrift f. f., 
Neue Folge, 2, 271, anzunehmen, von dem dann einige Sprachen 
wieder auf a zurückgegangen wären, ist sehr bedenklich und 
ganz unnöthig. Es liegen für ost- und westgermanisch zwei 
Formen vor, deren eine ja ganz gut und ohne die Verwandt- 
schaft der germanischen Sprachen irgendwie zu erschüttern, 
mit der Form anderer arischer Sprachen sich begegnen kann. 
Schwankend behandelt sind die Partikeln auf vorgerma- 
nisch -arif 8. Bezzenberger Untersuchungen über die got, Adv. 



380 Heinsel. 

und Pavt. S. 112, Scherer GDS. S. 466, Lyngby Tidksrift f. 
phil. 10, 89. Die Inschriften haben in I after, afteB und 
nbaR bewahrt, welche in der dritten Periode aptir und yßr 
lauten. Umlaut hat in III auch fyrir, daneben aber funr und 
undir. Die Partikeln beharren also in I zum Theil wie fadar 
(N. Sg.) von faddr auf a, und haben in III i ohne Umlaut, was 
in II, der Periode der Umlaute, e voraussetzen lässt — undir, furir 
wie fadir in III, — zum Theil haben sie in I bereits e, das in 
zweiter Periode i ergeben haben muss, da III Umlaut zeigt, epfir, 
fyrivj yfir. Im ahd. werden die Partikeln ganz ähnlich behandelt, 
und gerade dieses Schwanken zwischen a und i gegenüber 
dem entschiedenen Vorangehen, welches die Partikeln zeigen, 
wenn es sich um die Lautwandlung i — e handelt, zwingt dort 
den Weg, welchen die Partikeln von a nach e, i zurücklegen, 
nicht als Schwächung, wie die Senkung des i auf e, sondern 
als Färbung im eigentlichen Sinne anzusehen; s. Sitzungs- 
berichte der Wiener Akademie 81^ 121 f. 

Vor m wird a schon in I zu t^ geworden sein. Ein aus- 
drückliches Zeugniss mangelt allerdings, in II gesfuniR, Aber 
da n schwächer auf a einwirkt als wi, fara (Inf. 3. PL) neben 
fömm (1. PI.), vor n aber u für a in I bezeugt ist, s. oben 
S.- 376 dalidan, dürfen wir auch bei kurz a vor m u annehmen. 
Vor allem aber ist der tt-Umlaut nicht über die zweite Periode 
hinaus wirksam. Es ist das einfachste die Ursachen desselben 
in I anzunehmen; s. bei II, Vorbemerkung. 

Der Ansatz -anbhims, auch für die a-Stämme, soll die Ent- 
stehung des m für bh im germ., slaw., lit., D. PL, im slaw., 
Ht., D. Dual. Instr. Sg. erklären. Es ist das Resultat einer bei 
den an-Stämme verständlichen Assimilation — anbhims, ambhins, 
ammimSj amims — auf die vocalischen Stämme übertragen 
worden. — Für das Vicariat von an-Stämmen und vocalischen 
bieten sich aus dem germanischen die Parallelen des G. PI. 
der a-Stämme, die A. Sg. Masc. der a-Stämme auf -an dar, die 
adjecti vischen wie die vereinzelten nach ahd. gotan. Die got. 
nord. Dative nach abnamy uxnam hätten dann das Suffix an 
zweimal, oder sind einfach Analogiebildungen, da man neben 
hanaraVy hanumr doch nicht mehr ababr, oder wegen des Casus 
schwächster Bildung, des G. PL, s. unten S. 382, abnabr, sagen 
konnte; vgl. über N. PL S. 374. 



Ueber die Endsilb«!! der altnordischen Sprache. 381 

Im altslaw. allerdings wie es scheint, kein ähnlicher 
Fall. Denn der G. Sg. der o-Stärame rqky, gleich dem A. PI., 
kann, wie Leskien Die Declination S. 41 gezeigt hat, nicht 
ohne Verletzung der Lautgesetze auf -an-a« zurückgeführt 
werden, ebensowenig freilich auf eine Locativform -d^dm. 
Im ersteren Falle wäre rqkane das Resultat, im zweiten rakq 
oder rqkü. — Aber im lit. wird der G. Sg. der ^a-Stämme 
statt -68 öfters -§8 geschrieben, Geitler Lit. Studien S. 57, setzt 
also älteres -eiis voraus, wie akmins, G. Sg. eines an-Stammes ; 
vgl. men8 neben twä, N. PI. des Pers. Pron. 1. Person, Geitler 
Lit. Studien S. 96. — Im lit. ferner kann ü im Loc. PI. vilkäsu 
nur auf au oder an zurückgehen. Ati wäre kaum erklärlich, an 
empfiehlt sich durch zemaitisches vilkunse. VilkÜ8u ist also auf- 
zufassen wie vezüs (vehor) von einem alten vazan-si, Schleicher 
Comp. §. 101. — Vielleicht gehört auch N. PL der lit. i- und 
tt-Stämme hieher: dkya ("= akS8), sünüs. — Es sind dies 
Zeugnisse für den Parallelismus der vocalischen und an-Stämme, 
über welchen OsthoflF in zweiten Theil seiner Forschungen 
gehandelt hat. 

Leskien Die Declination S. 100 hat zwar die Erklärung 
Bergaignes^ der das Element sma herbeizieht, durch Verweisung 
auf die preussische Dativendung -man8 neben atesmu widerlegt, 
selbst aber einen ganz singulären Vorgang, Angleichung des 
anlautenden an den auslautenden Suffixconsonanten angenommen 
— also wie lat. coquo aus pequo, qidnque aus pinque, s. Blom- 
berg Bidrag tili den germaniska omljudsläran S. 4, — der 
selbst wieder nur an einem nicht vorhandenen Singularsuffix 
des Instrumental -bhjam zuerst stattgefunden haben könnte. 
S. J. Schmidt in seiner Recension der Leskien'schen Schrift 
Jenaische Litteraturzeitung 1877 S. 269 ff. 

Das altirische scheint mit seinen durchgehenden 4b (-a-ib)^ 
das eigentlich nur für die i- und Ja-Stämme passt — auch 
talvmnaib von einem an-Stamm — ein Gegenspiel zu den 
nordeuropäischen -am, -um zu bieten. 

Denn auch hier ist altn. a zu u geworden, und wirkt 
in II Umlaut. 



382 Heintel. 

A ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Kurz A. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

A bleibt fast durchweg. Bezeugt ist es allerdings nur in 
arbingano (G. PL, wohl von einem ^an-Stamm), aber es ist 
kein Grund Ausfall oder Färbung anzunehmen, ausser in den 
Adj. und Part. Pf. auf -in«, -igr III, deren Lautwandel oben 
S. 378 besprochen worden ist. 

Der G. PI. der masc. a?i-Stämme hat sich nicht erhalten. 
In III heisst er liana, boga. Das geht nicht auf -ano zurück, 
da sonst hogna wie Fem. Neut. tungna, augna erwartet werden 
müsste. Solches -na ist aber nur eine seltene Ausnahme, gumna, 
bragna, vgl. got. abne, und aus dem G. PI. sogar in die übrigen 
Casus des Plural, den N. (A.) D. PI., gedrungen ; s. oben S. 377, 
381 und Lyngby Tidskrift f. pliil. 6, 48. 

Haitade (3. Sg. Pass.) ist sehr unsicher , aber möglich 
wegen des ags. hätte (vocor, vocatur), Grein Ablaut S. 37, 
Scherer GDS. 197. Allerdings könnte auch Uebertritt des 
Praesens in die schwache Conjugation stattgefunden haben, wie 
bei so manchem andern starken Verbum, ohne dass passivische 
Bedeutung vorläge, z. B. hlota. Aber das hateka, welches 
Bugge auf dem Lindholmer Amulet liest und dui'ch heitik über- 
setzt, Aarböger 1871, S. 187, 1872, S. 194, ist nach Lesung 
und Deutung viel zu zweifelhaft, als dass es zu einem Beweis 
gegen die angesetzte Form und gegen die Annahme, dass a vor- 
letzter Silbe sich in I noch erhalten habe — s. das überlieferte 
arbingano — dienen könnte. 

Der Inf. hagassan in III hugsa ist einem vorgermanischen 
-atjani gegenüber gestellt. Es beruht dies auf Holtzmanns 
Beobachtung Gramm. 1, 130, dass dem nordischen heilsa (salu- 
tare), ags. hdlettan^ ahd. heäazjan entspricht, nicht heilison, 
ags. hdlsjan (augurari), das nord. durch heilla gegeben wird. 
S. über hoetis bei ,i ursprünglich vor der letzten Silbe^ Betreff 
der scheinbar unterbliebenen Lautverschiebung im got. ags. 
s. Leo Meyer Got. Sprache §. 107. Tj kann zu s nur werden 
über ts, 88, Also derselbe, nur weiter fortgeführte Process wie 



U»ber die Endsilben der altnordiachen Sprache. 383 

got. matzia, Pifzia, worüber in meiner Geschichte der nieder- 
fränkischen Geschäftsprache S. 147. Den dort nach Wacker- 
nagel angeführten Ziurichi, Ziaherna für Zürich, Zabern wäre 
vielleicht hinzuzufügen Zurzach, dem ein französisches Tortiacum 
entspricht, und Abudiacum am Lech, wofür später Abuzacum; 
s. Bacmeister Alemannische Wanderungen S. 20. 27. 

Das a vor den Endungen G. D. Sg. Fem. des Adjectivs 
ist nach dem sanskritischen Pronominaladjectivum angesetzt, 
s. Sievers in Paul und Braune's Beiträgen 2, 99 ff. Da der 
G. PI. dieselbe Entwicklung zeigt, liegt auch hier für das 
germanische wahrscheinlich -asäm zu Grunde. 

Die a vor- und drittletzter Silbe, (D. Sg. Masc. G. D. Sg. 
Fem. G. PL), welche in den Ableitungssilben der Adj. und Part. 
Pf. auf -inuy 4gr III zu e gefärbt worden waren, sind in I 
gewiss noch nicht ausgefallen. Ausfall des e in I findet sich 
bloss bei den durchaus kurzen Wurzeln der zweiten schwachen 
Konjugation (got. ai-Stämme), während die erwähnten Adj. und 
Part. Pf. sowohl lange als kurze Wurzeln zeigen. Auch die 
Part. Pf. nach tekinn III, welche allerdings nur einfache Con- 
Bonanz am Schlüsse der Wurzel bieten, haben ihren schon 
in I zu i vorgedrungenen Ableitungsvocal bewahrt, denn nie 
findet man in III z. B. taknirj wie luklar von lykllL — 
Die kurzwurzeligen Verba erster schwacher Conjugation haben 
allerdings, wie wir bei ,t ursprünglich vor der letzten Silbe' 
sehen werden, schon in I den Ableitungsvocal verloren, tamda 
III, tamdö I. 

U erscheint für a des Suffixes im A. Sg. von fadar I, 

faitir in : fadurä. Man möchte vermuthen, dass födur III sich 

nach ßöturrj wfurr usw. gerichtet habe, wenn diese Wörter, 

wie doch wahrscheinlich, alte Stämme auf -ara sind und den 

Ableitungsvocal im Gegensatz z. B. zu hamaiT, wo er blieb, 

zu ti (nicht auch zu e) gefärbt haben. — Auf G. D. Sg. ist dies 

II ^wohl übertragen , da wir allen Grund haben schwächere 

Bildungen wie fadn- (G. Sg.), got. fadrsj fadr (D. Sg.), got. 

fadLry als die ursprünglichen anzunehmen. — Das u im G. D. 

Sg"-, also in letzter Silbe, wäre in III wohl ausgefallen, wie u 

in wjlh*. 

Vor TD geht a hier, wie der Umlaut in II zeigt, ebenso 
zu «/, w^ie in letzter Silbe. 



384 Heiniel. 

Die den Endungen auf ?« vorangehenden Suffixsüben haben 
ihr a wahrscheinlich schon in I dem folgenden Vocal assimiliert^ 
da sie in II Umlaut wirken, gönml (N. Sg. Fem. N. A. PI. Neut), 
gömlum (D. Sg. Masc). 



A ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Lang A, 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

Lang a ist bewahrt als & im G, Sg. Igingon, das aber 
wohl ein jan-Stamm sein wird. Vor m wandern diese o, wie 
die kurzen a ursprünglich vorletzter Silbe zu u; ebenso 
vor n, wie lang a ursprünglich letzter Silbe, dalidan ; s. oben 
S. 376, 380. In II sehen wir den dadurch entstandenen Umlaut. 
Aber der Inf. und die 3. PI. Prs. Ind. der dritten schwachen 
Conjugation (got. ö- Stämme) wollen den charakteristischen 
Vocal nicht entbehren^ in III kallä. Vor m wirkt diese Rück- 
sicht nichts köUttm IIL 

Durch Analogie zu erklären ist kallid III (2. PI. Prs. Ind.), 
das nicht auf das angesetzte kalldd zurückgehen kann: das 
hätte kailad ergeben. Die übrigen germanischen Sprachen, wie 
die Natur der Sache, lassen keinen Zweifel, dass einst der- 
selbe ö- Vocal die ganze dritte Conjugation der schwachen Verba 
beherrschte. 

Auch tömdud III — in I tamidddf — verdankt sein n 
wohl nur der 1. und 3. PI. oder dem starken Perf. 

Schwierig ist tamdir (2. Sg. Pf. Ind.) in III zu erklären. 
Das vermuthungsweise angesetzte tamiddr ist sehr zweifelhaft. 
Gehen wir von der Endung (ajdhäsi aus, so konnte keines- 
falls tamidor das Resultat in I sein, da dies nie durch r^el- 
mässige Entwicklung in UI tamdir ergeben hätte. Dagegen 
hindert nichts in dieser Endung, die ja eigentlich keine ist, 
bloss Länge des a, nicht auch Färbung zu 6 anzunehmen, wie 
in dädy got. deda: tamiddr wäre dann als die einzige Endung 
auf ^ in I ebenso behandelt worden, wie eine Endung auf ar, 
wie fadar I, fadir III. 



lieber die Budailben der altnordischen Sprache. 385 

Aber möglicherweise hatten die ostgermanischen Sprachen 
die secundäre Endung dhäs. Dann ist es wieder zweifelhaft^ 
ob das d als übermässig betrachtet wurde oder nicht. In 
letzterem Falle hätten wir in I tamidar wie fadar, in III ton?^ 
dir wie fadir, — im ersten Falle müssten wir wie früher dar 
als Entsprechung eines vorgermanischen dhäs ansetzen; was 
ja bei dieser eigenthüm liehen Endung wohl möglich wäre. 

Immer wäre die Uebereinstimmung zwischen gotisch und 
nordisch -dJea, -dar oder -dar I, -dir III gegenüber hd. alts. 
neritöst, neridos bemerkenswerth. 

Aber auch an die Analogie der Praesensformen lang- 
silbiger schwacher Verba könnte man denken, die sich im 
Praes. so mancher starken geltend macht. 

Nur aug&n (N. A. PL) I erklärt augu in III, und führt auf 
vorgermanisches -äna, Aiigan in I aus augana wäre auga III 
geworden wie D. Sg. hana aus hanani III. Auga stimmt dem- 
nach bis auf die Voraussetzung eines a-Stammes zu got. augdna 
und steht den westgermanischen Formen gegenüber wie N. A. 
Sg. auga III, got. augd, dem hd. ouga. Es wird kein Zufall 
sein, dass die beiden germanischen Sprachen, welche eine Form 
des N. A. Sg. der neut an-Stämme , sowie des N. Sg. der dn- 
Stämme auf an voraussetzen — s. oben S. 373, — im N. A. PL 
der neut. an-Stämme auch Länge des Ableitungsvocales zeigen. 
Dadurch entfallt die Analogie der nur ostarischen Endung 
'äni; s. Scherer GDS. S. 432 und Zs. f. Österreich. Gymn. 
1874, S. 258. 

Genau aber entsprechen den got. Formen die ältesten 
dänischen und schwedischen öghon, örun, Lyngby Tidskrift f. 
phil. 6, 47, Wimraer Navneordenes böjning S. 113. Hier liegt 
ein Stamm auf -dna zu Grunde, wie im got. — Die nordische 
Urform in I wäre augdnu. 

Deutliche Analogieform in III ist tungur (N. A. PL) nach 
vcLkar, sdttir. Das Gesetzmässige wäre tungu, wie G. Sg. ; s. oben 
über hanar S. 377. Lyngby Tidskrift f. phil. 6, 48 hat richtig 
gesehen, dass die eigentliche Form des N. A. PL der an-Stämme 
im schwachen Adj. erhalten ist, spöku, die, weil sie auch dem 
N. A. Neut. zukam, erst auf N. A. Masc. übertragen wurde, um 
dann allmälig alle Casus des Plural zu erobern. 

SiUangKber. d. pUl.-hut Ci. LXXXVil. Bd. I. Hft. 26 



386 Heinsei. 

Uebermässiges ä haben vielleicht einige Formen des 
schwachen Perfectums. Das macht hier keinen Unterschied. 
Der Vertreter eines langen altarischen a ursprünglich vorletzter 
Silbe ist 6, das in UI zu a wird; über die mögliche Ausnahme 
in tamdir 2. Sg. Pf. Ind. III s. oben S. 384. 



A ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Lang A. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

Auch hier ist 6 bezeugt und erscheint in III als a. 

Für kalldddm (1. PL Pf. Ind.) scheint über kallodum sich 
noch in I kalludum eingestellt zu haben^ da wir in III die in 
II umgelautete Form kölludum finden. * 

TungSno (G. PL) verdumpft sein vorletztes 6 vor 7i zu w, 
wie dies langem d auch in letzter Silbe der Periode I geschieht; 
s. S. 373, 384. Nur ti, d. h. kurzer Vocal, erklärt uns den 
Ausfall in III tungna, wie iötna (G. PL) von iöttimi. 

Vor nd aber bleibt o, in III a, kallandly vielleicht nur 
um den charakteristischen Vocal der dritten schwachen Con- 
jugation (got. ö-Stämme) zu erhalten. 

ExGurs Über ä und ä. 

Die andern germanischen Sprachen lassen die zweifache 
Qualität des langen a ebenso deutlich erkennen, als das nor- 
dische. Aber die Auftheilung beider Laute schwankt. 

Im gotischen gilt für einfach lang das vorgermanische d 
im Auslaut, also N. A. PL Neut. der a-Stämme, N. Sg. der 
<^-Stämme, 1. Sg. Prs. Ind. starker Verba, dann ä in dn, N. Sg. 
der masc. an-Stämme, d in äi*, N. Sg. der ar-Stämme, d in dt 
3. Sg. Pf. Ind. der schwachen Verba, alles wie im nordischen. 
Aber darüber hinaus auch d in dniy A. Sg, der a-Stämme, und 
1. Sg. Pf. Ind. der schwachen Verba. In diesen Fällen ist 



^ Blomberg' Bidrag tili den germaniska omljadslärau 8. 6 fahrt ein eUkaäum 
neben dem regebnfissigen elskudum an. 



Ueber die End9ilbeD der altnordischen Sprache. 387 

gotischer Vertreter des alten d kurzes a, entsprechend nord. a 
in erster, % in dritter Periode, mit Ausnahme des Auslautes, 
wo nord. u herrscht. 

Also altn. landu (N. A. PL) I, lönd III, got. hmda, 

altn. hlindu (N. A. PI. Neut.) I, hlind III, got, hlinda, 
altn. giafu (N. Sg.) I, giJöf III, got. giba^ 
altn. blindu (K. Sg. Fem.) I, hlind III, got. blinda^ 
altn, [faru (1. Sg.)] I, [fer] III, got. faruy 
altn. hana (N. Sg.) I, haut III, got. hana, 
altn. fadar (N. Sg.) I, fadir III, got. fadar, 
altn. tamida (3. Sg.) I, tamdi III, got. tamida] 
Aber altn. [^/ia/ö (A. Sg.)] I, [giöf] III. got. giba^ 

altn. blindo (A. Sg. Fem.), I, blinda III, got. blinda, 
altn. tamidd (1. Sg.) I, tamda III, got. tnmida. 
Uebermässiges fi zeigt auch im got. noch langen Vocal, 
der entweder wie nord. wahrscheinlich schon sehr früh zu 8 
gefärbt worden ist — oder aber zunächst ä blieb — vgl. das 
oben S. 384 vermuthungsweise angesetzte altn. tamidär — 
später aber den Weg zu e einschlägt. A und 6 wird einst 
geschwankt haben und dieses Schwankens bediente man sich 
zur DiflFerenzierung der Formen. — Beiden Sprachen gemein- 
sam ist übermässiges ^ in 1. Sg. Prs. Ind., 2. Sg. Prs. Imp. der 
dritten schwachen Conjugation, im G. Pl.^ im N. Sg. der -dn und 
der neut. aw-Stämme, im N. PI. der masc. a- und der a-Stämme, 
ebenso im G. Sg. A. PI. der <J-Stämme , in den Adverbien auf 
got. -ö und den Comparativadverbien auf gotisch -6«, 
Also altn. kalld (1. Sg.) I, kalla III, got. salho^ 

altn. mannd (G. PI.) I, manna TU, got. mannen 
altn. dag6 (G. PI.) I, daga III, got. dagiy 
altn. giaß (G. PI.) I, giafa III, got. gib6^ 
altn. tungo (N. Sg.) I, tunga III, got. tuggö, 
altn. augo (N. Sg.) I, auga III, got. augo, 
altn. dagtr (N. PI.) I, dagar III, got. dagds^ 
altn. giafor (G. Sg. N. A. PI.) I, giafar III, got. gibos, 
altn. aptör (Adv. Comp.) I, aptar III, got. -letkos, 
altn. -liko (Adv.) I, -liga III, got. -leiko. 
Das nordische zeigt nun in seinem A. Sg. Fem. blinda^ 
der in I ein 6 voraussetzt, dass im nord. wenigstens d in dm 
des A. Sg. als übermässig aufgefasst wurde, dass also der A. Sg. 

26* 



388 H«insel. 

der subst. d-Stämme, giöf, nur die übertragene Nominativform 
ist. Bei der grossen Uebereinstimmung, welche sich zwischen 
nordisch und gotisch in Behandlung des alten d zeigt^ darf 
man vermuthen, dass der got. A. Sg. Fem. giha, hlinda nicht 
von dem als einfach lang angesehenen d in -dm stammen, 
sondern dass sie^ wie A. Sg. giöf, Analogieformen nach dem 
Nominativ sind. scheint sogar erhalten in A. Sg. hveilöhuH, 
ainohun; aber es ist nicht sicher, ob dieses o Resultat des Aus- 
lautgesetzes ist, da auch N. Sg. ainöhvn vorkommt ; s. Scherer 
GD8. S. 107. 119. — Möglich dass auch die l.Sg.Pf.Ind. 
schwacher Verba im got. ursprünglich auf 6 oder e — s. die 
2. Sg. tamides — ausgelautet und erst später die Form der 
dritten Person angenommen hat. 

Auch nur möglich, keinesfalls nothwendig ist es, dass got. a, 
wo es vorgermanischem d des Auslauts entspricht, einen tieferen 
Klang hatte, als das gewöhnliche a, s. oben S. 373, oder von einem 
langen d u, o etwa zu der Zeit als die nicht zu 6 gefärbten 
früheren zu e wanderten, auf a erhoben wurde. Schon vor Bil- 
dung der germanischen Sprachen kann jene arische Gemein- 
schaft, aus welcher später die Goten hervorgingen, auslautend d 
gesprochen haben, wie die Slawen und Litauer, die Stammväter 
der Skandinavier und der Westgermanen aber -o oder -t?. 



Ahd., Alts., Ags., Altfr. stimmen darin überein, dass sie 
die d derselben Endungen als einfach oder übermässig betrach- 
ten, nicht aber in den Lautwerthen, welche sie zur Bezeich- 
nung dieses Unterschiedes gebrauchen. Nur u, das ahd. alts. 
mit o wechseln kann, ist in allen Sprachen Stellvertreter des 
alten auslautenden -a. Sonst verwendet für vorgermanisches 
einfaches d das ahd. und alts. kurzes a, das ags. und altfr. 
kurzes e, — für vorgermam'sches übermässig langes a ahd. o, 
das nicht mit u wechselt, — s. Braune in seinen und Pauls 
Beiträgen 2, 152, — 6 und a, alts. o und a, wohl langes 6, 
dj ags. altfr. a. 
Einfaches d. 
ahd. 8kif(u) (N. A. PI.), alts. skipu, ags. scipu, altfr. «ctp«, 
ahd. fafar (N. Sg.), alts. fadaVy ags. fdder, altfr. feder, 
ahd. neftita (3. Sg.), alts. nerida, ags. iierede, altfr, neredej 
ahd. geba (A. Sg.), alts. geba, ags. gife, altfr. jeve^ 



üeber di« Bu drüben d«r altnordischan Sprache. 389 

ahd. blinta (A. Sg.\ alts. hlinda^ ags. blinde, altfr. blinde, 
ahd. neriVa (1. Sg.), alts. nerida, ags. nerecia, altfr. nerede, 
ahd. ztin^a (N. Sg.); alts. tunga, ags. ^lAn^e, altfr. tunge, 
ahd. öra (N. A. Sg.), alts. dra, ags. eäre, altfr. dre, 
ahd. 96&a (G. Sg.); alts. geba, ags. gefe, altfr. ^eve. 

Andre Fälle stimmen nicht. 

ahd. geba (N. Sg.), alts. geba, ags. ^i/m, altfr. jeve. 

Höchst wahrscheinlich hat nur das ags. das richtige be- 
wahrt; ahd., alts., altfr. zeigen die Accusativform oder sind dem 
Nom. der ^n-Stämme nachgebildet; s. Scherer GDS. S.429. Ahd. 
and alts. haben ja noch -u zum Theil erhalten; s. Scherer 
GDS. S. 118. 431. 

ahd. blintu (N.Sg. Fem.), alts. blind, ags. blind(u), altfr. blinde. 

Im alts. hat das Fem. gleich dem Masc. Neut. die kürzere 

Form angenommen, die auch ahd. und ags. gilt, — im altfr. 

wirkt die Analogie des A. Sg. oder des N. Sg. der schwachen 

Declination. 

ahd. blintu (N. A. PI. Neut.) , alts. blindu -a , ags. blindu, 

altfr. blinda -e. 
Im altfr. ist durchweg, im alts. zum Theil die Form 
des Masc. ins Neut. getreten. 

ahd. faru (1. Sg.), alts. faru, ags. fare, altfr. fare. 

Ags. und altfr. scheint optativische Foi*m yorzuliegen. 

Uebermässiges a. 
ahd. hano (N. Sg.), alts. hano, ags. hana^ altfr. hona, 
ahd. manno (G. PL), alts. manno, ags. monna, altfr. monna, 
ahd. fisko (G. PI.), alts. ßsko, ags. ßska, altfr. ßska, 
ahd. gebono (G. PL), alts. gehono, ags. gifena, altfr. jevena, 
ahd.^Ä:a«-a-a(N.A.Pl.), dXi^.fiskos'aa-a, ags.ßsccts, alth.ßskar, 
ahd. gebä (N. A. PL), alts. geiä, ags. gtfa, altfr. jeva. 

Der N. PL der masc. a-Stämme lautet im ahd. gewöhnlich 
auf kurzes a aus, aber Spuren einstiger Länge sind nachgewiesen, 
s. Braune in seinen und Paul's Beiträgen 2, 135. 151, und as, 
das nur äs sein kann, ist in Ortsnamen häufig. Ob d eine 
Nebenform von äs gewesen, die auf altem äs beruhte, wie 
dieses auf äsas, ist zweifelhaft. Das Uebergewicht der nicht 
auf s ausgehenden N. PL scheint mir nach Scherer GDS. S. 427 



390 Heinxel. 

genügend; um ä, a im ahd. und alts. zu erklären. Ebenso hat 
im altn. die Mehrzahl der auf r ausgehenden N. A. PI. hanar 
und tungur geschaffen; s. oben S. 377. 385. 

Auch hier weichen andere Formen in den verschiedenen 
Sprachen von einander ab. 

ahd. salböni (1. Sg.); alts. salbon, ags. sealfje, altfr. salvje. 

Ags. und altfr. folgen der Analogie der ersten schwachen 
Conjugation, und diese selbst hat den Ausgang auf e mit den 
starken Verben gemein, 
ahd. neritdn -un (3. PI.), alts. net^un, ags. neredon, altfr. nieredon. 

Im ahd. herrscht meist, im alts. stäts der Vocal der 
schwachen Form ; ags., altfr. neredon^ wie fundon, 

ahd. 7ieritÖ8t (2. Sg.), alts. netndos, ags. neredes, altfr. neredes. 

Im ags.; altfr. scheint die Praesensform eingedrungen 
zu sein. 

ahd. gemor (Adv.), alts. gemor, ags. geomoi\ 

Das r ist hier geblieben, weil die Comparativform sonst 
unkenntlich geworden wäre. Das o im ags. fallt auf. Es hat 
sich hier auch in letzter Silbe das alte o bewahrt, wegen der 
adjectivischen Formen geomost und des später syncopierten 
Comparativs * geornora^ vgl. sealfjan usw. neben sealfodc. 
S. Braune in seinen und Paul's Beiträgen 2, 151 Anm. 
ahd. gemo (Adv.), alts. gerno, ags. geomej altfr. j&rne, 

Ags. und altfr. haben vielleicht das schwache Neut. Sg. 
für die Adverbialform eingesetzt. 

Der wichtigste Unterschied vom ostgermanischen besteht 
in der entgegengesetzten Behandlung der -an, welche ursprüng- 
lich für N. Sg. Masc. Fem. Neut. der an- und mi-Stämme gedient 
hatten. Für die Ostgermanen war das r? von au im Fem.Neut. über- 
mässig gewesen. Für die Westgermanen ist es das Masc. Vgl. 
die 'drty mit welchen im griech. und lat. gerne Masculina ab- 
geleitet werden, gegenüber -on im Fem. — aquilo, caro ; L. Meyer 
Vergleich. Gramm. 2, 140, Osthoff Forschungen 2, 154 f. 

Dass der G.A.Sg. der a-Stämme im westgermanischen ein- 
faches d voraussetzt, ist vielleicht nur scheinbar. Es könnte 
ahd. ursprünglich d geherrscht haben, das, nachdem der N. Sg. 
die Form der schwachen Declination angenommen, seine Quan- 
tität aufgegeben hätte. 



Ueber die Endsilbeu der altBordischen Sprache. 391 

Auch die l.Sg. Pf. Ind. der schwachen Verba gleich mit der 
dritten mag Formübertragung sein wie im got.^ s. oben S. 389. 

So dass man sagen kann: in allen germanischen Sprachen 
liegt einfaches d zu Qrunde dem N. A. PL Neut. der o-Stämme^ 
dem N.Sg. der (i-Stärame, der 1. Sg. Prs. Ind.. der starken Verba, 
— vielleicht dem Instr. Sg., dessen Form i*, o aber nur ahd. 
und alts. erhalten ist, s. Scherer GDS. S. 425 Anm., — ferner 
dem N. Sg. der ar-Stämme, der 3. Sg. Pf. Ind. der schwachen 
Verba. — Dagegen übermässiges ä der l.Sg, Prs. Ind. der schwa- 
chen Verba dritter Classe, dem G. PL, dem N. PL der a-Stämme, 
dem N. A. PL der a-Stämme. 



JA. 

Vorbemerkung über ja and jd. 

In III finden wir Endungen, in welchen wir ursprüng- 
liches ja oder jd voraussetzen dürfen, theils mit dem Vocal i, 
theils ohne Vocal, immer aber mit umgelauteter Wurzel. Und 
zwar hängt diese verschiedene Behandlung der alten Formeln 
ja, jd von der Gestalt der vorhergehenden Wurzelsilbe ab^ 
Nach kurzer — langer Vocal oder gg im Auslaut der Wurzel 
machen nicht Position, s. Holtzmann Gramm. 1, 108. 2, 64, 
Lundgren Om substantivens stammar S. 70. 73, Wimmer Forn- 
nordisk formlära §. 43, b, 3 — oder auf Gutturalis ausgehender 
Wurzel zeigt sich Ausfall des ursprünglichen ja, nach Länge 
mit beliebigem, aber nicht gutturalem Consonanten am Ende 
bleibt i: bed, vegg, gn^, bekk, aber helli (A. Sg.), bedr, veggr, 
gn^, beJclcr, aber hellir (N. Sg.), * ben, egg, ey, eng, aber ermi 
(N.A.Sg.). 

Bei den Neutris der ja-Stärame und den Verben der ersten 
schwachen Conjugation gibt Kürze und Länge der Wurzelsilbe 
allein den Ausschlag: kyn, skegg, jley, aber klaedi, riki, engt 

» FylJdr ist eine Ausnahme. Ebenso die Fälle ohne Umlant avafnir^ Tdfnir, 
GnHr, Thorir, tUlir neben yüir, guüir nSben gylUry s. Leffler Tidskrift 
f. f.f Neue Folge, 2, 241. 309. Eigennamen und poetische NeubUdungen 
entzogen sich der Regel, s. Wimmer Gramm. §. 41, Gislason Oldnordisk 
Formlaere S. 92. 



392 Heinsel. 

(N. A. Sg. N. A. PL), fem, (hrek), legg^ gny, aber doemi, hergi 
(1. Sg. Prs.Ind.). Vgl. dagegen bekk, dreng^ skraek (A.Sg.). 

Genau wieder nach dem zuerst erwähnten Princip wird 
in anderen Fällen j vor a, u entweder beibehalten oder aus- 
geworfen : kynjaj skeggjaj fieyJQy i-tkja, engja, aber klaeda (6. PI.), 
— henja, eggja, e^ja^ engja , aber erma (G. PL), — benjar^ 
eggjar, eyjar^ engjar^ aber ermar (N. A. PL), — miäja, dyggja^ 
n^'a, fraegja, aber vaena (A. Sg. Fem.), — ntedjay ttggjay virkJGy 
aber enda (A. Sg.), — kynjum, skeggjum, fleyjitm, inkjvm, aber 
klaedum (D. PL), — hedjum, veggjum, gnijjum, bekkjumy aber 
hdlum (D. PL), — benjum, aggjumj eyjum^ evgjttm, aber ermiim 
(D. PL), — temjum (hrekjumjf l^ggju'nt, gn^um^ bergjum^ aber 
doemum (1. PL Prs. Ind.) usw. Ebenso in vorletzter Silbe tem- 
jandi (hrekjandi), leggjandi, gn^'andiy bergjandi, aber doemandi 
(Part. Prs.). » 

Die Fälle, in welchen j vor a, u in III entweder bleibt 
oder ausf&llt, lehren, dass j nach Kürze, Gutturalis oder Vocal 
bequemer lag als ohne diese Bedingungen. Nach Vocal sehr 
begreiflich, — die Gutturalen g, k sind mit j verwandt und 
scheinen es im altn. sogar hervorzubringen, s. die Part. Perf. 



^ Die Regel über ja, jd Megt in den Beispielen bei Grimm, Wimmer, 
Oislaflon klar za Tage; s. Wimmer Gramm. §§. 41, 42, 43, 64, 66, 71, 
74, 83, 142, 145, 146, 147, 148, 149, 161,— und einzelne Bemerkongen 
über die Wichtigkeit der Kürze und des consonantischen Aoslauts sind 
schon lange gemacht worden; s. Grimm Gramm. 1* 569, 575, Holtzmann 
Gramm. 2, 61 f., Gislason Formlaere S. 92, Wimmer Gramm. §§. 34 d, 
42, 43, 71, 136. Aber nur in der schwedischen Ausgabe von Wimmcr's 
Grammatik, Fomnordisk formlära Lund 1874, wo der Abschnitt über die 
^a-Dedination, auch der Adjectiva §. 83, eine wesentliche Umarbeitaog 
erfahren hat, ist sie im wesentlichen übereinstimmend mit dem obigt'n 
allsgesprochen. Die deutsche Ausgabe lehrt über das Princip, welches 
bekkr und hirdir, kcUla und eggja scheidet, §. 40. 151, gar nichts. 
§. 42 b heisst es: ,wie eng (;4- Stamm) geht eine Anzahl Wörter mit 
langer und besonders mit kurzer Stammsilbe*. Aber von Längen finden 
sich nur Pura oder solche mit Gutturalausgang. — §. 43 b : ,wie h/n 
werden flectiert eine Reihe Wörter mit langer Stammsilbe*, wieder nur 
Pura oder Wurzeln mit Gutturalauslaut, bis auf das dunkle ^/, das auch 
nach ord geht Nicht ausreichend sind daselbst auch die Angaben über 
die Behandlung des ja in jan-, j<t?i- Stämmen §§. 66, 69, 71, über die 
jo-Stämme der Adj. §. 83: Adj. wie vaenn, welche nur Umlant, aber 
nirgends mehr i oder j vor a, u zeigen, bleiben ganz unberücksichtigt. 



Üeber die EndBÜben der altnordisclien Sprache. 393 

tekinriy sleginn, aber farinn, haldin n; — was die Kürze anbelangt, 
80 kann man den Abfall des j nach langer Silber als eine Ent- 
lastung auffassen^ ähnlich wie wenn im altsächsischen Consonant- 
um laut zwar bei Uggjan eintritt^ aber nicht bei wegjan, bei lettjan^ 
aber nicht bei hotjariy bei queädjan^ aber nicht bei leJjan, 

Das gotische zeigt etwas dem nordischen Verfahren ähn- 
liches. Altes ja erscheint als ji oder als ei, altes ^a als^a oder t. 
Aber nur Kürze oder Länge der Wurzel und die Silbenzahl 
des Wortes entscheidet. Consonantischer und vocalischer Aus- 
laut werden verschieden behandelt. Es stehen sich gegenüber 
harjis, tojis und hairdeis, lekeiSy laisareis (N. Sg.), — nayiSy 
stojis und sandpis (2. Sg.), — sibja und bändig thivi, hvdftuU 
(S, Sg). Also td-, 8t6' gilt als Kürze, Mm- als Länge. — Die 
Neutra der got. ja-Stämme sind einförmig kuni wie andhahti. 
— Vor anderen Vocalen als i bleibt got. j immer bewahrt, — 
harjam wie hairdjam (D. PL) , nasjos wie sdkjos (1. Dual.), 
während nord. engja, erma (G. PI.), hekkjiim, hellum (D. PI.) usw. 

Die nähere Uebereinstimmung zwischen gotisch und nor- 
disch beschränkt sich also auf jene gotischen Fälle, in denen ein 
zu Ji gewordenes ja sich in ei und ji spaltet, altes ja entweder 
als Ja bewahrt wird oder zu i geworden ist: harjis : hekkr, 
kyn = hairdeis : hellirj klaedi = sihja : eng = bnndi : ermi. 

Wenn wir für diese Formen aus dem gotischen eine 
Erklärung finden, so wird sie wahrscheinlich auch für das 
altnordische ausreichen. 

Scherer GDS. S. 113 erklärt gotisch hnrjis, hairdeis mit 
J. Schmidt's Beistimmung KZs. 21, 283 Anm. • durch Zer- 
dehnung des Suffixes ia zu ija: harijas, hairdijas ergäben 
gesetzmässig die gotischen Formen. Aber dann müsste zunächst 
hat'ijs entstanden sein, darauf erst durch eine unwahrschein- 
liche Umsetzung harjis. 

Wenn wir im germanischen, wo das Suffix schon ja, nicht 
ia war, ^ einen N. Sg. -jis neben -eis erblicken, so ist das nächst 
wahrscheinliche doch, dass in dem ersten Falle j seine Stelle 

' Aber der Beweis aus dem Slawischen, welchen J. Schmidt vorträgst, wird 
von A. Bezzenberger in seiner Besprechung von Geitler*s litauischen 
Studien, Göttinger gelehrte Anzeigen 187ö S. 2S1 angefochten. 

2 Benfey Abhandlungen der k. Akademie der Wissenschaften in Göttingen 
1871 Bd. 16. 



394 H«iDzeK 

bewahrt habe^ unisomebr^ als er unter der Bedingung kurzer 
Wurzelsilbe eintritt , derselben^ die im altnordischen mit der 
andern Bedingung des gutturalen Wurzelauslautes altes j erhält. 
Man wird also auch im gotischen nach langer Wurzelsilbe 
weniger geneigt gewesen sein j zu articulieren als nach kurzer. 

— Das fuhrt auf die Vermuthung, dass es neben jener oben 
S. 392 erwähnten nordischen Methode der unbequemen Aussprache 
durch Verschweigen des j abzuhelfen — kynjaj klaeda (G. PI.) 

— auch eine andre gegeben habe, nämlich dem ja ein t vor- 
zuschlagen; vgl. das altind. Dieser vocalische Einsatz desj 
wird auch bei kurzer Wurzelsilbe nicht ganz gefehlt haben, 
entschiedener, deutlicher war er bei langer. Zimmer weist 
Zs. 19, 419 auf das germanische Accentgesetz hin — gewiss 
mit Recht — hdrjü aber hairdjis (N. Sg.), — vgl. den Gebrauch 
des indischen Svarita. Hairdijis mag ganz constant gewesen 
sein, harijis mit harjis gewechselt haben. Das Auslautgesetz 
ergibt aus hairdijas, hairdeis, bei harjis bewirkte die schwan- 
kende Form, dass gleichsam ein Mittelweg zwischen harijs und 
karjs eingeschlagen wurde, harjis. S. Gislason Tidskrift f. 
phil. 6, 240. 

Da nun sandeisy nasjis (2. Sg.) ebenso behandelt werden 
wie hairdeis, harjis (N. Sg.), ist es gerathen, dieselbe Erklärung 
auch hier anzuwenden, d. h. von ja nicht von altem q/a, ya 
auszugehen, wie es Scherer wenigstens für die Imp. sandei, 
nasei thut, GDS. S. 179 f.; s. auch J. Schmidt KZs. 18, 283 und 
Leffler Tidskrift f. f.. Neue Folge, 2, 268 Anm. 2, 269 Anm. 3 
billigen. Vgl. auch Ebel KZs. 5, 302 Anm. — Allerdings genau 
dasselbe kann mit sandeis, nasjis nicht vor sich gegangen sein, 
was mit hairdeis, harjis geschehen, da auf diese das Auslaut- 
gesetz gewirkt hat, auf jene nicht. Aber j in nasjis hat seine 
ursprüngliche Stellung nach kurzer Wurzelsilbe gewahrt wie 
harjiSf sandeis erklärt sich aus sandijas wie hairdeis, Nasei 
(2. Sg. Imp.) wird eine Analogieform sein für nasi nach sandei 
aus sandija, wie altn. ttm, doem (2. Sg. Imp.) neben temr, 
doemir (2. Sg. Ind.). 

Wir sehen ja auch sonst ähnliche Behandlung alter y^, 
ja in ursprünglich letzter und vorletzter Silbe. Schon vor dem 
Auslautgesetz muss für das gotische Zusammenziehuog der 
Formeln ja, ja zu i angenommen werden, in den Fem. nach 



üeber die EndiiilbeB der altnordischeu Sprache. 395 

bandiy und für got. wie die andern germ. Sprachen in den 
Comparativadverbien nach haldisj s. Scherer GDS. S. 105 — 
dann im Innern des Wortes bei dem ersten Comparativsuffix 
der Adj., bei dem ja des Perfectstammes von Verben erster 
schwacher Conjugation, bei dem ja des Opt. Pf.; mit Ausnahme 
der 1. Sg. im got. nord., bei den ja der Adj. auf got. -eins 
-eigSj der Subst. auf -eins. 

Nach Analogie von harjls^ hairdeis kann man sich somit 
für altn. bekkr, hellir vorstellen, dass beiden Paradigmen vor 
Eintritt des Auslautgesetzes stärkere und geringere Neigung zu 
-ijas eigen war, deren Resultat in dem einen Falle als -tV, in 
dem andern als -r vorliegt. / von -?r in III kann aber in I 
nicht kurz i gewesen sein, das wäre in UI ausgefallen wie in 
fem' (2. Sg.). — 'IR ist allerdings inschriftlich nur in Wörtern 
überliefert, welche sonst nach bekkr gehen — ThaliR ist zweifel- 
haft. Aber wenn schon diese i in der Endung hatten, um wie 
viel mehr jene nach hellir^ welche es noch in III besitzen, 
aber nicht dasselbe i, da seine Entwicklung eine andere ist, 
hdlir, bekkr. Vergleicht man überdiess got. hairddsj so bleibt 
kaum etwas anderes übrig, als Länge des i: hallir. -R in III 
bei Paradigma bekkr könnte auf Ja, ji, i in I zurückgehen, 
überliefert ist -iR. Aber der Gebrauch der Jotruue ist schon in 
den ältesten Inschriften sogar vor a, u im Absterben, arbingano 
.6. PI.) Tune für arbingjano, Thrawingan (G. Sg.) Tanum für 
Thrawinyjanfj gestümR (D. PL) Stentofte für gesfjumr ; vgl. 
iah für jah Varnum ; s. Bugge Tidskrift f. phil. 7, 243, — die 
Schwäche des j in III ist bekannt. Wimmer Gramm. §. 83. 
Wenn wir an got. harjis denken und erwägen, dass die nach 
Paradigma btkkr geformten Wurzeln keine Abneigung vor j an 
den Tag legen, so werden wir kaum zweifeln, dass MariB, das 
spätere maerr^ — Bugge Tidskrift f. ph. 7, 246 — für Mdrjir 
s:tehe. Also bakjir : harjis = hallir zu hairdeis. Ueber die in 
maerr vorliegende Abweichung vom Princip, s. unten S. 397. 

Das finnische scheint hier auf einen dem vocalischen 
Auslautgesetz vorausgehenden Zustand hinzuweisen, autia (Adj.), 
got. auths Thomson a. a. O. S. 93. 

Ahd. alts. kurz i aber im N. Sg. aller masc. Ja-Stämme 
setzt, wenn wir diesen Laut als das Resultat des Auslautgesetzes 
ansehen, vorgermanische Contraction des ja zu i voraus. 



396 Hein sei. 

Aber bei ja trügt die got. Analogie. Wenn wir ent- 
sprechend dem got. sihja, bandi nord. I angjuy armi ansetzen, 
so finden wir in III noch enni (neben etmr), nicht eiyn. Der 
Abfall eines in I kurzen i aber wäre nothwendig. Dass N. Sg. 
erini Formübertragung aus dem A. 8g. sei, ist sehr unwahr- 
scheinlichy da im nord. vielmehr der A. Sg. der fem. Nomina 
die Form des N. Sg. angenommen hat; s. oben S. 373. 387. 

Da hier ein Vorgang wie in got. bandi jedenfalls nicht vor- 
liegt, sonst aber die Formel -ja im got. als -ja, in den übrigen 
germ. Sprachen als -ju bewahrt ist, wird nach Princip ju und iju 
für unsere Periode anzunehmen sein. Auslautendes u muss, 
w^enn es in die Periode III tritt, abfallen wie a unter den- 
selben Umständen. Das erklärt etig, ernii (N. Sg.), tem, doemi 
(1. Sg.) usw. 

Auch sonst ist es das sicherste für den nord. Sprachstand 
unmittelbar nach dem vocalischen Auslautgesetz die uncontra- 
hierten Formen anzunehmen, wenn nicht bestimmte Gründe 
dagegen sprechen. 

So bei jam, A. Sg. der masc. ja-Stämme, N. A. Sg. der 
neut. ja-Stämme. Am war uns in den entsprechenden Fällen 
A. Sg. Masc. N. A. Sg. Neut. der a-Stämme substantivischer 
Function als a I entgegengetreten, eine Qualität, welche am, 
an sofort nach Eintritt des consonantischen Auslautgesetzes 
erhalten haben musste. — Die Analogie des got. und der west- 
germanischen Sprachen reicht hier nicht aus, da dort -am in 
den erwähnten Fällen nicht zu ä geworden, sondern abgefallen 
ist. — Da wir demnach über die Behandlung des jam nichts 
wissen, dürften wir am wenigsten fehl gehen, wenn wir bei ihm 
dieselbe Entwicklung wie bei am, ä voraussetzen, also ja oder 
nach Princip ijä. 

Bei Jans , A. PI. der masc. ^a-Stämme, und bei jdn, N. 
Sg. der masc. ^aw-Stämme, haben auch das got. und die west- 
germanischen Sprachen j und den folgenden Vocal gewahrt — 
harjans (A. PL), ü/YJa, (N. Sg.). 

In der Tabelle ist überall schon Verlust des j vor i 
angenommen. 

Betrachten wir das einzelne. 



ü«ber die Eudsilb«!! der altnordiechen Sprache. 397 



JA ursprünglich in letzter Silbe. 

Kurz JA. 

Ueber ja 2, Sg. Imp. der schwachen Verba erster Conju- 
g^ation s. oben S. 394. 

Jam und jas gehen meist nach Princip. Von ja aus jam 
schwindet in III j natürlich nach Abfall des a, i von ijä bleibt. 
/ wie ij haben in II Umlaut gewirkt : l<yn, klaedi (N. A, Sg,), 
lekk, hdli (A. Sg.). 

Ueber die Störung des Princips bei den neut. /a-Stämmen 
B. oben S. 391. 

Um die Zeugnisse für jas (N. Sg.) id I steht es misslich. 
Ob ThaliK kurze oder lange Wurzel habe, können wir nicht 
sagen. MariK scheint mit dem Adj. maerr identisch zu sein 
und entzieht sich dadurch der Regel. Die adj. ^a-Stämme sind 
allerdings durch erhaltenes oder verlorenes j vor a, « unter- 
schieden, in den übrigen Formen aber uniformirt : vaenn, saell, 
froekfiy wie miär, n^s, fraegr, — Die andern Beispiele sind 
Namen auf -ga^tlB, — ein Wort, das wohl ursprünglich wie 
im got. ahd. zu den i-Stämmen gehört haben wird, aber im 
wesentlichen die Declination der Ja-Stämme angenommen hat. 
— Es hat nie j vor a, t*, aber im N. Sg. gestr^ nicht gestir, 
G. Sg. gestsj nicht gestir, A. Sg. gest^ nicht geati; s. Wimmer 
Gramm. §§. 43, b, 2. 46. 

Die Comparativadverbien erster Comparation, welche in III 
einförmig -r in der Endung mit Umlaut der Wurzel zeigen, 
hetTj heldry haben jatf — s. Scherer GDS. S. 179 — gewiss 
auch zu ijas erweitert, aber heldr ist Analogiebildung nach 
hetr. Man sollte heldir, hetr in III, also heldir, hetjir, betir 
in I erwarten. 

Jan8 zeigt in lU hekkij hella (A. PI.). Also kein ija im 
zweiten Fall. Ja, von Jans wurde zunächst bewahrt wie a von 
ans, s. oben S. 371, und dann j abgeworfen, die erste Methode 
sich der unbequemen Lautverbindung zu entledigen ; s. S. 392. /in 
bekki weist auf i in einer früheren Periode, das nur aus einem 
ja stammen kann, welches nach dem Auslautgesetz sich auf t 
zusammengezogen hatte. Contraction vor dem Auslautgesetz 
würde deutlicheres t vor Ja in jans bei Paradigma 6eX;ftr als 



398 



Heinsei. 



bei Paradigma hellir voraussetzen, — bakijans, halljam — was 
gegen unsere sonstige Erfahrung ist. Denn ohne i* vor jans 
ergäbe das Auslautgesetz nach Contraction baU^ in III hekk. — 
Ob die Contraction in I oder II stattgefunden habe, ist freilich 
zweifelhaft und der Ansatz in II ziemlich willkürlich, lieber 
die mögliche Veranlassung der Contraction, welche wir auch 
im N. PI. finden werden, s. S. 400. 

Auf der älteren Stufe sind geblieben nidr^ herr — noch 
in in A. PL nidja, herja, und facultativ auch Grikkja, vaengja; 
8. Wimmer Gramm. §. 41, b, 3. — Im altdän. und alt- 
schwed. sind das die gesetzmässigen Formen dieser Declination; 
8. Wimmer Navneordenes böjning S. 49 flF. 58 f. — Nidja 
verhält sich also zu hella (A. PI.), wie kynja zu klaedu (G, PL). 

Excurs Über die masculinen ja-Stämme. 

Die hier und oben beim N. Sg. A. PL vertretene Auffassung 
der Declination des Paradigma hekkr ist nicht die einzige. 
Scherer GDS. S. 420 flF. sieht nach Grimm in diesen Wörtern 
t-Stämme; auch Leskien Die Declination im Slaw., Lit. und 
Germ. S. 78 f. Scherer hält Paradigma bekkr und hurdr für 
Eine Declination, weil sie in den Endungen übereinstimmeD, 
und gewisse Endungen keiner andern Declination nachgebildet 
sein können, so D. Sg., hekk wie huvd, A. PL hekki wie hurdi, 
und erklärt den in allen Casus erscheinenden Wechsel zwischen 
Umlaut und Laut aus dem a des Gunadiphthongs, das einerseits 
bis i getrieben worden sei, in hekkr, andrerseits auf a oder e 
beharrt habe^ in hurdr. — Aber einmal sind die Thatsachen 
nicht ganz richtig. Die Endungen G. Sg. hekk», D. Sg. hekki, 
welche neben hekkjar, hekk erscheinen, sind nicht berücksich- 
tigt; s. die flexionslosen D. Sg. in der a-Classe, Wimmer 
Gramm. §. 31, — und reiner Laut auf der einen, Umlaut 
auf der anderen Seite in der ganzen Declination wäi'C schwer 
begreiflich. Wir müssten uns voi-stellen, dass die Masse der in 
der Wimmer'schen Grammatik als f- und y«-Stämme bezeich- 
neten Nomina sich dadurch von einander unterschieden hätten, 
dass die auf Gutturalis ausgehenden langen, sowie ein Theil 
der kurzen Wurzeln den Gunadiphthong ai im G. D. Sg. 



Ueb«r die Endiilben der aUnordisehen Sprache. 399 

N. G. PI. ZU ü, ij getrieben hätten, ein andrer Theil der 
ebenso gestalteten Wurzeln hugr, bragr, gripr, grunr, klutr, 
konr, skridr, skutr, rnnr, thulr , fridr, kvidr, matr, salr, zw- 
sammt den langwurzeligen, welche nicht auf Gutturalis endigen, 
fmrdvj burr, feldr, fundr^ Jcostr, kvittr , sandr^ akurdr, aultr, 
verdr diese Färbung unterlassen hätten, — dass ferner bei den 
ersteren N. A. Sg. D. A. PI. in der Annahme des Umlauts nur 
der Analogie der übrigen Casus gefolgt wären. — Schon letzteres 
ist unwahrscheinlich , wenn man sich des Vocal wechseis der 
tt-Classe erinnert, vöUr, vallar, velli, voll, vdlir, valla, völlum 
vöUu. Aber vor allem ist Färbung eines vorgermanischen a 
sonst nicht von dem Auslaut der vorhergehenden Silbe abhängige 
und warum Auslaut g, k nur bei langer Wurzelsilbe die Färbung 
erzeugt habe und warum die Kürzen ganz reelles bald nach 
bekkr bald nach stadr decliniert werden, bleibt unbegreiflich. 
Als ja-Stämme gefasst haben die Nomina nach bekkr 
nichts auffalliges bis auf N. A. PL bekkir bekki neben hellar, 
hella. Wenn wir daneben die Fem. N. A. PI. engjar, ermar sehen, 
so ist doch das wahrscheinlichste, dass ja in bakjann (A. PL), 
jo in bakjor (N. PL), den Formen von I, sich nach Eintritt der 
Auslautgesetze ebenso zu t zusammengezogen habe, wie wir 
dies sonst in der vorgermanischen Periode anzunehmen ge- 
nöthigt sind. Die Analogie der Feminina und Neutra macht es 
fast unmöglich bekkr neben helUr anders zu erklären als eng und 
kyn neben ermi und klaedi, — Ö.Sg. bekksj D.Sg. bekkt sind 
die richtigen Formen, bekkjar und bekk Analogiebildungen. 

Aber vereinzelt mag auch im nordischen Färbung des 
Gnnadiphthongs oder reiner Themavocal ohne Guna bei der 
i-Declination vorgekommen sein. Die Anomalie gestr, gloepr 
erklärt sich daraus. Wenn in I der G. PL gasHjo, gastio war, 
so lag bakjoj halljo, der G. PL der ^a-Stämme, nahe. Allerdings 
nur ein Casus. Aber bei einer so vereinzelten Bildung, wie 
dieses gastr durch die Färbung seines Gunadiphthongs oder 
ungxinierten Stammvocal gewesen sein muss, ist es begreiflich, 
dass auch ein geringer Anlass genügte, es in die Bahnen einer 
gewöhnlicheren Declination zu drängen. Auffällig aber, dass 
Paradigma bekkr, nicht hellir, gewählt wurde, das doch durch 
die Wurzelgestalt näher lag. Vielleicht darf dies die Wag- 
schale zu Gunsten der Form gastio, nicht gastijo (G. PL), 



400 Heinsal. 

senken^ da bei halljd sicher eher ein i vorgeschlagen werden 
konnte, als bei hakj6\ s. oben S. 393 ff. 

Daher der anorganische schon in I bezeugte N. Sg. -gastiR 
gleich gastjir^ und der durchgeführte Umlaut in II. III. 

Es ist möglich und wahrscheinlich, dass die oben S. 397 
und unten S. 408 erwähnte, in I und II vollzogene Contraction 
der -jor, -jann (N. A. PL) von Paradigma bekkr durch die 
gesetzmässigen gasttr, gastinn (N. A. PI.) befördert, wenn nicht 
hervorgerufen wurde, so dass nicht nur Paradigma bekkr auf 
gestr, sondern auch dieses auf jenes eingewirkt hätte. Denn 
die erwähnte Contraction ist nach dem Auslautgesetz ein sehr 
vereinzelter Fall. 

Vielleicht verdankt auch die Nebenform des D. Sg. hekk 
neben bekki den Wörtern, welche ursprünglich der i-Declination 
angehörten, ihre Entstehung. GestVf gloepr haben D. Sg. nur 
gest, gloep. Das weist auf vorgermanisch gast-i-i, I. II gasti. 

Diese ungunierte Dativform wird auch in jenen Fem. der 
t-Classe Statt gehabt haben, deren ganze Declination zwischen 
Laut und Umlaut schwankt, dtt aett, kvän kvaen, bon boen, 
satt saett, Wimmer Gramm. §. 48, 3. Neben den regelmässigen 
Formen herrschte hier einst G. Sg. N. A. PI. ahtir I, aus cJitijaSf 
D. Sg. ahti I, aus aktiu Bei so vereinzelten Fällen wäre es 
begreiflich, dass der Umlaut sich nicht auf den Formen, wo er 
zu Recht bestand, fest setzte, sondern facultativ das ganze Wort 
ei^riff. — Im ags. bekanntlich Umlaut in allen Casus der fem. 
.-Declination. 



JA ursprünglich in letzter Silbe. 
Lang JA. 

Uebermässige Länge des ä in ja wird vor allem in jenen 
Fällen anzunehmen sein, wo wir übermässiges d gefunden hatten, 
da ja der Unterschied zwischen ä und ä in die arische Urzeit 
hinaufreichen muss, — also in 1. Sg. Prs. Ind. 2. Sg. Imp. der 
dritten schwachen Conjugation (got. j6-Stämme), im A. Sg. der 
jä-Siämmey im G. PI., im N. Sg. der jän- und der neutralen 
yan-Stämme, im N. (A.) PI. der ja- und y^f-Stämme; dazu 
käme auch die 1. Sg. Opt. Pf., vielleicht von jd-am, — oder es 



Ueber die EodsilbAn der altnordischen Sprache. 401 

genügte die Analogie der G. PI. — Entsprechend den Formen 
mit einfach langem d liegt einfaches ja zu Grunde der 1. Sg. 
Prs. Ind. der ja-Conjugation, dem N. A. PI. Neut. derya-Stämme, 
dem N. Sg. der ^a-Stämme, dem N. Sg. der masc. jian-Stämme. 
Letztere Gruppe zeigt in III entweder t oder gar keinen 
vocalischen Rest, erstere a oder ja^ in beiden Fällen aber ist 
der Vocal der vorhergehenden Silbe umgelautet. 

Darnach hat für ja in unserer Periode j6' gegolten, wie 
für ä 6f — für jd im Auslaut ju, sonst ja. 

Betrachten wir die Gruppe einfach langer ja, zunächst 
auslautendes -jd. Wenn wir wie bei altem jam jä^ ijä so hier jm 
iju unterscheiden, ergeben sich die Formen der Periode III von 
selbst Ich hebe nur hervor, dass ich für N. Sg. der ^a-Stämme 
nach Paradigma ermr die Nebenform auf -i als die ächte und 
alte angenommen habe. Auch Wimmer Navneordenes böjning 
S. 60 scheint r für jünger zu halten. Vgl. auch Blomberg 
Bidrag tili den germaniska omijudsläran S. 73. Schlüter Die 
mit dem Suffix ja gebildeten deutschen Nomina S. 214 weist 
mit Recht, darauf hin, dass nirgends sonst in einer arischen 
Sprache « hinter einem d des N. Sg, erscheint. — Wenn 
es auch ein Kennzeichen der jüngeren isländischen Sprache 
ist, die -i-Form statt der auf -r einzusetzen, so ist erstere 
doch bei gewissen Wörtern alt; s. Wimmer Gramip. §. 42, 1. 
Dass dafür r in regelmässigen Gebrauch kam, hängt vielleicht 
mit dem Umstände zusammen, dass so viele weibliche Eigen- 
namen nach dieser Declination gehen. Wenn nun neben denen 
auf "dia für -diar das Appellativum dU als i-Stamm auftritt, Plural 
d^ir^ so mag es sich mit den übrigen weiblichen Eigennamen 
auf r auch so verhalten haben. D. h. als N, G. D. A. Sg. der 
fem. i-Stämme ihre eigenthümliche Declination verloren und 
sich nach dem Muster der a-Classe richteten, widerstrebten 
die Eigennamen begreiflicher Weise, — sie fugten sich nur zum 
Theil, nahmen D. A. Sg. der^a-Stämme an, behielten aber ihren 
N. und vielleicht auch G. Sg. auf -r, -ar : Iitunr, dann Idunn 
(N. Sg.), Idnnar (G. Sg.), Thi^Mr, Thrüdar. Nach den Eigen- 
namen mögen sich dann jene Feminina der jf'a-Classe gerichtet 
haben, welche ihnen den D. A. Sg. auf i geliehen hatten^ das 
sind die langsilbigen ohne g, k am Ende der WuVzel, heidvj 
ermr. Vgl. oben S. 400. Den Eigennamen folgten dann einige 

Sitxnngsber. d. phil.-hist. Ol. LXXXYII. Bd. I. Hft. 26 



402 Heinsei. 

Appellativa der t-Classe; briidr, unnr (udr), gunnr Cgudr) — 
hrHäA' Bezeichnung einer Frau, nnnvj gunnr in Frauennamen 
verwendet, — Wörter, die sich von den eigentlichen ji(S-StämmeD 
durch Mangel des Umlautes unterscheiden. Vgl. Gislason Tid- 
skrift f. phil. 6, 241. — Aber auch die appellativen Feminina 
der n-Classe kommen in Betracht. Als deren eigenthümliche 
Declination zum grössten Theile aufgegeben wurde , konnte 
sich doch die Erinnerung an das r des N. Sg. bewahren: 
s. floedr, got. flodua. 

Bei den gutturalisch endigenden Wurzeln ist ein gewisses 
Schwanken bomerklich: ßski (fiskr kommt nicht vor), gffgr, 
r^gr * gehen nach ermr, ermi. 

Der N. Sg. Fem. der Adj. ist gleichförmig gebildet, wie 
der N. Sg. Masc. und wie die 2. Sg. Imp. der ;a-8tämme : in III 
vaen wie fraeg. Es ist entweder hier die Wurzelgestalt unbe- 
achtet geblieben , oder ein älteres vaem dem fraeg gleich 
gemacht worden. 

Ueber die Modificierung des Princips in der l.Sg. Prs. 
Ind. der schwachen Verba erster Classe und im N.A. PI. der 
neut. jfa-Stämme s. oben S. 391 . 

In jäny N. Sg. der masc. ^an-Stämme, ist der Unterschied 
beider Wortgruppen vielleicht nur verwischt. Setzen wir in I 
stadja, andija an, so ergibt dies in III — über stedje endije 
in II, s. hana I, hane 11, hani III, — stedji stedi, endiß endi 
s. unten. Langes i aber kennt das altnordische in Endung nicht. 

In der Grammatik müsste hervorgehoben werden, dass 
endi und die Worte nach stedi einer Declination, der der jan- 
Stämme angehören, ebenso wie vaenn, froekn nicht weniger 
ya-Stämme sind als midr^ nifTj fraegr. 

Allerdings macht es die Nebenform endir, got. andeis, 
wahrscheinlich, dass endi nicht von Anfang an ein ya/j-Stamm 
war. Aber ja/i-Stämme, die wie endi flectiert wurden, muss es 
doch gegeben haben, sonst wäre die Beschränkung der nach 
stedi gehenden auf Kürze oder Gutturalausgang der vorher- 
gehenden Silbe unbegreiflich. 

Wenden wir uns zu ja. 

* Die bei Wimmer Gramm. §. 42, 1 also nach ermr Cheidr) gehend ange- 
führten gorvif lygi, mykr haben nach Cleasbv in 0. Sg. nie jar oder «r. 



üeber di« Endsilben der sHnordischen Sprache . 403 

Den Ausgang -ja setzt voraus die 1 . Sg. Prs. Ind. (2. Sg. 
Imp.) der schwachen Verba, welche vor dem Themavocale a, 6 
noch ein j haben, ^^99J^* ^^ ^^^ eigenthümlich, dass der Charakter 
ja III nur in solchen Verben vorzukommen scheint, deren Wurzel 
kurz ist oder auf Guttural is auslautet. Im gotischen findet sich 
diese Beschränkung nicht. Es sind vielleicht im nordischen 
noch y^-Stämme unter den Verben nach kalla versteckt. 

J bleibt demnach bis III, eggja. 

Der A. Sg. der ja-Stämme ist wie bei den a-Stämmen 
nur im Adj. erhalten, welches nach Princip in III a oder ja 
zeigt In Paradigma eng^ ermi (ermr) ist die oben S. 401 
besprochene Nominativform auch in den Accusativ getreten, 
wie vök für vaka erscheint. 

Ganz rein erscheint das Princip im G. PL auf jäm, jadm^ 
jdäm, — während jäm der l.Sg. Opt. Pf. durchaus sein j in 
III verliert: toeka, gi^'pa, skyta wie foera^ statt toekja usw. Es 
galt hier nicht einmal, wie oben S. 391,' das Princip der Länge. 
Oder es wurde nach Massgabe der überwiegenden Fälle der 
Länge vor den Endungen des Opt. Pf. eine Uniformierung aller 
1. Sg. Opt. Pf. vorgenommen. Jedenfalls aber liegt dem got. -jaw, 
wie dem nord. -a mit Umlaut der Wurzel ja- m zu Grunde, 
nicht t- m, wie den -i der westgermanischen Sprachen. Vgl. 
Ebel KZs. 5, 55, Scherer GDS. S. 472. 

Das alte jän, N. Sg. eines ^*<f n-Stammes, erscheint in III 
als ja, hylgja, oder er, hellOf nach Princip; s. Wimmer Gramm. 
§§. 69. 71, — parallel dem tunga III, tungo I. Wir werden 
dadurch für I auf -/ö gefUhrt: hulgjo, halljo. 

Exciirs Über die ja- und jcJ^i-Stäiniiie. 

Die angesetzte Form bidgjo ist ganz gleich dem got. 
rathjOy snorjd, — und wie gotisch Paradigma Tnnnagei, zum 
grössten Theil von Adj. abgeleitete Abstracta, — so hat 
Periode III des altn. neben hylgja, hella eine Reihe Feminina, 
fast durchweg derselben Herkunft auf i, Paradigma froedi. 
I g'eht durch alle Casus des Sg., Plural kommt nicht vor. — 
Wenigstens die obliquen Casus von got. managei können nur 
von einem in-, das ist einem jfVm-Stamme, kommen, und con- 
sonantisch jedenfalls ist auch die Declination von froedi. Es 

26* 



404 Heinxei. 

scheint demnach dass froedi sich zu hylgja ähnlich verhält wie 
Tiella, also wie hellir zu bekkr, klaedi zu kyn^ emu zu eng, erma 
zu engja, und in der That haben die Nomina nach hylgja kurze 
oder auf Gutturalis ausgehende Wurzelsilben, die nach Mla 
wahrscheinlich immer, die nach froedi zum grössten Theile 
Länge ohne Gutturalis. 

Es sind also im nord. die N. Sg. der Jan-Stämme mit 
langer, nicht auf g, k endigender Wurzel zum Theil den 
Stämmen mit kurzer oder gutturalisch auslautender Wurzel 
gegenüber gestellt worden, wie A. Sg. Fem. vaena dem A. Sg, 
Fem. fraegja, müssen also in I j6 gehabt haben, — zum Theil 
aber ist dieses j6 irgend einmal zu i contrahiert worden. 

Eine Dreitheilung wie in froedi, heUn, hylgja findet sich 
auch im N. A. PL der masc. ja-Stämme, hekkir hekkt\ hellar hella, 
aber auch mdjar nidja, kerjar herja usw. ; s. oben S. 397. 400 
und unten bei jds. 

Aber das Princip, nach welchem vaena (A. Sg. Fem.) sich 
von fraegja scheidet, ist im Verhältniss dieser ja zu i gerade 
umgedreht. Die Wurzelgestalt im Paradigma bekkr zeigt Kürze 
oder Länge mit Gutturalis, im Paradigma /roe(f{ meist Länge 
ohne Gutturalis. 

Auffiillig ist auch, dass diese Form der Wurzel keines- 
wegs ausschliesslich das Paradigma froedi hervorruft. Durch- 
gehendes i im Sing, haben nicht nur Wörter, welche nach 
hello gehen sollten, sondern auch solche, welche wir unter 
Paradigma hylgja vermuthen möchten, gledi, gremi, Uli, myki, 
lygi, ^ ergi, rekki, — dann die von den Adj. auf -agr, -igr, -vgr 
gebildeten helgij graedgi, usw. 

Nach der Analogie hekkr, eng sollten in Paradigma /ro^A* 
entweder nur Nomina nach hylgja oder nur nach hella erscheinen. 

Im gotischen eine ähnliche Unregelmässigkeit. Allerdings 
zeigt Paradigma managet (nord. froedi) durchweg Länge der 
Wurzel oder nach dieser nach ein Suffix, s. Leo Meyer Got. 
Sprache §. 465, aber in Paradigma rathjo (nord. hylgja) ziem- 
lich gleich viel Längen und Kürzen, s. Leo Meyer a. a. 0. 
§. 459. Es hat sich also auch hier die Contraction nicht 



1 S. Anm. auf S. 402. 



üeber die Endsilben der altnordischen dprach«. 405 

ausschliesslich einer Wortclasse bemächtigt^ was bei Paradigma 
handij hairdeis doch geschehen ist. 

Die inconsequente Dui*chführung eines deutlich zu Grunde 
liegenden Principes führt zu der Vermuthung, dass hier eine 
alte Formübertragung vorliege. 

£ine solche bot sich in der That leicht dar. Bekannt 
sind die weiblichen von schwachen Vocalstämmen abgeleiteten 
Abstracta mit den Stämmen auf tni^ dni, jäniy atniy s. Scherer 
GDS. S. 179, — got. daupeinSf gamitons, sunjonsj tkulains, 
eigentlich Nomina actionis ; Leskien Die Declination S. 96. Die 
Stämme auf mi setzen natürlich jani voraus. Die Declination 
eines solchen Nomens vor der Contraction und vor dem voca- 
lischen Auslautgesetze hatte mit der eines fem. ^an-Stammes 
grosse Aehnlichkeit. 

1) N. Sg. daujjjams 2) N. Sg. frodjd 

G. Sg. daufjanaiaa G. Sg. frodjdnas 

D. Sg. daupjanaii D. Sg. frodjdni 

A. Sg. daupjani A. Sg. frddjdna. 

Vielleicht gab es neben daupjanaii (D. Sg.) auch eine Form 
ohne Guna daupjanuj wie D. Sg. kosti aus kostii im altslaw., 
vielleicht andere mit Färbung des Gunadiphthongs im G. D. 
daupjanijas, daupjaniji, s. oben S. 400. 

Der Perfectstamm nun der schwachen Verba erster Con- 
jugation muss ebenso wie die Adjectivsuffixe jan, jag, das 
Optativsuffix jd, sehr früh eine Contraction des ja zu i vor- 
genommen haben, und gewiss auch das Nominalsuffix jani von 
daupeins, da nirgends mehr eine Spur des ja erhalten scheint, 
mag die vorhergehende Wurzel kurz oder lang sein; s. Leo 
Meyer Die got. Sprache §. 399. Wenn nun daupjanis zu 
dauptnis wurde, so ist es begreiflich, dass unter den so ähn- 
liehen jan-Stämmen besonders jene die Contraction nachahmten, 
welche durch ihre Wurzelgestalt eine gewisse Neigung zu ijd 
statt jdy also zu vocalischem und zwar i-farbigem Einsatz der 
Suffixsilbe hatten, aber auch andere, welche durch ihre Bedeu- 
tung als Abstracta Verwandtschaft mit den ^ant-Stämmen zeigten. 
1) N. Sg. dauptnis 2) frodi 

G. Sg. daupmaias frodinas 

D. Sg. dauptnaii frodini 

A. Sg. daupini frödina 



406 H«iiiiel. 

Nach Eintritt der Auslautgesetze erscheint für 1. got 
daupemsj daupeinais, daupeinai, daupein, nord. kurzes i vor n 
in I voraussetzend keym (got. hauseins), s. Grimm Gramm. 2, 
159, * — fiir 2. got. managei, manageins, managein, managein, 
nord. froedi durchaus, was für Periode I frodi ei^bt. Die 
Formen sind regelmässig bis auf N. Sg., welcher im nord. I 
wie im got. die Länge der Suffixsilbe wohl dem Uebergewicht 
der obliquen Casus verdankt. 

Nur unter Voraussetzung von jdn^S^mmen neben jani- 
Stämmen in uralter Zeit, erklärt sich die im gotischen wie im 
nordischen erscheinende Vernachlässigung der Wurzelgestalt 
bei der Scheidung der Jan-Stämme in contrahierte und nicht- 
contrahierte. Ein Princip der Bedeutung hat über das formelle 
gesiegt. Unter den J^Sn-Stämmen bezeichnete nun m die Adjectiv- 
abstracta, jdn diente für die übrigen Wörter. Das gotische 
suchte zu vermitteln. Es bewahrt nur solche Adjectivabstracta, 
welche zugleich lange Wurzel haben oder mehrsilbig sind. 

Schon Scherer GDS. S. 431 hat auf die Stämme mit int, 
die got. Nomina auf -eins hingewiesen, aber nur zur Erklärung 
der ahd. Form menegin neben menegL Das n in der Declination 
des got. managet aber hält er nur für eine Folgerung aus dem 
G. PI. Aehnlich Zimmer Zs. 19, 425. — Leskien Die Declination 
S. 94 ff. verwendet die Fem. auf got. eiyjs von Suffix tjd aller- 
dings zur Erklärung des got. G. Sg. manageins , D. A. Sg. 
managein, aber in wenig überzeugender Weise. An Stelle des 
Wortes managei manageins usw. habe ursprünglich ein Ja-Stamm 
gestanden, weil ja in allen indogermanischen Sprachen derartige 
von Adj. abgeleitete Abstracte bilde, S. 95; — ebenso Scherer 
S. 430, Zimmer a. a. O. — diese hätten, da die vorhergehende 
Wurzel fast immer lang ist, den N. Sg. vor dem Auslautgesetz 
auf i gebildet, wie man diess für die jd-Stämme nach got. 
bandi annehmen müsse. Von ihnen nun seien die andern von 
Verben gebildeten Abstracta ähnlicher Bedeutung auf -tnis 
schon vor dem Auslautgesetz nicht sicher zu scheiden gewesen, 
man hätte z. B. den A. Sg. faurhtinin von faurhtmis auch als 



* Eljan, herjan stammen von Verben der dritten Classe wie skipan, vgl. 
got. 9unj6ns, 



Ueb«r die Endsilben der »Iteordiachen Sprache. 407 

A. Sg. des Ja-Stammes faurhtt (nach got. bandi), der faurkt- 
jdn (got. handja) lauten musste, missverstehen können^ S. 97. 
£benso muss Leskien sich wohl auch die Entstehung von ahd. 
menegin aus metiegi durch Vermittlung des Paradigma toufin 
vorstellen; obwohl er nur das gotische berücksichtigt, S. 99. 

Das angenommene Miss verständniss/at^rAtömn (A. Sg.) von 
faurhHnis, für faürhtjän (A. Sg.) von faürhti scheint schwer 
glaublich. Die Laute liegen weit ab. Das charakteristische n 
der Ableitung fehlt in dem einen Fall. 

Vor allem aber : in verschiedenen germanischen Sprachen 
liegen abstracte Feminina vor, deren Declination auf einen in-, 
jan-Stamm zurückweist. Jan ist auch sonst als ein Suffix 
bekannt, das aus nominalen Stämmen feminine Abstracta zu 
bilden geeignet ist, lat. communis eommunio, got. gamainei, 
vgl. miru8 mirio, s. Osthoff Forschungen 2, 91 ff. 88, L. Meyer 
Orient und Occident 2, BIL Dass im ahd. daneben vor den- 
selben Stämmen auch Bildungen auf ja vorkommen, ahd. 
menegi neben menegin, kann doch die Berechtigung nicht rauben, 
in got. managet, altn. froedt) ahd. menegin, in der That das zu 
sehen, was diese Worte zu sein scheinen, nämlich Jein-Stämme ; 

B. lat. luditM ludio, amasius amasio, laniua lanio, Osthoff For- 
schungen 2, 62 f. Vgl. im got. selbst die neutralen Abstracte 
auf Suffix ja und daneben Fem. auf jd^i: aglaiti aglaitei, 
bamtski bamiskei, s. Leskien a. a. O. S. 98, im alts. antsceini 
anUceint, ahd. äbtdgi äbulgi, s. Schlüter Die mit Suffix ja ge- 
bildeten deutschen Nomina S. 141, vgl. ganudi (Neut.), gariudjo 
Schlüter S. 133. — Allerdings sind im lateinischen fem. Abstracta 
von Adj. wie communio viel seltener als im deutschen. Die 
häufige Verwendung des Suffixes jdn in diesem Falle muss 
als eine germanische Eigenthümlichkeit angesehen werden. 

Das ahd. hat, wie die ostgermanischen Sprachen, jdn- 
Stämme von Adjectiven. Es unterscheidet sich von ihnen da- 
durch, dass es daneben von denselben Adjectivstämmen mittelst 
des im westgermanischen beliebteren Suffixes ^ä auch ja-Stämme 
bildet, und zwar in einer Form, welche durch Contraction sich 
von den selteneren nicht von Adj. abgeleiteten Ja-Stämmen 
unterscheidet, aippea, wunnea, suntea usw. — Die Contraction 
wurde vielleicht spät voi^enommen, da dem menegi ein sippe 
gegenübersteht. Aber der N. Sg. menegi konnte wie bei den 



406 H«iiiiel. 

ja«-Stämmen, ahd. menegin (N. Sg.), got. managet, altn. froedi 
(frddt I)y aus den obliquen Casus gefolgert sein, wo sich langes 
} auch bei Contraction vor dem Auslautgesetz begriffe. 

Gewiss aber ist alt die Contraction in den Jan-Stämmen, 
entsprechend dem gotischen und nordischen, und aus demselben 
Grunde, durch Einwirkung der Verbalabstracta auf -tni-. Der 
AnschlusB an diese war im ahd. sogar noch genauer und hatte 
den unorganischen N. Sg. auf in zur Folge. 

Sehr wahrscheinlich finde ich, dass die Scheidung der 
ja-Stämme, nach welcher die auf Adj. zurückgehenden ja con- 
trahierten, die übrigen nicht, undea, sundea — ganz selten 
Fälle wie nppe, gerte, unde, — erst durch die ältere der jän- 
Stämme veranlasst ward. Man sagte menegi statt menegea. weil 
man daneben menegin brauchte. 

Im ahd. wirken die jän-, tn-Stämme auf die jani-, int- 
Stämme zurück. Sie sind es offenbar, welche den Verlust der 
Endungen des G. D. Sg. zuerst in dieser Gruppe, dann in der 
ganzen i-DecIination veranlassen ; s. Scherer GDS. S. 431. 439. 



Das Neutrum eyra setzt einen Jan-Stamm voraus — vgl. 
got. sigljd, — ist aber wohl das einzige Beispiel. Seiner Wurzel- 
gestalt und späteren Entwicklung wegen ist es mit dem Fem. 
hella aufgeführt. 

Die N. PI. der masc. ja-Stämme habe ich in dieser Periode 
gleich angesetzt, sowohl im Paradigma bekkr als hellir, auf -jör, 
entsprechend dem -or der masc. a-Stämme, obwohl III bekkir 
und hellar zeigt, ebenso wie A. PI. bekki, hella, s. oben S. 397. 
Wie dort müssen wir sagen: hätte in I sofort nach dem Aus- 
lautgesetz bakir gegolten, neben halljor, das wegen hellar in 
III durchaus nothwendig ist, so wäre vor dem Auslautgesetz 
der Vorschlag des i vor ja nach Gutturalis oder kurzer Silbe 
deutlicher gewesen, als ohne diese Bedingungen, was unsrer 
Erfahrung widerstreitet. Setzen wir einfache Contraction des 
ja zu i vor Auslautgesetz an, so ergäbe diess in I bekkir, in 
III bekkr. 

Wann aus altem bakjdr bakir geworden^ ob in I oder II, 
ist ungewiss, der Ansatz in II blosse Vermuthung. S. oben 
über A. PL bekki S. 397, und über die Ursache , welche viel- 
leicht die Contraction hervorgerufen hat S. 399. 



üaber dl« BiidiUb«B d«r altnordiMheii Sprache. 409 

Auch hier bleiben niäjar, herjar * und öfters auch Grikkjar, 
vaengjar als Reste der alten Bildung^ genau nach dem Princip 
heUar entsprechend^ zurück. S. Wimmer Oramm. §. 41, b, 3 
und Navneordenes böjning S. 58 ; altschwedische und altdänische 
Beispiele auch bei Lyngby Tidskrift f. phil. 6^ 35. 

N. A. PL der ^d-Stämme entwickelt sich nach Princip. 

JA ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Kurz JA. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

Der Wechsel zwischen i und Ausfall des Vocals in III 
ist ganz gleich dem Verhältniss in ursprünglich letzter Silbe, 
B. oben S. 394, also wohl auf dieselbe Weise zu erklären, 
durch ja und ya, woraus in I ji (i) und t wurde, um in III 
entweder zu verschwinden oder als i zurückzubleiben. Das 
Princip ist gewahrt mit der oben S. 391. 397 für die erste 
schwache Conjugation für die Neutra der ya-Classe und für die 
adjecti vischen jf'a-Stämme angeführten Modification. Also temr 
(hrekr)j teggr^ gn^r^ doemir, bergir (2. 3. Sg.), — kynsj akeggs, 
fleys, klaedis, rikis, engis (6. Sg.), — mids, n^s, fraegs, vaens, 
8aeU, froekna (G. Sg. Masc. Neut.). 

Vor n, nt bleibt ja, in III a oder ja nach Princip. Dass 
die bezeugte Schreibung G. Sg. Thrawingan j wahrscheinlich 
nur nicht ausdrückt, wurde oben S. 395 bemerkt. Noch in III 
höfdingja, — Stedjar (N. PL) ist Analogieform wie hanar, s. oben 
S. 377. 

Was die 2. PI. Prs. Ind. der ersten schwachen Conjugation 
anbelangt, so zeigt III durchweg «, temid, doenüd. Es könnte 
eine üniformierung vorliegen wie im Imp., s. oben S. 394. Aber 
der Unterschied konnte auch in III nur verwischt sein wie im 
N. Sg. der masc. jan-Stämme, s. oben S. 402. Vielleicht galt 
in I tamjed — s. oben über den Stammvocal der 2. PI. Prs. 
Ind. S. 379 — und dömijed., was in III temid, doemid ergab. 
Langes i aber erhielt sich in der Flexion nicht. 

< Wimmer Gramm. §. 41, b, 2 sagt herr- werde im Plural nicht gebraucht, 
aber s. Cleaaby. 



410 H«i»iel. 

Vor m verwandelt »ich ja in ju, in III nach Princip tt and 
ju. II zeigt allerdings nur den i-Umlaut, aber wegen der ent- 
sprechenden Fälle von am ist auch ^um schon in I wahrscheinlich. 

JA ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Kurz JA. 

Nach Äuslautgesetz vor der letzten Silbe. 

Auch hier erhält sich ja, selbst vor nt im Part. Prs., wo 
in III Wechsel mit a nach Princip stattfindet. 

Ebenso wird auch hier ja vor m (D. Sg. des Adj. Masc.) 
zu ju und wechselt in III mit u nach Princip. 

JA ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Lang JA. 

Nach Aus)autgesetz in letzter Silbe. 

J6 bleibt zunächst überall. 2. PI. Prs. Ind. Imp. aggjU 
wird später durch eine Analogiebildung auf -id verdrängt, 
s. oben S. 384 über kallid. 

Auch wegen des entsprechenden Schicksals der d vor 
m, n müssen wir hier noch in I Uebei^ang der Formeln ovi, 
6n in um, un ansetzen. Nur die Ja-Stämme nach eggja halten 
wie kcdla in 3. PI. Prs. Ind. den charakteristischen Vocal fest. 

Analogieform ist N. A. PI. hylgjur für bylgju; s. oben über 
hanar, tungur, stedjar S. 377. 385. 409. 

Die dunklere Färbung des alten ja zeigt sich hier deut- 
lich gegenüber altem ja, das vor n blieb, s. oben S. 409. 

JA ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Lang JA. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

J6 bleibt zunächst unangetastet: geht aber allmälig im PI. 
Pf. Ind. der dritten schwachen Conjugation (got. jfö-Stämme), — 
eggjudum III, — und wohl auch vor n zu ju über, wie d im 
gleichen Fall. Vor nt. im Prt. Prs. erhielt sich 6 aus n ebenfalls. 



ü«l>«r di« En(Uilb«a der »Itnordiicbe» Sprach«. 411 



/ ursprünglich in letzter Silbe. 

ExcuTS Über kurzes i letzter Silbe. 

Der Vocal ist hier spurlos abgefallen. Bugge Forhand- 
lingen i Videnskabs-Selskabet i Christiania 1872 (gedr. 1873) 
S. 316 liest in der ValsQordinschrift HagnstaldiR (N. Sg.) 
und erklärt das Wort für einen i-Stamm, ebenso wie MariB 
Thorsbjerg, -gastlB Gallehuus, Berga, s. oben S. 397. Die 
Valsfjorder Inschrift ist ausserordentlich abgeschliffen, s. Bugge 
a. a. O. S. 312, so dass eine sichere Lesung nicht überall möglich 
sein dürfte. Wenn Bugge sagt, in Bezug auf i in HagustaldiB 
seien seine drei Abschriften einig, so ist das nicht ganz richtig, 
da die Zeichnung a) auch die Lesung -aR erlaubt. Allerdings 
hat er den fraglichen Buchstaben nochmals untersuchen lassen. 
Aber da die Buchstaben kaum mehr eine Vertiefung zeigen, 
auf ihre Gestalt nur aus der Farbe des Steines geschlossen 
werden kann, so ist wahrscheinlich gar nicht möglich zu ent- 
scheiden, ob der Schaft des i nicht die zwei kleinen Seiten- 
striche gehabt habe, die sich in der Zeichnung a) finden und 
den Buchstaben zu a machen würden. — Dazu kommt dass 
UagustaldiR sprachlich bedenklich ist. Nord, haukstaldr, wie 
die entsprechenden Formen der übrigen germanischen Sprachen, 
ist ein a-Stamm, während MariR, -gastiR ja-Stämme sind nach 
Ausweis des Umlauts, — maerr gestr. — Wäre HagnstaldiR 
die richtige Schreibung, so müssten wir annehmen, eine spätere 
Form -steldir sei verloren gegangen, oder das Wort früh aus 
der Ja- Ciasee in die a-Classe übergegangen. Denn erhaltenes 
i eines i-Stammes im N. Sg. ist ganz unglaublich. Der tiefste 
Vocal u erhält sich auch im nordischen am längsten. Noch im 
Anfang von III galt sunu (A. Sg.), wir finden die Form auf 
den Inschriften von Sölvesberg und Helnaes. Dass a inr der 
Endung -ali (N. Sg.) von o-Stämmen, nicht der alte Stammvocal 
sei, erschien uns oben S. 369 als wahrscheinlich. Jedenfalls ist 
a in der Genitivendung -as ausgefallen, Thrawingau Tanum, 
Kethan Belland, Igingon Stenstad, t im D. Sg. witadahalaiban 



412 Btinsel. 

Tune. Vgl. Wimmer Aarböger 1867, S. 53. — Wie liätte sich 
i im N. Sg. gehalten? 

Vor allem aber wie erklärt sich der Mangel des Umlauts 
in ni; da wir sonst, wo offenbar kurzes i in I, der ältesten Periode 
der Sprache, den Vocal der letzten Silbe bildete, in III dieser 
zwar verschwimden ist, aber Umlaut zurückgelassen hat jen 
(2.Sg), heldr {kAv,)'i 

Aarböger 1870, S. 203, will Bugge sogar — mit Lyngby's 
Beistimmung Tidskrift f. ph. 10, 89 — in einer Reihe von ags. 
Wörtern, welche allerdings got. und nord. z-Stämme sind, den 
bewahrten Stammvocal finden : mete got. matSj stede got. stath^ 
siege got. slaha, aele altn. salr, häle altn. halr, Deiie altn. Dam^ 
vine altn. vinr, hyge got. hvgr, byre got. baüvy myne got. mum. 
Noch andre bei Grimm, 1^, 555. Uebergang in die jfa-Classe 
könne nicht stattgefunden haben, da der Consonantumlaut 
mangle : mete^ aber z. B. flette^ stede^ aber beddj Dene, aber denn. 

— Aber es können ja die fraglichen Wörter ganz junge Ana- 
logiebildungen sein. Die t-Declination wurde aufgegeben und 
dafür die durch den Umlaut nächstverwandte ja-Classe gewählt 
Niemand kann die Pedanterie erwarten, dass dabei auch die 
Wurzelgestalt geändert worden wäre. Im alts. D. PL der 
t-Stämme gestiun, winiun liegt der Uebergang deutlich vor. 

— Die meisten Neutra der ja-Classe werden durch Verlust 
des e der a-Classe angeähnlicht , aber der Consonantumlaut 
bleibt natürlich, cynn aus cynne. Der Unterschied zwischen 
kurzer und langer Wurzel kommt hier nicht in Betracht: denn 
cynne, woraus cynn hervorgegangen, ist ebenso lang als yrfe. 

Ebensowenig als die ags. beweisen die altfriesischen und 
ahd. Fälle, welche Leffler Tidskrift f. f.. Neue Folge, 2, 262 
Anm. 3. beibringt, -kerne -kimi) -kvemi -kumi. Man sagt ja doch 
altfries. leimi von lamjan, ahd. ztnian von tamjanj ohne Conso- 
nantumlaut. 

Bewahrung des Stammvocals i ist im ags. auch deshalb 
unwahrscheinlich, weil diese Sprache die u im N. A. PI. Neut. 
aus altem d schon meist verloren hat. 

Bugge beruft sich ferner Aarböger 1870, S. 207 auf die 
ags. Feminina ven, est, got. vms, ansfs: das sei Umlaut eines 
vorhergehenden von, ost; s. Holtzmann Gramm. 1, 200. Ve« 
könnte auch altes e haben für d, vgl. g^^den Part. Pf., Holtzmann 



Ü«b6r dt« Bnd«Ub«n der aUnordinohen Sprach«. 413 

Gramra. 1, 201. Aber der Umlaut uralautföhiger Vocale ist bei 
den fem. t-Stämmen überhaupt Regel; s. Sievers in Paul und 
Braune's Beiträgen 1, 4U5 S. Die Erklärung s. oben S. 399. ^ 
Nicht aufgeführt ist ferner in unserer Tabelle die Endung 
-t'fi« (A. PI. der i-Stämme), in III i ohne Umlaut, burdi\ sotti. 
Das Fehlen des Umlauts ist zu auffallend in einer Sprache, die so 
grosse Empfindlichkeit der Vocale fiir folgendes i /, u v zeigt wie 
die nordische^ die in der ?/-Clas8e beide Umlaute neben dem reinen 
Laut in buntem Wechsel braucht. Wo j-Umlaut nordisch fehlt, 
geschieht es in Ableitungssilben, -ari neben -m bei den Nom. 
Agentis der ja-Classe, die in die yan-Classe übergetreten sind, 

— im Suffix 'uly wenn das erste Comparativsuffix antritt, giöfulU 
fiir giöfulliriy — im Fem. der zweiten Comparation apakarij — 
im Opt. Pf. der dritten schwachen Conjugation, um den charakte- 
ristischen Vocal zu erhalten, — hier wie im Comparativ auf 
-ari war übrigens a in 11, der Periode des Umlauts, noch lang, 

— in ßandr (N. PI.) neben gefendr; s. Lundgren Om substan- 
tivens stammar S. 17. — Dann in Fällen falscher Analogie, so 
in den Adj. auf -inn von Stamm -ma-, gullinn, auf -igr von 
Stamm -iga- mdtttgr, wegen der ähnlichen Formen der ana- 
und a^a-Stämme, opifWj audigr, die keinen Umlaut haben 
können, s.* oben S. 378. — Die Nebenformen von tamdr und huldr 
(Ptc. Pf Pass.), tamidr und hulidr, sind gewiss nicht die ächten, 
wenn sie auch den altern Quellen eigenthümlich sind. Wimmer 
Gramm. §§. *152, 2. Das Verhältniss zu den Verben langer 
Wurzel ist gerade umgekehrt : 2. 3. Sg. Prs. Ind. doemir bergiVf 
aber tewr, hylr. Im Ind. Pf. doemda bergda, aber tamda hulda. 
In tamda f hulda muss i in 11^ der Periode des Umlauts, schon 
fortgefallen sein, in den Verben mit langer Wurzel noch nicht. 
Ebenso entsprechen sich regelrecht Part. Pf. doemdr, hergdr und 
tamdr' huldr. Wahrscheinlich geht tamidr huldr auf taminn^ 
huünn zurück, auf Analogie der starken Verba, welche bei doema, 
hergja nicht so leicht wirken konnte, da diese Verba sich durch 
den Umlaut der Perfectformen zu deutlich von allen starken 
unterschieden. Bei tamdr, huldr, oder vielmehr den für sie 



^ Wenn finnisch kaunis, got. tkauns, erscheint, Thomsen a. a. O. 8. 96 so 
beweist dies für die Gestalt des nordischen nach Darchfühmng des Aus- 
lantgesetzes ebensowenig als kunigeu; s. oben S. 369. 



414 Reiiix«1. 

vorauszusetzenden alten tamid/r, hulidr in I konnte man aller- 
dings an farinn, bundinn erinnert werden, um so mehr wenn man 
Formen wie h^ja, hafinuj sverja svarinn vor Augen hatte. — Die 
falschen Formen taminn, huUinn wurden dann nach Maassgabe der 
übrigen scliwachen Part. Pf. corrigirt, haben sich aber im neu- 
isländischen und nur bei Verben dieser Classe erhalten. In ein- 
zelnen Wörtern sollen sie schon sehr früh vorkommen ; s. Wimmer 
Gramm. §. 144 Anm. ^ 

Auslautend i ohne Umlaut sehen wir nun in III in solchen 
Fällen, welche deutlich entweder auf altes -An, -af, hani (N. Sg.), 
tamdi (3. Sg.) zurückgehen, s. oben S. 373, oder auf ai, aitj 
aint, ata, aicu, aiit, aiint: heiti (1. 3. Sg. Pass.), afwi (D. Sg.), t>aki 
(Imp.), fari (3. Sg. Opt.), faH (3. PI. Opt.), vaki (1. Sg. Ind.), 
hurdir (N. PI.), vaki (3. Sg. Opt.), vaki (3. PL Opt). An -«n, 
-di ist nicht zu denken, wohl aber möchte man vermuthen, 
dass für burdiy sotH (A. PI.) eine Form vorauszusetzen sei, in 
welcher der Stammvocal i gunicrt worden wäre. Vielleicht 
-aiana nach Muster der a-Classe. Vgl. griech. x6X6flu;, -{kjxia; 
neben N. PL ttoXsi;, ^k^julzIcj lat. oveis omSy umbrisch aveif, neben 
N. PL auf -es, -er, besonders aber slawisch synovy neben syny 
(A. PL) gegenüber synove (N. PL). Synovy bedingt Qunierung 
des u und Annahme der Endung -ans; s. Schleicher Compen- 
dium §. 250. 

/ ursprünglich in letzter Silbe. 

Lang J. 

Die Optativformen des Perfects 3. Sg. 3. PL kommen in 
Betracht. III hat die Endung i mit Umlaut der Wurzel, was 
in unsrer Periode nach dem über ja, ja ursprünglich letzter 
Silbe gesagten auf t schliessen lässt. Dass sich die Länge 
bewahrt habe, ist nur bei den schwachen Verben begreiflich, 
wo der vielleicht zu i gefärbte Vocal der Wurzel dha sich mit 
i von ja verband. Hier hat das ahd. auch die Länge gewahrt. 



1 Wohl junge Bildungen sind einige Abstracta auf n-tn«/; kradning, ruimn^y 
»pamingy «purning, koming^ droUnnig, — neben aetning, fettning; b. Leffler 
Tidskrift f. f., Neue Folge, 2, 14. 15. 306, Blomberg Bidrag tiU den germ^ 
niska omljudsläran S. 15. — Sie setsen altes -aningu voraus. 



TTeb«r die Endsilbun der altnordijiclieii Sprache. 415 

8. Braune in seinen und PauFs Beiträgen 2, 136. 137. Scherer 
hat dazu das griechische öeCiQ verglichen, GDS. S. 204. Die 
3. Sg. der starken Verba ist ahd. kurz, die 3. PI. lang wie in 
der schwachen Conjugation, s. Braune a. a. O. Offenbar hat 
«ich im nordischen der Einfluss der schwachen Optative auf 
die 3. Sg. wie 3. PL erstreckt, der im ahd. auf die 3. PL 
beschränkt blieb. 

Keinesfalls ist für die 3. PL -ma wie im gotischen vor- 
auszusetzen, daraus wäre in III -in geworden, wie aus aptanä 
(A. Sg.) in III aptan, 

I ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Kurz 1. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

/ bleibt durchaus. 

Die % in himinny mikill sind als ursprünglich angenommen 
worden, weil gotisch und ahd. in i übereinstimmen. Das Wort 
ErilaB erscheint in den ältesten Runen viermal nur mit i, 
Leffler Tidskrift f. f., Neue Folge, 2, 316. Ausgemacht ist die 
Sache darum nicht. Drottinny moiyinn (morgunn), — drasill (drö- 
sull)y ßkutill^ studilly svadiUy vadill (vöduU) können trotz got. 
maurgins in I noch nicht i gehabt haben, sondern nur e (u) 
aus a; s. Leffler a. a. O. 2, 15. 273 und oben S. 379. 

Aber i in lykill und ähnlichen ist des Umlauts wegen 
alt. Obwohl doch vielleicht erst im Verlauf der Periode I oder 
n entstanden. Denn die Gruppe lykill, Egill, ketill, ti'ygül, 
tygill zeigt vier Wurzelausgänge auf Gutturalis. Dagegen drasill, 
skutill, studill, svadill, vadill. Das erinnert an tekinn neben 
farirm (Part. Pf.); s. oben S. 378.» Aber es könnte Zufall im 
Spiele sein, und der Ableitungsvocal der Nomina nach lykill 
wäre doch vorgermanisch. Ich habe es deshalb für sicherer ge- 
halten, lykill hier, nicht bei a aufzuführen. 

Hieher gehören auch die weiblichen Abstracta der t-Classe 
nach heym (got. hauseins). Das alte ja muss hier schon vor 
dem Auslautgesetze kurz gewesen sein wie im Perfectstamme 



^ Engilly D. S^. engliy stammt vielleicht aus dem deutschen. 



416 Heins«l. 

der ja-Yerhsi, ; s. oben S. 405 f. Eigenthümlich sind die Fonnen 
ohne Umlaut lausrij thaum, spum Gislason Formlaere §. 133 d, 
Blomberg Bidrag tili den gerraaniska omljudsläran S. 15. Bei 
dem kurzwurzeligen spum begriffe sich Ausfall des i in I noch 
eher, s. unten die schwachen Perfecta der ersten Classe, aber 
lausHj thausn sind wohl keine echten Bildungen. 

Das Comparativsuffix im Superlativ des Adj. in heztr'ui 
jedenfalls vorgermanisch is gewesen, nicht jaa, wie man für 
den Comp. Adv. heldr^ betr annehmen muss ; s. oben S. 397. 

Ueber die Part. Pf. der ja-Stämme bei Besprechung des 
Ind. Opt. unter den Silben, welche nach dem Auslautgesetz Tor 
der letzten stehen. Von den Formen tamidr, hulidr neben tamir 
huldr wurde oben S. 413 gehandelt. 

Die 3. Sg. Prs. Ind. wurde hier mit -id angesetzt, weil 
noch n abariutith Stentofte zeigt gegenüber dem barntB der 
nah verwandten von Björkethorp und ubbrintB auf dem Stein 
von Glimming, s. Wimmer Runeskriftens oprindelse S. 220. — 
Hier wie in der 2. Sg. Prs. Ind. ist das alte a schon vor- 
gormanisch als i anzunehmen. Jedenfalls für das nordische : wäre 
hier nach dem Auslautgesetz noch e gehört worden, so wäre 
es als i in III erhalten, und die Wurzel zeigte keinen Umlaat 
8. Leffler Tidskrift f. f.. Neue Folge, 2, 270. 

Der D. PI. der i-Classe hat sich nach der u- und a-Classe 
gerichtet wie der «-Umlaut in II. III zeigt, stödumr, 

I ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Kurz J. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

Hier beginnt bereits der Ausfall der Vocale. Noch nicht 
im A. Sg. der Stämme -i7a-, -ina-y da in III noch lykil, himin. 
Aber im Pf. der schwachen Verba erster Classe. 

Die Perfecte der ^a-Stämme müssen ihr ja schon sehr 
früh contrahiert und t dann verkürzt haben. Keine germanische 
Sprache hat hier eine Spur der Länge. Zum Theil sind diese 
kurzen i schon in I ausgefallen. Auf das überlieferte worahto, 
worta darf man sich allerdings nicht berufen ; s. unten. Aber die 
kurzsilbigen ja-Stämme müssen trotz der inschriftlichen tawido, 



üeber di« Endiilben der altnordischen Spnthe. 417 

dalidnn! noch in I i verloren haben, da sie in III ohne Umlaut 
erecheinen: tamda, hulda usw. Die 1. Sg. Opt. temda, hylda 
rechtfertigt ihren Umlaut durch das j\ welches jedenfalls noch 
in II vor dem a gestanden hat. Das überlieferte tawido hatte 
demnach noch in I eine weitere Veränderung tawdo erlitten, 
und wohl auch faihido, wofür in III, wo das Verbum nach kalla 
geht, fäda erscheint, ohne Umlaut. Das h wird in I schon so 
schwach gewesen sein, dass man das Wort wie eine vocalisch 
aaslautende, also kurze Wurzel behandelte. 

Lange Wurzeln auch auf Guttural auslautende, s. oben 
S. 392, zeigen in III Umlaut^ müssen also i in II noch 
gehabt haben. 

Die Part. Pf. machen begreiflicher Weise diese Unter- 
scheidungen kurzer und langer Silben mit. 

In den masculinen Stämmen -ila-, -ina-, welche in III den 
D. Sg. imd 'den ganzen Plural mit Ausnahme des G. PI. des 
Adj. contrahieren, wird i in I sich im Ganzen noch gehalten 
haben, wie der Umlaut in lyklij lyklar usw. in III zeigt. Aber 
daneben muss auch Ausfall in I angenommen werden, da sonst 
Formen wie lukli, luklar, s. Wimmer Gramm. §. 37, 2, Gislason 
Formlaere S. 80, Blomberg Bidrag tili den germaniska omljuds- 
läran S. 56, welche in III neben den umgelauteten erscheinen, 
unerklärbar blieben ; s. oben S. 415. Auch hier nur Kürzen wie 
im schwachen Verbum. 

Noch deutlicher ist der Einfluss der Quantität auf Er- 
haltung oder Verlust des i in I bei den Deminutivbildungen, 
Atli, aber kyndla, Blomberg a. a. O. S. 15. 

Unter den Adjectiven finde ich keine umlautbaren. 

Der Comparativ des Adj. hat jedenfalls i in I. II bewahrt: 
in III betri. Ebenso in den Ableitungen auf it-: in III dypt, hoens. 

Dieses hoens (N. A. PL) ist auf itjä zurückgeführt, nicht 
auf 'isäf woran Grimm denkt, Gramm. 1^ 575. 2, 270, das aber 
nur hoenn für hoenr ergeben könnte. Die Bildung ist wie bei 
hugsa, s. oben S. 382. Man darf gegen Ansetzung eines Neutral- 
stammes honitja- nicht belti, milti anführen, welche nach dem 
oft erwähnten Princip i in ITI gewahrt haben, wie klaedi. 
Durch Uebergang des ij in ss wurde das Wort honitjd, honissu 

Sittongaber. d. phil.-hist. Cl. LXXXVII. Bd. I. Hft. 27 



418 Reinsei. 

ganz aus der Analogie der ^a-Stämme herausge^ssen ^ und wie 
ord behandelt, d. h. wie ein a-Stamm, aber mit Suffix w», 
dessen i in II Umlaut wirkte, in III abfiel. Hoens vergleicht 
sich somit den hd. neutralen ^a-Stämmen, ahd. mahalezij fisgazzi, 
Grimm Gramm. 2, 214, altfries. benefe, atente Schlüter. Die mit 
dem Suffix ja gebildeten deutschen Nomina S. 437. '^ 

ExGurs Über die erste schwache Coqjugation. 

In Bezug auf die Perfectbildung steht das altnordische im 
Gegensatz zu den westgermanischen Sprachen. Während in 
diesen bei langer Wurzelsilbe der Äbleitungsvocal fehlen und die 
Wurzel den reinen Laut zeigen kann, finden wir im nordischen 
bei durchgehendem Ausfall des Ableitungsvocals Umlaut gerade 
in dem langen, reinen Laut in den kurzen Wurzeln, doemda^ 
tamda. Die kurzwurzeligen müssen also ihr i schon vor Ein- 
tritt der Umlautperiode verloren haben. Das ist nicht die Regel; 
dypt, hoensj betri lehrt uns, dass i der vorletzten Silbe zur Zeit 
des Umlauts noch gesprochen wurde, diupidhu, honisu. Bei den 
Substantiven nach lykill ist der Ausfall nur facultativ. £in 
äusserer Einfluss muss in den schwachen Perf. kurzer Wurzel 
vorzeitigen Abfall des i in vorletzter Silbe bewirkt haben. Das 
können nur die Praeteritopraesentia, an welche sich formal das 
Verbum , wollen' schliesst; s. Scherer Zs. 19, 157, gewesen sein, 
Perfectbildungen, welche mit denen der schwachen Verba eine 
gewisse Aehnlichkeit haben, vielleicht aber ganz andrer Herkunft 
sind ; s. Windisch Beiträge zur vergleichenden Sprachforschung 8, 
457 ff. Ihnen hatten sich schon sehr früh in allen germanischen 
Sprachen eine Reihe von schwachen Verben angeschlossen, 
deren Wurzel auf Gutturalis endigt. Die gebräuchlichsten sind 



1 Aehnlich wie im G. D. Sg. Fem. der starken Adjectivdeclinatioii der frühe 
Ausfall des j im Elemente »ja die nord. westgerm. r, die got z erklärt. 
S. Leskieu: Die Declination S. 129. 

2 Zimmer Zs. 19, 414 stellt eine Erörterung unsres Wortes in Aassicht, 
Ebel nimmt einen ci«- Stamm an, KZs. 5, 54. 356, ebenso Thomsen Elin- 
fluss der germanischen Sprachen auf die finnisch-lappischen und Lund- 
gren Om Substautivens stammar S. 33. Fick Vergleichendes Wörterbuch 
33 61 setzt Grundform hönisna an wegen des heutigen haensn; s. auch 
Leffler Tidskrift f. f., Neue Folge, 2, 319. Aber nur geschürftes * erklärt 
den Sachverhalt. 



Üeber die Endsilben der altnordiscbeu Sprache. 419 

^t. h'ahta, thahta^ thuhtOy vaurhta, hauhta, brühta, altn. thätta, 
ihottüy orta (worahto Tune), sotta, alts. brähta, thdhta^ thühtay 
warhtay aohta, gihoht^ ags. hrohie, thohte, ikdhtey vorhte^ »ohte, 
bohte. Das auffällige dieser Bildungen liegt in dem ht fUr gd, 
kd, vgl. alts. wegdttf lagda^ sagda, altn. bergda, skenkta. Wohl 
aber ist allen germanischen Sprachen ht eigen für altes g^ k 
mehr altem t, got. nahts, altn. ndtt, alts. naht^ got. aihts, altn. 
aeitf ags. aeht Das ahd. ist demnach nicht in Rechnung zu 
ziehen; da seine ddhta^ dühta, worhta doch möglicher Weise, 
obwohl es unwahrscheinlich wäre, der hd. Lautrerschiebung 
ihren Ursprung verdanken. 

Dass es Wurzeln auf Gutturalis sind, welche sich den 
Praeteritopraesentibus anschliessen, mag darin begründet sein, 
dass Qutturalis als mit j verwandt die Aussprache eines folgen- 
den ja nicht durch Einschub eines t zu erleichtern brauchte; 
s. oben S. 394. Ja wurde hier noch früher zu C, i, als bei 
anderen; s. oben S. 416. Sie standen dadurch dem Perfect der 
Praeteritopraesentia näher. Aber die Mehrzahl der gutturalisch 
endigenden Wurzeln blieb natürlich der ihnen eigenthümlichen 
Bildung getreu. 

Es gab demnach in allen germanischen Sprachen eine 
Gruppe von Verben, bestehend aus Praeteritopraesentibus und 
einer Anzahl häufig gebrauchter Verben, welche ein schwaches 
Perfect ohne Stammvocal bildeten. Da diese letzteren sonst 
der ersten schwachen Conjugation angehörten, ist es begreif- 
lich, dass allmälig die Neigung entstand, in dieser Conjugation 
diejenigen Verba um ihr Ableitungs-i zu verkürzen , welche 
jener Gruppe am ähnlichsten sahen. Aehnlichkeit ist aber in 
gewisser Weise subjectiv. Die Westgermanen haben eine Ueber- 
zahl langer Wurzeln in der Gesammtzahl jener Vorbilder. Die 
Praeteritopraesentia nämlich stellen sich westgermanisch gleich, 
wenn man das sächsische man vernachlässigt, sechs Kürzen, 
sechs Längen. Zu diesen Längen kommen aber noch alts. hrähta, 
thdhta, thühtay warhtäy sohid, denen nur giboht gegenüber steht. 
Sie schlössen also: bei den langsilbigen ist es erlaubt, i im 
schwachen Perfect auszulassen, — mit Vernachlässigung des 
germanischen Betonungsprincips. 

Im nordischen liegt die Sache etwas anders. Hier über- 
wiegen bei den Praeteritopraesentibus die Kürzen: mega^ 

27» 



420 



Heinzel. 



kndttUj mwia, munu, akulu, vita, viJja, sieben Kürzen, an Längen 
nur vier: eiga^ kumia, unna, thurfa; daursan, motan ist verloren, 
das futurisebe munu hinzugekommen. Allerdings ergibt sich 
auch hier eine Majorität der Längen durch die hinzutretenden 
thdtta, thotta, orta, sotta. Aber die Skandinavier werden nur das 
Muster der Praeteritopraesentia vor Augen gehabt haben. Dazu 
wirkte vielleicht das germanische Accentgesetz con servierend, 
wenn es sich in dem die ganze Flexion verbaler wie nominaler 
^a-Stämme beherrschenden Bestreben das Suffix nach kurzer Silbe 
zu beseitigen, nach langer Silbe als t zu conser vieren geltend 
macht, — kyn klaedi, bekkr heUir, tem doemi, temr doemir; s. S. 394. 
Nur der allgemeinste Zug in Behandlung dieses Suffixes war 
wirksam, die Sonderstellung der gutturalisch endigenden Wurzeln 
fand hier keine Nachahmung, — bergda wie doemdoj dagegen 
bekkr hellir, Wohl aber gilt vocalischer Ausgang oder kurzer 
Vocal mehr gg auch hier für Kürze; s. oben S. 391. 

Aber auch bei den neut. ^a-Stämmen und den Praesens- 
stämmen der ersten schwachen Conjugation ist nur Länge und 
Kürze der Wurzel massgebend; s. oben S. 391. Tamda : lagda : 
gnüda : bergda : doemda = kyn : skegg : fley : riki : klaedi = 
tem : legg : gn^ : bergi : doemi. 

Natürlich muss auch hier — wie im ahd. immer — noch 
lange ein Schwanken zwischen den alten und den Analogieformen 
geherrscht haben. In I ist tawido, dalldnn! bezeugt, und doch 
sind wir genötbigt, in dieser Periode das t der kurzwurzeligen 
abfallen zu lassen, da sonst das Fehlen des Umlauts unbegreif- 
lich wäre. 

/ ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Lang /. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

I des Opt. Pf. muss hier lang gewesen sein, da in III 
noch foerir (2. Sg. Pf. Opt.), neben hleypr (2. Sg. Ind. Prs.), gilt. 
/ in foerir also wie bergir, doemir ^ s. oben S. 409. 

Die Adjectivstämme auf -igä-^ 4na-, got. -et</», -e»w ent- 
behren in III des Umlauts, mdttigry gullinn. Sie haben sich 
nach den ähnlichen auf -iga-, 'Ina- aus -aga-, -ana- gefärbten 
gerichtet und darnach wahrscheinlich in unserer Periode e 
gehabt, s. oben Ö. 378. 



Ueber die EndHÜben der altnordischen Sprache. 421 

/ ursprflnglich vor der letzten Silbe. 
Lang I. 

Nach Aiislautgesetz vor der letzten Silbe. 

Nur die eben erwähnten Adjectiva, welche auch hier e 
angenommen haben werden, wie die Adjectivstämme auf -aga-, 
-ana-; s. oben S. 383. 

U. 

U ursprünglich in letzter Silbe. 

Dass u in I noch vorhanden war, lehren nicht so sehr 
die Runen aus I. II. IIl, HagnstaldaR Valsfjord I, Hathn- 
wnlAfR Istaby II, sunu (A. Sg.) III, auf späteren Runen- 
inschriften, s. Wimmer Navneordenes böjning S. 74 f., als der 
Umlaut in III. ^ 

U ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

Auch hier erweist der Umlaut in III Existenz des u in 
der Ableitungssilbe vor der Periode des Umlauts, IL 

ü ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

Dasselbe beweist dieselbe Thatsache wie im vorhergehen- 
den Falle. 

Es sind hier einige Formen von öflvgr aufgenommen, weil 
dieses Wort fast constant u, beinahe nie i in der Ableitung 
zeigt, vgl. got. handugs; s. Gislason Formlaere S. 15 und 
oben S. 379. 

^ WepsUch olus (altn. öl), Thomsen Einflass der gfermanischen Sprachen 
auf die finnisch-lappischen S. 102. 



422 HeUxel. 



Excuis Über ia, tV;. 

Der BrechungsdiphthoDg ia im gewählten Paradigma iöhim 
aas etunn > bedarf der Rechtfertigung. Nicht nach der gewöhn- 
lichen Auffassung, welcher iö «-Umlaut des ia ist. Wenn wir 
in II die Periode des Umlauts sehen, so muss ia in I, wenn 
auch vielleicht erst Ende der Periode entstanden und nie 
bezeichnet worden sein. Wohl aber gegenüber J. Schmidt, der 
Vocalimus 2, 392 ff. ia als a-Umlaut des iö (d. i. io) zu erweisen 
sucht. Uebrigens s. schon Holtzmann Gramm. 1, 80. 

Braune Centralblatt 1875, S. 1553, und Siever's Jena'sche 
Litteraturzeitung 1876, Artikel 79, haben dem gegenüber auf 
die andern nordischen Sprachen hingewiesen, in denen zum 
Theil ja flir altn. ia und lö (io) gilt, wie a für altes a und 
H (o). Es sei in diesen Sprachen ia, das J. Schmidt als a-Um- 
laut vor iö (io) auffasse, thei]weise noch vor u erhalten, gerade 
wie a auch noch mitunter vor u stehen geblieben sei, ia müsse 
demnach als der ältere Diphthong aufgefasst werden, der vor 
u, V im isländischen ganz, im schwedisch-dänischen nur zum 
Theil der Assimilation iö (io) erlegen sei. 

Aber Wimmer sagt Runeskriftens oprindelse S. 215 mit 
Recht, dass der u-Umlaut des a, also auch des za, im schwe- 
disch-dänischen zwar vielleicht geringere Ausdehnung hatte 
als im altnordischen, dass es sich aber kaum werde ausmachen 
lassen, wann in jedem Falle ö (o) in diesen jungem Sprachen 
durch a verdrängt worden sei. 

Im aitdänischen finden wir neben Formen auf ö, iÖ (o, io) 
auch a, ia : annnr (N. Sg. Fem. N. A. PI. Neut.), dagum (D. PL-, 
«oA, marc, tharfj graf (N. A. Sg.), land, fang, all (N. A. PL, 
«afAfiZ, satvgs (G. Sg.), — giald (N. A. PI.), fiatur, fiatre (D. Sg. , 
Wimmer Navneordenes böjoing S. 34; aber auch skioldae. 
ßordh S. 77, biörn, biorn S. 79. 

Im altschwedischen führt Rydkvist auf, 4, 124, iafur, 
iatun und iaetuiiy giarth und giaerth, iarth und iorth^ iarmuH- 
grundj 129 ßakumm (ßögurum). 



« Nor f, nicht auch • erleidet die Brechung, 8. Leflfler Tidskrift t C Nene 
r/.re, 2, 151. 240. 



Ueber die Endnilben der altnordischen Sprache. 423 

Nun findet sich aber im altschwedischen ia auch für id^ 
Rydkvist 4^ 126 tkianaj thianosta, fiarthi. 

Dänisch scheint ia für lo zwar nicht bezeugt, Petersen 
Det danske usw. Sprogs historie 1, 100. 146. 221, Wimmer 
Navneordenes böjning S. 7. Aber es war doch wahrscheinlich 
vorhanden. Denn nach den bei Orimm Gramm. 1^ 509 f. 521 f. 
gesammelten Beispielen entspricht im neuschwedischen wie im 
neudänischen je nur altn. ia, nicht altn. iö, für welches ja, jo, 
jö gilt, wohl aber auch einigen altn. 20, schwed. tjena, tjenst, 
fjerde, dän. tjene, tjeneste^ fjerde. Allerdings neudän. fjäder als 
wie vom altn. fiötnrrj nicht vom altdän. fiatur; doch wird neudän. 
auch f jeder wie neuschwed. f jetter neben fjätter geschrieben. 

Man könnte darnach vermuthen, dass die Grenze zwischen 
den Gebieten von ia und iö im schwedischen und dänischen 
ursprünglich keine andern gewesen seien, als im altnordischen, 
dass aber später im schwedisch-dänischen ein Theil der alten 
io zu ia wurde und dabei einige iö (io) in dieselbe Bewegung 
zog. Aber ganz befestigt haben sich diese ia für iö (io) nie, 
die alten Formen werden daneben auch gegolten haben, so 
dass dem altschw. iatun^ giarthj iarth jetzt jiUte, gjord, jord 
g^enübersteht, dem altdän. ßatur, fjäder. 

Die Sache bedarf genauerer Untersuchung. 

J. Schmidt's Ansicht aber unterliegt anderen Bedenken. 
Nach ihm ist ia immer a-Umlaut eines iö (io), welches aus e, i 
durch folgendes w, v, n-farbiges h, und «-farbige l- und r- Ver- 
bindungen entstanden sei. Die Consequenz dieser Auffassung 
ist eine vollkommene Scheidung der Fälle, wo Brechung durch 
folgendes u veranlasst wird von jenen wo r- und Z- Verbindungen 
vorliegen. Denn die Grundformen, welche J. Schmidt für beide 
Processe voraussetzt, sind durch Jahrhunderte von einander 
getrennt. Das nord. Wort iarl (N. Sg.) kann nach seiner Theorie 
nur erklärt werden, wenn man iarlar voraussetzt, S. 398. Ueber 
die a vor dem Nom. r s. oben 8. 369 fif. Und ganz entschieden 
in die Urzeit führt die 2. Sg. Imp. hialpy giald, giall, biarg, 
skialf, deren ia aus noch älteren eOy io nur durch die alte 
Endung a zu erklären ist. Analogie des Ind. fallt wog: der 
heisst helpr, geldr, gellr^ bergr, skelfr. 

Auch die 2. PL Prs. Ind. hialpid kann nur vor der got. 
nord. Färbung des Then^avocals entstanden sein, — die 3. Sg. 



424 Heinzel 

Opt. hialpi begriffe sich zur Noth^ wenn man die alte Endung 
-ait vor Augen hat. Aber ai der Endung ist schon in Periode I 
zu 6 geworden, s. unten. 

Dagegen setzt der a-Stamm ßöl^ fialar^ fiöluj fiöl, fialar^ 
fiala, ßölum, ßala, eine Zeit voraus, wo N. D. A. Sg. D. PI. schon 
u angenommen hatten, oder wenigstens einige dieser Endungen; 
s. Vocalismus 2, 395. 

Auch die ti-Declination zeigt mit ihrem i der Wurzel im 
D. Sg. N. PI. gegenüber lö, ia in den übrigen Casus, dass Fär- 
bung des Gunadiphthongs au zu tu schon eingetreten war, als 
man das ursprünglich nur für N. A. Sg. D. A. PI. passende w auf 
G. Sg. G. PL übertrug, wo es dann unten dem Einfluss des fol- 
genden a zu ia werden musste, Vocalismus 2, 395. Bevor tiara 
(Theer) für tiorva, tiörva entstand, — vgl. tyrrj D. Sg. <yn;i, 
Lundgren Om Substantivens stammar S. 47, — musste sogar 
schon V ausgefallen sein. 

Unmöglich wäre eine solche Wiederholung des Processes 
nicht, stünde aber doch sehr vereinzelt da. 

Der Ausgangspunkt fiir J. Schmidt's Untersuchungen 
scheint der Gedanke gewesen zu sein : weil bei den u-Stämmen 
wie kiölr, den a-Stämmen nach giöf und den va-Stämmen nach 
hiörr die Brechung deutlich ihre Ursache in folgendem «, v 
hat, so ist es einmal wahrscheinlich, dass, wo wir Brechung 
vor r-, Z-Verbindungen sehen, ein diesen Lauten innewohnender 
ti-ähnlicher Klang ebenso wirkte wie dort wirkliches u, t?, — 
und zweitens, dass unter den zwei Brechungsformen ia, iö jene 
die ältere sei, welche dem u-hant näher steht. — Beiden Folge- 
rungen stehen Bedenken entgegen. Die ältesten Denkmäler der 
nordischen Sprache erleichtern Z- und r- Verbindungen durch 
eingeschobenes a, kaum je durch i, s. Bugge Aarböger 1870, 
S. 209, nie durch u, so abgesehen von den a vor Nominativ-r, 
wie HarabanaB, waritu Varnum, warait UariwalAfA, Haera- 
walaflB HathnwalAfR Istaby. 

Aber es scheint auch gar nicht nothwendig, dass eine 
Assimilation des e an nachfolgendes u durch Anfügung des 
dem u nächstverwandten Lautes, des o, ein e bewerkstelligt 
werde, auch ea, ia ist eine Assimilation des e an u. Und nur 
eine Art Assimilation erklärt die Sache, da man eine «-Moullie- 
rung der Tenuis doch nicht annehmen kann — fiöturr. — 



üeber die Endsilben der altnordischen Sprache. 425 

Wenn aus sekkva, got. sigqany sökkva (unser Laut ö) wird, so 
ist auch nur die dem e zunächst stehende Vertiefung gewählt, 
läge dem u, v näher. 

Es könnten also sowohl u, v als auch die i-, r- Verbindungen 
ein e der vorhergehenden Silbe zunächst zu ea, ia verändert 
haben. — Ob nicht die sonderbare Schreibung der Inschrift von 
Istabj II, UaerawnlaflB, auf ea deutet? Zu Qrunde liegt 
offenbar hiön', s. HiihUlfr. Allerdings auch haera, altn. hSr^ 
Björkethorp IL Wie ist EirilaR Vaeblungsnaes I statt des 
gewöhnlichen . £n7a/f zu deuten? 

Wenn aus diesen ia iö wurde, so ist dies ein Fortschritt 
der Assimilation, vor l-^ r «Verbindungen vielleicht bedingt 
durch veränderte Articulation dieser Liquiden. 

Gegen J. Schmidt's Annahme sprechen auch die com- 
ponierten Nomina, welche gewöhnlich ia zeigen. So von biörk 
Biarkey, von fiödr bei Cleasby 6 Beispiele wie fiadrhamr, von 
giöf 10 Beispiele wie giafvinr, von hiörd 6 Beispiele wie 
hiardhundr, von iörd 52 Beispiele wie tardfe, von miöll 2 Bei- 
spiele wie miallhvttrf von biöni 14 Beispiele wie bianiskinn, 
von hiörtr 3 Beispiele wie hiartskinn^ von kiölr 3 Beispiele wie 
kialtre — daneben Möls^'a, — von niördvj Niördr 4 Beispiele 
wie Niardmk, von hiörr 42 Beispiele wie hiördomr, von miöl 
10 Beispiele wie miölbelgr, von miödr 5 Beispiele wie miöd- 
drykkja, Miödr ist u-Stamm, hiörr, miöl i?a-Stämme. Letztere 
stehen allerdings vereinzelt, aber u-Stämme waren auch biöm, 
hiörtr, kiölr, niördr, skiöldr. Ein Gesetz lässt sich wohl nicht 
abnehmen. Aber deutlich ist, dass, wenn wir auch in den 
ersten Bestandtheilen der Composita eine ursprünglichere Wort- 
form erwarten dürfen, als wo sie als einfache Wörter auftreten, 
doch in einzelnen Fällen die ursprüngliche Gestalt gegen die 
gegenwärtige Nominativform aufgegeben worden sein kann. 
Aber wie man dazu kam, wenn N. Sg. immer biöi-n, giöf lautete, 
hiamakinn, giafvinr zu sagen, lässt sich nicht begreifen. 

Wie will J. Schmidt ferner aiau erklären. Ich kann in 
tiau für sibun neben fdö nur eine erstarrte Form sehen, in der 
ia trotz des folgenden u geblieben ist. 

Das Verhältniss von dau zu silX erinnert an die Ortho- 
graphie einer norwegischen Handschrift aus dem Anfang des 
vierzehnten Jahrhunderts, die Liiiencron Zs. 7, 568 beschrieben 



426 Heiniel. 

hat. Sie bezeichnet den ti-Umlaut des a, wenn « weggefallen ist, 
bei erhaltenem n bleibt er unbezeichnet, — aök^ mannum. 

Ein Punkt verdient noch hervorgehoben zu werden. Altn. 
idj aus e vor ursprünglichem, vorgermanischem v oder Uj hat 
vielleicht nicht genau dieselbe Aussprache gehabt, wie iö vor 
einem Uy das auf altarischem d beruht. Denn im altschwedischen 
finden sich jene oben S. 423 erwähnten ia nur für letzteren 
Fall: jard neben jord, aber nicht hjart neben kjort, Blomberg 
Bidrag tili den germaniska omljudsläran 8. 14. 47. 53. 55. Wahr- 
scheinlich lag jö von altem u, v, dem ju, einem im schwedischen 
beliebten Laut, Blomberg S. 47, nahe und entzog sich dadurch 
dem oben S. 423 angenommenen Rückgange auf ja. U aus 
altarisch u wird dagegen mehr nach o hin ge&rbt gewesen 
sein, s. oben S. 373. 



AI. 

AI ursprünglich in letzter Silbe. 

Kurz AI. 

E als angenommener Vertreter des Lautes in I ist 
inschriftlich bezeugt, müsste aber auch ohne äussere Zeugnisse 
angesetzt werden, weil w^ir in III für altes ai ein i treffen, 
das keinen Umlaut wirken, also erst in dieser dritten Periode 
entstanden sein kann. S. oben über haniy fadir^ tamdi S. 374. 

Ueber das angesetzte Dativsuffix s. unten bei ,äi ursprüng- 
lich in letzter Silbe^ 

Die 2. Sg. Prs. Imp. 1. Sg. Prs. Ind. der Verba nach Para- 
digma vaka sind deutliche Anzeichen, dass die at-Classe der 
schwachen Verba in einzelnen Formen noch erhalten war. 
Vaki ist hier nur aus dem Thema vakai zu erklären. — Die 
2. Sg. Imp. hat hier wie vielleicht auch das gotische und sicher 
das althochdeutsche, Braune in seinen und PauPs Beiträgen 2, 
153, den Stammesdiphthong den Auslautgesetzen unterworfen. 
Abweichend von der 2. Sg. Imp. der dritten schwachen Conju- 
gation, s. oben S. 373.' 

N. PI. Masc. des Adj. hat schon in I, s. singOsteB, sich 
nach Analogie der Substantiva ein r zugesetzt, s. Lyngby 



Ueber die Endsilben d«r altnordiiclien Sprache. 427 

Tidskrift f. phil. 6, 47, und die ganze Endung ir ist dann dem 
N. PI. Masc. des Pronomens sä angefUgt worden^ the-dr. Ebenso 
im Neutrum. Thau ist thä, das in I tho gewesen wäre, wie im 
gotischen, mehr u, der Endung des N. A. PI. Subst Adj. Neut. 
Wie der Plural vor sä ist auch tveir, tvaer, tvau gebildet. 

Die 3. PI. Prs. Opt., in III fari, ist im .nordischen regel- 
mässiger als im ahd. faren^ das sein langes e wohl nur den 
übrigen Personen des Plural verdankt. Keinesfalls setzt fori 
die gotische Endung -aina voraus : die hätte in III nur farin 
zum Resultat haben können, vgl. got. hlindana (A. Sg. Masc), 
altn. blwdan. 

Die 3. Sg. Prs. Opt., in III fari, wird wie im got. farai 
(fare) und ahd. fare die regelmässige Verkürzung erlitten haben. 

Aber auch wenn auf ai noch a, ans, as folgt, finden wir 
in ni i ohne Umlaut der Wurzel. Das kann entweder auf 
Abfall der zweiten a in der Formel aia durch Wirkung des 
vocalischen Auslautgesetzes beruhen, worauf das zurückbleibende 
Ol in I ebenso behandelt wurde wie ai ursprünglich vor der 
letzten Silbe, farim (1. PI. Prs. Opt.) III, von farem I, s. unten, 
— oder i fiel zwischen beiden a aus und ä machte denselben 
Weg wie in hani faS>ir III, aus hana fadar I, hane fader II. 
Dass für die Tabelle die erstere Möglichkeit gewählt wurde, ist 
ziemlich willkürlich. E statt a in I für altes aia hat nur den 
Vortheil, dass die in I bezeugte Form des N. PI. Masc. der 
Adj., singOSteB, aus -ai sich leichter erklärt^ wenn daneben 
masc. Substantiva mit gesetzmässigem -e?* erschienen. Obwohl 
allerdings tungur N. A. PI. sein r ohne Analogie einer Declination 
erhält, welche gesetzmässig -ur im N. A. PL hervorbrachte. 
Jedenfalls dürfen burdir, sottir (N. A. PI.) nicht wegen der übrigen 
gernianischen Sprachen von ijas abgeleitet werden. Schon 
der Hinblick auf vaki (1. Sg. Prs. Ind. der at-Classe) verbietet 
dies. Vaki kann nur von aia stammen und hat in lU i ohne 
Umlaut. Die mögliche Urform von burdir auf aias wird dadurch 
beinahe zur Nothwendigkeit. Färbung des Gunadiphthongs in 
der nord. i-Declination ist seltene Ausnahme; s. oben S. 399. 

Leskien Die Declination S. 79 — er hält bekkr fiir einen 
t-Stamm, s. oben S. 398 — erklärt den Mangel des Umlauts bei 
burdr als eine Rückkehr zum reinen Laut. Im nordischen 
ganz unglaublich, s. oben S. 413. 



428 Heinzel. 

Die Analogie, welche er anführt, Uebergang einer Reihe 
von (^-Stämmen in die i-Classe durch äusserliche Annahme der 
Pluralendungen N. A. auf iV, ohne deren nothwendige Wirkung, 
den Umlaut, beruht wieder auf der willkürlichen Annahme, 
dass ir nothwendig für altes ir aus ijas stehen müsse. Gerade 
dadurch, dass, kein Umlaut der Wurzel stattfand, war eine 
Mischung der d- und i-Stämme möglich oder erleichtert. 

Ueber den A. PL der i-Stämme s. oben S. 413. 

Sicher ergab ai mehr ?* in I e wie einfaches ai. Ob vaki 
(3. Sg. PI. Prs. Opt.) in III mit den gotischen und althochdeutschen 
Formen übereinstimme, können wir nicht sagen, got. hahai ist 
zweideutig, habaina^ eine dem nordischen fremde Bildung, s. 
oben S. 427, ahd. habee, habeen nicht klar. S. Braune in seinen^ 
und PauFs Beiträgen 2, 136 Anm. 

Worin die Flexionslosigkeit des D. Sg. der masc. und 
fem. t-Stämme ihren Grund hat, ist schwer zu sagen. S. 400 
war für gestr, aett, dtt -ii als alte Endung vermuthet worden. 
Aber der D. Sg. der grossen Mehrzahl der {-Stämme kann sich 
nicht daraus entwickelt haben. Alle organischen Erklärungen 
sind unmöglich oder unwahrscheinlich. Aii hätte in UI t ergeben 
ohne Umlaut, aus e in I, II, wie vaki (3. Sg. Opt.), — -iji 
ge&rbter Gunadiphthong, — s. got. gaateia, ansteis (N. PL), s. 
Scherer Zs. f. österr. Gymn. 1873, S. 294, — wäre in III t 
geworden mit umgelauteter Wurzel, in I. II langes t, — von 
ii als i ausgesprochen — vgl. hellis (G. Sg.), s. oben S. 409, 
und slaw. kosti aus kostii — hätte man in I. II i erhalten, das 
in II Umlaut gewirkt hätte um in III zu verschwinden, vgl. tsm 
(2. Sg. Imp.). — Aussprache des ü als ji würde den Abfall der 
Endung in I erklären, ist aber bedenklich wegen des D. Sg. gest, 
aett und wegen der fast durchweg langen Wurzeln der Feminina, 
weiche kaum das bequeme ii, i, für das unbequeme ji vertauscht 
hätten ; s. oben S. 392 f. Analogie der consonantischen Feminina 
nach Paradigma rot, N. PL roetr, oder nach Paradigma froedi 
konnte hier nicht so leicht wirken, als im ahd., da im nordischen 
auch die masc. i-Stämme ihre eigenthümliche Declination im 
Singular erhalten haben. Die consonantischen Masc. aber haben i 
im D. Sg., fingn, foetiy — an födur ist nicht zu denken. — Viel- 
leicht waren ursprünglich die Endungen aii und ii gleich- 
berechtigt: erstere ergab bürde I. II, burdi III, letztere hurdi 



tJeber die Endsilben der altnordipchen Sprache. 429 

I, byrdi U, byrd UI, — und bv)d entstand in III aus dem 
Schwanken zwischen burdi und byrd. Man fasste den Umlaut 
in byrd wahrscheinlich als Fehler auf^ weil man daneben artni 
und arm (D. Sg.) hörte. 

Folgt auf ai aber -am, -iam, -ämy so entsteht offenbar 
nach Ausfall des j übermässiges ä, das nach Auslautgesetz 
die Länge 6 zurücklässt, s. oben S. 373. Der Fall aiam (1. Sg. 
Prs. Opt.) woraus aam , vergleicht sich dem G. PI. der con- 
sonantischen Stämme, -6 I aus -änu — Denn am, nicht ?», 
wird in jenem arischen« Dialekt, aus dem die nordische 
Sprache hervorging, an das Moduszeichen der 1. Sg. Prs. Opt. 
getreten sein, wie man es füi* das gotische annehmen muss, 
s. Scherer GDS. S. 472. 228. Die übrigen germanischen 
Sprachen setzen -i-m voraus. Aus aim aber wäre got. nie 
a«, nord. III nie a hervorgegangen. Vgl. oben über 1. Sg. Opt. 
Pf. S. 403. 

Aber auch der G. Sg. der i-Stämme hat in III -avy weist 
also auf -ör unserer Periode zurück, burdar, aSttar, im Gegen- 
satz zu dem auf die gleiche Urform zurückgehenden N. PI. 
burdir, sottir. An ijas ist natürlich noch weniger zu denken 
als im N. PI. Aber aias wurde anders behandelt als im N. 
PL Dort standen einst der Endung aias von i-Stämmen die 
Endungen äs von a-, ^-Stämmen und ivas von u-Stämmen 
gegenüber, wesentlich von einander abweichende Formen, deren 
Einfluss auf aias sich gegenseitig aufhob. Im G.Sg. können 
nur verglichen werden äs, G. Sg. der a-Stämme, und ungefärbtes 
aucu von ii-Stämmen. Hier ist es eher begreiflich, dass die 
Form äs die beiden andern gänzlich aufzehrte. Vielleicht fiel 
schon vorgermanisch j, v in ajas, avas aus und äs galt als über- 
mässig. N. A. Sg. der fem. i-Stämme sind ja auch den a-Stäm- 
men nachgebildet. 



AI ursprünglich in letzter Silbe. 

Lang AI. 

Ai mit langem a wurde zum Theil von ai mit kurzem 
4X unterschieden, zum Theil als derselbe Laut aufgefasst. Die 
ächten Dative Sg. der nominalen ä-Stämme, der pronominalen 



430 Heiasal. 

a-Stämme der Masc. and Neut. haben u, zum Theil noch in 
ni vöku neben vök, spöku. Dass daneben in spökuni (D. Sg. 
Masc.) tt durchweg abgefallen ist, kommt wohl auf Rechnung 
der Pluralform ; vgl. theim D. Sg. PI. 

Nicht übersehen werden darf, dass die u aus di beständiger 
sind als jene, welche aus einfachem d entspringen, diese sind 
in in niemals erhalten. Zum deutlichen Zeichen, dass erst i 
abfiel, dann d etwas später als das ursprünglich auslautende d 
seinen Weg zu kurzem u einschlug. 

Spöku (D. Sg. Neut.) anders denn als ächten Dativ auf- 
zufassen, wäre misslich. Locativ -ai ei^äbe in III t, Ablativ 
nach Massgabe der Adv. a, Instrumental, bei dem man auch 6 
aus übermässigem d (ad) vermuthen könnte, nach Massgabe 
des ahd. alts. allerdings auch n, aber eines, das sich in III 
nur mehr durch Umlaut der vorhergehenden Silbe verriethe. 

Wie im got. D. Sg. Fem. der Adj. ohne sja, so ist im 
nord. D. Sg. Neut. ohne sma gebildet. 

Wohl aber könnten Locative sein die D. Sg. thvt km für 
älteres thvi hvij das in unserer Periode thve hve gelautet hätte, 
— aber ebenso möglich ist es, dass auch hier wirkliche Dative 
vorliegen, wie im Femininum der pronominalen Declination, 
wobei dann di wie ai behandelt wurde; vgl. to>, tv) quoiy und 
got. thi hve spricht dafür. E wäre zu beurtheilen wie in 
ainummShun u. dgL, die Länge im Auslaut einer einsilbigen 
Form bewahrt wie sonst. Da altn, thvi h% und got. thve hve 
sich aus di erklären lassen, aus dem Locativ aber nicht, der 
wäre got. wohl thai hvai, ebensowenig aus dem Instrumental, 
der altn. thu hvu lauten müsste, oder aus dem Ablativ, für 
den man got. nur tho hvo erwarten konnte, sind wir wohl 
genöthigt uns für den Dativ zu entscheiden. 

Dieselbe Ungenauigkeit in Behandlung der äi auch im Opt 
Prs. der schwachen Verba dritter Conjugation (got. 6-Themen), 
wenn nicht junge nach der Umlautperiode eingetretene Fonn- 
übertragung stattfand. 

Wie bei kurzem ai scheint i oder j ausgefallen, wenn 
auf di am folgte. Es entstand übermässiges a, welches in I 
Länge zurückliess. 

Auffällig ist thaiaB (A. PI. Fem. des Dem. Pron.) in der 
Inschrift von Istaby II, was in unserer Periode thaior gewesen 



Ueber die Endsilben der altnordivchen Sprache. 431 

wäre. Man könnte an thdi-ch denken, an eine Uebertragung 
der fem. Nominalendung schon vor den Auslautgesetzen, — 
ihdi wäre ja sonst in I the oder thu geworden, — auf den wie 
im lat und griech. mit i gebildeten N. PL Aber es ist unwahr- 
scheinlich, dass diäa anders behandelt worden sein sollte, als 
-aiamy aiäm. Vielleicht wurde erst in II, nachdem man an ihe 
(N. PI. Masc.) I. II -iV, an tho (N. PL Neut.) I, thä II -u angehängt 
hatte, s. S. 426 f. und so diese Endungen ganz adjectivisch geworden 
waren, das noch übrig gebliebene thdr I, thär II (N. PL Fem.) 
als eine Unregelmässigkeit empfunden. Nach dem Wurzelvocal 
sollte die Adjectivendung folgen, thoor war nicht deutlich genug, 
man wählte die Endung der ya-Stämme, in lU fraegjar, also in 
II thdjär. Die Schreibung mit i statt j wie iah fiir jah in der In- 
schrift von Varnum. — In II aber mussj Umlaut wirken. ThaiaR 
steht also für tkaejar, In III fallt j aus und thaear wird thaer^ 
wie dar, dr. Ebenso wäre natürlich tvaer zu beurtheilen. 

Da thaiar sicher in der Bedeutung has überliefert ist 
und das altn. thaer sich daraus begreift, so scheint es mir 
unnöthig hier mit Bugge Tidskrift f. phiL 7, 320, an den 
t-Umlaut des r zu denken , von dem Blomberg Bidrag tili 
omljudsläran S. 17 allerdings einige beachtenswerthe Beispiele 
gibt; berr (nudus), her (vas), usw., ohne j vor ö, u trotz der 
kurzen Wurzel. — Wenn daneben auf der Einanger Inschrift 
thaB vorkommt, so ist das vielleicht die dem got. thos ent- 
sprechende Nebenform. Aber man sollte tho^^ erwarten, es 
müsste denn die Inschrift an das Ende der ersten Periode 
fallen. Oder ist es das Adv. thar? s. Scherer GDS. 465. — 
Auch im Anfang der verzweifelten Rökinschrift, die schon 
nach III gehört, liest Bugge Tidskrift f. phiL 9, 112 wohl 
richtig : aft Uaninth stAnta ranaB thaB, was dieselben Deu- 
tungen zulässt. 

Dem alten ai entspricht demnach im nordischen e, später 
t, dem alten di, u und ebenfalls e, später t. Es kann nicht 
zweifelhaft sein, dass u die eigentliche Vertretung des alten di 
ist, ej i beruht auf einer Vernachlässigung des Quantitätsunter- 
schiedes. Dass u von di stammt, ist nach dem, was wir über d 
wissen, begreiflich, u von ai wäre aller Erfahrung wider- 
sprechend. 



432 Heinsei. 

Kurz und lang ai haben demnach oder können in I 
dieselbe Lautgestalt haben, wie gefärbtes a in den Adj. auf 
Suffix-an, -ag, oder i in den Adj. auf 4n, -ig; s. oben S- 420. 
Von n ab schliessen sich beiden Gruppen die e an^ welche 
auf vorgermanisch d zurückgehen, s. oben S. 372 f. 



ExGurs Über die Yorgermanischen Endungen mit ai, di. 

Ebenso wie die westgermanischen Sprachen mit dem 
nordischen in Bezug auf u aus auslautendem alten ä überein- 
stimmten; zeigen sie uns auch hier u für äi, nui* zum Theil 
mit grösserer Consequenz als das nordische. 

altn. tkeim (D. Sg. Masc), blindnm (D. Sg. Masc.) , giöf(u) (D. 
Sg.), theirri (D. Sg. Fem.), hlindri (D. Sg. Fem.), 

ahd. demu (D. Sg. Masc), blintemu (D. Sg. Masc), gebu (D. Sg.), 
deru (D. Sg. Fem.), blinteru (D. Sg. Fem.), 

alts. themu (D. Sg. Masc), blindamu (D. Sg. Masc), geiu (D. Sg.), 
theru (D. Sg. Fem.), blindaru (D. Sg. Fem.), 

ags. thdm (D. Sg. Masc), blindum (D. Sg. Masc), gife (D. Sg.), 
thaere (D. Sg. Fem,), blindre (D. Sg. Fem.), 

altfr. tham (D. Sg. Masc), jeve (D. Sg.), there (D. Sg. Fem.), 
blindere (D. Sg. Fem.). 

Ahd., alts. haben durchweg u, die richtige Entsprechung, 
das ags. hat noch weniger u erhalten als das nordische und gar 
keines das altfriesische, welches auch von u aus auslautendem 
langem a nur N. A. PL der Neutra kennt. 

Noch nähere Uebereinstimmung bei altem ai» 

altn. fiski, landi (D. Sg.) , [blindir] (N. PI. Masc.) , fari (3. Sg. 

Opt), heiti (1. Sg. Pass.), 
ahd. fiske, lande (D.Sg.), blinde (N. PL Masc), fare (3.Sg.0pt.), 
alts. fsice, lande (D.Sg.), blinde (N. PL Masc), fare (3.Sg.0pt.), 
ags. fisce, lande (D.Sg.), blinde (N. PL Masc), fare (3.Sg.Opt.), 

hätte (1.3. Sg. Pass.), 
altfr. >fce, Uinde (D.Sg.), blinde (N. PL Masc), fare (3.Sg.Opt.). 



Ueber die Endsilben der altnordischen Sprache. 433 

Neben e im ahd., alts., altfr. überall auch «. Ob darauf 
etwas zu geben ist^ dass altfr. nur hier, nicht aber wo altes 
dl entspricht, a als Nebenform angeführt wird, untersuche 
ich nicht. 

Wichtiger ist das gotische. In die gewonnene Proportion 
ai : di =z e : u wäre für e und u jedenfalls ai und a einzusetzen. 
Es kann nicht zweifelhaft sein in welcher Ordnung. 

dt: thamma (D. Sg. Masc. Neut.), 5-fiWamwa (D. Sg. Masc. Neut.), 
gibai (D. Sg.), thizai (D. Sg. Fem.), hlindai (D. Sg. Fem.), 

ai: daga, landa (D. Sg.), hlindai (N. PI. Masc.) , farai (3. Sg. 
Opt.), haitada (3. Sg. Pass.). 

Da im gotischen a aus altem d des Auslauts entsteht, 
wie u in den andern germanischen Sprachen, ja die Länge 
des Vocals als e noch erhalten ist im ainummekun^ hvammehy 
hvarjammeh , so muss a in unseren Fällen als Vertreter des 
alten äi aufgefasst werden, ai demnach die gotische Form für 
altarisches ai bezeichnen. Dazu stimmt gut thamma, blindamma, 
ebenso hlindai (N. PI. Masc), farai (3. Sg. Opt.). Nur gab es 
Uebertragungen. Thamma, hlindamma zog daga, landa nach 
sich, — im gotischen ist ja der D. Sg. Neut. nicht wie im 
nordischen von dem D. Sg. Masc. verschieden ; — während in 
gibai (D. Sg.)., hlindai^ thizai (D. Sg. Fem.) die Länge des di 
vernachlässigt wurde. — Haitada (3. Sg. Pass.) verdankt sein a 
statt ai wohl der 3. Sg. Perf. lud. der schwachen Verba. 

Der Lautwerth dieser ai kann nur kurzes e gewesen sein, 
da der Diphthong, welchen die gotische Formel ai bezeichnen 
kann, durch das Auslautgesetz ausgeschlossen ist. Es ist, da 
doppelte Verkürzung des di feststeht, nach dem Zeugnisse der 
übrigen Dialekte und bei der durchgehenden Empfindlichkeit 
der germanischen Sprachen für i letzter Silbe unglaublich, dass 
ai auf dem arischen Standpunkt verblieben, dt zu a geworden 
sei. Gegen Braune in seinen und Paulis Beiträgen 2, 163. 

Scherer QDS. S. 118 f. nimmt als gotische Entsprechung 
eines arischen kurzen ai Wechsel von a und ai (e) an, der aber 
nicht wie ahd., alts. in 6iner Wortform sich zeige, sondern für 
D. Sg. Masc. Neut. der a-Stämme und für das Passivum wurde 
a gewählt, für N. PI. Masc. der pronominalen Declination, für 

SiUnngsber. d. phlL-hist. Cl. LXXXYH. Bd. I. Hft. 28 



434 Heinzel. 

3. Sg. Opt. ai. Ein solcher Wechsel ist nach den übrigen ger- 
manischen Sprachen nicht wahrscheinlich. Vor allem aber ist 
der Thatsache nicht Rechnung getragen, dass dort, wo wir mit 
allem Fug, wenn nicht dringende Gründe abrathen, vorgerma- 
nisches dl annehmen dürfen^ sich ganz derselbe Wechsel zeigt, 
a und aiy thamma imd hlindai (D. Sg.), dass also wie in den 
Schwestersprachen für die beiden alten Diphthonge ai und di 
sich zwei Zeichen finden, die wir ohne Noth nicht für Vertreter 
dreier Laute f«, ai, e) halten werden. Wohl aber können wir bei so 
nahverwandten Lauten wie ai, di^ die im D. Sg. in ähnlicher 
Function auftreten, auf Verwechslungen imd Formübertragungen 
gefasst sein. So lange es irgend möglich ist, got. a und ai dem 
alten ai und di gegenüberzustellen, sind wir nicht berechtigt 
ein Schwanken in der Vertretung anzunehmen. 

Weder ein sonst im germanischen nicht vorkommender 
Locativsuffix für D. Sg. gibai ist nöthig, — Scherer GDS. 
S. 118. 287. 423, Leskien Declination im slaw., litt, und 
germ. S. 43 f., — noch ein Instrumental, — Braune a. a. 0. 
2, 161, — oder ein dem slaw., litt. germ. sonst unbekannter 
Ablativ, Paul a. a. O. 2, 339 für D. Sg. daga. Auch ist das 
Aufgeben der Dativendung wohl für die Form des Locativs, 
nicht aber für die des Instrumentals oder Ablativs wahrschein- 
lich. — Der germanische D. Sg. der Nomina Masc, Fem. und 
Neut. ist Locativ, vielleicht mit Ausnahme der el-Stämme, wo 
di aus d'i oder d-ai stammen kann. 

AI ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Kurz AI. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 
Durchweg in DI i ohne Umlaut, also e in unserer Periode, 
wie in ursprünglich letzter Silbe. Auch aii folgt hier wie dort 
dieser Entwicklung. 

AI ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Kurz AI. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 
Die schwachen Verba der ai-Classe scheinen wie die 
kurzwurzeligen der ersten bereits in I das aus ai entstandene 



Ueber di« Endsilben der dltnordischen Sprache. 435 

e vor dem Hülfsverb der Perf. verloren zu haben, da in II 
das iy j des Optativs den Wurzelvocal umlautet, in III Ind. 
vaktaj Opt. vekta. 

AI ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Lang AI. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 
Derselbe Vorgang wie bei kurz ai. 



JAL 

JAI ursprünglich in letzter Silbe. 

Knrz JJLI. 

Nichts fuhrt darauf, dass jaij jdi schon vor dem Auslaut- 
gesetz zu t zusammengezogen worden sei. Auch bei ja, ja 
schien diese Annahme nur fiir Paradigma froediy oben S. 403 
und für die S. 394 f. angeführten Fälle sich zu empfehlen. Auch 
zeigen die andern germanischen Sprachen, wo jai^ jdi zu Grunde 
liegt, überall noch j bewahrt, oder lassen durchblicken, dass 
sie es einmal gehabt haben. Es ist somit am sichersten für 
ai, di in jaij jdi dieselbe Entwicklung anzunehmen, wie für 
einfaches at, di. 

Nur D. Sg. der ^a-Stämme Masc. hekk neben hekki gegen- 
über helli in in könnte zur Vermuthung führen, dass hier jai 
wie Jos behandelt worden sei : hekk : helli (D. Sg.) = bekkr : 
JieUir (N. Sg.), — dass also in I bakji später baki, s. oben 
S. 395. 397, neben hallt aus vorgermanisch bakjai, hallijai anzu- 
setzen wären. Aber bekk (D. Sg.) neben kyni wie kiaedi (D. Sg.) 
ist gewiss eine Analogieform und bekki die alte richtige En- 
dung. Da bekh' in Folge jüngerer Entwicklung, vielleicht 
durch Vermittlung von gestr, s. oben S. 400, N. A. PI. bekkir^ 
hekki bekommen hat, also den t-Stämmen sehr ähnlich ge- 
worden ist, begreift es sich, dass man auch den D. Sg. nach 
Paradigma burdJr bildete. 

28* 



436 UeiDzel. 

Die in I angesetzten je werden von II ab denselben Ent- 
wicklungsgang durchgemacht haben, wie die e von altem ai 
oder von altem dn, dr, dt : also je blieb, wirkte natürlich Um- 
laut in II, in III Färbung des e zu i und Abfall des j. 

Jaiam (1. Sg. Opt. Prs. der jf'a- Stämme) hat i früh ver- 
loren, wie -aiam, -aiiamj -aidm, -aias -diarnj -dias^ da wir es 
behandelt finden wie -jdm : temja^ hergja : doema = fraegja : 
vaena (A. Sg. Fem.) = kynja, hekkja : hella^ klaeda (G. PL). 

JAI ursprünglich in letzter Silbe. 

Lang JAI. 

Jdi verliert i, wie jedes i letzter Silbe verloren gehen 
muss, und jd wird zu juy wie d zu Uy das in III noch erhalten 
ist, wie im D. Sg. vöiw, D. Sg. Neut. spöku. 

Was den D. Sg. der nominalen ^a-Stämme anbelangt, so 
verhält sich engju zu der Nebenform e^tg offenbar wie vöku 
zu vök. Das u von di ist etwas länger bewahrt als u von 
auslautendem d oder altes ti, in III durchaus vök (N. Sg.), lönd 
(N. A. PL), sunu (A. Sg.), zwar in Inschriften aus dem Anfang 
der dritten Periode, aber sun in der Literatur. Eng in III steht 
also für engj, — Aber auffällig ist ei^mi (D. Sg.) neben vaenu 
(D. Sg. Neut.). Man sollte ermuy erm vermuthen. Vielleicht 
haben die i-Formen des N. A. Sg. dazu beigetragen, dass ein 
früheres ermiju sein u definitiv verlor, worauf ermi blieb. 

Jdiam (1. Sg. Opt. Prs. der y(J-Stämme) muss i früh ver- 
loren haben, wie -jaiam, s. oben. Das Resultat ist dasselbe. 

Die 3. Sg. PL Opt. Prs. der Stämme auf jd haben in III 
ebenfalls i und Umlaut, mögen also denselben Weg gegangen 
sein: eggje, eggjen I. II, eggi, eggt III. 

JAI ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Kurz JAL 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

In III durchaus i und Umlaut, also nach Analogie von 
ai in I je, in II desgleichen, in III Färbung des e zu t und 



Ueber die Endsilben der aUnordischen Sprache. 437 

Ausfall des j, — Auch jdi in 1.2. PI. 2. Sg. Prs. Opt. scheint 
so behandelt worden zu sein. Also aggjem, aggjedy aggjer in I, 
eggjem, eggjed, eggjer in II. 



AU. 

AU ursprünglich in letzter Silbe. 

Der D. Sg. der ti-Classe velli setzt -iui aus -aui voraus. 
Aus 'im wurde entweder schon vor dem Auslautgesetz -jui, 
-n, nach demselben % wenn wir nicht nach dem Muster von 
bekkir, bekki (N. A. PL), s. oben S. 397. 399. 408, .jüngere Con- 
traction des ju zu { in I oder II annehmen wollen. In beiden 
Fällen wäre kurzes i und Umlaut der Wurzel in HI Resultat. 
Aber letzterer Weg ist unwahrscheinlich, da die Coritraction nach 
dem Auslautgesetz selbst bei ja sehr vereinzelt ist und wir 
hier nicht wie dort eine äussere Veranlassung dazu nachweisen 
können; s. oben S. 399. Ju von Ja, jai erhält sich bis II und 
selbst bis III : tem (1. iSg.), fraegju, vaenu (D. Sg. Neut.). Da 
ist es wohl gerathener die Contraction des tu, ju in { vor das 
vocalische Auslautgesetz zurückzuverlegen, -iwi, -jui, -ti, nach 
dem Auslautgesetz ?, in III i mit Umlaut der Wurzel. 

Dasselbe, d. i. derselbe unbeträchtliche Grad von Wahr- 
scheinlichkeit, gilt vom N. PI. Auch hier ist der begreiflichste 
Weg iuas, -juas, -las, nach Auslautgesetz , vielleicht über 
'ijas 'tr, in III ir mit Umlaut der Wurzel. Also abweichend 
vom got. sunjus; aber das westgermanische suni, neben welchem 
ganz vereinzeltes ahd. suniu, ist vielleicht mit der nordischen 
Form identisch. 

Aber der G. Sg. vallar III, der auch auf mias zurück- 
geht, wurde anders behandelt, ebenso der G. PI. valla III. — 
Ueber die Genitivendung ar des Singulars und den hier wahr- 
scheinlichen Ausfall des v in avas s. oben S. 432. Dieselbe 
Entwicklung wie im G. Sg. auch im G. PI., — wenn wirklich 
hier au vorhanden war. Abneigung gegen v nach kurzem Vocal 
ist auch in III sehr ersichtlich, s. Grimm Gramm. 1^ 260 f., Holtz- 
mann Gramm. 1, 120. Snivinn ist nur dichterisch, s. Wimmer 
Gramm. §. 122, 9. 



438 Heinifl. 



Excurs über die yConsonantischen Stamme'. 

N. PL foetr verhält sich zu N. PI. ve«iV, wie hekkr (N.Sg.) 
zu hellir usw. Da der Sing, deutlich einen ti-Stamm verräth, 
— D. Sg. foeti, — so ist es hier wohl sicher, dass altes -auctSj 
'iuas sein u, v vor dem Auslautgesetz verloren hat, und -üu, 
-ja8 dann nach demselben -ir ergab, wie bei hekkr aus bakja»\ 
s. oben S. 394. DohtriR, in III doetrj ist überliefert; s. Wimmer 
Navneordenes böjning S. 54. 99. — Warum dieser masculine 
u-Stamm — auch got. fotus — anders behandelt wurde, als die 
Masc. nach vöUr, ist räthselhaft. Bei vetry got. vi^UniSf könnte 
man vermuthen, dass das consonantische Fem. vaettr, N. A. PI. 
vaettr, von Einfluss gewesen. — Vielleicht wurde foetr hendr 
nachgebildet, s. Qislason Tidskrift f. phil. 6, 250; denn wie 
fotr gehen im Plural die a-Stämme verwandter Bedeutung 
fingVy nagl. Aber auch madr und Völkernamen: madr^ wohl 
durch Vermittlung seines organischen N. A. PI. mannr nach 
consonan tischer Declination, vgl. mdnaär^ manudr (N. PI.) in 
der Graugans, Lyngby Tidskrift f. phil. 6, 45, — und nach 
madr haben sich die Völkemamen gerichtet, wie nach kyr, spr, 
aer der Plural yxn von uxi; s. unten. 

Was die Feminina anbelangt, deren N. A. PI. in III wie 
das Masc. fotr nur r ansetzt und Umlaut der Wurzel zeigt, 
so ist gewiss der Umstand von Belang, dass im nordischen 
Feminina der u-Classe gänzlich fehlen; s. Gislason Tidskrift 
f. phil. 6, 248. Vgl. im altslaw. die Fem. auf y neben den 
Masc. auf ü. Man kann vermuthen, dass viele der wie geit 
önd, rotj müs flectierten Fem. alte u-Stämme sind, die sich im 
Sing, nach der i-Classe richten, im N. A. PI. aber die zweite 
Entsprechung des alten auaSy iuas voraussetzen, nämlich -ias, 
'JOB. Vielleicht wurde einst N. PL Masc. in der Regel von 'i%ias^ 
N. PI. Fem. in der Regel von -icw, -jas gebildet. Im gotischen 
entspricht dem nordischen Idnn kinmia, dem nordischen hond 
handus. ' Vocalische Stämme verrathen die Form hönd stäng 

1 Die Wurzelgestalt kommt allem Anschein nach nicht in Betracht. Die 
Verzeichnisse bei Wimmer Gramm. §§. 49 — 62 und 55 — 59 ergeben, dass 
unter den gewöhnlichen Masc. auf u sich ebensoviel kurze oder gutta- 
ralisch endigende Wurzeln finden, als unter den Fem. nach geitr, hier 26 



Ueber die Endsilbpn der sltnordischeD Sprache. 439 

neben vatt, Pf. von vinda, stöng neben gekkj Pf. von ganga] 
8. Lundgren Om Substantivens stammar S. 22. 

Aber auch t-Stämme wären denkbar, — der i^-Umlaut 
im N. A.Pl. hindert natürlich nicht, ond (anas) wie önd (spiritus). 
Denn auch von -aias (G. Sg. N. PI.) kann -jcLS durch Vermitt- 
lang von -ya«, der Urform für den got. ahd. N. PL, entstehen, 
wenn i, j wie oben u, v ausgefallen ist. — Dann ursprünglich 
consonantische Feminina. Sie können selbst unter jenen vor- 
kommen, welche Umlaut zeigen. Er wird natürlich nur durch 
die ähnlichen Formen der u-, i-Declination, wo er berechtigt 
war, hineingekommen sein. So vor allem vaettr^ N. A. PI. vaeür, 
vaettir, got. vaihts, G. Sg. vaihts, vaihtais, A. PL vaihtSj vaihtins. 
Im gotischen müssen wir hier und in den verwandten Wörtern 
consonantischen Stamm ansetzen, weil, wenn im G. Sg. N. A. PL 
ja8 die Endung gewesen wäre, sie uns nach der Analogie von 
harjis, hairdeisy haldia ihren Vocal in irgend einer Weise 
erhalten hätte. — Die übrigen nordischen Feminina, welche 
durch Endung -r im G. Sg. ohne Umlaut sich als consonantische 
Stämme ausweisen , haben das Nominativzeichen verloren : 
kverh, G. Sg. N. A. PL kverkr, miolk, G. Sg. N. A. PL midlkr^ 
got. miluksj G. Sg. miluks, vik, G. Sg. N. A. PL vikr, — facul- 
tativ kommt dieser G. Sg. auch bei eik, saeing, tik vor, — bei 
ndtt, got. ndhts, G. Sg. N. A. PL nahts, sogar mit Umlaut; 
8. Wimmer Gramm. §§. 56, 1. 58 b. 

Dieser G. Sg. auf r mit Umlaut der Wurzel kann organisch 
sein, d. h. einem aus ituis oder lias stammenden G. Sg. eines 
vocalischen Stammes auf ias, jas nachgebildet sein. S. die 
Feminina k^j spr, (wr: dieselbe Form im N. Sg. wie im G. Sg. 
N. A. PL, also abweichend vom Sing, der Fem. nach rot^ G. Sg. 
rHar. Wahrscheinlich liegen diesen Thiernamen i-Stämme zu 
Grunde. Neben drei ä:^, s^, är konnte sich das eine Hr, 
8Ür, cter des N. Sg. nicht halten. Nätt aber widerstand. 



auf 63, dort 24 auf 62: Von consonantisch gebildeten Masc. gar kein 
Fall knrzer oder auf Gutturalis endigenden Wurzel, während wir doch 
eine Majorität derselben erwarten müssten, wenn foetr sich zu vellir ver- 
hielte wie hekkr zu hellir, — Auch die gewöhnlichen t-Stämme Masc. wie 
Fem. haben Wurzelsilben der einen wie der andern Art: Paradigma 
hurär und 8ladi\, ohne die Fälle auf -nadr, 'skapr^ 17 Kürzen, 12 Längen. 



440 He in sei. 

Der verwandten Bedeutung wegen wurde nxnar^ gebildet 
wie gumnar^ s. oben S. 377, gegen yxn für yamr aufgegeben^ 
8. Lundgren Om Substantivens stammar S. 17. 

Dass eonsonan tische Stämme sich nach i-, u-Stänunen 
richten, erklärt sich aus der allgemeinen Aehnlichkeit beider 
Declinationeu, gegenüber den a-Stämmen, welche in unserem 
Falle durch die besondere Entwicklung der vocalischen noch 
vermehrt wurde; vgl. Lundgren a. a. O. S. 51. 

Sicher consonantisch waren ursprünglich die Verwandt- 
schaftsnamen auf tar und die Part. Prs. substantivischer Bedeu- 
tung. Aber wenigstens die ersteren haben nicht etwa fadiT (N. 
A. PI.) nach Analogie der Nomina wie foetry wie mennr für 
niannry mit Umlaut versehen, sondern sie sind schon früh in 
die Analogie der hier behandelten Gruppe von ti-Stämmen 
gezogen w^orden, — got, hröthruluho neben brothraluho und 
dohtriR auf dem Tunestein. Aus dohtriv (N. PI.) von dohtrjas 
wurde doettr, wie roetr, foetr auf demselben Wege entstand. 
Ebenso gefendr aus gefandr (N. A. PL). AUmälig ergriff dieser 
Umlaut bei den Verwandtschaftsnamen auf tar^ wohl wegen 
des zweisilbigen Stammes im Sing., den ganzen Plural, so dass 
er wie ein Numeralzeichen wirkte : fedra fedrum (G. D. PI.). 
Sogar gefendum (D. PI.) zuweilen neben regelmässigem geföndum. 

Eigenthümlich sind die D. Sg. hroedr^ s. Wimmer Gramm. 
§. Gl Anm. Die Form sieht wie ein Compromiss aus zwischen 
der gewöhnlichen Endungslosigkeit und dem Umlaut in foeti. 
Zu dem Muster fotr wurde man natürlich durch N. A. PI. 
fottr, broedr gedrängt. Vgl. über D. Sg. burdj sott S. 428, 
über bekkrj lielHr S. 394. 

Im ags., wo diu w-Declination in Auflösung begriffen ist, 
finden sich älmliche Bildungen, mit Ausnahme von burh, mägd^ 
tiirf, nur in Wörtern, denen nordische entsprechen. Umlaut 
ohne Endung haben im N. A. PI. die Feminina : 6öc, broc, gös^ 
ctly luSf mil.Sj nihi, N. A. PI. hilc usw., — die Masculina : /6/, 
man, iöth, turf, N. A. PI. ßt usw. ; s. Sievers in Paul und 
Braune's Beiträgen 1, 499 f. Es w^ird wie im nord. jas aus 
i(u)a8f i(i)a8 zu Grunde liegen. Dieselbe Endung, aber zum 
Unterschiede vom nordischen — wo nur broedr — auch im D. Sg. 
und zuweilen wie in den oben angeführten Fällen des nordischen 
auch im G. Sg, Auch hier wird man von den Grundformen 



Ueber die Endsilben der a1tnordi<;chen Sprtche. 441 

'i(u)i 'i(u)a8j -i(J)i -iQJas ausgehen. Aber auff&Uig ist im N. 
A. PL, wie Q. D. Sg., das Fehlen der Endung. -JaSy -ji konnte 
nach ags. Gebrauch nicht verschwinden, nachdem es seine 
Spar in dem Umlaut der Wurzel zurückgelassen, s. byre (N. 
Sg.), nerje (1. Sg.). Cynn für und neben cynne richtet sich 
nach ovd. Die Ursache dieser Verstümmlung werden wir in den 
Wörtern bürg, niht^ man sehen dürfen, welche im gotischen deut- 
lich consonantische Flexion zeigen, deren scheinbare Flexions- 
losigkeit also berechtigt ist. Diese mögen von den ti-, t-Stämmen 
unserer Gruppe im G. D. Sg. N. A. PI. Umlaut angenommen, ihnen 
dafür aber Flexionslosigkeit dieser Casus zurückgegeben haben. 

Suna (G. Sg. N. A. PI.) kann nur auf ungefärbtes auaa 
zurückgehen, wie altn. G. Sg. vallavy — sunu (N. A. PL) auf 
woas, Scherer GDS. S. 434, oder Formübertragung aus dem 
A. PL sein. S. Lundgren Om Substantivens stammar S. 62. 

D. Sg. breder neben N. A. PI. brodru hat sich ohne die 
Beihülfe dieses Casus nach fot gerichtet. 



ERLÄUTERUNGEN ZU PERIODE IL 



Vorbemerkung^ Über die Umlaute. 

II ist die Periode der Umlaute. Bezeugt sind sie aller- 
dings nicht, mit Ausnahme von gestnmR Stentofte, in einer 
archaisierenden Inschrift, Wimmer Runeskriftens oprindelse 
S. 170, Bugge Tidskrift f. phil. 7, 34L Dagegen HathnwnlAfB^ 
HarlwuIAfA, thaiaB Istaby (Schweden), aragent, barutR 
Björketorp, abariutith Stentofte; s. Bugge Tidskrift f. phil. 7, 
332. 338. 

Aber auch in Beginn der Periode III wird der Umlaut 
häufig nicht bezeichnet, obwohl einzelne Schreibungen gar 
keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass er existierte; 
8. Wimmer Runeskriftens oprindelse S. 214 ff., batri aherfrinta, 
baistr, — fathur aber hukua^ Tanmaurk, fUr betri^ fraenda, btztr, 
föduvy köggvoj Dannwrk. I und u für ^, h zeigen, dass in III 
schon ganz entschiedene e und o herrschten. Auch die alten 



442 Heinzel. 

Handschriften drücken den Umlaut oft nicht aus; s. Gislason 
Um frumparta S. 21 f., Vigfusson Eyrbyggja saga S. XXXVII. 
Die Reime von a auf ö (o), hards: iördu beweisen nichts. 
Es reimt ja auch i auf y, u auf o. — Aber allerdings können 
wir in Periode II nur eine leise Hinneigung des alten a zu 
e oder o annehmen^ und so auch in den übrigen Fällen. — 
Vor allem aber gibt es in HI eine Reihe von i, der Endung, 
welche keinen Umlaut wirken und historisch betrachtet, auch 
nicht auf i oder j mehr Vocal zurückweisen. Sie können erst 
entstanden sein, nachdem eine Periode vorhergegangen, in 
welcher der t-Umlaut gewirkt und sich erschöpft hatte. Ebenso 
scheint kein ci-Umlaut in III mehr vorzukommen — hananum, 
avganu (D. Sg. mit suffigiertem Artikel) , und der li-Uralant 
des langen n konnte sich nicht befestigen. — Ebensowenig 
wirkt das epenthetische u des neuisländischen, seit dem vier- 
zehnten Jahrhundert, Umlaut, Munch Oldn. Gramm. S. 81. 

Beide Umlaute müssen ziemlich gleichzeitig gewirkt haben. 
Der N. PI. des ti-Stammes spönn für spann heisst spoenir^ von 
spann ist er spaenir, Spoenir zeigt, dass hier eher d in den 
Casus auf u zu d geworden war, als i der folgenden Silbe 
seinen Einfluss äussert, heUum aber (D. PI.) von hellir hat zuerst 
Umlaut der a zu e erlitten und konnte deshalb auch nach 
Ausfall des j in IH von folgendem u nicht mehr angegriffen 
werden, obwohl sonst t- und u-Umlaut gemeinsam auftreten 
können, sökkva (unser Laut ö), got. sagqjan. 



A ursprünglich in letzter Silbe. 

Knrz A. ' 

Nasaliertes a wurde in dieser Periode gewöhnliches a, da 
in III nur dieses, nicht aber das durch Abfall des n entstandene 
und als nasaliert bezeugte a abfiel , fara in III aus farany s. 
bei ,a ursprünglich in letzter Silbe' III. Allerdings schreibt die 
Inschrift von Istaby noch HarlwulAfA^ dass ist für Schluss-a 
die alte a-Rune, welche später zum Zeichen des nasalierten 
Lautes verwendet wurde, kristnA (Inf.) auf dem grösseren 



Ueb«r die Endsilben d«r altnordischen Sprache. 443 

JaelHngesteiD, stAtr (3. Sg.) auf dem Flemlöseßtein, s. Wimmer 
Raneskriftens oprindelse S. 217. 238. Aber das wird sich im 
Verlauf der Epoche II geändert haben. Dass ältere Formen 
sich hie und da in II zeigen, ist ja ganz natürlich; s. unten 
bei yd ursprünglich in letzter Silbe' rniioB und rnnaR. 

Ann muss consonantischen Schluss bewahrt haben, da a 
sonst in HI verloren gegangen wäre, nn aber hat sich wohl zu 
n vereinfacht: es fällt in III ab. 



A ursprünglich in letzter Silbe. 
Lang A. 

Auslautend u bleibt und wirkt Umlaut. 

A von altem dn, dr, dt mit einfach langem a wird e, 
zum Theil bezeugt, zum Theil durch i in III ohne Umlaut der 
Wurzel zu erschliessen. Solches t geht immer auf e zurück, 
das entweder auf altem ai beruht, oder auf a (2. PL Prs. Ind.), 
s. oben S. 379, und in den gefärbten Ableitimgen der Adj. auf 
alt -a»-, -ag-, welchen sich die Adj. auf alt -in, -ig anschliessen, 
oder auf einfach langes altes d, 

wird a. Ar ist bezeugt. RnnoB daneben könnte, da 
es auf dem Stentoftestein vorkommt, Archaismus sein, oder es 
deutet auf einen Uebergangszustand , wie auf dem Bracteaten 
von Tjörkö. BnnaR beweist auch fiir aftdr. 

Die Länge des a wird bewiesen durch a in III, s. oben 
S. 373. 

Aber u aus altem d in -dnt, 3. PL Pf. der schwachen 
Verba, bleibt u und wirkt Umlaut. 

A ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Knrz A. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

Wo a in I galt, da ist es geblieben, entweder weil es 
noch in III vorhanden, wie in hana (A. Sg.), fara (Inf.), aptann 
(N. Sg.) usw., oder weil es in III ausfällt, was bei Färbung 
zu e nach unserer sonstigen Erfahrung nicht geschehen wäre. 
Armes (G. Sg.) in 11 müsste nach Analogie von fanr (2. Sg. Opt.), 



444 Heinzel. 

farimy faridj fari (1. 2. 3. PI. Opt.) oder fadir (N. Sg.), oder 
audigVy heidinn (N. Sg. Masc.) in III i ohne Umlaut ergeben. 

Was den scheinbaren Widerspruch zwischen fader II 
(N. Sg.) aus fadar I und hamarr in I. II betrifft, s. oben S. 377. 

Auch die aus a entstandenen e in 2. PI. Prs. Ind., in den 
Adj. Part, auf -an-, -ag sind geblieben, nur nach Qutturalis — 
vgl. D. Sg. degt, Grimm Gramm. 1^ 567, Wimmer Navneordenes 
böjning S. 39 — bei den Part. Pf. und in ein paar Praeposi- 
tionen, s. oben S. 378. 379 f. zu i vorgeschritten, welches die 
vorhergehende Wurzel umlautet. 

U aus a wirkt Umlaut. 



A ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Karz JL. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

Wo in I a war, ist kein Grund an Lautwandel oder 
Ausfall zu denken. Wenn a in arma in III verloren gehen 
konnte, ohne erst e geworden zu sein, s. oben, so gewiss 
auch in Fällen vorletzter Silbe. 

In spakana (A. Sg. Masc), innana {Adv. ),farande (Part. Prs.) 
ist a vorletzter Silbe noch in III erhalten, spakan, innan, farandi. 

Aber wo a in I sich zu e gefkrbt hatte, in den Part, und 
Adj. auf alt -ag^ -an, ist dieses e in vorletzter und drittletzter 
Silbe ausgefallen, denn bei u letzter Silbe hat III Umlaut; 
z. B. öldnu (A. Sg. Fem. der schwachen Declination) oder höldvu 
(D. Sg. Neut.). In I waren bereits die e, i nach kurzer Wurzel 
im Pf. der ersten und zweiten (got. ai-Themen) schwacher 
Conjugation verschwunden. Nach langer Wurzel halten sie sich 
noch in unserer Periode; s. bei ,i ursprünglich und in II vor 
der letzten Silbe'. Vielleicht erklärt sich dieser Vorrang des « 
vor i nach langer Wurzelsilbe in II daraus, dass es unter den 
Participien und Adjectiven auf alt -an, -ag so viele mit kurzer 
Wurzelsilbe gab ; s. die Part. Pf. nach farinn. — Aber nicht 
überall f^lt e vor der letzten Silbe aus ; es bleibt im N. Sg. 
Fem. N. A. PI. Neut. N. A. Sg. Neut. in III audig^ audigt^ also 
in II audegu, audegat, — im G. Sg. Masc. Neut., in III audtgs, 
also in II audegas^ — im G. D. Sg. Fem., in III audigravy andtgri, 



üeb«r die Endsilben der altfiordiscben Sprache. 445 

also in II audegrar, audegre, — im G. PI, in III audigra, also 
in 11 audeg^dy d. h. e aus a fallt nicht aus vor Doppelconsonanz, 
jr, nr, und wo nach dem Abfall in III zu schliessen eine gewisse 
Schwäche des Vocals nächster Silbe sich schon in II bemerkbar 
gemacht haben wird : N. Sg. Fem. N. A. PI. Neut., in III audig, 
N. A. Sg. Neut, in III audigt, G. Sg. Masc. Neut., in III audigs. 

Ueber die Ausnahme heidinn A. Sg. Masc. III, also in II 
heidhenan, s. oben S. 371. 

U aus a bleibt und wirkt Umlaut. 

A ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Lang A. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

Ueber 2. Sg. Pf. Ind. der schwachen Verba in I auf -<Jr, 
nun auf -er, wie in den Fällen, welche auf altes einfaches ä 
ursprünglich letzter Silbe zurückgehen, s. oben S. 384. 

Die früheren 6 werden d, die in I vor m, n entstandenen 
u bleiben und wirken Umlaut. 

A ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Lang A. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

wird d. Wo u aus 6 entstanden war, s. oben S. 386, 
erleidet der Wurzelvocal Umlaut. 



JA. 

JA ursprünglich in letzter Silbe. 

Knrz JA» 

Keine wesentliche Aenderung. Nur wie -ä von I in II -a 
wird, so 'ja von I in II -ja; s. oben S. 442. — / bleibt und 
t bleibt lang, da es in III als kurz i erhalten. — / wie j 
wirken Umlaut. — Dass der Uebergang von -janny -Jan zu in, 
A. Fl. des Paradigma hekkr , nicht mit Sicherheit unserer 
Periode zuzuschreiben ist, wurde oben S. 397 bemerkt. 



446 Heinsei. 

JA ursprünglich in letzter Silbe. 
Lang JA. 

Ju aus einfach langem jd bleibt und wirkt t-Umlaut. 

— Ja aus altem jdn wird ^e, wie a, das in I aus ebfacli 
langem a entstanden war, in II « wird, ja aus ja I daneben 
ist kein Widerspruch. 

Aus yS, jtr I wird ja, jdr wie aus 6 und 8r, d und 
ar. — Von dem Uebergang des jdr in tr N. PL des Para- 
digma hekkr, gilt dasselbe was eben vorher über den A.Pl. 
gesagt wurde; s. oben S. 388. 

JA ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Knrz JA. 
Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 
Alles bleibt wie es in I gewesen, iy t — in III noch t, 

— j<^> j^j j^> i^^r ^-Umlaut. In gestnmB Stentofte ist der 
Umlaut bezeugt, seine Ursache aber entweder schon weg- 
gefallen oder nicht ausgedrückt, s. oben S. 441. 

JA ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Knrz JA. 
Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 
Ja wie ju bleiben imd wirken i-Umlaut. 

JA ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Lang JA. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 
J6 wird jd, das aus j6 entstandene ju von I bleibt; 
beides wirkt «-Umlaut. 

JA ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Lang JA. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 
Jd wird jdj ju bleibt; überall t-Umlaut 



Üeber di« Eodfilben der allnordischeD Sprache. 447 

L 

/ ursprünglich in letzter Silbe. 

Lang I. 

I wirkt Umlaut und bleibt lang, da es in III als i er- 
scheint; 8. % aus ja S. 446. 

1 ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Knrz /. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 
/ bleibt und wirkt Umlaut; s. i von ja S. 446. 

/ ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Kurz I. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

1 bleibt meist und wirkt Umlaut. Nur bei gewissen kurz- 
wurzeligen Substantiven auf -ill kann Ausfall vorkommen, lykli 
und lukli in III von lykill] s. oben S. 415. 417. 

/ ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Lang /. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

Lang % bleibt, da es in III als i erscheint, und wirkt 
Umlaut; s. i von ja S. 445. 

Wo ? in I e geworden, bleibt e in II, wie e von a, 4, 
wie je von altem jd^ s. S. 445, und wie e von ai; s. dieses. 

/ ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Lang /. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

E von t in den Adj. auf alt -^, -in richtet sich gewiss 
nach den Adj. Part, auf alt -ajf, -an, — s. S. 444, — mit 
denen es in I zusammengeflossen, und wirft e aus. 



448 Heiniel. 

u. 

U ursprünglich in letzter Silbe. 

U bleibt und wirkt Umlaut^ wie u aus auslautendem altem 
d; 8. oben S. 443. 

U ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

U bleibt und wirkt Umlaut, wie u von a, d; s. oben 
S. 443 f. 

ü ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

U bleibt und wirkt Umlaut, wie u von a, d; s. oben 
S. 443 f. 



AI. 

AI ursprünglich in letzter Silbe. 
Kurz AI. 

E bleibt wie e von a, alt d^ s. oben S. 443, wie je von 
ja, jdj s. oben S. 446, wie e von %, s. oben S. 447. 

Wo ai mit folgendem -am, -lam, -dm, -o« in I o ergeben 
hatte, erscheint jetzt d, wie d Vertreter des 8 aus altem ä 
ist; s. oben S. 443. 445. 

AI ursprünglich in letzter Silbe. 

Lang AL 

U aus 'di bleibt, wie altes u, s. oben, wie u aus altem 
auslautendem a, s. oben S. 443. 

E bleibt wie im vorhergehenden Fall. 

Das 0, das in I aus di mehr -am entstanden war, wandert 
zu d, wie d in II für o aus ä; s. oben S. 443 f. 



üeber die Endsilben der altnordischen Sprache. 449 

AI ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Kurz AI. 

Nach ÄUBlautgesetz in letzter Silbe. 
E bleibt wie im yorhergehenden Fall. 

AI ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Lang AI. 
Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 
E bleibt wie im yorhergehenden Fall. 



JAI. 

JAI ursprünglich in letzter Silbe. 

Kurz JAI. 

Je bleibt und wirkt Umlaut^ wie je yon ja aus altem jäj 
8. oben S. 446. Wo jai mit folgendem am in I j6 gebildet 
hatte, wird es ja und wirkt Umlaut, wie ja yon j6 aus altem 
jäj 8. oben S. 446. 

JAI ursprünglich in letzter Silbe. 

Lang JAI. 

Ju bleibt ja und wirkt Umlaut wie ju von altem ja, 
8. oben S. 446. J6 wird ja und wirkt Umlant wie ja yon 
jd aus altem ja, s. oben S. 446. 

JAI ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Kurz JAI. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

Je bleibt und wirkt Umlaut wie je vor ja aus altem jd, 
B. oben S. 446. 



Sitsnngsber. d. phU.-hist. U. LXXXYII. Bd. I. Hft. 29 



450 Heinzel. 

AU. 

AU ursprünglich in letzter Silbe. 

1 bleibt in II und wirkt Umlaut wie i, gleich altem i, 
8. oben S. 447, und gleich i von ja^ s. oben S. 446. 

Auch kurz i bleibt und wirkt Umlaut, wie kurz i von 
ja, 8. oben S. 446, oder wie altes i, s. oben S. 447. 

Desgleichen bleibt ju und wirkt Umlaut wie ju von ja^ 
jd^ 8. oben S. 446, imd wie ju von jäi, s. oben S. 449. 

aber wird ä wie 6 von altem <?, oder von ai, di mehr 
-am, 'iamy -dm, -aa, 8. oben S. 448. 



Zusammenfassung. 

Die Veränderungen der Periode 11 sind «-Umlaut, tt-Umlaut, 
B. oben S. 441, ferner wird ä zn a, a aus altem a zu e, — also 
e erstens von ai, in I e, zweitens von i, in I e, drittens von «, 
in I a, — 6, sowohl solches, das auf ä beruht, als das aus 
ai, au mehr folgendem a, d hervorgegangen, wird a, — jo, 
sowohl der Vertreter des alten ja, als das aus jai, jdi mehr 
a entstandene, wird jd, Ausfall nur vor der letzten Silbe, e von 
altem a und i; s. oben S. 444. 



ERLÄUTERUNGEN ZU PERIODE III. 



A ursprünglich in letzter Silbe. 

Karz A. 

Auslautendes a fallt ab, zugleich auslautendes n. Geht 
diesem a voran, so wird es durch Nasalierung geschützt, ot-m 
(A. Sg.), arma (A. PL), hana (A. Sg.). Nasalierung ist bekannt- 
lich noch im zwölften Jahrhundert bezeugt und die ältesten 
Runen drücken sie aus: stAtB (stendr) Flemlöse, Wimmer 
Runeskriftens opriudelse S. 238, thAusi (theiina), hAns, AnAn 



Ueber die Endsilbeu der altnordiochen Sprache. 451 

Glavendrup, Wimmer S. 247; thAnsi dreimal^ klAmalan (diser- 
tum) Tryggevaelde, Wimmer S. 255, standA (Inf.) Hällestad, 
Wimmer S. 172, kristnA (Inf.), auf dem grossen Jaellingestein, 
8. Wimmer Opuscula philologica ad Madvigium a discipulis 
DiisBa S. 198, Hofmann Sitzungsberichte der Münchoner Aka- 
demie 1866, S. 218, Lyngby Tidekrift f. phil. 2, 317. 6, 25. 
Consequent ist diese Schreibung allerdings nicht durchgeführt. 
Nasalierung ist z. B. nicht bezeichnet in thansl^ aithaiarthan 
([eidverdan]) Qlavendrup, klAmulan, man, hithan Tryggevaelde. 
In der Skivuminschrift — hAn uas . . . mAnA baistr i tAnmarku 
ank fnrstr, Wimmer S. 216, — ist das zweite A von mAnA 
(manna) gewiss falsch. 

A ursprünglich in letzter Silbe, 
Lang A. 

Ursprünglich einfach langes a. U fallt ab, e wird i, wirkt 
aber keinen Umlaut und bleibt. 

Ursprünglich ä, Ä wird a, wo S in I « geworden, bleibt 
tt nach Wegfall des n, wie a in a^fna (A. PI.) 

A ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Kurz A. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

Dass a vor n, das in II auslautet, nicht ausfiel, obwohl 
dieses verloren ging, haben wir eben erwähnt. Ausserdem 
erschien a letzter Silbe in II nur noch vor Doppelconsonanz 
Ir, in III Uy nr in UI nn, it, dann vor 8, t, r. In diesen letzten 
Fällen ging es in III verloren, vor Doppelconsonanz bleibt es. 
Also arms, spakt^ okkr — aber natürlich that musste bleiben, 
— dagegen thumall, aptann, hamarr. Hinmll, aptnn, hamrr 
wäre schwierige und undeutliche Aussprache gewesen, thumlr, 
aptnr, haniarr mit vocalischem r des Nominativzeichens aller- 
dings nicht, aber die Neigung zur Assimilation ist in ahn. III 
ausserordentlich stark. S. auch unten bei ,i ursprünglich vor 
der letzten Silbe'. 

E — wie e von altem a, s. oben, — wird i, das keinen 
Umlaut wirkt. 

29* 



452 Heinxol. 

Die Praepositionen q^tir, yfir bleiben was sie schon in II 
gewesen; s. S. 444. 379. 
U vor m bleibt. 

A ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Kurz A. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

A fallt auS; aber nicht vor Doppelconsonanz und nicht 
wenn a der nächsten Silbe ausgefallen ist; s. oben in II über 
6 aus a und % ^ursprünglich vor der letzten Silbe' S. 444. 447. 
Also augna (G. PL), gamlan (A. Sg. Masc), thundi (D. Sg.), 
spakra (G. PL), spakri (D. Sg. Fem.), hugsa (Inf.), — aber 
gamaUar, gamalli (G. D. Sg. Fem.), gamalla (G. PI.), thumalf 
aptan, hamar (A. Sg.), spakan (A. Sg. Masc), thumals^ apUm, 
hamars (G. Sg.), farandi (Part. Prs.). — Vgl. den Schutz, welchen 
Doppelconsonanz dem a letzter Silbe gewährt. 

Wie a werden die von a stammenden u behandelt; göm- 
lum (D. Sg. Masc.) , gömlu (D. Sg. Neut.) , — aber ßdur (A. 
Sg.), spökum (D. Sg. Masc). 

A ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Lang A. 
Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 
E wird i, das keinen Umlaut wirkt und bleibt, tamdtr 
(2. Sg. Pf. Ind.) 

A wird a. U bleibt, da es in U nie im Auslaut steht, 
tritt aber in denselben durch Abfall des n, tungu (G. D. A. Sg.). 

A ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Lang A. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

A wird a. — U fallt aus, in tungna, wie u aus ö, das 
ursprünglich vor der letzten Silbe stand, bleibt aber in köüuiumj 
wohl um die Harmonie der Formen in der dritten Conjiigation 
der schwachen Verba zu erhalten. 



lieber die Endeilben der altnordischen Sprache. 453 

JA. 

JA ursprünglich in letzter Silbe. 
Kurz JA. 

Auslautendes n geht überall, j im Auslaut und vor i ver- 
loren; vor a, u schwindet es odet* erhält sich nach Princip. 

/ fallt ab und aus, % wird /. 

Ja aus ja I verliert n^ vgl. a von a I S. 450, und j kann 
sich natürlich nicht halten, so dass die Formel ja schwindet^ 
ija i ergibt. 

Jan aber behält a, wie a aus an II entsteht, s. oben S. 450^ 
und verliert j nach Princip. 

JA ursprünglich in letzter Silbe. 
Lang e74. 

^ in ju fallt ab, wie u von altem a; s. oben S. 451« 
Vorhergehendes j kann sich auslautend nicht erhalten : ju ver- 
schwindet, iju ergibt i. 

E in je wird i, wie e von altem a, d, s. oben S. 451. 
Es bleibt wie dieses, verliert aber vorhergehendes j. 

A von jd wird a, wie a von 6 I, altem übermässigem d; 
8. oben S. 451. J verschwindet nach Princip. Ueber die gleich- 
massige Behandlung des Opt. Pf. s. oben S. 403. 

/ wird auch hier t, wie x von kurzem ja. 

JA ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Kurz JA. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

J fällt aus, % wird t, s. oben Ja, jd in ursprünglich letzter 
Silbe. Ueber die gleichmässige Behandlung des G. Sg. Masc. 
Neut. des Adj., fraegsj vaens, s. oben S. 409. 397. 

Die Formel jan behält a, s. oben Ja in ursprünglich 
letzter Silbe', und verliert j nach Princip. 

Ebenso bleibt u von ju vor tu, wie u von a, a, s. oben 
S. 451 f. J fällt ab nach Princip. 



454 Heinsal. 

JA ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Kurz JA. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

A in ja fHlIt unter denselben Bedingungen aus^ wie a im 
gleichen Falle, s. oben S. 452, fraegra (G. PL), aber fraegjan 
(A. Sg. Masc), temjandi (Part. Prs.). J schwindet nach Princip. 

U von ju aus ja muss bleiben, da es nur vor auslauten- 
dem u letzter Silbe steht, das abfällt, fraegjuvrij vaenum (D. Sg. 
Masc.) ; s. oben über u aus a, S. 452. J schwindet nach Princip. 

JA ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Lang JA. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

Ja wird ja, wie in ursprünglich letzter Silbe. 

Ju, das in II durchaus Consonanz hinter sich hatte, bleibt 
auch nach Ausfall des n, s. oben S. 452. J fällt nach Princip 
aus. Ebenso bleibt ju aus kurzem ja im gleichen Fall und 
verliert j nach Princip. 

JA ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Lang JA. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

Ja wird ja, wie in ursprünglich letzter Silbe. — Ju 
verliert u und somit j in hylgna, hellna (G. PI.), wie « von 
d in tungna ausfällt, s. oben S. 452; — in eggjudam wird 
es wohl aus demselben Grunde belassen, wie u in köUudum; 
s. ebendaselbst. 



I. 

/ ursprünglich in letzter Silbe. 

Lang I. 

Lang i wird zu kurz i; s. oben bei ja, ja S. 453. 



Ueber die Endsilben der altnordieclien Sprache. 455 

/ ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Kurz I. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

1 fallt aus, wie i von ja in ursprünglich letzter und vor- 
letzter Silbe ; s. S. 453, auch vor Doppelconsonanz heUtr 
(N. Sg. Masc), hergdvy doemdr (Part. Pf.). Aber nicht vor nn^ II 
aus nr, Ir: himfin, lykll, mikll wäre schwierig und undeutlich 
gewesen; s. oben a im gleichen Falle S. 451. 

U bleibt; nämlich vor w, wie m von a, d, s. oben S. 451 f., 
wie ju von y«, jä^ s. oben S. 453, 

/ ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Kurz I. 

Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

/ erhält sich nur, wenn a der letzten Silbe ausgefallen 
ist. Abfall des u nächster Silbe hindert den Verlust des i nicht, 
lykil (A. Sg.), aber dypi , dyrd (N. Sg.), dyptar , dyrdar (G. 
Sg.), hoena (N. A. PL); s. oben über a, ja im gleichen Falle 
S. 452. 454. 

Im A. Sg. Masc. litinn, mikifm hat eine ähnliche Bildung 
Platz gegriffen, wie bei heidinn, s. oben S. 371. In einigen 
Adj., wie in heimüan (A. Sg. Masc), ist auffUlliger Weise das 
i der Ableitung bewahrt; s. unten bei u im gleichen Falle. 

/ ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Lang T. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

i wird i, wie in ursprünglich letzter Silbe und wie i von 
jaj ja ursprünglich in letzter und vor der letzten Silbe, s. oben 
S. 453. 

E von altem t wird i wie e von altem ä in ursprünglich 
letzter Silbe, s. oben S. 451, und wie e in je von altem ja an 
gleicher Stelle, s. oben S. 454. Kein Umlaut. 



456 HeiDtel. 

U. 

ü ursprünglich in letzter Silbe. 

U fkllt ab, ausser wo in II n dahinter stand. Vielleicht 
schwand u im Anfang der Periode III nur im Auslaut^ wie u 
aus altem -4, -jd, s. oben S. 451. 453. Denn gunu (A. Sg.) ist 
inschriftlich noch in III erhalten, nur wisßen wir nicht, ob 
dagegen noch fehu oder schon ft galt. Sunu, vbllu (A. Sg.) 
könnte sein bewahrtes u der alten Nasalierung verdanken, 
welche über I. II gedauert hätte, wie a von altem -am in I 
bleibt, 8. oben S. 370. Auch an Analogie von arm (A. Sg.) 
könnte man bei der späteren Form voll (A. Sg.) denken. — 
Ganz wie a nach Abfall des in II noch vorhandenen n, s. oben 
S. 442, bleibt u in vöüu (A. PL), tthndu (3. PI. Pf. Ind.). 

U ursprünglicli vor der letzten Silbe. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

U bleibt, immer vor consonantischem Auslaut, wie die u 
a, äj ja, jäy i an gleicher Stelle ; s. oben S. 452. 453. 455. 

U ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Nach Auslautgesetz vor der letzten Silbe. 

U fällt aus unter denselben Bedingungen wie a, u von 
a, jaj an gleicher Stelle, s. oben S. 452. 454, ^jfigir (N. PI. Masc), 
öflgum (D. Sg. Masc), södli, iötni, fiöiri (D. Sg.), — aber «öJuZ, 
iötun,ßötur (A. Sg.), öflugra (G. PL). - 

Hie und da ist u, wo man einen Verlust erwarten sollte, 
erhalten, s. Wimmer Gramm. §. 80, A, 1, klAmnlan (disertum) 
Tryggevaelde, Wimmer Runeskriftens oprindelse S. 255. 

Excurs Über u der Ableitimg und Endung. 

Man sieht, wie zähe altes u ursprünglich letzter Silbe 
haftet, besonders wo es von di stammt, s. oben S. 430, nach- 
dem von a, i kaum mehr eine Spur vorhanden. Die «-Stämme 
wirken im N. A. Sg. Umlaut, völlr, voll, die i-Stämme nicht, 
stadr, stad. — Auch vor der letzten Silbe ist u später ausgefallen 



Ueber die Endsilben der altDordiBchen Sprache. 457 

als ey i: tamday vakta war uns schon in I begegnet (l.Sg. Pf. 
Ind.), s. oben S. 416, e in II, s. oben S. 444. 447, in Perioden, 
deren a und u noch unerschüttert fest standen. In III fällt i 
aus, wo u bleibt, d()pt aus dppiduy aber gömul aus gamalu, 
g&mulu; s. oben S. 455. 

Öldnv (A, Sg. Fem. der schwachen Declination) zeigt uns, 
dass e von aldinn eher ausgefallen ist, als Umlaut der Periode 
II wirkte, also wohl im Anfang von 11, — iötni (D. Sg.), und dass 
u zu einer Zeit abfiel, vor welcher der Umlaut von II bereits 
gewirkt hatte. Gegen Braune Centralblatt 1877, S. 48. Dass u 
für das deutsche Accentgesetz ein passender Endungsvocal war, 
ist eine gewiss richtige Beobachtung Scherer's GDS. S. 121 ffi 
Im littauischen allerdings sagt man jetzt pons für ponaa, aber 
alAs wie suniis; der littauische Accent ist eben ein andrer. 

Dass neben dem Schwund der a, ti, alter und aus ja 
entstandener t, die e von II als i sich in III bewahren, darf 
nicht auffallen. Die Kraft, welche e zu i trieb, ruhte auf 
einem ganz andren Princip, als dem daneben wirksamen Be- 
streben, die Endsilben zu schwächen. Sie trug den Sieg davon. 
Wenn sie ausreichte, den Abfall der e aufzuhalten, so war sie 
natürlich auch im Stande, das von ihr aus e geschaffene i zu 
schützen. Auch -d II wird in III -a, ohne dass dieses wegen 
des alten a in gleicher Stelle abfallen müsste, at^m (A. Sg.), 
aber arma (G. PL). 

AL 

AI ursprüngKch in letzter Silbe. 

Kurz AI. 

E wird zu t, das keinen Umlaut bewirkt, ebenso wie e 
von altem ä; s. oben S. 451. 

A wird a wie a von altem &; s. oben S. 451. 

AI ursprünglich in letzter Silbe. 

Lang AI. 

XJ ist hier besser bewahrt, als wo es von w, ttiw, ur oder 
von auslautendem d stammt, vliku und vök] s. oben S. 451. 456. 



458 Heinzel. 

Niir im D. Sg. Masc. der starken Adjectiya ist es später au»- 
gefallen; s. oben S. 430. 

E wird zu iy das keinen Umlaut wirkt, wie e von kurz m. 

Ä wird a, wie ä aus kurz ai. In thaejdr (N. A. PL Fem.) 
assimiliert sich das aus ä entstandene a nach Ausfall desj 
dem vorhergehenden ae; s. oben S. 431. 

AI ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Kurz AI. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

E wird ij das keinen Umlaut wirkt, wie in ursprünglich 
letzter Silbe. 

AI ursprünglich vor der letzten Silbe. 

Lang AI. 

Nach Auslautgesetz in letzter Silbe. 

E wird if das keinen Umlaut wirkt, wie in ursprünglich 
letzter Silbe. 



JAI. 

JAI ursprünglich in letzter Silbe. 
Kurz JAI. 

Je wird ji und j ftlUt aus, wie in je von altem ja; s. oben 
S. 453. 

Ja wird ja und verliert oder behält j nach Princip, wie 
ja von altem ja; s. oben S. 455. 

JAI ursprünglich in letzter Silbe. 
Lang JAI. 

Ju bleibt und verliert j nach Princip. Im D. Sg. der fem. 
jä'Siämme schwindet es allmälig, wie bei den 4-Stämmen und 
j kann sich auslautend nicht halten; s. altes äi im gleichen 
Falle S. 457 f. 

Jd wird jay wie altes ja, s. oben S. 453. 



Ueber die Endsilben der ftltnordicchen Sprache. 459 

JAI ursprünglich vor der letzten Silbe. 
Kurz JAI. 

Je wird ji und j fallt aus, wie je von jai in ursprüng- 
lich letzter Silbe. 



AU. 

A U ursprünglich in letzter Silbe. 

I wird i, kurz i fallt aus, wie i, i von ja, s. oben S. 453, 
oder wie altes i, % ursprünglich in letzter und vor der letzten 
Silbe, s. oben S. 453. 

A wird a, wie a von altem ä, s. oben S. 451. 



Zusammenfassung. 

Charakteristisch für III ist der Abfall dos w, das aber 
Nasalierung zurücklässt, wodurch die vorhergehenden Vocale 
gestützt werden, hana (A. Sg.), fara Inf., tunga (A. Sg.), — ferner 
der durchgehende Abfall des j vor e, das zu i wird, und der 
nach dem Princip geregelte vor a, ti, s. stedi, endi (N. Sg.), 
kyrija, klaeda (G. PL), kynjum, Tdaedum (D. PL). 

Die Veränderungen des Vocalisraus von II auf III sind 
folgende. Die gewählten Beispiele sollen nur einige Fälle 
illustrieren. 

Vocalwandel in letzter und vorletzter Silbe. 

An II wird a, in der Tabelle durch a bezeichnet, arma 
(A. PL), hana (A. Sg.), fara (Inf. 3. PL), — jan II wird ä oder 
jäj heUa (A. PL), enda^ stedja (A. Sg.). 

Lange Vocale werden verkürzt, a zu a, t zu i: kaüa 
(1. Sg. Prs. Ind.), kallada (1. Sg.), spakari (N. Sg. Masc), manna 
(Q. PL), armar, vakar (N. PL) von altem ä, — hurdar, sottar (G. 
Sg.) von altem am, — vaUar (Qt. Sg.) von altem aua, — foeri\ 
temdi (3. Sg. PL Pf. Opt.) von altem i, — bergir, doemir (2. Sg. Prs. 
Ind.), heUis^ klaedis G. Sg. von altem ja, — bekkir (N. PL) von 
altem ja, — vellir (N. PL), velli (D. Sg.), von altem aiM, auL 



4f)0 Heinzel. 

E wird I, welches bleibt, haniy fadir (N. Sg.), tamdi 
(3. Sg. Pf. Ind.) von altem a, — famdir (2. Sg. Pf. Ind.) von altem 
äj — aüdigr, farinn (N. Sg. Masc), farid (2. PI. Prs. Ind.) von 
altem a, — stedi (N. Sg.), femidj doennd (2. PI. Prs. Ind.) von 
altem ja, — mdttigr (N. Sg. Ma