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Full text of "Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Classe"

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mM- 



LSotäSfcS 




SITZUNGSBERICHTE 



DBB BArSBBLICHEK 



mOEHIE DER WISSENSCHAFTEN. 



PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE. 



ZWEIUNDVIERZIGSTER BAND. 



- WIEN. 

AUS DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 



IN C0IIIIIS6I0K BBI KARL OBBOLD'8 80HN, BUCHHANDLBR DBB BAI8.AKADBMIE 
DBB WISSBlIBCHArTBR. 



1863. 



SITZUNGSBERICHTE 



DBR 



PHILOSOPHISCH-fflSTORISCHEN CLASSE 



DBR KAISERLICHBI« 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



ZWEIUNDVIERZIGSTER BAND. 

Jahrgang 1863. — Heft I und II. 
(Kit 1 itt^. SeilageO 



^ WIEN. 

>IUS DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 

IX COMM188ION BBI KABL OEBOLD'S SOHN» BUCHHÄNDLBB DBB BAI8. ABADBMIB 
DBB WI88BN8CHAFTBR. 

1863. 




LSi>c.3«(>.^' 




SITZUNG VOM 11. MÄRZ 1863. 



Der Referent der historischen Commission, Herr t. Karajan, 
zeigt an, dass derselben zur Publlcation eingesandt wurde: 

Diplomatarium Portusnaonense, series documentorum ad histo- 
riam Portusnaonis spectantium» quo tempore (1276 — lol4) domus 
austriaeae imperio paruit, hinc inde leetorom cura et opere 
Josephi Valentinelli. 



Vorgelegt; 

Über die Sprache der Avghdnen (Paxto). 

IL 

Von Dr. Friedrieh lAIIerj 

Docest der allgemeiDcn Spr«ehiriM«ii«chaft an der Wiener UnirersHit. 

Vorliegende Abhandlung schliesst sieh an eine in den Sitzungs* 
berichten, Bd. XL abgedruckte gleichen Namens an, worin ich 
die Frage über die Natur der afghanischen Sprache und die daraus 
sich ergebenden Folgerungen in Betreff des Ursprunges der sie 
redenden Stämme durch Beleuchtung der vorzüglichsten Lautver- 
hältnisse derselben zu entscheiden vorsucht habe. Da meine Re- 
sultate von competenter Seite Beifüll gefundern haben 9» und ich 
am Ende der eb^n genannten Abhandlung eine Untersuchung des 
Formenbaues des Pa^to zur Vervollständigung und Erhärtung mei- 
ner dort ausgesprochenen Behauptungen in Aussicht gestellt habe, 
60 will ich in den nachfolgenden Zeilen eine Analyse der wichtig- 
sten Formen des Pa^to versuchen und an denselben die echt ira- 
nische Natur dl r avghänischen Sprache darlegen. 



<) Benfey in den Gottinger gelehrten Anzeigen 1862. S. 1997 ff. 

1* 



4 Dr. Fr. Müller 

Da das Pa^to, wenngleich es in manchen Puncten den älteren 
iranischen Dialekten sich nähert, seiner ganzen Natur nach ein 
ziemlich modern gehaltenes Idiom ist, so kann hier von einer Dar- 
legung der Wurzel-Elemente und der Stammbildungen nicht die 
Rede sein, deren Darstellung der Grammatik der älteren Dialekte 
angehört. Wir müssen uns daher auf die Aufzählung und Beleuch- 
tung derjenigen Elemente beschränken^ welche das Paj^to entwe- 
der aus älterer Zeit als solche, wenn auch nunmehr versteinert, 
Hberkommen, oder gleich den verwandten Schwestersprachen an 
Stelle der verloren gegangenen organischen Functions-Elemente 
erzeugt hat. Dabei schicken wir die Darstellung des Nomens jener 
des Verbums voraus, 

I. N m e D. 

Hier kommen folgende Puncte in Betracht: Geschlecht, Zahl, 
Endung. 

Geschlecht. Was das Geschlecht betriiR, so ist es hier 
zwar nicht so lebendig wie in den älteren Sprachen, aber die 
Sprache kennt es und hat dafür bestimmte Merkmale. Im Allgemei- 
nen wird das Femininum durch ah gekennzeichnet, z. B. ^A (ds) 
Pferd, altb. --ö«* C^Qpa)» neup. w*-**i C^sp) — ä*-»I (aapah) Stute. 

u**^' C^X) Kamehl, allb. •*V't)> C^stra), neup.^1 (uslur) — a^j| 
(üxah) Kamehlinn. Man darf aber nicht etwa glauben, diese Art 
der Motion, welche der in den semitischen Sprachen gebräuch- 
lichen frappant entspricht, müsse diesen entlehnt sein, sondern es 
ist vielmehr ah wahrscheinlich nur eine andere Schreibung für d, 
welches das regelrechte alte Feminin zu dem in den neuen Idiomen 
ganz abgefallenen masculinen kurzen a darstellt (vergl. im Altindi- 
schen dtrgha „lang** mascul., dtrghd fem., im Altbaktrischen ya-g 
welcher, yd welche). Wir sehen, dass das Paj^to auch in diesem 
Puncte den anderen neueren iranischen Sprachen gegenüber, 
welche von einer Motion des Substantivs gar nichts mehr wissen, 
ein bedeutendes Stück Alterthum gerettet hat. 

Zahl. Als Zeichen des Plural sehe ich dn (Nebenformen dna, 
dno, dnUt d) an, das dem neupersischen Pluralzeichen bei belebten 
Wesen dn entspricht. Davon lassen sich üna, Uno, ünu, un, u, 6 



über die Sprache der Avgbiuen. II. 5 

als Hodificationen ableiten , sämmtlich durch Verdampfung des lan- 
gen a entstanden, wie '^^c (^ntnünCJ Gebet = neup. j^ (namdz)^ 
altbaktr. ©»j««?! (nimahh). Diese Pluralzeichen treten aber nur in 
den obHquen Casus immer auf; der Nominativ und Accusativ wei- 
chen in mehreren Fällen von den anderen Casus ab; meist haben 
die Masculina hier /, t, die Feminina ai aufzuweisen. Folgende Bei« 
s'^iele mögen hier Platz finden: 

Plur« Obllq. Casus. 

Ja^\ (üx) Kamel O Ujl (uX' an) O b^l (üX'dno), 

^ (mtilld) Priester üb^ (mullay-dn) ö\»% (mullay-dnu)^ 

4-w. (mSlmah) Gast äJ lU» (melm-dnahj y IU% (mSlm-dnö), 

j 3li (pldr) Vater ^^ % (plar-unah) ö^j il^ (pldr-üno), 

^ (ghar) Berg 'O^^ (glir-üna) O^^ {gkr-ünu), 

^ CghalJ Dieb aIp (ghl-ah) Ji (ghl-o), 

iSjr^ (sarai) Mann ^jjg^ (saH) jjg^ (%at-6)^ 

Si (Idr) Weg j i (Idri) ß (lAr-o). 

A^ (Xa^ah) Weib J^ CZ^^atJ ^ Cz^C-dJ. 

Endung. Was den Casus betriflft, so besitzt das Pa^^to einen 
Nominativ, Accusativ, Genitiv, Dativ, Ablativ, Vocativ, Local, natür- 
lich nur in dem Sinne, wie alle anderen modernen Idiome. Davon 
sind Nominativ und Vocativ gleich im Vorhinein als jedes Zeichens 
entbehrend, auszuscheiden, ebenso der Accusativ, der entweder 
mit dem Nominativ oder dem Dativ zusammenfällt. 

Das Zeichen des Genilivs ist -> (^da) oder A-> (dahj. Es wird 
dem das Besitzende ausdrückenden Nomen vorgesetzt. In diesem 
Zeichen, das sowohl der Form als der Anwendung nach, wirklich 
frappant zu dem aramäischen T> ? stimmt, hat man ehemals ein 
semitisches Element entdecken wollen. Diese Ansicht haben mit 
Recht schon Ewald (Zeitschr. für Kunde d. Morgenlandes II, 309) 
und Dorn (Memoiren der Petersburger Akademie, Serie VI, Tom. 8, 
S. 40) aufgegeben. Ewald sieht in dem avghänischen Genitiv- 
Elemente das relativ gebrauchte Demonstrutivwörtchen da^ welches, 
nachdem der wahre Genitivcasus verloren gegangen ist, zum Aus- 



6 Dr. F r. Müller 

drucke seines Begriffes angewendet warde. Dorn fasst es eben sa 
demonstrativ und hält es mit dem deutsehen »der, die, das** des- 
selben Ursprungs. 

Meiner Ansicht nach haben wir in dem avghdnischen Genetiv- 
zeichen nicht nur ein indogermanisches, sondern ein echt erini- 
sches Element vor uns. Es stimmt sowohl was den Gehrauch als 
auch was den Ursprung desselben anbelangt, mW der neupersischen 
sogenannten Idäfat Yollkommen überein. So wie diese nichts an- 
deres ist, als ein Überbleibsel des im Althaktrischen auftretenden 
Relativpronomens -^yo Cv^)» w*® ^^^ *^"^ ^^^ Pars} überzeugend 
Leweisen kann (vgl. Spiegel, Parsigrammatik» S. 52), so entstammt 
auch unser da gewiss nichts anderem als dem Pronominalstamme 
tya, der in den Keilinschriften dem althaktrischen ya gleich gilt. 

Der Dativ wird gebildet, indem man dem Worte aJ (tah)^ a1 
(lahj, ij (larahj nachsetzt; allen dreien kann noch j (wa) ver- 
stärkend beigefügt werden, d-as aber vor das Wort tritt, so dass 
letzteres dann von zwei Partikeln eingeschlossen wird. Neben aJ 
(tah) kommt auch aJ^ (watah), wahrscheinlich nur eine Verstär- 
kung desselben, vor. 

Von diesem Elemente ist aJ (tah) mit dem Neupersischen U 

(tdj in der Bedeutung „bis, zu^ zu vergleichen, aI {Iah), tj 
(larah) hängt höchst wahrscheinlich, wie schon Dorn (a. a. Orte 
S. 47) vermuthet, mit dem Neupersischen \j (rd), Pehlewi >«n 
(rdi) und dem Altpersischen rddiy „wegen" (vgl. Spiegel, Huz- 
vareschgrammatik, S. 67) zusammen. Echt iranisch ist^ C'^a), das 
ich mit dem Pehlewi T)« (aw) und dem Parsi *\ (6i) identificire. 
Auch das neupersische Aj (bih), v-» C^O* ^"^ häufig zur Bildung 
des Dativs verwendet wird, mag zur Vcrgleichung herbeigezogen 
werden. — Schwieriger sind die Zeichen des Ablativs aJ (loh), 
^>_a1 (lah-naJi), J ßarj, wovon ersteres und letzteres vorge- 
setzt werden, a1 (Iah) und aJ {nah} das Wort in die Mitte neh- 
men. Aus letzter Parlikel, welche vielleicht mit dem althaktrischen 
1^-^ (tare), V*»^ (taro) identisch sein dürfte, scheint hervorzuge- 
hen, dass in der diesem Casus zu Grunde liegenden Anschauung 
der Begriff des Überschreiten gelegen ist; woraus dann jener des 



über die Sprache der ArghAnen. II. i 

Sich-Entfernens sich natürlich entwickelt. Nach diesem möchte ich 
aI (UJi) an das Pc-hlewt fc^"l»1 (rdrd) ;,auf, empor**, das dem alt- 
baktrischen «> (ug) entspricht, anknQpfen. Über ö^ (nah) könnte 
ich zwar manche Vermuthung beibringen, es ist mir aber im Ganzen 
zfemlich dunkel geblieben. 

Der Locativ wird durch die Partikel Ai (pah), v^ (p^^) ^^' 
zeichnet, welche die Bedeutungen „durch, in, mit, wegen** in sich 
yereinigt. Zu ihrer Erklärung ziehe ich die Pehlewt-Partikel }jd 
(pannj herbei. Oft wird hier auch die Phrase üU« A« (pah-miydn) 
oder ^t* ^ (pah miyanC) »in der Mitte*' gebraucht. 

Der Deutlichkeit wegen, und damit Mancher in Ermangelung 
anderer Hilfsmittel diese Untersuchung auch als grammatische Skizze 
des Pa^^to gebrauchen könne, fuge ich eine Übersicht der Decli- 
nation bei. 



Nominati? 



Dativ 



Genitiv 



J^, (plär) 


Vater. 


SlngoUr. 


Plaral. 


^*. 


ö,,% 




^,^^, 


V 


H t>jj3li 




*) (>^^% 


^).% 


'^jj^. 


^,%, 


*; ÖJJ^^^^ 


*1,3L, 


*)ü^j^^^ 


Oj^,, 


»Ji^^J 


aJjjU., 


a:^ü^>3Lj 


• 


ü^^^j 




L>jj^ *J 





Dr. Fr. Müller 




Ablativ 




i^^^. *l 




*;^^*l 


Ai ÜjJ^ aI 




AJ 


üjjily 


Locatir 




jjj^ *i 


. 


^h 


S^jiL 



Adjectivum. Was das Adjecti? betrifit, so ist zu bemerken, 
dass es nicht wie im Neupersischen dem Nomen folgt, sondern 
immer demselben vorausgeht (was an die neueren indischen Spra- 
chen erinnert), ohne mit demselben durch irgend eine Partikel ver- 
bunden zu werden. Die Motion wird — analog der Art und Weise 
bei den Substantiven, mittelst ah vollzogen, z. B. : Co^^l (uöai) 
„hoch**, vergl. Hindüstän}: U£jl (unöd), altind. uööap femin. Ao^^ 
(uöatah). 

Pronomen. Das Pronomen hat vieles Alterthumliche und ♦ 
Eigenthümliche erhalten. Der Nominativ singular. der ersten Person 
lautet fj (zah)f das dem altbaktrischen^« (azim) entspricht. In 
den obliquen Casus tritt U (md) ein, entsprechend dem -»c (ma) 
des Altbaktrischen. An dieses Element treten die Casuszeichen in 
derselben Weise wie beim Substantiv an, nur mit der Ausnahme, 
dass der Genitiv nicht da-mdy sondern l,sl (!imd) lautet. Neben 
dieser Form führt Dorn (a. a. 0. S. 84) auch Li (dmd) als bei 
Mirsa vorkommend an, welches, sammt der Nebenform der zweiten 
Person U^ (data) wahrscheinlich macht, dass l^ (^md) aus da-md 
entstanden ist. Bedenken wir dazu, dass das Genitivzeichen da, wie 
wir oben gezeigt haben, aus altem tya entstanden ist, so bietet die 
Erklärung des C aus dy (das von ty herabgesetzt ist) keine beson- 
deren lautlichen Schwierigkeiten. 

Der Plural der ersten Person lautet j^ (mung), ^y^y^Cfnüng) 
oder AXl» (^mungah),'i^y (mungah)p wofür auch in den westli- 
ehen Dialekten jy (muz) vorkommt. Offenbar liegt hier derselbe 
Stamm, wie in den obliquen Casus des Singular zu Grunde, nämlich 
ma, der mit demselben Pluralzeichen, wie es beim Nomen substant. 



über die Sprache der AvghAoen. II. 

auftritt, nSmlich ^na, wovon üngah nur eine andere Aussprache 
sein durfte, versehen erscheint. Etwas dem Ähnliches finden wir 
in den neupersischen Pronominalsuffixen » C^J> ^ CO» \J* CO* 
weiche im Plural t>U C^^^O* ^"^ C*^^)* ^^ C^^^) 'auten. Die 
Casus werden, ebenso wie im Singular, durch Verbindung der Form 
des Nominativs mit den entsprechenden Casuszeichen ausgedruckt; 
der Genitiv lautet analog dem des Singular, jCv^ C^^^^ffJ' J^J^" 

Der Stamm der zweiten Person lautet im Singular U C^^J» ^^ 
Nominativ aJ C^^^J» offenbar identisch mit dem altbaktrischen Cft 
Ctüm) •= tvem, altpers. iuvm. Die Bezeichnung der Casus geschieht 
ebenso wie beim Pronomen der ersten Person; der Genitiv lautet 
U-» C^^J o^^r ^^ ("rffl^fl^. Letztere Form steht der beim Nomen 
gebräuchlichen Genitivform am nächsten; bei der ersteren ist das 
$ offenbar als eine Entwickelung von tya zu erklären. 

Der Plural der zweiten Person lautet ^U(7<?«m^,^IJ ^ifrf*ii^, 
j^U (idsij, ^j^\^ C^^^O' ^^^ "" ^^" Stamm der zweiten Person 
angetretene Pluralzeichen s dürfte wahrscheinlich aus dem alten 
Determinativsuffixe sma zu erklären sein, und dürfte der avghäni- 

sehen Form eine dem präkrischen ry^«Q C^^^^^^O == ^«* + *'w^ =" 
tu -f- sma + * entsprechende zu Grunde liegen. Die Bezeichnung 
der Casus ist mit jener im Singular gebräuchlichen vollkommen iden- 
tisch; der Genitiv bildet, wie beim Singular, eine kleine Ausnahme. 

Bei der dritten Person kommen besonders zwei Stämme in 
Betracht, nämlich a^J^ (haghahj und apj ^rfa^AaA^ oder b Cdd}. 
Ich theile die Formen als ha-ghah, da-ghah ab, und erblicke in 
den ersten Elementen ha und da die alten Demonstrativstämme sa 
und tya^), während das zweite Element gha nichts anderes als 
das alte p/m,* griech. ye zu sein seheint, welches bekanntlich auch 
im altind. aham (für agharn)^ griech. iyt^v, als Determinativ-Ele- 
ment, ähnlich dem sma in anderen Formen, vorkommt*). 



>) Vgl. Orient und Oecident ron Benfey I, 737. 

*) Bei da ISsst sich auch an «Itpers. dim, diiy altbaklr. dim, dit, dii (Haug', Essajra 

110) denken. 
') ^''gl- Orient und Oecident ron Benfey I, 739. 



10 Dr. Fr. Müller 

Als ReflexiYum trilt J-i- (khpal) auf, fem. ^Lci. (khpalah)^ 
welches, wie ich bereits in meiner ersten Abhandlung bemerkt habe» 
das altbaktrische -»««^«üojo'tiL C^aepaithya) Tollkommen wiedergibt. 

Als Interrogativ treten auf: der Stamm U- (c;d)^ Nomin. ■^j>^ 
C^SkJ, der zunächst mit dem altbaktrischen -^y (öa), vergl. *-'Ce)"»r 
(öa-hmdi), -»«ey^r* (da-hya) verglichen werden muss, ferner S 
(kam) oder ^y CkömJ, fem. dS (kamdh) oder d^y (kömahj, wel- 
ches sich unmittelbar als altbaktr. -»j (kaj, Nom. ^j {^öj, -»j (kdj, 
g»*»5 (^ajf^ und neup. £ (kih) anschliesst. Als Interrogativum und 
Indefinilum tritt Ao» C^ahJ auf, das vollkommen dem neupers. a>> 
(^dihj entspricht. Zu vergleichen ist damit allhaktr. -^r {(^a), -tj^r 
Cdis). t(r(öii). 

Ein anderes Indefinitum ist ^js>* (^int) oder ^J>^ {2^1711), das 
dem Gebrauche und dem Ursprünge nach mit dem neupers. Ju>> 
(dand) übereinstimmt und offenbar mit dem altbaktr. t^»r (övat) 
verglichen werden muss. 

Der Deutlichkeit halber lasse ich im Nachfolgenden eine Über- 
sicht des avghäniscben Pronomens folgen : 







I. Person. 




SlaguUr. 


Plural. 


Nominativ 


»j 


jjl., AXL., jjS^, ^^0>* 


AccusatiT 


U 


wie Nominativ 


Dativ 


a;U 


^'Y^^ 




aIL 


*ll jjS> i 




*JU 


*;ULf .. 




aIUj 






a!U^ 




0^j> 


*j/ j^ J 




aJjU^ 


^^l ' 1^ 


Genitiv 


u 


S^9 J^,yf>^> ^^^$ ^y^^ Jy^L 



Nominativ 
Aceusatir 
Patir 



t 
Genitiv U.«», Uj 



über die Sprache der Argblnen. 11. 

II. Person. 

^U, ^U, ^l^, ^^t 
wie Nominativ 



11 



a1< 



u^l-- 






^^1:1.», ^La, L^^» ^^li-f 
^^Üj, ^t^, c^^'->» «^t^ 



III. Person. 
Stamm a«^ 



Singular. 
Nominativ AÄib 

Aceusativ wie Nominativ 



PInral. 



Dativ 



A» 


Ol 






Genitiv 



A«Jb^ 



wie Nominatir 
A) [ChughöJ 

> J - 



0\ 



12 



Dr. Fr. M Q I I e r 



Stamm apj, 1j 

Nominativ ^^, U a^j 

Acciisatiy wie Nominativ wie Nominativ 

Dativ A^ / r;: ; \ a* 






e . 



o 

-^ 

o 

J 



Genitiv 






•» - \ 
^■> i 

, \ (diw6) 

1 



Numerale. Unter den Formen des Zahlwortes gibt es meh- 
rere, welche einen unwiderleglichen Beweis für die echt-efänische 
Natur des Pa^^to ablegen. Ich will sie der Reihe nach hieher setzen 
und beleuchten: 

y (yaijo) ^feins** entspricht vollkommen dem altbaktrischen 
-*»)ü* (aeva), das im Pehlewt *]r« (aivah), im Nenpersischen jX* 
(yak) — aus yFäk entstanden - — lautet. Die neuindischen Spra- 
chen bieten für eins «^^1 (Sk) = altind. Ska^ das von dem eräni- 
schen Ausdrucke dem Ursprünge nach verschieden zu sein scheint. 
'jpCi (spaz) oder jjji C^P^ffJ »sechs** kann — wie ich bereits in 
meiner ersten Abhandlung bemerkt habe — nur einer eränischen ' 
Sprache angehören. Es entspricht dem MhAir. '^»»»i^ {khshvas). 
Das Urdu bietet für ^sechs** den Ausdruck A^ (dhahj, der dem 
altindischen shaah entstammt. 

6^^\ (auwah) „sieben^ reiht sich zunächst an das ossetische 
ö^jp (awd) und das armenische Iri-in (evthn)* Allen diesen 



über die Sprache der AvghAneo. II. 1 !t 



Formen ist der im Anlaufe früher dagewesene und im neupers. 
Chaft) noeh erhaltene Hauch abhanden gekommen, der sich auf 
iranischem Gebiete aus altem 8 entwickelt hat (vgl. altb. {«^a^o* und 
altind. sapian). Das Urdu bietet fQr sieben OU* {saj eine Ver- 
stümmelung des altindischen saptan, 

^^ (las) „zehn*' « altbaktr. \ »»»^ (dagan) überlrilTt das 
neupersische t^ (dihj an Allerthumlichkeit und stimmt zunächst 
mit dem Urdu ^^ (das) == altind. dagan überein. Durch den 
Obergang des Dentals im Anlaute in l verräth sich die Form als 
echt-avghinisch. 

Bemerkenswerth ist die Form Jj- (hl) „zwanzig*^ (eine Ver- 
stümmelung aus altem *5p***^^ (vigaiti), derart, dass das vt im An- 
laute abfiel), die nur alleinstehend vorkommt, während in der Zu- 
sammensetzung die Form J^j (visi) — dem neupersischen «^*-ai 
(bist) entsprechend — sich vorfindet. 

Die Form für »dreissig" J^j*^ (diris) = altbaktr. «^— *^i 
(thrigaUm) öbertriffl't das neupersische ^^ (si) in Bezug auf Alter- 
thümiichkeit; es ist auch bedeutend besser erhalten als die Urdu- 
form ^jJi (lis), altind. tringati, 

Bemerkenswerth sind ferner die Formen för „hundert*' J-- 
(sal) und „tausend** jj (zar)^ entsprechend den altbaktr. ü^»» 
(gutem) und -»Vj-o* (hazanra). In ersterer Form ist das alte / 
nach avghänischem Lautgesetze in / umgewandelt; in letzterer ist 
der aus altem s (vgl. altind. sahasra) entstandene Hauchlaut h im 
Anlaute (wodurch, sowie durch das j « A, die Form als eine echt- 
erftnische charakterisirt wird) wie oben bei a^^I spurlos abgefallen. 

Der Übersicht wegen lasse ich die Zahlenausdrücke des Pa^to 
folgen : 



* y. 


6jji, jj^ 


11 ^y_ 


2 »jj 


?■ *,/ 


12 ^»jj 


3 ^,-> 


8 Ai'l 


13 ^^Ij 


4 ^^ 


9 Ai 


14 ^/:^ 


8 ^, 


10 ^ 


16 u-i*^^. 



14 







Dr. F r. M a 1 1 e r 






16 


^-jUi 


• 21 J^^ 


70 


t^l 


17 


U^'33^ 


30 J>yi 


80 


L-| 


18 


^*;i 


40 JUjjÜ. 


90 


^y 


19 


M 


80 ^>. 


100 


J- 



20 J:. 60 6::^ 1000 jj 

Die Ordinalia werden, wje im Neupersischen, mittelst des Suf- 
fixes am, um gebildet; z. B. x^^ (^duyamj, ^j^ (driyamj, fjj^ 
(^lörafn)^ Jc*^ (pan^am). Abweichend gebildet ist ^^ (ranbai), 
der erste, auch ^j.j (^wfanbai). Ich halte diese Form für eine 
Verstümmelung des altbaktr. -»«^«^Ä (fratima), altind. prathama. 
Was die Erweichung und den endlichen Abfall des p im Anlaute 
betrifft, darüber .vergleiche man^^ (rdr), auchj^jj (tcrdr) Bru- 
der, altbaktr. f1«^-^) (brätare), altind. bhrdtar, und Jj^ (wfal) 
tragen, altbaktr. ^ (birä). altind. bhar> 

IL Verbund. 

Was diesen Redetheil betrifft, so hat schon Ewald in seiner 
bekannten Abhandlung (Zeitschr. fQr Kunde des Morgenlandes II, | 

S. 301) richtig erkannt, dass der Conjugation desselben, wie im 
Neuporsischen, zwei Stämme zu Grunde liegen , der eine fQr das j 

Präsens und die damit zusammenhängenden Tempora und Modi, j 

der andere für das Perfectum und die damit zusammenhängenden 
Formen. Der Stamm des letzteren ist nichts anderes, als das alte 
Participium perfecti passivi in ta, welches sich aber schon im Ait- 
baktrischen in aitiver Bedeutung nachweisen lasst. 

Bekanntlich stehen im Neupersischen das Participium perfecti 
(dessen Zeichen aT, *.> = allbaktr. -«•^) und der Infinitiv (dessen 
Zeichen ^, C>^ = altpers. tanaiy) in einem gewissen Znsammen- 
hange, derart, dass man, sobald der Infinitiv gegeben ist, ohne alle 
Schwierigkeit durch Substituirung des tah, dah an Stelle von tan, 
dan das Participium perfecti und die davon abgeleiteten Formen 
bilden kann. Im Ganzen hängt auch hier das Participium mit dem 
Infinitiv auf diese Weise zusammen. 



über die Spruche der Avghdaen. i(. 15 

Was das Vefhaltniss der beiden oben angegebenen Stämme zu 
einander im Neupersischen betriflt. so enthält das Participium per- 
feeli passivi nach Abtrennung des Zeichens tah, dak, und mit Be- 
rücksichtigung der obwaltenden Lautgesetee, die Wurzel rein, 
während der Präsensstamm dieselbe mit verschiedenen erweitern- 
den Elementen (deren genügende Erklärung nur innerhalb der 
älteren iranischen Sprachen, Altbaktrisch und Altpersisch, gegeben 
werden kann) belastet auftritt; z. B.: O^b (dddan), part. perf. 
A^b (dddah), während Präsens |>J {dihamj, altind. dadhdmi, 
daddmi (Classe DI) = griech. ri^ri^ki und 3t*a)|jLj. C>ju>. (didan), 
part. perf. a^ (ötdah), während Präsens x.o- (ötnam), altind. 
AVirfiii» (Classi V). "' 

Im avghänischenVerbum scheint derselbe Gegensatz obgewaltet 
XU haben, wiewohl er sich nun — bei der Oberwucherung der ab- 
geleiteten Verba in der Sprache — nicht mehr recht nachweisen 
lässt. Präsens- und Perfectstamm stehen sich hier näher; ihre bei- 
derseitige Differenz beruht meist auf rein lautlichen Gründen. 

Der Präsensstamm stellt meist die reiiie Wurzel dar; z. B. : 
S^J\ (al'watal) fliegen, Präsensslamm j^l (aUwaz) == neupers. 
ÜOij^ (wazidan), altbaktr.^^-^ (waz) + -> (ug). J^ (gwal) 
brennen,^ Präsensstnmm ^^ (aöC). vergl, neupers. f.j^ (aözam). 
Jl-. (mttal) harnen, Präsensstamm>* (miz), vergl. armen. J/^^^^ 
CmizälJ, allbaktr._^*c (mizj. Jlr^. (khatalj aufstehen, Präsens- 
stamm ^tL (hUi), vergl. neupers. m}*^ (kMzam). 

Wie. schon aus den eben angeführten Iiifinitivformen hervor- 
geht, so hat die Verbalwurzel in denselben — folglich auch in dem 
damit zunächst verwandten Participium perfecti — eine Verstumme- 
lung erfahren. Nur bei den Verben in Sdal — verwandt mit den 
neupersischen in tdan — ist dieses nicht eingetreten. 

Wir wollen gleich hier die Bildung der avghänischen Verbal- 
formen im Allgemeinen skizziren und dann zur Darstellung dersel- 
ben im Einzelnen übergehen. Wie oben bemerkt wurde, sind aus 
älterer Periode zwei Stämme erhalten, welche allen Bildungen des 
Verbums zu Grunde liegen, nämlich der Präsensstamm und das 
Participium perfecti. Zu diesen treten, wie im Neupersischen, das 



16 Dr. Fr. Müller 

Verbum substantivum und die Wurzel ^ (bü)t neUp. ö^y (büdan) 
zar Bildung der activen, und die Wurzel >Q9^ O^)* neup. Jj^ 
(iudan), avghän. J^ (swal) j^gehen*', dann „sein** «) in Verbin- 
dung mit den beiden ersteren zur Bildung der passiven Formen. 

A. Vom Präsensstamm werden gebildet: 

I. Das Präsens actiyi durch Anknüpfung der Personalendungen; 
z.B.: pf (kaw-am) „ich thue**, ijy (kaw-ai) „du thust**, ^jy 
Ckaw'i) »er thut** etc.«), vgl. neup. jS (kun-am)^ ^JS (kun-S), 
-XlT (kun-ad). 

IL Das unbestimmte Futurum (Futur-Aorist) durch Vorsetzung 
der Partikel wu (neup. \S) vor die Form des Präsens ; z. B. : f^ 
(vni-kam) ich werde thun, J^ (wu-kai) du wirst thun etc., vgl. 
neup. jS* (bi'kunamjt J^ (bi-kunS) etc. 

III. Der Imperativ, welcher meist den Präsensstamm ohne allen 
Zusatz wiedergibt; z. B.: ^ (kuh) oder tf (Mh) „mache**, neup. 
^(kun)^y 



*) Die Bildung des Passivums mit HHfe eines Verbnms, welches «gehen« bedeatet, ist 
besonders in den modernen indischen Idiomen einheimisch. So lautet im HindAstlnf 

(Urdu) das Passiv ron lijU (mdrnd) „schlagen, tödten«*, UW IjU (mdrd 
ffändj eigentlich «geschlagen gehen« oder „in^s Geschlagensein gehen**. Daher 
Oy^ \>\^- IjU 4^r^ {main mdrd ^dtd kun) ich werde geschlagen, \>U y 

Jb lil»^ (tu mdrd gdtd hai) du wirst geschlagen, öj^ w IjU <JrU 

(main mdrd gayd hun) ich bin geschlagen worden, ^ U IjU ^ (tu rndrd 
gayd hai) du bist geschlagen worden. Ebenso im Bengalf: vO|IM UfJltl 
'^l^lvof^ (dmi dekhd yditechi) ich werde gesehen, vOllf^ Uf JUI f^j^lf^ 
(dmi dekhd giydchi) ich bin gesehen worden. Auch die DrAvida - Sprachen 
kennen dieses Verfuhren. (Vergl. Ca Id well: A comparatire grammar of the 
Dravidian or South-lndian family of languages, S. 365.) — Die Verwendung des 

yjy*> zur Bildung des Passivums fallt bei Feststellung des er Aniseben Charakters 
des Paxto schwer in die Wage. 

t) Vergl. im GtlAnt ^^jX« = neup. ^<^^< 
*) Vergl. im GtlAn!j)xi = neup. ^j|Xi. 



über die Spracba der Avgbinen. II. 1 7 

B. Vom Participium perfecti werden gebildet: 

I. Der Aorist Actiyi durch Anfügung der PersonalenduDgen an 
dasselbe; z.B.: A^ o C^oh Swalam) ich ward, auch m^ o 
(zak itvam) <), neup. mJ^ (iudam) etc. 

II. Der Aorist Passiv! durch Verbindung des Participium per- 
fecti mit dem Aorist von J^; z. B. : »^ ^J^ O'^ ^^^^ iwam) 
ich bin gemacht, ^Jy» ^J^ C^^ *^^* iwai) du bist gemacht, 
neup. »JlSi a^ {kardah iudam), ^JJJ^ ^^ {kardah hdS) etc. 

III. Der Präsens passivi durch Verbindung des Participium 
perfecti mit dem Präsens von Jy^; z. B.: x^ ^Jj (kfai Sam) ich 
werde gemacht, ^ ^Jj (kfai saQ do wirst gemacht, neup. a^ 
pi (kardah iiitvamj, JJ^ ^^ (kardah SuwS} etc. 

IV. Das Perfectum activi durch Verbindung des Participium 
perfecti mit dem Präsens des verbum substantivum; z. B. : j: Ju>^ 
(khatlai yam) ich bin aufgestanden, ^ ^JüsL (khatlai yai) 
du bist aufgestanden, neup. J ^u^lcL (khdstah am}. «^1 CJ^ 
(khdstah S) etc. 

V. Das Perfectum passivi durch Verbindung des Participium 
perfecti mit dem Perfectum von Jy-; z, B. : x ^y^t ^Jj (kfai iwai 

yam) ich bin gemacht worden, ^ ^y> ^Jj (kfai iwai yai) du 

bist gemacht worden, neup. »Wju. 6^ (kardah iudah am), ^a 
J^ bj^ (kardah iudah i) etc. 

VI. Das Plusquamperfectum activi durch Verbindung des Par- 
ticipium perfecti mit dem Aorist der Wurzel 6i2; z. B.: ^^ JC^ 
(khatlai wum) ich bin aufgestanden, ^J^ «J^ (khatlai wai) du 
bist aufgestanden, neup. »jy aI-U- (khdatah büdam), ij^y aL-IcL 
(khdstah budi) etc. 

VII. Das Plusquamperfectum passivi durch Verbindung des 
Participium perfecti mit dem Plusquamperfectum ron Jj^; z. B.: 
M JLr» tJ^ (kfai iwai wum) ich war gemacht worden, jj^ Jj^ 

m 

1) Vergl. im GtlAnt AcJi <= neup. »JuJ^. 

• • \ - • 

•SiUb. d. phil.-hist. Ol. XLII. Bd. I. Hft. 2 



18 Dr. Fr. Malier 

fj^ (Hai iwai wai) du warst gemacht worden» neup. aJl^ a^ 

^jjj (kardah iudah büdam), ö^y^ ^^ ^^ (kardah iudah 
b&dS) etc. 

Was nun die PersonalsufSxe betriflTtt so sind sie im Pa^to iwar 
noch ziemlich deutlich» wenn sie sich auch, was das Anschh'essen 
an die primitiren Formen betrifft» mit den neupersischen nicht 
messen können. Sie lauten : 

c5 (ai) J (ai) 

Deutlich davon sind am und at» welche sich zun&chst an die 
Parsiformen («o» {harn), j^'^ty (hai) anschliessen. d dflrne eine 
VerstOmmelung von {tm für dm sein; t und aH bieten bedeutende 
Schwierigkeiten» die ich yor der Hand nicht zu lösen wage<)- 

Hier mögen auch gleich jene Formen Platz ßnden » welche bei 
der Conjugation des Verbums zur Darstellung der zusammengesetz- 
ten Tempora und Modi verwendet werden» nämlich das Verbum sub- 
stantivum» der Aorist der Wurzel bü und das Verbum Jyii. 

Verbum substantivum. 
jT AJ (zah yamj ich bin y ^y* (müng yü) wir sind 

^^ aJ (taJi yai) du bist i^ \j^^ (tdm ya'ij ihr seid 

Ai:» Uk (haghah stak) er» sie ist Al^i A«i^ (haghah itah) sie sind. 

Davon schliesst sich x (yamJ an armen. ^/* (em^» neupers. A 
(am) enge an, wShrend aI^ (itah)^ das neup. «1^1 (ant), altb. 
*^* (agil) getreu wiederspiegelt »). 



*) Vergl. jedoch im Gtllni aIS = neup. JuS; A^ b neop. w-^l J^; Af^ s 
oeop. J^<^y, 

s) ^ ST neap. ^, allbaktr. » darf hier nicht anffaUen. Abgeseheo daron, daw 

C^9 «5^4» altes» apecieU auf Mniachem Gebiete ta p entwickeltes dentales # 

haben (rgl. alUnd. a«<»), entspricht im Paxto ^ selbst manchmal altem p» s. B. : 

^^ fia/> iwansig s altbaktr. *^«jij>v^ (fripaiti), CJ^^ (vUt) « derselben j 

Form; griech. /"«wofft, /'ctxori. « 



über die Sprache der AvghAoen. II. 1 9 

Aorist der Wurzel bü. 

p *J r*^Ä wumj ich war ^^ Jtj^ {müng wA) wir waren 

J^ Aj (iah wai) du warst j^j ^\i (idau wai) ihr wäret 

hj od.j A^ (haghah wuh) er j^ a^ (haghah wü) sie waren 
war (masc.) 

h *^ Oiaghah toah) sie ^ a^ (haghah tvi) sie waren 
war (fem.) 

Verb um Jy» (swal). 

Prisens. 

1^ *j («flÄ iam) ich werde j:^ jji^ (müng MJ wir werden 

^ a; ^/äA mi^ du wirst J^ j^^ (tdsu saij ihr werdet 

^ liA, (haghali st) er wird ^ a^ (haghah ii) sie werden. 

Aorist. 

fy* O r*«A f^alam) oder jl^-i jji^ ^»wiiii^ «ira/fl^ oder 

fr* O r««A «Wm^ ich war ^^ ^^ ^iwön^ «WJ wir waren 

J^ aJ (IfflA /ira/ai> oder ^^ ^\1 (täsu itoalatj oder 

^^C (iah 8 wai) du warst ^^ ^M (idm swaij ihr wäret 

a:- a^ (haghah iah) er war Jy- Aj^ (haghah iwal) oder 

a1^ a«^ (haghah swalah) ^ Ai^ (haghah itou) sie waren 

oder (mtsc.) 

A^. A^ (haghah itoah) sie Jjw Aj^ (haghah iwali) oder 
war 

jw AÄ^ (haghah ewi) sie waren 

(fem.) 

Pcrfectoin. 
j^ c5y» O 6«A Arn» yam^ ^ ^5^1 jji^ ^mö»^ /ir/ yd^ wir 

ich bin geworden " sind geworden 

Cft ^r" ^ 0^1^ A'«» »«l> ^ t5^ sJ^^ (idsu swi ya'i) ihr 
du bist geworden seid geworden 

4^3 ^^ am^ (haghah iwaidt) ^^ ^^ Aiüb (haghah iwt dt) sie 
er ist geworden sind geworden 

(masc.) 
*-> ^ A^ (haghahiwidah) *.> ^^ Amk (haghah itod dah) 
sie ist geworden sie sind geworden 

(fem.) 
2* 



20 Dr. Fr. Malier 

PlusquaniperfectoDi. 

fj *^y** O («aA iwai wum) j^ jp^ jC»^ (müng iwt mt) wir 

ich war geworden waren geworden 

t5^ ij^ aJ ^^a/i swai wai) ^^ j;^ ^U (^idsu iwi wai) ihr 

du warst geworden wart geworden 

h ^y^ ^^^ (haghah iwai wuh) ^^ ^yü» A«*» (haghah swt wu) sie 
er war geworden waren geworden 

(masc.) 

A^ y^ A^ (haghah iwi mahj ^ ^Jy^ Aä*» (haghah iwSwi) sie 

sie war geworden waren geworden 

(fem.) 

' Was nun die Erklärung jener Farm, auf welcher die Conjuga- 
tion des avgbinischen Verbums zumeist beruht, nämlich des Par- 
ticipium perfecti betrifft (mit dem die Erklärung des Infinitivs 
zusammenhängt), so ist sie, wie auf den ersten Anblick scheinen 
möchte, nicht leicht. Denn vergleicht man Formen wie den Infi- 
nitiv ^y^ (khatal) mit dem dazu gehörigen Präsens mj^ (khi- 
iam), so ergibt sich daraus, dass ersterer statt khastal = neup. 
v>^le>^ (khästan) steht. Eben so steht dem analog JJ^l (alwaiaij, 
verglichen mit dem Präsens pjJ\ (alwazam) ftSr alwattaU J-;* 
{mitalj, fjj-» (mtzam) filr miital Aus diesen Fällen folgt tdl als 
Zeichen des Infinitivs« eine Form, die zu dem neupersischen ian^ 
dan (alt: tanaiy) schön zu stimmen scheint. 

Betrachtet man aber Formen wie J^w>> CZ^X^O trinken, neup. 
'OjJ^ (öaitdan) kosten, ^J (kral) machen, neup. ö^ (kar- 
dan}, Ja_p^ (khwaral} essen, neup. '0^jj>^ (khfardanj, J^ 

(iwäl) gehen, sein, neup. OJui (itidan)^ Jjj^ (parwaral) auf- 
ziehen, neup. O^j^j» (parwardanj, so ergibt sich nur l als Zei- 
chen des Infinitivs. ' 

Es fragt sich nun, wie hängt dieses / mit dem eben gefun- 
denen tal zusammen? Ist es aus demselben verstümmelt oder ist / 
das ursprüngliche Zeichen des Infinitivs und tal nur eine Erweite- 
rung desselben? 

Um diese Frage gewissenhaft zu beantworten, wird es gut sein, 
das Participium perfecti, wie es in der Conjugation des Yerbums 
verwendet wird, sich genauer anzusehen. Von ,Ja (khatal) lautet 



über die Spreche der AYgliAoen. II. 2 I 

der Aorist i^ (Jkhatlam) oder ii. (khatam)^ das Perfectum 
X iÜ (khatlai yam) etc. Daraus geht nun hervor, dass iaU oder 
verkürzt ia^ als Charakter des Partieipium perfeeti gilt. 

Ist nun ial wirklich = tan, so ist die Form des Particips tla 
(iala) rein unerklärlich. Zudem ist / = « im Pa^to lauflich gar 
nicht zu rechtfertigen; denn l kann hier ausser altam /, r nur noch 
altem U d entsprechen. Nehmen wir aber nach lezterer Lautregel 
l^ i (mit Abfall des schliessenden n) an, so ist damit einestheils 
die lautliche Schwierigkeit gelöst, anderestheils werden die Formen 
J-lsi-, J^etc. erklärlich. 

Nach diesem wäre das SufGx tal zusammengesetzt. Wie ist 
nun das erste Element in demselben — nämlich ia — zu erklären? 

Ich glaube, dass wir hier eine Bildung vor uns haben, die 
auf den ersten Anblick zwar etwas fremdartig aussieht, aber in der 
Sprachgeschichte nicht vereinzelt dasteht. Ich halte das ta für ein 
Cberbleibsel der älteren Participialbildung mittelst ta* welche Form 
bekanntlich in den eränischen Sprachen eine grosse Verbreitung 
gewonnen bat. Es scheint nun diese Bildung bei einigen Verben statt 
des Präsensstammes als Substrat bei Bildung des Infinitivs ange- 
wendet worden^ zu sein, so dass sich an das Zeichen ta, dessen 
Werth in der späteren Zeit gar nicht mehr gefühlt wurde, die Zei- 
chen des Perfectparticips ta, das im Pa^^to in la überging, und des 
InGnitivs tan, das ebenso in la sich verwandelte, anschlössen. 

Während nun nach dem eben Erörterten in mehreren Formen 
eine zu freigiebige Anwendung des alten Participialzeichens ta zu 
Tage tritt, haben wiederum viele Formen dus Zeichen des Parti- 
cips ganz verloren, indem das Z, welches im Paj^to dafür eintrat, 
ganz verschwand. So in den Formen ici. (khatam), Aorist von 

Ji- (khatal) statt AJi. (khatlam), x^i ^^ (krai iam), Präsens 
pass. von df (kfal) statt ^ j/ {^ralai iam) «). 



«) Vergl. die GtUoI - Formen ^s£ = AJuJIä^, Ar jLi =* >-Xj Ju , ,^1 jj = 
in welchen darchgehends dns Zeichen des Perfectums J ausgefHllen ist. 



22 Dr. Fr. Müller 

Um diese kursen Bemerkungen (die keineswegs eine Lehre 
der avghinischen Conjugation darstellen , sondern nur das YerLftlt- 
iiiss derselben zu jener der iranischen Sprachen überhaupt be- 
leuchten sollen) zu erläutern, fOge ich im Nachfolgenden eine 
Übersicht der Conjugation des Verbums in den Hauptformen bei. 

Acut. 
Infin. Jls^ aufstehen » khas^taL 

Prfisensstamm : j^ 

Präsens. 



Slngolar. 


Plml. 


I. ^j^ 


I. ^ 


n. ^}^ 


«• Jh^ 


in. ^^ 


in. ^^ 


Unbestimmtes Fulurum. 


I- f-^J - I- 


^^j 


II. ^}^j • n 


. ^' 


III. J|>sLj JAÄfc III 


■ kSj^^ -> **^ 


Imperatir. 


m. M. • 


Oji. 


» * 


Aorist. 




I. |\J»> oder 


I. ^^ oder 


r; 


^ 


n. ^J^ oder 


IL ^^Jl;^. oder 


J^ 


J^ 


III. m. Oy^ 


m. m. Jli* 


fem. ^J^ oder 


fem. ^Jji. oder 


Küi^ 


J^ 


Perfectum. 




I. f^j^ 


I- >.J^ 


"• c5i J^ 


"• JJ^ 


III. J^ J^ 


ni. ^^ J:^ 



Ober die Sprache der Avgbteek. 11. 23 

Plasqaamperfectain. 
fiiiCilar. nml. 

III. ^yj:>^ III. ^^ Ji. 

P a s s i T. 

Infin. J^ machen« 

Präsens. 

1. ^^f I. y.^/ 

u. ^ ^/ n. ^ jf 

Unbestimmtes Futorum. 
1. ^ *; c^/, I. > *; cj/^ 

n. ^ *i j;/^ II. ^ A< J^^^ 

m. ^ <ü ^/, iii. ^ *> jtfj 

Imperatir. 

Aorist. 

IL Jtr'c^/j II. J^c^/, 

III. *i ^^j III. y. tj/j 

Perfectiim. 

m. ^j ^y. j|/ III. ^.> jjy, ^5/ 

Plusquaroperfectum. 
'• [iySy'ysS I. iiJy'xSS 

n. ySi^y^^S ". J.jc^y-c^/ 

in. 4^ j?y. ^/ in. j^ ^y. ^/ 



24 Dr. Fr. Müller, Über die Sprache der AvghAneo. IL 

Diese Übersieht wird hoffentlich Jedermann Oberzeugen, dass 
das avghänisehe Verbum von dem neupersischen in seiner Anlage 
sich wesentlich nicht unterscheidet. Einen Unterschied beider 
bildet die Motion, die ich bei meiner Darstellung absichtlich nicht 
näher berücksichtigt habe. Sie erklärt sich eben aus dem Umstand, 
dass das Pa^to, wie oben beim Nomen bemerkt worden, ein gram- 
matisches Geschlecht kennt, während das Neupersische das Gefühl 
dafür ganz und gar verloren hat. 

Diese Skizze, bei der ich mich, aus nahe gelegenen Gründen, 
auf die persische Schriftsprache beschränkt habe, würde bedeutend 
detaillirter und anschaulicher ausgefallen sein, wenn ich die neu- 
persischen Provincialdialekte (z. B. den durch Dorn und Hirza 
Schaft*" in neuester Zeit näher bekannten mäzandaränischen) und 
das Kurdische zur Vergleichung herbeigezogen hätte. Es würde 
sich da gezeigt haben, dass das Pa^^to in ähnlicher Weise wie diese 
zur schriftlichen Darstellung selten verwendeten Sprachen sich ent- 
wickelt und dabei der persischen Schriftsprache gegenüber theils 
vieles Alte treuer bewahrt, theils aber eben desswegen, weil es 
nicht so wie diese geschützt war, manche Zerstörung zu erleiden 
gehabt hat. 



B o i> i t z , Aristotelische Studiea. 25 



Aristotelische Studien. 
3. 
Von dem w. M. I. ■•■ilf. 

II« 

Bei längerer Ausdehnung des Vordersatzes einer Periode ist es 
ein berechtigter Wunsch, den Beginn des Nachsatzes durch den- 
sprachlichen Ausdruck bestimmter markirt zu sehen. In dieser Weise 
finden wir in den bisher zur Sprache gebrachten Fällen häufig bei 
dem Beginne des Nachsatzes Partikeln angewendet, die entweder an 
sich folgernde Bedeutung haben oder doch durch ihre sonstige Be- 
deutung sich mit dem Ausdrucke der Folgerung passend verbinden, 
nämlich äpa und Sri, Mit dem Gebrauche dieser beiden Partikeln 
ist der von oOv insofern nicht gleichzustellen, als oltv seine eigent- 
liche Stelle in der blossen Parataxis von Sätzen hat, nicht in dem 
Falle der syntaktischen Verbindung von Vorder- und Nachsatz. 
Indessen der Umstand, dass in bekanntem Sprachgebrauche nach 
einer Parenthese ouv zur Wiederankniipfung des Satzes dient (z. B. 
nach einem durch 7dp parenthetisch vorgeschobenen Satze der Be- 
gründung Xen. Anab. 1, 5, 14 d d^ üpöf^evov, Irv^s yo^p uortpoi; 
Kpoaitav xal rd^ig aüroi inoiiiv-n rcDv d;rX(rcov, eCJ^g ouv eig rö /xiaov 
(kikforip(*}v aycov e^ero ra onXa. Herod. 1 , 69 o» Aoexcdat/xövcoi, 
XpriaavTog toO J^soO rdv "EXhiva. <piXov npoa^id^ai^ vi^iag yap ttuv- 
^OLyoikcci nposardvat rrjg 'EXXdSög^ Cfi».£ag c5v xara tö yjaoarriptov 
npocxakioiLai u. a. m.), bildet wenigstens die Brücke dazu, dass 
nach einem längeren Vordersätze, auch wenn derselbe nicht etwa 
durch parenthetische Erweiterungen zu diesem Umfange gelangt 
ist, durch oxjv am Beginne des Nachsatzes die Verknüpfung dessel- 
ben mit dem Vordersatze in Erinnerung gebracht wird. Sätze dieser 
Form bat Held an zahlreichen Stellen Plutarch's nachzuweisen 
gesucht (Acta Honac. II. 33 (F.), an welchen man sonst, meist mit 
Änderungen in den satzverknüpfenden Partikeln, den Nachsatz schon, 
früher beginnen lässt, und wenigstens in einzelnen der von ihm 



26 B o n i t s 

behandelten Stellen sind ihm die neueren Ausgaben gefolgt. ( Vergl. ins- 
besondere die eingebende Bemerkung und reiche Beispielsammlnng 
von Schömann Piut. Ag. et Cleom. p. 190 ff.) Bei Aristoteles 
steht die aus dem epanaleptischen Gebrauche hervorgegangene und 
ihm nahe verwandte Anwendung von ouv im Nachsatze ausser allem 
Zweifel. Zur Erleichterung des Überblickes werde ich die in Betracht 
kommenden Sätze nach denselben Gesichtspuncten gruppiren» wie 
in dem ersten Abschnitte, und bei jeder Kategorie von Sätzen den- 
jenigen Fällen» in denen ich von der bisherigen Auffassung der 
SatzfQgung glaube abgehen zu müssen» ein paar Beispiele voraus- 
schicken» in denen schon die Beklcer'sche Ausgabe durch ihre Inter- 
punction den Beginn des Nachsatzes in dem mit oSv eingeführten 
Gliede anerkennt. 

1. Sätze mit mehrgliedrigem Vordersatze. Meteor, ß 4. 
15 361 al4— 21. 

intl 6i nXtXoTov fx^v xaraßalvBi ijScap iv roOrot^ roXg rönrot^ 
if^ Gvg Tpintrai xal df' ojv, ouroe i' daiv o re npig apxrov xa^ jxc- 
<mi>.ßplav^ GTCOV Si n^eXarov vi(ap >5 7>3 iiy^sraij lvraö.&a nrXfeartjv 
dvayxaXov ylvia^at riiv dvaJ^ixiaaiv napOLTzkoaitag ceov ix ^Xcopcüv 

Äv o5v ivrivätv yiyvoiTO t« nXBitjTa xai xvpitbrara tcSv Trvcujx^rojv. 

In diesem Falle unterliegt es keinem Zweifel» dass der durch 
knd eingeführte begründende Vordersatz aus drei Gliedern besteht» 
nämlich erstens, welche Gegenden haben den meisten Regen» zwei- 
tens» mit der Menge des in die Erde aufgenommenen Regens trifft 
zusammen die Menge der Verdunstung, drittens» die Verdunstung ist 
Anlass des Windes; hieraus folgert dann der durch ouv eingeführte 
Nachsatz» aus welchen Gegenden die meisten Winde zu erwarten sind. 

Soph.el.24. 179a26 — 31 npd^ di rov^ napärd orjyißEßrixdg fxla 

Ikiv ifi a\jrii XOatg npdg ccKavrag, Ind yocp dSiöptarov iart rd ttötc XexWov 

ijtl Toö npdyikOLTog^ orav ini roO (rjif.ߣßr^x6Tog ö^rdpj^ij), xai €;r' ivltav 

Ikiv ioxeXxal faalv^ in^ ivitav d*ou ^aaev dvayxaXov efvat, fr^riov 

M ovv avikßißaa^ivTog dfXoeoD^ npdg dnavTag ort oOx dvayxaXov. 

Im Nachsätze habe ich die Lesart der filr das Organen bedeuten- 
den Handschriften A und C avp.ßißaaJ^ivTog geschrieben» während 
Bekker und Waitz mit den anderen Handschriften ^/xßcßaor^ivra^ 
haben; crjii.ßtßaaJiivrog heisst „wenn der Schluss gezogen wird**. 



Ari«to(elUcbe Stadian. 27 

Gleiche Satiform findet man schon durch die Bekker^sche Aus- 
gabe bezeichnet Anal. pr. «4. 26 ft 14 — 20» und» um auch aus 
pseudoaristotelischen Schriflen Beispiele beizubringen Pbysiogn. 4. ^ ^ 
809 a 3—16. Hechan. 3. SSO a 36 — ft 2. 6. 861 b 2— S. 

Die gleiche Form der Satzfugung ist an mehreren Stellen an- 
zuerkennen, wo die Bekker*sche Ausgabe sie noch durch ihre Inter- 
punclion verdeckt hat Am Anfange des vierten Capiteis des ersten 
ßuches der Psychologie kritisirt Aristoteles die Ansicht jener Philo- 
sophen» welche die Seele als ap/xovea definiren, und bringt nach 
anderen Einwendungen gegen diese Definition folgende Widerlegung 
408aS— 11: 

Ire S* tl Xiyoiksv Hiv. cepfxoveav sig iOo dnoßXinovre^ , xoptthrara » 
piiy rcMV i^Eye^dv iv rot^ iyovat xlvriatv xal ^iatv rf}v (jOvJ^ecftv 
ai^rctfv, insiSav ovrta auvapfiöCcoarev wäre jjLi>7d^v axjyyevii napaUyit" 
a^ai, ivriv^iv ii xal röv rcDv |xe/xc7|xivei>v X670V, o'jiiripoiyg 

fth' oSv £0Xo7ov, ifi ii aOv^satg r&v roO acK>|xaTO^ jjiepaiv Xlav cOe^i- to 
TUOTog . . . dfxoico^ ii äroKOv xal < rd > röv X670V r»7^ y^l^^^^ cfvae 

Der Vordersatz legt die beiden Bedeutungen von cepfxovca dar, 
der Nachsatz spricht zuerst allgemein aus, dass in keiner dieser 
beiden Bedeutungen man mit gutem Grunde die Seele eine cep|x6vea 
nennen kann, o^jisriptag fxev c{)v eijXoyovj nämlich rriv ^vyiiv &piLO^ 
veov efvac, worauf sodann die nähere Ausführung für jede der beiden 
möglichen Bedeutungen von dpiLovla insbesondere folgt, ifi ii aOv- 
äeaig xtX. und djuioeei)^ ii äronov xai < rd > rdv X670V tv5^ 
Ikl^etag xrX. Diese Satzfugung bezeichnen durch ihre Interpunction 
Trendelenburg und Torsirik (mit letzterem habe ich im Anfange des 
Satzes auf gute handschriftliehe Beglaubigung den durch den Sinn 
erforderlichen Indicativ XiyopiBv statt des Optativs Xc7ocfA(v der bis- 
herigen Ausgaben gesehrieben); wenn die Interpunction Bekker*8, 
der vor orjisTlptüg einen Punct setzt, nicht ein blosser Druckfehler 
'st, so wird dadurch die Möglichkeit der Construclion aufgehoben. 

An einer anderen Stelle der Psychologie ist auch in den nach 
Bckker erschienenen Ausgaben die Satzfugung verkannt, de an. ]ä 11. 
423 a 21 — 6 2. Aristoteles bandelt von dem Tastsinne und geht 
auf die Frage ein, ob auch bei dem Tastsinne, wie bei dem Gesichte, 
dem Gehöre, dem Gerüche, ein zwischen dem Sinnesorgane und dem 
Objecto liegendes Medium die Wahrnehmung vermittelt, oder ob 



28 B o n i t X 

beim Tastsinne und beim Geschmaeke das Sinnesorgan und das 
Object in unmittelbare BerOhrung treten. Den Satt, in welchem 
^ Aristoteles diese Frage entwickelt, will ich sogleich in der Form 
schreiben 9 welche die mir nothwendig scheinende Construction 
bezeichnet: 

dnopviaeu S' av rtg ei nav aojiia. ßdJ^og ^X"^ foOro J* i<jri t6 
rpirov [xiyeJ^og' Jiv S' iari dOo (xw/xdrcüv /xerafO aO^iKd ri, oüx ivdl- 
yerai raOra dMAXtüv anredJ^oct • rd J' (jypov oOx iartv dvev ffc&fxa-- 

ts Tog ouii TÖ $itp6v^ dXk' dvayxaXov xjS(*}p eivai % iy^iiv Cdcap' rd ii 
aTrröjxeva dXkhXtav tt rö ij^an fiii fyipQv rwv dKpu}v övrtnv dvocyxaXov 
vitap ^X^tv ixBTOL^O , oC^ dvdjrXca rd iT^jxra • d 5i toöt* d\riJ^£g^ 
diuvoLTOv a^aaJ^ai d}^o d/lov iv viart * röv atjrdv di rpönrov aal iv 

30 T^ dipi (öjAOto)^ ydp iyei 6 drip npög rd Iv aOrö xal rö vScap npdg 
Td iv rtji ödari^ Xav^dvei de jüidXXov >5|xä^, ^aizep xai rd iv toj Cdari 

* Ccf>Ä) £^ diepdv StepoO &7:rerai) • nörepov o5v TrdvTwv öjjloioj^ iortv 

>5 at(7^(7t^ >i öcXXcdv aXXw^, xa^dnep vOv SoxeX tJ fxiv 7£ö(Jt^ xac i5 

,»Man könnte folgende Frage aufwerfen. Wenn jeder Körper 
Tiefe als dritte Dimension hat; wenn zwei Körper, die einen dritten 
mitten zwischen sich haben, sich nicht einander selbst berOhren 
können; wenn Nässe und Feuchtigkeit nicht ohne körperliche Aus* 
dehnung sein können, sondern Wasser sein oder Wasser haben 
roQssen; wenn Körper, die im , Wasser einander berühren, ohne 
dass ihre Grenzflächen trocken bleiben, nothwendig Wasser, welches 
ihre Grenzflächen bedeckt, zwischen sich haben müssen; wenn unter 
der Voraussetzung der Wahrheit dieses Satzes nicht ein Körper den 
andern im Wasser berührt, und eben so wenig in der Luft, bei der 
das Verhältniss dasselbe ist und sich nur uns, weil wir selbst in der 
Luft leben, mehr verbirgt: so fragt sich, ob bei allen Sinneswahr- 
nehmungen der Vorgang der gleichariige oder ob er bei den einen 
ein anderer ist, als bei den anderen, gemäss der jetzt verbreiteten 
Ansicht, dass die Sinneswahrnehmung des Tastens und des Ge- 
schmackes durch unmittelbare Berührung des Objectes, die anderen 
aus der Ferne durch ein vermittelndes Medium geschehen.*' 

Die Unterscheidung des Tastsinnes und des Geschmackes in der 
Art ihrer Thätigkeit von den übrigen Sinnen ist für Aristoteles die 
»n seiner Zeit verbreitete Ansicht (xaJ^dnep vOv doxfit), die er 
bestreitet (rd S^ oux rariv b 3); die Bestreitung wird zunächst in der 



Ariatoteliscbe SUdieo. 29 

Form einer Frage» einer dnopia eingeführt dnopriaeuv äv re^ Tröre- 
pov ;rdvrot)y d/xocco^ i<jriv -h ala^ai^ ^ aXAcüv aXXcog. Zur Motivirung 
dieser Aporie werden diejenigen Erwägungen dargelegt» welche zur 
Entscheidung der Frage gegen die rerbreitete Ansicht fuhren; die 
Darlegung der Erwägungen geschieht in dem durch die Partikel e^ 
eingeführten Vordersatz» welche Partikel im vorliegenden Falle nicht 
eine eigentliche Bedingung bezeichnet, sondern wie dies auch in 
anderen Sprachen zulässig ist» einem d S* iarlv akfi^ig^ »»io Erwä* 
gung, dass** gleichkommt. Diese Partikel herrscht fort bis zu nort" 
pov CUV und das im fünften Gliede sich findende si ist nicht eine an 
dieser Stelle unmotivirte Epanalepsis jenes den Vordersatz einlei- 
tenden £c, sondern ihm untergeordnet» so dass man ohne Änderung 
des Sinnes setzen könnte: ourcj S^ iy^ovrog ro6rov dduvarcy xrX. oder 
toOtov d' ovTog dlrjJ^ovg dSOvocrov xrX. — Bekker und Trendelenburg 
setzen a 24 nach a/rrea^^ac, a 25 nach u^cop, a 28 nach u^arc, 6 1 
nach anrrerac Puncte; durch eine solche Interpunction ist der Ge- 
danke an eine Construction des Satzes überhaupt aufgegeben» eine 
Ansicht, welche durch die gegebene Nachweisung einer Satzfögung 
widerlegt ist; denn si etwa in dem Sinne von „ob^ zu nehmen „man 
konnte die Frage aufwerfen ob"* etc.» wird von Trendelenburg mit 
Rücksicht schon auf das erste Satzglied mit Recht abgelehnt. Tor- 
strik ändert allerdings diese Interpunction und lässt den mit dnop-h» 
astev av rig beginnenden Satz bis b 28 OSari sich erstrecken» indem 
er unverkennbar ei oi roör' dl-nJ^ig nicht in der vorher bezeichneten 
Weise dem ersten ei unterordnet» sondern als Epanalepsis desselben 
betrachtet. Wesentliches scheint durch diese Änderung nicht gewon- 
nen zu sein; denn unmöglich kann man doch» wie man es nach 
dieser Interpunction müsste» als Angabe der durch dKopriaiuv dv riq 
angekiindigten Frage den apodiktisch ausgesprochenen Satz betracln 
ten aduvarov dXko aXXcu d^aa^ai iv CSari^ sondern man kann diese 
Angabe erst in den Worten norepov ouv xrX. finden und gelangt so 
zu der vorher aufgestellten Interpunction und Satzfügung. 

In Betreff einer Stelle der Nikomachischen Ethik Eth. N. i 9« 
1170 a 25 — b 8 habe ich bereits in meinen Obs. crit. ad. Met. 
p. 35 die Behauptung ausgesprochen, dass die bisher zerrissenen 
Satzstuckchen in ein Ganzes zu verbinden seien: den dort gegebe- 
nen Andeutungen ist theil weise die Didot^sche Ausgabe» vollständig 
Fritzsche in seiner Ausgabe des 8. und 9. Biicehs der Nik. Ethik 



30 B o n i t X 

(Giessen, 1847) gefolgt; Bekker dagegen hat auch in dem neuesten 
Abdrucke der Octa?au9gabe (1861) seine urspnlngliche Inter- 
puncUon beibehalten. Da der Beweis für die yon Aristoteles beab- 
sichtigte Satzfdgung hauptsächlich von der Einsicht in den Gedan- 
kengang abhSngig ist» so verbinde ich mit der Besprechung der 
bezeichneten Stelle zugleich noch einen in derselben Gedankenreihe 
vorausgehenden und einen nachfolgenden Satz, welche einer Berich- 
tigung der Construction bedürfen und ihrer Form nach dem ersten 
Abschnitte angeboren wQrden (vergl. Bd. XLI» S. 402). Aristoteles 
behandelt die Frage, oh der GlQckselige der Freunde bedürfe. Man 
verneine diese Frage gewöhnlich, sagt Aristoteles, indem man nur 
die auf den Nutzen gerichteten Freundschaften in's Auge fasse und 
mit ihrer Ablehnung Ober Freundschaft Oberhaupt abgesprochen zu 
haben glaube. Um sich zu überzeugen, dass diese Entscheidung 
falsch ist, brauche man nur auf die ursprüngliche ErklSrung der 
EudSmonie als einer Thätigkeit, ivipyiioj zurückzugehen, e 9. 1169 
6 30— 1170 a 4. 
so £^ ii t6 €rj8aiikov€Tv iariv iy t& (i}v xai ivepyeXv^ roO d'dya- 

J^oO ifi ivipytia arcoviaia xac Tf/iela xoc^' a^frriv , xaJ^dnep iv dp^fi 
dprirat^ icrri ii xae rö oe'x£iov röjv >7d€0i)v, J^ecüpeXv ii fxäXXcv 
99 rcu^ niXag dvvcejxe^a ^ iaurcO^ xal rag ixelvtav npd^tig ^ rdg 
« oUsiag^ ai tS)v anoviaiüiv Üi npd^etg flltav cvrcav iiielat roTg 
dyaJ^oXg* afjiyo» ydp iyorjGt rd, rp (pOaet r,iia. 6 i^axdptog iri (plX<üv 
rocourcov dr^acrac, iinep J^etapeXv npoaiptXrai npd^nq inuixtXg xal 
oixüoLq ' rotaOrae ä' ai rod ayadcO ^(Xcu cvrc^. 

So wie der Satz hier mit Bekker geschrieben ist, muss man 
als Folgerung aus den durch €^ eingeleiteten Prämissen den Satz 
betrachten ai rcSv anoxtiaitav i^ npd^zig — -hiia^ mag man nun nach 
-hiia mit Bekker einen Punct, oder mit Zell ein blosses Kolon setzen: 
«so sind also fUr die guten Menschen die Handlungen von braven 
Menschen, die ihre Freunde sind, ein Gegenstand der Freude, denn 
diese Handlungen besitzen die beiden von Natur erfreuenden 
Momente*", nämlich sie sind imtixtXq und sie sind o^xerae, wie im 
Folgenden bei Wiederaufnahme desselben Gedankens ausgesprochen 
ist«). Aber nicht dieser Satz ist es, auf welchen Aristoteles nach 



*) Die im Obigen gegebene Brklirvng der Worte &|i9«o fap i^oom xä x% 96«» ^^im, 
dt»i dieeelben nimlicb bedeaCeo t «l tä>v eicov(«itt>y «pd^cic ^üicov Cvtcov ^oonv i|ifo) 



ArUtotelitcbe Studien. 3 1 

seiner ausdrQcklichen Erkläraog (b 27 oO ioMX isla^ai ftktav. roOro 
d*oüx fortv Taco^ dXriJiig) hinsteuert» sondern der Sutz» dass der 
GlQckselige allerdings der Freunde bedflrfe; und ferner fQr die 
FolgeroDg, ai rtbv anoviodcay iii npd^stg xrX. sind zwar die Torher- 
gehenden Prämissen von der zweiten an (rov i^ dya^oO xrX.) ver- 
wendet» aber nicht die erste, an die Spitze des Ganzen gestellte 
Prämisse ei ii rd eTjSaiiLOvsXv larlv h ref> C^v xai IvepysXv^ welche 
nur verwerthet werden kann in einem über den eCSalyLCüv handeln- 
den Satze. Endlich, wenn schon der Satz ai rouv anovioiitüv iii 
npd^sig als Schlusssatz, nicht als eine blosse Stufe in der Reihe der 
Prämissen ausgesprochen wäre, so ist ganz unwahrscheinlich, dass 
dann die das Ziel des Ganzen bildende Folgerung nur in der gleichen 
Weise, wie der unmittelbar vorausgehende Satz durch ein 6 iiaxd" 
pcG^ iii eingeleitet wQrde, sondern es wOrde durch eine Wieder« 
anfnahme des gesammten Vorausgegangenen, etwa si 9h raGr'dXi?^, 
avikßalvsi oder auf ähnliche Art, der Abschluss als solcher im Unter- 
schiede von einem blos vorbereitenden Gliede markirt sein. Alle 
diese Erwägungen fahren zu demselben einen Resultate, dass Ari- 
stoteles den Satz ai rcuv arcovialtav xrX. nicht wird in der Form 
eines Schlusses, sondern in der einer Prämisse ausgesprochen haben, 
also ai rdv (inojjiaiuiv ii npd^si^ zu schreiben, und dann unter 
Setzung eines blossen Kolon nach i^iia der Nachsatz mit 6 ikoxdpio^ 
ZQ beginnen ist (in welchem Qbrigens vor totaOrat keine stärkere 
Interpunction als ein Komma stehen darf). Diese Änderung wQrde, 
bei dem Oberhaupt (vgl. Bd. XLI, S. 407 zu Phys. < 1. 224 a 34 (T.) 

ti T§ fOsti ifiia, t4 xt axo^aaiat tlvat xal t^ oUtlat, bedirf fQr den »ttfnierkt»me« 
Leser, der die ▼omuMgebenden Worte: toO 3* d-faaoO f) i-Af^tia eiMuS«(a x«l ^tXa 
wa.V9vdiy, Im <t xal xh olxtiov tföv f)9<tt>v. und die nachfolifeudeu irpdi|tt; imtixtlc 
«ci obuie; beachtet, ichwerlich einer weiteren Reeblfertigaojc, leb erwihoe die> 
eelbe nnr, weil Zell endere auslegt : »Sy-yw. intellige 6 oieovftalo« xelifiXoc eutoO", 
und diese spraehlicb und seeblich unmögliche Erklirung^ Ton Prit^sche b. d. St. 
aotdr6cklicb gebilligt wird. S|»r»ehlicb unm5glicb, denn enf welche Welse soll mtt 
denn sns Ariatoteles* Worten su dem Gedanken kommen, nnter i|jif <i> alt iwei Per- 
sonen diejenigen xn nnterscbeiden , welche In Toransgebenden Sats« als awel 
Eigenschaneu derselben Pereon bexeichnet waren, et tüv onouSelcuv— ^UtovSvMDvt 
In aachlicher llineicht aber rennng ich mir in Aristoteles* Sinn nicht so denken, was 
6 evMteto« xsl 6 fUo« aOtod f^ouffi xi t^ föaei ^ia belssen soll. Das Richtige war 
in diesem Fwlle schon aus Enstratius* Commentar xo entnehmen ISO « fdoti ydp tletv 
4){ta «dvxe tä xaXd. xi xax' dptXTJv. o6 |/i6vov V tblv i^Ua t« xot* dprH)v. dXXä xai td 
olxsia xdv ffc^ d>9( oicou^ala . . . «b«Tt xal t<{> tüSaiinovi xä sUtT« Ip^a 8 1 x ü c tlvlv -i)Bi« 
xal IOC otxtTa xai u>c ffico«j3«I«. 



32 B o u i t z 

uad namentlich in der Ethik häufigen Schwanken der Überlieferung 
zwischen $i und Sij durch den Zusammenhang gerechtfertigt sein 
auch ohne handschriftliche Autorität; übrigens scheint selbst diese 
nicht zu fehlen, da in der Aldina und den beiden Basler Ausgaben, 
eben so im Lemma des Eustratius zu dieser Stelle Si steht, und Zell 
überdies dasselbe aus einer Breslauer Handschrift anführt, über deren 
Werth die Notiz ZelTs (I. p. 4) keinen ausreichenden Aufscbluss 
gibt; L'ambin setzt in seiner Übersetzung ebenfalls Si voraus. 

Nachdem Aristoteles zu dem Beweise, welcher in dem jetzt 
behandelten Satze ausgeführt ist, noch einige bestätigende Bemer- 
kungen hinzugefügt hat, beginnt er a 13 einen neuen Beweis, bei 
welchem er nicht von dem Begriffe der Eudämonie, sondern von dem 
des Lebens, ferner der duvafjie^ und ivipysia ausgeht Qpvaix(ß)Ttpov 
imcjxonoxjaiv xrX. a 13). Nämlich in folgender Weise. Für den sitt- 
lich guten Menschen (rtji anovdaita) ist das ein Gut und ein Gegen- 
stand der Freude, was an sich und seiner Natur nach ein Gut ist. 
Das Leben ist ein Gut an sich. Das Leben besteht in der wirklichen 
Thätigkeit des Wahrnehmens und Denkens. 

«5 ei S* aurö rö C^v dya^dv xai i/jSO (foixc di xat ix toO Tzdvraq 

opi^gj^aiaÜTOö, xaX iLdiXiora. roxjg imeixeXq xac juiaxaplovg' robroiq 
yäp 6 ßiog «epcTcoraro^ xal i5 rouTcov fxaxaptojraTYj C^i^)? ^ ^ ^pc3v 

*• ort 6pq, aia^dvETOii xai 6 dxoO(t}v öti dxoxjti xod 6 ßoLSi^aiv dn ßadi^ei 
xai ini r&y dXkcav öfJio(cü^ hrt rt tö aioSavoiievov ctc ivrpyoöjxev, 
cüjt' aia^avoliLs^' dv ort aia^avöiiz^a xai voot^cv ort vooöjicv, tö 
i' ort atJ^avo(X£3;a yj voo\Ji>.ev ort i<j^iv (rd yäp ctvac ^v aia^d^ 

* V£(7.&at vi voetv), t^ Ä' aia^dveaJ^ai ori ^-^ twv i^Siujv xa^' «uro 
(yOaet ydp dyaJ^öv C^^? ^^ S*dyaJ^6v ÖKdpy^ov h iauT(b OLia^dvttrBai 
•hoit)^ alperdv Si rd C>5v xai (xaXtdra ToXg dya^oXg^ ort tö dvai dya- 

* 36v ioTiv a\^T0X€ xai >5^0 (cjuvatff^avöfjifivot ydp toO xa^* a^TÖ dya^oO 
^JovTai), (bg Si Ttpoq iavTÖv i-^ei 6 anovSaXog^ xai npög töv yfXov 
(iTspog ydp auTÖg 6 fiXog icJTtv)' xa^dnep o5v tö ar^TÖv sivai 
aepcTÖv idTcv ixajTc^, ourcj xac tö töv f^c'Xov, ^ TtapaKAinaiojg. 

Man kann an unnützen Wiederholungen in der Ausführung 
dieses Beweises Anstoss nehmen (so namentlich an dem Güede b 3 
alperdv di rö ^m xtX., nachdem der Beweis davon, duss C^v xa^' adrö 
dya^öv xai -f^Sv ausgegangen war a 25 und sogar noch ausdrücklich 
in Betreff der imeixeXg bemerkt hatte, dass ihnen aiperf^TaTog 6 ßiog 
a 28), man kann selbst zu dem Zweifel kommen, ob man in dieser 



ArUtotelitcbe Siudieo. 33 

tadelnswerthen Weitläufigkeit eine Nachlässigkeit Aristotelischer 
Darstellung oder ein Verderbniss der Überlieferung, möglicherweise 
eine Verbindung Terschiedener Bearbeitung zu sehen hat: con- 
stmirt aber kann der Satz, wie er nun vorliegt, nicht anders wer- 
den» als in der oben bezeichneten Weise; in den fünf Gliedern des 
Vordersatzes ist , trotz ihres Umfanges und ihrer ferneren Erweite- 
rung durch Parenthesen, ihr Verhältniss als Prämissen zu dem 
Schlusssatze festgehalten. Wie man sich die Satzfflgung eigentlich 
denken soll, wenn man mit Bekker a 32 nach vccO|X£v, b 1 nach 
voelv, b 3 nach liSO^ b S nach ^dovrae, b 7 vor xa^dntp durch 
Setzen von Puncten jedesmal einen Salz abschliesst, ist schlechthin 
unbegreiflich. — Durch den Nachsatz der in Rede stehenden Periode 
hat Aristoteles erwiesen, dass die Existenz von Freunden für den 
Glückseligen einen Werth hat und Gegenstand des Strebens ist; in 
den angewendeten Prämissen liegen aber noch fiberdies die Mittel, 
um zu erweisen, dass das Zusammenleben mit Freunden für ihn 
wünscheuswerth ist. Diese weitere Folgerung wird in den folgen- 
den Worten gezogen b 8—12: 

rd S^ civat ^v aiperdv dta rd aia^dvea^ai aCfroü dya^ov ovro^. 
i5 8i TOiaÜTfi oua^Yjaig ifiSeXa xa5' iavTYjv. avvata-^dvccj^at apa iiX 
xai ToD ytXoü otc iariv^ toOto di yivoir^ av iv rö avC^v xal xotvwvglv 
Xöyöv xai iiavolag xrX. 

Da hier die beiden Prämissen t6 J' efvat — övrog^ -h Si — iccvriiv 
und der Schlusssatz Gwata^dveGJ^at — iariv nicht syntaktisch als 
Vorder- und Nachsatz, sondern blos parafaktisch gestellt sifld, so 
bleibt es allerdings einigermassen der Willkür überlassen, durch 
welcherlei Interpunction man die einzelnen Glieder von einander 
unterscheiden will. Die beabsichtigte Gedankenverbindung würde 
aber in der sprachlichen Form deutlicher hervortreten, wenn jedes 
dieser Glieder vom folgenden durch ein blosses Komma unter- 
schieden wird. 



2. Schon in den bisher behandelten Stellen trat zu der Mehr- 
gliedrigkeit des Vordersatzes öfters auch noch eine Unterbrechung 
des einfachen Gedankenganges durch Parenthesen hinzu und trug 
dazu bei, die SatzfügUng zu verdecken. Wir gehen nun zu einer 
Gruppe von Stellen Ober, in denen es wesentlich eben diese 

SiUb. d. phii.-hist Cl. XLII. Bil. 1. Hft. 3 



34 B n i t z 

parenthetische EinfQgung von Erklärungen ist, welche ober die 

Zusammenfassung des Satzganzen irre fähren kann. Dass Bekker 

sich nicht scheut» durch Annahme von Parenthesen einer Periode 

des Aristoteles eine ansehnliche Ausdehnung zu geben , mag aus 

einem Beispiele entnommen werden, Top. d 4. 12S a 33 — 6 6: 

inei 5i rcov np6g ri 'keyop.ivc*}^ tol [kiv i^ dvayxrjg iv ixctvoc^ ^ 

85 Ttepi ix€Xvd iari npög & kots Tvyydvei Xey6p.£va (olov ifj SidJ^eaig xai 

Yi i^tg x«t ifi (Tufjifjierpta • iv akXta yoLp oCdevi Ä^vardv vndpysiv rä 

tipvjfxiva ri iv Ueivoig npöq ä Xi'jiraC) , rd 5* oüx avd7x>} |x^v ^v 

. h(.üvoig undpytiv npdg- öc nrore 'klyerat , iv^iy^erai 8i (oiov ei im- 

♦0 GTrjrdv >j ^vyii' o^Siv ydp xcoXOc« rf^v avriig imarhiiinv iyeiv tt%v 

6 tJ/uj^tjv, oCx dvayxaXov Si' Swoctöv ydp xai kv dXkta vndpyjav tt^v 

& nor€ Tvyydvei XcyöjUEva (ofov tö ivavrtov iv reo ^vavreco oOd^ rf/v 
inrt^rT^jULTjv iv Ttb l/rtarTjTCü , iav /xi^ Tvy/dviQ rd imarnTÖv ^'^X^ ^ 
' dv^pcoKog ov)* (jxoTrerv ouv y^pii idv Tig sig yivog 3-^ rdroiovrov 

eig TÖ ii.ri tocoötov, olov ü r^v ii.vYiiJ.riv |ulovi%v iniarrilJyig £i7zev. 

Der Vordersatz unterscheidet drei Arten des Relativen» der 
Nachsatz zieht die Folgerung, die sich aus der Möglichkeit der Ver- 
wechslung unter diesen Arten für das Verhalten bei Discussionen 
ergibt; der Vordersatz hat aber dadurch eine grössere Ausdehnung 
erhalten, dass zu jeder der drei Arten ein Beispiel angeführt ist; 
hierdurch wird die Einrechnung der Periode gerade in diese Gruppe 
gerechtfertigt sein. Diese Erläuterungen haben im Vergleiche zu 
dem Hanptgange des Satzes einen parenthetischen Charakter; die 
Zeichen der Parenthese wendet Bekker und mit ihm Waitz ungleich- 
massig an, indem bei der ersten Art der Relation nur die Begründung 
des Beispieles ^v aXXci) — Xi^^erai^ bei der zweiten das Beispiel sammt 
* der Begründung olov — raurrjv, bei der dritten endlich nichts in 
Parenthese geschlossen wird. Entweder muss man überall Beispiel 
sammt Begründung in Parenthese schliessen, wie in dem obigen Ab- 
drucke der Stelle geschehen ist, oder überall blos die Begründung, 
dann muss die Bekker'sche Interpunction dahin modificirt werden, 
dass bei der zweiten Art nur ouSiv ydp — ravrnv in Parenthese steht. 
Ich habe jene erstere Interpunctionsweise vorgezogen, weil sie den 
Cberbiick des Gedankenganges am meisten erleichtern dürfte. 

Die gleiche Form in Perioden massigeren Umfanges erkennt 
man z. B. Top. ^ 8. 160 a 3S — * 3 (wo die Parenthese richtiger 



Aristofeliscbe Sludicn. 3b 

mit Waitz a 36 vor or^lov S" als mit Bekker a 37 vor ^ yap zu 
beginnen ist) Top. d; 9. 147 a 4—9, wenn man hier mit Waitz a 6 
i^Xov o\jv nach den besten Handschriften schreibt^ während Bekker 
cvv wpglässt. 

Mit diesen bereits in der Bekker^schen Ausgabe richtig bezeich- 
neten Sätzen werden die nachfulgenden ihrer wesentlichen Form 
nach sich als gleichartig erweisen, wenn auch nicht überall die 
äusseren Zeichen der Parenthese in gleicher Weise zur Anwendung 
kommen. Zunächst Phys. C 4. 234 b 10—17. Aristoteles führt den 
Beweis, dass jeder einer Veränderung unterworfene Gegenstand 
theilbar sein muss: 

rd 9i ii.€TaßdXkov änav dvdyxrj diaipsTÖv eivat. inei yo^p ix rivog lo 
iig Tt Tcäaa jji£Ta]3oXT% , xai orav fx^v >5 ^v roOrtd tl<; S fXcrißaXev, 

oOxirc iksraßdXXei ^ orav d' i? ou iierißake xal a^rd xai ra iiiprj 
izdvroL^ ot) [LiraßdXkii (rd ydp waauroj^ iyov xai «Ord xai ra [kip-n 
ou pLcraßaXXcc) • dvdyxrj ouv rd juiiv rt iv ToOrci^ grva« rö d' iv «s 

^aripta rov iJ.tr aßdXXovTO g ' ovrs ydp iv diiforipoig oOr' iv |jn7^€r^pe}) 
Svvarov. 

„Jedes sich verändernde Ding muss theilbar sein. Denn da 
jede Veränderung ein Übergang aus einem Zustande in einen andern 
ist 9 und sobald sieh das Ding bereits in jenem Zustande befiudef, 
in den es überging, die Veränderung nicht mehr stattfindet, so 
lange dagegen das Ding mit alP seinen Theilen noch in dem Zu- 
stande sich befindet, aus dem es sich verändert, die Veränderung 
noch nicht vorhanden ist (denn was in allen seinen Theilen in dem 
gleichen Zustande beharrt, das ist eben nicht in Veränderung), so 
muss nothwendig von dem sich verändernden Dinge ein Thcil in 
dem eriteren, ein anderer Theil in dem zweiten Zustande sein; denn 
auch die beiden anderen (ausser der im Vordersitze abgelehnten 
noch denkbaren) Annahmen, dnss das sich verändernde Ding in 
beiden Zuständen zugleich oder in keinem von beiden sei, sind ja 
unmöglich.*' 

Wenn man in dieser Stelle vor dvdyxvi ovv einen Punct setzt, 
wie in dem Bekker'schen, PrantPschen und Didot'schen Texte 
geschieht, so ist jede Construction aufgegeben. Und doch konnte 
schon Themistius zur richtigen Auffassung führen, Them. 54 b 7:6t£- 
pov 8i dnav rd [kiroLßdXko^f diOLiplrdv ... im<7X€nTiov, si roivvv'dvdyxYi 
t6 iiBTußdXlov iiiiTi iv ixeivoy sivai eig 6 iieroißdXXei (^ixeTaßißXrtxdg 



36 B o o i t z 

7ap av etyj), fxrjrfi iv ix£evcp i? ou iksraßaXXei (oOJi ydep oörwg 4v 
fxeraßaXXot), J-^Xov co^ «rgptXetnreTae tö fx^v r« «Oroö iv toOto) elvaij 
ro Si Iv ^arip«^ xtX. Sylburg setzt dem entsprechend vor dvdyxti 
ovv nur ein Kolon, und in der Übersetzung hat Prantl, im Wider- 
spruche zu seinem Textesabdrucke, den Nachsatz mit dvdyxri o*jv 
angefangen, ist dagegen in der Construetion der Worte xac avrd x.al 
ra ixipYi ndvTa b 13 der Interpunction der bisherigen Ausgaben 
gefolgt, welche vor denselben ein Komma setzen und dadurch diese 
Worte mit oO ixeraßdXXei verbinden. Sie sind aber vielmehr zu den 
vorausgehenden, wie im obigen Abdrucke iuterpungirt ist, zu bezie- 
hen, so dass man sie mit der durch das vorausgehende Glied gege- 
benen Ergänzung so zu verstehen hat: orav i' aOrd t6 fxsraßaXXov 
xaE ra ixipfi ndvra ^ Iv to6tw, i^ od juigrißaXev , oC iieraßdXkei. 
Nur durch diese Construetion kommt man in Einklang mit den fol* 
genden Worten rd ydp cüjäOtcü^ iy^ov xat «ürd xai rd [Lip-n (in denen 
Prantl aOrö und rd /xip>3 richtig als eintheiiende Erklärung zu rö 
auffasst) und bahnt den Übergang zu dem Gedanken, dass bei der 
Veränderung eben nicht alle Theile mehr in dem ersleren, nicht 
alle schon in dem späteren Zustande sich befinden. — Ausser dieser 
Änderung der Interpunction bedarf übrigens noch ein Wort des 
Textes einer Berichtigung. In dem zweiten Gliede der Voraussetzung, 
nämlich dass die Veränderung dann noch nicht stattfindet, wenn das 
sich verändernde Ding noch in dem Zustande sich befindet, aus 
welchem die Veränderung ihren Anfang nimmt, wäre i^ ou fxerc- 
ßaXs logisch unrichtig, und diese falsche Anwendung des Präteri- 
tum ist nicht glaublich in einem Falle, bei dem auf das Bereits und 
das Noch-nicht eben alles ankommt. Entweder muss das Futurum 
stehen 1^ ou fx^XXcc fxsraßdXXecv (denn fxeraßaXa durfte sich bei 
Aristoteles nicht nachweisen lassen) oder das allgemein, ohne Zeit- 
bestimmung gemeinte Präsens i^ oxj /xcraßdXXec. Die letztere Ände- 
rung wird nicht nur durch die grössere Einfachheit empfohlen, son- 
dern auch dadurch, dass Themistius in seiner Paraphrase (s. oben) 
1^ Q\j \k€roLßdXkzi schreibt, und zwei Handschriften, unter ihnen die 
beste, mindestens das doppelte XX erhalten haben, jULcrijSaXXev. 

In der Erörterung der Frage (de gen. et corr. ß 11), ob in der 
continuirlichen Reihe des Geschehens einiges mit Nothwendigkeit 
erfolgt« oder alles in solcher Weise eintritt, dass auch das Gegen- 
theil eben so möglich ist, geht Aristoteles auf das verschiedene 



Aristotelische Studien. 37 

Verhältoiss ein, in welchem das in der Reibe des Gescliehens Frühere 
ond Spätere zu einander in Beziehung auf Möglichkeit und Noth- 
wendigkeit stehen. Hierüber heisst es ß 11. 337 b 14—16: 

d iii rd nporepov dvayxio yevia^ai^ ei rö Ccrepov^ iarai^ olov ti «^ 
oexia, ^$ixiXiov^ d ii roöro, Kr,X6v. dp' oöv xai ei äeikihog yiyovev^ 
dvdyxTO oixiav yevia^at; 

In merkwördiger Übereinstimmung geben hier die Ausgaben 
(Sylborg, Bekker, Prantl, Didot) eine Interpunction, die jeden Ver- 
such eines Verständnisses zu nichte macht; Prantl, der sonst häußg 
in der Übersetzung von der falschen, durch seinen eigenen Text 
bezeichneten Construction abgeht, übersetzt wirklich nach dieser 
Interpunction; mit welchem Erfolge für die Möglichkeit eines Ver- 
ständnisses, wolle man bei ihm selbst nachlesen. Der Satz ist viel- 
mehr 80 gemeint: 

« Sri rd np&rtpov dvdyxri yevia^ai^ ei rd varcpov l(rrat, oFov ei is 
oexea, ^e/xAcov, ei di roOrc, i:ri\6v dp' oxjv xoci ei ^ei^ihog 

yiyovev^ dvdyx.vi oixiav yevia^ai; 

„Wenn das Frohere nothwendig muss eingetreten sein, sofern 
das Spätere eintreten soll, z. B. das Fundament gelegt sein muss, 
sofern ein Haus werden soll, der Lehm da sein muss, sofern das 
Fundament soll gelegt werden: ist es auch umgekehrt wahr, dass, 
wenn das Fundament gelegt ist, das Haus entstehen muss?^ Durch 
ap' Oliv wird das in Frageform ausgesprochen, was mittelbar die 
Antwort in sich schliesst o ü x dvdyxrj xa^öXou , €^ rö npoTepov 7670V6, 
xad rö uoTepov yevia^ai^ und statt des Ausdruckes in allgemeinen 
BegrifTen schliesst sich die Frage an das gewählte specielle Beispiel 
so an, dass eben inder Vergegenwärtigung des Beispiels schon die 
Entscheidung liegt. Diese richtige Interpunction Hess sich in dem 
einen wesentlichen Puncto, dem Komma nach iar'ai^ statt vor dem- 
selben, schon aus Philoponus ersehen (68 b "i ovv dxoXov^la^ fin<jl^ 
Toö nporiporj npdg rd Carepov roiaOm rt^ i5v, cö^rc ei rö öarepov iarat^ 
dvdyxfi etvai xai rö Trpdrcpov) ; aus dieser Berichtigung ergibt sich 
sodann als nothwendige Folge, dass der Fragesatz dp* ouv Nachsatz 
zu ei Ol rö xrX. sein muss, wie dies schon die lateinische Übersetzung 
des Vatablus richtig ausgedrückt hat. 

In der Untersuchung ttber die Ursache von Wachen und Schlaf, aus 
deren weiterem Verlaufe früher eine Stelle behandelt ist (s.Bd. XLT, 
S. 431), geht Aristoteles von dem Gedanken aus, dass diese beiden. 



38 B o n 1 t X 

allen lebenden Wesen gemeinsamen Erscheinungen bei allen dieselbe 
Ursache haben müssen. Eine Schwierigkeit für die Durchführung 
dieses Gedankens ergibt sieh nun daraus, dass, indem der Schlaf 
eine . Gebundenheit des sinnlichen Wahrnehmungsvermögens ist, 
aicJ^iOectig dxivincia xae olov Se<Jii6g 4S4 b 25» dieses Wahrnehmungs- 
vermögen selbst sich nicht bei allen Thieren gleich entwickelt findet; 
einige haben alle fünf Sinnesorgane, manche sind dagegen auf den 
Tastsinn und den damit verbundenen Geschmack beschränkt. Von 
dieser thatsächlichen Ungleichheit aus gelangt nun Aristoteles zur 
Annahme einer bei allen Thieren gleichen Ursache durch folgende 
Erwägung 4S8 a 12—26: 

IkbI J* öndpyi^si xa^^ ixdaryjv oua^rioiv tö fxiv re liiov rd 8i ri 
xotvöv, XSiOV fxiv olov r^ oTpet tö opav, -rp S' axoip tö «xouetv, raXg 

i5 d' al),aig xara töv «Otöv rpönrov, icTi Si rig xai xoivri JOvajJic^ axo-^ 
}^ov^oOca, ndacrng^ ^ xai ort 6pd xai dxoCsi [xae] aia^dverai (ou ydp 
Sri T^ ye otp€t dpoc ori 6p^^ xai xplvei Sri xai öOvarai xpiveiv ort rrepa 
Tcc y'kvxia rcSv Xfivxwv oitre '/BV^ei ovts o^ei oijr' d/xf'Otv, dXkd rivt 

xo xotv^) liopita TcSv aia^impitt^y dnavTcov* iari (xiv yap /x(a at^J^r^^jig 
xai TÖ xOpiov ahärjTrjpiov ev , tö d* ervat aiaäiiaei rov yivovg ixd^jTOJj 
fiTfip&v, olov Tpöyou xa^ j^pcö/xaTO^) , toöto d' a/xa Tcf) octttix^) fJia- 
Acff^' (fKdpy^ti (toöto juiev ydp yoypi^eTai täv aXXwv aia^xripitav ^ rd 

2S J' «Xia toOtou dyitjipiara^ eipr^rai Se ntpi «Otwv ^ ToXg nspi ^v/fig 
•S'fiGüpi^fxaatv) • favepdv roivvv oti toOtou iari nd^og ih iypri- 

yopaig xai 6 önrvoc. 

In dem ersten Gliede des Vordersatzes wird die dem Aristote- 
les geläufige Unterscheidung (de an. ß 6. 7 1) gemacht zwischen 
der specifischen Thätigkeit der einzelnen Sinnesorgane und der 
Thätigkeit des allgemeinen Wahrnehmungsvermögens, auf welches 
sie alle zurückkommen und durch welches Vergleichung unter den 
Ergebnissen der verschiedenen Sinnesorgane möglich ist, eine Un- 
terscheidung, die in der längeren P.irenthese des weiteren erläutert 
wird. Die zweite Prämisse schreibt sodann dem Tastsinne, als der 
thatsächlichen Bedingung für die übrigen, da keiner der übrigen 
ohne ihn existirt, dies zu, dass sich bei ihm die beiden Momente, die 
specifische Thätigkeit und die Natur des Gemeinsinnes, am meisten 
vereinigt zeigen <). Also, folgert dann der Schlusssatz, beruht der 

1) Ich sehe keiue Möglichkeit, die in dem Texte stehenden Worte über den Tastsinn 
sowohl an sich als im Zusammenhange der gansen Auseinandersetzung anders 



Aristotelische Stadien. 39 

Schlaf und das Wachen auf einer Affeetion des allen Thieren gemein- 
samen Tastsinnes. Dass dies das logische Verhältniss der Prfttnis- 
sen und des Schlusssatzes ist, kann bei einem Ruckblicke auf den 
vorher angedeuteten Gang der Aristotelischen Untersuchung nicht 
bezweifelt werden. Es steht aber nichts im Wege, dieses logische 
Yerhiltniss in der entsprechenden grammatischen Form ausgedrückt 
zu finden^ dass die Prämissen Glieder des Vordersatzes, der Schluss 
Nachsatz ist; denn trotz der, bei Aristoteles nicht auffallenden, Aus- 
dehnung der Parenthese deutet nichts auf eine Losung von der im 
Beginne des Satzes ausgedrückten Abhängigkeit, ja rovro nach dem 
Ende der Parenthese geht auf die vor derselben bezeichnete xmvii 
oifvaiug zurGck. — Die Bekker'sche Ausgabe setzt a 17 nach 6p^ 
a 20 nach dnravrcov, a 22 nach ^pcufxaro^, a 24 nach dymptaTOL^ 
a 2S nach ^eoip-hikuaiv Puncte. Da nicht das von Bekker zuweilen 
gebrauchte Zeichen der Anakoluthie, ein Strich — , angewendet ist, 
so scheint Bekker zu dem mit inei beginnenden Vordersatze in den 
Worten XSiov fX£v den Nachsatz gesucht zu haben; damit ist alle 
Cuntinuität des Gedankenganges aufgehoben und es sind die deut- 
lichen Weisungen des sprachlichen Ausdruckes, in welchem liiov 
liiv — iari $i re^ xai Mivij sich als erklärende Ausführungen bekun- 
den, vernachlässigt. Dass ich das von Bekker a 18 nach Xeuxcüv 
gesetzte Komma, und a 16 xal nach dxoOei aus dem Texte entfernt 
habe 9 wird an sich evident sein; übrigens hat die Weglassiing des 
xai zwei Handschriften für sich; vergl. über denselben Gegenstand 
de an. 7 2. 42S b 12 inei $' a^j^avofxc^a cre öpcSfxcv xac dxGOG/xev. 

Die parenthetische Natur einer den Vordersatz erweiternden, 
ziemlich umfangreichen Erklärung kann kaum irgendwo evidenter 
hervortreten, als in einer Stelle der nicht von Aristoteles selbst ver- 
fassten, aber seiner Schule angehörigen grossen Ethik, Mor. M. a 3. 
1 185 a 13— 24: 

fiSTo, TOVTO TÖ iiiXlov 'ki'^ed^ai oijre "kiav io^euv äv oixeiQv dvai 
TOüToiv oöre iiaxpäv dniyfov^ olov ineiSYjKep Ijtiv, (hg doxeX^ /xöptöv is 
TiT^^ ^^X^^ V Tp«yöfJi.s«5a , oxaXoö/xcv ^penrixöv (to'jto yäp euXoyov 
idTiv eivccf rovg yoöv Xi^ovg ipt^iktv dduvdrovg rpiftfj^ai ovra^, 



aufzufassen , als in den obigen Worten geschehen ist. iMit den sonst von Aristoteles 
dargelegten Ansichten über xoivy] ai9&rj9i; weiss ich das hier ausgesprochene nicht 
in Einklang tu bringen. 



40 B o ii i t z 

20 >5 ^uyj^ Äv dfi ahia^ Trjg Si ^^x^^ roOrt/iv fx^v tüjv fkopitav o^^iv 
aXnov &v siri roO Tpifea^ai^ olov rd Xoytartxöv ^ r6 ^ufxtxdv % rd 
im^vii-nrixäv ^ oXko 8i vi napct, raöra, Cf> o^^kv iyoiisv oUeiörepov 
ovojioL im^elvai >S ^pcTrnxöv), ri ouv av rt^ etTrot, norepov xac 

rouroü roö juiopcou rr}^ ^«X^^ ^^^^^ «pcTT? ; 

Der ganze Abschnitt nämlich, den ich in Parenthese geschlos- 
sen habe» dient ausschliesslich dazu, die Anführung des ^pcTrrexöv 
als eines Theiles der Seele zu rechtfertigen; er schliesst da ab, wo 
diese begründende Erklärung in sachlicher Hinsicht und in Betreff 
des Namens yollständig gegeben ist; und die folgenden Worte sind 
dann so fortgeführt, dass sie sich, nach Weglassung der Parenthese, 
an den Anfang des Satzes in voller grammatischer Genauigkeit 
anschliessen würden: kTzeiSvinep iari fxöptöv ri ri^g ^v/r^g — äpenri" 
xöv, Ti oOv, siKoi av rt^, noTspov xai toOtov IctIv ccperyj; Durch diese 
Erwägungen wird die bezeichnete Construction gegenüber der 
Bekker*schen Setzung von Puncten a 19 nach Tpi^toäoLi und nach 
ahia und a 23 nach ^penrrcxöv gerechtfertigt sein. Ich hatte auf die 
Nothwendigkeit der Annahme einer Parenthese schon in meinen Obs. 
ad Eth. p. 12 hingewiesen, aber unrichtiger Weise dieselbe nur bis 
a 19 oLiria erstreckt; die Didot^sche Ausgabe hat das dort empfoh- 
lene Setzen der Parenthese aufgenommen, jedoch ist durch ein Ver- 
sehen die schliessende Klammer ausgelassen, so dass man nicht 
ersieht, wie weit der Herausgeber die Parenthese wollte ausgedehnt 
wissen. — In den Schlussworten des Satzes habe ich r( ovv av rt^ 
£t;rot geschrieben; Bekker schreibt rf o\jv^ av zig etTröt, so wie er 
Plat. Grit. 82 D aklo n ovv, av yalev, r^ xrX. Dem. Ol. 1, 19 t( ouv, 
av rig iXnoi^ ou ypd(p£ig u. ä. schreibt; aber die Stellung von av 
selbst setzt doch wohl ausser Zweifel, dass für die griechische Auf- 
fassungsweise der Zwischensatz mit dem ihn umgebenden Hauptsatze 
verschmolzen war und nicht äusserlich durch Interpunction getrennt 
werden darf; 6. Hermann Opusc. IV, p. 195. Bäumlein, Modi. S.360. 



3. Besonders zahlreich vertreten unter denjenigen Perioden, 
welche im Beginne des Nachsatzes die Partikel ouv haben, ist die 
Gruppe derjenigen Fälle, in welchen dem Nachsatze im engeren 
Sinne des Wortes ein zweiter, dem ersten untergeordneter Vorder- 
salz, in den meisten Fällen bedingenden Sinnes, vorausgeht. Der 



Ari&totelisciie Studien. 41 

Umstaad , dass in Sätzen dieser Form die Partikel ovv sich jedesmal 
ao die den untergeordneten Vordersatz einfuhrende Conjnnction 
anschliessf, ist ein äusseres Zeichen ftir die enge Zusammengehörig- 
keit dieses zweiten Vordersatzes zu dem Nachsatze und rechtfertigt 
die oben ausgesprochene Ansicht (I, 3, S. 426), schon mit dem Be- 
ginne dieses zweiten Vordersatzes den Nachsatz im weiteren Sinne 
des Wortes anfangen zu lassen. 

a) Aus der erheblichen Zahl der hierher gehörigen Fälle 
mögen zunächst diejenigen in Betracht gezogen werden, in denen 
der untergeordnete Vordersatz ein einfacher Satz ist. So der 
schon in der Bekker'schen Ausgabe richtig interpungirte Satz Anal, 
post. ß 8. 93 a 3—9 (Qber dessen Erklärung vergl. Waitz z. d. St.), 
in welchem nur beim Beginne der untergeordneten, mit dem 
Nachsatze eng verbundenen Bedingung nicht cvv, sondern rofvvv 
gesetzt ist: 

intl S^ iariv^ (ag ^yafxcv, Ta^TÖv t6 tiiivai rl ian xai ro slSivai 
v6 «Ircov Toö rt iati • Xdyog Si roOrou, oti iari ti tö ouriov • xai roOro 
Ti TÖ at>rö ^ SXko , xäv ^ aXko , ^ dnoSeixrdv f/ dvanoSeixrov • s i 

Toivuv iaTtv aXlo xal ivSij^crat dnoSel^ai^ dvdyxri ikiaov eivai t6 
aiTiov xal iv rta ayiiikaTi to) jzpthrt^ Ssixvva^ai • xa^öXou tc 'j/dp xai 
xarriyopixdv tö detxvOyitvov. 

Dem dreigliedrigen begründenden Vordersatze inei — dvand- 
oeexrov ist ein bedingender e^ — dnodel^ai untergeordnet, dessen 
Einfuhrung durch rctvuv schon auf seine unmittelbare Zusammen- 
gehörigkeit mit dem Nachsatze hinweist. — Bei mehreren anderen 
in dieselbe Kategorie fallenden Perioden, welche durch die Bek- 
ker'sche Interpunction noch verkannt sind, haben die nach Bekker 
erschienenen Ausgaben schon die SatzfÖgung richtig bezeichnet, so 
dass blosse Anfuhrung gfnügen wird. So Coel. 7 1. 299 b 7—10: 

in ei t6 yiiv ßapCf nvxvöv re, tö St xoOfOv fjLocvöv, ioTi Si nvxvöv 
Ikavov diafipov ra> ^v Taco öyxta nXeiov ivvndpy^etv il ouv iari 

artyiii) ßapeXa xai xcO^i?) iarai xai nvxvii xai ixavij. 

Vor ei ovv haben Sylburg, Bekker und die Didot*sche Ausgabe 
einen Panct; die oben bezeichnete Gliederung des Ganzen zu einem 
einzigen Satze hat PrantI sowohl im Texte als in seiner Übersetzung. 

In derselben Schrift Qber den Himmel lesen wir ß 8. 290 
a7-il: 



42 B o n i t £ 

in d' knei afaipoeidri ra aarpa, xa^dnep ot t' aXXot yaat xai 
t^/jlTv öfxoXoy o6(xevov st/rclv , i^ ixeivou ye tou jüb/xaro^ yevvwfftv , tgö 

io 8i afatpoeiSov^ 80o xivhastg dal xa^'a^rö, xOh<Jt<; xoli ilvrimg' 
einep o{jv xtvotro rä aorpa 8C «ütcov, ri^v iripav av xtvotro toO- 
Twv • dXX' oOö'eTipav yatvgrat. 

Durch die Puncte» welche Sylburg und Bekker nach yevvcoaev 
und nach Sivr^cig setzen, wird auf jede Möglichkeit einer Construction 
verzichtet; die richtige Verbindung des Ganzen zu einem Satze ist 
von Prantl in Text und Übersetzung und demgemäss in der Didot'- 
SL-hen Ausgabe bezeichnet; im Commentar des Simplicius ist» ob- 
gleich er sich darüber nicht ausdrücklich erklärt, doch wahrschein- 
lich diese Satzfügung vorausgesetzt. — Phys. 8 14. 223 b 12—20: 
intl 8i < nptbTfi > iari tfopcc xoci raxjr-ng >5 xOxXo) , apt^juictrat 
J' ixaoTOv ivt tivi avyyevcr, jULOvd Je^ [lovaSt , innoi $' t;r;rc}) , oötw xac 

15 6 xpovog XP6v(j^ rivi cüptafxevo), ikerpeiTai S' oianep elnoikev ore )y>ö- 
vog xtvijGei xai >5 xtvrjjj^ XP°^V (roOro 8' iarlv ort vnd Tf^g djpidiiivr^g 
xLvijcecag xp6v(a fX£Tp€tr«t Ti^g re xivhaecag ro noadv xai toö j^pö- 
vov)' si oöv TÖ rrpujTOv [kirpov ndvTo^v rcJüV auyycvojv, t5 xuxXo- 

10 (popia ii d/xaXT^c ixirpov /xaXiJTa, ort d dpt^jxö^ d raOry?^ 7vcop(/xcü- 

Im Anfange des Satzes ist nptbrri nach PrantPs Conjectur 
eingeschoben, indem schon durch den folgenden comparativen oder 
partitiven Genitiv erwiesen wird» dass ein Wort dieses Sinnes im 
Texte gestanden haben muss. Sylburg und Bekker setzen vor |X€- 
TpeiT-ai b 15, vor roxjro 8' b 16 und vor et oOv 6 18 Puncte. Die 
durch diese Interpunction vorausgesetzte Construction hat, während 
sich aus Themistius und Simp'icius nichts darüber ersehen lässt, den 
Vorgang des Philoponus für sich v 3 extr. : iari 8k >5 (juvi^^cta roij 
'k6')fO\f TOiaOTYi. Insi 8i iariv -h (popd^ xai raOmg >5 xvxXw, [LirptlroLi 
8i ixacTOV {tno rivog <r\fyy€voOg toO ^Xaj^tffro'j, oiov oi 8ixoL t/rnrot r^) 
ivi t7r;rci> xai ixaTOVTajmyy ^6Xov tc») moyyaitxi ?6Xw, oötco^ ouv 
dvdyxY} xai rdv yjiövov^ juiirpov ovt« xivt%(J£cü^, avyyiveX rtvi /xerpci- 
(jJ^ai xai i\ayi(jT(j^, Die sprachliche Möglichkeit dieser Construction 
ist dadurch begründet, dass bei oOrco nicht ein die Fortsetzung der 
Aufzählung auch äusserlich bezeichnendes 8i .steht; aber dem Ge- 
dankengange nach ist diese Construction unzulässig, nicht nur weil 
in der Argumentation der Satz xp6vog yjiovta iksrpeXrai iey Art ist, 
dass er nicht füglich als specielle Condusion kann aufgestellt werden. 



ArUlotel'sche Studien. 43 

soudcrn vornebmlich desshalb, weil die darch insi eingeftlhrte 
Prämisse über die Priorität der Ortsbewegung unter den rerschie* 
denen Arten der Bewegung ftir diesen Satz, der als Schluss daraus 
sollte ausgesprochen werden» gar keine Bedeutung hat. Wohl aber 
dienen die drei Prämissen (Priorität der Ortsbewegung» Gleichartig- 
keit des Masses und des Gemessenen» Reeiprocität von Zeit und Be- 
wegung in Betreff des Hessens) gemeinsam dazu, den Schlusssatz zu 
begründen» dass die gleichniässige Kreisbewegung des Himmels das 
Mass für Zeit und Bewegung ist. Diese Safzfügung gibt PrantI, 
obgleich er im Texte die Bekker^sche Interpunction behält» in seiner 
Übersetzung, und darnach ist sie in der Didot*schen Ausgabe auf- 
genommen. 

Phys. .aS. 264 a 22-31: 

ei ydp anav rd xtvoOfxcvov rcüv eip-nfxiv(ji)v Tivä xiveirou x(yr/<7eet)v 
xai ^pcfAce rcZiv ttvr(xce|ui£va)v -npeiitCiv (ot3 yäp riv aXXv? napa raO- 
Tag) , TÖ Si [lii «et xtvoO/xevov r/ivSe rijv xlvinatv (Xt/ta S' oaai irtpai 2* 
rw €i$ei^ xai (xt^ ti t« (xöptöv iari rr/^ oX>?^) avdyxy? npoTepov T^^pe- 
fiftv Tiiv dvT«xctfX£v>jv vipBikioLV (^ yäp "^tpi^ia aripinaig xevf/aeco^ 
l<jTiv)' ei ovv ivavriai |xiv xivhaeig ai xar* cü^clav, a/xa Si (xi% 

lydiyerai xiveXa^at räg^ kvavriag ^ rö dnö tov A npog rd F ^epöfJic- «« 
v&v oux dv fipoiTO äiia xai dnö roO F npog rö A. 

Sylburg» Bekker, PrantI» die Didflt*sche Ausgabe haben vor ei 
C'jv einen Punct; welche Construclion dann gemeint sein soll» ist 
nicht zu errathen» da in den durch inei eingeleiteten Satzgliedern 
sich schlechterdings keins ßudet, das nach Form und Inhalt für Nach- 
satz gelten könnte. Die Verbindung des Ganzen zu einem Satze hat 
PrantI in seiner Übersetzung richtig ausgeführt, nur hat derselbe um 
Schlüsse die Worte des Bekker'scben Textes ojjx dv (pipoiro dfxa xai 
and ToO A npog rd A selbst in der Übersetzung beibehalten. Ihre 
Unmöglichkeit ist aus dem Begriffe des conträren Gegensatzes, ^vav- 
reov, augenscheinlich, denn entgegengesetzte Richtung zu der gerad- 
linigen Bewegung AF ist nur FA. Die Schreibweise bei Bekker ist 
übrigens wohl nur ein Druckfehler, Sylburg hat dnd roO F npog rö A 
ohne Notiz über handschriftliche Varietät, und Simplicius 306 a 
drückt dieselbe Lesart in seinem Commentare aus. 

Top.ß4. 111 «33 — 6 7: 

iizei o'dvayxatov, u)v rd yivog xar-nyopeirat^ xai tc35v eiduiv rt 
xarr,yopeiaäoHf xai oaa iy^et rd yivog ^ Trapwvufxw^ and roO yivorjg 3« 



44 II o u i t X 

Aeycrat, xai röv eii&v rt dvayxaXov ^X^iv yj napcavOikcag dnö nvo^ 
r&v ei6S>v XiyeoJ^ai (ofov ei rivog Imarhiiri xaTYjyopelTai^ xa« ypais," 
ILarixii ^ ikOvaixYi ^ tcov äXkuiv rtg imarYiikuiv xaToyopri^atrat^ xal ei 
b rig^ti imarhiLriv ^ TrapwvOjULw^ dnd ri^g Imariiikrig Xiyerai^xai ypaiß.' 
IkaTtxijv i^ei ri jULOUJtxi^v t^ riva Ttbv aXXwv imGTtjiiCiV ^ napt/ivOiitag 
dno Tivog «lircüv prj^iiaeTai^ olov ypafxjuianxö^ ^ juiouatxö^) • idv 

9 ouy rt Tfi^ 'keyoyievov dnä toö yivovg ($;roi)(TOöv, ofoy tt%v ^vyrjv 
xiveXaäat^ axoneXv ei xard rt ro5v €^toy tojv t^^ xivhae(f}g ivdiyerat 
TTiV ^vyiiv xtvgtj^ai, olov ait^ea^ai ^ (p^eipeo^ai ^ ylvea^oLi rt oaa 
dWoL xivTj«w^ eXS-n, 

^Da in allen denjenigeii Fällen, in weichen ein Gattungsbegriflf 
als Prädieat gesetzt ist, notinvendig auch irgend einer der ihm unter- 
geordneten ArtbegriflTe Prädieat sein muss; so hat man, wenn ein 
Gattungsbegriff prädicirt, wenn z. B. der Seele das Bewegtwerden 
als Prädieat gegeben wird, zu untersuchen, ob ihr irgend eine der 
Arten der Bewegung zugeschrieben werden kann^. Dies der deut- 
liche Gang des Gedankens; die Länge des Vordersatzes kann nicht 
Anlass sein, mit Sylburg, Bekker, Waitz vor idv oxjv einen Punet zu 
setzen und einen nachsatzlosen Vordersatz zu statuiren. Die Exem- 
plification erweist sich deutlich als Parenthese, nach welcher der 
auch grammatisch nicht aufgegebene Zusammenhang durch ouv noch 
bestimmter markirt wird. Vahlen hat diese Satzfugung bereits 
bezeichnet (Zur Kritik Arist. Schriften, S. 63) und als bestätigen- 
den Beleg für einen, ebenfalls schon von ihm auch hinsichtlich der 
Coustruction berichtigten Salz aus der Bhetorik ß 9. 1387 a 27--32 
beigebracht, den ich sogleich mit der von Vahlen gegebenen sehr 
wahrscheinlichen Ergänzung schreibe: 

xal inei ixaarov tojv aya^wv oO toO rvyovrog aftov, dXXd re^ 

iariv dvaXoyla xai tö ap/xörrov, ofov ottXcüv xdXkog oü r^ ^ixatep 

»0 dpii.6r7ei aXXa t^) avdpclw, xod ya/xot < Xa/Jiffpol > dpiLorrovreg ou 

ToXg vetaarl nrXouToöatv dXXd roig eOyeviatv idv o5v dyaJ^og wv 

, l^ii TOÖ apfxÖTTOVTO^ Tvyydv(i^ vs/xeoTjTÖv. 

Sylburg, Bekker (auch noch in der dritten Octavausgabe) setzen 
vor icev ovv Ponet; das Kolon, und somit die Verbindung des Ganzen 
zu einer Periode, hat bereits Spengel gesetzt. 

Die bisher angefahrten Stellen, an denen schon von anderen 
Seiten statt der ZerstQckelung in unvollständige Satzglieder die Ver- 
bindung zu einheitlichen Perioden anerkannt ist, werden derselben 



Aristotelische Studien. 45 

Auffassung einiger anderer, in ihrer sprachlichen Form yollkommen 
gleichartiger Fälle, in denen dies bisher unbemerkt geblieben ist, 
grössere Evidenz geben. So Anal. post. ß 16. 98 b 16 — 21. Wo 
Ursache und Verursachtes, sagt Aristoteles, in einer solchen Reei- 
procität stehen, dass mit dem einen das andere gesetzt ist, lässt sich 
ebensowohl von dem ersteren auf das zweite schliessen als umge- 
kehrt, z. B. von der Breitblattrigkeit eines Baumes auf das Abwer- 
fen der Blätter als umgekehrt , von der Stellung der Erde zwischen 
Sonne und Mond auf Mondfinsterniss ebensowohl als yon der Mond- 
finsterniss auf jene Stellung. 

ei di iJiii ivdiyeTai alria eivat dXk-h^cüv (rö ydp ourtGV npörepov 
cu alrtcv}, xai roO (xlv ixXdneiv airiov rd ev fxfacf) rrtv yrjv ecvat) rotj 
6' iv (xiatü T^v yf/v eivai oüx «Tnov t6 ixkeineiv tl o5v >5 fxiv »o 

iiä TOO akiorj dn6Sei^ig t.oö Sid rf, -f) Si fxi% Std toO ahlov roö ort, ort 
yiiv iv iLSGt^ , olSt , ii&n d^ oö. 

„Wenn bei der Priorität der Ursache vor dem Verursachten 
unmöglich zwei Dinge von einander Ursache sein können, und 
Ursache der Finsterniss die Mittelstellung, aber nicht die Finsterniss 
Ursache der Hittelstellung ist: so erkennt man, da ja der durch die 
Ursache als Hittelglied geführte Beweis das Warum, der durch ein 
Nicht-Ursachliches die blosse Thatsache erweist, durch den Schluss 
von der Finsterniss auf die Mittelstellung nur die Thatsache, nicht 
das Warum**. Diese erklärende Übersetzung wird wohl ausreichen, 
die dem Gedankeninhalte allein entsprechende Satzfugung zu erwei- 
sen. Wenn man mit üekker und Waitz vor ii ouv durch einen Punct 
jibschliesst, so macht man das» was blos eine beispielsweise Anfuh- 
rung ist (xdi ToO ikiv — rö ixAeiffetv) zum Nachsatze, im Widerspruche 
mit der deutlich erkennbaren Absicht der Beweisführung und ohne 
im sprachlichen Ausdrucke irgend ein, doch sonst nicht leicht feh- 
lendes Zeichen des Nachsatzes zu haben. 

Mor. M. ]3 10. 1208 a 12—20. Wir haben, sagt der Verfasser 
im Sinne des Aristoteles, das tugendhafte Handeln definirt als ein 
npcLTTsiv xara röv 6p3dv XÖ70V , es ist nun zu bestimmen, worin dieses 
npdrreiv xard röv 6p^6v XÖ70V besteht, fortv o5v xara töv 6pS6v 
X670V TrpdTTCtv, orav tö akoyov ixipog rrig ^^X^^ M '«wXvip rö Xoyt- 
ffTtxdv ivepyeiv t^v olOtoO ivipy eiav totb ydp -fi npä^tg iarat xara; 
röv öpädv XÖ70V. Diese Erklärung wird sodann begründet durch 
folgenden Satz: 



46 B o n i t z 

del di rd y^£ipov roö ßeXriovog ivexiv lauv, u)(jnep inl ffoü/xaroff xae 

15 rffvy(fig TÖ JCü|xa Ti^g ^v/r^g evsxev, xoct tot^ ipoOfiev ^etv rö 9£>(xa 
xaAw^, orav götw^ Ij^tj cS<yTe |üii% xcüX6«v «XXa xat' cyu|ULßaXX£a.&ae xai 
aviiKapopiiäv npdg tö riftv ^vyiiv imTs^slv rd aüT7j<j ^pyov (rd yäp 
yeXpov ToO ßeXriovog cv€X€v, npdg tö avvepyeXv rcji ßekTiovt) • orav 

20 Oüv rd 7ra^>3 fxi% xwXOwfft röv voöv rd auroö ^pyov ^/rersXctv, rör' iarat 
rö xard röv dp^öv X6yov ytvöfxevov. 

»Da nämlich ein Theil der Seele geringer, der andere besser 
ist, und der geringere immer dem besseren als Mittel zu dienen hat, 
um dessen Zwecke zu unterstützen, wie wir dies in dem Verhält- 
nisse zwischen dem Körper und der Seele ersehen: so wird das 
richtige Verhältniss im Handeln dann stattGnden» wenn die Leiden- 
schaften und Begierden der Vernunft kein Hinderniss in ihrer Thä- 
tigkeit setzen^. In dieser Weise ist der Satz wirklich Begründung 
der aufgestellten Erklärung. Wenn man dagegen mit Bekker und 
der Didot*schen Ausgabe vor crav ouv einen Punct setzt, also xai 
tot' ipoOiiBv zum Nachsätze macht, so muthet man dem Schriftsteller 
zu, aus der Unterscheidung eines minderen und höhei^n Theiles der 
Seele einen Schluss auf das Verhältniss zwischen Körper und Seele 
zu ziehen, was auch dem Verfasser dieser Ethik nicht zuzu- 
trauen ist. 

Dieselbe Satzform wird man leicht Mor. M. ß 7. 1206 a 36-^b 8 
anerkennen, wenn man zugleich ein paar zweifellose Berichtigungen 
an den Worten des Textes vornimmt. Die Stelle lautet nämlich in 
der Bekker^schen Ausgabe: 

(XTtopYiaeie S' av ng xai fieTaßdg ifcl rc3v dpsT&v rd rotoörov, 
olov ineidri 6 loyog xparct ;ror^ rcov naJ^oiv (^ajxev yäp kni toO iyxpa* 
ToOg) 5 xat rd nd^rj ii nd'Xiv ivrearpa/x/x^voi)^ roö Xöyou xparel, oiov 

h ini rcüv dxpardv cvixßaivei. inei oxjv rö dXoyov yiipog rfjg ^u)^>5^ ^X^^ 
ri^v xaxcav xparct roö loyov e\j oiaxsiikivou (^ ydp dxpaT^g rotoöro^), 
xai 6 "koyog ö/iotw^ yaöXo^* Sio xdxeXvog xparriaei rwv Tra^'wv su Äia- 
x€t/xivcüv xai iyovT(t}V ri^v oixeiav dptrriv. ti Si toüt* iarai^ aviißr,- 

» jera« r^ dpsT-fi xaxco^ yjpfifj^ai' 6 ydp Xoyta ^aOXep Staxeiiisvog xai 
Xpwfxcvog rTp dpcryj xax&g avr^ yjiiiaeTai. 

Die Interpunction ist bereits in der Didot^schcn Ausgabe 
berichtigt, welche, der lateinischen Cbersetzung Valla*s folgend, 
vor inei ovv nicht Punct, sondern Kolon setzt; mit Bekker den 



Aristotelische Studien. 47 

•durch intiSij begonnenen Satz mit (jvikßaivsi zu sebliessen, also xai 
rd nd^Ti Si ndhv — (jitiißaivti zum Nachsätze zu niachen» ist, selbst 
abgesehen von dem dann auffallenden Gebrauche der Partikel d^, 
durch Inhalt und Sprache unmöglich; beide beweisen, dass wir es 
nicht mit einer Folgerung, sondern mit der Berufung auf eine 
xweite Classe von Thatsachen zu thun haben. Aber auch nach 
dieser Berichtigung der luterpunction ist der folgende Theil des 
Satzes unverständlich; denn daraus, dass der unvernünftige Theil 
der Seele im schlechten Zustande über den vernünftigen bei dessen 
richtigem Verhalten Gewalt gewinnt, kann nicht der Schluss der 
Analogie gemacht werden», dass die Vernunft zuweilen in gleicher 
Weise schwach oder schlecht ist, xoci 6 Xoyog djULctco^ (paOXog, Die 
▼OD Spengel vorgeschlagene evidente Änderung weniger Buchsta- 
ben lässt den Gedanken, wie er in der ganzen dem Verfasser dieser 
Schrift üblichen Breite ausgedrückt ist, deutlich hervortreten: 

olov inecdii 6 "koyog xpartX nori rqiv na^Qv (^a/x^v yap 

iizl ToO ^xparoö^), x«i töc nd^ri Si ndhv fl^vre<7rpafji|üiivcüg roO XÖ70V 
xpareX (^oiov int roüv dxparQv cviißaivei) ^ inel ovv rö aXoyov 

fiipog Trig ^'^X"^^ ^X^'^ ^^^ xaxioLv xparel rofj Xdyov €Ö Siaxeiiiivov (ö 
ydp'd^paHig TOiovrog)^ xal 6 löyog öiioioig faO'kfag ^taxeffJic- 
yog xparhoti raiv Tra^wv e\t deaxeijx^vcjv xai i^övrojv ri^v oixsiav 
dperriv. si de toöt' iarai^ <7u/üiß>3 gerat rp dperf xaxöig y^pYja^ai' 6 
yäp Xöyog (paOltag itaxeliievog xai yjxbikei/og rp dperf xaxco^ aürp 
^tjjsrat. 

Die Sätze, welche unter der vorliegenden Rubrik (3, a) zusam- 
mengefasst sind, können zugleich als weitere Bestätigung der luter- 
punction dienen, die ich für Met. ß 6. 1002 b 14 — 30 in den Obs. 
ad Met. p. 36 und dann in der Ausgabe der Metaphysik nachgewie- 
sen habe; sie ist auch von Schwegler in seinem Commentare S. 147 
als nothwendig anerkannt. 

bj Um einen Schritt weiter entwickelt zeigt sich die jetzt eben 
behandelte Satzform, wenn dem ersten Vordersatze nicht ein zweiter 
einfacher untergeordnet ist, sondern zwei einander entgegenge- 
setzte, welche zu der im übergeordneten Vordersatze ausgesproche- 
nen Voraussetzung eine Subdi?ision bilden. Wir finden diese 
Form z. B. anerkannt in der Bekker sehen Ausgabe Met. x 3. 1060 
6 31—36: 



48 B n i t s 

iK£l S' iariv -h roxi fiXoaofOv imarhiXYi roO ovro^ ^ Sv xo^öXov 
jcat öO xara l^-ipog, rd d' Sv noXka-zjUig xat oü xa^' iva 'kiytrou rpö- 
;rov' £^ fX£v ovv öfxeov6|XGt)^ xard d^ xoevöv (xvj^iv, oüx f^riv 

CfTTÖfiifav im<jrriif,-nv (oü ydp Iv 7^vo^ tojv toioOtcov)* et Ji xard tc 
xoLv6v^ eXvi Äv 'j;rd /xtav Imdnfi^yjv. 

^Da die Philosophie Wissenschaft des Seienden als solchen ist, 
das Seiende aber mehrfache Bedeutungen hat: so gehört es, falls 
diese mehrfachen Bedeutungen nichts weiter als den Namen gemein- 
sam haben, nicht einer und derselben Wissenschaft an, falls dagegen 
die mehrfachen Bedeutungen eine begriffliche Einheit haben, so fällt 
das Seiende unter eine und dieselbe Wissenschaft. ** 

Es wird aber gewiss nur der Hinweisung bedürfen, um dieselbe 
Constructionsfurm an einer Stelle des Organon zur Anerkennung zu 
bringen, wo dieselbe bisher in den Ausgaben (Bekker, Waitz, Didof) 
rerdeckt ist, de interpr. 7. 17 a 38 — ft 8: 

knei d' iari rä iiiv xol^öXgv tcSv /rpayjuidTCüv rd 9i xa^' ixaarov 

♦0 (Xiyta Si xa3"öXov ji^w o Inl jrXetövwv nifvxe xoLTYiyopsTd^ai^ xa^'fxa- 

b (jzov dk 6 ikii^ ofov av^poinog \ikv tojv xa^öXov, KoiXkiag Si r<MV 

xa^' fxajTOv), dvAyxri $i dnofotivso^oci cag (fTzdpy^ei ri ^ juii^ dri 

liiv Twv xa^öXou r«vf, 6ri Si rcSv xa^* ixadTOV idv fx^v o5v 

xa^öXov dnofOLivfiTOLi inl tov xa^oXou ort VKdpy(€i rirj jxr?, fffovrae 

s ivavrcac al dnoffdvaetg (Xiyo) 8i ini roO xaJ^oXov dnofaivea^OLL xa^ö- 

Aoü, gIov ndg dv^pmnog "kevxog^ ovSdg äv^puynog Xcvxö^) • orav 

Si Im Twv xa^öXou |üiiv, jüiyj xa^oXov ^e, aura« |uiiv oüx c^atv ivav- 

Tta«, rd yiivTOi JvjXoO^cva ^artv srvae ivavrt« norL 

„Indem man Allgemcinbegriffe von den Bezeichnungen indivi- 
dueller Dinge zu unterscheiden hat und bald jene bald diese das 
Subject bejahender oder verneinender Aussagen sind: so stehen, für 
AllgemeinbegrilTe als Subject, allgemeine Bejahung und allgemeine 
Verneinung desselben Prädicates im conträren Gegensatze, particuläre 
Bejahung und particuläre Verneinung dagegen nicht, wiewohl es mög- 
lich ist, dass zuweilen das unter den particulären Aussagen gemeinte 
einander entgegengesetzt isf. Wenn in den bisherigen Ausgaben 
vor idv jUL^v o^v und vor drav Sk Puncto gesetzt werden, also dvdyxri 
di zum Nachsatze des durch inii $' eingeführten Vordersatzes 
gemacht wird, so ist dabei wieder die Voraussetzung gemacht, Ari- 
stoteles gebrauche Si im Nachsatze in einer für die sonstige griechi- 
sche Prosa unerhörten Weise, worüber unten im vierten Abschnitte 



Ajristolelificbe Studien. 49 

gehandelt wird; denkt man sieh die, bei Aristoteles doch gewiss 
nicht ungewöhnlichen Parenthesen hinweg, so hat man genau dieselbe 
Satzforro, wie in der vorher angeführten Stelle der Metaphysik. 

An zwei anderen Stellen, einer aus der Physik, einer anderen 
aus der unechten Schrift über die Bewegung der Thiere, ist es nicht 
grössere Verwickelung in der Satzfügiing, die Tielmehr den bisher 
angeführten ganz gleich ist» sondern Schwierigkeit des Gedanken- 
inhaltes, welche die richtige Construction übersehen lässt. Phys. 
SA. 211 a 23—34: 

ind 8i Xiyoiksv ervac (bg iv rö/rcp iv r^ orjpav^^ Siöri iv r^) 
flUpc, ö'jTog d' iv Tö o^paviji^ xai iv t^ dipi di ovx iv jravre, dXkä " 
Siä TÖ iay^arov avToO xai 7:eptiy(ov iv TCf> dipt (paikiv eivat (e^ ydp 
nag 6 dhp r6nog^ ovx dv Xaog si-n ixdcrov 6 rdnog xai ixaarov^ ioxiX 
ii ye laog eivai^ roioOrog Ä' 6 npdrog iv 4> i<yrtv)* örav [liv 

ovv iLT/ SiiQpriii.ivov Tp TÖ nepiiy^ov dcXXa auvty^ig^ oOj^ d)g h TÖnrcj) '® 
'kiyerat eivai iv ^sevcj), aXX' (og \kipog iv oXcj>* orav ii iiigpriixivov 
^ xai affTÖfJi€vov, iv Trpwrcj) kari tä io^^drcj) roO nspU-^ovrog ^ 6 
out' iari i^ipog tov Iv atjr^ ovrog oure iLel^ov toö diaariiiiaTog 
flülX' laov iv ydp tc}> avT^) t« iay^aTa tCjv «n-TO/xivcov. 

.Die falsche Interpunction Bekker*s der a 28 vor ToioOrog^ a 29 
Tor crav fiiv ovv Puncto setzt, ist in dem Prantrschen und Didot*schen 
Texte beibehalten; durch seine Übersetzung dagegen drückt Prantl 
dieselbe Satzfügung aus, die in der vorstehenden Interpunction 
bezeichnet ist, und gibt durch diese Gbersetzung zugleich für die 
eingeschlagene Construction die Bestätigung, welche allein man 
etwa noch wünschen könnte. (Das im Anfange des Satzes vor r(b 
oüpavo) gesetzte Iv, welches die Ausgaben nicht haben, ist. nicht 
Conjectar, sondern Überlieferung der besten Handschrift.) 

de motu an. 4. 699 b 17—29. Ober die Bewegung der Theile 
des Himmelsgebäudes erhebt sich ein Zweifei aus folgenden Erwä- 
gungen. Wenn man durch eine Bewegungskraft die Ruhe der Erde 
überböte, so würde man die Erde aus ihrer Lage im Mittelpuncte in 
Bewegung setzen; und hierzu ist, da die Erde eine begrenzte 
Grösse, also auch eine begrenzte Schwere hat, nicht die Annahme 
einer unendlichen Kraft erforderlich. 

kKsi di TÖ dSOvarov "kiyerai 7:'k€ovay(ö}g (oO ydp (bfjaOrcag rtiv t£ 
f>ei)vr/v ddOvarov ya/xev €rvai ipa^rivai xai rovg im riig (jeXYivng 
vf' riiLdtv TÖ fJL£v ydp «f dvdyxvjg, tö St nsfvxäg öpaG^ai oOx 20 
Sit/.b. d. phil -bist. Cl. XLll. Bd. I. Hft. 4 



50 



B o II i t 2 



of^-fidSTOii) ^ TÖv 5' oüpavöv «y^aprov slvai xal aotaXvTCv oioiieSa 
|JL£V i^ dvdyxrig^ .<Tufxßa£v££ $e xarä tovtov töv AÖ70V oüx 1^ avayxn^ 
(/riyuxc 7 dp xai lv8iy(^Erai eivai xtvTjatv fJL«'C««^ xai ay' i5^ ripsiisX ifj 
«5 7^ xat dy* iSs" xtvoövra« tö ;röp xat rö dvco gco/ia)* «^ jül^v o5v 

€iaiv ai xjmptfOMoai xtvi^act^, ^jaXu^^fferat raöra C;r' dXXrjXtov 
£t Jl jULT^ zial \i.iv^ h$iy(trai S' elvat (a;r«pov 7dp oüx ivd^j^erac dtd 
rö ikfiSiv (jcüfxa ivd^j^ea^at änetpov efvac), IvJij^otr' av diaXu^isvac 
TÖV oOpavov. 

lindem von den beiden Bedeutungen, in denen man von Un- 
möglichkeit spricht, der absoluten nämlich und der relati?en, nach 
dem eben dargelegten nur die letztere auf die dem Himmelsgebäude 
zugeschriebene Unvergänglichkeit und Unauflösbarkeit passt: so 
ergibt sich, dass wenn jene überbietenden Bewegungskräfte in Wirk- 
lichkeit existiren, diese Welt durch sie wirklich wird aufgelöst 
werdep, und wenn sie zwar nicht in Wirklichkeit existiren, aber 
doch existiren können, da für sie nicht die Annahme einer unend- 
lichen Kraft erforderlich wäre, die Auflösung des Himmels mög- 
lich ist". Die in diesen Worten gegebene Obersicht des Gedan- 
kenganges wird hinlänglich beweisen, dass in den griechischen 
Worten eine grammatische Construction wirklich vorhanden ist; 
Bekker gibt die Möglichkeit einer Construction yöllig auf, inilem 
er b 21 vor töv ä' oOpavöv, b 25 vor ei [xiv ouv, b 26 vor ti di 
Puncte setzt. Die Didot*sche Ausgabe hat richtig die ganze Stelle 
in eine Periode zusammengefasst, nur hat sie in dem Vorder- 
satze Parenthesen nicht angewendet und dadurch die Übersicht 
erschwert. 

An einer Stelle der Nikomacbischen Ethik Eth. N. 7 7. 1114 
a 31 — 6 13 ist die SatzfÖgung noch dadurch verdunkelt, dass 6'3 
die Lesart der Handschriften L^ M^'N*' (und H', uelche Bekker hier 
nicht verglichen hat) juiift, or}^£f^ vor der der übrigen, unter denen 
sicL die Vertrauens werthere K*' befindet, firj^-st^, bevorzugt ist. 
Durch Krische (Jen. Lit. Ztg. 1835, Nr« 230) undBassow (Beiträge 
zur Texteskritik der Nik. Eth. Weimar 1862) ist die Periode in ihre 
richtige Form hergestellt: 

d Si Tig Xiyoi ort TzdvTsg ifisvTXi tov yatvojuifivov dya^oO^ Trjg 
Si favraaiag ov TtOpioi^ dXX* önoXog no^' ixacTog ioTi^ roiovro xai 
TÖ Tslog faivETOLi a^Tifi • £ t fx I v u v ixacrog iavTth rrig i^€0)g 

hri 7rw$ aiTiog^ xai rvig jjavrajtas' bitoli Tzojg aCrog oiiTiog' ' ei Si 



Aristotelische Studien. 51 

yLT,^€l^ a6Tö atreo^ toö xaxa nroteTv, aXXdc 8t' ayvocav roO riXou^ 
TaöT« npdrret^ Sia toutwv oi6iJ.evog ccvrm rd oipiCTOv iaea^OLt^ ifj Si « 
roö riXou^ ^yeacg ovx aO^atpcrö^, d}ld fOvat Sei cöffrrsp otf/tv I'^ovt«, 
^ xpev€t xocXcdC xat rd xar' ^Xf/^etav dyaSdv aip-haerat^ xai ianv 
euyvYj^ w roöTO xaXcjg jreyuxcv (rd 7dp [ki'^iorov xae xaXXearov, xac o 
?rap* iripou |uli% oröv tc Xaßctv ixndi /xa^elv, aXX' ofoy lyu rotoörov lo 
6?£t, xai TÖ eu xae rd xaXcSg toöto Ticyux^vac i5 TcXee« xac' aXi^^tvi% äv 
cTtj eUfuea), se or? raör' ifjriv aXiQ^T^, r( fxäXXcv r/ dpBT^ TYi^ 
x€ixiag iarai ixovaiov ; 

Es handelt sich darum, inwiefern unsittliches Handeln dem 
Menschen zur Schuld anzurechnen ist. „Wenn man sagt, jeder 
strebe nach dem, was ihm in seiner Vorstellung als Gut erscheint, 
und sei über seine Vorstellung nicht Herr, ßo ist darauf zu erklären: 
wenn jeder an seinem Zustande in gewisser Weise Ursache ist, so 
ist er auch Ursache seiner Vorstellungen; wenn dagegen Niemand 
Urheber seiner unsittlichen Handlungen ist, weil dieselben aus einer 
Unkenntniss fiber das höchste Gut heryorgehen, die Einsicht aber 
und das richtige Urtheil Qber dus sittliche Gut Sache einer Natur- 
anlage ist, die man sich nicht geben kann, so wurde die Tugend 
ebenso wenig wie das Laster dem Menschen als seine freiwillige That 
anzurechnen sein*'. Von. den zuletzt behandelten Sätzen unterschei- 
det sich in seiner grammatischen Form der Yorstehende dadurch, 
dass der zweite von den beiden untergeordneten Vordersätzen 
Et Si iivi^eig xrX., nachdem durch eine erläuternde Parenthese der 
strenge Gedankengang unterbrochen ist, durch ei d-h raOr' iariv 
dhiJ^ nochmals recapitulirt wird, eine Form, zu der später (H, 4) 
Beispiele werden beigebracht werden. Diese Parenthese selbst 
bedarf noch der kritischen Berichtigung; obgleich noch von keinem 
Erklärer gegen die überlieferten Worte Bedenken erhoben sind, so 
wird doch der blosse Versuch einer gewissenhuften Übersetzung zu 
der Überzeugung von der Unmöglichkeit führen. Indessen diese 
Unsicherheit in einer Nebenparfie, welche durch Conjectur zu ent- 
fernen yielleicht einem Glücklicheren gelingt, beeinträchtigt die 
Gewissheit nicht, dass das Ganze eine einzige Periode bildet und 
man diese nicht zerstückeln darf, indem man mit Bekker (auch noch 
in der neuesten Auflage) b 8 nach e^s^^at, b 8 nach aipii<jeT<xi ^ ä 12 
nach £*jf\fia Puncte setzt. 



O/i B n i t z 

c) Die Subdivision der iu dem Nachsatze ausgesprochenen 
Folgerung, der gemeinsame Charakter der zuletzt behandelten Satz- 
formen, braucht nicht nothwendig durch zwei entgegengesetzte» 
dem ersten Vordersatze untergeordnete Vordersätze eingeführt zu 
sein, sondern kann unmittelbar durch den Gegensatz zweier Glieder 
des Nachsatzes selbst ausgedrückt sein. Auf einen Fall dieser Art 
hatte ich in den Obs. ad Met. p. 35 im Gegensatze zu der Inter- 
punction des Bekker*schen Textes hingewiesen, Eth. N. v? 6. 1147 
b 23 — 1148 all, in der neuesten Bekker^schen Octavausgabe der 
Ethik ist in dem wesentlichsten Pi^ncte, der Bezeichnung des An- 
fanges des Nachsatzes, die Interpunction berichtigt, aber die Glie- 
derung des Nachsatzes selbst ist auch jetzt noch rerdunkelt. Die 
ganze Periode ist so zu schreiben : 

ijzei 5' kcTl ra fxiv dvayxaXa tcSv noioOvrtav -^Sovyjv , ra ä' aipira 

Qiiyo) Si rä roiaOra , ra ts nepi rf^v Tpofriv xae riiv tcSv dfpoiiaioiv 
yjidav^ xai rä Tocaöra tojv (jwfxanxdiv nepl & ti%v dxoXaaiav l^e|ui£v 
xat TYjv (jwypotyuvYjv) , t« 5' dvayxata fx^v o{;, alpsrä di xa^' aura 

so (Xiyit) d' ofoy vtxrjv rtfxi^v ttXoötov xat rd Totaör« tcSv d7a^c5v xocl 
i^^iwv)* TOü^ jUL^v oöv TTpös" TaöT« jrocpd TÖv dp3"öv X670V vnep" 

ßaXXovrag rdv iv aurotg drrXcö^ fxiv oü Xfi70fX£v dxpaTcT^, ;rpo<JTt3'iv- 
r£^ di rö )Q9>}|ULd(roi)v dxparei^ xai xipdcu^ xoi rcfui?^ xae ^fLoO , UTtXoig 

88 §' gO (hg iripoug xat xa^' öfxotönjra Xeyoyiivorjg ^ &anip äv^ptanog 6 
rä *0A6fx;r(a ;;cvcxv}xoj^ , ixe^va> ^dp d itoivög Xöyog toO iolov ikixpd^ 
Siifepsv^ dXX' d/xex)^ irepog i!v ((jT3|xetov ös* >5 /liv ydp dxpaaia ^tj/S" 
rae cO)^ a>$ dikocpria fxövcv dXXd" xat cü^ xax(a rig 7; dTrXoj^ c*jara % 

5 xard Tt yiipog^ 7oOtoi)v d' oO^dg) • tc3v Äi nepi rdg aojjjiartxd^ 
d/rcAauaet^, 7r£p( dg 'kiyopLSv röv auifpova xat dxöXaarov, o /JL-y? ro» 
npoaipsidJ^ai tojv t€ >5dic«)v (Jiwxodv Td^ vnepßo'kdg xat tojv Xujpjpojv 
5p£67Ci)v, Tveivrig xat dttprj^ xat dXeag xat ^Oyovg xat jrdvTOJv tojv ;r£pi 

10 dfhv xat 7eöatv, dXXd ;rapd Tr?v npouipeaiv xai ti^v didvotav, dxpa- 
T^^ Ae7£Tat, oü xaTd Kpoa^eaiv^ ön nepi rdde^ xa^dnep opyfig^ 
dXX' dTrXoig /JLÖvov ((7>j|Ji£tov Je* xai 7dp jxaXaxot XiyovroLi nepi TOLOrag^ 
Ttepi ixftvojv Ä* oüdffx^av). 

Die Interpunction der älteren Bekker^scben Ausgaben, im We- 
sentlichen beibehalten in der Didof sehen, durch welche dva7xaia 
l^iv Td aojjjiaTixd zum Nachsatze des durch i;ret^d' kari begon- 
nenen Vordersatzes gemacht wird, lässt sich vom grammatischen 



Aristotelische Studien. 53 

Gesichtspuncte aus nicht als unzulässig bezeichnen, sie könnte sogar 
wegen der weit grösseren Einfachheit der dadurch für das Folgende 
sieh ergebenden Fugung den Vorzug zu verdienen scheinen. Sie 
erveist sich aber sofort als unmöglich, wenn man die Stelle im 
Zusammenhange liest; denn die Frage, welche Aristoteles jetzt zu 
beantworten unternimmt, ist norepov 8' iari rig dnluig dxpariig Yi 
navreg xarcc IJiipog^ x,ai ei iari nepl noXa, lare, 1147 b 20. FQr die 
Beantwortung dieser Frage bildet nicht nur die Unterscheidung der 
Arten Ton Lust in noth wendige und nicht noth wendige, sondern 
eben so sehr die Identification der ersteren Art mit der sinnlibhen 
Lust, die Erläuterung der zweiten Art durch einzelne Beispiele die 
blosse Voraussetzung, aus welcher die Unterscheidung des axpar^^ 
dirXcj^ und des dxpariig xard [kipog abgeleitet wird. „Indem es zwei 
Hauptarten Yon Lust gibt, einerseits nothwendige, die aus der 
Befriedigung der natQrlichen sinnlichen Bedürfnisse her?orgeht, 
anderseits nicht nothwendige aber an sich erstrebenswerthe, her- 
Yorgehend aus der Erreichung von Zielen, die an sich ein Gut und 
angenehm sind: so wird ein Übermass in der zweiten Richtung 
nicht Unmässigkeit schlechthin , sondern Unmässigket mit näherer 
Bezeichnung des Gebietes genannt, ein Übermass dagegen in der 
ersteren Richtung, sofern die Begehrung im W^iderspruche mit der 
eigenen Einsicht und dem eigenen Entschlüsse steht, istUnmässig- 
keit sehleehtbin''. Diese Obersicht des Gedankenganges wird die 
Zusammengehörigkeit der beiden Glieder des Nachsatzes zeigen; 
jedes derselben erhält einen grösseren Umfang theils durch beschrei- 
bende Ausführung, theils durch die mit tmiktlov eingeführte Be- 
gründung, das Ganze aber in so ebenmässiger Anordnung, dass die 
Periode trotz ihres erheblichen Umfanges eine deutliche Gliederung 
und volle Obersichtlicbkeit gewinnt. 

Nachdem an die eben behandelte Periode Aristoteles die Folge- 
rung angeknöpft hat, dass die tadelnden Prädicate axpanjg und dxö- 
Xaaro^, wo dieselben schlechthin ohne specielle Begrenzung ange- 
wendet werden, sich auf dasselbe Gebiet des Begehrens und Han- 
delns beziehen, wie die lobenden i'fTcparhg und aoj^pcüv, filhrt er die 
Erörterung fort in einem Satze, dessen Bau sich sofort als gleichartig 
dem zuletzt besprochenen erweist, wenn auch seine Gliederung 
keineswegs die gleiche Ebenmässigkeit zeigt. Man wolle versuchen, 
die Stelle 1148 a 22 — 6 9 in folgender luterpunction zu lesen: 



d4 B n i t z 

ind 8i TCüV cTrt^ufxtwv xat rwv liSovojv ai fxfv tiat rw y^vet xaXcDv 

xat (7;rouä'a«a)v , tc5v 7ap >5J^c«)v ivia fCasL alptra^ t« ä' ivavrea 

*' toOtwv, rd 5i [Lira^xj^ xa^dnep dieiloyLtv nporepov^ oiov yjpiiiiaTa 

'Kai xipSog xai vUfi xai tiily} , Tzpög äKavroL di xal tol roiaOra xal 

ra ix.£Ta^v oO rcf) nd(jy^£iv xac im^uiieXv xal fikeXv ^iyovTai^ aXkä 

rw TTcas" (fTzspßd'XXeiv (ö'tö Ögoi fXfv Trapd töv X670V rj xparoövTae tq 

80 dtcöxo'Jtje Twv y6(7et re xaXoüv xai dya^aiv, otov oe jrepe Te/xi%v juiäXXcy 

ri Sei CKOuddtovreg ^ nepl rixva xai yoveXg- xai ydp raOra rcSv dya- 

^cZ>v, xai inaivoOvTat oi nspi raOra anovSa^ovreg ' d}X ofxw^ S<jti rtg 

vneppoXi) xal iv roOroig^ et rtg dantp ^ Nc6/3>3 fxd^^otro xac npbg roijg 

^ ätoxjg^ Ti cüfjKep ^dzvpog 6 ytXoTrdrwp ImxaXouikevog nepl töv naripoL" 

liav ydp iSoxei /xwpafvfitv) • yLoy^^inpia fxev ouv ovSeiila jztpi 

ravT ifJTi 6id tö ziprip.ivov^ ort yuaee rcDv atpsTwv exaaröv iorc 

dr «UTÖ, yaOXat Ji xat j?£uxTat aürcDv «Viv at' vnepßoXai^ oixoluig 

* ö'o'jiJ* dxpafjia^ -h ydp dxpaaia oü /jiövov ycuxröv aXXct xal töjv ipsxrojv 

iartv 5e' öiioiOT-nra oi tcO nd^ovg Tzpo^jemriJ^ivTsg rf/v dxpoc" 

aiav nepi ixdGTOu Xiyovaiv^ olov xaxdv larpdv xai xaxdv vnoxpiriiv^ 

öv dnlCjg ovx av dnoiev xaxcv. 

In dem ersten Gliede des Vordersatzes wird durch ai /xlv eine 
TheiluDg begonnen, welche nicht in gleicher Form fortgeführt ist; 
es sehliesst sich nämlich an al /xsv ehi ro» yivei xa\C}v xai artovSaitav 
eine Erklärung, welche für denselben Gedanken nur eine andere 
Ausdrucksform anwendet röjv ydp TiSioiv ivia (pOaet aiperd; denn 
YiSia sind eben das Object der im^vixiat xai -^^Sovai^ erstrebenswerth 
. ihrem Wesen nach, aipezd yOast, sind rd yivei (oder fxjati^ was in 
I diesem Falle synonym sein wurde) xaXd*^ es ist also einerlei, ob 

I man sagt: einige Begierden sind auf Gegenstände gerichtet, die 

I ihrer Art nach schön und gut sind, rö^v ^m^v/xecDv ai iiiv eifji t& 

I yivei xaXcov xai aTrouJatcüv, oder: einige Objecte der Lust sind ihrer 

Natur nach erstrebenswerth. Durch diese Identität des Sinnes 
erklärt sich die grammatische Inconcinnität, dass die weitere Ein- 
theilung nicht an toüv inrt^ufxtciDv xat rwv i5JovcSv ai /x^v, sondern an 
rcov v^decov ^vta angeschlossen ist. Hieraus ergibt sich aber, dass 
man weder mit Zell täv ydp >5o£c«)v €vta fvaet aiperd in Klammern 
schliessen darf, da die folgenden Worte unverkennbar damit yer- 
knüpft sind, noch auch, was nach sonstigen Aristotelischen Ana- 
logien dem Leser nahe gelegt ist, twv ydp -fiSiuiv — rt/xr? als Paren- 
these betrachten kann, weil in dieser vermeintlichen Parenthese die 



Aristotelische Studien. 55 

vor derselben begonnene Eintheiiuog fortgesetzt wird. Wenn man 
nun, wie in sämmtiiehen Ausgaben geschieht, a 28 vor $id einen 
Panet setzt * so wird das Glied npdq äna^^ra ii xai — uTzepßaXkeiv 
zum Nachsatze des durch inei eingeführten Vordersatzes gemacht. 
Sprachlich wird dies nur dann möglich, wenn man statt npd^ äizuvra, 
Sk rielmehr izodg änovra dij liest, wie sich dies in den Ausgaben 
▼on Zell und Cardwell findet; Zell beruft sich ftlr Sri nur auf 
Bas. III, Card well föhrt zu anravra dii aus dem von ihm speciell 
Terglichenen Laurentianus K^ keine Variante an, es ist also wahr- 
scheinlich, dass diese Handschrift ^i^ hat, obgleich Bekker zu dem 
oi seines Textes aus derselben Handschrift K^ keine Variante 
anfuhrt. Aber selbst wenn es durch Setzen dieser Partikel sprach- 
lich zulässig wird, das Glied jrpöc anavTa xrX. zum Nachsatze zu 
machen, seist dies durch den Inhalt unmöglich gemacht; denn dass 
das Streben nach etwas an sich Erstrebenswerthem oder Gieicbgil- 
tigem nicht schon an sich tadelnswerth ist, bedarf nicht erst einer 
Schlussfolgerung, sondern nimmt zu dem yorausgehenden mit inet 
begonnenen Gliede nur die Stelle einer coordinirten Erlöuterung 
ein, und nicht hierauf, sondern auf die Unterscheidung von dx.p<x<jla 
änlöig und dxpauia xara npoaSsaiv ist die ganze Argumentation 
gerichtet. — Ist es nun nicht möglich, in den Worten npdg dnavTcx xrX. 
den Nachsatz zu finden, so ergibt sich, dass man ihn dem Sinne 
nach gewiss erst in i^oy^iopicc iiiv ouv xrX. zu suchen hat. Und 
zwar ist dieser Nachsatz seinem wesentlichen Inhalte nach z w e i- 
gliedrig: „in den Begehrungen des an sich Erstrebenswerthen ist 
auch dann, wenn sie durch ihr Dbermass dem sittlichen Tadel 
anfaeim fallen, weder eine Schlechtigkeit (i^oy^ripta) noch eine 
eigentliche ZOgellosigkeit (dxpa^ea) anzuerkennen, weil ixoy3r,pia 
und dxpaaia schon an sich sittlich yerwerflich sind, sondern nur 
eine Unmässigkeit in gewisser näherer Beschränkung*'. Das dem 
ls.oy(3ripia /x^v ovv entgegenstehende zweite Glied des Nachsatzes 
beginnt mit $i' (Jjxocönjra ol, während in den Worten d/xofwc 
5* oüd' xrX. nur eine Weiterführung des ersten, abgelehnten Gliedes 
gefunden werden kann. — Der yor diesem Nachsatze noch stehende 
Abschnitt enthält jedenfalls eine zweifache Schwierigkeit; fur^s erste 
ist es hart, zu dem Subjecte o<joi fxev — Sidixorjai aus dem Vorher- 
gehenden ^iyovTai zu ergänzen, wie dies durch den Sinn geboten 
ist und im griechischen Comniontar des Aspasius ohne weitere 



2)6 



o u i t z 



Rechtrertigung hiazugefQgt wird ; zweitens rat nach langer Ausßih- 
rung des dareh /xiv eingeleiteten Gliedes das entgegengesetzte, 
welches beim Setzen jenes fxiv vorschwebte, unerwähnt geblieben. 
Diese Schwierigkeiten bleiben übrigens vollkommen die nämlichen, 
wie man auch den ganzen Abschnitt sich gegliedert denken ood 
dcmgemäss interpungiren mag. — Von dem Satze ikoyäripia ikiv c{lv 
habe ich absichtlich gesagt, dass erdemSinnenach Nachsatz za 
ind $i xrX. ist; denn mehr lässt sich im vorliegenden Falle nieht 
behaupten; der Abschnitt aZS — bZdto fxojpafvav , den ich in 
Parenthesen geschlossen habe, wird nicht in einer für Parenthesen 
üblichen Weise eingeleitet, und er erhält eine so selbständige Aus- 
führung, dass die sprachliche Zusammengehörigkeit des Ganzen 
schwerlich kann in Erinnerung bthalten werden. Es ist daher nichts 
dagegen einzuwenden, ja es empGehlt sich als das Wahrscheinlichere, 
dass man /uLc^^pca /Jiiv oxjv a!s nicht der grammatischen Form, son- 
dern nur dem Sinne nach den Nachsatz bildend bezeichne, d. h. dass 
man nach a 28 CmpßaXk&iv einen Strich — als Zeichen des formell 
unvollständigen Satzes und der Anakoluthie setze. Dass von dem 
Baue umfangreicher, durch mannigfache Erläuterungen unterbroche- 
ner Perioden zur Anakoluthie ein ganz allmählicher Übergang statt- 
findet, wird im weiteren Verlaufe (Abschnitt V) an Beispielen 
ersichtlich werden. 

Wenn in dem vorliegenden Falle die grammatische Fügung des 
ganzen Satzes mindestens zweifelhaft, die Annahme einer Anakolu- 
thie sogar wahrscheinlicher war, so bietet sich uns dagegen in 
Met. 3 10. 1061 b 9—17 ein vollkommen evidentes und klares 
Beispiel eines durch fxiv ouv eingeleiteten zweigliedrigen Nach- 
satzes : 

10 d Sri rcL /xev dti cruyxetrac nLoi dSOvara Staipe^iVat ^ ra S^ dd 

diilpT/TOci xal dSOvara auvrs^ijvat, rd Ä' ivoiy^erai ravavrta, < xat > tö 
fX€v tlvai icTi tö (jvyxBla^ai xai Iv efvat, rö Si juni elvai tö fxr? auyxet- 
a^ac aXXd jrXdw fitvat* nepi ftev ouv rd ivdey(6iJ.evoc >5 a^Tii 

'fiyveTai ^psrjdiig xai dX>2^y?s' ^ö^a xal 6 Xoyog 6 auTÖg, xai ivöly^srai 

15 öri fxiv dXti^eOgLv cTi di rl^eOdsaJ^ai • nepl Si rd dSvvara dXXcag 
iytiv oü yiyytrcLi 6zi [kiv akri^ig 6Ti di TpföJog, dXl' dd raCrd dhiJ^ 

Die früheren Ausgaben (Sylburg, Brandis, Bekker) machen tö 
fx^v eivai — rrXsccj elvai zum Nachsatze, was durch den Sinn unmöglich 



Aristotelische Studien. 57 

ist, da zwischen dem so angenommeDen Vordersätze und Nachsatze 
das Verhältniss von Voraussetzung und Folge in keinerlei Weise 
besteht. Dass xocc vor rd fx^ hinzuzufögen ist, ergibt sich aus Alexan- 
der*s Commentar; nach dieser Ergänzung ist sodann die schon von 
Alexander und Bessarion in gleicher Weise aufgefasste Gliederung 
des ganzen Satzes nicht weiter zweifelhaft. Ausführlicheres darüber 
in meinen Obs. ad Met. p. 35; die dort nachgewiesene Construction 
und Interpunction des Satzes ist in der Didot^schen Ausgabe auf- 
genommen. 

Bekanntlich werden durch fxiv und Si nicht selten Sätze einan- 
der grammatisch coordinirt, von denen dem Sinne nach der erstere 
im Verhältniss zum zweiten nur eine untergeordnete Stellung ein- 
nimmt. Derselbe Fall lässt sich öfters in solchen Perioden erken- 
nen, deren durch ikiv o{)v eingeleiteter Nachsatz der Form nach 
aus zwei eoordinirten Gliedern besteht, während dem Inhalte nach 
das zweite Glied die eigentliche Folgerung enthält und das erste 
nur eine Vorbereitung dazu ist. Dahin gehören zwei Sätze aus der 
Metaphysik, deren Interpunction ich Obs. ad Met. p. 33 f. behandelt 
habe. Zunächst A 3. 083 a 24—6 3: 

inei $i favspöv ort rojv i^ ot[iy(Yig airiujv Sei "kaßelv imaTYiyiriv as 
(röre yap BiSivai yafx^v IxajTov, orav Hiv npdirr^v airiav o^a>|X£«d'a 
yvwpt^ctv) , rd $' alria X^ygrat rcrpa^w^? c5v fiiav fxiv akiav yafxiv 
cfvat TYiv oüöcav xal rd ri ^v etvat (^dvdyerat yäp rd Siä rl sig rov 
AÖ70V itjyarovj alrtov 6i xal dpx^ '^^ ^^^ '*'*' Trpdürov), iripav di riiv 
\jkr,v }^ai rd 6;rox£ifxevov , rplmv di ö^ev >5 «px^ '^^ xtvf/aeo)^, Tfirap- «0 
TTyv di riiv dvTCXftftevTjv ap-^v raOr^i , rö oC ivsaa, Kai rdyoc^öv (riXoc 
'fdp yevia£(t)g xai xivhaet*)^ Ttdar^g toöt' ^<jTtv) • re^icopifjTat yiiv 

C'jv ixavuig ntpi aürciüv v^fuev iv rcl^ izspi (fOattagj dp.(üg Si napa." b 
Xdßcüfxcv xai rovg nponpov >^|X(a>v eig ini<7xs^tv rcov ovrcav iX^ovrag 
xae (piXoaofiiaavrag nspi r9ig dXYj^siag. 

Denn in diesem Satze ist diejenige Folgerung, um die es dem 
Schriftsteller eigentlich zu thun ist» erst in dem mit cfXGjg dt begin- 
nenden Gliede enthalten: „ludern es die Aufgabe unserer Wissen- 
sehaft ist, die principiellen Ursachen' zu erkennen, und es solcher 
Ursachen viererlei Arten gibt, so wollen wir, obgleich bereits in der 
Physik über den Gegenstand hinlänglich gehandelt ist, doch noch die 
Ansichten der früheren Philosophen über die principiellen Ursachen 
in Betracht ziehen**. 



58 ß o n i t z 

Das wesentlich gleiche Verhältniss wird man Met. e 4. 1027 
b 18 — 29 leicht anerkennen, wenn man auf den Zusammenhang mit 
dem früheren zurückblickt. Nachdem nämlich die Philosophie als 
Wissenschaft roO ovrog $ cv definirt (e 1) und über ov die bekannte 
Viertheilung der Bedeutungen dargelegt ist Sv xara (jv/xßf j3>3xö$^, Sv 
wg aX-n^iq^ ov xard rä ayriikCLra rrjg xarrjyopiag^ 3v duvdpLet xa^ 
ivepyeia (e 2. 1026 a 33), wird zunächst von dem 5v xard «ju/tßc- 
i3>;'(ög gehandelt, um zu zeigen, dass dieses nicht Gegenstand einer 
Wissenschaft sein kann, on ovdeyiia lori nepi aürö 3^ewpfa, 1026 
h 3 — 1027 Ä 17 TTspt fxev ojv roO xard GvikßeßinMg ovrog dfeia^co^ 
didi)pi(jrcci yäp {xavo»^. An diese Worte nun, durch welche die wei- 
tere Betrachtung des accidentellen Seins abgelehnt wird, schliesst 
sich unmittelbar .Folgendes: 

rd Si wg dlrj^ig 5v xat fjivj 2v chg ^eOSog insiS^ nepl Gvv^eaiv 

20 i<JU xat StaipeGiv^ rd de aOvoXov Trepi jxcpia/Jiöv dvrtydacwg (rd fxev 
7dp dX>;^£g TT%v xardyaatv im rw (7U7X6tfJL£va) ex^t, ti%v o' dnofaaiv 
ijzi rG> deT(}pyj|X€vö) , tö (Ji ^£ödog roOrou rou |jL£pi(y|xoö rriv dvTtyadtv 
;roüg Ä^ 70 äixcc % rd x^ptg voeXv (jujjißatvct dXXog ^öyo^' Acya) Si 

25 rö d/x« xae tö x^p'^ ^^^"^^ 1^^ "^^^ ifs^vg dlX ev rt yiyvsa^ai) • oti 
7dp ^(jTt To '<pe08og xat rd dX>3^cg iv roig npdyiiaaiv^ oiov t6 /x^v 
dya^ov dX>3^^g, rd ol' xaxdv cO^Og ^peOSog^ dW iv rp dtavotqc, nepl 
Si rd d;rXd xat rd t^ i^rtv o-j5' iv ty5 Jtavotqc* o<ja /xiv ouv öst 

^fiwp^aat ;r€pt rd ourwg ov xat' /xr? ov, Oarepov imaxeKriov ind Si 

30 >5 (7u|X7rXoxr3 iart xai >5 Siaipeaig iv diavota dXX' oOx iv rotg ffpdy/xa- 
(jiv . . . 5td Taöra fxiv ayetcj^w, (7X6;rTiov di toO ovrog aCroö rd aina 
xat rdg dpydg fi ov. 

Die wesentliche Gleichartigkeit der Satzform und des Gedan- 
kenganges mit dem vorhergehenden Falle wird dadurch etwas 
verdeckt, dass das zweite Glied des Nachsatzes eine weitere, die 
Argumentation nochmals aufnehmende Ausführung erhalten hat; 
aber trotz dem lässt sich doch die logische Unterordnung des 
durch /xiv o5v eingeleiteten Gliedes des Nachsatzes nicht verken- 
nen: „Da das ^v eog dhi^ig auf der Verbindung und Trennung 
der Begriffe in der Aussage beruht, also im Denken, nicht in den 
Dingen selbst seinen Sitz hat, so haben wir, unter Aufschiebung 
der Erörterung dieser Bedeutung des Seins auf später, vielmehr 
das objectiv Seiende selbst, seine Ursachen und Principien zu 
untersuchen'*. 



Aristutelische Studien. 59 

Unmittelbarer ersichtlich ist diese Satzrorm Eth. Nie. x 10. 
1180 a 14—24: 

ei o' oi^v^ xaädnep 6ip>3T«t, röv iaofxfvov dya^dv Tpcc<pi}vat ts 
xoAd)^ $eX xcu i3^ia^ivai^ ei^' ovrcog iv imTVidevixaaiv imuxiat {^v 
xai fJLi^T* oxcvra jx^j-S"' £xdvTa «rparretv t« yaöXa, raöra 6i Ytvotr' dv 
^cou/i^cc^ xard rtva voöv xac raftv 6p^r,v^ iy^ov^av iayrjv • r/ fx^^ 

CUV irarpexi^ npoara^ig oux ^^(«i tö iayiypöv oiiSi tö avayxalov oüö'v 
dn oAco^ 15 £vöf dvdpog juiiQ ßaatkito^ övto^ r^ rivo^ roto'jTOif^ 6 Si ^o 
vofjiog dva7xa(7Ttxf^v 1^« 56va|xtv, Xöyo^ wv a;rö rtvog fpovhaeo^g xai 
voö" xat Twv |JLiv av^pa>;ra)v c^^^-acpoude Toug ivavTioufxivou^ ral^ 

Gpfjiat^, xav opJ^thg aürö ^pwffcv, o Ji vcfxog oüx «artv lffa)^.&nff 
raTTCüv TÖ imeixig. 

^ Wenn zur Erwerbung sittlicher Tüchtigkeit nach empfangener 
guter Erziehung und Gew5hnung ein Leben in edlen Beschäftigun- 
gen und das Fernhalten jeder unsittlichen Handlung, freiwilliger wie 
unfreiwilliger, erforderlich ist, und wenn zu diesem Zwecke das 
Leben einer vernünftigen Ordnung unterworfen sein muss, welche 
Kraft und Nachdruck besitzt: so hat, während dem Gebote des 
Vaters oder sonst eines einzelnen Menschen, der nicht Machthaber 
ist, diese nöthigende Kraft fehlt , nur das Gesetz, als eine von ver- 
nünftiger Einsieht ausgehende Regel, diese zwingende Gewalt" u. s.f. 
Diese Constiuction bezeichnet schon Eustratius in seinem Commen- 
tar 185Ä ian di >5 dnöSoatg tgö XÖ70U ^v rcb »6 oi vöfxo^ dvayxaarL" 
xiiv iy^si dOva/itv /öycv (vielmehr Xöyo^) wv dnd ypovi^asw^ xai voö*, 
ra 0' aXXa iv /xiffoi xslrai (jvvdyovTa tö Sei xelcfJ^at voyLOvg mpl rrig 
T'üv jraedcüv dytoyrig xai tcDv aXXcüv dTrdvTwv. Dieselbe Construction 
kiHigen Lambinus und Victorius, ei'sterer mit ganz unbegründeter 
Verdächtigung des ouv. Unter den neueren Ausgaben setzen die 
Zelfsche, die Bekker*sche (auch in der 3. Auflijge von 1861) und 
die Didot'sche vor ifi jiev cuv a 18 und vor xai rojv ixiv a 22 Puncte, 
und Zell erklärt ausdrücklich TaöTa 0^ 'fiyvoiT' dv — tayyv für den 
Nachsatz zu dem durch et cvv eingeleiteten Vordersatze, eine 
Construction, welche grammatisch zulässig erst dünn Vird, wenn 
man mit Camerarius TaOr« äi in TaOra S-h ändert, aber selbst 
dann durch die selbständige Stellung, welche dem nur einfach 
fortsetzenden Satzgliede gegeben wird, der Aristotelischen Schreib- 
weise fremdartig wäre. Auf die Nothwendigkeit. das Ganze zu einer 
einzigen Periode zu verbinden, habe ich Obs. ad Met. p. 38 nur 



60 B II i t 7. 

hingewiesen; diese Interpunction findet sich auch in der Card* 
weli*sehen Ausgabe. 

Pol. n 13. 1331 Ä 26 — 1332 «3: 

inei 6i ^6' itjriv iv olg yiverai rö e\j näm , rovrotv 5' i^riy iv 
fjL£v ^v TcJ> röv Gxondv xeXa^cct xai rd Tilo(; roüv npdUdiv o'/j^-oüc, £v 

^0 ö's T«^ ;rpdg tö riXog fspoOijag Kpu^eig sifpiGxeiv (fv^i^^erat yocp raOra 
xat Ätaycjvetv aXkii'koig xal cj'jfxywvfitv • iviorc yäp 6 ixkv axondg ixxet^ 
rai xaXoi^, iv di tw TzpdTTsiv toO Tvyslv avToO ^ta/maf rdvouarev • iviors 
oi Twv fx€v rrpö^ TÖ rskog Tzdvroiv imTvyy^dvovciv ^ dXXä rö riXog 
i^evTO fccOkov ort Si ttaripov dtafxapravozxytv, ofov Trepe iarptxriVy 

85 eure 7dp ttocöv re deX tö uytouvov elvai cüixa. xptvouacv ivlore xaXco^, 
cÜTf Ttpog t6v uTzoxeiyLevov a'jTOig opov Tvyydvouai t&v tto ti^ rexoSv , Sei 
o' h Talg riyyatg xocl knidriiiLocig raOra djuiyÖTcpa xparsccj^ae, rd 
rsXo^ xat rdg £^s tö t^Xg^ npd^sig')' ort [xiv ouv toö t' €'j C^v 

40 xat ri^g eüJatjjiovtag iyievrae ;rdvTf^, (pocvepov dWd toOtojv rot^ 
jUL^v i^ouffta Tvy/dveiv^ roig d*oö, ^id rtva rOyinv ri (pOaiv (ßeiTai ydp 
xat yopYjyiag rivdg rö C^v xaXw^, toOtou ä' iXdrTOvog fxiv roXg d/xetvov 

a ^taxetfxivot^, n-Xetovo^ 3"^ rolg yelpov)^ oi 6' cO^jg o'Jx op^'Jj^ (^r^ToO^t 
T^v €i}dat|jLGVtav , i^oucjtag 'onoLpyoxjorig, 

Die sämintlichen neueren Ausgaben von Schneider, Göttling, 
Bekker, auch in dem Abdrucke ron 1855, Slahr, Didot setzen vor 
cTt [kiv oöv einen Punct. Da bis zu diesen Worten sich schlechter- 
dings kein Satzglied findet, das grammatisch oder auch nur dem 
Sinne nach als Nachsatz zu dem durch itctl eingefährten Vordersatze 
könnte angesehen werden, so hätte wenigstens consequeuterweise 
das Vorausgehende nicht wie ein zusammenhängender Satz inter* 
pungirt, sondern, wie in der lateinischen Übersetzung Lambin^s 
geschehen ist, nach eüpt<7xctv b 29 das Zeichen der abgebrochenen 
Rede und der Anakoluthie gesetzt werden sollen. Aber in Wahrheit 
ist zu solcher Annahme, dass die grammatische Construction aufge- 
geben sei, kein entscheidender Grund vorhanden. Mit den Worten 
Mtftrai ydp wird, durch die sprachliche Form wie durch den 
Inhalt kenntlich gezeichnet, eine parenthetische Erläuterung begon- 
nen. Diese darf nicht, wie Stahr in seiner Ausgabe bezeichnet, vor 
b 37 dsX 8' abgeschlossen werden; denn diese Worte gehören, ohne 
den Gedankengang des Vordersatzes fortzusetzen, deutlich der in 
der Parenthese enthaltenen Erläuterung an, und zwar stehen sie 
mit dem zuletzt aus der Heilkunde beigebrachten Beispiele im 



Arisiotelische Studien. 6 1 

unmittelbarsten Zusammenhange: vielmehr ist mit Lambin und Reiz 
die Parenthese erst b 38 mit npd^eig zu schliessen. Der Umfang, zu 
dem hierdurch die Parenthese gelangt, wird bei der hinlänglich con- 
statirten Aristotelischen Schreibweise keinen Zweifel gegen diese 
Voraussetzung begründen, da nichts darauf hinweist, dass die Erin- 
nerung an die Abhängigkeit von dem durch inei eingeleiteten Vor- 
dersatze irgend aufgegeben oder verdunkelt sei, vielmehr der Nach- 
satz mit ort jx^v oöv sich auch grammatisch genau an jenen Vorder- 
satz anschliesst. Es handelt sich um die Elemente {ix revcov xac ix. 
Koitüv b 24), aus denen ein Staat bestehen muss, um zu vollendetem 
Gedeihen zu gelangen. „Indem nun auf allen Gebieten die Vollkom- 
menheit des Gelingens (rö eu) von zwei Momenten abhängt, der 
richtigen Bestimmung des Zweckes und dem Auffinden der dazu 
führenden Mittel, so kommen im vorliegenden Falle, wo alle darin 
übereinstimmen, die Glückseligkeit als das zu erstrebende Ziel an- 
zuerkennen, Mängel theils daher, dass zur Erreichung dieses Zieles 
manchen die Fähigkeit fehlt, theils daher, dass manche im Besitze 
solcher Fähigkeit ^inen falschen Weg im Erstreben des Zieles 
einschlagen**. 

Bei einer anderen Stelle der Politik, welche der jetzt in Rede 
stehenden Satzform beizuzählen ist. Pol. ^7. 1341 b 23 — 32, ist 
es durch den Zusammenhang erforderlich, die zunächst vorausge- 
hende Periode mit in Erwägung zu ziehen. Aristoteles handelt (ß 5) 
von der Bedeutung und dem Einflüsse der Musik, und weist nach 
(^6), dass ein richtiges Urtheil über Musik, durch welches dieselbe 
erst ihre volle Bedeutung erhält, nur durch eigene musikalische 
Übung erworben werden kann, der musikalische Unterricht also einen 
Theil der Jugendbildung ausmachen muss. Die Bedenken über das 
banausische Element, das hierdurch in die Erziehung der freigebore- 
nen Jugend könnte gebracht werden, hebt sich durch die genauere 
Abgrenzung des Masses, welches dieser Unterricht einzuhalten hat. 
Nachdem in dieser Hinsicht Aristoteles die Beschäftigung mit Instru- 
mentalmusik bestimmt begrenzt hat, heisst es 1341 b 8 nach dem 
Bekker'schen Texte (dem der Didot^sche vollkommen, der Stahr'sche 
in den wesentlichen Puncten gleichkommt) : 

inü 61 röjv tc opydvoyv xai rf/^ ip'^atjlag a/rodoxtfxdCofxcv t^v 
reyiyixriv naiSeiav^ reyyixYiv Si riJ^siktv n%v npog roijg dyoivag* iv lo 
TavTTp yap 6 TrpdrTwv O'j rrtg aCtroij ikSTay^EipiCercci 'Uxpiv dpsTYig, 



* 62 B o n i t z 

dXkä TTtg T'üv axouövrwv ijdov^g, xai TO^Orng föprixri^, Stonep orj twv 
iXfu^epwv xptvojuiev eivai rr^v ipya^jiav, aXAa ^rexcorepflcv. xat jSavau- 

15 (7ou^ $ii aviißaivei yivsaSai' novnpög yäp 6 axondg Kp6g ov ffotoöv- 
rat TÖ TÖos". d ydp Seariig foprixog wv |jL£Taj3aXX€tv stw^e r^v |xou- 
atxiftv 5 wc7T£ xat Toug reyyiTag roijg npog aOrov ixelertavTag avrovg rs 
noioOg rivag noieX xocl ra 9a>|xccra Sid rag xtvrjtyet^. o%£;rTiov d* Ire 

20 nspi re ra^ ap/movea^ xat tou^ pu^fjioO^, xat ;rpö^ ;rat5£tav KOTspov 
ndaaig -/junariov roug dpixoviaig xai KÖLdi roXg fu^ixolg ri Siatperiov^ 
ineira ToXg npog jratSstav diaKOvoOat noTspov röv arjrov 8toptdp.6v 
^Tiaoiktv Ti rplrov Sei rtva irspov^ ineiSYi riftv [liv /xoucjtxi^v 6p(h\kzv iid 

^^ [jLeXonouag xat ^u^julöv oJaav, toOtwv i' ixdrepov otj Sei )seXri^ivat 
Ttva i'/^et 3'üva/Ji.iv Tipög Trat Jetav , xat närtpov Ttpoatperiov jxaXXov rrjv 
€i}fxeX^ fxouatxT^v 73 T^v svpvJ^ixov. vofxt<7avT£^ ouv TToXXa xaXcDg X^yctv 
;r£pt roOrwv tcov ts vöv fxoujtxcov iviöyg xat tc5v ix ytXotJoyta^ oaoc 
rvyydvorjciv i^kKsiptag iyovTsg ri^g nepl riftv ikov(Jixy)v natSsiag^ r^v 

*® juiiv xa^' ixa<3T0v dxpißo'koyiav dnoS6ia6\k£v fTjretv roXg ßovXoiiivoig 
nap' ixfitvwv, vöv Se vojxtxcog ot^Xwfxev, roug Tv;rou^ \i6v(jv tinovrig 
Ttepi aÜTciüV. 

Die vorliegende SteHe beginnt, wie so zahlreiche, mit einem 
Satze, in welchem das Fehlen des Nachsatzes zu dem durch inet 
eingeleiteten Vordersatze bei jedem andern Schriftsteller entweder 
zur Andeutung der Anakoluthie durch das Zeiehen des abgebroche- 
nen Satzes, etwa 6 10 nach n:at$£tav, oder zu Versuchen conjectu- 
raler Änderung wiirde Anlass gegeben haben; bei Aristoteles dage- 
gen gehen die sorgfältigsten Aufgaben über derlei Dinge wie über 
unberechtigte Forderungen hinweg. Nun wäre allerdings die gram« 
matische Construction sehr leicht herzustellen, wenn man für inel 
das damit öfter verwechselte crt schriebe; aber der Zusammenhang 
verbietet den Gedanken an diese Hilfe, denn Aristoteles sagt in die- 
sem Satze nichts wesentlich Neues, sondern fasst nur zusammen und 
führt etwas weiter aus, was er sogleich bei dem Beginne der Erör- 
terung ausgesprochen hatte «10 sl fXT%T€ ra npdg Toifg dyiZvag roug 
Tc^^vtxoO^ (juvrefvovra ö'tanrovotev xrX. Sind wir also genöthigt, iTtel 
beizubehalten, so ergibt sich sofort, dass dem Sinne nach der Nach- 
satz in den Worten axenriov d' in nspi re rdg dp/ULovta^ xai tgu^ 
fv^ii.Gxjg enthalten ist. Denn Arist. hat für die Feststellung der Gren- 
zen, innerhalb deren der musikalische Unterricht in die Jugendbildung 
aufzunehmen sei, als Gesichtspuncte ausdrücklich bezeichnet a 1 xa? 



AristoteüAehe Studien. 63 

Koitav /X£X6jv xai tzo'küv pu^/icov xGtvcovT^ricv, in §i iv noioig 
opydvoig rviv [idJ^iatv noimiov. Nach Beendigung nun der auf den 
einen Punct, die musikalischen Instrumente, bezOglichen Erörterung 
geht Aristoteles auf die beiden andern Ober. Dass die beiden andern 
Torher durch fxlXv? und fv^i^oi^ hier durch dpiiovia und ^u^/xoc 
bezeichnet sind» macht in diesem Falle keinen erheblichen Unter- 
schied; dpikovia im Sinne der griechischen Musik hängt mit dem 
yiekog und der yitXoKoua auf das Genaueste zusammen, daher wir im 
Folgenden diese beiden Momente vereinigt behandelt (vergl. 1342 
a 16 ralg fxiv roiaOraig dpikoviaig xai rce^ roioOroig fXeXcJc, 1341 
b 33, 38) und yon dem einen Begriffe leicht zu dem andern über- 
gegangen sehfn (vergl. 1341 b 19, 24). Die ganze Stelle also von 
b 8 inei di rojv rs 6pydv(/}v — b 19 puSikO'jg besagt: „Da wir über 
die eine Seite der Frage, nämlich die musikalischen Instrumente, 
hiermit entschieden haben, in dem Sinne, dass wir in ihrer Wahl 
und in ihrer Behandlung den eigentlich kunsiroässigen Betrieb ver- 
werfen, so bleibt uns nun noch die Untersuchung über die Harmo- 
nien und die Rhythmen**. Dieser Zusammenhang der Gedanken ist 
auch dann unzweifelhaft, wenn man in grammatischer Hinsicht 
eine Anakoluthie voraussetzt, also annimmt, dass durch die Ausführ- 
lichkeit der Erklärung von re^vexi^ 7rae^e(a die HinzufÜgung des 
Nachsatzes zu dem Vordersatze knei Si rdiv xrX. in Vergessenheit 
gekommen sei. Aber wenn wir nur nach GxsitTiov die Partikel o' ent- 
fernen, so bilden selbst in grammatischer Form die Worte axenriov 
ETI den Tollkommen entsprechenden Nachsatz zu insi de aTrodoxejuid- 
Ccjuiev, und die dazwischen liegende Erklärung von rzyyixog^ b iO 
reyiytxhv — b 18 xtviiaeig tritt aus der sonstigen Weise erklärender 
Parenthesen bei Aristoteles so wenig heraus, dass man gewiss ein 
Recht hat, mit Victorius, Reiz, Sehneider, Göttling die bezeichneten 
Worte in Klammern zu schliessen und jxejrriov irt als Nachsatz 
ZQ inel Si rcöv auch in streng grammatischer Hinsicht zu betrachten. 
In diesen Worten aber selbst, durch welche der neue Abschnitt 
der Erörterung angekündigt wird, (jxsnriov in nspi re rdg dpiiovlag 
xal ToO^ (5u5/xo6^, xal izpog naideiav norepov ndfjuig yjpY^ariov rotXg 
dpiLoviatg ist nicht zu begreifen und auch meines Wissens von kei- 
nem Erklärer aufgehellt, was durch die Partikel xae bezeichnet sein 
soll. Gegen die folgenden Worte npdg naiddav sind allerdings schon 
Bedenken erhoben; ihre Unmöglichkeit ist augenscheinlich, well 



64 B o n i t z 

durch sie der Unterschied yon dem zweiten Theile der Frage, iTtsira 
ToXg Ttpdg naiSeiav diousovoijoi noTepov töv a^rdv SioptaiL^v ^<yo- 
fjiev xrX. aufgehoben wird. Dass aber zweierlei Fragen gemeint 
sind, nftmlich Zulässigkeit oder Nichtzulässigkeit aller Harmonien 
und Rhythmen im Staate überhaupt, und andererseits Grenzen der 
Zulftssigkeit für den Jugendunterricht, ist im sprachlichen Ausdrucke 
durch ineiTOL bezeichnet, und dem entsprechend ist hernach 1341 
b32 — 1342 a 28 zuerst die allgemeine Frage, dann von 1342 a 28 an 
npog 8i TtaiSeiav xrX. die speziell pädagogische bebandelt. Orelli^s 
von Stahr iif den Text aufgenommene Conjectur xoci npdg 7:ai$täv 
lässt sich nur als ein Ausdruck für die Unhaltbarkeit des überliefer- 
ten Textes, aber nicht für eine leidlich wahrscheinliche Restitution 
desselben ansehen; denn dass dem im zweiten Gliede genannten 
TtaiSeicc nicht blos Trat^ed entgegengesetzt werden darf, darüber 
belehrt uns leicht ein Rückblick auf 1339 a 16 — 26 oder die Ver- 
gieichung mit der hier unmittelbar folgenden Untersuchung jener 
allgemeinen Frage, besonders 1341 b 36 — 41. Es wird also schwer- 
lich etwas anderes übrig bleiben, als die Worte xac npd^ naiieiav 
für eine Interpolation zu betrachten, zu welcher. das häuGge Vor- 
kommen dieser Worte in der vorliegenden Erörterung, so nament- 
lich sogleich in der nächsten Zeile 6 21, den Anlass gegeben hat, 
und sie mit Aretinus aus dem Texte zu entfernen <). 

Ist es gegründet, dass axsTCTiov iri xrX. den Nachsatz bildet zu 
irrei Si reov xrX. , so kann unmöglich diesem Hauptsatze ein zweiter 
begründender Vordersatz inetSti ri^v fxiv yioudixiiv angefügt sein; 
diese Satzbildung des von zwei Vordersätzen umgebenen Haupt- 
satzes wird man bei Aristoteles vergeblich suchen. Und selbst wenn 
man axenriov in nicht als eigentlichen Nachsatz betrachtet, sondern 
ihm (unter Annahme einer Anakoluthie im Vorausgehenden) selb- 
ständige .Stellung gibt, ist der Satz ineiSii rf/v xrX. weder seinem 
Inhalte nach geeignet, die Begründung der vorausgehenden Ankün- 
digung eines neuen Theiles der Untersuchung abzugeben, noch 
würde diese Form, die Begründung durch iKeiSii nachträglich 
beizubringen, der Aristotelischen Schreibweise entsprechen. Mit 



*) Auch die Worte b 22 fj xpi-cov Ssi -ivä tTepov kijnnen nicht wohl richtig' sein. Was 
soll xpi-cov bedeuten? Und aus diQ30|xev den entsprechenden Infinitiv za htX zn ergSn- 
7.en, ist, wenn auch nicht unmöglich» so doch sehr hart. 



Arbtoteliscbe Studien. ' 65 

AoderuDg eines einzigen Buchstabens und Reseitigung eines Punetes 
im Folgenden lässt sieh das, wie ich denke. Ursprüngliche herstel- 
len: inei Oi riiv fxiv — «vpu^jxov, voixiGavreg ovv — naiSdag^ rhv 
fi^v xrX. Mit vcfxeaavrec o\tv beginnt der Nachsatz, und zwar so, dass 
das durch participiale Construction untergeordnete Glied in ahn- 
licher Weise, wie in den bisherigen Fällen das erstere von den 
grammatisch coordiuirten Gliedern (fxiv ouv), ablehnende Bedeutung 
hat: ,»Da bei der Musik zwei Factoren in Betracht kommen, Melo- 
die und Rhythmus, und ihre Bedeutung für sittliche Einwirkung nicht 
fibesehe« werden darf, so wollen wir, überzeugt, dass Ton älteren 
Fachmännern und Philosophen viel Treffliches bereits hierüber 
bemerkt ist, f&r ein genaueres Eingehen in das Specielle auf jene 
Terweisea und uns auf die allgemeinsten Umrisse beschränken**. 

Den Schluss in dieser Kategorie von Sätzen mögen zwei Stellen 
aus der Meteorologie bilden, in welchen zur Setzung der richtigen 
Interpanction kaum eine ausführliche Begründung wird hinzuzufägen 
sein. — Aristoteles will die Erscheinungen des Donners und Blitzes 
erklären; zunächst die Erklärung des Donners gibt er in folgenden 
Worten Meteor, ß 9. 369 a 12 — 29: 

T^g yocp dva.&ufxtd(7£a)^, waitsp etjrofxfiv, ov<jr,g otTT>}^, Tf,g |ül£v 
(f^päg rnq Si |>3p«^, xat rijg (jvyxpiaeüig iyioxjortq äiKpu) raöra dwa- ** 
fji£i xai avvtöTa|jLiv>3g €lg vifog^ &aT:tp dp-nTat np6rtpov^ in 5i 
lüjxvoripag rfi^ ovcrdaetag tcSv ve^uiv ytyvoixivtig npdg tö ^(jj^arov 
nipag (^ yäp cxXecree rö ^cpfxöv iiaxpivoyisvov dg rdv dvoj rö;rov, 
rauTTp TTvxvoripav xät ^vyjtGTipav dvayxalov €ivat ri^v oOarccdiv Sid 
xae o( x.€pavvol xae oi ixyeflai xae ;rdvra rd roiavroc tpiperai xdrco, so 
xatrct TcsfvxoTog dvw roö ^gp/xoö fipttj^at TzavTÖg^ dXX' eig rcüvav- 
Ttcv TYig nruxvÖTTjTO^ dvayxaXov yiyvKjJ^ai ri%v ix^h^iv^ olov oi jrup^- 
vsg oi ix tcSv daxruXcüv Tnfjtovrcg • xat 7dp raöra ßäpö^ iy^ovra (fipt- 
rat izokldxig ävta) • i^ fisv ojv ixxpivoiiivvi J^epii.6rrjg sig töv dvw «& 

Qiaansip£Tai rönov ' oari 5' l/xn:epcXaftßdverae t>5^ ^"npäg dv9.5vjuitd- 
attag iv TTp iLsraßoX'^ ^vyoikivov roO dipog^ olOtto ouvtövTcov to5v veücöv 
ixxpcvcrat, /3ca Si fepoixivYj xai npotjninTouaa, roXg T:spuyoii.ivoig 
vifeai noul nXriyhv^ rig 6 i|/ojpo^ xakslrat ßpovrii, 

Bekker setzt a 19 vor (Jiö, a 24 vor in /xiv o5v, a 28 vor ocp? d* 
Puncte, ebenso Ideler, ohne sich über die Construction irgend zu 
erklären; die Didot'sche Ausgabe weicht davon nur unerheblich ab, 
indem auch sie vor >5 fxiv cjv einen Punct setzt, im den beiden 

Sitzt», d. phii.-hist. Cl. XI. II. Bd. I. Ha. k 



66 B D i t z 

andern Stellen nur ein Kolon. Es ist eben so einleuchtend, dass in 
solcher Interpunction ein Verzicht auf jede Construction enthalten 
ist, als dass sich nach der vorher von mir bezeichaeten Interpunction 
der Satz sehr einfach gliedert. Das erste Glied des Vordersatzes 
TYig ydp — Tzpörepov ruft die allgemeinen Sätze Ober die doppelte 
Qualität der Verdunstung und über die Wolkenbildung ((Tvveara/xi- 
vrig eig vifog) in*s Gedächtniss zurOck; das zweite Glied in 
Si — Tzipocg setzt fest, dass die Wolken an ihrer oberen Seite eine 
dichtere, festere Rinde haben. In der erklärenden Parenthese wird 
diese Ansicht zunächst dadurch begründet, dass in Folge der Zer- 
streuung der Wärme nach oben der oberste Theil der Wolke kälter» 
also dichter werde, und sodann wird daraus beiläufig die Ursache 
abgeleitet, warum der Blitz, obgleich ihm nach seiner feurigen 
Natur die Bewegung nach aufwärts an sich zukommen wQrde, den- 
noch nach abwärts gedrängt wird. Aus diesen Prämissen wird nun 
. in dem mit in i^iv 6\jv beginnenden Nachsatze die Erklärung des 
Donners als Folgerung gezogen; in diesem Nachsatze selbst aber 
lehnt das erste Glied -h yiiv ovv nur ein zur Erklärung nicht führen- 
des Moment ab, und erst mit dem zweiten beginnt die eigentliche 
Folgerung: „Bei der vorher beschriebenen Beschaffenheit der Wolke 
und der grösseren Dichtigkeit ihrer oberen Rinde wird, während 
die ausgeschiedene Wärme sich in den oberen Raum zerstreut, der 
in der Wolke eingeschlossene Theil der trockenen Verdunstung bei 
einer durch Zunahme der Kälte eintretenden Zusammenziehung der 
Wolke mit Gewalt (und zwar durch die weniger dichte untere 
Grenze) herausgedrängt und bewirkt durch sein Anschlagen an 
andere Wolken den Schall, den wir Donner nennen**. 

Die andere Stelle der Meteorologie gehört jener bei Aristoteles 
reichlich vertretenen Classe von Sätzen an , in welchen ein neuer 
Abschnitt durch Recapitulation des bisher auf dem betreffenden Ge- 
biete bereits Erörterten eröffnet wird. In dieser Weise beginnt das 
vierte Buch der Meteorologie S l. 378 i 10 — 28: 

io insl di rirrcLpa Siuipiarai airia. toüv arotj^ctcov , to6twv Si itaroL 

rag avllnylag xat ra aroiysla rixrapa avyißißyjxiv eivai^ div rä fxiv 
SOo ;rot>5Ttx«, tö ^epjüLÖv xai ro ^vj^pöv, rd di Suo jra^yjTtxa, tö C^pdv 
xat TÖ vypov (jfi oe mang toutcjv ix T-fig inaytayYjg' yatverat yäp h 

i^ näaiv Ti jULsv ätpikovng xai ^vy^ponng öpi^Giicai xai axjiifOovaai xai 
^sTocßdAAovoai TU 6iJ.oysv9} xat rd jult^ d|UL07£v?j, xai vypaivovaoci xai 



Aristotelische Studien. u7 

{TjpatvGuaac xai axkripifvouoai Kai fxaXdrrouaat, tol ii ^"npoL aal (typo, 
6piZ6yLSva ^«e raXXa rä £lpri[kiva na^ri ndtr^ovra «üt« rt xa.&* ainä 
xat ^aa xoeva i? a/x^ocv acj/xara (juvcaTTjxev • ^t« d' ^ täv X67WV 20 
5''^Xov, or^ 6pi^6[ki^a Tag tpOoiig «ütcSv tö fx^v yap ätp\k6v xal 
^uj^ov c5^ n:oi>5TCxd "ki^^oiisv^ rd *^öcp (Tjyxpirixdv &<jn£p Troe^jrtxöv tc 
iffTtv, rd Si v*^p6v xai f>7pöv ;ra3r/Tcxöv, rö ydp cOöptarov xat Judö- 
ptflTGv TOI ffdoj^ftv re Äeycrat ti^v yOctv «ütwv)* ort fxiv ouv rot m 

jt^ roojrtxa rd Si Tra^Tjrtxd, favep6v' Jtojpcfffxivwv Ji toOtojv 
JlijTrriov ccv cly? Td^ ipyaaiag «ütäv, afg ipyd^ovTai rä ;roti9Texd, xal 
Twv Tra^Ttxdiv rd dSio, 

Die Bekker*8che Interpunction» welche durch Puncto b 20 vor 
In i\ 6 25 vor crc /jiiv cuv die Möglichkeit einer Construction auf- 
hebt, ist in dem Ideler'schen und im Didot'schen Texte beibehalten, 
obgleich Ideler in seinem Commentar angibt, dass ort fxcv ovv — ^a- 
vepov der Nachsatz zu dem mit tnei begonnenen Vordersatze sei. Der 
dazwischen liegende Abschnitt y^ Si niaTig — ri^v fOatv aürd>v charak- 
terisirt sich durch seinen Inhalt so kenntlich als erläuternde Paren- 
these, er hebt sich als recapitulirende Begründung des thätigen und 
leidenden Charakters, und zw^ar BegrOndung einmal auf dem Wege 
der Induction, dann auf begrifflichem Wege so deutlich aus der 
Umgehung heraus, endlich der Umfang der Parenthese, zu dem wir 
gelangen , hat nach Aristotelischer Schreibweise so wenig Anstoss, 
dass man sich nicht bedenken darf, den grammatisch zu dem Vor- 
dersätze vollkommen stimmenden Nachsatz auch durch die Inter- 
piinetion als solchen zu bezeichnen. Grammatisch ßngt dann der 
Nachsatz allerdings mit ort fx^v cuv an, aber die eigentliche Folge- 
rung ist erst in dem zweiten Gliede enthalten, das erste wiederholt 
nur, eine weitere Behandlung des Gegenstandes als unnöthig ableh- 
nend, einen Theil vom Inhalte des Vordersatzes: «N^achdem die 
Tier Principien der Elemente und die vier aus der Combination 
der Principien hervorgehenden Elemente behandelt sind, von welchen 
Principien zwei die Fähigkeit des Thuns, die beiden andern die 
Fähigkeit des Leidens haben: so ist nunmehr, da dieser thätige und 
leidende Charakter der Principien klar vorliegt, auf die specielleren 
Arten der Wirksamkeit der thätigen Principien und auf die einzelnen 
Arten der leidenden Principien einzugehen**. 



68 B n i t I 

4. In den Abschnitten I, 3 und II, 3, a und b wurden solche 
Perioden behandelt, in denen ein zweiter, den) ersten Vordersatze 
untergeordneter Vordersatz dem Nachsatze unmittelbar vorausgeht. 
Der sprachlichen Form nach diesen Sätzen gleich , aber im gram- 
matischen und logischen Verhältnisse von ihnen wesentlich verschie- 
den sind diejenigen Fälle, in denen der Inhalt des Vordersatzes, 
insbesondere eines bedingenden oder begründenden Vordersatzes, 
nochmals durch einen Vordersatz derselben Art kurz recapitulirt 
wird; in der Natur der Recapitulation liegt es schon begründet^ dass 
der den zweiten Vordersatz einleitenden Conjunction c^, iKel eine die 
Wiederaufnahme des Gedankens andeutende Partikel, z. B. cvv, 
Toevuv, Sri hinzugefügt wird. Man kann als ein einfaches Beispiel, in 
welchem schon die Bekker^sche Ausgabe diese Satzform anerkennt, 
betrachten Phys. ^ B. 286 a 13—21: 

ei oii dvdyxYi näv rd xtvoOuevov öttö rivog re aiveXa^at xai ri 

15 UKÖ xtvou/xivou Ott' aXXou ^ fxi^, .xat 6^fx^v 67r' dXko^j xevoufxivov, 
dvdyxfi Ti ervat xtvoöv o ovy^ \jk aXXov nptLTOV , ei Si toioOto tö «rpcw- 
Tov, oux dvdyxrj ^drepov (^dSOvarov ydp eig dneipov iivai tö xivovv 
xat [rö] xtvoOfxcvov 6n:* aXXou aurö' twv ydp ccTrdpwv ovx iariv oOdiv 

20 TzptbTOv)' ei owv anrav fxiv tö xivoOii.evov vkö rivog xtvclrat, rd 

Si KpGiXov xtvcöv xivfirat fx^v, ou)^ xjk «XXoü 8i^ dvdyxrj «vrd 
uy' avTC'j xtvetff^at. 

Durch ei ouv — u/r' aXXou 8e wird das im vorhergehenden Vor- 
dersätze Dargelegte kürzer recapitulirt, so dass dadurch der Zusam- 
menhang der Folgerung mit der Voraussetzung sich evidenter her* 
ausstellt (die durch den Sinn gebotene Entfernung des rö vor 
xtvcOfxevov b 18 aus dem Texte ist auf Grund der besten Handschrift 
schon von Prautl vorgenommen). — Andere Beispiele von Perioden 
dieser Form, welche schon die Bekker'sche Ausgabe in ihrer Zusam- 
mengehörigkeit zu einem einheitlichen Ganzen aufzeigt, findet man 
Anal. post. «24. 88 a 31 — 6 3 und, mit d-h statt oöv in dem 
recapitulirenden Vordersatze, 88 a 21 — 31. 

Die gleiche Satzform habe ich in den Obs. ad Ar. Mor. M. p. 14, 
gegenüber der den Zusammenhang verdeckenden Bekker*schen Inter- 
punction, für Mor. M a 23. 1191 6 30 — 36 nachgewiesen: 

so ineiSri *^dp iariv opyiXog 6 navri xai Kdvr(f)g xai ini /rXctov 

op'ytC6|X'*vGg, xai ^exTÖg Si 6 roiovrog* o^re 7ap navri Sei opyii^eaJ^ai 
pvr' iizi Träjtv ovre Tzdvrojg xai ad, O'jS' av TraXiv oOrw? ej^ctv Set 



Aristotelische Studien. 69 ' 

in ei rotvuv xae ö xard ti%v (fnepßo'kijv Tpexrög xae d xard ttqv IXAct- »5 
^tv, d p.i(Tog äv toOtwv 6t>3 xat npäog xai inaivsTÖg. 

Man wird zunächst rersucht sein, das mit outs yäp beginnende 
Satzglied als ausführende Erläuterung zu ^sxrdg 6 roiöOTog in Paren« 
thesen zu schliessen; dies ist aber nicht zulässig, da von der blossen 
Erläuterung sofort der Übergang zu der Hinzufügung des Gegen- 
satzes gemacht wird. Gerade der Umstand, dass die gleiche Ver- 
werflichkeit der beiden Extreme in dem Vordei*satze nicht präcis 
genug einander gegenübergestellt ist, mag der Anlass zu der kurzen 
recapitnlirenden Zusammenfassung sein. An andei'n Stellen ist aller- 
dings die Ausführlichkeit einer erläuternden Parenthese der Anlass 
zur Recapitufation des Vordersatzes, so Top. 3 8. 159 a 28—37- 

iTzei S' iariv dSiopiaroc ToXg yvyivocaiag xai nslpag ivsxa rovg 23 
Xo'jfGifg TzotovikivGtg (oO y&p oi auroi oxo/rot roXg StSdaxovaiv tj jiav- 
ädvoitai xat roig aywvtCo/xrvoeg, oCSi rovroig re xat roXg Jtarptj3ovac 
firr' dXlrjXrov axir^fstag x^P'^ ' ^V f*^ 7^P yiav^dvovTi ^eriov dd rd 
JoxoövTa, xal ydp oOJ' imy^EipeX ^£05og o^Seig SiSdaxuv • tojv S' ayo)- 3o 
vifo|ievcüV rov fxiv ipWTwvra (pccivedS-ai re SsX kouXv nrdvrw^, röv 
f ötTroxptvöfxcvov imdiv (paivea^ai ndayiiv iv Si raXg d'caX£xrcxat^ 
avvoSoig Tot^ fxi^ dyOjvog yfdpiv dXkd nüpag xat oxt^itag roxjg löyoitg 
TtotovyLivoi^ oü di-hp^poirai nui rivog deX (STOfdi^ta^ai röv dnoxpivo^ 35 
picvov xoil 6noXa StS6vai xai noXa jüli% npog rd xaXcijg ^ jüii^ xaXcD^ yuXar- 
reiv rfiv 3i(7tv)' inel ouy ovdiv iyoiktv na.pa8tSop.ivGv xjk aX- 

iwv, auTGt Tt Tretpa^cujüLCv tintXv, 

Der Vordersatz „da für solche Discussionen, weiche zur Cburig 
und zur Erforschung des Gegenstandes angestellt werden, metho- 
dische Regeln bisher nicht aufgestellt sind**, findet seine Erläuterung 
in der Parenthese, durch welche dieser Zweck des Gespräches von 
dem der Belehrung sowohl als dem des sophistischen Weltkampfes 
Dnterschieden und auf die Nolhwendigkeit verschiedener Methode 
iiir die verschiedenen Zwecke hingewiesen wird. Die Ausführlich- 
keit dieser Erläuterung gibt den Anlass, dass der Schriftsteller 
durch iKÜ ouv — aXXwv den Vordersatz erst recapitulirt, ehe er d;e 
Folgerung ausspricht, dass er seihst zuerst diesen Gegenstand zu 
erörtern unternehmen wolle. Die Interpunction Bekker*s, der a 28 
nach xaptv, a 32 nach jzdT^tiv , a 36 yor ind gLv Puncte setzt, ist 
YoaWaitz beidehalten und dazu im Cummentar bemerkt: „Oralionis 



.70 



B o n i t z 



anacoluthi apodosin habemus a 37**. Aber zur Annahme einer Ana- 
koluthie liegt noch kein Anlass vor; der Umfang der Parenthese hat 
für Leser des Aristoteles nichts auffallendes, und nirgends findet 
sich im Inhalte oder in der Form des Ausdruckes eine Andeutung^ 
davon, dass die Abhängigkeit von dem das Ganze einleitenden Vor* 
dersatze in Vergessenheit gerathen sei. 

In andern Fällen ist es nicht die Unterbrechung des Gedanken- 
ganges durch Erläuterungen, sondern die lange Reihe einzelner 
Glieder des Vordersatzes, welche zu recapitulirender Zusammen- 
fassung den Anlass gibt. Dies ist der Fall Eth. Nie. a 6. 1098 
«7—17: 

ti $' larlv ip'^ov dvJ^pdiKOv ^u^yjg ivipyeia xara Xoyov vi fkij 
av€u Xöyou, tö S^ gcvtö 'fociiev ipyov crvat rw yivei rovde xat roOSt 
io anovSaiov^ olifinsp xa^apiaToO xat anovSaio^t xa^aptaroö xat anT^aig 
Sri TOör' kni «rdvrcjv ffpo cjtt^fi/xivrj^ rrjg xar' dperr/v VTZspoyffg Tzpdg 
TÖ epycv (xa^ctpKjTGv fx^v yäp tö xa^apt^civ, <j7zovSalo\j 8i rö 
£'j)* £1 S'ovTOig^ dvJ^poiKOv Si rlJ^siiev ip'^ov ^oiviv Ttv«, TaOnjv 
Si ^w/Yig ivipyetav xat npd^eig fxeT« XÖ70U , anovSaiov d' dvdpdg eö 
15 TÄÖTa xat xaXdüj, exacfrov 6^ e\j xard tt%v o^xetav dper-tiv dTroTeiel- 
Tccf et 5*oÖTco, TÖ dväpdymvov dya^ov ^vyi^g ivipyeia yiverat 
xaT* dpZTYiv^ ei Si nXeloxig ai dpezai^ xard tt^v dpiaTyjv )iOci rtkeiO'^ 
rdTYiv. 

Die Interpunction der Bekker*schen Ausgabe, von der ich nur 
in unerheblichen Puncten zum Zwecke grösserer Deullichkeit abge- 
gangen bin, bezeichnet bereits richtig tö dv^pconrtvcv dya^dv ^vyfig 
ivipyeia yivsrai xaT* dperriv als Nachsatz, Zell in seinem Commentar 
p. 37 spricht dies noch ausdrücklich aus. Ist dies aber der Fall, urid 
eine andere Construction ist nicht denkbar, so bildet €^ i" oCru} an 
der zweiten Stelle a IS eine Recapitulution der gesammten einzelnen 
Glieder des Vordersatzes, während dagegen das vorhergehende ei 
8'o0ro>g a 12 den Fortschritt zu wenigstens theilweise neuen Glie- 
dern des Vordersatzes bahnt. Dass nun in der Recapitulation ^wenn 
dem nun so ist'', „wenn das also sich so verhält** der aus dem 
Vordersatze wiederholten hypothetischen Conjunction et die Par- 
tikel Si beigef&gt werde, halte ich för unmöglich, wir erwarten nach 
allgemeinem Sprachgebrauche und ebenso nach den Aristotelischen 
Beispielen o*jv (wie in den bisher behandelten Beispielen und de Coel 
j3 6. 289 a 1 et o5v tout' dhi^ig^^ Totvuv oder Jry, wie sich dies 



Aristolelische Studien. 7 1 

letztere x. B. in dem frflher (S. SO) besprochenen Satze findet 
Eth. Nie. 7 7. 1114 6 12 €e*^ raOr iarlv dX>?^f^. Es scheint mir 
unzweifelhaft, dass ebenso in der Torliegenden Stelle unmittelbar 
vor dem Nachsätze vielmehr ii Sri odrco geschrieben war. 

Der eigentlichen Recapitulation sehr nahe steht es, wenn eine 
vorher in bestimmter Modalität ausgesprochene Bedingung, z. B. der 
der Möglichkeit oder der Nothwendigkeit, unmittelbar vor der im 
Nachsätze ausgesprochenen Folgerung in anderer Modalität, z..B 
der der Wirklichkeit , wiederholt wird (wiewohl es ebenso zulässig 
ist, diese Fälle der oben unter II, 3, a behandelten Classe einzu- 
reihen). Hierher gehört der in der Bekker^schen Ausgabe richtig 
interpungirte Satz de part. an. J3 16. 6K9 a 15—23: 

inei 5' ddOvarov ^v dvai töv fxuxr^pa TOtoörov /jlt% fxaXcexöv ovra *' 
yLTtSi xd|XjrT£(7^at Juvdfxcvov (^ivenoSiie yäp äv t« fxi^xct npo^ rö 
ipcjSstv TT/V ^OpaJ^£v rpofhv^ xaädnip focai tql xipara rol^ o-Tta^o- 
vöfAAcg ßoiKjLv • xac yäp Ueivoug v^fxca^at (paaiv vnoyjMpoOvTag ffdXtV so 
3:uyri$6v) ^ (fndp^avrog ouv toioOtgxj toO fJivxT>5po^, >5 f'joig 

jrapoxara^^ijTae , xa^dnep etw^ev, inl nXeiova toi^ avrolg ikopiotg^ 
dvrt Tfsg TÄv Tzpod^itav Trcdcov yjieiag. 

Die in dem Vordersatze inet 8' dSOvarov xrX. als nothwendig 
erforderlich bezeiclinete Eigenschaft des RQssels wird in dem reca- 
pitulirenden Satze (fndp^avrog g\jv als wirklich vorhanden bezeich- 
net, und darauf der Nachsatz ifi fOaig 7rapaxaraxpv}ra( xrL begrün- 
det. — Dagegen ist die durchaus ähnliche Satzform an einer andern 
Stelle in der Bekker^schen Ausgabe ebenso verkannt, wie früher in 
der Sylburg*schen und neuerdings in der Didot^schen , de Co el. ß 6 
288 6 30 — 289 a 4: 

in d' €1 Tt^ \dßoi tivai rtv« j^övov iXdyiarov^ cu oOx ivH-^srat iv so 
tAdrrovt xivvi^voci töv o^paviy (Ja^mtp ydp o^Si ßadlaai o^di xc^a- 
fiaai iv ötwoöv xP^^^ Swaröv, dXX' ixdcTijg iari Tzpd^stüg wptafxivos 
ö ikayiiarog XP^vog xard rd fxi^ (tntpßdXkuv , oCrtag ovSi x£v>?^^vae 
TÖV oupavdv iv dr'^oöv XP^^V Juvaröv)* c^ oOv roör* dXnj^i^, « 

oüx dv et>7 «*i iTTtrajtg TYig fOpä{^ d Si pi^ iKiraaig^ ovS* dveaig xtX. 
Die in dem Vordersatze et ng Xdßoi als eine blosse Annahme 
ausgesprochene Bedingung wird dann in Fulge der in der Parenthese 
enthaltenen inductiven Begründung als tbatsächliche Wahrheit reca- 
pitulirt und hieran die Folgerung geknOpft. Die Interpunction Bek- 
kei's, der & 31 nach o'Jpaväv ein Kolon, a 1 vor « oGv einen Punct 



1 



iZ B o n i t £ - 

setzt» ist von Pranfl in der so eben bezeichneten Weise berichtigt; 
nur setzt Prantl vor ei oOv einen Strich — als Interpunction» wozu 
keinerlei Anlass ist» da von dem Abbrechen einer begonnenen Con- 
struction oder einer Anakoluthie, als deren Zeichen wir doch jenen 
Strich betrachten mOssten, hier nichts zu finden ist. 



Diiss ein Nachsatz im eigentlichen grammatischen Sinne durch 
eoare eingeführt werde, muss an sich unglaublich erscheinen, mag 
man nun auf die Form dieser Partikel oder mag man auf ihren fest- 
stehenden Gebrauch Rücksicht nehmen. Die relative Form dieser 
Cunjunction steht im Widerspruche zu der selbständigen Stellung 
des Nachsatzes, und nach dem feststehenden griechischen Sprach- 
gebrauche wird durch &ar£ zu einem selbstSndigen Satze eine Fol^ 
gerung in abhängiger Form hinzugefügt, während der Nachsatz die 
Folgerung in selbständiger Form zu einem ihm untergeordneten 
abhängigen Satze ausspricht. Wo daher dasjenige Satzglied, welches 
zu den vorher in abhängiger Form ausgesprochenen Voraussetzun- 
gen oder Begründungen die Folgerung enthält, durch totrct einge- 
leitet ist, liegt die Vermuthung nahe, dass eine Anakoluthie statt- 
finde. Wenn wir z. B. bei Xenophon lesen Hellen. VII, K, 18 

6 J'au 'E7rafX€tvc*)vda^, iv^ufxoOfxevog ort dXtywv p.iv i^ikipCÄv 
dvdyxri iaoiro dmivai $iä tö i|>jxetv ttjj arpcczeicf töv y^pövov^ ti Si 
xaTokei^ot ipriiiovg olg i5X3€ (7V/xfJL«)(0^, ixsXvoi nohopxridoivro V7t6 
Twv ÄVTtTraXcüv , aCrog Si rp iauroO oö^ip navrdTzaaiv itsoiTO XcXu- 
(xac/xivo^, •^tTT^ikivog \kiv iv Aaxedcefjxove <7vv KoXkth ÖTrXcrexo) 0;r'dXf- 
7CÜV5 iiTm\kivo<; Si iv MavTtvecoc iKnoikayria^ airiog oi ycyevT^fJL^vo^ 
Std, TYiv sig UeXonöwridov arpareiav roO auveardvat AaxedatjüLovtou^ 
xat 'ApxdSag xai 'Ayjxio^g xat 'HXfifoug xat 'A^vatoug* &(jrt ovx 
£56x61 «Otä Juvaröv ihai a/xa^si Kapik^tXv^ 'koyii^oiiivt;^ ou ei fxev 
vexc})>3 xtX. 

so ist offenbar über die lange Auseinandersetzung der Überlegungen 
des Epaminondas in Vergessenheit gekommen, dass dieselben in 
grammatisch untergeordneter Form, eingeführt waren; es wird su fort- 
gefahren, wie wenn im Vorigen in selbständiger Form ausgesprochen 



Aristotelische Sfudieo. 73 

wäre 6 6* av *Enrapietveovda^ Ive^vfieXro xta. Unler den gleichen 
Gesiehfspunet fallen wahrscheinlich alle Stellen griechischer Schrift- 
steller, Ton Aristoteles abgeseheis die sich etwa für einen derartigen 
Gebrauch beibringen lassen. Ich wOsste deren übrigens , obgleich 
ich darauf geachtet habe, nicht beizubringen. 

Man wird daher auch bei Aristoteles zunächst geneigt sein, in 
denjenigen Fällen, in denen das Satzglied, welches zu einer vorher 
in grammatisch untergeordneter Form bezeichneten Voraussetzung 
oder Begründung die Folgerung enthält, durch &are eingeführt 
wird, eine Anakolulhie in der Weise des eben behandelten Xeno- 
phontisehen Satzes anzunehmen. Und allerdings fugen sieh einige 
Stellen sehr leicht dieser Auffassung. So Eth. Nie. y? 15. 1154 
ß 22—26: 

inet d* oü /ülövov 6eX Td}.ri3-ig dneXv aXXa xai rd outiov toö ^iO" 
oou^ (roöTO 7dp (TvfjißaXXerac jzpög rhv nioriv • otocv *^äp eOloyov yavip 
TÖ Äid ri faivsrai dliq^ig oüx 5v dXij.S^S', manOeiv /roeet t^ dhi^ei «* 
/iöaXov)* &<jTe Xexreov did. ri j^acvovrat ai acofxarexa^ i^dovai 

aipiTfarspai. 

Ich habe zunächst die von Zell und Cardwell gesetzten, dem 
Inhalte und der Aristotelischen Schreibweise vollkommen ent«- 
sprechenden Parenthesen beibehalten; indem man sich dieser Inter- 
punetion gemäss die begründende Ausführung rofjro ydp — (laXkov 
aus dem Construetionsgange herausgehoben denken soll, so hat es 
etwas höchst Auffallendes, dass an den Vordersatz insl $' oC juiövov 
o£t ra)yi^ig eineXv d}ld xal rd atriov toö rpeOSovg unmittelhar als 
Nachsatz man die Folgerung soll angeschlossen denken taarE Xexr^ov. 
Anders dagegen lässt sich die Sache in grammatischer Hinsi(!ht auf* 
fassen, wenn man, wie es in der Bekker'schen und Didot*schen Aus- 
gabe geschehen ist, die Zeichen der Parenthese weglässt. Man kann 
dann voraussetzen, dass durch die erläuternde Ausführung die abhän- 
gige Form, in welcher begonnen wurde, knei $i Jet, in Vergessen- 
heit gerathen sei, und nicht eigentlich an dieses Satzglied, sondern 
?ie!mebr an tovto ydp avfxjSdXXerat npoq fflartv jenes wäre Xexr^ov 
sich anschliesse. 

Ähnlich de an. 7 9. 432 b 21—26: 

d o5v -fi fOmg jüif^rg noisX p.dmv fx>?.5iv fxi^Tg dnoXsinet re rwv 
avayxaecüv, ttXi^v ^v roXg rzripcaikaat xal iv rot^ drekiaiv rd 6i 
TotaöT« Tö)v ^cücov rOMa xai oü /rvjpoj/xard iariv • otjfxerov Ä* ort iari 



74 ß o n i t K 

25 ysvvTiTixä x«t dxfxiov iy^it xal f^iaiv cj(7t' el-^ev av xat rd opycc" 

Auch in diesem Falle ist die Aanahme recht wohl zulässig, dass 
iD Folge des begrQndenden Gliedes otj/xsIov S' — (p^iaiv die gram- 
matische Unterordnung auch des zweiten Theiles des Vordersatzes 
rd Si roiccOra — itjTtv unter die einleitende Partikel £^ verdunkelt 
sei und nun an dieses Glied« als wäre es in der unabhängigen 
Form ausgesprochen, der Satz eoar' eiy^ev av sich anschliesse. 

Oder de somno 2. 485 b 14—22: 
i5 iKsi Si TfÖTTOt nlelovg rrj^ akiag (xat ydp rd rivog ev£xa xoci 

o^ev >5 apX^ ^^ X£vvjcj£wc xat tt^v uArjv xat töv Xöycv atrtov etvac 
ya/xfiv), nrpcoTOv |xiv o{)v inretdio Xiyo/xcv ryjv yjctv cvexd tou 

TTOtetv, TOöro 5' dyaäov rt, Tf>v J' dvdffau^ytv ;ravTi t§) ;r€yuxoTc 
xtveta^at, fXTQ duvajüLcvw o' dsi xat (7uv€)(^? xtveta^at fxe-S'' i^Sov^ff 
20 dvayxaXov eivxi xai cjy iXt/xov, tw 5' u;rvw §t' a-Jn^v tt%v dXr?.&6tav 
KpoaATzrovm rr^v ii.eTafopäv TaOrrjv coj dvanra^cct ovrt * w jt £ aw- 
TYjpta^ £v£xa Twv ^woüv \j7zdpyiii. 

Der ganze Satz gehört derjenigen Form an , welche oben I» 'S 
und II, 3, a behandelt ist, und der Gedankengang würde in Kürze 
gefasst dieser sein: ^Indern es vier Arten von Ursachen gibt, so 
würde sich zunächst, da wir der Natur Zweckthätigkeit zuschreibent 
und ein Wesen, das der -Bewegung fähig, doch durch continuirliche 
Bewegung ermüdet wird, des Ausruhens bedarf, ergeben, dass der 
Schlaf zur Erhaltung der Thiere dient**. Dem ersten durch inü ein- 
geleiteten Vordersatze ist ein zweiter, mit dem Nachsatze unmittel- 
bar verbundener Vordersatz inti^ri — cvrt untergeordnet, von dessen 
drei Gliedern (Zweckthätigkeit der Natur r^v yuatv — dya^dv rt, 
Unentbehrlichkeit des Ausruhens rv^v d' — eoc'^iXt/Jicv , sprachlicher 
Ausdruck für den Schlaf rcf) $' -^ovri) die ersten beiden von A^70fX£v 
abhängig sind, das dritte. aber nicht mehr. Man kann annehmen, dass 
durch diese Änderung in der Construction das letzte Glied r^ 
S'Onvt^ — ovrt den Schein selbständiger Stellung erhalten und dies 
zusammen mit der Ausdehnung des gesammten Vordersatzes die 
untergeordnete Stellung desselben in Vergessenheit gebracht habe 
und in Folge davon der Satz, der dem Inhalte nach der Nachsatz ist, 
a>(7r£ — ifndpy^si^ wie an einen selbständigen Satz angeschlossen sei. 

In ähnlicher Weise ist es noch* in manchen anderen Fällen mög- 
lich, die Setzung von Q'sre im Nnehsatze mit dem sonst constatirten 



Arisloteliscbe Stadien. 75 

Gebraoehe dieser Conjunction einigermassen in Einklang zu bringen. 
Aber man reicht für die Aristotelische Schreibweise mit diesem Ver- 
fahren einer rechtfertigenden Erklärung nicht aus; es findet sich 
&<y7€ auch zur EinfQhrung derjenigen Sätze» die ihrem Inhalte nach 
unzweifelhaft den Nachsatz bilden» in solchen Fällen» wo der Vor- 
dersatz, wenn er auch in der Regel nicht blos eingliedrig ist» doch 
weder durch seinen Umfang noch durch Änderungen im sprachlichen 
Ausdrucke die Annahme rechtfertigen kann» dass das Bewusstsein 
der grammatischen Abhängigkeit verdunkelt sei. Man betrachte in 
dieser Hinsicht Stellen wie Met. t 4. 1055 a 22—23: 

TO'JTOJV oi ovTcov favsftöv OTi oOx IvSi-^^rai ivl nXeica ivocvria 
tlvai' Gurc 7dp roO laydrov iayardjrepöv eiYi av n, outs zoO ivdg 

oopd^ Ti Si dtayopÄ SvoXv^ wäre xai >5 riAfto^. 

Phys. C 1- 232 a 12 — 14: $1 ovv dvd'^xri yj T^/p£fx«tv >3 xiveia^ai 
Käv, r,p£jx€c Si xa3' ixaarov toüv ABF, war' iarai rt cvvs'/oig 

i^pe/jLoOv ä^ka xai xivou/jievGv. 

• Phys. € 2. 226 a 1—4 (vgl. Met. x 12. 1068 a 36—6 2): oiov el 
i5 oLK^Yi yivsdig lyivsTo nore^ xai t6 yiv6ixevov iylvsTO^ cSar' ouffoi 
iv yiyvöiievov ««rXcSg, dXX« tl yiyv6ii.eyov yt7vöfxevov. ei Oi xai ndhv 
roör' iyivETO nore^ coar' ovx ^/v ttcj töt€ 7tvöfx«vov.-(Über die 

Textesänderungen in diesem Satze vergl. Arist. Studien I» S. 215.) 

Nach Beispielen dieser Art wird man es wohl aufgeben müssen» 
den Gebrauch von (oars im Nachsatze bei Aristoteles Qberall auf eine 
an dem speciellen Falle noch nachweisbare Anakoluthie zurtickzu» 
fuhren» w^ie dies Zell zu beabsichtigen scheint in seiner Anmerkung 
zu Eth. Nie. VII» 14» 3» p. 324 (wo Qbrigens Phys. 7 4. 203 a 32 
mit Unrecht diesen Fällen eingerechnet wird» da als Nachsatz schon 
a 30 xai Tiva dpyjnv Sei elvai zu betrachten ist). Man wird vielmehr 
anerkennen müssen» dass Anakoluthien der vorher dargelegten Art 
zwar w'ohl den Ausgangspunct» aber keineswegs die Grenze des 
thaLsächlichen Gebrauches bei Aristoteles bezeichnen» dass sich 
vielmehr cü7t£ von ihm in einer eigenthQmlichen » sprachlich unge- 
nauen Weise in solchen Fällen des Nachsatzes angewendet findet» in 
welchen sonst überall bei griechischen Schriftstellern keine Partikel» 
oder 8ri und dpa^ selbst kaum oGv angewendet würde. Wenn Tren- 
delenburg zu der vorher aus der Psychologie angeführten Stelle 7 9. 
431 b 21 — 26» indem er das mit cojre beginnende Glied als Nachsatz 



76 B o n i t £ 

bezeichnet, hinzufögt: „Sed apodosin a particula cj^rs (itaque} 
cxoriri, rarius videtur**, so ist durch diese Bemerkung in solcher 
Allgemeinheit für den sonstigen griechischen Sprachgebrauch mehr 
zugegeben, als sich wird constatiren lassen, fQr die Aristotelische 
Sehreib weise dagegen weniger anerkannt, als thatsächlich vorliegt. 
Die Fälle, in denen schon die bisherigen Ausgaben und speciell die 
Rekker^sche, die sonst im Setzen von abschliessenden Puncten bei 
Aristateles keineswegs zurQckhaltend ist, durch ihre Interpunction 
das mit toari beginnende Satzglied als Nachsatz anerkennen und der 
Gedaukeninhalt eine andere Annahme gar nicht zulässt, sind keines- 
wegs an Zahl unerheblich. Zu den bereits angeführten kommen 
nämlich noch folgende: 

Phys. C 2. 233 b 7—11: ert d*et [l^ näv ikiye^og iv dKiiptö 
"/Jiovt^ oieidiv^ dXA' ivSi-^erai n xat £v TzenspaGiiivt^ SuX^eXv^ olov 

io t6 BE, toöto 3"^ xaTÄjüLSTpTjdet rö Träv, xai rd Xaov iv tacü ö'tcc- 
atv, e3(7Te mnepaaiiivog iarai xai 6 y^povog, (Die an sich nicht 

unwahrscheinliche Vermutliuiig PrantPs, dass dieser Satz eine 
Interpolation sei, vielleicht aus einer anderen Form der Bearbeitung 
desselben Gegenstandes, kommt für die Friige der Construt-tioii 
nicht in Betracht.) 

Met. C 10; 1035 * 14—20: kTzd Ss >5 twv C^wv ^v^b (roöro 

is yäp ov(7icc roO iiirpOy^ov) ^5 xara töv 'koyov ovaicc xac t6 «Jos" xat tö tC 
^v crvat TW TOitjiSe (jr^iiocTi (ixaarov yovv tö jüiipo^ iav opi^r^roLt xaXcS^, 
oOx av£u ToD ipyov 6pieXrai^ 6 otjy^ vKdp^ei avcu aia^yjaeo^g) • w a t e 
Ta rav'mg [kipti /rpörep«, >j TrdvT« >j fvta, tgö ffvvöicv C4*®'^9 ^^^ 
xGt,^' ixaarov Sri 6ixoio)g. Vergl. meine Obs. ad Met. p. 32. 

Met. fx 7. 1081 a 29 — 35: in irteid-h i<Jri KptLvov fxiv «Otö tö 

80 £v, ^fffCT« TCüV aXXoJV i(7Te Tt TrpwTOV Iv deOrspov $i fxeT* 6cslvo, xai 
TraXtv TpiTOv TÖ $txjTipov ikiv iksra rd SexjTipov rpirov di fXfTa tö 
TTpwTOv £v cJjjTg nporipoLi av erev af fxovdJes' 19 oc dpe.&|xot cl" 

wv zrX^xovTat, olov iv rf 8ud8i rpir-n ^kovccg iarai npiv rä rpia Sivai^ 
xai kv T>j rpidSi Tsrdpnn xat >J 7ri/x7rT>? /rptv roitg dpi^ikovg roOrovg, 
Vergl. Obs. ad Met. p. 23. 

Anal. post. a 25. 86 b 30 — 37: ^ti ei dpyri cru'k'Xoyiaii.oO -h 
xa.&öXou Tcpiraaig a/xeao^, lari 6' iv /xiv rp äctxTtx^ xaTay aTtxi% iv 
oi rp (jTcpyjTtxYj dTroyaTtxi^ i5 xa.5öXou Tzporaaig^ >5 dl xaTayaTtxT^ 
TT/^ djToyaTtx:??^ nporipOL xat yvcoptpiwTipa (Jta yap Tf/V xaTdyacytv t5 

8* dnofaaig yvcopt^AO^, xa2 npoTipcn -h xaTdyaat^, (oanep xat tö efvci 



Aristofellsche Studien. 77 

nx^^- -fi di ßehrioaiv dpyaXg yjpo}[kivri ße^nuiv. An der Interpunction 
der Bekker*schen und Waitz*schen Ausgabe habe ich nur die Ande- 
ruDg getroffen, dass ich zur Erleichterung des Überblickes der 
ganzen Periode die Erklärung d(ä yocp — fjii^ sivai in Parenthesen 
geschlossen habe. — Zn dieser Stelle kann man sogleich eine kurz 
Torhergehende hinzufügen Anal. post. a 24. 86 a 10 — 12, wchn 
man im Anfange derselben mit Waitz nach der Oberlieferung der 
besten Handschriften Ire ei schreibt, nicht blos in mit Bekker. Der 
Satz lautet dann: in ei aipsTttiripa xa3-^ ^v rcOro xa2 äWo ^ xoc^^tSv 
TGÖTö /xcvGv olSev • 6 $i TTiv xa5"6Xov iyjüv oide xac rd xara i^ipogy 
O'jTö^ Si rd xa^oXou oüx oiSev coare xav o5tcü^ aipErtüripa €«>?. 

Zvirei Stellen der Poetik sind zwar in dem Bekker*schen Texte, 
selbst noch im neuesten Abdrucke, in einer die Construction zer- 
reissenden Weise interpungirt, doch die richtige Zusammenfassung 
in eine einheitliche Periode ist schon von Victorius, von Riccobonus 
in der lateinischen Übersetzung und neuerdings von Bursian (Jahn* 
sehe Jahrb. Bd. 79, S. 754) bezeichnet; es genügt ijaher, ohne 
weitere Begröndung, blos durch die Interpunction ihre Gliederung 
anzugeben : 

Poet. 7. 1450 6 34 — 1481 a 6: in d' insl tö x«Xöv xat ^thov 
xai dnav npäyixa S (jvviarri^ev Ix nvwv, oO jxövov raör« rerafixiva ss 
itlh/eiv^ dXlä xai ii.ey€^og (fnApy^stv fxi^ rö Tvy6v (tö ydp xaXöv iv 
luyi^ii xai rd^fit i(7Tt, Sto oijTS ;rd|üifxtxpov av n *^ivoiTO xaXöv ^(fiov^ 
auyyieXTat yäp -f} Jäecapia lyyijg roO dvatff.&f/TOu [xp6vou^ yivoii-ivin^ 
OUTE Ttainkiye^Eg^ oi3 yäp &iia -^ ^soipia, yiverai^ d\X oiy^srai roXg a 
ättiipovtsi rd Iv xac rö cXov ex ty?^ .deojpta^, gccv tl jxupfojv araoccjv 
€03 ^ööv) • aiffte Jet xaädntp im tgjv 9c«)|ULdra>v xat l^t twv 

Cwcüv iy^eiv fJtiv iiiyeäo^j toöto ^i €U(y6vo7rrov cfvat, oötw xai l/ri tgjv s 
[lO^wv Ix^'^ /^^^ fA>5xo^, TOÖTO d' £üfjiv>5fxöv£UTov €^«1. Ober die 
Athetese von j^övou vergl. Arist. Stud. i, S. 276. 

Poet. 9. 1452 a 1 — 11 : insi Si oü /xövov rs\£iag iarl npd^ttag 
r^ jjLtfxr/fft^ dXXa xat foßsp<j}V xal iXecivcSv, TaöT« 51 7tv6Tat fjaXiara 
orav yivTtTai napd t^v Jöfav, xai fxäXÄov OTav ä'i* aXA>?Xa (rö 7«/} 
^aufxaoTÖv ovrw^ i^ei fxaXXov ^ ei dizd t«üto/x«tou x»i tyj^ tuj^yj^, s 
iKil xat Twv d«:ö T6)rT7? raöra .&au/xa<7(WTaTa 5ox€t o^ra ojanep ini" 
7tq5c5 yatveToct yeyovivai^ ofov obg ö dvSpidg 6 toO Mlrrjog iv "Apyei 
OLKi'ÄTiiye TÖv alriov toO 3"avdTou rfi) Mtrjcs ^eo^povvn imneatliv 



78 B o n i t z 

io iotxs yäp ra roiaOra ovx eexp ysvifT^at)' wäre dvdyxvi rovg 

TOiovTOvg cfvat xaXkiovg ixO^ovg, 

Aus Schriften der Aristotelischen Sammlung, die wahrschein- 
lich oder gewiss nicht Ton Aristoteles, sondern aus der Aristoteli- 
schen Schule herrühren, mögen folgende, schon in der Bekker'schen 
Ausgabe anerkannten Fälle erwähnt werden: 

de insecab. 971 b 27 — 31: d yiiv o5v tö l<pB^rjg anzta^at 
dvdyxri^ 6 aCrdg iarai Xoyog' d 8k ivSt^STOti i(ps^^g rt crvat (jLVi 
a/TTÖfjLcvov , TÖ Si avvBy^ig ovdiv «XXo X^yofxev ^ rd i^ wv kariv 
aTTTOfjL^vwv , öjffT£ xal oörtag dvdyxrj rag arty/x«^ änTStj^ai 

dXkii'koiv ^ ^rvÄt ypai^iiiiv < fxi^ > <7vv€yrj. Das von mir in der letzten 
Zeile hinzugefügte fxi^ ist durch den Sinn gefordert; die Abhandlung 
Ttepi drojüLeüv ypociki^Qv bedarf ähnlicher, mit massigen Mitteln herzu- 
stellender Emendationen noch an zahlreichen Stellen. 

Probl. >3 18. 889 aA — 9: ei ouv tö ofxotov Ond roO ö/xofou a^'a- 
J^ig^ TÖ Si ^epjüLÖv tov jftyciüVTog glfcjc«) awlararai xai axjvipytTai^ tö 
$i vypöv xaToksiTZBrai xai tö ^vj^pöv, tö di kvavriov roO ivavrioxf 
f^apTixov &(7Te idv fxev y^iaivg^ xard fxtxpöv i^ipy^srai tö 

3'£pjxöv xat f/TTOv TTOvfT, ^dv Ji ikii dvaj^Xtdvip, Tzpoadyei jxdXXov. 

Mor. M. ß 7. 1205 * 2—8: ÖTt y' c^at faOXat ^Sovai^ 

cOd' v^fxd^ Xav^dv£e. ircei '^dp xal (puaetg tojv ^ojojv doi 6td<popot^ 
olov xai (paOlri xat anovdaia^ oiov i5 fx^v dv^pdynov anovdala i5 ^^ 
» Xüxöu 1? Ttvo^ aXXou ^inpiov (paO'kr) , öfxoto)^ 5' iripa fOmg innov xai 
dv^pcoTTOu xat ovov xal xuvö^' >5 St -^dovh koTi xardaraaig ix roO 
napd fOoiv e}g fvaiv ixd(jT(ii Tf}v avToO' coare TOÖT'dv elri ^ft- 

arov^ T^ 7« tpaOl^i yOact yaOXvj TiSovij. An dem Bekker*scheii Texte, 
den in diesem Falle die Didot*sche Ausgabe unverändert beibehalten 
hat, habe ich nur die beiden Änderungen vorgenommen, deren Rich- 
tigkeit kaum in Zweifel kann gezogen werden, dass ich nämlich b 7 
TTov a'jTcö för riiv avrov geschrieben und b 8 das Komma nach 
f;$((7Tov, nicht nach tpOtjei gesetzt habe. Wenn Bekker vor ojcts ein 
blosses Komma setzt, so kann dadurch gemeint sein, dass der Folge- 
satz unmittelbar an das zunächst vorausgehende Satzglied >7 Sk 
•^^Sovri — avToO sich anschliesse und darin die Setzung von ^are ihre 
Erklärung finde, was mit den vorher über den Ursprung dieses Ge- 
brauches von cjcTTe ausgesprochenen Ansichten im Einklänge stehen 
würde; dennoch habe ich es unterlassen, hierin Bekker zu folgen, 
da es sich doch, wie die bisherigen Beispiele schon werden gezeigt 



Aristotelische Studien. 79 

haben, nicht consequent durchfuhren lässt, in solcher Weise durch 
die Interpunction auf den Anlass des Gebrauches von cocttc hinweisen 
za wollen. 

Mor. M. ]3 11. 1211 a 17—2«: Inel d' o5v 6p(b[k€v^ SxsKtp 
xae fjLtxfdv inrdveo iA^70fJiev, ort ix fJiiv rcov xa.^' ixacrra rö fiXeXv 
yvtüpiZerat^ rä Si xaJ^\ixa(rra aCroi a(fToXg &v /xaXtara ]3ovÄo(fX£^a 
(xat 7ap rdya^ä xai rö elvai xai rd e(f slvai^ cyLOiono^idTarot *<> 
d' a-jTOtc- 'Jfxtv ioiLiVy xal ju^t^v 5i fxc^' iauTwv fxaXcdTa ßouXö- 
fJLfi^a)- c3<yT* €i ikiv ix, roO xo-^' ixocaroc yv^api^erai >5 ytXfa, ra 

di xa^' ixaara >5fxtv «üroi^ av ]3oi»XotfJL5^a vndpy^eiv^ JvjXö. icrrtv 
wg fort arpö^ avToO^ ytXfa, ojansp xai r-nv dSixiav ifai*.iv Kpdg aurdv 
erva£. Die Periode gehört derjenigen Form an, welche oben unter 
II, 4 behandelt ist; dächte man sich ei fxiv o{)v für ^ot' ei fxiv 
gesehrieben, so hätte man rollkommene Gleichheit der sprachlichen 
Form mit den dort behandelten Sätzen, in denen der Inhalt des 
Vordersatzes nochmals ror dem Beginne des Nachsatzes zusammen- 
fassend recapitulirt ist. Der Inhalt dieser Recapitulation , die 
Beschränkung nämlich auf die zwei Ppncte „das Wesen der Freund- 
schaft wird an den einzelnen Handlungen und Bestrebungen erkannt^ 
and „in allem Einkelnen ist jeder sich selbst der Nächste*' beweist, 
dass auch in der Torhergehenden Darstellung i;rel — jScuXöfxe^a nur 
zwei Hauptglieder anzuerkennen, also der ganze Abschnitt xai yäp 
rdya^ä — ßovUiieJ^a als Erklärung zu dem zweiten Gliede zu 
betrachten ist. Aus diesem Grunde habe ich die bei xai ydp begon- 
nene Parenthese . nicht mit der Bekker*schen und der Didot'schen 
Ausgabe nachrö eu eivat^ sondern erst nach ßov\6ikeJ^a geschlossen. 
Am Ende dieser Parenthese ist xai (tv^^v re die Überlieferung der 
beiden von Bekker yerglichenen Handschriften; Bekker schreibt xai 
Gv^f/v '/£, für die Yon mir vorgezogene Änderung xai av^i^v $i wird 
die Häufigkeit dieser Partikelverbindung sprechen. 

Die bisher angeführten Stellen, an denen ich die Interpunction 
der Bekker^schen Ausgabe gar nicht oder nur in unerheblichen 
Nebenpuncten geändert habe <) , werden den Inductionsbeweis 



1) Unter denjenigen Stellen, in denen bereits die Bekker'sche Ausgabe durch ihre 
Interpunction einen mit «oaxe eingeleiteten Nachsatz anerkennt, habe ich wissentlich 
Meteor, f) 1- 353 6 3S — 354 « S nicht mit angeführt. Aristoteles hat in der diesem 
Satxe nniaittelbar vorausgehenden Stelle einen Beweis geführt , da<»s das Meer kein 



80 B n i t z 

hergestellt haben, dass t^ort als den grammatischen Nachsatz einfäh* 
rend bei Aristoteles schon von den bisherigen Herausgebern still- 
schweigend oder ausdrücklich anerkannt ist: diese Induction wird 
es erleichtern, für die Änderung der Construction und Interpunctioa 
in einigen anderen Fällen Beistimmung zu Gnden, um so mehr, wenn 
die zur Sprache kommenden Perioden in ihrer Form den vorerwähn- 
ten gleichartig sind. Dies gilt sehr auffallend von Anal. post. a 24. 
85 6 23—27: 

izi ei -h 0LK6$t\£,ig [kiv lari ffvXXoytafJLÖj ö'etxrtxög alriag xcd roö 

tu Sia r£, TÖ xa^dXou d' airiüyrepov (q) yäp xa^' aifzö (fndpysi^ tovto 

«üTÖ aÖT& alriov tö di xa^öXou npSyrov afreov äpa rd xoe^ö- 

Xou)' a>(7T£ x«t >7 dnoSei^tg PcXtiojv fxäXXov yap roö airiov xai 

reo $iä Ti idTiv, 

Aus den beiden Prämissen: „Der Beweis ist ein den Grund 
darlegender Schluss** und „das Allgemeine ist Grund im volleren 
Sinne des Wortes'', wird gefolgert „der allgemeine Beweis (denn 
zu xat ifi oLKöSei^tg ist aus dem vorigen xaSolov hinzuzudenken» t^ 
ToO xa^ölou dnodei^ig oder >5 xa^öXov dKöSet^ig^ vergl. Schol. 233 
a 13) ist der vorzüglichere*'. Über diesen Zusammenhang der Ge- 
danken kann kein Zweifel sein; aber auch grammatisch die 
Worte a)9r£ xai -h dKöSsi^ig ßekrioiv als Nachsatz zu betrachten, und 
nicht mit Bekker und Waitz durch Setzen eines Kolon nach a^riob- 
repov und eines Punctes vor wäre die Construction aufzuheben, wird 
man sich nicht bedenken, wenn man den vollkommen gleichartigen 
Bau der oben (S. 76) angeführten Periode An. post. a 28. 86 
b 30—37 beachtet, in welcher ebenfalls bei mehrgliedrigem Vor- 
dersatze die dem letzten Gliede desselben angeschlos^sene unter- 
geordnete Begründung den Gebrauch von &(rre im Beginne des 



* Quell Wasser, öSwp in)YaTov ist. Er fügt eine BestStignng zu diesem Satze hinzu in 
den Worten : 

i-ci 8' »cel nXtiO'jf elvi ddXatxai icp6; dXXi^Xa; ou aufLixiyvOoujai xat' ob^ita xonov, u>v t} 
{jlsv ipu&pa 9aivsTai xaxa (xixpöv xo^vwvoDoa np6c t-J)v I^cü vttjXüv 0<iXaTTav , t] S' Tpxa» 
vCa xai Kaoiria xs)ru>pi9(x^vai tc TaÜTT]? xal icspioixoOpitvai xüxXcp, (&9t' o6x äv iXdvOavov 



I al «ir)Y«i» *l "»"f* 'C^''* "tötov auxiöv -Jjaav. 



Im vorliegenden Falle ist es wenigstens zweifelhaft^ ob inel nicht klos aus einer 
Dittographie von Ixi entstanden ist und die Worte ursprünglich lauteten Iti 6i 
nXeloo«; cbl OäXa-cxai xtX. Überdies ist wv schwerlich richtig, es wird dafür wohl 
olov im Texte gestanden haben, das zu einer solchen Verwechslung sehr leicht 
Anlass gibt. 



Aristoieliscbe Slodiea. 8 1. 

Maclisalzes eiiiigerinassen erklärlich machte. (Über den jn gro3ber 
AbkQrzang dea Ausdruckes abgefassten begrQndendeoSatz ^ yäp xrh 
geiiOgt es ftuf Waitz*s Commeolar zu verweisen.) 

Keiner näheren Erläuterung oder Begründung wird es bedür- 
fen, <]ass Meteor, ß 6. 363 a 9— 13 der Nachsatz durch &<rr€ ein- 
geflhrt ist: 

ort fUv Ouv v5ro^ «Ox itstcv 6 dnd roO iripou nokov ttvIcüv avs^ 

y6tp av oXXov dn^ J^epariig etvai rpoTni^g * odrca ydp rd avctXoyov fle;ro- 
ifStati" vOv S* oOx iorcv, dg yäp if.6vog falvrrat Ttvitüv kx reov hLsXSsv 
roffu^v} * tu a r' avd7xiQ rdv d;rd roO xaraxexaujxivov r6;rou ffviovra 
ccvcfLGv «rvat v&rov. 

Bekker setzt vor vOv utid vor &ar' Puncte, die Didbt^sche Aus- 
gabe vor vOv Punct, vor &ar' Kolon. 

de interpr. 12. 21 a 38 — b 12. Aristoteles untersucht, was 
zu iuvardv dvai (H. h. möglich, dass es sei; fähig, beßhigt zu sein), 
kvirj^diksvov Bivai^ dvayxaiov ilvai der contradictorische Gegen- 
satz sei, und beginnt die Discussion damit, dass er zunäch.^t aus 
der blossen Analogie der sprachlichen Form etwas Unrichtiges 
ableitet : 

ti ydp rcüv (XufAirXcxo/xfvcuv aCrai dXTA'Xatg dytlxeivrai dvrifd" 
9C(^, oaat xard t6 elvai xai |xi^ sivou rccrrovrai, ofov roO shat 
dv^ptüTcov dnofaaig rö jlliq eivat dvJ^pdyKov , oC rd stvai [lij ttv.5pa>- 
irov, xai roö ervac Xtvxöv dv^pooTrov rö fxi^ tivat \evxdv dv^pconov^ 
dXk* oü rd cfvai fx^ Xcuxöv dvSptonov (e^ ydp xard navrdg >5 xaraya- 
ctg % 4 dnofaaig^ rd ^uXov ifarae dXi?«^^^ slneiv elvat |xi% Xcvxdv dv^pta^ 
ffov)' e^ Jl ToöTO GÖTw^, xal oaoig rd cfvae jxn npoari^trai rd aOrd 
jroeiQ^cc rd dvTi roö efvat Xe76/X£vov, ofoy roö dvJ^poynog ßaSiZ^i oO rd 
ovx dvSpoynog PaJeCei d;rö^aac^ ^arae, dWd rö ot} ßaH^n dvJ^po)" 
nog {ovSiv ydp Siafipsi sinsXv dv^ptoKov ßadl^eiv ^ dv3pu}nov 
ßadiZovra sivai)' war« sl oCIroj^ ffavraj^oö, xöce roö dvvaröv 

«vae dnöfaaig larai rö Ät»varöv jJiio «fvai, ccXa' ou rö fxi^ duvaröv cfva«. 

„Wenn von dv^poyixov tivai der contradictorische Gegensatz 
ist dv^pcüJTov /JL10 »vai, und wenn ebenso bei Verschmelzung vun 
elvai mit dem Prädicate zu einem Worte, dväptanov ßaSi^eiv^ die 
den contradictorischen Gegensatz herstellende Negation zu dem 
das elvat in sich schliessendeu Worte treten rouss, dvJ^pwnov ßa- 
dt^eiv — dv^poynov |üli% ßaSiZsiv^ so wird, m eun diese Regel aUgemein 

SlUb. d. phil..hitt Cl. XLU. Bd. I. Hft. 6 



82 B o n i t s 

gilt, von ^uvocröv elvat der contradiclorische Gegensatz ivvardv iKi} 
cfvac sein mOssen*. Dass dies der Gedankenzasammenhang ist» 
erkennt Waltz an» indem er zu den Anfangsworten tl yäp xrX. 
bemerkt: „Oeest apodosis. Quid in mente habuerit apparet 6 10, 
ubi verbis cojrs ei oijrtag navTa^oO eomplexus quae in priori parte 
orationis dicturus erat apodosin addit*'. In grammatischer Hinsieht 
statuirt er eine Anakoluthie und setzt demgemäss'mit Bekker b 2 vor 
ii yap, b S vor €i Sij b 10 vor CA>(7r< Punete. Ist aber einmal der 
Aristotelische Gebrauch von coare im Nachsatze in der Weise con- 
statirt, wie es vorher geschehen ist, so ist es inconseqaent, die toU- 
kommen gleichartig gebaute Periode Top. ^4. 12S a 33^ — 6 6 
(s. oben [S.^34) als eine einheitliche Periode anzuerkennen, wie 
dies Bekker und Waitz durch ihre Interponction thun, und dagegen 
hier eine Anakoluthie vorauszusetzen. Der einzige Unterachied näm- 
lich, der in sprachlicher Hinsicht zwischen diesen beiden Si&tzen 
besteht, dass nach einem Vordersatze von mehreren durch Erli^ute- 
rungen erweiterten Gliedern dort durch oSv, hier durch &>ar< der 
Nachsatz eingeführt ist, gibt keinen Anlass zu der verschiedenen 
grammatischen Auffassung. 

Phys. C 1. 231 b 28-^232 a 6. Kein Continuum besteht aus 
untheilbaren Theilen. Aristoteles erweist diesen Satz zunächst Ton 
continuirlichen Grössen und dehnt ihn sodann auf die Bewegung und 
die Zeit aus. Gesetzt ein Bewegtes o) lege die aus den untheilbaren 
Theilen a, /3, 7 bestehende Strecke aßy zurück, die gesammte Be- 
wegung deC bestehe aus den untheilbaren Theilen d^ c, C in der Art, 
dass die Bewegung d den untheilbaren Theil a zurücklegt u.. s. f. 

si Sii dvdyxri rd xivöu/jievov noJ^iv not juii^ a/xa xtveXaJ^at xai 
X£xev)7ff3ai ou ixtveXTo ort ixiveiro^ olov ei Sr^ßa^e rig ßadiiei dSCf^ 
varov äfia ßaSlZsiv Qiißais xai ßeßaStxivai 6f/ßaCc, n^v 8i rd A 
n^v dyiepfi kxiveXro rd Q, ^ i} rö A Tdvriaig napriv c5 ar' sl y^iv 

Corepov iiekrjXO^ei ^ Ji^p«, itaiperii dv slti* ots ydp dt-gsi^ oijrt 
•hpip-it oÖT£ dttXri'kOJ^ei , dWd fieralO ^v • tl J' «fx« diipy(€Tai xod 
iiekiiXuJds rö ßaü^ov ots ßaü^ei^ ßtßadudg ixsX iarai xai xcx(vii7fA^- 
VGV oi xivslrae. 

Aristoteles erweist die Unzulässigkeit der gemachten Voraus«^ 
Setzungen durch einen apagogischen Beweis, und zwar in der Form, 
dass das erste Glied des Vordersatzes den zum Beweise erforder- 
lichen Hilfssatz einfahrt, das zweite Glied die gemachte Annahme 



ArutoteliscUe Sludieo. 83 

recapituiirt (daher das Imperfect ixcvclro, d. b. xivelrac, (ag iriJ^i-- 
fAc^a); der in eioer Subdivision durehgefQhrte Nachsatz zeigt dann 
IQ seinem ersten Gliede den Widerspruch gegen die Annahme, im 
zweiten den Widerspruch gegen den Hilfssatz. »Wenn es unmöglich 
ist, daas das Bewegte in dem Augenblicke der Bewegung und an dem 
Orte der Bewegung zugleich in Bewegung begriffen sei und die Be- 
wegung abgeschlossen habe, und wenn die Bewegung d nach der 
ADoahme die untbeilbare Strecke a zurücklegen soll, so geräth man 
auf jeden Fall in einen Widerspruch; denn soll das Durchlaufen- 
haben später sein als das Durchlaufen, so macht man die Strecke lu 
einer theilbaren, die als untheilbar vorausgesetzt war; soll beides 
ZDsammenfallen, so widerspricht man dem anerkannten Hilfssatze^. 
Dieser Tollkommeo klare Gedankengang ist, das Aristotelische caarc 
im Nachsatze einmal zugestanden, in einer durchaus entsprechenden 
symmetrischen Periode ausgeführt, einer Periode von der Form, wie 
sie oben unter II, 3, b in zahlreichen Beispielen zur Sprache kam, 
nur dass dort oSv, nicht euare den Beginn der den Nachsatz Torberei- 
tenden Subdirision bezeichnete. So hat sich denn auch PrantI in 
seiner Obersetzung bestimmt gefunden, die bezeichnete Coostruction 
anzuerkennen, während er im Texte mit Bekker a 1 vor r^v Si^ a2 
Tor wäre Puncto setzt. Im Beginne des Nachsatzes e^ /xiv öarepov 
iisXYi'kO^ei h ^ci^fi habe ich im Widerspruche zu der handschrift- 
lichen Oberlieferung das Plusquamperfect geschrieben, während die 
Handschriften und Ausgaben den Aorist diiiX^ev haben. Der ganze 
Nerv des Beweises liegt in dem Verhältnisse des Perfects zum Prä- 
sens und dem ihm gleichen des Plusquamperfects zum Imperfect; es 
ist nicht glaublich, dass in solchem Palle das Plusquamperfect durch 
den Aorist ersetzt sei, wie wir denn auch sowohl vorher als nachher 
noch über die Grenze der herausgehobenen Stelle hinaus durchweg 
das Perfect und Plusquamperfect genau angewendet finden. Auch 
Simplicius gebraucht da, wo er die Subdivision der beiden Möglich- 
leiten im Nachsatze umschreibt, nicht den Aorist, sondern das Per- 
fect, f. 218 a dvdyxYi yJ npörepov jul^v dtiivai varepov ii JtcXyjXv- 
^ivaij 7} &iia Sttivat xai SuhjXv^ivat ^ und ebenso wendet Themi- 
stius in seiner den Worten nach etwas freieren Umschreibung des 
ersten Gliedes des Nachsatzes durchaus das der Sache entsprechende 
Perfect an, f. S8 b diiYiy^avov ydp inl toO diispoOg np6Tepov elvai rd 
xivda^at toö xsmvi^aäai xai rd noptOtaJdai roö KtnoptOa^af 

6* 



84 B o n i t t 

iiaiperii yäp £v cOrcu^ ii xivr^^ig efv?. Es wird dadurch wenigsten« 
wahrscheinlich, dass sie den entsprechc^nden Ausdruck noch in ihrem 
Aristotelischen Texte vor Augen hatten. 

de coel. ß 4. 287 a 32 — 64. Aristoteles hat im Vorausgehen- 
den aus der Kreisbewegung des Himmels dessen Kugelgestalt erwie* 
sen, und kündigt fQr dieselbe Kugelgestalt noch einen andern Beweis 
an aus der auf einander folgenden S(^hichtung der Elemente um den 
Mittelpunct des Ganzen (Xdßoi i* äv rt^ xal ix rcov nep'i rd piiaov 
Idpvixivtav (jcofxdTcov raOmv riiv nlariv). Dieser Beweis wird nun in 
folgendem Satze gefuhrt: 

el yap rd ixiv CSoip i<jrl nepi ti%v yf^v, 6 8* diip nspl rd ödwp, rd 
8i nvp nepi röv dipa xai rä dEveo ffcüjüiaroc xard rdv aOrdv ^6709^ 
(ffuv€)^>} fjL^v yäp'o^x iariVj anrerat it toOtwv), -fi ii rox/ öiaroi^ 
im<pdveia otpatpotii^g itjriv^ rd 8i r£b ayaepoceJel crjvsy(ig ^ xef/xf* 
vov nepi rd a(paipoei8ig xai avrd rotovrov dvayxatov dvai' diare 
xäv itd TOUTOv tpavspdv etfi ort afaiposiSijg iariv 6 orjpavög. 

Wenn man in diesem Satze mit Sylburg, Bekker, PrantI» Didot 
a 34 vor auve^fi ein Kolon, ft 1 vor >5 ii und b 3 vor oSorc Puncte 
setzt, so macht man entweder die Worte xai rd aveo adiiiara xard 
röv aOrdv Xöyov zum Nachsätze, obgleich dieser Satz in keiner von 
den bei Aristoteles sonst ablieben Weisen als Nachsatz charakterisirt 
ist und obgleich er dann eine viel grössere Betonung erhält, als n:ich 
seinem fQr das Ganze des Beweises nur vorbereitenden Charakter 
passend ist; oder man statuirt stillschweigend eine Anakoluthie, ohne 
sie durch die Interpunction zu bezeichnen. Denn für den Gedanken- 
inhalt ist klar, dass zwei Prämissen gesetzt werden: continuirliche 
Schichtung der Elemente und Kugelgestalt der Obei fläche des einen 
Elementes, nämlich des Wassers, und aus diesen beiden Prämissen 
der Schlusssatz, Kugelgestalt des Himmels, gefolgert wird. Als den 
Schlusssatz dem Sinne nach erkennt diesen auch Simplicius an 101 a 
ori Sk (jfaipixov dvdyxvi röv ovpavdv tlvai "kdßot av rt^, y>3(7(, nlanv 
xai ix Tcüv nepi rd ikiaov iSpvixivtav ffw/xarcüv, xae Ire aviinepal" 
vwv avrd wäre, yrjae, xae Sidrovro (pavepdv iarai ort afatpixdg iariv 
6 ovpavog^ ohne sich freilich hierdurch Ober die grammatische Con- 
struction unmittelbar zu erklären. Dass gegen die Zusammenfassung 
des Ganzen in eine grammatische Periode nach den bisherigen Ana- 
logien kein Bedenken obwaltet, wird aus der eben bezeichneten 
Gliederung ersichtlich sein; auch hat Prantl, obgleich er dio 



ArbloUÜMbe Studien. .85 

Bekker'sche Iiiterponction im Texte beibehalten, doch in der Ober- 
setzuiig die vorher bezeichnete Interpunction ausgedrückt. 

de eoel. 7 t. 299 b 18—23. Die Platonische Ansicht Ober die 
Bildnng der physikalischen Korper aus blos mathematischen Grössen 
mbrt Aristoteles zu der widerlegenden Folgerung, dass hiernach der 
roalhematische Punct Schwere haben mQsste: xai sl näv fitcTCov 
ßdpo^ ßdpovg ßdp€t^ oufißi^acrae xai ixaarov reSv ti^fxepojv ßdpo^ 
^ecv. Nach diesen Worten » welche den Schlusssatz des zu fhhren- 
«h-n Beweises yorläufig aussprechen, wird man richtiger gemflss der 
sf^nsUgen Analogie einen Punct, als mit Bekker, PrantI, Didot blosses 
KoloD setzen. Der Beweis selbst wird nun in den nfichsten Worten 
gefuhrt: 

il 7äp ai rirroiptg CTtyfial ßdpog iy(0\jmj td d' ix irAecövcuv ^ 
Toft ßapio^ Svrog j3apOr«pov, rd ii ßapiog ßapOvepov dvdjxy} ßapit *^ 
efvac, ^ansp xai rd Xtvxov }.&jx6repov Xfuxöv, eoors rd fX£lCov if.iq, 
^f^iyy-V <f*'^ criy ikf > ßapOrepov icrai dfaipeJ^ivrog roO Xaov 
cBar« xai < yila ariyikii ßdpög ffffc. 

Die Vergleichung mit dem yorher als zu beweisend angekOndig- 
f en Satze, ixaarov roiv di^tptav ßdpog ix^iv^ ^eigf , dass man erst in 
den Worten &ar€ xai 1) |xfa xrX. den eigentlichen Schlusssatz anzuer- 
kennen hat; es hindert nichts, sie auch grammatisch als Nachsatz 
zu betrachten und statt des Puncfes, der in den Ausgaben nach roC 
taov steht, ein blosses Kolon zu setzen. ^In der Hinziifugung von fxe^ 
artyfx^ bin ich der evidenten Conjectur Prantl's gefolgt; dagegen 
kann ich nicht die von PrantI behauptete Nothwendigkeit anerken- 
nen, ^ roil im vorhergehenden Gliede 6 19 gegen die Oberliefe* 
rung m^i rovdl zu verwandeln. Die Qberlief«*rten Worte bedeuten: 
„was aus mehr Puncten besteht, als dieses (nämlich als der im vori- 
gen vorausgesetzte aus vier Puncten zusammengesetzte Körper) ist 
schwerer als ein anderes ebenfalls bereits Schwere besitzendes' 
Ding'', und dies gibt einen ganz deutlichen Sinn; was PrantI in dem 
Texte zu lesen wQnscht «was aus Mehreren, als aus dieser bestimm- 
ten Masse, besteht**, das wQrde mit Bezug auf das vorausgehende 
Satzglied vielmehr ausgedrGckt sein rd S' ix nlsidvcav^ tcüvÜ (näm- 
lich ari7fJLa»v). FOr vollständig emendirt kann ich übrigens durch 
die PrantPsche Ergänzung it.tq. artyix^ das dritte Glied des Vorder- 
satzes noch nicht halten. Dass dasjenige, was schwerer ist als etwas 
Schweres, schwer ist, bedarf gewiss niclit besonders ausgesprochen 



86 B n 1 t s 

SU werden; dagegen fehlt in der Durchführung des Beweises der 
Satz, der in der kurzen Ankündigung als Grundlage des Beweises 
bezeichnet wird näv fAslCov ßdpo^ ßdpovg ßdpsi, ein Satz» den 
man auch gar nicht entbehren kann» wenn der Schlusssati wirklich 
erschlossen und nicht blos behauptet sein soll. Man kann diesen 
Gedanken mit der leichtesten Änderung der Überlieferung herstel- 
len, wenn man rö an zwei Stellen in oj verwandelt: 4> ^^ ßocpiog 
ßapOrepov dvdyxrj ßcupit thui^ totsn^p xa2 S^ XsuxoO Xfiuxörepov Xcux6v. 
Äussere Unterstützungen lassen sich fQr diese Conjectur freilich 
nicht beibringen ; denn dass fttr rö an der ersteren Stelle eine Hand- 
schrift L ^ bietet, ist nicht ron Erheblichkeit, und wenn Simplicius 
die fraglichen Worte paraphrasirt f. 141 b rö 8i roO ßapiog ßocpO^ 
repov ßoLp<j iüri aal ßdpst Cnepi-z^eiy so hat dies ganz den An- 
schein, dass er bereits den jetzigen Text vor sich hatte, und aus ihm 
durch jenen Zusatz aus Eigenem einen passenderen Sinn zu gewin- 
nen suchte. Aber der so hergestellte Gedankengang dOrfte die Con- 
jectur ausreichend stützen; denn wir erhalten so die Prämissen: 
„Die aus vier Puncten bestehende Grosse besitzt Schwere; die aus 
mehr Puncten bestehende Grösse ist schwerer als etwas bereits 
Schwere besitzendes; das, wodurch eines schwerer ist als ein 
anderes, muss selbst schwer sein**, aus denen dann der Schlusssati 
„der einzelne Punct muss Schwere haben** sich wirklich ergibt. 

Die in ihrer grammatischen Construction und in ihrem Inhalte 
schwierige Stelle der Psychologie ß 2. 414 a 4 — 14 glaube ich in 
folgender Weise schreiben und gliedern zu sollen: 

tmardiisäa Xt/oiiev [ii] *) rd fJtev imarinkriv rd di ^vy(iiv (^txaripf^ 

1) Die überlieferte Lesart wird natürlich so aufgefasst, dass X^joimv Si ron «p inivri. 
|tcda durch eine Interpunetion getrennt wird, durch ein Komma, für das man auch 
das Zeichen der Parenthese wurde setzen können xadditcp <p imoraiiit&a, acxo|jukv U 
TÖ {liv iict9Tif)(Ji7)v t6 H «fux^v. Indem dann durch Xe^ot^cv nicht die Berufung auf die 
im Sprachgebrauche vorhandene Doppelbedeutung des iitiarcaa&od enthalten sei* 
wurde, sondern die ErlSuterung, welche Doppelbedeutung geroeint sei „leh meine 
nSmlich etc.*, so hitte man, wie Torstrik treffend bemerkt, nicht X^yoiuv, sondern 
Xi-^vi au erwarten, Xi^u) Si tö (iiiv imonljiiTiv xö 6i ^uxf)v. Man kann die ron dem 
Plural deutlicb unterschiedene Gebrauchsweise des Singulars X^yw li ersehen ans 
Stellen wie 17 a 39, 6 5, 8. 187 b 14. 249 b 28. 264 a 25. 1027 ( 24. i 147 b U, 29. 
1290 b 30 etc., so wie aus der bei Aristoteles gebriuchlichen Formel Xiym V olov 
X. B. 209 a 33, 317 a 34, b 26. 1003 b 35. Dass der vorliegenden Stelle dnrch Bnt> 
fernung des hk noch leichter und vollständiger Hilfe gebracht werde, ist eine Con- 
jectur Vahlen's, die mir durchaus evident erscheint. 



ArUtoteliscbe Siadlea. 87 

(ryieicf rd 6i jxope^ r(v2 roO aeo/iaroc y) xac oXcp* rc6rct)v d^'^i fxiv 
iirtoT^fX)} r€ xoi 67Uia (lopfii xal diög u xat Xöyo^ xa2 otov Mpy€ia 
ToO dtxTtxov, t5 /liv ToO imanniKOvwoO ^ i5 Ji roö vyiaarixou (doxtXyäp »o 
iv rd) nday(OVTi xae dcari«&efxiv(i) i} rwv notrirtxtbv (/itdpy^eiv kvip^ 
y€ia) * ifi ^x^ ^^ rovTO 4> C^j^^ x^' a/(7^avc/JLe«&a xai d^tavooOfXf ^a 
npdüTKag' c3<jt« Xöyog «j äv tiri xai eldog^ aXX' oCy^ öXnj xal ri 

CnoxeiiJiSvov. 

Bekker und Trendelenburg schliessen den durch imi eingelei- 
teten Satz durch einen Ponct a 8 nach oXcp, ohne dass Trendelen- 
burg im Commentar eine Andeutung darüber gibt, wie man bei 
solcher Interpunction construiren soll; unverkennbar hört in diesem 
Falle jede Möglichkeit einer Cons(ruction auf. Torstrik verbindet 
allerdings die gesammte hier ausgehobene Stelle zu einer einzigen 
Periode, aber er setzt voraus, dass der Nachsatz a 12 bei ij ^^x^ ^^ 
beginne; zur Entschuldigung für die bei ifi tpu^^ stehende Partikel 
ii scheint der davpr gesetzte Strich, das Zeichen der Anakolutbie, 
dienen zu sollen, nebst der Bemerkung „ante yJ tpu^i^ ii posui Signum 
apodoseos post orationem longius extractam incipientis**. Aber wie 
man auch Ober die Zulässigkeit eines solchen ii im Nachsatze 'denken 
mag, worüber weiteres im Abschnitte IV: dass diese Worte ihrem 
Gedankeninhalte nach noch eine Prämisse enthalten und die Folge- 
rung erst mit oiarc eintritt, beweisen zur Evidenz die folgenden 
Worte Tpix^<S ydp XeyoiLivrig xrX. (s. Bd. XLI, S. 434) , aus denen 
manersieht, dass der Begriff von tpu^^als Xoyog xai ivipysia dasZiel 
ist, auf welches im Vorigen hingeleitet wurde. Diese Folgerung nun 
wird durch drei Prämissen vorbereitet. Die erste Prämisse spricht 
eine Thatsache des Sprachgebrauches aus, nämlich unter dem ^ 
.imardfxe^a können wir imarhikfi und können ^it^^ meinen, ebenso 
anter dem ^ Cytalvois.ev entweder vfieta oder acd/Aa. Die zweite 
Prämisse gibt für diesen Sprachgebrauch die Deutung, nämlich durch 
die erstere der beiden Bedeutungen bezeichnen wir Form und Be- 
griff, durch die andere das aufnehmende Substrat. (Dem fj^iv in den 
Worten >} [kiv imarijiiYi entspricht nicht als zweites Glied >5 ^v^^ Hj 
wie dies der Sinn deutlich zeigt; sondern das Sattglied ist ange- • 
fangen, als ob es ungefähr so hätte sollen ausgeführt werden: ro6- 
Twv J*>5 (kiv imcThisyi t$ xai >5 uyitta i^opfii xai €ii6g n xai Xoyog 
xat ofov ivipyeta^ ifi ii ^^X^ ^^^ ^^ aco/xa itxrtxov^ das zweite Glied 



88 B o u f t X 

ist aber dann statt in coordinirter. in subordinirter Form angeschlos- 
sen rov dexrexoO.) Die dritte Prämisse endlich besagt, dass die Seele 
es ist, durch welche wir im eigentlichsten und giltigsten Sinne» 
nptiiToyg^ leben und denken^ Die unsichere Deutbarkeit des Trpe&rooc 
hat alte und neue Interpreten besehänigt, vergl. Trendel. p. 346; 
da in dem vorigen fQr 4) Cc<ifA£v xai ah^ocvöixt^a zwei Bedeutungen 
unterschieden sind, die sich wie eiSog und vX-n verhalten, von diesen 
beiden Momenten des Seins aber nach Aristotelischen Principien 
das efdo^ das Prius und das absolut Erste der Wesenheit nach ist, so 
ist unzweifelhaft hierauf npdiroiig zu beziehen. Hierdurch ist dann 
die Folgerung, dass ^vyii Form und Begriff sei, vollkommen ror- 
bereitet. — Die grammatische Gliederung des Ganzen wird, hoffe ich, 
durch diese einfache Darlegung ausser Zweifel gestellt sein: eine 
Schwierigkeit des Inhaltes dagegen ist hierdurch nicht beseitigt, ja 
gar nicht berührt. In dem Beispiele der ersten Prämisse wird pifx^ 
als ^exrcxöv zu kTciaTriiiTn als dem cfdog xae 'k6yog bezeichnet, während 
doch das Ganze daraufhinzielt, ^vyij als eri^o^ xai "kiyog^ gegenQber 
nämlich dem Körper, aufzuzeigen. Trendelenburg sucht diese 
Schwierigkeit durch eine Unterscheidung zu beseitigen MCavendum 
est, ne ^^x^ ImanniJiOvtxii ^ de qua in exemplo tanquam de scientiae 
quasi instrumento agitur, cum ^vyif confundatur universo vitae prin- 
cipio. Haec quum diversa uno verborum ambitu comprehendantnr, 
turbaiit quodammodo legentis animum**. Aber nicht auf verschiedene 
Bedeutungen kommt es hier an, in welchen dasselbe Wort ^u^4 
gebraucht sei, sondern auf verschiedene Verhältnisse, in welche der 
Begriff ^vyii gebracht ist, das eine mal zu iTncrr^/xi? , das andere 
mal zu aoDfjia. Dass dasselbe in der einen Beziehung diog^ in der 
andern uXy? sein soll, wird keinem Leser des Aristoteles auffallen; 
darum aber bleibt es jedenfalls eine unpassende Wahl, als (erläu- 
terndes Beispiel in einer Argumentation, durch welche ^vyii als 
ii$0(; aufgezeigt werden soll, ein solches zu wählen, in welchem 
^ifX^ vielmehr die Stelle des iexrixäv einnimmt. Es möchte also 
wohl, wenn allerdings Ml^g^'itis animus turbatur*', Aristoteles selbst 
durch unpassende Wahl des Beispieles die Schuld davon tragen. 

Nahe vergleichbar dem Gebrauche von &art im Anfange de'* 
Satzgliedes, welches seinem Inhalte nach den Nachsatz bildet, wflrd^ 
es sein, wenn in gleicher Weise ii6^ di6n€p angewendet vorkom- 
men sollte; und allerdings machen manche Stellenf bei Aristoteles es 



Aristolelivch« Stu«lien. 89 

mir wahrscheinlieb, dtss eine derartige Anwendung sich wirklich 
Gnde. Indessen unterliegen doch die betreffenden Stellen in ihrer 
gaosen Gedankenverbindung Zweifelny die ich nicht zu I5sen vermag, 
und schwerlich möchte sich flir iio in gleicher Weise wie für cäarc 
der Indactionsbeweis herstellen lassen, dass die anakoluthische Natur 
seines Gebrauches hereits verwischt und es wie ein selbst in dem 
grammatischen Nachsätze zulfissiges Wort der Folgerung betrachtet 
sei. Ich unterlasse daher fOr jetzt die En^rterung der betreffninden 
Stellen, indem ich nur beispielsweise eine einzige erwähne, de 
respir. 8. 474 a 25 — 31: 

intl 8* dprirat nporspov ort rd C^v xal -fi r^^ ^«X^^^ ^f'^ jxcrd '* 

C4>o(^, ovt' oivev ^vyßg oör' av£u -^cpfiönoTÖ^ icntv nvpi 7ccp ipya^e'' 
rat ndvra' ii6ntp iv ip np6}To^ vdntjp roO acOfxaro^ xa2 iv ^ 

frpa>Tu roü rönou roOrov fxopia) riiv äpyiiv dvayxaXov efvae ti%v Tota6- •• 
tTjv, ivrav^a xai rtv npcarriv [t^v] *&pc7rrexi%v tf/y^^v dva7xaTov 
vjtdpytiv. 

Unverkennbar ist der Gedanke, welcher zu dem durch intl 
ausgesprochenen begründenden Vordersatze den folgernden Nachsatz 
zu bilden halte, in dem durch itönep eingefOhrten Satze enthalten: 
„Da das Leben nothwendig, nach dem früher Gesagten, Wfirme 
voraussetzt, so findet sich die erste ernährende Seele in demjenigen 
Theile des Körpers, welcher Princtp der Wärme ist*^; dies ist, wie 
dann in den folgenden Sätzen fortgefahren wird, fOr die mit Blut 
begabten Thiere das Herz, flQr die blutlosen ist es namenlos. — 
Durfte man nun fCir ii6nep bereits eine gleiche Abschwächung im 
Gebrauche voraussetzen, wie dies für &(jrs nachgewiesen ist, so 
wQrde man o^jÜ ydp — ipyd^trai ndvra als Parenthese und den mit 
iiÖTtep anfangenden Satz als Nachsatz auch' im grammatischen Sinne 
betrachten; diese Auffassungsweise zeigt sich in der lateinischen 
Übersetzung von Vatablus, der die bezeichneten Worte in Paren- 
thesen schlie.sst und iionep geradezu durch ideirco übersetzt. Aus 
den schon angegebenen Gründen bin ich dieser Interpunction nicht 
gefolgt, sondern betrachte den Satz in grammatischer Hinsicht so, 
dass sich das die Folgerung enthaltende Satzglied Sionsp xrX. statt 
an den Vordersatz, vielmehr an die dazu gegebene Erläuterung 
anschliesse ; daher die oben gegebene Interpunction, welche sich 
»noh in der Didot*schen Ausgabe findet; statt derselben hätte auch 



90 B o tt t t > 

vor o^di yap das Zeichen der abgebrochenen Constroction g^selBt 
werden können. Unrichtig dagegen ist Bekker^s Interpunetion » ror 
orjÜ ein Kolon, vor Stdnep einen Punct zu setzen. (Die Entfernung 
des Artikels vor 3p£;rrexnv, durch den Sinn dringend empfohlen, int 
nicht Conjectur, sondern Überlieferung ron vier unter den fiOnf Ton 
Bekker benützten Handschriften; auch der griechische Commentsir 
168A hat n^v nptijmv ^ptnrixiiv ^vyiiv* — Dagegen ist in den nächst- 
folgenden Zeilen, was hier gelegentlich möge erwähnt werden« von 
der in den Ausgaben bisher beibehaltenen Oberlieferung absu-* 
weichen, b 8 roO S' alixarog Kai rwv yXcßwv nftv aijrhv <J^PX^*' 
dvayxaXov dvat' ^aripou yäp hftna J^drsp6v iariv^ (S>g dyyslov xai 
Jcxrcxöv, vielmehr: <hg dyyeXov kolI oi ^cxrcxöv.) 



IV. 

In den Commentaren zu Aristotelischen Schriften bis in die 
neueste Zeit hinein findet man häufig die Bemerkung ausgesprochen, 
es sei eine Eigenthümlichkeit des Aristoteles» die Partikel ii am 
Anfange des Nachsatzes in solchen Fällen zu setzen, wo der sonstige 
attische Sprachgebrauch (Qber den Buttmann's Beobachtungen 
Eic. XII ad Demosth. Mid. massgebend bleiben, vergl. Bäumlein 
griech. Part. S. 92 ff.) dieselbe nicht zulässt, sondern den Beginn 
des Nachsatzes ohne jede Partikel erfordern würde. So sagt Zell zu 
Eth. Nie. I, 1, 4, p. S ^Particula Si apodosin huius enunciati ordi- 
tur** und fiihrt dafür Belegstellen aus Aristoteles an und beruft sich 
ausserdem auf Vater anim. ad Ar. Rhet. p. 9 und Hermann*s Anmer- 
kungen zu Viger n. 241 und 343 A. Ebenso zu Eth. Nie. VII, 4, 5, 
p. 273 »Atque haec fortasse vera lectio a librariis male immutata. 
qui usum particulae di in apodosi nescirent**, und zu X, 9, 11, p. 470 
»Camerarius coniicit raOra Sii^ sed Si in apodosi recte habet**. 
Göttling in seinem Commentar zur Politik geht unter Berufung auf 
Zell. noch einen Schritt weiter, indem er p. 291, 3ö7, 401 bemerkt 
^ii in apodosi admodum est familiäre Aristoteli''. Dasselbe meint 
auch wohl Waitz, wenn er im Commentar zum Organen I, p. 335 zu 
17 6 1 bemerkt „$i apodosin indicat, cuius usus quos auctores aflert 
Zell V. ad Eth. Nie. 1, 4'' etc. So auffallend ein solcher Gebrauch 



ArUtotelische Siudieu. 91 

einem jedeo erscheinen muss, dem die Partikeln nicht gleichgiltige 
FQllstücke, sondern wichtige Bindeglieder ftlr die Articulation des 
Satzes sind, so wird doch die so eben durehgefährte Zasammen-' 
Stellung Qber den Gebrauch von cSarc vorsichtig machen , dass man 
nicht leichthin einer solchen Beobachtung Glaubwürdigkeit abspricht. 
Der Gebrauch yon S(rre setzt voraus, dass der Satz, an welchen es 
sich anschliesst, selbständige Stellung habe; dennoch fanden wir 
es in Fällen angewendet, wo der Gedankeninhalt das Verhättniss 
des Nachsatzes zum Vordersatze ausser Zweifel stellte und der 
sprachliche Ausdruck nicht ausreichenden Anlass gab, eine Anako- 
luthie, ein Vergessen der untergeordneten Stellung des Vordersatzes, 
Toraaszusetzen. Der ganz analoge Fall, nämlich Anfügung des Nach- 
satzes an den Vordersatz, als wenn der Gedankeninhalt des Vorder- 
satzes in grammatisch unabhängiger Form ausgesprochen wäre, 
würde es sein, wenn wir Si im Nachsatze gebraucht Anden. Indes« 
sen zu der Anerkennung von o^ars im Nachsatze Hessen wir uns nur 
durch die Beweiskraft unzweifelhafter Thatsacben bestimmen, 
nämlich durch solche Sätze aus Aristoteles, bei denen die Nothwen- 
digkeit, das mit &(tt6 beginnende Glied als Nachsatz aufzufassen, 
nicht konnte in Zweifel gezogen werden und zur Annahme einer 
Textesverderbniss keinerlei Anhaltspunct sich vorfand. Wir fragen 
billiger Weise, ob för das „ii in apodosi familiäre Aristoteli** von 
den Männern, welche diese Behauptung aufstellen, der Beweis wirk- 
lich gefQhrt ist. Das gesammte Material aus Aristoteles, das an den 
angefahrten Stellen beigebracht ist, belauft sich auf 16 Stellen, von 
Zell nämlich sind beigebracht Eth. Nie. a 1. 1094 a 15. n 6. 1148 
a26, xlO. 1108al7. Pol. 7 12. 1282 ft Uff. y? 13. 1331 6 26 ff. 
.» 7. 1341 b 19—26, von Gdttling Pol. a 6. 125S a 22. 7 9. 1280 
6 K. e 7. 1307 a 31, von Waitz 769 a 12, 729 a2, 743 a 13, 383 
a 30, 649 b 29, 4So b 20, 948 6 39. Es wird sich, hoffe ich, zur 
Evidenz bringen lassen, dass in dieser ganz ansehnlichen Anzahl 
angeblicher Belegstellen nicht eine einzige das beweist, was man 
damit zu beweisen beabsichtigt, nämlich den Aristotelischen Ge- 
brauch des 8i im Nachsatze in solchen Fällen, wo der sonstige 
griechische Sprachgebrauch den Nachsatz ohne diese Partikel ein- 
führen mQsste. 

Vier von Waitz angefahrte Stellen 769 a 12, 729 a 2, 743 
A 13, 383 a 30 sind der Frage, um die es sich handelt, ganz 



92 B o n i t 1 

fremdartig; denn oaa Si yeripäXlav —;■ r avra ii ^vyß^eva ylvcrac 
cxhipd (743 a 13, und gleicher Art sind die drei anderen) ist die 
bekannte, dem gesammten griechischen Sprachgebraiiche gemein- 
same Wiederholung des 8i im nnchfolgenden Demonstrativsatze aa^i 
dem ihm vorausgehenden Relativsat/.e, vergl. KrQger gr. Gr. 69, 
16, 2. Stallbiium ym Plat. Apol. 28 ß. Auch die fOnfte nnti^r den 
von Waitz angt^führten Stellen de part. an. ß 3. 649 b 29 hut auf 
die vorliegende Frage keine Beziehung. Wenn es nämlich an dieser 
-.Stelle heisst: iid xai h rp (pOaei täv rotoOrcov rä jxlv ^«pjxd xa£ 
(fypä -/topi^oiieva di Trhyv^rat xat ^^XP^ yaCvcroct, olov rd ac/xa, ra 
ik ^spixä xai ndfp^ iyovra xa^dnip >5 X®^^ 5 X^P'^^/**^* ^ ^ "^^ 
yOaea)^ tcSv ^övrwv roOvavrtov iraoxe«* ^Oy(STai yap xai V7pa£vß- 
rai xrX.9 so ist nicht zu verkennen, dass di nach x^P^CpM-^^^ a" 
beiden Stellen sehr wohl entbehrt werden könnte und durch Ent* 
fernung dieser Partikel die Construction leichter wurde, „die Theile» 
welche warm und flüssig sind, werden, bei ihrer Trennung von dem 
natürlichen Organismus"* etc.; ist einmal 6i an beiden Stellen» wie 
es scheint, sicher überliefert» so hat man dem Y(i)pt^6ii,eva nicht sab- 
ordinirte, sondern coordinirte Stellung zu geben: rd ^£pfxd jx^v xac 
(fypd ovra, yrapi^oiieva S' ix Tf/g fvosfag. Diese Satzfilgung ist für 
den Gedankengang allerdings minder entsprechend, als die unter- 
ordnende ohne die Partikel f^'es sein würde: aber mit dem ver- 
meintlichen Si im Nachsatze steht dieser Fall in gar keiner ßesie- 
hung. — Bei der einen von Göttling für jene syntaktische Lehre 
verwendeten Stelle Pol. a 6. 12i(5 a 22 hat die richtige Interpunction 
der Bekker^schen Ausgabe, nämlich Punct vor o\(tig d\ jeden Ge- 
danken an die von Göttling vorausgesetzte, zu dem Inhalte keines- 
wegs stimmende Construction beseitigt. 

Sechs von den angeführten Stellen sind schon in früheren 
Abschnitten dieser Untei'suchnng behandelt, nämÜch Eth. Nie. a 1 
1094 a 15 (S. 421), >? 6. 1148 a 26 (S. 63), x 10. 1180 a 17 
(S. 69), Pol. n 13. 1331 b 26 (S. 60), ^ 7. 1341 b 19-26 
(S. 61), de somn. 2. 488 b 20 (S. 74). 

Es bleiben also aus dem gesammten Material des Beweises nur 
noch Tier Stellen in Betracht zu ziehen: Pol. 7 9. 1280 6 8. 7 12. 
1282 b 14. t 7. 1307 a 31. Probl. xC 10. 948 b 39. 

Pol. 67. 1 307a27— 33 lautet : öuvißij 8i vd eipfiiiivov iv eoupfoif • 
6iä iiiy yäp rd dno ffXefovo^ rt/jinjuiaTOff elvai rdg dp^dg sig ifXaTTov 



ArisloteiUche Studien. (fS 

yxrißin xai eig dpy^sXa TrXeew, Siä ii t6 riiv yjijpav oXinv rovg yv(»}pi' 
}LOvg (yu7XT7j<Ta(T*&at napä röv vöjxov • i5 yäp KoXtrsia dXeyapj^txwTcpa 
t5v, &(rce ioOvavro nXeovexreXv • 6 Si irip.og yviivaa^eig Iv tö Ko'kiiit^ 
Twv fpovpoiv iyivero xpefTrwv, ioiig dfsXaav rr^g -fßypccg oaoi n'kdo) 
wav iy^ovreg. Zu 6 ok Sriixog bemerkt Göltling im Commentar p. 401 ^ 
»Coraes 6 d^fxc^. Noii male. Sed Aristotelis inconcinnitas esse vide- 
tar, qui di in apodosi usurpare solet**. Man miiss sich verwiindero, 
wenn durch diese Bemerkung (i)enn weiter findet sich iilicr die 
ganze Seile kein Wort der Erläuterung) Gottling die eriiehlichen 
St-hi^ierigkeiten des Satzes glaubt beseitigt zu haben. Dass man es 
hier mit einem corrumpirten, höchstwahrscheinlich mit einem iQcken- 
haften Texte zu thun hat, geht aus den Bemühungen der früheren 
Herausgeher um die Erklärung (worüber man bei Schneider einge- 
henden Bericht findet) Gberzeugend hervor, wenn es auch nicht 
gelungen ist» die ursprungliche Gestalt des Satzes mit Wahrschein- 
lichkeit herzustellen. Zu einer hinlänglich wahrscheinlichen Lösung 
der Schwierigkeiten dieser Stelle bin ich ebenfalls noch nicht 
gelangt; aber das steht ausser Zweifel, dass man eine der Cor- 
ruptel mehr als bios verdächtige Stelle nicht zum Belege einer syn- 
taktischen Singularität anwenden darf. 

Das Gleiche gilt von Probl. x^ 10. 948 b 39, abgesehen noch 
davon» dass diese Stelle, wenn sie an sich für den behaupteten Ge- 
brauch von Si vollkommen zuträfe» doch für den Sprachgebrauch 
de5 Aristoteles nichts beweisen könnte. Die Stelle lautet: Ata u roXg 
foßovyiivotg al xoiXiai XCovrai xal oOpr/recoacv ; ^ rd ^epfxöv rd iv 
i5/xrv icTiv &<jnsp C^GV ,• Toör' oCu (peu^^/tt 6 rt dv yoßvj^ip. i^taSev o6v 
YivofjLiveov rcDv rs (tnö tyj^ d^caviocg yößoiv xai twv roioOrcav , xat ^x 
reov avcü^cv tig rd x^tw xat ix röv iKinokfig dg ra Ivrog^ ix^epiiai" 
vöfjicvct di Gl nepi riiv xotXfav rdnoi xai ri^v xOartv ^taXOovrai xat 
KOioOdiv avrdg eijrpeneXg, Wenn man hier wirklich mit Waitz die 
Partikel oi nach ix^epfxatvöfxcvoc als ntpioadg gesetzt, als blosses 
„Zeichen** des Nachsatzes betrachten wollte, so ist ja dadurch ein 
Verständniss des ganzen Satzes noch nicht erreicht; denn die vor- 
ausgehenden Worte xat Ix reov avoi)^£v dg rd xdroD xat ix rcov Ini' 
Kokrig dg rd btxög geben, zu 7tvofJL£yeüy rcov foßcav construirt, wie 
dies nach der Oberlieferung geschehen müs^te, keinen nur halbwegs 
erträglicheo Sinn. Nach dem Zusammenhange mit dem Vorausgehen- 
den, rOOr* ouv tfixj^ti o rt av foßri^j niuss man vielmehr erwarten» 



94 B o n i t z 

dass in diesen Worten die Bewegung bezeichnet sei , welche die 
Wärme des Körpers bei einem von aussen her eintretenden Gegen- 
stande des Schreckens einschlägt, etwa ^eOyec (iiftmlich rö ^epikd'if') 
ix, TcSv avw^cv elg rä xdrw aal ix rcov imnoXrig sig rä, ivrog. Wird 
eine solche» durch den' Inhalt des Satzes selbst gebotene Änderung 
angenommen, so schwindet damit zugleich der Schein, dass ein 
Nachsatz durch Si eingeführt sei. 

Die Stelle Pol. 7 9. 1280 b S kommt im folgenden Abschnitte 
unter der Anakoluthie zur Betrachtung. Die einzige somit noch übrige 
bleibende Stelle Pol. 7 12. 1282 b 21 würde den Beweis für einen 
dem Aristoteles eigenthQmlichen Gebrauch auch dann nicht herstel- 
len, wenn sie in jeder Hinsicht, ebensowohl in Beziehung auf 
Satzfögung als auf Sicherheit der Textesäberlieferung, vollkommen 
evident wäre. Ein Blick auf die lange Reihe coordinirt an einander 
gefügter Glieder des durch IksI eingeleiteten Vordersatzes oder eine 
Vergleichung der verschiedenen Ansichten der Erklärer zu dieser 
Stelle zeigt aber leicht, dass man es mit nichts weniger als einer 
sicheren Belegstelle zu thun hat. Ob es wahrscheinlicher ist, mit 
Camerarius, Sylburg, Lambin b 21 noicav für noitov d' zu schreiben 
(oder was dem sehr nahe käme Si in iii zu verwandeln), oder ob 
man eine durch die lange Reihe der coordinirten Glieder sehr wohl 
erklärliche Anakoluthie vorauszusetzen hat, weiss ich nicht zu ent- 
scheiden. Jedenfalls entzieht schon die Mannigfaltigkeit und Leich- 
tigkeit der sich darbietenden anderen Auffassungen dieser Stelle die 
Bedeutung für das, was man durch sie beweisen will. 

Wenn im Vorstehenden sich gezeigt hat, dass unter den für 
den eigenthümlich Aristotelischen Gebrauch von Si im Nachsatze 
beigebrachten Stellen nicht eine einzige Beweiskraft hat, so wird 
/hoffe ich, zweierlei dadurch erreicht sein; erstens wird es fernerhin 
nicht zulässig sein, sieh für jenes Hilfsmittel der Construction in 
manchen schwierigen Aristotelischen Perioden auf die Beweise von 
Zell q. s. f. wie auf eine feststehende Autorität zu berufen, sondern 
der Beweis muss erst von Neuem mit anderen Mitteln geführt wer- 
den; und dann wird es, da ein solcher Beweis bisher noch nicht 
geführt ist, als gerechtfertigt erscheinen, dass ich in den obigen 
Untersuchungen an mehreren Stellen vorausgesetzt habe, dass für 
den Gebrauch der Partikel ii bei Aristoteles dieselben Gesetze gelten, 
wie in dem übrigen Sprachgebrauche der attischen Prosa, und 



Aristotelische Studien. 95 

demgemfiss an eiD paar einselnen Stellen von der coustatirten That- 
aaehe der sehr häufigen Verwechslung von ii und Hi in der band- 
schriftlichen Überlieferung (vergl. z. B. den Bekker*schen Apparat 
zo t026 b 2, 1094 b 22, 1098 a 32 und ßd. XLI, S. 407 su Phys. 
e 1. 224 b 4) Gebrauch gemacht habe. 



V. 

Die Setzung von &ot€ im Nachsatze (Abschnitt III} lässt sich 
sehwerlieh auf andere Weise erklären» als dadurch» dass man von 
Fällen der Anakoluthie ausgeht, solchen nämlich» in denen bei Aus- 
sprechen des Gedankens» der dem Inhalte nach den Nachsatz bildet, 
die grammatisch untergeordnete Form des Vordersatzes nicht mehr 
in Erinnerung ist (vergl. oben 8« 73). Dennoch erschien es nicht 
als zulässig» die einzelnen Sätze selbst, in denen sich uidTS in der 
bezeichneten Weise gebraucht findet» als Fälle der Anakoluthie zu 
betrachten» weil sich aus unzweifelhaften Beispielen kurzer Sätze 
ergab» dass der Ursprung jene^ ojarc aus Anakoluthie für Aristoteles* 
eigentbumliche Schreibweise bereits ganz in den Hintergrund getre- 
ten ist, und diese Partikel von ihm so gebraucht wird, qIs sei sie 
eine demonstrative» zur Einleitung des folgernden Nachsatzes an sich 
geeignete. — Ferner ist von der Partikel o5y bekannt» dass sie 
häufig sich angewendet findet» wo nach Unterbrechung der gram- 
matisch genauen Verbindung, also in dem Falle einer Anakoluthie» 
der Zusammenhang des Gedankenganges wieder angeknüpft wird ; 
aber weder ihrem Ursprünge nach» noch durch den sonst constatir- 
ten Gebrauch der griechischen Schriftsteller ist die Setzung von o5v 
auf die Fälle der Anakoluthie beschränkt und schon an sich Zeichen 
der Anakoluthie. Es wird daher als gerechtfertigt erschienen sein» 
wenn ich (Abschnitt II) in solchen Fällen des Gebrauches von oCv, 
wo sich sprachlich sowohl als sachlich das strenge Einhalten des 
Zusammenhanges nachweisen Hess» Einheitlichkeit der Periode auch 
bei längerer Ausdehnung derselben statuirte. Das Gebiet der eigent- 
lichen Anakoluthie wird durch die Erwägungen» weiche in dem 
bisherigen Verlaufe der Abhandlung durchgeführt sind, auf eine 
merklich kleinere Anzahl von Fällen beschränkt, als man bisher, so 



9tf B o n i t X 

wert die Interpunction der Ausgaben darüber AufscbiusA gibt, anzu-» 
nehmen scheint, und die Aristotelische Scbreibveise wGrde sieh in 
* dieser Hinsicht der Qbrigen attischen Prosa wieder ui dem Masse 
als gleichartiger erweisen, als man vielleicht in den vorigen Ab- 
schnitten, bei der Nachweisung ungewöhnlich langer und ungefüge 
gebildeter Perioden ein Heraustreten aus der sonstigen griechischen 
Schreibweise besorgen mochte. Anakoluthie im strengen Sinne des 
Wortes ist dann anzuerkennen, wenn dasjenige Satzglied, das seinem 
Inhalte nach Nachsatz ist, grammalisch mit dem Vordersätze nicht 
kann verbunden werden, ohne dass etwa das Heraustreten aus der 
grammatischen Form des SatzgefQgts sich auf die nun einmal als 
Thatsache anzuerkennende Eigenthömlichkeit im Gebrauche eines 
Wortes, wie dies bei Ätrre der Fall war, zurückführen liesse. Es 
kann aber ausserdem auch der Fall eintreten, dass sich der seinem 
Itihulte nach als Nachsatz zu betrachtende Satz zwar in grammati- 
scher Genauigkeit an deti Vordersatz anschliessen lässt, dass aber 
doch die zerstreuende Ausdehnung des die Prämissen enthaltenden 
Theiles oder die zur selbständigen Form entwickelte Ausführung von 
parenthetischen Erläuterungen es zweifelhaft macht, ob die Erinne- 
rung au die sprachlich untergeordnete Form des Vordersatzes erhal- 
ten geblieben ist. Wenn ich die Fälle der ersteren Art als eigent- 
liche Anakoluthien, die der letzteren als Obergang zur 
Anakoluthie bezeichne, so wird durch die gegebene Erklärung 
gesichert sein, dass unter jedem der beiden Namen eine ganz 
bestimmte syntaktische Form verstanden werde. 

Zuerst Fälle des Oberganges zur Anakol uthie. 

S5 de part. an. ß 1. 646 a 24 — * 2; ind 8' ivavrito^ iiti rlJc 

yeviaeu}^ iyei xal r>5^ oOaiag' rä yäp {jcrspa rfi ysviaei npdrepa riiv 
fOciv iarl xal Trpeorov rd rp ysviaei rcXcuratov (oi) yäp oUia jrXtv^wv 
ivexiv lari xal X(^cüv, äXkä raOra r^^ oixiag' 6ikoiu)g $i toöt* Ij^c« 
xal TTBpi TYiV okTcnv Ckfiv ' ov /xövGv Se favepdv oti toOtov i^si röv rpönov 

w ^x T>9^ inayuiyrjg^ äXXä xal xard röv X670V näv yäp rd yivö/Jicvov ix 
Ti\fog xal elg n TtouXrai rrjv yivsGiv^ xal an apfjng in* dpyfsv^ and 
TYig npfhrng xivoOcmg xal t^'^Oar^g ^Jv? rtvd yOatv ini Ttva ikopfiiv % 
tolqOtov aXXo riXog' äväpoynog ydp äväptanov xal (pvrdv ysvvq: yurdv 

«5 ix T9jg nepl ixaatbv ^noxeiixivrig öX>2^)' reo fx^v o5v Xp6yui npo^ 

* ripav rf^v öX>3v ccvayxatov thai xal r^v Y^vecxtv, rS) XÖ7«}) ii t^v o^aiay' 
xal ri^v tx6LaT0\j jULcp^Yjv. 



Aristotelische Studien. 07 

Bekker setzt a 29 nach vhiv^ a 35 nach vling einen Punct» gibt 
also die grammatische FQgung eines Nachsatzes zu dem das Ganze 
einleitenden Vordersatze auf. Die Möglichkeit, das Satzglied r^) iiiv 
Gvy xpövcf), das seinem Inhalte nach den Nachsatz bildet, auch 
sprachlich als Nachsatz zu inel d' ivavriuig iy^ei zu betrachten, lässt 
sieh schwerlich in Abrede stellen. Aber bei der zu merklicher 
Selbständigkeit der sprachlichen Form sich entwickelnden Ausfüh- 
rung der Erläuterung muss man es mindestens unentschieden lassen, 
ob im Sprachbewusstsein des Schriftstellers das Satzglied r^» fxiv 
CUV xp^vep als grammatischer Nachsatz gemeint ist. 

Dasselbe gilt in noch grösserer Bestimmtheit von einer längeren 
Stelle in der Psychologie de an. 7 3. 427 a 17 — A 8: 

insl Si SifO StOLfopaXg dpl^ovrai fjiaXeara tt^v ^vyfsv^ xiviiaei rt 
r$ xard ronov xal reo vosXv xai rth xpivuv ^) xai aia3dve<j^ai , doxcc 
Si xai r6 vcelv xai rö fpoviXv &a7:ep ah3dy6Gäai u tivai (iv d/ji^o- 20 
ripoig ydp ToOroig xplvsi ri >5 tpuj^i^ xai yvüipi^ei rwv ^vrcuv), xai o?7« 
dpy(aioi rö fpovslv xat rd aia^dvsa^ai rat^rdv tivoci faaiv (ßantp xae 
'E^nrs^oxX>7^ «tpr/X£ »;rfd^ napedv ydp |x>5Tt^ di^srat dvJ^ptaTtoimv'^ 
xai bf äXkoig ^oJ^sv ofiaiv aUi xae rd fpovsXv dXXoXcL nocplaraTai*^ rö 2s 
d' auTÖ To6TOt^ ßovXsTai xai rö 'Ofxvjpou »rofog ydcp vöo^ iarfv*, nrav- 
rc^ 7dp ouTOt TÖ vostv aco/xarixöv (aanip rd at(j.5dv£tf.5ae öjroXajxßd- 
vouaiv, xa2 aia^dvea^ai re xat (ppoveXv reo ö/xo^o) rö ofxotov, oiantp 
xai iv rots" xar' dpyYiv X6yoig Sioipiaaiktv • xairoi Wet d/ia nrcpi roö 
iiicoLrftaBai a\jro<)g Xiyeiv^ oUeiOTepov ydp rolg Cyoi^ xai nlelf») yjjo^ b 
vov iv roOrcj) diartXet >5 ^i»x^ * ^'^ dvdyxin rirci^ &antp iviot Xiyovai^ 
ndvra rd faivdyLtva tivai dXri3i^^ ^ r^v roO dvoyiOiou ^i^iv ditdrov 
ctvat, roöro 7«^ ivavrlov rcf) ro» öfjio^ct) rd o/xoiov 7vcüpiC€ev' doxcl di 5 
xai ri andno xai i5 inrearn/jiT? rcov ^vavrfcov >5 «vri^ «rvai) • ort |Ji 6 v 

CUV ov rauröv icrrc rö ce^a'ddvea^at xai rö ^povefv yavcpöv. 



*) Ich habe der Bekker'schen Receiision gemSss TtjS votlv xai rtj} xpivtiv beibehaUeo, 
wie «osser tnderen Hiadschrifleii die entscheidendste E htft, ohne die Grflode zu 
▼erkenneo, mit welcheo Torstrik seine Schreibweise xtp xplvtiv xai votiv uDterstfltzt. 
Bei den aus Pbiloponus ond Simplirius dazu verweriheien Bemerkungen ist es doch 
zweifelhaft, ob wir in ihnen ein einfaches Wiedergeben des Textes oder ein logi- 
sches Zurechtlegen desselben zu erkennen haben. Ja es scheint mir noch fraglich, 
ob nicht xptvetv nur aus den folgenden Worten hierher geratben und vielmehr, im 
Anschlüsse an einige andere Handschriften, xai x^ votiv xai «ppovtiv xai alalNIvtodat 
zu lesen ist. In dieser Unsicherheit bin ich vorläufig bei der Bekker'schen Textes- 
reeension verblieben. 

Sitzb. d. phil.- bist. Ci. XLI. Bd. I. Hft. 7 



98 B Q i. t s 

Durch die Interpunction habe ich zu bezeichnen gesucht, in 
welcher Weise man diese Stelle gliedern und einen umfassenden 
Abschnitt als Parenthese herausheben müsste, um sie als grammati- 
sche Einheit einer Periode aufzufassen, deren Gedankengang sein 
würde: „Indem man das Wesen der Seele durch zwei Merkmale 
bestimmt, Ortsbewegung einerseits. Denken, Urlheilen, W^ahrnehmen 
anderseits, so ist, während manche das Denken für eine Art tod 
Wahrnehmen halten und die Alten Denken und Wahrnehmen für 
identisch erklären, so viel klar, dass Wahrnehmen und Denken nicht 
einerlei ist**. Für diese grammatische Construction, deren Möglich- 
keit sich eben so wenig wie im vorigen Beispiele bestreiten lässU 
darf man sich überdies auf die von Trendelenburg (p. 450) bereits 
erwähnte Auffassung der griechischen Erklärer berufen. Philop. p. 3 a: 
* AXi^CLvSpo^ SoxeX jxdnjv «vac t6 ineidii^ oöt£ (vielmehr ouSi^ yäp 
iyti dnoioaiv. 6 fxivTOi UXovTapypg friai xarcoripcj «rvat ttjv otTröSo" 
acv, onrou 'Xiyei ort ixiv ovv oO täütöv xtX. Simpl. 56 b iv 8i r^ Xi^et 
npdg TÖv irtsi aOvdeafxov Stä /xaxpoö dniStaxev ort oii raüröv kart tö 
ah^dveaJ^ai xai rd fpoveXv favtpdv dvai ypdf(*}v^ diä riiv Siä [koatpoO 
dnödoatv röv ovv npoa^dg aOvdfa/xcv. Aber ob wirklich bei den 
Worten ort fxiv oCv oO xrX. die sprachliche Zusammengehörigkeit mit 
dem Vordersatze inei Sk noch im Bewusstsein mag gewesen sein, ist 
hier noch zweifelhafter, als in dem vorigen Beispiele. Nicht allein 
hat die Parenthese eine Ausdehnung, welche selbst für Aristotelische 
Schreibweise sehr ansehnlich ist, sondern vor allem, diese Paren- 
these beschränkt sich nicht auf die Erklärung und das Belegen der 
Aussage, an welche sie sich anschliesst, sondern gibt zugleich in den 
daraus gezogenen Consequenzen eine Widerlegung jener Ansicht der 
alten Philosophen und dadurch eine Begründung des darauf durch 
ort i^iv o^v ausgesprochenen Satzes; es tritt somit der längere 
Abschnitt, den ich zur Herstellung einer einheitlichen Construction 
durch Klammern yon dem übrigen Satze ausscheiden musste, durch 
seinen Inhalt aus dem Charakter der blossen Parenthese heraus. Diese 
Momente machen die Voraussetzung einer Anakoluthie sehr wahr- 
scheinlich; Bekker setzt, vermuthlich unter Annahme einer Anako- 
luthie, Puncte nach a 25 jra/seararat , a 26 voog iarfv, a 29 dcoapf- 
aayLSv^ Ä 2 >5 tpuj^fp, b 6 vor ort iiiv ouv; zur Bezeichnung der Ana- 
koluthie würde es wohl deutlicher sein, a22 vor Sxjntp einen Strich 
^n setzen, denn die mit wanzp beginnende Anführung von Ansichten 



Aristotelische Studien. 09 

froherer Philosophen und Dichter ist es, deren Umfang das Satz- 
gefüge aus einander treibt. Torstrik folgt weder der von Plutarch 
nnd Simplicius bezeichneten Construction, noch setzt er Anakoluthie 
voraus» sondern nimmt nach xai ala^dvea^ai a 19 eine durch Ho- 
möoteleuton entstandene Lücke an, Melche er nach Argyropylus^ 
Vorgang so auszufüllen vorschlägt: fjxsTTTiov d vi diaf ipei rd voelv 
Tou ai(jJ^dy€(j^ai, Aber Torstrik wird bei seiner feinen Beobachtung 
der Schreibweise und des Stiles des Aristoteles schwerlich verken- 
nen, dass nach einer solchen Ankündigung der anzustellenden 
UntersuckttDg diese Untersuchnng selbst nicht durch ^oxer ii würde 
eingeführt sein; die Änderung in ioxeX irj^ so dass man Berufung auf 
ein bekanntes Factum der verbreiteten Ansichten darin zu finden hätte, 
wäre das Mindeste, was zur Herstellung des Zusammenhanges 
geschehen müsste. 

Ob man einheitliche Construction oder Anakoluthie anzunehmen 
habe, erscheint zweifelhaft auch Pol. »4. 1290 6 2K — 37. Die 
Mehrheit der Staatsverfassungen, sagt Aristoteles, ist schon früher 
anerkannt; welches nun die einzelnen Arten der Verfassungen sind 
und auf welchem Grunde ihre Unterscheidung beruht, wollen wir 
jetzt von einem andern Gesiohtspuncte aus untersuchen. Bekanntlich 
besteht jeder Staat aus mehreren Theilen. 

SiGKep ouv d ^(iiQ\j npot)po(j\k£äcK. 'kaßdv diri , ;rpö3rov 3ev ^;ro- sb 
ii(ape^cfjiev ontp dvayxaiGv näv iy^eiv C^ov, ©rov ivid re rc3v aia^' 
TT,pi(av xai tö tyj^ rpoyyj^ kpya<jrix6v xal Jcxrtxöv, olov aröiku xal 
xoiliav, fzpdg ii rovToi^^ olg xevslrat ikopioig fttaarov aOrwv d i^ 
ToaaOra ctöVj fxövov, to6twv J' dev Siaf opocl^ "Xiftt} d* olov arö^xar^^ so 
reva nXdw *]/ivio xai xoikia^ xai rcov alaäriTfipliüv^ Ire di xai rojv . 
xivTtTixQv ikopitüv^ 6 rrig av^iO^Ecog riig roOrwv dpi^ikd^ i^ dvdyxfi^ 
noiiiaei TrXeew yivri ^cficov (o^ ydp oKv re raOrdv Z^^ov fj^eiv rfkdou^ 
aröfjiaro^ diafopdg^ d/iofco^ Si o\j8* oircov}, &(j^* orav Xrif^tüa 
ToOreuv izAvreg oi ivSey(6ikevot cvvijjadyLoi ^ nofhaovatv eXi)n C4^ou, n 
xai Toaaör' diri rov Z^ou 6(jaintp al juCc6fctff rwv dvayxalcov 
ixoptcov dclv. rdv aördv Si Tp6nov xai rcov eipriixivfav noXirstoiv xai 
yäp xrl. 

Ich habe die Bekker^sche Interpunction beibehalten, nach 
welcher zu der durch coajrep eingeleiteten Exemplification des 
Eintheilungsprincipes für die verschiedenen Thierarten das ent- 
sprechende, die Arten der Verfassung gleichsetzende Glied nicht 



100 B o n i t s 

als grammatischer Nachsatz folgt, sondern eine Änakoluthie statuirt 
wird» indem die umfassende und selbständige Ausfahrung jener Ver- 
gleichung die Erinnerung an die grammatische Unterordnung ver- 
dunkelt habe; man wurde die hierdurch statuirte Änakoluthie yiel- 
leicht deutlicher bezeichnen, indem man Yor dem ersten oiov b 26 
einen Strich setzt, indem dort die Ausführung beginnt, welche den 
grammatischen Zusammenhang verdunkelt. Aber schwerlich wGrde 
sich etwas Entscheidendes einwenden lassen, wenn man den ganzen 
Abschnitt b 26 olov — £37 ^xc/sceov daiv als Parenthese, und rdv auröv 
ori rpönov als grammatischen Nachsatz zu taanep cvv betrachtete; 
natürlich, dass dann, wie ich es so eben gethan, die geringe Ände« 
rung des 5i in iii müsste angenommen werden. — Ganz unabhängig 
von dieser möglichen Differenz in der grammatischen Auffassung der 
vorliegenden Stelle ist es, dass b 29 die Worte ei Sri Toaaihra sldv^ 
fxövov einer kleinen Änderung bedürfen; wie viel eefv? oder yivio der 
Thiere (b 33 yivri^ b 36 et^v?) seien, soll erst aus Erwägung der 
nothwendigen Theile oder Organe, ihrer Verschiedenheit und deren 
möglichen Combinationen gefunden werden. Es wäre gegen die 
Bedeutung von elSog und brächte das ganze erläuternde Beispiel in 
Unklarheit, wenn diese Organe als ToaaOra tXSri bezeichnet würden. 
Wahrscheinlich war vielmehr geschrieben ei Sii roaaöra cTvac de! 
fjLÖvov, und das in den nächstfolgenden Zeilen b 36 vorkommende 
ToaaOr' eldr^ hat die Verwechslung noch unterstützt. 

Von eigentlicher Änakoluthie findet man ein sehr evi- 
dentes, schon in der Bekker*schen Ausgabe ausdrücklich als Änako- 
luthie durch die Interpunction bezeichnetes Beispiel Anal. post. a 19. 
81 A 24 ff.; drei Fälle aus der Metaphysik habe ich früher nachge- 
wiesen und in meiner Ausgabe dem entsprechend iuterpungirt Met 
7 2. 1003*22 — 1004 a 1. C 17. 1041 All ff /x4. 1078* 17 ff. 
Für die beiden letzteren Stellen darf ich mich auf meinen Commentar 
dazu berufen , da ich an der dort gegebenen Auffassung nichts zu 
ändern finde; dagegen muss ich die Auffassung der ersten 7 2. 
1003 b 22 ff. in etwas berichtigen. Aristoteles hat nachgewiesen, 
dass das Seiende, trotz der Mannigfaltigkeit seiner Bedeutungen, 
doch einen gemeinsamen Beziehungspunct hat und unter eine 
einzige Wissenschaft föllt (dio xai roO ovrog oaa eidv^ J^ecapi^aai fitäg 
iariv im<jTYiiiYig reo 7ev£t, ra St elSin rcov cedojv), und föhrt sodann^ 
auf den Begriff rö ^'v übergehend, folgendermassen fort: 



Aristotelische Studieu. 



fOl 



fipu d* cü«S'^ ouJ* av djULOtwg ÖTroXaßco/xcv , aXict xai Trpö £p70u fxaX- 
Xov. raürö 7ap efg av^pwTTog xai wv av.&pcünrog xai av^pcoTrog, xai 
oü)[ ercpöv Tc 017X01 xard ti%v Xi^tv i7ravaftn:Xo6|X£vov rö «Ig iariv 
äifJ^ptüKog xai iariv av^pwffog- S^Xov J' ort ot) -^tapi^irai out' iffi 
yeviaecüg out' ^tti (o^opäg. öfxoccog Äi xat ^;ri toö ivög, w^t€ fccvspov 3o 
5r« i5 npoa^eaig iv rovroig raurd J^sXot, xai ou^iv frcpov rö h Trapcb 
Td ov. in J'i5 ^a<yTou oüata ev ^^tiv oü xara au(Ji]36/3>3x6g, djULOtwg 6i 
xai onep ov tc Äa^' oaantp roxj h6g tiSfi^ TOcyaöT« xat toö ovto^ 
lar£y, ntpl wv to Tt ian rriq a^rrtq imarhiirig tu) y^vct St(*)pYiaai^ »• 
Xiyo) &' ofcv Tzepi raÜToO xai öjuictou xai to!>v aXXcov tcDv tocoOtcov xai 
ra>y TGi6T0cg cevTtxet|JL£voav. 

Daraus» dass iv und ov untrennbar verbunden sind (t^) dxoXcu- 
^etv dXXfjXotg), zieht Aristoteles Ober iv dieselbe Folgerung, die 
Torher über ov ausgesprochen ist, dass alle seine Arten derselben 
einen Wissenschaft unterworfen sind; der Satz also, welcher sei- 
nem Inhalte nach das enthält, was zu d dh t6 6v xtX. den Nachsät' 
bilden würde» ist in der Form eines Relativsatzes b 34 nepi cov tö ri 
inTi xtX. an das zunächst vorausgehende Glied angeschlossen, und 
wir haben also eine Anakoluthie im eigentlichen Sinne. Es ist irrig, 
wenn ich in dem Texte meiner Ausgabe b 33 vor ü}a^' oaa einen 
zweiten Strich setze, der das zwischen den beiden Strichen enthal- 
tene als eine Art von Parenthese bezeichnen soll, und dem ent- 
sprechend im Commentar mit Sicä' oaa den Nachsatz zu dem hypo« 
Ibetischen Vordersatze beginnen lasse. Der mit coa^' oaa beginnende 
Satz ist nur eine aus dem nächst vorausgehenden erschlossene Fol- 
gerung, welche den Satz, der beim Aussprechen des hypothetischen 
Vordersatzes schon den Zielpunct bildete, vorbereitet. Denn düss 
erst in den Worten nepi cüv xtX. die eigentlich zu jenem Vordersatze 
gehörige Folgerung ausgesprochen ist, geht deutlich aus dem diesem 
Abschnitte zunächst vorausgehenden, oben angeführten (dcö xat tcO 
ovTo^ xtX.) Satze ober tö ov hervor. 

de gen. et corr. a 3. 319 a 3 — 14. Während jede Verände- 
rung zugleich ein Entstehen und ein Vergehen ist (£t;rcp tö aM iari 
fbiaig iiev rouSi f^opä oi TouSf, xai fäopa fxiv touJi yiveatg St 
TcyJt 318 a 29), bezeichnen wir doch die eine Veränderung als 
Entstehen schlechthin (ätiXoDc:) und nur in gewisser Hinsicht und 



102 B o n i t z 

unter Anfahrung eines bestimmten Etwas als Vergehen (f^opa, rtvo^^, 
die andere umgekehrt. Worin der Grund dieser Unterscheidung 
liegt» setzt Aristoteles bis 318 6 33 auseinander und schliesst den 
Beweis mit den Worten ab: toO fxiv ouv sivat riiv fxiv aizlriv yive<Ttv 
f^opäv ohadv rivog^rfiv ii fSopdv [tt^v] *) anrX^v fivtaiv o&jav rivogj 
ilpvrai rd aiTiov. Hieran schliesst er sodann die Erörterung eines 
andern Unterschiedes zwischen yiveaJ^ai anXCig und '^iveaSaii «, 
unter ausdrücklicher Beziehung auf das eben Behaodeite, in folgen- 
den Worten: 

ToO Si rä iiiv «TrXcü^ '^Ivea^ai liyea^at^ rd ii ri iiovov^ [xv r^ 

9 k^ «XXyjXwv ysviaeij x«^' öv eiKoixev vöv Tp6nov — vöv [s^iv ydp 
ToaoiJTov Siibpiarai^ ri S-h tcotb nd^mg yeviaectig ov(jing f^opäg diXXouy 
xai nd(mg (pJ^opdg ouarig iripov Tivdg ycviacw^, ot3)^ d/xofot)^ a;ro*c- 
ioiiev TÖ yivea^at xal rd (pJ^eipeaSai roXg eig aXXv;Xa iksraßd^Xovatv • 
TÖ S' varepov dprjiiivov oO toöto SiaKOpsl^ dXXa rt Tzore tö fxav^dvov 

10 /xev oü lifBrai dnlibg yiveaJ^ai dWd ylvea^ai imarrjiJLOv^ rd Si tpvo^ 
lievov yivea^ai. raOra. Si Siuipiarat To^Xg xarri^opiaig • rd p,iv ydp 
ToSe Ti (7>?fx«fvet, rd Si roiövSe^ rd Si noaöv. oaa ouv fxi^ oOaiav 
ojfxafvet, oO 'Xeyerat dnX&g^ öcXXd r^ yiveo^ai. 

Der Anfang des Satzes schliesst sich unverkennbar an die 
grammatische Form des oben angetöhrten Abschlusses der yorber- 
gehenden Distinction an, roö — elpriToci rd «rnov, und der Satz würde, 
fortgeführt in derselben grammatischen FQgung, in der er begonnen 
ist, ungefähr so lauten: roij 8i rd ixiv dn'kdg yivsa^ai Hyea^at^ rd 
Si ri /xövov alriov iartv^ ort rd iiev roSe rt (my^ahEi xai oü^fav, rd 
Si rGi6vSe ^ Koa6v, Die Erinnerung daran, dass jetzt von einer andern 
Unterscheidung die Rede ist, als vorher, führt zur Erläuterung des 
Unterschiedes jener vorherigen (vöv iiiv ydp^ Distinction von der 
jetzt gemeinten (rö S' Zartpov sipriiiivGv^. Über der Ausführung dieser 
Unterscheidung tritt die grammatische Form, in welcher der Satz 
begonnen ist, in den Hintergrund, und das durch den Anfang des 
Satzes angekündigte aXriov roö rd fxiv dnrXw^ yive^^ai Xeyea^ai wird 
nicht an diesen Anfang des Satzes, sondern an die inzwischen 
eingetretenen Erläuterungen in anderer Form angeschlossen: oaa 



1) Aus der SetzuDg des Participiam oOaecv ergibt sieh, dtss «nX^ jivevic und 980p« AnX^ 
nicht Subject ist, sondern Priidieat zu dem in rijv |üv — t^v 8t bezeichneten, aber im 
Genus an das Prfidicat asdimilirten allgemeinen Subjecte. Daraus ergibt sich, dass 
der Artikel vor öiiiX-^v aus dem Texte entfernt werden muss. 



Aristotelische Studien. 



t03 



dieser aagenscheinlichen Anakoluthie wird die Auffassung des Ge- 
dankenganges am meisten erleichtert werden, wenn man vor dem 
Beginne der Erläuterung vOv i^iv yäp den Strich als Zeichen der 
abgebrochenen Construction setzt. — Bekker*s Interpunction, nämlich 
a 5 vor vOv fxiv Kolon, a 8 vor tö d' öanpov Punct, «13 vor oaa ovv 
Kolon» lasst erstens die Anakoluthie unbezeichnet, und dann trennt 
sie durch den Punct vor rd i' Oarepov die beiden einander coordi- 
nirten Glieder vöv fxiv 7«^ — rd d'öarspov, indem sie das erstere 
noch dem vorigen Satze anhängt, das zweite als selbständigen Satz 
hinstellt. Noch verfehlter ist die Interpunction PrantPs, der vOv 
[JLEV — iksraßakXovaiv als Parenthese in Klammern schliesst, und dann 
für Tö S' Carepov gegen die Überlieferung rö Üi öarspov schreibt. 
Der Gegensatz der Glieder vöv /xiv — rd 8' v(jrepov ist so augenschein- 
ich. dass man vielmehr, wenn im zweiten Gliede Sii überliefert wäre, 
ii conjiciren musste; die Zusammengehörigkeit dieser beiden Glie- 
der macht es unmöglich, das eine als Parenthese aus dem Zusam- 
menhange des ganzen Satzes herauszuheben ; und selbst wenn man 
die Parenthese und die Conjectur Sii zugesteht, erhält man doch 
dadurch keineswegs eine sprachlich oder sachlich zulässige Con- 
struction. 

Meteor, ß 2. 3S4 b 4—16. Die Ansicht der Älteren, das Meer 
sei das Prineip und die Grundlage alles Wassers, so dass demnach 
alle Flösse nicht nur in das Meer sich ergiessen, sondern auch aus 
ihm hervorgehen sollen, hat folgenden Grund (^ airla )i noiiiaotaa 
roifg npoTspov oXtaSai — nS' iariv) : 

io^sit ']/dp 6iv iijloyov ervat, xa^dnep xai rojv ceXXoov aroty€i(t}v^ 
iarlv riSpoiaiiivog oyxog x«t ^PX^ ^*^ ^^ ttX^^o^, ö^sv jxerajSaXXsi 
T£ fjLcptf ö/JL€Vov xai ixiyvvrat rolg aXkoig — ©rov nupdg yiiv iv roXg «vw 
Töicotg, dipog dl n^Ti^og rd fjLcra rdv roö nrjpdg töttov, y9)g 8i crojfjLa nspi 
S raOra rtdvra xtXrai favspSyg^ &art irfkov ort xar« rdv aürdv XÖ70V 
xai 7:epl üSarog dvd']ix-n C^/recv. roiovrov i* oO^iv «XXo faiv€rai (jöfxa 
xetjxcvov dSpoov^ o^anep xai twv aXXcov (jrocj^cfwv, ttXtjv rd r^g 
^CLkdrrvjg ikiye^og • tö ydp rwv ;roTa/xc3v oöt* d^poov our€ «jraatfxov, 
dXk'tog yiyv6iJ.evov dei (paiverai xa.5' >5fjLipav. ix raOring Sii rr)g dnopiag j 
xai dpx'h rrZv vypcüv ido^ev tivai xai roO Ttavrdg ijdarog >5 ^dlarra. 

Zu dem durch xaBdntp eingeleiteten Relativsatze Ondet sich 
kein Demonstrativsatz, der im Inhalte und in der grammatischen 



104 B n i t 2 

Form ihm entspräche. Man darf das durch ^are eingeführte Satx* 
glied nicht dafür ansehen; denn selbst wenn man es fibersehen 
könnte, dass dem xaädnep nicht ^are entspricht, so ist die Abhän- 
gigkeit von sijloyov srvae aufgegeben und der Inhalt des mit &aT€ 
eingeleiteten Gliedes ist keineswegs derjenige, den man in dem zu 
xa^dnrep entsprechenden Demonstrativsatze zu erwarten hatte. Denn 
nach dem Anfange des Satzes hatte man vielmehr eine Fortsetzung' 
dieser Art zu erwarten: Sö^ste yäp &v euXoyov efvac, xa^antp xal 
Twv aXXeov arov^tittiv iarlv -n^poioiiivog Öyxog xai dpyri Siä tö jtX^- 
J^og^ o^BV — roXg aXloig^ oi/tu) xal toO ödaro^ stvat dpyiiv. rotofjTO 
i' otj^tv äkXo falveroLi ttWv rö ti^^ J^aldrrng [liye^og. Nun erhflit 
aber dies Beispiel der übrigen Elemente eine solche Ausführung» 
dass sich die weitere Entwickelung des Gedankens nicht mehr an den 
Anfang des Satzes 66^£u ydp dv eijXoyov slvai, xaädztp xrX., son- 
dern an die Ausführung der Analogie der anderen Elemente ansehliesst. 
Erst durch ^x raijTng S-h rrjg dnopiag xrX. wird in Zusammenfassung 
des vorherigen Gedankenganges der Schlusssatz, nur in sprachlich 
anderer Form, ausgesprochen. Da durch die Ausführung der Ana« 
logie oiov Ttvpdg xrA. die grammatische Form des begonnenen 
Satzes durchbrochen wird, so habe ich vor diese Worte das 
Zeichen der unterbrochenen Constructiön gesetzt. Es wird nach 
den vorigen Beispielen keiner weiteren Nachweisung bedürfen» 
MI dass die Bekker*sche Interpunction (nämlich y 7 vor olov Komma, 
\. ^10 vor wäre, < 11 vor roroörov, ^15 vor ^x raxjrrtg Puncte} 

der wirklichen Structur des Satzes und ihrer Entstehung nicht 
entspricht. 

Eine andere Gestalt hat die Anakoluthie in der Stelle de somn. 3.- 
4S6 a 32 — b K. Nach Darstellung nämlich des Wesens des Schlafes 
geht Aristoteles %ur Untersuchung über dessen Ursache (rcveov yivo- 
jüiiveuv xat noäiv -h OLpy^ toö JzdBoxjg yi'^verai) über: 

yavcpöv Sri ort inei dvayxaiov tw C^w, orav aia^Toaiv £5^9, rört 
TvpoiTOv Tpoffiv T€ Xayißdvsiv xat aij^-naiv^ Tpo(pii $* iari ndaiv ih 
iaydrri roig iiiv ivaiiioig >5 toö atjuiaTog <pO<Jig Tors* 5' dvaiikOig rä 
* dvdloyovj ronog $i toö atfxaTO^ «t fXißeg^ to'jtwv d' dp^/i i xap- 
Sia (jpavepöv di tö Xeyj^iv kx toüv avaTO/iwv) — ri^g jülsv oGv J^Opa" 
Sev Tpo(prjg eiaioOarig dg roijg Ssxrixovg roTzoug yiverat >? dva^viiiaaig 
* sig rag yXlßa^, kxeX Si iieraßdXkovfja l^atixaToOTUi xat jropcOcTat 
im Tiiv dpyTiV xtX. 



Aristotelische Studien. 105 

Mit dem Satzgliede ri^g /xiv ouv äOpoi^zv Tpofüg beginnt die 
Nachweisang der den Schlaf bewirkenden Ursache, wie man sich 
leicht überzeugt, wenn man weiter liest bis b 18 dXX' Ix riig nspi r^v 
rpGftiv dvocJ^iLidastüg yivsTai tö ndJ^og tovto. Es ist daher gewiss 
nicht entsprechend , mit Bekker vor ri^g /jlsv oxjv durch einen Punct 
abzuschliessen. Anderseits aber ist der mit Tiig /x^v ouv beginnende 
Satz nicht eine grammatisch genaue Fortsetzung des begonnenen 
Satzes, da die Abhängigkeit Yon (pavepov dii ort aufgegeben ist, und dem 
Inhalte nach gibt dieser Satz noch nicht dasjenige, was zu (pavep6v 8ii 
ort den wirklichen Abschluss bildet, denn dieses würde sein: yavepdv 

Sri GTi Ikü dvayxaiov ^x rfig n$pi riiv rpofiiv dva^uixidastag 

^^ivirat TcOro rd nd^og. Vielmehr wird durch tv5^ /xiv oöv xtX. eine 
Beschreibung des Vorganges bei dem Ern&hrungsprocesse begonnen, 
nnd hierdurch die Antwort auf die gestellte Frage yorbereitet. Da 
eben diese Beschreibung es ist, welche den grammatisch strengen 
Gang des Satzes durchbricht, so glaubte ich am zweckmässigsten 
vor dem Beginne deräelben das Zeichen der unterbrochenen Con- 
struction setzen zu sollen. 

Pol. 79. 1280 a 31 ff. Forderung der Gerechtigkeit ist, dass 
die Zutheilung der Güter, also vor allem der Antheil an politischen 
Rechten im Staate, in gleichem Verhältnisse stehe mit dem Werthe 
der Personen. Über diesen Grundsatz besteht keine Verschiedenheit 
der Oberzeugungen, aber in seiner Ausführung geht man ausein- 
aader, weil man Verschiedenheiten, welche unter Personen nur 
in irgend einer einzelnen Hinsicht bestehen, für absolute, ihren 
gegenseitigen Werth bestimmende Unterschiede ansieht, oder ander- 
seits Personen darum schlechthin einander gleich stellt, weil sie in 
einer bestimmten einzelnen Richtung einander gleich stehen. Daher 
der Irrthum der oligarchischen Rechtsbestimmungen, welche das 
Hais der politischen Rechte nach dem Mas3e des Besitzes festsetzen, 
als wäre der Untersebied des Besitzes schon ein absoluter Unter- 
schied der Rechtssubjecte selbst. Wäre der Staat eine Gemeinschaft 
zum Zwecke des Erwerbes, so wäre die oligarchische Rechtsansicht 
begründet, ei yiiv ydp tcDv xrifj/xarcuv X^P'V ^xotvwviQcjav xat ovv^X- 
•5ov, TOdovTOv ik&ri-^ovGi T^g noXiOiig o<70v nep xat Ti^g xrrj'jcco^, 
wa5' 6 TCüv oXiyapyiKojv loyog So^euv dv layimv. Dieser beschrun- 
keoden und irrigen Voraussetzung über den Zweck des Staates 
gegenüber ßhrt nun Aristoteles fort: 



106 



B n i i z 



ii it fx^rc TOö {fjv fxövov ivexsv dXkä toö €ü C^v (xai 7Äp &v 
ioOXüiv xae tc3v aXXcov C«f>wv i?v ttöXic;' vöv d"' oOx fcrre Jta rd /xi^ jxcri- 
XCtv eüdacfiLOvfa^ jxyjj^ toö {^v xarÄ Trpoafpecytv) , |xi&t€ oufifia^ia^ 

M l'vfixcv, OTTw^ ÖTTÖ jXTjJcvd^ dJtxwvTai, /JLTJT« JtÄ TÄ^ aXXa7dc^ xai rhv 
XP^^tv TT^v Trpd^ dXkii'kovg — xat 7«^ äv Tvpprivoi xat Kapj^Tjdövtoe xal 
ndvreg olg iari aOiLßo'ka npdg dXkrt'kovg djg iiiäg av noXlrai noXe^og ^nav» 
iial yovv arjToXg cruv^rjxae nepi tc3v d(jo:j(*)yiii.(t)v xat cyjfJißoXa Trep^ roö 

40 fAi% dJexciv xat ypafal nepi avi^iiaylag. öcXX' oör' Äpj^a^ nräfftv i;ri to6- 

h Toig xoivai xa^ccTTaatv, aXX' irepat Trap' ixarfpot^, oöre roö Trofou^ rivdts' 
cfvat Jet ypovrt^ouaiv ärepoi Tovg iripovg^ oü J' ottü)^ iKfiieig a Jixo^ iarai 
Twv 6^0 rag Gvv^iix,ag iiinSi [Loy^ripiav i^ei jXTjdc/xtav, aXXä jxövov offco^ 

8 fxyjJiv ddtxYiGOiftjiv aXXrjXou^. Trcpi 5' c^pcr^^ xat xaniag Kohrixrig ita^' 
axonoOaiv oaoi j)povrt^ou(jtv erjvoiiiocg. Yi xai tpavspdv ort 8eX nspi dperiig 
imiieXig eivai r^ y* tag dXrjJ^Qg ovoiia^oiiivri TröXct, fxi^ XÖ70U X^P'^- 

Schneider schliesst die Worte a 36 xat 7ap &v Tupp>5vot — 6 5 
ddtxi%(7ou(7tv ccXXy^Xou^ als Parenthese in Klammern und setzt einen 
Punct erst nach fpovri^ovtjiv eOvo/x^a^, Göttling folgt ihm in dieser 
Interpunction. Die grammatische Auffassung, welche in dieser Intcr- 
punction ihren Ausdruck finden soll, ist bei diesen beiden Erklärern 
nicht ganz dieselbe. Schneider erklärt, obgleich er den Satz wie 
ein grammatisches Ganze interpungirf, dennoch, die eingeschobenen 
Bemerkungen hätten bewirkt ^ut philosophus tandem coepta verbo- 
rum structura excideret. Nam redit ad institutam rationem demum 
in illis verbis fi y.al favepöv^ ort Set xrX.** Göttling dagegen erklärt 
ausdrücklich den mit Trept S' dpsTrjg beginnenden Satz für den Nach- 
satz des hypothetischen Vordersatzes ei di ijAtb xrX. „I^csinit in 
minutam apodosin monstrum informe protaseos, satis tarnen apte 
inter se colligatae. Ipsa yero series rerum sententiarumque ii 
illud post nepi ex more Aristotelico in apodosi poscere videtur. 
Quare non opus est ut cum Corae deleamus**. Man muss wirklich in 
der äusserlichsten Weise nach einem Nachsatze suchen, wenn man, 
selbst abgesehen von der unhaltbaren Hypothese über das Sk »more 
Aristotelico", in den Worten nepi dp irrig Sio:<jxo7:oij(7tv den Nach- 
satz zu dem hypothetischen Vordersatze glaubt finden zu dürfen. 
Der Gedankeninhalt der Sätze, deren einen Trept dpsTi^g SiaaxonoO^ 
atv Göttling als Nachsatz des hypothetischen Vordersatzes betrach- 
tet, und in deren anderem ^ xai favspov xtX. Schneider den 
Schriftsteller „ad institutam rationem demum" zurückkehren lässt,ist 



B o.D i t X 107 

Tielmelir eine Fortsetzung des begoonenen hypothetischen Vor- 
dersatzes, und derjenige Gedanke, der den Nachsatz dazu zu 
bilden hätte, folgt erst 1281 a 4 Stdnep oaoi ou/xßdXXovrac nXeXarov 
«V T^v TOtocOrriv xGcvcüveav, roOrot^ rng n6Xsu)g iiiTsart ttXcTov — % 
Tolg xarä ttXoötov önspiyorjtji xar' dpETiiv S* ifKBpeyoy,ivoig. Denn 
wenn wir den Satz der ausführenden Erläuterungen entkleiden, so 
wOrde er lauten: ei ii /xt%t€ toö C^v fxövov cvcxev (xotvcovoilacv) «XXöb 
fxöXXov TOÖ £ü C^v, /jnfjre oufXfiaj^fa^ cvcxcv offw^ ujrd luriSevdq dit- 
xCivrat, /xrjTfi dtcx ra^ dXXayag xal rr^v xp^^^^ ^^^ ^P^^ öcXXtjXou^, 
iXXd Cw>3^ fvcxa reXeiag xat arJrapxou^ xac twv xa^v npd^etjiiv X^P*^ 
^£rlov n%v iroXiTixi^v xojvwvcav, oaoe au/jißdXXovTat TrAcrcyrov ti^ riiv 
TOiaOrtjv xoivuiviav , ToOrovg npoorixet nXeXaTOv iLeriy^siv nöXitag. Aber 
nicht etwa blos der Nachsatz dieser hypothetischen Periode tritt in 
einer mit dem sprachlichen Ausdrucke des Vordersatzes nicht (iber- 
einstimmenden Form ein, sondern schon das positive Glied des Vor- 
dersatzes, durch weiches die wirkliche Aufgabe des Staates der 
irrlhOmlicfa vorausgesetzten entgegengestellt wird, ist nicht mehr in 
der dem Anfange des Satzes gemessen Form ausgesprochen. Die 
ausfuhrliche Besprechung der einen falschen Ansicht Qber den Staats- 
zweck, Std. rag dTlaydg xal ri^v XP^^^^V) f^hrt dazu, dass an sie, und 
nicht an den ursprünglichen Anfang des Satzes, die Erwähnung der 
wahren Staatsaufgabe angeschlossen wird, nepi i' dpervjg xat xocxlag 
TtokiTiTcfig SiccaxoTvoOatv xrA.6 8; diese wahre Staatsaufgabe findet dann 
dorch Unterscheidung dessen, was für sie nur unerlässliche Vorbedin- 
gung, nicht schon selbst Zweck ist, eingehende Erklärung, und erst 
dann wird zum positiven Aussprechen des wirklichen Staatszweckes 
(1280 b 40 nöXtg S' ii yevcHv xai xco/igjv xocvcovca (co'Q^ TeXeiag xai 
aOrdpxou^) und zu der sich daraus ergebenden Bestimmung über das 
wirkliche Mass der politischen Rechte (1281 a 4 oUmp oaoi (tu/x- 
ßctiXovTai jrXclcrrov xrX.) und in ihr zum sachlichen Abschlüsse der 
1280a31 begonnenen hypothetischen Perioile gelangt. — Bekker hat 
dfmnach ganz Recht gehabt, die Parenthesen derSchneidtT'schen und 
Goftling'schen Ausgabe zu entfernen; er setzt vor 1280 aißxalydp 
aveiii Kolon. Die Einsicht in den Satzbau wird jedenfalls unterstützt, 
wenn durch ein Zeichen der unterbrochenen Construction an dieser 
Stelle der Leser aufmerksam gemacht wird, duss diese Erklärung in 
ibrer weiteren Ausf&hrung den grammatischen Zusammenhang des 
Satzes in Vergessenheit bringt. 



108 



B o n i t X 



REGISTER. 

Die Seitenzahlen 379 — 434 beziehen sich auf Band XLI, die Seitenzahlen 
25 — 107 auf Band XLII der Sitzungsberichte. 



de interpr. 7. 17 a 38— 6 8 . S. 48 

, „ 9. 19 a 7— 22 . . «415 

„ 10. 19 6 5 - 12 .. „ 402 

« 12. 21 a 38— 6 12 . „ 81 

Anal.pr. a 4.26 614^20. . , 27 

„ post. (x 19. 81 6 24 if. . . „ 100 

^ » «24. 85a 21-31 . . « 68 

„ „ a24.85a31— 6 3 . „ 68 

„ n «24.85 6 23—27 . „ 80 

„ « «24. 86 a 10— 12 . „ 77 

« „ «25.86 6 30—37 . « 76 

n « ß 8. 93 a 3 — 9 . . „ 41 

„ » ß 16. 98 6 16— 21 . « 45 

Top. 13 4. 111 a33— 6 7 . . . „ 43 

„ d4. 125a 33—66. . . « 34 

« e: 9. 147 a 4-9 . . . . « 35 

»5 5. 159 a 25-37 ...» 69 

„ 5 8. 160 a 35-6 3 ...» 34 

Soph. el. 24. 179 a 26—31 . . ;, 26 

Phys. « 4. 187 6 13— 18 . . « 427 

» d 2. 209 a 31— 6 5 . . , 427 

« d 4. 211 a 23— 34 . . „ 49 

„ * 9.216 6 26 .... „409 

„ d 9. 217 a 10— 18 . . , 408 

„ d 12. 220 6 32—221 a 9 „406 

„ d 14. 223 6 12-20 . . „ 42 

„ c 1.224 a 34— 6 6 . . „ 406 

„ f 2. 226 a 1—4 . . . „ 75 

„ K 1.231 6 28-232 a 6 „ 82 



S. 75 

« 76 

„ 35 

.„♦09 

«411 



Phys. ^ 1.232 a 12— 14 

„ ^ 2. 233 6 7—11 . 

„ ^ 4.234 6 10—17 

„ ? 7. 238 a 1-8 

„ ^ 7. 238 a 17 . . 

„ *} 5. 249 a 27—250 a 7 , 429 

„ 5 5. 256/» 13— 21 . . » 68 

„ 5 8. 264« 22— 31 . . „ 43 

„ 5 10. 267 a 21- 62. . „430 

deCoel.ß4. 287 a 32—6 4 . „ 84 

„ „ ß6. 288 6 30— 289a 4 „ 71 

„ „ ß 8. 290 a 7— 11 . . « 41 

„ „ ^ 1.299 6 7-10 . . « 41 

„ „ -y 1. 299 6 18—23 . . „ 85 

degen.etcorr.«3.319a3— 14 „101 

„ „ ß6.333626— 33 „391 

„ „ ßl0.337al7— 25 ,395 

„ ß 11. 3376 14— 17 „ 37 

Meteor.« 2. 339 all— 21. . „400 

„ «14.352 6 3—13 . . .420 

1. 353 6 35—354 a 5 „ 79 

2.354 6 4—16 . . « 103 

3. 357 6 26- 358a 3„ 423 

4. 359 6 34-360 a8„ 417 



. ß 

n ß 

. ß 

n ß 

n ß 

. ß 

de anim. « 



4. 361 a 14-21 , 

5. 363 a 9-13 . 
9. 369 a 12—29 . 
1.378 6 10—28. 

4. 408 a 5-12 



26 
81 
65 
66 
27 



Aristotelische Studien. 



109 



deanim. oe 4.408 6 5—19 . 


S.397 


a 4. 408 6 25 .. . 


«400 


ß 2. 414 a 4— 14 


. 86 


ß 2. 414 a 14-19 . 


,434 


P iO. 422 a 20— 32 . 


«410 


ß 11. 423 a 21— 6 2 


n Ä7 


7l.424624-425al0«412 


7 3.427al7-6 8 . 


. 97 


7 9.432 621—26 . . 


n 73 


de «omn. 2. 455 a 12-26 . . 


n 38 


2.455 6 14-22 . . 


. 74 


2. 456 a 15-24 . . 


»431 


3. 456 a 32— 6 5 . 


• 104 


de re«p. 8. 474 a 25— 6 3 . 


, 89 


de part. an. /3 1. 646 a24— 6 


Ä« 96 


« „ „ ß 16. 659 a 15-23 


\ . 71 


de mottt an. 4. 699 b 17—29 . 


„ 49 


de ine. an. 13. 712 a 1-13 , 


«417 


Physiog. 4. 809 a 3— 16 . . . 


« 27 


Mech. 3. 850 a 36— 6 2 . . . 


« 27 


„ 6.8516 2-5 . . . 


n 27 


Probl. >3 18. 889 a 4— 9 . . 


. n 78 


, x^lO. 948 6 35-949 a 


l. 03 


dein8ec.9716 27-31 . . 


. « 78 


llet.A 3. 983 a 24— 6 3 


. » 157 


, ß 6. 1002 6 14-30 . 


. n 47 


, 7 2. 1003 6 21-1004 a 


1.100 


» «4. 1027 6 18—29 . 


. » 58 


, CIO. 1035 6 14-20 . 


. n 76 


, ^17. 1041 6 11 ff. . . 


. «100 


„ 3 10. 1051 6 9—17 . 


. , 56 


. t 4. 1055 a 22-23 . 


. . 75 


^ X 3. 1060 6 31-36 . 


. n 47 


« X 12. 1068 a 36- 6 2 


. . 75 



Met. fx 4. 1078 6 17 ff. . . S. 100 
« fx 7. 1081 a 29—35 . . « 76 

Eth. N. a 1. 1094 a 9—16 . „ 421 
„ „ a 6. 1098 a 7—17 . « 70 
« „ ß 5.1106 6 8-16 . «382 
««77. 1114 a 31— 613 « 50 
« « «10. 1134 6 2-8 . . «403 
« « u 6. 1147623— H48all« 52 
« « u6.1148a22-6 9 . . « 53 
, « e 15. 1154 a 22— 26 . « 73 
« « 19.1169630— 1170a4 « 30 
« « i9.1170a25— 68 . . « 32 
« « 19.117968-12. . . « 33 
« « X 7.11776 16—26 . . «387 
« « X 10. 1180 a 14—24 . « 59 

Mor. M. OL 3. 1185 a 13-24 . « 39 
« « Ä 3. 1191 6 30—36 . « 68 
« « a34. 1196 a 1-4. . «390 
« , ß 7. 1205 6 2—8 . . « 78 
« « ß 7. 1206 a 36— 6 5 « 46 
« « ß 10. 1208 a 12—20 . « 45 
« « ßU. 1211a 17— 25. « 79 

Pol. 7 9. 1280 a 31-1281 a 8 « 105 
« 7 12.1282 6 14-23 . . « 94 
« d 4.1290 6 25—37 . . « 99 
« « 7. 1307 a 27-33 . . « 92 
« >3 13. 1331 6 26-1332 a 3« 60 
«3 7. 1341 6 8—32 . . . « 61 

Rhet. ß 9. 1387 a 27—32 . . « 44 
« ß 25. 1402 6 12—25 . . « 386 
« ß 25, 1402 6 26, 30. . . « 387 

Poet.2. 1448a 1-9 .... «405 
^ 7,1450 6 34-1451 a6. « 77 
„ 9. 1452 a 1—11 . . . . « 77 



1 10 Dr. Fian» Pfeiffer 



SITZUNG VOM 18. MÄRZ 1863. 



Vor geleg tt 

Z^ei deutsche Arzneibücher aus dem i2. und 13. Jahr^ 

hundert 

Mit einem 'Wörterbucho 

Von dem w. M. Dr. Vrani Pfeiffer. 



EINLEITUNG. 

Meiner Ausgabe des Buches der Natur von Konrad von Hegen- 
berg (Stuttgart 1862) lasse ich hier zwei Arzneibücher folgen» die 
ältesten in deutscher Sprache , die ich kenne» von denen das Eine 
jenem Werke des gelehrten Regensburger Domherrn um mindestens 
hundert» das Andere leicht um zweihundert Jahre vorausgeht. 

K5nnen auch beide dem reichhaltigen » das ganze Gebiet des 
damaligen naturhistorischen Wissens umfassenden Werke weder 
durch Anlage noch durch Umfang und Fülle des Stoffes irgend wie 
zur Seite gestellt werden» so gewähren sie doch als erste Versuche» 
die Arzneimittellehre in deutscher Sprache zu behandeln und die- 
selbe auch dem Laien zu erschliessen, mannigfaches Interesse. Aller- 
dings erblicken wir hier die Arzneikunde noch auf der allerunter- 
sten Stufe, im unbehilflichen Zustande der Kindheit, und was sich 
den stolzen Titel eines Arzneibuches beilegt und mit dem Namen des 
berOhmtesten Arztes der classischen Vorzeit schmückt» ist wenig mehr 
als eine planlose Zusammenwürfelung von allerlei Recepten , in den 
Augen vieler gewiss eher ein Gegenstand des Hitleides als ernst- 



Zwei deaUcbe Arzneibücher »äs dem 12. und 13. Jahrb. 111 

lieher Beachtung werth. Gleichwohl sind diese Denkmäler aas alter 
Zeit , wie gering auch ihre Bedeutung für die betreflende Wissen- 
schaft an und für sich .sein mag, nicht ganz so werthlos, als es auf 
den ersten Blick scheint. Wer immer Sinn und Empfänglichkeit hat 
f&r das Werden und Entstehen im Geistesleben der Menschheit, far 
die historische Entwickelung der Wissenschaften, wird die frühesten 
Spuren und Anfange derselben stets mit einem gewissen geheimniss- 
rollen Reize betrachten,. er wird die Vergangenheit, ihre Anschauun- 
gen und Meinungen Qber wissenschaftliche Dinge nicht mit dem 
Massstab der heutigen Bildung und Gelehrsamkeit messen, sondern 
sie Tom Standpuncte ihrer Zeit und im Zusammenhange mit anderen 
Erscheinungen auf geistigem Gebiete als nothwendige Durchgangs- 
puncte aufzufassen suchen. 

Für die medicinische Wissenschaft auf ihrer gegenwärtigen 
Höhe wird aus unsern beiden Arzneibüchern in der That nichts zu 
lernen sein. Wer aber mit der Geschichte der Medicin sich be* 
schäftigt , erfahrt hier , welche Heilkräfte man einer nicht unbe- 
trächtlichen Anzahl yon Kräutern im 12. und 13. Jahrhundert zu- 
schrieb; der Botaniker findet eine Reihe schöner, theils neuer, theils 
seltener Pflanzennamen, und wo beide leer ausgehen, beginnt für 
den Sprachforscher die Ernte, wobei noch dem Freunde des Volkes, 
seines Glaubens und seiner religiösen Anschauungen, in den Segen 
und Besprechungen und Zauberformeln eine Nachlese übrig bleibt. 
Diese beiden letzten Seiten, die sprachliche und mythologische, 
waren es, die mich in dem zweiten, jungem Arzneibuche zunächst 
und schon früh anzogen. Heine Abschrift desselben fallt noch in 
das Jahr 1840, in den Schluss meiner Studentenjahre. Das andere; 
ältere, lernte ich wenige Monate später während einer gelehrten 
Rundreise kennen , und schon damals fasste ich den Entschluss zur 
Herausgabe beider, in der Meinung, dass es für die Cultur- und 
Sprachgeschichte Ton Wichtigkeit sei, das Mittelalter auch yon an- 
derer als blos der politischen und poetischen Seite kennen zu lernen. 
Das erste der hier mrtgetheilten Arzneibücher befindet sich in 
einer Handschrift der Wasserkirch- (Stadt-) Bibliothek zu Zürich 
(C. S8) mitten zwischen lateinischen und deutschen Predigten und 
anderen Stücken geistlichen Inhalts. 

Die erste Kunde davon gab Graff, der in seiner Diutiska 2, 
269—279, ausser einer Stelle aus den deutschen Predigten , den 



>. 



112 Dr. Fran« Pfeiffer 

Anfang des Arzneibuches nebst den darauffolgenden deutsehen Glos- 
sen von Pflanzen hat abdrucken lassen. Eine vollständige Predigt 
daraus theilte später in seinem altdeutschen Lesebuch Wilhelm 
Wackernagel mit (4. Ausg. 193 ff.), dessen längst in Aussicht ge- 
stellte Sammlung altdeutscher Predigten und Gebete dereinst deo 
ganzen homiletischen Inhalt der Handschrift uns TorfQhren wird. 
Eine theilweise Abschrift des Arzneibuches hatte ich mir schon im 
Jahre 1840 an Ort und Stelle gemacht; Herr Dr. Alfred Rochat 
war so freundlich, mir zu deren Vervollständigung behilflich zu sein. 
Wie aus zweien auf S. 10' und 16' stehenden Epitaphien des 
berühmten Abälard (f 1142) und des Abtes von St. Denis Sa- 
gerius (f 11S2) hervorgeht, ist die Handschrift nicht vor der Mitte 
rj des 12. Jahrhunderts, aber, nach Sprache und Schrift zu urtheilen» 
auch nicht viel später, und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach zu 
Schaffhausen geschrieben. Darauf deutet eine am Schlüsse beige- 
fügte Formel: „Ego W.» Scaphusensis sßccIesiaB professus» apello 
te A.inprs&sentiam domini apostolici in feste Lucse ewangelistse, quod 
proxime accurit, de bis et aliis obiciendis mihi responsurum**. Hit 
dieser Zeit und dem Orte in vollem Einklang steht die Sprache, die 
in den Predigten sowohl als im Arzneibuch alle die charakteristischen 
Eigenthumlichkeiten aufweist, die der alamannischen Mundart im 
12. Jahrhundert zukommen und zum Theil in meiner Abhandlung 
Ober Wesen und Bildung der böflschen Sprache S. 19 (279) ff. sind 
dargelegt worden. 

Für das Alter der Hds. eines der stärksten Zeugnisse ist 
die fast gänzliche Abwesenheit des Umlaufs. Nur einmal erscheint 
kcßse 6. loRgillin 23; daneben jedoch lagilli , vazzili 22 , tageliche 
23, der morsdre 3.4, säe, 8äge(=8cee, 8(BJe)\2. 15. 16. 17. 34. 
ole steht immer ohne Umlaut^ ebenso stäts u =^ mhd. ü: über 3 
IK. 14 und öfter, die dtemzuge 29; mugin Einleitung; auhtin, oft 
fünf 3. 7; für 1. 7; wurme i; lucel 16.23; uberflmzic 16. Auch die 
Diphthonge zeigen keinen Umlaut : für uo zeigt sich nach ahd. 
Weise entweder uo , z. B. kuogin 13 , huonlü 7, enruore 34, be^ 
huote 3, oder ü, z. B. früge 29 (vgl. Graff 3, 656), grüne (ebd. 4, 
299) , rephünir 6 (vgl. ebd. 4, 958 huHf repahun u. s. w.), di*U9e 
9, 8Üze 26 (vgl. ebd. 6, 314: suzlihho). Neben tu begegnet zuweilen 
verdichtetes ü: ze den rüden 32 , den rüdigen 27 , zühü 14 , nun 
31, crutern 26, güz 31 , auch dies in Übereinstimmung mit ahd. 



Zwei deutsche Arzneibdcher aas dem 12. und 13. Jnhrh. 113 

Lauterscheinangen (rgl. Grammatik U, 100). ^för ei in Snir 16» 
30, ^f =s <\n du geisii, eu » tu in geuz 4, stehen zwar nur Ter*» 
eiazelU haben aber gleichfalls im Ahd. ihre Analogien. 

An tbeils alterthQmlichen , theils der alamannischen Mondart 
eigenen Formen ist zu bemerken: wola 29, wole 3. 18, vile 1. 29, 
9e =» mbd. »chi gescribin Einleitung 26, scaz 14. cch « dfc: des 
pocekes i8, gehecchet IJrucekinez 22. ss ^s: waksset, irwaheein 
1. du weites 22. disses 6. sarph (= mbd. scharpf) 1. drtge 13. 
eiger^.nin^=nemeni^l dieDiminutira auf /t: lagilU, vazzüHitVitii 
deren so höchst merkwQrdige, nur in schwäbiscb^alamannischen 
Quellen erscheinende Plural auf -lü.-liu: huonlü 7 (vgl. Gries- 
haber^s Predigten 2, XI). 

Was die Dedinution, zunächst die der Substantira, betrifft» 
so sind es vorzugsweise die schwachen Feminina , welche noch 
regelmässig die alte volle Form bewahrt haben» während die starken» 
mit Ausnahme zweier Nominative ruora 22» buzina 23, schon der 
neuen Form gewichen sind. 

Fem. Sg. gen. der chervellun 22 , der erlun 23 » der gersiun 
23 » der liliun wurxun 19 , mimünsäme 29 » der nezzelun 1 » der 
pappellun 17» peirosilun 24» der rüiun 4» der salviun 26, wuUinun 
4» der vmndun 14, umrzun 6. 22. 

Fem. Sg. dat. von der lungun 29 » in einer phannun 16 » mii 
der poleiun, salviun 9. 2K, von der sehun 34, ze der stiun 34, an, 
%€ der sunnun 22. 27» ze allerslahte wundun 26. 

Fem. Sg. acc. die bldterun 6, egelun 34 , hamwindun 20» 

munsun 3» rätun 7» s^Auti 6. 34» sevinun 26» «»n^ snitun 18» cfiV 

feüconelun 13, wisulun 9» wormalun 14. 15» trursitiit 7, zungun 28. 

Von den wenigen schwachen Neutris kommt blos der gen. pl. 

rf^ ovi/on 6 zweimal vor. 

Wie beim Substantivum so ist es auch die schwache Declination 
des Adjectivs, wo im Fem. die alterthQmliche Flexion haften geblie- 
ben ist: gen. der güiun mirrun i, der gepulvertun nebetun 6, der 
iruchenun nezzelun 17 » der wtzun bilsun, der gemalnun mirrun 
4. — Dat. mii der geizenun milche 2, mit der selbun milche 6, von 
der fulun lebere 29. — Acc. die esptnun rinde 8. Beim Nom. und 
Acc. der starken Neutra ist die dem Ahd. entsprechende Flexions- 
form u statt iu bemerkenswerth: disu 26» disfi allu 4. 6, gebrdienu 
ii»vilheizu 23 (vgl. Grammatik 1«, 723, 724). Der Dat. sg. des 

SiUb. d. phil.-bUt. a. XLII. Od. I. (in. 3 



H 



1 14 Dr. Frans Pfeiffer 

Masc. und Neutra lautet zuweilen auf n statt m aus: mit düen aUen 
1, mü alten smerwe 14, in allen dem lihe 1. Auch diese Eigenheit 
ist eine der altalamannischen Mundart zustehende. Endlich ist noch 
der Dat. pl. des Adr. latineschun 31 zu bemerken. 

Die Flexionen der schwachen Verha zeigen im Präs. und Part 
Prot, dt: machot 2, sä bezzerdt er sich 10» daz bluot wadeldi 29; 
gemachst 4. 30» geordenot 26, gepulverSt 15, 26» im Infloi(iy theils 
ön: machön 26 (dreimal), theils un: biderbun 31, machun 30, 

Lassen diese hier verzeichneten Besonderheiten in Lauten und 
Endungen über den alamannischen Ursprung dieses Sprachdenkmals 
'Und wohl auch über das dafür in Anspruch genommene Alter keioen 
Zweifel aufkommen, so kann mit derselben Sicherheit das zweite 
grössere Büchlein der Mitte des 13. Jahrhunderts und Baiern zuge» 
wiesen werden. Die Handschrift, der ich es entnehme, stammt aus 
dem Kloster Tegernsee und ist von da in die k. Hof- und Staats- 
bibliothek zu München gekommen , wo sie nun unter der Numer Cod. 
germ. 92 aufbewahrt wird. Sie umfasst gegenwärtig 36 Pergament- 
und 58 Papierblätter, im Ganzen 94 von einer altern Hand bezifTerte 
Blätter in Octav. Bl. 1 — 20 bildeten früher eine besondere kleine 
Handschrift» von der leider, wie aus der alten Zählung hecvorgeht» 
das innere Doppelblatt der ersten Lage (zwischen Bl. 3. 4) verloren 
geggngen ist. Erst im 15. Jahrhundert ist sie mit den übrigen Theilen, 
die theils diesem , theils dem 14. Jahrhundert angehören , wohl des 
verwandten Inhaltes wegen , der durchwegs aus medicinischen Re« 
cepten und zwar , mit Ausnahme unseres Büchleins und der im An- 
hange mitgetbeilten Blätter 35,^36, in lateinischer Sprache besteht, 
zusammengebunden worden. 

Das deutsche Büchlein füllt die ersten 18 (ursprünglich, vor 
dem Verluste des Doppelblattes, 20) Blätter. Bis auf Bl. 17. 18 
sind alle in Spalten geschrieben. Die Schrift zeigt die schönen 
•deutlichen Züge aus der besten Zeit des 13. Jahrhunderts mit den 
beiden alterthümlichen , in m. Germania 3, 344. 348 näher be- 
schriebenen Formen des z und dem oben mit dem d verschlungenen e. 
Auch der Circumflex kommt mehrfach vor, z. B. grä» 4 1% r6t 1*^, 
2\ 3% bSen 11% brd 12\ 17^ här 12^ 13% ze rSche 14% nimir^ 
14^ tAt 13% spien 15% Die Orthographie tragt die unverkennbaren 
Merkmale der baierischen Mundart. Dabei gehört vor allem oiis»4> 
z. B. bouch 12% 15% hout 6^ louter i\ auf, ouz 6% 10% 11% souc 



Zwei deuUche ArxueibSvber ans dem 12. und 13. Jahrhundert. 115 

3\ sovfen ß% tauseni 6^ u. s. f. (sogar au brieht ein paar Mal 
durch : haut, haute 6*. 17'). Ferner t = ie : chisßn V, sekiben 3% 
ukire^ tickt aihtuom, dit wi u. s. w. Sogar von der Erweiterung 
des alten laugen i zu ei finden sich einige , wenngleich vereinzelte 
Spuren : linein 6\ leinin 6% seihen 8^ beie (» bie, apis) 12*. 13\ 
9ei 13^ 16\ Dieses leise, schüchterne Hervortreten der lautlichen 
Veränderungen , die später das charakteristische Kennzeichen der 
baieriscb-osterreichischen Mundart bilden , weist in die Zeit , wo 
jene Veränderungen sich zuerst zu zeigen beginnen , also auf die 
Mitte des 13. Jahrhunderts (vgl. Germania 2, 2S3). 

Aber in Baiern nicht allein geschrieben, sondern auch verfasst 
kt unser Buchlein; das lehren die zahlreichen im Wörterbuch ver* 
zeichneten, entweder ausschliesslich oder doch vorzugsweise baieri- 
ichen Ausdrücke , und das erste literarische Zeugniss für seine 
Existenz fuhrt gleichfalls dorthin. 

Es ist kein Original werk, was der Verfasser uns darin bietet, 
eoodern» wie er uns im Eingange erzählt, die Obersetzung einer 
lateinischen Schrift, die aber selbst wieder aus griechischen Bächern 
und andersher zusammengetragen ist und den Titel trägt: „intro- 
dactiones et experimenta Bartholomaei magistri in practicam Hippo- V A.a^^ 
eratis, Galieni, Constantini, groacorum medicorum**. Dieser auch 
sonst vielfach in den älteren deutschen ArzneibQchern (vgl. Hoff- 
oiann'a Fundgruben 1,348. Mone*s Anz. 1834, 288) erscheinende 
Meister Bartholomäus ist ohne Zweifel identisch mit dem Bartholo- 
mäus Anglicus, dem Verfasser eines einst sehr beliebten, in zahl- 
reichen Handschriften und Drucken vorhandenen encyklopädischen 
Werkes: i,de proprietatibus rerum**. Man hat ihn früher mehrfach 
mit dem später, um 1360 lebenden Bartholomäus de Gianvilla ver- 
wechselt. Neuere Forschungen, besonders von Ernst H. F. Meyer 
(Geschichte der Botanik 4» 84 ff.), haben jedoch mit Qberzeugenden 
Gründen dargethan, dass er ein Zeitgenosse des Albertus Magnus, 
Thomas von Cantiprato und Vincentius Bellovacensis war und sein 
grosses Werk schon vor 1260 geschrieben hüben muss. 

Wie dieses so fand auch dessen kleinere, leicht um ein oder 
zwei Jahrzehente ältere Schrift, eben unser Arzneibuch, in Deutseh- 
land wenigstens und in d^r deutschen Cbersetzung grossen Beifall 
und wurde bis spSt in*s 15. Jahrhundert häufig abgeschrieben. 
Ausser der meinem Abdrucke zum Grunde liegenden, besitzt die 

8* 



\ 



./ 



116 Dr. Franz Pfeiffer 

MOochner Bibliothek noch zwei weitere Handschriften (Cod. germ* 
433. 722. 18. Jahrhundert)^ die Stuttgarter k. öffentl. und die 
Breslauer ebenfalls je zwei (vgl. Hoffaiann*s Fundgruben 1» 345)« 
und auch in der Stadtbibliothek zu Überlingen fand ieh im 
Jahre 1840 eine Handschrift (Papier, 4^ IS. Jahrhundert). Aber 
alle diese Handschriften, so weit ich sie habe vergleichen oder 
einsehen können, stimmen nur im Anfange Qberein und geheo bald 
auseinander, so dass ich nicht einmal im Stande war, die LOcke in 
unserer Handschrift yollsländig daraus zu ergänzen. Es scheint 
fast, dass die Schreiber der meisten den angesehenen Namen des 
Bartholomäus und den Titel seiner Schrift nur dazu benQtzten » um 
unter diesem Schilde eine Anzahl yon Gberall her aufgelesenen 
medicinischen Recepten in BQcher zusammen zu tragen. 

Von Unserer alten Handschrift, die den behaupteten Zusam- 
menhang mit den griechischen Autoren wenigstens äusserlich bis 
zu Ende zu bewahren sucht, glaube ich, dass sie das ursprQngliehe 
Büchlein des Bartholomäus am treuesten wiedergibt, obwohl auch 
hier der Inhalt ein sehr bunt und planlos zusammengewQrfelter ist. 

Das älteste Zeugniss von unserem Arzneibuch und dessen Ver- 
breitung in Deutschland gewährt uns Bruder Berthold in seiner 
32. Predigt von des libea siechtuom unde der eile töde. Nicht nur 
zählt er neben Ypocras, GaliSnus, Constanttnus, Avicena, Hacer 
den Bartholomäus auf 0» sondern er beschreibt S. 513, 37 — 517, 
11 die Zeichen, an denen man erkennen könne^ ob der Kranke 
sterben oder genesen werde, zum Theil mit fast den nämlichen 
Worten, wie es in unserm BOchlein Bl. 4' f. geschieht, zum deut- 
lichen Beweis, dass er es gekannt und gelesen hat. Es wäre sogar 
nicht unmöglich» dass Berthold es war, der bei seiner Liebe zur 
deutschen Muttersprache und seinem Eifer, gute und nötzliche 
Kenntnisse im Volke zu yerbreiten, die deutsche Übersetzung, wenn 
nuch nicht selbst besorgt, doch reranlasst hat. 

Ein weiteres, ebenfalls noch in*s 13. Jahrhundert fallendes 
Zeugniss Yon der Verbreitung unseres Büchleins erblicke ich in 



t) Unde (el>ete nocj^ meis^er Ypocras — , her Galidnus nnde her Constaotinas unde her 
Ayicennd unde her Macer unde her Bartholom^na« — die wAren die aller hdbesteo 
meister, die von erzenle ie g^eUsen^ unde habent alle kuuste erfunden und erdAht, 
diu ron erzente ie wart erddlit — , unde lebten die alle noch, sie mohten etelichen 
^jerhtuom niemer gebOezen (I. 517, 30 ff. meiner Ausgabe). 



Zwei deiiUche Arsaeibucher aus dem 12. und 13. Jabrh. 117 

der Aufnahine mehrerer Stellen daraus in das grosse methodisch 
angelegte Arzneibuch, das sich handschriftlich in Hünchen (Cod. 
germ. 376. 724), zu Klosterneuburg und Breslau befindet und von 
dem Hoffmann yon Fallersleben zuerst Nachricht und AuszQge ge- 
geben hat. Die von ihm in den Fundgruben 1, 325. 326 — 327 mitge- 
theilten und zum Theil in der deutschen Mythologie S. 1124 ver- 
wertheten Abschnitte über die fallende Sucht und die Verbena 
(Eisenkraut) entsprechen wörtlich Bl. IS""— 14*^ unseres Buches 
und sind kaum anderswoher entlehnt. 

Ähnliche Zaubermittel, Segens- und Beschwörungsformeln 
sind nocB mehrere darin enthalten: sie werden den Freunden des 
deutschen Volks- und Aberglaubens nicht entgehen, ohne dass 
es einer besondem Hinweisung darauf bedarf. 

Dagegen hielt ich es auch hier wiederum für meine Pflicht, 
den Yon beiden Büchlein dargebotenen Wortvorrath in ein Glossar 
zusammenzustellen, das den Naturhistorikern das Verständniss der 
ihnen angewöhnten Sprache, den Fachgenossen die wissenschaft- 
liche Ausbeute erleichtern und fördern soll. Bei der Erklärung 
mehrerer schwieriger Wörter ist mir Jacob Grimm freundlich zu 
Hilfe gekommen; einige, vor denen wir beide rathlos stehen 
geblieben, mögen dem Nachdenken und Scharfsinn der philolo- 
gischen Leser empfohlen sein. 

Wien, 10. Mftrz 1863. 



118 Dr. Fraax Pfeiffer 



I. 

Liber de natural! facnltate indpit 

Hie beginnet daz arzinbuoch Ypoeratis, daz er bei geseribin 
wider allen den subtin» die der mugin irwabssin in allen denn men- 
niscitcbem Itbe. 

^ 1. Ad eftpitis dolorem, 

Nim wormatun» rutam, ebeboue, daz an der erde wabsset^ unde 
iiA ez mit honege unde miscb iz mit dem wtzin des eies, legez an ein 
tuoeb unde virbint daz boubet dirmite. 

Nim des pbersicbis cbernin unde nde sie mit oleo rosato aide 
10 mit deme einvaltigin ole, tuo daz halb teil des sarpbin ezzicbis dar 
zuoy salbe daz boubet allez dirmitte unz an die nabt. 

Obe dieb dunke» daz sich daz boubet spaltin welle von dem 
swere> sd nAwe daz ebeboue unde mische ole dar zuo unde dm- 
cbez durch ein tuoch unde salbe daz furboubet mit dem daz dir üz 
15 rinnit : ez bilfet dich vile wol. 

Nim rosam unde schcUewurz unde niu sie mit dem ezziche 
unde salbe daz boubet mitte. 

Nim den sdmen der nezzelun» niu in mit dem ezzike unde salbe 
daz boubit da mitte. 
20 Mit disen allen sd wirt yirtribin diu boubitsubt 

2. Ad eapillos eadentes. 

Brenne den Itnsämen unde mische in mit ole unde salbe daz bAr. 
Brenne des widirs born unde niu ez mit dem ole unde salbe daz 
boubit dirmitte. Diu genüwene agrimonia mit der geizztnum milche 
25 machdt, daz daz här wahset. 



8.88. 



2. «riiDbocb. 6. ebehöe. 8. töhc. 10. tö. habt teil. 11. xÖ. nath. 13. tTere. 
14. t5c. 16. wrz, «o ttätt. 22. 25. h«r. 23. des w. 



Zwei deutsche Anneikficlier aus dem 12. und 13. Jahrb. 119 



3. Ad emlfffuieani tel tfmpaiil dolorem. 

Nim eitt chnobelouchis houbet unde zwelf pheffirscorn onde 
fünf Idrber and einen leffil vollen gebulvirtir munzun unde zw£ne 
leffele des gepuWerten leimes» der in dem ovene ist, unde nües 
allez cesamine in dem mors&re unde mische ez mit dem handigen 5 
ezziche unde bint ez ubir daz houbit und ubir diu wangin unde 
behuote ril wole, daz daz sou in diu ougen nit enrinne. 

4. Ad airlom doloren. 

Niai daz saf der wtzun bilsun unde läwi ez unde tuo ez in daz 
dre. Siat jocb die wurme dar inne. sie ersterbint. Nim des saffes» lo 
daz man ii ddhit dzzir dem grAaen hanefsimin, unde troufez in 
diu 6riii. 

Nim daz gensesmer, zirliz ez unde trouf ez in diu dren. 

Nim daz sou des seviboumis unde der rütun unde die gemaln- 
nun mirnun oniie mische sie mit ole unde mit deme ezzike unde 15 
salbe daz houbit unde die nase unde diu 6rin» sd wirdit im baz. 

Nim der gütun mirrun VI phennige gewich unde der aloA viere 
unde pulrere ez sunderltche. Dar nach nim ein gebundeltn der hüs- 
wurze und einez rütun und einez seviboumes und einez ephouwes 
und einez betonice unde nim alse yil wulltnun sd du mäht mit fier 20 
Tingirn df gehebin. Disu allu soltd vil harte ndwen in den morsäre 
unde ze jungest sd nim eine haut volle salzes, daz da gebrennit ist 
mit dem wizin des eiges in dem fiure» unde milwez vil deine unde 
mischez zuo dem gendweme crdte. Dar nach nim einen stouf vollin 
des handigin ezzikes unde mischez allez zesamine unde stchez durch 25 
ein tuoch, und denne aller drst so mische daz pulvir der mirrun unde 
der alod dar zuo. Sd dd diz allez getuos, sd giuz denne oleum nar- 
dinum oldir oleum roseum oldir daz | dz dem tille wirt gemachdt, 
dar geuz ein triteil eines stoufis von ezzike, danne giuz ez in ein 
glasevaz. unde swenne dich daz houbit swer, sd salbez mit dirre 30 
salbe, d dd geist sUfln, unde bewint ez mit einem tuoche. 



13. zirlaces. töf. 17. vire. 22. .si nim heinc. 27. {^etiior.. oleum denne. 



120 I>r. Franz Pfeiffer 



S« ki •enles delentes. 



Nim des epphes bletir unde niu sie mit dem nflwen ksBse unde 
lege daz über diu ougin. Nim zw6 unze cumins und ein halbe orge^ 
mentes und alse vil der gepul vertun nebetun, s6 dirre beidir ist» 
5 und mache ein pulvir unde tuo ez in diu ougin. 

6« Ad Uppitadlnem •enUrnm. 

Nim daz atramentum unde daz wtze des eiges unde daz honec 
unde mischez zesamine unde legiz ubir diu ougin. 

Diz coUirium ist wunderltche guot ze der finsternisse der ougoD. 

10 Nim daz guote einimin unde daz caferdn, unde milwez unde nim des 

ephes wurcun sou unde honec unde misch ez allez zesamine vil harte 

unde steh ez durch ein tuoch unde gehalt ez. Sd du disses bedurfist, 

sd troufe mit einir federe einin trofin in daz äuge. 

Diz collirium ist vil guot ze aller slahte ungefuore der ougon. 
15 Nim wtzzis wtrouches libras duas, mannä II» alo6 II» mirr^ II» 
auripicmenti III» draganti J, piperis albi I» litargiri II, cerose h 
Disu allu milwe yil deine unde rtt sie durch ein tuoch unde samene 
sie mit dem touwe oldir mit der wtbis milche , diu einin sun souge» 
unde gehalt ez. So dd des bedurfist » s6 zetrtbez mit dem ezzike 
20 oldir mit der selbun milche in eineme cuffirvazze oldir in eineme 
leSeh und strich in diu ougin. 

Nim des rephflnes gallun unde stne bläterun unde mische sie 
mit dem balsamo oldir mit dem ole unde salbe diu ougin da mite. 
Gesehit euch der niut unde hftt er die ganzin sehun » er gesiet 
25 scbtre äne zwtvel. 

7. Ceitra saigilnem de narlbns Ineitem. 

Nim die eigerschal , dannlin diu jungen huonlü sint gehecchet» 
unde pulver sie unde bläsez in diu nasenloch » sd gestät daz bluot. 
Stdz die rütun für diu naseloch. 
3Q Bint im die nezzelunwurcun an daz houbet older funfblat. 



3. zw6] zö. 11. wrcunso. U. tuoch] toc. IS. wizziz wirdch. 17. töch. ZU. zwiTwel. 
28. booU. 



Zwei deuUclie Arzneibücher aus dem 12. und 13. Jahrb. 121 

8. Ad Metern dentin. 

Nim die esptnun rinde unde niu sie mit dem ezzike unde lege 
sie in den munt. 

9. Ad glandnlas. 

Nim die liosio unde niu sie mit deme ezziehe unde lege sie 5 
ober die drflse« 

Brenne die wisalun ze pulyere unde salbe die drüse. Nim die 
geizzebdne unde niu sie mit ezziehe unde lege sie über die drüse. 

19« Ad peeteris delerem. 

Siut die rütun mit dem wtne unde mache ein Idtertrane mit der 10 
poleiun unde mit dem honige unde gib daz zi trinehenne. 

Nim die rütun , marubium , stabewurz mit geltchir müze unde 
niu sie unde gip sie dem stchin zi trinchen. Chumet ez euch von 
dem herzeswern, sd bezzerdt er sich. 

11. Ad pastema caraidan. 15 

Nim zwei mez des honeges, ein teil des chuosmerwes und alHn 
wtn , marubium , feniculum unde siut daz alzesamine in eineme 
nüwime hayene unze ez werden zwei mez , dar nüch steh ez durch 
ein taoeh unde mische dar zuo den phefir« unde gip ez dem sfchin, 
sd er Taste, zwine leffile, sü er welle slüfin gAn. 20 

IS. Centra leiM. 

Du solt nemen ein gewich cariofGles unde cinomomi unde piper» 
^ giageber, cumich unde zirrtbez | mit niweme honege unde sAe ez an 
die stat. 

13. Ceitra delerem eerdls et palmeils« 25 

Der ezze linsine gesotin mit dem ezzike • older er trinche die 
feltconelun, genuwen mit dem wtne, older Irinche chuogtne milch, 
aiowenes gemolchen, Tastende: daz ist tu guot ze dem swermagen 
Item nim fenum grecum unde siut ez, daz ist euch guot. 



8. OTi. 16. iwei] zti. chrsm. 20. zrene. 23. niveme. 29. siut] sjd. 



122 Dr. Frans Pfeiffer 

Diz ist yil guot ze dem maginswern unde ze der bittera roffex- 

unge» da für newedir hilfet ezzin noch trinchin. Nim der gepul* 

verter centaria niun leffele volle unde gip ime drtge tage ze 

trinehinne mit trin becheren wtnis. Ez ist ouch ril guot Tar den 

S stteswern unde für den ianeheswern. 

14. Ad sagittam eldeida». 

Nim den steinvarn unde niu in mit alten smerwe unde bint eM 
ubir die wundun: ez ziüliit daz sedz üz. Obe dfl wellist dizze selbe 
dinc versuochin, sd bint ez andlrhalb ingegin der wundun: das sc6z 
10 gät dar üz. 

15. Ad ynliiera. 

Nim den gepulyerdten pungen , säg in an die wundun , s6 
heilet siu. 

16. Ad sananda graria yalnera. 

iK Nim mirram» wtroueh, mastice, harz, pech, orgimunde, polgalga, 

aloe, gips, hirzzeshorn» arustolociam rotundam, duo der alier geltch 
unde mach ein pulver dannän üz unde süc ez dar ane. Nim blt uode 
brenne ez in einer pliannun unde trtb ez mit &nir schinun unze ez 
verbrinne unde tno ez tanne in ein hulztn vaz unde tuo dar zuo ein 

20 lucel oles und ezzikes unde trtbez unz ez diche werde , unde salbe 
ez dft mite. 

17. Ad caacrui. 

Nim daz gepulverte unde daz gebrande bü und atramentum, 
piper piretruro, des häcchides ehinnebaehin, des crebzes bein. 
25 Disiu aJliu soltü wegin geltche unde pulveren unde wasche die stat 
aller £rest mit dem warmen wfne unde truchenez mit eineme tuoehe 
unde salbe ez mit dem honege. Dar nüeh so süe daz pulver dar ane 
unde lege der papellun pleter older der truchenun nezzelun dar ubir. 

18. Ad difficaltatem jniBgendl. 

3Q In dem ougwestia sü nim des pocches lebere unde sulze sie 

yil wole unde gip den diu barawinde daret tagiltche eine snitun ze 



7. steirara. 12. randao. 19. baolzio. 24. dez chrebses. 30. in den. 31. ha*ndrinde. 
über daret steht «oh ad it. 



Zwei deaUche Arsaeibnchet* aus dem 12. uDd 13. Juhrh. 123 

ezenne, uaze du gesellest dai ez helfe. Ist ez oueh der stein, ime 
wirt baz. 



lt. dfti lei petest iriBam eeittiere. 

Nim der lilium wurcun unde siat sie in der milche» niu sie 
uode bint sie ubir die lanehe. 

20. Ad diflleiiUateiii nrine. 

Nim saxifragam» niu sie unde gip im ze trinchinne. Diu ist 
vi\ guot für die harnwindun. Item siut deo lubestechin mit dem 
wazzere unde gip im ze triochenne. Daz hiint vil wol. 



iO 



21. Ceitra lapldem. 

Nim zwei clobeloucbeshoubit unde siut sie mit fier mezzen 
wazzeres in einem niwen havene» unz ez versiede ze zwein bechern 
vollen, unde gip im ze trinchinne drt tage, sd bristit der stein. 
Item nim daz eie» daz an dem donrstage geleget wurde, unde gip 
ez im mit dem wtne ze Irinchinne. ^^ 

22. Ad dissinteriam qo^ saiigiiiieiii emittit. 

Nim des wegerichis wurcun unde lubestechen unde der cher- 
Yellon mit den bleteren unde trucchinez allez an der sunnun older 
in eineme ofene. Dar nach puIver ez unde rtt ez vil | deine unde 
niro ze drin mälin iecTies mit den yingeren geitche unde tuo ez in 
ein lagillt unde tuo dar zuo niun mez des lAteren wtnes unde des 
honeges ein mez, des lubestechinsous ein mez. Sd dfl daz niezin 
welles, ad trtez zesamine unde trinchez niun tage ein yazzilt Tollez, 
st 8t£t diu niora. 

23. Centra jdrtpleas passUiem. 

Nim der gerstun sA vil sd dd wellest unde mache ein malz, 
daz 62 zuo der erde niet enchome unde mache ein hier dar dt unde 
t\im der erlun rinde, diu aller nächest dem boume ist, unde mache 
ein pulver dannän Az unde nim ein lucil mez unde siut ez mit dem 
biete unde vollemache daz hier unde giuz ez in ein lägilltn unde 



20 



4. rrcrn. 18. «axifiricam. 12. verside so btio beccbero. 14. gelege. 2t. nUin. 
2r. Biet] net. 30. laegilltni. 



124 Dr. Franz Pfeiffer 

gip ez dem wazzirsuhtigin ze triDchinne aiun tage. Aftir disime 
tranche sd gip ime tageltche gebrätenu aiger ze ezzinne tiI heizo. 
Sd du gesehest daz ez in helfe, sd gip im dar nftch über lane ein 
ruortranc» daz wir heizen bazina. 

^ S4. BlectHariüB eentra ydrtplsfai. 

Nim den cumin ande des ateehessoa ein uneiam, ingiber 
unciam I» cariofeles uneiam I» piper eine unciam, reopoi4icaiii V 
pheninge gewäge, costes VIII pheninge gew&ge, galgan V phe- 
ninge, Idrber als vile» granomastiee VIII pfeninge, zwd uncias 
10 epphensimen, als vil fenieuli, als vil tillinsämen, als vil petrosilun» 
lubestechen eine halbe anee. Disiu alliu mache zeime eleetuario 
unde gip ez z*ezenne dem des durf ste sd Taste. 

2S. Ctntra plenrislm. 

Nim den stein, den diu swalwe treit, unde den hanefsimin und 
15 der ehdies&men unde mische ez mit der salviun unde lege ez im 
undir die zungun. 

[2«. T#i lAtertraiehe.] 

In dirre ^ete ist gescribin unde georddnöt, wie man in eineme 
iegeltchen mänöte sol lütertranc machdn üzer crüteren unde pic- 

20 mentis. Diz lütertranc ist yil guot unde heilit unde gehaltet, ande 
gedoubit die nberfluzzigin humores, die dir sint in dem mennesehio. 
Zi dirre wts sol man ez machön. In martio sol man ez maeh6n dzir 
einem teile salriun unde sol man d& zuo n^n XII com piperis, per* 
theram, gingiber, spie, wol gesotin, honeges unciam, XXX mes 

25 wtnes. Disu alliu suln wol gemilwet stn , dar nach gestän , daz sie 
gelAteren unde daz diu clara potio sdze st zi trinchinne. Man sol sie 
euch vastende trinchin unde nach muose aller tagelich in disem 
manddin, sd wirt er vil gesunt. In aprile sol man zuo diseme tranche 
tuen die wormäte und allez, daz da yor gescribin ist. In maio sol 

30 man lubestechil dir zuo tuen und predicta, in junio betoniam und 
predicta, in julio gamandream, in augusto agrimoniam, in octobere 
fimbrate, in norembre millefolium, in decembre hagun, die dir 
wahsint üfen den wtzin hegene, in januario sevinnn unde poleium, 



n, dem fehlt. 23. honec. 29. und allez] vallez. 30. ia rinio. 32. ba|^ii die dio. 



Zwei deaiscbe ArTneibucher lus dem 12. und 13. Jahrb. 125 

in febniario lorber unde cost. Der disis lütirtranches spulgit» der wirt 
tU gesQiit. 

[27. Brnplastrnin.] 

Emplastram ist vil guot ze aller slahte wundun unde ze der 
lebere unde ze den brustin unde ze dem milze unde zi dem lippe- S 
swem unde ze der sttun unde widir dem cramphe unde ze podagra 
92 ande ze dem lancheswern. Diz sol man dirzuo tuen. | Alo£» 
mastice, mirraro: dirre alre stn libre quatuor, orgementum I. III, 
des läteren glasis libre III» gepulyerdt, wahsis libra una, peches 
1. 1. Hit diseme phlaster sol man den rddigin mennischin rtbin in 10 
dem bade odir ze der sunnun. Des ungesotinen swebeles 1. 1, peebes 
1. II, oles alse ril sd du bedurfist. 

S8. Brnpiastrniii eeitra febres. 

Nim des atechiswurzen sowes under daz weiztne mel unde 
misehez zesamine unde legiz an ein tuoch unde bindez über den 15 
magio. Sd zirgät daz bivir &ne zwtrel. 

29. Bmplastnmi stlittrlnm 

heizet daz emplastrum, den mendiz mugen (?) unde ze dem huostin, 
joch die der vil flz werfent fon der ffliun lebere oldir lungun. Och 
ist ez yil guot den, die der ungelustich sint des llbes, unde den daz 20 
bloot wadeldt aftir deme Itbe ist diz ril ndtdurftic. Dar zuo erwecket 
ez tue wola die lange släphintin mennischeit der manne unde für- 
bringit die menstrua und ist nuzze ze allen dep inwartigin passioni- 
bas unde machit die suozzen Atemzuge. Diz sol man dar zuo tuon. 
Oleandes librse III» piper der wtzen, minzun sämen 1. I, cumines 28 
1.11» siler I. II, ztt I. II, cinamomi 1. II, unde honeges als6 vil s6 
dA bedurfist. Dirre lectuarien sol man frdge gebin zwSne lefTile 
volle, lange wtle & danne z*ezze, unde di te lefi'ele volle & danne er 
släfin welle. 

3«. Vigaeitam Jacebl callstieaB ^ 30 

ist vil guot ze allen den swern des Itbis, joch ze allen den geswulstin 
und ist harte guot podagricis und ist guot dem, der inzwissen den 
lidirn wi ist. Sus sol man machun diz unguentum. 



K. slabete. 5. Iippe«vern. 7. Inncsrern. 14. dez. 27. lectaarium. 32. dem I. 



126 Dr. Frans Pfeifre% 

Nim altes swtniflsmerwes Snir unxe gewic , wahses swuo unxe, 
salces zwuo unze , des oles , des man gemachdt üzir den Idrberen, 
2wd unze gewic. Disiu tuo zesamine unde zirtrfp sie yil harte, uode 
dems turf st den salbe dir mite. 

K 31. nngaentam grecam ad capnt. 

Diz unguentum heizit latlneschun gruone (?) and ist Wie gui>t 
ze deme houbitswern unde ze allen suhtin. Ouch bedarf man es ze 
TÜe manegen arzeinten. Diz sol man derzuo tuon. Rute roanipulam 
I, hüswurz m. II, epphes m. V, folia lauri m. V, scozwurze m. V. 

10 Disiu alliu solt da vil harte nüwen mit dem ezziche joch sth la durch 
ein tuoeh in ein £rin vaz. Daz selbe vaz solt dd begrabin in der 
erden niun tage unde solt ez vil vaste obenan betuou. Unde dar 
nach solt dd ez biderbun. Nim ein cuphervaz odir ein h^rtniz raz 
unde güz ^in mez oles dirzuo, daz andir des handigin ezzichis dar tn 

18 unde begrabiz in der eixie nun tage, unde dar nach sd engrab sie 
unde biderbe sie ze allen den erzentin , sd da gcscribin ist in dein 
arzinbuoche. Och is siu vile gdt ze der wundun unde ze der 
houbitsweren. 

32, Vngaeiitam albnm 

20 ist Yile guot ze der rdden joch ze dem grinde unde ze der unsAbir« 
Itche. Diz sol man dirzuo tuon. Litargiri, des ungesotenis swebeles, 
wtraueh, mastice, | cerose suspendito. Et jugiter iilum portet . • . 93 
suo cum in balneum ire voluerit , in terra domi dimittat , reliquia 
horis Omnibus secum habeaf.. 

25 33. Ad morsam serpeitis. 

Den du natere gehekke , der neme zwai phenninge gewäge 
agrimoniam sous unde zwai copheltn wtnes unde trinche diu samint. 
Ez tribit daz aiter üz dem Ifbe. 

- Daz wtb, der diu brüst swere, diu neme andorn und altez swere 
3Q unde stdzze diu zesamine unde binde dar ubere: ir newirret sä oibt. 



4. dem st'f si. 7. buobit. bederman ez. 9. hazwurz. 29. lib. und altez] raltcs, 
SO. etousze. 



Zwei deutsche Arzoeibncber aus dem 12. und 13. Jahrb. 127 

34. CtAtra meBbraMm tciiU. 

Nim daz eie» daz an dem heiligen tage ze wtheonahten geleit 
werde pnde brenne ez zo pulvere unde rtp daz pulver unde rit ez 
durch ein fuoeh unde leg in nidir unde saig im in daz ouge. Sd 
daz fei von der sehun come , sd tuo daz pulver mit einer spenelun 
houbet an daz fei« daz ez die sehun niet enruore« 

Swi du wellest daz daz här niht enwahse, da rouf ez dz unde 
nim die egelun , diu des mannes bluot sdge, unde brenne sie ze pul« 
vere in eineme niwen havene unde sige daz pulver an die stat. 



II. 10 

1' Ditze buoch dihte ein meiater der hiez Bartholomäus, daz nam 

er ze Chriechen üz einem buoche» daz haizet practica. Daz ist hie 

tiudsche getihtet mit den selben Worten, also ez Bartholomäus an 

stn buoch hat geschriben. Swer den brief dises buoches wil wizen, 

der sol in uLsd erchennen: „introducliones et experimenta Bartholo- IS 

mei magistri in practicam Ypoeras, Galliern'. Constantini, grecorum 

rnedicorum*'. Der brief diutet alsus. BartholumSus der maister, daz 

er uns an disem buoehe gelöret hat, alliu diu dinch, diu er ver- 

soohte, daz si war sint in den chriechisehen buochen unt daz er 

den wech unt die rehten chunst gel^ret häti die wir vinden suln in 20 

den chriechisehen buochen, diu da geschriben habent die chriecb^ 

sehen arzet Ypoeras, Galli^nus unt Constanttnus. Swer in den erzen- 

baochen iht gelernen wil, der sol aller är^te wizen, ouz weihen 

dingen oder wie der mensch geschaffen st. Ein igelich mensch der 

i- ist geschaflen Az den vier elementis: dz der erde» von dem lüfte, 2S 

y«a dem wazer, von dem fiure. Die wirme und die hitze hat der 

1^ roenseh von dem fiure, von | dem wazzer die fiuhte, von dem lüfte ile 

chelten, Ton der erde die tröchen. Diu r6te varwe chumet einem 

igeifchen dinge von der hitze; diu wtze varwe chumt Ton der chelten» 



2. Uf^e fehlt, vielleieht eher: an den heiligen wtbeniabten. 8. bluit. 

11. 12. hoch, buche. 14. Bartholone^. 17. dutet 18. diaeor 21. chriebseben. 
Mdat. 23. geleren. 24. der mensch fehlt: aus einer überlinger Handeehrift eryänxt. 
IS. Tiere. 26. den f. 28. tnlchen. roete. 31. diche, to gewöhnlich. 



128 Dr. Fran z Pfeiffer 

von der trüchen urirt ein igelich dincb-smal oder dünne, von der 
fiuhte Wirt ein igelicb dinch dicke. 

Swer nü wi\ wizen, von wiu ein igelich siehtuom chom den 

der mensch habe, der sol daz merchen bt der yarwe» die daz harn 

5 bäty daz Ton dem menschen chunt. Swenne daz harn ist rdt onde 

dicke, daz bediutet daz daz bluot rehte chraft unde guoten gewalt 

hat in dem llbe. 

Swenne daz harn ist dünne unde rdt, daz bediutet daz der 

mensch ist colericus: der hat des pluotes ze yil unde der fiuhte 

10 ze luzil von dem wazer, der muoz durch udt gähmuotes sta, wan 

im diu galle schiere enbrinnet sd starcbe, daz ir diu fiuhte nihf 

widerst&n mach. 

S6 daz harn ist wtz unde dicke, sd ist der mensch flecma- 
ticus; der hat des | pluotveimes ze vil gevangen, der ist lanch- : 
IS rasche unde swtget gerne. 

Ist daz harn dünne unde wtz, sd ist der mensch melancolicus; 

der hat des pluotes sd vil, daz iz ist erswarcet; der wirt schiere grSt. 

Sd laiich sd daz houbet ein ancgenge ist des menschen, s6 

sul wir des buoches an dem houbet beginnen. 

20 Swer daz harn rehte schowen wil, der sol gewinnen ein wtzez 

glas, daz vil lüter st unt daz obene enger st danne niden; erne sol 

euch daz harn nimmer gevähen, d der mensch des nahtes wol 

gesläfi'e, wan daz harn gewinnet nimmer rehte varwe unze ndh 

mitter naht. Daz glas sol man danne decken unde so! ez schowen, 

t^5 sd diu sunne ouf gdt oder umbe mitten morgen. HJit daz harn ein 

dicken chreiz al umbe in dem glase, sd ist daz houbet tapher unde 

swsere siech. 

Ist daz harn iüter unde ist der chreiz rdt, sd ist des pluotes ze 
vil vor in dem haubet. 
30 Ist daz houbet sjech | in dem hirne, sd ist daz harn bli unde 1 

louter unde ist doch der siehtuom grdz in dem zesewen teil des 
houbtes. Daz chunt von der colerica rubea, diu an der stete liget. 

Ist daz harn dünne unde ist der chreiz wfz, sd ist daz houbet 
winsterhalbe siech in dem nacche. Daz chunt von dem flecmate, 
39 daz leit in der zelle, di diu gehuget inne Itt. 



3. sihtum u. 9. f. 7. in den I. 8. bedutet. ii. nch'ire^ 90 meist, 18. hi fehlt. 
22. üb. 24. dechen. 2o. uf. 27. sich, «o in der Regel. 3t. luter. proze. 



Zwei deoUche Arioeibucher tat dem 12. and 13. Jahrb. 1 29 

Swer nA wicen wil, weihen siechtuoin der menseh in dem houbt 
kabe , der sei daz merchen bt dem chreize , der umbe daz harn giU 
alsd daz buoch da yor gesaget hat. 

Swenne daz harn ist oben gruozeleht, zwäre sd ist daz boubet 
allenthalben siech. $ 

Ist daz harn truobe unde yal , als des yihes , a& ist daz boubet 
sd siech , daz der mensche in grdze ndt chumct, im werde stn ge« 
boozet. Hit daz barn einen diken chreiz unde daz ez allenthalben 
ist ein luzel schöumech , sd ist daz boubet siech unde diu brüst vil 
OBchrdteeh. 10 

bt daz harn rdt unde dikhe, a6 hat der mensch daz fieber. Daz 
V ist s& getan, daz da von cbumt ein siechtuom» der | heizet synocha 
febris. Daz fieber chumt Yon dem unmäzllchen pluote, ii von 
chamt daz yieber daz da heizet terciana , daz leidiget den menschen 
an dem tritten tage. IK 

Ist daz harn ^tz unde dicke , s6 hAt der mensch daz tegelich 
Weber. Daz chumt ron flecmate, daz ist chalter nitflre. 

Swenne abe des harnes s6vil ist unde vil dünne, sdwil daz fieber 
ende haben. Beginnet abe daz harn swarcen , s6 wil sich daz tege- 
lick rieber wandelen in tertianam. Sd daz harn rdt unde iouter ist 20 
unde sd stn vil wirt, sd ist der mensch siech an der lungel von der 
grdzen hitze. 

Ist des harnes vil unde ist iz wiz unde vil Iouter , sd ist diu 
lange! erfroren. 

Ist daz harn vil dünne unde bleich, sd hAt der mensch etwaz 25 
unrerdoutes in im. 

Ist daz harn rdt unde dicke unde ist sin vil , sd ist diu lungel 
lebrosten. 

Ist daz harn rdt unde ein teil gemischet mit der swerze, sd ist 
diu lungel ze heiz. Sd der mensche sieche unt daz harn weitlner 30 
^ Tarwe sl oder wtz ode | dike oder truobe, als des vihes , daz be- 
dhitet daz der mensch den stechen wil gewinnen in der winstern 
stten. 

Ist daz barn rdt unde truobe unde doch dicke, sd gewinnet er 
den stechen in der zeswen stten; dA ist der menseh aller wermist ^^ 



^.bfib. 9. ■cbainecb. IZ. sithSm. 20.l&Ur,«o häuf g neben Inter. 26. Tnvtrw 
4S(ei. 32. Tinsiern. 
SHtb. d. pbil.-hist. Gl. XLII. Bd. IL Oft. 9 



130 I)r. Franz Pfeiffer 

Ist daz harn an dem gründe lieht unde louter unz an die mittel- 
dde unde ist obernthalbe dicke unde truobe, sd ist der mensch tu 
siech in den brüsten. 

Sd der mensch hii daz lieber tertianam , ist stn harn zailer 
^ Srste dike unde rdt; wirtiz danne wtz unde dünne unde durstet in 
harte , sd gewinnet er daz fieber , daz in immer aber einen lach 
leidiget. 

Ist daz harn milchevar unde luzil dünne, 86 h&t der mensch 
den harnstain in der bläter. 
10 Ist daz harn griezich unde daz diu flekeltn schtnent Ak inne, 

s6 Itt der harnstein in den lanchen. 

Ist daz harn wtz unde dünne unde daz stn allez ein luzel ist, sd 
Itt etwaz unverdoutes in dem magen. 

Ist daz harn dünne unde blaich» sd ist diu lungel siech ron 
1^ unyerdeuten | dingen. 2* 

Ist daz harn weittner yarwe, sd hat er einen siechtuom ob der 
brüst, ää von er töbich wirt. 

Hit daz harn langin stuckel als daz här, sd ist der menseh über 
allen den Itp siech unde in den lanchen zebrosten. 
20 Ist daz harn zäch unde sint diu stuckel da inne, s6 ist der 

mensch über allen den Itp siech. 

Ist daz harn getan sam die chltwe drinne varen oder als die 
scuopen, sd ist diu lungel sdr oder zebrosten. 

Ist der mensch siech unde ist daz harn giftevar und^ ist doch 
25 zäch, sd ist der Itp aller innen zebrosten. 

Swer daz starche vieber hat, sint denne in dem harne chleiniu 
stucheltn unde doch swarzerar, sone mach der menseh niht genesin. 
Ze geltcher wtse ist des harnes luzil unde daz selbe euch swarz, vil 
gewisitchen, sd ist der mensch yaige. 
30 Ist des menschen harn getan sam chltwe drinne varnne unde 

ist iz danne luzil, sd wirt er schiere vergibt. 

Ist des harnes | vil unde maniger slahte varwe, sd ist der Itp %* 
aller beweget von siechtuome. 

Sd daz harn ist vil wunderltchen gyluch, sd der mensche Itt in 
35 dem starchen vieber, sd muoz der mensch schiere sterben. 



1. libt. 8. miibeTar. 11. übt. 13. litb. 17. tvebicb. Z2. dia cbliwe. 23. scopen. 
25. zacbe. ist doch der I. 26. siut] ist. 29. gewisel. 32. harn. 



Zwei deutsche ArzDeibucbf^r ans dem 12. und 13. Jahrh. 131 

S& daz harn grüene ist in dem vieber» 86 gewinnet er Uhte daz 
Tcrgiht. 

Dai Ist Y#n der wlbe käme. 

Der magde harn sol wesen lieht unde louter. Daz harn sd der 
man des nahtes bt dem wtbe Itt, daz sol wesen truobe unde lieht, 5 
daz semen an dem gründe. Sd daz wfp swangir wirt, an dem an- 
deren oder an dem tritten mäncede sd sol daz harn louter stn unde 
sol ein michel teil stn unde sol getan sin als diu hephen an dem 
gründe. 

Sd stn vier mändde werdent, sd ist daz harn oben louter unde 10 
ist an dem gründe hephich unde dicke. So diu wtp siech sint in 
dem menstruo, sd ist daz harn pluot?ar. Ist der frowen harn truobe 
als des vihes» sd sint sie siech in der chindelege , diu da haizet 
matrix. unde in der wambe, daz ist diu Tulva. 

Sd daz harn stdt in dem Taze unde der chreiz pipenet | sd 15 
daz yaz niemen ruoret , sd hit daz wip der ubelen fiuhte ze vil, daz 
si rinnet durch den rucke in daz houbet unde in allen ir Itb, sd muozen 
der wtbe houbet touchtich werden. 

Ist daz harn rdt unde ßwervar, sd hat daz wtp daz vil übel 
tägelieh fieber. Ist ein chreiz ob dem harne , sd ist sie houptsiech 20 
oder hat die vil ubelen hitze an ir Übe. 

M swtge wir des harns unde saget toi der rrowei slechtoem. 

Sd dem wtbe der milch zerinnet, daz si des spunnes niht 
haben mach, sd sol si nemen gruonen renichl und siede den in dem 
wtne oder in milch unde trinc ez rastunde zwir oder tristunt , sd 25 
gewinnet si spfinnes genuoch. 

Sd daz wtp ze grdz wirt, sd sold dd nemen yier mäzze der 
wermuot, des cymeies ein teil, der seifen neun teil, der wilden 
churbez fünf teil; diu sold dd danne elliu samt temperen mit wazer 
unde gib daz dem wtbe ze trinchen: si wirt schiere smal. 30 

Swelh wtp ir siechtuomes niht haben muge, diu neme myrren 
unde temper si mit dem süge artymesien» unde sd diu temperunge 



1. grflioe. 5. das zweimal, 11. dicheo. 15. pipeneit. IS. torchtich Oo). 
11. tod] Tor. 25. ex] hex. 26w spänne«. 2S. in seifen iti du» e eorrigirt. nefin. 
29. fivnf. 32. teoipening^. 

9» 



132 Dr. Franz Pfeiffer 

danne getruchne, sd fiol si | Ttgelen ein hirzes hörn unde misehe 3^ 
diu zesamene unde behulle si vitzechltch unde mach einen rouch, 
dar iüz unde setze den under diu bein: an der wtle s6 gewinnet si 
ir wtpheit. 

S Ze geiteher wts sol si rdten ezzen unde den soueh vaste trin- 

eben unde sol die wurzensehtben zwischen diu bein haben: s( 
ledigent sich diu menstrua. 

Ez ergSt vil dicke, daz diu matrix ersticket» da daz chint ione 
\tu eintweder von dem smerwe oder von dem foulen pluote, daz si 

10 sich niht erfurben mach noch daz si der geburt niht enphAhen 
mach. Des sol man sus buozen. Daz wfp sol nemen gruone rAten 
unde rtbe die wol vast unde st6ze die an die stat. Ze geUcher wts 
du sold nemen swebel unde temper den mit starchem ezziche und 
habe die temperunge lange für die naso unde stdz ir ein teil an die 

15 tougen stat» sd wirt dir baz. 

Swenne daz wfp den siechtuom hat , sd geswillet | si ein teil ^ 
umbe den nabel unde walget ir daz geliberte bloot under den rippen 
alsd diu eiger unde beginnet ir diu äder swellen unde gSt ir der 
toum in daz houbet als der dicke rouch. Wil dfl des siechtuomes 

20 schiere buozen » s6 nim rüten unde temper die mit guotem honege 
unde salbe dich di mit al umbe die tougen stat. Wellest dfi aver 
schiere gesunt werden, sd nim linse unde beize die mit wtne, da 
näh temper siu mit honege unde neuz die erzente alle tage: du 
wirdes schiere gesunt. 

2S Sumelichiu wtp, sd si chindeltn gewinnent» sd zerbrestent si in 

der wambe. Den siechtuom sol man da bi chiesen. In ist w6 vil 
dicke in dem bouche unde sd si sitzent» sd ist in alsd we» als in ein 
spiz durh den ruke gd. Des siechtuomes sol man sus helfen. Nim 
ein chalch , der ouz chiselingen gebrennet st, unde chsBselfippe» diu 

30 ungebiderbet si, unde seifen unde zemule daz in einem hulztnen vaze 
unde mach ouz dem allen samt ein phlaster unde lege daz | an die 3« 
stat, sd wirt dir zestete paz. Wellestü des niht tuen» sd nim reteich 
unde rtp den mit honecseime unde neuz die erzente rit mszltchen 
alle tage unze dir baz werde. 



1. petruche. 2. bebale. rilch. 5. 12. iplicher. 9. fvelen. 10. nibit. 11. r8(en. 
^2. scbir. 27. buche. 29. fix. 



Zirei deuUche Arzoeibucber aus dem 12. und 13. Jahrb. 133 

Ez ergSt vil dicke , daz sich eizze erherea an der matrice in 
dem Itbe; da von wirt daz wtp so siech , daz si des dunchet, daz ir 
der Itp aller st ersworn, unde swä si grtfet an den boucfa, AA dunchet 
si, wie si grife an ein geswer. Ouch geswillet ir diu geschaft. 
Des siechtuomes mahtü schiere helfen. Du solt neinen eines bern 5 
smer unde solt daz zetrtben mit einer yil waicben wolle unde lege 
daz an die stat. Nehelfe daz niht, s6 nim artimesiam unde genssmer 
unde misch daz nut rdsenole unde lege daz an die stat, iä du die 
geswulst habest 

Swenne den wfben wt ist in der matrice oder umbe den nabel 10 
oder an der geschaft, sd gewinnent si ein getuanch, daz si dunchet 
des, daz si niden st zesamene gebunden. Des hilf dd alsus. Nim 
ein hirztn march unde ein toter eins gebraten eiges unde mule diu 
zwei [zesamene mit rdsenole unz daz ez dicke werde sam ein honic- 
seim unde lege daz an die slat. Nemugestü aber des niht gehaben, 15 
si nim mirren unde zertb den in gesotem wtne unde trink daz alsd 
warmez, dd wirdest gesunt]. 

' I Til sänne wermen unde strtch die erzente umbe diu ougen : dir 
irirt inner zwein tagen baz. 20 

DA solt in dem mändde julio centauriam daz chrout gewinnen 
aode samen stn yil , daz du stn genuoch habest allez daz jdr. Sd dd 
danne wellest, sd nim stn ein gebundeltn unde lege daz in ein wazer 
ande decke daz ylizechltchen zwdne tage unde wasche danne daz 
chrout mit würze mitalle vil starch in dem selben wazer unde siut 25 
daz wazer vltzchltehe zw&ne tage. Sd daz wazer danne gesiede, sd 
giuz dar zuo ein halbez trinchen wtnes. Sd der wtn wol danne ge- 
siede mit der würz, sd giuz ez allez zesamen unde soch ez vilsanfto, 
anze daz ez dicke werde, sd giuz ez in ein chophervaz, unde dem 
sto dürft st, dem gib der erzente alsd grdz, same zwd welhesch 30 
noz. Diu erzente ist guot den daz wazerchalp wehset unde machet 
den magen gesunt unde den gerne unmähtet, der wirt di, von 
gesunt. 



4. geawllet. 14. Hier eine Lücke von zwei Blattern, den beiden innern des ersten 
Quarternio — Bl. 4. 5, wie die alte FoHirung ausweist. Die Ergänzung von Z. 14. ze- 
unene bis Z, 17. geaunt ist der Münchner Hs, Cgm, 722, Bl, 28* entnommen. 21. cen- 
tariam 22.jare. 2!S. mit talle. 30. dfirft. 31. welchach. 



134 Dr. Franz Pfeiffer 

S6 dir daz houbet w& iuo , so heiz dir gewinnen ebboum, der 
an der erde lige, unde | siut den vil vaste in wazzer unde twach V 
dbz houbet d4 mit, s6 wirt ez gesunt. 

T#i der stimme. 

5 Wil du guote stimme gewinnen, so nim senef und male den in 

einem morssere unde fowe in vil chleine und temper in mit honeeh- 
seime unde mach drüz vil chleiniu zeltei unde iz diu vastunde, und 
wil du» sd tuo da zuo eymei unde kanneltn unde piretrum, diu rin* 
destA veile in den ehrämen. Nemugestü des niht gewinnen» sd nim 

10 gemalen phepher unde habe in lange in dem munde unde sKnt die 
speicheln; dar nach salbe die chel mit boumole , daz solt dft nemen 
in den munt: dd gesihst michel wunder von der stimme. 

T#n schöner varbe. 

Wil dö machen daz dtn antluze schdne st, sd nim lustechen unde 

iS siut in starch mit wazer, sd wirt dtn antiüze schdne. 

Wil dd dtn antluze aver junchlich machen unde schdne, sd nim 
eine henne | unde lege die in einen iiiwen havin unde versiut si 4* 
wtzem wtne, der wol louter st, unde siut si unze daz sich daz ge- 
beine von dem fleische Idse. 

20 Wil dfl machen daz der mensch sprechende werde, sd er vor 

unchreften die spräche beleit, sd nim polein unde ddhe die in einen 
ezich unde bint danne daz selbe polein in ein Itntn tuoch unde habe 
daz dem siechen für die nase: er wirt als palde sprechent. NehabestA 
des niht, sd nim ein pionienchorn unde lege imz üf die zungen, er 

25 wirt sprechent. Nehabestd des niht, sd wasche im die fOeze mit 
chaltem wazer; ist ez des wiiiders, sd sol daz wazer warm stn. 

Sd dd chumest über einen menschen, des dd zwtvel habest ob 
er genese oder sterbe , daz versuoch alsd. Sd der sieche in dem 
grdzen siechtuom beginne switzen von der brüst ouf unz an daz 

30 houbet, der genist wol; ist er starche truchen umbe die brüst , sd 
mach er niht genesen. 

Swenne der mensch ist | in grdzem siechtuome, verveliet im 4' 
danne der bouch an den ruke unde erlustet in deheins dinges, hlt 



i.derfehit, 12. mftnt. IS. wizen. 20. mesch. 23. 25. sprehchent. 27. eio i 
30. trfichen. 



Zwei deutsche Arxneibiicher ans dem 12. und 13. Jahrh. 135 

er daone cbalten sweiz» der stirbet an dem einleftem tage. Ist daz 
der mensch der erzente vasfe gert unde ime diu erzente wol zimet, 
der geniset wol. Swenne sich der sieche dicke chiret zuo der 
wende, daz ist niht guot. Sd er die nase Taste spizet und im 
diu nase weichet unde sd im diu ougen holent unde swindent 5 
uode sd im diu tunewengel unde die tuomen enphallent unde die 
lefse nider vallent unde im diu 6ren ehalt sint unde sich ver- 
werfent itwederthalbent, an swelhem siechen du disiu zeichen 
fiihst» zwire der ist veige. Sd dO chumest über einen siechen, 
sihstu danne daz im diu ougen hol sint unde im der munt offen 10 
stdt sd er siephet, sd soltü in Trägen, ob ez stn sit st daz er 
mit offem munde släffe; ist ez stn gewohnheit niht unde zehert im 
daz winster ouge, sd stirbet er an dem driten tage. Sd dd den 
' siechen grüezest unde in vrdgest, wie er | sich gehabe» wirfet er 
denne die heude über daz houbet unde zucket die füeze wol faste 1$ 
zuo sich, der genist wol. Sd der sieche allengähes daz houbet wirfet 
hin da die ffleze Idgen, gewisitche der geniset niht. Sd der arzet 
gdt ZOO dem siechen, cbdret sich der sieche zuo der wende, der 
stirbet des andern tages. 

Wellestd wol schiere versuochen, ob der sieche sterbe oder 20 
genese, sd nim daz harn, daz er geharnet habe vor mitter naht, 
unde giuz daz an ein grflene nezel unde schowe die des andern 
tages: ist si gröene sam d, sd geniset er wol; ist ave si erdorret, 
fil gewisitche sd stirbet er. In swelhem siehtuom der mensch zwir 
erniuset, der nestirbet in dem leger niht. 25 

Alle die wtle der sieche den grüenen rinch vor den ougen 
siht, sd er iz zuo tuot unde sd er daz ouge oben rüeret mit dem 
Tinger, sd nist er niht reige. 

Wellestd yersuochen, ob der sieche genesen müge oder des 
legers sterbe, sd nim eines wtbes spünne, diu ein degenchint ziehe, 30 
»^ unde nim | des siechen harn unde mische diu zesamen. Ist daz si 
fliezent under einander, sd geniset der sieche wol; schaidet sich 
daz spunne Ton dem harne, zwäre sd geniset er niht. Daz ist 
Tersuochet. 



4. gfith. 5. h51eo(. 6. tfimen. 7. ören. 8. dA fehlt ist fehlt. 11. slepheL 
12. offeo. 13. viDster. 15. zuchet. 27. siht /VA//, zue tfiet. 29. sihche. 



136 



Dr. Frao z Pfeiffer 



Swenne dA haßiser werdest, sd nim feDum grecum, daz ist 
chriechschez heu, daz rindest in den chrämen, unde nim ysopnm 
nnde poleiuro unde rtp den soueh dar Az unde trioch den soiieh 
lAwen, sd wirt ätn ebel hei unde lauter. 
5 Wil dA machen daz der mensch schiere sprechen! werde, ß6 

er sprAche beleit, sA nim populion unde salbe ime den guemen dA 
mit: er wirt als balde sprechent. 

SA dir ze den brüsten wA si, sA nim wilden chressen onde 
geiztne milch unde gib im daz ze trinchen alsA lAwez: im wirt als 

10 balde baz. NehabestA des niht, sA nim rAten unde siut die in eioem 
guoten wfne unde gib im den wtn alsA lAwen ze trinchen, sA wirt 
ime als balde baz. 

Swenne dir in der brüste unde in dem herzen | wA st, sA nim 5' 
marubium, daz ist retich, unde poleium unde siut diu zwei in einem 

iS wazer unde salze daz ein lüzel unde souf daz yastunde, sA wirt 
dir baz. 

Swenne dir sA wA st in dem hercen, daz dA geswillest, sA 
salbe dich mit ole unde mit milchsmalze unde seie danne dar ouf 
aschen, der Az fiehttnen rinden st gebraut, sA wirt dir baz. 

20 St daz dir diu brüst sfaßtechltchen wA (uo, sA nim retich unde 

rAten unde abrotanum unde zetrtp diu driu under einander unde 
lA si über naht in dem souge ligen und iz danne der erzente drt 
tage alle morgen, sA wirstA wol gesuat in der brüst unde dowest 
wol daz ezzen. 

%& SA der mensch niht slAphen mach, sA sol er nemen wermuot 

unde sol die wellen in einem wtne oder in wazer unde soufe daz 
alsA warmez: zw Are sA sIsBphct er wol. Nehelfe daz niht, sA nim 
ein wtnblat oder grüeniii wtiibleter unde zetrtp si under einander 
in einem wazer unde gib im daz ze soufen, sA slsfet er als balde. 

30 I Swenne dA weder ezzen noch getrinchen mögest noch 5' 

verdeun, sA nim millefolium, daz ist tousentbleter, unde souf daz In 
einem lAwen wfne. 

Wil dA machen ein electuarium, daz guot ist ze dem hereen 
. unde ze der brüst, sA solt dA nemen ysop unde wtz marubiam, 

35 a^Iaere unde typtannum unde mule diu vil raste under einander unde 



2. chrieches. 19. fietkiD«ii. 27. siephet. 2S. vinbleter. Tnder ander. 



Zwei deuUche Arzneibucher tut dem 12. und 13* Jahrh. 137 

femper si danne mit honeeseime unde tuo dft zao ein iQzel milech- 
smalzes. Wellestflz suoze machen» sd tuo dar zuo kanneltn unde 
ander guote species; si süln aver alle geltch ge wegen stn. 

Wellestü machen ein guote erzente zuo der brnst, sd nim daz 
ehrout, daz d& heizet nepita, unde rAten unde polei , daz man S» 
an den wisen vindet, unde abrotanum unde epphih. Von disen fünf 
chrouten soltA machen mit honege ein wirz unde souf die vastunde 
unde sd du siäphen gtst. 

Manech mensch ist, daz den sin verliuset Ton etteltchem sieh- 
tuom. Sd nim solseqium, daz ist ringe!, unde abrotanum unde saWei 10 
6' unde mQl diu driu zesamen unde beize | diu in wtne unde trinche 
den wtn mit würze betalle nOehter fQnf tage, sd wirstd gesunt. 

Wil dA daz antluze unmize scdne machen, sd nim einer eselinne 
milch unde twah daz antffize di mit des äbendes unde nim danne 
labestechenwurz unde siut die in wazer unde rtp den souch ouz unde IS 
twaeh daz antlüz ii mit des morgens unde sih danne in einen Spiegel, 
dd sihst michel wunder Ton der scdne unmäzen. 

Sweme diu sfte wd tuet oder den der steche mQet , sd nim 
honech unde milch, diu zwei samt erwallen, unde stdz dd in ein 
Itoein tttoch und legez denne an die rippe: zestet wirt im baz. 20 

Wil dd daz pluot verstellen , sd nim einen vilz unde besenge 
den yU raste unde nim ein michel teil der phloumyedern unde mache 
dar ouz ein puIver unde ssege daz in die wunden unde biiit den be- 
smcten vilz dar über, sd rerstdt daz pluot als palde. Nehelphe daz 
6^ niht, sd wasche im die nieren in einem ezich, sd | yerstdt daz 25 
pluot. 

Sd dd den ubelgetdnen nagel schiere wilt rerlrtben, sd nim 
honieseim unde auripigmentum unde ein wahs unde bint daz über 
den nagel, schab ine mit einem sntdegen mezer, daz er beginne 
bluoten, sd wirt der nagel schdne, der da ndh wahset. 30 

Diascordes ein meister der saget, wie man der geswulst helfen 
solde. Er sprach, man sül nemen toubenmist unde girsttn mel unde 
temper diu zwei zesamen mit ezich unde lege daz pluster über die 
geswulst, sd entswiflet si. 

Wil du die besten salben machen zuo der wunden, sd nim einen 3^ 
a unde siut in in einem wazer unde samen daz smalz, daz dd oben 



6. hexet 6. fivnf. IS. siUe. m&t. 23. sege. 32. girsiim. 33. div g. 



138 Dr. Fraoz Pfeiffer 

i»esti» in ein schdnez vaz unde nim danne ein henne unde ein gans 
linde samen oueh daz smalz unde nim danne souch der salbei unde der 
rAten unde der wermuot unde des eboumes» der an der erde Itt, unde 
des ehrdtes, daz da heizet huntszunge, unde pere daz under einander ; 
K daz heizet diu wurzesalbe. Swelh | wunde da mit gesalbet wirt, 6* 
diu bedarf deheines phlasters m&re unde hauet schierer danne iemen 
gelouben mach. 

Swem der trophe wirret oder der sdr ist an der haute, der sol 
nemen wermuot und sol die vil lange pern mit honech und mach 

10 drouz ein phlaster und lege daz an die stat, da im w£ st, in einem 
leintnen tuoch. 

Wellestd daz pluot schier verstellen » sd nim des flchpoumes 
ehern und chnit den mit dem ivfzen des aiges unde gehalt daz swie 
lange dd wellest. Da Ton verstSt daz pluot. Swem aver daz pluot 

i5 vaste ouz der nase rinnet, der sol nemen einen hirztnen riemen und 
bint im die arme vaste bt der Schulter und nim danne den ehern, 
der in dem hörne st, und rauche dem menschen da mit und schiub 
im stn ein teil in die nase, sd verstet daz pluot. Newelfez niht ver- 
st^n, sd nim grdze nuzschale unde fülle die mit peche, daz in | einer 6« 

20 phanne zeläzen st, unde stürze die beide an die tinne (daz pech sol 
]i stn), sd verst^t daz pluot. 

Sd dem manne stn geschaft wd tuo, daz der zagel heizet, sd 
der vaste geswillet, sd nim phepher unde ingeber unde wtrouch 
unde »laere unde pere diu under einander unde bint daz umbe die 

25 geswulst, im wirt als palde ba? 

Sweiich mensch ist ouzgebrosten, wil sich der schiere heilen, 
der sol nemen alare und mül den mit altem smerwe und salbe sich 
mit der salben bt einem fiure : als palde heilet diu hout und wirt 
scdne und linde. Dük solt den alare sieden in einem ezich. 

30 Sweiich mensch reudich ist an dem Itbe, der sol nemen einen 

retich unde siede den in wazer unde bade sich mit dem wazer. Sd 
dd wol geswizest, sd wirstd gesunt. • ^ 

Swenne du dehein lit verlenchest oder sd dir der fuoz oder 
daz enchel geswelle, sd nim poleium , pere den mit salz unde bint 

35 daz dar über, | sd wirt dir baz. Nehelphe daz niht vi! schiere, 7* 
sd nim rdten unde pere die mit hirztnim marge. Nehein geswulst 



8. wo.rm&t. 17. meosch. 27. salbem. 30. rfidich. 



Zwei deuUcbe Arzneibücher aus dem 12. ODd 18. jMbrli. 1 39 

ist, gemachestüdie salben da mit , si entswelle als balde. Nehelphe 
daz niht schiere, sd nim zieutaui , daz ist scherlinch, in wazer unde 
siut baz aode lege si Ober die geswulst alsd warme, ande hüete 
daz du der würze iht enbtzest, des gewünstA schaden. 

Sd dir daz houbet w£ tuot , so heiz dir gewinnen epoum, der 5 
an der erde liget, unde siut in raste in wazer unde twahe daz 
houbet da mit, sd wirt ez gesunt. 

S6 dir in den zenden w& st, so nim gemainen phefer unde 
mische den mit wtne unde habez in dem munde , s6 wirt dir baz. 
Nehelphe daz niht, so nim die würz rerbenam unde siut die in altem 10 
wtne und habe daz in dem munde. Swie gröz der w£ st, er zeg£t 
als balde. 
7^ Wil dA den zantswern | schiere bQezen, sd scrtp an daz wange, 

dem da w£ st , disiu wort: „Rex. pax. nax. in Cristo filio**, sd wirt 
im baz. IS 

Swem arer die grdzen schuze g£n in die zende oder zuo den 
ougen • der neme phefer unde wtroch unde gebrande bdne unde 
mach Az disen drin dingen ein puher unde temper daz mit dem 
wtzen des eies unde strtchz an ein irich unde lege iz alsd über daz 
wange an die ädere, sd sihstA michel wunder, want da enchumet 20 
nimmer hein schuz für. 

Ypocras der schrtbet Ton der agrimonia , swer an dem ougen 
Terlenchet wirt, oder dem etwaz gesieht an daz ouge, daz ez rdt 
wirt , der sol nemen diu bleter agrimonie unde mul si fltzchltchen 
unde misches mit dem wtzem des aies unde lege daz flzerhalp über 25 
7* daz oage (ist daz ouge geswollen, für daz ouge): er wirt | ge- 
sunt Ton der chreftigen würze. 

An dem selben buoche sd schreip Ypocras , swem daz Tel st 
für daz ouge gegangen, der sol nemen einer swarzen chatzen houbet 
unde brenne daz ze bulTcr unde blise daz in diu ougen; er wjl daz 30 
▼il gewisitchen, st er ein j4r gewesen daz er nie stich gesach, er 
werde gesehent. . 

Swem wurme die zende holntunde die bilare ezent, nime bilsen- 
ole unde bere daz mit wahse unde mach eine eherzen unde stecke 
die in eine sehuzel, di ein luzel wazers inne st: sd diu cherze en- 85 



10. die fehit. 20. michl. 25. missches. 33. di wrme leode. 



140 Dr. Frftnz Pfeiffer 

brinne» sd habe die zende dar über, ad Tallent die wurme alle iu 
daz wazer. 

Sweme die nieren geswellent, der neme bdne unde sol die 
sieden in einer louge unde lege die danne an die stat unde beize 
5 die di mit, unze diu geswulst zerg^. 

Sd deheime menschen w& st an dem ehnie oder an deheiner 
fuogean der | lide liden, der sol die egelen immer selzen niderhalbe 7* 
unde sol si üzen sügen, unze si selbe vallen; dar nach sd lege Af 
den biz wegerich oder ein ander chrAt, daz daz gesuhte Az ziehe. 

10 NewerdestA da von niht gesunt» sd nim wegerich unde mule den 
mit würze mitalle unde lege daz phlaster über die geswulst oder an 
die stat» dA dir wA st, oder dA lege dar an wermuote, diu wol ge- 
hört st mit anchsmerwe. 

St daz gelit sd harte Terstdzcn, daz dA dich der leine dA rer- 

15 sehest , sd nim sambuch daz chrAt unde mach Az dem souge ein 
salben mit rdsenole oder mit vtole. Diu selbe erzente ist guot Tur 
die lem an den fuezen oder an den banden oder ander geswulste. 
Nehelphe daz niht schiere, sd nim bilsenole unde temper daz mit 
rdsenole unde salbe die geswulst: dir wirt schiere baz. 

20 Wil dA die mAsen heilen, daz si niemen chiesen muge, sd nim 

wtroch I unde mirren unde die sine wellen aristologiam- unde mule 8" 
ein Itntn tuoch unde in wlne beize daz unde daz bulver, daz dA dA 
gemachet hAst Az dem wtroch unde Az der mirren und Az der 
aristologiam, daz ist ein species in den ehr Amen, unde saeje daz 

25 puiver in die wunden oder an 'die mAsen, si verwehset als palde. 
NemugestA des niht gewinnen, sd nim hasenbein unde roanfende 
unde gebrandez hirzeshorn unde phepher unde auripigmentum unde 
wtrouch unde mirren unde aloes: Az disen dingen soltA machen ein 
stuppe unde ssee daz ouf die wunden: dA solt aver A die wunden 

30 waschen mit eziche oder mit wtne. 

Sd daz mensch diu unchraft angdt, sd nem wtrouch unde 
masticum, temper daz mit dem wtzen des aies oder mit minzensouge 
oder mit rAtensouge unde legez Af den bouch. Sd diu wunde be- 
ginnet swinden, sd nim | wegerich unde mule. den unde nim den 8^ 

SS souch unde den souch rubi der stAdelen unde temper daz mit gir- 



7. frege. niderhalpe. 11. mitUIIe. 24. s4ie. 20. se. 33. dem. 



Zvfl deutsche AnneibScher ans dem 12. nnd 13. Jahrb. l4 1 

stfnem melwe unde lege daz da flf, sft wirt diu wunde linde unde 
heilet doch schiere. 

Swä daz fleisch beginnet fAlen oder t6ten, dfl solt nemen einen 
leim dz einem ovene » der wol rerbrant st , unde temper den mit 
ezieh unde lege dar df, unde als daz t6te fleisch rdten beginnet , sd 5 
wirf daz plasfer abe unde lege aver ein anderez dar üf unde tuo 
daz die ^t\e dA des tdten fleisches iht sehest. 

Wil da daz pluot schiere verstellen , sA nim eins swtnes misf, 
daz gras ezze , unde werme den mist ril starch unde lege den mist 
an diestat« dA daz pluot Az rinnet, sA verstAt ez als palde. Nehelphe 10 
daz niht» sA nim yerbrunnen leim unde zetrtb den mit starchem 
^' ezieh unde lege den über die wunden ; rinne aber daz pluot Az | der 
nase, sA salbe dA die tinne tII vastemit dem selben leim, sA verstAt ez. 
DA seit nemen ein eigerschal unde leges in einen starchen 
ezieh, unz si sA waich werde sam daz aie in der henne ist, unde 15 
nim die schal danne unde leges an die sunne, unze si wol truchen 
unde herte werde, unde mul si ze stuppe unde gehalt daz stuppe 
swie lange dA wil: »n sweihe wunden dA daz stuppe gesseest, daz 
pluot TcrstAt als palde. 

SA den menschen diu nAter heket, sA nim eint würz, heizet 20 
dragentea, die seltA nemen unde siut si in ezieh unde gip im die zo 
trinchen: als palde fert daz eiter von ime. SA soItA denne einen 
Wegerich nemen unde mul in mit würz mitalle unde leg in über den 
bizunde bint einen hirztnen rienien für die geswulst, sA wirt der 
nensch in drin tagen gesunt. 25 

Swenne dir gesaget werde, daz ein mensch vast bluote, sA sende 
8' dioen boten binze wazer | unde gebiut dem boten, daz er niene 
spreche underwegen. SA dir daz wazer brAbt werde , sA seihe 
iz einhalp durch dtn hemede in ein ander vaz unde sprich danne 
disiu wort : «In nomine patris et filii et spiritus sancti. N. caro carice 30 
eonfirma Tsmaheli te.^ Daz tue drtstunt unde gip dem boten ze 
trinchen , ob der dA niht st der dA bluotet: zwAre ez verstAt als 
palde. 

Swenne dir wA st an deheiner stete in einem lide oder sus von 
deheiner geswulste , sone darf dA niemAr tuen , want dA nim wer- 35 



S. tobte. 7. fleisch. IS. stupte. 19. geaehat. 22. avit. 24. mittall«. 28. nine 
3«. niner. 



142 Dr. Frans Pfeiffer 

muot uade siut die in louterem wtne unde lege die aber dtn ge- 
swulst, sd zerg^.t si als palde. Daz ist versuoGhet. 

Swaz siechtuomes dA an den fuezen hast, sd nim wegerieh 
uude mule den mit einem chleinen salze unde lege den dar nber, 

5 s6 wirt dir baz. Daz ist versnobt. St aver der fuoz sd geswollen, 
daz er welle Az Tallen, sd nim geiztnen mist und brenne den ze poU 
yer unde siut daz pulrer mit ezich unde temper daz mit honege 
unde mache | dar Az ein phlaster unde lege ez über die geswulst, 
sd wirt dir baz. 

10 Swem die nieren geswellen, der nem die würz cicutam unde 

beize die ein luzel in asehen unde bere si danne in ezich unde lege 
die danne alsA in ein tuoch Af di^ geswulst unde bint ez dar an: 
über zwftne tage wirt dir baz. Nehelfe daz niht, sd nim rAten 
unde des Idrboumes bleter unde siut diu in ezich unde leg an die 

15 geswulst» sd wirt dir baz. 

Deme die gemähte yast geswellent, der nem den souch Az der 
cicuta unde ole unde ezich unde honech unde zetrtp diu ?ieriu rast 
under einander unde lege si danne in einer geize wolle und bint die 
sd in die geswulst: über zwdne tage wirt dir baz. 

20 Sd der mensch geswiileft von dem läzen» sd nim rAten unde 

wermuot unde cymein unde salz unde geraten unde her diu elliu 
ander einander unde werme diu in einer phanne unde mach dar ouz 
ein phlaster unde leg daz über die | geswulst: sd entswillet ez. 

Wil dA machen ein eiectuarium dtnem guotem friunde, daz wol 

25 furbet die brüst unde woi dowet unde doch sCIeze ist» sd nim veni- 
chelsAmen unde petersilsAmen unde rdsensämen unde cynamomum 
ande liquiricii souch unde mule diu zesamen elliu unde temper daz 
mit honechseime unde iz daz alle tage nAh dem ezen: dA bist immer 
gesunt zen brüsten. 

30 Polipodion heizet ein chrAt» swenne daz geschdz stecket in 

dem menschen, sd nim chrAt unde würzen unde mule unde bint ez 
aber die wunden. Die selben würzen funden drste diu tier, diu 
Yon den jageren gesdret wurden. Sd si die würzen geezent, sd 
werdent si desgeschdzes Aue. BindestA die würze anderhalp gegen 

35 der wunden, sd vert daz geschdz Az. 



1. vermät. werg^erich. 17. vierS. 25. forbest. 34. werden. 



Zwei deutsche Arzaeibucher aoB dem 12. und 13. Jahrb. 143 

Swä der mensch geswilt» sd nistim niht sd guot so ditze. Nim 
9* wtzen swebel unde siut in | in starehem wtne unde bint in über die 
geswnlst, unzesi nidersitz; 86 mul yerbrunnen leim unde temper 
den mit wtzem des aies unde lege daz phlaster über die geswulst» 
sd wirt dir als palde baz. Nehelph daz nibt, s6 nim vil diekez pier 5 
onde niro dar zue eziches daz vierteil unde daz ahteteil boumoles 
unde siut diu elliu samt unde salbe die geswulst da mit: si zergdt 
als palde. 

Wil dd ein vil guot salben machen zailer slahte wunden unde 
vur den ubelen trophen unde für daz übel pluot, daz in dem Itbe ist, 10 
sd diu vaste angSt, sd nim chazensmer unde eines dahses smer unde 
bernsmer unde einer alten geize smer , diu in dem holze gezogen 
st : disiu diuch soltü vil ritzechltchen' bern unze siu oben dicke 
werden als ein gebertez wahs ; dar nach sd nim einen vladen hone- 
^ ges, da vil inne sei , unde nim wermuotsouch | unde ephichsouch IS 
unde maratrisouch unde mische die alle under einander unde pere 
si vil vUzechitchen wol einen halben tach. Die salben mäht du 
gehalten swie lange du wilt. 

Wil du versuochen, ob der wunde man sterben oder genesen 
schule, sd nim pibinellam unde zetrtp die in wazer unde gip im die 20 
würze alsd in dem wazer ze trinchen : sol er genesen , er verdowet 
di würze, sol er sterben, dd vindest die würz in der wunden. 

Sd dem menschen die hende oder die füeze schrindent, sd nim 
rdten unde ole unde lüterz wahs unde per daz under einander unde 
salbe die schrunden da mit, sd werdent sie heil. 25 

Ein meister hiez Johannes Furia, der schreip stner frlundinne, 
diu hiez Cheopatra, dise erzente. Er sprach: welle daz här üz 
gen, sd nim newen chalch unde derre in vitzechltchen in dem Gure 
unde nim auripigmentum (daz ist gelwe varwe) unde ole unde nim 
10*060 chalch in einem niwen haven unde luzel wazers unde | oles 30 
auripigmentum unde iä daz under einander wallen. 

Swenne dd danne versuochen wellest, ob ez frume st, sd nim 
ein rüche vedere unde stdz si da tu: wirt si als palde bidz, sd ist 
diu erzente gar; ist des niht, sd lA si als lange wallen, unze diu 
veder bIdz werde. Sd gehalt die erzente: swä dd si hine strichest, 3S 
ii wirt diu hout bIdz als ein glas. 



U. gebentez whaa. nim] mit. 17. mähte dv. 27. herzenie- 



144 Df. Franz Pfeiffer 

Sd daz pluot rast rinnet, daz verstelle sus. Nim wilde minzen 
unde mule die unde leges alsd toumige über die wunden oder in die 
nas» an der stat verstSt daz pluot. Odir s6 dir die yfleze w6 tuoot 
oder diu enkel oder sd du dehein geswulst habest, sd nim polei 
S unde rtb si danne unde baize si mit ezich unde mit salz unde legez 
ouf die geswulst : als palde entswillet si. 

Sd der mensch unmäzen bluotet, sd nim diu ehleinen ehornelto, 
diu an der wtnrebe wabsent, an diu ber, unde trucken diu an der iq» 
sunne unde gip im siu ze trinchen J in einem wtne. Nehelphe daz 

10 niht , sd nim diu pleter der grüenen papelen unde brenne diu in 
einem Idterem 'wtne , unde mugestd gewinnen basilien die würz, die 
mische da zuo. St des niht, sd bewil die papelen alsd gebrande 
in einem ezich unde lege si an die stat, diu da pluotet, sd verstit 
ez. Nehelphe daz niht, sd mul lapatiiih), daz ist cblette, unde mache 

IS drdz einen chldz unde lege den an die stat, diu da pluot, sd Ter- 
stdt ez. 

Ditie saget y#ii dem hoobet unde you alle dem dai dA iv# \krtU 

Swem diu ougen tunchel werdent, daz er niht wol gesehen 

20 mach, der sol nemen wtze myrren unde sol die ze stuppe malen 

unde temper daz mit honecseime, der wol gesiede an rouoh ouf der 

glQete, unde salbe diu ougen da mit: si werdent schiere Idter unde 

schdne. 

Sd dem menschen diu dren Ter | wahsent oder Tervallent, 10* 
25 daz ez niht gehdren mach, sd nime eines widers galten unde misch 
die mit eines wtbes spunne unde giuz daz in daz dre. Nehelphe 
daz niht, sd nim die maden, die die ämeizen tragent, unde mule si 
in einem morser unde temper die mit wtbes spunne unde mit olc 
unde giuz daz in daz dre: er wirt in churzer stunt gebdrent. 
30 Nim würz, heizet barba Jovis, hirzwurze, die sol man mulen 

unde trucken durch ein tuoch unde t^ouphe daz in daz dre» daz ist 
guot. 

Sweme aver sus turlem in den dren oder wd st, der nem mincen 
unde mule die unde trophe den souch in daz dre, er wirt gesunt. 



iaö dir fehlt, 9. wiune. 10. grünen. 12. sA] si. 15. den /VAft. 10. 24. diu] di. 
21. rftcb. 22. glvte. 24. v^rwallen. 29. gieze. 31. durch*] druch. 34. dem s. 



* Zwei deutsche Arzueikucber aus dem 12. und 13. Jalirh. 145 

Swem diu ougen rinnen, der nem eins phares gallen unde eines 
iJes gallen unde den souch der würze yerbena unde fenechelwurze 
unde rfp den souch dar ouz unde misch diu alliu zuo einander unde 
werme siu bt einem fiure unde sth iz danne durch ein tuoch unde 
lO'giuz si danne alliu samt in ein hörn oder in ein chopher | vaz unde K 
strtch die salben üzen umbe dazouge: iz wirt schiere gesant unde 
trucken. 

Swem die brä s^r sint , der nem antimonium unde sitphe daz 
an einem steine unde beize daz in einem ezich unde giuz daz in ein 
Mn vezelfa unde setze ez an den luft drt naht, dar näh salbe die 10 
brd d4 mit, sd werdent si beil. 

Swem diu ougen tunchel sin, der nem patönjen unde welle si 
in einem wazer unde trinch des wazers gein einem guoten trinchen: 
diu erzente (ribet daz übel von den ougen. 

Celidonia heizet ein chrdt , der daz mulet unde den souch trte- IS 
stuiit trophet in daz ouge, dem wirt ez gesunt unde vil heiter; ze 
gltcher wti , swem ?or den ougen nebelet , der nem rAten unde 
ephich unde veuichel unde mul diu driu under einander unde troufe 
densouch in diu ougen. 

Centauriam daz chrdt sol man mulen unde sol ez tempern mit 20 
honecseimo unde diu ougen da mit salben, sd werdent si heiter unde 
11« lieht. NemugestA diu ougen anders | niht heiter gemachen, sd nim 
eines bannen gqllen unde temper si mit honecseime unde huote dich 
ein jär vor dem rouche unde vor dem starchen glaste unde iz die 
erzenie alle tage, sd häslA immer mdr guotiu ougen. 25 

Ein würze heizet simphontaea. Swenne dir wd st an den zan- 
den, sd nim die selben würze unde rip si vast an die zende: sd wirt 
dir ze stete baz; unde hOete dih, daz dd der würze iht verslintest 
des gcwunsfü schaden. 

Swem die oberen bräsdr sint oder dem si sus wd tuont, der 30 
neme wilden chressen unde müI in unde temper in mit wtzem 
wtne unde leg über daz sdre : sd werdent si schiere beil. 

Sd diu ougen sdr sint , chumet der siehluom von dem bluote, 
si sint diu ougen rdt unde heiz unde griekech unde gdnt die schöze 
vaste dar in, sone wart nie nehein erzente bezzer denne daz er 35 



11. si fehU. 21. si fehlt. 22. Hhi. 23. bannen , so. hfitte. 24. ruche. gnlste. 
29. schänden. 30. dir obreren. 30. sfis. 31. mfil. 32. chire. 
SiUb. d. phiU-bist. Gl. XIJI. Bd. I. Hft. IQ 



1 46 Dr. Franr. Pfeiffer 

diu ougen habe in ein wazer , daz geregenet st , so wirt im als 
balde baz. 

So die wurme wahsent in den dren | oder sus da tn choment, 11^ 
so nim phersiehpleter unde mul diu unde giuz den souch in diu 
5 oren, so sterbent die wurme. Nemugestü des souges niht haben, 
so nim einen spech unde zeläze den unde giuz daz sroalz in das 
6re, so wirt dir«baz. 

Sweme diu nase innen zebristet , daz si ron den miehelen 

scbrunden stinchet, der suoehein den edelen chrämen ein speciem, 

10 diu beizet geralodion laxatium, unde stiteh daz in die nas, sd wirt 

im baz. Nemugestd der speeie niht gewinnen» sd nim die blaieh- 

grQenen salben unde strich die in die nase. 

S6 dem menschen daz houbet wS tuet staetechifchen » daz ist 
colerica passio, der siehtuom chumt von dem unmsezitchen blaote. 
15 Den siehtuom soltü da bt merchen. Swem der siehtuom wirret, 
dem sint diu ougen rdt unde mach niht gesidfen unde mach den 
sunneschtn niht ane sehen unde sdsent ime diu ören | unde rtsetii* 
im vil dicke daz här üz. Wil du des siehtuomes helfen , so nim 
ezich unde misch in mit rösenole oder mit vfolisole unde douhe ein 
20 duoch dar U\ unde bint daz umbe daz houbet unde Uze ez ge- 
truchenne unde douhe iz ayer dar in unde bintz umbe als6 unze 
daz houbet wol gesunt werde. 

Newelle daz gesuhte niht da von» sd nim populion unde temper 
si mit ole oder mit den violis oder mit dem souge , der ouz dem 
25 swambuoch wirt gemachet. Swä du daz strichest umbe daz houbet, 
di muoz daz gesuhte fliehen. 

Beginnent diu ören gellen, nemugestü dem menschen anders 
niht gehelfen, so muost dd im daz houbet beschern unde mQl danne 
epphich unde nim den souch unde temper den mit rdsenole unde 
3Q salbe daz houbet dk mit. 

Nehelphe daz niht, so sol er daz houbet baeen mit geiztner 
milch oder er neme eines widers leber als6 warme unde bint die 
I umbe daz houbet oder du schürfe einen bannen unde wirf daz ii' 
ingetuome uuz oder dd nim ein weif unde bint ez alsd warmez umbe 



4. mul. S. des niht sovges, doch mit zwei Umstellungsstrichen, 11. spiele. 
13. tfint. 19. 21. duhe. 24. mit dem s.] U2 d. s. 26. fliehen. 27. den m. 31. b^n. 
33. hanneUf so. 



Zwei deutsche Arzneibücher ans dein 12. nnd 13. Jahrh. 147 

daz hoobef, so muoz daz gesuht fliehen , unde salbe .die nase inner- 
halp mit r6senole, daz des gesuhtes iht belibe. 

St daz sieh daz vieber von dem gesuhte heve» daz dd niht ge* 
slifen mugest • s6 nim papelo unde vfolas unde mägenehrout unde 
siut diu drin in einem wazer unde setze diu bein dar in unze an diu 5 
cboie. S6 dd siu danne wol gebaizest , s6 salbe die fueze unden 
an der solen mit populion oder mit rdsenole. 

S& diu oren nsih dem vieber susent, sd siut eier in wazzer 
daz 81 herte werden unde nim die toter unde trtp die dureh ein 
ebleinez Untn tuoch : daz danne dar üz rinne» daz trouphe in daz 10 
\nife, so wirt im des süsens buoz. 

Wil du die zende wfz machen, s6 nim die würze des linseo- 
IS'chrütes unde schab die rinden abe unde rtp die zende | vast dk mit, 
ti werdent si wtz. Nehelphe daz niht, sd brenne einen bumez ze 
palver unde nim die hal , di die nuze inne sint, unde truchen die 15 
unde rtp die zende wol vast mit den zwein, s6 werdent si schone 
OAde wtz« uude leiche si danne mit einem wtzen marmelsteine. 

Sd dich die pylar swerent oder bluotent, sd nim die rinde male 
granati (daz vindestd in den chrämen) oder die rinden ab dem 
labstechen unde siut die in einem wazer unde habe die rinden lange zo 
im munde unde schrephe danne under dem chinnebein oder dA setze 
die egelen an den chinnebaehen. 

Morphea ist ein siehtuom , i\& von chumet vil dike daz dem 
manne diu barthdr üz vallent. Wil du des helfen, sd rib zem drsten 
die bloeze, daz si nähen beginne bluoten, unde nim beien, die man 25 
tite vittde in dem honege, unde brenne die ze pniver unde rtp daz 
pulver vast an die stat, sd beginnet daz här wahsen. 
12^ Swem die brä sdr sint, der nem eboum unde | mule den unde 
temper in mit wtzem wtne unde strtch daz an die brft, sd hei- 
lent si. 30 

Swem diu ougen wd tuont» chumet der siehtuom von dem bluote, 
so sint si rdt: der Uze an der halsdder unde nem rdsen unde mul 
die unde temper si mit dem wtzem des aies: des morgens '>vasch 
diu oogeu mit dem wazer, da die rdsen inne gesoten sint, sd wer- 
dent diu ougen gesunt. 35 



1. fliecheo. 3. sihch. 10. tfTophe. 11. sahsens. 12. lisenchnites. 14* bfimez. 
18. blSien. 

10* 



148 Dr. Franz Pfeiffer 

^ Sd dem menschen der raunt stineh, ist er junch , sd nem eio 

getranch des sumers» ist er alt, sd nem ez des winters. Chumt der 
stanch niht von den zenden« sd ist der mage aller ersworn, s6 dur- 
stet den menschen yil starche unde sint imo die lefse vil dQrre. So 

5 nim merswaz unde siut in vil starch in wazer unde base im den 
bouch da mit unde mit heizem brdte« unz sich der bouch wol er- 
ledige. Sd nim danne ein habermel unde siut daz in wegericbes 
souge unde niuz daz | vastunde des morgens fruo siben tage, sd 12" 
wirslA gesunt. 

10 Wellestd machen, daz dich dine vfnde mOezen vermtden , sd 

scrfp an ein plige oder an eine zintne tavel sinen namen unde dise 
buochstabe: 1|^*1|^« ^' it« '* ^* $* ""^^ trach den brief under 
dtnem fuoze. 

WellestA versuochen, welich wtp gerne man habe, sd nime 

15 ruobe unde mul si in einem Ifntnen tuoch: umbe eine wtle vindestü 
dar inne wurme. 

Swer daz welle machen , daz in die hunde niht anpeilen, der 
trage in der hant der wiselen zagel unde hasenhär in der anderen, 
oder er habe eines hundes herce bei im unde trage eines hundes 

20 zunge under der meisten cdhen. 

Wil dd die vogel vähen mit der hant, ein würze heizet cycuta, 
daz deutet schärlinch, die selben würz nim unde wingerwen , unde 
sd dd den souch gewin | nest dz der würzen, sd misch die gerweni^' 
zuo dem souge unde beize dd inne weize : swelch yogel des enbtzet, 

25 der mach niht vliegen. 

Wil dd den harnstein schiere brechen, sd nim buochtnen pluot 
unde truchen daz an der sunne, unz iz herte werde; sd nim den 
pluot danne unde temper in mit wtzem w!ne unde gip imz alsd 
Idwezze trinchen des morgens unde des nahtes, sd er sldfen sule 

30 gdn , sd muoz der stein bresten. Daz ist versuochet. Sd der stein 
denne zebreste, sd sol er immer hirse unde petersil niezen,sd newah- 
set im der stein niht mdre. 

Wil dd den harenstein vil gewisltcben brechen, sd merche dise 
erzente , wände Ypocras wil , swelchem menschen der stein nine 

35 breste von diser erzente , der wirt sin nimmer ledich, man sntde*n 



5. be. 11. einen plige. 15. robe. 21. viichen. 22. dfilet 28. plrde. wint 
)vizem. 29. schlafen. 34. steine. 



'Zwei deutsche ArzueibQcher aus dem 12. und 13. Jahrb. 140 

itn Az. Nim einen hasen alsd ganzen , daz dar abe niht rerschertet 
st, weder här noch ehid, unde wirf in in einen haven | unde yermaeb 
den hären oben mit leime, daz der tamph ninder ouz nemeg; s6 
setze den haven danne enbor unde mach da umbe fiur als lange» 
iinze der has ze pulrer yerbrinne. Sd solt du danne honeeseim ob 5 
der glQete sieden unze daz er verschoume. Sd nim danne des hasen 
pnlrer also dicken als ein electuarium unde mach daz mit dem seime. 
Die erzenie sol der sieche vast ezen des äbcndes unde des morgens, 
56 beginnet sieh des Ersten fages der harnstein chlieben. Als er die 
erzenie verbiderbe, sd mach aver eine ander, unz er des steines gar 10 
ine werde. Als der stein danne von im vert, sd tuont im diu schir- 
ber vil w&: sd sitze er in ein volpat, sd wirt er sin vil Übte ine. 

Wil du wercen vertrtben , sd nim einen halm unde brenne die 
wercen mit des halms lide unde nim danne wilden chressen unde 
senef unde mQl die zesamen unde lege diu zwei über die würzen 15 
der wercen : si verswindet twerhes über naht unde wehset nimer. 

Swem daz här ouz rtset, | ezne s! daz ez von der alten chalwen 
sU der sol nemen honeeseim unde rtbe die stat wol vast da mit unde 
nem danne peien, die man Idt in dem honege vinde, unde brenne 
die ze pulver unde rtp daz puIver danne wol vast an die stat, Ai daz 20 
här ouz rtset ez niemer ouz unde wehset daz junge här doch vast. 

Wil dd die mihven schiere vertrtben, sd nim des howessAmen 
ande brenne daz unde mach dz dem aschen eine louge unde twahe 
dir da mit, sd sterbent die milwen alle. 

Wil dd die wercen vertrtben, sd besenge si d mit eines roktnen 2S 
halms lide unde nime danne zuivol unde welle den mit ole oder mit 
8ina!ze unde legez üf die wercen : si verswindet gar. 

Nim die würz in dem wazer, da daz breite blatobe swebet, 
unde nim meischez smalz ünde siut die würz da mit unde salbe 
daz houbet, sd wahset d»z hiv, 30 

Nim epieh und brenne | in unde habe in einer für die nas, diu 
di sprichet« st sei dirne: ist si niht ein dirne, sd beseichet si sich. 

Swenne du die harn winden hast» sd nime papelen unde chno- 
Telouch unde siut diu in guotem wtoe unz ez drtstunt tngesiede undn 
trinch den wtn danne, sd wirt dir paz. Nehelphe daz niht schiere» 35 



2. Werder. 4. fivre. 5. honecsetine. 6. rersAeme. 12. Uthe. IH. werswindet* 
22. niil'.veiii. 33. elinoveliich. 35. dem w. 



150 Dr. FranzPfeiffer 

sdnimephersichcherae unde eichelen uade brenne diu zwei ze pulver 
mit schule mitalle. Swem der barenwinden von disem palver niht 
buoz wirt, der hat vil gewisUchen den harenstein. 

Ein ehrout heizet verbena^ daz ist fOr manich dinch nutze ande 

8 guot. Von dem selben chrute saget uns Macer, der best arcet, der 
ie wart, daz si habe grdze chraft an ir, swer si neme mit würz mit- 
alle unde bedecke si in der cesewen hant unde ge zuo dem siechen, 
daz er der würz niht irme werde, unde | Sprech zuo im: «wie ver-i3< 
sihestd dich ze leben unde wie gehabesld dich?**; sprichet der siech 

iO daune: „ich gehabe mich wol", zwar, so geniset er wol; sprichet 
er: „ich gehab mich übeh, sd enchümt er nimmer ouf; spricht er: 
„ine mach mich nü niht baz gehaben*" oder: „ich gehabt mich 
gerne biiz , möht ich^, so geniset er wol ; er muoz aver michel 
arbeit Ifden in dem legere. Der die selben würz graben wii , der 

\^ sol si umbertzen mit golde utide mit silher unde sprech dar obe 
einen pater nöster unde credo in deum unde sprecb: „ich gebiute 
dir, edeiiu würz rerbena, in nomine patris et filii et Spiritus sancti 
unde bf den zwein unde sibenzech namen des almehtigen gotes 
unde bt den vier engelen Micliahel, Gabriel, Raphahel, Antoniel, bt 

20 den vier öwangelisten Johanne, Matheo, Luca, Marco, daz du neheine 
tugende in dirre erde verläzest, dune ^fst immer | in mtner gewaltig. 
mit der chreft unde mit den tugenten unde dich got beschaffen hat 
unde gezieret, Amen."* Des selben nahtes solt düh läzen ligen bt der 
würz Silber unde golt unz des morgens, S diu sunne ouf g6, s6 grab 

2^ die würzen, daz du si mit dem tsen nine röerest. So wasch si danne 
mit wtne unde wihe si danne an sant Marien tage der ^reren unde 
geliait si danne mit michelem flize. Diu selbe würz ist guot den 
frowen, die ze chemenäten g^nt: haBent sie die selben bi in, in ge- 
wirret nimmer dehein twalmen nnde habent guot ruowe. Swelhem 

30 chindelin man si umbe pindet, daz erchümt niht unde hat guot ruowe 
unde enmach ez nieman versprechen. Swelch mensch niht släfen 
mach und in dem släfe unruowe hat, hat ez verbenam bt im, iz hat 
als palde guote ruowe. Swer die verbenam bt im hat, swen er Ak 
mit rüeret, der muoz im holt sfn. Swer die ver | benam bei im hdt,14^ 

35 der gedarf nimmer dehein zouber gefurten. Swer verre rtten sol, der 
binde verbenam unde artimesiam dem ross umbe den schoph, zw&r, 



7. sichern. Z9. 30. riwe. 32. manch, und fehlt. vnrSwe. 35. xvber. 



Zwei deotsche Arzneibücher aus dem 12. uod 13. Jahrh. 1 O 1 

ez crltt nimmer , ez enwirt ouch nimmer ze räche. Swen der alp 
triuget» rouchet er sich mit der verbena, ime enwirret als pald niht. 

Swer die verbenam W Im hat, der enwirt des weges nimmer 
roüede unde envrirt nimmer irre. Verbena diu machet den menschen 
iiep unde genaeme unde zallen ziten frdmuot. Macer der wil daz 5 
festen in stme buoche , daz verbena als manige fügende hap als 
maoich zwt an ir wahset. 

Sd du wellest dem menschen helfen der vallunden suht, sd nim 
einen niwen riemen hirztnen sd in diu suht gnleze unde bint im 
den nmbe den hals sd im \id s! unde sprich : »i" dem namen des 10 
yater unde des sunes unde des heiligen geistes sd binde ich hie den 
U'siehtuom dises menschen in disem chnophe'', | unde nim den riemen 
unde ehnuphe dar an einen chnoden unde binde im den riemen umbe 
den hals, unde sol sich der mensch danne enthalten Yon dem wine 
nnze er chome da man einen toten begrab: da sol man dem siechen IS 
den riemen ab dem halse ledigen unde sol den riemen begraben mit 
dem tdten unde sol in dem töten under die schulter legen unde Sprech 
der den riemen lediget : „in nomine patris et filii et Spiritus sancti 
begrab ich mit diseme riemen den siehtuom ditse menschen -mit 
dem gedinge , daz disem menschen dirre siehtuom nimmer mdre 20 
gewerre unz dirre Itchame an dem jungistem tage erst^.** Mit den 
Worten sol man Jen riemen begraben under des töten schulter. Ist 
er da niht der den riemen aller drste bant, so ledige in ein anderre 
IVonde begrabe in als euer | tuon solde unde als hie geschriben stdt: 
sft gewirret im des siehtuom nimdre. 25 

Sd der mensi;h daz ezen niht behabet unde spten muoz, so hilf 
im sus. Nim batdnjen ein teil unde honeges driu teil unde tempc 
daz mit wine unde mach dar ouz ein eleetuarium oder celtelfn unde 
gip im alle tage ein celtel yastunde in einem warmen wazer; dar 
näh gip im des wazers ze trinChen , sd er meist müge : er wirt ge- 30 
sunt. Ze glichcr wts nim batdnjen unde siut si in altem wine, unde 
8oI si der mensch niezen sehs tage. Diu erzente ist versuoht. 

Ypocras der stuont eines tages bi dem mere unde sach, daz ein 
rogel, der het daz getwanch, daz er stuont unde nam daz wazer ouz 
dem gesaicem mere und gdz ez ime selben ze dem zagele in den 3j 



1. niomer. reche. 6. siine. 12. dem r. 15. tdeten. 16. Jegdi^en. dem. 17. toe- 
Im. 27. driu. 30. mlge. 



152 Dr. Frnnx Pfeiffer 

bouch mit dem snabel. Bl dem vogel lernet Ypoeras, daz er mit dem 
gesalcen den liuten immer m^re half. Alsus habe | wir die erzente^S* 
noch. Swer duz getwanch hdt oder swem der bouch zesamen ge- 
zogen ist, trinchet er yast ein wazer daz erwallen sf unde danne vil 
^ vast gesalcen st sd wirt er als palde gesunt, waot der bouch zele* 
diget sich von dem salce unde wirt Guhte von dem wazer. 

Vil dicke wirt diu lungel wund von der colera; da von wirt der 
mensch sd siech, duz er pluot sptet. Dem hilph sus. Nim vil louter 
girsttn mel unde misch da zuo mandelchern, die suln chlein gemalo 

10 stn, unde lai daz danne wallen in der milch unde mache daz ezen 
vil sQcz als die varveln unde glp im dar näh vil cftigiu winber, die 
furbent daz pluot von der lungel. Nevindestd der wtnber niht, so 
nim ein würz, heizt bleta, unde siut die in wazer unde gip im des 
eiu lucel ze soufen. 

1^ Nehelph daz niht schiere, so nim gersten unde stamph die 

unde lege si danne ouf ein bret, unz si vil wol gedorre und unze si 
alr6t werde. So wasch si danne, | ein gr6z goufen volle nim ir iS^ 
unde wirf die in einen haven unde wirf ein huon dar zuo unde lä 
daz sieden als lange unz sich daz fleisch ledige von dem beine, unde 

20 gip im danne daz wazer ze trinchen. Dar näh nime ein ehürbez 
unde bewil daz in einem teige unde wirf ez in einen oven, unz der 
taich gebache; so nim den souch, der ouz dem churbez rinne, unde 
gip im z^ trinchen. Hat er dehein siehtuom umbe die brüst, der wirt 
daime mit dem souge vertriben. Dar näh sol er siben tage suezez 

25 ezen niezen, unz im der lip inne geheile. 

Swem der munt von dem vieber niht wol ensmecket, der neme 
einen ehalten brunne unde salz den vil starch unde eze drouz eines 
warmen girslfnen br6tes, sd er meiste mege, drt tage nuehter: der 
wirt wol ezende unde wirt ime der munt wol smekent. 

30 Sd dir wS wirt in dem magen oder in der stten, sd nime papel 

und ephih unde marubium | unde honech unde girstine mel unde 1^' 
lemper diu aliiu ensamat unde werme daz phlaster unde legez als 
warinez da dir wd si, sd wirt dir uls palde baz. 

Swelch mensch den ouzganc hat, sd nim des birboumes rinden 

3$ wol gegen drin uncen unde siut die in guotem wtne , unce der wtn 
drtstunt tn gesiede. Daz sol er danne alsd heizez trinehen. 

3. bouch fehlt. 7. dich. 8. sich. 13. die fehlt. 23. sithdm. 26. mSot. viber. 
29. yriri fehlt, 3A. uz^ant. 35. die fehlt, der wine. 36. beizet. 



Zwei deutsche Arzneibucher aus dem 12. und 13. Jahrh. 153 

Swein der bouch geblaet ist UDde der die wazersuht bat , dec 
nem alare uade mule den iinde rtbe den souch ouz unde temper daz 
mit honech unde gip im alle tage des ein eirsehal volle sd der man 
abiiem atnief tage, sd wirt er gesunt. Daz ist versucht. 

GalliSnus der het einen friunt, der het daz getwanch sd vaste, 5 
daz er aller geswollen was unde daz dehein arcet in des mohte ge- 
trosten, daz er immer genesen mohte. Gallidnus sant im dd einen 
brief unde enböt im alsus. 
i^* Ich bän wol vernomen, dd hast grdzen | siehfuom von dem ge- 

twange. Da für wil ich dir zeigen ein vil Ifbt erzente, diu endarf dir 10 
umbe daz niht versmähen. Nim eines phares galle unde nim aIo6 
unde louter salz unde temper die mit ole unde baeje dich vaste bt 
einem fiure unde per unde salbe daz gesaez Taste mit der salben. 
Des selben nahtes wirdestd des getwanges ledich. 

Swem der bouch geblsat ist oder dem daz wazerchalp wahsen 15 
wil, sd nim wahs unde milchsmalz unde ole» daz die arcet eyprinum 
heizent» unde salbe dich vast dd mit gegen dem magen: dd wirst 
schier gesunt. 

Swer duz tegelich fieber hat, der nem ein michel teil der egelen 
unde setze die under die schultern unde Idze si sougen unze si vol 20 
werdent. Sd si vol werden, s6 nim des pluotes unde bestrich die 
Schulter unde den rOkke dd mit unde wasch daz pluot aver in drin 
tagen niht abe« vil gewislich sd wirt dir sin buoz. 

Trementilla heizet ein chrout, swd dd daz vindest, sd sinch den 
16« pater noster dar obe | unde grabe si danne. Swer daz fieber hdt» 25 
dem lege die wurcen under, daz er stn nine wize: für daz er dar 
ouf enslaepht, sd gewirret im daz fieber nimmer nidre. 

Wil aver dd ein Ithter erzente dd für wizen, sd nim centauriam 
unde mule die mit wurcen mitaile unde gip im den souch ze trin- 
chen ; er wirt ine vier tagen gesunt. 20 

Wil dd dem belphen, der daz teglich fieber hdt , sd nime den 
soueh üz des holeres rinden unde fülle stn drie aierschal , unde sd 
der tach^aller drst ouf gdt, sd gip im den souch ze trinchen , unde 
sol er danne niht ezen , unze an die wtl, daz in der siehtuom be- 
ginne mOegen; sd sol er nimer brdtcs ezen , wan sd lanch sd eines 35 



1. gebiet. 3. erschal. 10. eodorf. 11. nio. 12. lutier. beie. 13. fifire. geaes. 
15. gebiet. 22. waha. 24. chrut. 27. enslelph. 35. mögen. 



154 



Dr. Frau» Pfeiffer 



huones lit ist, und alles {.ödern ezens als yil als des brötes, unde 
trinch gewalnes wtnes, niht ein michel trinchen. Des selben nahtea 
Wirt sin buoz. 

Ein chrAt heizet azarum » daz ist hasel>¥urz; des chrAtes oim 
5 zehen bleter unde gip dem , der tercianam habe , in einem läwen 
wazer : sd wirt im sin buoz. Nime zwainzech pheferschorn unde | 16* 
chnobeluchhoubet unde temper die in warmem wazer unde sth daz 
fltzelichen durch ein tuoch unde gip im daz ze trinchen. VVil er sih 
danne hüeten an den. ezen, daz da zuo hdret, sd wirt ime des sieh- 

iO tuomes buoz. Zuo dem siehtuom ist sA guot niht , als Ypocras ge- 
schriben hat, sA marweu huenre, diu wol mit phefer gemachen stn, 
unde lembertn fleisch unde warmez ezen unde ingeber unde phorren, 
der zwir gesoten si. SA dA unmAzen siech bist in dem beuche unde 
so dir der wA under den rippen walge. sA nim betonicam daz chrAt 

12( unde siut ez in geizfner milch mit swinem smalz und niuz die 
ercente : sA wirt dir baz. 

Dem diu nas oder swA der mensch bluotct, sA schrib oberbalbe 
disen namen: Opelen. Daz ist versuochet: sA verstAt ez; unde sehrtb 
den namen mit dem bluot. Sei iz ein wfp, sA scrib disen uamen: 

^0 ANech , oder dise namen: ON. ON. ON. inclimus milus. Daz ist ver- 
sucht. 

Swer daz getwanch habe, der siede himelbrant mit würz mit | |o< 
alle unde bintin an sin bein. Im wirt sin buoz. 

Jeronimus der heilige man vant an den caldeischen buochen ron 

25 maniger ercenie, diu an manigem vogel ist. Under den selben ?oge- 
len ervant er von dem gire sA grAz ercenie , daz er des jach , sA 
manich ercenie wsr an dem gir, same manich lit er hat. Er saget 
alsus. Swer den gier ze ercenie wil , der sol des vAren, daz er in 
erslahe Ane isen, A er sin inne werde, want verstAt er sich, daz er 

30 niht genesen mach» sA slindet er daz hirn. SA der gir danne ge- 
vangen wirt, sA sol man in danne allen zeliden, durch daz die er- 
cenie indorre iht. Nehein ercenie ist, chümt des giers hirn dA zuo, 
sin habe sA grAze chraft, daz si nimer misserstet. SwA der mensch 
geswollen ist, salbe er sih mit dem giers hirn, er enswellet als palde. 

35 Swer den stechen hAt oder dem we ist in den siten , getrinchet er 



8. Ilischl. 13. «ih. 15. siut. niuz. 18. versubchet VI, eide. 27. wer. msaicch. 
33. mitseretet. 



Zwei deuUche Arsoeilifieher aus dein 12. und 13. Jahrh. 155 

16' des gtrs hirn in warmem wazer, er wirt gesunt. | Swenne den wtben 
ir siehtuomes niht cliumt, so nemen si des gtrs hirne uDde souphen 
es in warmem wtne: si gewinnent als palde ir relit. Swenne si den 
siehtuom wellen yerstellen, so brennen daz hirn ze pulver unde ezen 
s!a ein lücel in girsttnem biot, sd yerstSt ez als pälde. Des gtrs 5 
fleisch sol man derren unde sol ez gehalten: swen der winnunde 
hunt gebfze.t, ezet er des fleisches, iz geswillet in nimer unde heilet 
als palde, daz daz ungenant nimmer da zuo chumt. Swem die zende 
wä tuout, der neme des girs ouge unde stnen snabele unde brenne 
diu ze pulver unde temper ez mit warmem wazer, unde nim daz in iO 
den munt , so cerget der zantswer. Wil dA des niht tuen , sd nim 
daz selbe sluppe unde rip die zende di. mit: si geswerent dich 
nimer. Siut des girs ailer in einem ole unde gehalt daz ole , swie 
lange dA wil; swA der betteris ist oder der gar vergibt ist. wirt er 
ht einem fiure gebaet unde wirt mit dem ole gesalbet yast, er wirt 15 

17* in siben tagen j gesunt. Swem diu ougen w4 tuont» der neme des 
gtres gallen unde .siede die in honege Ane rouch; als er sich danne 
släphen legen welle , so sitz zuo einem fiure unde habe diu ougen 
zuo unde beize si da mit unde lege dich danne sldphen ; sd du danne 
des morgens ouf stSst, so hast dA heitriu ougen. Ouch sprechent die 20 
physici. daz Ypocras nie nehein collirium gemachete, da er zuo des 
gtres gallen wolt enbern. Swen die houptdühte mQent, der binde 
des gtres hout in ein tuoch mit einem wolltnen vadem umbe den hals» 
sA gewirret ime daz nimdre. Swer sich verlenket in deheinem 
lide an dem beine» der brenne des gtres bein ze bulver unde mache 25 
dar ouz ein phlaster mit elive unde legez an die stat, dA dir w£ st : 
dir wirt baz. Swem in die siten, in den ruke, in die hüf geschiuzet, . 
der neme des gtres zesewen huf unde siedez mit ole; diu salbe ist 
guot; man sol in bt dem fiure dA mit salben, sd wirt er gesunt. Swer 
gerne liustSBÜch si, der neme daz zesewe ouge des gtres unde trage ^^ 
ez in der tenken haut oder bindez ume den lenken arm; swA dA für 
berren gest, die sint dir holt: die wtl du ez bt dir treist , dA ver- 
liuscst nitnmer dtues herren hulde ; verliusesl aver dA iemens hulde, 
sA dA in mit des gtres ougen ume gest, er wirt dir als palde holt. 



3. gewinet. 6. winniunde. 14. vergliit. 15. gebet. 17. rnch. 18. lege. 21. ge- 
machet. 22. -duhte muent. 23. Ii*ut. 27. nike. 27. 28. hilf. 28. sides. 31. tenceu. 
34. wir. 



156 Dr. Fra nx Pfeiffer 

Swenne dA deheia sorge hast ze teidinge, sd trach daz selbe ouge 
mit dir» sd scheidest düh mit dren von danne. Swenne dA dich strttes 
versehst, s6 bint des gtres heree in den ermel: swie grdz der strtt 
d, dA gesigest unde scheidest mit £ren von danne. 
2> In Galli^nes buochen vindest dA gesehriben, daz der chunech 

Orestes het zwei chercenstal gemabt ouz des gtres chreulen. Swenne 
der chunech wolde versuochen die chraft des gebeines , sA hiez er 
etwaz eiteriges ouf den tisk tragen. Als palde laschen die chercen 
von dem grAzen tunst , der von dem gebeine gie. DA von wil Gal- 

iO üAnus , swer des gtrs cbreul ouf sinem tisk babe , daz ime nehein 
gift gescbaden mach. 

Deme chunege Antioche sante Ypocras einen brief , der dAtet 
alsus. Ich enmach selbe hince dir niht chomen , wilt aver dA disem 
brief volgen, sA wirt dir des | siehtuomes puoz, den dA mir gechlaget 17* 

i5 hAst. Der brief ist von dem houbet, von der brüst , von dem boucb, 
von der blAter. Swenne deme menschen dehein siehtuom wirret in 
dem houbet, daz merch bei disen ceichen. Im sint die oberen brA 
swar und tunchelt imz gesihen; in duncht im gAn die schuz in daz 
hirn; im slaphent die tinne bAdenlhuIben bei den Aren, unde sA er 

to des morgens ouf stAt, sA zeherent im diu ougen unde vervallent sich 
gerne diu naslocher sA hart, daz er chAme den stanch gehaben mach. 
Des büez alsA. Nim birenmost unde siut in unze er drfstunt in gesiede. 
Daz heizent die physici saphum. SA nim ysopum und origanum, oben 
den sAmen, unde beize in mit ezich unde giuz danne dA zuo zwei 

2S teil wazers unde lA daz alsA über naht stAn unde sind ez des andern 
tages in einem schAnen chezeltn unde stlie ez danne vil schAn unde 
tuo die sapam dar'zuo, wol ein trinchen, unde siud ez danne allez 
ensamt, unze driu trinchen gesieden ze ^inem. Dise erzente nim in 
den munt unde habe si sA lange dA inne, unze diu bAsiu fiuhte alh'a 

30 Az dem houbte entsifphe; want die weil duz in dem munde hAst» sA 
rinnet daz wazer sA starch Az dem munde, daz dA ez ubele gelouben 
mäht. Des Arsten tages niuz die erzAnie funfstunt, des andern tages 
sibenstunt, | des dritten tages niunstunt, unde decke danne daz 17* 
houbet vaste, daz ez niht erchalt, unde huote dich, daz dA die erzente 

38 iht slintest, daz ist dir guot. Dir wirt aver daz houbet gesunt baz 
. danne von getranch. NemugestA des niht gewinnen, sA nim gemaln 



2. (rilest. 9. geibeiae. 11. gitf. 12. sanl. 15. brSst. 18. swer. 34. hfiUc- 



Zwpi deutsche Arzneibücher au« dem 12. und 13. Jabrh. 157 

phefer uiide geriben seneph unde habe diu zwei in dem munde: diu 
furbent dir daz houbet, als ich dir gesaget hän. Swer siech in dem 
houpt ist , enphleget er dirre dinge niht, dem werdent diu ougen 
bIcBde unde beginnent ime diu dren swern unde nimt im daz gesihen 
abe unde bristet der hals und mach niht guoter stimme hftn unde 5 
wahst im der w£ unde rtset im daz här ouz unde twinget in diu 
brüst. Ime fuont die zende Itht w& unde gewint Itht die strouehen. 
i8>Des wirst dd alles ledich von dirre erzente. Swem \v& ist umbe | 
die brüst« daz merch da bei. Er swizet gern urobe die brüst, im 
wirt diu zunge vil dick, in dunchet diu Speichel bitter unde gesal- 10 
zen und ist Itht gröene under den ougen, im ist wA umbe daz milz, 
in swerent die ahsel. Dem hilph alsus. Sd dik sehest daz er gerne 
geine unde wach unde ime der arm gerne pitemet, der siech sol des 
vordem tages an dem äbent guots ezens mäzlich ezen unde.vast 
des andern tages unz an den äbent und eze danne retich oder senef 15 
oder wilden chressen unde trinch danne warmez wazer , sd muoz 
er als palde spten. Daz tuo zwir oder tristunt, sd wirt er wol gesunt 
umbe die brüst, als er driu guotiu tranch habe genommen. Swer 
daz yersümet, der wirt lungelsiech unde gewinnet daz swarz fieber, 
ime foulet daz milz unde phneschet staetechltch und enmag niht ge- 20 
släphen. Des wirt er alles ledich von dirre erzente. Swer siech 
wirt in dem bouch, der hat disiu zeichen. Er ist traBge und unmäh- 
tich unde swirt ime der i}p innerhalp und erchumet Itht unde wirt 
siech an dem milz unde gewinnet daz fieber, daz heizet acute. Der 
D6t aller samt buez dir alsus. Nim daz ahteil wazeres unde daz niun- 2S 
teil wtnes unde siut diu zwei mit einander vil vast. Daz heizent die 
pbysici mulsani. Siut danne dar inne bletas unde malvas, unde soufe 
danne der siech daz, sd muoz er ze stete spten. Müge er des niht 
gehaben , sd neme wilden cbnoveluch unde siede in in wazer unde 
souphe ez alsd warmez, sd muoz er aver spten. Unde tuo daz als 30 
lange unz in beginne hungern. Der des niht entuot, der gewinnet 
febres tercianas unde swernt ime diu lit, er wirt aller vergibt. 
Des wirt er ledich von dirre erzente. Swer siech ist in der bliter, 
der hat disiu zeichen. In dunchet, daz er allezan sat st unde gdt im 
daz ezen allezan widere. Vm wirt Itht ze heiz unde hit müeltchen 35 



2. sich 1«. «. w. 10. dich. 13. wabe. der arme. 14. vorderm. 19. längelsieb. 
22. unmaetich. 23. ine. 24. dai daz h. a. 29. das eine in fehlt. 32. verghit. 



158 Dr. Fra n» Pfeiffer 

släph unde twinget ia daz harn unde beginnet ime der boueh sweren 
un<fe swellen. Der nem fenichel und epich unde retich unde phefer 
unde petersil unde pastinatam unde siut diu alliu in einem wazer 
unde sthe daz wazer, unde nim wtzen wiri unde welle in mit phefer 

K unde misch daz allez ze samen unde soufe daz siben tage | gegen ig» 
einem halben trinchen , so wirt er gesunt. MugestA dir des niht 
enblanten, so nim louterz regenwazer unde wellez und trinehez unde 
salz ez des nahtes, sd dA släphen wil, unde des morgens, sft dfl ouf 
stöst, sd wirstü in siben tagen gesunt. EntuostA des niht , sd blset 

10 sieh der bouch unde gewinest den harnstein unde mäht niht ver- 
douwen. Des wirdestu alles iedich von der ercente. 

Disiu erzente stuont alliu an dem brieve , den Ypocras dem 
ehunege Antiocho sante. Swer sich bewart vor disen vier sieh- 
tüemen, der ist immer wol gesunt. 

15 S6 den menschen die wurme btzent in dem bouch, der nem ein 

gebundeltn des phersichpoumes pleter unde driu teil wazeres unde 
geiztne milch unde siut diu zwei, unze si dristunt (n gesiedea unde 
gip dem siechen die erzenfe ze trinchen, s6 sterbent die wurme 
alle unde wirt er gesunt. 

20 Swer verbrinnet, der neme rinderhor unde lege daz dar ouf, 

sd wirt ime baz. Nehelph daz niht, sd neme er welline des chroutes 
würz unde brenne die ze pulver unde lege daz pulver über die brunst 
mit wizem des aies , s6 sieht daz fiur ouz unde heilet diu brunst. 
Sd du hart verbrinnest, sd nime spech und einer henne smer unde 

25 trouf daz mit einem brinnenden lauge in ein wazer unde salbe die 
brunst mit dem smalz, sd heilet si e daz iemen trowen möge. 



10. dem h. werdiiWen. 13. sant. 25. eiime. 



Zwei dentscbe Arzneibücher aus dem 12. nnd 13. Jahrb. 1 S9 



ANHANGO. 

I. 

Wil dd die horwürme vertrtben»8Ö nim honich unde mirren 
iS^unde zinziber unde siud daz iq ainer airschal. 

II. *). 

. .des aies unde gehalt daz wie lange dd wild. Daz leg an die stat, 
^89" sä verstßt daz pluot. 

Swem daz pluet auz der nasen vast rinnet, der nem hierzzein 
riem und pint die arm pei dem ellpogen auf die acbsel, sd dd maist 
machst. 

HI. 

1. 
3S* . . .den wurzzen sol er trinchen fumf tage, sd wirt er gesunt. Daz 
ist wdr. 

2. Ad d«I«rem capitis. 

So dir daz haubt w6 tuet, sd haiz dir gewinnen den eboum*)» 
der an der erde Itt , unde siut den vil vaste in einem wazzer unde 
dwach daz haubt dd mit, sd wirt iz gesunt. 

3. Vflr dai geseh^i 0. 

Baumvarbe 9 haizet ain chraut; swenne daz geschdz gestecket 
in dem menschen, sd nim daz chraut mit wurzzen mit alle unde mule 
daz in einem morser unde bint iz über die wunden. Des andern 
tages sd vindestd daz tsen ob der wunden. Daz selbe vunden diu 
tier aller erst , diu von den jegern wurden geschozzen : als si die 



*) Aus Cod' germ. Mon. 92. 
») Vgl. n, 6«. 
*) enboam Ha. 
4) Vgl, n, V, 
^) = Steinfarn, polipodion. 



160 Dr. Franz Pfeiffer ] 

würzen gäzzen» sd wurden si des geschdzes an. Bindest dd dia ] 

würzen anderhalben gegen der wundensö vert daz geschdz areru 

z., 

4. Ad febres 0* 

Wil du dem helfen, der daz tegleich vieber hat , so solt dd 
nemen den sauch, der an der rinden des holers ist, unde yulle des 
drei aiorschal fölie, unde so der tach aller 6rst auf g£t, sd gib den 
sauch dem siechen ze trinchen, unde sol der siech danne niht 
ezzen, unz in der siechtuem beginnet muen, s6 sol er niht mir ezzen 
brdles nuewer als lanch ist eines hundes lid, und alles andern ezzens 
sd vil unde des brdtes ist unde trinch gewallen wfn ein winigez trin- 

ehen: des selben nahtes sd wirt im des viebers baz. 

I 
j 

5. Ad tercianas. \ 

Ein chraut haizzet azarum, daz ist haselwurzze. Des chrautes 
solt du nenien zehen | pleter und gib si dem menschen, der tercianas 35» 
bah, in läwem wazzer, sd wirt im zehant baz. 

6. Ad qnartanam. 

Daz quartanas hat, sd sol dd nemen zwainzieh phcfferchorn and 
ein clovelauchhaubt unde temper diu in einem wazzer, daz wurm sei, 
unde iithe daz vil vitzcleichen durch ein tuech unde gib daz wazzer 
dem siechen ze triiichen. Wil er sich danne hueten an dem ezzen, 
daz dar zuo gehoeret, sd wirt im des siechtuems buoz. 

Zuo dem siechtuem ist niht sd guet, als Ypocras geschriben 
bat , sam jungen hüener unde daz diu wol mit phefTer gemacht sein, 
oder lemberein vleisch unde warmez ezzen, unde sol daz ezzen allez 
vil wol gemächt sein mit pheffer unde mit ingeber unde mit phorren, 
der zwir gesoten sei. 

7. Ad Inflationen. 

Swd der mensch geswillet, sdne ist im niht sd guet sd diseu 
erznei. Du solt nemen wfzen swebel unde siut den in einem star- 
chen wtne unde bint den swebel über die geswulst,unz diu geswulst 
nider sitze , unde mule verbrunnen laim unde temper den mit dem 



«) Vgl. tu 16«. 



Zwei deutsche Arzneibücher aus dem 12. und 13. Jahrh. 161 

wfzen des aies unde lege daz phlaster über die geswulst, 86 wirt 
er balde gesunt')- 

8. Item. 

Nehelfe daz niht schiere , s& soIlA nemen vll dickez pier unde 
nim dar zuo ezziches daz viertail unde daz ahtail paumole unde siut 
diu alleu mit einander unde salbe die geswulst da mit, 86 zerg6t si 
alspalde. 

9. Nobile Mgientim. 

Wil dA ein edele >) machen zuo aller slaht wunden unde für 
30* den ubelen tropphen und | für daz übel pluet, daz in dem menschen 
beltbet» so diu vaste an g6t, dA solt nemen ganzensmer<) unde 
dachsensmer unde berensmer und einer alten geize smer, diu in 
dem bolz gezogen st. Diseu dinch solt dA alleu under ein ander 
beren yleizleich unde daz si werden ebendicke , als ein gebertez 
wahs^). DSl nach solt dA nemen einen vladen höniges, daz daz honich 
dar inne sei, unde nim danne wermuetsauch und ephichsauch unde 
den sauch marobi unde mische diu alleu under ein ander unde berc 
si danne vil vltzcleich wul in einem halben tag. Die selben salben 
mäht dA behalten swie lange dA wil. 

10. De Tttlnerat« Tlr«. 

Wil dA yersuochen umb den wunden man, ob er genese oder 
sterbe, dA solt nemen pibinellam unde zetreibe die in einem wazzer. 
Schol der mensch genesen , s6 verdouwet er die wurzzen wol , sol 
er sterben, so vindest dA die wurzzen in der wunden. 

IL In TeBtre. 

SA dA unmAzen grdz unde siech seist , in dem bauch unde der 
wi walget under den rippen, sd solt dA nemen betonicam daz chraut 
unde slut daz in einer gaizein milch und in einem swtnein smalz 
unde niuz die erznei, s6 wirt dir baz. 



«) Vffl.U, 9*. «) edelev. 

>) Das wäre Fett von einem Gänserich, doch hextet ee vorn II, 9* ehazensner. 

4) wahsche. 

Sitzb. d. phil.-hist. Cl. XLll. Bd. \. Hfl. \ | 



162 Dr, Franz Pfeifftr 

12. S* dem menscken die fiieie ud die hende ifesekrinden. 

Der sol nemen rüten und ole unde lüterz wahs uade bere dia 
under ein ander unde salbe dich danne mit, unde nim «) hirzen 
unslit unde salbe danne hende unde füeze, sd werden si hail. 

13. Ad nasmii *)• 

S6 dem menschen diu nase pluet oder swft der mensch bluet, 

s6 solt du oberhalb schrtben ein chriechischen namen *} 

Daz ist versucht : sd verst^t daz bluet. Unde solt den namen schrt- 
ben mit dem selben bluei. — Hat aver daz wtp michel ndt von dem 

bluet , sd sol si schrtben mit dem selben bluet ^^J oder dA 

schrtbe disen namen ON. ON. ON. Inclinus milus. Daz ist auch ofte 
versuecht unde hilft. 

14» Ad dentes. 

Sd dir vil wunderltchen w& ist an den zanden, sd nim gemaleo 
pheffer unde mische den mit wtne unde habe den in dem munde , sd 
wirt dir baz. Unde helfe daz niht, sd nim die würzen der verbeneo 
unde siut die in einem alten wtne unde bde die zende dd mit: dir 
Wirt baz. 

\i. Ad pectis. 

Sd dir diu brüst swere, sd solt du nemen seheffeinen mist unde 
lege daz alsd warmez über daz sdre , sd hailt diu brüst. Und helfe 
daz niht, sd nim agrimoniam unde pere die würze mit altera smerwe 
unde lege daz auf daz sere zwir in dem tage , unz daz daz boese 
geswer allez auz gerinne. 

Sd nim die selben würzen unde mute die mit ole, in einer 
wdnigen wile sd hailt diu brüst und wirt ciain als d. 

Enhelf daz niht schiere, sd nim honich unde milchsmalz unde 
pere diu zwai wider einander unde lege daz phlaster dar auf, sd 
wirt dir baz. Nehelfe daz niht, sd nim nezzel unde müle die wol 
vaste mit salz unde lege daz phlaster dar über. Daz ist versuocht. 

1) Dim fehlt. 

«) VgL H, le^ f, 

*) Autgtkraut. 



Zwei deutaehe Arsneibüchvr aus dem 12. und 13. Jahrb. 1 G3 



WÖRTERBUCH. 

thpraep. van, zur UfMchreibung des gen, die rinden Ton dem lubstechen 

U, 12*. 
ibe = aber II, 2*. vgl. aver. 

abrotannniy Stab-, Eberwurz, zur Arvnei für die Brust II, 5'^ 
tifUr praep, e. dat. nach, ausser, aftir diseme tranebe I, 23. daz bluot 

wadel6t aftir deme li'be I, 29. 
agrimonia f. Aekerkraut, Odermennig, I, 26. 33. II, 7^ 
absei stf. die Achsd. in swerent (schmerzen) die a. II, 18*. 
abt-, ahteteil stn. Achtel, nim daz a. boumoles II, 9% wazzers 

II, 18\ , 
aiter s. eiter. 
al adj, ganz, aller starke Flexion: der mage aller II, 12^. er wirt alier 

Tergiht 11, 18'. 
alare, »laere. stm. II, 5**. 6^ 15'. Dies Wort hält J. Grimm, den ich 

darum befragt, für sambucus nigra, alborn, albern (bei Nemnich), 

ags. ellar, vgl, Diefenbach*s Glossar S, 509''. 
aide, aldir conjunction, oder, l, 1.4. und öfter. 
allentb&lben adv. auf allen Seiten, überall, II, 1 '. 
allererst adv. zuerst, sd der tacb aUer ^rst oaf git, sobald der Tag 

anbricht. II, 16*. 
aller tagelicb adj. per omnem diem. I, 20. vgl, Gramm, 2, 870. 
alles an adv. immer, immerfort II, 18\ 
aloe, aloes f Aloe, l, 4. II, 8'. 15^ 
alp sim. boshafter, neckender Geist, Alp, swen der alp triaget II, 14^. 

vgl, mhd. WB. 1, 24. 
airdt adj. ganz, überall rot. 11, 15\ 
aU-balde adv. sogleich II, 5" und oft, 
aUö vor adj, im Sinne von: noch = franz. 6tant, vgl. Megenberg 8. 559, 

alsd ganzen II, 12** a. beizez 15*. a. läwen, Uwez 5^ 12^ a. war« 

me, waraiez 7'. 11*. 15'. alsd tonmige, fi^ebrande II, 10*\ 
alsus adv. ganz so, auf diese Weise, 11, 14*. 

11* 



164 Dr. Fr aus Pf ei ff er 

• 
alumbe adv. ringsum. II, l^ 

vkn praep. in, an, hei, an ein tuoch legten I, 1. sich hueten an dem exen 

II, 16^ an dem hoiibet beg-innen II, V. 
an eh sm er, gen. -smerwes atn. Butter, vgl Graff 6, 838. Grimm^ 

Gesch. d. d, Sprache 1003. gebert mit anchsmerwe. II, 7*. 
anderhalp adv. auf der andern, entgegengesetzten Seite. I, 14. a. geg'en 

der wunden II, 9**. 
anders adv. gen. auf andere Weise. II, 1 0*. 
andern stm. haleta, marmbium. I, 33. vgl. mhd. WB. 1, 37. 
äne adv. los, ledig, frei. ä. werden c. gen. befreit werden von etwas, II, 

9". 13V 
aneg^enge stn. Anfang, Beginn, daz houbet ist ein a. des menschen ü, 1 '. 
anegSn sto. 1. intr. beginnen , anfangen. s6 diu Taste git II, 9*. — 2. 

trans. anfallen, ergreifen, so daz mensch diu unchraft ang^t II, 8*. 
anpeilen stv. anbellen. II, 1 2*. 

antimonium n. Spiessglanz, gegen entzündete Augenbrauen. 11, 10^. 
Antiochus n. pr. künic A. II, 17'. 
arbeit stf. Mühsal, Beschwerde, michel a. liden II, 13**. 
aristolochia f. arustolocia rotunda I, 16 = die sinewellen aristo- 

logiam II, S'. 
artemisia/: ßeifuss. II, 3'^ U\ 
arz einte, erzen te, -4rznei. I, 31. Diese Wor^ildting setzt eintmerweis^ 

liches Verbum arzenten oder arzeniten^ curare, voraus; vgL erzenen 

mhd. WB. 1, 64, arzten Grimm, d. WB. 1, S77. 
arz et stm. Arzt. II, 5*. 15*., die gewöhnliehe mhd. Form ist ar^alt. 
arzinbuoch stn. Arzneibuch. I, 3 1 . 
asche swm. die Asche. II, 13\ 

atech stm. sambucus ebulus. I, 24, vgl. mhd. WB. 1, 66\ 
atech würze swf. I, 28. 
atemzuc stm. Athemzug. \, 29. 

atramentum n. daz a. unde daz wtze des eiges I, 6. bU and a. I, 17. 
auripigmentumn. Goldschaum. a. daz ist gelwe rarwe I, 6. II, 6^ 8*. 9*. 
ave, aver adv. aber, wieder, wiederum, iterum. II, 5*. 5*. 8\ 11*. 18*. 
azarum n. asarum, Haselwurz. II, 16. vgl. mhd. WB. 3, 829*. 

B. (P). 

baeen swv. bähen, erwärmen, daz houbet b. II, 11*. den bouch b. II, 12\ 
baeie dich vaste II, 15*. bi* einem fiure gebaet II, 16*. 



Zwei deutsche Arzneiliuclier aus dem 12. und 13. Jalirh. 1 6 i) 

balde adf>. als balde, sogleich. II, 5" und öfier. vgl. als. 

barba Joris, Haustcurt. 11, 10^ 

barthllr stn, tote neuhd, II, 12*. 

basilia f. basilien die würz 'gewinnen II, 10^. 

bat6nje swf, beioniea, II, 14^ 

beeber «/m. Xri b. whies I, 13. 

b^denthalben adv. zu beiden Seiten. II, 17^ 

beginnen sto. e. gen. etwas anfangen, eröffnen, des baoehes b. II, 1*". 

begrab in stv. vergraben. I, 31. 

behaben stv. festhalten, behalten, daz ezen b., bei sich behalten II, 14^ 

bebnilen stv. bedecken. II, 3\ 

behooten swv. verhüten, I, 3. 

beie, peie swf. Biene. II, 12'. peie II, 13\ 

beizen swv. beizen, in, mit ezich II, 10**. 17^ in, mit wine II, 3*. 5*. 6*. 

belegen stov. hifUegen, aiifgeben. s6 er die spräche beleit, verliert H, 

4*. 5\ 
bern, pern, pcren siüv. schlagen, kneten, bere daz bilsenole mit wahse 

n, 7^ 36*. wermaot die wol gebert hl II, 7**. als ein gcbertez 

wabs II, 9^ pern II, 1$^ p. mit honech II, 6^ mit salz II, 6^. ander 

ein ander II, C^**. 
bernsmer, gen. -smerwes stn. Bärenfett. I|, 3*. 9*. 
besebern stv. scheeren. einem daz houbet b. II, ll^ 
beseieben stov. sich b., sich bepissen. II, 13^ 
besengen svdv. einen vilz II, 6\ den besancten vilz ebd. 
besten stv. stehen bleiben, daz smalz daz oben best^t II, 6^ 
bestrichen sto. bestreichen. II, 15^ 
befall e adv. ganz und gar^ sammt und sonders, trincbe den win mit 

würze b. II, 6". vgl. mittalle, 
betonia, betonica /: I, 4. 26. II, 16\ 
betteris adj. bettlägerig. II, 16^ 

betuon swv. verschliessen, vermachen, ein Taz vil vaste obenan b. I, 31. 
bewegen swv. sd ist der Up aller beweget von siechtuome II, 2*. 
bewellen stv. herumdrehen, wälzen, bewil die papelen in einem ezich 

II, 10\ bewil daz in einem teige 15^ 
be win den stc. einmachen, umhüllen, mit einem tuoche I, 4. 
bezzerdn stßv. refl, besser werden, genesen. s6 bezzerc^t er sich I, 10. 
\i\Tßraep, bei, an, merchcn bi der rarwe II, 1**. 
pipencn = bibenen sicv. beben. II, 2'** 



166 I>r. Franz Pfeiffer 

biderbun swv, gebrauchen, benützen, I, 31 (zweimal), 

pier 8tn, tiI dickez p. II,. 9^ 

bilar, pilar stm. Zahnfleisch, swem wurme die bilare ezent II, 7*. 12*. 

b i 1 s e 8wf, daz saf der wtzun bijson I, 4. 

bilsenole stn, II, 7^ 7^ 

birboum stm, Birnbaum, II, l^^ 

birenmost «^. Bimmoat II. 17\ 

pitemen «trf. <=» bidemen, 6e66n. II, 18\ 

bivir*^. Fieber, I, 28. 

biz 8tn. Biss, über, üf den biz legen II, 7^ 8^ 

bla adj, blau, so ist daz barn bla II, 1**. 

blsen 8Wf>, blähen, so blaet sieh der bonch 11, 18\ der booch g«- 

blaet II, 15*. 
bHter «r/: rf/e Harnblase, II, 2\ 17''. 

bleich gr Gene a£[/. blassgrün, nim die blaichgrfienen salben 11, 11\ 
bleta/: = beta, Mangold. II, IS'. 18\ 
pUge ÄÄi. ^/ei. II, i2^ 

bloede a£^'. dem werdent diu ougen bl. II, 17^. 
bldz adj. kahl, diu hout wirt bl6z als ein glas II, 10*. 
blceze «//*. calvitium, II, 12*. 
pluot sin. Blut, daz übel, daz foule pl. II, 3\ 9'. 
p 1 u o t «^. die Blüte, II, 12^ 
pluot var adj, blutfarbig, II, 2^ 
p 1 u 1 Y e i m stm. Bluischaum, II, 1 % 
b<ese a£^'. übel, schädlich, diu bcBsiu fiuhte 11, 17^ 
boueh «^m. =» mhd. buch, Bauch, II, 3"". imif ^/Ifer. 
boumol «ffi. Baumöl, II, 4\ 9% 
brä <. iltt^eiiftra««. II, 10^ 17^ 

braten «A?. ein gebraiten ei II, 3^ gebraitenu eigir I» 28« 
brechen stv. den harnstein br. II, 12\ 
bresten stv. intr, brechen. s6 bristet der stein I, 21. II, 12^ 
bri e f stm, Titel, Vorrede, swer den brief dises buoches m\ wizen u,$. tt, 

II, IV 
brunne swm, Quellwasser, II, i5\ 
brüst «^Z". pl. siech in den brüsten stn II, 2^ 
b&ezen swv, c. acc. bessern, den zantswern b., vertreiben tl, 7\ c. ^en. 

beseitigen, heilen, wil du des siechtuomes schiere buozen 11, 3*. 



2wei d«oisehft Arioeibiieber tiis d«m it. und 13. Jiibrh. 1 Gl 

e. dai, und gen% einen befreien vati etwa», im werde sin gebuozet 

pnng^e »wf. Bunge, I, 1^. 

baochin adj. fagineus, nim buochinen plaot (die Blüte der Buche) 

U, 12^ 
bumez etm. pumex ahd, paiiiez, mhd. pumz, Bims. II, 12*. 
buoz adj, b. werden, e. dat, u, gen, Abhilfe, Befreiung finden: im wirt 

des süsens baoz, er wird davon befreit II, ll^ 13*. 15'. 
bnzina: ein ruortranc, daz wir heizen b. I, 23. 



C (CH) B. K. 
D. 

dft: di Ton, weg, hinweg, II, 11*. d^ für, dagegen. II, 15'. 

dahs »tm. dahses smer, Dachsfett II, 9*. 

dannan round, adv. relat. wovon I, 7. dannain üz, daraus l, 16. 23. 

daren suw. eataren, schaden, verletzen, quälen, den diu harn winde daret 

I, 18. vgl. mhd. WB. 3, 14. 
decken swv. bedecken, zudecken. II, 1*. 4*. 
degenchint stn. männliches Kind, Knabe. II, 5*. 
der, dir dat. e^icus des persönl. pron. die dir sint (die da sind) I, 26. 

die der mugin irwahssin I, Einleitung und 29.' 
derren suw. dorren, austrocknen, derre den ehaleh in dem fiure II, 

9*. 16'. 
Diascordes n. pr. Dioscorides. II, 6^. 
dick e, dick, diche, adj. dick, daz harn ist rdt (wiz) nnde dicke II, l^ 

d. werden I, 16. II, l^ 18\ tu dickez pier II, 9". — adv. oft, 

n, 3^ und öfter. 
dihten swv. schreiben, schriftlich abfassen, II, 1*. 
dirne swf Jungfrau, II, 13*. 
dissinteria, Dysenterie. I, 22. 
diäten, doaten swv. bedeuten. II, 12'. der brief dütet alsus, lautet 

folgendermassen II, 17*. 
dowen swv, verdauen, wol dovren, gut verdauen. II, 5*. 9\ 
dragantea/*. ein warz heizet dr. II, 8*. 
dragantum n. Tragant. I, 6. 
dri, drei: drfg-e tage I, 13. 



168 Dr. FrtDz Pfeiffer 

dristunt, tristant, dreimal. II, 18*. dr. üi sieden , auf ein Drittel eh^ 

sieden II, 15^ 8*. triestunt II, 10*. 
druchen = drucken swv. drücken, pressen. da2 ole durch ein taocli 

dr. I, 1. 
dröse «^. glandula. I, 9. 
dühen, douhen swv. mhd. diuhen, drücken, pressen, nim des ssSeB^ 

daz man da dühit üzzir dem grünen hanefsamin I, 4. 11, 4*. douhe 

ein duoch dar in II, ll^ vgl mhd. WB. 1, 372. 
dünne adj. smal oder dünne II, 1^. 
durch^racp. d. daz, damit II, 16*. 
dürft, durf stf. d. sin, nöthig sein. II, 24. II, 4*. 
dürre adj. dürre lefse II, 12^ 
dwahen s. twahen. 

E. 

ö adv. bevor. II, 1*. 

ebbonm^ eboam, epoum stm. Epheu. e. der an der erde liget 11, 4*. 

6^ 7*. 12*. Anhang m, 2. 
ebehöu s. ephou. 

egele swf. stf. Egel, Blutegel. I, 34. egelen setzen II, 7*. lÄ*. 
ei stn. gen. eiges, pl. eigir. I, 4. 23. 
ei er-, eigerschal swf I, 7. II, 8*. 15\ 16'. 
einleft, undecimus. II, 4*. 
ein teil, etwas, ein wenig. II, 3*. 

einvaltic adj, einfach, rein, mit dem einTaltigen ole I, 1. 
eiter, aiter stn. Gift. I, 33. II, 8'. 
eiteric adj. Gift enthaltend. II, 17'. 

eiz stm. Blutgeschwür, daz sich eizze erheyent an der matrice II, 3'. 
electuarium n. Latwerge. il,.ö*. 9\ 14*. 
emplastrum n. Pflaster. I, 26. e. solatorium I, 29. 
^n, ener = ein^ einer I, 16. 30. 
enbizen stv. essen, speisen, geniessen. II, 7'. 12*. 
enblanten stv. sich Mühe gehen, auferlegen. mQgestd dir des niht enblan- 

ten, kannst du dir das nicht verschaffen. 11, 18^; vgl. mhd. WB. 

1, 198". Wackemagels Gl. 72^ 
enbor adv. auf den haven enbor {über) setzen. II, 13*. 
enb rinnen stv. entzündet werden, wan im diu galle schiere enbrinnet 

1,1'. 



Zwei deulselie Arzueibiicber aus dem 12. und 13. Jahrb. 109 

euer = jener II, 13*. 

engraben stv. ausgraben, I, 31. 

enkel, enchel atn. Knöchel, der fuoz oder daz e. II, 6\ 10'. 

enphallen stv, einfallen, s6 im die toamen enphallent II, 4^ 

ensamt, ensamat adv, zusammen, zugleich, II, 15". 17\ 

enthalten »tv, refi, mitpraep, abstinere, sieh e. von dem wine II, 14% 

entsliphen stv, elahi, entweichen, 11, 17\ 

entswellen «^. abschwellen, sd entswillet si (diu geswulst) II, 6\ 

T, 9\ 10'. 
eph stm, apium, des epphes bletir I, 5. 31. des ephes wurcan sou I, 6. 
epheasäme swm, I, 24. 

ephieh, epphieh, epich stm, apium, II, 5*. 11*. 13*. lö^ 18'. 
ephichsouch stm, Eppichsaft, II, 9^ 
eph ou, ebehöu stn, Epheu, I, 1. 4. 
epoum s, ebbebonm. 

erdorren swv, dürre werden, abdorren, II, 5'. 
e r e r adj, früher, an sant Marien tage der ^reren 11 , 1 3*, Maria Ver- 

kündigung, 25. Merz, s. UaltauSyJahrzeiibueh S, 97. — superl, Irest, 

aller e., zuerst \^ 17. 
ergdn stü, vor sich gehen, geschehen, II, 3^ 3**. 
erheTen stv, refl, erheben, daz sich eizze e. H, 3*. 
^rf n adj, ehern, e. raz I, 31. e. vezeUn II, 10^ 
erkalten sujv, kalt werden, II, 17^ 
erkomen stv, zusammenfahren, erschrecketi, II, 14'. 18'. 
erle swf, der erlon rinde, diu aller ndchest dem boume ist I, 23. 
erledigen swv, refl, ledig machen, entledigen, II, 12**. 
erligen sto, erliegen, liegen bleiben, daz ros erlft nimmer II, 14^ 
er niesen stv, niesen, der mensch erniuset II, 5'. 
ersterben siv. die warme ersterbint I, 4. 
ersticken swv. intr. praefoeari. diu matrix ersticket II, 3**. vgl. Megen- 

berg S. 605. s. v, erstecken. 
erswarzen swv, schwarz, dunkel werden, II, 1*. 
erswern stv. suppurare. II, 3*. 12^ 
ervinden sto. ausfindig machen, entdecken. II, 16*. 
erfriesen stv. erfrieren, sd ist im diu langel erfroren 11, 2'. 
er färben swv. ausputzen, reinigen. II, 3''. 
erwahsen stv, entstehen, I, Einleitung. 
er wallen stv. siedend aufwallen. II, 6*. 15'. 



} 



1 70 Dr. Frani PfeiffeP 

erzenbuoch stn. Arzneibuch, II, 1 *. 

erzenfe stf. Arznei, II, 10'. 18'. und öfter» 

erzente s, arzeinte. 

eselinne stf. asina. einer e. milch II, 0'. 

esptn adj, die espfttun rinde I, 8. 

ezzen stn, Mahlzeit h daz nah dem ezen 11, 9^. lange wfle d danne 

z*ezze, geraume Zeit vor dem Essen, I, 29. 
ezzen swv, swem wurme die bilare ezent II, 7*. 
ezzich, ezzik sim, acetum, I, i. u, öfter, 

F. s. V. 
G. 

g^hes adv. gen. allen g^hes (plötzlich) daz hoabet werfen D, 5'. 
gähmuot stm, Jähzorn, der muoz . . . gähmaotes (aufbrausend^ 

sin II, i\ 
galg.an stn. galanger. I, 24. 

galle stDf. dia g. enbrinnet II, 1\ eines äles g. II, 10% 
galst =a glast, (r/anz. 

gamandrea/*. =» ehamaedrys I, 26. vgl. Diefenbachs Glossar 92V 
ganz adj. vollkommen, vollständig, die ganzin sehan haben I, 6. 
gar adj. sd ist diu erzenie gar, fertig, II, 1 0'. 
gebeizen swv, diu bein in einem Pflanzenabsud gebaizen II, 11'. 
gebert s, bern. 

gebnndeHn stn, fascieulus. I, 4. II, 4'. 1 8*. 
ge dinge stn. Hoffnung, II, 14*. 

gedouben swv. = getouben, tödten, vernichten. I, 20. 
ge dürfen anom. verb. = d&rfen. II, 14V 
gegen, gein praep. annähernd, nahezu, wol gegen drin uncen II, 15*. 

g. einem halben trinken II, 1 8V gein einem guoten trinchen 11, 1 0'. 
gehaben swv. refl. sich befinden, benehmen. II, 5** 13'. /f. 
gehalten stv, erhalten, aufbewahren.}, 6 ff. 2«. 11, 6\ 8*. 9*. lOV 

13^ 16^ 
gehecken swv. stechen, beissen. den du natere gehekke I, 33. 
gehuget«^. ahd. gihuct, mhd, gehGgede, Gedäcktniss, in der zelle, 

d^ diu g. inne Ht II, IV 
gein «. gegen, 
g einen = ginen s\ov gähnen. II, 18*. 



Zwei deutsche Arziieikiichf r tus dem 12. und 13. Jniiili. 171 

geiz 8tf, in einer geize wolle, tn Gaükaar. II, 9*. 

geizeb6ne «//*. I, 9. 

geiz in adj. eaprinus. g. milch I, 2. II, 5^ 11*. 16\ 18^ 

gelfch adj. gleich vieL der aller g. I, 16. 22. 

geliehe adv. g. wegin, zu gleichen Theilen wägen, I, 17. 

g e 1 i d o n i a = celidonia, Schdlkraut. II, 10^. 

gellen «t&v. wie neudeutseh, diu dren beginnen! gellen II, 11*. 

gelAteren 9wv. intr, lauter, klar werden. I, 26. 

gemähte p/. lesticuli, geniCalia viri, dem die gemähte Tast geswellent 

II, 9'. vgl. Schmäler 2, 547. 
g^n stv. und get im daz ezen allezan widere, widersteht ihm? stosst ihm 

auf? II, 18'. 
gensBme adj, gratus, liep und g. II, 14^ 

gen ist, geniset /^roe«. von genesen, gesund, geheilt wer den Uy 4'. 5*. 13'. 
gensesmer «fn. Gänsefett. I, 4. II, 3"^. 
geralodion(= geralogodicon : Diefenhachs Glossar 260*), eine Salbe. 

ein species diu heizet g. laxatium II, 1 1 ^ 
g erste swf gen. der gerstun I, 23. 
gerwe swf Hefe. II, 12*. 
gessen suw. säen^ streuen, an (in) swelhe wunden dA daz stuppe 

gcsaeest 11, 8*. 
gessz stn. der Hintere. II, 15^ 
gesehaft stn. stf. genitalia. s6 dem manne sfn g. w^ tuo daz der zagel 

heizet II, 6*. geswillet ir diu g. II, 3". an der g. II, 3^ vgl. Stal- 

der %. 306. 
geschdz stn. telum, jaculum. IL 9**. Anhang III, 3. 
gesihen stn. das Sehen^ Gesicht als Sinn, tünch elt im*z g. II, 17\ 
geslahen stv. sehlagen, dem etwaz gesieht an daz ouge II, 7^. 
g es tan stv. stehen bleiben. I, 26. stocken: daz bluot gestlt I, 1. 
gesuhte stn. Krankheit^ Siechtum. II, 7. 11**. 
g es wellen stv. schwellen^ ansehwellen. II, 3*. 9^. 
geswer stn. Geschwür. JIj 3*. , 

geswern sto. schmerzen, sehwären. II, 16*. 
geswulst «f/*. wie neud. I, 30. II, 6\ 
getranch «to. Tranle, Getränk. II, 12^ 
getwanch stn. Grimmen, Bauchgrimmen. U, 3*. 14*. 
ge ▼ ii h e n sto. auffangen. II, V. 
ge fürten :» gefurhten II, 14^ 



172 Dr. Fran« Pfeiffer 

gew&ge gtn. mhd, gewaege, Gewicht» zwei, fünf phenninge g. I, 24. 33. 

vglmhd. WB. 3, 647. 
gewaln/?ör^ gekocht^ gesotten, gewaln wtn II, 16*. 
gew alt «](/'. in miner g. II, 13*. — stm, rehte kraft unde gnoten g. haben 

II, 1\ 
g e w i e, gewich stn. Gewicht; allgemein : sehs pfenninge g. I, 4. ^nir onze 

g. I, 30; bestimmtes Gewicht: ein g. cariofiles I, 12. 
gewinnen stv. sich verschaffen^ bekommen, heiz dir epoum g. II, 7*. 

ein getwanch g. II, 3**. ein wizez glas g. II, 1'. chindelin g. II, 3*. 
gewisliche adv. sicherlich, zuverlässlich. II, S". 12*. vil gewisUchen 

wellen, mit Sicherheit behaupten. II, 7*. 
g i f t e Y a r ö(//. ist daz harn giftevar, von giftiger Farbe. II, 2*. 
gyluch = gilvch= gilwie, gelblicht? s6 daz harn ist tu wunderlichen 

g. II, 2*. cod, 722. ßL 3^ stimmt auch hier nicht genau und ge^ 

währt keinen sichern Aufschluss : ist daz härm grüne , daz bedeutet 

den tot ; ist auf dem grünen härm ein gelber schäum, daz bedeutet 

die gelbe sucht, gelb spräche für obige Vermuthung, schäum aber 

für gefluch, flockicht 
gingiber, gingiber = zingiber, Ingwer. I, 12. 26. 
gips stm. wie neud. I, 26. 
gir, gier stm. Geier. 16^ oft. 
girstin adj. hordaceus. g. br6t II, 15^ 16*. g. mel II, 6^ 1S\ mit 

girstinem melwe II, 8^. 
glas stn. zu einem guten Wundpflaster ist unter anderm zu nehmen des 

lüteren glases libr» III gepulverdt I, 27. 
glas CT az stn. gläsernes Gefäss. I, 4. 
gluot, gen. gluete stf ouf der gluete II, 10^ 
goufe stf die Höhlung der Hand, ein grdz goufen ToUe nim ir (der 

gerösteten Gerste) II, lö^, vgl. Schmeüer 2, 17. 
grä adj. grau. II, 1*. 
graben stv. ausgraben. II, 16'. 
granomastix, Mastixkom. I, 24. 
griekech adj. lippus, vom Schleim in den Äugenwinkeln, sd sint diu 

ougen gr. II, 11'. vgl. Schmeller 1, 107. 
griezich adj. griesig. ist daz harn gr. II, 2^ 
grint stm. impetigo, Scabies, guot ze dem grinde I, 32. 
grdz adj. kräftig, grdz erzenie II, 16". dick^ schwanger: s6 daz wip 

ze grdz wirt II, 3*. 



Zwzi deutsche Arsneibucber aas dem 12. und 13. Jahrb. 173 

gruene €uij. der gruene riiich Tor den ougen II, f>*. grüene sin nnder 

den ongen II, 18'. 
gruezen swv. hildl, hefallen, sd in diu snht grueze II, 14^ 
grnozeloht adj. wohl = griuze-, griezeloht vgl. griezich. swenne 

daz harn ist oben gr. II, 1*. 
gneme swm, Kehle, Gaumen. II, 5V 
gnot (uij, guote stimme hsin II, 17 . 

H. 

haben swv. halten. II, 13". 17*. behalten. II, 7'. 

habermel stn. II, 12^ 

hacchit «tm. ahd. haehit, heebit, Hecht. I, 17. 

hage swf. Hagebutte 8. das folgende. 

hagen stm. Domstrauch, hagun, die dir wahsiut üfen den (= dem) 

wizin hegcne I, 26. 
hal stf. tegimen. ahd. hala CGraff A, 844), die hal, da die nSze inne 

sint U, 12'. 
halsäder swf. vena, arteria colli. II, 12\ 
handic adj. acerbus, scharf, handiger ezzich I, 3. 4. 31. 
banefsäme svym. Hanfsamen. I, 4. 25. 
bant stf. nim eine hant volle salzes I, 4. 
harn stn. wie neud. II, IV und öfter. ♦ 

barnen swv. wie neud. II, 5'. 

harn-, barenstein stm. Blasenstein. II, 2^ 12*. f. 

barnwinde m/: siranguria. I, 18. 20. II. 13' (T. 

harte adv. sehr^stark. harte zesamine mischen I, 6. haHe verst6zen II, 7**. 

baselwurz stf. azarum. II, 16'. 

basenbein stn. Hasenknochen. II. 8^ 

basenbdr stn. wie neud. II, 12^ 

he c eben suw. hecken, ausbrüten, eigerscbal, dannsin diu jungen buonU 
sint gehecchet I, 7. 

hecken swv. stechen, beissen. s6 den menseben diu nsiter bebet II, 8% 

heil adj. b. werden, gesund werden. II, 9**. 10*. 

he in adj. pron. nullus. II, 7**. 

heiser adj. wie neud. baeiser werden II, 5**. 

beiter adj. hell, klar, heitriu ougen II, 10*. 17'. 

beiz adj. s6 ist din luogel zc h. II, 2'. 



174 Or Franz Pfeiffer 

helfen stv. c. gen, abhelfen, des sieehtuomes sol man sus h. If, 3*. 

e. acc, nützen, ez hilfet dich tu wol I, 1. 
hephen sff, Hefe, daz harn sol g^etan sfn als diu h. an dem gründe 

II, 2^ vgl. Sckmeller 2, 222. 
hephieh adj. wie Hefe, daz harn ist an dem gründe h. II, 2' 
herre swm. für herren g^n, vor adellxche Personen, Leute hökerer Stände, 

treten W, 17'. 
herzeswer swm. dolor pectorisy Herzkrankheit I, 1 0. 
heu stn. fcenum gneeam daz ist chrieehschez heu II, 5^ 
h e Y e n stn, anheben^ anfangen, II, 11^. 
himelbrant stm. Königskerze, verbascum Lapsus. II, 1 6*. 
hinze , hinee adv. zu, gegen, II, 8*. 17'. 
hirse stm. wie neud, II, 12'. 

hirz stm. Hirsch, hirzes hörn, Hirschhorn I, 16. II, 3"*. 
hirzin adj. cervinus, h. march II, 7', h. rieme II, 8*. 14^ 
hirzwurze stf. barba Jovis. II, iO*. 

hol adj. hohl, eingefallen, daz im diu ougen hol sint II, 14'. 
holen, holn swv, intr. hohl werden, diu ougen holent II, 4', die sende 

holnt II, 7*. 
hol er stm, HoUunder, des holeres rinde II, 16*. 
holz«^. Wald. II, 9\ 
h n e e stn, Honig, l, 6. 
honecseim stik. II, 3'. 
hör wurm stm. lumbrieus, Anhang I. 
horn«^. Trinkhom. II, 10'. 

ho üb et stn, Kopf, einer spenelon houbet, ein Stecknadelkopf. I, 34. 
houbetduht stf. ictus, impetus capitis, swen die houbetdGhte mueot 

II, 17'. vgl. mhd. IVB, 1, 372. 
houbetsiech adj, kopfkrank, II, 3'. 
h ouhii 8 nht s^. Kopfkrankheit. I, 1. 
houbitswer swm, dolor capitis. I, 31. 
hout stf = hftt, Haut, II, 17'. 
howessdme swm, Heusemen. II, 13^ 
hnf stm. Hüfte, des gfres huf II, 17'. swem in die stten, in den rQke, 

in die hOf geschiuzet, schiesst, Stiche gibt. ebd. 
hfllzin, hulzb adj. hölzern, ein h. vaz I, 16. II, 3*. 
hundesherze «t^n. II, 12'. 
h und es-, huntszunge swf, des chrütes, daz di heizet h. II, 6^ 12'. 



Zwei deiiUcbtf Arxnpibiicher tus dem 12. «od 13. Jahrhundert. 1 / u 

hoonlf «/n. Hühnchen. pL huonlü I, 7. 
haoste 8wm. Hunten. I, 29. 
hüswurze stf. Hauswurz, f, 4. 3f. 

I. j. 

jager,«fm. Jäger. II, 9\ 

ieclich adj. = iegelich. gen. iecHes I,.22. * * 

jehen swv. sagen, sprechen, prcet jach. II, Itt*. 

ihi pran. subst etwas. II, 1*. 17^. 

immer adv. immer m^r, siäis, immerfort. II, 11*. 

ingeber stm. Ingwer. I, 24. II, 6*. 16*. 

in gegen adj, gegenüber. I, 14. 

ingetaome stn. Eingeweide. II, 11". 

ione adv. inne werden, gewahr werden. II, 16*. 

inner i^r^Ep. innerhalb. II, 4'. 

innerhalp ado. inwendig, von innen, II, 11^ 18*. 

indre swn. das Innere des Ohres, daz troaphe in daz indre II, 11', 

in sie den stv. einsieden. II, 13^ 

inwartfg adj. inwendig, innerlich, ze allen inwartfgen paasionibus. 

I, 29. 

inzwissen j^ro^. zwischen. I, 30. 

joch cor;, und. I, 4. 29. 30. 32. 

irich stn. Hirsch--, Gemsleder. II, 7*. vgl. mhd. WB. 1, 853. 

ysop stm. hyssopus. II, 5^ 17". 

itwederthalbent adv. zu beiden Seiten. II, 4'. 

juneblich adj. jung aussehend, sin antluze j. machen II, 4\ 

K. C. CH. 

caferän «^/i. I, 6. wohl s» safedbi, denn auch bei Megenberg 392, 15. 

23. wird Saffran als Äugenartnei genannt 
ehalch stm. KM. eh. üz chiselingen gebrennet II, 3'. newer eh., 

ungelöschter II, 9^ 
ehalwe swf. Kahlheit, yon der alten chalwen II, 13'. 
kann el in stn. wohl »r ahd. chenala, konela, quenela, satureja, Quendel 

II, 4^ 5*. 



176 * Dr. FrariÄ Pfeiffer 

c a r i f i 1 e s : Gewürznelken. I, 1 2. 

chseseluppe stf, coagulum, II, 3^ vgl, Sckmeller 2, 486. 

chazensmer stn. Katzenfett. II, 9^ 

chelte 8wf. Kälte. II, 1\ 

chemenate «u?/*. heizbares Frauengemach, frowen, die ze chemenaten 

gr^nt, tm Kindbett liegen II, 13*. r^/. wiM fTÄ 1, 795*. 
chervelle stcf. cerefolium, Kerbel, der chervelun wurce I, 22. 
kerzenstal sin. Leuchter. II, 1 7'. 

chezelin stn. kleiner Kessel, ein sehoenez, blankes^ eh. II, 17^ 
ehiesen stv. wahrnehmen. II, 7*. 

c hin de lege stf. in der eh., diu da heizet matrix II, 2^ 
chindelin stn. Kindlein. eh. gewinnen, ein Kind bekommen II, 3*. 
chinnebacke swm. Kiefer, des häcchides chinnebachin I, 17. II, 12*. 
chinnebein stm. Kinnbein. II, 12*. 
c hi s e I i n c stm. Kiesel. II, 3". 
chlir stn. Eierklar, Eiweiss. II, 17". 
ehleine adj. fein, mit einem chleinen salze II, 8^ ein chleinez Main 

tuoch II, 11^ — adv. chleine milweu, malen l, 4. 6. II, 15*. kl. 

fowen II, 4^ 
Cleopatra n.pr. II, 9*. 
chlette swf. lapatiam daz ist ein chl. II, 10^ 
chlieben stv. intr. spalten, der harnstein beginnet sich chl. II, 13*. 
chHwe «</*. Kleie, sam die cliliwe drinne Tarn II, 2^ (zweimal). 
chld = klä stf Klaue, Pfote, hasen chld II, 12^ 
klobeloucheshoubit stn. Knoblauclikopf, ^ Knolle. I, 21; diese 

Form begegnet öfter in den Sumerlatten: clobelouch 1, 25. 53, 34. 

49. 60, 11. vgl. knovelouch. 
chl 6z stm. rundlicher Klumpen. II, 10\ 

ebneten stv. kneten^ chnit den mit dem wfzen des aiges II, 6*". 
knobelouchishoubitl, 3. knobeluchhoubet II, 16\ cloTelauehhoubt 

Anhang III, 6. vgl. klobel. 
chnode swm. Knoten, chnuphe an den riemen einen chnoden IT, 14*. 
chnovelouch^- loch stm. aüium 11, 13'. wilder ehn. 11, 18*. 
chnoph stm. Knopf an einem Riemen. II, 14*. 
chnuphen swv. knüpfen, einen chnoden chn. II, 14*. 
colcra, Ruhr, diu langel wirt wunt von der c. II, 15*. 
colerica: c. passio 11^ ll\ c. rubea, die rothe Ruhr. II, 1^ 
kdlesdme swm. Kohlsamen. I, 25. 



Zwei deutsche ArzDeibQcher aus dem 12. und 13. Jahrb. 177 

collirinm n. Augensalbe. I, 6. II, 17V 

eophelin stn, kleiner Becher, zwai c. wines I, 33. 

chopher«. cupber. 

chorneHn stm. Kömehen, germen. diu chlainen eh., diu an der wfnrebe 

wahsentll, 10*. 
eost««m. origanum, costes VUI pheninge gewÄge I, 42. in februario 

Idrber unde cost I, 26. vgl Graff i, 531 ; dafür auch dost, tost 

vgl. Diefenbachs Glossar 400^. 
chräme stof. Kaufmtvinsbude, Kramladen^ Apotheke % 4V 12* und öfter. 
kramph stm, pflaster wider dem cramphe I, 27. 
chrebez stm, des chrebzes bein I, 17. 
chresse swm. wilder chr.II , l>V 11\ 13*. 18'. 
chreul ^. KlauCy Kralle, üz des gires chreulen II, 17V 
chrAt s/n. polipodion beizet ein ebrüt, — nim chrüt und würzen II, 9V 
cbAme adv. mit Mühe. II, 17V 

cbumieb stm. cuminum, Kümmel, l, 12. vgl. Schmeller 2, 299. 
enmin = cuminum 1, £». 24. 
cnmme, cummes 1. II; I, 29. wohl dasselbe. 
cbuogin adj. vaccinus. ebuogfne milch I, 13. 
chnosmer stm. wohl =- anchsmer, Butter, ein teil des chuosmerwes 

I, 11. 
cnpher-, cnffir-, chopherTaz stn. I, 6. 31. II, 4V lOV 
chdrbez stm. Kürbü. II, 15V 



L. 

Mjgen. \iyrts adj. lau. II, 6^ den souch Uwen trinchen H, 5V in ebem 

liwen wazzer II, 16*. 
lägellin «/n. m//. lagellum. Fässchen, l, 23- 
lanche stf. Hüfte, Lende, Weiche. I, 19. s6 ist der mensch. . . in dei^ 

lanchen zebrosten U, 2V sd Ut der hamstcin in den lanchen U, 6\ 
Uncheswer Mom. Hüftschmerz. I, 13. 27. 
lanchreche adj. den Groll lange nachtragend, rachgierig II, IV vgl 

Nibelungenlied 1489, 3. 
lapatium daz ist chlette II, lOV 
latinischun adv. dat. pl. latme. I, 31. 
iiwen swv. lau machen, l, ^. 
Uzen stv. zur Ader lassen II, 12*. — sust, Aderlässe 11, 9*. 

»Itih. d. phil-hiat. CI. XLII. Bd. I. flfl. 

14 



178 Dr. Frunz Pfeiffer 

lectoarie =» electuariom I, 29. 8. das. 

ledic adj. 1. werden c. g, frei, befreit werden von etwas. II, 12*. 15*. 

ledigen swv. lösen, losmachen, dem siechen den riemen ab dem halse 

1. II, i4^ refl. unz sich daz fleisch ledige von dem beine ü, 15^ 

sd ledigent sich diu menstrua II, 3**. 
leffW stm. Löffel. I, 3. 
lefs stm. pl. lefse, Lippen. 3*. 12^ 
leger stn. Lager, Krankenlager, ob er des legers sterbe II, 5'. der nestir- 

bet in dem leger niht II, 5\ 13*. 
1 e i c h e n swv. gleich, glatt machen, poliren. II, 12'. 
leidigen swv. Schmerz, Betrühniss verursachen; das dreitägige Fieber 

leidiget den menschen an dem tritten tage II, 2'. 
leim stm. Lehm, des gebulverten leimes, der in dem orene ist I, 3. leim 

dz einem ovene, der wol yerbrant ist II, S**. yerbronnen leim II, 0*. 

einen haven mit leime vermachen II, 13*. 
leinin s. Hnin. 

1 e m b e r 1 n adj. agninus. I. fleisch II, 1 6**. Anh. III, 6. 
lem stf. Lahmheit, Lähmung. II, 7*. 

1 eschen stv. intr. erlöschen, als pal de laschen die cherzen II, 17V 
libern swv. gerinnen, daz geliberte blaot II, 3V 
Hhte adj. leicht, einfach, ein yü lihte erzenfe II, 15*. 16*. 
lilie swf der liliun wnrzun I^ 19. 

11^ de adj. weich, sd wirt dio wunde linde und heilet doch schiere U, 8*. 
Ifnin, linein, leinin adj. 1. taoch II, 4V 6". 11*. 
Hnsame swm. Leinsamen. I, 2. 
linsin «//. Linse, linsine gesotin I, 13. 
lippeswer swm. Geschwür auf den Lippen, guot zi dem lippeswern 

I, 27. 
liquiricium: liquiricii souch II, 9**. 
Wistn. Glied. II, 6*. 7*. 16V eines huones lit II, 16V mit des halms 

lide II, 13V;?/. diu lit 11, 18V diu lidir I, 30. 
litargirum n. Sinder, Silber ", Goldschaum I, 6. 32. vgl. Diefenbacks 

Glossar 333^ 
lintsaelic adj. den Menschen wohlgefällig, anmuthig. U, 17V 
Idrber stm. Lorbeerkem. I, 3. 
Idrboum stm. laurus. II, 9*. 

1 o u c stm. Flamme, mit einem brinnenden louge. II, 1 8^. 
louge stf. Lauge. II, 7V 13*. 



Zwei deutsche Arzneibücher aus dem iZ. und 13. Jahrh. 1 iV 

Inbesteche swm, luhisiieum, I, 20. 22. 

Inbestechil stm, dasselbe. I, 26. 

Inbesfechin sou «^n. I, 22. 

labestechen würz stf, II, 6'. 

laft^ftn. die Luft. \\, W 

1 an gel 9tf. Lunge, siech an der 1. 11, 2*. s6 ist im dia 1. erfroren ebd., 

ze heiz ebd., s^r oder zebrosten ebd., 1 $*. und öfter, 
longelsiech adj. lungenkrank. II, 18*. 
Insteche = labesteche II, 4^ 
lasten «tr. unpers. v. e. g. gelüsten nach etwas, and enlustet in deheins 

dinges II, 4*. 
lAter, loater adj. klar, diu ongen werdent löter II, 10\ rein, durch- 

nehtig. ein w^zez glas, daz tiI lüter sf II, l^ rein, unvertniseht. 

loater girstin mel II, 15*. louter salz II, 15^ 
latertranc sin. mulsum: üzer crüteren and picmentis I, 10. 26. /f. 
Ifitzel adj. klein, wenig, ein lucil mez I, 23. subst. ein lutzel, ein wenig 

I, 16. II, 16^ adv. zeluzilll, l^ 



M. 



Macer n. pr. II, 13*. 

machen suw. starkes part. prost, hüenre , diu wol mit phefer gemachen, 
angemacht, tubereitet, stn II, 16**. 

made swf, Made, Wurm, die maden die die ameizen tragent (Ameisen^ 
eier?) II, 10*. 

migenchraut «^n. Mohnkraut^ II, 11^ 

magenswer swm. Magenschmerx^ I, 13. 

malagranatom n. II, 12\ 

malra/: Malve. 11, 18\ 

malz sin. wie neud. I, 23. 

man deiche rne swm. Mandelkern. II, 15*. 

manfende: nim ein hasenbein unde manfende ande gebrandez hirzes- 
hörn II, S\ *„ manfende, schreibt mir J. Grimm, verstehe ich kaum,, 
das akd. fendeo, fendo Mf pedes, fuozfendo jE^e^/f'^e^tiu«^ es erhellt 
nicht, ob neben hasenbein und hirschhom ein anderer knocken oder 
ein kraut gemeint wird. Den Worten nach wäre manfende gleichfalls 
pedisequus, was sich auftarsus, fuszblatt, fuszxehe deuten liesxe.^ 

manna ^ I, 6. 



180 Dr. Frani Pfeiffer 

mindistm. Monat. I, 26. II, 2^ 4\ 

mar, gen, marwes adj. zart, mürh. marweu hfienre II, 16*. 

maratrisouch stm, Fenchelsaft. II, 9*. 

marmelstein stw. Marmor. II, 12". 

marabium n. Andorn. I, 10. 11. II, 1^*. wiz m. II, 15^ m. dai ist 
retich II, ö*. 

mase sivf. Narbe. II, 7*. 

masticum n. I, 16. II, 8\ 

matrix /". in der chindelcge, diu di heizet m. II, 2*. 3*. 3*. 

mäze stf. MaaSy zugemessene Menge, vier mäze wermnot 11 1 3*. mü 
gHcher m., in gleicher Menge I, 10. 

mdzlieh, maBzUehen ado. massig. II, 3^ 18\ 

megen anom. verb, = mugen, können. II, 13**. l^^ 

m eis eh, in heissem Wasser umgerührtes Malz: nim meischez smalz 11, 
13*. Schmeller 2, 641 ; das adj. ist unbelegt und auffallend, 

mexsiadj. superl. von mör. under der meisten, grasten = grossen, i^he 
II, 12^. adv. sd er meist muge, so sehr er kann. II, 14^ 

m e 1 , gen. melwes stn. Mehl. II, 8*. 

m e n n i s c h e i t «//*. Mannbarkeit, das männliche Vermögen. I, 20. 

menniselieh adj. humanus. I, Einleitung. 

mensch swn. homo. II, 8\ 

menstruum n. \l, 2*. 3*. 

merken suw. beobachtend erkennen. II, 11*. 

mers waz oder merswdz stm. s6 nim den merswäz unde siut in ril starcb 
II, 12*. „gemeint ist sepia, os sepice, ein altes arzneimittel, swäz ist 
ausgusz, ausschult, quod effundüur , scUesisch swutz, was sowohl 
an schmutz, als an schweisz, sudor erinnert, merswaz wäre also 
maris effusio, vielmehr quod in mari effunditur a pisce, meersehmuh, 
meerdinte, atramenium marinum^ sepia. Die Franzosen brauchen für 
OS sepitB icume de mer, meerschaum** : Jacob Grimm. 

mez sin. ein bestimmtes Mass. zwei mez des honeges I, 11. 30 mez 
wines I, 26. mit fier mezzen wazzeres I, 21. 

michel adj. gross, michele scbrunden II, 11*. ein michel teil II, 2^ 
m. wunder sehen II, 7*. 

milch er ar adj. milchfarbig, ist daz harn m. II, 2*. 

milchsmalz stn. Butter , Rindsschmalz, ein lazel milchsmalzes II, 5'. 
mit milchsmalze II, S*. 15"*. 

millefoliom» daz ist toosentbleter II, 5^ I, 26. 



Zwei deutsche Arzoeibucher aus dem 12. and 13. Jabrh. 181 

milwt swf. Milbe. 11« 13\ 

m il ven ww. zu Mehl oder Staub machen, puherinren. kleine m. I, 46. 

wol gemilwet sin T, 26. 
mW 1 gfn. Milz. I, 26. II, 18\ 
minze twf. tnenta, wilde minzen II, 10*. 
minzensouch stm, suceus menice. II, 8'. 
minzans^me swm. I, 29. 
mirre swf. Myrrhe, die gemalenun mirrun I, 4. der gaotun mirnin ebd. 

wize mirren II, iO*'. 
misseraten stv. missratlien, fehlschlagen, die Wirkung versagen, diu 

erzenie Mt sd grdze chraft, daz si nimer missersetet II, 1 6**. 
mist stm. excrementa. nim g^eizinen mist II, 8^ eines swines mistll,8^ 
mittalle adv. was betalle (s. das,), sammt und sonders. II, 7^ 8% 

13*. 16*. 
mittel6de «//. die Mitte. II, 2^ vgl. mhd. WB. 2,199. 
mitter adj. medius. nmbe mitten morgen II, l^ unze nlih mitter naht 

II, V. 
morphea/*. m. ist ein sieehtuom, da von chumet vil dike daz dem 

manne diu barthdr dz vallent II, 12*. 
morsär, morser stm. Mörser. I, 3. 4. II, 4^ 
m&ede adj. m. werden des weges II, 14^ 

muejen, muegen, müen suyv. beschweren, quälen. II, 6*. 16*. 17*. 
mflelicli adj. beschwerlich. mueKchen släph haben II, 18*. 
mfigen anom. verb. können, sd der mensch niht sldphen mac II, 5*. 5^ 

U. M. f. 

mnln, mulen stv. ahd. muljan, zerstossen, zerreiben, mnle den senef in 
einem morsere II, 4^. die würz sol man malen II, 1 0^ ze stuppe 
muln II, 8^ ze samene m. II, 3^ 6*. flizeclichen m. 7^. 

mnisa: nim daz ahteil wazzeres unde daz nionteil wines unde sint diu 
zwei mit einander vil rast: daz heizent die physici malsam II, 18*. 

manze swf. menta, vgl. minze. I, 3. 

maos stn. Essen, Mahlzeit, nach maose I, 26. 

N- 

nHhen adv. beinahe. II, 12*. 
naht =» nät stf. die NM, sutura. I, 1. 

n as e stf. sd er die nase Yaste spitzet und im diu nase weichet II, 4. 
sweme diu nase innen zebristct II, ll**. 



1 82 Dr. Franz Pfeiffer 

na 8-, nase-, nasenloch stn. I, 7. II. 17^ 

nätere, näter stf. Natter. I, 33. II, 8*. 

ne adv. nicht Negation des Verbums; diesem vorgesetzt: nehelfe daz niht 
II, 3*. nemag^estu des niht g^ewinnen II, i^. nist II, 5'. n. s. w.; 
andern Wörtern angelehnt: erne, dune, ezne II, 13*. sone II, 2*. 8'* 
ine = ichne II, l3^ 

nebelen swv. nebeln, swem Tor den ougen nebelet II, 10^ 

n ehe in pron. kein, II, 16'. öfter. 

nin zusammengezogen = nemen I, 26. 

nepita, nebeta swf. alse vil der gepuhertan nebetun I, 5. das chront, 
daz di heizet nepita II, 5*^. vgl. Diefenhaehs Glossar 373. 

ne we der pron. neuter. I, 13. 

nezzel swf. urtica. der truehenun nezzelun I, 17. 

nezzelun würze swf. I, 7. 

niden adv. unten. II, 1*. 3^ 

niderhalbe adv. unterhalb. II, 7^ 

nid ersitzen stv. sich setzen: unze diu geswalst nidersitz II, 9% 

niderrallen stv. herabfallen, sd im die lefse niderrallent, herahhän" 
gend werden II, 4*. 

niem^r adv, nichts weiter. II, 8\ 

niet » niht I, 23. 

n i n e = nie ne pron. nichts, daz er stn nine, nichts, davon, wize II, 1 6*. 

niunstunt, itet/nmo/ II, 17\ 

n in n teil stn. das Neuntel, daz nionteil wines II, 18\ 

n i u t adv. nichts, niut sehen I, 6. 

n i u w e n e s adv. gen. unlängst, milch niuwenes gemolehen, frisch gemol- 
kene I, 13. vgl. mhd. WB. 2, 388. 

n i u z imp. von niezen, gemessen, II, 1 6^. und öfter. 

ndtdurftie adj. nöthig, nothwendig. I, 29. 

n Q e h t e r adj, nüchtern. II, 6'. 

nüwe adj. neu, frisch, jung, mit dem nüwen ksese I, ^. in eineroe ndwime 
härene I, 11. 

nüwen, nüen stv. fricare, conterrere. harte n. I, 4. 31. nü niu, nde ez 
mit honege, mit dem ole, zesamine I, 1. 2. 3. 8. 9. 10. diu ge- 
nüwene agrimonia mit der geizztnun milche I, 2. zuo dem ge- 
nüweme crüte I, 4. genüwen I, 13. vgl. Graff' A, 1125, 

Buzschal 9//*. Nussschale. II, 6^ 



Zwei deutsche ArsDeibücfaer aus dem 12. und 13. Jahrb. 183 

0. 

ob, obe, wenn, I, 1 ti. s, f. 

obene, obenan adv. oben. I, 31. II, l^ 

oberbalbe adv. II, 16^ 

oeh = OQch, auch I, 29. 

f f en adj, mit offem munde slaphen II, 4'. 

oldir 8, aide. 

oleandes librae tres I, 29. 

Oleom nardinum, roseum I, 4. 

opelen nam, scbrib oberhalbe disen namen: opelen II, 16^ 

Orestes n. pr. kunik 0. II, 17V 

orden6n swv. verordnen, I, 26. 

dre swn, Ohr. diu dren gellent II, 11% süsent II, 11^ 

drgement, örgimunde^ auripigmenium, I, 5. 16. 27. vgl. mhd. WB, 

2, 443. 
origanum n. II, 17\ 
o u f = df 8. daselbst 
ouge swn. Auge, diu ougen sint hol, holent II, 4^ swer an dem ougen 

verlenchet wirt II, 7\ swem daz vel si für daz ouge gegangen 

n, 7V swem vor den ougen nebelet II, 10^. 
oogwest swm. August in dem ougwestin I, 18. 
oaz = dz 8, daselbst 

P. f>gi^ B. 

papel, papele swf. der papellun pleter I, 17. pleter der grüenen 

papelen II, 10". 13*. 15\ 
pastinata /: IL 18*. vgl, Diefenbachs Glossar 415\ 
paternoster stm. der sprecb dar obe einen p. II, 13^ sinch den p. 
dar obe II, 15*. Das Wort wird im Mhd. regelmässig als masc. 
gebraucht, vgl, unser herre l^rte si daz vrdne gebet, den hl. pater- 
noster iSJvee. ecel, 178. got ordendte den hl. p. ebd. 180; als neutr. 
in Waekemagels Lesebuch 256, 29. Aus der einzigen Stelle^ die 
das mhd. WB. 2, 469. anführt (Engelh. 3017^ ist das Geschlecht 
nicht ersichtlich, und dann bedeutet das Wort dort nicht das Vater 
unser, sondern einen Rosenkranz; paternosterer, ein Rosenkranz- 



184 Dr. Frauz Pfeiffer 

macher. VergL Schmeller 1, 301 und OU Rulands Bandelsäuek 

S. 2 und öfter. 
patdnje swf, hetonxca, 11, 10*. 
p e c L 8tn, Pech. I, 1 6. 
petersil etm. petrosüium. 11, 12*. 12\ — petrosUe nof, als tU pe- 

trosilun I, 24. 
petersilslime swm. II, 9**. 

pharesgalle swf. Oehsengalle. II, 1 5*. der nem ein sphares gallen II» 1 0*. 
pfeffirscorn stn. I, 3. II, 16^ 
p h e n n i c , pheninc stn. Pfenning, VI phennige gewich I, 4. V pfening^e 

gewage I, 24. 
phersichblat stn. II, ll^ 
phersiehboum stm. II, 18^ 
phersichkerne awm, W, 13". 
phlaster«/n. emplastrum. I, 3*. 
phlouinreder swf II, 6*. 

phneschen «tot?, schnell athmen, keuchen. II, 1 8*. vgL mhd. WB. 2,21 13. 
phorre «i?m. parrum. II, 16*. 
pibinella f. armaracia. II, 9*. 
pionienchorn «fn. II, 4^ 
piper: die w^ze p. I, 29. piper I, 17. 
piretrum: Bertram (pyrethrum) I, 17. II, 4*. 
pleurisis I, 25. 
Podagra I, 27. 

poleie svjf poleium (polegium) I, 26. II, 5\ I, 10. II, 4'. 8*. lO*. 
polgalga I, 16. 
polipodion, Steinfam, II, 9*. 
populion, eine Salbe vom Papelbaum. II, 11**. 

pulper stm. Pulver, Staub, ze p. brennen I, 9. des hasen pulrer 11, 13*. 
pnlrern svw. zu Pulver ^ Staub zerreiben oder zerstoseen, I, 4. 7. 
pustema I, 11. 

R. 

rasch adj, rehe, steif, rigidus. ze raeche werden, rehe werden. II, 14*. 

vgl. Schmeller 3, 74. 
regenen^trv. wazer daz geregen et si II, 11*. 
regenwazzer «th. II, 18*. 
reoponticuro «i rhaponticum, Rhabarber I, 24. 



Zwei deuUebe Arintibücher aus dem 12. und 13. Jahrb. 1 8b 

rephaon stn. des rephünes gallun unde sine bl^terun I, 6. 

retich, reteich sfm. marubiuro, daz ist retich U, 3^ 5^ 18'. 

rfben stv. reiben^ windend drucken, rib den souch dar iiz II, 5^. vgl. 

üzriben. 
rfden siv. winden, rtt si(ez) durch ein taoch I, 6. 34. rit ez ril deine 

I, 22. 

rieme swm. Riemen, einen hirzinen riemen II, 6^ 8^ 

r i n c h sin. Ring, Kreis, den ^uenen rinch Tor den ougen II, 5'. 

rinderhor, gen, -horwes stn. Rindermist. H, 1 8**. 

ring'el: solsequiam daz ist ringel II, ^\ 

roffezunge stf. ructatus, das Aufstossen. goot ze der bittem r. I, 13. 

rokf D adj. secalinus. mit eines rokfnen halms lide II, 13''. 

rdsenol stn^ II, 3^ 

rdsensäme swm. II, 9^ 

rdten swv. ro^ werden, als daz t6te fleisch r6ten beginnet II, 8\ wenn 
das faule oder todte fleisch wieder rotk zu werden beginnt, sems 
natürliche Farbe wieder erhält. Es gibt zwar auch ein verbum roten, 
{mhd. WB. 2, 768^ faulen, das aber hier offenbar, schon wegen des 
vorausgehenden fülen oder tdten^ nicht gemeint sein kann* 

rouch stm. Dampf, Dunst, in honege sieden äne rouch II, 17*. Rauch. 
mache einen rouch dar üz II, 3^*. 

ronchen swv. räuchern, beräuchem. rouche dem menschen dA mit 

II, 6*. sich mit verbena ronchen II, 14^ 

Tubus m. Brombeere, den souch rubi der stüdelen II, 8^. 

rdch adj. rauh, nim eine ruhe federe. II, 10\ 

rüde stf. = riude, Scabies. I, 32. 

rAdic, roudich adj. scabiosus, I, 27. II, 6^ 

rnobe swf. Rübe. II, 12*. 

rqora stf. Ruhr. I, 22. 

raortranc «/». Abführungsmittel, I, 23. vgl. Sehmeller Z, 124. ; 

rüta, rüte swf Raute. I, 1. 4. 10. II, 3\ 

rAtensouch stm. Rautensaft. II, 8V 

S. 

ii Zeitado. alsbald, sogleich, ir newirret sl niht I, 33. 

säen, sAgen, saigen, seien swv, säen, streuen, sae ez an die stat, dar 
ane I, 12. 16. Big in an die wundan I, 15. 34. saig im in dai 
ouge I, 34. s»ge daz pulver in die wunden II, 6*. seie II, 5*. 8*. 



186 Dr. Frani Pfeiffer 

saf «fri, Saft, I, 4. 

salria, salbei atf, Salbei, mit der sahian I, 2$. 11, ^^. 

s am buch stm, sambucus, nim s. daz chrüt 11, 7^. 

samenen suw, vereinigen, verbinden, I, 6. 

samint adv, zusammen, miteinander, samint trinchen I, 33. 

sanfte adv. langsam, s. wermen, sochen II, 4*. 

8 a p a , sapham, gekochter Birnmost, II, 1 7^, 

sarph adj, = ahd. (vgl, Grajf 6, 278^, scharf, acer. des sarphin exzi- 

cbes I, 1. vgl, handic. 
saxifraga I, 20. 

schade swm, Schaden, Nachtheil. s. gewinnen c. g. II, 7. 
schaßfin adj, agninus, schelTein mist Anhang III, 15. 
scheiden sto. fortgehen, Abschied nehmen, entweichen, dannen s. II, i 7** 
schellewurz swf. I, 1. 

scherlinch, scbärlinc stm, cicuta daz ist seh. 11, 7\ 12^ 
schiere adv, sogleich, alsbald, rasch. I, 6. II, 1\ comp, schierer II> 6*. 
8 c h i e z e n stv. schiessen, swem in die huf geschiuzet II, 1 7*. 
schine swf Schiene, trih ez mit enir schinunrl, 16. 
schirbe stn. Scherbe, Splitter, dia schirber II, 13\ 
schiumech adj. schaumig, ist daz harn ein luzel schiumech II, 1'. 
schcene adj. glänzend, blank, ein scheine chezelin II, 17\ 
Schdne adv. sauber, sorgfältig, vil schöne sihen II, 17^ 
schöpf «fm. wie neud, verbenam dem ross umbe den s. binden II, 14\ 
seh Owen swv. anschauen, betrachten. II, 5^ 
sc 6z stn. sagitta, jaculus, l, 14. 
sc6zwurze swf Eberraute. I, 31. 
schrephe n swv. schröpfen. II, 1 2\ 
schrinden stv. intr. sich spalten, Risse bekommen, sd dem menschea 

die hende oder die fueze schrindent II, 9^ 
schrunde swf Spalte, Riss der Haut. II, 9*. IT. 
scuope stf. Schuppe. II, 2*. 
schürfen «trt^. ausnehmen, ausweiden, oder dü-schfirfe einen bannen 

II, 11^ 
schoz stm. Schuss, rascher heftiger Schmerz, swem die grdzen schnze 

g^n in die zende II, 7^. 11% in daz hirn 17". vgl. Schmdler 

3,411. 
sehe swf. die Sehkraft, die ganzin sehun haben I, 6. 34. s6 daz fei von 

der sehun come I, 34. 



Zwei deutsche Arzoeibücher iiiie dem 12. uad 13. Jahrh. 187 

seien 8, sHen. 

seife «p/1 Seife. II, 3'. 

seihen «. sihen. 

senef, seneph 9tm, Senf. II, 4*. 13*. 17^ 18'. 

s^r 8tm. Schmerz, swem der slr ist an der haute II, 6^ 

s^r adj, schmerzhaft, verletzt, wund, swem die brii air sint II, 10^ s6 

ist dia lungel sdr oder zebrosten II, 2*. — subst. daz sÄrc, 

schmerzhafte wunde Stelle II , 1 1 '. 
6 Iren swv, verletzen, verwunden, diu tier, diu von den jagperen gesiret 

wurden II, 9*. 
setzen swv, ansetzen, egelen s. II, 7^ 1 2*. 
serene swf sahina I, 26. vgL Graff 6, 283. 
seTiboum stm. Sehenhaum. I, 4. 
sibenstant, siebenmal. II, 17^ 
siechtuom stm. Krankheit, s. an den füezen II , 8**. s. derwibe, men* 

struaM, 3'\ 16*. 
sihen, seihen «fv. seihen, imp, sth, sich, durch ein tuoch sihen I, 4. 6» 

11. 31. II, 8*. 10*. 16^ 
siler 1, 29. 
simphoniaca/*. =» hyoscyamus, Bilsenkraut, ein würze heizet s. II, 

UV vgl Diefenhachs Glossar S. 53o^ 
sin stm. mens, Verstand, den sin rerliesen II, 5*. 
s i n e w e 1 adj. rund. II, 8*. 
sfte swf. latus. I. 27. den stechen haben in der winstern und in der 

zeswen siten II, 2**. sweme diu site wl tuot II, 6*. 
siteswer swm, Seitenschmerz, ^ stechen. .1, 13. 
siut imp. von sieden. 

slaht stf Geschlecht, Art. gen. aller slahte, allerlei I, 6. II, 9'. 
slaphen swv. schlaff, schmal werden. II, 17^ 
slinden stv. schlingen, schlucken. II, 16^ slint die speicheln II, 4^. 
sliphen stv. schleifen, reiben. II, 10*. 
8 mal adj. schmächtig, smal oder dünne II, 1^. 3\ 
smalz stm. zerlassener Speck. 11, 11\ 
smcr, gen. swerwes stn. Sehmeer, Fett. II, 3*'. mit altem swerwe I, 14. 

33. II, 6*. einer alten geize smer II, 9^ 
s n i d i c adj. schneidig, mit einem snfdigen mezer II, 6\ 
snite swf Schnitte, gip im — eine snitun ze ezenne I, 18. 



188 Dr. Fra n z Pfeiffer 

s6 adv. wenn II, 2\ und öfter; als I, 11. II, f. 

soeben swv, son^t kränkeln, hier langsam wärmen, kochen Uusen: soch 

ez Til sanfte 11, 4*. (oder ist es verschrieben für kochen J) 
sole swf. die Fusssole. II, 11*. 
solseqium daz ist rlngel II, 5*. 
soo, gen, sonwes sin. succus, I, 34. des ephes wurzun, des «teehes 

wurzan sou I, 6. 28. vgl. Graff 6, 63. 64. 
soucL, süc stfn, dasselbe. 11, 3*. 5*. 6*^. 7*. 8*. mitdemsüge artemi- 

sien II, 3^ 
soagen suw, säugen. I, 6. 
spech stm. Speck, nim einen spech II, 11\ 
species: Heilkraut, ander guote sp. II, 5^ daz ist ein species in den 

chnimenll, 8*. li^ 
Speichel swf. der Speichel. II, 4**. 18*. 
spenele swf. Stecknadel, österreichisch: Spennadel. I. 34. vgl. Graff 

6, 348. 
spie: wohl kaum ea spec. I. 26 (vgl. Graff 6, 324.), sondern eher 

spica nardis, Lavendel, 
s^tenstv. speien: pluot sp. II, 1£»% sich erbrechen. II, 14*. 
8 p i z e n swv. spitz machen. s6 er die nase spizet II, 4*. 
spnlgen swv. c. gen. zu thun pflegen, gewohnt sein, der disis lütirtran- 

chis spnlg^it, regelmässig gebraucht I, 26. 
spunne stf Milch, Frauenmilch. II, 3\ 5*. 
stabewnrz stf. abrotanum. I, 10. 
stamphen swv. zerstampfen. II, 15*. 
stanch stm. Gestank, Geruch. H, 12^ sd yerrallent im din naslocher, 

daz er chüme den stanch gehaben mach 11, 17^. 
8 tarc adj. kräftig, gewaltig, starc ezzicb II, 8^ daz starche yieber II, 2*. 
Star che adv, sehr, heftig, st. dursten II, 12^ st. enbrinnen II, l^ st. 

sieden II, 4**. st. trachen II, 4*". st. waschen II, 4*. st. wermen 

II, S\ 
6 tat stf Ort, Stelle, an, umbe die tongen stat, die heimliehe Stelle, die 

Scham. II, 3^. an dirre stete, an der stat, ze stete, auf der Stelle, 

sogleich U, 3*. 6*. 10*. 11*. 18*. 
staBtechlich,- liehen adv. beständig. U, 11\ 18*. 
steche swm. das Stechen. 11, 2^ 6*. 
stein stm. der stein, den diu swalwe treit, der Schwalbensttm I, 21i. 

der Blasenstein I, 1 8. 



Zwei deutsche ArzneibQcher aua dem 12; und 13. Jehrh. 1 89 

steinTafn stm: polypodium. I, 14. vgl. mhd. WB, 3, 272. 

st^n stv. 8tül stehen, zum Stillstand kommen, sd stet diu raora 1, 22. 

stete 8. stat 

stich stm. niht einen stich, nicht das geringste^ sehen II, 7". 

stinken stv, übel riechen, dermunt, diu nase stinchet II, ll^ 12^ 

sto Q f stm, Becher. I, 4. * 

st6zen stv. stampfen, ze samine st. I, 33. tauchen, stecken II, 6\ 10* 

kalten-, stdz die rütan für diu nasloch I, 7. 
strichen stv. streichen. II, 4\ 
stronchen swf. Schnupfen. II, l7^ 
stnckel, stuckelin stn, Theilchen. chleiniu, lang^ia st. in dem harne 

11, 2\ 
stddele swf. Staude, Strauch, der souch robi der stddelen II, 8\ tnel- 

leicht nur verschrieben für stöden. 
sinnt stf. Zeit, in churzir st. binnen Kurzem II, 10^ 
stoppe stn. Staub, Pulver. II, 8^ i6^. ze stnppe machen B\ malin II> 

10^ muln II, 8*. 
Sturzen swv. umwenden, umschlagen, stürze die beide an die tinne 

II, 6*. 
sAfen, sonfen, süphen stv. schlürfen, trinken. II, 5^ iß^. i8. 
sdc s. souch. 
snht stf. Krankheit, goot ze allen suhtin I, 31. sd in diu snht grGeze, 

anfallen, 14^ 
snXzen swv. wie neud. die lebere s. I, 18. 
snmer stm. Sommer, des sumers, im Sommer. II, 12^ 
sanderliche adv. abgesondert, besonders. I, 4. 
snnneschin stm. Sonnenschein, II, 11^. 
s u 6 adv. dem. so, auf diese Weise, sd hilf im sns II, 1 4'. 
süscn swv. sausen, sd sAsent ime diu Aren II, 11"^ 
swambttoch stm. II, iV.wohl »s samboch II, 7^ sarobuccus, Hol» 

lunder? 
swsre adv. sehr, schwer, swsre siech, schwer krank. II, l^ 
swarzen swv, schwarz, dunkd werden, beginnet daz harn swarcen 

n, 2\ 

swarzcTar adj. schwärzlich. II, 2^ 

swebel stm. Schwebet, ungesotener s. I, 27. wizers. II, 9\ 

8 welch adj. welcher irgend. 11, 6\ 

8 w e 1 i e n stv. an-, aufswellen. der bouch 11, 1 8% der fuoz II, 8'. 



190 Dr. Frnnx Pfeiffer 

swenne adv, canj. sobald irgend, wenn irgend, wann, 11, 4'. 5b. u. 8, %d, 

8 w e r /won. quicumque, wer irgend, II, 6^. u, oft, 

swer 8iüm, Schmerz, Schwären. I, 1. 

swermage swm, Magenschmerx,- geschwür, I, 1 3 . vgl, mag^inswer. 

6 wem 8tv. schmerzen, schwären, diu brüst 1, 33. daz huubit I, 4. der 

Up II, 18'. diu ören II, 17\ 12*. 
8 winden s(v, schwinden, vergehen, sd diu wunde beginnet sw. 11, 8. 

einfallen, sd im diu ougen holent unde swindent 11, 4^. 
swfnin adj. Schweinen, mit swinem smalze II, 16^. 
swinissmer stm. Schweinfeti, alter sw. I, 30. 
8 y n e h a febris, das viertägige Fieber II, 2'. 

T. 

tamph stm. Dampf, II, 13\ 

tapher adv, sehr, stark, s6 ist daz boubet t. unde swaere siech II, !*• 

tegelich, tagelieb adj, täglich, daz t. fieber II\ 15^ daz vil ubel t. 

fieber II, 3\ 
t e i d i n c stm, Geriehtshandlung, gerichtlicher Zweikampf, swenne du debein 

sorge bist ze teidinge II, 17\ 
tempern swv. temperare, mit bonecseime II, 5^ mit wfbes spunne 

II, 10% 
t e m p e r u n g e «f/l temperatio. II, 3'**. 

tene adj, link, in der tenken haut, umbe den tenken arm II, 17\ 
tereiana febris: II, 2'. 16'. 
tille stm. anetum, Dille. I, 4. 
tillinsftme stom. 1, 24. 
iinnestf pl. die Schläfen. II, 6*. 8*. 17^ 
tiudscbe adv. germanice. daz ist bie t getihtet H, 1'. 
tftbieb adj. rasend, toll. X. werden II, 2*. 
Uiadj. daz t6te fleisch II, 8^ 
t6ten swv. intr. absterben, swä daz fleisch beginnet fülen oder tdten 

II, 8^ 
toter stm. Dotter, ein toter eines eiges II, 3''. 
touchtich? sd muozen der wibe boubet t. werden II, 3'. 
tougen o^;. heimlich, geheim an, umbe die tougen stat, die Scham, 

II, 3*^. 
toum stm. Dunst Dampf, g^t ir der toum in daz boubet II, 3*. 



Zwei daatsch« ArsDeibfichcr aus dem 12. und 13. Jthrh. 191 

tonmic adj. dunstend, duftend, leges alsd toumig^e Ober die wunden 

U, 10'. 
tranch«/». Trank.W, 18*. 

irementilla = tormentilla («. Sumerlatten 23, 69)? H, 15"*. 
tri = dri, drei I, 13. vgl. dH. 
trtben sto. vertreiben. II, 10*. umrühren t trfbez unz ez diche werde 

I, 16. oder ist iriez zu lesen? 

trfen stv. torquere, trie ez ze samine I, 22. = drfhen? 

tri e gen stv. trugen, täuschen, swen der alp triaget II, 14'*. 

trinken stn. ein bestimmtes Mass, zwei Seidel, ein haibez tr. wfnea 

II, 4*. 18*. wazzers gein einem guoten tr. 10**. ein miehel tr. 
17*. 16^ 

trophe swm. Schlagfiuss. swem der tr. wirret II, 6*. fflr den ubelen 

trophen II, 9*. Anhang III. 
troesten swv. e. acc. et gen. einem etwas zusichern. II, 15'. 
tronfen, trouphen swv. träufeln, daz saf in diu 6ren tr. I, 4. H, 10*. 

11*, in daz ouge II, 10*. 
trouwen swv. glauben, vermuthen. ^ daz iemen trouwen müge II, 18^. 
trüchen stf. Trockenheit. II, 1*. 

tr neben adj. trocken, der truchennn nezzehin pleter I, 17. 
truckenen swv. trocknen. I, 17. 
tübenmist stm. Taubenkoth. II, 6^ 

tunebel adj. dunkel, trüb, swem diu ougen t. werdent H, 10***. 
tnncheln su)v. trübe werden. II, 17^. 

tunewengel stn. tempora, die Schläfe. II, 4*. vgl. mhd. WB. 3, 501. 
tunst«/m. Dunst, Dampf. II, 17*. 
tuome? s6 im diu tunewengel unde die tuomen enphallent II, 4*. 

Der Diphthong ist in dieser Hs, keineswegs sicher, es kann ebensogut 

tonme ais turne heissen, aber an düme, doume, Daumen, ist hier 

neben den Schläfen und Lippen nicht zu denken. Auch J. Grimm 

weiss keine Erklärung. 
turf «^/l = dürft, Bedürfniss, Noth. turf sin I, 30. 
turlem? ich weiss das Wort nicht zu erklären, noch auch, falls er ver» 

derbt ist, zu bessern, sweme sus turlem in den dren oder wÄ si 

II, 10*. 
tüsentblat stn. millefolium daz ist tousentbleter II, 5*. 
twahen, dwaben stv. waschen. II, 4\ 6*. 7*. c. dat. twabe dir dsi mit 

II, 13\ Ahhang III, 2. 



192 Dr. Frtiiz Pfe iffer 

twalmen sin, Betäubung durch Qualm, in gewirret nimmer dehein 

twalmenll, 13*. 
twerhes adv. gen, quer, twerhes über naht terswinden, so dasa blas 

eine Nacht dazwischen liegt. ][, 13^ t^gl, Schmeller 4, 309. • 

twinge n stv, zwingen, nothigen, unde twinget in daz harn II, i8^ 
typtanum => diptamam = dtctamnum. dd solt nemen ysop, 

marobium, aßlasre unde t. 11, ^\ vgl. Diefenhachs Glossar S, 180*. 

u. 

Übel stn, daz übel Ton den oagen triben II, 10*. 

fibele adv, schwer, kaum. u. gelouben U, 17^ 

Qbel getan a^/' niissgestaltet, den ubelgetänen nagel Tertrtben 11, 6^ 

über prtBp, über, über einen chomen, ihn treffen II, 4'^ über naht II, 17^ 

über lanc, nach geraumer Zeit I, 23. 
überflüzzic adj, superfluus, I, 26. 
üf gdn siv, oriri, sd der tach ouf gät II, 16'. 
üfkomen stv, auf-, davon kommen^ mit dem Leben, II, 13^ 
iimbe\pra?p. umbe, nach, über, eine wile II, 12*. 
amberizen stv, ringsum einritzen, zeichnen. II, 13'. 
ungebiderbet/7ar^.pr(B^ ungebraucht, chaeseluppe, diu ungebiderbet 

si II, 3^ vgl, biderbun. 
nnderwegen adv, unterwegs, II, 8*. 
angenäht stm, daz n., sonst bösartiges Geschwür, Wurm, hier der Brand. 

11,16*. vgl, mhd, WB. 2, 312. 
angefaore stn, böser Zustand, Uebel. diz eoUiriam istguotze aller slahte 

u. der ougon I, 6. 
nngelustic adj. widerlich, unbehaglich, die der ungelastic sint des Ubes, 

denen das Leben zuwider ist, I, 29. 
nngesoten adj. ungesoten swebei I. 27. 32. 
nnguentum album I, 32; caiistieum Jacobi I, 30; grecnm I, 31. 
an kraft stf. Ohnmacht, sd daz mensch diu unchraft an gdt H, 8*. 4'. 
ankreftich adj. schwach. H, 1*. 
anmähten stov. ohnmächtig werden, der gerne unmähtet^ x« (^maekten 

geneigt ist II, 4*. 
anmähtie adj. schwach, kraftlos, II, 18*. 
nnmlize stf, ühermesslichkeit, michel wunder von der scoene unmizen 

II, 6*. adv. dat. pl. unmäzen überaus, sehr. u. sch6ne machen II, 

6'. u. siech II, 16. u. bluoten II, 10\ 



Zwei deutsche Arzneibücher aus dem 12. und 13. Jabrh. 1 93 

unmäz-, unmaezlich adj. übermässig, Yon dem unmäzlichen plaote 11, 

2'. ll^ 
nnrnowe stf. Unruhe, anraowe haben in dem slafe II, 13^ 
nnsüberlfche stf. ünreinigkeit der Haut, I, 3 2. 
anrerdottty-deut adj, unverdaut.- sd Mt der mensch etwaz unverdontes 

in im II, 2^ siech Ton unverdeoten dingen II, 2^. 
unz, nnze, bis, I, 11. unze nah mitter naht II, l^ 
u n z e stf. uncia. zwo unze cumins I, S. 
özir, üzzir, ausser , ausserhalb I, 4. 
üzerhalp adv, van aussen. II. 7^ 
üzgebrosten part. pustuiosus. swelich mensch ist ouzgebrosten, einen 

Ausschlag hat. II, 6^. 
^zgznestm. Durchfall, II, ir. 

üz g^n stv. ausgehen, ausfallen, welle daz har dz g^n II, 9^. 
dirihen stv. auswinden," drücken, rip den souch ouz II, 6\ 1^*. 
üzrisen stv. ausfallen. Hset im daz här üz II, ll^ 13^ 17^ 
üzsniden stv, ausschneiden, den harnstein 11^ 2*. 
d ZT allen «fr. daz dem manne diu barthar üz raüent II, 12\ daz er den 

fuoz welle üzrallen, fallend ausrenken. II, 8^. 

V. F. 

T a d e m stm. Faden, Zwirn. II, 1 7'. 

T^hen stv. aufnehmen, er hat des pluotveimcs ze tH gevangen II, l^ 

ergreifen, auffangen II, 1 ^ 
Tal gen. Yalwes adj. fahl, ist daz harn truobe unde Tal II, 1*. 
Tallen«^. abfallen, unze die egelen selbe vallen II, 7^*. — diu Tal- 

lunde suht, Epilepsie. II, 14^ 
T^ren^un;. c.g. nach etwas streben, trachten, dersol des Tsiren daz H, iß"". 
Tarn stv. bewegen, gehen, daz eiter, der stein Tert Ton ime, das Gift, 

der Stein geht ab. II, 8^ 1 3**. sich hin und her bewegen : getan sam 

chliwe drinne Tarne (= Taren). II, 2*. 
TarTel swf. süsser Brei von Mehl und Eiern, mache daz ezen tu süez 

als die TarTcln II, 15'. vgl. Schmeller 1, 561. mhd. WB. 3, 273. 
Taste swf. die Fastenzeit. s6 diu t. ang^t 11, 9*. 
Taste adv. sehr, stark. y\\ Taste muln II, 5^ salzen II, 15'. u. s. w. 
Tasten swv. fasten, sich der Speise enthalten. II, 18'. Tastende, Tastunde 

ungegessen, nüchtern. 1, 11. 13. t. trinken I, 3'. II, 3'. 5". 12'' 

14^ T. soufen 11, 5^ 

SiUb. d. phi1..hist. CK XLII. Dd. I. Ilft. 13 



194 Dp. Franz Pfeiffer 

Tazzilt itn. Fässehen ein y. roUez I, 23. vgl, Tezeltn. 

V e i g e adj. dem Tode verfallen, II, 2*. 4*. 

Tel stn, ^membranum oculi\ der Staar. I, 34. swem daz Tel si for das 

ouge geg^angen II, 7*. 
y e 1 1 e n e 1 a «^/l Feldquendel, serpillum I, 1 3. 
Tenichl stm. Fenchel, II, 18'. gruoner t. II, 3V 
Tenichelsäme svm. H, 9^ 
T e n e c h e 1 w u rz e «w/l II, 1 0*. 
feniculum: I, 11. 24. 

fenum gr^eam, daz ist chriechschez heu I, 13. II, l^^ 
Terbena/". Eüenkraui; über seine zauberischen Kräfte II, 13'- ;f. wi« 

Terbena II, 7*. 
Tcrbiderben swv. aufbrauchen, als er die erzente yerbiderbe II, 13*. 
Terbinden stv, Tirbint daz houbet dirmite I, 1. 
Terbrinnen siv, ausbrennen, Terbrunnen leim II. 8^ 
yerdouwen, Terdeun swv, verdauen, II, 5^. 9*. 18^ 
Ter gibt stn, Krämpfe, Gicht, sd gewinnet er Ithte daz t. II, 2*. 
T ergibt adj, yergibt sin, werden, Krämpfe bekommen. II, 2'. 16*. 18*. 
y e r 1 a z e n stv. zurücklassen, II, 13*. 
yerlenken svw, verrenken, swenne du debein lit yerlencbest II, 6*. 

swer an dem oogen yerlencbet wirt II, 7**. refl. swer rfcb yer- 

lencbet an deheinem lide II, 1 7*. 
yermacben swv, verscUiessen, ein baTen y. II, 13*. 
yermiden stv. ausweichen, schonen, wellestd macben, daz dich dtne 

ytnde y. II, 12^ 
yerscberten swv, verletzen, nim einen hasen als6 ganzen, däz dar abe 

niht yersehertet si weder bar noch cbld II, 12*. 
y ersehen 6^17. refl, vorhersehen, hoffend und fürchtend, sich der lerne 

yerseben II, 7% strJtes y. II, 17*. sich ze leben y. 13* und öfter, 
yersieden stv, einsieden, yersiut si mit wizem wine II, 4^ y. ze zwein 

bechern yoUen I, 21. 
yerslinten stv, verschlingen, verschlucken. II, 11*. 
yersmähen swv, c, dat diu endarf dir niht y., nicht zu geringfügig 

erscheinen, II, 15*. 
yersprechen stv, besprechen, verzaubern, II, 1 4*. 
verstellen swv, etwas Fliessendes still stehen machen, daz pluot y. 
H, 6*. 6% 8^ 10*. den siechtuom (die Menstruation) y. II, 16*. 



Zwei deuUcIie Anneibficher aas dem 12. und 13. Jaliih. 195 

▼ ersten sto, refl, tDohrnehmen, merken. II, 16*. intr, stehen bleiben* daz 

pluot Terst^t II, 6'. 6^ 8*. 8^ i6^ 16*. 
Tersfdzen stv, durch Stossen beschädigen, si daz gellt sd harte yer- 

stözin II, 7*. 
Tersümen swv. versäumen, zu ihun unierlassen. \\, 18*. 
Tersuoehen sun. probare, I, 14. II, l^ daz ist Yersuochet, probatum 

est II, 5\ 8*. 
Terswinden siv. vergehen, IT, 13\ 
Tertriben stv. vertreiben, die houbitsuht I, 1, die milwen, die wenen 

II, 13^ 
TerTallen siv. inlr, einsinken, einfallen, Tenrellet im danne der 

bonch 11, 4*. Terrailent dem menschen diu 6ren II, 10*. irans. 

refL sich versperren, verstopfen, sd rerTallent sich gerne diu nas- 

locherll, 17\ 

▼ erwahsen sh. zuwachsen; steh verstopfen, diu dren Terwahsent IT, 

10*. zuheilen, vernarben, diu wunde Terwehset II, 8*. 
Terwerfen stv. refl. herabfallen,' hängen, sd sich diu dren verwerfent 

itwederlhalbent IT, 4*. 
Testen swv, behaupten. Macer wü daz Testen in sfme buoche, daz 

II, 14\ 
Tezelin stn. Fässchen, ein ^r^n t. II, 10^ vgl, vazziU. 
fiehboum sim. ficus. II, 6*. 
ficus: contra ficum, gegen die Feigtoarzen. l, 12. 
fieber stn. febris, daz f. daz d& heizet acute II, 18*. daz starche f. II, 

1*. 2*. daz swarz f. IL 18'. daz tagelich f. II, 2*. 3». daz immer 

über einen tach leidiget (das zweitägige), II, 2^ daz f. daz dd 

heizet terciana II, 2". 
Tiehtf n adj, pineus, üz fiehtfnen rinden II, 5*. 
Tierteil stn. Viertel, eziches daz t. II, 9*. 
Tigelen S10V, feilen, schaben, II, 3^ 
TÜz stm. wie neud. II, 6^ 
Finsternisse stf. v. der ongon I, 6. 
liolstn. Viola. II, 11*. mit yfolis ole H, 7*. ll*. 
f iahte stf. humor. II, P. diu boBsiu f. II, 17^ 
fiweryar adj. f euer farbig, ist daz harn f. II, 3*. 
▼lade swm. einen vladen honeges II, 9*. 
fleckelin stn. Stückchen, II, 2^ 
fliehen stv, entweichen, II, 11*. * 

13» 



196 Dr. Fl nnz Pfeiffer 

fliz sUn. Sorgfalt mit michelem flize H, 13**. 

flizchlichen adv. sorg faltig, II, 7^ 

Yol adj, voll, unz die cgele yoI werdent 11, 15^ 

volpat«/». Vollbad, in ein v. sitzen 11, 13*. 

Tollemachen swv. fertig machen, vollemache daz hier l, 23. 

vor adv. vorn. II, i*. 

fowen stcv. sieben, fowe in (den gestossenen Senf) vil chleine II, 4^ 

frdmiuot adj. frohmüthig, heitern Sinnes. II, 14^ 

früge == fruege adj. früh. I, 29. 

fr u m e adj. tüchtig, tauglich, ob ez frame si H, 1 0*. 

fül adj. verfault, von der fölen lebere I, 29. von dem foulen pluote 

II, 3^ 

fillen swv. faulen, daz fleisch beginnet f. oder t6ten II, 8. ime foulet 

daz milz II, 18\ 
Vulva: in der wambe, daz ist diu vulva II, 2^. 
fnnfblat stn. quinquefolium I, 7. vgl. (rraff 3, 248. 
funfstunt, fünfmal. II, 17^ 
fiioge stf. Fuge, Gelenk, an dem chnie oder an deheiner fnoge an der 

lide liden II, 7^ 
f ü r prcep. für daz, sobald. II, 1 6*. 
furhen swv. purgare \l, 9^ 15*. 17^ 

furbringen swv. hervorbringen, ez furbringit die menstnia I, 29. 
furhoubet stn. der Vorderkopf, I, 1 ; 
Furia n. pr. ein meister hiez Johannes Furia II, 9^ 

w. 

wadelon swv. fluctuare. den daz bluot wadelot aftir dem libe I, 29. 

wahs stv. Wachs, als ein gebertez w. II, 9*. 

w a 1 g e n swv. sich hin und her bewegen, rollen* und walget ir daz ge- 
liberte bluot II, 3*. so dir der we under den rippen walge 11, 16*. 
Anhang III, 11. 

walten stv. sieden, kochen, w. in der milch II, 15*. lä daz under einan- 
der w. H, 10*. gewallen win Anhang III, 4. 

wambe «y. vulva. II, 2^ 3'. 

wan conj. ausser, nur. wan so lanc II, 16*. 

wange stn. die Wange. U, 7**. 

want.i7^^. wende*/'. Wand. II, 4**. 



Zwei JeuUcbe Arzueibricliei* aus dem 12. und 13. Julirb. 19^ 

want cmj. tr«/, denn. 11, 6**. 

wazzerkalp sin. Wassersucht, dem daz w. wehset II, ö*. 15*. 

waz zersaht stf. dasselbe 11, !£»'*. 

^¥üi%eTBuhiie adj. I, 23. 

w i adü. unpers. weh. w^ stn LXII, 3*^. ze den brusien II, b^, umbe daz 

milz 11, 18*. 
'wistm. Sehmerz. H, 8'. 16^ 17^ 
wegpen sie. wägen, geweg^en sin II, ^^. 

Wegerich stm. wie neud. I, 22. II, 7^. 8'. wegeriches souch II, 7^ 
weich adj. weich sam daz aie in der henne II, 8*". weiche wolle II, 3*^. 
weichen swv. weich werden. II, 4*. 
weitin adj. sandiceus, blau, bläulich, so daz harn weitfner varwe st 

II, 2\ 2\ 
weiztn adj. daz weizine mel I, 28. 
weif stm. Junges von Hunden und wilden Thieren. nim einen w. unde 

bint ez — II, 1 1^ 
weihe seh adj. wälsch. zwo w. naz II, 4*. 
wellen swv. behaupten. Ypocras wil H, 12^ 
wellen swv. trans. wallen machen, kochen II, 6'. lO**. 13^ 18*. 
well ine swf. welline des chroutes würz II, 18^ wohl = wuUine I, 4. 

und mkd. WB. 3, 803. Sumerlatten: blandonia, willenc 55, vgl. 

22. lanaria, wnllina 22, 57. 23, 31. blandonica, wullina 21, 41. 

Diefenbaehs Glossar: blandonia 76*. 
wenic adj. klein, ein w^nigez trinchen Anhang III, 4. in einer wenigen 

wtle ebd. 15. 
werfen stv. die hende über daz houbet w. II, 5\ 
wermen 9wv. warm machen. II, 15^ 
wermuot «(^. Wermut. II, 3'. 5'. 
wermuotsoach sim. Wermuthsaft II, 9^ 
werren stv. im Wege, hinderlich sein, stören, unpers. swem der sicch- 

tuom wirret II, li^ I, 33. II, 6*. 
werzc 9wf. Warte. II, 13% öfter. 

wider stm. Widder, des widirs hörn I, 2. des widirs lebcr II, U'*. 
wider prasp. c. d. gegen, wider allen den suhtin I, Einleitung. 
widere adv. zurück, unde g^t ime daz ezen allezan widere, stosst ihm 

auf ir, 18'. 
wil %.pr<ßs..von wellen, = will, willst II, 16'* fl\ 
winber stn. Traube. II, 15'. 



198 Dr. Frnni Pfeiffer 

wfnblat stn. Wemblatt II, S*. 

wfngerwe swf. Weinhefe. II, 12\ 

w innen sto, wüthen. der winnande, tolle, hont II, 16^ 

winrebe stf. Weinstock, diu ehleinen chornelhi diu an der wtnrebe 

wahsent II, 10". 
w inst er adj. link, daz w. ouge II, 4*. in der winstem siien TL, 2*. 
winsterhalbe adv. an der linken Seite. II, 1*. 
wipheit stf. menstrua. sd gewinnet si ir wipheit II, 3\* 
w int er, winder stm. adv. gen. des winters, im Winter H, 4*. i%\ 
wirm stf. Wärme. II, i*. 
wirouch stm. Weihr catch. wJzer w. I, 6. 
wirz stn. Würze, arama, condimentum. ein wirz machen von chroiiteB 

II, 5^ 
wisele, wisule swf. Wiesel, brenne die wisulun ze puhere I, 9. der 

wiselen zagel II, 12'. 
wfz adj. weiss, wfzer win II, 18*. — subst. daz wize des eiges I, 1* 

4. 6. II, 6^ 
wol, wole, wola adv. gut I, 29. w. slsiphen II, S^ 
wolHn adj. sonst mhd. wnllin. ein w. radem II, 17*. 
wormlita swf. Wermuth, nim wormätum I, 1. tuo die wormäte I, 26. 

vgl. Graff 1, 978. 
w Ulli na swf. hlandonia, lanaria. als tu wuUinun s6 du mäht I, 4. 

vgl. welline. 
wunder stn. Wtmder, Wunderbares, dd gesihst michel wunder Yon 

stimme II, 4^. 
wunderliche adv. wunderbar, überaus, w. guot ze der finsternisse der 

ougon I, 6. 
wurm stm. sd die wurme wahsent in den 6ren II, 11*. swem wurme 

die zende holnt II, 7^ 
wurzenschibe swf. die Scheibe einer Wurzel. II, S**. 
wurzesalbe swf. eine Wundsalbe, deren Bereitung und Bestand^ 

theile ausführlich angegeben werden. II, 6**. 

z. 

zach adj. zähe, und ist daz harn doch zSch IL 2\ 

zagel stm, Schwanz, ze dem z agele^ 6etm Schwanz. W, 14**. membrum 

virile. s6 dem manne sin geschaft w^ tuo, daz der zagel heizet 

II, 6*. 14. 



Zwti dcoUche Arineibucher aus dem 12. und 13. Jiihrh. 1 «^0 

santj pL zende stm. Zahn, U, V und ff . 

zantswer swm. Zahnschmerz. 11^ 7\ 16^ 

ze, zi proep. an. ze der siinnun ribin T^ 27. bei, ze dem zagel 11^ li'^. 

zi dirre wi*se, auf diese Art. I, 26. 
zebresten, zcrbresten sto. intr. zerbrechen. II, 3^ sd der stein denne 

zebreste II, 12^ in Geschumre außrechen. aweme diu nase innen 

zebristet II, 1 1^ s6 ist diu lungel, sd ist der mensch in den lanchen 

zebrosten II, 2\ 2'. 
z^he swf. die Zehe. II, 12\ 
zehern swv. Zähren vergiessen^ thränen, s6 zehert im daz winster 

onge II, 4*. 17^ 
zelazen, zerl^zen stü. auslassen , schmelzen, daz gensesmer I, 4. pech 

II, 6^ speehll, 11*. 
zeledigen swv. refl. sich frei machen , befreien, auflösen, want der 

boueh zelediget sich Ton dem salce II, 1^*. 
zeliden stov. auswurken, zerlegen. II, 16^ 
z eile stf. in der zelle, di diu gehuget inne Itt 11» 1*. 
z eitel, zeltelin stn. rotula, Zeltchen, mach drouz chleiniu zeltel II, 

4^ 14^ 
z em en stü. geziemend dünken, Wohlgefallen, ist daz im diu erzenie zimet, 

schmeckt. II, 4*. 
z e m u 1 e n stv. conterrere. II, 3*. 
centaaria f, Tausendgüldenkraut. H, 4*. 10*. 16*. gepuherte cen- 

ta(u)rial, 13. 
zergän, zergön stv. vergehen. I, 28. II, 16*. diu geswulst zergW als 

palde II, 9". 
zerriben stv. zerreiben. I, 12. 
zesewe adj. recht, in der cesewin hant II, 13'. des gfres zesewer buf 

II, 1 7\ 
zetriben, zertrfben stv. umrühren, abrühren, I, 30, mit dem ezzike 

I, 6. in wazzer II, 9'. under einander II, U\ 9'. mit einer vii 
weichen wolle II, 3*. 

zicuta daz ist scherlinch II, 7*. 12*. 

ziehen stv. aufziehen, erziehen, diu ein degenchint ziehe II, 5*. eiiter 

alten geize, diu in dem holze gezogen si II, 9^ den bouch 

zesamen z. II, 15*. 
zimei stn. Zimmt. II, 3". 4*'. 9*. cinimtn I, 6. cinamomum L 12. 29. 

II, d\ vgl. Diefenbachs Glossar S. Ii9'. 



200 Dr. Franz Pfeiffer, Zwei deuUcbe Arzneibücher etc. 

zyprinum: ole daz die arcet c, heizent II, 15^. 

zi ntn adj, zinnern, an eine zinine tavel II, 1%"- 

zit?zitlibr»III. I, 29. 

zitie adj. mafurus. zitigiu wfnber 11, 15^ 

z u b e r sin. Zauber II, 1 4^. 

zw^re adv. in Wahrheit, fürwahr. II, ö^ 

zwi stn. Zweig. II, 14^ 

zwir adv. zweimal. 11, 5'. zw. gesoten II, 16\ zw. oder tristunt 11^ 18* 

z w i T 1 8tm, Zwiebel, II, 13^. 

zwuo fem. zwei, wahsis zwuo iinze I, 30. 



H. Siegel, Die Erholung und Wandelung im gerielitiichen ViTfahren. /ii) l 



SITZUNG VOM 26. MÄRZ 1863. 



Die Erholung und Wandelung im gerichtlichen Verfahren. 

Von dem e. M. leinrlch Siegel. 

In dem deutschen Rechtsgange, der auf mQndlichem Verfahren 
beruhte, galt für die Verhandlung der streitenden Theile der Grund- 
satz, dass eine Erklärung, die gegeben worden war, nicht wider- 
rufen werden konnte und unabänderlich war. Der Rechtssatz: wat 
en selve sprikt vor gerichte, dat van dem riehtere unde dinglüden 
bebort ist, dat ne mach he nicht weder spreken, lebte in nicht 
weniger als vier Formen im Hunde des Volkes. B;rld hiess es „ein 
Mann ein Wort", bald „ein Mann ein Wort, ein Wort ein Mann", 
oder auch ^ein Mann ein Mann, ein Wort ein Wort" und „ein Wort 
muss ein Wort sein 9- Wer recht und gut gesprochen, sollte 



*) Der Gegenstand der Yorliegenden Abhandlung wurde bereiU besprochen von 
Nietzsche in seiner gediegenen Schrift: de prolocutoribus 1831. Trotzdem 
konnten in der folgenden Zeit noch Ansichten geSussei^ werden^ wie die von Le« 
man, Culmisches Recht (1838) S. 298: holung und wandel sei das Recht, vor 
Gericht zu erscheinen, und von Wilda, Zeitschr. f. deuUche R. XV (1855) S.391 : 
holung ond wandel sei das Recht, eine Sache zu verhehlen, d. i. abzuleugnen und 
abzuwenden. Neuerdings hat Homeyer bei der Erörterung über die Parteien und 
ihre Vorsprecher in dem Riebtsteige Landrechts (1857) S. 420—426 davon gehan- 
delt, indem er ausgehend von Nietz8che*s Ausfuhrungen in seiner treflflichen 
Weise das hervorhob, wozu das genannte Rechtsbuch die Aufforderung bot. Die 
Rechtfertigung einer erneuten und umfassenden Darstellung des Gegenstandes muss 
die Abhandlung selbst geben. 

*) Diese Bedeutung der Sprichwörter blieb bis jetzt unerkannt. Zwar hat dieselben 
bereits Sachsse, Zeitschr. f. deutsche R. XVI, 97 in eine Beziehung zu dem gericht- 
lichen Verfahren gesetzt. Allein die Deutung welche er ihnen gibt, ist eine wesent- 
lich andere. Hiernach wollen sie sagen: ,Der Mann soll auch in seinen Worten 
unwandelbar und nicht doppelzüngig, sondern wahr und treu sein". 



202 Heinrich Siegel 

dessen geniessen. dagegen musste nicht minder den Schaden 
tragen wer sich ver^sprochen. Eine Zurücknahme und Besseruog 
des Gesprochenen stand aber nicht etwa im Widerspruche mit der 
Achtung, die man dem Gerichte schuldig war <). Der Grund der 
Unwiderruflichkeit und Unwandelbarkeit einer Erklärung lag yiel- 
mehr in der Unverträglichkeit mit der Wörde und Festigkeit» welche 
das Volk von einem Manne verlangte. Desshalb konnte Jeder bei 
seinem Worte genommen werden, desshalb hatte auf die Erklärung 
des einen der streitenden Theile der andere ein sicheres Recht, das 
ihm weder entzogen noch verkömmert werden durfte. 

Wie tief in des Volkes Art und Sinn der Rechtsgedanke 
gelegen, zeigt die Dichtung, in der wiederholt anklingt, was als 
Rechts.<:atz im Leben vor den Schranken des Gerichtes galt. Lunete, 
die treue Dienerinn ihrer Königinn, die ob des Rathes, den sie im 
Vertrauen auf Iwein ihrer Herrinn gegeben, von den drei ersten 
Beamten des Hofes des Verrathes beschuldigt worden war, erzählt; 
als sie gefangen in einer Capelle dem Feuertode nahe, mit der Ver- 
zweiflung ringend, von ihrem Retter gefunden wurde, wie sie 
unschuldig angeklagt vor Gericht stand, und 

— daz ist gar der saelden slac 
swer sine zome niene mac 
gedwingen, em über spreche steh 
leider also tet ich mich. 
Ich hin mich selber verldm. 
ich sprach durch minen zorn, 
8 weihe drt die tuirsten man 
sich von dem hove naemen an 
daz siz bereiten wider mich, 
einen rtter vnd ich 
der mit in allen drin strite 
ob man mir vierzee tage bite. 

Die Folge dieser Worte aber war die: 
der rede giengen si d6 nsich 
wand mir was gewesn ze gäch: 
man liez mich ir niht wandd hän 



*) Wie Nietzsche de prolocutoribus 7 meint. 



Die Erholung unJ Wandelung im gerichtlichen VerfaUren. 203 

and enwart ouch des niht erl&n 
lehn schuef in rehte Sicherheit 
da% ich der rede waere gerett 
als ich da hete gesprochen 
daz ich in schs woehen 
mich mit kämpfe löste *)• 

Und wieder spiegelt sich derselbe Rechtsgedanke in dem Streite 
der beiden Schwestern um das väterliche Erbe vor des Königs Hof- 
gericht; ja es beruht auf ihm geradezu die Lösung. Gawein und der 
Ritter mit dem Löwen« die als Kämpfer gewonnen wqren, stritten 
sich, so lange die Sonne am Himmel stand, vergeblich um den Sieg. 
Die Nacht brachte nur Waffenruhe, des andern Morgens sollte der 
Kampf von Neuem beginnen. Da erkennen sich Gawein und Iwein, 
jeder findet in dem andern seinen lieben Gesellen, der König Artus 
über in beiden seine treuen Hannen. Sie wollen und sollen nicht 
wieder als Feinde den Ring betreten. Der König versuchte auf an- 
dere Art den Streit zu scheiden. Und es ward ihm leicht, denn als 

er sprach »wä ist nd diu magt 

diu ir swester hsit versagt 

Niuwan durch ir übermuot 

ir erbeteil unt taz guot 

daz in ir vater beiden lie? 

do sprach sf gfihes „ich bin hie^« 

do 8t sich alsus versprach 

und unrehtes selbe jach, 

des wart der kCnec Artus vrd : 

ze gexduge zoch ers alle dS. 

er sprach ^vrawe ir hat verjehi. 

daz ist vor s6 vil diet geschehn 

das irs niht wider muget komen : 

und daz ir ir habt genomen 

daz muezet ir ir wieder gebn 

weit ir nach gerichte lehn ! ** *) 



*) Iweio, r. 4141—4160 (2. Ausgabe von Benecke und Lftchmann). 
^) Iweio, T. 7653—7670. 



204 Heiniich Siegel 

Das Betreten des Rechtsweges war bei der Herrschaft diesem 
Rpchtssatzes von grossen Gefahren begleitet. So sicher auch ein 
Kläger oder der Beklagte seiner Sache sein mochte, das Verfahren 
stellte den Erfolg in Frage. Und gar häufig ist die Schuld frei aus- 
gegangen, die Unschuld unterlegen; die Gerechtigkeit wurde zu 
Schanden, während das Unrecht siegreich triumphirte. Denn nur 
allzu leicht hatte sich einer versprochen und yersäumt, da die soge- 
nannte Verhandlungsmaxime waltete und ausserdem der peinlichste 
Formalismus in dem Verfahren herrschte. In Folge der Verhaiid- 
lungsmaxime, bei welcher der Gang einer Sache ganz und gar 
bestimmt wurde durch die Anträge der streitenden Theile, hat 
blosser Unverstand und Zorn so Manchen verdorben. Eine thörichte 
oder übereilte Erklärung gab der Sache eine Wendung, die unauf- 
haltsam zum jähen Abgrunde führte. Und noch grössere Gefahr 
drohte von dem Formalismus. Cur plötzlich und uuvermuthet sah 
sich einer in Folge dieses rettungslos verloren. Er hatte ohne eine 
Ahnung ein Wörtlein zu viel oder zu wenig in seiner Erklärung 
gegeben, er hatte gestottert, oder auch nur eine einzige Silbe 
unrichtig ausgesprochen. 

I. 

FOr einen Mann, der nicht ganz klaren Kopfes, ruhigen Blutes, 
dazu erfahren im Rechtsgange und wohlgeübt in der Rede war, 
konnte es daher nimmermehr gerathen erscheinen, seiner Sache 
selbst zu walten, so gerecht sie auch sein mochte. Er that gut daran, 
wenn er, denn ein Zwang hiezu bestand im Allgemeinen nicht ^), 



^) Als Örtlichkelteo, in deren Gerichten wider die gemeine Regel ausnahmsweise die 
Verhandlung mit Vorsprechern bei einer Busse geboten war, vermag ich folgende 
nachzuweisen, wobei bemerkt wird, dass die ersten drei Bfinde vonG rimm's Weis* 
thüroern auch zu diesem Zwecke durchforscht worden sind. 

1. Auf dem Gebiete des bairlschen Rechtes die oberbairischen StSdte und 
Märkte: München, Ingolstadt, Aichach, Wasserburg, Neustadt, 
Landsberg, Schongau, Weilheim, Dachau und Wohl auch Rain. 
Vgl. K. Ludwig^s Stadtrechtsb. 5 (Auer) : Ez sol ain iegelich clager swenn er für 
gericht chumpt und ainen ansprechen wil, von erst ainen vorsprecher nemen — und 
darnach sol der, den man anspricht, auch ainen vorsprechen nemen wen er wil. In 
den Landgerichten Oberbaierns wurde dagegen durch K. Lndwig^s Landrechtsbanh 
die Nothwendigkeit der Vertretung aufgehoben. Zwar hnt dasselbe noch einen mit 



Die Erholung und Wandelung im gerichtlichen Verfahren. 205 

eines Vcrlrelers vor Gericht sich bediente. Wenn aber der herrn 
gediog oder woistbnmb »us ist» hat dan ein man zu thedingen» 



der augefuhrteu Bestimmung des Stadlrechtsbuches ühereinstimmenden Artikel 
(I, 12 T.Frejberg, Sammlung hist. Sehr. 4. 309); in einem späteren (I, 15 a. a. 0. 
400) aber wird bestimmt: Ez sol ain iglich richtet nieman dfaainen rorsprechen 
m e r gebieten xe werben, und auch nieman darumb nöten, wan alle laeut das wort 
sprechen rouzzen. 

2. Auf dem Boden des schwübiscben Rechtes: 'Tab 1 att in dem St. Gallener 
Gottesbattsgerichte. (Item zao tUen gerichten, wenn sich bwo parthyen gegen ain 
ander Terfursprechend, so sol man das gericht verbannen an dry Schilling pfening, 
das nfcmandt red dann durch sin fürsprechen, er well dann ain vrtail sprechen oder 
wider.<;prechen. Weisth. r. 1471, Orimm i, 228), Lindau In der Äbtissin Gericht 
(Nietxsche , de proloc. N. 101) nnd R o t h w e i I im Landgerichte (Nietzsche 
N. 104). 

3. Auf dem Gebiet« des frünkischen Rechtes: Bacharach In dem Blutge- 
richte (Wiinne sy dan an gericht stcent, so sollen sy heyschen eynen vorspreche bit 
urteil. Weisth. vor 1350, Grimm 2, 212), Rhense in d<>m Stadtgerichte (das nie- 
mandt eusprech an diesem gericht, er Sprech denn durch seinen vorsprecher, oder 
hebbe den vrlauf geheischen. Weisth. von 14^6, Grimm 3, 778), Uerdingen in 
dem lloUgerichte für die ungeerbten Leute (doch offz ymantz anders [denn einem 
geerbten Manne] noit were, und an dem gerichte zo sprechen -> hette, der mach ind 
sali myt synen gekaereu ind gegonten vurspreche, der doch bysonder eyn geerft 
man — syn sali, sprechen mit rechte. Weisth. von 1454, Rein drei Uerdinger 
Weisth. S. 46), Zutphen in dem Lehen.sgerichte (Nietzsche N. 105), Witzen- 
bansen (Nietzsche N. 103), Urspringen im Hennebergischen Im Hoflehen- 
gerichte (so sich denn cleger finden, so sollen sie vorsprecher nemen — item der 
antworter soll auch einen vorsprecher nehmen ausz den hubenern , gleicher weis, 
wie der cleger. Weisth. v. 1545, Grimm 3, 570). 

4. Auf der sachsischen Erde: Münster in der Hofsprache (das auch niemandt 
in das gerichte spreke, er do es dan ducch seinen zugelassenen vorspreken. Weisth. 
Grimm 3, 127), Solzhausen in dem Gogerichte (vnd soll ein jeder nemen vor* 
sprachen. Weislh. von 1577, Grimm 3, 325), Sersum in dem Meierdinge (vnd 
dath nemanth was warwen schulde — he dede idt mit — vorspreken. Weislh. von 
1531, Grimm 3, 240), Sichte in dem Freieugerichte (das niemand richte und 
rede, er thne es dann mit vorsprachen. Weisth. Grimm 3, 247), Munder in dem 
Holtgedinge (das nemants etwas werue, ist geschee dnn durch — vorspraken. Weislh. 
Grimm 3, 297), Hillsede in dem freien Hulzgerichte (was denn in diesem gehSgten 
gerichte geboten und verboten sein soll? resp. zoru — nichts zu eifern, schelt 
Worte, es geschehe (sie) mit recht und vorsprechen. Weisth. Grimm 3, 301), 
Bebra in dem freien HoizgerIchle (was soll man dann auf diesen freien holzgerichte 
beissen und verbieten? darauf erkant, zorn — und niemand nichts zu wenden, er 
thue es den mit urtheil und vorsprechen. Weisth. von 1659, Grimm 3, 304), Frei- 
berg ausnahmsweise in den sog. Vardingen (Nietzsche N. 106), Nordhausen 
in dem Stadtgerichte (Nietzsche N. 102). Nach lübischtm Rechte musste ein 
Vorsprecher reden, es sei denn, dass der Sachwalter schwörte, dasser keinen finden 
könne (Nietzsche N. 107). — Aufgehoben wiir der Zwang mit Ausnahme Eines 
Falles in dem braunschw eigischen Stadtrechte von 1532 (Pufendorf, 
observ. app. 4, 84: Umme schult mach eyn man sulvest bekennen und vorsfiken vor 



20G üeiiirich Siegel 

SO bit er, sagen die Schöffen zu Gmunden in der Nahegegend und 
zu Mengerscheid auf dem Hundsrück >) einen, der ihnen sein wort 
thu, 80 gewiss daz er das sein nicht verliere. 

Ein solcher Vorsprecher vertrat bekanntlich seinen Mfludel, 
der übrigens vor Gericht ebenfalls anwesend sein musste, vollstän- 
dig in der Rede. In seinem Namen das Wort führend sprach und 
handelte er statt desselben, bis es zum Schwüre kam. In den soge- 
nannten Gesprächen, welche ausserhalb des Gerichtes bei Seile 
geführt wurden, gab der Sachwalter seinem Vertreter den Stoff und 
wenn es nöthig wurde, ergänzte und half er, hinler dem Vorsprecher 
stehend, während der Verhandlung durch Raunen, denn laut zu 
sprechen im Ringe war ihm versagt. Des Vorsprechers Aufgab^ 
aber war es, geschickt in der Sache und vollkommen in der Form 
mit dem gegebenen Stoffe zu verfahren. Der fvrspreche, sagt das 
kaiserliche Lehnrechtsbuch c. 37 a. E., sol sprechen, swaz in der man 
heizzet sprechen vnde sol die selben rede bezzern , alse verre er 
kan und mag nah rehte. 

Boten die Sachkenntniss und Umsicht der Versprecher, ihre 
Cbung in der Handbubung der gerichtliehen Formen und die 
Gewandtheit in der Rede bereits Bürgschaft, duss eine gute Sache, 
die von ihnen gefiihrt wurde, nicht so leicht in dem Verfahren und 
durch dasselbe zu Grunde gerichtet werdet): so gewährte die 



gericht ane broke. — We werth Torgeboden tha Ja edder Nen, de achaU aaluen 
audtworden, dar de Clifger aaluen Jegemverdich ia, sunst in andern aaken mach ein 
Jeder doreh synen fnlmechtigen clagen rnd antworden lathen), nach hamburgi- 
achem Rechte (Ein ewelik man mot wol simes anluea wort apreken ane rare, at 
waut he antwort get to liker wia oft men vorsprakeu hedde in dem rechte. Stadtr. 
von 1270, IX, 26. Lappenberg, hamburg. RA. 1,59. Dasselbein dem Stadtr. von 
1292, B II und 1497, B VJII mit dem Zusätze: wert ber auer ghenraget ofle he 
aelTen sin wort apreken wille, vnde aeghet he ia, so ne mach he anders nenen uor- 
apraken hebben a. a. 0. 103, lOS), in den Stade n'achen Statuten von 1279, VI, 
23 (Pufendorf a. a. 0. 1 , 206, 207: Ein man mot wol sines sulues wort apreken 
ane vare. al wante he antwort get, to liker wia ofte he enen vorsprakeu hadde) und 
endlich gleichlautend in den Statuten von Riga 126 (Pufendorf 3, 264: Eyn 
islick man moth wol ayn auluegen wort spreken ane vare al wen he antwerde tho 
geliker wysse als offte he eyne vorsprake hadde). 

•) Grimm, WeisthOmer 2, 169, 173. 

7) Zur Wurdiguoic des Einflusses der Vorsprecher auf die Verhandlung und den 
Ausgang einer Sache fordert das Bruuner SchöfTenbuch mehrfach auf; so Nr. 311, 
wo eines günstigen Erfolges Erwähnung geschieht, der hütte erzielt werden 
können, wenn dem Beklagten eio gewandter (expeditua) Vorsprecher zur Seite 



Die Erholung und Wandelang im gerichllichen Verfahren. 207 

Verhandlung durch einen Versprecher für den Sachwalter noch 
ausserdem den Vorthoil, dass, wenn ersterem einmal eine Erklä- 
rung entschlupfte, die oh des Inhaltes oder der Form wegen Nach- 
theil bringen musste, letzterer dieselbe widerrufen konnte, womit 
keineswegs an den Grundsatz j^ein Mann ein Wort** getastet war. 
Wat en selve sprikt vor gherichte — dal ne mach he nicht weder- 
spreken, dat avcr sin vorspreke sprikt, dat mach he wol wider- 
spreken »). Mit dem Widerruf bewahrte sich der Sachwalter vor dem 
sonst unausbleiblichen Schaden und konnte derselbe nun eine neue, 
bessere Erklärung an die Stelle setzen. Diese Möglichkeit aber, gespro- 
chene Worle ungesprochen zu machen, und die zuvor unzweckmässig 
oder unrecht gegebene Erklärung abermals und besser zu geben, heisst 
Inder Gerichtssprache meist Erholung, dann auch Wande- 
lung und im XIV. Jahrhunderte, wenigstens in der sächsischen 
Recbtssprache durchgehends Erholung und Wandelung. 

Holunge, in dem althochdeutschen Sprachschätze nicht bezeugt, 
wird in einer lateinisch geschriebenen licchtsquelle bezeichnet als 
Ueratio •), reiteratio *•), restauratio iuris **), oder revocalio ver- 
borum <<}, wobei inde.ss nie der Zusatz: quod vulgariter holunge 
dicitur fehlt. Auch ist einmal in Beziehung darauf von einer recla- 
matio qiierimoniae etc., von einem reiterare iuramcntum die Rede i>}* 
Holung ist daher das VVicderansichbringen der Rede, die Wieder- 
holung einer Erklärung oder Handlung, beziehungsweise das Recht 
hiezu 1^). Mit Rucksicht auf ihre W^irkung aber stellt sich die 
Holung dar als »eyne bewarünge des klegers vn^l des schuldi- 
gers^ 1»). Zu der ersten ursprünglichen Bedeutung hat der Ausdruck in 



gealanden wire; ferner Nr. 446, wo die Art wie mehrere Klagen behandelt 

wurden, als die Folge der „fürsorglichen Umsichl'' des Vursprechers hingestellt 

wird. 
«) Goslar*sche Staiaten 69, 31—33. 
*) Branner SehölTenbueh Nr. 420. 
i«) Ebendaselbst Nr. 717. 
") Ebendaselbst Nr. 367. 
^*) Ebendaselbst Nr. 59, 67. 
*>) Ebendaselbst Nr. 367. 
*«) Vgl. auch Haltaus, Glossar c. 349, 949, 950. Benecke-Mfiller, mittelbochd. Worter- 

buch 1, 703. Homeyer, Sachsenspiegel, Glossar 420 und Richlsleig, Glossar 

530. 
*^) Berliner Stadtbuch 89, unten S. 209. 



20S Heinrich Siegel 

der Rechtssprache sodann noch eine zweite abgeleitete gewonnen. 
Holung wird auch die Busse genannt, welche im Falle des Wider- 
rufes einer Erklärung, der die Voraussetzung für die Erholung 
bildet^ zu zahlen ist. Diese Bedeutung liegt dem Worte überall zu 
Grunde, wo von einem holunge perdere im Gegensatze zum habere, 
von einer perditio holunge, oder von einem angewinnen und abteilen 
einer solchen die Rede ist *«). Der odrt* das Wandel im Mittelhoch- 
deutschen, wantal, wantala oder wandil in der alten Sprache aber 
ist so viel als Änderung, Wechsel, Zurücknahme, Rückgang i?}. 
Und zwar bezieht sich der Wandel bald auf des Vorsprechers 
Erklärung, bald auf seine Person, indem jene zurückgenommen 
und von dieser zugleich abgegangen werden darf, bald endlich 
ist der Ausdruck nur tautologisch mit dem zuvor besprochenen 
verbunden. 

In der dem Sachwalter eingeräumten Möglichkeit der Erholung 
lag unstreitig der grösste Vortheil der Verhandlung durch einen 
Vorsprecher. 

Darum wird stets dieses Moment hervorgehoben, wenn zum 
Zwecke der Belehrung von dem Verfahren mit und ohne Vor- 
sprecher die Rede ist. Vgl. Sachsenspiegel 1, S9, §. 2: So klage 
manlik dat im wirre mit vorsprekrn, durch dat he sik nicht ne ver- 
sume. 60, §. 1 : Sunder vorsprekcn mut wol klagen en man unde 
andwerden, of he sik scad* n getrosten wel, die ime dur an beje- 
genen mach, of he sik vorsprict, des he sik nicht erhalen ne mach, 
alse he bi deme^ vorspreken wol mut, di wile he an sin wort nicht 
ne Jet. — Deutschenspiegel 82: Dar nach sul maenichleich chlagen 
mit vorspreclien swaz in wcne. Ein isleich man mag wol chlagen 
vnd antwurlen . vnd versprechen (ane fursprechen) ob er sich wil 
zeschaden troesten der im tlavon geschieht . verspricht sich ein vor- 
spreche (er .*«ich ane fursprechen) des enm.»g er sich niht erholn, 
er muzz den schaden haben . hat er einen vorsprechen und misse- 
sprichet der . er mag sich wol erholen mit einem andern *»). — 



<«) Brunner SchöfTenbuch Nr. 251, 423, 429, 441, 457, 717 und- Dona'sche Urtheils 

unten S. 234 Note 108. 
17) Graff, «llhochd. Sprachschatz 1, 763. Wächter, Glossar c. 1820, 1831 Hallaiis, 

Glossar c. 2027, 2026. Schmeller, bair. Wörlerbuch 4, 97. Beiiecke-MGlIer, mittel- 

hochd. Wörterbuch 3, 697, 698. Homeyer, Itichtsteig, Glossa. 568. 
is) Übereinstimmend, ahg^esehen von den angeführten Besserungen, k. Landrechtsb. 

c. 93. 



Die Erholung: und Wfludelan^ im geriehtlicheii Verfahren. 209 

Magdeburger Weiehbildbueh 18, §. 7: So gebide die riebtere 
manliken dat be klage mit vorspreken» durch dat sik niemant 
TOrsame. §. 8: Ein ichlik man mach sin wort wol selven spreken, 
die bynnea wichbilde geseten is und unbesproken is an sime 
rechte, of he sik des acaden trösten wil die eme dar na komen 
mach. — Rechtsbuch nach Distinctionen IV, 26, 12: Ein iczlich 
nobesehuldener man mag sin wort wol selber sprechen dywile he 
sich dez schaden getroesten wel, der om selber davon ensten magk, 
wenoe wandet unde holunge mag he nicht gehabe. — Purgold *s 
Reehtsbuch V, 35: Ein iczlicher mag wol an dem gericht^ selber 
klagen ane versprochen und antwortten, ob her sich schaden 
getroesten wyll, der im davon ensten mag, ab her sich vorspricht» 
des her sich nicht erholenn magk, also her wol thun mochte midt 
eim vorsprechen, ader midt zwen , ab in eyner vorsumet , das her 
den andern gewinnet . dye weyle auch das her an seyn versprochen 
wortt nicht gehett . Dit is iantrecht, wichpils recht und stadt- 
recht. — Berliner Sladtbuch ^^) : Dan so klage mallich, dat em werre 
mit vorspreken, dorch dat he sich nicht vursume. Sunder vorspreken 
mut wol klagen eyn man vnd antwerden, ofhe sich scaden getrosten 
wil, di ero darane beiegen mach; ofte hc sich vorsumet so kan he 
sich nicht verbalen met eynen batspreker in deme gehegeden dinge, 
alse he bi deme vorspreken wol den mut, also di helunge wol vt 
wiset, di dar is eyne bwarunge des klegers vnd des schuldigers. — 
Rechtsbelehrung der Brünner Schöffen für die Geschwornen von 
Ungarisch-Brod «»): Actor et reus possuntper se ipsos coram iudicio 
proponere, quidquid habent placitare. Revocationem verborum , quae 
Yulgariter holunge dicitur, nisi prolocutores verba eorum proponant, 
non habent. Unde necessarium est et utile, quod unusquisque 
per advocatum proponat et respondeat, quidquid habuerit quae- 
rulari. 

Darum wird ferner in den dichterischen Erzählungen von 
gerichtlichen Verhandlungen unter den vielen Bitten, mit welchen 
die Vorsprecher an den Richter traten, immer nur die der Wand- 
lung gestellt. Als Brun der Bftr die Vertretung des Wolfes vor des 
KSnigs Gericht Ghernommen, spricht er: 



**) Bei Fidicin, Beitrfige zur Geschichte der Stndt Berlin. 1837. 9. 89. 
'*) Rrfinner Schöffenbuch, Nr. S9. 
SKzh. d. phil.-hist. Cl. XLII. Bd. II. Mft. j4 



210 Heinrich Siegel 

h^rre, nu gert Isengrim 
durch relit Tod iuTer güete 
ob ich en misschuete 
daz er min mueze wandel hän. 

Darauf der König: daz st getan <<)• ^^^ i^ ^^^ Dichtung „die 
Minne vor Gericbt**, wo von der Gerechtigkeit^ die als Klägerin eiaen 
Vorsprecher sucht, gesungen wird : 

ril bald si daz geluke vand 
das hett si E dar umb versolt 
daz es jr wort sprechen wolt 

fügt nicht minder der Dichter bei: 

Ob si rersümt waer dar an 

so möcht si sin wol wandel han *'). 

So allgemein der Satz „ein Mann ein Wort** in deutschen 
Landen galt, so allgemein war auch die Möglichkeit der Erholung 
beim Verfahren mit Vorsprechern im Rechte begrQndet. Sie ist 
nicht eine Besonderheit des einen oder andern Stammesrechtes, sie 
findet sich nachweisbar eben sowohl im Rechte der Franken und 
Baiern, als im sächsischen Rechte 2'). Sodann war sie nicht blos 
vor der Schranne des Landgerichtes, sondern auch im Ringe des 
Lehensgerichfes begründet. In der Weise des Lehenrechtes *^} 
beisst es: so kome der vorspreche an seyn wort, vnd dinge yme 
holunge vnd wandil wye afte des not sey werde, gleicher weysse 
alss vor lantrechte. Für die Lehensgerichte behauptet freilich das 
kaiserliche Lehnrechtsbuch das Gegentheil ^^). Seiner Lehre 
gemäss sollte der Lehensherr als Richter den Lehensmann^ nach- 
dem dieser einen Vorsprecher angenommen, fragen, ob er 
dessen Erklärung für sich anerkennen wolle. Nur im Bejahungs- 
falle wQrde hiernach der Vorsprecher ihm verbleiben, im andern 



»*) Reinhart Fachs t. 1370—1374. Ausgabe von J. Grimm. 

>t) Von Lassberg, Liedersaal i, 201. 

**) Aus dem scbwfibischeo Rechlsgebiete gebriebt es , wenn man absieht von dem 

k. Landrechtsbuebe, allerdings an Zeugnissen. 
«*) Sachsenspiegel (Homeyer) 2i, 547. 
P^) S. bereits Homejer, System des Lebenrech(es S. S88. 



Di« Erholung nnd Waodeliing iro gerichttielicn Verfahren. 2 t 1 

Falle mösste er unvertreten sein Wort selbst reden, c. 37: So sol 
der herre vragen sinen man alse er fvrspreehen niroet, ob er ane 
sins fvrspreehen wort welle iehen. Sprichet er ia, so belibet im der 
frrspreche; sprichet er ort, so git im der herre dez frrspreeher nvt. 
Swa man richtet vmbe Iehen reh^, da sol der herre deheinen fvr- 
spreehen geben, er veriehe danne swaz der fvrspreche spreche, 
daz daz sin wort si. — e. 119 a: In aller rede sol der herre den 
man vragen, ob er an sins fvrspreehen wort welle iehen. Sprichet er 
nein, so git im er mit rehte deheinen fvrspreehen; sprichet er ia, 
so git er im einen fvrspreehen. Auch der Lehensherr sollte nur 
unter der gleichen Bedingung einen Vorsprecher haben. Ditz reht 
hat der man oh gen sinen herren , fahrt c. 119a fort. Die Folge 
aber wäre nach c. 37 die: sprichet er wol, dez genvzzet er, sprichet 
er ubel, er hat den schaden, dez wort er da sprichet. Versumet er 
in, er hat den schaden, wen git im deheinen fvrspreehen me den 
tag vmbe die saehe, oder wie c. 119 a sagt: vnd missesprichet der 
fvrsprech, da hat der herre vnd der man den schaden an. Vnd swaz 
der fvrsp rech sprichet, daz muoz staete sin, vnd mag ir deweder 
keinen wandel han. Daz ist aber nit wan in lehenrecht. Ob diese 
Lehre einem lebendigen Gerichtsgcbranche entnommen war, und wo 
derselbe etwa bestand, lässt sich nicht nachweisen. 

Der blosse Umstand, dass einer durch einen Vorsprecher sich 
vertreten Hess, gab übrigens noch keineswegs dem Mündel das 
Recht der Erholung. Damit dasselbe bei der Verhandlung einer 
Sache begründet war, wurde erfordert, dass es von dem Vor- 
sprecher alsbald nach seiner Bestellung, ehe der Rechtsstreit 
begonnen, erbeten und von dem Gerichte zugestanden worden sei. 
In dem Brönner SchöfTenbuche Nr. 67 ist zwar von diesem Beding- 
Disse als von einer blossen Übung die Rede, wenn es heisst: revo- 
cationem verborum, quae vulgariter holunge dicitur, deliberationem 
et alia, quae advocati consueverunt pro iure partium praeter* 
mittere, allein die Übung gründete sich auf die Nothwendigkeit des 
Gedinges, wenn anders das Recht dem Sachwalter zukommen sollte. 
Bittet ein man eines mannes, der sin wort spreche uor gerichte, der 
trete an sin wort und irdinge im des wandel» nichts und he irvalle 
an sime werte, daz ienre an sin wort nicht jehe; so ist di teidinc 
vnd die Sache verlorn, wes he da benennte. Wen he der holunge 
nicht irdinget hat vnd des wandeis, so mach he nicheinen vorsprechen 



212 Heinrich Siegel 

me gehubeD umme die sacbo «<). Die Anweisung, welche demgemäss 
Johann von Buch in seinem Richtsteige Landrechts 3, §. 3 dem Vor^ 
sprechet* gibt, lautet: So vrage — oftu di vorspreket dor (dio 
unwissen adir) dine dorheit« oft het ieht ane scaden wedderspreken 
möge. Dat vint me, he mog et dun. So vrage yort, ofte en nicht 
hewaren konest an sime rechte, ofte he sie icht mit enem anderen 
Yorhalen möge. Dat yint me «'). 

Ober die Fassung, in welcher die Erholung bedungen zu werden 
pflegte, gibt eine Reihe von Formeln Aufschluss, unter denen übri- 
gens keine alle einzelnen üblichen Fragen vollständig enthftit. Sie 
mögen hier zusammen Raum finden, während ihr Inhalt im Einzelnen 
später an den entsprechenden Stellen verwerthet werden soll. Mag- 
deburger Formel : Vnd ob ich ine an jenegen dingen vorsume . ob 
her sich dies icht erholen muze mit mir oder mit einem andern s^). 
— Freiberger Formel : Her ricbter sal ich sin wort spreken . ich 
irdinge im sin wandel als recht ist ab ich in versume daz he des 
holunge habe mit mir oder mit eime baz sprechenden manne e danne 
iz zu urteilen kume . daz ich iz ane buze blibe vnde he sime rechte 
desto uerrer icht si <»). — S. g. Joachim^scbe Formel : Sint dat ik 
an N wort komen byn met rechte unde met orlove, oft ik velleftich 
werde in N worde, oft ik N vorsumede dat he eyn gewedde -lede, 
oft he sik icht tu rechte vorhalen möge met my oder met eynem 
anderen bat sprekenden manne, oder wat dar recht umme si s<^). 
Bamberger Formel: So dinge Ich Im alle die wandell mit rechte, die 
euer zentgericht hat — und ob ich In verkürzet in meinen werten, 
also daz ich Im zu kurtz oder zu langk Sprech, das das dem klager 
an schaden were vnnd das er mocht ein andern nemen, vnnd von 
dem andernn an den dritten als lang dasdemclager gehollfTenwere *^y 



£•) Freiberger SUtuten XXXI, 17, Schott 3, 255. 

27) Vgl. auch Rechtsb. n. Dist. IV, 21, 2, wo es heisst, sobald ein Vorsprecher dem 

Sachwalter mit urteilen gegeben wirl, der vorsprecher gewiune jm sin vandel 

und sine holunge. 
88) Magdeb.-Brealauer R. (1261—1283), §. 74 bei Gaupp, magdeb. Recht S. 247. — 

Übereinstimmend Culm. R. l\ , 83, wo übrigens in einer Handschrift statt mit 

mir: mit yro selber steht, wfihrend in einer andern die Worte gan£ fehlen. 
*9) Freiberger Statuten XX, 210. 

30) Gerichtsformeln §. 2 bei Homeyer Richtsteig S. 330. 
31 Bamberger Zentgerichtsordnung §. 3 bei Zöpfl, Bamberg. R. 129, vgl. §. 3, 133, 

1. 1, 134. 



Die Erholung uod Wuiideiuiig im gerichtlichen VerfMhreo. 213 

Holländische Formel >*): Soo verdinge ik desen Jan» of hoe dot by 
gebeten is by synem kersten naem, waert dat ick woorden sprack, 
die heni goet, nut» ende orbaer waeren, dat sy stade, afle^ ende 
vaste blyyen. Waert sake, dat ick des niet en dede, dat hy uyt mach 
gaen met my of met een ander om zyn beraet, te eynden \! zyner 
banne "). — Sächsische Formel : So rrage ick umme en recht. Eft 
ik mi Torsprike and N an sinen rechte nicht vorwaren konde , eft N 
dat icht ane schaden wedder spreken möge und sik vorhalen met sik 
selves edder met einen anderen bet sprekende manne, wat daran geschiet 
dat dar jo recht an schee. So bidde ik vort umme ein recht. Eft N 
uode ik yan sinen worden icht möge ane schaden dries gespreke 
omme iewelke rede, run unde rat, halinge unde wandelinge hebben, 
so dicke als N des behuf is to sinen rechte >^). — Nikolaus Wurm*s 
Formel: Hyrre her Richter ich dinge ym holunge und wandil. 
Ich dinge ym auch eynen basredynden man, ab her is bedarff 
und ab ich en an ichte vorsewmte, daz er sieh myt eynem andern 
und basredyndyn irholen möge und bethe in einem rechtin czu 
^irvarin ab her daz icht czu richte thun möge .... Hirre her 
Richter, ab mir eyn ungerethe geschege und mich schedelich vor-^ 
spreche, bethe ich ut s(upra), ab her daz icht ane wandil wedir 
sprechen möge, adir waz etc. *^). 

11. 

Die Regeln, unter welchen die Geltendmachung des Rechtes 
der Erholung beim Verfahren mittelst eines Vorsprechers stand, 
waren folgende : 

1. Eine Erholung setzte voraus, dass der Sachwalter der säu- 
menden Erklärung seines Vorsprechers gegenüber Widerspruch 
erhob. Hinsichtlich der Umstände, unter welchen ein solcher Wider- 
spruch zu erheben war, waltete aber ein Unterschied zwischen dem 
Verführen in sächsischen Gerichten und dem Rechtsgange, wie er 
sonst üblich gewesen. 



'') Bei MftUhaeua, tractatus de jure gladii (16S9), p. 637. 

^') D. b. am zu seinem Ziele zu gelangeo. 

'^) AU Randzusatz in einer Bresiauer Handschrift zu ^'chUteig c. 3, während sie 
in einer Aogsburger Ausgabe von 1516, Bl. 200 nach dem Texte steht. Voll- 
ständig abgedruckt bei Uomeyer, Riehtsteig S. 101. 

'*) lilunie des Sach enspie};«!» Ni*. i\\ bei liomeyer Kichtstcig, S. 366, 367. 



214 Heinrich Siegel 

Nach Sachsenrecht sollte der Richter allezeit, nach jeder Erklä- 
rung des Vorsprechers den Munde! fragen, ob er einTerstandoo sei 
oder nicht, worauf letzterer alsbald oder nach einer erbetenen und 
verstatteten Berathung mit Ja oder Nein antworten musste. Vgl. 
Sachsenspiegel 1, 62, §. 7: Die richtere sal immer den man Tragen, 
of he an des vorspreken wort je »•). §. 11:. . vragetin die richtere, 
of he an sines vorspreken wort je, he mut wol spreken ja oder nen, 
oder gesprekes bidden >7). — Vetus auctor de benef. I, 43: In omni 
sermone homo inquiratur, si in verbum prolocutoris sui pro6teatar. 
— Sächsisches Lehenr. 67, 6: In aller rede vrage man den man, of 
he an sines vorspreken wort je «8). — Görlitzer Lehenr. 26: In 
iegelicher rede sol der herre den man vragin, ob er an des yor- 
sprechin wort jehe. 

Ausserhalb Sachsen war dagegen diese stete, immer wieder- 
kehrende Frage des Richters nicht im Rechtsgange begründet. Der 
Verfasser des Spiegels der deutschen Leute sagt c. 82 mit beson- 
derer Rücksicht auf die Lehre des Sachsenspiegels: Swenne der 
man vorsprechen nimet . so sol in der richter vragen ob er ao 
seines vorsprechen wort welle iehen . so sol er sprechen ia • vnd 
als er den vorsprecher nimet so muz er staet haben swas er 
sprichet . daz ist etwa niht gewonheit daz man den vrage ob (er) 
an seinen vorsprecher welle iehen. Ditz ist nach der laeut gewon- 
heit als der man vorsprechen genimt. Von Wort zu Wort überein- 
stimmend lautet das kaiserliche Landrechtsbuch e. 93, und im Ein- 
klänge damit lassen auch die beiden Rechtsbücher in der unmittel- 
bar vorausgehenden, dem Sachsenspiegel 1, 60, §. 1 entsprechenden» 
Stelle s^ die letzten Worte des sächsischen Rechtsbuches „diwile 
he an sin wort niht ne jet" weg *»). Nach der Leute Gewohn- 
heit wurde also bei der Annahme eines Vorsprechers der Sach- 



'«) Übereinslimmend : Hamburgisches Stndtr. tod 1497 B H, 3 (Lappenberg 194), 
Bremer Urselen 29 (Pufendorf 2 , 82) , Statuten von Riga 127 (Pufendorf 3, 
264). 

3^ Von Wort zu Wort übereinstimmend: Magdeb.-Breslauer R. 1261, %. 43 (Gaopp 
242) und Magdeb.-Görlitzer R. 1303, §. 105 (das. 305). 

38) Übereinstimmend Dsp. Lejienr. 203. 

S*) S. dieselbe oben S. 210. 

40j Iq dem zweiten unrerarbeiteten Theile des Dsp. c. 217 wird freilich eine wider- 
sprechende Stelle (Sachsensp. 3, 14, §. 1) ohne Bedenken wiedergegeben, und 
arglos folgte seiner Vorlage das k. Landrechtsbach c. 271 b. 



Die Erholung aud WandeluDg im gtsricfatlichen Verfuhren. 2 1 5 

Walter gefragt, ob er für sich anerkennen wolle, was jener vor- 
trage. Die Bejahung der Frage in diesem Zeitpunkte machte eine 
fortwährende Wiederholung derselben nach jeder Erklärung 
unndthig. Irrig aber wäre es, wollte man aus der obigen Stelle 
sehliessen» der Mündel habe sich eines Wortes seines Vorsprechers 
nicht erwehren können, die Möglichkeit der Erholung sei damit 
ausgeschlossen. Dieses Recht war auch in der Leute Gewohn* 
heit begründet, und es bestand nur der Unterschied von dem säch- 
sischen Verfahren, dass dort ohne eine Aufforderung von Seiten 
des Riehters der MQndel widersprechen oder sagen musste, worin 
sein Versprecher ihn gebäumt habe. Vgl. bairisches Landrechtsbuch 
I, 14: Wer mit vorsprechn vor gericht stet, der mag wol melden, 
ob in sein vorsprech saumpt, henent er daz, so sol es im vnschedlich 
sein, vnd mag er den oder einen andern wol nemen *<). — Freisinger 
Stadtrechtsbuch ^s): War aber daz ain vorsprech jemand versäumet 
mit dem wortt vor dem rechten, daz mag der wol melden, dez 
wort er spricht , jm selber an schaden, und sol jm dann der richter 
denselben oder ainen andern geben wenn er wil. — Ruprecht*s 
Rechtsbueh II, 77 *») : Wir sprechen, spricht ein man vor gericht, 
in savm sein vorsprecher . er sol nennen mit wev . mag er sein 
nicht genennen, so mues er pei dem vorsprechen beleiben, vnd 
flevst anders nicht gen dem gericht dar vm • Ist auer daz er nennt 
mit wev er in gesavmt hat, so mag er denn wol genenen den er vor 
gehabt hat oder einen andern. 

2. In Bezug auf die Frage, wie lange ein Widerspruch reehts- 
giltig erhoben werden durfte, herrschte eine Zweiung zwischen dem 
gemeinen Sachsenrechte und einzelnen Stadtrechten sächsischer 
Art, die ihrerseits wieder mit aussersächsischen Rechten überein- 
kamen. 

Nach gemeinem sächsischen Rechte durfte der Sachwalter so 
lange widersprechen, als er nicht auf des Richters Frage ausdruck- 
lich seine Zustimmung erklärt hat. Vgl. Sachsenspiegel 3, 14, §. 1 : 



**) r. Freyberg, SaminluDg hisfor. Sehr. 4, 400. 

**) Bestätigt Ton Bischof Albrecht 1359, bei t. Frejberg S, 165. 

«') Bei Westeorieder. Obereinstlmmeod die Handschriften ron 140S, 1436 und 1441. 

wahrend das Manuscfipt von 1473 eine Lficke an dieser Stelle hat. Vgl. v. 

Maurer S. 34S, 349 Note 15. 



216 Heinrich Siegel 

Of en man sines vorspreken wort nicht ne jet, de wile blift he sau* 
der scaden sines vorspreken werde ^^). — Vetus auetor de beaef. 
I» 43 : Hominem proloeutoris sui negligentia non damnabit quamdia iq 
verbum iilius confessus nonfuerit. — Sachs. Lehnr. 67,6: Mtssesprikt 
die vorspreke, die wile en man an sin wort nicht ne jef, so ne seadet 
it ime nicht ^»). — 65rlitzer Lehnr. 26: iz ne schadet dem man nicht, 
ob sich der vorspreche vorsumet, die wile er an sin wort nicht 
jehef. — Neun BQcher der Distinctionen IV, 13, 18: Diwile eia 
man in sines vorsprachen wort .nicht gehe, diwile blibet er oho 
schaden. Auf Grund dieses gemeinen Gerichtsgebraoches hatte sich 
Johann von Buch eine „Behendigkeit^ f(ir den, der als MQndel vor 
Gericht steht, ausgedacht, einen Kunstgriff, den er sowohl in 
seinem Werke Ober den Rechtsgang, als auch in der Glosse zum 
Sachsenspiegel mittheilt. Derselbe besteht darin, dass der Sach- 
walter durch den Vorsprecher sofort nach dessen Vorbringen, Zug 
um Zug, das Urtheil fragen lässt. Denn, so unterweist der Verfasser 
des Richtsteiges Landrechtes 2, §. 2 seinen Leser, alse met vint, 
behaget it di nicht, so je an sin wort nicht, wen den blibesta noch 
ane scaden. Einem gewandten Richter gegenOber hilft freilich dieser 
Kunstgriff nicht, er wird ein solches Vorhaben vereiteln. Bistu aver 
riclter, lehrt der kundige Ritter weiter, so beware di unde ne 
vrage nenes ordeles, du ne vragest jo den sakeweldegen , oft sin 
wort also si • Secht he ja, so ne mach hes nicht wedder« 
spreken ^<). Und wohl mit Rucksicht hierauf bringt das Berliner 
Stadtbuch 89 die richterliehe Fragepflicht in Zusammenhang 
mit der Dauer des Widerspruchsrechtes, indem es da heisst: 



^*) Wörtlich uberelQStimmend Rb. n. Dist. IV, 26, ll>; ausserdem v^l. S. 216 Note 40. 

^^) Obereiustimroend Dsp. Lehar. 203. 

**) ^'S^* di® Buch'sche Glosse (Augsburg bei Haus Schöusperger 1482, k. k. Hof- 
bibliothek) zu 3, 14: Hie bab du ein bebendigkeit, wenn du vor gericht beschwert 
pist oder du vor gericht begriffen pist, so lass vragen eines urteils nach deiner 
Sachen die du gern bettest vnd hortest, ob es der vinder wolle vinden das es 
fär dich sey oder wider dich . wenn es geschieht offt das ein rrteil einem gefunden 
wird zä fromen durch der vinder toiheyt, ob sy als weiss weren das ay im es 
vtlleicht zfi schaden funden. Ist es dann nach deinem willen funden so behalt es 
vest. Ist es aber dir zfi schaden funden, wenn dich der riehter flraget, ob es 
dann dein wort also sey, so bitt du eines gesprüches vnnd kumm dann wider 
hinein, und Sprech nein . so bleibst du on schaden, vnnd darumb so stet hie oben 
der riehter so! ia vor dem vrteil fragen den sachwaldigen ob ez sein wort sy, 
ala hyeuor I, 62. 



Di« Erhol uDj; unU Wttodelung im gei'ichllk'heii Veifalireu. 4 1 7 

Item oft eyn man an seynes vorspreken wort nicht en iet di wile 
blift he aunder scaden synes vorspreken wordes. Darvmme 
Trage di richter den kleger oder den schuldiger in aller rede : ofte 
he an synes vorspreken word ie; sprekt he ta allen dediogen ia» 
missesprecht di vorspreke, so scadet dat dem genen^ des vorsprake 
fae is. Sollte der Richter einmal die Frage gänzlich vergessen, so 
wflrde nach des Glossators Meinung, die auf I. un. Cod. de errore 
calc. 2, 5, I, 2 und 3 C. de errore advoc. 2, 10 sich stützt, der 
Handel so lange widersprechen könne, als die Sache nicht abgethan 
ist, dyeweil das nicht rerricht ist ^7). 

Nach dem Freiberger Stadtrechte wurde dagegen das Recht 
der Erholung von vornherein bedungen nur fOr die Zeit, „e danne iz 
zu urteilen kume* ^^) und übereinstimmend wurde es laut der Blume 
des Sachsenspiegel« Nr. 45 gewfthrt, „ab do keyn urteyl ubir 
gegangen, dy weyle nicht urteil und recht dor ubir gegangen 
isl'^>), oder wie die Witzenhauser Hegungsformel ^^) sagt: »sint 
das man das urteil bewarre^ ^i). Hiernach war also im Gegensätze 
zu dem gemeinen Sachsenrechte eine Verschweigung möglich, was 
auch die GoslarVhen Statuten 69, 33 — 36 aussprechen. Des he 
aver an sines vorspreken wort gut, dat ne mach he seder nicht 
wederspreken. Sprikt ok de vorspreke wat, dat he nicht weder ne 
sprikt, dat ne mach he seder nicht weder spreken. Daher musste 
da, wo die richterliche Frage um die Zustimmung üblich war» der 
Mündel auch, ohne die Aufforderung des Richters abzuwarten, als- 
bald widersprechen können, was das Brünner Schöffenbuch Nr. 69 
hervorhebt: potest homo verba advocati sui vel per iudicem inter- 
rogatus vel per se affirmare vel negare. Ja , es war hiernach um 
eioe Verschweigung auszuschliessen vorsichtig, wenn der Ver- 
sprecher nach seiner Rede den Richter veranlasste, seinen, den 
eigenen Mündel um die Zustimmung zu fragen. DemgemSss stellt 



*^) Vgl. die Glosse (Note 46 «. ft. 0.), worin unmittelbar vorher die Verschie* 
denheit des geistlichen Rechtes, das eine dreitägige Frist zum «wyder tSdiogen*' 
setzt, andererseits aber den Beweis einer redlichen Ursache der Irruug fordert, 
festgestellt wird. 

*^) S. oben S. 214. 

«') S. oben S. 214. 

.»<^) S. unten S. 225. 

^') D. h. nach Kopp» heas. Gerichtsrerfassung S. 23!), Note: so lange, als die 
Schoppen das Urtheil noch bei sich, nicht aber, wenn sie dasselbe schon ausge- 
sprochen hatten. 



218 Heinrich Siegel 

der Vorsprecher in dem oben &*) angeftihrten Randzusatze das Ersuchen : 
Her richter vraget N oft sin wort also si, alsi ik hir vor em gesproken 
hebbe, und dieselbe Bitte findet sieh auch stets in den sogenannten 
.1oachim*schen Gcrichtsformeln , sowohl nach einer Klage als nach 
der Antwort und einer Beweisfrage »«). 

3. Der Widerspruch von Seiten desMQndels erfolgte fQr diesen 
ohne Schaden, ohne Wandel ; dagegen zog er in aller Regel Boss- 
fälligkeit des Vorsprechers gegenüber dem Gerichte nach sich. Vgl. 
neun Bücher der Distinctionen IV, 13, 18: Misselhut aber derror- 
sprache oder verspricht sich seinem haubtman zu schaden, und 
spricht der haubtman, es sey sein wort nicht, so wettet der yor- 
spreche dem richter ^*). 

Der Grund dieser Bussfälligkeit ist ein anderer in demLehens- 
gerichte, ein »nderer Yor dem Landrechte. In dem Lehensgerichte 
verwirkte der Vorsprecher die Busse , weil er als treuer Lehens- 
mann seines Herrn vor diesem, der zu Gerichte sitzt, nicht eine 
andere Erklärung hätte geben sollen, als ihm von dem Sachwalter 
befohlen worden war. Dessh<nlb kann hier auch, und iusoferne leidet 
die Regel eine Ausnahme, die Busse entfallen, wenn nämlich der 
Vorsprecher zu schwören vermag, dass er nicht etwas anderes 
gesprochen, als ihn der Mündel zu sagen gebeten. Vgl. Richtsteig 
Lehenrechts 10, 8: So vrage de herre dem manne alle tid, oft he 
an sines vorspraken wort je. Sprikt denne de man ja, so vrage de 
lierre des ordels van sik. Sprikt aver de man nen, so vrage deherre 
wat de vorsprake de sin man is vorboret hebbe, dat he ander ordel 
jegen sinen heren vragen heft, wan eme bevolen was. So vind me 
sin gewedde; id ne werre dat he dar sin recht to dede, dat he an- 
ders nenes ordels gevraget hedde, wen dar vmme he gebeden 
were s»). Für das Landrecht dürfte sich der Grund der Busse aus 



") Vgl. S. ZIS Note 34. 

^') Vgl. §. 5, 13, 14 a. E., bei Homejer RichUteig S. 331—333. 

^^) V^l* Rb. D. Dist. IV, 26, 1$: Missethut aber der Torsprecbe, er mui liden, wai 
recht ist. 

&&) Vgl. sfichs. Lehenr. 19, 1: Of eo man an.sioes vorsprekeo vort nicht ne jet, 
Qnde of die herre den vorsprekeo dar umme sculdeget, be niut dar umroe ge- 
wedden, he ne da sin recht dar Tore ande svere dat, dat be anderes nicht 
gesproken ne hebbe, wen als im jene bede, deme^he to vorspreken gegOTcn si. 
Cbereinstimmend Dsp. Lehenr. 50; nur steht statt gewedden irrig swern. 



Die Erholung und W^odetung im ^erichtliclien Verfahren. . 219 

dem Satze : iudices et iurati audire debent necessaria rerba partium 
sine emenda ergeben, welchen Johann von Brfinn ober ein nachCrum- 
law ergangenes Urtheil setzte <*). Was nicht noth wendig war, und als 
unnöthig stellte sich dar, was Ton Seiten des Sachwalters widerrufen 
oder zurückgewiesen wurde, musste gebQsst werden. 

Hin&ichtiich der Grösse der Busse wird alsRegel gelten können, 
dass die kleinste in dem Gerichte Übliche Busse verwirkt wurde. 
Emenda perditionis holunge sunt XII parvi denarii, qai faciunt gros- 
sam Pragensem, et ita est minima emenda iudicialis s^). 

Da die Busse von Seiten des Vorsprechers im Dienste des 
Sachwalters veniirkt wurde, so war es übrigens billig, dass letz- 
terer dem ersteren Ersatz leistete. Nicht leicht hätten sich sonst 
Vorsprecher Oberhaupt gefunden. Immer aber musste der Vor- 
sprecber diesen Regressanspruch sich bedingen und vom Gerichte 
feststellen lassen, widrigenfalls entbehrte er desselben. Vgl. Rechts- 
buch nach DIsh'nclionen IV, 26, 6: Wer czu Torsprecher gewunnen 
wert, der sal sich mit orteylen bestelle, ab he busswerdig wert, wer 
on mit rechte dor abe neme s«^. En tud he des nicht, he musz dy 
busse selber liden »•). Die hierauf bezügliche Frage lautet nach dem 
Richt&teige Landrechts 3, §• 1 : her richter, ic bidde enes ordeles, 
oft ic des Torsprekens in scaden queme, we is mi af nemen scolde? 
So scal men yinden, durch den du in scaden kumst. Auch gebricht 
es nicht an Zeugnissen aus dem Leben Ober entsprechende Fragen 
und Urtheile. In dem freien Meierdinge, das zu Sersum im J. 1K31 
ton dem Pater Heinrich und den BrOdern Nikolaus, Siderius und 
Johann Wolf des Klosters Wittenburg als Oberherrn gehegt wurde, 
heisst es: Da bedinckpalde sick H. Wassmann (der Vorsprecher), 
und leith fragen ein ordell eft he dusses seggendes in jennigen 



M) Brunner Schöffenb. Nr. 420. 

•0 Branner SchölTeBb. Nr. 251. Vgl. ferner Weisth. v. Crove unten S. 43. — Freib. 
Statuten XXXI, 16 unten S. 225, 220. — Sollte die Weisung i welcber ein Tfho- 
lungh tbut, gibt dem gericht ein mass wein Tudt iu>r xwen pfenningh weckh 
• «US dem Frankensteiner Weisthuroe (Grimm 1, 482), an dessen Schlüsse die 
gericbtlichen Taxen für ein vorgebott, eioe zusezungh oder verleghuDg und ein 
rrkundt und die obige Handlung genannt werden, hierher gehören? 

^*) Nichts anderes wohl, als diesen Rückanspruch bedingt sich der Vorsprecher laut 
der Freiberger Formel (oben S. 214), damit der Mflndel sime rechte deste uer- 
rer icht ai. 

**) Übereinstimmend PurgoId*s Rb. V, 36 n. E. 



220 Heinrich Si eg'el 

schaden keine» we ohme den gelden scholde? warth gefunden: 
de ohme daran gebracht hedde <o). Vgl. ferner Alefelder Vogtei- 
gerieht yom Jahre 1680: Vorsprach: ob ich des spreehens 
halber in schaden geriete, wer mich daraus entheben und ent- 
ledigen solle? Richter: der sachewalde e^- ^^^ ^'^ Haftpflicht 
des MQndels gegenOber seinem Vorsprecher festgestellt, so» ßhrt 
der Richtsteig weiter. Trage vort, uppe wem du des sen scolest« 
! So vint me, de man scole it di vorwisen, d. h. Sicherheit daßir 

i geben. Und daran knQpft Johann von Buch einen Rath für die Vor- 

I Sprecher. Statt sich soll er dem Richter die Sicherheit geloben 

I lassen und sprechen: Herr Richter, genögt sie Euch für mich, so 

genOgt sie auch mir. Damit war der Vorlheil gewonnen, dass der 
I Vorsprecher, falls er eine Busse oder Wette verwirkte, trotzdem 

dass er nicht erbgesessen war<^), dennoch keine Bürgschaft zu 
I leisten brauchte und nicht festgenommen werden durfte. Von der 

1 Verpflichtung gegen das Gericht, die Busse zu bezahlen, wurde er 

1 freilich damit nicht entbunden. Übrigens ist nicht aller Orten diesem 

Rathe gemäss gehandelt worden. Anderwärts bedingte sich der Vor- 
sprecher aus, dass er, falls sein Mündel die Schuld ob ihrer Grösse 
nicht sofort berichtigen könnte, ein Pfand setzen durfte und darauf 
so frei vom Gerichte gehen mochte, als er zu demselben gekommen. 
Alefelder Vogteigericht ««): Vorspr. wenn nun der schade so weit- 
lich und so gross würde« das mein principal denselben nicht geben 
oder bezahlen könte, ob ich denn nicht möchte eine wedde leggeo, 
und geben so frei von gerichte, als ich dazu gekommen hin, und 
lassen den gegenwärtigen schaden , oder was ein recht darin sei ? 
Richter: dieweil er sotbanes erwerbet, mag es wol sein •^). 

4. Die neue Erklärung, weiche an die Stelle der widerrufenen 
trat, musste der Natur der Sache nach gegeben werden, die Erho- 
lung hatte Statt zu finden: innerhalb der Schranken od^ Bäume, die 



•0) Griinm, WeisUi. 3, 240. ÜbereiOBtimmend lautet da« Urtheil und Recht, welches 

in der Hokmark zu Bebra (1659. 1672) Nr. 8 gefunden und eingebracht wnrde. 

Ebendaselbst 304. 
•<) Bbendaselbst 269. 
«<) Vgl. Sachsenapiegel 1, 61, %, 4. 
«3) Grimm, Weistb. 3, 269, 270. 
M) Damit zu vergleichen ist Saehsenspiegel 3, 40, %. 2. Sve so penninge oder silver 

gelden sal, but he dar wedde vore, he n*i8 dar mede nicht ledich ire gelo- 

vede ne stunde also. 



Die Erholung und Wandelaog im gerichtlichen Verfahren. 221 

den Gerichtsplatz eiiifriedigteo. So lautete sicherlich das Urtheil auf 
die Frage, welche neben mehreren anderen der Vorsprecher nach 
den Joachim'schen Gerichtsformeln §. 2 an das Gericht zu stellen 
pflegte: N di biddet tu vragen umme eyn recht» war he sik tu 
rechte Torhalen scole. Nach §• 22 begnügte sieh jedoch der Vor- 
spreeher hiemit nicht» er Trug weiter : Her richter etc. , oft he sik 
dar bttten vorhalde, dat dar bynnen behort werde, oft dat gelike 
stede si oder nicht» oder wat dar eyn recht umme si» worauf nicht 
minder gewiss von Seiten des Gerichtes das verlangte Zugestftnd- 
niss eingeräumt wurde. Nun kOnnte allerdings bei dem „ausser- 
halb"* an die Schranken gedacht werden» durch welche die Sach- 
walter Yon ihren Vorsprecbern getrennt sind» so dass der Platz» ron 
wo aus die Erholung auf die zweite Frage gestattet wurde» immer 
noch in den Kreis des gewirkten Bannes fiele <»). Allein» so oft von 
ausserhalb und innerhalb» von hüten und binnen die Rede ist, bezieht 
sieh der Gegensatz auf den ganzen Umfang des gehegten Gerichtes. 
Und es war also eine neue Klage oder Antwort» selbst wenn sie 
ausserhalb des Ringes erhoben oder gegeben wurde» rechtskräftig, 
falls sie nur in dem Ringe gehört und verstanden wurde. Die Veran- 
lassung zu dieser EigenthQmlichkeit mag aber der Umstand gegeben 
haben» dass der neuen Erklärung regelmässig ein Gespräch zwischen 
dem Sachwalter, seinen Freunden und dem Vorsprecher vorausging» 
welches ausserhalb des Gerichtes bei Seite gepflogen wurde» so 
dass also das Zugeständniss darauf sich bezöge» dass bei der Röck- 
kehr von dem Gespräche» noch ehe die Plätze wieder eingenommen 
waren, die bessernde Erklärung gegeben wurde. 

5. Die Erholung konnte erfolgen, die neue Erklärung gegeben 
werden durch den Mund des bisherigen Vorsprechers. Vgl. die 
^ neun Bucher der Distinctionen IV» 13, 8: Spricht der haubtman» 
es sey sein wort nicht, so wettet der vorspreche dem richter» vnd 
kömpt wider an sines hauptmans wort. Es konnte aber auch hierzu 
eio anderer ••) Versprecher genommen werden •'). Ob das Eine 



*^) So ist Homeyer Richtsteig S. 425 mi zun e Innen geneigt. 

^) „Besser redender.* 

^') Vgl. die Magdeburger, Freiberger, Joachim'sche und holländische Formel oben 
S. 412, 215, ferner das bair. Land-, das Freisinger Stadtrecbtsbuch und Ruprechtes 
Reehtsbueh oben S. 217. — Ganz vereinzelt wird dem Sachwalter di^ Recht 



222 Hi^iorich Siegel 

oder das Andere geschah, hing ah von dem Willen und ron der 
Verstftodigung der Betheiligten, des Sachwalters und des Vorspre- 
chers. Auf den Wechsel in der Person des Vorsprechers wurde 
regelmässig beim Ausbedingen der Erholung ausdrOcklich Rücksicht 
genommen; und iwar^urde entweder blos das Rtcht, den Vor* 
Sprecher zu wandeln, erbeten «s), mit dessen Zusicherung selbst- 
verstfindlich das Recht der Wiederholung der Erklärung eingeräumt 
war, oder es wurde in erster Reihe das letzterwähnte Recht und 
ausserdem noch das Recht des Wandels hinsichtlich der Person des 
Vorsprechers zum lohalt der Bitte an das Gericht gemacht ••^. 
Ferner kam es hierbei yor, dass der Vorsprecher nicht blos f&r 
seinen Mündel um das Recht warb, von ihm abzugehen , sondern 
dass er auch sich die Befugniss ausbedang, jenen aufzugeben. So 
heisst es in dem Weisthum des Meierdings zu Sersum vom 
Jahre 1534 ^o^: Darna bedingpalde he (der Vorsprecher) sich 
gewanthliger wisse • . ift he sinen principal nicht mochte upgeyen» 
wen he ohme nicht verdegedingen konde? welches ohme . • tho- 
gestanden worth. Und eben so verlangt der Vorsprecher in dem 
Holzmarkgerichte zu Bebra ein urthetr zu rechte, so ick diese sache 
nicht konnde yerwaren, wie ich den billig thun solde, ob ich auch 
möge frei dayon gehen und einen andern in die stelle lassen? darauf 
erkant, ja ''^). Ein solcher Wechsel hinsichtlich der Person des 
Vorsprechers konnte übrigens während der Verhandlung einer 
Sache nicht ohne Zahl stattfinden. Sal der yorspreche, heisst es in 



bedanf^eo, mit sieb selbst sich su erholen. Vgl. die Formel oben 8. 215 bei Note 34 
und Note 28. 

M) ygl. die Beroberger Formel oben S. 214, die Witzenhsnser Formel S. 225 und 
die beiden Stellen der Dichter oben 8. 212. 

**) ^S^' Richtsteig Lendr. 3, %. 3 oben S. 214 und Wurmes Formel oben S. 215. 

yO) Grimm, Weisth. 3, 241. 

71) Ebendaselbst 304. — Vgl. such Emmerich's Bericht (rom Jahre 1493) über die 
Frankenbergischen Gewohnheiten and den Gerichtsgebrauch, der übrigens dem 
Richter ein sonst nicht begründetes weitgehendes Recht, in die yerhandiung der 
streitenden Theile einzugreifen, gab. Da heisst es: „Höret aber der Richter, da»« 
ein vorspreche durch syne unr^erstandenheit eyme syne sach wil rerlyssen, da hc 
sust recht behilde, ob he guten rait helt: he sal wol eyne warnunge thun, 
das he sich bass berade, unde den man nit versume an synen rechtin, verstehe 
he sichs nit, das he dan den man uffgebe. Beheldet aber jener da hoben den 
Torsprechin^ unde versumet he en, he mass den schaden han. Schmincke , Ana- 
lecta bass. 2, 721. 



Die Erholung and Wnndclung im gerichtlichen Verfuhren. 223 

der Uegerormel des peinlichen Gerichtes zu Witzenhausen 7^), 
sprechen: her richter ick bedinge cynen wandet zu vorsprechin 
rechte . do sullen die selieppen teilen von eynem an den andern, 
Yon dem andern an den dretten, sint das man das urteil bewarre. 
Und noch bestimmter druckt sich der Bericht über eine Verhand- 
lung in dem mehrfach erwähnten Meierdinge zu Sersum vom 
Jahre 1531 aus: Und ift he (der Vorsprecher) ohme nicht ver- 
deyeodingen konde» ift he sik nicht mochte mith einem andern yor- 
spreken wente an den dridden behelpen? warth gefunden, ja, in 
deme alse he dath thoyohrne gewarven, und de driddescholde ohme 
in dem falle helpen de sake uth dragen und by ohme bliven. 

6. Auch der Wandel der Worte war nicht iu^s Ungemessene 
erlaubt Das Recht hatte auch nach dieser Richtung seine Grenze. 
Das Wort, welches bei der letzten Erholung gesprochen wurde, 
war unwiderruflich, von ihm hing der Erfolg ab. Verba in ultima 
holung prolata, qualitercumque proferantur, causam obtinent vel 
aniittunt ''<). Eine Erklärung konnte aber höchstens zum dritten 
Uale versucht werden. „Aller guten Dinge sind drei** sagt das 
Sprichwort; dremal is sin recht, meinte der Niederländer, und wie 
die Alten summten, zwitschern noch die Jungen: „dreimal ist Buben- 
recht*' behaupten bis heute die Knaben, wenn im Spiel der Wurf 
gefehlt. Es war also nach der ersten Erklärung höchstens eine zwei- 
malige Erholung und Wandelung zulässig. Für das gerichtliche 
Verfahren, in welchem ein Vorsprecher thfltig war, führen diesen 
Satz die Freiberger Statuten 7«) klar und umständlich aus : Bittit 
ein man eines mannes der sin wort spreche, der trete an sin wort 
und irdinge im sin wandel also recht is . daz bat he dristunt zu 
rechte. Ir vellei der vorspreche zu einem male* daz ienre an sin 
wort en iehet, so verbuzet he einen schillinc, den sal he leisten 
binnen dinges • leistet he is nicht binnen dingis, so verbuzet he 
sechzik Schillinge . di muz he leisten in virzehn tagen und ienre hat 
dennoch sine holunge zwir. Der bittet aber eines mannes, der sin 
wort spreche und bittit aber desselben oder einis andern, der tritet 
denne aber an sin wort vnd teidinget vor in. Ist aber daz der 



'*) Bei Kopp, heM. GerichCarerf. i, 234, 235. (Beilage 116). 
^) Brfiaoer Scböffenb. Nr. 423 t. E. 
'*) XXXI, 16 (25S). 



224 Heinrieh Siegel 

sachwalde sprichet ez si sin wort nicht zume anderen male, so ver- 
buzzet der vorspreche aber einen schillinc • den muz he oueli 
leisten • • . dennoch hat der sachwalde holunge noch za einem 
male . ynd muz aber bitten eines mannes der sin wort spreche de«* 
selben oder eines anderen, der trete aber an sin wort zume dritten 
male und teidinge vor in. Ist aber denne, daz he an sin wort nicht 
iehit zu dem dritten male, so verhuzet der vorspreche aber einen 
schillinc vnd alle die sache die da beteidinget vnd benant ist, di Ist 
verlorn zu rechte alles dinges» wen he mac nicheinen vorsprechen 
noch nicheine holunge me gehaben. Ist aber daz he an sie wort 
jehet zu dem dritten male waz der vorspreche denne geteidingef 
hat, iz si schedelich oder vrumelich* daz muz vor sich gehn zu 
allem rechte. 

7. Das Recht der Erholung, M^elches von dem Vorsprecher 
seinem Mündel bedungen wurde» erstreckte sich auf Alles» was 
jener statt dieses vorbrachte, also auf die Klage, die Antwort» die 
Benennung vor Zeugen, die Bitte um ein Urtheil u. s. f. Dagegen 
fand es keine Anwendung auf die gerade mit den grössten Fshrlich* 
keiten verbundene Leistung des Eides, der das regelmässige Beweis- 
mittel in einem Bechtsstreite, oder wie das Sprichwort sagt» das 
Ende alles Haders war ?»). Cum judex, erklärt der rechtsgelehrte 
Stadtschreiber von Brunn '^*), concedit parlibus „holnng*^, hoc est 
intelligendum, quantum ad reclamationem querimoniae, responsionis 
nominationis testium, vel alioruro consimilium quae prolocutores pro- 
ponunt, sed non quantum ad reiterandum juramentum. Der Grund 
liegt darin, dass bei dem Schwüre die Thätigkeit des Vor- 
sprechers, wenn ein solcher angenommen wurde, eine wesentlich 
andere war, als bei den übrigen Erklärungen. Hier handelte der- 
selbe nicht statt des Sachwalters '^'*), sondern half nur mit, inso- 
ferne er hei der Vornahme der vorgeschriebenen Handlungen 
anleitete und die Schwurformel vorsagte oder den Eid stabte. Der 



?>) Eisenhart, Grunds, d. deutsch. R. in Sprichwörtern (1823), Nr. 367. — Vg^l. Brunner 
Schöffenb. Nr. 682: Cum omnium litium finis »it iuramenlum. 

76) Brunner Schöffenb. Nr. 367. 

77) Eine Vertretung beim Schwur ^nb es nicht. Unde quemcunque perniseris rem 
tuam ngere aut defendere, ille procurator tuus intelligitur; tarnen si pars eorpo- 
rale juramentum per se facere debeat, qnantum ad hoc procuratorem substitvere 
non potest. Brunner Schöffenb. Nr. SSO a. E. 



Die Erholung* und Wandel nag im g^erichtlichen Verfahren. 225 

Vorspreeher geleitete nach einem feststehenden Aasdrucke der 
Rechtssprache zu den Heiligen und setzte den Eid. Den Schwor 
selbst Tollbrachte dagegen der Sachwalter und es griff also hier 
wieder der Satz ein : ein Wort ein Wort. 



III. 

Von dem Satze „ein Wort ein Wort" und der damit verbun- 
deoen Unmöglichkeit der Besserung eines Fehlers in der eigenen 
Erklärung anerkannte das Recht zu allen Zeiten eine zweifache 
Ausnahme. 

Einmal sollte» was für einen beredten Mann galt» keine Anwen- 
dung finden auf einen Stotterer oder Stammler binsichtlich dessen, 
was er missesprach vermöge des ihm von der Geburt anhaftenden 
Gebrechens. In der Rede und Widerrede, während des ersten Ver« 
fahrens konnte allerdings ein Unglücklicher dieser Art, um jeglichem 
Schaden, der ihm aus seinem Gebrechen erwachsen möchte, vorzu- 
beugen, durch einen Vorsprecher sich vertreten lassen. Macht doch 
der Schriftsteller« von dem das kleine Kaiserrecht verfasst wurde, 
zur Begründung des Satzes, dass der Kaiser Jedem gebieten mag, 
eines Andern Wort zu sprechen, gerade den Umstand geltend I, 12: 
Sint geschriben stet: die zungen der sprach sullen geteilt werden 
mit den» die da stameln ^sj mit der rede, wan ez hat der keiser 
geboten. Dennoch findet sich im Sachsenspiegel 1, 61, §. 3 ganz 
allgemein die Rechts wohlthat gewährt: Die stamere man, of he 
misse sprikt, he mut silc wol erholen 7«). Der Verfasser des deut- 
schen Spiegels ist freilich seinem Muster hierin nicht gefolgt. Er 
hat diesen Rechtssatz nicht aufgenommen. In Folge dessen -fehlt er 
gleichfalls in dem kaiserlichen Landrechtsbuche, und auch Johann 
Purgold hat ihm in seinem Rechtsbuche keine Stelle gegönnt. Da- 



"} Andere Htndscbriften lesen: stamment und stome sin. 

^) Der Eid sollte trotx Stotternd und Stamnelns ^eg^tngen sein, wenn vor der 
Eidesleistung festgestellt wurde, dass dem Schwörenden ron der Nttur die Zun- 
genfertigkeit Tersagt sei. Was für jeden Andern ein Fehler war, das wurde beim 
Schwüre eines Stammlers übersehen und es gebrach also bei dieser Handlong 
ganz und gar an der Voraussetzung, fBr eine Erholung. Daher ist hier auch nicht 
weiter ron dieser Rechtswohlthat die Rede. 
Sitzb. d. phil.-hist. Cl. XLll. Bd. IT. flft. ^5 



226 Heinrich Siegel 

gegen ist er wörtlich abergegangen in das Rechtsbuch tod Berlin >«) 
und in das nach Distinötionen IV, 26, 7: Der stamnoeninger man, ab 
he missespricht, he mus sich wol vorholen. Und in fast allen Rechts- 
büchern hat sogar die Möglichkeit, dass ein Stotterer in der Eigen- 
schaft eines Vorsprechers thätig wird, Berücksichtigung gefunden. 
Es mochte von so Manchem gelten, was Ekkehard von dem St. Gal- 
lener Mönche Notker, der nur der Stotterer hiess, sagt: voce non 
spiritu balbulus erat ^i). Immerhin war es freilieb, wie bemerkt wird, 
ungehörig, dass der Richter einen Mann, der seine Zunge nicht in 
der Gewalt halte, wenngleich der Sachwalter selbst um ihn gebeten, 
wie dies üblich war, als Vorsprecher bestellte. Geit ein richter 
einen stamlunden man ze vorsprechen, daz ist wider recht, sagt der 
Deutschenspiegel c. 83 und wörtlich übereinstimmend lautet das 
kaiserliche Landrechtsbuch c. 94; allein in beiden Rechtsbüchern 
sowohl als auch in anderen wird nichtsdestoweniger der Fall 
gesetzt, dass es trotzdem geschieht, und bestimmt, was dann Rechtens 
sei. Der Sachsenspiegel 1, 61, §. 3 fährt fort, nachdem er gesagt, 
dass der Stammler sich erholen dürfe: versumet he jenegen man 
des Yorspreke he is, die mut sik wol irhalen mit eneme anderen 
vorspreken. Eben so das Rechtsbuch nach Distinctionen IV, 26, 7: 
vorsumet he euch ienen, des wort he spricht» he mag sich wol 
erholn mit eyme andern vorsprochn s«). — Purgold's Bechtsbuch 
V, 36: Stammert eyn vorspreche ab sich der wol vorspricht, des 
muss her syeh woll erholen, wye dick im das nodt thudt. Vorsumt 
her aber ihenem des wort her spricht, der on gewonnen und 
gebetten hatt, der mag sich des mit eim andern oder zweyen vor- 
sprochen erholen. — Deutschenspiegel c. 83: wa er (derstamlunde 
man) misse sprichet, des hat er dheinen schaden des wort er 
sprichet: — K. Landrechtsbuch c. 94: swaz er (der stamelonde 
man) misse sprichet, daz wandelet er. — Ruprechtes Rechtsbuch II, 
76 81) : Suer auer ainen vorsprechen nimt, der stamelt an der red 
gen einen gereten man — — dem sol man niht auf vahen ob er 



80) S. unteo 8. 233. 

81) Mon. Genn. SS. 2, 94. 

83) Das uberelnstimmendo Berliner Sladtbuch unten S. 233. 

8>) W^estenrieder. Von den übrig^en Handschriften gilt dasselbe, was tu U, 77 oben 
Hole 43 bemerkt ist. 



1 



Die Erholung^ und Wandelung: im gerichtlichen Verfahren. 227 

renieht an der red . vnd doch von got di sinne hat, daz er zu dem 
rechte wol cban — verzieht er auer drey stunt . so mag man ims 
wol auf vahen . vnd mag auch ienem wol ze schaden chomen • des 
ward er spricht. Aus diesen Darstellungen ergibt sich, dass nach 
sSehsischem Rechte ein stotternder Vorsprecher, so oft als Veran- 
lassung dazu vorhanden war, sich wiederholen und selbst bessern 
dorfle. Unterh'ess er aber die Besserung, so mochte dann noch sein 
MQndel mit einem andern Vorsprecber sich erholen. Dagegen sollte 
nach Freising*schem Rechte das Stottern zweimal gar kein Grund 
zu einer Erholung sein ^4^, während ein drittes Mal nun aber auch 
gar keine RQcksicht auf das Gebrechen des Vorsprechers genommen 
wurde, und der Sachwalter sich erholen musste, wenn nicht dieser 
Fehler gleich jedem andern ihm zu Schaden gereichen sollte. Die 
Bemerkungen des Deutschenspiegels und des Landrechtsbuches sind 
zu abgebrochen, als dass darauf sichere Annahmen gebaut werden 
künnten. 

Die zweite Ausnahme bezog sich auf den Schwur, und war zu 
Gunsten des weiblichen Geschlechtes. Während eine Frau in dem 
gerichtliehen Verfahren sich ganz und gar vertreten lassen konnte 
durch einen Vormund, dur dat man se nicht vertilgen ne mach, de 
se vor gerichte sprekct oder düt *^), so musste sie beim Schwüre 
gleich dem Manne nothwendig selbst thätig werden. Svar it den 
TTowen to eden komet, die solen sie seke dun, unde nicht ire Vor- 
munde «•)- Jedoch sollte das schwache Geschlecht beim Schwüre 



M) Es galt also hier beschrSnkt, was sonst unbegrentt für den Schwur Rechtons 

war. S. Note 79. 
^) Sachsensp. 1, 46. Kraut, Vormundschaft 2, 268—270. Beitufugen erlaube ich mir 

was Hartmann Ton der Ana (Iwein, t. 7674 ff.) die Schwester, «die sich in ihren 

Worten Terfahren" (oben S. 203) sagen Ifisst: 

jA gesprichet Hhte ein wtp 
des st nicht sprechen solde. 



wir w!p bedürfen alle tage 
daz man uns tumbe rede vertrage; 
wan s2 sunder wilen ist 
herte unde dn argen llst, 
gCTaerlich und doch dne haz : 
wan wirne können leider baz. 
**) Sachsensp. 1, 47, |. 1. Kraut a. a. 0. 1, 378 Note 24. 

i5^ 



228 Heiurich Si eg^el 

nicht füllen; es hatte mit anderen Worten das Weib bei dem Eide, 
den es mit aufs Herz gelegter Hand schwörte, das Recht der ange- 
messenen Erholung und Wandelung. Was yon dem Manne verlaogt 
wurde, dass ein Wort ein Wort sei, muthete das Recht der Frau 
nicht zu — eine der bedeutsamsten Rechtsfolgen , die sich an den 
Unterschied des Geschlechtes knüpfen s?). — Vgl. die neun BOcher 
der Dislinetionen IV, 12, 17: Frawen vod megede mögen nicht 
fellig werden an jhren Eyden, sondern sie sollen schweren also 
lange, bis das sie voilfahren. — Daselbst VI, 1, 11: Eyne izliche 
mait adirwip, die unvorsprochin ist, hotwandilvnd holunge als lange 
bis das se vorkompt. — Zipser Recht vom Jahre 1370 c. 67 »«}: 
Auch ab ein frau einen eid tut, die mag nit vorfaien. — Ofner 
Stadtrechtbuch c. 315 »>): Das man den frawen aid dertailt» da 
mflgen sy nicht an feien. Ist sy eyn geerbte frauvnnd guttes wortis» 
sy schol in yrem hausz sweren für eynes purgers keigenwurtikait, 
ynnd sy sol sitzen auf eynem stul. Wy offt sye den feit an dem aid, 
so ofTt schol man ir den stul von der stat rucken, vnnd schol ander- 
wert sweren, vncz dasz sye den aid verpringef. Ist sye aber eyne 
fragnnerin ^^} sy sol auf dem rothaus sweren, vnnd sy mag auch des 
aides nicht vcrfelen. — Freiberger Statuten XXIII (218): So sal 
der richter die boten vregen, ab die vrowe gestanden si, so sal man 
ir aber anderweide den eid staben, ynd sal daz triben also lange, 
biz daz si rechte geschwerf, wende si noch kein vrowe mac nicht 
irvallen an keinem eide. — Daselbst XXXI: So mac die vrowe eines 
urteiles biten, wi dicke si sich irholen sulle, wen si eyn vrowe si. 
so sal man teilen also lange, biz daz si rechte geswert. 

Für den misslungenen Eid war nicht einmal eine Busse zu 
entrichten. Und wirt se yellig, fahren die neun Bücher der Distinc- 
tionen VI, 1, 11 fort, se darff darumb nicht wetten. 

Das Vorrecht war dem Weibe eingeräumt in der Würdigung 
der seinem Geschlechte anhaftenden Schwäche und des ihm eigenen 



87) Weinhold, Deutsche Frauen, gedenkt S. 128, wo er lon dem Schwöre der Fraaeo 
spricht, nicht dieses bis jetzt fiberhaupt Tcrgessenen Rechtes. — Beiläufig mag 
erwähnt werden^ dass wfihrend der SchwangerschRft Frauen gar nicht au achwöreo 
brauchen. Goslar. Statut 78, 11 ff. 

SB) Michnay und Lichner Ofner Stadtrecht 8. 232. 

8«) Ebendaselbst S. 171. 

90) Ygi. über diese Marktweiber daselbst c. 154 S. 95—97. 



Die Erholang and Wandelung im gerichtlichen Verfahren. 229 

ängstlichen Gemathes. Daher stand es sowohl der Jungfrau als der 
Ehefrao und nicht minder auch der Witwe zu. Ja, seihst KaufTrauen, 
die sonst im Rechtsleben s. B. bei Abschliessung von Recbts- 
gesehSften ^mechtich sint gelik den mannen** •9» zahlten in dieser 
Beziehung zu dem Geschlechte, dem sie vermöge der Geburt ange- 
hören, wenn sie auch ihren Anspruch auf weitere Rücksichten ver- 
wirkt hatten, mit denen ihre Genossinnen behandelt wurden, wie dass 
sie nicht an öffentlicher Stätte, sondern im Hause, auf dessen Abge- 
schlossenheit Beruf und Thätigkeit das Weib beschränkt, und sitzend 
auf einem Stuhle die Eide schwören durften. Andererseits erstreckte 
sich das Vorrecht vermöge seiner Grundlage nicht auf die Eide der 
Helfer, die etwa mit einem Weibe schmorten. Vgl. BrQnnerSchöflTen- 
satzungen 186, 2: Item, wie wol ein weip nicht velt an dem aide, 
doch schol si geczeugen haben di vallent •<). Und weiter fand die 
Wohlthat keine Anwendung auf einen Eid, den der Ehemann, wozu 
er übrigens nicht gezwungen werden konnte , nach BrQnner Recht 
für seine Frau ausschwören durfte. So wurden die Geschwornen 
von Crumlaw belehrt. Vir ad agendum vel respondendum pro uzore 
rigore iorisi compelli non potest. Si vero volnntarie causam nxoris 
sibiassumit: in jurando, sicut in causa propria, cadit et causam 
amittit •<). 

Überall scheint indess das Vorrecht, was selbstverständlich 
sein mochte und daher die schrankenlose, allgemeine Anerkennung 
zaiiess, nur dann begründet gewesen zu sein^ wenn das Weib als 
angegriff'ener Theil, sei es zur Entschuldigung oder zur Verthei- 
digung einer Sache, den Eid zu leisten hatte. Was von der Ehe- 
frau in der bereits angeführten Rechtsbelehrung fQr die Crumlawer 
Geschwornen gesagt wird: uxor autem vicem actoris gerens et 
causam jurando obtinere volens in juramento cadit et causam perdi; 
sicut vir, locum vero rei tenens hoc est respondens et causam defen- 
dens, hac praerogativa et prioilegio mulierum gaudet, quod in 
jurando non cadit »^J, galt, was den ersten Theil betrifft, gewiss 



*') Vgl. Krsttt, Vorinundschan 2, 324 ff. 

"} Bei RöMier, RechUdeakm. 2, 390; auch aufgenomnien io dM Schöffeubuch 

Nr. 499. 
••) Brunoer Schöffenb. Nr- 4S7 pr. 
^j Brüiiner Scböffculi. Nr. 487. 



AÜ) ileiu rieh Siegel 

auch von der Jungfrau, deren nicht gedacht wird, wie nachweisbar 
von der Witwe, fiir welche aber, was den zweiten Theil angeht» ein 
nachher zu besprechender ungünstiger Gerichtsgebraucb in BrQnn 
sich gebildet hatte. Nur eine Folge jener selbstverständlichen 
Grenze des weiblichen Vorrechts aber war es» dOnkt mich, dass 
beim Schwur eines Voreides, der bei peinlichen Klagen gegenüber 
jedem Unverfesteten von dem kUgerischen Theil gefordert wurde**}, 
das Weib dem Manne gleich stand. In iudicio civitatis sententiatum 
est, heisst es in dem Brünner Schoffenbuche Nr. 449, quod sicut vir 
sie et mulier juramentum calumniae praestare debens, si jarando 
caüit» in causa succumbit »•). Es lässt sich begreifen, dass man der 
Schwäche des Weibes nur zu Hilfe kommen wollte, wenn es ange- 
griffen worden und den Angriff abwehren wollte, nicht auch dann, 
wenn letzterer von ihm selbst ausging. 

Dagegen hat man in BrQnn und Prag den Rechtssatz, dass ein 
Weib mit ihrem Eide nicht fallen solle, allmählich unter einem 
neuen Gesichtspuncte aufgefasst. Der Gedanke, dass durch das 
Vorrecht ein Unterschied der Natur ausgeglichen werden sollte, trat 
in den Hintergrund. Der Krämergeist, welcher die Herren vom 
Ruthe jener beiden Städte beseelte, Hess sie nicht einsehen, warum 
ein Weib, das die Gewalt und Verfügung über sein Ver- 
mögen hatte, also eine erwachsene Jungfrau oder Witwe, anders 
als ein Mann an ihrem Eide sich sollte erholen dörfen! In diesem 
Sinne ertheilten die Brünner Schöffen den Crumlawern das Recht: 
mulier tamenvidua, quia bonorum est domina, ^ive agat sive respon- 
deat, tamquam vir jurando cadit et causam obtinet vel amittit . • et 
est ratio, dum vidua de bonis propriis, quorum per se est domina, 
facere possit et disponere, quidquid placet sicut vir, dignum cen- 
selur, quod etiam agendo vel respondendo super bonis talibus eidem 
iuri subiacebit, quo vir subjacet ipso iure •'). Von jenem Gedanken 
ausgehend stellte der Rath von Prag im Jahre 1373 fest: Auch 
wenne man ein frawe, di witlib ist odir iuncfrawe ist, anspricht 
mit einem rechten, es sev vmb schuld odir vmb andir sache, di do 



•S) Brunner Schöffenb. Nr. 448, 600. 

*«) Vgl. die SaUangen 186 a. E. S. 390 : Uem sehol ein weip sweren Toraid an 

totsiegen oder an semblichen sachen, so ?eit si sam ein man. 
*'') S. Brünner Schöffenb. Nr. 487; rgl. 500 am Anfang und Ende. 



Die Erholou^ and VTnudelan^ im gerichtlichen Verfahren. 231 

mündig ist vod ire yare hat, dieselbe, wenn man ir ein recht teilet, 
mag wo! fallen an irem rechten als ein man. Zugleich wurde weiter 
yerordnet, dass eine Ehefrau, welche als Witwe zuvor gewirth- 
schaftet bat, des Rechtes der Erholung darben sollte, wenn der 
Klagegrund in die Zeit ihres Witwenstandes zurückreichte. Auf 
ihren Ehemann aber wurde fär den Fall, dass sie mit dem Eide fiel, 
hier insoferne Rflcksicht genommen, als sie die fällige Schuld nur 
dann sogleich mit ihrem Vermögen zu berichtigen hatte, wenn die 
Klage innerhalb Jahresfrist seit Eingehung der gegenwftrtigen Ehe 
erhoben worden war, während andernfalls als Zeitpunct hiefQr 
gesetzt wurde: noch ires mannes tode, ob sy icht eigens gutes 
haben wert •«). Wie es zu halten sei, wenn eine Frau im Witwen- 
sfande belangt werde wegen einer Schuld, die nicht durch sie, son- 
dern durch ihren verstorbenen Mann während der Ehe begründet 
worden, dess waren die Geschwornen von Crumlaw nicht weise, 
als einige Jahre nach der ihnen von BrQnn aus zugekommenen 
Rechtsbelehrung ein Fall dieser Art an sie gelangte, und die Witwe 
um ein Urt heil fragte, ob sie nicht desselben Rechtes geniessen 
sollte, dessen sie bei Lebzeiten ihres Mannes theilhaftig gewesen 
wäre. Sie wandten sich zum andern Male an ihren Oberhof, welcher 
dem neu angenommenen Rechtsgrunde des weiblichen Rechtes ganz 
entsprechend erkannte, dass solchen Falles die Witwe allerdings des 
Rechtes der Erholung und Wandelung ohne Mass und Zahl theil- 
haftig wäre ••). 

Ganz und gar vergessen war übrigens trotz alledem das alte 
Recht und seine Bedeutung wenigstens in Brunn nicht. Die Schöffen, 
dieser Stadt urtheilten im einzelnen Falle nur dann nach dem neuen 
Gcsichtspuncte, wenn ihn die gegnerische Seite für sich geltend 
machte. Das Fallen am Eide wurde nur dann zugestanden: si tarnen 
adversa pars pro se hoc sententiari petierit «••), si impetens contra 



M) Prager Statutarrecht Nr. 105 bei Rössler, Rechtsdenkm. 1, 6S, 66. 

**) SehSflenb. Nr. 500: Mulier vidua io causa tractt seu ad jadicium citata pro debi- 
iis per maritam säum eontractis, si jurare debuerit, juraodo non cadit; in hoc 
eoim casu gaudebit eo jure , quod sibi Tivente marito competiisset. Si autem 
Tidaa pro debitis fempore viduitalis suae de bonis ad ipsam propria et pcrso- 
naliter pertineniibus, et qiiorum per se est domina , contractis alicui ipsam im- 
petieoti jurare debuerit, in hoc casu . . jurando cadit, in causa succumbit. 

'"•) Bruboer SchölTenb. Nr. 487. 



232 He inrich Siegel 

ipsam huiusmodi allegat *<»). Würde der Gegner es versäumen, 
darüber ein Urtheil zu verlangen, so könnte der Vorsprecher einer 
Witwe seiner Mündelin das weibliche Recht der ungemessenen 
Erholung beim Schwüre ausbedingen. Qua petitione neglecta heisst 
es im Brünner Schöffenbuche Nr. 487, si advocatus viduae sois 
muliebre sibi excipiat: tali jure debet gaudere, scilicet quod yiceni 
rei tenens jurando non cadit. Und an einem anderen Orte, Nr. SOO, 
wird übereinstimmend gesagt: si vero talia contra eam allegata non 
fuerint et ex ejus parte jus mulierum sibi excipiatur jurando non 
cadit. 

„Der Narr" sagt Moser *<>«) in seiner kernigen Weise, „der 
zuerst das Sprichwort: ein Mann ein Mann, ein Wort ein Wort, so 
ausgelegt hat, dass ein ehrlicher Mann sein erstes Wort nicht wider- 
rufen könne, hat mehr Unglück angerichtet, als man glauben 
sollte**. Der vermeintliche einzelne Narr war nun freilich das ganze 
Volk und die sogenannte erste Auslegung die Übertragung und 
Anwendung eines Gedankens, der die Grundlage für Treue und 
Glauben im Verkehre bildet, auf dem Boden des Rechtes, sowohl bei 
friedlichen Abmachungen als zumal in dem streitigen Verfahren vor 
Gericht. Dass die Herrschaft des Gedankens in diesem Bereiche 
häußg Recht und Unrecht verkehrt hat, konnte unmöglich verborgen 
bleiben, aber als ein Gebot der Ehre war sie unantastbar. Das aller 
Rücksichten haare Ehrgefühl, welches die seit alter Zeit freien, rit- 
terlichen Männer beseelte, waltete nun nicht in gleicher Weise in 
den Kreisen der städtischen Bevölkerung. Und so ging von hier im 
vierzehnten Jahrhunderte eine Entwickelung aus, die darin bestand, 
dass an dem Grundsatze „ein Mann ein Wotf, womit nur fdr den 
Sachwalter gegenüber den Erklärungen seines Vorsprechers eine 
Erholung vereinbar war, nicht mehr wie früher unverbilichlich fest- 
gehalten wurde. Die Zweckmässigkeit siegte über ein Gefühl , die 
Billigkeit über das strenge Recht, das so oft zum schreienden 
Unrecht geworden. Das Anstössige, dass einer, wenn auch nur in 



io^ Bruaner Schoffenb. Nr. 500. 
lO') Patriot. Phantasien 2, 121 ff. 



Die Erhülui.g und Waudelungf im g^erichllichen Verfuhren. 233 

Worten, sich selbst auf den Hund schlug» was bekanntlich derjenige 
In Wirklichkeit mit der Hand thun musste, dem ein Widerruf zu 
Ehren eines andern als Strafe auferlegt worden war io<), wurde 
nicht empfanden oder doch verwunden. 

Der Bruch mit dem bisherigen Rechte war indess kein allge- 
meiner, und selbst da» wo er eintrat^ kein vollständiger. Nicht selten 
wurde nur eine Ausnahme neben der noch immer festgehaltenen 
Regel anerkannt, häufig stand ein neuer Brauch ganz unvermittelt 
neben deno Herkommen. Für den Nachvi^eis dieser örtlich sich voll- 
ziehenden Entwickelung, deren Ergebniss die grosste Vielgestaltig- 
keit des Rechtes im Einzelnen ist, mag das erste Verfahren, in dem 
ein Vorsprecher statt seines Mundeis handeln oder der Betheiligte 
selbst seiner Sache walten konnte, und die Eidesleistung, bei welcher 
der Hauptmann stets selbstthätig werden musste, mochte nun ein 
Vorsprecher dabei behilflich sein oder nicht, unterschieden werden*. 
Bei der Klage und Verantwortung durch einen Vorsprecher 
nun war es eine Neuerung, wenn, wie in Berlin, dem Vorsprecher 
das Recht eingeräumt wurde, in Bezug auf sein Vorbringen selbst 
zu erklären^ dass er das Gesagte nicht gesagt haben wollte, und 
dafür eine andere Erklärung an die Stelle zu setzen, m. a. W., wenn 
der Vorsprecher seine eigenen Worte widerrufen und sich erholen 
durfte. An die mit dem Sachsenspiegel 1, 61, §.3 vollkommen 
Obereinstimmende Regel: Dy stamerman, ofte he misdespreke, he 
mut sich wol irhalen; vorsumet he euch engen man, des vorspreke 
he is, di mut sich wol irhalen mit eneme ander vorspreken knüpft 
das Berliner Stadtbuch 90 den weiteren Satz: Doch dri stunt vor- 
halet sich eyn islike vorspreke in eme gehegeden dinge, war he sich 
daran bewaret in der helunge. Und dem entsprechend bestimmt das 
Recht für Bacharach 1®*) : So sol der vürspreche sy verdingen zu 
allem yrem reichte, und sol fragen, wi dicke das er sich erholen 
möge? so sol man wysen dry werve, dry stundt ^^^y 



«•»} Grimm, RA. 711. 

'•*) Grimm, Weisth. 2, 212. 

^^) Nicht hieher gehört kl. Kaiaerr. 1, 12: Auch hat der keiaer erleubet, daz ein 
igüeh Torspreche hat macht eioe rede drivrerbe au tun oder me, ab man ix 
bedarf; bis ea die acheffen gentatich vornemen. Sint gescr. stet: man aal den 
scheffen die rede ergründen, biz daz sie sis versten und sich mugen drua ver- 
richten, fia beruht dieser Satz nebst seiner Begründung auf Bestimmungen der 
Capitularien, weiche Endemann Note 20, 22 zu diesem C^pitel nennt. 



234 Heinrieb Siegfei 

Ferner war es eine Neuernng, wenn dem Sachwalter, der sein 
Wort selbst sprach, ebenfalls gegenüber der eigenen Erklärung das 
Recht einer Erholung gewährt wurde. In einer Rechtsbelehrung 
über das Vorsprecheramt, welche den Geschwornen von Ungarisch- 
Brod auf ihr Ersuchen vom Brtinner Rathe übersendet wurde, hiesa 
es noch mit ausdrücklichen Worten, dass nur beim Verfahren mit 
Vorsprechern eine Erholung zulässig sei. Dagegen und mit aus- 
drücklicher Rücksichtnahme hierauf schrieb später Johann von 
Brunn ^««): licet supra scribatur, quod actor et reus coram judicio 
per se causas suas proponentes, revocationem verborum, quae vul- 
gariter holunge dicitur, non habent, tarnen, si in principio de hoc 
eaveant potentes, per judicem hujusmodi revocationem et alia • . 
sibi concedi, tunc, si fuerint eis indulta, habent singula, quae com- 
petunt advocatis. Wer genöthigt war, selbst zu klagen oder selbst 
sich zu verlheidigen, brauchte nur das Recht der Erholung sich aus- 
zubitten; das Gericht schlug die Bitte nicht ab. Indess erkannte 
sogar das Gericht zu Brunn auch ohne vorausgegangenes Gedinge 
in einzelnen Fällen, die einer besonderen Berücksichtigung würdig 
schienen, statt auf Sachfälligkeit auf blosse Bussf^lligkeit mit dem 
Rechte der Erholung >«''). Und in dem Brauche anderer Gerichte 
war bald ohne Weiteres das Recht der streitenden Theile auf Erho- 
lung als etwas Selbstverständliches begründet. Sowohl in dem 
Gerichte, von dem der Rechtsstreit zwischen Paul Godeler und 
Heinrich Kuntze wegen einer Schuldforderung im Betrage von 
zwanzig Gulden an die Mannschaft der Donaischen Pflege zur Ent- 
scheidung gesandt wurde, als auch vor diesem Oberhofe war an und 
für sich das Recht des Beklagten auf Erholung, obgleich er „seynis 
selbis wort in seyner eygen personen (rette),** ausser Frage. Es 
handelte sich in diesem Falle nur davon, ob der Beklagte des Rechtes 
nicht verlustig gegangen sei dadurch, dass er, wie der Kläger frei- 
lich unter Widerspruch von der andern Seite behauptete, erst, 
nachdem zum vierten Male die Ladung erfolgt und die Klage erhoben 
worden sei, sich verantwortet habe ^^^). Hatte früher jeder unver- 



*••) Schöffenb. Nr. 67. 

^^^) Davon wird unter einem •ndern Gesichtspunete «n einem andern Orte die Rede 

sein. 
<08^ Der Oberhof erkannte hierauf zu Recht, dass, faUs die Behauptnngren des Klfigers 

begründet seien, „so koiide heynrieh ken pauel forder holunge nicht gehabin^, 



Die Erholuug und Wundelung im gerichtlichen Verfahren. iZo 

sprochene Mann das Recht, in dem Verfahren yor Gericht eines 
Vorsprechers sich zu bedienen, so hatte er jetzt das Recht auf 
Erholung und Wandelung. Die Rechtlosen, denen früher jenes Recht 
gebrach, entbehrten nun dieses. Während es in mehreren Hand- 
schriften des Richtsteiges Landrechts^ 2, §. 4 a. £. heisst: euch 
wisse (das) meneydes und rechtlose lüde keyne vorspreche gehabin 
mögen, sagt Walther Ekhardi in seinen neun Büchern der Distinc- 
tionen IV, 12, IS: Erholunge und wandil sullen darben alle dy, dy 
do rechtlos syn *<>•). — Der Hergang in dem Verfahren vor einer 
Wandelung der eigenen Erklärung war aber der: auf eine Erklä- 
rung fragte der Gegner, ob in Folge derselben nicht Sachfälligkeit 
oder irgend ein Präjudiz fGr seinen Widersacher begründet sei. 
Statt dass nun das Gericht dieser Frage wie früher Folge gab, ver- 
stattete es jetzt gegen blosse Entrichtung einer Busse die Zurück- 
' nähme der betreffenden Erklärung und das Vorbringen einer 
besseren; 

Eine Erholung beim Eide stand immer im Widerspruche mit 
dem Satze „ein Mann ein Worf*, mochte nun derselbe unter Anlei- 
tung eines Vorsprecbers oder ohne Hilfe geschworen werden, denn 
stets war es der Sachwalter, der das entscheidende Wort sprach, 
den Schwur vollbrachte. Trotzdem wurde vielfach in dem einen 
Falle gewährt, was in dem andern versagt wurde. 



dagegen wurde Heinrich allerdings mit dem darch das Gericht au erbringenden 
Beweise seiner Gegenbehauptungen «an nejn recht (treten), doch also das 
beyorich ane lengern afzog pauel czu seynen schulden folle vnde recht antworte 
Iha, aUo recht ist. S. das Urtheil Nr. 41 bei Wasserschieben, Sammlang deutsch. 
RechUquellen 1, 396, 397. 
^^) Aosserdem werden von ihm genannt alle, die »in hanthafftiger tat begriffen 
werden rnd Tor gerichte gebracht, als Tmme dube, roub, notcaog, mortbrant, 
Torretniase, totachlege, Tyrherter." Vgl. ferner Culm. Rechtsb. V, 73: Mancher- 
leye man der nicht holunge rnd wandel haben kan. Also vnrechte kempe vnde spe- 
lekynt. Alle dy unelich geboren synt vnde dy mort vnde rawb bekennen vor 
gerichte . vnde deube . vnde wedergeben . vnde obirwunden werden. Also eyn recht 
ist. Dy sint alle erlös vnde rechtlos. Vnde wer des nibt obirwunden wirt, der 
mag holunge vnde wandel haben . unde wen er das bot, so mag yn nyroant 
iibirwynden adir obircxeugen, dnr ist ouch voikomen an seyuem rechte. So bot 
er sich alle wege czu voreutwerden billicher unde ee, wen yn ymant obirczewgen 
mag, und ein Magdeburger Schöffenurtbeil bei Böhme, diplom. Beltrige VI, 134: 
Eyn unelich man und seyo uneliche kinder sullen nicht habin boel und wandel 
gleyche deme der do euch geborn is. (Nimt ein unelich man) ein elich weyp 
und gewynnen kinder mit enander, dy kinder habin hoel und wandil gleich den 
dy do «lieh geboren seyn. 



236 Heinrich Siegel 

In Brunn stand vor Allem laut einer für das Gericht zu Nena- 
wiez rerfassten Reehtsbelehrung iio) der Satz fest: qui iuramentom 
facere debet, si yoluerit, potest per se sine proloeutore jurare et si 
formam a scabinis approbatam in juramento non servat, male jarat 
et in causa cadit Allein auch dann, wenn der Eid mit Hilfe eine« 
Vorsprechers geschworen wurde» sollte der Schwörende in der 
Sache ftllig sein, wenn er an dem Eide, den der Vorsprecher richtig 
gestabt hatte, seinerseits fehlte. Die angeführte Reehtsbelehrung 
fährt fort: si illum sc. prolocutorem in forma juramenti per scabinos 
Ordinate et debite secutus non fuerit in causa cadit. Nur wenn der 
Eid gefallen war durch die Schuld des Vorsprechers, der ein Helfer 
sein sollte, schien das alte Recht doch allzu hart und^unbillig. Und 
so gestattete man gegen blosse Entrichtung einer Busse die Wan- 
delung des Schwures, der aus dem Grunde misslungen war, weH 
der Vorsprecher, dem der Mündel getrosten Mulhes und voll Ver- 
trauen nachgesprochen, unrichtig den Eid gestabt hatte. Si autem 
prolocutor in forma erraverif, et jurans ipsum eodem modo in verbis 
secutus fuerit, propter errorem prolocutoris in causa non cadit, sed 
bolunge perdit m). In Obereinstimmung hiemit bedingt auch der 
Wurtschöffe zu Rhense seinem MOndel das Recht der Erholung nur 
für den Fall, dass er ihn durch sein Wort säumt. Item wan eyner 
einen eyt ror schuld thun will ... so spricht der wortscheffen: 
her scholtes, so rerdingen ich diesem man sein wort, abe ich ihn 
scumete in seinen Worten, das er mir nicht gefolgen kunt, eyn mal, 
zwey mal, drey mal also dick ime noth ist, also das er sich vor recht 
erwere ynd rechts erholen kunte <<* ). Ferner sagen die Sachsen in 
der Zips gleichfalls nur: wir haben das zu einem rechten, wer einen 
eid tut, und seinem vorsprechen nicht recht nochredet, der sol sein 
saeh verloren haben **«). Dagegen war anderwärts diese Unterschei- 
dung fremd und es stand dem Schwörenden für sich und seine 
Gezeugen das Recht der Erholung zu, sobald er den Eid mit Hilfe 
eines Vorsprechers leistete. Ganz allgemein heisst es in den neun 



uo) Im Briiiioer Schdffenb. Nr. 442. 

'") Vgl. SchdflreasattaDg 202 bei Rdssler 2, 396: Svert er Rber nbel Mm der ror- 

spreeh (sie), so verieast («Ic) ain holung und swert ander wsid. 
">) WeisUium v. 1456, Griinm 3, 779. 
lAS) Zipser Recht v. 1370 c. 67^ Michas^ und Lichner Ofner SUdtrecbt S. 232. 



Die Erholung and Wandelang in) gericbtiichen Verfahron. 2 3T 

Bflcbern der Distinctionen IV» 12, 13: Sol ein man schweren mit 
geseuge für gericht, der sol das durch seinen vorsprechen thun; 
denn wo ein man schweret mit vorsprechen, so mag der man erhal- 
tung haben zwier nach dem ersten <<^). Endlich wurde aber auch 
einem, der allein, ohne Geleite und Stabung von Seiten eines Vor- 
sprechers, schwörte, das Recht der Erholung zugestanden. Nach- 
weisbar war dies in Freiberg wenigstens der Fall« Die Statuten 
bestimmen an verschiedenen Stellen <i^): der kleger mac einis urteilis 
biten • wi dicke he sich irholen sulle • he vnd ander sin gezuk . daz 
sal he zwir nach dem ersten. 

Eine weitere Rechtsverschiedenheit bestand insoferne, als an 
manchen Orten nicht bei allen Eiden, und dann wieder hier in wei- 
terem, dort nur in beschränkterem Umfange das neue Recht sich 
die Anerkennung errungen hat. Nach dem Rechte zu Deutsch- 
Brod kam die BegQnstigung bei allen Eiden zur Anwendung, indem 
das Stadtrecht den Satz enthält : item omnes articuli in cruce con- 
firmandi holunge obtinebunt i^«). In Prag stellten die Schöffen mit 
den Ältesten der Stadt im Jahre 1361 den Satz fest: auch yeder- 
man vmb allerlay sach, vmb dy man yn ansprichet, nach saim ersten 
ayd sol vnd mag zweier holunge haben ii?). Hierdurch wurde also 
gleichfalls ausnahmslos beim Schwüre in jedweder Sache das Recht 
der Erholung anerkannt. In einem besonderen Falle musste indess 
doch ein Eid ohne das Recht der Erholung geschworen werden. 
Wenn einer der Nothzucht angeklagt worden war, so hatte er sich 
selbstneunte zu entschuldigen. Dabei war, wie an vielen andern 
Orten ausser dem Bereiche des sächsischen Rechtes i^^) dem Ange- 
klagten gestattet, den „elenden tuch'* zu schwören, d. h. so fremd 
und verlassen von Freunden zu sein, dass er keine Gehilfen zu 
finden vermöge. Hierauf durfte er, nachdem er zuerst seine Unschuld 
beschworen, selbst die acht Hilfseide leisten. In Bezug auf diese 
neun Eide aber galt der Rechtssatz, dass er „den ersten an holunge 
die andern mit holung" schwörte i^*). Nach dem Iglauer Rechte 



it«) Vgl. ferner das halliscbe SchöffennriheiJ unten S. 241, U2. 

iift) VUl (iS7); Xm (19S); XIX (209); XXIX (245). 

11«) Graf Sternberjf, Geschichte der bdhro. Bergwerke 1^ 34. 

"') Urtheil Nr. 83 bei Rössler 1, 53. 

»•) Vgl. die lYachweise bei Homcyer Richtsteig S. 473 Note **. 

<>•) Prager RechUbueh 88 a. B. Rössler 1, 126. 



I 



238 Heinrich Siege! 

war die Möglichkeit der Erholung und zwar sclion im dreizehnten 
Jahrhundert wenigstens die Regel. Der deutsehe Text des genannten 
Stadtrechtes 29«») sagt: von der holunge. In allem aide mak 
ieziicher mensch erbolunge haben ane die banfeidingen «<)* ^^^ 
wirt eyns in dem iare noch östern. Diese Ausnahme hing wohl mit 
der EigenthQmlichkeit zusammen, dass eine Sache, die an dem all- 
jährlich einmal statffiodenden Banntaidinge (iudicium peremtorium) 
in Verhandlung gezogen wurde, auch zum Austrag gebracht werden 
musste. Sollte ein Eid nochmals geschworen werden dQrfen, so 
musste auch ein weiterer Termin zugestanden werden. Ein solcher 
Aufschub war gegenüber einem Banntaiding unstatthaft. In der spä- 
teren Redaction des Stadtrechtes aus dem Ende des dreizehnten* 
oder Anfang des vierzehnten Jahrhunderts heisst es in dem statt des 
mitgetheilten Artikels eingesetzten unter dem Titel: de eo quod 
dicitur erbolunge : in omnibus causis, que coram iudiciis tractantur 
a festo natiuitatis domini nsque post octauam pasche proxima feria 
sexta, qua die iudicio peremptorio presidendum est» quilibet homo 
iteracionem sue cause» que ?ulgo erbolunge dicitur, habere poterit, 
quam die iudicii peremtorii nullus habere poterit. Und im Einklänge 
hiermit steht ein Schöffenurtheil de judicio peremtorio i^*), welches 
besagt: In iudicio peremtorio statim aliquis condempnatar. In eynem 
panteydink heyset man eynem man czu eynem mal yn ynd verteilt in 
saczehant daselbst, den man czu ander czeit drey gericht mus in 
haysoben ynd alrest vorczelen. Nach dem BrOnner Rechte wurde 
eine Erholung nur gestattet beim Eineide. Das Stadtrecht aus dem 
Anfange des yierzehnten Jahrhunderts, eine Fortbildung des Wenzes- 
law'schen vom Jahre 1243 bestimmte Art. 92: Wir wellen daz 
welich mensch sich mit aim aide unschuldigen wil, der schol die 
holung czu eim richter haben ^^s). Ein Eineid wurde aber nur 
geschworen auf eine „schlichte Klage* ***) und schlicht erhoben 



ISO) Bei Tomaschek, deatschea R. in MShren 229. 

^^*) riach Brfinner Recht hatte der Umstand, dass der Eid in einem Banntaiding« fiel, 
blos die Wirkung, dass eine grossere Busse, eine Busse im Betrage tob fünf 
Groschen, sn bezahlen war, wfihrend sonst nur mit einem Groschen gebnsst 
I wurde. Schöffenb. Nr. 242, 251, 253; Tgl. 255. 

I *S3) Mitgetheiit Ton Tomaschek a. a. 0. 131. 

I >S8) Rössler 2, 263. 

1S4) Vgl. hierüber eine treffliche Dissertation Ton Behrend, obss. de actione simpliei 
Berolini 1861. 



Die Erholung und Wandelung im gerichtlichen Verfahren. 239 

wurde regelmässig eine bürgerliche» nicht auch eine peinliche Klage. 
Daher wurde in einen) Urtheile i«<^), das wegen eines, einer beson- 
deren Berücksichtigung werth scheinenden Versehens eine Erholung 
gestattet hatte, beigefugt: ut consuetudo servetur, si causa est cri- 
mioalis, ita quod in juramentis holung non haheatur. Nur ausnahmst 
weise konnte auch eine Klage wegen Todschlags, einer Heimsuchung 
und ähnlicher Hissethaten in schlichter Weise d. i. ohne einen Vor- 
eid Yon Seiten des Klägers angebracht werden; dann genügte auch 
zur Entschuldigung der alleinige Eid des Beklagten und bei seinem 
Schwüre war eine Erholung zulässig. Eine Aufzählung solcher Aus- 
nahmsfalle wird Ton Johann von Brunn, als in »dem alten Rechte*' 
bereits enthalten, an zwei Stellen <*•) seines Werkes in überein- 
stimmender Fassung gegeben, indem es Nr. 367 und 4S6 heisst: 
Antiquum jus civile habet: si homo impetitur simplici querimonia 
pro homicidio ante multos annos perpetrato, yel in alio judicio com- 
misso, Tel cujus funus et occisi vulncra iurati non perspexerunt, ille 
simplici juramento se expurgabit et holung habebit. Et simile intel- 
ligitur de „haimsuchung** et excessu aequali. Ausserdem vergleiche 
man das nach Letowicz ergangene Urtheil im Schöffenbuch Nr. 311. 
Ein Leibherr hatte in jener Stadt einen Eigeiimann, der flüchtig 
geworden war und daselbst über Jahr und Tag bereits sich aufge- 
halten, verhaften lassen, indem er ihn beschuldigte, siebenzig Prager 
Groschen ihm diebisch entwendet zu haben. Nachdem in dem Ver- 
fahren dem Beklagten das Recht der Entschuldigung zuerkannt 
worden, wurde die Frage aufgeworfen, ob er mit drei oder sieben 
Gehilfen zu schwören habe, indess entschieden, dass der von ihm 
allein geschworne Eid genüge, denn wäre ihm ein gewandter Vor- 
sprecher zur Seite gestanden, so hätte er selbst ohne Schwur von 
der Klage sich befreien können. Zum Schlüsse aber heisst es: bene 
etiam deliberandum est, utrum famulus post annum de furto expur- 
gare se debens in jurando holunge possit habere. — Von der Gegend 
des Mittelrhei nes wird aus der Mitte des vierzehnten Jahrhun- 
derts berichtet, dass, wenn einer beim Eide sich versprach und „es 
betraf eine Geldschuld, so verlor er seine ganze Rechtssache, der 



<2S) Im SchSffenb. Nr. 4SI. 

IM) Was indess nicht der FaU ist. In dem alten Stadtrechte findet sich gar keine 
darauf beziigliche Bestimmung, in den wenseslaw^schen nur die oben angeführte. 



240 Heinrich Siegel 

über Erbe Schwörende konnte dagegen, zweimal nachhelfen and 
bessern, gelang es ihm aber zum dritten Haie nicht, so ward ihm 
das Erbe abgewiesen" "^). — Im Zittau i sehen endlich wurde 
bei dem Eide der Leute vom Lande wenigstens zwischen den 
„hohen" Sachen und den abrigen unterschieden und in Betreff jener 
noch das alte Recht festgehalten, während sonst eine Erholung 
zulässig war ««s). 

Wo immer übrigens die Möglichkeit einer Erholung beim 
Schwur anerkannt war, da musste das Rechte damit es im einzelnen 
Falle begründet war, am Tage der Eidesleistung durch ein Gedinge 
erworben werden. In dem gemeinen Urtheile der Prager "•) wurde 
das Recht der Erholung beim Eide in jeglicher Sache nur unter der 
Bedingung anerkannt: ob ym das sein fursprecb dinget i*^). Die 
V^oraussetzung für die Geltendmachung des Rechtes im Verfahren 
aber war eingetreten, sobald nach gethanem Schwüre auf die Frage 
an das Gericht, ob der Eid gegangen sei, ein rerneinendes Urtheil 
gesprochen, der Schwur als ein misslungener erklärt worden 
warisi). Der Gefallene, beziehungsweise sein Vorsprecher, frug 
jetzt um ein Urtheil» ob er nicht einen neuen Eid leisten dürfe» 
welche Frage ron Seite des Gerichtes bejaht wurde. In einem im 
Jahre 1373 vor dem Gerichte zu Erbach anhängigen Rechtsstreite 
zwischen Reyde vop Lorch und Henne Becker von Hassmanshausen, 
welcher im weiteren Verlaufe an den Oberhof zu Eltyille gediehen, 
war erkannt worden: daz H. B. zu siner Vnschuld gen mochte. 



<87j Bodmano, rheingauische AUertb. 637. Vgl. dam dessen Beoierkon^ io Not« g 
S. 643: Den Beweis bievon liefert eine vor mir liegende Urkunde Tom J. 1357. 

*") Vgl. unten S. 243 Note 140. 

*«•) 8. S. 287. 

180) Vgl. ausserdem das ballische Urtheil 8. 242, die rhensesche Formel 8. 236 und 
die Freiberger Statuten S. 237. 

^31) Zu bemerken ist, dass der Schwörende, so lange seine Rande auf den Heiligen 
lagen, nachholen durfte, was er Tcrsiumt hatte, ohne dass ron einer Erholung 
im gerichtlichen Sinne die Rede wSre. Es war immer noch derselbe, der alte 
Schwur. Ein Vursprecher des H. B. frug für seinen Mündel, er boflte Tnde 
getruwetCf «yt der zyd er die hende noch uff den heiigen ligen bette, was er 
dan nit getan bette, daz suhle er noch dun, vnde zu sime rechten komen. Da 
habe daz gericbte mit rnderdinge gewiset: syl der zyd H. B. die hende noch uff 
den heiigen ligen habe , waz er dan uit getan habe, dai möge er noch tun, vnde 
zu sinem rechten komen. Aus dem Eltfiller SchSffenbuche S. 69 ff. bei Bodmann, 
rheingauiscbe AHerth. S. 643. ■ ^ 



Die Erholung uod Wandelung^ im gerichtlichen Verfahren. 241 

Darüber wird nun berichtet: Alse sy R. und H. B. bedde an gericht 
komen, rnd habe H. B. da sinen fursprechen gehabt, der In zu den 
Heilgen geleit habe, vnd habe da H. B. sinen fursprechen die worto 
4te er im vcrgesproehen habe, nachgesprochen. Als daz gescheen 
fly, so sy daz gericht gefreget worden : obe H. B. sein recht getan 
hette, als yne R geschuldiget vnd daz gericht bescheiden bette? 
do spreche das gericht nein. — Also wurde doch dar inne geretten, 
daz (dem) R vnd H. B. ein ander tag gestalt wurde von demselben 
tage zu vierczehen tagen, daz H. B. (dem) R. dann uflf dem tage sin 
recht tun solde i«>). Bevor der neue Eid geschworen wurde, war 
für den misslungenen die Busse zu entrichten, welche fQr jeden 
gefallenen Eid bezahlt werden musste. So vorleust (er) ain holung 
und swert ander waid <<*). Bussftllig war aber beim Schwüre stets 
der Sachwalter, niemals der Vorsprecher. Seine Thätigkeit bei 
dieser Handlung war Gberali nicht entscheidend, so dass selbst, 
wenn er irrte, der Sachwalter aber in vorsichtiger Weise ihm nicht 
folgte und recht schiiorte, der Eid gegangen sein wGrde «s^). Mit 
gutem Grunde sagten daher die Brünner Schöffen den Geschwornen 
von Nenawicz: cum enim proloeutor in benc vel male jurando nihil 
perdit, necessarinm est jurare debenti, diligenter formam juramenti 
habere in memoria, ne causam amittat i*^). FQr die Erholung, d. i. 
den neuen Schwur, mochte ein weiterer Termin verlangt werden. 
Die fQr die Ableistung von Eiden übliche Frist konnte, wie der mit- 
getheilte Bericht der Erbacher Schöffen an den Oberhof zu Eltville 
zeigt, auch von dem in Anspruch genommen werden, welcher zum 
andern oder dritten Male schwörte, nachdem der frühere im Urtheil 
zuerkannte Eid misslungen war, es sei denn, dass das Gerieht von 
vorn herein das Recht der Erholung nur unter der Bedingung zuge- 
standen habe, dass dieselbe noch an dem nämlichen Gerichtstage 
stattfinde. Dass eine solche Beschränkung vorkam, beweist ein hal- 
lisches Schöffenurtheil vom Jahre 1396, worin es heisst: da wart 
om gefunden, he solde dat bewiesen seif sevende, dat he des mit 



18«) Am dem EUriller Schöffeab. Tgl. Note 131 a. B. 

ISS) S. S. 236 Note 111. 

134) Brunoer SchöffensatzuDg 202 (Note 111 : Und ist daz der Torsprecb uwel twert und 

iner so weaicbtiger (sie) ist, daz er wol und recht twert, er behabt die aach.Übereio- 

stimmend Schöffenb. Nr. 442. 
>'») Schofenb. Nr. 442 a. B. 
Sitzb. d. phil.-hist. Cl. XLII. Bd. 1. Uft. 16 



242 Heinrich Siegel 

öm gesünet were. De dingete sin vorspreche wandet mid erhalun^e 
mit ordelen, vnd öm wart gedielt, of öm der töge brok worde, dat 
he sik mit andern mochte irholen, di wiie dat ding verde <<«)• War 
ein Yorspre eher bei der Leistung des frQherenEides thätig gewesen, 
so konnte der Schwörende bei dem neuen Eide eines andern sieh 
bedienen; auch ein Wandel nach dieser Richtung war statthaft. 
Der oben abgebrochene Beriebt der Erbacher Schöffen fthrt fort: 
Als die yiertzen tage quemen. do sin sie aber beyderseyt an gericht 
kernen, vnd habe H. B. do eynen afidern fursprechen bracht, der ia 
zu den heiligen geleit habe, vnd habe H. B. syme farsprechea die 
Worte, die er im furgesprochen habe, nachgesprochen. Eodlieh 
war auch beim Schwüre wie bei den Obrigen Erklftrungen des 
vorausgehenden Verfahrens in aller Regel eine zweimalige ,Erhohiiig 
gestattet i'?). Erst der dritte Eid war der entscheidende. Nachdem 
Henne Becker das dritte Hai gerallen war, stellte sein Gegner die 
Frage an das Gericht: syt der zyt H. B. ein male, zwey male, dru 
male sin recht nicht getan bette, als yu das gericht bescheiden, 
vnde er yn geschuldiget hette, was er des zu genyessen hette? Und 
hätte nicht ein Zwischenfall sich ereignet i'^), so wQrde hier, wie 
sonst die Sachfälligkeit des Angeschuldigten endgiltig ausgesprochen 
worden sein. Vgl. Freiberger Statuten XII ([19S): So sal man in 
manen zume dritten male . . Irvellet he denne so ist der gezuk ver- 
lorn vnd daz gelt damite vnde he verbuzet uir Schillinge dazu. XU 
(209) : Irvellet he (der Kläger) an dem eide dristunt naeh einander 
so ist. der dip genesen vnd he verbuzet sechzic Schillinge • . Irvilen 
si (die Gezeugen) aber dristunt nach einander, so wurde der dip 
ledik mit rehte. XII (194): Irvellet ir einer (der Kläger oder ein 
Gezeuge) dristunt nach einander, welcher iz ist an deme gezuge, 
so ist der gezuk verlorn. Diese Schranke fQr die Erholung wurde 
in Cröve an der Mosel bei dem Eide selbst dann noch festgehalten, 
als sie bereits hinsichtlich der Handlungen des ersten Verfahrens 



IM} Weiter wird berichtet: do braehte fae ses tugen, der worden vife rellig:, do trat b« 
afe, Tode eoide ander brennen, die braebte he nicht , die wile dat ding werte etc. 
Ans Dreihaupt 2, 483 abgedruckt bei Hallaua, Glossar c. 895. 

iSr) Freiberger Staf. (oben S. 237 bei Note 140). Prager Rh. tSS (oben S. tS7). IVeaa 
Bdehar d. Dist. IV, 1%, 13 (oben S. 237J. Weislh. f. Cröre (S. 243). 

>I8) Er Ist besprochen S. 240 Note 131. 



DU Brholttng und Waadelunsf im g^wichtlidien Verfaliren.. 243 

9mtgegeheu war. Ist es das skh ein man oder sein yorspreefae , der 
sieh Tor geriebt T^-dedioget hat» samet oder vorspreche, der mag» 
sagen die Sehdffeo, das bessern mit der minsten boussen; ane allein 
so er ime eide sefzen ynd e« den heiligen geleiden soll, sirmet er 
sich dan drei stundt, so were er vinb kernen *<•). Dagegen war in 
ZitiM» Stadt Qod Laod , das Recht der Erholung atreh beim Eide, 
&o weit ea aaerkaoikt war, bereits ein unbegrenztes Wem es Qber- 
fatttpt siikam, der mochte sich erholen n^h lange bis dass er sich 
eatbricbt«* >«•). Und dasselbe war im Salfeld der Fall. Swer da 
»wert Tff dea heiligen ror dem richtere rmme eyne sache, si si groz 
adir Ueiae, misaespricbt her» her vorlast kein dem kleger nicht 
Ted er awert also dicke, daz lie recht swert; vnd also dicke, alto her 
laisaespriehet also dicke wettet he fünf Schillinge dem richtere <*0* 
Vgl. feraer: Wer da swere »olde vor gerichte, missespreche her, 
her wette deme richtere fünf Schillinge vnd verlust damit nicht kein 
dem klegere vnd swere alzo lange, wan daz he sinen eyt vol- 
brengit **«). 

So vielgestaltig auch das Recht und der Gerichtsgebraoch 
geworden, nachdem einmal der feste leitende Rechtsgedanke aufge- 
geben war: dem Rechte des Gerichtes war durch alle diese Neuc- 
nmgen nichts beoomroen. Wer sein eigenes Wort zordcknahm, 
musste ebenso hassen, wie wenn er seines Vorspreebers Erklirung 
verwarf, und so oft auch einer sieh erholte, imnrver musste zuvor 
eine Busse entrichtet werden wie früher, da die Ea*hoIung begrenzt 
war. Durch die Neuerungen war nur die Lage des Gegners in dem 
Rechtsstreite verändert worden; ihm gegenüber konnte jetzt einer, 
und zwar sowohl der Vorsprecher als auch der Widersacher, der 
unvertreten vor Gericht stand, sein eigenes Wort zurflcknehmeu i^*) 



i<*) Grinm, Weistb. 3, 88i, 3S2. 

Uo^ Die Burger der SUdt Zittau erklareD, dase sie Mbaben behaltio zn rechte aogethan 
recht, da methe äj Stadt rnd dAS Landt auagesetzt ist . . . dass ein jeglteh Ritter- 
massig MaoD soll haben Holunge als lange biss dass er sich entbricht von aller Sache 
Hände. So haben wir darwieder xu Rechte, dass rmb hoe Sache kein Mann, der jrn 
dem Lande besessen ist, Holunge gehaben möge. Mitgetheiit aus einer angedruckten 
Urkunde rem Jahre 1366 ron Carpzow, analecta fastor. Zittayiens. 1716. p. 249. 

Ul) Salfeld. Stat. 79 bei Welch, Bi^itrSge 1, 33, 34. 

<««) Ebendaselbst 122. Walch 1, 43. 

14') In Frankenberg in Hessen hatte sich der alte Sati erhalten : wer syn worth selbst 
reut, tersprechl sich der, dess en mag he sich nicht erholen — suntkrn he mussden 

16» 



244 Heioricb Siegel, Die Erhol ud«: im gerichtlichen Verfahren. 

und diese Zurücknahme und Besserung durfte an manchen Orten 
sogar so lange wiederholt werden^ bis endlich das Rechte getroffen 
war. Man könnte allerdings durch ein Urtheil welches tod den 
Leipziger Schöifen im ftinfzehnten Jahrhundert gesprochen wurde» 
mittelst eines argumentum a contrario zu dem Schlüsse sich Tersucht 
finden, dass damals selbst ohne Bussfalligkeit gegenüber dem 
Gerichte eine Erholung unter Umständen gestattet worden sei. 
Unter der Rubrik: yon eynen antwurter der vor gerichte keyne 
holunge noch wandil gedingit bot, was her deme richtir ist dorumb 
voruallen, lautet nämlich das Urtheil i^*). Sint dem mole der ant- 
worter em keynen man gedingit bot vor gerichte sin wort zu redin 
vnde also an sin wort seibin getrethin ist, vnde em ouch wedir wan- 
delunge noch hohinge gedingit bot, so bot der do methe wandil 
gebort vnde ist dor vmb dem richter voruallin sins gewetes vnde 
mag mit dem gewette des richters wedir an sin wort komen. v. r. w. 
Aliein kaum dürften diese EntseheidungsgrQnde gentigen als sichere 
Grundlage fQr einen solchen Schluss, fQr die Behauptung» dass dann, 
wenn einer selbst seiner Sache waltend Erholung und Wandelung 
sich bedungen, von diesem Rechte hätte Gebrauch gemacht werden 
können, ohne dass dem Gerichte die herkömmliche Busse verfallen 
wäre. Höchstens könnte darauf die Behauptung gegründet werden, 
dass im fünfzehnten Jahrhundert die Gerichte selbst zu diesem Zuge- 
ständnisse im einzelnen Falle konnten vermocht werden. 



schaden han. Doch fagt Emmerich in seiner Arbeit fiber die dorUgen Gewohnheiten 
vom Jahre 1493 (Scfamincke, Anal. hass. 2, 71S) bei : ess en wull ym deo der jener 
guoaen, der widder en ist, unde es tzu gute halden. Hierio spricht sich deatlicb das 
Recht des Geguers aus. 
<«4) MitgeUieilt von Haltaus, Glossar c. 590. 



Verzeicbuist der eingegangenen Druckschriften. 245 



VERZEICHNI88 

DER EINGEGANGENEN DRÜCKSCHRIFTEN. 

(MÄRZ 1863.) 

Accademia delle scienze delllstituto di Bologna: Membrie. 

Serie II» Tomo h Fase. 4. Bologna, 1862; 4o. 
Alborghetti, Carolina de» Doeumenti storici delle famiglie. 

Strassoldo e Della Torre. Venezia, 1863; 8«. 
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. N. F. IX. Jahrgang, 

Nr. 4 & 12. Nfirnherg 1862; X. Jahrgang, Nr, 1. Nürnberg. 

1863; 4«. 
d'Ayezac, Restitution des deux passages du texte grec de la 

g^ographie de Ptolemöe aux ehapitres V et VI du septi&me 

livre. (Note lue k la St* g^ographiqne de Paris, 17 oct. 

& 7 noy. 1862.) 8o. 
Institution, The Royal, of Great Britain: Notices of tbe Pro- 

ceedings. Part XII. 1861—1862. London, 1862; 8«. 
Kaufmann, A., Das Gebiet des Weissen Flui^ses und dessen 

Bewohner. Mit 1 Karte. Brixen, 1861; 12o. 
Löwen, Universität: Akademische Gelegenheitsschriften aus dem 

Jahre 1861—62. 12», 8» & 4«. 
Maatschappij, Hollandsche, der Wetenschappen te Haarlem: 

Natuurkundige Verhandelingen. XVII. Deel. Haarlem, 1862; 

XIX. Deel, I. Stuk. Haarlem, 1862; 4«. 
Michel sen, A. L. J. , Urkundlicher Beitrag zur Geschichte der 

Landfrieden in Deutschland. Nürnberg, 1863; 4«. 
Mittheilungen der k. k. Central -Commission zur Erforschung 

und Erhaltung der Baudenkmale. VIII. Jahrgang, Nr. 3, 

Wien, 1863; 4o. 
— aus J. Perthes* geographischer Anstalt. Jahrgang 1863, 

II. Heft, Gotha; 4«. 
Neve, Felix, De Tinvocation du Saint -Esprit dans la liturgie 

armenienne. Louvain, 1862; 8<». — Guy Le F^rre de la 



246 Verzeichnis der eing^gan^neB Druekicbrifleo. 

Boderie, orientaliste et poäte. Tun des collaborateurs de la 
polyglotte d'Anyers. Bruxelles, 1862; 80. 

Pichler, Georg Abdon, Salzburgs Landes-Geschichte. I. Abthei- 
lung, VII. Heft. Salzburg, 1863; 80. 

Poggiolo, Giuseppe, Aleuni scrilti inediti di Michelangiolo Pog- 
gioli. Roma, 1862; 80. 

S i c k e I , Th. , Monumenta graphica medii aevi. Fase, VL Tab. 
I—XX. Nebst erklärendem Text«. 4. & 8. Lieferung. Wien, 
1862 & 1863; Folio & 4«. 

Society, The Asiatie, of Bengal: Journal. N. Si Nr. 49— 84U 
1843; Nr. 1 — 6, 1847; Nr. ß — 7, 1852; Nr. «, 18B3; 
Nr. 7, 185S; Nr. ß & 6, 18S6; Nr. 6, 1857. Caiculta; 80. — 
Index to Volumes I^ to XXIII, of (he Journal, and to Volumes 
XIX and XX of the Asiatie Research s. Calcutta, 1856; 8«. — 
Bibliotheca Indica: Nr. 1 — 75, 77 — 93, 96, 98-178. 
180 — 185. Calcutta, 1848 — 1862; 4« & 80. New Series. 
Nr. 1—30. Calcutta. 1860—1862; 80. 

Steffenhagen, Aem. Jul. Hugo, De inedüo juris germanic 
monumento, quod codice manuscripto Bibliothecae civitatis 
Elbingensia Nr, S. Quarto continetur. Regimonti Brussarum, 
1863; 80, 

Obersicht der Waaren-Ein- ond Ausfuhr des allgemeinen 
österreichischen Zollgebietes und Dalmatiens etc. im Sonnen- 
Jahre 1862. Zusammengestellt vom Rechnungs-Departement 
des k. k. Finanz-Ministeriums. Wien, 1863; 4^ 

Valentinelli, Giuseppe, Supplement! al saggio bibliografico 
della Dalmazia e del Montenegro. Zagabria, t862; 8^ — 
Diario di Pordenooe Febbrajo MDXIV. Venezia, 1862; 8». 

Verein, historischer, für Krain: Mitlheilungen. XV. Jahrgang, 
1860. Laibach; 4«. 

— historischer, f&r Niederbayern: Verhandlungen. VIIL Band» 
3. & 4. Heft. Landshut, 1862; 8«. 

— historischer, von und ftir Oberhayern: Oberbayerischea 
Archiv ftlr vaterländische Geschichte. XIX. Bd., 3. Heft, 
1858-1860; XX. Bd., 3. Heft 1859; XXI. Bd., 2. & 3. Heft. 
1860; XXIL Bd., 1. & 2. Heft. 1861. München; 80. — 
21. 22. & 23. Jahresbericht für die Jahre 1858, 1869 & 1860. 
München, 1859, 1860, 1861; 8«. 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KAISEKLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



PIIII.OSOPIIISCH-IIISTORISeilE CLASSE. 



XLII. BAND. II. HKFT. 



JAHRGANG 1863. — APRIL. 



17 



249 



SITZUNG VOM 15. APRIL 1863. 



Vorgelegti 

Herr Professor Mussafia legt zwei altfranzösisehe Epen des 
Kerliogischen Sagenkreises aus den Handschriften der St. Marcus- 
Bibliothek von Venedig (La prise de Pampelune und Macaire) 
Tor und ersucht, die Herausgabe durch eine Unterstützung der 
Akademie zu ermdglicben. 



Beiträge zur Lautlehre der armenischen Sprache. 

III. 
Von Dr. Friedrieh liller, 

Doeeat d«r allgeaeiiiett SpraehwiaaeBwhafl tn. der Wtea«r UaiTcrsitfit. 

Obwohl ich in meinen Aufsätzen: „Beiträge zur Lautlehre der 
armenischen Sprache L und 11.^ (Sitzungsber. Bd. XXXVIH und 
XLI) die GrundzQge der armenischen Lautlehre vom sprachverglei- 
chenden Standpuncte hinreichend behandelt und meine Behauptun- 
gen durch genug zahlreiche Beispiele unterstatzt zu haben glaube, 
so halte ich es doch nicht für öberflQssig das, was ich bei wieder- 
holter Beschäftigung mit diesem Gegenstande weiter gefunden, hier 
mitzutheilen. Dadurch wird, wie mir dünkt^ einerseits manches 
klarer, andererseits manches, was ich dort vermuthungsweise aus- 
gesprochen, als sicher erscheinen. 

Der Übersichtlichkeit wegen will ich mich bei meinen nach- 
folgenden Bemerkungen besonders an das im ersten Aufsatze Vor- 
getragene halten. 

17* 



250 Dr. Fr. MG 11 er 

Was die Aussprache der Laute pt f-t ^t «y> ft <^ anbelangt, so 
ist es von Interesse die Bemerkung des Armeniers P. Sibilian in 
den Sitzungsber. VIII, 283 zu vergleichen» wo er bemerkt, dass die 
im russischen Armenien, in Persien und Ostindien wohnenden Ar- 
menier die alte richtige Aussprache dieser Laute bis auf den heutigen 
Tag erhalten haben. 

Zu den bei der Lautverschiebung angeführten Beispielen flige 
man noch hinzu: Jf^Mspu, (jmarQ Schlacht, Kampf, davon ■^/»«»^^A^ 
(mart-n-öhil) kämpfen, vgl. altb. -»^e^»^ (maridha) Vend. I, 20. 
f«^ (kow) Kuh, neup. ^o (gdoj, altb. {-»(S (gdo), ^«»-r««. (iatü 
= katov) Katze = altb. -»w^q? (gadhwa) im Vendid. oft, das 
fälschlich durch „Hund" übersetzt wird. 

Zu f : fis^ (kni^ Siegel, vergl. neup. CrjC^ (nigtn). l^-r«ir 
(nkun) nieder, gedrückt, arm. neup. oj^ {nigünj. f'^'S (l^o^^ 
Messer, ^m^i&^ (ktrel) schneiden, vgl. neup. ^JS' (kdrd)* -»f-^ 
(akah) wissend, kundig, neup. aITI (dgdh), PehlewtoMfc» (dkd$y, 
vgl. altbaktr. .e^—J- -V^W .««c -ß-- Vend. XXII, 5 (Spiegel S. 191> 
„da bemerkte mich die Schlange (^Anrd-mainyu)'* . 

Zu "»: tfii"" (diri) Hefe, Bodensatz := neup. J>j3 (durd). 
u,u,p ftar) „abstehend, weit", vgl. allb.V-^ (taro) und d*^ (tari) 
„trans". «»-»ptu^uäX (tarazam^ über die Zeit, unzeitig. ««y-MfÄ^it 
(taraser) „anderes Geschlechtes, anderer Gattung", «^«i^ C^i^i? 
Geist, vgl. altb. *^*^Q (maiti), altind. mati. •T'^tBAMlr^ (mtanil) ein- 
treten, eingehen, vgl. altb. -»j-ijü-c (maethana), altslav. Ai'kcTO 
wie altind, vSga von vig. u,kuirg^ (UvH) ertragen, Widerstand lei- 
sten, vergl. neup. \y^^\y (tuvdnistan). uiu,pmg CP^^^i) Schuld, 
vergl. altb. --s?f'{ü (pirStaJ. 

Zu «y: lyaftntÄ^ (patm^l) „erzählen", vgl. neup, ij^y^ CP^^' 
müdan) und i^^y*/i (farmüdan) im Sinne von „sagen". u^m,m,pmm^ 
(patrast) „vorbereitet, geordnet", neupers. Al-l/yj (pairdstak). 

uiuMu^tup (tapar) Hacke, Axt, neup. jC (tabar)y jy (iavar), arab. 
j^ ßabar-un), ein merkwürdiges Wort, kommt bekanntlich auch 
in den slavischen Sprachen vor. lyo^iift^Ä-^ fparurSlJ umwickeln, 
umgeben, vergl. altb. l\^ •*^**o {pairi -{- vSreJ. i^-f^fi^MÄ (paii- 
pan) Beschützer, Vertheidiger, davon «yMr^-wiyMrlr^ir {paitpanil) 



Beitrige sur Laatlehre der armenitcheii Sprache. III. 251 

Tertheidigen , beschützen » vergl. neup. i>lllj (puitbda). 'i'^pM 
Cporik) Part, jm^^uBu^mpH (huikaparik) Centaar (ßznik ir^ 
smjMBli^lf pag. 98), Ygl. neup. jy (pari), altb. -»5*1**0 {pairikaj. 

Zu Y-: '«'^'^'f' (angam) Zeit, neup. ^Ixl*» (hangdm). tc"^ 
(^groh) W^nh, Volk, neup. ^^^ (guroh), vergl. Schähnäineh: 

fL Cff^O »sein**, wohl ursprünglich = ^^^ C9^0 »S®'^^*^**» 
altind. ga-m, wie A^^'i^fii {ipanilj = £r^u,%&i^ (älanH). In Betreff 
der Bedeutung vergl. man neup. O^^ (audan) im älteren Sprach- 
gebrauche „gehen", altb. >^ (shu). ^L/fc^iy. (gund) Schaar. f!bf.>M»^ 
(gndak)f auch ^%m<»^ (gntak) Kugel, vergl. Vend. III, 108 t^in 
'\A^\ö -^»»^j -e*-» -ly***»^ •^l>(S „Wenn Überfluss da ist, da fliehen 
die DaSras" — [die vorhergehenden ••t>>^>* -W^-o und W-^*ö fasse 
ich als: „Getrcide(aussaat)" — _„(6etreide)reinigung*' (Ausdre- 
scben) und „Zerstampfung^ (des Getreides) =» Mahlen]. Das ara- 
bische J^ (^und'UnJ scheint unserem f.fi.'bq. entlehnt zu sein. 

Zu ^: cl^ (end) hinein, hinzu, neup. jJiil {andarj, altbaktr. 
tW^* {antarij. i-W* (dSm) „Antlitz**, neup. x^ (dttn), vergl. 
iä^'^J" (end'dSm) „gegenüber**, vgl. altbaktr. -»^i*^ (ddühra) 
„Auge**, von dt, neup. C> Ji* J (didan); dazu gehört auch 7.4-» (dSt) 
,. Wächter*'. 71«».^ (damQ „Schlinge**, neup. Jj (ddm). q^J^t 
(dmak) Schweif, neup. o (dum), altb. -"O^ (duma). 

Zu /t: /t^n.^ {birnj Last, neup. ^ (16a»9 — puti^^u/k, (baz- 
makan) Tischgenosse, e^f^t CbazmilJ sich zu Tische setzen, vgl. 
neup. *J* (bazm) Gastmahl, guu^h (bazS) Falke, /»«f^iy«*^ (bazi- 
j9an^ Falkner, neup. ^ij^ (bdzt), guui^lt (bagin) Götze, Statue 
Oberhaupt, vergl. altpers. ^f (^Y^ (baga), altb. -»i-) (bagha), 
Pehlewf n (bag)p in dem Stadtnamen jlj^ (bagh-ddd) noch 
heut zu Tage erhalten. pu,f,u,^ (barak) fein, dünn, neupers. Jb^l* 
(^«"rf*;, Jjli (bdrik). 

Die armenischen Aspiraten ^, ^, ^ entsprechen zwar im Gan- 
zen den altbaktrischen <^, ^, d; es besteht aber doch zwischen 



252 Dr. Fr. Muller 

beiden ein wesentlicher Unterschied. Während nSmlich die altbak- 
irischen aus den entsprechenden Momentanen durch Einfluss be« 
stimnriter ihnen nachfolgender Laute entstanden sind, so ist dies, 
besonders bei p- und ^ nicht der Fall. Die Aspiration hat sich bei 
denselben nicht von aussen, sondern mehr von innen heraus ent- 
wickelt, und sie sind daher in dieser Beziehung zunächst an die osse- 
tischen of) und ^ anzuschliessen. (Vergl. Beiträge zur Lautlehre des 
Ossetischen S. S.) 

Zu P^\ R'^pJ^ (tharm) jung, frisch, vergl. neup. ^ (iar)» 
altb. -»jA*^ (iauruna)y altind. iaruna, ^Rk (ithS) „wenn", vgl- 
Pehlewf riK (dt)* altbaktr. *(5t(»>^ {ydidhi), altpers. yadiy, altind. 
yadi. ^uAi/t (than^r) fest, dick, altbaktr. ■»^•t>*r^«^ {tanöiata}. 
p^mt^lri^ (thaphil) wenden, biegen, neup. O^U (iaftan). ^^i^— ^ 
(irthäl) fortgehen, abgehen, allb. W* (iriih) «sterben*, wohl 
ursprünglich «abgehen**, vgl. griech. oiyoit.ai und arab. jUlä (Tia-- 
Idka) «zu Grunde gehen« = hehr, "^^n (hdlakh) weggehen, ebenso 
auch neup. l>Jui (iudan) «gehen« — auch «sterben«; vergl. 
SchAhDämeh : 

Die Pehlewi-Übersetzung übersetzt das altbaktrische -i»^* ^^*ö 
(para-iriilQ durch pnn^m (wettritann)» pmm (wetartann) = 
neup. Jc»J^ (gudaitan), so Vend. V, 1. P»-itL (tMöhü) oder 
p-iM.uB'b^l^ (thranil) «fliegen« =- altb. i\^ (Uri) wie neup. O^y 
Cpatidan) = i\o (pSriJ oder Denomlriativverbum von^ (par)? 

Zu ^: ^«^Ä-^ (kophil) hämmern, schlagen, neup. O^ß (Tcöf- 
tan), f^ (kdbam). In/^k^ (epIiH) harken, kochen, vergl. griech. 
ÖTr-Tacj, oTT-r^w. (^iu^lri (thaphil) wenden, biegen, neup. J^\» 
(tdftan). ^"»n^ (pharjj Majestät, Glanz, neup.^ CßO' /T^^ 
(laplM) schlürfen (besonders von Thieren). vgl. griech. Xd;r-Tö). 
.piru,i„.p (phHür) Feder, altbaktr. -»^-s?ö (piara), Trrgfov, nripu^ 
i/,iii.u, (phut) faul, verdorben, davon ^»»i^/^ (phUl) verderben, ver- 
faulen lassen, 'Pu,^^ (phtil) verfaulen, verdorben werden, vergl. 
altb. *v»*o (pavaiti) Fäulniss. Vend. V.; griech. n:6-w. 



Beitrage zur Lautlehre der armenUcheu Sprache. Ilf. 253 

Herkwördig ist ^ === 6 in h'^'^itk Ochaphük) Neger = arab. 
(^baiij-un). ^mü»lr^ (kaniph) Hanf » cannabis. 

Zu fj: fjmtamjutTb (gavazan) Stock, neup. 'o\j^ (gdvazdn)^ 
allb; ^^><^ (gavdzö) Vend. XIV, 45 „Stock «um Antreiben der 
Rinder'', xivrpov. ^m,H(zarik), ^«.^^ (zaHk) Rauschgold, Flit- 
tergold, neup. jj (zar)^ altb. *^ (zairi). ^-»^ (zrah) Ktirass, 
Panzerhemd, neup. ajJ (zirah), altbaktr. -»«j^ (zrddha). ^^1^^ 
(hizakj Speer, Lanze, neup. tj^ (ntzah), V"*'! (niaz) arm, noth- 
dürftig, yergl. neupers. jU (ntyazj Notb, Nothwendigkeit. f^l»»<^ 
{zinülj schlachten, Aorist. ^V C^^n-iJ «« neup. O^j (zadan)f 
xj fzanam), altb. j»J (zan)^ altind. Aa«. ^»tfz. (wazil) weg- 
fliegen. ^«»T^ (waz0 Lauf, Flug, neup. l>A*j^ (wazidan)^ Peh- 

lewl pn^äl (wa§tiann). altbaktr. J»t (vaz) Vendid. V. lsr«f^»f 

(nokhaz) Ziege, neup. JV (nuhdz), Fehle w( yl^r\^ (nuhd§{k). 
J^l(mzilJ auspressen, vgl. neup. i>J^J^ (mazidanj saugen, aus- 
saugen, ^ff^ (nzow^) Fluch, Eid, Anathema, vgl. altbaktr. joj$ 
(zbi)^ *c»jj^M (nizbayimi), allind. hv^. 

Zu «^: ^»^hg {zani^J Zähne der wilden Tbiere, vgl. altslav. 
3i^B& und griech. ya/uiyaf. 7^«^^/^ (drzH) betrugen, mnl^m^ni.J- 
{tira-druzj der den Herrn betrügt (Eznik A^^ «r'/«#^^^ pag. 2S2), 
altb. -^^2!? (dnikhs), accus. c{ ^>^^ (^druzim), c*«J^ (druzimj, 
altind. ifrr/A, drugh. 

^ wechselt mit ^ in m«v«^ (Ifq/«, spr. tuiz) Wiederrergelturi^% 
Beleidigung, mnut^^i^ (tuzil) und «»«tc^iuvlr^ (tuganil) wiederv«?r- 
gelten, beleidigen, hierin folgt armen. «^ ganz dem neupers. ^, das 
bekanntlich auch mit >» (das aus g erweicht ist) wechselt; yergl. 
P"«^ (baz) Tribut, neupers. jl, jl oder p»li, altp. ^y yyy >^/^ yy 
(bä^i). ^ 

Zu «: '»"mt/ig (astiq) Welt, besonders diese, altb. *^« (^f/(>f. 
1??W O^arakJ, altb. ^«{^«^ (variga), altslav. KAac&. «Yaf/f«a»«.A^ 
CparsavelJ strafen, tadeln = altpers. ^^f 1^ (p^^O* v^»*g^' 
Pehlewi Dtno/lfttD (pdtfrds) Höllenstrafe, "tn. (gif) Art, Gattung, 
daTon ulrn-ui^uA (särakan) einer, der zu derselben Gattung gehört, 
altbaktr. -»d^t^«» {garedha), neup. t^j^ (sardah). mmu^mp (^aspar) 
Schild, neup. j^^ji fsiparj, ^tiut,,unuifiq. (navaaard) Name des ersten 



254 Dr. Fr. Malier 

Monats im altarmenischen Kalender, wörtlich „Neujahr'', altbaktr. 
-»e^d«^ (garidha), neupers. JL» (adl). mt^uA^fM^pmAmt (spandara^ 
mit) Beiname des Bacchus» dQrfte nichts anderes als das altbak- 
irische „gpSnta drmaiti**^ der Gedeihen und Kraft bringende Ge- 
nius der Erde sein. 

Zu 1} («z*' (kain) Arm, altbaktr. -»öj-j (kasha) Vend. VIIL 
«fMT^^ (taiil) glätten, schneiden, behauen, vgl. altb. iaBh, altind. 
taksht griech. rixreov. ^lm»^ (dain) Bündniss, Pakt »= altb. -»j^ey^ 
(dashina)» altind. dakshina «rechte Hand**, griech. Se^tög. In Be- 
treff der Bedeutung vgl. man arab. u^c (yamin-un) „rechte Hand** 
und „Schwur«. ^>iA^ (iintt) bauen, "altb. *^ (shi), altind. kshi, 
griech. xrl^ui. ^^m (spät) Hirte, vergl. neup. Ol^ (iubdn) mit 
einem andern Elemente im zweiten Gliede der Composition. 

^ scheint ehemals vollkommen das avghftnische ^ (darOber 
vergl. meine Abhandlung: „Die Sprache der Avghinen I.** S. 13) 
gewesen zu sein, wie folgende Transscriptionen beweisen : tmp^lr^ 
u^^»^m^lum SB dpy(jLenl<Txonog ; ifmn.nm grün, blass =» j^Xwpö^. 

Zu ^: it%ou, (gn6t) Kinn, Wange, vgl. neup. ^j CzanakhJ, 
altind. hanu, griech. yivvg. -r^^*- C^r§iv) Adler, altbaktr. ^-»^^^i 
(äräzifya) Vend. XVII, 28, altind. r§ipya „geradfliegend** = nieder- 
schiessend. JiM>h^u/b[i^ (ma§an%l) anheften, ankleben =» altind. ma§§. 
gMi.h^ (bü0 junges Lamm, neup. j^ (buz)^}» (buz) Ziege, altb. 
^ ßuza) Vend. V. 

Zu ^: t^pm {därCikJ, ^^^ (därZak) Schneider, neup. 
iJjJ^ (darzi), jj^ (darz) Nath des Kleides, vgl. altb.j-^j'-j^-o' 
(handariza) Vend. Vlll,242 und 245, wo-es durch „Bündel*^ Ober- 
setzt wird, ^«iir^^^i (handirZ) Kleid (wörtlich: „Zusammenge- 
nShtes**) und als Präposition „mit**, vergl. ^Mh.^^j^ (dardza) 
Befestigt, anhaftend, von däräz» altind. drh. 

Zu iT: ^u^pu^ (öarp) fett, Pehlewt v\M (öarp), Parsi tÄ^*r 
(öarw), neup. i-^ (öarb). ^»^^ (g^^) Gyps = neup. ^ (g^O 
weisse Erdart zum Bauen der Gebäude. A.Ä^ (öimel) spazieren. 
i£hJmpu:b (öimaran)^ ^tAil^ (öämäli^) Ort zum Spazierengehen, 
neup. ^;;-X*^>' (öamtdan) und ^j^ (öaman) Garten, ^mu^ni.^ C^a* 



[ 



BeitrSge zur Liutlehre der arnieiiisclien Sprache. III. ioü 

pükj biegsam, hurtig = neup. -l3y^- födbük). lyar-^j,"»^ (patiaö) 
passend, «y««»^«»^^ (patsadilj passen, vgl. altb. i^*-»«-» (gaöaiti), 
neup. y^ (sazadj. i/Ä«.Ä»4 (müödk) Schuh, neup. aJi^ (tnüzah). 
Dahin gehört vielleicht auch i^u$utJ»u£m^ CpatmüöanJ Kleid. ^^A-f 
. (wiöilj streiten, vergl. altind. vivSka von viö. 

Zu 1} «7»£ (arsh) Bär, ossetisch apc, u,pimn. (arshar) Rind, 
Stier, vergl. griech. apjY^v 4ind altind. raha-bha, vrska, Urform 
vrshant „der Besamende**. Über «. = ant vergl. ^rf^P (iiiwar) 
Renner, allbaktr. |«^->A« (aurvat). 

Zu^: /s«i» ^Aa;^^ offen, entfernt, ohne, vergl. jli (bdz), «ftgr^t 
(mr^ilj tödten, kämpfen, altb. t*dw (miriö), f^^W (m^rinö). 3-^-/ 
(i;ul) Slier, vergl. goth. «/iMr, altind. sthura. 

Zu A: ^«Ä7^«#/^ (khandal) lachen, neup. l>J^J^>- (Ihandi- 
dan), -UmB^u^pm^ (öakliarak) kleines Rad, Spinnrad, neup. ^j>^ 
(öarkhah), vergl. altind. öakra Rad = griech. xOxXo-, lat. circo-, 
davon ^Mu/^pir^ (dakhril) sich tummeln, im Kreise herumdrehen, 
^mBlf,i»m^ (dakhran^ das sich im Kreise drehen. «»A'«» (akht) 
Krankheit, Leiden, altb. -tfi- (ÄftAfi^ Vend. V, 86. ^2^^f^L (iikhdl) 
regieren, vgl. altb. *^i» (khshij, altind. ft«A«. fi^u^f" {khamj roh, 
ungebildet, neup. »Ici- (khdmj. p'»zh'^L (baskhH) vertheilen, zer- 
streuen, vergl. neupers. O-X*^ (bakhsidan) und altbaktr. \»skjl> 
(iakhskj schenken, vertheilen. ut^h^uip^ (aikharh) Welt, Land, 
altb. -»^i-öji» (khshathra) Reich, Land, "'.fs'« (^ukhtj Gebet, Glau- 
bensbekenntniss, Pact, Bündniss^ setzt altb. ukliti voraus, altind. 
ukti. '^'^'u^'^p^i (apaikharäl) bereuen, Mr-y«-»^«»^»»«.^^*.^ {apa^ 
ikharuthiun) Reue, altind. apa + kshar oder kahal ^abwaschen** 
= sühnen, us^umu, (aSkhat) Arbeit, Mübe, setzt eine Form altb. 
khshati, altind. kshati „Verletzung, Plage** von kshan voraus. 
^i*^«r/t<; (khonarh) „demOthig, sich beugend", setzt eine altb. Form 
khnathra voraus von 6»\^ (khnath) ^sich beugen, anbeten**, \ergl. 
Vend. XIX, 18: '*^'»^n^if -««»^ c^ig)*'*-«) 'M-i^ ^Ich will tödten die 
Part, vor welcher (das Volk) sich beugt** — und Vend. I, 35. 36: 

'^^^^^^ •«*«) »Dann bildete ein Übel desselben (VaSkirita'B) 
Anro Mainyu, der viel Tod bringende: die Pari, vor welcher (das 
Volk) sich beugt**. 



256 Dr. Fr. Maller 

Zu "> und zwar: 

a) Guttaraler Hauchlaut: «Y«i'<>i&/^ (paA^/^ bewahren, *f>m^mA 
(pahpan) Wächter, neup. 'o^\» (pdsbdn) von spaQ, latein. spec^. 
mq$$^ (dkah) kundig, wissend, neup. iS\ (dgäh), Pehlewt dmdk 
(akds). altbaktr. kag, vgl. Vend. XXII, 8. 

b) Dentaler Hauchlaut: u,^»up^ (aSkharh) Welt, Land, altb. 
-li-jjgji» (khshaihra). ^^T'i (morh) Gnade, Anmuth , vergl. altb. 
-»»^^^^ffii» (ihshtiaothraj. -r^iy^c^ (adpüh) Edelmann, vielleicht 
Pehlewf iniontt^ (iahpuhr), voran letzteres Glied = altbaktr. JA>o 
(puihra). <«ri/2»^ (hamar) Beschreibung, Rechnung, davon 4-^ 
"^e^L C^amaril), ^ifJiupfii^ (hamaril) stimmt mit dem Pehlewt 
1fc<0fc< (amdr)^ von altbaktr. x'^iw (hmiri) = altind. wwr, während 
neup.^lc^ (iumdr), davon ö^^ (sumurdan) auf PehlewIpnilDtS^lt* 
(6imurtann)f altb. {'jc^ .*u^- (aiwishmerä) zurückgeht. 

Zu den Beispielen über den Abfall A^s h im Anlaute fuge man 
noch folgende hinzu : mpfiir'ü$»0i^ (arb^nal) sich berauschen, trinken, 
latein. sorbere und griech. pofeXv « apo(peXv, »^ty (skaj) Riese = 
^"t'V Cf^^kajJ von ^u,uuMf (ha»ak) Gestalt, Höhe, '»^^-»jr (^angam) 
Zeitabschnitt, Zeit = neupers. ^15^ (hangdm)^ wolil = altb. kam 
+ gdma, während das Vend. V sich findende -»«-»(g. -'W^* (diwi- 
gdma) = Parst 6#(aV (6gdm), uipf^A (ariun) Blut, vielleicht = 
latein. serum Blutflüssigkeit, griech. 6pQ<;. 

c) Labialer Hauchlaut: ^A^«-/ (heri) fern, ^i^n.iu'but^^ (h^fanal) 
sich entfernen, entfernt sein, goth. fairra. ^«'<>«»V.^ (hrahangj) 
Einsicht, Klugheit, Gelehrsamkeit, ueup- iiVli^ (farhang)^ ParsJ 
(^^ü^üi^ ffrahang). ^uMpu% (TiarsnJ Braut, ist wohl von altb. *»{^(0 
Cp^^qJ* altind. praöch abzuleiten (vergl. latein. procus, Freier). 
Über das Verhältniss des Wortes <>«#/»•* zu ^uMpjjuA,tr^ vergl. „Bei- 
träge zur Lautlehre der armenischen Sprache" II, S. 6. ^p>»i4>pLi 
(hravirU) einladen, ^«»«.4/t (hravSr) Einladung, vergl. altbaktr. 
i^{fr .^^A (fra-viri). 

Zu fj — 6: wj« ßojs, spr. luisj Licht, altb. \r^»1 (raoö6), 
neup. j^j (t6z). Genit. davon £»*^«j (lusoj), >y^ (oji spr. «i«^ 
Kraft, altb. \i^^ ((togdj, davon nu^-t^p (uzavor) kräftig, ^—-rv"' 
(kapojt spr. kaputt) azurblau, f«»iy«cm«ff (kaputak) dasselbe. 



Beitrige zur LanUefare der armenischen Sprache. III. 257 

^mäf»M,mm^»^/^^ (kapütokuthiunj Biäue « ncup. ^^ (kab6d). 
Nach diesen Fällen möge man das ron Bopp (vgl. Gramm. III, 827, 
Note) und Petermann (Grammatica linguae armeniacae 1837, 
pag. 38 et 39) Behauptete selbst beurtheiien. 

Merkwürdig ist^ = r in ^i''ua^L C^^J^^O bitten, latein. precoTp 
altb. »J^Co Cp^^O* neup- OX^y (purstdan) und armen. ^«y^-ÄÄr^ 
(har^-anöl) fragen. In den indogermanischen Sprachen ist mir 
kein ähnlicher Fall bekannt; auf dem malayisch-polynesischen 
Sprachgebiete kommen aber mehrere Fälle solcher Lautwandlung 
vor, z. B. Ja van. ^^t™? (Tiumah) Haus == malay. a*^j (rumahj, 
Dayak. daha Blut = malay. äj\^ (ddrah)^ Dayak. duhi Dorn » 
malay. ^Jj^^ {durt)^ Dayak. tanteloh Ei = malay. j^^ (teUr) elc. 

Zu i} ^Mr/fÄ£ (wtaräl) wegtreiben, vergl. Fehle wt pm^m 
(wtärtann) verlassen, aufgeben, neup. uiC^jS^ (^guddäanj. ^/»^ 
^ (Mwar) Renner, Pferd, altb. b^»^h» {aurvaf), allind, arvan. 
{ykmAä (tozian) Schaden, neupers. J^ß (gmand)^ Parsf R^j^*t 
(vazani). 

Zu den Liquiden. Dass/^ unter den Liquiden der jüngste Laut 
ist, geht seh in daraus hervor, dass das Armenische mit demselben 
verhältnissniässig häufiger anlautet üls mit den drei anderen. Dabei 
ist meistens ein Laut vor demselben abgefallen; so in/A voll, /^«r^/. 
fallen, ^«^^/^ hören; vergl. ferner iu$Ju (lajn) breit, ausgedehnt, 
tCkcLxijq, tfi'bPi^ (linil) sein = ;riXo|uiae ich bin — bewege mich (vgl. 
;rdXXei} = ;raX-c-a) ich bringe in Bewegung, schwinge), i^^ (liö) 
See von plu. 

Zu 7^: ir>im,'ü^g^(ipanil) sein» wohl ursprünglich identisch mit 
ir^'ülri^ (ilanil) ausgehen = altb. i'^i {SriJ, vcrgl. c> X» (iudan) 
„gehen*' — dann „sein**. Ein ähnlicher Zusammenhang besteht 
zwischen --ri^E (erita)» altind. rta und satya, aattva von aa* u^i^A^ 
(apand) Secte, falsche Lehre, vielleicht = neup. oij (rind) Ein- 
siedler. 

Zn/»: ^p^ {Sr^kjf l^i'H'y (erekojj Xhend, vgl. goth. riyMi« 
und altind. ragas. ^/»«»^ (irak) Ader, neupers. d)j (^^g), irpiJiip 
(eranq) Schenkel, altb. -»^-^ (rdna). Jp'"^p (tnrur) Hefe, Nieder- 
schlag, vgl. altbaktr. Vend. 11, 48 -^ V^^c Vi-v- „fester, dicker 
Schnee". 



258 Dr. Fr. Mfiller, Baitrlge sur Lautlehre der ■rmenUehen Sprache. III. 

Zu iTaiid ^: JffbA (mrshiun) Ameise, neup. jj^ (mdr)^ altb. 
•likjic (maoiri) Vend. XVI. JuB%ni.q (manükj, ■'i-V (fnanr) kleiD, 
vgl* goth. minniza, latein. minore altind. mandk wenig. A%imA$pmm 
(mönamart) einer, der allein kämpft, Mhuihm^^ (minanal) alleia 
sein, Alim^iCmm. (minawaöar) Monopolist, vergl. griech. fjiövoc. 
'iiirlif^ (ning) List, Tgl. neup. Jili (nang) Schmach, Schande. 



Vorlftfen in der Clttientiticunf. 250 



SITZUNG VOM 22. APRIL 1863. 



Der Classe wird vorgelegt die von Herrn Professor Dr. Fer- 
dinand Bischoff eingesandte Sammlung von Urkunden zur 
Gescbichte der Armenier in Lemberg, und von ihr der historischen 
Commission zur VerfOgung gestellt. 

Die Commission, welche mit der Prüfung des der Akademie 
vermachten handschriftlichen Nachlasses des Freiherrn Hammer- 
Purgstali beauftragt worden war» erstattet ihren Bericht, in wei- 
chem sie nachfolgendes Verzeichniss der darin vorgefundenen Werke 
und Aufsätze des Verstorbenen gibt; — druckfertig ist nichts 
davon lu nennen, 

V er z eiohniss 

der im Freiherrn Hammer -Purgstairschen Nachlasse vorgefundenen 
und im Besitze der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften befind- 
lichen Manuscripte. 

1. Die Fortsetzung der Literaturgeschichte der Araber. Wohl 
als 9. Band zu betrachten. 

2. Manuscript zum 2. und 3. Abschnitte des 3. Zeitraumes der 
Literaturgeschichte der Araber. 

3. Hakarrt^s Werk über die spanisch-arabischen Dichter, zahl- 
reiche Proben aus diesen Dichtern enthaltend. Alles in deut- 
scher Übersetzung. 

4. AuszQge aus arabischen Dichtern in Übersetzung, eine von 
dem Herrn Verfasser mit Chartdet Qberschriebene Handschrift. 

5. Einige sehr kurze Berichte über die Krim in türkischer 
Sprache. 



260 Vorlug^en fn der CUssensitzang'. 

6. Auszöge aus Taghriberdt*8 ägyptischer Geschichte in Ober- 
setzung. 
7« Obersi cht der osmanischen Literatur. Nur einige Bogen. 

8. Haidari , historische Bruchstücke in persischer Sprache. 

9. Kanünname , statistische Berechnungen verschiedener Ge- 
bühren. 

10. Auszüge aus dem persischen Wörterbuche Ferhengi schuArt. 

11. Sammlung bildlicher Ausdrücke in persischer Sprache. Zwei 
Abtheilungen. 

12. Persische Synonyma. 

13. Persische Phraseologie. 

14. Auszüge aus arabischen Wörterbüchern. 

15. Verzeichniss tatarischer und dschagatai*scher Wörter, die 
sich in türkisch-europäischen Wörterbüchern nicht finden. 
Nur 11 Seiten. Folio. Das Übrige, eine Anzahl kleiner Papier- 
schnitte» Citate enthaltend. 

16. Curialia turcica. Verzeichniss einiger Wörter des türkischen 
Amtsstyles. 

17. Bericht über 32 besuchte italienische Bibliotheken und das 
türkische Archir zu Venedig. Äusserst kurz. 

18. Sammlung türkischer, persischer und arabischer Sprüche. Im 
Original ohne Übersetzung. 

19. Persische Sprichwörter im Original und Übersetzung. 

20. Auszüge aus persischen Dichtern. 

21. Persische Gedichte. Original und Übersetzung. 

22. Türkische Gedichte. Original ohne Übersetzung. 



Reiniscb, Die Grabstete des Priesters Ptah' emwa. 261 



Die Grabstele des Priesters Ptah^emvoa. 

Mit Interlinear -Version und Commentar. 
Von Dr. S. t et Bis eh. 

(Mit 1 Tafel.) 

Der Text der nachrolgenden Inschrift wurde mir in einem 
schönen Papierabklatsche von V W Länge und V 2" Breite Ton 
dem wirklichen Mitgliede der kais. Akademie der Wissenschaften, 
Herrn Professor Franz Unger aus Unterägypten mitgebracht. Die 
Stele, weicher diese Inschrift entnommen ist, befindet sich gegen- 
wärtig im Museum des Vicekönigs von Ägypten <). Ihrem Inhalte nach 
gehört dieselbe der religiösen Literatur der Ägypter an und zwar 
speeiell dem Todtenritus. Sie enthält Anrufungen an den Gott Har- 
machis, an Anubis» den Wächter der Hadespforte» an den Horus Ton 
Cherti und an Osiris von Kakem, dass diese der Seele des abge- 
schiedenen Priesters Ptahemwa (wörtlich: der Gott Ptah im Schiffe) 
den Eingang in die himmlischen Wohnungen aufschliessen und die- 
selbe in ihre Mitte aufnehmen möchten. Dergleichen Inschriften, 
gewöhnlich auf Kalksteinstelen eingegraben oder auch blos mit Tinte 
gesehrieben, wurden in der Regel vom Sohne oder den nächsten 
Anverwandten des Verstorbenen für diesen den Göttern gewidmet 
und in dessen Grabe aufgestellt. Nach diesem ihren Inhalte nennt 



^) Herausgegeben, beschrieben und ancb theilweise fibersetst wurde diese Insehrift 
Ton R. Brugsch in dem „Recueil de monumeats ^gyptiens", Leipzig, 1S62, part. I. 
pL Vn, doch kam mir diese Publioation erst su, nachdem ich bereits die gegen- 
wirtige Übersetsung der Classe Torgelegt hatte. Verbessert habe ich nach Brugsoh 
nur den Namen des Verstorbenen, den ich saror ^Aa^-Ptah^-em^ua las, indem ich 
irrthümlich die beiden Arme, welche als Determinatir tu uba su beziehen sind, 
als einen Bestandtheil des Eigennamens betrachtete. Zu berichtigen ist an dem 
sehr correcten Texte Ton Brugsch nur der dreimalige Abgang der Gruppe 

^^..^ m'n-cAtfn« nach dem Eigennamen, welche der mir Qberbrachte Papier- 
abklatsch noch deutlich enthilt. 



262 Reinlich 

maa daher diese Grabdenkmäler« welche in mancher Beziehung die 
Bedeutung unserer Leichensteine haben» Todten- oder Weihstelen. 
In der Interlinear-Version glaubte ich die lateinische Sprache an- 
wenden zu sollen, weil in dieser die ägyptische Safzfögung genauer 
wiedergegeben werden kann, als mit Hilfe der deutschen Sprache. 
Der Text, dessen Transscription und Übersetzung ich hier folgen 
lasse, befindet sich auf der beiliegenden Tabelle. 

SUTN TA H oTP HAR-ChU-TI NuTeR AS 'ANCH eM 

Pium munus dodicatum Harmachi deo sancto viTenti in 

M'A TA.K UNN eR CHeTA.K ASI eMMa 'A Neb H'eH' 
veritatc; concede, (ut) sit in scala iua sancta corara latere domioi eterni- 
'AQ PeRe eM NuTeR-GaR MeN S'NA HeR Se- 
tatis, (et) iotret (et) exeat in orco nee exciudatur ex poriis 

Ba.U eN DAAU eN Qa eN eRP'A-H"A SUTN UBa 
coelestibus r^^ glorise domus t^ persona roO principis, e regia stirpe sacerdotts 
PTaH'-eM-UA M'A-CHeRu. 

Ptahemwa justifieati. 

SUTN TA H'oPT ANUP FeNTI NuTeR-Seba 

Pium mnnus dedieatum Anubidi sedenti apud divinam portam iofer- 

TA.F QaBH' ARP.Ü ART S'oP SeN.tU 

naiem, (ut) concedat libationcm vinorum (et) lactis, (et) aeeipiat panes 

PeRe eMMa QaBH* H'oTP.U eMMa.K eN Qa eN 
qui offeruntur coram [te], libationem (et) sacrificia coram te )$ persona roO 
eRP'AH'A SUTN UBA PlaH eM-UA M'A-CHeRu. 
principis e regia stirpe saeerdotis Ptahemwa justifieati. 

SUTN TA H oTP HAR FeNTI CheRTI ASIRI 

Pium munus dedieatum Boro dominant! (deo) in Cherti (et) Osiridi 

HeRI Qa-KeM TA.K UNN S'eSe eN H'aNU eM H'eB.F 

in Kakem; concede, (ut) sit serviens in navi in panegyride eius 
eN MeR SeBTi S.QA.F eMMa R'a eN QA eN 

r^^ circumambulationis muros (et) cclcbret coram Sole >$ persona roO 

eRP'A-H"A SUTN UBA PTah -eM-ÜA M'A-ChaRU. 

principis e regia stirpe, saeerdotis Ptahemwa justifieati. 

Commentar. 

/X wofür häufig die phonetische Gruppe /X ^ SUTN ein- 
tritt, theilt seine Bedeutung mit deni entsprechenden cottch, cottH 
der koptischen Sprache, dirigere, daher /i ^ r3 ' der König» 
und adjectivisch königlich, dann überhaupt vortrefflich, yor- 
zügiich, und mit Rücksicht auf religiöse Handlungen dem Ritus 
entsprechend, correct, fromm, wie das entsprechende kop- 
tische cT-coTTOiw, rechts, orthodoxus. 



Die Grabstele des Prietters PUk*emwa. 263 

J. te, auch ^ ^ta. ^% tu. und ^ ta. "^ ta, 
iu ist im koptischen ^, t«^«^, to, toi, tri, xei (dare) erhal- 
ten. Samuel Birch «) substituirt für das Zeichen ^ den Laut ma 
wegen der phonetischen Gruppe ^ — ^ nCa^ geben, die Gabe. 

Bei genauer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass tT^ 

nur ein Synonymon ron A sei, wie das koptische ^ von m.hi, m.oi 

(dare). Hinsichtlieh des Lautwerthes ^ fQr ^ vergl. den Namen 
Petamn (cf. IIordfjLcov Suid.) im Pupyrus Cadet. welcher daselbst 
bald in der Form von ^ /j J^ ^ , bald auch in der von ^ 

^ ^ ^ vorkommt. 

^ Q Kotp hat seine Bedeutungen gemeinsam mit dem kopti- 
schen ^a>Tn, ^oth bereiten» zubereiten, hingeben, sätti- 
gen, befriedigen, besänftigen; causativ: um Frieden 
bitten (dann meist auch in der causafiven Form ^^$e.h'*tp); 
dann vereinigen, untergehen (von der Sonne und den Ge- 
stirnen). In der vorliegenden Verbindung hat h*otp die Bedeutunqr 
darreichen, widmen. Häufig findet man dieses Wort substan- 
tivisch in der BedeutungGabe, Opfergabe, und concret, Opfer- 
brod, versehen mit dem Determinativ des Opferbrodes. So im 
Todtenbuch cap. 130, ün. 25: 

tiuf h'otp.u en nuteru percher.u en chuM 

dedif sacrificia rot^ diis, inferias rot^ defunctis. 

Gleicher Art ist die Dietion im Buche S'ai'an^Sinsin (edid. 
H. Brugsch. pag. 23, lin. 5) : 

ia f. h'oip.u en harM percher.u en ehu.u 

dedit sacrificia roi^ diia, inferias roZ; defuDctis. 

Hieraus folgt, dass h'otp in der eben angegebenen Bedeutung 
darbringen, Opfer seine bestimmte Anwendung bat zur Be- 
zeichnung von Gaben, welche den Göttern, nicht aber auch den 
Manen dargebracht Wurden. Dagegen gewähren diesen die Götter 



<) Memoire aar une pat^re igjpi. du mut^« da Lourre. Paris, ISSS, pi;. 5 ff. 
Sitib. d. phil.-hist. Gl. IUI. Bd. II. HA. ig 



264 Reiuiscb 

im Jenseits von ihren liotp,u. So sagt z. B. der verstorbene Totnefer 
in einer Turiner Stele: JjJ* ( B^ h ^*g "ytf H ^ «>|i.a h'oip,u 
em nuter-gar ==» ich bekomme Götterbrode in der Unterwelt. 

Das Casuszeichen zwischen h'otp.u und dem nacbfolgendea 
Namen fehlt auf der vorliegenden und auf Stelen ähnlicher Art, es 
M'ird jedoch in dieser Verbindung eben so hSufig gesetzt als aus- 
gelassen; vgl. *^*| ^ "ä*B ^S ^ ^^'^ *^^^ h'otp en Sokar = 
actio pH munerü dedicaü ra> Sochari deo. 

^ ^ ^^r-chuJh Horus der beiden Sonnenberge. Die Haupt- 

Varianten sind "^ SS und ^ ^^. Hinsichtlich der Phonetik von 

<=> und t£Li diu vgl. H. Brugsch, Geogr. Inschriften Bd. I, Taf. L, 
Nr. 1348 und 1349. Erhalten zu sein scheint das chu der vorlie- 
genden Bedeutung in dem koptischen Worte ^ü>i, pars superior, 
duher «n^coi» in altum, auraunif und €ai6>i, alius, excelaus. Die 
Griechen transscribiren den Namen dieses Gottes durch "Apfia^t^; 
hieraus seheint zu folgen , dass die Ägypter zwischen den Lauten 
Har und chu das Casuszeichen m, obwohl es graphisch nicht aus- 
gedrückt wurde, doch gesprochen haben mussten. Wie schon die 
Bedeutung seines Namens „Horus der beiden Sonnenberge'' es be- 
zeugt, war Harmaehis eine Form der höchsten ägyptischen Gottheit, 
des Ra oder Sonnengottes, er wird daher in der Beiordnung auch 
nur mit Lichtgottheiten in Verbindung gesetzt, als: Ra-Haremcbu, 
Atum - Haremchu, Cheper -Haremchu und sogar Asiri- 
Haremchu (Todtenb. 142, 22). Die mythologische Ausdrucks- 
weise „die beiden Sonnenberge " hat ihre Entstehung ohne Zweifei 
in den beiden das Niltbal im Osten und Westen begrenzenden Käm- 
men des arabischen und libyschen Gebirges, da von den beiden 
Sonnenbergen die Lage des einen im Osten, die des andern im 
Westen angenommen wird. So sagt z.B. der Verstorbene imTodten- 
buche cap. 72, 4: ich begleite den Gott Tekem, sei es dass er 

^ö'^^l^iAi-^^-^ ^^^^ begeben will nach demSon- 
nenberge des östlichen Himmels, (oder) dass er sich 
begeben will nach dem Sonnenberge des westlichen 
Himmels. Demnach ist Harmaehis die Sonne des Auf- und Nieder- 



Die Grabstele des Priesters Ptah'emwt. 265 

ganges. Fast den gleichen Ausdruck enthält die Überschrift des 
fünfzehnten Capitels des Todtenbuches : 

Ihm KaHarchuti uben.f em chu abdu ent pe dau 

Ka nuier h^otp'f em *aneh.U 

Adoratio Soli-Harmachi (quando) fulget in monte orietitalig 
cwli^ adoratio Soli deo, (quando) occidii in terram vitCB. Das 
Land des Lebens, nur eine andere Ausdrucksweise für den Amente 
oder die Unterwelt, wurde in den Westen des Nilthaies gedacht, wo 
die Sonne untergeht. Dorthin zogen auch die Geister der Abge- 
schiedeoen, um ihr ewiges Leben zu beginnen. Vom Sonnenberge 
des Westens leuchtet demnach die Sonne den im Amente Lebenden, 
daher ist Harmachis oder der Horus der beiden Sonnenberge auch 
der Sonnengott der beiden Hemisphären. In dieser aligemeinen Be- 
deutung heisst er vornehmlich Ra-Harmachis , während er als Mor« 
gensonne häufiger die Bezeichnung Cheper-Harmachis, als Abend- 
sonne aber den Namen Atum-Harmacbis oder Asiri-Harmachis fOhrt. 
^ oder phonetisch ^ ^ ^ nuier ist bekanntlich das koptische 
novT«, noir^y Gott. Aus der Zusammenstellung der mit r auslau- 
tenden Wörter der altägyptischen Sprache mit den entsprechenden 
koptischen Formen ergibt sich die Thafsache, dass mehrsylbige 
Wörter ausnahmslos, zweisylbige in der Regel und einsylbige bis- 
weilen das auslautende r im Koptischen eingebOsst haben. 

Das Wortyf^p oder^^P w as, asi, zusammenhängend mit dem 
koptischen ^cot, pretium, hat die Bedeutung heilig, ehrwürdig, 
dann überhaupt vorzüglich, kostbar und wird als Epithel von 
Gottheiten, von Standespersonen, dann von Tempeln, Palästen und 

kostbaren Steinen gebraucht. — f phonetisch ^ "^ und ^^ ^ 
'ojicA *) = «iiu5, «^n^, vivere. ^ m = x Casus- oder Relations- 
zeichen = in. — y , phonetisch ^3 'w'a = mhi, m€, verus, verüaa. 
"^^ ta-ky Imperativ der Gegenwart; vgl. ChampoIIion, Gramm. 
*gypt. pag. 420. ^^ un = otou, oirn 6886. o, Präposition , ent- 



Vgl. H. Briigsch, Retaeit de mon. egypt. pl. LXI, 3 « 8 /3 T J|^ ^^ ^^^ 
>0 ^n ^^ »®'' I^^T^cht über die, welche leben im Lande Agypte 



266 R 6 i n i • e h 

sprechend dem hebräischen ^ und arabischen J; Ober den Ge- 
brauch vgl. Chumpollion 1. c. pag. 4K2. 

^ji^ bezeichnet ideographisch dieTreppe, Stiege. Die pho- 
netische Bezeichnung dafür ist entweder ® ^ £3 ^*^^*» ©^ 

£[] chet, ®£[| chet oder J ^d?^» ^ i^ ^ d i^^' welche 
beide Ausdrucksweisen übrigens in einem etymulogischen Zusammen- 
hange zu stehen scheinen; beide Formen hat das Koptische för die 
angegebene Bezeichnung eingebüsst. Die mythologische Ausdrucks- 
weise, Harmachis möge der Seele gestatten, zu verweilen auf der hei- 
ligen Stiege im Angesichte des Herrn der Ewigkeit, ist nur eine andere 
Bezeichnung für das Einziehen und Wohnen in den himmlischen 
Behausungen. So sagt z. B. der Verstorbene im Todtenbuche» 
cap. 85, 9: 

nok neb qaa irit.a 8ee\(.a em zeru.u her.t 

ego dominas scale; feci domiciliuin in terminis coeli 

(sinn) meuni superioris. 

Im Capitel 22, 2 sagt derselbe: 

nok Aeiri neb Rasia nau enti em^ka ehei, 

ego Osiris dominus term castigans eos qai in teal«. 

(sum) Raste sunt 

In der Nomosliste von Karnak (s. Brugsch, Geogr. Inschr. Bd. I, 
Taf. XIX) heisst der Gott Min von Koptos, „der Vater der Götter 
und der a^ J^^ Herr seiner Stiege", d. i. seiner himmlischen 
Behausung, da ihm als dem Herrn der Stiege Niemand den Zutritt 
zur Wohnung wehren kann. Nur den im Todtengerichte gerecht 
befundenen Seelen wird der Eintritt in die himmlischen Wohnungen 
gestattet, ihnen wird der Weg oder die Stiege zu denselben er- 
schlossen; die Lasterhaften dagegen bleiben in der Finsterniss, 
ihnen wird die Thflr zur Sternenwobnung vor ihrem Antlitz ver- 
schlossen, sie werden von der Treppe hinabgeworfen. So fleht 
(Todtenb. Taf. L) der Verstorbene zu Osiris, dem Hen-n des 
Jfenseits: „Anbetung dir, dem Herrn im Amente, Unnofer, Herr 
von AbydosI gestatte dass ich verlasse den Weg der Finstemiss 
und dass ich mich geselle zu deinen Dienern, welche leben in 
der Sternenwohaung und dass ich eintrete und erscheine im Lande 
Raata.**, Im Capitel 17 des Todtenbuches sagt der Sonnengott: Ich 



Die Gmbstele iles PriesUis Ptah'eniwa. 267 

bin der Gott, der sieh selbst erzeugt hat im himmlischen Oeean 
der sich befindet auf der Treppe in Sesennu und J^ J §^ "^^ ^^ 
Hi P ' -J ^n f!^ ' "^ ^ ^ ^ h'esem.naf mes.u budus'.u her.qaa 
„sQchtigt die Kiniier der Abtrünnigen auf der Treppe*" • d. i. der 
Sonnengott wehrt den Bösen den Zugang zur Lichtwohnung, wel- 
cher nur den Frommen zu wandeln gestattet wird. So ruft der Ver- 
storbene (Todtenb. rap. 1, 13) zu den Göttern: 

a un h'er.t.u a ap matenu enba.u manch,u 

O at tperiantur riae, o ut pandantar aditas raXu aoimabia piis 

n I cf 4 

em pa Äsiri. 
ad domus Osiridis. 

Die PrSposÜion /y^o scheint etnma getautet zu haben » wenig- 
stens hat der Phallus im Worte ^^ ]] tnatnrf koptisch juttTp«, M.ft^pft, 
testiSf leatari den alphabeti.schen Werth m: Tgl. Brugsch, Recueii 
de monum. ägypt. tom. II, pag. 73. Dieses emm^ würde dann dem 
koptischen mm^^ oder mmo entsprechen , welche Präposition im 
Koptischen vor den Pronominalsuflixen zur Bezeichnung des Dativs 
und Accusativs verwendet wird, vgl. Schwartze, Kopt. Grammat., 
S. 383. Cber den Gebrauch dieser Präposition im Altägyptischen 
vgl.Champollion Gramm, ögypt. pag. 486. Der Ausdruck ^^T^ zf^ 
emma^'^a, wörtlich coram manu, hat hier der Werth der einfachen 
Präposition eiTima, da 0.^1 die Richtung nach einem Gegenstande 

bezeichnet; vgl. |^^ 4^ , ^pj^. die Gegenden befindlich zur Seite 

der Berge, d. i. die gegen die Gebirge zu liegenden Ortschaften. 
(Inschrift von Kuban.) 

J^OJ^« h*eh\ synonym mit ^^y zaty ewig, Ewigkeit. Eine 
Variante von fiofi ist/H*w% 8 Sw^AVA', welche noch im Koptischen 
4n€^, €inc9^, (Bias, isternüas, cßternua erhalten ist; /i^ 8 8 ^ 

neK=in astemitatem (Le^sius, Denkm. IJ, 136 t). Das6o8 ist im 
baschmurischen Dialekt in dem Worte c^i, cevum^ noch erhalten 
worden. Unter dem ^=^^^0^ neb h'eh\ Herrn der Ewigkeit, ist 
Osiris zu verstehen; vgl. Todtenb. cap. 142, 8: "^^ ^. 

j^ Z^* ^^^^ ideographische Bezeichnung für die Begrifie: 
ein- und ausgehen« Phonetisch lauten diese beiden Zeichen 



t\ 



268 Reinisch 

'^y^ «y» intrare^ und ^ pere^ exire; vgl. die Überschrift des 
Capitels 107 im Todtenbuche: 

ra en 'aq pere em dau Amentu 

Capitel vom Ein- (and) Ausgeben im Hause der Herrlichkeit 
im Amente. So wird am Schlüsse des Capitels K8 gesagt: 

ar rech ra pen auf 'aq.f em^chet pere em Ntäer^gar. 

Si quis cog- caput istum, iotrabit atqoe exibit in orco. 

noscit 

In den Worten, die Seele kann in der Unterwelt ein- und aus- 
gehen, eine Begünstigung, welche nur die gerechtfertigten Seelen 
hatten, liegt der Gedanke, dass dieselbe im Amente alle Freiheiten mit 
den Göttern gemeinsam babe, dass sie nicht blos die Macht besitze, 
von der Erde zu den himmlischen Wobnungen zu ziehen, sondern 
auch so oft es ihr gefällt, auf die Erde zurückzukehren. So sagt das 
Todtenbuch (cap. 1, lin. 14) mit Bezug auf den Verstorbenen: 

'aq.f em ra put em pa Asirr 'aq,f em dun^dun pere.f em 

intrat ad portam istam t^^ domus Osiridis, intrat cum Hberiate, exit in 

h^otp » ^^^ ^" ^^^ folgenden Linie: 
pace 

men ch'e8ef,tuf ftien 8* na . iuf ^^4 h'estu 

non depellitar non excluditur, intrat ad voluntatem 

pere.f merhi. 

exit ad libidinem. 

Dagegen heisst es mit Bezug auf die Verdammten in der Grab- 
schrift König Ramses des Fünften : 

ba,u.sen men ^a^.sen em h'er.t 

anim» eorum non intrant in coelum saperiorem, 

ferner: 



^^ 3^ I fS^ 1 IM "^ — / ^ 

meniu per.u ha.u.sen em ia 

non exeunt anime eorum in terram. 



Die Grnbstele des Priesters Plah*emwii. 269 

Das Wort ^ ^ ^^ nuier-gar oder ^ ^ ^^ gar-nuter» 
ist eine too den vielen Bezeichnungen ftlr den ägyptischen Hades, 
als Aufenthalt der Götter und der gereinigten Seelen. Die rollere 
Form für gar (dann meist ohne Verbindung mit ntiier) ist agar, so 
z. B, Todtenbuch cap. 165, 6 : ^ ^^i^ZJÜ /) ^ f J^^ nu/gr- <ygr 
M «^ ^jor => Nutergar etiam dictum Agar. 

Das Wort Gar oder Agar hat vielorlei Bedeutungen. Als Grund- 
bedeutung dürfte wohl kämpfen, Kampf (vgl. ^ J^l^ff^^* 
pugnare) zu betrachten sein; davon abgeleitet sind die Bedeutun- 
gen siegen, besiegen, herrschen, besitzen, woran sich 
die Bedeutung edel, erlaucht knüpft (vgl. das koptische :£^6>p 
9e.ci>6>pe, generosus); dann adverbial entjiprechend unserer Präpo- 
sition mit: -^ ^ ^ i iti gar an.u, kommen mit Geschenken, 
wörtlich: kommen besitzend, bringend die Geschenke. Hinsichtlich 
der Grundbedeutung kann man vergleichen den Gattungsnamen 
KaXaaeptg (Herodot II, 164 u.a.) == ^u^^^^(^^ kaläs'er oder 

keras'er, junger, rüstiger Krieger, von gC^ (^^ kal, oder kar 
(Krieger) und lr~^ koptisch vyHpe, jur^nts. Zur zweiten Bedeutung 
vgl. den Namen der Königinn Nitokris (^(|^^ Nit-agr.t^ wel- 
chen Eratosthenes durch 'A^rivä vixr}(p6pog übersetzt. In dieser 
Bedeutung kommt das Wort/] ^^ und seine Dialektform ® eher 
häufig als Attribut der Könige vor in Verbindungen, in denen wir 
für jenes Wort keinen bezeichnenderen Ausdruck, als Herrlich- 
keit besitzen, als ^ ^ ^ ^[ cAcr-SM/w, die Herrlichkeit des 
Königs, fl^^ 1^ die Herrlichkeit Seiner Majestät. Je nach dem 
Zusammenhang der Rede ist aqar entweder activ oder passiv zu 
fassen, wie das analoge | ,,J^/^ han, der König, und f ^^J^ 3^ 
Jiatij der Unterthan, der Sciave. So wird in einem Hymnus an den 
Sonnengott (Brugsch, Monuments de TEgypte livr. I, pl. III, lig. 3) 
von demselben gesagt, er sei : 

neb pe,i neb to tri garu fCeru 

dominus coeli, domioiis terrie, fecit homines (et) deos, 

wörtlich: feeit subjectos et regentes oder inferiores et superiores. 

Zu den Göttern steht der Mensch so lange er auf Erden lebt» 
ib einem Dienstschaftsverhältniss , hat derselbe aber seine irdische 



270 Reinisch 

Laufbahn glorreich beendigt, dann theilt er mit den Göttern im 
Jenseits alle Herrlichkeit, er wird einer ihresgleichen, er wird 
selbst ein Gott und hat die Kraft in allen ihm beliebigen Erschei- 
nungen, wie die Götter sich zu manifestiren. Als solcher wird er 
ein aqar oder kar im activen Sinne, alle Wesen im Amente sind 
aqai\ daher heisst der Amente selbst das Land der Aqa ru oder 
der Geister, deren Wesen Macht und Herrlichkeit ist. Dass 
in aqar diese Bedeutung liege, geht ferner heryor aus Verbindungen, 
in denen dasselbe in Parallelelismus mit nuter, Gott, und mit h'ese, 
imperare, velle, getroffen wird. So heisst es im Buche S'al-an-Sin' 
Bin (ed. Brugsch pag. 18, lin. 4) mit Bezug auf den Verstorbenen: 
3* ^ ^^ — n ^^^ ^^ anima tua (^eat) in loco deorum omnium, 
und pag. 23, lin. 8 wird von eben diesem Verstorbenen gesagt: 

au.f *he8 em nCa *he8,u au nuter «m nCa aqar,u, 

est jubens in loco jubentlum, et deus in loco illattriuD. 
Hieraus begreift es sich, dass von den auf Erden lebenden Menschen 
nur die Könige den Titel aqar in seiner eminenten Bedeutung fQhren 
konnten, da dieselben als Incarnationen von Göttern angesehen 
y\ urden. 

Die Negationspartikel ^^]^J]^«o», ne, steht mit dem koptischen 
MM in Verbindung, ne» non, bezeichnend. Vgl. hierQber P. le Page 
Renouf, On some negative Particies of the Egyptian Language. 
Lond. 1862. 

A ^T° s'n'af ausschliessen, zusammenhSngend mit dem kop- 
iischen attooirn, oj^^etv, p eller e , atna^ und <r€no, percvtere extin- 
guere. Cber die Varianten des allägyptisehen s'na vgl. Rougä, 
M6m. sur le tombeau d'Ahm^s, pag. 156. Seine Verbindung mit 
dem nachfolgenden Substantiv geschieht entweder, wie im vor- 
liegenden Texte, mittelst der Präposition "9" , ^ lier, koptisch 
^i, oder mittelst ^ m, so z. B. im Buche S^ai-an-Sinsinp pag. 15, 

clusus a portis glori» domus. 

Das Wort f^J^«^*» die Pforte, ist auch in dieser Bedeu- 
tung noch im koptischen ci&€, janua, porta, des sahidischen 
Dialektes erhalten. Die Gruppe (^ ^ lautet phonetisch dau oder 



Die Gr«b»telc des Priestert Ptah' emw«. 271 

daau snfolge der Schreibung ^ ^P ^, ^ ^jP ^ und ist 
generis feminini ; hinsichtlich seiner Etymologie ist dieses Wort 
"»it '^\ )l^ '^^ ^^ dwau 9 glorificare, gleichen Ursprunges, be- 
deutet demnach ,, Wohnung der Herrlichkeit*. Vgl. die Inschrift 
am Plafiinde des Grabes Ramses V. : 

nuter, u dwajau Ra pere.f em dau.t 

Dei glorificantur Solem deum, qui manifpsto in glori« 

apparet domo. 

„Wohnung der Herrlichkeit*^ ist gleichfalls eine ron den vielen 
Bezeichnungen des ägyptischen Hades. Dife Localität dieses Ortes 
ist nach der Vorstellung der Ägypter verschieden von der des Him- 
mels qnd der Erde. Dies geht hervor aus einer Anrufung an die 
65tter des Himmels, der Erde und des Herrliclikeitshauses (Stele 
der Passalaqua*schen Sammlung, Nr. 1394). 

eniuten na neb»u en pe to dauJ 
TOS o{ doiDiDi ToO coeli, terrs (et) glorie domus. 

Nach der Inschrift auf der Mumie Petofs in Turin (Champollion, 
Gramm, ^gypt. , pag. 453) ist zu schliessen, dass die Herrlichkeits- 
wohnung zum Aufenthalte jener frommen Seelen diente, welche 
eben die Erde verlassen und noch nicht den Himmel erreicht haben: 



a Ä £ r^ "^ ^ ^ 

ta.ut ba.k et pe.t ckai.k er pa-dau 

datar anima toa in coelam, corpus tuum in domum glori«. 

Als erste Station auf der Wanderung der Seele wird das 

Herrlichkeitshaus auch angeführt im Todtenbuche (Tabelle der 

Psychosfasie» pl. L). wo die Seele an Osiris die Bitte richtet: 

ta,k uba.u her.t kek • ui num,a 9' es . uk am,u 

Concede (ut) relin- riam tenebrarum (et) conjun* cum serria qui habi- 

^ ^ quam *) gam tuia, tant 

dau.t'pa 

in glori» domo. 

U I ^"^'^ tJt 9^ bezeichnet wörtlich das Sein , die Existens 
Jemandens, daher Wesen» Geist, auch Person. Vgl. hierflber 

*) Wörtlich: gestatte da« Vertasten (relictus, plural.) de« Wege« der Finsterniaa and 
data ieb mieh geselle so deinen Dienern n. s. w. 



272 ReiDisch 

Uinck^s On the Egypt. stele. Transact of the Roy. Irish Acad., 
vol. XIX, pag. 89 sqq., und Birch, Möm. snr une patere Egypt. 
pag. S7 sqq. 

Das Wort ^p„ ei^p*at dessen Stamm im Koptischen verloren 
gegangen ist, ist ein ehrendes Prädicat, das Prinzen von GeblQt 
und überhaupt dem königlichen Hause durch Verwandtschaft nahe 
stehenden Personen beigelegt wurde, ^^ ^^B^ i^ ^» der Kron- 
prinz; ^^B^ ^^ illustris dux, ein Titel, den in der Regel Nomar- 
chen, die hohen Priester und alle höheren Beamten führten, li-a ist 
im Koptischen ^»oxre, major, primus, erhalten. Der Titel eRP'A-H*'A 
dürfte am genauesten unserem Excellenz entsprechen. Er war nicht 
erblich, sondern wurde, wie die Inschrift zu Benihassan beweist, 
vom Könige verliehen, da Nahar, der Sohn des Numhotep, als Gou- 
verneur des Nomos Sahu zu dieser Würde erhoben wurde (s. Lep- 
sius, Denkmäler, III, 124, 47); auch Nahar*s Mutter erhielt diesen 
Titel vom König „als die Tochter eines Gouverneurs** (ib. III, 124, 
64. 65). 

Der Laut des Zeichens ^ ist uba, vgl. Rouge, ^tude sur une 
Stele egypt. appartenant ä la bibliöth. imperiale, pag. 78 sqq. Mit 
dem Determinativ CS versehen, entspricht dieser Laut dem kopti- 
schen oir€6, sacerdos. Der Eigenname des Priesters ist Ptah*-em-wa 
derselbe Name begegnet uns in der gleichen Schreibweise noch in 
den von Hawkins herausgegebenen Tablets and other Egypt. Monu- 
ments from the Collection of the Earl of Belmore. London, 1843, 
tabl. 13. Hier ist nur die Phonetik des letzten Namensbestandlheiles 
schwankend, da die verschiedenen Arten der Nilschiffe auch ver- 
schiedene Bezeichnungen hatten. Der Umstand jedoch, dass der 
Schreiber die phonetische Gruppe dem Determinativ ^Hj( aus- 
drücklich vorauszusetzen für überflüssig gehalten hat, und das in 
einem Falle, wo es wie bei Eigennamen, hauptsächlich auf einen 
ganz bestimmten phonetischen Laut ankommt, lässt doch wohl 
schliessen, dass hier der allgemein übliche Name für Barke über- 
haupt, welcher ^^ /j (Todlb. 17, 79; 41, 2 u. a.) und ^^ /j ^ 
(ibid. 67, 2) lautet, in Anwendung zu bringen sei. Analoga von ähnlich 
construirten Namen sind nicht ganz ungewöhnlich; vgl. Sam, Sharpe, 
Egypt. Inscript. pl. 94, lin. 8 und Lepsius, Königsbuch, Taf. XXYIII, 
nr. 381. Wilkinson, Manners and Cust vol. IV, pl. 24, Nr. 4. 



Die Gral)ste!e des Priesters PUli'emwa. 273 

^^ 2^0 und am häufigsten -^^ ^ji^ 3^ nCacheru^ justificatus, 
koptisch M.«iiKOTrT ist ein Epitheton sämmtlicher Verstorbenen , ent- 
sprechend unserm Ausdrucke selig. 

Lin. 2. h "^ \AnpUf jedoch Anup gesprochen, \i'ie die 
griechische Transscription "Avoxjßig^ das koptische «^no^^, a^noTn, 
«^itoAioH und die hieroglyphische Variante /) ^ schliessea lässt, war 
der Hermes Psychopompos der Ägypter, wesshalb er bei Plutarch (de 
Iside cap. 61) auch 'EpfxdvoujSe^ genannt wird. Plutarch bemerkt» 
dieser Name beziehe sich auf die Unterwelt, und an einer anderen 
Stelle (I. c. cap. 14) berichtet derselbe, Anubis habe die Aufgabe 
fiir die Götter 7.u waclien, ebenso wie die Hunde fQr die Menschen. 
Dem Inhalt dieser Angabe entsprechend ist das Prädicat des Anubis 
r^fji '^^ ^ 2! wörtlich: qui est apud divinam portam infer- 
nalem. Desshulb wurde er auch angerufen, den Verstorbenen eine 
gute Beerdigung in der Necropolis zu gewähren (vgl. Brugsch, 
Monum. de l*%ypte, livr. I, pl. XV u. a.). Als ein dem Todtenreiche 
angehöriger Gott beurkundet sich Anubis auch durch seine Abstam- 
mung, er ist der Sohn des Osiris mit der Nephthys (Plutarch a.a.O. 
cap. 38). Ober den Cult dieses Gottes vgl. Jablonski, Pantheon 
Aegyptior. üb. V, pag. 2 — 38. Wilkinson, Manners und Cust. 
\h\. IV, pag, 440 — 444. Birch, in der Gallery of Antiquities, 
pag. 43^-48. Reinisch, in Pauly's Realencyklopädie für Alterthums- 
wissenschaft. 2. Aufl. s. V. 

Das Wort r^^l^i ^\\ Z*^'*^* ^^^^ ckenth wegen der phoneti- 
schen Schreibung *^^^^und • T^^^t drückt das Verweilen an, 
oder die Angehörigkeit zu einem Orte aus '^^ j7^ iP ^Sa ^^^^ 
^"^ -fiL Osiris im Amente. /j ^ f /) ° © Amen in 
Theben u. s. w., statt dessen eben so häufig ^37 neb, angewendet 
wird: "^^^-jf 2^ Osiris, Herr der Unterwelt. Die phonetische 
Schreibung der folgenden Hieroglyphe Jgf ®*ncn Propylun vorstel- 
lend, ist p ^ J seb oder P J ® sebchet, die Pforte, der Propylon, 
siehe Champollion, Gramm, ögypt., pag.SOK; mit P verbundei), be- 
deutet dieses Zeichen die Hadespforte; siehe Birch, Gallery, p. 44. 

*) Diese Variante z. B. am Sarkophage des Pet Amen-Apet zu Wieo, Nr. 539. 



274 Reiiiiteh 

fji ICC^ , phonetisch : /dj f^ ^^ gab. auch dj 8 ^ 
qahb' (Todtenb. cap. 188, 7), noch erhalten im koptischen r&c, 
refrigeraref bedeutet die Libation von Wein, Milch u. s. w., 
welche den Göttern und den abgeschiedenen Seelen dargebracht 
wurde, n "^ ^ arp = Kfn, hXh, viuum. ü *^* J^ orö, 
/j ^^ 5 ^'^* = cpcüTC, cpü>^, lac. Ä^ i fl «'^p =■ 59*11, isii 

accipere. [Jjjjjj^ oder ^*^ "jj]" sind die Opferbrode, welche den 
Manen dargebracht wurden, im Koptischen ist dieses Wort verloren 
gegangen. 

Lin. 3. ^v^^^^ O Chrtit Name einer Stadt, deren Lage nicht 
genau angegeben werden kann. Die Hauptgottbeit dieses Ortes war 
der Horus von Cherti, der auch im Todtenbuche (cap. 142, 10) 
erwähnt wird. Vgl. Brugsch, Geogr. Inschrifien, Bd 1, S. 288. 
"9!^ h'er-h'eth wörtlich im Herzen = in; vgl. Champollion, 
Gramm, ^gypt., pag. 467. Über den foli^enden Ort Kakem, siehe 
Rrugsch a. a. 0. S. ISO, 252. ^ s'eae^ in voller Schreibung 
jrX ä> der Diener, Sclave; der griechische Text der Rosette- 
Inschrift Qbersetzt dieses Wort durch ^epaiteOeiv. 

8^^ auch ^^^r 'x*^ (Chabas, Le Papyrus magique Harris, 
pag. 89) und j^^/|/| lbnv (Todtenb. cap. 1, 10) ist der Nanje 
des dem Osiris und dem Ptah-Sokar-Osiris geheiligten SchifTes. Im 
Koptischen ist dieses Wort nicht erhalten worden, dagegen glaubt 
Chabas in dem hebräischen OK» nOK dasselbe bewahrt zu finden. 

• T TT 

8q^J lieb, Panegyrie; vgl. koptisch ^^H^e, luctus, bezeichnet 
religiöse Feste, an welchen den Abgeschiedenen Todlenopfer dar- 
gebracht zu werden pflegten, ^p tner» umwallen , herumgehen, 
die Rundung machen; umfassen, binden, verbinden. So wird im 
Hymnus an Osiris (Chabas, Revue arch. 18S7, pl. 307, lig. 15) Ober 
die Wanderung der Isis zur Auffindung ihres Gemahles Osiris gesagt: 

em h'att nun chennes, sie macht die Rundung um diese Erde im 
Weheklagerufe, nicht ruht sie. In der Stele Totmes III (Roug£ in 
der Rev. arch. 1861, tom. II, pl. XV, lig. 11) sagt Ammon zu diesem 
Pharao: ^ ^^ ^^ ^r^ §^ = i'«-« ^^^ nechtuk em 



276 Mussafi« 



SITZUNG VOM 29. APRIL 1863. 



Vorgelegt: 

Handschriftliche Studien. 
Von Ad«ir Iissaria, 

». d. Prof. der romaniaehea Philologie an der Wiener TTnireraitit vad Amaaaenaia dar k. k. fe*fbiUi0fbek- 



(yorg«l«gt in der Sitsang vrai 5. Febraar 1S63.) 

II. Ii dei ahfiraiilsisekei laidsehriften der lareisbiblUthek 

In Tenedlg. 

Die Harcusbibliothek in Venedig bewahrt eine kleine Anzahl 
von altfranzdsischen Handschriften, die schon zu wiederholten Malen 
die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf f^ich zogen. Paul Lacroix ^9 
Immanuel Bekker«), Adaibert Keller«), Franz Genin*), Franz Gues- 
sard»), Leon Gaulier«), Paul Meyer') und Karl Bartsch ») lieferten 
Proben und Auszüge aus einzelnen oder mehreren derselben. Eine 
so eifrige Beschäftigung erscheint durch das Interesse berechtigt, 
welche diese Handschriften in zweifacher Hinsicht erregen. Zuerst 



1) DiaierUtions sur quelques points curieux de V histoirc de France et de V histoire 
litteraire. Paria, 1838—1847. 7 (1839), 147 ff. Daraua wieder abgedruckt in Cham- 
polIion-Figenc, Documenta hiatortques in^dits etc. Paris, 1842—1848. Bd. 3 (1847), 
S. 345 ff. 

S) Pfaiiologiache und hiatorische Abhandlungen der königlichen Akademie der Wissen- 
schaften in Berlin aua dem Jahre 1839. Berlin 1841, S. 213—293. Es ist auch ein 
Separatabdruck erachienen, den ich jedoch nicht erreichen konnte. 

S) Romvart. Beitrfige zur Kunde mittelalterlicher Dichtung aus italieniachen Bibliothe- 
ken. Mannheim und Paris, 1844, 1—97. 

^) In seiner Ausgabe der Chanson de Roland. Paria> 1850. 

ft) In der bibUolheque de Tecole des chartes IV, 3, 393—414. 

•) In der bibl. de Vic. des chart. IV, 4, 217—270. 

') In seiner Ausgabe des Ghi de Nantuil. Paria, 1861. 

•) In Pfeiffer's Germania. 6, 28 ff. 



Handschriflliebe Studien. 277 

von Seite der Sprache. Die meisten unter denselben rühren nämlich 
von itaHenischen Abschreibern und Überarbeitern her, welche sei 
es unbewusst oder mit Absicht die Sprache ihrer Vorlage der 
eigenen — norditalienischon, speciell venetianischen — Hundart 
anpassten. Können nun auch solche Texte keineswegs als Denkmäler 
einer Sprache gelten, die je geredet wurde» so liefern sie dennoch 
willkommene Beiträge zur Kunde der bisher nur ungenügend be- 
kannten älteren italienischen Mundarten. Was dann den Inhalt betrißlt, 
so enthalten diese Handschriften nicht nur ein trotz der grössten 
Verwilderung häufig treffliches Hilfsmittel zur Herstellung der älteren 
Redaction der Chanson de Rolandy sondern auch den Text zweier 
Dichtungen, welche bisher sonst nirgends nachgewiesen wurden: 
la prüe de Pampelune und Macaire (die Königinn Sibiile). 

Als ich im vorigen Herbste diese Handschriften selbst besieh-^ 
tigte, gewann ich die Überzeugung, dass eine Revision der oben an- 
gedeuteten in vielen Werken zerstreuten Mittheilungen von nicht 
geringem Nutzen sein würde. Ich machte zugleich einen Versuch, 
und das Ergebniss meiner kleinen Arbeit, die sich freilich wegen 
Kürze der Zeit auf nur wenige Handschriften beschränken musstet 
erlaube ich mir in folgenden Seiten vorzulegen. Dass dadurch dem 
Verdienste ausgezeichneter Manner nicht der geringste Abbruch 
geschehen soll, brauche ich kaum zu erklären; ich glaube vielmehr, 
dass man die Achtung und die Dankbarkeit gegen seine Vorgänger 
und Meister auf keine würdigere Weise bezeugen kann, als dadurch, 
dass man den Nutzen, welchen ihre Leistungen gewähren, durch 
kleine Nachträge zu erhöhen sucht. Desshalb verbleibe ich auch 
nicht bei den Auszügen von Lacroix, weil sie von den später erschie- 
nenen Arbeiten bei weitem übertroffen worden sind, und diesem 
unermüdlichen Sammler, der zuerst über unsere Handschriften um- 
ständlich berichtete, jetzt noch einmal seine Flüchtigkeit und Unge- 
nauigkeit vorzuhalten, hielt ich für eben so unnöthig als unschicklich. 

Ich bespreche die von mir verglichenen Handschriften nach der 
Folge der Zahlen, welche sie tragen, und in welcher sie auch der 
Katalog von Zanetti und Bongiovanni verzeichnet <). 



^) Ausser dieser bewahrt die Marcusbibliothek eine andere kleine Sammlung fraoiösi- 
scher Uandscbrifteo , die ein Supplement bilden , und in einem geschriebeneu Kata- 
loge Terzeichnet sind. Sie sind meistens jünger und hiatoriscben Inhaltes: darunter 
findet sieb aber auch die bekannte Sammlung proTen^alischer Gedichte. 



278 Muiiafia 

In meinen Bemerkungen stelle Ich mich auf den Standpunct der 
Herausgeber. So bestand z. B. Keller^s Vorsatz hauptsftchlich darin, 
eine genaue Kenntniss der Handschriften zu versebaffen ; daher diplo- 
matischer Abdruck, ohne Interpunctioa« ohne diacritische Zeichen. 
Nur bei Abtheilung der Wörter folgte er dem modernen Gebrauche 
(ygl. Romv. S. 708 — 706) mit der einzigen Ausnahme» dass, da 
kein Apostroph gebraucht wird, Prociitica mit elidirtem Vocale von 
dem folgenden Worte nicht getrennt erscheinen. Also ma suer, 
wenn auch in der Hs. tnasuer; engin, wenn auch in der Rs. en gin; 
aber nur menuoia, lauoü. Bekker gebrauchte geringere Strenge; 
er unterschied zwar nicht u und v, i und j, führte aber Interpunc- 
tion, Accente, Apostroph ein, und brachte hie und da treffliche 
Emendationen an, bei welchen man nur das Bedauern fühlt, dass er sie 
nicht consequent durcbgefiihrt und sie nicht durch Angabe der Lese- 
art der Hs. kenntlich gemacht hat. Bei den Abdrücken Keller's ver- 
fahre ich daher mit jener Aufmerksamkeit, mit welcher man ein Fac- 
simile beobachtet; bei Bekker verweile ich auf Kleinigkeiten nur 
dann, wenn zwei divergirende Abdrücke einer und derselben Stelle 
vorliegen, oder wenn es f&r lautliche Verhältnisse erspriesslich schien. 

IV. 

a) AGOLANT oder A8PREM0NT. Kommt auch in VI vor. Bekker 
druckte die sieben ersten Blätter der Handschrift , im Ganzen unge- 



E« wird nicht Gberflflfaig «ein, hier eine Bemerkang über die Beteichnang die- 
ser Handschriften beizufügen. Die einzig richtige ist „Frtnc* oder «Call.* mit der 
betreffenden Zahl nach dem gedracliten Kataloge, oder „Supplem. Franc* mit der 
betreffenden Zahl nach dem geschriebenen Kat«loge. Neben, hie und da auch statt 
derselben , findet man , besonders in letzterer Zeit , auch das Zeichen fQr den Auf- 
stellungsort (die Signatar) angegeben. Bei Hejse z. B. wird die Sammlung proren- 
^lischer Gedichte mit XI (CIV, 7) bezeichnet; richtiger ist »Suppl. ft^anc. XI«, denn 
wer blos »Franc. XI* Terlangte> würde den prosaischen Lancelot erhalten. Von 
Gnillaume de Cerreira helsst es »Cod. No. CIV, 6.* Eine solche Bezeichnung hilft 
nichts; denn abgesehen Ton einer allfllligen Umstellung, so finden sich in CIV, 6 
(d. b. im sechsten Fache des CIV. Kastens) viele Handschriften , so dass ohne nihere 
Angabe nichts erballen werden kann. Man verlange »Franc. I.* — Guessard spricht 
Ton einem »ms. cot4 XUI. zs. 3.* Richtig »Franc. Xlil"; das Übrige gehört blos zum 
inneren Dienste der Bibliothek und sagt, dass sich die betreffende Handschrift im 
3. Fache des 22. (nicht zz.) Kastens findet. ~ Die Handschrift Franc. IV nennt G^nin 
»cod. Tiepolo No. 4.* Es scheint ein kleines Versehen ststtgefunden so haben. Die 
Signatur ist Immer mit Arm(arium) und Tb(eca) bezeichnet; letztere Abkfirzung mag 
Bun Gtfnin ^s den Namen des edlen Geschlechtes Th(eupoIu8) Tiepolo angesehen 
haben. 



Hnndschrifliicbe Studien. 279 

ffthr 1400 Verse und die Schlusstirade ab; bei Keller finden sich 
die ersten 166 Verse, welche er hie und da durch Zuziehung TOn 
Nr. VI ergänzte, und bis Bl. 9 der Hs. die Capiteluberschriften. 

Bk. 8. 262. Z. 1 1 Karle. KH t) Karlo. 

253, 1 Rois üliem e li roys (KH roia) Edydant. 
Die Hs. hat, wie bei Keller zu lesen, Boydant. Allerdings bietet 
Nr. 6 hier ganz deutlich Boydant, an einer andern Stelle aber 
(Bk. 263 , 40) Bold- , und zwar mit kleinem b. Eine Emendation 
sollte demnach hier blos Nr. VI treffen. Boidans kommt auch sonst 
Yor; z. B. Gui de Bourgogne v. 413. 

5 Heumufä. KH Heumont 

6 un bliai tout blane. KH blani. Es ist nämlich eine Eigen- 
thQmlichkeit sowohl der yenetianischen als Oberhaupt aller spä« 
teren Handschriften, dass ebenso wie sie dem Reim zu liebe der 
Grammatik und dem Lexikon die grösste Gewalt anthun, sie auch auf 
Kosten der Orthographie fQr vollkommene Gleichheit der Versaus- 
gänge in der Schrift sorgen. 

13 Bauiere. KH Baiuer» und in dieser Form erscheint das 
Wort beständig in dieser und anderen Handschriften. 

23 plus uait por ierre tV aoxel en uolant, K chaoxel. Da 
diese Handschrift ao für au (eine EigenthOmlichkeit von Nr. V) nicht 
aufzuweisen vermag, und dagegen an mehreren Stellen die Form 
oxel und fast beständig nach Comparativen die Form cha (=»> quam, 
altit. ca, ha) bietet, so würde ich die Trennung zu cha oxel vor* 
ziehen. 

In der Oberschrift vor Zeile 36 ^eomant parloit Agulant** h\iWvk 
die zwei Worte ^aJ^i^umo»^*', die bei Kl. (nach der Hs.) zu lesen sind. 

40 Ne d aitral guerre, KH aulru» Eben so veränderte Bk. in 
dem entsprechenden Verse von VI das handschriftl. autru in autruij 
während er doch anderswo (z. B. 2S4, 21* und IS*") die Form mit 
tt stehen Hess. Vgl. die hier beinahe ausschliesslichen Formen 
cestu, lu. 

Entedeg bei Kl. 5, 3 ist kein Druckfehler, sondern eine getreue 
Wiedergabe der Hs., wo das n-Zeichen fehlt. Bk. hat natflrlieh 
eniendeQ, 



1) Mtl R bezeichoe ich Keller*» Abdruck, mit R die Handeehrift 
Sitzb. d. phil.'hist. Ol. XLII. Bd. II. Hft. 19 



280 Mussafia 

254, 23 quant ces nes saureg. KH uos. 

35 ne sauäs pax ne li miler De li gant. So die Hs. Kei. hat 
ne li miler li gant, was naturlich nur als ein kleines Versehen, nicht 
als eine Emendation, anzusehen ist. Wollte man emendiren, so fiele 
das ers te wö weg; vgl. in Nr. VI: chi non saueg li milers niet li gan. 

255, 2 Dass statt drige drice gedruckt wurde, kann gleich- 
giltig erscheinen; sages aber in sages zu yerändern, ist etwas wilU 
kürlich. Es ist nicht unwichtig zu bemerken, wie viele (allerdings 
verwandte) Laute dieses in älteren italienischen Schriften so häufig 
vorkommende Zeichen g darzustellen hatte. 

7 Ute ta legion. KH iota. 

22 Si asembUs la ient de toa contrS. So die Hs. Um so 
schwieriger zu begreifen ist es, dass Kel. Si asemblea les la ient, 
das sowohl gegen den Sinn als gegen das Metrum stösst, bietet, und 
zwar mit der ausdiücklichen Bemerkung, das Wort lea finde sich 
nicht in der andern Handschrift (Nr. VI). 

29 Heumon. KH Heumont, wie gewöhnlich. 

36 Meruiloua. KH meruilos. 

256, 5 runcin und 9 roncin ist emendiert. Die Hs., und dar- 
h'Mi Kel., haben blos runcironci, obwohl in allen anderen Versen 
dieser Tirade in ausgeschrieben steht. Im Verse 9 glaube ich, dass 
ioü zu i (= y) oit hätte getrennt werden sollen. Eben so V. 6 ne 
sele cantaroit messe zöge ich vor se ie cant. zu schreiben; venet. se 
ghe cantarä; ital. se gli oder gli si canterä. 

16 en auth parole: par molt fu orgulos. KH kar. 
19 Calabre, KH Calabrie. — li regne. So auch K; H regno. 
24 ne uoit durer ne castel ne tere. KH tors> Sollte nicht uoii 
z>u uoU getrennt werden „euch soll keine Burg widerstehen** ? 

41 bien fett. Ist vielleicht mit Bedacht aus dem handschrftl. faii 
verändert, da hier ai fast immer in der Form ei erscheint 
45 asculter. H ascolter. 
257 Nach den Versen 16— i7 

plus ualt Borne cha tot nos heritSs 
se mon segnor poU estre ci eoronSs. 
findet sich am Rande, wie es scheint von derselben Hand nachgetra- 
gen, der Vers 

de plus auoire ne li seroit a gres, 
wodurch der Satz vollständig wird. 



Ilandsehrirtliche Studien. 281 

28 quatU de ses sar el se remembra. H sire, 
268, i Sobrin oit ueit e entent 

f uand oith Karies ierres. H quant. 

259, 29 iant chel (cli el) ilnt en Afrique. Die Hs. hat, dem 
ital. venne gemäss, uent, 

260, 3 nl le Agulant. Ist eine Emendation. Die Hs. hat uite, 
die eine l(aueh sonst vorkommende) italienisirte Form sein könnte 
für vit „er sah.** 

9 efi sauoire. Abzutrennen in e gi „ich ging*'. 

27 cherch^ [^^] - • • • 

Puylle CecUie Calabrie por entrer. H enter. 

Allerdings findet man an einer andern Stelle (256, 33) auch in 
der Hs. e Lonbardie Bergogne por entrer ) es sollte aber entweder 
an jeder Stelle die betreffende Lesart gelassen, oder wenn man schon 
emendiren wollte, das olTenbar unrichtige entrer entfernt werden. 

261, 8 Die ungewöhnliche Form baxanf gehört nicht der Hs., 
welche bexatit bietet. 

18 ^ st li prie humel et e dolcemant. In der Hs. findet sich das 
et nicht, welches mSin auch als Emendation nicht gelten lassen kann 

262, 9 des armes an grant pouertee. H ont. 

39 li rois li uitk, n en tint cum agrnmant. Die Hs. hat uen, 3. 
Sing, des Pfct. von venir = it. venne, (Vergl. die Bemerkung zu 
2iW, 29); „er wurde schwarz wie Tinte". Vgl. 266, 4 uint (wo die 
Hs. wieder uent bietet) roa e tint cum agrament. 

263, 3 ne trän payn ne grant ne menor. H troua. 

266, 20 non est mie rois qne tel seruis dement, H qui. 

267, 15 asa da ralt sofrait epenser. Jedenfalls e penser. Sollte 
auch nicht dur oit abgetheilt werden ? Oder etwa duroit (wie in der 
Hs.) aus durer = endurer? 

20 mant clereger 

qoe douent dire la messa. H qui. 

269, 21 la far fu si fer. Besser V afar. 

27 autha est la feste e li rais biaus e der. Die Hs. hat ganz 
deutlich iors. Vgl. 284, 23. 

270, 8 U se laxeront. H i, nach der Gepflogenheit dieser Texte 

Im Venez. ist i = lat. Uli; i parla, i dixe „sie sprechen^ sie sagen**. 

Diese Form kommt übrigens auch in echt französischen Handschriften 

nicht selten vor. 

19* 



282 M a 8 • a f i a 

16 lomes meesme li doneg primer. Abzutheilen in lo mes 
„meinen eigenen Schaf z." In Nr. VI lautet der betreffende Vers 
le moi meesme si li doneg primer. 

24 or li doneg del uosfro: kar nl ont mestier. Dies sagt gerade 
das Gegentheil von dem, was gemeint ist. Die Hs. hat richtig in, 
d. h. i nont mestier „sie bedürfen dessen". 

41 quant le dux Naimes oit parier. H li. 

271, 22 e 11 86 conbatent por nos terres sautier, H Ol, was 
auch dem Metrum besser zusagt. 

272, 8 a 8or tot li paoir. Die Hs. hatte ursprQnglich j>otr und 
eine spätere Hand setzte über das Wort zwischen o und t die Buch- 
staben ho hinzu. Da die Form paoir ziemlich seltsam ist, so wird es 
wohl besser sein pooir zu lesen. 

iZ e Bergognon et u cels del Ceragne. In der Hs. ist ganz deut- 
lich deloeragne, also de Loeragne „ron Lothringen**, zu lesen. 
24 Qcstuire tailleg cum li agrie. H vestiure. 

273, 19 li manger fu stra tut apareilleg. Wohl in einem Worte 
Btratut. 

274, 9 sotol cel nen ne bestie. Was soll das n vor e? Man 
theile nonn e. Vgl. a?m irai in Floovant, 925; ann ont in Parise 
la duchesse, 604 und sonst auch nicht selten. 

1 1 li fren . . . fu d'un fortachler. Wohl abzutheilen in fort 
achier. Eben so 

12 la seile de finor — fin or. 

275, 20 plus oit proece qtf h lions abreui. In einem Worte 
qua, sonst ca cha geschrieben „als.** Vgl. die Bemerkung zu 283, 23. 
Eben so 286, 12 a plus force qn' a lions ne sengU. 

22 tot qolqne fönt si consilU. Besser qui („jene", quillt bei 
Bonvesin) que. 

276 , 22 grant exploit siglent por V aiitrc mer. H aute. Auch 
bemerke man, dass vor grant die das Versmass herstellende Präpo- 
sition a nachgetragen wurde, und zwar, wie mir scheint, von der- 
selben Hand. 

277, 8 n'en portarai mais armes enstra tota mia uia — en 
stratuta, 

42 moit toldi sovent dir e iurer 
che moU auoit bone cose aesereler 
a eser der „ein Schriftgelehrter zu sein*. 



HaodscIirifUiche Studien. 283 

278» 24 si Utk li bref atUhameni en nolant. Auch hier ist wie 
274, 9 enn oiant zu trennen. 

80 nie remea ne pitct ne grant — rC % e, 

279» 10 tf bien menage de boce e de dani. Die Hs. mit richti- 
gerem Metrum e de boce. 

30 neue hom en son hoat — non e, 

281» 6 partm^ai ist woLI nur ein Druckfehler fQr portarau 

282» 6 grant honta (H oniii) est ad kam de ton haM. H hohe 
n aS .»Alter*'. 

29 e ceste guüe li oit araxon4. H E, also en. 

283» ß li garg est fei e oure follement, 

quant tel parole a dith ä nos cent. Wie sind letztere 
Worte zu yerstehen? Etwa gent^^gent; wo dann durch Veränderung 
Ton nos zu nostre das Hemistich die nöthige Sylbenzahl erlangen 
würde. Die Hs. erlaubt auch oent (=oiaut?) zu lesen. Würde man 
die zwei Wörter verbinden» so erhielte man tioscent , was yielleicht 
als Verderbniss Yon nescient angesehen werden könnte. 

1 dl et qua en occident — H de. 

23 lis mariment. Wohl li smar, 

33 se al message mes fare^ de nient. In einem Worte mesfareg. 
28S» 28 trosquament ad harlla. Sollte mit grossem Anfangs- 

bucbstaben gedruckt werden. Horlin = Orleans. 

286» 1 ma en cest puntel non monstra nient. — punt el „in 
diesem Augenblicke zeigt er nichts". 

8 oil uotTf sircy clio la aos a v\U. Beim letzten Worte bietet 
die Hs. in atatt ui; das Hemistich ist folglich so zu lesen: cholu 
UOB a in he „der hasst euch^. 

34 bien est sept an 1 qu'asemble son linaie. — am» ja die H.<. 
hat anif was der italienischen Form noch näher kömmt. 

36 partera uient e por mer — por tera. 
288» 31a ses grans culpi ni (==:nij a erme garant. Wahr- 
scheinlich nur Druckfehler für das handschriftliche arme. 
34 est de bal aytant. H bei. 

Die zwei Schlussverse sind auch yon Keller mitgetheilt wordent. 
291» \i plus uos non dnron. KH diron. 
13 damnedeu. So die Hs. K damedeu. 



28% Mussafia 

b) CHANSON DE ROLAND älterer Redaction. Bei Bekker die 
ersten 10 und die letzten 9 Verse; bei Keller 279 Verse vom An- 
fange an, und die letzten 9; Genin hob aus verschiedenen Stellen 
über 600 Verse aus, darunter auch Anfang und Ende des Gedichtes. 

Romv. 12, 13 gubler que canie. So auch Gdnin. ßk. qui, Hs. j. 

14 destrerre; Bk. deatreiere; GH deatreire. 

18a eatez in Spa^e. So GH. Bekker's Espagne ist eine Emendation. 

30 Ol dl signor. In einem Worte: oldi ^höret.^ Ebenso 13, 33 
de nui no ol diral parola, lies oldirai; 20, 8 uuol dirU lies uu oldiri. 
Ol für lat. au und al ist in älteren norditalienischen Mundarten sehr 
häufig, vgl. coha, ripohare, olsare; coldo, 

31 par confundre. G per; H p. Ich würde bei ilalienisirten 
Handschriften diese Abkürzung immer durch per auflösen, welche 
Präposition sowohl par als por pour ersetzt 

32 Consl a me segnor. Gen. consia me. Ebenso Kl. 17, 16. 
Dagegen 16, 8 consiame. Letzteres ist das richtige: consiä (^^con- 
slgliafteJJ, dem sich die tonlose Form me anlehnt. 

13, 9 Se del aef^isio e molt grand al mister. In einem Worte 
aede!, offenbar verschrieben {Qv fedelf dann aimiater. Auch 20, 28 
findet man fe del aerviaio statt fedeL 

Wdeiatrer. So auch die Hs. Gen. hat deiatrier. 

14 Ben enpora aea aoldaer toer. G6n. richtig enpora und loer. 

15 /n ceat para ele aet agni eater. So auch G6n. Man trenne 
jiher el e, , .eater (= eatd), 

16 Adasia en Frange ben doura reparier. Man trenne mit G6n. 
AdAaia ^= Aix). Vgl. Z. 32. G^n. hat devra, aber gegen die Hs. 

21 Sei uole oataai eun le liurarer. G e un. Obwohl sich an 
dieser Stelle nicht deutlich erkennen liisst, ob n oder u vorliege, so 
würde ich doch nicht zögern, e uu zu lese»; liurarer ist 2. Pluralis, 
so geschrieben wegen des Reime««. Vgl. die Parte, priver, eamerer^ 
eater; Z. 20 in fer (K infer) „als Lehen«, cer „Kopf** u. s. w. 

24 A sa emolo chi perda lo cer. Schon bei Gen. richtig Aaa e 
meio (die Hs. hat deutliches e"). G6n. aber, welcher den Apostroph 
gebraucht, sollte cK i „dass sie** drucken. Die Hs. hat endlich lor^ 
^ie bei G6n. zu lesen. 

14, 1 fer eil roi. — e li roi „ist der König**. 

3 Aaaa emeld che 11 aiila perde. — e meio che i la uia perde. 
dass sie das Leben verlieren**. 



Hmidschrtftliche StuiHeii. Zoö 

8 peel ben essere. — po el „kann es.** 

14 a ^rldB maino ire. Die Hs. hat blos garlo. 

15 Sie tla sedio de cordoa. — el e a lasedio ("= CasJ oder 
a2 aaedio. 

18 Par ni saurem. Die Hs. hat unzweifelhaft uu. Spricht doch 
Marsilie zu den von ihm abgeschickten Boten. 

19 Sne ddnairo or et argenio. — E(=^ eo, %o) ue donaro ohne i. 

20 Tere et feo tanto cum nonore. Auch hier hat die Hs. so 
deutlich» dass nicht der geringste Zweifel entstehen kann, uuuore^ 
d. h. vu vore „ihr werdet wollen**. 

28 Slrc cetera la cristiana lez. — si recevero. 

IS, 1 darcento. In der Hs. ist das c mit der c^dille versehen; 
p = flr.Vgl. Z. 9. 

2 Ce lor munte che lo mesa^an de dire. — Celor in einem 
Worte „jene**; die Hs. hat dann blos mesago ohne n oder irgend ein 
Zeichen dafür. 

S baldo (Q iant eler. — guiant e ler (= le), 
10 Nale remes saragins nelasscher 

Che vosla mort. 
Man trenne no i e rem* aar. nei asscher (= EsclerJ. Statt 
uosia hat dann die Hs. ganz deutlich nosia» d. h. no sia. 

16 pufroi da f»ar. In einem Worte dagor^ d. h. d*A[nJgor =• 
Anjou. 

29 Marsüio la mlrer. — lamirer = Vam. 

31 Intre niil e lui uol che sia amister, H tmi. Es spricht 
Blancandrin: „zwischen euch (Karl) und ihm (Marsilie) soll Freund- 
schaft sein**. 

16» 2 Trestauta Spagna dauu tiral infer. Das a von trestatita 
ist unterpunctirt, durfte demnach nicht aufgenommen werden. Man 
trenne da uu und in fer. Das / von tiral ist enclitischcr Nominativ 
„er wird halten**. Vgl. IS, 6 Cordoa al presa. 

3 Se uoli ostaixi el uen donara a ser — aser ( =» a88e%), 
S regracia sl ade — sia de ("= Ddy Dien). 

Mit dem 13. Verse fangt eine neue Tirade an, welche auch in 
der Hs. durch grossen gemalten Anfangsbuchstaben angedeutet ist. 

21 von uentignira mia — uen tignira. 

24 quel gloton 1i prese et sUlfe ancira — si li fe. 



286 Massafit 

2S Mafeitea. — Ma fettes. „Aber lasset**. 

29 no creez albrieen. 

ne ami ne ad altrlse del vostro proBdB. 
al bricon 7ie a mi ne ad aüri sc del vostro pro non; „weder ihm 
noch mir noch irgend Jemanden''. 

31 Qui V08 otria [che] qtiesto platte sia o non. Das Wort che 
fehlt bei Keller, ist aber in der Hs. zu lesen. 

17, 3 Mior nasal no e in la corte dein — de lu wie Z. 10 
richtig. Eben so 20, 19 dalui; trenne da liiu 

6 Bene oi ma chelsia sovenu — Ben e oima „Gut ist nunmehr.*' 

10 Quando a uos manda cha bla merce de lu — chabia^ d. b, 
ch'abiäy it. cKabbiale. 

13 Se par ostasi ne uol fare segu. Htie, was in der Red« 
Naime*s zu Karl weit besser passt. 

18 ei andaro; 26 eo iandaro; 29 iandaro. Zu trennen in e 
und eo i andaro. So auch 23 iandari ^ i andarl; it. andrete. 18, 
13 und 14 richtig i andarai. 

28 Co. — H (7o. In der reich Yerziertcn Initiale ist die Cedille 
deutlich zu erkennen. Eben so 18, 25. 

18, 1 nesun de uos no i amra erer. Statt dieses nichts bedeu- 
tenden Wortes hat die Hs., wenn auch nicht ganz deutlich, auira. 
Eine solche Umschreibung des Futurums durch das Futurum Yon 
habere und den Infiniti? des betreffenden Verbums kommt in diesen 
renetianischen Hss. auch sonst vor. So im ersten Stücke dieser Hs., 
im Agolant: 284% 8 simel loient, gaVauro oirier und in der Chans, 
de Rol. selbst: A fou et a garbon tuti niaura gvger (G6n. S. 828). 
— In Nr. VI ia de sun doy ne li anra sacer (Bk. 267*) «). — In 
Nr. XIII kommt diese Wendung sehr häufig Yor. Eben so wird das 
Conditionale durch das Condit. von habere und den Infin. umgeschrie- 
ben: 267' ne Panerolt sachler = sacheroit. 

3 Frangois li rende si se trace arer. H litede^ d. h. Vi[7i]tende. 

4 Trepin deraina — de-Baina. 

11 Si li dlroB. H diro, ohne irgend ein Zeichen, welches den 
Zusatz des n rechtfertigen könnte. 



*) Vgl. Bescap^ ed. Biondelli S. 146 : Partir i avrd lo Segnore = it. H partira 
Auch fra Jacomioo cd. OzaDam. S. 302: Forti navrt trovar da Deo algun pardon 
= 11. iroverete. 



Handschriftliche Studien. 287 

18 Ble ^t me un bon vasaL In einem Worte elegime, d. h. elezl 
("it. eleggete) und das enclitisehe Pronomen me. 

22 Selnl IcLssa — se lui lassa (d. b. lassä; \t lasciate). 

30 Allez ai posso. H Aller. 

19» 2 HO nn fii ^ul baldoyn oit non. H que. 

14 a damange. H damalige. 

\& no cura demena^e. — de men. 

31 Li doge per par go chi nama tant Die Hs. hat, wie der 
Sinn fordert, uama = vama. 

20, 2 No Iro amer gamai al me uiuant Die Hs. liest unver- 
kennbar uo, d. h. v'o amer; umschreibendes Futurum. 

& Cul tal tenor el fo caga auant Jedenfalls cuital, d. b. cuita 
mit enclit. Pronomen /, welches sich auf gant bezieht. Tenor ist 
ein Fehler des Schreibers für tener; eben so durfte seine Vorlage 
ea^u geboten haben. 

6 deo pare que no mmtl ant. H. mti, eine Abkürzung, die Keller 
an einer andern Stelle (Romv. 37, 10 aus Nr. VIII, fol. 4*) richtig 
mit menti aufloste. Dass die Worte qni ne menti ein in der epischen 
Poesie formelhaft gewordener Zusatz zu „Gott** ist, braucht nicht 
gesagt zu werden. Ant statt anc (unquam) wegen des Reimes. 

7 Sir messag nu tnceniemo a tant. Die IIs. bietet sire, was ich 
in 8% re (if. reo) trenne „einen so schlechten Boten." 

12 A $oa man deatra la a son be esigne. In der Hs. liest man 
beim ersten Anblicke asobe^ ohne n oder irgend ein Zeichen dafür. 
Betrachtet man aber die Schriflziige genauer, so bemerkt man, dass 
fiie statt 6^ vielmehr Ix bezeichnen, was dann einen vortrefflichen 
Sinn gibt: Va aaolx e aignd. 

15 nmbrial intaile. — Zu trennen um brial^^^bliaut. Vgl. 19, 8 
brialde. 

26 Das letzte Wort des Verses, welches im Drucke fehlt, lautet 
fre. Ich setze auch die drei Verse hieher, welche noch zu dieser 
Tirade gehören; 

Filz baldoin comanda ata a de 
Seo retomo malt grant pro li aure 
Plunge et plura quand da lui e deaeure. 

Genin nimmt für seine Auszüge das Verdienst der grössten 
Genauigkeit in Anspruch. S. 403 gibt er eine Stelle „ dans tonte la purct6 



288 M u 8 s a f i a 

' (lesonorthographe baroque-^und S.509 meint er: „Les ^rudifs pour- 
i'ont done s*exereer sur ces fragments avec la mime sdretä que s'ils 
avaient sous les yeux le manuscrit Tiepolo en propre original*'. Ist 
nun auch nicht zu leugnen» dass der Abdruck bei G^nin zu den treue- 
sten gehört, so stösst man dennoch hie und da auf manche Abwei- 
chungen von der Hs. , zu deren minutiöser Aufzählung die etwas zu 
grosse Zuversicht des Herausgebers reizte. Auch will ich nicht un- 
erwähnt lassen^ dass die Angabe der Blätter der Hs. fast immer 
ungenau ist. S. 403 statt 28r°, col. 8 lies 78r% col 2; S. 411 statt 
ful. SOr^ lies fol.^80r^ S. 513 statt fol. 86v** lies fol. 80v^ 

S. 374, 3 Son^ un song enthält eine Emendation; die Hs. bietet 
songentf wie denn überhaupt Singular und Plural in manchen dieser 
venetianischen Texte auf die wunderlichste Weise mit einander ver- 
wechselt werden. 

7 f a frait e brisee. H oit; die gewöhnliche Form. 

10 altre viaion de songie. In der Hs. findet man nichts von die- 
sem de, welches Metrum und Sinn in gleichem Masse stört 

iijusques V os enthält eine, wenn auch treffliche, Emendation. 
Hfe«. 

18 venir. H vinir. 

16 ^/ reqrent et asalt H regrent; ^\so requerent ; Plural statt 
des Singulars. 

S. 403, 6 Rollant Jaeis cum Durindarda. H iacis^ d.h. i ancis 
(occidit ülos); es kann also hier von consonantischem i keine Rede 
sein. 

7 Per una leveratta va tut li Jar cornant, H leuorxella und 
gorno. Und gerade in Bezug auf diese Verse bürgte G^n. für „toute 
1« puret^ de f ortographe«! 

S. 411, 8 Jf. colpa feri plus. H e plus, wodurch die dem Hemi- 
stiche fehlende Sylbe erlangt vird. 

S. S13, 15 sanetos /7or«. H sco flors. 

21 Alquant de ceh qui vant li eel albus. H nont und cef; also 
qui nont le cef al bus „welche den Kopf am Rumpfe nicht haben*'. 
Die Verse 21 — 23, die auf -w« statt auf -er ausgehen und den Zu- 
sammenhang der Erzählung stören, gehören nicht hieher, was auch 
die Hs. mit dem Zeichen t?a < > cat andeutet. In der That sind 
sie aus der vorangehenden Seite, Sp. 1 wiederholt. Dass Gdnin diess 
nicht bemerkt hat, kann um so mehr Wunder nehmen, als er diese 



HauJschnftllehe Slu<lien. 289 

letztere Stelle schon S. 411, Z. 11 — 13 abgedruckt hatte. Hier also 
hätte er die drei Verse entweder ganz unterdrücken oder wenigstens 
in Klammern setzen sollen. 

32 Per aste franger e per scu pegoier. An beiden Stellen findet 
sieh por ausgeschrieben. 

39 Tan marfustes tos ber. Ist eine Emendation. Die Hs. bat nos* 

65 farle de Franga givala. H giualce. 

66 daumage. H daumage. 

70 Fors de son cors uid gessir la buelle, H geasir^ was gensir 
g'ensir gedeutet werden könnte; ge ist venez. Pron. der 3. Pers. 
J)af. Sing. Indessen ist die Lesung von Gdnin wegen des gesir der 
Oxforder Hs. bei weitem vorzuziehen. 

74 le comencete. H lo. 

90 desus. H desug. Eben so 1 1 3 froUaez statt des handschrifl- 
Ichen froisseg. 

103 ^ Bon cors aes arme. DieHs. mit richtigem Masse e aes arme. 

128 de TOst n'en aia maia eure. H uoa. 

135 Ja n* iert maU tel in France la seile. Ich zöge Tor abzu- 
theilen Vaaelue, verschrieben fOr aaolue, 

1 38 ftoand vid li cont II quant. 

145 Danet la mei, Ist emendiert: H Denet. 

146 S a li conquis. Ich ziehe vor Eo li conquia „ich eroberte ihm 
(Karl)", nicht „mit ihm (dem Schwerte), •• Vgl. die folgenden Zeilen. 

151 Garmarae. H Garmaiae* 

160 Conavls e Naypain par lere atrange. 
Por ceate apee aii grant dol e peaange. 

Ich lese Con aviae n'ay Paln ^»Meiner Meinung nach gibt es 
keinen Heiden**. Vor ait mussle im zweiten Verse «' stehen. Dann 
fiele auch der Schlusspunkt nach atrange weg. 

165 noit priae. Zu trennen in n* oit; ne auf italienische Weise 
für frz. en. 

171 in UAh pom. Ebenfalls /'onV. 

181 Li empereur wäre wohl eine bemerkenswerthe Form. Die 
IIs. hat aber wie gewöhnlich emperer. In derselben Zeile hat die \h. 
eat stillt eate im Drucke. 

190 eatrote aa gant Jedenfalls e atroie verschrieben für 
atratote, 

521 , 8 a moU grand voxe ai eacrie un aermon. H noa;e = noiae. 



290 Muflsafia 

22 L une de Toscll. H Turcli „Türken ;'' cl statt ital. ch selbst 
wenn dieses nicht auf lat. cl gegründet ist. 

27 De saovrt lo huste la testa perderi, H sourUf also nach 
G£ain*s Schreibweise sovra. Auch hat die Hs. busto, 

30 Entre Ivr ne Je ne poi ne val ne terre. Die Hs. hat natür- 
lich ie. Consonantisehes i ist hier durchaus nicht zulässig; es war 
demnach ne i e zu drucken. 

49 Statt son frera hat die Hs. so^ die venezianische Form des 
Possessivums. Eben so in der folgenden Zeile statt le roi die italie- 
nisirte Form la roi, 

S23, 8 Li roi Alftrrse. Wahrscheinlich blos Druckfehler für 
Älfarise. 

9 und 16 hätte statt omnipotant blos onip. gedruckt werden 
müssen , da die Hs. oipotant bietet. 

17 lo dalmago eham recevu — ch* am (1' Plur. Praes. Ton 
kaberey 

22 E li vecli hol. H hot, die in ital. Handschriften gewöhnliche 
Abkürzung für hominis 

2S cum toe voire devin — tu e „wie du wahrer Gott bist**. 

42 garisti . . . del callon. H dal, 

72 Nostro emperer ja a apella par amor, H ia ap,; also ent- 
weder jd apella (Pfcl.) oder t a apella (Parte- mit ital. Form). 
Auch findet man in der Hs. per ausgeschrieben. 

77 Servir gena dexe millia barun. Zu trennen in ge (= lat. 
tV/t, venez. ghe} ri a »ihm sollen dienen." Vgl. 87 Servir Teaa 
^ivaler xx. millia, schreibe ve n'a; und Ißl servir llaa x, m, 
combatant, schreibe li na, 

108 cuvert H culvef^t 

125 inaigner, H ingigner = engigner. 

143 £ li lassai un monli petit enfant, H mo, also mon. 

163 Guarnironlla d^ Epans edefr^yKuX. Nicht de pans e de 
provant? „wir werden die Stadt mit Lebensmitteln versehen*. 

183 vastre talant. H vostro. 

190 (aUe asemble — pa li e asemblä, 

212 Tra/ient lor cavelis e V atent lor pal H batent, 

242 Ti tel Arnaldo. Der Sinn ist „Arn. sah ihn.«" Vüe ist die 
3. Sing, des Perfects mit italienischem Ausgange ; / ist enclitisches 
Pronomen. 



Handschrirtliche Studieo. 291 

K33, 1 B segnury dist Carlo. Das £, welches das Metrum stört» 
findet sich nicht in der Handschrift, wo die Tirade mit der gemalten 
Initiale S anbebt. 

2£t Ji^ment. H iuiement. 

5 S teisef la fors — Et enseg »Und gehet aus". 

V, 

LA PRISE DE PAMPELUNE i). Daraus druckte Bekker folgende 
Abschnitte ab : 

Fol. 



1* bis 


6'T 


. 24 incl. 


7-, 33 „ 


7», 


i . 


1\ 23 „ 


7», 


27 „ 


25«, 23 , 


31", 


16 „ 


48« 0.22 „ 


49», 


27 „ 


88', 29 „ 


64* 


4 „ 


97», 4 „ 


101» 





WO die Hs. endet; im Ganzen 1«324 Verse. Davon finden sich die 
ersten 57 und die vier letzfen auch bei Keller. 

Bk. 213, ßVeaeti e li auhers li favse ^ oi euer panni li pari. 
Auch Keller bat cou. Die Hs. bietet aber eou^ d. h. die Conjunction 
e und den enclitischen Artikel : e-l »und das Herz spaltet er ihm". 
In dieser Händschrift erscheint nämlich ein h das sich an einen vor- 
angehenden Voc»] anlehnt, statt in der gewöhnlichen Gestalt von tr, 
weit häufiger in der eines o oder ou«). So z. B. paomoiant, Aoberü, 
aobers neben aubers, aoberzes aouberzemanty aofan neben aoutan^ 
aobe aoube, maodirt maogre, aotre aoviret saovemantf maoveSf 
paautronieTf heome, MaogeHs Maongeris (Malznrise bei Bojardo II, 
23, 71 in der Ausgabe Panizzi's, sonst Mazarigi)^). Besondere Auf- 



') leh behiille die ron Michelant gebraucble Benennung (schon bei G^nin S. 351 
Boman de Fampelune), obwohl das in dieser Hnndsehrift enthalieue BruebstGck eines 
grosseren Gedichtes über den Zug Ksrl's nach Spanien mit der Erzfihlnng jener 
Begebenheiten anfingt, welche nach der Einnahme Pampelona*s itntlfandeo. 

*) Nicht 41», wie aus Veriehen angegeben. 

*j Ja selbst ein au das nicht auf lat. al snrGckgebt, Terhfilt sich auf gleicher Weise: 
demmage, davmage, doomage, daoumage. 

^) Ebenso in neuprofenzalischen Mundarten, fn altgenuesiscben Gedichten (Areh. stör, 
append. nnm. 19) ao^ro , aoto , resbaodor. In einem sehr {»emerkenewerlhen Deok- 
male altveronesischer Mundart , welches in einer Pergamenibandschrift der Comma- 
nalbibliothek zu Verona aufbewahrt wird, — einer Darstellung der Paasion Christi— 
findet man #eo«a fQr »aha, teaotriamentro fGr »calieritamente u. a. w. 



292 M u 8 8 R f i a. 

merksamkeit verdient der Fall , wo im / ein Encliticon (Artikel oder 
Pronomen) vorliegt. Zuerst mit Präpositionen: ao, aou^ dao, daou; 
dann mit der Negationspartikel (neo sofri) oder mit Conjunetionen : 
cheo roif cheou senatour „duss der** oder „dass den**; eo eou „und 
der, und den** u. s. w. Aber selbst im Aceusative an das regierende 
Yerbum angelehnt: il a-ou meillor pais „er hat das beste Land**, 
conei'oumesclin „ich kenne den Armen**. Wie man sieht, es geht 
hier die Inclination über die Grenzen, innerhalb welchen s\^ sich im 
Alifranzösisehen zu bewegen pflegt, und schlresst sich an den pro- 
veii^alischen, auch älteren itah'eiiischen, Gebrauch. Bekker vereinigt 
gewöhnlich richtig die Vocale zu einem Worte; manchmal trennt er 
sie aber, wodurch sich der Übelstand ergibt, dass ein Vocal, welcher 
mit dem vorangehenden nur eine einzige Sylbe bildet, von demselben 
losgerissen wird und allein schwebt. 214^ 31 plu% Cahet ehe ao roi 
Marsilion; 218, 25 me8 Vemperer ne a neust entendre; 220, S auoir 
le lou8 e a pria; 220, 26 ie ay prisae la tour e a pales segnoris; 
228, 28 Guinimer e oo cuens Hue; 231, 18 ehe ao euer ne litren- 
gast; eben so 221, 11; 239, 17; 240, 27; 241, 17; 2ß0, 33. 

8 pues a treue la spee com frans home e giiart. Schon Lacroix 
hatte das richtige gailart. Eben so Keller. 

10 Bertram le yenoais. So auch Lacroix und Keiler. Auch ist die 
Hs. nicht gerade dagegen. Da aber nicht selten, wenn zwei o aufeinan- 
der folgen, der rechte Strich des ersten mit dem linken des zweiten 
zusammenfliesst, so glaube ich, dass überall wo dieses Wort vor- 
kommt yenoois (it. Genovese) zu lesen sei. DafQr stimmt auch das 
Metrum, welches in dieser Handschrift ziemlich gut bewahrt ist. 

1 1 — 1 2 Buigart.. . Barnier e Bui. So auch Lacroix und Keller. 
Allerdings sieht in dieser Hs. das grosse G dem kleinen b nicht un- 
ähnlich aus. Vergleicht man aber viele Wörter untereinander, wo 
der (ine oder der andere Buchstabe vorkommt, so lernt man leicht 
sie zu unterscheiden. Hier liegt überall ein G vor, wodurch sich die 
bekannten Namen Guigartj Garnier und Gui ergeben. Dass Bk. sich 
täuschen Hess, kann um so mehr Wunder nehmen, als er S. 233, 
1 — 2 die richtigen Formen hat. 

14 chescun. Da diese Form in der Hs. nie vorkommt (sie ge- 
braucht nämlich ch nur in ital. Geltung), so sollte auch hier (und 
214, 19) cescnn, wie bei Lc. und Kl., gedruckt werden. 



Httiidschriflliche Studien. 293 

214, 8 Naurds. So auch Kl. Und doch ist es nicht unwichtig zu 
bemerken, dass die Hs. nauries bietet, denn gerade die beständige 
Einschiebung eines i bildet eine der Eigenthümlichkeiten derselben. 
Ebenso 244, 30 ariues wo die Hs. ariuies hat; 23S, 6 auda^ H auies. 

10 mes nefurent alids le mitreit dun laifon. KI. hat lernt treit, 
was nicht zu bilh'gen ist. Dagegen findet sich bei ihm statt des letz- 
teren unverständlichen Wortes das in der Hs. ganz deutlich zu 
lesende bougon. 

i% il a une giant fk fU. Jedenfalls da, welche Präposition in 
vorliegendem Texte ziemlich häufig vorkommt. Vgl. 231, 1 wo Bk. 
selbst uint mil homes dt pid schreibt. 

25 cui ehe soii mal ou bon> H che^ so dass chen (ch'en) bei 
Kl. das richtige ist. Eben so 217, 27 K?r /a place se uint und 
Z. 29 lour se uint uer la place, H «>«. 219, 34 Se grand despit 
me uint, H m'en, 221, 8 ie ne le sai blasmiery H Fen. 224, 13 
ä pue ch'il le fu deceu und 23S, 28 che.nt seroit, H n'en oder 
etwa auch nen. 

35 a 8uen detre (itscai. KH galon* Und das ist richtig; nur 
muss man naturlich denAccent von detre tilgen: ä suen detre galon 
„an seiner rechten Seite**. Bekker machte also eine unnöthige 
Emendation. 

215, 2 8e mist tut d'un rtiean. KH randon. 

3 la spee nue ao poing, lies roua con atigon. So auch Kl. 
Beobachtet man genau die Schriftzügo, so wird man bald gewahr, 
dass was beim ersten Anblicke als u angesehen werden kann, eigent- 
lich ir ist. Das Wort iries (iratusj entspricht vollkommen dem Sinne 
und stellt das Versmass her. 

215, 11 iluec nou8 defendron 

S*il nou8 vousist offandre, ond blasme mte m? auron, 

Ist ebenfalls unnöthigerweise emendirt iiordeo. Die Hs. hat 
nie, also nien = ni en. Vorliegender Text braucht nämlich beständig 
ni für die einfache negative Conjunction, frz. ne, laf. non. Dass 
nien=^nen nur eine Sylbe bildet, braucht kaum gesagt zu werden. 

19 Hier und an ein Paar anderen Stellen, z. B. 223, 13—14; 
225 • 26 löste Bek. die Abkürzung chrs und chrie in die Formen 
Chevaliers chevalerie auf, welche jedoch der Sprache vorliegender 
Handschrift nicht angemessen sind. Weit richtiger an den meisten 
Stellen ciualers und ciualerie. 



204 M u s s ft f i a. 

29 car bien sui pourceuant 

che ä fin me xioUs taer. 
Die Hs. hat ter und über dem e das Abkürzungszeichen für ri. Man 
lese demnach tHer (trahere), was zu u ßn weit besser passt. 
216, 8 dou fol mandemant 

q'il noos tramist ier soir. 
Die Hs. hat uous, was auch vorzuziehen ist, da die Botschaft Karl*s 
eher an den Lombardenkönig allein, als an das ganze Heer gerichtet 
ward. 

13 — 14 mes Lombars ne firent ne oilt6 ne semblani 
che de lour doeousent le uailement d'un gant. 
Im ersten Verse liest die Hs. uistCf gleichbedeutend mit semblant: 
ital. non far vista nh sembiante. Im zweiten Verse ist docousent 
wahrscheinlich blos ein Druckfehler für das dotoitaent der Hs. 

29 Bertran 11 iencois (oder nach dem oben Gesagten ienoois). 
H le. Allerdings ist li die ächte Form für das Masc. Sing.; in Hand- 
schriften, wie die vorliegende, hat man aber die Feinheiten reiner 
Sprachquellen nicht zu suchen. Da also weder an analogen noch auch 
an identischen Steilen (z. B. 213; 10) emendirt wurde, so wäre 
füglich auch hier die Form le stehen geblieben. Ebenso ist 220, 2 
I mes gedruckt worden, wo die Hs. consequent Ic mes bietet. 

217, 19 lour brogerent ensemble con mout grand cris eis. In 
e U8 zu trennen. Vgl. 228, 12 ceacun breit e ue. 

22 ntl poroient. Besser ne i, die freilich nur eine Sylbe (n'i^ 
bilden. Eben so 231, 18 und 31. 

23 adone, Wohl nur Druckfehler für adonc* 

31 quant le dtic oit Casaut eo grand estor gausi. H ^o, d. h. 
nach dem oben Gesagten e-o. Nicht anders 220, 1 ie uoloie Vosiel 
COB grand pales; lies eoti. 

34 e 11 diät autemant. .li ist vom Hg. des Metrums wegen hin- 
zugefügt worden i)« 



*) Consequent hätte 220;, 28 ge [je] a lu tramis; 228, 12 fej eeteun d'eui fortment 
gedruckt werden können. Andere Einendiilionen waren folg-endc: 216, 33 iiMtJil 
houies feirent faiuier, I. heomea; 222, 13 cetcun . . . ceste (Oule /«a, 1. fotite; 
237, 2 n'a mestier che toit plus parole tcuej der Sinn kann nur sein: »es bedarf 
anderer Worte nicht*^, daher wurde besser ienue stimmen. Das n- Zeichen fehlt 
auch sonst; so s. B. 217, 7 dV, wo ond so lesen ist 



Hmidschriniifhe Studien. 295 

218, 10. Die Form rei fDr roi wäre» wenn wirklich von der 
Handschrift geboten, nicht ohne Interesse. Die Hs. liest aber roi. 
Auch sfatt der analogen Form dreii, welche 234, 26 vorkommt, hat 
die Hs. droit >)• 

218, 24 qand eil Vetäendi 

la tost uint celle pari. 
Die Hs. hat Taiogt = tantost. Grosses T und grosses Z sehen 
sich ziemlich gleich aus, und das n- Zeichen ist mit dem unteren 
Striche des a? von Dexirier in der vorangehenden Zeile. verwachsen 
und daher nicht sogleich erkennbar. 

219, 6 qand ie fu pre9 uob^ host, ie fis tantost aeir 

un tnesage ä mien sir. 
Die Hs. hat ueir, also uenir, wie auch der Sinn fordert. Ebenso 220, 
11 ui aelr Carllemagne; lies uenir, H ueir. 

30 por lour BieB mantenir. Hier ist der t-Punct als n-Zeiehen 
angesehen worden; man lese demnach nie „um ihr Lehen zu fristen.^ 

220, 5 — 8 e Tiois uoloient auoir Ie lous e o pris: 

ond lour motrai ie bien qe ie ne ai nori» 
de ce qe ie auoie ou me» hotnes eonquis 
homes da spoentir; ond sour eus uint Ie pi8. 
Der 2. und 3. Vers sind, wie man sieht, verstellt; Iflsst man sie ihren 
Platz gegenseitig wechseln, so wird der Sinn der Stelle vollkommen 
deutlich. Schon in der Hs. ist die Berichtigung durch Anfikhrungs- 
zeichen angedeutet. 

221, 1 Ansi. Die Hs. hat Ensi. 

14 s'il eailsl ceus Tioia. H sconfist. 
18 E Dexirier uoloit miesme presentier 

Ie grand pales ä vous ed k uous reeoubrier 
Conour Ie lous Ie pris. 
Die Form ed kommt sonst nicht «or; und recobrier fordert die Prä- 
position de. Man theile demnach e da uous ab. Da für de ist in die- 
ser Hs. nichts weniger als selten. 

21 ensi nCsXi danideu con uous deais paier 
ceus qe se uenoient de ce a uous dementier. 
H malt =» m'aint (me amet). — Obwohl deuds sich auch rechtfer» 
tigen Hesse, so möge es bemerkt werden, dass zwischen u und e die 



') 235, 25 jedoch endreit reimend mit feit, pMt. 
Sitib. d. phil.-hisi. Cl. XLII. Bd. II. Hft. -^0 



296 Mussafia 

Buchstaben «t, wie es scheint von der nämlichen Hand» überschrie- 
ben worden sind: deusiea (hier zweisylbig) passt jedenfalls besser. 

222, 13 Rolland V tilier. H lauoer, d. h, Vavoer statt Vavoä 
„der Vogt«. 

223, 24 senspofit d^tfMterie. H afaUerie, Vgl. 243» 14 Bern 
pont d'afaitexon. 

32 painte k d' or fin. Die zwei Präpositionen lassen sich nicht 
erklären. Ich wQrde ad or fin lesen. Eben so 224, 1 deaour la metre 
adle qe painte k d^ or frois comant Camilius desconfiai li GalMs. 

21 france giant, en auant H or auani. 

226» 1 con frans barons e«ral8. Die Hs. hat ganz deutlich 
e drois. 

6 e eeis paiens fesoieni. Das Wort ceua ist von Bk. hinzuge- 
fügt worden. Offenbar aus metrischen Rücksichten. Aber gerade 
wegen einer metrischen Eigenthümlichkeit vorliegender Handschrift 
kann dieser Zusatsi auf keine Weise gebilligt werden. Hier nämlich 
zählt das eni bei der 3. Pluralis der Zeitwörter» nicht blos innerhalb 
des Halbverses» sondern auch am Ende desselben als eine volle Sylbe. 
Beispiele bietet fast jede Seite; ich will hier eine Reihe davon 
zusammenstellen. 

213» IS ond maint Tiois fuient. 

214» 12 e quand Fencontrerent. 

216» 13 mes Lombars ne firent. 

216» 14 che de lour dotousent. 

216» IS ains se defendoient. 

226» 27 fortment le redotent. . 

227» 13 quand paiens Toirent 

233» 16 mes roout lour auoient 

233, 17 car iluec ne leirent. 

237» 18 les tarfes brixerent^ 

242, 2 quand celour Tentendrent. 

244» 22 e les osses furent. 

245» 8 e ceus Totroierent. 

248, 4 le consil partirent i). 



t) Selbst HO) Ende des Verses, reimend mit anderen Wörtern auf ^eni, -ant. 
fol. 43' Or alitfs en tantost sens plas arestement; 

E ceus tot mantinant dou pal^s descendeot; 
E sens aiitre demour ^ cival monterent. 



Haiidüchriniiche SUdieii. 207 

Da man nun ulJe diese Stellen ynmDglich als corrumpirt bezeich- 
nen kann, so mu33 di^; metrische EigentliQmlicbkeit dieses Textes 
anerkannt werden. Weit entfernt also in dem oben angeführten Hemi- 
Stiche da3 Wort ceus hinzuzufügen , wäre man vielmehr berechtigt» 
selbst wenn die Hs. es böte» dasselbe dem Metrum zu liebe zu tilgen. 
AuL9 dems^elben Grunde scheint mir die zj^ %* 20 gemachte Emen- 
dation nicht gerade glücklich. Die Hs. hat che lour sire estoieni ä 
testor revertis. Der Hg. druckte ch^ uer lur^ was nach den allge- 
mein gütigeq metrischen Gesetzen vollkommen zu billigen wäre. 
Der Gepflogenheit vorliegenden Textes aber ist es weit angemes- 
sener^ che ä lu oder ch' ä lu zu lesen. 

\% 8e t> le per dp iameis naurai jrn ne repoia* H yeu = jeu* 

Vgl. 227, 2i ne orent ieu ne ris. 

18 leliiea lemarchiB. Auch hier vi^urde (wie 213, 11 — 12) 
das grosse G fdr ein kleines b angesehen. Man lese Geines. Eben so 

Z. 29 und 228, 28. 

29 ^ ceus barona Inetls. H. tV/i> =r ientU» wenn auch das 

n-Zeiehetp mehr über das i als über das ^ geschrieben steht, und 

der Strich, welcher e von c unterscheidet, so dünn ist, dass er nicht 

sogleich wahrgenommen wird, 

227, 11 Statt enueis hat die Hs. die gewöhnliche Form enuais. 

228, 6 Auch hier hat die Hs. sera, wo Bk. aara abdruckt. 
20 8our ceua Franzoia . . . * , 

che ne aont paa* eroi, miUe. 

Trotz der grossen Äbnliclikeit zwischen c und t kann man mit 
einiger Aufmerksamkeit die zwei Buchstaben von einander genau 
unterscheiden. Ich lese an dieser Stelle ein ^, alsQ iroi (so schreibt 
gew&bniich vorliegende Hs. statt troia) mille, was auch einfacher 
klingt. 

«32 or li aecore dien la uer^me tMlie« H aaolue; bekanntlich 
ein formelhaftes Epitheton für die heilige Jungfrau. 

229, 21 ce ne meaereda naas. H uoua. 



fol. 66* M«i i« plus part de lour volantier auroient 
Voilu che Altumajour fast eotri^ ou sa gieot 
Eo la ville, pour ce che fortmeot ramoieut. 
Vgl. in der Passion Christi ed. Diez tradittant s traUteni : demandant 20; qu9f4nt : 
Judew 34. Und in der Epitre farcie de S. Etienne ed. G. Paris (Jahrbuch filr rom. 
Lit. 4, 3U) V. 41 Mistrent lor dras eil qui Ip segueient (agrant, gent). 

20* 



298 Mussafi« 

232, 1 6 lour oUia lour ensagne nomier e resbaudir 

e leisles en un tos tuit brocier e uenir. 

H ueisies, welche Zeit sowohl dem Sinne als dem vorangehen- 
den 018^8 = omV« Tollkononaen entspricht. Vgl. Z. 34 der nämlichen 
Seite. 

23 tant auber8 derompre e d^esmater. Wohl desmaier » des^ 
mailler* 

34 Aoec lu uei8iä8 duremant espranler. In der Hs. lässt sich 
allerdings bei letzterem Worte auch ein n erblicken; u bietet sich 
jedoch leichter. Da nun sonst blos die Formen e8peronf e8peroner 
u. s. w. vorkommen, so glaube ich, dass die Lesung esprovier, 
welche auch dem Sinne besser entspricht, vorzuziehen ist. An einer 
anderen Stelle : 

34** Car il tani 8e esprovoit 8our notre giant real bietet die 
Hs. ganz unverkennbar nur ein ti. 

233, 3 conquütier, H eonystier, also conque8Her. 

1 8 che ne fu8t ao itvr^ ou mort 8en8 recobrier. Ist ohne Noth 
emendirt. Die Hs. hat enavr^, eine Form, die auch sonst vorkommt. 

234, 27 Naos 8auä8 bien. ti üou8. 

238, i — 4 Car ia auon8 Nazare e Noble 
e Pampelune, terre noble 
e 80UZ notre puisance imoble 
11 voyg Va8toille e ou groing en coble. 
Die Hs. bietet auf unverkennbare Weise Ations. — Da die Form 
a8toille nicht vorkommt, so ist la stoille (wie spin, spalle, spee, 
8pli8, 8confit u. s. w.) zu schreiben. Auch sind die zwei Eigennamen 
mit grossem Anfangsbuchstaben zu drucken , und e ou \n einem 
Worte zu verbinden. Der vierte Vers müsste demnach so geschrieben 
werden 

Ävon8 la Stoille eou Groing *) en coble. 
33 eist hume e8t 8aze e prou8 8en8 fal 

che 8e ^a8iie con FatUru mal. H Cll home. 
236, Q ou la corone idar. Zu theilen in ad or, wodurch mafi 
ein weiteres . Beispiel für die Prfiposition ad gewinnt. Vgl. die 
Bemerkung zu 223, 32. 



1) fistelU (io 4er Spaffna lieisst die Stadt U SieiU) und Logrono. Vgl. Gui de Boiir- 
gogoe, 70. 



Handschriftliche Sludicd. 200 

26 cesie giant, che nous est sorcorue 

ne Btftlejit pour ceriein uailant une latue. 
H mament d. h. nCament. 

236, 23 %a persone a tantost ei sa gient coneue. H oü. Zu 
einer Emendalion ist keioe genügende Veranlassung. 

237, 4 car ie rCai ia ferne 

che m'aü force ne Fame ne puisance tolue. 
«Die Seele** zwischen ^ Kraft'« und ,,Macht«' ist wohl wenig 
passend; eben so hart klingt der Artikel neben den zwei anderen 
artikellosen Substantiven. Die Hs. hat aber ganz deutlich laine, 
eine auch an anderen Stellen dieses Gedichtes vorkommende Form 
fOr franz. haieine; vgl. ital. lena. 

237, 22 (Ia lance) aou prous Guron ne fu de rien ploiee 

Ains en prist le paien par Hei desmesuree 
ch* il uuida li argons 
H enpeutf also enpeinst, Perfect von enpeindre (impingere). 

27 E Ändriais e Taindres ä Ia prijne encontree 
abtti dou8 paiens. 

H abaiireni, wodurch aber d'as Hemistich um eine Sylbe zu lang 
wird. Wir haben also hier eine Emendalion, die in so weit nicht 
vollkommen fiberzeugend ist, als das Yerbum im Singulare, auf zwei 
Subjeete bezogen, ziemlich hart erscheint. Ich glaube daher, dass 
man auf Formen wie repondrent, eniendrent, desendretU hinweisen, 
und demnach abairent annehmen dürfte. 

238, 11 ees ducent Saracins. Die Hs. hat, wie beinahe immer, 
auch hier ceus. Eben so Z. 22. 

17 CferiJ da si tre grand uertu. H pa mit ausgelassenem 
r-Zeichen. Es dürfte daher wohl par gelesen werden. 

239, 6 uer Maogeris goerel. H gueci. Es könnte daher blos ein 
Druckfehler fiir guenci sein; nur kommt es Z. 8 und 240, 12 wieder 
vor; 241, 26 dagegen flndet sich richtig ^f/enci. 

241, 8 lui und 12 de statt der in dieser Hs. üblichen und an 
anderen Stellen beibehaltenen Formen /», da. 

242, 1 Beist ist wohl nur ein Druckfehler für seisL 

16 cht uous a ensi naurid? eU en fu focheison? H e cht. 
Wenn der Hg. das e aus metrischen Rücksichten strich, so ist 
dies nicht zu billigen, denn vorliegende Hs. räumt der Elision 
einen so grossen Spielraum ein (fu trasöus; (u en ma nie; bondt 



300 MiissAfia 

un olifant; il a une giant) dass die Zusammenziehung von chi en 
m eine Sylbe weit eher die Regel als eine Bedenken Erregende 
Ausnahme bildet. 

21 traygon. H traucon. Der linke Strich rom ä? wurde als der 
rechte vom y angesehen, der rechte dagegen als ein c, welches dann 
mit der cedille versehen wurde. 

243, 1 plus che k troton. H ao. Vgl. 214, 8. 

8 aou mon. H mod *== mond. 

16 fisi demandier un ab6s. Das Metrum fordert abes, freilich 
mit einem neuen Verstösse gegen die Declinationsregel, welche in 
diesem Texte ganz verwahrlost erscheint. Vgl. unter den zahlreichen 
Beispielen 217, 33 oü il vit Vemperer 

222^ 4 emperer, dist Nnymon 

229, 1 quant reclame Zarfle le frans cuens de Clierroont 

233, 28 si ferai, dist Carllon 

244, 9 meis ne fu partu 
De uetre honour rampltr, H petu = pentu »es reute, es ver- 
dross ihn nicht**. Auch hat die Hs. xamplir, gleichsam ex-impleref 
eine Form, die in vorliegender Hs. ziemlich häufig vorkommt*). 
Vgl. in Bezug auf beide Bemerkungen fol. 67** Jonas che meis ne se 
pentl De mien honour xamplir. 

31 quand le rot uit Holland, ai le dist. H ?i, wie immer im 
Dative. Eben so 

245, 27 nous la (der Stadt) donrons Fasaut. H li. 

246, 6 Apres le duc Rigard parle dan Gainelon e dist H parla. 

17 per combatre la uile. In der Hs. steht par ausgeschrieben. 
Zu einer Emendation ist keine Veranlassung, denn per, par und 
pour wechseln in diesem Texte mit einander ab. 

24 poroii auenir, se nous taut atendon 

ehe celour de la uille , che aient maleeloii. 
H tant; im letzten Worte des zweiten Verses ist wohl nur ein 
Druckfehler Itlr malecion zu erblicken. 

247, 10 ond nous parlstes perdre. H porisies. Vgl. die Bemer- 
kung zu 232, 16. 

25 ne prince ne amorM. H amirie^ 



«) Einmal auch exampHr: fol. iÜ* Pur che preu e honour a $uen tir examplitt. 



Handschriftliche Studien. 301 

33 Ond ie vous pri blei, aire, pour aainie caritS, 

•H bieu (= beau); die gewöhnliche Art der Anrede. Das Komma 
gehört demnach nach pri. 

248, 16 no boü q'entoü lä prea de toste un pin anti. Ein Wald 
neben einer Pichte ist gerade keine passende Bezeichnung; die Hs. 
hat aher pui. 

31 btndi Volifant Druciifehler für bondi. 

249, 6 mil bien flamans. H buens. 

13 cki ch'en cant e chi enplour. H o; die disjunctive Partikel 
passi auch besser als die copulative. 

27 da eeaie pari lerdetre. Zu theilen in uer detre (<» destre; 
si wird hier nämlich durch blosses i dargestellt: conoire vetre etre 
u. 8. w. Vgl. die Bemerkung zu 214, 35). 

2S0, 16 Hier hat die Hs. nieht Engelin, sondern die gewöhnliche 
Form Engelier. Wahrscheinlich folgte der Hg. der rorhergehenden 
Tirade, wo aber das Wort nur wegen des Reimes in etwas verschie- 
dener Gestalt erscheint. 

19 Helmont V tnfait Qeaiendari, artj. H F aufart. 

33 de treneier les paiens la cam e Vos eou lart. H tnpaienB. 

34 Quand Rolland a aa giant deinsd par fiel guiae. H devisee. 
Grammatisch sind beide Formen berechtigt; Bk. wird aus metrischer 
RQeksicht emefidirt haben. Indessen möge bemerkt werden, dass 
nach der Gepflogenheit unseres Textes stummes «, das auf einen 
Vocal folgt, in den meisten Fällen nicht zählt. JMie ist z. B. einsylbig, 
tnealee zweisylbig u. s. w. Hier einige Belege : 

213, 4 qe n^estoit mie coart 

222, 6 ne veul je mie leissier 

223, 16 (ainte la apee forbie 

223, 31 e la mealee fenie 

224, 24 des Franzois ireemant 
230, 19 q*ont nous tolue ces lous. 

Die letzten vier Verse kommen auch bei KI. vor. Dass poirferai 
noua plua daomaze in pour fer aa noua (= nos), wie bei Bk., ab- 
zutheileu ist, braucht kaum gesagt zu werden 9« 



') Bt Mi mir gestaltet hier «Dsuzeigen, dau eine voo mir yeranataltete Ausgabe dieses 
Gedichtes eben im Drucke ist. 



302 Mustaft» 

VIL 

CHANSON DE ROLAND; jüngere Redaction. Davon druckte 
einige Verse K. Bartsch in der Germania (6, 28 ff.) ab. 

S. 30» 30 passe ue terire. Offenbar nur Druckfehler flir un. 

32 mercheani sunt, si vont le refiertnl. Ich theile ab fiere 
querant *)• 

31, 21 'He dex 'disi Otes quifus eibeletnt 

7i soleuz baisse etc. 
Wie nnan leiclit sieht: 'He dex' dist Otes 'qui fus en Beleant\ 

32, 2 Sis en un hois s'esi li fils enbuschie, H Ens, 
34, 18 Mal de heatt Druckfehler für dehd ait. 

36, 33 tote Espeigne est vers moi apendant H eri. 

37 dous pors qui moU ertent corani. Verdruckt fdr errent. 

37, 10 Es wird li gedruckt, und in der Anmerkung als die Les- 
art der Hs. la angegeben. Die Hs. selbst hat aber deutlich Zt. Eben 
so 39, 30 lors im Drucke, und als die Lesart der Hs. lore» während 
schon die Hs. lors bietet. 

üje «'anrti ou il sunt sejoumant, Wohl saurai. 

39, 30 comuechier ist jedenfalls nur ein Druckfehler für 
eomenchier. 

40, 24 li clers fu sages de qu*il ei I d^enfance. H ensi 
s= issi (exivit). 

29 vendu. Druckfehler f&r vendi, 

VlIL 

LA BATAILLE D'ALESCHANS. Nunmehr vollständig herausge- 
geben von A. W. Jonckbloet, (La Haye. 1884). Keller druckte im 
Ganzen 272 Verse ab. 

30, 3 lerraif de santes. H Hernaug. 

5 En trente leus firof se iacerang — fu rog (ruptus). 

6 Ses escus frait ese evmes lusang — e se eumes. 

7 par mi en dos les flanz — endos. 

10 Mais nali uait la moite de dos gang. — no li. 
13 nus hom qui soit vlnan^. H uiuang. 



<) Die Hs. Nr. IV, welche diese Episode der Verfolgung Gaine*s ebenfalls ein- 
schaltet, hat; Merfeant aont gui vont guüdagnant. 



Handschriftliche Sliidien. 303 

17 carut airi li san^. — au ru. 

28 Cil sont a lui dirde. — H dinde = d'Inde. 

31 Vie spie porta. Wohl kommt die italienisirte Form spie 
(auch «p/t) in diesen Hss. ziemlich häufig vor, nie aber als Femi- 
ninum; man trenne demnach un espie. 

31, 1 Attoi^ estrie (verschrieben fttr escrie). Besser A uoig. 
2 Kl c«i perdra Guief sa ualor, — Encui „ heute". 

9 TImIh qierBais ne li puet ueir. Die Hs. hat wie immer Yiuian. 
Man trenne dann gier mais «er sucht V.» kann ihn aber picht sehen^. 

10 /o eirda maiir. H cuida. 

17 La uerseg (H useg verschrieben fttr ueiseg^) fier esior 
ebalrtlr. Die Hs. hat, ohne irgend einen Zweifel^ ebaudir. 
20 Tani puing iani ple iante teste. H pie. 

32, K la aagHee gorhant. H masnee. 
Zwischen 7 und 8 fehlt der Vers: 

Chascuns portoit une mace pesant. 

20 pMe ait conuenant. Die Hs. deutlich pase »er hatte den 
Vertrag überschritten«*. 

21 Li gentils homs sa testa. Jedenfalls saiesta d. h. s'at. 
(wahrscheinlich verschrieben ftkr saresta). 

25 Nefoi mai estre tot man uiuant. Henstre, d.h. enstretotm. u. 

26 Jal comparont pdaH. H paian. 

28 Des pers de lärme. H pens „Gott sorge fQr die Seele l** 
Hit Vers 29 ßngt eine neue Tirade, welche auch in der Hs. 
durch gemalte Initiale angedeutet ist. 

34 Par mü aubergs. — mi laubergs = taub. 

33, 2 deu ne piaist qea eore de ee fetiir. — q^encore dece 
(eigentlich dege; italienisirte Form == deggia) fenir. 

6 B si 08 bretram. Wohl Esuos, oder, wie Manche vorziehen, 
Es'Vos. 

7 le seil li orent faü. . .froisir. — H Lescuz. 

8 son aubergs . . . desarelr. H desarttr. 



'} Daraoa erhellt, data wir in diesem Cod. nur eine materielle Abachrift haben, die von 
einem Unkundigen angefertigt wurde. So findet sich 31, 26 botet, was demnach 
Keller berechtigte boinet au lesen; die Vorlage bot höchat wahrscheinlich boieiu 
(elf s«u wie bieui atatt biaus beau$ in Nr. VI). Nicht anders findet man häufig onde 
(mit dem oberen Striche nach linka gewendet) statt onele: 32, 1 adeu ieiant atatt 
ademeiant; 82, 10 firuerf statt euuerf (Kl. druckte «fierp); 34, 14 fUreni sUtt 
ßnent; 35, 4 tartir st. taitir u. a. w. 



304 Musiafia 

13 uers eh n« se guenlir (vers^brieben filr guencir) -^ nose 
= nose. 

17 noir cum a lerser — auerser. 

18 neH ntsa aproehier. — H nennoaa «= nenn oia. Vgl. oben. 

22 coplaer. H caplaer. 

Zwischen Z. 22 und 23 fehlt der Vers: 

il eseria monioie caualer. 

23 Ondea (verschr. für onclei) gielV came uene^ aider. — 
cor me, 

26 Pres est ma mort ni uoil (verschrieben für not) uul recou- 
rier. H m =^ nV. 

29 or fag trop qe lä Mer. H lanier. 

32 QU ucist ü qilo neigt. Die gewöhnliche Formel: „Wer 
ihn sähe!'' 

34, 1 Bien nant chaschuns rollant et oliuer. H uaut. 

4 siliaetr abracier — si lin (richtig lut) cor. 

31 areor. H arcor statt ancor, 

38, 2 Oe towc /or lancent les espieg por bair. Die Hs. ohne 
Zweifel De. Auch in Bezug auf das letzte Wort scheint die Hs. eher 
hair als bair zu bieten. 

23 qi E0^ paust garenür. Ist eine Emeadation» denn die Hs., 
welche n und u ganz scharf unterscheidet, hat uos. 

28 qe nestoit cirdesir. — Die Hs. hat ganz deutlich en desir. 
Auch sollte qen^q'en estoit getrennt werden. Vgl. Z. 14 derselben 
Seite. 

36, 1 ardanpf H aidang. 

9 la terre desfrai^. Wohl des frang. 

11 Sandte li brun. Ganz dieselbe Initiale wurde 30» 1 richtig 
als G aufgefasst und Gaudin gelesen. Eben so in der darauffolgen- 
den Zeile nicht s sondern G(autier) le tolosang. 

14 perdi 1 ql son tang. — iqi. 

19 a eiels. Die Hs. deutlich oncis, was nicht als ein Versehen 
des Abschreibers angesehen zu werden braucht, da bei occidere die 
rhinistische Einschiebuug häufig vorkommt; vgl. it. ancidere. 

26 la ferrsi e parti. Die Hs. hat auf unverkennbare Weise 
fendu. 

33 des ier aniedl. H amiedi «= a miedi, 

37, 6 orgeil H orgoil. 



Haudaekriflliche Stmiien. 305 

12 fier estar etkaMr. Auch hier, wie 81, 17, hat die Hs. ganz 
deatlich eshaudir, 

IS pantir. H patir mit dem wellenfl^rmigen r-Zeichen: also 
parfir, 

23 desface, Drackfehler für desfaee, 

XIII. 

BEUVES DE HANTONNE , BERTE AU GRAND PII^ und CHARLB- 
MAGNE. Cyclisches Gedicht, nach Art der Reali di Francia. Aus dem- 
selben theilte Keller über 170 Verse und alleCapitelüberschriften mit; 
Goessard gab dann in der Biblioth^que de Kreole des chartes (IV, 3. 
393 ff.) eine eingehende Analyse des Inhaltes nebst einigen neuen 
Versen, und berichtigte zugleich manche Versehen in dem Abdrucke 
Keller*s. So z. B. in den ersten 10 Zeilen: 

Romv. 42, 16 nor G a or, 

19 abaci G abati. 

20 spee feu cancon 6 9pea feti canfon, 

21 laubergo G Be taubergo. 

22 biando 6 brando; 

lauter Stellen, in welchen 6uessard*s Leseart die Tun der Hs. gebo- 
tene ist. Eben so sind Z. 18 et en, Z. 22 de sU von Guess. richtig 
zu e ten und desis (descendit) vereinigt worden. Nicht unhäufig 
aber sind die Fälle, in welchen Guess. nicht Lesefehler berichtigt, 
sondern Emendationen rorschlägt. Da sie meistens gut sind, so muss 
man ihm dafür Dank wissen; wenn er aber dabei von einem ^corriger 
les le(ons fautives qui ont echapp6 ä M. Keller dans sa transcription* 
redet, so muss man diese Ausdrucksweise als nicht ganz genau 
bezeichnen. Es ist schon oben bemerkt worden, dass Keller nur einen 
diplomatisch getreuen Abdruck der HandschrlA liefern wollte; wo 
er also von seiner Vorlage abweieht, dort darf man ihn berichtigen; 
ihn aber für die Fehler derselben verantwortlich zu machen, heisst 
seinen Standpunct verkennen, nach welchem vielmehr jede Emen- 
dation, die er in den Text aufgenommen hfitte, als eine Inconsequenz 
gerügt werden dürfte. Guessard sollte um so weniger von »le^ons 
fautives*' reden, als seine Emendationen das Schicksal aller Conjec- 
turen theilen; unter vielen trefflichen findet sich hie und da auch 
eine überflüssige. So^z. B. gleich die erste: 



306 M u 8 s a f i a 

Romv. 44, 17 en ceüe punto de lui auron Iftsere e de li rois 
pepin buem estqe uusage. Guess. bemerkt dazu : »Lisez : de lui auron 
laaciä (lasciato, laisse)^. Der lafinitir lasere (mit auslautendeoi e 
nach italienischer Art, wenn nicht laaer e, wo dann der Schreiber 
aus Unachtsamkeit die Conjunction wiederholt hätte), ist aber voll- 
kommen richtig: auron laser entspricht dem Futurum latserons 
nach jener umschreibenden Methode, deren oben (zu W, b Romv. 
18, 1) Erwähnung geschehen ist 9. Eben so wenig berechtigt ist zu 
48, 4 giarcü^e die Bemerkung: „Lisez cioalce**» denn die Hs. iiesst 
in der That giarcüge und schon Keller hatte in einer Anmerkung 
ciualce yorgeschlagen. 

Ich werde daher die Bemerkungen Guessard*s, in so weit sie 
Emendationen sind, nicht berücksichtigen und dem Zwecke Torlie- 
gender Arbeit gemäss, sowohl bei Kell, als bei Guess. selbst, nur 
die Abweichungen von der Hs. nebst den Unrichtigkeiten in der 
Trennung oder Verei/iigung der Buchstaben zu einzelnen Wörtern 
namhaft machen. 

Romv. 42, 18 Gran colpo fer de son elmo en son. Nicht anders 
G. Und doch hat die Hs. deson son elme; nur ist das n von deson 
untertfipfelt und darauf steht ein r. Dies ist auch gewiss das Richtige, 
sowohl in Bezug auf den Sinn als auf das Metrum : desor son elmo 
en son. 

42, 3 V. u. cun %%n oste. H soa. 

43, 8 (t«e la grata oste e !• vi li davant Nicht zu trennen : 
quela^ elo „er sah jenes grosse Heer**. 

7 Del ui Symbaldo^) si li dist, H Oel d. h. o ^/ ~ ou il vü; 
die gewöhnliche Formel, um eine Rede einzuleiten. 

Zu Z. 8 ist zu bemerken, dass das Wort soldo^ welches den 
Reim stört, gestrichen ist, und daneben mit sehr kleiner jüngerer 
Schrift or e argant geschrieben steht. 

15 eslie fe grande goia. — e si ne. 



1) Möge hier noch das Beispiel aus der Pass. Chr. ed. Dies 95, t angemerkt werden. 

s) Ist Synibaldo oder Synibaldo zu lesen? Die Schriftzfige lassen im Zweifel; dem 
Metrum würde an vielen Stellen — so auch in der vorliegenden — die aweite Form 
ansagen. In der Wiener Hs. des Beuves (3429, Papier, 15. Jahrb.) welche eine 
Redaotion des Gedichtes in zehnsylbigen Versen euthült, findet man immBT symbaut; 
die mit derselben ziemlich g«nau fibereinstimmende Hs. der Tstic. Bibl. Chr. 1632 
bietet (nach Rom?. 410) Seinher, Die Vs. Hs. Nr. 14 hat endlich Soibaut, die Reali 
di Francia Sinibaldo. 



Handsehriniiche Stndieo. 307 

44, 1 6 ecomo e loit — e como et oii, 

45, 20 Äquüon de bauiere. Die Hs. , wie imroer so auch hier, 
baiuere. 

46, 18 8% oldrois — ;- H oldires. 

^ 20 Coment alle faUe ferne. HG cille f. ferne. 

48, 25 Cenende la dame. H comente. 

49, 22 eiaus. H e ioris (= TerisJ. 

50, 6 symbalto, H symbaldo. 

15 Coment bouo dona a tense li primer colpo, H ierüe 
(= Teris). 

18 dodo iemagna^e. H demagage. Dass der n-Strlch etwas mehr 
nach links gerückt ist, berechtigt wohl nicht gna statt gan zu lesen; 
man hat demnach de Magange. 

23 larmaire, H larmaure = T armeüre. 

51,21 Ma/tVs. HG Ot ati^s. 

52, 12 faireit Ih 1er mur. HG £ utr^^- H in lo; G tn le. 

15 /t atioi^ a la takra derasue^) e prise son conseiL H c^aftra 
mit ausgelassenem »-Zeichen s= chnmbre; priat. 

20 de /o «ft«. H qelo ^ q'elo «dass er**. 

23 /> a/^' ;« a lisior furent peis. H jpris „die gefangen 
wurden**. 

25 Uenlait karleio, H Ken \\ Fant » li enfant. 

6Z, 2 e sü e ß uesiu. HG e H le ß uestir. 

5 Karleto sea sar. HG aon fiu. 

9 la ti de bouo. HG lafar =» fa/far. 

54, 1 1 por li barom %\%t sale^lral a morir. H ei^ e fa le giuäL 
Vgl. Z. 7. 

14 douenie concir, HG donente d*oncir. 

55, 13 ftouo eTei. HG oMt. 

sei 9 fih esfoit lls elday — li solday. 

15 morh* e seilt n — HG « scunfiti. 
22 ^ötM. HG ftotio. 

27 i /oft — i7 oft. 



^) Da in den Rubriken die Zeichen für u und n beinabe indifferent i^ebraueht werden 
und Kl. eelbat an rielen Stellen nur den Sinn entecheiden Ileat , ao bitte aucb bier 
dercsne gedruckt werden mOMen. Eben ao 83, 22 U fUz li roit le €«0«ta — couota 
„wflnacbte das Pferd"; 66, 14 or deuent — ordenent (scbon bei 6.) ; 67, 23 $au$out9 
— Mnion[e]to. 



308 Muisafia 

S7, 6 alliec le. H auiec* 

14 (le M geto» Da lo als Nomiii. nicht rorkommt ^), 30 ist diese 
Trennungs weise unzulässig. Also entweder qelol oder qelo-l »»dass 
es sie (das Pferd die Schlange)**.. 

\1 Qe uer de le Mie farent guarant. H ime d» b. t tn^. «sie 
(Gott und die Heiligen) schätzten mich**. 

20 IftsereH de bouo d$ste gorno en duant H l(i$aren> Man 
trenne da sie. 

21 A SA ^ro. Zusammen a«a (^«= a^e«^. 

23 dam« 6er^^. H dama. 

28 ß. Ol du ist zü yerbinden in oldu; senu HG serui; eslen 
H eaie, G e «i est» 

5S 1 An apreso de grande traiwon. H £ hu 
8 a tr««er n^n porotu In einem Worte: airouer. 
20 questa cangon ntne «f« trigarie — iton «. 
2$ beriela non oblio pas m»d. H pais, kier die gewöhnliche 
Form für pas. 

29 Canesa Karleto la tenoü. — con eso. Eben so 60» 7. 
59 Nach Vers 4 fehlt eine Zeile : 

Por grant auoir e por grant munentie. 
13 molto faü a salter. In einem Worte asalier^^exhatisser, 
16 qui de Mnigange non eatoit si laMer. H lainer. 
18 Sen veoit Äquilon go qe poroit encontrer, H Ben. 
60, 19 Tant aata faire par me engantamant. H euilo. 
20 Jlfon per e berte aahes comunelmant. Die Hs. hat deutlich 

22 Quant eil cent parier coai linfant. H o^n^. 

24 Nen fu de lor ni petite ni grant. H petito. 

28 Landris aatalt /a nouelle. Guessard^s cuntoit ist eine Emen- 
dation; die Hs. hat cuüoit, und cuUare kommt in altitaiienischen 
Mundarten vor. Vgl. z. B. Bonvesin» fra Jacomino bei Ozanam u. s. w. 

6t» 26 ^1 dient qe le stoit un bricon. Le als Nominativ geht 
wohl nicht an; daher qel estoii d. h. q'el eatoit» 

28 Ha fara ael uoia non — I lo; el. 

30 eantraaa aon dad. HG contraria son diio. 



^) Dgtier auch 61, 1 oiebt E lo le dUt «oodero tlo, und 61, 27 nicht po fe !• <ft#/, 
•onderu gr/o = q'elo. 



HnndichrifUicbe Studien. 809 

32 B U U par le cum hames ftrseiei. Gueaaard, welcher diesen 
Vers ebenfalls abdrackte, hat richtig elo und parle. Wenn er aber 
ebentMs forsonez drucke so spricht dagegen die Hs. und der be- 
ständige Gebrauch derselben , die Reime dem Auge als vollkommen 
gleich darzustellen. 

62, 2 li aUri aes par lenti. In einem Worte« dienn offenbar ist 
damit parenti (parienti ?) gemeint. 

3 oncirent li rais pepin e berte aaenea. Doch wohl a uenen- 
Eben so Z. 7 und 9. 

13 gala fae li rois. In einem Worte; wir haben hier nSmUch 
eine VerstQramlung yon Galefre, dem BeachQtaer KarFs. 

63, 22 Karleto ensile saragoge. Abzutheiien in ensi (exivit} 
le, Tersebrieben fOr de. 

65, 17 ea aalt lui aalai. — e nnoii d. h. rCoü mit geschärften} 
n. Ne stellt für en auf ital. Weise. Die Hs. hat dann auü und 
zwischen i und i steht über der Zeile ein L Es ist demnach a uilt 
^=s vil) zu lesen ^er seliätzt ihn gering**. 

23 pain furent aaa ta. H sonfiti, verschrieben för sconfiti, wie 
von Gues. schon richtig bemerkt. 

66, 22 VapostoUle si pariler %a ient. H fi. Eben so 7K, 20. 
23 Weder KFs. gaüeval noch Gsd^s. cardenal ist aus der Hs. 

zu entnehmen. Diese hat vielmehr^ar J^tfa/, verschrieben (i^rgardenal. 

68, 14 K. ß sa analer milom e berte — Man vereinige aoanoier, 
verschrieben für sbanoier. 

21 Coment ma se Ao. — fuiie. 

70, 1 Coment Karoer Ineili la ient. H ui uenir. 
10 Kaioer. H Karoer. 

26 Müon parala. H parole. 

71, 9 Coment preniä (verschrieben für praenia) a %^%% li 
9om fiL H Karo för Karlo. 

21 Coment fu sagte marmore. U aagre „geheiligt^ durch die 
Bekehrung und Taufe der Einwohner. 

27 Coment ka. preienta li daroia ci.i. H Ro. d. h. Rolland. 

' 73, 1 Coment li danois aerl oit braer. Wenn auch die Gestalt 

der Buchstaben in der Hs. diese Lesart keineswegs ausschliesst, so 

Ifisst sich aus derselben auch das weit richtigere ueu entnehmen. 

Vgl. den ersten Vers der Tirade: Quand li danoia oit ueu braer. 

12 Coment li nanfu dares. H ourea „wie der Zwerg handelte«. 



310 Mu88«fia 

15 Comeni li rois stlene. Jedenfalls in zwei Wörtern» und di», 
wie schon zum Theile bemerkt, sowohl u und n als s und /* nur durch 
den Sinn unterschieden werden, so hätte der Hg. wie an andereii^ 
Stellen so auch hier dem Sinne folgen können : fo leue 0- 

74, 17 demande coge a sa dama. H da. 

18 la raina est Ott im ntn garle — inn Ongarie. 

75, 23 danois seferi con ctrlameit. H foriamont und zwischen 
f und fibergeschrieben ein /; also floriamont 

Die letzten 13 Verse sind auch Ton Guessard abgedruckt 
worden. 

77, 4 Ne le troua palio ne siglaion. G ae. Die Hs. hat aber 
le, das hier immer statt franz. y gebraucht wird. 

10 tot quel colse qe perten a prodon. So die Hs. G hat qe partera 
prodom. Wenn dies eine Emendation sein soll, so kann man sie als 
unnöthig bezeichnen. 

14 Da qui auanti seaaa la cangon. 6 s'en ara la cancon. Ich 
verstehe weder das eine noch das andere. Die Hs. hat senoua^ was 
ebenfalls nicht ganz deutlich ist. Vielleicht ist ae >=» venez. xe (e8t)\ 
„hier filngt ein neues Lied an**. Der Compilator mag die Absieht 
gehabt haben, den yielen Erzählungen, aus welchen sein Gedicht 
besteht, noch eine hinzuzufügen, später aber diesen Gedanken auf- 
gegeben haben. 

Es bleiben noch die wenigen von Guessard allein mitgetheilten 
Verse übrig. 

S. 398, y. 8 se uncha mais e nea oUo parier, H uen, und der 
Sinn lässt keine andere Lesart zu. Landry spricht zu seinem Bruder, 
und bedient sich dabei, wie gewöhnlich, der zweiten Person bald 
des Singulars, bald des Plurals. 

12 givalers ist allerdings der strengen Grammatik gemäss: 
Handschriften von der Beschaffenheit der vorliegenden kümmern 
sich aber um grammatische Feinheiten sehr wenig. Sie streben nach 
anderen Vorzögen; so z. B. dass alle Versenausgänge sich vollkom- 
men decken, und daher sollte hier Qivaler (lager^ muler, caroner, 
gerj nicht angetastet werden. 



^) Eben &o hfitie 75, 11 titaU des nichts bedeutenden tosurrent das richtige saiuerent 
gesetzt werden können , da der Hg. an anderen Stellen dem Sinne nach / als « und 
s als l auffasste. 



BuDdschriflUche Studien. 311 

19 nensoü pas(lipai8)Lanfroi go q*el doit encontrer. Encon- 
irer fordert in dieser Bedeutung die Sache als Subjeet und die Person 
als Objeet; die Hs. hat in der That go qe le (auszusprechen qeV) 
doU enc. 

<) 30 ad aseoUer ist emendiert aus dem handschriftlichen 
tcoUer, 

399, 6 Falcon esparaferl. Zu trennen in e spar. Anlaut mit 
combiniertem s findet sich in diesen Hss. ungemein häufig; die Con- 
junction aber scheint nöthig. 

11 fMoä orer lisait Jedenfalls li sant ^er Hess die Heiligen 
anbeten**. 

14 Ben de eser dolant H do „ieh muss**. 

17 DUt Danabrin, u no vali niant: 
jgEnvoiez ä lui etc. 
Der Hg. scheint die Worte un no uali niant als ein appositionelles 
Adjectiy zu Danabrin zu halten: «ein Taugenichts**. Die Hs. hat aber 
tili, und schon mit diesem Worte f&ngt die Anrede an : vu no vall 
niant »ihr tauget nichts*'. 

406, 4 le masimo einte ai T apela la jan. Es ist schwer zu 
begreifen, wie Guessard, welcher doch die ganze Episode, deren 
Inhalt er mittheilt, gelesen haben muss, nicht an den mehrere Male 
wiederkehrenden Namen bemerkt habe, dass die Hs. ohne irgend 
einen Zweifel zuzulassen nicht cunte, sondern gude (Judaeus) liest. 
Vgl. fol. 67^ V. 9: 

Qui uestre nome primeran uos leue 
E crego ben qe deist verite 
Ben dist uoir eil qe uu estes gue 
Fei renoiea in mal ora fuai ne. 

Ebenso 68 e morlo fo U maximo gue (:8agre).^) 



') Zu T. 27 Kartete fll leioa emperer bemerkt Guesserd, dass hier gewiss st't levü zu 
lesen ist. Ich wfirde dagegen nicht gezögert haben, schon aus der Hs. fu zu lesen« 
denn das, was beim ersten Anblicke als / erscheinen kann, ist offenbar nichts als der 
zweite Strich von u, etwas in die Länge gezogen ; fu leva s levi passt aber besser 
als n# leva =. ei ee leve, 

2) Der letzte Abschnitt dieser Handschrift , welcher die Geschichte des Hundes von 
Anbri (die Kdniginn Sibille) enlhSIt, wird ebenfalls too mir in kurzer Zeit ver- 
öffentlicht werden. 
Sitzb. d. phil.-hist. Cl. XLll. Bd. II. Heft. 21 



312 M u « 8 • f i a 



XIV. 



BEUVES DE HANTONNE. lu drei Abtheilungen. Keller druckte die 
Eingangs- und Schlussverse jeder derselben ; im Ganzen 273 Verse. 

78, 5 PUs auoit de Chevalier vij vairs. H Oluj « lui. 

\1 De fin urgent trosseii v.c. stirriers. Es ist ganz deutlieh 
somiers zu lesen. 

23 Mut li a fie kil fera son plaisir. — afie. 

29 A V08 Meadai. H meclai d. h. menclain » nCen ciain, statt 
Claim. 

79, 1 8 Grans est la noise eisiaelle la loie. — en siuelle (= Se- 
YÜle). Vgl. 80, 5 parmi siuelle, 

21 Li frans das beenes. H boeues. 

26 Et le destrlei a le seile doreie. H destrier. 

80, 9 Ot en prison en se grant cer quaree. H tor. 

10 la desaas en lentree. H desous. 
H de tote la contree. H sa. 

iS en la sale pauee. H le. Vgl. V. 26 wo auch der Druck le 
liest. Eben so 79, 26 le seile. 

20 mult suj enfree. H enfreee. 

32 la teste armee. Auch hier hat die Hs. die Form le. 

34 Quaire tnier sa dune lance. — enversa. 

81, 21 li quens guis ou il «et kensengnier. H not = not. 

24 Salus vus mande baralae a vis fier. H la roine. 

82, 5 A .j. garchon mal hien laidengier. H moi = m oi „ich hörte 
mich**. 

25 Dusca le dame ne se vaurent cargier. H targier. 

83, 12 essoiue. Vielleicht nur Druckfehler fiir essoine. 

18 Bertrans seieentre. Ist ganz deutlich sentorne zu lesen. 
23 Soibaut i eroeoe. H trueue. 

2S Del duc boeuon li grent a demandeir. H prent. Druckfehler. 
28 En nule terre la va je sace aler. — H ou. 

84, 3 iuretir. Vielleicht nur Druckfehler für iureir. 

4 fors dou pais valeir. H raleir. 
9 Ne sai aa saut. H ou sont. 

12 Ses poing de cardre et ses cheviaz eirer. H detordre und 
tirer. 



Handachrin liehe Stadien. 313 

23 Äwekes ek« au varra saik. aleir. H cheaus (= aux), und 
SoibfautJ, die Form in welcher diese Hs. den Namen des Beschützers 
Beuye*s beständig bietet. Auch 88, 10 findet sich Saib. während die 
Hs. soUf. hat. 

30 eis barons quil at fais asenbler. H ot 
34 berirans ki thmt fist aUeir. H tani. Auch ist natOrlich a loeir 
zu trennen. 
85, 1 La messe %%faU. . .chanter. H oi, also oni, 

10 Desotis Äufrike ariere thmt aeir. H rameneir. 
23 france me duce resitn. H region. 

28 Die durch Puncte angedeuteten Worte lauten grant esone. 
86» 2 Giuan mon ßl. — ui ist als m, und wie an yielen anderen 
Stellen, a statt o gelesen werden <); die Hs. hat aber deutlich 
Guion. 



ANHANG. 



Ich benQtze gern diese Gelegenheit um zur weiteren Kunde der 
altfranzösischen Handschriften der Marcusbibliothek einen kleinen 
Beitrag zu liefern : 

I. 

P. Lacroix sagt, dass nicht blos Nr. 11 und 12, sondern auch 
Nr. 23 des Supplementes proven^alische Gedichte enthalten. Auch 
Keller yerzeichnet: »Suppl. 12. Proyenzalische Gedichte**. Indessen 
entbält blos Nr. 11 die bekannte Sammlung; Nr. 12 ist historischen 
Inhalts, und in 23 findet sich ein altfranzösisches allegorisch-didac- 
tisches Gedicht. Über letztere Handschrift will ich nun einiges 
berichten. Sie ist in fol., auf Pergament, und gehört dem 18. Jahr- 



t) Das ist nSmlich in dieser Hs. mit einem Hfickchen versehen, das ihm beim ersten 
Anblielie das Aassehen eines «gibt; da aber a wieder eine ziemlich verschiedene 
ihm eigenthnmliche Gestalt hat, so sind die xwei Buchstaben eig^entlich gar nicht xu 
verwechseln. 

21* 



314 Mussafia 

hunderte an. Anfang und Ende fehlen; das erste Blatt trägt die 
Zahl 37; mit 20P bricht die Hs. ab. Auf jede Seite gehen 44 Zeilen. 

II n*eüst ja la chasse empris 37* 

En son bois» dont liJu aouspris, 
Combien. que chelle male estrine 
Li venist cootre sa doctrine. 

Encore de che 

5 La troeuvon le lit perilleux, 

Le lit divers et roerveilleux, 

Oü si perilleuse eouehe ha 

C'onques Lancelot ne coucha 

En lit si perilleus d'asses; 
10 Ch' est li lis» ae tu ne le sces, 

Oü ses las tent dans Vulcanas, 

Qui sont si tres soubtil qoe nulz 

Ne les poet reir ne comprendre; 

Si les y met pour chiaulz sousprendre 
15 Qui poursievent Venus sa fame 

Pour aulz faire honte e diffame: 

Mais Mars li [fort] dieu des bateilles, 

Qui mult est hardis k merveilles, 

Ne s'en pot onques si garder, 
20 Tant y sceüst pres regarder, 

Qu'il n'i fust pris et retenus 

Aveeques s^amie Venus 

A grant ver^^ogne et 4 grant honte. 

Mais Venus n*en fist pas grant conte 
25 Ne de rien ne 8*en esmari, 

Car eile bet tant son mari 

Pour sa faiche laide et obscure 

Qu'elle n'a de son delit eure; 

Elle a plus eher son amy Mars, 
30 Elle n* en prendroit pas mil mars; 

Car Mars est Jones et geniiex. 

Et s'est hardi et ententiex 

De li servir k sa plaisanche. 

Et chilz est de rüde ordenanche 
35 Et vieux et vilains et couars ; 

Elle volroit qu*il Tust ore ars. 

Encore de che 

II y a layens aussi fontaines, 
Qui sont toutes de venin pianies 



HandsehrifUiche Studien. 3 1 « 



Et de peril couveriement, 
I 40 Et toutefois, au jugement 

j De la Jangue et de la ?eüe, 

Tu diroies c*onque8 veüe 
Ne fu fontaine plus piaisans. 
Plus douehe ne plus aaisäns 
45 Que les fontaines de layens; 37^ 
Mais ä bries mos ch*est tout noyeos. 
Che n*est que toute illusioo, 
Qui bien scet la conclusion, 
Conment ches fontaines dechoiveat 
50 Chiaulz qui oultre raesure en boWent 
Et coDtnent elles le coochieot 
Et les afollent et ochieot; 
Tant sont de perilleus afaire. 
Or entea qu* elles sceveot faire ; 
55 Car je t*en ?oeil an petit lire. 
L'une fait cheli qui 8*y mire 
Amer son umbre et sa figure» 
Si qa*amour8 tout le desfigure 
Et 4 le fois le met 4 mort 
60 Pour che que Tainour qui le mort 
Ne poet trouver fruit ne pourfit, 
Ensement que Narchisus ÜL 
L*autre fait le homme en son venir 
Fame 4 moitie devenir, 
65 Et du tout fame le feroit, 

Se longuement y demouroit .... 
Mainte fontaine aultre ha diverse 
U vergier oü amora converse 
De molt perilleus convenaot, 
70 Dont je me tairay maintenant. 

Encore de che 

Li arbre de chelle closture 
Resont aussy de tel nature, 
Ainsi com chertaioement truys, 
Qu*il ne portent onques null fruys 

75 (Au mains le plus comunement) 
Ne chose qui aucunement 
Puist 4 la parfio pourfiter, 
Se n^est espoir 4 d eliter 
La vefie tant seulemeot \ 

80 Et s*en y a molt ensement 

Que combien qu*il soient tout vert 
De foeilles et de flours couvert 



316 



M a 8 s • f f a 

Et qu*i] puissent bien re8Jo!r 38* 
De premiere faiche 4 veFr, 
85 Toutes foys il sont plains dedens 

De couloevres et de serpens, *) 

Dont chils tost dechefls seroit 

Qui Irop pres s'y endormiroit; 

Sans fai]Je il y en a de telz 
90 Qui portent bien, ch'est veritei, 

Pommes qui soot par dehors belies; 

Mais elles sont par dedens telles. 

Des lors que'on y ?oelt garde prendre 

Que on n'y troeye que poudre et cendre «) 
95 Et chose inotile et puant 

Et abhominable au ireant. 

Li aultre ont un fruit si estrange 

Qu*il se mue souvent et change 

En natures toutes contraires; 
100 II ne deroeure en un point gaires : 

Car il portent unes pometes 

Qui sont en une heure douchettes 

Et blanches comme fins yvoires 

Et puis sont ameres et noires 
105 Aussi comme soubdainement; 

Et s*est bien telz fois ensement 

Qu'elles reprendent lor blanchour 

Et lor premeraine douehour ; 

Toute fois par droite coustame 
1 10 La fin est toudis d*amertume. 

Ainssy, se la lettre ne ment, 

Se mua aneiennement 

Par maniere ass^s merveilleuse 

Uns moriers par la mort piteuse 
115 De Pyramus et de Tysb^, 

Quant il furent si destourb^ 

Pour la grant paour du Hon, 

Qu'il en prirent oecasion 

D*aulz ochirre 4 lors propres mains; 
120 Passer ne s*en vaulrent 4 mains : 

Car chilz moriers qui mores franches 

Soloit porter douches et Manches . 

Les aporta depuis tous tans 

(Moires et sures as goustans. 



1) Am Rande : hoc diciiur ad Htteram de aalicibua. 

*) Am Rande : talea arhorea habundare dicuntur super riptu maris mortui tH loco ubi 
Sodoma et alte civitates igne et sulphure destructe fuerunt. 



r? HandschrifUiche Stodien. 317 

i25 Quoy plus? II y ha grant plente 

D*arbre8 qui sout layens plante, 

Qui soDt de condicioo tele 38^ 

Que )or umbre est nays mortele; 

Tel sont H arbres 4 brief parier 
130 Du yergiera oü tu voels aler. 

Encare de che en monstrant aucuns examples des mauls qui sont 
avenu et poeent avenir u vergier d'amour^ 

Chi conclud Dyane son entencion en comparant sa forest 
au vergier d'amour. 

Comment il respondi ä Dyane* 

Es folgt ein Gespräch zwischen Diana und dem Dichter, welcher, 
der Ermuthigungen und Versprechen der Göttinn Venus eingedenk, 
deo Garten der Liebe doch betreten möchte, bis endlich 

A tant s*est Dyane partie, 44* 

N*onqttes puis 4 moy ne parla ; 
Mais isnelement a*en ala, 
Aina se bouta aana faire arrest 
5 U plua eapes de la forest. 

Coment il se remist au chemin comme devant pour aler au 
vergier de deduit. 

E chi parle tauteur du vergier de deduit en le recommendant 
et pour Voccasion de che parle il dou roumant de la rose e le 
reeommende. 

Nach einer Lobrede, welche der Dichter beiden Verfassern des 
Romans der Rose spendet, beginnt er zu erzählen 

. . les merveilles que g*y vi 45^ 
Qui tout proprement s*acordoient, 
Si qu'en riens ne se descordoient 
A che que chilz songes propose 
5 Qui est u romant de la rose 

Beschreibung des Gartens, und der schönen Dinge, welchb er 
darin gesehen. Unter anderen den Gott der JLiiebe sammt Gefolge, 
den Rosengarten und die Rosen et le Heu oii Jalousie fit Bei Äcoeil 
emprisonner et la fontaine Narchisus. 

Comant il trouva Deduit quigieuoit ad eschds ä une datßoysele, 
Comment, • ,li diex d'amours vault quHl gieuast aprds contre 
la damoisele. 



') Am Rande ; hoc dicitur de t^jco et de ahiete (?) etc. 



318 Miissafifl 

Es folgt eine sehr ausführliche Beschreibung des Schachbrettes 
mit zahlreichen Allegorien; endlich siegt das Mädchen. Gespräeh 
zwischen dem Liebesgott und dem Dichter, am Ende dessen ersterer 
abzieht, und letzterer nachsinnend zurück bleibt. 

Commeiit li diex iTamours le vitU reconforter. 

Neues Gespräch, in welchem der Liebesgott die Gebote seiner 
Mutter, der Venus, auseinandersetzt. 

Le premier commandement qui gist en foy ei en banne ima^ 
ginacion — Example de Deucalion — de Pymalion. 

Du second commandement gener al qui gist en ,iij. chosea: en 
loyault^, en secrä et en diligence. 

Comment aucuns voelent joir de lors amours par forche et 
par violence. Et met un exemple de Thereus — aultre example 
du p, Tarquinius. 

Verschiedene Weisen Liebe zu erwerben: par richessea ei 
par dona — par sorcherie et par enchantement (Medea^ Circe, 
Dejanira), — par fraude et par faintise, 

Chi parle. . .de secre. — Example de Jupiter. 

Le dieu d'amour... parle des mesdisans — Example du corbel 
(qui encusa Coronig) — de Phebus et de Asthalaphus. 

De diligence — pluseurs examplea de Jupiter — ei des aulires 
dieus. 

Comment biaus langaiges et douche parole ont en amours 
grani efficace. 

Der Liebesgott scheidet wieder und wieder bleibt der Dichter 
allein, in Gedanken vertieft, sich nach dem Mädchen sehnend, 
welches ihn beim Schachspiele besiegte; da erscheint die Göttinn 
Pallas, um ihn von Venus abwendig zu machen. 

Pallas. . .parle de raison. . .[et] conclut que chäz n'esi pas 
proprement kons qui ne se gouverne par raison. 

Der Dichter lässt sich aber nicht leicht überreden 

Lors dis je adonc: *V^aille que vaiile, 134* 
Dame, je n^acora pas sans faille 
Que eheste sentence seit voire; 
BriefmeDt, je ne porroie croire 
5 Que la vie que Venus maine 
Soit 81 contre nature humaine 
Ne contre raison que vous dites, 
Ains est vie de grand merites 



Handschrifllicbe Studien. 319 

El de grant bien, aa dire ro'ir, 
10 Je ne say qui vous poet monvoir: 
Prouves aa moins qa*il soit ainsy 
Car i] ne aoufist pas aussy 
Dire la chose, au maiDS k moy, 
S*on ne diät la raison por quoy. 

Camment Pallas proeuve son entencion que la vie amoreuse 
est deraisonnable. 

Sie tbut Dies sehr weitläufig, nicht ohne Einwendungen von 
Seite des Dichters, welche jedoch immer schwächer werden. Wie 
sich endlich Pallas anschickt ihm auseinanderzusetzen Comment il se 
dovra (Tamours retraire^ ist er schon ganz willfthrig. 

'Dame, por Dien, dites toudis 141' * - 

Car j*ay grant plaisanche en vos dis 
Quoy que du fait apr6s aviengne.* 

Ichy parle Pallas . . . des remedes d'amours solonc Ovide. 
Sie gibt ihm im Ganzen 3S Regeln an , wovon hier als Probe 
zwei folgen : 

' La quinte riengle, 

La quinte est que nul ne a'efforehe 148' 

De vaincre Tamour en aä forehe, 

Car son tans pert qui s*i aplique. 

A brief parier, chilz pert sa paine 
5 Et trop se decboit, qui se paine 

D*08ter s*yfnaginacion 

D*aniour par incantacion. 

Sans failJe ehest art, tant en sai ge, 

Soloit estre en mult grant asaige 
10 Et meinte merveille en faisoient 

Li anchiens qui en usoient, 

Ainsi que Ovides le tesmongne, 148^ 

Qui nient mains en eeste besongne 

Ne voelt point de ehest art user. 
15 Ovides n*y deigne muser, 

Car ehrest male art et deche?able : 

II voelt baillier art raisonnable, 

Teile que Apollo li desciaire. 

'Je ne vocil pas* dit il 'hors traire 
20 Les ombres de lors sepnltures 

Pour savoir les eboses obseures, 



320 Mvssafi« 

Ne je ne voeil pas ensefBeot 
Les aUaia >) par enebintenent 
De champ en antre iranaporter, 

25 Ne je ae revoeil paa- otfer 
A Pbebaa auaay aa liuniere 
N*arreafer Tybre la riWere; 
Je ToeiJ qae li Tjbrea a'en roit 
En la naniere qa'i] aoloit 

30 Toadis vers la mer droit« voye; 
Je ne qaier ja qii*il 8*en desroje. 
Je Toeü ainai qii*il aoloit eatre 
Qae la lune et K eora eelestre 
Paieheat tont eontiDaelawnt 

33 Lora eoara tres ordeaeeaieDt 
Et aelone loar acouatamancbe; 
Ja n*y metrai desordenaaebe, 
Ainai qu'onea magieien 
Faiaoient n tana ancien, 

40 Et ionteafoia il ne savoient 

De ramoor qa'en lora eoera aroient 
Trou?er remede ne confort 
Par enehantement ne par aort * 
Briefment, Oridea tien pour forme 

4S Con ne poet (et je le conferme) 
Yaincre amoara par enehantement 
Par aonfre Tif ny aatremesL 

Exampie de Medee et de Cyrces. 



La nnme riengle. 
L*aaltre riengle et ranltre eantele 149^ 
Ponr aoy garir d'amonra eat tele 
(Je*) te lo bien qne tu le gardes): 
Cb*e8t qne tn penaes et regardea 
5 S*U y a cboae Ticiease 
Mal aeans ne mal gracieose 
Ne cboae qui aoit k blamer 
En ebeUe qne tu aenia amer. 
Et que tu ayes ai ebes cboaea 
10 Toua tana en ta memoire eneloaea 
Qa*il t*en aouriegne tootes heorea, 
Quoy que tu faiehea ou labenres. 
Et que tu mettea au derriere 
Le bien de li en tel maniere 



1) Dies« darch dss Metrvn ^vihrte Form ist nicht ohne Interesse, dn sie die DenUwg 

ron hU it. himdm ans mblmtm nnlerstutit. 
») Ht. Ei it te. 



HandschriftJiche Studien. 321 

15 Que Jamals il ne te souviengne 150* 

De chose que bien li avieugnet 

Fora de aes vices seulement; 

Et ayes <) toudis ensement 

Devant les yeolz de ton coraige 
20 S'elle t*a fait aucun damaige, 

Comme de tes deniers despendre 

Ou d^engagier ta terre ou vendre, 

S*el]e t*a fait aucun faua tour 

Dont tu ayes au coer tristour, 
25 S*e]]e t'a fait paine et anuys 

Soufrir, seit de jours ou de nuys, 

Ou s*elle ha nouvel amy fait * 

Ou aucun aultre vilain fait, 

A ches choses que je te conte, 
30 Qui te ramentoi?ent sa honte, 

Dois tu ta pens^e tourner, 

Car s*ainsy te voeU atourner 

Tu le hairas legierement; 

Et suppose meesmememt 
35 Que t*amie soit belle et fresche 

Et qu*il n*ait en li nule tesche 

Tele que chy de?ant delsmes, 

Si dois tu faindre en toy metsmes 

Qu*eIIe soit et laide et vilaine 
40 Sans faille, se eh* estoit Helaine 

Ou la meillor c*on scefist prendre, 

Si porroit on pour li reprendre 

Et accuser de meaproison 

Bien trouver aucune acoison. 
45 Li communs proverbes le proeuve 

'Acoison qui son cbat bat troeuve*. 

Briefment, saich^s qu* il n'est personne, 

Tant soit honnourable ne bonne 

Ne de gracieuse maniere 
50 Qui ne soit k blamer legiere, 

Qui mettre y ?olroit son engien, 

Car li malz est Toisina au bien. 

Doch Pallas will nicht blos zerstören, sie weiss auch etwas 
Neues aufzurichten. 

Pallas li mon$tre..,en quelz choses il se poet mielz employer 
qu'en la vie (famours et li fait premierement mencion des trois 
vies (voluptueuse, active, contemplativej, 

1) Ha. Et se ayet. 



3«'2 M u 8 8 a f i R 

Es folgen lange Betrachtungen tlber das Gluck, mit grosser 
Umständlichkeit werden alle Dinge aufgezählt, in welchen dasselbe 
nicht liegt, um endlich zum Schlüsse zu gelangen : 

Comment felicitös finablement est principaulmeni en bien 
ouvrer selonc vertu. 

Am heilvollsten ist jedoch das beschauliche Leben. Die dazu 
nötbige Weisheit zu erlangen, soll er nach Paris ziehen. 

CVest une cit6 honnourable, 190* 
Si excellente et si notable 
Et de b\ grant auctorit^ ^ 
Qu*en toute Europe n'a cil6 
5 Si sottfissant oe si parfaite. 

Zwei Blätter sind mit dem Lobe der Stadt gefüllt. Dann kommt 
die Reihe an den König und an das Volk Frankreichs. 

* Sana faille k ce trop bien s*acorde 192' 

Aaasi le poeple du pais; 

Car je cuit qae tu ne veis 

Onques poeple si aouflissant, 
5 Si bon ne si obetssant 

Ne qui fast par especial 

A son droit seignour si loyal; 

Et 81 le voit on ensement 

Paisible en soy natarelment, 
10 Doulz et eourtois et amiable. 

Vechy pala sor tous loable, 

Vechy terre tres eOreuse, 

Vechy cite tres glorieuse, 

Oll il a aussi poeple et roy 192^ 
15 De si tres raisonnable arroy. 

Que voels tu plus que je t*expose? 

Ch*est la flour dou monde et la rose 

Ch*est li basmes de verta forte n« s. w. 

Dies Alles verdankt Paris dem — Mercurius, denn dieser ha 
grand significacion sur la citS de Paris. 

Chy parle Pallas de VuniversüS* 

Chy V enduit Pallas ä vivre au mains de la vie active, u cas 
qtCil ne volroit vaquier ä contemplative. 

Zu diesem Zwecke will sie die Verpflichtungen der verschie- 
denen Stände aufzählen. Sie fangt mit den Fürsten an. Mitten im 



Handschriftliche Studien. 323 

Abschnitte, welcher die Gberschrift trägt — Commeni larguesce et 
justice et proesche fönt amer les princes principalment — bricht 
die Hs. ab und zwar lauten die letzten Verse fulgendermassen : 

La dois tu metre coer et ame, 
Voire ton cors propre eiposer 
S*aucuDS 8*i voloit opposer, 
Hardiement et volontiers 
5 U cas qu*il en seroit meatiers .... 



IL 

Es gereicht mir zu einiger Freude Ober zwei neue bisher unbe- 
kannte Fragmente der Aye d'Ävignon berichten zu können , welche 
ihres Verhältnisses wegen zum Brüsseler Fragment ein um so 
grösseres Interesse bieten. Das Gedicht wurde neulich (Paris 1861) 
als sechster Band der »anciens peätes** durch Guessard und Meyer 
herausgegeben; in der Vorrede (S. XXV — XXVI) findet man Nach- 
richten über das Fragment, welches sich am Deckel der lis. 14637 
der BrQssler Bibliothek befindet und zuerst vonReiffenberg (1841), 
dann von Jubinal (1846), und zum dritten Male von den Herausgebern 
des Gedichtes abgedruckt wurde. Letztere machten auch die voll- 
kommen richtige Bemerkung, dass Sprache und Orthographie lebhaft 
an die venetianischen Handschriften erinnert. In einer lateinischen 
Papier-Handschrift der Marcusbibliothek (Class. XI, Cod. CXXIX) 
finden sich nun zwei Vorstich blätter von Pergament, welche 
Bruchstücke eines altfranzösischen Gedichtes enthalten , und zwar, 
wie schon die erste Lectöre zeigte, der Aye d*Avignon. Die Sprache 
ergab sich als vollkommen mit der des Brüssler Fragmentes über- 
einstimmend : dazu kam der äussere Umstand , dass in beiden Frag- 
menten achtundzwanzig Zeilen auf die Seite kommen. Es Hess 
sich daher schon mit ziemlicher Bestimmtheit die Zusammengehörig- 
keit der Fragmente annehmen; die Vermuthung wurde jedoch zur 
Gewissheit, als ich durch die Freundlichkeit des Vorstandes der 
BrQssler Bibliothek das Facsimile einiger Verse und der Anfangs- 
buchstaben der übrigen erhielt, und dasselbe mit dem Facsimile der 
Venetianer Fragmente vergleichen konnte, welches mein verehrter 
Freund G. Valentinelli anfertigen zu lassen die Güte hatte. W^enn 
auch nun die zwei Fragmente ziemlich genau mit den betreifenden 



324 Mtt8s«fia 

Versen in der Pariser Hs. übereinstimmen, so halte ich es nicht f&r 
überflüssig, dieselben hier zum Abdrucke zu bringen ^), 

A. 

(Vgl. Aye d'Avignon, v. 1452—1513.) 

De dolor s'est pasmee desor lo lit a tant; 1* 

Quant li rois Tapercoit, graot merveille TinpraDt; 

En lor romanz parole, si lor dit hautemant : 

'Baron, don estea tos, ne inel celez noiant.' 
6 Berrangiers le respont: *De France la vaillant 

A la cort (arlemaine a?on fet tel mahant 

N*en iert mea acordance a tot nostre vivant. ' 

Dit Guenors: 'Beaus amis, vos dites san d*e[n]fant, 

Qu*il nen a en ces siegle home tant seit vaillant.* 
10 'Sire, servirons vos se vos vient a talant, 

Encontre tote jant vos serons desfendant 

Autrui terre confundre e metre a foa ardant!* 

E dit li roia Guenors: 'Grant merci vos an vant 

Qui (a estea torne, grant merci vos an rant 
15 E ne por cant me dites un poi de voz sanblant: 

Cui est si belle dame k la chiere riant? 

Se bon li est ne bei, 4 fin or la me uant; 

A moiller la prendrai 8*ele le me consant'. 

E respont Berrengiers: 'Nos n*en farons noiant. 
20 N*e»t pas costume en France antre la nostre jant 
' Que nul venda sa ferne por nulle rien vivant. * 

'Par Mahomet mon den' ce dit li rois Guenort 

'Tot tans fu il costume a icest nostre port 

Que ae nuls beaus chevaus ne ferne i arivort, 
25 Veraiemant Tauroit li rois se lui plesort; 

Mes por ce le vos di, c*i fin or la vendort.' 

E respont Berangiers: 'De ce n*i a il acort.' 

'Amis' ce dit li rois 'don me faras td tort? 

Par Mahomet mon deu, or me tien tu 4 sort? 1^ 
30 Je ne laroie mie por le tresor roi Lort 

Que je ne prange ce que mes ancestres ort ' 

Berrengiers tint la spee, don li ponz flanbiort, 

Parmi le cef amont an vout ferir Guenort, 

Un Paien en ferri qui delez lui estort, 
35 Amon sor les espalles que la teste anvalort (?) 

E Amaugins li bruns alla ferir Margort, 



1) Leider nicht nach eigener Abschrift, sondero blos nach dem oachg^emalteD Facsimile. 



Handschriftliche Stadien. 325 



Dou8 de tot le plus riches lor i ODt git6 mort. 
Gaenors le roi 8*aik fuit, grant pior o de mort 
E li Francois anseDble se ferirent au port 
40 De la cite sallirent e Tore e Barigort 
E plua de .c. gallies les anchaace Guenort 
De tote par la mer les acognent (?) aa bort 
Com li chien lo aangler qaant est reims 4 mort; 
il voillent o doo, les ramenent aa port. 

45 Qui lora velt commant cele jant 8*en aie, 
II les tirent au port par molt grant aatie, 
il voillent o dod, arivent lor galie. 
Qui doDC oFst comment la duchese s*escrie 
E dit 4 aute vois: 'Aidiez sainte Marie ! 

60 Ha! fei Berrangiers, li cors Deu te maldie! 
Tu m*as git^ a tort de doee compagoie 
E fors de dolpe France o fu soSf norie.' 
E Guenors li respont qui molt bien Tot oie: 
'Ne vos esmaies mie *), belle suer douce amie ; 

56 Se TOS me volez croire, Mahomet vos ale 
Prendrai tos k moillier, car de ferne n*ai mie.' 

B. 

(Vgl. V. 1741—1798.) 

Premerani ont mande Baidos e Aragon 2' 

Des bors e des caateaus e ceus de Carion; 

Tant manderent ensenble que .xiiij. roi son 

E vindrent 4 Morinde ou trevent le dromon, 
5 Les voilles entailleei par panz e par giron 

E bien anfigurees a teste de lion; 

De davant auz el celf ot .xiiij. dragon*), 

Ce fu senefiance que il tant de roi son. 

En la terre Guenor prenent lor garisoa 
10 E li bers se desfant k coite d'esperon. 

Aien a berbergee en une tel nieison, 

Ne saves quez eile est, se nos nel vos dison. . 

Une tor roerveillose, que Aufelerne ot non ; 

Desor aval au port arivent maint dromon, 
15 En la röche conversent li si[n]ge e li hairon, 

En Tantre desertine li hors e li leon. 

Se trestttit eil del moode estoient ') environ. 



X) Hs. ne vo» eijnaie» uot mie. 
*) .xtt'O'. Chief de dragon, 
»j icil . . . $eient. 



326 Mussafia, Handschriftliche Studien. 

Ne laroient de jus ne fable ne chanpon, 
E que en la douce eve ne prenent li pesson 

20 E ne chacent les eherf en la forest d*Ardon. 
Iluec fu la duchesse trois anz (?) si hn prison 
N*i a vespres ne messes (?), matines ne sermon, 
Ne ne set rien del siegle, ne quant les festes son. 
11 y ot .nj. rol'oes que bien la serviront; 

25 Doucemant, par amor e par aflicion, 
Si honourent la loi Terragant e Mahon. 
Elle est e pros e saize de diz e de sermon, 
Que nus hom [ne] la voit c*an die si bien non; 
Ma si bone foi porte Garner le fll Ooon 2* 

30 Que onques vers nul home nen ot conversion. 
Or le lairomes ei del fil Marsilion, 
De Guenor TArabi e del fil Gainelon, 
E conterons de France, de] rice roi (Marlon 
E del bon Chevalier, Garner le fil Doon, 

35 Cum il se mist engrant por Aie d*Avignon. 

Ce fu k une feste del baron Sain Richer, 

Que li cherf sont tan graisse que Ton les [doit] ehaieer. 

Gamer le fil Ooon repaire de rivier; 

En sa compagna estoient plus de .c. chevaler. 
40 Li bers se destorna en Tonbre d*un senter, 

Par desor Terbe vert, per son cors refreder ; 

Une 9an(on fait dire de Robert le vaicer 

E de la bone foi Angelort sa moillier. 

Com garirent de mort lor signor Oliver. 
45 Quant li dus la oi, si li mambra d*Aier; 

Tot li Sans li fremi, si prit k refrider 

Que plus d'une grant liue alast bien un poier 

Qu* il ne d[e]Tt un mot por la teste trancier. 

Atant ec ?os errant un pellegrin paumier, 
50 E ot la barbe grant, bien la po[o]it trencier, 

E escrepe k son col e baston de pomer, 

Li dux Ta apelle delez un oliver: 

'Pellegrins, don yien tu?* ce li a dit Garnier. 

'Sire, de vers Espagne^ de Sain Jaque prier, 
55 E fui Fandus el regne de la jant averser, 

El riame a un roi qui molt fait k prisier.* 



Dr. Fr. M&ltflr, Beitrüge« zar Conjugaiion des armeDiscbeo Verbums. 327 



Beiträge zur Conjugation des armenischen Verbums* 
Von Dr. Iriedrieh liller, 

Doeeirt der «llfemeiaei Sprachwuseasehsft m der WiMer UairerBiUt. 

Das armenische Verbum weicht Tom neupersischen bedeutend 
ab. Abgesehen von der Frische und Kraft im Gebrauche der erhal- 
tenen Formen hat es diese in viel grösserem Umfange als das 
neupersische Qberkommen. So kennt es noch einen roUständigen 
Conjuncti?, einen doppelten Aorist und ein ohne Herbeiziehung 
eines Hilfszeitwortes gebildetes Futurum. Es ist noch föhig das 
Passivum Tom ActiFum, ohne äussere Hilfsmittel durch die Form 
selbst» zu unterscheiden. Ebenso hat es» in Betreff der Flexionsart 
der Verba, die im Neupersischen im Ganzen nur eine ist — eine 
grössere Mannigfaltigkeit entwickelt» während es wieder einen von 
den im Altbaktrischen ausgeprägten» an^s Altindische sich anleh- 
nenden und im Neupersischen in mehreren deutlichen Spuren sich 
noch Torfindenden Bildungen (Classen) ganz Terschiedenen Weg 
eingeschlagen hat. Denn diese Bildungen» obwohl sie in den ver- 
wandten indogermanischen Sprachen» besonders im Griechischen 
sich finden, treten nirgends in dem Sprachkreise» dem das Arme- 
nische beizuzählen ist» so auf, wodurch man auch in diesem Puncto 
dem Armenischen eine schon in alte Zeit fallende selbstständige 
Entwickelung zuzuschreiben genöthigt ist. 

Wir werden daher im Vorliegenden das armenische Verbum in 
der Art behandeln» dass wir vorerst die Art und Weise» wie aus 
der Wurzel der Verbalstamm gebildet wird (Verbal-Classen) dar- . 
legen und dann nach vorausgeschickten Bemerkungen über die Per- 
sonalendungen das sogenannte Augment etc. zur Untersuchung der 
einzelnen Verbalformen (Zeiten und Arten) übergehen. 

Sitzb. d. phil.-hist. Ol. XLll. Bd. I[. Hfl. 22 



328 Dr. Fr. M filier 

Wir müssen gleich im vorhinein bemerken» dass das Arme- 
nische von einer sogenannten bindevocallosen, starken Flexion we^ 
nige Spuren aufzuweisen hat. Es hat hier wie auch anderwärts die 
sogenannte bindevocalische, schwache (mit der sogenannten 
Pronominal-Declination parallellaufende) Conjugation die Oberhand 
gewonnen und fast alles ausgeglichen, so dass wir in der That 
äusserlich — was nämlich die Verknüpfung des PronominalsufGxes 
mit dem Verbalstamm betrifft — nur eine einzige Conjugation vor 
uns haben. Es hat sich aber hier gleichwie im Griechischen bei 
den Zeitwörtern in -dct), -sco, -dct), die alle drei den sanskritischen 
in -aya entsprechen^ eine Differenz herausgebildet, in der Art, 
dass dem ursprünglich einen Vocal a nun ^t "»t «"- entgegenstehen, 
wenn auch unter dem letzteren viele Formen sich finden, in denen 
das "<■ unzweifelhaft alten Ursprunges ist. Diesen drei Classen, die 
sämmtlich Verba activer, sowohl transitiver als intransitiver Bedeu- 
tung in sich befassen, steht jene mit dem Charakter ^ entgegen, 
der sowohl die verba neutra als passiva angehören. Was den Ur- 
sprung dieser Charaktere betrifft, so ist es nicht schwer, ihn zu 
deuten. In t^ und — haben wir, wie sich unten zeigen wird, sowohl 
a als aya, in dem »<■ sowohl a als u, in dem ^ den Charakter ya* 
mitteist dessen im Sanskrit sowohl die Verba der vierten Classe 
(verba neutra) als das Passivum gebildet werden, zu erkennen. 

Alle diese Zeichen werden aber lebend, als einer alten Periode 
angehörig, von der Sprache nicht mehr geftihit; sie sind, wie dem 
Neuperser die im Altbaktrischen noch lebenskräftigen Verbalclassen, 
dem Armenier unverständlich. 

Dagegen hat die Sprache unabhängig — wie oben bemerkt 
wurde — von dem Gange ihrer Verwandten mit echt indogermani- 
schen Elementen neue Formen geschaffen, welche sie mit vollem 
Verständniss verwendet, und denen noch immer so viel Leben inne- 
wohnt, auch fremde Elemente zu befruchten und im Sprachorga- 
nismus gehörig zu verwerthen. 

Wir theilen daher die Verba von diesem Gesichtspuncte aus 
in fünf Classen, jenachdem sie den Verbalstamm von der Wurzel 
mittelst der einfachen Pronominalstämme a, ya (zu denen wir auch 
die Contractionen aus aya ziehen), oder n\ittelst des Stammes na* 
nu oder a-na, oder mittelst des alten Elementes ska, oder endlich 
mittelst Combination der beiden letzteren Elemente n-ska bilden. 



BeitrSge zur Coigugitioo des armenischen Verbums. 329 

I. C I a 8 8 e. 

Hieber gehöreo die einfachen Verba, bei denen der Präsens- 
stamm naeb Absonderung des sogenannten Bindevocals C^-ya) mit 
der Wurzel zusammenfällt; z. B.: 

»^^L C^Q'^O föhren, vgl. altbakti\_J« (««?» äy-tiv^ ago. u,A^ 
(aö-il) waebsen, vgl. grieeb. d^L-iLti. uiuir^ fas-il) sagen, vergl. 
Skrt. ah. -»««iB^ (at-el) bassen, vgl. lat. orfi, odium, p^p^t (hir-H) 
tragen, vgl. altbaktr. ^ (bSri), Skr. bhr, grieeb. yip-ctv. tb^ntri. 
(gii-^l) wissen. Skr. t?trf-, grieeb. ^e J-etv. tc^^^t (grav-ilj ergrei- 
fen, altb. ^l^ (giriw), neup. J^ (girif-tan), gotb. greip-an. 
iff^l (liz-il) lecken. Skr. ZtA, grieeb. lü-^j^iiv^ ling-o. ^u^^irg 
(kap-H} fesseln, festmacben, vgl. lat. cap-io. «^^ (ap-al) malen, 
vgl. griech. dX-ctv. Irppu^i^ (Mh-al) geben, vgl. grieeb. iX^-av. 
"P'^L Ors-al) jagen. ^A^«^ (ki-al) leben, vgl. Skr. ^v-. Raqni.i 
(thop'iil) verlassen, vgl. altb. ih^ (täri), PeblewJ pmm (w-tar- 
iann) = neup. sj*^^ Co'^ä^^^^)' A*««^/^ (chos-il) reden. «*-V/. 
({in-il) baben. 

Äusserlich ganz gleich mit dieser Gattung von Zeitwörtern sind 
die sogenannten Yerba denominativa, in deren Bildung das Arme- 
nische unerschöpflich ist. Ihr sogenannter Bindevocal ist aber von 
dem der obigen Yerba dem Ursprünge nach grundverschieden, 
indem er — wie oben bemerkt wurde — dem sanskritischen -aya 
entspricht; z. B.: «»'iM»i.«A^£^ (anovan-el) benennen, von «■rlKr««.ir 
(anün)^ Gen. uAi,i^% (anovan) Name. p^2i^t (bzik-H) heilen, 
von p^l'ii (biük) Arzt. f*rÄ^ (gn-^O kaufen, von ^F^ (gin) Preis. 
^Ag,kg^ {hamar-il} zählen, von ^Jluf (hamar) Zahl, ^u^pu^irg^ 
{parsp-il) mit einer Mauer versehen, von u^mp^uui (pariap). 
B^m.qu,ftki,kl^(ptpabir-tt) Früchte tragen, von -^»nq^upirp (ptpab^r) 
Frflchte (*y«ff»c^ tragend. ^u,€u.n.iri^ (waöaf'il) verkaufen, von 
^^u,n. (waöaf) Markt, .«^«ä^ (mais-H) Zoll einnehmen, von 
i/l^« (ma^s) Zoll, Fremdwort = aram. 050 (mekes), arab. ^jS^ 
(makS'UnJ, beweist aber seine alte Entlehnung durch mehrere 
Ableitungen, z. B.: JTuiguu.'Unß (maqs-ano:;) Zollhaus, ./2i^««r»t«i.y# 
(mais-a-tün} dasselbe, .Ä^««t*yi^m (maqs-a-pit) Zöllner, -/«g?"^ 
^^P (ma^B-a-vor) dasselbe, JiHg'"*'^p"'^Rt'^ (ma^mvor-xithiun) 
Zöllnerscbaft. /.-y^-Vt (borot-il) den Aussalz bekommen, von /»«/•«-« 

fborotl Aussätziger. 

^ -^ 22 • 



330 



Dr. Fr. MOrier 



II. C 1 a s 8 e. 

Hieher gehören jene Verba, die den Präsensstamm von der 
Wurzel mittelst des Suffixes -wa, -wm bilden. Sie entsprechen den 
sanskritischen Verben derV. und IX. Classe, ebenso der griechischen 
in vo-, va-, vu-j z. B. : 

'»'».%ir^(af'nel) machen, sL Aor. '»/»«vA (arari), vgl. griech. 
dpxp'iax^. ^1i§r^(d-näl) niederlegen, vgl. altb.^ (da). Skr. rfAa, 
jmmXir^^ (hai^-nSl) aufstehen, vgl. allb. ih (irij, griech. op-vu-jxt, 
p0mm.%Mmi^ (büf'^iol) aufhebcn, mJ}^^^.»^ (am bar-nal) dasselbe, 
vergl. allb. i^ (birä). Skr. bhr. pmä,u,^ (ba-nal) öffnen, fjmm.'ii^ 
(dar-nal) lurückkehren, ^«r^ (g-nal} gehen, vgl. Skr. gam. — -- 
^"^ (ar-nAO fassen, i>uRlrm,%^^ (en-thäf-nül) lesen, ^«fi-*^ 
(ihag-nül) sich rerbergen, {u^^ (l-nul) füllen, vgl. Skr. pr- na 
(IX. Cl.) und altb. \\\'^\ö (pirinö), altind. pürna. fA^^ (ch-nül} 
schliessen. 

III. Classe. 

Die Verba, welche hiehergehören, bilden den PräseDsstamm 
von der Wurzel mittelst des Charakters a-ita, und finden in den 
griechischen Verben in dvoi eine passende Parallele. Auch unter 
ihnen finden sich wie in Ciasse I viele Denominativa ; besonders 
reich sind aber die Causativa vertreten, die durch Composition mit 
^Sf-*^^ (V^i^-anel) zeigen, aufweisen, vergl. j^^f^ (^uzdk) 
Zeichen, gebildet werden. Beispiele dafür sind: «^^-^^/^ (on^- 
OHi^l) vorübergehen, ''pi'A^i^(ark-anil) werfen, ^^^^^^/^(gt-anSlJ 
finden, vgl. altb. 5^^ (cendj. Skr. vind, ^ir^^t (H-anil) auf- 
steigen, weggehen. A^»^i£ ^MA-aii^/> heruntersteigen. ^^^^V^^ 
(lug-anH) lösen. ^m.m^%A^g^ (hai-anelj abschneiden, ^^ß^^^'^^tg^ 
(harz-anil) fragen, altb. »{^{o (pere^. -i^-A«|^ (iSs^n^lJ sehen, 
•^-*^£. (og-anilj salben. — ^.«yrf.1«^ (bark-analj zömen. 
Wr-^^tOvr-analJ erzürnen. /««^1^«-^ (7ov-iiiia/> waschen, lit 
p/mfft, griech. jrxivw, ^ - r T-N^ ^nL (hpart-anal) stolz sein, 
•*r^W (m^Z'^naiJ nahe kommen, -«r^li«^ (ur-oMalJ lengnen. 
— -M -A fr (anh-anil) fallen. #-»-A^ (bäs-anaj hervorbringen. 
hir^ (ep-müj sein, existiren, ^v.^ (gn-ana) geboren werden, 
Skr.^. A^mXff^(m&f-amd) sterben, altb. t^(c (»rr<>. -^— ^ 
(n^-amil) lernen. 



BeltrSye lur ColUugatioD des armenischen Verbums. 331 

IT. Classe. 

Die hieher gehörigen Verba bilden den Präsensstamm von der 
Wnrzel mitfeist des Zeichens ska^ armen, i, das passend mit dem 
Charakter ^ des Altindisehen, z. B. gaddh von ga-m, axcj im 
Griechischen und eco im Latein verglichen werden kann. Beispiele 
sind: ^j«>ii^i (apa-dhel) bitten, vgl. nt^o^ (ap6ih) Bilte, Gebet, 
und latein. oro. uiJwiiri^ (ama-öhel) sich schämen, vergl. uiJoP^ 
(^amoth) Scham, Schmach. T^w'ii'^z^i_(dana'6hH) kennen, vergl. 
neup. ü^^. (sinä-kh-ian). Rm^i/'i (tliag-öhil) sich verbergen, 
Tgl.^«»f^)!r«»££^Ma^-7i<//^ dass. <I«»^f^^/. (^Artw^-JAi/? ruhen. ^«»A^At 
(phakh'öhilj sich fluchten , fliehen. 

T. Classe. 

Die Verba, welche hieher zu rechnen sind, bilden den Präsens- 
stamm von der Wurzel mittelst der beiden Zeichen der II. oder III. 
und IV. Classe, welche combinirt werden. Beispiele sind: l^pffi'ibt 
(Mc-n-öhü) sich furchten, vgl. ^/rfA«-! (erk-tup) Furcht, k-ffu^i^ 
(kor-n^öhil) zu Grunde gehen, vgl. ^*y«ia#m (kor-ust) Untergang, 
»O^n^ikL (fnäp'-an'öhel) sundigen, vergl. •B'qj^ C^^P4J Sünde, 
A^tn'it^i^fmart-n'öhil) kämpfen, vergl. t/Zv^M (mart) Schlacht, 
Kampf, altb. -»djjl*« (marSdha). 

Nachdem wir die Eintheilung der armenischen Verba nach den 
natfirlichen Merkmalen derselben dargelegt und diese im alten indo- 
germanischen Sprachgute nachgewiesen haben, wollen wir zur Dar- 
stellung jener Zeichen übergehen, mittelst deren die einzelnen Per- 
sonen gebildet werden — der sogenannten Personalzeichen. 

Dass diese in ihrem tiefsten Grunde mit den Stämmen der 
persönlichen Pronomina zusammenhangen, ist aus der vergleichen- 
den Grammatik der indogermanischen Sprachen bekannt. Obwohl 
diese Zeichen im Armenischen, als einer mehr modernen ^rftnischen 
Sprache mehr oder weniger ihre ursprüngliche Gestalt eingebOsst 
haben, sind sie doch noch deutlich als solche zu erkennen. 

Am einfachsten stellen sich uns dieselben im Präsens dar, 
deren Schema ich nach den in meinem Aufsatze: „Zwei sprach- 
vergleichende Abhandlungen zur armenischen Grammatik** ange- 
stellten Untersuchungen hieher setze. Sie sind: 



332 Dr. Fr. Miiller 

Suffixe, in denen niemand die alten Formen m-i, s-i, t-i, m-äs-if 
t-as'ip n-t-if welche bekanntlich in den neueren Idiomen durchaus 
ihren Vocalauslaut eingebösst haben, verkennen wird. 

Äusserlieh von denselben yerschieden, im Grunde aber nur 
eineModification derselben» sind die Suffixe der vergangeneu Zeiten, 
des Imperfects und Aorists. Petermann gibt erstere also an: 

^Mtfg ^l»^ ^'b 

Diese sollen an den Präsensstamm sich anschliessend und durch 
diese Verbindung die Formen des Imperfects entstehen. Betrachtet 
man aber die Formen, wie sie factisch gebildet werden, näher, so 
findet man bei den Verben mit den Charakterlauten t und ^ vor den 
eben angegebenen Personalzeichen statt der betreffenden Charakter- 
laute den Vocal 4^, während die Verba mit dem Charakterlaute «« 
zwischen demselben und den obigen Personalzeichen ein«/ darbieten. 
Da nun aber k in vielen Fällen aus älterem a -j-</ entstanden ist, so 
haben wir, nach Analogie der Verba mit dem Charakterlaute «^^ hin- 
reichenden Grund, auch bei den Verben in k und ^ eine ältere Form 
in irj anzunehmen. Darnach sind die Suffixe des Imperfects viel-, 
mehr also anzusetzen : 

v"^ vA^ vA^ 

Es entsteht nun die Frage, wohin der Laut j zu beziehea ist, 
zum SufGx oder dem vorausgehenden Stamme des Zeitwortes? Iq 
dieser Beziehung wird es gut sein , die Suffixe des Aorists zur Ver- 
gleichuog herbeizuziehen. Diese lauten : 

-^ -Ar» ^V — 

•-«^ •'A^ ^F^ 

Offenbar haben wir dieselben Suffixe wie im Imperfect vor uns, nur 
mit dem Unterschied, das.s, während dort einem jeden Sufßxe ein j 
vorausgeht, es hier vor demselben mangelt. Es ist also das Zeichen^ 
vom SufGx abzutrennen und dem Stamme des Zeitwortes zuzuweisen. 
Dass es aber diesem nicht ursprünglich angehört, beweist der Um- 
stand, dass, während im Präsens und den anderen Formen je nach 



Beitrige zur Coiijug^ation des armenischen Verbnms. 333 

den auslautenden Charaktervocalen des Stammes eine Differenz in 
den Bildungen eintritt, sie hier (mit Ausnalime der Verla in »•.) in 
Bezug auf ^ alle übereinstimmen. — Es kann also darnach«/ nur als 
selbstständiges im Imperfect zum PrSsensstamme getretenes Element 
anfgefasst werden. Was nun seine Erklärung betrifft, so glaube ich 
Dicht SU irren, wenn ich es als Vertreter des s des Verbum sub- 
staDtiyum as betrachte, welche Ansicht durch den Hinblick auf die 
Flexion des Imperfectums dieses Verbums bedeutend an Wahrschein- 
lichkeit gewinnt. Die Flexion desselben lautet nämlich: 

kf = Irj^ (üB-r) kf'1' = ^-A*» (oB-in). 

Dass nun das j in diesen Formen aus altem s (wie in den Formen 
4*2^, -^i»» ^VP und den Genitivendungen »y, y) erklärt werden 
müsse, dürfte wohl niemand ernstlich bezweifeln. Was aber den 
Mangel des ^ vor j in den Imperfectformen der Verba betrifft, so 
ist auch im Altindischen, Griechischen etc. überall dort, wo das 
Verbum substantivum an andere, Verbalstämme angetreten ist, z. B. 
adik8ham^=^a'd%k-(a)sam, iSei^a = i-Seix-(^a)(ja{ii) das anlautende 
a desselben abgefallen, welcher Abfall gar nichts Befremdendes hat, 
da er sich schon in den freistehenden Formen desselben Verbums 
(vgl. altind. s-mas, s-anti, latein. a-umuSt s-unt) nachweisen lässt. 

Nach diesem ist das armenische Imperfectum als eine vom Prä* 
sensstamme aus nach Analogie des schwachen Aorists im Altindischen 
und Griechischen gebildete Form aufzufassen und zunächst mit dem 
lateinischen Imperfectum in -bam zu vergleichen. Der einzige Unter- 
schied, der zwischen diesen beiden Bildungen obwaltet, ist der, 
dass, während dort die Wurzel bhü, hier die Wurzel as, welche 
beide in Hinsicht ihrer Bedeutung nicht weit von einander abstehen, 
yerwendet wird. 

Darnach ergibt sich folgendes Schema der PersonalsufGxe für 
die yergangenen Zeiten (Imperfect und Aorist) : 

-«^ -4p ^I''''' 

Was den Zusammenhang dieser Sufßxformen mit denen des 
Präsens betrifft, so scheinen sie auf den ersten Anblick bedeutend 
Ton einander verschieden zu sein. Indessen bieten sich doch manche 



334 Dr. Fr. MSI I er 

Anknüpfongspuncte, welche» besonders bei den Formen des Plurals, 
tu finden nicht schwer ist Nicht unwichtig ist es auch, auf die 
Suffixe der yerwandten Siteren Sprachen und besonders die durch 
die Vergleichung derselben erschlossenen Ursuffixe zurückzugehen. 
So hftngt gewiss / in der ersten Person Sing, mit dem i des Alt- 
indischen in der ersten Person Sing. Atman^padam. so wie mit dem 
fOr. dieselbe Person geltenden S des Altbaktrischen (yergl. Haug, 
Essays« p. 72) zusammen, ^/r» A* der zweiten Person sowie das /» 
der dritten (im Imperfect) stehen mit den Charakteren derselben 
Personen im Präsens gewiss in irgendwelctibm Zusammenhange. 
Diesen durch Vergleich der neueren Formen unter einander nach- 
zuweisen fällt wohl etwas schwer, da sich im Armenischen ^ = 
altem s nicht nachweisen lässt. Auf ein speciell altindisches oder 
lateinisches Lautgesetz sich zu berufen ist etwas misslich, weil da- 
durch einerseits nichts erklärt, andererseits der Weg zu späteren 
richtigeren Erklärungen yerschlossen wird. Wie ich glaube, müssen 
beide f auf das i, den ursprünglichen Charakterlaut der zweiten 
(yergl. altind. ihds = tha-a-St griech. ao und hf-om) und dritten 
Person bezogen werden; ein solcher Cbergang lässt sich mit den 
Lautgesetzen des Armenischen wohl in Einklang bringen i}. 

Etwas rersehieden Ton den eben besprochenen Suffixen stellt 
sich eine dritte Suffixreihe dar , nämlich die des passiren Aorists. 
Sie lautet: 

^^ *^nr *-^ 

Verglichen mit jenen des Actiys zeigt sie in den meisten For- 
men den Cbersehnss eines •> Tor den Zeichen desselben» wodnrch 
es wahrscheinlich wird, die Reihe also za zerlegen: 

Dieses überschüssige «», in dem der Charakter des Passimins 
eigentlich steckt, richtig za erkl&ren, ist nidit ganz leicht Offen- 
bar haben wir hier eine jüngere speciell eranische Bädng tot nns. 



*\ kmtk 4» f 4n laf«r«t>TS Mtsfn^l <«• alt«« S«fEx ikÄ - tm. 
»> »*»Zt. i fj ^ ^p- 



I Beitrfige znr CoiuHgation des armeuischen Verbuma. 335 

bei deren Erklärung Berufungen auf ältere indogermanische Bil- 

I dnngen nicht ausreichen. Vor der Hand — so lange die Sache nicht 

besser erklärt werden kann — ziehe ich die alte Formation des 
Mediums mittelst des reflexiv gebrauchten Pronominalstammes a 
(Tgl. i»-a-j und w-i, /xr^v (ma-a-m) und w, ihds (iha-a-sj, griech. 

I <7o und «) ib Parallele, welche Formation jedoch gegen die arme- 

nische den Unterschied zeigt, dass, während dort das reflexive Ele- 

I ment an den subjectiven Pronominalstamm antritt, es hier demselben 

I vorausgeht. 

I Was nun die Zeit- und Modusformen des Armenischen betrifft, 

! so beruht deren Bildung auf jenem besonders im griechischen 

Verbum ganz klar ausgeprägten Gegensatze zwischen dauernder 

I und momentaner Handlung — Präsens- und Aoriststamm. Wie 

im Griechischen wird auch im Armenischen die Wurzel, um den Be- 
griff der dauernden Handlung zum Ausdruck zu bringen, mit 
erweiternden Elementen behaftet — denselben, auf welche wir oben 
die EintheiluDg der Verba in fOnf Classen basirt haben, während der 
Begriff der momentanen Handlung in der Wurzel selbst unmittel- 
bar seinen Ausdruck findet. Dies letztere kann freilich nur bei 

' echten Wurzeln, d. h. jenen Verben geschehen, welche unmittelbar 

auf die reine Wurzel zurückgehen, während abgeleitete Verba zu 
einem andern Mittel greifen mOssen, um dasselbe thun zu können. 
Es muss nämlich in diesem Falle die Wurzel des Verbum substanti- 
vum as nSein** die Stelle der Wurzel einnehmen und das sonst von 
der Wurzel des Zeitwortes selbst Ausgedrückte zur Anschauung 
bringen. Diese Bildungen nennt man gewöhnlich schwach, gegen- 
über den ersteren, den starken. 

Da eine momentane Handlung in der Gegenwart streng 
genommen gar keine Darstellung finden kann, indem sie, ähnlich 
dem Blitzstrahl, gleich bei ihrer Erscheinung eigentlich schon der 
Vergangenheit angehört, so ist eine Präsensform von dem unmittel- 
bar auf die Wurzel selbst zurückgehenden von uns schlechtweg 
genannten starken Aoriststamme gar nicht vorhanden, sondern diese 
geht immer auf die erweiterte Wurzel, den sogenannten Präsens- 
stamm, zurück. Der starke Aoriststamm wird meist nur zur Darstel- 
lung von in der Vergangenheit liegenden Handlungen verwendet, natür- 
lich nur solchen, welche als momentan aufgefasst werden, während 
für den Ausdruck jener Handlungen , welche als dauernd, sich 



336 Dr. Fr. Möller 

entwickelnd befrachtet werden müssen» wieder der Präsensstamm 
zur Verwendung kommt. Die Hinweisung auf die Vergangenheit 
erfolgt durch das Augment (über dessen Bedeutung vgl. die Beiträge 
Yon Kuhn und Schleicher, III.), welches aber im Armenischen 
meistens, da die Formen durch ihre von den Präsenssuffixen ver- 
schiedenen Suffixe hinreichend charakterisirt sind, wegfallen kann. 

Diese drei Zeiten (Präsens, Imperfect, Aorist) sind diejenigen, 
welche das Armenische aus der älteren Spracbperiode fiberkommen 
hat; die übrigen werden, wie wir unten näher bemerken werden, 
durch Verbindung von Participialformen mit Bildungen des Verbum 
substantivum oder durch Stellvertretung anderer Sprachformen um- 
schrieben. 

Was nun die Modusformen des Armenischen betrifi't, so finden 
wir ausser dem Indicativ einen Conjunctiv und Imperativ vor, und 
zwar letzteren in allen Zeiten, ersteren nur im Präsens und bruch- 
stückweise im Imperfectum. 

Die Suffixe des Conjunctivs sind : 

Dieses Schema gilt für alle jene Verba, die den Charakterlaut <■', 
^ t- haben, während bei den Verben mit dem Charakterlaute »c 
statt iS^, 4 überall "m. eintritt. Nebstdem ist zu bemerken, dass bei 
den Verben in ^ dieses letztere einem ^ Platz macht, bei den Verben 
in ^ die obigen Suffixe sich unmittelbar an den Präsensstamm an- 
schliessen, während bei den Verben in — zwischen dem Präsens- 
stamm und den oben angegebenen Suffixen ein j erscheint. Ich 
glaube bei dieser Erscheinung — wie auch in anderen Bildungen — 
auf die Verba in «» ein besonderes Gewicht legen zu müssen. Da 
man in denselben das j unmöglich als phonetische Beigabe, noch 
etwa als eine Erweiterung des Stammes ansehen kann, da ja der 
Indicativ von demselben ganz frei ist, so bleibt nichts anders übrig, 
als dasselbe dem Suffixe zuzuweisen. Wir erhalten darnach für die 
Verba in u, folgendes Schema : 

yßS^'Q: ^d^ -tß^lr''' 

Da nun^ in diesen Formen unmöglich als h aufgefasst werden 
kann, indem das Abfallen desselben bei den anderen Bildungen 



Beiträge zur Conjugition des armeoischen Verbums. 33 T 

lautlich unerklärlich bliebe, so ist es ofTenbar, dass wir in demselben 
ein y, respective i zu suchen haben, welches nach »^ in j Qber^ 
gehen musste. Es ist also vielmehr folgendes Schema anzusetzen: 

-Aar^-i^ -h^ -Ar^^» 

welches vollkommen den Conjunctiv des Verbum substantivum 
reprftsentirt und folgende altindogermanische Formen voraussetzt: 
as-yäm as-yds as-yät 

as-yäm-as as-ydi-aa as-ydni. 

Diese alten Formen wird Jedermann nach einigermassen auf- 
merksamer Betrachtung in den obigen armenischen leicht wieder- 
erkennen. — Was nun ihre nähere Lautentsprechung betrifft, so 
ist ^ = » nach den von uns anderwärts (Beiträge zur Lautlehre der 
armenischen Sprache 11, S. 6) gegebenen Parallelen ganz gerecht- 
fertigt; ebenso darf uns ^ == d nicht auffallen, wenn wir bedenken, 
dass das Armenische die Quantität der Vocale Oberhaupt mehr oder 
weniger eingebüsst hat. 

Um zii unserem Conjunctiv wieder zurückzukehren , so 
schliessen sich die Bildungselemente desselben — nämlich der Op- 
tativ des Verbum substantivum — an den Stamm der Verba in m» 
unmittelbar und unversehrt an, während bei den Verben in a- und 
l» der Charakterlaut mit dem ^ der darantretenden Optativform des 
Verbum substantivum verschmilzt. Die Verba in i»<. lassen nicht nur 
das darauf folgende ^ in dem Charakterlaute »«. aufgehen, sondern 
assimiliren ihm auch noch nach einer Art von Vocalharmonie den 
Vocal der darauf folgenden Sylbe (vergl. Beiträge zur Lautlehre 
der armenischen Sprache II, S. 9, Note 1). 

Der Conjunctiv kommt, wie bereits bemerkt worden, nur im 
Präsens und bruchstückweise im Imperfectum vor; der Aorist, der 
bekanntlich in zwei Bildungen (stark und schwach) sich nach- 
weisen lässt, kennt diesen Modus nicht. Dafür haben wir aber 
vollen Grund, in dem Futurum (das ebenfalls in zwei Bildungen — 
stark und schwach — sich nachweisen lässt) einen ursprünglichen 
Conjunctiv des Aorists zu suchen. — Der Conjunctiv, z. B. des 
schwachen Aorists, müsste, der Analogie nach, also lauten: 

^a^ba^"^ ^a^a^" -a^a^ 

^-a^l'a^'Q! -a^a^ -^•Äsr^^^ 



338 Dr. Fr. Maller 

Davon weichen die Bildungselemente des schwachen Futuroms 
nicht bedeutend ab, ja sie sind offenbar daraas entstanden. Diese 
nämlich sind: 

-ü-s"^ -ir-sh -^irff^^ 

^^u^n^ •'-^Ikp -«-^^^. 

Der Unterschied 9 welcher zwischen diesen beiden Schemen, 
nämlich dem oben angesetzten hypothetischen des Conjunctivs des 
Aorists und dem wirklichen des Futurums, obwaltet, besteht in -zwei 
Puncten: 1. In der Abwerfung des ^ vor dem g des Conjunctiv- 
zeichens, des alten a Tor der Wurzel as; 2. In gewissen laut- 
lichen Veränderungen, so des 1^4^ (dms = dmasi) in »*^, welche 
Verwandlung auf einem weit verbreiteten Lautgesetze beruht; in 
dem Obertritt des Aoristzeichens ^ in «, worin wir nur eine ältere 
Lautstufe erhalten sehen; in dem Übergange des^ in der zweiten 
Person plural. in ^, was einer Verwandlung des s (altb. -t») in sh 
(altbaktrisch (jg) entspricht. 

Nach diesen Betrachtungen Aber die yerschiedenen Suffix- 
scheroen ist es nicht nothwendig, mehr als zwei Formen der Per- 
sonalsuffixe anzunehmen, nämlich eine Form fOr das Präsens Indica- 
ti?i, den Conjunctiv und das Futurum, und eine zweite fQr das 
Imperfect und den Aorist. Diese beiden Formen sind : 

Nachdem wir die formellen Fragen in Betreff der Tempora und 
Modi des Armenischen grösstentheils im Vorhergehenden erledigt 
haben, bleibt uns nur mehr ein Punct, nämlich das Zeichen des 
schwachen Aorists, welches ^ ist, zu untersuchen. 

Unzweifelhaft ist ^ nach dem, was bereits beim Conjunctiv 
über diesen Laut bemerkt worden, an das s des Verbum substanti- 
vum as anzuknüpfen. Darnach entspricht armen, "fic^sf (sir^zO 
amavi einem alten sir^asi. Die Imperfectfoim "fp^f (sirSi) ama- 
bam, setzt aber ebenso sir-ahi = sir-asi voraus. Es liegt demnach 
hier eine vollständige Identität der Imperfect- und Aoristbildung 
vor. Diese Identität darf uns aber keineswegs auffallen, denn solche 
ursprungliche Identität zweier später divergirender Bildungen ist in 



Beitrage zur CoDJugatioD des armen ischeo Verbums. 339 

der Sprachgeschichte nichts Seltenes. So waren im Neupersischen 
der Aorist (^^^ (burdam) ich trug) und der Perfectum (J aj^ 
{Mtrdah-am) ich habe getragen) gewiss einstens identisch gewe- 
sen, sind aber durch den verschiedenen Grad der Cohäsion zwischen 
der Form des Particip. perfecti passivi (das hier acti?e oder viel- 
mehr neutrale Bedeutung annahm) und Verbum substantivum zu 
verschiedenen Sprachformen geworden 9* Ebenso sind im Armeni- 
schen die Genitive in 1/ und «v^, obwohl einer einzigen Quelle (as^ 
entsprossen» dennoch laatlich von einander getrennt Ähnlich wie 
j und ^ stehen auch j und jj des Imperfects und Aorists von einander 
ab. Lautliche Differenzirung scheint Oberhaupt der Factor gewesen 
zu sein, der diese zwei ursprQnglich gleichen Bildungen zu ver- 
schiedenen gestaltete und ausprägte. 

An diese Darstellung wollen wir gleich die des Participiums 
in it^x» das zur Umschreibung gewisser Verbalformen verwendet 
wird, und des Infinitivs in A^^ etc. anschliessen. 

Das Participium in ^««y^, das sowohl active als passive Bedeu- 
tung in sich vereinigt*), kann sowohl vom Präsens- als vom Aorist- 



1) Wibrend im Neuperaischen die Form des Particips in ta, da dem Aorist und jene 
im iah, <2aA (wahrscheinlich für Siteres ta-k) demPerfect und den damit zusammea- 
hSogenden Verbalformeo zukommt, findet im MAzandarArischen Dialekt oft das 

Gegentheil davon Statt, z.B. ^AJ^U (Dorn und M. Schaf!« S. 24) =: 

.^; A^U (Dom, S. 17, IS, 19 etc.) = J^; A:£jb (Dorn, S. 18) = 

J^Ij ; Ac Jb (Dorn, 8. 59) = J d Jü ^ ; iil^ (Dorn, 8. 51) = A ^A^ ; 

A40 J^U (Dorn, 8. 20, 98) = Oy AJ^; A*i «JUIJ (Dorn, 8. 26) = 

"' - *• r • >/ 
Jy dlmJli ; AIü ^yJlj (Dorn, 8. 51) s= Ji> Jji A JlJJI» etc. Ebenso lautet 

das Particip perf. im Sinne eines passiven oft ohne -ah aus; z. B. ^j**^^ = 

AImJ (Dom, 8. 107, 111); sZm J ylj = Al«JJi (Dorn, 8. 119) etc. 

S) Wie auch das Participium perfecti in -tah, -dah im Neupersischen, z. B. »I A «Xijj 
Cguzidah'om) ieh habe ausgewählt ^ ich bin einer, der ausgewfihlt hat, 
nnd AJü^lS (ffuzidah) ausgewählt, electua. — *i ilJxZi (Hkastah-am) ich habe 
gebrochen = ich bin einer, der gebrochen hat, und A">Js^ C*^kaMahJ 
gebrochen, fractiu, — J\ Al^jy (nimitah-am) ich habe geschrieben = ich bin 
einer, der geschrieben hat, und CZ»y (nivHtah) geschrieben, teriptus etc. 



340 Dr. Fr. Müller 

stamme gebildet werden. In der Flexion AUlt es mit den Formen 
des Infinitivs in -i^^, ^«»^, ^-^o ^At zusammen. Dieses berechtigt 
uns eine innige Yerwandtsehaflt, wenn nicht eine ursprüngliche Iden- 
tität beider, zu vermuthen. — Ich halte, was das Suffix des Parti- 
cipium betrifft, dasselbe mit dem Suffixe des altslavischen Particip. 
perf. act. II a& für gleich, das Mi k los ich, nach meiner Ansicht 
ganz richtig (AltsloT. Formenlehre S. 94) an das Sanskritsuflix la 
in bhamla „eanstens'^ etc. anlehnt. Einen Beweis daf3r, dass diese 
Parallele richtig ist, und man altslavisches a% nicht mit sanskriti- 
schem ta in Verbindung bringen dürfe (wie man früher gethan hat) 
— abgesehen von der lautlichen Schwierigkeit — bietet das Bengjilt, 
wo die Form Uffjlf^TtJI (dekhildm) „ich sah**, eine Imperfect-, 
die Form Uffjlj^t^I (dSkhüdm) „ich sah**, hingegen eine Aorist- 
form darstellt. Dass aber der Infinitiv (ursprünglich der Casus einer 
Nominalform) mit dem Participium recht gut identisch sein könne, 
beweisen unter anderm die iranischen Sprachen» in denen das Suffix 
des Infinitivs -tan» -daiu altpers. -tanaiy. nichts anderes ist als der 
Local einer besonders bei Adjectiven verwendeten Bildung in tana^ 
z.B. altind. hyas-tanüf nü-tana (= nava-tand)^ latein. cras-tinus, 
serO'tinuSt pris-tinus etc. Ich halte also nach diesem den armeni- 
schen Infinitiv für einen Casus derselben Bildung, welche den 
Participialformen zu Grunde liegt. 

Obersehen wir die Conjugation des armenischen Yerbums, so 
stellt sich der Stand der Formen also dar: 

A. Einfache Formen, d. h. jene, welche die Sprache aus Älterer 
Zeit überkommen. 

1. Präsens, und zwar Indicativ, Conjunctiv und Imperativ. 

2. Imperfectum: Indicativ und Conjunctiv. 

3. Aorist, starke und sehwache Bildung. 

4. Futurum, starke und schwache Bildung. 

B. Zusammengesetzte Formen, d. h. welche die Sprache in 
späterer Zeit auf Grundlage älterer Elemente selbst gebildet. 

1. Perfectum durch Verbindung des Aorist-Pa.rticipiums mit dem 
Präsens desVerbum substantivum. 

2. Plusquamperfectum durch Verbindung des Participiums mit 
dem Imperfectum desVerbum substantivum. 

3. Futurum exacf um durch Verbindung des Participiums mit dem 
starken Futurum des Verbums /^quJbfi^, 



Beiträge zor Conjugitioo des armeniseheD Verbnms. 

Prisens Indlcati?. 
^Pjjm:iit>r(har^'ane'm) 



341 



altb. *6-«^'w (pirigd-mi) 

altind. prööha-si 

altb. *?*-*(^fo (piregai'tij 



*fy»Qjm»i)io {pirigä-mahi} 

pirSga-iahi) 
*?^***^^{ö (pir^gai-nti) 



m^mu^ (jydtd) 
K**eL (iyen) 



altind. syds 



^pgm'hk (har^-anS = 

kar^-anä-j) 

^u^i^Y,^ (har^'anS^ = 

^Mm/ttjMi'ütr'b (har^^anä-n) 

Präsens CenJaDctU. 
^PSsu-bf^str (har^-an-i^im) ahb. ^\**}!L (qyem) 

^f,gMn»l,giru (har^-an-i^is) 
^MUf^m%f,ffk (har^-an-i^S = 

har^-an-i^ij) 
^lfuf'i>^ß&4g (har^-an-i^irnj) 
^i^uAf^kif (har^'an'ic;ii = 

^l^gtu'b^g&'ü (harzanizän) 

Imperall?. 
^a,puu,'b^P (harz-an-ir) altb. *(^^\i^i^ (Hrinüi-dhi) 

^MMfgu.'bk^! (karz-anS^ = ^ -?-?-*ö*ct«> (ugihista-ia) 

harz-an-ij^J 

Imperrectam. 

altind. a-yd-si 
„ a-yd sihds 
M a yd'Sia 
M a-yd-smahi 
„ a-yd-ähvam = 

^ a-yd- «ato = a-yd-santa 
Aerist» stark. 

• altind. a-lip-i 

„ a-lip-aüids 

„ a-lip-ata 

n a-lip-dmahi (alipdmasa) 

^ a-lipata (alipatas) 

» a'Up-an 



u,^jt (apaji) 
'^wh (apa-jirj 
'^WP (apa-jr) 

•^f^hg C^pa-ßO 
'^wP' (apa-jin) 



W^A (harZ'O 
^s^Pff&P (harz'ir) 

^PffPb (harZ'in) 



342 Dr. Fr. M u 1 1 e r , Beitrage zar CoigagaUoii des armenisclien Verbnms. 

Aorist, schwach. 



^uiJTmfilrßlrf» { hümarr i-^Sv) 
^Juf^iruMß (hamar-^-a^) 

^JTmpirßlig (^hamar-i'^ijj 

^utJ^pirgPü (hamar-i-T^in) 

Faturam^ stark. 
^tu^lfi^ (hat-shi^) 



altind. a-bddh'i^shi 
„ a-bodh-i'shihds 
» a bodh-i'shia 
„ a-bodh-i-shmahi 
j9 a-bodh'i'Shta 

(a-bodh-i slUas) 
f, a-bodh'i'shus 

(a-bodh'i shant) 

Fnlurum, schwach. 
^XuiplruftLg (hamar^'S'Shi^) 



Perfectam indlcativi. 
^uipijiruti^irJ^ (kardial ^m), vgl. neup. J AJu.*y (pursidah am) 

Perfectuiu cenjunctivl. 

^mpijlrMu^^ f,ßyx (havT^eal iz^J, vgl. neup. x^li äJ^j {purstdah 

bASam) 

PlnsquamperfectoiD. 

^utpßkuii^kf' (kardial ii),yg\. neup. »^y Aju^i (ptirsidah budamj 

Futurum exactuu. 



VcrseiehniM der «iapeginfncB Druckschriften. 



343 



VRRIBiCBNISS 

DER EINGEGANGENEN DRUCKSCHRIFTEN. 

(APRIL 1863.) 

Aceademia di scienze e lettere di Palermo: Atti. Noya Serie. 
Vol. II — lU, Palermo, 1853 & 18S9; 4«. — Statistica della 
istruzione pubbliea in Palermo deirAnno 1859. Per Federieo 
Lancia di Brolo. Palermo, 1860; 8<». 

Akademie der Wissenschaften , Königl. , zu Amsterdam: Yer- 
handelingen. Vm. Deel. Amsterdam, 1862; 4^ — Verslagen en 
Mededeelingen. Afdeeling Letterkunde. Deel VL 1862; Afdee- 
ling Natuurkande. Deel XIII & XIV. 1862; 8«. — Jaarboek 
voor 1861. 8«. — Register van Hollandscbe en Zeeuwscbe 
Oorkonden, die in de Charterboeken van vanMierisenKluit 
ontbreken. I. Afdeeling« Amsterdam, 1861; 8«. 
— der Wissenschaften, Königl. Preussische, zu Berlin: Corpus 
inscriptionum latinarunu Vol. L Inscriptiones antiquissimae 
ad C* Caesaria mortem. Edidit Theodorus Mommsen. Bero- 
Uni 1863 ; Folio. Voluminis /' tabulae lithographae. Priscae 
latinUütis monumenia epigraphiea, Edidit Fridericus Bit- 
scheliu8. Berolini, 1862; gr. Folio. 

Alterthums-Verein zu Wien: Beriehte und Mittheilungen. 
Band VL Wien, 1863; 4o. 

American Journal of Science and Arts. Vol. XXXV. Nr. 103. 
New Haven, 1863; 8». 

Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. N. F. X. Jahrgang, 
Nr. 2. Nürnberg, 1863; 4o. 

Bericht des k. k. Krankenhauses Wieden vom Solar-Jahre 1861. 
Wien. 1863; 4». 

SiUb. d. phil.-hist Cl. XLII. Bd. 11. Hft. ^^ 



344 VerieiohiiJ9# 

Bonn» Universität: Akademische Gelegenheitsschriften aus dem 

Jahre 1862. 4« & 8<». 
Buschmann, Joh. Karl Ed., Die Verwandtschafts -Verhältnisse 

der athapaskischen Sprachen. II. Abtheilung des Apache. 

(Abhandl. der K. Pr. Ak. d. W. zu Berlin 1862.) Berlin, 1863 ; 

40. 
Charencey, H. de, La langue basque et les idiomes de TOural. 

I' fascicule. Paris, 1862; 8». 
Documents iu^dits sur Thiftoire ((^Fr^ince: M^moires militaires 

relatifs ä la Succession d^Espagne sous Louis XIV. Tome XI. 

— Atlas des Mimoires militaires contenant des cartes , plans 

et tableaux annex^s aux 8«, 9% 10* et 11* Volumes. Folio. 
EUero, Pietro, Giornale per Tabolizione della pena di roorte YL 

Bologna, 1863; 8«. 
Ermerins» Francmetu Zaehmriaa^ Hifpocraiis ei aliorum medi- 

eofum vei^rwn reliquiae. VoL J7. Trajecti ad Rhenum, 

Lipaiae, Parisiis» 1862; 4®. 
Gesellsohaft, Deutsche morgealindische: Zeitschrift« XVIL Bd., 

1. & 2. Heit Hil 11 Kupfertafeln. Leipzig, 1863; 8«. — 

Indische Studien. VII. Bd. 1. & 2. Heft Berlin, 1862; 8«. 
T— der Wi^s^sichaften, K&nigl., zu Goltingen: Göttiogische 

gelehrte Anzeigen. L — m. Band auf das Jahr 1862. Göttio- 

gen; 8^ — Nachrichten ron der Georg- Angosti-UniTersi tat 

und der köaigUchen Gesellschaft der Wissensehaftea za Göt- 

tiogea. Vom Jahre 1862. Göttingen; 8«. 
Hf^idii^ger, W*» Zur Erinnerung an Franz Zippe. (Mitgatkeilt in 

der Sitzung der k. k. geoiog. Eeichsaastalt an 3. Min 1863.) 

($titata»9eale»Umhardodiscieaze, leltereedarU: AttL Vol.in. 

Fase. 9—10. Milaao, 1863; 4«. 
— , I. E., Veaeto di scienze, teltere ed arti: Atli. Tom VID\ 

Serie 3% Disp. 3'— 4\ Venezia, 1862—1863; 8«. 
Karadzics, Yak SteC, Serbische Volkdieder. IV. Bd. 1862; 8*. 
Mittheilangen der k. k. Central -Coamissioa zur Erforsehmg 

und Br^ltwig der Bandenkmale. VOL Jahrgang, Nr. 4. Wieo. 

1863; 4«. 
— aus J. Perthes' geagraphiaeher Aastalt Jahrgang 1863. 

III. Heft. Gotha; 4«. 



der eiB^e^B^eoeii DruckschrifteB. 345 

Reomont, Alfredo, Dei Commentari di Carlo Quinto Imperatore. 
(Estr. dair Archivio storico italiano. N. S. T. XVI.); 8«. 

Rosny, L^on de» Revue am^ricaine et Orientale. Tom III*. Paris, 
1860; 8». 

Sh reiben. Das, des Deutshen. I. Riga, 1862; 8«. 

Valentinen!, 6., Esposizione di rapporti fra la repubiica veneta 
e gli Slavi meridionaii. Brani tratti dai diarj di Marino Sanudo 
esistenti neir i. r. biblioteca di S. Marco. 1496—1833, Vol. I, 
1496— ISIS. Venezia, 1863; 8^. 

Verein, historischer , für das Grossherzogthum Hessen: Archiv 
fOr hessische Geschichte und Alterthumskunde, X. Bd. 1. & 2. 
Heft. Darmstadt, 1863; 8^ — Hessische Urkunden, II. Bd. 
2. Abtheilang. Darmstadt, 1862; 8». — Die Wüstungen im 
Grossherzogthum Hessen. Von G. W. Justin Wagner. 
Provinz Starkenburg. Darmstadt» 1862; 8«. 
— , historischer, von Oberpfalz und Regensburg: Verhandlungen. 
XXI. Band (XIII. Bd. der neuen Folge). Regensburg, 1862; 
8«. 
— , historischer, för Unterfranken und Aschaffenburg: Archiv, 

XVI. Bd., 2. & 3. Heft. WOrzburg, 1863; 8«. 
— , Serbisch-literarischer, zu Belgrad: Glasnik. XV. Bd. Bel- 
grad, 1862; 8». — Ada archivi veneti etc. Fase. 11^ conü- 
nens acta ab CCC usque DLVl Beigradi, 1862; 8^. 

Wien, Universität: Verzeichniss der Vorlesungen im Sommer- 
Semester 1863. Wien; 4«. 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



PHILOSOPHISCH- HISTORISCHE CLASSE. 



XLII. BAND. III. HBFT. 



JAHRGANG 1863. — MAI. 



24 



349 



SITZUNG VOM 13. MAI 1863. 



Vorgelegt! 

Eine hütarisch archäologische Abhandlung über Livia^ die 
Gemaldinn des Kaisers Augustus. 

Von dem w. H. Prof. Aschbaeh. 

(rar «i« DenktehrifteB.) 

Die erste Abtheilung der Abhandlung ist der Geschichte der 
Li?ia gewidmet, und es werden zunächst mitgetheilt ihre früheren 
sehr bewegten Lebensschicksale bis auf ihre Verheiratung mit 
dem Triumyir Octavianus. Sodann wird sie als Gemahlinn des Au- 
gustus sowohl im häuslichen wie im öffentlichen Leben geschildert 
und nicht nur die Art und Weise dargelegt, wie sie verstand» 
dauernd ihren Gomahl zu fesseln, sondern auch ihr mächtiger 
Einfluss auf die Regierungsangelegenheiten und ihre Stellung zur 
kaiserlichen Familie beleuchtet. Sie wird in letzterer Beziehung 
gegen manche nicht erwiesene gehässige Anschuldigungen von 
verQbten Verbrechen, zur Erhebung ihres Sohnes Tiberius, in 
Schutz genommen, obschon zugestanden werden muss, das^ 
es recht eigentlich ihr Werk war, dass Augustus den Tiberius zu 
seinem Nachfolger in der Kaiserherrschaft bestimmte. — In dem 
weiteren Abschnitte erscheint die Livia, nun Julia Augusta genani»» 
und zur Priesterinn des vergötterten Kaisers bestellt, als Mitregentinn 
ihres Sohnes, dessen grausamer Herrschaft sie sich, so lange sie 
lebte, mit Entschiedenheit widersetzte, wodurch sie in vielfache 

24 • 



350 Aschbach. Eine historisch archSoIog-ische Abhandlung etc. 

Zerwürfnisse mit demselben gerietb. Eadlicb wird von ibrer uiUer 
Kaiser Claudius erfolgten Conseeration und dem für die Verebrung 
der Diva Julia Augusta eingefQbrten Cult, wie aueb Ton den sie 
sonst nocb betreffenden Denkwürdigkeiten gehandelt. 

In der zweiten oder arehäologiseben Abtbeilung werden die 
der Livia gewidmeten Bildwerke — Statuen, gescbnittene Steine, 
Münzen — besprocben, welche in den grossen Sammlungen zu 
Wien, Paris, St. Petersburg, Neapel, Florenz etc. nocb aufbe- 
wahrt werden. Da auf den beiden zu Wien und Paris befindlichen 
Cameen, deren Darstellung gewöhnlich unrichtig die Apotheose 
des Augustus genannt wird , auch die Kaiserinn LiWa yorkommt, 
so wurde diesen zwei Kunstwerken eine nähere und zwar yerglei- 
chende Betrachtung gewidmet, und die eingehende Untersucbung 
bat zu Ergebnissen geführt, welche die Erklärungen deutscher und 
französischer Archäologen in mehrfacher Beziehung ergänzen und 
berichtigen. 



A. Jager, Über das rhatische Alpenvolk der Breuni oder Breoneu. 351 



Über das rhatische Alpenvolk der Breuni oder Breonen. 
Von dem w, M. Albert Jäger. 

Unter den rhätischen Alpenvölkern, welche durch die Stief- 
söhniB des Cäsar Augustus, Drusus und Tiberius im Jahre Roms 739 
vor Christus 18, der römischen Herrschaft unterworfen wurden, 
nennen gleichzeitige Schriftsteller und Denkmäler auch die Breuni 
oder wie sie später genannt wurden, die Breones. 

Dieses Volk muss, wie mehrfache Gründe anzunehmen berech- 
tigen^ eine besondere Wichtigkeit gehabt haben. Zunächst spricht 
schon der Umstand dafür, dass es unter den 44 besiegten Alpen- 
Völkern, welche das Trophäiim des Augustus kennt» von Horatius 
neben den Genaunen und Vindelikern vorzugsweise genannt wird, 
worin wir ohne Zweifel den Beweis erblicken dürfen, dass es sieh 
im Vereine mit den Genaunen im Kampfe gegen die Römer ausge- 
zeichnet hat. Dann zeigt uns die Geschichte die merkwürdige 
Erscheinung, dass dieses Volk der Breuni die Schicksale aller 
andern mitunterjochten rhätischen Alpenvölker und der Provinz 
Rhätipn selbst, ja sogar die Stürme und Umwälzungen der Völker- 
wanderung überdauerte und immer und immer wieder als fortbe- 
stehend zum Vorscheine kam. Während die Namen der Lepontii; 
Triumpilini, Camuni, Ruguscl, Vennonetes, Isarci, Genauni u. s. w. 
im Laufe der römischen Herrschaft sämmtlich in dem allgemeinen 
Namen der Rhätier untergingen, während sogar der geographische 
BegrilT Rhätiens sich allmählich verengte und vom 6. Jahrhundert 
an selbst der Name zu verschwinden anfing, begegnen uns die 
Breuni oder Breones im 6. Jahrhundert in den Schriften des 



352 Albert JSger 

Cassiodorus, des Jordanis, Venantius Fortunatus und Gregorys von 
Tours, im 8. Jahrhundert in den Schriften Aribo*s und Paul Warne- 
fried's, ja noch in Urkunden des 9. Jahrhunderts. 

Unstreitig ist dies eine auffallende Erscheinung; und die lange 
dauernde, den Untergang aller andern rhätisehen Stammspeciali- 
täten und die römische Herrschaft und Provinzeinrichtung iind 
selbst die Zeit der neuen Völkergründung überlebende Fortexistems 
eines eben nicht grossen Volksstammes kann ohne besondere Ur- 
sachen nicht gedacht werden. Entweder besassen und wahrten die 
Breuni eine solche Fülle unvertilgbarer Volksthümlichkeit, dass sie 
sowohl dem Alles absorbirenden römischen, als auch später dem 
gothischen und selbst bajovarischen Einflüsse zu widerstehen ver- 
mocliteii, oder die Furtdauer muss äu^isern Umständen, oder beiden 
zugleich zugeschrieben werden. 

Die seltene Erscheinung ist ohne Zweifel einer Untersuchung 
werlh, darum soll es Aufgabe der vorliegenden Abhandlung sein» 
sie zu erforschen. Zu diesem Zwecke beschäftigt sich diie Abhand- 
lung zunächst mit dem Nachweise, wie lange wir die sicheren 
Spuren des Daseins der Breuni verfolgen können; geht dann zur 
Untersuchung über, in welchem Gebiete der Alpen wir ihre Wohn- 
sitze Gnden, und schliesst im dritten Abschnitte mit der Darstellung 
ihn?r Eigenthümliehkeiten und Verfassungszustände» ihrer Schick- 
sule und ihres allmählichen Yerschwindens. 



Das Dasein der Brennt bis In das nennte Jahrhnndert. 

Der Erste, der uns mit dem Dasein der Breuni bekannt macht, 
ist der römische Dichter Horatius, Zeitf^enos.^e des Augustus und 
der Eroberung Rhatiens. In der 14.. Ode des IV. Buches seiner 
Gesänge, in welcher er die Thaten des Augustus preist, zeichnet 
er mit kühnen Pinselstrichen den siegreichen Feldzug des Drusas 
gegen die rhälisch-vindeliciüchen Alpenvölker und nennt unter den 
Überwundenen neben den Genauneri auch die Breunen. 

maxime principnm, 

Vindelici didicere nuper 

Quid Marte posses. Milite nam tuo 



über da* rhatische AIpenTolk der Breuni oder Breonen. 353 

Drasus Genaunos, implacidum genus, 
Brennosque Teloces 0' et arces 

Alpibus impositas tremendis 
Dejecit acer plus nee simplici. 



t) Horatini ex recens. Orellii. Turici et Londio. 1837. lib. cann. lY. 14. — Des 
Kaapfes mit den Rhitiern erwibnt Horatius auch io der 4. Ode desselben Buches 
wo er tiagt: 

yVidere Raetit bella sub Alpibus 
Drnsttm gerentem Vindelici . • . 



Lateqne Tictrices caterrae 

ConsUiis juTeuis reTictae 

Sensere, quid mens rite, quid indoles, 

Nutrita faustis sub penetralibus 

Posset, quid August! paternus 

In pueros animus Fierones*. 



Bs trigt snr Klarheit der folgenden Untersuchung sicherlich bei, wenn gleich 
hier im Eingänge die Kritik der xwei, die Rhätier und Breunen betreffenden 
Stellen des Horatius vorangeschickt wird. Ich verdanke die Andeutungen hierüber 
der freundlichen Geßlligkeit meines verehrten CoUegeo, des Herrn Professors 
Yahlen. Bekanntlich variirt der Teit der 4. Ode des IV. Buches so, dass neben 
dem „Videre Raetis — sub Alpibus ^ Vind elici" auch gelesen wird: «Videre 
Raeti belle sub Alpibus Drusum gereutem et Vindelici** und in der 14. Ode 
desselben Buches anstatt »Genauuos** und «Breunosque** — „Mannes* 
Brennosque*. Vor Allem mass gefragt werden, was die Handschriften lehren. 
Den Nominativ ^Raeti* haben die filtesten Codd. Bernensis saec. VlII. vel 
ineuutis IX., Turicensis saec. X. ; auch die Mehrzahl der übrigen Handschriften 
bat den Nominativ »Kaeti", nur dass sie in der Orthographie abweichen und 
bald Reti, bald Rheti, bald Rethi etc. schreiben. — Den doppelten Nominativ: 
„Raeti . . . Vindelici* haben auch die Scholiasten Acrou und Porphyrion. 
»Den Ablativ „Raetis^ hingegen weisen die Codd. Regioensis saec. XJ. San> 
gallensis saec. X. von der ersten Hand, eine xweite Hand corrigirte „Raeti*; 
dann swei Codd. des Carl Fea. — Die Leseart: „et Vindelici* hat nur ein 
Cod. Battelianus, und die Ausgabe des Torrentius (Antwerp. 1620) nach Hand- 
schriften; alle alteu und guten Codd. haben das „et* nicht. 

Es fragt sich nun, welche Leseart deu Vorzug verdieat? Da die Leseart: 
„Raeti et Vindelici* schon von Rieh. Beut le 7 (Horat. Place, etc. Cantabri« 
giae 1711) und in neuester Zeit auch von Orelli (Horat. Flacc. etc., Turici 
et Londin. 1837) als zu wenig begründet verworfen wurde, so dreht sich die 
Frage nur um den Ablativ ij^aetis* oder den Nominativ «Raeti*. FürUaetis 
kämpft Bentley in der Note zur betreffenden Stelle S. 159; seine Grunde sind 
aber nicht über jeden Zweifel erhaben ; erstens zerrt er an den Handschriften , 
weiche Raeti haben, indem er z. B. kagt: Accedunt Codd. Torreutii et veter- 
rimus noster Graevianus, qui Retii habent^ quod a Retiis scribanim errore 
fluxisse videtur, et magis adhuc Reginensis, in quo Reli nunc habetur, litera 
quadam^ quae sequebatur ernaa*. Das sind nicht Beweise gegen, sondern für 



354 Albert Jäg^er 

Zur Verewigung des Sieges über die zahlreichen Völkerstämme, 
welche den, Italien im Norden umschliessenden Alpengürtel bewohnten, 
wurden an verschiedenen Orten Trophäen errichtet, ein sprechen- 
der Beweis, dass der Sieg nicht nur für Rom und Italien grössere 
Bedeutung hatte, sondern auch mehr Schweiss und Blut gekoste^ 



Raeti. Zweitens weiss ich nicht, ob »Raetis alpibas" für aRaeticis alpibas" 
ohne Weilers als eine Horatianische EigenthfimUchkeit betrachtet werden kano. 
Oreili S. 461 schliesst sich an BenUey an und gibt auch dem «Raetis", als der 
richtigeren Leseart den Vorzug. So viel steht nun fest, dass Bentley und Oreili 
und auch Heinsius die Leseart «Raetis« für die bessere halten, dass aber dem 
Gewichte der Handschriften gegenüber, die eben so für «Raeti* wie für »Raetis* 
sprechen, die Frage auf dem philologischen Wege aliein nicht leicht bu ent- 
scheiden ist; dies kann nur geschcJien, wenn man die Geschichte hinsunimmt, 
diese spricht für den Ablativ »Raetis*', indem der SchaupJats der Tbaten des 
Drusus die rhätischen Alpen waren, wie auch Oreili S. 469 mit vollem 
Rechte hervorhebt «quod in universo hello Raetico primae partes Druso 
ceteri scrtptores praeter Tiberii adulatorem Vellejum tribount**. Nach der Ge- 
schichte llsst die Stelle keine andere Interpretation zu als : „Die Vindeliker, die 
als nSchste Nachbarn Drusus' den Krieg in den rhitischeo Alpen fuhren 
sahen, konnten daraus abnehmen, welchen Geist Augustus seinen Söhnen einge- 
haucht«'. Bs kann daher nur der Ablativ, und zwar Raetis fflr Raeticis ange- 
nommen werden, so wie das «s u b alpibus** gleich dem darauf folgenden »s u b 
penetralibus* identisch ist mit „i n alpibus, i n penetralibus«' und keineswegs die 
Deutung zuUsst: irgendwo am Fusse der Alpen, sondern nur „auf oder in den 
(rhitlschen) Alpen*«. 

War die Leseart j,Genaunos<< „Breunosque«' anbelangt, so haben erste- 
res nicht nur drei Codd. Blondinii bei Huquins, sondern auch alle andern alten 
und guten Handschriften. Die Leseart „Naunos" ist eine willkürliche Annahme 
spliterer Schriftsteller, ohne Begründung in d^n Handschriften, um die „Genau- 
nos" in den Bewohnern des Val di Nou (Nonsberg) finden zu können, in welch 
letzteren Fehler auch Oreili verfiel» der IV. 14 in der Note Genaunos interpre- 
tirt: „incolae alpinae vallis, quae hodie Valle d! Non appellatur" und hinzufugt: 
„non ut volunt alii Val d'Anagna**. Giovanelli in der Abhandlung: „Über den 
Saturnusdienst in den Trldentin. Alpen" hat den Irrthum lange schon widerlegt, 
iudem der Name des Nonsthales, bei seinem ersten Erscheinen in der Correspon- 
denz zwischen dem heil. Chrysostomus und Vigiliiis „Anagnia** lautet und wohl 
mit dem 'Avauviov des Ptoiemius, nicht aber mit den „Genaunos** ein und 
derselbe Name sein dürfte. (Gior. Beitr. zur (iesch., Statistik etc. von Tirol und 
Vorarlb. IV. Bd., S 83—104.) — „B reu nosque** haben die Tres Blandinii bei 
Hiiquiiis u. der Cod. Bernensis saec. VIII. vel IXr, die übrigen Berner sowie die 
Sangaller, Züricher, Gothaer Handschriften haben Brenn osque und eine Hand- 
schrift citirt bei Oreili: Brencos. Im Laufe der Abhandlung wird gezeigt werden , 
da&s Brencos unbedingt zu verwerfen, auch Brennos demBreunos durchaus 
nachzusetzen sei, indem die mittelalterliche Bildung des Wortes in Breones, und 
erst gegen das neunte Jahrhundert in Pregnarios für Breonarios oder Rreu- 
narios oder Brennarios fiberging. 



über das rhätisehe Alpenvolk der Breoni oder Rreonen. 35 b 

baben muss, als römische Schriftsteller zuzugeben geneigt sind *). 
Von zweien dieser Denkmäler hat sich die Kunde erhalten. Die 
Inschrift des einen, welches zu Torbia in der Nähe des heutzutage 
französisch gewordenen Nizza aufgestellt war, Qberlieferte uns 
Plinius unter dem Titel : „Inscriptio ex trophaeo Alpium** >). Das 
zweite Denkmai, ein Triumphbogen, stand zuSegusio, dem heutigen 
Susa in Piemont. Schon Gruter war nicht mehr in der Lage, von 
der bereits im Juhre 1671 bis zur Unleserlichkeit Tcrwitterten In- 
schrift mehr in sein Sammelwerk aufzunehmen, als eben hinreicht, 
um mit Zuverlässigkeit auf ihre Verschiedenheit Ton der bei Plinius 
erhaltenen schliessen zu können ^). In der von Plinius überlieferten 
Inschrift werden unter den 44 besiegten Alpenvölkern neben den 
andern rbätischen Stämmen auch die Breuni wieder aufgezählt^)* 



S) Yellejaa Pater cul. U, OS: „migore cum periculo qaam damno Romania 
exercitu»**. Auch Dio Caasius wiH diesen Kimpfan keine groase Wichtigkeit 
beilegen. Im 54. Buche cap. 22 (edit. Reimari Hamb. 1750) sagt er : oO X*Xc- 
ffdf , ^1 ditajtaaiUvoui vaXg duvaficae xpoi^fMvoui;, xarccp^daovro. Dem gegenüber 
ist jedoch des Vell. Pater. Ausdruck: „plurimo cuob earum gentium sanguine per- 
domuerunt" nicht su irherseben. Bs kann nicht ange«oaai«n warden, dass d^ 
Rhätier sich wie Schafe hinschlaehten liessen; kostete der Kampf den Rhitier 
Tiel BItttvergreesen, so kann er unmAglick für die Rftmer unblutig gewesen sein, 
nm so mehr, als die Rhitier Mann gegen Mann mit Streitäxten (amasonia se- 
curi) kSmpften. Konnten wir de^ „Pedo Albinovanus conaolatio ad Liviam" fOr 
eine echte Quelle halten, wie es nicht nur alle ilteren Schriflat«ller, s. B. Resch, 
Roschnann, Gioranelli etc., sondern auch noch menere, s. B. Zevaa, pag. 237 
thaten , dann wire der Beweis freilich hergestellt, dass die Kimpfe ait den 
Rhätiern sehr blutig waien. Die blulRefirliten Gewässer des Eisaks und dtc 
Rheins (Heinsius liest, was viel richtigfr ist: Oeni), also des lunflusses 
gaben Zeugniss dafür. „Rhenus Oenus et aipinae Talles et sangiifn« nigro 
decolor infecta testis Isargus aqua*, t. 3S5 — 387. Allein seitdem Mor. Haupt in 
seiner Abhandlung: Epicedion Drusi cum comroentariis etc. Lipsiae 1850, mit 
fiberxeugenden Griiiiden nachgewiesen hat , dass diese „consolatio ad Livlam* 
weder dem Horatius, noch Ovidius, noch dem von Jos Scaliger fast willkürlich . 
angenommenen Pedo Albinoranus suxuschreiben, sondern als eine Nachahmung 
des Ovidius xu betrachten sei, die dem funfxehnten Jahrhundert ihren Trsprung 
verdankt, so kann selbstverslündlich aus ihr fiir unseni Zweck nichts abgeleitet 
werden. 

')Plinii Secund. histor. natur. edit. Harduin lib. III. c. 20. 

*) Von dieser InschriA konnten im Jahre 1A71 nur noch die Worte gelesen werden : 
Imp. C^csari Anguito Divi F. Pontificl Maximo Tribun. Potestatis XV. Imp. Xllll. 
(narduin iiei Plin.) 

*) Die voIlslSndige Inschrift dfs Alpentrophaeums lautet: 

„fmpprntori Caesar! Divi F. Aug. Pontifici II Maximo, Imp. Xllll. Tribun. Pole- 
statii II S. P. Q. R. Quod Ejus Ductu Au^piciisque II Gentes Aipinae Omnes, 



35G Alberl J8ger 

Wie Horatius und das Tropliäum des Augustus, so erwähnt 
noch eine dritte gleichzeitige Quelle der Breuni. Der grQndliehste 
Geograph des römischen AUerthums, Strabo» Zeitgenosse des 
Augustus, der selbst angibt, den Abschnitt seines Werkes Ober die 
Aipen und deren Bewohner 33 Jahre nach ihrer Unterwerfung unter 
die romische Zinsbarkeit aufgezeichnet zu haben «), hebt da, wo 
er die Lage und Eintheilung der Rhätier und Vindeliker beschreibt, 
die Bpeövoe und Fevavvoi herror ^). 

Von jetzt an erscheint nahe durch zwei Henschenalfer der 
Name dieses Volkes, so wie der andern vielen kleinen rhätisehen 
Gebirgsvölker nicht mehr in den Geschichtswerken der Römer. Es 
fehlte jede Veranlassung zu ihrer Erwähnung. Die Reichsgrenze 
war Torgeschoben an die Donau. Wichtigkeit konnten allenfalls 
M'ohl die dortigen Gegenden und Stämme, nicht aber die Bewohner 
des Gebirgslandes erlangen, die überdies durch die massenhafte 
Wegschleppung der waffenfähigen Jugend zu sehr geschwächt 
worden waren, um sich beiyerkbar machen zu können®)., Die Römer 
kannten nur eine Provinz Rhälieu. unter deren Namen die ursprung- 
lich vorgefundenen zahlreichen Völker begriffen und verschwunden 
waren. 



Quae A Mari ü Sapero Ad iDferom Pertinebant> Sub (1 Imperiam Pop. Rom. 
Sunt Redactae. II Gentes Alpinae Devictae: Triumpilini, Camani, Venostes, Ven- 
oooetes, Isarci, Breuni, Genaunes, Focunates; Viodelicorum g-eutes quatuor, 
Consuanetes, Rucinates, Licates, Caienates, Ambisuntes, Riigusci, Suanetes, Caiu- 
cones, Brixeutes, Lepontii, Viberi, Mantuates, Seduiii, Veragri, Salassi, Acita- 
Toiies, MeduUi, Uceni, Caturiges, Brigiani, Sogontii, Brodiontii, Nemaloni, Ede- 
nates, Gsubiani, Veamini, GaUitae, Triulatti, Ectini, Vergunni, Eguituri, Nemen- 
turi, OrateiU, Nerusi, Velauni, Suetri. — Non sunt adjectae CotUanae^ciri- 
tates XII. quae non fuerunt hostiles: item attributae municipiis lege Pompeia. 
(Plinius üb. UI. c. 20.) 
«) Strabo rer. geograph. libri XVII. ediL Siebenkeea Tom. II. c. 6. §. 9: tag i^^iq 
rpirov xal rptaxocöv cro^ ic^v, i^ b xa^"* ^(Tv^^on Svref ctTreuroxröffi tö^ 

') §. 8. „'E^rjg dk ra itpdg eeo iiipri töjv opwv, xat ra ^TriCpsyovra ffp^g vdrov, 
'Patroi xat Oviv^eXiKoi xari^ö^yi« — Ol fjiiv ovv 'Patrot fi^xP' '^^ 'IraXia^ 
xoL^v}xov<n, — Ol 8s Outv^eXixoi xai Nwpixol n^v ixrdg irapcopeiav xarg'xouffe 
To TT^sov fJLsra Bpeuvcüv xat Fevaüvwv, i^difj rourwv 'iXXupiwv.** 

*) DioCassius am angeführten Orte: „ro rs xpart<:ov xal rö sXetcov r^j liXixiag 
aürwv i^-h^ia^^Qv, xaraXurovre^ roaoürouf, offoi n^v piev x^^P^'^ o^xstv Cxocvol, 
vgoxfAwaai de xi dduvaroi ijffav." 



über das rbatische Alpentolk der Breuoi oder Breooen. 357 

Erst als in den Kämpfen zwischen Galba und Vitellius und 
zwischen diesem und Vespasianus (68 — 70) die militärische Bedeu- 
tung der durch die Alpen führenden Strassen und Pässe hervor- 
trat *), tauchten bei Schriftstellern dieser und der nächstfolgenden 
Zeit auch die Namen der einzelnen rhätischen Stämme wieder auf. 
Schon Plinius der Ältere (gest. 79 nach Christ.) widmet in seiner 
Hist. natur. den Alpen und ihren Bewohnern einen weitläufigen 
AbschniU <<*) und muss die Breuni, obgleich er sie in seinem Ver» 
zeichnisse der Alpenvölker nicht nennt, gekannt haben» da er das 
trophaeum Alpium aufnahm» in welchem sie ja ausdrücklich genannt 
sind. Wahrscheinlich unterliess er ihre namentliche Anführung in 
seinem Verzeichnisse wohl desswegen, weil er einen und denselben 
Namen nicht sogleich neben einander zweimal vorführen wollte. 
Aber auch eine andere Stelle mag hieher bezogen werden, in 
welcher Plinius die Brcuni im Auge gehabt zu haben scheint. Im 
cap. 19 des III. Buches führt er die ,,Fertini et Tridentini et Bcru- 
nenses**» d. i. Feltrc. Trieut und Belluno als »Rhaetica oppida** 
auf. Es dürfte keine gewagte Behauptung sein, dass Plinius bei der 
AngHbe des rhätischen Ursprunges der drei genannten Städte in 
Betreff der Berunenses d. i. Belluno*s, an die Breuni als Gründer 
dieser Stadt gedacht habe. 

Zwanzig bis dreissig Jahre nach Plinius erwähnt ihrer der 
Epitomator Florus, freilich nur bei Gelegenheit, wo er von den 
Siegen des Augustus über die im Norden von Italien gelegenen 
Völker berichtet <<) und einige Jahre nach Florus lesen wir den 



•) Tacitas Histor. I. c. 61, Adjuocto Britannico eiercitu, ingent viribus opibiis- 
que Vitellius, duos duces, duo itinera bello destiiiavit. Fwbius Valens . Cot- 
tianis Alpibos Italiam irrumpere; Caecina propiore transitu, Peniois jiipis de- 
gredi jassus. — Cap. 70 ; «Caecioa praemissis Gallorum, Lusitanorum, Britaano- 
rnoDqae cohortibus et Germanorum TexiUis . . . ipse paiiliuluro cunrlatus, Dum 
Rbaeticis jugis in Noric um fleeteret adversus Petronium . . . metu, 
ne amitteret praemissas jam cohortes alasque . . . Ponino suksißpauum militem 
itioere et grave legionam agmen hibernia adbuc Alpibos traduxil". 

10) Siehe oben Note 3. 

**) L. Ann. Florus epitom. rcr. roman. I. IV. c. 12. Ad septemtrionem conuersa 
forme piaga ferocius agebat . . . Noricis animos alpes dnbant, quasi in nives 
beilttm uon posset ascendere; sed orones illius cardinis pnpulos, Breunos, 
Cennos (ist sn verbessern in Genaunos) atqoe Vindelicos per privignum suum 
Claudiuro Dmsum perpacavit. — Pur Florus hatten also unter allen von Orusus 
besiegten und im Alpentrophaum in langem Verzeichnisse aufgczfihlten Berg- 



358 Albert Jager 

Namen der Breani nur noch bei dem Geographen Ptolemäus, der 
unter Hadrian undAntoninus Pios» beiläufig zwischen 130— 140 nach 
Christus blühte. In seiner Beschreibung Rhätiens und Vindelicieas 
nennt er neben andern Völkern auch die Bpevvoi und die Genauneo, 
die er aber mit Bevlavvoi bezeichnet und überdies beide irrthumlich 
nach Vindelicien verlegt ««). Nach Ptolemäus verschwindet der 
Name der Breuni, trotz aller Wichtigkeit, welche die Alpenländer 
zur Zeit der Barbaren-EinbrQche als Schutzmauer Italiens erlangten, 
bis zur Zeit der ostgothischen Herrschaft aus den GesrhichtsbQchern, 
denn die Stelle bei Appian über die Päonier kann doch nicht, wie 
Roschmann will, anf die Breuni bezogen werden i>). 

Eine Einwendung gegen die Behauptung, dass der Name der 
Breuni bis zur Zeit der ostgothischen Herrschaft über Italien und 



Völker nur die Breuoi, Genauni iiud Vindelici Bedeutuug. Dieser Umstand darf 
nicht öberBelien werden, denn da die Breuni, Genauni und Vindelici im Alpen- 
trophaeum weder als die ersten, noch als die wichtigsten genannt werden, so 
dürfte die Vermuthang keine völlig unbegründete sein, dass Floriis nur sie her- 
vorhob, weil sie zu seiner Zeit noch die bekanntesten oder bedeutendsten un ter 
den rhStlschen Alpenvölkern waren. 

*2) Claud. Ptolemaei Geograph, üb. VIII. (edit. Wilberg 1838) üb. II, cap. Xf, 
p. 158: „Tvji di O^cifdeXniag ra fjL^v apxrcxcorsp« xar^x^^^^ 'Pouxtvaroc, t^jto 
dt TovTovi AeOvoi xal Koivaovocrcat \\ eha BsvXaOvoi, cfra Bpeuvoi.^ 
Dass statt BsvXaOvoc gelesen werden müsse: TsvaOvoi, unterliegt keinem 
Zweifel; siehe Zeuss: Die Deutschen und die NachbarstSmrae, p. 237. 

") Roschmann Ant. ^Veldidena urbs antiquissima et totius Rhaetiae princeps etc. 
behauptet S. 9 : Breuni seu Brenni sub nomine Brionoruro ac Paeonara . . . 
Applano noti fuere*". Appian, der etwa um 147 n. Chr. Sfine rAmische Ge- 
schichte schrieb, berichtet nun allerdings (im Buche de bellis illyricis Bd. II, 
p. 1203 edit. Tollii. Amstelodami 1670), dass die Paeones gemeinschaftlich mit 
den SalMAiern dem Angustus Widerstand leisteten. „Maxime autem inter omnes 
Caesari impedimentum attulere Snlassi et Japodes, qui ultra alpes incolunt . . 
Paeonesque, qui Saiassis sponte adhaeserant. Hi vertices Aipium tenent, 
montes inaccessi, arcta semita ac difficilis ad eos ducit". Wer aber wollte 
glauben, Appian habe an obiger Stelle unter den Paeones die Brionas oder 
Breunos verstanden, er, der S. 1202 klar ausspricht, welches Volk er unter 
Paeones begreift. „Paeones vero, natio ingens, circa Istrum per longum incolens, 
ab Japodum populis snpra Dardanos protenditur. Hi a Graecis Paeones, a Romanis 
Pannonii appellantur". Dies ein für «llemal wider den Irrthum, der sich bei 
uehreraa Schriftstellern vorfindet, welche die Paeonier und Breonen oder Brennen 
sowie die panuonischen Breuci (Sueton in Tiberio cap. 9) ideutificiren, wahr- 
scheinlich durch Strabo verleitet, der die BpsOvoi und Tevauvoc zu den illyri- 
schM Völkern zahlt. 



über da« rhitiscbe AlpenToIk der Breiini oder Breonen. 359 

Rhätien aus den Geschichtsbüchern verschwinde» könnte jedoch 
noch gemacht werden; man könnte auf Jordan is de Getarum sive 
Gothorum origine et rebus gestis hinweisen und fragen » ob nicht 
dieser Schriftsteller die Breuni mit ihrem späteren Namen Briones 
unter jenen HilfsYölkern aufzählt» mit denen Aetius im Jahre 4SI 
den Sieg über Attila auf dem catalaunischen Schlachtfelde erfocht. 
Die Frage durfte vielleicht grössere Beachtung finden» wenn wir 
nur Ober die Leseart des Wortes Briones im Reinen wären. Bei der 
Unsicherheit des Textes lässt sich aber aus der Stelle des Jordanis 
geradezu gar nichts folgern i^}. 

Um so zuverlässiger tritt der Name der Breuni» jedoch mit der 
Veränderung in Breones und Briones» seit dem Eintritt der ostgothi« 
sehen Herrschaft über Rhätien aus seiner mehr als dreihondert- 
funfzigjährigen Verborgenheit wieder an das Tageslicht. Der eilfle 
Brief des I. Buches von Cassiodorus Variarum enthält einen Be- 
fehl des Königs Theodorich an Servatus, den Dux von Rhätien» den 
Breonen gewaltthätige Handlungen» worüber vor dem Könige 
Klage gefuhrt worden war» zu verbieten '0. Durch dieses Document 
wird das Dasein der Breuni» oder wie sie von jetzt an regelmässig 
genannt werden» der Breones» in den rhätischen Gebirgen neuer- 
dings bezeugt. Cassiodorus hieher bezügliche Briefe gehören der 
Zeit von 493 — S26 an. Bei Jordanis, deregnorumsuccessione^*) 



1«) Die stelle bei Jordanis (edit Car. Aug. Cloas. Stuttgart 1S61) p. 134 lautet: 
„Hi enim affuere auxiliares: Franci, Sarmatae, Armoriciani, Liticiani, Burgun« 
diooet» Saxonet, Riparioii, Brionea, quondam milites romani, tanc rero 
jam in numero auxiliarioram exqaisiti*. Nan beachte man, wie et mit der Sicher- 
heit dea Wortes Briones steht; Herr Karl Aug. Closs beiehrt uns darfiber. Zwei 
Codic. Palatin., deren sich Gruter bediente und die von dieaem Gelehrten heraus- 
gegebene Histor. Miscella lesen : R i p a r i o 1 i, Briones. — Der Cod. Ambras, 
and Monac. : Riparii, Olibriones. — Freculphi Chronicon verbindet die 
beiden Namen zu einem Worte : Ripariol ihr ion es. — Epitom. Aeneae Sylvii 
histor. Gothor. bei Duellins: Ripparioli, Ybriones. — Die Marginalnoten 
Eur Pariser Edition von 1759; Libari, Gibriones; die Pariser Edit von 1583 und 
15SS: Libari, Gilbriones. — Die Histor. Miscella edit. Mnratori: Ripa- 
rioii Bariones. — Blond, und Bonfin: Riparioii, L am brion es. ~- Rode- 
rle. Ximen; Uriones. — Otto Frising. endlich: Riparioii i, Brigones. 

^^) »Quapropter Maniarii (so hiess der KISger) suppiicatione commoti praesentibns 
te afamnr oraculis, nt si revera mancipia ^us Breones irrationabiliter cogno- 
▼eris abstnlisse . . . postnlata facies sine intermissione restitui.* 

<*) Mnratori Scriptores I, p. 234. b. 



360 Albert Jager 

dessen schrirtstellerische Thätigkeit nach S52 fällt, erscheinen sie 
anter dem Namen der Brenni *^). Jordanis liefert zwar nichts 
anderes als die schon oben in der Anmerkung 1 1 aus Florus citirte 
Stelle, allein es verdient bemerkt zu werden, ddss er die ältere Form 
des Namens Breuni, die er, wie man annehmen muss, in den ihm zu 
Gebote stehenden Handschriften vorfand, in den der Brenni umwan- 
delte. Es liegt der Beweis darin, dass zu Jordanis Zeit, nach der 
Mitte des sechsten Jahrhunderts, der ursprungliche Laut des Volks- 
namens nicht blos die Wandlungen in Briones und Breones durch- 
gemacht hatte, sondern bereits an die spätere mittelalterliche Form 
Pregnarii, Prennarii anzuklingen begann. Dass übrigens des Jor- 
danis »Briones^, das Hilfsvolk desAetius, nicht hieher geliören dürf- 
ten, ist schon oben bemerkt worden, und wird später noch aus- 
führlicher bewiesen werden. 

Bezeichnende Erwähnung finden die Breonen in den Werken 
des Venantius Fortunatus und Gregorys von Tours. Kurze 
Zeit vor dem Einbrüche der Longobarden in Italien, etwa um das 
Jahr 564, unternahm der in der Nähe von Treviso geborne Dichter 
Venantius Fortunatus seine Pilgerfahrt zum Grabe des heil. Martin 
von Tours, und beschrieb in der Dedication seiner Gesänge an den 
Bischof Gregor von Tours die zurückgelegte Reise von Ravenna bis 
an die Grenze Galliens. Auf diesem Wege berührte er das Land der 
Breonen i^). Fortunatus blieb hierauf in Gallien, lebte auf freund- 
schaftlichem Fusse mit dem heiligen Bischöfe Gregor von Tours, 
wurde selbst Bischof von Poitiers und schrieb theils in Prosa, theils 
in gebundener Rede neben vielen Gesängen auf die Thaten der 
Heiligen auch die Lebensgeschichte des heil. Martin von Tours. Am 
Schlosse der Verse, in denen er diesen Heiligen verherrlicht, wendet 



^') Die Stelle lautet: „Norici credebant qaasi in rujies et nires bellum noo posset 
ascendere, sed niox oinnes illius cardinis populus, Brennos, Teutones, Senones 
(ist Genannos zu lesen) atque Vindelicos gladio vicit romauus exercitus**. 

18) Venantii Fortunati carminum epistolar. etc., libri XI. edit. Broweri in 
Bibliotb. maxima veter. Patrum. Tom. X, p, 528. Lugduui 1677. .De RaTenoa 
progrediens Padum, AUiesim, Briutam, Playern, Liquenliam, Tiiiamentumque tra- 
nans, per Alpem Juliam pendulus, niontanis anfractibua, Dravum Norico, Oenum 
Breonio, Licam Bojoaria, Danubium Alemannia, Rheoum Germania transieut, ae 
post Musellam, iMosarn, Axonam et Sequanam, Ligerim et Garomnam . . . trans- 
mittens.'' 



(über das rhitische Alpenrolk der Breuni oder Breonea. 361 

er sieh anfsein Büchlein uod zeichnet ihm mit der Sehnsucht des 
Italieners, der auch in Frankreich die heimatlichen Fluren nicht* 
yergessen konnte» den Weg in das südlich von den Alpen gelegene 
Vaterland. Er empfiehlt ihm den Weg, den er selbst auf seiner Pil- 
gerfahrt zurQckgelegt in umgekehrter Ordnung vom Rhein nach 
Ravenna durch das Land der Breonen i*). 

Auch Gregor von Tours, der Freund und Gönner des Fortu« 
natns, gedenkt in seinem Werke der Breonen. Er nahm in sein 
erstes Buch de gloria martyrum einen der Gesänge seines Freundes 
auf, in welchem dieser ein Wunder des belügen Laurentius verherr- 
lichte und setzte am Schlüsse des Gesanges die Worte hinzu: 
jyActa sunt haec apud Brie na s, Italiae castrum**, ein Umstand, den 
Gregor von Tours wohl nur aus mündlicher Mittheilung des Fortu- 
natus wissen konnte , der das Wunder wahrscheinlich auf seiner 
Reise durch das Land der Breonen kennen gelernt hatte »^). 

Nun tritt wieder eine Stille von vollen zwei hundert Jahren 
ein, innerhalb welcher wir keiner Erwähnung der Breonen begegnen, 
wenn man nicht eine solche in dem Schreiben der schismatischen 



'•)Veiiantit Fortanati viU S. Martini 1. IV. Tomo Z. Bibliotb. maz. patmni 
edjtio Lugdonens. 1677. pag. 612. col. 2.: 

8i tibi barbaricos cooceditar ire per amnes, 
Ut placide Rbenum transcendere posais et Histraoi, 
Pergis ad Angastam, quam Vindo Lycuaque fluentant; 
niic oasa sacrae yenerabere Martyris Afrae. 
Si vacat ire Tiam, neqae te Bajoarius obstat, 
Qaa yicina aedeot Breonum loca pergo per alpem, 
Ingrediens rapido qua gurgite volvitur Oenus. 
Inde Valentini benedicti templa require, 
Norica rura petens, nbi Bjrrus vertitur undis. 
Per DraTum itur iter, qua se castella supinant. 
Hie montane sedens in colle superbit A g u n t u s, 
Hinc pete rapte yias, nbi Julia tenditur Alpis, 
Aitius assorgens, et mons in nubila pergit. 
* Inde Foro Juli de nomine principis exi. etc. etc. 

SO) 8. Gregorii Episc. Turonens. opera studio Tbeodor. R u i n a r t 
Lutetiae Paris. 1699. p. 770. Ruinart bemerkt zum Worte Brionas: ^Brios prope 
Vercellas babet Orteiius, ubi, nt ait, Carolus Calyus imp. interiit. At regiouem 
Brionum Paul. Diac. Hiat. Longob. IV. 4, et Fortunatus commemorant; 
Breonea in Comitatu Tirol. nonnuUi locant, de quibos auctor vitae S. Corbi- 
niani. Bine unverbürgte Sage bezeichnet die Capelle des heil. Laurentius au 
Wilten bei Innsbruck als den Ort, an welchem sich das Wunder zugetragen. 



362 Albert Jfiger 

Bischöfe des Aquilejer Hetropolifansprengels an den ostrontischen 
Kaiser Mauritius Tom Jahre S91» welches sich auf eine »ecclesia Be- 
conensis** beruft, entdecken wilh<). Es gibt nämlich Schriftsteller 
und von nicht geringer Autorität, welche die genannte ecclesia 
Beconensis für identisch halten mit ecclesia Breonensis und dess- 
halb in dieser Stelle einen Hinweis auf dieBreonen erblicken. Diese 
Annahme ist aber nicht unbestritten, wägen wir daher die Grunde, 
welche dafQr und dagegen sprechen ab, und suchen wir ein sicheres 
Ergebniss zu gewinnen. Was die Handschriften anbelangt, so ergibt 
sich aus ihnen f&r die obige Annahme so viel als nichts. Baronius 
las in dem ihm vorliegenden Codex: Bremensis; Rubeus, Beco- 
nensis; nach Hansiz sollen einige Codices , die er aber nicht 
näher bezeichnet, Bremensis undBrenensis lesen. Die Varianten 
beweisen somit für die Identität der ecclesia Beconensis und Breo- 
nensis nichts. Gegen die Identität sprach sich Hansiz aus »»), der 
mit vollem Rechte die Leseart Bremensis verwirft, dann aber dafür 
hält, dass, wenn man schon nicht wisse, was mit Beconensis anzu- 
fangen sei, man lieber Betoviensis unterstellen solle. Später erklärte 
er sich aber für die Leseart Brenensis, hergeleitet von Bernensis, 
dem deutschen Namen Bern flir Verona, und wollte die ecclesia 
Veronensis darunter verstanden wissen. Mit Recht hielt man ihm 
entgegen, dass das Wort Bern vor dem 10. Jahrhundert nicht vor- 
komme, daher ein Schriftsteller des sechsten Jahrhunderts das- 
selbe nicht gebraucht haben konnte, am allerwenigsten ein italieni- 
scher, da Bern wohl nicht italienischen Ursprungs ist. Gegen diese 



si) In dem sogenaDoten Dreicapitelstreite richteten mehrere Bischöfe des Aqnilejer 
MetropoUtansprengeis eine Biltschrift an den Kaiser Mauritias um Schutt und 
Abhilfe für manche ihrer Beschwerden, Es waren dies die Bischöfe I n g e n u i- 
nuaepiscopuaecclesiae secundae Rhetiae, Mazentius Julienais, 
Laurentius ecclesiae BeUunae, Augustus Concordiensis, A g n e 1 1 u a epiacopus 
ecdesiae Trcjentinae (Trideutinae), Agnellus ecclesiae Acellinae, Junior Vero- 
nenais, Font^'us Feltrinae ecclesiae, Horontius Vicentinae etc. etc. Sie druckten 
unter andern die Besorgniss aus, dass hei üngerer Fortdauer der Bedruckungen 
der MetropolitanTerband der Kirche von Aquilcja sich ginzUch auflösen möchte, 
indem den Erzbischöfen Galliens neuerdings Gelegenheit geboten wurde, die 
Diöcesen an sich au ziehen, wie dies schon frfiher unter Kaiaer Justiniaa der 
Fall gewesen, „ubi in tribus ecclesüs nostri concilii Beconensi, Tiburnienat, 
et Augustana Galliarum episeopi constitnerant aacerdotes". (Urkunde bei S i n- 
n a c h e r, Beitr. z. Gesch. d. Kirche v. Sahen I. 247.) 

**) Germania sacra. Tom. f. p. 94. 



Ober das rhitische Alpenvelk der Breuiii oder Breonen. 363 

Identißcirung der ecciesia Beconensis mit Bernensis oderVeronensis 
protestirt auch Scipio Maffei» nicht aber gegen die Identißcirung der 
ecciesia Beconensis mit Breonensis, die er jedoch in ganz eigen- 
thflmlicher Weise erklärt. Er glaubt nämlich unter der ecciesia 
Beconenai oder Breonensi die Kirche von Brescia-Brixiensis ver- 
stehen lu dürfen. Er stützt sich auf die BsxoOvoi des Ptolemäus III. 
c. 1, welches Wort er für eine Variante von BpsOvoi hält. 

Nun sassen nach seiner Meinung die Breuni, oder was vermöge 
der Variante dasselbe wäre, die Bechuni, in den Thälern oberhalb 
Brescia am Oglio, und von ihnen dürfte, wie Mußei will, die Kirche 
zu Brescia ecciesia Bechunensis genannt worden sein *<). Allein 
dagegen wurde geltend gemacht, dass die Kirche von Brescia nie- 
mals zu Aquileja, sondern immer zu Mailand gehört habe; die eccie- 
sia Beconensis aber in dem Schreiben an den Kaiser Mauritius als 
eine Suffragankirche von Aquileja aufgeflührt wird. 

Für die Identität der ecciesia Beconensis mit einer von dem 
Volke der Brennen oder Breonen. aber nicht im Sinne. Maffei*s 
benannten ecciesia Breonensis erklärt sich Papebrock *^). Indem 
er die Leseart Bremensis geradezu verwirft, setzt er bei: „Es kann 
keinem Zweifel unterliegen, dass man an der bezeichneten Stelle im 
Briefe an Mauritius Breonensis oder Breunensis, oder auch Bren- 
nensis lesen müsse. Venantius Furtunatus berechtigt zu dieser 
Annahme, der ein Land Breonium und Sitze der Breonen kennt.** 
Pagi, in der Kritik zu Baronius, stimmt mit Papebrock vollkommen 
Oherein. Der Codex, sagt er, dessen sich Baronius bediente, rouss 
fehlerhaft gewesen sein, leider haben wir keinen andern und bes- 
seren >^). Diese Ansicht der Gelehrten findet ihre kräftige Unter- 
stützung in der geographischen Lage der in dem Schreiben an 
Mauritius genannten drei Kirchen. Dass die Bischöfe unter ecciesia 
Tiborniensi die Kirche Mittelnoricums mit ihrem Sitze zu Teurnia 
im heutigen Kärnten *•) und unter ecciesia Augustana den Augs- 



t«) Verooa illustratt I. 114—11». Vgl. mit p. 23. 

t4) In actis Sanctor. bei den BoUandist, Acta 8. Ingenoini meosis Febr. Tom. I. 

Sft) Pagi, critica in Baroo. Tora. 10. f. 903 edit. Lucc. 

M) Teurnia » (Tibornia bei Eugippiua vit. Severin. c. 2S etc.) im heutigen Lurn- 

felde bei dem Markte Spital in Ober-Kirnten. Siehe Ankerahofen: Haud- 

bncb der Gesch. Kfirnlens 1. S. 509 und Note 261. 
Sitzb. d. phil.-hiat. Cl. XLll. Bd. Ili. Hft. , 25 



364 Albert Jager 

burger Sprengel yerstanden, darüber sind Boliandus, Hunsiz, Maffei» 
Rubens und Pagi einig. Was liegt nun näher als die Annahme, dass 
unter der ecelesia Beconensi keine andere Kirche zu verstehen sei, 
als die zwischen den Kirchen von Teurnia und Augusta in der Mitte 
liegende ecelesia secundae Rhaetiae» deren Bischof Ingenuin, einer 
der das Schreiben an Mauritius mitunterzeichnenden Bischöfe war? 
Auf die ecelesia secundae Rbaetiae passfe, was im Schreiben gesagt 
war, sie habe unter Justinian einerlei Schicksal gehabt mit den 
Kirchen von Tiburnia und Augusta; sie waren Nachbärkirchen. Die 
ecelesia secundae Rhaetiae des Ingenuinus konnte aber auch mit 
vollem Rechte ecelesia Breonensis oder durch einen Schreibfehler 
verunstaltet, Beconensis genannt werden, weil die Rhaetia secunda 
lange schon vor 591 neben der Rhaetia prima sieh in die Gebirge 
zurückgezogen hatte ^7) und in diesem Gebiete des zweiten Rhätiens 
nach Venantius die Breonen sassen. Somit wäre es mehr als blos 
wahrscheinlich, dass wir in dem o91 an Kaiser Mauritius ausgefer- 
tigten Schreiben eine Erwähnung der Breonen, obschon unter ver- 
unstaltetem Namen zu erkennen hätten *^). 



*^) Bischof Asimo von Chur erscheint 452 als episcopus primae Rhaetiae (Eichhorn 
episcop. Cur. p. 1), Ingeniiin, der sich spüter von Snbiona nannte, 591 als 
episcopus secundae Rhaetiae. Paul. Diac. II. 15 sagt, wo er von der Eintbeiluiig 
Italiens zur Zeit der Longobarden-Einwanderung spricht: „Inter banc (Liguriam) 
et Suaviam i. e. Alemannorum patriam ... duae provinciae i e. Ithetia 
prima et Rhetia secunda inter Alpes consistunt, in quibus 
proprie Rheti habitare noscuntur". 

*8) Karl T. Spruner in seiner deutschen Ausgabe des Paul Warnefried, Gesch. 
der Longobard. Hamburg 1838 möchte auch den im 3. cap. des II. Buches er- 
wShnten Söldner des Narses „Sindvaldum regem Brebtorum** dem 
.Volksstamme der Breonen vindiciren. Der Versuch muss aber als ein missglückter 
betrachtet werden. So verschiedene Varianten auch die Codd. vom W^orte Breb- 
torum aufweisen, als: Brentorum im Cod. Ambros. — Bretonornm 
im Cod. Modaet. — Bretonorum, Brionum, Bentor um, Britonornro 
bei Lindenborg. — ßrendorum in dem von Spruner benutzten Bamberg. Co- 
dex; und so zuversichtlich auch Spruner hiezu bemerkt : «Dieser Brenden, Brennen, 
natio Pregnariorum gedenken noch spatere Urkunden", waren dennoch Sindwald 
und seine Brenden oder Bi-ebten nichts anderes aJs He ml er. Abgesehen von 
Agathlas, der 1. 20 Sindwald einen Anführer der Heruler nennt, selbst Paul Diac. 
berichtet in der citirten Stelle da&selbe : „qui (Sindvaldus) adbuc de Hern- 
lorum stirpe remanserat, quem (muss nothM endig gelesen werden quam 
stirpem) secum in Italiam veniens simul Odoucar adduzerat*. Wahrscheinlich Hess 
sich Spruner durch diese Verwechselung der Brenden mit den Breonen bestimmen, 
auf der 3. Karte seines histor. geogr. Atlasses Hernier neben den Breünen in 



über dM rhitisch« Alpeovolk der Breuoi oder Breonen. 365 

Gelangten wir zu diesem Schlüsse nur auf dem weiten Umwege 
der Combioation, so haben wir aus der Neige des achten Jahrhun- 
derts wieder -desto mehrere und directe Zeugnisse far das Dasein 
der Breonen. Aribo, Bischof von Freising von 764 — 784 kennt 
und nennt sie an zwei Stellen seiner Lebensbeschreibung des ersten 
Bischofs von Freising, des heil. Corbinians, gestorben 730. Er 
erwähnt ihrer im XI. Cupitel, in welchem er die von Corbinian 
innerhalb 723 — 730 unternommene Reise nach Rom beschreibt und 
im Cap. XXXV, wo er die Übertragung des Leichnams des Heiligen 
nach dem Castrum Magiense (Hais bei Meran in Tirol) erzählt. Auf 
der Reise nach Rom gelangt Corbinian in das Land der Breonen **) 
und bei der Übertragung der Gebeine nähert sich dem Sarge ein 
gewisser Dominicus, welchen Aribo nobilem quemdam Breonensium 
plebis civem nennt *^}, Wie Aribo, so weist auch der gleichzeitige 
Paul Warnefried (gest. 799) in seiner Geschichte der Longobarden 
noch zweimal auf die Breonen hin; das erste Mal im Buche IV, 
cap. 4, wo er zum Jahre 593 die regio Brionum nennt ^<)» ^^^ 
'zweite Hai im IL Buche, cap. 13, m'o er seines Landsmannes, des 
Venantius Fortunatus gedenkt und den Weg bezeichnet, welchen 
dieser auf seiner Wanderung nach Tours eingeschlagen <<). 



die Tiroler Gebirg« xa verseUen. „Der Name der Brendi, Brebti* sagt Zeoss: 
Die Devtsclieu uu4 die Nachbarstiimme 8. 484, ist entatellt aus Eruli, vielleicht 
Ton Paulos schoD so vorgefunden oder falsch gelesen.* 

2*) Aribo, vita S. Corbinian! bei MeJchelbeck Hist. Frising. I. P. 2 instr. cap. XI. 
«In ipso autem itinere Romam pergendo cum inBreones pervenit, juxta silvara 
quaudam iu castris inanebat.* 

'^) ^*?' XXXV. „Cum autem venissent partibus Vaileusium cum aancto corpore ejus 
quidam nobilis Romanus nomine Dominicua Breoneusium plebis civis . . . 
magnis vexatus febribus ad viri Dei corpus veuit.* 

<>)PauI. Dia COD. bistor. Longobardor. bei Murator. Script, rer. ital. Tom. I. 
lib. 4, c. 4. «Id regione Brionum sanguis de nubibus fluxit. Et Interim 
fluvii quasi rivuli cruoris emanaveruut.* Die verschiedenen Lesearten au dieser 
Stelle bei Muratori gaben dem Verfasser der Annales eeclesiae Sabionensis, 
Joseph Resch, Veranlassung, den zweiten Satz des Paul. Diacon. wie folgt tu 
lesen: »Et inter Eni fluvium quasi rivuli cruoris emanaveruut*. Das interiln 
bei Paulos gibt allerdings keinen Sinn und deutet auf eine verdorbene Stelle. 
Zur Substituirnng des Wortes Eni — lunfluss, berechtigte Resch zunichst die 
regio Brionum, dann die Variante: „et iotra Rheni fluvii aquas rivulus cruoris 
emanavit*. Der Enus lag dem Lande der Breonen freilich viel nfiher als der Rhenus. 

*9)Paul. Diac. II. 13. »Her igitur fecit properando per flueota Tiliamenti et 
Renniam, perqoe Osupum, et Alpem Juliam, perque Aguntnm castrum, Dravumque 
et Byrrum fluvios, ac Briones et Augnstam civitatem.** 

23* 



306 Albert Jfi^er 

Nach Aribo und Paul Warnefried kommt der Name der Breonon 
noch einmal in einer Urkunde vom Jahre 828 vor. Ein in der 
Gegend von Sterzing in Tirol reich begüterter Mann, Namens 
Quartinus, nennt sich in einem für das Kloster zu Innicben ausge- 
fertigten Schenkungsbriefe einen Spr5ssling des Breonischen Volks- 
Stammes «»), Weiter erscheint der Name der Breonen weder in 
Urkunden noch ZeitbQchern. 

Fassen wir nun das Ergebniss der bisherigen Untersuchung in 
kurze Worte zusammen» so wird es dahin lauten, dass der Beweis 
fOr das Dasein und die fortwährende Erhaltung des rhStischen 
Alpenvolkes der Breuni oder Breonen von der Zeit der römischen 
Eroberung bis herauf in den Anfang des neunten Jahrhunderts 
sicher hergestellt ist. Treten auch Pansen ein, in denen dieser 
Name verschwunden zu sein scheint, so kommt er doch immer und 
immer wieder zum Vorscheine und gibt Zeugniss vom Dasein des 
genannten Volkes. Nun wird es unsere Aufgabe sein zu untersuchen, 
wo, in welchem Gebiete der Alpen, wir die Breonen durch mehr als 
800 Jahre vorfinden ? 

n. 

Die Vohisilie der Breui oder Breoien. 

Als die Römer die rhätischen Alpenbewohner ihrer Herrschaft 
unterwarfen, stiessen sie daselbst auf zahlreiche kleinere und grös- 
sere, durch Namen und Lage, vielleicht auch durch Abstammung s^) 
von einander unterschiedene Völker. Es war diese Verschiedenheit 
eine natürliche Folge der Beschaffenheit des Gebirgslandes. Im* 
Flachlande kann sich ein Volksstamm ausbreiten, bis ihm etwa 



") »Ego Quartinus OMtioois Noriconim et Pregnariorum, dano ac tndo.* 
Urkunde bei Resch; «Aetas Millenaria ecci. Aguntinae, p. 32 auch Annal. ecol. 
^ Sabionensis I. sec. IX. p. 86. — Zeuss: Die Deutschen uud ihre Nachbaratämme 
p. 587. «Das letzte Mal oennt ihren Namen Pregnarii, d. i. breunarii (wie Anagnia 
far Anannia) eine Urkunde Tom Jahre 828. Aus dieser Form Pregnarii, Bregnarii 
•cheint die Benennung des Gebirgsrückens des Brenners, entstanden." 

''*) Vorausgesetst, daaa es mit der etruskiaehen Abkunft eines Tbeiles der Rbatier 
aeine Richtigkeit hat, welche schon Plioius nicht als unbestreitbare Tbatsaehe 
annahm. «Rhaetos Tuscorum proiem arbitrantur** sagt er in Histor. natur. 
Ul. 20. 



über das rhStische Alpenrolk der Breuni oder Breonen. 367 

irgend ein grösserer FIuss, oder die Nachbarschaft eines stumm- und 
spracbversehiedenen Volkes, oder freie Obereinkunft eine, Grenze 
setzen. Anders im Hochgebirge. Hier setzen nicht nur unQbersteig- 
liche Gebirge der Ausbreitung eines Volksstammes nahe Grenzen, 
sondern die durch hohe Felswände yon einander getrennten und oft 
in der entgegengesetzten Richtung ausmündenden Thäler lösen im 
Laufe der Zeit selbst einen und denselben Stamm in mehrere durch 
Namen, Lebensweise und Verkehr sich unterscheidende Bruchtheile 
auf. Hat sieh in eines der Thäler eines. solchen Gebirgslandes ent- 
weder zur Zeit einer grossen Wanderung, oder gedrängt von feind- 
licher Übermacht, oder in Folge vertragsmässiger Übersiedelung 
ein fremder Stamm eingeschoben, so setzen die Berge nicht nur 
seiner weiteren Verbreitung eine Schranke, sondern isoliren ihn 
auch in der Regel in der einsamen Thalabgeschiedenheit. Daher 
können in einem Gebirgslande ganz gut mehrere ursprünglich yer- 
sehiedene Volksstämme unvermischt neben einander fortbestehen, 
ja es wird sogar eine unvermeidliche Folge dieser trennenden und 
isolirenden Localverhältnisse sein, dass selbst ein und derselbe 
Stamm im Laufe der Jahrhunderte sich in viele, scheinbar wesent- 
lich verschiedene, yielnamige Äste verzweigt. 

Das Trophäum des Angustus bei Plinius zählt daher nicht 
weniger als 44 solcher, in den Alpen sesshafter, in viele Gemeinden 
vertheilter, unter eigenen Namen den Römern bekannt gewordener 
und ihrer Herrschaft einverleibter Völker auf <&); unter ihnen auch 
die Breuni, welche den Gegenstand unserer Untersuchung bilden.. 
Es fragt sich also, wo sassen die Breuni zur Zeit, als die Römer das 
rhätische Alpengebirge eroberten? wo mQssen wir ihre Wohnsitze 
aufsuchen ? 

Die Grenze, welche Vindelicien von Rhätien in jener Ausdeh- 
nung, in welcher die Römer dieses Land vorfanden, trennte, lief 
nach den Angaben des Strabo, Plinius, Tacitus, Ptolemäus und Dio 
Cassius von den Quellen des Rheines <«), diesen Fluss entlang s?) 

*^) Siehe oben Anmerk. 5. Plinias setxt noch h\nr.n »Incolee Alpium multi populi . . 

in mnltas ctritates divisi.* 
**) MRhaetoriifn Vennones Serunetesque ortu's Rheni aceolunt.* Plinius lli. 20. 
*7) T^C *Pairtac >5 fA«v d'jaiuxr) jrXiupA opt^trat rö t« 'AÄöXa 6ptt, P to i e mfi u s 

Geograph. 11. 11. edit. Wil berg. „'0 'AÄöXaj rö opo{, i^ » ptX 6 '^yo^ iitl vag 

apxToy^.** Strabo IV, cap. 6. $. 6. „Ol fxiv ouv 'Patroi diareivH^t xctX 

lAJ/pi rwv xwpicov, dl cjv 6 'Pijvo^ ^fiperat.** Idem §. 8. 



308 Arbert Jäger 

bis ZU seiner Einmündung in den Bodensee <s) ; von da weg dem 
nordlichen Saume der Alpen entlang bis zum Innflusse, der dann 
die östliche Grenze zwischen den Rh&tiern und Norikern bildete *>). 
Waren nun die Breuni, wie wir anzunehmen berechtigt sind, Rhätier» 
so werden wir ihre Wohnsitze irgendwo in den Gebirgen des weiten 
Gebietes der nördlichen Alpenabdachung südlich yon der bezeich- 
neten Grenzlinie zwischen dem Rheine und Inn aufsuchen müssen. 

Die älteste Quelle, welche uns von diesem Volksstamme Kunde 
gibt, sind, wie oben S. 3S4^ hervorgehoben wurde, die Gesänge des 
römischen Dichters Horatius. Allein aus ihren Angaben gewinnen 
wir zur Bestimmung der Wohnsitze der Breuni nicht ?iel, denn 
nicht nur enthält Horatius gar keine nähere Bezeichnung der Lage 
des genannten Volkes und ihrer Nachbarn der Genauni, sondern 
nach seiner Darstellung der Kämpfe des Drusus gegen dieselben 
wird es sogar zweifelhaft, ob sie nicht eher Vindeliker als Rhätier 
waren, und ob daher wir sie nicht yielmehr unter jenen anstatt unter 
diesen aufsuchen sollen? „Vindeiici didicere nuper, quid Marte 
posses, singt Horatius *<») ; milite nam tuo Drusus Genaunos . • Breu* 
nosque, et arces alpibus impositas tremendis dejecit acer**; und dann 
wieder: »Videre Rhaetis bella sub alpibus Drusum gereutem 
Vindelici^^i). In diesen Worten scheint die kaum zu verkennende 
Andeutung zu liegen, dass der Kampf mit den Breunis und Genaunis 
in der Nähe der Vindeliker stattfand, dass sie Augenzeugen der 
am Fusse der rhätischen Alpen (wie man etwa das „Rhaetis 
sub alpibus** übersetzen könnte) also draussen am Saume des vin- 
delicischen Flachlandes durch Drusus vollbrachten Besiegung der 
(rhätischen? oder vindelicischen?) Breuni waren. 

Allein gegen diese Hinneigung des Horatius, die Breuni nach 
Vindelicien zu versetzen, erbeben sich denn doch bedeutende 
Bedenken. Erstens wird das „sub alpibus*' nicht „am Fusse der 
Alpen** übersetzt werden dürfen, da, wie schon oben in der Anmer- 
kung 1 hervorgehoben wurde, Horatius wenige Zeilen weiter unten 



»8) IXpoeraffTovrat ot fxsv 'Pairot rij^ XtfAVJfjj iV dXi^ov. Strabo VII. c. 1. §. S. 
")Plolein. II. cap. 11. „r^g 'Pairiag i^ $* avatrokm JrXsupa aOrai reji 'AtV(^ 

jrora/xcj) opü^erat, T a c i t u s Histor. III. c. 5. »Aenus fluvius, qui llhaetos 

Noricosque interfliiit, 
40) Lib. IV. carm. 14. 
4i) Vergl. oben Anmerfc. 1. 



über das rhütitcbe Aipenrollc der Breuni oder Breonen. 3u9 

in derselben Ode sich des Ausdruckes bedient: „sub ppneiralibus**, 
was Niemandem einfallen wird, mit »am Fusse der Gemächer^ zu 
fibersetzen. Wie aber Horatius an dieser Steile das »sub*' für „in** 
braucht, wird auch das frühere „sub alpibus** so viel heissen als 
„in alpibus". Dann muss bemerkt werden, das« die Ungenauigkeit» 
welche wir in allen, den rhätisch-vindeiicischen Krieg betreffenden 
Angaben dieses Dichters wahrnehmen» seinen Werth als einer histo- 
rischen Quelle ziemlich zweifelhaft erscheinen lässt. Wollte man 
sich auch über den Umstand hinwegsetzen, dass er die Gegend 
oder den Ort, wo die Siege über die Breuni und Genauni, sowie 
Ober die gesammte Streitmacht der Rhätier erfochten wurden , gar 
nicht näher bezeichnet, so kann man dasselbe doch nicht in Betreff 
eines andern auffallenden Hangels thun. Aus den Angaben dieses 
Dichters vermögen wir nämlich nicht zu entnehmen , welcher von 
den beiden Brüdern, ob Tiberius oder Drusus, den Krieg gegen 
die Rhätier führte , und welcher von ihnen gegen die Yindeliker 
kämpfte? Lässt auch Horatius den Drusus den Krieg in den rhäti- 
sehen Alpen fuhren ^*), lässt er ihn auch Burgen auf schwindelnden 
Höhen niederwerfen und die Breunen und Genaunen besiegen , so 
schreibt er doch die Entscheidungsschiacht gegen die Rhätier dem 
älteren der Neronen, dem Tiberius zu*«). Vergleichen wir aber 
die Berichte anderer Quellenschriftsteller, so verhielten sich die 
Dinge ganz anders, und zwar wie folgt. Augustus sandte Anfangs 
wie Dio Cassius berichtet **}, den Drusus allein mit einem Heere 
gegen die Rhätier. Drusus traf in den tridentinischen Alpen 
mit ihnen zusammen und schlug sie. Als aber die Rhätier ihre räu« 
berischen Einfälle bald darauf wiederholten, sandte er auch den 
Tiberius gegen sie aus **). Veliejus Paterculus stellt nun die Sache 
so dar, als wäre die eigentliche Führung des schweren Krieges dem 
Tiberius übertragen und Drusus ihm nur zur Unterstützung beige- 



4<) „Vi'dere . . Rhaetls belin gereutem Drusum sub Alpibus.* 

^'J »Major Neronum moz grave praelium coinmisit immanesque Rhaetos auspiciis 

pepiilit •eciindis.*' 
♦*) Dio Cassius 54. c. 22. „'0 Au*youcoff ffpwrov fxev röv Apouffov sVauroü^ 

£;rc{A^e* xal 05 jrpo? roOg ajravn^ffotvraj ot aüTwv jrept ra Tpidevrcva Sptj 

(JüfißaXwv ^lorax^wv irpi^aro, — — ejreira itk xal rdv Ti^spiov jt/jos- 

a;rg^eiXey.** 



370 Albert JS^er 

geben worden *&). Dass Veliejus die Sache so und nieht anders 
darstellte» wird Niemand befremden» der weiss, in welchem Ver- 
hältnisse dieser Schriftsteller persönlich zu Tiberius stand und 
welcher Schmeicheleien gegen denselben er überhaupt fähig war. 
Doch schon im nächsten Satze lässt er uns das richtige Verhiltniss 
in welchem die beiden Bruder Tiberius und Drusus bei der Führung 
dieses Krieges zu einander standen, erkennen. „Die beiden BrOder^ 
sagt er, „t heilten ihre Aufgabe und eröffneten den Kampf 
gegen die Rhätier und Yind eliker** **), das heisst wohl» sie 
handelten nach einem gemeinsamen Plane» aber von einander unab- 
hängig, und zwar in der einen Richtung gegen die Rhätier» in der 
andern gegen die Vindeliker. Der Krieg wurde sofort von Drusus 
und Tiberius gleichzeitig eröffnet und der Einbruch in Rhätieo 
und Vindeiicien geschah theils unter der unmittelbaren FObrung 
der beiden Feldherrn selbst» theils unter der Führung ihrer Legaten 
an vielen Orten *^). 

In die rbätischen Gebirgsthäler von Italien her» wahrscheinlich 
an der Etsch hinauf, drang Drusus ein. Wir berufen uns zum Be- 
weise nicht auf die in der Peutinger^schen Reisekarte zwischen 
Subsavione und Tridente vorkommende römische Station Ponte- 
drusi. Man wird uns zugeben» dass ein» nahe um 2S0 Jahre jün- 
geres Document» wenn sein Inhalt nicht durch frühere Quellen 
unterstützt werden kann» nie ein vollkommen sicheres Zeugniss abzu- 
fegen vermag, und das blosse Vorkommen des Namens Pontedrusi 
im Etschlande die Anwesenheit des Claudius Drusus daselbst nicht 
stringirender nachweist, als der Name Valiis Drusiana (romanisch 
Val Druschauna) seine Anwesenheit in Bludenz oder Niziders ver- 
bürgt *s). Unsere obige Annahme findet ihre Begründung in dem 
Umstände» dass Drusus schon früher in den tridentinischen 
Alpen mit den Rhätiern gekämpft und Siege erfochten hatte und 



^^jVell. Pütercal. U. 95. „Reversum deinde Neronem Caesar band tnediocris 
belli molem ezperiri sUluit, a^i'utore dato operia fratre ipsina Drnso ClModio.* 

^*) fpQuipp« uterque diviaia partibua Rhaetos Viiidelicosqiie adgresai annt.*' 
V e 1 1 e J n s. loc. cit. 

^«'j Dio Caaaiua loc. cit. „iaßoiXovrig bv ig tt^v x^P^ »roXXaxo^«v a^a 
ayLfortpoi, avzut rs xal dia rwv uffoCpan^^ojv.** 

^•jMerkle. Vorarlberg, III. Abtbeil., p. 13. 



über das rbatische Alpenvolk der Breuni oder Breonen. 371 

daher ohue Zweirel die Fuhrung des Krieges in jenem Gebiete 
öbernahm, wo ihm Feind und Boden bereits bekannt war. Und hier 
nun in den rhä tischen Alpen (Rhaetis [sub] in Alpibus) schlug 
er neben mehreren andern Völkern die Breuni **), keineswegs aber 
draossen am Saume des Flachlandes, weil, abgesehen von allen 
andern Schwierigkeiten nicht angenommen werden kann, Drusus 
sei mitten durch die Alpenvölker, denen sein Angriff galt, ohne Hin- 
dernisse und Kämpfe bis an den Bodensee gelangt, um dort im 
Angesichte der VIndeliker die Rhfitier zu besiegen. Die Angaben 
des Horatius sind also, wenn sie nicht in dem von uns bezeichneten 
Sinne interpretirt werden sollen, wie das Vorstehende zeigt, weder 
eine genaue, noch Oberhaupt eine sichere Quelle zur Bestimmung 
der Wohnsitze der Breuni. Noch unzuverlässiger erscheint aber 
die Angabe des römischen Hofdichters , dass die Entscheidungs- 
schlacht gegen die Rhätier nicht von Drusus, sondern von Tiberius 
geliefert worden sein soll. Vergleichen wir sie wieder mit den 
sicheren Thatsachen. 

Tiberius kam in diesem Kriege ganz plötzlich auf dem Boden- 
see zum Vorscheine , wo er eine Insel , aller Wahrscheinlichkeit 
Dach das heutige Lindau ^®), als Stützpunct fQr seine Operationen 
besetzte und den Kampf mit den Vindelikern zur See eröff- 
nete ^i). Keine Quelle gibt an, auf welchem Wege und von welcher 
Seite her er dahin gekommen. Dass er nicht , wie Zeuss**) der 
Ansicht zu sein scheint, von Italien, etwa von Mailand aus, durch 
die westlichen Alpenthäler der Lepontier (Valle Leventina) Ober 
den Gotthard durch die Gebiete der Helvetier an den Bodensee 
vordrang, scheint daraus hervorzugehen, dass er sich um diese Zeit 
nicht in Italien, sondern in der Gallia comata, deren Verwaltung 



«•) Horatius. 

^<*) Jos. Bergmann, Beitrüge zur kritischen Geschichte Vorarlbergs. Denkschrinen 
der kajs. Akademie der Wissensch. IV. p. 59 macht hiexu die Bemerkung : Andere 
meinen die Reichenau im Untersee. Diese scheint mir nach dem Ausdrucke des 
Dio Cassius $4, 22 nicht gemeint zu sein; Tiberius besetzte meines Erachtens 
Lindau. 

*') Strabo VII. 1. §. $. >5 Xifxv>3 exei d« xal v^ffov, ^ spX'h<fci'^o 6pp.>3nj/>i^ Ti^g- 
|9to^ vaufiaxcov Tr/ao^ OvtvdeXixoi^ Dio Cassius I. 54. c. 22. „xal 6 ^iTißi- 
pio^ xal dia rr,i XifAV)^; nXoioig xo^uo^tig. 

^^) Die Deutschen und ihre riHchharstümme, S. 237. 



372 Albert Jager 

Augustus ihm überti*agen hatte» aufhielt &*). Dort bekam er die 
Weisung, gleichzeitig mit Drusus die Waffen gegen die Rhätier 
und Vindeliker zu kehren >^). Nun drängt und berechtigt die geo- 
graphische Lage zur Annahme, dass Tiberius mit seinem Heere von 
GaUien herüber auf der kürzesten Linie, etwa über Augusta Raura- 
corum bei Basel vorbei, den Bodensee zu gewinnen suchte, um auf 
diese Weise plötzlich im Rücken der Rhätier zu erscheinen und 
deren Verbindung mit den Viudelikern zu unterbrechen ^^). 

Daraus ergibt sich nun ganz klar, dass Tiberius es weder auf 
seinem Zuge, noch bei seiner Ankunft auf dem Bodensee vorzüglich 
mit den Rhätiern, sondern wie diesStrabo ausdrücklich &>) und Vel- 
ejus mit seinen divisis partibus fast eben so unzweideutig angibt, 
mit den Vindelikern zu thun hatte , während, wie früher gezeigt 
wurde, Drusus die Rhätier in ihren Gebirgen bekämpfte. Aus 
Strabo kann zur Unterstützung dieses Ergebnisses noch "eine Stelle 
herangezogen werden, aus welcher hervorgeht, dass nicht die Ge- 
birge und Thäler im Süden des Bodensees, sondern die vindelici- 
schen Gefllde im Norden desselben das Feld der Thätigkeit des 
Tiberius waren. Strabo berichtet nämlich, dass Tiberius bis zu den 
Quellen der Donau vorgedrungen sei^?^. Damit soll nun aber 
keineswegs behauptet werden, dass Tiberius in gar keine Berüh- 
rung mit den Rhätiern gekommen sei, waren doch diese, wenngleich 



^3) S Q e t o n. in Tiberio cap. 9. Post haee comatam Galliam anno fere rexit. — D i o 
Cassiua 54. in Caesare Aug^usto p. 748. »Post haec Aug^astus anno urbis con- 
dit. 738 in Galliam profectus est«, „röv $k ^ Tißsptov jrapdXaßcüV.*« Das Jahr 
Roms 738 fallt mit dem Jahre 16 vor Christ, znsammen und das Jahr 739 mit 
dem Jahre 15, d. i. mit dem Jahre des Kricg^es gegen die Alpenvölker. Verwaltete 
Tiberius nach Suetonius ein Jahr lang die GaUia comata, so ist klar, dass er von 
dort weg nach Viiidelicien zog. 

&4)Snetoniu8 loc. cit. fügt zur obigen Stelle hinzu: Exin Rhaeticum Viode- 
licumque bellum gessit; was nur den Sinn zulässt: Von seiner Verwaltung Gal- 
liens weg führte er den rhatisch-yindelicischen Krieg. 

*5) D i o C a s 8. loc. cit. denlet dies in Folgendem an : Das unerwartete Erscheinen 
des Tiberius auf dem Bodensee überraschle und trennte die Feinde: affo rc 

TOUTB xarsTrX^jgov avrobg, &g exacotg ff^ifft ffvptpiiTvuvTCff b xa^s'rwff 

(auroy?) xareip^affayro. Auf dasselbe weist die Stelle bei Veliejus If. 95 d i- 
visis partibus Rhaetos Vindelicosque aggressi sunt,' hin. 

*^) Siehe oben Anmerk. 51. 

") Strabo VII, c. 1. §. 5: 'Hfxspi^diQV dk anrd ttj^ Xi>v>j? TrpoeX^wv oddv Tißs- 
piog ei5s Toc^ rö 'Icp» Kri^fi.q, 



über das rhStische AlpeoTolk der Breuoi oder Breoneo. 373 

nur auf einer kurzen Strecke, Anwohner des Bodensees und konnte 
somit bei dem Standpunete, welchen Tiberius auf der Insel yon 
Lindau eingenommen hatte, eine Berührung mit ihnen gar nicht 
vermieden werden, sowie es aus Yellejus deutlich hervorgeht, dass 
er sich im Lande derßhätier sogar manches zu schaffen machte s®). 
Was durch unsere Untersuchung bewiesen werden soll, ist nur die 
Behauptung, dass ausser Horatius keine der andein, obwohl Ober 
die Einzelheiten des rhätisch-vindelicischen Feldzuges gut unter- 
richteten Quellen von einem entscheidenden Siege des Tiberius 
ober die Rhätier etwas weiss, und dass wir daher wieder um einen 
Grund mehr haben, auf die Angaben des römischen Dichters nicht 
allzu viel zu bauen. Aus der ganzen voranstehenden historischen 
Beleuchtung des Horatianischen Textes stellt sich demnach als 
Ergebniss heraus, dass weder aus der 4. noch 14. Ode des 
IV. Buches der Gesänge dieses Dichters zur Bestimmung der Wohn- 
sitze der Breuni, deren Besiegung durch Drusus er verherrlicht, 
sichere Anhaltspuncte zu gewinnen sind. 

Gehen wir nun Qber zur zweiten öltesten Quelle, die der 
Brennen erwähnt, zum Alpentrophäum desAugustus &*). Dieses 
Monument, ein Verzeichniss aller im rhätisch-vindelicischen Kriege 
besiegten Völker, errichtet zum Andenken an die erfochtenen Siege, 
somit den Charakter eines ofGciellen Berichtes und Denkmales an 
sich tragend, wird uns vermuthlich Qber die Wohnsitze der Brennen 
befriedigendere Nachricht geben. Dürfen wir annehmen , wozu die 
Inschrift offenbar berechtigt, dass in der Völkeraufzählung eine 
gewisse Ordnung, und zwar nach ihrer geographischen Lage mvd 
Aufeinanderfolge beobachtet wurde ><>), so gelangen wir, wenn auch 
zu keinem in jeder Beziehung vollkommen befriedigenden, doch zu 
einem ganz anderen Ergebnisse, als zu dem blos negativen, welches 
wir aus den Angaben des Horatius gewonnen haben. Gehen wir an 
die in mehr als in einer Beziehung interessante Untersuchung. 



AS) Vell. Paterc. II. 104. Als Tiberius xar Führung des Krieges nach Germanien 
kam, empfingen ihn die Soldaten mit dem Zurufe: Ego tecum, imporntor, in 
Armenia, ego in Rhaetia fui, ego a le in Vindelicis, ego in Punno- 
nia etc. donatus sum. 

ft9) Vgl. oben Anmerk. 5. 

60) Zeus 8, p. 234 bejaht obige Annahme. „Der Werlh der Inschrift" sagt er „wird 
noch dadurch erhöht, dass sie die Völker nach ihrer Folge iu ihren Wohnsitzen 
aufzählt*. Zeuss blieb aber dieser Ansicht nicht treu. 



374 Albert JSger 

Die Inschrift geht in der Aufzählung der (überwundenen Alpen- 
YÖlker Yon jenem Gebirgssfoeke aus, der sieh zwischen der Ad da 
und der Etsch erhebt, übersteigt das Hochgebirge, welches die 
Adda- und Etschquellen trennt, folgt dann dem Laufe der Etsch 
nach Soden in das Thalgelände des Eisaks, Gbersefzt die Höhen 
der Etsch- und Eisak quellen hinaus fiber die Gebirge, welche die 
Grenzscheide zwischen den Rhätiern und Vindelikern bildeten, 
schweift östlich ab bis an den Lech, ja bis an den Inn und dieSaIza, 
und wendet sich dann über den Bodensee zurück, den Quellen des 
Rheins zu, um über die höchsten Gebirge wieder hinabzusteigen in 
die westlich nach dem Genfersee und südlich nach dem Verbanus 
und Larius auslaufenden Thalgebiete der Salassier und Lepontier 
zu gelangen. Das Alpentrophäum beschreibt also einen Kreis» 
dessen Linie die Etsch , den Eisak , Inn und die Saiza berührt, dann 
den Lech und die Vindeliker am Bodensee durchschneidend , über 
die Rheinquellen hinweg die Seen von Genf, Locarno und Como 
streift. 

In der Aufzählung der besiegten Völker selbst macht die In- 
schrift den Anfang mit den Triumpilini und Camuni. Dass man 
unter diesen Namen die Bewohner jener Gebirge und Thalgebiete 
zu yerstehen habe, welche der in den Lago d*Iseo einmündende 
Oglio und der, Brescia^s Mauern bespülende Mellafluss durchströmen, 
also die Gebiete jener Thäler, die heutzutage .noch als Val Camo- 
nica und Val Trompia die Erinnerung an ihre Ureinwohner 
bewahren, darüber herrscht unter älteren wie neueren Gelehrten 
nur eine Meinung •<). Warum diese zwei Stämme zuerst genannt 
werden, dafür lassen sich, abgesehen von ihrer geographischen 
Lage, yerschiedene Gründe anführen. Wahrscheinlich waren es die 
Camuni mit ihren Nachbarn den Triumpilini, welche zum Kriege 
Anlass gaben. Dio Cassius berichtet, dass im Jahre Roms 738, d. i. 
im Jahre 16 yor Christus, also ein Jahr vor dem Beginne des rhä- 



^>) C 1 u r e r i tt 8 Itnl. antiqu. lib. I. c. 15. „Triumpilini, qni Npud Plininm his occar- 
runt, in tribii« antiquis inacriptionibns Brixiae existeDtibus aant Triampliai; 
io tabula Tero antiqua itineraria Trump II; ex hac voce posterioribns lempo- 
ribus ortum est Trompia, nunc Trompia. Est autem vallia quam Mela amnis 
•ecat. — Camuni Ollii flumiuis vallem incoluerunt, quae a priscis cultoribus 
etiam nunc nomen retinet = Val Camo nica.^ M a n n e rt II!. 669. Heichard, 
thesanr. topogr. orb. ant. u. Karte. 



über das rhfitische Alpenroik der Breuni oder Breonen. 375 

tUch-Tiadelicischen Krieges, die Camuni und die Vennones gegen 
die Rdroer zu den Waffen gegriff'en hatten und von Publius Silius 
unterworfen worden waren *2). Da nun derselbe Schriftsteller an 
einer anderen Stelle mittheilt, dass die von Drusus ebenfalls im 
Jahre 16 vor Christus besiegten Einwohner der tridentinisehen 
Alpen ihre Einfälle in römisches Gebiet, und zwar diesmal in die 
von den Galliern bewohnten Gegenden Oberitaliens wiederholt 
haben >*), so liegt die Annahme sehr nahe, dass gerade die an das 
gallische Oberitalien zun&chst angrenzenden Triumpiliner und Ca- 
muner sich am Einbrüche zuvörderst betheiligten, daher auch der 
strafende Angriff* der Römer ihnen zuerst zugedacht wurde. Dabei 
mag auf Seiten der Römer auch die Absicht obgewaltet haben , den 
Hauptangriff unter Drusus an der Etsch durch diese Flankenbewe- 
gung zu unterstatzen. Darum lag es ohne Zweifel im Feldzugs- 
plane, dass, während Drusus an der Etsch vordrang, römische 
Legaten in die Thäler der Camuni und Triumpilini einbrachen und 
nach deren Eroberung theils überBagolino durch Judicarien, theils 
Ober Ponte di Legno und den Tonal durch das Sulzthal an die Etsch 
vorrücken sollten •^), sowie ein ganz gleicher Flankenangriff nach 
dem Zeugnisse von Inschriften auch durch die östlich von der Etsch 
gelegenen Thäler unternommen wurde *^). 

An dritter und vierter Stelle nennt das Alpentrophäum die 
Yenostes und VennoAetes. So übereinstimmend die Meinung 
der Gelehrten lautet über die Sitze der Triumpilini und Camuni, 
so verschieden sind ihre Ansichten zwar nicht Ober die Venostes, 
wohl aber über die Vennones oder Vennonetes. Schon die Quellen 
widersprechen sich einander und weichen nicht nur in der Bestim- 



**) D i o C a 8 8 i tt s, lib. S4, cnp. 20. 

•») Derselbe, lib. $4, cap. 2«. „fTreira di iKudv) r^i fwv 'IraXiaj ajrfX/aoua3ri7ffav, 
rj dk dii rakaria xal iti ^vsxfivro.** 

**) Siehe oben die Anro. 47 aus Dio Cassins, welche besagt, da^s der Einbruch der 
rSmisehen Heere gleichseitig und an vielen Orten geschah, und swar 
unter den obersten Feldherrn Drusus und Tiberius, und unter ihren Legaten. 

*B) Zeugniss dafür gibt der in der Kirche xu Cesio iMaggiore nordöstlich von Feltre 
im Jahre 1786 aufgefundene Meilenstein aus der Zeit des Kaisers Claudius, dessen 
Insehrift bestfittgt, dass Clahdius die Militürstrasse von Aitiitom hinaus an die 
Donau, «quam Drusus pater alpibus hello patefactis derivavil** 
wiederhergestellt habe. G i o v a n e 1 1 i I. Bd. der älteren Ferdinand. Zeitschrift, 
p. 26—29. B ö c k i n g. Notit. dignit. V. 780. — O r e 1 1 i I. nuro. 648. 



376 Albert Jgger 

mung der Wohnsitze, sondern auch in Betreff der Stammverwandt- 
Schaft und selbst in der Leseart des Namens bedeutend von einander 
ab. Was die Venostes anbelangt, so werden sie bei den Alten nir- 
gends ausser in der Inschrift desTrophäums genannt. Die Gelehrten 
sind über einig darüber, dass man ihre Wohnsitze im heutigen 
Vintschgau, d. h. in dem oberen Thale der Etsch, von Mer^n auf- 
wärts bis zu den Quellen dieses Flusses suchen müsse ««). Noch 
um*s Jahr 720 hiess Vintschgau Venostes, und in einer Schenkungs- 
urkunde Olto's I. vom Jahre 967 vallis Venusta •''). Befremdend 
konnte man nur den Umstand finden, dass die Venostes, die weiter 
entfernten, vor den, wie später bewiesen werden soll , näher gele- 
genen Vennonetes in der Inschrift genannt werden, indem nach der 
geographischen Lage auf die Triumpilini und Camuni die Venno- 
netes und erst nach diesen die Venostes folgen sollten. Wir glauben 
das Auffallende nicht dadurch erklären zu sollen, dass wir mit Zeuss 
annehmen, die Vennonetes seien aus der Reihe der westlich gele- 
genen Alpenvölker herubergenommen und in der Inschrift an den 
unrechten Platz gesetzt worden «s^, uns scheint vielmehr die 
Erklärung auf folgende einfache Weise gegeben werden zu können. 
Es lag im Gange der Eroberung Rhätiens,^ dass die römischen 
Schaaren, welche aus Val Camonica über den Tonal in das Sulzthal 
vordrangen, mit jener Abtbeilung des römischen Hauptheeres, die 
von Bozen der Etsch entlang vorrückte, befMeran am Eingange des 
Vintschgaues zusammentrafen und sofort ohne Zweifel gemeinschaft- 
lich mit ihr die Unterwerfung der Venosten bewerkstelligten. Die 
Inschrift machte diesen Gang der Eroberung dadurch ersichtlich, 
dass sie die Namen derjenigen Völker, die so zu sagen unter Einem 
besiegt worden waren, nahe neben einander setzte ^<^). 

Nicht so einfach verhält sich die Sache mit den Vennonetes, 
Es steht nicht einmal ihr Name und ihre Stammverwand tschaft fest. 



6«) Z e u 8 8, p. 237. 

«3") M o h r, Arch. f. Ge8ch. d. Hep. Graubund. I. Cod. dipl. p. 8 und p. 89. 

68) Zeu8 8, p. 237: «Nach den Venoslea nennt die Inachrift Veononelea, aua dem 
Zuge dea Tiberiaa hieher versetzl". 

«9) Beachten8werth bleibt, was Diu Cassina über die Art der Kriegführung gegen 
die rhatischeo Gebirgavölker aagt; „Die Römer haben sie durch yiele gleichzei- 
tige Angriffe aus einander gezogen, und ohne groase Muhe in vielen kleineren 
Gefechten ihre zerstreuten Schaaren aufgerieben*' Üb. 54. c. 22 



über das rbitisehe Alpenvolk der Breuni oder Breonen. 377 

geschweige» dass ihre Wohnsitze so ohne Weiters zu bestimmen 
Viren. Was ihren Namen anbelangt, finden wir ihn bei allen Quel- 
lenschriftstellern die seiner gedenken» yerschieden geschrieben ^o^, 
in der Bezeichnung ihrer Abstammung bleibt sich nicht einmal ein 
und derselbe Gewährsmann bestandig. Strabo stellt sie das eine 
Mai neben die Rhätier, aber so, dass er sie eben dadurch von dem 
rhdtischen Yolksstamme auszuschliessen scheint '^i)» ^^^ anderes 
Mal macht er sie zu einem Zweige des vindelicischen Volkes '7^). 
Plinius hingegen bezeichnet sie ausdrücklich als Rhätier "'s), dess- 
gleichen auch Ptolemäus 7*). Nun werden wir wohl in Bezug auf 
Namen und Sfammyerwandtschaft der Vennoneten derjenigen Auto- 
rität folgen müssen, die unter den angeführten Quellenschriftsteliern 
in unserem Falle unstreitig die grösste ist, nämlich der des Plinius. 
Hat auch Strabo die Priorität der Zeit für sich, indem er seiner 
eigenen Angabe zufolge 33 Jahre nach derBesiegungder rhätischen 
Alpenvölker seine Nachrichten über sie niederschrieb, so hat doch 
Plinius das yor Strabo voraus, dass er als geborner Comasche ''^) 
Namen, Lage und Wohnsitze der benachbarten Stämme nothwendig 
genauer kennen musste als der entferntere Grieche Strabo. Nun 
nennt sie Plinius Vennonetes und macht sie zu Rhätiern. Was die 
Wohnsitze der Vennonetes betrifit, so weisen Strabo, Plinius 
und Ptolemäus ihnen dieselben an ziemlich weit von einander ent- 
legenen Orten an. Strabo verlegt sie einmal in die östlichen 
Gebirgsgegenden oberhalb Como ''>), ein anderes Mal, indem er die 
Vennoneten zu einem Zweige der Yindeliker macht, noth wendig 



7<') Sirabo schreibt ihn 'Ouevovi; und 'Ou^vvuve^; — Plinius Vennonetes; — 

Piolemaeus Ouivvcove?, OOe'vvovs^ und OOivvovre; editio W i I b e r g, und 

Dio Cassius 'O'jsvioi und Oüsvcoviot. 
y») Lib. IV, cap. 6. §. 6. 'Tfffi'pxeivrat 6s tö Kco^u 'Pairol jXal Ous'vove^. 

Hier sind also die Veuones andere als die Rhalier. 
^«J Eod. loc. §. 8. *Ira|xa>raToi 6k rwv |xev OvivdeXixwv «^ijra^ovro xal Ovsv- 

vcdvc;. 
7S) Plin. ill. 20. Rhaetorum Vennonetes Sarunetesquc etc. 
y*) Ptolem. üb. II. cap. 11. Kocrsx»^' 6k r^j 'Patriae — ra 6s lAsra^u KaXouxcüve; 

xal Ou^vvovref, edit. Wiiberg, p. 1S7. 
75) Siehe B 8 h r, Gesch. der röin. Liteialur II. Bd. (1845) §. 346, die Beweise, 

dass Plinius wabrscheiblicher zu Cumo als zu Verona geboren wurde* ' 
7*) Lib. IV. cap. 6. §. 6. i^Kspxstvrai 6k rS KcüfAU, Kftog r^ fSi^ twv "AXjrewv 

i4$pufACV8, rj fJLSv 'Pairol xal OOe'vov«^ M n^v i'w xsxXifxivoi. 



378 Albert Jäger 

hinaus in die nördlichen Aualäufer der Alpen 77). Plinius hingegen 
macht sie zu Bewohnern der hochgelegenen ThSler, in denen der 
Rhein seine Quellen sarnntelt ^s), und Ptolemäus lässt sie den mitt- 
leren Theil von Rhätien, einnehmen ''*). Von den zwei sich wider- 
sprechenden Angaben Strabo*8 muss eine nothwendig verworfen 
werden untl da trifit dieses Loos die zweite, indem, abgesehen von 
den Bedenken, welche gegen die Richtigkeit des Textes an der 
betrefTenden Stelle erhoben wurden s<^), die Vennonetes, wie das 
Folgende zeigen wird, keine Vindeliker waren, daher auch nicht in 
die Nähe oder unter die Vindeliker verlegt werden konnten. Die 
übrigen Angaben des Strabo, PILnius und Ptolemäus, so weit sie 
auch von einander abzuweichen scheinen, stehen sich doch viel 
näher, als man auf den ersten Anblick glauben sollte, ja kommen am 
Ende auf ein und dasselbe hinaus. Untersuchen wir die Sache. So 
viele Bedenken sich auch gegen die volle Richtigkeit des Textes 
bei Strabo in den die Vennones betreffenden Stellen erheben 
mögen, darüber kann kein Zweifel obwalten, dass er an der ersten 
Steile dieses Volk in die Gegenden östlich oberhalb Como 
verlegen wollte. Der Text, und Sinn der Stelle in dieser Beziehung 
ist klar und widerspruchslos ^<)* ^'^<^ ^^^^® ^'^ ^^^ näher iu*s Auge. 



^7) Siehe oben Aomerk. 72. Damit ist zu vergleichen der §.8, wo es heisst: 
Ol dt OdivdeXixol xal Nojpixol n^v ixrdg rcaptaptiocv xariyiHai. 

7S) Rhnetorum Venoonetes Sarunetesque ortus Rheni amnis accolunt. III. 20. 

'») Siehe oben Anmerk. 74. 

*<>) Z euss, p. 234 hSIt die Stelle, in welcher Strabo die Vennones xu den Vindelikern 
zfihlt, für verdorben. „Gewiss« sagt er, „ist hier entweder durch Strabo oder seinen 
Berichterstalter (warum nicht auch durch Abschreiber) ein Missgriff geschehen; die 
Ovevvcüve; sind sonst Oberall als R ha eten genannt.« Er glaubt daher, dass der 
Text bei Strabo lauten sollte: ira|xeüTaTOi de twv ^iv Owiv^fXixwv i^yj- 
Toc^ovro Aixdcrrtot xal KXaunvanot, 'Pouxavrioi xal Korouavriof rwv di 
'Pairoiv Oucvvcove;; gewiss eine eben so scharfsinnige als gegründete Ver- 
routhung. In Betreff der zwei sich widersprechenden Angaben Strabo's über die 
Wohnsitze der Vennones bemerkte schon C 1 u v e r i u s Ital. ant. I, p. 104: „Mira 
sane unius einsdemque mentis variatio, si ita utrobique scripsit ipse Strabo«, indem 
dieser Autor das eine Mal die Vennones zu den Völkern Italiens, die oberhalb Como 
wohnten, das andere Mal zu den Vindelikern an der Nordseite der Alpen zihlt. Auch 
Cluver glaubt daher, dass wir den Text nicht in seiner ursprünglichen Richtigkeit 
vor uns haben. 

**) Ein Bedenken gegen den Text findet nur Statt, weil Strabo im Widerspruche mit 
sich selbst aa der fraglichen Stelle die Vennones von den RhSliern ausscheidet. 
„Oberhalb Como*' sagt er, „wohnen 'Pairol xal Oucvvwvs?«, wühreud er doch 



Cb«r das rhSlisch« Alpenvolk der Rreuiii oder Breonen. 379 

^Oberhalb Como", sagt Slrabo» „ weiches am Fusse der Alpen liegt, 
wobnen gegen Osten die Rhfttier und Vennones und die Lepontier, 
Tridentiner und Stoner*. Stehen nun auch die Lepontier neben den 
Tridentinern offenbar nicht an ihrem Orte und mössen diese« und 
Tiel]eicfat auch das xai zwischen 'Falrot und Ot3evv&)vc^, als nicht 
£um Texte gehörig, ausgeschieden werden, so steht doch unwider- 
sprecblieh fest, dass Strabo alle die genannten Völker sich oberhalb 
Como in der östlichen Richtung gelegen gedacht habe. Es geht 
ferner aus dem Wortlaute des Textes hervor, dass er sich dieselben 
wieder in zwei Gruppen neben einander dachte, auf der einen Seite 
(rf liiv) die Tridentiner und Stoner, auf der andern (r^ i(), also 
oberhalb den Tridentinern und Steuern die Vennones. Nach dieser 
kaum EU bestreitenden Auffassung der Stelle Strabo*s dürfte diese 
am richtigsten so verstanden werden, dass Strabo östlich oberhalb 
Como im Allgemeinen Rhäti er kannte, die sich nach der einen 
Seite hin in Tridentiner und Stoner, und nach der andern Seite hin 
in Vennones gliederten. Fassen wir die geographische Lage der Tri- 
dentiner, Triumpiliner und Camuner, die keinem Zweifel unterliegt, 
in*s Auge, so bleibt uns fQr die in der anderen Richtung oberhalb 
Como gegen Osten gelegenen Vennones, zwischen Como und Trient 
keine andere Gegend mehr öbrig, als das Thal der Adda, die Vallis 
Tellina. Und so ftlhrt uns die einfache Interpretation der Angabe 
Strabo*8 ohne allen Zwang zur Entdeckung der Wohnsitze der 
Vennones im Veltliner Thale. 

Diese aus Strabo abgeleitete Entdeckung findet ihre mittel- 
bare oder unmittelbare Bestätigung sowohl in Ptolemius als auch 
in Dio Cassius und selbst in der Inschrift des Trophäums. Ptole- 
roftus wfiset in seiner Beschreibung Rhätiens den Vennones eine 
Gegend zu, welche mit dem oberen Theile des Veltlinerthalesziem- 
lich Qbereinstimmt. Den nördlichen Theil Rhätiens, sagt er, bewohnen 



im §. S desselbea IV. Baches u.'6. cap. deo rhiUscheu VoikssUmm bis Bseb lUlien 
binab, oberLalb Verona und Como rerbreitet sein Ilsst: ol ficv ouv 'Palrot 
/AfXpi r^C 'IraXta; xa3^xu ai, r^^ i^irip Ovigpctfvo; xal Km/ab. Ferner xei§^ sieb 
der corrupte Text aucb darin, dass die Lepontini zu deik Tridentini und Sionet 
^•xfiblt werden, wfibrend sie doch iu die Ton Como westlich ^ele^nen Gebirge 
geboren. Darum glaubte schon Cluverius, dass ursprfinglich bei Strabo gelesen 
wurde: ujrrfpxfivrat $t r« KcofAB, r j| fxiv A>jffrfvrcoi 'Pdttnoi, z^ ds Ov/vvwvi^, 
ini n^v cw xcxXi/acvoi, xai T|!>(devr(vo( xal Srovot. 
SiUb. d. phil.-hist. CI. XMI. Bd. 111. Uft. 26 



380 Albert Jü^er 

die Brixantes »»), den sDdlichen die Suanitae und Rigusei bs^ und 
den mittleren die CaUicones und Vennontes s^). Erwägt man» 
dass Rbätien, ehe Vindelicien damit in Verbindung gebracht wurde, 
sich vom Bodensee bis an die Ausläufer der Alpen bei Verona und 
Como erstreckte s*), so wird der mittlere Theil so ziemlich in die 
Nähe der Gebirge fallen, welche die Quellen der Adda umgeben. 
Direcler als Ptolemäus bestätigt unsere Behauptung eine Nachricht 
bei Dio Cassius. Im Jahre 16 vor Christus ergriffen die Camuni 
und Vennonii die Waffen gegen die Römer und wurden von Publius 
Silius besiegt und unterworfen »•).• Nun ist es sicher kein gewagter 
Schluss, wenn wir annehmen, dass diese zwei Völker, weiche ver- 
eint die Waffen gegen die Römer ergriffen und in Einem Ifeldzuge 
von demselben Feldlierrn besiegt wurden, Nachbarn gewesen 
sein mOssen, folglich die Vennones, da wir die Heimat der Camuni 
genau kennen, nicht in Vindelicien, wohl aber in der nächsten Nähe 
der Camunr, in Veltlin, zu suchen seien. Auch ist es undenkbar, 
dass Publius Silius ein Jahr vor der Unterwerfung der rhätisch-vin- 
delicischen Völker schon draussen irgendwo am Bodensee oder auch 
nur tiefer im rhätischen Gebirge dieVennones bekämpft und besiegt 
haben sollte. Alles führt also auf ein nahes Beisammenwohnen der 
Camuni und Vennones oder Vennonetes zurück. Und wohl aus 
diesem Grunde zählt das Trophäum — das Gewicht dieser Quelle 
kann nicht verkannt werden, die Triumpilini, Camuni, Venostes 
und Vennonetes gleich an der Spitze seines Verzeichnisses neben 
einander auf s''). 

Diesen Gründen gegenüber kann auch der Bericht des Piinius, 
so sehr er von Strabo, Dio Cassius und dem Aipentrophäum abzu- 
weichen scheint, keine grosse Schwierigkeit verursachen. Piinius 
versetzt die Vennonetes in das Quellengebiet des 'Rheins s»), also 



62) Ptolem. II. 11. Die Bpi^dcvrai des Ptolem. heissen bei Strabo IV. c. 6. §. 8. 
Bpi7dcvriot und ihre Hauptstadt Bppyävriov (Bremens). 

63) Auch Zeusa, p. 236 verlegt die Douaviroct und *Pi78Jxai in den Gebirgsrücken 
zwischen dem Rhein und dem Comeraee. 

84) ^ra 6k iLsrec^b KaXouxojve; xai OuEwovre?.** 

65) Siehe Anmerk. 81. 

66) Dio Cass. lib. 54, cap. 20. 

67) Gentes alpinae deviciae : Triumpilini, Camuni, Venostes, Vennonetes«. 

66) c. III, c. 20. Rhaetorum Vennonetes Saninetesque ortiis Rheni amnis adcolunt. 



über das rhatUche AlpeoTolk der Oreuni oder Breonen. 381 

in eine vom Tbale der Adda ziemlieh weit entlegene Gegend. Allein 
wenn man erwägt, dass die Römer von dem Quellengebiete des 
Rheins im Allgemeinen eine sehr unbestimmte Vorstellung halten s«), 
dass sie den Rhein im Adula entspringen Hessen *<^) , unter diesem 
Adula nicht eine einzelne Spitze oder einen einzelnen Berg, 
sondern eine weit nach Norden und Süden laufende Gebirgskette yer^ 
standen *<), dass sie in diesem Gebirgsstocke des Adula die Quellen 
der Rhone, des Rheins und der Adda sich ziemlich nahe neben einan*^ 
der dachten **) und zwar so, dass die Quellen des Rheins und der 
Adda nur durch einen Scheitel getrennt seien» von welchem der 
Rhein gegen Norden» die Adda in entgegengesetzter Richtung nach 
Süden abfliesse '*); wenn man erwägt, dass wir diese unbestimmte 
Vorstellung vom Queilengebiete des Rheins nicht blos hei Strabo, 
Ptdemäus und Pomponius Heia **) finden, sondern dass auch Pli- 
nius nicht frei davon gewesen zu sein scheint *^)» so dürfen wir 
ohne Wagniss annehmen, dass Plinins nicht die Absicht ge- 
habt habe, die Vennonetes wirklieh in jene ThSier tu verlegen. 



99) JqI. Caeaar Hast den Rhein bei den Lepontiern entspringen ; S t r a b 6 
YII. 1. |. S in der NSbe der Tom Hercyniaeben Walde eingescblossenen Landw 
acbaft, nicht weit von den Quellen der Donaa; fci ^^ ffX'Vjfftov OLvrijf ^ rc rö 
1Cp8 mry^f xal iS rS 'Pi^vB. Dio Cassiua 39, c. 49 in den keltischen 
Alpen: 6 dk &^ *P>3V0( ovodfdcDffi fxiv ^x r£äv 'AXTrecdv r&v Ktkrißtiptav^ oX(7ov 
e^u r^; 'Pairta; ; a Iso sogar ansserbalb Rhitien t 

•0) strabo IV. o. 3. |. 3. al mryal tu irorofxS (*Pi9Vii) tlfftv iv r^ 'A^aX^ ^pct ,* 
ebenso IV. c. 6. §. 6. 

•1) Ptolemaeus H. c. 11: T^^ 'Pamo^ >$ ftfy du9fuxi) irXcupa opiCeroet r^i rc 
'AdaXa Spcu Nach Ptolemios zAge sich der AdnU der ganzen Westgrenze Rhitiens 
entlang. 

^) Siehe die folgende Anmerkvng. 

•») Strabo IV. c. 6. %. • i oux Sin^^tv W r»TW» (ron den Rhoneqnellen) rö 'PVj- 
vov ai mj^ai, (x«l) 6 ^A^bX«^ rd "'Opo?, i^ i /Jet xal 6 *P>3vo; ^jrl taj depxru;, 
xod 6 'A^doua; tlg rdevotvrta ^fL/9aXXci>v tU ti^v Aapiov XifAVi^v; dann eodem 
lib. IV. c. 3. f. 3. al itvj'^al t5 'P^vo elffiv ^v ry 'AÄoXa ^p«i. röro Ä' i^l pispo^ 

rwv "AXTrecijy, o5ev xal 6 *AÄÄova^ et^ ravovna fJLepvj ^et, xal ^rXijpei njv 

Aapiov XifjLVKjv. 

^) Pompon. Mela , de situ orbis lib. II. c. 5: «Rbodanus non longo ib Istri 
Rheniqae fonlibus surgit**, dann lib. III. cap. 2 s »Rhenus ab Alpibus decidens 
prope a capite duos lacus efficit, Venetam et Acronium". 

•*) Plinias III. ZO. „Vennones . . orlus Rheni adcolunt, Lepoutiorum, qni überi 
vocantur, fonlem Rlioduui, eodcm alpium tract ii." 

26* 



382 Albert Jüger 

welche der heutzutage sogenannte Tordere und hintere Rhein durch- 
strömt, sondern dass auch er mit dem Ausdrucke «ortus Rheni ad- 
colunt** nur im Aligemeinen den Gebirgsstock bezeichnen wollte, 
aus welchem die Adda, der Inn und Rhein entspringen, und dass er 
zurj Bezeichnung dieses Quellengehietes den Namen des bedeu- 
tendsten Flusses wählte. Dass Plinius die Absicht nicht gehabt 
haben konnte, seine Vennonetes in unsere Rheinthäler zu verlegen, 
gebt schon daraus hervor, dass ihm, so gut wie dem Julius Cäsar**) 
und Strabo, bekannt sein musste, dass im engsten Sinne des Wortes 
an den Quellen des Rheins die Nantuates ihre Wohnsitze 
hatten *7). Es besteht also zwischen dem Ausdrucke des Plinius : 
„Vennonetes ad orfus Rheni adcolunt** und der Annahme, dass die 
Vennonetes im Addathale wohnten , kein unvereinbarlicher Wider- 
spruch, indem die unbestimmte Ausdehnung des Queliengebietes 
des Rheines nach der Vorstellung der Römer auch das Quellenge- 
biet der Adda, oder was dasselbe ist, die Wohnsitze der Venno- 
netes im Veltlinerthale umfasste. Ganz übereinstimmend mit Strabo 
wird aber die Angabe des Plinius lauten, wenn wir dem Vorschlage 
beistimmen, den schon der alte Ägid Tschudi gemacht hat **), dass 
in der citirten Stelle des Plinius anstatt „Rbeni"* gelesen werden 
mCIsse „Aeni^. Durch diese Textcorrectur werden wir gerade auf 



M) Jul. Caes. de bell. g%\\. IV. 10: Rhenus oritar ex Lepontiis , qui Alpe« ioco- 
lant, et loogo spatio per fines Nantuatiuin, HelTetiorum etc. citatua fertur. 

»») Strabo. IV . c 3. §. 3 : T^v d* iizl tw 'P^va> KpfäTOi rwv ^ovruv oUS^i 
Neeyr»arflu. jrap* oU «i^iv a? jrr/*yai rS irorafiö 'P^^v«. 

**) Tacbudi Aegid. Haaptschluaael zu rcrscbiedenen AlterthQmern etc. Con- 
staos 1758, p. 33S erkenut In den Sarunetes des Plinius die BeTSlkeruBg 
dea Ober-En^dins an den Quellen des Inn, deren Andenken aich im Namen des 
obereng^diniseben Hauptortea »»Sarnes =Zernez" erhalten hat, darum mfiste 
bei Plinius IIb. 3, cap. 20: «Rbaetorum Vennonetes Sarunetesque ortus Aeni 
(nicht Rheni) accolunl* gelesen werden. «Die Vennones und Sarnezer, sagt 
Tschudi, sind weit gelegen von dem Ursprünge des Rheins, bei dem Yne die aller- 
höchsten, desswegen allda Aenus und nicht Rhenus solle gelesen werden". — In den 
Varianten zu Plinius (vgl. Jul. 8 i 1 1 i g's Ausgabe) findet die Annahme Tschudf's 
freilich keine Unterstützung; allein aie enthilt keinen Inneren Widerspruch; 
überdies war eine Verwechslung des „Aenus" mit dem viel bekannteren »Rhenus" 
keine unmögliche, sondern eine sehr nahe liegende Sache. Schon oben, Anmerk. 3t 
sahen wir, dass Reseh eine solche Verwechselung auch bei Paul. Diacon. ver- 
muthete und daher statt ,.Rheni*' „Aeni" zu setzen vorschlug. Vgl. auch die 
Anmerk. 2. 



über d»9 rbStische Alpemolk der Breuni oder Breonen. 383 

jenes Gebirge verwiesen, auf dessen nördlicher Abdachung der 
Ino, auf der sOdliehen die Adda entspringt **). Von den Quellen der 
Adda bis hinüber zu den Quellen des Innflusses und bis zu den 
Venosten an den Quellen der Etseh mögen die Vennonetes ohne 
Zweifel gewohnt haben. Beweis dafllr ihre gemeinsame Unterwer- 
fung unter die römische Herrschaft. 

Wenn wir nun einen Blick zurückwerfen auf die vorstehende 
Untersuchung Ober die Wohnsitze derTriumpilini, Camuni; Venostes 
und Vennonetes, so zeigt sich als sicheres Ergebniss, dass das 
Alpentrophäum diese vier Völker desswegen neben einander aufge- 
führt hat, weil sie Nachbarn waren, wohnend und an einander 
grenzend in den Thfilern jenes Gebirgsstockes , der sich zwischen 
Como und Verona und zwischen der Etsch und Adda bis hinauf zu 
dem Quellengebiete des Inn und Rheines erhebt, weil zweitens diese 
Völker höchst wahrscheinlich von einer selbstständig operirenden 
Abtheilung des an vielen Orlen zugleich in die rhätischen Gebirge 
einbrechenden römischen Heeres ^^^) besiegt worden waren, daher 
die Inschrift des Tropbfiums sie als eine zusammengehörige Gruppe 
betrachtete ^^*). 



M) Da« Bersinageblrg iwlschen den Ino- uod Addaquellen. 

100^ V^l. die AnmerkuDgeo 46, 62, 60. 

>*') Pur die Verlegung der Veonouetes in das Thal der Adda entschied sich unter den 
iUterea Geographen C 1 a ▼ e r i u s. Anfangs war er geneigt, sie an der Etsoh, im 
Vintschgau su suchen; ultra Fontes Ollii valfis est, in qua Athesis oritur, vulgari 
voeabulo Italis Val Venosca, Germania VInschgau dicta; a Vennonibus, Camunorum 
llnitimis, quin id nomint's retineat, haud equidem dubitaverim. Ital. antiq. 1. K 
e. 18. Doch bald Wea» er diese Ansicht fahren, und zog^ mit Rficksicht auf Pli- 
bI Q s dis Annahme ror, dass sie im Thale yon Veltlin und Chiavenna bis snm Adula 
auf der Afickseite der Rheinquellen, gewohnt haben mfissen. Loc. cit Unter den 
Neueren stimmt theilweise Bischoff und Möller^s vergl. Wörterbuch damit fiberein. 

Aus dem Ergebnisse unserer Untersuchung geht aber herror, dassZ e u s s, der 
die Vennones das eine Mal an den Hhein verlegt, ein anderes Mal die Ansieht aus- 
spricht, sie seien in der Inschrift nur des Gieichlautes wegen zu den Venostes Tef- 
setzt worden, und gehören zu jenen Völkern, durch welche Tiberius den Weg In 
die nördlichen Gegenden öffnete, der einzige Name , wie er hinzusetzt, den die 
Inschrift nicht an ihrer Stelle gibt, kaum auf Beachtung Anspruch machen kann. 
S. %86, 237. Eben so wenig kann den Angaben R e i c b a r d's (Orbis terrar. antiqu. 
Norimberg. 1S34) heigestimmt werden, wenn er im thesanro topograph. sagt : 
.W engen (im Allgau?) quod Vennum nuncupatur, caput gentiaVennonum fuisse 
ridetur. Hinc et lacus Venetus (Brigantinus"); und wenn or dorogemlss die Vennones 
auf seiner Karte an die Nordseite des Bodensees Terlegt. 



384 Albert Jäger 

Nachdem uns das Trophüum mit der ersten Gruppe der von 
den Römern besiegten rhätischen Alpenvölker, nämlich mit den 
westlich Ton der Etsch gelegenen Stämmen bekannt gemacht hat, 
nennt uns selbes die Namen der Isarci, Breuni, Genauni und 
Pocunates 1««). Ist die Annahme richtig, dass die Inschrift bei 
der Aufzählung der Völkernamen deren geographische Lage und 
Aufeinanderfolge beröcksichtigte, so kann als wahrscheinlich, ja 
ÄOgar als gewiss angenommen werden, dass wir nicht nur mit einer 
neuen wieder zusammengehörigen, sondern auch mit einer den früher 
genannten Stämmen der Triumpilini, Camuni, Venostes und Venno- 
netea benachbarten Gruppe bekannt gemacht werden. Sollte 
«ich dies als begründet herausstellen . so wären wir, da in dieser 
Gruppe auch die Breuni genannt sind, der Lösung unserer Haupt- 
aufgabe, Ermittelung der Wohnsitze der Breuni , so weit dies aus 
dem Alpentrophäum möglich wird, sehr nahe gekommen. Unter- 
wehen wir die Sache wieder einer näheren Prüfung. 

Es kann als ausgemacht angenommen werden, dass die in der 
Inschrift zunächst genannten Isarci in jenem südtirolischen Thale 
gesucht wer'den müssen, welches sich von der mittägigen Abdachung 
des bekannten Brenner-Überganges über Sterzing und Brixen bis 
Bozen in einer Länge von 11 Meilen ausdehnt und von dem schäu- 
menden VTildstrome, dem Eisak, bewässert wird. Die Annahme 
stützt sich zuvörderst auf den Umstand, dass der Name dieses 
Volkes sich in der Quelle, aus welcher er hervorgegangen, bis in 
das tiefe Mittelalter herein erhalten hat. Wir finden den Namen 
Isarcus, als Name des Eisakflusses, in den Acten des heil. Cassian, 
die, wenn sie auch erst aus dem zwölften Jahrhundert datiren, 
doch auf den Schriften des 612 verstorbenen Secundus Triden- 
tinus beruhen; wir finden ihn noch in einer Grenzbestimmung des 
Bisthums Trient aus der Mitte des eüften Jahrhunderts, ja noch in 
einem Brixner Traditionsbuche aus dem Anfange des zwölften Jahr- 
hunderts <<}'). Unter den alten Quellenschriftstellern kennt auch 



108) Siehe oben Anmerk. 5. 

10^) Resch, Annal. ecci. Sabionensis I, p. 93, In den Actis S. Cass. heisst es in der 
Beschreibung der Lage von Sabiona: „et licet ab Oriente flumen Ysarche in 
pcde inontis Irrigetur'*; in der Grenzbesliinmung; ^Tridenlinus episcopatus incipit 
ab Y 8 a r c fliimine^ ; im Traditionsbuche : „Kadalhoh agrum ultra Y s a r c u in 
fluvium tradidil«. 



über das rhfitische Alpenvoik der Breuni oder Breonen. 385 

Strabo den Isarcus. Oberhalb dem Lande der Karner, so berichtet 
er, erhebt sich ein Berg mit einem See, welcher in den Fluss 
'Iddpog abläuft. Dass Strabo den Eisak darunter verstand, geht aus 
seiner weiteren Angabe hervor. Dieser 'Icdpog^ sagt er, nimmt den 
'Ara7cv, einen anderen Fluss auf, der sich in die Adria ergiesst. 
Aus demselben See entspringt noch ein Fluss, 'Arndivog genannt, 
der dem Ister zuströmt i®^). Diese Angaben sind so bezeichnend, 
dass, wenn einige ihnen anklebende Fehler beseitigt werden, die 
Identität des 'laapog mit dem Eisak Niemand verkennen kann. 
Strabo hatte offenbar Kunde von dem Brennersee und war der Mei- 
nung, dass auch der dem adriatischen Meere zuströmende 'loapog, 
Eisak aus demselben entspringe, wie in der That die auf der ent- 
gegengesetzten Seite abfliessende Sill aus dem Brennersee dem Inn 
und der Donau zueilt Im Irrthume war Strabo nur darin, dass er 
den 'I(7depo^-Eisak fttr den Hauptstrom hielt und ihn den ''Arayiv 
(Athesis-Etsch) als Nebenfluss aufnehmen lässt, was zu gewissen 
Zeiten selbst heutzutage eine verzeihliche Verwechslung sein 
könnte. Ein anderer Fehler zeigt sich in der Benennung des dem 
Ister zueilenden zweiten Flusses, den Strabo 'An^afvog nennt. Zeuss 
vermuthet, der Name sei verschrieben und soll heissen : 'A£vo^-Inn 
('A(TTi<j)evog) «<>5). Giovanelli hingegen will in 'Aryjcjtvo^ durch eine an- 
dere Cgrrectur des Namens die Sil! flnden, wornach zu lesen wäre: 
CAt7})(J(XXc^ 1®*). Annehmbarer ist offenbar die von Zeuss angedeutete 
Vermuthung, Strabo hätte dann nur darin geirrt; dass er den 
Brennersee als Quelle des 'ladpog, und den Siliersee als Quelle des 
'Aivog für einen und denselben See hielt i®'). Aus beiden erörleMen 
Gründen steht nun aber das fest, dass unter Isarcus oder 'iadpog 
der Eisak zu verstehen, folglieh die gleichnamigen Isarci des Tro- 
phäums im Eisakthai zu suchen sind ^^^). 



<M) sirabo I. IV. cap. 6. §. 9. Den Berg nennt Stralio 'ATrevvivov ; Casaub. liest 
Iloivevov, Venet. 'Ajripvi^vov. Letztere Leseart dürfte der späteren Benennung 
des Brenners wohl am nSchsten stehen. 

•«*) Zeuss, p. 232. 

AM) Bened. Gioranelli, Ära Dianae, p. 189. 

107) Strabo liebt es Oberhaupt, weit von einander entlegene Flüsse aus einem und 
demselben See entspringen zu lassen, so IV, cap. 6. §. 5 die Druentia (Durance), 
und Duria (Dora baltea) ; beinahe hätte er dies selbst dem Padat zugedacht. 

*^*) Aus dem Vorstehenden ergibt sich von selbst, dass die Ansichten der älteren Geo- 
graphen Cluvers und Cellarius, welche die Isarcos an die Isar <Kler 



386 Albert Jager 

Aber selbst, wenn wir diese Quellenberichte über die Wohn- 
orte der Isarei nicht hfttten, würden wir schon durch den Gang 
der römischen Eroberung veranlasst, ja genöthigt werden, sie nicht 
anderswo als im Eisakthaie aufzusuchen. Bis Bozen war dem römi- 
schen Hauptheere nur ein Weg yorgezeichnet, nämlich der durch 
das Etschthal. Bei Bozen fand aber Drusus fQr sein weiteres Ein- 
dringen in die tridentinischen Alpen zwei W^ege vor sich , nord- 
westlich über Heran das Thal der Venosten, nordöstlich das zum 
Brenner emporsteigende Thal am Eisak. Wie nun Drusus in nord- 
westlicher Richtung mit den Venosten zusammenstiess und in Ver- 
bindung mit den aus Val Camonica und dem Addathale über die 
Gebirge einbrechenden römischen Schaaren nach dem Zeugnisse 
des Trophftums sie auch besiegte, so musste er bei seinem Vor- 
dringen in nordöstlicher Richtung unvermeidlich zuerst auf die 
Bewohner des Eisakthaies stossen; es konnten also die in der 
zweiten Völkergruppe der Inschrift zuerst genannten Isarei nur die 
Bewohner des erwähnten Thaies sein. Man mag demnach, mit der 
Inschrift des Trophäums in der Hand, die Untersuchung auf diesem 
oder auf jenem Wege verfolgen, man gelangt immer zu demselben 
Ergebnisse, dass die Isarei in dem Thalgebiete des gleichnamigen 
*la<kpog, d. i. Isarcus oder Eisak sesshafl Ovaren. 

Gehen wir nun einen Schritt weiter. Unmittelbar nach den 
Isarei nennt die Inschrift die Breuni, Genaunes und Focunates. 
Nun hätten wir durch die genaue Ermittelung der Wohnsitze der 
Isarei bereits einen sehr festen Anhaltspunct zur Bestimmung der 
Wohnsitze der Breuni, also zur Lösung unserer Aufgabe gewonnen. 
Wir dQrfen nämlich aus dem Umstände, dass die Inschrift sie 
unmittelbar nach den Isarei nennt, mit voller Sicherheit annehmen, 
dass sie in der Nähe der Isarei, und zwar, da der Zug des Drusus 
das östlich vom Eisakthai gelegene Noricum (Pusterthai) nicht 
berührte, irgendwo nördlich, oberhalb der Isarei, ansässig sein 



Hier rersetsen, keine BerOckticbtiguiig rerdicDen. Celhirias ^ill Dinlich io dec 
bekannten Elegie des Albinorenus an Livia anstatt Itargus, II a r g u • lesen (C 1 u- 
▼ e r i u 8, Vindelie. p. 10. C e II a r i a s, Geogr. antiqu. 1. II. c. 7). Ebenso rw^ 
febU ist es, wenn Uarduin zn Plinius die Isarei in das Sarcatbal oberhalb des Garda- 
sees verlegt. Reicbard hingegen, sowohl in orbe lerrar. autiqu. , als auch in 
- (hesaur. topogr. erkennt In dem "Ivoipo; des Strtibo den Eisak. 



über das rbititche Alpenrolk der BreuDi oder BreoooD. 38 T 

iDossteo. Allein da diese AnDabme nicht unbestritten zugegeben 
wird» so wird es besser sein, wenn wir zu desto sicherer Ermitte- 
lung des Gebietes der Breuni luror den Kreis um sie herum durch 
die geographische Bestimmung derjenigen Nachbary5lker, deren 
Wohnsitze keinem Zweifel unterliegen» so eng als möglieh 
begrenzen, wir werden auf diesem Wege den Wohnsitzen der 
Breuni unfehlbar nahe rQckeo. 

Nach der Aufzfihlung der zweiten Völkergruppe (der Isarci» 
Breuni, Genaunes und Focunates) fQhrt uns die Inschrift des Tro- 
phfiums eine dritte Gruppe, wieder aus vier Stämmen bestehend 
vor, die Gruppe der vier vindelicischen Völker, der Consua- 
netes, Rucinates, Licates und Catenates ^^•). Es kann uns gleich- 
giltig sein, wo jedes dieser vindelicischen Völker lag; fQr unsere 
Frage ist es von grösserer Wichtigkeit zu wissen , welches die 
Grenzen Vindeliciens gegen Rhfttien und Noricum waren, indem wir- 
dadurch die Linie kennen lernen , Ober welche hinauf die zweite 



***) »Vindclicoroni gentes quatnor, Consuanetet" etc. in luscriptione ex trophaeo. 
Alpivm bei P I i n i a •, ride Aomerk. 5. Auob S t r a b o, IV. 6. f. S kennt rler 
Völker, Namens Atxirrtoi, KXaunvanoi, 'Povxavriot und Korouavnoc; er 
ikblt aber nur die zwei ersten zu den Vindeiikern, die swei ietsterea hingegen an 
den Rhätiero, wShrend er binwieder die Vennones beranziebt nud den Vindeiikern 
beigeseUt, offenbar Allee rerwirrt, denn aus der oben (Anmerk. SO) mitgetheUten, 
▼on Z e u s s eben so scharfsinnig als gründlich rorgeschlagentn Textrerbeato« 
rung gebt hervor, dass auch S t r a b o in Übereinstimmung mit der Inschrift die- 
selben Tier rindelicischeo Völker kannte und nur in ihrer Benennung abwich, so dass 
die Consuanetes der Inschrift seine Korouavnoc, und die Catenates , wie auch 
schon CInrerios in Vindel. p. It rermuthete, seine KXaunvdriot sind. Dess- 
gleichen kannto Ptolemius die rier Volker der Inschrift und swar als Vlade- 
liker: die *PBvixSrat, Kcmvffsdvrai, Aixanoi und die sonst nirgends genannten 
AtOvo(, wie Zeius p. 234 Tormuthet , ein entstellter Name. Seine drei ersten 
Völker sind ohne Zweifel die Rucinates, Consuanetes und Licates der Inschrift; aus 
welchem Namen das rerdorbeae AffOvoc entstand, muss dahingeetellt bleibon. Mit 
rielem Rechte hingegen machte Ciurerius Vindel. p. 11 den Vorfchlag, die 
Kcüvffttavrac des Ptolem. in Koivo'Bayirott au rerbessern, wonach wir die Coa- 
sMoetes der Inschrift ror uns bitten, ebenso die 'PBVixarotc in *PttX(vocrou , Rn- 
cinates, wenn nicht, meint Giurer, das Plinius'sche Rncioatee Tielleicht nach Ptole- 
mius geindert werden muss. Für die erste Verbesserung beruft sich Clurer auf die 
Analogie, die sich bei Ptolemius rorfindet, der die Suanetes des Plinius als 
ZBOV^rai kennt. In Betreff der Catenates der Inschrift lisst es einher unentschieden, 
ob bei Strabo RXscurivanoi in Kavnvdcrtet, oder umgekehrt Catenates in Cle- 
tinates su verbessern sei. Auch Zeuss p. 234 bemerkt su Catenates und 
KXaurtvarioi : ^e i n e s i s t v e r s c h r i e h e n". 



388 Albert Jfiger 

von der Inschrift genannte Völkergruppe sich nicht erstreckte, 
oberhalb welcher somit die Breuni mit ihren Nachbarn den Genauni 
und Foeunates auch nicht weiter gesucht werden dQrfen. 

Die Nordgrenze Rhätiens wurde zwar schon weiter oben <<<») 
in allgemeinen Umrissen bezeichnet; allein hier handelt es sieh, 
wie so eben bemerkt wurde, nicht um eine allgemeine, sondern um 
die möglichst genaue Bezeichnung der Linie, welche Vindelicien 
von Rhätien schied, weil wir nur dadurch im Stande sein werden» 
das Gebiet der zwischen den Isarci und den vier yindelicischen 
Völkern mitten inne liegenden Breuni ebenfalls möglichst genau 
zu bestimmen. Die Nachricht des Dio Cassius über die Lage der 
Rhätier (er weist ihnen zwischen Noricum und Gallien denPlatz an} 
ist nicht nur zu allgemein, sondern kannauch gar nicht als Beweis 
für die rhätische Nordgrenze herangezogen werden, weil Cassius 
unter Gallien unstreitig das von gallischen Stämmen bevölkerte 
Oberitalien verstand m). Eben so wenig kann fQr unsern Zweck 
aus einer zweiten Stelle Dio^s abgeleitet werden, in welcher er 
allerdings eine nordwestliche Grenze Rhätiens im Auge hatte, sie 
aber offenbar falsch bezeichnete, indem er den Rhein „ein wenig 
oberhalb Rhätien"* entspringen lässt i^^). Auch einige der Angaben 
bei Strabo sind zu allgemein, als dass sich aus ihnen für die scharfe 
Bezeichnung der Grenzlinie zwischen Vindelicien und Rhätien ein 
Ergebniss gewinnen Hesse. Strabo sagt an zwei Stellen , dass die 
Vindeliker, theilweise auch die Helvetier und Noriker das ausser- 
halb der Alpen gelegene Hügelland und die dortige Hochebene, die 
Rhätier und Noriker hingegen das Land in den Alpen, über die 
höchsten Gebirge hinweg, hinab bis an die Grenze Italiens 
bewohnten <<<). Aus allen diesen Angaben gewinnen wir aber nicht 
mehr, als dass die Vindeliker im Flachland, und die Rhätier in den 
Alpen zu suchen seien. Viel bestimmter und bezeichnender sind 



110) Siehe S. 3^7—368. 

tu) 'Pairol, oUQÜvTeg fAcra^u t» rs Nwptx« xal r^s TaXotnag, izp^i reiU "AXffifft 

Talg irpö^ t§ 'I^aXta ratf Tptdivnvat^, t^^ « TaXarta? npoa6pov afiai etc. 
V) Siebe oben Anmerk. S9. 
|is)yerg'l. Anmerk. 81 mit folgender Stelle: 'EXm^mot xal OvtvÄeXixoi oixSffiv 

opoTzidta, 'PaiTol de xal Nwpixol fitex/at twv 'AXTretwv vTrep^oXwv avi(JX8(Xi, 

xal npdc n^v 'IraXiav ;7£pivsvuo^(. 



Ober das rhatiscbe Alpeovolk der Breuni oder Breoneu. 389 

andere Angaben sowohl bei Strabo, als aucb bei Plinius, Ptole- 
maus und Tacitas. Aus diesen kann mit ziemlicher Genauigkeit die 
Grenzlinie Rhätiens gegen Yindelicien im Nordwesten und Nord- 
osten, dann die Grenze gegen Osten, und selbst die Linie vom 
aussersten nordwestlichen bis zum ftussersten nordöstlichen Grenz- 
puncte abgeleitet werden. 

Die Rhätier, sagt Strabo, erstrecken sich auch bis in jene 
Gegenden, welche der Rhein durchfliesst i*^). An mehreren andern 
Stellen hebt er hervor, dass die Rhätier, Helvetier und Vindeliker 
sich am Bodensee als Grenznachbarn berührten, so dass er einer- 
seits diesen See als das Eigenthum der genannten drei Völker 
bezeichnet, anderseits aber bemerkt ^ dass die Rhfttier nur einen 
kleinen Theil seiner Ufer bewohnten, den grösseren Theil hingegen 
die HelVetier und Vindeliker ii&). 

An welcher Stelle die Rhätier einen kleinen Uferstrich des 
Bodensees berOhrten, ergibt sich nicht nur aus der erst angeführten 
Stelle des Strabo, nach welcher der Lauf des Rheins die West- 
grenze der RhStier bildet und zwar selbstTerständlich der Lauf des 
Rheins bis za seiner BinmQndung in den Bodensee , weil ja weiter 
zuröck die Helvetier den See berühren , sondern auch aus einer 
Stelle des Ptolemäus, die da lautet: Die nördlichen Striche Rhätiens 
haben die B/Dclavrae inne <<•), welche Strabo als Bpiydvnoi, und 
deren Hauptsitz als n6hg Bpiydvriov (Bregenz) kennt *>'). Nimmt 
man noch eine andere Stelle Strabo^s zu Hilfe, in welcher er sagt. 



*<*) *PatToi ^carcCvBffc dk xal yJxP^ ^^^ x^P'^^» ^'* ^^ o 'P^voff fiptvai. 
Lib. IV. cap. 6. f. 8. 

H&J Strabo VII. c. 1. f. 5: üpo^affTOvrai di rrjg XtpivKjg in* oXi^tov ftiv ot 
'Patrol, rd Äi TrXrfov 'EXa^moi xal OytvdeXtxoi." — „6 'P^vo? tig eX>3 
lu^aXa xal Xtfivifjv ava^eirai /xe^aXvjv, vjg ifoLnrovTcti xal 'Patrol xal Ouivī- 
Xlxoi.** Idem lib. IV. c. 3. §. 3., dann üb. VJI. c»p. 6. $. 1. XifJLV>3, ^ xara Tobg 
OuivdeXixu^, xal 'Patr&s xat Totviaj. Letzteres eio offenbarer Fehler der 
Abschreiber, da an allen Stellen immer die Vindelici, Rhaeti und H e I t e t i i als 
Anwohner des Bodensees genannt werden. Zeuss p. 233 will Bocug lesen; allein 
schon Casaubon. fand die Variante 'EXB>jrri8$. 

**•) KaWx"^* ^^ ^^^ 'Patriae ra fiev apxTtxwripa Bpi^avrai. Ptolem. loc. cit. 

''') Lib. IV. c. 6. §. 8. Die Lage von Bpfjavnov an der Grenze Rhfitiens und Vinde- 
liciens brachte es mit sich, dass Strabo die Bpc7aynoi zu den Vlndellkeni, Ptole- 
mäus zu den Rhntiern züblt. 



390 Albert JSger 

dass die den Bodensee berührenden Rhätier und Yindeliker theils 
in den Alpen, theils jenseits der Alpen wohnen <is), so ergibt sich 
aus allen diesen Zeugnissen, dass die an das yindelicisehe Flach- 
land anstossenden, in den Gebirgen wohnenden Rhätier, gerade wie 
heutzutage die Vorarlberger, an der nordwestlichen Seite durch 
den Lauf des Rheines, und auf einer kleinen Strecke bei Bregenz» 
durch den Bodensee begrenzt waren. Wir haben dantit die nord- 
westliche Grenzlinie Rhätiens gegen Vindelicien ganz genau 
bezeichnet. 

Mit gleicher Genauigkeit lasst sich auch die ostliche und nord*- 
östliche Grenze Rhätiens bestimmen. Nach Plinius traf die Grenze 
der Rhätier und Noriker an irgend einem Puncto der Donau 
zusammen: »qua se fert magnus Ister Rhaetis junguntur Norici^ 
(lib. III. cap. 24). Diesen Punct, sowie überhaupt die zwischen 
Rhätien und Noricum hinlaufende Grenzlinie bestimmen Tacitus und 
Ptolemäus haarscharf, indem sie den Inn, folglich dessen Lauf und 
Einmündung in die Donau als dieselben bezeichnen <>>). Hiebei 
entsteht nur die Frage, ob, wenn wir den Inn bis zu seiner Ein- 
mündung in die Donau als die Grenze zwischen Rhätien und Nori- 
cum annehmen, folglich die Rhätier hinaus in das Flachland zwi- 
schen Donau und Inn versetzen, ob wir nicht in Widerspruch 
gerathen mit all den früher angeführten Zeugnissen des Strabo und 
selbst Ptolemäus, welche den Rhätiern nicht das Flachland, sondern 
die Alpen als Heimat anweisen? Die Schwierigkeit wird dadurch 
gehoben, dass zur Zeit des Plinius, Tacitus und Ptolemäus die Rhä- 
tier und Vindeliker schon nicht mehr regelmässig unterschieden, 
sondern die Namen Rhaeti und Rhaetia bereits über ganz Vindeli- 
cien ausgedehnt wurden, wie z. B. Tacitus in German. c. 41 die 
Stadt Augusta Vindelicorum „spien didissimam Rhaetiae provinciae 



*'•) IV. c. 3. f. 3. 6 'Pnvof Ä« tU Xtfjiv>jv avoxetrat fte«yaX>jv, ^g ^yanrovroi x« 
'Poirol xal OutvdeXixol rwv *AXn:fitwv rtvej, xal rwv ujrepaX;retöiv. 

*!•) Tacitus, Hist. UI. 5. »Aeous Rhaetos Noricosqiie interfluiU« Ptolem. II. li. 12. 
'Patriae x«l OOiv^cXtxta; 5gVig. T^f 'Pairtas >5 fxiv avaroXtxi^ ffXsupa 

T(ji flCTTO rwv n:*37wv y.ixp^ ^S ^S *AiV8 ^xrpo^r^s. Dann: ro Nwpixwv ^repiopi- 



über das rtStische Alpeovolk der Breuni oder Breonen. 39 1 

coloniam^ nennt ^*^) und Oberhaupt keine Proyinz Vindelicia, son- 
dern nur eine ProTtnz Rhaetia kennt. Die Schriftsteller dieser Zeit 
kannten alsodraussen in der Ebene wie nur eine Provinz Rhaetia, 
80 auch in der Regel nur Rhätier «si), obwohl wir bei ihnen, wenn 
sie nicht yom Lande, sondern Ton den Völkern sprachen, die Vin- 
deliker und Rhätier noch öfter unterschieden finden <**). Es darf 
uns demnach nicht beirren» wenn Plinius, Tacitus und Plolemäus 
den Inn auch noch draussen in der Ebene, nachdem er die Gebirge 
schon verlassen hat, bis zu seiner Einmündung in die Donau als 
Ostgrenze Rhäfiens und der Rhätier bezeichnen ; man hat dort unter 
der Benennung der Rhätier und Rhätiens dieVindelikerundVindelicien 
zu verstehen, wie Plinius dies an einer anderen Stelle wieder aus- 
drücklich bezeugt i**). Wir haben demnach auch für die nord* 
östliche und östliche Grenze Rhätiens die Linie ganz genau 
gefunden; sie läuft innerhalb der Alpen eine Strecke dem Inn 
entlang bis dahin, wo dieser Fluss aus den Gebirgen in die 
Ebene des heutigen Rosenheim hinaustritt <**). 

Es fragt sich nun, ob wir auch die Linie vom äussersten nord- 
westlichen Grenzpuncte bis zum äussersten nordöstlichen (von Bre* 
genz bis ungefähr Rosenheim) mit gleicher Sicherheit zu bestimmen 
im Stande sind. Die Nachweisung unterliegt beim Abgange directer 



»*) Tacitus nennt den Namen Aogusta Viiidelicornm am angeführten Orte nicht, man hat 
aber nnter der splendidissima Rhaetiae proTJnciae colonia , nur Augsburg^ xn rer- 
steben. 

**') Tacit. Annal. I. 44. Veterani in Rhaetiam mittuntur, specie defendendae 
proriociae, ob imminentea S u e y o s. 

***) Tacit. Bist. If. 17. Raetornm Vindelicorumque cohortes. 

<M) Hiet. nat Ül. 20. Noricia contermint RhaetietVIndelici. . • 

*^) Wie weit hinein in die Gebirge der Innflusa die Grenze Rhfitiena und Norieums bii- 
dele, kann nicht genao bestimmt werden. Gl u t e r i u s llal. antiqu. I. 16 und nach 
ihm Ankershofen I. p. 341 glauben etwa bis S c h w a z, weil, wenn der Inn 
weiter hinauf die Grenze gewesen wäre, notbwendig Veldidena, Matrejnm» Vipitenum 
zB Noricum gebort bitten, da doch diese Orte unstreitig zuRbltien gezfiblt wurden. 
Allein diese Beweisfflbrung ist nicht ganz stichhaltig. Welche Quelle sagt vns» dass 
Veldidena, Matreium und Vipitenum lu Rhfitien gezählt wurden? Wo kommen über- 
haupt diese Namen t o r der Peutinger*schen Tafel und dem Antonin. Jtinerar. zum 
Vorsebein? Wie will man erkliren, dass das Eisaktbai vom sechsten Jahrhundert bis 
tief iA*s Mittelalter herauf Vallis Norioa genannt wurde? Die Grenze zwischen 
Rhfitaeo und Noricum mag im Gebirge wohl sehr geschwankt haben. Damit soll 
jedoch nicht gesagt sein, dass Veldidena, Matreium, Vipitenum zu Noricum gezfiblt 
werden müssen. 



392 Albert Jlger 

Zeugnisse mancher Schwierigkeit, ist aber nicht unmöglich. Die 
Anhaltspuncte gewähren uns die von der Inschrift genannten yier 
Yindelicischen Völker« so wie ein anderer rindelicischer Volksstamm 
den Strabo itennt. Können wir auch nicht die Wohnsitze eines jeden 
der vier vom Trophäum aufgezeichneten Völker bestimmen, so ver- 
mögen wir dies doch bei einem von ihnen, bei den Licates. Ptole- 
maus zeigt uns diese als die Bewohner des Lechthales i*^). Es liegt 
kein Grund vor, sie nur auf eine Strecke des Lechflusses zu 
beschränken i>'); im Gegentheiie, die Charakteristik, welche Strabo 
von ihnen gibt, beweiset, dass sie, wie die tapfersten, so auch 
die zahlreichsten und mächtigsten waren, da die Tapferkeit ja die 
Macht zur StQtze hat'^?); wir werden also berechtigt sein, ihre 
Wohnsitze den ganzen Lechfluss entlang, Ob^r Augsburg, Schon- 
gau und Füssen hinauf, bis an die Quellen des Lechs im Hochge- 
birge zu suchen, welches das Innthal und Vorarlberg vom Lech- 
thale trennt Dadurch haben wir schon einen Punct innerhalb Bre- 
genz und Rosenheim gewonnen, durch welchen wir die Grenzlinie 
zwischen Vindelicien und Rhätien werden ziehen müssen; das ganze 
Flussgebiet des Lechs von seinen Quellen angefangen, gehörte hinaus 
nach Vindelicien. 

Strabo kennt, wie schon erwähnt wurde, ein zweites vindeli- 
cisches Volk, dessen Wohnsitze genau anzugeben sind, die 'ECigjve^, 
ihr Hauptort war Kafx/rö^Bvov = Kempten i'^). Durften wir die 



iSB) n. cap. 11. xat jrapa rov Atxfov TrorafAÖv Xixanoi. 

IS«) Stmbo IV. 6. f. 8 nennt Aa^iaaia als Acropoli« der Licatier and einige Gelehrte 
wollen Au^sta Vindelicorum darunter rerstehea und den Beweis daraus ableiten, 
. dass die Licates eigentlich nur um Augsburg herum sassen. Allein da musste vor 
Allen erwiesen werden, dass Aafiaaioe wirklich Augutta Vindelicorum war, wo- 
gegen, wenn nichts andere«, schon der Begriff Acropolis streitet; es musste ferner 
die Vermuthung eotkriftet werden, dass wir in Aafxa^ia mit weit grösserem Rechte 
Ho h en «ms suchen dürfen, welches im Mittelalter Amisi und Emedis genannt wurde 
und auf welches der Begriff Acropolis Tollkommen anwendbar ist. Wahrscheinlich 
fand bei Strabo, ob durch Abschreiber, oder schon ursprünglich eine Verwechslung 
Statt und wurde die acropolis Damasia ron den Bpc7dvr(0(;, denen sie gehörte, su 
den Audcrrcoc; fibertragen. 

*«'') Strabo IV. cap. 6. f. 8. Irct^LtiiTocToi dk TÖv fA^v OOcvdsXcxuv ^^njra^ovTO Ai- 
xdcrnoi. 

i*8J Loc. cit. xat Ol *ECtwve? 6i rwv Oviv^eXixeov thi* xal i:6\(g auröv Kolilko" 

^BVOV. 



über da« rbiitische Alpeiivolk der Breuni oder Breonen. 393 

Licates nicht auf eine kleine Strecke des Leehflusses beschränken» 
80 werden wir aus denselben Gründen auch die 'Ecfcjvs^ nicht in 
die nächste Umgebung von Kempten zusammendrängen dürfen, wir 
werden in ihnen jenen Volksstamm zu erkennen haben» der über 
Kempten» Immenstadt und Sonthofen das Thalgebiet der Hier bis 
hinauf zu den Quellen dieses Flusses bewohnte, und so finden wir 
einen zweiten Punct, durch welchen die Grenzlinie zwischen Rhä- 
tien und Vindelicien gezogen werden muss. Wären wir nun in der 
Lage» auch über die andern drei von der Inschrift erwähnten vin- 
delicischen Völker» über die Consuanetes» Rucinates' und Catenates 
ebenso sichere Anhaltspunete zu gewinnen» so würden wir nicht 
nur in den zwei erstgenannten» zwei wahrscheinlich westwärts rom 
Lech gelegene Völker» und in den Catenates einen wahrscheinlich 
östlich vom Lech» vielleicht im Isarthale ausgebreiteten Volksstamm 
finden <<*)» sondern wir würden auch die südliche Grenze ihrer 
Wohnsitze auf gleiche Weise wie bei den Licates und 'E^icovsg 
bestimmen können;. allein beim gänzlichen Abgang jeder Gewähr in 
den Quellen lässt sich über sie gar nichts feststellen. 

Aus dem Nachweise der Wohnsitze der zwei vindelicischen 
Völker Licates und 'ECeeove^ ergibt sich nun schon viel filr unsere 
Aufgabe. Wir werden die Grenzlinie zwischen Vindelicien und 
Rhätien innerhalb Bregenz und Rosenheim jenen Gebirgskamm ent^' 
. lang ziehen müssen» welcher die Wasserscheide zwischen der 
Bregenz» Hier» dem Lech und Inn bildet, und wir werden diese Linie 
fortsetzen müssen über das Hochgebirge» welches sich zwischen 
dem Innthale und den Quellen der Ammer» Loisach und Isar hin- 
zieht. Es lief demnach die Grenzlinie zwischen Vindelicien und 
Rhätien innerhalb der früher bezeichneten äussersten Endpuncte 
gerade über die Gebirgshöhen hin» welche grossentheils auch heut- 
zutage die Grenzscheide zwischen Tirol und Baiern bilden. 

Wenn wir also zur Frage zurückkehren, von der wir bei vor- 
stehender Untersuchung ausgingen» nSmIieh zur Frage, welches dier 
Grenzlinie sei, oberhalb welcher die Breuni mit ihren Nachbarn» 



129) Dbm die iDtchrift die rier vindelicischen Völker in der Reihe von West nach Ost 
auftfihlt, scheint daraus hervortuffehen, dass sie als östlichste Grenze die Amb'i- 
suntes, ein noriscbea Volk bezeichnet. Die Catenates lagen demnach zwischen den 
Licates un^den norischen Ambisunte». 



394 Albert Jäger 

den Genaunes und Focunates nicht weiter gesucht werden dürfen, 
so liegt die Antwort klar ror uns. Die Breuni mit ihren genannten 
Nachbarn mdssen, sowie oberhalb der Isarci, so innerhalb des 
Gebirgszuges gesucht werden» welcher heutzutage das Innthal von 
Baiern scheidet, also beiläufig von Sterzing angefangen , über den 
Brenner und dessen Seitenthäler durch das Wippthal hinaus bis 
Innsbruck, und im oberen und unteren Innthale einerseits bis an die 
Grenze der Venosten an den Quellen der Etsch , anderseits bis zu 
den in den ThSlern der Salach und Salza im Pinzgaue ansässigen 
Ambisuntes i<^). 

Die zweite älteste Quelle, welche der Breuni erwähnt, 
die Inschrift des Alpentrophäums, hat uns also, wie die voranste- 
hende ausführliche Untersuchung zeigt, wenn gleich auf manchem 
Umwege zu einem im Ganzen sehr sicheren Ergebnisse über die 
Wohnsitze dieses Volkes geführt. Wir haben im Laufe der Unter- 
suchung die Völker und Grenzen genau kennen gelernt, welche den 
Kreis um dieselben immer enger schlössen und keinem Zweifel mehr 
Raum Hessen, in welchem Gebiete sie zu suchen sind. Um so auf- 
fallender muss es erscheinen, dass wir dessen ungeachtet selbst 
bei den ältesten Quellenschriflstellern sehr abweichenden Ansichten 
nicht nur über die Lage, sondern sogar Ober die Stammesangehd- 
rigkeit der Breuni begegnen; die auffallende Erscheinung, sowie ihre 
Ursachen verdienen daher hier etwas näher erörtert zu werden. Es. 
bestehen zwei bedeutend abweichende Meinungen; die eine, welche 
die Breuni und deren Nachbarn die Genauni zu den Vindelikern 
zählt, und die andere, welche sie gar den Illyriern zuweiset Zur 
ersten Ansicht bekennen sich Horatius, Strabo und Ptolemäus, und 
zur zweiten neben Appian auch wieder Strabo. Es wurde schon 
früher bemerkt i>i), dass die Erwähnung der Breuni und Genauni 
bei Horatius es zweifelhaft lässt, ob sie nicht eher zu den Vinde- 
likern als SU den Rhätiern gezählt werden sollen. Was bei Horatius 
• als schwankend hingestellt ist, wird bei Strabo mit bestimmten 
Worten ausgesprochen. Die Rhätier, sagt dieser Schriftsteller, 
reichen von der Grenze der Helvetier und Vindeliker bis nach 



ISO) Ober die Identitit der Ambituutes, BiiODtium, BisoDsio und Pinspau sidie Zeuss, 

p. 242—243. 
i'O Siebe ol)en S. 368. 



Ober das rhSlisrbe Alpenvoik der Breuni oder Breonen. 395 

Italien oberhalb Verona und Como. DieVindeliker aber und Noriker 
bewohnen die NordabhSnge der Gebirge grossentheils mit 
denBreunen und Genaunen <'*). Bei Ptolentäus flnden wir 
dasselbe. Die nördlichen Gebiete Vindeliciens, sagt er, haben die 
Runicaten inne, unterhalb diesen wohnen die Leuni und Consuantes, 
dann die Benlauni (verschrieben für Genauni), hierauf die Breuni, 
und am Lech die Licaten *<'). Von beiden Schriftstellern werden 
die Breuni unzweideutig dem Gebiete und Volksstamme der Vinde- 
liker einTerleibt. Es fragt sich» wie das kommen konnte? Wir 
werden es uns einfach aus der unrichtigen Vorstellung, welche 
Strabo und Ptolemius von dem Gebirgslande hatten, -erklären 
mQssen. Weder Strabo noch Ptolemäus hatte eine genaue Kennt- 
niss'der einzelnen Gebirgszüge und der dazwischen liegenden 
Thäler; sie hatten nur die allgemeine Vorstellung von der sOdli- 
chen und nordlichen Abdachung der Alpen, daher unterschieden sie 
die Völker, welche noch in den Alpenthälern sassen, nicht so genau 
von denen, die bereits draussen in der Ebene wohnten, und ver- 
legten, wie eben unser Fall zeigt, Vindeliker, Noriker, Breunen 
und Genaunen ohne Unterschied in die Nordabhänge der Alpen i'^). 
Bei Ptolemäus kommt noch hinzu, dass er, wie seine Darstellung 
unverkennbar zeigt, wohl die äussersten Umrisse der Grenzen 
Rhätiens und Vindeliciens genau kannte, nicht aber in gleicher 
Weise die Wohnsitze der einzelnen Völker innerhalb dieser 
Grenzen. 

Die zweite Ansicht, welche die Breuni den Illyriern zuweiset, 
finden wir bei Strabo und Appian ausgesprochen. Zu der oben ange- 
fahrten Stelle, in welcher Strabo die Vindeliker, Noriker, Breunen 
und Genaunen in den Nordabhang der Alpen verlegt, fügt er hinzu : 
Diese aber, die Breuni und Genauni, gehören schon zu 
den Illyriern (/X£Td BpcOvojv xat Teva^vojv, i5*>J tAtojv 'IXXu- 
ptoüv). Diese auffallende Behauptung wird man sich nur erklären 



"») strabo IV. c. 6. $. 8. VgK Anmerk. 7. 

"») Ptolem. H. cap. 11. ^ti ^6 OvtvöAxia^ ra f«v apxrtxeifepa xarcxsai *Poyvi- 
xarai, uirö di TÖru^ AeOvoi xal Kwjaavrai || sha BcvXaOvoi (rtvoetivot?), 
tfra Bpjuvoi, xat irapa röv Auwocv fforap-öv Xuartot. 
i»4) ol «• OuivdaXixol xal Nwpixol n^v ixrö? irapwpeiav xar^x»»' vv trX^ov fitra 
Bpcuveov xal Ftva^vcüv. Strabo loc. cit. 
Sitxb. d. phil.-hi«t. Cl. XLll. Bd. III. Hfl. 



396 Albert Jäger 

können, wenn man nicht tibersieht, welche VorsteJIung Strabo, und 
nach dem Zeugnisse des Appian überhaupt die Römer, von der 
Zeit an wo die Alpenländer unter ihre Herrschaft kamen, von der 
Lage Illyriens und seiner Ausdehnung nach Westen hatten. Appian 
Versichertuns, dass die üafovsgiw), die Rhätier, Noriker und 
Mysier samrot allen ihren Nachbarn, die am rechten Ufer der Donau 
wohnten, von den Römern für Illyrier gehalten wurden. „Vermöge 
dieser Meinung*" fugt er hinzu, „welcher die Römer vom Anfange 
an huldigten, bezeichnen sie die Donau von ihrem Ursprünge an 
bis zum Ausflusse in das Pontische Heer als Grenze Illyriens^ <>•). 
Diese Vorstellung von lllyrien hatte auch Strabo, darum lässt auch 
er lllyrien schon bei dem Bodensee beginnen i«'). Die Vermuthung 
wie die Römer zu dieser irrthQmlichen Anschauung gelangten, mag 
vielleicht bei Zeuss am besten ausgesprochen sein; sie beruht auf 
einer Verwechslung oder vielmehr Identifictrung des Sees Peiso 
oder Pelso (Plattensees) mit dem Bodensee. „Die Schilderung des 
neu entdeckten Landes von denjenigen^ meint Zeuss, „die es das 
erste Mal sahen, konnte nicht sogleich ein treues Bild von dem- 
selben wiedergeben. Dies sieht man noch in dem Reiseberichte, 
nach welchem Strabo 33 Jahre nach dem Zuge das Land beschreibt. 
Alles erscheint hier in^s Enge gezogen. Die Berge an den Quellen 
der Donau (die Alb) und die Alpen sind als zusammenhängendes 
Ganzes betrachtet. Die Donau entspringt darum innerhalb der 
Alpen; die Östlichen, norischen Alpen sind in der Vorstellung weg- 
geblieben und was dasAuiTallcndste ist, durch das Zusammenziehen 
in's Enge, ist der See bei den Bojen (der lacus Pelso, Plattensee) 
flir einen gehalten mit dem See bei den Helvetiern (Bodensee), und 
Bojen, Anwohner des Pelso-Sees, sind zusammengestellt mit Vin- 
delikern um den Bregenzer See. Darum erstreckte sich lllyricum, 
das bis an den See der Bojen, den Pelso, so weit Pannonier 
wohnten, reichte, in dieser Zusammenschiebung des Landes bis zum 



i'&) Es wurde schon oben in der Anmerk. 13 bemerkt, dass Schriftsteller in diesen 
Paeones des Appian die Breuni, Breones entdecken wollten. Auffallend ist, dass 
Appian sie am weitesten nach Westen setzt, noch hinter die Rbfitier. 

"«) Appian de belUs niyric. II. p. 1198 edit. Toliii. Amsterd. 1670. 

"7) strabo I. VH. cap. 5. §. 1. X«7W fjiv dvj t« 'IXXuptxa apCofASva ard 

Tijg XifAVi9$ T>7$ xara rou$ OuivdcXixu; xal 'PaiTÖs xal '£X«>jTr(»«- 



über das rhatische Alpenvoik der Breuni oder Breoiien. 39T 

See der Viodeliker; und der Römer wähnte sogleich auf der ent- 
gegengesetzten Seite des Gebirges nach Illyrien hinabzusteigen ; 
darum galten ihm schon die ersten Völker im Nordabhange der 
, Alpen (BpeOvot xal FsvaOveg) für ülyrier. Diese nach dem ersten 
Betreten des Landes vielleicht allgemeine Vorstellung desselben 
musste, wie Zeuss hinzufügt» durch den bleibenden Besitz bald 
berichtigt werden^ i<9* ^^^^ ^^' Versicherung Appian^s geschah 
dies nicht und hatten die Romer noch zu seiner Zeit, also ungeAhr 
um die Mitte des zweiten Jahrhunderts, dieselbe Vorstellung i>*). 
Die Meinungen einiger neuerer Schriftsteller über die Sitze 
der Breuni verdienen blos als curiosa noch eine flQchtige Erwäh- 
nung. Während Cluverius Neigung zeigt» sie zu den Vindelikeru 
zu zählen, weiss Cellar ins völlig nicht» was er mit ihnen anfangen 
soll ; das eine Mal bemerkt er» sie scheinen ein Theil der vindelici- 
schen Völker gewesen zu sein» ein anderes Mal versetzt er sie als 
Rhätier in die südlichen Alpenthäler in die Nähe von Italien ^^<>). 
Reichard wirft das Veroneser Gebiet und das tirolische Puster- 
thal durch einander» indem er, verleitet durch die Assonanz des 
Wortes Bruneck, nicht wissend, dass der Name von dem Erbauer 
dem Bischöfe Bruno von Brizen herrührt, die Stadt Bruneck zum 
Hauptsitze der Breuni macht» und sie desshalb auf seiner Karte im 
Pusterthale ansiedelt <^i)» dann aber in seinem thesaur. topograph. 
wieder hinzufügt, dass man im Veroneser Gebiete die Ortsnamen 
Brun und Breoni findet, offenbare Beweise f&r das Dasein der 
Breuni in dortiger Gegend ^^s). 

Alberti Leander, eine im 16. und 17. Jahrhunderte geach- 
tete geographische und ethnographische Autorität, verlegt die 



i*>) Zenas, die Deutschen etc., p. 231— >233. 

1*9) Appiao I. cit. »Qua opinione a principio ducti (Romaoi) adkuo in e» 
persistentes* etc. Auch bei Ammlanus Marcellinus scheint diese Vorstel- 
lung noch vorhanden gewesen su seia ; er Ifisst i. XVI. den Kaiser Constantius von 
Rom durch T r i e n t nach Illjrricnm eilen: ab urbe profectus, per Tridentnm 
iter in lUyricum festinavit. 

>40) C e II a r i US. Notit. orb. ant I. 423. 

**f) Aegid Tschudi Tcrlegt sie nach Braunau, aus demselben Grunde, aus weichem 
Reichard ihnen Bruneck anwies 

^*^') R e i c h a r d : Orbis terrar. anticpi. cum thesaur. topogr. und die dazu gehörigen 
prachtvollen Karten. 

27* 



398 Albert Jager 

Breuni in das Dordöstlich von Valle Leventina oder dem Thale des 
Tessin oberhalb Osagna aufsteigende Thal von Blegno, welches in 
seinem oberen Theile noch den Namen Brenn führt**»). Seipio 
M äffe i stellt es beinahe als ausgemacht hin, dass die Sitze der 
Breuni im obersten Theile des Thaies Camonica, da, wo sich heut- 
zutage noch der Name Br^ vorfinden soll, gewesen seien <**). In 
seiner Geschichte von Verona jedoch versetzt er sie in die Vero- 
neser Gegend nach Breonio, auf die Höbe des Thaies Pulicella, 
indem eine Gruppe von anklingenden Namen in der nächsten Um- 
gebung, als: Brentino, Brentonico, Brenta u. s. w. auf die Breuni 
oder Breones hinweise <*^). Doch von dem Vorkommen vieler an 
die Worte Breuni anklingender Ortsnamen wird noch später die 
Rede sein. Grössere Beachtung verdient vielleicht Roschmann^s 
Meinung, nach welcher sich Spuren von den immer an der Seite 
der Breuni erscheinenden Genaunes am südlichen Abhänge des 
Brenners unweit Sterzing im Namen Valgenein (Val Genaun?) 
erhalten haben sollen i**). In Betreff der Focunates mag Giova- 
nelli^s Äusserung als Schlusswort hieher gesetzt werden: 

9»Der heutige Name der (alten) Focunates blieb sowohl mir» 
als auch allen übrigen Forschero, so viel ich weiss, unbekannt^ **^). 
Ist richtig. Auch Zeuss S. 237 weiss über sie nichts zu bestimmen. 
Wollte aber Jemand etwa an den Fockenstein zwischen Tölz und 
Tegernsee denken, und in ihm die Spur der Focunates entdecken» 
so wäre er jedenfalls besser daran als Reichard, der die Focu- 
nates in dem sardinisehen Dorfe Vogogna, zwischen Domodossola 
und Pallanza, an der in den Lago map^giore ausmundenden Toce 
finden will ^^»). Die Inschrift des Alpenlrophäums berechtigt wohl, 
sie im Achenthaie und um Tegernsee herum , nicht aber in Sar- 
dinien zu suchen. 



14S) A 1 b e r t i Leander, 1479 gebor, schrieb: De6crizi«ne di tulta Italia. Bolog. 1550> 

. dann öfter gedruckt und auch lateinisch herausgegeben von W. Kyriander, 

CÖln 1567. »Octafo a Belinzona lapide sequitur ostiuin fluminis Breunil, quod ex 

monte Lucumone profluit Ager circa fluvium hdnc Vallis Breunla dicltur, nimirum 

ab ipso amne Breunio*. 

***) Verona iUustr. Üb. I. col. lU— 115. 

*4*) Histor. Veronens. f. 42. 

*^*) Roschmann. Yeldidena etc., p. 9. Genaunes in Val Genaun, loco circa Ster- 
zingen non improbabiliter ad nostra usque teinpora remnnserunt. 

^*^) Beitrüge zur Geschichte, Statistik etc. von Tirol und Vorarlberg, Bd. IV, p 87. 

^*^) Thesaur. topograph. orbis terrar. antiqu. ad Tocem : Focunates. 



über da« rhäUache Alpenvolk der Breuni oder Breoiieii. 399 

m. 

Die BigenttimUehkeiten und SeUeksale der IreeDen. 

In der Einleitung wurde es als eine auffallende Erschefnung 
hervorgehoben , dass, während einerseits unter der langen romi- 
schen Herrschaft die alten Namen der vielen Alpenyölker ver- 
schwandeu und die Römer ungefähr vom dritten Jahrhunderte an 
nur mehr die allgemeinen Provincialnamen von Vindelicien, Rhä- 
tien und Noricum kannten, ja, während mit dem Untergange des 
weströmischen Reiches sogar diese Provincialnamen zu verschwin- 
den anfingen, anderseits der Name eines der Alpenvölker nicht nur 
fortdauerte und die römische Herrschaft überlebte, sondern gerade von 
dieser Zeit an mit urwüchsiger Kraft wieder hervortrat , der Name 
der Breuni, oder wie sie von jetzt an genannt werden, der Breones. 
Es wurde weiter hervorgehoben, dass diese Erscheinung ihre be- 
sonderen Ursachen entweder in einer nicht zu vertilgenden Volks- 
tbOmlichkeit, oder in äusseren Umständen haben müsse, und dass 
es der Mühe werth sei ihnen nachzuforschen. Gehen wir daher an 
diese Untersuchung, nachdem wir in den zwei voranstehenden 
Abschnitten das Dasein der Breonen bis in das neunte Jahrhundert 
herauf, und die Grenzen ihres Gebietes nachgewiesen haben. Die 
Quellenangaben fiicssen freilich äusserst spärlich, immerhin aber 
werden uns die wenigen Spuren auf eine sichere Fahrte leiten, nicht 
nur um die Wohnsitze dieses Volkes noch genauer zu bestimmen, 
sondern vorzüglich, um manche ihrer bezeichnenden Eigentitüm- 
lichkeiten an^s Licht zu stellen. 

Während der mehr als vierhundertjährigen Dauer der römi- 
schen Herrschaft thcilten die Breonen das Schicksal aller übrigen 
Alpenvölker; sie wurden unter dem langen und unwiderstehlichen 
Einflüsse der römischen Sprache, Sitte, Cultur, Gesetzgebung, 
Civil- und Militärverwaltung allmählich romanisirt. Um den 
Process zu beschleunigen, xmd um aus den Alpen, deren Besitz den 
Römern wegen der an die Donau hinausfuhrenden Strassen und 
Pässe nicht minder wichtig war, als wegen des Schutzes, den sie 
später dem Reiche gewährten, jedes gefährliche Element zu ent- 



400 Albert Jiigrer 

fernen» hatten sie gleich im Anfange ein durchgreifendes Miltel in 
Anwendung gebracht. Dio Cassius berichtet von demselben: »Da die 
rhätischen Gebirge sehr stark bevölkert waren, flQhrten die Römer, 
um die Wiederkehr eines Aufstandes unmöglich zu machen» den 
grössten Theil der streitbaren Jugend aus den Gebirgen hinweg, 
und Hessen nur diejenigen zurQck, die zur Bebauung des Bodens 
nothwendig waren, und diese nur in so geringer Zahl , dass sie an 
eine Erhebung nicht mehr denken konnten ** i*<^). Strabo und Tacitus 
machen uns bereits mit den Erfolgen dieser Massregel bekannt. 
»Seit dieser Zeit** sagt der* erste (er schrieb 33 Jahre nach der 
Unterjochung) »zahlen die Rhätier ruhig und pflichtmässig dje 
Steuern** **•); der letztere zeigt uns schon den Gewinn, welchen 
die Römer aus der krfiftigen und tapferen Jugend der Bergvölker 
fOr ihre Heere zu ziehen wussten. Unter Germanicus, dem Sohne 
des Drusus, 16 Jahre nach Christus und 31 nach der Bezwingung 
ihrer Väter, kämpften die rhätischen Jünglinge, bereits römisch 
geschult und organisirt, an der Weser gegen die Cherusker, und 
zwar mit entscheidendem Antheile am Siege. Rhätische Cohorten 
waren es, welche den Durchbruch der geschlagenen Cherusker 
verhinderten» und würden sich selbst des Helden Hermann bemäch- 
tigt haben, wäre es diesem nicht gelungen, mit seiner riesigen 
Körperstärke und mit der Kraft seines Streitrosses sich noch durch- 
zuschlagen i»9' 

: In den nächstfolgenden zwei Jahrhunderten schritt die Ro- 
manisirung Rhätiens unaufhaltsam und durchgreifend vorwärts. 
Römbche Militärstrassen mit ihren Meilenmessern , Mansionen und 
Mutationen durchzogen das Land von SOden nach Norden und von 
Osten nach Westen, darunter die von Augustus gebahnte *") und 



^•)Dio Ca 88. I. 54. c. 22. 

«»») Strabo I. IV. C.6. f. 9. 

ifti) Taciias Anoal. II. 17. »Cheruaci coUiboa detrodebantar, inter quos insignia Armi- 
oias mann, voce, vulnere sustentabat pugnam, incubueratqne sagrittariia , iUa ropttt- 
ru8, niRhaetorum Viodelicorumque et Gallicne cohortes sigiia objecissent, oiau 
tarnen corporia et impefu equi pervusil«. Da Tacitus die Vindeliker neben den Rbä- 
tlero nennt, Tersland er unter diesen aelbstrerstfindiich die Gebirgsbewohner. 

152) strabo IV. c. 6. %. 6. npoai^rixs -yap 6 Is^acof KaXaap x% xcnaX-jffzi rwv 

X^cwv n^v xaraffxfiy^v rwv o^wv j w ev «ci ^t« ^v xaraffxeyi^v. 

Diese'eine, kunstlich angelegte Strasse war, wie schon Clu ver ius llal. ant. I. 15 
daflir hielt, keine andere als die Brennerstrasse. 



über das rhStische Alpeovolk der Breuni oder BreoDen. 401 

von Kaiser Claudius vollendete i^^) Hauptheerstrasse über den 
Brenner, niqht nur damals, sondern durch alle Jahrhunderte herab 
die kürzeste Verbindungslinie zwischen dem Po und der oberen 
Donau. Zeugniss für ihren Lauf liefern die von Avio angefangen, 
der Etsch und dem Eisak entlang über den Brenner hinaus bis 
Partenkirchen aufgefundenen und der Zeit von Kaiser Claudius bis 
Julian (41 — 363 nach Christus) angeh5rigen Meilensteine i>^). 
Eine Qaerstrasse lief von Aquileja und Julium Carnicum, dem heu- 
tigen Zuglio, über die Pleckenalpe in's Gailthal, von dort über den 
Gailberg in das obere Drauthal nach Lontium und von da der Drau 
und Bienz entlang in das südliche Bhitien i>^). Bei Bozen zweigte 
sich eine andere Linie ab, die in nordwestlicher Richtung an der 
Etsch hinauf die Höhen bei Nauders überstieg ^^*). Von Opiter- 
gium (Oderzo) führte eine Strasse über Feltre und Ausugum durch 
das heutige Valsugan nach Trient i^?). 

Hit den Militärstrassen standen die Standquartiere der Legionen 
in Verbindung. In Rhätien lag seit Marcus Aurelius (161 — 180) 
die Legiö III, auch Italica genannt ^^s). In späterer Zeit, wo wegen 



^^8) Nach der Inschrift mehrerer Meilensteine: ^Claudius Caefarviam Claudiain Aug^astam 
quam Drusus Pater alpibus hello patefaclis direxerat, munit a fluminePado ad flnmen 
Danubium*. Oreili I. 708. 

i54j Per Meilenstein des Maxentius bei A v i o; ein gleicher bei B lumau ; ein Heilen- 
stein des Kaisers Severus, gefunden zwischen S t e r z i n g und Innsbruck (Wege- 
litt !. 437); des Kaisers Maximiii bei Lueg; swei Meilensteine bei Witten, 
einer aus der Zeit des Sept. Severus, der andere aus der Zeit des Kaisers * Decius ; 
bei S o n neu b ur g aus der Zeit Julians, und endlich einer bei Parte nkirchen 
aus der grossen Stra&sen-Erneuerungszeit des Sept. Severus. Wegelin disser- 
iat. X. p. 434 sagt : „Extant per Rhaetiam, Vindeliciam et Noricum tot paene solius 
Severi columnae milliares dispositae, quot in Germania rix ex universo reliquorura 
Caesarum adparatu conquisiveris**. 

ift&) Ankershofen I. 551. Sie scheint nicht dieselbe zu sein, die Im sechsten Jahr- 
hundert Venant. Fortunatus wanderte. Zeugniss für ihren Lauf: die Meilensteine 
bei Aguntum und Litarouro. 

ise) Zenge dafür der bei Ra bland oberhalb der Toll 1552 aufgefundene Meilenstein des 
Kaisers Claudius. Giovanelli I. p. 26. Orel li III. 540. 

1^7) Beweis dafür der Meilenstein des Kaisers Claudius zu Cesio maggiore bei Feltre. 
Stehe oben Anmerk. 65. — Vgl. Ta r t aro tti: Memorie antiche di RoTereto, 
pag. 10. 

Ift») B d c k i n g. Notit. dignilat. IV. p. 244. Signum habuit Ibin sire Ciconiam. R o s c h- 
mann. S. Cassian. p. 165 enlhfilt ein Verzeichniss von Inseriptionen , in denen 
dieser Legiou erwähnt wird. Damit zu vergl. Oreili in den betreffenden 
Nummern. 



402 Albeprt Jäger 

der Barbareneinbrüche die Bedeutung Rhätiens stieg, hafte der 
Dux Rhaetiarum, man zählte auch Viudelicien zu seinem Bezirke» 
21 Besatzungspiätze unter seiner Aufsicht mit entsprechender 
Mannschaft anFussvolk und Reiterei ^^^). Aus denBesatzungspiätzen 
d. i. Standquartieren derLegionsabtheilungen (praesidia), sowie aus 
den zahlreichen Post- und Raststationen (mutationes und mansiones), 
und aus den Mittelpuncten der Civil- und Militärverwaltung wuchsen 
bedeutende Ortschaften heraus, indem immer zahlreiche Verpflegs- 
und Verwaltungsbeamte daselbst lagen i**). Wohin der Römer kam, 
da wollte er seine Bequemlichkeit und Mittel zur Befriedigung seiner 
Gewohnheiten wieder finden; darum entstanden unter seinen Händen 
Gärten, Bäder, Wasserleitungen, Villen 4ind was sonst zur Verschö- 
nerung und Erheiterung des Lebens beitrug. Wir kennen, allerdings 
erst aus Documenten des dritten und vierten Jahrhunderts, eine 
ziemliche Anzahl solcher Orte in Rhätien, die sich zu Mittelpuncten 
römischer Sitte und Bildung erhoben. Es sind dies die in dem An- 
toninischen Itinerar *•*) genannten Ortscbaflen Parthanum, Veldl- 
dena, Vipitenum, Subsavio, Endidae. Tridentum, oder wie sie auf 
der Peutinger'schen Tafel i«^) angegeben sind, Partenüm, Sqarbia, 
Vetonina, Vipitenum, gubsabio, Pontedrusi, Tridentum ; dann an der 
Strasse durch das Drauthal Lontium, Littamum, Sebatum, Vipi- 
tenum u. s. w. Obgleich wir diese Ortsnamen aus keiner früheren 
Quelle, sondern erst aus den Itinerarien des dritten und vierten 
Jahrhunderts kennen lernen, wäre die Behauptung dennoch eine 
völlig irrthümliche, dass alle diese Orte erst um die Zeit, aus wel- 
cher die Reiseberichte herrühren, entstanden seien; wir dürfen mit 
voller Zuversicht annehmen, dass sie weit früher, zum Theile wohl 



159) p a n c i r o 1 i, Notitia dignitatum etc. Lugduni 1608, p. 172. 6. 

100) Schon um der sogenannten „A.nnona rhaetica" willen, zu deren Weiterbe* 
forderung hinaus an die Reichsgrenze zahlreiche Saumpferde in den mutaUones 
gehalten werden mussten. S. August in. de civit. Dei XVIU. 18. — Licht ver- 
breitet auch das Gesetz des Cod. Theod. vom Jahre 382. V. Idus Dec. in Betreff der 
Ü^xerotion der Dignitarii in Rhätien über die Pohleuzucht, über die Backereien und 
Vorspanns- und Lieferungsaiistalten. 

IC«) Vetera Romanor. itineraria^ sive Antoniui Augusti itiiierarium curante Petro Wes- 
s e 1 i n g i o, Amstelodami 1735. 4. 

»62) Tabula Peutinger. edit. F. C. de Scheyb. Wien 17S3 f. — Zweite Ausgabe von 
C. M a n n e r t. Leipzig 1824. > 



über daa rhfitische Alpenvolk der Breuiii oder Breoneo. 403 

schon zur Zeit der Eroberung Rhdtiens vorhanden waren und von 
den Romern als Mansionen benützt wurden; ist doch die Ansicht 
unter den Gelehrten fest begründet, dass die ItinerArien selbst, in 
ihrem Ursprünge, der Zeit des Augustus, und nur in der Passung, in 
welcher sie auf uns gekommen, der späteren Zeit angehören i**). 
Unter den vorgenannten Orten erhoben sich einige zu grösserer 
Bedeutung, so Tridentum, Subsabio <*^) (vom sechsten Jahrhundert 
an als Sabio-Säben bekannt), Aguntum, Vipitenum und besonders 
Vetonina oder Veldidena (Wüten -Innsbruck). Im Antoninischen 
Itinerar erscheint Veldidena viermal als Ausgangs- oder Endpunct 
der römischen Militärstrassen. Von der Bedeutung und dem Glänze 
mehrerer dieser Orte geben die zahlreichen Monumente und Funde 
Zeugniss, die sich als Belege römischer Kunst, Sitte und Lebens-, 
weise erhallen haben *•*). 



<•*) Wetseling in der Einleitung : »Id neg^lig^ere non debeo , Augasti generam 
Agrippam orbem terrariim per sua spatia roensuratum in tabula spectandum propo- 
Sttisse apud P I in. III. c. 2, id enim nrgumeiito nohis est, Augusto principe terrarum 
quandam dimensionem fuisae institutain. Tempore Trajani finibus imperii longe 
lateque prolatia, niensnrata omnia etinusum cursua vehicularis viae man- 
sionibus stabiilisque distinclae erant; ... in coinmodum enim legionum et cohor- 
tium necessaria prorsus ea res erat**. 

*^) Sowohl in der Peuh'ng. Tafel , als auch im Antonin. Itinerar. lautet der Name : 
Snbiabione und S u b I a v i o n e, und man hat sich viel den Kopf zerbrochen, 
um dieses Sublabio oder Sublavio bald in L a b e r s bei Meran. bald in L a j e n am 
Eingänge in das GrÖdnerthal unterzubringen; allein schon Cluverius in Ital. 
anliqu. I. p. 122. W e s s e I i n g im Itiuer. Antonin. und B ö c k i n g in der Notit. 
dignitat. haben als richtig erkannt, dass Subsavione oder Subsabione 
gelesen werden mfisse, und dass darunter kein anderer Ort zu verstehen sei, als das 
Savio, Sabio oder Sabiona des Paul. Diacon. in der histor. miscella, der Sitz des 
Bischofs Ingenuinus de Sabiona, das heutige Sähen mit dem Städtchen C 1 a u se n, 
in welchen letzteren Namen das »S üb sabione** im Mittelalter verändert wurde, als 
(siehe Anmerk. 169) die Ortsbeueunung „Clusae" „claustra*" gebräuchlich wurde. 
Noch im Jahre 102S finden wir: „C I u s a s s i t a s in I o c o S e b o n u a«*. Sin- 
nacb. 11. p. 36S, Nr. 76. Dass Sub f avio durch fehlerhafte Abschrift leicht in 
Sub I avio verändert werden konnte, weiss Jeder^ der die longobardische oder gothi- 
sehe Schrift des Mittelalters kennt. 

'^^) Z. ß. Inscriptiones et alia diuersi generis Komana per omnem Tirolim Monumenta, 
mnxiroam partem adhuc exstaniia ac potissimum inedita, collecta per Anton. Bosch- 
mann J756. MS. in der Musenl-Bibliothek in Innsbruck. — Dann römische Monu- 
mente in Tirol von Roger Schranzhofe r, eine Reihe von Mittheilungen in den 
Jahrgängen von 1S15, 1S16 und 1S17 des Archivs für Geographie und Historie. 
Wien. — Ebenso im Tiroler Aimanach vom Jahre 1S05 von S. 130—162. 
— Über Veldidena insbesondere Roschman^s Veldidena; über Aguntum 
Michael Hnber, 1796; — über T r i d e n t u m Giovanelli: intorno air origine e 
condizione antica di Trenlu. 



404 Albert Jiiger 

Eine unausbleibliche Folge des Aufenthaltes zahlreicher römi- 
scher Militär- undCivilbeamter, der römischen Provinzialverwaltung, 
der häufigen Militäraushebungen, der Gründung und Einrichtung 
römischen Städtewesens, der Verbreitung römischer Sprache, Sitle 
und Bildung in Rhätien war die häufige Familienyerbindnng zwi- 
schen Römern und den Provinzialen, was im Laufe der Zeit ent- 
schieden am allermeisten zur Romanisirung von Land und Leuten 
beitragen musste. Die Beweise für diese Famiüenverbindung finden 
wir in den Inschriften der Grab- und anderer Monumente. Neben 
den Namen unvermiscbt gebliebener römischer Familien lesen wir 
auf andern Steinen ein^ Mischung von römischen und barbarischen, 
offenbar rhätischen Namen <<<). NatGrlich, viele römische Beamten- 
familien und auch im Lande angesiedelte Veteranen i<^) knüpften 
mit rhätischen Familien verwandtschaftliche Verbindungen an, 
liessen sich bleibend in Rhätien nieder, traten als Erben wohl auch 
in deren Güter ein, und- erscheinen darum noch nach Jahrhunderten 
als reich begüterte Besitzer zumal in jenen Gegenden, in denen die 
Römer vorzugsweise sich niedergelassen hatten i^^). 

Mit dem Ende des zweiten Jahrhunderts brachen über Rhätien 
stürmische Zeiten herein. Im Innern ward da« Römerreich zerrüttet 
durch die vielen Militärrevolutionen und den dadurch herbeige- 



166) Es mögen einige statt vieler Beispiele genügen. WShrend Inschriften ron Steinen» 
welche aufgefunden wurden zu Aguntum, xu Saeben, Bozen, Partschins, Mals, 
Sterzing, Schwaz und anderen Orten rein römische Familiennamen aufweisen , als: 
CatUttS Secundianus; Festinus, T. Julii Saturnini filius; T. Julius Saturninus; Q.Cae- 
cilius Eutropins; Ruffina conjuz Chrusonii und deren Kipder Mucianus, Ruffinns und 
Chrysis; Aurelia Ruffina ; Julius Exoratns und Julia Ezorata, zeigen ans Denkmale 
• aus der Gegend von Mauls und Sterzing schon die Vermischung einer ursprünglich 
rein römischen Familie mit rhätischen Provincialen. Ein dem edelsten Stile der 
Raiserzeit angehöriger Stein zu Mauls fuhrt uns eine Familf^ Q u a r t i ii u s vor 
(D . . M . AVRELIAE RVFFINAE MATRI AELIVS QVARtlNVS). Bin spaterer 
Nachkomme dieser Familie, ^Quar tinus** erscheint als Sohn einer Mutter Namens 
C 1 a u z an a und verfSgt über Guter die er besass zu Wipitipa, Stilves, Torrentes, 
Valones, Zedes, Telres, Teines, Tulvares und anderswo, und über seine Eigenleote, 
deren Namen offenbar anf romanischen Ursprung hinweisen, als Urso, Seeundina, 
Mora, Marcellina, Tata. Resch, aelas millenar. etc. Man sieht, die Römer heira- 
teten in begüterte FamUien der Provincialen. 

**') Z. R. nach einer Tridentiner Inschrift : G. V. Quintinas filius C. V. Firmi Veteraoi 
Cohortis IUI. Irminia Quarti filia Teds matre vivus sibi fecit. Roschmann. 
Veldidena, p. 58. 

•••J Siehe die Anmerk. 166. 



über das rbfititche AlpeOYoIk der Breuni oder Breon^n. 405 

führten ZerstückeluDgsprocess des Ungeheuern Reiches. Von aussen 
her begann jene Völkerbewegung» die Anfangs herrorgerufen 
durch die Eroberungsversuche der Rdmer auf germanischem Boden 
nur defensiver Natur war, bald aber, in einen auf allen Puncten 
gegen die römische Reichsgrenze eröffneten Angriffskrieg der bar- 
barischen Völker Öberging. Es leuchtet yon selbst ein^ dass die 
Alpenidnder im Allgemeinen und Rhätien insbesondere in dem- 
selben Verhältnisse an Bedeutung und Wichtigkeit zunehmen 
mussten, als der Besitz des zwischen den Alpeii und der Donau aus« 
gebreiteten Flachlandes unsicher wurde, und nach und nach aufge- 
geben werden musste, indem yon jetzt an nur die Alpen als jener 
Damm erschienen, der das Vordringen der Barbaren nach Italien 
noch aufzuhalten Tcrmochte i<»). Und in der That sehen wir von 
dieser Zeit an die römischen Kaiser ihre Aufmerksamkeit den rhd- 
tischen Gebirgspässen in hohem Grade zuwenden. Die vielen 
Meilensteine des Septimius Severus (197 — 211) zeugen von sorg- 
fältiger Wiederherstellung der Strassen ^^oj. Kaiser Claudius IL 
stellte sich im Jahre 268 am Gardasee den streifenden Alemannen- 
schaaren entgegen i^i); Caracalla führte den Krieg gegen dieses 
Volk von Rhätien aus; Diocletian erhob das Gebirgsland, wahr- 
scheinlich zu grösserem Nachdrucke bei der Grenzvertheidigung, 
zu einer eigenen Pro?inz als Rhaetia L, da Rhaetia II., d. i. Vinde- 
licien fast als verloren betrachtet werden mochte i''^). Valentinian L 
und Valens wendeten wieder grosse Aufmerksamkeit und Sorgfalt 
den Alpenstrassen zu <''<). Kaiser Gratian weilte nahe zwei Jahre 
an der Etsch, in den Umgebungen von Trient und Bozen i?^). 



**•) Wenn auch der Ausdruck : CUustra lUliae; Clutae Italiae etc. erst von der gothi- 
schen Zeil an zur Bexeichnun^ der AlpenpSsse gebrüuchlicber su werden anISngt, 
finden wir ihn doch schon auch bei Am mianus MarceU.. I. 31, eap. 31 sum 
Jahre 377: «Cla nstra patefacta sunt Alpiam Juliaram". 

<'<>) Siebe oben Anmerk. 154. 

>'') Aurel. Victor in Claudio. Die Alemannen waren fiber Belinsooa eingebrocbeo. 

i7Sj Schon Cell ari US geogr. antiq. 1. li. c. 7 schrieb: nee facile ante Dioeletianuro 
exempluro divisionis provinciae in primam et secundam Inrenies. Qai vero nomen 
Rhaeliae primae et secuiidae habet, est auctor Notitiae utriusque imperii. Böcking 
versetzt die Eiitstehungszeit der P(otitia zwischen 445—453. 

'^3) Am Uli an. Mar cell. ad. ann. 369 berichtet: „AtValentinianus studio rouniendorum 
limitura glorioso quidem, sed nimio, ab ipso principatus inilio flagrans" etc. 

*'4) Garzetti in Giovanelli's Ära Dianae, p. 117—121, wo der Beweis aus den Dali- 
riingen der Gesetze des Codex Theodos. geliefert ist. 



406 AlhertJnger 

beschäftigt mit Vertheidigungsanstalten, gegen die, die Julischen Alpen 
dorehbrechenden Marcomannen und gegen die durch Rhätien den 
Einbruch in Italien versuchenden Juthungen. Seit dem Anfange des 
f&nften Jahrhunderts erscheint das Flachland im Norden der Alpen 
bereits aufgegeben und die Nordgrenze des Römerreiches nur mehr 
durch Rhätien im Gebirge Yertheidigt. Während der yerheerenden 
Züge Attila*s nach Gallien und Italien wurde yielleicht selbst das 
Gebirgsland seinem Schicksale überlassen i''^). Mit der Auflösung 
des weströmischen Kaiserreiches durch Odoaker kam hierauf Rhä- 
tien Anfangs unter Rngi.«che und bald darauf unter Theodorich 's 
ostgothische Herrschaft. 

Während dieser ganzen zerrüttungsvollen Zeit der römischen 
Herrschaft über Rhätien geschah, wie keines andern von den 
Römern ursprünglich unterworfenen Volksstammes, so auch der 
Breuni keine besondere Erwähnung; sie, wie alle übrigen grösseren 
und kleineren Gebirgsvölker waren untergegangen in dem allge- 
meinen Namen der Rhätier ^^e). Aber sogleich nach dem Ende der 



1'») Vergl. Aomerk. 14 und 189. 

1 76j Ob wir in den Kevvo i des Dio Cassius Hb. 77, p. 1299, gegen welche Kaiser 
Antoninus CaracaUa 213 nach Christus blutige Kämpfe zu bestehen hatte , die Ge- 
naunos, also wenigstens die Nachbarn der Breuni erblicken dürfen, ist eine noch 
schwebende Frage, durfte aber trotz der gegentheiligen Behauptung des Rasp. 
Zeuss, p. 237 im bejahenden Sinne entschieden werden. Zeuss will nümlich dem 
ganzen Worte „K^vvoi** kerne Existenz gönnen, und behauptet, es sei aus „xarroi** 
verdorben worden, welches sich in den Exe. des Fahre de Peiresc noch erhalten 
habe, p. 327. Allein abgesehen davon, dass er zur Rechtfertigung dieser Variante 
annehmen muss, die Chatten, welche nach Capitolin c. 8, um das Jahr 172 einen 
Einfall in Germanien und Rhätien machten, seien mehr als 40 Jahre noch in der 
Nihe oder in Rhitien selbst sitzen geblieben, um, wie er in seiner Variaute fand, im 
Jahre 213 Ton CaracaUa nebst den Alemannen besiegt werden zu können, abge- 
sehen von dieser historischen Unwahrscheinlichkeit, welche durch nichts gerecht- 
fertigt wird, ^ab es wirklich ein Volk des Namens K^vvoi = Cenni, und zwar 
früh schon, wie uns Florus IV. 12 berichtet: „Omnes illius cardinis populos, 
Breunos, Cennos, atqiie Vindelicos Augustus per privignum Drusum p«rpa- 
cavit''. Man wendet nun freilich gegen das Wort „C e n n i** ein , dass die rich- 
tige Lescart nicht feststehe, indem sowohl Jordanis de regnor. successione 
cap. 62 als auch Codd. ^S e n n n e s^ haben, so dass die Stelle, da an Senones 
neben den Breuni und Vindelici nicht gedacht werden könne, offenbar eine ver- 
dorbene sein müsse. Dass „Senone»" verderbt i»tj kann zugegeben werden, allein 
das Ursprüngliche bleibt immer „C e n n 1," indem Gruter in der Codd. palatin. 
die Variante „Scennos" fand, so dass wir mit Sicherheit die Senones auf Scen- 
noSj und diese auf Cennos zurückführen können. Es erscheint demnach der Name 



Üher dii8 rhfilische Alpenvolk der Breuni oder Breonen. 407 

romischen Herrschaft, unter der Regierung des Ostgothen Theo- 
dorich (489— S26), da kamen die Breuni, nur mit etwas rerän- 
dertem Namen plötzlich wieder zum Vorscheine, und zwar in einer 
Eigenfhumlichkeit, die geeignet ist, nicht nur über die Stellung, 
welche dieses Volk unter Theodorich einnahm, sondern auch über 
seine Zustände und Schicksale während der langen Verborgenheit 
zur Zeit der römischen Herrschaft Licht zu verbreiten. 

Unter den vielen Verordnungen des Königs Theodorich. welche 
in der Form von Briefen in den Werken ihres Verfassers, des ost- 
gothischen Kanzlers Cassiodorus auf uns gekommen sind i'^^), findet 
sich ein Sendschreiben an Servatus, den Dux von Rhätien, die 
Breuni^ oder wie sie von jetzt an genannt werden, die Breonen 
betreffend. Einem gewissen, nicht näher bezeichneten Haniarius 
waren von den Breonen Sdavcn mit Gewalt weggenommen worden. 
Der Beschädigte wendete sich mit seiner Klage an den König Theo- 
dorich, und dieser erliess ein fOr unsere Aufgabe sehr wichtiges 
Schreiben an den Militär-Befehlshaber Servatus in Rhätien. Im 
Eingange wird als allgemeiner Grundsatz hingestellt, üass der 
Würde, die ein Beamter bekleide, auch dessen Handlungen ent- 
sprechen müssen, daher Servatus nicht dulden dürfe, dass in der 
Provinz, deren Präsident er sei, irgend eine Gewaltthat verübt 
werde, er habe vielmehr Sorge zu tragen, dass Alles nach der Vor- 
schrift der Gerechtigkeit, die in Theodorich^s Reich blühe, vor sich 
gehe. Darum, fährt die Verordnung weiter, haben wir uns durch 
die Bitte ded Maniarius bewegen lassen, den folgenden Auftrag zu 
ertheilen: Wenn du findest, dass die nur an den Militär- 
dienst und an das Kriegshandwerk gewöhnten Breonen, 



„C«noi* früh schon, and zwar neben den Brennen und Vindelikern. Nun be- 
hauptet Zenas an einem andern Orte, p. 237 selbst, dass das „Senones** 
des Plorus aus «»Geuauni" durch Verderbniss entstanden nnd dies an die 
8teUe des ersteren m setzen sei. Wir haben nichts entgegen; denn da kaum 
geleugnet werden kann, dass Florus in der cilirten Stelle den Horatius vor 
Augen hatte, welcher den Sieg des Drusus zwar fiber alle RbStier, besonders 
aber fiber die Breuni, Genau ni und V i n d e I i c i besingt , so kann mit 
Recht angenommen werden, dass unter den »Cenni*' die MGenauni* zu 
Ycrsleben seien und dass das Volk vielleicht „Genanni** and „Cenni* „Kftfvoi'* 
genannt wurde. 
*7^ Cassiodori Aurel. opera edit. a Job. Garet. Venetian. Ausg. 1729. Hieher 
gehören die libri Variarum. 



408 Albert Jnger 

wie berichtet wird, selbst mit bewaffneter Hand die 
Borger bed r Qcken u nddesswegen» weil sie nurmit dem 
Kriege sieh beschäftigen, das Recht verachten (wie 
denn überhaupt Leute, die immerwährend mit dem 
Schwerte zu thun haben, sich schwer vor Verwilde- 
rung schützen können) i^s) — wenn du also findest, dass die 
Breonen in der That und ohne Grund die Sei ayen weggeführt haben, 
so sollst du mit Zurückweisung jeder muthwilligen Anmassung, die 
sich etwa auf die Tapferkeit stützen möchte, das Geraubte dem 
Beschädigten ohne Verzug zurückstellen lassen. 

Diese höchst interessante Verordnung Theodorich^s bietet nun 
für unsere Untersuchung mehrere eben so sichere als wichtige 
Anhaltspuncte. Zuvörderst ergibt sich aus ihr, dass die Breonen 
ein militärisch geordnetes, unter den Waffen stehendes Volk waren 
und zwar nicht erst seit kurzer Zeit, sondern dass das Kriegshand- 
werk schon seit lange ihnen, als ihre fast ausschliessende Beschäf- 
tigung, zur Gewohnheit geworden war (ad bella Martia semper 
intendunt» mililaribus ofGciis assueti); ferner dass sie sich eben 
wegen ihres kriegerischen Sinnes (praesumtio virtutis) 4ind wegen 
ihres ununterbrochenen Felddienstes (assidue dimicantes) den bür- 
gerlichen Beschäftigungen sogar feindselig gegenüber stellten (ci- 
vilitatem premere dicuntur armati i^*). Wir hätten also in den 
Breonen eine Art Grenzmiliz yor uns, die fortwährend unter Waffen 
stand, und zu Kampf und Krieg nicht erst seit der Entstehung des 
ostgothischen Reiches, sondern schon seit der Zeit, als das Flach- 



i'Sj Gassi od. lib. I. Variar. epist 11. „quapropter MaDiarii tupplicatione comrooti, 
praesentibus te affamur oraculla, ut si revera maDcipia i^us Breones irratiooa- 
biliter oogDOTeris ab sta liste, qui militaribas officiis assueti clvili- 
tatem premere dlcantur armati, et ob boo justitiae parere de- 
spieiant, quooiam ad bella Ha r tia semper io tendun t, dnmnesclo 
quo pa^to assidue dimicantibus difficile est morum eustodire 
roensuram; quapropter omni protervia remota, quae de praesumtione 
potest rirttttis assumi, postulata faeies sine intermissione restitui.*' 

i79j Dieser Maniarius, der die Veranlassung xur obigen Verordnung gab, mag wobl kaum 
etwas anderes gewesen sein, als ein Sclarenbäodler, dem seine Waareauf dem 
Durchzuge durch die Gebirge von den Breonen abgenommen wurde. Noch um das 
Jahr 900 wurde auf der DoDaii ein bedeutender Sciarenhandel betrieben. Kurs, 
Gesch. des Handels in Österreich in alter. Zeilen, p. 5. — Bei Öfele, rer. boic. 
Script. I, p. 718, Originalquelle. 



über das rhatiscbe Alpenvolk der Breuiii oder Breonen. 400 

land ausserhalb der Alpen preisgegeben werden mussfe, häufig, ja 
fast täglich Gelegenheit hatte, eine Grenzmiliz» der jetzt dieselbe 
Aufgabe gestellt war, welche die Militärcolonien und die Grenzbe- 
völkerung am Rheine und an der Donau zu lösen hatte, so lange 
diese Ströme den Limes imperii romani gebildet hatten i^o); kurz, 
wir entdecken in den Breonen die bewafiiiete Besatzung des Ge- 
birgslandes zur Bewachung und Vertheidigung der Alpenpässe. 

Damit stehen zwei andere Verordnungen Theodorich's in vol- 
lem Einklänge, indem sie uns die Breonen in der so eben bezeich- 
neten militärischen Thätigkeit zeigen. Die erste enthält einen 
Befehl an den obersten Hofbeamten (praefectus praetorio) Faustus, 
f&r die Verpflegung der in den „Clausuris Augustanis** liegenden 
Kriegsleute zu sorgen. Es geht aus ihr herror, dass in den nach 
Augusta Vindelicorum führenden Gebirgspässen <8<) sechs Tausend 
Mann Besatzung lagen, fQr deren Verpflegung schlecht gesorgt war. 
Faustus erhielt den Auftrag, Abhilfe zu schaffen. In der Motivirung 
des Auftrages kommt nun folgende bezeichnende Stelle vor: „Es 
ist Pflicht für die Verpflegung des Soldaten zu sorgen, der fQr die 
allgemeine Ruhe an den Grenzorten (finalibus locis) seinen Schweiss 
vergiesst und die barbarischen Einbrüche gleichsam am Thore der 



180) Vopitcas in Probo c. 14: Agros et horrea et doroos et annonam Transrhenani 
omoibns fecit, iis videlicet^ qoos in excubiis coliocavit. 

**0 »Clausa rae Augustana e*, wo siod diese Pfisse zu sucben? Bei der Beantwor- 
tung dieser Frage kann nur an Angusta praetorio (Aosta) oder an Aogusta Vinde- 
licorum (Augsburg) gedacht werden. Nun ist auf den ersten Blick klar, dass die 
Ausdrücke: ^finales loci*, j,porta pro vinciae", „geuti 1 es i ntroitus" 
gegen welche der „m il es semper in procinctu est" schon desswegen auf 
Aosta nicht passen, weil auf dieser Seite die in Rede stehenden Gefahren nicht 
drohten. Der Theil der burgundischen und gallischen Lande diesseits der Rhone 
gehörte ja zu Theodorich*s Reich und mit den jenseits der Rhone wohnenden Bur- 
gundern und Franken stand Theodoricb auf friedlichem Fusse. Man vergleiche P r o- 
cop. de bell. goth. bei Murator. I. 258 — 259, wo die Erwerbung der diesseits der 
Rhone gelegenen burgund. -gallischen Gebiete für das ostgothtscbe Reich darge- 
stellt wird. Daraus geht hervor, dass Tbeodorich gegen die Lande der Burgunder 
und Pranken keiner Grenzwache bedurfte, sowie die Ausdrucke „ferae et agre- 
stissimae gentes", gegen weichein den Clausuris Augustaiiis gekämpft werden 
mnsste, auf die Franken und Burgunder keine Anwendung zulassen. Es können dem- 
nach anter diesen „CIsusuris Augustanis** nur die zwischen dem Innthale , Füssen 
und Partenkirchen, an den Strassen nach Augusta Vindelicorum gelegenen Gebirgs- 
pässe verstanden werden. Hier drohten Alemannen, Thüringer und die spSter 
genannten Bttjovaren fortwährend mit Angriff und Einbruch. 



410 Alhert Jager 

Provinz abwehrt. Wer die Barbaren abhalten soll, muss immer 
gerüstet und Ischlagfertig dastehen , weil nur die Furcht jene noch 
zurückzuhalten vermag, die sich durch ihr gegebenes Wort nicht 
binden lassen** <s^). Wer sind nun diese Krieger in den Augustani- 
schen Pässen, an den Grenzorten, die gleichsam am Eingangstbore 
der Provinz in der Abwehr der Barbaren ihren Schweiss vergiessen? 
Wer wohl anders als die fortwährend unter den Waffen stehende» 
an ununterbrochenen Felddienst und Kampf gewöhnte tapfere Lan- 
desbevölkerung der Breonen. 

Dasselbe bezeugt die zweite der angezogenen Verordnungen; 
sie enthält die sogenannte Formula Ducatus Rhaetiarum, d. h. eine 
Amtsinstruction für den Feldhauptmann in Rhätien, wahrscheinlich 
für den schon erwähnten Servatus <8<). In dieser Instruction wird 
wieder einerseits die Provinz Rhätien als der ausgesetzteste and 
gefährdetste Punct des Reiches bezeichnet, anderseits die Grösse 
der Aufgabe hervorgehoben, die demjenigen obliegt, dem die Ver- 
waltung und Vertheidigung eines solchen Landes anvertraut wird. 
nObwohh heisst es darin, „jedes Amt gleich ehrenvoll sein sollte, 
wird doch, wenn man die Sache näher betrachtet, denjenigen 
viel mehr anvertraut, denen die Leitung der Grenz- 
völker Obertr a gen wird. Denn etwas anderes ist es, in fried- 
lichen Ländern Recht sprechen und wieder etwas anderes, seinen 
Sitz in der Nähe verdächtiger Völker aufschlagen; hier hat man 
nicht nur den Ausbruch der Leidenschaften, sondern auch den Aus- 
bruch des Krieges zu fürchten; hier ertönt nicht immer blos die 
Stimme des Herolds, sondern auch das Schmettern der Kriegstrom- 
peten. Rhätien ist nämlich die Schutzmauer Italiens 
und das Thor d er Provinz 1»^), Titel, welche das Land mit 
Recht verdient, da man Rhätien wie einen Schild den wilden Völ- 



1») Cassiodor. Viifiar. Hb. U. ep. 5. 

is>) Cassiodor. Variar. Hb. 7. formula 4. 

'M) Dass unter aProvioz*' Rbfitien ?ertUndeii wurde, geht ans der Bescbreibang des 
Felsenkopfes bei Trient, auf welchem sich die Burg Veruca erhob, hervor (Cas- 
siod. Variar. Hl. ep. 48), wo gesagt wird: Hunc tumulum Athesis . . . praeter- 
fluit; castrum pene in mundo singulare, tenens Clan st ra provinciae*'. Die 
Veruca war an der Sudseite Rh&tiens ein Claustrum provinciae, wie die »Clausurae 
Augustanae" an der Mordseite «quasi porta Provinciae* genannt werden. 
(Variar. II. epist. 5.) 



über das rlifitische Alpenrolk <]«r Breiini oder Breouen. 41t 

kern entgegen halten kann; denn dort kann dem Angriffe der Bar- 
baren t^^) begegnet, Ton dort aus können ihrem wülhenden Über- 
muthe Schläge beigebracht werden. Darum hat auch Euer Kampf 
mit ihnen fast nur das Ausseben einer Jagdunterhaltung. Darum^ 
so ßhrt die Instruction weiter» haben wir Dir die FeJdhauptmann- 
scbaft ron RbStien übertragen, damit Du die Kriegsleute friedlich 
Kusammenhaltest und mit ihnen unsere Grenzen unverdrossen über- 
wachest. Du sollst bedenken, dass Dir keine geringe Sache anrer« 
traut sei, indem die Ruhe unseres Reiches unter Deinen wachsamen 
Schutz gestellt isf Es ergibt sich also auch aus der Instruction 
fbr den Feldhauptmann von Rhätien, dass dieses Land den Angriffen 
der Barbaren am meisten und beständig ausgesetzt war, und dass 
eben desshalb seine Bevölkerung» und darunter vorzüglich die 
Breonen, in immerwährendem Kriegszustande sich befanden, oder, 
wie Theodorich in dem Sendschreiben anServatus sich ausdrückte: 
ad bella Hartia semper intenti , militaribus officiis assueti, assidue 
dimicantes. 

Aui dem Briefe des Theodorich an Servafus fliessen aber noch 
mehrere andere für unsere Untersuchung wichtige Ergebnisse, und 
xwar erstens eine ziemlich genaue Bestimmung der Nordgrenze des 
ostgothisehen Reiches, zweitens eine Widerlegung der bei gewich- 
tigen Schriftstellern vorhandenen Behauptung, dass die Breonen der 
ostgothisehen Herrschaft nicht unterworfen, sondern schon lange 
selbstständig waren und dem Reiche Theodorich*s sogar feindlich 
gegenüber standen, und drittens eine noch genauere Bezeichnung 
des Breonisehen Gebietes, als in der vorausgehenden Unter- 
suchung bereits gegeben wurde. In Betreff der Nordgrenze des 
Reiches Theodorich^s verzweifeln einige Schriftsteller geradezu, mit 
den vorhandenen Hilfsmitteln etwas Genaueres bestimmen zu 
können <»<); andere schliessen sie einfach und ohne viele Umstände 
oberhalb Trient in den Alpen ab, so auch der übrigens verdienst- 



185^ 0ei Gassi od or wird der Ausdruck „impetus gen tili s* gebmucht. ^Genti- 
lis" scheint im Allgemeinen den Gegensatz zu »Romanus** gebildet au haben. 
So wird Ton Tbeodorich gesagt: „Vidit te ge ntilis Da n ubius", d. h. die 
Donau, welche nicht mehr römisch, sondern in der Gewalt der Völker war. Vuu 
Stiiico heissl es „habebat sub «e pluriroos Roma noru m atque Gentilium'*. 

1S6) Budinger, österr. Gesch. 1. Bd. 1858. S. 54. 

Sit/b. d. phil.-hist. Cl XLII. Bd. III. Hfl. 28 



412 Aibert Jäger 

rolle Verfasser des Werkes: „Die Deutschen und ihre Nachbar* 
Stämme*'. Zeuss beruft sich auf die bei Cassiodor (Variar. IIT. 
ep. 48) in einer Verordnung Theodorich*s vorhandene Beschreibung 
der Veruca bei Trient, in welcher dieses Schloss ^castrum tenens 
claustra prorinciae feris gentibus objectum** genannt wird. Aus dem 
Umstände nun, dass das Schloss Veruca innerhalb, ja wohl an der 
südlichsten Abdachung des Gebirges an der Etsch als „SehlQs- 
sel des Landes** und als „Grenzwehr gegen die Bar- 
baren** bezeichnet wird, lasse sich, meint Zeuss, schliessen, dass 
die Grenzen des Gothenreiches sich nicht fiel fiber Bozep hinaus 
^ erstreckt haben i^''). Allein Zeuss Hess die andere Stelle in den Ver- 
ordnungen Theodorich*S9 welche von dem Krieg^ivolke in den „clau- 
suris Augustanis** spricht, ydllig unberQcksichtigt. Wir berufen uns 
desshalb auf das oben in der Anmerkung 181 Gesagte, und leiten 
daraus, wie wir glauben, mit vollem Recht« den Beweis ab, dass 
die Nordgrenze des ostgothischen Reiches nicht sudlich vom 
Brenner, sondern an der nördlichen Abdachung der Alpen zu suchen 
sei. Folgerichtig mit der Beschränkung der ostgothischen Reichs- 
grenze musste Zeuss auch die andere Behauptung vertheidigen, dass 
die Breonen nicht unter Theodorich*s Herrschaft standen, sondern 
lange schon selbstständig waren. »Die Brennen im Innthale** 
sagt er S. 369, „zeigen sich selbstständig**. Aber Verwun- 
derung muss es erregen, wenn der gelehrte und scharfsinnige 
Forscher hinzusetzt: „und sie, die Brennen, zeigen sich 
sogar raub erisch gegen die gothischen Unterthanen*^, 
oder wie er dies S. 886 mit den Worten umschreibt: „Sie 
scheuten sich nicht, selbst gegen die mächtigenGothen 
Räubereien zu begehen**, und wenn Zeuss zum Beweise seiner 
Behauptungen sich auf den Befehl Tbeodorich's an den Feldhaupt- 
mann Servatus beruft und darin findet: „Theodorich habe dem 
Dux von Rhätien Befehl gegeben, gegen die Breonen zu 
verfahren i«»). Wir berufen uns auch diesen Behauptungen 



iB^ Zenas, p«ff. 369. Wer wollte z. B. aus dem Umstände, dass in den Dreissiger 
Jahren bei Brixen eine Veste angelegt wnrde , die man mit Fug »castrnm ttnens 
claustra proTinciae** uennen kann, schliessen, im dritten Deccnnium des neun- 
Kehnten Jahrhunderts habe Tirol seine Grensen bei Brixen gehabt? 

<**) Zeuss scheint Manner t Tor Augen gehabt sn haben, der im 111. Bde. S. 629 der 
Geographie der Griechen und Römer, von den Breonen zu Theodorick*s Zeit sagt; 



über dtts rhSUscho Alpeuvolk der Breoni oder Breonen. 413 

gegenQber einfach auf das , was wir oben S. 407 — 409 ober die an 
Ser?atu8 erlassene Verordnung Tlieodorich's gesagt haben. Die 
Breonen waren demnach nicht» wie Zeuss will, lange schon selbst- 
stdndig und ausserhalb des ostgothischen Reiches, sondern sassen 
fest innerhalb desselben, noch ?iel weniger traten sie, die HQter 
und Vertheidiger der Reichsgrenze, feindlich und räuberisch gegen 
die ostgothischen Unterthanen auf. Ältere Schriftsteller, i. B. Resch >«*) 
liessen» dem Sinne nach mit Zeuss zusammentreffend, die Breones 
ebenfalls, aber lange schon ror dem Entstehen des ostgothischen 
Reiches, abhanden kommen. Sie stQtsten sich auf jene Stelle des 
Jordanis cap. 36, in welcher unter den Hilfsrolkern des Aetius im 
Kampfe gegen Attila auch die ^Briones, qoondam milites 
romani** aufgeiäblt werden und nehmen an, dass die Brennen^ 
dieser Angabe su Folge, schon lange vor dem Jahre 451 aufgehört 
hätten, römische Unterthanen zu sein und selbstständig geworden 
seien. Die Annahme hätte vielleicht einigen Werth , wenn der Be- 
weis hergestellt werden konnte, dass das rhätische Gebirgsland 
schon vor den Zeiten des Aetius vom römischen Reiche abgerissen 
worden sei, denn in diesem Falle wQrde sogar unsere Ansicht an 
Gewicht gewinnen, dass die Breuni oder Breonen nicht erst unter 
Theodorich, sondern schon früher, in den letzten Zeiten der römi- 
schen Herrschaft, jene militärische Verfassung erhalten haben, in 
welcher sie unter Theodorich zum Vorschein kommen, und das 
„quondam milites Romani** des Jordanis wäre dann gleichbedeu- 
tend mit dem „militaribus officiis assueti^ des Theodorich. Doch 
bei der grossen Unsicherheit des Jordanis*schen Textes an dieser 
Stelle können wir kein allzugrosses Gewicht auf dieselbe legen und 
^ verweisen auf das, was wir oben S. 3K9 und in der Anmerk. 14 Ober 
sie mitgetheilt haben. 

.Aus der WiderlegiAg der irrigen Ansichten aber die Nord- 
grenze des ostgothischen Reiches und Qber die Frage, ob die 



«Sie erseheinen im sechsten Jahrhundert wie Ihre ältesten Vorfahren als ein roher 
Hftnfe Rfiuber, der von der abgenommenen Beute der Reisenden und der schvi- 
ehereo Grenzneohbarn lebt. Sie waren völlig frei und anabhSngfg. 
Doeh scheinen sie gegen Verordnungen des rofichtigen iGolbenkönigs Theodorich 
AchtMg gehabt au haben". 
'**) Annal. eccies. Sabiouensis I. annot. 276. Ex bis Jordanis verbis Breones nostros 
a Valentiuiano III. defecisse jam ante anniim 4SI comperimus. 



414 Albert JS^er 

Breonen demselben einverleibt waren oder nicht, iliesst aber, wie 
oben bemeikt wurde, für unsere Untersuchung noch ein drittes 
Ergebniss, eine noch genauere Bezeichnung des Breonischen 
Gebietes. Waren wir auf dem Wege unserer Forschung schon 
früher dahin gekommen, die Wohnsitze der Breonen ziemlich genau 
innerhalb jenes Raumes zu bestimmen, der das Thalgelände der 
Siil, des oberen und unteren Innflusses bis an die nördliche Grenz- 
linie umfasste, welche über die Quellen der Bregenz und Hier, des 
Leches, der Ammer, Loisach und Isar liinwegläuft i*<^), so geben uns 
die Urkunden der Zeit Theodorich*s Winke zu ihrer noch viel 
genaueren Abgrenzung. Da nach diesen Urkunden die Breonen die- 
jenigen waren, welche „die Eingangsthore und den Schlös- 
set der Provinz** in ihren Händen hatten, und welche „an den 
äu SS ersten Grenzorte n'^, besonders ^in den von Augs- 
burg hereinführenden Pässen** mit „den wildesten Völ- 
kern** in „unablässige Kämpfe** verwickelt waren, so con- 
centrirte sich nach diesen bezeichnenden Angaben ihre Hauptmacht 
im Innthale, etwa vom Acbenthale hinauf bis Landeck, und in den 
Pässen gegen Tegernsee, Parthenkirchen und Füssen, was in spä- 
teren Zeugnissen, wie wir noch sehen werden, seine volle Begrün- 
dung findet. 

Nachdem wir nun aus der vorstehenden Untersuchung nicht 
nur die sehr genaue Abgrenzung des Breonischen Gebietes, son- 
dern, worauf es uns vorzüglich ankam, auch die besondere Eigen- 
thümlichkeit, in weicher dieses Volk erscheint, kennen gelernt 
haben; nachdem wir die Breonen als ein militärisch geordnetes, 
mit der Grenzhut des römischen, und später des ostgothischen 
Reiches betrautes Volk erkannt hüben, wollen wir noch untersuchen, 
was uns die spärlichen Quellen über die weiteren Schicksale und 
Zustände derselben nach dem Tode Theod<^'ich*s berichten. 

Mit dem Verfall und der Auflösung des ostgothischen Reiches 
nach Theodorich*s Tode verschwand allmählich auch Rhätien als 
Provinz. Begriff und Raum waren wohl schon vor und unter Theo- 
dorich sehr verengt worden; von einer Herrschaft des ostgothischen 
Königs über das vindelicisch-norische Flachland kommt keine Spur 



190) Siehe oben S. 393. 



über das rhitischc Alpenvolk 4er Breuni oder Breooen. 4 1 

vor, and wenn auch die amtlichen Schriften aus Tlieodorich's 
Kanzleien noch immer ?on Rhätien in der yieirachen Zahl, von einem 
Dux und Ducatus Rhaetiarum sprechen» wenn wir auch im 
Jahre 462 in Asimo Bischof von Chur einen episeopum primae 
Rhaeliae <*'), and noch im Jahre S91 in dem Bischöfe Ingenuin von 
Sähen einen episeopum ecciesiae secundae Rhaetiae finden i*<), 
so beweiset doch die Bezeichnung des rhätischen Gebirges als 
^SchlQssel Italiens** und als „Sehutzwehr der Provinz** 
^Rhaeliae sunt munimina Italiae, et claustra provinciae), dass schon 
zu Theodorich^s Zeit Begriff und Raum RhStiens auf das Gebirgsland 
beschränkt war. Dies bestätigt auch die Beschreibung Rhätiens, 
wie wir sie bei Paul. DiacoMis 11. c. 14 lesen: „Inter Liguriam et 
Snaviam** sagt Warnefried, ^i. e. Alemannorum patriam, quae ver- 
Mis septemtriohem est posita, duae provinciae» i. e. Rhaetia 
prima et Rhaetia secunda inter Alpes consistunt, in quibus 
proprie Rhaeti habifare noscuntur**. 

Bald'iiach TheodoricVs Tode, S26, verschwand aber die Pro- 
vinz Rhätien auch in ihrem verengten Begriff und Räume, und zwar 
in Folge der Ausbreitung der Frankenherrschaft sowohl fiber Rhä^ 
tien als auch Ober das unter neuem Namen auftauchende Volk der 
Bajovaren, und insbesondere in Folge der Ausbreitung dieses Volks- 
stammes über die rhätisch*norischen Gebirge. In der Verlegenheit, 
in welcher die Gotben sich dem byzantinischen Feldherrn Belisar 
gegenGber befanden, waren sie genöthigt» nicht nur ihre streitbare 
Mannschaft aus den entfernteren Besatzuugsplätzen abzuführen und 
viele dieser Orte und Gegenden ihrem Schicksale zu Qberlassen i<»s^, 
sondern sie mussten sich auch, um die Hilfe und Bundesgenossen- 
schaft der Franken zu gewinnen , zu Gebietsabtretungen an diese 
herbeilassen. Darum bot schon Totilas den Franken den unter ost* 



<*') Eichhoro, Episcop«(. Curiens. p. 1. i^Ego Altuudanliua eceles. Coitieatis episco- 
pu9 . . pro absente fratre meu Asimone episcupo Curiens. eccies. primaeRbae> 
tiae subscripsi. 

>*«) Sionacher I. p. 247. Beil. 10. 

A*3jAgathia8 de bell, gothic. bei Muratori I. 383, bemerkt hiezu : „weil diese 
Besatzungen unter den gegebenen Verhältnissen den Uulertbanen mehr zur Last 
als zum Schutze gercichlen und die Gothen nicht um entfernte Herrschafl, son- 
dern um den Be.tiU Italiens und um die Abwehr ihres eigenen Unterganges zu 
kliin|)fen hatten*'. 



416 Albert Jäger 

gotbischer Herrschaft stehenden (Theil Galliens (diesseits der Rhone) 
als Preis der Hilfeleistung an. Yitiges erneuerte den Antrag, und 
die Frankenkönige Childebert, Theudebert und Chlotar gingen auf 
das Angebot ein, richteten aber ihren Blick bald weiter, indem ihnen 
die Gelegenheit günstig schien, sich wohl eines grossen Theiles 
Italiens selbst zu bemächtigen. Und in der That, der fränkische 
König Theudebert benützte die Niederlagen der Gothen nicht als 
Veranlassung, ihnen Hilfe zu leisten, sondern um treulos sich in 
den Besitz vieler Orte in Ligarien, der Cottischen Alpen und eines 
grossen Theiles des renetianischen Gebietes zu setzen. Die 
Gothen mussten zu dem .bösen Spiele noch eine heitere Miene 
machen und ihren falschen Freunden die Beute yertragsmässjg 
abtreten ^•♦). 

Das Gleiche geschah auch mit Alemannien und mit den 
zwei ProvinzenRhätien und Mitteln oricum; sie mussten eben- 
falls den Franken überlassen werden. Über die Abtretung Aleman- 
niens berichtet Agatbias an zwei Stellen: »Sobald der Krieg ent- 
brannt war, schreibt er, veriiessen die Gothen, um die Gunst der 
Franken zu gewinnen, sowohl verschiedene andere Orte als auch 
Alemannien*" und „das auf diese Weise preisgegebene Volk der 
Alemannen unterwarf Theudebert seiner Herrschaft <>>). Über die 
Abtretung Rhätiens und Noricums berichtet keine Quelle, wohl aus 
dem Grunde, weil diese Provinzen in Folge der Ereignisse aUch 
ohneZuthat der Gothen von selbst als Beute den Franken anheim- 
fielen. 

Nun kann aber hier die Frage eingestreut werden, wo das 
Alemannien war, welches bisher den Gothen unterthänig gewesen, 
den Franken fiberlassen werden musste? Schweifen wir ein wenig 
ab und untersuchen wir diese Frage. Dass an die oberhalb des 
Bodensees, am Neckar und bis an den Main hinauf wohnenden Ale- 
mannen, überhaupt an das gesammte alemannische Y^olk, welches 
Theodorich in seinem Schreiben an Chlodwig „innumerabilem 
nationem** nennt <••), nicht gedacht werden kann, ist klar; Theo- 
dorich's Reich erstreckte sich, wie wir gesehen haben, nie über die 



194^ Procopius de hello golhic. bei Muratorl I. an verschiedenen Steilen. 
1»!^) Agatbias de hello gothic. Murator. L 383. 
»9ö) Cassiodor. Variar. II. ep. 41. 



über das rbSlische Alpeovolk der Breuoi oder Breonen. 417 

Alpen hinaus ; wir werden daher das von den Gothen aufgegebene 
Alemannien nicht ausser- sondern innerhalb der gothischen Reichs- 
grenze suchen mQssen. Nun werden wir innerhalb des Reiches 
Theodorick*s keine andern Alemannen finden» als jene, welche nach 
der Schlacht bei ZQlpich südwärts zogen, und sich unter Theodo* 
rieh's Schutz begaben und von ihm innerhalb der Grenzen seines 
Reiches aufgenommen wurden. Man hat die Sitze» in denen diese 
Alemannen Ton Theodorich angesiedelt wurden» an verschiedenen 
Orten gesucht <»7) ; eine vorurtheilsfreie Auffassung der Quellenan- 
gaben deutet aber unstreitig aufVorarlberg. So schrieb Theodorich 
an Chlodwig: j^Lasset ab von der weiteren Verfolgung der erschöpften 
Überbleibsel der Alemannen, die zu uns geflohen sind» und noch 
zitternd sich innerhalb unserer Grenzen verbergen. 
FQrchtet von dieser Seite keine Bennruhigung, da sie zu unserer 
Herrschaft gehört^ i>s). Wie hfitte Theodorich besorgen können» 
Chlodwig werde sie noch weiter verfolgen wollen, wenn sie tiefer 
im ostgothisehen Reiche» etwa in den sfldtirolischen Bergen oder 
in Mittelnoricum angesiedelt worden wären? Wie hätte auch Chlod- 
wig an einen Zug dahin denken können? Ferner» welchen Sinn 
hätte die Aufforderung Theodorich*s an Chlodwig, „er möge von 
jener Seite» wo die Alemannen sich niedergelassen, weiter nichts 
mehr fOrchten?*' (nee sitis solliciti ex illa parte, quam ad nos 
cognoscitis pertinere). Alle diese Stellen werden nur verständlich, 
wenn die Alemannen irgendwo an der Nordgrenze des ostgothi- 
sehen Reiches sassen; dort war noch Gefahr von ihnen wie für sie 
möglich. Eine zweite Quelle» welche unbefangen beurtheilt fOr 
unsere Behauptung spricht, sind die Worte des Ennodius im Pane- 



'9f) GrafBeoedict GioTanelli in einer Abhandlung; »Deir origine dei selte e tre- 
dici comuni e d* altre popolazioni alemanne". Trento 1826, und Zeuat; i,Die 
Deutschen und die Nachbar8tainme% p. 589 (wohl nur nach GioTanelli) wollen 
aie in der deutschen Bevölkerung zwiachen der Etsch und Brenta im Tridenti- 
nischen, Veronesischen und Vicentiniachen Gebiete finden. Abgeaehen von der 
Sprache dieser deutschen Gemeinden, welche der alenanniachen Mundart geradezu 
widerspricht, hat Rudolf Kink In dem Codex Wanglaniu, p. 305 (siehe V. Bd. 
der Fontes rer. Austriacar.) urkundlich nachgewiesen, di:ts cij erst im Anfange 
des dreizehnten Jahrhunderts von den Bischöfen von frient aas der Gegend von 
Bozen dahin verpflanzt wurden. 

«WjCassiod. Variar. H. ep. 41. 



418 Albert Ja^er 

gyricus an Theodorich i^^): »Quid, quod a te Alemanniae gcnera- 
litas iiitra Italiae torminos sine detrimento romaoae 
possessionis inclusa est? Facta est Latiaris custos im- 
perii seinper nostrorum populatione grassata**. Wie konnten die 
Alemannen in das ostgotliische Reich aufgenommen werden ^^^}, 
ohne romisches Besitzthum zu beengen, oder zu be- 
nachtheiligen, wenn dies nicht an den Sussersten, wahrschein- 
lich Terwüsteten nordlichen Grenzen geschah? Wie konnte Enno- 
dius Ton ihnen rühmen, sie, die früher römischen Reichsboden ver- 
wüstet hatten, seien jetzt die Schutzwehr desselben (Latiaris 
custos imperii) geworden, wenn ihnen nicht an der Grenze Wohn- 
plätze angewiesen waren? Aiie diese Gründe werden uns demnach 
bestimmen, die von Theodorich aufgenommenen Alemannen nicht 
anderswo, als an der Nordgrenze seines Reiches, und zwar, wie 
wir oben behauptet haben, in Vorarlberg zu suchen. Sollte diese 
Scblussfolgerung nicht gebilligt werden, so m5ge im Umfange des 
Reiches Theodorieh^s ein anderer Ort nachgewiesen werden, wo 
alemannische Abstammung und alemannische Sprachlaute sich 
«erhalten haben *^^). 



1^) Enno dius. Opera illust. a Sismond. Paris 1611. p. 1610. 

'®®) EnnodJas sagt zwar «intra Italiae terminos* und dieser Ausdruck mag selbst 
Zeuss bewogen haben, anzunehmen, das» die Alemannen in Italien angesiedeil 
wurden; allein Ennodius konnte mit vollem Rechte die Nordgrenze Rhütiens als die 
Grenze Italiens betrachten, denn Rhatien gehörte unter Theodorich so gut zu seinem 
Reiche Italien, wie es znr römischen Kaiserzelt zu diesem Lande gezShIt worden 
wur, 

»Ol) Chabert (Denkschriften d. kais. Akad. d. Wissensch. III. Bd., II. AbUi., p. 78) will 
die Alemannen-Aufnahme durch Tbeodorich so auslegen, dass mehrere, dem ostgo» 
thischen Reiche nahe, etwa im Lenz-, Argen-, Rhein* und Allgau ansässige aleman- 
nische Stamme sich jetzt nach der Niederlage bei Zfilpich unter Tbeodorich^a 
Schutz begeben haben, so dass sie, bleibend in ihren alten Wohnsitzen , nur wegen 
des ihnen gewährten Schutzes dem Gothenköuige Gelegenheit gegeben hüten, die 
»nostros fines" die Grenzen seines Reiches als auch über sie ausgedehnt darzustellen. 
Was macht aber Chabert mit dem Ausdruck und Begriffe „cela n t ur nostris finibus* 
wenn die Alemnnnen draussen In der Ebene sassen ? Was macht er mit dem Aus- 
drucke «quos ad nos confu gisse conspicitis" ?, was mit dem Ausdrucke «f e s s a e 
reliquiae"?, was ferner mit dem Auftrage Tbeodorich^s an die Noriker, ihre 
kleineren Ochsen mit den für die Zucht besseren, aber „itineris longinqui- 
täte d efe et is" alemannischen Ochsen oder stieren auszutauschen? (Yariar. III. 
ep. 50) ? a Einige Flfichllinge* sagt Chabert weiter, »mögen wohl auch tiefer io 
Rbiitleu nnd sellist in Italien angesiedelt worden sein^; allein die eine wie 
die and<>re der Behauptungen Chabert*s findet in Quellen ihre BegrGndung nicht. 



über dM rhSliache Alpenvolk der Breuni oder Breonen. 419 

Kehren wir nach diesem kleinen Exeorse wieder zu unserem 
Ausgangspuncte zurOek. Unter dem Lande Alemannien, welches 
die Gothen in ihrer Notb den Franken Qberlassen mussten , kann» 
wie aas dem Gesagten sich ergibt, kein anderes Gebiet yerstandeu 
werden, als jenes» welches Theodorich den flOchtigen Alemannen 
eingerSumt hatte; ein anderes Alemannien konnten die Gothen 
nicht abtreten. 

Nun hatte aber diese Preisgebung der nordwestlichen Schutz- 
wehr des Gothetireiches in Verbindung mit dem anderweitigen 
Unglücke des edlen gothischeu Volkes noch viel weiter gehende 
Folgen fhr die Alpenländer; sie zog auch den Verlust von Rhftlien 
und Mittelnoricum nach sich. Die Franken, durch Theodorich*s Tod 
von dem Hindernisse befreit, welches die Macht uhd das Ansehen 
dieses grossen Königs ihrer Eroberungssucht in den Weg gelegt 
hatte» breiteten s®«) ihre Herrschaft auch über die ThQrtnger in 
Hitteldeujschland und weiter an der Donau und zwischen diesem 
Strome und den Alpen über das Volk der Bajovaren <<^<) bis an die 
Grenze Pannoniens aus *®*). Da sie im Süden der Alpen den ganzen 
Saum der Gebirge von den Cottischen Alpen über Venetien hinweg 
bis an das adriatische Heer in ihre Gewalt gebracht hatten , so 
folgte die Unterwerfung der von der fränkischen Macht im Norden 
und Soden umklammerten rhätisch^norischen Gebirgsländer unter 



>**) Um das Jehr 536, in welchem Alemannien en die Frenken ebgetrelen wurde; 
denn richtig bemerkt C hebert, diiss ror deeeen Unterwerfung unter die 
Franken die weiter östlich ansässigen Völker, Thüringer und ßajovarier kaum in 
Abhingigkeit gerathen konnten. 

sosj Sobald die Bajovnrier unter diesem Namen xum Vorschein kommen, stehen sie schon 
unter fränkischer Oberherrschaft. Wenn es richtig ist, dass der frSnkische König 
Theoderich den Bajorariern das erste Gesetzbuch gab , so würen sie freilich 
schon Tor dem Jahre 534, dem Sterb^'ahre Theoderich*s, in frinkische Abhingig- 
keit gekommen. Sicher geschah die Unterwerfung der Bajovarier wie die der 
ThSringer nicht in einem einzigen Jahre. 

«»*) Wir erfahren diese grosse Ausbreitung der frlSnkischen Macht aus einem Berichte 
Tbeodebert*s, der seinem Vater Theoderich 594 nachfolgte, an den oströmischen 
Kaiser Justinian. „Dei misericordi» feliciter subactis Thfiringis et eorum provin- 
ctfs acqnisitis, extinctis ipsoruin tunc temporis regibus, Norsarornm (sollte viel- 
leicht gelesen werden Norgavorum? Noricorum? Chabert) gentis nobis placatn 
raMJestas colln sabdidit (unterwarf sich freiwillig) . . per Dannbium et limitem 
Pannoniae usque in Oceani litoribus, eustodiente Deo, dominatio nostra p%)rri- 
gilur**. Thcodebert's Brief un Justinian (^4^547) bei Du Chesoe 1. 186%. 



420 Albert Jiiffer 

ihre Herrschaft nolbwendig von selbst, und ailes Land, was man bis 
dabin unter Rbätien und Mittelnorieum begriffen, fiel den Franken 
anbeim. DieBeweise dafür liefert uns eine dein Jahre 591 angehörige 
Quelle, das Schreiben jener schismatischen Bischöfe an den oströmi- 
schen Kaiser Mauritius s<^>) , dessen in unserer Untersuchung schon 
(oben S. 361 u. 362) Erwähnung geschah. Aus diesem Schreiben 
ersehen wir, dass die gallischen (fränkischen) Bischöfe in den 
bischöflichen Kirchen von Tiburnia ^oa)^ Breonium ^•7) und Äugusta 
(Augsburg) Priester einsetzten, was nur möglich war, wenn die 
Provinzen, in denen die genannten bischöflichen Sitze sich befanden, 
unter fränkischer Herrschaft standen ^os). Über die Zeit, wann 
diese Einverleibung der rhätisch-norischen Gebirgsländer in das 
Frankenreich vor sich ging, gibt uns eine Nachricht bei Paulus 
Diaconus nähere Auskunft. Er erzählt im 4. Capitel des II. Buches, 
dass Narses den Bischof Vitalis von Altinum nach Sicilien in die 
Verbannung geschickt habe und fugt hinzu: „Dieser Vitalis war 
viele Jahre früher (ante annos plurimos) aus der Stadt Altinum in 
das Reich der Franken in die Stadt Agontbia geflohen** *•*). 
Eckhard in seinen Commentarien de rebus Franciae oriental. setzt 
die Flucht des Vitalis in das Jahr S36; daraus ersehen wir, dass 
die Ausbreitung der frankischen Herrschaft auch über die rhätisch- 
norischen Gebirgslande ganz zur selben Zeit geschah, als die 
Franken Alemannien und Bajovarien ihrem Reiche einverleibten. 

Wie lange die Herrschaft der Franken über Rbätien und Mit- 
telnorieum dauerte, ist nicht genau zu bestimmen. Nach einer Stelle 
des Briefes der schismatischen Bischöfe wurde sie noch unter 
Kaiser Justinian I., also vor S65 aus einem grossen Theile dieser 



205) Dm Schreiben bei Si »nach er I. 147. Beil. 10. 

so«) ui^er Tiburnia siehe Anmerk. 26. 

><>') Das bischöfliche Schreiben nennt ecciesia Beconensis. Dass wahrscheinlich 
Breonensis zu lesen sei, wurde oben S. 362 — 364 nachgewiesen. 

S08) Die betreffende Stelle im Schreiben an Mauritius lautet: „ui, quod ante annos 
fieri coeperat, et in tribus ecciesiis nostri ConciUi« Beconensi, Tibur- 
niensi, et Augustana Galliarum episcopi co ns tituerant sacerd otes**. 

soo) Bei Paul Diac. II. 4. «qui ante annos plurimos ad Francorum regnum con- 
fugerat h. e. ad Agonthiensem civitatem**. Wenn gleich die Codices in der 
Schreibung des Namens sehr abweichen, der Modoec. MogothiOnsem, der Lind. 
Magoniiensem und der Bamberg. Gonthiam liest, folgt Muratori doch der Lese- 
art Agonthiensis, d. i. Agnntum an der Drau in Noricum. 



über das rhülische Alpeurolk der Breuui oder Breonen. 421 

Länder durch die Byzantiner verdrängL Die scbismatischen Bischöfe 
schreihen nämlich an Mauritius, dass Justinian dem Eindringen 
fränkischer Priester in die oben genannten BisthQmer ein Ziel 
gesetzt habe '<<>), was voraussetzt, dass Justinian wenigstens die 
Gebiete der ecclesia Tjbuiniensis und Breonensis den Franken ent- 
rissen habe. Sie schreiben ferner, dass sie „die heilige griechische 
Herrschaft, unter welcher sie einst ruhig lebten, noch nicht ver- 
gessen haben**»")' ^'®® wieder voraussetzt, dass sie von der fränki- 
schen Herrschaft befreit und unter die byzantinische versetzt worden 
waren. Wahrscheinlich geschah dies in Folge jener grossen Nieder- 
lage, in welcher um das Jahr fi54 die alemannisch-fränkischen 
Heere unter Leutharis und Butilin in Italien vernichtet wurden und 
Oberitalien fQr die Franken verloren ging ***). 

Allein auch die byzantinische Herrschaft dauerte in diesen 
Gegenden nicht lange. Die im Jahre 668 in Italien einwandernden 
Longobarden entrissen ihrVenetien, drangen in die Alpen hinauf 
und errichteten S69 das Herzogthum Trient *««). Wahrscheinlich 
unterwarfen sie sich auch Ober Trient hinauf das Eisak-, Rienz- und 
Drauthal. Dafür spricht zunächst die Thatsache, dass nach dem 
Zeugnisse der schismatischen Bischöfe die griechische Herrschaft 
aus diesen Gegenden verdräi%t worden war, was wohl nicht durch 
die früher vertriebenen und jetzt etwa wieder zurückgekehrten 
Franken geschehen sein konnte, da diese, wie wir sehen werden, 
nicht einmal im Stande waren, den Longobarden die Gegenden an 
der Etsch wieder zu entreissen. Zweitens spricht daför der Umstand, 
dass der Bischof des zweiten Rhätiens Ingenuin, noch im Jahre 590 
bei dem Loskaufe der von den Franken auf longobardischem 
Gebiete an der Etsch gemachten Gefangenen als Befreier mitwirkte» 
was darauf hindeutet, dass Ingenuin*s Diöcesanangehörige nicht 



s'^) »Id irtbus ecclesiis nostri Concilii GalUnrum episcopi constiluerant sacerdotes; et 
niai (uno dtvae memoriae Justioiani priocipia jiiasione cominotio partium nostrarum 
remota ftiiaaet, pro oostris iniqiiilatibaa pene omnes ecciesias ad Aquilejensem syno- 
dum pertinentes Galliarum sacerdotea pervaseraiit.** 

'*!) „Deinde non obliti sumus aanctam rempublicam Yeslram, sub qua olim quiele 
vixiraoB.* 

»»«) Paul. Diac. lib. II. cap. 2. Agathias 11. 380. 

2»a) Paul. Diac. II. 7. U. 33. 



422 Albert JSger 

unter fränkischer, sondern longobardiscber Herrscliaft standen«**), 
und drittens der weitere Umstand , dass auch der eben genannte 
Biscbof des zweiten Rhätiens, Ingenuin, 891 die Klage der schisma- 
tiscben Bischöfe über schweren Druck der Barbaren mitunterzeich- 
nete «*6), was nur eine Klage gegen die Longobarden sein konnte, 
die als Heiden gegen Priester und Kirchen grausam wütheten «i*), 
nicht aber eine Klage gegen die christlichen Franken ««'). 

Der Verlust eines grossen Theiies des rhätischen und mittel- 
norischen Gebietes an die Longobarden war nun aber Ursache, dass 
die Franken von 577 — 590 zur Wiedereroberung des Verlornen 
wiederholte Heeresztige in die Gebirge unternahmen. Der bedeu- 
tendste dieser Einbrüche war der von 890. Gregor von Tours gibt 
uns ausführlichen Bericht über ihn ^^s). Die Franken, so erzählt er, 
hatten sich mit dem byzantinischen Hofe in Verbindung gesetzt zu 
einer gemeinsamen Unternehmung gegen die Longobarden. Unter 
zwanzig Führern entsendete König Childebert sein Heer zu dem 
bevorstehenden Kampfe. Die Schaaren zogen von Metz aus herunter 
nach dem Süden. Angelangt an der Grenze Italiens, was, wieder 
Verlauf der Erzählung andeutet, keinen anderen Sinn haben kann, 
als: angelangt am Nordabhange der Alpen, lösten sie sich in drei 
Abtheilungen auf«'*). Die eine, unter dem Oberfeldherrn Audwald 
und sechs andern Führern, wendete sich rechts, und drang, wahr- 
scheinlich über den grossen Bernhard und über Aosta nach Mailand 
vor. Olo, ein anderer Führer, sehlug den Weg über den St. Golt- 
hard und Belinzoua ein »20). Chedin, mit 13 Führern, wendete sich 
links, uhn über die rhätischen Gebirge (Arlberg und Vintschgau) 



s'«)Paul. Diac. U(. 30. V^l. Resch, Anoal. Sabion. I. 401 not. 165. 

8»») Im Schreiben an Kais. Mauritius 591 : „nam etsi dos peecata noatra ad tempua y ra- 
visaimo jugo aummiaerunt* — »contriti Dei Judicio injugo barbari co**. 

««•) Paul. Diac. II. 32. 

«1^) Vergleiche Anmerk. 210. 

218) Gregor. Turon. Histor. Francor. lib. X. cap. 3, edit. Ruinart. 

2»«) Die Trennung der viginti duces nach rechts und links geschah nicht, wie man 
nach Paul. Diac. III. 30 annehmen möchte, von Mailand weg, sondern wie Gregor 
von Tours ausdrucklich sagt: „Apropinquantes autem ad terminum Italiae (sie kamen 
von Metx her „quae eis in itiiiere sila erat«) Audovaldus cum sex «lucibus dex- 
te ram petiit, atque ad Mediolanensem urbem venit". 

««0) „Olo autem üux ad ßilitionem (ßelinronn), in campis silum caninis importune acce- 
dens, jflculo sauciatus cecidil". 



über da.4 rhütische Alpeuvolk der Breuni oder ßreonen. 423 

an die Etsch zu gelangen, wo die yeriornen oder abgefallenen 
Gebiete wieder gewonnen werden sollten <*i). Diesen Chedious 
sehen wir nun mit seinen Sebaaren im jetzigen SQdtiroI die Gebirge 
übersteigen, die Thäler durchziehen, Burgen brechen s^^), die 
Besatzungen als Gefangene mit sich schleppen, den Einwohnern den 
Eid der Treue abfordern, und für den Frankeiikönig jene Gebiete in 
Besitz nehmen , die dessen Vater besessen hatte s^*). Bei dieser 
Gelegenheit bethätigten, wie schon früher bemerkt wurde, der 
Bischof des zweiten RhStiens, Ingenuin, und sein nächster Nachbar, 



'*^) nChedioQS autem cum tredecim ducibus laeram lUliae ingressus, quiiique ciistella 
cepit.^ Über den Weg, den Chedious einschlug, herrscht unter den tiroltschen 
Gesehichtsforschero grosse Meinungsrerschiedenheit. Die italienischen, Giovanelli, 
Barbacovi u. A. lassen ihn durch Val di Sol in denNousberg hereinbrechen, wornach 
man annehmen mfisste , daas sein Zug entweder über den Splugen nach Chiarenna 
oder über das Berninagebirge nach Vaitelin und ron dort nach Val Camonica und 
über Ponte di Legno gerichtet gewesen sei. Möglich, aber nicht wahrscheinlich, um 
in das Etschland zu gelangen. Sie stützen ihre Ausicht darauf, dass einige der 
quinque castelia auf dem Norsberge zu snchen seien. Siehe darfiber die folgende 
Anmerkung. 
***) Die „quinque castelia'', welche Gregor von Tours nicht nSher bezeichnet, zühlt 
Paul. Diacon. III. 30 den Gregor hier ergSnzend namentlich auf. „Nomina autem 
Castrornm, quae diruerunt in territorio Treutino ista sunt: Tesaoa, Maletum, 
Semiana, Appianum, Fagitana, Cimbra, Vitianuro, Brentonicnm, Volenes, Ennemase, 
et duo in Alsnca, et unum in Verona." Über die Richtigkeit der Leseart dieser 
Namen, »n/^'te fiber die Lage der zerstörten Schlösser weichen die Codices und Ge- 
achichtsforscber sehr von einander ab ; es genüge, dass sie nach der bestimmten 
Versicherung des Paul. Diacon. auf dem Tridentiner Territorium zu suchen 
sind. Wichtiger ist die Frage, warum Paul. Diac. nur die zerstörten Burgen des 
Tridentiner Gebietes aufzählt? Sollten die Franken, welche nach Gregor von Tours 
schon zu Metz, auf heimischer Erde zu morden und zu rauben anßngen, diese ihre 
Lost nur im tridentinischen Gebiete und sonst nirgends befriedigt haben ? Die 
Sache erkiftrt sieh am einfachsten daraus, dass Paul. Diacon. wahrscheinlich den 
leider rerloren gegangenen Secundus tridentinus vor sich halte, für dtfn ualOrlich 
das, was sich auf Tridentiner Boden zutrug, das nSchste und grösste Interesse haben 
mvsste. 
>*<) PmbI Diac. III. 80: „Haec omnia castra cum diruta essent a Francis, cives 
unirersi ab eis ductl sunt captivi. — Gregor v. Tours loc. cit. „quinque ca- 
•teUa cepit Chedinns, a quibus etiam sacramenla exegit" — und dann wieder: 
„Biercittts Franconim aerum interoperantia ac fame attrilus redire ad propria 
destinavit, snbdens etiam illud, acceplis sacramentis, Regia ditionibus, 
quod pater ejus prius habuerat, de quibus locis et captivos et alias ab- 
duxere praedas**. Paul. Diac. loc. cit. ergfinzt diese Angaben mit folgenden 
Worten: „Post sacramenta autem data, gentcs, quae sc eis crediderant^ per- 
emptae sunt, nullum ab eis dolum existim.intes". 



424 Albert Jiger 

der Bischof Agnellus von Trient, ihre oberhirtliche SorgfaU, indem 
sie Schonung für die Besatzung von Veruca erflehten, die Gefan- 
genen loskauften *>*) und Agnellus nach hergestelltem Frieden 
sogar in das Frankenreich wanderte, um den fortgeschleppten Gefan- 
genen und Geiseln die Befreiung zu erwirken ^as^. W'{e yie] von 
dem ehemals besessenen Gebiete sich die Franken bei diesem Ein- 
brüche wieder zueigneten, ob sie ihre verheerenden Streifzfige auch 
in die Thäler des Eisak, der Rienz und Drau ausdehnten, darüber 
berichten die Quellen nichts; man möchte es aber aus dem Um- 
stände bejahen, weil wir den Bischof der ecciesia Breonensis oder 
secundae Rhaetiae, Ingenuin, der, was wohl zu bemerken ist, erst 
von spätem Schriftstellern, zuerst von Paul. Diaconus „de Savione 
oder Sabiona** genannt wird <*<), bei der Loskaufung der Gefangenen 
thätig sehen, die also wohl auch aus seinem Bisthumsspreogel 
gewesen sein mögen. Dessgleicben finden wir in den Quellen keine 
Angaben, welche Verfugung die Franken mit den wiedereroberten 
Gebieten getroffen haben. DQrfen wir aus den Zusländen, die wir 
nach dem Abzüge der Franken in den. Gegenden, welche sie ver- 
wüstend durchzogen hatten, wahrnehmen, einen Schluss ziehen, so 



***) Paul. DUc. loc. cit. «Pro Ferruj^e (Veruca? der Cod. Ambroa. lieat: Femigero 
ForiDicariuoi » Sigmundskron?) vero castro intercedentibus Epiatopis IngeDuioo 
de SaTione et Agnello de Tridentino data eat redemtio pro capite unioacnjosque 
viri aolidi sexcenli.* 

s*^) Paul. Diac. IV. 1. Confirmala igitar Agilulfi regia dignitaie causa eomm, qui 
ei caatellis Tridentints captivi a Francis ducli fuerant, Agnellum eplacopum Tri- 
dentinum in Franciam rnisit, qui exinde rediens aliquantes captiros, quos Bruni- 
hildis regina Francorura ex proprio pretio redemerat, revocavit. 

st«j Ingenuinua selbst unterzeichnete sich 570 und 801 i,Episcopu8 sanctae ecdesiae 
secundae Rhaetiae*'. — De Sabiona nennt ihn erst Paul. Diaconus. Nimmt man 
an, dass Paul. Diacon. seine Notizen über Ingenuin aus dem Secundns Triden- 
tiuus, auf welchen er sich öfter, z. B. ni. 28., IV. 28. beruft, geschöpft aod bei 
diesem ihn mit dem Beinamen ,de Sabiona* gefunden habe, so könnte Inge«nin 
diesen Titel erst zwischen 591 und 612, dem Todesjahre des Secnndva von 
Trient, sich beigelegt oder erhaflen haben; es ginge aber noch weiter daraus 
hervor, dass Ingenuin erst nach 501 und zwischen 612 seinen Sitz zu Sabiona- 
Sachen aufschlug. Er mag früher Regionarbischof ohne bestimmten Sitz, episcopus 
secundae Rhaetiae, oder ecclesiae Breouensis gewesen sein. Erstreckte sich seine 
Wirksamkeit als Regionarbischof Welleicht auch hioaua in das ehemalige Vinde- 
licische Gebiet? Und erkISren sich daraus die Spuren von Beziehungen zu Wes- 
aobruun und Pollingen? Vergl. Resch. Annal.i. 362—374. 



Ober diis rhStische Aipenrolk der Breuiii oder Breouen. 425 

M'urden in dem bald darauf zu Stande gekommenen Frieden «^^^ 
die südlichen Tbeile RhStiens, etwa ron Heran und Brixen abwärts 
den Longobarden^ der östliche und nördliche Theil hingegen den 
Bajovariern Obertassen. Von Mittelnoricum und selbst rom Drau- 
thale konnte keine Rede mehr sein» weil Hiese Landschaften schon 
seit dem Abzüge der Longobarden aus den Donauländern, besonders 
aber seit 591, ron slavischen Stämmen (iberflutet wurden, unter 
deren yerheerenden Zügen bald Teurnia und Aguntum in Trümmer 
sanken. 

Doch weit wichtiger als alle diese, seit dem Tode des ostgo- 
thiscben KOnigs Theodorich eingetretenen Gebiets- und Herrschafts- 
Teränderungen, und yon den entscheidendsten Folgen ftir das rhSti- 
sche Gebirgsiahd wurde die im Voranstehenden wohl schon ange- 
deutete, aber nicht näher bezeichnete Ausbreitung des bajovari- 
sehen Volksstammes über dasselbe. Durch die bleibende 
Niederlassung dieses germanischen Volkes in den Thalgebieten des 
Inn» des Eisaks, der Rienz und an den Drauquelien, sowie an der 
Etsch bis unterhalb Bozen hinab wurde Alles, was von altrömischer, 
unter der gothischen Herrschaft noch beibehaltener Provinzeinrich- 
tung, Ortsbenennung, Sprache, Sitte und Leb('nsweise übrig war, 
verdrängt oder verschlungen, und der Grund zu dem seit dieser Zeit 
entstehenden Tirol gelegt. 

Wann diese offenbar massenhafte Einwanderung der Bajovaren 
geschah, hA keine Quelle aufgezeichnet , gerade so wie in keiner 
Quelle die Nachricht aufbewahrt wurde, wann und woher das weit 
verbreitete Volk der Bajovarier an der Donau erschien und wann 
es bis an die Alpen vorrückte »»•). Seine Einwanderung in die 
Gebirge Tirols müssen wir im Allgemeinen in die Zeit verlegen. 



*^) Paol. DiiicoD. IV. 1. «Evio qaoque Dui TridenUnorum ad obtiatndam pacem 
ad GftIliM perrezit, qua et inpekrata regressus est. — oap. 7. Hit diebus Tatallo 
a Childeberto rege Franconim apud Bojoariam rez ordinatus est; qui moz com 
ezereito in SclaTorum prorinciam introiens, patrata vietoria ad solom propriaan 
reaeaTlt". — cap. 41. «Mortuo Thaaatlone filius ejus Garibaldua in Agunto a 
SelaTia derictos est* 

**•) nie gründlichsten Forschungen über Herkunft und erstes Auftreten des bajoari- 
seben Volksstammes hat Zenas: Die Deutseben etc. S. 364 — SSO, oder in seiner 
Abhandlung: Die Herkunft der Bayern ton den Marcomannen. München 1S57 
geliefert. 



426 Albert Jfiger 

welche dem Tode des ostgotbisehen Königs Theodorich folgte» und 
mit näherer Begrenzung in die Zeit innerhalb der Jahre S6S und 
595. Venantius Fortiinatus, der um das Jahr 564 — 565 auf seiner 
Pilgerreise zum Grabe des heil. Martin von Tours die Thäler an der 
Drau und Rienz, am Eisak^, an derEtsch und am Inn durchwanderte, 
fand die Bajovaren noch nicht im Gebirge, sondern erst draussen 
im Flachlande, ehe er den Lech überschritt ^^'j. Hingegen zum 
Jahre 595 überliefert uns Paul. Diacon. IV. 7. die Nachricht, dass 
der vom fränkischen Könige Childebert zum Könige von Bajovariea 
eingesetzte Tbassilo sogleich mit einem Heere die Slaven in ihrem 
Lande aufsuchte«««). Dass wir unter der »provincia Sclavo- 
rum** das Drauthal verstehen müssen, darüber gestatten die Kämpfe 
Thassilo*8 und seines Sohnes Garibaldvon 595 — 610 keinen Zweifel, 
alle wurden an der oberen Drau, in den Umgebungen von Aguntum 
ausgefochten ««i). indem die Slaven im Bunde mit Avaren zwischen 
592 — 595 nicht nur Steiermark und Krain, sondern auch Kärnten 
der Drau entlang hinauf bis an deren Quellen und das nebenliegende 
Gailthal und Windisch-Matrei überschwemmt hatten, und weiter in 
die rbätischen Gebirge hinein vorzudringen versuchten <>«}. Im 
Jahre 595 sehen wir daher zum ersten Male ein bajovarisches Heer 
in den rhätisch-norischen Gebirgsthälern südlich vom Brenner auf- 
treten, offenbar zum Schutze eines Besitzthums , welches sich die 
Bajovaren von den Slaven nicht entreissen lassen wollten; daraus 
fliesst aber folgerichtig, dass die Bajovaren die an der Heerstrasse 
von Baiern hinein in die Gebirge gelegenen Thäler, das untere Inn- 
thai, Wippthal und Pusterthal bis an die Drauquellen zwischen den 
Jahren 565 und 595 in Besitz genommen haben müssen. Die Ge- 
genden von Bozen und Meran scheinen aber erst später, vielleicht 
erst nach der Mitte des folgenden siebenten Jahrhunderts, in ihre 
Gewalt gekommen zu sein. Es ist nämlich, wie oben gezeigt 
wurde 2**), sehr wahrscheinlich, dass Ingenuin, Bischof des zweiten 
Rhätiens, mit einem Theile seines Sprengeis im Jahre 591 unter 



*«•) Siehe oben Anmerk. 18 Ml^ravuin Norico, Oeuum Breonio, Licam Bojoaria, 

Danubium Alemannia transii.** 
*«0) Siehe oben Anmerk. 227. 
*si) Siehe dieselbe Anmerk. 227. 

«»») Paul. Diacon. IV. 40. Vgl. Safafik: Slavische AlteilhGmer 11. 314—315. 
2») $;iebe oben Seite 421--422 uud 424—423, besonders Anmerk. 2iS. 



Ober das rhfiUscfae Alpenrolk d«r Breuni oder Breonen. 427 

longobardischer Herrschaft stand» so wie anderseits die Gegend tob 
Bozen und Heran erst in der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhun- 
derts um das Jahr 680 anßngt, als ein zwischen Baiem und Lon- 
gobarden bestrittener Boden zu erscheinen >**). 

Kehren wir nach dieser uusfühHichen Darstellung aller Um- 
wälzungen, welche seit dem Tode Theodorich's , besonders seit 
536 — 600, in und um Rhätien herum stattgefunden haben , zurück 
zu unseren Breonen und zur Untersuchung, welches ihre Schicksale 
während und in Folge dieser Voränderungen waren. Dass unter 
einer so gänzlichen Umgestaliung nicht blos der Name Rhätiens als 
einer selbstständigen Provinz versehwinden, sondern auch die alte 
Bevölkerung, besonders die Breonen, ihre Bedeutung und Verfas-» 
sung und nach und nach auch ihre Existenz verlieren mussten , ist 
von selbst einleuchtend. Seitdem die Franken ihre Herrschaft nicht 
nur über das südwestliche Deutschland, sondern auch über die rhä«- 
tisch-norischen Alpenländer ausgehreitet, und nach ihnen die Bajo«- 
varen die Gebirgsländer in Besitz genommen hatten, gab es an dem 
Nordabhange der Alpen keine Grenze mehr, und so hatten auch die 
Breonen daselbst weder eine Reichs- noch eine Provinzgrenie 
weiter zu vertheidigen. Die früheren Begriffe von „ Gingangsthor ** 
und „Schlüssel der Provinz^ waren so gut wie der ^»unablässige 
Kampf mit den wildesten Völkern** verschwunden. 

Indessen, wenn auch die frühere Bestimmung und militärische 
Verfassung der Breonen als eines bewaffneten Grenzvolkes zweck«- 
los geworden war, so versehwand doch das Volk selbst noch lange 
nicht, und nicht nur seine zähe Fortdauer, sondern auch manche 
Eigenthümlichkeit, in der wir es noch lange Zeit hindurch erscheinen 
sehen, kann nur aus seinen früheren Verfassungsanständen erklärt 
werden« 8o z. B« erscheinen die Breonen, obwohl sie anfangs uater 
fränkische, dann unter bajovarische Herrschaft gekommen waren, 
doch noch immer unter ihrem eigenen Namen; sie werden io den 



tuy Zum Jahre 680 erwihDt Panl. Diaeon. V. 86 eines baierischen Grensgrafen sa Bösen, 
tfo erste BrsekeUinng ier a^ovarier in ioriiger Oe^end. Alnlii»*Dux In Mdeotina 
eifUeie e«n ooniie Biu«tt^'*mn* ^««n iUi Graionem dieont, qni gausanan ei re- 
Uf«a fteteUn regebet, eenflisit Von dioeer Zeit an nebwMikto der Beeits der^ 
Boiener iwd Meraner Oegeml nnd des nnteren Bieekifanlee dnreh Aiet 60— St Jahre* 
swischen Longobarden und Baiern hin und her. Hormajr^s simmtiicke Werke U 
80—120. 
Sitab. d. phil.-hiit. Ol. XLII. Bd. III. Hft. 29 



428 Aihert JSger 

Quellen, die ihrer erwähnen» noch immer besonders genannt, und 
das Land, welches sie bewohnen, wird noch immer als ein eigenes 
Gebiet mit dem alten Namen aufgeführt «»*). Noch im achten und 
neunten Jahrhundert erscheinen Breonen als freie und reiche Grund- 
besitzer gleichen Ranges mit den adeligen Familien des bajovari- 
schen Stammes. Dies berechtigt zur Annahme» dass das tapfere 
militärisch organisirte Volk der Breonen nicht als ein erobertes, 
mit Waffengewalt bezwungenes Volk unter fränkische und bajova- 
Tische Oberherrschaft kam, sondern dass von ihm gilt, was der 
fränkische König Theudebert von den Bajovaren an Kaiser Justinian 
schrieb: „Noricorum gentis nobis placata majestas colla subdidit**, 
dass es freiwillig und yertragsmässig sich an Franken und Bajovaren 
anschloss, daher Namen, Nationalität, Gebiet, Besitzungen und Adel 
beibehielt; alles aber deutet auf grosse Kraft, die bei den Breonen 
Torhanden und Folge ihrer Verfassung war. Die Beweise für die 
vorstehenden Behauptungen liefern uns die Berichte des Venantius 
Fortunatus, Aribo*s im Leben des heil. Corbinian, und noch spätere 
Documente, darum diese in der angedeuteten Richtung noch näher 
zu betrachten sind. 

Venantius Fortunatus fand im Jahre S64 oder S66, also zu 
einer Zeit, wo noch die Franken im Besitze der Oberherrschaft 
über die rhätischen Alpenländer waren, und die Bajovaren ihre Aus- 
breitung hinein in die Gebirge noch nicht begonnen hatten, Land 
und Volk der Breonen, allem Anscheine nach in völliger Selbst- 
ständigkeit. Ich Qbersetzte, sagt er <<•), die Drau im norischen 
Gebiete, den Inn in Breonium und den Lech in Bajovarien. Hier 
finden wir Breonium den Ländern Noricum und Bajovarien gleich- 
gestellt. Im V. Buche des Lebens des heil. Martin, in der Wegwei- 
sang, die er seinem nach Italien entsendeten Büchlein gibt, kennt 
er wieder die Breonen und ihre Wohnsitze als ein von Baiern und 
Noricum verschiedenes f&r sich bestehendes Volk und Gebiet. Es 



9'^) Noch Paul. Diacon. IV. 4. ntnnt die »regio Brionom" zum Jahre 500. Vergl. An- 
merk. 31. Et ist gleichgiltig, ob wir anoehmen, äws Paul. Diacon. nach dem Sprach- 
gvbrauche seiner Zeit, oder etwa nach Secundus Tridentinua Ton der regio Brionum 
sprach; in dem einen wie In dem anderen Falle erscheint das Land mit eigenem 
Namen. 

tSA) Siehe oben Anmerk. 19. 



Ober das rhStische Alpenvolk der Breuni oder Breonen. 429 

yerräth die ganze Darstellung bei Venantius nicht mit der leisestem 
Andeutung, dass irgend eine drückende, oder gar Land und Leute 
absorbirende fremde Herrschaft über die Breonen ausgeübt wurde. 
Die Angaben des Venantius sind zu interessant und zu viel Licht 
verbreitend» um nicht näher betrachtet zu werden. Venantius, 
sein Büchlein apostrophirend, gibt ihm die Weisung, denselben 
Weg von Tours nach Ravenna aufzusuchen, den umgekehrt er von 
Italien nach Gallien zurückgelegt hatte. «Wird dir gestattet, so 
spricht er zu seinem Buchlein, im Lande der Barbaren ruhig den 
Rhein und die Donau zu übersetzen, so eile nach Augsburg. 
Darfst du weiter ziehen, und versperrt dir der Bajovar den Weg 
nicht, steig über die Alpe (perge per alpem, über den Vern?) 
hinüber in die nahe gelegenen Sitze der B r e o n e n (in das Innthal), dann 
fortwandelud längs dem tosend dahin eilenden Innflusse (Ingre- 
diens rapido qua gurgite volvitur Oenus, doch wohl Oberinnthal?}, 
suche auf die Tempel des gebenedeiten Valentin (inde Valentini 
benedicti templa require; also den Inn entlang hinauf, um von dort 
Ober die Höhe von Nauders und Besehen, durch Vintschgau hinunter, 
bei Mais die von St. Valentin gegründeten heiligen Stätten zu 
besuchen)! Dann wende dich den norischen Gebieten zu, wo 
der Byrrus seine Wogen wälzt (norica rura, ubi Byrrus vertitur 
undis, d. h. hinaus in das Norithal, welches Eisak und Rienz 
durchströmen) um sofort der Drau entlang, wo auf schwindelnden 
Höhen die Burgen aufragen und auf stolzem Hügel Aguntus thront, 
rasch ober die Julische Alpe an Wolken nahen Bergen vorbei 
(über den Kreuzberg) italienischen Boden zu erreichen** «»''). Wir 
sehen in dieser Reisebeschreibung, nebst einer unschätzbaren 
Angabe eines der damaligen Strassenzöge zwischen Aquileja und 
Augsburg, die Breonen in ihren oberinnthalischen Sitzen als für sich 
bestehendes Volk aufgeführt. 

Von der Zeit des Venantius Fortunatus, Mitte des sechsten 
Jahrhunderts, bis zur Zeit des heil. Corbinian, ging nun freilich viel 
über die Wohnsitze der Breonen hinweg; allein auch nach diesem 



^S^) Vergl. Anm. 19. Was die Alp is Jalia, welche Fortanatus fiberstieg, anbelangt, 
so darf nicht an die Julischen Alpen gedacht werden. Wahrscheinlich erhielt der 
heutige Kreuzberg den Namen AIpIs Julia Ton Julium Carnicum, dem gegenw8r-> 
tigen Zuglio oberhalb Tolmezzo. 

29* 



430 Albert Jg^er 

Zeiträume ron mehr als 160 Jahreo erseheinen sie noch im 
Besitze ihrer alten Heimat und Nationalität. Wir erfahren dies aus 
Aribo's Lebensgeschichte des genannten Heiligen *<b). Bei Gele- 
genheit, wo Aribo die Kwischen 723 — 730 fallende Reise Corbinian's 
nach Rom erEfihlf, berichtet er unter Anderm, dass Herzog Grim^ 
wald, Theodors Sohn, dem heiligen Hanne ein Gefolge mitgab, 
welches ihn ehrenvoll und sicher bis an die Grenze Italiens geleiten 
sollte ***). Zugleich hatte aber Grimwald den Begleitern befohlen, 
an der Strasse hin und hin in der Stille und ohne Wissen des 
heiligen Mannes überall den Auftrag zurückzulassen, dass, wenn der 
Mann Gottes auf der Rückreise wieder in diese Gegenden kommen 
sollte, man ihn nicht aus dem Lande der Bajovaren wegziehen lasse, 
er hätte denn zuYor den Hof des Herzogs wieder besucht. Die her« 
zoglichen Diener thaten wie ihnen befohlen worden; sie sch&rften 
den Beamten (actoribus) und den Bewohnern der Alpen sowohl in 
Vintschgau als auch sonst überall »^o) den Befehl ihres Herrn 
ein. „Als nun, so erzählt Aribo weiter, Corbinian auf dieser Wan- 
derung nach Rom in das Land der Brennen kam, schlug er sein 
Nachtlager in der Nahe eines Waldes unter Gezeiten auf, und da 
ereignete es sich, während die Pferdehüter sorglos eihschliefeo, 
dass ein Bär das Boss des Heiligen zerriss u. s. w.** 

Aus dieser Reisebeschreibung entnehmen wir zunfichst> dass 
um 72S — 730 die Bajoyaren schon über Vintschgau und andere 
Gegenden in Tirol herrschten, und die Grenze zwischen ihnen und 
den Longobarden» wie aus dem weiteren Verlaufe der ErzShlung 
herTorgeht, unterhalb dem Castrum Magiense (Mais bei Meran) 
gezogen war. Wir entnehmen aber hauptsächlich, dass die Breonen 
um diese Zeit noeh torbanden waren, und zwar in jener Gegend, 
welche wir sehen lange als ihre eigentliche Heimat erkannt und 
nachgewiesen haben , nämlich in den oberen Gegenden des Inn- 



**<) Xeichdbeck, Histor. Fritiii^. T^m. I. P. 2. iostraia. cp. X. 
>>*) »Qmi emm dedocemt a fUiibiis Noricenaibms (Baien) asque in Italite partes." 
**•) .Acloribaa et habitatoriboa Alpiom mandarerunt , Urs Yeoasticae ralUs , quam 
•IKa w a— s ia^ae «te.« Dia hwao^icbaa Dianar koastaa 4tea aairabl aaf dar Hte» 
ala aaab aaf dar Makr^isa tk«B, waa aick mit dam .i^awraataTira Daa« aadi iuier 
wrtr%t; w4B»lLaaa,da «a Raiaa darck Tiatscbgao fii«, utar 
c« aaeh Oberiaatbal darunter rerslaaden ^ 



über das rhStiache Alpeiivolk der Breuui oder Breonen. 431 

tbalea» deon swischea Baiern und Vintschgau konnte Corbinian nur 
dort in das Land der Breonen kommen. 

Hier sei im Vorbeigehen auf eine Sehwierigkeit hingewiesen, 
welche der Verfasser der Annales ecelesiae Sabionensis in der vor- 
stehenden Stelle Aribo^s zu finden glaubte» die aber bei näherer 
Betrachtung nur sein subjektiver Irrthum war. Resch konnte sich 
nicht erklären, wie Corbinian und seine Begleiter suerst an die 
italienische Grenze und dann erst in das Land der Breonen 
gekommen sein sollen. Er suchte sich dadurch aus der Verlegenheit 
zu helfen, dass er den beil. Corbinian die Reise über den Nonsberg 
machen und nach Brez, einem kleinen Dorfe im Gerichte Fondo kommen 
lasst, so dass er annimmt» es mtisse bei Aribo statt Breones, Bre- 
i-ines, Brecium gelesen werden. Wahrhaft ein massiger Kummer 
des gelehrten Mannes. Er bedachte nicht, dass die Quelle nirgends 
behauptet, Corbinian sei zuerst in das Vintschgau und dann erst 
zu den Breonen gekommen; sie erzählt im cap. X einfach die Reise 
Corbinian's bis an die italienische Grenze, wo ihn seine Begleiter 
verliessen, und dann im cap, XI, unabhängig vom Vorausgehenden, 
einen Vorfall aus der Reisegescbichte, der üich im Lande der 
Breonen zugetragen. Resch beachtete ferner nicht, dass bei dem 
Vorfalle mit dem Pferde und dem Bären im Lande der Breonen die 
bajoarische Reisegesellschaft noch bei Corbinian war, wofür die 
vielfache Zahl der Pferde und Pferdewächter Zeugniss gibt, dass 
sich diese Geschichte somit in einer Gegend zugetragen haben 
müsse, die eher erreicht wurde als Vintschgau, und daher unmöglich 
»uf den Nonaberg verlegt werden könne. 

Aribo fährt hierauf fort in der Erzählung der weiteren Schick- 
sale Corbinian*» und berichtet uns über dessen Rückkehr von Rom, 
über die Veranlassung lu seiner Ansiedlung in der Gegend des 
Ciistrum Hagiense (Mais), über seine Reise an den Hof des Herzogs 
Grimoald, über seine Flucht in die Gebirge nach Mais, über seine 
zweite Rückkehr nach Baiern, über seinen Tod und über die Über- 
tritgung seiner Gebeine nach dem Castrum Magiense, um dort, wie 
der Mann Gottes vor seinem Tode gewünscht und angeordnet hatte, 
an der Seite Valentin^s beigesetzt zu werden. Bei Gelegenheit nun, 
wo Aribo die Übertragung der Leiche des Heiligen nach Südtirol 
beschreibt, macht er uns neuerdings mit den Breonen bekannt, und 
zeichnet im Vorbeigehen einige Züge, welche uns gestatten, noch 



432 Albert JSgrer 

einmal in die Eigenthamliehkeit dieses VollLes hineinzublicken. 
„Herzog Hugbert, so erzählt er, erfüllte den Wunsch des Heiligen 
und Hess dessen Leichnam in die Gebirge übertragen, um ihn dort 
an der Seite des seligen Valentin zur Ruhe zu bestatten. Als nun 
der Zug, welcher die Gebeine des heil. Bischofs begleitete, in die 
Gegend der Vallenses kam 2*1), Hess sich ein edler Romane, 
Namens Dominicus, ein Bürger des Breonischen 
Volkes «♦«), der an heftigen Fieberanßllen litt, in die Nähe der 
Leiche des Mannes Gottes bringen, und siehe da, er erlangte seine 
▼orige Gesundheit so schnell, dass er sogleich sein Pferd besteigen 
und Gottes Allmacht preisend ftach Hause reiten konnte*. Hier also 
begegnen wir noch einmal den Breonen und wieder in dem Gebiete, 
in welchem wir sie vom Anfange her kennen gelernt, das aber von 
jetzt an unter seinem späteren Namen Vallis Eni = Innthal zu 
erscheinen anfangt. Was aber flir uns vojfi besonderer Wichtigkeit 
ist, aus Aribo's Erzählung ßllt gewissermassen der letzte Strahl 
auf die von den Breonen scheidende Geschichte — ihrer erwähnt in 
diesen Gegenden keine spätere Quelle mehr — und beleuchtet noch 
einmal ihre Eigenthümlichkeit. 

Die Breonen im Oberinnthale bilden noch einen eigenen Volks- 
stamm und haben ihr gesondertes Gemeindewesen (plebs Breo- 
nensis), sie erscheinen als Romanen, d. h. im Laufe der Jahrhun- 
derte romanisirte Rhätier; unter ihnen gibt es adelige Geschlechter 
(nobilis Romanuft), sie haben noch Reste römischer Verfassung, 
z. B. den Begriff und die Einrichtung des Bürgerthums (civis 
plebis Breonensium), sind aber dem Christenthume eifrig ergeben, 
was eben der romanische Edelmann Dominicus an den Tag legte. 
Dürfen wir den Ausdruck „plebis Breonensium civis*' in einem 
engeren Sinne fassen, und darunter eine bestimmte Localgemeinde, 



<«') ViiUen8es = Thalbewohner; eine Scheokungsarkuode bei Meichelbeck T. I. P. II. 
iostrum. Nr. 12. hat VnIleDeneium, Tielleicht zur Bezeichnan^ der Vallis-Eni 
= lQnthaI. «Donatio praedionini in pa^o Vallenensium in villis PoUinga, Flori- 
ninga etc.* Hier tritt das erste Mal anstatt des «Breoni um* des Fortiinatus und 
anstatt «regio Breonum** des Paul. Diacon. der Name Vallenses oder Vallenenses 
= Innthal auf; ein Beweis für das Weichen aller filteren Namen bei der stärkeren 
Ausbreitung der Germanen. 

MSj Cap. 35. »Quidam nobi lis Romanas, nomine Dominicus, Breonensium ple- 
bis civis, ad Tiri Dei corpus venit* 



über das rhXLisehe Alpeuvolk de-.r Breuiii oder Breoiieo. 433 

deren Bürger Dominieus war, yerstehen, so lässt sich aus diesem 
letzten Streiflichte, welches auf die Breoneo im Oberinnthale Allt, 
mit grosser Wahrscheinlichkeit sogar einer der Hauptsitze dieses 
Volkes in dortiger Gegend ermitteln. Resch und Roschmann 
haben geglaubt, in dieser ^plebs Breonensis** Veldidena als den 
Hauptort von Breonium erkennen zu dürfen; allein ich nehme keinen 
Anstand, diese Gemeinde in der Gegend von Landeck zu suchen. Ab- 
gesehen davon, dass von Veldidena zu Corbinian's und Aribo*s Zeiten 
keine Spur mehr vorkommt *^*). zeigt schon die Richtung, in wel- 
cher die Gebeine Corbiinan*s geführt wurden, dass diese Gemeinde 
der Brennen nicht am Inn abwärts, sondern an diesem Flusse hinauf 
irgendwo liegen musste. För die Gegend von Landeck spricht der 
Umstand, dass sich dort in dem Namen des Ortes Pryenn 2^*) am 
Fusse des Felsenschlosses »Schrofenstein, unstreitig das Andenken 
an einen der vorzQglichsten Sitze derBreonen oderBrionen erhalten 
hat, was auch darin seine Bestätigung findet, dass auf den Pryenner 
Feldern viele römisch-rbätische Funde ausgegraben wurden s^^). 



S4S) Es muss auffallen, dass unter der Re^ierung^ des ostgothischen Königs Theodorich 
Veldi dena*s mit keiner Sjlbe erwähnt wird ; dass selbst Trient, wie es scheint, 
aus einer Zerstörung wieder aufgebaut werden mussle. Man nimmt gewöhnlich an, 
dass Veldidena durch Attila*s Hunnen auf ihrem Zuge verwüstet worden sei , ohne 
jedoch diese Annahme auf eine Quelle stützen zu können. Es ist viel wahrschein- 
' lieber, dass Veldidena und Trient durch streifende Alemannen und Suevenhorden ihr 
traurig^es Schicksal erfuhren. Nach Gregor v. Tours II. 19 überschwemmten 
Alemannen zwischen 477 — 479 einen grossen Theil Italiens. Nach Rugippius 
cap. 23 streiften Alemannen und Sneveu in Rhalien herum ; nach cap. 22 whrde um 
476 Passan von Alemannen überfallen und verwüstet; nach cnp. 24 Joviaco (Salz- 
burg) von Herulern uberrallen und dem Erdboden gleichgemacht; nach cap. 25 ver- 
wüsleten zahllose Alemannen (Alamannornm copiosissima multitudo) Mittelnoricum, 
wShrend wir hinwieder aus Eugipp ins wissen, dass in Ufernoricum an der Donau, 
wo Attila's Zug vorbeiging, zu Severin*s Zeit bis 4S8 herauf, StSdte und Burgen von 
seinem Zuge unberührt sich erhalten hatten. 

^**) In neuester Zeit beliebt man Perjen zu sehreiben und den Namen, nach Assonanzen 
haschend, durch aper Oenum*' zu erklüren. Die Alteren, s. B.Anich und Zoller 
kannten kein Perjen, sontfern ein Pryen oder Priunu. 

2'*&) Staffier: Tirol etc. I. 220 beschreibt die Lage von Pryenn wie folgt: Nördlich 
(Landeck gegenüber) am linken Innufer, durch das hohe Schrofensteiner Nordge- 
birge gegen die ranhen Stürme geschützt, und gar freundlich von der 
Sonne beschienen, erhebt sich das Dörflein Perjen aus der Mitte wogender 
Saaten, umrankt von schwer beladenen Fruchtbaumen". Über die Bedeutung der 
Gegend von Landeck zur Römerzeit sagt Staffier p. 227. „Dass die Gegend 
um Landeck schon von den Römern bewohnt gewesen, dürfte um so minder 
einem Zweifel unterliegen, als schon die öitliclie Eigenheit beim Zusammenströmen 



434 Albort Jisrer 

Mit dieser Nachricht Ariho^s Terschwinden, wie schon obea bemerkt 
wurde, die Breonen des Oberinathales aus der Geschichte; ihrer 
geschieht keine weitere Erwähnung mehr. 

Und endlich die letzte Spur des Daseins romanisirter Breonen 
in den rhätischen Gebirgen Oberhaupt» zugleich aber den Beweis 
ihres allmählichen Aussterbens oder Aufgehens in der bajovarisch- 
deutschen Bevölkerung fiuden wir im zweiten Jahrzehent des 
neunten Jahrhunderts am südlichen Abhänge des Brennergebirges. 
Ein in der Gegend von Sterzing, Bozen und im Yintschgau reich 
begttterter Romane» Namens Quartinus» allen Anzeichen nach der 
letzte »eines Geschlechtes» opferte den grossten Theil seiner Be- 
sitzungen im Jahre 828 dem Kloster und der Kirche von Innichen, 
und bezeichnete sich bei dieser Gelegenheit als einen Sprössling 
und Angehörigen des Volksstammes der Jforiker und Breonen. »»Ego 
Quartinus» mit diesen Worten leitet er seinen Schenkungsbrief ein» 
nationis Noricorum et Pregnariorum dono ac trade** *^). 
Quartinus war der Abkömmling einer ursprtinglich römischen» aber 
wie Grabsteine aus der Gegend von Yipitenum bezeugen » schon im 
Antoninischen Zeitalter daselbst ansässigen Familie, die durch yer- 
wandtschaftliche Verbindung mit begüterten Familien der Provin- 
cialen zu grossem Besitzthume gelangte» und so allmählich hinein- 
wuchs in die Nation der Noriker und Breonen a^?). Wir entnehmen 
nun aus diesen von Quartinus herrührenden Documenten» dass 
auch hier in den Umgebungen des alten Vipitenum» an der Haupt- 
heerstrasse von Germanien nach Italien» wo die bajovarischeNieder- 



Bwe««r FliisM, ao der Auftmuodiuig sweier Thfiler (wo die StrsMen bereio vom 
Bodeneee, aus dem Tbale der Venosten und dem Lande der ßreonen in einem 
Knoienpunete zusammenliefen)^ sowohl im Interesse der Eroberung als der Vertbei- 
^igong sur Befeaiigvng aufforderte. Zu verschiedenen Zeiten wurden soi^Dbl bei 
Landeck, als auch nnd vorzugsweise im Perjener Felde rdmiscbe Überreste gefun- 
den. Der Acker bei Perjen, wo man mehrere Statnen Römischer Penaten entdeckte, 
wird allgemein der Götzenacker genannt*. 

t46^ Pregnarii fdr Breunarii — Breones. VergL obea Anmerk. 33. Cbaberrs Mei- 
nung, dass unter ^N oricor um* die Baiern zu verstehen seien, und der Beisatz 
»»Pregnariorum" auf eine Verbindung oder Verschmelzung der Baiern und 
Breonen achUessen lasse, hat nichts fär sich. In der Gegend von Vipitenum berührten 
•i^ die Isarei, 9reone8 und Noriei, und ans diesen Stfimmen leitete Quartinus «eine 
Abkunft ab. 

840 Vergl.obenS. 404. 



über das rhitische Alpenvolk der Breuoi oder Breoneii. 43!> 

lassung und Germanisirung der filterea Volkselemente rascher statt- 
finden musste, an jener Stätte, wo wir ganz im Anfange die Breonen 
entdeckten *^s), am Fusse des Brennergebirges, dem entweder sie 
den Namen gaben oder von dem sie ihn erhielten, wenigstens ein- 
zelne romanisirte Breonische Familien noch im neunten Jahrhundert 
vorhanden waren. Wir erblicken sie im Besitze ausgebreiteter und 
in der günstigsten Lage befindlicher Guter ^^•), was eben so auf 
ihre frühere mächtige Stellung , wie auf die Beschaffenheit ihres 
Verhältnisses zu den neuen Beherrschern des Landes, zu den Bajo- 
I raren, vermöge welchem sie dem germanischen Adel gleichgestellt 

I waren *^<»), schliessen lässt; sie haben' das freieste Verfügungsrecht 

Aber dieselben, wie denn Quartinus einen grossen Theil seines 
väterlichen Erbes «'^ sammt den dazu gehörigen Eigenleuten, die 
aber wieder nur Romanen waren sk<) , an die Kirche von Innichen 
verschenkt. Wir sehen aber auch, wie diese Familien zu verschwin- 
den anfangen entweder durch ihr Aussterben >^<) oder dadurch, 
dass ihre Besitzungen, wie frflher von den rhätischen Provincialen 



s«8) Siehe oben 8. 386 und 894. 

*«•) Qaartinus besaas Guter zo „Wipiti na in castello et in ipso vico*' und «in aliis vil- 
loiia ibique a^jaeentibiu ad Stil res (auch heotxatago StUfea), ad Torrentes 
(Trena), ad Vaioiies (heute Flona zwischen Trena und Maul«), ad Zedes (viel- 
leicht richtiger Zeves-Tacböfa, nördlich von Slerziog) , ad Telrea (heute Ober- 
•nd Uhter-Telfe«), ad Teinea (heateThuins), beide Orte westlich von Sterzing; 
ad Tnlrares (heute Tolfers am Eingänge in das Pfitschthal), ad Bauaana 
(Bozen) in vico S uczano (vorausgesetzt, dass der Name nicht verschrieben), ein 
heutzutage gSnzlioh unbekannter Ort in der Nahe von Bozen; auf SilTian hann er 
nicht gedeutet werden), adTaurane (Terlan), adStavanes (Stäben in Vintsch- 
gan). 

SftO) Vergl. oben S. 427 u. 428; ^ auch C h a b e r t $. 12 schliesst daraus zurück auf frei- 
willigen Anschluss der Breonen an die Baiern. 

<^A) ^In his supradictis locls quidqold in eis proprii habere visus snm, tarn in silvis, in 
pratis, in campis« in agris, in pasouis, in vineis, in aquarum decursibus etc. sicut 
anteeessores mei habuerunt, et pate r mens et roater mea mihi 
reliquernnt in proprium." 

*tf) Quartinus schenkt mit den Gütern auch seine Eigenleute mit folgenden 
Namen an die Kirche: »mancipia his nominibus, Urso, Secuudina, Mora, Marcel- 
lina, Tata** ; man sieht, es aasaen nur romanische Colonen und Eigenleute auf den 
Ostern der roroanisirten Breonen und Rbfitier. 

2'*) Dies scheint der Fall bei Quartinus gewesen zu sein; in der Schenkungsurkunde ist 
weder von Söhnen noch Töchtern, noch auch von andern Verwandten, sondern nur 
von seiner Mutter die Rede, die in der Urkunde von 828 Clausa, in der zweiten Ur- 
konde von 829 C 1 a u z • n a genannt wird, für welche Quartinus, sowie ffir sich 
selbst die Iebenal8ngliche Nutzniessung seines Vermächtnisses vorbehfiit. 



436 Albert JSger 

an die Römer, so jetzt durch FamilienyerbinduDg und in anderer 
Weise an dieBajovaren übergingen. Hundert Jahre später erscheinen 
in der Gegend von Sterzing nur mehr germanische Besitzer als 
Eigentliumer der früheren romanischen, oder was dasselbe ist, der 
Breonischen Güter «&^), und vonr den Breonen kommt weder diesseits 
noch jenseits des Brenners irgend welche weitere urkundliche 
Spur vor. 

Wenn wir nun, angelangt am Schlüsse unserer Abhandlung, 
einen Blick zurückwerfen auf den Gang der Untersuchung und deren 
Ergebnisse, so muss uns das Dasein und Hervortreten des Breoni- 
schen Yolksstammes als eine nicht unbedeutende Erscheinung vor- 
kommen. Ein Zweig der rhätischen Bevölkerung, traten die 
Breonen den ihre Eroberungen auch über die Alpen ausdehnenden 
Römern mit solchem Muthe entgegen, dass ihr Name in Lied und 
Stein verewigt zu werden verdiente. Dem Übergewichte der römi- 
schen Waffen unterliegend, theilten sie das Schicksal aller, der 
Römerberrschafl unterworfenen kleinen Stämme; ihr Name verlor 
sich in dem allgemeinen Provinznamen und ihrer ward besonders 



854^ Ein auiTallendes Beispiel dieser Art liefert uns die Schenkoogsurkunde des Edel- 
mannes A d a 1 p e r t, der mit seiner Gemahlinn Drusunda , weil ihre Ehe kinderlos 
war, ihre Besitzung^en in Wippthal zu Stilves, zu Avalones (Flons), zo 
Chemenatum (Kematen im Pfitschthale), zu Ried nördlich von Sterzing, za 
Mauls und zu Bozen dem Bischöfe Albuin ron Brixen schenkten im Jahre 993. 
Adalpert ist ein deutscher Name, Drusunda offenbar romanisch. Wir haben 
augenscheinlich einen Fall vor uns, in welchem romanisch-breonische Guter durch 
Heirat an den deutschen Eigenthumer gelangt sind ; dies bezeugt nicht nur der Name 
der Gattinn Adaiperfs, sondern noch mehr der Umstand, dass sie zwei romani- 
sche Höfe von der Vergabung ausnahmen „exceplis duobus mausis 1 a t i n i s* und 
dass auf ihren Gutern nur romanische Familien vorhanden waren. Analoge Beispiele 
von solchen, aus dem Besitze romanischer Familien in das Eigenthum germanischer 
Herren übergegangener Guter finden wir auch an anderen Orten des Eisak- und 
Pusterthaies. So schenkt H a u t p o t (offenbar deutsch) sein Eigen zu B a r b i a n 
mit sammt den romanischen Eigenleuten Laurenzo, Susanna, Adam, Miniga, Samba* 
dinn, Vendrandn, der Kirche. — Ein gewisser Edelmann L u t o theilte die Familien 
seiner Eigenleute mit dem Bischöfe Albuin so, dass dem Bischöfe zufielen: 
Christinus, Martinus, Amizi, Engizo, Justo, Mini^o, Johannes, Luido, Luva, Lau- 
renza item Lnurenzo; dem Luto hingegen verblieben: Erauvinus, Gezo, DIezi, 
Saturnus, Felix, et feniinae Azala, Laurenza, Constanza, Luvisina, Lura, Pizina. 
Zeugen des Theilungsacles hingegen waren: Aripo, Azili, Grimoit, Erimpert 
Eppi, Erouvin. Hier erscheinen überall deutsche Besitzer auf ehemals romanischen 
Gutem. Siehe Re seh, Annal. ecd. Sabion. II. cod. diplom. num. 19. 23.26. 28. 
30. 67. 



über das rhalische Alpearolk der Dreuni oder Breonen. 437 

und ausdrucklich nicht mehr gedacht, doch zeigen Spuren, dass 
ihre tapfere Jugend in den römischen Legionen ausgezeichnete 
Kriegsdienste leistete. Sie theilten ferner das Schicksal aller andern 
den Römern unterworfener Völker; mit der römischen Herrschaft 
nahmen sie auch römische Cultur in Sprache, Sitte und Lebensweise 
an, und wurden unter dem funfthaibhundertjährigen Einflüsse dieser 
Cullur und vermischt mit römischen Volkselementen romanisirt. Da 
grosse Unsicherheit Ober die Lage ihrer Wohnsitze unter den 
Gelehrten sowohl der Siteren als neueren Zeit herrscht, so unter- 
suchten wir diese Frage in nothwendiger AusfQhrlichkeit und 
gelangten zu dem sicheren Ergebnisse, dass wir in weitester Aus- 
dehnung ihre Sitze innerhalb eines Gebietes suchen müssen, wel- 
ches nördlich von den Isarci und Venostes und südlich von den Vin- 
delikern gelegen war, folglich in jenem Alpengebiete, welches sich 
etwa von Sterzing angefungen über den Brenner hinaus in den 
Thalgeländen des Inn und seiner Nebenflüsse bis zu einer nörd- 
lichen Grenzlinie, etwa von Bregen z über die Quellen der Hier, des 
Lechs, der Loisach und Isar gezogen ausbreitet. Mit dieser Bestim- 
mung des Gebietes, in welchem die Breonen aufzusuchen, gewannen 
wir den Vortheil, ihre Bedeutung nachweisen zu können, als sie 
zur Zeit, wo die römische Reichsgrenze nach dem Verluste des 
ausserhalb der Alpen gelegenen Flachlandes in die Gebirge zurück- 
veriegt wurde, plötzlich wieder aus Jahrhunderte langer Verbor- 
genheit hervortraten und als tapfere Vertheidiger und Hüter der 
nördlichen Reichsgrenze erschienen ; da fanden wir sie unter ihrem 
alten unverwischten Namen vorzugsweise in dem Gebiete etwa vom 
Achenthaie den Inn entlang aufwärts bis Landeck im Besitze der 
aus dem Flachlande in die Gebirge hereinführenden Pässe zum 
Schutze des auf die Alpen und auf Italien beschränkten römischen 
Reiches thätig. Ihnen waren die „Schlüssel** und „Eingangspforten'', 
sowie die „Sicherheit und Ruhe des Reiches*' gegen die wild herun- 
fifürmenden barbarischen Völker anvertraut. Bei dieser Gelegenheit 
lernten wir die Breonen als ein militärisch geordnetes Grenzvolk 
kennen, dessen Beschäftigung ausschliessend dem Reichsschutze 
gewidmet war. Mit dem Verschwinden des ostgothischen Reiches, 
welches den Begriff des römischen, so weit möglich, noch festge- 
halten hatte, verschwand auch die Bestimmung der Breonen; wie 
es kein römisches Reich, so gab es auch keine römische Reichs- 



438 Albert Jäger 

grenze mehr; Franken und Bajovaren bemächtigten sieb der Alpen- 
länder, die Breonen verloren ihren Zusammenhang mit Italien und 
erscheinen fast wie eine Insel romanischer Bevölkerung in Mitte 
germanischer Stämme. Noch sehen wir aber dieses tapfere Kriegs- 
Tolk in seinen alten Sitzen mit Wahrung seiner nationalen Eigen- 
thümlichkeit sich nahe durch zwei Jahrhunderte forterhalten. bis es 
um das zehnte Jahrhundert in der Oberhand nehmenden germanl- 
sehen Bevölkerung verschwindet. 

Zum Schlüsse soll hier noch die Frage beantwortet werden, 
welche Bewandtniss es habe mit der Behauptung einer grösseren Ver- 
breitung des Breonischen Yolksstammes, als wir in vorstehender 
Untersuchung gefunden haben. Die Unsicherheit» welche, wie wir 
im IL Abschnitte unserer Abhandlung nachgewiesen haben, über 
die Lage der Breonen bei den römischen und griechischen Quellen- 
Schriftstellern zu herrschen scheint, bat zu verschiedenen Zeitea 
Gelehrte veranlasst, dieses Volk in weit von einander entlegenen 
Gegenden zu suchen; wir haben die bedeutenderen, hierüber aus- 
gesprochenen Meinungen oben, Seite 397 und 398 mitgetheilt. Sie 
stützten sich auf das Vorkommen von Ortsnamen , welche mit dem 
Namen der Breonen, wenn nicht identisch, doch nahe verwandt zu 
sein scheinen und desshalb, wie sie annahmen, Zeugniss für das 
Dasein dieses Volkes in verschiedenen Gegenden ablegen. Der- 
gleichen Ortsnamen sind: Prienn bei Landeck, Brennbichl bei 
Imst im Oberinnthal , Pernegg im Kaunserthale; dann viele mit 
Pre-, Pren-, Bran- zusammengesetzte Benennungen von Orten 
sowohl im Innthale als auch anderswo in den nördlichen Gebirgen 
Tirols, vor allen andern aber der Name des Brenners und ohne 
Zweifel auch der Name des Vern, jenes Überganges über die 
Gebirge, welchen die Breonen zur Zeit Theodorich*s in den „clau- 
suris Augustanis^ bewachten. Noch grösser ist das Vorkommen von 
anklingenden Ortsnamen in der ganzen Ausdehnung der südlichen 
Ahdachung der rhätischen Alpen, z. B. Brenta, Brentonico, 
Brentino im Tridentinischen, Brenn io in Vul Policella, Priö im 
Gerichte Hezzolombardo, Breghena im Bezirke Cles, Bre in Val 
di Ledro; boca di Brenta ein Hochgebirge, Brialon ein hoher 
Berg, Brione, Preore, Brenne, Breguzzo in Judicarien; 
Pregno in Val Trompia, Brenn und Braone in Valle Camonica; 
dann Monte Bernina, der Übergang von Poschiavo nach Pontre- 



über das rhiiUche Alpenvolk der Brennt oder Breonen. 430 

« 

sina in Obereng^dein und das bohe Berninagebirge swiachen 
EngedeiD, Bregaglia und Yeltlin; montd Brione zwischen Sondrio 
und Tirano, und endlich Breun im Thale von Blegno, sowie 
PreouEa am Ticino nördlich von Bellinzona, Brione oberhalb 
Locarno, Brione im Thale von Verzasca, Brienno am Comersee 
und Breno norddsllich von Bergamo. 

Das Vorkommen einer so grossen Zahl von anklingenden Namen 
masste allerdings die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf sich ziehen, 
und man wird es begreiflich finden, wenn sie in diesen Namen Zeug- 
nisse fdr das einstige Dasein der Breonen in den betreffenden 
Gegenden zu erblicken geneigt waren. Man wird es auch begreife 
lieh finden, wenn ihre Ansichten auseinander gingen und die Einen 
die Breonen in die nördlichen Gebirge Tirols, die andern in die 
Gebirge oberhalb Verona, wieder andere sie in die Thäler zwischen 
der Etsch und Adda, und endlich Andere sie noch weiter zurück in 
die westliche Abdachung der rhätischen Alpen oberhalb Como und 
Locarno verlegten. Sie irrten aber, wie es scheint, Insgesammt 
darin, itss jeder das Ganze für einen Theil in Anspruch nahm und 
daher, während die Einen sie ausschliessend nach dem Süden und 
die Andern eben so ausschliessend nach dem Norden der rhätischen 
Gebirge verlegten, einen wesentlichen Umstand übersahen, der nur 
dem tQchtigen Forscher Resch nicht entging. Haben die so zahl- 
reich und an verschiedenen, weit von einander entlegenen Orten 
vorkommenden, an die Breonen erinnernden Ortsnamen einen inaern 
Zusammenhang mit dem Volke der Breonen, so lässt aieh daraus 
nicht ableiten, dass diese nor da oder nur dort sein konnten, son- 
dern dass es eine Zeit gab, wo dieser Volksstamm weit und breit 
in den rhätischen Alpen verzweigt und vielleicht im ausschliessenden 
Besitze derselben war, und erst im Laufe der Zeit durch die Ein- 
wanderung etruskischer und gallischer Stämme aus den fruchtbaren 
sfidlichen Abhängen der Alpen in die nördlichen Theile zurQckge- 
drängt wurde, wo die Römer ihn fanden. Sollte vielleicht erst von 
dieser Zeit an der Name Rbätier den früheren der Breonen ver- 
drängt haben ?''5). Und sollte etwa Horatius, im Bewusstsein der 



'^ft) Seibat Z e n • s p. 22S trüget fiber die Ursprunglichkeit des Namens „Haeti*' für die 
Alpenvölker einige Bedenken. „Die Völker des alpischen MittelUndes sind kelti- 
scher Abkunft Wenn auch der Name »Rapti« sich sonst nirgends unter den Kelten 
zeigt, so kann er doch, da in den meisten rhStischen Namen sich keltische Abstam- 



440 A. JSger, Über das rhStische AlpeoTolk der BreunI oder Breonen. 

ehemaligen Bedeutung der Breuni, sie desshalb besonderer Erwäh« 
nüng werth gehalten haben? ^Die Breonen, sagt Resch» sassen zur 
Zeit des Venantius Fortunatus in dem Thalgebiete des oberen Inn^ 
flusses; ihr Name muss aber etwas enthalten haben, was fiir eine 
aligemeine Bezeichnung der Völker in den rauhesten Alpen galt 
(generalis quaedam significatio), denn wir finden Breonen nach dem 
Zeugnisse von Ortsnamen im Süden an der Etsch oberhalb Verona, 
wir finden Breonen im Westen am Flusse Mela, während einige der 
alten Schriftsteller die Wohnsitze der Breonen in nordöstlicher 
Richtung bis zu den Illyriern ausdehnen. Wie weit aber auch dieses 
Volk dereinst verbreitet gewesen sein mag, zur Zeit, als die Römer 
mit ihm zusammentrafen, erschien es, wenn gleich noch so mächtig, 
dass es den Kampf mit denselben aufnehmen konnte, doch in 
engeren Grenzen und verschieden von den Tridentinern und 
Norikern** ««•). 

Wir sind also am Schlüsse unserer Untersuchung noch zu dem 
gewiss nicht erkGnstelten Ergebnisse gelangt, dass wir in den 
Breonen ohne Zweifel die keltischen Ureinwohner der mittleren 
Alpen zu erkennen haben, die vor der Einwanderung der tuskischen 
Rhfttier die nach diesen benannten rhätischen Alpen in ihrer ganzen 
Ausdehnung inne gehabt haben. 



mutig erkennen Ifisst, nicht anderer eis keltischer Abkunft sein*. Hatte Z e u s s die 
Rhitier nicht für das ursprüngliche Volk der Mittelalpen gehalten, so wurde er sich 
das Bedenken richtiger gelöst haben. 
*(^^) R e s c h, Annales eccl. Sabion. I. p. 348, not. 43 und p. 351, not. 51 und 52. 



V. R a r • ja n, Bericht über die ThStigkeit der hist. Commiflsion etc. 441 



SITZUNG VOM 20. MAI 1863. 



Gelesent 

Bericht über die Thätigkeit der historischen Commission der 
kaiserlichen Akademie der Wissenschaften wahrend der aka- 
demischen Verwaltungsjahre i86i auf 1862^ vorgetragen in 
der Commissions'Sitzung vom 20. Mai i863 und darnach 
in der Classensitzung desselben Tages 

dareh deo BerichtertUtter derselbea 

Dr. T h. i. T. 1 a r a J a ■ , 

d. Z. Viee-PrSaideDten. 

Meine Herren! 

Im Laufe des Yerwaltungsjahres, dessen Thätigkeit dem 
heutigen Berichte zum Stoffe dienen soll, hat Ihre Commission mit 
den ihr zugewiesenen Geldmitteln zu leisten gesucht, was möglich 
war. Dass übrigens clie Zahl der gelieferten Bände keine so 
reiche ist, wie in früheren Jahren, hat seinen Grund in den 
Beschlüssen der verehrten Classe, in Folge deren das Notizenblatt 
gfinzlich, die Herausgabe der Monumenta habsburgica zeitweise ein- 
gestellt wurde. Was von diesen Beschlüssen aber nicht betroffen 
wurde 9 die Lieferung Ton zwei Bänden Fontes und zwei Bänden 
des Archiyes ist nicht nur gewissenhaft eingehalten worden, sondern 
es wurden noch zwei weitere Bände der Fontes in Angriff genom- 
men, die begreiflicher Weise nur zur Hälfte dem eben abgelaufenen 
Jahre kdnnen zu Gute geschrieben werden. 



443 V. Rarajan 

Die Leistung der k.k.Staatsdrackereiy namentlich in der zweiten 
Hälfte des Jahres muss im Vergleiche mit dem Vorjahre als eine 
minder gehemmte bezeichnet werden» so dass auch ftlr die nächste 
Zeit eine rasche Lieferung des ihr zum Drucke übergebenen 
Materials zu hoffen ist. 

Diesmal konnte von den Fontes auch ein Band der ersten 
Abtheilung, nämlich der Scriptores geliefert werden, in der Reihe 
der fünfte, während der zweite der Abtheilung Dipiomataria et 
Acta als zwei und zwanzigster beigezählt ist. Die Bände XXI und 
XXIII derselben Abtheilung sind aber die noch im Laufe dieses 
Jahres in Angriff genommenen und im Laufe des nächsten zu vollen- 
denden Bände. 

Die wissenschaftliche Durchordnung des in diesen sechs 
Bänden zu Tage tretenden Stoffes weist nach den gewöbnlichen 
Rubriken vertheilt folgendes Ergebniss aus. Von den Kronländern 
des Reiches sind ausser einem Beitrage, der die archäologischen 
Funde der Jahre 1859 — 1861 in jedem einzelnen derselben auf- 
zählt» noch besonders durch Mittheilung neuen Stoffes vier bedacht, 
zwei weitere Arbeiten haben das ganze Reich zum Gegenstande 
und eine die Regentengeschichte Deutschlands. 



tsterretek uler der Sias 

und zwar die Kirchengeschichte dieses Kronlandes nicht 
minder» wie die allgemeine Geschichte desselben betrifft das noch 
im Drucke befindliche: MUrkundenbuch des Beaedictinerstifte« 
S. Lambert zu Altenburg in Niederdsterreich. Zusammengestellt 
von Honorius Burger, Abten dieses Stiftes**. Es wird mehrere hun- 
dert bis jetzt ungedruckte Urkuadeo enthalten , die zum Theile in 
die Zeit der Babeoberger reichen, and mit den erforderlichen 
Registern versehen sein. Es füllt den einundzwanzigsten Band dar 
zweiten Abtheiluog der Fontes. 

Die Genealogie und Ortsgesehichte des Landes betrifft ein 
Anfantz mit der Überschrift: »Die WesU Sachsengang und ihre 
Besitzer. Von Joseph Zahn**. Die Arbeit ist zum Theile aus unge- 
druektem, in verschiedenen Archiven verwahrtem llateriale entstan- 
den und wird von 148 Regesten begleitet, welche die Veste und das 



Bericht über die Thitigkeit der hietorischeB CommiMlon etc. 443 

Geschleeht betreffen und die Jahre c. 1120 — 1412 umfassen. 
Sie steht im Archive Bd. XXVm, S. 287 — SSO. 



Ilhmea. 

Die Geschichte dieses Kroalandes betreffen yier Beiträge und 
zwar die Regen tengeschiehte desselben; »Das urkundliche 
Formelbuoh des königlichen Notars Heinrioüs Italiens aus der 
Zeit der Könige Ottokar II. und Weniel II. von Böhmen. Von 
Johannes^« Voigt**. Es umfasst nicht weniger als 189 Urkunden 
des dreizehnten Jahrhunderts, in denen die nicht ausgeschrie* 
benen Namen grösstentheils durch den Herausgeber ergänzt wur- 
den. Es steht im Archive Bd. XXIX, S. 1—184. 

Die allgemeine Landesgeschichte während des 
zwölften Jahrhunderts betreffen die auf sorgfältigem Nachvergleich 
der besten Handschrift beruhenden Texte zweier gleichzeitigeii 
Chronisten der sogenannten Strahover Handschrift, die zuerst 
aus einer nicht sehr genauen Abschrift Dobner herausgab. Sie 
f&hren den Titel: ,,Die Chroniken des Domherrn Vincentius von 
Prag und des Abtes Gerlach von MQhlhausen. Herausgegeben von 
H. Tauschinski und M. Pangerl*', Mit den nöthigen Registern und 
einer Einleitung im Bande Y der ersten Abtheiiung der Fontes, auf 
den S. 91 — 139 und 140 — 192. Fast gleichzeitig mit der erst 
kürzlich erfolgten Ausgabe dieses Bandes ist, was nicht vorher- 
gesehen werden konnte, auch i^ den Pertz^schen Monumenten 
von den beiden Chronisten ein berichtigter Text durch Watten-r 
bach und ebenfalls aus der Strahover Handschrift geliefert worden. 
Dieses von Seite der Commission unverschuldete Zusammentreffen 
hat wenigstens den Vortheil, dass jetzt an zweifelhaften Stellen der 
Texte mehrere Versuche der Herstellung und in dem Formate unserer 
Fontes eine bequemere Handausgabe der wichtigen Chronisten 
vorliegt. 

Zur Kirchengeschichte des Kronlandes sind zwei Arbeiten 
aufzufahren: Erstens das 'Urkundenbuch des Cistercienserstiftes 
B. M. y. zu Hohenfurt in Böhmen. Herausgegeben von M. Pangerl. 
Mit einem Register der Namen'. Viele ungedruckte Urkunden des 
dreizehnten bis fünfzehnten Jahrhunderts enthaltend. Es steht in der 

Sitib. d. phil.-hist. Ol. XLII. Bd. HI. Hfl. 30 



444 ▼• Karajan 

zweiten Abtheilung der Fontes, im dreiundzwanzigsten Bande. 
Zweitens: das in böhmischer Sprache abgefasste „Todtenbuch der 
Geistlichkeit der böhmischen Brüder. Herausgegeben von Joseph 
Fiedler«. Versehen mit dem nöthigen Register. Es steht in der 
ersten Abtheilung der Fontes im fünften Bande auf S. 213 — 302. 
Es wurde übrigens hier eingereiht, weil noch Raum vorhanden war, 
der Inhalt auch Böhmen betraf, und dieses Verzeichniss keine blosse 
Aufzählung, sondern über die darin erscheinenden Persönlichkei- 
ten aus den Jahren 1467 — 1606 eine reiche und ziemlich ausführ- 
liche Sammlung von biographischen Mittheilungen enthält. 



Sakborg. 

Auch für die Kirchengeschichte dieses Kronlandes ist 
eine ähnliche Mittheilung gemacht worden, in folgender Arbeit: 
„Die Nekrologien des Domstiftes Sal^)urg. Nach Handschriften 
der k. kr. Hofbibliothek in Wien. Mitgetheilt von Dr. Theodor 
Wiedemann«. Im Archive, Band XXVIII, auf den S. 1—286. Es 
sind zwei Nekrologien, in einer Handschrift des eilften und einer 
des zwölften Jahrhunderts erhalten, und hier, mit Register und 
Anmerkungen versehen, zum ersten Male herausgegeben. 



Venedig. 

Zur Geschichte der außwärtigen Verhältnisse 
dieser ehemaligen Republik ist die unter der Rubrik „Monarchie** 
eingereihte Sammlung: *Die Relationen der Botschafter Venedigs 
über Österreich im achtzehnten Jahrhundert', so wie eine ähnliche, 
ebenda erscheinende Sammlung von venetianischen Berichten über 
die letzten Jahre und die Katastrophe Wallenstein s anzuführen. 
Die erstere steht im XXIII. Bande der II. Abtheilung der Fontes , die 
zweite im XXVIII. Bande des Archires, S. 381—474. 



■•narehie. 

Als ein wichtiger Beitrag zur Regentengeschichte 
stehe hier in erster Reihe die dur.h A, Ritter v. Arneth gelieferte 



Bericht über die ThStigkeit der historiscben Commissioa etc. 445 

schon oben erwähnte Sammlung: „Die Relationen der Botschafter 
Venedigs Ober Österreich im achtzehnten Jahrhundert. Nach den 
Originah'en**. Im XXIII. Bande der zweiten Abtheilung der Fontes. 
Sie erhält nämlich die eingehendsten und geheimsten Nachrichten 
über die Person und die Regierung der Kaiser Leopold I., Joseph I., 
Karl VI., Maria Theresia, Joseph IL und Leopold IL 

Zur Kriegsgeschichte und namentlich des dreissigjährigen 
Krieges yon Bedeutung erscheinen die ebenfalls schon erwähnten 
Berichte der venetianischen Gesandten Ober die letzten Juhre und 
den tragischen Ausgang Wallenstein's, zum ersten Male veröffentlicht 
in folgender Arbeit: „GH Ultimi successi di Alberto di Waldstein 
narrati dagli Ambasciatori Veneti. Von 6. Gliubich**. Im Archire, 
Bd. XXVm, auf den Seiten 351-474. 

Die ältesten Zeiten aber, und namentlich die Romerzeit 
betreffen die: „Beiträge zu einer Chronik der archäologischen 
Funde in der österreichischen Monarchie (18S0 — 1861), von 
Dr. Friedrich Kenner**. Als Fortsetzung der schon seit Jahren 
geliererten ähnlichen Berichte. Sie stehen im Arclifve, Band XXIX, 
S. 185—337. 

DeotseUand. 

Ein Beitrag ist auch hier zu erwähnen, eine bedeutend ver- 
besserte Ausgabe, einer Quellenschrift zur Gescbichte Kaiser Fried- 
rich*s L des Rothbarts, somit zur Regentengeschichte des 
Reiches. Die erste Ausgabe wurde durch Dobrowsky im Jahre 1827 
nach einer jungen Abschrift geliefert. Die neue steht im fOnfteu 
Bande der ersten Abtheilung der Fontes, auf den Seiten 1—90, 
unter folgendem Titel: «Ansbert^s Bericht über den Kreuzzug Kaiser 
Friedrich's L Herausgegeben von H. Tauschinski und M. Pangerl. 
Mit Einleitung und Register**. 

Ist auch die Ausbeute des letzten Jahres zufällig keine durc^ 
Vielseitigkeit glänzende, so kann doch nicht geleugnet werden, dass 
Sammlungen wie die Gesandtschaftsberichte der Venetianer über 
Österreich im achtzehnten Jahrhundert und die Katastrophe Wallen- 
stein*s, dann Urkundenbucher und sonstige Aufzeichnungen von 
geistlichen Körperschaften so hohen Alters wie jene Salzburgs, 
Ilohenfurts und Altenburgs, gewiss überall in der Welt, zu den 
bedeutendsten Geschichtsquellen gezählt werden müssen. 

30« ' 



446 T. R • raj • n 



Bericht über die Thätigheit der Concilien-Commission während 
der akademischen Verwaliungsjahre i86i auf 1862. 

VorfttragfB In dtr OtaiMssittviig ▼om 20. Mal Paroli int leiMitoraUtttr 
•r« Th. 0. T« KarajAi, 

d. Z. yiet.Prid4«»tc». 

Me ine Herren! 

Der im letzten Jahresberichte in Aussicht gestellte Beginn des 
Druckes des zweiten Bandes der Honumenta conciliorum generalium 
saeculi XV, die ersten zwölf BQcber der Geschichte Juans de SegoYia 
enthaltend, verzögerte sich durch den Umstand, dass bei fortschrei- 
tender Bearbeitung dieses umfangreichen Werkes nach den zum 
Grunde gelegten Handschriften der k.k. Hofbibliothek es wünsehens- 
werth erschien, zu möglichster Sicherstellung des Textes au eh noch 
eine Handschrift der öffentlichen Bibliothek zu Basel , Sign. A. HI, 
40, zu benutzen. Die nöthigen Verhandlungen , um diesen Codex 
auf einige Zeit zur Benützung nach Wien zu erhalten, sind bereits 
im Zuge. Nach Vergleichung dieser Handschrift kann der Druck 
ohne Verzug beginnen und ohne Unterbrechung fortgesetzt werden. 
Die Vorarbeiten für den dritten Band der Honumenta schreiten 
indess nach Massgabe der TerfQgbaren Arbeitskrfifte in erfreulicher 
Weise fort 

Mit den von der verehrten Classe bewilligten Geldmitteln 
wurde das Auslangen gefunden. 



Ober den Leumaud der U«terreicliert Böhmen und Unstern. 447 



Über den Leumund der Österreicher, Böhmen und Uftgem 
in den heimischen Quellen des MiUelalters. 

Elngattg «ii4 80I1I11B8 dloMT Abhandlmig wurde ip der filfrllolira Sltrang der AkAdf mit 
Ml 80. Mal d. i. selMra. 

Von dem w. M. TL t. Karajai« 

Nicht viel weniger als tausend Jahre sind es, seit an den geseg- 
netea Ufern der Donau und in ihren Nachbarländern dieselben 
Völker wie heute noch in buntem Gemenge neben einander wohnen. 
Sie alle haben diese ihre Sitze sich erobert, keines ron ihnen weilt 
auf dem ererbten Boden seiner ältesten Ahnen » alle sind sie Ein- 
dringlinge, die die friedlichen Völker der Urzeit gewaltsam aus 
ihren Sitzen yerdrängten. 

Durch Jahrhunderte sassen nun die Sieger unter wechselnden 
Herrschern neben einander, staatlich allerdings Yon einander unab- 
hängig, aber nur zu oft in gemeinsamem Streben sich begegnend, 
auf Kosten des Friedens Sonderzwecke verfolgend, dem Vortheile 
des Aogenblickes die Ruhe der Zukunft opfernd, und nur allmählich 
zur Einsicht gelangend , dass für sie erst im staatlichen Verbände 
llaeht und Ruhe, Ansehen und Gedeihen zu finden sei. 

Doch erst nach sechs Jahrhunderten reifte diese Ansicht der 
Dinge und mit dem Eintritte des siebenten sehen wir endlich diese 
Völker, die sieh so oft feindlich gegenQber standen, zu einem gewal- 
tigen Staate verbunden, der von da an immer mehr und mehr 
die Blicke Europa's auf sich lenkte, schon desshalb, weil sein 



448 



▼. KaraJAD 



Herrscher, nach kaum drei Jahrzelienden die höchste Stellung in 
unserem Welttbeile einnahm und zu behaupten wusste. 

Was diesen jetzt über dreihundert Jahre alten Bund vollbrachte, 
wird niemand mehr ausschliessend in dynastischem Getriebe suchen. 
Ein gewaltiger, innerer Zug, allen Abneigungen der Völker trotzend, 
hat ihn zu Stande gebracht, und wird ihn auch fortan zum Heile 
Aller kräftig erhalten, wie oft auch noch das kurzsichtige Getriebe 
der Parteien in fruchtlos wiederholten Anläufen gegen ihn sich 
«temmen möge. 

Ihr vergebliches Beginnen sucht irrend und täuschend zugleich 
nach einer Begründung in der ursprünglichen Verschiedenheit der 
zum Bunde vereinigten Völker , während sie vielmehr nur in einer 
allgemeinen Eigenschaft des menschlichen Geistes zu suchen ist, in 
der Vorliebe «ich stets Ober- statt ein-zuordnen. 

Es gewährt aber einen eigenthümlichen Reiz, den Blick nach 
rückwärts schweifen zu lassen und gerade jene behauptete Ver- 
schiedenheit , die so hemmend sein soll, näher in*s Auge zu fassen, 
nachzusehen, ob sie denn überhaupt so massgebend war, ob nicht 
vielmehr gerade das gegenseitige Innewerden der Gebrechen und 
Vorzöge der einzelnen Völker das Bedürfniss zu Tage förderte, sich 
gegenseitig zu ergänzen und, wie scharf auch oft die Urtheile über 
den Nachbar lauten mochten, ein Heilmittel der eigenen Gebrechen 
in den Vorzügen jenes zu erblicken. 

Gerade diese wechselseitige Beurtheiiung aber ist für den 
denkenden Forscher in hohem Grade lehrreich, denn sie umschliesst 
eine Art Kritik der Völker durch sie selbst geübt, aus ihrem Munde 
erst in die Feder der gleichzeitigen Geschichtscbreiber gelangt, 
also nicht von diesen unsicher erschlossen, sondern als bekannt 
aufgenommen und zu ihren Zwecken verwendet. 

Diese Urtheile aber sind oft auf die wunderlichste Art in die 
Berichte der Zeitgenossen verwebt, so dass ihre Sammlung oft ganz 
besonderes Geschick erheischt und nur zu häufig es schwer hält, 
die Einzelansicht der Quelle von jener allgemeineren und ungleich 
werthvolleren, die diese als bekannt voraussetzt, zu unterscheiden. 

Man kann sich aber denken, welch* eine reiche Fülle gegen- 
seitiger Urtheile die Quellen aller Länder des Kaiserstaates gewähren 
müssten, wollte man ihre Äusserungen in dieser Hinsicht neben ein- 
ander stellen und die Sammlung nach den Völkern so einrichten. 



über dea Leumund der Österreicher, Böhmen und Uiigero. iAu 

dass bei jedem einzelnen derselben die doppelte Richtung der Beur- 
theilung berOcksichtigt würde, nämlich sowohl die von jedem ein- 
selnen Volke ausgehende nach allen übrigen hin, als auch jene des 
ganzen Areopags über jedes einzelne derselben. 

In dem bunten Gewebe dieser Arbeit müssten sich , so meine 
ich, höchst lehrreiche Gruppen und Gänge erkennen lassen, deren 
Betrachtung der Festigung unseres Urtheiles über die einzelnen 
Völker nur förder lieh sein könnte, und es ist wirklich zu wünschen, 
dass eine solche Sammlung und Sichtung Yon dem Fleisse und der 
Ruhe eines tüchtigen Gelehrten unternommen werde, denn nur ein 
solcher Hesse bei der Empfindlichkeit des Gegenstandes ein leiden- 
schaftsloses Ergebniss hoffen , während die nationalen Heisssporne 
unserer Zeit die Sammlung absichtlich zu einem unentwirrbaren 
Knäuel gegenseitiger Beschuldigungen verwickeln würden. 

Das der Betrachtung erschlossene Gebiet müsste zudem ein 
noch ergiebigeres werde«, wenn nicht blos die gegenseitige Beur- 
theilung der Völker des Kaiserstaates in den Bereich der Forschung 
gezogen, wenn auch auf die Quellenschriften der nicht österreichi- 
schen Länder Bedacht genommen würde. DieUrtheile dieser müssten 
dann um so schwerer in^s Gewicht fallen, weil sie die Aussprüche 
von den Leiden und Freuden dieser LSnder unbetroffener, somit 
auch minder leidenschaftlicher Zeugen enthielten, wenn ihnen 
auch in anderer Hinsicht, durch den Abgang bleibender Beobachtung 
aus nächster Nähe, ein minderer Grad von Verlässlichkeit zukäme. 

Eine Untersuchung und Sammlung dieser Art, wie lockend auch 
ihre Früchte wären, muss jedoch von vorne herein als ein gewaltiges 
Stück Arbeit erscheinen und dürfte erst 'nach jahrelangem Ringen 
einigermassen befriedigende Ergebnisse hoffen lassen. 

Die Forschung selbst, ist die Wahl und Sichtung der Quellen 
vollbracht, müsste überall ihren Blick auf zweierlei richten. Erstens 
auf die Urtheile , welche di« heimischen Quellen über die Eigen- 
schaften des eigenen Volkes zerstreut und oft sehr verborgen ent- 
halten, — denn diese Selbstgeständnisse sind ja die schlagendsten 
Bestätigungen der fremden Urtheile,— dann zweitens auf die derselben 
Quellen über die übrigen Völker des Staates. 

Was ich heute der freundlichen Beachtung vorzulegen mir 
erlaube, ist nur ein erster schwacher Versuch einer derartigen 
umfassenden Arbeit, und zwar angestellt an jenem Puncte des 



450 r. Karajan 

Reiches» wo Yon deo vier Vdlkerstdmmen, die es mit ihren tieleü 
Zweigen omschhesst, drei schon seit sehr froher Zeit und ohne 
Unterbrechung bis Kur Gegenwart ihre Sitze haben, nftnilich 
Deutsche, Skiven und Magyaren, die geschichtlich zum Mittel- 
und Sammelpuncte wurden ftir alle übrigen Völkerzweige des 
ausgedehnten Staates. 

Wie ich mich bei dieser Probe örtlich beschräoke, so thue ich 
es auch io Beziehung auf die Quellen in doppelter Hinsicht. Ich ziehe 
nämlich vorerst nur die heimischen und in diesen nur die Zeit des 
Mittelalters, also jene in Betracht, in welcher die Bewohner der drei 
Nachbarlfinder staatlich noch nicht vereinigt waren. Und auch von 
den heimischen Quellen sind vorerst nur die rein geschichtlichen 
in Betrachtung gezogen. 

Wie ich schon erwähnte, sind diese ftir die eben genannte 
Zeitgrenze in Bezug auf Äusserungen über den Charakter des eigenen 
Volkes , .wie jenen der Nachbarn und Landesgenossen ziemlich 
schweigsamer Art und nur gelegentlich entschlüpft den Verfassern 
eine, als Bekanntes berührend, absichtlieh kurze Äusserung, die 
dann freilich nur um so mehr in*8 Gewicht fällt. Ich erwähne dieses, 
weil dadurch die Unvollständigkeit der gewonnenen Urtheile, würde 
man einen aligemeineren Massstab fttr sie fordern, erklärlich wird. 

Dabei muss immer im Auge behalten werden, dass es sich bei mei- 
ner Untersuchung nicht im entferntesten um eine Sitten- oder Cultur- 
geschichte handelte, für welche noch ganz andere Mittel zu Gebote 
stehen , als ich benutzte und benützen durfte , sondern um eine 
blosse Zusammenstellung dessen , was die heimischen Quellen an 
allgemeineren Urtheilen tiber die Eigenschaften der drei Völker 
enthalten; mit anderen Worten: wie sie durch diese die öffentliche 
Meinung über sie erkennen lassen. Da gibt es natürlich der Lücken 
genug. Ich gab daher vorerst was ich in dieser Richtung fand, aber 
dies ziemlich vollständig. Das Bild, das sich aus so mangMhaften 
Farben ergibt , kann daher kein vollendetes sein. Doch schien es 
mir, will man gewissenhaft verfahren, räthlicher, sich lieber mit 
einem nur theil weise, aber getreu ausgeführten Bilde zu begnügen, 
als ein vollständiges anzustreben , an dem aber alles nicht wirklich 
Überlieferte durch unsichere Schlüsse ergänzt wäre. 

Eine weitere Eigeuthümlichkeit oder wenn man lieber will ein 
Mangel in den heimischen Quellen ist es , dass diese» den gewöhn- 



über den Lemnond der Österreicher, Bftbmen und Ungern. 4S i 

liehen Menschen fthnlich» wenn sie Ton den Eigenschaften ihrer 
Mitmenschen sprechen, mit eu bedauernder Vorliebe mehr Ton ihren 
Schwächen ond Fehlern als von ihren Vorzögen und Tugenden» 
zu erzShlen wissen. 

Ich werde zuerst Ton den Österreichern » als den Bewohnern 
des Stammlandes der Monarchie» dann ron den Böhmen, endlieh von 
den Ungern als den zuletzt Eingewanderten sprechen. 

a) Ten den tsterrdchefi* 

Ein allgemeines Urtheil tAer diesen Zweig des deutschen 
Volksstammes im Ganzen genommen hat sich in ^dea heimischen 
Quellen dieser Zeit nicht erhalten. 

Richten wir daflkr den Blick Torerst auf einzelne Stände deS'« 
selben » namentlich auf den im Lande schon früh Tertfaeilten zahl- 
reichen und wohlhabenden Adel. 

Wir begegnen da einer ganzen Reihe ron nichts weniger ab 
gQnsUgen Urtheilen« 

Noch in die Zeit Leopold des Glorreichen» also an die (Srenze 
des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts» flillt eine Klage Ober 
die BedrQckungen des heimischen Adels » der sich selbst im Dienste 
des Herzogs nicht scheue in Märkten und Städten «ich einzulagern 
and dafür nichts zu bezahlen. Die Wiener darQber empört» wendeten 
sich an den Herzog mit der Bitte » er möge alle seine IMenstleute 
dazu verhalten » ihnen wie allen anderen Städten und Märkten im 
Lande endlich ihrer F<H*derungen wegen gerecht zu werden <). 
Hundert Jahre später begegnet eine zweite Klage über den heimi- 
schen Adel und zwar über den Geiz desselben» weil er seine Kriegs- 
knechte unbarmherzig darben lasse. Wie solle da ein treuer» aber 
armer Mann vom Dienste sich erhalten» heisst es an der betreffenden 
Stelle» wenn die mächtigsten des Adels nur um der Ehre willen sich 
dienen lassen? Und wenn dies auch noch so Viele annähmen» 
ao würde ihnen das nach tausend Jahren doch noch an ihrem 
Rufe schaden *). 

Zu diesen Klagen stimmt vollkommen was etwa vierzig Jahre 
später Heinrich der Teichner vom hohen Adel neidet. Geiz und 



i> ine der Enenkei bei naneb, ecripL 1, S04. 
*) Seifried Helbling 2, 90— 111. 



4ö2 T. Karnjaii 

wucherische GelQste, äussert er, entehrten ihn. Er karge mit dem 
Lohne seiner Edelknechte, während er mit seinem nichts wQrdigen 
Kammeryolke prasse. Mancher von ihnen nehme unter den glän- 
zendsten Verheissungen WafTenkneebteauf, von diesen röste sich 
jeder auf Schulden aus, und wenn*s endlich zum Zahlen käme» bleibe 
es bei den Verheissungen. Jetzt dringe der Jude, bei dem der 
Knecht geborgt, auf Bezahlung , belange ihn bei seinem Herrn, und 
dieser pfände den Knecht, wenn ihm der Jude die Hälfte des Erlöses 
verspreche, habe der Gepßündete auch noch so viele Kinder. Ein 
Herr der arme Leute nicht bedrücke sei überhaupt eine Seltenheit. 
Sie besteuerten ihre Unterthanen über alles Mass und glichen dabei 
jenem Thoren, der seiner Henne, um mehr von ihr zu erlangen als 
täglich ein Ei, aus Habgier den Bauch aufschnitt >). Teichner weist 
zudem den Herren, in der Fabel von der Beichte des Bären, ihrer 
Gewaltthätigkeiten und Ungerechtigkeiten wegen, die Rolle des 
Bären zu*). 

Diesen Beschuldigungen lässt sich eine ganze Reihe anderer 
Ober die Raubsucht und Verhöhnung jedes Rechtes durch den Adel 
hinzufügen, die schon in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahr- 
hunderts beginnen. 

Schon Neidhart im zweiten bis vierten Jahrzehend desselben 
klagt bitter über die Verwüstungen im Lande, die durch die Fehden 
mit den Böhmen entstünden, zu einer Jahreszeit, in der die Frucht 
noch in Halmen stehe, dadurch niedergebrannt oder sonst ver- 
wüstet werde, während für die Bedürfnisse des nächsten Jahres noch 
gar nicht gesäet sei s). 

Ulrich von Liechtenstein , selbst ein Adeliger, klagt um*s Jahr 
1246 bitter über die Verwilderung seines Standes. Nur traurig, 
äussert en, stünde es jetzt überall in Steiermark wie in Österreich. 
Die Reichen benähmen sich nichtswürdig, ihr Sinn sei nur auf 
Übles gerichtet, wie sie einander schaden könnten. Damit zerstörten 
sie auch ihr Ansehen, denn man erblicke sie nur immer auf Raub 



') Ver^l. meine Abhandlung: ober den Teichner in den Denkschriflea iSer k«is. 
Akad. Bd. VI, S. 162—163. 

«) Ebenda. S. 163. 

<») Neidhart 32, 30—38. Schon zum Jahre 1178 wird Aber furchtbare KSmpfe berichtet, 
die zwischen Österreichern , Böhmen und Mihrern statthatten in der Continuatio 
Claustroneoburg. UF. bei Pertz, Mon. SS. 0, 631, 43—632, 21. 



über den Leamund der Österreicher, Böhmen und Untern. 453 

ausziehend. Die Jugend folge zudem ihrenrt Beispiele *). Und an einer 
anderen Stelle, nachdem er das Benehmen des raubsöchtigen Rapoto 
von Valkenberg scharf getadelt» 474, 25, bemerkt er, dass damals 
Mancher arm im Lande geworden, der früher zu den Reichen zahlte. 
Tag und Nacht würden die Raubzüge fortgesetzt, viele Dörfer ver- 
wüstet, dabei seien es die Reichen, die den Armen ihre Habe raubten. 
'Das ist ein unadeliges Treiben!' ruft er schlüsslich aus 7). 

Die engen Grenzen des Landes schienen endlich den Gierigen 
zu enge, und es wurde 1270 mitten im Winter ein grösserer Raub- 
zug ]n*s Nachbarland Ungern beschlossen, an dessen Spitze Sigfried 
Yon Wähingen sich stellte. Man kann sich ein Bild von dem Um- 
fange dieses Zuges machen, wenn man hört» dass von den über den 
gefrornen Neusiedlersee dahin ziehenden Reitern und Fussknechten 
allein vierzig Adelige und dreihundert Knechte durch die ein- 
brechende Eisdecke ihren Untergang fanden ^). 

Unter dem Vorwande politischer Rache wurden ähnliche Züge 
von Zeit zu Zeit unternommen, boten aber zugleich die Veranlassung, 
im eigenen Lande die gräulichsten Verwüstungen anzurichten. Ich 
erinnere nur an die ergreifende, lebenswarme Schilderung eines 
solchen Rachezuges bei Helbling*) und stelle ihr eine zweite aus 
dem Jahre 1322 an dio Seite» die sich dahin ausspricht, dass die 
gesammelte Heeresabtheilung so arg im eigenen Lande gewflthet 
hätte, als wollte sie nie wieder zurückkehren, und als bestünde sie 
aus lauter Heiden. Zu gleicher Zeit aber hätten auf dem jenseitigen 
Ufer der Donau die Ungern mit den wirklichen Heiden, den Rumä- 
nen, auf ganz ähnliche Weise gewirlhscbaftet, und so seien denn 
dies- und jenseits, von den wirklichen Heiden und den nur Christen 
genannten österrefchern» gegen alle Gottesfurcht die ärgsten Gräuel 
verübt worden «•). 

•) Ulrich TOD LiechleDstein. 554, 27. 

7) Ebenda. 530, 14. 

•) Continu«Uo Vindob. bei PerU Mon. SS. 9, 703, 36. Vom Zuge heisst es ausdruck- 
lich „Yoleas per rapinain Ungariam iatrare**. Eines zweiten ihnlichen Zuges, der 
drei Jahre später, gleichfvlls von einer »societas uobiiium* nach Ungern anter- 
nomnien wurde, bei dem aber der Beisatz »per rapinain'* fehlt, erwähnt dieselbe 
QueUe S. 704, 35. 

•) Seifried Reibung. 2, 562—813. 

10) Continnatio ZweUensis UI* bei Pertx Mon. SS. 9, 667, 8. Ein ähnlicher Verwuttunga- 
und Raubzug ward Ende September 1356 gegen Mähren unternommen. Continaat. 
ZweUent. IV» bei Perlz Mon. SS. 9, 686, 41. 



454 ' Y. K a r a j a 

Verrathea schon solehe Vorgänge keine tiefer gebende Einsicht 
in das was dem Yaterlande ziemt und frommt» so kann es uns nicht 
Wunder nehmen, wenn die Quellen Aber die sonstige politische 
Reife und Bildung des heimischen Adels keine günstigeren 
Urtbeile Allen. Wir sehen ihn nämlich das ganze dreizehnte Jahr«- 
bnndet*t entlang , statt die Macht des LandesfÜrsten durch trenen 
Anschluss zu kräftigen, sich mit ihr fortwährend messen. Schon im 
Jahre 117S hatten die Adeligen der Steiermark, mit einer durch 
König Sobieslay li. yon Böhmen begOnstigten Verschwörung gegen 
Herzog Heinrich II. Jasomirgott von Österreich den Reigen eröffnet ^^). 
kn Jahre 1231 schlössen die Adeligen Österreichs gegen den aller- 
dings EU Gewalttfaaten geneigten Herzog Friedrich IL einen gehei- 
men Bund, der das arme Land abermals mit einer Reibe von Kämpfen 
und Bränden heimsuchte »), und ftinf Jahre darnach in einem zweiten 
Aufruhr seine Wiederholung &nd, welcher die Schliessung aller Städte 
und befestigten Orte des Landes, wie eine Menge Räubereien und 
Brände reranlasste «*). Drei Jahre darnach machten die Adeligen 
Osterreichsund Steiermarksgemeinscthaftliche Sache, zogen die Städte 
in ihren Bund und widersetzten sich ihrem Landesherrn '*), ja 1253 
sehen wir diese Stimmung des Landadels benutzend und mit ihm 
yerbunden König Bela IV* in Osterreich einfallen, und dieses Land 
wie Mähren pifindem und yerwflsten ^^) , Gleiches aber im nächsten 
Jahre wiederholen. 

Dass es in der herrenlosen Zeit , nach dem Tode Friedrich*s 
des Streitbaren, nicht besser, sondern noch schlimmer wurde, haben 
wir bereits aus den oben angefahrten Klagen der Zeitgenossen ver- 
nommen« Aber auch nachdem Rudolfs L kräftige Hand Ruhe ge* 
schaffen, sollte diese nur kurze Zeit währen, denn der Adel sah sich 
dadurch in seinem nun zur Gewohnheit gewordenen Treiben zu sehr 
beirrt, und schon wenige Jahre nachdem Albrecht 1, mit eiserner 
Faust die ZQgel der Regierung ergriffen, begann der Adel abermals 
seine Umtriebe und im letzten Jahrzefaend des Jahrhunderts sind 
die Quellen erffillt mit allerlei Klagen tiber die Verschwörungen der 



11) CoDÜoaat. Zwetleusis II». bei Pertz Aon. SS. 0, 541, 15. 

1^) Ajiniiles Mellicenses bei Pertz Mod. SS. 9, 507, 44. 

i<) CoaUn. Ytodob. ibid. 8, 038, 41 ond Anoales MelliceDtet ibid. 9, 508, 9. 

U) €«iiit«uatio SaneracBBsis IK bei Pertz Moo. SS. 9, 639, 3Z. 

iB) Annjües Mellicenses bei Pertz SS. 9, 508, 48 und ibid. 509, 3. 



über den Lettmnnd der österreicber, Bdbnea and Ud^ era. 455 

Adeligen. Man trug keine Sehen« sich offen mit den abgesagten 
Feinden des Landesf&rsten sa verbinden» so 1292 mit dem En-^ 
bisehofe ron Salzburg und Otto yon Baiern <•) , aaehdem man sieh 
im Jahre rorber, als König Andreas von Ungern dureh seehs Wo* 
eben lang swisehen Neustadt und Wien ein Belagerungaheer auf* 
gestellt hatte, Ton Seite des Adels TOUig untbftlig Terhalten hatte >')• 

Der Adel ging endlich im Jahre 1296 so weit, den Landes* 
fbrsten bei König Adolf förmlich anzuklagen und diesen einsuiaden, 
nach Osterreich zu kommen und Ordnung zu schaffen <*). Landes- 
Terweisung Etlicher, so wie GQtereonfiseationen Anderer waren 
AIbrecht*s Antwort auf das Beginnen des Adels. 

Helbing sowohl wie Ottacker^s Reimcbronik spotten über die 
ungebObrlichen Forderungen dieses Standes» der überall drohte iwd 
prahlende Worte im Munde fQbrte» wenn*s aber zum Handeln kam» 
vor Albreeht^s Standhaftigkeit und eisernem Willen scheu sieh 
zurückzog 1*). Der Hersog wusste auch was er Yon dieser Seite 
zu erwarten hatte, er wusste, dass seine eigenen Dienstherren hinter 
seinem RQcken mit seinem persönlichen Feinde, König Adolf, eu 
seiner Vertreibung, verbundeii waren, und desshalb griff er die 
Sache an der Wurzel an und zog 1298 an den Rhein zum Kampfe 
um die Krone Deutschlands *o). 

Dass es in den hierauf folgenden beiden Jahrhunderten um 
das Wesen des heimischen Adels im Ganzen nicht besser stand, 
lässt sich an einer fortlaufenden Reihe Ton Merkmalen erkennen, 
wenn sich auch gerade keine besonderen Urtheile mehr über ihn 
selbst in den Quellen vorfinden, um die es uns hier allein zu tbun 
ist. Wir schreiten daher in der Betrachtung einzelner Stinde, soweit 
die Quellen über sie Urtheile fallen, vorwärts« 

Was zunächst die Geistlichkeit betrifft so sind besonders 
die wenn auch nidit zahlreichen, doch wohlerwogenen Aussprüche 
Heinrich des Teichner *s zu beachten , da besonders diese von den 



1«) Annales Mellicensei bei Perts 88, 9, 510, 42 and Contiovatio^ Viodob. ebenda 

0, 717, IS. 
1') ConUnnato ZweUenais lU« bei Perts SS. 9, 6SS, 11. 
iS) Continiatio ZweUentia UI» bei Perts SS. 9, 6S8, 41. 
1*) Man Tergleicbe Helbliag'i riertea Sacblein and Ottacker^a Cap. S2S. Sp. S7S* 

nnd Cap. StS. Sp. 87S* . 
**) ConUnoativ Florianeniit bei Perts SS. 9, 7S1, 31. 



456 T. Rarajan 

heimischen Vertretern des Standes zu verstehen sind, während in 
anderen heimischen Quellen mehr Urtheile allgemeiner Art begegnen 
und überhaupt bei der Beschaffenheit derselben, als grösstentheils 
aus geistlichen Federn geflössen, es nicht Wunder nehmen darf, 
wenn ihre Verfasser nicht fiber sich selbst zu Gerichte sitzen und 
die Beurtheilung der Genossen ihres Standes lieber Anderen 
überlassen. 

Teichner nun spricht sich dahin aus , dass ihm der geistliche 
Stand allenthalben bei den Österreichern nicht so geachtet erscheine, 
als er es verdiene. Jedermann sei mit Vergnügen bereit von Prie- 
stern und Nonnen recht Ärgerliches zu erzählen. Man schütte dann 
gewöhnlich das Kind mit dem Bade aus, yerurtheile den ganzen 
Stand » statt das einzelne Glied desselben. Er leugnet aber nicht, 
dass auch Grund zu mannigfachen Klagen rorhanden sei. So die 
Bestechlichkeit mancher Bischöfe bei Verleihung yon Pfründen, die 
Geldgier vieler Pfarrer und insbesondere an den Höfen der Adeligen 
mancher Capläne, die jede Dienstfahrt ihres Herrn zu hinter- 
treiben suchen, damit ihnen das Opfergeld nicht entgehe. Ebenso 
verwerflich seien die vielen von der Geistlichkeit empfohlenen Rom- 
fahrten und zu erwirkenden Ablässe, weil sie nur die argen Ver- 
gehen der Reichen bemänteln und sühnen sollen, während die 
Armen derselben Handlungen wegen verdammt bleiben. Ehebruch 
und Wucher sei im Stande der Weltgeistlichen nichts Seltenes. 
'Mancher Pfarrer dürfe seine Pfarrkinder gar nicht zu tadeln wagen, 
weil sie ihn sonst selbst, und mit Recht, der Sünden der Unkeusch- 
heit, des Spieles und des Wuchers anklagen würden. Ja die Leute 
beriefen sich sogar, werden sie zu Rede gestellt» auf das üble Bei- 
spiel der Bischöfe, Prätaten und Pfarrer. Nie noch hätte die Geist- 
lichkeit leichtsinniger gelebt als zu seiner Zeit. Unkeuschheit, Völ- 
lerei, ausgelassene Reden, Raufen und Stechen in den Wirthshäu- 
sern, das sei jetzt ihr Leben. Auf alten Gemälden sehe man oft dem 
Priester abgebildet mit einem Buche in der Hand. Jetzt thäte man 
besser ihn darzustellen mit einem Weibe an der Seite , ein Spiel* 
brett in der Hand , ein Schwert und langes Messer um die Lenden. 
Nicht besser stünde es mit den Geistlichen in den Klöstern , männ- 
lichen und weiblichen. Eher möge einer , meint er , im Fegefeuer 
ohne Neid und Aufregung leben , als in einem Kloster. Hoffahrt und 
Rang-Neid , der im Vordrängen Ober die Genossen sich kundgebe. 



über den Leumund der Österreicher, Böhmen und Ungern. 45 T 

ewigen Hader and Parteiungen erzeuge , das seien die Hauptgebre-^ 
eben dieser geistlichen Vereine u. s. w. si). 

Von jenem Bruch tbeile eines Mittelstandes, der f&r die Zeit» 
velcbe uns hier zu beschäftigen b&t , gleichsam als der Keim des 
erst später zum Heile der Gesellschaft reich entwickelten eigent- 
lichen Mittelstandes gelten kann» findet sich auf Österreich 
Bezügliches in den heimischen Quellen nur äusserst Weniges und 
das wieder bei Teichner» somit für die Zeit des vierzehnten Jahr- 
hunderts. Dieser rügt ausser dem Stande der fahrenden Sänger, dem 
er zu Zeiten selbst angehörte und dem er Mangel an Wahrheitsliebe 
vorwirft, noch jenen der Fürsprecher, die er itechtsverdreher statt 
Rechtsfreunde nennt, und den der Handwerker. Aus ihnen tadelt 
er besonders die Maurer, Zimmerleute , Schneider und Schmiede 
als besonders gewinnsüchtig und preist daneben den Stand der 
Kaufleute als den „nutzhaftesten^, weil er nicht blos erzeuge, son- 
dern Erzeugtes auch in Verkehr bringe s»). 

Was über den Bauernstand anUrtheilen zerstreut sich findet, 
ist selten allgemeiner Art. Im Ganzen kann man sagen, dass der 
Bauernstand Österreichs sich trotz aller Bedrückung vob oben, durch 
den gesegneten Boden, dem er seine Thätigkeit widmete, stets 
einer bewossten Wohlhabenbeit erfreute , die nur zu häufig einen 
merklichen Grad von Stolz ja Cbermuth im Gefolge hatte. 

Schon Neidhart in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts 
bemerkt, er babe von der Donau bis zum Rheine, von der Elbe bis 
zum Po die Länder alle kennen gelernt; in allen zusammen genom- 
men hätte er aber munterer Bauern nicht so viele gefunden als 
in einem kleinen Kreise Österreichs. Da könne man seine Wunder 
sehen «»). 

Der Stricker, ein Dichter aus der ersten Hälfte des drei- 
zehnten Jahrhunderts, warnt Ritter und Dienstmänner in einem 
eigenen Gedichte, sich nicht auf dem flachen Lande Österreichs unt^r 
den Bauern anzusiedeln, denn mit diesen sei gar heiklich umzugehen 
und mit Gewalt nichts anzufangen. Sie seien mit einer Klage beim 



'A) Man sehe noch viel mehr in meiner oben erwähnten Abhandlung über Heinrich den 

Teichner in den Denkschriften der k. Akad. der Wissenschaften Bd. 6, 15S--161. 
**) Ebenda, S. 164 und 105. 
*S) Neidbart 93, IS. 



458 ▼• K a r a j a n 

Landesf&rsten nur za schnell bei der Hand und wenn dieser 
nicht helfe« wQssten sie sich auf gräuliche Art selbst bu 
helfen «4). 

Der Satiriker Seifried Helbling zu Ende desselben Jahrhunderts 
ermahnt aber seinen Knecht sich nicht um den Obermuth der Bauern 
zu kGmmern. Was beirre ihn auch das» wenn die Bauern wie Edel-» 
knappen einher gingen mit fliegenden Hüten und klingenden 
Spornen, und lässt den Knappen entgegnen, wenn das so fort 
gehe» der Bauer nach Herrenart sich stelle» dann werde er auch 
bald der Herren Gesinnung theilen » und deren sei das Land ohne^ 
dies schon yoll genug *'). 

Im vierzehnten Jahrhunderte schildert Teiohner» in mehreren 
seiner SprOehe» die Osterreichischen Bauern fast mit denselben Farben 
wie Neidhart und Helbling. Trinken» ritterlichen Aufwand in Kleidern, 
ewige Kämpfe unter sieh und mit höher Stehenden » nie gesättigte 
Habgier und plumpen Cbermuth nennt auch er als ihre herrorste-» 
chenden Laster **). 

Als eine schauerliche Probe der Leidenschaftlichkeit des Standes, 
gelegentlich bis zur Grausamkeit aufgeregt , mag die Erschlagung 
Albertus von Vöttau gelten» durch dsterreichisohe Bauern im Jahre 
1408 zu Drosendorf auf gräuliche Weise ausgeführt und in der unten 
angegebenen Quelle recht anschaulich geschildert *'). 

Wenden wir uns jetzt von diesen nichts weniger als erschö- 
pfenden Urtheilen der Quellen über die einzelnen Stände der öster- 
reichischen Gesellschaft des Mittelalters zu denen über einzelne 
Tbeile yom Wesen und dem Charakter des Österreichers überhaupt. 

Was vorerst seine äussere Erscheinung betrifil» so wird diese 
allenthalben als eine durch körperliche Wohlgestalt einerseits, ande* 
rerseits durch reiche ja prachtvolle Kleidung und Bewaffnung her- 
vorragende bezeichnet. Der Deutsche galt jener Zeit » waa seine 
Erscheinung betraf, überhaupt für schön. Selbst eine für alles 
Deutsche wenig schwärmende böhmische Quelle sprioht neben 



**) Das Maere von den GSnhuhnern. Ein Beispiel des Strickers herans^eg. ▼. F. Pfeifer. 

Wien 1659. S. S. 10. K. 34. ff. 
a») Seifried Helbling. S, 100. 
s«) Meiner oben erwihnten Abhandlang S. 16S. 
*') Im Kalendarium Zwetlense bei Perti Mon. SS. 9, 696, 53^697. 



Ob«r den LenrnnDd der Österreicher, Böhmen und Ungern. 459 

dem zierlichen sehlanken Wachse und dem edlen Wesen der Böhmen 
doch aach von der Sehönheit der Deutschen 's). 

Als Rudolf Yon Habsburg 1282 die Österreicher und Steirer 
auf den Reichstag nach Augsburg ladet, um ihnen ihre alten Rechte 
und Freiheiten bei der Belehnung seines Sohnes zu bestätigen, wird 
ihr Einreiten daselbst als ein prachtvolles geschildert , das aller 
Blicke unwillkQrlieh an sich gefesselt habe«»); und dem entspre* 
chend wird auch das Erscheinen der Österreicher zu Prag im Gefulge 
des neu erwählten Königs Rudolf I.» dem Sohne Albrecht's I., im 
Jahre 1306 als ein so glänzendes geschildert, dass» wie die Quelle 
sich ausdrQckt» mancher Böhme dem gegeaQber sich höchst ärmlich 
vorkam »•). 

Von einer besonderen Gewandtheit oder Feinheit des Beneh- 
mens ist aber nirgends die Rede» im Gegentheile klagt eine Quelle 
aosdrQcklich Ober Hangel an Schonung und feiner Sitte, dem schö- 
nen Gescbiechte gegenüber, und eine Zweite nennt geradezu die 
feinere Sitte in Österreich als verachtet , ja als fast verschwunden 
und wo sie erscheine verlacht 'O- 

Geröhmt wird dagegen allenthalben die Tapferkeit der Öster- 
reicher, und namentlich die Zeit der Babenberger als jene bezeichnet« 
in welcher sie am hellsten glänzte. Thomasin, der Verfasser des 
wftlschen Gastes, in Friaul geboren und wohl dort auch lebend, 
preist Beidlos die deutsche Ritterschaft zu Anfang des dreizehnten 
Jahrhunderts als die würdigste, und hat dabei begreiflicher Weise 
wohl vor Allem diejenige im Auge, mit der er zunächst in Berührung 
war und die sich um den berühmten Hof der Babenberger geschaart 
hatte <«). Helbling an vielen Stellen, besonders aber im dreizehnten 
seiner Büchlein, was er auch sonst an seinen Landsleuten zn tadeln 
findet, preist aus voller Seele ihre Tapferkeit und ihr Streben sich 
ihrer Ahnen würdig zu zeigen, obwohl er zugibt, dass seine Zeit» 



^ Abbt Peter f on Zittau in eeineni Chronieon aulae re^hie , bei Uobner Menomentn S, 

267 sum Jahre 1311. Er gebraucht die Ausdrucke »speciositas Germanorum* neben 

»elegantis naturae decora proceritat Bohemornm*. 
**) Ottaclier'a Reimchronik. Cap. 200. Sp. 1S2. 
**) ^das sich le smitcheit gegen in s6ch an maniger bdheimischer na».* Ottaeker I. c. 

Cap. 774. Sp. 775»». 
Si) Helbling 2, 366, au Tcrgleichen mit den ron mir angefahrten SMIea in der Abhettd- 

lang fiber Teiehaer S. 1 70. ' 

*>) Thomssin's wfilscher Gvst. Z. 1 1347. 
Sitzb. d. phil.-hist, Cl. XLH. Bd. IM. Hft. 31 



460 V. K a r a j a n 

gegen jene, die ihr voranging, zuröckstche. Ottacker's Reimchronik 
bat uns eine Äusserung König Ottakar's Ton Böhmen bewahrt, in 
welcher er mit der höchsten Achtung von der Tapferkeit der Öster- 
reicher spricht , die er mit den Steirern zusammen an der unten 
bezeichneten Stelle kurzweg die Deutschen nennt. Er versicherte 
nämlich: *Wäre alles was er je gesehen sein Eigenthum, er wollte 
es hingeben» um zu zeigen, dass er ihnen, den Deutschen, hold sei. 
Und sollten sie alle nur von Gold sich nähren , sie wären dessen 
werth. Er verlange nichts sehnlicher, als mit lausend Mann aus ihnen 
dreimal so viele Ungern zu bestehen, man wQrde ihn dann nie noch 
so furchtbar gesehen haben!' >>) 

Aber schon Neidhart preist die vergangene Zeit in der eben 
bezeichneten Richtung als glänzender und freudenvoller »*) und noch 
Jans der Enenkel, um gut hundert Jahre später, blickt wehmuthsvoll 
auf die Tage Leopold des Glorreichen zurück in einer langen Stelle 
seines Furstenbuchs <'). Vor ihm schon hatte Helbling die Neuerun- 
gen der Schwaben in Beziehung auf ritterliche Bewaffnung sati- 
risch gepriesen, und gezeigt, um wie viel sicherer för den Kampf- 
lustigen nunmehr die Ausfahrt sei, nachdem er durch hohe Sättel, 
die ihn vorm Sturze schützen, durch Pickelhauben und Armschienen 
vor möglichen Verletzungen bewahrt sei s«), 

Bitterer noch beklagt Suchenwirt um 1360 die Abnahme echt 
ritterlicher Gesinnung, indem er