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Full text of "Sitzungsberichte der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der bayerischen Akademie der ..."

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Sitzungsberichte 

der 

mathematisch- physikalischen Classe 

der 

k. b. Akademie der Wissenschaften 

zu Mlünchen. 



Band XXXU. Jahrgang 1902. 



Hfinchen. 

Verlag der k. Akademie. 
1903. 

Ib OoBUniMioit dM O. Fimiis*Bohen Yeiiags (J. Boih). 



Uebersicht 

des Inhaltes der Sitzungsberichte Bd. XXXII 
Jahrgang 1902. 

Die mit * bezeichneten Abhandlungen sind in den Sitzungsberichten nicht abgedruckt. 

Sitzung vom 4. Janimr 1902, seite 

A. Loewy: üeber Differentialgleichungen, die mit ihren adjungirten 

zu derselben Art gehören 3 

*H. Seeliger: üeber die Veränderungen in den Nebeln der Nova 

Peraei 1 

*A. V. Baejer: üeber die Vierwerthigkeit des Sauerstoffs 1 

*P. Lindemann: Bemerkungen über Hypothesen, welche in der 
mathematischen Physik in Bezug auf die Constitution der 
Atome gemacht worden sind 1 

Sitzung vom 1. Februar 1902. 

*S. Finsterwalder: üeber die mechanische Nachbildung von 

Minimalflächen 15 

S. Günther: üeber gewisse hydrologisch- topographische Grund- 
begriffe 17 

*C. V. Kupffer: üeber die Commissura veli transversi des Hirns 15 
A. Korn: üeber ein Verfahren der elektrischen Femphotographie 39 
*G. Egger: Der Bau der Orbitolinen und verwandter Formen . 15 
*F. Broili: üeber die Fauna der Orbitolinen führenden Schichten 

der untersten Kreide in der Krim 15 

N. Perry: Das Problem der conformen Abbildung für eine spezielle 

Kurve von der Ordnung 3n 43 

Sitzung vom 1. März 1902, 

*K. Göbel: üeber Homologie in der Entwicklung weiblicher und 

männlicher Geschlechtsorgane 55 

R. Hertwig: üeber Wesen und Bedeutung der Befruchtung 57 

*F. Doflein: üeber Decapoden Ostasiens 55 



IV 



Scito 



*S. Uünther: Die Entwicklung des Winkelmessens mit dem 

Jakobsstabe 55 

A. Korn: üeber den einfachsten semidefiniten Fall in der eigent- 
lichen Variationsrechnung 75 

H. Brunn: Neue Mittelwerthssätze über bestimmte Integrale 91 

*A. V. Baeyer: Ueber Abkömmlinge des Triphenylmethan's 55 



Sitzung vom 3. Mai 1902. 

K. T. Fischer und H. Alt: Siedepunkt, Gefrierj^unkt und Dampf- 
spannung des reinen Stickstoflfs bei niedrigen Drucken (mit 
Taf. I und II) 113 

Sitzuyig vom 7. Juni 1902, 

*C. V. Linde: Beobachtungen bei der fractionirten Destillation 

und Rectification flüssiger Luft 152 

F. Lindemann: üeber das PascaFsche Sechseck . . . .153 
*J. G. Egger: Ergänzungen zum Studium der Foraminiferen- 

Familie der Orbitoliniden 152 

A. Pringsheim: Zur Theorie der ganzen transcendenten Functionen 163 
A. Rothpletz: Ueber den Ursprung der Thermalquellen von 

St. Moriz 193 

Sitzung vom 5. Juli 1902. 

*C. Göbol: üeber Regeneration bei Pflanzen .... 208 

K. T. Fischer und H. Alt: Erstarrungs- und Schmelzdruck des 

Stickstoffs 209 

OejfentUchc Sitzung zur Feier des 143. Stiftungstages 
am 13. März 1902. 

K. A. V. Zittel: Ansprache 217 

C. V. Voit: Nekrologe 232 

Sitzung vom 8, November 1902. 

A. Pringsheim: Zur Theorie der ganzen transcendenten Func- 
tionen (Nachtrag) 295 

0. Walkhoff: Die diluvialen menschlichen Knochenreste in Belgien 
und Bonn in ihrer structurellen Anordnung und Bedeutung 
für die Anthropologie 305 



Soito 

A. Rothpletz: Ueber die Möglichkeit den Gegensatz zwischen 

der Contractions- und Expansionstheorie aufzuheben .311 

A. Schmanss: Magnetische Drehung der Polarisationsebene des 

Lichtes in selektiv absorbirenden Medien (mit Taf. III— VI) 327 

E. Stromer von Reichenbach: Bericht über eine von den Privat- 
dozenten Dr. Max Blanckenhom und Dr. Ernst Stromer von 
Reichenbach ausgeführte Reise nach Aegjpten . . .341 

M. Blanckenhom: Neue geologisch - stratigraphische Beobach- 
tungen in Aegypten 353 

P. Oppenheim: Ueber die Fossilien der Blättermergel von Theben 

(mit Taf. VII) 435 



Oeffentliche Sitzung zu Ehren Seiner Majestät des Königs und 
Seiner Königl. Hoheit des Prinzregenten am 15. November 1902* 

*K. A. V. Zittel: Ueber wissenschaftliche Wahrheit . . 457 
Wahlen 457 



Sitzung vom 6. Dezember 1902, 

*A. V. ßaeyer: Ueber Triphenylmethan-Derivate .... 458 

*R. Hertwig: Ueber Correlation von Kern- und Zellgrösse . 458 

*M. Schlosser: Ueber die fossilen Säugethiere China's . . 458 

S. Günther: Glaziale Denudationsgebilde im mittleren Eisackthale 459 
J. Rückert: Ueber die Abstammung der bluthaltigen Gefässanlagen 
beim Huhn und über die Entstehung des Randsinus beim 

Huhn und bei Torpedo (mit Taf. VIII) 487 



Einsendungen von Druckschriften 1*— 27* 



Sitzungsberichte 

der 

königl. bayer. Akademie der Wissenschaften. 



Mathematisch-physikalische Classe. 

Sitzung vom 4. Januar 1902. 

1. Herr Ferd. Lindemann überreicht eine Abhandlung des 
Herrn Privatdozenten Dr. Loewy in Freiburg: ^Ueber Dif- 
ferentialgleichungen, die mit ihren adjungirten zu 
derselben Art gehören." 

2. Herr H. Seeliger spricht „über die Veränderungen 
in den Nebeln der Nova Persei.** Diese vorläufige Mit- 
theilung wird später zur VeröfiFentlichung kommen. 

3. Herr A. v. Baeyer theilt die Resultate seiner neuesten 
Arbeiten „über die Vierwerthigkeit des Sauerstoffs" 
mit, welche anderwärts veröfiFentlicht werden sollen. 

Hieran knüpft Herr Ffrd. Lindemann einige Bemerkungen 
über die Hypothesen an, welche in der mathematischen Physik 
in Bezug auf die Constitution der Atome gemacht worden sind. 



190S. SitxnngBb. d. math.-phys. Ol. 



Ueber Differentialgleichungen, 
die mit ihren adjnngirten zu derselben Art gehören. 

Von Alfred Loewy. 

{Eingtlaufeu 4. Jamuir 1902.) 

Herr Gino Fano*) hat sich mehrfach mit dem Satze be- 
schäftigt: 

Die nothwendige und hinreichende Bedingung dafür, dass 
die Integrale einer linearen homogenen Differentialgleichung 
wter Ordnung: 

(D) y(") + p, {x)y^^-'^ + p^ (a;) i/C»-2) + . . . + ^„ (a;)y = 

durch eine Transformation: 

z = %{x)y + a, {x)y' + a^{x)y" + . . . + an-i{x)y^*'-^\ 

wobei die ^{x), a^{x), . . . an-i{x) dem Rationalitätsbereiche, 
för den die Rationalitätsgruppe betrachtet wird, angehören, 
in diejenigen der adjungirten Diö'erentialgleichung : 

(D,) -^^»•) — (i>i-^y"-^) + (Pi^y**-^^ —...(— lypn^ = 

übergeführt werden können, dass also (D) und (DJ zu derselben 
Art*) gehören, besteht darin, dass die Rationalitätsgruppe 

*) G. Fano, Sülle equazioni differenziali lineari che appartengono 
alla stessa specie delle loro aggiunte. (Atti della R. Acc. di Torino, 
vol. 34, (1899).) Osservazioni sopra alcune equazioni differenziali lineari. 
(Itend. della R. Acc. dei Lincei (1899).) Ueber lineare homogene Diffe- 
rentialgleichungen mit algebraischen Relationen zwischen den Funda- 
mentallösungen. Math. Ann. Bd. 53, p. 568. 

2) Vgl. Ludwig Schlesinger, Handbuch der Theorie der linearen 
Differentialgleichungen. Bd. II 1, p. 120 und 124. 

1* 



4 Sitzung der maih,-phys. Classe vom 4. Januar 1902. 

von (D) aus lauter Transformationen gebildet ist, welche eine 
bilineare Form: •=«*=»» 

i=lk=l 

von nicht verschwindender Determinante mit cogredienten 
Variablenpaaren y,, ^i in sich überführen. Es möge mir 
gestattet sein, dieses Resultat einerseits für die Theorie der 
associirten Differentialgleichungen, andererseits für die DiflFeren- 
tialgleichungen , denen die Producte der Integrale der vor- 
gelegten Differentialgleichung zu je zweien genügen, zu ver- 
werthen. 

§ 1. 

y„ ein Fundamentalsysteni von (D) dar. 



Stellen y,, y,, 
und bildet man: 



y«i <»•■<„ 



y'ix 

y\ 



y'h 



vi 



4/(»»»-l)|*(m-l) iA"*~^^ 

^•1 '^h ' ' ' ^*ni 

wobei ij < ij . . . < im und ij, ij» •••*»» ^^^^ J^^^ Combination 
der Zahlen 1, 2, ... n zu je m bedeuten, so genügen diese 
V = (U;) Determinanten einer linearen homogenen Differential- 
gleichung, die zuerst von Herrn L. Fuchs ^) untersucht wurde 
und nach Herrn Ludwig Schlesinger*) die n-mte associirte 
Differentialgleichung von D = heisst ; diese Differential- 
gleichung soll für das Folgende, wie es im allgemeinen der Fall 
ist, von der Ordnung (^) angenommen werden. Ist A irgend 

k-H 

eine lineare Substitution, welche y, in ]Ca,kt/k (i = 1, 2, . . . w) 



überführt, so erleiden die y, 



•!•>• 



die w-wite associirte Sub- 



stitution .^••-"•^ nämlich die y,,,,...^^ gehen über in 
kl**...*,, 



1) L. Fuchs, Sitzungsberichte der Berliner Akademie (1888), p. 1115. 
-) Ludw. Sohlesinger, Handbuch II 1, p. 125. 



A, Loewy: Ueber Differentialgleichungen, 
dabei ist: 



^«i»2...«m*l*2...*„ 



j «12*1 «12*2 • • • ^«2frm 



und Äj < ifcj . . . < jfc,n bedeutet eine jede Combination der 
Zahlen 1, 2, ... w zu je m. Die Theorie der associirten 
Differentialgleichungen beruht in ihren Grundlagen auf dem 
Angegebenen und dem Satze, dass die n-mte associirte Sub- 
stitution einer aus zwei Substitutionen componirten Substitution 
aus den w-i»ten associirten Substitutionen der beiden Com- 
ponenten in derselben Reihenfolge zusammengesetzt ist. Ist 
Ä'B= Cj so ist: 

Jin-m) . J5(n-m) _ (7(n-m) 1) 

Nehmen wir nun an, dass eine DiflFerentialgleichung (D) 
mit der ihr adjungirten DiflFerentialgleichung zu derselben Art 
gehört, so führen alle Transformationen der Rationalitätsgruppe 
von (D) eine und dieselbe bilineare Form q? mit cogredienten 
Variablenpaaren von nicht verschwindender Determinante in 
sich über. Die Rationalitätsgruppe der w-mten associirten 
Differentialgleichung besteht aus den w-mten associirten Sub- 
stitutionen der Rationalitätsgruppe von (D). Bedenkt man, 
dass die transponirte Substitution von einer w-mten associirten 

*) Die obige Formel war, wie ich bemerken möchte, schon Weier- 
strass im Jahre 1868 bekannt. Vgl. die in Baltzers Theorie und An- 
wendung der Determinanten (4. Aufl. (1875)) übergegangene briefliche 
Mittheilung von Weierstrass, die W. an Baltzer aulässlich der Abhand- 
lung über bilineare und quadratische Formen (Monatsberichte der Ber- 
liner Akademie, (1868)) machte. Baltzer, a. a. 0., p. 55. Es sei noch 
erwähnt, dass diese Untersuchungen über die associirten Differential- 
gleichungen mit der Theorie der sogenannten Begleitformen, Concomi- 
tanten (Smith) einer bilinearen Form in engstem Zusammenhang stehen. 
Ich habe im Text statt Begleitform (Bachmann) associirte Form gesetzt. 
Ueber die Theorie der Begleitformen vgl. man Bachmann's Arithmetik 
der quadratischen Formen (Leipzig, 1898, p. 389). 



6 Sitzung der math.'phys, Classc vom 4. Januar 1903. 

Substitution die n-nite associirte Substitution der transponirten 
Substitution ist, so folgt, dass, wenn: 

ist, so ist auch: 

piu-mY fpin-m) pin-m) __. (p{n-m) 

Man erhält also den Satz: 

I. Führt eine Substitution P eine bilineare Form qp mit 
cogredienten Variablenpaaren in sich über, so transformirt die 
n-m te associirte Substitution von P die n-tn te associirte Form 
von (p cogredient in sich. 

Wendet man dieses Ergebniss auf die w-mte associirte 
Differentialgleichung einer Differentialgleichung, die mit ihrer 
adjungirten zu derselben Art gehört, an, so ergiebt sich, dass 
sämmtliche Transformationen der Ration alitätsgi'uppe der w-mten 
associirten Differentialgleichung die bilineare Form (p^**-"*) in 
sich überführen. Der Werth der Determinante der w-mten 
associirten Form (^(»•-"') ist die (^l})te Potenz der Determinante 
von (p, Falls (p eine nicht verschwindende Determinante hat, so 
trifft dies auch für (^(♦*-"*) zu. 

Hieraus folgt: 

II. Gehört eine Diff'erentialgleichung mit ihrer adjungirten 
zu derselben Art, so gehören auch alle associirten mit ihren 
adjungirten zu derselben Art.^) 

Wir betrachten nun den besonderen Fall n = 2 ni und 
schreiben die Determinante: 





!/i Vi 


• 


. ym 


ym-fl . 


. . yim 




y\ y'i 


• 


. y'm 


t/m+l . 


• . y'im 




y<— ■>!/<"■- 


-1) 


• • yl:' 


-1) t/(m-I) 


^2m 




^j ^i 




. . ^m 


^mfl . 


• . ^2m 




4 zk 


• 


. . ^m 


'2'm-fl . 


. . ^'2m 




• 


-^> 


. . ^r 


-1)^.-1). 


: 

• ' ^2m 



*) Vgl. auch Ludw. Schlesinger, Handbuch 11 1, p. 151. 



A, Loewy: lieber Differentialgleichungen. 7 

hin; transformii-t man in dieser Determinante die 2 m Variablen 
einer jeden Zeile cogredient durch Substitutionen mit derselben 
Matrix P, so multiplicirt sich diese Determinante nur mit der 
Substitutionsdeterminante von P. Entwickelt man die obige 
Determinante nach adjungirten Subdeterminanten, so findet man 
die bilineare Form: 

(0) 2'€,',<2 . . . ^m *1 *2 • • . *m y^h '"im ^*1*2 ••*».' 

wobei ^11 »2 . . . ^m *i *2 • • • *m ^^® positive oder negative Einheit, 
^, < ig . . . < i;„ und Äj < ÄJg . . . < Ä^m sämmtliche Zahlen 
der Reihe 1, 2, ... 2 m bis auf die Reihenfolge darstellen. 
'^*i*i . . • *m ^^^^ ^^^ ^1^ -^8» • • • '^2m in analoger Weise wie 
y^ih-im ^^^ y\iy%i ' ' * y-im gebildet. Wendet man die w-mte 
associirte Substitution P»»-»») auf die cogredienten Variablen - 
paare der bilinearen Form Q an, so multiplicirt sich Q mit 
der Determinante von P. 

Wir denken uns die Rationalitätsgruppe von (D) auf ihre 
grösste unimodulare Untergruppe reducirt; diese Reduction er- 
reicht man offenbar durch Adjunction der Hauptdeterrainante: 



^(^1^2 • • • Z/2m) = 



zum Rationalitätsbereiche; denn damit ^ (^/i 2/2 • • • 2/22»») rational 
bekannt ist, ist offenbar nothwendig und hinreichend, dass die 
Determinanten sämmtlicher Transformationen der Rationalitäts- 
gruppe den Werth + 1 haben. Nach Adjunction der Haupt- 
determinante bleibt aber bei den Transformationen der Ratio- 
nalitätsgruppe für den neuen Bereich die bilineare Form Q 
ungeändert. Mit Hülfe des im Anfange citirten Satzes von 
Herrn Fano ergiebt sich der von Herrn L. Fuchs ^) gefundene 
und von ihm mehrfach behandelte Satz: 



yx ^2 


. . y2m 


y'i y'2 


. . y'2m 


y{2m-l)y{2m-l) 


y{2m~l) 



*) L. Fuchs, Sitzungsber. der Berliner Akademie (1888), p. 1115 ff., 
sowie ebenda (1899), p. 182. 

Die Bemerkung von Herrn Fano in den Atti dell. Acc. di Torino 



8 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 4. Januar 1902. 

III. Die mte associirte DiflFerentialgleichung irgend einer 
Differentialgleichung 2mter Ordnung gehört mit ihrer adjun- 
girten nach Adjunction der Hauptdeterrainante der ursprüng- 
lichen Differentialgleichung zu derselben Art. 

Nehmen wir nun an, dass schon die ursprüngliche Differen- 
tialgleichung mit ihrer adjungirten zu derselben Art gehörte; 
dann hat wegen: 

die Determinante von P den Werth +1. In diesem Fall ist 
schon das Quadrat von ^{y^y^ • • • ^21«) rational bekannt. 
Um also die Rationalitätsgruppe einer Differentialgleichung, 
die mit ihrer adjungirten zu derselben Art gehört, unimodular 
zu machen, genügt schon die Adjunction einer Quadratwurzel 
zum Rationalitätsbereiche. Nach Adjunction einer Quadrat- 
wurzel lässt die Rationalitätsgruppe der m ten associirten 
Differentialgleichung einer Differentialgleichung 2 m ter Ordnung 
die zwei bilinearen Formen cp^*^^ und ^ invariant. 

Es ist noch zu zeigen, dass sich 99^*") und Q nicht etwa 
nur um eine multiplicative Constante unterscheiden. Hat man 
eine bilineare Form 

•=i k=i 
so ist: 



'i'a- 



•»m*t*2-*»»< 



wobei ij < f^ . . . < i^ und h^ < Ä'^ ... < Tc^n und sowohl 
/j, ij, ... i« wie ATj, ^2' • • • *»» ^^^^ J^^® Combination der 
Zahlen 1, 2, ... 2 m zu m bedeuten. Wäre nun (p^^'^ von Q 
nur um eine multiplicative Constante verschieden, so müsste 
unter anderem sein: 

5l2...m*i*2...*„ = 0, 

(1899), p. 396 Anmerkung, durch die er den Satz von Herrn Fuchs be- 
weisen will, halte ich nicht für zutreffend ; denn die Gleichungen (21) 
auf p. 142 des zweiten Bandes des Schlesinger'schen Werkes werden für 
•• = 6 linker Hand Null ergeben; es wird also die quadratische Form, 
die Herr Fano benützt, nicht stets existiren. 



A, Loewy: lieber Differentialgleichungen, 9 

falls Aj , ig, . . . Äot irgend m geordnete von m + 1 , w + 2, . . . 2 m 
verschiedene Zahlen der Reihe 1, 2, ... 2m darstellen; hin- 
gegen wäre «12 . . . m m+ 1 . . . 2 m von Null verschieden. Betrachtet 
naan die m Determinanten : 

5l2...mlm + 2m-f3 2m = 

^12 . . . m 1 m + 1 m + 3 2 m = 

5l2...mlm + lm + 2m + 4...2m = 

Si2...mlwi + Im + 2 2m-l = 

und entwickelt sie nach den Elementen der ersten Colonne, so 
folgt, da 5j2...rom+i...2m Und mithin auch die aus den Unter- 
determinanten von 5j2...mm+i...2m gebildete Determinante von 
Null verschieden ist, dass: 

5jj = Sjj = . . . = 5|||1 ^= V 

wird. Analog braucht man nur für die m letzten Zeilen das 
Verschwinden von 5m+ii, 5^+21» ... 52mi zu zeigen. Dann 
wird gegen die Voraussetzung die Determinante von 9? Null; 
mithin sind 9?^*"^ und Q wesentlich verschieden. 

Wir haben also den Satz: 

IV. Die Rationalitätsgruppe der mten associirten Differen- 
tialgleichung einer Differentialgleichung der 2 mten Ordnung, 
die mit ihrer adjungirten zu derselben Art gehört, führt nach 
Adjunction einer Quadratwurzel eine Schaar bilinearer Formen 
cogredient in sich über. 

Eine jede Schaar bilinearer Formen enthält auch eine 
bilineare Form von verschwindender Determinante; wird aber 
eine bilineare Form verschwindender Determinante cogredient 
in sich transformirt , so ist die Gruppe der überführenden 
Substitutionen stets auf Substitutionen mit einer geringeren 
Variablenzahl reducibel. Wendet man daher das Criterium 
von Herrn Beke^) für die Irreducibilität einer linearen homo- 
genen DiflFerentialgleichung an, so ergiebt sich: 

^) Beke, Die Irreducibilität der linearen homogenen Differential- 
gleichungen. Math. Annalen, Bd. 45, p. 289; vgl. auch L. Schlesinger, 
Handbuch, II 1, p. 106. 



10 Sitzung der mathrphys, Glosse vom 4. Januar 1902. 

V. Die mte associirte DiflFerentialgleichung einer DiflFerential- 
gleichung 2mter Ordnung, die mit ihrer adjungirten zu der- 
selben Art gehört, wird nach Adjunction einer Quadratwurzel 
zum Rationalitätsbereiche reducibel. 

Dieser Satz ist auch von Herrn Richard Fuchs ^) gefunden 
worden; jedoch fehlt bei ihm die Bemerkung, dass die Ad- 
junction einer Quadratwurzel zum Rationalitätsbereiche unter 
Umständen nötig werden kann, damit die DiflFerentialgleichung 
reducibel wird. 

Die vorstehenden Betrachtungen lassen sich auch auf 
Differentialgleichungen zweiter Ordnung anwenden. In diesem 
Falle w = 2, m = 1 fällt die Differentialgleichung mit ihrer 
associirten zusammen. Wir finden also: Jede lineare homogene 
Differentialgleichung zweiter Ordnung, die mit ihrer adjungirten 
zu derselben Art gehört, ist nach Adjunction einer Quadrat- 
wurzel zum Rationalitätsbereich reducibel, so dass sie durch 
die Integrale einer linearen homogenen Differentialgleichung 
erster Ordnung befriedigt wird.*) 

^) Richard Fuchs, Ueber lineare Differentialgleichungen, welche mit 
ihrer Adjungirten zu derselben Art gehören. Journ. f. d. r. u. ang. 
Math. Bd. 121, p. 205. Die Gleichung (5) des § 2 der Arbeit von Herrn 
R. Fuchs zeigt übrigens, dass eine Adjunction nothwendig werden kann. 

Die Bemerkung „Der auf der linken Seite auftretende Factor — beeinflusst, 

wie leicht zu sehen, diesen Schluss nicht" (p. 207, Anmerkung) trifft 
also nicht zu. Vgl. auch L. Fuchs, Sitzungsber. der Berliner Akademie 
(1899), p. 190. 

2) Dass die Adjunction einer Quadratwurzel nothwendig werden 
kann, um die Differentialgleichung zweiter Ordnung, die mit ihrer ad- 
jungirten zu derselben Art gehört, reducibel zu machen, ergiebt sich 
auch aus Herrn Lindemann's Untersuchungen „Ueber die Differential- 
gleichungen der Functionen des elliptischen Cylinders" (Math. Annalen, 
Bd. 22). Herr Lindemann untersucht dort unter 5) Differentialgleichungen 
zweiter Ordnung, die, wie man nach den Resultaten des folgenden 
Paragraphen sagen kann, falls eine gewisse transcendente Function 
F(x) als rational bekannt angesehen wird, mit ihren adjungirten 
zu derselben Art gehören. Ist F[x) bekannt, - ich wende dieselben 
Bezeichnungen wie Herr Lindemann an - , so bleibt die quadratische 
Form yx Vi bei den Transformationen der Rationalitätsgiuppe in dem 



Ä, Locioy: Ueher Differentialgleichungen, 11 

§2. 
Für das Folgende setze ich voraus, dass die vorgelegte 
Differentialgleichung (D) ein derartiges Fundamentalsystem 
yiiV^i-'-Vn von Integralen besitzt, dass zwischen den ge- 
wählten Elementen t/j, J/2' • • • 2/» keine homogene quadratische 
Kelation mit constanten Coefficienten stattfindet. Wir be- 
trachten die n ( — ^ — j Producte ijiyk (i, Ä = 1, 2, . . . w), die 

wir mit Yik bezeichnen; erfahren die yi eine lineare homogene 
Substitution P, so transformiren sich auch die Yik linear; diese 
Substitution der Y,*, soll anlehnend an Herrn Ad. Hurwitz*) 
die zweite Potenz- oder Quadrattransformation von P genannt 
und mit ^^^ bezeichnet werden. 

Unter der gemachten Annahme genügen die n 1 — - — | 
Producte Ya einer linearen homogenen DiflFerentialgleichung 
genau von der n { - — - — j ten Ordnung; die Differentialgleichung 

hat Coefficienten aus dem Rationalitätsbereiche, und die Grössen 
Yik bilden ein Fundamentalsystem der DiflFerentialgleichung. 

Die DiflFerentialgleichung wird erhalten, indem man die aus 
Y, Yjj, I^j2 . . . Ynn und deren Abgeleiteten bis zur Ordnung 

nl — — I gebildete Determinante durch die Wronskische Deter- 
minante der n[ — - — J Grössen Yj,, Y,^ ... Y„„ dividirt und 

Null setzt. Aus dem bekannten AppelPschen Satze (Annales de 
Tecole normale, H, Bd. 10, p. 400) ergiebt sich nämlich, dass 



Bereiche, der F{x) und daher auch die Ableitungen von F(x) ent- 
hält, ungeändert. Adjungirt man yxy'i — ViV'-i, das abgesehen von einer 

Constanten bei Herrn L. den Werth ,,- - — -^ hat, dem Rationalitäts- 

Mz (l-z) 

bereiche, so hat die DiflFerentialgleichung des elliptischen Cylinders mit 
einer linearen homogenen DiflFerentialgleichung erster Ordnung mit Coef- 
ficienten aus dem durch -7--^--^^ erweiterten Bereiche Integrale gemein. 
^z{\-z) 

*) A. Hurwitz, Zur Invariantentheorie. Math. Annalen, Bd. 45, p. 390, 



12 Sitzung der mathrphys, Classe vom 4. Januar 1902. 

die Coefficienten dieser DiflFerentialgleichung rational durch die 
Coefficienten von Z) = und deren Abgeleitete darstellbar sind. 
Diese Differentialgleichung, die wir mit ^^g i) = bezeichnen 
wollen, findet man übrigens einfach, indem man y und dessen 
Abgeleitete ausZ=y* und den hieraus durch DiflFerentiation 
hergeleiteten Gleichungen vermöge Z) = eliminirt, bis man 
eine von y und dessen Abgeleiteten freie Gleichung erhält.*) 

Man sieht unschwer ein, dass die Rationalitätsgruppe von 
*^2 i) = aus den Quadrattransformationen der Transforma- 
tionen der ßationalitätsgruppe von i) = besteht. Der Be- 
weis kann etwa analog, wie ihn Herr L. Schlesinger im Hand- 
buch Hl, p. 136 für die associirten DiflFerentialgleichungen 
führt, erbracht werden. 

Ich brauche jetzt einen Hülfssatz: Besitzt eine lineare 
homogene Difi*erentialgleichung ein dem Rationalitätsbereiche 
angehöriges Integral, so bleibt dieses bei allen Transformationen 
der Rationalitätsgruppe nicht nur numerisch, sondern auch 
formal ungeändert. 

Angenommen, irgend eine lineare homogene DiflFerential- 
gleichung D = besitze ein dem Rationalitätsbereiche ange- 
höriges Integral, so lässt sich dieses wie jedes Integral in der 
Form: 

(1) ^12/1 + ^2^2+ • • '^nVn 

darstellen, wo Ißii y^^ - - - Vn ^in Fundamentalsjstem von (D), 
c^, Cg, . . . Cn Constante bedeuten. Ersetzt eine Transformation 

der Rationalitätsgruppe von (D) y,- durch ^PikVic so geht das 
obige Integral (1) in *=^ 

k=n k=.n fc=n 

k=l k=\ fc=l 

über; da (1) rational bekannt sein soll, so muss (1) bei den 
Transformationen der Rationalitätsgruppe numerisch ungeändert 
bleiben; es muss also (1) und (2) denselben Werth haben. 
Wären die zwei Ausdrücke nicht identisch dieselben, so hätte 

») Vgl. L. Schlesinger, Handbuch II 1, p. 202. 



A, Loewy: lieber Differentialgleichungen. 13 

man eine homogene Relation mit constanten Coefficienten 
zwischen einem Fundamentalsystem von Integralen von (D); 
dies ist aber unmöglich. Hiermit ist der Hülfssatz erwiesen. 

Angenommen die Gleichung ^^ 2) = besitze ein dem 
Rationalitätsbereiche angehöriges Integral, so ist dieses eine 
lineare Function der Yit, und bleibt bei allen Transformationen 
der Rationalitätsgruppe von ^^^ 2) = formal ungeändert. 
Die lineare Function der Ya ist aber eine quadratische Func- 
tion der yijfki die bei allen Transformationen der Rationalitäts- 
gruppe von 2) = ungeändert bleibt, die quadratische Form 
der f/iyk kann hierbei eine verschwindende oder nicht ver- 
schwindende Determinante haben. Ist D = irreducibel, so 
muss die Determinante von NuU verschieden sein. Verschwindet 
aber die Determinante der quadratischen Form, so kann man 
nach den Resultaten von Herrn Fano ^) wenigstens sagen, dass eine 
Differentialgleichung niedrigerer Ordnung, deren Coefficienten 
dem Rationalitätsbereiche angehören und deren Integrale 2) = 
genügen, mit der zu 2) = adjungirten Differentialgleichung 
von derselben Art ist. Mithin erhalten wir den Satz: 

I. Besitzt die Differentialgleichung ^^ 2) = ein dem 
Rationalitätsbereiche angehöriges Integral, so bleibt bei sämmt- 
lichen Transformationen der Rationalitätsgruppe von 2) = 
eine quadratische Form invariant, und es gehört entweder 
2> = oder eine Differentialgleichung, deren sämmtliche In- 
tegrale 2) = befriedigen und die Coefficienten aus dem Ra- 
tionalitätsbereiche hat, mit der adjungirten Differentialgleichung 
von 2) = zu derselben Art. 

Existirt umgekehrt eine quadratische Form, die bei allen 
Transformationen der Rationalitätsgruppe von 2) = formal 
ungeändert bleibt, so ist diese rational bekannt und ferner 
auch Integral von *^2 -^ = ^- Mithin folgt: 

U. Lassen alle Transformationen der Rationalitätsgruppe 
von 2) = eine quadratische Form invariant, so hat %^ D = 
ein dem Rationalitätsbereiche angehöriges Integral. 

») G. Fano, Math. Annalen, Bd. 53, p. 572. 



14 Sitzung der mathrphys, Classe vom 4. Januar 1902. 

Beachtet man schliesslich, dass, falls eine bilineare Form 
cogredient in sich übergeführt wird und diese nicht sym- 
metrisch oder alternirend ist, auch stets eine bilineare Form 
verschwindender Determinante in sich übergeht, ferner dass 
eine altemirende Form nur geraden Rang haben kann, so 
sieht man, dass die Rationalitätsgruppe einer Differential- 
gleichung ungerader Ordnung, die irreducibel ist und mit 
ihrer adjungirten zu derselben Art gehört, nur aus Trans- 
formationen, die eine symmetrische und mithin eine quadra- 
tische Form in sich transformiren, bestehen kann. Hieraus folgt: 

III. Erfüllen die Elemente eines Fundamentalsystemes einer 
irreduciblen Differentialgleichung D = von ungerader Ord- 
nung keine quadratische homogene Relation mit constanten 
Coefficienten, so ist noth wendig und hinreichend, damit die 
Differentialgleichung 2) = mit ihrer adjungirten zu derselben 

Art gehört, dass die Differentialgleichung n 1 — ^ — j ter Ord- 
nung, welcher die Integralproducte t/,y* genügen, ein dem 
Rationalitätsbereiche angehöriges Integral besitzt. 

Ist Z) = irreducibel, so kann ^^ 2) = niemals zwei 
dem Rationalitätsbereiche angehörige Integrale, die sich nicht 
um einen constanten Factor unterscheiden, besitzen; denn gäbe 
es zwei solche Integrale, so bliebe bei den Transformationen 
der Rationalitätsgruppe von D = eine Schaar quadratischer 
Formen und daher auch eine Form verschwindender Deter- 
minante invai-iant; es müsste mithin D = gegen die Vor- 
aussetzung reducibel werden. 



äüj:-... 



15 



Sitzung vom 1. Februar 1902. 

1. Herr Seb. Finsterwalder macht eine Mittheilung: ^Ueber 
die mechanische Nachbildung von Minimalflächen" 
unter Vorzeigung von drei darauf bezüglichen Modellen. Die 
Mittheilung wird anderweit veröflFentlicht werden. 

2. Herr Sigmund Günther bringt einen Aufsatz: ^Ueber 
gewisse hydrologisch-topographische Grundbegriffe" 
in Vorlage. 

3. Herr C. v. Kupffer spricht: „üeber die Commissura 
veli transversi des Hirns." Die VeröflFentlichung findet 
an einem andern Orte statt. 

4. Herr Wilh. Conr. Rontgen legt eine Abhandlung des 
Herrn Privatdozenten an der hiesigen Universität Arthur Korn: 
^Ueber ein Verfahren der elektrischen Fernphoto- 
graphie" vor. 

5. Herr K. A. v. Zittel überreicht eine Studie des Herrn 
Obermedizinalrathes Joseph Georg Egger dahier: „Der Bau 
der Orbitolinen und verwandter Formen". Ferner als 
Anhang dazu eine Arbeit des Herrn Dr. Ferd. Broili, Assistent 
an der paläontologischen Sammlung : „Ueber die Fauna der 
Orbitolinen führenden Schichten der untersten Kreide 
in der Krim". Die beiden Abhandlungen sind für die Denk- 
schriften der Akademie bestimmt. 

6. Herr Ffrd. Lindemann theilt eine Notiz des Herrn Dr. 
Newel Perry: „Das Problem der conformen Abbildung 
für eine spezielle Curve von der Ordnung 3n" mit. 



17 



Ueber 
gewisse hydrologisch -topographische Grundbegriffe. 

Von S. Günther. 

(Eingelaufen 1. Februar.) 

Die Lehre von den fliessenden Gewässern erfordert zu 
ihrem Ausbau eine stete Rücksichtnahme auf die Terrainkunde, 
die wissenschaftliche Topographie. Denn ebenso, wie auf der 
einen Seite das strömende Wasser — hier durch Erosion und 
Denudation, dort durch Akkumulation des Detritus — die 
Oberflächen gestalt wesentlich schaffen hilft, so hängt auch die 
Art und Weise, in welcher sich diese Agentien bethätigen, 
von der Struktur des Oberflächenmodelles ab, die sich zuvor 
herausgebildet hatte. Insbesondere wählt rinnendes Wasser 
stets den kürzesten unter den Wegen, welche es einem be- 
stimmten tieferen Niveau zuführen, und es ist also von Wich- 
tigkeit, sich über den Verlauf dieser Bahnen von vornherein 
zu orientieren. Will man die Gesetzmässigkeiten kennen lernen, 
die hier obwalten, so muss man natürlich von der so äusserst 
unregelmässigen Gestalt der Landoberfläche absehen und sich 
die Hohlräume, in denen sich die Wasserbewegung vollzieht, 
als von geometrischen Flächen begrenzt vorstellen. Eine von 
Boussinesq*) herrührende Definition entsprechend weiter- 
bildend, stellen wir Folgendes fest: 

Die Landoberfläche lässt sich betrachten als eine 
Aufeinanderfolge von Flächenstücken, welche gegen 



^) Boussinesq, Essai sur la theorie des eaux courantes, Memoires 
presentes par divers savants a TAcadeniie Fran^aise, 23. Band, S. 1G5 ff. 
1902. Siizangsb. d. matli.-pbys. Gl. 2 



18 Sitzung der math.-phys. Clause vom 1. Februar 1902, 

das Meeresniveau zum einen Teile konvex, zum at*- 
deren Teile konkav gekrümmt sind. 

Als X Y' Ebene denken wir uns stets eine horizontP'^^^ 
Ebene, die so gelegen sein soll, dass innerhalb des hier i^ 
betracht kommenden Bereiches die vertikal gerichteten OrJi 
naten z positiv bleiben. Legen wir dann eine Vertikaleben. ^ 
von der Gleichung y = Konst. durch die Landoberfläche, so wir* ^^ 
aus dieser eine Kurve herausgeschnitten, die so beschaflfen ist^^ 

dass der zweite DifFerentialquotient -j-^ irgendwo auf ihr seio 
Zeichen wechselt. So lange -^ -^ negativ ist, verläuft die Schnitt— 

kurve konkav gegen die Horizontalebene; wenn dagegen -^-^ 

positiv wird, wendet die Kurve dieser Ebene ihre konvexe 
Seite zu. Im allgemeinen wird also diese Grösse einmal ihr 
Zeichen wechseln, und da dies für jede einzelne Schnittkurve 
gilt, so hat man damit die Grenzlinie gefunden, welche jeweils 
die konvex und konkav gekrümmten Flächenteile trennen. 
Verfolgen wir die Schnittkurve weiter, so gelangen wir zu 
einem Punkte, in dem die Berührungslinie zur X F- Ebene 
parallel verläuft. Die Gesamtheit aller dieser Punkte ver- 
bindend, erhalten wir eine Kurve, welche als Grenzlage für 
diejenigen Flächenpunkte zu gelten hat, für welche die Tan- 
gentialebene bezüglich spitze und stumpfe Winkel mit der 
Horizontalebene bildet. Diese Grenzkurve ist, hydrologisch 
gesprochen, die Wasserscheide^) der beiden in ihr zusam- 
menstossenden teils konvexen, teils konkaven Flächen. Jeder 
allseitig von wasserscheidenden Linien nach oben begrenzte 
Hohlraum der Landoberfläche soll als Stromgebiet oder 
Bassin bezeichnet werden. Wir setzen hier durchgehends die 
sogenannte elliptische Krümmung voraus, deren Wesen darin 
besteht, dass die Berührungsebene einer Fläche ganz und gar 

^) Die von L. v. Buch gewählte Bezeichnung »Wasser teuer* (vgl. 
Günther, Alexander v. Humboldt, Leopold v. Buch, Berlin 1900, S. 245) 
hat sich nicht durchzusetzen vermocht. 



8, GHlnther: Hydrologisch-topographische Grundbegriffe. 19 

auf ein und derselben Seite der letzteren verbleibt. Es kom- 
men ja in der Natur gewiss auch Flächen von hyperboli- 
scher Krümmung, also Sattelflächen, vor, aber für unsere 
Zwecke müssen solche als Ausnahmen gelten. 

Damit haben wir für diesen Begriff sowohl, als auch für 
den der Wasserscheide Bestimmungen erhalten, welche für ge- 
wöhnlich, von Ausnahmefällen abgesehen, als eindeutig gelten 
können. Dass ihre Festsetzung, wie sie vielfach gegeben wird, 
mancherlei Bedenken unterliegt, ist von Philippson^) her- 
vorgehoben worden. Letzterer gibt selbst die nachstehende 
Definition: „Wasserscheide ist jede Linie, in der sich zwei Ge- 
fällsrichtungen der Erdoberfläche nach oben zu schneiden.** 
Dem Sinne nach ist dies völlig übereinstimmend. Nur wird 
von uns der Uebergang zunächst als ein kontinuierlicher auf- 
gefasst, obwohl selbstverständlich auch der Fall einer Kante 
oder Schneide, die dann ohneweiters die Wasserscheide reprä- 
sentiert, mit inbegriffen ist. 

Von den Krümmungsverhältnissen eines solchen Hohl- 
raumes, der alles in seinem Bereiche fallende meteorische 
Wasser sammelt, hängt es ab, ob dasselbe in ihm verbleibt 
oder aber den Zugang zu seinem natürlichen Bestimmungs- 
orte, dem Meere, findet. Wir gelangen damit auf unsere Weise 
zu jener Zweiteilung aller terrestrischen Einsenkungen, welche 
zuerst V. ßichthofen*) durchgeführt hat, indem er den zen- 
tralen oder abflusslosen Gebieten die peripherischen 
Gebiete gegenüberstellte. Ist nämlich der Hohlraum eine 
Wanne, mit Penck^) zu sprechen, deren Kennzeichen darin 
besteht, dass eine der an die Grenzfläche gelegten Berührungs- 
ebenen zur Horizontalebene parallel wird, so kann das Regen- 
wasser -— wenigstens solange es nicht hoch genug steigt, um 
über eine Randlinie überzulaufen — die Mulde nicht mehr 



^) Philippson, Studien über Wasserscheiden, Leipzig 1886, S. 14 ff. 

^ y. Richthofen, Führer für Forschiingsreisende, Berlin 188G, 
S. 275 ff. 

*) Penck, Morphologie der Erdoberfläche, 1. Band, Stuttgart 1894, 
S. 158. 

2* 



20 Sitzung der mathrphys, Glosse vom 1, Februar 1902. 

verlassen. Von Flusssystemen innerhalb eines solchen Hohl- 
raumes kann, obwohl man ja darauf selten zu achten pflegt, 
nur bedingt die Rede sein; wenigstens wollen wir gleich jetzt 
unsere Erklärung des Wortes Stromgebiet noch dahin er- 
gänzen, dass dessen Begrenzungsfläche stets eine gleichsinnige 
Krümmung aufweisen soll. Nur mit Gebilden dieser Art 
wollen wir uns hier beschäftigen. Es wird angenommen, dass 
die Tangentialebene der in frage stehenden Fläche, die zudem 
als stetig gekrümmt vorausgesetzt wird, mithin aller 
Ecken und Kanten entbehi*t, allenthalben nur Winkel mit der 
Xr- Ebene bildet, die < 90« und > 0« sind. 

Die französischen Mathematiker, welche sich der Begrün- 
dung der topographischen Fundamentalbegrifife hauptsächlich 
angenommen haben, während man anscheinend in Deutschland 
diesen Untersuchungen ein geringeres Interesse entgegen- 
brachte,*) haben gleichzeitig mit der Wasserscheide („ligne de 
faite") auch noch eine andere ausgezeichnete Linie des Be- 
wässerungssystemes eines Hohlraumes in betracht gezogen, 
nämlich den Thal weg.*) Da durch Philippson die Moi*pho- 



*) Von einschlägigen deutschen Originalarbeiten scheint nur eine 
einzige anzuführen zu sein : Q u i d d e , Kurven gleicher Steilheit auf Flächen 
zweiten Grades, Stargard i. P. 1879. Dieselbe verfolgt jedoch rein geo- 
metrische Zwecke. Unter dem geographischen Gesichtspunkte hat der 
Verf. den ganzen Komplex zusammengehöriger Studien schon früher 
kurz abgehandelt (Günther, Topographische Studien über die Gestalt 
der Flussbetten, Nachrichten über Geophysik, 1. Heft, S. 9 flf.). 

2) Dieser Ausdruck wurde, nachdem ihn der deutsche Hydrotech- 
niker Wiebeking dem Rastatter Kongresse mundgerecht gemacht 
hatte — ,.der Thalweg des Rheins soll die Grenze zwischen Elsass und 
Baden sein" — , auch von den französischen Fachmännern adoptiert, 
und zwar so vollständig, dass dieselben ihn wörtlich, ohne üebertragung, 
in die eigene wissenschaftliche Sprache herübemahmen. Näheres über 
dieses Vorkommnis gibt eine Lebensbeschreibung Wiebekings (Voigts 
Neuer Nekrolog der Deutschen, Weimar 1842). In Frankreich bedient 
man sieh des Wortes Tbalweg auch in noch erweiterter Bedeutung, 
ziemlich im gleichen Sinne, wie vallee; vgl. z. B. Marty, La Thalweg 
gt^ologitiue de la nu\venne vallee de la Gere (Bull, de la Society Geo- 
lugi«iue de France, {'^) 22. Band. S. ;U ff.). 



*Si. Günther: Hydrologisch-tojyographische Grundbegriffe. 21 

logie der Wasserscheiden zu einem einstweiligen Abschlüsse 
gebracht worden ist, so haben wir es an diesem Orte wesent- 
lich nur mit der zweiten topographischen Linie zu thun. 
Eine ganz einwurfsfreie Definition derselben bereitet Schwierig- 
keiten, und diese dehnen sich dann auch auf das Wort Ström- 
st rieh aus, weil zwischen Thal weg und Stromstrich die engste 
Beziehung obwaltet. Vielfach werden beide Begriffe sogar 
identifiziert; hier aber soll der Stromstrich diejenige Ober- 
flächenlinie eines fliessenden Gewässers sein, in welcher dessen 
Fläche von einer vertikalen Zjlinderfläche geschnitten wird, 
die den Thal weg zur Leitlinie hat.^) Wenn man, wie dies 
ein neueres Werk thut,*) dessen eigentliche Tendenz in der 
Klärung der topographischen Terminologie beruht, den Thal- 
weg einfach als „die tiefste Linie des Thaies" hinstellt, so miiss 
man auch angeben, wie man eine solche Linie mit Maximal- 
eigenschaft konstruiert, und so lange dies nicht geschehen, 
wird man mit der Definition nicht viel anfangen können. 

Die erwähnten französischen Geometer, welche sich, wie 
wir sehen werden, sehr ernsthaft um die exakte Begriffsbestim- 
mung bemüht haben, stellen durchweg die Wasserscheide in 
Parallele zum Thalwege, der die Gewässer seines Gebietes 
sammelt. Indessen besteht doch ein gewisser Unterschied. 



') Bei Penck (a.a.O., 2. Band, S. 73) lesen wir: ,Dic mittlere 
Richtung auch der Mäanderthäler ist eine ziemlich konstante; sie be- 
stimmt den Thal weg oder Stromstrich. " Supan (Grundztige der physi- 
schen Erdkunde, Leipzig 1896, S. 261) charakterisiert den Stromstrich 
als ,die Linie, welche die Punkte grösster Oberflächengeschwindigkeit 
verbindet**. Bei Rein endlich (Bemerkungen über Veränderungen der 
Flussläufe, Stromstrich und Begleiterscheinungen Peter m an n s Geograph. 
Mitteil., 42. Band, S. 129 ff.) erreicht längs des Stromstriches die Wöl- 
bung, welche bei genauem Zusehen der Spiegel eines Flusses erkennen 
lässt, ihr Maximum ; der Stromstrich ist zugleich ein eigentlicher Strom- 
faden im Sinne der neueren Hydrodynamik, während zu beiden Seiten 
sich die Bewegung des Wassers in Spiralbahnen vollzieht (vgl. Moeller, 
Studien über die Bewegung des Wassers in Flüssen, Zeitschr. f. Bau- 
wesen, 1883, S. 193 ff.). 

*) Neuber, Wissenschaftliche Charakteristik und Terminologie der 
Bodengestalten der Erdoberfläche, Wien-Leipzig 1901, S. 398. 



Sitzung der wathrphys. Clause vom 1. Februar 1902 



Die Wasserscheide nämlich ist nicht nur im abstrakt-geometri- 
schen Obei-flächenbilde, das uns hier zunächst vorliegt, sondern 
auch in der Natur selbst etwas reell Vorhandenes, während 
im ersteren Falle der Thalweg die von den Abhängen herab- 
fliessenden Gewässer nicht thatsächlich aufnimmt. Angedeutet 
wird der hier bestehende Gegensatz wohl zuerst von Breton 
de Champ;*) auffallenderweise aber ist der den Sachverhalt 
bestimmende einfache Lehrsatz nie als solcher beachtet und 
bewiesen worden. Allgemein ausgesprochen, lautet er: Wenn 
auf einer Fläche zwei Systeme sich rechtwinklig 
schneidender Kurven bestehen, so kann durch einen 
bestimmten Punkt nur immer je eine einzige Kurve 
des nämlichen Systemes hindurchgehen. 

Es seien durch I und II (Fig. 1) die Individuen je einer 
solchen Kurvenschaar bestimmt. Wäre es möglich, dass durch 

den Punkt A ausser der 
ihm zugehörigen System- 
kurve II noch eine andere 
Linie AA* hindurchginge, 
die ebenfalls auf der Kurve I 
in A senkrecht stände, so 
hätte man, da die beiden 
Orthogonalkurven eine un- 
endlich benachbarteKurvel, 
nämlich i«m', in denPunkten 
B und C schneiden müssen, 
in dem unendlich kleinen 
— also ebenen — Dreiecke 
ABC < ABC = < AGB 
= 90^, was nicht möglich ist. Uebrigens folgt die gleiche 
Thatsache auch aus dem gleich nachher zu berührenden Um- 




M Breton de Chainp, Note sur les caracteres geometriques des 
lignes de faite oii de thalweg, Compt. Keiul. de TAcad. Fran9., ^3. Band, 
S. 808 ff. Auf die oben genannte partielle Uifferentialgleiebung kam auch 
unabhängig De JSaint Venant (Surfaces ä plus grande pente constituees 
sur des lignes eourbe»«, Bulletin de la Societe Philomatique de Paris, 1852). 



S. Günther: Hydrologisch-topographische Grundbegriffe. 23 

stände, dass die Differentialgleichungen der orthogonalen Tra- 
jektorien von der ersten Ordnung sind. 

Dies trifft nun in unserem Falle zu. Identifizieren wir 
die Kurven des Systemes I mit den Niveaulinien oder Iso- 
hypsen der Fläche, so fallen diejenigen des Systemes II mit 
den Linien des Wasserablaufes oder der kürzesten Verbindung 
mit der Horizontalebene („lignes de la plus grande pente") 
zusammen, welch letztere wir künftig kurz als Abflusslinien 
bezeichnen werden. Dann steht also Folgendes fest: 

Zwei Abflusslinien können sich niemals begegnen, 
verlaufen vielmehr asymptotisch, so dass ihnen sämt- 
lich der nämliche unendlich entfernte Punkt zugehört. 
Nun erhebt sich sofort die weitere Frage: 
Gibt es unter den unendlich vielen Abflusslinien 
des nämlichen Gebietes eine, die man allen übrigen 
gegenüber individuell auszeichnen kann, der also 
eine Eigenschaft zukommt, die sich bei keiner Ge- 
fährtin findet? 

Wenn eine solche Kurve existiert, so müssen wir eben 
ihr den Namen Thal weg zuerkennen, da die ihr gewöhnlich 
zugeschriebene Eigenschaft, alle Gewässer zu sammeln, vor- 
läufig, so lange wir nur flächentheoretisch urteilen, nicht vor- 
handen ist. Und diese Frage ist es eben, welche eine kleine 
Litteratur in das Leben gerufen hat. 

Als erster, soweit wir die Angelegenheit rückwärts ver- 
folgen konnten, ist derselben Breton de Champ (s. o.) näher 
getreten, der in der erwähnten Abhandlung für Wasserscheide 
und Thalweg eine gemeinsame Differentialgleichung herzuleiten 
suchte. Die Gleichung der die Systeme I und II enthaltenden 
Fläche ist z = f (x^ y), und wenn dann in bekannter Weise 

a^ djs dp dq dp ^Q j. . L 

—- =p, -— = g, -^ = r, -- = —- = 5, ^— = ^ gesetzt 
dx dy dx dx dy dy '^ 

wird, ergibt sich für die beiden eine Ausnahmestellung ein- 
nehmenden Linien die Gleichung p'^r -\- q^t = 2pqs^ aus der 
jedoch Topographie und Erdkunde keine für sie brauchbaren 
Folgerungen ziehen können. Nur kurz gibt nach dieser Seite 



24 



SiisHPtj der maih.'phys. ühimc ami 1. Fi-braar rj02. 



hin Breton de Champ Leinen wirklich verwertbaren Anhalts- 
punkt. Nimmt mau zwei Nachbarpunkte Ä^ nnd Ä^ und hßt 
in jedem derselben eine Tangentialebene an die Flache, so 
bildet die Schnittlinie dieser beiden Ebenen mit A^ A^ einen 
Winkel, der alle möglichen Werte annehmen kann. Wenn 
dieser Winkel gleich einem rechten geworden ist, so hat die 
betreffende Linie die Thalweg-Ei genschaft. Das ist ganx zu- 
treffend , aber es wird sich empfehlen, die entscheidende De- 
finition nicht auf eine doch mehr nur nebensächliche Eigeü- 
schaft zu begründen, 

Boüssinesq nahm das Prubleni von neuem auf» und in 
einer Reihe von Aufzufitzen,') die teilweise eine poleniisclie 
Auseinandersetzung mit dem auf dem gleichen Arbeitsfelde 
thiltigen (1 Jordan^) enthalten ♦ hat er es allseitig untersucht 
und mannigfach geiordeiii. Er hielt sich, da ja die Abflus-s- 
linien im allgetueinen Kurven doppelter Krümniung sind, 
an deren Schraiegungsebene*) und fragte, wie eine solche 
Kurve beschaffen sein mü^e, damit eben diese Ebene unter 
allen umständen senkrecht auf der XF- Ebene stehe. Die 
Gleichungen der Kunden, die man erhält, wenn man die Niveau- 
linien und ihre orthogonalen Trajektorien auf jene Ebene pro- 
jiziert, aind bezüglich diese: 

päx -j- qdp ^ 0, pdy — qdx ^ 0. ^ 

^) Bou»sine»q, Sui- une propriete reniarqualilc den iiointw itn T^^^^ 
lignes de plus grantle pente d'nne antfare otit leius plani osculateura 
verticftux, et sDr la djfference qui esi^te *:feneral erneut, k la surfaoe de 
la terre, eEtre les lignes de faite ou de thalweg et eellee !es long iles- 
quelle« la pente du m\ est ud miDimum; Compt Rend.» 73. Band. S, 13118 ff,r 
Sur le» lignes de falte et de thalweg, ebenda, 75. Band, S. 198 ff., S. 836 ff. 

2) C. Jordan, Sar les lignes de faite et de thalweg, ebeitda, 
74. Band. S. 1457 ff.j Hur lea lignes de faite et de thalweo;, rcponae aux 
olijecHona de M. Bonsainesq, ebenda, 75. Band, S. G25 ff.; Nouvelles 
obtervatic^na sur les Hgnes de falte et de thalweg» ebenda, 75. Band, 
8. 1023 ff. 

*) Vgl. hieaut Joacbimstbal-NatÄni, Anwendung der Diffe- 
rential- lind Integriilrechnung auf die allgemeine Theorie der Fltkhen 
und der Linien doppelter Krümmung, Leipzig 1881. 



J 



S, Günther: Hydrologisch-topographische Grundbegn/fe. 25 

Die Gleichung 



<i) _ , <i) 



dx ^ ^ dtj ^ 

stellt nach Boussinesq die Projektion des Thalweges dar. 
Der Thalweg kann generell alle möglichen Gestalten an- 
nehmen, je nachdem eben die Krümmungsverhältnisse der 
Fläche, welcher er angehört, beschaffen sind. Für jene Flächen, 
die uns hier ausschliesslich beschäftigen, vereinfacht sich die 
von Boussinesq gegebene BegriflFsbestimmung erheblich. Hier 
existiert nämlich eine Abflusslinie, deren Oskulationsebenen 
nicht allein sämtlich senkrecht auf der X Y- Ebene stehen, 
sondern in eine einzige zusammenfallen. Demgemäss ist diese 
Linie eine ebene Kurve, ihre Vertikalprojektion gerade, und 
unt^r der erwähnten Beschränkung gilt die nachstehende De- 
finition : 

Gibt es eine Kurve in der Schaar der als Abfluss- 
linien gekennzeichneten Raumkurven, welche ihrem 
ganzen Verlaufe nach in der nämlichen — vertikalen — 
Ebene liegt, so hat diese ein Anrecht auf den Namen 
Thalweg. Gegen ihn konvergiert jede einzelne Ab- 
flusslinie asymptotisch. 

Diese Auffassung deckt sich auch mit dem von Breton 
de Champ (s. o.) angegebenen Merkmale, dass nämlich die 
Schnittlinie zweier Berührungsebenen, die in den Endpunkten 
einer unendlich kleinen Kurvensehne an die Fläche gelegt sind, 
zu der Sehne selbst senkrecht stehen soll. Die Durchschnitts- 
linie verläuft eben horizontal, während die Ebene der Kurve 
vertikal steht. 

C. Jordan hat (s. o.) sehr entschieden behauptet, dass 
sich Wasserscheide und Thalweg in nichts von anderen Kurven 
steilsten Abfalles unterschieden;^) ja es gäbe unter den letz- 

*) Der Hinweis Jordans auf anomale Verhältnisse der Wasser- 
scheide im Iserethale ist ohne Beweiskraft, denn jeder Geograph weiss, 
wenn er sich blos der von Philippson und Supan untersuchten 



26 Sitzung der math.-phys. Classe vom 1. Februar 1902. 

teren überhaupt keine mit einer sie vor den anderen auszeich- 
nenden Eigenschaft. Im vorliegenden Falle aber ist ein solches 
Individuum unzweifelhaft vorhanden. Boussinesq bedient sich 
in seiner Erwiderung eines ganz treffenden Bildes, indem er 
an den menschlichen Körpers erinnert. Die gewöhnlichen Ab- 
flusslinien seien den Venen, der Thalweg sei der Arterie ver- 
gleichbar. Gleichwohl, und obwohl er nach unserer Ansicht 
sich durchaus im Rechte befindet, hat sich Boussinesq zu- 
letzt in ein Kompromiss mit Jordan eingelassen, welches aber 
nach keiner Seite hin zu befriedigen imstande ist. 

Zu bedauern ist, dass kein Versuch gemacht ward, die 
allgemeinen Betrachtungen am speziellen Falle zu erläutern. 
Diese Lücke füllen wir dadurch aus, dass wir eine Fläche ein- 
fachster Natur in angriflF nehmen, nämlich die eines Kreis- 
zjlinders, dessen Achse schief zur X F- Ebene liegt. Dass 
alsdann der Thalweg eine Gerade sein muss, erhellt sofort. Die 
Achse CA (Fig. 2) des Zylinders soll der XZ- Ebene ange- 
hören und mit der X-Achse den Winkel a bilden, während 
r = CD = CE den Radius des Grundkreises bedeutet. Durch 
B, einen willkürlichen Punkt des Mantels mit den Koordinaten 
BF=z, FG = y, CG = x sei ein Schnitt senkrecht zur 
Achse gelegt, der den Zylinder im Kreise HJ mit dem Zen- 
trum Ä schneidet. Wird dann noch AB == r gezogen und 
BK senkrecht auf AL = AC sin a, so ergeben die beiden 
resp. in A und K rechtwinkligen Dreiecke BAC und BKA 
diese Beziehungen: 

r* + ÄC^ = BC^ = x^ + 1/ + ^^ = r''+ u\ 
r* = (o; — u cos a)* + y^ + (t* sin a — z)^. 

Die Hilfsgrösse u lässt sich leicht eliminieren, und es 
resultiert als die gesuchte Gleichung der Zylinderfläche, wenn 



Thalwasserncheiden erinnert, wie kompliziert und für die mathe- 
matische Erörterung unzugänglich die Gestaltung solcher Oertlichkeiten 
werden kann. Auf geometrische Singularitäten, die hier nicht berück- 
sichtigt werden dürfen, macht auch aufmerksam Breton de Champ 
(Note sur les lignes de faite et de thalweg, ebenda, 39. Band, S. 647 flf.). 



S, Günther: Hydrologisch-topographische Grundbegriffe, 



27 



wir nur das positive Wurzel Vorzeichen berücksichtigen, die 
folgende : 

j = (x sin a -\- Yr^ — y*). 



cos a 



Daraus ergibt sich, wenn wir auf die früheren Bezeich- 
nungen zurückgreifen, 

y Q __ y 



p = tang a, g = — 



cos 



aYr-^ — y-^' p 



sin 



a Yr"^ — y^ 




Fig. 2. 



Die Gleichungen der Isohypsen sind: 

^ = Konst.; x = X- Yr'^ — y^ + C. 



sm a 



Wie man sieht, ist dies, indem ein schiefer Zylinderschnitt 
vorliegt, die Gleichung einer Ellipse, da man sie in die Form 

x'^ sin' a — 2C:z; sin' a + y' = r' — C^ sin' a 



28 



Sitzimg tUr matK*pht/s, Ül(U»e mnt L Februar 190^, 



bringen kann. Sucht man naeh Boussinesq tlie Gleichung 
des Thalweges, so erhält man, da die Ableitung von f — j 
nach iT gleich Null ist» 



aa? 



P + 



^ = 



1 



J^U _ 



0. 



a i^ ^ sin a cos a (r* — y*)* 

Das kann nur eintreten, wenn y selbst Null wird, und 
dio beiden Gleichungen des Thalweges sind i/ = 0, £ ^^ Q, In 
der That lehrt ein Blick auf die Figur, dass diese Linie mit 
der X-Achse zusanimenfiillt. 

Um endlich auch noch den asjmptotisclien Verlauf der 
Horizontal [irojektionen der AbHusslinien — uml daniit dieser 
selber — nachzuweisen, gehen wir auf dieGleichung^ic?y- ^f^Jf = 
zurück. Wir finden durch Einsetzung 

dx sin a Yr* — y* , ^ CV^^ ~ .V* j . i n* 

'^— s== , a? = — sin a I *^— an 4^ C 

und, niit Anwendung der hier bequemen Hyperbelfunktiünen, 



X ^ 



sm 



a{Vr 



r3lrc(£o^ j + Ü"X 



Filr 1/^=0 wird der hyperbolische Arcus Cosinus, da iitf 
rler Unendlichkeit zustrebt, selbst unendlich gross, d. h. säint- 
licbe Kurven treffen die A"- Achse in ihrem unendlich ent- 
fernten Punkte, Hiemit ist also die Gesamtheit der topo- 
graphisch bedeutsamen Aufgahen, zu deren Stellung die Frage 
nach der Nntur des Thalweges Veranlassung gibt an einer 
Fläche erledigt, die allerdings besonders einfache Verlniltnisse 
gewährt, aber schon darum vorzuziehen ist, weil bei Flachen 
von nur etwas verwickelterer Gestalt die Sonderung der Va- 
riahehl und die Integration weit mehr Schwierigkeiten bereiten 
und auf völlig unübersichtliche Formeln fiihren. 

Nunmehr handelt es aich darum, die mathematisch er- 
zielten Ergebnisse in die Natur selbst zu übertragen, filso alle 
die Vereinfachungen fallen zu lasseui welche notwendig waren. 




S. Günther: Hydrologtsch-topographische Ghundbegtiffe. 29 

um von den Hilfsmitteln der Mathematik Nutzen ziehen zu 
können. Da gilt denn zuerst der Erfahrungssatz : ^) Was 
theoretisch als asymptotische Näherung erscheint, 
ist in der Natur gleichbedeutend mit der Thatsache, 
dass zwei konvergierende Wasseradern ihren Ver- 
einigungspunkt möglichst weit abwärts verlegen. 
Zwei Flüsse, die sich vereinigen, laufen der Regel nach unter 
sehr spitzem Winkel gegen einander, ja sogar längere Zeit 
annähernd parallel, ehe die Vermischung ihrer Gewässer statt- 
findet. Dafür, dass es sich so verhält, bedarf es offenbar keines 
Beweises mehr; vielmehr liegt die unmittelbare Konsequenz 
einer allgemein erhärteten Wahrheit vor. Der Thalweg ist 
mithin jetzt ein wirklicher Wassersammler, und weil er 
dies ist, so eröffnet sich uns zugleich die Möglichkeit, eine 
alte und noch nicht ausgetragene geographische Streitfrage in 
ein neues Licht zu stellen. 

Zuvörderst indessen soll noch vom Schnittwinkel des Thal- 
weges mit den ihm zugeteilten Abflusslinien die Rede sein. 
Die Betrachtung eines beliebigen Flusssystemes, zumal in seinem 
Oberlaufe, auf der Karte vergewissert über die Richtigkeit 
und das generelle Vorkommen der Konvergenz unter kleinem 
Winkel. Wissenschaftliche Ueberlegungen aber scheint daran 
als der erste Peschel geknüpft zu haben,*) dem es bei seinen 

') Vgl. hiezu CTÜnther, Handbuch der Geophysik, 2. Band, Stutt- 
gart 1899, S. 813. Boussinesq drückt den Gegensatz in der zweiten 
seiner oben genannten Abhandlungen mit folgenden Worten aus: „Le 
thalweg est une ligne, ä laquelle, sur tous les points de son parcours, 
Tiennent se reunir, en toute rigueur, ou de moins asymptotiquement, 
des lignes de plus grande pente qui en etaient d'abord ä des distances 
sensibles/ 

2) Peschel, Neue Probleme der vergleichenden Erdkunde, Leipzig 
1878, S. 141 ff.; Peschel - Leipoldt, Physische Erdkunde, 2. Band, 
Leipzig 1883, S. 472 ff. Die von Peschel geltend gemachte Ursache 
ist freilich nicht die wahre, und wenn er mit Reclus (LaTerre, 1. Band, 
Paris 1874, S. 443) hervorhebt, dass die Geschiebeführung den spitzen 
Winkel der Flussannäherung bedinge, so stellt er eine Behauptung auf, 
von der gemeiniglich sogar, wie wir bald erfahren werden, das Gegen- 
teil als zutreffend anerkannt werden muss. 



30 Sitzung der mathrphys. Classe vom 1. Februar 1902, 

vergleichenden Kartenstudien, die eben doch auch in diesem 
Falle sich als nicht wertlos dokumentieren, auffiel, wie in 
manchen Ländern der TreflFpunkt zusammengehöriger Flüsse 
weit hinausgeschoben wird. Ein besonders drastisches Beispiel 
bieten die Stromgebiete Nordamerikas zwischen AUeghanies 
und Atlantischem Ozean; ferner sind sehr geeignete Demon- 
strationsobjekte der Amazonenstrom und der Po. Man über- 
zeuge sich nur auf der Karte, wie Tanaro, Ticino, Adda, 
Parma, Oglio, Mincio, deren Lauf ursprünglich ein meridionaler 
ist, allmählich gegen den Thalweg des grossen oberitalienischen 
Bassins, gegen den Po, hin umbiegen, um sich förmlich seiner 
Laufrichtung anzupassen. Gerade für die lombardisch-vene- 
tianische Tiefebene trifft auch zu, was Wisotzki, dessen 
Monographie uns noch weiterhin beschäftigen wird, über solche 
seitliche Flüsse bemerkt,^) die den Hauptfluss nicht mehr selbst 
treffen. „Auch selbständig das Meer erreichende Flüsse sind 
als Nebenflüsse zu bezeichnen, sobald sie eine mit anderen 
Nebenflüssen des betreffenden Systemes gleichartige Lage be- 
sitzen." So sind Reno und Panaro auf der rechten, Brenta 
und Piave auf der linken Seite des Po als Nebenflüsse dieses 
letzteren anzusehen, und erst recht gilt ein Gleiches für die 
Etsch, deren unterste Laufstrecke dem Po vollkommen parallel 
gerichtet ist. In Hochwasserzeiten, wenn die Wasserläufe über 
ihre nur schwach profilierten Betten übergreifen, bilden diese 
zusammengehörigen und da und dort ohnehin durch Altwasser 
und Kanäle Verbindung unterhaltenden Flüsse nur eine einzige, 
zusammenhängende Wasserfläche, so wie dies auch Nissen*) 
weiter oberhalb für die von Tanaro und Po gebildete Halb- 
insel bezeugt. Oberitalien ist überhaupt das klassische Land 
für die Erkenntnis hydrographischer Thatsachen, wie denn 
auch die wissenschaftliche Wasserbaukunde daselbst ihren natür- 
lichen Ursprung hatte. So wäre insbesondere auch auf den 
Lago d'Orta zu verweisen, den einzigen unter den südalpinen 



^) Wisotzki, Hauptfluss und Nebenfluss; Versuch einer begriff- 
lichen Nachbildung derselben, Stettin 1889, S. 13G. 

*) Nissen, Italische Landeskunde, I.Band. Berlin 1883, S. 180, 



S. Günther: Hydrologisch-topographische Grundbegriffe. 



31 



Binnenseen, der sich gegen Norden entwässert.*) Sein Abfluss 
geht der selbst von Norden kommenden Toce direkt entgegen 
und erfahrt erst kurz vor der Vereinigung mit ihr eine Ab- 
lenkung nach Osten, so dass er sie in der mehrerwähnten 
Weise triflFt und kurz vor der Mündung in den Langen-See 
verstärkt. In Fig. 3 kann man diesen abnormen entgegen- 
gesetzten Parallelismus eines Hauptflusses und des ihm zu- 
strebenden Nebenflusses konstatieren. 
Mit der Sedimentablagerung, deren 
Wirkung? esc hei als Ursache im Auge 
hatte, steht die Abwärtsverlegung des 
Einnoündungspunktes nicht in kausalem 
Zusammenhange, wenngleich dieselbe 
hie und da eingreifen mag.*) Dieses 
Moment fällt sogar gemeiniglich im 
entgegengesetzten Sinne in die Wag- 
schale. Wenn manchmal der that- 
sächlicheBefund hinsichtlich des 
Einmündens eines Flusslaufes in 
den Thalweg ein ganz anderer 

ist, als nach der topographischen Regel erwartet 
werden sollte, so ist daran in erster Linie schuld, 
dass die Einmündungsstelle durch die Anhäufung von 




Fig. 8. 



M De Agoatini, II Lago d'Orta, Turin 1895. 

^) Auf eine anderweite Möglichkeit, die jedoch wohl nicht allzu 
häufig zu konstatieren sein wird, weist Henkel hin (üeber das Um- 
biegen von Nebenflüssen in der Nähe der Mündung, Peterraanns 
Geograph. Mitteil., 35. Band, S. 176 fF.). Es ereignet sich nämlich, dass 
der Nebenfluss ein Rinnsal benützt, welches in geologischer oder prä- 
historischer Vorzeit von dem Hauptstrome eingenommen war, der dann 
aus irgend einem Grunde einer Laufönderung unterlag. So verhält es 
sich bei der Vereinigung der Ohre mit der Elbe in der Nähe Magde- 
burgs; ersteres Flüsschen strömt jetzt in einem Bette dahin, das einen 
alten Elbearm darstellt, und dass dieser sich dem Hauptarme unter sehr 
spitzem Winkel nähern musste, ist an und für sich einleuchtend, da ja 
alle Strominseln von grösserer Ausdehnung eine längliche Gestalt be- 
sitzen oder doch ursprünglich besassen. 



32 Sitzung der mathrphys. Classe vom 1. Februar 1902. 

Sinkstoffen stromaufwärts gedrängt wird. Es wird dies 
besonders dann eintreten, wenn die Flussmündung den Charakter 
eines Deltas an sich trägt, und wenn der sich in den grösseren 
ergiessende kleinere Fluss reich an mitgeführten Feststoffen ist, 
während der erstere, wie hier der regulierte Rhein, sich dieses 
Ballastes zum grossen Teile bereits früher entledigt hat. So hat 
Naeher^) für den Einlauf des Neckars in den Rhein eine 
durch Geschiebeaufschüttung bedingte Verlegung dieser Oert- 
lichkeit dargethan und für den Einlauf des Mains wenigstens 
wahrscheinlich gemacht. Das Neckardelta bei Mannheim hat 
sich noch in historischer Zeit beträchtlich vergrössert und die 
Gewässer des Flusses südlich abgedrängt. Natürlich kommt, 
da auf der konkaven Uferseite Sedimentation, auf der konvexen 
dagegen Erosion stattfindet, sehr viel darauf an, welche dieser 
Seiten in betracht fällt, und es ist nicht möglich, eine 
allgemeine Norm aufzustellen. Soviel aber darf unter allen 
Umständen als gesichert gelten, dass, wenn das durch das 
geometrische Verhalten der Abflusslinien gegebene Naturgesetz 
irgendwo eine Trübung oder totale Verwischung erfährt, in 
der Geschiebe- und Schlammführung des jener Abflusslinie 
folgenden Wasserlaufes die Hauptursache der anscheinenden 
Anomalie zu suchen ist. 

Nachdem diese bisher viel zu wenig beachtete geographi- 
sche Frage ihre Erledigung gefunden hat, wenden wir uns 
einer zweiten, mit ihr verwandten zu. Ohne Bedenken ver- 
wendet man zumeist die schon aus dem ersten Unterrichte 
geläufigen Begriffe Hauptfluss und Nebenfluss, ohne viel 
danach zu fragen, ob dieselben auch eine Formulierung zu- 
lassen, welche hinlänglich allgemein wäre, um dann, wenn 
irgend ein besonderer' Fall der Klärung bedarf, diese herbei- 
führen zu können. Die uns bereits (s. o.) bekannte Schrift 
von Wisotzki leistet in dieser Hinsicht Alles, was mit den 
gewöhnlichen, rein geographischen Mitteln geschehen konnte, 



^) Naeher, Ueber den Kulturzustand des oberen Rheinthaies zur 
Rönierzeit. Zeitschr. f. wissenschaftl. Geogr., 2. Jahrgang?, S. 170. 



S, Günther: Hydrologisch-topographische Grundbegriffe, 33 

und muss sich ebendeshalb mit einem Resultate bescheiden, 
welches nicht als ein vollkommen befriedigendes erscheinen 
kann, weil danach die Feststellung, ob ein gegebener Fluss 
der einen oder anderen Kategorie zuzuordnen sei, von einer 
ganzen Anzahl von Faktoren abhängen soll. Wisotzki durch- 
mustert eine sehr stattliche Litteratur, welche bereits bei den 
Schriftstellern des XVIII. Jahrhunderts beginnt. Es zeigt sich, 
dass unter den Methodikern eine gewisse Verwirrung einge- 
rissen ist, weil dieselben teilweise dem rein zufälligen Umstand 
der einmal bestehenden Nomenklatur zu viel Rechnung ge- 
tragen haben. Es ist ja freilich nicht daran zu denken, dass man 
einer in die Denkweise der ganzen gebildeten Welt aufgenom- 
menen Namengebung entgegentreten könnte; Roskoschny 
betont dies ^) mit Recht anlässlich der von russischen Forschern 
vertretenen Meinung, dass eigentlich die Oka und Wolga ihre 
Kollen als Neben- und Hauptfluss zu tauschen hätten. Allein 
diese Rücksicht auf das Herkommen, welches sich ohnehin 
nicht mehr verändern Hesse, darf doch nicht verhindern, der 
prinzipiellen Seite des Problemes gerecht zu werden, was denn 
auch Wisotzki mit allem Ernste anstrebt. Allein seine all- 
seitig ausgreifende Untersuchung wird zwar, soweit es sich 
um die Bekämpfung unstichhaltiger Kriterien handelt, als 
mustergiltig anerkannt werden müssen, nicht aber ebenso be- 
züglich der von ihm am Schlüsse aufgestellten These:*) „Als 
charakteristisches, unterscheidendes Merkmal erweist sich allein 
die Lage, in ihrer vertikalen wie horizontalen Erscheinung, 
unter steter Berücksichtigung der Gesamtverhältnisse des be- 
treflPenden Gebietes." Dieses Merkmal ist, so wenig auch sach- 
lich gegen die Einzelheiten des Satzes einzuwenden sein mag, 
denn doch ein viel zu unbestimmtes.^) Wir halten dafür. 



*) Roskoschny, Die Wolga und ihre Zuflüsse; Geschichte, Ethno- 
graphie, Hydro- und Orographie, Leipzig 1887, S. 268. 
2) Wisotzki, a.a.O., S. 136. 

^) Auch die Bezeichnung Quell flüsse leidet unter dieser Un- 
bestimmtheit. So ist ohne allen Zweifel der Hinterrhein ein Nebenfluss 
des strenge den Thalweg einhaltenden Vorderrheins, und die Eigenschaft, 
1902. Sitzungsb. d. matb.-phys. Cl. 3 



34 Sitzung der mathrphys. Classe vom 1, Februar 1902, 

dass unsere geometrischen Ergebnisse eine viel bestimmtere, ja 
sogar eine ganz eindeutige Fassung gestatten; hat nämlich, 
wie wir mit Boussinesq gegen Jordan es vertraten, der 
Thalweg wirklich eine ihn vor allen Abflusslinien auszeich- 
nende Eigenart, so dürfen wir behaupten: 

Der Thalweg eines Stromgebietes ist immer mit 
dem Hauptstrome desselben identisch, und die übrigen 
Abflusslinien bezeichnen die Bahnen der Nebenflüsse. 

Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass auch die Zu- 
und Beiflüsse, überhaupt alle Wasserläufe, die irgendwie 
einem grösseren Strome tributär sind, in dieser Definition mit 
einbegriflfen werden können. Der Nebenfluss hat eben sein 
besonderes Untersystem, für welches er selbst den Thalweg 
abgibt, und in gleicher Weise zerfällt auch dieses sekundäre 
Gebiet wieder in Teilgebiete. 

Allein so klar das Wort Thalweg unseren Ermittelungen 
zufolge ist, wenn eine geometrische Hohlfläche vorliegt, so 
wenig scheint dasselbe Wort sich bestimmt fassen lassen zu 
wollen, sobald man zu den Stromgebieten der Erdoberfläche 
übergeht, die ja selbst wieder einen ganz ungeregelten Wechsel 
von Erhöhungen und Vertiefungen wahrnehmen lassen. Sowie 
wir jedoch die Eigenschaft des Thalweges zur Richtschnur 
nehmen, dass seine Horizontalprojektion eine gerade 
Linie ist, schwindet jene Schwierigkeit, und wir sehen uns 
so ganz von selbst zu einer zumeist allen Zweifel ausschliessen- 
den Definition geführt: 

Als Hauptstrom oder Thalweg ist beim Zusam- 
mentreffen zweier Flussrinnen diejenige anzusprechen, 
welche am wenigsten von einer geraden Linie ab- 
weicht und insbesondere auch an der Vereinigungs- 



der eigentliche Rhein zu sein, kann dem sogenannten Vorden-hein auch 
dadurch nicht genommen werden, dass, wie auch Rein (a. a. 0.) be- 
merkt, der Hinterrhein, vermöge seines grösseren Gefälles, die Gewässer 
des ersteren bei der Konfluenzstelle in Reichenau ganz und gar bei Seite 
drängt und so den Eindruck erweckt, als stelle er das namhaftere Kon- 
tingent zum Gesamtstrome. 



S. Günther: Hydrologisch-topographische Grundbegriffe, 35 

stelle die geringste Ablenkung von ihrer bisher ein- 
gehaltenen Richtung erleidet. 

Hiezu eine bestimmte Stellung zu nehmen, ist in der Regel 
durchaus nicht schwierig, indem weiter nichts als eine gute 
Karte erfordert wird. Die bisherige Lauf länge, deren genaue 
Feststellung zu den schwierigsten Pflichten der Kartenkunde 
gehört, tritt gegen das Moment einer möglichst wenig ge- 
störten Geradlinigkeit ganz in den Hintergrund, und nicht 
anders verhält es sich mit der WasserfQlle, die auch nicht zu 
den leicht zu ermittelnden Grössen gehört. Wollte man auf 
alle diese Dinge als auf massgebende Elemente bedacht nehmen, 
so würde die Entscheidung darüber, ob ein Fluss den Haupt- 
oder Nebenflüssen zuzuzählen sei, eine sehr verwickelte und 
in unzählig vielen Fällen, wenn z. B. ferne und wenig erforschte 
Länder in betracht kommen, so gut wie unlösbare Aufgabe 
werden. An der Hand unseres obigen Kriteriums ist hingegen 
diese Entscheidung unverhältnismässig leichter zu treflFen. Auf- 
fallen kann es nicht, dass auch früher schon gelegentlich dieser 
Punkt mehr oder weniger scharf betont worden ist, doch ver- 
zichten wir auf die Häufung von Belegen, da doch zumeist der 
Standpunkt, von dem aus man die Sache ansah, ein anderer war. 
Wohl aber sei an zwei weitbekannten und viel erörterten 
Beispielen erläutert, dass die Uebertragung des von hause aus 
rein geometrischen Begriffes des Thalweges den Sachverhalt 
zutreffend darstellt. Schon alt ist die Alternative: Soll von 
Passau ab Donau oder Inn die Berechtigung erhalten, als 
Hauptfluss respektiert zu werden? C. Grub er gedenkt^) ein- 
lässlich früherer Meinungsäusserungen über diese strittige Frage 
der bayerischen Hydrographie. Gegen Ende des XVUI. Jahr- 
hunderts erschienen zwei Reisebeschreibungen,*) deren eine 



*) C. Grub er, Die landeskundliche Erforschung Altbayerns im 
XVI., XVII. und XVI II. Jahrhundert, Stuttgart 1894, S. 56 ff. 

*) Gercken, Reise durch Schwaben und Bayern, I.Teil, Stendal 
1783. S. 57 ; Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen 
Bruder zu Paris, 1. Band, Zürich 1785, S. 171. Erstgenannter tritt für 
den Inn ein; der Anonymus ist der Verteidiger des Vorranges der Donau. 

3* 



36 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 1. Februar 1902, 

ebenso entschieden für das Recht des Inns eintrat, wie sich 
die andere zu gunsten der Donau erklärte. Sehr eingehend, 
und unter Anrechnung aller der Momente, die sich in das Ge- 
fecht führen lassen, hat neuerdings Penck*) der herkömm- 
lichen Anschauung ihre Begründung gegeben, indem er nament- 
lich auch darauf Gewicht legte, dass das Entwässerungsgebiet 
der oberen Donau, wenn wir diese bei ihrem Eintritte in öster- 
reichisches Gebiet enden lassen, an Arealgrösse dasjenige des 
Inns nicht unbeträchtlich übertrifft. An Wassermenge sind 
die beiden Flüsse fast gleich, doch wiegt auch da die Donau 
ein wenig vor. Jedenfalls behält letztere ihre Richtung, der 
Hauptsache nach, wiewohl sie in Oberösterreich viele und 
starke Krümmungen macht, ungleich entschiedener als der 
Inn bei, der — kurz vor Passau allerdings in dem bekannten 
spitzen Winkel scharf umbiegend — eine fast rechtwinklige 
Knickung erleidet. Zum zweiten mögen Mississippi und 
Missouri unserem Merkmale unterstellt werden. Hier kann 
es nun gar keinem Zweifel unterliegen, dass dem ersteren, 
dessen Quelle hart an der kanadischen Grenze zu suchen ist, 
bis zum Zusammenflusse bei St. Louis eine weit geringere 
Lauflänge eignet als dem Missouri zwischen den Black Hills 
und jener Stadt; ebenso führt dieser letztere, durch den Yellow- 
stone River und andere Seitenflüsse verstärkt, mehr Wasser 
mit sich. Trotzdem hat die Volksstimme ganz recht gethan, 
den Mississippi zum Hauptstrome zu erheben, dessen Lauf bis 
zur Vereinigung und auch nachher strenge die meridionale 
Richtung einhält, wogegen den Missouri das Schicksal des 
Inns in noch erhöhtem Masse betrifft. So beurteilt den Sach- 
verhalt auch Wisotzki, der nebenher auch noch mit der 
Thatsache rechnet, dass die beiden geneigten Flächen, welche 
von den Appalachon auf der einen Seite, von den Felsen- 
gebirgen auf der anderen Seite ausgehen, sich im Mississippi- 
thale begegnen.^) Damit ist der Fluss selbst eben wieder 
recht ausgesprochen als ein Thal weg charakterisiert. 

1) Penok, Die Donau. Wiou 1891, S. 12 ff. 

2) Wisotzki, S. 110 ff. 



S, Güntlher: Hydrologisch-topographische Grundhegriffe, ^^7 

Ein drastischer Fall von Nichtübereinstimmung zwischen 
unserer Begriflsfestsetzung und der landläufigen Geographie 
tritt uns entgegen, wenn wir unser Augenmerk auf Rhone 
und Saone lenken. Mit Bezug auf diese beiden Flüsse sucht 
E. Reclus^) die Schwierigkeit einer bündigen Regel klar zu 
machen; wäre, so meint er, die relative Geradlinigkeit ent- 
scheidend, so wäre ebenso der Rhone ein Nebenfluss der Saone, 
wie die Seine ein Nebenfluss der Yonne. Hätte man vor Zeiten 
die Yonne als Hauptfluss anerkannt, so würde auch in der 
That Jedermann damit zufrieden gewesen sein. Allein der 
Sieg der an sich minder richtigen Namenzuteilung ist einmal 
in diesem, wie auch in dem Falle Rhöne-Saone entschieden. 
Dass übrigens auch erst in jüngerer historischer Zeit Ver- 
änderungen in der Bezeichnung von Flussstrecken sich ergeben, 
zeigt uns die Salzach in ihrem obersten Laufe.^) Hier hat sich 
ganz von selbst im Verlaufe weniger Jahrzehnte die — im 
Sinne der vorstehenden Darlegungen — richtigere Auffassung 
zur Geltung gebracht, und man betrachtet jetzt als oberste 
Salzach denjenigen der beiden sich nahe bei Kriniml ver- 
einigenden Flussäste, welcher annähernd geradlinig dahinzieht, 
mag auch sein Wasserreichtum der zweifellos geringere sein. 
Diese Studie hat ausgesprochenermassen nicht den Zweck, 
eine neue Inangriflfriahme strittiger Fragen, eine Revision des 
onomatologischen Besitzstandes der Geographie in Anregung 



») E. Reclus, La Terra, 1. Band, Paris 1874, S. 341. Wer hin- 
wiederum die Lauflänge zum alleinigen Massstabe erheben wollte, der 
müsste sowohl Saone als auch Rhone als Tributäre des Doubs erklären, 
dessen sonderbare Krümmung ihm eine sehr ansehnliche Erstreckung 
verleiht. 

2) Vgl. Schjerning, Der Pinzgau; Physikalisches Bild eines Alpen- 
gaues, Stuttgart 1897, S. 69. ^Fast alle Reiseberichte aus dem vorigen 
Jahrhundert lassen die Salzach am Krimmler Tauern entspringen." Der 
Autor ist geneigt, sich auf den gleichen Boden zu stellen, während doch 
die von ihm als oberster Salzachlauf angesprochene Krimmler Ache 
ganz offenkundig aus einem Seitenthale kommt. Ein Beleg mehr dafür, 
wie notwendig eine erneute Prüfung dessen war, was man unter Thal- 
weg und Hauptthal zu verstehen habe. 



38 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 1. Februar 1902, 

bringen zu wollen. Sie ging vielmehr lediglich darauf aus, 
darzuthun, dass die zutreffende Fixierung gewisser Begriffe, 
bezüglich deren sich ein Gebrauchsrecht herausgebildet hat, 
schliesslich doch nur durch eine theoretische Behandlung, bei 
welcher möglichst die geometrische Gesetzmässigkeit zur Norm 
genommen wird, in einwurfsfreier Weise erzielt werden kann. 
Hier also kam es darauf an, für die schwankende Bedeutung 
des Wortes Thalweg eine ganz sichere Grundlage zu ge- 
winnen und im Anschlüsse daran auch die Beziehungen 
zwischen Haupt- und Nebenfluss derart festzulegen, dass 
für dieselben nicht mehr eine Vielzahl sich häufig wider- 
sprechender Faktoren, sondern nur ein einziges Kriterium 
massgebend sein soll. Nebstdem erwies es sich als möglich, 
für das hydrographische Gesetz der Konvergenz zweier 
Wasserläufe eine ausschliesslich von topologischen Gesichts- 
punkten ausgehende Begründung zu erhalten. 



39 



Ueber 

ein Verfahren der elektrischen Fernphotographie. 

(Vorläufige Mitteilung.) 
Von Arthnr Korn. 

{Sinfftlaufm 1. FOfmar.) 

Bei Gelegenheit von Untersuchungen über Strahlungen, 
welche von den Elektroden einer zu Drucken von 0,2 bis 2 mm 
evakuierten Röhre ausgehen, wenn man den Elektroden Hertz'- 
sche Schwingungen zuführt, legte mir die Beobachtung der 
Empfindlichkeit,^) mit der diese Strahlungen auf kleine Ver- 
änderungen in der Zuleitung reagieren, den Gedanken nahe, 
diese photographisch ausserordentlich wirksamen Strahlungen 
zu einer Methode der elektrischen Fernphotographie zu benützen. 
Bei allen solchen Methoden handelt es sich darum, im 
Geber Lichtintensitäten in Stromintensitäten und im Empfänger 
umgekehrt Strom intensitäten in Lichtintensitäten umzusetzen 
(oder in Strahlungen, welche photographisch wirksam sind). 
Das Princip des Gebers beruht, wie bei allen in ähnlicher 
Richtung bereits gemachten Versuchen,*) auf der Eigenschaft 
des Selens, durch Belichtung seinen ausserordentlich grossen 
elektrischen Widerstand teilweise zu verlieren; das Grund- 
princip des von mir konstruierten Empfängers beruht auf 
folgender Erscheinung: 



'^) Annalen der Physik (4) 5 S. 136 , Ueber die helle J-Fläche Jau- 
manns. 

2) Eine gute historische üebersicht über solche Versuche findet 
man in den Schriften von Liesegang (Ed. Liesegangs Verlag, Düsseldorf). 



40 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 1. Februar 1902, 

Schaltet man in die Leitung von einem Teslapole zu einer 
Elektrode einer zu 0,2 bis 2 mm Druck evakuierten Röhre 
(deren zweite Elektrode zur Erde abgeleitet ist) eine Funken- 
strecke ein, so kann man durch Aenderung dieser Funken- 
strecke die Intensität der in der Röhre auftretenden Strahlungen 
regulieren. Bei zu tiefem Druck in der Röhre gehen die 
Hertz'schen Schwingungen nicht mehr durch die Röhre (wenn 
man die excitierenden Funken des Teslaapparates nicht sehr 
gross macht), und bei zu hohen Drucken sind die Strahlungen 
zu schwach, so dass für die hier angestrebten Verwendungen 
ein Druck von 0,2 bis 2 mm am geeignetsten ist. 

Um nun die Funkenstrecke durch die vom Geber kom- 
menden elektrischen Ströme zu regulieren, wird ein astatisches 
Multiplikator-Galvanometer benützt; der Coconfaden, an dem 
das astatische Nadelpaar hängt, wird verkürzt und in dem- 
selben ein kleines Kautschukstäbchen eingeschaltet, das in der 
Mitte eine zu dem Stäbchen senkrechte Messingnadel mit um- 
gebogener Spitze trägt; der Spitze gegenüber wird eine feste 
Nadel aufgestellt, die bewegliche Nadel wird mit dem Teslapole, 
die feste mit der Elektrode der Röhre verbunden. Je nach der 
Intensität des vom Geber kommenden und durch den Multipli- 
kator gehenden Stromes wird die Funkenstrecke zwischen der 
festen und der beweglichen Nadel kleiner oder grösser und ent- 
sprechend die Strahlung in der Röhre mehr oder weniger intensiv. 

Wenn man im Geber zwischen einer Lichtquelle und einer 
Selenzelle eine photographische Platte (oder Film) zeilenweise 
vorbeizieht, so wird ein durch die Zelle und den Multiplikator 
im Empfänger geleiteter Strom je nach den helleren und 
dunkleren Stellen des Bildes abwechselnd grösser und kleiner 
werden und in der Röhre des Empfängers abwechselnd mehr 
oder weniger intensive Strahlungen erzeugen. Wenn man die 
Röhre mit Staniol und schwarzem Papier überklebt und nur 
ein kleines Fenster freilässt, können auf photographischem 
Papier, das an dem Fenster ähnlich wie eine Phonographen- 
walze an der Membran vorbeiläuft, jene Strahlungen das Bild 
des Gebei*s reproducieren. 



A. Korn: Ein Verfahren der elektrischen Fernphotographie. i 1 

Eine eingehende Beschreibung eines nach diesen Principien 
konstruierten Apparates werde ich demnächst an anderer Stelle 
geben, es sei hier nur ein Punkt noch besonders hervorgehoben: 
Zur Erzeugung der Strahlungen in der evakuierten Röhre 
können nicht etwa Schwingungen gebraucht werden, welche 
direkt z. B. von den Funken einer Influenzmaschine erzeugt 
werden, weil in diesem Falle die bewegliche Nadel, durch 
welche die Leitung zur Röhre geht, grösseren elektrostati- 
schen Wirkungen ausgesetzt wäre und die von ihr verlangte 
Funktion nicht erfüllen könnte; aus diesem Grunde sind grade 
zur Erzeugung der Strahlungen die Hertz'schen Schwingungen 
gewählt, wie sie durch die sog. Teslaströme geliefert werden. 



43 



Das Problem der conformen Abbildung für eine 
specielle Kurve von der Ordnung 3n. 

Von Newel Perrj. 

{Singelaufen 1. Februar.) 

§ 1- 

Die Gleichung einer circularen Kurve dritter Ordnung in 
der Ebene ^ = w -f- i t; ist: 

tt,{at+ a,t, ^ß)J^y{^-Yy,n^dt+d,t,+E = {), (1) 
wobei /j = M — iv gesetzt ist. 

Macht man die Transformation 

t = (p {i3\ wo 
cp {z) = z-^^, ^-1 + . . . +^,,, (2) 

so erhält man in der Ebene z=^x -\- iy^ z^=x — iy eine 
,w-fach circulare* Kurve von der Ordnung 3w, nemlich: 

r W • <Pi i^i) • [« (P (^) + «1 9^1 (^i) + ßli + y'<P^ (^) 

+ y^ <pl i^i) + d<p(z) + d, <p, (^,) + 6 = 0. (3) 

Im Anschlüsse an eine von Herrn Lindemann gegebene 
Methode,*) nach der Herr Göttler die Kurve (1) behandelt 
hat,*) habe ich in meiner Inaugural-Dissertation^) die Kurve (3) 

*) Sitzungsberichte der k. bayer. Akademie d. Wiss. 1895 und 1896 ; 
SchrifteD der physikalisch-ökonomischen Gesellschaft zu Königsberg i. Pr., 
Bd. 32, 1894. 

2) Sitzungsberichte der k. bayer. Akademie d. Wiss. 1900. 

') Das Problem der conformen Abbildung für eine specielle Kurve 
von der Ordnung 3 n. München 1901, 



41 Sitzung der math,-phys, Classc vom 1. Februar 1002. 

nälier untersucht und gezeigt, dass das Problem der conformen 
Abbildung für ein von einer derartigen Kurve begrenztes Flächen- 
stück immer mit Hilfe einer integrierbaren Differentialgleich- 
ung zweiter Ordnung gelöst werden kann, wenn bei Beibe- 
haltung der früheren Bezeichnungsweise 

2 + 2i:;^/ + S(A, — 2)-2s + i:(a,-l) 
•=1 1=1 1=1 

(4) 

+ £ ^V ~ - a + ^ = ist.^) 
1=1 ^ 

Hierin sind die Constanten x,-, A,-, a,-, ^,-, 5, a, ti durch 
folgende Festsetzungen erklärt. 

Wenn die vier Brennpunkte der Kurve (1) ^ = a^, t = a^, 
^ = ag, ^ = a^ von einander verschieden sind, so sei 

li {2) = [99 {£) — a J \cp {z) — aj [99 {z) — a^~\ [<p {£) — «,] 

=^'n{^-lh^'\ wo /'<4n, Ski=in. 

1=1 

Hat jene Kurve aber einen Doppelpunkt, so sei a^ = a^^= a\ 
und es wird: 



It {^ = 77 (^ - A,/'-. n{z - ^,)'% 
1=1 1=1 

Avobei 

/^ _<n; n''<2w; 2'>i,= 2w; 2!Ti = n. 

Es ist w' = w, wenn alle t, gleich 1 sind, ebenso n' =■ 2 w, 
wenn alle ^, gleich 1 sind. Die Constanten Xi sind durch die 
Gleichung 

V 

(p' {^) = 77 (^ — qtT*, wo V <n — 1, üx, = n — 1 

1=1 

definirt, welche die Brennpunkte der Kurve 3 n^^ Ordnung (3) 
bestimmt. 

^) luaug.-Diss. Gleichung (22) pag. 23. 



N, Terry: Specielle Kurve von der Ordnung 3n. 45 

Die Zahl a gibt an, durch wie viele Windungspunkte 
der /-Ebene (entstanden durch die Beziehung t = q?{^)) die 
Kurve (1) hindurchgeht (a = 0, 1, 2, . . . oder n — 1), während 
T solche Windungspunkte noch in den Brennpunkten a^, a^, 
Oj, a^ liegen können. Die Kurve (3) hat dann o Doppel- 
punkte, T andere zweifache Brennpunkte und in — 2t ein- 
fache Brennpunkte. 

Hat aber die Kurve (1) einen Doppelpunkt, so hat die 
Kurve (3) o -\- n Doppelpunkte, t andere zweifache Brenn- 
punkte und 2 w — 2 t einfache Brennpunkte. 

Liegt der Doppelpunkt von (1) in einem Windungspunkte, 
so hat die Kurve (3) n -\- o — 2 Doppelpunkte, und an einer 
andern Stelle noch zwei zusammenfallende Doppelpunkte. 

Die Zahlen a,-, ßi und n beziehen sich auf die Winkel, 
welche in den Verzweigungspunkten bei der Abbildung auf 
die Halbebene zu berücksichtigen sind. 

Ist die Bedingung (4) nicht erfüllt, so führt folgender Weg 
zum Ziel. 

Die Gleichung (3) ergab durch DiflPerentiation 

99' (^) • / __ (p'i (^,) • ^i 



Hiebei ist: 

B(z) = d* <p*{0) + <p^ (;^) ■[2aß — ia, y'] 

-\-<pi;,)-[2ßd,-'ia,e-iy,d] 
-{-(dl+iy,e). 

Setzt man 

ds q) {£) s 

so ist nach Gleichung (5) 

s = — s[. 
Man erhält leicht: 



(JA 



46 Sitzung der math.-phys. Classe vom 1. Februar 1902. 

Setzt man noch: 

{^1 ^} = J^ [log «'] — i ^ log 5'J , 

so ist {s, Z} die bekannte Schwarz'sche Funktion, die bei 

der Abbildung eines Kreisbogenpolygons auftritt. 

{s, Z} ist also eine Funktion, welche für reelle Werte von 

Z reell ist, solange ^ einen Punkt der Kurve (3) bezeichnet. 

d , d} , 

Berechnet man ^-y [log s] und -^^^ [log 5 ], so ergibt 

sich leicht: 






1 Kz'% + 8 ^ /» . 1 ^ . A 



(C) 



Hiebei ist 9? ^n — 3^ä~ u. s. w.; ^ ^^ ^"73' d'igpgen 

Ji ZF^ ^ -^- U. S. W. 

§ 2. 

Die Pole der Funktion {s, Z) sind offenbar die Null- 
punkte der Funktionen 99 und i?, d. h. die früher mit j^ = q^^ 
z = A,- und ^ = //, bezeichneten Punkte, welche im Innern oder 
am Rande des betrachteten Flächenstückes liegen. 

d / . . . 

Die Funktion -,z [log 5 ] ist identisch mit der in der In- 
d Z 

augural-Dissertation in Gleichung (IIa) und (IIb) definierten 
Funktionen F{z/Z\ Dort sind im zweiten Kapitel die Pole 
von F{^^Z) in den Abschnitten I bis VIII untersucht, und 
es ist die analytische Darstellung von F (r, Z) in der Nähe 
der Pole bereits gegeben. 

Es hat sich gezeigt, dass F{z,Z) nur Pole erster Ord- 
nung besitzt und als Funktion von Z in der Nähe eines jeden 
^ Poles Z = K somit die Darstellung hat 

-^'^[log.'] = ~-^ + Ä, + *,(Z-^ + ... (7) 



N. Perry: Specielle Kurve von der Ordnung 3n. 47 

Hieraus folgt: 

^|i [log s] = ^^Z\y + *. + ^hiZ-^ + • • • 

und: 

+ 2(i.*,+Jt,).(Z- £) + .... 

folglich: 

{s,Z} = --|(Ä + 2)-(-^^^^ + ^^ + ^(^-^). (8) 

Hiebei ist yfc' = — fcÄ:^. Ist also das Residuum in irgend 
einem Pol der Funktion -^ [log s~\ bekannt, so ist auch das 

zweite Residuum der Funktion {5, Z} in diesem Pole gegeben, 
dagegen ist das erste Residuum dieser letzteren Funktion eine 
unbestimmte Constante Ic , 

I. Liegt ein Punkt z = g,-, welcher nicht mit einem Punkt 
Oi oder ä,- zusammenfällt, im Innern des betrachteten Flächen- 
stückes und ist die komplexe Zahl Z = Ai sein Bild, so haben 
wir (nach Inaug.-Diss. 13 b) die Darstellung 

,^[log.'] = ^^-^^+^(i^-^), 

folglich ist nach Gleichung (8) 

{., Z} = -^ (... + 2) . ^-^4^^-, + -/-tj^ + ^ (Z-^.). (9) 

n. Liegt ein Punkt z = ä, im Innern des Flächenstückes 
und ist die komplexe Zahl Z = Bi dessen Bild, so ist (nach 
Inaug.-Diss. 14 b) 

ÄDog.'] = 'v'z-i-^, + ^(^-^.)' 

folglich nach Gleichung (8) 



48 Sitzung der math,-phys, Classe vom 1, Februar 1902, 

III. Liegt ein Punkt ^ ==^ Qi im Innern des Flächenstückes 
und ist die komplexe Zahl Z= Ci dessen Bild, so ist in der 
Nähe dieser Stelle (Inaug.-Diss. 15 b) 

folglich nach Gleichung (8) 

{s,Z\ =^.--]-^^^^+ ^-^^- + ^(Z-C.). (11) 

IV. Liegt ein Punkt z = g,-, welcher nicht mit einem Ä,- 
oder f/i zusammenfällt, am Rande des Flächenstückes und ist 
die reelle Zahl Z = D^ sein Bild, so ist (Inaug.-Diss. 16 c) 

folglich nach Gleichung (8) 

V. Liegt ^ = hi am Rande des Flächenstückes und ist 
Z=E, dessen Bild, so ist (Inaug.-Diss. 17 c) 

und mithin nach Gleichung (8) 

VI. Liegt z =gi am Rande des Flächenstückes mit dem 
Bildpunkte Z = Fi, so ist (Inaug.-Diss. 18b) 

mithin nach Gleichung (8) 



N. Perry: Specielle Kurve von der Ordnung 3n. 49 

VII. Liegt der Punkt ^ = oo im Innern des Flächenstückes 
und ist Z= G das Bild dieses Punktes, so ist (Inaug.-Diss. 19b) 

Gleichung (8) ergibt hieraus: 

VIII. Liegt der Punkt ^ = oo v-mal am Rande des 
Flächenstückes und sind die entsprechenden Bildpunkte Z=^ Gi, 
so ist (Inaug.-Diss. 20 b) 

mithin nach Gleichung (8) 

Das abzubildende Flächenstück habe die folgenden Eigen- 
schaften (vgl. Inaug.-Diss. pag. 19): 

1. Die m Punkte j^ = qi, i == 1, 2 . . . . tw, welche nicht mit 
einem A,- oder ^, zusammenfallen, liegen im Innern des Flächen- 
stückes; das Bild des Punktes qt sei die komplexe Zahl Z = A,-, 

2. Die r Punkte 12 = hi^ i = 1, 2 . . . . r liegen im Innern ; 
das Bild des Punktes z = hi sei die komplexe Zahl Z = B^. 

3. Die s Punkte ^ -= gt, i = 1, 2 .... 5 liegen im Innern; 
das Bild des Punktes ^ = r/,- sei die komplexe Zahl Z = 6V 

4. Die /Ä Punkte js = qi, i = 1, 2 . . . . // liegen am Rande 

des Flächenstückes; der Winkel an der Ecke = (7, sei — -r-r, 

Xi-r 1 

wo Qi eine der Zahlen 1, 2, 3 .... 2 • (x,- -|- 1) ist; das Bild 
des Punktes 2 = qi sei die reelle Zahl Z = Di, 

5. Die Q Punkte js = hi, i = 1, 2 . . . . ^ liegen am Rande 
des Flächenstückes; der Winkel an der Ecke = hi habe die 

o 

Grösse —. — , wo ßi eine der Zahlen 1, 2, 3 .... (2 • A,) ist; das 
Bild des Punktes z = hi ist die reelle Zahl Z=Ei, 

1901 SitznDgsb. d. mftth.-phys. Ol. 4 



50 Sitzung da' mathrphys, Glosse vom 1. Februar 1902. 

6. Die o Punkte ^ = gi^ i = 1, 2 . . . . a liegen am Rande; 
der Winkel im Punkte ^ = gi habe die Grösse ; das Bild 

des Punktes z=-gi sei die reelle Zahl Z == F^. 

7. Wenn der Punkt z = co \m Innern des Flächenstückes 
liegt, so sei die komplexe Zahl Z = G sein Bild. 

8. Liegt j(f = CO V mal am Rande des Flächenstückes, so 

ö ' * 71 

seien die Winkel in diesen Punkten — — , i = 1, 2, 3 . . . . v, 

n 

wobei di eine der Zahlen 1, 2, 3 .... 2w ist. Das Bild der- 

jenigen Ecke ^ = oo , die den Winkel -* — besitzt, sei die 

reelle Zahl Z^G^, 

Zur Abkürzung setzt man, wenn Ai und A!i ebenso a,- und 
a'i u. s. w. konjugierte Zahlen sind, 

T^., Z) ^ {s, Z) -h [- ^ (.,. + 2) ^L^ + ^^] 
.^iL 8 ' iZ-B.)-'^ Z-B,\ 

i:\ ^-^f 1 , f>i 1 

teil 8 ■ iz—B-y "^ z—b:} 

.r,[ 2 ' {Z-I),)*^ Z-D,\ 

^r (i-/?,)(3+/^.) _A__ , __^ 

,^l 8 \Z-E,)^^ Z-E, 

~ E [^ ' {z'- F:f + z^J 



N, Perry: Spedelle Kurve von der Ordnung 3n, 51 

Die Grösse S ist eingeführt, um die drei Fälle, wo der Punkt 
^ = 00 im Innern, auf dem Rande oder ausserhalb des Flächen- 
teiles liegt, zugleich behandeln zu können. Es ist nemlich: 

a) wenn -s- = co weder im Innern noch am Rande liegt 

5=0; 

b) wenn z = cc im Innern liegt 

2 ■ (Z— G)« "*" Z—G 



'^ 2 ' (z—ay^ Z—G' 



' ? 



c) wenn s = cc v-mal am Rande liegt 

^~txV 2 (^Z-G.f^Z-G^- 
Diese Funktion ^{s, Z) hat im Endlichen keinen Pol und 
ist reell, wenn Z reell und z ein Punkt der Kurve (3) ist. 

§.3. 
Um das Verhalten der Funktion W(^^ Z) in der Nähe des 
Punktes Z= 00 zu studieren, setzen wir Z=-, und bilden 



M) 



fi 



Es ist: df^ = _ i^i. n 

dZ dC 

{*. ^} = C* ^ (log <r') - K* ^ (log Ji) 
- \ C* [^j (}og<p')J- y c* y^ (log R)J 

+ if*~(log90-^(logiJ). (18) 



so niuss 



52 Sitzung der math.'phys, Classe vom 1, Februar 1902. 

Durch die Substitution Z = — ist ferner 

lZ~Kf + ~Z^-K = *'^'^^ -ifC)-» + K(1 -iTC)-^ 

= Ä'f»[l + 2^C + 3Jr*f» + ...] ^^^^ 

= Ä;C [1 + J^C + ^f* + JS?C^ + . . .]. 
Da {s, — I für C = Null von der Ordnung vier wird, 
^X^'T) ^^^^f^l^s N^^l ^^^ ^^^ Ordnung vier werden 

für C = 0; d. h. in If'l^, yj muss der Faktor von C, f* und 

von f^ einzeln Null ergeben. Hiernach haben wir für die 
Constanten a,, hi, Ci u. s. w. die folgenden drei Bedingungs- 
gleichungen. 

m r s 

I. i; («•• + «;) + £ (^ + i;) + s (c* + co 
.=1 1=1 i=\ 

(20a) 

+ f ^?.-i-i;e',-i-i/H-Ä, = o. 

•=i 1=1 1=1 

Hiebei ist: 

a) wenn z =. ^ weder im Innern noch am Rande liegt, 

5, = 0; 

b) wenn ^ = oo im Innern liegt, 

^x =^ ü + 9^ 

c) wenn ^ == cx) v-mal am Rande liegt, 

1=1 



N, Terry: Specielle Kurve von der Ordnung 3n, 53 

m 

II. S [— X, (x, + 2) + a.- Ai + a; Ai] 
1=1 

*■ ri ja 



(20 b) 



•=1 o 



•=1 ^ 

Hiebei ist bez. in den drei obigen Fällen 
a) 5^ = 0, 

m r 

lU. i; 1^- ^ (x, + 2) (^, + A-) + a, ^? + a; ^;» 

+ L [i (C, + CO + c, c/ + cv c;-'! 
1=1 

'' n — a'' 1 



(20 c) 



1=1 



54 SiUung der tnath.-phys. Clasae vom 1. Februar 1902. 

Hiebei ist bez. in den drei obigen Fällen 

a) S, = 0, 

b) S, = ^-{G 4- G') ^gG-^+g'G'- 



c)S3 = s[^^ö. + i/.<^j] 



Da die Funktion !P(-e, Z) für keinen Wert von Z ui 
lieh wird und überall in der Z- Ebene holomorph ist, s 
sie nach den Lehren der Funktionentheorie eine Const 

Für Z= 00 oder C = ist aber !P= 0; und folglic 
die Abbildung eines beliebigen Flächenstückes, das vor 
Kurve (3) begrenzt wird, abhängig von der Differentialgleic 
dritter Ordnung 

!P(^, Z) = 0. 

Für den Fall, dass die in obiger Gleichung (4) angegc 
Bedingung für das abzubildende Flächenstück erfüllt ist 
unsere Gleichung !f^(r, Z) = zurückgeführt auf die ] 
rentialgleichung zweiter Ordnung, welche in Gleichung 
der Inaugural-Dissertation angegeben ist, und welche ( 
Quadraturen gelöst werden konnte. 



55 



Sitzung vom 1. März 1902. 

1. Herr Karl Göbel hält einen Vortrag: „Ueber Homo- 
logie in der Entwicklung weiblicher und männlicher 
Geschlechtsorgane/ Derselbe wird anderweitig veröffent- 
licht werden. 

2. Herr Richard Hertwig spricht „über das Befruch- 
tungsproblem**. 

3. HeiT Richard Hertwig legt eine Abhandlung des Herrn 
Dr. Franz Doflein, Gustos an der zoologisch -zootomischen 
Sammlung ,über Decapoden Ostasiens** vor. Dieselbe ist 
für die Denkschriften bestimmt. 

4. Herr Siegmund Günther trägt über »die Entwicklung 
des Winkelmessens mit dem Jakobsstabe** vor. Es wird 
darüber an einer anderen Stelle eine Veröffentlichung erfolgen. 

5. Herr Alfrfd Pringsheim überreicht einen Aufsatz des 
Herrn Dr. Arthur Korn, Privatdozenten an der hiesigen Uni- 
versität: „Ueber den einfachsten semidefiniten Fall in 
der eigentlichen Variationsrechnung.** 

6. Herr Gustav Bauer legt eine Abhandlung des Herrn 
Dr. Hermann Brunn, Privatdozenten an der hiesigen Universität, 
,ein Mittelwerthssatz über bestimmte Integrale** vor. 

7. Herr Adolf v. Baeyer macht eine Mittheilung „über 
Abkömmlinge des Triphenylmethan's". Dieselbe kommt 
an einem andern Orte zur Veröffentlichung. 



57 



Ueber Wesen und Bedeutung der Befruchtung. 

Von Richard Hertwig« 

{Eingglaufen 26. Xärs.) 

Als mein Bruder zum ersten Mal durch seine Unter- 
suchungen an Seeigeleiern eine sichere Beobachtungsbasis für 
die Lehre von der Befruchtung schuf, definirte er den Vor- 
gang der Befruchtung als die Vereinigung geschlechtlich 
(liiFerenzirter Kerne. Diese Auffassung wurde dann schärfer 
ausgeprägt durch v. Beneden, welcher die beiden Geschlechts- 
kerne, den ;,pronucleus male** und „pronucleus femel** für 
Halbkerne erklärte, welche sich vereinigen müssten, um einen 
mit allen Eigenschaften des Zellkerns ausgerüsteten, für die 
Entwicklung noth wendigen Furchungskern zu liefern. Von 
Anfang an geneigt den Grund zum sexuellen Dimorphismus 
in den verschiedenen Eigenschaften der Geschlechtskerne zu 
suchen, kam ich von dieser Auffassung bald zurück, als ich 
an Eiern die völlige Gleichartigkeit von Samen- und Eikern 
nachweisen konnte, wenn man durch geeignete Eingriffe ihre 
Vereinigung verhindert, als ich ferner die Befruchtungsvorgänge 
der Infusorien kennen lernte, bei denen die Unterschiede „männ- 
lich* und „weiblich** meistentheils überhaupt nicht durchführbar 
sind. Indem ich so die vollkommene Gleichwerthigkeit der 
Geschlechtskerne erwies, musste aus der Definition meines 
Bruders der Zusatz „geschlechtlich diflferenzirt** gestrichen 
werden, so dass demnach die Befruchtung nur als die Ver- 
einigung von Geschlechtskernen definirt werden konnte. 

In eine neue Phase schien die Befruchtungslehre zu treten, 
als V. Beneden und Boveri an den Eiern von Ascaris megalo- 



58 Sitzung der viathrphys. Classe vom 1. März 1902, 

cephala nach der Befruchtung ein besonderes Zelltheilungsorgan, 
das Centrosoina, auffanden, welches letzterer unter Benutzung 
correspondirender Vorgänge am Seeigelei als ein Derivat des 
Spermatozoon hinstellte. Nach Boveri ist die Befruchtung die 
Einführung eines dem Ei fehlenden Theilungsorgans, des Centro- 
soma, in das Ei, welches seinerseits das dem Spermatozoon 
fehlende, zur Theilung ebenfalls nöthige Archoplasma besitzt. 
Die beiden soeben besprochenen Definitionen: „Die Be- 
fruchtung ist die Vereinigung zweier Geschlechtskern e" und 
„Die Befruchtung ist die Einführung eines Centrosoma in das 
nur mit Archoplasma ausgerüstete Ei" sind von einander völlig 
verschieden, weil sie zwei ganz verschiedene Vorgänge, welche 
bei der Befruchtung vielzelliger Thiere und Pflanzen vereint 
sind, ihrem Wesen nach aber nicht nothwendig zusammen- 
gehören, ins Auge fassen. Die Befruchtung der vielzelligen 
Thiere und Pflanzen ist einerseits „Entwicklungserregung", ein 
Vorgang, welcher zur Fortpflanzung führt, welcher Ursache 
ist, dass das bis dahin unthätige Ei durch das hinzutretende 
Spermatozoon befähigt wird, einen neuen Organismus aus sich 
heraus zu erzeugen. Andererseits ist aber auch die Befruch- 
tung ein die Vererbung vermittelnder Vorgang. Bei der Be- 
fruchtung werden zwei Individualitäten oder richtiger gesagt die 
Anlagen dazu vereinigt zu einem neuen Gebilde, welches die Re- 
sultante beider ist, wie denn das Entwicklungsproduct des be- 
fruchteten Eies, der junge Organismus, im Allgemeinen gleich 
viel väterliche und mütterliche Eigenschaften besitzt. Wir haben 
alle Ursache anzunehmen, dass die beiden kurz charakterisirten 
Vorgänge durch ganz verschiedene Substanzen vermittelt wer- 
den; die Entwicklungserregung geht vom Centrosoma aus, die 
Combination zweier Individualitäts-Anlagen ist an Ei- und 
Samenkern geknüpft. „Entwicklungserlegung" und „Vereinigung 
zweier Individualitäten" sind somit zwei ganz verschiedene Dinge. 
Wenn wir den Begriff „Befruchtung" definiren wollen, können 
wir somit nicht beide Erscheinungen in die Definition aufnehmen, 
sondern müssen uns für eine von beiden entscheiden. Wir 
werden uns dabei für den Vorgang zu entscheiden haben. 



R. Hcrtwig: Wesen und Bedeutung der Befruchtung. ü9 

welcher für die Befruchtung das Wesentliche und Charakte- 
ristische 'ausmacht, durch welchen sie sich von anderen Ent- 
wicklungsvorgängen unterscheidet. 

In den Augen des Laien erscheint als das Wichtige bei 
der Befruchtung die Entwicklungserregung, die Erscheinung, 
dass das Ei die Fähigkeit gewinnt einen neuen Organismus zu 
bilden; und so war es auch lange bei den Vertretern der Wissen- 
schaft. Trotzdem ist diese Auffassung unhaltbar. Sowohl die 
Erfahrungen über die Fortpflanzung der vielzelligen Thiere als 
auch der Nachweis von Befruch tun gs Vorgängen bei den Protozoen 
fuhren übereinstimmend zu dem Resultat, dass das Charakte- 
ristische der Befruchtung nur die Vereinigung zweier Kerne ist. 

In dieser Hinsicht ist zuerst zu betonen, dass die Eientwick- 
lung auch ohne Befruchtung, parthenogenetisch, vor sich gehen 
kann. Man hat vorübergehend daran gedacht, dass auch bei 
der Parthenogenesis eine Art Befruchtung vorkommt, dass der 
im Ei verbleibende oder mit ihm wieder verschmelzende IL Rich- 
tungskörper die Rolle des Spermatozoon spielt. Indessen giebt 
es Fälle, in denen nach endgiltiger Eliminirung des zweiten 
Kichtungskörpers gleichwohl Parthenogenesis noch möglich ist. 
Die spontane Entwicklungsfähigkeit des völlig gereiften Eies 
ist vor Allem durch die Versuche Loeb's bewiesen. Nachdem 
ich selbst schon Theilungen unbefruchteter Eier durch Strychnin- 
Ein Wirkung erzielt hatte, ist es ihm unter Anwendung 12 ^/o 
Lösungen von Magnesiumchlorid gelungen, die Entwicklung 
von Eiern, die unter gewöhnlichen Verhältnissen sich ohne 
Samenzusatz nicht theilen würden, bis zur Bildung normaler 
Larven zu fördern. 

Giebt es somit Fälle von Entwicklungserregung, welche 
sich ohne Befruchtung vollziehen, so giebt es andererseits ächte 
Befruchtungsvorgänge, bei denen die Entwicklungserregung 
fehlt, mit anderen Worten, bei denen die befruchtete Zelle sich 
gar nicht theilt oder sich nicht anders theilt als es ohnedem 
geschehen sein würde. Ein Fall der letzteren Art ist die Conjuga- 
tion der Infusorien, ein ächter Befruchtungsvorgang, welclier 
keinenfalls einen befördernden, eher einen hemmenden Einfluss 



60 Sitzung der mathrphys. Glosse vorn 1. März 1902, 

auf die Theilung ausübt. Wenn man conjugirende Infusorien 
trennt, ehe die Befruchtung eingeleitet ist, so theiletf sie sich 
rascher als wenn sie die Conjugation zu Ende geführt hätten. 
Ich habe derartige „ entcopulirte ** Paramaecien Monate lang 
gezüchtet. In vielen anderen Fällen tritt bei Protozoen und 
einzelligen Pflanzen sogar das Entgegengesetzte von Entwick- 
lungserregung ein. Nachdem ohne Befruchtung lebhafte Thei- 
lungen vor sich gegangen sind, tritt Befruchtung ein; damit 
hören die Theilungen auf; die Zelle geräth in einen Wochen 
und Monate lang andauernden Ruhezustand. 

Seitdem im Lauf des letzten Decenniums über die Be- 
fruchtung der Protozoen reichliches Material bekannt geworden 
ist, kennen wir alle nur denkbaren Beziehungen zwischen Fort- 
pflanzung (Theilung und Knospung) und Befruchtung. Wir 
haben soeben Fälle kennen gelernt, in denen die Befruchtung 
keinen oder wenigstens keinen erheblichen Einfluss auf die 
Fortpflanzungsfähigkeit der Thiere hat. Wir haben femer 
gesehen, dass sie die Fortpflanzungsfähigkeit lähmen kann. 
Ausserdem kommt es vor z. B. bei den Malariaparasiten, dass 
der Lebenscyclus eines Protozoen sich aus Theilungen von 
zweierlei Art zusammensetzt ; die gewöhnliche Vermehrung ist 
von der Befruchtung unabhängig, ist, wie man sich ausdrückt, 
eine ungeschlechtliche Fortpflanzung. Beim Malariaparasiten 
sind es die im Blut des Menschen vor sich gehenden, die 
Fieberparoxysmen verursachenden Theilungen. Zeitweilig tritt 
dann Befruchtung auf und in ihrem Gefolge Theilungen einer 
besonderen Art. Beim Malariaparasiten sind es die in der 
Mücke sich abspielenden Theihmgen, vermöge deren die be- 
fruchteten Ovocyten in die sichelförmigen Keime zerfallen. 
Endlich scheint es bei Protozoen auch vorzukommen, dass die 
ungeschlechtlichen Theilungen ganz fehlen und die Vermeh- 
rung ausschliesslich im Gefolge der Befruchtung eintritt. Und 
so ist die Befruchtung bei den Protozoen ein Vorgang für 
sich, welcher in der Mehrzahl der Fälle mit der Fortpflanzung 
nichts zu thun hat, aber schon die Tendenz erkennen lässt, 
mit der Fortpflanzung in Verbindung zu treten, so dass man 



R, Herttoig: Wesen und Bedeutung der Befruchtung, 61 

dann von geschlechtlicher Fortpflanzung reden kann. Unver- 
ändert kehrt dagegen überall der eine Process wieder, die 
Vereinigung zweier Kerne, welche von verschiedenen Thieren 
stammen, was nach unseren Auffassungen von der Wirkungs- 
weise der Kerne die Aufgabe hat, die Individualitäten beider 
Thiere zu einer einzigen zu verschmelzen. 

Wie kommt es nun, dass die Befruchtungsvorgänge viel- 
zelbger Thiere und Pflanzen stets mit der Fortpflanzung ver- 
knüpft sind? Es lässt sich mit Leichtigkeit erweisen, dass 
diese Verknüpfung eine nothwendige Consequenz der Viel- 
zelligkeit ist. Soll bei vielzelligen Organismen eine Indivi- 
dualitätenmischung, eine Amphimixis (Weis mann) eintreten, 
so ist das nur zu der Zeit möglich, wo der Organismus auf 
den Zustand einer einzigen Zelle reducirt ist, den Zustand der 
Fortpflanzungszelle. Dauernde Vereinigung zweier vielzelliger 
Organismen oder Organismenstücke ist zwar möglich. Das 
zeigen die Ergebnisse des Pfropfverfahrens bei Pflanzen. In 
ähnhcher Weise hat man auch niedere Thiere, selbst Thiere 
verschiedener Art, zum Zusammenheilen gebracht. Allein bei 
diesen Versuchen hat sich herausgestellt, dass jeder Theil seine 
Eigenart beibehält und keine Vermischung der Eigenschaften 
eintritt. Höchstens ist nur in sehr untergeordnetem Maasse eine 
Beeinflussung des einen Organismus durch den anderen mög- 
lich. Eine vollkommene Durchdringung von zweierlei Indivi- 
dualitäten, eine Durchdringung, an welcher jede Zelle des 
Organismus Antheil hat, wird dagegen erreicht, wenn die 
Eizelle befruchtet wird und so eine Combinationszelle ge- 
schaffen wird, aus welcher sämmtliche Zellen eines Thieres 
oder einer Pflanze durch successive Theilung entstehen. 

Aus den angestellten Erörterungen ergiebt sich mit Noth- 
wendigkeit folgendes Problem. Wenn die Befruchtung ihrem 
innersten Wesen nach nicht den Zweck hat, die Bildung eines 
neuen Organismus einzuleiten, wenn diese Entwicklungserregung 
nur etwas Accessorisches ist, welches sich secundär ihr bei- 
gesellt hat, worin ist dann die Aufgabe der Befruchtung zu 
suchen? Ihre Aufgabe muss von fundamentaler Bedeutung 



62 Sitzung der mathrphys. Classe vom 1, Märe 1902, 

sein. Denn seitdem wir aus allen Classen der Protozoen Be- 
fruclitungsvorgänge kennen gelernt haben, gewinnt die An- 
schauung immer mehr an Sicherheit, dass die Befruchtung 
eine mit dem Wesen der lebenden organischen Substanz noth- 
wendig verbundene Erscheinung ist. 

Man kann die Lösung dieses Problems nach zwei ver- 
schiedenen Richtungen suchen. In seiner Lehre von der Am- 
phimixis hat Weis mann die Vermuthung ausgesprochen, die 
Individualitätenmischung sei für die Fortbildung der Art von 
Wichtigkeit, es würde damit eine Fülle von Eigenschafts- 
Combinationen geschaffen, aus welcher die Natur durch Aus- 
lese das Geeignetste festhalte. Viele Forscher, unter ihnen 
Boveri, haben sich dieser Auffassung angeschlossen. Ihr zu- 
folge wäre die Amphimixis eine Erscheinung, die sich zwar 
an dem einzelnen Individuum ausbilde, in ihrer Wirkungsweise 
aber erst an dem gesammten Individuenbestand einer Art zum 
Austrag käme; sie würde sich damit wie die ganze Lehre vom 
Kampf um's Dasein der Controlle durch exacte Beobachtung 
entziehen. Auch würde das Befruchtungsproblem dann kein 
einheitliches mehr sein, es würde aus einer endlosen Summe 
von Einzelproblemen bestehen. Für jeden einzelnen Fall wäre 
zu entscheiden, welche Combination von Eigenschaften wohl 
die zweckmässigste ist. 

Man kann aber noch in einer anderen Richtung die Lösung 
der Frage anstreben. Es wäre denkbar, dass die Befruchtungs- 
bedürftigkeit eine nothwendige Consequenz des Leben sprocesses 
ist, dass, wie eine Maschine sich allmählig verbraucht, so auch 
die lebende Substanz eine Abnützung erleidet, wenn sie nicht 
in grösseren oder geringeren Intervallen durch die Befruchtung 
eine Kräftigung erfährt. Wir wissen nun zwar, dass zwischen 
einer Maschinen und einem Organismus ein gewaltiger Unter- 
schied gegeben ist, welcher darin besteht, dass der Organismus 
die Fähigk(?it hat, die durch Function entstandenen Verluste 
am Organ wiedtM- auszugh'iclien, ja sogar mehr als das; denn 
ein Organ kriiltigt sich durch norniidc Function. Aber wir 
wissen niclit, oh diese ('onipcnsationsfähigkeit in's Unbegrenzte 



B. Hertwig: Wesen und Bedeutung der Befruchtung. 63 

fortgeht, ob nicht vielmehr hiebei der Organismus doch mit 
einer stets zunehmenden Unterbilanz arbeitet. Nehmen wir 
diesen Gedankengang an, so würden im Lebensprocess als 
solchem die Keime zu seiner Zerstörung enthalten sein, der 
Tod würde dann nicht, wie Weismann will, eine im Kampf 
um's Dasein erworbene Anpassung, sondern eine nothwendige 
Consequenz des Lebensprocesses darstellen, die nur dadurch 
vermieden werden kann, dass zeitweilig eine Reorganisation 
der lebenden Substanz stattfindet. Eine solche Reorganisation 
hätten wir in der Befruchtung zu erblicken; ob die einzig 
mögliche? das sei zunächst dahin gestellt. Aber wenn auch 
noch andere Möglichkeiten der Reorganisation gegeben sein 
sollten, würde die Befruchtung, wie wir aus ihrer weiten 
Verbreitung schliessen können, immer als die wichtigste an- 
gesehen werden müssen. 

Von vornherein sind nun zwei Möglichkeiten gegeben, in 
denen man sich die reorganisirende Wirkungsweise der Be- 
fruchtung vorstellen kann. Man könnte daran denken, dass 
die Befruchtung die Aufgabe hat, eine Steigerung der Lebens- 
energie herbeizuführen, einen Verjüngungsprocess der organi- 
schen Substanz zu bewirken, sowie man durch das Aufziehen 
eine Uhr in den Gang setzt. Diese Lehre wurde von Bütschli 
für die Befruchtungsvorgänge der Infusorien aufgestellt: es 
sei durch fortgesetzte Theilung die Fortpflanzungsfahigkeit 
herabgesetzt und bedürfe einer Auffrischung; diese werde 
durch die Befruchtung bewirkt. Die Verjüngungstheorie ist 
schon für die Infusorien ganz unhaltbar. Denn wie ich durch 
ein oben schon erwähntes Experiment nachgewiesen habe, ist 
die Theilfiihigkeit entcopulirter Infusorien eher grösser als die 
TheilfUhigkeit befruchteter Thiere. Die Verjüngungstheorie 
lässt uns gänzlich im Stich bei den Vielzelligen. Denn die 
Eizellen, welche befruchtet werden, sind im Vergleich zu den 
übrigen Körperzellen jugendliche Zellen, die sich nicht durch 
Antheilnahme an den Lebensprocessen erschöpft haben. 

Und so wurde meine Auffassung bei meinen Infusorien- 
untersuchungen nach der entgegengesetzten Richtung gelenkt. 



64 Sitzung der mathrphys. Classe vom 1. März 1902. 

Zur normalen Erledigung der Lebensprocesse bedarf es nicht 
nur der treibenden Kräfte, sondern auch der regulirenden. Die 
Befruchtung, die Vereinigung zweier verschiedenartiger Organi- 
sationen in eine, hat den Zweck, diese regulirenden Einrich- 
tungen zu verstärken; sie ist daher um so nothwendiger, je 
lebhafter der Lebensprocess, je höher die Organisation ist, 
was in Uebereinstimmung steht mit der relativen Häufigkeit 
der Befruchtung bei den höheren Organisraengruppen. 

Von diesen Gesichtspunkten aus habe ich schon seit einer 
Reihe von Jahren Experimente an einzelligen Thieren unter- 
nommen, zunächst an Infusorien, später aus Gründen, die ich 
hier übergehe, an Actinosphärien, einem in unserem Süss- 
wasser weit verbreiteten Rhizopoden. Da ich für dieses Thier 
den Nachweis der Befruchtung erbracht hatte, legte ich mir 
die Frage vor: unter welchen Bedingungen tritt Befruchtungs- 
bedürftigkeit auf? und ferner: ist es möglich, die Cultur der 
Actinosphärien so einzurichten, dass die Befruchtung ausbleibt 
und dass die Thiere schliesslich aus eigenen inneren Ursachen 
nur in Folge ihrer Lebensfunction zu Grunde gehen? 

Ehe ich auf die Darstellung meiner Versuchsergebnisse 
eingehe, muss ich Einiges vorausschicken. Die Function einer 
Zelle beruht auf der Wechselwirkung von Kern und Proto- 
plasma; wie diese Wechselwirkung vor sich geht, entzieht sich 
noch unserer Kenntniss. Bei Actinosphärien findet sich eine 
Einrichtung, welche es vielleicht erm(")glicht , der Prüfung 
dieser Frage näher zu treten. Bei einem in Verdauung be- 
griffenen Actinosphärium finden sich ausser den Kernen im 
Protoplasma zerstreut noch kleine Körperchen, welche ich 
„Chromidien" nennen will, weil ihre Substanz höchst wahr- 
scheinlich mit dem an Nucleolarsubstanz gebundenen Chromatin 
des Kerns identisch ist. Was ihre Entstehung anlangt, so 
müssen wir zwei Möglichkeiten in Betracht ziehen: 1. sie 
können vom Protoplasma abgespalten sein, 2. sie können 
aus den Kernen ausgestossen sein. Dass letzteres vorkommt, 
dafür habe ich Beobachtungen. Wenn man Actinosphärien 
hungern lässt, so können drei Fälle eintreten. 1. die Thiere 



R, Hertwig: Wesen und Bedeutung der Befruchtung, 65 

verhungern allmählich, 2. sie encystiren sich, sie umgeben sich 
mit einer festen Hülle, innerhalb deren die Befruchtung voll- 
zogen wird, 3. sie lösen ihre Kerne auf. Im letzteren Fall 
verwandeln sich unter Auflösung der Kemmembran die Kem- 
substanzen — offenbar ziemlich rasch, da es schwer fallt, Um- 
bildungsstadien zu finden — in Chromidien um. Das Thier zieht 
seine Pseudopodien ein und wird eine Protoplasmakugel, deren 
Inneres nach allen Richtungen von Chromidien durchsetzt ist. 
Leider ist es mir bisher noch nicht geglückt, die besonderen 
Bedingungen festzustellen, unter denen der sehr interessante 
Vorgang eintritt, da die zu den Hungerculturen verwandten 
Thiere frisch eingefangen worden waren. 

Ich bemerke noch, dass die Chromidialmasse sich all- 
mählich in eine bräunliche Substanz verwandelt, welche aus 
dem Thier ausgestossen wird. Einen ganz analogen Vorgang 
kenne ich von Infusorien. 

Ich habe nun in folgender Weise experimentirt. In ühr- 
gläschen wurden Actinosphärien mit blauen und grünen Sten- 
toren gefüttert und immer Sorge getragen, dass ein Uebei*fluss 
von Nahrung vorhanden war. Ferner wurde durch tägliches 
Erneuern des Wassers die Ansammlung schädlicher Stoffe ver- 
hütet. Da die Actinosphärien durchsichtig sind und das Futter 
intensiv gefärbt, kann man den Grad der Fütterung und an 
der eintretenden Verfärbung auch genau den Grad der Ver- 
dauung feststellen. An circa 40 Culturen, die ich zum Theil 
vor 2 Jahren, zum Theil in den letzten Monaten einrichtete 
und von denen manche noch im Gang sind, konnte ich fest- 
stellen, dass unter günstigen Verhältnissen ein Actinosphä- 
rium etwa das 10 — 20 fache seiner Masse im Lauf eines Tags 
frisst, was dann zu einer ganz colossalen Vermehrung führt, 
so dass ich in der Lage bin, an einem enormen planmässig 
eingelegten Material die Zellveränderungen genauer zu studiren, 
wovon ich in Zukunft noch manche Aufklärung erwarte. Die 
starke Fütterung hält nicht an; nach einigen Tagen wird sie 
geringer und es treten Zeiten freiwilligen Hungers ein. Diese 
Hungerperioden lehren, dass in der That ein fortgesetztes 

im Sitsimgab. d. maib.-phjs. Cl. 5 



66 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 1, März 1902. 

Assimiliren und zur Vermehrung führendes Wachsthum nicht 
möglich ist, dass vielmehr nach einiger Zeit eine Erschöpfung 
des Organismus eintritt und dass eine erneute Aufnahme der 
Function nur möglich ist, wenn eine Reorganisation der 
lebenden Substanz stattgefunden hat. Mit dem Fortschreiten 
der Cultur verschärfen sich die Constraste. Die Fütterung wird 
enormer, andererseits wachsen die Zeiten freiwilligen Hungerns. 
Es können Pausen von 3 — 5 Tagen eintreten. Diese Unföhig- 
keit, Nahrung aufzunehmen, kann zu einem dauernden Zustand 
werden. Es ist ein merkwürdiges Bild, Thiere trotz aller 
Sorgfalt der Cultur inmitten einer Fülle von Nahrung ver- 
hungern zu sehen; oder es werden wieder schwache Versuche 
zu fressen gemacht; das Aufgenommene wird aber so langsam 
verdaut, dass kein Wachsthum und keine Vermehrung eintritt. 
Ab und zu encystiren sich im Stadium dieser Assimilations- 
unfahigkeit die Actinosphärien; sie nehmen, um nicht zu 
Orunde zu gehen, den Ausweg der Befruchtung. 

Noch häufiger als Verhungern und Encystirung ist ein 
dritter Ausgang meiner Culturen; er ist zugleich bei weitem 
der interessanteste. Bei Actinosphärien, die wochenlang in 
einer XJeberfülle von Nahrung cultivirt worden waren, kommt 
es vor, dass sich nach mehrtägigem Fasten enorme Fütterung 
einstellt und dass dann eine wahre Revolution im Eemapparat 
beginnt. Ein Theil der Kerne wird aufgelöst, andere wachsen 
dagegen heran. In letzteren sondert sich die Nucleolarsub- 
stanz vom Chromatiu; sie ist es, die an Masse zunimmt, das 
Ohromatill herausdrängt, welches sich im Protoplasma ver- 
thoilt. Die Nucleolarmasse eines Kerns kann in solchen Fällen 
so colossal zunehmen, dass, während alle übrigen Kerne auf- 
gelöst wenlon, ein einziger Riesenkern übrig bleibt, welcher 
etwa die tausendfache Masse eines gewöhnlichen Actinosphärien- 
kenis besitzt. Gewöhnlich bleiben aber mehrere Kerne von 
gleicher Gn^^sse orhalton. Die ihres Chn>matins beraubten 
Kiesenkerno werden ausgostossen und das dadurch kernlos ge- 
wonlene Thier gi^ht zu Grunde. 

Es liegt nahe, bei den gt\^ohi Worten Vorkommnissen an 



B, Hertwig: Wesen und Bedeutung der Befruchtung, 67 

Folgen von Schädlichkeiten, sei es chemischer Substanzen, sei 
es parasitärer Organismen, zu denken. Ich habe daher, um 
diese Frage zu prüfen, eine Menge Versuche angestellt, über 
die ich hier im Einzelnen nicht berichten kann. Nur um 
eine Versuchsweise zu erwähnen, ich habe wiederholt Culturen, 
in denen noch einige in Kemdegeneration begriflfene Actino- 
sphärien enthalten waren, ohne Veränderung des Wassers 
und des Futterbodens mit neuen Actinosphärien besiedelt und 
stets feststellen können, dass dieselben sich bei massiger Er- 
nährung viele Wochen lang gesund weiter entwickelten. Ausser 
diesen Experimenten spricht gegen die Annahme einer infectiösen 
Natur und lässt dieselbe geradezu ausgeschlossen erscheinen 
die Art, mit welcher sich die Kerndegeneration entwickelt, und 
die Häufigkeit, mit welcher ich sie durch lange zum Theil 
Monate dauernde Cultur habe hervorrufen können. Von 40 Cul- 
turen sind mehr als die Hälfte in dieser Weise zu Grunde 
gegangen und zwar zu ganz verschiedenen Zeiten, was offenbar 
mit der Verschiedenartigkeit des Ausgangsmaterials zusammen- 
hängt, zum Theil auch wohl damit, dass es bei der grössten 
Sorgfalt nicht möglich ist, völlig gleichartige Fütterungs- 
hedingungen herzustellen, nicht einmal in dem Uhrgläschen 
einer und derselben Cultur. Und so komme ich zu dem Schluss, 
dass eine fiinctionelle Degeneration vorliegt; ich nehme an, dass 
die in ganz ausserge wohnlich er Weise gesteigerten Lebens- 
fiinctionen, welche in einer ganz enormen Vermehrung der Thiere 
zum Ausdruck kommen, das Gleichgewicht der Zelltheile er- 
schüttern, dass der Organismus Versuche macht, durch Hunger- 
pausen dieses Gleichgewicht wieder herzustellen, dass im Ver- 
lauf die Schädigungen immer intensiver, die regulatorischen 
Vorgange immer unzureichender werden, bis schliesslich eine 
letzte übermässige Functionsanstrengung den Zusammenbruch 
der Zelle bedingt. 

Es wäre nun wünschenswerth, die im Lauf der Cultur 
eintretenden Veränderungen im Zellenleben nicht ausschliess- 
lich nach den Erscheinungen der Nahrungsaufnahme zu be- 
urtheilen, sondern noch nach anderweitigen Kriterien. Als 

5* 



68 Sitzung der math.-phys, Classe vom 1. März 1902. 

ein solches Kriterium käme zunächst in Betracht die Fort- 
pflanzungsenergie. Hierzu ist das Actinosphärium gänzlich un- 
brauchbar, weil seine Grösse zu sehr variirt. Oft kommt es 
vor, dass im Lauf eines Tages ein riesiges Actinosphärium sich 
in 20, 30 selbst hundert kleinere Thiere auflöst, und dass 
im weiteren Verlauf die Zahl durch partielle Verschmelzung 
wieder eine bedeutende Keduction erfährt. Auch können Thiere 
von gleicher Grösse ganz verschieden reich an Substanz sein, 
je nachdem sie stärker oder weniger stark vacuolisirt sind. 
Nur durch mühsames Zählen der Kerne, welches nur an con- 
servirtem Material möglich ist, würde man die Zunahme an 
lebender Substanz genauer bestimmen können. In dieser Hin- 
sicht würden Infusorien viel günstigere Objecte sein, weil hier 
die individuelle Grösse bei gleichartigen Fütterungsbedingungen 
eine bestimmte ist. Bei analogen Fütterungsexperimenten mit 
Paramaecium caudätum, bei dem man leider die Intensität 
der Nahrungsaufnahme nicht in der Weise wie bei Actino- 
sphärien bemessen kann, habe ich feststellen können, dass bei 
lang fortgesetzten Culturen die Perioden der Vermehrung durch 
Perioden unterbrochen werden, in denen Tage lang keine 
Theilungen stattfinden, bis nach längerer Ruhe die Vermeh- 
rung von Neuem beginnt. Hiermit ist auf einem anderen 
Wege bewiesen, dass der Organismus zeitweiliger Reorganisa- 
tion bedarf. 

Eine Art Reagens auf den jeweiligen Organisationszustand 
der Protozoen ist ferner in der Einrichtung von Hungerculturen 
gegeben. Ich habe von diesem Verfahren bei meinen Actino- 
sphärienzuchten ausgiebigen Gebrauch gemacht. Man be- 
kommt dabei äusserst mannichfache Resultate. Es kann vor- 
kommen, dass alle zur Hungercultur verwendeten Thiere sich 
in den ersten 3 Tagen encystiren. Man kann dann, da die 
Encystirung mit Befruchtungsvorgängen combinirt ist, von 
einer Art geschlechtlichen Reife reden. Es kann aber auch 
vorkommen, dass alle Thiere infolge lange fortgesetzten Hun- 
gerns zu Grunde gehen, ohne sich zu encystiren. Dazwischen 
giebt es mittlere Zustände. Klare übersichtliche Resultate 



JB. Hertwig: Wesen und Bedeutung der Befruchtung. 69 

habe ich bisher auf diesem Wege noch nicht gewinnen können 
mit Ausnahme des einen, dass ungünstige Encystirungs- 
bedingungen sowohl vor als nach dem Zeitpunkt geschlecht- 
licher Keife eintreten. Jedenfalls hat dieses scheinbar gleich- 
artige Verhalten vor und nach dem Encystirungsoptimum ganz 
Terschiedene Bedeutung. Klarheit kann jedoch hierüber nur 
gewonnen werden, wenn die Veränderungen, welche die Zell- 
bestandtheile des Actinosphärium auf den verschiedenen Stadien 
der Cultur erfahren, einer genauen Untersuchung unterworfen 
worden sind. Ich komme hiermit auf einen Punkt, welcher 
für die Verwerthung der durch Züchtung gewonnenen Resultate 
unerlässlich ist. 

Ich habe leider bisher noch nicht Zeit gehabt, das reiche 
Material, welches ich von den verschiedenen Entwicklungs- 
serien conservirt habe, genauer zu studiren. Um völlige Sicher- 
heit zu erzielen, müssen von verschiedenen Stadien Querschnitte 
angefertigt und diese in ganz übereinstimmender Weise gefärbt 
werden. Gleichwohl stehen mir jetzt schon genügende Er- 
fahrungen an gefärbten ganzen Thieren zu Gebote, um mit 
Bestimmtheit sagen zu können, dass bei all den geschilderten 
Vorgängen das Massenverhältniss von Protoplasma und Kern- 
sabstanz eine Ausschlag gebende Rolle spielt. Nimmt die 
Hasse an Kernmaterial rascher zu als die Masse des Proto- 
plasma, so muss sie durch theilweise Auflösung eine Reduction 
erfahren. Es mehren sich dann die Chromidien, sie werden 
in die oben schon gelegentlich erwähnte bräunliche Masse 
verwandelt, welche ausgestossen wird. Diese Verminderung der 
Chromatinmasse habe ich oben für hungernde Actinosphärien 
beschrieben, bei denen der Schwund von Körpermasse, zunächst 
also von Protoplasma, stets auch einen Schwund von Kernen 
zu folge hat. Analoge Verhältnisse treten bei stark fütternden 
Actinosphärien ein: bei der Function nimmt das Kernmaterial 
rascher zu als das Protoplasma und muss daher beständig durch 
theilweise Auflösung und Ausstossung reducirt werden. Erreicht 
diese Chromatin-Ausstossung eine grosse Energie, so verliert die 
Zelle die Fähigkeit, zu assimiliren und Nahrung aufzunehmen. 



70 Sitzung der math.-phys. Classe vom 1, März 1902. 

Es treten Hungerperioden trotz reichlichen Nährmaterials ein. 
Wie nun bei Hungerculturen unter bestimmten Verhältnissen 
die kernauflösende Kraft des Protoplasma so gross werden 
kann, dass alle Kerne in Chromidien verwandelt werden, so 
kann auch bei fortgesetzter Ueberanstrengung der assimilirenden 
Thätigkeit der Zelle schliesslich ein Zustand eintreten, der 
nicht mehr durch die gewöhnlichen Mittel ausgeglichen werden 
kann; es tritt dann die soeben besprochene Erscheinung ein: 
ein grosser Theil der Kerne wird aufgelöst, ein Rest in die 
Bahnen der Riesenkernbildung geleitet. Ich schliesse aus ge- 
wissen Erscheinungen, dass man bei geeigneter Durchführung 
des Experiments auch durch Futtercultur die nahezu gleich- 
zeitige Auflösung sämmtlicher Kerne erzielen kann, die ich 
durch Hungercultur bei Actinosphärien, die im Freien gesam- 
melt worden waren, erzielt habe. Wir haben somit in den 
besprochenen verschiedenen Formen der Kemreduction dieselbe 
Grunderscheinung vor uns, nur in verschiedenen Graden dei 
Intensität. 

Starke Reduction des Kernmaterials geht nun auch den 
Befruchtungsvorgängen voraus. Bei der Encystirung von Ac- 
tinosphärien werden etwa 90 ^/o der Kerne aufgelöst und etwa 
10 *^/o zur Befruchtung verwandt. Das befruchtete Actino- 
sphärium repräsentirt den Zustand der Zelle, in welcher das 
im normalen Leben vorkommende Mindestmaterial von Kern- 
substanz erreicht ist. Das Gleiche gilt für Infusorien, bei 
denen während der Conjugation der Chromat inreiche Hauptken 
aufgelöst wird und die chromatinarmen Nebenkeme übrij 
bleiben. Die aus den befruchteten Nebenkernen hervorgehen- 
den „Placenten'*, die Anlagen der neuen Hauptkeme, sind ganj 
ausserordentlich chromatinarm. Auch bei den vielzelligei 
Thieren ist der Kern des befruchteten Eies, der Furchungskem 
ganz unglaublich klein und chromatinarm. Die Reduction de] 
Masse von Kemsubstanz bei Befruchtungsprocessen ist somii 
für eine so grosse Zahl von Fällen beschrieben worden, dasi 
wir in ihr eine allen Befruchtungsvorgängen zukommende Er- 
scheinung zu erblicken haben. 



B. Hertwig: Wesen und Bedeutung der Befruchtung, 71 

Die Beduction der Kemmasse beim Befruchtungsprocess 
wQrde sich somit den regulatorischen Vorgängen anschliessen, 
welche während des Lebens der Protozoen zu beobachten sind; 
sie ist aber nur eine Begleiterscheinung der Befruchtung, macht 
dagegen nicht das Wesentliche derselben aus. Wie ich oben 
durchgeführt habe, ist das Wesentliche der Befruchtung in 
der Vereinigung zweier Kerne gegeben, welche von verschie- 
denen Zellen stammen und daher individuelle Unterschiede er- 
kennen lassen. Diese Unterschiede dürfen nicht zu gering 
sein wie bei Inzucht, noch zu gross wie bei Bastardirung, 
damit gute Resultate durch die Befruchtung erzielt werden. 
Die Erfahrungen der Züchter machen es wahrscheinlich, dass 
ein gewisses, im Einzelnen nicht genauer definirbares Optimum 
der Unterschiede gegeben sein muss. 

Ist es nun möglich, die bei der Befruchtung zu Stande 
kommende Vereinigung verschieden gearteter Kerne als einen 
Process sich vorzustellen, der in ähnlichem Sinne regulatorisch 
wirkt, wie die besprochenen Vorgänge der Kernreduction? Ich 
glaube, dass das in der That der Fall ist. Wenn es für die 
Integrität des Zellenlebens von Wichtigkeit ist, ein bestimmtes 
Wechselverhältniss von Kern und Protoplasma aufrecht zu er- 
halten, so wird diese Aufgabe viel besser durch Einrichtungen , 
gelöst, welche Störungen verhindern, als durch Einrichtungen, 
welche eingetretene Störungen ausgleichen. Es wäre aber sehr 
gut denkbar, dass durch Einführen eines fremden Zellkerns in 
das Protoplasma, wie es bei der Befruchtung geschieht, ein über- 
mässiges Anwachsen der Wechselwirkungen zwischen Kern und 
Protoplasma und damit eine übermässige Zunahme der Kern- 
substanz auf längere Zeit hinaus verhindert wird. 

Was durch Addiren eines fremden Kerns zu einer Zelle 
erreicht wird, müsste, so sollte man meinen, auch durch 
Mischung von Protoplasma zweier Zellen erreicht werden 
können. Bezeichnen wir mit a und h Kern und Protoplasma 
einer Zelle und mit a und /^ die entsprechenden Theile einer 
zweiten Zelle, so würde durch Protoplasmamischung ein ahn- 



72 Sitzung der mathrphys, Glosse vom J. März 1902, 

liches Verhältniss der Zellbestandtheile ( — ^ : a j erreicht 

werden, wie durch reine Kernbefruchtung Ib: — ^ — J. E? 

würde nur der erstere Vorgang schwieriger zu bewerkstellige! 
sein als der zweite. 

In dieser Weise erklärt sich vielleicht die sogenannce 
„Plasmogamie", die bei Rhizopoden weit verbreitete Erschei- 
nung, dass Thiere nur mit ihren Plasmaleibern verschmelzen. 
Von vielen Seiten werden Plasmogamien als Vorläufer ächter 
Befruchtung (Kaiyogamie) aufgefasst. Nach meiner Auffassung 
würde es sich vielmehr um ein Surrogat handeln, und zwar ein 
minder wirksames, weil eine gleichmässige Durchmischung zweier 
Zellplasmen nur durch völlige auch die Kerne betreffende Ver- 
schmelzung herbeigeführt werden kann. Die gewöhnhchen 
Verschmelzungen zweier Rhizopoden werden immer nur einen 
geringfügigen Stoffaustausch herbeiführen. 

Bei Actinosphärium ist Plasmogamie eine weit verbreitete 
Erscheinung; man hat sich daher daran gewöhnt, ihr keine 
grössere Bedeutung beizumessen und hat diese Auffassung auch 
damit gestützt, dass keine besonderen Vorgänge in ihrem Ge- 
folge auftreten. Ich habe lange Zeit auch dieser Auffassung 
* gehuldigt, bin aber von ihr zurückgekommen, seitdem ich 
durch intensives Studium eine intimere Kenntniss der Lebens- 
vorgänge des Rhizopoden gewonnen habe. Ich habe fest- 
stellen können, dass Plasmogamien immer nur unter bestimmten 
Bedingungen auftreten. Man findet sie bei Culturen, wie ich 
sie angestellt habe, in den ersten Zeiten so gut wie gar nicht; 
nach wochenlanger Fütterung werden sie immer häufiger und 
ausgiebiger, so dass man Plasmogamien findet, deren Producte 
vielleicht aus 100 Actinosphürien von mittlerer Grösse bestehen 
und mehrere Millimeter gross sind. Plasmogamien treten ein 
am Ende gewaltiger Futterperioden oder auch in den Zeiten, 
in denen die Assimilationsfilhigkeit aufgehört hat, d. h. zu 
Zeiten, in denen Störungen im Wechselverhältniss von Kern 
und Protoplasma eingetreten sind. Actinosphärien in Riesen- 



B. Hertwig: Wesen und BedetUung der Befruchtung. 73 

kernbildung sind sehr häufig plasraogamirt, was man, abge- 
sehen von der Grösse, häufig auch darin erkennen kann, dass 
die einzelnen Regionen des Riesenthiers sich auf verschiedenen 
Entwicklungsstufen der Kernumwandlung befinden. 

Ich habe in dieser Arbeit versucht, die zur Zeit noch 
TöUig unbestimmten Anschauungen über das Wechselverhält- 
niss, welches bei den Zellfunctionen zwischen Kern und Proto- 
plasma besteht, wenigstens etwas bestimmter zu gestalten. Im 
Anschluss hieran habe ich ferner versucht, für die physio- 
logische Bedeutung des in seinen morphologischen Erscheinungen 
so gut erforschten Befruchtungsprocesses eine einheitliche Auf- 
zu gewinnen. Diese Auffassung führt, wie ich oben 
andeutete, mit Noth wendigkeit zur Annahme, dass 
zwischen dem Verlauf der Lebensfunctionen und dem natür- 
lichen Tod, dem durch keine äusseren Schädlichkeiten bedingten 
Lebensende, ein causaler Zusammenhang besteht. Im Gegen- 
satz zu Weismann nehme ich an, dass schon im normalen 
Lebensprocess die Keime des Todes enthalten sind, dass der 
Tod keine zufällige Anpassung ist, sondern die nothwendige 
Consequenz des Lebens selbst. Somit können auch die Proto- 
zoen nicht unsterblich sein in dem Sinne wie Weis mann will; 
sie würden ebenso zu Grunde gehen müssen wie die viel- 
zelligen Thiere, wenn nicht Einrichtungen getroffen wären, 
welche die schädlichen Wirkungen des Lebensprocesses com- 
pensiren. Die wirksamste Einrichtung in dieser Hinsicht ist 
die Befruchtung, ein Vorgang, bei dem aus dem Material zweier 
allmählich zum Untergang hinneigender Individuen ein neues 
lebenskräftigeres Thier geschaffen wird. 



75 



üeber den einfachsten semidefLniten Fall in der 
eigentlichen Variationsrechnung. 

Von Arthur Korn. 

{Etngelaufen 1. Märe.) 

Das einfachste Problem der eigentlichen Variationsrechnung 
besteht darin, eine Funktion 

so zu finden, dass das Integral zwischen zwei festen Grenzen 
x^ und x^i 

1) J^zjf{x,yfy)dx = ]iC (d. h. Maximum oder Miniraum) 

wird, wenn f eine gegebene Funktion von x, y und der Ab- 
leitung 

vorstellt. 

Wir setzen fest, dass wir nur solche Funktionen y in be- 
tracht ziehen und nur mit solchen Funktionen y -{- dy ver- 
gleichen wollen, die im Intervall x^ x^ eindeutig und stetig 
sind und eindeutige und stetige erste und zweite Ableitungen 
nach x besitzen, für welche ferner die Ableitungen: 

d£ df^ ay ay ay 

ay' ay" dydx' dydy'' dy'* 

im Intervall x^ x^ eindeutig und stetig sind. 

Das folgende Resultat ist durch die bisherigen Unter- 
suchungen über den Gegenstand sichergestellt: 



76 Sitzung der mathrphys. Glassc vom 1. März 1902. 

Ist: 
3) y = y{xc, c^ 

die Lösung der Diflferentialgleichung 2. 0.: 

*) 2y dx \dy') "' . 

und bezeichnen wir die Substitution 3) und die Substitution 
der Auflösungen der Gleichungen: 

5).) fM..,»»,, 

nach Cj und c^ durch Einschliessung in [], so wird [y\ eine 
Lösung des Problemes sein, wenn im ganzen Intervall x^x^ 

1) ^^-/^ ein festes Zeichen hat und i ist, 

und zwar ist (für x^ < x^) ein Maximum vorliegend, wenn — ~ 

stets < 0, ein Minimum, wenn diese Grösse stets > ist. 

Ein Ma ist nicht vorhanden, wenn der Ausdruck I) posi- 
tive und negative, von Null verechiedene Werte besitzt, oder 
wenn die oft mit 

A(xx^) 

bezeichnete Determinante II) für einen in strengem Sinne der 
Ungleichung 

x.^x^x, 

genügenden Wert von x verschwindet. 

Eine weitere Untersuchung durch Betrachtung höherer 
Variationen als der zweiten ist notwendig, wenn 

(1. semidefiniter Fall) der Ausdruck I) ein festes Zeichen 
hat und ^ ist, und wenn der Ausdruck II) zwar in dem 
Intervall 



') ^1 ^2 gegebene Eonstanten. 



Ä. Korn: Ueher den einfachsten semidefiniten Fall etc, 77 



^ ist, aber für x = x^ verschwindet. 

(2. semidefiniter Fall) der Ausdruck II) im ganzen Intervall 

x.^x^x^ 

^ ist, der Ausdruck I) ein festes Zeichen hat, aber auch 
Tersch winden kann.^) 

Die vorliegende Abhandlung wird sich mit dem 1. semi- 
definiten Falle, dem einfachsten semidefiniten Fall der eigent- 
lichen Variationsrechnung beschäftigen und für diesen Fall 
die nächsten Kriterien des Ma geben. 



Wir machen zur Vereinfachung der Ausdrucksweise etwas 
weitere Stetigkeitsvoraussetzungen über y und /", als eigentlich 
für das Endresultat erforderlich wäre, indem wir nicht nur 
alle Ableitungen von /*, soweit dieselben in betracht kommen, 
als eindeutig und stetig (im Intervalle x^ x^) annehmen, son- 
dern auch dJ als der Taylor'schen Entwickelung fähig an- 
nehmen : *) 

oder bei Substitution der Funktion [y] 
6) [d J] = [.5* J] + [dW] + ld*J] + ... 

Hier ist: 

oder: 

70) [d*J]=^\f(f,,d!,' + 2f,,dydy-\-f,,dy^)dx, 



^) Der allgemeine semidefinite Fall ist eine Mischung der beiden 
genannten Fälle. 

«) Sobald . . ^ ; A ' > 

abs. oy<Z€, abs. oy <C^, 

wo e eine positive, im übrigen beliebig kleine Konstante ist. 



78 



Sitzung der matK-phys. Classe vom 1, März 1902. 



wenn wir: 



8) 






setzen; wir werden in ähnlicher Weise auch die höheren Ab- 
leitungen von f abkürzen, so dass z. B. 



t\n — 






r]- 



Wir führen jetzt — geleitet durch die Jacobi'schen und 
Lipschitz'schen Transformationen der 2. Variation — an Stelle 
von d y die Grösse d Z durch die Substitution : 

9) öy'^dZ^^dy 

ein, wobei wir ß und e durch die Gleichungen: 



10) 



de 
dx 



definieren. 

IS verschwindet nach Voraussetzung nirgends im Intervalle 

wohl aber für x ^= x^ und x = x^\ da aber gleichzeitig 
auch dy an diesen Grenzen verschwindet und / wegen 
der leicht aus 4) folgenden Identität 

d 

für X =^ x^ und x = x^ von null verschieden sein muss, so ist 
d Z im ganzen Intervall x^ x^ eindeutig und stetig und kann 
durch genügende Verkleinerung von e von der Art 

endl. Konst. e 
unter jeden beliebigen Kleinheitsgrad herabgedrückt werden. 



Ä. Korn: Ueber den einfachsten semidefiniten Fall etc. 79 

Durch die Substitution 9) wird:^) 



oder 

12) [s^r\ = \'lf„dz*dx. 

Es wird femer: 

'S 



13) 



i6J-] = kSfniy^-E)dZ^d 

«1 

->rfjD{f)dx 



wenn wir unter D(f) und Dl — —\ die Ausdrücke [df] und 
<Jr-V nach Substitution von 



&y = —dy 



verstehen, so dass: 

^(/) = A{/'nn-H/;u4+6/".i«(i)+^^>«»(j)+^»»«(j)'l' 



14«) 



')Da: 
— /M "i- T " — 1 — fi». 



and 






80 Sitzung der mathrphys, Clasae vom 1, März 1902. 

und wo ferner E eine Grösse vorstellt, die ihrem absoluten 

Werte nach _ 

< endl. Konst. e. 

§ 2. 

Wir können die Formel 13) auch folgendermassen schreiben : 



15) 






+ (1 + 



Nennen wir £j den absolut grössten Wert von d Z^ e^ den 
absolut grössten Wert von dy^ so werden oflPenbar die beiden 
Fälle 

i. £2<:^i, 

II. £j < fg, 

alle möglichen Fälle umfassen. In dem Falle I. muss nach 
13) [5e7] das Zeichen von f^^ haben, so dass wir nur den 
Fall U. noch zu untersuchen haben, in dem wir 

16) abs. £ < endl. Konst. e^ 

haben. 

Die Gleichung 15) zeigt, dass jedenfalls [dj] nur dann 
ein anderes Zeichen als f^^ haben kann, wenn: 



Ä, Korn: Üeber den einfachsten semidefiniten Fall etc. Sl 

tu 

wo: 

0» < endl. Konst. j (l + iJ) D (/*) - | i -^-p-./l l 

also mit Rücksicht auf 14«^), 14»>): 

17**) abs.'o P endl. Konst. e^. 

Es kann nach 17^^) und 17*») mit Rücksicht auf den Wert 
14^) von -D{-^-^) dieser Fall jedenfalls nur eintreten, wenn: 
18*) dZ=y.^i) 

und: 
IS**) abs. Y ^ endl. Konst. e]. 

Aus 18*) folgt nun weiter:*) 
19») dy = a-;er.gj + r, 

wo a eine bestimmte endliche Konstante ist und 
19»>) abs. r^ endl. Konst. £*. 

Da wir uns nur mit Funktionen y (resp. y {- dy) be- 
schäftigen, welche mit ihren ersten und zweiten Ableitungen 
eindeutig und stetig ist, so folgt aus 19^) auch: 
20») dy =a'^'€^+ r\ 

wo auch: 
20»>) abs. r" ^ endl. Konst. b\. 

Nur diese Fälle 19), 20) bedürfen einer besonderen Unter- 
suchung. 

*) Man kann ^Z mit z proportional setzen, da beide an den Grenzen 
verschwinden und im Intervall a*i Xj mit ihren ersten Ableitungen ein- 
iieotig und stetig vorausgesetzt werden. 

«) Da nach 18») und 9): 

dx \z ) ^' 

somit: 

dy = const. z -\- F. 

IMl Sitznngsb. d. nutth.-phys. Gl. 6 



82 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 1, März 1902. 

§ 3. 
Bevor wir zu dieser Untersuchung übergehen, füge] 
in der Formel 13) zu der rechten Seite noch den Aus 

hinzu und subtrahieren denselben Ausdruck: 

X\ ^^^\ ^ / I ^ \xz=ix^ L ^ Jx=zxi 

wo Jpg eine eindeutige und stetige Funktion von 
Intervall 

sein soll, über die wir uns noch eine weitere Bestimmung 
behalten. 

Es folgt dann: 



21) 






z 



« = X, Xi 



+ , 



also; 



Wir wählen jetzt F^ so, dass: 



dx 
oder: 



dF 



dann können wir 21) auch so schreiben (man vergl 
Formel 15)): 



Ä. Korn: üeber den einfachsten semidefiniten Fall etc, 83 

An der Hand dieser Formel werden wir jetzt die Fälle 
19) 20) diskutieren. 

§4. 

Wir folgern zunächst aus 23) die für ein festes Zeichen 
von [d J] notwendige Bedingung, es muss 

sein, also: 

denn wäre dieser Ausdruck 4= 0, so folgte aus 23) nach den 
Substitutionen 19) 20): 

wo c eine von Null verschiedene Konstante und 

84- i 

abs. d < endl. Konst. e^ ' 
wenn wir nur F und F' so einrichten, dass 



abs. 



(1 +E)dZ+ — ^-^^^ 1 < endl. Konst e\, 

was ja stets möglich ist. 

Wir können sogleich aus 23) eine weitere notwendige 
Bedingung ableiten. F^ ist nach 22) noch mit einer willkür- 
lichen Konstanten behaftet, wir wählen dieselbe so, dass: 



*) Das ist D (/") abgesehen von den Gliedern 3. Ordnung D* (f) d y^. 

6* 



84 Sitzung der mathrphys. Classe vom 1. März 1902, 



25») 

somit nach 24) auch: 


\^a\x=s,= ^' 


25") 


1^3'. = ^== 0, 



dann folgt aus 23), dass [dJ] ein festes Zeichen nur dann 
haben kann, wenn der Ausdruck: 

das Zeichen von /"gg besitzt, denn nennen wir C den Wert 
dieses Ausdruckes, so folgt aus 23) nach den Substitutionen 

19), 20): 

[dJ] = C.a*.£: + J, 
wo 

abs. A ^ endl. Konst. «* » 
wenn wir nur F und F' so einrichten, dass: 

was ja stets möglich ist. 

Die Bedingung, dass der Ausdruck 26) das Zeichen von 
f^^ hat und von Null verschieden ist, ergiebt sich auch sofort 
als eine hinreichende Bedingung für das Eintreten eines Jf«, 
da nach den Substitutionen 19) und 20) dann der Ausdruck 

J'(l + ^)(i)*(/)3y* + ..)-i ^ ^'''J '' ^Ux 

das Zeichen von f^^ besitzt und somit auch der Ausdruck [<5e7J. 
Wir erhalten so das folgende Endresultat: 
In dem semidefiniten Falle, in welchem f^^ im 

Intervalle x^x^ stets dasselbe Zeichen besitzt und 

nirgends verschwindet, und in dem 



A, Korn: üeber den einfachsten semidefinüen Fall etc. 85 

nirgends innerhalb des Intervalles x^x^ verschwindet, 
wohl aber an den beiden Grenzen a; = a;, und x ^= x^^ 
erhält man die folgenden nächsten Kriterien für das 
Auftreten eines M^i 
Es muss für ein Ma 

sein. Es wird dann thatsächlich ein Ml stattfinden, 
wenn der Ausdruck 

in dem 

X 

30) j; = -iX{/;„ ^'+3/;„^»/+3/;,,^y >+/„,/'} dx, 

Xi 

das Zeichen von f^^ besitzt und von Null verschieden 
ist; hat der Ausdruck ein von f^^ verschiedenes Zeichen, 
ohne zu verschwinden, so wird ein J/« nicht vorhan- 
den sein; verschwindet der Ausdruck, so ist eine wei- 
tere Untersuchung erforderlich (semidefiniter Fall 
höherer Ordnung). 

§ 5- 
Vor längerer Zeit hat bereits G. Erdmann*) Kriterien 
für den hier behandelten semidefiniten Fall aufgestellt, und 



^) G. Erdmann, Untersuchung der höheren Variationen einfacher 
Integrale (Z.-S. f. Math. u. Phys. XXII, 1877, p. 324) ; ich verdanke einer 
freundlichen, brieflichen Mitteilung von Herrn A. Mayer den Hinweis 
auf diese Arbeit. 



86 



Sitzung der tnath.-phys. Classe vom 1. März 1902. 



ich möchte hier zeigen, dass die Erd mann 'sehen Kriter 
aus den obigen Kriterien einwandsfrei folgen, während i 
der von Erdmann gegebene Beweis nur für die notwendig 
Bedingungen streng erscheint. Zu diesem Zwecke werden ^ 
die Bezeichnungen von Erdmann einführen, durch welche 
Kriterien in einer wesentlich eleganteren Form dargesfc 
werden können. 



Wir definieren die Operation — ~ — - durch die Forn 

d c 



33) 



d(_) a(_) 



9y 


£c = a^ 


a(-) 


dy 


ac. 


de. 


3«. .=,, 


dy 
de 






d*y 

^= de* 






w = 


d»y 
de» 







de dc^ 

und setzen: 

34) 



dann verschwinden offenbar w, v, w für x = x^, und es 

35) ^ = [-^] = M' 

so dass [u] auch für x = x^ bei unseren Voraussetzungen \ 
schwindet: 

Wir setzen femer: 



36) 
und: 



37) 



(^mu 



— ^^""f m = 0,1,2.. 



dtf^dy*' ' n = 0, 1,2. . . 
^2 = J («20 «^* + 2 a^i u II + a^j ii '^)dx,'^) 
^3 = J («SO ^** + 3^21 2^* ^*' + 3a,2 u u^ + «03 f/») da;, 

*2 



52 



*) Bei der Festsetzung u' r- -^ — , analog t?' ZI —^ — . 
° dx' ^ dx 



A. Korn: Ueber den einfachsten semidefinüen Fall etc, 87 

Dann ist wegen der (aus 4) analog der Gleichung 11) 
folgenden Relation: 

38) a2oW + «nw'= "^ («n «^ + »oa «*') 
zunächst: 

oder: 

39) ß, = I w (a,, u + a^, ti) |^^^. 

Es ist weiter nach der zweiten und ersten Formel 37): 

Q^ = — T-^ J(2ajo wt; + 2a^^ (uv + v u) + 2%^ uv) dx, 

uC x^ 

oder mit Rücksicht auf 39): 

oder schliesslich: 

40) fis==|ao,(iev'-i;iOU=*2+hKSi^*'^+2ai2W?/+ao3w'*)|a:==xa- 
Wegen der Identität: 

f(/'.„ ^ + 3/;„ z* z + 3/„, ^/» + /,„ /') d^ = [ß,] 

und der Relation 40) können wir jetzt die für ein ÜSf^I not- 
wendige Bedingung 28) in der Form schreiben: 

Wir können ferner — analog der Ableitung von 40) — 
die durch 30) definierte Funktion F^ in der Form darstellen: 

42) i^3= — iAsEtev — 1;?0 — \\.u{a^x ^**+ 2a,3 wn' + a^s y »)], 

und wir gehen nun zur Vereinfachung des Ausdruckes 29) über. 



88 Sitzung der mathrphys, Glosse vom 1, März 1902, 

Wir bedenken hier zunächst, dass nach der dritten 
zweiten Formel 37): 

ß* = -^-T— — 3 X (a j, tt» V + o„ u (2 te' v + u v) 

+ «ij m' (m V + 2m' «') -\- o„j m'* v') I 

+ ^21 w* + 2a,2 w w' + «03 1/*) } dx 
? 

somit mit Kücksicht auf 40) und 41): 

+ sfl/i, K] + 2/;, [VV] + /,, [.'»] } dx, 
und da nach 31) und 37) 



'2 



43) f.-* D'Q)dx A I /■« ^' [«'] U=«. + if { /■„ [«*] 

Wir brauchen jetzt noch diesen Ausdruck und den A 
druck: 

44) * ^^ l^^j + —T^ - + t/^« ^— 

in 29) einzusetzen, um für 29) den folgenden Wert zu 
halten : 



^) Mit Rücksicht auf die aus 38) folgende Relation: 

«20 ^ 4- «11 V' + «80 "^ + 2 021 U U' + «12 ** * 

= ^ («11 «^ + «02 1'' + «21 w^ + 2a,a fiu' + a^ u ^). 



Ä. Korn: lieber den einfachsten semidefiniten Fall etc. 89 

Nun ist leicht zu zeigen, dass das Integral in diesem 
Ausdruck verschwindet, denn es ist: 



f. iuv-vu\\ P.. J d fv\\* 

i^T"«^-) ^"^ H^^" W [ü)i ^ 






«1 l 

~~d^\f»''^+f2»~iri]'^'^^ 

== f {/■„»' + 2/;, W +/„ i;'» } <^^, 

sobald ü = {ixr X = x^ und x = x^. 

Der Ausdruck 29) reduciert sich somit auf 

Wir können hiernach jetzt den Kriterien S. 10 die elegante 
Form der Erd mann 'sehen Kriterien geben: 

Definiert man die Operation — j durch die 
Formel: 



47) 



de ac, 



iL 

de. 






Z=Xx 



48) 



SO ist in dem betrachteten semidefiniten Falle für ein 
J/fl* notwendig, dass: 

> =0; 

es wird dann thatsächlich ein Ml stattfinden, wenn 






90 



Sitzung der math.-phys. Glosse vom 1, März 1902, 



und von Null verschieden ist; ist der Ausdruck ^ 
positiv und von Null verschieden, so wird ein 1 
nicht vorhanden sein; ist 



^1 =0, 



so ist eine w^eitere Untersuchung erforderlich (sen 
definiter Fall höherer Ordnung). 



91 



Neue Mittelwerthssätze über bestimmte Integrale. 

Von Hermann Brann. 

iSingtlaufm 1. Mötm.) 



Geometrische Einleitung. 

1. In jeder unserer Figuren 1, 2 und 3 haben wir zwei 
zu einander senkrechte Ebenen I und 11 und einen in ihrem 
Winkel Hegenden Körper: K^ in Fig. 1, Z, in Fig. 2, Zg in 
Fig. 3. 

2. Jeder dieser Körper ist ausser durch I und 11 durch 
zwei ebene und zwei cylindrische auf I oder II senkrechte 
Flächen begrenzt, z.B. K^ durch die ebenen Flächen acyC, 
bd5D und die cylindrischen CyöD und cydd, 

3. Sämmtliche drei Körper werden von Ebenen, die senk- 
recht zur Schnittlinie a b der Ebenen I und II sind, nach 
Rechtecken geschnitten. 

4. Die drei Figuren sind nur der Deutlichkeit wegen aus- 
einander gezeichnet. Man soll sie sich eigentlich in einander 
geschoben vorstellen, so dass man drei Körper zwischen einem 
einzigen Paar von Ebenen hat. 

5. Dann wird die ebene Grundfläche ahdec^ wie schon 
durch die gleichbleibende Bezeichnung angedeutet in allen drei 
Fällen identisch dieselbe. Die drei Flächen a 61) JE C, ahD'E'C\ 
ab D" E'' C" werden nicht identisch, sind aber als inhalts- 
gleich vorausgesetzt. 



92 Sitzung der math.-phys. Classe vom 1, März 1902, 

6. Wichtig ist nun die Charakterisirung der in I und II 
liegenden Leitlinien der verschiedenen Cylinderflächen. Die 
Curven CED und ced, jene von C nach D, diese von c nach d 
hin durchlaufen, sollen dabei beide entweder der Linie ab 
niemals näher kommen, oder niemals von ihr sich entfernen. 
Anders ausgedrückt, sie sollen durch monotone Funktionen 
ij = f{x) und y = g{x) gleichen Charakters (durch „isomono- 
tone**, kürzer „isotone** Funktionen) sich ausdrücken, wenn 
man a b als Abscissenaxe, die Ordinaten in den zu ab senk- 
rechten Richtungen a C, resp. a c nimmt. 

7. C E" B" soll symmetrisch zu (7 iJD, das Flächenstück 
a b C" E' D" eine einfache Umlegung von abC E D sein. 
C" E" D" ist somit ebenfalls monoton, aber nicht gleichen 
Charakters („anisoton**) mit CED, C' E' D' ist eine Parallele 
zu ab, 

8. Den nichtssagenden Fall, dass CED selbst parallel 
zu a6 ist, und in Folge dessen (s. 5) mit C E' D' und C" E" D" 
zusammenfällt, können wir als ausgeschlossen, bezw. von vorne- 
herein erledigt betrachten. 

9. Es gilt nun 

und diese Beziehung, analytisch eingekleidet (s. VIII und XXII) 
und bewiesen, sowie mehrfach verallgemeinert, bildet den In- 
halt der folgenden Betrachtungen.*) 

I. Capitel. 

10. f(po) und (j{pc) seien in dem endlich begrenzten Inter- 
vall a<^x^b endliche, eindeutige, monotone Funktionen, 
somit auch integrabel im ganzen Intervall und über jede be- 
liebige Theilstrecke desselben. 



*) Herr Gust. Bauer macht mich aufmerksam, dass die nemliche 
Art geometrischer Repräsentation für den Du Bois-Reymond 'sehen 
Mittelwerthssatz angewendet wurde von C. Neu mann (Ueber die nach 
Kugel- und Cylinder-Funktionen fortschreitenden Entwickelungen etc. 
Leipzig 1881). 



H, Brunn: Neue Mittelwerthssätze über bestimmte Integrale. 93 




Fiff.Z 



€1 C 



y 



, ; ; >,^ j-^i^H 

' ;: :.'.':"■■•■ „^^F 

1 if_.^ ^_.^ ,j f^^- -X 



d 




a € 



94 Sitzung der mathrphys. Classe vom 1, März 1902, 

11. Die Integrabilität des Produktes f(x)'g(x) im nera- 
lichen Intervall ist für das Folgende ebenfalls nothwendig, sie 
ergibt sich aber, wie man weiss, aus den gemachten Voraus- 
setzungen bereits als nothwendige Folge. 

12. Zunächst seien f (x) und g (x) nicht nur monoton, 
sondern — um beim ersten Beweisschritt unseres bevorstehen- 
den Satzes nicht gleich eine Menge verschiedener parallel 
laufender Fälle zu gleicher Zeit im Auge behalten zu müssen, — 
auch isoton, und zwar niemals abnehmend, dazu im ganzen 
Intervall positiv. Schliesslich sei auch der Fall eines völligen 
Gleichbleibens im ganzen Intervall für beide Funktionen vor- 
läufig ausgeschlossen. 

Dann ist 

I) f{a)S dx<S f{x)dx<f{l,)S dx 

an a 

oder — es ist ja h — a positiv (s. 10) — 

II) f(a)<-j^^}f(x)dx<f{h). 

18. Es ist also 

1 * 

ein mittlerer Werth zwischen f(d) und f{h) und es lässt sich 
auf alle Fälle ein zwischen a und h liegender Werth x,» be- 
stimmen, für welchen gilt: 

III) f{x„.-e)<U^f{x^i^d) 

wobei 

< f < Xn — a; < d <^b — Xm 

ist und die beiden Gleichheitszeichen in III) nach Absatz 12 
nicht gleichzeitig für alle zugelassenen Werthe von e und d 
gelten können. 

14. Ob dabei fm mit f{Xm) zusammenfallt, bleibt unent- 
schieden; die Voraussetzungen über die Funktion sind der- 
artige, dass auch oiu Unstetigkeitssprung der Funktion bei 



H. Brunn: Neue Mitteltoerthssätze über bestimmte Integrale, 95 

x = Xm zulässig ist, der sie von einem Werthe unterhalb fm 
nach einem solchen oberhalb fortreisst.^) 

15. In Worten: Es existirt sicher eine Theilung des Inter- 
valls von der Art, dass die zum einen Theil gehörigen a; -Werthe 
die Funktion sämmtlich ^fmi die zum andern Theil gehörigen 
siimmtlich sie > fm machen. 

16. Dann gilt weiter: 

Sf{oi^)g{x)dx ^Sfm' (/ (x) • dx 



\Y) 



(= nur, wenn f(x) von a bis Xm constant = fm ist) 



S f(x) g (x) d X > S fm ' g (x) ' d X 

(= nur, wenn f(x) von Xm bis b constant = fm ist) 

oder — indem man die beiden vorstehenden Ungleichungen 
leicht umformt und neue wichtige daran kettet: 

<S(ffn'-m)g{^)dx<giXm)S(f„.-f{x))dx 

TT o a 

^') 

fm{Xm — a) — ^f{x)dx 
a 

und 

6 b 

<X(/*(^)- fm)g{x)dx>g {Xm)S (f{x)—fm)dx 



Ü 

ca 



>g{x,n)\S f{x)dx-fm(b-Xm) 

Die zweiten Gleichheitszeichen in Va) resp. Vb) gelten 
nur, wenn g{x) von a bis a;„,, resp. von Xm bis b constant 
gleich g(Xm) ist oder wenn fm — f{x) im ganzen Intervall von 
a bisar«, resp. von Xm bis b gleich Null ist. 



') Möglicherweise existiren mehrere Werthe für x^^; sind .r^, und 
x;^ zwei davon, so ist sicher /" (.1?^,) = /"(^rj = fm ""d auch fi-vj = /"„, für 
jeden beliebigen Werth 0?,,^ = .tJ,^, der zwischen oc'^^^ und a?",, Hej^t. 



96 Sitzung der mCUK-iihys. Classe tfom 1. Märe 1903. 

17. Hier ist eine Erläuterung der Bedeutung von g(x, 
erforderlich. Sobald g{x) bei Xm keine Unstetigkeit erleide 
ist ein Zweifel darüber, was für g{Xm) zu setzen ist, au! 
geschlossen. Sobald g(x) aber dort einen Sprung macht vc 
g(x) = a bis g(x) = ß, so kann für g(Xm) jeder Werl 
zwischen a und ß mit Einschluss dieser Grenzen gesetzt we 
den, und man kann auch, um die Ungleichungen möglich 
stringent zu machen, in Va) einen möglichst kleinen Wert' 
also a, in Vb) einen möglichst grossen, also /? für ^ (Xm) einsetze 

18. Wir kehren zur Entwickelung unseres Satzes zurüc 
Die beiden eckigen Klammern in V») und Vb) erweisen si( 
als gleich, wie man durch Subtraktion ersieht: 

fm {x„, — a) - Sfi^)^^ — ifi^) dx -hfmih — x„,) 
VI) 

(i 

= fm(b — a) — Sf{x)dx = (nach 13). 

a 

Wenn also der mit g {x„) multiplicirte Werth der eckige 
Klammern mit F bezeichnet wird, so ist 

f'ifn.-f{x))g{x)dx^F^Sif{^)-fn)g{x)dx 

VII) 

S(fn.-f{x))g{x)dx £ X (fix) - U)g{x)dx, 

wo das Gleichheitszeichen nur gelten könnte, wenn g{x) i 
ganzen Intervall, mit Ausnahme etwa der Grenzen a und 
selbst, constant gleich g{Xm) wäre, was wir ausgeschloss( 
haben (s. 12). 

Durch andere Vertheilung und Wiederzusammenfassur 
der Theilintegrale auf die Seiten der Ungleichung ergibt sie 
hieraus: 

b b 

fm X g {x)dx<S f {x) g {x) d x oder 

VIII) „ " \ . 

Sf{x)9{x) da: > j^^Sfi^) dx Snix) dx. 



K Srunn: Neue MittelwertJissätze über hestimmte Integrale. 97 

19. Wir wollen nun den Satz von allerhand Beschrän- 
hngen befreien, welche ihm vorläufig noch anhaften. 

Aus der erhaltenen Ungleichung ergibt sich auch die 
Richtigkeit der folgenden, in der k, l beliebige constante 
Grossen sind: 

a ^~^ a a 

und umgekehrt, aus dem Bestehen der letzteren für irgend 
zwei Werthe i, l folgt VIE). 

Denn durch Ausführung der Multiplikationen und Inte- 
grationen ergibt sich für IX) eine Form, die sich von VIII) 
nur durch die Hinzufügung gleicher Glieder 

a a 

rechts und links vom XJngleichheitszeichen unterscheidet. 

20. Sind nun f(x), g (x) irgend zwei im Intervall a bis b 
nirgends fallende endliche eindeutige Funktionen, deren Vor- 
zeichen nicht oder nicht überall im Intervall positiv ist, 
so lassen sich doch stets endliche Constante k^ l angeben, 
welche f{x)-)rk und g{x) -\-l zu nirgends fallenden, im Inter- 
vall stets positiven Funktionen machen, für welche IX) Geltung 
hat. Dann gilt aber, wie eben ausgesprochen, auch VIII). 

Also die das Vorzeichen von f{x) und g{x) beschränkende 
Bedingung aus Abs. 12 können wir fallen lassen. 

21. Femer: Sind f(x\ g (x) zwei im Intervall niemals 
steigende, so sind — f{oo\ — g (x) zwei im Intervall niemals 
fallende Funktionen, für welche gilt: 



XI) 



^ ^ a a 

somit gilt auch 
Sf(x)g{x)dx>-j-—Sfix) dx . Sg(x)dx 



b—a 

1902. Sitznogsb. d. matta.-ptayB. Gl. 



98 Sitzung der math.'phys, Glosse vom 1, März 1902, 

d. h. der Satz gilt auch für niemals steigende Functionen, 
endlich und eindeutig sind. 

22. Ist schliesslich f{x) eine im Intervall niemals faller 
g{x) eine ebenda niemals steigende endliche eindeutige Fu 
tion — oder umgekehrt — so ist nach dem Vorhergehen 
der Satz sicher giltig für das Paar Funktionen f{x) und — g 
und es kommt 



XII) 



h j 6 6 



oder 



6 j 6 6 

Sf{x)g{x)dx<-r—-Sf{x)dxSo{x)dx, 



Für „anisotone** Funktionen dreht sich also das Unglei 
heitszeichen unseres Satzes um. 

23. Sobald wir das von Kronecker eingeführte Zeic 

sgn -l = + 1 (je nachdem A j 

benutzen, ist 

= sgii { U\b) - /•(«)] y (b) - 9 (o)] } 



abgeküi^t = sgn ^ = + 1 (je nachdem f und g 



isoton 
anisoto] 



Die bisherigen Resultate? lassen sich daher in der folg 
den Form des Saty.es zusiunmen fassen: 

XIV) sgn(i.X/\.r)(/(a')>sgnfi ' S fi-^)^ ^ Sffi^)^^ 

24. Um endlich auch noch die in 10. gemachte Vorn 
Setzung fc > fi zu boscitigiMU sei /*<ci: dann gilt nach c 
bishcrigiMi sicher 



H, Brunn: Neue Mitteltoerthssätze über bestimmte Integrale, 99 
sgaqSf(!>:)gix)dx > ~—jJ f(x)dx ^ g{x)dx 



XV) 



-K 



oder 

b 



— sgn gX/"(a;)flf (a;) dx > —sgnqj-—Sf(x)dx^g{x)dx. 

a O Ua a 



Die beiden für die entgegengesetzten Annahmen b^ a und 
h<a geltenden Formen der Ungleichung können wieder in 
eine zusammengefasst werden, indem man in XIV) links wie 
rechts noch den Factor sgn (6 — a) hinzufügt. 

25. Setzt man schliesslich zur Abkürzung das Produkt 

XVI) [nb)-f(a)] [g(b)-g(a)] [b-a]=p, 
SO kommt als endgiltige Form des Satzes: 

XVII) sgnpSnx)g(x) dx > f--^Sf(^)dxig{x)dx, 

a ^ » a a 

der nun für beliebige endliche, eindeutige monotone Funktionen 
f{^\ 9{^) und beliebige endliche Grenzen a, h gilt mit Aus- 
nahme des Falles a = b, bei dem die beiden Seiten der Un- 
gleichung als verschwindend und so einander gleichwerdend zu 
betrachten sind, und des Falles, wo eine der Funktionen /", g 
oder auch beide im ganzen Intervall constant sind und wo 
ebenfalls Gleichheit eintritt. 

26. Eine Vervollständigung des Satzes kann gewonnen 
werden, indem man der einen Funktion, etwa f{x), die Funk- 
tion fifl-j-b — x) an die Seite stellt, welche im Intervall von 
« bis 6 die nemlichen Werthe wie jene, aber in umgekehrter 
Reihenfolge annimmt, somit ebenfalls endlich, eindeutig und 
monoton ist, und der Ungleichung 

XVIII) sgnpSf(a+b—x)g(x)dx> ,f -//"(a+Z^— ^) dxSg(x)dx 

a ^ ^a a 

Genüge thut. 

Aber es ist, wie die Substitution x ^= a -{- h — y sofort 
erweist 



100 Sitzung der math,-phy 8, Glosse vom 1, Märe 1902. 

b h 

XIX) SfiP^ + ^ — ^)d^ = Sf{oc)dx 

a a 

und es ist femer 

XX) Bgap'=sg^{\f{a)-m-\[ß{h)-g(a)-\\h-a\} = -s^p, 
SO dass sich ergibt 

5 orfr» Vi ^ ^ 

XXI) sgnjpX/'(a + 6— a;)5f(a;)da; < jr—zSf{^)dxSg(^)dx 

und wir unserer Ungleichung XVII) noch ein Glied anfügen 
können : 

sgni)X/"(a;)5'(a;) äx>^ — -J'/"(a;) daij^f (a;) da; 

a ^ ^a a 

XXII) 

>Sf{"' + i — a;) üf (a;) da;. 

a 

27. Die vollständig symmetrische Rolle, welche f{x) und 
g{x) spielen, lässt erkennen, dass f{x) und g{x) im letzten 
Integral auch vertauscht werden können. 

II. Capitel. 

28. Die im ersten Capitel entwickelte Ungleichung hat 
in einer Beziehung etwas unbefriedigendes. Sie schliesst das 
Produkt der beiden Integrale über die Factoren f(x) und g {x) 
in Grenzen ein, für das Integral des Produktes gibt sie nur 
eine einseitige Grenze. Meist wiegt aber der Wunsch vor, 
gerade über das Integral des Produktes näher belehrt zu werden. 

29. Versuchen wir zuerst, durch eine Transformation der 
Ungleichung diesem Mangel abzuhelfen. Es sei jetzt eine 
Funktion m (x) und ihr Produkt mit einer andern h (x) • m (x) 

eindeutig, endlich und monoton. Dann wird auch — 7^- die 
° m(x) 

nemlichen Eigenschaften haben, wenn nur kein Werth des 

ir-Intervalls, auf welches sich die Betrachtung beschränkt, m (x) 

zu Null macht. Dies sei jetzt vorausgesetzt. 



H, Brunn: Neue Mütelwerthssätze über bestimmte Integrale, 101 

30. Wir wenden nununsern Satz srnt denFsLllf{x) = h(x)m(x) 

\mig{x) = — ^r-T- an und erhalten, wenn der Abkürzung wegen 

[b-amib)fnib)-Ha)m^a)][-J^-^]^p" 
XXni) oder 

- [6-a] [m(6)-m(a)] [Ai*) _ A^) 1 =y' 
^ j L V / ^ ^-* lm(a) ni(b) j ^ 

gesetzt wird: 

& b * , 

sgn/X A (x) dx > sgn/jA (x) • m(x) dx - f-y^v 

a a %j Tn \X) 

XXIV) 6 

> sgnp J -i ^^ -L-. 

a 

h 

/d X 
— 7-r- vorzubereiten, 
m(x) 



b 

dx 



a 

dann wird 

^ h(x)dx b 

^fSV^^ ^~b > sgn r j h (x) m(x) d X 

XXVI) , 

Xb(a + b — x)m{a-\-b — x)(lx 
m {x) 
>sgnr^? ^- 

n d X 



m (x) 



31. Unser Augenmerk richtet sich natürlich weniger auf 
die zweite, als auf die erste in XXVI) enthaltene Ungleichung 
und auf die Frage, ob vielleicht diese sich an die erste Un- 
gleichung von XXBL), welche für die bei monotonem h(x) zu- 
lässige Verfügung f{x) = h (x), g {x) = m (x) die Form 



102 Sitzung der mathrphys, Glosse vom 1. März 1902, 

XXVII) sgnpSh{x)m{x) dx > r^ j A(a;) dx - /m(a;)e 

a ^ ^a a 

annimmt, — nach vorn angliedern lasse. Dies ist dann 6 

Fall, wenn 

sgn r = sgn p 

oder wenn 

XXVIU) _^^rdx \h(b) h(a)l ^ ^ 
" J m (x) i m (a) m{b) J 

a 

ist. Ist dagegen 

sgn r = — sgn jp; 

XXIX) _ r dx ^ r hQ)) _ h(ß)r\ ^ _ 

^^J m(x) ' im{a) m(6) J ~ ' 

a 

so andre man die Vorzeichen der Glieder von XXVI), dn 
dem gemäss die üngleichheitszeichen um, und man wird 
kennen, dass das weniger willkommene Glied 

n h{n + h~x)m{a + h — x) j^ 
J m{x) 
sgn p ^— 

n a X 

J in(x) 

a ^ ' 

sich vorn an XXII) anschliesst. 

32. Nur die erste Ergänzung von XXII) scheint i 
wichtig und wir wollen sie hier ausführlich anschreiben: 

b 

J h (x) d X j^ 

sgni>— ^ >s^np^h{x)m{x)dx 



XXX) J 



d X 
m {x) 



s^np 



h 



> iZl^j h{x) dx J m {x) dx, 

a a 

Wir sind ihrer Geltung auf Grund der bisherigen E 
Wicklung nur sicher, wenn XXVIII) und die bei 29. gemach 
Voraussetzungen gelten, dazu noch die in 25. für f\x) und g 



H, Brunn: Neue Mittelwerthssätze über bestimmte Integrale. 103 

gemachten und nun gemäss 31. auf h{x) und m(x) zu über- 
tragenden , so dass nun also f (x), m(x) und h(x)'m (x) 
monoton sein müssen. Diese Einschränkungen bilden die 
Schwäche von XXX). 

33. Unser erster Versuch der Vervollständigung unserer 
Formel ist daher nur theilweise gelungen und lässt den Wunsch 
rege, eine bessere Ergänzung ausfindig zu machen. 

34. Man könnte auf den Gedanken kommen, Ungleich- 
ungen wie 

a 



XXXI) 



welche zunächst für positive f{x\ g(x), dx gelten, zu diesem 
Zwecke heranzuziehen, aber dergleichen würde wenig Verdienst 
haben, denn diese neuherangezogenen Ungleichungen gelten 
schon für die Differentiale, stellen also keine den Integralen 
eigenthümlichen Sätze vor, sondern sind einfache Integi-ationen 
bekannter Sätze über integralfreie Funktionen. 

Das Gute an unserer Ungleichung XXII) ist eben, dass 
sie nicht für die Differentiale gilt, sondern den Integralen 
eigenthümlich ist. WerthvoU wird also die Vervollständigung 
nur sein, wenn sie gleichen Charakter hat. 

III. Capitel. 

35. Die im I. Capitel angestellten Betrachtungen sind 
einer Verallgemeinerung fähig. 

36. Es seien f{x) und F{x) für ein von a bis h laufendes x 
endliche, eindeutige monotone und zwar zunächst nie abneh- 
mende Funktionen, und es sei 

h h 

XXXII) Sf(^)^^ = SF{^)dx, dabei h> a. 



104 Sitzung der mathrphys. Classe vom 1, März 1902. 

Es sei ferner | ein Werth von x im Intervall und 
F(x) <.f(x) für ledes x von a bis |, 

xxxin) \ j =^i ^ j j *» 

2^(0?) ^ /"(a;) für jedes a; von | bis 6, 

wobei es für das Folgende ganz gleichgiltig ist, ob die Grei 
werthe a; = a, x = b mit einbezogen werden oder nicht v 
was man für a; = | festsetzt. 

37. Wenn | in einem Intervall liegt, dessen sämmtli< 
Werthe F(x) =f(x) machen, so kann jeder beliebige We: 
dieses Intervalls die Stelle von | vertreten. 

38. Das Bestehen der Gleichungen 

Sfix)dx=SFix)dx und Sfi^)=^F(x), 

a a SS 

von denen (mittels XXXII) eine die andere nach sich zie 
soll ausgeschlossen sein. 

Das Bestehen dieser Gleichungen würde die Identität i 
Funktionen an allen Stetigkeitsstellen nach sich zieh 

39. Es werden also die Werthe der beiden Funktioi 
sicher weder im Intervall von a bis |, noch in dem von f bi 
überall gleich sein. 

40. Denkt man sich die Integrale XXXII) in bekanii 
Weise durch Flächenstücke repräsentirt, so ist der Inhalt 

beiden gleich, beim Integral } F(x)dx aber mehr nach 

a 

einen Seite (b) verschoben. 

41. Unter den gemachten Voraussetzungen ist nun: 

6 b 

^f{x)dx-SF{x)dx 

a a 

XXXIV)= / f^^*^ ~ ^^""^^ '^^ + / '^(''^ ~ ^^""^J '^'^ = ^ 

oder 

X \f(x) - F(x)-] dx = S iF{x) - fi^x)-] d X, 



H, Brunn: Neue Mittelwerthssätze über bestimmte Integrale. 105 

wobei rechts und links unter dem Integralzeichen positive, 
höchstens zu Null werdende Funktionen (in den eckigen Klam- 
mern) stehen. 
Weiter gilt: 

S [fix) - F{x)-]g(x) > dx ^g(^) Slf(x) -^ F{xy]dx 
XXXV)" ^ ^ " 

^ff{S)SlFix)-ax)-]dx<SlF{x)-f{x)-]gix)dx. 

42. Das erste Gleichheitszeichen gilt nur für den Fall, 
dass g (x) im Intervall von a bis | constant gleich g (|), das 
zweite nur, wenn es im Intervall von | bis b constant gleich 
i7(l) ist. 

43. Bezüglich der Bedeutung von g(S) vergleiche man 
die Bemerkungen unter 17. Wird, um die Ungleichungen 
stringenter zu machen, die gelegentlich sich bietende Möglich- 
keit, für g{^) zwei verschiedene Werthe zu setzen, ergriffen, 
so ist in der letzten Formel das mittlere Gleichheitszeichen 
durch < zu ersetzen. 

44. Durch Subtraktion des ersten Gliedes folgt aus unserer 
Ungleichung — nach Weglassung der beiden Mittelglieder — 

< J [Fix) - fix)] gix)dx- S\fi^) - Fix)-\ g ix) dx 

« a 

( b 

XXXVI) Q^^SFix)gix)dx — Sfix)9ix)dx oder 

a a 

h h 

^ F{x)g{x)dx'^Sfix)g{x)dx. 

a a 

Das Gleichheitszeichen kann nur gelten, wenn g (x) im 
ganzen Intervall von a bis b constant gleich f ist. 

45. Bei Umkehr der Grenzen dreht sich das IJngleich- 
heitszeichen um; beide Formen der Ungleichung sind zusam- 
mengefasst unter 

XXXVn) sgn {b—a)fF(x)g{x)dx > sgn(b^a)if(x)g(x)dx. 



106 Sitzung der mathrphys, Glosse vom 1, März 1902. 

46. Gilt der Satz für f{x) und F{x\ so gilt er auch für 
f{x) — c und F{x) — c, wodurch die Beschränkung f{a)>0 
wegfällt; gilt er für f{x\ g{x) und F{x\ so gilt er auch für 
—'f{x% — g{x) und — F(x), d. h. auch für Funktionen, die 
niemals zunehmen. Und: Wie F{x) eine Funktion war, welche 
(mindestens stellenweise) grössere Werthe als f(x) aufweist in 
jenem von f ausgehenden Intervall, in welchem f{x) selbst 
grössere Werthe aufweist als im andern, so ist auch — F(x) 
eine Funktion von analogem Verhalten gegenüber — f{^)i 
oder, um zur Beförderung des Verständnisses den Sachverhalt 
noch in einer andern Weise auszudrücken: Es ist die durch 

b 

— jF{x)dx ausgedrückte Fläche im Vergleich mit der durch 

a 
b 

— jf(p^)dx! ausgedrückten etwas einseitiger massirt nach der 

a 

b 

Seite, nach der schon die Fläche J*/'(a;)dx selbst stärker 

a 

massirt ist. Für den Fall negativer Ordinaten und Flächen 
sind hier die Begriffe grösser — kleiner im algebraischen, nicht 
im absoluten Sinne zu nehmen, wozu die geometrische An- 
schauung verleiten könnte. 

47. Der Fall f{x) = const., bei dem die Fläche, die zu 
y -==: f(^x) gehört, nach keiner der beiden Seiten stärker massirt 
ist als nach der andern, kann — als in früheren Entwicke- 
lungen, des I. Capitels, bereits erledigt — hier ausgeschlossen 
werden, 

48. Wird nur an Stelle des g(x) die negative Funktion 

— ^ (^) gesetzt, so dass es in eine niemals steigende Funktion 
übergeht, so ist das IJngleichheitszeichen umzudrehen, oder, 
um auch diesen Fall zu umfassen, ist unserer Ungleichung 
noch der Factor sgnlg{b) — g (o,)] beizufügen; und ähnlich 
ist, um auch noch die mögliche Umkehr des Charakters von 
f{x) und F{x) zu berücksichtigen, der Factor sgn [f (p) — f (fl)] 
hinzuzufügen, unter Berücksichtigung davon, dass 

XXXVIII) sgn \f\b) - /•(«)] = sgn [F(6) - F(a)] 



H, Brunn: Neue Mitteltoerthssätze über bestimmte Integrale. 107 

ist. Letzteres erhellt daraus, dass nur folgende zwei Möglich- 
keiten gegeben sind: 

F(b)>nb)>f(a)^Fia) oder 

^'''''^ Fib)^f{b)<f{a)^F(a). 

49. Also schliesslich gilt, mittels einer früher (XVI) schon 
eingeführten Abkürzung geschrieben: 

b b 

XL) sgn p J F(x) g{x)dx> sgnp^ f(x)g{x) d x 

a a 

eine Ungleichung, die sich der Ungleichung XXII), die wir 
ergänzen wollen, vorne anschliessen lässt, und aus der nun 
jeder sich selbst die weitere 

b b 

XLI) sgnp^f(a-\-b—x)g{x) dx > sgnp^F(a-\-b—x) g (x) dx 

a a 

ableiten mag, die sich an die nemliche Ungleichung hinten 
anschliessen lässt. 

Vollständig angeschrieben hat dann unser Satz die Gestalt: 

b b 

sgn p SF{x)g{x) dx > sgnp ^ f{x)g (x) dx 

a a 

XLII) 

^ sgn^J /'(a -\- h — ^)g{x) dx 

a 

h 

> Sgn p J F{a -{-b — x) g (x) d x, 

50. Es seien hier, um von dem Charakter der Kurven 
y = f{x) und y = F{x) keine zu engbegrenzte Vorstellung 
aufkommen zu lassen, in Fig. 4 — 11 eine Anzahl Beispiels- 
formen in Zeichnung vorgeführt. Die dünnere Linie reprä- 
sentirt immer f{x\ die dickere F{x). Die Figuren dürften 
natürb'ch statt rechts auch anders gegen die Ordinatenaxe liegen. 



108 Sitzung der malh.-phys. Classe vom 1. März 1902. 



Fi(j. 4 




Fig. 5 




Fig. G 




Fig. 7 



^ 



Fig. H 




Fig. 9 




K Brunn: Neue Mittelwerthssätze über bestimmte Integrale, 109 




Fig. 11 




Fif/. 12 




51. Man kann nun versuchen, an Stelle von F{x) be- 
sonders primitive Funktionen zu setzen. Z. B. man kann F{x) 
auf der einen Seite von | constant gleich F{a)^ auf der andern 
constant gleich F{b) sein lassen^) (s. Fig. 12). Die Forderung 
XXXU) lautet dann geometrisch eingekleidet: Das Rechteck 
mit Grundlinie | — a und Höhe a und das Rechteck mit Grund- 
linie 6 — I und Höhe h müssen zusammen genommen den nem- 
lichen Inhalt haben, wie das von der Kurve y = f{x) und 
durch seitliche Ordinaten begrenzte Flächensttick mit der Grund- 
linie h — a. 



') Für den Fall, dass f (x) im Intervall das Vorzeichen nicht wech- 
selt, läsat sich auch die zu besonders einfachen Formeln führende An- 
nahme machen, dass F (x) auf der einen Seite von ^ constant gleich 
Null, auf der andern etwa gleich dem äussersten Werthe von f (x) sei. 



110 Sitzung der matK-phys, Glasse vom 1. März 1902. 

52. Dass stets ein f zwischen a und b vorhanden ist, welches 
unseren Anforderungen genügt, ergibt sich leicht. Denn für 
eine monotone Funktion f(x\ a<b, f{a)<f{b) gilt offenbar: 

b 
XLIH) f(a) (b-^a)<Sf(x)dx<f(b) (b—a) 

a 

allgemeiner, wenn man 

XLIV) sgn {[f(b) — f{a)] [b — a]} = sgn q setzt: 

b 
sgn q> f(a) (6 - a) < sgn q'Sf(^)dx < sgn qf(b) {b — a) 

a 
b 

d. h. jf(x) dx liegt unter allen Umständen zwischen f{a) {b — a) 

a 

und f{b){b — a), sofern nicht in Folge von f(a) = f{b) oder 
a = b alle drei Glieder gleiche Werthe bekommen. 

53. Das Integral lässt sich daher — auch im Fall des 
erwähnten Gleich werdens — stets mittels positiver echter 
Brüche x und A, deren Summe gleich 1 ist, auf die Form 
bringen 

b 

XLV) J= Sf(x)dx = f{a) (b — a) • k + f{b) {b - a) • x, 

(A + « = 1) 

oder mit Zuhilfenahme eines zwischen a und b liegenden 
Werthes f , der 

^ — a = {b — a)k, b — ^ = {b — a)x 

macht, auf die Form: 

XLVI) J=}f(x)dx^f (a) (f - a) + /- (/>) (b - f ) 

a 

Aus XLVI) folgt 

[f(b)b-f(a)a']-J 
XLVII) «--^-"/V^'t^— 

b 

als vollständig bekannter Werth, wenn J=^}f(x)dx be- 
kannt ist. 



H, Brunn: Neue Mütelwerthssätze über hestimmte Integrale, Hl 

54. Offenbar befriedigt das System der beiden geraden 
Strecken 

Fix) = fia)=^y, ia£x<i) 

vollkommen die an eine Funktion F(x) zu stellenden An- 
forderungen. 

Es gilt daher: 

^g^pSf(ci)9{^)dx+sgnp^f{h)g(x)(lx 

IL) 

>sgnp^f{x)g{x)dx 

a 

oder schliesslich, wenn alle nun erwiesenen Ungleichungen und 
eine letzte leicht zu erweisende, hinten sich anschliessende in 
eine Reihe gestellt werden: 

r I ö -. b 

sgnp \f{a)Sg(x)dx + f(h)^g(x)dx\>sgnp^f(x)p{x)dx 

f(p) So (^) f?^ + f{<^)S9 {x)dx\, 

wobei also /"(x), g{x) eindeutig, endlich und monoton im 
Intervall a bis 6 sind, und 

Sm dx-imb-fia) a] f(p)(b-a)-Snx) dx 

^^~' flbY=7(äj ="*+ TW=W) 

zu setzen ist. 

55. Schlussbemerkungen. Wenn -F, /"und g „Stufen- 
funktionen^ werden (in der Art, wie F in 51. eine „zwei- 
stufige* Funktion wurde), so verwandeln sich unsere Ungleich- 



112 Sitzung der mathrphys.Classe vom 1, März 1902. 

ungen XLII) in die integralfreie Form : sgn P'^Fi^QiAxi 

n-l 

^^gap-^ftgiAxi etc.,^) für den Fall constanter AXi in: 



sgn q 2 Fi (je ^ sgn g 2* d ^. etc.*) {2 Fi = 2fi; die Fi und /*. 
monotone Grössenreihen, die Reihe Fi — (% nur einen Zeichen- 
wechsel enthaltend etc.). Diese Summenformel entsteht hier 
sozusagen als die Tochter der Integralformel; sie lässt sich 
aber auch ohne den Umweg übers Integral beweisen und tritt 
dann als Schwester ihr zur Seite; ja man könnte sie sogar 
als die Mutter der Integralformel betrachten. (Vgl. A. Prings- 
heim in diesen Berichten Bd. 30, S. 212.) Unser Beweis in 
52. bleibt — was eine Art Güteprobe für ihn darstellt, — auch 
für die Summenformel anwendbar, wenn in ihm ebenfalls alles 
integralische ins summarische verwandelt wird. 

56. Da die am häufigsten vorkommenden Funktionen sich 
in Intervalle monotonen Charakters zerlegen lassen, so werden 
mannichfaltige Anwendungen unsrer Sätze sich ergeben. Eine 
Menge auch von integralfreien Ungleichheiten zwischen be- 
kannteren Funktionen werden sich mit Leichtigkeit ableiten 
lassen, welche auf anderem Wege kaum immer so rasch und 
bequem gefunden werden. Man kann die Factoren f{x\ g(x) 
einander gleich oder gleich Potenzen der nemlichen Function 
setzen, es lassen sich gewisse Resultate auf Produkte von mehr 

als zwei Faktoren verallgemeinern, und durch wiederholte An- 

h 

Wendung der Sätze Näherungsformeln für ^ f{x)g(x)dx geben 

a 

mit Hilfe von Integralen über die einzelnen Faktoren etc. Die 
Bedingung der Endlichkeit der Funktionen wird bis zu einem 
gewissen Grade fallen gelassen werden können. 



^) Unter ^Tq, x^^ . . . ocn sind verstanden die der Grösse nach in eine 
Reihe geordneten drei Reihen von Stufenendenabscissen ^o» ^i • • • ^^ä; 
(po, fPi • ' ' (pft; Toj Yi ' ' ' Y^ von F, f, y resp. und zwar in steigender 
oder fallender Anordnung, je nachdem Xq^^ a kleiner oder grösser als 
XnZZh ist. 

2) Ueber q vergl. 23. 



Sitzungsberichte 

der 

königl. bayer. Akademie der Wissenschaften. 



Mathematisch-physikalische Classe. 

Sitzung vom 3. Mai 1902. 

Herr Hermann Ebebt legt eine Abhandlung des Privat- 
dozenten an der technischen Hochschule Dr. Karl T. Fischer 
und des Assistenten der technischen Hochschule Heinrich Alt 
Ober: .Siedepunkt, Gefrierpunkt und Dampfspannung 
des reinen Stickstoffs bei niedrigen Drucken** vor. 



Siedepunkt, Gefrierpunkt und Dampfspannung des 
reinen Stickstoffs bei niedrigen Drucken. 

Von K. T. Fischer und H, Alt. 

{Singilaufen 6. Juni.) 
(Mit Taf. I u. II.) 

1. Magnetische bezw. kalorische Untersuchungen bei tiefen 
Temperaturen veranlassten uns, ein Verfahren zur Herstellung 
grösserer Mengen (einige Hundert ccm) reinen verflüssigten 
Stickstoffs auszuarbeiten. Nachdem jedoch bereits die ersten 
Proben, welche wir zur Prüfung ihrer Reinheit zum Erstarren 
brachten, zeigten, dass der Siedepunkt und Erstar- 
rungspunkt des reinen flüssigen Stickstoffs sehr be- 
stimmt definierte Aichpunkte für Tief-Temperatur- 

19(B. SitzangBb. d. math.-phys. Cl. 8 



IH Sitzung der matK-phys. Glosse vom 3, Mai 1902. 

messungen liefern und Erstarrungsdruck und -Tem- 
peratur nicht unwesentlich von den von Olszewski^) und 
Wroblewski*) ermittelten Werten abweichen (anderweitige 
Bestimmungen des Erstarrungspunktes von Stickstoff scheinen 
nicht gemacht worden zu sein), führten wir eine Neubestim- 
mung der letzteren beiden Konstanten aus und stellten bei 
dieser Gelegenheit auch die Dampfspannungskurve gesättigten 
Stickstoffs für Drucke zwischen einer Atmosphäre und dem 
der Erstarrungstemi)eratur entsprechenden Dampfdrucke fest. 
Da gerade die schwer verflüssigbaren Gase in theoretischer 
Hinsicht ein besonderes Interesse bieten, wollen wir im fol- 
genden Aufsatze nicht nur über die unmittelbaren Versuche 
berichten, sondern auch einige mehr theoretische Betrach- 
tungen an dieselben anschliessen. 

2. Zur Herstellung des reinen gasförmigen Stick- 
stoffs verwendeten wir eine von Herrn Prof. Mut h mann 
eri)robte lleinigungsmethode: In der 5 Literflasche A wurden 
in 3 Liter Wasser 600 g technisch reiner Salmiak und 300 g 
Kaliumbichromat unter Erwärmen aufgelöst und nachdem die 
Lösung bis zum Kochen erhitzt war, aus dem Tropftrichter li, 
dessen Tropfröhre genügend lang ist, um den Druck in den 
Waschflaschen zu überwinden, Natriumnitrit (technisch rein, 
600 g in 800 ccm Wasser) zugeführt. Der sich entwickelnde 
Stickstoff wurde nach dem l*assieren einer Vorlegeflasche C 
durch eine grosse Flasche D, die mit einer Lösung von Eisen- 
vitriol, mit Krystallen im Ueberschuss, gefüllt war, in die 22 
und 26 Liter fassenden Gasometer E und F geleitet. Aus den 
genannten Materialmengen können bis zu 200 1 gasfiirmigen 
Stickstoffs erhalten werden; um jcmIocIi ohne Unterbrechung 
der Entwickelung grössere Mengen zu gewinnen, Itihrten wir 
durch den Gunnnistopfen der Flasche J noch 2 Glasröhren ein, 

1) K. OlHzewHki, Compt. MornX. <M>, p. l-ÜJ-UJO, 1884 und 100, 
p. 350— :m2, 18H5, IMiil. Ma^. V Dl), p. !>()() und 210, 1805, referiert in 
Fortschr. (l. IMiys. 41. 2. S. 4.0;'), Iss.') u. Wio«l. H.Mhlätler 9, S. 247, 1885. 

-) S. W roblewHki. Wiciior Akiiil(Mnieh(»ri(hte 1)0, 18«5; Landolt 
und Hörnstein, i»hyMikiiliMih.<li«Miiisili(' Tabellen S. 120, 18D4. 



Fisdier und Alt: Dampf npannung des reinen SHcksioffs, 115 




116 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 3, Mai 1902, 

die mit den Vorratsflaschen G und H in Verbindung stehen. 
Nachdem zur erstmaligen Füllung von A die entsprechende 
Menge Natriumnitrit zugeführt ist, werden ca. 1 */a 1 der ver- 
brauchten Lösung in die eine der Flaschen G und H ab- 
gelassen und dafür aus der anderen 1 */a 1 frische Lösung 
zugeführt. Ist dieselbe gut vorgewärmt, so hält auch während 
des Zuströmens in den grösseren Ballon die Gasentwickelung 
an. Die Reinigung des Stickstoffgases erfolgt erst unmittelbar 
vor der Verwendung desselben, und zwar wird zu diesem Zweck 
der Stickstoff* aus dem einen der Gasometer entnommen, wäh- 
rend der andere aus dem Entwicklungsapparat frisch gefüllt 
wird. Es wird der Stickstoff* durch 3 Trockenflaschen mit 
reiner konzentrierter Schwefelsäure und durch eine weitere 
Flasche mit Phosphorpentoxyd in die Verbrennungsröhren J 
und K geleitet, deren jede in der ersten Hälfte mit Kupfer 
in der zweiten mit Klavierstahldrahtstückchen gefüllt ist, und 
welche beide vor jedem Versuch unter Erhitzen bis zu heller 
Rotglut mit gereinigtem Wasserstoff" einige Stunden lang redu- 
ziert worden sind. Jede der Verbrennungsröhren ist 1 m lang 
und hat 12 mm lichten Querschnitt ; das zweite Verbrennungsrohr 
zeigte sich in der Regel fast gar nicht angegriffen ; namentlich 
blieb das Kupfer sehr rein, während manchmal das Eisen auf 
1 — 3 cm Länge auch in der zweiten Röhre angegriffen war. 
Aus K wird der gereinigte Stickstoff durch eine Glasröhre 
und über Phosphorpentoxyd (bei den ersten Versuchen war 
noch eine Flasche mit pyrogallsaurem Kali zwischen Glasröhre 
und dem P^ 0^ eingeschaltet) dem Verflüssigungsapparat V 
zugeführt. Um den Zufluss des Wasserleitungswassers, das 
für die Gasometer verwendet wurde, automatisch zu regu- 
lieren, brachten wir die Heberverbindung L M an. Das Niveau 
in den Gasometoraufsätzen wird durch die Höhe des in einen 
Trichter eingehängten Beclier<rlases, ^velches von der Wasser- 
leitung gespeist wird, geregelt. 

3. Zur Verflüssigung wird der Stickstoff in das 
unten auf 4 cm Durchmesser erweiterte ca. 130 ccm fassende 
Hohr V eingeleit(^t, welches mittelst eines weichen Gummi- 



Fischer und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs, 117 

rfens Q^ in die 2^/2! haltende Dewarflasche ^eingesetzt 
ist; lässt man in dieser mit Hilfe einer Wasserluftpumpe W 
unter vermindertem Druck flüssige Luft verdampfen, so kühlt 
sie sich genügend stark ab, um den in V einströmenden Stick- 
stoff zu kondensieren. Ist die Dewarflasche mit frisch her- 
gestellter Luft beschickt, so genügt bereits ein Druck von 
400—250 mm, um eine kräftige Kondensation in V herbei- 
zuführen ; wenn die Luft infolge der Verdampfung bereits einen 
grösseren Betrag ihres Stickstoffes, der bekanntlich zuerst ab- 
destilliert, verloren hat, muss der Druck bis auf 150 oder sogar 
70 mm reduziert werden. Da die Dichte des flüssigen Stick- 
stoffes 0,791 g/ccm beträgt,^) lassen sich ungefähr 3—4 Gaso- 
meterfQllungen in V kondensieren. Um V zu entleeren, ist 
in V mittelst des luftdicht aufgesetzten Gummistopfens Q^ 
eine sehr dünnwandige ca. 5 mm weite Glasröhre eingeführt, 
welche bis auf den Boden reicht, und während der Konden- 
sation oben durch einen dünnen Gummischlauch mit Quetsch- 
hahn verschlossen ist; hebt man nach Abstellung der Wasser- 
luftpumpe und Herstellung von atmosphärischem Druck in N 
das Kondensationsgefass V aus der Dewarflasche heraus, in- 
dem der auch während der Kondensation ziemlich weich 
bleibende Gummistopfen Q^ gelüftet und gehoben wird, so wird 
durch den bei der Erwärmung von V entstehenden Ueber- 
druck der flüssige Stickstoff aus V ausgetrieben; er wird sofort 
in ein versilbertes ^/4 1 haltendes Dewargefäss (von Glasbläser 
R. Ebermayer in München, Schillerstrasse, hergestellt) ein- 
gefüllt, und dies dann mit einem Gummistopfen hermetisch 
verschlossen. Der in demselben sich entwickelnde Stickstoff- 
dampf wird mittels Gummischlauches in den gerade in Füllung 
befindlichen Gasometer zurückgeleitet, damit er nicht verloren 
geht. Wir haben auf verschiedene Weise versucht, den 
flüssigen Stickstoff aus dem Gefäss V zu entnehmen, nament- 
lich versuchten wir, durch Einpressen von Stickstoffgas oder 
durch eine in V eingeführte elektrisch zu erhitzende Spirale 



') Travers, Experim. Study of Gases, London 1901, S. 247. 



L 



118 Sitzung der math.-phys. Classe vom 3, Mai 1902, 

den nötigen üeberdruck zu erzielen; wir hielten es aber 
schliesslich für das bequemste, das ganze Gefäss V sammt den 
Gummistopfen aus der De warflasche herauszuheben, um den 
verflüssigten Stickstofi^ abzuzapfen. Wenn man den Gummi- 
stopfen etwas mit Glycerin einfettet, ist es nicht schwierig, 
ihn zu lösen; der Zeitverlust, der dadurch entsteht, beträgt 
nur wenige Minuten. Mit Verwendung zweier parallel ge- 
schalteter Wasserluftpumpen, welche einen Raum von 9 1 in 
einer Minute auf 250 mm, in 7 Minuten auf 20 mm leer 
pumpten, waren wir imstande, in 1 ^/i Stunden den für 100 ccm 
Flüssigkeit nötigen Stickstoö" zu entwickeln und zu konden- 
sieren. Trotz der grossen Geschwindigkeit, mit welcher in 
diesem Falle das Gas durch die Waschflaschen und die Ver- 
brennungsöfen circulierte, war es genügend trocken und frei 
von Sauerstofi". Eine von Zeit zu Zeit gemachte Gasanalyse 
auf Sauerstofi", welche wir mit Hilfe der Hempel'schen Ab- 
sorptionspipette mit Kupfer in ammoniakalischer Lösung vor- 
nahmen, zeigte jedenfalls nur Sauerstofigehalt von weniger als 
0,2 ®/o an. Ausserdem spricht für die Reinheit des erhaltenen 
Kondensationsproduktes die Konstanz des Siedepunktes der 
wasserklaren Stickstoflflüssigkeit, die auch vor den Spektral- 
apparat gebracht im sichtbaren Teil des Spektrunis keine be- 
sonders bemerkenswerten Absorptionsstreifen zeigte; selbst ganz 
geringe Beimengungen von Sauerstoff machten sich 
sofort in der Erhöhung des Siedepunktes des Stickstoffes 
bemerkbar, wie wir bei allen Versuchen konstatieren konnten. 

4. Alle Temperaturmessungen wurden anfanglich mit 
selbst angefertigten Thermoelementen aus Kupfer und Kon- 
stantandraht ^) von 0,5 mm Dicke ausgeführt, die in der Stich- 
flamme mit Silber gelötet waren; nachdem sich gezeigt hatte, 
dass bei der grossen Reihe von Versuchen (es wurden über 
10 einzelne Bestimmungen mit mindestens durchschnittlich 



') Bezogen von der Firma Siemens und Halske, von der wir 
auch vor einem Jahre ein von der phys. techn. Reichsansfcalt geaichtes 
Thermoelement aus crleichem Material erhalten hatten. 



Fisdier und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs. 119 

40— 150ccm flüssigem Stickstoff gemacht) der Siedepunkt 
nnd Gefrierpunkt konstant blieb, nahmen wir für die Be- 
stimmung des Siedepunktes und Erstarrungspunktes Messungen 
mit dem Wasserstoffthermometer vor. Die Verwendbar- 
keit des Wasserstoffthermometers für diese niedrigen Tempera- 
turen ist bereits von K. Olszewski^) und neuerdings von 
J. De war*) durch Vergleich der Angaben von Wasserstoff-, 
Sauerstoff- und Helium-Thermometern für den Siedepunkt des 
Wasserstoffes — 252,5^ oder 20,5® der absoluten Temperatur 
erwiesen worden. Namentlich wenn sich Wasserstoff bei der 
Messung von tiefen Temperaturen unter geringem Druck be- 
findet, dürfte gegen seine Verwendung für Temperaturen, die 
oberhalb seines Kondensationspunktes liegen, nichts einzu- 
wenden sein. Das Wasserstoffthermometer war ein Thermo- 
meter für konstantes Volum von der JoUy'schen Form; für 
die Messung tiefer Temperaturen verdient dieses Gasthermo- 
meter vor dem Gasthermometer für konstanten Druck den 
Vorzug, da nach der van der Waals'schen Gleichung der 
Spannungscoefficient bei gleicher Dichte von der Temperatur 
unabhängig ist, wenn auch sonst das Callendar'sche ') kom- 
pensierte Gasthermometer für konstanten Druck seine Vorteile 
haben mag. Die Ablesung erfolgte mittelst eines Kathetometers 
an einem unmittelbar neben dem Thermometer aufgehängten 
Normalmassstab aus Messing von Breithaupt in Kassel. Der 
Massstab war mit einer von der physikalisch-technischen Reichs- 
anstalt beglaubigten Normale verglichen worden. Neben dem 
Thermometer befand sich auch das Barometer, ein neues Ballon- 
instrument von Fuess in Berlin; die Ablesung erfolgte auf */io, 
manchmal */ao mm genau. Es wurden 2 Thermometer (I und U) 
hergesteDt, die aus Jenenser Glas IG III von Bender & Hobein 
in München verfertigt waren. Ihre Gefässe hielten 12,90 
bezw. 15,37 ccm bei 0^, die Röhren, in denen der Meniskus 



^) K. Olszewski, Sitzungsberichte der Krakauer Akad. d. Wiss. 14, 
p. 283-288, 1886. 

*) J. Dewar, Proceed. of the Royal Society vol. 68 p. 64—54, 1901. 
«j H. L. Callendar, Proc. Roy. Sog. 50, S. 247, 1891. 



120 Sitzung der math-phys. Classe vom 3. Mai 1902. 

stand, hatten 10 mm lichte Weite. Die Verbindung des G^- 
fässes mit dem Manometer vermittelte eine Kapillare von 3C^ 1 
bezw. 373 mm Länge und 0,6 mm Durchmesser. Es war dl ^ö 
eine für den raschen Ausgleich des Druckes hinreichenÄr3. 
Weite: ein Vorversuch hatte uns gezeigt, dass sich durch ei^Kra 
solche Kapillare von 300 mm Länge bei Luftfüllung der Dru ^^ ' 
in 10 Sekunden vollständig ausgleicht. Der schädliche Rau — ^ 
über dem Meniskus wurde so klein gewählt, als es mit Rüc^^* 
sieht auf die ungestörte Ausbildung des Meniskus möglich e— 
schien. Die Einstellung des Meniskus erfolgte auf die Spit!=— ^ 
eines Doms aus dunklem Glase. Der schädliche Raum dies^ ^ 
Erweiterung betrug nur 0,118 bezw. 0,131 ccm, der Inha^^ 
der Kapillaren 0,113 bezw. 0,159 ccm. Sämmtliche Volumir""^ 
wurden mit Quecksilber sorgfältig ausgewogen. Eine vc^^ 
aussen auf das Thermometergefäss I ausgeübte Compressio 
von 700 mm H g bewirkte nur eine Volumveränderung vo ^ 
weniger als Visooo und blieb daher im folgenden ausser B^^ 
tracht. lieber die Verwendung des schädlichen Raumes zu ^ 
Korrektur s. u. Die Füllung der Thermometer erfolgte mi^ 
elektrolytisch erzeugtem Wasserstoff. Derselbe wurde 
in dem Apparate A bei einer Stromdichte von ca. 0,02 Ampere 
pro qcm erzeugt. Durch einen Gummischlauch wurde er zu der 
mit pyrogallussaurem Kali gefüllten Flasche B geleitet. Von 
hier an bestanden alle Verbindungen aus Glasröhren und Glas- 
federn, die mit Siegellack luftdicht in die Waschflaschen ein- 
gekittet waren. ^) Auf die erste Waschflasche folgte eine 
U-Röhre C mit Chlorcalcium, eine Flasche mit Phosphor- 
pentoxyd D und endlich eine Glasspirale S, die in eine mit 
flüssiger Luft gefüllte Dewar'schen Flasche gehängt werden 
konnte, sodass jede Feuchtigkeit aus dem durchströmenden 
Gase ausgefroren, bezw. leichter kondensierbare Gase abge- 
schieden wurden. Nach nochmaligem Passieren eines an der 
Sprengelpumpe P angebrachten Trockengefässes mit Phosphor- 
pentoxyd gelangte das Gas in das mit Hilfe des Füllröhr- 



i) Holborn und Wien. Wied. Ann. 59, 213. 1896. 



Fischer und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs. 121 

ciens F an die Pumpe angeschmolzene Thermometer. Es 

wurde das erste Thermometer dreimal, das zweite fünfmal mit 

sammtlichen Trockengefassen bis zur Flasche B bis zum 

isetallischen Anschlag des Quecksilbers leer gepumpt und 

Jedesmal nach dem Evakuieren mit Wasserstoff durchgespült. 

Dm die an der Wand des Gefasses adsorbierten Gase sicherer 

auszutreiben, waren in dasselbe vor dem Anschlüsse an die 

I^umpe ca. 15 g Quecksilber eingebracht worden, die nach dem 



Fig. 2. 




erstmaligen Evakuieren durch die Kapillare hindurch unter 
kräftiger Erwärmung herausdestilliert wurden. Ausserdem 
wurde auch die ganze Röhre E stark erwärmt. Um die 
Wfa-kung der Sprengelpumpe zu erhöhen und namentlich das 
Hängenbleiben von kleinen Luftbläschen am Fallrohr zu ver- 
hindern, war die Wulff 'sehe Flasche W an eine Wasserluft- 
pumpe angeschlossen. Das Gas strömte langsam (im Verlauf 
einer Stunde und länger) in das Thermometer; dabei war 



122 Sitzung der math.-phys, Glosse vom 3, Mai 1902. 

das letztere bis zur Stelle f mit Quecksilber gefüllt. Nach 

der letzten Füllung wurde dann bei F abgeschraolzen. Die 

Füllung war so bemessen, dass die Thermometer bei 0^ einen 

Druck von 974 mm bezw. 955 mm zeigten. Die. Länge des 

Rohres E war so gewählt, dass der Hahn H auch bei der 

tiefsten gemessenen Temperatur noch unter Ueberdruck stand. 

Um die Unsicherheit, die der schädliche Raum mit sich bringt, 

möglichst zu verkleinern, erfolgte die Berechnung desselben 

unter den folgenden Voraussetzungen: Das Thermometergefass 

befinde sich bis zum Strich aa in der zu messenden Substanz. 

Von dem Strich hh an befinde es sich in Luft. Für die 

Strecke aa—hh wurde dann eine mittlere Temperatur zwischen 

der der Luft und der zu messenden Substanz angenommen, 

oder was dasselbe ist, es wurde die Hälfte von aa — 6i, 

nämlich aa — cc zu dem Thermometergefass, hh — cc zum 

schädlichen Räume gerechnet. Es ergaben sich dabei folgende 

Verhältnisse : 

p. , . Siedepunkt Schmelzpunkt 

P des N.2, des ^2 

Thermometer I cd = 95 mm cd = 95 mm . cd = 85 mm 

II cd = 90 , cd = 90 „ cd = 80 „ 

Beachtet man in der von Kohlrausch in seinem Lehr- 
buche S. 153 angegebenen Formel: 

dass sich das Verhältnis der Volumina v — des Gefässes 
und v' — des schädlichen Raumes gemäss obiger Voraus- 
setzung ändert, dass ferner der schädliche Raum zur Zeit 
der Bestimmung des Druckes H^ (Eispunkt) eine andere Tem- 
peratur hatte als zur Zeit der Beobachtung, so ergibt sich 
folgende Gleichung: 

^»r^ fT«d" liTar +TT^j- 



Fischer und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs. 123 

Dabei ist 

17, = Volum des Gefasses für den Eispunkt ) , . , m 

ü 1 w [ bei d. Tfemp. 0^ 
v,= « « . « « Punkte J ^ 

(wobei sich v^ nur durch die andere Länge des zum Öefass zu 
rechnenden Kapillarenstückes von t;, unterscheidet, ohne Rück- 
sicht auf die Wärmeausdehnung). 

v'i = Volum des schädlichen Raumes beim Eispunkt! bei d. 

t'2 = „ ^ „ y, „ Punkt t j iimraertemp. 

k-^' Je -""^ 

t'i = Temperatur des schädlichen Raumes beim Eispunkt, 
ti= ^ „ n « « Punkt t, 

Hf^ = Druck beim Eispunkt, 
5= , „ Punkte, 

G = Spannungscoefficient desWasserstoflFs(= 0.0036625 ^)Dewar 

Proc. Roy. Soc. 68, p. 47, 1901, 
y = derAusdehnungscoefficient d. Glases (= 0.0000219) zwischen 

und —180^ Baly, Phil. Mag. V, 49, ß. 518, 1900. 

Zur Berechnung kann man die obige Gleichung um- 
formen in: 

H ^2 \ l + «^i/ l + a^2 l+at 

und 1 — n 1 1 — n 



na — y n y 



a — 

n 



Gleichungen, die zur praktischen Berechnung bequemer sind. 
Die Verhältnisse Jc^ und k^ waren bei unseren Thermometern 



A-1 



Eifl- bezw. Siedepunkt der Substanz | Schmelzpunkt der Substanz 



Für Thermometer I 0.01510 
II 0.01637 



I 

0.01537 

0.01663 



D.i. der Wert, den Chappuis bei seiner eingehenden Unter- 
suchung des Constant-Volumthermometers ermittelte (Trav. et Mem. du 
Bureau Internat. Tom. VI. S. 53, 1888). 



124 Sitzung der math.-phys, Clasae vom 3. Mai 1902. 

Setzt man in den von Kohlrausch 1. c. angegebenen 
Formeln zur Berechnung der Fehler unsere Konstanten ein, 
so erhält man als Fehler in der Temperaturbestimmung bei 
— 200« die Fehler. 

Unsicherheit Fehler in Graden Geis. 

AH=OA mm 0.03 

AH^ = OA , 0.02 

Aa = 0.0^5 mm 0.025 

Ay = 0,0,2 „ 0.06 

(^A y = DifiPerenz zwischen 0.000024 nach Holbom u. Wien 1. c.) 
und 0.000022 „ Baly 1. c. 

JA = 0.0003 0.044 

entsprechend 1 cm Unsicherheit in der Länge der Kapillaren 

Jf = P O.Ol. 

Dabei sind alle Unsicherheiten mit Ausnahme von AH 
und AHf^ extrem hoch angenommen. Es wird sich also in 
Wirklichkeit kaum ein Fehler > 0,1^ ergeben. In der That 
zeigen die Angaben des WasserstoflFthermometers und des 
Thermoelementes auf der beigegebenen Kurve eine weit grössere 
Uebereinstimmung. Thermometer I brach schon bei der 4. Be- 
stimmung infolge des auf die Kapillare durch den Gummi- 
stopfen, der die Einführung in einen Recipienten vermittelte, 
ausgeübten Biegungsdruckts. Von da ab wurde Thermometer II 
verwandt. Der Nullpunkt wurde öfters kontrolliert und blieb 
innerhalb der Ablesegenauigkeit konstant. 

5. Zur Bestimmung des Siede- und Gefrierpunktes 
des Stickstoffs wurde ein kugeliges un versilbertes Dewar- 
fläschchen von 153 ccm Inhalt, bezw. ein zylindrisches von 
4 cm innerer Weite und 12 cm Höhe (102 ccm Inhalt) ver- 
wendet. Es stand dasselbe unter einem grossen Luftpumpen- 
recipienten, dessen oberer Tubus genügend weit war, um das 
WasserstoflFfchermometer W, das an einem längs Holzstatif 
gleitenden Schlitten befestigt war, einsenken zu können. Um 
luftdichten Abschluss zu erhalten, wurde ein Gummistopfen G 
erst mit einer für die Thermometerkapillare passenden Bohrung 
versehen, glatt in der Mitte auseinander geschnitten, und dann 



Fisclier und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs. 125 



zum Abschluss des Recipiententubus verwendet. Auch bei den 
Bestimmungen des Siedepunktes wurde sorgfältig darauf ge- 
achtet, dass der flüssige Stickstoff so rasch wie möglich unter 
den Reeipienten gebracht und gegen die atmosphärische Luft 
abgeschlossen wurde, damit der Sauerstoff der atmosphärischen 



Fig. 3. 




ztuftBaittmeler 






I 



Luft, der sehr rasch in den flüssigen Stickstoff hineinkonden- 
siert, den Stickstoff nicht verunreinigen konnte. Jede solche 
Verunreinigung macht sich in der Erhöhung der 
Siedetemperatur bemerkbar. Für die Bestimmung 
der Siedepunkte bei niedrigem Druck bot die in der Figur 
angegebene Aufstellung des Dewar'fläschchens unter einem 



126 Sitzung der mathrphys, Classe vom 3. Mai 1902. 

Recipienten den Vorteil, dass die entweichenden StickstoflF- 
dämpfe, welche ganz in der Nähe des Fläschchens nach der 
BodenöfiFnung des letzteren hinströmen, zur Kühlung der Um- 
gebung des Fläschchens ausgenützt werden konnten. Namentlich 
bei künstlicher Beleuchtung konnte man deutlich die nur etwa 
1 cm dicke Schicht des abziehenden Stickstoffdanipfes beob- 
achten, da der Recipient sich nie so weit abkühlte, dass er 
sich aussen beschlagen hätte. Durch die eine Hälfte des 
Stopfens war ein 1 cm weites Rohr R eingeführt, welches zu 
einem Heberbarometer führte; durch die andere ging ein dünn 
ausgezogenes Glasröhrchen K^ mittelst dessen gereinigter und 
getrockneter Wasserstoff (elektrolytisch oder zum Teil auch 
aus Zink und Schwefelsäure hergestellt) in den flüssigen Stick- 
stofi" eingeleitet werden konnte; diese Massregel, welche auch 
von Est reich er ^) für die Bestimmung der Dampfspannungs- 
kurve des Sauerstoffes angewendet worden ist, hatte den Zweck, 
die Siedeverzüge hintan zu halten, welche sich sonst im 
flüssigen Stickstoff" namentlich bei sehr geringen Drucken in 
hohem Masse einstellen. Es meint zwar Baly,*) es genüge 
zur Vermeidung der Siedeverzüge nur dann der Wassei-stofi"- 
strom, wenn er sehr heftig gehe und vermied daher die Siede- 
verzüge dadurch, dass er Kupferstückchen in die Flüssigkeit 
warf. Allein wir fanden, dass dieser Kunstgrifi" nicht wesentlich 
besser wirkt, als das Einführen von Wasserstoff und da letz- 
teres Verfahren erheblich bequemer ist, so wandten wir bei 
unseren Versuchen in der Regel nur dieses Hilfsmittel an. 
Im Gegenteil fanden wir bei einigen Versuchen, welche wir 
eigens anstellten, um den Einfluss der Stärke des hindurch- 
geblasenen Wasserstoffstroms zu verfolgen, dass man gerade 
einen zu heftigen Wasserstoffstrom vermeiden muss. Man 
kann nämlich auf diese Weise leicht den Stickstoff unter seine 
Siedetemperatur abkühlen. Vielleicht ist die Bemerkung Baly's 
(1. c), dass die Est reiche raschen Werte für die Siedetempe- 



i) Estreicher, Phil. Mag. V 40, p. 454. 1895. 
2) E. C. C. Baly, Phil. Mag. 49, p. 52G, 1900. 



Fischer und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs, 127 

ratur des Sauerstoffes niedriger sind als die Baly'schen, ein 
Zeichen dafür, dass Estreicher eher zu viel als zu wenig 
Wasserstoff hindurchgetrieben hatte. Das Einwerfen von Kupfer- 
stückchen hat jedenfalls den Nachteil, dass die Wirkung der- 
selben sofort verschwindet, wenn sie sich genügend abgekühlt 
haben, was ziemlich rasch geschieht. Dass njan bei den Mes- 
sungen der Siedetemperaturen des Stickstoffs nicht gut die 
Temperatur des Dampfes bestimmen kann, weil seine Wärme- 
leitungsfähigkeit offenbar sehr gering ist, und ausserdem die 
dazu erforderlichen Mengen Flüssigkeit sehr erheblich wären, 
bringt eine wohl zu beachtende Unsicherheit in die Dampf- 
spannungsmessungen. Macht man, um von denselben ein un- 
geföhres Bild zu erhalten, vergleichende Versuche mit Wasser, 
indem man einerseits die Temperatur des siedenden Wassers, 
anderereeits die des sich daraus entwickelnden Dampfes misst, 
so ergibt sich eben die alte Erfahrung, dass die Temperatur 
des Wassers stets etwas höher ist als die des Dampfes. Die 
beiden Temperaturen werden aber einander um so näher gleich, 
je kleiner die Dampfbläschen sind, die sich im Wasser 
entwickeln, gleichgültig, welches Hilfsmittel man anwendet, 
um solche kleine Bläschen zu erzielen. Durch Einbringen von 
kleinen, sehr spitzen Karborundumstückchen von ^/eo — Ve ™i^ 
mittleren Durchmesser konnte in Wasser der geringste Sieder- 
verzug erhalten werden (bis herab zu 0.2^), während ohne 
dieselben die Wassertemperatur ohne weiteres mehr als 1^ zu 
hoch war, und auch nach Einwerfen von roten Tariergranaten, 
wie sie in dem Beckmann'schen Apparat verwendet werden, 
noch ein Temperaturüberschuss von 0.6° vorhanden war. Da 
man in allen diesen Fällen bemerkt, dass ein um so heftigeres 
Stossen im Wasser eintritt, je grösser die Siederverzüge sind, so 
gingen wir bei unseren Versuchen mit flüssigem Stickstoff darauf 
aus, ein möglichst stossfreies und gleichmässiges 
Sieden zu erzielen. Zum Teil trat dieses von selbst ein, indem 
sich an den Rauhheiten des Dewarfläschchens zahlreiche winzige 
Bläschen bildeten, und indem das Thermoelement als spitziger 
Heizkörper wirkte, so dass wir sehr häufig, namentlich bei 



128 Sitzung der viath.-phys. Classe vom 3, Mai 1902. 

höherem Druck der WasserstofiFzufuhr gar nicht bedurften, 
um gleichmässiges und doch lebhaftes Sieden zu erzielen ; zum 
Teil unterstützten wir die Entstehung von kleinen Bläschen 
durch eingelegte dünne Palladiumdrahtstückchen, die vorher 
mit Wasserstoff frisch beladen waren und durch Einblasen von 
Wasserstoff, der in kleinen Bläschen eintreten konnte. Die 
wesentlichste Garantie dafür, dass nicht besonders störende 
Siedeverzüge bei unseren Versuchen — namentlich bei den 
späteren — vorhanden sein konnten, erblickten wir in dem 
Ausbleiben von grösseren Stössen. Da das Thermoelement alle 
diese Stösse sofort anzeigte, so konnten wir — hauptsächlich 
durch Regulierung des Wasserstoffstromes — dafür sorgen, dass 
diese Siedeverzüge jedenfalls nur sehr klein waren und dass 
während der Versuche nur sehr geringe, aber sehr rasch sich 
folgende Siedeverzüge auftraten. Da unmittelbar nach dem 
Stossen eines mit Siedeverzug siedenden Wassers dessen Tem- 
peratur sich der Siedetemperatur nähert, so glaubten wir durch 
unsere Kriterien noch am sichersten die richtigste Siedetem- 
peratur ermitteln zu können. Selbstverständlich wurde daraul 
gesehen, dass jede Temperatur einige Minuten konstant hielt, 
wenn der Druck konstant gehalten wurde. Die Schwankungen 
des letzteren konnten ohne grosse Schwierigkeit auf weniger 
als Va bis 1 mm gebracht werden. Unter Umständen könnte 
der Wasserstoff als Störung auftreten, nämlich dann, wenn er 
etwa in dem Stickstoff sich lösen und dadurch dessen Siede- 
punkt und Gefrierpunkt verändern würde. Es sind indessen 
die Mengen nur sehr gering (auf ca. 50 ccm flüssigen Stick- 
stoff ca. 100 — 200 ccm Wasserstoff) und bei unseren ersten 
Versuchen, in welchen wir Stickstoff ohne Durchleiten von 
Wasserstoff zum Erstarren brachten, und in welchen wir mit 
einem noch ^/loo Millivolt angebenden Voltmeter von Siemens 
und Halske die Erstarrungstemperatur massen, haben wir auch 
nie andere Erstarrungspunkte beobachtet, als bei den späteren 
Versuchen, in welchen wir grösstenteils auch dieses Millivolt- 
meter zur ungefähren Kontrolle mit angeschlossen hatten. Der 
verdampfte Stickstoff wurde bis zu einem Druck von 150 uini 



Fischer und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs, 129 

mittels einer Wasserluftpumpe fortgeschafift ; flir kleinere Drucke 
wurde eine Bianchi'sche Pumpe mit oscillierendem Kolben ver- 
wendet, die von einem einpferdigen Elektromotor angetrieben 
wurde, und einen Raum von 9 Liter Inhalt in 2 Minuten auf 
4 mm leer zu pumpen imstande war. Um den Druck im 
Recipienten bequem regulieren und längere Zeit konstant halten 
zu können, war an die Saugleitung ein mikrometrisch verstell- 
barer Hahn angeschlossen, durch den Luft in die Pumpen- 
leitung eingelassen werden konnte. Das Thermoelement T, 
welches neben dem Wasserstoffthermometer eingefühlt war, 
wurde einfach zwischen die beiden Gummistopfenhälften oder 
zwischen Gummistopfen und Glastubus eingeklemmt. Der Er- 
starrungspunkt des ganz reinen Stickstoffs ist ein sehr gut 
definierter Punkt. Ist der Druck unter dem Recipienten, auf 
ca. 90 mm vermindert, so bildet sich bei weiterer Druck- 
emiedrigung an der Flüssigkeitsoberfläche Stickstoffeis, das zu- 
nächst als trübe, schwach blassgraue Masse erscheint und zu Boden 
sinkt. Gleichzeitig entwickelt sich an dem aus dem Kapillarrohre 
austretenden Wasserstoffstrom ein dünnes rohrartiges Stück von 
festem Stickstoff, das beim Erschüttern der Kapillare zu Boden 
fallt und dann wieder schmilzt. Die Dichte des festen 
Stickstoffs ist somit grösser als die des flüssigen, 
das heisst grösser als 0.791 und zwar wahrscheinlich nicht 
unerheblich grösser. Bei weiterer Abkühlung des Gemisches 
aus flüssigem und festem Stickstoff tritt allmählich eine voll- 
standige Erstarrung des ganzen Geraisches ein. Bei einem 
Druck von 89 bis 77 mm ist die Füllung in Stickstoffeis ver- 
wandelt, das weiss aussieht und einen ähnlichen Eindruck 
macht, wie wässriger Schnee; flüssiger Stickstoff, welcher bis 
zum Erstarrungspunkt hin leicht beweglich ist, geht in eine 
etwas gallertartig aussehende Masse über, bevor er gefriert. 
In der folgenden Tabelle sind die verschiedenen Werte für 
den Siedepunkt und Erstarrungspunkt angegeben, welche das 
Wasserstoffthermometer ergab. 



1901 Sitnmgsb. d. math.-phys. Gl. 



130 



Sitzung der mathrphys. Glosse vom 3. Mai 1902. 



Spannungs- 

coefficient 

für Wasserstoff 

a - 0.0036625 = 

1 


Siedepunkt 


Druck 
mm 


Erstarrungspunkt 




Angabe 

des 
Wasser- 
stoff. 


E. M. K. 

des 
Thermo- 
elements 


Angabe 

des 
Wasser- 

stoff- 
thermom. 


E. M. K. 

des 
Thermo- 
elements 


Druck 
mm 


273.04 


thermom. 




Thermometer II. 

Thermometer I. 

Thermometer II. 

1» 


- 195.75 

- 195.98 

- 196.03 

- 196.08 

- 196.14 

- 196.17 

- 196.21 


5.029 
5.033 
5.033 
5.037 
5.035 

5.036 

5.036 


711.1 
7U.0 
711.0 
710.1 
715.5 

714.0 

715.1 


1 - 210.84 

— 210.87 
/ - 210.35 
\ - 210.39 

- 210.41 


5.2364 

5.2381 
5.2342) 
5.2351/ 
5.2351 


77 

75-76 
89 
81 


Mittel 


— 196.05 


5.0341 


i 


~ 210.57 


5.2356 





Bei einer Messung kühlten wir den festen Stickstoff noch 
weiter ab, indem wir den Druck bis auf 62 mm erniedrigten; 
das WasserstoflFthermometer zeigte bei diesem Druck — 211.65^0. 
an. Das Thermoelement lieferte in diesem Falle keine brauch- 
bare Angabe mehr, da der feste Stickstoff ein sehr 
schlechter Wärmeleiter ist, was schon Olszewski be- 
tont. Der Anblick des Stickstoffs bei dieser Temperatur er- 
innert an trockenen, weissen Schnee. Eine bestimmte Krystall- 
struktur liess sich nicht ohne weiteres erkennen, wenn auch 
das Aussehen auf krjstallinischen Zustand hinweist. 

Der Siedepunkt für reinen Stickstoff ist bereits mehrmals 
bestimmt worden.^) Es fand 

Olszewski'^) — 195,6^0. d.i. 77,4^ abs. für atmosphärischen 

(mit Constaiit-Volumthermometer) Stickstoff 

Baly^) — 195,5^ C. d.i. 77,5^ abs. für chemischen 

(mit Constant-Druckthermometer) Stickstoff. 



M Travers. Plxperini. Stud}' of Gases S. 241. 

2) K. Olszewski, Compt. Rend. 99, p. 134, 1884. Compt. Rend. UM), 
p. 350, 1885; auch Phil. iMa<r. 39, p. 200 ii. 210, 1895. 
») C. C. Haly, Phil. Macr. 49, S. 528, 1900. 



Fischer und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs, 131 

Auf die Differenz zwischen unserem Wert und den Baly- 
schen wird S. 151 näher eingegangen. 

Mit Verwendung der Interpolationsformel von Baly, wo- 
nach der Siedepunkt des chemischen Stickstoffs zwischen 760 mm 
und 717 mm Druck um 0,5*^ sinkt, ergibt sich aus unseren 
Werten, die mit dem Wasserstoffthermometer gewonnen sind 

— 196.10 bei 714 mm, (Fehlerangaben S. 124) 
also — 195.57 (77,43 abs.) bei 760 mm. 

Als Erstarrungstemperatur liefern unsere Wasser- 
stoffthermometer den Mittelwert —210,57^ d.i. 62.43^ 
abs. T. Für den Gefrierpunkt liegt nur eine Gasthermometer- 
beobachtung vor, und zwar ist es die erste, die gemacht wurde, 
nämlich die von Olszewski (1. c). Es erwähnt zwar J. De war*), 
dass der Stickstoff bei der Temperatur des flüssigen Wasser- 
stofiFes zu einem klaren farblosen Eis werde, allein wir fanden 
nirgends, dass er die Erstarrungstemperatur gemessen hätte. 
Olszewski hat sie zu — 214*^ C. gefunden und gibt den Er- 
starrungsdruck zu 60 mm an. Da Olszewski, entsprechend 
den Hilfsmitteln jener Zeit, nur mit den kleinen Mengen 
von 5— 6ccm operieren konnte, dürfte der von ihm er- 
mittelte Wert unserem gegenüber nicht ins Gewicht fallen. 
Wroblewki's (1. c.) Werte, — 203<^ für die Erstarrungs- 
temperatur bei einem Druck von 60 — 70 mm, und — 193° 
als Siedetemperatur bei 740 mm, sind durch Extrapolation 
mittelst Thermoelementes erhalten worden und haben deswegen 
nur geringes Gewicht. 

Wir fanden auch einen anderen Erstarrungsdr uck, nämlich 
80—90 mm. Es ergab zwar jede einzelne Stickstoffprobe einen 
sehr bestimmten während des Erstarrens kontanten Druck, aber 
die Werte für verschiedene Versuche wichen nicht unerheblich 
von einander ab. Es scheint, dass geringe Verunreinigungen 
(Sauerstoff aus der Luft, der beim Abfüllen in den Stickstoff 



^) Wenn man wie gewöhnlich, den absoluten Nullpunkt = - 273'' C. 
setzt, statt des für unseren Wert von a folgenden = — 273.04*^. 
«) J. Dawar, Proc. Roy. Inst. XVI 93, p. 214, 1900. 

9* 



132 Sitzung der mathrphys, Glosse vom 3. Mai 1902. 

kondensierte und eventuell auch durch Undichtigkeiten des 
entzweigeschnittenen Gummistopfens (Fig. 3) in den Apparat 
eindringt, vielleicht sogar im flüssigen Stickstoff sich lösender 
Wasserstoff) den Erstarrungsdruck ziemlich merklich beein- 
flussen; die Erstarr ungstemp er atur scheint davon weniger 
getroffen zu werden. Wir konnten bei fast allen Versuchen 
konstatieren, dass am Schluss einer Versuchsreihe der Siede- 
punkt des Stickstoffs sich etwas, nämlich um 0.1 — 0.2° erhöht 
hatte, auch in dem Falle, wo nur reiner Wasserstoff eingeleitet 
war und Undichtigkeiten kaum vorhanden gewesen sein können, 
ohne dass wir die Siedepunktserhöhung auf verschieden tiefes 
Eintauchen des Thermoelementes zurückführen konnten. Da 
während des Versuchs beigemischter Sauerstoff weniger ver- 
dampft als der Stickstoff und da letzterer schliesslich auf einen 
doch ziemlich kleinen Bruchteil der anfänglichen Menge ver- 
braucht ist, so wird am Schlüsse einer Versuchsreihe eine 
Verunreinigung durch Sauerstoff prozentual wesentlich grösser. 
Als wir gelegentlich bei einem Versuch nur ca. 10 ^/o flüssigen 
Sauerstoff zugeführt hatten, erhielten wir selbst bei einem Druck 
von nur 48 mm noch keine Anzeichen der Erstarrung. Die Tem- 
peratur war dabei nur unwesentlich geringer als die des Siede- 
punktes des reinen Stickstoffs. 

5. Die Dampfspannung des gesättigten Stickstoffs 
bei niedrigen Drucken wurde gemessen, indem die zu den 
einzelnen Drucken gehörigen Siedepunkte bestimmt wurden. 
Die Anordnung blieb für diese Versuche die gleiche wie für 
die Bestimmung des Erstarrungspunktes, nur wurde das Wasser- 
stoffthermometer fortgelassen, ein ungespaltener Gummistopfen 
verwendet, und nur das Thermoelement aus Kupfer-Konstantan- 
draht, das durch den Stopfen geführt ist, zur Messung ver- 
wendet; die eine Löthstelle des Thermoelements wurde stets 
in Vaselinöl oder Petroleum auf Eisteraperatur gehalten. Als 
Gefäss für den Stickstoff diente in diesem Falle bei einigen 
Versuchen ein kleines unversilbertes cjlindrisches Dewar- 
fläschchen von nur 52 ccm Inhalt, bei anderen das kugelige 
von 153 ccm Inhalt. Die Resultate sind in der Tafell. graphisch 



Fischer und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs, 133 

wiedergegeben und zwar geben die Abscissen die Drucke, die 
Ordinaten die dazu gehörigen E. M. K. des Thermoelements in 
MilliTolt. Die Spannungen wurden alle nach der Kompen- 
sationsmethode durch Vergleich mit einem Weston-Normal- 
Element erhalten. Die zu einem Versuch gehörigen Punkte 
sind durch gleiche Bezeichnung gekennzeichnet; zum Teil sind 
die Punkte einer Versuchsreihe durch gerade Linien verbunden, 
um das Bild tibersichtlicher zu gestalten. Besonders hinzu- 
weisen ist auf den Einfluss der Verunreinigungen, welcher 
sich in den Dampfspannungskurven geltend macht. Die Kurven, 
welche einen erhöhten Siedepunkt zeigen, lassen darauf 
schhessen, dass die betreffende Stickstoffprobe nicht ganz rein 
von Verunreinigungen war. Es zeigt sich, wie zu erwarten, 
dass Proben, welche den höchsten Siedepunkt ergeben, 
auch den tiefsten Gefrierpunkt liefern (Siedepunktserhöh- 
ung und Gefrierpunktsemiedrigung). Aus diesen Kurven wurde 
graphisch eine Kurve interpoliert, welche nach unserer An- 
sicht die richtige Kurve der Siedepunkte des Stickstoffes bei 
niedrigen Drucken darstellt. Wir geben statt ihrer die Zahlen 
wieder. Um statt der elektromotorischen Kräfte die 
ihnen entsprechenden Temperaturen angeben zu können, 
haben wir stets bei den Bestimmungen des Siedepunktes und 
Erstarrungspunktes mit dem Wasserstoffthermometer auch das 
Thermoelement im Stickstoff gehabt und konnten so geeignete 
Fiipunkte für dasselbe erhalten. Ausserdem bestimmten wir noch 
filr eine grössere Menge (ca. ^U 1) flüssiger Luft die Temperatur 
mit Wasserstoffthermometer und Thermoelement, sowie den 
Siedepunkt des reinen Sauerstoffes mit dem Thermoelement 
allein. Um letzteren herzustellen, versuchten wir verschiedene 
Verfahren. Schliesslich erschien uns die Herstellung aus reinem 
chlorsaurem Kali mit direkter Kondensation des aus der letzten 
Waschflasche kommenden Og, also Vermeidung eines Gaso- 
meters als das Zweckmässigste; mit der Hemperschen Sauer- 
stoffanalyse mit Kupfer in ammoniakalischer Lösung konnten 
wir konstatieren, dass der durch Kalilauge, Schwefelsäure und 
Phosphorpentoxyd gereinigte Sauerstoff bis auf mehr als 0,6 ^lo 



134 Sitzufig der mathrphys, Glosse vom 3. Mai 1902, 

rein war, während die Erzeugung von Sauerstoff aus chlor- 
saurem Kali und Braunstein, sowie diejenige aus einem Ge- 
menge von chlorsaurem Kali und Eisenoxyd und selbst die 
elektroljtische Erzeugung von Sauerstoff (Ozon !) weniger reine 
Produkte ergaben. Die Kondensation wurde ähnlich bewerk- 
stelligt wie die des Stickstoffes. Die in einer Glasretorte auf 
einmal erhitzte Menge von chlorsaurem Kali war in keinem 
Falle grösser als 250 g, was eine Ausbeute von ca. 50 ccm 
flüssigen Sauerstoff gab. Nimmt man als Siedepunkt für 
Sauerstoff die übereinstimmenden Werte von Olszewski und 
Wroblewski, nämlich — 182,4*^ (90,6^ abs.) und interpoliert 
nach den Messungen von Est reich er (1. c.) und Baly (1. c), 
so ergibt sich daraus für einen Druck von 714,4 mm, bei 
welchem unser Thermoelement für die Siedetemperatur des 
flüssigen Sauerstoffes 4.845 Millivolt zeigte, die Temperatur 

— 182,9® (90,1® abs.); trägt man diese Werte, den für die 
Temperatur einer grösseren Menge flüssiger Luft gefundenen, 
nämlich 4,971 Millivolt entsprechend — 191,60^ und die oben 
gefundenen Werte für den Siedepunkt und Erstarrungspunkt 
des Stickstoffes in ein Koordinatensystem ein, um die Aich- 
kurve für das Thermoelement in dem Intervall von — 182,9^ bis 

— 211^ zu erhalten, so ergibt sich der Linienzug der Tafel II. 

Dieselbe zeigt deutlich, wie gut die Angaben des Wasser- 
stoffthermometers mit jenen aus dem Thermoelement überein- 
stimmen und rechtfertigt jedenfalls, dass wir die Temperaturen 
für die Dampfspannungen nach dieser Kurve interpolieren. 
Berechnet man die Parabel, welche durch den Sauerstoffpunkt 
und den Siede- bezw. Gefrierpunkt des Stickstoffs bestimmt 
ist, so fällt dieselbe fast mit der Geraden durch die letzteren 
beiden Punkte zusammen; einige Punkte der Parabel sind mit 
•^ in Fig. 5 eingetragen; da die mit dem Wasserstoffthermo- 
meter von uns gemessenen Punkte «, 6, c genau in eine Ge- 
rade fallen, und der Sauerstoflpunkt von den verschiedenen 
Beobachtern um mehr als O.P verschieden angegeben wird,^) 

^) Vergl. L. Holborn, Drudes Ann. ü. S. 254 f., 1901; die Diffe- 
renzen rühren wohl zum Teil von dem Einfluss der sechsten Dezimale 
von a her, das H o 1 b o r n zu 0.003GG5, wie zu Ü.Ü036G25 genommen haben. 



Fischer und ÄU: Dampfspannung des reinen Stickstoffs, 135 



so dass derselbe für unsere Untersuchung nicht das Gewicht 
zu haben scheint wie die Punkte a, b, c, so haben wir in dem 
Bereiche von — 196.05 bis - 210.57« für das Thermoelement 
eine hneare Abhängigkeit der E. M. K. von der Temperatur 
angenommen und also eine geradlinige Interpolation angewandt, 
um die Dampfspannungskurve des Stickstoffs zu erhalten. 

Der Temperatur —196.05« C. entspricht 5.0341 Millivolt 
— 210.57« . , 5.2356 

d. i. 14.52« „ , 0.2015 

0.072«, , 0.001 

Die mit dem Thermoelement gemachten Bestimmungen 
des Siedepunktes bei mittlerem Druck und des Erstarrungs- 
punktes ergaben folgende Werte: 



Gefrierpunkte 
^'"S"^'" Thermoelement 
MilUvolt 






Siedepunkte 



l-arometer- 
stand 



Thermoelement 



mm 
710.1 
711.7 
711.7 
711.9 
713.0 
7110 
7U.8 
715.1 
715.1 
715.1 
715.5 
715.7 
716.4 
716.4 
717.2 
719.0 



Millivolt 



Mittel: 7 14.6 



4.560 X 

4.5605 

4.5605 

4.5605 

4561 

4.5593 

4.560 

4.559 

4.5605 

4.5595 

4.5585 

4.559 

4.559 

4.5595 

4.559 

4.557 



1.1045 



4.5594 X 1.1045 
= 5.0386 Millivolt 
d.i.— 196.1760 Gels. 



•Starrun j 
druck 

mm 

86.5 - 87.0 

86.5" 87.0 

80-81 

79.2 

77 

83 

81.5 

89-90 

89 

75-76 

77 

88 






II 



4.740 X 1.1045 

4.741 

4.7415 

4.741 

4.737 

4.7395 

4.739 

4.739 

4.739 

4.741 

4.741 

4.7395 



Mittel: 86 4.739Ü x 1.1045 
- 5.23488 Millivolt 
d.i. 210.620 Gels..! 
wenn die Temperatur mit einem i 
Wasserstoffthermometer mit 
konstantem Volum gemessen 
und a — 0.0036625 gesetzt wird 
(vergl. oben). 



*) Da aus dem G-ang der Versuche zu sehen war, dass der Erstar- 
nugsdruck höher ist, wenn der Stickstoff reiner ist, werden die Einzel- 
werte mit den nebenbezeichneten Gewichten in Rechnung gesetzt, um 
den Mittelwert zu bilden. 



136 



Sitzung der math.-phys, Classe vom 3, Mai 1902. 



Für die Dampfspannung bei niedrigen Drucken ergibt sich 
durch graphische Interpolation aus den Werten der Tafel L 
folgende Tabelle: 

Dampfspannung des gesättigten Stickstoffdampfes. 



Druck 


E. M. K. 

des 
Thermo- 
elementes 


Temperatur 


in 
mm Hg 


Celsiusgrade 
für 


Absoluter ^) 




in Millivolt 


a = 0.0036625 


Wert 

_^ 


760 


exti-apoliert 


— 195.67 


77.33 


714.5 


5.03586 


- 196.176 


76.824 


700 


5.0382 


- 196.345 


76.655 


650 


5.0465 


— 196.944 


76.056 


600 


5.0553 


-- 197.58 


75.42 


550 


5.0647 


- 198.25 


74.75 


500 


5.0748 


- 198.98 


74.02 


450 


5.0857 


- 199.77 


73.23 


400 


5.0975 


- 200.62 


72.38 


350 


5.1105 


- 201.554 


71,446 


300 


5.1249 


- 202.59 


70.41 


275 


5.1332 


-203.19 


69.81 


250 


5.14145 


— 203.79 


69.21 


225 


5.1512 


— 204.49 


68.51 


200 


5.1611 


- 205,20 


67.80 


180 


5.1702 


- 205.86 


67.14 


160 


5.1801 


— 206.57 


66.43 


140 


5.1911 


— 207.37 


65.63 


120 


5.2033 


- 208.245 


64.755 


100 


5.219 


- 209.38 


63.62 


86 + 4 


5.23488 


— 210.52 


62.48 


Erstarrungs- 








punkt 









6. Zur Prüfung der beobachteten Dampfspannungen 
wurden die Werte dieser Tabelle zunächst in die Dühring'- 

sche*) Siedepunktsformel eingesetzt, nach welcher 






= a 



= konstant sein soll, wenn (q und ^^ die Siedetemperaturen 

*) Auch hier ist als absoluter Nullpunkt — 273® C. genommen, wie 
gewöhnlich, statt —273.04 wie er nach den Chappuis'schen Unter- 
suchungen sich ergibt und wie auch wir ihn bei unseren Untersuchungen 
streng genommen zu Grunde legen müssten (vergl. oben S. 124 u. 131). 

2) U. Dühring, Wied. Ann. 11 p. 163, 1880. 



Fischer und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs. 137 

zweier Substanzen bei einem bestimmten, aber beliebig ge- 
wählten Drucke Pq und t und t' die Siedetemperaturen der- 
selben Substanzen bei einem beliebigen anderen Drucke p be- 
deuten. Nimmt man als Bezugssubstanz Wasser und als 2>o ^^^ 

n , no^ TT . . ^0 = - löS.e?'^ C. für Stickstoff, 

Druck von 760 mm Hg, so ist . , -, a^^ aao rt n*. ttt 

^' ^0 = + 100.00® C. für Wasser, 

und es ergibt sich unter Benützung der Dampfspannungs- 
tabellen für Wasser von Wiebe und von Regnault-Broch: 

At^(^ 200.62 - 195.67 . .. . 

^ = *^*^ « = 373 -355.95 = ^"^^^ 
Qnn 202.59-195.67 . __. 

^ = ^^^ « = 373 -348.97 = ^'^^^ 
onn 205 .20 — 19 5.67 . „_ . 

^ = 200 g = -373-^^39-48 = ^-2^^ 
,.- 20 9.38 — 19 5.67 _ „ . 

1, = 100 g = - ^73 -324.7 -Ö = ^'^^^ 
_ 210.52-195.67 . __. 

^ = 86 g = -^73^32X66 = ^-2^^' 

also in der That eine solche Konstanz, wie sie nach dem Ver- 
halten der bereits genauer untersuchten Flüssigkeiten bei der 
Dühring'schen Formel nicht besser zu ervrarten ist. 

Eine strengere Prüfung ermöglicht wohl die Ramsay- 
Young'sche^) Beziehung zwischen den Siedepunkten 
zweier Substanzen, da sich die Ramsaj- Young'sche 
Formel in sehr vielen Fällen als zutreffend erwiesen hat, so 
dass Baly*) sogar auf Grund derselben aus zwei beobachteten 
Dampfspannungen des Stickstoffs die Siedetemperaturen für 
Drucke zwischen 717.0 und 2812.0 mm Hg berechnet hat. 
Bezeichnen Ta und Tl, die absoluten Siedetemperaturen zweier 

>) W. Ramsay und S. Young, Phil. Mag. 21 S. :k3, 188G; vergl. 
aach N ernst, theoretische Chemie, 2. Aufl., S. 315. 
*) E. C. C. Baly; Phil. Mag. 49 S. 527, 1900. 



138 Sitzung der mathrphys. Classe vom 3. Mai 1902. 

Substanzen A und B bei ein und demselben Druck, Ta und Tb 
die absoluten Siedetemperaturen der nämlichen Substanzen bei 
einem anderen, aber wieder für die beiden gleichen Druck, so 
ist nach Rarasay-Young: 
T T' 

wo c eine für A und B konstante Grösse bedeutet. 

Trägt man also die absoluten Siedetemperaturen Ta als Or- 

T 

dinaten, die Verhältnisse ^ als Abszissen auf, so muss die 

dadurch definierte Kurve eine gerade Linie sein. Wir nahmen 
als Vergleichssubstanz (-4, Ta) wiederum Wasser und erhielten 
in der That für das Druckintervall von 760 — 120 mm eine 
überraschend gute Annäherung der Kurve an eine gerade" 
Linie; von 120 mm ab bis zum Erstarrungsdruck jedoch nimmt 
die Kurve plötzlich einen sehr stark gekrümmten Verlauf. 

Für die Punkte, welche dem Druckintervall 
von 760 — 300 mm angehören, wird die Konstante c = 0.000233 

für die Punkte im Intervall 
von 300—120 mm wird c = 0.000226. 

Zieht man Gerade fcr, bezw. 6?^, welche sich an die Punkte 
im ganzen Intervall von 760 — 120 mm möglichst gut anschliessen, 
so wird c = c, = 0.0002282 bezw. c = c.^ = 0.000230^, je nach- 
dem man die Gerade näher an die Punkte des Intervalles des 
geringeren (250 — 120 mm) bezw. höheren Druckes (760 — 250 mm) 
legt. Würde man den Siedepunkt und Erstarrungspunkt (Tab. 
S. 135) durch eine Gerade G^ verbinden, die nun aber ausser- 
halb aller Punkte zu liegen käme, so würde c^ = 0.0002556. 

Das beste Bild von den Abweichungen, welche die be- 
obachteten Werte gegenüber den aus der Ramsaj-Young'- 
schen Formel sich ergebenden zeigen, erhält man, wenn man 
die Beobachtungswerte jenen gegenüberstellt, welche sich aus 
den Kamsay 'sehen Geraden 6rj, G^ und 6^3 ergeben, indem 

T 

man aus der Zeichnung die Verhältnisse ^- absticht und mit 

den aus Tabellen entnehmbaren Werten Ta für Wasser multi- 
pliziert. Die folgende Tabelle enthält diese Zahlen. 



Fischer und ÄU: Dampfspannung des reinen Stickstoffs. 139 
Dampfdrücke und ihre Aenderung mit der Temperatur. 





1 




Berechnet 


Druck 


Beobachiei; 


Aus Raiusay-Geraden 


Aus Ramsay-Geraden 


AusRamsay- 


Geraden 


unH^ 




Oi 


o^ 


^8 






Ib\ueiB.^^ Grad 


^Cels.lf.S« 


Ib^eiB.^,^ Grad 


n'Cels.JI 


mmHg 
Grad 





(-195.67) 




—195.673 




—195.673 




-195.652 







(-195.78) 




- 195.778 




— 195.778 




- 195.788 







(-196.00) 


.89.3 


—195.999 


.90.1 


-195.999 


89.35 


- 195.990 


M.75 


46 


-196.17« 




-196.176 




-196.176 




-196.176 


' 


715 




86.5 




87.1 




86.6 




84.6 





-196.345 




—196.339 




—196.345 




- 196.345 




675 


83.5 


84.6 


84.6 




82.0 





-196.944 


—196.930 


—196.936 


- 196.954 




625 


79.00 


79.5 


80.0 




77.05 





-197.58 


—197.559 


-197.561 


- 197.604 




575 


74.1 


74.36 


73.56 




71.7 





—198.25 


-198.232 


-198.241 


- 198.801 




525 


68.7 


69.5 


69.0 




67.0 





-198.98 


—198.952 


—198.966 


- 199.047 




475 


63.1c 


63.7 


64.0 




«1.« 





—199.77 


-199.737 


—199.747 


- 199.856 




425 


59.7 


58.44 


58.66 




56.9 





-200.62 


—200.593 


—200.600 


- 200.785 




375 


53.16 


52.9 


52.7 




50.9 





-201.554 


-201.538 


—201.549 


- 201.718 




325 


48.2 


48.4 


48.36 




47.1 





-202.59 


—202.571 


-202.583 


- 202.779 




275 


41.7 


40.80 


40.75 




39.6 


i) 


-203.786 


—203.797 


-203.811 


- 204.040 




225 


35.3 


35.24 


35.00 




84.1 


10 


-205.20 


-205.223 


—205.240 


- 205.510 




190 


30.5 


31.18 


31.12 




30.4 


i) 


—205.86 


—205.865 


—205.883 


- 206.168 




170 


28.1 


28.12 


27.90 




27.1 





—206.57 


-206.576 


—206.600 


- 206.906 




150 


25.1 


25.3 


25.28 




24.5 





-207.37 


—207.367 


—207.392 


- 207.722 




130 


22.87 


22.81 


22.58 




22.0 





-208.245 


-208.244 


-208.278 


- 208.632 




110 


17.6 


19.67 


19.63 




19.13 





- 208.765 


—208.739 


-208.770 


- 209.137 




1 


-209.38^ 


-209.261) 


-209.297) 


- 209.677 >, 




^ 


-209.69 


1 1 fi i 


—209.546 




-209.581 




- 210.042 




93' 




-Loci 




(17.1) 




(17.04) 




(16.63) 


^^ 1 


-210.06 


tb3.5/ 


-209.834 




-209.873 




- 210.270 




+ 4 ' 


-210.521 




—210.08 i 




-210.12 J 




-210.52 J 





140 Sitzung der math.-phys, Glosse vom 3, Mai 1902. 

Ausser den Siedetemperaturen sind in derselben noch die 

Ap 

Verhältnisse —r^ für verschiedene Drucke eingetragen, da ge- 
rade diese Grösse in der Clapeyron' sehen Formel eine ent- 
scheidende Rolle spielt. 

Man sieht aus diesen Zahlen, dass die beobachteten Siede- 
temperaturen sich sehr gut in die Ramsay-Young'sche Formel 
einfügen lassen. In dem Intervall von 760 bis 110 mm ist 
für die Gerade G^ die Maximalabweichung zwischen beobachteten 
und berechneten Werten nur 0.03^, für die Gerade G^ nur 0.04^. 
Die Abweichungen, welche sich im Druck-Intervall von 110 
bis 86 mm ergeben, erscheint uns darin begründet, dass die 
Ramsay-Young'sche Formel nicht mehr zutriflft, wenn der 
Siedepunkt eines Körpers sich seinem Erstarrungspunkt nähert. 
Denn auch bei den anderen Substanzen zeigt sich, dass diese 
empirisch festgestellte Formel nur eine Annäherung darstellt, wie 
sich aus den zahlreichen Beispielen der Ramsay-Young'schen^) 
Arbeit ergibt. Namentlich sei hier auf das Beispiel der Essig- 
säure (1. c. S. 45) hingewiesen, deren Siedepunkt bei niedrigen 
Drucken nach der Beobachtung um 0.3^ tiefer liegt als der 
nach der Rarasay-Young'schen Formel aus dem Vergleich mit 
Wasser ermittelte Wert (vergl. später S. 148). Der Siedepunkt 
für Aethylalkohol weicht bei 10 mm Druck (1. c. S. 36) sogar 
um 0.8° von den beobachteten ab. Uebrigens würde auch aus 
der Annahme, dass in unseren Beobachtungen nur der Siede- 
punkt und Gefrierpunkt des Stickstoffes richtig wäre, und die 
Ramsay-Young'sche Formel in dem dazwischen liegenden 
Intervall streng gültig bliebe, sich zwischen den aus ihr inter- 
polierten und den beobachteten Werten nur eine Maximal- 
abweichung von 0.6® ergeben. 

Dass sich unsere beobachteten Werte zwischen 760 mm 
und 110 mm sehr gut an die Dühring'sche und die Ram- 
say'sche Siedepunktsformel anschliessen , erscheint uns eine 
wesentliche Stütze für die Annahme, dass wir bei den Beob- 

^) W. Ramsay u. S. Young, Phil. Mag. V. 21, S. 34-51 ff. 1886. 



Fis(her und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs, 141 

achtungen nicht erheblich durch Siedeverzüge gestört waren. 
Ferner machen sie es wahrscheinlich, dass auch der aus unseren 
Beobachtungen extrapolierte Wert für den Siedepunkt des 
StickstoflEs bei 760 mm nämlich — 195.67^ C. richtig ist. Der 
Nutzen, den wir aus der Ramsay'schen Formel ziehen zu können 
glauben, besteht in einer Ausgleichung unserer Beobachtungs- 
werte. Macht man von ihr Gebrauch, um Unregelmässigkeiten 
in den ersten Differenzen der Siedetemperaturen auszugleichen, 
so ergibt sich folgende Dampfspannungstabelle' des Stickstoffes, 
welche wir auf grund unserer Beobachtungen als definitiv 
betrachten. Die Temperaturen geben wir hier auf 3 Decimal- 
stellen an, obwohl natürlich höchstens die zweite Decimale 
absolut genommen richtig sein wird, weil für die Berechnung 

dp 
der Grösse -j-^ und ihrer Aenderung die dritte Decimale noch 

d t) 
von wesentlichem Einfluss ist. Neben den Werten von -/^ 

a 1 

Ap 
= -T-ff 1 welche sich durch Rechnung aus den benachbarten p 

und t ergeben, sind jene Werte angegeben, welche aus der 
Dampfspannungskurve mittels Tangentenkonstruktion erhalten 
wurden, um die Genauigkeit beider Berechnungsarten zu ver- 
anschaulichen. 

Nach der Dampfspannungstabelle, welche Baly (1. c.) für 
Stickstoff bei hohem Druck angegeben hat, wäre 

ll ^ 86 -^"^-p? - bei 738 mm Druck, 
d'T Grad Geis. 

||= 92 , , 783 , 

^ = 100 , , 831 , 

Es würde also in der Nähe von 760 mm der Baly'sche 
Wert um 5 ^/o von dem unseren abweichen. Da wir annehmen 

Ap 
zu können glauben, dass unsere Werte für ,^ zwischen 700 

und 600 mm Druck auf 1 ^jo genau sind, so ist wohl der 
Bai j'sche Wert zu klein ermittelt. Bildet man in der Baly'schen 



142 SÜBung der mathrphys, Glosse vom 3, Mai 1902, 



Definitive DampfspauouiigstabeUe des chemischen Sticksto: 





Teuipe 


•atur 






Druck p 








iß 


( 


T 

ÄbBoluteri) 
Wert 


Ap 


durch 


mm H^ 


Celiiaegrade 
für 


AT 


Tafigenteo- 
kojistruktioo 




« = 0,0036625, 
— I95.67i 




ennlttelt 


760 


77.33 


91.0 


89.8 


750 


— 195J78 


77.23 


9tJ,4 


— ^ 


730 


- 196.9^8 


77.00 


89.3 


— 


715 


- 196.170 


76,83 


87.8 


88,A 


700 


- 196.34a 


7ö,655 


86.4 


84.5 


eso 


— 196.93a 


76,064 


82,3 


83.a 


600 


— IÜ7.5ÖÖ 


75.44 


76.7 


75.fl 


550 


— 198.241 


74.76 


IIA 


69.a 


500 


- 198.970 


74,03 


66.3 


64.a 


450 


- 199 J5ü 


73,25 


61. S 


6Li 


400 


" 200,60s 


72.39s 


66.0 


54.7 


375 


— 201.06a 


71.93» 


63,2 


5L6 


350 


— 20L540 


7L46 


50,7 


50.0 


325 


- 202,053 


70,95 


48,1 


48,4 


300 


- 202,580 


70,42 


45.S 


45,4 


275 


- 203.150 


69.85 


41.1 


4Li 


250 


- 203J9t 


69.20 


3Ö,3 


36.D 


225 


— 204,470 


68,53 


35.« 


35.4 


200 


— 205.20 


67,00 


31.0 


31,a 


lao 


" 205.865 


67,133 


29.1 


— 


leo 


— 206.575 


66,425 


26.ti 


— 


IBO 


— 206.94s 


66.Ü5S 


25.3 


25.4 


uo 


- 207,367 


05.63 


23,0 


23,3 


130 


- 207,79a 


65.21 


22,6 


22,11 


120 


- 206,246 


64,756 


20.:» 


20,1 


110 


- 206.77 


04,23 


18.1 


I7,f 


100 


— 209.353 


63.05 


15.6 


16,0 


95 


- 209,085 


63.316 


14,1 


-^ 


m 


— 210.06 


62.94 


^-. 


111.8J 


861-4 


- 210.52 

EratatTUrprs- 

(Hinkt 


62,48 


1 


(7.a) 



^) Auch hier ist, weil üblich, als absoluter Nullpunkt einf 
— 273® C. gesetzt statt des bei unseren Messungen sich ergeben« 
Wertes — 273.010 C. (vorgl. oben S. 13G). 



Fischer und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs. 143 

Danipfspannungstabelle das Danipfdruckgefälle auch für die 
höheren Drucke, so zeigen sich in dessen Gang ziemliche 
Unregelmässigkeiten (vergl. S. 37). Als definitive Siede- 
punkte des auf mindestens 0.3 ^/o reinen Stickstoffs glauben 
wir auf grund unserer zahlreichen Versuche 

- 196.17<> C. (76.87" abs.) + 0.05 bei 715 mm Druck. 

- 195.67« C. (77.37^ abs.) + 0.05 , 760 , 
und als definitiven Erstarrungspunkt 

- 210.520 C. (62.52« abs.) ± 0.2 bei 86 ± 4 mm Druck 
angeben zu können, wenn das Constant-Volum-WasserstofiF- 
thermometer als Temperaturmesser dient (vergl. unten S. 150) 
und als absoluter Nullpunkt — 273.04^0. angenommen wird 
(vergl. S. 135). 

7. Aus der allgemeinen van der Waals'schcn 
Gleichung: 

folgt, dass bei gleichen reduzierten Siedetemperaturen 

/ j . . ^. - , . absolute Siedetemperatur \ 

reduzierte biedetemperatur = -,-.-.-, -^ -— 

V kritische lemperatur / 

für alle Substanzen die reduzierten Dampfdrucke 

= -7-^-; — r^ :r- z—] bleich sein müssen. Nach der 

V kritischen Druck / ° 

Prüfung dieser Folgerung durch van der Waals, Young^) 
und anderen trifft dies Gesetz nicht in dieser Allgemeinheit 
zu; da jedoch seine Gültigkeit nur bestehen kann, so lange 
die van der Waals'sche Grundannahme zutrifft, dass Flüssig- 
keit und Dampf stets dieselbe Molekular-Konstitution besitzen, 
dass also nicht etwa bei einer Veränderung der Substanz Molekül- 
assoziationen oder Dissoziationen eintreten, so sind die Ab- 
weichungen, die man bemerkt hat, sehr verständlich, denn nur 
wenige Substanzen werden während des Verdampfens ihren 
Molekularzustand beibehalten. Am ehesten wäre von den 

») S. Young, Phil. Mag. 33, S. 153, 1892; 34, 8. 505, 181)2. VoikI. 
anoh W. N ernst, theoretische Chemie, II. Aufl. 8. 230. 



144 Sitzung der mathrphys. Classe vom 3, Mai 1902, 

schwercoerciblen Gasen ein Verhalten zu erwarten, wie es die 
van der Waals'sche Gleichung angibt und namentlich Stick- 
stoff und SauerstoJBF zeigen auch bei tiefen Temperaturen so 
geringe Abweichungen vom Mariotte = Gay-Lussac'schen Gesetz,*) 
dass die Frage sich aufdrängt, ob nicht für sie das van der 
Waals'sche Gesetz zutriflFt. Wir berechneten daher für Wasser 
und SauerstoJBF auf grund unserer Untersuchungen und der 
Wiebe'schen und Broch'schen Tabellen für die Spannkraft 
des Wasserdampfes und der Estreicher'schen*) Werte für die 
Dampfspannung des Sauerstoffes zu bekannten Drucken^ die 
reduzierten Siedetemperaturen ^ und ordneten die Dampfdrucke 
nach den reduzierten Siedetemperaturen. Wenn nun auch die 
Zahlen für korrespondierende reduzierte Dampfdrucke nicht 
ihrem absoluten Betrage nach gleich sind, zumal die kritischen 
Drucke nicht sehr genau ermittelt sind, so ist doch auf 
grund der van der Waals'schen Gleichung zu erwarten, dass 
bei gleichen reduzierten Siedetemperaturen zweier 
Substanzen das Verhältnis der entsprechenden Dampf- 
drücke eine konstante Grösse ist für beide Substanzen, 
da ja bei gleichen reduzierten Siedetemperaturen für zwei Sub- 

p p* . p Pk 1 
stanzen — = — 7 , also -- = — r = konstant sein muss, wenn 

Pk Pk p Pk 

p und p' korrespondierende Drucke und pk und p'k die kritischen 

Drucke für beide Substanzen sind. Das Resultat der Berech- 
nung ist in der folgenden Tabelle dargestellt. Als kritische 
Daten wurden angenommen 

Für Stickstoff^) Tu = 127« abs. Temp.^* = 26600 mm Hg Druck, 
, Sauerstoff*) rfe= 154« , , ^, = 44080 , , , 
„ Wasser'^) Tk=637« „ , i>fc = 200 Atmosphären. 

») J. De war (1. c.) und Chemical News 85, S. 73—75, 14. Febr. 1902. 

2) Est reicher (1. c.) und Travers, Experimental Study of Gases, 
S, 240, 1902; wir bevorzugen die Estreich er'echen Werte, da er, wie 
wir, zur Temperaturmessung das Konstant- Volum-Wasserstoffthermometer 
benützte. 

») Dressel, Lehrbuch der Physik 1, S. 314, 1900. 

*) Travers, 1. c, S. 247. 

^) Landolt und J3ürn stein, Tabellen II. Aufl.. S. 90. 



Fisther und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs, l^^ 





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22!!333?§§i3§ii*^^^«i 1 






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1 1 




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r-i ^ rS rS ^ Cfl (N C>l CO CO CO -* «^t« -^ »0 lO CO CO t^ ' ' 


1 1 






CO 


SS^Tt »O^COQO^O^(M 1 »OCO00C5^CO'«*'COCX) 




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555 5ö5öqqoo 000000000 


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000 00000000 ööööööööö 


3 










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5 a 


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M 




OCOiOiO^iO ococo*^ 




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Kw 


1 


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1 1 






.-1 ,H f-H rH ÖÖÖÖÖÖ ÖÖÖÖ 








■^ \a wi 






l* CO -^ ^ -* 00 r-l 1^ 00 CO O"* 




X a)i5 ^ <^ 




,;5 CO Ä (MCOOO-iCOt-O'^J^Csilfo 




jö 'S S i2 


1 


^iQlQl— '•"•— 'Oic^<McoeocO'<*<'^l 1 1 


1 1 


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1 1 




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lOioioio lo \o iQ la \o \o 


^ 











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. 


0^ 


OSOr-lOOlÖCO-fÖiOÖCOÖl-ÖoDÖCiÖO 


0-^ 


5 « R 1 


"^ 


\a lOtoio lOio \o lo to \a CO 


CO 


el 


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^ 




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Ö Ö öö ÖÖÖÖÖÖ 


ö 



lyOL Sttznsgsb. d. niaili.-phy8. Gl. 



10 



146 Sitzung der math.-phys, Classe vom 3. Mai 1902, 

Es lehrt die vorstehende Tabelle, dass für Sauerstoff und 
StickstoflF bei gleichen reduzierten Siedetemperaturen das Ver- 
hältnis der Drucke nahezu konstant ist, während sich zwischen 
Wasser und Stickstoff erhebliche Differenzen ergeben. Aus dem 
Gang der Konstanten würde zu schliessen sein, dass bei niedrigem 
Druck die Dampfspannung des Stickstoffes im Verhältnis zu 
der des Sauerstoffes etwas zu niedrig ist; es würden demnach 
in Stickstoff allenfalls bei niedrigem Drucke Assoziationen von 
Molekülen stattfinden können, wenn auch nur in unerheblichem 
Masse. Die korrespondierenden reduzierten Drucke stimmen 
für Stickstoff und Sauerstoff unvergleichlich besser überein als 
die für Wasser und Stickstoff. 

8. Berechnung der Verdampfungswärme des reinen 
Stickstoffes. Nachdem in der jüngsten Zeit De war*) das 
spezifische Volumen des gesättigten Stickstoffdampfes experi- 

mentell bestimmt hat und durch unsere Versuche —^ bei 

AT 

760 mm auf ca. 1 °/o genau festgestellt ist, so lässt sich die 
Verdampfungswärme des reinen Stickstoffs nach der Clapey- 
ron'schen Formel j 

berechnen. Es ist das spezifische Volumen^) des flüssigen 
Stickstoffs 1 ^^_ 

^ =1.265^'=°' 



* 0.791 — gr 

das spezifische Volumen des gesättigten Stickstoffdampfes') 



^^^•^^ X 77.33 = 219.5 ''"^ 



Drückt man 



90.5 gr 

Dyn 



Ap^ . r 

AT '"^ [cm»l 



aus und nimmt 



' Grad Celsius 

man als Wärmeeinheit die 15 Grad -Grammkalorie, so wird 
das mechanische Wärmeäquivalent') 

A = 427 g gew. x m = 419 x 10* Erg 

^) J. De war, Chemical News 85, S. 73—75, 1902. 

2) Travers, 1. c, S. 247. 

3) M. Planck, Thermodynamik. S. 133. 



Fischer und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs. 147 

und es ergibt sich als Verdampf ungs wärme des reinen Stick- 
stoffes bei seinem normalen Siedepunkt für ^ = 760 mm 

f ^ 77.33(219.5 — 1.8) x 91 x 3.183 x 10"^ = 48.9 (IS^- Kai.). 

Für sehr sauerstoJBFreiche Luft hat U. Behn*) 50.8 Kalorien 
gefunden, es würde demnach die Verdampfungswärme des Stick- 
stoffs etwas kleiner sein, als die des Sauerstoffs. Macht man 
die Annahme, dass die spezifischen Volumen des gesättigten 
Stickstoffdampfes in dem Intervall von 62® bis 77" abs. aus 
dem von De war direkt gemessenen Wert von 256.83 bei 760 mm 
Druck und 90.5® abs. nach dem Mariotte Gay-Lussac'schen 
Gesetz berechnet werden können und setzt man für das spezi- 
fische Volumen der Flüssigkeit den oben angegebenen Wert 
ein, so lässt sich auf grund unserer Dampfspannungstabelle die 
Verdampf ungs wärme des reinen Stickstoffs bis zu 150 mm 
Druck mit einer Genauigkeit von ca. 1 bis 3 °/o berechnen. 
Die Anwendung des Gasgesetzes dürfte kaum einen grösseren 
Fehler hervorbringen, da sich durch die Dewar'schen Mes- 
sungen (1. c. S. 119) ergeben hat, dass das Sauerstoff- und 
Stickstoff-Gasthermometer bis zu ihren Siedetemperaturen hinab 
die gleichen Werte wie das Helium- und Wasserstoffthermometer 
liefern, und dass das spezifische Volumen des gesättigten Sauer- 
stoffdampfes bei dessen normaler Siedetemperatur nur um 

231.8-225.8 = 6.0 -^^, das ist nur 2.6 % kleiner ist als 
gr 

der nach dem Mariotte =Gay-Lussac'schen Gesetz aus der nor- 
malen Gasdichte des Sauerstoffes bei 0" und 760 mm berechnete 
Wert.*) Es ergibt sich nach der Clapeyron'schen Formel 
für die Verdampfungswärme des reinen Stickstoffs bei niedrigen 
Drucken p folgende Tabelle, wenn v^ durch die Formel 

___ 256.83 X 760 T ccm 
^^ "" 90.5 * p gr 

berechnet wird. 

») ü. Behn, Drude's Annalen 1, S. 274, 1900. 
2) J. Dewar, Proc. Roy. Soc. Vol. 08, 1901; Chem. News. Vol. 83, 
S. 97, 1900; 85, S. 74, 1902. 

10* 



148 



Sitzung der mathrphys. Glosse vom 3, Mai 1902, 
Verdampfungswärme des Stickstoffs. 







Specifisches 


Ver- 


Für 


Für 


Druck 


Temperatur 


Volum 
des Dampfes 


dampfungs- 


äussere 
Arbeit 


innere 
Arbeit 


mm Hg 


absol. 


r ccml 
*L gr J 


wärme 


verbrauchte 


verbrauchte 






r[150Cal.] 


Wärme 


Wärme 


760 


77.33 


219.5 


48.9 


5.27 


43.6 


730 


77.00 


227.4 


49.51 


— 


— 


600 


75.44 


271.1 


49.7 


5.15 


44.5 


500 


74.03 


319.3 


49.7 


5.06 


44.6 


400 


72.40 


390.3 


50.2 


4.95 


45.2 


300 


70.42 


506.2 


51.5 


4.82 


46.7 


250 


69.2 


596.9 


50.1 


4.74 


45.4 


225 


67.80 


656.8 


50.9 


— 


— 


180 


67.13 


804.2 


49.9 


4.60 


45.3 


170 


66.78 


847.1 


50.5 


— 


— 


150 


66.45 


949.6 


50.45 


4.53 


45.9 


120 


64.75 


1163.6 


48.64 


4.44 


44.2 


100 


63.65 


1372 


43.1 


4.37 


38.7 


90 


62.94 


1508 


35.6 


4.32 


29.3 



Es würde demnach die Verdampfungswärme des Stick- 
stofiFes und zwar sowohl die gesamte als die innere latente 
Darapfwärme mit sinkender Temperatur erst anwachsen, ein 
Maximum zwischen 400 mm und 150 mm erreichen, um dann 
sehr rasch abzunehmen. Die Schwankungen in den einzelnen 
Werten sind durch den grossen Einfluss der nur schwer be- 



stimmbaren Grösse 



dp 
TT 



verursacht. Man sieht aber aus der 



Tabelle, dass jedenfalls die Untersuchung der Verdampfungs- 
wärme des StickstojBFs in der Nähe seines Erstarrungspunktes 
besonderes Interesse verdient. Sie dürfte über die oben er- 
wähnten (S. 140) Abweichungen bezüglich der Ramsay 'sehen 
Formel näheren Aufschluss geben. Der eine von uns ist zur 
Zeit damit beschäftigt, diese Grösse experimentell zu bestimmen. 
Ein ähnliches Verhalten wie das des Stickstoffs wäre, ist bei 
der Essigsäure bereits bekannt.*) 



^) W. Ramsay und S. Young, Zeitschrift f. Physikal. Chem. 1, 
S. 250, 1887. 



Fischer und Alt: Dampfspannung des reinen Stickstoffs, 149 

9. Die Kenntnis der Verdampfungswärme des reinen 
Stickstoffes ermöglicht nun die bereits oben (S. 133) erwähnte 
Bemerkung, dass bei verschiedenen Stickstoffproben Siedepunkts- 
erhöhung und Qefrierpunktserniedrigung parallel auftreten, 
quantitativ näher zu verfolgen. Fasst man nämlich flüssige 
Luft als Lösung von Sauerstoff in Stickstoff auf, und 
wendet man die allgemeine van t' Hoff 'sehe Formel für die 
Siedepunktserhöhung,*) welche ein Molekül des gelösten Stoffes 
(Sauerstoff) in 100 g des Lösungsmittels (Stickstoff) hervor- 
bringt, auf unseren Fall an, so wird nach van t'Hoff 



T-T = -0198 X T\ 

y ' 



4o.y 

bei 760 mm Druck; das wäre also die Siedepunktserhöhung, 
welche 32 g Sauerstoff in 100 g Stickstoff hervorbringen. Es 
würde daraus 

für 1 g Sauerstoff in 100 g Stickstoff 0,0768*^ Siedep.= Erhöhung 

folgen. Nehmen wir an, wir hätten bei unseren Versuchen 
Stickstoff gehabt, der im Maximum 0,5 ®/o Sauerstoff enthielt, 
80 würde das eine Siedepunktserhöhung von 0,038® geben, 
also eine Unsicherheit liefern, die*kleiner ist als die oben an- 
gegebene Fehlergrenze, die wir bereits vor der Berechnung 
der Siedepunktserhöhung angenommen hatten. Es lässt sich 
diese Auffassung der flüssigen Luft als Lösung von Sauerstoff 
in Stickstoff zahlenmässig prüfen durch die Beobachtungen 
Baly's*) über die Aenderung der Siedetemperatur normal 



*) M. Planck,' Thermodyn. S. 233, 1897 und Kohlrausch, Lehr- 
buch der pr. Phys., 9. Aufl., S. 170, 1901. Der Dampf eines Gemisches 
von Sauerstoff und Stickstoff enthält nach Baly Phil. Mag. 49, S. 519, 
1900 einen sehr viel kleineren Procentgehalt an Sauerstoff als die Flüssig- 
keit, 80 dass die Dampfspannung des Sauerstoffs im Dampfe angenähert 
vernachlässigt werden kann, so lange die Flüssigkeit nicht mehr als 
10 bis 20 ^lo Sauerstoff enthält. 

2) E. C. C. Baly, Phil. Mag. 49, S. 521, 1900. 



150 



Sitzung der math.-phys. Clause vom 3. Mai 1902. 



siedender Gemische von Sauerstoff und Stickstoff. In der 
folgenden Tabelle enthält I und II die Beobachtungen Baly's, 
III die dadurch bestimmten Siedepunktsdifferenzen ; in IV sind 
die aus der allgemeinen van t' Hoff 'sehen Gleichung be- 
rechneten Siedepunktserhöhungen eingetragen, und in V die 
Siedepunktsdifferenzen, welche sich ergeben, wenn man als 
Wert für den Siedepunkt des reinen Stickstoffs unseren 
Wert 77,33" abs. annimmt, im übrigen aber die Baly 'sehen 
Zahlen verwendet. 

Siedepunktserhöhungen des Stickstoffs bei 760 mm Druck. 



Baly's Beobachtungen 


III. 

Mit Baly's 

Siedepunkt 

77.54 abs. 

erhalten 


IV 

Nach 

van t' Hoff 

berechnet 

0.00 
0.62 
1.16 
1.64 
2.105 


V 


I 

^}i) Sauerstoff 


II 

Absol. Siede- 
temperatur 


Mit unserem 

Siedepunkt 

77.33 ± 0.050 

berechnet 


0.00 

8.10 

15.25 

21.60 

27.67 


77.54 

78.0 

78.5 

79.0 

79.5 


0.00 
0.46 
0.96 
1.46 
1.96 


0.67 + 0.05 
1.17 + 0.05 
1.67 + 0.05 
2.17 + 0.05 



Die Tabelle gibt eine Uebereinstimmung mit der van t 'Hoff- 
sehen Formel, die überrasch^d gut ist. Der Unterschied zwi- 
schen den mit Hilfe des Baly 'sehen Siedepunktes des reinen 
Stickstoffes ermittelten Siedepunktserhöhungen und den nach 
van t'Hoff berechneten legt den Schluss nahe, dass der 
Baly 'sehe Stickstoff* nicht genügend rein war, da die Diffe- 
renzen zwischen den entsprechenden Zahlen in Kolumne III 
und IV konstant sind; der Unterschied von 0,18® würde einer 

18 
Verunreinigung von -FTryfw- = 2.4 ^fo Sauerstoff entsprechen, 

d. i. eine Verunreinigung, die sehr leicht unterläuft, wenn 
man sich nicht sehr in Acht nimmt, den Stickstoff mit Luft 
nicht in Berührung zu bringen; schon wenn der Stickstoff vor 
der Verflüssigung in einem Gasometer aufgefangen wird, erhält 
man leicht 2 ®/o Sauerstoff beigemengt. 



Fischer und Alt: Dampfspannuinj des reinen Stickstoffs. 151 

Allein es kann die Differenz von 77.54 — 77.37 = 0.17^ 
zwischen unserem Werte für den Siedepunkt des reinen Stick- 
stofls und dem Baly' sehen auch davon herrühren, dass Baly 
erstens mit einem WasserstoflFthermometer für konstanten Druck, 
wir mit einem solchen für konstantes Volum die Temperaturen 
bestimmten und dass zweitens Baly wahrscheinlich einen an- 
deren Temperaturkoeffizienten für Wasserstoff angenommen 
hat als wir; Baly gibt leider in seiner Arbeit diesen nicht 
an. Wahrscheinlich hat Baly den Wert a (für konstanten 
Druck) = 0.0036600 verwendet, den Travers (Experimental 
Study of Oases S. 151, 1901) angibt. Es würde in diesem 
Falle als absoluter Nullpunkt — 273.22 zu nehmen sein d. h. 
derselbe um 0.18® tiefer liegen als für das Konstant volum- 
wässerstoflfthermometer, für das a (für konstantes Volum) 
= 0.0036625 gesetzt wird; dann würde unsere Beobach- 
tung des Siedepunktes des reinen Stickstoffs mit jener 
ßaly's bis auf 0.17— 0.14 = 0.03** genau übereinstimmen. 
Die experimentelle Feststellung der Gefrierpunkts- 
erniedrigung des Stickstoffs, die sich ohne besondere 
Schwierigkeit anstellen lässt, und die Beobachtungen der 
Schmelzwärme des Stickstoffs würde die obige Ansicht über 
die Natur der flüssigen Luft noch weiter zu prüfen gestatten; 
nimmt man an, dass sie bereits durch Vergleich der theoretisch 
und experimentell ermittelten Siedepunktserhöhungen genügend 
begründet ist, so würde die experimentelle Ermittlung der 
Gefrierpunktsemiedrigung allein zur Berechnung der Schmelz- 
wärme nach der van t' Hoff 'sehen Formel dienen können. 
Nach dem Verhalten der Lösungen zu schliessen, 
würde Stickstoff bei genügend tiefer Temperatur aus 
flüssiger Luft ausgefällt werden können und damit 
ein sehr vollständiges Trennungsverfahren für Sauer- 
stoff und Stickstoff erzielbar sein. Der eine von uns 
ist nach dieser Richtung hin mit Versuchen beschäftigt. 



152 



Sitzung vom 7. Juni 1902. 

1. Herr Carl v. Linde macht eine Mittheilung über: 
^Beobachtungen bei der fractionirten Destillation 
und Rectification flüssiger Luft**. Dieselbe wird ander- 
weit zur VeröflFentlichung gelangen. 

2. Herr Ferd. Lindemann legt eine Abhandlung: »Ueber 
das Pascal'sche Sechseck** vor. 

3. Herr K. A. v. Zitiel überreicht eine Arbeit des Ober- 
medizinalrathes a. D. Dr. Joseph Georg Egger: „Ergänzungen 
zum Studium der Foraminiferen-Familie der Orbito- 
liniden* (mit 2 Tafeln). Dieselbe ist für die Denkschriften 
bestimmt. ' 

4. Herr Alfr. Pringsheim macht eine Mittheilung: „Zur 
Theorie der ganzen transcendenten Funktionen*. 

5. Herr Aug. Rothpletz hält einen Vortrag: „üeber den 
Ursprung der Thermalquellen zu St. Moritz**. 



153 



üeber das Fascarsche Sechseck. 

Von F. Lindemann« 

(Eifig0!aufen 7. Juni.) 

Es gibt eine ausserordentlich grosse Zahl von Lagen- 
beziehungen zwischen den Punkten und Linien der vollständigen 
Figur des PascaPschen Sechsecks. Sie beziehen sich meistens 
auf die Steiner'schen und Kirk man 'sehen Punkte, in denen 
sich die Pascal'schen Linien zu dreien schneiden, und auf 
die Gruppirung dieser Punkte auf gewissen anderen Geraden. 
Im Folgenden soll eine Lagenbeziehung abgeleitet werden, 
die sich auf einfache Schnittpunkte der Pascal'schen Linien 
mit solchen Verbindungslinien PascaTscher Punkte bezieht, 
die nicht selbst Pascal'sche Linien sind. 

Wir bezeichnen die sechs Punkte des Kegelschnittes in 
üblicher Weise mit den ZifiFern 1, 2, 3, 4, 5, 6, ferner die 
Verbindungslinie der Punkte 1 und 2 z. B. durch das Symbol 
1 — 2 und den Schnittpunkt der Linien 1 — 2 und 3 — 4 durch 

das Symbol 

(12—34). 

Auf einer PascaPschen Linie befinden sich dann z. B. 
die drei Pascal'schen Punkte 

(12 — 34), (35 — 26), (46—15). 

Nach dem Vorgange von Salmon bezeichnen wir diese 
Linie durch das Symbol 

12 . 35 . 46 
34 . 26 . 15 



154 



Sitzung der math.-phya. Glosse vom 7. Juni 1902. 



M 



46 • 35 
15-26 



12 
34 



das mit den Symbolen 

35 -46 -12 
26 • 15 • 34 

gleichbedeutend ist; in jeder der beiden Horizontalreihen dieses 
Symbols muss jeder der sechs Punkte gerade einmal vorkom- 
men. Diese 60 Pascal'schen Linien schneiden sich zu dreien 
in den 45 Steiner 'sehen Punkten; z. B. die drei Linien 

I 12.35-46) f 34 -26 -15) ] 56 - 14 • 23 ) 
I 34 - 26 - 15 I ' I 56 • 14 - 23 I ' | 12 • 35 - 46 | 



gehen durch einen Stein er 'sehen Punkt, den wir mit Salmon 
durch das Symbol 



f 12-35 
34 - 26 
56.14 



46 



23 



bezeichnen. Jede der Ziffern 1, .... 6 steht hier in jeder 
Horizontal- und Vertical-Reihe je einmal; vertauscht man die 
Horizontalreihen unter einander oder die Verticalreihen unter 
einander, so bleibt der so bezeichnete Punkt ungeändert. 

Ausserdem schneiden sich die 60 Pascal'schen Linien zu 
je dreien in den 45 Kirkman'schen Punkten, z. B. die drei 
Linien 



112-35-46) I 34 -26 -15) (56-13-24) 
( 34 - 26 - 15 J ' ( 56 ■ 13 • 24 ) ' ( 12 - 46 - 35 ) 

in einem Punkte, den wir (wieder mit Salmon) durch das Symbol 



12-35-46 

34-26-15 

. 56 • 13 - 24 

bezeichnen, wobei wieder die Anordnung der Verticalreihen 
und der Iloiizontalreihen je unter sich gleichgültig ist. Der- 
selbe Punkt würde überdies durch die Symbole 



12 • 46 • 


35 




34 


26 


•15 


56 • V?,. 


24 


oder . 


56 


13 


24 


34 - 26 


15 




12 


46 


35 



F. Lindemann: Ueber das Pascal'sche Sediseck. 



155 



bezeichnet werden; denn die Linien 

12 . 46 • 35 ) f 56 • 13 • 24 
. 56 • 13 . 24 ( ' I 34 • 26 
oder 

34-26 
56- 13 



] f 56 -13 -24) I 34 -26 15) 

( ' I 34-26 15 ) ' ( 12.35-46 J 

•15 1 I 56 13 -24) (12-46 -35) 

•24 j '[ 12-46-35 j ' 134-15-26 J 



sind vor den zuerst gegebenen drei Linien nicht verschieden. 
In dem Symbole des Kirk man 'sehen Punktes ist eine Vertical- 
reihe vor den beiden anderen ausgezeichnet, indem nur diese 
alle sechs Punkte ohne Auslassung und ohne Wiederholung 
enthält; diese Verticalreihe ist durch einen darüber gesetzten 
horizontalen Strich markirt. 

Auf jeder Pascal'schen Linie gibt es drei solche Kirk- 
man'sche Punkte, z. B. auf der Linie 



die Punkte 



12-34 
45-16 



•56) 
-23| 



12 - 34 • 56 
45-16-23 
36 - 24 - 15 



12-34 


■56' 




45 16 


23 


» ■ 


13-25 


■46 





12 • 34 • 56 
45-16-23 
26 - 35 - 14 



12 


35 - 46 ' 




45 


■26-13 


' » • 


36 


15 • 24 





15 


34 


■26' 




24 


16 


35 


^ 1 ' 


13 


25 


46 





Ferner liegen zwanzigmal drei Kirkman'sche Punkte mit 
einem Steiner'schen Punkte auf einer Cayley-Salmon'schen 
Geraden, und zwar z. B. die drei Punkte 

13-24-56 
46 • 15 - 23 
35-26-14 

mit dem Steiner'schen Punkte 

12 •34- 56) 
45-16 23 
36-25-14 

Die Beweise für diese und viele andere Sätze werden be- 
kanntlich am leichtesten mittelst des Dcsargu es' sehen Satzes 



156 Sittung der math.'phy8. Gasse vom 7, Juni 1903, 

über perspectiv isch liegende Dreiecke geführt,^) der auch die 
Orundhige der folgenden Betrachtung bildet. 

Ks seien zwei Dreiecke A^ und Jj, bezw. durch die fol- 
geiulon Linien gebildet: 

Ij : /, oder 1 — 2, l^ oder 3 — 4, l^ oder 5 — 6; 

_ jl2.35.461 ^|16.35.42) ^|13. 56.24) 

*~(45.16.23J' 2~\34.26.15J' ^~ \46. 23.15 J' 

Die Seiten der Dreiecke mögen einander so zugeordnet 
Wk'i'don, wie sie hier unter einander stehen. 

Kntsprechende Seiten der Dreiecke A^ und A^ schneiden 
«ich dann in den Pascal'schen Punkten 

(12 — 45), (34 — 1 6), (23 — 56), 

welche sich auf der Pascal'schen Linie 



I, :>l 



^ I 12 . 34 . 56 i 
145.16.23 j 



iM^liiulen, Diese beiden Dreiecke liegen also perspectivisch, und 
VH mllss(»n auch die Verbindungslinien entsprechender Ecken 
(luH'h (»inen Punkt gehen. Als Ecken von A^ haben wir die 
Piisciirschen Punkte 

(34 — 56), (56 - 12), (12 — 34), 

und hIn zug(»()rdnete Ecken von A^ zwei mit P und Q be- 
/i^itlinete Punkte und einen PascaTschen Punkt, ncmlich 

(15-24), P, (3, 

svolixi uImo /' den Schnittpunkt der Linien 

( 13. 56 -24 1 ^ f 12 -35 -46] 
l-J«. 23.15) ""^ 145.16.23} 

') V^'l. «lio zahln»irhen Anwendungen dieser Beweismethode bei 
r. VoroiifNi', Nuovi teoremi sull' Hexagnimmum mysticum, Atti della 
|{. AirjuliMniii ilri Lincei; Ser III, classe di sc. fis., mat. e naturw. 1877 
\\\\\\ WtMlokind, Lagcnbeziehungen bei ebenen, perspectivischen Drei- 
m-kiMi, Math. AiinaltMi, Hd. 16, 1871). 



F. Idndemann: Ueber das Pascal'iche Sechseck 157 

oder kurz den Punkt 

p _ rj 13 • 56 • 24 J _ I 12 • 35 • 46 1 1 
[{46 -23 15) l45-16-23|J 

bezeichnet, und ebenso Q den Punkt 

O— rn^- 35-46 )_f 16.35-42 1] 
^ Li 45 -16 -23 1 \ 34-26-15 iJ" 

Die Verbindungslinie der Ecke (34 — 56) von ^J, mit der 
zugeordneten Ecke (15 — 24) von zJ, ist die Pascal'sche Linie 



_ I 34 - 15 • 26 1 
~ I 56-24-13 J' 



diese geht also durch den Schnittpunkt der Linien 

[P— (56 — 12)] und [(3 — (12-34)], 

den wir zur Abkürzung als Punkte bezeichnen. 

Um zu einem solchen Punkt E zu gelangen, theilt man 
die sechs gegebenen Punkte in drei Paare, etwa: 1 — 2, 3 — 4, 
5 — 6 (was auf 15 Arten geschehen kann); dadurch ist die zu 
benutzende und oben definierte Pascal'sche Linie L nicht ein- 
deutig bestimmt, kann vielmehr durch eine der folgenden 
ersetzt werden: 

,^{12-56-34 
I46-23-15 



1 r"_/12-56-341 ,„_|12. 56-341 
j' I35-2416)' 145-13-26/' 

{12-56-341 i<,_(12-56-341 
136-24 -15)' (46 -13 -25)' 

12-56-34 12-56341 

135 14- 26)' 1 36- 14-25 )• 



Hat man L unter diesen acht Linien ausgewählt, so gibt 
es zu jeder noch drei Linien A\ bei der oben gewählten war 
das Paar 1 — 2 ausgezeichnet; mit ihr gleichberechtigt sind 
die beiden: 

12 • 53 - 64 
34 - 62 - 51 



I 12-35-461 
»~1 56-42-31)' »~ 



158 



Sitzung der mathrphys, Classe vom 7. Juni 1902, 



Durch L und A ist dann Aj eindeutig bestimmt, ebenso 
Ag und A3, denn die zu Aj in A^ gegenüber Hegende Ecke ist 
durch die Schnittpunkte der Linien l^ und l^ mit L, d. h. durch 
die Punkte (23 — 56) und (34 — 16) vollkommen bestimmt. 
Im Ganzen gibt es hiernach 

15 . 8 . 3 = 360 

Punkte jB; auf jeder PascaPschen Linie befinden sich 
also sechs solche Punkte. 

Gehen wir z. B. von der Pascal'schen Linie A aus, wo 
wieder 

A 



I 34.15-26 1 
\ 56 . 24 . 13 1 



gewählt wurde, so wird auf ihr ein Punkt E bestimmt sein, 
sobald noch eine zugehörige Linie L passend gewählt ist; das 
kann aber in der That auf sechs verschiedene Arten geschehen ; 
und zwar findet man je zwei Linien L für jede der drei noch 
möglichen Theilungen der sechs Punkte in drei Paare: 

I 34, 56, 12, 

II 15, 24, 36, 

III 26, 13, 45. 

Für I ergibt sich: 



Li 



ebenso : 



=1 



Lu = 



Lm ^ 



12.34 
45-16 

36-15 
45-32 

45-26 
12-35 



56 
23 

24 
61 

13 
46 



Li = 



!• 






12 

36 

36 
12 

45 
36 



34-56 
25-14 

15-24 
46-35 

26-13 
14-25 



Je zwei zusammengehörige Linien schneiden sich in einem 
Steinei'schen Punkte; diese Punkte nennen wir Sj, Su, Sm, 
nemlich: 



12 -34 -561 
-S/ = ,'45-16-23' 



=1: 



36 -25 -14] 



Sn 



'36-15-24 

45-32-61 

.12-46-35 



, Sm = \ 



45-26-13' 

12-35-46 

36-I4-25J 



F. Lindemann: üeber das Pascal* sehe Sechseck. 159 

Den drei Symbolen ist die erste Verticalreihe gemeinsam; 
ihnen beigeordnet ist ein vierter Punkt 

134 . 56 . 12 ] 
15. 24. 36 [, 
26 . 13 . 45 j 

dessen Symbol dieselbe Verticalreihe enthält. 

Vertauschen wir entweder 4 mit 5 oder 3 mit 6 oder 1 
mit 2 und ersetzen dem entsprechend A bes. durch 

.._f35.14.26l ,,_|46.15.23l ,_|34.25 16l 
~J46.25.13J' ~|35. 24.161' J56.14.23J' 

so werden statt der Punkte Sy, /S//, Sm bes. die Punkte 

Sü, Si, Siv für A"' 
Sjjij S/F, Sj j, A 

Siv, Sin, Sii „ A 

benutzt. Je vier Linien A führen also hierbei auf dieselbe 
Gruppe von vier Steiner'schen Punkten, wie es sein muss, da; 
es 60 Pascal'sche Linien und nur 15 solche Gruppen von 
Steiner'schen Punkten gibt. 

Zu jedem Steiner'schen Punkte gehört bekanntlich ein 
conjugirter; er ist conjugirter Pol desselben sowohl in Bezug 
auf den Kegelschnitt, der die Punkte 1, 2, 3, 4, 5, 6 enthält, 
als in Bezug auf einen der zehn zugehörigen Bäuerischen 
Kegelschnitte;*) man erhält ihn, indem man Horizontal- und 
Verticalreihen im Symbole des gegebenen Steiner'schen Punktes 
vertauscht. Zu Siy ist so der Stein er'sche Punkt 

r 34 . 15 . 26 I 

Sjv = { 56 . 24 . 13 [ 

l 12.36-45 J 

conjugirt; er befindet sich auf der Linie yl, von der wir 
ausgingen; ebenso liegen die zu Sm, Su, Si conjugirten Punkte 

') Vgl. G.Bauer, Ueber das Pascarsche Theorem, Abhandlungen 
d. k. bayer. Akademie, II. Chisse, Bd. 9, 1874. 



160 



SÜMung der wath^-phjfS. Ciaae vom 7, Juni 1902 



bez. auf den Linien Ä'\ Ä"^ A\ Diese vier conjugirten Punkte 
befinden sieb überdies auf einer sogenannten Steiner sehen 
Geraden- 

Bringt man die Linien L in anderer Anordnung zum 
Schnitte, so ergeben sich drei Kirk manische Punkte» deren 
Symbole eine gern einsame Verticalreihe haben, nemlich 



\ 36 < 15 . 24 I 



CXi-Zk) = 



. f 12 ■ 46 • 35 I 
I 45 » 13 > 26 I 



45 ' 26 ■ 13 
36 - 14 - 25 
12 ' 56 ' 34 



Diese einzelnen Bemerkungen sind Folgen der Thatsache, 
von der wir ausgingen, und die wir dahin aussprechen künnen, 
dass zu jedem Dreiecke, dessen Seiten die Ecken des 
Sechsecks enthält, acht Gruppen von je drei Dreiecken 
gehören, deren Seiten PascaPsche Linien sind, und 
deren jedes zum ersten Dreiecke jjer.spectivisch liegt. 

Gebt man andererseits von der Linie 



H 



_ j 12- 35. 46 1 
' ~ I 45 • 16 . 23 I 



BUS, SO künnen die zugehörigen Paare ^, und I, auf drei rer- 
scbiedenc Weisen nach leicht erkennbarem Gesetze gewählt 
werden, neoilicb 



46 
13 






11 = 



12 
34 



23-15 
56.24 

16-24 
25-36 

45-36 
26-15 



}• 



_ f 35 16.24 i 
»~ 126 • 34.15 j' 

., ^ ( 12-45.36 I 
"' 156 13 •24/' 

.. _| 46.23-15 I 
*~125 14.36J" 



Diese Linien schneiden sich paarweise in Steiner'scben 
Punkten, nenilich es ist 




F. Lindtmann: üeber das Pascäl'sche Sechseck. 



161 






12-45 

(>li>lj) = p4.26 

56-13 

46-23 



(A2>15) = 



ihXi) = 




36^ 

15 =2-„ 

24 J 



= 2-. 



= ^,- 



Den drei Symbolen ist die letzte Verticalreihe gemeinsam; 
deia dazu gehörigen vierten Punkt mit gleicher Verticalreihe 
erkennt man als identisch mit dem obigen Punkte Sjr, welcher 
auf ii liegt. Die Punkte 2*^ und -Zj haben mit den Punkten 
Si und Sjü die Horizontalreihe 36 — 14 — 25 gemeinsam; diese 
vier Punkte befinden sich daher auf einer Steiner'schen Geraden. 
Geht man von einer Pascal'schen Linie (Aj) aus, so 
gibt es auf derselben hiernach drei Paare von Punkten 
(P, Q), in denen sie von anderen Pascal'schen Linien 
(^2 ^nd Aj) so geschnitten wird, dass die Verbindungs- 
linien dieser Schnittpunkte mit gewissen Pascal'schen 
Punkten (Schnitten von ?, mit l^ und l^) sich auf einer 
Pascal'schen Linie treffen. 



1902. Sitxungsb. d. math.-phys. CI. 



11 



163 



Zur Theorie der ganzen transcendenten Functionen. 

Von Alfred Fringsheim. 

(Singtlaufm 80. Juni.) 

Herr Poincar^ hat bereits im Jahre 1883 einen Satz 

bewiesen,^) welcher eine Beziehung angiebt zwischen dem 

infinitären Verhalten einer ganzen transcendenten Function 

g{x) = ^Cya?" für |a?| ^ 00 und demjenigen der Coefficienten 

Cr für V = 00. Damach hat man allemal:*) 

j_ 
lim (v !) m • Cy = 0, 

wenn für jedes beliebig kleine 6>0 die Bedingung er- 
füllt ist: 

limc"*'*! 'g{x)^0 (m eine natürliche Zahl), 

anders ausgesprochen, wenn zu jedem e > eine positive Zahl 
-Rf existirt, sodass: 

|^(a;)|<^-l*l'" für \x\> R,. 



^) Bulletin de la sog. math. de France, T. 11 (1883), p. 142. 
*) Aus dem von Herrn Poincare gegebenen Beweise folgt 
sogar (ohne dass es a. a. 0. ausdrücklich erwähnt wird): 



vH?L|/ (v!)--c, = 0. 



11« 



164 



SiUung der maOu-phifs. Ülasse vom 7. Juni 19ÖJ^. 



Späterhin hat Herr Hadamard^) gezeigt, dass der Satz 
nicht nur merklich venillgenoeinert^ jq's besondere ohne weiteres 
auf be Hob ige positive 7h übertragen werden kann,*) sondern 
dass derartige Sätze bei geeigneter Fornmlirung auch um- 
kehrbar sind»^) 

Da die betreffenden Beweise durchweg ziemlich compli- 
cirte Hülfstnittel verwenden*) nnd es mir andererseits wün- 
scbenswerth erschien, jene Sätze in passendem Umfange für 
die elementare Functionen-Theorie zu gewinnen, so habe ich 
vei"sucht, dieselben in muglicbst elementarer Weise neu zu 
begründen. Die im folgenden mitzutheilenden Beweise scheinen 
mir, abgesehen von der Geringrügigkeit der hierzu aufgewen- 
deten Hülfsmittel, auch grössere Präcision und einen tieferen 
Einblick in Grundlage und Wesen der fraglichen Beziehungen 
zu geben: diese gruppiren mch in sehr übersichtlicher Weise 
um einen lediglich auf gewisse Reiben mit positiven Termen 
bezüglichen Hauptsatz (§ 1 und, vermittelst eines elementaren 
Hülfssatzes g 2, in verallgemeinerter Form § 8)i dessen dualisti- 
sche Fassung unmittelbar auch das Maass ihrer Umkehr bar- 
keit erkennen lässt (§ 4, § 5). Eine einfache üeberlegung 
zeigt dann, wie die für jene Reihen mtt positiven Termen 
gewonnenen Resultate für die Theorie der ganzen transcen- 
denten Functionen nutzbar geraacht werden können (g 6), 



*) :^tude 9ur lee proprietea doa fonctiona entieres ete.r 

Joum. de Math, Serie IV, T,9 (1893), p. 171 ff, 

3) a. a. 0, p, 183. 

3) a. a. 0. p. 180. 

*) Man vergleiche auch die DiBsertatioa von K. von Seh aper: 
Ueher die Theorie der Hadamard^achen Functionen etc. 
iGöttiugen, 1898) p, 15—23, — E, BorelT Le^ons sar les fonctiona 
entierea (Fans 19ü0), jj» 53— 56. — Ernst Lindelöf, Memoire Bur 
la theorie dea fünetiona entierea de genre fiüh Acta boc. 
scieat. Fennieae. T. 31 (1902), p. 3B ff. 



A. Pringsheim: Zur Theorie der ganzen transe. Functionen, 1 65 

§ 1- 

Es bedeute r eine reelle positive Veränderliche, S^^y^" 
und SC'vr" je eine beständig convergirende Reihe mit re- 
ellen, nicht-negativen Coefficienten. 

Hauptsatz: Besteht von den beiden Begehungen: 

00 

(1*) Ü-Cvr-^^-C'' 



(1") S-Cvr-^^-C"- 



(^ > 0, y > 0) 



Äc erste für alle r, welche eine gewisse positive Zahl R über- 
steigen, die zweite zum mindesten für unendlich viele r, 
\irder denen auch beliebig grosse vorkommen, so ist: 

(2*) li^ i?iT^, < y, (2^) ii^i?;Ta>y. 

Beweis. Setzt man in (!■) r = Xq, so folgt: 

R 

S" Cy A" • ^^ ^ ^ • c^^^, falls A > — -» 

und nach Multiplication mit dem Factor e"^: 

00 



Substituirt man A = m + 1» m -\- 2, . , , in inf. (wo: 
'^J + 1 > — ), so ergiebt sich durch Addition der betreffenden 
Relationen : 



(2) 



\m + l / m-l-1 



Dabei ist die rechts, folglich auch die links auftretende 
Reihe convergent, wenn 1 — yQ^O, also für ^ < — . Da 
überdies: 



166 



SUisung der mathrphys, üla&se mom 7. Juni 1903. 



m* 



I , C 1 



und somit die Reihe 



V 1 

gltnchzeitig mit ^c^Q" beständig convergirt, so folgt, 
wenn man diese letztere Ileihß zu der linken Seite von (2) 
adilirt, da^: 



(3) 



S-^ S, ' tv ' e% wo; S, = 1> i-^ * e-^ 



1 



für p *C "~" Donvergirt* 

Um zunächst das entsprechende Divergenz- Resultat 

für den FaU der Voruussetzung (1'') abzuleiten, bedeute r^ 
(i = !» 2, 3t — eine Folge positiver, in's Unendliche wach- 
sender Zahlen von der Beschaffenheit, dass i'Ur r =^ r^ die 
Beziehung (1^) besteht, also: 

(4) i^C.-rl>e'\ 

~ 

Da man die fi (wegen lim ri = oo) jedenfalls so auswählen 
kanOf dass: 

r{n^i — n)> h 

so gehört dem Intervalle: 

mindestens eine ganze Zahl an. Bezeichnet man dann mit 
m;^ die kleinste ganze Zahl, welche nicht kleiner ist^ als 
yrx^ also: 

»*A-i ^ Ma — 1 <yn< fth < mx + u 
so ergiebt sich aus Ungl. (4) a fortiori: 



a.(!5)'>.-.-, 




Ä, Pringaheim: Zur Theorie der ganzen transc. Functionen, 1 67 
und, wenn man mit e""*"-^ multiplicirt: 

woraus durch Substitution von A = 1, 2, 3, . . . (in inf.) und 
Addition resultirt: 

also um so mehr: 

d. h. die Reihe 

GO 1 

(5) S" Sy'Cy' ^^ divergirt für Q>—. 

y 

Um das bisher gewonnene Doppel-Resultat im Sinne des 
oben ausgesprochenen Satzes zu verwerthen, bedarf es schliesslich 
nur noch des Nachweises, dass: 

lim ^ = 1 

ist. Zu diesem Behufe werde gesetzt: 

(6) n^) = T&^- 

Ist sodann |e*| < 1, also der reelle Theil von x wesent- 
lich negativ, so hat man: 

also: 

1 1 

1 
und daher: 

(7) f^{-l) = tn^'e'' = 8y, 

1 



168 Sitzung der mathrphys, Glosse vom 7, Juni 1902, 

Andererseits ergiebt sich: 

f{x) = 



e* 1 ■^■^Tr^"2!"'~ 



1 — e* X i4__5_i:?!.i 

"^ 2! ' 3! ' * * ' 

sodass also f {x) H in der Umgebung von a: = regu 

X 

ist. Da ferner f {x) H auch bei a; = —1 regulär ist i 

X 

als nächstgelegene singulare Stellen die Stellen x = +2 
auftreten, so hat man: 

(8) f(x) + — = f)" 6v(^ 4- 1)" für: |a: + 1 1 < 2^, 

X 

00 

in's besondere also auch noch für x = 0, Die Reihe S 



ist somit convergent, und daher: 

(9) lim hy = 0. 

V = (» 

Man hat aber: 

und somit nach Gl. (9) und (7): 

(10) lim -^ = 1. 

Daraus folgt dann schliesslich mit Berücksichtigung 
Resultate (3) und (5), dass von den beiden Reihen: 

00 00 





Ä, Pringsheim: Zur Theorie der ganzen transc» Functionen. 169 

die erste für o < — convergirt, die zweite für o > — 
divergirt. Die erste besitzt also mindestens, die zweite 
höchstens den Convergenz-Radius — , und es bestehen somit 
nach dem bekannten Cauchy 'sehen Satze die Beziehungen: 

(11») ii^vTiT. < y, (ip) li^i/iTc;; ^ y. 

Zusatz. Die unter den gemachten Voraussetzungen gel- 
tenden Relationen (11*), (11^) lassen sich unmittelbar auch 
durch die folgenden, etwas einfacheren ersetzen: 

(12*) h^v-i^^y^y^e, (12^) ÜmvV'C^^ y , e, 



v = oo 



wenn man v" an Stelle von v\ einführt, was sich durch Be- 
nützung der Stirling'schen Formel, aber auch ohne dieses 
relativ complicirte Hülfsmittel in folgender, äusserst elementaren 
Weise bewerkstelligen lässt. Es ist identisch: 

2» -3» •4»...»»-! 1 ^"+1/ 

2» . 3» • 4* . . . n» Y V»- + 1/ 



B — 1 1 «• — 1 1 

(12) n- . fT' -r rr- = »! = w"+i • //. 



Nun ist aber bekanntlich: 
und daher: 

E'(i+j-)'<»"-<B'(n-^r. 



170 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 7. Juni 1902, 

Multiplicirt man diese Ungleichung mit Gl. (12), so folgt 

oder auch: 



und daher: 



n! ( — ) < cw, 



(13) limfn! -—=1, 

H=00 W 

anders geschrieben: 

(14) Vnl^ — (n = oo, 

6 

sodass also in der That die Beziehungen (11) und (12) durcl 
einander ersetzt werden dürfen. 



§2. 

Um den soeben abgeleiteten Hauptsatz zu verallgemeinern 
beweise ich zunächst den folgenden Hülfssatz: 

Ist ;« > 0, S &v eine beliebig vorgelegte, S a,. eine gam 
iviUkürlich angenommene convergente Reihe mit positiven Glie 
dern, so hat man: 

(n,<;::)}|..{i>(l-».)-.(|.»i-i.)-{-;. 

Beweis zu (I). Ist 2? ^ 0, x > 1, so hat man: 

(17) p**-^<{\'\-pY-^ 

und daher: 

p—^ — \ <(1 +1?)— 1 — 1. 

Da die rechte Seite dieser Ungleichung sicher positiv ist 
so folgt durch Multiplication mit der Ungleichung: 



Ä, Pfing^im: Zur Theorie der ganzen transc, Functionen. 171 

i?<i+i?» 

dass: 

p^—p<(i +py — i —p, 

also: 

(18) i4.;^<(i^.^).. 

Setzt man jetzt: p = y-, so folgt nach Multiplication 
mit 60: 

(19) K + b1< (b, + b,)" (« > 1). 
Angenommen nun, man habe für irgend ein n ^ 1 : 

(20*) £;. bt < (s- bX (x > 1), 

\ / 

SO liefert die Addition von i^+i zunächst: 
«+1 



V / 



also, mit Benützung von Ungl. (19): 

H + l /n + l \x 

\ / 

d. h. üngl. (20*) gilt auch noch, wenn n durch (w + 1) ersetzt 
wird. Sie gilt also allgemein, da nach (19) ihre Richtigkeit 
für n = 1 erwiesen ist. 

Schreibt man in (20*) «' statt x und substituirt j-p für fty, 
so folgt weiter: 



also: 



(?"'")"'■ 



\ / 



s 



und daher, wenn man noch -— = x setzt: 

X 



(20*) 



L' *: > (h hX (y > 1). 
\ '' . 



172 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 7. Juni 1902, 

Da die grundliegende Beziehung (17) eine wirkliche Un- 
gleichung ist (d. h. mit definitivem Anschlüsse der Gleichheit), 
und die Abweichung zwischen den beiden Seiten, wie der 
Schluss von n auf (w + 1) zeigt, bei dem Hinzutreten jedes 
neuen Elementes noch verstärkt wird, so folgt schliesslich 
für lim w = 00, wie behauptet: 

Beweis zu II. Ist < c^ < r < Cj und « > 1, so hat 
man : ^) 

(21) ^ w i 

Multiplicirt man die erste dieser Ungleichungen mit (r— c^), 
die zweite mit {c^—r), so folgt durch Subtraction: 

{(fl-r^)'{r- c,) - (i- - (?S) . {c, - r) > 0, 

anders geordnet: 

(22) ^c,-r)^c^^ + {r-c,)'(f[>{c,-c,)^r^. 

Der Bedingung: c^ < r < c, wird offenbar genügt, wenn 
man setzt: 

»0 + »1 ' 

unter a^,, aj beliebige positive Zahlen verstanden. Alsdann 
geht aber Ungleichung (22) in die folgende über: 

. '^0^+ -^— •ö^i^>(gi — O ^ . ' - , 

oder auch: 

(23) a, cj + a, c;f > (a^ + a,)' ""^ ' K ^o + «i ^i)" (« > !)• 

Da im übrigen diese zunächst unter der Voraussetzung 
Cq < (?j abgeleitete Ungleichung in Bezug auf die Indices 0,1 

') S. den Zusatz I. 



Ä, Pringsheim: Zur Theorie der ganzen transc, Functionen, 173 

symmetrisch sich verhält, so gilt sie unverändert auch für 
Cj>c,; nur für Cq = c^ geht sie in eine Identität über. 
Angenommen nun, man habe für irgend ein w > 1 : 



(24' 



N /n \1— x/n \x 

') X3^ Oy cl > l S»' üy] • 1 £" a„ Cy 1 (« > 1). 

Ersetzt man sodann: 

a„ durch an + öt„-fi 

ünCn + ««+1 ^M-fl 



G^n + G^n + l 
also: an Cn , »n ^n + «n+l ^n + l , 

SO geht Ungleichung (24*) zunächst in die folgende über: 
£" ttyct + (an + an+iy-*" • (an Cn + a„+i (?„+l)'' 



/n-+-l \l-x /M-fl \x 



und, wenn man auf das letzte Glied der linken Seite die Un- 
gleichung (23) anwendet: 

w+l /» + i \^-^ /n-fl Nx 

^y ayCy> { ^^ ayj * l l^'' tty Cy] , 

d. h. üngl. (24*) gilt auch noch, wenn n durch n -\- l ersetzt 
wird. Sie gilt also wiederum allgemein, da ihre Richtigkeit 
nach (23) für n = 1 erwiesen ist. 

Schreibt man in Ungl. (24*) x' statt x und substituirt 

Cr"' für Cy, so wird: 

N /n \1— x'/n 1 \ x^ 

£" ay Cy > ( L" ayj ' Hjy ay Cy'^'j , 
also: 

h ay Cy~^ < (lv a.j' " ^ . (i ay c^j^ («' > 1), 



174 Biteung der mathrphys. Glosse vom 7. Juni 1902. 

und, wenn man — - = « setzt: 

(24»>) S" a, c: < (i- üyj . [i:^ ay CyJ (x < 1). 

Macht man noch in (23*), 23**) die Substitution: 

üy Cy = 6y , alSO : Cv = Oy »< ' 6y , 

so ergiebt sich: 

(25) S' K { ^ } (s' «,)"" . (s" «;- -^ • 6.)" { ;; < }. 

Da die grundlegende Beziehung (22) wiederum eine wirk- 
liche Ungleichung ist, sofern nicht gerade ^o ^^ ^i» ^^^ ^^® 
Abweichung zwischen den beiden Seiten, wie der Schluss von 
n auf (w +- 1) zeigt, bei dem Hinzutreten jedes neuen Elementes 
Cy sich verstärkt, ausser wenn Cy = c?y_i, in welchem Falle 
sie immerhin erhalten bleibt, so folgt für n=oo: 

t'i^j^} (|'a,y"^ (l^a/'-^-ft.)"!;; < }, q. e. d. 

Zusatz I. Die Ungleichungen (24) lassen sich auch aus 
einem von Herrn Hoelder^) mit Hülfe des Mittelwerthsatzes 
der Differential-Rechnung bewiesenen, allgemeineren Mittel- 
werthsatze herleiten. Zur Vervollständigung der hier gegebenen, 
elementareren Herleitung sei ausdrücklich bemerkt, dass man die 
fundamentalen Ungleichungen (21) auch für ganz beliebige 
positive x^ ohne den zumeist zu ihrer Herleitung verwendeten 
Mittel werthsatz der Differential-Rechnung, völlig elementar 
in folgender Weise gewinnt. 

Aus der für jedes von 1 verschiedene A und ganzzahlige 
w > 1 geltenden Identität: 



i) Göttinger Nachr. 1889, p. 38 ff. ; vgl. in's besondere p. 44. 



A. iVin^tlMm: Zw Theorie der ganten tränte. Functionen. 175 

folgt für jedes positive ^ ^ 1: 

(26) ^">l + n(^ — 1) 

i_ 

und hieraus durch Substitution von Ä » für A: 

A-^ >l + niA~-^ — l), 
iiso: 

1 ^ — 1 



<1 - 



n 



ffobei die rechte Seite stets wesentlich positiv ist. In Folge 
dessen hat man: 



4-> 



1 A — 1 



1 — 



>! + 



n A 
l A — l 



falls: 



n 



A — l 



<1, 



und, wenn man diese Ungleichung in die m** Potenz erhebt, 
mit Benützung von üngl. (26): 



(27) 






Die hierbei gemachte Voraussetzung: 



Ä 



<1 



ist offenbar immer erfüllt, wenn Ä> \, Ist dagegen A < 1, 



\ ^ 1 1 

80 wird — • -: — < 0, sodass also, falls — 



Ä — l 



>1 



sein sollte, die rechte Seite von Ungl. (27) negativ ausfällt: 
in diesem Falle sagt also diese Ungleichung etwas zwar tri- 
viales, aber immerhin richtiges aus. Man hat somit für 
jedes positive -4^1 und jedes rationale « > 0: 

A — l 



(28) 



^" > 1 + « 



Ist jetzt X irrational und etwa x = lim«„, wo Xn> 
und rational, so folgt aus: **"* 



176 Sitzung der mathrphys. Classe vom 7, Jum 1902, 

^-«> ! + ;,„. Ar:i 

auf Grund der Definition: -4" = lim -4 **, zunächst nur so- 
viel, dass: **""* 

— A 

Man erkennt aber leicht, dass das Gleichheitszeichen 
in Wahrheit ausgeschlossen erscheint. Dies ist ohne wei- 
teres evident, falls die rechte Seite negativ ausfallen sollte. 
Ist sie aber positiv, so gilt dies a fortiori, wenn man x 

durch — ersetzt. Man hätte also zunächst: 
und hieraus durch Erhebung in's Quadrat: 



> \-\-x 



A 
A~\ 



A 



Die Ungleichung (28) gilt somit für jedes beliebige 
x>0. 

Ist jetzt X > 1, so hat man auch: 



A ' 
und, wenn man diese Ungleichung mit A multiplicirt: 

Ä'> A-^{x — \)(^A — \) 
d. h. schliesslich: 
(29) Ä'>\-lx{A — \) für X > 1. 

Substituirt man hier J. = — und A = -. , wo & > a > 0, 

a 

so ergeben sich die oben unter (21) benützten Ungleichungen: 



Ä. Pringsheim: Zur Theorie der ganzen tramc. Functionen, 177 

Zusatz IL Liest man die auf den Fall x> \ bezügliche 
Ungleichung (16*) rückwärts, so gewinnt man den folgenden 
Convergenz-Satz : 

Gleichzeitig mit den beiden Reihen S ö^v , ^K (wo x> 1) 
cmvergirt allemal auch die Reihe 5j «v ** • bv 

Herr Ho eider hat diesen Satz nur für den speciellen 

/ 1 \i+ff 
Fall tty = l — j aus der Ungleichung (24*) in wesentlich 

complicirterer Weise abgeleitet.^) Dazu will ich noch be- 
merken, dass der obige Convergenz-Satz für den Fall eines 
ganzzahligen x sich noch einfacher aus dem bekannten 
Satze ergiebt,*) dass das geometrische Mittel niemals das arith- 
metische übersteigt, also: 



X 



Setzt man hier p^^^ = . . . = i?^'*-^) = av, p^""^ = &v, 
so folgt: 

a;-4.j^<('L-J)j«rJl^ 

X 

und daher: 

00 j \_ ( 1 \ 00 1 00 

~\^/0 X si 

woraus die Richtigkeit der ausgesprochenen Behauptung un- 
mittelbar hervorgeht. 



*) A. a. 0. p. 46. 

^) Für den Fall x = 2 wurde diese Schlussweise schon bei früherer 
Gelegenheit von mir benützt: Sitz.-Ber. Bd. 30 (1900), p. 63. 



1902. Sitznngab. d. math.-phys. C). 12 



178 Sitzung der niath.-phys. Classe vom 7. Juni 1902, 

§3. 

Verallgemeinerte Form des Hauptsatzes vc 
Besteht von den beiden Beziehungen: 

(31») ^-c,r ^^.ßy »" 

^ (^ > 0, r > 0, a > o; 

(3P) ii-Cyr^^A-er''^ 



die erste für alle r, ivelcJie eine gewisse positive Zahl . 
steigen, die zweite für unendlich viele^ r, unter den 
beliebig grosse vorkommen, so luit man: 

(32*) iim|/ ('•!)» •<;„<(«,')% 



(32'') 


lim|/ 


{v\y'Cr>(ay) 


odn- atich: 


»' = 00 




(33«) 


1 

lim v'* 

y = 00 


'Vcy<:(ayey^, 


(33'') 


1 

lim V'' 


'Vc:>{ayey\ 



1 
Beweis: Substituirt man in (31*) r'* für r, so w 

00 ** 00 *■ 

(34) S'' c, r^ — £" {c^ ry < A - e>" (für r > R^). 

'' 

Man hat nun zunächst im Falle a > 1 nach § 2, Un^ 

(für >c = -^-< 1): 
a 



iJv (c;^ r) 



also: 



■■>(i„,.,,.)i. 



(35*) £'■ c;! '•'■ < (£;• r,. r •' ") (.^ > 1 ). 



A. Pringsheim: Zur Theorie der ganzen transc, Functionen, 179 

Andererseits im Falle a < 1 nach Ungl. (16*) (für « = —>!), 
wenn man noch setzt: a^ = ( j , wo d> 0: 

=(^y~^-(i-:-((T+i)T-«)')^. 

also: 

Mit Benützung der Ungleichungen (35*), (35*) ergiebt 
sich also aus (34): 

(36») f)'' (?« . r" < ^« . e^y (a > 1) 



oder, wenn man in der letzten Ungleichung . ■ c\i_a durch 
r ersetzt: 

(36») S^ c^ • ^^ < ( ~y" ) .^''•e«'/ ti+<5) r (a<l). 

Nach dem Hauptsatze des § 1 ergibt sich also aus (36*), 
dass: 

V 

(37 1) lim Yvl c^<i_ay (a > 1). 

Ebenso aus (36*) zunächst: 

Um V^i^ < a y (1 + dy-^ (a < 1). 

y = 00 

Da es aber freisteht, d unbegrenzt zu verkleinern, so 
folgt, dass auch in diesem Falle (d. h. für a < 1): 

12* 



180 Sitzung der math.-phys, Classe vom 7, Juni 1902. 



(37») lim |/y! c^-^ay 

sein muss. Beachtet man noch, dass die Beziehung (37^), 
bezw. (37*) für a = 1 mit der in § 1 unter (2*) bemerkten 
zusammenfallt, so ergiebt sich schliesslich, wenn man noch in 
die ( — 1 Potenz erhebt, in Uebereinstimmung mit der Be- 
hauptung (32»): 

ira y (»'O « • Cv ^ (a >') " für jedes a > 0. 

In ganz analoger Weise findet man aus der Voraussetz- 

j 
ung (31^), wenn man dieselbe durch Substitution von r~a für r 

zunächst wiederum auf die Form bringt: 

*' 

und sodann auf deren linke Seite die Ungleichungen (15*), 
(16**) anwendet, übereinstimmend mit (32^): 



i^|/(v!)«.a^(«y)«. 



lim 

r = 00 



Mit Benützung der infinitären Beziehung (14) lassen sich 
dann diese Relationen wiederum auch durch die etwas ein- 
facheren (33»), (33^) ersetzen. 



§4. 

Der soeben bewiesene Hauptsatz ist in der gegebenen 
Form nicht ohne weiteres umkehrbar. Dagegen lassen sich 
die Voraussetzungen des Satzes noch in der Weise erweitern, 
dass der folgende umkehrbare Satz resultirt: 

Satz I. Besteht für jedes hell ein fj Je leine £ > t)on 
dim beiden Benehumjen : 



Ä. Pringsheim: Zur Theorie der ganzen trausc Functionen. 181 

(38») £;vc, r»'<e^i + ^)y'"" 



(38»>) i;var->eO-^) y'" 



die erste für alle r, welche eine getvisse, im allgemeinen 
von e abhängige positive Zahl R^ übersteigefi ; die js weite 
für unendlich viele r, unter denen auch beliebig grosse 
vorkommen, so hat man: 



(39«) 



lim 1/ (v!)«-c,<; (aj')"i 



(39'') liml/(v!)°.C,>(ay)- 

V =00 ^ 

oder auch: 

J- ^— -1 

(40*) lim V « • y (?K < (a y e) " , 

V = 00 

-L V— J- 

(40") lim»"" •l/a>(aye)«. 

v = oo 

Umgekehrt folgen aus den Voraussetzungen (30) oder 
(40) auch allemal die Beziehungen (38) in dem ange- 
gebenen Umfange. *) 



^) Setzt man : ^ 

aye = x, also: v = — , 
ae 

so nimmt die obige Umkehrung die folgende Form an: 

Aus den Voraussetzungen 

}_ y _ }_ i.v J_ 

lim V« • V^Cv < ;<« , lim V« • VC'v > ;<« 

»>= 00 ^ I' = 00 

» x(l-f-e) „ 00 X (1 — f ) ^ 



in dm oben näher bezeichneten Umfange. 

Den ersten Theil dieses Satzes hat Herr Ernst Lindelöf (unter 

1 v^__ 1 
der etwas engeren Voraussetzung v« Vcv < x « für v > w) auf gänzlich 
anderem Wege abgeleitet : a. a. 0. p. 39. 



182 Siteunf/ der math.-phys. Glosse vom 7. Juni 1902. 

Beweis. Aus (38") würde auf Grund des vorigen Haupt — 
Satzes (Formel (32*), (33*)) zunächst folgen, dass für jede^s- 
£>0: 

lim 1/ (v!) <" • c. < ((1 + e) • a y) « 

oder auch: 

-i V- - 

lim y « • VCy ^ ((1 + f) • a y e) « . 

y = 00 

Da aber e unbegrenzt verkleinert werden darf, so folgfc^ 
schliesslich, dass geradezu: 



lim!/ (v!)° 

>»:= OD ' 



lim 1/ (r!)« *Cy<,{ay)' 

y= 00 r 

oder auch: 



lim r « • V^<^ {ay e)'' . 

v = ao 

Das analoge gilt bezüglich der Herleitung von Ungl. 
(39»>), (40^). 

Die Umkehrbarkeit dieser Resultate lässt sich dann in 
folgender Weise indirect beweisen. Angenommen es bestehe 
die Voraussetzung (39*), und es sei nicht möglich, jedem 
beliebig kleinen e > ein iJ^ so zuzuordnen, dass Ungl. 
(38*) für r > Rg beständig erfüllt ist: alsdann müsste ein 
bestimmtes e' > existiren , derart dass unter beliebig 
grossen r immer wieder solche vorkommen, für welche: 



Daraus würde aber nach dem vorigen Hauptsatze (s. Ungl. 
(31»>), (32»>)) folgen, dass: 



V I — 

iirnj/ (r!)"^ 



C.>((1 + £')•«}')", 



was der Voraussetzung widerspricht. 



A. Pfingsheiin: Zur Theorie der ganzen transc. Functionen, 183 

Analog würde die Annahme, dass die Beziehung (38^) 
nicht alleraal aus der Voraussetzung (39^) resultire, die Exi- 
stenz einer Ungleichung von der Form: 

f;''ar»'<e(i-^')>""" (r> R) 



nach sich ziehen, und somit schliesslich im Widerspruche mit 
der Voraussetzung auf die Relation: 



führen. 



lim 1/ (v!)« . a < ((1 — £') -ay)- 



§ 5. 

Ein weiterer ebenfalls umkehrbarer Satz ergiebt sich 
aus dem Hauptsatze des § 3, wenn die Voraussetzung (31*) 
für jedes beliebig kleine, die Voraussetzung (31^) für jedes 
beliebig grosse y > erfüllt ist, nämlich: 

Satz U. Bestellt von den beiden Beziehungen : 

(4P) f;-c,r''<e-'-" 



(41b) i;var»'>e-»" 



dk erste für jedes beliebig kleine f > und alle r, 
die eine gewisse positive Zahl R^ übersteigen; die zweite 
für jedes beliebig grosse co > und unendlich viele 
Werthe von r, unter denen auch beliebig grosse vorhom- 
mm,*) so hat man: 

') Dieser Zusatz könnte hier wegbleiben, da bei hinlänglicher Ver- 
j,n'Ö!<8erung von w die Beziehung (41^) überhaupt nur bei entsprechender 
Vergrösserung von r bestehen kann. 



184 Sitzung der math.-phys. Classe vom 7. Juni 1902. 

(^^*) lim 1/ {v !)^ . c, = lim v^. "|/^ = 

(^2'') Hm 1/ (v !)^- CV = ihn»'^ • l/a = 00 . 

Umgekehrt resulüren aus den Voraussetzungen (42) 
allemal die Beziehungen (41) in dem angegebenen Umfi 
Beweis. Aus den Voraussetzungen (41) würde auf 6 
des Hauptsatzes § 3 zunächst folgen, dass: 

lim 1/ {v !) ^. Cy < (a f)"^, Ür^ 1/ (v !)"^. 6\ >: (a co)" 

Da es aber freisteht, e unbegrenzt zu verkleinern, co 
begrenzt zu vergrössern, so ergeben sich hieraus in der 
die Beziehungen (42). 

Die Urakehrbarkeit dieser Resultate erkennt man 
wiederum unmittelbar auf indirectem Wege, ganz analog, 
bei Satz I. — 

Aus dem eben bewiesenen Satze ergiebt sich schlies 
noch der folgende: 

Satz III. Besteht für jedes beliebig Iclelne ö 
von den beiden Beziehungen 

(43») f:''c,r»'<(?'"+'^ 



(43»>) ti^Crr^>e^''~' 



die erste für alle r, die eine gewisse j^osifive Zah 
übersteigen; die zweite für unendlich viele r, j 
denen aueh beliebig grosse vorkommen , so hat mar^ 
jedes beliebig kleine ^ > 0: 

('^'^') lim 1/ (r!)^^+"^ . c. = lim v'^^' - Vc~ = 
('^'^'') ii^ 1/ (i- !)^-~^ . a = liin" .'^-^ . l/CV = 00. 



A. Fringsheim: Zur Theorie der ganzen transc. Functionen. 185 

Umgekehrt resultiren aus den Voraussetzungen (44) 
auch allemal die Begehungen (43) in dem, angegebenen 
Umfange. 

Beweis. Denkt man sich d beliebig klein fixirt, so be- 
steht auf Grund der Voraussetzung (43*) für hinlänglich grosse r 
(nämlich r>R^^ die Beziehung: 



Wie klein jetzt auch e > vorgeschrieben wird, so kann 
man durch passende Vergrösserung von r stets erzielen, dass 

\~\ < € wird. Dann ergiebt sich aber aus Satz II, dass 
für dieses und somit schliesslich für jedes d > 0: 

lim 1/ (r!)''+^ • c, = lim r« + '' • ^c, = 0. 

Das analoge gilt dann bezüglich der Behauptung (44**). 

Auch hier ergiebt sich die Unikehrbarkeit der betreffenden 
Resultate mit Hülfe des in Satz I benützten indirecten Beweis- 
verfahrens. 



§ 6. 

00 

Es sei jetzt x eine complexe Veränderliche, g {x) = S»* hy x", 



^0 die by ebenfalls beliebig complex zu denken sind, eine be- 
ständig convergirende Reihe. Angenommen nun, es genüge 
9{^)\ bei hinlänglich grossen Werthen von | x \ einer der 
beiden Voraussetzungen, welche in dem Hauptsatze des § 3 
filrLc^r*' bezw. SC^r" galten, also entweder: 

(45») |^(.r)|^^.eJ'l*l" 

für alle \x\> R; oder: 

(45^) \g{x)\^A'ey\'\^ 



186 Sitzung der mathrphys, Classe vom 7, Juni 1902. 

für unendlich viele x^ unter denen auch beliebig grosse 
vorkommen. Es fragt sich nun: Bleibt auch unter diesen 
Voraussetzungen der betreffende Hauptsatz gültig, d. h. ge- 
nügen auf Grund der Voraussetzungen (45*), (45^0 die | hy \ 
denselben infinitären Relationen, welche sich in § 3 für die 
Cv, Cy ergeben haben? 

Man erkennt ohne weiteres, dass diese Frage in Bezug 
auf die Voraussetzung (45*^) zu bejahen ist. Denn da: 

(46) \g{x)\^h\lyx^\ 



so folgt aus (45^), dass auch: 

(47) fy\hyX^\>A'cy\^\'' 



(in dem angegebenen Umfange) und man findet somit, wenn 

man in § 3 r = | a; |, (7^ =- | M setzt, nach Ungl. (39^), (40^), 
dass: 

"/ i — V 1 

(^^) ii^l/ (r !)^. I &, I = iliiT f— ) " . V\h\ > (a yy, 

V=00^ V = 00 \ ß / 

Um nun den entsprechenden Nachweis auch bezüglich der 
Voraussetzung (45*) zu führen, bemerke man zunächst, dass 
aus (45*), d. h. aus der Beziehung: 



£»• hy x"" 



< ^.gy-I*! für \x\> B 





nach dem Cauchy 'sehen Coefficienten-Satze sich ergiebt: 

(49) \hyX^\< A'cy\''^' (v = 0, 1, 2, . . .; |:r| > IC), 

Wird jetzt ^ > beliebig angenommen, so hat man 
identisch : 

und daher, wenn man auf den zweiten Factor der rechten 
Seite die Ungleichung (49) anwendet: 

(50) ;i....- <(j-|-^y.^.c><'+^'""'\ 



Ä. Pringsheim: Zur Theorie der ganzen transc, Functionen. 187 

TD 

gültig für I a; I > ^ , also für alle möglichen ^ > mit 

Sicherheit für | rc | > iJ. 

Substituirt man nun in (50) der Reihe nach v = 0. 1 , 2, . . . 
in inf., so folgt durch Addition: 

(51) SH ftv^;^ ! < 4^ • Ä . ey •a+^)"- l'l" 

' o 

für jedes d > und | j? | > i2. Hieraus ergiebt sich aber nach 
dem Hauptsatze des § 3 (üngl. (39*), (40*)) zunächst, dass: 

iiml/ (v!)^.|6,| =li^(— y .l/[6;^^(l+(J).(ay)'^ 

lind, da es thatsächlich freisteht, d unbegrenzt zu verkleinern, 
schliesslich : 



(52) 



lim 1/ (v !) « . 1 6, 1 = lim (— y • l!^ < (a y) <■ , 



d. h. auch dieser Theil des Hauptsatzes von § 3 behält unter 
der jetzigen Voraussetzung seine Gültigkeit, um das be- 
treffende Resultat nochmals übersichtlich zu formuliren, kann 
man also den folgenden Satz aussprechen: 
Es ist: 



limj/ (v!)«. 

V=OD ' 



by\<,(ay)'', tvenn: |r/(a;)| <^-e>'l*l'" 



für alle x, deren absoluter Betrag eine geivisse positive 
Zahl B übersteigt. 
Es ist: 



lim}/ (v!)«. 

»SS 00' 



i*v| >(«>')'*, ivenn: \g{x)\>[Ä'ey^ 



für unendlich viele x, unter denen auch beliebig 
grosse vorkommen. 

Gleichzeitig mit dem Hauptsatze des § 3 behalten aber auch 
die in §§ 4, 5 daraus abgeleiteten Folgesätze ihre Gültigkeit; 



188 Sitzung der math.'phys. Classe vom 7. Juni 1902. 

dieselben beruhten ja lediglich darauf, dass man die Constanten 
y, a in passender Weise durch veränderliche Parameter er- 
setzte. Man gewinnt auf diese Weise, entsprechend den Sätzen 
I — III der beiden vorigen Paragraphen, noch die folgenden 
Sätze : 

Satz r. Ist für jedes beliebig kleine e > und 
alle X, deren absoluter Betrag eine gewisse Zahl Re über- 
steigt: 

(53») \g(x)\<ey^'-^^)'\-\\ 

so hat man: 

(^^') lim:}/ (r !)^. i 6, I =z lii^f — ) " . VM < (a yY^ 

Ist für jedes beliebig kleine e > und unendlich 
viele X, unter denen auch beliebig grosse vorkommen: 

(53'0 |^(a;)|>(?>'(i-^) •!*!", 

so hat man: 



(^^'') ihir]/ (v!)"^- \hy\— IhiTf— ) " . '\/\h^\ > (ayy. 

Bestehen also die beiden Voraussetzungen (53*), (53^) 
gleichzeitig, so uird geradezu: 

y l 

(^^) Iml/ (r !)~ . I &, I = iiiir (—] " • i/\K\ = (a y)^. 

v=co' v = oo\ e J 

Umgekehrt re^ultirt aus der Voraussetzung (54*) alle- 
mal die Beziehung (53*), ebenso aus (54^) die Beziehung 
(53^), tvährcnd die Voraussetzung (54) die gleichzeitige 
Existenz von (53*) und (53^) nach sich zieht, 
Satz II'. Ist für jedes beliebig kleine f > 0, und alle x, 
deren absoluter Betrag eine gewisse positive Zahl B^ über- 
steigt: 

(55«) |i/(x)|<e-!-l", 

so hat man: 



Ä. Pringsheim: Zur Theorie der ganzen transc. Functwnen. 189 

(^^*) Hml/ (v!)^- \br\ = lim v^. fm = 0. 

Ist für jedes beliebig grosse co > und unendlich 
viele X, unter denen (dann eo ipso^)) auch beliebig 
grosse vorkommen: 

(55^) \g(x)\ >e- I*r, 

so hat man: 



(56^ 



') lim|/(r!)«.|&,| = limv«.V'|&,| = 

v=: 00 ' v=zoo 



Umgekehrt resultirt allemal die Bejdehung (55*) bezw. 
(55^) aus der Voraussetzung (56*) benv. (56^). 

Satz Iir. Ist für jedes beliebig kleine d> tind alle x, 
deren absoluter Betrag eine getvisse positive Zahl Bs übersteigt: 

(57») \gix)\<e\-r+\ 

so hat man für jedes d> 0: 



(58' 



*) liml/(v!)«+'-|6,| =limV+^.V'|&,| = 0. 

v:= 30 ^ v = oo 



Ist für jedes beliebig kleine d> und unendlich 
viele Xf unter denen auch beliebig grosse vorkommen: 

(57»>) \9{x)\>e\^r-\ 

so hat man für jedes (5 > 0: 

V = 00 ^ »• = 00 

Umgekehrt resultirt allemal die Beziehung (57*) beziv, 
(57*») a«i5 der Voraussetzung (58*) fte-s^te;. (58**). 

Anmerkung. Das zur Herleitung des eigentlichen Haupt- 
satzes angewendete Verfahren, um aus einer oberen Schranke 



^) 8. die Fussnote auf p. 183. 



190 



Sitzung der mathrphys. Classe vom 7. Juni 1902. 



für 



S'' K X^ 



eine solche für S*' i &v ^*' | abzuleiten, lässt sich 



offenbar leicht verallgemeinern und dürfte sich auch für an- 
dere Untersuchungen als nützlich erweisen. Hier möchte ich 
nur noch die folgende Bemerkung daran knüpfen. Aus der 
Voraussetzung 



(59) 







<ey\ 



für \x\>B, 



folgt nach Ungl. (51), dass für jedes d > und | :r | > i?: 

~ O 

Wird jetzt £ > beliebig klein vorgeschrieben, so kann 
man zunächst d so klein fixiren, dass: 



(1 + '5)''<1 + J, 



also: 






Sodann aber kann man eine positive Zahl R^ so grosi 
annehmen, dass: 

„(. + i)<£.,.K (a.h.Rä(A,g(i + |))^) 

<-^'y'\x\- für |a;|>i?,. 
Man findet also schliesslich: 
(60) i;v|&,a;-|<e>'(i+^)l*" für 'x\>R,. 



In Worten: Genügt 



S^ hyX 





für alle hinlänglich grossd 



X der Benehmu) (59), so genügt ü»' | hyX' \ hei beliebig Ideinen 



c > für alle hinlänglich grossen x einer Beziehung von de 
Form (()0). 



A. Pfingsheim: Zur Theorie der ganzen transc. Functionen, 191 
Ersetzt man die Voraussetzung (59) durch die folgende: 



(61) 



L^ft. 



X" 



<g>' 0+OI*r für jedes e'>0 und \x\>r,', 



so folgt zunächst: 

i;-|6va;-|<(?>'(i+'')(»+^)-i^l" für \x\>B,,,', 



d.h. mit Rücksicht auf die Bedeutung von e,e\ schliesslich: 

(62) f:v|6,a;-|<eyO+-')-kl« fiXr\x\>Be^. 



00 

Es genügt also in diesem Falle ^j*" | 6v ^*' | für hinlänglich 



grosse x stets einer Beziehtmg von genau derselben Form, tme 



1 



Femer ergiebt sich aber auch folgendes: Besteht für jedes 
f > und unendlich viele [x], unter denen auch heliehig grosse 
^kommen, eine Beziehung von der Form: 



(63) 



i:»'! J^a;»'|>eJ'('-^)•l*l^ 



5ö hat man gleichfalls für jedes c > und für unendlich viele x, 
wwfer denen au^h beliebig grosse vorkommen: 



(64) 



X)»' by X" 



>^.y(i-oi«r. 



Andernfalls müsste nämlich ein bestimmtes ^o '^ ^ existiren, 
<Jerart dass: 



S" by X' 



<gy(i-.o)l«r 



fär alle x, deren absoluter Betrag eine gewisse Zahl B über- 
steigt. Dann hätte man aber auf Grund von Ungl. (59), (60), 
wenn man der in (60) auftretenden willkürlichen Zahl e den 
Werth €q beilegt: 



192 Sitzung der matK-phys. Classe vom 7. Juni 1902, 



S-|6,a:-|<e>'(^-^J)l-l« für \x\> B,^^ 

was der Voraussetzung widerspricht. 

Ein analoger Zusammenhang besteht offenbar auch zwisch 
Ungleichungen von der Form: 



j:-\byX-\ < 6^1*1"+^ und 





S^ by X* 





|« + «5 



S^ by a:" 





> ey'\' 



<ey\ 
"-' und: '^-\byX^\>cy\-r-\ 



193 



üeber den Ursprung der Thermalquellen von St. Moriz. 

Von A« Bothpletz. 

{Singelauf m 18. Juni.) 

Vor neun Jahren hat W. von Gümbel in diesen Sitzungs- 
berichten eine Arbeit unter dem Titel „geologische Mitthei- 
lungen über die Mineralquellen von St. Moriz im Oberengadin 
und ihre Nachbarschaft" veröffentlicht, in der zum ersten Mal 
die Frage nach dem Ursprung dieser so vielbesuchten und be- 
rühmten Heilquellen auf Grund eingehender geologischer Unter- 
suchungen beantwortet worden ist. Die Aufgabe war keines- 
wegs leicht, und wenn auch ihre Lösung einen grossen Fort- 
schritt bedeutete, so blieb doch mehreres und insbesondere der 
grosse Gehalt der aus Granit entspringenden Quellen an Kalk- 
und Magnesium-Carbonaten im Unklaren. Eigne Arbeiten mit 
ganz anderen Zielen führten mich im vorigen Herbst in dieses 
öehiet und machten mich mit einer bis dahin unbeachtet ge- 
sehenen Thatsache bekannt, die auch auf die Entstehung 
dieser Quellen ein neues Licht warf und just jene im Unklaren 
gebliebenen Punkte erhellte. Ehe ich die dadurch gewonnene 
Auffassung mittheile, will ich jedoch kurz die hauptsächlichsten 
Ergebnisse hervorheben, zu denen Gümbel gekommen war. 

Er hatte festgestellt, dass die fünf Mineralquellen, die bei 
St. Moriz bekannt sind, alle auf einer schwach gebogenen, 
^on SW nach NO gerichteten Linie, also wohl auf einer Ge- 
l>irgsspalte liegen. Diese Spalte liegt im Gebiet des Uosatsch- 
Granitstockes, der von Gneiss und anderen krystallinen Schiefern 
umgeben ist. Sie ist aber in ihrem Verlaufe nicht an die 

1902. Sitzungsb. cL math.-phys. Gl. 13 



194 Sitzung der mathrphys. Glosse ^om 7. Juni 1902. 

Grenzen des Granites gegen den Schiefer gebunden, senden 
durchschneidet den tieferen Untergrund ohne Rücksicht au 
die Gesteinsarten. 

Der Granitstock besteht vorwiegend aus Hornblendegrani 
und Diorit, welche stellenweise eckige Bruchstücke der si« 
umgebenden Gneisse, Glimmer-Hornblende und Quarzitschiefe 
einschliessen. Auch setzen pegmati tische Granitgänge ii 
diesen Schiefem auf, deren höheres Alter gegenüber den 
Granit somit erwiesen ist. Am Silvaplaner und Silser Se 
gewinnen grüne chloritische Schiefer und Phyllite mit zahl 
reichen Einlagerungen von Serpentin und Marmor eine aus 
gedehnte Verbreitung. Diese Schiefer dienen in der weiterei 
Umgebung den Sedimenten der Trias- und Liasperiode al 
Unterlage. 

Die Mineralquellen sind schwache Thermalquellen (5 — 7°C.) 
deren Temperatur die mittlere Jahrestemperatur dieses Platze 
(l.P C.) und die Temperatur der dortigen gewöhnlichen Trink 
wasserquellen nur um einige Grade übertrifft. 

Auf 1000 gr kommen an gelösten Bestandtheilen 1,2 bi 
1,7 gr und zwar an 

Sulphaten 0.3 

Carbonaten 0.8 — 1.2 

Kieselerde 0.04 — 0.06 

Kochsalz — 0.04. 
Ausserdem sind geringe Mengen von Bor, Brom, Jod un< 
Fluor nachgewiesen. Freie Kohlensäure ist reichlich vorhan 
den, daneben auch Eisencarbonat (0.025 — 0.037), weshalb di 
Quellen als „Eisensäuerlinge* bezeichnet werden, während di 
freie Kohlensäure (2.5 — 2.7 *^/üü) als der eigentliche „Brunnen 
geist" gilt. Auffällig ist der hohe Gehalt an Calciumcarbona 
(0.7 — 0.9 ^/oü) und Magnesiumcarbonat, da die Quelle docl 
aus Granit bez. Diorit entspringt. Der Betrag ist ungefiih 
10 mal so gross wie in dem gewöhnlichen St. Morizer Trink 
wasser (0.073), von dem Gümbel eine Analyse mittheilt 
leider ohne Angabe, wo die Quelle liegt. Voraussichtlich ent 
springt auch sie aus der Nähe, doch mag ihr an sich geringe; 



A. Bothpletz: Ursprung der Thermalquellen von St Moriz. 195 

Mineralgehalt mit Bezug auf die Carbonate etwas von den 
kalkhaltigen Moränen beeinflusst sein. Von der Kohlensäure 
nimmt er an, dass sie auf jener Gebirgsspalte aus der grössten 
Tiefenregion der Erdrinde emporsteige, dabei von den im Ge- 
birge circulirenden Gewässern aufgenommen werde und mit 
diesen in den Nebengesteinen Zersetzungen bewirke, denen die 
Quellen ihren Mineralgehalt verdanken. Letzterer kann aber 
nach seiner chemischen Zusammensetzung nicht direct aus dem 
Granit oder Gneiss herrühren. Ebensowenig will Gümbel ihn 
mit dem Auftreten der benachbarten mesolithischen Kalk- 
schichten in Zusammenhang gebracht wissen, weil diese Ge- 
bilde zu entfernt von der Quellenspalte liegen, und nicht an- 
zunehmen sei, dass eine Scholle derselben in der Tiefe eingekeilt 
zwischen den krystallinen Gesteinen sich vorfinde. Unter diesen 
»mesolithischen Gebilden" sind die nach meiner Bestimmung 
als permisch anzusehenden Dolomite von Plaun da Statz und 
der Alp Laret, sowie die gleichen Dolomite, Gypse, Rauhwacken 
und die kössener und liasischen Kalksteine des Piz Padella und 
▼on Samaden» gemeint. Der Ursprung der mineralischen Be- 
standtheile der Quellen wird hingegen als „sehr wahrscheinlich" 
auf das Vorkommen von Eisen-, Mangan- und Magnesium- 
haltigen Kalksteineinlagerungen und von Schwefelkies in den 
chloritisch-phyllitischen Schiefern zurückgeführt, von denen 
fflan „nach den beobachteten geologischen Lagerungsverhält- 
wssen mit Grund annehmen" könne, dass eine Scholle der- 
selben längs der Quellenspalte von Surlej her in den Granit 
eingeklemmt vorhanden sei. Diese Scholle würde also an 
die durchziehenden kohlensäurehaltigen Wasser die Mineral- 
bestandtheile und insbesondere den am reichlichsten vorhan- 
denen Kalk abgeben. Dass die so aus der Tiefe aufsteigenden 
Wasser gleichwohl eine verhilltnissmässig niedrige Temperatur 
besitzen und dass sie im Winter sogar nicht oder doch nur 
w sehr geringen Mengen bis zu Tage aufsteigen, wird ver- 
muthungsweise so gedeutet, dass das Schmelzwasser des Som- 
mers sich mit dem in der Tiefe circulirenden und ununter- 
brochen fortarbeitenden Zersetz ungswasser nur in höheren 

13* 



196 Sitzung der tnathrphys. Glosse vom 7, Juni 1902. 

Theilen der Quellenspalte vermischt, diesem die grössere Wasser- 
raenge liefert, damit aber auch die niedrige Temperatur gibi 
und zugleich die Quelle durch den Druck einer höheren Wasser- 
säule zum Äusfliessen bringt. 

Dies sind in kurzer Zusammenfassung die Ergebnisse de] 
GümbeTschen Untersuchung, die sehr viel zur Klärung unsere] 
Anschauungen über den Ursprung der St. Morizer Queller 
beigetragen hat. Einige wichtige Punkte sind allerdings kann 
berührt worden, wie z. B. die Herkunft der Chloride, dej 
Broms, Jods und Bors und die grosse Menge von Natrium 
und bei Erklärung des hohen Gehaltes an Kalk- und Mag- 
nesiumcarbonaten vermisst wohl jeder Leser eine Begründung 
jener Gebirgsscholle, welche auf der Quellenspalte zwischei 
dem Granit eingeklemmt liegen soll. Die „beobachteter 
geologischen Lagerungsverhältnisse**, welche Gümbel zur An- 
nahme jener Scholle geführt haben, sind leider mit keinen 
weiteren Worte erwähnt. Und doch ist das eigentlich di( 
Hauptsache und der Kernpunkt der Gümbel'schen Auffassung 
Nachdem er zwei andere Annahmen für die Herkunft dei 
Mineralbestandtheile — nemlich aus dem Granitstock selbsl 
oder aus dem allzu entfernt gelegenen jüngeren Kalkgebirge — 
als unmöglich abgelehnt hat, und da wir die Richtigkeit seinei 
Beweisführung voll anerkennen müssen, könnte es allerdings 
so scheinen, als ob nur die Annahme jener eingeklemmter 
kalkreichen Gebirgsscholle übrig bliebe. Deshalb werden wii 
uns zunächst der Untersuchung nicht entziehen dürfen, ol 
zwingende Gründe für diese Annahme vorliegen, ehe wir um 
einem anderen Erklärungsversuche zuwenden. 

Obwohl die Wahrscheinlichkeit zugegeben werden muss 
dass die St. Morizer Mineralquellen, weil sie in einer be- 
stinmiten linearen Anordnung zu Tage treten, auf ein unc 
derselben Gebirgsspalte aufsteigen, so darf man doch nichi 
vergessen, dass diese Spalte selbst noch nicht beobachtel 
worden ist. Ausser jener linearen Quellenanordnung sind keine 
weiteren directen oder indirecten Beweise für ihre Existenz 
bisher bekannt geworden. Wir können also auch nicht wissen, 



A. Bothpletz: Ursprung der Thermalquellen von St, Moriz. 107 

ob dieser vermutheten Spalte der Charakter einer nur ein- 
fachen Eluft oder der einer Verwerfungsspalte zugeschrieben 
werden darf. Was die von Gümbel gemachten geologischen 
Beobachtungen betrifiPb, die ihm eine Einkeilung von grünen 
Schiefem und Phylliten wahrscheinlich erscheinen Hessen, so 
sind uns dieselben zwar leider unbekannt geblieben, ich ver- 
muthe aber, dass für ihn der winkelige Verlauf der Grenze 
zwischen Granit und jenem Schiefer bei Surlej Ausschlag 
gebend war. Nordöstlich der Ortschaft Surlej bilden diese 
Schiefer einen bewaldeten Hügelvorsprung, hinter dem sich 
die Granitwände von 1900 bez. 1950 m Meereshöhe an bis 
zur Eammhöhe des Rosatschstockes erheben. Die Grenze gegen 
den Schiefer ist scharf und deutlich, sie verläuft in nordwest- 
licher Richtung gegen die Plaun della Turba. Dort aber biegt 
sie um, wird in südwestlicher Richtung rückläufig und erreicht 
so mit dem Südende des Crestaltahügels die Ufer des Sees von 
Campfer. Die Granitgrenze hat somit einen winkeligen Verlauf 
und in den nach Süden geöffneten Winkel dringt wenigstens 
wf der Ostseite eine Partie jenes Schiefers ein. Ob dies auch 
auf der Westseite der Fall ist, wissen wir nicht, da hier 
alles durch Moränen und Seealluvionen verhüllt ist. 

Denkbar ist es unter diesen Umständen ganz wohl, dass 
jener nach Norden vorspringende Schieferkeil sich unterirdisch 
noch weiter fortsetze, und wenn überhaupt jene Quellenspalte 
als Verwerfungsspalte existirt, dass diese Fortsetzung als ein- 
geklemmte Scholle in nordöstlicher Richtung sich verlängere 
und so der aufsteigenden Kohlensäure den Kalk- und Magnesia- 
gehalt liefere. Dieser sehr vagen Vermuthung Hesse sich je- 
doch eine andere entgegensetzen, die Gümbel gar nicht in 
Erwägung gezogen hat, dass nenilich die Granitmassen bei 
ihrem Emporsteigen durch das schon gefaltete Schiefergebirge 
einzelne Theile jener grünen Schiefer und kalkführenden 
Phyllite eingeschlossen und umhüllt hätten, dass solche grössere 
Einschlüsse gerade unter St. Moriz verborgen lägen und dem 
Quellwasser den Mineralgehalt verliehen. 

Wir können mithin gar nicht in Verlegenheit kommen, 



los Sitzung der maihrphys. Classe vom 7. Juni 1902, 

den seltsamen Mineralgehalt dieser dem Granit entspringendem. 
(Quellen zu erklären, so lange wir in Annahmen Befriedigung" 
linden, deren theoretische Möglichkeit nicht bestritten, dereiM. 
Realität aber eben so wenig bewiesen werden kann. 

Um uns jedoch in derartigen unfruchtbaren Speculationerm. 
nicht zu verlieren, wollen wir diejenigen thatsäch liehen Ver — 
hältnisse in Erörterung ziehen, welche geeignet sind, uns übexr 
den Ursprung der St. Morizer Quellen aufzuklären. 

1. Das Alter des Granites. 

Wir fassen hier unter dem Namen Granit alle die vei-— 
schiedenen granitischen Varietäten, Diorite und Syenite zii — 
sammen, welche das Rosatsch-Massiv aufbauen, sich über da-s 
Bernina-Massiv weiter ausdehnen und auf der anderen Seifen 
des Innthales Gebirgsketten zusammensetzen, die im Piz Ot'fc» 
Piz »Tulier und Piz d'Err allbekannte Bergspitzen besitzerm- 
Nach Art ihrer petrographischen Ausbildung und ihres Vor — 
kommens erweisen sie sich alle als Theile einer einheitlich^:*^ 
und gleichzeitigen Intrusion. 

Gümbel hat sich darauf beschränkt festzustellen, da^^ 
dieser Granit jünger ist als die ihn umgebenden krystalline:^^ 
Schiefer und Gneisse, und da er diese als Glieder der archaei — ' 
sehen Formation ansah, so ergibt sich daraus nur, dass de^^ 
Granit jedenfalls nicht viel älter als palaeozoisch sein kann ^ 

Theobald (Beiträge zur geol. Karte der Schweiz, Lief. 3 -^ 
S. 228, 1866) hingegen hat sich dahin ausgesprochen, das^^ 
diese Granite jünger als die Liasformation seien, weil derf' 
Lias das jüngste Sedimentgestein sei, das durch die granitisch— 
syenitische Erhebung gehoben und verbogen wurde. Beson- 
ders in der Nähe von St. Moriz bei Gravasalvas sah er den 
Granit in mächtigen Massen über den Schichtköpfen der ge- 
falteten Bündner- und Liasschiefer ausgebreitet und obwohl er 
darüber schreibt (S. 123): „Entweder müssen wir eine Ueber- 
schiobung der granitisclien Gesteine über diese Schiefer an- 
nehmen, oder voraussetzen, dass erstore als ein feurig-flüssiger 



A, Bothpletz: Ursprung der Thermalquellen von St, Moriz. 199 

Teig sich über letztere ausgebreitet haben", so scheint ihm 
doch nur die letztere Annahme eingeleuchtet zu haben, und 
so wurde er um so mehr im Glauben an ein postliasisches 
Alter des Granites bestärkt. Ein drittes Argument erwähnt 
tr S. 87: „Es ist merkwürdig, dass sich weder im Verrucano 
noch in dem liasischen Kalkconglomerat Trümmer von Julier- 
granit oder Serpentin finden, was darauf hinzudeuten scheint, 
dass diese Gesteine erst nach der Bildung dieser Conglomerato 
an ihre jetzige Stelle gekommen sind". 

Für den Serpentin ist dies richtig. Er ist in diesem 
Theil der Alpen in Verbindung mit basaltartigen Eruptionen 
erst nach der ersten Alpenfaltung also zur Tertiärzeit empor- 
gedrungen (siehe: Meine Geolog. Alpenforschungen I, 1900). 
Für den Engadiner Granit gilt das aber nicht, und es ist offenbar 
Theobald entgangen, dass das mächtig entwickelte liasische 
Conglomerat auf der Nordseite des Piz Julier am Suvretta Pass 
stellenweise erfüllt ist von zum Theil recht grossen Brocken 
von Porphyr, porphyrartigem Granit mit röthlichen Feldspathen 
und granitischen Gesteinen mit weisslichen und grünlichen 
Feldspathen. Ob letztere geradezu dem Juliergranit angehören, 
muss erst durch eine genaue petrographische Untersuchung 
festgestellt werden, aber jedenfalls beweisen sie, dass schon 
vor dem Lias in Graubünden mächtige Granitintrusionen erfolgt 
und auch in Folge von Dislocationen gehoben, entblösst und 
zu Uferfelsen des Liasmeeres geworden waren. 

Die Hebungen und Verbiegungen der liasischen oder älteren 
Sedimente im Dache des Granites auf dessen Empordringen 
zurückzuführen, wie es Theobald gethan hat, geht so lange 
uicht an, als in diesen Schichten keinerlei Contactmetamor- 
ptosen oder granitische Apophysen und Gänge nachgewiesen 
werden können. 

Was endlich die Lagerung grosser Granitmassen auf dem 
Lias am Lunghino- und Gavasalvas-Pass betrifft, so ist das 
keine ursprüngliche — denn auch hier fehlen alle Spuren von 
Contactmetamorphosen — sondern Folge einer grossartigen 
Ueberschiebung, von der nachher die Rede sein wird. 



200 Sitzung der math.-phys, Classe vom 7, Juni 1902. 

Wenn wir uns in der weiteren Umgebung von St. Moriz 
umsehen, so finden wir im Hintergrund des Julierthales auf 
dem Südgehänge des Piz Suvretta in den dort so mächtig 
entwickelten Sernifitschiefern hellfarbige Granitgänge, die von 
deutlichen Contacthöfen umgeben sind. In den auf dem Ser- 
nifit ruhenden Dolomiten, Rauhwacken und Gypslagern, ebenso 
in den höheren Liasschiefern und Flyschgesteinen sind hin- 
gegen bisher nirgends granitische Gänge oder Contactmeta- 
morphosen aufgefunden worden. Theobald und Gümbe! 
haben die Dolomite in die Trias, den Sernifit in den Bunt- 
sandstein gestellt, ich habe aber schon früher gezeigt, das$ 
diese Gebilde im nördlichen Graubünden von der Trias ein- 
schliesslich des Buntsandsteines überlagert werden, also ältei 
wie diese sind. Sie müssen als Vertreter der Permformatioi 
aufgefasst werden, und somit ergibt sich für diese Granit 
intrusionen als das wahrscheinlichste ein unterpermisches Alter 
was allerdings nicht absolut für alle Granite dieser Gegenc 
aber doch für einen Theil derselben ausgesprochen sein sol 
und auch für diese nur unter dem Vorbehalt, dass weiten 
Untersuchungen der in den Hochregionen der Gletscher unc 
des ewigen Schnees gelegenen Ueberreste der jüngeren Sedi- 
nientdecke nicht doch noch Apophysen oder ähnliche Bildungei 
zur Kenntniss bringen. 

Wir sind also dazu gekommen, in den grossen Granit 
massen des Engadins Gesteine zu sehen, die sicher vorliasisch 
wahrscheinlich jungpalaeozoisch, sind aber jedenfalls längs 
erstarrt waren, als zur Tertiärzeit die alpinen Hebungen um 
Faltungen begannen. Dabei wurde dieser Granit geradeso ge 
hoben, geschoben und verworfen wie die Sedimentgesteine. 

2. Der Gebirgsbau im Gebiet der Quellen. 

An anderem Orte habe ich nachgewiesen, dass eine de 
grossen rhätischen Ueberscliiebungen, durch welche fast di 
ganze Masse der Ostalpeii viele Kilometer weit über diejenig 
der Westalpen in westlicher Richtung auf verhältnissmässi^ 



Ä. Eothpletz: Ursprung der Thermalquellen von St. Moriz. 201 

sehr flach gelagerten Schubflächen hinwegbewegt worden ist, 
auch das Engadin quer durchschneidet. Die Schubfläche streicht 
am Lunghinopass aus, senkt sich auf dem westlichen Thal- 
gehänge des Engadines langsam nach Osten herab bis zum 
Sihaplaner See und steigt am jenseitigen Gehänge gegen 
Süden wieder herauf' bis zur Höhe des Capütschin, biegt dort 
nach Osten um und umzieht das Berninamassiv auf dessen 
Südseite. Das Gebirge unter dieser Schubfläche besteht aus 
Gneissen mit Granitinjectionen, jenen Marmor- und Dolomit- 
lagera, Kalkglimmerschiefern und grünen Bündnerschiefern, 
die Gümbel als Phyllite bezeichnet hat, während ich darin 
Vertreter der älteren palaeozoischen Schichten mit eingelagerten 
Diabasen und DiabastufFen sehe. Sie werden discordant von 
permischen Sernifit und Röthidolomit überlagert, auf denen 
theilweise obertriasische Koessner Kalke, meist aber unmittelbar 
liasische Kalksteine und Schiefer, mancherorts auch noch Flysch 
ruhen. Alles dies ist stark gefaltet. 

Ueber der Schubfläche trefi'en wir wiederum Granite und 
fineiss, darüber Sernifit und Röthidolomit; ob stellenweise 
vielleicht auch noch Liasablagerungen darüber erhalten sind, 
muss erst festgestellt werden. 

In Folge dieser Ueberschiebung ist der Granit der Schub- 
masse bei Gravasalvas auf die gefalteten Schichten des Lias, 
<ies Perms und der palaeozoischen Bündnerschiefer zu liegen 
gekommen, was Theobald bereits erkannt und in der schon 
erwähnten Weise sich zu erklären versucht hat. Ebenso liegt 
aber auch der Granit des Piz Surlej bei Surlej über den palaeo- 
zoischen Bündnerschiefern und man kann diese Ueberlagerungs- 
fläche (siehe Fig. 1) am Gehänge herauf gegen den Crialetsch 
am Pusse des Piz Corvatsch leicht verfolgen. Die Schubfläche 
ist hier mit 10 — 12® gegen Norden geneigt, wird aber zwischen 
der Alp Surlej und Mörtels von einer Querverwerfung getroffen, 
jenseits welcher sie höher und fast horizontal liegt. 

Bei Surlej senkt sich die Ueberschiebungsfläche unter den 
Thalboden. Wenn man annimmt, dass sie sich gegen Norden 
mit gleicher Neigung von 10® weiter senkt, so muss sie unter 



202 



Sitzung der math.-phys. Classe vom 7. Juni 1902, 



Morizbad bereits etwa 300 Meter unter der Oberfläch 
Aber selbst, wenn hierbei ihre Neigung stärker oder sc 
wäre, immer müsste man annehmen, dass der Granit 

dem überschobenen 
gebirge liegt, dass 
nicht in die „unendlicl 
herabgeht. Die Wurs 
Grjinitstockes ist W( 
Osten zu suchen, hi< 
wir nur einen ober 
gewissermassen den B 
selben. 

Durch den sieben 
weis dieser Uebers( 
ist zugleich das Quelh 
gelöst. Die Quellwa 
Gase, die aus dem G 
Tage treten , komr 
grösserer Tiefe un< 
aus einer Gebirgsmj 
von Granit nur ober 
bedeckt wird, selbst 
verschiedenartigen 
ablagerungen besteht 
die Mineralbestandth 
halten können, wel 
Morizer Thermalquel 
zeichnen. 

Wie steht es n 
mit der Quellenspa 
welche G lim bei auf] 
gemacht hat? Aui 
hal)e ich sie einge 
für sie, wie schon < 
Wenn man iedoch a 






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wenn schon ein sicherer Beweis 
noch nicht zu erbrin^^en war. 



dass die westliche Gebirgsmasse auf dieser Spalte eine 



Ä. Bothpletz: Ursprung der ThermalqueUen von St, Mariz. 203 

erfahren habe, dann erklärt es sich, was sonst kaum verständ- 
lich wäre, warum der Granit, der östlich von Surlej bei 1950 m 
Meereshöhe über dem palaeozoischen Bündnerschiefer liegt, 1 km 
weiter im Westen, wo er eigentlich in ebenso hoher Lage er- 
wartet werden sollte, bereits über 150 m tiefer herabreicht, so 
dass der unterliegende Schiefer am Ufer des Sees vom Campfer 
gar nicht mehr sichtbar ist. Besser unterrichtet sind wir von 
einer zweiten Verwerfung, welche mit dieser ungefähr parallel 
verläuft und durch das ganze obere Engadin auf der west- 
lichen Thalseite hinläuft. Auf ihr haben grosse Verschiebungen 
nachweislich stattgefunden und es zustande gebracht, dass nir- 
gends eine voUkommne Uebereinstimmung im geologischen Bau 
der beiden Thalseiten besteht. (Näheres darüber werde ich in 



NW. 

Alp Giop 



St. Moriz Bad 



so. 

Piz Rosatsch 




t/oo nt. 



Fig. 2. Schnitt qaer Ober das Innthal (1 : 75000) mit den muthmoss- 
lichcn tcktonischen Verhältnissen unterhalb des 1700 Meter-Niveaus. 



Alpenforschungen 11 später mittheilen.) So mag es denn ge- 
stattet sein, die Quellenspalte als eine Begleiterscheinung jener 
> erwerfungsspalte aufzufassen, und es ergibt dies dann für die 
nähere Umgebung von St. Moriz das Bild eines Grabenbruches, 
^e ihn Fig. 2 zur Darstellung bringt. 

Was früher als etwas Seltsames und schwer zu Erklären- 
des erschien, nemlich der Mineralgehalt der Morizer Thermen, 
das ist für die nun gewonnene tektonische Auffassung etwas 
ganz selbstverständliches, ja geradezu nothwendiges geworden. 
Die Quellen müssen aus Kalkgebirg aufsteigen, weil sie Thermen 
sind, also aus grösseren Tiefen kommen, 



204 Sitzung der mcUh.-phys, Glosse vom 7. Juni 1902. 

3. Woher stammt die viele freie Kohlensäure? 

Diese Erscheinung ist nicht auf St. Moriz beschrän 
sondern recht eigentlich eine besondere Eigen thümlichkeit Gn 
bündens, wodurch sich dasselbe vor den meisten anderen Thei 
der Alpen auszeichnet. Ebenso eigenthümlich ist aber die 
Gegend das Vorhandensein zahlreicher tertiärer Basalt- i 
Serpentingänge. Die Basalte sind allerdings in der Litera 
hinter den Namen Melaphyr, Spilit, Diabas und Diorit zie 
lieh gut versteckt, aber es sind jedenfalls basaltartige En 
tionen, die abwechselnd alle alpinen Sedimentgesteine dur 
setzten und zwar zu einer Zeit, als die alpine Faltung 1 
schon vollendet war, also etwa in der mittleren Oligocänzeit o 
später. Das Gleiche gilt für die Serpentine, die in wild v 
bogenen Schichten aufsetzen und trotzdem oft kilometerlan 
ganz geradlinige Gänge darin bilden. Freilich hat man v; 
fach versucht, diese Serpentine in einen genetischen Zusamm 
hang mit den sog. grünen Bündnerschiefern zu bringen, weL 
nach meiner Auffassung palaeozoische Diabase und Diabasti 
sind, und es ist ja auch die Möglichkeit keineswegs von 
Hand zu weisen, dass in den Alpen auch Serpentinmas 
vorkommen, die älter als tertiär sind. Dies ändert aber nie 
an der Thatsache, dass Graubünden zur Tertiärzeit der Seh 
platz stärkerer vulkanischer Thätigkeit war, die jetzt allerdii 
ganz erloschen zu sein scheint, aber in den starken Kohl 
säure-Exhalationen noch wenn auch schwache Nachwirkung 
verräth. Als solche steigen also auch die Gase unter St. Mc 
aus grösseren Tiefen und mit hohen Temperaturen auf. 
werden von den kühleren unterirdischen Gewässern aufgenc 
men und abgekühlt, erwärmen aber ihrerseits jene Gewäsi 
die mit dieser Unterstützung lebhafter mineralische StoflRe 
Lösung nehmen und mit ihnen in die Höhe steigen. 



Ä, BothpleU: Ursprung der Thermalquellen von St. Moriz,- 205 

4. Woher stammen die mineralischen Bestandtheile? 

Das Vorhandensein des basalen Kalkgebirges erklärt uns 
zu Genüge den Gehalt an Kalk-, Magnesium-, Eisen- und 
Mangancarbonaten sowie an Kieselerde und Thonerde. Anders 
liegt es mit den Sulphaten, Chloriden, dem Bor, Brom und 
Jod. Das sind Stoffe, die das Meereswasser in Lösung ent- 
hält und unter günstigen Verhältnissen auch in seinen Sedi- 
menten ausscheidet. Aber wo wir ältere Meeresablagerungen 
zu Tage gehen sehen, sind diese Bestandtheile gewöhnlich 
nicht, oder doch nur theilweise und in verschwindenden Massen 
Torhanden, so dass wir uns gewöhnt haben, sie nicht zu den 
gewühnhchen Absatzproducten zu zählen. Gleichwohl dürften 
sie viel häufiger zu Ablagerung gekommen sein, als sich be- 
obachten lässt. Da aber, wo sie nicht in grösseren Mengen 
in Form von Steinsalz- oder Sollagern auftreten, sondern nur 
verhältnissmässig spärlich den Kalk-, Mergel- oder Thon- 
schichten beigemengt waren, sind sie im Ausgehenden dieser 
Gesteine längst durch die circulirenden Tageswässer ausgelaugt, 
ond nur in grösseren Tiefen kann dieser Salzgehalt noch er- 
halten geblieben sein, wo eben noch keine so kräftige Durch- 
wässerung eingetreten ist. Wir können also erwarten, dass alle 
Marinen Sedimente, die hier unter dem Schutze der darüber- 
geschobenen Granitdecke liegen, noch jene leicht löslichen Salze, 
soweit sie darin abgesetzt worden waren, aufgespeichert ent- 
halten und nun an die aufsteigenden kohlensäurereichen Thermal- 
wasser abgeben. Besonders jedoch steht zu erwarten, dass die 
permischen Dolomite, die von Rauhwacken und Gypslagern 
begleitet sind, reich an solchen Salzen gewesen sind und in 
ihnen dürfen wir deshalb die Hauptlieferanten sehen. 

Wir wissen aber, dass die palaeozoischen Bündner Schiefer 
von Permablagerungen discordant überlagert werden, und es 
hätte somit gar nichts auffallendes, wenn unter dem Boden 
von St. Moriz und seiner Granitdecke solche permische Ab- 
lagerungen in grösserer Mächtigkeit vorhanden wären, wie 
dies in Fig. 1 und 2 dargestellt ist. 



206 Sitzung der math.-phys. Classe vom 7, Juni 1902, 

Für die Wahrscheinlichkeit dieser Annahme lässt sich ai 
führen, dass thatsächlich oberhalb Surlej zwischen dem Grar 
bezw. Gneiss und den liegenden Bündner Schiefern die pe 
mischen Sernifitschiefer ausstreichen, und wenn die Dolomi 
darüber fehlen, so erklärt sich dies durch die Richtung d 
Ueberschiebung, durch welche sie hier weggeschoben word- 
sind, während sie auf der anderen Thalseite oberhalb Grav 
salvas noch thatsächlich erhalten geblieben sind aus de 
Grunde, weil sie da tiefer in die Bündner Schiefer eingefalt 
waren. Aehnlich können aber auch die Verhältnisse unt 
St. Moriz liegen. 

5. Zusammenfassung der Ergebnisse. 

Ein grosser Granitstock, der in Gneiss, kry stallinen Schiefe 
und palaeozoischen Sedimenten aufsitzt und wahrscheinlich geg 
Ende der palaeozoischen Zeit eingedrungen war, ist mit dies 
Schiefern und den später über und neben ihm abgelagert 
jüngeren Meeressedimenten in der Oligocänperiode von d 
ersten alpinen Faltung ergriffen und dislocirt worden. Dara 
wurde er von der rhätischen Ueberschiebungsspalte, welche 
dem Alpenkörper entstand und denselben von Nord nach S 
quer durchschnitt, in zwei übereinander liegende Theile zerlej 
von denen der obere durch jene Ueberschiebung nach West 
fortgeschoben, von seinem Sockel entfernt und auf bere 
gefaltete palaeozoische und mesozoische Meeresablagerung 
heraufgeschoben wurde. Der Piz liosatsch, sowie die gai 
Bernina-Granitmasse, der Julier- und Albuhi-Granit gehöri 
zu diesem jetzt wurzellosen nach Westen verschobenen Gran 
stock, der nachträglich nochmals von Gebirgsspalten in v- 
schiedenen Richtungen durchschnitten und in mehrere Scholl 
zerlegt wurde, die ebenfalls durch vertikale und horizoiit 
Bewegungen gegeneinander verschoben worden sind, so d; 
deren ursprünglicher Zusammenhang auch in dieser obei 
Hälfte des Granitstockes gründlich verloren ging. 

Vielleicht gleichzeitig damit, jedenfalls aber zeitlich nie 



I 



Ä, Bothpletz: Ursprung der Thermalquellen von St. Moriz, 207 

w-eit daTon entfernt, fanden im Gebiet dieser Ueberschiebung 
Diirchbrüche von Basalt- und Serpentinmassen statt, die gang- 
förmig aus der Tiefe emporstiegen. Obschon diese vulkanische 
Thätigkeit längst erloschen ist, so erkennen wir ihre Nach- 
i^irkungen doch noch an den starken Gasausströmungen, 
Twdehe sich an vielen Orten und so auch bei St. Moriz in 
Form von kohlensäurereichen Thermalquellen äussern. 

Die in die Erde eindringenden Wasser der atmosphärischen 
^N'iederschläge absorbiren in der Tiefe diese Gase und erhalten 
dadurch einen Auftrieb, der sie auf vorhandenen Gebirgsspalten 
a-ufeteigen macht. Sie steigen um so höher, je grösser der 
hydrostatische Druck ist, d. h. je höher die Niveaufläche des 
XTutergrundwasserstandes liegt. Da diese im Engadin im Winter 
ihren tiefsten, im Sommer aber in Folge der Schneeschmelze 
einen bedeutend höheren Stand hat, so begreift es sich leicht, 
^^arum die im Sommer stark fliessenden St. Morizer Thermal- 
em laellen im Winter sehr schwach sind oder auch ganz aus- 
bleiben. 

Der hohe Mineralgehalt dieser verhältnissmässig kalten 
Quellen ist demnach dadurch bedingt, dass die Auflösung von 
Salzen in grösseren Tiefen begünstigt durch die freie Kohlen- 
saure und hohe Temperatur vor sich geht und dass das auf- 
steigende Wasser erst in höheren Regionen durch das kältere 
niedersinkende Tageswasser abgekühlt wird. 

Der für die St. Morizer Quellen charakteristische Mineral- 
gehalt besteht hauptsächlich aus Bestandtheilen, die im Meeres- 
'«'asser gelöst vorkommen, mithin auch in Meeresablagerungen 
2um Absatz kommen können und wahrscheinlich von dem 
palaeozoischen Meere in seinen Sedimenten einstmals aufge- 
speichert worden sind, aus denen sie jetzt die kohlensäure- 
haltigen St. Morizer Quellen beziehen und wieder an die Erd- 
oberfläche bringen. 



208 



Sitzung vom 5. Juli 1902. 

1. Herr C. Göbel hält einen Vortrag: »üeber Regen« 
tion bei Pflanzen*. Derselbe wird anderweit zur Veröff 
lichung gelangen. 

2. Herr Seb. Finsterwalder überreicht, auf Ersuchen 
Herrn Herm. Ebert, zu der in der Maisitzung vorgelegten 
in den Sitzungsberichten veröffentlichten Abhandlung der He 
Karl Fischer und Heinrich Alt über Dampfspannung 
reinen Stickstoffes einen Nachtrag: ,,Erstarrungs- 
Schmelzdruck des Stickstoffes". 



209 



Erstarrungs- und Schmelzdruck des Stickstoffs. 

Von K. T. Fischer und H. Alt. 

(Eingaaufm 5. JtiU.) 

1. In unserer Arbeit über die Dampfspannung des 
^"eiiien Stickstoffs^) waren wir auf Grund der Clapeyron'- 
schen Gleichung zum Schluss gekommen, dass die Verdampfungs- 
^ärme des Stickstoffs mit abnehmender Temperatur erst steigt, 
^1^ dann in der Nähe des Erstarrungspunktes wieder abzu- 
^^hmen, wenn man die spezifischen Volumina des StickstoflF- 
^Ämpfes aus dem von De war ermittelten Wert 256.83 ccm/gr 
"«i 760 mm Druck und 90.5® absoluter Temperatur nach dem 
-""f ariotte-Gay-Lussac'schen Gesetz extrapolieren darf (1. c. 
S- 147). Die direkten Bestimmungen der Verdampfungs wärme, 
^^elche Herr Alt inzwischen ausgeführt hat, haben diesen 
Schluss nicht bestätigt, sondern eine stetige, wenn auch ge- 
^^nge Zunahme der Verdampfungswänne des Stickstoffs bei ab- 
nehmender Temperatur ergeben. Von 700 mm bis herab zu 
-* 20 mm Druck stimmen die von uns berechneten Werte der 
"erdampfungswärme mit den beobachteten so genau als zu 
^^^varten war, überein, von da ab jedoch ergeben sich grosse 
^-Differenzen. Sucht man den Grund für diese Abweichungen 
^n den Beobachtungen der Dampfspannung, aus welchen wir 
3^ die Aenderung der Dampfspannung mit der Tejnperatur 
berechnen mussten, so wäre ein Fehler noch am ehesten in 
^^r Druckbestimmung zu vermuten, da wir für den Erstarrungs- 
^^uck des Stickstoffs stark von einander abweichende Werte 



\ 



^) Sitzungsber. der bayer. Akad. d. Wissensch. S. 113—151, 1902. 
1902. SitziiDgsb. d. iDath.-phy8. Cl. 1^ 



210 Sitzung der matK-phys, Glosse w>m 5. Juli 190S. 

erhalten haben (1. c. S. 135); würde man aus den direkt e 
mittelten Werten der Verdampfungswärmen auf den Erstarrung 
druck extrapolieren, so würde sich, wenn die Temperatur s 
richtig angenommen ist, ein Erstarrungsdruck von 78 mm e 
geben. Da wir in der That einige Male so niedrige Wer 
beobachtet hatten, so nahmen wir neuerdings eine eige: 
Untersuchung über den Erstarrungs- und Schmelzdruc 
des Stickstoffs vor. 

2. Da wir früher zur Vermeidung von Siedeverzüg« 
Wasserstoff in den Stickstoff eingeleitet hatten, und in diese 
Falle den Druck sogar eher höher als niedriger wie 86 ra 
anzunehmen uns veranlasst sahen, so glaubten wir, es könni 
trotzdem wenig Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden war, d 
Zufuhr von Wasserstoff eine wesentliche Fehlerquelle gebild 
haben und vermieden bei den neuen Versuchen dieses Hilf 
mittel vollständig. Da die Untersuchungen des Herrn A 
zeigten, dass bei der Verdampfung des Stickstoffs durch elel 
trische Heizung Siedestösse nicht auftraten, so führten wir i 
die 1. c. S. 125 abgebildete Anordnung statt der Kapillaren 2 
welche früher Wasserstoff zuleitete, eine Platinheizspirale eii 
welche aus einem 2 m langen, 0,11 mm dicken Drahte he: 
gestellt «war und mit 0,3 — 0,5 Amper Strom beschickt werde 
konnte, wenn Siede Verzüge zu befürchten waren. Um auc 
jedes andere Fremdgas so viel wie möglich vom Stiel 
stoff fern zu halten, schlössen wir den llecipienten, unt< 
dem sich der verdampfende Stickstoff befand, an 2 gros.« 
eiserne Vacuumkessel von zusammen 700 Liter Inhalt ai 
welche bis auf 40 — 50 ram Druck durch die schon früher b( 
nützte Bianchi'sche Pumpe leer gepumpt werden konnten, un 
in welchen sich also während der Versuche eine ziemlich reir 
Stickstoflfatmospliäre ansammeln musste. Da der Druck durc 
die elektrische Heizung und durch Feiiiverstellung eines zwische 
Recipienten und Vacuumkessel angebrachten Hahnes gerege 
und konstant gehalten werden konnte, so konnte auch de 
Seitenhahn fortgelassen werden, durch welchen wir frühe 
zeitweise Luft in die Pumpenleitung hatten eintreten lasse 



Fischer u. ÄH: Erstarrungs- u. SchmeUdruck des Stickstoffs, 211 

(1. c. S. 129). Die im Recipienten befindliche Luft wurde wohl 
bald ziemlich vollständig ausgetrieben, da das Stickstoffgefäss 
sofort nach der Füllung mit in Luft filtriertem Stickstoff unter 
den Recipienten gesetzt wurde und zunächst der Stickstoff noch 
äusserst lebhaft verdampfte, bis das Dewargefass genügend 
abgekühlt war. 

3. Wir führten im Ganzen 10 Versuchsreihen durch und 
zwar benützten wir für den ersten Versuch ein kugeliges, 
durchsichtiges Dewarfläschchen von 153 ccm Inhalt und für 
die folgenden ein kleineres, cylindrisches, durchsichtiges Dewar- 
fläschchen von 50 ccm Inhalt. Der eine von uns beobachtete 
das Barometer, welches dasselbe war wie früher und regelte 
den Druck, der andere beobachtete gleichzeitig mittelst Kom- 
pensationsmethode die elektromotorische Kraft des Kupfer- 
Konstantanelementes, welches wir auch schon früher benutzt 
hatten. Es lieferte dieses Thermoelement dieselben elektro- 
motorischen Kräfte für den Siedepunkt und Gefrierpunkt, die 
wir schon früher erhalten hatten, sodass wir für diese die- 
selben Temperaturen annehmen konnten, den Siedepunkt natür- 
lich mit Rücksicht auf die Aenderung des Barometerstandes 
entsprechend korrigiert, um festzustellen, inwieweit der 
Sauerstoffgehalt den Gefrierdruck erniedrige, nahmen 
wir eine bestimmte Menge flüssigen Stickstoff und brachten 
sie wiederholt zum Erstarren und Schmelzen, indem wir gegen 
geringen Druck verdampfen Hessen; da nach den Untersuch- 
ungen Baly's^) aus einem sauerstoffarmen Gemisch von Stick- 
stoff-Sauerstoff hauptsächlich Stickstoff verdampft, während der 
Sauerstoff der Hauptsache nach in der Flüssigkeit zurückbleibt, 
so musste schliesslich ein relativ sauerstoffreicher Flüssigkeits- 
rest Übrig bleiben und sich zeigen, ob in der That, wie wir 
schon früher vermutet, der Erstarrungsdruck hauptsächlich durch 
Sauerstoffverunreinigung erniedrigt wird (1. c. S. 132). Wenn 
der zur Verflüssigung gebrachte Stickstoff auch nur 0,02 ^/o 
Sauerstoff enthielt, so konnte, wenn schliesslich ein Quantum 



») E. C. C. Baly, Phil. Mag. 49. S. 521, 1900. 

14* 



212 Sitzung der math.-phys, Classe vom 5, JtUi 1902. 

von 50 ccm auf 1 ccm eingedampft war, dieser Rest ca. l°/o 
SauerstoflF enthalten. Um über diese im schliesslichen Stick- 
stoflPrest verbleibende SauerstoflFmenge einen Anhaltspunkt zu 
gewinnen, analysirten wir am Schluss einiger Versuche die 
letzten im Dewargefäss verbleibenden Rückstände, indem wir 
das Dewarfläschchen rasch aus dem Recipienten herausnahmen, 
mit einem Gummistopfen und Gummischlauch verschlossen, erst 
noch durch Schütteln kräftige Verdampfung stattfinden liessen 
und dann den Gummischlauch an die Hempel'sche Bürette 
ansetzten, um die SauerstofFanalyse mit Kupfer in ammoniakali- 
scher Lösung vorzunehmen; auch während des Füllens der 
Bürette, die 53,4 ccm hielt, wurde das Dewarfläschchen ge- 
schüttelt, damit energische Verdampfung erfolgte. Um einen 
Anhaltspunkt dafür zu gewinnen, wie viel von der Flüssigkeit 
verdampft war, wenn dieselbe zum zweiten oder dritten Male 
zum Erstarren gebracht wurde, hatten wir neben das cylindri- 
sche Dewarfläschchen einen Millimetermassstab gestellt, um 
aus der Höhe der Flüssigkeit auf das noch vorhandene Volumen 
schliessen zu können. In der folgenden Tabelle S. 214 u. 215 
sind die Vei'suchsresultate zusammengestellt. Die Horizontal- 
reihen enthalten die bei wiederholtem Erstarren und Schmelzen 
und dabei stattfindender Abnahme der Flüssigkeitsmengen beob- 
achteten Erstarrungs- und Schmelzdrucke mit Angabe des Ver- 
hältnisses des ursprünglichen Volumens zu dem jeweils noch 
vorhandenen Volumen Flüssigkeit, und zwar sind die Versuche 
so geordnet, dass die reinsten Proben in der ersten Reihe 
stehen. Der Erstarrungs- und Schmelzdruck ist ausser- 
ordentlich konstant und sicher zu beobachten; auch 
wenn man die Verdampfung rasch erfolgen lässt, stellt sich 
von dem Momente an, wo das Schmelzen oder Erstarren be- 
ginnt, ein konstanter Druck ein, der bei einem genügend guten 
Barometer auf einige zehntel Millimeter genau zu beobachten 
ist. In unserem Falle gestattete das — selbsthergestellte — 
Barometer mit verschiebbarer Skala nicht mehr als 2 zehntel 
Millimeter Ablesegenauigkeit. Bei dem ersten Vei*such, in 
dem das Volumen über 90 ccm betrug, blieb der Erstarrungs- 



Fischer u. Alt: Erstarrung»- u, SchmeUdruck des Stickstoffs. 213 

druck 10 Minuten hindurch konstant, in den anderen Ver- 
suchen je nach der vorhandenen Menge Flüssigkeit eine halbe 
bis mehrere Minuten, und ebenso der Schraelzdruck. Nach- 
dem die ganze Masse erstarrt war, wurde noch weiter bis auf 
ca. 20 mm unter den Erstarrungsdruck abgekühlt und ebenso 
Hessen wir, nachdem die ganze Masse vollständig geschmolzen 
war, jeweils den Druck bei abgeschlossenem Recipienten auf 
ca. 150 mm ansteigen, ehe wir von neuem Erstarrung herbei- 
führten. 

4. Die Tabelle lehrt, dass in der That der Erstarrungs- 
druck des Stickstoffs durch Sauerstoffbeimengung erheblich 
erniedrigt wird, und zwar würde aus den Zahlen schätzungs- 
weise folgen, dass 1 Gewichtsprozent Sauerstoff den Erstar- 
rungsdruck des Stickstoffs um 8 — 10 mm erniedrigt. Ferner 
dass nach unserer Beobachtungsmethode der Erstarrungsdruck 
des reinen Stickstoffs um ca. 1.7 mm niedriger ist als der 
Schmelzdruck, und dass diese Differenz zunimmt, wenn die 
Sauerstoffverunreinigung zunimmt. Die angegebene Fehler- 
grenze + 0,6 mm haben wir schätzungsweise eingesetzt; der 
hierbei sich ergebende Wert steht mit dem in unserer früheren 
Arbeit angegebenen Wert für den Erstarrungsdruck, nämlich 
86 + 4 mm, in Einklang. Dass flüssige Luft durch das von 
uns für Stickstoff angewandte Verfahren des Verdampfens 
festgemacht werden kann, ist unwahrscheinlich, da der Er- 
starrungsdruck mit dem Sauerstoffgehalt so stark abnimmt; 
dagegen dürfte Abkühlung mit einer kälteren Flüssigkeit 
(Sauerstoff oder am besten flüssigem Wasserstoff) diese Ver- 
festigung leicht herbeiführen. 

5. Da wir die Dampfspannungskurve durch den Punkt 
i^ = 86mm, T = —210,52^ Geis, gelegt haben, müssen die 
Werte für die Dampfspannung in der Nähe des Erstarrungs- 
punktes etwas geändert werden. Gelegentlich der hier be- 
schriebenen Versuche haben wir mit unserer neuen Anordnung 
einige Punkte zwischen 150 und 90 mm neu bestimmt und 
Wernach als Temperatur des gesättigten Stickstoffdampfes 



214 



Süzung der math.-phys. Classe vom 5. Juli 1902. 



Für 120 mm Druck -208.46» C. gegenüber früher — 208.24» C 
, 110 , , -209.15«, , , -208.77'», 

, 105 , , -209.44», — 

, 100 , , -209.78», , , -209.35», 

, 95 , . -210.12», , , -209.68». 

, 89.2, , -210.52», , , -210.1» . 

gefunden, wobei wie früher als Temperaturskala die des Kon- 
stantvolum-Wasserstoffthermometers gewählt und für den Span- 
nungskoeffizienten des Wasserstoffs der Chappuis'sche Wert 
a = 0.0036625 angenommen ist. , 

Diese neuen Werthe ändern die Grösse -r^ gegenüber 



Aenderung des Erstarrungs- und Schmelzdruckes 

Restvolume 



t'o = ursprüngliches Volumen. 



k = 



^0 



Nr. 

des 

Versuchs 


«0 

ccm 


I 
P P' ^ 


P 


II 
p' k 


III 
p p' k 


IV 
P P' 


1. 


150 


89.2 90.2 \ 












9. 

8. 


50 
50 


89.2 91.2 i 
89.2 91.2 \ 


88.2 


90.7 ,15 


fS7.2 90.7 i 
\87.2 90.2 i 


86.2 89.4 


10. 


50 


— 


88.5 


90.2 i 


87.2 89.2 i 


— 


4. 


50 


— 




— 


87.2 90.2 i 


86.2 88.2 


6. 


50 


- 




- 


— 


— 


7. 


50 


— 




— 


— 


— 


3. 


50 


— 




— 


— 


— 


5. 


50 


— 




— 


— 


— 


2. 


50 


— 




-- 


~ 


— 


Mitt( 
Diflferen 


5l der 
zen p'—p 


1.7 mm 


2.25. mm 


2.9 mm 


2.6 mm 



Mittel für den Erstarrungsdruck des reinen Sticka 
„ „ Schmelzdruck 



M »» 



Fischer u. Alt: Erstarrungs- u. Schmelzdruck des Stickstoffs, 215 

unseren früheren Zahlen nicht erheblich, und es kann daher 
die Folgerung eines Maximums der Verdampfungswärme des 
Stickstoffs, die wir aus der Clapeyron'schen Gleichung gezogen 
haben, nicht deswegen unzutreffend sein, weil die von 
uns früher angegebene Dampfspannungskurve in der Nähe des 
Erstarrungspunktes wegen der Unsicherheit der dort beob- 
achteten Erstarrungsdrucke zu ungenau bestimmt war; was 
die Ursache der Abweichung ist, namentlich ob nicht die 
specifischen Volumina thatsächlich andere sind als die nach 
Dewar berechneten, kann nur durch eine weitere Unter- 
suchung festgestellt werden. 



Ustofb bei Verunreinigung durch Sauerstoff. 

p = Eretamingsdruck in mm Hg. p' = Schmelzdruck in mm Hg. 



Y 
» / k 


VI 
P P' 


k 


VII 
P P' k 


VIII 
P P' k 


Analyse 

des letzten Flüssigkeitsrestes 

auf Sauerstoffgehalt 


- 


— 




— 


— 


0.6— 0.8ccm 1.3«/oVol.Oa 


- 


— 




— 


— 


0.5 ccm 2.4 o/o Vol. Oa 


? 88.2 i 


— 




82.7 86.7 1^5 


— 


0.1-0.2 com 2.5 o/o Vol. Oa 


— 


84.2 88.7 


l 


82.2 86.7 i 


80.2 87.7 i^ 


— 


87.7 i 


83.7 86.2 


i 


— 


81.2 84.2 A 


0.8 ccm 4.3 «/o Vol. 0, 


87.7 i 


— 




83.0 85.7 i 79.2 83.2 tV 


0.5 ccm 5.6 «/o Vol. Oa 


88.1 1 


— 




- i77.8 ? ^ 


— 


— 


83.7 87 


i 


83.2 87.2 i 


80.2 ? A 


0.1—0.2 ccm 6—7 «/o Vol. Oa 


— 


— 




— 


81.5 85.5 tV 


— 


mm 


3.4 mm 




3.8 mm 


4.6 mm 





89.2 + 0.6 mm 
90.9 + 0.6 mm 



}M 



ittel: 90.0 +0.3 mm. 



217 



Oeflfentliche Sitzung 

zur Feier des 143. Stiftungstages 

am 13. März 1902. 

Die Sitzung eröflhet der Präsident der Akademie, Geheimrath 
I^K. A. V. Zittel, mit folgender Ansprache: 

Königliche Hoheiten! 
Hochgeehrte Festversammlung! 

Die festliche Sitzung der Königl. bayer. Akademie der 
«nschaften im Monat März ist der Erinnerung an ihre 
«ründung gewidmet. Fast einhundertzweiundvierzig Jahre sind 
verflossen, seit ChurfQrst Maximilian Joseph am 28. März 
"en Stiftungsbrief unterzeichnete, durch welchen die chur- 
oayerische Akademie ins Leben trat. Ihre Aufgabe sollte sein, 
*lle nützlichen Wissenschaften und freien Künste in Bayern 
zu Terbreiten und insbesondere auch die philosophischen, mathe- 
matischen und geschichtlichen Wissenschaften zu pflegen. 

Gegenwärtig sind ihre Ziele allerdings nicht mehr auf die 
Nützlichkeit und praktische Verwertung der Wissenschaften 
gerichtet — diese Aufgabe hat sie an andere Anstalten abge- 
lten; in ihr soll vielmehr die freie Forschung unbekümmert 
^^ alle Nebenzwecke gepflegt werden. Dankbar wird das 
bayerische Vaterland anerkennen, was unsere Vorgänger auf 
dem Boden der praktischen Verwertung der Wissenschaft und 



A BoihpleUs Ursprung der Thermulquellen von Si. Morisr 205 



FC 



4. Woher stammen die mineralischen BestandtheUe? 

Das Vorhandensein d^ basalen Kalkgebirges erklärt uns 
zu Gonüge dt*n Gehalt an Kalk-, Magnesium-, Eisen- und 

Mangancarbotiaten sowie an Kieselerde und Thonerde. Anders 
liegt es mit den Sulphaten, Chloriden, dem Bor, Brom und 
Jod. Das sind Stoffe, die das Meereswasser in Lösung ent- 
hrdt und unter günstigen Verhältnissen auch in seinen Sedi- 
mentc*n ausscheidet. Aber wo wir ältere Meeresablagerungen 
zu Tage gehen sehen, sind diese Bestand theüe gewöhnlich 
nicht, oder doch nur theil weise und in verschwindenden Massen 
vorhanden, so dass wir uns gewöhnt haben, nie nicht zu den 
gewöhnlichen Absatzproducten zu zählen. Gleichwohl dürften 
sie viel häufiger zu Ablagerung gekommen sein, als sich be- 
obachten hisst. Da aber, wo sie nicht in grösseren Mengen 
in Form von Steinsalz- oder Sollagern auftreten, sondern nur 
verhältnissmässig spärlich den Kalk-, Mergel- oder Thon- 
hichten beigemengt waren, sind sie im Ausgehenden dieser 
©steine längst durch die circulirenden Tageswässer ausgelaugt, 
imd nur in grösseren Tiefen kann dieser Salzgehalt noch er- 
halten geblieben sein, wo eben noch keine so kräftige Durch- 
Wiü^erung eingetreten ist. Wir können also erwarten, dass alle 
marinen Sedimentet die hier unter dem Schutze der darüber- 
«gescbobeuen Granttdecke Hegen, noch jene leicht löslichen Salze, 
soweit sie darin abgesetzt worden waren, aufgespeichert ent- 
halten und nun an die aufsteigenden kohlensäurereichen Thennal- 
wasser abgeben. Besonders jedoch steht zu erwarten, dass die 
permischen Dolomite, die von Kauhwacken und Gjpslagern 
begleitet sind, reich an solchen Salzen gewesen sind und in 
ihnen dürfen wir deshalb die Hauptlieferanten sehen. 

Wir wissen aber, daaa die palaeozoischen Bündner Schiefer 
von Permablagerungen discordant überlagert werden, und es 
hätte somit gar nichts auffallendes, wenn unter dem Boden 
von St. Moriz und seiner Granitdecke solche permische Ab- 
lagerungen in grösserer Mächtigkeit vorhanden wären, wie 
dies in Fig. 1 und 2 dargestellt ist. 



217 



Oeflfentliche Sitzung 

zur Feier des 143. Stiftungstages 

am 13. März 1902. 

Die Sitzung eröfi&iet der Präsident der Akademie, Geheimrath 
Dr. K. A. V. Zittel, mit folgender Ansprache: 

Königliche Hoheiten! 
Hochgeehrte Festversammlung! 

Die festliche Sitzung der Königl. bayer. Akademie der 
Wissenschaften im Monat März ist der Erinnerung an ihre 
Gründung gewidmet. Fast einhundertzweiundvierzig Jahre sind 
verflossen, seit ChurfÜrst Maximilian Joseph am 28. März 
den Stiftungsbrief unterzeichnete, durch welchen die chur- 
bayerische Akademie ins Leben trat. Ihre Aufgabe sollte sein, 
alle nützlichen Wissenschafben und freien Künste in Bayern 
zu verbreiten und insbesondere auch die philosophischen, mathe- 
matischen und geschichtlichen Wissenschaften zu pflegen. 

Gegenwärtig sind ihre 2iiele allerdings nicht mehr auf die 
Nützlichkeit und praktische Verwertung der Wissenschaften 
gerichtet — diese Aufgabe hat sie an andere Anstalten abge- 
treten; in ihr soll yiehnehr die freie Forschung unbekümmert 
um alle Nebenzwecke gepfl^t werden. Dankbar wird das 
bayerische Yaterlmd aneikennen, was unsere Vorgänger auf 
dem Boden der ptiküichai Verwertung der Wissenschaft und 



217 



Oeflfentliche Sitzung 

zur Feier des 143. Stiftungstages 

am 13. März 1902. 

Sitzung eröffnet der Präsident der Akademie, Geheimrath 
. V. Zittel, mit folgender Ansprache: 

Königliche Hoheiten! 
Hochgeehrte Festversammlung! 

festliche Sitzung der Königl. bayer. Akademie der 
haften im Monat März ist der Erinnerung an ihre 
g gewidmet. Fast einhundertzweiundvierzig Jahre sind 
1, seit Churfürst Maximilian Joseph am 28. März 
bungsbrief unterzeichnete, durch welchen die chur- 
le Akademie ins Leben trat. Ihre Aufgabe sollte sein, 
'.liehen Wissenschaften und freien Künste in Bayern 
dten und insbesondere auch die philosophischen, mathe- 
a und geschichtlichen Wissenschaften zu pflegen. 

enwärtig sind ihre Ziele allerdings nicht mehr auf die 
ieit und praktische Verwertung der Wissenschaften 

— diese Aufgabe hat sie an andere Anstalten abge- 
n ihr soll vielmehr die freie Forschung unbekümmert 

Nebenzwecke gepflegt werden. Dankbar wird das 
le Vaterland anerkennen, was unsere Vorgänger auf 
en der praktischen Verwertung der Wissenschaft und 



210 



Sit£unff der math,*pkifs, Clas^e is>m 5. Juli tBÖ$. 



erhalten haben (l. c. S. 135); würde man aus den direkt er- 
mittelten Werten der Verdampfung« wärmen auf den Erstarrungs- 
druck extrapolieren t so würde sich, wenn die Temperatur als 
richtig angenommen ist» ein Erstarr ungsdruck von 78 mm er- 
geben. Da wir in der That einige Male so niedrige Werte 
beobachtet hatten, so nahmen wir neuerdings eine eigene 
Untersuchung über den Eratarrungs- und Schmelzdruck 
des Stickstoffs vor, 

2. Da wir früher zur Vermeidung von Siede Verzügen 
Wasserstoff in den Stickstoff eingeleitet hatten» und in diesem 
Falle den Druck sogar eher höher als niedriger wie 86 mm 
anzunehmen uns veranlasst sahen» so glaubten wir» es könnte, 
trotzdem wenig Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden war, die 
Zufuhr von Wasserstoff eine wesentliche Fehlerquelle gebildet 
haben und vermieden bei den neuen Versuchen dieses Hilfs- 
mittel vollständig. Da die Untersuchungen des Herrn A 1 1 
zeigten» dass bei der Verdampfung des Stickstoffs durch elek- 
trische Heizung Siedestösse nicht auftraten» so führten wir in 
die L c. S- 125 abgebildete Anordnung statt der Kapillaren K^ 
welche früher Wasserstoff zuleitete» eine Platinheizspirale ein, 
welche aus einem 2 m langen» 0»11 mm dicken Drahte her- 
gestellt »war und mit 0,3 — 0»5 Amper Strom beschickt werden 
konnte» wenn Siede Verzüge zu befürchten waren. Um auch 
jedes andere Fremdgas so viel wie möglich vom Stick- 
stoff fern zu halten, schlössen wir den ilecipienten, unter 
dem sich der verdampfende Stickstoff befand» an 2 grosse 
eiserne Vacuumkessel von zusammen 700 Liter Inhalt an, 
welche bis auf 40 — 50 mm Druck durch die schon früher be- 
nützte Bianchi'scbe Pumpe leer gepumpt werden konnten, und 
in welchen sich also während der Versuche eine ziemlich reine 
Stickstoffatmosphäre ansammeln musste. Da der Druck durch 
die elektrische Heizung und durch Fein Verstellung eines zwischen 
Recipienten und Vacuumkessel angebrachten Hahnes geregelt 
und konstant gehalten werden konnte» so konnte auch der 
Seitenhahn fortgelassen werden» durch welchen wir früher 
zeitweise Luft in die Pumpenleitung hatten eintreten lassen 



A 



V. Zütel: Ansprache, 219 

1. an den Generalephor der Altertümer in Athen Kabba- 
dias für sein im Jahre 1900 erschienenes Werk über das Heilig- 
b^m des Asklepios in Epidaurus, 

2. an Robert Pohl mann, Professor für alte Geschichte an 
der Universität München, für die Geschichte des Kommunismus 
Lxnd Sozialismus, von welcher der erste Band 1893, der zweite 
1 SOI erschienen ist, wobei ausdrücklich betont wird, dass ein 
ei nfacher Preis für dieses Werk nur deshalb beschlossen wurde, 
weü für einen Doppelpreis bei den sonstigen Anforderungen 
clie Mittel gefehlt haben, 

3. an den Professor an der Universität Athen Po litis für 
das grosse Unternehmen einer Sammlung griechischer Sprich- 
wörter, von welcher 1899 und 1900 drei Bände erschienen sind. 

Für wissenschaftliche Unternehmungen wurden bewilligt: 

1500 M. für die Fortsetzung der Byzantinischen Zeitschrift, 

1000 M. für die Abfassung eines die ersten 12 Bände der 

Byzantinischen Zeitschrift umfassenden wissenschaftlichen Index, 

womit der Lehramtskandidat P. Marc betraut worden ist, 

2000 M. für die Fortsetzung des von Professor Furt- 
wängler und Reichold herausgegebenen Werkes über 
griechische Vasenmalerei. 

Aus den Zinsen der Münchener Bürger- und Cramer- 
Klett-Stiftung konnten mehrere wissenschaftliche Unter- 
nehmungen unterstützt werden, von denen einige allgemeines 
Interesse erwecken dürften. So wurde mit 3000 M. aus der 
Bürgerstiftung eine Expedition nach der libyschen Wüste zum 
Zweck geologischer und paläontologischer Forschungen ausge- 
rüstet und von den Herren Dr. M. Blanckenhorn, Privat- 
dozent in Erlangen und Dr. Stromer v. Reichenbach, Privat- 
dozent in München mit erheblichem wissenschaftlichem Erfolge 
durchgeführt. 

Professor Dr. Hof er gelang es, den Erreger der Krebspest 
zu ermitteln; er wird nun seine Untersuchungen mit einer 
Unterstützung von 500 M. aus der Cramer-Klett-Stiftung in 
Russland, wo gegenwärtig die Krebspest herrscht, fortsetzen. 
Ke Ergebnisse dürften bei der bevorstehenden Wiederbesetzung 



220 Oeffentliche Sitzung vom 13. März 1902. 

unserer Flüsse mit Krebsen von Wichtigkeit werden. Mit eine] 
kleineren Summe (119 M. 76 Pf.) sollen die bereits am Stam- 
bergersee ausgeführten Untersuchungen über die periodischen 
Schwankungen des Seespiegels nunmehr in diesem Sommer auch 
am Chiemsee fortgesetzt werden. 

Professor v. Groth erhielt für einen Hilfsarbeiter bei seinen 
krystallographisch-chemischen Untersuchungen über die Be- 
ziehungen zwischen der Krystallform und der chemischen Kon- 
stitution der unorganischen und organischen Körper aus der 
Cramer-Klett-Stiftung 1200 Mark. 

Aus der Stiftung für chemische Forschungen wurden Herrn 
Professor Hofmann 800 M. für Untersuchungen an seltenen 
Mineralien bewilligt, Herr Professor Linde mann erhielt 
200 M. für Berechnungen von Spectrallinien. 

In der letzten Festsetzung habe ich versucht, ein Bild 
von der wissenschaftlichen Thätigkeit unserer Akademie zu 
geben, heute möge es mir gestattet sein, einige Mitteilungen 
aus den Jahresberichten der Konservatoren über wichtigere Er- 
werbungen und Vorgänge in den unter dem General-Konser- 
vatorium vereinigten wissenschaftlichen Sammlungen und An- 
stalten des Staates während der Jahre 1900 und 1901 zu machen.*] 

Für das Antiquarlum wurden durch den in die antiken Aus- 
grabungsgebiete beurlaubten Assistenten Dr. Hermann Thi er scb 
u. a. griechische Marmorköpfe, Terrakotten, Bronzen und ein 
ägyptisches Gewandstück erworben. 

Aus dem Kunsthandel 10 neue Terrakotten, 5 Bronzen, 
ein griechischer Spiegel, eine Thonlampe mit dem Töpfernamen 
Philomusos und syrische Glasgefässe. 

An Geschenken erhielt es: 1. vom Berliner Museum 
12 Thonge fasse aus Kahun (Ende der 12. Dynastie), 2. von 
einem ungenannten Geber die vollständige Sammlung der Geis- 
linger galvanoplastischen Nachbildungen mykenischer Alter- 

*) Aus diesem Bericht wurden nur einige der wichtigsten Erwerbungen 
in der Festsitzung erwähnt. 



V. Zitteh Ansprache. 221 

tümer, 3. von Herrn Bassermann -Jordan in Deidesheim 
Bronzespiegel mit Reliefzeichnungen, und eine Sammlung antiker 
Messinstrumente u. a., 4. von Seton-Karr in London eine Kol- 
lektion prähistorischer Steinwerkzeuge aus der östlich von 
Aegypten gelegenen Wüste, 5. von Kunstmaler E. Platz eine 
hölzerne Osirisstatue. 

Unter Beihilfe von Hermann Thiersch, Karl DyroflF und 
Ludwig Curtius gab der Konservator v. Christ einen neuen Führer 
heraus, der den früheren um das Doppelte übertrifft und die 
wissenschaftliche Benützung ermöglicht. 

Münzkabinet : Aus den antiken Erwerbungen des Jahres 1900 
sei hervorgehoben ein herrlicher Goldstater von Lampsakus von 
wunderbarer Erhaltung und ein Tetradrachmon von Metapont mit 
dem Kopf des Heros Leukippos, beide aus dem 4. Jahrhundert. 
Die deutschen Kaisermünzen wurden bereichert durch An- 
käufe aus dem Nachlass des Majors Schleiss, die Abteilung der 
Witteisbacher Medaillen, welche im Kabinet einen hervor- 
ngenden Platz einnimmt, durch zwei Porträtstücke (Anna 
Maria Franziska von Lauenburg, in erster Ehe vermählt mit 
Philipp Wilhelm von der Pfalz, und Anna Maria Louise von 
Medicis, Gemahlin des Johann Wilhelm von der Pfalz). 

Von Geschenken seien erwähnt jene des Königlich 
siamesischen Hofarchitekten Sandrezky, des englischen Schrift- 
stellers Sidney-Whitman, der Herren WillmersdörflFer (Vater 
und Sohn) in München und des Kgl. Hauptmünzamtes. Ferner 
vermachte Herr von Pettenkofer die ihm von gelehrten 
Gesellschaften, Münchener Bürgern u. a. gestifteten fünf gol- 
denen Ehrenmedaillen. 

Das Kabinet wird nach Lage der Sache von Sammlern, 
Privaten und Händlern stark in Anspruch genommen; daraus 
ergeben sich ähnliche Vorteile wie beim Gipsmuseum. 

Im Jahre 1901 waren es hauptsächlich eine Reihe mittel- 
alterlicher Münzfunde, welche dem Kabinet zur wissen- 
schaftlichen Aufnahme und teilweisen Erwerbung zugingen 
(darunter die wichtigsten von Wiedermünchsdorf bei Vilshofen, 



220 Oeffentliche Sitzung vom 13. März 1902. 

unserer Flüsse mit Krebsen von Wichtigkeit werden. Mit ein 
kleineren Summe (119 M. 76 Pf.) sollen die bereits am Star 
bergersee ausgeführten Untersuchungen über die periodisch« 
Schwankungen des Seespiegels nunmehr in diesem Sommer auc 
am Chiemsee fortgesetzt werden. 

Professor v. Groth erhielt für einen Hilfsarbeiter bei seine 
krystallographisch-chemischen Untersuchungen über die B( 
Ziehungen zwischen der Krystallform und der chemischen Kor 
stitution der unorganischen und organischen Körper aus d( 
Cramer-Klett-Stiftung 1200 Mark. 

Aus der Stiftung für chemische Forschungen wurden Hen 
Professor Hof mann 800 M. für Untersuchungen an seltene 
Mineralien bewilligt, Herr Professor Lindemann erhie 
200 M. für Berechnungen von Spectrallinien. 

In der letzten Festsetzung habe ich versucht, ein Bil 
von der wissenschaftlichen Thätigkeit unserer Akademie z 
geben, heute möge es mir gestattet sein, einige Mitteilunge 
aus den Jahresberichten der Konservatoren über wichtigere Ei 
Werbungen und Vorgänge in den unter dem General-Konsei 
vatorium vereinigten wissenschaftlichen Sammlungen und Ai 
stalten des Staates während der Jahre 1900 und 1901 zu machen.' 

Für das Antiquarlum wurden durch den in die antiken Auj 
grabungsgebiete beurlaubten Assistenten Dr. Hermann Thierse 
u. a. griechische Marmorköpfe, Terrakotten, Bronzen und ei 
ägyptisches Gewandstück erworben. 

Aus dem Kunsthandel 10 neue Terrakotten, 5 Bronzei 
ein griechischer Spiegel, eine Thonlampe mit dem Töpfername 
Philomusos und syrische Glasgefasse. 

An Geschenken erhielt es: 1. vom Berliner Museui 
12 Thonge fasse aus Kahun (Ende der 12. Dynastie), 2. vo 
einem ungenannten Geber die vollständige Sammlung der Geif 
linger galvanoplastischen Nachbildungen niykenischer Altei 

*) Aus diesem Bericht wurden nur einige der wichtigsten Erwerbung€ 
in der Festsitzung erwähnt. 



V. Zittel: Ansprache. 221 

tümer, 3. von Herrn Bassermann-Jordan in Deidesheim 
Bronzespiegel mit Reliefeeichnungen, und eine Sammlung antiker 
Messinstrumente u. a., 4, von Se ton -Karr in London eine Kol- 
lektion prähistorischer Steinwerkzeuge aus der östlich von 
Aegypten gelegenen Wüste, 5. von Kunstmaler E. Platz eine 
hölzerne Osirisstatue. 

Unter Beihilfe von Hermann Thiersch, Karl DyroflF und 
Ludwig Curtius gab der Konservator v. Christ einen neuen Führer 
heraus, der den früheren um das Doppelte übertrifiFt und die 
wissenschaftliche Benützung ermöglicht. 

Miinzkabinet: Aus den antiken Erwerbungen des Jahres 1900 
sei hervorgehoben ein herrlicher Goldstater von Lampsakus von 
wunderbarer Erhaltung und ein Tetradrachmon von Metapont mit 
dem Kopf des Heros Leukippos, beide aus dem 4. Jahrhundert. 
Die deutschen Kaisermünzen wurden bereichert durch An- 
käufe aus dem Nachlass des Majors Schleiss, die Abteilung der 
Witteisbacher Medaillen, welche im Kabinet einen hervor- 
ragenden Platz einnimmt, durch zwei Porträtstücke (Anna 
^a Franziska von Lauenburg, in erster Ehe vermählt mit 
Philipp Wilhelm von der Pfalz, und Anna Maria Louise von 
Medicis, Gemahlin des Johann Wilhelm von der Pfalz). 

Von Geschenken seien erwähnt jene des Königlich 
siamesischen Hofarchitekten Sandrezky, des englischen Schrift- 
stellers Sidney-Whitman, der Herren Willmersdörflfer (Vater 
und Sohn) in München und des Kgl. Hauptmünzamtes. Femer 
vermachte Herr von Pettenkofer die ihm von gelehrten 
Gesellschaften, Münchener Bürgern u. a. gestifteten fünf gol- 
<äenen Ehrenmedaillen. 

Das Kabinet wird nach Lage der Sache von Sammlern, 
"rivaten und Händlern stark in Anspruch genommen; daraus 
^fgeben sich ähnliche Vorteile wie beim Gipsmuseum. 

Im Jahre 1901 waren es hauptsächlich eine Reihe mittel- 
alterlicher Münzfunde, welche dem Kabinet zur wissen- 
^taftlichen Aufnahme und teilweisen Erwerbung zugingen 
(darunter die wichtigsten von Wiedermünchsdorf bei Vilshofen, 



222 Oeffentliche Sitzung vom 13, März 1902. 

Seiboldsdorf bei Vilsbiburg aus dem 13. Jahrhundert, von 
Dökingen bei Gunzenhausen ; unter den 2000 Schwarzpfennigen 
des letzteren fand sich eine bisher unbekannte Münze des Grafen 
Heinrich V. von Qörz). 

Bestimmung und Einordnung der bereits erwähnten 
und einiger neuerer Funde, sowie die Arbeiten für die Fertig- 
stellung des IL Bandes der Witteisbacher Münzen und Medaillen 
nahmen den grössten Teil des Jahres 1901 in Anspruch. 

Dem Münzkabinet angegliedert ist das Gemmenkabine t. 
Seit dem epochemachenden Werke Professor Furtwänglers 
steigt das Interesse für diese reizenden kleinen antiken Kunst- 
werke von Jahr zu Jahr. Das Münzkabinet war ausserdem in 
der Lage, einige erlesene Stücke griechischen, ägyptischen und 
orientalischen Ursprungs (besonders merkwürdige babylonische 
Thonzylinder) zu erwerben. 

Das Masenm für Abgüsse klassischer Bildwerke, dessen 
lokale Vereinigung mit dem archäologischen Seminar sich 
immer vorteilhafter erweist und dessen Besuch (im Jahre 1898 
bereits 3500 Personen, Künstler und Gelehrte ungerechnet) 
von Jahr zu Jahr zunimmt, widmet sich mit besonderem 
Eifer und Erfolg der modernsten Aufgabe der Gipsmuseen, 
der Rekonstruktion fragmentierter, antiker Statuen. 

Im Jahre 1900 wurde die knidische Aphrodite des Praxi- 
teles in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder hergestellt, eben- 
so die Amazone des Phidias, im Jahre 1901 die Restitution 
des Diskuswerfers von Myron vollendet. Es wurde nämlich 
der Abguss des kopflosen Torso im Vatikan mit dem von 
Professor Furtwängler im Louvre entdeckten, dort nicht er- 
kannten Abguss des Kopfes des Diskobols vereinigt, dessen 
Original sich im Palazzo Lancelotti befindet, aber seit 30 Jahren 
absiolut unzugänglich ist. Zum erstenmal kann nun das be- 
rühmteste Werk des Myron im vollkommenen Abguss studiert 
werden. 

Diese Rekonstruktion fand solchen Beifall, dass sie bereits 
von 9 auswärtigen Sammlungen erworben wurde. 



\ 



V, Zittel: Ansprache, 223 

Die Negativ - Schwefelabdrücke von geschnittenen 
Steinen wurden um 90 Stück vermehrt und durch eine Be- 
irilligung aus dem Mannheimer Fond 1948 Glaspasten nach 
.ntiken Gemmen erworben. 

Auf spezielle Veranlassung des Konservators wurden in aus- 
wärtigen Sammlungen (Hannover, Kopenhagen, Rom, Florenz, 
Uexandrien) 17 Stücke neugeformt, darunter ein Portrait 
Uexanders des Grossen; durch Kauf und Geschenke wurden 
'3 grosse Abgüsse, 11 Guss- und 203 Gemmenformen erworben. 

Da das Abgussmuseum in München mehr und mehr zu 
dner Zentrale für alle die Antike betreffenden Ange- 
egenheiten wird, so gelangen fortwährend aus Kunsthandel 
md Privatbesitz antike Gegenstände zur Ansicht und Begut- 
ichtung und unter ihnen somit manches wertvolle Stück in 
tfarmor, Bronze, Terrakotta und Gold zur wissenschaftlichen 
venntnis und Verwertung, das sonst im Privatbesitz ver- 
ichwände. Diesem Vorteil verdankt das Museum einen Zuwachs 
fon 78 wertvollen Plattennegativen. 

Die Photographiensammlung hat sich im Jahre 1900 
im 533 Stück, im Jahre 1901 um 407 Stück vermehrt, die 
fanze Sammlung beträgt nunmehr 10000 Stück und wurde 
lurch sorgfältige Ordnung im Jahre 1901 der allgemeinen Be- 
lützung zugänglich gemacht. 

Ethnographisches Museum: Die Mehrung des ethno- 
graphischen Museums betrug im Jahre 1900 175 Nummern, 
m Jahre 1901 136 Nummern, wobei die Zuwendung chi- 
lesischer WafiFen von seite Seiner Kgl. Hoheit des Prinz- 
"egenten zu erwähnen ist. Die wichtigste Arbeit des Jahres 1901 
gestand in der Durcharbeitung der umfangreichen, zum Teil 
sehr kostbaren japanischen Sammlung und der Anfertigung 
eines Zettelkataloges für dieselbe durch den japanischen Ge- 
lehrten Shinkiki Hara, wodurch für eine grosse Reihe unver- 
ständlicher oder (von europäischen Verhältnissen aus) falsch 
gedeuteter Darstellungen die richtigen Erklärungen ermög- 
licht wurden. 



\ 



224 Oeffentliche Sitzung vom 13. März 1902, 

Die meisten Darstellungen auf den vielbewunderten kunst- 
gewerblichen Gegenständen sind keine willkürlichen, phan- 
tastischen, sondern grösstenteils der Mythologie, der Sage, 
Geschichte u. s. w., oder auch moralischen Beispielen ent- 
nommen. 

Der anthropologisch-prähistorischen Sammlang gelang es ^ 
nach vielerlei Mühen mit Unterstützung des Mannheimer Fonds ^ 
die grossartige, steinzeitliche Sammlung des Bauers Lichten- — 
eck er vom Auhügel bei Hammerau (B.-A. Laufen) anzukaufen. — 
Neben dieser Erwerbung verdient der vom Museum selbst unter- — 
nommene Abbau von 150 ßeihengräbern in Inzing bei Hart- — 
kirchen (B.-A. Griesbach) hervorgehoben zu werden. Aus den m~i 
mit Zuschüssen des Etats für Erforschung der Urgeschichte -^3 

erfolgten Ausgrabungen flössen der Sammlung eine nicht un- 

erhebliche Menge werthvoller Gegenstände zu: wichtige stein- 

zeitliche Gefiissscherben und Knochen aus den Trichtergruben -^^■ 
bei Wenigumstadt durch Hauptmann a. D. von Haxt hausen, .«- 
Gegenstände aus der La Tene-Periode , welche durch Herrn -ä:=^ 

Oberamtsrichter Weber bei Lenting (B.-A. Ingolstadt) ge- 

funden wurden, endlich als das wertvollste etwa 100 Qefasse ^e^ 
der Hallstattzeit, welche Herr Bezirksarzt Dr. Thenn aus den -^^ 
Urnenfeldern bei Beilngries erhob und so vorzüglich bearbeitete ^^ 
und ergänzte, dass diese bedeutende Sammlung ohne weiteres ^^ 
der Schausammlung einverleibt werden kann. An den zahl- * — ' 
reichen Geschenken an dieses Museum hat sich Dr. Haberer ^^ 
in hervorragender Weise beteiligt; er widmete der Sammlung "3 
u. a. 80 japanische Affenschädel (Innus speciosus), 45 Chinesen- ^ 
Schädel, ein vollständiges Chinesenskelett und einen künstlich 
deformierten Chinesenfuss. 

Aus München erhielt die Sammlung von Ingenieur Brug 
ein Kupfergussstück, das dadurch merkwürdig ist, dass es im 
alluvialen Kiesgerölle in der Pilgersheimerstrasse zwischen Eisen- 
bahnbrüoko und Mariauum gefunden wurde, von Kechnungsrat 
Uebelackor Knochen von Hirsch, Ziege u. s. w., welche 4 m 
tief am Karlsthor gefunden wurden, sowie einen bronzezeit- 



V, Zittel: Ansprache. 225 

liehen Depotfund, welcher in der Widenmayerstrasse auf dem 
Löss entdeckt wurde. 

Botanischer Garten: Die ira Jahre 1900 begonnene Re- 
organisation des botanischen Gartens wurde im Jahre 1901 
durch Vergrösserung der Alpenpflanzenanlage, Einrichtung 
eines besonderen Kulturhauses für Hymenophylleen und 
eines Parnenhauses weiter fortgeführt. 

Das im letzteren untergebrachte Vegetationsbild ist durch 
die von Konservator Göbel aus Neuseeland und Australien 
mitgebrachten, sowie durch die im Jahre 1901 aus Neu-Süd- 
wales, Neuseeland und Nordamerika bezogene Farne eine 
Sehenswürdigkeit Münchens geworden. Einige der hier ver- 
tretenen Typen befinden sich überhaupt nirgends in Kultur. 
Eine Ausstellung der Kalthauspflanzen im Sommer, sowie 
eine Neuanlage für Freiland am Glaspalast macht den 
botanischen Garten für die Besucher lehrreicher und an- 
regender. Der Thätigkeit des Konservators gelang es, mehrere 
Vereine und Private zu Beiträgen zu veranlassen, aus denen 
unter einem Zuschuss der Akademie von 1000 M. die Er- 
richtung des Alpengartens auf dem Schachen für wissen- 
schaftliche und praktische Zwecke im Jahre 1900 in Angriff 
genommen und im Jahre 1901 vollendet werden konnte. 
Keinem anderen botanischen Garten Deutschlands steht nun- 
mehr ein solches Hilfsmittel zur Verfügung. 

Pflanzenphyslologisches Institut: Den Hauptzuwachs er- 
hielten die Bestände durch die Sammlungen des Konservators 
in Australien und Ceylon, ferner durch die von Kustos Pro- 
fessor Giesenhagen im malaiischen Archipel gesammelten 
Materialien. Beide Vermehrungen wurden zur Ausführung 
einer Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen benutzt. 

In seinem Berichte über die wissenschaftliche Thätigkeit 
des Instituts, welche ihren gewohnten Gang nahm, hebt der 
Konservator die geringe Beteiligung bayerischer Studieren- 
der hervor, da die Prüfungsordnung die Lehramtskandidaten 
zwingt, sich fast ausschliesslich der Chemie zu widmen. Die 

1902. SiUangsb. d. math.-phys. Ol. 15 



226 Oeff entliehe Sitzung vom 13. März 1902, 

Folge ist, dass es schwierig ist, aus dem Kreise bayerischer 
Studenten Institutsassistenten zu gewinnen, dann aber, dass 
die Zahl der Lehrer an den Mittelschulen, welche sich an der 
Erforschung der Pflanzenwelt Bayems in ihrem Berufe be- 
teiligen, zum Nachteil der naturwissenschaftlichen Erkenntnis 
Bayerns im Vergleich zu der Teilnahme dieser Stände in an- 
deren deutschen Staaten verhältnismässig eine allzu geringe ist. 
Die Kryptogamensammlung, ohnehin eine der wert- 
vollsten der Welt, hat die auf 10000 M. geschätzte Sammlung 
des Oberlandesgerichtsrates Arnold zum Geschenk erhalten, 
und ebenso für das Herbarium boicum 800 Exemplare von 
Moosen von dem Medizinal rate Dr. Holler in Memmingen. 

Botanisches Museum: Im Jahre 1900 erwarb das botanische 
Museum durch Kauf 1282, im Jahre 1901 1584 Arten, dar- 
unter 133 aus Kamerun mit 55 Holzproben, durch Tausch 
im Jahre 1900 250, im Jahre 1901 36 Arten, als Geschenk 
im Jahre 1900 1518, und im Jahre 1901 2452. Behufs Ver- 
wertung für die Wissenschaft wurden Materialien an verschiedene 
Autoren in Deutschland, Dänemark, Schweiz, Belgien und 
Russland leihweise abgegeben. Eingesendetes Material aus 
Indien, Nordamerika, Costarica, Schweiz und Berlin wurde 
bearbeitet. 

Konservator Radlkofer bearbeitete selbst die brasili- 
anischen Sapindaceen, von denen das Schlussheft (im Ganzen 
55 Bogen mit 66 Tafeln) erschien, und veranlasste vier Ar- 
beiten anatomisch- systematischer Richtung auf Grund des 
Museumsmateriales. Die Bibliothek konnte durch besondere 
Bewilligung des Landtages schwer empfundene Lücken aus- 
füllen. 

Mineralogische Sammlung: Die verfügbaren Mittel wurden 
im Jahre 1900 auf Anschaffung einer Reihe von Schränken 
verwendet, um die immer mehr anwachsenden Gesteinssamm- 
lungen, hauptsächlich die Aufsammlungeu von Dr. Weber im 
Monzonigebieto (Fassathal) und des Reallehrei-s Düll im Fichtel- 
gebirge unterzubringen. Im Jahre 1901 wurden die Krystalle 



V. Zittel: Ansprache, 227 

neu aufgestellt und die Meteoritensammlung vermehrt. Von 
Geschenken sind zu erwähnen: 1. von der Tamnau-Stiftung 
in Berlin ein Teil der von Dr. Grünling in Ceylon zusammen- 
gebrachten Sammlung, 2. von Felix Zeiska in Kissingen 
Mineralien aus den norddeutschen Salzlagerstätten. 

Geologisclie Sammlung: In den Jahren 1900 und 1901 
fanden Aufsammlungen statt in den Bayerischen und Salzburger 
Alpen, besonders am Fusse der Zugspitze, sodann im Gebiet 
des Schiern und der Seiser Alp. Aus dem fränkischen Jura 
wurden Versteinerungen, ferner eine Sammlung von Bernstein- 
insekten, sowie eine geologisch kolorierte Reliefkarte des Kar- 
wendel erworben. Frau Dr. Gordon-Ogilvie schenkte ihre 
Ausbeute aus den tiefsten Triasschichten bei Campitello im 
Fassathal. 

Paläontologisclies Museum: Aus den Erwerbungen der 
paläontologischen Sammlung sind hervorzuheben : 1 . Versteine- 
rungen aus Trias, Kreide und Tertiär Nordwestdeutschlands von 
Dr. Behrendsen in Göttingen, 2. einige Prachtstücke aus den 
Solenhofer Schiefern (u. a. Fuss eines sehr grossen Pterodactylus, 
Homoeosaurus) , 3. wertvolle Reste von Rhinoceros aus der 
altberühmten Fundstätte bei Georgensgmünd in Mittelfranken, 
4. eine sehr vollständige Sammlung Versteinerungen aus der 
weissen Kreide Rügens. 

Von Geschenken sind zu erwähnen: 1. ein schön er- 
haltener Schädel von Aceratherium tetradactylum , gefunden 
W Schönau (Niederbayern) von Expositus Paintner, 2. eine 
von Dr. Hab er er noch vor Ausbruch des chinesischen Krieges 
Jö China zusammengebrachte, höchst wertvolle Sammlung fos- 
siler Säugetierreste, die zahlreiche, bis jetzt unbekannte Formen 
enthält, femer devonische Brachiopoden und jungtertiäre 
Brachyuren, 3. Säugetierrreste aus der Pampasformation in 
Uniguay, worunter ein fast vollständiger Panzer des Riesen- 
gürteltieres von Dr. Otto Günther in Fray Bentos, 4. Herr 
Albert Hentschel schenkte die Ergebnisse seiner dreimonat- 
lichen Forschungen auf der Insel Samos dem Museum, worin 

15* 



228 Oeffentliche Sitzung vom 13. März 1902, 

sie eine höchst wertvolle Erweiterung der Stützel'schen Auf- 
sammlungen bilden. 

Der paläontologischen Sammlung steht ein Fond zur Ver- 
fügung, den Herr Kommerzienrat Anton Sedlmayr von Mün- 
chener Bürgern zusammengebracht hat. Aus ihm konnten 
4 Expeditionen bestritten werden, welche alle von glänzendem 
Erfolg begleitet waren: 1. Zwei Expeditionen nach Südpata- 
gonien, die gemeinsam mit Professor Florentino Ameghino 
ausgeführt wurden; durch diese erhielt unser Museum einmal 
die merkwürdige Fauna der Santa Cruz-Schichten fast in gleicher 
Vollständigkeit wie in den Museen von La Plata und Buenos 
Aires, sodann eine hochinteressante Sammlung der von Carlos 
Ameghino entdeckten und von Florentino Ameghino be- 
schriebenen ältesten Säugetierreste aus angeblich obercretaci- 
schen Ablagerungen. Von diesen merkwürdigen, zum Teil primi- 
tiven, zum Teil aber auch schon ziemlich hoch differenzierten 
Formen, unter denen sich auch die grosse Gattung Pyrrho- 
therium befindet, deren systematische Stellung noch nicht mit 
Sicherheit ermittelt werden konnte, ist bis jetzt noch kein Stück 
in ein anderes ausseramerikanisches Museum gelangt. 2. Eine 
Expedition unter Leitung des Professors John Merriam, eines 
früheren Schülers unserer Universität, in Oregon, wodurch 
unsere Sammlung alle wichtigeren Säugetierreste des John Day- 
Horizontes und zwar in mehr oder minder vollständigen 
Schädeln und Skeletteilen erhielt; 3. eine Expedition des 
Sammlers Charles Sternberg im Sommer 1901 nach den per- 
mischen Ablagerungen im nördlichen Texas. Die Akademie 
entsandte zur Teilnahme, Kontrolle und geologischen Unter- 
suchung Herrn Dr. Broili, Assistent am paläontolog. Museum. 
Schon jetzt zeigt sich, dass die in Texas erworbene Sammlung 
der besten ihrer Art, welche sich im American Museum in 
New York befindet, nahezu gleichkommt, ja sie in mancher 
Hinsicht sogar übertriffl. Vollständig auspräpariert wird sie 
eine Zierde des Museums bilden. 



19. ZUM: Amp räche. 



223 



Die Negativ- Seh wefe lab drücke von geschnittenen 
Steinen wurden um 90 Stück vermehrt und durch eine Be- 
willigung aus dem Maiinheinier Fond 1*)48 Glasp asten nach 
' antiken Gemmen erworben. 

Anf spezielle Veranlassung des Konservators wurden in aus- 
wärtigen Sammlungen (Hannover, Kopenhagen, Rom, Florenz, 
Alexandrien) 17 Stücke neugefornit, darunter ein Portrait 
Alexanders des Grossen; durch Kauf und Geschenke wurden 
73 grosse Abgüsse, 11 Guss- und 203 Gemmenformen erworben. 

Da das Abgussmusenm in München mehr und mehr zu 
einer Zentrale für alle die Antike betreffenden Ange- 
legenheiten wird, so gelangen fortwährend aus Kunsthandel 
und Privatbesitz antike Gegenstände zur Ansicht und Begut- 
,^ftehtung und unter ihnen somit manches wertvolle Stück in 
'^ffarmor, Bronze, Terrakotta und Gold zur wissenschaftlichen 
Kenntnis und Verwertung* das sonst im Privatbesitz ver- 
schwände. Diesem Vorteil verdankt das Museum einen Zuwachs 
von 78 wertvollen Platten negativen* 

Die Photographien Sammlung hat sich im Jahre 1900 
um 533 Stück, im Jahre 1901 um 407 Stück vermehrt, die 
ganze Sammlung beträgt nunmehr 10000 Stück und wurde 
durch sorgfiLltige Ordnung im Jahre 1901 der allgemeinen Be- 
QÜtzung zugänglich gemacht 

Ethnographisches Museum: Die Mehrung des ethno- 
graphischen Museums betrug im Jahre 1900 175 Nummern, 
im Jahre 1901 136 Nummern, wobei die Zuwendung chi-- 
oesischer Waffen von seite Seiner KgL Hoheit des Prinz- 
regenten zu erwähnen ist. Die wichtigste Arbeit des Jahres 1901 
bestand in der Durcharbeitung der umfangreichen, zum Teil 
sehr kostbaren japanischen Sammlung und der Anfertigung 
einee Zettelkataloges für dieselbe durch den japanischen Ge- 
lehrten Shinkiki Hara, wodurch für eine grosse Reihe unver- 
ndl icher oder (von europäischen Verhältnissen aus) falsch 
euteter Darstellungen die richtigen Erklärungen ermög- 
licht wurden. 




230 Oeffentliche Sitzung vom 13, März 1902. 

Schutzgebieten, ein Wisent-Skelett und ein schön ausgestopfter 
Transvaallüwe. 

Anatomie: Die Sammlung der anatomischen Anstalt für 
deskriptive und topographische Anatomie ist durch 9 Präparate 
im Jahre 1900 und durch 11 Präparate im Jahre 1901 be- 
reichert worden, worunter sich eine Serie von Modellen über 
die Gehirn entwicklung nach His befindet; die Abteilung für 
Histiologie und Embryologie wurde durch eine grosse Zahl von 
Schnittserien zur vergleichenden Entwicklung der Wirbeltiere 
vervollständigt. 

Die übrigen, dem Generalkonservatorium unterstellten In- 
stitute, das physiologische Institut, die Sternwarte, das chemische 
Laboratorium und das physikalisch-metronomische Institut, sind 
keine eigentlichen Sammlungen, oder es sind ihnen nur kleinere 
Sammlungen, wie dem chemischen Laboratorium, beige- 
geben. Sie dienen vorwiegend dem Unterricht oder wissenschaft- 
lichen Untersuchungen und die hiefiir gebrauchten Apparate 
bilden den Bestand dieser Konservatorien. Aus dem chemischen 
Laboratorium gingen im Jahre 1900 67 Arbeiten, aus dem 
physiologischen Institut im Jahre 1900 8, im Jahre 1901 
10 grössere Abhandlungen hervor. Die Sternwarte setzte 
ihre mit dem Meridiankreis seit Jahren angestellten Beobach- 
tungen weiter fort, ebenso die photographischen Dauerauf- 
nfihmen zur Untersuchung des Fixsternhimmels mit dem aus 
Mitteln der Akademie Jin geschafften Doppelfernrohr, femer die 
meteorologischen und erdmagnetischen Beobachtungen, wobei 
freilich bei letzteren infolge der Einwirkung des elektrischen 
Trambahnbetriebes, welcher die magnetischen Kurven aufs 
empfindlichste stört, die Lloyd'sche Wage ausser Betrieb ge- 
setzt werden musste. 

Wie aus den angeführten Mitteilungen hervorgeht, haben 
dio im Gonoralkonsorvatorium vereinicfton wissenschaftlichen 
Sainmhin<r«^n und Attribute auch in den zwei vergangenen 
Jahren recht ansehnliche Fortschritte gemacht. Ebenso herrschte 



t». Zülüi Ansprache, 



225 



liehen Depotfund, welcher in der Widenmayerstrasse auf dem 
Lioss entdeckt wurde. 

BötaEischer Oarteu: Die im Jahre 1900 begonnene Re- 
organisation des bottinischen Gartens wurde ira Jahre 1901 
ilurch Vergrösserung der Alpenpflanzenanlage, Einrichtung 
eines besonderen Kulturhauses für Hjmenophylleen und 
eines Farnenhauses weiter fortgeführt* 

Das im letzteren untergebrachte Vegetation sbild ist durch 
<lie von Konservator Gobel ans Neuseeland und Australien 
mitgebrachten, sowie durch die im Jahre 1901 aus Neu-Süd- 
Wales, Neuseeland und Nordamerika bezogene Farne eine 
Sehenswürdigkeit Münchens geworden. Einige der liier ver- 
tretenen Typen befinden sich überhaupt nirgends in Kultur. 
Eine Ausstellung der Kalthauspflauzen im Sommer, sowie 
iine Neu an läge für Freiland am Glaspalast macht den 
botanischen Garten flir die Besucher lehrreicher und an- 
regender. Der Thätigkeit des Konservators gelang es, mehrere 
Vereine und Privat© zu Beiträgen zu veranlassen, aus denen 
antt*r einem Zuschuas der Akademie von 1000 M, die Er- 
richtung des Alpen gartens auf dem Schachen für wissen- 
schaftUche und praktische Zwecke im Jahre 1900 in Angriff 
genommen und im Jahre 1901 vollendet werden konnte. 
Keinem anderen botanischen Garten Deutschlands steht nun- 
mehr ein solches Hilfsmittel zur Verfügung, 

Pflanzenphyslologisohes Institut; Den Hauptzuwachs er- 
hielten die Bestände durch die Sammlungen des Konservators 
in Australien und Ceylon, ferner durch die von Kustos Pro- 
fessor Giesenhagen im malaiischen Archipel gesammelten 
Materialien* Beide Vermehrungen wurden zur Ausführung 
einer Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen benutzt. 

In seinem Berichte über die wissenschaftliche Thätigkeit 
deg Instituts, welche ihren gewohnten Gang nahm, hebt der 
Konservator die geringe Beteiligung bayerischer Studieren- 
der hervor^ da die Prüfungsordnung die Lehramtskandidaten 
zwingt, sich fast ausachliesslich der Chemie zu widmen. Die 

lK>a. Sitiungsb. d. iiiaih*'phyt. Gl. 15 



232 Oeffentliche Sitzung vom 13. Märe 1902. 

mern des Landtags. Mit dem schon oft von dieser Stelle 
wiederholten Wunsch nach einer baldigen Verbesserung unserer 
jetzigen, wenig erfreulichen Verhältnisse und in der zuversicht- 
lichen Erwartung, dass unsere Wünsche in absehbarer Zeit ir 
Erfüllung gehen mögen, schliesse ich und erteile den Herrer 
Classensekretären das Wort zur Verlesung der Nekrologe aui 
unsere heimgegangenen Mitglieder. 



Der Classensekretär der mathematisch-physikalischen Classe 
Herr C. v. Voit theilt mit, dass die mathematisch-physikalischi 
Classe in den beiden letzten Jahren 9 Mitglieder, drei ein- 
heimische und sechs auswärtige durch den Tod verloren hat 

Es sind gestorben: 

1. am 10. Februar 1901 der frühere Präsident der Akademie 

der Chemiker und Hygieniker Max v. Pettenkofer 
ihm ist in der Festsitzung vom 16. November 1901 durcl 
den Classensekretär C. v. Voit eine eigene Gedächtnissred 
gewidmet worden; 

2. am 9. Oktober 1901 der Botaniker Robert Hartig und 

3. am 21. Januar 1902 der Zoologe Emil Selenka. 

Ferner : 

1. am 21. Februar 1900 der Astronom Charles Piazzi Smyt 

in Edinburgh; 

2. am 11. Juni 1900 der Physiologe Willy Kühne in Heidelberg 

3. am 14. «Tanuar 1901 der Mathematiker Charles Hermit 

in Paris; 

4. am 12. Augustl901 der Geologe Nils Adolf Erik Norden 

skjöld in Stockholm; 

5. am 21. August 1901 der Physiologe Adolf F ick in Würzburg 

6. am 22. November 1901 der Zoologe Alexander Kowalewsk 

in St. Petersburg. 



C. Voü: Nekrolog auf Böbert Hartig, 233 

Robert Hartig.^) 

Am 9. Oktober 1901 ist das ordentliche Mitglied der 
mathematisch-physikalischen Classe der Akademie, der verdiente 
Rotaniker Robert Hartig im 63. Lebensjahre nach kurzer 
Kirankheit gestorben. Noch in voller Kraft, mitten aus dem 
eifrigsten und fruchtbarsten Schaffen heraus, ist er aus dem 
Leihen geschieden. Er war einer derjenigen Gelehrten, welche 
die Forstwirthschaft auf naturgesetzliche Grundlagen zu stellen 
suchte durch die naturwissenschaftliche Erforschung des Lebens 
der Waldbäume; er hat dadurch nicht nur die praktische Forst- 
w^^thschafl, sondern auch die Botanik in hohem Grade gefordert. 
Robert Hartig wurde am 30. Mai 1839 zu Braunschweig 
getoren als Sprosse einer Familie, die durch drei Generationen 
dem Forstfache angesehene Vertreter geliefert hat: Der Gross- 
vater Georg Ludwig Hartig that sich, nachdem er vorher als 
Forstmeister des Fürsten von Solras-Braunfels eine Privatforst- 
schule zu Hungen geleitet und ein treffliches Lehrbuch für 
Förster geschrieben hatte, zuletzt als Oberlandforstmeister in 
Berlin als Organisator der Forstverwaltung Preussens sowie 
als einer der Begründer des rationellen Waldbaues hervor; der 
Vater Theodor Hartig, Professor der Forstwissenschaft am 
Collegium Carolinum in Braunschweig, war durch seine Kennt- 
nisse in der Anatomie und Physiologie der Holzpflanzen einer 
ier ersten Forstbotaniker und hatte sich unter Anderem durch 
^e Auffindung der Kleberkörner oder des Aleurons in den 
Zellen der • Pflanzensamen, den ersten Nachweis krjstallisirten 
Eiweisses, sowie durch seine Ertragsuntersuchungen einen sehr 
geachteten Namen gemacht; der aufgeweckte und wissens- 
äurstige Sohn Robert trat, die Tradition der Familie fort- 
setzend, in die Fusstapfen des Vaters, bei dem er sich von 
früher Jugend an reiche botanische und forstliche Kenntnisse 

*) Dr. A. Ciealar, Centralblatt für das gesammte Forstwesen, 1902. 
^ri Wilhelm, Österreich. Vierteljahrschrift für Forstwesen, 1901. 
Dr. Emil Meinecke, ein Nekrolog. 



234 OeffentUche Sitzung vom 13, März 1902. 

erwarb, die ihm als feste Grundlage für seine spätere Ent 
Wicklung dienten. 

Anfangs war er, in seiner Vorliebe für den Wald, geneigi 
sich dem praktischen Forstdienste zu widmen. Er war sehe 
so weit vorgebildet, dass er gleich nach Absolvirung des Gym 
nasiums, in den Jahren 1859 — 1861 weite forstliche Reise 
durch die Waldungen Deutschlands unternehmen konnte, wob( 
er eigene Anschauungen und reiche Erfahrungen über die forsi 
liehen Verhältnisse sammelte, die er später in seiner erste 
Schrift verwerthete. 

Er studirte dann an der forstlichen Abtheilung des Colk 
gium Carolinum zu Braunschweig während zwei Jahren Forsi 
Wissenschaft, vorzüglich bei seinem Vater. Nach der 186 
bestandenen Prüfung für Forstbeamte hörte er noch an d( 
Universität Berlin juristische und kameralistische Vorlesunge 
und trat hierauf in den braunschweigischen Staatsforstdiens 
wo er 1865 seine definitive Anstellung erhielt. Aber d< 
gleichmässige Dienst im Bureau war seinem regsamen GeL 
nicht zusagend; es war ihm unmöglich, sich dies als Lebern 
beruf zu denken und als ihm die Beschäftigung mit wisset 
schaftlichen Arbeiten untersagt wurde, nahm er nach füi 
Vierteljahren den Abschied aus dem Staatsdienst. 

So wurde der praktische Forstmann mehr und mehr d( 
Wissenschaft zugeführt. Er erwarb sich (1866) an der Un 
versität Marburg den Doktorgrad und begann zunächst eir 
rege schriftstellerische Thätigkeit; schon bei seinen vorher ei 
wähnten Wald Wanderungen hatte er umfassende Beobachtunge 
über den Zuwachs der Bäume angestellt und darüber (186* 
sein erstes Werk: „vergleichende Untersuchungen über de 
Wachsthumsgang und Ertrag der ßothbuche und Eiche ii 
Spessart, der Hothbuche im östlichen Wesergebirge, der Kieft 
in Pommern und der Weisstanne im Schwarzwald" heraus 
ausgegeben, die er als Doktordissertation benützte. Dan 
sammelte er das Material für die Aufstellung der Ertragstafel 
für die Fichte und Kothbuche, welches er (1868) in eine 
grösseren Abhandlung: „Die Rentabilität der Fichtennutzhob 



C. Voit: Nekrolog auf Eohert Hartig. 235 

und Buchenbrennholzwirthschaft im Harz und im Wesergebirge* 
verarbeitete. 

Dadurch war der hannoverische Forstdirektor Burckhardt 
auf den strebsamen jungen Forstmann aufmerksam geworden 
und lud ihn ein, in die hannoverische Forsteinrichtungs- 
Kommission als Forstgeometer einzutreten und die Vermessung 
eines Waldcomplexes zu übernehmen. Da kam nach einer 
m ehrmonatlichen Thätigkeit ein Ereigniss, das seinem Leben 
eine andere, glückliche Wendung gab und ihn bleibend für 
die Wissenschaft und die akademische Laufbahn gewann. Er 
erliielt nämlich (1867) den Antrag, an Stelle des erkrankten 
Professors Julius Theodor Ratzeburg, des ausgezeichneten 
Kenners der Forstinsekten, die Vorlesungen über Zoologie und 
Botanik an der preussischen Forstakademie Eberswalde zu 
übernehmen; es ist ein Zeichen seiner Kenntnisse und seiner 
Energie, dass er vier Tage später diese Vorlesungen begann. 
Nach der Genesung Ratzeburg's wurden ihm die Vorlesungen 
über Botanik (1869) unter Beförderung zum Dozenten definitiv 
übertragen; 1871 erfolgte seine Anstellung als Professor der 
ßotanik. 

Als solcher beschäftigte er sich anfangs noch mit mehr 
forstlichen Problemen z. B. mit dem Zuwachs und dem Dicken- 
^achsthum der Waldbäume und mit Bestimmungen des speci- 
fi^chen Frisch- und Trockengewichtes, des Wassergehaltes und 
Schwindens des Kiefernholzes, aber bald wandte er sich rein 
^botanischen Fragen zu, jedoch fast ausschliesslich solchen, 
Welche sich an die Kultur der Waldbäume anschlössen; in 
Polge seiner gründlichen Ausbildung in der Forstwirthschaft 
^nd seiner reichen Kenntnisse in der Botanik bewegte er sich 
^uf einem Grenzgebiete, welches die Botaniker wegen ihrer 
hangelnden Erfahrung des Lebens der Waldbäume nicht be- 
traten und von dem aus die Resultate der Wissenschaft als- 
Wd für die Praxis die werth vollste Anwendung fanden. 

In zwei Richtungen der Botanik hat er Hervorragendes 
geleistet: in der Lehre von den Baumkrankheiten und in der 
^on dem Bau der Bäume. 



236 Oeffentliche Sitzung vom 13, Mär£ 1902, 

Bei seinen Beobachtungen im Walde wurde er auf krank- 
hafte Veränderungen der Holzgewächse, insbesondere durch 
niedere pflanzliche Organismen, durch Pilze, aufmerksam, die 
man vorher kaum beachtet hatte, da dazu eingehende mikro- 
skopische Studien nöthig waren, welche der praktische Porst- 
mann damals nicht anzustellen vermochte. Ueber die Krank- 
heiten der Pflanzen überhaupt war nur wenig bekannt, wäh- 
rend über die Erkrankungen des thierischen Organismus schon 
seit längerer Zeit wichtige Kenntnisse vorlagen. Erst im 
Jahre 1858 erschien Kühn's trefiFliche Schrift über die Krank- 
heiten der Culturgewächse; darnach wurde durch die Arbeiten 
von Tulasne in seiner Carpologie (1861) und von De Bary in 
seinem epochemachenden Werke über die Morphologie und 
Biologie der Pilze (1866) der exakte Nachweis erbracht, dass 
eine Anzahl von Pflanzenkrankheiten auf dem Eindringen para- 
sitischer Pilze in das Gewebe der Pflanzen beruht. Hartig 
erkannte alsbald die Wichtigkeit der Sache und gieng mit 
wahrem Feuereifer an die Erforschung der pathogenen Para- 
siten der Bäume. Durch eine lange Reihe ausserordentlich er- 
folgreicher Untersuchungen förderte er die Kenntniss der Lebens- 
erscheinungen und der Entwicklungsgeschichte der Schmarotzer- 
pilze in sehr erheblichem Maasse. Er hat dabei ein Paar 
Dutzend neue Arten derselben entdeckt und ebenso viele schon 
bekannte eingehend in anatomischer und physiologischer Rich- 
tung untersucht. Es gelang ihm, den Bau des Myceliums der 
Holzparasiten im Inneren des Baumes zu erkennen und das 
Vordringen der Hyphen im Holz zu verfolgen; auch erweiterte 
er wesentlich die Kenntnisse von dem Bau und der Entwick- 
lungsgeschichte der Fruchtkorper, besonders der Hymenomy- 
ceten. Indem er zusah, in welcher Weise die Pilze auf ihre 
Nährpflanzen einwirken und wie schliesslich das abgetödtete 
Holz zersetzt wird, fand er die merkwürdige Thatsache, dass 
jeder Holzparasit eine ihm eigenthümliche Zerstörungsweise 
ausübt, sein besonderes „Zerstörungsbild* erzeugt. Er legte 
seine Erfahrungen in dem Buch: „Die wichtigen Krankheiten 
der Waldbäume" (^1874) sowie in dem umfassenden Werk: 



G. Voü: Nekrolog auf Bohert Hartig. 237 

»Die Zersetzungserscheinungen des Holzes der Nadelholzbäume 
und der Eiche in forstlicher, chemischer und botanischer Rich- 
tung* (1878) nieder, wodurch er sich zum Begründer der 
Lehre von den Baumkrankheiten und zu der unbestritten ersten 
Autorität auf dem Gebiete der Pflanzenpathologie erhob. 

Als die bayerische Staatsregierung (1878) die Ausbildung 
der staatlichen Forstbeamten an die hiesige Universität ver- 
legte, und in dankenswerthester Weise eine Stätte für die 
Wissenschaft gründete, war sie mit weitem Blick bestrebt, die 
bedeutendsten Fachmänner zu gewinnen ; mit Baur, Ebermayer, 
Gfayer und Heyer wurde auch Hartig berufen und zwar als 
Professor der Anatomie, Physiologie und Pathologie der Pflanzen 
so 'wie als Vorstand der botanischen Abtheilung der forstlichen 
V^ersuehsanstalt und des forstbotanischen Laboratoriums. 

Hier bekam er nach Errichtung des mit allen Hilfsmitteln 
avtsgerüsteten forstbotanischen Instituts das seinen Neigungen 
\^T\d Talenten zusagende Feld für eine äusserst fruchtbare 
Tliätigkeit als Lehrer und Forscher. 

Er setzte darin anfangs seine Studien über Krankheiten 
A^T Holzpflanzen fort. Im Jahre 1882 sammelte er die Er- 
ff^lnisse derselben in einem viel benützten vortrefi'lichen Werke: 
»Itehrbuch der Baumkrankheiten", in dem er fast ausschliess- 
lich von seinen eigenen Untersuchungen berichten konnte und 
^as drei Auflagen erlebte; in der dritten erweiterten Auflage 
(1900) tritt der Titel: „Lehrbuch der Pflanzenkrankheiten* 
Äuf. — In dem ersten der drei Bände der von ihm heraus- 
gegebenen a Untersuchungen aus dem forstbotanischen Institut* 
(1880, 1882, 1883) sind grösstentheils noch neue, auf genaue 
inikroskopische Beobachtungen gegründete mykologische Ar- 
beiten und Beschreibungen der Krankheitserscheinungen ent- 
halten. Hierher gehört auch sein Buch „über den echten 
Hausschwamm* (1885), ein Muster sowohl in wissenschaft- 
licher als auch in praktischer Hinsicht. 

Hartig beschäftigte sich auch mit den Krankheiten der Ge- 
wächse nicht parasitärer Natur; er unterschied scharf zwischen 
Jen durch niedere Organismen und den durch andere Ursachen 



240 OeffenÜkhe Sitzung ww 13. März 1902, 

sames Arbeiten nach einem bestimmten gleichheitlichen Plane 
befürwortete. Es ist ja wohl richtig, dass gewisse einzelne 
Fragen durch gemeinsame Thätigkeit am besten gefÖrderit 
Averden; jedoch wird im Allgemeinen der Wissenschaft sicher- 
lich am meisten genützt durch freies selbständiges Schaffen 
der Einzelnen. 

Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass Hartig durch seine 
wissenschaftliche Arbeit zwei wichtige Zweige der Pflanzen- 
biologie in dankenswerther Weise ausgebildet hat und dass er 
durch die Anwendung seiner Erkenntnisse auf die Forstwirth- 
schaft zur wissenschaftlichen Entwicklung der letzteren sehr 
viel beigetragen hat. Es war ihm dies, wie erwähnt, nur da- 
durch möglich, dass er gelernter Forstmann und zugleich 
gründlich durchgebildeter Botaniker war; weder ein praktischei 
Forstmann noch ein theoretischer Botaniker hätte das von ihm 
Geleistete vollbringen können. Es ist dies ein abermaliges 
Beispiel dafür, dass bei einer gewissen Ausbildung der Wissen- 
schaft die Praxis nur durch die Theorie auf sicherem Wege 
zum Fortschritt geleitet wird. 

Durch einen unausgesetzten Fleiss hatte er sich eine 
reiche Erfahrung und ein umfassendes Wissen und Eönnei 
erworben. Es beseelte ihn eine unauslöschliche Lust zur Arbeil 
und zur Erkenntniss der Dinge; mit einer ungewöhnlicher 
Energie und Arbeitskraft ausgerüstet war rastloses Schaffei 
der Inhalt seines ausschliesslich der Wissenschaft geweihtei 
Lebens. 

Er war ausgezeichnet durch einen scharfen Blick zu sehen 
wo eine neue Erscheinung vorlag, durch eine feine Beobach 
tungsgabe und durch ein besonderes Geschick die Wege de: 
Erforschung zu finden. 

Durch diese Eigenschaften ist er einer der fruchtbarstei 
Forscher auf seinem Gebiete geworden, der viele neue Beob- 
achtungen, Versuche und Erklärungen von bisher dunkel ge- 
bliebenen Vorgängen in der Pflanzenwelt geliefert hat. 

Durch die Lebendigkeit und Frische seines Wesens war ei 
auch ein vortrefi*iicher Lehrer; durch geschickte Experimente 



C. Voit: Nekrolog auf Emü Selenka. 241 

Demonstrationen und Zeichnungen, sowie namentlich durch 
Praktika suchte er den Schülern richtige Anschauungen bei- 
zubringen. Immer mehr kommt der denkende Lehrer in dem 
Unterricht der Naturwissenschaften zu der Ueberzeugung, dass 
die jetzige Art des Studiums eine veraltete und verfehlte ist, 
welche umgeändert werden muss. Durch die vielen und ein- 
gehenden Vorlesungen gelangt der Studirende niemals zu einem 
wahren Verständniss der Vorgänge; das dabei Haftende ist 
wahrhaft; kümmerlich und findet zumeist nur ein gedankenloses 
Auswendiglernen, ein eigentliches Studiren so gut wie nicht 
statt. Es muss mehr dem Privatstudium aus einfachen Lehr- 
büchern überlassen werden; nur die Curse und üebungen, bei 
denen der Lehrer dem Schüler nahe tritt und ihn im Beob- 
achten der Erscheinungen unterrichtet und in Fertigkeiten 
unterweist, werden dem Uebel abhelfen. 

Wir bedauern tief den Verlust des ausgezeichneten For- 
schers, welcher bei seiner grossen Erfahrung und seinem Ge- 
schick die Wissenschaft noch mit vielen Errungenschaften 
hätte bereichern können. Der Einfluss seines Eingreifens in dem 
von ihm betretenen Gebiete wird noch lange fortwirken. — 

Emil Selenka, 

Die mathematisch -physikalische Classe beklagt den Ver- 
lust noch eines weiteren Genossen, des ausserordentlichen Mit- 
gliedes Emil Selenka, der nach ganz kurzem Krankenlager, 
60 Jahre alt, am 21. Januar dieses Jahres aus dem Leben 
geschieden ist. Er hat sich auf dem Gebiete der Zoologie 
und der Entwicklungsgeschichte der Thiere namhafte Verdienste 
erworben. 

Ich verdanke die folgenden Angaben über seinen Lebens- 
gang und seine wissenschaftlichen Arbeiten der Güte unseres 
verehrten CoUegen Richard Hertwig. 

Emil Selenka wurde am 27. Februar 1842 zu Braunschweig 
geboren ; er genoss seine Ausbildung zunächst auf dem dortigen 

1902. Sitzongsb. d. niath.-pbyB. Cl. IG 



242 Oeffentliche Sitzung vom 13. März 1902. 

Gymnasium und dann, nachdem er dasselbe nach Absolvirung 
der Obersekunda verlassen hatte, auf dem CoUegium Carolinum. 
von welchem er nach einer glänzend bestandenen Maturitäts- 
prüfung im Jahre 1863 zur Universität entlassen wurde. 

Schon frühzeitig wurde in ihm durch seinen Vater au: 
gemeinsamen Spaziergängen der Sinn für die Schönheiten dei 
Natur geweckt. Er gewann Interesse für Wolken und Sterne 
sammelte Pflanzen, Schmetterlinge und Mineralien, und schmückte 
mit ihnen sein Arbeitszimmer. Diese früh erwachte Neigunj 
zu den Naturwissenschaften fand auf dem CoUegium Carolinun 
weitere Nahrung, da auf dieser Anstalt ausser den Gymnasial- 
fächern auch die Naturwissenschaften, besonders Chemie, eifrij 
betrieben wurden. 

Als daher Selenka im Jahre 1863 die Universität Göt- 
tingen bezog, konnte es für ihn nicht zweifelhaft sein, das 
er sich für das Studium der Naturwissenschaften entschied 
Er trieb Zoologie bei Wilhelm Keferstein, Physik bei Wilheln 
Weber, Geologie bei Karl v. Seebach, Mineralogie bei Wolf- 
gang Sartorius v. Waltershausen. Anfangs war er geneigt 
bei letzterem sich in Mineralogie und Geologie auszubilden 
aber durch den Einfluss des anregenden Keferstein, zu dem ei 
in besonders nahe Beziehung trat, wurde er veranlasst, siel 
der Zoologie zu widmen. Unter seiner Leitung unternahm ei 
eine umfassende Bearbeitung der Anatomie und Systematik de: 
Seewalzen oder Holothurien, bei der er eine von AI. Agassi: 
eingesandte grosse Sammlung dieser merkwürdigen wirbellosei 
Thiere verwerthete; auf Grund dieser Arbeit wurde er 186( 
zum Doktor promovirt und zugleich als Assistent am zoologisch 
zootomisclien Institut angestellt. An demselben führte er nocl 
mehrere Untersuchungen aus: Ueber die Entwicklungsgeschicht 
der Luftsücko des Huhns, über die fossilen Crocodilinen de 
Kimmoridge von Hannover, über die Stellung des fossilen Tra 
gocerus amaltheus, über die Spongien aus der Südsee, übe 
die Anatomie von Tritronia margaritacea. Auch wurde ihn 
die Vergünstigung zu Tlieil, seim^n leider früh verstorbenei 
Lehrer auf einer wissfuschaftlichen Heise nach dem an de 



C. Voit: Kekrolog auf Emil Selenka, 243 

Nordküste Prankreichs gelegenen Saint Malo zu begleiten, wo 
er zum ersten Mal Gelegenheit fand, die reiche Fauna des 
Meeres kennen zu lernen. 

Dem Wunsche seines Vaters folgend machte Selenka im 
Sommer 1868 das Oberlehrerexamen, um den Rückhalt einer 
gesicherten Lebensstellung zu haben, falls seine Wünsche sich 
der wissenschaftlichen Forschung zu widmen auf Schwierig- 
keiten stossen sollten. Indessen hatte er kaum dieses Examen 
bestanden, als er auf Empfehlung seines Lehrers Keferstein 
hin als ordentlicher Professor der Zoologie und vergleichenden 
Anatomie an die Stelle des verstorbenen Professors van derHoeven 
nach der holländischen Universität Leiden berufen und so ihm 
in aussergewöhnlich jugendlichem Alter ein selbständiger akade- 
mischer Wirkungskreis gesichert wurde. Das Bedürfniss, seine 
und seiner Schüler Arbeiten in den Niederlanden selbst ver- 
öffentlichen zu können, veranlasste ihn, das Niederländische 
Archiv für Zoologie zu begründen, eine Zeitschrift, welche 
auch jetzt noch fortbesteht und die er mit zahlreichen eigenen 
Arbeiten bedachte. Leider ertrug er das holländische Klima 
sehr schlecht. Daher ergriff er mit Freuden die Gelegenheit, 
welche ihm 1874 durch eine Berufung nach Erlangen als Nach- 
folger von E. Ehlers geboten wurde, seinen Wirkungskreis in 
Holland, so sehr er ihm auch lieb geworden war, aufzugeben 
und gegen die Professur der Zoologie und vergleichenden 
Anatomie in Erlangen einzutauschen. In Erlangen erwuchs 
ihm die Aufgabe, die Pläne zum Neubau und zur Neueinrich- 
tung eines zoologischen Instituts auszuarbeiten, welches er die 
Freude hatte, im Jahre 1885 einzuweihen und zu beziehen. 
Ferner fällt in die Zeit seines Erlanger Aufenthalts die Be- 
gründung des angesehenen biologischen Centralblattes, bei 
Welchem er gemeinsam mit seinem botanischen CoUegen M. Rees 
uen Physiologen Rosenthal unterstützte. Vor Allem aber ver- 
dienen hier seine zahlreichen wissenschaftlichen Reisen Er- 
wähnung; wiederholt hat er in der zoologischen Station in 
Neapel gearbeitet; sein Wandertrieb und die Lust, fremde 
Länder und deren Thierwelt aus eigener Anschauung kennen 

IG* 



244 Oeffentliche Sitzung vom 13, Märe 1902. 

zu lernen, führten ihn nach Brasilien und zwei Mal m 
Ceylon, Indien, Japan und den Sundainseln. 

Im Jahre 1895 legte Selenka aus freien Stücken se 
Professur in Erlangen nieder, um ganz seinen Studien, name 
lieh der Verwerthung der von seinen Reisen mitgebrach 
Sammlungen, leben zu können ; er siedelte nach München ül 
wo ihm auf den Vorschlag der philosophischen Fakultät 
Gelegenheit geboten wurde, seine Lehrthätigkeit an der T] 
versität als Honorarprofessor fortzusetzen. Unserer Akade; 
gehört er seit 1896 an. 

Selenka war eine vielseitig und reich begabte Persönli 
keit, höchst lebendigen Geistes und voll Interesse für AI 
Eine aussergewöhnliche Redegabe machte ihn zu einem l 
vorragenden Lehrer der akademischen Jugend. Reges " 
streben bekundete er für Vervollkommnung der Unterricl 
mittel; er gehörte zu den ersten, welche das elektrische P 
jektionsmikroskop und hektographirte Zeichnungen einführi 
um den Unterricht anschaulicher zu gestalten. So gelang 
ihm denn auch, zahlreiche Schüler an sich zu fesseln, ^ 
denen einige selbständige wissenschaftliche Stellungen e 
nehmen, so Prof. Hubrecht in Utrecht, Prof. Lampert 
Stuttgart, Prof. Fleischmann in Erlangen. In wissenschi 
liehen Vereinen gab er lichtvolle Darstellungen aus seir 
reichen Wissensschatze; die liebenswürdige und anschauli 
Art seiner Darstellung sicherten ihm auch reichen Erf( 
wenn sich seine Rede an weitere Kreise des Publikums wan^ 
wie er denn auch jeder Zeit bereit war, zu gemeinnützij 
Zwecken öflFentliche Vorträge zu halten. 

Seine wissenschaftliche Thätigkeit erstreckte sich nur sei 
auf den anatomischen Bau und die Systematik der Thi< 
Ausser der vorher erwähnten die Holothurien behandeln 
Doktordissertation hat er in dieser Hinsicht nur noch die sc] 
von seinem Lehrer Keferstein wiederholt studirte Gruppe 
den Holothurien sich anschliessenden, das Meer bewohnen 

Würmer oder Gepliyren bearbeitet, einmal in einer 
Monographie und dann in den Reports der Challen 



C, Voit: Nekrolog auf Emil SelenJca, 245 

Bipedition. Selenka's Hauptinteresse wandte sich bald der 
vergleichenden Entwicklungsgeschichte zu. Er war einer der 
ersten, welcher die Untersuchungen von Oskar Hertwig über 
die Befruchtung des Seeigeleies bestätigte, welcher ferner die 
ersten genaueren Untersuchungen über die Keirablattbildung 
ond die Larvenentwicklung der Strudelwürmer oder Turbellarien 
machte, wobei er namentlich die an die Rippenquallen oder 
Ctenophoren erinnernde vierstrahlige Anordnung der Mesoderm- 
zellen bei den Embryonen erkannte. Er erweiterte die Ent- 
deckungen MetschnikoflF's über die Entwicklung des Mesoderms, 
der Leibeshöhle und des Wassergefässsystems bei den Stachel- 
häutern oder Echinodermen, indem er mit grossem Eifer ins- 
besondere die Entwicklung des Mensenchyms und der Coelom- 
divertikel der Larven untersuchte und die Vertheilung der 
mesodermalen Gewebe auf diese beiden Componenten des Meso- 
derms aufisuklären versuchte. 

In den letzten 20 Jahren seines Lebens concentrirte sich 
Selenka auf die Erforschung der Entwicklungsgeschichte der 
Wirbelthiere. Er begann mit dem Studium der Nagethiere. 
unser verstorbenes Mitglied Th. BischofF hatte bei seinen 
denkwürdigen Untersuchungen über die erste Entwicklung der 
Säugethiereier (1852) die später von B. Reichert und V. Hensen 
bestätigte, merkwürdige sogenannte „Umkehr der Keimblätter* 
entdeckt; es sollte hier die Lage der Keimblätter die umge- 
kehrte von der gewöhnlichen Lage bei allen anderen Eiern 
sein d. h. das Darmdrüsenblatt in der Embryonalanlage nach 
auswärts, das Ektoderm nach Innen gewandt sein. Gleich- 
zeitig mit unserem Collegen Kupffer wies nun Selenka nach, 
dass die Umkehr der Keimblätter nur scheinbar sei, dass die 
Dierkwürdige Lage der beiden Keimblätter durch eine Ein- 
stülpung der Erabryonalscheibe in das Innere der Keimblase 
bedingt sei und BischofF sowie Reichert und Hensen den 
richtigen Sachverhalt nicht zu erkennen vermochten, weil sie 
^e Wand der Keimblase übersehen hatten. 

An die Untersuchung der Nagethiere schloss sich die 
Untersuchung der bis dahin vernachlässigten Embryonal-Ent- 



246 Oeff entliche Sitzung vom 13. März 1902. 

Wicklung der Beutelthiere an; sie war von besonderer B 
deutung, da über diese nächst den Monotremen NeuhoUan 
niederste Gruppe der Säugethiere noch keine zusammenhänge 
den Untersuchungen vorlagen. Er machte dabei wichtige A 
gaben über den äqualen Charakter des Furchungsprocess^ 
über die entodermale Entstehung der Chorda dorsalis und d 
Mesoderms und über den rudimentären Charakter der Harnha 
oder AUantois. Die Arbeiten Selenka's über die vergleichen 
Entwicklungsgeschichte finden sich in seinen beiden Hauj 
werken: Zoologische Studien (2 Theile, 1878 — 1881) u 
Studien über die Entwicklungsgeschichte der Thiere (5 Thei 
1883—1892). 

Den Schluss dieser entwicklungsgeschichtlichen Studi 
sollte die Bearbeitung der Primaten bilden, der Affen, beso 
ders der Anthropoiden, weil zu hofi*en war, auf diesem We 
weitere Aufschlüsse über die verwandtschaftlichen Beziehung 
dieser höchst organisirten Säugethiere zu dem Menschen 
gewinnen. Um sich das äusserst schwierig zu erhaltende M 
terial zu beschaffen, reiste Selenka zweimal nach den Sund 
Inseln, von seiner Frau bei dem mühsamen Unternehmen l: 
gleitet und getreulichst unterstützt. Obwohl durch ein 
unglücklichen Zufall, den Untergang eines Bootes, welcl 
einen Theil der Sammlung trug, viel wichtiges Material v( 
loren ging, wurden doch durch die beiden Expeditionen Er 
Wicklungsreihen von verschiedenen Affenarten, sowie wert 
volles Skelettmaterial des Orang-Utang und des Gibbc 
zusammengebracht. Letzteres, aus 250 Orangschädeln v< 
schiedenen Alters und Geschlechts, 200 Schädeln von ander 
Affen, insbesondere vom Gibbon, und einem männlichen u 
weiblichen Skelett vom Orang ohne Schädel bestehend, wui 
von ihm in liberalster Weise der anthropologischen Sammln 
des Staates zum Geschenk gemacht und zu einer Untersuchu 
verwandt, welche die durch Alter und Kace bedingten Uni 
schiede im Orangscliädel aufklärte, sowie die grosse Variabili 
in der Zahl der ächten Backzähne nachwies. Von den Stud 
zur Entwicklungsgeschichte der Affen sind nur die ei'sten d 



C, Voit: Nekrolog auf Emü Selenka. 247 

Lieferungen erschienen; die wichtigsten in ihnen enthaltenen 
Ergebnisse sind die Nachweise, dass die bei den Nagethieren 
falschlich als Blattumkehr bezeichnete Anordnung der Keim- 
blätter auch bei den Primaten vorkommt und dass zwischen 
Affen und Menschen in den jungen Entwicklungsstadien eine 
ganz überraschende Uebereinstimmung existirt. Leider wurde 
Selenka durch einen allzufrühen Tod verhindert, diese von 
ihm begonnenen Untersuchungen zum Abschluss zu bringen. 

Man würde der Eigenart Selenka's nicht gerecht werden, 
wenn man schliesslich nicht auch seiner reichen künstlerischen 
Begabung gedenken wollte. Er war ein vortreflFlicher Zeichner 
und Maler, ausgerüstet mit feinem Verständniss für alles 
Schöne und Wissenswerthe, mochte es ihm in der Natur oder 
im Leben der Völker entgegentreten. Nächst dem Sinn des 
Forschers war es diese Künstlernatur, welche ihn in die weite 
Welt hinaustrieb. Er liebte es daher auch bei seinen Vor- 
trägen allgemeineren Inhalts das Gebiet der Zoologie zu ver- 
lassen und Kunst, Religion, Sagen und Gebräuche der Völker 
in feinsinniger Weise zum Gegenstand seiner Betrachtungen 
zu machen. In dieser Hinsicht brachten ihm besonders reiche 
Ausbeute die beiden Reisen nach Japan und den malayischen 
Inseln. Die allgemeinen Ergebnisse derselben über Land und 
Leute legte er in einem mit seiner Gattin gemeinsam heraus- 
gegebenen, höchst anziehend geschriebenenPrachtwerke: „Sonnige 
Welten, ostasiatische Reiseskizzen, 1895" nieder, sowie in dem 
Büchlein: »Der Schmuck des Menschen (1899)", in welchem 
er, gestützt auf seine vielseitige Bekanntschaft mit Natur- 
völkern, diesen Theil der Ethnographie besonders ausführlich 
behandelte; er sucht darin nachzuweisen, dass in der Aus- 
bildung des Schmuckes sich eine grosse Gesetzmässigkeit von 
den primitivsten Völkern an aufwärts erkennen lässt, dadurch 
bedingt, dass der Schmuck sich den Körperformen anpasst 
und gleichzeitig ein Ausdrucksmittel einfachster Art ist, um 
die Stellung seines Trägers und den Gebrauch des dazu ver- 
wendeten Gegenstandes anzudeuten. 

Es mögen wohl überaus sonnige Tage gewesen sein, 



248 OeffentHche Sitzung vom 13, März 1902. 

welche die beiden gleichgestimmten Gefährten in den fremdei 
Ländern in Anschauung der Schönheiten der Natur und Be 
obachtung der Kultur ihrer Bewohner genossen. Wahrlicl] 
das Dasein Selenka's war ein beneidenswerth glückliches un- 
sonniges. Wir werden des liebenswürdigen Mannes stets i 
Ehren gedenken. 



Charles Piazzi Smyth. 

Der Astronom Charles Piazzi Smyth in Edinburgh gehört 
unserer Akademie schon seit dem Jahre 1855 als correspoB 
direndes Mitglied, zu dem er von J. Lamont vorgeschlage 
worden war, an. Ich verdanke die folgenden Angaben ilhi 
seinen Lebensgang dem verehrten CoUegen Hugo Seeliger. 

Charles Piazzi Smyth ist geboren am 3. Januar 1819 i 
Neapel, wo sich sein Vater, ein britischer Admiral, vorübei 
gehend aufhielt. Den sonderbaren Vornamen erhielt er z 
Ehren seines Taufpathen und Freundes seines Vaters, des b( 
kannten italienischen Astronomen Guiseppe Piazzi, des Em 
deckers der Ceres. Nachdem er in England den gewöhnliche 
Schulunterricht genossen, finden wir ihn bereits mit 16 Jahre 
als Assistent der Sternwarte am Kap der guten Hoffnung unt( 
Maclear. Er betheiligte sich eifrig an den Arbeiten der Sten 
warte, besonders aber an der südafrikanischen Gradmessunj 
so dass für Manchen seine im Jahre 1840 erfolgte Berufun 
zum Professor der Astronomie an der Universität Edinburg 
und zum Director der dortigen Sternwarte mit dem Tit 
„Astronomer Royal for Scotland" nicht auffallig war. Seil 
Wirksamkeit in dieser Stellung, in welcher er durch Bearbe 
tung und Herausgabe der Beobachtungen seines Vorgänge 
Henderson der Astronomie nützlich war, wurde durch zahlreicl 
grössere Reisen und Expeditionen unterbrochen, auf welch( 
wir ihn namentlich hochgelegene Stationen aufsuchen sehe 
um hier in reinerer und durchsichtigerer Luft meteorologiscl 
und spectroskopische Untersuchungen auszuführen. Besonde 
die letzteren sind der Wissenschaft von Nutzen gewesen. A 



C, Voit: Nekrolog auf Willy KÜhtie. 249 

\yekaiinte8ten ist Smyth durch seine Studien über die grosse 
Pyramide bei Gizeh geworden. Er mass dieses Bauwerk nach 
allea Richtungen, bestimmte seine Dimensionen und Orientirung 
auf das genaueste und beschrieb es in mehreren Werken. 
iUein die Folgerungen, die er aus seinen Studien zog und die 
ganz neue Ansichten über die Entwicklung der Cultur be- 
gründen sollten, haben niemals Anklang gefunden, und ver- 
wickelten ihn in unangenehme Streitigkeiten, die 1874 seinen 
Austritt aus der Royal Society in London zur Folge hatten. 
1888 legte Smyth seine Aemter nieder und zog sich auf sein 
Landgut in der Nähe von Ripon zurück, wo er am 21. Fe- 
bruar 1900 starb. 



Willy Kühne. 

Am 10. Juni 1900 ist das correspondirende Mitglied unserer 
Akademie, der Physiologe Willy Kühne zu Heidelberg nach 
längerer Krankheit im Alter von 63 Jahren aus dem Leben 
geschieden. Die grossen deutschen Physiologen, welche die 
Erbschaft von Johannes Müller und der Brüder Weber an- 
getreten hatten, Emil Du Bois Reymond, Ernst Brücke, Her- 
üiann Helmholtz und Carl Ludwig, bedienten sich im Wesent- 
lichen der physikalischen Hilfsmittel zur Aufhellung der Lebens- 
erscheinungen ; ihren Nachfolgern war die Aufgabe zugefallen, 
<len von ihnen im Grossen errichteten Bau im Einzelnen aus- 
zugestalten; sie hatten aber noch ein weiteres mächtiges Hilfs- 
mittel dazu erhalten, denn die organische Chemie war mittler- 
weile, vorzüglich durch den gewaltigen geistigen Anstoss von 
Liebig, so weit entwickelt, um mit ihr die Vorgänge der StofiF- 
veränderungen in den Organismen genauer zu verfolgen. 
Kühne ist einer der verdientesten Physiologen dieser Zeit ge- 
wesen; er hat auf den verschiedensten Gebieten die Physiologie 
•^ik wichtigen Erkenntnissen bereichert und alle Hilfsmittel 
^r Erforschung der Lebens Vorgänge beherrscht und ange- 
blendet: Das Mikroscop, die Physik, die Chemie und das Ex- 
periment an^ Thier ; er war namentlich einer der wenigen auch 



\ 



250 Oeffentliche Sitzung vom 13, Mars 1902, 



in der Chemie durchgebildeten Physiologen, der klar erkannt^^, 
welche wichtige Bedeutung die letztere für die Erhellung d^^ 
Lebensprocesse besitzt. Dadurch stand er als einer der wenige :Ma 
Physiologen unserer Zeit da, welche gleichmässig die gan:^« 
physiologische Wissenschaft zu überblicken im Stande sind, vemr- 
schieden von denen, welche in ganz einseitiger Weise nur 
einen Bruchtheil derselben kennen. 

Kühne wurde zu Hamburg am 28. März 1837 als der 
Sohn vermögender Eltern geboren. In dieser unabhängigen 
Lage hatte er das Glück, ganz seinen Neigungen folgen zu 
können und sich nicht mit dem Brodstudium befassen zu 
müssen. Frei wählte er sich die Stätten und die Männer, wo 
er die beste Ausbildung für seine Lebensaufgabe empfangen 
konnte. Nach Absolvirung des Gymnasiums zu Lüneburg bezog 
er mit 17 Jahren die Universität Göttingen (1854). Man er- 
kannte alsbald, dass aus dem geistesfrischen, glänzend veran- 
lagten Jüngling sich etwas Bedeutendes entwickeln werde. Er 
wollte Physiologe werden. Ich traf den 18 Jährigen, der sch-on 
genau wusste, was er anzufangen habe, und ein auffallexid 
reifes ürtheil besass, im Wintersemester 1855 bis 1856 i^ 
den Instituten Göttingens; er hörte damals bei Wilhelm Weto^r 
Physik, bei Listing physiologische Optik, bei Wöhler Chenai^» 
bei Ilenle Anatomie, arbeitete im chemischen Laboratorium^ 
und machte einen physiologischen Cursus mit uns bei Rudol* 
Wagner mit. Wöhler hat wohl zu dieser Zeit den grössii^^ 
Einfluss auf ihn ausgeübt und ihn der chemischen Richtung 
der Physiologie zugeführt. Man braucht sich nur zu erinnern» 
dass es Wöhler in einer denkwürdigen Untersuchung zum ersi>^^ 
Male gelungen war, einen Stoff des Organismus, den Harnstoff» 
künstlich darzustellen, auch hatte er mit Keller die Umwandlu^^Ä 
der aufgenommenen Benzoesäure in die Hippursäure des HaX^^ 
«i^efunden, was Kühne mit Ilallwacbs weiter verfolgte. Küb^^ 
fühlte sich jedoch nicht als Chemiker, sondern stets als Phy^^" 
löge, der sich der Chemie als unentbehrlichen Hilfsmittels, ^^ 
die chemischen Vorgänge des Lebens einzudringen, bedie^*' 
Bald hörte man von seinen ersten wissenschaftlichen Erfolg^^ ' 



C. Voit: Nekrolog auf Wüly Kühne. 251 

im Alter von 19 Jahren wurde er als Assistent Rudolf Wagner's 
(1856) zum Doktor der Philosophie promovirt mit einer physio- 
logischen Dissertation über künstlichen Diabetes bei Fröschen, 
angeregt durch Claude Bernard's berühmten Zuckerstich bei 
Warmblütern. Erst später (1862) erhielt er den Titel eines 
Doktors der Medizin honoris causa, da er sich die klinisch- 
medizinischen Studien und Prüfungen erspart hatte. In Göt- 
tingen entstanden noch die erwähnten Untersuchungen mit Hall- 
wachs über die Entstehung der Hippursäure nach dem Genuss 
von Benzoesäure, welche merkwürdige Synthese er falschlich in 
der Leber vor sich gehen liess, sowie die über die Umwandlung 
der Bemsteinsäure im Organismus. Er war dann kurze Zeit 
bei C. G. Lehmann in Jena, der damals einer der angesehen- 
sten physiologischen Chemiker war, und zog hierauf (1858) 
nach Berlin. Dorten wurde er zunächst durch Du Bois Rey- 
mond, den Meister in der Untersuchung der elektrischen Er- 
scheinungen und elektrischen Reizung der Muskeln und Nerven, 
in die experimentelle Physiologie eingeführt und seine Auf- 
merksamkeit auf die allgemeine Physiologie der Muskeln und 
Nenen gelenkt; ausserdem arbeitete er bei Hoppe-Seyler, dem 
Assistenten in der chemischen Abtheilung des pathologischen 
Institutes unter Virchow, wo er seine Untersuchungen über 
den Ikterus machte. Vor Allem aber war es der zweijährige 
Aufenthalt in Paris bei dem grossen Experimentator Claude 
Bernard, dessen Entdeckungen, besonders das Auffinden des 
Glykogens in der Leber, die Physiologie in neue Bahnen 
lenkten, der seinen Blick erweiterte; in dieser arbeitsfrohen 
Zeit in der grossen Weltstadt entstanden wichtige Publika- 
tionen, zumeist dem Gebiete der Muskelphysiologie angehörig; 
auch erwarb er daselbst seine Virtuosität im Experiment am 
Thier. Auf eine Reise nach England folgte noch ein Besuch 
l^i Carl Ludwig und Ernst Brücke in Wien, womit seine 
Lehr- und Wanderjahre abschlössen. 

Als Hoppe-Seyler (1861) die Professur für physiologische 

in Tübingen annahm, rief Virchow an seine Stelle 

Kühne als Assistent des chemischen Laboratoriums im patho- 



252 Oeff entliche Sitzung vom 13, März 1902. 

logischen Institut. Die Berliner Jahre brachten ihm die Ge- 
legenheit zu intensiver wissenschaftlicher Thätigkeit und zur 
Schärfung des Geistes im anregenden Umgang mit talentvollen 
strebsamen Genossen, welche mit ihm das über die Fortschritte 
der medizinischen Wissenschaften referirende Centralblatt der 
medizinischen Wissenschaften gründeten ; auch schaarte sich um 
den jungen Lehrer eine Anzahl gleichalteriger Schüler und da 
ihm Virchow mit grosser Liberalität freie Hand liess, bildete 
sich ein kleines physiologisches Institut aus, aus dem manche 
wichtige Arbeit ausging. Ausser zahlreichen kleineren Einzel- 
untersuchungen entstand in dieser Zeit die Monographie über die 
peripherischen Endorgane der motorischen Nerven (1862), dann 
(1864) die grosse, an Beobachtungen und Gedanken reiche Mono- 
graphie: „Untersuchungen über das Protoplasma" und das aus- 
gezeichnete Lehrbuch der physiologischen Chemie (1868); in letz- 
terer fasste er zum ersten Male die Aufgabe vom rein physio- 
logischen Standpunkte aus auf und gab eine wahrhaft klassische, 
höchst lebendige Darstellung der auf chemischen Wirkungen 
beruhenden Vorgänge im Organismus mit einer Fülle neuer 
Beobachtungen, so dass ein Chemiker mir sagte, es lese sich unter- 
haltend wie ein Roman; leider ist von dem Buch keine weitere 
Auflage erschienen, obwohl es in kurzer Zeit vergriflFen war. 
Bald stand Kühne als fertiger Physiologe da, angesehen 
durch bemerkenswerthe eigenartige Arbeiten, und man richtete 
an mehreren Universitäten die Aufmerksamkeit auf den jungen 
Forscher. Im Jahr 1868 folgte er einem Kufe als Professor 
der Physiologie an die Universität Amsterdam; von dorten 
wanderte er 1871 als Nachfolger von Helmholtz nach Heidel- 
berg, wo er ein musterhaftes physiologisches Institut nach seinen 
Ideen einrichtete und bis zu seinem Ende unter Ablehnung 
mehrerer glänzender Kufe wirkte und viele Schüler erzog. In 
der idyllischen Musenstadt hatte er das Glück ungestört durch 
Zerstrouiingen und zeitraubende Geschäfte sich in die wissen- 
schaftliche Arbeit vortiefen und sich ganz der Erforschung der 
LebensvorjTäntre hingeben zu können, obwohl er manche Vor- 
züge einer grossen Stadt sehr wohl zu schätzen und zu ge- 
niessen wusste. 



C. Vait: Nekrolog auf Wüly Kühne. 253 

Ungemein lebendigen Geistes und von klarem selbständigem 
ürtheil wusste er alsbald mit scharfem Blick das Wesentliche 
einer Erscheinung herauszufinden; aber dann gelang es ihm 
auch durch seine feine Beobachtungsgabe, die sinnreichsten 
Versuchsanordnungen und seine Geschicklichkeit als Experi- 
mentator die entgegenstehenden Schwierigkeiten wie spielend 
zu überwinden und die Fragen ihrer Lösung entgegen zu führen. 
Zumeist beschäftigten ihn Aufgaben von prinzipieller Bedeu- 
tung. Ein Blick über seine grösseren Arbeiten soll uns den 
Einfluss des Forschers auf die Entwicklung der Physiologie 
ins Gedächtniss zurückrufen. 

Es waren vorzüglich drei grosse Probleme, welche ihn 
in Anspruch nahmen: die Physiologie des Muskels, die Physio- 
logie der Netzhaut und die Chemie der Verdauung der Ei- 
weissstoffe. 

Die Vorgänge im Muskel suchte er in origineller Weise 
mit Hilfe des Mikroscops, durch die chemische Untersuchung 
und durch das physiologische Experiment zu erforschen. 

Die früh begonnenen chemischen und experimentellen 
Studien über den Muskel hatten ihn gelehrt, dass es zum Ver- 
ständniss des üebergangs der Erregung von der Nervenfaser 
auf die Muskelfaser zunächst nothwendig ist, das anatomische 
Verhalten des Nerven im Muskel genau zu kennen und so fieng 
er als 22 Jähriger an, durch mikroscopische Forschung, in der 
w es zur Meisterschaft gebracht hatte, die schon von Anderen 
verfolgte Endigungsweise der Nerven in den Muskeln zu unter- 
suchen; er trug dadurch wesentlich zu der jetzigen Lehre bei, 
iass das Ende der motorischen Nervenfaser mit der Muskel- 
faser in direkte Berührung trete und dabei die Nervenendi- 
pingen unter der Sarkolemmascheide des Muskelschlauchs in 
einer End- oder Sohlenplatte sich hirschgeweihartig verbreite, 
"ie von da die Erregung auf die Muskelfaser übergeht, ist 
allerdings unbekannt geblieben, denn er war nicht der Ansicht, 
^ass die leitende Nervensubstanz continuirlich in die contrtik- 
We des Muskels übergehe. In ähnlicher Weise wurde von ilini 
die Endigung der Nervenfaseräste in den Ausläufern der Hörn- 



256 Oeffentliche Sitzung vom 13, März 1902, 

das Muskelprotoplasma das Verhalten des Protoplasmas anderer 
Gebilde gegen äussere Einwirkungen wie z. B. das der Amöben, 
der Rhizopoden und Myxomyzeten, der Flimmerhaare, der Zellen 
der Hornhaut und des Bindegewebes; auch das pflanzlicher 
Zellen z. B. der Zellen der Staubfädenhaare von Tradescantia. 
Es ergab sich daraus der ungemein wichtige Schluss, dass die 
Substanz in allen contraktilen Gebilden die gleiche plasmatische 
Flüssigkeit ist, oder die Einheit der contraktilen Substanz. 

An dem für solche Versuche sich so sehr eignenden parallel- 
fasrigen, an den Enden nervenfreien Musculus Sartorius des 
Frosches wurden von ihm noch mancherlei schöne Beobach- 
tungen zur allgemeinen Muskel- und Nervenphysik gemacht. 
Hierher gehört der sogenannte Zweizipfelversuch, der die 
doppelseitige Leitung der Erregung in den motorischen Nerven- 
fasern mit Sicherheit bewies. Er zeigte femer die sekundäre 
Erregung von Muskel zu Muskel ohne Vermittlung von Nerven 
beim Zusammenschmiegen der Muskeln durch Pressen ; weiterhin 
that er die Uebertragung der Erregung vom Muskel auf den 
Nerven dar und bewies die Abhängigkeit dieser sekundären 
Zuckung von den Aktionsströmen; er fand die interessante, 
allerdings noch unerklärliche Thatsache, dass ein Muskel nicht 
fähig ist, seinen eigenen Nervenstamm sekundär zu erregen. 
Es gelang ihm dagegen nicht, die von ihm vorausgeset^^ 
elektrische Reizübertragung vom Nerven auf den Muskel durc^^ 
Versuche darzuthun. Sonderbarer Weise zeigte nach sein^^ 
Beobachtungen das Protoplasma der Protozoen bei elektrische^ 
Reizung beim Schluss des Stroms die Erregung an der Ano(^^ 
und nicht an der Kathode wie das Protoplasma der Muskelr^ 
was allerdings gegen die Einheit des Protoplasmas zu spreche?^ 
scheint. 

Von hoher Bedeutung sind seine umfassenden Arbeiten üb^ ■ 
die Verdauung der Eiweissstoffe durch den Pankreassaft und di ^ 
dabei stattfindenden Veränderungen derselben, welche er scho:^ 
in Berlin (1867) begonnen hatte. Während man früher nur det»^ 
Magensaft die Fähigkeit zuschrieb Eiweiss zu verdauen, hatt^ 
man dies auch für den Saft der Bauchspeicheldrüsse nachge-* 



a VoU: Nekrolog auf Willy Kühne, 257 

esen, aber es blieb noch zweifelhaft, ob der Vorgang nicht 
r eine Wirkung der Fäulniss durch niedere Organismen 
Ire. Kühne that dar, dass das Eiweiss dabei, nach Ausschluss 
r Fäulniss mittelst Salicylsäure, wirklich in kurzer Zeit ver- 
ut wird. Es wird zunächst in Globulin verwandelt und 
ises schliesslich in zwei Eiweissstoffe gespalten, die er Anti- 
pton und Hemipepton nannte, welches letztere nach seiner 
isicht noch weiter in einfache stickstoffhaltige Produkte 
eucin, Tyrosin) und flüchtige Fettsäuren zersetzt wird; bei 
r Fäulniss durch niedere Organismen treten daneben noch 
el riechende Produkte auf, namentlich das den Kothgeruch 
dingende Indol, welches er durch Schmelzen von Eiweiss 
t Kali, wobei schon Liebig den Kothgeruch bemerkt hatte, 
rstellen lehrte. 

Kühne wurde dadurch zu dem näheren Studium der 
trmentwirkungen geführt; er begnügte sich jedoch dabei 
:ht mit wirksamen Auszügen, sondern suchte die wirksamen 
ibstanzen, die Fermente, zu isoliren. So stellte er das Eiweiss 
rdauende Ferment des Pankreas her, dem er den allgemein 
genommenen Namen „Trypsin* gab, das durch Kochen in 
agulirtes Eiweiss und in Pepton übergeht. Zur Unterschei- 
mg von den sogenannten geformten Fermenten, niederen 
rganismen, führte er für die löslichen ungeformten Fermente 
tn Ausdruck „Enzyme" ein. 

Man war uneinig darüber, welches der normale wirksame 
ankreassaft wäre, der bei temporären Fisteln erhaltene dick- 
;he Saft oder der bei permanenten Fisteln gewonnene dünn- 
issige Saft. Kühne lehrte in Uebereinstimmung mit Claude 
ernard den ersteren als den normalen näher kennen; es ist 
n dickflüssiger Saft, der in der Kälte eine wahre Gerinnung 
nes Eiweissstoffes zeigt und in Wasser geträufelt einen Nieder- 
lilag giebt; letzterer verhält sich wie das im Muskelplasma 
ii der Todtenstarre sich ausscheidende Myosin. 

Nach der so folgenreichen Entdeckung von Carl Ludwig 
851) vermag man bekanntlich von gewissen in die Mund- 
>eicheldrüsen sich einsenkenden Nerven die Sekretion dieser 

1902. SiUongsb. d. math.-phys. Cl. 17 



258 Oeff entliche Sitzung vom 13. Märe 190!^, 

Drüsen anzuregen; diese Nerven wirken also auf die Drüsen- 
zellen ebenso erregend wie die MuskelneiTen auf die Muskeln. 
Heidenhain gelang es später sogar mikroscopische Veränderungen 
der Drüsenzellen bei der Absonderung nachzuweisen. Solche 
Veränderungen beobachtete nun auch Kühne an den lebenden 
Zellen des Pankreas des Kaninchens; dieselben sind im un- 
thätigen Zustande anders geformt als im thätigen und sie 
sondern nur an der freien, dem inneren Drüsenraum zugekehrten 
Fläche das Sekret ab. 

Aus den Verdauungsversuchen mit dem Pankreassafte ent- 
wickelten sich seine weiteren wichtigen Untersuchungen über 
die bei der Pepsin- und Trypsinwirkung entstehenden Modi- 
fikationen der Eiweissstoflfe. Während man früher, um Auf- 
schlüsse über den Bau des Ei weisses zu erhalten, das grosse 
Eiweissmolekül durch die tief eingreifenden Säuren und Alkalien 
zu spalten suchte, wendete Kühne die eiweissspaltenden hydro- 
lytischen Enzyme des Organismus an, welche anfangs noch 
hoch zusammengesetzte, vom gewöhnlichen Eiweiss nur wenig 
verschiedene Produkte liefern. Man liess vordem das Eiweiss 
bei der Verdauung in das leicht lösliche und leicht diffundir- 
bare Pepton übergehen, das dann durch Wasserentziehung 
im Körper wieder zu gewöhnlichem Eiweiss zurtickgebiU®^ 
werde. Kühne fand, wie schon früher 6. Meissner bei seine» 
maassgebenden Versuchen, eine ganze Anzahl von Uebergäng^^ 
und von verschiedenen Produkten. Er bezeichnete die zuers»^ 
entstehenden, durch Salze, namentlich durch das von Heynsi^^ 
in die Eiweisschemie eingeführte Ammoniumsulfat, fallbat"^^ 
als Albumosen, die später sich bildenden, nicht mehr duf^ 
Salze fällbaren als echte Peptone; die verschiedenen natürli^^ 
vorkommenden Eiweissstoffe lieferten verschiedene Albumos^^ 
Diese Untersuchungen haben die Kenntniss der Eiweissar^^ 
sehr gefördert und werden später, wenn einmfil die Constituti^-^ 
des Ei weisses näher bekannt sein wird, noch weitere Bedeuttf.^ 
gewinnen. 

Er wandte auch die Verdauung durch Fermente als elega:0^ 
histologische Methode an zur Isolirung des Neurokeratins i^ 



C. Voü: Nekrolog auf Wüly Kühne, 259 

rvenmark, zur chemischen Darstellung des Axencylinders 
i des charakteristischen Produktes der sogenannten amyloiden 
tartung der Organe, mit dessen Untersuchung er sich früher 
K^häftigt hatte. Die Anwendung der Dialysenschläuche zur 
3hten Trennung der coUoidalen Stoffe, wodurch grössere 
Issigkeitsvolumina der Dialyse zugänglich gemacht wurden, 
ichte einen wesentlichen technischen Fortschritt. 

Ein ganz besonderes Interesse nahm Kühne an der (1876) 
rch den leider zu früh verstorbenen talentvollen Franz BoU 
nachten Entdeckung, dass die Netzhaut des Auges im Leben 
rpurroth gefärbt sei und zwar durch einen merkwürdigen 
rbstoff in den Aussengliedern der Netzhautstäbchen, der 
rch Licht fortwährend gebleicht wird und sich in der Dunkel- 
it dann wieder regenerirt. Kühne erkannte alsbald die hohe 
^deutung dieser Entdeckung und begann mit einer Energie 
ne Gleichen die Sache näher zu verfolgen; er that dabei 
ne ganze Meisterschaft in der experimentellen Forschung 
id seine Beherrschung der chemischen und physikalischen 
ethoden dar. In kurzer Zeit hatte er eine grosse Zahl der 
Lchtigsten Thatsachen aufgefunden, wenn sich auch seine 
ifängliche Erwartung, das Geheimniss der Erregung der Netz- 
mt durch die Lichtstrahlen aufzuhellen, nicht erfüllte. Während 
oll meinte, dass die rothe Färbung und die Bleichung durch 
as Licht eine Lebenserscheinung wäre, that Kühne dar, dass 
ie Stäbchenfarbe bei Lichtabschluss auch nach dem Tode und 
^Ibst bei der Fäulniss erhalten bleibt und durch Licht noch 
ebleicht wird, und dass sie von einer bestimmten chemischen 
ubstanz herrührt, welche er aus dem Gewebe durch gallen- 
aures Alkali auflöste und rein darstellte und deren physi- 
alische Eigenschaften durch höchst sinnreiche Versuche 
prüfte. Er ermittelte die Wirkung der verschiedenen Farben 
les Spektrums auf den Sehpurpur, dann den Regenerations- 
>rocess der gebleichten Netzhaut, woraus die sogenannte Opto- 
'hemie entstand, und die Hervorbringung des weissen Bildes 
-iües leuchtenden Gegenstandes auf der Netzhaut des ausge- 
^knittenen Kalbsauges auf rosarothem Grunde, das Optogramm, 

17* 



260 Oeff entliche Sitzung vom 13, März 1902, 

vergleichbar dem Bilde auf einer photographischen Platte. 
Man hatte ja die kühnsten Hoffnungen daran geknüpft, wie 
es häufig bei solchen unerwarteten Entdeckungen geschieht; 
vermeinte man doch das Bild festhalten zu können von Dingen, 
welche das Auge vor dem Tode zuletzt erblickt hatte. Abei 
es sollte Kühne, wie gesagt, nicht beschieden sein in den Vor- 
gang der Erregung der Stäbchen und Zapfen durch die Licht- 
wellen tiefer einzudringen, denn das Sehen zeigte sich nictt 
an den Sehpurpur gebunden, da gerade an der Stelle des 
schärfsten Sehens, dem sogenannten gelben Fleck, der Seb- 
purpur fehlt und Thiere mit ausgebleichter Netzhaut doeli 
noch gut sehen, und viele gut sehende Thiere keinen Seh- 
purpur besitzen. Aber doch war in der Bleichung des Seb- 
purpurs durch das Licht ein Weg angedeutet, wie die Aether- 
wellen die Netzhautelemente zu erregen vermögen; dieselben 
können immerhin photochemisch wirken und die chemischen 
Zersetzungsprodukte die Reize für die Nervenendigung abgebellt 
wie Kühne annahm. In der von ihm entdeckten Wanderung 
des Pigments in den Stäbchen erblickte er einen durch LicW 
regulirbaren Lichtschirm. 

Durch diese Erfahrungen an der Netzhaut wurde er an- 
geregt, auch die elektrischen Eigenschaften derselben sowie des 
Sehnerven, welche zuerst von dem Schweden Holmgren i^^ 
bahnbrechenden Untersuchungen studirt worden waren, no<^ 
weiter zu verfolgen. Es gelang ihm an der isolirten Netzh^"*^^ 
des Frosches einen Dunkelstrom nachzuweisen, womach A^^ 
äussere Stäbchenseite sich negativ elektrisch gegen die inn^^^ 
Nervenfaserseite verhält. Während der Belichtung der Ne'fc^'* 
haut zeigt sich eine dauernde geringere Ablenkung, die ne^^** 
tive Schwankung oder der Phototonus. Bei Lichtreiz ^^* 
Netzhaut des mit dem Sehnerven verbundenen Augapfels erh^^^ 
man an dem Nerven die negative Schwankung wie bei je<i-^' 
Erregung und Thätigkeit eines gewöhnlichen Nerven; bei EL^^^" 
tritt der Dunkelheit durcheilt noch eine starke Erregung d^^ 
Sehnerven und dann tritt wieder der Ruhestrom auf. Die E3^^ 
regung des Protoplasmas der Innenglieder der Stäbchen dur^^^ 



C. Voit: Nekrolog auf Wüly Kühne, 261 

5 Licht giebt sich also in dem Wandel der elektrischen 
äfte zu erkennen als Vorläufer der Erregung in den zuge- 
rigen Nervenfasern. 

Die letzte grössere Arbeit Kühne's vom Jahre 1898 war 
über die Bedeutung des Sauerstoffe für die vitale Bewegung 
i Protoplasmas und zwar an pflanzlichen Organismen, bei 
" er noch sein ganzes eigenartiges Geschick zeigte. Bei 
tziehung des Sauerstofls hört die Bewegung der Staubfaden- 
are der Tradescantien auf und erscheint wieder bei dem 
iederzutritt des Gases. Ebenso untersuchte er durch äusserst 
rgföltige, vielfach modificirte Versuche die Protoplasmabewe- 
mg in chlorophyllhaltigen Pflanzenzellen ohne und mit Ein- 
irkung des Lichts; letzteres führte zu innerer Sauerstofi"- 
Qtwicklung durch das Chlorophyll. Lichtzutritt ruft die Be- 
egung hervor; Sauerstofizutritt bewirkt sie, auch wenn der 
Lchtzutritt schon unwirksam ist. Die Bewegung erlischt im 
imkeln und wird durch Sauerstofizutritt und durch eigene 
werstoflFentwicklung im Licht wieder hergestellt. 

Kühne war noch arbeitsfreudig und er trug sich mit 
lerlei Arbeitsplänen ; öfters äusserte er sich in seinen Briefen 
i mich, er wünsche uns noch einige Jahre wissenschaftlicher 
hätigkeit. Da befiel ihn am Ende des Sommersemesters 1899 
Lch einer starken Erkältung eine Erkrankung, die seinem 
?ben ein für die Wissenschaft zu frühes Ende bereitete. 

Kühne war ein Naturforscher von hohen Gaben, der in 
mkle und verwickelte Vorgänge des Lebens Licht gebracht 
Lt, von grösster Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit in 
inen Untersuchungen und Beobachtungen. Es war ihm ein 
Ldenschaflliches Bedürfniss nach Erkenn tniss eigen und die 
ine Freude an derselben; darum beseelte ihn auch eine wahre 
:ist zu schaffen. Er arbeitete leicht, und wenn er einmal eine 
Lche als bedeutungsvoll erkannt hatte, widmete er sich ihr 
it aller Kraft und ruhte nicht eher als bis er sie so weit als 
Oglich erschöpft hatte. 

Er war einer der geistvollsten Menschen von sprudelnder 
ebhaftigkeit, voller Interesse und von feinem Verständniss für 



260 Oeff entliche Sitzung vom 13. Märe 1903. 

vergleichbar dem Bilde auf einer photographischen Platte. 
Man hatte ja die kühnsten Hoffnungen daran geknüpft, wie 
es häufig bei solchen unerwarteten Entdeckungen geschieht; 
vermeinte man doch das Bild festhalten zu können von Dingen, 
welche das Auge vor dem Tode zuletzt erblickt hatte. Aber 
es sollte Kühne, wie gesagt, nicht beschieden sein in den Vor- 
gang der Erregung der Stäbchen und Zapfen durch die Licht- 
wellen tiefer einzudringen, denn das Sehen zeigte sich nicht 
an den Sehpurpur gebunden, da gerade an der Stelle des 
schärfsten Sehens, dem sogenannten gelben Fleck, der Seb- 
purpur fehlt und Thiere mit ausgebleichter Netzhaut doch 
noch gut sehen, und viele gut sehende Thiere keinen Seh- 
purpur besitzen. Aber doch war in der Bleichung des Seh- 
purpurs durch das Licht ein Weg angedeutet, wie die Aether- 
wellen die Netzhautelemente zu erregen vermögen; dieselben 
können immerhin photochemisch wirken und die chemischen 
Zersetzungsprodukte die Reize für die Nervenendigung abgeben, 
wie Kühne annahm. In der von ihm entdeckten Wanderung 
des Pigments in den Stäbchen erblickte er einen durch Licht 
regulirbaren Lichtschirm. 

Durch diese Erfahrungen an der Netzhaut wurde er aia- 
geregt, auch die elektrischen Eigenschaften derselben sowie des 
Sehnerven, welche zuerst von dem Schweden Holmgren ^^ 
bahnbrechenden Untersuchungen studirt worden waren, no^ 
weiter zu verfolgen. Es gelang ihm an der isolirten Netzh ^-^^ 
des Frosches einen Dunkelstrom nachzuweisen, womach ^® 
äussere Stäbchenseite sich negativ elektrisch gegen die ina^^^ 
Nervenfaserseite verhält. Während der Belichtung der N^^' 
haut zeigt sich eine dauernde geringere Ablenkung, die ne^^' 
tive Schwankung oder der Phototonus. Bei Lichtreiz ^^^^ 
Netzhaut des mit dem Sehnerven verbundenen Augapfels erhu ^ 
man an dem Nerven die negative Schwankung wie bei je^^^^ 
Erregung und Thätigkeit eines gewöhnlichen Nerven; bei E:^^' 
tritt der Dunkelheit durcheilt noch eine starke Erregung ^^^ 
Sehnerven und dann tritt wieder der Ruhestrom auf. Die ^^^^ 
regung des Protoplasmas der Innenglieder der Stäbchen dur"^^ 



C. Vait: Nekrolog auf Wüly Kühne, 261 

3 Licht giebt sich also in dem Wandel der elektrischen 
äfte zu erkennen als Vorläufer der Erregung in den zuge- 
rigen Nervenfasern. 

Die letzte grössere Arbeit Kühne's vom Jahre 1898 war 
\ über die Bedeutung des Sauerstoffe für die vitale Bewegung 
5 Protoplasmas und zwar an pflanzlichen Organismen, bei 
r er noch sein ganzes eigenartiges Geschick zeigte. Bei 
itziehung des Sauerstoffs hört die Bewegung der Staubfaden- 
lare der Tradescantien auf und erscheint wieder bei dem 
''iederzutritt des Gases. Ebenso untersuchte er durch äusserst 
Tgfaltige, vielfach modificirte Versuche die Protoplasmabewe- 
mg in chlorophyllhaltigen Pflanzenzellen ohne und mit Ein- 
irkung des Lichts; letzteres führte zu innerer Sauerstoff- 
atwicklung durch das Chlorophyll. Lichtzutritt ruft die Be- 
egung hervor; Sauerstoffzutritt bewirkt sie, auch wenn der 
Lchtzutritt schon unwirksam ist. Die Bewegung erlischt im 
unkeln und wird durch Sauei*stoffzutritt und durch eigene 
Mierstoffentwicklung im Licht wieder hergestellt. 

Kühne war noch arbeitsfreudig und er trug sich mit 
lerlei Arbeitsplänen ; öfters äusserte er sich in seinen Briefen 
a mich, er wünsche uns noch einige Jahre wissenschaftlicher 
hätigkeit. Da befiel ihn am Ende des Sommersemesters 1899 
ach einer starken Erkältung eine Erkrankung, die seinem 
eben ein für die Wissenschaft zu frühes Ende bereitete. 

Kühne war ein Naturforscher von hohen Gaben, der in 
iinkle und verwickelte Vorgänge des Lebens Licht gebracht 
at, von grösster Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit in 
'inen Untersuchungen und Beobachtungen. Es war ihm ein 
idenschaflliches Bedürfniss nach Erkenntniss eigen und die 
ine Freude an derselben ; darum beseelte ihn auch eine wahre 
ast zu schaffen. Er arbeitete leicht, und wenn er einmal eine 
^he als bedeutungsvoll erkannt hatte, widmete er sich ihr 
it aller Kraft und ruhte nicht eher als bis er sie so weit als 
'^glich erschöpft hatte. 

Er war einer der geistvollsten Menschen von sprudelnder 
-thaftigkeit, voller Interesse und von feinem Verständniss für 



260 Oeff entliche Sitzung vom 13, März 1903. 

vergleichbar dem Bilde auf einer photographisclien Platte. 
Man hatte ja die kühnsten Hoffnungen daran geknüpft, wie 
es häufig bei solchen unerwarteten Entdeckungen geschielit; 
vermeinte man doch das Bild festhalten zu können von Dingen, 
welche das Auge vor dem Tode zuletzt erblickt hatte. Aber 
es sollte Kühne, wie gesagt, nicht beschieden sein in den Vor- 
gang der Erregung der Stäbchen und Zapfen durch die Licht- 
wellen tiefer einzudringen, denn das Sehen zeigte sich nicht 
an den Sehpurpur gebunden, da gerade an der Stelle des 
schärfsten Sehens, dem sogenannten gelben Fleck, der Seh- 
purpur fehlt und Thiere mit ausgebleichter Netzhaut doch 
noch gut sehen, und viele gut sehende Thiere keinen Seh- 
purpur besitzen. Aber doch war in der Bleichung des Seh- 
purpurs durch das Licht ein Weg angedeutet, wie die Aether- 
wellen die Netzhautelemente zu erregen vermögen; dieselb^^ 
können immerhin photochemisch wirken und die chemiscbe^^ 
Zersetzungsprodukte die Reize für die Nervenendigung abgebeHi 
wie Kühne annahm. In der von ihm entdeckten Wanderung 
des Pigments in den Stäbchen erblickte er einen durch LicW 
regulirbaren Lichtschirm. 

Durch diese Erfahrungen an der Netzhaut wurde er ^t^' 
geregt, auch die elektrischen Eigenschaften derselben sowie d^^ 
Sehnerven, welche zuerst von dem Schweden Holmgren ^^ 
bahnbrechenden Untersuchungen studirt worden waren, n(w "* 
weiter zu verfolgen. Es gelang ihm an der isolirten Netzh*'^^^ 
des Frosches einen Dunkelstrom nachzuweisen, womach 
äussere Stäbchenseite sich negativ elektrisch gegen die inn^ 
Nervenfaserseite verhält. Während der Belichtung der Net:::^ 
haut zeigt sich eine dauernde geringere Ablenkung, die neg-^S 
tive Schwankung oder der Phototonus. Bei Lichtreiz d» -^ 
Netzhaut des mit dem Sehnerven verbundenen Augapfels erhä^^ 
man an dem Nerven die negative Schwankung wie bei jed«^ ^ 
Erregung und Thätigkeit eines gewöhnlichen Nerven; bei Eiir:^ 
tritt der Dunkelheit durcheilt noch eine starke Erregung de^^ 
Sehnerven und dann tritt wieder der Ruhestrom auf. Die Ej^-- 
regung des Protoplasmas der Innenglieder der Stäbchen durc -^ 



0. Voit: Nekrolog auf Wüly Kühne. 2G1 

das Licht giebt sich also in dem Wandel der elektrischen 
Kräfte zu erkennen als Vorläufer der Erregung in den zuge- 
hörigen Nervenfasern. 

Die letzte grössere Arbeit Kühne's vom Jahre 1898 war 
die über die Bedeutung des Sauerstoffs für die vitale Bewegung 
des Protoplasmas und zwar an pflanzlichen Organismen, bei 
der er noch sein ganzes eigenartiges Geschick zeigte. Bei 
flntziehung des Sauerstofis hört die Bewegung der Staubfaden- 
baare der Tradescantien auf und erscheint wieder bei dem 
"W^iederzutritt des Gases. Ebenso untersuchte er durch äusserst 
sorgfaltige, vielfach modificirte Versuche die Protoplasmabewe- 
gung in chlorophyllhaltigen Pflanzenzellen ohne und mit Ein- 
wirkung des Lichts; letzteres führte zu innerer Sauerstoff- 
Entwicklung durch das Chlorophyll. Lichtzutritt ruft die Be- 
wegung hervor; Sauerstoffzutritt bewirkt sie, auch wenn der 
Lichtzutritt schon unwirksam ist. Die Bewegung erlischt im 
Ehinkeln und wird durch Sauerstoffzutritt und durch eigene 
Sauerstoffentwicklung im Licht wieder hergestellt. 

Kühne war noch arbeitsfreudig und er trug sich mit 
allerlei Arbeitsplänen ; öfters äusserte er sich in seinen Briefen 
an mich, er wünsche uns noch einige Jahre wissenschaftlicher 
Thätigkeit. Da befiel ihn am Ende des Sommersemesters 1899 
öach einer starken Erkältung eine Erkrankung, die seinem 
Leben ein für die Wissenschaft zu frühes Ende bereitete. 

Kühne war ein Naturforscher von hohen Gaben, der in 
dunkle und verwickelte Vorgänge des Lebens Licht gebracht 
hat, von grösster Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit in 
^inen Untersuchungen und Beobachtungen. Es war ihm ein 
leidenschaftliches Bedürfniss nach Erkenntniss eigen und die 
^ine Freude an derselben ; darum beseelte ihn auch eine wahre 
Lust zu schaffen. Er arbeitete leicht, und wenn er einmal eine 
Sache als bedeutungsvoll erkannt hatte, widmete er sich ihr 
^t aller Kraft und ruhte nicht eher als bis er sie so weit als 
Möglich erschöpft hatte. 

Er war einer der geistvollsten Menschen von sprudelnder 
^bhaftigkeit, voller Interesse und von feinem Verständniss für 



256 



ötffenüiche Siisung vom IS, Man t9ÖZ 



das Muskelprotoplasiim das Verhalten des Pratoplasmas anderer 
Gebilde gegen äussf*re Einwirkungen wie z* B* das der Amöben j 
der Hhizopoden nnd Myxomyzeten, der Flimmer haare, der Zellen 
der Hornhaut und des Bindegewebes; auch das pflanzlicher 
Zellen z, B* der Zellen der Staubfadenhaare von Tradescantia, 
Es ergab sich daraus der ungemein wichtige Sehluss, dass die 
Substanz in allen contraktilen Gebilden die gleiche plasmatische 
Flüssigkeit mt, oder die Einheit der contraktilen Substanz, 

An dem ftlr solche Versuche sich so sehr eignenden parallel- 
fasrigen, an den Enden nervenfreien Musculus Sartorius des 
Frosches wurden von ihm noch mancherlei schone Beabach- 
tungen zur allgemeinen Muskel- und Nervenphysik gemacht 
Hierher gehört der sogenannte Zwei zip feiversuch, der die 
doppelseitige Leitung der Erregung in den motorischen Nerven- 
fasern mit Sicherheit bewies. Er zeigte ferner die sekundäre 
Erregung von Muskel zu Muskel ohne Vermittlung von Nerven 
beim ZusammenschmiegeR der Muskeln durch Pressen; weiterhin 
that er die Uebertragung der Erregung vom Muskel auf den 
Nerven dar und bewies die Abhängigkeit dieser sekundären 
Zuckung von den Aktionsströmen; er fand die interessante, 
allerdings noch unerklärliche Thatsache, das.s ein Muskel nicht 
fähig ist, seinen eigenen Nervenstamra sekundär zu erregen. 
Es gelang ihm dagegen nicht, die von ihm vorausgesetzte 
elektrische Reiz üb er tragung vom Nerven auf den Muskel durch 
Versuche darzuthun. Sonderbarer Weise zeigte nach seinen 
Beobachtungen da^ Protoplasma der Protozoen bei elektrischer 
Reizung beim Sehluss des Stroms die Erregung an der Anode 
und nicht an der Kathode wie das Protoplasma der Muskeln, 
was allerdings gegen die Einheit des IVotoplasmas zu sprechen 
scheint 

Von hoher Bedeutung sind seine umfassenden Arbeiten Über 
die Verdauung der Eiweissstoife durch den Pankreassaft und die 
dal>ei stattfindenden Veränderungen derselben, welche er «^chon 
in Berlin (1867) begonnen hatte. Während man früher nur dem 
Magensaft die Fähigkeit zuschrieb Eiwciss zu verdauen, hatte 
man dies auch für den Salt der Bauchspeicheldriisse uachge- 




C. Voü: Nekrolog auf Charles Hermite. 263 

d ,Sulle frazioni continue* in der neu begründeten Zejt- 
irift: Le Matematiche pure e applicate) das Datum vom 
. December 1900, bezw. Januar 1901! 

Hermite wurde am 24. December 1822 zu Dieuze in Loth- 
igen geboren. Nachdem er das College zu Nancy, dann die 
riser Colleges Henri IV und Louis le Grand besucht, bezog 
1842 die Ecole Polytechnique. Das Interesse für die reine 
kthematik, das schon auf der Schule mächtig in ihm erwacht 
jc und namentlich durch die Lecture von Lagrange's ,Trait^ 
la resolution des ^quations numdriques" und Gauss' »Dis- 
isitiones arithmeticae* reichliche Nahrung gefunden hatte, 
rdrängte sehr bald seine ursi3rüngliche Absicht, Ingenieur 
werden. Schon 1843 schickt er auf Lionville's Rath an 
cobi eine briefliche Mittheilung seiner Untersuchungen über 
perelliptische Functionen und „stellt sich mit einem Schlage, 
rch einen Brief von wenigen Seiten, in die Reihe der besten 
lalysten Europa's".*) Im Jahre 1848 wird er zunächst 
jpetitor und Examinator an der Ecole Polytechnique, 1862 
iitre de Conferences an der Ecole Normale, 1869 als Nach- 
ger DuhamePs Professor der höheren Algebra an der Sorbonne 
aculte des Sciences) und zugleich Professor der Analysis an 
r Ecole Polytechnique. Wohl die gesammte, an hervor- 
genden Talenten so reiche Generation der jüngeren fran- 
sischen Mathematiker hat er seit jener Zeit zu begeisterten 
hülem gehabt. 

Von seinen überaus zahlreichen, über die verschiedensten 
?biete der Analysis, Algebra und Zahlentheorie sich er- 
reckenden Arbeiten hat P. Mansion in der „ Revue des questions 
ientifiques** (T. 19) ein vorläufiges Verzeichniss zusammen- 
ästellt.*) Ihre Anzahl beläuft sich auf mehr als 200, und 

*) Darboux, Rede zur Feier von Hermite's 70. Geburtstage. 

*) Eine kurze kritische Besprechung der wichtigsten Hermite'schen 
•beiten giebt M. Krause in einem Vortrage, der in der naturwissen- 
tiaftlichen Gesellschaft Isis in Dresden gehalten wurde und in deren 
g*n abgedruckt ist; eine ausführlichere, glänzende Würdigung von 
niiite's wissenschaftlichen Verdiensten bietet Emile Picard's in der 



264 Oeff entliche Sitzung vom 13, März 1902. 



\ 



es verdient an dieser Stelle ausdrücklich hervorgehoben ä^ 
werden, dass mehr als der fünfte Theil in deutschen Zeit- 
schriften publicirt wurde: liegt doch gerade hierin ein beredt^3S 
Zeugniss, wie Hermite seit jener ersten Correspondenz n«.^t 
Jacobi unablÜÄsig bemüht war, wissenschaftliche und persönlicfcme 
Verbindungen mit deutschen Mathematikern anzuknüpfen uczmd 
zu unterhalten. Und wie er selbst mit Vorliebe sich a^ls 
Schüler von Gauss, Jacobi und Dirichlet zu bezeichnen pflegfci-^i 
so gebührt ihm, wie keinem seiner Landsleute und Colleg^^^ 
das grosse Verdienst, eingehendes Studium und gerech- te 
Würdigung der grossen deutschen Mathematiker von Gau 
bis Weierstrass in Frankreich angeregt und gefordert zu habe 

Eine einigermaassen ausreichende Classification der He 
mite'schen Arbeiten bietet insofern grosse Schwierigkeit 
als viele derselben, und darunter gerade solche von ganz b- 
sonderer Tragweite nicht einer der oben genannten Discipline: ^°i 
sondern auf gewissen Grenzgebieten sich bewegend mehrer^^"^^ 
zugleich angehören. 

Ein nach Anzahl und Bedeutung besonders erhebliche -J^^* 
Theil jener Arbeiten beschäftigt sich mit der Theorie d^ -^^r 
elliptischen und hjperelliptischen Transcendenten und dert — ^° 
Beziehungen zur Algebra und Zahlentheorie. Dem zuvor err er- 
wähnten Briefe an Jacobi war bereits 1844 ein zweiter 
über die Transformation der elliptischen Funktionen — gefolg 
welcher von dem auf der Höhe seines Ruhmes stehenden König^^ss- 
berger Mathematiker mit den schmeichelhaftesten Lobsprüche^^^ 
erwidert und für würdig erachtet wurde, mit jenem ersten zi^: — ^"" 
sammen in der Sammlung seiner „Mathematischen Werke* 
abgedruckt zu werden. Das schon in jenem zweiten Brief 




Facultc des Sciences gehaltener Vortrag: L'oeuvre scientifique 
Charles Hermite (abgedruckt in den Annales de I'ficole Normal 
3iemo Serie, T. 18). Ein weiteres eingehendes Referat über Hermii 
wissenschaftliche Thiitigkeit hat M. Noether in den Mathematisch 
Annalen publicirt. 

') D. h. schon in der von Jacobi selbst veranstalteten AusgaV 
Bd. I (I84G), p. 391 IF. 




G. VoU: Nekrolog auf Charles Hermite. 265 

gewendete, heutzutage meist schlechthin als ^Herniite'scher 
tz* bezeichnete Fundamental-Princip, nämlich die Reduction 
ler, gewissen Periodicitäts-Bedingungen genügenden Function 
f eine lineare Verbindung bestimmter Elementarfunctionen, 
t sich nicht nur für die Behandlung des Transform ations- 
oblems, sondern für die gesammte Theorie der elliptischen 
mctionen als äusserst fruchtbar erwiesen und wurde später- 
1 (1855) in verallgemeinerter Form von Hermite auch für 
j Transformation der Aberschen (genauer gesagt: hyper- 
iptischen) Functionen nutzbar gemacht. Andere grundlegende 
iwendungen giebt er in seiner „Uebersicht über die Theorie 
r elliptischen Functionen" ^) und bei der Behandlung der 
n ihm eingeführten doppelperiodischen Functionen 2. und 
Art. Neben einer ganzen Reihe weiterer der Lehre von 
n elliptischen Functionen angehöriger Arbeiten, welche theils 
r Herleitung zahlreicher neuer analytischer Beziehungen 
enen, theils Vereinfachungen in der Herleitung schon be- 
•nnter liefern, verdienen diejenigen eine ganz besondere Er- 
ähnung, in denen Hermite die Theorie der elliptischen Func- 
)nen auf algebraische und zahlentheoretische Probleme an- 
Bndet. Die Beschäftigung mit der Transformation der ellip- 
tchen Functionen und der damit in engem Zusammenhange 
ihenden, von Jacobi begründeten Theorie der Modular- 
dchungen führt ihn zur Auflösung der Gleichung 5. Grades 
$58) und weiterhin zu bemerkenswerthen Resultaten über ge- 
;se Gleichungen beliebigen Grades, zugleich aber auch zur Her- 
iung von Classenanzahl-Relationen für quadratische Formen. 
endahin gelangt er andererseits auch durch Reihen-Ent- 
ikelungen gewisser Theta-Quotienten, und die weitere Ver- 
gung dieses Weges liefert ihm unter anderen zahlentheo- 
liischen Ergebnissen die zum Theil von Gauss und Legendre 
r anderen Wegen gefundenen Sätze über die Darstellung 



*) Unter diesem Titel deutsch von L. Nataui, Berlin 18G3; ui'sprüng- 
3. als Anhang zu Lacroix, Traite elementaire du calcul diflferential et 
^gral, 6*^°^« ed., 1862* 





266 Oeffentliche Sitzung vom 13, März 1902. 

einer Zahl als Summe von drei oder fünf Quadraten. Weitere- 
Anwendungen der elliptischen Functionen macht er auf di^ 
Integration der sog. Lamä'schen und anderer Differential 
Gleichungen, sowie auch auf verschiedene mechanische Probleme 

Unter den nicht auf die Theorie der elliptischen od cai" — ?x 
hyperelliptischen Functionen sich beziehenden analytischeir n 
Arbeiten gebührt zweifellos der erste Platz seiner vielgenannter -^sn 
Abhandlung über die Transcendenz der Zahl e (1873). Wusstzz^Ke 
man auch seit Lionville Zahlenreihen anzugeben, welche trani-— ^a- 
cendente Irrationalitäten definiren, so wird hier zum erst e -g^ n 
Male ein bindender Beweis dafür gegeben, dass eine von vortr wi- 
herein definirte, für die gesammte Analysis so fundamentaCT -le 
Zahl, wie jenes e, der Classe der algebraischen Zahlen nich^ri^t 
angehört. Der von Hermite benützte Gedankengang darf zu 
gleich für den späterhin (1882) von Lindemann gelieferten Be 
weis der Transcendenz von tt, also für die Erledigung d« 
naturgeraäss weit populärer gewordenen Kreis-Quadraturprc 
blems als bahnbrechend und vorbildlich angesehen werdei 
Die Theorie der algebraischen Kettenbrüche, welche HermiBi^^ 
als Grundlage bei jener Untersuchung über die Zahl e gedier:^^^^^^ 
hatte, verdankt ihm auch weiterhin erhebliche Bereicherungea^^^ 
und Verallgemeinerungen. Er wendet sie auf die Integratio '^^ 
gewisser linearer Differential-Gleichungen an und findet neu^^^ 
Beziehungen zur Theorie der Kugel-Funktionen. Aber hiei — 
mit sind seine analytischen Leistungen noch keineswegs ei^ 
schöpft. Eine lange Reihe von Arbeiten behandelt analytisch 
Einzelfnigen der mannigfachsten Art: solche aus dem Gebiet^^ "^^ 
der Infinitesimal-Kechnung, der Bernouilli'schen Zahlen, der 
Gamma-Functionen und Euler'schen Integrale, der Fourier'scher 
Reihen, der analytischen Functionen. Es giebt wohl kaun::-'-^ 
eine Frage des analytischen Calcüls, in die er nicht gelegen t—-"^' 
lieh mit seiner schöpferischen Eigenart eingegriffen hätte. 

Die Theorie der elliptischen und hyperelliptischen Func- 
tionen ist zu eng mit derjenigen der quadratischen Former 
vorknüpft, um es nicht geradezu als selbstverständlich er- 
scheinen zu lassen, dass Ilermite seit Beginn seiner mathe 





C. Voit: Nekrolog auf Charles Hermite. 267 

tischen Untersuchungen der Formerr- Theorie besonderes 
eresse und tiefstes Studium gewidmet hat. Hier setzt die 
>sse Reihe seiner rein zahlentheoretischen und alge- 
aischen Arbeiten ein, die im übrigen seinen analytischen 
istungen an Bedeutung in keiner Weise nachstehen. Von 
• arithmetischen Theorie der binären quadratischen Formen 
igt er auf zu derjenigen der quadratischen Formen mit 
iebig vielen Veränderlichen und der binären Formen be- 
aigen Grades. Bald schafft er sich mit der Einführung 
tiger Variablen in der Zahlentheorie ein neues mächtiges 
ilfsmittel und eröfl&iet neue Perspectiven durch die Betrach- 
ig von Formen mit conjugirt complexen Veränderlichen. 

Zusammenhange mit der Theorie der quadratischen Formen 
iwickelt er eine neue und verallgemeinerte arithmetische 
eorie der Kettenbrüche und der damit zusammenhängenden 
näherungs- Methoden. Durch rein arithmetische ebenfalls 
' der Theorie der quadratischen Formen beruhende Betrach- 
igen beweist er den Stürmischen Satz über die Anzahl der 
Uen Wurzeln einer algebraischen Gleichung, wie auch den 
liegen Cauchy 'sehen Satz über complexe Wurzeln, und wird 
•ch die Beschäftigung mit diesem Gegenstande auf einen 
iz neuen höchst merkwürdigen Satz geführt, wonach sich 

Wurzeln gewisser Gleichungen allemal mit Hülfe einer 
llichen Anzahl bestimmter Irrationalitäten ausdrücken lassen. 
Aber auch die algebraische Theorie der Formen empfing 
r bald durch Hermite's Arbeiten ausserordentliche Fördei'ung. 
b Cayley und Sylvester darf er als gleich werthiger Be- 
inder der Invarianten-Theorie angesehen werden. Viele der 
1 jenen gewonnenen Resultate hat er gleichzeitig und unab- 
ngig aufgefunden, andere sind im wissenschaftlichen Wechsel- 
•kehr entstanden, so dass es kaum möglich erscheint, den 
itheil jedes einzelnen mit absoluter Genauigkeit zu bestimmen. 
Als Documente seiner Lehrthätigkeit hat uns Hermite 
a (1873 gedruckten) ersten Theil seines „Cours d' Analyse 

TEcole polytechnique" und den im Winter 1881/82 an der 
.culte des Sciences vorgetragenen „Cours" (autographirt in 



262 



Oeffentliche SUmng vom IS. MärM 10Ö2, 



die Bestrebiingen auf allen Gebieten menschlicher Thaiigkeit^ 

fUr die Fortschritte des Wissens und der Kunst, und von einer 
seltenen allgemeinen Bildung. Es war ein wahrer Genuss eine 
Kunstausstellung mit ihm zu durchwandern, wobei man erstaunt 
war über seine eingehenden Kenntnisse, Für seinen inneren 
Werth sprach es, daas er mit dem um 25 Jahre iiltereu Robert 
Bunsen fs^st täglich freundschaftlich verkehrte und ihm die 
Resultate der wissenschaftlichen Farüchung berichten durfte. 

Seine edle und liebenswürdige Persönlichkeit nahm alsbald 
fllr ihn ein. In der Wissenschaft war es ihm nur um die 
Sache und um die Wahrheit zu thun, nie um persönliche In- 
teressen; jedes unwahre, selbstsüchtige Treiben verachtete er. 
Er konnte sich an jeder ernsten Leistung und an den Fori- 
schritten des Wissens wahrhaft erfreuen. Er hielt sich frei 
von vorgefassten Meinungen und war stets bereit rtls irrthüm- 
lich erkannte Ansichten aufzugeben. Hj^jothesen und Theorien 
galten ihm wie jedem echten Naturforscher nicht als Erkenntnis, 
sondern nur als Mittel zur Erkenntniss. 

Wir Zeitgenossen werden ihm stets dankbar für sein 
Lebenswerk sein und seiner in Verehrung gedenken; aber auch 
die spätere Zeit wird ihn stu den bedeutendsten Physiologen 
zahlen. 

Charles Hermite. 

(Dieser Nachruf ßlammt aua der kuüdigcii Feder dea Uerm Collegeii 
Alfred Pringsheim). 

Am 14* Januar des Jahres 1901 starb zu Paris im 79. Lebens- 
jahre der Nestor der französischen Mathematiker^ Charles Hermite. 
Länger als ein halbes Jahrhundert hat er durch Schrift und 
Wort den Ausbau und die Verbreitung mathematischen Wissens 
in hervorragender Weise gefordert. Erst 1897, im Alter von 
75 Jahren, hatte er seine Lehrthätigkeit, die er als Repetitor 
für Analysis an der Ecole Polytechnique begonnen, als Professor 
an der Sorbonne niedergelegt, seine Schaifenskraft aber endete 
erst mit seinem Tode: tragen doch seine letzten Publicationen 
(»tiur une equation transcenclante" im Archiv filr Mathematik 



I 




C. VoU: Nehrolog auf NÜs Adolf Enk t?. NordenshöU. 271 

Nach der Bearbeitung seiner geologischen Funde und 
äobachtungen folgte (1861) eine zweite mit grösseren Mitteln 
id mit Unterstützung des Königs, der Regierung und der Aka- 
mie angestellten Expedition unter ToreH's Führung zugleich 
it zahlreichen schwedischen Forschern, welche aus zwei Segel- 
hiffen und sechs Booten bestand. Auf dieser ersten grös- 
ren schwedischen Expedition wurde Spitzbergen zuerst in 
iturhistorischer Hinsicht näher kennen gelernt. 

Bei einer weiteren Polarreise unter Nordenskiölds Leitung 
ich Spitzbergen (1864) mit dem alten KriegsschiflFe „Axel 
)rdsen* wurden durch den jungen Astronomen Duner aus 
md Vorarbeiten für eine Gradmessung gemacht und vom 
bissen Berge aus, nahe der Ostküste der Hauptinsel Spitz- 
rgens, ein hohes Gebirgsland „Schwedisch Vorland" entdeckt. 

In Folge dieser günstigen Aussichten nahm sich nun der 
lat sowie die Akademie (1868) der Sache energisch an und 
$s den stark gebauten Postdampfer „Sofia" für eine neue Reise 
;h Spitzbergen ausrüsten. Er drang dabei bis 81^ 42' nörd- 
ler Breite vor, weiter als vor ihm ein Forscher, aber das 
; zeigte sich von da an unbezwingbar. Reiche Ausbeute 
• Geologie, Physik und Biologie dieser arktischen Regionen 
rde von ihm und seinen wissenschaftlichen Mitarbeitern 
^gebracht. 

Von diesen drei Fahrten nach Spitzbergen stammt grössten- 
(ils unsere gegenwärtige Kenntniss jenes Archipels: von 
rdenskiöld rühren die Aufnahmen der geologischen und geo- 
ysikalischen Verhebung, der Hebung und Senkung der Küsten, 
i ein erster Versuch zur Begründung der Klimatologie der 
reninseln her, während man seinen Begleitern die geographische 
bsbestimmung, die Tiefseeerforschung und die Untersuchung 
5 Thier- und Pflanzenlebens verdankt. 

Sein Blick richtete sich nun (1870) auf ein neues und 
heres Ziel, nämlich auf die Erschliessung von Grönland, 
ises grössten Polarkontinents, wo die zweite deutsche Nord- 
Ifahrt unter Drygalski und dänische Forscher schon vorge- 
beitet hatten. Es lag die Frage vor, ob das Inlandseis von 



272 Oeffentliche Sitzung vom 13. März 190^. 

Grönland, von dem man nur einen schmalen Küstensaur 
kannte und auf dem tiefer ins Innere zu dringen bis dahii 
nicht gelungen war, passirbar sei. Nordenskiöld kam nach» — 

sorgfältiger Vorbereitung mit Dr. Berggren und zwei Grön 

ländern mittelst Schlitten auf dem Binneneise 45 Eilometei 

weit. Auf der Insel Disko entdeckte er dabei die di-ei grösstenB= — 

bis jetzt bekannten mächtigen Eisenmassen meteorischen Ur 

Sprungs, deren grösste er auf 500 Zentner schätzte. 

Bald darauf fasste er den Plan zu einer fünften mit alleuB — 

Hilfsmitteln sorglich vorbereiteten Reise nach Spitzbergen; ei 

wollte überwintern und dann mit Schlitten auf dem Eise nach^^ 
dem Pol zu gelangen suchen. Unter Beihilfe des Staates unS_ 
der Akademie, der Seehandelsstadt Gothenburg und des Gross — 
kaufmanns 0. Dickson in Gothenburg erhielt er die Mittel, uns^ 
zwei Schiffe, den eisernen Postdampfer „Polhene" und diesr 
Segelbrig „Gladan" mit zwei Dampfern für Kohle, Proviant^ 
das Ueberwinterungshaus und die Renthiere auszurüsten, lam. 
Juli 1872 ging die Expedition von Tromsö ab und blieb den- 
Winter über an der Mossel- oder Halbmondsbai; leider trat^ 
allerlei Missgeschick ein, wodurch der Plan nur unvollkommen, 
zur Ausführung kam, es froren die TransportschiflFe vorzeitig* 
ein, so dass der Proviant für 67 statt für 21 Personen aus- 
reichen musste, auch liefen die Renthiere davon. Im Frühjahr 
1873 ging es mit Leutnant Polander und 14 Mann über die 
Parryinseln auf drei Schlitten und zwei Booten gegen Norden 
nach den Siebeninseln. Von der Phippsinsel, der nördlichsten 
der Siebeninseln, fand sich bei einer Umschau das Treibeis im 
Norden der Art, dass es unmciglich erschien einen höheren 
Breitegrad zu erreichen. Sie fuhren daher über Cap Plaien 
längs der unvollständig bekannten Nordküste des Nordostlandes 
und dann über das Binneneis des letzteren nach der Mosselbai 
zurück. Es war ein kühner Zug, durch den man die Ueber- 
zeugung gewann, dass sich der 90. Grad nicht mittelst Schiffen, 
sondern nur mit Schlitten und Eskimohunden erreichen lasse, 
wie es später durch Nansen und den Herzog der Abruzzen 
durchgeführt worden ist. 



0. Voü: Nekrolog auf Nüs Adolf Erik v. Nordenskiöld. 273 

Die österreichisch-ungarische Expedition von 1872/74 unter 
JPayer und Weyprecht sowie die Nachrichten der Walfisch- 
fJinger, dass es möglich sei, zu bestimmten Jahreszeiten in das 
k:a.rische Meer einzudringen, lenkten seine Aufmerksamkeit auf 
die über drei Jahrhunderte alte Aufgabe, einen SchiflFfahrtsweg 
im l^orden um Europa und Asien nach den ostasiatischen Ge- 
'^viissem, die nordöstliche Durchfahrt, zu finden, welche seit der 
Angabe K. E. v. Baer's, dass das karische Meer aus undurch- 
dringlichem Eis bestehe, für unmöglich gehalten wurde. Norden- 
skiöld prüfte auf zwei Fahrten diese Angabe; mit dem kleinen 
Segler » Proeven * erreichte er (1875) an der nordsibirischen 
Iv liste die Jenissei- Mündung und mit dem grösseren Fahr- 
zeug ,Ymer' den Dickson's Hafen an der gleichen Fluss- 
niundung, wodurch jene Angabe von Baer als irrthümlich 
erwiesen war. 

Diese vorläufige Erkenntniss liess ihn nicht ruhen, er 
^^^ollte das wichtige Problem der nördlichen Umschiffbarkeit 
Asiens lösen. Von König Oskar von Schweden, seinem alten 
^■»onner Dickson in Gothenburg und dem sibirischen Bergwerks- 
besitzer Sibirianoff bekam er die Mittel zur Ausführung des 
S^ossen Unternehmens. Es standen der Dampfer „Vega*' und 
zwei Transportdampfer zur Verfügung; die Vega leitete der 
^*H.nnalige Kapitänleutnant Palander, den einen Transportdampfer 
^er Kapitän Johannesen; zahlreiche Naturforscher begleiteten 
^ie überaus glückliche Ffihrt, durch welche er sich den grössten 
*'ulim erworben hat. Sie gieng am 8. Juli (1878) von Gothen- 
«iirg aus; die Vega fror aber Ende September unter (37^ 5' 
^^Wlicher Breite nahe ihrem Ziele in der Koljutscliinbai ein 
^'^d konnte erst im Juli 1879 die Heise durch die Behrings- 
'"^trasse fortsetzen; anfangs September war das so lange erstrebte 
'^iel der Umseglung Europas und Asiens mit ihrer Ankunft in 
*^^pan gelungen. Die Fahrt erregte überall das grösste Auf- 
^^Vien; der König von Schweden ehrte Nordenskiöld durch die 
^-•^•liebung in den Freiherrnstand und der Reichstag bewilligte 
^*^Ui einen Ehrensold. 

1902. Sitsongsb. d. math.-phys. Gl. 1B 



\ 



274 Oe ff entliche Sitzung vom 13. März 1902. 

Zuletzt trat er (1883), gestützt auf die Erfahrungen ) 
dem ersten Versuch von 1870, nochmals eine Grönlandfal 
an, um die üurchquerung des Grönländischen Eises zu v« 
suchen und zu entscheiden, ob diese Insel ganz vergletsch 
sei oder eisfreie Bezirke berge. Auch zu dieser seiner sieben! 
arktischen Reise erhielt er die Mittel von Dickson und ( 
SchiflF „Sofia" durch den König von Schweden; unter c 
sechs wissenschaftlichen Begleitern befand sich der Botanil 
und Paläontologe Professor Nathorst. Der Zug ging ül 
Island nach dem Anleitsivikfjord, von wo die Wanderung ül 
das Binneneis auf Schlitten und Schneeschuhen begann, 
kamen 120 Kilometer weit in das Innere und fanden eine lar 
sam ansteigende Eisfläche vor. Auf der Rückreise gelang 
das die südliche Ostküste Grönlands umlagernde Treibeis 
durchdringen und diese Ostküste südlich vom Polarkreis 
erreichen, ein Ziel welches man schon seit Jahrhunderten v 
geblich zu erreichen versucht hatte. Darnach stellte sich Gri 
land als ein gewaltiger Eiscontinent dar, so wie ein gros 
Theil der Erdoberfläche während der Eiszeit beschaffen w 
was später von Nansen durch seine geglückte Durchquert 
Grünlands bestätigt wurde. 

Nach Abscliluss dieser seiner Entdeckungsfahi*ten widm 
sich Nordenskiöld der Bearbeitung des davon mitgebrach 
reichlichen wissenschaftlichen Materials, durch welches er 
Geologie und die polare Länderkunde wesentlich bereicherte. 
Resultate finden sich in grossen Werken zusammengest^ 
Die Vegafahrt ist in einer deutschen Schrift: „Die Umsegeli 
Europas und Asiens auf der Vega" in zwei Bänden im All 
meinen beschrieben ; das wissenschaftliche Detail in schwedisc 
Sprache in fünf Bänden berichtet; die letzte Reise nach Gr 
land in dem Buche: „Grönland, seine Eiswüsten im Inn 
und seine Ostküste ". 

Seine Beobachtungen über eine dereinstige höhere Tempe 
tur in der kalten Zone führten ihn zu bestimmten Vorstellunj 
über die Veränderinif^^en der AVärme in diesen Regionen 



C. Voü: Nekrolog auf NUs Adolf Erik r. Nordenskiöld. 2i5 

geologischer Vorzeit, sowie über die Eisbildung, welche dazu 
beigetragen haben unsere Kenntnisse von der Entwicklung der 
Erde und Ton der Abgrenzung der einzelnen tellurischen Zeit- 
alter sicherer zu stellen. 

Besonders nahmen sein Interesse in Anspruch die merk- 
würdigen Ansammlungen des eisenhaltigen feinen grauschwarzen 
Staubes, des Lehmschlammes oder Kryokonits, den man in 
Spitzbergen antrifft, und den er sogar auf dem ewigen Eise 
Grönlands in weiter Entfernung vom Strande vorfand: die 
Staubdecke ist aus diesem Grunde und nach dem Kesultate 
der von ihm gemachten chemischen Untersuchung nicht von 
^verriebenem Gneis Grönlands abzuleiten ; er hält dieselbe viel- 
niehr wie die Meteoriten für kosmischen Ui*sprungs, ent- 
standen durch Verbrennung der Meteoriten in unserer Atnio- 
spliäre. 

Von grosser Bedeutung sind seine Studien über das Nord- 
licht, welche er namentlich während des Winteraufenthaltes 
im Nothhafen zu Pitlekay anstellte ; es bot dorten das Phänomen 
ganz andere Erscheinungen dar wie in Skandinavien oder 
Spitzbergen; .die geographische Lage des Beobachtungsortes 
hedingt also eine Verschiedenheit des Anblicks. Er stellte 
darnach eine besondere Theorie auf: er sagt, man müsse auf 
^er Erde verschiedene concentrische Kreisringe unterscheiden, 
^nd man nehme je nachdem man sich in dem einen oder 
anderen dieser Ringe befinde, einen anderen Typus des Nord- 
'^chts wahr, ein strahlen werfendes oder ein sogenanntes 
^^"aperielicht oder nur ein diffus leuchtendes. Der Mittel- 
punkt der Ringe fallt nach ihm nicht mit dem magnetischen 
"^ Ordpol zusammen, sondern liegt etwas nördlich von letzterem. 

Seine Ermittlungen über die Hebung des Landes in Skan- 
dinavien ergaben, dass daselbst überall in der Tiefe von 
^Oo Metern nach Durchdringung der archaeischen Formation 
^imndwasser sich findet, so dass selbst auf kleinen sonst Wasser- 
hosen Felseninseln der Küste Bohrungen zur grossen Wohlthat 
*^r Bewohner mit Erfolg angestellt werden können. 

18* 



276 Oeff entliche Sitzung vom 13. März 1902, 

In den letzten zwanzig Jahren seines Lebens Hf>scliäftig f 
er sich eifrig mit der Geschichte der Erdkunde, namentlic=L U 
durch Seefahrten und ihrer Darstellung durch Karten, i^ '^^ 
sind wahrhaft grossartige Leistungen an Fleiss und G i^^ — 
nauigkeit. 

1883 gab er drei Karten zu den Reisen des Venetiane ^»rs 
Zeno nach den Far-Üer, Island und Grönland heraus, woW -^i 
es sich allerdings nach Storms um ein späteres Machwei^crlc 
handelte; dann folgte eine neue Ausgabe einer Reisebeschreibur^mg 
von Marco Polo. 1889 erschien der Facsimile- Atlas mit 4. ^r 
Entwicklung der gedruckten Landkarten im 15. und 16. Jah». t- 
hundert; 1892 zum 400jährigen Jubiläum der EntdeckuKT^g 
Amerikas die Nachbildung der ältesten Karte von Ameril^ a--» 
und 1897 der wunderbare Periplus mit der Geschichte A ^i" 
Seekarten und Segelan Weisungen von ihren Anfangen bis L :äis 
18. Jahrhundert. Diese Werke werden für lange Zeit c3.i^ 
Grundlage der Foi-schung auf dem Gebiete der KartograpL:» ie 
und der geographischen Entdeckungen bilden. 

Es war ein an Thaten reiches Leben, die ihm durch sei ^^^ 
umfangreichen Kenntnisse, seine unauslöschliche Liebe ac"*^^ 
Wissensehaft, durch besonnenes Abwägen dei? Erreichbar"^^ 
und sein entschlossenes kühnes Handeln gelangen. Er y^" ^^ 
weit davon entfernt durch seine Reisen und das Ueberstel»^ ^^ 
von Gefahren Aufsehen machen zu wollen; auch wollte er sm ^^ 
nicht durch die Polsucherei, die ihm von geringem wissenscha-^*^ 
liehen Werth zu sein schien, einen berühmten Namen maeh^^^' 
ihm war es nur um die Wissenschaft zu thun, welche er ai^»-^" 
als Mitglied des schwedischen Reichstages, dem er seit IS^ ^ 
angehörte, durch l^nterstützung ihrer Anforderungen zu ford^^^^ 
suchte. Darum blieb er auch trotz reicher Ehren und An -^^"■"^ 
kennungen der einfache, die lärmende OefFentlichkeit scheuer"^^^^^ 
Geleinte, der ob seiner Verdienste um die WissenschafI ^" 

seinem Vaterlande und in der ganzen gebildeten Welt stets ^" 

KInvn Lr»'halton werden wird. 



C. V&Ü: Nekrdog auf Ms Adolf Mr^ v, NorätnsJddld. 269 

der stiUen Gelehrtenstube gemachten Forschungen in der Minera- 
logie« Geologie und Geographie dazu befähigt gewesen wäre. 

Aus einer alten schwedischen Familie staniraend wurde er 
am 18. November 1832 in Hetsingfors^ nach der EinverleibuDg 
Finnlands in dm russische Reiche geboren, w^oselbst sein Vater 
als tüchtiger Mineraloge der Direktor des Finnland ischen Berg- 
and Hüttenwesens war. Voo früh an hatte er, oßenbar durch 
die Thiitigkeit seines Vaters veranlasst^ eine Neigung zur 
GeognoBie gefasst. Darum betrieb er auch an der Universität 
Uelsingfors von 1849 an eifrig Studien in der Mathematik^ 
Physik und Chemie, besonders aber in der Mineralogie und 
Geologie. Noch während seiner Studienzeit hatte er das Glück 
seinen Vater auf Reisen in dem geologisch so merkwürdigen 
Finnland und in den mineralreichen Ural zu hegleiten, wobei 
seine mineralügiscben und gtiologischen Kenntnisse durch die 
unmittelbare Anschauung der Natur sehr erweitert wurden; 
die Ergebnisse dieser Reisen legte der junge Forscher schon 
1857 in mehreren Abhandlungen in den Verhandlungen der 
finnländisehen wissenschaftlichen Gesellschaft nieder. 

Vor dem Abschluss seiner Studien zog er sich durch eine 
freisinnige Rede das Missfallen des russischen Gouverneurs 
V. Berg zu; er begab sich desshalb an die Universität Berlin, 
wo er naturwissenschaftliche Vorlesungen hörte und namentlich 
durch Gustav Rose, den ersten Analytiker seiner Zeit, in die 
genaue Mineralanalyse eingeführt wurde. 

Nach seiner Vaterstadt zurückgekehrt erwarb er (1857) 
den Doktorgrad; jedoch kam es bald zum abermaligen Bruch 
niit den russischen Behörden in Folge einer Rede, worauf er 
für immer Finnland verliess und nach Stockholm ging; er fand 
daselbst ein angeregtes wissenschaftliches Leben im Umgang 
mit strebsamen jungen Gelehrten. 

Es mögen hier seine mineralogischen Arbeiten, welche ihn 
in der ersten Zeit seiner wissenschaftlichen Thätigkeit beschäf- 
tigten, erwähnt werden, Er hat zahlreiche Mineralien Finn- 
lands und Schwedens chemisch und krystallographisch unter- 
sucht und dadurch wertb volle Beitrage zur Kenntniss der dort 



270 



OeffmÜiehe Siiäun^ mm 13. Man 1902. 



vorkommen den seltenen Species geliefert und mehrere neue 
Mineralien entdeckt; es gi^hören Uerlier die Be&chreibnngen 
des aus kieselsaurer Yttererde bestehenden Gadolinits von 
Ytt^^rbj, des Selenküpferthallium enthaltenden Cröokesit's, des 
Laxitiannits, Demidowits, Therm ophjllits, des tantaU und miob- 
saurc* Sake mit Uranoxjd fahrenden Nohlits, des Tautal und 
Mangan haliigen Tantalits, des merkwürdigen Y ttro- Uran nie ta 11s 
eil:' Veits» der Niobite, dann der seltene Erden wie Cerium, 
Lanthan^ Didym, Zirkonium einschliessenden Mineralieo^ sowie 
solche mit Wolfrainsäure, Molybdänsäure, Vanadinsäure und 
Chromsäure* Eine ausführliche Arbeit ist den Kupferpbosp baten 
von Nischno-Tagilsk gewidmet Er untersuchte femer die Be- 
ziehungen zwischen Krystallw asser und Krystallgestalt und be- 
theiligte sieh an der Losung der damals viel erörterten Fragen 
Über Iso- und Dimorph isnuis; auch nahm er schon früh leb- 
haftes Interesse au der Zusammensetzung der Meteorite, ange- 
regt durch die in Hessk in Schweden und in Grönland go- 
fußdenen Eisenmassen meteorischen Ursprungs. Diese werth- 
vollen Mineraluntersuchungen bestimmten den Mineralogen 
Franz V, Eobell ihn 1876 zur Aufnahme in unsere Akademie 
vorzuschlagen. 

In Stockholm wurde Nordenskiold von den letzteren Auf- 
gaben bald auf eine ganz andere Bahn, die der naturwissen- 
schaftlichen Erforschung der vereisten Gebiete des hohen Nor- 
dens, der Spitzbergen-Inselgruppe und Grönlands, gelenkt. Er 
war mit Otto Torell in Lund bekannt geworden, der in 
Schweden das Interesse fUr die arktische Forschung erweckt 
hatte; er durfte (1B58) Torell bei einer mit geringen Mitteln 
ausgerüsteten dreimonatlichen Fahrt mit der kleinen norwegi- 
schen Jacht ,, Fritjof* nach der Bäreninsel und der Westküste von 
Spitzbergen als Geologe zugleich mit dem Zoologen (^^uennerstedt 
bogleiten; er bewährte sich bei dieser orientirendcn ersten 
Polarreis© der Ali, dass er alsbald nach der Rückkehr im 
Alter von 25 Jahren zum Professor der Chemie und Minera- 
logie am Carolinischen In-stitut und zum Vorstand der nnnera- 
logischen Sammlung des Reichsmuseums ernannt wurde. 




a Vöii: Keltro^og auf WÜs Äddf Erik t% NürdemBöhl 271 

Nach der Bearbeitung seiner geologiscliea Funde und 
Beobachtungen folgte (1861) eine zweite mit grösseren Mitteln 
und mit Unterstützung des Königs, der Regierung und der Aka- 
demie angestellten Expedition unter ToreU's Führung zugleich 
mit zahlreichen schwedischen Forschern, welche aus zwei Segel- 
schiften und sechs Booten bestand. Auf dieser ersten gröa- 
sereti schwedischen Exiiedition wurde Spitzbergen zuerst in 
natiirhistorischer Hinsicht näher kennen gelernt 

Bei einer weiteren Polarreise unter Nordenskiölda Leitung 
mach Spitzbergen (1864) nnt dem alten Kriegsschiffe ^Axel 
Tordsen* wurden durch den jungen Astronomen Dun<5r aus 
Lutid Vorarbeiten für eine Gradraessung gemacht und vom 
weissen Berge aus, nahe der Ostküsie der Hauptinsel Spitz- 
bergens, ein hohes Gebirgsland ^ Schwedisch Vorland* entdeckt. 

In Folge dieser günstigen Aussichten nahm sich nun der 
Staat sowie die Akademie (1868) der Sache energisch an und 
liess den stark gelmuten Postdainpfer ^ Sofia" für eine neue Reise 
nach Spitzbergen ausrüsten, Er drang dabei bis 81° 42' nörd- 
licher Breite vor, weiter als vor ihm ein Forscher, aber das 
Eis zeigte sich von da an unbezwingbar. Reiche Ausbeute 
zur Geologie, Physik und Biologie dieser arktischen Regionen 
wurde von ihm und seinen wissensehaftlichen Mitarbeitern 
mitgebracht. 

Von diesen drei Fahrten nach Spitzbergen stammt grössten- 
theik unsere gegenwärtige Kenntniss jenes Archipels: von 
Nordenskiöld rühren die Aufnahmen der geologischen und geo- 
physikalischen Verhebung, der Hebung und Senkung der Küsten, 
und ein erster Versuch zur Begründung der Klimatologie der 
Bäreninseln her, während man seinen Begleitern die geographische 
Ortsbestimmung, die Tiefseeerforschung und die Untersuchung 
des Tbier- und PÜanzenlebens verdankt. 

Sein Blick richtete sich nun (1870) auf ein neues und 
höheres Ziel, niimlich auf die Erschliessung von Grönland, 
dieses grössten Polarkontinents, wo die zweite deutsche Nord- 
polfahrt unter Drygstlski und dünische Forscher schon vorge- 
arbeitet hatten. Es lag die Frage vor, ob das Inlandseis von 



276 Oe ff entliche Sitzung vom 13. März 1902, 

In den letzten zwanzig Jahren seines Lebens beschäfti 
er sich eifrig mit der Geschichte der Erdkunde, nament 
durch Seefahrten und ihrer Darstellung durch Karten, 
sind wahrhaft grossartige Leistungen an Fleiss und 
nauigkeit. 

1883 gab er drei Karten zu den Reisen des Venetiai 
Zeno nach den Far-Öer, Island und Grönland heraus, wc 
es sich allerdings nach Storms um ein späteres Machw 
handelte; dann folgte eine neue Ausgabe einer Iteisebeschreibi 
von Marco Polo. 1889 erschien der Facsimile- Atlas mit 
Entwicklung der gedruckten Landkarten im 15. und 16. Ja 
hundert; 1892 zum 400jährigen Jubiläum der Entdecki 
Amerikas die Nachbildung der ältesten Karte von Amer 
und 1897 der wunderbare Periplus mit der Geschichte 
Seekarten und Segelanweisungen von ihren Anfängen bis 
18. Jahrhundert. Diese Werke werden für lange Zeit 
Grundlage der Forschung auf dem Gebiete der Kartogra] 
und der geographischen Entdeckungen bilden. 

Es war ein an Thaten reiches Leben, die ihm durch s< 
umfangreichen Kenntnisse, seine unauslöschliche Liebe 
Wissenschaft, durch besonnenes Abwägen des Erreichbj 
und sein entschlossenes kühnes Handeln gelangen. Er 
weit davon entfernt durch seine Reisen und das Ueberste 
von Gefahren Aufsehen machen zu wollen; auch wollte er 
nicht durch die Polsucherei, die ihm von geringem wissensch 
liehen Werth zu sein schien, einen berühmten Namen macl 
ihm war es nur um die Wissenschaft zu thun, welche er a 
als Mitglied des schwedischen Reichstages, dem er seit 1 
angehörte, durch Unterstützung ihrer Anforderungen zu forc 
suchte. Darum blieb er auch trotz reicher Ehren und Ai 
kennungen der einfache, die lärmende Oeffentlichkeit scheue 
Gelelirte, der ob seiner Verdienste um die Wissenschaft 
seinem Vaterlande und in der ganzen gebildeten Welt stet 
Ehren gehalten werden wird. 



C, VoU: Nekrolog auf Nüs Adolf Erik t?, NordenskiÖliL 273 

Die österreichisch-ungarische Expedition von 1872/74 unter 
Payer und Weyprecht sowie die Nachrichten der Walfisch- 
fanger, dass es möglich sei, zu bestimmten Jahreszeiten in das 
karische Meer einzudringen, lenkten seine Aufmerksamkeit auf 
die über drei Jahrhunderte alte Aufgabe, einen SchiflTfahrtsweg 
im Norden um Europa und Asien nach den ostasiatischen Ge- 
wässern, die nordöstliche Durchfahrt, zu finden, welche seit der 
Angabe K. E. v. Baer's, dass das karische Meer aus undurch- 
dringlichem Eis bestehe, für unmöglich gehalten wurde. Norden- 
skiöld prüfte auf zwei Fahrten diese Angabe; mit dem kleinen 
Segler »Proeven* erreichte er (1875) an der nordsibirischen 
Küste die Jenissei- Mündung und mit dem grösseren Fahr- 
zeug »Ymer" den Dickson's Hafen an der gleichen Fluss- 
niündung, wodurch jene Angabe von Baer als irrthümlich 
erwiesen war. 

Diese vorläufige Erkenntniss Hess ihn nicht ruhen, er 
wollte das wichtige Problem der nördlichen Umschiffbarkeit 
Asiens lösen. Von König Oskar von Schweden, seinem alten 
Gönner Dickson in Gothenburg und dem sibirischen Bergwerks- 
besitzer SibirianoiF bekam er die Mittel zur Ausführung des 
grossen Unternehmens. Es standen der Dampfer „Vega* und 
zwei Transportdampfer zur Verfügung; die Vega leitete der 
damalige Kapitänleutnant Palander, den einen Transportdampfer 
der Kapitän Johannesen; zahlreiche Naturforscher begleiteten 
die überaus glückliche Fahrt, durch welche er sich den grössten 
Kuhm erworben hat. Sic gieng am 8. Juli (1878) von Gothen- 
burg aus; die Vega fror aber Ende September unter 67^ 5' 
nördlicher Breite nahe ihrem Ziele in der Koljutschinbai ein 
und konnte erst im Juli 1879 die Reise durch die Behrings- 
strasse fortsetzen; anfangs September war das so lange erstrel>te 
Ziel der ümseglung Europas und Asiens mit ihrer Ankunft in 
Japan gelungen. Die Fahrt erregte überall das grösste Auf- 
sehen; der König von Schweden ehrte Nordenskiöld durch die 
Erhebung in den Freiherrnstand und der Reichstag bewilligte 
ihm einen Ehrensold. 

1902. 8iUang»b. d. math.-phys. Cl. 18 



278 Oe/f entliche Sitzung vom 13. März 1902, 

Ziehungen trat, während er von Johannes Müller, der damal-Äls 
mit vergleichend anatomischen Studien beschäftigt war, kein .^cne 
besondere Anregung empfing. Nach Marburg zurückgekehrr^tr rt 
erwarb er 1851 den medizinischen Doktorgrad mit einer be^^e- 
merkenswerthen Dissertation „tractatus de errore optico" un^^r^aa^ 
trat bei seinem Bruder, dem Anatomen, als Prosektor ein; ab^^-^®^ 
bahl (1852) forderte ihn Ludwig, der als Professor der Ana^^ -^^' 
tomie und Physiologie nach Zürich berufen worden war, au: M--^ 
zu ihm als Prosektor zu kommen. Ludwig war damals mir mt^^^ 
seinen ersten bahnbrechenden Arbeiten beschäftigt, welche di-^^ 
Vorgänge im Organismus auf physikalische Wirkungen zurück^Ä^^* 
zuführen suchten; von ihm wurde er vorzüglich bestimmt, sein^:^^ ^° 
mathematischen und physikalischen Kenntnisse zur Erforschung, ^-^i 
der Lebensvorgänge anzuwenden und erhielt er die Bichtun§^ ^^k 
seiner wissenschaftlichen Forschung. Es erfolgte die HabilL9>^ ''' 
tation als Privatdozent in Zürich; als Ludwig an das JosefinuiK^=^^° 
nach Wien gieng und Jacob Moleschott aus Heidelberg da— ^^ 
von der Anatomie abgetrennte Ordinariat für Physiologie erhielt^^--'» 
bekam (1856) Fick den Titel eines ausserordentlichen Professoi^^" 
für anatomische und i)hysiologische Hilfswissenschaften, un^^- 
1862 nach der Uel)ersiedlung Moleschott's nach Turin übertru^^ 
man dem 33 jährigen Fick, der sich durch mehrere ausgezeich — 
neto Arbeiten als vielversprechender Physiologe erwiesen hatte^ 
die Professur der Physiologie. Die 1 6 Jahre seiner Thätigkeit 
in Zürich waren eine schaffensfrohe Zeit, in der er mit einer 
Anzahl ausgezeichneter junger Naturforscher verbunden war 
und an die er sich stets mit Vorliebe erinnerte. 

Nach dem frühen Tode von Albert v. Bezold erhielt Fick 
(1868) einen ehrenvollen Kuf nach Würzburg, wo er als ein 
äusserst geschätzter Lehrer und angesehener Forscher 31 Jahre 
lang segensreich wirkte ; eine Anzalil von Schülern hat er dorten 
durch sein Beispiel zu wissenschaftlichem Schaffen angeregt. 
Im Jahre 1899 trat er mit vollendetem 70. Lebensjahre noch 
in vollster Kraft des Kör}>ers und Geistes von seinem Lehrami 
/.urürk, da er die Anschauung hatte, dass eine Weiterführuug 
d^^^sol^en über diese Zeit hinaus nicht mehr erspriesslich sei 
und man jungen Kräften Platz machen müsse. 



0, Foö: NtkroJog auf ^ils AMf Erik r. Nordemkiöld. 275 

geologischer Vorzeit, sowie über die Eisbildung, welche daz.u 
beige tragen haben unsere Kenntiiisso von der Entwicklung der 
Erde und von der Abgrenzung der einzelnen tellurischeii Zeit- 
alter sicherer zu stellen* 

Besouders nahmen sein Interesse in Anspruch die merk- 
würdigen Ansammlungen des eisenhaltigen feinen grauschwarzen 
Staubes, des Lehmscblaiiimes oder Kryokonits, den man in 
Spitzbergen antrifft, und den er sogar auf dem ewigen EiBO 
Griinlnnds in weiter Entfernung irom Strande vorfand; die 
Staubdecke ist aus diesem Grunde und naeh dem Resultate 
der von ihm gemachten chemischen Untersuchung nicht von 
i^erriebenem Gneis Gninlands abzuleiten; er hält dieselbe viel- 
mehr wie die Meteoriten für kosmischen Ursprungs ^ ent- 
standen durcli Verbrennung der Meteoriten in unserer Atmn- 
^phfire. 

Von grosser Bedeutung sind seine Studien über dos Nord- 
licht, welche er namentlich während des \\ interaufenthultcs 
im Nothhafen zu Fitlekaj anstellte; es bot dorten das Phänomen 
ganz andere Erscheinungen dar wie in Skandinavien oder 
Spitzbergen; .die geographisehü Lage des Beobachtuugsortes 
bedingt also eine Vei-schiedeuheit des Anblicks. Er stellte 
daroacli eine besondere Theorie auf: er sagt^ man müsse auf 
der Erde verschiedene concentrische Kreisringe unterscheiden, 
und man nehme je nachdem man sich in dem einen oder 
anderen dieser Ringe betinde, einen anderen Typus des Nord- 
lichts wahr, ein strahlen werfendes oder ein sogenanntes 
Dra]ierielicht oder nur ein diffus leuchtendes. Der Mittel- 
punkt der Hinge fällt nach ihm nicht mit dem magnetischen 
Nordpol zusammen» sondern liegt etwas nördlich von letztereuL 

Seine Ermittlungen Über die Hebung des Landes in Skan- 
dinavien ergaben, dass daselbst Überall in der Tiefe von 
lOü Metern nach Durchdringung der archiieischen Formation 
Grundwasser sich findet, so dass selbst auf kleinen sonst wnsser- 
losen Felseninseln der Küste Bohrungen zur grossen Wohlthat 
der Bewohner mit Erfolg angestellt werden können, 

18» 




276 



OtffeniUche Sitmnff vom 13* Man 1902, 



In den letzteii zwanzig Jahren seines Lebens beschäftigte 
er sich eifrig mit der Geschichte der Erdkunde, Hamen tlich 
durch Seefahrten und ihrer Darstellung durch Karten, Es 
sind wahrhaft grossartige Leistungen an Fleiss und Ge- 
nauigkeit. 

1883 gab er drei Karten %u den lleisen des Yenetianers 
Zenu nach den Far-Oer, Island und Grünland heraus, wobei 
es sicli allerdiugs nach Storms um ein spateres Machvrerk 
handelte; dann folgte eine ueue Ausgabe einer Ueisebeschreibung 
von Marco Polo. 1889 erschien der Facsimile-Äthis mit der 
Entwicklung der gedruckten Landkarten im 15. und Ifi. Jahr- 
hundert; 1892 zum 400jährigen Jubiläum der Entdeckung 
Amerikas die Nachbildung der ältesten Karte von Amerika, 
und 1897 der wunderbare Periplus mit der Geschichte der 
Seekarten und Segelan Weisungen von ihren Anfängen bis ins 
18. Jahrhundert. Diese Werke werden für lange Zeit die 
Grundlage der Forschung auf dem Gebiete der Kartographie 
und der geographischen Entdeckungen bilden. 

Es war ein an Thatcn reiches Leben, die ihm durch seine 
umfangreichen Kenntnisse, seine unauslöschliche Liebe zur 
Wissensehaft, durch besonnenes AbwiLgen des' ErreJchbaren 
und sein entschlossenes klihnes Handeln gelangen. Er war 
weit davon entfernt durch seine Reisen und das üeben&tehen 
von 6e fahren Aufsehen machen zu wollen; auch wollte ersieh 
nicht durch die Polsuchereii die ihm von geringem wissenschaft- 
lichen Werth zu sein schien, einen berühmten Namen machen t 
ihm war es nur uni die Wissenschaft zu tliun, welche er auch 
als Mitglied des schwedischen Ueichstages, dem er seit 1860 
angehörte, durch Unterstützung ihrer Auforjeruiigen zu fiirdem 
suchte. Darum blieb er auch trotz reicher Ehren und Aner- 
kennungen der einfache* die liirniende Oeffentlichkeit scheuende 
ßelehrte, der ob seiner Verdienste um die Wissenschaft in 
seinem Vaterlande und in der ganzen gebildeten Welt sitets in^ 
Ehren gehalten werden wird. 



I 




C. Voit: Nekrolog auf Adolf Fiele, 281 

der von den Muskeln bei der Zusammenziehung jeweils ent- 
wickelten Spannungen doch noch sehr unvollkommen; Fick 
griflP die Sache wieder auf und verfolgte die Abhängigkeit des 
ContraktioDsverlaufes von der Spannung genauer, namentlich 
in seinem Buche: ,, Mechanische Arbeit und Wärmeentwicklung 
bei der Muskelarbeit '^ (1882); der jeweilige Zustand des Muskels 
ist darnach nicht nur eine Funktion seiner Länge und der seit 
der Erregung verstrichenen Zeit, sondern auch eine Funktion 
der Spannungsänderung. Er prüfte auch die Verkürzung des 
Muskels bei der Wärmestarre, welcher Vorgang in manchen 
Stücken viele Aehnlichkeit mit der Contraktion besitzt. — Er 
vervollkommnete ausserdem die Methode zum Aufzeichnen der 
Muskelcontraktion, besonders durch sein Pendelmyographion; 
auch gab er zur Messung der von dem Muskel in längerer 
Zeit geleisteten Arbeit den Arbeitssammler an, der die Arbeit 
einer Reihe von Zuckungen aufspeichert. — Viel beschäftigte 
ilin die Frage nach der von Helmholtz zuerst nachgewiesenen 
Wärmeentwicklung bei der Muskelcontraktion, aus der er die 
Zersetzungsgrösse im arbeitenden Muskel zu entnehmen suchte. 
Er erfand dafür neue, sehr feine thermoelektrische Vorrich- 
t^ungen, mit denen es ihm gelang auch die absolute beim 
l7etanus entwickelte Wärmemenge annähernd zu bestimmen. 
las wurde die Wärmeentwicklung unter verschiedenen Einflüssen 
v^ntersucht z. B. bei wechselnden Temperaturen des Muskels, 
>JVobei sich zeigte, dass bei höherer Temperatur des Muskels 
^ie Wärmebildung in ihm bei gleicher Zuckungshöhe eine 
^grössere ist. Der ohne äusseren Nutzeffekt zuckende Muskel 
^giebt, entsprechend dem Gesetz der Erhaltung der Energie, 
K^nehr Wärme nach aussen ab als der arbeitende Muskel. Be- 
sonders wichtig ist der Nachweis (1894), dass selbst der Stoff*- 
x^nisatz im tetanisirten Muskel von seiner Spannung abhängig 
ist; denn bei gehemmter Contraktion im isometrischen Zustand 
^^v-iichst die Wärmeentwicklung mit wachsender Beizstärke rascher 
sils die Spannung, so dass also zur Erhaltung einer grösseren 
Spannung relativ mehr Kraft aufgewendet werden muss als zur 
Erhaltung einer geringeren Spannung. 



278 



OeffaUHcha Sümmf pum 13. Mmrs 1902. 



Ziehungen trat, währenrl er vt»n Johannes Müller, der dumals 
mit vergleichend anatomischen Studien be^chtlftigt war, keine 
bosondere Anregung empiing. Nach Marburg zu rück gekehrt 
erwarb er 1851 den medizinischen Dfiktorgnid mit einer be- 
iiierkL*nswertben Dissertation ^tractatus de errore optico* und 
trat hei seinem Bruder, dem Anatomen, als Prosektor ein; aber 
bidd (1852) forderte ihn Ludwig, der aU Professor der Ana- 
tomie und Physiologie nach Ziirich beiiifen worden war, auf, 
zu ihra als Prosektor zu kommen. Ludwig war damals mit 
seinen ersten bahnbrechenden Arbeiten beschäftigt, welche tUe 
Vorgange im Organismus auf physikaUsche Wirkungen zurück- 
zuführen suchten; von ihm wurde er TorzÜglich bestimmt, seine 
mathematischen und physikalischen Kenntnisse zur Erforschung 
der Lebensvorgänge anzuwenden und erhielt er die Richtung 
seiner wissenschaftlichen Forschung. Es erfolgte dia Habili- 
tation als Privatdozent in Zürich; als Ludwig an das Josefinnm 
nach Wien gieng und Jacob Moleschott aus Heidelberg das 
von der Anatomie abgetrennte Ordinariat für Physiologie erhielt, 
bekam (1856) Fick den Titel eines ausserordentlichen Professors 
für anatomische und physiologische Hilfswissenschaften, und 
1862 nach der Uebersiedluwg Moleschott 's nach Turin übertrug 
man dem 33 jährigen Fick, der sieh durch mehrer© ausgezeich- 
nete Arbeiten als vielversprechender Physiologe erwiesen hatte, 
die Professur der Physiologie, Die 16 Jahre seiner Thatigkeit 
in Zürich waren eine schaffensfrohe Zeit, in der er mit einer 
Anzahl ausgezeichneter junger Naturforscher verbunden war 
und an die er sich stets mit Vorliebe erinnerte* 

Kach dem frühen Tode von Albert v. Bezold erhielt Fick 
(1868) einen ehrenvollen Ruf nach Würzburg, wo er als ein 
äusserst geschätzter Lehrer und angesehener Forscher 31 Jahre 
lang segensreich wirkte; eine Anzahl von Schülern hat er dorten 
durch sein Beispiel zu wissenschaftlichem Schauen angeregt, 
Ln Jahre 1899 trat er mit vollendetem 70. Lebensjahre noch 
in vollster Kraft des Körpers und Geistes von seinem Lehramt 
zurück, da er die Anschauung hatte, dass eine "Weiterftlhrung 
desselben über diese Zeit hinaus nicht mehr erspriesslicb sei 
und man jungen Kräften Plat^ machen mllsse. 




C. V&ii: Nfkrdoif auf AMf Fifjt. 



279 



Seim* Arbeiten zeichnen sich aus durch grosses Wissen 
und einen scharfen kritischen Verstand, Schon als Student 
ver51Tt.'ntl!chte Fick (1850) seine von ihm gleich bei Beginn 
der Uöiversitätsstudien in Angriff' genonaniene wissenschaftliche 
rntersuchiing: ^statische Betrachtungen der Muskulatur des 
Oberschenkelb* (mit einem Vorwort von LI Ludwig), in der er 
die mechanischen Verhrdtnisse der Huftgelenksniuskeln analy- 
?iirte, indem er für jeden Muskel des Oberschenkels die ihm 
ii«jtiivalente Hegiil taute suUstituirte und die Drehung^mumente 
der ifi Betracht kommenden zwanzig Muskeln in Bezug auf 
ei durch den llüftgelenksmittelpunkt gelegte Achsen be- 
stimmte. Spater hat er sich noch mehrmals mit Problemen 
4er Mechanik des menscblichen Körpers beschäftigt: in einer 
Abhandlung über die Gelenke mit sattelförmigen Flächen (1854), 
dann in einer grundlegenden Darstellung der Muskelstatik und 
der Ueometrie der Gre lenke in seiuer raediziniselien Phjsik und 
in den Studien über die complizirten Bewegungen des mensch- 
lichen Augapfels durch seine sechs Muskeln, wobei er nach 
Ermittlung der Drehungsachsen und der Momente der Muskeln 
die Betheiligung der letzteren an der Ausführung bestimmter 
Bewegungen darthat sowie dem Drehpunkt im Auge feststellte. 

Zu seinen ersten Arbeiten gelioren die über die Hydro- 
diffusion und Endosnose (185o)t welche im Anschluss an die 
im Ludwig*schen Laboratorium zur Erklärung der Resorption 
uud des Austauschs der Stotte im Körper angestellten Versuche 
gemacht wurden. Er erfand dabei ein huchst sinnreiches Ver- 
fahren, um den Ahlauf der Diffusion näher zu verfolgen, indem 
er in die diffundirende Flüssigkeit verschieden schwere Glas- 
kugeln einsenkte» welche je nach ilirem Gewicht in verschie- 
denen Hohen schwammen, woraus er dann das specifisehe Ge- 
wicht der Lösung von Schicht zu Schicht erhielt. Er stellte 
dadurch sein Gesetz fest, da^s die aus einer Schicht in eine 
andere in einem Zeitelemente übergehende Salzmenge dem 
Flächeninhalt unddemConcentrationsunterschied proportional ist 

Seine Kenntnisse in der Mechanik führten ihn naturgenifijss 
zu dem Studium der einer mathematischen Behandlung am 



284 Oeffentliche Sitzung vom 13. März 1902. 

schiedene Erregbarkeit funktionell verschiedener Nerven ; femer- 
dass die Fasern des Rückenmarks direkt erregbar sind, was ^ 
Manche geleugnet hatten. 

Ueber die Physiologie des Sehens liegen von ihm wichtige 
Beobachtungen vor. Er war es, der zuerst, schon in seiner " 
erwähnten Dissertation Tractatus de errore optico, die ungleiche 
Deutlichkeit vertikaler und horizontaler Linien erkannte und 
von einer verschiedenen Krümmung der Hornhautmeridiane ab- 
leitete; aus dieser seine feine Beobachtungsgabe dartbuenden 
Erscheinung entwickelte sich namentlich durch Donders die für 
die Augenheilkunde so bedeutungsvolle Lehre vom Astigmatis- 
mus. — Indem er auf die Vorderfläche der Linse einer Camera 
obscura Oeltropfen brachte, wodurch äussere leuchtende Punkte 
oder Linien bei ungenauer Einstellung im Bilde doppelt und 
vielfach erscheinen, erklärte er das bis dahin räthselhafte 
Doppelt- und Mehrfachsehen mit einem Auge oder die Dis- 
kontinuität der Zerstreuungsbilder durch Unregelmässigkeiten 
in den brechenden Medien des Auges. — Er gab (1888) ein 
brauchbares Instrument an, um den Druck im Auge des leben- 
den Menschen zu bestimmen, das Ophthalmo-Tonometer. — . 
Eine Scheibe mit einem weissen und schwarzen Sektor giebi 
nach Fick bei rascher Drehung nicht eine mittlere Helligkeit, 
wie Helmholtz glaubte, sie erscheint vielmehr heller durch das 
Uebergewicht der intermittirenden Reize. — Sehr schön ist die 
Beobachtung, dass wenn man einen einzelnen farbigen Punkt 
in gewisser Entfernung nicht mehr als farbig erkennt, die 
Farbe wieder erscheint, sobald mehrere farbige Punkte zu 
gleicher Zeit dargeboten werden. — Seine Beiträge zum zeit- 
lichen Verlauf der Netzliauterregung haben werthvoUe Auf- 
klärung gebracht. — Die Erklärung der Farbenempfindungen 
und die Theorie der Farbenblindheit haben ihn mehrmals zu 
Untersuchun<jpn und Spekulationen angelockt; er war ein 
eifriger Veit'ecliter der so einfachen Young'schen Farbentheorie 
und er konnte sieh namentlich nicht mit der von Hering auf- 
gestellten Anschauung von der Assimilation und Dissimilation 
befreunden. 



a Vüit: mjfcrfi% mtf Adolf Fick. 



281 



>n den Muskdn bei rier Zus^animen Ziehung jeweils ent- 
wickelten Spannungen doch noch sehr unvollkommen: Fick 
griff die Suche wieder auf und verfolgte die Abhängigkeit des 
Contraktionsverlaufes Ton der Sjiannung genauer, namentlich 
in seinem Buche: ^Mechanische Arbeit und Wärnieentwicklung 
bei der Mugkolarbeit" (18B2); der jeweilige Zustand des Maskeis 
ist darnach nicht nur eine Funktion seiner Länge und der seit 
der Erregung verstrichenen Zeit, sondern auch eine Funktion 
der SpÄUnungsänderung. Er prüfte auch die VerkUraung des 
Muskels bei der Wärmestarre^ welcher Vorgang in manchen 
Stücken viele Aehnlichkeit mit der Contraktion besitzt» — Er 
vervollkoramnete ausserdem die Methode zum Aufzeichnen der 
Muskel contraktion, besonders durch sein Pendehujographion; 
auch gab er zur Messung der von dem Muskel in längerer 
Zeit geleisteten Arbeit den Arbeitssamraler an, der die Arbeit 
einer Reihe von Zuckungen aufspeichert* — Viel beschäftigte 
ihn die Frage nach der von Ilelniholtz zuerst nachgewiesenen 
Wärmeentwicklung bei der Muskekontraktion, aus der er die 
Zersetz ungsgrosne im arbeitenden Musktd zu entnehmen suchte. 
Er erfand daiür neue, sehr feine thermoelektrisclie Vorrich- 
tungen, mit denen es ihm gelang auch die absolute beim 
Tettinu^s entwickelte Wärmemenge annähernd zu bestimmen. 
Es wurde die Wärmeentwicklung unter verschiedenen Einflüssen 
uniersucht z. B. bei wechselnden Temperaturen des Muskels, 
wobei sich zeigte, dass bei höherer Temperatur des Muskels 
die Wärmebildung in ihm bei gleicher ZuckungshOhe eine 
grössere isL Der ohne äusseren Nutzeffekt zuckende Muskel 
giebt, entsprechend dem Gesetz der Erhaltung der Energie, 
mehr Wärme nach aussen ab als der arbeitende MuskeL Be- 
sonders wichtig ist der Nachweis (1894), diLss iselbst der Stotf- 
Umsatz im tetanisirten Muskel von seiner Spannung abhängig 
ist; denn bei gehemmter (Kontraktion im isometrischen Zustand 
wächst die Wärmeentwicklung mit wachsender Keizstärke nxscliei' 
als die Spannung, so flass also zur Erhaltung einer grösseren 
Spannung relativ mehr Kraft aufgewendet werden muss als S5ur 
Erhaltung einer geringeren Spannung, 



282 OeffeiiiUdie Siiiupff wm 13. Man imz 

Der Vorgknch der gebilileten Wärme mit der gelekteten 
Arbeit stellt sich bt^riii Muskt?l günstiger als bei guttun Daiiipf- 
mascbinen; wähipnj der Nutzetfukt dtjr letzteren 5 bis IiöcIh 
steiis 12% beträgt, ist der des elfteren 20 bis 25 ^/t». Ficki 
sprach darauf bin, ge^stti tzt auf den zweiten Hauptsatz, der 
iiiechanisehen Wfirnietheorie, den prinzipiell ungemein wich- 
tigen Satz aus, daÄ.s die durch die Stoflzersctzungen im MiDsktd 
entstehende kinetische Energie nicht zuerst in Wünuebewegnng 
umgewandelt wird und diese dann erst die Muskelcoiitraktion be- 
dingt, sondern dnss vielmehr die bei der Zersetzung frei werden ilo 
cbeTnische Energie direkt in niechauiscbe Übergebt oder mit an- 
deren Worten, dass der Muskel keine thermodynamtsclie Ma^scliiue 
ist wie eine Dampfmaschine. Er wendet sich dabei auch gegen 
Engelmann's Erklärung des Contraktions Vorgangs als einer 
Quellung der anisotropen Substanz und gegen andere mögliche 
Erklärungsarten, weil sie un Widerspruch stehen mit dem 
/^weiten Hauptsatz der mechanischen Warnietheorie. — 

Weiterhin wurde von Fick die Lehre von der Herz- und 
Blutbewegung durch viele bedeutsame Thatsachen bereicbert 
Er war der Erste, welcher die Grösse der Herzarbeit aus dem 
von ihm gemessenen Gewicht und der Hohe des bei jeder 
Systole gehobenen Blutes berechnete. Ans der Beobachtung, 
dass das in Ziekzackabschnitte getbeilte Proschherz noch ganz 
normale Zusamujenziehungeii macht, erschloss er die Fort- 
pflanzung der Erregungsleitung und Contraktion von Muskel- 
zelle zu Muskelzelle. Die Kritik der gebräuchlichen Queek- 
silbermanometer zur Aufzeichnung der Schwankungen des 
Blutdrucks, welche durch die Triigheit der zu bewegenden 
Masse mannigfache Fehler zeigen, führte ihn zur Krtiudung 
anderer W^ellenmchnerT besonders der nur in geringem Grade 
Eigenschwingungen zeigenden Membran-Manometer, welche jetzt 
in verscbiedener Form zu wissenschaftlichen Zwecken fast aus- 
schliesslich angewendet werden. Er beobachtete mit denselben 
die Erscheinung des Dikrotismus» dann die Blutdruckscbwan- 
kungen an mehreren Artenen zu gleicher Zeit, sowie in der 
Aorta und in der Herzkammer, und zog wichtige Schlüsse 




C, Voit: Nekrolog auf Adolf Fick, 287 

n Zweigen menschlichen Wissens. Er suchte nicht nur 
ch emsige Arbeit die Kenntnisse in der Naturwissenschaft 
fördern, er war auch bestrebt das Errungene anzuwenden 
i Wohle der Menschheit in körperlicher und sittlicher Be- 
ung. Von wahrhaft idealer. Gesinnung und von reinster 
Ittung und Lauterkeit des Charakters suchte er seinen 
Jen nachzukommen und Opfer für sie zu bringen; stets 
mnte er oflFen seine Ueberzeugung und trat furchtlos ein 
das, was er für wahr und gut hielt, auch wenn es den 
chauungen der Mehrheit widersprach. 

Er betheiligte sich thatkräftig an den Fragen der Er- 
ung in den Schulen und an den Angelegenheiten des Volks- 
les. Durch seine Vorliebe für die Naturwissenschaften und 

grossen Erfolge war er überzeugt, dass diese jüngste 
bter menschlichen Wissens auch besonders geeignet sei den 
t auszubilden; er schloss sich daher mit Feuereifer der 
egung an, welche den Realgymnasien mit naturwissen- 
tftlicher Vorbildung den Zutritt zu den Studien an der Uni- 
itiit, namentlich der Medizin, gewähren sollte. Er war der 
Qung, die humanistischen Gymnasien bereiteten ihre Zög- 
e nicht so weit vor, um die Naturwissenschaften und die 
lizin auf der Universität gehörig zu erfassen. Ob dies die 
turienten des Realgymnasiums thun und besser denken ge- 
t haben, das rauss die Zeit lehren. 

Fick war bekanntlich einer der heftigsten Gegner des 
ohols, der ihm kein Bedürfniss für den Menschen zu sein 
ien und in dem er wie so viele andere eine grosse Gefahr 
das Volkswohl erblickte; er bekämpfte daher die unsinnigen 
nksitten in unserem Vaterlande und verpflichtete sich zu 
liger Abstinenz. 

Das was der edle Mann und bedeutende Gelehrte gesäet, 
•d noch über sein Leben hinaus reiche Früchte tragen. 



284 



Oe/f^nllkhc Siiiumi mm 13. Mars 1902, 



scliiedene Erregbarkeit funktionell verschiedener N^rY<?n ; ferner 
dass die Fasern dea Rückenmarks direkt erregbar sind, was 
Manche geleugnet hat tun. 

Ueber die Physiologie des Sehens liegen von ihm wichtige 
Beobachtungen vor* Er war es, der zuerst, schon in seiner 
erwähnten Dissertation Tractatus de errore tiptico* die ungleiche 
Deutlichkeit vertikaler nnd horizontaler Linien erkannte und 
von einer verschiedenen Krümmung der Hurnbautnieridtane ab- 
leitete; aus dieser seine feine Beobachtungsgabe darthuenden 
Erscheinung entwickelte sich namentlich durch Donders die für 
die Augenheilkunde so bedeutungsvolle Lehre vom Astigmatis- 
mus. — Indem er auf die Vorderfläche der Linse einer Camera 
obscura Oel tropfen brachte, Tvodurch fiussere leuchtende Punkte 
oder Linien bei ungenauer Einstellung im Bilde doppelt und 
vielfach erscheinen^ erklärte er das bis dahin Hithselhafte 
Doppelt- und Mehrfachijehen mit einem Auge oder die Dis- 
kontinuität der Zerstreuungsbilder durch Unregelmässigkeiten 
in den brechenden Medien des Auges. — - Er gab (1RS8) ©in 
branchbares Instrument an, um den Druck im Auge des leben- 
den Menschen zu bestimmen, das Ophthalnio-Tonometen — 
Eine Scheibe mit einem weissen und schw^arz^en Sektor giebt 
nach Fick bei rascher Drehung nicht eine mittlere Helb"gkeit, 
wie Helmhol tz glaubte, sie erscheint vielmehr heller durcli das 
LTeberge wicht der in termittiren den Reize, — Sehr schön ist die 
Beobachtung, duss wenn man einen einzelnen farbigen Punkt 
in gewisser Entfernung nicht mehr als farbig erkennt, die 
Farbe w^ieder erscheint, sobald mehrere farbige Punkte tu 
gleicher Zeit dargeboten werden* — Seine Beiträge zum zeit- 
lichen Verlauf der Netzhauterregung haben werth volle Auf- 
klärung gebracht, — Die Erklärung der Farbenemplin düngen 
nnd die Theorie der Farbenblindheit haben ihn mehrmals mu 
Untersuchungen und Spekuhxtionen angelockt; er war ein 
eifriger Verfechter der so einfachen Young\scben Farben theorie 
nnd er konnte sich namentlich nicht mit der von Hering auf- 
gestellten Anschauung von der Assimilation und Dissimilation 
befreunden. 




C, Voit: Nekrolog auf Adolf Fick. 287 

n Zweigen menschlichen Wissens. Er suchte nicht nur 
ch emsige Arbeit die Kenntnisse in der Naturwissenschaft 
fordern, er war auch bestrebt das Errungene anzuwenden 
1 Wohle der Menschheit in körperlicher und sittlicher Be- 
lung. Von wahrhaft idealer. Gesinnung und von reinster 
ittung und Lauterkeit des Charakters suchte er seinen 
ilen nachzukommen und Opfer für sie zu bringen; stets 
annte er oflFen seine Ueberzeugung und trat furchtlos ein 
das, was er für wahr und gut hielt, auch wenn es den 
»chauungen der Mehrheit widersprach. 

Er betheiligte sich thatkräftig an den Fragen der Er- 
Lung in den Schulen und an den Angelegenheiten des Volks- 
iles. Durch seine Vorliebe für die Naturwissenschaften und 
i grossen Erfolge war er überzeugt, dass diese jüngste 
hier menschlichen Wissens auch besonders geeignet sei den 
st auszubilden; er schloss sich daher mit Feuereifer der 
regung an, welche den Realgymnasien mit naturwissen- 
iftlicher Vorbildung den Zutritt zu den Studien an der üni- 
sität, namentlich der Medizin, gewähren sollte. Er war der 
nung, die humanistischen Gymnasien bereiteten ihre Zög- 
re nicht so weit vor, um die Naturwissenschaften und die 
Jizin auf der Universität gehörig zu erfassen. Ob dies die 
iturienten des Realgymnasiums thun und besser denken ge- 
it haben, das muss die Zeit lehren. 

Fick war bekanntlich einer der heftigsten Gegner des 
kohols, der ihm kein Bedürfniss für den Menschen zu sein 
lien und in dem er wie so viele andere eine grosse Gefahr 
r das Volkswohl erblickte; er bekämpfte daher die unsinnigen 
inksitten in unserem Vaterlande und verpflichtete sich zu 
lliger Abstinenz. 

Das was der edle Mann und bedeutende Gelehrte gesäet, 
ird noch über sein Leben hinaus reiche Früchte tragen. 




Oeffenilkhe Siimng mm 1$^ Mars 1^02 



Fick und WisUcemis wurde doch dieser Satz zuerst besiimmi 
erwiesen und auj^gesprejchen. Spater wurde durch Versuche in 
meinem Lalioratorium strengstens dargetlmn, dass sowohl das 
Eiweiss nh auch die sticksti^^fffreien Stofle bei ihrer Zersetzung 
im Körper di** Kraft zur Arla^it liefL*rn. Im Uebrigen wür- 
digte Pick nicht gehörig die Errungenschaften in der I/ehre 
Tom allgemtinen Stoffwechsel und der Ernährung, ilic^ses 
grossen und wichtigen TheiU der Physiologie, wie auch so 
manche andere Physiologen, welche keine Erfahrungen in dieser 
Richtung gemacht haben. Seine Veröffentlichungen über daa 
Pepton und seine Schicksale in der Blutbahn, über den Eiweiss- 
Stoffwechsel, über die Bedeutung des Eiwei.sses und Fettes in 
der Nalirung etc. etc. stützen sich grosst^ntheils nicht auf 
eigene Arbeiten » sondern bringen nur gelegentliche Gedanken 
über diese Vorgange. 

Wir verdanken Fick auch eine Anzahl trefflicher Lehr- 
bücher, die sich durch ungemein klare und fassliche Darstel- 
lung aus?.eichnen; besonders ist hierzu nennen die medizinische 
Physikt wtdche er (1850) in seinem 27, Lebensjahre schrieb 
und die erste einheitliche Darstellung der Lehren der Physik 
in ihrer Anwendung auf die Physiologie brachte, sowie das 
Lehrbuch der Anatonue und Physiologie der Sinnesorgane {L^6ä). 

Fick begnügte sich jedoch nicht mit rein physiologissiciieß 
Aufgaben; seine Veranlagung und seine Kenntnisse in der 
Mathematik und Physik führten ihn zur Betrachtting allge- 
meiner Fragen der Mechanik und erkenntnisstheoretischer Pro- 
bleme. Es gehören hierher seine Schriften: über die der 
Mechanik zu Grunde liegenden Anschauungen, über das Prinzip 
der Zerstreuung der Energie, der Versuch einer physischen Deu- 
tung der kritischen Geschwindigkeit in Weber^s Gesetz, Über den 
Druck im Innern von Flüssigkeiten, Ursache und Wirkung, 
die Na turk täfle in ihrer Wechselwirkung, das Grössengebiet 
der vier Rechnungsarten, das Weltall als Vorstellung, phil^ 
aophischer Versuch über die Wahrscheinlichkeit, die stetige 
IlaumerfTillung durch Masse. 

In diesem Streben nahm er das lebhafteste Interesse an 





C. Voit: Nekrolog auf Adolf Fiele, 287 

m Zweigen menschlichen Wissens. Er suchte nicht nur 
ch emsige Arbeit die Kenntnisse in der Naturwissenschaft 
fordern, er war auch bestrebt das Errungene anzuwenden 
1 Wohle der Menschheit in körperlicher und sittlicher Be- 
lung. Von wahrhaft idealer. Gesinnung und von reinster 
ittung und Lauterkeit des Charakters suchte er seinen 
ilen nachzukommen und Opfer für sie zu bringen; stets 
annte er offen seine Ueberzeugung und trat furchtlos ein 
das, was er für wahr und gut hielt, auch wenn es den 
>chauungen der Mehrheit widersprach. 

Er betheiligte sich thatkräftig an den Fragen der Er- 
lung in den Schulen und an den Angelegenheiten des Volks- 
iles. Durch seine Vorliebe für die Naturwissenschaften und 
3 grossen Erfolge war er überzeugt, dass diese jüngste 
;hter menschlichen Wissens auch besonders geeignet sei den 
st auszubilden; er schloss sich daher mit Feuereifer der 
v^egung an, welche den Kealgjmnasien mit naturwissen- 
aftlicher Vorbildung den Zutritt zu den Studien an der Uni- 
sitiit, namentlich der Medizin, gewähren sollte. Er war der 
inung, die humanistischen Gymnasien bereiteten ihre Zög- 
^e nicht so weit vor, um die Naturwissenschaften und die 
dizin auf der Universität gehörig zu erfassen. Ob dies die 
iturienten des Realgymnasiums thun und besser denken ge- 
nt haben, das muss die Zeit lehren. 

Fick war bekanntlich einer der heftigsten Gegner des 
kohols, der ihm kein Bedürfniss für den Menschen zu sein 
[lien und in dem er wie so viele andere eine grosse Gefahr 
r das Volkswohl erblickte; er bekämpfte daher die unsinnigen 
"inksitten in unserem Vaterlande und verpflichtete sich zu 
lliger Abstinenz. 

Das was der edle Mann und bedeutende Gelehrte gesäet, 
trd noch über sein Leben hinaus reiche Früchte tragen. 



288 Oe/fentUche Sitzung vom 13, März 1902. 

Alexander Eowalewski. 

(Die Daten zu diesem Nekrologe habe ich von Herrn CoUegen 
Richard Hertwig erhalten.) 

Alexander Kowalewski wurde am 7./ 19. November 1840 
auf dem Gute Workowo (Bezirk Dünaburg) geboren. Den 
Elementarunterricht erhielt er in seinem Eltemhause, 1856 be- 
suchte er die Ingenieurschule, 1859 die Universität in Petersburg, 
wo er Naturwissenschaften studirte. Im Herbst 1860 setzte 
er seine Studien in Heidelberg fort, wo er bei Bunsen, Carius 
und Bronn arbeitete. Von Heidelberg ging er 1861 nach 
Tübingen, um hier Leydig, Mohl, Luschka und Quenstedt zu 
hören. 1862 nach Petersburg zurückgekehrt, bestand er sein 
erstes Examen. Die zwei folgenden Jahre verlebte er mit 
selbständigen zoologischen Arbeiten beschäftigt abermals im 
Ausland, zum Theil an den Küsten des Mittelmeers. 1865 er- 
langte er auf Grund seiner Arbeit über die Entwicklung des 
Aiuphioxus lanceolatus die Würde eines Magisters der Zoologie, 
zwei Jahre später auf Grund seiner Dissertation über die Ent- 
wicklung von Phoronis die Doktorwürde. Im Jahre 1866 zum 
('Ustos der zoologischen Sammlung und Privatdocenten an der 
Universität Petersburg ernannt las er hauptsächlich über ver- 
gleichende Anatomie; doch wurde er schon 1868 als ausser- 
ordentlicher Professor der Zoologie nach Kasan, ein Jahr 
später als ordentlicher Professor nach Kiew berufen. 1870 
machte er behufs Untersuchungen über die Entwicklung der 
Hrachiopoden und zum Zwecke von Sammlungen eine ßeise 
an das rothe Meer und nach Algier. In den Jahren 1878 — 1887 
war Kowalewski Professor der Zoologie in Odessa, von da ab 
bis zu seinem Lebensende an der Akjidemie in St. Petersburg» 
wo er am 22. November 1901 starb. 

In Kowali^wski's wissenschaftlicher Thätigkeit kann man 
zwei Perioden unterscheiden. In den ersten 20 Jahren be- 
sihiiftititi' er sirli liaiipt^äelilieli mit Studien über vergleichende 
Knt \\ iekhinüTsuiMhielite. Kr untersuchte zuerst die Entwicklung 
dos inrrkwünlii^eii Ainplnoxus und der Tunicaten, dann die 



C. Voit: Nekrolog auf Alexander Kotoalewski. 289 

Phoronis, Sagitta, Balanoglossus, den Brachiopoden, Insecten 

Ringelwürmern, den Korallen und Mollusken. Abgesehen 

vielen einzelnen wichtigen Ergebnissen haben diese Unter- 
lungen das bedeutungsvolle Gesammtresultat gefördert, dass 
Keimblättertheorie und demgemäss die Unterscheidung von 
»derm, Ektoderm und Mesoderm, welche viele Zoologen 
1 Embryologen auf die Wirbelthiere beschränkt wissen wollten, 
h für die wirbellosen Thiere Geltung besitze. Abgesehen 

Baer's berühmter Entwicklungsgeschichte des Hühnchens 
I von HaeckePs Gasträatheorie haben keine Arbeiten auf 

Fortgang der vergleichenden Entwicklungsgeschichte einen 
lachhaltigen Einfluss ausgeübt wie die Arbeiten Kowalewski's. 
[her als die meisten anderen Zoologen bediente er sich dabei 

Methode dünner Querschiiitte, Es ist ein Zeugniss seiner 
sergewöhnlichen Beobachtungsgabe, dass trotzdem die Schnitt- 
hoden damals noch sehr mangelhaft waren, er mit ihnen 
gezeichnete Resultate zu erzielen wusste. 

Von den genannten entwicklungsgeschichtlichen Unter- 
bungen erregte (1866 — 1867) das grösste Aufsehen nicht 

in den Kreisen der Zoologen, sondern bei allen, die sich 

die damals in den Vordergrund gestellte Descendenztheorie 
Tessirten, diejenigen welche die Entwicklung der Ascidien 
des Amphioxus behandelten, indem sie zum ersten Male 
überraschender Weise darthaten, dass unter allen wirbel- 
n Thieren die Tunicaten den Wirbelthieren am nächsten 
len. Kowalewski wies in ihnen nach, dass zwischen beiderlei 
ihrer äusseren Erscheinungsweise so grundverschiedenen 
ergruppen eine ganz überraschende Uebereinstimmung in 

Entwicklungsgeschichte besteht, und er machte bei Aus- 
nung seiner Untersuchungen auf die niedersten Fische, die 
e, drei weitere fundamentale Entdeckungen: erstens dass 
i bei den Ascidien in gleicher Weise wie beim Amphioxus 

Nervensystem als Neuralrohr auf dem Wege der Faltung 
iet und dieses Neuralrohr durch den Canalis neurentericus 
übergehend mit dem Darmrohr communicirt, zweitens dass 
h die Ascidien ein axiales Skelet in der Chorda dorsal is 

)02. Sitznogsb. d. maÜL-pliys. OL 19 



2dü 



Öeffenitkhe SUiun(f vmn 18. Mars 1902. 



besitzen» wt^lehe im Gingen satz 2:11 der htnrwch enden Ansc^liau- 
ungs weise nicht aus Jom Mtjsuderm, sondern aus dem Eiitoderm 
mch entwickelt, und drittens beim Ämphioxus die Lei bekohle 
durch Divertikelbildung vom Urdarai entsteht, wobei zugleich 
das Mesoderni oder mittlere Keimblatt als Abkömmling des 
Entuderms gebildet wird, ein Vorgang der von ihm in gleicher 
Weise für Sagitta und die Bracbiopode Argiope bewiesen wurde* 

Den genannten Untersutdiungen über die Entwicklung aus 
dem Ei schlosa Kowalewski weitere Arbeiten über die Knospungs- 
Yorgänge der Tunicaten an. Dabei ergab sich das unerwartete, 
inzwischen aber anderweitig bestätigte Resultat, dass die Or- 
gane sich nicht nach gleicbem Princip wie bei der Entwick- 
lung aus dem Ei anlegen ^ dass z* B. Organe, welche bei der 
Embryonalen t Wicklung vom Ektoderm gebildet werden, bei der 
Knaspung vom Entodorm aus entstehen. 

In den letzten Jahrzehnten seines Lebens wandte sich 
Kowalewski mehr physiologischen Fragen und der e^cperimeu- 
tellen Zoologie zu. Die Erfahrung, dass gewisse Farbstoffe 
wie Indigcarmin und carminsaures Annnoniak durch die Nieren 
ausgeschieden werden, benutzte er um mit Hilfe derselben die 
e:Ecretorischen Organe wirbelloser Thiere aufzufinden* Mittelst 
Einspritzung von Tourne^ol-Blau ermittelte er die Acidität und 
Alkalescenz der verschiedenen Darmabschnitte. Auch mit der 
Verbreitung Ijrmphoider Organe bei Wirbellosen (Scorjjionen, 
Muscidenlarven, Polychaeton) beschäftigte er sich eingehend- 
Er henutaste liierbei die von Mecznikow zuerst beobachtete 
Phagocytose der Leucocylen, indem er fein vert heilte Sepia 
oder Bakterien dem Thiere einspritzte. 

Mit der Anatomie der Thiere hat sich Kowalewski nur 
wenig befasst* Immerbin bat er auch auf diesem Gebiet Vor- 
treffliches geleistet. BesondeiB sind vier Arbeiten nach dieser 
Richtung zu erwähnen. Am rothen Meer entdeckte nnd ana- 
tomirte Kowalewski die Coeloplana Mecznikowi, welche von 
vielen Forschern ak eine Mittel fonn zwischen Ctenophoren und 
TurbellarieB gedeutet wird. Nachdem nuiü lange Zeit ver- 
geblich das Männchen der Gi^hjl^e Booellia viridis gesucht 



C. Voit: Nekrolog auf Alexander Koicalewski. 291 

tte, fand er es endlich als einen wenige Millimeter grossen, 
chgradig rückgebildeten, in seiner Erscheinung an Turbel- 
ien erinnernden Wurm im Oesophagus des bis zu */a Meter 
3ssen Weibchens. Grundlegend waren ferner seine ünter- 
^hungen über den Balanoglossus. In der Neuzeit endlich 
id Kowalewski wichtige Uebergangsformen zwischen Hiru- 
leen und Oligochaeten in der auf Fischen schmarotzenden 
anthobdella peledina, welche den hermaphroditen Geschlechts- 
parat und die Saugnäpfe der Hirudineen besitzt, gleichzeitig 
er auch die beiden Blutgefässe, die Borsten und die von 
pten abgetheilte Leibeshöhle der Chaetopoden. 

Die vielseitigen Verdienste, welche sich Kowalewski er- 
erben hat, haben ihm rasche Anerkennung eingetragen. Nicht 
r in seinem Vaterland, sondern auch ausserhalb Russlands 
)lickte man in ihm den hervorragendsten der russischen Zoo- 
jen. Er war Mitglied einer grossen Zahl wissenschaftlicher 
[ademien. Unserer Akademie gehörte er seit dem Jahre 
95 an. 



Sitzungsberichte 

der 

königl. bayer. Akademie der Wissenschaften. 



Mathematisch-physikalische Classe. 

Sitzung vom 8. November 1902. 

1. Herr Alfred Peingshbim bringt als Nachtrag zu dem in 
^^r Junisitzung d. Js. vorgelegten Aufsatze eine zweite Mit- 
^*^eilung »Zur Theorie der ganzen transcendenten 
Funktionen." 

2. Herr Jon. ROckebt legt einen von dem Professor an 
^^m hiesigen zahnärztlichen Institut Dr. Otto Walkhoff erstat- 
teten Bericht über die Ergebnisse seiner mit Unterstützung der 
Akademie gemachten Studienreise zur Untersuchung der 
Struktur diluvialer menschlicher Skeletttheile vor und 
^^^spricht dieselben. 

3. Herr August Rothpletz hält einen Vortrag: „Ueber 
^ie Möglichkeit den Gegensatz zwischen der Con- 
^•^'aktions- und Expansions-Theorie aufzuheben.*" 

4. Herr W. C. Röntgen überreicht eine Arbeit des Herrn 
ör. August Schmaüss „Ueber die magnetische Drehung 
^^r Polarisationsebene des Lichtes in selektiv ab- 
^orbirenden Medien.** 

IWl Sitsuigfa». d. math -pbys. GL 20 



V 



294 



5. Herr K. A. v. Zittel legt vor: 



a) den Bericht über eine von den Privatdozenten Dr. TVI 
Blankenhokn und Dr. Ernst Stromer von Reichenbjl 
mit Unterstützung der Akademie ausgeführten Rei 
nach Aegypten; Einleitung von Emil Stromer v^ 
Reichenbach ; 

b) Geologisch-stratigraphische Beobachtungen a 
Aegypten von Dr. Max Blankenhorn. 



iBV^oraus 



A. Ihringsheim: Zur Theorie der ganzen transe, Functionen. 297 

V 

iders geschrieben: 

(7)"-kv|^-4-(ay)% 

durch Erhebung in die 1 — j Potenz und üebergang 

zxmx Grenze v = oo unmittelbar die erste Form der Behaup- 
tiang (a) resultirt. 

Um die zweite zu gewinnen, braucht man nur auf die 
lotzte Ungleichung die auf p. 170 angegebene Relation: 

w!e*""^<n*+^, also: w!<( — j «ne 

anzuwenden.^) Alsdann ergiebt sich die Beziehung: 

^) Man kann sich, wie Herr Lüroth bemerkt hat, auch der Un- 
gleicbong: 

n!<(y)'*-(2n + l) 

bedienen, welche aus der Reihe für «»• in folgender Weise resultirt. 
^an hat: 



V 


= Sn + rn . 



Da — >1 für v<n, so nehmen in Sn die Terme beständig zu, 
^aas also: 

*" ^ ^ * (n-D! ~ (n~^lV. • 
Andererseits hat man nach bekannter Schlussweise: 

wid somit 

>l<o schliesslich: 



«!<(y)"-(2n + l). 



298 Sitzung der maih.'phys. Glosse vom 8, November 1902. 

(v!) "* • I ^v I ^ ^ • (v e) ° • (a y) « , 

/l\te 
welche, in die 1 — j Potenz erhoben, für v = oo die zw 

Form der Behauptung (a) liefert. 



§2. 

Hauptsatz B. Ist für wiendlich viele x, unter d 
auch beliebig grosse varJconimen: 

(B) \f:yGyxA>A'cy'\'\'' (^>0, y>0, a>0), 

■ 



so hat man: 
(b) 



— *'/ i 

ü^ (—) " .i/| c7\ = ü^ 1/ {riy- 1 C,\^(ayy. 

y = » \ 6 / v=:oo ' 

Zum Beweise dieses Satzes dienen die folgenden 
Hülfssätze : 

Hülfssatz I. Bedeutet r eine positive Veränderl 

00 

S" üy r" eine beständig convergirende Beihe mit reellen Coefficii 



und ist für 2inendUch viele r, unter denen auch beliebig g 

vorJconinien : 

Sv a, r»* > , 

Ü 

so giebt es unendlich viele Indices niy, für welche: 

ausfüllt. 

Beweis. Angenommen die Behauptung wäre unric 
so müsste von einer bestimmten Stelle ab, etwa für v 
beständig 

üy < 

sein. Sodann könnte man B so lixiren, dass für r> B: 



Ä. Pringtheim: Zur Theorie der ganzen transe, Functionen. 299 



und daher, wegen a^r^KO: 

n 

£''a,r''<0 (für r>E). 



Da überdies filr jedes r 

n-fl 

wäre, so hätte man schliesslich: 

L" a^ r" < für jedes r> R, 



was der Voraussetzung widerspricht. — 

00 

Hülfssatz n.*) J5^S»'6v, wo « > 0, an^ convergente 



JR^ie wi^ nicht-negativen Gliedern, d eine beliebig anzunehmende 
positive Zahl, so Juxt man: 

(1) Für x>l: S-ftxfeftvY. 

(2) Für X < 1 : h K < ^-^"^ ' (f ^ d + ^/^"^^- «^.)^ 

00 

Beweis. Setzt man: ^^by = Bj so besteht für jedes v 
die Beziehung: 

B 



und daher auch, falls x>l: 



also: 



^) Es ist dies der hier ausschliesslich in Betracht kommende Theil 
des auf p. 179 von mir bewiesenen Hülfssatzes. Der hier gegebene, etwas 
kürzere Beweis rührt in der Hauptsache von Herrn Lüroth her. 



300 Sitzung der tnathrphys. Glosse vom 8. November 1902. 



m < 'i- 



Substituirt man hier r = 0, 1, 2, . . . in in f., so folgt 
Summation: 

also in der That, wie unter (1) behauptet: 
hK<{t^h\ («>1). 
Um die Richtigkeit von (2) zu beweisen, werde ge 

00 00 

Sj" «v = A^ £*' a^ Cr = S, 



wobei £ «v, ^üy Cy irgend zwei convergente Reihen mit 
negativen Gliedern bedeuten sollen. Ist sodann für x < 1 
2övC^ convergent, so besteht die Identität: 

Nun ist aber ^) für x <l: 

woraus durch Multiplication mit av, Substitution von v = 0, ! 
in in f. und Summation sich ergiebt: 



^) Die betreffende, für jedes a > 0, ?f < 1 geltende ünglei 
nämlich : 

a«<l + x(a- 1), 

geht aus der auf p. 176 für ;« > 1 abgeleiteten Ungl. (29): 

A">l+xU-l) 

ohne weiteres hervor, wenn man Ä = a"* setzt und schliesslich - 
X schreibt. 



Ä. Pringsheim: Zur Theorie der ganzen transc. Functionen. 301 

O\O/0 \a3 0/0 

Mit Benützung dieser Ungleichung liefert die obige Iden- 
t;ii^üt die Beziehung: 

loch: 

»V = l pTT^ ) 1 ayCy= byl 



Setzt man noch: 



also: 



11« __ J_ y^ 





so folgt, wie unter (2) behauptet: 



Beweis des Hauptsatzes B. Es werde zunächst a = l 
Eingenommen. Setzt man sodann | a; | = r, so resultirt aus der 
Voraussetzung (B) a fortiori die folgende: 



j:-\Cy\r^^A'ey^==Ä''^- 



yvr^ 



l 





Sodass also für unendlich viele r, unter denen auch beliebig 
S^^osse, die Beziehung besteht: 

^y-(v\\Cy\-ÄY^).r^>0. 
vi 

Man hat somit nach Hülfssatz I für unendlich viele ntyi 

mJ|6\|>;J..y'»v 
^^d wegen: 

/mA'"»' ^ 1 



\e J niy 



e ''• 



300 Sitzung der mathrphys. Clcisse vom 8. November 1902. 



(&)■<!• 



Substituirt man hier v = 0, 1, 2, . . . in in f., so folgt durch 
Summation : 

also in der That, wie unter (1) behauptet: 

Um die Richtigkeit von (2) zu beweisen, werde gesetzt: 

00 00 

ij" ay = J., £" ay Cy = S, 



wobei S öty, £ a„ (?y irgend zwei convergente Reihen mit nicht- 
negativen Gliedern bedeuten sollen. Ist sodann für x < 1 auch 
S «v ^ convergent, so besteht die Identität: 

Nun ist aber*) für x< 1: 

(-^.c.)''<l + x(4-^^-l). 

woraus durch Multiplication mit a^, Substitution von y = 0,l,2,... 
in in f. und Summation sich ergiebt: 



*) Die betreffende, für jedes a > 0, ?f < 1 geltende Ungleichung, 

nämlich : 

a«<l+x(a- 1), 

geht aus der auf p. 176 für x > 1 abgeleiteten üngl. (29): 

^'*>1+;.U-1) 

ohne weiteres hervor, wenn man -4 = a** setzt und schliesslich "~~ statt 
X schreibt. 



A. Prifigsheim: Zur Theorie der ganzen transc, Functionen. 303 

Im Falle a > 1 hat man analog nach Ungl. (2) des Hülfs- 
»&tzes 11: 

:s- (I a h • r^y<(^^) " • (f " (i + dy<^-^)^c: . r^) \ 

folglich, wenn man diese Ungleichung in die a*« Potenz erhebt, 
^Dait Berücksichtigung von Ungl (C), zunächst: 

S" (1 + a)(»-»' . I a 1- • r- > (y^ts)"' ' • (S' ( ! a I" • r')^y 

Und, wenn man noch r durch (1 -}- <5)*~°- »* ersetzt: 

Hieraus würde sich mit Hülfe von (b') zunächst ergeben: 
im-- V'|'al"= lim V';^7p^(l + «5)'-"-aj', 
^^d da i > unbegrenzt verkleinert werden darf, schliesslich : 
(l>.) ii^f .fK7^-=ih;^f,T]Cr|->ay (a>l). 

Durch Erhebung der Relationen (bj), (b^) in die (— ) 

"<>tenz und Zusammenfassung mit Ungl. (b') findet man also, 
^ie behauptet: 

li^(— ) " -VTäl = li^l/ {viy'\C\\ > (a y) « 
^ jedes positive a. 



Die in den Hauptsätzen (A) und (B) enthaltenen Resul- 
tate stimmen genau mit den früher auf p. 187 angegebenen 



304 Sitzung der math.-phys, Glosse vom 8 November 1902, 

überein. Daraus folgen dann die auf pp. 188, 189 zusammetv- 
gestellten umkehrbaren Sätze mit Hülfe der nämlichen Schlüsse, 
welche a. a. 0. zum Beweise der analogen Sätze von §§ 4 und. * 
angewendet wurden. 



Die diluvialen menschlichen Enochenreste in Belgien 
cLxid Bonn in ihrer strnctnrellen Anordnung und 
Bedeutung für die Anthropologie. 

(Vorläufige Mittheilung.) 
Von Otto Walkhoff. 

{SingelaH/en 13. November.) 

Eine im letzten Jahre von mir mit Beihülfe der Kgl. 
Bayerischen Akademie der Wissenschaften ausgeführte Unter- 
suchung der in Bonn, Lüttich und Brüssel befindlichen mensch- 
lichen Reste aus der Diluvialzeit erstreckte sich auf sämmt- 
Uche Knochen der aus der Chell^en- und Mousterien-Periode 
stammenden Funde. Das in den Belgischen Museen noch 
lagernde, ungeheure Material von menschlichen Knochenresten 
aus der Magdal^nien-Periode und dem Neolithicum konnte von 
mir nur in Bezug auf Kiefer berücksichtigt werden. Meine 
Arbeit wurde theils als Nachprüfung der bisher beschriebenen 
äusseren Formen der Objecto, hauptsächlich jedoch mit Rück- 
sicht auf die zu erwartenden Structurbilder nach der von mir 
in die Anthropologie eingeführten üntersuchungsmethode ganzer 
Knochen mittelst Röntgenstrahlen unternommen. 

Auf Grund der Röntgenaufnahmen kann der in Bonn be- 
findliche Neanderthal-Mensch nicht mehr als pathologi- 
sches Individuum angesehen werden, wie es Virchow ge- 
schildert hat. Die deutsche Anthropologie hielt seit jener 



304 



Sitzung der math.-phys. Glosse vom 8 November 1002, 



überein. Daraus folgen dann die auf pp. 188, 189 zusammen- 
gestellten umkehrbaren Sätze mit Hülfe der nämlichen Schlüsse, 
welche a. a. 0. zum Beweise der analogen Sätze von §§ 4 und 5 
angewendet wurden. 



O. Wcäkhoff: Düuviäle menschliche Knochenreste in Belgien u, Bonn. 307 

welche parallel der Längsachse angeordnet sind, verlaufen die 
Enochenbalkenztige bei den Anthropomorphen vom äusseren 
oder inneren Condylus nicht nur in dieser Richtung, sondern 
auch in concaven Bogen zahlreich zur entgegengesetzten Seite. 
Die starke Entwicklung je eines horizontalen Trajectoriums, 
welches von der Fossa poplitaea zu der Tuberositas condyl. 
ext. und int. verläuft, fehlt den Anthropomorphen nahezu 
vollständig. Die Structur des unteren Endes des heutigen 
menschlichen Femurs zeigt eine durchaus einseitige Be- 
lastung durch den aufrechten Gang. Bei den Anthropomorphen 
tritt die Vielseitigkeit der functionellen Beanspruchung 
des unteren Femurendes deutlich zu Tage. Beim Neanderthal- 
Menschen finden sich Anklänge der Structur an letztere: Es 
überwiegt jedoch weitaus das Trajectorium der statischen 
Belastung. Auch der vorhandene Rest des steilen Beckens 
zeigt besondere Structureigenthümlichkeiten, welche noch ver- 
gleichend bearbeitet werden müssen. 

Der Spy-Fund in Lüttich erweist sich als ein höchst 
'Werthvolles Gegenstück zum Neanderthal-Menschen. Nicht 
TXMT die äusseren Formen schliessen sich dem letzteren an. 
Sondern die Structur der einzelnen Knochen wiederholt sich 
in derselben Anordnung und mit denselben Abweichungen 
gegenüber dem heutigen Menschen. Ganz besonders trifft 
dieses für die Femura zu. Die Tibia scheint die Annahme 
von Fraipont zu bestätigen, dass der damalige Mensch mit 
gebogenen Knieen aufrecht ging. Die Schädel der Spy-Menschen 
folgen jedenfalls in Form und Structur dem Neanderthaler. 

Die gewaltige Ausdehnung der Stirnhöhlen war durch 
die Röntgenaufnahme gut zu constatiren. Höchst wichtig 
sind die bei dem Spy-Funde erhaltenen Kieferreste. Diese 
Kiefer waren ganz gewaltige Kauwerkzeuge und zeigen wie 
die Zähne entschieden eine Reihe pithekoider Formen. Ich hebe 
den Ansatz des genioglossus in einer Grube, den Mangel eines 
Kinnes, die theilweise Grössenzunahme der Molaren nach hinten, 
die Grösse des Zahnbogens durch eine mächtige Zahnent- 
wickelung überhaupt, den Kiefer- und Zahnprognathismus 



308 Sitzung der tnathrphys. Glosse vom 8, November 1902. 

und die Rückwärtskrümmung der Schneidezahnwurzeln hervor • 
Dennoch sind auch sänuntliche belgischen Reste unverkennbar" 
menschlich. Die enorme Kaumuskulalur des diluvialen. 
Menschen lässt sich theils durch die grossen Insertionsstellen 
und Leistenbildungen theils durch die Wiedergabe der Tra- 
jectorien mittelst Röntgenstrahlen nachweisen. Durch den 
nachweisbaren Rückgang der Kaufunction und der damit 
verbundenen Reduction der Zähne und Kiefer an Grosse beim 
späteren Menschen ist meines Erachtens auch ein Einfluss 
auf die Umgestaltung der Schädelkapsel anzunehmen. 
Erst die veränderte Stärke der Kaumuskulatur ermöglichte 
die Umgestaltung der vorderen Schädelkapsel. Aus der 
fliehenden Stirn und der starken postorbitalen Einschnürung 
der Schädelkapsel des Diluvial-Menschen hervorgehend, konnte 
bei der immer geringer werdenden Thätigkeit des m. tem- 
poralis der vordere Theil der Schädelkapsel durch das gleich- 
zeitig sich stärker entwickelnde Gehirn sich erhöhen. In 
Anbetracht der schon ziemlich grossen Capacität der dilu- 
vialen Hirnkapsel und der später auftretenden Veränderung 
der Occipitalpartie ist die Annahme einer Umformung der 
Hiinkapsel durch Umlagerung und Umgestaltimg der einzelnen 
Hirntheile in Folge der zurückgehenden Kaumuskulatur wohl 
mindestens ebenso zu berücksichtigen, wie die Vergrösserung 
der Frontallappen des Grosshims, welche bisher ziemlich all- 
gemein als einziges Moment für die Entwickelung der hohen 
Stirn angesehen wird. 

Dass seit der Diluvialzeit eine Reduction der Kiefer 
und alsdann der Zähne an Grösse beim Menschen eintrat, 
ist nach den sich immer mehrenden Funden unzweifelhaft;. 
Die belgischen diluvialen Kiefer (neben den Spykiefem ist 
besonders der Kiefer von la Naulette als durchaus normal zu 
bezeichnen) sind hervorragende Zeugen für jene Ansicht. Der 
ursprüngliche Kiefer- und Zahnprognathismus, welcher durch 
die Si)ykiefer und den berühmten Kiefer von la Naulette un- 
zweifelhaft bewiesen wird, und worauf schon der Schipkakiefer 
und die Funde von Krajiina hindeuteten, ging allmählig mit 



0. Walkhoff: DÜMtriote mensckliehe Knoehenteste in Belgien u. Bonn. 309 

dem vermmderten Gebrauch in eine Orthognathie über. Für 
die diluvialen Kieferfunde sind eine Reihe von ganz bestimmten 
Eigenschaften festgestellt, welche heutigen Schädeln durchaus 
fehlen. Wir können deshalb von einem diluvialen Typus 
menschlicher Kiefer sprechen. Das jüngste Diluvium zeitigte 
aber schon Formen dieser Organe, welche üebergangsformen 
zum Neolithicum sind. Die belgischen, mährischen und kroati- 
schen Funde, welche eine ganze Anzahl von Kiefern und 
Zähnen lieferten, femer die neolithischen Schädel, die Kiefer 
der heutigen inferioren Rassen und endlich die Kauwerk- 
zeuge der civilisirten Völker bilden eine ununterbrochene 
Reihe von äusseren Formen, welche mit der allmählig ver- 
änderten Function der Kiefer und Zähne sich äusserlich 
und innerlich veränderten. Durch den Nachweis dieser neuen 
functionellen Gestaltung auf 'Grund der üebergangsformen 
kann wenigstens für diese Organe festgestellt werden, dass 
der Mensch seit der Diluvialzeit sich in seiner Gestalt be- 
deutend verändert hat, was bisher von den meisten Anthro- 
pologen geleugnet wurde. 

Meine Theorie über die Entstehung des Kinnes beim 
M^enschen durch die vermehrte Thätigkeit der Sprachmuskeln 
'^^i gleichzeitiger Reduction des Gebisses an Grösse in der 
Sagittalebene wird durch die belgischen Funde sehr gestützt, 
öie Reduction betraf besonders die Schneidezähne. 

Der Annahme von King und Schwalbe, dass der dilu- 
viale Mensch wohl eine besondere Art oder gar eine besondere 
Gattung gewesen sei, kann ich in Folge der schon jetzt für 
üe Kauwerkzeuge lückenlos nachweisbaren Uebergangs- 
foxmen, welche sich sehr wohl durch die En t wickeln ngs- 
^echanik erklären lassen, nicht zuneigen. Unter Berück- 
sichtigung der letzteren erscheint der diluviale Mensch als 
A^hne des heutigen, dessen Knochenformen durch eine ganz 
allmählig veränderte Function der Organe auch eine all- 
ttiUhlig veränderte Gestalt erhielten. Dann lässt sich das 
sporadische Auftreten einzelner diluvialer Merkmale bei den 
Knochen der Zwischenzeiten oder Anklänge der ersteren bei 

1902. Siizangsb. d. maili.-phys. Gl. 21 



L 



308 Sitzung der math.-phys. Glosse txm 8, November 1902. 

und die Rückwärtskrümmung der Schneidezahnwurzeln hervor . 

Dennoch sind auch sämmtliche belgischen Reste unverkennbar— 
menschlich. Die enorme Kaumuskulalur des diluvialeiK. 
Menschen lässt sich theils durch die grossen Insertionsstellen 
und Leistenbildungen theils durch die Wiedergabe der Tra- 
jectorien mittelst Röntgenstrahlen nachweisen. Durch den 
nachweisbaren Rückgang der Kaufunction und der damit 
verbundenen Reduction der Zähne und Kiefer an Grösse beim 
späteren Menschen ist meines Erachtens auch ein Einfluss 
auf die Umgestaltung der Schädelkapsel anzunehmen. 
Erst die veränderte Stärke der Kaumuskulatur ermöglichte 
die Umgestaltung der vorderen Schädelkapsel. Aus der 
fliehenden Stirn und der starken postorbitalen Einschnünmg 
der Schädelkapsel des Diluvial-Menschen hervorgehend, konnte 
bei der immer geringer werdenden Thätigkeit des m. tem- 
poralis der vordere Theil der Schädelkapsel durch das gleich- 
zeitig sich stärker entwickelnde -Gehirn sich erhöhen. In 
Anbetracht der schon ziemlich grossen Capacität der dilu- 
vialen Himkapsel und der später auftretenden Veränderung 
der Occipitalpartie ist die Annahme einer Umformung der 
Hirnkapsel durch Umlagerung und Umgestaltung der einzelnen 
Hirntheile in Folge der zurückgehenden Kaumuskulatur wohl 
mindestens ebenso zu berücksichtigen, wie die Vergrösserung 
der Frontallappen des Grosshims, welche bisher ziemlich all- 
gemein als einziges Moment für die Entwickelung der hohen 
Stirn angesehen wird. 

Dass seit der Diluvialzeit eine Reduction der Kiefer 
und alsdann der Zähne an Grösse beim Menschen eintrat, 
ist nach den sich immer mehrenden Funden unzweifelhafL 
Die belgischen diluvialen Kiefer (neben den Spykiefem ist 
besonders der Kiefer von la Naulette als durchaus normal zu 
bezeichnen) sind hervorragende Zeugen für jene Ansicht. Der 
ursprüngliche Kiefer- und Zahnprognathismus, welcher durch 
die S})ykiefer und den berühmten Kiefer von la Naulette un- 
zweifelhaft bewiesen wird, und worauf schon der Schipkakiefer 
und die Funde von Krapina hindeuteten, ging allmählig mit 



Walkhoff: DiUftvioie mensMxelie Knoehenreste in Belgien «, B,onn. 309 

m verminderten Gebrauch in eine Orthognathie über. Für 
i diluvialen Kieferfunde sind eine Reihe von ganz bestimmten 
^enschaften festgestellt, welche heutigen Schädeln durchaus 
ilen. Wir können deshalb von einem diluvialen Typus 
nschlicher Kiefer sprechen. Das jüngste Diluvium zeitigte 
3r schon Formen dieser Organe, welche üebergangsformen 
XI Neolithicum sind. Die belgischen, mährischen und kroati- 
len Funde, welche eine ganze Anzahl von Kiefern und 
hnen lieferten, femer die neolithischen Schädel, die Kiefer 
- heutigen inferioren Rassen und endlich die Kauwerk- 
ige der civilisirten Völker bilden eine ununterbrochene 
ihe von äusseren Formen, welche mit der allmählig ver- 
derten Function der Kiefer und Zähne sich äusserlich 
d innerlich veränderten. Durch den Nachweis dieser neuen 
nction eilen Gestaltung auf 'Grund der üebergangsformen 
nn wenigstens für diese Organe festgestellt werden, dass 
r Mensch seit der Diluvialzeit sich in seiner Gestalt be- 
utend verändert hat, was bisher von den meisten Anthro- 
logen geleugnet wurde. 

Meine Theorie über die Entstehung des Kinnes beim 
ansehen durch die vermehrte Thätigkeit der Sprachmuskeln 
i gleichzeitiger Reduction des Gebisses an Grösse in der 
igittalebene wird durch die belgischen Funde sehr gestützt. 
ie Rciduction betraf besonders die Schneidezähne. 

Der Annahme von King und Schwalbe, dass der dilu- 
ale Mensch wohl eine besondere Art oder gar eine besondere 
attung gewesen sei, kann ich in Folge der schon jetzt für 
e Kauwerkzeuge lückenlos nachweisbaren Uebergangs- 
►rnien, welche sich sehr wohl durch die Entwickelungs- 
ech anik erklären lassen, nicht zuneigen. Unter Berück- 
chtigung der letzteren erscheint der diluviale Mensch als 
hne des heutigen, dessen Knochenformen durch eine ganz 
[Imählig veränderte Function der Organe auch eine all- 
ulhlig veränderte Gestalt erhielten. Dann lässt sich das 
[)oradische Auftreten einzelner diluvialer Merkmale bei den 
wnochen der Zwischenzeiten oder Anklänge der ersteren bei 

1002. Sitzungsb. d. maili.-phys. Gl. 21 



310 Siteung der math.-phys, Classe vom 8, November 190Ü. 

den heutigen Rassen leichter durch Vererbung erklären, als 
durch Annahme eines besonderen genus für jene Diluvialfunde. 
Diese sind nach der Untersuchung keinen falls patho- 
logische Excessbildungen, sondern der Ausdruck der 
damaligen normalen Formen des menschlichen Ge- 
schlechtes. 



311 



lTe1)6r die Möglichkeit den Gegensatz zwischen der 
Gontractions- und Expansionstheorie aufzuheben. 

Von A. Rothpletz. 

{Eingelaufen 18. November) 

Diese beiden Theorien scheinen sich gegenseitig auszu- 
schliessen und die Anhänger der einen sind gewöhnlich auch 
Gegner der anderen. Gegenwärtig jedoch gibt es nur wenige 
Anhänger der Expansionstheorie und um so mehr Gegner oder 
doch Ungläubige. Das hat seinen Grund darin, dass die Ent- 
stehung der Ketten- oder Faltengebirge im Vordergrund des 
.allgemeinen Interesses steht und dass für sie die Contractions- 
theorie entschieden die einfachste und am leichtesten verständ- 
liche Erklärung liefert. Welcher vorsichtige Beobachter kann 
sich der Ueberzeugung versch Hessen, dass Faltung und üeber- 
schiebung — die charakteristischen tektonischen Formen der 
Kettengebirge — mit Zusammenschub der festen Erdrinde ver- 
knüpft sein und die vielen im Laufe der geologischen Perioden 
eütstandenen Gebirge eine erhebliche Verkürzung oder Ver- 
Heinemng dieser Rinde hervorgebracht haben müssen? Wie 
aber könnte dies möglich sein, wenn das Erdinnere sein Volumen 
ßiclit verringerte oder gar vergrösserte? Und wie vortrefflich 
stimmt diese Forderung mit jener anderen überein, dass die 
Erde durch Ausstrahlung von Wärme in das Weltall sich 
'^gsam abkühlt, erstarrt und dabei sich zusammenzieht! 

Nimmt man jedoch di.e vulkanischen Erscheinungen zum 
Ausgangspunkt, dann treten diese Forderungen leicht in den 
Hintergrund. Durch die feste und dicke Erdkruste dringen 

21* 



312 Sitzung der math.-phys, Classe vom 8. Kovemher 1902. 

von unten herauf in cylinder- oder spaltenförmigen Kamine 
überheisse und flüssige Scbmelzmassen, um entweder an de 
Oberfläche überzufliessen und sich zn weiten Decken auszu 
breiten oder um zu zerspritzen und in die Luft geschleuderi 
zu werden, aus der sie als vulkanische Tuflfe wieder nieder- 
fallen. Oder aber es dringen gewaltige plutonische Massen von 
unten in die Erdrinde ein, ohne bis zu ihrer Oberfläche herauf- 
zusteigen, aber sie verdrängen ausgedehnte Theile derselben 
und krjstallisiren in den eroberten Gebieten zu granitischen 
Gesteinsmassen aus. Zugleich pressen sie sich in die bereits 
erhärteten Gesteinsschichten ihrer Umgebung hinein in Form 
viel verzweigter Adern, Gänge und Apophysen, oder sie im- 
prägniren diese Schichten formlich mit ihren Bestandtheilet 
von Feldspath, Quarz etc. Ausserdem sind Erdbel)en und localc 
Hebungen mit den vulkanischen Eruptionen häufig verknüpf! 
und so scheint denn alles dies darauf hinzuweisen, dass ir 
grösseren Tiefen eine Kraft thätig ist, welche die Massen ihrei 
eigenen Schwere und der darauf lastenden Erdkruste zum Trot; 
zwingt, diese zu durchbrechen oder zu heben. Solche Wir 
kungen stehen so wenig mit einer Contraction des Erdkerne 
im Einklang, dass ausschliessliche Betrachtung vulkanische 
Vorgänge wohl niemals zur Contractionstheorie geführt hätte 
Was sie zur Erklärung fordert, ist nicht Contraction, sonderi 
Expansion des Erdinneren. Aber wie soll diese zu Stand 
kommen, da doch die Erde Wärme abgibt, sich also abkühlei 
muss? Ausgehend von der längst bekannten Thatsache, das 
einige Stoff'e, wie das Wasser und Wismuth, beim Ueberganj 
von dem flüssigen in den festen Zustand ein grösseres Volumei 
einnehmen, so wie von einigen allerdings nicht ganz einwand 
freien Experimenten mit geschmolzenen Erzen hat man di« 
Mr)glichkeit in Erwägung gezogen, dass auch die anderei 
Stofte im Innern der Erde, wo sie ungeheurem Druck und seh: 
hohen Temperaturen ausgesetzt sind, sich vielleicht, entweder 
beim Uebeigang in den festen J^ustand oder überhaupt be 
V'orminderung der Temperatur, ausdehnen könnten. Mit diese] 
experimentell allerdings auf ihre Richtigkeit nicht controllir- 



baren Aiin*ijii* xt^sse ^rr^r eire Ij:.iT>::7.>kr.\:T rur Vrrtuc^'.v.ii. 

Erdkrurt-e n: *^ g - sir wird il>: i_s^:i:ar..;tr gtVv^iTir.» Kisso un»! 
kljiffende Späh*!: iEÜsä*r2i riit^i'rhrL. auf Tu-non wio ihnvh 
SkherheitSTeniü*- die St^rrhitzt-ei: Massen aus dor TiotV aut- 
steigen, in die Krosi* in F'.'rxE vor. ^xrnnitisohon Stöokon \\\u\ 
Lagergängen eindringen wer dieüeibe durohbrivhon wud aiit" 
der Aussenseit^ Ynltane aufbauen. 

Die BefiiediaTing. welche diests Ergobniss v?t*>M"ilni. isi 
aber von tnrzer I^ner, sobald wir uns wiodiM* don Ki^litMi- 
gebirgen zuwenden, bei denen nicht Ausdohuung soiuIimii /n 
sammenschub erklärt sein will. Versuche sind «jfcinaclii woidtn, 
auch diesen als eine Folgewirkung der Expansion aur/urnsNtMi. 
aber niemand wird sich verhehlen können, dass di(»sr \'rrsn«ln' 
auf schwachen Füssen stehen, und jodonfalls hinj^r nicht r.n 
einleuchtend und überzeugend sind wio die Erkliirun«^n'n dmcli 
die Contractionstheorie. 

Gegenüber solchem Misserfolg kininto nnr Ihrouli .«In i 
Fanatismus seinen Trost darin finden, dass auch uni«j(«'Krhil du- 
Jort siegreich gebliebene ContractionsUicoric liier nn dri Ki 
Wlärung der vulkanischen Erscheinungen Schillhnuh hi.l. n 
'Buss. Aber selbst diesen hat man von der nndeirii ;;.iii m 
-Abrede zu stellen versucht und zu (innsien der (Nmlr ;ic li..ir 
theorie die Meinung vertreten, dass die in Fol"«» S<huiiMhn' 
des Erdkernes zusammenbrechende und einsinkniili l-ifdlful. 
^uf die im geschmolzenen Zustande helJrMlIi« In-n M.i c n d. ■ 
Kernes einen solchen Druck ausühen werde, d;i di. « m 
Wogende Bewegung kommen und an sohh< n Sf« II« n ^v«. du 
Inikruste sich noch selber trägt, von uuh n ;.fi ;m Imi.m. 
branden müssen und dabei in beinj l'ü/jlMueh ij« r |{ih<l< « ni 
standene Spalten heraufgepresst werden. AI o im ^iiun«!. '>li 
<^ie Gewalt der einsinkenden HindenUjeiJc <'||;j < :(ih •.-. j. I.. 
die geschmolzenen Massen aus der 'J'irfr < mportf* il,f 

Was bisher zur Begründung y-olehr-r Ahtmlnm vwi/« \n.n hl 
^urde, ist weit entfernt von einer '-x-a'-u f> ut,'i iih« r/« uj/« nd« n 



314 Sitzung der math.'phya. Glosse vom 8. November 1902. 

Beweisführung und es mögen hier nur vier Bedenken dagegen 
geltend gemacht werden. 

1 . Man hat die Vorstellung des vermutheten Vorganges durch 
schematische Bilder zu unterstützen versucht, die aber wie z. B. 
fig. 127 in dem sonst so vorzüglichen Traite de Geologie von 
de Lapparant soweit von den thatsächlichen Verhältnissen ab- 
weichen, dass sie entschieden abgelehnt werden müssen. Solche 
profilmässige Darstellungen der Erdkruste, welche Continente und 
Meeresbecken in ihrer gegenseitigen Beziehung zur Anschauung 
bringen wollen, müssen im richtigen Verhältniss der Höhe 
zur Länge entworfen werden, und es darf die Krümmung der 
Erdoberfläche nicht unberücksichtigt bleiben. Es hat schon 
vor mehr als 50 Jahren Elie de Beaumont hervorgehoben, dass 
sowohl die Wasseroberfläche wie der Boden der Oceane in 
diesem Falle nach oben convex gekrümmt erscheinen und dass 
die Bodenlinie flacher gekrümmt und mithin kürzer ist als die 
Wasseroberflächenlinie. Der muldenförmig eingebogene Theil 
der Erdkruste erscheint auf einer richtigen Zeichnung mithin 
nicht als ein concaver sondern als ein ebenfalls aber nur 
weniger stark convexer Streifen, der somit auf seiner Unter- 
seite keine Ausdehnung, sondern im Gegentheil Zusanimen- 
pressung zeigt. 

2. Wenn man als Ursache des Sinkens der Erdkruste den 
Schwund des Erdkernes gelten lassen will, so darf man doch 
nicht voraussetzen, die Kruste könne sich selbst auch nur für 
kurze Zeit nach Art eines Kugelgewölbes frei tragen. Der 
entstehende tangentiale Druck müsste sofort die Druckfestigkeit 
der Krustengesteine um ein Vielfaches überschreiten und diese 
zermalmen. Es kann aber auch kein Hohlraum zwischen Kern 
und Kruste entstehen und weder von einem Niederstürzen 
einzelner Kindentheile auf den schwindenden Kern noch von 
lokaler Druckentlastung die Rede sein. 

8. Da die Erdkruste specifisch leichter als der Kern ist, 
so ruht sie gewissermassen schwimmend auf demselben. Wenn 
die Oberfläche des Kernes aber durch Contraction kleiner 
wird, so findet die Unterseite der Kruste nicht mehr Platz 



A, Bolhfietz: ContractionS' und Escpansionatheorie. 315 

genug auf ihr, es entsteht Spannung in der Kruste, die alsbald 
die Druckfestigkeit der Gesteine überwindet und zu seitlichem 
Zusammenschub führt, bis die Unterfläche sich wieder in das 
richtige Verhältniss zur Oberfläche des Kernes gesetzt hat. 
Dieser Zusammenschub muss aber etwa vorhandene klaffende 
Spalten oder sonstige Hohlräume sofort fest schliessen, und er 
versperrt somit den geschmolzenen Kemmassen alle Wege, 
auf denen sie aufsteigen könnten. 

4. Trotzdem haben thatsächlich ungeheure Massen von 
unten herauf ihren Weg in die Erdkruste gefunden und sich 
darin ausgebreitet, so dass sie jetzt in Gestalt granitischer Ge- 
steine Räume von Hunderten von Kubik-Kilometern einnehmen 
und entsprechende Massen der Kruste verdrängt zu haben 
scheinen. Damit dieses Eindringen Folge des Druckes der 
niedersinkenden Erdkruste sein, also entstehen könnte zu 
einer Zeit, da in der Kruste starke tangentiale Spannung und 
seitlicher Zusammenschub herrschen, müsste die aufsteigende 
und noch nicht verfestigte Masse jedenfalls schon eine eben- 
sogrosse Druckfestigkeit wie die festesten Gesteine der Erd- 
kruste haben und ausserdem eine besondere Expansionskraft 
besitzen, um sich den weiten Raum in der Kruste zu erobern. 
£ls scheint aber unmöglich, solche Annahmen physikalisch zu 
begründen. 

So bleibt denn nichts anderes übrig als zu erklären, dass 
<iie Contractionstheorie, obschon sie sehr geeignet ist die Ent- 
mischung der Faltengebirge zu erklären, in Bezug auf die 
Plutonischen und vulkanischen Vorgänge gänzlich versagt. 
^^ir stehen also zwei sich gegenseitig ausschliessenden Theorien 
8'egenüber, von denen keine ganz genügt. Eine dritte Theorie 
^ber, zu der wir unsere Zuflucht nehmen könnten, gibt 
^3 nicht. 

In dieser Nothlage müssen wir nach allen Seiten Aus- 
schau halten, wo der Fehler in unserer Argumentation liegen 
V.ann. So fassen wir alles nochmals kurz zusammen: Vulka- 
nismus ist in der Hauptsache eine centrifugale, die Faltung 
der Kettengebirge eine tangentiale Bewegung. Beide Be- 



316 Sitzung der matK-phys. Glosse vom 8. November 1902. 

wegungsarten wollten wir unmittelbar aus der Wärmeabgabe 
der Erde an das Weltall ableiten, indem wir das eine Mal 
annahmen, dass diese Wärmeabgabe eine centripetale, das 
andere Mal, dass sie eine centrifugale Bewegung im Erdkerne 
erzeuge. Das ist aber ein Entweder-Oder, denn die zwei An- 
nahmen schliessen sich anscheinend einander aus. 

Zweierlei Vorgänge, die wir als gleichzeitige voraussetzten, 
können natürlich nicht aus zwei sich ausschliessenden Ursachen 
hervorgehen. Wäre es aber nicht vielleicht möglich, dass wir 
gerade in jener Voraussetzung der Gleichzeitigkeit geirrt 
hätten? Wir sind an dieselbe allerdings so sehr gewöhnt, dass 
sie uns selbstverständlich erscheint. Dennoch müssen wir uns 
entschliessen, sie auf ihre Berechtigung zu prüfen. 

Die erste Lehrerin für den Geblogen ist die Gegenwart, 
sie wollen wir also zuerst befragen. Wir sehen allenthalben 
auf der Erde — wenn auch oft in weiten Abständen — Vulkane 
in Thätigkeit. Sie liegen auf den Festländern und im Meere, 
sie schleudern theils periodisch theils nur in unregelmässigen 
Zeitabständen Asche und Bomben in die Luft oder ergiessen 
Lavaströme über ihre Umgebung. In den Zwischenzeiten be- 
schränken sie sich darauf, Gase auszuhauchen. Mag man viel- 
leicht auch zur Meinung berechtigt sein, dass in manchen 
früheren geologischen Perioden die vulkanische Thätigkeit viel 
bedeutender war, so ändert das nichts an der Thatsache, dass 
auch unsere Zeit eine Periode solcher Thätigkeit ist. 

Ob in der Gegenwart auch Intrusionen von plutonischen 
Gesteinen stattfinden, lässt sich nicht durch Beobachtung fest- 
stellen, aber längst erloschene Vulkane älterer Perioden, deren 
unterirdische Theile durch Dislocationen und Erosion blos 
gelegt worden sind, lehren uns, dass häufig genug die ober- 
irdische vulkanische Action von plutonischen Intrusionen be- 
gleitet wurde. Es ist deshalb nicht unwahrscheinlich, dass 
solche auch heute noch sich bilden. 

Erdbeben sind häufige Ereignisse. Die Ursachen der sog. 
tektonischen Beben, die nicht unmittelbar mit vulkanischen 
Ausbrüp.hftn in Verbindung stehen, kennen wir nicht, aber es 



Ä. Böthpletz: Contractions- und JExpansionstheorie. 317 

ist möglich, dass sie Begleiterscheinungen von vulkanischen 
Ereignissen sind, die sich innerhalb der Erdkruste abspieler, 
ohne die Oberfläche zu erreichen. 

Mit vulkanischen Ausbrüchen und solchen Erdbeben kommen 
zuweilen auch locale Hebungen der Erdkruste vor. Ausserdem 
sind Hebungen grosser continentaler Gebiete sicher festgestellt, 
die nicht mit solchen gewaltsamen Ereignissen in Beziehung 
stehen und so langsam vor sich gehen, dass sie erst durch 
Jahre lange genaue Messungen erkannt werden können. 

Centrifugale Bewegungen sind somit in der Gegenwart 
vorhanden, aber umsonst hat man bisher nach den Spuren 
1;angentialer Bewegungen gesucht. Kettengebirge, Faltungen 
im grossen Massstabe sind in historischer Zeit nicht entstanden, 
denn die continentale Hebung, von welcher Skandinavien er- 
l^riffen ist, kann nicht unter diese Art von tektonischen Vor- 
gängen eingereiht werden. 

Die Gegenwart zeigt sich somit unverkennbar als 
^ine Periode vulkanischer Thätigkeit, centrifugaler 
Sewegung, während die Wirkungen tangentialer Be- 
^^vegung alle einer früheren Zeit angehören. 

Beiderlei Bewegungen müssen also nicht gleich- 
zeitige sein, das lehrt uns die Gegenwart mit Sicherheit. 
Da liegt nun die Vermuthung nahe, dass sie sich viel- 
Xeicht überhaupt ausschliessen ? Wenn wir darüber uns Klar- 
Xieit verschaffen wollen, ist es nothwendig Perioden zu unter- 
suchen, in denen Kettengebirge entstanden sind. Jedenfalls 
Sim günstigsten dafür wird die Terti<ärzeit sein, weil in diese 
^ie Entstehung unserer grössten Kettengebirge und ebenso 
l>edeutende Vulkanausbrüche fallen. 

Der Kaukasus ist ein typisches Faltengebirge, das vor- 
legend aus Meeressedimenten aufgebaut wird, deren ursprüng- 
lich horizontal gelagerten Schichten in zahlreiche Falten zu- 
sammengeschoben worden sind. In dem entstehenden Gebirge 
liaben sich tiefe Thäler eingeschnitten und, nachdem die 
Faltung zum Stillstand gekommen war, immer weiter vertieft. 
Dann erst öffneten sich die vulkanischen Kanäle und bauten 



318 SUisung der mathrphys, Glosse vom 8. November 1902. 

sich die Riesenvulkane des Elbrus, Kasbek u. s. w. auf, von 
denen zahlreiche Lavaströme an den Thalgehängen zum Theil 
bis auf die Thalsohlen herabliefen. Hier kann man darüber 
nicht im Zweifel sein, dass einer Periode intensiver Faltung, 
also tangentialer Bewegung, eine andere grosser vulkanischer 
Thätigkeit gefolgt ist. 

Im Kettenjura der Schweiz haben wir ebenfalls ein 
tertiäres Faltengebirg, in dem aber weder plutonische noch 
vulkanische Gesteine bekannt sind. Es beweist uns also, dass 
hier jedenfalls in die Periode tangentialer Bewegungen keine 
Vulkanausbrüche fielen. 

Fassen wir nun die Alpen ins Auge, so muss zunächst 
constatirt werden, dass die Faltungen dieses Gebirges sich auf 
zwei Perioden vertheilen. Die erste Periode gehört der mitt- 
leren Oligocän-, die zweite dem Ende der Miocän-Zeit an. 
Von den vielen vulkanischen Gesteinen der Alpen sind weitaus 
die meisten älter als diese mitteltertiären Faltungen (z. B. die 
palaeoz. Diabase und Quarzporphyre, die Porphyrite und 
Melaphyre der Trias und die eocänen Basalte). Für uns 
kommen deshalb nur diejenigen Basalt-, Trachyt- und Serpentin- 
durchbrüche in Betracht, welche oligocänen oder noch jüngeren 
Alters sind. Da ergibt sich nun, dass die Trachyte bei Cilli 
in der südlichen Steiermark erst in der oberoligocänen und 
untermiocänen, die Basalte der östlichen Steiermark aber im 
Pliocän, die ersteren also in der Zwischenzeit zwischen beiden 
Faltungsperioden, die letzteren nach der letzten Faltungsperiode 
erumpirt sind. Ebenso steht es fest, dass die Basalt- und 
Serpentingänge in den rhätischen Alpen nicht während, son- 
dern erst nach der ersten Faltungsperiode entstanden sind. 
Also hier wie im Kaukasus schliessen sich die Perioden vul- 
kanischer Thätigkeit und der Gebirgsfaltung gegenseitig aus. 

Was hingegen die Granitstöcke betrifft, an denen die 
Alpen so reicli sind, so eignen diese sich für unsere Unter- 
suchung weniger, weil es meist nicht möglich ist, ihr genaues 
Alter festzustellen. Darauf käme es aber vor allem an. 
Wenn also z. B. in neuerer Zeit das tertiäre Alter der Tonalit- 



A, Bothpletß: Contractions- und Expansionstheorie. 319 

stocke Südtirols angenommen werden will, so muss dem gegen- 
über festgestellt werden, dass wir in Wirklichkeit sicher nur 
wissen, dass sie jünger als die Trias oder ein Theil der Trias 
sind, weil sie die Gesteine dieser Periode metamorphosirt haben. 
Sie können freilich noch erheblich jünger sein, aber wir haben 
zu einer bestimmten Altersangabe keine zuverlässigen An- 
haltspunkte. Es liesse sich noch eine Anzahl anderer tertiärer 
Gebirgsketten anführen, für welche ein zeitliches Auseinander- 
fallen der vulkanischen und der Faltungsvorgänge nachweisbar 
ist. Doch will ich mich in dieser Beziehung auf die Erwäh- 
nung beschränken, dass mir kein Gebirg bekannt ist, in dem 
die beiderlei Vorgänge sich gleichzeitig abgespielt haben. Ob 
suidere solche Gebiete kennen, weiss ich nicht, wenn es aber 
der Fall sein sollte, wäre eine Mittheilung darüber sehr er- 
^wünscfat, da bei der Weitläufigkeit des Beweismateriales nur 
gemeinsame Arbeit Vieler gesicherte Ergebnisse verspricht. 

Eine Entscheidung mit Bezug auf die vortertiären Gebirge 
ist natürlich mit noch grösseren Schwierigkeiten verknüpft, 
"weil die Altersbestimmung der einzelnen Vorgänge um so un- 
sicherer wird, je weiter sie in der Vergangenheit liegen. Doch 
ist es auffallig genug, dass, um nur dies eine Beispiel zu er- 
wähnen, die gewaltigen Porphyr- und Melaphyreruptionen des 
Hothliegenden erst nach den weitausgedehnten Faltungen ein- 
getreten sind, welche die älteren Ablagerungen des rheinischen 
Schiefergebirges, des Harzes, Thüringerwaldes und Erzgebirges 
betroffen haben, und dass soweit das Rothliegende selbst von 
Taltungen ergriffen worden ist, diese vulkanischen Gesteins- 
massen geradeso wie die mit ihnen wechsellagernden Sandsteine, 
Conglomerate, Kalksteine und Dolomite gefaltet wurden zu 
einer Zeit, in der ihre Eruption längst in der Vergangen- 
heit lag. 

Ich schliesse daraus auf die Wahrscheinlichkeit, 
dass nirgends und zu keiner Zeit Gebiete unserer Erd- 
kruste gleichzeitig der Schauplatz vulkanischer Erup- 
tionen und von Gebirgsfaltung gewesen sind. Dieses 
Ergebniss stimmt aber mit demjenigen genau überein, 



320 Sitzung der math.'phys. Glosse vom 8, November 1902, 

zu dem wir bereits gelangt sind, dass nämlicli in der 
Gegenwart die Erde nur der Schauplatz vulkanischer 
Eruptionen, nicht aber auch von Gebirgsfaltungen ist. 

Ich bore hier den Einwand machen, dass damit noch gar 
nichts gegen den Synchronismus der vulkanischen und Faltungs- 
vorgänge bewiesen sei, denn es sei leicht möglich und viel- 
leicht sogar selbstverständlich, dass in Faltungsgebieten vul- 
kanische Ausbrüche wegen des seitlichen Zusammenpressens 
nicht eintreten können, dass sie dafür aber um so intensiver 
an anderen Stellen zum Durchbruch gelangen. Die postalpinen 
und postkaukasischen Eruptionen in den Alpen und dem Kau- 
kasus brauchen in der That in keinen causalen Zusammenhang 
mit der Faltung dieser Gebirge gesetzt zu werden, sie können 
ja die Folge späterer anderweitiger Faltungsprocesse sein, 
während deren jene Gebirge nicht mehr im Zustand der Zu- 
sammenpressung sich befanden. 

Wir müssen also nachforschen, ob ausserhalb der bekannten 
Kettengebirge vulkanische Gesteine bekannt sind, deren Eruption 
gleichzeitig mit dem Faltungsprocesse jener Gebirge stattge- 
funden hat, mit anderen Worten, ob Beweise dafür existiren, 
djiss die vulkanischen und Faltungsvorgänge zwar gleichzeitig 
aber örtlich von einander getrennt auftreten. 

Dagegen spricht allerdings von vornherein, worauf schon 
früher hingewiesen worden ist, die Erfahrung aus historischer 
Zeit, aber man könnte einwenden, dass diese doch im Ver- 
hältniss zur Länge der geologischen Perioden zu kurz sei, um 
daran eine für unsere theoretischen Anschauungen so bedeu- 
tungsvolle Schlussfolgerung zu knüpfen. 

Wenn man von allen vulkanischen Eruptionen und allen 
Gebirgsfaltungen genaue Kenntniss ihres Alters und ihrer 
Dauer hätte, so brauchte man sie nur alle aufzuzählen und 
go^jcon einander zu stellen, um sofort die Frage nach dem 
Fohlen eines Synchronismus beantworten zu können. Man 
wage aber nur einen solchen Versuch, dann tritt die Unmög- 
lichkeit einer derartigen Beweisfühnmg sofort zu Tage. Die 
Mangelhaftigkeit unserer synchronistischen Formationstabellen 



Ä Boihpletz: Cantractions- und Expansianstheorie, 321 

ist jedem Geologen bekannt für alle die Fälle, wo es sich um 
Vergleiche weit von einander abliegender oder in ihrer Facies 
stark sich unterscheidender Ablagerungen handelt. Dazu kommt, 
dass der Zeitpunkt für viele, insbesondere aber für die älteren 
Gebirgsfaltungen, die vulkanischen und insbesondere die pluto- 
nischen Bildungen nur innerhalb sehr weiter Grenzen festge- 
legt werden kann, die zur Entscheidung der uns vorliegenden 
Fragen oft viel zu unbestimmt sind. 

Leichter könnten wir zu einem greifbaren Ergebniss 
kommen, wenn wir nach Beweisen für den Synchronismus 
suchen, denn dann brauchen wir nicht alle einschlägigen Fälle 
zu untersuchen und es würde nur ein einziger genau geprüfter 
Fall von Synchronismus genügen, um die Behauptung zu 
widerlegen, dass vulkanische und Faltungsvorgänge in unserer 
^Erdkruste sich einander zeitlich ausschliessen. Vielleicht ge- 
lingt es anderen einen solchen Fall ausfindig zu machen, mir 
ist dies bis jetzt nicht gelungen. Dahingegen haben sich gegen- 
i;heilige Fälle in Menge ergeben, von denen ich diejenigen, 
welche auf die Alpenfaltung Bezug haben, aufzählen will. 

Das Alpengebirg hat, wie bereits erwähnt, zwei Faltungs- 
perioden, die erste in der Zeit des mittleren Oligocäns, die 
zweite am Ende der Miocänzeit erlebt. Im Norden der Alpen, 
^ber nicht weit davon entfernt, liegen die zahlreichen Zeugen 
wenn auch kleiner Vulkandurchbrüche auf der schwäbisch-baye- 
rischen Juratafel. Soweit ihr Alter bestimmt werden konnte, 
fallen sie in die mittlere Miocänzeit, wohin auch die viel um- 
fangreicheren Basalteruptionen Hessens gestellt werden, wäh- 
rend diejenigen des Siebengebirges dem üntermiocän angehören. 
Viel jünger sind die wahrscheinlich diluvialen Vulkane der 
Eifel. In Nordböhmen begannen die Basaltausbrüche erst mit 
der oberoligocänen Periode und die zahlreichen Eruptionen 
Ungarns scheinen sich, wenn schon ihre Altersbestimmungen in 
vielen Fällen zweifelhaft sind, auf drei Perioden zu vertheilen, 
nämlich auf das Obereocän und ünteroligocän, dann auf das 
Oberoligocän und Miocän mit Trachyteruptionen und endlich 
auf das Ende der Congerienstufe und den Anfang der Pliocän- 



322 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 8, November 1902, 

zeit mit Basalteniptionen. Mit Bezug auf die Alpenfaltungen 
haben wir somit eine praealpine, eine interalpine Trachyt- und 
eine postalpine Basalt-Eruptionsperiode, nur fallt es auf, dass der 
Zwischenraum zwischen den beiden letzteren, geologisch ge- 
sprochen, recht kurz war. Auch die vulkanischen Ausbrüche 
des französischen Centralplateaus lassen sehr deutlich drei 
Perioden erkennen, von denen die erste im mittleren Miocän 
liegt und zu Ende der Miocänzeit erlischt, während die zweite 
mit dem Pliocän anhebt, während die dritte dem Diluvium 
angehört. 

Alle diese Thatsachen deuten darauf hin, dass auch in der 
weiteren Umgebung des Alpengebietes vulkanische und Fal- 
tungsvorgänge sich zeitlich einander abgelöst haben. Wir 
können also von einem periodischen Wechsel derselben so lange 
sprechen, als keine vulkanische Eruptionen namhaft gemacht 
werden, welche ohne Unterbrechung die mittlere Oligocän- oder 
die jüngere Miocänzeit ausgefüllt haben. Angenommen jedoch 
es hätten solche wirklich existirt, dann würde sich daraus in 
Verbindung mit der Thatsache, dass auch während der Trias- 
und Juraperiode, die wir für die Gebirgsfaltungen als Zeiten 
der Ruhe zu betrachten gewöhnt sind, in den Südalpen, in 
Amerika und Asien eine Menge von Eruptivgesteinen zu 
Tage getreten sind, der Satz ableiten lassen, dass die vul- 
kanischen Vorgänge zu den dauernden Begleiterschei- 
nungen der erdgeschichtlichen Entwickelung gehören, 
während Gebirgsfaltungen nur periodische Ereignisse 
darstellen. Auch dieses Ergebniss stünde mit den Erfah- 
rungen im Einklang, die wir aus der historischen Zeit ge- 
wonnen haben. Beiden Möglichkeiten gemeinsam ist, dass sie 
die Möglichkeit ausschliessen, die vulkanischen Vorgänge als 
unmittelbare Folgen des Einsinkens einzelner Schollen der Erd- 
kruste auf/Aifassen. 

Damit sind wir jedoch unversehens vor ein neues Hemmniss 
oijjfnor Art gelangt, ninnlioh unsere Abneigung periodische 
Wiederholungen in der Entwickelungsgescliichte der Erde gelten 
zu lassen, wenn sie uns ursäihlich nicht vei'ständlich sind. 



A. MothpleU: C&nirüctiom- und Ewpanmmtheork. 



323 



Den Wechsel von Tag und Nachts Sommer und Winter, 
Ebbe und Fluth anerkennen wir zwar unbedenklich i weil er 
handgreiflich und leicht erklärbar ist. Aber welche Schwierig- 
keiten waren zu überwinden , bis die Existenz einer grossen 
Eiszeit, auf die wieder eine wärmere, die jetzige Periode folgte, 
zugegeben wurde! War doch eine gleichmässig fortschreitende 
Abkühlung der £rda und ihres Kliman viel einleuchtender. Die 
Brutalität der Thatsachen hat uns nur allmählich gezwungen, 
den Widerstand aufzugeben, und jetzt sind wir sogar bereit 
an die mehrfache Wiederholung von glacialen und interglacialen 
Perioden zu glauben, trotzdem für ihre Entstehung noch immer 
keine genügende theoretische Begründung gefunden ist. 

Der Widerstand, der sich voraussichtlich auch gegen die 
hier ausgesprochene Wahrscheinlichkeit des periodischen Wech- 
sels zwischen centripetalen und centrifugalen Bewegungen der 
Erdkruste erheben wird, kann mit Erfolg natürlich nur über- 
wunden werden, wenn Nachforschungen auf allen Theilen der 
Erde, ähnlich wie für die Eiszeiten^ zu übereinstimmenden Er- 
gebnissen führen. Selbstverständlich lässt sich heute der Er- 
folg noch nicht mit Sicherheit voraussehen, den solche Unter- 
suchungen zeitigen werden* Aber letztere fallen jedenfalls aus- 
schliesslich in das Arbeitsgebiet des thätigen Feldgeologen und 
bleiben unabhängig davon, ob eine Theorie ihre Ergebnisse er- 
klären kann oder nicht. Gleichwohl mag es von Nutzen sein 
darauf hinzu weissen, dass die theoretische Physik in neuerer 
Zeit auf Bahnen wandelt, die der Annahme jener Periodicität 
nicht ungünstig sind. 

Man ist geneigt vorauszusetzen, dass die kiystalline Erd- 
kruste einen gaslarmigen Erdkern unischliesst, der so hohe 
Temperaturen besitzt, dass sich die Gase alle im überkritischen 
Zustande befinden und in Folge des hohen Druckes thatsächlich 
doch mit festen Massen grosse Aehnlichkeit besitzen* Die 
Wärmeabgabe der Erde nach Aussen erzeugt in diesem Kerne 
Contraction als eine centripetale beschleunigte Bewegung* 
Nach den Berechnungen A. Ritters ist es denkbar, dass diese 
Bewegung sich in Wärme umsetzt, die an Menge um ein 



324 Sitzung der math.-phys, Classe vom 8. November 1902. 

Vielfaches grösser ist als die Wärmemenge, aus deren Abgabe die 
Contractionsbewegung hervorgegangen ist. Für die Erde wäre 
demnach Wärmeabgabe nach aussen nicht gleichbedeutend mit 
Wärme Verlust, sondern im Gegentheil von erheblicher Wärme- 
zunahme in dem gasförmigen Kerne gefolgt. Es handelt sich 
hierbei um allerdings sehr langsame Bewegungen, deren Be- 
deutung jedoch in der Grösse der bewegten Massen liegt. 

Geht man von einem Ruhezustände aus, in dem die centri- 
petale Tendenz der Massen und die centrifugale Wirkung der 
Wärme im Gleichgewicht sind, dann wird derselbe durch 
Wärmeabgabe nach aussen gestört. Es entsteht im Kern Con- 
traction und in der Erdkruste tangentiale Spannung, die zu 
Gebirgsfaltungen führt. Nach einer gewissen Zeit erlangt aber 
die Wärme die Ueberhand und erzeugt entgegengesetzte Be- 
wegung. Die Erdkruste wird für den sich ausdehnenden Kern 
zu eng, es entstehen Hebungen einzelner Theile (continentale 
Hebungen), die Kruste wird stärker erwärmt (Steigen der 
Geoisothermen), in der Kruste entsteht statt tangentialer Span- 
nung Tendenz zum Zen-eissen und Auseinanderweichen (Spalten- 
bildung), und die überheissen Massen des Kernes steigen in 
die Region der Kruste empor (plutonische Injectionen und vul- 
kanische Durchbrüche). Hierdurch wird der üeberschuss an 
Wärme allmählich aufgebraucht und es muss schliesslich wieder 
ein Zeitpunkt eintreten, in dem Druck und Wärme ins Gleich- 
gewicht gekommen sind. Sogleich wird die fortgesetzte Wärme- 
abgabe nach aussen nun wieder Contraction erzeugen und 
damit eine Wiederholung der geschilderten Vorgänge einleiten. 

So ist also immerhin schon ein Weg gegeben, auf dem 
für jene Periodicität, falls sie den geologischen Thatsachen 
gegenüber sich dauernd bewähren sollte, eine theoretische Be- 
gründung gesucht werden kann. Freilich ist vieles noch un- 
geklärt, insbesondere die Länge jener Perioden, welche vom 
geologischen Standjiunkte aus als sehr bedeutend angenommen 
werden muss. Denn die historische Zeit hätte als ein Theil 
nur der letzton Expansionsperiode zu gelten. Ob es aber 
möglich sein wird auf jenem theoretischen Weg zu ähnlich 



Ä, ßothpletg: Contractions-' und Expansion stheorie. 325 

langen Perioden der Contraction und Expansion zu gelangen^ 
kann erst die Zukunft lehren. Die geologischen Thatsachen 
scheinen übrigens dafür zu sprechen, dass die Contractions- 
perioden kürzer als die anderen sind. 

Trotz aller Unsicherheit im Einzelnen und in den Voraus- 
setzungen lässt sich soviel doch wohl mit einiger Berechtigung 
behaupten, dass schwerwiegende theoretische Bedenken gegen 
die Annahme jener Periodicität nicht bestehen, und wenn sich 
auch der hier skizzirte Erklärungsversuch als unhaltbar er- 
weisen sollte, so würde das noch nichts gegen die Richtigkeit 
der Periodicität selbst beweisen. 



I90S. Sitzangsb. d. matli.-phy8. Cl. 



0^ 



327 



magnetische Drehnng der Polarisationsebene des 
Lichtes in selektiv absorbirenden Medien. 

Von Angrost Schmanss. 

{Eingelaufen 8. November.) 
(Mit Tal m-VI.) 

Den früheren Untersuchungen des Verfassers^) über den 
in der Ueberschrift genannten Gegenstand, die sich bisher auf 
diamagnetische Substanzen beschränkt hatten, mögen im folgen- 
den Messungen angereiht werden, welche die Drehung der 
Polarisationsebene des Lichtes unter dem Einflüsse des Magneten 
ÄD magnetischen, absorbirenden Medien bestimmen sollten. 

Betreffs der Versuchsanordnung, mit der die nachfolgenden 
Resultate erhalten sind, darf auf die bereits erwähnten Mit- 
teilungen verwiesen werden. 

I. 
Anomale Dispersion in flüssigem Sauerstoff. 

Es schien von Interesse, zu untersuchen, ob dem flüssigen 
Sauerstoff, der ein ausgezeichnetes Absorptionsspektrum besitzt, 
^öomale Drehung der Polarisationsebene zukommt. 

Zur Messung der Drehung befand sich der flüssige Sauer- 
stoff in einem Dewar'schen Gefässe von 8 cm innerer Weite, 
um Licht hindurchschicken zu können, war die Silberbelegung 
an zwei diametralen Stellen weggenommen. Das Gefäss wurde 



^) A. Schmauss, Ann. d. Phys. 2, p. 280, 1900; 8, p. 482, 1902. 

22* 



328 Sitzung der maih.-phys. Classe vom 8. November 1902. 



zwischen die durchbrochenen Pole des Elektromagneten gestellt. 
Die folgende Tabelle I gibt die erhaltenen Zahlenwerte der 
Drehung, die für das Gebiet von drei Absorptionsstreifen be- 
stimmt wurde. 

Tabelle I. 



x = 


658 


652 


645 


642 




602 


600 


I. o = 


0,340 


0,36 


0,40 


0,45 




0,87 


0,41 


\Lq = 


0,65« 


0,66 


0,74 


0,78 




0.74 


0,79 


III. Q = 


0,970 


1,02 


1,06 


1,18 




1,14 


1,18 



593 

0,50 

0,87 
1,28 



553 



0,40 
0,87 
1,84 



551 



547 



0,43 
0,89 
1,33 



0,43 
0,92 
1,38 



541 



0,52 
0,99 
1,46 



527 



522 



515 



507 



0,88 


0,41 


0,47 


1 

, 0,58 


0,90 


0,93 


0,99 


1,11 


1,40 


1,42 


1,51 


' 1,63 



Die Zahlenwerte sind in die beigegebene Tafel HI einge 

tragen. Die Messungen geschahen für drei verschiedene Feld 

stärken. Um einen Anhalt über die Grösse derselben zu haben,^« 
wurde die Drehung in Wasser bei denselben FeldstärkenK-- 
{l ius lin in demselben Getlisse bestimmt. Die in Tafel UET 
punktirt eingetragenen Kurven erläutern die Dispersion iiB- 



Ä.Sehmauss: Magnetische Drehung der Polarisation sebene. 329 

''asser unter denselbeo Versuchsbedingungen und geben ein 
Jd der relativen Drehung des flüssigen Sauerstoffs in Bezug 
if Wasser. 

Die Betrachtung der Tabelle — die entsprechenden Zahlen 
n und nach einem Absorptionsstreifen sind durch stärkeren 
ruck hervorgehoben — oder der beigegebenen Kurven zeigt 
le anomale Drehung des flüssigen Sauerstoffs in demselben 
nne, wie er bereits für diamagnetische absorbirende Medien 
stgestellt ist. 

Zugleich bestätigt sich auch hier das von Herrn Prof. Voigt 
s der Theorie vorhergesehene Gesetz der Abnahme der 
jgativen Drehung innerhalb eines Absorptionsstreifens mit 
ichsender Feldstärke. Die bei niedriger Feldstärke negative 
fferenz der Höhe der Fortsatzpunkte T, 2', 3' gegenüber 

2, 3 (siehe Fig.) geht bei steigender Feldstärke durch Null 

positiven Werten. 

Anmerkung: Das Verhältnis der Drehung gasförmigen Sauer- 
ffs zu der des Wassers unter gleichen Bedingungen wurde von A. Kundt 
i W. C. Röntgen ') = 0,354. 10- » bestimmt. 

Das Verhältnis der Dichte des flüssigen Sauerstoffs (1,24) zu der 
j gasföi-migen (0,0014) beträgt etwa 900. 

Unter der Annahme, dass die Drehung der Dichte proportional zu- 
ame, ergibt sich für das Verhältnis der Drehung des flüssigen Sauer- 
ffs zu der des Wassers 0,318. 

Nach den vorliegenden Messungen bewegt sich das Verhältnis 
ischen 0,5 upd 0,6, das heisst: Die Drehung nimmt beim üebergang 
) dem gasförmigen in den flüssigen Zustand stärker zu als die Dichte. 



1) A. Kundt und W. C. Röntgen, Wied. Ann. 10, p. 257, 1880. 



330 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8, November 1902, 



IL 

Anomale Dispersion der negativ-drehenden Losungen von 
Neodym-Praseodym- und Erbium-Nitrat. 

Einleitung: Herr Professor du Bois hatte auf dem inter- 
nationalen Physikerkongress in Paris 1900 in seinem Referate 
über die magnetischen Eigenschaften der Materie*) bei den Ele- 
menten der Erbiumgruppe auf die Notwendigkeit hingewiesen, 
ihr magnetooptisches Verhalten zu studiren. Da Herr Professor 
du Bois zunächst nicht Gelegenheit hatte,*) selbst die Messung 
der Drehung der Polarisationsebene in den Salzen der seltenen 
Elemente durchzuführen, wurde dies mit seiner gütigen Erlaubnis 
in das Programm der vorliegenden Arbeit aufgenommen. 

Die Bestimmung der Drehung der Polarisationsebene in 
den Salzen der Gruppe, welche eine negative Drehung auf- 
weisen, ist schon vom rein physikalischen Gesichtspunkt aus 
wegen der ausgezeichneten Absorptionsspektra interessant, die 
wir hier finden. 

Wie dürfte sich nach allgemeinen Ueberlegungen die Dreh 

ung einer negativ drehenden selectiv absorbirenden Substanz= 
gestalten ? 

Es stelle in Fig. 1 die Kurve 1 die Kotationsdispersion des^ 
Lösungsmittels etwa des Wassers dar. Dann ist die Drehungs — • 

kurve einer nicht absorbirenden Substanz, die in 1 gelöst wird ! 

gegeben durch 2, wenn die gelöste Substanz positives, durch 3,— 

wenn ihr ein negatives Drehungsvermögen (etwa prop. -r^l 

zukommt. 

Besitzt die gelöste Substanz einen Absorptionsstreifen, dann 
wird nach den früheren Erfahrungen der Verlauf der Dis- - 
persion durch die Kurve 4 dargestellt, falls die Substanz selbst 



M 11. du Hois: rro})riotös Magnetiques de la Matiere Ponderable^ 
Kapport proseilte au Conj:^res international de Physique, Paria 1900, 2, 
p. 460. 

-) H. du Bois: Ann. d. Phys. 7, p. 94 t, 1902. 



Ä. ScJimauss: Magnetische Drehung der Polarisationsebene, 331 

itives Drehungs vermögen besitzt. Dreht die gelöste Sub- 
iz negativ, dann wird man innerhalb eines Absorptions- 
ifens einen durch die Kurve 5 -dargestellten Gang der 
ationsdispersion erwarten dürfen, falls man in einfacher 
lerlegung die Konstante negativ nimmt, etwa in der Formel 
Berechnung der Grösse des Drehungswinkels nach Maxwell 

rend in positiv drehenden Medien c positiv ist. 







Fig. 1. 
















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P^^^ 






■^ 


ü "^ 


4\ 










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N.*,r^ 




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ii___ 






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— '^ 




































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Mit der Annäherung von der roten Seite an den Absorp- 
isstreifen wird also die Drehung abnehmen, von der blauen 
te her zunehmen. 

Diese Folgerung soll' an Neodym-Praseodym- und Erbium- 
•atlösungen geprüft werden. 



332 Sitzung der mathrphys. Classe vom 8, November 1902, 

Die Messungen. 

Der Güte des Herrn Prof. Muthmann verdanke ich di 
Ueberlassung von Neodym- und Praseodymnitratlösungen, vo 
Herrn Prof. Hofifmann erhielt ich Erbiumnitrat. Es sei m 
gestattet, den beiden Herren auch an dieser Stelle für die AI 
gäbe des seltenen Materiales zu danken. 

Die Messungen wurden für drei verschiedene Feldstärke 
— ca. 5500, 11000 und 16000 C. G. SE — und zwei ve 
schiedenen Konzentrationen (Schichtdicke 0,25 cm) ausgefühi 
Die erste Lösung (1) ist dreimal so konzentrirt als d 
zweite (2). 

Um eine etwaige Konzentrationsänderung im Magnetfeh 
zu vermeiden, wurde die Glaskuvette, welche die Lösungf 
aufnahm, nur so gross gewählt, dass sie eben dem Lichtbünd 
den Durchgang gestattete. Uebrigens hat man noch keii 
Konzentrationsänderung von Lösungen magnetischer Stoffe i 
Magnetfelde beobachten können.*) 



*) G. Wiedemann, Die Lehre von der Elektrizität, II. Band, § 12( 

(3. Aufl. 1895.) 



A. Sekmauss: Mechanische Drehung der Pölarisationsebene, 333 

Tabelle 2 a (hierzu Tafel IV). 
Dispersion in Neodymnitratlösung 1. 



A = 


658 


641 


627 


612 


599 


586 


I. e = 


0,05 


0,06 


0,08 


0,07 


0,09 


0,09 


IL Q = 


0,150 


0,16 


0.17 


0,18 


0,19 


0,21 


m. e = 


0,28 


0,28 


0,32 


0,32 


0,34 


0,36 



573 




566 


561 


551 


541 








0,16 




0,15 


0,17 


0,18 


0,20 


0,27 




0,27 


0,30 


0,31 


0,32 


0,40 




0,40 


0,43 


0,45 


0,46 



632 


528 




517 


512 




499 


0,20 


0,24 




0,14 


0,31 




0,81 


0,33 


0,87 




0,28 


0,43 




0,38 


0,60 


0,52 




0,45 


0,60 




0,57 



491 


483 


474 
0,28 


468 


462 


0,27 


0,27 


0,30 


0,35 


0.41 


0,41 


0,45 


0,47 


0,50 


0,62 


0,62 


0,63 


0,66 


0,70 



334 Sitzung der math.-phys, Classe vom 8, November 1902. 



Tabelle 2 b. 

Dispersion in Neodymnitratlösung 2. 



A = 


658 


641 


627 


612 


599 


586 


I. e = 


0,190 


0,19 


0,20 


0,21 


0,21 


0,24 


II. e = . 


0,320 


0,35 


0,37 


0,38 


0,38 


0,40 


III. Q = 


0,420 


0,46 


0,51 


0,52 


0,55 


0,57 



573 




566 


561 


551 


541 








0,27 




0,25 


0,26 


0,27 


0,27 


0,43 




0,42 


0,45 


0,46 


0,49 


0,62 




0,64 


0,67 


0,67 


0,68 



532 


528 


524 




519 


515 


512 


0,30 


0,31 


0,35 




0,25 


0,33 


0,38 


0,51 


0,54 


0,58 




0,53 


0,60 


0,64 


0,71 


0,74 


0,76 




0,70 


0,81 


0,85 



507 



499 



0,27 
0,55 
0,79 



0,29 
0,59 
0,81 



491 



0,32 
0,59 
0,83 



483 

0,32 
0,60 
0,86 



474 



468 



462 



0,34 ; 0,36 
0,61 0,63 
0,87 I 0,91 



0,40 
0,69 
0,97 



A. Schmauss: Magnetische Drehung der Polarisaiionsebene, 335 



Tabelle 8 a (hierzu Tafel V). 
Dispersion in Praseodymnitratlösung 1. 



x = 


642 


627 


612 


599 


597 


593 




578 


I. e = 


0,11^ 


0,13 


0,14 


0,15 


0,16 


0,28 




0,14 


IL e = 


0,220 


0,23 


0,24 


0,27 


0,29 


0,87 




0,81 


IIL g = 


0,31 


0,32 


0,36 


0,41 


0,45 


0,51 




0,50 



573 


561 


551 


541 


532 


525 




515 


511 


0,19 


0,22 


0,21 


0,22 


0,24 


0,29 




0,11 


0.19 


0,32 


0,37 


0,36 


0,38 


0,41 


0,46 




0,81 


0,40 


0,53 


0,56 


0,56 


0,57 


0,62 


0,68 




0,60 


0,66 



507 


499 


491 


487 


483 


474 


472 


0,24 


0,26 


0,26 


0,27 


0,81 




0.16 


0,19 


0,44 


0,46 


0,49 


0,50 


0,52 




0,89 


0,41 


0,70 


0,72 


0,74 


0,76 


0,81 




0,71 


0.73 



469 




458 


455 


450 


444 


0.25 




0,12 


0,24 


0,30 


0,37 


0,47 




0,38 


0,50 


0,56 


0,64 


0,78 




0,74 


0,83 


0,90 


0,96 



336 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 8, November 1902, 



Tabelle 8 b. 

Dispersion in Praseodymnitratlösung 2. 



X = 


627 


612 


599 


593 




578 


573 


T. ^ = 


0,160 


0,17 


0,18 


0,26 




0,15 


0,17 


II. Q== 


0,34« 


0,36 


0,40 


0,46 




0,40 


0,43 


III. Q = 


0,530 


0,57 


0,62 


0,67 




0,66 


0,69 



551 


532 


524 




515 


499 


487 


0,20 


0,23 


0,26 




0,20 


0,30 


0,33 


0,48 


0,54 


0,58 




0,51 


0,60 


0,67 


0,74 


0,83 


0,88 




0.84 


0,90 


0,96 



485 




474 


i 

' 470 


1 

468 1 


458 


0,85 




0,28 


' 0,34 


0,39 




0,S2 


0,70 


0,68 


i 0,70 


0,74 


0,71 


0,08 




0,90 


1 0,95 

1 


0,99 




0,99 



455 


450 


444 


0,37 


0,41 


0,48 


0.75 


0,79 


0,85 


1,06 


1,12 


1,19 



A. Schmause: Magnetische Drehung der Pölarisationsebene. 337 



Tabelle 4 a (hierzu Tafel VI). 
Dispersion in Erbiumnitratlösung 1. 



il=: 


668 


658 


651 


647 




630 


627 


I. e = 


0,030 


0,08 


0,07 


0,10 




0,01 


0,03 


II. e = 


0,130 


0,18 


0,16 


t),18 




0,14 


0,16 


III. Q = 


0,210 


0,27 


0,25 


0,27 




0,26 


0,28 



612 


599 


573 


551 


547 


541 




528 


0,06 


0,06 


0,08 


0,07 


0,09 


0,20 




0,07 


0,19 


0,22 


0,21 


0,27 


0,32 


0,40 




0,82 


0,32 


0,3 i 


0,37 


0,43 


0,47 


0,57 




0,48 



523 


521 




507 


504 


499 


491 


489 


0,15 


0,20 




-0,10 


0,00 


0,07 


0,12 


0,18 


0,40 


0,44 




0,21 


0,29 


0,32 


0,36 


0,41 


0,60 


0,66 




0,48 


0,50 


0,57 


0,64 


0,66 






470 


468 


455 


446 




428 


423 




-0,05 


0,02 


0,13 


0,21 




0,00 


0,18 




0,25 


0,28 


0,37 


0,48 




0,35 


0.50 




0,51 


0,52 


0,63 


0,75 




0,65 


0,79 



338 Sitzung der mathrphys. Classe vom 8, November 19012. 



Tabelle 4 b. 

Dispersion in Erbiumnitratlösung 2. 



x = 


668 


658 


651 


647 




630 


627 


599 


I. e = 


0,110 


0,15 


0,13 


0,15 




0,09 


0,10 


0,11 


u.e = 


0,27» 


0,32 


0,31 


0,82 




0,28 


0,28 


0,31 


III. Q = 


0,420 


0,46 


0,46 


0,48 




0,48 


0,48 


0,53 



573 


551 


541 




632 


523 




511 


0,11 


0,13 


0,19 


0,09 


0,20 




0,10 


0,34 


0,36 


0,44 


: 0,89 


0,50 


0,44 


0,58 


0,65 


0,71 




0,68 


0,80 




0.77 



507 


491 


489 




474 


468 


461 


0,17 


0,30 


0,34 




0,16 


0,20 


0,23 


0,48 


0,60 


0,66 




0,51 


0,54 


0,56 


0,80 


0,89 


0,94 




0,82 


0,86 


0,91 



449 


446 


444 


0,28 


0,34 


0,41 


(),GiJ 


0,G7 


0,73 


0,95 


0,99 


1,03 



Ä. Schmauss: Magnetische Drehung der Polarisationsehene, 339 

Betrachten wir die Tabellen oder die zu je einer Kon- 
zentration beigegebenen Tafeln IV bis VI, dann sehen wir, 
dass der Gang der anomalen Dispersion in diesen negativ 
drehenden Losungen nicht die erwartete, in Fig. 1 durch 
Kurve 5 dargestellte Form annimmt, sondern den in Fig. 2 
durch Kurve 6 gegebenen Verlauf nimmt. 

Fig. 2. 



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1 








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b* 





































Zur Fixirung der Vorstellung, ohne damit über den in 
unseren Lösungen wirklich stattfindenden Vorgang eine Be- 
hauptung aufzustellen, denken wir uns ein negativ drehendes 
Salz (Kurve 3) in Wasser gelöst, dieser Lösung einen positiv 
drehenden Farbstoff beigegeben, dann stellt Kurve 6 den 
Verlauf der Drehung in einem Absorptionsstreifen des Farb- 
stoffes dar. 



Resultat : 

Die vorliegenden Messungen haben folgendes Ergebnis: 
In den negativ drehenden Lösungen von Neodym- 
Praseodym- und Erbiumnitrat sind die Anomalien in der 



340 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. Kavemher 1902, 

Drehung infolge selectiver Absorption , positiv*, wenn mit 
dem Prädikat „positiv" der anomale Gang der Drehung in 
positiv drehenden absorbirenden Substanzen festgelegt ist. 

Im Sinne der Elektronen theorie bedeutet dieses Resultat: 
Das absorbirende Jon, das die Polarisationsebene des Lichtes 
im Sinne der Molekularströme dreht, besitzt eine negative 
elektrische Ladung. 



341 



Bericht über eine von den Frivatdozenten Dr. Max 

Blanckenhom und Dr. Ernst Stromer von Reichenbach 

ausgeführte Reise nach Aegypten. 

Einleitang 
von Ernst Stromer Ton Reichenbach. 

{Eitigelaufen 8, Nowniber.) 

Angeregt durch hochinteressante Fossilfunde, welche bei 
der staatlichen Untersuchung der Geologie Aegyptens in dem 
dortigen Tertiär gemacht wurden, stellten wir im November 
vorigen Jahres an die k. bayerische Akademie der Wissen- 
schaften das Ersuchen uns Mittel zu einer Reise nach Aegypten 
zu gewähren um dort vor allem nach Fossilien speziell Wirbel- 
tier-Resten zu suchen und wichtige geologische Fragen einer 
Lösung entgegenzuführen. 

Schon Anfang Dezember wurde unserem Antrage ent- 
sprochen und noch am Ende desselben Monats begaben wir 
uns nach Triest, um uns nach Alexandria einzuschiflTen. Am 
6. Januar trafen wir in Kairo ein. Unsere dortigen Reise- 
vorbereitungen wurden durch verschiedene Freunde meines 
Reisegefährten besonders einen geborenen Münchner, Herrn 
Stadler, Beamten der Survey, und Herrn Dr. Schmidt, Pro- 
fessor an der medizinischen Schule, unterstützt und dadurch 
vereinfacht, dass ein Zelt nebst wichtigen Einrichtungsgegen- 
ständen von dessen früheren Reisen in Aegypten her in Kairo 
aufbewahrt wurden und nun uns gleich zu Gebote standen; 

1902. Sitzungsb. d. math.-phys. Cl. 23 



342 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 8. November 1902, 

sie erlitten aber durch das Beiramfest einige Verzögerung. 
Wir benutzten diese freie Zeit zu kleinen geologisch-paläonto- 
logischen Erkundungsausflügen in das Mokättam-Gebirge und 
über die Gizeh-Pyramiden nach Abusir. 

Am 14. Januar endlich reisten wir mit der Bahn nach 
Medinet el Fajüm ab, um von da aus das Mitteleocän nördlich 
der Fajüm-Oase zu untersuchen, das nach den Berichten von 
Professor Schweinfurth und anderen besonders reich an Wirbel- 
tier-Resten sein sollte. Wir mieteten in der Stadt und in einem 
in der Nähe gelegenen Dorfe, Tobhär, mit der gütigen Hülfe 
zweier Ungarn, der Brüder Fahn, sechs Kameele mit fünf Treibern, 
einen Wächter und einen arabischen Diener. Dann zogen wir am 
17. mit dieser Karawane über Näzleh Gebäli nach Westen zum 
Wüstenrand und von da aus nach der im Westen der Birket 
el Qerün gelegenen prächtigen Tempelruine Qasr Qerün und 
von hier zunächst etwas nach Nordwesten. 

Hierauf streiften wir die Gegend nördlich des genannten 
Sees in der Nähe der Ruinen von Dlmeh und Qasr-es-Saga ab 
und kamen zuletzt am 27. Januar im Nordosten des Fajüm 
wieder in das Kulturland nach Tamieh, von wo aus wir mit 
der Bahn nach Kairo zurückkehrten. 

Unsere Ausrüstung mit in Kairo gekauften Konserven 
sowie mit Wasser, das wir teils in Petroleumblechkisten, teils 
in Leinwandsäcken, die bei der Firma Reichelt in Berlin ge- 
kauft waren, mit uns führten, bewährte sich bei dieser Tour 
sehr gut, Schwierigkeiten hatten wir aber, weil unsere Leute 
vertragswidriger Weise nicht genug Kameelfutter mitgenommen 
hatten. Eine Beschaffung desselben durch Vermittlung von 
Fischern, die wir am See öfters antrafen, scheiterte an den zu 
hohen Forderungen derselben, unsere Kameele mussten sich 
deshalb mehrere Tage lang mit den am See wachsenden 
Tamarisken und Schilf begnügen und wir unsere Route dar- 
nach abändern. 

Da wir auf dieser Tour in dem untersuchten Mitteleocän 
(Oberniokattam) nicht genügende Funde gemacht hatten, be- 
schlossen wir auf unser Risiko noclimals dorthin zu ziehen 



J&. Stromer: Heber eine l^eise nach Äegypten. 343 

id noch andere Touren zu unternehmen, um möglichst viel 
aterial zu sammeln und um zugleich auch verschiedene be- 
nders interessante stratigraphische Probleme in Angriff zu 
hmen. 

Nach neuen Vorbereitungen und Erkundigungen bei dem 
lef der geologischen Landesuntersuchung, Captain Lyons, 
«lang es uns durch Vermittlung eines deutschen Baumeisters, 
rugger, bei den Gizeh-Pyramiden fünf Kameele nebst Treibern 
i erhalten, auch mieteten wir einen französisch sprechenden 
lener, der den bekannten Paläontologen Prof. Mayer Eymar 
id meinen Kollegen schon öfters begleitet hatte. Mit diesen 
juten brachen wir am 6. Februar auf und zogen durch die 
ieswüste direkt nach Südwesten, bis wir nach drei Tagen den 
)rdlichsten Punkt von Professor Schweinfurths Fajümreise von 
J86 (Verh, Ges. f. Erdk. Berlin 1886 S. 21) erreichten. 

Dieses Mal gelang es uns durch die Fischer frisches Futter 
id Wasser über die Birket-el-Qerün holen zu lassen, auch 
jwährten sich unsere Beduinen viel besser als die Fajüm- 
3llachen der ersten Tour und so konnten wir unserer Absicht 
itsprechend mehrere Tage lang die Plateauhöhen und Ränder 
)rdlich des Sees absuchen und vor allem auch die auf der 
sten Tour nicht erreichten knochenführenden Schichten des 
bereocäns untersuchen. 

Am 18. Februar verliess ich in Tamieh die Karawane um 
1 Fajüm zoologische Objekte zu erwerben, meine Absicht 
)er in der Birket-el-Qerün Plankton zu fischen, konnte ich 
ider nicht durchführen, da es zu viel Zeit und Kosten bean- 
irucht hätte und so kehrte ich nach Kairo zurück, wo auch 
ein Kollege, der mit der Karawane auf dem direkten Wüsten- 
ege zu den Gizeh-Pyramiden gezogen war, am 20. Februar 
ilangte. 

Um auch das Jungtertiär zu durchforschen, beschlossen 
ir nun das Natronthal zu besuchen, wobei uns die Direktion der 
)rtigen Salt and Soda Co. ihre Unterstützung zusagte. Wir 
afen schon am 24. Februar abends bei der Fabrik dortselbst 
lit Hilfe der von Katatbeh in das Thal führenden Kleinbahn 

23* 



344 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 8, November 1902. 

der Gesellschaft ein und erfreuten uns dort der bereitwilligsten 
Unterstützung der Angestellten der Compagnie, so dass wir in 
mehreren Tagen unsere geologisch-paläontologischen Studien 
durchzuführen im Stande waren und ich auch einige Plankton- 
Fangzüge in den Salzseen machen konnte. 

Nach Kairo zurückgekehrt fuhren wir dann am 4. März 
von einem Diener begleitet mit der Bahn nach Wasta. Dort 
mieteten wir drei Esel mit Treibern- und einen Wasserträger 
und machten einen zweitägigen Ausflug in die östliche Wüste, 
wo wir südlich des Uadi Ramlieh im unteren Mokättam nach 
Fossilien suchten und zahlreiche schöne Fischzähne erbeuteten. 
Direkt von Wasta aus fuhren wir endlich mit der Bahn 
nach Luxor, wohin zu kommen uns Professor Schweinfurth 
aufgefordert hatte. Mit ihm unternahmen wir dort einen Aus- 
flug nach Qurna zur Untersuchung der dortigen Fundorte 
prähistorischer Artefakte. Ich musste leider schon am 9. März 
nach Kairo zurückkehren, um meine zoologischen Sammlungen 
zu vervollständigen und am 15. nach Europa heimreisen. 
Mein Reisegefährte machte jedoch bei Luxor mit Professor 
Schweinfurth noch mehrere geologische Exkursionen und dann 
auch einige bei Kairo und fuhr erst am 21. März nach 
Triest ab. 

Unsere Fossilfunde, die wir an die paläontologische Staats- 
sammlung in München ablieferten, umfassen hauptsächlich der 
Absicht unserer Reise entsprechend Wirbeltier- Reste und zwar 
solche von Hai- und Knochenfischen aus dem Unter-Mokättam 
des Uadi Ramlieh, dem Ober-Mokättam nördlich der Birket- 
el-Qerün und dem Pliocän des Natronthaies, von Schildkröten 
und Krokodilen aus den letzteren beiden Stufen sowie aus ober- 
eocänen Schicliten nördlich von Qasr-es-Saga und endlich von 
Sclilangen, Waltieren und Seekühen aus dem Ober-Mokattam 
nördlich der Birket-el-l^erim und von Landsäugetieren von 
ebenda sowie aus dem dortigen übereocän und dem Pliocän am 
Fusse des Gart Muluk im Natronthale. Leider wurde unsere 
pah'iontologische Ausbeute dadurch beeinträchtigt, dass die Haupt- 
fund})lätze am Qeriin See und am Gart Muluk schon abgesucht 



E, Stromer: (Jeher eine Reise nach Aegypten, 345 

waren und dass die Stücke teils sehr verwittert teils recht zer- 
brechlich waren, doch gelang es immerhin viele recht wertvolle 
Reste zu bergen. Diese sind noch in Bearbeitung, im Folgen- 
den will ich nur eine kurze Beschreibung eines der besten 
Stücke, eines Zeuglodon-Schädels, geben. Ausserdem wurden 
noch Conchilien und Gesteinsproben gesammelt und zahlreiche 
Profile aufgenommen, die meinem Reisegefährten zur Vervoll- 
ständigung seiner geologischen Beobachtungen dienen, deren 
Resultate er im Folgenden bringen wird. 

Es erübrigt mir nur noch auch im Namen meines Kol- 
legen der hohen Akademie der Wissenschaften für die Be- 
willigung von Mitteln, der Direktion des österreichischen Lloyd 
für gewährte Fahrpreisermässigung, sowie all den Behörden 
und Herren, die uns direkt oder indirekt unterstützt haben, 
insbesondere Herrn Geheimrat v. Zittel, unseren Dank auszu- 
sprechen. 



Ein Schädel und Unterkiefer von Zeuglodon Osiris Dames. 

Der Schädel, von welchem ich hier eine vorläufige Be- 
schreibung und Abbildung gebe, wurde von mir am Westrande 
der Plateaubucht nördlich von Dimeh gefunden. Er lag isoliert 
und in mehrere Stücke zerbrochen auf einer Terrasse im unteren 
Drittel des Plateauabfalles in grauem, z. Z. rotgelbem Mergel 
(nach Dr. Blanckenhom unterer Knochenhorizont der Stufe II 5 a). 
Infolge starken Gipsgehaltes desselben ist das Fossil leider 
etwas verdrückt und die Oberfläche sowie der Zahnschmelz 
speziell an den kegelförmigen Zähnen grossenteils zerstört. 

Der Schädel ist von rechts oben her etwas schief ver- 
drückt, die hinteren Backzähne sind beiderseits nach innen 
gepresst und die Jochbogen sowie die Ohrregionen sind un- 
vollständig. Ein sehr grosses linkes Paukenbein lag dicht bei 
dem Schädel. Der rechte bis auf das Gelenkende vollständige 
ünterkieferast war in seiner natürlichen Lage an den Schädel 



346 Sitzung der mathrphys, Glosse vom 8, November 1903. 




E, Stromer: lieber eine Beiae nach Aegypten. 347 

angepresst, er ist aber wie der linke hinter dem ersten Zacken- 
zahn zerbrochen und etwas auseinander gezerrt. Von dem 
anderen Ast, der etwas verschoben am Schädel lag, fand ich 
auch das Gelenkende, während sein Symphysenteil oflFenbar 
zerstört war, denn ich konnte davon nur drei isolierte Kegel- 
zähne am Schädel liegend entdecken. 

Wie die am Schlüsse angegebenen Maasse zeigen, ist der 
Unterkiefer nur wenig grösser als der von Dames (Paläont. 
Abb. Bd. V, Jena 1894, pag. 189 flf., Taf. 30) beschriebene 
von Zeuglodon Osiris, der im gleichen Horizont einige Stunden 
weiter westlich von Schweinfurth gefunden wurde. Ich habe 
in BetreflF des Unterkiefers die Angaben von Dames nur in 
wenigem zu ergänzen und zu berichtigen. 

Das nur schlecht erkennbare Hinterende der sehr langen 
Symphyse ist wohl unten durch ein kleines Eck unter der 
Mitte des rechten ersten Zackenzahnes angedeutet. Die Ab- 
stände der Kegelzähne sind nicht ganz gleich, diese sind alle 
ein wenig nach hinten innen gekrümmt. An dem zweiten 
Kegelzahn kann ich keine Kante hinten erkennen, der letzte 
ist stärker als die anderen, etwas mehr oval im Querschnitt 
und eine Teilung seiner Wurzel innen durch eine Furche nur 
eben angedeutet. Die Grube hinter dem ersten Zackenzahn ist 
deutlich länger als Dames fand, vielleicht vor allem, weil 
Brüche hier durchgehen. An dem 2. linken Zackenzahn 
und am 3. beiderseits fand ich hinten unten noch eine ganz 
kleine 4. Zacke, die oberste hintere am 4. Zackenzahn ist 
deutlich und am 5. hinten unten eine kleine 3. Zacke aus- 
gebildet. 

Die Vorderseite des 1. Zackenzahnes ist kaum sehr scharf, 
die des vierten aber scharf statt gerundet. Am sechsten ist 
die Rinne für den vorletzten Zahn buccal nur schlecht be- 
grenzt, da hier eine Kante kaum ausgebildet ist, auch ein 
Basalhöcker ist nicht vorhanden. Ei^ Cingulum endlich sehe 
ich nur am dritten rechten Zackenzahn buccal hinten ange- 
deutet und der Schmelz ist ganz fein senkrecht gestreift. 



348 Sitzung der mathrphys, Classe vom 8. November 1902, 

Der Processus coronoideus steigt direkt hinter dem letzten 
Zahn jedoch nicht steil an und ist im Gegensatz zu dem der 
typischen Zahnwale wohl entwickelt. Der Condylus ist nur 
wenig höher als breit und nur etwas von oben nach unten 
konvex, sein inneres oberes Eck springt deutlich vor. 

Die oberen Kegelzähne entsprechen in Zahl und Form 
den unteren, sie nehmen nach hinten an Stärke zu und am 
fünften ist lingual auch eine Teilung der Wurzel eben ange- 
deutet, die Wurzel aber thatsächlich einfach. Die ersten sind 
nicht ganz vorn und nicht wie die unteren dicht aneinander 
gerückt. Die Abstände der Zähne sind übrigens auch hier 
nicht ganz gleich. 

Die Kronen der meisten Zackenzähne sind leider etwas 
lädiert oder abgebrochen, durch gegenseitige Ergänzung der 
beiderseitigen Zähne lässt sich aber die Form fast stets fest- 
stellen. 

Der erste zweiwurzelige Zackenzahn bildet auch hier ein 
ziemlich gleichschenkeliges Dreieck, an seiner scharfen Vorder- 
kante sind wahrscheinlich 3 kleine, an seiner Rückkante 3 
grössere und nach unten klein werdende Zacken ausgebildet. 
Die Lücke zwischen ihm und dem nächsten Zahn ist links 
sehr gering, rechts wohl infolge von Verdrückung überhaupt 
nicht vorhanden, die weiteren Zähne stehen wie unten dicht 
aneinander gedrängt. Der zweite nur links vorhandene Zacken- 
zahn ist wohl nur durch Verdrückung ganz ungleichschenke- 
lig, er besitzt vorn mindestens 3, hinten 2 deutliche und 
unten eine ganz kleine Zacke und buccal vorn anscheinend 
ein ganz schwaches Cingulum. 

Der dritte Zackenzahn ist wieder ziemlich gleichschenkelig 
und besitzt vorn 2, hinten 3 deutliche Zacken, welch letztere 
nach unten zu kleiner werden. Die 2 letzten Zähne, nur links 
erhalten, sind deutlich kleiner als die vorderen, fallen nach 
vorn etwas steiler als nach hinten zu ab und besitzen vom 
eine, hinten 2 deutlicher Zacken. 

Was nun die Zahnfonnel anlangt, so lässt die deutliche 
Naht zwischen Ober- und Zwischenkiefer erkennen, dass hier 



E. Stromer: üeber eine Beige nach Äegypten, 349 

wie bei den bisher beschriebenen Zeuglodon- Arten oben und 
unten 3 Eckzahn-ähnliche Incisivi vorhanden sind, und dass 
im Gegensatz zu fast allen Angaben der 1. Prämolar kegel- 
förmig mit ungeteilter Wurzel ausgebildet ist. Ob man die 
3 weiteren oben und unten ziemlich gleichschenkelig aus- 
gebildeten Zackenzähne als Prämolaren und die letzten 3 Zähne 
unten, resp. 2 oben, als Molaren betrachten darf, lässt sich 
mit Sicherheit nicht angeben. 

Wie. vorn am Unterkiefer, so finden sich auch oben 
Gruben für die Spitzen der opponierten Zähne, die vorderste 
liegt vor dem 1. Zahn, die weiteren bis zum 1. Zackenzahn 
befinden sich buccal, die letzten aber lingual. Die Grenze 
von Ober- und Zwischenkiefer am harten Gaumen lässt sich 
leider nicht erkennen, dieser bildet zwischen den drittletzten 
Backzähnen wie beim Delphin einen stumpfen Winkel, ^er ist 
hier verdrückt, so dass sich nicht feststellen lässt, ob nicht 
Lücken vorhanden waren. Da das Gaumendach noch min- 
destens 0,05 m hinter die letzten Zähne reichte und die seit- 
liche Begrenzung der Choanen als allerdings schwache Kanten 
an der Schädelbasis fortgesetzt sind und auch der Seitenrand 
des Basioccipitale ähnlich wie beim Delphin vorspringt, ist 
die Schädelunterseite, soweit erkennbar, ziemlich Denticeten- 
ähnlich ausgebildet. 

Das isoliert bei dem Schädel gefundene Paukenbein ist 
im Verhältnis zu diesem sehr gross, so dass nicht sicher ist, 
ob es zu ihm gehört, es gleicht so ziemlich dem von Joh. 
Müller in seiner Monographie über Zeuglodon Tafel II abge- 
bildeten, lässt aber die beim Delphin deutliche Einkerbung 
am Hinterende erkennen, während der zapfenformige Vorsprung 
am freien Rande wohl abgebrochen ist. 

Der Himschädel und die Schläfengruben haben gar nichts 
Walfisch-ähnliches, sie gleichen vielmehr, speziell von oben ge- 
sehen, im allgemeinen Habitus aufftillig denjenigen von Otaria. 
Die Condyli occipitales sind viel deutlicher abgesetzt als beim 
Delphin, stark konvex und laufen ventral gegen die Mediane spitz 
zu. Die Crista occipitalis und sagittalis springt ähnlich wie 



350 Sitzung der mathrphys, Classe vom 8, November 1902. 

bei Otaria stark vor, das Hinterhaupt ist etwas konkav und 
median kaum mit einer Kante versehen, rechts ist deutlich die 
Naht des stark seitlich ausgedehnten Occipitale laterale mit 
dem Squamosum zu sehen, oben wie an den Schläfengruben 
sind aber leider keine Nähte erkennbar. 

Letztere sind sehr weit und nicht von den Augenhohlen 
abgegrenzt, diese aber sind vorn wie beim Delphin von seitlich 
stark vorspringenden Fortsätzen der breiten Stirn überdacht 
und hier ziemlich klein, ihr Vorderrand liegt ober dem des 
letzten Backzahnes. Der die untere Begrenzung bildende Joch- 
bogen war wohl wie beim Delphin ziemlich gerade, ist vom 
stabförmig, hinten aber am Squamosum stark und seitlich 
platt. Das nur zum kleinen Teil erhaltene Gelenk für den 
Unterkiefer sah wahrscheinlich in der Hauptsache nach vom. 

Die sehr gut sichtbare Umgrenzung der Nasenbeine zeigt, 
dass deren Hinterende ungefähr ober dem Rostralrande der 
Augenhöhle und das Vorderende ober dem des 1. Zackenzahnes 
liegt. Die Prämaxillen reichen als schmale Streifen bis neben 
die Mitte dieser Knochen, während die Naht zwischen den 
Stirn- und Oberkieferbeinen wohl von deren Hinterende aus- 
gehend zur Seite herabläuft. Die Prämaxillen begrenzen die 
nach vorn in eine schmale Furche auslaufende Nasenöffhung 
seitlich und besitzen an dieser Furche eine vom und hinten 
verlaufende Längskante. Die Naht endlich zwischen ihnen 
und den Oberkiefern lässt sich sehr deutlich bis zu der Grube 
für die Spitze des unteren Eckzahns hinter dem 3. Kegelzahn ver- 
folgen, wie sie auch bei Squalodon und manchmal auch bei 
recenten Delphinen verläuft. Die scharfe lange Schnauze ist 
also wieder etwas Zahnwal-ähnlich. 

Maasse in Metern. 

Unterkiefer. 

Al.rtluiul der Spitze von dem Vorderrand des 1. Zackenzahnes 0,25 

„ von dp ^'° zum Hinterrand des 6. „ 0,235 

MliiK«' •'•''• • '^"i 2.- G. Zackenzalin . . . 0,178 (0,174) 

hiiliM df« . 2. Kegelzahn .... 0,024 

l. Zackenzahn . . 0,031 (0,03) 



E, Stromer: lieber eine Reise nach Äegypten. 



351 



Höhe des Kiefers unter dem 2. Eegelzahn 
, , , , « !• Zackenzahn 

• s » » » O. , 

, , , am Proc. coronoideus 

Abstand der 1. und 2. Zahnalveole 

, . Alveolen bis zum 1. Zackenzahn 

Grube hinter dem 1. Zackenzahn 
Längsdurchmesser der Alveolen der Kegelzähne 
Querdurchmesser , , » , 

Länge der Basis des 1. Zacken zahnes 





, . . 2. 




. , . 3. 




. . . 4. 




. . . 5. 




. . . 6. 


Öondylus 


i sinister grösste Höhe 


r 


Breite 



0,038 

0,058 

0,115 (0,116) 

0,185 (0,18) 

0,012 

0,029-0,025 

0,024 (0,022) 

0,02-0,025 

0,010-0,017 

0,036 (0,038) 

0,05 (0,049) 

0,051 

0,028 (0,027) 

0,026 

0,028 

(0,033) 

(0,032) 



Schädel. 



Länge von der Schnauze bis zum For. magnum . 0,68 

, des harten Gaumens, mindestens .... 0,52 

Breite des Gaumens am 5. Kegelzahn, ungefähr . . 0,038 

, grösste am Proc. zyg. Squamosi „ . 0,28 

, , der Stirn, ungefähr . 0,24 

Entfernung der Schnauze vom hinteren Nasenlochende . 0,28 

, von da bis zur Mitte der Crista occip. . 0,36 

Länge der Nasenbeine 0,16 

, des linken Zwischenkiefers, ungefähr . 0,345 

Höhe des Hinterhauptes vom ObeiTand des For. magnum 

zur Mitte der Crista occip., ungefähr .0,13 

Längsdurchmesser der Basis des 2. Kegelzahnes 0,02 

,5. „ ... 0,025 (0,022) 

(juerdurchmesser , , ,5. „ . .0,016 

Länge der Basis des 1. Zackenzahnes .... 0,043 (0,042) 

. . . ,2. , 0,051 (0,042) 

. , . ,3. , 0,039 

. , , .4 (0,024) 

. . . ,5. . (0,02) 

Abstand des Vorderrandes des 1. und 6. Zahnes 0,265 (0,257) 

, von da bis hinter den letzten Zahn . . (0,183) 

Zahnreihe-Länge vom 2. bis letzten Zackenzahn . (0,127) 



352 Sitzung der mathrphys, Glosse vom 8, November 1902. 



Linkes Paukenbein. 

Grösate Länge (0,072) 

Breite (0,05) 

(Die links abgenommenen Maasse sind in lUammem angegeben, 
wo sie von den anderen abweichen oder wo diese nicht abnehmbar sind.) 



353 



Neue geologisch-stratigraphische Beobachtungen 
in Aegypten. 

Von Max Blanckenhorn. 

(Singtlaufen 8. Notember.) 

Die bisherige geologische Erforschung Aegyptens hat, 
trotzdem sie gerade im letzten Jahrzehnt durch die Studien- 
reisen und Aufsammlungen Schweinfurths, Mayer-Eymars, 
Sickenbergers, Fourtaus, HuUs, E. Fraas und anderer 
Forscher und die Aufnahmsarbeiten der 1896 neu gegründeten 
Geological Survey of Egypt unter Captain Lyons Direktion, 
an denen ich selbst mich auch 2 Jahre beteiligte, ganz un- 
geahnte Fortschritte gemacht hat, doch noch viele offene 
Fragen und Lücken in der Erkenntnis der geologischen Ver- 
gangenheit Aegyptens gelassen. Auf meiner diesjährigen, mit 
wohlwollender Unterstützung der Königlich Bayerischen Aka- 
demie der Wissenschaften gemeinsam mit Herrn Privatdozent 
Dr. Stromer v. Reichenbach unternommenen Reise nach Aegypten 
bemühte ich mich, einer Lösung wenigstens eines Teils dieser 
Fragen nachzugehen und den Besuch solcher Punkte in das 
Keiseprogramm aufzunehmen, die neue geologisch-stratigraphi- 
sche Ergebnisse versprachen. 

Schon die am besten bekannte, weil leicht erreichbare 
Umgegend von Kairo, die einen der geologisch interessantesten, 
paläontologisch reichsten Teile Aegyptens darstellt, bietet für 
den Geologen eine Fülle von anregenden Fragen und Rätseln, 
die noch nicht in vollkommen befriedigender Weise gelöst 
sind. Von der östlichen Nilseite nenne ich hier nur folgende 
Themata: das Schichtenprofil des Eocäns am Gebel el-Ahmar, 



354 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 8. November 1902, 

an den Mosesquellen, am Bir el-Fahme und am Gebel Turra 
und Hof; die Veränderungen im Profil der Eocänschichien in 
nordsüdlicher und westöstlicher Richtung; die nördliche Ver- 
breitungsgrenze der eocänen Mokattamstufe; das genaue Alter des 
Gebel Ahmar-Sandsteins und der Versteinerten Wälder; das even- 
tuelle Vorkommen fossiler Knochen zwischen den Versteinerten 
Wäldern ; das genaue Alter des Basalts von Abu Zabel und der 
übrigen Basalteruptionen im N. der Arabischen Wüste, die gang- 
formigen Sandsteinbildungen daselbst, das westlichste Vorkommen 
des echt marinen Miocäns; das Alter der Dünen von Ehanka; 
die tektonischen Verhältnisse im südlichen Mokattamgebirge. 

Auf dem linken Nilufer tauchen wieder andere Fragen 
auf: Gehören die tiefsten Kreideablagerungen unter der Ga*a- 
Pyraniide dem Cenoman oder Turon an? Wie ist das Eocän 
und Oligocän im NW. von Abu Roasch beschaffen? Welche 
Schichten des Eocäns enthalten die von Fourtau, Cossroann 
und Prien beschriebenen Seeigel, Konchylien und Fischreste 
am Gebel Kibli el-Ahram? Gibt es marines Miocän im S. der 
grossen Pyramiden? Bilden die Clypeastersandsteine am Gebel 
Schellul eine besondere Pliocänstufe unter den Sauden mit 
Ostrea cucullata? 

In weiterer Entfernung von Kairo verdienten zunächst 
die stratigraphischen und tektonischen Verhältnisse im Pliocän 
des Wadi Ntitrün weitere Aufmerksamkeit. Seit Russeggers 
Besuch im Jahre 1836 war dieses Thal nur höchst selten und 
dann immer ganz flüchtig von Geologen besucht worden, so von 
Sickenberger 1892, von Lyons 1894, von Beadnell 1897, von mir 
1898 (auf nur 2 Nächte), von Barron und Andrews 1901. 

Auch die übrigen nördlichen Teile der Libyschen Wüste 
bedürfen noch sehr der geologischen Erforschung. Ganz be- 
sonders gilt das für das Dreieck zwischen dem Wadi Natrün, 
den Pyramiden von Gizeh, dem Nilthal und dem nördlichen 
Fajümrtind, das auch von der Geological Survey of Egypt 
noch nicht ernstlich in Angriff genommen worden ist, obwohl 
es vor den Thoren Kairos gelegen ist. Im NW. der Birket 
el-Qerün interessieren die dort durch ihren Fossilreichtum 



M. Blanekenhom: Geologisch-stratigraphiache Beobachtungen, 355 

geradezu berühmten Oberen Mokattamschichten, ebenso wie die 
höheren fluviomarinen obereocänen und oligocänen Ablage- 
rungen mit ihren Basalten und die tektonischen Verhältnisse. 

Im südlichen Oberägypten bedarf die Konchylienfauna 
der Grenzschichten zwischen Kreide und Eocän, der Kurkur- 
stufe und der Esnehschiefer bei Theben, aus denen sich bisher 
so gut wie nichts in Deutschen Sammlungen befand, noch 
gründlicher Studien. Das Vorkommen und die Entstehung 
der roten Breccien ist noch aufzuklären, weiterhin die Her- 
kunft des Natrons im südlichen Natronthal bei el-Qab und 
bei Bir Malha im S. der Selima-Oase in Oberägypten, ebenso 
wie im Wadi Natrün und Wadi Tumilät. Die Diluvialterrassen 
des Nilthals mit ihren eingeschlossenen Artefakten spielen für 
die wichtige Frage nach dem relativen Alter und der Kultur 
des paläolithischen Menschen in Aegypten eine ausschlag- 
gebende Rolle. 

Es könnten noch viel mehr derartige lösenswerte Fragen 
der Geologie Aegyptens aufgezählt werden. Die angeführten 
genügen, um zu zeigen, dass Aegypten, speziell die Umgebung 
des Nilthals ausser rein paläontologischen auch zahlreiche 
geologische Forschungsziele bot, die eine wissenschaftliche 
Studienreise lohnend und interessant machen konnten. Es 
versteht sich von selbst, dass wir während eines 2 */a monat- 
lichen Aufenthaltes in Aegypten nur für einen Teil dieser 
mannigfachen Themata die nötige Zeit zu Studien und Beob- 
achtungen fanden. 

Die geologischen Ergebnisse unserer Reise verteilen sich 
sachlich geordnet in 7 Kapitel. Sie bringen Neues zur Kenntnis: 

1. der Grenzschichten zwischen Kreide und Eocän im 
Nilthal, 

2. der Mokattamstufe oder des Mitteleocäns, 

3. des Obereocäns und Oligocäns, 

4. der Basalte der Libyschen Wüste, 

5. des Neogens und Quartärs im Nilthal, 

6. des Pliocäns im Wadi Natrün, 

7. der tektonischen Verhältnisse. 



356 Sitzung der math.-phys, Glosse vom 8. November 1902. 

1. Ueber die Grenzschichten zwischen Kreide und Eocftn 
in Aegypten. 

Im Jahre 1868 machten Delanotte und d'Archiac*) in 
einer Beschreibung eines geologischen Profils der Gegend von 
Theben auf eine paläontologisch besonders ausgezeichnete 
Schicht von Blättermergeln aufmerksam, welche an der Basis 
der dortigen Plateauabfälle in einer Mächtigkeit von 31 m 
erscheint und eine Schicht weissen, fossilleeren Kreidekalks 
zur Unterlage hat. Es sind aschgraue Mergel oder Papier- 
schiefer, biegsam wie Papiermaschee mit vielen Konkretionen 
und Muschelsteinkernen von Brauneisenstein. Die Fauna dieser 
Schicht 5 des Delanoüe'schen Profils ist lokal, speziell bei 
Theben ungewöhnlich reichhaltig. D'Archiac*) identifizirte 
nach Delanoües Aufsammlungen mehr als 40 Formen von 
kleinen Mollusken, Seeigeln, Crinoiden und Einzelkorallen mit 
bekannten Arten des Londonthons der Themse, der sandigen 
Thone von Bracklesham und der ältesten Nummulitenschichten 
Europas. Diese Liste bedarf heute sicher einer Revision. 

V. Zittel,^) der die in Paris aufbewahrten Originale 
Delanoües und d'Archiacs einer flüchtigen Prüfung unterzog, 
hielt jene Schichten für Aequivalente seiner obersenonen 
Blättermergel der grossen Oasen, die ja ebenso wie die Fauna 
der dortigen obersten weissen Kreide einen halbeocänen*) 
Charakter besitzt. Doch machte er selbst keine Aufsamm- 
lungen darin. Auch sonst ist seitdem von weiteren Funden 
oder paläontologisclien Studien in diesen Schichten nichts be- 
sonderes bekannt geworden. Wunderbarerweise scheint Mayer- 



^) Note 8ur la Constitution geol. des environs de Thebes, presentee 
par d'Archiac. 

Compt. rend. hebd. des seances de l'acad. des sc. 1868. Paris. 

2) Remarques ä propos de la communication de Delanoüe sur las 
füss. den environs de Thebes. Ibidem p. 707. 

^) Beiträt^e zAir Geologie der Lib. Wüste. Palaeontogr. XXX, Vorwort, 
p. 78 und 103. 

^) Wanner. Die Fauna d. oberst. weiss. Kreide d. libyschen Wüste. 
Palaeont. XXX. 1902. S. Ü2. 



M. Blanchenhom: Geölogisch-stratigraphische Beobachtungen. 357 

Eymar, soweit mir bekannt, hier nicht zum Sammeln ge- 
kommen zu sein. In seinem System des Tertiärs würde es 
wohl, vermute ich, unter sein Suessonianum II fallen. 

Fourtau*) sprach 1900 die Meinung aus, dass die Blätter- 
mergel von Theben eine pelagische Facies der untersten 
Suessonienstufe repräsentiren , welche weiter südlich in der 
Oase Kurkur in litoraler Facies als Thon mit Bothriolampas 
abundans, May.-Eym. sp., und anderen Fossilien entwickelt seien. 

Diese charakteristische 5 m starke Schicht von gelbem 
Mergelthon war zuerst von Willcocks und Sickenberger 
zwischen der Oase Kurkur und dem Gebel Garra westlich 
Assuan sowie auch an den Dunguiquellen elitdeckt und später 
von Mayer -Eymar untersucht worden. Sie führt Seeigel, 
Austern und andere Mollusken in Form von ockergelben, 
kalkigen Steinkernen oder schlecht erhaltenen Schalen, sowie 
das im Eocänkalk oder Mergel Aegyptens die Regel ist. Dabei 
gehören die Formen mit Ausnahme des Bothriolampas alle 
den im Eocän herrschenden Gattungen, zum Teil auch den- 
selben Arten an. Dass es sich bei Theben und Kurkur um 
2 ganz verschiedene Facies handelte, war klar. 

In Ermangelung von prüf barem paläontologischem Material 
von Theben schloss ich mich 1900 mit Vorbehalt vorläufig 
Fourtaus Meinung an und betrachtete die Blättermergel des 
Nilthals als heteropisches Aequivalent meiner „Kurkurstufe**.*) 
Mit letzterer eröflEhete ich im Anschluss an Mayer-Eymar, der 
die Kurkurstufe als Suessonianum I bezeichnet hatte, die Reihe 
der Untereocänstufen, die so auf die Zahl drei (Kurkurstufe, 
Untere und Obere Libysche Stufe) erhöht war. 

Die engUsch-ägyptischen Geologen Beadnell, Barron und 
Ball kamen bezüglich des Alters der Blättermergel im Nilthal, 
die sie von Esneh bis Qeneh verfolgten, zu der nämlichen 
Auffassung und einigten sich für dieselben nach einem typi- 



') Observations sui* les terr. eocenea et oligocenes d'Egypte. Bull. 
80C. geol. France. (3) XXVII, 1900, S. 481. 

*) Zeitschr. d. Deutach. geol. Ges. 1900, p. 405. 
1902. Sitemigsb. d. maih.-phys. Cl. 24 



358 Sitzung der math^phys, Classe vom 8. November 1902. 

sehen Vorkommen über den Namen „Esnehschiefer*, den sie 
auf dem Pariser Internationalen Geologen -Congress 1900 in 
Vorschlag brachten. Die eigentlichen Kurkurschichten blieben 
ihnen hingegen unbekannt.^) 

Ihre Esnehschiefer haben nun die genannten Geologen 
auch in der Oase Chargeh (hier 80 m stark) und Farafra (hier 
in der ungewöhnlichen Mächtigkeit von 150 m) wieder zu er- 
kennen geglaubt. Diese Identificirung muss vor näherer paläonto- 
logischer Begründung auf einige Zweifel stossen. Was die 
dem Nil zunächst gelegene Oase Chargeh betrifft, so war auch 
Mayer-Eymar auf Sickenbergers Beobachtungen hin geneigt 
dortselbst ein Suessonianum II d. h. tiefes Untereocän speziell 
im NNW der Oase am Gebel Kamlieh anzunehmen. Ball, der 
die Oase am genauesten untersuchte, erklärt seine Esneh- 
Schiefer, die nur am Ostrand der Oase Chargeh deutlich aus- 
gebildet sein sollen, für versteinerungsleer, hat also jedenfalls 
nichts darin gesammelt, so dass sich vorderhand nichts weiter 
darüber sagen lässt. 

In der Oase Farafra hatte v. Zittel den ganzen Abhang 
des Plateaus von el-Guss Abu Said zum Typus seiner Libyschen 
Stufe erhoben, deren grösster Theil von dunkelgrünen Mergeln 
eingenommen war. Die von v. Zittel gegebene Faunenliste 
dieser Schichten (darunter Operculinen, Nummuliten) schliesst 
sich in vieler Beziehung aufs engste an die höheren Teile der 
Libyschen Stufe und unterscheidet sich durchaus von der Liste 
der Blätterthone von Theben bei d'Archiac, so dass diese beiden 
jedenfalls gar nicht verwechselt werden können. Beadnell') 
hat trotzdem diese 100 — 150 ra Schieferthone unter den eigent- 



*) In einer soeben erschienenen Publikation des Survey Department: 
On the topof^raphical and geological results of a reconnaissance-survey 
of Jebel Garra and the Oasis of Kurkur. Cairo 1902 von J. Ball wird 
auf die gelben Suessonienthone mit „Rhynopygus (!) abundans* von 
Kurkur nur mit wenigen Worten negativen Inhalts eingegangen, indem 
der Verf. diese goologisch zweifellos interessanteste Schicht der Kurkur- 
(legend gar nicht gesehen hat. 

2) Farafra Oasis: Its topography and geology. Geolog. Survej 
Kijport 13DÜ. III. Cairo 1901, p. "20. 



M, ilanckeväiom: Gealogisch-stratigraphische Beobachtungen. 359 

liehen Alveolinenkalken oder dem Plateau Liruestone von der 
Libyschen Stufe Zittels abgetrennt und ihr als (eocäne) Esneh- 
Schiefer gegenübergestellt. Das widerspricht allen Regeln der 
Nomenklatur und ist eine sträfliche Vernachlässigung des 
paläontologischen Moments. 

Nur an einigen Stellen, so 8 Kilometer westlich Farafra, 
beobachtete Beadnell an der Basis des Thonkomplexes Blätter- 
thone mit Brauneisenstein-Fossilien, die angeblich *) kretaceischen 
Gattungen angehören. Es sind nach meinen eigenen früheren 
Bestimmungen und Notizen dazu : Einzelkorallen neuer Gattung 
der Familie der Eupsammiden (jetzt Palaeopsammia Wanner), 
Trochocyathus sp., Macropneustes sp., Nucula (wohl chargensis 
Quaas), Leda (leia Wann.), Axinus (cretaceus Wann.), Natica 
(farafrensis Wann.?), Alaria (wohl Schweinfurthi Quaas?), 
Cinulia (Ptahis Wann, sp.), Cassidaria sp., Trochus sp., Voluta sp., 
Pleurotoma (?) sp.: Das sind lauter Formen, wie sie die 
tieferen obersenonen Blättermergel unter der weissen Kreide 
charakterisiren . 

Diese 3 — 5 Meter Blätterthon *) allein, welche Beadnell 
der Kreide zurechnet, wäre er berechtigt gewesen als Esneh- 
Schiefer zu bezeichnen, nicht aber die höheren 150 Meter. 
Denn sowohl d'Archiacs Liste als Beadnells^) eigne kurze An- 
gabe über die Fauna der Esnehschiefer („Nucula, Leda, Aturia, 
Nautili*) passt auf diese kretaceischen Schichten, nicht auf die 
höheren, sicher eocänen. 

Legt man die bisherigen Kenntnisse, die wir von dem 
stratigraphischen und paläontologischen Charakter der Blätter- 
mergel der Gegend von Theben und Esneh haben, zu Grunde, 
so kann man unter Esneh-Schiefer nur eine Stufe oder Schicht 
in der Facies der Blättermergel verstehen, welche über dem 
weissen Kreidekalk mit Ananchytes ovata, Schizorhabdus liby- 



1) 1. c. p. 21. 

') «green shaly clays with numerous fossils in ironstone." 

^) Recent Geolog. Discoveries on the Nile Valley and Libyan Desert 

1900, p. 5 und Compte Rendu du VIII Congres Geolog. International 

1900. Paris. 2 fasc. p. 842. 

24* 



360 



Sitzung der math.-phys, Glosse vom 8. November 1902. 



cus etc. und unter der Libyschen Stufe Zittels mit Operculina 
libyca, Alveolinen und Nummuliten liegt. Die Fauna wäre 
nicht eocän, wie die der Libyschen Stufe, sondern vorwiegend 
kretaceisch und schlösse sich aufs engste an diejenige der 
Blättermergel des Oberdanien der Oasen an. 

Nachdem letztere jetzt von Quaas genau untersucht und 
beschrieben ist, erscheint nun ein Vergleich der Fauna der 
wirklichen Esnehschiefer höchst wünschenswert. 

Es gelang mir, während meines diesjährigen Aufenthaltes 
in Luxor einen Fossilienfundort ausfindig zu machen. Er liegt 
über dem Fuss des Gebirgs-Steilabfalls hinter dem Hügel von 
Scheich Abd el-Qürna zwischen Der el-Bahri und Der el- 
Medine etwa an der dortigen Wasserscheide. Dann machte 
ich noch Herrn Professor Schweinfurth auf diesen Abhang 
aufmerksam, der nachher noch mit viel Erfolg hier gesam- 
melt hat. 

Fig. 1. 



\V 



N.^ 






SA. 


L. 


^Sm 



Petrefakten. 
B. = Breccie. 

L. = Knollenkalk der Libyschen Stufe. 
E. = Esneh-Schiefer. 
SA. = Hügel Scheich Abd el-Qttrna. 

Diese zusammengebrachte Ausbeute übergab ich Herrn 
Dr. Paul Oppenheim in Charlottenburg, der sie unter Be- 
nützung der Monographieen von Wanner und Quaas einer 
genauen Prüfung unterzog. Das Ergebnis derselben waren 

die folgenden Bestimmungen : ^) 



Die Beschreibung dieser Fauna folgt unten in besonderem Anhang. 



M, Blancktnhom: Geologisch^stratigraphische Beobachtungen, 361 

Palaeopsammia Zitteli Wann. 

Pattalophyllia aegyptiaca Wann. sp. 

Pentacrinus sp. 

Terebratulina chrysalis Schloth. 

Limea Delanoüei Opp. n. sp. 

Leda leia Wann. 

Leda cf. Zitteli J. Böhm. 

Nucula sp. cf. chargensis Quaas. 

Äxinus cretaceus Wann. 

Neaera aegyptiaca Opp. n. sp. 

Trochus sp. äff. margaritifer J. Böhm. 

Natica farafrensis Wann. 

Eulima Wanneri Opp. n. sp. 

Cerithium abietiforrae Wann. 

Alaria sp. Quaas. 

Voluta (Scaphella) aegyptiaca Wann. 

Cinulia Ptahis Wann. sp. 

Aturia praeziczac Opp. n. sp. 

Nautilus desertorum Zitt. 

Lamroa? sp. äff. Vincenti Winkl. 

Die Uebereinstimmung dieser Fauna mit derjenigen der 
Danien-Blättermergel unter der weissen Kreide ist danach über- 
raschend. 13 Arten sind identisch mit kretaceischen der Oasen, 
darunter befinden sich ganz charakteristische Kreidetypen wie 
besonders die Cinulien. Zwei Formen schliessen sich an Arten 
der Siegsdorfer Kreide im südlichen Bayern an. Nur 4 Arten 
^ind neu. Darunter würde allerdings Aturia auf die Eocän- 
fbrmation verweisen. Aber eine genaue Prüfung ergab, dass 
die vorliegende Art jedenfalls nicht unbedingt identisch ist mit 
bekannten Eocänarten, im besonderen A. ziczac, wie d'Archiac 
glaubte, sondern eine Art Vorläufer davon darstellt. 

Auch südlich Qeneh hat Schweinfurth ebenso wie Beadnell 
die Blätterschiefer beobachtet und ersterer daraus schon früher 
am Nordabfall der Berge von Taramsah die nämlichen Früchte 
von Diospyros gesammelt, welche so bezeichnend waren für die 
Danienmergel der Chargehoase. 



362 Sitzung der mcUh.-phys. Classe vom 8, November 1902, 

Auf der Ostseite des Nil in der Arabischen Wüste, so 
z. B. am Südende des Gebel Abu Had nordöstlich Qeneh, ent- 
wickeln sich die Esnehschiefer nach Barron und Hume^) in 
ganz bedeutender Mächtigkeit bis insgesammt 122 Meter. Eine 
Bank von gelbem Kalk schaltet sich hier ein und ein ähn- 
licher stärkerer gelber Kalk mit Mergeln erscheint an ihrer 
Basis. Die Mergel dieser Basiskalke, welche Barron-Hume 
gleichfalls noch zum eocänen Esnehschiefer rechnen, führen als 
charakteristischste Leitform Pecten Mayer- Eymari Newton,') 
welcher nach meinen Untersuchungen mit der Hauptleitform 
der weissen Kreide von Farafra und Baharije, dem variablen 
Pecten farafrensis Zitt. zusammenfällt. Von meinen früheren 
kritischen Bemerkungen^) zu P. Mayer-Eymari habe ich nichts 
zurückzunehmen, nachdem jetzt auch Wanner nach Bearbei- 
tung der Zittelschen Sammlung meine Auffassung vollkommen 
bestätigt hat. So gewinnt es den Anschein, als ob die Esneh- 
schiefer und Kalke des Nilthals und besonders der 
Arabischen Wüste das Danien, das bisher von dort nicht 
recht bekannt war, überhaupt vertreten. Diese Vermutung 
wird verstärkt durch das zuerst meines Wissens von Mayer- 
Eymar beobachtete Vorkommen von Baculiten in den betref- 
fenden Ablagerungen am Nil und in der Oase Chargeh. Wenn 
Barron und Hume die von ihnen gesammelten Proben von 
Esneh-Mergeln und Kalken der östlichen Wüste selbst paläonto- 
logisch etwas genauer geprüft hätten, so würden ihnen auch 
die darin vorkommenden Baculiten und Protocardien (neben 
ihrem Pecten Mayer-Eymari) nicht entgangen sein, denen sich 
vielleicht noch mehr unbez weifelbare Kreidetypen anreihen 
lassen. Und bei einer genauen Verfolgung der vertikalen Ver- 
breitung des Pecten farafrensis würden sie diesen auch schon 
im Canipanien, ihren Phosphat-haltigen Bonebeds etc. wahr- 



1) Compte rendu du VIII Gongres Geol. Internat. 1900, p. 882. 

2) B. Newton. Notes on some Lower Tertiary Shells from Egypt. 
Geol. Miig. Dec. IV, Vol. V, N 414. 1808, p. 535, pl. XIX, f. 9—11. 

3) Geologie Aegvptens 1901. II, p. 411 und III, p. 66. 



M. Blanckenhorn: Geölogisch-stratigraphische Beobachtungen. 363 

genommen haben, dagegen wohl kaum irgendwo in der Liby- 
schen Stufe oder dem typischen Untereocän. 

Nach Barron, Beadnell und Hume ist nun an vielen Orten 
eine deutliche Diskordanz zwischen ihren Kreideschichten und 
dem (eocänen?) Esnehschiefer vorhanden und diese Beobachtung 
grade mag wohl den Gedanken nahegelegt haben, die Grenze 
zwischen Kreide und Eocän unter den Esnehschiefern zu 
suchen. Eine glückliche Beobachtung im Felde muss aber von 
Geologen auch in der richtigen Weise gedeutet werden. Jede 
stratigraphische Einteilung ist auch paläontologisch zu be- 
gründen, sonst steht sie nur auf einem Bein. Mit dem Beob- 
achten allein ist die Aufgabe des Feldgeologen nicht erschöpft. 
Ist die gesehene interessante Diskordanz der Esnehschiefer 
richtig, woran ich selbst durchaus keinen Anlass habe zu 
zweifeln, so föUt, nachdem die alte Zittel'sche Auffassung von 
der Zugehörigkeit der Schichten 5 und 6 in Delanoües Profil, 
d. h. der Esnehschiefer zur Kreide nunmehr bestätigt und er- 
wiesen ist, die grosse Diskordanz noch innerhalb der 
obersten Kreide mitten ins Danien oder stellenweise 
d. h. im Osten gar an die Basis desselben, nicht aber 
an seine obere Grenze. 

Als älteste Eocänschicht kann man dann immer noch jene 
Ablagerung mit Bothriolampas der Oasen Kurkur und Dungul, 
den Typus der Kurkurstufe, zwischen die kretaceischen Esneh- 
schiefer oder deren Vertreter, die Kreidekalke mit Pecten 
farafrensis, Schizorhabdus libycus einerseits und die Libysche 
Stufe andererseits einschalten. Doch bedarf auch diese Kurkur- 
Fauna erst einer eingehenden paläontologischen Untersuchung, 
ehe man sich nach der einen oder anderen Richtung definitiv 
entscheidet. 



304 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8, November 1902, 

2. Die Mokattamstufe. 

Nach dem Vorgange von Orlebar teilt man bekanntlich 
diese von Zittel so benannte Eocänstufe nach ihrer Ausbildung 
am Mokattamgebirge bei Kairo in zwei Hauptteile, die Untere 
und die Obere Mokattamstufe. Nach dem herrschenden Farben- 
gegensatz könnte man auch von einem Weissen und einem Braun- 
gelben Mokattam sprechen. Von grösster Wichtigkeit für die 
Trennung der beiden Abteilungen igt die auffällige Plateau- 
stufe an ihrer Grenze, welche sowohl am Mokattam, wie auch 
sonst in Aegypten am schärfsten unter allen Plateaustufen 
innerhalb des Mitteleocäns ausgeprägt ist. Nur Schweinfurth 
zieht in seiner Gliederung des Mokattam den über dieser 
Hauptplateaustufe folgenden Tafle (= Thon) mit Cölestin 
noch zur Unteren Mokattamstufe. 

Da die Facies in der Mokattamstufe horizontal ausser- 
ordentlich wechselt und mit ihr der Fossiliengehalt, ist es 
ausserordentlich schwer, eine weitere Gliederung auf grössere 
Entfernungen mit Erfolg durchzuführen. Das gelingt nur der 
systematischen Arbeit des kartirenden Geologen, der vor allem 
auch orographisch die einzelnen Schichten verfolgen kann. 

Im Winter 1897/98 hatte ich das Glück, im Auftrage 
der Geological Survey of Egypt die Mokattamstufe auf dem 
rechten Nilufer wenigstens von der Gegend von Heluan bis 
Maghagha begehen und kartiren zu können. Bei dieser Ge- 
legenheit kam ich zu dem Resultat, dass für die Untere 
grössere Abteilung der Mokattamstufe (I) der klassische 
Ausgangspunkt einer weiteren Gliederung am besten im Wadi 
esch-Scheich-Gebiet zu nehmen sei. Dort baut sich die 
Untere Mokattamstufe schon orographisch in 4 deutlichen 
Terrassen auf, während das Mokattamgebirge bei Kairo hier 
mehr einen einzigen Abfall darstellt. Dort herrscht auch eine 
bedoiitendore Mächtigkeit und ein grösserer Fossilreichtum 
als am Mokattam. Das Haui)tleitf()ssil Nummulites Gizehensis 
geht von den untersten bis in die obersten Schichten hinauf. 
Deshalb nannte ich die (^anzo Stufe I auch die Gizehensis- 



M, Blanckenhom: Geologüch-stratigraphische Beobachtungen. 365 

stufe, innerhalb welcher das eigentliche Hauptlager dieses 
Nummuliten freilich die zweite Schichtenabteilung ist. 

Die 5 hier wohl unterscheidbaren Glieder bezeichnete ich 
kurz als 

1. Erste Mitteleocänterrasse A, 

2. Eigentliches Gizehensislager, Terrasse B, 

3. Haupt- oder Feuersteinterrasse C mit Milioliden, Dic- 
tyoconos Blanck. g. n. und Lobocarcinus, 

4. Vorterrassen. Vorherrschend Mergel mit der „ersten 
Mauer*, 

5. , Zweite Mauer** mit Bryozoen, Terrasse D. 

Ein übersichtliches Durchschnittsprofil der Unteren Mo- 
kattamstufe am unteren Wadi esch-Scheich zwischen Gebel 
Qarara gegenüber Maghagha und dem Dorfe Der el-Hadid 
gegenüber Feschn gab ich bereits in Zeitschrift der Deutsch, 
geol. Ges. 1900, S. 423—425. Weitere genauere Profile be- 
absichtige ich meinem offiziellen Bericht^) über meine da- 
maligen Aufnahmen des östlichen Nilgebiets beizugeben. Hier 
kann ich daher nicht weiter darauf eingehen. 

Im allgemeinen sucht sich diese Fünfteilung möglichst 
an diejenige des Unteren Mokattam bei Mayer-Eymar anzu- 
schliessen. Nur meine mächtige, meist aus fossilarmen Thonen 
und Mergeln gebildete Abteilung 4 entspricht nicht ganz der 
vierten Schicht I d bei Mayer-Eymar, einer 1 — 2 m starken 
kieselreichen Kalkschicht mit viel Konchyliensteinkernen, welche 
in dieser Ausbildung nur eine ganz beschränkte Verbreitung 
am nördlichen Mokattam hat, daher für weitere Zwecke nicht 
zu verwerten ist. Uebrigens begegnet überhaupt eine Be- 
grenzung von Schichtengruppen innerhalb der oberen grösseren 
Hälfte des Unteren Mokattam d. h. oberhalb der Nummulites 
Qizehensisbank (2) ganz ausserordentlichen Schwierigkeiten, 
wie das schon Schweinfurkh*) betonte. Man kann da in jedem 
Profil schwanken, wo zwischen Abteilung 3, 4 und 5 die 
Grenzen zu legen sind. 



^) Geological Survey Report. Cairo 1903. 

2) Zeitschr. d. Deutsch, geol. Ges. 1883. S. 723. 



366 Sitzung der math.-phys, Classe vom 8, November 1902, 

Die Obere Mokattamstufe lässt sich im Gegensatz 
zur Unteren am Mokattam sehr gut gliedern, da sie petro- 
grapliisch aus mehrfach wechselndem, verschieden hartem 
Material aufgebaut ist und infolgedessen schon in den Bö- 
schungsverhältnissen deutliche und glücklicherweise konstante 
Unterschiede erkennen lässt. Schweinfurth teilte den Oberen 
Mokattam wesentlich nach orographischen Gesichtspunkten in 5, 
Mayer-Eymar ebenfalls nach paläontologischen in 5 Schichten- 
stufen. Meine Gliederung in 8 Unterstufen berücksichtigt beide 
Gesichtspunkte, schliesst sich aber mehr an die Schweinfurth'- 
sche an. Eine vergleichende Tabelle dieser verschiedenen 
Gliederungen findet sich in meiner „Geologie Aegyptens* II 
Seite 440. 

Eigentlich sollte das Mokattamgebirge ebenso wenig als 
Typus für die Obere Mokattamstufe gelten wie für die Untere. 
Denn nirgends ist die Obere Stufe so wenig mächtig ent- 
wickelt als am Gebel Mokattam. Im Fajüm in der Libyschen 
Wüste ist sie mindestens dreimal so stark und viel reicher an 
Fossilien, die auch eine ungleich bessere Erhaltung mit der 
Schale zeigen, während sie am Mokattam fast nur in Stein- 
kernen erscheinen. Aber abgesehen davon, dass die Wüste 
jenseits der Birket el-Qerün schwerer zu erreichen ist als der 
Mokattam, ist dort auch das Profil der Oberen Mokattamstufe 
infolge ihrer Mächtigkeit über grosse Entfernungen ausgezogen 
und schwerer im ganzen zu übersehen. So bietet das Mokat- 
tamgebirge doch noch die bequemste Gelegenheit zur Gliede- 
rung der Oberen Mokattamstufe. 

Die 8 Unterabteilungen des Oberen Mokattam (D.) habe 
ich s. Z. folgendermassen charakterisirt: 

1. Gypsthon und Tafle mit Cölestin, 

2. Kegion der kleinen Nummulitenbänke und Gastro- 
podenbänke, 

3. Unterer CaroHahorizont mit Carolien und Ostrea Cloti, 
seil wache Stufe Inldend, 

4. Plicatulaschichton mit Ostrea Cloti und häufigen 
Plicatulen, 



M, Blanckenhom: Geologisch-stratigraphiache Beobachtungen, 367 

5. Austern-, Turritellen- und Schieferkohlenhorizont, 

6. Sandkalk mit Vulsella, Carolia, Turritellen; oberer 
Caroliahorizont, ausgesprochene Stufe bildend, 

7. Bunte Thone und Sande, 

8. Deckkalk mit Echinolampas Crameri, Steinkernen von 
Cardien, Turritellen, selten: Plicatula, Carolia, Vulsella. 

Auf unserer letzten Reise nahm ich an folgenden Orten 
Gelegenheit, stratigraphische Studien über die Mokattamstufe 
zu machen: 

Auf dem rechten Nilufer in beiden Stufen am Wadi 
Ramlieh schräg gegenüber Wasta, am Mokattam und am 
Gebel el-Ahmar bei Kairo; auf dem linken Ufer nur in der 
Oberen Mokattamstufe im Umkreis des Fajüm und am Chet 
el-Ghoräb oder Gebel Kibli el-Ahram gegenüber Kairo. Im 
Folgenden sei es mir gestattet, diese neu aufgenommenen 
Profile zusammenzustellen. Die vorn stehenden Zahlen be- 
ziehen sich auf die 13 Glieder meines Systems. 

A. Rechtes Nilufer. Isolirter Zwillingshügel auf dem linken 
Ufer des Wadi Ramlieh. Station XXVIII meines Sheet 12. 
11,2 Kilometer ostsüdöstlich Der el-Meimün und 13 km süd- 
östlich Burumbul. Höchster Gipfel dieser Gegend. 



Fig. 2. 

Mas-sstab der Höhe 1 : 2000. 



9^ ^^ 


k 


> 1 '■"^"'\ 


fi =2 >^ 






3 





U 00 

oS 



0,50 m bröckliger Kalk, 

0,80 m fester Grobkalk, gelbbräunlich, erfüllt von Nummu- 
lites discorbina, Carolia, Vulsella^ Ostrea, Pecten, Car- 
dium, Lucina, Natica, Tudicla(?), Scaphander Fortisi, 



368 



Sitzung der math.'phys. Classe vom 8, November 1902, 



d 
o 



9 m gelbliche Mergel mit kleinen Wülsten, kleine Num- 

muliten^ 
6 m gelber Nummuliten-K^iW mit groben Wülsten, Num- 

mulites Beaumonti, sub-Beaumonti und discorbina. «Dritte 

Mauer*. 



U oo 
0) 






O 1 


3 m gelbe Mergel. Hier Plateaustufe. 


S 5 

.2 

9 

•4^ 


1,2 m gelber Nummulitenkalk, 

3,9 m gelbe mürbe Mergel im Wechsel mit 

Bänken von gelbem Kalk ohne Nummuliten, 

Lucina pharaonis, 


, Zweite 
Mauer*. 


O 

S 4 

a 


6 m gelbe und weisse Mergel, 

0,50—1 m weisser Kalk, \ 

2,50 m bröckliger Mergelkalk, [ " . 

2,50 m 4 knollige Bänke Kalk, i "" * 

4 m verschüttet, Mergel, 

3 m gelbweisse, schiefrige Mergelkalke. 


3 


3 m verschüttet bis zum Fusse des Berges. 





B. Doppelgipfel, Station XX meines Sheet 12 auf dem linken 

Ufer des Hauptarms des Wadi Kamlieh, 10 km östlich von 

Der el-Meimün und 10,8 km südöstlich Burumbul. 



Fig. 3 (1 : 2000). 



'J^ 



X = Fischzähne und Tnrri- 
tellen. 



■ü ^ 



\D 



i m gelblicher, knotig wulstiger Kalk ohne Nummuliten; 
„Zweite Mauer"*. 



r» ui treibe und weisse Mergel. Hier Plateaustufe, 

•1 m Steiliibfall aus mehreren knotig wulstigen Kalkbänken; 

,. Erste Mauer", 
7 m lockere Mergel mit Gips. 



M, Blanckenham: Geölogisch-stratigraphische Beobachtungen. 369 






0,05—0,10 m rotes Band aus Roteisenstein und Gips. Fisch- 
zäbne (Myliobates). 

1,50—2,50 m Mergel mit Fasergips, Leda, Turritella 
Boghosi Cossm. (häufig), Zähne von Ginglymostoma 
Blanckenhorni Stromer n. sp., Oxyrhina Desori Ag., 
Odontaspis verticalis Ag. und cf. elegans Ag., Lamna 
macrota Ag. sp., Carcharodon, Galeocerdo latidens Ag., 
Aprionodon frequens Dam., Amblypristis cheops Dam., 
Myliobate8,Ganoidschuppen,Coelorhynchu88tacheln,Teleo- 
stierknochen, Wirbel von Seesäugetieren. 

0,10 — 20 m braunrote harte Kalkbank, senkrecht prisma- 
tisch zerklüftet, deren Oberfläche prächtige Winderosions- 
erscheinungen, Windkanten und Sandrieselflächen zeigt. 

Die tieferen Mitteleocänschichten zeigen sich auf dem 
Wege von obigen Hügeln zum Nil bei Karimat und Burumbul 
in folgender Weise entwickelt : Die Abteilung I 3, etwa 20 m 
stark, nimmt vom Fusse jener Hügel an weithin eine ausge- 
dehnte Ebene oder Terrassenlandschaft ein, in der sich 2 — 3 
niedrige Terrassen über einander markiren, gebildet aus je 
0,25 — 50 m dicken, hellrötlichen oder schmutziggelben härteren 
Bänken zwischen stärkeren, bröcklig schiefrigen Mergellagen. 
Die härteren Bänke führen häufig Fischschuppen. 

Tiefer erscheint die Abteilung I 2 (20—25 m) in Gestalt 
von weisslich grauen oder gelb weissen Kalkschiefern, welche 
Steinsalzadem in ihren Fugen führen. Südwärts gehen sie in 
gelbe, harte, grobwulstige Kalke über, die eine scharf ausge- 
prägte Plateau terrasse bilden, wobei die obersten Bänke am 
Rande grottenformig überhängen. Fossilien wurden ausser 
den gewöhnlichen Lucinen in diesen Schichten hier nicht 
gesammelt. Erst viel weiter südwärts und ostwärts in der 
Arabischen Wüste zeigt sich, wie frühere Untersuchungen 
gelehrt haben, gerade dieser Horizont ganz erfüllt von Schalen 
des grossen Nummulites Gizehensis zusammen mit Numm. 
curvispira, Gryphaea cf. Gümbeli und Schizasterarten, so dass 
an der Vertretung der Gizehensisbänke (2) durch die fossilfreien 
gelben Kalke bezw. weisslichen Kalkschiefer hier nicht zu 
zweifeln ist. Als Ursache des lokalen Fehlens dieser Fossilien 



370 Sitzung der matK-phys. Glosse vom 8, November 1903. 



darf der Umstand aufgefasst werden, dass dieselben echte 
Küstenbewohner waren, hier aber die ganze Untere Mokattam- 
stufe in pelagischer Facies, z. B. auch ohne eine einzige Auster, 
entwickelt ist. An der Grenze der Unterstufe I 2 gegen die 
tiefere, d. h. am Fusse der steilen Böschung, ist eine Bank 
mit grossen Nautili und Lucina pharaonis beständig. 

Die tiefste Stufe, I 1 (ca. 25 — 30 m mächtig), setzt sich 
bei Burumbul ähnlich wie das ägyptische Danien (vergl. oben) 
aus einem echt pelagischen Wechsel von blendendweissen 
Schreibkreidebänken von 18 — 90 cm Dicke und weissen, gelb- 
lichen, dunkelgrauen oder schwärzlichen gips- und salzreichen 
Blättermergeln zusammen. Von Fossilien nenne ich: cylindri- 
sche Spongien, Schizaster Mokattamensis, Lucina pharaonis 
und bialata, Spondylus sp., Cardita Viquesneli, Leda, Nucula, 
Neaera, Turritella Boghosi, Natica, Aporrhais, Nassa, Styliola. 
Die winzigen Gastropoden und Nuculiden sitzen oft in Massen 
zusammen auf der Schichtfläche. 

Aus der Gegend von Kairo dienen folgende typische Pro- 
file zum Vergleich: 

C. Steiler Aufstieg aus den Steinbrüchen hinter der Citadelle 

an den Pulverkammern vorbei über den Basishügel Schwein- 

furths zur Stution des Venusdurchgangs. 

Fig. 41) (1:2000). 



I = Signal bei 

195 m (0. M.) 
= LokaUttt VII 

auf Sch weinf arUis 
gcol. Karte. 
Stb. = Steinbruch an der 
hinteren PnWer- 
kammer. 



^) Die Schichten sind hier richtiger nicht horizontal, sondern etwas 
nach 0. einfullend zu denken, wie es in Schweinfurths Profil (Zeitschr. d. D. 
geol. Ges. 1883, Taf. XX) in freilich verstärktem Masse zum Ausdruck kommt. 




M. Slanckenhom: Geologisch-stratigraphische Beobachtungen, 371 



II 

8 


4V2~5m gelblicher, feinkörniger Kalksandstein, kavernös 
mit Calcitdrüsen. Echinolampas Crameri, Anisaster gib- 
berulus, Abdrücke von grossen Vulsellen, Spondylus, 
Cardium 2 sp., Cardita Mokattamensis Opp. sp. n.,i) 
Lucina, Macrosolen uniradiatus Bell, sp., Mesalia Hofana 
M.-E., Turritella pharaonica Cossm. 


7 

(c. 7 m) 


0,20 m gelber Sand, 

2 m bunte Thone mit Gips, gemischt mit Sand, 

0,40 m gelber knolliger Kalksandstein mit Calcit- und 

Gipskrystallen, 
4—5 m gelbe und grüne Thone. Hier Plateaustufe. 


6 
(3 m) 


0,50 m 2 Kalkbänke, 

2,50 m gelbe, harte, sandige Bank mit Pseudobohrmuschel- 
löchern. 


5 

(1,30 m) 


0,50 m Blätterthon, 

0,80 m Bank mit ungemein dickschaligen (5 cm) Austern, 
Pecten, Plicatula polymorpha, Area, Cardium obliquum 
Corbula cf. gallicula, Natica, Xenophora, Cassidaria nilo- 
tica, Terebellum. 


4 
(2,50 m) 


1 m überhängende Bank mit viel Steinkemen: Vulsella, 
Ostrea, Plicatula polymorpha (gemein), Pecten, Spondylus, 
Area, Cardium, Natica, Xenophora, Cassidaria, Terebellum. 

1— 1,50 m braungelber und grüngrauer mürber weicher 
Sandstein mit grossen Löchern. 


3 

(2,80 m) 


2 m 2 Bänke gelben dichten Sandsteins, 

0,80 m Lage mit zahlreichen Schalen von Carolia, Cardium 

obliquum, Corbula cf. gallicula Desh., Teredo, Mesalia 

Locardi, Knochen. 



2 

(7 m) 



0,70 — 1 m sandige Bank mit Nummulites Beaumonti, 
0,90 m braune und blaugrüne Sand- und Thonlage, 
1,30—2 m mürber Sandstein, 
2 m blauer Thon und braungelbe Mergel mit Gips, . 



^) Diese neue Art wird neben zahlreichen andern neuen Mollusken- 
formen von Herrn Dr. P. Oppenheim, der augenblicklich die ganze Fauna 
des ägyptischen Eocäns nach Zittels, Schweinfurths und meinen Auf- 
sammlungen monographisch beai'beitet, im nächsten Jahre in derPalaeonto- 
graphica veröffentlicht werden. 



372 



SUzung der math.-phys. Clatse vom 8. November 1902. 



2 

(7 m) 


1,50 m gelbweisser Kalk mit Nummtdites Beaumonti, sub- 
Beaumonti, Anomia tenuistriata, Cardium obliquum, 
Teilina, Lucina gibboaula, Cytberea, Cardita, Turritella, 
Solarium, Bostellaria u. and. Gastropoden. 


1 
(9,30 m) 

II 


7 m gelbliche und grauweisse Gipsmergel, 

0,50 m orangebrauner harter Thonkalk, 

0,80 m bunter ockrig- und grüngebänderter Thon (Tafle) 

mit Cölestin, 
0,50 m weisser Mergelkalk mit senkrechten Gipsadem, 
0,50 m Mergel. Hier Plateaustufe. 


I 

5 
(c. 25 m) 


c. 8 m 4 Bänke blendend weissen, weichen Kalksteins mit 
kleinen Röhrchen, Num. Beaumonti, sub-Beaumonti, dis- 
corbina und subdiscorbina, Amblypygus dilatatus, Ser- 
pula, Eschara äff. Duvali, Vulsella, Spondylus radula, 
Ostrea Reili, Lucina pharaonis und metableta, Teredo, 
Cardium obliquum, Turbinella frequens, Terebellum, 

8—9 m Steilabsturz, Kalk mit Echinolampas Fraasi, Cono- 
clypeus conoideus, Vulsella. .Zweite Mauer", 

0,40 m gelbe Mergel, 

8 m Nummulitenkalk mit , Hörn er "-Wülsten, kleinen Num- 
muliten, Schizaster. 


4 
(20,20 in) 


4,70 m zerfressener, knolliger Kalk mit Schizaster, 

2 m mergelige Zwischenlage, 

llV2m Steilwand aus Kalk mit Schizaster foveatus, Afri- 
canus und Mokattamensis, Echinolampas Fraasi, Toxo- 
brissus Lorioli, Echinopsis lybicus, Ciavagella, Vulsella, 
Natica. „Erste Mauer", 

2 m verschüttet. 


3 

I 


c. 17—20 m (?) weicher Baustein der Steinbrüche (im hin- 
tersten Steinbruch am Fusse des Bergabfalls nur 8 m), 
Natica hybrida (== N. Ammonis Blanck) '), Turbinella 
frequens, Lobocarcinus Paulino-Württembergicus, Car- 
charodon auriculatus u. and. Haifischzähne. 



Summe 98,4 m. 



^) Die echten Ammonshörner sensu stricto der Alten (vergl. Blancken- 
horn: Das Urbild der Animonsbürner in Naturwiss. Wochenschr. XVI. 6. 
1901. S. 57). 



M, Blanckenhom: Geologiach-stratigraphische Beobachtungen, 373 

Die Gesammtmächtigkeit der Oberen Mokattamstufe (II) 
9trägt in diesem Profil in der Mitte des Mokattam 37,40 m; 
)n der Unteren Mokattamstufe (I) sind hier nur ca. 35 m 
iif geschlossen, seine Gesammtmächtigkeit (unter HinzufQgung 
3r Schichtengruppen 3, 2 und 1) dürfte sicher 100 m über- 
eigen. 



Südwestseite des Gebe! el-Ahmar links vom Reitwege nach 
Ajun Musa. (16. 3. 1902.) 

Fig. 5 (1 : 1000). 



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5 


I 



II 



3 — 4 m Sandstein mit Vulsella, Carolia (?), Cardita Mokat- 
tamensis, Cytherea. 



7 
. 6,20 m) 



5(?) 
c. 2 m) 



3—3,50 m Schutt, 

0,90 m gelber Kalksandstein mit Vulsella, Lucina pul- 

cbella, Cardium, Teredo longissima, 
3 m weisser und graugelber Sand, Thon und Gipsmergel. 



2—5 m Kalksandstein mit Steinkernen: Spondylus, Cardita, 
Cardium, Corbula. 



1— 1,60 m gelbbrauner Sandkalk mit Steinkernen, 
0,75 m bröckelige Zwischenlage. 



4 
1,40 m) 



0,70—1,10 m gelbgrauer, harter, rauher Sandkalk, 
0,50 m ockergelbe, bröckelige Zwischenlage. 



3 
1,40 m) 



1,0 — 1,20 m gelber, fester Kalk mit Kalkspatdrusen und Bi- 

valvenkernen, 
0,30 m gelbe, bröckelige Lagen. 

25 



1902. SiiznDgsb. d. math.-phys. Cl. 



374 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. November 1902, 



2 
(2,10 m) 



1 m Tafle mit Cölestin, 

1,10 m ockergelber Kalk mit strahligem Cölestin, Abdrücke 
von Nummulites sub-Beaumonti , Spondylus, Cardium 
obliquum, Cytherea parisiensis, Corbula gallica, Macro- 
solen uniradiatua, Lucina pharaonia, Discohelix cf. Di- 
xoni, Mesalia Hofana, Turritella pbaraonica Cassis ni- 
loticua, Cypraea. 



1 
(3 m) 
II 



1,50 m gelber Tafle mit Cölestin, 

0,80 m hellockerfarbener thoniger Kalk, 

0,70 m schmutziger bröckeliger Kalk mit Steinkemen. 



I 



0,60 m grauweisse Kalkbank, 
0,05 m Zwischen läge, 

0,35 m weisser Kalk mit Vulsella, Teredo, Turritella, 
0,10 m gelbe Mergel, 

5 m weissgelber Kalk mit kleinen Nummuliten und Bryo- 
zoen, „zweite Mauer**. 



In diesem Profil D hat die Obere Mokattamstufe nur 
eine Stärke von etwa 24,35 m, ist also um 13 m schwächer 
als in dem 2,7 km südlich davon gemessenen Profil C 
derselben Schichten. Der bedeutende Unterschied kann nur 
auf die grössere Festlandnähe im S. zurückgeführt werden, 
nach welcher Richtung hin alle Schichtengruppen anwachsen. 

Eine ähnliche Ausbildung der Oberen Mokattamstufe wie 
in C finden wir auf dem gegenüberliegenden Nilufer am Chet 
el-Ghörab (= Krähennest) oder Gebel Kibli el-Ahram im S. 
der Sphinx. Von diesem guten Aufschluss verdanken wir 
bereits Fourtau*) ein Profil, das mit der folgenden Aufnahme 
zu vergleichen ist. 



') Siir \m noiivean fi^iseinent de poissons fossiles aux environs des 
Pyraniidos de Ghizeh. Bull. Soc. Geol. France (3) XXVII 1899. p. 238. — 
Notes siir les Echinides fossiles de TEgyte. Bull. Inst. Eg. Le Caire 1900, 

p. -28, Fig. G. 



M, Blaneketihorn: Geologisch-stratigraphische Beobachtungen, 375 

1. Querprofil von 0. nach W. durch den Gebel Kibli el-Ahram 
am Chet el-Ghoräb. 



0. 





Fig. 


6a 


(1 


2000) 




Jä 


K 


^ 


^=£ 


^«c» 


J-TT 


,r 








1 


r — 








5 I? 



w. 



ipfel des HOgelB e. 64 m Aber dem Meeresspiegel. 

= oberflächlich auf II 2 ansitzende Pliocänbreccie mit Ostrea cucullata (Meereshöhe 55 m). 

= Schutt. 

ig. 6 b. Blick auf den Gebel Kibli el-Ahram von N. von der Pyramide 
des Tetf Re aus. 








mi^- 



>>-*iS^3£^ö£d$;^^^^s^ 



^^^^^^m 



II 



3 m harte helle Ealksandsteinfelsen des Gipfels mit Echino- 
lampas Crameri und globulus, Steinkernen von Plicatula 
polymorpha, Gryphaea, Ostrea Clot Beyi, Calianassa, 

4 m weiche Mergel mit viel Schalen von Plicatula poly- 
morpha, Pecten, Cytherea, Lucina pharaonis, Turritella 
Locardi und dialyptospira. 



1 m Caroliabank, grau, 
tula, Anisaster. 



Ostrea Clot Beyi, Carolia, Plica- 



5 m brückelige Mergel mit Gips, lokal eine Kalkbank da- 
zwischen, Echinolampas globulus, Natica, Turritella und 
andere Gastropoden. Auf diesen Schichten sitzt am Ost- 
abhange des Hügels die pliocäne Austern breccie mit 
Ostrea cucullata auf. 



8 m weissliche und blaugraue Thonmergel mit Fischresten 
im Wechsel mit gelben Thoiikalkbänken. Lucina pha- 
raonis Bell. (= libyca Cossm.). 

25* 



376 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8, November 1902. 



? Die verschüttete Basis des Hügels mögen weissliche 
Kalke mit Nummulites Beaumonti und sub-Beaumonti, 
Echinolampas Fraasi und africanus und anderen Seeigeln 
einnehmen, welche man etwas nördlicher an der Pyra- 
mide des Tetf Re zu Tage treten sieht. 

Die von Fourtau gesammelten Seeigel stammen ebenso 
wie seine von Cossmann beschriebenen Mollusken im wesent- 
lichen aus den Schichten I 2 und 4. Zum Unterschied gegen 
die Vorstellung in Fourtaus Profilen sei ausdrücklich betont, 
dass das marine Pliocän keineswegs den Gipfel des Hügels 
einnimmt, sondern in der halben Höhe des Gehänges auf der 
Eocänschicht I 2 als Saumriff erscheint und zwar nur auf der 
Nilseite. Es sieht fast so aus, als ob die Pliocänfluten die 
Gipfelhöhe des Hügels nicht mehr erreicht hätten. 

Im Fajüm erreicht die Mächtigkeit der Schichtengruppen 
des Mitteleocäns die grössten Zahlen. Namentlich gilt das 
für die Obere Mokattamstufe. 

Die Untere Mokattamstufe ist nur auf der SSO.- Seite 
der Birket el-Qerün unter dem Kulturland und an den Rändern 
desselben sichtbar, so nordöstlich Tamieh auf dem halbinsel- 
artigen Vorsprung der nördlichen Wüste, im Einschnitt des 
Batsthales, unweit Ebschwai, im tiefen Einschnitt Bahr el- 
Wadi bei Nazleh Schoketa und bei Harit zwischen Gebali und 
Qasr Qerün. Es sind graue oder gelbliche Mergel oder Kalke 
mit Nummulites Beaumonti und sub-Beaumonti, Abdrücken von 
Leda, Cardita, Tollina und Fischschuppen. Sie vertreten die 
Abteilungen 3 — 5 oder die obere Hälfte des Unteren Mokattam 
über dem eigentlichen Gizehensislager. 

Auf der N.- Seite der Birket el-Qerün müssen wir zwei 
gröss(.*ro Soliichtenkoinplt'xe im Oberen Mokattam unterscheiden, 
welche Beadnell M neuerdings auch mit besonderen Namen 
belegt hat, die .Birket el-<)iiruii- Reihe" und die „Qasr es- 
Saga - Reihe". Die erstere nimmt die Ufer des Sees und die 

'.) The Kajüiii Doi.rossion. Geol. Mag. H.K)1, p. 542. 



3f. Blanckenhorn: Geölogisch-stratigraphisehe Beobachtungen. 377 

unterste der von Schweinfurth untei-schiedenen Plateaustufen 
(„Fajumstufen") im N. des Sees (ca. 38—72 m über dem See- 
spiegel), auf der sich auch die Ruinen von Dimeh befinden, 
ein; die höhere, ungleich mächtigere den Abhang bei Qasr 
es-Saga, d. h. die „zweite und dritte Fajümstufe** im Sinne 
Schweinfiirths. Freilich besteht zwischen diesen beiden nur 
topographisch geschiedenen Gruppen leider keine irgendwie 
scharfe Grenze. Denn die tiefsten Lagen des Abhangs von 
Qasr es-Saga erscheinen lokal auch auf der Terrasse von 
Dlmeh. 

Bei der unteren Birket- oder Dlmeh-Reihe ist die 
genaue Feststellung der Schichtenfolge, welche für alle Punkte 
gültig wäre, mit einigen Schwierigkeiten verbunden, weil die 
Schichten nicht ganz horizontal lagern, sondern mehr der 
etwas welligen Oberfläche sich anschmiegen und namentlich 
am Ufer gewöhnlich mit der Böschung schwach gegen den 
See zu einfallen, weil femer grössere Steilwände fehlen, auch 
der Zusammenhang teilweise durch kleine Verwerfungen unter- 
brochen ist, endlich horizontal Wechsel und vertikal mehrfache 
Wiederholungen stattfinden. Namentlich der letztere Umstand ist 
bisher von Schweinfurth, Mayer-Eymar, A. Kaiser*) und mir 
zu wenig erkannt worden, wodurch irrige Auffassungen des 
relativen Alters an einigen Lokalitäten entstanden, was nur 
durch Aufnahme möglichst zahlreicher genauer Profile, die 
miteinander verglichen werden können, sich vermeiden lässt. 
So treten z. B. Mergel mit „Hörnern* nach meinen neuesten 
Beobachtungen in mindestens drei Horizonten (I 5, H 1 und 
n 3), rotbraune Thonbänke mit weissen Konchylienschalen 
ebenfalls in dreien (U 2, 3 und 5 c), Bänke mit Stockkorallen 
in vier Horizonten (U 1, 2, 3 und 5 c) auf. 

Als älteste Schicht erscheinen an 5 Stellen des Ufers (im 
NW. der Batsmündung, im 0. von Dimeh auf der Halbinsel 
Qorn, auf der Insel Qorn und am Landungsplatz Mirsa im 
NW. dieser Insel) graue thonige Mergel oder Mergelkalk ohne 



Eine Reise um den Kurün-See und durch das Fajüm. Gera 1889. 



378 Sitzung der math.-phys. Clasae vom 8. November 1903. 

Petrefakten mit hufeisenförmigen Wülsten a la Rhizocorallium, 
den „Hörnern" Schweinfurths. Analog den Bildungen am 
Mokattamberge könnte man sie als Decke der Unteren Mo- 
kattamstufe (I 5) auffassen, doch bin ich eher geneigt, sie 
hier als Aequivalent der thonig mergeligen Abteilung II 1 an- 
zusehen. 

Es folgen dann graue, gelbe oder rötlichgelbe, sandig 
mergelige Schichten, in welchen Schweinfurth auf der Insel 
Geziret el-Qorn die früher von Mayer-Eymar und Dames be- 
schriebenen Korallen, Ostrea gigantea, Turritella cf. turris, 
transitoria und carinifera, zahlreiche Fischzähne und Reste 
von Zeuglodon aufsammelte. Das ist der tiefere Zeuglodon- 
horizont des Fajum, den ich noch zu meiner Abteilung 11 1 
ziehen möchte. 

Höher (II 2) gelangt man alsbald in einen äusserst petre- 
faktenreichen, innigen Wechsel von dunkel rotbraunen, eisen- 
schüssigen Thonmergeln, welche kleine, kugelige Eisenstein- 
Konkretionen und weisse, wohlerhaltene Molluskenschalen ent- 
halten, mit gelben und grauen sandigen Mergeln und Muschel- 
kalken oder Lumachelle. In der Fauna fallen besonders die 
Hydractinia (Qerunia) cornuta May.-Eym. sp. ^) und die Menge 
herrlicher Gastropoden auf. Ich habe diese Schichten, die 
mit der gleichen reichen Fauna in vortreflFlicher Schalener- 
haltung auch auf dem rechten Nilufer, so am Gebel Abu 
Rische*) und Wadi Sanür beobachtet werden, als »Gastropoden- 
bänke** bezeichnet. Die roten eisenschüssigen Muschellagen 
gehen auch horizontal in die graugelben, erdfarbenen Mergel 
über, beziehungsweise sind ihnen nesterartig eingelagert. 

Unmittelbar auf oder auch mitten zwischen diesen Schalen- 
schichten liegt die auffallendste aller Bänke des Fajumer 
Eocäns, welclie die Eigenschaft hat, an der Oberfläche bis 
auf riesige kugelige Blöcke, ursprüngliche Konkretionen von 

^) Vorf^l. Oppenheim: Uebor Kerunia cornuta Mayer-Eymar aus 
dem Eocäii Aecryptens, Centralhl. f. Mineral.. Geol. u. Pal. 1902. 2. S. 44. 
-j Blanckenhoru, Zeitscbr. d. Ueutsch. geol. Ges. 1900. S. 443. 



M, Blanckenhom: Oeölogisch-stratigraphische Beobachtungen, 879 

1 — 1*/» m Durchmesser, ganz zu zerfallen. Auch kleinere 
Konkretionen und Wülste sind dieser Schicht eigen, sowie 
Schalen von Ostrea Reili, Carolia und Cardita Viquesneli, Stein- 
keme von Mactra Fourtaui, Cardium sp., die als Reste der 
zerstörten weicheren Schichtteile zwischen den meist verstei- 
nerungsleeren grossen Blöcken liegen bleiben. Letztere sind 
im Horizontalschnitt durchweg kreisrund, ihre Gestalt ist aber 
nicht immer kugelig, sondern auch ellipsoidisch vasenartig 
oder schön cylindrisch säulenförmig. Sie zieren die meisten 
Abhänge oder Kanten der „ersten Fajümstufe" oder nehmen 
auch letztere selbst ein, wobei sie von weitem wie eine Heerde 
Schafe aussehen. Deshalb nennt sie auch der Beduine 6ha- 
nam el-maskhuta (zur Versteinerung bestimmte Schafe). 

Ausser den genannten Schichten beteiligen sich noch 
2 Gesteinsarten wesentlich am Aufbau der ersten Plateaustufe 
von Dlmeh. Das erste ist grauer harter Kieselkalk, welcher 
in senkrechten Klüften zu grossen Quadern zerspringt und 
arm an Versteinerungen ist. Auf einem Hügel nahe dem 
Berge U Schweinfurths sah ich eine solche Bank unmittelbar 
im Liegenden der „Schaf heerde**, auf dem trigonometrischen 
Signalhügel hinter der Halbinsel Qorn (ca. 35 m über dem 
Seespiegel) als deren Hangendes. Eine zweite höhere Lage 
von */a ni Dicke mit Schalen von Ostrea elegans, Plicatula 
und Cardita krönt den tafelförmigen Hügel im S. von Dimeh, 
den höchsten dieser Plateaustufe (ca. 74 m über dem See). 
Diese obere Schicht leitet hier wohl schon die Abteilung H 3 ein. 

Das letzte bemerkenswerte Gestein der Birketreihe ist ein 
harter echter Kalksandstein oder Sandstein mit Kalkbinde- 
mittel, der meist mit stark welliger Oberfläche herausragt, so 
dass man liegende Baumstämme oder Walfisch rücken zu sehen 
glaubt. Oft neigt dieser Sandstein zu Knotenbildung; dann 
ist seine verwitterte Oberfläche mit zahlreichen, vom Winde 
herausgeblasenen Höckern besetzt, die sich zuweilen regel- 
mässig in Quincunxreihen gruppiren. Die betreffenden aufge- 
wölbten elliptischen Platten sehen dann wie dornige Schild- 
krötenpanzer aus. Dieser „Walfischsandstein** wurde ausnahms- 



380 Sitzung der math.-phys, Classe vom 8. November 1902, 

los oberhalb der Schafheerde beobachtet (südlich Dimeh in 
ca. 48 m Höhe über dem Seespiegel). 

Alle die 3 zuletzt beschriebenen harten Oesteinsarten sind 
oberflächlich von den fingerdicken Bohrlöchern aus einer Zeit 
späterer Meerestran sgression (im Pliocän) bedeckt. 

Die Fauna der Abteilung II 2 der oberen zwei Drittel 
der Birket el-Qerun-Reihe setzt sich wesentlich folgendermassen 
zusammen : 

Graphularia, Lovellia Schweinfurthi, 

Goniaraea elegans, Mactra Fourtaui, 

Astrohelia similis, Turritellapharaonica,Locardi, 

Hydractinia cornuta, carinifera u. Hofana M.-E., 

Ostrea Reili und elegans, Natica Cleopatrae, 
Cardita Viquesneli, Melongena indigena, 

Cardium Schweinfurthi, Clavellites aegyptiacus u.Noae, 

Lucina pharaonis, Turbinella arabica, 

Cytherea Newboldi, Pleurotoma ingens, 

Tellina, 3 sp., Nautilus. 

Dagegen sind Ostrea Clot Beyi, Carolia placunoides und 
Plicatula polymorpha noch verhältnissmässig selten. 

Diese 3 wichtigen Leitformen erscheinen häufiger erst in 
den Abteilungen II 3 und 4, welche stellenweise schon nördlich 
Dimeh auf gleicher Höhe mit dessen Ruinen auftreten, sonst 
aber erst am Fusse des zweiten Plateauabfalls. 

Dieser Haupt-Plateauabfall wird in vertikalem Sinne 
durch eine besonders scharf ausgeprägte, oft breit angelegte Ter- 
rasse innerhalb seines oberen Drittels in zwei Teile zerlegt, die so- 
genannte „zweite und dritte Fajümstufe** Schweinfurths, welche 
nur im östlichen Gebiet bei Qasr es-Saga sich nahe aneinan- 
der halten. Von dem Gebirgspass (Boghas) im W. des „Ko- 
rallenhügels" an findet eine gänzliche Trennung statt; die 
zweite Fajnmstufe rückt im Bogen über den Zeuglodonberg 
zAini Ufer der Birket, welche sie am -Z Berge erreicht und 
von da an begleitet, während die dritte höhere sich beständig 
etwa 10 km nördlich vom See ihm ])arallel hält. Die zweite 



M. Blanekenhom: Geologisch-stratigraphische Beobachtungen, 381 

Fajümstufe wird aus den Abteilungen II 3—6, die dritte aus 
7—8 gebildet (vergl. Fig. 7 und 11). 

Der östliche Teil des Plateauabfalls, an dessen Aufbau 
sich beide Fajumstufen in geringem Abstand von einander 
beteiligen, zerfällt horizontal in 2 Abschnitte, die bei Qasr 
es-Saga in stumpfem Winkel aufeinander stossen. Der erste der- 
selben, welcher von hier parallel dem Birketufer bis zum Pass- 
aufstieg in WSW.-Richtung verläuft, heisst Gebel el-Hameier; 
der andere nach NNO. gerichtete Gebel el-Achdar. Letzterer 
biegt ^/a Tagereise von Qasr es-Saga, wo eine wichtige Quer- 
verwerfung in den Schichtenzusammenhang störend eingreift, 
plötzlich nach Osten um und verliert sich dann nach und nach 
in seiner auffalligen Gestalt. 

Den besten Einblick in die Schichtenfolge und den hori- 
zontalen Wechsel jenseits der Birket erlangen wir, indem wir 
diese Hauptabhänge in der Richtung von NO. nach SW. bis 
zum Westende des Sees verfolgen. 

Das erste Profil entnehmen wir dem nordöstlichsten, namen- 
losen Abschnitt des Plateauabfalls, nämlich dem W. — 0. ge- 
richteten Theil nordöstlich Qasr es-Saga. 

F. Profil, aufgenommen an einer durch Reichtum an Tama- 
riskenholz ausgezeichneten Plateaubucht, ^j^ Tagereise ONO. 
vom Südosteck des Schweinfurth-Plateaus und Va Tagereise 
. NNO. Qasr es-Saga. (7.-8. 2. 1902.) 



8 


2V4— 4 m gelber Mergelkalk. 


7 


2 m Thon, 

1- IV2 m gelber Mergelkalk mit Conchylienresten, 

7 m graugrüner Thon mit Gips, 

0,2 m rötlich ockergelber Kalk mit Austern, Mollusken- 

steinkernen (Area), 
3 — 5 m Gipsthon und grünlicher Sand. 


6 


1 V2 m Austernkalkbänke mit Ostrea elegans, 
IV2 m gelbe Kalke mit Carolia, Vulsella. 


5b 


? 5— 10 m graue und grüne Thone und Mergel. 



382 



Sitzung der math.-phys, Classe vom 8, November 1902, 



Bank mit Oatrea elegans, Terrasse. 
^ Mergel mit Kieselhölzera. 

Kalk mit Ostrea elegans und Cloti, Terrasse. 

Mergel. 

Kalk mit Ostrea Cloti und Carolia, Terrasse, 

Weisser Sandstein und Schieferthon mit Pflanzen- 
resten. Oberer (?) Knochenhorizont: Schade 
von Welsen, Schildkröten- Ausguss , Krokodil- 
skelet, Wirbel von Zeuglodon und Sirenen, 

Terrasse mit Graphularia, Ostrea Cloti, Raeta 
(Lovellia) Schweinfurthi M.-E., Turritella, Les- 
sepsi M.-E , AmpuUaria (!) cf. ovata OL, Mjlio- 
bates-Zähnen. Mittlere Turritellen-Bank, 
ca. 5 m bis zur Ebene. 



3-4m 



4m 



2-3m 



ca. 3 m 



6. Profil am Gebel Achdar, aufgenommen P/a Stunden nord- 
nordöstlich von Qasr es-Saga im ONO. des basaltischen 
„Schweinfurth-Plateaus\ (16.— 17. 2. 1902.) 



Fig. 7 (1 : 2000). 




X = Haiflschhorizont 
-f- f- = 2 Knochenhorizonte. 
Z = Zeltlager am 16^7. IL 
= Braane Steinkeme und 
Wirbel. 



1 — 1 */2 m gelb weisser Kalk mit Echinolampas Crameri 
u. a. Verst. 



5b 



13 m graugrüne Thone und weisse Sandschichten, Thon 
mit bis 15 cm dicken, senkrechten Adern von Fasergips. 



Weisse Caroliakalke. 



Dunkle Thone. ein Knochen. 

Weisser Sandstein. 

Fischhorizont, Sandstein mit Pristis, Myliobates, Otodus. 



M. Blanckenhom: Geölogischstratigraphisehe Beobachtungen, 383 



5a 



3 Terrassenabsätze mit Bänken von Ostrea elegans und 
Turritellen, 

Mergel, höherer Knochenhorizont, mit Schlangenwirbeln 
(Moeriophis Schweinfurthi Andrews), Schildkrötenpanzer, 
Krokodil, 

Gelbrötliche bröckelige Mergelbank, 

2 — 4 cm eine schwarze und weisse Sandlage, 

5 cm gelbe Mergel mit Knochen, 

1 m weisser Sandstein oder grauer Thon, tieferer Knochen- 
horizont mit Knochen von Welsfischen, Schlangen (Moe- 
riophis), Krokodil (Skelet), Walfisch (Gehörknochen), 
Zeuglodon cf. Osiris Dames (Kiefer) und Moeritherium 
Lyonsi Andr. (Unterkiefer). 



. Profil Va Stunde nordnordöstlich von Qasr es-Saga an der 
Ecke oder Umbiegungsstelle der Klippen. (23. 1. 1902.) 

Fig. 8. 



Tl^ 


., — 


/=^ 


^ ^ 


zir 


/- 


5a 


c3^- 


•• 


r-5^ 


r^ 




^ ^ 



X = Steinkeme und Sftugethier- 

wirbel. 
G = Caroliascbichten. 
Ti = I. Turritellonbank. 



5a 
1,05 m) 



0,10 m Bank mit Ostrea Cloti und 0. sp., 

1,50 m Zwischenlage, 

0,70 m gelbe Schicht, 

1,50 m hellgelbe und graue Mergel, 

3,50 m weisser Sand, 

0,60 m gelbe Schicht mit Carolia und Cassidaria, 

1 m grauer Schieferthon, 

0,10 m violettbraune Knollen von Kalk mit viel braunen 
Kernen von Macrosolen uniradiatus, Teredo longissima, 
Solarium, Cassidaria, Gisortia gigantea, Lanistes (I) sub- 
carinatus, Wirbeln von Sirenen und dürftigen Resten 
von Myliobatiden und Krokodil ; zuweilen an Stelle dessen 
Caroliaschicht mit Carolia und Ostrea Cloti, 

1 m rötliche Mergel, 

0,05 m Carolialage, 

1 m gelbe Gipsmergel. 



384 Sitzung der mathrphya. Claase vom 8. November 1902. 



0,20 m Bank mit Turritella pseudoimbricata Opp. sp. n. 

und 0. Cloti (untere Turritellenbank), 
8 m Zwischenlage, 
0,20 m Schicht mit Ostrea elegans. 



I. Profil des Sagaberges unmittelbar hinter Qasr es-Saga. 
(22.-23. 1. 1902.) 

Fig. 9 (1 : 2000). 




S = Qasr cs-Saga im Querdurchschnitt, -f '^ °^ über dem Birketspiegel, 85 m Ober 

dem Mittelmeer. 
A = Anachoretenhöhle. St = Braune Steinkeme. C = CaroliabSnke. 

T 1-3 = 3 Turritellenbänke. = Austornbanke. 

P = Plicatula. H = Hydractinion. 



Fig. 9 a. 




- ..ff jp^'^^ift -i^y^^-^^-^ > -^^ 



(12 m) 



3 m Gipsmerge), 

1 m harte gelbe Mergelbank, 

8 m Gipsmergel mit Fischresten. 



M, Blanckenhom: Oeoloffisch-strttHgraphische Beobcuhtungen. 385 



6 

6 m) 



2 m Austembank, 

1 m Mergel. Zahn von Myliobates, 

3 m Caroliabank, Turritella pharaonica. 



5b 
-20 m) 



10— 20 m Gelber Sand mit diskordanter Parallelstruktur, 
Mergelsandstein, schwarze und graubraune sandige 
Schieferthone mit Laubblattabdrücken und sonstigen 
kohligen Resten. Selten Korallen, Fischzähne, Schild- 
krötenreste. 



oa 
),25 m) 



2,70 m 



1 m Gelbe Austembank mit roten Flecken, Ostrea Reili, 
Carolia, Turritella Lessepsi M. E. und fraudatrix Opp. 
n. sp., Panzer einer Schildkröte (Podocnemis), 
( Rote Lage mit Knochen (23. 1. II), 
\ Blätterthon mit gelben Wülsten, 
0,30 m Bank mit Ostrea elegans, Turritella Lessepsi M. E., 
pharaonica Cossm. und vinculata Zitt., Oberste Turri- 
tellenbank, 

1 m Mergel-Zwischenlage, 

0,50 m Terrasse mit braunen Steinkernen und Austern, 
Cardium, Cytherea Newboldi, Lucina, Macrosolen, Sola- 
rium, Ficula, Turritella fraudatrix und pharaonica, 

2—3 m Mergel, 

0,30 m harte Austernbank, 0. Cloti, 

2 m Gipsmergel, 

0,35 m Mittlere Turritellenbank, oben mit T. Lessepsi und 
pharaonica, unten mit Carolien, 

2,50 m dunkle Mergel, 

0,10 m rote Knollen, 

0,05 -0,15 m weisse Bank aus feinzerriebenen Muschel- 
trümmern, Fischotolithen und Zähnen, 

6 m gelbe Mergel mit Seesäugethier- Wirbeln. 



4 
J,55 m) 



0,20 m Untere Turritellenbank mit: Einzelkorallen, Anis- 
aster gibberulus, Schizaster, Plicatula poljmorpha, Ostrea 
Cloti und elegans, Anomia, Spondylus, Lucina, Cardium, 
Carolia, Cardita, Area, Turritella vinculata und pseudo- 
imbricata Opp. n. sp., Calianassa, Myliobates, 

3 m gelbe Mergel, 

7 m Mergel, oben lokal mit Carolia, unten mit riesigem 
Gelenkknochen, 

0,35 m Bank mit Hydractinia cornuta, Anisaster, Euspa- 
tangus, Serpula, Ostrea Cloti, Reili und elegans, Plica- 
tula, Carolia, Macrosolen, Turritella pharaonica, Boghosi, 
Locardi, pseudoimbricata und Hofana, 



388 Sitzung der mathrphys, Glosse vom 8, November 190S. 



3 
(25,15 m) 



0,15 m Terrasse mit Ostrea, Carolia, Turritella, Calianaasa, 
5 m Graue und gelbe Mergel, Modiola, 

Au8tenibankiiiitHydractiiiia,Macro8olen,Turritella, 

Grauer Schief erthon mit Wülsten, 

Schwarzer Schiefertbon mit RoteiaensteinknoUeD, 

Weisse Schalenschicht mit roten Flecken, 
20 m ^ Mergel, 

Austemschicht. Hydractinia, Grosse Ostrea Praasi 
und elegans, 

Mergel, 

Austemschicht mit kleinen Austern am Bergesfusse. *) 



Summa c. 95—97 m. 



L. Profil am „Korallenhügel", 2 Stunden nordwestlich Dimeh. 

(13. 2. 1902.) 



Fig. 11 (1:2000). 











i I i i Ml 16 
5b 



5a 



Z = Unser Zeltlager am 13.-15. II. 1902. 

T = Turritellenbänke. 

= Ostrea. 

C = Carolia, 

M = Mocrosolen. 

H = Hydractinia. 

K = Korallen am „Korallonlnigel". 



^) Der Fuss des Bergabhantrs liegt c. 50 m über dem Spiegel der 
Birket d. h. + 7 m über dem Meere. 



M. Blanckenhom: Geologisch-atratigraphische Beobachtungen. 387 



5a 
(13,65 m) 



0,50 m gelbe harte Bank mit Ostrea Cloti, Macrosolen, 
Turritellen, Mittlere Turritellenbank, 

2,50 m dunkle Schieferthone, oben zuweilen weisser Sand- 
stein. Knochen von Welsen (Kopfpanzer und Wirbelsäule), 
Sägefisch (Säge), Schlangen (Wirbel von Moeriophis 
Schweinfurthi und Gigantophis Garstini Andr.), Krokodil 
(2 Skelette), Schildkröten (Platten), Walfisch (Gehör- 
knochen), Sirenen (Wirbel).*) 

1 m gelbe Mergel, 

0,10 m Schicht mit viel Ostrea Cloti, 

2 m gelbe Mergel. 



(30 -31m) 



0,40 m gelbe, harte Bank mit Turritellen. Untere Turri- 
tellenbank? 

0,50 m weisser Sandstein, 

4 m dunkelgrauer Schieferthon, 

0,40 m harte Austernbank mit Ostrea Cloti, Macrosolen, 
Lucina und zahlreichen Turritella fraudatrix Opp. n. sp. 

1 m graue Mergelsteilwand, 

5,75 m verschüttet, in der Mitte eine Austembank, 

0,60 m gelbe, harte Bank, 

0,40 m weisser Sand, 

3 m schwärzlicher Schieferthon, 

1 m gelber, harter Sandstein, 

0,70 m gelber, fester Kp.lk mit Carolia, Macrosolen, Cjtherea, 
Turbinella, 

3 m schiefriger Mergel, 

0,90 m eisenschüssiger Kalk mit Euspatangus, Ostrea Cloti, 
Turritella, unten Carolialage, 

0,50— 80 m weisser Sand, 

0,10 m Roteisenstein, 

1,55 m hellgrauer Mergel, 

0,10 m weisse Schalenschicht, 

7 m gelbgraue schiefrige Mergel mit kopfgrossen Kalkknollen. 



') Va Stunde östlich von diesem Profil fand Dr. Stromer an einem 
Vorberg mit Hjänenhöhlen in diesem Horizont einen chokoladenbraunen 
Thon mit Blattabdrücken und Modiola cf. corrugata. Hier viele Wels- 
achädel, Sägen von Pristis, Sirenenskelet, Scapula von Zeuglodon?, Pla- 
stron einer Schildkröte. 

*/2 Stunde westlich von hier zwischen Profil K und L wurde der 
von Stromer beschriebene Schädel von Zeuglodon Osiris Dames in einer 
Schicht von grauen und roten Mergeln ausgegraben. 



390 Sitzung der meUK-phys, Clmae vom 8, November 1902. 



4 
(18,10 m) 



9 m Mergel, 

0,30 m Mergel mit Plicatula polymorpha, Ostrea Cloti und 
Rdili, Spondylus, Carolia, Area und rundlichen Bivalven, 
Turritella pharaonica und pseudoimbricata Opp. 



8 
(16 -17 m) 



6 m Gelbe Mergel, in der obem Hälfte mit einer Caroliabank, 

1 m Mergel, oben mit Ostrea Cloti, Area, Natica, 

4 — 5 m gelbe und blaue Mergel, gekrönt von einer Bank 

mit viel Hydractinia, Spondylus, Carolia, Cardium, Macro- 

solen, Turritella pseudoimbricata. 
1 m gelbe Mergel, oben mit Hydractinia, Ostrea Cloti und 

kleinen Austern, 
4 m Mergel mit Hömerwülsten ; am Korallenhügel mit 

Riff aus Goniaraea elegans, Astrohelia similis, Ostrea 

Fraasi.*) 



Summa 99—100 m. 



M. Profil des „Zeuglodonberges" (^ auf Schweinfurths Karte), 
3 Stunden westsüdwestlich Qasr es-Saga. (24. 1. 1902.) 



Fig. 12 (1 : 2000). 




T. = TurritellenbEnke, 
0. = Austernbänke, 
£u. = EuspatangQs, 
Z. = Knoch«ii von Zeoglodon, 
P. = Plicatula. 



M Diese untersten Schichten wurden, soweit sie an dem in der 
El)«Mie vorlietrendon ^Koralleiihügel'* auftreten, früher von Majer-Eymar 
uiul mir (Zeitscbr. d. Deutsch, geol. Ges. 1900. S. 44) als zu Abteilung II 1 
und einer durrb Kand Verwerfung: vom Gebirgsabfall getrennten Scholle 
<xehr)rior aufgesehen, was ich jetzt nach genauerer Nachprüfung berich- 
tig:en möchte. 



M, Blanckenham: Oeölogisch-straiigraphisehe Beobachtungen. 391 
Fig. 12 a. 




Zeuglodonberg vom Fusse aus gesehen. 



Caroliabänke, weiss, Ostrea. 



5b 
z. 22 m) 




Aschgraue Thone, brauner Sandstein mit Säuge- 
thierwirbel, 

schwache Austembank, 

Gipsmergel mit violettbrauner eisenschüssiger 
Lage. 



5a 
.6,90 m) 



1 m Austembank, deutliche Terrasse bildend. Hydractinia 
(selten), Ostrea, Cardium, Macrosolen, unten Carolia, 

1 m rotgefleckte, harte Mergel, 

0,10 m Kalk mit viel Turritellen. Obere Turr.-Bank. 

0,80 m grauer Schieferthon mit Wülsten, 

3 m hellgraue und gelbe Mergel mit weissen Gipsflecken, 

5 m dunkler Schieferthon mit Gips. Sägefisch und andere 
Fischreste, Schildkröten, 

1 m mittlere Turritellenbank. Violetter, unten grauer Kalk 
mit Euspatangus formosus, Carolia, Ostrea Cloti, Lucina, 
Solarium, Turritella Lessepsi, Clavellites aegyptiacus, 
Nautilus, Skelet-Unterkiefer von Zeuglodon Osiris Dam.*) 

1 m Wechsel von Sand, Thon und Eisenstein, 

31/2—41/2 m Mergel oder grauer Thon mit violettem Kalk- 
stein. Fossiles Holz, Clavellites Noae, Turritella, Nau- 
tilus Nubari. Viele Knochen von Fischen, Krokodil, 
Schlangen (Moeriophis Schweinfurthi Andrews) Schild- 
kröten.2) 



') Original von Schweinfurth-Dames. 

*) Etwas östlich von diesem Profil im gleichen Horizont Moeriophis 

26* 



392 Sitzung der matK-phy 8, Glosse vom 8. November 19Ö2, 



4 
(8,80 m) 



0,60—1 m gelber und rötlicher Mergelkalk mit Carolia, 
Ostrea, Mjliobates, Schädel von Eosiren libyca Andrews, 

0,25 m weisser Sand mit falscher Schichtung, 

1,50 m grauer Thon und Mergel mit Knochen, 

0,25 m violetter Eisenstein, 

1 m grauer Thon, 

5 m verschüttet, darin eine rötliche Lage mit Euspatangus, 
Plicatula und runden Bivalven. 



Summa c. 53 m. 



N. Profil ^/a Stunde nordwestlich vom Zeuglodonberg mit 
einem Fischzahnlager. (14. 2. 1902.) 

Fig. 13 (1 : 2000). 




5c 

(15 m) 



3 m Caroliakalk. 



4 m Steilwand, schwarze Schieferletten, weisser Sandstein 

und Gipsthon, 
7 m Thon, Kalk und gelbe Mergel, 

1 V2 m gelbe Mergel, Stufe bildend, 
V2 m grauer Thon, 

2 m gelbe, rotgefleckte Mergel. 



5b 
(10,70 m) 



1 m hellgelbe, sandige Mergel, 

9 m Steilabsturz von grauem Thon im Wechsel mit weissem 
Sand, 

0,06 m weisse, plattige Sandsteine, 

0,05 m Bonebed, eisenschüssige, sandige Breccie mit Zähnen 
von Lamniden, Hemipristis curvatus Dames, Aprionodon 
frequens Dam. (häufig), Mjliobates (häufig), Chrysophrys 
sp., Platten, Wirbel und Flossenstacheln von Fischen, 



Scbweinfurthi (Wirbel), Moeritherium Lyonsi Andr. (Oberkiefer), Moeri- 
therium sp. (Uiit(?rkieferast). 



M. Blanckenhorn: Oeologtsch-stratigraphische Beobachtungen. 393 



5b 

,70 m) 



0,30 m plattiger Sandstein, 
0,10-25 m Bonebed wie oben, 
0,10 m Mergel. 



5a 

5 m) 



1,20 m gelbe Mergel, Stufe. 

0,20 m braune Bank mit Muschelkemen, Macrosolen, 
Astarte, Ostrea, Turritella. Obere Turritellenbank. 

2 - 3 V2 m schwarzer Thon, 

2 V2 m gelbe, sandige Mergel, nach Osten dafür 5 m weisser 
und rostiger Sandstein, 

1 m Gipsthon, 

0,20—40 m rote Zeuglodonschicht oder mittlere Turritellen- 
bank, Stufe bildend; viel Carolia, Turritella, 

0,50 m gelbe Mergel mit grauen Thonzellen, Carolia, Schild- 
kröte, 

0,30 m weisser Sandstein, 

1 m gelbe, graue, harte Mergel mit Skelet einer Sirene. 



4 
10 m) 



0,10 m rote Schicht mit Carolia und Turritella; untere 

Turritellenschicht, 
1 m graue Mergel, 
1 m Gipsthon. 



Summe 45,80 m. 

Berg (^1^ auf Schweinfurths Karte) dic^; nördlich vom 
stende der Birket el-Qerün, = Gebel d'Archiac Majer- 
Eymars. (20. 1. 1902.) 

Fig. 14 (1 : 2000). 







s-y^Y<v>\^(-^^^^^^' . 


pT— =' 


^^ 5a 



Caroliabänke. x Austernbank. K = Schalenschicht mit Korallen and weissen 
lylienschalen. S = Schwarzes Mergelband mit weissen Gipsadern. X Knochen 
'ischen und Landsäugetieren. 



394 



Sitzung der math.-pT^s. Glosse vom 8, November 1902, 



6 
(c. 19 m) 



2 — 3 m Caroliabank mit Carolia, Ostrea Reili, Mactra 
Fourtaui, Cardita, Cardium, Area, Turritella pharaonica, 
Mesalia Locardi, 

0,50 m weisse Mergel mit Brauneisenstein, 

0,50 m Caroliabank, 

9 m grüne Thone, 

1 m Bank voll Turritella carinifera, Myliobates, 

0,15 m Caroliabank, 

4 m grünlich sandige Mergel mit Gips, 

0,20 m Bank mit Carolia und Ostrea, 

1 m härterer Kalk. 



5c 
(18,30 m) 



7 m graugrüne und schwärzliche Thone, 

1 m Kalk mit Austern und Lucinaschalen, 

1 m gelbliche Mergel mit rötlichen Wülsten und weissen 

Schalen (ähnlich der roten Schalenschicht in II 2 bei 

Dimeh), Astrohelia similis, Lucina pharaonis, Cardita 

Viquesneli, Cjtherea Newboldi, Nautilus, 
9 m schwärzlicher, sandiger Thon mit weissen Gipsadem, 
0,30 m gelbgraue Mergel mit rotbraunen Wülsten und 

weissen Konchylienschalen (Schalenschicht). 



5b 
(23 m) 



5a 

und 

4 



lim graubraune oder schwarze Mergel mit weissen Gips- 
schnüren, 
12 m steiler Absturz aus gelblichem Mergelsandstein. 

c. 24 m Abhang verschüttet; stellenweise viele (eocäne) 
Fiachknochen und subfossil ünterarmknochen von Camelo- 
pardalis, oberflächlich diluviale Seeablagerungen. 

Am Fusse Dünen. 



Summe 84,3 m. 

Aus den gegebenen, in ONO. — WSW. -Richtung an- 
einander gereihten Profilen der Qasr es-Saga- Reihe geht die 
ganze Art ihrer Ausbildung in ihren einzelnen Abteilungen 
und Schichten nebst ihrer Fauna, die Art des horizontalen 
Wechsels u. s. w. klarer hervor, als aus langen Auseinander- 
setzungen. Doch sei es mir noch gestattet, in wenigen Worten 
die allgemeinen stratigraphischen Ergebnisse dieser Aufnahmen 
zusammenzufassen. 

Die Schichten fallen durchweg mit geringer Neigung, 
etwa 1 — 2^ ein und zwar im östlichen Teil der Plateauwüste 
bis etwa ■^"'^ Profil K am Korallenhügel gegen NNW., von 



M. Blanckenhom: GeologUch-stratigraphische Beobachtungen, 395 

da an schlägt das Einfallen anscheinend mehr in WNW.- 
Richtung um, so dass weiterhin in der Richtung nach WSW. 
zum Westende des Sees allmählich jüngere Schichten an den 
Fuss des Hauptabfalls und auch an das Ufer des Sees heran- 
treten. Au dem von Schweinfurth mit dem Buchstaben 2* 
bezeichneten Berge nimmt die Vorterrasse von Dimeh ihr Ende 
und die zweite oder Hauptplateaustufe tritt direkt an den See. 
Damit verschwindet auch die Abteilung 2 mit der roten Scbalen- 
schicht und der charakteristischen ^ Schaf heerde", welche bis 
dahin in ziemlich gleicher Höhe über dem Seespiegel zu ver- 
folgen war, von der Oberfläche und taucht unter denselben 
hinab. 

Die Mächtigkeit der einzelnen Abteilungen nimmt nament- 
lich durch Einschaltungen mächtiger Thon- und Mergellagen 
in der Richtung nach WSW. zu. Im Durchschnitt sind sie 
sechsmal so stark als am Mokattam z. B. in dessen Normal- 
profil C und siebenmal so stark als am Gebel el-Ahmar bei 
Profil D. 

Die einzige Abteilung, welche am Mokattamgebirge (3 — 5 m) 
speziell bei Ajun Musa (hier 14 m) stärker ist als im Fajüm 
(hier P/a m)^), ist die alleroberste 8, der Deckkalk mit Echino- 
lampas Crameri. Die darunter liegenden Abteilungen 7 und 6 
sind auch nur 2 — 3 mal stärker als am Mokattam, nur im 
westlichsten Profil N am Westende des Sees schwillt auch der 
obere Caroliakalk 6 durch Einschaltung von Thonen zu 19 m an. 

Den allergrössten Gegensatz gegen die Ausbildung am 
Mokattam bekundet die mächtige Abteilung 5, welche bei 
Kairo eigentlich nur mit Mühe überhaupt nachzuweisen ist 
und allein im Fajüm ihre besondere Rolle spielt. Keine Ab- 
teilung der Oberen Mokattanistufe zeigt hier in lithologischer 
wie faunistischer Beziehung einen so ausgeprägten fluviomarinen 
Charakter, keine weist so sehr auf die Nähe eines einmünden- 



*) In der Mitte zwischen Fajüm und dem Mokattam (vergl. Profil F 
und Figur 15 weiter unten) hält die Stärke dieser Abteilung (4—6 ^2 m) 
die Mitte zwischen den im NO. und SW. zu beobachtenden Extremen. 



'^96 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 8. November 1902. 

den Flusses, des Umil, hin, als diese. Auch ihre Mächtigkeit 
ihr Verschwinden am Mokattam hängt mit letzterem ümsiand 
zusammen. In allen Profilen des Fajümgebiets schon tod F 
an macht sich deutlich eine Zweiteilung der Etage 5 geltend. 

Der höhere Komplex 5 b besteht aus den als mächtige Steil- 
wand auffallenden aschgrauen, manchmal kohligen Schiefer- 
thonen mit Pflanzenresten und Sauden oder Sandsteinen, tod 
denen letztere in Profil G und N einen wichtigen marinen 
Fischhorizont oder Bonebed reich an schonen Haifischzähnen 
enthält. 

Die tiefere Gruppe 5 a, welche oben mit einer wohlaus- 
gebildeten Terrasse voller Austern abschliesst, setzt sich aus 
Austembänken, Turritellenbänken und Carolialagen in wieder- 
holtem Wechsel mit Mergeln, Thon und weissem Sand zu- 
sammen. Häufig sind rotbraune bis violette Knollen oder ganze 
Bänke von schwach eisenschüssigem Kalk mit Steinkemen von 
Bivalven und Gastropoden, unter denen solche der fluviatilen 
Süss Wassergattungen Lanistes und Ampullaria (cf. ovata) neben 
echt marinen Formen (Gisortia, Cassidaria etc.) nicht selten 
sind. Diese Knollenkalke sind neben den Mergeln und Thonen 
das Hauptmuttergestein der Knochen und ganzer Skelette von 
marinen und fluviatilen Reptilien und Wassersäugethieren, 
denen sich leider nur sehr vereinzelt auch eingeschwemmte 
Reste von Landsäugethieren (Barytherium, Moeritherium) zu- 
gesellen. Der wichtigste derartige Horizont liegt ziemlich be- 
ständig dicht über der Basis von 5 a zwischen der „ersten* und 
„zweiten Haupt-Turritellenbank". 

Nach Westen zu nimmt die fluviomarine Abteilung 5 derart 
an Mächtigkeit zu, dass man eine Dreiteilung vornehmen, näm- 
lich über 5 b (23 m Sandstein und Mergeln) noch 5 c unter- 
scheiden könnte, worin 2 rotbraun gefleckte Schalenschichten 
mit weissen Konchylienschalen (Cardita Viquesneli etc.) und 
Korallen ganz ähnlich denen von Dimoli in Abteilung 2 und 
eine Austornbank auffallen *) (siehe die Profile N, 0). 



^) Vergl. aucb A. Kaiser. Heise um den Kurun-See. S. 20. 



M. Blanckenhom: Geologisch-atratigraphische Beobachtungen, 397 

Die Abteilung 4 hat als Decke eine ^untere Turritellen- 
bank*, die zuweilen auch als Ostrea Clotibank erscheint; in 
der Mitte liegt eine oft weithin auffallende Caroliabank mit 
riesigen, glänzenden Schalen dieser schönen Muschel und an 
der Basis folgt eine an Plicatula polymorpha sehr reiche, selten 
zu übersehende Lage. 

3 ist am wenigsten in den Fajüm-Profilen charakterisirt 
und auch weniger wichtig. Wir lernten sie nur in Profil I, 
K und L am Fusse des Gebirgsabfalls kennen; am stärksten 
(16 — 17 m) erscheint sie am „Korallenhügel". Hier herrschen 
Gipsmergel vor, denen sich Lagen mit grossen Austern (0. Fraasi 
und Hydractinien) einschalten. 

Die Fauna der Abteilung 3 — 8 ist ziemlich einheitlich. 
Die meisten Arten gehen durch alle Abteilungen hindurch, 
soweit solche nicht überhaupt fossilarm oder leer sind, wie 
besonders 7. Daraus dürfte wohl hervorgehen, dass sämmt- 
liche Abteilungen zusammen nur eine grosse Stufe bilden, 
nämlich das Obere Mitteleocän. 

Die Korallen der Gattungen Astrohelia und Goniaraea 
wurden in 2, 3 und 5 c beobachtet, Hydractinia cornuta in 
2 — 6 excl. 5 b (häufig nur in 2 — 3), die Seeigel Echinolampas 
Crameri und Anisaster gibberulus in 4 und 8, Euspatangus 
formosus in 4 und 5 a. 

Carolien und Plicatula finden wir von 2 — 6, doch be- 
schränkt sich das massenhafte Auftreten von Plicatula poly- 
morpha unbedingt nur auf 4, die sogenannten Plicatulabänke. 
Ostrea Cloti, Reili, Fraasi und elegans beobachteten wir in 
2— 5 a. 

Von der nach den Austern artenreichsten Gattung Turri- 
tella ist die allerhäufigste Spezies: T. angulata, welche Coss- 
mann jetzt als pharaonica unterschied, schon im Untern 
Mokattam sehr verbreitet, dann im Obern in allen Turritellen- 
lagen in 2, 4, 5 a, 6 und 8, ja sie geht noch viel höher mitten 
ins Oligocän hinauf. Von den übrigen Arten aus der Untern 
Mokattamstufe fand ich Turritella Boghosi Cossm. nur in II 4, 



398 Sitzung der mcUhrphys. Classe vom 8. November 1902, 

T. Hofana M.-E. (= Zitteli M.-E.) in II 2, 4 und 6. Charak- 
teristische Arten der Obern Mokattamstufe sind T. Locardi 
Cossm. in 2, 4 und 6, T. vinculata Zitt. in 2, 4 und 5 a, 
pseudoimbricata Oppenh. n. sp. (= cf. Desmaresti bei Blancken- 
hom, Geologie Aegyptens II) in 3 und 4 (d. h. der „Untern 
Turritelienbank"), T. frandatrix Opp. n. sp. in 4 und 5 a. Als 
Leitformen für bestimmte Abteilungen sind beachtenswert T. 
carinifera *) in 2 und 6, noch mehr aber T. Lessepsi M.-E. für 
5 a, d. h. die beiden oberen „Turritellenbänke'*, welche sie oft 
allein erfüllt. 

Fischreste fanden sich in allen Abteilungen der Untern und 
Obern Mokattamstufe, die Sägefische bis jetzt nur in 13, 11 1, 
5 a und 5 b. Flussfische (Schädel von Welsen) beschränken sich 
auf die fluviomarinen Schichten 5 a, wo andererseits Haifisch- 
zähne fehlen. Panzer von Schildkröten und unbestimmbaren 
Knochen gibt es vielfach in 4, 5 a und 5 b, Zeuglodon in 1 
und 5a, näher bestimmbare Reste von Schlangen, 
Krokodilen, Sirenen und Landsäugethieren nur Inder 
fluviomarinen Abteilung 5a. 



3. Zur Eenntniss des fluviomarinen Obereocän-Oligoc&ns 
der Libyschen Wüste. 

Die auf das marine Mitteleocän in der Libyschen Wüste 
zunächst folgende zusammenhängende Reihe von Sedimentär- 
ablagerungen (von 125 — 250 m Mächtigkeit) gehört einer andern 
Facies an, die wir vorher nur in der Abteilung 5 a der Obern 
Mokattamstufe an der Birket el-Qerün wenigstens angedeutet 
finden. Sie ist eine fluviomarine Aestuarienbildung des »Liby- 
schen Urnil'', in welcher fluviatile, brackische und marine 
Bildungen wechseln, wobei aber die erstgenannten überwiegen. 
Das vorherrschende Gestein sind Sande und Sandstein, denen 
sich Kiese und gipsführende Thone anschliessen, während 

^) Am Mokattamgebirge bei Kairo auch in I 4. 



M. Blanckehkorn: Geölogiach-stratigraphische Beohachtufigen, 899 

Mergel und Kalke selten sind. Dieser Gegensatz spricht sich 
an der Basis des Komplexes auch orographisch durch das 
weite Zurücktreten der vierten, aus diesen Schichten aufge- 
bauten „Fajumstufe** hinter dem scharfen Rand des mittel- 
eocänen Plateauabfalls aus. Obwohl eine Diskordanz nicht 
direkt zu beobachten ist, könnte man doch speziell im NO. 
an eine Lücke oder Unterbrechung der Sedimentation zu Be- 
ginn des Obereocäns (Bartonien) denken und geneigt sein, den 
ganzen fluviomarinen Komplex ins Oligocän zu stellen. Mayer- 
Eymar fasst letzteren thatsächlich als Ligurien (XJnteroligocän) 
und Tongrien (Mitteloligocän) auf, und glaubt das Bartonien 
hier nicht vertreten. Die ägyptischen Landesgeologen, Beadnell 
und ich, haben in ihren Schriften trotzdem sich für Obereocän 
und XJnteroligocän ausgesprochen. 

Die Frage des Alters, speziell der Grenze zwischen Eocän 
und Oligocän kann mit Sicherheit nur durch die paläontologi- 
schen Befunde gelöst werden. Aber grade da liegt die Haupt- 
schwierigkeit und erheben sich schwer lösbare Rätsel. 

Sieht man von den überall mehr oder weniger verbreiteten 
pflanzlichen Resten und vereinzelten Schildkrötenknochen ab, 
so lassen sich meines Wissens 5 wichtige fossilführende Hori- 
zonte (a — e) innerhalb des Komplexes unterscheiden: 

Der tiefste, nahe der Basis gelegene, sandig-kiesige Horizont 
(a) liefert neben unglaublichen Massen von verkieselten Bäumen 
schwach verkieselte Knochen von Fluss und Land bewohnenden 
Reptilien und Säugethieren, die wenigstens, was die Säugethiere 
betrifft, wesentlich von der entsprechenden Fauna des ägypti- 
schen Mitteleocäns abweichen, meist ganz neuen, noch unbe- 
kannten Gattungen angehören und, soweit überhaupt vergleich- 
bar, mehr oligocänen Habitus aufweisen. Die Reptilien scheinen 
gleichen Gattungen, Toraistoma und Podocnemis, anzugehören, 
wie wir sie schon im Mitteleocän Aegyptens kennen lernten. 
Von Säugethieren hat man Wasserbewohner bis jetzt nicht 
wahrgenommen. Dagegen sind die Landbewohner durch ein 
merkwürdiges, nagethierartiges Raubthier (?) (Phiomia), das 



400 Sitzung der math.-phys, Classe vom 8. November 1903, 

nach Andrews^) zu den Creodontia oder Urfleischfressem ge- 
hört, die Hyracoideen oder Klippschliefer (? !) nach demselben 
Autor durch 2 Arten von Saghatherium Andr. gen. n., die 
Proboscidier durch Palaeomastodon g. n., die Anthracotheriden 
durch die sonst vorherrschend oligocäne Gattung Ancodus, 
endlich eine unbekannte Hufthierfamilie durch das wunderbare 
Arsinoitherium Zitteli Beadn. vertreten.^) 

Der zweite Fossilhorizont (b) wird gebildet aus rotem 
Sandstein mit Steinkernen fluviatiler Mollusken (Unio, Pseudo- 
don, Mutela, Spatha, Lanistes), die den heutigen Formen des 
Nil und des tropischen Afrika nahe stehen, was übrigens 
ebenso für den oben erwähnten Lanistes subcarinatus und die 
Ampullaria cf. ovata der Abteilung 5 a des Mitteleocäns gilt. 

Dann folgt als Abschluss einer Plateaustufe ein in bracki- 
schem Wasser gebildeter Kalk (c) mit Abdrücken von Cerithium 
tiarella (bekannt aus Mittel- und Obereocän), Potamides tri- 
striatus (des Mitteleocän), Potamides scalaroides (des Obereocän), 
Potamides conjunctus (des Mitteloligocän) und Melania Nysti 
(des Mitteloligocän). Diese Fauna ist sehr charakteristisch für 
die ganzen in Rede stehenden Ablagerungen. Man sieht eocäne 
und oligociine Faunen Europas in der nämlichen Schicht ge- 
mischt und kann demnach schwanken, welchen von diesen 
zwei Gruppen man das entscheidende Gewicht beilegen soll. 
Ich selbst habe die unter dem Kalk liegende Gruppe von Sedi- 
menten dem Obereocän zugerechnet und in diese brackische 
Bank die Grenze gegen das anbrechende mehr marine Oligocän 
gelegt. 

Auf der Ten^asse der Melania-Potamides-Kalke erhebt sich 
eine letzte fünfte Plateau stufe mit einem Basaltlager unterhalb 
des Gipfels. Ungefähr in der Mitte des Abhangs unter der 
Basaltdecke erscheint der vierte Fossilhorizont (d) in Gestalt 
von Sandstein mit sehr schlecht erhaltenen Abdrücken mariner 



1) Phiomia ist nach meiinT und Dr. Stromers Ansicht sicher kein 
Croodonte, Saghathoriiim kaum ein Hyracoide, Arsinoitherium aber ist im 
.aliuha\i Coryphodon ähnlich, al>o wohl ein Amblypode. 



M, BlaneJcenhom: Oeölogisch-stratigraphisehe Beobachtungen, 401 

Thiere, unter denen vom Schweinfurth-Plateau im NNW. der 
Birket nur Membranipora sp., Turritella pharaonica und nach 
Beadnell noch Pleurotoma ingens sicher bestimmt wurden. Die 
beiden genannten Arten sind uns aus der Mokattamstufe wohl- 
bekannt, speziell T. pharaonica als eine der allergemeinsten 
Schnecken. Hierher gehört ferner die von Mayer-Eymar müh- 
sam zusammengebrachte Suite von den Sandbergerhügeln im 
W. der Pyramiden von Gizeh und dem Gebel Fuchs, wovon 
ich nur folgende ziemlich sichere Arten erwähne: Lucina 
pharaonis (der Mokattamstufe), Natica cf. crassatina (des Oligo- 
cäns) und Turritella pharaonica. Also auch hier wieder eine 
Mischung von echt eocänen und oligocänen Arten, unter denen 
die ersteren diesmal überwiegen. 

Aehnlich wie hier verhält es sich auch mit der fünften 
Fossilschicht (e), die über dem Basaltlager liegt und auf dem 
Gipfel des Kom el-Chaschab den obern Abschluss der ganzen 
fluviomarinen Reihe bildet. In meinen früheren Ausführungen 
über das Palaeogen in Aegypten^) hatte ich noch mit Mayer- 
Eymar geglaubt, dass die Fossilschicht an genanntem Punkte 
von genau gleichem relativem Alter sei wie diejenige der Sand- 
bergerhügel und der Basis des Schweinfurth-Plateaus (d). Nach- 
dem ich aber auf unserer diesjährigen Reise das durchgehende 
Basaltlager am Ostfusse der Whitehouse-Hügel und des Kom 
el-Chaschab sowie auch südwestlich davon in der Mitte der 
sandigen Schichtenreihe vorgefunden und am letzten Ort hoch 
über dem Basalt einen fossilführenden Kalksandstein, wie ihn 
Mayer-Eymar vom Kom el-Chaschab beschreibt, als oberste 
Lage entdeckt habe (vergl. die folgenden Profile), muss ich 
nunmehr auch in der obersten Sandsteinschicht des Kom el- 
Chaschab einen etwas höheren Fossilhorizont annehmen. Seh wein- 
furth sammelte darin Tellina Bayani M.-E. (des Unteroligocäns), 
Turritella terebralis v. sulcifera Desh. (des Obereocäns, direkter 
Vorläufer der ähnlichen T. terebralis v. subgradata des Mio- 
cäns), Ficula Mayer-Eymari Blanck. (der Mokattamstufe, ver- 



>) Geologie Aegyptens II, p. 4G2— G4. 



402 Sitzung der mcUK-phys. Glosse vom 8, November 1902, 

wandt mit F. condita des Miocäns). Ich selbst habe dieser 
Liste nur noch Lucina pharaonis (?) (der Mokattamstufe und 
des vierten Fossilhorizonts d) von meinem neuen Fundpunkt 
(in Profil Q) zuzufügen. 

Nehmen wir nun für den ersten und zweiten (fluviatllen) 
Fossilhorizont a und b ein obereocänes, für die beiden letzten 
marinen ein unteroligocänes Alter an und legen die untere 
Grenze des Oligocän in die brackische Schicht, dann müssen 
wir die Folgerung ziehen, dass in Aegypten beziehungsweise 
Nordafrika und an seiner Nordküste zur Zeit des Obereocan 
oder Bartonien und gegen Ende desselben schon gewisse Thier- 
typen existirten, welche wir in Europa erst später kennen 
lernen (Ancodus, Melania Nysti, Cerithium conjunctum), also 
das Festland Afrika für Landbewohnende Säugethiere und das 
Aestuarium des Nil für öastropoden ein sogenanntes „Schöpf- 
ungszentrum** bildeten, von dem diese Thiertypen ausgingen. 
Ferner, dass viele echt eocäne Typen sich hier in Aegypten 
(wohl infolge der Beständigkeit der Facies und äussern Lebens- 
bedingungen) länger (noch bis mitten ins Oligocän) erhalten 
haben, als wir das für Europa gewohnt sind. Bei dieser 
Altershypothese gleichen sich aber jedenfalls die widersprechen- 
den Momente der Mischfauna besser aus, als wenn wir ein- 
seitig auf die jungen Säugethiertypen Ancodus und Palaeo- 
mastodon und die oligocänen Gastropoden uns stützend, den 
ganzen fluviomarinen Komplex als Oligocän, die tieferen Lagen 
als Unteroligocän, die höheren marinen als Mitteloligocän oder 
Ton grien auffassen. 

Auf unserer zweimaligen Reise ins Fajüm hatten wir vier- 
mal Gelegenheit, diese Schichten kennen zu lernen: 

P. Ostabhang der Whitehousehügel ^) Schweinfurths, von den 

Beduinen gewöhnlich auch Kom el-Chaschab genannt. 

(7. 2. 1902.) 

1) Vergl. Geol. topogr. Kurte der Kreide-Region bei den Pyramiden 
von Schweinfurth. Peterm. Mitth. 1889. Taf. I. 



M. Blanchenhom: Geologüch-stratigraphische Beobachtungen, 403 



c.25-30m 



Oben Grobes Geröll von Feuerstein, Kieselkalk, schwarzem Porphyr etc. 
e. Violettbrauner, löchrig zerfressener Sandstein (darin an 

dem isolirten Kegel im N. dieser Hügelgruppe, dem Kom 

el-Chaschab im engeren Sinne, von Schweinfurth Petre- 

fakten mit Schale gesammelt), 
Weisser Knotensandstein, Sande und Kies mit verkieselten 

Baumstämmen bis zu 14 m Länge. 



In der Ebene, 25 Mi- 
nuten vom Ostfuss ent- 
fernt, anstehend Basalt- 
lager mit Kieselsinter- 
adern (letztere auch von 
Schweinfurth beob- 
achtet). 




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404 Sitzung der matK-phys. Glosse vom 8. November 1902. 



e) 



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c) 



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a) 



c. 1 m Grauer, grober Sandstein mit Abdrücken von Lu- 
cina cf, pharaonis ? 

c. 30— 35 m Knotensandatein, Sand und Kies mit vielen 
fossilen Baumstämmen, 

Im Basalt, oben plattig abgesondert und in Scherben 
zerfallen, unten schlackig löchrig, aschgrau verwittert 
mit runden Knollen dichteren Basalts und mit Drusen 
von Prasem und Chalcedon, grünen Mandeln von De- 
lessit, Adern von Kieselsinter, 

0,70 m grüner und violetter, geschichteter Tuff, 

0,45 m gelblicher, eisenschüssiger Mergelsandstein oder 
rötlicher Knotensandstein, oben durch Kontakt ver- 
ändert, 

5 m Sand, violett oder weiss und Knotensandstein, 

c. 16 m aschgrauer Thon, Sand und Sandstein. 



Stufe aus: 

1 m Thoneisensteinlagen (3) mit Thon und Sand da- 
zwischen, 

1 m grauem Thon mit Gips, 

0,15 — 25 m ockergelber Mergelkalkbank, ähnlich dem Me- 
lanien-Potamideskalk (c), 

1,20 m grauem Thon, 

0,25 m ockergelber Mergelbank, 

3 m grauem Thon. 
Tiefere Terrainstufe aus: 

6 m oben hellrötlichem Kalk mit Kalkspathdrusen und 
Adern, darunter feuerrotem Sand, 

3m Sand, Sandstein und Kies mit versteinertem Holz (a). 



(Die untere Fortsetzung dieses Profiles von dem unmittelbar 
folgenden Steilabsturz des Mitteleocäns bis zur Ebene siehe 
oben bei Profil F). 



K. Südostecke des basaltischen „Schweinfurth-Plateaus**, der 
höchsten Aufragung zwischen Wadi Natrun und Birket el-Qerün 
und von dort hinab in OSO.-Richtung. (9.— 10. und 16. 2. 1902.) 



M. Blanckenhom: Geoloffisdi-straHffraphiscke Beobachtungen. 405 



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1902. Sitzungsb. d. math.-pliys. Gl. 



27 



406 Sitzung der malh.-phys. Glosse vom 8. November 1S03. 

Fig. 17. Blick auf die SO.-Ecke des Schweinfurthplateaus von 80. am. 



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(1) 



c. 7 m Kies mit grünlichem Sand und Trümmern von verkie- 

seltem Holz. Oberste Plateauschiclit, 
1 — 2 m graugelber Sandstein, 

G m grünlich aschgrauer, mürber schlackiger Basalt undToff, 
3 m Decke aus feinkörnigem Feldspathbaaalt, 
1,20 m grüner und violetter, tuffartiger, kalkiger Sandstein mit 

braunen Thonpartikeln, 
2 m gelber, roter und weisser Knotensandstein, 
2 m rote Letten, 

4,30 m grauer und rötlicher Sand, 

1,30 m vorspringende Bank von grauem Knoten Sandstein, 
9,30 m Sand und mürber Sandstein, 
0,50 m Knotensandstein, vorspringende Kante, 
0,40 m Mergelkalk, 
0,10 m Knotensandstein, 
1,50 m bunte Letten, 

2 m Sandstein mit Abdrücken mariner Schalthiere, 
5,80 m grüner und gelber Sand und Kies, 
0.70—1 m Mergel kalk und Mergel, 
12 m Sand und Thon, 
c. 10— 12 m verschüttet. Plateaustufe. 



(Summa c. 70 m). 



8 10 m 



c. 40 m 



Gelber Kalk mit Melania Nysti und Cerühium conjunctum, 

Weisser Kalk, 

Weisser Sand, 

Hüter Sand, Sandstein und Kies, unten mit vereinzelten 

Knochen von Schildkröten. 
Wiederholter Wechsel von kreidigem und ockergelbem 

Mergelkalk mit Kalkspathdrusen, weissem und rotem 

Sand, Knotensandstein, Kies und buntem Thon, in 

mehreren Terassenstufen aufgebaut. 



a) 



M, Blanchenhom: Geöhgisch-stratigraphisdhe Beobachtungen, 407 

Am Fuss dieser untersten Terrassen der , vierten Fajüm- 
stufe* Schweinfurths ^) dehnt sich eine Hochfläche 
aus, durchzogen von flachen Thälern mit niedrigen, 
sanft abgerundeten, welligen Erhöhungen aus Kies, 
grauem und rotem Sand, Knotensandstein, Eisenstein- 
lagen und grünem Thon. Hier auffallend viel ver- 
kieselte Baumstämme bis zu 23m Länge, teilweise 
sich gabelnd oder in 3 Aeste geteilt. In der Um- 
gebung dieser Baumstämme sind schwach verkie- 
selte Knochen von Krokodil (Tomtsioma ?), Schild- 
kröten {Podocnemis), Palaeomastodon, Äncodus Gor- 
ringei Andr. u. ßeadn., Hyaenodon'? angehäuft. 



c. 25 m 



Summa c. 75 — 80 m. 

Die direkte Fortsetzung dieses Profils nach unten bildet 
das obige Profil ö mit Figur 7. 

S. Aufstieg vom Rande der dritten Fajümstufe oberhalb des 

„Korallenhügels** (vergl. Profil L. Fig. 11) zu meinem früheren 

Lagerplatz im Jahre 1898^) (bei + 132 m Meereshöhe). 

Der Fuss des durch seine rote Farbe auffallenden Berges „Station IV" 
meiner ehemaligen Kartenaufnahme 2) besteht aus 

1 m gelbem Sand und Knotensandstein mit weissen Knochen, 
3 m roter Sand, 

2 m bunte Letten. 

Unterhalb des Fusses folgt eine Fläche mit einzelnen flachen Hügeln 
mit Knotensandstein und Kies. Dort Knochen von Krokodil, Schildkröten 
und grossen Landsäugethieren wie Arsinoitherium (Wirbelköi-per von 
12 cm Durchmesser), eine glatte höckerlose Schädeldecke eines grossen 
Hufthiers u. s. w. 



') Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajüm. S. 141, 
*) Vergl. dazu das , Querprofil durch den Fajümgraben'* in meiner 
, Geologie Aegyptens** II, Taf. XIV, Fig. 2 und S. 454. 



27^ 



408 Sitzung der matK-phys, Glosse vom 8. November 1902, 

4. Zur Kenntnis der Basalte Aegyptens. 

An mehreren Punkten der Libyschen Wüste hatte ich 
Gelegenheit, anstehende Basalte sowie auch GeröUe von Basalt 
und anderen krystallinischen Felsarten anzutreflfen. Da bisher 
nur eine einzige petrographische Beschreibung eines Basalt- 
gesteins aus der Libyschen Wüste, nämlich der aus der Oase 
Beharieh von Ascherson mitgebrachten Gesteinsstücke durch 
Zirkel*) existirt, so erschien es mir von Bedeutung, Proben 
weiterer Vorkommnisse behufs näherer Untersuchung zu 
sammeln. Dies fand an folgenden Orten statt: 

1. am Wege Menahaus-Qasr es-Saga 2 Tagereisen west- 
südwestlich von ersterem, wo am S.Februar in dem Oligocän- 
profil Q (Fig. 15) 

a) ein feinkörniger dichter Basalt, 

b) Basaltschlacke, stark verwittert, 

c) lose liegende Mandeln von Chalcedon, sekundärem Quarz 
und einem grünen delessitartigem Mineral 

gesammelt wurden; 

2. auf dem Gipfel des Schweinfurth- Plateaus (Profil R, 
Fig. 16), von wo am 9. Februar Proben 

a) der ausgedehnten oligocänen Basaltdecke, 

b) der lokal an den höchsten Punkten noch darüber lie- 
genden schlackigen kavernösen, bröckelig verwitterten 
Basaltschicht von 6 m Stärke, 

c) des unter a liegenden tuflfartigen Sandsteins entnommen 
wurden ; 

3. in der Ebene der Terrasse von Dimeh, ^\^ Stunden 
westlich Qasr es-Saga, wo sich einige schwarze, breite, niedrige 
Hügel aus lauter Basaltblöcken in gerader Richtung senkrecht 
zum Fusse des Ilauptgebirgsabfalls aneinander reihen, augen- 
scheinlich als Teile eines ehemaligen (pliocänen?) Lavastroms; 

') Bei Zittel: Beiträge z. Geologie und Paläontologie d. Libyschen 
Wüste. Paläont. XXX. S. 121. 



M, Blanchenhom: Geologisch-stratigraphische Beobachtungen. 409 

4. in der näheren Umgebung unterhalb Qasr es-Saga 
zwischen den dortigen Schutthügeln 

a) eckiges scharfkantiges Geröll eines dunkelgrüngrauen 
krystallinischen Gesteins mit schwarzer glatter Oberfläche, 

b) GeröUe von Basalt, entweder zu 2 a oder zu 3 gehörig; 

5. neben der Cheopspyramide (IV. Dynastie), wo Trümmer 
ihrer ehemaligen äusseren Basaltbekleidung herumliegen; 

6. im Todtentempel der IV. Dynastie bei den Pyramiden 
von Abusir, wo der Fussboden des Säulenhofs aus Basalt ge- 
bildet ist.O 

Diese verschiedenen Proben wurden an das Mineralogisch- 
petrographische Institut im Königl. Museum für Naturkunde 
zu Berlin, bezw. dessen Direktor, Herrn Geheimrat Professor 
Dr. Klein zu näherer Prüfung übergeben. Die durch Herrn 
Dr. Wolf daselbst freundlichst vorgenommene mikroskopische 
Untersuchung führte zu folgenden Resultaten: 

Das Gestein 4a ist ein Amphibolit von körniger Struktur, 
zusammengesetzt aus Plagioklas und Hornblende. 

„Der Kalknatronfeldspath ist nach Art der Gabbrofeld- 
spathe tafelig entwickelt. Es ist ein basischer Feldspath mit 
grösseren Schiefen der Albitlamellen. Auf M = ooP ob (010) 
zeigt er eine Schiefe von — 20^, entspricht also dem Labrador. 

Die Hornblende füllt entweder die Zwischenräume zwischen 
dem Feldspath aus oder reichert sich nesterweis an. Man kann 
2 Varietäten unterscheiden, eine grüne Hornblende und eine 
lichtere Varietät, die der strahlsteinartigen Hornblende näher 
steht und etwas stärkere Doppelbrechung aufweist. Die Horn- 
blende dürfte aus Diallag durch Einwirkung des Gebirgsdrucks 
entstanden sein. Man kann vereinzelte, noch nicht völlig um- 
geänderte Diallage beobachten und die Stadien der Umwand- 
lung zur Hornblende verfolgen. Ein geringer Erzgehalt ist 
dem Gestein eigen.** 

Das vorliegende Gestein ist anstehend aus der Libyschen 



*) Diese Probe verdanke ich der Güte des Herrn Professor 
Schweinfurth. 



410 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 8, November 1902. 

Wüste nicht bekannt. Dagegen gibt es Homblendegesteine und 
Gabbros ähnlicher Art zusammen mit Gneiss in der Oegend 
von Assuan^) und im krystallinischen Wasserscheidegebirge 
zwischen Nil und Rotem Meer.^) Es ist daher entweder als 
GeröUe des ehemaligen Libyschen Ur-Nil der Tertiärzeit in die 
Gegend von Qasr es-Saga transportirt oder, wie mir bei seiner 
Lage zwischen den Scherbenhügeln am Qasr es-Saga wahr- 
scheinlicher wird, von Menschen verschleppt worden. 

Das Gestein 2 a ist ein „grauer feinkörniger Feldspath- 
basalt von diabasisch körniger Struktur. 

Der Plagioklas ist leistenförmig entwickelt; der Augit 
wird licht grünlich durchsichtig. Olivin ist nur spärlich ver- 
treten, reichlicher dagegen leistenformiges Titaneisen.* Be- 
sonders charakteristisch für dieses Gestein sind die mit blossem 
Auge sichtbaren, grösseren, glänzenden Plagioklaseinsprenglinge 
bis zu 0,5 cm Durchmesser, neben denen seltener auch grosse 
Olivinkörner und Augitkrystalle wahrzunehmen sind. 

An diesen Basalt schliessen sich die meisten anderen fein- 
körnigen Basaltproben in ihrer BeschaflFenheit mehr oder weniger 
an. Besonders gilt das für Nr. 3, 5 und 6. 

Auch das früher von Arzruni ^) von Abu Zabel am Ismai- 
lia-Kanal nördlich Kairo beschriebene olivinarme Gestein gehört 
in dieselbe Gruppe, so dass man wohl berechtigt ist, für die 
Gesteine aus den Ruinen von Abusir und des Mantels der 
Cheopspyramide als Ursprungsort alte Steinbrüche der Gegend 
von Abu Zabel anzunehmen, wo ja auch heute noch der ganze 
Basaltbedarf von Kairo gedeckt wird. Beyrich*) bezeichnete 
den Durchbruch der Basalte von Abu Zabel als Jungtertiär, 
ohne freilich Beweise dafür vorzubringen, während Beadnell 



^) Bonney: Notes on the Microscopic Structure of some Bocks from 
the Noijxhbourbood of Assouan. Geol. Mag. 1886, p. 103. 

2) E. Fraas: Geogn. Profil vom Nil zum Rothen Meer. 1900, 

3) ^it/.b. a. K. Aka-l. (1. Wi>s.. Berlin 1882. 

"*) Ueht'r gt'Oirnost. Beobachtungen Schweinfurths in der Wüste 

zwischen Cairo und Sues 1882. 8. 17. 



M, Blanckenhom: Oedogisch-stratigraphische Beobachtungen. 411 

ihn für gleichalterig mit den angeblich oligocänen Basalten der 
Oase Beharieh und des Schweinfurth-Plateaus hielt. Der Basalt 
von Beharieh ist jedenfalls nach Zirkels Beschreibung von den 
hier vorliegenden Basaltvarietäten ziemlich verschieden durch 
das reichliche Auftreten des Olivins und Apatits und das Fehlen 
der grossen Plagioklase. 

Etwas reicher an Olivin als Nr. 2 a, 3, 5 und 6 sind 1 a, 
anstehend im Oligocän der Wüste halbwegs zwischen Mena- 
haus und Qasr es-Saga und das Geröll 4 b von Qasr es-Saga, 
zwei Gesteine, die im übrigen, speziell in Bezug auf die 
grossen auffalligen Feldspatheinsprenglinge sich ganz zu den 
anderen halten. Trotzdem muss 1 a als altersgleich (oligocän) 
mit 2 a angesehen werden, während 3 entschieden viel jünger 
ist. Denn dieser Basaltstrom im W. von Qasr es-Saga kann 
sich erst dann über die austernführenden Schichten des Mittel- 
eocäns, die er bedeckt, ergossen und ausgebreitet haben, 
nachdem der ganze, über 200 m mächtige Komplex von 
Eocän- und Oligocänschichten, welcher zur Zeit der Bildung 
der Basaltdecke des Schweinfurth-Plateaus (2 a) diese ganze 
Gegend bedeckte, am heutigen Nordufer der Birket el-Qerun 
wieder denudirt und die Austemschichten der Mokattam- 
abteilung 113 blossgelegt waren. Das ist frühestens im Plio- 
cän gewesen, in einer Zeit, in welcher auch die neuesten tek- 
tonischen Störungen im Nilgebiet und in der Libyschen Wüste 
vor sich gingen. 

Das Gesagte bestätigt wieder die alte Erfahrung, dass be- 
nachbarte Vorkommnisse von Eruptivgesteinen von sicher glei- 
chem Alter ebenso verschieden von einander sein können, wie 
solche von verschiedenem Alter einander gleichbeschaffen, so 
dass hier jedenfalls zwischen oligocänen und jungtertiären 
Basalten Aegyptens kein durchgreifender Unterschied in der 
mikroskopischen Beschaffenheit besteht, der berechtigte, aus 
letzterer allein Schlüsse auf das Alter zu ziehen. 

Die schlackigen, stark verwitterten Gesteine Ib und 2 b 
sind mehr glasig erstarrte, groblöcherige Basalte. „Die glasige 
Grundmasse ist mit Eisenhydroxyd durchtränkt. Die Plagio- 



412 Sitzung der math.-pliys. Classe vom 8. November 1902, 

klane zeigen teilweise die für schnelle Erstammg charakte- 
ristische sanduhrartige Skeletbildung. Der Augit ist schwach 
jileochroitisch. Das Titaneisen bildet lange Leisten.* 

Man könnte wenigstens bei der Gesteinsart 2bf die das 
unmittelbare Hangende von 2 a einnimmt, meinen, es nur mit 
einer oberflächlichen Erstarrungskruste des tieferen Basaltlagers 
zu thun zu haben. Dem widerspricht aber der beobachtete 
Wechsel mit TuflFen und die Mächtigkeit, die deijenigen der 
tieferen, feinkörnigen, einförmigen Basaltmasse weit überlegen 
ist. Am Schweinfurth-Plateau beträgt sie 6 m, die des dichteren 
festen Basalts nur 8 m. Ausserdem ist die höhere Schlacken- 
und TufTschicht beschränkt auf die allerhöchste tafelförmige 
Erhebung über dem ausgedehnten Basaltplateau, wie obige 
Fig. If) zeigt, wo noch Sandsteine und Kies darüber folgend 
den Ab.schluss der oligocänen Sedimentreihe bilden. Hier glaube 
ich die höheren Basaltschichten auf einen besonderen zweiten, 
mit Tuifausbrüchen wechselnden Basalterguss zurückführen zu 
niUsson. 

In dem Oligocünprofil Q scheint der umgekehrte Fall vor- 
zuliegen wie bei R, insofern die in lauter kleine Brocken zer- 
fallende schlackige Varietät Ib den unteren Teil des Basalt- 
lagtMs oinniuinit, wo sie aber auch einzelne rundliche echte 
Hasnltknollen (l a) unischliesst. Scherben von echtem, plattig 
abgesoiulertein Basalt nehmen hier das Hangende und ge- 
scluchteto Tuilo das Liegende der schlackigen, mürben Lage ein. 

Kin Delossit-artiges Zersetzungsprodukt (Ic), das oft alle 
Poren in l h erfüllt und auch in grösseren Stücken herumliegt, 
färbt das (lestein Ib wie auch die dortige Erdoberfläche hell- 
grünlich. 

Mehrfach liegen an beiden Orten, in Profil Q und R, 
zwisohiMi den Hrooken von Ib und 2b Mandeln aus Chalcedon 
luui sekundäroui Quarz vl«^^» welche peripherisch oft durch 
Sorpontinsubstanz irrünireiarbt sind und dann wie Moosachat 
oiU r Pnisoni aussehen. Da derartiire grüngestreifte Chalcedone 
\uu\ k}\vm':v in don Kios\vü>ten des nördlichen Aegyptens eine 
häutiv^e Vli^cht inung sind, ist es von Interesse, jetzt über ihre 



M, Blanckenhom: Oeolofftach-stratigraphieche Beobachtungen. 413 

Herkunft aus den oligocänen Basaltlagem der Libyschen Wüste 
Näheres zu erfahren. Bemerkenswert ist noch die oft schön 
gerunzelte wulstige Oberfläche dieser Mandeln, die den getreuen 
Abdnick der Wände früherer Hohlräume in der Lavaschlacke 
darstellt. Mandeln von milchweissem Chalcedon fanden sich 
übrigens auch in der Umgebung des jüngeren Lavastromes im 
W. von Qasr es-Saga vor. 

Das früher als TuflF angesehene violette Gestein 2 c im 
Liegenden der Basaltdecke am Schweinfurth-Plateau erwies sich 
bei näherer Prüfung als Sandstein mit kalkigem Bindemittel 
ohne basaltische Einschlüsse, aber mit braunvioletten eckigen 
Thonpartikeln, die jedesmal von einer Kalksinterkruste um- 
hüllt sind. 

Im Gegensatz dazu scheint unter dem Basaltlager 1 (Profil Q) 
wirklicher geschichteter Tuff von 0,70 m Mächtigkeit zu lagern, 
oben von grünlicher, unten von violetter Farbe. 

5. Zur Kenntnis des Neogens und der Diluvialbildungen 

im Nilthal. 

Schon in meiner Behandlung des Miocäns in Aegypten^) 
hatte ich in einem besonderen Abschnitt unter dem Titel „An- 
gebliches Miocän des Nilthak** den ausführlichen Nachweis zu 
liefern gesucht, dass sich im eigentlichen Nilthal nirgends 
marine Miocän ablagerungen vorfinden. Nach Fourtaus An- 
gaben*) konnten 2 Punkte im S. der Pyramiden in dieser Be- 
ziehung in Frage kommen, nämlich die Südseite des Gebel 
Kibli el-Ahram, d. h. Schweinfurths^) Lokalität C und der 
Gipfel des Kom esch-Schellul, Schweinfurths Lokalität D. Nach 
dem a. a. 0. mehr kompilatorisch aus der Literatur und Schwein- 



J) Geologie Aegyptena III. S. 88-96. 

^) Sur les sablea ä Clypeastres des environs des Pjramides de Ghizeh. 
Bull. Soc. geol. France (3), XXVI, 1898, S. 39. — Notes sur les Echinides 
fossiles de l'Egypte, Le Caire 1900, S. 28, f. 6. 

•) Geologisch-topogi-aphische Karte der Kreide-Region bei den Pyra- 
miden. Petermanns Mitth. 1889. Taf. 1. 



412 SÜBunff der wath.-l^iif«. Clas^e vom S. November IBÖ^, 

klase zeig&n teilweise die für schnelle Erstaming charakte- 
ristische sand uhrartige Skeletbiidung. Der Augit ist »chwach 
pleüchroitisch. Das Tltatieisen bildet lange Leisten** 

Maa könnte Tveiiigstens bei der Qesteinsart 2 b, die das 
unraittelbare Hangende von 2 a einnimmt, meinen, es nur mit 
einar oberilnchlicben Erstarrungskruste des tieferen Basal tlagers 
zu thun zu haben. Dem widerKpricht aber der beobachtet« 
Wechsel mit TuiFen und die Mächtigkeit, die derjenigen der 
tieferen, feinkörnigen, einförmigen Basaltmasse weit überlegen 
ist. Am Schweinfurth'PIateau beträgt sie ö ni, die des dichteren 
festen Basalts nur *^ m* Ausserdem ist die höhere Schlacken» 
und Tuffschicht beschränkt auf die allerhöchste tafelförmige 
Erhebung Über dem ausgedehnten Basal tplateau , wie obige 
Fig. 16 zeigt, wo noch Sandsteine und Kies darüber folgend 
den Äbschluss der oligocänen Sedimentreihe bilden. Hier glaube 
ich die höheren Basaltschichten auf einen besonderen zweiten, 
mit Tuffaasbrüchen wechselnden Basal terguss zurückführen zu 
müssen. 

In dem OligocänproEl Q scheint der umgekehrte Fall vor- 
znlit^gen wie bei B, insofern die in lauter kleine Brocken zer- 
fallende schlackige Varietät Ib den unteren Teil de^ Basalt- 
lagerH einnimmt, wo sie aber auch einzelne rundliche echte 
BasaltknoUen (1 a) umschliesst« Scherben von echtem, plattig 
abgesondertem Basalt nehmen hier das Hangende und ge- 
schichtete Tufie das Liegende der schlackigen, mürben Lage ein. 

Ein Delessit*artiges Zersetznug^prudukt (Ic), das oft alle 
Poren in 1 b erfüllt und auch in grosseren Stücken herumliegt^ 
fiirbt das Gestein Ib wie auch die dortige Erdoberfläche hell- 
grünlich. 

Mehrfach liegen an beiden Orten, in Profil Q und R, 
»wischen den Brocken von 1 b und 2 b Mandeln aus Chalcedon 
und sekundärem Qtiarz (Ic), welche peripherisch oft durch 
Serpentinsubstanz grüngefarbt sind und dann wie Moosachat 
oder Prasenj aussehen. Da derartige grüngeistreifte Chalcedone 
und Quarze in den KieswUsten des nördhchen Aegyptens eine 
hüuiige Erscheinung sind, ist es von Interesse, jetzt über ihre 





ncJieiikorn: Geologisch-stratigraphische Beobachtungen, 415 



mehrerer anderer Seeigel am Kom esch-Schellul, 
wiederholt, d. h. soweit man bis jetzt weiss. 
-iBer lässt sich keine Zweiteilung des marinen 
^ilthals aufbauen, 
ajüm wurden auch von unserer Expedition keine 
.nbestreitbaren Beweise der Existenz einer pliocänen 
esbucht in Gestalt von Fossilien vorgefunden. Doch konn- 
u wir das Vorhandensein der eigenartigen senkrechten finger- 
dicken Löcher, die man auf die bohrende Thätigkeit von Meeres- 
thieren zurückführt, rings um den See von Qasr el-Qerün über 
Dimeh bis Kom Muschim feststellen. Ausser diesen gewöhn- 
licheren Löchern von 2 - 3 cm Durchmesser beobachtete ich 
auf dem Nordufer des Sees auf einer Felsplatte aus eocänem 
Kieselkalk etwa 40 m über dem heutigen Seespiegel auch 
schüsselförmige von bald rundlicher Gestalt, bald eiförmig oder 
elliptisch buchtig etwa von der Form einer Unio oder andern 
queroblongen Bivalve von 6 — 10 cm Länge und 5 — 6 cm Breite. 
Diese Pfannen sehen gerade so aus, als seien sie von kugeligen 
Bohrkörpem, wie Seeigeln, die ihren Platz nur wenig ver- 
schoben, langsam eingegraben. Von Seeigeln selbst ist freilich 
keine direkte Spur mehr da. Die Wogen der Brandung und 
die spätere Deflation des Windes haben hier an den Ufern 
der Birket alle organischen Reste aus jener pliocänen Zeit ver- 
nichtet und auch die Eocänschichten in eigenartiger Weise 
ausgewaschen, so dass von ihnen nur die härteren Partien 
zurückblieben. 

Ueber die Frage der Ausdehnung des Pliocänmeeres 
nach S. wurden auf unserer Expedition weitere Daten negativer 
Art gesammelt, welche meine frühere Annahme einer Nichtexi- 
stenz von marinem Pliocän imThalbeckenvonTheben bestäti- 
gen. Barrons und Beadnells angeblicher Foraminiferenkalk von 
Erment oberhalb Theben mit echt pliocänen Foraminiferen 
war von mir s. Z. als Süsswasserkalk des obersten Pliocäns 
oder Diluviums mit Trümmern von Eocänforaminiferen auf 
sekundärer Lagerstätte gedeutet worden. Ich hatte freilich 
dieses Mal nicht das Glück, gegenüber Erment auf dem rechten 



414 Sitzung der matK-phya, Classe vom 8. November 1902, 

furths mündlichen Angaben und Sammlungsproben erbrachten 
Nachweis, dass an jenen Stellen Miocän nicht existire, blieb 
es mir übrig, persönlich noch einmal diese Lokalitäten genauer 
zu prüfen. 

An der Lokalität C am Südende des oben (Profil E, Fig. 6) 
erwähnten Gebel Kibli el-Ahram fand ich mehrere Kuppen 
von anstehendem Gestein aus dem allgemein verbreiteten 
Wüstenkies und Schutt aufragend. Zwei davon waren aus 
kalkigem Pliocänsandstein mit Ostrea cucuUata und der 
flacheren Spielart von Pecten benedictus gebildet, während sich 
die übrigen aus Eocänkalk, insbesondere einer Bank mit Carolia 
aufgebaut zeigten. 

An der Lokalität D, dem Clypeasterfundort Kom 
esch-Schellul, ist die höchste Spitze von Kies und Geröll 
bedeckt. Der NNO. und O.-Abhang, nicht der Ostfuss dieses 
Hügels, ist von zahlreichen */» — 2 m tiefen künstlichen Löchern 
durchwühlt, wo von den Beduinen nach Clypeasterschalen ge- 
graben worden ist und so der Pliocänsandstein ganz gut auf- 
geschlossen vorliegt. Hier findet man in den gleichen Hand- 
stüoken von grobem Sandstein neben dem Clypeaster aegyptia- 
cus Schalen von Pecten benedictus, speziell hier deren gewölbte 
hochrippige Spielart, dann Ostrea cucullata, Baianus, Mem- 
bnuiipora, Serpula und Abdrücke von Cytherea chione, Ranella 
niarginata, Xenophora infundibulum, Strombus coronatus v. 
Mayori, Fischzähne u. s. w. Diese Fauna entspricht in jeder 
Hinsicht derjenigen der echten Cucullatasande. 

Der kurze, aber erfolgreiche Besuch der Clypeasierfdnd- 
stätte hat uns die schon früher ausgesprochene Vermutung 
zur Gewissheit erhoben, dass der Clypeastersandstein nur eine 
lokal beschränkte Facies — . keine besondere Stufe des marinen 
M i t T r 1 p 1 i o ä n s von Aeirypten darstellt, dass Clypeastersand- 
>tiir. r.r.d (^:oiillata<tr.fo zeitlich zusammenfallen. 

np.s Vorkon.men festor Sandsteine mit St^inkemen ira 
äsry|t:>^'l.t V; Piiooilr. ist übrigens keineswegs auf jene Lokalitat 
besot;:iir.kt: >»uhe ri:. ier. sich noch an vielen Stellen, besonders 
aut dtir. ruhtvr. NilurVr. EinziiX ist nur das Auftreten des 



M. Blanckehhom: Geologisch-strati graphische Beobachtungen, 415 

Clypeaster und mehrerer anderer Seeigel am Kom escli-Schellul, 
was sich nirgends wiederholt, d. h. soweit man bis jetzt weiss. 
Darauf allein aber lässt sich keine Zweiteilung des marinen 
Pliocäns des Nilthals aufbauen. 

Im Fajüm wurden auch von unserer Expedition keine 
ganz unbestreitbaren Beweise der Existenz einer pliocänen 
Meeresbucht in Gestalt von Fossilien vorgefunden. Doch konn- 
ten wir das Vorhandensein der eigenartigen senkrechten finger- 
dicken Löcher, die man auf die bohrende Thätigkeit von Meeres- 
thieren zurückführt, rings um den See von Qasr el-Qerün über 
Dimeh bis Kom Muschim feststellen. Ausser diesen gewöhn- 
licheren Löchern von 2 - 3 cm Durchmesser beobachtete ich 
auf dem Nordufer des Sees auf einer Felsplatte aus eocänem 
Kieselkalk etwa 40 m über dem heutigen Seespiegel auch 
schüsselfbrmige von bald rundlicher Gestalt, bald eifürmig oder 
elliptisch buchtig etwa von der Form einer Unio oder andern 
queroblongen Bivalve von 6 — 10 cm Länge und 5 — 6 cm Breite. 
Diese Pfannen sehen gerade so aus, als seien sie von kugeligen 
Bohrkörpem, wie Seeigeln, die ihren Platz nur wenig ver- 
schoben, langsam eingegraben. Von Seeigeln selbst ist freilich 
keine direkte Spur mehr da. Die Wogen der Brandung und 
die spätere Deflation des Windes haben hier an den Ufern 
der Birket alle organischen Reste aus jener pliocänen Zeit ver- 
nichtet und auch die Eocänschichten in eigenartiger Weise 
ausgewaschen, so dass von ihnen nur die härteren Partien 
zurückblieben. 

Ueber die Frage der Ausdehnung des Pliocänmeeres 
nach S. wurden auf unserer Expedition weitere Daten negativer 
Art gesammelt, welche meine frühere Annahme einer Nichtexi- 
stenz von marinem Pliocän imThalbecken vonTheben bestäti- 
gen. Barrons und Beadnells angeblicher Foraminiferenkalk von 
Erment oberhalb Theben mit echt pliocänen Foraminiferen 
war von mir s. Z. als Süsswasserkalk des obersten Pliocäns 
oder Diluviums mit Trümmern von Eocänforaminiferen auf 
sekundärer Lagerstätte gedeutet worden. Ich hatte freilich 
dieses Mal nicht das Glück, gegenüber Erment auf dem rechten 



416 Sitzung der mcUh.-phys. Glosse vom 8, November 1902. 

Nilufer das besagte Gestein mit vielen Operculinen etc., wie es 
Chapman beschrieb, anstehend zu schlagen. Dagegen gelang 
es mir, auf dem linken Nilufer hinter Qüma bei Theben mehr- 
fach ganz entsprechende weisse Kalksteine zu beobachten, welche 
in innigem Wechsel mit Nagelflue und Eonglomeratschichten 
sowohl die dortige altdiluviale Melanopsisstufe als auch die 
mitteldiluviale Nilterrasse zusammensetzen. 

An dem „ Gesellschaffcsgrab " , genannt Saft el-baqara, im 
NO. des Sethostempels, nimmt dieser Kalk die Basis der jungen 
diluvialen Flussterrasse hart am Rande der Kulturebene ein. 
Dieses Gestein enthält, wie DünnschliflFe lehren, zahlreiche, stark 
verletzte, d. h. gerollte oder transportirte Schalen von winzigen 
Foraminiferen: Globigerina cretacea d'Orb., sicher bestimmt, 
6. cf. buUoides d'Orb., Textularia sp., Bolivina? sp., Pleca- 
nium? sp., Discorbina sp., Pulvinulina? sp. Das ist eine Ge- 
sellschaft von vorwiegend pelagisch lebenden Gattungen und 
Arten, wie sie nach Schwager sich vor allem in den Schichten 
der Libyschen Stufe speziell am Guss Abu Said bei der Oase 
Farafra vorfindet. Leider sind nach den Dünnschliffen keine 
genaueren Artbestimmungen möglich, da die Schalen nicht 
isolirt, also ihre Oberflüchenformen nicht erkannt werden können. 
Zudem liegen nur Bruchstücke vor. Kein einziges Individuum 
ist unversehrt, von den meisten ist höchstens zwei Drittel der 
Schale erhalten, deren innerste konsistentere Teile, das Gerippe. 
Von den besonders häufigen Globigerinen sieht man viele ein- 
zelne Kammern oder Paiire derselben. Im übrigen besteht das 
Gestein aus klein geriebenen Schalentrümmem von Mollusken 
und sonstigem Grus, der durch Kalkschlamm verkittet ist. 
Makroskopisch wie mikroskopisch macht das Gestein durchaus 
den Eindruck eines klastischen Haufwerks von kleinen zusammen- 
gesolnvonimton Teilen von Kreide- und Eociinkalk. Als Mutter- 
gostoin konuiu'n in Betracht: 1. der weisse Kreidekalk mit Anan- 
ch\tos inul Sohizorhab^lus. Schicht 6 in Delanoües Profil von 
Thtbon. 1. die noch krt-tact-ischen Blättermergel oder Esneh- 
schirtVr. die wir anstehend vom benachbarten Der el-Bahri 
kennen krnton und die sich nach d'Archiac durch grossen 



3/. BlaneJcenhom: Oeologisch-airatigraphische Beohiichtungen, 417 

Reichtum an Poraminiferen, insbesondere Qlobigerinen und Ro- 
taliden, auszeichnen, 3. die Kalke der Libyschen Stufe in der 
Umgebung der Wadijen. Brecciöse Lagen von Feuerstein- oder 
Hornsteinstückchen, die dem Kalksteine eingelagert sind, leiten 
in das Konglomerat oder in grobe Breccie mit Bindemittel aus 
sandigem Kalk über. 

Ganz dieselben Gesteinsarten begegnen uns 1,6 km ober- 
halb des Sethostempels im rechten Seitenthal des Wadijen ober- 
halb der Einmündung des Thals der Königsgräber. Ein alter 
Steinbruch, an dessen Wänden noch die Kartusche des Pharao 
Hophrah der 26. Dynastie zu lesen ist, erschliesst eine 6 m 
mächtige Kalksteinschicht innerhalb der dortigen jungpliocän- 
altdiluvialen Schotterterrasse. Dieser Kalk umgibt von hier 
aus im Wechsel mit Konglomerat und Thonlagen die Gebirgs- 
schluchten der unteren Wadijen und am Aufstieg zum Wege 
nach Huh. Auch eine von letztgenanntem Punkt entnommene 
Probe lieferte mir Poraminiferen (auf sekundärer Lagerstätte), 
nämlich Nummulites sp., Virgulina aflF. Schreibersi Cziz.?? 

An dem diluvialen Alter und dem fluvio-lacustren Cha- 
rakter dieser Kalke ist wohl kaum zu zweifeln. Beadnell selbst 
hat sich neuerdings in einer Unterhaltung mit Herrn Professor 
Schweinfurth in diesem Sinne auch betreflFs des Gesteins von 
Erment ausgesprochen und damit seine frühere Hypothese einer 
marinen Ueberflutung des oberen Nilthals bei Theben zur 
Pliocänzeit berichtigt. 

Die Diluvialbildungen bei Theben verdienen auch noch 
in einer anderen Beziehung ein besonderes Interesse, nämlich 
in anthropologischer. Die Plussterrassenschotter der Diluvial- 
terrasse von Qüma an der Mündung der Wadijen ins Nilthal 
zeichnen sich durch Führung von eingeschwemmten mensch- 
lichen Kieselartefakten aus, wie das zuerst General Pitt 
Rivers 1882 feststellte. 

Der vertikale Aufbau dieser Terrasse wird uns in vor- 
treflFlichster Weise durch einige grosse Grabanlagen, sogenannte 
„Gesellschaftsgräber", erschlossen. So bietet sich uns an dem 
schon oben erwähnten Saft el-baqara folgendes Profil: 



418 Sitzung der math.-phyB. Classe vom 8. November 1902. 



Oben 6-7 m Nagelflue mit festein gebackenen echten Artefakten 
zwischen den wohlgerundeten Kieselgeröllen ; 

darunter der oben beschriebene weisse Kalk mit Resten kleiner 
Foraminiferen 0,70 m. 

Etwas anders gestaltet sich das Profil an der NO.- Wand 
eines zweiten, Saft el-Diaba genannten Gesellschaftsgrabes: 

U. 

Oben 0,50 -75 m weisser, tuflFig poröser Kalk, äosserlich schmutzig 
rötlich. 

2 m grobes Konglomerat. 

IJO m kalkiger, schwach kiesiger Nilschlamm, in den hier die 
einzelnen Orabkammem eingeschnitten sind. 

Unsere prahistorisch-anthropt>logi.schen Studien an diesen 
Lokalitäten hatten wir das seltene Glück, unter der sachkun- 
digen Führung des Herrn Professor Dr. Schweinfurth anzu- 
stellen. Ueber die Ergebnisse derselben habe ich bereits an 
anderer Stellet austührlicher berichtet, ebenso auch Schwein- 
furth.^) Indem ich auf diese Veri*)flEentlichungen des Näheren 
verweise, ttihre ich hier nur die wichtigsten Punkte an. 

Die Schot tenn;uv<e von Qürua scheint mir der älteren von 
zwei diluvialen, in Aegvpten beobachteten Flussterrassen zu 
entsprechen, welche ich vorläufig geneigt bin der ^Hochierrasse* 
der vorletzten oder Hauptt•i^zeit (^Eun^pa^) parallel za stellen. 
In dem festen Ki>uglomerat diest-r Terrasse tinden sich nun 
zweifelK>se Artefakte verschiedener Art, welche der ersten und 
zweiten palä«^lithischen Periode, dem Acheuleen und beson- 
dtn> dem M«>i;sttTien in Frankreich und Belgien eigentümlich 
sind. Die ur^j^rüngliche Lusrerstatte dieser Artefakte sind die 
ar. FtUvr^ieiiilagen rficlivii li-cliplateaus der Libyschen Wüste 

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itf. BlaneJcenhom: Oeologiseh-stratigraphische Beobachtungen. 417 

Reichtum an Poraminiferen, insbesondere Qlobigerinen und Ro- 
taliden, auszeichnen, 3. die Kalke der Libyschen Stufe in der 
Umgebung der Wadijen. Brecciöse Lagen von Feuerstein- oder 
Hornsteinstückchen, die dem Kalksteine eingelagert sind, leiten 
in das Konglomerat oder in grobe Breccie mit Bindemittel aus 
sandigem Kalk über. 

Ganz dieselben Gesteinsarten begegnen uns 1,6 km ober- 
halb des Sethostempels im rechten Seitenthal des Wadijen ober- 
halb der Einmündung des Thals der Königsgräber. Ein alter 
Steinbruch, an dessen Wänden noch die Kartusche des Pharao 
Hophrah der 26. Dynastie zu lesen ist, erschliesst eine 6 m 
mächtige Kalksteinschicht innerhalb der dortigen jungpliocän- 
altdiluvialen Schotterterrasse. Dieser Kalk umgibt von hier 
aus im Wechsel mit Konglomerat und Thonlagen die Gebirgs- 
schluchten der unteren Wadijen und am Aufstieg zum Wege 
nach Huh. Auch eine von letztgenanntem Punkt entnommene 
Probe lieferte mir Poraminiferen (auf sekundärer Lagerstätte), 
nämlich Nummulites sp., Virgulina aflF. Schreibersi Cziz.?? 

An dem diluvialen Alter und dem fluvio-lacustren Cha- 
rakter dieser Kalke ist wohl kaum zu zweifeln. Beadnell selbst 
hat sich neuerdings in einer Unterhaltung mit Herrn Professor 
Schweinfurth in diesem Sinne auch betreflFs des Gesteins von 
Erment ausgesprochen und damit seine frühere Hypothese einer 
marinen Ueberflutung des oberen Nilthals bei Theben zur 
Pliocänzeit berichtigt. 

Die Diluvialbildungen bei Theben verdienen auch noch 
in einer anderen Beziehung ein besonderes Interesse, nämlich 
in anthropologischer. Die Plussterrassenschotter der Diluvial- 
terrasse von Qüma an der Mündung der Wadijen ins Nilthal 
zeichnen sich durch Pührung von eingeschwemmten mensch- 
lichen Kieselartefakten aus, wie das zuerst General Pitt 
Rivers 1882 feststellte. 

Der vertikale Aufbau dieser Terrasse wird uns in vor- 
treflFlichster Weise durch einige grosse Grabanlagen, sogenannte 
„Gesellschaftsgräber", erschlossen. So bietet sich uns an dem 
schon oben erwähnten Saft el-baqara folgendes Profil: 



418 Sitzung der math.-phys. dasse vom 8. Noeember 1902. 

T. 

Oben 5—7 m Nagelflue mit feateio gebacken en echten Artefakten 
zwischen den wohlgerundeten Kieselgeröllen ; 

darunter der oben beschriebene weisse Kalk mit Resten kleiner 
Foraminiferen 0,70 m. 

Etwas anders gestaltet sich das Profil an der NO.- Wand 
eines zweiten, Saft el-Diaba genannten öesellschaftsgrabes : 

U. 

Oben 0,50 -75 m weisser, tuffig poröser Kalk, äusserlich schmutzig 
rötlich. 

2 m grobes Konglomerat. 

1,70 m kalkiger, schwach kiesiger Nilschlamm, in den hier die 
einzelnen Grabkamraem eingeschnitten sind. 

Unsere prähistorisch-anthropologischen Studien an diesen 
Lokalitäten hatten wir das seltene Glück, unter der sachkun- 
digen Führung des Herrn Professor Dr. Schweinfurth anzu- 
stellen. Ueber die Ergebnisse derselben habe ich bereits an 
anderer Stelle*) ausführlicher berichtet, ebenso auch Schwein- 
furth.*) Indem ich auf diese VeröflFentlichungen des Näheren 
verweise, führe ich hier nur die wichtigsten Punkte an. 

Die Schotterniasse von Qürna scheint mir der älteren von 
zwei diluvialen, in Aegypten beobachteten Flussterrassen zu 
entsprechen, welche ich vorläufig geneigt bin der , Hochterrasse* 
der vorletzten oder Haupteiszeit (Europas) parallel zu stellen. 
In dem festen Konglomerat dieser Terrasse finden sich nun 
zweifellose Artefakte verschiedener Art, welche der ersten und 
zweiten paläolithischen Periode, dem Acheuleen und beson- 
ders dem Mousterien in Frankreich und Belgien eigentümlich 
sind. Die ursprüngliche Lagerstätte dieser Artefakte sind die 
an Feuersteinlagen reichen Hochplateaus der Libyschen Wüste 

^) Die Gescbiohte des Nilstroms in der Tertiärzeit und das Alter 
des ]>;iläolithisclien Menschen in Aogypten. Zeitschr. d. Ges. f. Erdkunde, 
IVrlin VM)2. 

-) Kiesel- Artefiirte in der diluvialen Sehotter-Terrasse und auf den 
riateiui-Höhen von Theben. Verb. d. Berliner anthropol. Ges. Juli 1902. 



M, Blanckenhom: Oeologisch-str atigraphische Beöbachtufigen, 419 

im Umkreise des Circus der Königsgräber, wo die menschlichen 
Uranwohner vermutlich während der Interglacialzeit vor der 
Bildung obiger Terrasse die Moustier-Artefakte schlugen. Ist 
meine Hypothese des Alters der Terrasse von Qüma richtig, 
dann ginge daraus hervor, dass die Kultur der Moustier- 
epoche in Aegypten schon vor der vorletzten Eiszeit 
existirte, d. h. etwas früher als in Europa. 

6. Das Pliocän des Wadi Natrün. 

Von grösstem Erfolge in geologisch-stratigraphischer Be- 
ziehung war unser Ausflug nach dem Wadi Natrün. Die bis- 
herige Auffassung des Alters der dortigen Pliocäuschichten ist 
danach wesentlich zu verbessern. 

In meiner „Geologie Aegyptens IV" hatte ich seit Russ- 
egger (1841) zum ersten Male die geologisch-stratigraphischen 
Verhältnisse des Wadi Natrün einer ausführlichen Erörterung 
unterzogen; aber das mir damals zur Verfügung stehende 
Material war bei einem nur kurzen, anderthalbtägigen Besuche 
von mir gewonnen und deshalb zu unvollständig. 

In diesem Jahre verweilte ich (teilweise wider Willen, 
nämlich wegen Verkehrsunterbrechung infolge heftiger Gewitter- 
regen) vom 24. Februar bis zum 2. März, d. h. 7 Tage daselbst 
und hatte das Glück, viele neue Fossilienfunde zu machen. 

Bei diesen Studien fand ich die liebenswürdigste Unter- 
stützung bei den Herren Generaldirektor Hooker in Kairo, 
Direktor Lübhy und v. Tschudi in Alexandria und sämmtlicheii 
Beamten der Egyptian Salt and Soda Company in Bir Hooker, 
insbesondere Herrn Chemiker Dr. Werdenberg, denen ich nicht 
verfehlen möchte, hierdurch meinen wärmsten Dank auszusprechen. 

Früher hatte ich geglaubt, 2 verschiedene Pliocänhorizonte 
auseinanderhalten zu müssen: ich hatte die Hauptmasse der 
Schichten des Wadi dem Unterpliocän zugerechnet, dagegen 
einen mir nicht anstehend bekannten Sandstein mit vielen 
marinen Conchylienresten als mittelpliocän aufgefasst. Meine 
neuen Untersuchungen bewiesen mir, dass dieser fossil reiche 



420 



Sitzung der matK-phya. Glosse vorn 8, November 1902. 



Sandstein der Hauptgruppe einzureihen ist und das Ganze 
dem Mittelpliocän (Astien) des Nilthals zeitlich genau 
entspricht. Allerdings ist die Facies durchaus verschieden, 
nämlich fluviomarin. Der Komplex ist ein Wechsel von fluvia- 
tilen, brackischen und marinen Schichten. Im ganzen herrscht 
der brackische Charakter wie an der Mündung eines grossen 
Flusses vor. 

Den Ausgangspunkt unserer Betrachtung bildet das Normal- 
profil am Gart Muluk, von dem aus wir das ganze Thal ent- 
lang nach OSO. wandern wollen. 

Fig. 18. Blick auf das Westende des Gart Muluk von SW. aus. 




V. 



' Profil vom Gipfel des Hügels zur Basis: 
0,60 m Gipsbreccie, 

1 m grünlicher, gipsiger Sand mit KiesgeröUe, oberflächlich in 
Kiesbreccie übergehend, 

2 m dunkler Schieferthon, 

0,10 m Kalkbank, auf der Südseite ganz zusammengesetzt, aus 
Schalen von Cytheridea Mulukensis Schack., auch Fischknochen, 

( grüner Sand, 
10 m l grüner Thon. (Hier soll angeblich am Ostende des 

' Hügels ein fossiler Krokodilschädel ausgegraben sein.) 



M. Blanckenhorn: Geologiscfhstratigraphische Beohachiungen, 421 

0,30 m kalkiger Sandstein mit zahlreichen Abdrücken von kleinen 
Hydrobien, Cerithium conicum v. Caillaudi, Melania tuber- 
culata? und Lucina ap. cf. leucoma, Schalen von Cytheridea. 
Vorspringende Stufe. 

0,20 m Thon mit einer Steinmergellage, 

0,08 m Kalkbank mit senkrechten Höhlungen. 

f Grüner und schmutzig-grauer, thoniger Sand, 
\ weisser, grober Sand, 

0,03 m weisser Sandstein, 

0,20 m grüner Thon. 

0,15 m Grüner, sandiger Thon mit Marienglas. Auf der SW.- 
Ecke des Hügels Schalen von Ostrea cucullata und seltene 
Fischknochen, 12 Schritt weit zu verfolgen, sonst ohne Fos- 
silien. 

2,60 m graue, sandige Gipsletten mit Knochen, 

0,50 m grauer Schieferthon. 

1 m Schwarzer, kohliger Schieferthon mit Pflanzenresten, 

0,20 m dunkler Schieferthon mit roten Flecken, 

0,65 m Sand. 

Hier wurde also jetzt in der harten Schicht d, die, wie 
die Abbildung zeigt, am meisten stufenbildend am Abhang 
vorspringt, eine früher unbemerkt gebliebene brackische Fauna 
entdeckt, wodurch die Schicht erhöhte Bedeutung erlangt. 
Aber auch im übrigen ist diese Lage von grösster Wichtigkeit, 
insofern sie überall im Wadi Natrün wiedergefunden wird und 
auch technisch ihren doppelten Wert als einziger Baustein und 
als Kohlensäure-Lieferant besitzt, daher abgebaut wird. Es ist 
der Horizont, den ich früher *) als mittelpliocänen Sandstein mit 
Lucinen und Cerithien, dessen Anstehendes nicht bekannt sei, dem 
unterpliocänen Komplex vom Gart Muluk gegenübergestellt hatte. 

Der Gart Muluk bietet das einzige vollständige Profil mit 
Schichten jünger als d. Alle übrigen besseren Profile des 
Wadi Natrün schliessen mit dieser widerstandsfähigsten Schicht e 
nach oben ab, welche mithin die Oberfläche einnimmt. Das 
gilt zunächst für die Vorhügel dicht östlich vom Gart Muluk, 
welche die Ruinen eines Hauses tragen. Hier beobachtet man 
an deren steilem Südabfall: 



1) Geologie Aegyptens IV. S. 318. 
1902. SiiznogBb. d. math.-phys. Gl. 28 



422 Sitzung der malK-phys. Glosse vom 8. November 19(tö. 

w. 

0,15 m schiefrige Sandsteinlagen mit Thon und Gips dazwiacben, 

0,10 m grünen Thon, 

0,08 m weissen , kreidigen Kalk mit seltenen Schalen von 

Cytheridea Mulukensis, 
0,12 m Sandstein, eine vorspringende Kante bildend, 
0,10 m grünen Thon, 
1 m schmutzfarbenen, thonigen Sand, 
1,50 m grünen Sand, 
0,50 m Sand und Eies, 
0,50 m feinen, bunten Sand mit Thonlagen, 
0,50 m grünen Thon, 
1 m grünen, geschichteten Sand, Sand, Kies und Gips. 

Die unter c zusammengefassten, hier tiefsten Lagen von 
Sand, Kies und grünen Letten sind der Hauptknocheuhorizont, 
welcher namentlich an der westlichen Umrandung des betref- 
fenden Hügels und zwischen ihm und dem Gart Muluk in 
grosser Ausdehnung an die Oberfläche tritt und die meisten*) 
der im Wadi Natrün gesammelten fossilen Fisch-, Reptilien- 
und Säugethierreste geliefert hat.*) Von wichtigeren Fund- 
objekten nenne ich hier den 1898 von mir gefundenen, von 
Andrews^) abgebildeten Molar von Hippotragus? Cordieri de 
Christol, desgleichen Hornzapfen und Extremitätenknochen von 
Antilopen, Skeletteile eines Hipparion, Rhinoceros, Elephas, 
eines Suiden, Cameliden, Wirbel von Struthio und Pythoniden, 
Knochen und Zähne von Krokodil, Trionyx, einer andern 
Schildkröte mit glattem Panzer, Flossenstacheln von Tele- 
ostiern etc. Auch verkieseltes Palmen- und Dicotyledonen- 
Holz kommt neben den Knochen vor. 



*) Die von Lyons gesammelten Zähne von Hipparion sp. und Hippo- 
potamiis hipponensis Gaudr., welche Andrews soeben beschrieben hat, 
stauimon, soweit ich gehört habe, vom Gart Muluk selbst aus einer etwas 
höheren Laj^e, des«(leichen ein Krokodilschädel. 

^) Diese Knochen befinden sich jetzt teils im British Museum, teils 
Münchner pahiontologischen Sammlung, teils im Museum Sencken- 
1 zu Frankfurt a. M. 

»te on a Pliocene Vertebrate Fauna from the Wadi Natrun. 
1902, pl. XXI, f. 7-8. 



M. BlanchtfAarn: Oeölogisch-stratigraphisehe Beobachtungen, 423 

Im OSO. des Gart Muluk und seiner Vorhügel ist über 
r Schicht d als Boden das neue Arbeiterdorf der Sodafabrik 
3aut, in dessen Umgebung zahlreiche Bausteinbrüche den 
itergrund biosiegen. Dicht ostsüdöstlich des Dorfes im SSW. 
r Sodafabrik lässt sich diese Schichtenfolge beobachten: 

X. 

Kiesdecke. 

0,20 m weisser Sand mit Salzeffloeescenzen, 

0,10 m weisser Sandstein, 

0,30 m grüner, salzhaltiger Thon, 
? plattiger, schiefriger Kalk, teilweise sandig, in Kalksand- 
stein übergehend. Abdrücke von Cerithiura conicum v. Caillaudi, 
Lucina leucoma, Mactra subtruncata, Cytherea subundata, 
lokal Platten mit viel Ostracoden, an andern Stellen Fisch- 
schuppen und Gräten. 

Von speziellem Interesse ist hier in der Kalkbank das verein- 
te Auftreten von sogenannten „sechstheiligen'* pyramiden- 
rmigen*) Steinsalzpseudomorphosen,^) wie sie gewissen 
lomitischen Kalken oder Steinmergeln (niemals Mergeln oder 
larzitbänken) des mittleren Muschelkalks, Trochitenkalks, 
•enzdolomits und Steinmergelkeupers in Deutschland (z. B. 
2tra in Hessen, Eiksermühle-Schwerfen bei Zülpich) eigen sind. 

200 Schritt südlich von diesen Steinbrüchen erschien die 
itere, bis hierher vorherrschend kalkige Lage des Horizonts d 
llständig als Sandstein von 12 cm Dicke mit Gastrana fragilis, 
icina leucoma, Tapes cf. geographicus, Cerithium vulgatum, 
)tamides conicus v. Caillaudi und mamillatus, Nassa reticu- 
ta. Hier war die Herkunftsstelle des früher von mir a. a. 0. 
318 besprochenen, aber damals nicht anstehend beobachteten 
isteins mit Lucinen und Cerithien. Eine 30 cm dicke Lage 
les grünen, gipsigen Thons mit einem Zahn von Carcharias 
rionodon) nimmt über ihm die Oberfläche ein und ebenso 
scheint grüner, sandiger Thon als seine Unterlage. 



^) Blanckenhorn, Die Trias am Nordrande der Eifel zwischen Com- 
jm, Zölpich und dem Roerthale. p. 69 und 127. 

') Nicht zu verwechseln mit den bekannten würfelförmigen Stein- 
zpseudomorphosen auf der ünterfläche von Mergel- und Quarzitplatten. 

28* 



424 Sitzung der mathrphys, Ctasse tom 8. November 190^. 

Auch im NO. des Arbeiterdorfes und an der Sodafabrik 
treten die Kalksteine des d-Horizontes bei gleicher Höhenlage 
unter dem Meeresspiegel unter dem Sand, Kies, Schutt, der 
Gipsbreccie oder der Natronkruste der Oberfläche im Boden 
auf, sind aber hier, von vereinzelten Ostracoden abgesehen, 
versteinerungsleer. — 

Im übrigen sollen nach Aussage des Werkführers der 
Fabrik Oesterle früher in 7 Meter Tiefe bei Drain agearbeiten 
rings um die Sodafabrik rundliche Austern von 12 cm Durch- 
messer zwischen hellem Sand gefunden sein. Vielleicht waren 
dieselben identisch mit den von Mayer-Eymar am Mokattam, 
von mir nördlich Moghara in der Cucullatastufe gefundenen 
Ostrea plicatula Gmel. oder mit der 0. lamellosa Brocc. 

Die höheren Sand- und grünen Thonlagen, die wir von 
der Spitze des Gart Muluk kennen lernten, erscheinen erst 
wieder oberhalb nordöstlich von der Fabrik in schlechten 
Aufschlüssen. 

In der Richtung nach OSO. von Bir Hooker schwillt nun 
die kalkige Abteilung d innerhalb des Pliocäns mächtig an. 
Am Ostende des Wadi Natrün bei dem Dorf Beni Salameh hat 
die Egyptian Salt and Soda Company ausgedehnte Steinbrüche 
in diesem Kalk angelegt, welche durch eine schmalspurige 
Eisenbahn mit der Fabrik in Verbindung stehen. Der hier als 
Kreide mit Feuersteinlagen entwickelte Kalk wird nicht als 
Baustein, sondern zur Gewinnung von Kohlensäure (bei Ver- 
brennung mit Coaks) zum Zwecke der Ueberführung der auf- 
gelösten Natronsalze in schwerlösliches Bikarbonat gewonnen. 
Der Kreidekalkschiefer erscheint dort, unterbrochen von 6 dünnen 
Feuersteinlagen, in einer Mächtigkeit von 1 m über grünen 
San den. Die untersten Bänke enthalten viele Abdrücke von 
Potamides conicus v. mamillatus, v. typus und v. Salameh- 
eiisis n.,^) Melunia tuberculata, Hydrobia sp. und Cytheridea 
Mulukensi.s. 



'^ Corithium (Potaraides) conicum v. Salamehense n. hat nur eine 
ere Knotenreihe nnd darunter 2 gleiche knotenlose Spiral- 



M. Blanckerüwrn: Geolog isch-str atigraphische Beobachtungen. 425 
Fig. 19. Ostende des Wadi Natrun. 

W 




UR = See Umm Risrha. 
F = See Fasda. 

5 = Dorf Beni Salameh. 

St = Kreidesteinbrücho und alte Gräber. 

6 = Schlackenbalden einer alten Glasfabrik. 
R = Ruinen eines alten Dorfs oder Stadt. 

---- Schmalspur. Eisenbahn von Bir Hooker. 
- - - Hypoth. Verlauf einer Längaverworfurg. 

Südlich von den Steinbrüchen und den Halden einer alten 
Glasfabrik setzt sich eine ebenso hohe TeiTasse, auf der die 
Ruinen einer alten Stadt liegen, zusammen aus 

Y. 

oben 2 m Kalkplatten mit Bythinia sp ,^) Hydrobia sp , Cytheridea 

Mulukensis, 
1 m Sand, 
0,35 m Kalkbank, 
1,50 — 3 m grünem Sand. 

Aus der Flugsand-bedeckten Ebene im S. dieser Terrasse 
erheben sich einzelne isolirte Plateauhügel bis zu 14 m relativer 



*) Newton (Egyptian Lower Tertiary Shells. Geolog. Mag. 1898, 
p. 533) erwähnt numerous casts of Limnea, Melanopsis, Potamaclis, 
Bithynia, etc. obaervable in a highly saliferous white, chalky limestone 
of variable hardness aus dem Wadi Natrun, die er, obwohl sie nicht 
näher bestimmt werden konnten, mit Vorbehalt dem „Oligocene ?"* zu- 
rechnet. Möglicherweise handelt es sich hier um die in Rede stehende 
Pliocän Schicht aus Beni Salamehs Umgegend. 



426 Sitzung der mathrphys. Classe vom 8, November t902. 

Höhe, d. h. c. 4—7 m über dem Meeresspiegel. Der charak- 
teristischste wurde von mir bestiegen und zeigte folgendes Profil: 

Z. 

1,20 m Kalk mit Flint von Gips überkrustet. Darin viele Ostra- 
coden, Cerithium conicum v. Salamehense n. und Hydrobien, 
11 m grüner Sand, 
2 m bunter Thon bis zum Fusse. 



7. Zur Tektonik des Sedimentargebirges. 

Die landläufige, noch in den neuesten Lehrbüchern^) aus- 
gesprochene Meinung, dass die grösseren Oasen-Depressionen 
der Libyschen Wüste einfach auf Grabenbrüche oder Kessel- 
brüche zurückzuführen seien, hat schon lange ihre allgemeine 
Berechtigung eingebüsst. Viele bei flüchtigem Besuch zuerst 
angenommenen Verwerfungen erweisen sich bei fortschreitender 
genauerer Prüfung als zweifelhaft. Auch unsere Reise brachte 
derartige negative Resultate: 

L Im Wadi-Natrün*) wurde der auffalligste, auch durch 
Fossilien geh alt ausgezeichnete, kalkig-sandige Schichtenhorizont 
„d'* über grosse Strecken verfolgt und so zur Beurteilung der 
Lagerungsverhältnisse eine schwache Grundlage gewonnen. 
Dabei ergaben sich keine besonders grossen Gegensätze in 
ihrer Höhenlage. Längs der Hauptkette von Salzseen, welche 

') In Hahn, Afrika, 2. Aufl. Allg. Länderkunde von W. Sievers 1901, 
lesen wir S. 49t von der nordafrikanischen Wüstentafel: «Die Höhen- 
differenzen des Bodens entstehen meist durch Einbrüche, die sowohl in 
der Form der Grabenbrüche, als auch in der der Eesselbrüche vor- 
kommen/ — Ferner bei Ratzel, Die Erde und das Leben 1901, S. 574, 
„Die Oasen im N. der Libyschen Wüste sind durchaus vereinzelte Ein- ■ 
bruchsjTebiete." 

^ Nach Hutzel a. a. 0. S. 245 läge hier ein typischer , Graben* 
vor: ^Kino iinst^ezeiohiiete Bildung dieser Art ist das Natronthal, ein von 
O^^O. nach WNW. gerichteter, lOü km langer Grabenbruch westlieh vom 
Nil. der von mehreren Parallelbrüchen begleitet wird.* Worauf sich 
Ratzel bei dieser so bestimmt ausgesprochenen Auffassung stützt, ist 
mir unklar, (leologen drücken sich gewöhnlich bei tektonischen Fragen 
laltender aus. 



M. Blanckenhorn: Geologisch-stratigraphische Beobachtungen, 427 

in der Richtung WNW.-OSO. aneinandergereiht die tiefsten 
Teile der Depression einnehmen, liegt die Schicht d relativ 
am tiefsten. Von da steigt sie anscheinend gegen die Aussen- 
ränder d. h. gegen NNO. und SSW. an. Die gradlinige 
Hauptseenkette, d. h. exclusive des Muluk-Sees und seines 
Nachbarn im Osten, scheint einer Mulde zu entsprechen, 
an deren Axe stellenweise auch ein geringer Verwurf 
stattfand. 

In der Umgegend von Bir Hooker rechnete ich für die 
Schicht d am Gart Muluk die Meereshöhe — 8 m, an den 
östlichen Vorhügeln des letzteren — 10 bis — lim, am 
neuen Arbeiterdorf — 18 bis — 19 m, dann auf der N.-Seite 
des Muldentiefsten am Skull Point im 0. des Gebara-Sees 
— 18 m aus. Am O.-Ende des Wadi Natrün liegt der höchste 
gemessene Punkt der Schicht d ebenfalls im SSW. des gedach- 
ten Längsbruchs, nämlich im SO. vom spitzen Ende des letzten 
Sees Fasda (vergl. die Skizze Fig. 19). Hier steigt die Schicht 
in den aus der Thalebene (in der Verlängerung der Seeenkette) 
aufragenden Temoins zu + 7 m Höhe empor. Nördlich wird 
diese — 6 bis — 8 m tiefe Ebene geradlinig in O.-W.- Rich- 
tung von einer Terrasse begrenzt, welche die Ruinen einer 
alten Stadt trägt und oben in — 2 bis — 3 m Höhe von der 
harten Kalkschicht d bedeckt wird. Weiter nordwärts steigt 
diese Terrasse gleichmässig an, so dass die Kreidesteinbrüche 
bei Beni Salameh die gleiche Schicht bereits in — 1 bis m 
Meereshöhe aufweisen. Zwischen dem + 7 m hohen Hügel 
und der „Alten Stadt -Terrasse" in — 2 m bis — 3 m Höhe 
ist also der grösste beobachtete Höhenunterschied. Hier dürfte 
eine streichende Verwerfung vorliegen, die bei Bir Hooker 
weniger zum Ausdruck kommt. 

Ob das gegen NNO. gerichtete Einfallen des Südflügels 
sich auch noch über die südwestliche Paralleldepression des 
Muluk-Sees hinaus bis zum SSW.-Rand des Wadi Natrün, den 
Klöstern Der Baramus und Suriani fortsetzt oder hier von einer 
Parallel Verwerfung oder einem Bogenbruch abgeschnitten wird, 
bleibt noch festzustellen. 



428 Sitzung der matK-phys, Classe vom 8. November 1902. 

Das Vorhandensein einer gebrochenen Mulde längs des 
Wadi Natrün, deren Mittellinie in spitzem Winkel gegen das 
Nilthal verläuft, würde auch in einfacher Weise den bedeuten- 
den unterirdischen Wasserzufluss des Wadi erklären. 

In der Zeit der Entstehung unterscheidet sich diese Dis- 
lokation von den meisten übrigen Aegyptens, besonders des 
Nilthals. Sie muss jünger, nämlich spätpliocän, wenn nicht 
gar diluvial sein, da sie noch Mittelpliocänablagerungen ver- 
worfen hat. Sie hat dann einem alten diluvialen Nilarm den 
Weg gewiesen, aber derart, dass er vorzugsweise wohl über 
den flachen und nur schwach ansteigenden NNO. -Flügel der 
Mulde hinströmte und hier seine mächtigen Schottermassen 
absetzte. Der steiler einfallende SW.- Muldenflügel bildete wohl 
eine Zeit lang die SW.- Grenze des Diluvialen Nildeltas und 
wurde dann später nach Eintritt des Wüstenklimas durch die 
NW. -Winde eingetieft, welche die wenig widerstandsfähigen 
Pliocänthone und Sande leichter zerstören konnten als die di- 
luvialen Kiese und Geröllmassen. 

11. Die Depression des Fajüm hat tektonisch eine gewisse 
Aehnlichkeit mit dem Wadi Natrün. Auch dort scheint nicht, 
wie ich früher annahm, eine Grabenversenkung oder ein Kessel- 
bruch vorzuliegen, sondern im wesentlichen eine einfache Längs- 
verwerfung, die schräg zum Nilthal gerichtet ist, aber kaum 
sich mit diesem schaart. Längs dieser Linie ist das Eocän- 
und Oligocängebirge auf der NNW. -Seite eingesunken. Auf 
dieser Libyschen Seite bei Dimeh und Qasr es-Saga und auf 
den Inseln im See herrscht heute allein die Obere Mokattam- 
stufe des Mitteleocäns, dann das Obereocän und Oligocän, 
während das Kulturland des Fajüm die Untere Mokattamstufe 
zum Untergrund hat, die in den tiefen Schluchten unter dem 
Alluvialboden zu Tage tritt. 

Auf der Nordsoite des Fajüm hatte ich mich früher,^) 
beointlusst von meinem damaligen hochverehrten Reisegenossen 
l^rof. Mayer- Evniar, verleiten lassen, noch eine Anzahl von 
statVt'lfthinigen Parallelhrüchen längs des Ufers und ausserdem 

') Geolo^jrie von Aegypten IV, S. 340 und Taf. XIV, Fig. 2. 



M, Blanckenharn: Gedogisch-stratigraphisehe Beobachtungen. 429 

zwischen Dimeh und dem Hauptgebirgsabfall am sogenannten 
Korallenhügel (am Fusse meines obigen Profils L Fig. 11) das 
grabenförmige Einsinken einer Scholle anzunehmen. Unsere jetzige 
Begehung des Gebietes führte mich zu folgenden Schlüssen: In 
dem untersten Lager des Oberen Mokattam bei Dimeh wiederholt 
sich die faunistische und lithologische Facies mehrfach. Dieser 
Umstand und die der jeweiligen Bodenoberfläche mehr oder weniger 
entsprechende Neigung der Schichten, besonders am Abfall zum 
See, erklären in den meisten Fällen das auffallende Wieder- 
erscheinen gleicher Schichten und machen die Annahme meh- 
rerer Stafl*elbrüche unnötig. Die früher der Basis des Oberen 
Mokattam, Abteilung I, zugerechneten Gypsmergel mit „Hörner- 
wülsten" und die Korallenlagen mit Astrohelia und Goniaraea 
finden sich thatsächlich auch in der an Hydractinien reichen 
Schichtengruppe 3 unter der Plicatulabank (4) sowie in der 
Gruppe 5 c, so dass sie nicht als leitend angesehen werden 
können. Der sogenannte Korallenhügel (K in obiger Fig. 11) 
meines Profils a. a. 0., Taf. XIV, Fig. 2, gehört meiner Abtei- 
lung 3, nicht 1, an. Die betreffende Scholle am Fusse des 
Hauptsteilabfalls besteht demnach aus jüngeren Schichten, als 
ich früher glaubte, und der Schichtenzusammenhang zwischen 
diesen Hügeln und dem Abfall ist im Profil L, Fig. 11 nicht 
durch eine streichende Verwerfung unterbrochen.^) Der Steil- 
abfall ist jedenfalls nicht an dieser Stelle, sondern 
höchstens mehr östlich bei Qasr es-Saga von einem 
Bruch begleitet, der aber keinen auffallenden Sprung be- 
zeichnet. 

Diese letztere hypothetische Spalte dürfte auch dem Basalt- 
erguss den Austritt vermittelt haben, dessen Spuren wir jetzt ca. 
^/i Stunden westlich Qasr es-Saga in der Ebene nahe an deren 
Innenrand in Form eines 60 Schritt breiten Rückens aus wirr 
gehäuften Basaltblöcken erkennen. Die nordnordwestliche Längs- 
erstreckung des Rückens senkrecht gegen den Steilabfall könnte 



*) Die in Fig. 11 eingezeichnete kleine Verwerfung in der Mitte 
des Abhangs ist nur von lokaler Bedeutung und hat mit der früher am 
Fusse angenommenen nichts zu thun. 



430 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 8. November 1902. 

freilich auch den Gedanken an eine Querspalte in dieser Rich- 
tung naheliegen, aus welcher der Basalt emporquoll, um an 
der Oberfläche sich längs dieser Ausbruchslinie in elliptischer 
Form auszubreiten. Andererseits würde aber auch die vor- 
handene sanfte, früher wohl noch stärkere Neigung der Ebene 
gegen S. zur Genüge einen Abfluss eines an einem Punkte des 
Längsbruchs austretenden Stroms gegen Dimeh zu erklären. 

Ein für das Oberflächenrelief äusserst wichtiger Quer- 
bruch, verbunden mit Verwurf, konnte etwa eine Tagereise 
nordnordöstlich Dimeh wahrgenommen werden. Diese Dis- 
lokation bildet die NO. -Grenze der im ganzen ungestörten 
eocän-oHgocänen Plateaulandschaft im NNW. der Birket el- 
Qerün, deren Gipfel das basaltische oligocäne Schweinfurth- 
Plateau einnimmt. Jenseits derselben folgt dann bis zur Kara- 
wanenstrasse Kairo -Wadi Natrün die relativ niedrige, meist 
einförmige, wellige Kieswüste, in der nur wenige sanftere 
Plateau abfalle und Zeugen einige Abwechslung bringen. In 
diesem nordöstlichen Gebiet sind die Obereocän- und Oligocän- 
schichten eingesunken. Das dem Oligocän hier wie dort ein- 
geschaltete Basaltlager erscheint im NO. (vergl. die Höhenzahl 
c. 150 m in Profil Q Fig. 15) um über 100 m tiefer als am 
Schweinfurth-Plateau (c. 250 m in Profil R Fig. 16), wobei aller- 
dings zu berücksichtigen ist, dass sowohl das marine Mittel- 
eocän als der folgende fluvio-marine Komplex gegen NO. schnell 
an Mächtigkeit abnimmt. An der in O.-W. bis OSO.-WNW.- 
Richtung streichenden Verwerfung selbst grenzen Obereocän- 
schichten der S.-Seite direkt an gestörte, steilaufgerichtete 
Schollen des Mitteleocäns der N.-Seite, das erst entfernter von 
der Hauptkluft am Profil F horizontale Lagerung annimmt. 
Die Bruchlinie ist durch eine deutliche tiefe Depression oder 
Boden furche charakterisirt, in der der wenig begangene Kara- 
wanenweg von Tamije nach dem Wadi Natrün führt. 

IIL Von der Nekropole von Theben verdanken wir 
E. Fraas*) ein „Profil bei Medinet Häbu" mit 4 Brüchen imd 

Geognostisches Profil vom Nil zum Rothen Meer. Zeitschr. d. 
jQo\. Ges. 1900, S. ü, Fig. 2. 



M, BlancJcenhom: Geologisch-stratigraphische Beobachtungen, 431 

breiten Massen von Verwerfungsbreccie. Wie aus seinem kolo- 
rirten Profil auf Taf. XXIII hervorgeht, fasst Fraas diese Brüche 
als wirkliche, in die Tiefe gehende Verwerfungen mit Senkung 
der Libyschen Plateaumasse auf. Nach meinen Beobachtungen 
an dem Wege von Medinet Häbu über Der el-Medinet nach Biban 
Muluk und vom Hügel Scheich Abd el-Qürna aus ist dieses 
Profil etwas zu modifiziren, wie nebenstehende Fig. 20 zeigt. 

Fig. 20. 




D. e. M. = Der ol Medinet. 
Q M = Qarnet Murrai. 
£ = Kretacoische Esnehschiefer 
L = Libysche Stufe. 

Es handelt sich nur um Plateaurandbrüche infolge von 
unterirdischem Materialschwund, bei welchem in der Regel, 
wie ich bei meinen früheren Aufnahmen in der Arabischen 
Wüste unzählige Male beobachten konnte, die abgesunkenen 
Schollen gegen den stehengebliebenen Horst sich geneigt zeigen, 
oft rings um eine horizontal gebliebene Plateaumasse herum. 
Auch in dem Profil Schweinfurths: , Schichtenaufbau im SW. 
von Esna** ') und meiner obigen Fig. 1 von Scheich Abd el- 
Qürna kommt diese Art Lagerung zum Ausdruck. 

Was die Breccien betrifft, so handelt es sich hier wenigstens 
teilweise um geschichtete, helle, bröckelig knollige Eocänkalke, 
die in ihrer unregelmässig knolligen Beschafi^enheit von Natur 
zur Breccienbildung neigen und besonders in den abgestürzten 
Schollen in sich noch etwas zertrümmert sind. Speziell an 
der jedesmaligen unteren Grenze der Kalkbänke, wo sie weichen 
Schiefern oder Mergeln aufliegen, entstehen in den bewegten 



1) Petennanns Mitth. X, 1901, Taf. I, 



432 Sitzung der math-phys. Glosse vom 8, November 1902. 

Schollen typische Breccienmassen durch Zwischenpressung der 
grünlichen Mergel zwischen die aufliegenden halbzertrümmerten 
Kalke. Die rotbraune Breccie oder Brocatelle der Wadijen 
und anderer Lokalitäten Aegyptens hingegen, womit Fraas die 
^Verwerfungsbreccie bei Medinet Häbu vergleicht, scheint eine 
ganz andere Bildung zu sein, deren Entstehungsart noch be- 
sonderer Studien bedarf. 

IV. Wie im Fajüm wurden auch auf dem rechten Nilufer 
bei Kairo Anzeichen für Existenz noch unbekannter Querver- 
werfungen gewonnen. Schon 1898 hatte ich eine wichtige 
Verwerfung festgestellt, welche das Mokattamgebirge quer 
durchzieht. ') Sie verläuft von den Pulverkammern hinter der 
Citadelle hinauf südlich an der Station des Venusdurchgangs 
vorbei nach W. längs des Thaies, das auf Schweinfurths geo- 
logisch-topographischer Karte des Westabhangs des Mokattam 
angedeutet ist.*) 

Ein Blick auf diese letzte Karte lehrt nun, dass ganz 
ähnliche orographische und geologische Verhältnisse wie hier, 
der plötzliche Gegensatz zwischen einer aufgesetzten Hügelreihe 
und einförmigem Hochplateau und der geradlinige Verlauf der 
Grenze zwischen beiden noch einmal genau parallel zu obiger 
Bruchlinie wiederkehren, nämlich ungefähr 1230 m weiter süd- 
lich am südlichen Reitwege „zum Mosesbrunnen". So wird 
man leicht auf die Vermutung geführt, dass dieser Erscheinung 
die nämliche tektonische Ursache zu Grunde liegt. An dem 
Schaq el-Taban (Schlangenloch) genannten Aufstiege dieses 
Reitweges, d. h. am Westrand des Mokattam, ist von einer 
Verwerfung freilich noch nichts wahrzunehmen. (Auch die 
ersterwähnte nördliche, zweifellose Querverwerfung scheint sich 
nach W. hin in den Steinbrüchen zwischen den Pulverkammern 
und der Citadelle auszukeilen.) Erst an der Lokalität XXII 
Schweinfurths könnte allenfalls von einem beginnenden Verwurf 
die Rede sein. Leider fand ich am Schlüsse unseres Aufent- 

M Siehe Fig. 2 auf S. 333 in meiner ^Geologie Aegyptens IV.* 
br. d. Deutsch, geol. Ges. 1883, Taf. XX. 



M, Blancicenhorn: Geotogisch-stratigraphische Beobachtungen, 433 

haltes in Aegypten nicht mehr die Zeit zu einer gründlichen 
Begehung der Südseite des Mokattam und sicherer Beantwor- 
tung dieser Frage. Auf einem flüchtigen, mit Herrn Archi- 
tekten Rennebaum zusammen unternommenen Spaziergang über 
den Mokattam von N. nach S. bis Heluän gewann ich die in 
der beifolgenden Figur wiedergegebene Auffassung der strati- 
graphischen und tektonischen Verhältnisse. 

Fig. 21. Maassstab der Länge = 1 : 50000, der Höhe = 1 : 5000. 

Gebel Mokattam. W. Dugla. G. Turra. 




R. y. = ^Rennebaums Vulkan," HOgcI aus Gebel Ahmar-Sandstein. 

-.r' r^v. i Mokattamstufe. 

II. Obere / 



Danach hätte das Mokattamgebirge einen staflFelförmigen 
Aufbau in N.-S.- Richtung und seinen Hauptabbruch im S. 
am Nordrand der grossen breiten Depression, die bald Wadi 
Dugla, bald Wadi Tih genannt wird. Die.se Depression, an der 
die StaflFeleinbrüche endigen, stellt ähnlich dem Jordanthal 
einen einseitigen Graben dar, indem das südlich folgende Hoch- 
plateau von Turra (wie das Plateau des Ostjordanlands) als un- 
gebrochener Horst erscheint, an dessen Nordrand (auf dem 
Südufer der Dugladepression) sich ein einziger Einbruch, aber 
mit der bedeutendsten Sprunghöhe vollzog. Diese Sprunghöhe 
ist thatsächlich noch beträchtlicher, als sie in obiger Fig. 21 
erscheint. Durch ein Versehen ist nämlich hier der geologi- 
sche Aufbau des Plateaus von Turra nicht ganz richtig ge- 
zeichnet. Dasselbe besteht bis zu seinen 240 — 350 m hohen 
Gipfeln nur aus schwach nordwärts geneigten Schichten der 
Unteren Mokattamstufe (I); die Obere Mokattamstufe fehlt 
wenigstens in seinen westlichen Teilen ganz. 



435 



Ueber die Fossilien der Blättermergel von Theben. 

Von Paul Oppenheim. 

(Eingriau/tn 15. Deßembtr.) 
(Mit Tat VII.) 

Herr Dr. Blanckenhorn, der in Gemeinschaft mit Herrn 
Prof. Schweinfurth im Anfange dieses Jahres Aufsammlungen 
in den Blättermergeln von Theben, dem „Cinquieme Etage" 
bei Delanoüe, vorgenommen hatte, hat mich seiner Zeit ge- 
beten, diese Reste einer paläontologischen Bearbeitung zu 
unterwerfen. Delanotie und d'Archiac^) hatten, wie im Vorher- 
gehenden bereits auseinandergesetzt wurde,*) in dieser fünften 
Abtheilung ihres Profiles noch typisches Untereocän erkennen 
zu können geglaubt; v. Zittel hatte seinerseits später den 
cretacischen Charakter der Faunula kurz betont und sie in 
Verbindung gesetzt mit den gleichartigen Kreideablagerungen 
der libyschen Wüste. Eine bis in die Einzelheiten gehende 
Bearbeitung der Reste von Theben selbst lag aber bisher nicht 
vor; sie zu geben, war ungemein erleichtert durch die beiden 
letzten Publikationen der Münchener Schule, in welchen unter 
ständiger Anregung und Mitarbeit ihres Oberhauptes durch die 
Herren Wanner und Quaas^) der ganze paläontologische Inhalt 
des libyschen Dauien in so erschöpfender Weise der Kenntnis 
weiterer Kreise übermittelt worden ist. Durch eine nach dieser 



') Comptes rendus des Seances de l'Acadämie des Sciences. 67. 
p. 701 (Seance du 5 oct. 1868). 

2) Vergl. den Aufsatz Blanckenhoms im laufenden Jahrgange dieser 
Zeitschrift. 

8) Palaeontographica. XXX 2. Stuttgart 1902. 



436 Sitzung der math.-phys, Ctasse vom 8. November 190^. 

Richtung hin sehr günstige Verzögerung des gesammten hier 
vorgelegten Berichtes ist es mir ermöglicht gewesen, auch 
von der grösseren und, wenigstens für mein Thema, wegen 
der gleichartigen Facies auch wichtigeren Monographie des 
Herrn Dr. A. Quaas nicht nur die mir durch die Freundlichkeit 
des Autors schon früher zugehenden Tafeln, sondern auch noch 
den Text benutzen zu können. Dagegen haben leider statu- 
tarische Bestimmungen des Museum d'histoire naturelle in 
Paris, welche nach freundlichen Mittheilungen und Beantwor- 
tung meiner Anfrage Seitens des Herrn Marcellin Boule eine 
Versendung von Originalexemplaren in das Ausland formell 
untersagen, es mir vorläufig wenigstens unmöglich gemacht, 
die d'Archiac'schen Bestimmungen an der Hand der Typen 
näher zu prüfen. 

Allzugross dürfte indess der Schaden hier nicht sein, da 
eine Reihe, und gerade die wichtigsten der Citate d'Archiac's 
durch die mir vorliegenden Materiaben so erläutert werden, 
dass kaum ein Irrthum möglich sein dürfte; was noch an 
Zweifeln etwa übrig bleibt, dürfte sich in absehbarer Zeit durch 
eine Autopsie der Originale in Paris selbst aufklären lassen. 

Ich gehe nunmehr sogleich in medias res über und werde 
einer specielleren Betrachtung der einzelnen Typen, die ich 
vorwegnehme, zum Schlüsse eine Zusammenfassung der Ergeb- 
nisse von allgemeineren Gesichtspunkten aus folgen lassen. 

Die mir aus den Blättermergeln von Theben etc. über- 
gebenen Fossilien sind: 

P. Aturia praeziczac n. sp. T. VH, f . 1 — 3. Die Form, 
welche in einer sehr grossen Anzahl wohlerhaltener Steinkerne 
anliegt, ist eine echte Aturia, also Angehörige eines bisher 
ausschliesslich tertiären Geschlechtes. Sie theilt mit diesem 
alle generischon Charaktere, auch den Besitz von Siphonalduten. 
Ich luibe lange gezögert, sie von A. ziczac Sow.,^) mit w^elcher 

1) Vercrl. F. Yj. Edwards: A Monot^raph of the Eocene Cephalopoda 
■DÄCnivalves (»f ^«'rland. Palaeontogniphical Society, London 1849-77. 
ji.fili'tT. r - de Grej^orio: Fauna di S. Giovanni Ilanone. 



P. Oppenheim: Fossilien der Btättermergel von Theben. 437 

sie d'Archiac ursprünglich vereinigt hat und die mir in specimine 
vom Kressenberge und vom Mt. Postale vorliegt, specifisch zu 
trennen, doch ist ihr Laterallobus gleichmässig breit und relativ 
kurz und verjüngt sich nach hinten nicht zu der Spitze, in 
welche er sowohl bei den mir zur Verfügung stehenden Exem- 
plaren als auf sämtlichen von mir consultierten Figuren^) bei 
der typischen Eocänart ausläuft. Ich halte darum, bei der 
zweifellos vorliegenden DiflFerenz im Niveau, es für angemessen, 
die Form der Blättermergel, die anscheinend stets kleiner bleibt 
und bei der vielleicht auch die Ohren an der Mündung mehr 
herausquellen, auch specifisch zu trennen unter Betonung des 
Umstandes, dass uns trotzdem hier eine ausgesprochen ter- 
tiäre Form vorliegt. Die Lage des Siphos ist, wie hinzu- 
gefügt sein mag, genau die gleiche wie bei der eocänen Art.*) 
Sie wie die grössere Tiefe des Lateralsattels schliessen jede 
Möglichkeit einer Vereinigung mit dem Nautilus danicus v. 
Schloth. der Faxoe-Kreide unbedingt aus, wie ich mich an gut 
erhaltenen Stücken des k. Mus. für Naturkunde (darunter das 
Original v. Schlotheims) zu überzeugen vermochte. Das von 
Quaas dieser Art zugerechnete Stück aus den cretacischen 
Blätterthonen zwischen Farafrah und Dachel scheint sich, so- 
weit ich aus den leider nur von oben abgebildeten Typen 
schliessen kann (T. XXXIII, f. 31), schon durch grössere Breite 



Palermo 1880, p. 3 II, f. 2, 3, 5. — H. B. Geinitz: Ueber Nautilus 
Alabamensis Morton etc. N. Jahrb. für Mineralogie etc. 1887. II, p. 53 ff. 
T. 111. — Oppenheim: Die Eocänfauna des Mt. Postale etc. Palaeonto- 
graphica. 43. Stuttgart 1896, p. 208-9. 

1) Besonders ähnlich ist Fig. 1 g u h bei Edwards 1. c. 

2) Wie ähnlich ein so ausgezeichneter Kenner der Eocänfaunen wie 
der Vicomte d'Archiac die Vorkommnisse von Theben und die nordischen 
Specimina fand, geht aus seinen hier wiedergegebenen Worten hervor 
(a. a. 0. bei Delanoüe p. 11 — 12): „Parmi les mollusques, l'Aturia ziczac, 
cette forme de cephalopode si particuliere, est representee dans la col- 
lection de M. Delanoüe par un nombre d'echantillons plus consid^rable 
que tous ceux qu'on a recueillis depuis cinquante ans dans les argiles 
de Londres et de Bracklesham, et surtout plus complets que ceux qui ont 
ete decrits et figures jusqu'ä present." — 

1902. Sitzangsb. d. math.-pliys. Ol. 29 



438 Sitzung der math.-phys. Classe tw» 8, November lOOJ^. 

und Flachheit des Laterallobus zu unterscheiden. Herr Quaas 
betont L c. p. 302 ausdrücklich, dass er sich von der Lage des 
Sipho überzeugt habe und dass er ^über die Zuverlässigkeit 
der Bestimmung keine Zweifel hege.*" Nach diesen so posi- 
tiven Angaben muss man wohl an der Verschiedenheit der 
in beiden Fällen vorliegenden Typen festhalten. 

2^. Nautilus desertorum Zitt. (wohl = N. centralis 
Sow. bei d'Archiac-Delanoüe). Die 4 mir vorgelegten Exem- 
plare dieser kugeligen, breitrückigen, schmalmündigen Form 
besitzen ganz einfache, nicht wellig gebogene, unten gerad- 
linige Scheidewände und einen der gerundeten Aussenseite etwas 
genäherten Sipho. Die Seitenohren springen nach aussen hervor, 
der schmale, tiefe Nabel bleibt aber frei. Von tertiären Arten 
steht sehr nahe N. centralis Sow., welcher nur durch die 
ganz centrale Lage des Siphos unterschieden werden kann, 
während N. imperialis mit leicht gebogenen Scheidewänden 
und nach innen gerücktem Sipho schon weit leichter zu 
trennen ist. Wie N. centralis, von dem dies Edwards*) bereits 
betont, steht diese Form den recenten Nautilen sehr nahe, 
doch setzt sie bereits in typischer Kreide ein. Sehr ähnlich, 
aber anscheinend enger genabelt, mit flacherem Septum und 
mehr centralem Siphonalkanal versehen ist auch der mir im 
Ciipsabgusse aus der Sammlung des k. Museums vorliegende 
N. fricutor Beck der Faxoe-Kreide von Seeland. Noch näher 
steht der auch in der Siegsdorfer Kreide von J. Boehm an- 
gogi'bene^) N. depressus v. d. Binkhorst^) aus Maastricht, der 
sowohl dieselbe, dem Aussenrande genäherte Lage des Sipho 
besitzt als das gefaltete Septum und der nach den Abbildungen 
zu urtheilen überhaupt kaum von der libyschen Art zu trennen 

M Kawanls 1. o. p. -15. T. III. f. la-c, T. VIII, f. 2. 

■-) Pahiooiitographioa o8. p. '»1. T. I. f. IG und 16a. — Die pflock- 
artiuv Kalknra<so /.wiscluMi Müiulunjj und Schaale, welche auf Fig. 16 
aborobiKlt't i>t, sihoint wohl sfkundiiivr Entstehunjf. 

^1 Monographie dos (lastropodes et des Cephalopodes de la craie 
superieure du lamhourg. Hriixelles 1661. Cephalopodes, p. 12, T. V, 
d. 



P, Oppenheim: Fossilien der Blättermergel von Theben, 439 

ist. Die Unterschiede zu anderen ebenfalls nahe verwandten 
Typen der obersten Kreide, wie N. Dekayi, sublaevigatus, 
Heberti und Bouchardianus hat bereits Quaas a. a. 0. erörtert.*) 

3. Limea Delanoüei n. sp. T. VII, f. 9~9b. Schale sehr 
klein, dünn, stark gewölbt, nach hinten stark verbreitert und 
schief ausgezogen. Wirbel dem nach innen gebogenen Vorder- 
rande genähert, von einander so entfernt, dass eine Art drei- 
eckiger Area entsteht. Eine stumpfe Hervorwölbung zieht sich 
von ihnen zum Unterrande. Der Hinterrand ist flacher als 
der übrige Theil der Schaale. Diese trägt zumal gegen den 
Unterrand hin stark hervortretende, etwas geschlängelte Längs- 
rippen, welche schmäler sind als die Zwischenräume. — Das 
vordere Ohr ist klein, dreieckig, das hintere nicht deutlich ab- 
gesetzt. Höhe 5^2, Breite 4, Dicke der Doppelklappe 4 mm. 
4 Exempl. 

Diese Type ist kleiner, gewölbter und schmäler als L. nux 
Gümb. aus dem Senon von Siegsdorf, von der sie sich auch 
durch die geringere Anzahl der stärkeren Längsrippen unter- 
scheidet. Weder Wanner nach Quaas geben Aehnliches an; 
auch d'Archiac betont ausdrücklich die Abwesenheit aller 
Monomyarier in den Blättermergeln.*) 

4. Leda leia Wanner (1. c. p. 120, T. XVII, f. 16-17). 
Die Steinkeme von Theben entsprechen den Abbildungen; es 
lagen aber auch besch aalte Stücke vor. Der löffelartige Fort- 
satz, den Wanner am Schlosse angiebt und der zu einer Leda 
wohl kaum passen würde, scheint eine Zufälligkeit, anschein- 
lich durch einen Gesteinsrest hervorgehoben. Ich kann auch 
an dem Schlosse nichts Aehnliches entdecken. 

5. Leda Zitteli, J. Böhm^) (? = L. striata Desh. var. bei 
d'Archiac-Delanoüe) T. VII, f. 7 — 7 a. Ich sehe keinen wesent- 
lichen Unterschied mit der Art der Siegsdorfer Kreide. L. striata 
Dech. aus dem pariser Grobkalke ist in der Form ähnlich, aber 



>) p. 300, T. XXIX, f. 1, XXXIII, f. 29-30. 
*) Bei Delanoüe a. a. 0. p. 13. 
») 1. c. p. 77, T. III, f. 15. 

29* 



440 HUiMng der mathrphy$. Gasse vom 8. Kcvember 1902. 

wcM hraiiar gerippt. Die Herren Wanner und Quaas führen 
uU'MiH KntHprecbendes auf. 

fi, Nucula Hp. cf. chargensis Quaas (T. XXXI, F. 34 
— '5fi. p. 195). d'Archiac giebt bei Delanoüe eine ganze Reihe von 
(umitu'Ai Nucula- Arien aus den Blätterthonen von Theben an. 
Ich tuiU'Mtit vcrniuthen, dass sein Material nicht besser erhalten 
war (iIh daH mir vorliegende; und dann schweben aUe diese 
H(<Niiiiiinutig<m in der Luft, da es sich nicht nur um Steinkeme 
liiindclio, N(>nd(Tn diese dazu mehr oder weniger starken Yer- 
drllckiuigen ausgesetzt gewesen sind. Eine sichere Artbe- 
Ntiniinung halte ich mit solchen Materialien für unmöglich, 
ViUw Niiirko Acdinlichkeit besteht mit den von Quaas abgebil- 
d(»i<'n Stücken, und bei der sonstigen Analogie der Faunen ist 
auch oino spocitische Uebereinstimmung sehr wahrscheinlich, 
oh 110 duss indosson für sie der Beweis geliefert zu werden 
vonuug. 

7. Axinus cretaceus Wanner (1. c. p. 122, T. XVffl, 
r. r>, (iuims p. 212, T. XXXII, f. 10-11) = Lucina Goodhalli 
.1. do (\ Sow. hei d'Archiac- Delanoüe. Diese hochinteressante 
Korni liegt in li Stücken vor, von denen 2 die Grosse der Ori- 
^inide Wanuers besitzen, das Eine indessen über doppelt so 
gr\>ss ist. W ie der Autor bereits betont, handelt es sich um 
eine ganz nuulerne Sippe, welche in thonigen Ablagerungen 
lies Tertiärs und der (.legenwart fast überall eine grosse Rolle 
spielt. Die Arten sind schwer zu unterscheiden, doch scheinen 
die alteren V'ornien ^ioh vor den jüngeren durch ein starkes 
Uerausipiolleu dos inneren Theiles der Area auszuzeichnen. 
Dieses Merkmal untersoheidet denn auch die cretacische Form 
\v>r. A. unicarinatus Nvst, einem der Leitfossilien des oligo- 
c.ir.er» Septarieuthvnus. Kiue ir. dir Mokattamstufe stellenweis 
>. /v :,..u!:ct crv^>>- Kor:::, dit M:»Ytr a;i! seinen Etiquetten im 
N ^^,>;v.•v. 'V.* N.itv.rx. :::.::. vv;- -.ir scttint irrthümlich, mit 
,L .^\ "s":::." V vv ; l-^"': S;w. -^s L:::L-ntlion5 iientidciert 
'.: ..: /; /.. A S. ^■'•^ : ■;:-:r:li.: ::t:-.::-i. leig^ dies«: Zug 
v.\/ ' '■ ./ .--..l: .:.vl: :--r::c :i;i:i kius: teklirT^ifen. 

^^ .•->.: V»-. : .:r '-v-v..^ iv. >iiicicrt* Kreide- 



P. Oppenheim: Fossilien der Blättermergel von Theben. 443 

sehen Danien werden Pleurotomarien überhaupt merkwürdiger 
Weise nicht angegeben. 

11. Trochus sp. äff. T. margaritifer J. Böhm.*) 
T. VII, f. 22—22 a. Diese kleine Trochide ist mit Cerithium 
abietiforme Wann, die häufigste Schnecke in den Blättermergeln 
von Theben. Leider ist sie ausschUesslich in Sculptursteinkernen 
erhalten. Man erkennt im Verhältnisse mit der Siegsdorfer 
Kreideart, dass sie dieser wohl ähnlich ist, sich aber durch 
grössere Schlankheit und stärker vertiefte Nähte sicher speci- 
fisch unterscheidet. Die Sculptur hingegen dürfte eine ganz 
ähnliche gewesen sein und aus 3 — 4 Spiralen auf jeder Windung 
bestehen, welche von erhabenen Längsrippen geschnitten und 
gekerbt werden. Die Basis ist schwach durchbohrt und nur 
sehr massig gewölbt. 

Weder Wanner noch Quaas geben Aehnliches an. Ange- 
sichts der ungünstigen Erhaltung verzichte ich auf specifische 
Fixierung in dieser schwierigen Gruppe zumal bei einer Type, 
welche für eine Altersbestimmung so indifferent ist. 

12. Natica farafrensis Wann. (p. 125, T. 18, f. 12, 
Quaas p. 239, T. 32, f. 26—27, wohl = N. brevispira Leym. 
bei d'Archiac-Delanoüe). T.VII, f. 20— 20a. Die Beschreibung 
bei Wanner ist in Anbetracht, dass es sich hier um eine in 
ihrer artlichen Gliederung so schwierige Gruppe handelt, nicht 
recht scharf und steht mit der Abbildung nicht recht im Ein- 
klänge. Die mir vorliegenden Stücke haben nun neben den 
von Wanner wohl im Texte angegebenen, aber auf der Zeich- 
nung nicht deutlich wiedergegebenen rinnenförmig vertieften 
Nähten fast stets eine sehr deutliche, den Nabel fast voll- 
ständig ausfüllende Nabelschwiele wie die N. Noae des Grob- 
kalkes. Sie sind also typische Naticiden, an Vanikoro (cf. 
Quaas a. a. 0.) ist nicht zu denken. Auch Wanner giebt an, 
dass „die Innen type oben zuweilen schwielig sei**, womit er 
vielleicht das gleiche Organ ins Auge fasst. Ich glaube nicht, 

1) Siegadorf. Palaeontographica. 38. p. 67, T. II, f. 30 a, b. 



444 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 8, November 1902. 

dass die mir vorliegende Type von der Wanner'schen Art ge- 
trennt werden kann. 

d'Archiac dürfte diese Form als die eocäne N. brevispira 
Leym.') der Montagne noire bestimmt haben; die Gestalt des 
Gewindes, zumal die rinnenförmig vertieften Nähte, würden 
stimmen, aber ganz abgesehen von den Grössen Verhältnissen 
sind die Einzelheiten der Nabelregion ganz verschieden. Denn 
N. brevispira Leym. ist nach diesen eine echte Ampullina, 
N. farafrensis Wann, eine typische Natica s. strict. 

13. Eulima Wanneri n. sp. T. VII, f. 19— 19a. Zwar 
fehlt das Embryonalende, doch zeigt der theil weise noch von 
der Schaale umhüllte Kern von 8 Windungen habituell einen 
so ausgesprochenen Pyramidellen-Habitus, dass ich an der gene- 
rischen Bestimmung nicht zweifele. Was die specifische anlangt, 
so besteht grosse Aehnlichkeit mit der E. puncturata Job. 
Böhm*) von Siegsdorf, doch ist die Form weit schlanker und 
der letzte Umgang niedriger, indem er etwa ^/a der Gesamt- 
höhe misst. Die Mündung ist ganzrandig, die Columella leicht 
verdickt, Falten sind an ihr nicht wahrzunehmen. Die Nähte 
liegen ganz oberflächlich, die letzte verläuft etwas schräger 
als die vorhergehenden, der Endumgang ist vom an der Mün- 
dung deutlich verschmälert, die Anwachsstreifen annähernd 
geradlinig, Höhe 12, Breite kaum 3 mm. 

14. Cerithium abietiforme Wanner (p. 133, T. XVIÜ, 
f. 37—38, Quaas p. 259, T. XXXU, f. 30-31). T. VU, f. 21. 
Ziemlich häufig in grösseren und kleineren, mit Schaale ver- 
sebenen Exemplaren, welche in Gestalt und Sculptur gänzhch 
übereinstimmen mit der Type der Bir-el-Jasmund-Kreide. Der 
Columellarkanal ist an dem dargestellten Exemplare sehr wohl 
erhalten. 

15. Alaria sp., Quaas T. XXXII, f. 38—40, p. 265. Ein 
Stoinkern von Theben, der auf jedem Umgange 2 Kiele auf- 

^) Vertrl. Loymerie in Mom, Soc. geol. de France. (II) 1. T. XVI, 
f. 4-4 b. 

2) Sieixsdorf a. a. 0. Talaeontographica. XXXVIII, p. 64, T. II, f. 36a. 



P. Oppenheim: Fosaüien der Blättermergel von Theben, 445 

weist, dürfte hierher gehören. In Grösse und Gestalt stimmt 
er am besten zu Fig. 40 bei Quaas. Sollte es sich hier, wie 
auch ich glauben möchte, um eine neue Art handeln, so würde 
ich vorschlagen, sie mit dem Namen ihres Beschreibers zu be- 
zeichnen. — Ich möchte fast annehmen, dass es diese Form 
ist, welche in der Aufzählung d'Archiacs (a. a. 0. p. 5) als 
Pleurotoma terebralis F. Edw. non Lam. figuriert. 

16. Voluta (Scaphella) aegyptiaca Wanner (1. c. 
p. 139, T. 19, f. 11). T. VII, f. 12. Ich rechne hierher einen 
13 mm langen und 7 mm breiten Steinkern aus den Esneh- 
schiefem von Theben, welcher die Embronyal blase der Sca- 
phellen*) besitzt und auch in der Gestalt durchaus überein- 
stimmt. Wenn die Nähte etwas tiefer eingeschnitten sind, so 
scheint dies durch den Erhaltungszustand als Steinkern be- 
dingt. Es handelt sich auch hier wieder um eine durchaus 
moderne Gattung, deren alttertiäre Vertreter, zumal die V. We- 
therelli*) Sow. des London thon es viel schlanker sind und sich 
mehr an den oligocänen und neogenen Typus der V. Siemsseni 
BoU.*) und V. Lamberti Sow. anlehnen. Die Formengruppe 
scheint übrigens bereits in dem zwischen Kreide und Eocän 
eingeschobenen, also im Alter nicht allzu verschiedenen Kalke 
von Mons aufzutreten, doch ist diese Sc. inaequiplicata Briart et 
Comet*) zwar in der Gestalt recht übereinstimmend, aber durch 
Form und Zahl ihrer Falten sicher specifisch verschieden. Was 
diese Gebilde anlangt, so zeichnet Wanner von der ägyptischen 
Art deren nur zwei, giebt aber im Texte 3 — 4 an. Dieser 
Widerspruch bleibt noch aufzuklären. 



*) Cossmann: Esaais de Paleoanchologie comparee. III. Paris 1899. 
p. 126. 

2) Cf. F. Edwards: The eocene Cephalopoda and ünivalves of Eng- 
land. London (Palaeontographical society) 1849—77, p. 179, T. XXIII, 
f. 4a-d. 

8) Beyrich: Norddeutsches Tertiärgebirge, p. 81, T. V, f. 2-5. 

*) Fossiles du Calcaire grossier de Mons. Mem. de TAcad. roy. de 
Bruxelles. 38. T. V, f. 3 -3c. 



446 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 8, November 1902. 

Die V. pyriformis Kaunhow.*) von Maastricht erinnert in 
der Gestalt an die ägyptische Art, hat aber stärkere Spiral- 
und schwächere Anwachsstreifung. Sie dürfte indessen in die 
gleiche Gruppe gehören. 

17. Cinulia Ptahis Wanner (1. c. p. 141, T. XIX, 
f. 19.) Die Steinkerne aus den Esnehschiefem entsprechen durch- 
aus der cretacischen Form und zeigen an halbbeschaalten 
Stücken auch noch die starken Columellarfalten. Die Art hat 
aber einen holostomen Charakter und besitzt nicht die Spur 
eines vorderen Kanals. Sie ist daher eine Cinulia, keine Rin- 
gicula, wie Wanner meinte, und weit entfernt, Beziehungen 
zu Neogenformen, die der in meiner Sammlung befindlichen 
Ringicula Bonellii Desh. zu besitzen, gehört sie umgekehrt 
einem bisher ausschliesslich cretacischen Genus an, welches 
z. B. in der obersten Kreide von Siegsdorf sehr zahlreiche und 
stellen weis recht ähnliche Vertreter besitzt! Allzuweit dürfte 
jedenfalls C. serrata Gümb. sp.*) nicht entfernt sein, wie ein 
Vergleich der fast vollständig übereinstimmenden Abbildungen 
erkennen lässt. Ich würde beide Formen direkt identificieren, 
wenn Wanner nicht abweichende Angaben über die Sculptur 
machen würde; allerdings spricht auch er von „schrägen Zick- 
zacklinien" der Längsfurchenränder, während für die Gümbel'- 
sche Art durch J. Böhm eine , sägezahn artige Kerbung" diag- 
nosticiert wird. Vielleicht spielt hier aber auch der Erhaltungs- 
zustand eine Rolle. 

18. Cinulia cretacea Quaas (p. 298, T. XXXIU, f. 26 
bis 28). T. VII, f. 5. Herr Quaas giebt die Wanner'sche 
Ringicula Ptahis nicht aus den Blätterthonen an, beschreibt 
aber als neu eine Cinulia (= Avellana), welche zu der Wanner'- 
schen Art jedenfalls in innigsten Beziehungen stehen muss. 
Das hier abgebildete Mündungsbruchstück entspricht in Zahl, 

^) Die Gastropoden der Maastriohter Kreide. Palaeontol. Abhand- 
lungren von Dames und Kayser. 4. Jena 1898-1902. 

^) Vercrl. Job. Boehm: Die Kreidebildungen des Fürbergs und Sulz- 
berges bei Siegsdorf in Oberbavern, Palaeontographica. 38. 1891. p. 54, 
T. I, f. i>3a-d. 



P. Oppenheim: Fossilien der Blättermergel von Theben, 447 

Form und Lage der Falten wie in der Ornamentik des doppel- 
ten Mundsaumes durchaus der Quaas'schen Art, allerdings 
scheint die Spiralsculptur etwas zarter und die Längsstreifung 
zwischen ihr ist nicht zu erkennen, Momente, die indessen mög- 
licher Weise auf den Erhaltungszustand zurückzuführen sind. 
Sehr ähnlich scheint zumal das auf Fig. 26 bei Quaas darge- 
stellte Exemplar, von welchem sich Fig. 27 und 28 immerhin 
nicht ganz unwesentlich unterscheiden. 

Ich möchte annehmen, dass auch Actaeon (Tomatella) 
chargensis Quaas (p. 296, T. XXXIII, f. 23 — 25) unserer fau- 
nula angehört, da diese in erster Linie mit Recht von dem 
Autor mit T. simulata Sol. verglichen wird und d'Archiac 
diese (a. a. 0. p. 5) aus den Blätterthonen von Theben angiebt. 

19. Terebratulina chrysalis v. Schloth.^) (Vergl. 
Wanner, p. 113, Quaas p. 167, T. XX, f. 4—5.) Es ist wohl 
diese in den Esnehschiefern nicht seltene Art, welche d'Archiac 
bei Delanoüe als T. tenuistriata Leym. bestimmt hat. Diese 
Eocänart, welche mir in meiner Sammlung von mehreren 
typischen Fundpunkten des südöstlichen Frankreichs vorliegt, 
hat aber wohl in der Gestalt, nicht aber in der viel zarteren 
Sculptur und den weit zahlreicheren Längsrippen Aehnlich- 
keit. In Frage kommen überhaupt nur die eocäne T. stria- 
tuala Sow.*) und die v. Schlotheim 'sehe Kreideart. Die 
Form ist aber viel zu schmal, um mit der eocänen Type 
identificiert werden zu können. Von der Mehrzahl der Vor- 
kommnisse der vielgestaltigen T. chrysalis trennt sie allerdings 
die mediane Einbuchtung, welche an beiden Klappen gegen 



*) ü. Schloenbach: Beiträge zur Paläontologie der Jura- und 
Kreideformation im nordwestlichen Deutschland. II. Kritische Studien 
über Kreidebrachiopoden, Palaeontographica XIII, 1866. p. 11 ff., T. I, 
f. 3-4. — Davidson: A. monograph of British Cretacons Brachiopoda. 
II. London (Palaeontographical society) 1852, p. 35, T. II, f. 18— Ü8 (T. 
striata Wahlenberg). 

2) Cf. Davidson: British tertiary Brachiopoda. Ibidem p. 14, T. I, 
• f. 16-16b. 



448 Sitzung der mathrphys, Classe vom 8, November 1902. 

den Stirnrand zu beobachten ist, doch giebt Davidson*) auch 
durchaus entsprechende Typen an und zieht diese anstands- 
los zu der Kreideart, welche ihrerseits mit der recenten T. caput- 
serpentis L. in den innigsten Beziehungen steht. 

20. Palaeopsammia Zitteli Wanner (p. 104, T. XV, 
f. 1-4, Quaas p. 161, T. XXXI, f. 8—11) = StephanophyUia 
discoides M. Edw. und H. bei d'Archiac-Delanoüe). T. VII, 
f. 17 — 18 a. Man kann zur Noth den neuen generischen Schnitt 
acceptieren, obgleich schliesslich die Septa nicht freier sind 
als bei manchen Balanophyllien. Was die Artabgrenzung an- 
langt, so kann ich mir kaum vorstellen, dass ein so wichtiger 
und mit der ganzen Organisation des Thieres in so innigem 
Zusammenhange stehender Charakter wie die Entwicklung der 
Ausfüllungsgebilde bei zwei nahe verwandten und generisch 
untrennbaren Formen so schwanken kann, wie dies Wanner 
angiebt. Die mehr oder weniger beträchtliche Entwicklung der 
Epithek ist, selbst wenn sie sich bestätigt, gewiss kein Tren- 
nungsgrund; denn ganz epithekfrei soll ja nach dem Autor 
doch keine der beiden ^ Arten" sein. Wenn hier specifisch zu 
gliedern wäre, so konnte dies wohl im Wesentlichen nur auf 
Grund der mehr oder weniger breiten, krugförmigen oder lang- 
gestreckten bis gerundeten Allgemeingestalt. Vor der Hand 
ziehe ich beide Typen zusammen und wähle als Bezeichnung 
für sie statt des indifferenten ^multiformis" den Namen ihres 
Entdeckers. Dies vorausgeschickt, so liegen mir nur die Formen 
vor, welche Wanner 1. c. auf Fig. 3 — 4 abbildet; kleine, krug- 
förmige Gestalten mit oder ohne Epithekalwulst und fast glei- 
chen, aus zahlreichen Trabekeln zusammengesetzten, vielfach 
durchlöcherten, breiten Rippen. Die Anheftungsstelle ist, zu- 
mal bei jungen Individuen, sehr breit, seltener, und dann mit 
zunehmendem Alter verschmälert. Die Columella ist sehr deut- 
lich, breit, mit warzenförmiger Oberfläche aus zahlreichen Bälk- 
chen gebildet. Der Unterschied in der Septalstärke ist sehr 



1) „valves .... 'times presentin^ a slight longitudinal de- 

pression on each vah 36, vergl. auch T. II, f. 21 aus dem Chalk 

von Kent. 



P, Oppenheim: Possitien der Blättermerget von Theben. 449 

gering. Bei Theben ist die Type besonders häufig, wenn auch 
nicht immer glänzend erhalten. Der trabekuläre Charakter 
der Septocostalien ist an den mir vorliegenden Exemplaren 
äusserst deutlich, er wird auch von Wanner im Texte erwähnt, 
ohne indessen auf den Figuren bisher deutlich zum Ausdrucke 
zu gelangen; hoffentlich vermögen die hier gegebenen Abbil- 
dungen ihn kenntlich wiederzugeben. 

21. Pattalophyllia aegyptiaca Wanner sp. (Theco- 
cyathusp. 99, T. XIV, f. 1 und 1 a). T. VII, f. 10— 10b. Diese 
KoraUe ist häufig in wohlerhaltenen Stücken. Dieselben zeigen 
sehr schön und weit besser als die von Wanner gegebene 
Figur die länglich elliptische, warzige, aus etwa 40 dicken 
Bälkchen zusammengesetzte Axe, den Pfählchenkranz von 
24 Pali und die 4 Cyclen von sehr regelmässig in Länge und 
Stärke abnehmenden Septen. Dass die Oberfläche dieser letz- 
teren allem Anschein nach gezähnelt ist, scheint Wanner selbst 
bemerkt zu haben, da er sie „gekörnt" nennt; sie gehört daher 
nicht zu den Turbinoliden, nicht zu Trochocyathus und noch 
weniger zu Thecocyathus, ') sondern unter die Litrophylliaceen 
und zwar in die bisher ausschliesslich tertiäre Gattung Pattolo- 
phyllia d' Archiardi, ^) unter der ihr die schon von d'Archiac 
bei Delanoüe 1. c. erwähnte P. cyclolitoides Boll. sehr nahe 
steht, sich aber durch stärker verbreiterte Gestalt, schwächere 
Septocortalien und mehr zurücktretende Columella specifisch 
unterscheidet. Die Septa jüngerer Ordnung schliessen sich 
innig an die älteren an und scheinen in ihren distanten Endi- 
gungen, wie abgeriebene Stücke an der Aussenseite des Kelches 
zeigen (Fig. 10 b), zumal nach der Tiefe des Kelches hin mit 
diesen zu verschmelzen; an P. cyclolitoides ist das Gleiche zu 
beobachten. Auch Wanner spricht bei der Kreideform von 
einer „Verwachsung der Septa in der Tiefe". 

*) Für Thecocyathus E. H. spricht nichts. Man vergleiche die 
Gattungsdiagnose bei Zittel: Palaeozoologie p. 268. Weder überragt bei 
der ägyptischen Type die überhaupt sehr rudimentäre Epithek den Kelch- 
rand, noch ist der Kelch kreisförmig und flach. 

') Vergl. Priabonaschichten : Palaeontogi-aphica. 47. 1901. p. GOflF. 
T. II, f. 1-7. 



450 Sitzung der mathrphys, Clasae vom Ö. November 1902, 

Die Form, von welcher Trochocyathus epicharis Wanner 
(p. 99, T. XIV, f. 5 — 7) vielleicht nur ein Jugendstadium dar- 
stellt, hat entschiedenen Tertiärtypus, doch tritt sie, wie wir 
sehen, in Aegypten bereits in der typischen obersten Kreide 
von Bäb-el-Jasmund etc. auf. Sehr weit dürfte sich übrigens 
auch Trochocyathus? mammillatus Gümb. *) aus der Siegsdorfer 
Kreide nicht entfernen, dessen Zugehörigkeit zu Trochocyathus 
mir ebenfalls zweifelhaft ist. 

22. Pentacrinus (Balanocrinus) africanus P. de Loriol. 
(In Peron: Description des moUusques fossiles des terrains cre- 
taces de la region sud des Hauts-Plateaux de la Tunisie 
Paris 1889—90, p. 391, T. XXXI, f. 39—53, vergl. besonders 
Fig. 52—53) T. VII, f. 13— 13 a. 2 Stiele, 11 mm lang, 3 mm 
breit, aus 5 relativ sehr hohen Gliedern zusammengesetzt. 
Aussenwand stark abgerundet, daher auch der Querschnitt nur 
wenig eckig und am Rande nicht eingebuchtet. Nahrungskanal 
klein, Gelenkflächen rhombisch, wie die randlichen Leistchen 
stark hervortretend. Nähte schwach gezackt; an dem einen 
Stücke die Spuren der Cirrhen als schwache Vertiefungen an 
der Aussenwand sichtbar. 

Diese sehr schmale, aus verhältnismässig hohen Gliedern 
zusammengesetzte Form ist von den durch Wanner und Quaas 
besprochenen ächten Pentacrinus -Formen anscheinend ver- 
schieden. Die Form der Overwegi-Schichten*) ist grösser und 
hat dabei niedrigere und breitere Elemente, diejenige der Blätter- 
thone'^) ist nach aussen viel zu kantig, um überhaupt ver- 
glichen werden zu können; die nicht abgebildete Type der 
oberen weissen Kreide hat nach den von Wanner 1. c. p. 106 
gegebenen Dimensionen ungefähr den Charakter der Form aus 
dem Overwegi-Niveau. Aber auch die Arten des älteren Tertiär 
wie P. subbasaltiformis Forbes,^) P. didactylus d*Arch. und P. 

J) J. Boehm in Palaeontograpbica. 38. p. 102, T. IV, f. 19 a, b. 

2) Qiiaas T. XX, f. 1. 

3) Ibidem T. XXXI, f. IG. 

*) Edwards Forbes: Echinodermata of tbe British Tertiaries. London 
(Palaoontograpbical society) 1852, T. IV, f. 8-10. 



P. Oppenheim: Fossilien der Blättermerget von Theben. 451 

diaboli Bay. weichen sowohl in der Gestalt ab wie in der ge- 
ringen Höhe der Stielglieder. Durch den Hinweis bei Wanner 
(a. a. 0. p. 106) bin ich endlich auf die tunesische Kreideart 
gestossen, und es scheint mir, als ob mit dieser die unserige 
restlos vereinigt werden darf. Jedenfalls dürfte sie kaum einer 
bekannten Type näherstehen. 

23. Porocidaris prior, n. sp. T. VH, f. 8— 8a. Das 
flache, seitlich zusammengedrückte, am Rande deutlich scharf 
gesägte Stachelfragment kann nur mit Angehörigen der bisher 
ausschliesslich tertiären Gattung Porocidaris Des. verglichen 
werden. Schon der bekannte F. Schmideli Des. des mittleren 
Eocän steht nahe, noch ähnlicher sind zwei einer anscheinend 
neuen Type angehörige Stacheln, welche Sckweinfurth in Kal- 
ken der Libyschen Stufe im Wadi Aschar sammelte, „in weissen, 
mergelartigen sandigen Kalksteinen mit Lucina, Cardita, Poro- 
cidaris 25 m über der Kreidebasis ** . Mein Porocidaris ruinae*) 
aus der Spileccostufe des Vicentino gehört demselben Typus 
an, steht aber ferner. 

24. Lamna? sp. aflF. Vincenti Winkler, vielleicht Oxyrhina 
angustidens Reuss, T. VII, f. 15 — 15 b. Ein kleiner Selachier- 
Zahn von 11 mm Länge, einigermassen entsprechend der alt- 
tertiären Art, zumal den von Leriche*) neuerdings gegebenen 
Figuren, aber an der Basis noch stärker verschmälert; mit 
leicht nach aussen gebogener Spitze und schwacher Einbiegung 
nach innen an der rechten Flanke. Die Mitte der Innenseite 
unten nur sehr schwach eingebuchtet. Nebenzähne sind nicht 
sichtbar, doch ist die Wurzel an beiden Endigungen beschä- 
digt. Jedenfalls entspricht die Art keiner der von Wanner 
und Quaas aus der Kreide angegebenen Typen. Eine gewisse 
Aehnlichkeit besteht auch mit den als Carcharias(Aprionodon)^) 

1) Z. d. d. g. G. 1902, p. 173, T. VIII, f. 7. 

*) Sur quelques elementa nouveaux pour la faune ichthyologique du 
Montien inferieur du bassin de Paris. Annales de la soc. g^ologique du 
Nord. XXX. Lille 1901. p. 159, T. V, f. 16. 

8) Vergl. F. Priem in B. d. G. F. (III) 27. Paris 1899, p. 243-4, 
T. II, f. 8-15. 



452 Sitzung der wuUh.'pkifi, Clasu tom 8. Kortmher t90iS. 

fr(:i{u«^nH Dames bekannten Formen der Mokattamstufe; doch 
H«:]u:\nt mir der Zahn selbst im Verhältnisse zur Wurzel zu 
lang, und von der tiefen medianen Furche finde ich an der 
letzteren keine Spur. Wenn es sich mit Sicherheit heraus- 
stellen stillte, dass keine Nebenzähne vorhanden aind, so dOrfte 
die Form wohl mit allergrösster Wahrscheinlichkeit zu Oiy- 
rhinji angustidens Keuss gehören, von der Herr Leriche*) neuer- 
dingH wthr ähnliche Abbildungen nach Formen der nordfranzo- 
HJHchen Kreide gegeben hat. Die sigmoidale Krümmung des 
Zahnes, welche der Autor angiebt, würde trefflich stimmen. 
Aueh diese Form würde dann rein cretacisch sein. 

Scblussfolgerungen. 

Es ergiebt sich aus dem Vorhergehenden, dass die Blätter- 
niergel von Theben eine Faunula enthalten, deren grdsster 
Theil bereits in den typischen Kreideabsätzen der libyschen 
Wüste auftritt; so: 

Balanocrinus africanus P. de Lor. 

Palaeopsammia Zitteli Wann. 

Pattalophyllia aegyptiaca Wann. sp. 

Terebratulina chrysalis v. Schloth. 

Nautilus centralis Zitt. 

Natica farafrensis Wann. 

Cerithium abietiforme Wann. 

Vüluta aegyptiaca Wann. 

Alaria sp. 

('inulia Ptahis Wann. sp. 

Cinulia cretacea Quaas 

Leda leia Wann. 

Axinus crotaceus Wann. 
l)aiH'l)(Mi li(»j^on einige wenige Arten vor, welche im ägypti- 
srlien Danien bisher fehlen: 

') lu'vision iW hl launo irlithyologique des terrains cretaces du Nord 
•a FiaiHf. AiinaU's iK» la Sor. i^coloj:. du Nord. XXXI. Lille 1902, 

V. vt'ijri. p. 117. T. lll. t\ r>o o:.. 



P. Oppenheim: Fossilien der Blättermergel von Theben. 4:53 

Pleurotomaria thebensis n. sp. 

Trochus sp. aflF. margaritifer J. Boehm 

Eulima Wanneri n. sp. 

Neaera aegyptiaca n. sp. 

Limea Delanoüei n. sp. 
Diese Faunen haben aber sämtlich eher mit Kreide- als 
mit Eocänarten verglichen werden können. 

Als echt tertiäres Element besitzt die Fauna nur 

Aturia praeziczac n. sp. und 

Porocidaris prior n. sp. 
welche allem Anscheine nach bisher in der typischen Kreide 
Aegyptens nicht aufgefunden worden sind. 

Dass es sich in den Blättermergeln von Theben demnach 
nicht um typisches Eocän handeln kann, wie d'Archiac meinte, 
scheint mir ausgemacht. Die Bestimmungen d'Archiac's sind 
allem Anscheine nach grösstentheils irrthümlich. Vermuth- 
lich hat der sehr moderne Totaleindruck der Faunula im 
Verein mit dem reichen Auftreten der Aturia diesen erst- 
klassigen Forscher, der gerade in den beiden hier in Betracht 
kommenden Erdperioden so gründliche Specialkenntnisse besass, 
veranlasst, nun auch z. B. die so überaus ungünstig erhaltenen 
Nucula- und Leda-Formen auf bekannte Eocänarten zurückzu- 
führen. Und mit Materialien wie diese letzteren lässt sich mit 
Leichtigkeit alles beweisen! 

Der moderne Habitus der Fauna steht fest, aber, was 
d'Archiac noch nicht wissen konnte, auch das Danien Aegyptens 
besitzt ihn, und zwar in noch höherem Maasse als die Herren 
Wanner und Quaas angenommen haben. Ohne das Vorhanden- 
sein der Ammoniten, Exogyren, Ananchyten und einiger creta- 
cischer Haifischformen würde man sehr in Verlegenheit kommen, 
diese Faunen durchgreifend von denen des Eocän zu unter- 
scheiden, und es sind unter den Crassatellen, Carditen, Cucullaeen, 
Axinus, Turritellen etc.*) so manche Typen, welche mir in 



^) Crassatella chargensis Quaas, C. Zitteli Wann., Cardita libyca 
1902. Sitximgsb. d. math.-ph78. Ol. 80 



454 SitMun^ der maih,-jA^s. Ülasie mm 8. Koüemher 1902. 

überaus ähnlichen Gestaltan noch am dem Mokattam vorliegen. 
Andrerseits haben z* B. die von Wanner aus der obersten 
Kreide mitgetbeilten Rift'korallen ^) einen durchaus tertiären 
Habitus. Wenn je so drangt sich hier die Ueberzeugung auf 
einer continuierlichen, endogenen» nicht durch fremde Einwan- 
derung stark beeinJSussten Entwicklung und naturgemuss ist 
die Schwierigkeit einer festen Grenzniarkierung auf Grund 
Paläontologie eher Momente hier eine uti gell eure. 

Für mein systematisches Empfinden scheint es, als ob eine 
Faunat von der die überwiegende Mehrzahl ihrer Bestandtheile 
schon in der typischen Kreide auftritt, noch nicht als Tertiär 
bezeichnet werden kann. Selbst fdr diejenigen, welche in 
solchen Fällen zu dem Verlegen hei tsaus weg einer Zwischenstufe 
zu greifen pflegen, würde es schwer sein, in dem sog, Paleocän 
Analoga zu finden. Denn die Sande von Kopenhagen und der 
Kalk von Mons, die hier in Frage kommen^ haben durchaus 
eocänen Charakter; ebenso ausgesprochen ist der cretackche 
Habitus bei den Garumnien -Bildungen Südfrankreichs und Nord- 
spaniens. So modern auch die senone und zumal die dänische 
Kreide au zahlreichen Funkten wird, sie steht dem sie über- ■ 
lagernden Tortiär denuoch stets fremd und unvermittelt gegen- 
über. Transgressionen und wohl stets durch sie bedingter 
Wechsel der Facies thun das ihrige dazu, die gesponnenen 
Fäden abzuschneiden und fremde für sie einzuwirken. Anders 
liegt, wie V. Zittel seiner Zeit sofort hervorgehoben hat, die 
Sache für Aegypten, und in die Reihe allmäliger Uebergänge 
zwischen sonst scharf und präcis getrennten Formationen 
scheint sich auch der Esnehschiefer von Theben einzuschieben. 
Andrerseits scheint es mir wohl kaum bestreitbar, dass dieses 
Gebilde mit seinen zahlreichen Kreideelementen älter sein muss 



Ziti., CucDllaea Schweinfurthi, ^siinui eupracretaceua, Ttirntella (Meaalii 
non Torcula) Overwegi, Meaalia Jovia-AmmoBis Quaaa etc» 

1) Z, B. ist Orofleris undata Wann. (p. Iü4, T. 14, f. 13), bei der leider 
eine Vergrösteniitg des Detaüa vennisst wird, sehr schwer von der 
eocänen Pachjeeris Murchiaoni d*Ärch- zu unteracheiden. VergT. Über 
diese letztere meine Bemerkangen und Figuren in Beiträge zur Palae- 
ontologie Oesterr.-Ungams 190L p. 20T. T, 13, f. l—la. 




P. Oppenheim: Fossilien der Blättermergel von Theben, 455 

als alles, was sonst selbst als Paleocän bezeichnet worden ist. 
Diese Anschauung kann aber, bei aller Anerkennung des 
modernen Charakters dieser Fauna, nur dadurch ihren syste- 
matischen Ausdruck finden, dass man diese noch zur Kreide 
zieht, und erst über dem Niveau der Blättermergel mit der 
libyschen Stufe das Tertiär, des Untereocän, beginnen lässt. 



Anmerkung. Herr Dr. Quaas, welcher mein Material inzwischen 
bei mir eingesehen hat, ermächtigt mich zu der Erklärung, dass er voll- 
ständig einverstanden ist mit den von mir vorgenommenen Identifikationen 
mit den von ihm beschriebenen Arten aus den cretacischen Blätter- 
thonen, und dass fiir ihn anderseits die Verschiedenheit meiner Aturia 
praeziezac von dem bei ihm abgebildeten Nautilus danicus ganz un- 
zweifelhaft sichergestellt ist. 



30* 



456 



Tafelerklärnng. 
T. yii. 

Fig. 1 — 8. Atoria praeziczac n. sp. nach verschiedenen Individaen nnd 

in verschiedenen Stellungen. Fig. 2 a ein aufgebrochenes Exemplar 

von zwei Seiten, p. 436. 
^ 4— 4 a. Cypricardia? sp. p. 441. 
^ 5. Cinulia cretacea Quaas. Mündungsansicht mit doppeltem ftusserem 

Mundsaum und den Falten, p. 446. 
j, 6— 6 a. Neaera aegyptiaca n. sp. Fig. 6 a vergr(y88ert. p. 441. 
j, 7— 7 a. Leda Zitteli J. Boehm. Fig. 7 a vergrössert. p. 439. 
y, 8— 8 a. Porocidaris prior n. sp. p. 451. 

„ 9— 9a. Limea Delanoüei n. sp. Fig. 9— 9a vergrössert. p. 439. 
„ 10— 10 b. Pattalophyllia aegyptiaca Wann. Fig. 10 Eelchbild mit 

der grossen warzigen Axe, den Pali und den anscheinend gez&hnten 

Septen vergrössert. Fig. 10 b Rippen der Aussen wand, die am 

Grunde verschmelzen, p. 449. 
„ 11. Cypricardia? sp. zeigt die diagonalen Furchen der Analseite. 

p. 441. 
y, 12. Voluta (Scaphella) aegyptiaca Wann. p. 445. 
j. 13 — 13 a. Balanocrinus africanus P. de Lor. Fig. 13 a vergrössert. 

p. 450. 
, 14 — 14a. Lucina? sp. p. 441. 
, 15— 15b. Oxyrhina angustidens Reuss? p. 451. 
„ 16 -16 a. Pleurotomaria thebensis n. sp. Fig. 16 a halb schematiBch. 

p. 442. 
„ 17— 18a. Palaeopsammia Zitteli Wann. — Man achte auf den 

trabekulären Charakter der Rippen auf Fig. 17. p. 448. 
„ 19 -19 a. Eulima Wanneri n. sp. p. 444. 
y, 20— 20a. Natica farafrensis Wann. Blick auf die Basis und den 

Columellarpflock. p. 443. 
y, 21. Cerithium abietiforme Wann. p. 444. 
, 22 — 22 a. Trochus sp. äff. T. margaritifer J. Boehm. p. 443. 

Die Ori^nnale zu sämtlichen Figuren dieser Tafel, mit Ausnahme 
von Fi^. 10, deren Typus aus Faiafrah stammen soll, wurden in den 
Hlättermergeln von Thel»en gesammelt und in der paläontologisehen 
JSammlunp^ des ))ayens('lien Staates zu München niedergelegt. 



457 



OefiFentliche Sitzung 

zu Ehren Seiner Majestät des Königs und Seiner 
Königlichen Hoheit des Prinz-Regenten 

am 15. November 1902. 



Der Präsident der Akademie, Herr K. A. v. Zittel, 
eröflftiet die Pestsitzung mit einer Rede: „Ueber wissen- 
schaftliche Wahrheit**, welche für sich in den Schriften 
der Akademie veröffentlicht wird. 

Sodann verkündigten die Classensekretäre die Wahlen und 
zwar der Sekretär der H. Classe, Herr C. v. Voit, die der 
mathematisch-physikalischen Classe. 

Es wurden von der mathematisch -physikalischen Classe 
gewählt und von Seiner Königlichen Hoheit dem Prinz- 
Regenten bestätigt: 

I. zum ordentlichen Mitgliede: 
Das bisherige ausserordentliche Mitglied Dr. Johannes 
Ranke, ordentl. Professor für Anthropologie und allgemeine 
Naturgeschichte an der hiesigen Universität. 

U. zu correspondirenden Mitgliedern: 

1. Dr. W. C. Brögger, Professor der Mineralogie und 
Geologie an der Universität in Christiania; 

2. Dr. Wilhelm Engelmann, Professor der Physiologie 
an der Universität in Berlin; 

3. Dr. Adolf Engler, Professor der Botanik an der 
Universität in Berlin; 

4. Dr. J. Willard Gibbs, Professor der mathematischen 
Physik an der Yale-Universität in New-Haven; 

5. Jacobus Hendricus van t'Hoff, Professor der Chemie 
an der Universität in Berlin; 

6. Karl Harry Rosenbusch, Professor der Mineralogie 
und Geologie an der Universität in Heidelberg. 



458 



Sitzung vom 6. Dezember 1902. 

1. Herr Ad. v. Baeyer spricht: »Ueber Triphenyl- 
methan-Derivate/ Die Veröffentlichung findet anderwärts 
statt. 

2. Herr Rich. Heetwig hält einen Vortrag: «Ueber Cor- 
relation von Kern- und Zellgrösse.* Die Veröffentlichimg 
findet ebenfalls anderwärts statt. 

3. Herr K. A. v. Zettel legt eine für die Denkschriftoi 
bestimmte Abhandlung des Herrn Dr. Max Schlosseb, H. Con- 
servators der geologischen Sammlung dahier: «üeber die 
fossilen Säugethiere China's" vor, in welcher die too 
Herrn Habebek mitgebrachten, namentlich aus Zähnen be- 
stehenden Fossilien bearbeitet sind. 

4. Herr Siegmund Günther hält einen Vortrag: »Ueber 
glaciale Denudationsgebiete im mittleren Eisack- 
thale.* 

5. Herr Joe. Rcckert spricht: ,üeber Entstehung des 
Blutes im Hühnerei.* 



J 



459 



Glaziale DenndationsgeMde im mittleren Eisackthale. 

Von Siegrmand Gflnther. 

(BingOau/en 22. DeMtmber.) 

Jedermann weiss, welch unermessliche Arbeit daran gesetzt 
worden ist, über die eiszeitlichen Residuen an der Nordseite 
der Alpen vollkommene Aufklärung zu schafiFen,^) und auch 
im Bereiche der lombardisch-venetianischen Tiefebene, sowie 
in den Westalpen hat diese Untersuchung beträchtliche Fort- 
schritte gemacht. Umso auffallender muss es erscheinen, dass 
der Südabhang der Zentralalpen nach dieser Seite hin noch 
verhältnismässig wenig durchforscht worden ist; abgesehen 
allerdings von der Umgebung Bozens und Merans, der sich 
schon frühzeitig vielseitige Teilnahme zugewendet hat.*) Zu 



') Pen ck -Brückner, Die Alpen im Eiszeitalter, Leipzig 1901 ff. 
Dieses im grössten Stile angelegte Werk, welches jedoch zur Zeit bis 
zu den hier in betracht gezogenen Gegenden einstweilen noch nicht fort- 
geschritten ist, wird unser gesamtes Wissen von diesen Dingen derart 
abgeschlossen darstellen, dass es für jede einschlägige Forschung normativ 
wirkt (Günther, Pencks neue Glazialstudien, Jahresber. d. Geogr. 
Gesellsch. zu München für 1901/02, S. 41 ff.). 

*) Dieses Thal gehört sogar zu den in der Geschichte der Glazial- 
geologie besonders bemerkenswerten Oertlichkeiten, die zuerst als Zeugen 
für eine dereinstige weitere Ausdehnung der alpinen Gletscher in an- 
spnich genommen wurden (Gr edler. Die ürgletschermoränen aus dem 
Eggenthaie, Bozen 1868). Bald nachher erschienen zahlreiche Beiträge 
zur weiteren Klärung der hiemit angeregten Fragen (Goetsch, der alte 
Etschgletscher, Zeitschr. d. deutschen u. österr. Alpenver., 1. Band, S. 583 ff.; 
Gümbel, Gletschererscheinungen aus der Eiszeit, Sitzungsber. d. k. 
bayer. Akad. d. Wissensch., Math.-Phys. Kl., 1872, S. 223 ff.). 



4^0 Sitzung *Ur math.-phyi. Oa$$€ roa 6. Deiewhtr 1S02. 

Ahn am .stiefriiQtt^rlich.sten bedachten Gebieten gebort dagegen 
dan mittlere Eisackthal. dessen Abgrenzung leicht so durch- 
geführt werden kann, dass es sich gerade mit der Thal- 
weiturig von Brixen deckt.^) Obwohl man scbon seit ge- 
raumer Zeit sehr wohl wusste. dass glaziale Schotterbildungen 
gerade hier kräftig entwickelt sind, wurde docb noch kein 
ernster Ansatz zu deren näherer Bestimmung und Gliederung 
gemacht. Wenigstens spricht sich in diesem Sinne Blaas 
auHf^j dessen Streben doch sonst dahin geht, die gesamte Lit- 
teratur über die geologischen Verhältnisse Tirols für seine 
Zwecke heranzuziehen. Eine abschliessende Erörterung liegt 
auch nicht in der Absicht dieser Studie, die vielmehr nur ein 
ziemlich beschränktes Territorium aus dem Gesamtbereiche der 
Brirener Olazialformation herausgreifen, dieses jedoch nach Ter- 
«chiedenen Seiten einlässlich schildern möchte. Es tritt hier 
nämlich nicht nur das im engeren Sinne glazialgeologische 
Moment stark in den Vordergrund, sondern es hat in die 
dortigen Ablagerungen die Erosion zahlreiche Eingriffe gemacht, 

M Die nördliche Grenze des mittleren Eisackthalea föllt natargemäss 
zuHainnuin mit der tiefen Klamm, in welcher sich der Fluss, und zwar 
innorhall) (lr*r Mauern von Franzensfeste, seinen Austritt aus dem engen 
Thal«» crkilmpft, innerhalb dessen er vom Sterzinger Moos aus dahinge- 
Hirömt, war. Das untere Thal würde in der Hauptsache mit dem soge- 
naniit<'n „KunterHweg" zusammenfallen, und man könnte als dessen Be- 
rnau <lio Hc.hon durch ihren Namen gekennzeichnete Stadt Klausen oder 
auch, mit, violleictht noch mehr Recht, die etwa eine Stunde oberhalb 
von ihr j^clegene „Sternklamm" ^'elten lassen, weil von da ab der Thal- 
einHchiiitt die Eigenschaft eines Engpasses annimmt, deren er vor dem 
„Pozener Hoden * nicht mehr verlustig wird. 

'^) Blaas, (geologischer Führer durch die Tiroler und Vorarlberger 
Alpen, \, Händchen (Mitteltirol), Innsbruck 1902, S. 460flf. .Bedeutsam. 
aber noch wenig studiert, sind die mächtigen glazialen Ablagerungen in 
der Tingebung von Jtrixen, besonders nördlich der Stadt, bei Neustift, 
Schubs und Fnm/.ensfcste. Die Sedimente bestehen aus Konglomeraten 
im liic^'cndjMi (Neustift), geschichteten, stark gestörten Schottern und 
i^andcll (Neustift. Scluibs) und Moränen (Franzens feste). "Wahrscheinlich 
lieircn l»»'»»' Stauscliotter vor, veranlasst durch Absperrung des Elisack- 
thab "e Gletscher der Dolomiten zu der Zeit, als jene aus den 

Zei ^en noch nicht eiTcicht hatten."* 



S. Günther: Olcieiäle Denudationsgehüde, 461 

welche zur Herausbildung höchst merkwürdiger Formen führten. 
Man darf es wohl aussprechen, dass sich hier auf verhält- 
nismässig sehr kleinem Räume Paradigmen aller der 
verschiedenen Denudationsgebilde zusammenfinden, 
welche unter der Einwirkung fliessenden und meteori- 
schen Wassers zustande kommen können. 

Um zunächst die topographischen Verhältnisse zu erledigen, 
sei daran erinnert, dass das Eisackthal zwischen Franzensfeste 
und Brixen durch die beiden Wasserläufe, welchen dasselbe 
angewiesen ist, in drei untergeordnete, durch niedrige Er- 
hebungen von einander geschiedene Längsthäler zerlegt wird. 
In Fig. 1, der die österreichische Generalstabskarte (Blätter 
Klausen und Franzensfeste) zu gründe liegt, sind das westliche 
und das mittlere dieser drei Parallelthäler veranschaulicht. Das 
erstere wäre an und für sich ein Trockenthal, wenn nicht durch 
Aufstauung ein fast 1 km langer See (auf der Karte, aber 
nicht im Volksmunde „Oberer See* genannt) entstanden wäre, 
der die spärlichen Zuflüsse von den Bergen herab in sich auf- 
nimmt und, als abflusslos, grossenteils versumpft ist. Ein 
länglich-schmaler Rücken von geringer Höhe, der künftig kurz 
den Namen »Höhe A* führen soll, trennt diese Senkung vom 
eigentlichen Eisackthale, und dieses wieder wird auf seiner 
östlichen Seite durch einen weit kräftiger modellierten Höhen- 
zug — von nun an „Höhe B" — begleitet, den die offizielle 
Karte als „Schabser Plateau' kennt. Zwischen diesem und 
den ziemlich steil ansteigenden Vorbergen der Plose fliesst in 
tief eingeschnittenem Thale die von Osten kommende Rienz 
dahin, die sich unmittelbar bei Brixen unter einem scharf aus- 
geprägten spitzen Winkel mit dem Eisack vereinigt. Das an- 
stehende Gestein aller dieser Hügel verbirgt sich fast durch- 
gehends unter den diluvialen Auflagerungen, und nur bei dem 
Durchbruch des Eisacks zwischen den beiden Höhen A und B, 
an dessen unterem Ende das alte Kloster Neustift gelegen ist, 
kann man deutlich erkennen, dass den Kern derselben archae- 
ische Schiefer bilden. 

Das „Schabser Plateau" fallt steil gegen die Eisack-Thal- 



462 



Sitzung der math.-phys, Glosse vom 6. Dezember 1902, 



iiiederung ab. Gegen Nordwesten ist eine ausgesprochene 
Terrassenbildung wahrnehmbar, indem eine fast ebene Fläche, 
auf welcher das Dörfchen Aicba liegt, sich bis an den Fuss 
des Berges von Spinges hinzieht. Die Generalstabskarte kennt 
diese Terrasse als „Ochsenbichl" — eine Bezeichnung, die 
jedenfalls auch den gegenwärtigen Umwohnern nicht mehr 

Fig. 1. 




fEfc^act 



StfciWX^t. %s^^;a^'L>OL-HSst^m.$st 



recht geläufig ist. Schon die oberflächlichste Begehung*) der 
Thalleiste vergewissert darüber, dass man es hier mit Glazial- 



*) Verf. hat den Ocbsonbiohl samt der angrenzenden Thallandschaft 
nii'ht nur zu wiederholten malen allein, sondern zuletzt auch mit einem 
besonders gründlichen Kenner des Olazialphanomenes. Prof. Ed. Richter 
lliraz\ durchwandert, und es ergab sich hiebei in allen wichtigeren 
Punkten eine durchgangige Uebereinstimmuug der Ansichten. 



S. Günther: Glaziale Denudationsgebilde. 



463 



schottern zu thun habe, wobei allerdings zunächst noch die 
Frage eine offene bleibt, ob jene vom Gletscher selbst oder 
von den sich ihm entringenden Wassermassen an ihrem nun- 
mehrigen Orte deponiert worden seien, ob also an Moränen 
oder an fluvioglaziale Ablagerungen zu denken sei. Auch 
eine relative Altersbestimmung einzelner Teile wird erst dann 
möglich, wenn man die Gesamtheit der den Höhen A und B 
angehörigen Schichten ins Auge fasst. 

Nicht unerheblich erleichtert wird diese letztere Aufgabe 
durch einen Strassenbau, welcher einige höchst belehrende Auf- 
schlüsse in dem sonst allenthalben durch eine reiche Vegetation 
unübersichtlich gemachten Terrain zuwege gebracht hat. Es 

Fig. 2. 




kam darauf an, den das rechtseitige Ufer des Eisacks bildenden 
Wiesengrund, in dem die beiden Weingüter ,Vorder-Igger** 
und „Hinter-Igger" kleine wirtschaftliche Zentren ausmachen, 
durch einen fahrbaren Weg mit der Reichsstrasse Brixen- 
Vahrn-Franzensfeste zu verbinden ; die beiden Punkte, in denen 
diese Strasse von dem neu angelegten Wege getroffen wird, 
haben in Fig. 1 die Signaturen A| und A^. Unmittelbar bei 
A, ist deshalb ein Durchschnitt durch den oberen Teil der 
Höhe A hergestellt worden, und hier zeigt sich ganz ungesucht 
dem Auge Folgendes: Eine vollkommen horizontal ver- 
laufende Linie scheidet die durch den Einschluss 
vieler und mächtiger Gesteinstrümmer charakteri- 
sierten hangenden Schichten von den stark verwit- 



464 Sitzung der mathrphys, Classe vom 6. Bexember 1902, 

terten liegenden, die nur sehr wenig Schottermaterial, 
und dieses in weit feiner verteiltem Zustande, ent- 
halten. Fig. 2 sucht von dem hier angedeuteten Gegensatze 
eine ungefähre Vorstellung zu geben. Die Blöcke sind durchweg 
Granit und Gneiss und entstammen ersichtlich dem Urgebirge 
des oberen Eisack- und Wippthaies; der sandige Lehm der 
Unterlage ist aus Gestein von derselben Beschaffenheit hervor- 
gegangen, gehört aber unzweifelhaft einer älteren Epoche 
an. Die erwähnte Trennungsfläche lässt sich, wenn man ein- 
mal an der erwähnten, besonders dazu geeigneten Stelle ihre 
Eigenart kennen gelernt hat, auch noch anderwärts leicht 
herausfinden, so beispielsweise im Pusterthale zwischen Mühl- 
bach und Schabs. Vor allem durchzieht sie auch die denu- 
dierten Abhänge des Ochsenbiehls, und hier begegnen wir auch 
einem Vorkommnis, welches besonders beachtenswert erscheint. 
Durch eine jener Erdpyramiden nämlich, mit denen wir uns 
gleich nachher zu beschäftigen haben werden, zieht sich der 
Trennungshorizont derart hindurch, dass ihre Spitze sich aus 
lauter kleinen, fest verkitteten Schottersteinen zusammensetzt, 
während der eigentliche Körper der Säule aus gleichmässigem 
Verwitterungsstoffe von Massengesteinen besteht.*) Es wird wahr- 
scheinlich nicht viele zusammenhängende Bezirke in Moranen- 
landschaften*) geben, welche die Trennungsfläche zwischen 
Ablagerungen verschiedener zeitlicher Entstehungen so präzis 
auf immerhin weitere Entfernung zu verfolgen gestatten, wie 
dies hier der Fall ist. 

Dass alle diese Ablagerungen den glazialen Typus an sich 
tragen, kann vonvornherein nicht zweifelhaft sein. Insbesondere 



*^ Es ist vlies vielleicht Jer einzige bekannte Fall heterogener 
Z u < .\ \x\ \\\ en < et zu n ff eines Enipfeüers. Man nimmt diese Gebilde ge- 
wöhnlich a's av.s viner ininz irleichfc-riiiiiTon Zersetzunirsmasse gebildet an. 
.^eno r>:iT:.ivrv.r.^. oi^- .-HordiT^trs via v.r..i -.-v-^rt beobachtet wird, ist mit der 
hier in betr.»/:.: k n.ir.enien Zv.iTeh.'nirkrit zu zwei ganz verschiedenen 
Svhi.htfoliTei; keirir-wrcs :viv::::sch. 

• Diesrf W .rt s:-''^rA'i her. wir :•.: -.ir:/. erweiterten Sinne, den ihm 
A. V. Roehm Grs- hichte der M r.ir.enk-.mie. Wien U\>2. S. 1'24» unterlesft. 



S. Günther: Glausiäle Dentidationsgebüde. 465 

weisen einzelne der von der oberen Schicht umschlossenen Blöcke 
prächtige Schliffe auf. Weit schwieriger ist es selbstverständ- 
lich, die beiden Depositen mit solchen zu identifizieren, welche 
man in anderen, weit entfernten Gegenden genau gegliedert 
und zur Grundlage einer zunächst eben doch dem örtlichen Auf- 
treten angepassten Nomenklatur gemacht hat. Dafür, dass eine 
Gliederung auch für die südlich vom Brenner auftretenden 
Glazialgebilde möglich ist, hat vor längerer Zeit bereits Penck^) 
den Nachweis erbracht, indem er wenigstens für die Seiten- 
moräne des grossen Gletschers, der damals von der anders ge- 
legenen Wasserscheide*) des Uralpenzuges sich herabsenkte, 
feststellte, dass sie dem letzten Eiszeitstadium angehört haben 
müsse. Die genauen chronologischen Parallelen zwischen den 
an den Höhen A und B wahrnehmbaren Formationen und 
denen, die den Nordrand der Alpen einsäumen, wird man heute 
noch nicht ziehen können; verbürgt ist anscheinend nur das, 
dass die beiden Ablagerungen, die der mehrerwähnte 
Trennungshorizont zu unterscheiden gestattet, zwei 
verschiedenen Uebereisungsperioden zuzurechnen sind. 
Die obere Schichtenreihe dürfte mutmasslich als fluvioglazial 
anzusprechen sein, weil eben in ihr vielfach eine so regelrechte 
Schichtung der derberen Einschlüsse zu tage tritt, wie sie nur 
von fliessendem Wasser bewirkt zu werden pflegt. Die glaziale 
Schrammung und Schleifung der Gesteinstrümmer mag über 
dieselben zu einer Zeit ergangen sein, als sie sich noch in 
ihrer ursprünglichen Verbindung mit dem anstehenden Fels 
befanden. Alles in allem weisen die äusseren Kennzeichen 
auf den Niederterrassenschotter*) des bayerischen Alpen- 



Penck, Der Brenner, Zeitschr. d. deutschen u. österr. Alpenver., 
18. Band, S. 11. 

2) Was Penck nach dem damaligen Befunde nur ahnen konnte, 
hat F. Kerner v. Marilaun (Die Verschiebungen der Wasserscheiden 
im Wippthale während der Eiszeit, Sitzungsber. d. k. k. Akademie d. 
Wissensch. zu Wien, Math.-Naturw. Kl., 1. Dezember 1891) mit neuen 
Argumenten erhärtet. 

8) Nach der neuerdings von Penck gewählten und in dem jüngsten 



466 Sitzung der mathrphys, Classe vom 6. Dezember 1902, 

Vorlandes hin, der, rein morphographisch betrachtet, eine ganz 
analoge BeschaflFenheit besitzt. 

Was dieser Nebeneinanderstellung noch eine gewisse Stütze 
verleiht, ist die Thatsache, dass an einzelnen Stellen dieser 
Terrassenschotter sich in höchst eigenartiger Weise mit einer 
ganz unregelmässig gelagerten Schicht durchdringt, die unse- 
rem Deckenschotter zum mindesten ausserordentlich ähnlich 
ist. Da und dort begegnet man Konglomeraten, die von der 
nordalpinen Nagelfluh kaum zu trennen sind; ein Irrblock 
dieser Art liegt z. B. hart an dem Wege, der von der Brixener 
Vorstadt Stufls nach Neustift führt. Ganz besonders bezeich- 
nend sind ferner die Zustände am nördlichen Ende der Ochsen- 
bichl-Terrasse. Wie aus Fig. 1 zu ersehen, schmiegt sich diese 
letztere ganz und gar dem gewundenen Laufe des Flusses an, 
so dass zwischen ihr und dem Eisack nur ein ganz schmaler 
Ufersaum übrig blieb. Da, wo dieser sich südlich etwas er- 
weitert, liegen die beiden Einöden „Ober-" und „Unter-Pauck- 
ner**, und von hier an, von C bis D, besitzt die glaziale Flanke 
der Höhe B (s. o.) den uns bekannten Charakter. Dieser ver- 
liert sich von D an nach und nach, und gegen E hin machen 
sich mehr und mehr grobe, durch ein lössartiges Bindemittel 
zementierte Blöcke geltend, die eben unwillkürlich den Eindruck 
des Decken Schotters hervorrufen. Indessen wäre es gewagt, be- 
stimmt von einem solchen zu sprechen, solange nicht auch 
anderswo das Vorkommen solcher Gebilde, und zwar unter 
dem vermeintlichen Niederterrassenschotter,^) zuverlässig er- 
mittelt ist. 



Werke konsequent zur Anwendung gebrachten Bezeichnungsweise läge 
das System W (Wurm) vor. 

*) Trotzdem von hause aus der Deckenschotter unter der Hoch- 
ternisse liegt, die ihrerseits wieder die Niederterrasse unterteuft, bringt 
es doch die Fhisserosion mit sich, dass man in der Nähe des vom Flusse 
gebihloten Kinschnittes den Deckenschotter in höheren Horizonten als 
die später abgesetzton Schotter antrifft (Penck-Rrückner-Du Pasquier, 
Le jiystonie gh\ciaire des Alpes. Neuchatol 1894). Wie eigentümlich hie 
und da eine Grundmoräne siih in die Nietlerterrasse hineinzuschieben 
vermaii. beweist di»^ Rändorung der Innleite bei Wasserburg in Ober- 



S, Günther: Glaziale Denudatiansgebilde. 467 

Dieser letztere ruht also , wie wir sahen , der Regel 
nach auf einer mutmasslich ziemlich mächtigen Schicht, die 
gar nichts mit Nagelfluh zu thun hat. Man möchte wohl ge- 
neigt sein, in ihr eine echte Moräne und zwar, angesichts 
der feinen Aufbereitung ihres Materiales, eine Grundmoräne 
zu erblicken. Andererseits will auch jene Anschauung, auf 
welche Blaas (s. o.) anspielt, beachtet sein. An und für sich 
hindert nichts, sich den Sachverhalt in der Weise zurechtzu- 
legen, dass von Osten her ein gewaltiger Gletscher den Aus- 
gang des Eisackthales versperrt und die nach Süden abfliessen- 
den Gewässer aufgestaut habe; wenn dann der Eisackgletscher 
in den so entstandenen See hineinrückte, konnten seine Mo- 
ränen sehr wohl jene Konfiguration annehmen, welche die 
untere Schicht erwähntermassen auszeichnet. Auf ein Zu- 
sammenwirken flüssigen und gefrorenen Wassers wird 
man somit bei der Erklärung der Glazialdepositen nördlich von 
Brixen unter allen Umständen Bedacht nehmen müssen, indem 
nur bei den oben aufliegenden Schottermassen der fluvio- 
glaziale, bei den fast homogenen Straten der tieferen Horizonte 
mehr der im engeren Sinne glaziale Ursprung zu betonen wäre. 
Als ein weiterer Faktor könnte auch noch die Gestalt der 
Höhe A eine gewisse Rolle spielen, welche unverkennbar die 
eines Drumlins ist. „Die Drumlins sind*, so lesen wir in 
der massgebenden Darstellung,^) „gestreckt und schwarmförmig 
in der Richtung der Eisbewegung angeordnet; in der Mittel- 
linie der alten Gletscherzunge stehen sie daher senkrecht zur 
Richtung der Endmoränen, an den Flanken laufen sie unter 



bayem, auf welche von Penck (Penck-Brückner, S. 131 ff.) als auf 
eine seltenere Modalität der Verknüpfung von Schotter und Moränen, 
die zumeist eine , Verzahnung* oder .Verkeilung" zu sein pflegt, hinge- 
wiesen worden ist. 

^) Penck-Brückner, a. a. 0., S. 16. Als Ort der Drumlins, wie 
der verschiedenen Gattungen glazialer Absätze werden hier die „Zungen- 
becken" definiert, ringsum geschlossene, tiefe Wannen, häufig von Seen 
erfiillt. Die Merkmale eines solchen Beckens treffen teilweise für die 
hier behandelte Thalung zu, welcher der Fluss freilich eine Oeffnung 
nach abwärts verschaffte. 



468 Sitzung der math.-phys, Classe vom 6. Dezember 1902, 

spitzem Winkel auf letztere zu**. Dass ein normaler Endmo- 
riinenwall heutzutage nicht mehr existiert, kann mit Rücksicht 
auf die zerstörenden Wirkungen, welche die verbundenen Flüsse 
Eisack und Rienz bei ihren häufigen Ueberschwemmungen aus- 
geübt haben, nicht befremden; im übrigen dagegen ordnet 
sich die Höhe A völlig der Penck'schen Begriffsbestimmung 
unter. Die verlängerte Achse der einer langgestreckten Ellipse 
im Horizontalprofile vergleichbaren Erhebung mochte einstens 
gerade mit der Mittellinie der Stirnmoränen zusammenfallen.^) 
Soviel über die hypothetische Entstehung der Schotter- 
massen, welche den Abhang des Ochsenbichls bilden. Wir gehen 
jetzt zu den merkwürdigen Oberflächen formen über, welche 
diesem abgelegenen und — wie es wenigstens den Anschein 
hat — noch nirgendwo beschriebenen Erden winkel *) auch 
unter dem landschaftlichen Gesichtspunkte ein ganz eigenarti- 
ges, pittoreskes Gepräge verleihen. Auf der Strecke C D (Fig. 1), 
deren Richtung eine angenähert meridionale ist, hat sich eine 
fonnenreiche Kolonie von Erdpyramiden angesiedelt; die 
Steilwand D E hingegen, welche unter stumpfem Winkel von 
C D abgeht, zeigt sich durchsetzt von gigantischen geologi- 
schen Orgeln. Es ist bekannt genug, dass diese beiden 
Gruppen von Naturerscheinungen auf Erosion und Denudation 

^) Auch die Besohreilninsr, welche Nansen (Auf Schneeschuhen 
durch GrC^nhinvi. J. Haiui. Hamburg: 1S97. S. 451 ff.) von den Dromlins 
ilibt. p.^;*$t sich volUtändig unserem Falle an. Sie überdecken die Grund- 
nu^ränon. und da er\vähnterma>son die clazialen Unterschichten der Höhe 
A von uns mit oinor orundmoräno identitiziert worden sind, so würde 
auch dieses Kenuieichen /.utretifen. 

- Unmitiell>ar fuhrt keine Chäv.!<*<re dorthin, und eine genauere 
IWkai iiti^chai'^ mit der Oertlichkeit l:i<st siih ledisrlioh durch eine etwa« 
..: stTtriTc: >: Wai:,:t ru: c trrti-.ht:.. Fir.rii Ue'erllick gewährt freilich 
S.V.:: c:r. T..: k:, .;- v r vi- r Kt i:V.><:r.;s<r l>r:xer.-ru*terthal nur wenige 
^.^ r::::^ ^:.:f ::;: :<:. l:. .^Ver t"::: r:r vltr Ei::i:eweihte sofort nndet. 
•>'.;., ..V. :.'. 'x.i"v. :...%:. .. /r. '..::: rV-soi-l ;/.::. w.»^-- au>. >-aId nachdem man 
-iuf ,1:: :\:>:;r:ValVA>- i- M:l::..r2.ü:t>:^llv Fräiizviisfeste Terlassen hat, 
.i;:> ;::;: :':::f: :: ;:vx % : . ^i: .;:t^ k.;!:::^:: y.r:::^:: irutlkb genug bevb- 



S. Günther: Glaziale Denudatiansgehüde. 



469 



zurückzuführen sind; sehr belehrend sind aber im vorliegenden 
Falle die lokalen Verhältnisse, welche mehr als sonst eine 
tiefere Einsicht in den Hergang zu gewinnen erlauben. Fürs 
erste soll den Erdpfeilern, deren Beschränkung auf einen völlig 
abgeschlossenen Raum*) jedermann auffallen muss, eine ein- 
gehendere Betrachtung zu teil werden. 

Obwohl es Erdpyraraiden und Bodenprotuberanzen, deren 
Herauspräparierung aus einer zuvor ziemlich gleichmässig ver- 



*) Auch gegenüber von CD (Fig. 1), bei F, scheint beim ersten Be- 
schauen eine Erdpyramide sich abgelöst zu haben ; sieht man aber näher 
zu, 80 überzeugt man sich, dass das losgetrennte Erdstück nicht durch 
eine von oben nach unten, sondern durch eine von unten nach oben 
wirkende Kraftwirkung des Zusammenhanges mit dem Hauptkörper be- 
raubt worden ist. Die Bewaldung des Abhanges ist der Ermittlung des 
Sachverhaltes wenig günstig, allein die uns bekannte, auch an dieser 
Stelle hervortretende Trennungslinie hilft aus der Verlegenheit. Von A 
bis B (Fig. 8 a) klafiFt eine halbkreisförmige Unterbrechung in dem fast 
lotrecht abstürzenden Schotterwalle, und gerade vor ihr erhebt sich aus 
Bäumen der vorbezeichnete Obelisk C, der sich, als die Unterwaschung 
durch die Eisackfluten ihn abtrennte, zugleich nach Süden drehte, so 
dass nunmehr der fragliche Horizont den Verlauf MNPQRS erkennen 
lässt, indem das Stück PQ flussaufwärts ansteigt. Der Bildungsakt ist 
völlig derselbe wie bei den südrussischen Obruiven (Küstenabrutschungen), 
mit denen uns Kohl (Reisen in Südrussland, 2. Band, Dresden 1841, 
S. 63 ff.) bekannt gemacht hat. Das strömende Wasser grub sich, gerade 
so wie es am Steilrande der pon tischen Steppe die Wellen des Schwarzen 
Meeres thun, in die Basis des Abhanges ein und lockerte dessen Kon- 
Histenz so lange, bis eine Höhle entstanden war; deren Decke brach ein, 




1902. Siiziingsb. d. math.-phys. CK 



31 



470 



Sitzung der mcUh.-phys. Glosse vom 6, Dezember 1902. 



teilten Masse leicht angreifbaren und zerstörbaren Stoffes sich in 
einer wesentlich ähnlichen Weise erklären lässt,^) allenthalben 



und das darüber stehende Erdprisma sackte nach, so dass jene zirkosartige 
Ausbuchtung entstand (Fig. 3 b). Es liegt folglich ebenfalU ein erofiiver 
Vorgang in mitte, aber derselbe ist, wie bemerkt, gnindyerscbieden tob 
demjenigen, dem die Ausgestaltung des gegenüberliegenden Abhanges 
der Höhe B auf Rechnung zu setzen ist. 

^) Es ist nicht ohne Interesse, alle die türm artigen Ober- 
flächengebilde zusammenfassend zu behandeln, von denen in der 
physischen Erdkunde gesprochen wird. Abgesehen von den dnrcfa di- 
rekten Aufbau entstandenen Stalagmiten, von den denndatorisch 
bloagelegten, aber doch längst zuvor vorhanden gewesenen Batholithen 
und unwesentlichen anderen Gelegenheitsbildungen kann man stets das 
gleiche Grundprinzip konstatieren: Die Erosion greift modellierend 
in eine vorher ziemlich einförmige, tiefer gehender Diffe- 

Fig. 3 b. 




S. Günther: Glaziale Denudatiansgehüde, 471 

auf der Erde gibt, so kann man trotzdem den Satz aufstellen: 
Tirol ist das klassische Land der Erdpyramiden. Die 



rentierung entbehrende Masse ein. Dieselbe kann aus festem 
Gestein, aus lockeren Stoffen oder aus Eis bestehen — was aus ihr unter 
dem stetig wirkenden Einflüsse auch ganz schwacher Kräfte 'wird, er- 
mangelt nicht gewisser gemeinsamer Familienzüge, die sich beim Be- 
schauen der entsprechenden Landschaftsbilder ungezwungen dem Auge 
einprägen. Bilderwerke, in denen die wichtigsten Oberflächenformen 
anschaulich zusammengestellt sind, können nach dieser Seite hin der 
Forschung wirklichen Vorschub leisten; dahin gehört vorzugsweise das 
monumentale Werk von Robin (La terre; ses aspects, sa structure, son 
Evolution, Paris 1902). Nur in gedrängter Kürze seien die wichtigsten 
Modalitäten hier aufgeführt. In die erste Gruppe gehören säulenartige 
Felsbildungen des Canons von Colorado; die »Aiguilles* des Montblanc- 
gebietes, welche dessen Südseite, gegen Courmajeur, als in ein schon von 
Saussure bewundertes Meer spitz ansteigender Protoginpjramiden auf- 
gelöst erscheinen lassen (Petersen, Erinnerungen an den Col du Geant, 
Z. d. d. u. Ost. Alpenver., 17. Band, S. 357); die kretazischen Felszerklüf- 
tungen des Mittelgebirges (Labyrinthe von Adersbach und Weckelsdorf, 
Sächsische Schweiz, Wittower Klint auf Rügen mit geradezu überraschen- 
den Anklängen an die Erdpyramiden, „Rochers de Valliere'' im Departe- 
ment Charente Införieure); dolomitische Nadelbildungen (Südtirol, Frän- 
kische Schweiz, Umgebung von Montpellier, „Nadel' im krainischen 
Sannthale); die durch Deflation erzeugten Restberge („Zeugen* in den 
afrikanischen und asiatischen Wüsten, „Mesas*^ im südlichen Nordamerika, 
.Teufelstisch* bei St. Mihiel an der Maas, „Monument-Park in Colorado); 
Brandungsresiduen am Meeresgestade („Needle-Rock* in New- Jersey, 
„Demoiselle deFontenailles* im Departement Calvados, , Aiguilled'fitretat* 
im Departement Seine Inf^rieure, „Mönch" auf Helgoland). Die zweite 
Formenklasse bietet uns im folgenden Stoff zu besonderer Erörterung. 
Was endlich die dritte anlangt, so ziehen zwei Erscheinungen unsere 
Aufmerksamkeit auf sich, die der Seracs und des Büsserschnees, 
über deren gegenseitige Beziehungen noch keine volle Klarheit geschaffen 
ist. Wenn man mit Sieger (Die Karstformen der Gletscher, Geogr. 
Zeitschr., 1. Band, S. 182 ff.) die Mannigfaltigkeit der Gebilde, welche 
durch Insolation, Ablation und Zusammensturz an der Oberfläche eines 
Gletschers hervorgebracht werden können, mit derjenigen verkarsteter 
Kalkgebirge vergleicht, wird man sich dem Gefühle nicht zu entziehen 
vermögen, dass das einigende Band, welches sogar Eis und Stein verknüpft, 
auch im Bereiche des festen Wassers allein diese seine Kraft bethätigen 
werde. Hau th als Entdeckung (Gletscherbildung aus der argentinischen 
Cordillere, Globus, 67. Band, S. 37 ff.), dass Säulen aus „Nieve penitente* 

31* 



472 Sitzung der m<Uh,'phy8, Classe vom 6. Dezember 1902. 

erste Erwähnung derselben im wissenschaftlichen Schrifttum^) 
datiert von einem Tiroler, dem Innsbrucker Mathematiker 
F. Zallinger, der auf sie anlässlich der Besprechung der 
Muhrbrüche hingewiesen hat.*) Es dauerte längere Zeit, bis 

sich auch mit wirklichen Gletschern zusammenfinden, spricht freilich 
einigermassen gegen die von Brackebusch (Die Penitentesfelder der 
argentinischen Kordilleren, Globus, 63. Band, S. 1 ff.) vertretene Anschau- 
ung, der zufolge diese Eispilaster als ein unmittelbares Seitenstäck zu 
den Erdpyramiden zu gelten hätten. 

*) Unser ganzes Wissen von der Sache, wie es vor einigen Jahren 
beschaffen war, kennzeichnet sehr übersichtlich eine Schrift von C. Kittler 
(lieber die geographische Verbreitung und Natur der Erdpyramiden, 
München 1897; M. Geogr. Studien, herausgeg. von S. Günther, 3. Stück). 
Einige Ergänzungen zu den hierin niedergelegten Angaben über das 
Vorkommen dieser „Lehmtürme*, wie man in Tirol sagt, werden weiter 
unten gegeben werden. 

^) F. S. Zallinger zum Thurn, Von den üeberschwemmnngen 
in Tirol. Innsbruck 1779, S. 63 ff. Wenn wir die betreffende Stelle wört- 
lich wiedergeben, erreichen wir zugleich, dass Zallinger als der eigent- 
liche Begründer der Ly elTschen Theorie, von der nachher die Rede sein 
winl. hervortritt. „Was das Regen wasser in einem lockeren Boden ver- 
mag, zeigen auch jene Säulen und Pyramiden, die ich nicht weit von 
Untorinn und Lengmoos niemals ohne Vergnügen ansah. Sie stehen fast 
senkrecht : bei einigen gehen aus dem nämlichen Stamme zwei oder drei 
hervor: die meisten ziehen sich oben in eine Spitze zosammen und, was 
rocht wuiulorlich scheint, ist die Spitze bei allen mit einem grossen 
Steine bedeckt. Als ich. die Sache genauer zu beobachten, hinzntet, 
fand ich augenscheinlich, dass die Pyramiden nur von dem Regen ent- 
stehen können: denn dieser spült nach und nach die lockere rote Erde 
an der Seite herum so ab. dass nur jene Stücke noch übrig blieben, die 
wider den Regen noch von jenen Steinen sind geschützt worden, so man 
itzt auf jenen Spitzen beobachtet.* Was Lyell rar Erklärung bei- 
bringt, ist nur eine Umschreibung des hier kurz und bündig skinierten 
iinin.iceilankens: Zallinger möchte die Priorität des Hinweises auf 
s.lvh ur.gowrhr.liohe BcHienfonnen einem Buche von Mitterpacher 
KurrgetVis^to Naturgeschichte der Erdkugel, Wien 1774. S. 43 ff.) zner- 
tv:': V.. i'-. : r..jhe!tr.: Zusehen luuss luan es jedoch mindestens als sehr 
:wv.:V".haf: tT.i/r.tor.. ob jer.e S:iulen. die Houguer in den Cordilleren, 
P: :.: y : : :;\:: :r. Nv rvroger.. Gnielin in Sibirien gesehen in haben 
ctr.iTf'tr.. w::k*:.ho Krtii'yrar.-.i.ivv. u:..'; :-i.r.: vielmehr Denudationsfiguren 



8, Günther: Glaziale Denudationsgebüde. 473 

zu den stets in erster Linie genannten Erdpfeilem am Bozener 
Ritten, deren die älteren Schriften ausschliesslich gedenken,^) 
auch andere Gebilde von verwandtem Charakter hinzukamen. 
Nur eine einzige Ervirähnung, und zwar aus dem Gebiete der 
Westalpen, ist fast gleichaltrig, steht jedoch ganz isoliert da.*) 
Jedenfalls wird man, sobald von Erdpyramiden die Rede ist, 
sofort an Tirol denken, und diesem Lande werden am zweck- 
mässigsten etwaige Typen zu entnehmen sein,' nach denen sich 
eine Klassifikation derartiger Bodenformen bewerkstelligen lässt. 
Eine solche anzuregen, wäre schon längst am Platze gewesen, 
um, wenn es sich um die Schilderung irgend eines konkreten 
Vorkommens handelt, sich in der oft abenteuerlichen Formen- 
fülle leichter zurechtzufinden. Der nachstehende Vorschlag will 
nur als ein solches Hilfsmittel bequemer Orientierung betrachtet 
werden; er sieht von allen eigentlich morphologischenEr- 
wägungen ab und hält sich ausschliesslich an äusserlich in die 
Augen fallende, rein morphographische Momente. Als Süd- 
tiroler Typus bezeichnen wir den von einem Felsblock, einem 
Rasenstücke oder einem Baume gekrönten Obelisk ; ^) das Wort 
Nordtiroler Typus ist von den besonders schönen, jedem 
Brennerfahrer wohlbekannten Spitzsäulen bei Patsch herge- 



*) Die gesamte hierher gehörige Litteratur berücksichtigen ausser 
Kittler auch noch nach Möglichkeit Penck (Die Morphologie der Erd- 
oberfläche, 1. Band, Stuttgart 1894, S. 234 ff.) und der Verf. (Handbuch 
der Geophysik, 2. Band, Stuttgart 1899, S. 885 ff.). Einige Nachträge hin- 
wiederum sind in gegenwärtiger Abhandlung enthalten. 

^) Saussure, Voyages dans les Alpes, 8. Band, Neuchatel 1796, 
S. 11 ff.; er spricht da von den »monticules de formes souvent coniques* 
im Kanton Wallis. 

3) Trotz dieser gemeinschaftlichen Eigenschaft können selbst inner- 
halb eines und desselben Formenbereiches noch die schärfsten Gegensätze 
platzgreifen; man vergleiche beispielsweise die eleganten, himmelan- 
strebendcn Obelisken vom Ritten mit den täuschend einem grossen Pilze 
gleichenden Zwergformen des Jenesien-Berges bei Bozen, die ihrerseits 
wieder in allen Stücken erinnern an die von F. Simony (Das Dachstein- 
gebiet, 1. Band, Wien 1889, S. 107; Tafel XCII) beschriebenen .Hutpilze* 
aus Breccienmaterial. 



474 Sitzung der matK-phys, Glosse vom 6, Dezember 1902, 

nommen; der Osttiroler Typus endlich soll gewisse scharf- 
schneidig auslaufende, aber auf langgestreckter Basis sich er- 
hebende Denudationsreste in sich begreifen.^) Wenn wir uns 
dieser Sammelnamen bedienen, so können wir mit Bezug auf 
die Erdsäulenkolonie des mittleren Eisackthales als deren 
hervorstechendste Eigenschaft die hinstellen, dass in ihr alle 
drei Typen, wenn auch durchaus nicht gleichmässig, 
vertreten sind. 

Auf die Entfernung eines starken Kilometers ist der ganze 
Steilhang C D (Fig. 1) des Schabser Plateaus (Höhe B) zer- 
fasert in ein Aggregat von Erdsäulen, die im denkbarst ab- 
wechsclungsreichen Bilde aus ziemlich dichtem Walde empor- 
ragen.*) Abgesehen von kleineren, da und dort eingestreuten 
Exemplaren sind es wesentlich drei in sich geschlossene 
Familien, die den Beschauer fesseln. In dem Pbotogramme 
(Fig. 4) ist das ganze Gebiet, dessen Schilderung hier gegeben 
wird, zur Anschauung gebracht worden. Die drei zusanunen- 
pehörigen Gruppen lassen sich darin, wenn man von rechts 
gegen links fortschreitet, unschwer erkennen. Die Photographien 
wurden dem Verf. in allen Fällen von seinen Söhnen geliefert 
Bei den beiden ersten — von Süden aus gezählt G und H in 
Fig. 1 — ist der Auflösungsprozess bereits weiter fortge- 

M Riibl. Die Eiiipyramiden von Goednacb-Goertschach, Der (toter- 
roiohisoho Tourist. 1S84. S. 149 fF. Diese sonderbaren Gebilde sind nicht 
aiiü diluvialei« Schotter, sondern aus tertiären Eonglomeraten henuuge- 
iirbeitot. was wohl zum teile die Verschiedenheit der Sachlage begreiflich 
niaoht. Wahrscheinlich ist aber gleichwohl die Abweichung nnr eine 
scheinbare, indem nfimlich bei stetigem Fortschreiten der £ron<msaibeit 
die Eni Pyramiden vom Osttiroler Typus in solche der beiden mndercn 
Typen zerlegt werden wünien. 

'^^ Die Basistlache der Pyramiden ist so zerrissen und das Unterholz 
so dioht, dass sioh Versuche, die Höhe der einzelnen Objekte, vielleicht 
r.\.;h dem für H.'iir.r.e von Stützer Die grössten. ältesten oder sonst 
:i.crkw:;raigO!^. Biiv.ir.e Bayorns in Wort und Bild. München 1900, S. 16 ff.^ 
crrrobter. pV. ^togr:»::: in rtrisolun Verfahren, bestimmen zu wollen. Ton 
srlVs: vt rViotor.. Dor SvV..*!.',:r.g .ufolge darf r/.an jedoch einzelne dieser 
S.iu'.ey. ier. '::::hs:er. bisher in Eur.^ra Vekar.r.trn znre«?hnen: die eigent- 
lich;:: Kie>;:: ':ehrrltr*:: N:r.:.i:::rr:k.i, wie ii: aiidcren Fällen anch. 



S. Günther: Glaziale Denudationsgehüde. 475 

schritten, so dass die einzelnen Aufragungen fast ganz isoliert 
erscheinen und nur noch in ganz geringer Höhe über dem 
Boden mit einander verbunden sind. Fig. 4 (rechts) gibt einige 
markante Erscheinungen wieder; es herrscht hier hauptsächlich 
der Südtiroler Typus vor, doch ist auch derjenige Osttirols 
nicht un vertreten. 

Weitaus am fesselndsten gestaltet sich in landschaftlicher, 
wie in wissenschaftlich - geographischer Hinsicht die dritte 
Kolonie (K in Fig. 1); sie gewährt uns eine vortreffliche Ge- 
legenheit, die Bildung der Erdpyramiden genetisch zu ver- 
folgen. Durch Erdrutsche, als deren Ursache hier, wie am 
jenseitigen Ufer, die Untei-spülung durch den über seine ge- 
wöhnlichen Grenzen getretenen Eisack anzusehen ist, wurden 
zu beiden Seiten der schmalen Wand, welche an diesem Orte 
allein von der glazialen Schottermasse stehen blieb, sehr an- 
sehnliche Bestandteile dieser letzteren fortgeschafft, so dass die 
Abrissstellen in ihrer ganzen Eigenart erkennbar sind.') 



^) Bezeiclmend ist für die Abrisszirken die vollkommene Glätte 
der Wandungen, und auch da ist es einerlei, ob aus einer festen, aus 
einer lockeren oder aus einer Eis-Masse sich der halbzylindrisch begrenzte 
Rutschkörper losgelöst hat, dessen Trümmer den unteren Teil der Rutsch- 
bahn, die angrenzende Thalsohle und die sogenannte , Spritzzone* — 
nach A. Heim — bedecken. Vielfach sieht sich dieser Hohlraum so an, 
als wäre das fehlende Stück geradezu mit dem Messer herausgeschnitten 
worden. Sehr belehrend sind nach dieser Seite hin die Photogramme, 
welche A. Heim (Die Gletscherlawine an der Alteis, Zürich 1895) und 
L. Du Pasquier (L'Avalanche de 1' 11 septembre 1895, Neuchatel 1896) 
von dem Eisabbruche des Altelsgletschers mitgeteilt haben. Die Ab- 
bildungen der Ursprungsstellen von Erdschlipfen und Bergstürzen sind 
bis jetzt wenig zahlreich. So gibt es von dem tragischen Ereignis, 
welches am 2. September 1806 das Gelände zwischen Zuger- und Lowerzer- 
See betraf, zwar eine für jene Zeit vortreffliche und auch der karto- 
graphischen Beigaben nicht entbehrende Monographie (Zay, Goldau und 
seine Gegend, Zürich 1807), aber die interessante Abrissstelle scheint 
auch später nicht viel beachtet worden zu sein, und es mag sich des- 
halb empfehlen, ein photographisches Originalbild (Fig. 5) hier einzufügen, 
aus dem sofort erhellt, dass eine glatt verlaufende Vertikalfläche die 
stehen gebliebenen Teile der den Rossberg bei Goldau bildenden Nagel- 



■I7S Sitznntj der mathrphys. Classe vom G. Dezember 1002. 

nie ZwisrluMiwand al)cM- ist von den erosiven Agentien derart 
hoarbi'itot worden, dass. wovon Fig. 4 ein Bild zu liefern sucht, 
die Konturen eines Jliniaturgebirges entstanden.^) Ausser- 
jj:ewölinlioli kühne Zacken, Säulen, Pfeiler, Türme ragen in die 
Luft: hie und da wird ein höherer Turm von einer Anzahl 
kleinerer TUrinohen nnigeben, die sich wie Strebepfeiler an ihn 
anlehnen. Von den zahlreichen Erdstellen, welche dem Verf. 
unter dem gleichen Gesichtspunkte bekannt geworden sind, 
kann keine an malerischer Grossartigkeit den Vergleich mit 
der (iruppe K aushalten. Decksteine fehlen durchgängig; Dur 
anscheinend ein einziges mal trägt ein kleinerer Erdpfeiler 
einen kleinen Kasenhut. ein Bruchstück des abgerutschten 
Plateaus. 

^Ver noch von der Unvollständigkeit der LjelTschen 
Theorie.^'^ die noch immer durch die Lehrbücher geht, und an 
deren iirundgedanken aiich nicht gerüttelt werden soll, über- 
.euiTt :\\ werden braucV.io. der müsste sich an den Platz K 
l^ec^^ben, Hekar.r.tlich legt der bi-rühmte Geologe, der sich ja 






i??5 ch äl t en . abgerat^cbten 
:■> >!•->.:. :■ .1 : v. r 1 : : r. :\ V er Sr hen von den darch 
•. \" ■.ic-.V.v.rj-r.. ,:.i5 A * rissirebiet der Erd- 

;.i> *..:■': -:r. I. Bari, L-eipzie- Wien 1901 
vrr S: ..: A:-* ::-ir= Ufera der Phmefr 
.::.■; j.A./: :..\r. ->;:f ein Gf^biresrelief nit 
--..■...> '. ...v ■ ". :ff Trifi aiack in andcfn 
. - . :-. y.f-ir «:rr:fade nicht toM 
> ":^ ": - -t-'-jT: I't Msrcfci iTntteto £ 
. *. • ". > :-.- f ; ..r Ar.ji.häuang. Wireav 
•--■ ■ -. ■■ ■ ":r.-. -.ie Zrio^cung de« Hb 
:■> s/rrr. S:iii Bri. g^ita 
• • -T. V-:-- einf fev£4inlicbe 
. : A:ir*:;■::ke:Tde^^mIi»■ 
- -.^r rv":ir;rT De Mtrchi 
•"-r rj-r&i^idenbiMiig« 
- ': fn K-:ler* ach diHff 



S. Cfünther: &l<maie Venudationsgebilde. 



477 



Fig. 4. 




478 Sitzung der mathrphys, Glosse vom 6. Dezember 1902, 

Die Zwischenwand aber ist von den erosiven Agentien derart 
bearbeitet worden, dass, wovon Fig. 4 ein Bild zu liefern sucht, 
die Konturen eines Miniaturgebirges entstanden.*) Ausser- 
gewühnlich kühne Zacken, Säulen, Pfeiler, Türme ragen in die 
Luft; hie und da wird ein höherer Turm von einer Anzahl 
kleinerer Türmchen umgeben, die sich wie Strebepfeiler an ihn 
anlehnen. Von den zahlreichen Erdstellen, welche dem Verf. 
unter dem gleichen Gesichtspunkte bekannt geworden sind, 
kann keine an malerischer Grossartigkeit den Vergleich mit 
der Gruppe K aushalten. Decksteine fehlen durchgängig; nur 
anscheinend ein einziges mal trägt ein kleinerer Erdpfeiler 
einen kleinen Rasenhut, ein Bruchstück des abgerutschten 
Plateaus. 

Wer noch von der Unvollständigkeit der LyelPschen 
Theorie,*) die noch immer durch die Lehrbücher geht, und an 
deren Grundgedanken auch nicht gerüttelt werden soll, über- 
zeugt zu werden brauchte, der müsste sich an den Platz E 
begeben. Bekanntlich legt der berühmte Geologe, der sich ja 



fluhbäiikc von dcu aus ihnen gleichsam herausgeschälten, abgerat8cht€n 
Teilen trennt. Nicht anders sieht, natürlich abgesehen von den durch 
die Schotternatur bedingten Abweichungen, das Abrissgebiet der Erd- 
pyramidenwand K aus. 

*) Ratzel (Die Erde und das Leben, 1. Band, Leipzig- Wien 1901, 
S. 551) bemerkt hiezu: „An einer Stelle des linken Ufers der Flansee- 
Aaehe unterhalb der Stuibenfälle glaubt man auf ein GebirgBrelief mit 
st»hr scharfen Kämmen herabzuschauen. ** Dies trifft auch in andoen 
Fällen zu, unter denen eben der hier in Rede stehende nicht mlebi 
kommt. Ein merkwürdiges Exemplar bringt De Marchi (Tratiato di 
geografia iisica, Mailand etc. 1901. S. 242 ff.) zur Anschauung. Wäre mn 
im un gewissen über den Massstab, in welchem die Zeichnung des kliki 
protilierten Erdobelisken, nächst der piemontesischen Stadt Bri, gehaltea 
ist, so könnte man ebensowohl das Matterhorn wie eine gewöhnliche 
Lohmpynuiiide vor sich zu haben «rlauben. Die Aehnlichkeit der ümriBS- 
formeii ist eine üborrasehende. Eigentümlicherweise rechnet De Marchi 
«.lio IVH'kbI<"Kke zu den notwendigen Requisiten der Pvramidenbildong, 
obwohl »rerado die von ihm angeführten italienischen Belege sich dieser 
Ani;ab«> nii-ht unter« »rdnon. 

- Lyell, rriii.ipl.- of «;.-.l..-y. 1. Hand, London 1S72. S. 329 ff. 



S. GütUher: Gltmale Denuddtionsgehüde, 
Fig. 5. 



479 




C3 

o 



CO 
00 

Ca 



480 Sitzung der math.-phys, Glosse vom 6. Dezember 1902. 

um die richtige Bewertung der der Wasserwirkung bei der 
Gestaltung des Erdbildes zuzuteilenden Rolle unvergängliche 
Verdienste erworben hat, den Steineinschlüssen der verwitterten 
Masse, aus der sich die Erdpyramiden absondern, eine viel zu 
hohe Bedeutung bei. Es war Ratzel, der sich zuerst*) mit 
Entschiedenheit gegen diese TIeberschätzung erklärte und be- 
tonte, dass, wie er sich neuerdings ausdrückt, in jedem Fels- 
blocke allerdings ein Element zugleich der Konzentration und 
des Schutzes gegeben sei,^) dass aber auch ohne diese doch 
rocht oft fehlenden Zugaben die Bildung ihren ruhigen Ver- 
lauf nehmen könne. In der That ist ja der Südtiroler Typus 
nicht entfernt die Norm. Man könnte z. B. in unserem Falle 
sehr wohl fragen, weshalb dieser Typus so gar wenig ausge- 
prägt sei, da es doch an Blockeinschlüssen nicht mangelt.^) 
Weit wichtiger noch ist eine andere Frage, deren Wesen von 
Ratzel gleichfalls berührt wird, auf deren Tragweite aber 
noch mehr von Kittler*) aufmerksam gemacht wurde. Schon 
früher hatte sich der Verf. von der Notwendigkeit durch- 
dringen lassen, dass, ehe das Regen wasser die Modellierung 
der einzelnen Protuberanzen in angriff nimmt, ihm die Zer- 
klüftung der ganzen Masse bis zu einem gewissen Grade vor- 
gearbeitet haben muss. In Kürze lässt sich das Prinzip, auf 

') Ratzel, lieber die Entstehung der Erdpyramiden, Jabresber. d. 
(leojrr. Gesellsch. zu München, 1884, S. 77 ff. 

*'^) Es wird (Die Erde und das Leben, S. 556 ff.) daran erinnert, dass 
es an minder steil gehuschten Abhängen auch liegende Erdpyramiden 
gi))t, an denen der Beruf der Steinkrönung, wenn dieser Ausdruck ge- 
stattet ist, sehr deutlich hervortrete. Unter allen Umständen begünstigen 
die Blöcke das Eindringen des Wassers in grössere Tiefe und damit 
auch die Abtrennung von der Hauptmasse. 

^) Die Mehrzahl der Pyramiden besteht, wie oben bereits festge- 
stellt ward, aus feinem Moränenlehm und kommt demnach ohnehin für 
Denksteine nicht in betracht. Einige freilich ragen auch über den 
St'hotterhorizont empor, allein die Blöcke sind durchweg nicht gross und 
noch dazu sehr glatt vom Wassertransporte, so dass sie auch nicht be- 
sonders dazu geeignet waren, auf einer schmalen Unterlage dauernd 
liegen zu bleiben. 

*) Kittler, a. a. 0., 8. 45. 



S, Cfünther: Glaziale Denudationsgebüde. 481 

welches es hauptsächlich ankommt, folgendermassen formulieren : 
Jene Detailarbeit, als deren Ergebnis die Herausbil- 
dung der einzelnen Erdpyramiden zu betrachten ist, 
beginnt erst dann energisch einzusetzen, wenn der 
Schutt-, Lehm- oder Lösskörper, der einstweilen noch 
als kompakt vorausgesetzt wird, irgendwie in lang- 
gestreckte Kämme von sehr geringer Breite zerfällt 
worden war. Ehe es soweit gekommen ist, entstehen Aus- 
höhlungen, Regenrinnen und allenfalls embryonale, fast ganz 
mit der Hinterwand verwachsene Auszackungen, nicht aber 
selbständige Pyramiden und Obelisken. 

Massgebend ist mithin für diese letztere eine lineare 
Anordnung. Da, wo die Anzahl der Einzelgebilde eine ver- 
wirrend grosse ist, scheint sich ja eine solche nicht nachweisen 
zu lassen, indem man zuerst blos ein Durcheinander wahllos 
neben einander gestellter Aufragungen wahrzunehmen glaubt. 
Richtet man aber das Augenmerk konsequent auf ein noch so 
kraus angeordnetes Aggregat, also gleich auf die berühmten 
Rittengebilde im Thale des oberen Finsterbaches, so findet man 
allgemach Reihen von schlanken Säulen heraus, die aus einer 
gemeinsamen Basismauer, dem Reste jenes früheren Kammes, 
förmlich herausgewachsen sind.*) Bei aufmerksamer Durch- 
musterung guter Abbildungen kann man feststellen, dass ein 
einzelnes Individuum stets eine Reihe anderer Individuen ver- 
deckt. Auf diese Eigentümlichkeit muss besonderer Nachdruck 
gelegt werden; sie liefert den Schlüssel für das Verständnis 
der Bildungsgeschichte, und es würde nicht schwer halten, 
durch eingehende Prüfung einer grösseren Menge von bekann- 
teren Vorkommnissen jenen Satz, der übrigens auch für sich 
selbst spricht, erfahrungsgemäss zu belegen.*) Die Art und 



*) Weiter unterhalb, gegen Atzwang zu, gelingt die Beobachtung 
leichter, weil dort nur einzelne Reihen zierlicher, minder hoher Säulchen 
stehen, über deren jeweiligen Zusammenhang schon der blosse Anblick 
vergewissert. 

*) Von alpinen Plätzen, die minder bekannt sind, seien besonders 
erwähnt Berghalden bei Bolladore im oberen Veltlin und bei dem 



482 Sitzung der matK-phya, Glosse vom 6, Dezember 1902. 

Weise, wie sich die Kämme bilden, braucht keine einheitliche 
zu sein. In dem uns beschäftigenden Falle hat gewiss der unten 
vorbeifliessende Gebirgsstrom mit seinen jähen Anschwellungen 
das Seinige dazu beigetragen, und es ist insofern ganz zu- 
treffend,^) dass nicht nur die vertikal nach unten ge- 
richtete Steilerosion, sondern auch Kräfte von entgegen- 
gesetzter Richtung mitgewirkt haben. So sind Pyramiden- 
nester, die den Lauf eines Flusses begleiten, sehr häufig auch 
Zeugen kräftiger Aktion der lateralen Erosion.*) Damit 
ist nun wohl die Frage nicht beantwortet, weshalb doch nicht 
immer dann, wenn eine locker gefügte Wand, die stetig bespült 
und unterwaschen wird, vorteilhafte Vorbedingungen darzu- 
bieten scheint, die Auflösung des Abhanges in ein Aggregat 
von Erdpfeilem erfolgt.^) Neben dem einen Faktor, der uns 



Dörfchen Stilfs, zwischen Prad und Gomagoi. Namentlich bei diesen 
letztgenannten Pyramiden, die sich dem zum Stilfserjocbe Hinanschreiten- 
den vortrefiFlich von verschiedenen Seiten darstellen, zeigt sich recht 
augenfällig die Zusammengehörigkeit je einer aus der nämlichen Schntt- 
mauer hervorgegangenen Serie. Ein gutes äusseren ropäisches Beispiel 
liefern die südamerikanischen Erdsäulen, welche Mosbach (Streifzfige 
in den bolivianischen Anden, Globus, 72. Band, S. 26) abbildet, und die 
eine so reguläre Anordnung bekunden, als habe man es mit den Ruinen 
teilweise eingestürzter Portiken zu thun. Auch für die grossartigen 
Wälder von Erdpjramiden, die in dem kleinasiatischen Reisewerke von 
R. Oberhummer und H. Zimmerer (Durch Syrien und Kleinasien, 
Berlin 1899, S. 120 fiF.) beschrieben und abgebildet sind, dürfte ein 
gleiches gelten, 

^) Dass auch solche Kräfte in Thätigkeit treten können, bemerkte 
Pechuel-Loesche (Westafrikanische Laterite, Ausland, 57. Band, 
S. 401 ff.). 

2) Wie kräftig die morphologische Leistung der seitlichen Aus- 
nagung eines nicht ruhig, sondern häufig in wilden Paroxjsmen dahin- 
fluteiulen Wassers werden kann, bewiüst u. a. der Trümmerwall, der 
südlich von München auf eine ziemliche Entfernung hin das linksseitige 
Ufer der Isar bei^leitet. Er wurde einlässlich gewürdigt von Penck 
(Morphül. d. Erdoberfl., 1. Hand. S. l'lb\ Die Alpen im Eiszeitalter, S. 60). 
Die früher weiter naeh Osten reichende Steilwand ist infolge der unab- 
lässifjen Unterspülunf^en des Flusses jiro^^senteils zusammengebrochen. 

^) Dass dies durrhaus nicht immer eintritt, ist bekannt genug. Man 



8, Günther: Glaziale Denadationsgebüde, 483 

hier am meisten beschäftigte, weil über ihn noch nicht genug 
Klarheit besteht, wirkt eben doch noch gar mancher an- 
derer mit.^) 

Damit verlassen wir einen Gegenstand, der, so gering er 
auch quantitativ das „Antlitz der Erde^ beeinflusst, trotzdem 
in seiner Art des morphologischen Interesses sicherlich nicht 
entbehrt. Gerade der Umstand, dass in nächster Nähe der 
Planke CD (Fig. 1) sich die Flanke DE hinzieht, die einen 
durchaus verschiedenen Anblick gewährt, gibt uns den Anlass, 
auf die Probe das Exempel zu machen. Wie weiter oben dar- 
gelegt ward, ist die Beschaffenheit des Schotters nunmehr eine 
andere geworden; derselbe ist der Hauptsache nach ein weit 
festeres, breccienartiges Konglomerat, dessen einzelne Stücke 
oft eine ganz respektable Grösse erreichen. Erdpyramiden gibt 
es auch hier, aber nur spärlich, und ihr Aussehen ist ein 
anderes — wenn man so sagen will, minder elegantes. Da 
nicht anzunehmen ist, dass die Erosion und Denudation für DE 
irgendwie anders als für CD gewirkt haben könnten, und da 
auch sonst die Verhältnisse sich gar nicht von einander unter- 
scheiden, so kann einzig und allein die stoffliche Nichtüber- 



denke z. B. nur an die vorhin erwähnte Innleite bei Wasserburg. Die- 
selbe iat von Runsen und Regenrinnen, wohin man blickt, arg durch- 
furcht, und einzelne Erdschneiden, die keck vorspringen, sehen gerade so 
aus, als müsste sich aus ihnen in Bälde eine gezackte Eammlinie ent- 
wickeln. Allein trotz des ungeheuren Zeitraumes, der dafür zur Ver- 
fugung stand, ist es nicht geschehen. So sieht man auch im Ratzei- 
schen Werke (S. 543) den Granit der Seychellen bedeckt mit einer Fülle 
karrenartiger Regenrisse, aber die Zerlegung des Gesteines in selbständig 
aufragende Pyramiden, wie (s. o.) beim Montblanc, ist ausgeblieben. 

*) Einflussreiche Momente, von deren Ineinandergreifen die Pjra- 
midenbildung abhängt, sind vor allem die jahreszeitliche Verteilung der 
Niederschläge, auf welche Kittler und De Marchi mit Recht grosses 
Gewicht legen, femer die Bestrahlung und Exposition der Schuttmasse, 
deren Färbung und petrographisch-geognostische Zusammensetzung. Diese 
ist dann wieder bestimmend für die chemische Konstitution der der 
Wasserwirkung ausgesetzten Materie; erstere sollte nach Philippson 
(Besprechung der Kitt 1er 'sehen Schrift, Geogi*. Zeitschr., 3. Band, S. 650) 
auch nicht ausser acht gelassen werden. 



484 Sitzung der mathrphys, Glosse vom 6. Dezember 1902, 

einstimmung beider Abhänge die Schuld an ihrem gegen- 
wärtigen, ungleichartigen Ansehen tragen. Längs DE war die 
Konsistenz des Materiales eine weitaus stärkere, und es kam 
wohl zur Höhlen bildung in grossem Umfange, nicht aber 
zur Auswaschung und Fortspülung ganzer Gebirgsglieder. Jene 
Höhlen entstanden aber nicht da und dort nach einer launen- 
haften Willkür der Natur, sondern auch sie fügen sich einer 
gewissen Norm, wie man dies eben bei den geologischen Orgeln 
(s. o.) gewohnt ist. 

Mit diesen Namen — auch Erdorgeln, Erdpfeifen, 
Naturbrunnen sind geläufige Bezeichnungen — belegt die 
terrestrische Morphologie seit Brongniart^) und Matthieu*) 
schmale Vertiefungen,^) die sich angenähert lotrecht durch eine 
selber steil abfallende Gesteinswand hindurchziehen und dieser 
letzteren das Aussehen einer Eannelierung aufprägen. Sehr 
häufig wird ein solcher hohler Halbzylinder durch einen Letien- 
zapfen ganz oder teilweise ausgefüllt, der sich aus dem Hangen- 
den herabsenkte. In unserem Falle ist eine solche Lehmdecke 
nicht oder nicht mehr vorhanden, und infolge dessen fehlen 
auch die Lehmeinschlüsse. Im übrigen ähneln unsere Orgeln 
wesentlich denjenigen, die man aus der Umgegend Münchens 
kennt,*) obwohl es kaum statthaft wäre, ihr Vorhandensein zu 
einem Zeugnis für den glazialen Charakter der Ablagerungen, 
in denen sie sich zeigen, stempeln zu wollen. Denn darin hat 

^) Brongniart, Essai sur la geographie mineralogique des environs 
de Paris, Paris 1811, S. 87 ff. 

2) Matthieu, Note sur les orgues geologiques, Journal des Mine«, 
1813, S. 197 ff. 

3) Das Wort „schmal" ist hier cum grano salis zu nehmen; es 
treten einfach gegenüber der namhaften Höhendimension die beiden 
anderen Abmessungen sehr zurück. 

*) V. Ammon, Die Gegend von München, geologisch geschildert, 
München 1891, S. llGff.; Penck-Brückner, a.a.O., S. 60ff. Die Höhe 
der Orgeln des .sogenannten Dietfenbach-Steinbruches erreicht nachPenck 
^—6 Meter. Die Wah' „dass die hangende Nagelfluh sich in 

t» bmtesten Schlötr g wenige Dezimeter weit hinein er- 

K.* lässt sich iP Falle machen. 



8, Günther: Glaziale Demidationsgehüde, 485 

Prestwich^) unbedingt recht, dass die Tagewasser in jeder 
nicht sehr widerstandsfiihigen — oder besser, verschiedene Grade 
von Widerstandsfähigkeit aufweisenden — Gesteinsmasse solche 
Spuren ihres Eindringens zurücklassen können. Ob hier, am 
nordwestlichen Plateauabfalle des Ochsenbichls, wirklich blos 
die Niederschläge gewirkt haben, möchte allerdings in Zweifel 
zu ziehen sein. Wenn, wie wir glauben, die Zerstörungsarbeit, 
welche der Eisack weiter abwärts leistete, indem er die Schotter 
teilweise denudierte, ziemlich deutlich in die Erscheinung tritt, 
so wird man ihm auch bei der Ausführung jener vertikalen 
Hohlkehlen von DE eine gewisse Mitwirkung zuzuschreiben 
geneigt sein. Alles in allem : Die Orgeln sind wahrschein- 
lich durch eine kombinierte Wirkung der Erosion des 
atmosphärischen Wassers und der lateralen Erosion 
des strömenden Wassers ausgehöhlt worden. An eine 
Auswirbelung, wie etwa in manchen nordischen Kalk- und 
Gipsgebieten, zu denken, verbietet die Struktur der Röhren, da 
bei Evorsionsaushöhlungen eine ziemlich rasch von oben nach 
unten fortschreitende Verjüngung des Hohlraumes zu kon- 
statieren ist. 

Unsere Darlegung dürfte gezeigt haben, dass auf einer 
kleinen Strecke am mittleren Eisack, in unmittelbarster Nähe 
des Schienenweges und zweier belebter Landstrassen, ein welt- 
abgeschiedenes Thal Gebilde birgt, deren Studium in verschie- 
denen Beziehungen die physikalische Geographie zu befruchten 
geeignet ist. Die Frage der Glazialablagerungen unter ver- 
schiedenen äusseren Bedingungen, und damit auch die Frage 
einer mehrfach sich wiederholenden Eiszeit steht an der Spitze; 
es folgt eine ganze Reihe von Erosions- und Denudations- 
phänomenen, die zusammenwirkten, um diesem merkwürdigen 
Fleckchen Erde den eigenartigen Charakter zu verleihen, der 
ihn auszeichnet. Selbst mitten in einem Gebiete, das seit Jahr- 
zehnten eifriger Durchforschung unterzogen worden ist, hat 



*)Pre8twich, On the Origin of the Sand- and Gravel-Pipes, 
Quarterly Journal of the Geological Society, 11. Band, S. 64 ff. 
1902. SitzQDgsb. d. maih.-phys. Gl. 32 



486 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 6, Dezember 1902. 

sich oft hie und da ein kleiner Bezirk der näheren Kenntnis- 
nahme entzogen; ein Beweis dafür, dass die Gelegenheit zu 
lohnenden Studien nicht blos beim Bereisen entlegener Länder, 
sondern auch noch im Bereiche der Heimatgrenzen dem da- 
nach Suchenden sich reichlich genug eröflFnet.') 



*) Nachträglich wurde dem Verf. noch eine Bemerkung bekannt, die 
sich an einem Orte befindet, an dem man sie nicht suchen würde, die 
aber auffallend richtig, direkt aus der Beobachtung heraus, das Haupt- 
moment betont, auf welches es bei der Entstehung der Erdpyramiden 
ankommt. Wir meinen einen touristischen Aufsatz von A. Ludwig 
(Drei Wochen im Clubgebiet, Jahrb. d. Schweizer Alpenclubs, 27. Jahr- 
gang. S. IG ff.). „Diese Griestürme kann man immer da antreffen, wo 
sich zwischen zwei benachbarten Rutschgebieten eine schmale Mittelwand 
vorfindet. Dieselbe ist vielleicht zuerst fast horizontal oder achwach 
geneigt; durch Ursachen verschiedener Art, z. B. durch Bildung kleiner 
Seitenrinnen, wird der stehen gebliebene Mittelgrat geschartet; der Ein- 
schnitt wird immer grösser und tiefer, bis der Turm isoliert dasteht' 
Diese in den Bergen des Prätigaus gemachte Wahrnehmung gestattet die 
weitest gehende Generalisierung. 



487 



Ueber die Abstammung der bluthaltigen Gefäss- 

anlagen beim Huhn und über die Entstehung des 

Randsinus beim Huhn und bei Torpedo. 

Von J. Rttckert. 

{Ehigelan/en 89. Januar.) 
(Mit Tafel VIII.) 

Bei der Bearbeitung der ersten Entwicklung des Gefass- 
systeros, die ich mit Herrn Kollegen Mollier für das neue 
Handbuch der Entwicklungsgeschichte von 0. Hertwig aus- 
führe, habe ich unter Anderem auch über die Gefäss- und 
Blutbildung in der Area vasculosa des Hühnchens eigene 
Untersuchungen angestellt, von denen ich hier Einiges mit- 
theilen will. Was zunächst die viel ventilirte Frage nach der 
Abstammung dieser Anlagen anlangt, so bin ich trotz der 
augenscheinlichen, später zu besprechenden Beziehungen, welche 
dieselben mit dem unterliegenden Entoblast eingehen, zu der 
schon von Remak und Kölliker vertretenen Ansicht gelangt, 
dass ihr Zellenmaterial aus dem mittleren Keimblatt stammt. 
Diese Abkunft ist leichter an jenen zellenreichen Gefässanlagen 
festzustellen, welche ausser der Gefasswand zugleich Blutzellen 
liefern und von den neueren Autoren deshalb gewöhnlich 
„Blutinseln" genannt werden. Ich bezeichne sie, da dieser 
Name historisch nicht gerechtfertigt ist, im Folgenden als 
„Gefässanschwellungen". Sie sind bekanntlich vornehmlich 
in der hinteren Hälfte der Gefiisszone entwickelt, besonders 
stark in derem Randtheil, und nehmen nach vome an Stärke 
und Zahl ab, so dass sie im vorderen Abschnitt der Area gegen- 



488 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 6, Dezember 1902. 

f 
über den zellenarraen Anlagen der blutleeren Gefasse ganz in 

den Hintergrund treten. Von diesen Qefässanschwellungen 
lassen sich wiederum diejenigen am besten genetisch verfolgen, 
welche im hintersten Theil der Area vasculosa, also in 
der Umgebung des caudalen Primitivstreifenendes liegen, denn 
man findet sie hier vielfach ganz im Innern des daselbst 
dickeren und mehrschichtigeren Mesoblast eingeschlossen. In 
ihrem Bau unterscheiden sie sich vor allem durch die sehr dichte, 
lückenlose Aneinanderfügung ihrer Zellen von dem umgebenden 
lockerer und eher mesenchymatös gebauten Mesoblast. 

Indess lässt ihr Vorkommen im Innern, des Mesoblast noch 
keinen Schluss auf ihre Abstammung von diesem Keimblatt zu, 
wenigstens werden die Anhänger der rein entoblastischen Ab- 
stammung der Gefasse den Einwand machen, dass sich die An- 
schwellungen vom Keimwall abgelöst haben und nachträglich 
in das Mittelblatt eingedrungen seien. Deshalb möchte ich auf 
die geschilderte Lage der Anschwellungen an sich weniger 
Werth legen als vielmehr auf den Umstand, dass man auch 
die Vorstufen derselben im Mesoblast findet in Form von 
geringgradiger verdichteten Stellen. Ein Theil dieser Zellen- 
gruppen steht hinsichtlich seines Gefüges dem umgebenden 
Mesoblast so nahe, dass man schwankt, ob man sie überhaupt 
als besondere Bildungen innerhalb dieses Blattes betrachten 
soll, andere wieder nähern sich in ihrer Struktur den charak- 
teristischen Anschwellungen soweit, dass man sie unbedenklich 
als Vorläufer derselben bezeichnen wird. Die geschilderten 
Gefässanlagen sind im Bereich des das Primitivstreifen ende um- 
gebenden Mesoblastes im Allgemeinen derartig vertheilt, dass 
die Anfangsstadien derselben w^eiter nach innen gegen den 
Primitivstreifen zu liegen, sich also in einem Mesoblastmaterial 
befinden, das .seinem Ursprung aus dem Primitivstreifen nach 
als jüngeres bezeichnet werden darf. 

A nch die F 1 ä c h e n b i 1 d e r gut gefärbter Keimscheiben lassen 
ein l)isher nicht beachtetes Verhalten erkennen, welches auf 
die Abstammung der caudalen Gefässanlagen aus dem hinteren 
Ende des Prinütivstreifens hinweist. Von der Zeit ab, in 



J. Rackert: Abstammung der hluthältigen Gefässahlagen etc, 489 

welcher die ersten GefässanschwelluDgen im Flächenbild sichtbar 
werden, als farbbare Streifen und Flecken im Caudaltheil der 
Area opaca, bemerkt man, dass schwächer gefärbte Stränge 
von dem verbreiterten Primitivstreifenende durch den Caudal- 
theil der Area pellucida zu ihnen hin verlaufen. An den ein- 
zelnen Keimscheiben ist dies Verhalten ein sehr wechselndes: 
manchmal kaum kenntlich sind diese Züge an anderen Keim- 
scheiben wieder so deutlich, dass es den Anschein gewinnt, als 
ob die Gefässanlagen aus dem hinteren Ende des Primitiv- 
streifen hervorsprossten. Das Letztere finde ich namentlich 
dann, wenn in den betreffenden Stadien der Primitivstreif caudal 
in die Area opaca hineinragt, eine Anordnung, die ab und zu 
angetroffen wird. Fig. 1 der beigegebenen Tafel zeigt dies 
Verhalten an einer Keimscheibe, in welcher schon die Medullar- 
platten des Kopfes sichtbar sind und die Gefässanschwellungen 
in der hinteren Hälfte der Area opaca bereits sehr deutlich im 
Flächenbild hervortreten. 

An manchen Keimscheiben zieht sich das verbreiterte 
Caudalende des Primitivstreifens zu einer Platte von Sichelform 
aus. Schon Kupffer hat diese „Sichel** am Blastoderm des 
Huhns und namentlich des Sperlings beobachtet und sie mit 
der von ihm entdeckten Reptiliensichel homologisirt. Wie von 
einem solchen sichelförmigen Felde aus die Mesoblaststränge 
zu dem Oefassnetz der Area opaca hinziehen, zeigt Fig. 2 von 
einem noch etwas älteren Blastoderm mit bereits abgegrenztem 
ersten XJrwirbelpaar. Die Peripherie der dreieckigen Platte ist 
hier völlig in jene Züge aufgelöst, daher denn auch ihre 
Sichelform nicht ganz so scharf hervortritt, wie an einzelnen 
anderen Keimscheiben. 

Das besprochene Verhalten ermöglicht vielleicht einen 
Anschluss an die Blutbildung bei Reptilien. Bekanntlich leitet 
Mehnert*) die Gefässe der Area vasculosa bei Emys lut. 



Mehnert, Ueber Ursprung und Entwicklung des Hämovasal- 
gewebes (Geßlsshofsichel) bei Emys lutaria taurica und Struthio camelus. 
Morphol. Arbeiten VI. 



488 Süsung der wudh.-pkj^s. ClasH wr /Dezember 1902. 

über den zellenamen Anlager ./^'^^ seiner Schilderung bei 

den Hintergrund treten /.'hnten, die Embrjonalanlage 

bxssen sich wiederum ' > Pulste anschwillt und sich 

welche im hintf '^^'' ^^* vasculosa umbildet. Er 

der UmgebunfT . i/' geradezu mit der gesammten eben- 

man findet '^ '/> ^'«sculosa des Vogels. Ich war nicht 

dickeren '" •...- ^V^'^'^^^^g ^^^ Schildkröte selbst zu untor- 

ihremB' - ^ •■' %i^^^ ^^ dieser Angabe des leider kürzlich 

lücke' .'. M ^."^-/iers nur schwer Stellung nehmen. Es will 

loci ■ .V- '^'/ scheinen, als ob seine Sichel auf dem Höhe- 

' "v/"'' Tf üintwicklung (1. c. Taf. I Fig. 4) gegenüber den 
■' lv>'' l^fioten Reptiliensicheln auffallend gross und weit 
..'"■'' rti reichend sei. Aber auch wenn sich bei Nachunter- 
„.*r^ * lierausstellen sollte, dass dieser Wulst nicht mehr als 
•cf'**'".' ym Sinne Kupffers bezeichnet werden darf, sondern 
^^ j,yr j^"^ jüngere Anlage, wie sie in Fig. 2 1. c. abgebildet 
!^ diesen Namen verdient, so wäre doch damit Mehnert's 
' ipdanschanung von der gefässbildenden Eigenschaft der 
i{(»i)tilicn«i<^hel nicht erschüttert, denn es ist nach seiner Dar- 
stellten ^^^^^ ^^""^ mindesten wahrscheinlich, dass die Kupffer- 
sche Sicliel Material für die Gefässe der Area vasculosa 
liefert. Die von mir beim Huhn gemachten Beobachtungen 
würden zu dieser Auffassung sehr gut stimmen. 

Die von dem verdickten Caudalende des Primitivstreifens 
ausgehenden ifesoblaststränge der Hühnerkeimscheibe sind noch 
in Vfrhiiltnissinässig s])äton Stadien, bei 15 und 20 Urwirbeln, 
sichtbar in Form von intensiver färbbaren und schärfer um- 
schriebenen Streifen, die sich nun als ausgebildete Gefiissan- 
higen des hintersten Abschnittes der Area ])ellucida erweisen. 
Die angefülirten Beobachtungen weisen darauf hin, dass 
zur Zeit der Ausbreitung der Getassanschwellungen in der 
Area nj)a('n aus dein cau<lalen verbreiterten Ende des Primitiv- 
st tri iriis Mes()l)lnst/ü^e .sieh ablcVseu oder hervorsi)rossen, dit- 
in ladiiinr lliclituuii: den hinteren Theil der Area pellucida 
durelisrt/.i-nd in die Area opaca gelangen und sich daselbst in 
'■lerii.>>aus< Invelhingeii umwandeln. i{este dieser Stränge bleiben 



\ 



/. Bückert: Abstammung der bluthaltigen Gefässanlagen etc. 491 

Wer Nähe ihres Mutterbodens, nämlich im caudalen Ab- 
\itt der Area pellucida erhalten und bilden sich hier in 
^u Gefässen um. 

^ie gross der Antheil ist, welchen das Hinterende des 
.imitivstreifens an der Entstehung der Gesammtheit der blut- 
haltigen Gefasse, gegenüber etwaigen vom übrigen Primitiv- 
streifen abstammenden Gefassanlagen, nimmt, entzieht sich vor- 
erst der Abschätzung. Aber es spricht Manches dafür, dass 
es ein zum Mindesten nicht unerheblicher Bruchtheil ist. So 
mag hier daran erinnert werden, dass die Blutanlagen gerade 
in jenem Abschnitt der Gefässzone, welcher das hintere 
Primitivstreifenende umgiebt, zur mächtigsten Entwicklung 
gelangen, während sie von da in der Richtung nach vorn 
zu allmählich an Stärke abnehmen. Ferner, dass sie zeit- 
lich im hinteren Abschnitt der Gefässzone zuerst auftreten, 
um von da nach vom zu sich auszubreiten. Auch soll hier 
auf die schon von fiüheren Forschern hervorgehobene That- 
sache hingewiesen werden, dass in späteren Stadien, wenn 
die Gefasse der Area vasculosa schon längst gehöhlt sind, 
nur ein in der Umgebung des Primitivstreifenendes gelegener 
Theil derselben hiervon eine Ausnahme macht. An den in- 
jicirien Keimscheiben des schönen Popoff 'sehen ^) Atlas 
(1. c. Fig. 1—3 und Fig. 5) sind diese undurchgängig geblie- 
benen Züge des Gefassnetzes gut zu übersehen. Sie stellen, 
wie sich auch an jedem uninjicirten Blastoderm leicht ermitteln 
lässty solide d. h. in der Entwicklung zurückgebliebene Gefäss- 
anlagen dar« Man könnte diese Thatsache zunächst damit zu 
erklären versuchen, dass man sagt: die Anschwellungen differen- 
ziren sich in der Umgebung des hinteren Primitivstreifenendes 
nur deshalb später, weil sie daselbst zellenreicher sind als 
sonstwo. Kann man sich doch bei Untersuchung der Gefäss- 
entwicklung allerorts davon überzeugen, dass zellenarrae An- 
lagen sich schneller höhlen als zellenreichere. Die wenigste 
Zeit erfordert der Vorgang bei den blutleeren, die längste im 



*) Pop off, Die Dottersackgefässe des Huhnes. Wiesbaden 1894. 



492 Sitzung der math.'phys, Classe vom 6, Dezember 1902, 

Allgemeinen bei jenen bluth altigen Qefässen, welche grosse 
Mengen von Blutzellen enthalten. Aber diese Erklärung reicht 
für die angeführte Beobachtung nicht aus, denn jene Stränge 
des Hinterendes der Gefasszone, welche notorisch am längsten 
solid bleiben, sind gar nicht die mächtigsten. Die stärksten 
Anlagen befinden sich, ebenso wie weiter vorn, so auch 
im Caudaltheil der Area vasculosa stets mehr an derem 
peripheren Rand dicht neben der Randvenenanlage. Die von 
Pop off abgebildeten undurchgängigen Qefössanlagen hingegen 
liegen hauptsächlich im inneren Theil der Area, gegen ihre 
Ursprungsstätte, den Primitivstreifen, zu und stellen dement- 
sprechend auch verhältnissmässig dünne Stränge und Zellen vor. 
Es ist daher anzunehmen, dass sie deshalb eine solide Be- 
schaffenheit zeigen, weil sie später aus dem Mesoblast sich 
herausdifPerenzirt haben. So führt uns auch diese Beobachtung 
zu der Anschauung, dass der hintere Theil des Primitivstreifens 
ein Proliferationsgebiet für Blutanlagen darstellt, und dass seine 
produktive Thätigkeit noch andauert, nachdem solche Anlagen 
in der Area vasculosa schon erschienen sind. 

Eine Entscheidung darüber, ob der Caudaltheil des Primi- 
tivstreifens als Bildungsstätte für den grösseren Theil, wie ich 
vermuthen möchte, oder eventuell sogar für die Gesammtheit der 
Blutanlagen der Area opaca, dem übrigen Primitivstreifen gegen- 
über eine Sonderstellung einnimmt, können nur Experimente 
liefern, wie solche namentlich von Kopsch^) in neuerer Zeit mit 
Erfolg angestellt worden sind. Ich habe hierbei speciell den Ver- 
such im Auge, bei welchem an einer 12 Stunden alten Keimscheibe 
ein vom hinteren Ende des Primitivstreifens ausgehender sichel- 
förmiger Streif*) auf der linken Seite durch Ansetzen der 

^) Kopsch, Experimentelle Untersuchungen am Primi tivstreifen 
des Hühnchens und an Scjlliura- Embryonen. Verh. der Anat. Ges. 
Kiel 1880. Derselbe, Ueber die Bedeutung des Primitivstreifens beim 
liühnerembrjü. Leipzig 1*JÜ2. 

^) Diese Sichel, die nach den Abbildungen von Kopsch an der 

Grenze der Area opaca zu liegen scheint, stimmt am meisten mit dem 

Koller dargestellten Gebilde überein. Ich bin ihr an den von mir 



J. Rückert: Abstammung der bluthaltigen Gefässahlagen etc. 493 

Elektrode in seiner Entwicklung gehemmt wurde. Das Resuljbat 
war bei Abtödtung der 60 Stunden alten Keimscheibe: keine 
wesentliche Schädigung des Embryo, aber Fehlen des linken 
Stammes der Dottersackarterie und Einziehung des hinteren 
Abschnittes des Gefässhofes gegen die Operationsstelle hin, 
durch welch' letztere die Vena terminalis unterbrochen ist. 
Die Operation lehrt, wie Kopsch hervorhebt, dass die Sichel 
bei Embryonen von 12 Stunden keine Anlagen für den Embryo, 
sondern ausschliesslich solche für den Gefässhof enthält. Speciell 
müsse der Vorderrand derselben die Anlage der Dottersack- 
arterie, ihr Hinten-and eine Strecke der Randvene enthalten. 
Das sind nun beide blutleer sich anlegende Gefasse (vergl. über 
die Randvene weiter unten). Wie sich aber die Blutanlagen 
verhalten, ob sie in der linken Hälfte der Area vasculosa ganz 
ausgefallen sind, oder ob dies nur im hinteren Tbeil derselben 
der Fall war oder ob sie daselbst vielleicht nur schwächer 
entwickelt waren, ist nicht angegeben, offenbar deshalb nicht, 
weil in dem Stadium von 60 Stunden das Blut schon verflüssigt 
und in Circulation war, wenn anders der Embryo in dieser 
Hinsicht normal entwickelt gewesen. 

Drei weitere Embryonen, die auf etwas älterer Entwick- 
lungsstufe nämlich mit 24 und 16Va Stunden am hinteren 
Ende des Primitivstreifens von Kopsch operirt worden sind, 
wurden nach 48 und 40 Stunden konservirt also in einem 
Stadium, in welchem noch „Blutinseln** vorhanden waren. Der 
Gefässhof ist nach der Angabe von Kopsch bei zweien derselben 
(Embryo IV und VI) dem Stadium des Embryos entsprechend 
ausgebildet, bei dem 3ten (Embryo V) in der Ausbreitung „etwas* 
zurückgeblieben. Die in Fig. 14 1. c. abgebildeten Blutan- 
lagen dieses Gefässhofes scheinen mir für das Stadium schwach 
und wenig weit nach vorne reichend. Im Ganzen sind aber, 



untersuchten jungen Stadien bis jetzt nicht begegnet und weiss daher 
nicht, in welcher Beziehung sie zu der von mir in etwas älteren Keim- 
scheiben gesehenen, oft sichelförmigen Verbreiterung des Primitivstreifen- 
endes steht, ob sie eine jüngere Entwicklungsstufe der letzteren ist 
oder nicht. 



494 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 6. Dezember 1902. 

namentlich mit Rücksicht auf die Embryonen IV und VI die 
Ergebnisse nicht gerade der Annahme günstig, dass das Caudal- 
ende des Primitivstreifens von der 16ten Stunde ab noch be- 
merkenswerthes Material an die Blutanlagen abgiebt. Indessen 
darf man nicht ausser Acht lassen, dass die betreffende Stelle des 
Priraitivstreifens durch den operativen Eingriff, bei welchem es in 
erster Linie darauf ankam, brauchbare Marken am Blastoderm zu 
setzen, nicht völlig zerstört worden ist, wie die Figuren 13, 14 und 
16 1. c. beweisen. Um Missverständnissen vorzubeugen, hebe 
ich ausdrücklich hervor, dass ich damit nicht die interessanten 
Experimente und die wie mir scheint sehr werthvolle Methode 
von Kopsch, deren genauere Beschreibung er in Aussicht ge- 
stellt hat, bemängeln will. Die Versuche sind ja zu einem 
ganz anderen Zweck ausgeführt worden, als dem, der Quelle 
der Blutanlagen nachzugehen. Es wäre aber vielleicht lohnend, 
Experimente eigens in dieser Richtung anzustellen. Diese 
müssten selbstverständlich von der Entwicklung und Ausbrei- 
tungsweise des extraembryonalen Mesoblast ausgehen. In 
letzterer Hinsicht sind 2 Hauptmöglichkeiten gegeben: ent- 
weder wächst dieser Theil des Mittelblattes von der ganzen 
Länge des Primitivstreifen aus einheitlich 
y in seitlicher Richtung bis zum Rande 

^ der späteren Area vasculosa hin (vergl. bei- 

stehendes Schema a.) und liefert mit seinem 
medialen Abschnitt die Gefasse der Area 
pellucida mit seinem lateralen diejenigen der 
^ Area opaca, also auch die Blutanlagen oder 

I ein solcher flügelförmig nach der Seite hin 

sich ausbreitender Mesoblast trifft, indem er 
^ die Area pellucida durchsetzt und ihr, even- 
y^ tuoll auch noch der Area opaca, leere Gefasse 

-> I liefert, peripher mit einem vom Caudalabschnitt 
_„ des Priniitivstreifens in der Area opaca nach 

I vorne jjjehenden Zug zusammen, welcher (even- 
tuell neben Anlagen leerer Gefiisse) das ge- 
samnite ]\[aterial für die ]>luthaltigen Gefasse 
der Area opaca führt. (^S. Schema b.) 



a) 



b) 



J. JRticfcert: Abstammung der bluthcUtigen Oefässatüagen etc, 495 

Die von mir an den beschriebenen älteren und an einigen 
jüngeren Hühnerkeimscheiben gemachten Beobachtungen spre- 
chen eher zu Gunsten der letzteren Auffassung. 



Wenn ich im Vorstehenden die mesoblastische Abkunft 
der Gefassanschwellungen vertreten habe, kann ich deshalb 
doch van der Stricht,^) dessen Standpunkt der gleiche ist, 
nicht zustimmen, vs^enn er sagt (1. c. p. 212) „ces ilöts sont 
toujours nettement distincts du rempart vitellin sous-jacent*. 
Ich finde im Gegentheil die Gefässanlagen in der Area opaca 
oft dem Keimwall innig anliegend, sich in ihn einsenkend 
und förmlich einbohrend, so dass man stellenweise nicht im 
Stande ist, eine scharfe Grenze zwischen ihren Zellen und 
denen des Eeimwalls zu ziehen. Solche Gefässanlagen machen 
den Eindruck, als ob sie zum Keim wall gehörten. Aber anderer- 
seits habe ich beim Hühnchen doch nie Bilder gesehen, welche 
in unzweideutiger Weise eine Entstehung von Blutzellen aus 
dem Keimwall zeigen. Ich kann daher nicht behaupten, dass 
beim Huhn das mesoblastische Blutmaterial sich auf dem Dotter 
durch Hinzutreten entoblastischer Elemente ergänze, wie ich^) 
dies früher für Selachier angegeben. Trotzdem kann ich jene 
vorübergehende Verbindung weder für ein Artefakt noch für 
etwas Zufälliges halten, um so weniger als sie sich in noch 
ausgesprochenerer Weise bei den Selachiern findet. Ich darf 
hier mittheilen, dass sie nach den Untersuchungen von Herrn 
Kollegen Mol Her auch bei den Amphibien vorhanden ist. 
Sie stellt also auch mit Rücksicht auf ihr verbreitetes Vor- 
kommen eine auffallende Erscheinung dar, über die man nicht 
ohne Weiteres hinweggehen kann. Kann sie nicht durch die 



*) van der Stricht, Nouvelles recherches sur la genese des 
globules roiiges et des globulea blancs du sang. Arch. de Biologie 
T. XII, 1892. 

2) Rück er t, Ueber die Anlage des mittleren Keimblattes und die 
erste Blutbildung bei Torpedo. Anat. Anz. II, 1887. 



496 Sitzung der math.-phys, Clasae vom 6. Dezember 1902. 

Annahme einer Neubildung von Blut- und Qefasszellen aus 
dem Entoblast erklärt werden, so muss man nach einer anderen 
Deutung suchen. So möchte ich denn die Vermuthung aus- 
sprechen, dass sie vielleicht der Ausdruck ist für die Einver- 
leibung einer Eisenverbindung in die Blutzellen aus dem Dotter. 
Diese Annahme liegt nahe, nachdem Smiechowsky^) durch 
microchemische Untersuchung gezeigt hat, dass das gesammte 
eisenhaltige Material des weissen Dotters beim Huhn in den 
„Megasphären" enthalten ist und von da in die Blutkörper 
gelangt. Von dem Zeitpunkt an, in welchem die Eisenreaktion 
in den Blutzellen deutlich wird (Stadium mit 12 Urwirbeln), 
nimmt sie in den Megasphären bedeutend an Intensität ab. 
Auf welchem Wege die üebertragung geschieht, konnte der 
Autor nicht feststellen. Er tritt aber auf Grund seiner Beob- 
achtungen der Ansicht bei, dass die Megasphären von den 
Entoblastzellen aufgenommen werden und denkt auch an eine 
Vermittlung der Endothelzellen, 



Zum Schluss soll noch die Entstehung des Randgefässes 
der Area vasculosa besprochen werden. Die herrschende An- 
sicht, dass dieses Gefäss aus den peripheren Blutanlagen durch 
Confluiren derselben sich bilde, ist nicht richtig. Schon der 
Umstand, dass ein Sinus terminalis auch im vordersten Theil 
des Blastoderms auftritt, wo die Blutanlagen sehr spärlich 
sind und auf ausgedehnten Strecken des Randes ganz fehlen, 
weist auf einen anderen Entstehungsmodus hin. Die Unter- 
suchung ergiebt denn auch, dass der Sinus peripher von den 
randständigen grossen Blutanlagen sich anlegt und zwar nach 
dem Typus der blutleeren Gefässe, wie solche bekanntlich 
innerhalb des Embryo und ausserhalb desselben in der Area 
pellucida sich bilden. Auch in der Area opaca treten sie wie 
bekannt neben den blutleeren Gefässen auf, besonders in einer 



'^ Smiechowsky, Uebcr die Bedeutung der Megasphären in der 
«^ des Hühnchens. Anat. Hefte 1892. 



J, tLüLckert: Abstammung der hluthaltigen Gefäasardagen etc. 497 

inneren gegen die A. pellucida zu gelegenen Zone, die nach 
vorn zu an Ausdehnung zunimmt in dem Masse, dass im vorder- 
sten Theil der Area die Blutanlagen fast gänzlich durch die 
der leeren Gefässe ersetzt werden. Nach Art dieser leeren 
Endothelröhren entsteht der Randsinus, nämlich aus einer 
dünnen, verhältnissmässig spät erscheinenden Zellschicht, die 
peripher von der jeweilig randständigen Blutanlage sich be- 
findet. Wie die Gefassanlagen der Area vasculosa in ihrer 
Gesammtheit, seien sie bluthaltig oder leer, untereinander in 
Zusammenhang stehen, so ist auch die erste noch nicht ge- 
höhlte Anlage des Randgefässes mit dem übrigen Netz ver- 
bunden. Im vordersten Theil der Area hängt sie vielfach mit 
den leeren Gefässen des Netzes zusammen, weiter hinten aus- 
schliesslich mit den grossen hluthaltigen Anlagen. Bei der 
Eröffnung zum Rohr zeigt sie sich zusammengesetzt aus einer 
Reihe hintereinander gelegener Abtheilungen, die unter sich 
zusammenhängen und schliesslich völlig confluiren. Diese Hohl- 
räume communiciren mit den inzwischen ebenfalls eröflneten 
Räumen des übrigen Gefassnetzes, im grösseren hinteren Theil 
der Area opaca also ausschliesslich mit den eröffneten hlut- 
haltigen Gefässen. Die in letzteren befindlichen Haufen von 
Blutzellen, die unter sich und mit bestimmten Stellen der Ge- 
fässwand noch zusammenhängen — es sind das die echten 
Blutinseln der älteren Autoren — ragen nun frei gegen 
das Innere des Randgefässes vor, und ihre sich ablösenden 
Zellen gelangen in dieses hinein. Das Gefass stellt jetzt das 
Sammelrohr für das verflüssigte Blut dar. 

Bei Torpedo bildet sich der Randsinus noch weiter 
peripher von den hluthaltigen Anlagen und ebenfalls als leeres 
Gefäss. Seine erste Anlage erscheint sehr frühzeitig und zwar 
dann dicht neben der Gefässanschwellung in Gestalt von an- 
fanglich sehr seichten Gruben, die am Rand der Keimscheibe 
durch Einsenkung des Dotters nebst des ihn überkleidenden 
Do tteren toblas tes sich bilden und vom peripheren an dieser 
Stelle oft unterbrochenem Mesoblast überspaont werden. Später 
mit dem Auswachsen des Randes rücken diese Randgruben 



498 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 6. Degemher 1902. 

von der Blutanlage mehr ab und werden tiefer. Man er- 
kennt sie dann stets deutlich auch im Oberflächenbild, wo sie 
das Ansehen von runden durchscheinenden Vacuolen haben. 
H. Virchow hat sie eingehend geschildert, kann sich aber 
nicht zu der Annahme entschliessen , dass sie Vorstufen 
von Gefassen seien. Sie sehen in der That auch gar nicht 
wie solche aus, und habe ich lange Zeit gebraucht, bis ich 
mich davon überzeugt habe, dass sie wirklich durch Confluiren 
den Randsinus, der bei seinem ersten Auftreten, den Vacuolen 
entsprechend, stark wellig gebuchtet ist, bilden. Der Rand- 
sinüs von Torpedo ist also anfänglich ein wandungsloser 
d. h. nicht mit Endothelzellen ausgekleideter Raum und erhält 
seinen endothelialen Zellenbelag erst spät und ganz allmäh- 
lich durch vereinzelte, sehr lang ausgezogene Gefösszellen. 
Er steht aber in dieser Hinsicht nicht isolirt, denn ein Theil der 
übrigen blutleeren Gefässe des Torpedo blastoderms ist ebenfalls in 
Form von wandungslosen Dellen und Rinnen vorgebildet,') deren 
Auskleidung zur Zeit der auftretenden Endothelröhren aber 
rascher vor sich geht als beim Randsinus. Der Unterschied ist 
dadurch bedingt, dass in diese letzteren Einsenkungen die Gefass- 
zellen meist mehr in gruppenweiser Anordnung gelangen. Sie 
wandeln sich hier in Endothelröhren um, die, sich rasch aus- 
dehnend, die Wand des Raumes austapeziren. Auch diese 
weiter innen gelegenen Einsenkungen sieht man im Oberflächen- 
bild.*) Der geschilderte primitive wandungslose Zustand bei 
einem Theil der Dottergefässe von Torpedo stimmt gut zu 
den bekannten Angaben, welche über das Verhalten der ersten 
Gefassräume auf dem Dotter der Knochenfische vorliegen. 



*) H. Virchow, Ueber Blutinseln und GefUssbezirk von Torpedo 
ocellata. Sitzber. d. Ges. naturf. Freunde zu Berlin. 1898. 

'^) Vergl. auch hierüber H. Virchow 1. c. und die von ihm citirte 
Schrift Ko 11 man n's „Gemeinsame Entwicklungsbahnen der Wirbel thiere*. 
Gedenkschrift zur Eröffnung des Vesalianum, Leipzig 1885. 



499 



Namen -Register. 



Alt Heinrich 113. 209. 

V. Baeyer Adolf 1. 55. 458. 
Blanckenhorn Max 341. 353. 
Brögger W. C. (Wahl) 457. 
Broili Ferdinand 15. 
Brunn Hermann 91. 

Doflein Franz 55. 

Egger Joseph Georg 15. 152. 
Engelmann Wilhelm (Wahl) 457. 
Engler Adolf (Wahl) 457. 

Fick Adolf (Neki-olog) 277. 
Finsterwalder Sebastian 15. 
Fischer K. T. 113. 209. 

Gibbs J. Willard (Wahl) 457. 

Göbel Karl 55. 208. 

Günther Sigmund 17. 55. 459. 

Hartig Robert (Nekrolog) 233. 
Hermite Charles (Nekrolog) 262. 
Hoff van t' Jacobus Hendricus (Wahl) 

457. 
Hertwig Richard 57. 458. 

Korn Arthur 39. 75. 
Kowalewski Alexander (Nekrolog) 
288. 



Kühne Willy (Nekrolog) 247. 
V. Kupffer Carl 15. 

V. Linde Carl 152. 
Lindemann Ferdinand 1. 153. 
Löwy A. 3. 

Nordenskiöld Nils Adolf Erik 
(Nekrolog) 268. 

Oppenheim Paul 435. 

Perry Newel 43. 
Pringsheim Alfred 163. 295. 

Ranke Johannes (Wahl) 457. 
Rothpletz August 193. 311. 
Rosenbusch Harry (Wahl) 457. 
Rückert Johannes 487. 

Schlosser Max 458. 

Schmauss August 327. 

Seeliger Hugo 1. 

Selenka Emil (Nekrolog) 241. 

Smyth Charles Piazzi (Nekrolog) 243. 

Stromer v. Reichenbach Ernst 341. 

V. Voit Carl 232. 

Walkhoff Otto 305. 

V. Zittel Karl Alfred 217. 457. 



500 



Sach- Register. 



Aegypten, Reise dahin 341. 

Ansprache des Präsidenten in der öffentlichen Sitzung 217. 

Befruchtung, Wesen und Bedeutung derselben 57. 

Blut, Entstehung desselben im Hühnerei 487. 

Tommissura veli transversi des Hirns 15. 

Constitution der Atome 1. 

Contractions- und Expansions-Theorie 311. 

Decapoden Ostasiens 55. 

Denudationsgebiete, glaciale im mittleren Eisackthale 459. 

Differentialgleichungen 3. 

Drehung, magnetische der Polarisationsebene des Lichtes 327. 

Druckschriften, eingelaufene 1*— 25*. 27*— 53*. 

Fernphotographie elektrische 39. 
Foraminiferen 152. 
Fossile Säugethiere Chinas 458. 
Fossilien aus dem Blättermergel von Theben 433. 
Functionen, transcendente 163. 295. 

Geologisch-stratigraphische Beobachtungen aus Aegypten 353. 
Grundbegriffe, hydrologisch-topographische 17. 

Homologie in der Entwicklung weiblicher und männlicher Geschlechts- 
organe 55. 
Kern- und Zellgrösse 458. 

Luft, flüssige, Destillation und Rectification derselben 152. 
Mittelwerthsätze über bestimmte Integrale 91. 
Nachbildung, mechanische von Minimalflächen 15. 
Nebel der Nova Persei 1. 
Orbitolinen, Bau derselben 15. 
Orbitolinen der untersten Kreide in der Krim 15. 
Problem der conformen Abbildung für eine specielle Kurve 43. 
Kegeneration bei Pflanzen 208. 
Sauerstoff, Vierwerthigkeit desselben 1. 
Sceletttheile, diluviale menschliche 305. 
Sechseck, PascaFsches 153. 

Stickstoff, Erstarrungs- und Schmelzdruck desselben 209. 
Stickstoff, Siedepunkt, Gefrierpunkt und Dampfspannung desselben 113. 
Thermalquellen von St. Moriz 193. 
Tripbenylmethan, Abkömmlinge desselben 55. 458. 
Variatiunsrechnung, einfachster semiJefiniter Fall in derselben 75. 
Winci ' '«sen mit dem Jakobsstabe 55. 



1* 



Terzeiehnis der eingelanfenen Draekschriften 

Januar bis Jani 1902. 



Die verehrlichen Gesellschaften and Institute, mit welchen unsere Akademie in 
Tmusehverkehr steht, werden gebeten, nachstehendes Verzeichnis zugleich als Empfangs- 
bestätigung zu betrachten. 



Von folgenden Gesellschaften nnd Instituten: 

University of Äberdeen: 
Studies. No. 4. 5. 1901. 4» 

Eoydl Society of South-Australia in Adelaide: 
Traneactions and Proceedings. Vol. 25, pari 2. 1901. 8^ 

Südslavische Akademie der Wissenschaften in Agram: 
Rad. Vol. 146. 147. 8^. 

Monumenta spectantia historiam Slavorum merid. Vol. XXX. 1. 1901. 8^. 
Ant. Radic, Zbornik za narodni zivot. Bd. VI, 2. 1901. Q^, 
Milivoj Srepel, Grata za povjest Knizevnosti hrvatske. Bd. 8. 1901. 8®. 
P. Budmani, Rjeönik hrvatskoga ili srpskoga jezika. Heft 21. 1901. 4^. 

K. kroat.'slavon. 'dalmatinisches Landesarchiv in Agram: 
Vjestnik. Bd. 4, Heft 1—3. 1902. 4". 

GeschichtS' und Alt erthums forschende Gesellschaft des Osterlandes 
in Altenburg: 

Mittbeilnngen. Bd. 1. Ergänzungsbeft. 1901. S^. 

Expedition antarctique beige in Antwerpen: 
Note rel. aox rapports scientifiques pablies aux frais du gouvernement 
beige 80US la Direction de la Commission de la Belgica. 1902. 4^. 
Resultats du Voyage du S.Y.Belgicaen 1897— 99. (10 Hefte). 1901-02. 4». 

Observatoire national d^ Äthanes: 
Annales. Tom. 3. 1901. 4». 

Redaktion der Zeitschrift „Athena": 
Atbena. Tom. 14, fasc. 1—3. 1902. 8». 



2* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 

Johns Hopkins University in Baltimore: 
Studies in historical and political Science. Ser.XIX, No. 10 — 12; Ser.XX, 

No. 1. 1901-02. 80. 
Circulars. Vol. 21, No. 155-158. 1902. 4«. 
American Journal of Mathematics. Vol. 24, No. 1. 1902. 4P. 
The American Journal of Philology. Vol. 22, No. 2. 3. 1901. 8». 
American Chemical Journal. Vol. 26, No. 4—6; Vol. 27, No. 1—3. 

1901/02. 8». 
Bulletin of the Johne Hopkins Hospital. Vol. XII, No. 129; Vol. XIII, 

130—133, 135. 1901/02. 49, 

Naturforschende Gesellschaft in Basel: 
Verhandlungen. Bd. XIII, 2. 3. XIV, und Index zu Bd. 6— 12. 1901/02. 8^. 
Fr. Burckhardt, Zur Erinnerung an Tycho Brahe. 1546—1601. 1901. 8^. 

Historisch-antiquarische Gesellschaft in Basel: 
Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde. Bd. 1, Heft 2. 
1902. 8«. 

Bataviaasch Genootschap van Künsten en Wetenschappen in Baiavia: 
Tijdschrift. Deel 44, afl. 5 en 6. 1901. Deel 45, afl. 1. 1902. S». 
Notulen. Deel 39, afl. 2. 3. 1901. S^. 

K. Serbische Akademie der Wissenschaften in Belgrad: 
Glas. No. 63. 64. 1901—02. S«. 
Godischniak. XIV. 1900. 1901. 8». 
Sbornik. Bd. I. 1902. 8. 

Museum in Bergen (Norwegen): 

An Account of the Crustacea. Vol. IV, part 5. 6. 1902. 4^. 
Aarbog für 1901. 1902. 8°. 
Aarsberetning for 1901. 1902. 8<>. 

University of California in Berkeley: 
Schriften aus dem Jahre 1901. 

K. preiiss. Akademie der Wissenschaften in Berlin: 
Abhandlungen aus dem Jahre 1901. 1901. 4®. 
Sitzungsberichte. 1901 No. 39-53; 1902 No. 1— 22. QP. ' 
Politische Korrespondenz Friedrichs des Grossen. Bd. XXVII. 1902. 8®. 
Corpus inscriptionum graecarum Peloponnesi et insularum vicinamm. 

Vol. I. 1902. fol. 
Corpus Inscriptionum Orientis. Supplementum. Pars posterior. 1902. fol. 

K. geolog. Landesanstalt und Bergakademie in Berlin: 
Abhandlungen. N. F. Heft 31 mit Atlas. 1900. Heft 35. 36. 1901. 4^. 

Zcntralhurcau der internationalen Erdmessung in Berlin: 
Beriebt üher die Thätigkeit des Centralbureaus i. J. 1901. 1902. 4®. 

Deutsche chemische Gesellschaft in Berlin: 
Berichte. 34. .lahrg., No. 18 und 35. Jahrg., No. 1—12. 1902. 8<>. 

Deutsche geologische Gesellschaft in Berlin: 
Zeit. schritt. Bd. 53, Heft 4. 1902. 8«. 
E ' Die deutsche ^geologische Gesellschaft 1848—1898. 1901. 8^. 



Vereeichnia der eingelaufenen Drucicschriften. 3* 

Medicinische Gesellschaft in Berlin: 
VerhandluDKen. Bd. 82. 1902. S». 

Physiologisclie Gesellschaft in Berlin: 
Literatur. 1901. Bd. XV, No. 20-26 und Register. 1902. Bd. XVI, 
No. 1-6. 80. 

K. technische Hochschule in Berlin: 
Die Grenzen der Seeschiffahrt. Rede von Rektor Budendey. 1902. 4^. 

Kaiserlich deutsches archäologisches Institut in Berlin: 
Jahrbuch. Bd. XVI, Heft 4; Bd. XVII, Heft 1. 1902. 4^. 

K. preuss. geodätisches Institut in Berlin: 
Astronomisch- geodätische Arbeiten I. Ordnung. Bestimmung der Längen- 
differenz Potsdam—Pulkowa im Jahre 1901. 1902. 4^. 

K. preuss, meteorologisches Institut in Berlin: 

Regenkarte der Provinz Sachsen, von G. Hellmann. 1902. 8^. 
Ergebnisse der meteorologischen Beobachtungen in Potsdam im Jahre 

1899. 1901. 40. 
Ergebnisse der Niederschlagsbeobachtungen in den Jahren 1897 u. 1898. 

1901. 40. 
Abhandlungen. Bd. II, No. 1. 1901. 49. 
Ergebnisse der Beobachtungen an den Stationen II. und III. Ordnung im 

Jahre 1897. 1902. 4». 
Deutsches Meteorologisches Jahrbuch für 1901. Heft 1. 1902. 4^. 

Reichs- Marineamt in Berlin: 
Bestimmung der Intensität der Schwerkraft auf 20 Stationen der west- 
africanischen Küste, von M. Loesch. 1902. 4^. 

K, Sternwarte in Berlin: 
Beobachtungs-Ergebnisse. Hefb 10 u. 11. 1902. 4^. 

Verein zur Beförderung des Gartenbaues in den preuss. Staaten 
in Berlin: 
Gartenflora. 51. Jahrg. 1902, No. 1—13. 8». 

Verein für Geschichte der Mark Brandenburg in Berlin: 

Forschungen zur Brandenburgischen und Preussischen Geschichte. Bd. XV, 
I.Hälfte. 1902. 8». 

Zeitschrift für Instrumentenkunde in Berlin: 
Zeitschrift. 22. Jahrg. 1902, Heft 1-6. 1902. 4« 

Allgemeine geschichtsforschende Gesellschaft der Schweiz in Bern: 

Quellen zur Schweizer Geschichte, Bd. XV, 1; XVI— XX. Basel 1899 
bis 1901. 80. 

Naturforschende Gesellschaft in Bern: 
Neue Denkschriften. Bd. 38. Zürich 1901. 4. 

Geolog. Kommission der Schweiz, naturforsch. Gesellschaft in Bern: 
Beiträge zur geologischen Karte der Schweiz. N. F. Liefg. XI. 1901. 49. 

1* 



4: Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 

Historischer Verein in Bern: 
Archiv. Bd. 16, Heft 2. 1901. S». 

JR. Deputazione di storia patria per le Provincie di Bomagna 
in Bologna: 
Atti e Memorie. III. Serie. Vol. XIX, fasc. 4—6. 1901. 8® 

Niederrheinische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in Bonn: 
Sitzungsberichte 1901. I. und II. Hälfte. 1901—02. 8°. 

Naturhistorischer Verein der preussischen Rheinlande in Bonn: 
Verhandlungen. 58. Jahrg. I. und IL Hälfte. 1901-02. 8». 
Sociite de geographie commerciale in Bordeaux: 
Bulletin. 1902. No. 1—12. S». 

American Academy of Arts and Sciences in Boston: 
Proeeedings. Vol. 87, No. 4—14. 1901—02. S\ 

American Phüological Association in Boston: 
Transactions and Proeeedings. Vol. 32. 1901. 8®. 

Boston Society of natural History in Boston: 
Proceedingfl. Vol. 29, No. 16—18; Vol. 30, No. 1. 2. 1901. S». 
Occasional Papers. VI. 1901. 8». 

Magistrat der Stadt Braunschweig: 

Abt Berthold Meiers Legenden und Geschichten des Klosters Set Aegidien. 
Wolfenbüttel 1900. gr. 8». 

Geschichtsverein in Braunschweig: 
Braunschweigisches Magazin. Jahrg. 1901. 4°. 

Verein für Naturicissenschaft in Braunschweig: 
12. Jahresbericht über die Jahre 1899/1900 und 1900/1901. 1902. 8«. 
Technische Hochschule in Braunschweig: 

Programm für die Jahre 1901-02. 1901. 8^. 
Vorschriften über die Diplomprüfungen. 1901. 8®. 

3Iährisches Landesmuseum in Brunn: 

Zeitschrift. Bd. 1, Heft 1 u. 2. 1901. gr. 8». 
Casopsis. Bd. I, Cislo 1 u. 2. 1901. gr. 8^. 

Deutscher Verein für die Geschichte Mährens und Schlesiens 
in Brunn: 

Karl Lechner, Die ältesten Belehnunga- und Lehensgeschichte böcher des 

Bisthums Olmütz. 1902. 8«. 
Zeitschrift. 6. Jahrg., Heft 1-3. 1902. gr. 8^. 

Natur forschender Verein in Brunn: 
Vorharullunpron. M. 39. 1901. 8^ 
XIX. Bericht der meteorol. Kommission im Jahre 1899. 1901. S'*. 

Äcademic Ixoyale de mcdecine in Brüssel: 
M«'moires couronne^? in S^. Tom. 50. 1890—1902. 8^ 
IJuUetin. IV. Serie. Tom. XV No. 10. 11. Tom. XVI No. 1— 5. 1901/02. Bf*. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 5* 

Äcademie Eoycde des sciences in Brüssel: 
Memoires des membres in 4<^. Tom. 5i, faac. 1—4. 1900 — Ol. 49, 
Me'moires couronnäs in 4^. Tom. 59, fasc. 1. 2. 1901. 4^ 
Mämoires couronn^s in 8^ Tom. 61. 1901. 8®. 
Biographie nationale. Tom. XVI, faac. 2. 1901. 8^. 
Annuaire 1902. 68« ann^e. 8°. 
Bulletin, a) Classe des lettres 1901, No. 11. 12; 1902, No. 1—8'. 80. 

b) Classe des sciences 1901, No. 11. 12; 1902, No. 1—3. 8». 
Charles de TAbbaye de Saint-Martin de Tournai. Tom. 2. 1901. 4^. 

Societe des Bollandistes in Brüssel: 
Analecta Bollandiana. Tom. 21, fasc. 1. 2. 1902. 8®. 

Societe entomölogique de Belgique in Brüssel: 
Annales. Tom. 46. 1901. 8^. 

Sociite beige de gSologie in Brüssel: 
Bulletin. Tom. 12, fasc. 4; Tom. 16, fasc. 6; Tom. 16, fasc. 1. 1902. 8^. 

K. Ungar, geologische Anstalt in Budapest: 
Mittheilungen aus dem Jahrbuche. Bd. 13, Heft 4. 5. 1902. 8®. 
Földtani Közlönv. Bd. 81, Heft 6— 12; Bd. 32, Heft 1—4. 1901/02. 8«. 
Jahresbericht für 1897. 1901. 8». 
A Magyar kir. földtani int^zet ävkönyve. Bd. 18, Heft 5. 6. 1901. 4^. 

Statistisches Bureau der Haupt- und Residenzstadt Budapest: 
Publikationen. No. XXIX, 2. Berlin 1901. 4». 

Museo national in Buenos Aires: 
Comunicaciones. Tom. I, No. 10. 1901. 8^. 

Botanischer Garten in Buitenzorg (Java): 

Mededeelingen. No. LH— LV. Batavia 1902. 4». 
Bulletin. No. IX— XI. 1901. 4» 

Botanisches Institut in Bukarest: 

Bulletin de THerbier. No. 1. 1901 Sept.— Dec. 1901. 8^. 

Rumänisches meteorologisches Institut in Bukarest: 

Analele. Tom. XV, anul 1899. 1901. fol. 

Meteorological Department of the Government of India in Calcutta: 
Monthly Weather Review. Aug.— Dec. 1901, Januar 1902. 1901/02. fol. 
Indian Meteorological Memoirs. Vol. XII, part 2. 1902. fol. 
Kainfall of India. 10*^ year 1900. 1901. fol. 

Asiatic Society of Bengal in Calcutta: 
Bibliotheca Indica. New Ser. No. 999. 1001—1004. 1901/02. 8^ 

Geölogicdl Survey of India in Calcutta: 

Records. Vol. 30, part 3. 4; Vol, 31, part 2. 3; Vol. 32, part 1. 1901. 4^. 

Institut jßgyptien in Cairo: 

Bulletin. 1896—1901. 8»., 

Livre d'or jde Tlnstitut ßgyptien 1859—1899. Texte et planches. Le 
Mans 1899. 8^. 



6* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften^ 

Museum of comparative Zoölogy at Harvard College in Cambridge^ Mass.: 
Bulletin. Vol. 39, No. 2. 3; Vol. 40, No. 1. 1902. 80. 
Memoire. Vol. XXVI, No. 1—8; Vol. XXVII, No. 1. 1902. 40. 

Ästronomical Ohservatory of Harvard College in Cambridge, Mass.: 
66^^ Annual Report. 1901. 8». 
Annais. Vol. 48, part 2; Vol. 48, pari 1. 1901/02. 40. 

Philosophical Society in Cambridge: 
Proceedings. Vol. XI, part 4. 6. 1902. 8°. 

Geological Commission^ Cdlony of the Cape of Good Hope 
in Cape Town: 

Annual Report for 1898 and 1899. 1900. 4«. 

Geodetic Survey of South Äfrica in Capctown: 
Geodetic Survey. Vol. II. 1901. fol. 

Äccademia Gioenia dt sdenze naturali in Catania: 
Atti. Serie IV, Vol. 14. 1901. 4^. 

Bullettino mensile. Nuova Ser., fasc. 71 (Nov. 1901); fasc. 72 (Febr. 1902). 
1902. 80. 

Physikalisch-technische Beichsanstalt in Charlottenburg: 

Die Thätigkeit der physikalisch-technischen Reicfasanstalt im Jahre 1901. 
Berlin 1902. 4». 

K. sächsisches meteorologisches Institut in Chemnitz : 
Decaden-Monatsberichte. Jahrg. IV. 1902. fol. 
Jahrbuch. Jahrg. XVI, Abtlg. 111. 1902. 4^ 

John Crerar Library in Chicago: 
Vll"» annual Report for the year 1901. 1902. 8». 

Field Columhian Museum in Chicago: 
Publications. No. 60. G2. 63. 1901. 8». 

Zeitschrift „Aslrophysical Journal^' in Cht<:ago: 
Vol. XIV, No. 5; Vol. XV, No. 1-4. 1901/02. gr. 8^. 
Committee of the Nonvegiiut North- Atlantic Expedition in Christiania: 
Den Norske Nordhavs-Expedition. No. XXVIII. 1901. fol. 

Nors Fotlemuseiim in Christiania: 
Aarsberetniug 1901. 1902. 4». 

Fridtjof Nansen Fund for the advancement of science in Christiania: 
The Norwogian North Polar-Expedition 1893 — 1896. Vol. III. 1902. 4^. 

K. Nonrc()isclic Universität in Christiania: 
Nyt Ma<,'azin lor Naturvidenskaberie. Bd. 39. Heft 1—4. 1901. 8^. 

Jlisforisch-antiijiKirif-cJic Gesellschaft für Grauhünden in Chur: 
XXXI. Jabresberie-ht. Jahr- 1901. 1902. 8^. 

T^^oyd Museum and JAbrary in Cincinnati: 
Uullelin. ^al Series, No. 5 -8. 1900—1901. 1900/02. S«. 



Verzeidinis der eingelaufenen Druckschriften, 7* 

Ohio State üniversity in Cölumhus: 

31. annual Report 1900—01. 1901. 8». 

WestpreiMsischer Geschichtsverein in Danzig: 

Zeitschnft. Heft 44. 1902. gr. 8^. 

Kais, Gouvernement von Deutsch-Ostafrica in Dar-es-Salam: 

Berichte über Land- und Forstwirtschaft in Deutsch- Ostafrika. ■ Bd. 1, 
Heft 1. 2. Heidelberg 1902. 8«. 

Historischer Verein für das Grossherzogtum Ilessen in Darmstadt: 
Archiv. N. F. Erg.-Bd. I, lieft 2. 1902. 8°. 
Quartalblatter. Bd. II, No. 17— 20; Bd. III, No. 1-4. 1900-01. 8^. 

Verein für Änhaltische Geschichte in Dessau: 
Mittheilungen. Bd. IX, 3. 1902. 8». 

Union geographique du Nord de la France in Douai: 
Bulletin. Tom. 23, trimestre 1. 1902. 8». 

Verein für Erdkunde in Dresden: 
XXVII. Jahresbericht. 1901. 8°. 

Royal Irish Academy in Dublin: 

Transactions. Vol. 31, Part 12—14; Vol. 32, Section and Part 1. 2. 
1901/02. 4«. 

Royal Society in Dublin: 
The economic Proceedings. Vol. I, part 2. 1899. 8^. 
The scientific Proceedings. Vol. IX, parta 2-4. 1900—01. 8^. 
Transactions. Vol. VII, parts 8—13. 1900-01. 4^. 

American Chemical Society in Boston, Fa.: 
The Journal. Vol. XXIII, No. 12; Vol. XXIV, No. 1-6. 1901/02. 8». 

Roy cd Society in Edinburgh: 
Proceedings. Vol. 23, p. 429—510; Vol. 24, p. 1—192. 1902. 4^. 

Scottish Microscopical Society in Edinburgh: 
Proceedings. Vol. III, No. 2. 1901. 8^. 

Gesellschaft f. bildende Kunst u. vaterländische Altertümer in Emden: 
Jahrbuch. Bd. XIV, Heft 1 u. 2. 1902. 8°. 

K Akademie gemeinnütziger Wissenschaften in Erfurt: 
Jahrbücher. N. F. Heft 28. 1902. 8». 

Reale Accademia dei Georgofili in Florenz: 
Atti. IV. Ser. Vol. 24, disp. 3. 4; Vol. 25, disp. 1. 1901/02. 8^ 

Senckenbergische natur forschende Gesellschaft in Frankfurt a/M.: 
Abhandlungen. Bd. XX, 3; Bd. XXVI, 4. 1902. 4«. 

Naturwissenschaftlicher Verein in Frankfurt afO,: 
Helios. Bd. XIX. Berlin 1902. 80. 

Naturforschende Gesellschaft in Freiburg i, Br.: 
Berichte. Bd. XU. 1902. 8^. 



8* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 

BreisgaU' Verein Schau-ins-Land in Freiburg t. Br.: 
,Schau-in8-Land.* Jahrg. 28, IL Halbband. 1901. fol. 

Universität Freiburg in der Schweiz: 
Collectanea Friburgeneia. Nouv. Sär. Fase. 12 (= N. F. fasc. 8). 1902. 8^. 

Verein für Naturkunde in Fulda: 
2. Ergänzungsheft. 1901. 4». 

Observatoire in Genf: 
Resumö m^tdorologique de Tann^e 1900 pour Genbve et le Grand Saini- 

Bernard. 1902. S». 
Observations met^orologiques faites auz fortifications de Saint-Maorice 
pour Tannäe 1900. 1901. 8®. 

SocietS d'histoire et d'archiologie in Genf: 

Memoires et Documents. Nouv. S^r. Tom. 5, livre 2. 1901. 8^. 
Bulletin. Tom. 2, livre 5. 1901. S^. 

SociSte de physique et d'histoire naturelle in Genf: 

Memoires. Vol. 84, fasc. 1. 1902. 4». 

Vlaamsch natuur-, en geneeskundig Congres in Gent: 

Handelingen van het Congres gehouden te Brügge 28. — 29. Sept. 1901. 

1901. 40. 

Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in Giessen: 
33. Bericht. 1899-1902. 8». 

Oberhessischer Geschichtsverein in Giessen: 
Mittbeilungen. N. F. Bd. 10 und Ergänzung hiezu. 1901/02. 8®. 
Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenscliaften in Görlitz: 
Neues Lausitzisches Magazin. Bd. VII. 1901. 8®. 
Codex diplomaticus Lusatiae superioris. II. Bd. 2, Heft 2. 1901. 8*. 

K. Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen: 

Göttincrische gelehrte Anzeigen. 1901, No. XII; 1902, No. I— V. Berlin 

1901/02. 40. 
Abhandlungen. N. F. 

a) Philol.-hist. Classe. Bd. IV, No. 6. Berlin 1901. 4^. 

b) Mathem.-physikal. Classe. Bd. II, No. 2. Berlin 1902. 4». 
Nachrichten, a) Philol.-hist. Classe. 1901, Heft 3. 4; 1902, Heft 1. 2. 4». 

b) Math.-phys. Classe. 1901, Heft 2. 5; 1902, Heft 1—8. 4«. 

c) Geschäftliche Mitteilungen. 1901, Heft 2. 

Universität in Graz: 
Verzeichnis der akademischen Behörden etc. 1901/02. 1901. 49. 

K. I)istitunt voor de Taal-, Land- en Volkenkunde van Nederlandsch Indie 

im Haag: 

Bijdragen. VI. Reeks. Deel IX. afl. 3 en 4; Deel X, afl. 1 en 2. 1901/02. 8*. 

Sociiie HnUandaise des Sciences in Haarlem: 

Archives N^orlandaises des sciences exactes. S^rie IL Tom. 7, liir. L 

1902. S». 




Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 9* 

Kaiserl, Leopoldinisch-Carolinische Deutsche Akademie der Naturforscher 

in Halle: 
Leopoldina. Heft 37, No. 12; Heft 88, No. 1—6. 1901/02. A9. 
Abhandlungen. Bd. 79. 1901. 4^. 

Deutsche morgenländische Gesellschaft in Halle: 
Zeitschrift. Bd. 66, Heft 1. 2. Leipzig 1902. 8®. 
Naturwissenschaftlicher Verein für Sachsen und Thüringen in Halle: 

Zeitschrift für Naturwissenschaften. Band 74, Heft 3—6. Stuttgart 
1901/02. ^. 

Verein für Hamhurgische Geschichte in Hamburg: 
Mitteilungen. 21. Jahrg., 1901. 1902. 8». 

Naturwissenschaftlicher Verein in Hamburg: 
Verhandlungen. III. Folge. IX, 1901. 1902. S^, 

Historischer Verein für Niedersachsen in Hannover: 

Atlas vorgeschichtlicher Befestigungen in Niedersachsen. Heft VII. 

1902. fol. 
Zeitschrift. Jahrg. 1901. Jahrg. 1902, Heft 1. 1901/02. 8^ 

Historisch-philosophischer Verein in Heidelberg: 

Neue Heidelberger Jahrbücher. Jahrg. XI, Heft 1. 1901. 8*. 

Naturhistorisch-niedizinischer Verein zu Heidelberg: 

Verhandlungen. N. F. Bd. VII, Heft 1. 1902. 8®. 

Geschäftsführender Ausschuss der Reichslimeskommission in Heidelberg: 

Der Obergermanisch -Raetische Limes des Römerreiches. Liefg. XVI. 
1902. 40. 

Grossherzogl. Sternwarte in Heidelberg: 

Mitteilungen. L Karlsruhe 1901. 8«. 

Finländische Gesellschaft der Wissenschaften in Helsingfors: 
Öfversigt. XLIII, 1900—01. 1901. 8^. 

Societas pro Fauna et Flora Fennica in Helsingfors: 
Acta. Vol. XVL XVIII. XIX. XX. 1897—1901. S^. 
Meddelanden. Heft 24— 27. 1900/01. 8». 

Society de geographie de Finlande in Helsingsfors: 
Fennia. Vol. 10. 16. 18. 1894—1901. 8». 

Verein für siebenbürgische Landeskunde in Hermannstadt: 
Archiv. N. F. Bd. XXX, Heft 2. 1902. 8^. 
Jahresbericht für das Jahr 1901. 1902. 8®. 

Urkundenbuch zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen. Bd. III. 
1902. 40. 

Verein für Meiningische Geschichte und Landeskunde 
in Hildburghausen: 

Schriften. 40. Heft. 1902. 8«. 

Ungarischer Kar pathen- Verein in Iglö: 



10* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 

Journal of Physical Chemistry in Ithaca, N,Y.: 
The Journal. Vol. 5, No. 9; Vol. 6, No. 1—3. 1901/02. S^. 

üniversite de Jassy: 
Annales scientifiques. Tom. 2, fasc. 1. 1902. 8^. 

Verein für Thüringische Geschichte und Älterthumskunde in Jena: 
Zeitschrift. N. F. Bd. XII, Heft 2— 4. 1901—02. S®. 

Natur forschende Gesellschaft bei der Universität Jtirjew fDorpat): 
Schriften. No. X. Moskau 1902. 8». 

Universität Jurjew (Dorpat): 
Schriften aus dem Jahre 1901 in 4° und 8®. 

Pfälzisches Museum in Kaiserslautern: 
Pfälzisches Museum. XIX. Jahrg., No. 4 (April 1902). 8®. 

Badische Historische Kommission in Karlsruhe: 

Aloys Schulte, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden. 2 Bde. Heidel- 
berg 1901. 8«. 

Politische Correspondenz Karl Friedrichs von Baden, herausgegeben von 
Erdmannsdörffer. 5 Bde. Heidelberg 1888—1901. 8^ 

Aloys Schulte, Geschichte des mittelalterlichen Handels. 2 Bde. Leipzig 
1900. 8». 

Oberrheinische Stadtrechte. L Abthlg., Heft 1—5. Heidelberg 1895 bis 
1900. 8*. 

Zur Vorgeschichte des Orleans'schen Krieges, bearb. von Karl Immich. 
Heidelberg 1898. 8». 

Siegel der Badischen Städte. Heft 1. Heidelberg 1899. 8^ 

Die Konstanzer Hatslisten des Mittelalters, bearb. von Konrad Beyerle. 
Heidelberg 1898. S^, 

Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins. Bd. VI— XVII, 2. Frei- 
burg 1891—1902. 8^. 

Neujahrsblätter 1898-1902. Heidelberg. 8». 

Wirtschaftsgeschicbte des Schwarz waldes v. Eberhard Gothein. Bd. I. 
Strassburg 1892. 8». 

Universität Kasan: 
Schriften aus Bd. 67, No. 9. 10. 1900. 8^ 

Utschenia Sapiski. Bd. 68, No. 12; Bd. 69, No. 1-4. 1901/02. S^, 
1 Medicinische Dissertation. 1900. 8^. 
Godischnij Akt. 1901. 8^ 

Socicte de mcdedne in KharJcou}: 
Travaux. 1900. 1901. 8«. 

Üniversite Imperiale in Kharkow: 
Annales 1002. Fasc. 1. 1902. S^, 

K()mmissio)i zur wissoischdftl.UntersucJnmg der deutschen Meere in Kiel: 
WisHenscbat'tliche Meeresuntersuchungen. N. F. Bd. V, Abteilung Helgo- 
Lind, Heft 1. 1902. 4^. 

Universität in Kiew: 
. 41, No. 10. 12; Bd. 42, No. 1. 2. 1901/02. gr. 8«. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 11* 

MedizrncUunvissenschaftl, Sektion des Museumsvereins in Klausenburg: 
Sitzungsberichte. 26. Jahrg. 23. Bd., 1. Abthlg., Heft 8. 1902. 8®. 

Physikalisch-ökonomische Gesellschaft in Königsberg: 
Schriften. 42. Jahrg. 1901. 49, 

K. Akademie der Wissenschaften in Kopenhagen: 
Overaigt. 1901, No. 6; 1902, No. 1. 1902. 8». 
Memoires. Section des Lettres. Tom. 5, No. 2. 

Section des Sciences. Tora. 9, No.8; tom.lO, No.3. 1901/02. 4«. 

Gesellschaft für nordische Älterthumskunde in Kopenhagen: 
Nordiske Fortidsminder. Heft 4. 1901. 4«. 
Aarböger, H. Raekke. Bd. 16. 1901. 8°. 
Memoires. Nouv. Sär. 1900—1901. 8°. 

Akademie der Wissenschaften in Krakau: 
Anzeiger. 1901, No. 8—10; 1902, No. 1—5. 8». 
Biblioteka pisarzow polskich. No. 41. 1902. 8^. 
Kocznik. Rok 1900/01. 1901. 8^. 
Materyaly antropolog.-archeolog. Tom. V. 1901. 8®. 
Bibliografia historyi Polskiej. Bd. II, 4. 1901. 8«. 
Atlas geologiczny Galicyi. Liefrg. XIII (mit Atlas in fol.). 1901. 8^. 
Rozprawy. a) filolog. Ser. II, tom. 18. 

b) histor. Ser. II, tom. 17. 

c) matemat. Ser. II, tom. 18. 19; Ser. III, tom. 1 A u. B. 
1901. 8». 

Sprawozdania komisyi do badania historyi sztuki. Tom. VII, 1. 2 und 

Index zu I— VI. 
Script ores rerum Polonicarum. Tom. 18. 1901. 8®. 
Lud biaforuski II. 1902. 8°. 
Slownictwo chemiczne. 1902. 8°. 
Katalog literatury nankowej polskiej. Tom. I, 4. 1902. 8^. 

Societe Vaudolse des sciences naturelles in Lausanne: 
Bulletin. 4« Särie. Vol. 87, No. 142; Vol. 38, No. 143. 1901/02. 8«. 
Observations mdteorologiques du Champ de TAir. Annee XV, 1901. 
1902. 80. 

Schweizerisch-geodätische Kommission in Lausanne: 
Das Schweizerische Dreiecksnetz. Bd. IX. Zürich 1901. 4®. 

Kansas University in Lawrence, Kansas: 
The Kansas University Quarterly. Vol. X, No. 3. 1901. 8°. 
Archiv der Mathematik und Physik in Leipzig: 
Archiv. II. Reihe. Bd. III, Heft 1. 2. 1902. 8^, 

K, Gesellschaft der Wissenschaften in Leipzig: 
Abhandlungen der pbilol.-hist. Classe. Bd. XXI, No. 2-5. 1901/03. 4«. 
Abhandlungen der mathemat.-physikal. Classe. Bd. XXVII, No. 1 — 6. 

1901/02. 40. 
Berichte der philol.-hist. Classe. Bd. 53, No. II— IV. 1901/02. d9, 
Berichte der mathemat.-physikal. Classe. Bd. 53, No. V — VII; Bd. 54, 
No. I. IL 1901/02. 80. 



lii* Verzeichnia der eingelaufenen Druckschriften. 

Fürstlich Jablonowski^sche Gesellschaft in Leipzig: 
JahreHbericht. März 1902. 8». 

Journal für praktische Chemie in Leipzig: 
Journal. N. F. Bd. 64, Heft 11. 12; Bd. 65, Heft 1—10. 12. 1901. 8». 

K. Sachs. Kommission für Geschichte in Leipzig: 
Diu DrcHdoner Bilderfaandschrift des Sachsenspiegels, herausgegeben von 
Karl V. Amira. Facsimile-Band, I. Hälfte. 1902. fol. 

Verein für Erdkunde in Leipzig: 
Mitteilungen 1001. 1902. 8». 

UniversitS de Lille: 
TaMeaux des cours et confe'rences. Annee 1902—1908. 1902. 8*. 

Universitt Catholique in Loewen: 
Sohrifton der Universisftt aus dem Jahre 1900/01. 

Zeitschrift „La Cellüle*' in Loewen: 
La Vv\Mt\ Tom. XVIII, 2; XIX, 1. 1901. 4». 

The English Huitorical Review in London: 
Historical Keview. Vol. XVII. No. 65, 66. 1902. 8*. 
Royal Society in London: 

Hoport« to the Malaria Committee. 6^^^ Series. 1902. S^. 
PivotH^ding«, Vol. 69, No. 464-462. 1902. 8<». 

KoiH^rUi of tho Kvolution Committee. Report I. 1902. SP, 

Oatülogue of sciontitic Papers. Vol. XII. 1902. 4*. 

i»\ Astronomical Society in London: 
Monthlv Notict!«. Vol. 62, No. 2-7 und Api^>endix No. I. 1901/02. 8». 

("VmiCtW 8(X*i>/y in London: 
Journal. No. 471 — 476 und Supplomontarv Number. 1902. 80. 
l.iM of \h^ VVllows ;\nd v>:tic^rs- 1902, S* 
lVvtH\\n\jjtt. VoU IS, No, 24,N-254. 1902. S^. 

(»r,wji<M4 ^viVfy tw London: 
Th^ .|nÄ»tor;v Jowi^al. Vol. ,^7. part 1-4 v= No. 2i5— 228). 1901 02. ^. 

Th<^ Jown>.U. A^ .\s\vvcv. Vo. .i^. No 154; b BotJUBT. Vol. 35, No.24i 
MA.v..vv>i;;r.TV>*: Trar.*Ä.*i^onj^. V.«: S4 ii*.n. S*. 






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Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 13* 

Museums-Verein für das Fürstentum Lüneburg in Lüneburg: 
Jahresberichte 1899/01. 1901. 8<>. 

Societe gkilogique de Belgique in Lüttich: 
Annales. Tom. 28, livr. 3; Tom. 29, livr. 1. 2. 1900/02. 80. 

Universität in Lund: 
Acta üniversitatis Lundensia. Tom. XXXVI, 1. 2. 1900. 4^. 
Sveriges offentlicha Bibliotek. 1899. 1900. Stockholm 1901/02. 8» 

Section historique de V Institut Boy dl Grand-Ducal in Luxemburg: 
Publications. Vol. 48. 49. 51. 1900/01. 8«. 

Universite in Lyon: 
Annales. Se'r. I, fasc. 5—7; S^r. II, fasc. 7. 8. Paris 1901. 8». 

Washburn Observatory in Madison: 
Publications. Vol. X, part 2. 1901. 4«. 

Government Museum in Madras: 
Bulletin. Vol. IV, No. 2. 1901. 8^. 

Kodaikänal and Madras Observatories in Madras: 
Report for the period l^t April to 31»* Dec. 1901. 1902. fol. 

U. Academia de ciencias exactas in Madrid: 
Memorias. Tom. XIV, Atlas fasc. 1. 1891—1900. 4P, 

R. Academia de la historia in Madrid: 
Boletin. Tom. 40, cuad. 1—6. 1902. 8^. 

Ministerio de Instruccion publica in Madrid: 
Discursos leidos el dia de 24 de Mayo de 1902 en el solemne festival 
acaddmico con motivo de la entrada en la major edad de S. M. el 
Rey D. Alfonso XIII. 1902. 4». 

Societä Italiana di scienze naturaJi in Mailand: 
Atti. Vol. 40, fasc. 4; Vol. 41, fasc. 1. 1902. 8». 

Societä Storica Lombarda in Mailand: 
Archivio Storico Lombardo. Serie 111. Anno XXVIII, fasc. 31 und 32; 
anno XXIX, fasc. 33. 1901/02. 8«. 

Liter ary and phüosophical Society in Manchester: 
Memoirs and Proceedings. Vol. 46, part II— VI. 1901/02. 8«. 

Schwäbischer Schillerverein in Marbach: 
6. Rechenschaftsbericht 1901/02. 1902. 8«. 

Fürsten- und Landesschule St. Afra in Meissen: 
Jahresbericht für das Jahr 1901—02. 1902. 4». 

Verein für Geschichte der Stadt Meissen in Meissen: 
Mittheilungen. Bd. 6, Heft 1. 1901. 8». 

Royal Society of Victoria in Melbourne: 
Proceedings. Vol. XIV, 2. 1902. 8°. 



14* Vergeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 

Oeselhchaft für lothringische Geschichte in Metz: 
Jahrbuch. XIII. Jahrg. 1901. gr. 8«. 

Instituto geoJögico in Mexico: 
Boletfn. No. 15. Las rhyolitas de Mexico. Parte 2. 1901. 4<». 

Observatorio meteorolögico-magnitico central in Mexico: 
Boletin mensaal. Julio 1901. fol. 

Sociedad cientifica „AfUonio Älzate" in Mexico: 
Memorias y revista. Tom. XIII, No. 3. 4; Tom. XVI, No. 2. 3. 1901. ^. 

Bureau d'echanges internationauo' de puhUcaiion de la Bepublique 
de V Uruguay in Montevideo: 
Anuario eetadistico de TCruguay. Anos 1899—1900, 2 voll. 1901. 4». 
Colon Guia. 1900. 4». 

Museo nacional in Montevideo: 
Annales. Tomo IV, entr. 22. 1901. 4». 

Numismatic aud Antiquarian Society of Montreal: 
The Canadian Antit]aarian and Namismatic Journal. III. Series. Vol. IV, 
No, 1. 1902. 80. 

Oe ff ertliches Museum in Moskau: 
OtUchet. Jahrg. 1901. 1002. 8^. 

Lazarev^sches Institut für Orientalische Spradten in Moskau: 
Trudy. No. 4. 7. 9. 1901. 6* 

Socifte Imjh'riaiC des XtUuralistes in Moskau: 
Bulletin. Annoe 1902, No. 1. 2. S« 

Lick ObsfrcKitory in M^'unt IlamiltOH, California: 
rublicativ^ns. Vol. 5. Sacramonto 1901. 4^. 
l^ullotin. No. 12-U\ 1901/02. 4'>. 

/V:<f>vV i9f<^y*>\.'h.i''i für An:hroy<^<>iie in Berlin und München: 
Korr^?p.r..Uii:bl.i::. 32. Jabr^. 1901. No. 11. 12; 33. Jahrg. 1902. No. 1 
b> 3. -l". 

Ii. i ' :€:\' i>:\^< B'.t^tju in MüHiAfn: 
■..hrbucb. VA. JAtr^^, H-:: IV. Thl. 1 uni Anharg: IV. Jahrg., Heft L 
IAH 02. 4^\ 

•:.'■ :""•.".; i-:l:.. "^'i .::" *. :. i\ >:f »; w:.i T^Tf j'-.ijAf«« in München: 

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Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 15* 

UniAoersität in München: 
Schriften aus dem Jahre 1901/02 in 4<> und S^'. 
Amtliches Verzeichnis des Personals. Sommer-Semester 1902. 8°. 
Verzeichnis der Vorlesungen im Sommer-Semester 1902. 4°. 

Historischer Verein in München: 
Oberbayerisches Archiv. Jahrg. 3, Heft 1—6. 1901/02. 4^. 

Verlag der HochschtU-Nachrichten in München: 
Hochschul-Nachrichten. 1902. XII. Jahrg., No. 3—8. 4°. 

Verein für Geschichte und ÄlterthumsJcunde Westfalens in Münster: 
Zeitschrift. Bd. 69. 1901. 8^ 

Accademia delle scienze fisiche e matematiche in Neapel: 
Rendiconto. Ser. III. Vol. VII, fasc. 12; Vol. VIII, fasc. 1—6. 1901/02. S». 

Zoologische Station in Neapel: 
Mittheilungen. Bd. XV, 3. 1901. 8« 

Societt des sciences naturelles in Neuchatel: 
Bulletin. Tom. 27. Ann^o 1898—97. 1899, 8». 

Institute of Engineers in New- Castle (upon-Tyne): 

Transactions. Vol. 61, part 2. 1902. gr. 8<*. 
Indices. Vol. 1-88 (1852-1889). 1902. S^. 
Subject-Matter Index for the year 1900. 1902. 8<>. 

The American Journal of Science in New-Haven: 
Journal. IV. Series, Vol. XIII, No. 73—79. 1902. 8». 

American Oriental Society in New-Haven: 
Journal. Vol. XXI, 1. Vol. XXII, 2. 1901/02. S«. 

Academy of Sciences in New -York: 
Memoirs. Vol. XIV, part 1. 2. 1901/02. 8«. 

American Jewish Historical Society in New -York: 
Publications. No. 9. 1901. 8». 

American Musemn of Natural History in Neio-York: 
Bulletin. Vol. XI, 4. XIV, XV, 1. 1901. 8«. 

American Geographical Society in New -York: 
Bulletin. Vol. 33, No. 6; Vol. 34, No. 1. 2. 1901/02. 8^. 

Archaeological Institut of America in Noncood, Mass.: 
American Journal of Archaeology. 11^ Seriea, Vol. 6, No. 1. 1902. 8^. 

Germanisches Nationalmuseum in Nürnberg: 
Anzeiger. Jahrg. 1901, Heft 1-4. 4». 
Katalog der Gewebesammlung, Teil II. 1901. 4®. 

Neurussische naturforschende Gesellschaft in Odessa: 
Sapiski. Bd. XXIV, 1. 1901. S«. 



16* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 

Geological Survey of Canada in Ottawa: 
Contributions to Canadian Palaeontology. Vol. II, 2; Vol. IV, 2. 1900-01. 8«. 
General Index to the Reports of ProRress 1863—1884. 1900. 8°. 
Catalogue of marine Invertebrata of Eastern Canada. 1901. 8^. 

jß. Äccademia di scienze in Padua: 
Atti e Memorie. Nuova Serie. Vol. 17. 1901. 8«. 

Eedaction der Zeitschrift „Rivista di storica antica** in Padua: 
N. S. Anno VI, fasc. 2. 1902. 8» 

Circolo tnatematico in Palermo: 
Rendiconti. Tom. XVI, fasc. 1. 2. 1902. gr. S^. 

Collegio degli Ingegneri in Palermo: 

Atti. 1901. gr. 80. 

Bollettino. Anno I, No. 6—8. 1901. fol. 

Societa di scienze naturali ed economüli in Palermo: 

Giomale. Vol. XXIII. Anno 1901. 4». 

Academie de midecine in Paris: 

Jubile de M. Albert Gaudry. 1902. 8» 
Bulletin. 1901, No. 44; 1902, No. 1—26. 8«. 

Academie des sciences in Paris: 
Comptes rendus. Tome 133, No. 27; Tome 134, No. 1—26. 1901/02. 4«. 

Moniteur Scientifique in Paris: 
Moniteur. Livre 722—727 (Fevrier-Juillet 1902). 4«. 

Societe de geographie in Paris: 
La Gt^ograpbie. Annee 1902, No. 1—6. 4^. 

Societe mathematique de France in Paris: 
Bulletin. Tom. 29, No. 4; Tom. 30, No. 1. 1901/02. S». 
Societe zoologique de France in Paris: 
Bulletin. Tome XXVI. 1901. &>. 
Memoires. Tome XIV. 1901. S^. 

Academie Imperiale des sciences in St. Petersburg: 
Annuaire du Mus^e zoologique. Tome VI, No. 2—4. 1901. 8^. 

Comitc peologique in St. Petersburg: 
Eiplorations geologiquea dans las regions auriferes de la Siberie. 

a) Region aurifere d'Jonissei. Livr. 1. 2. 

b) , , de Lena. Llvr. 1. 

c) , , de l'Amour. Livr. 1. 2. 1900-01. 89. 

Kaiserl. Bota>iischrr Garten in St. Petersburg : 

Acta. VoLXIX. fasc. 1. 2: Vol. XX. 1901. 8«. 
^Scripta Hotanica. Faso. XVII. 1901. S«. 

Phusil'iiL-cht}}ii.<c]if: (ir<elL<chaft an der lais. Universität St. Petersburg'. 
Schurnal. 1901, Tom. 33. Litf. 9; 1902, Tom. 34, Lief 1—4. 8^ 



Verzeichnia der eingelaufenen Druckschriften. 17* 

NüxdairHauptstermoarte in 8t. Petersburg : 
ihreabericht 1900—1901. 1901. 8* 

Kaiser!. Universität in St. Petersburg: 
^hrifien aus dem Jahre 1901/02. 

American phamiaceutical Association in Philadelphia: 

)tb annual Meeting at Sb. Louis 1901. 1901. 8^. 

Historical Society of Pennsylvania in Philadelphia: 

he Pennsylvania Magazine of History. Vol. XXV, No. 100—102. 1902. 4®. 

Alumni Association of the College of Pharmacy in Philadelphia: 

lunmi Report. Vol. 37, No. 12; Vol. 38, No. 1—6. 1901/02. 8^. 

American Phüosophical Society in Philadelphia: 

roceedings. Vol. 40, No. 167. 1901. 8^ 

Societä Toscana di scieme naturdli in Pisa: 

tti. Processi verbali. Vol. XII, pag. 231—266; Vol. XIII, pag. 1—39. 
1901/02. 40. 

Societä Italiana di fisica in Pisa: 

nuoYO Gimento. Serie V, Tom. II, Nov.-Dic. 1901; Tom. III, Gennaio- 
Maggio 1902. 8«. 

Historische Gesellschaft in Posen: 

eitschrift. Jahrg. XVI, 1. 2. Halbbd.; XVII, 1. Halbbd. 1901/02. 80 
istorische Monatsblätter. Jahrg. II, No. 4—12; Jahrg. III, No. 1—5. 
1901/02. 8«. 

Centralbureau der internationalen Erdmessung in Potsdam: 

erhandlungen der XIII. allgemeinen Konferenz der internationalen Erd- 
mesdung. Berlin 1901. 4^. 

Astrophysikalisches Observatorium in Potsdam: 

ablikationen. Band XII. 1902. 4. 

Böhmische Kaiser Franz Josef- Akademie in Prag: 

am4tky archaeologicke. Bd. XIX, Heft 6—8 und Register; Bd. XX, 

Heftl. 1901—02. 40. 
barozitnosti zem^e ceskd. Dil II, svaz. 1. 1901. 4^. 
ozprawy. THda I, Roönik IX; Th'da II, Rocnik X. 1901. S«. 
istoricky Archiv. Öislo 20. 21. 1901/02. 8«. 
^stnfk. Roönik X, öislo 1—9. 1901. 8». 
ulletin international. VIe annee, 2 Voll. 1901. 8^. 
Imanach. Ro6nik XII. 1902. 8». 
tt, Soustavny üvod. Ddl III. 1901. 8« 
avh'cek, Chek 1902. 8^. 
ovdk, Maudrost st. ö. 1901. 8». 
artos, Moravske närodni pfsne IL 1901. 8^. 
Ott, Archiv pro lexikografii III. 1901. 8^. 
ibliothek deutscher Schriftsteller aus Böhmen. Bd. 12. 1901. 8^. 

2 



18* Verzeichnis der eingelaufer^en Druckschriften, 

Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur 

in Frag: 
Urkunden-Regesten aus den Archiven der aufgehobenen Klöster Böhmens 

V. Ant. Schubert. Innsbruck 1901. 4®. 
Beitrage zur deutsch-böhmischen Volkskunde. Bd. IV, Heft 1. 1901. 8*. 
Rudolf Spitaler, Die period. Luftmasaen Verschiebungen. Gotha 1901. 4*. 
Rechenschaftsbericht für das Jahr 1901. 1902. 80. 

K, höhmische Gesellschaft der Wissenschaften in Trag: 
3 Schriften über Tycho Brahe. 1901—02. 8^ 
Spisuv poctenijch jubilejni. Öislo XII. XIII. 1901. 8«. 
Jahresbericht für das Jahr 1901. 1902. S». 
Sitzungsberichte 1901. a) Classe für Philosophie. 1901. 

b) Mathem.-naturw. Classe. 1901. 1902. 8». 

Mathematisch-physikalische Gesellschaft in Prag: 
Sbomik Jednoty Öeskych Mathematicu, No. V. 1902. 8°. 
Öasopis. Bd. XXXI, No. 1—6 und Index. 1901/02. 8«. 

Lese- und Bedehalle der deutschen Studenten in Prag: 
53. Bericht über das Jahr 1901. 1902. 8«. 

Museum des Königreichs Böhmen in Prag: 
Casopis. Bd. 75, Heft 5. 6; Bd. 76, Heft 1. 1901/02. S» 

K. K. Sternwarte in Prag: 
Magnetische und Meteorologische Beobachtungen im Jahre 1901. 1902. 4®. 

Deutsche Karl Ferdinands- Universität in Prag: 
Die feierliche Installation des Rektors für das Jahr 1901/02. 1901. 8°. 

Deutscher naturwissenschaftlich-medizinischer Verein für Böhmen „Lotos'^ 

in Prag: 
Sitzungsberichte. Jahrg. 1901. N. F. Bd. 21 (ganze Folge Bd. 49). 1901. ^^ 

Historischer Verein in Begensburg: 
Verhandlungen. Bd. 53. 1901. 8« 

Observatorio in Bio de Janeiro: 
Boletim mensual. Jan.-Junho 1901. 4®. 

Geological Society of America in Bochester: 
Bulletin. Vol. 12. 1901. S^. 

Beale Äccademia dei Lincei in Born: 
Annuario 1902. 8^. 
Atti. Serie V. Classe di scienze morali. Vol. IX, parte 2. Notizie degli 

scavi (Nov. 1901 — Marzo 11)02). 1901/02. 4». 
Atti. Serie V. Rendiconti. Classe cli scienze fisiche. Vol. X, fasc. 12. 

2. seniestre, Vol. XI, fasc. 1 — 11; 1. seniestre, 1901/02. 4P. 
luTidiconti. Classe di scieoze morali e filologiche. Serie V, Vol. X, 

fasc. 1) 12; Vol. XI, fasc. 1—4. 1901/02. 8». 

Ji. Comilalo gcologico d'Italia in Born: 
HolU'ttino. Anno 1901, No. 3. 4. lUOl. 8^. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 19* 

Kaiserl, deutsches archäologisches Institut (röm, Abtlg.J in Rom: 
Mitteilungen. Bd. XVI, fasc. 4. 1901. S». 

i2. Societä Romana di storia patria in Rom: 
Archivio. Vol. 24, fasc. 3. 4. 1901. 8^. 

R. Äccademia di scienze degli Ägiati in Rovereto: 
Atti. Serie III. Vol. VII, fasc. 3; Vol. VIIT, fasc. 1. 1902. 8^. 

£cole franqaise d^ Extreme-Orient in Saigon: 
Atlas arcbdologique de rindo-Chine. Monuments du Ghampa et du Com- 

bodge, par E. Lunet de Lajonqui^re. Paris 1901. fol. 
Nouvelles Recherches sur les Chams par Antoine Cabaton. Paris 1901. 49, 
Bulletin. Tom. I, No. 4; Tom. II, No. 1. Hanoi 1901. 4». 
L. Cadibre, Phon^tique annamite (dialecte du Haut-Annam). Paris 1902. 4^. 
äldment de sanscrit classique par Victor Henry. Paris 1902. 8®. 

Gesellschaft für Salzburger Landeskunde in Salzburg: 
Mitteilungen. 41. Vereinsjahr 1901. 8^. 

Naturwissenschaftliche Gesellschaft in St, GdUen: 
Bericht 1899—1900. 1901. 8». 

Academy of Science in St, Louis: 
Transactions. Vol. X, No. 9— 11; Vol. XI, No. 1— 6. 1900—01. 8». 
Instituto y Observatorio de marina de San Fernando (Cadiz): 
Anales. Seccion II. Obseryaciones meteorolog. Ano 1899. 1900. fol. 

Universität in Sassari (Sardinien) : 
Studi Sassaresi. Anno I, fasc. 2. 1901. S^. 

R, Äccademia dei fisiocritid in Siena: 
Atti. Serie IV, Vol. 13, No. 1—10. 1901. 8». 

K. K, archäologisches Museum in Spalato: 
Bullettino di Archeologia. Anno XXIV, No. 12; Anno XXV, No. 1—5. 
1901/02. 8». 

Historischer Verein der Pfalz in Speyer: 
Mitteilungen. XXV. 1901. 8^. 

Geologiska Förening in Stockholm: 
Förhandlingar. Bd. XXIII, Heft 7; Bd. XXIV, Heft 1-4. 1901/02. 8». 

Nordiska Museet in Stockholm: 
Meddelanden 1899 och 1900. 1902. 8«. 
Bidrag tili vär odlings häfder, No. 8. 1901. 4». 

Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Strassburg: 
Monatsbericht. Bd. 35, Heft 10; Bd. 36, Heft 1—5. 1901/02. 8«. 

ÄustraJasian Ässociatian for the advancement of sdcnce in Sydney: 
Report of the Melbourne Session. Vol. VÜI, 1900. 1901. 8^, 
Department of Mines and AgricuUure of New-South- Wales in Sydney: 
Annual Report for the year 1900. 1901. fol. 
Mineral Resources. No. 9. 10. 1901, 8^. 



20"*^ Verzeichnis der eingelaufeneu Druckschriften. 

Observatorio astronömico nacionai in Tacuhaya: 
Anuario. Aiio XXII, 1902. Mexico 1901. 8®. 

Observatoire astronomique et physique in Taschkent: 
Publications, No. 3. Texte und Atlaa. 1901. fol. 

Physikalisches Observatorium in Tiflis: 
Beobachtungen im Jahre 1898. 1901. fol. 

Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens in Tokyo: 
Mitteilungen. Bd. VIII, Teil 3. 1902. 8». 

Kaiserl. Universität Tokyo (Japan): 
Calendar 1901—02. 8^. 
The Journal of the College of Science. Vol. XVI, part 1; Vol. XVII, 

partl. 1901. 40. 
Mitteilungen aus der medizinischen Fakultät. Bd. V, No. 2. 1901. 4®. 
The Bulletin of the College of Agriculture. Vol. IV, No. 5. 1902. 8«. 

üniversity of Toronto: 
Studies. Physiological Series, No. 3. 1901. S^. 

Biblioteca e Museo comunale in Trient: 
Archivio Trentino. Anno XVI, fasc. 2. 1901. 8». 

Universität Tübingen: 
The Kashmirian Atharva-Veda. 3 Voll. Baltimore 1901. fol. 

R, Äccademia delle scienze in Turin: 
Osservazioni meteorologiche fatte nell* anno 1901. 1902. 8^. 
Atti. Vol. 37, disp. 1 — 10. 1902. 8». 
Memorie. Serie II, Tom. 51. 1902. 2<>. 

B. Deputazione sopra gli studi di storia patria in Turin: 
Historiae patriae monumenta. Tom. 18. 1901. fol. 

K. Gesellschaft der Wissenschaften in Upsala: 
Nova Acta. Ser. III, Vol. XX, fasc. 1. 1901. 8«. 

Humanistika Vetenkaposamfund in UpsaJa: 
Skrifter. Bd. IV. 1895-1901. 8«. 

Meteorolog, Observatorium der Universität Upsala: 
Bulletin mensuel. Vol. 33, 1901. 1901—02. fol. 

Historisch Genootschap in Utrecht: 
Bijdragen en Mededeelingen. Deal XXII. Amsterdam 1901. 8®. 
J. Prinsen, Collectanea van Gerardus Geldenhauer. Amsterdam 1901. 8®. 
Gedenkschriften van Gij^bert Jan van Hardenbroek. Deel I. Amsterdam 
1901. 80. 

Institut Boyal Meteorologique des Pays-Bas in Utrecht: 
Nederlandsch Meteorologisch Jaarboek voor 1899. 1902. fol. 

Physiologisch Lahoratorium der Hoogesclwol in Utrecht: 
Onderzoekingen. V. Reeks. III, 2. 1902. fol. 



VergeiehnU der eingelaufenen Druckaekriften, 21'*' 

Dutsch EcUpee-Commütee in Utrecht: 
reliminary Report of the Dutsch ezpedition to Karang Sago (Sumatra). 

Amsterdam 1902. 4^. 
eport of the Dutsch Observations, No. IL Batavia 1901. i». 

National Äeademy of Sciences in Washington: 
[emoirs. Vol. VUI. 1898. i». 

Bureau of American EthnoHogy in Washington: 
8tt annual Report 1896-97. Part 2. 1899. 4». 

Bureau of Education in Washington: 
leport of the Commisaioner of Education for the year 1899—1900. 
Vol. 2. 1901. 80. 

ü, S. Departement of Agriculture in Washington: 
kreau of Plant Industry. Bulletin, No. 1. 1901. 8<^. 

Smithsonian Institution in Washington: 

nnual Report for the year (ending June 30, 1900). 1901. 8®. 
mithsonian Miscellaneous Collections. Vol. 42. 43. 1901. 8®. 
mithsonian Contributions to knowledge, No. 1809. 1901. 4^. 

U, S. Naväl Ohservatory in Washington: 
leport for the year 1900/01. 1901. 8^. 

Phüosophical Society in Washington: 
Inlletin. Vol. 14, p. 179—204. 1902. S». 

United States Oeological Survey in Washington: 
:XI»t. annual Report 1899—1900. Parts 2—4. 1900-01. 4». 

Orossherzogliche Bibliothek in Weimar: 
.uwachs in den Jahren 1899—1901. 1902. 8^. 

Harzverein für Geschichte in Wernigerode: 
leitschrifk. 34. Jahrg., Heft 1. 2. 1901. S». 

Kaiserh Akademie der Wissenschaften in Wien: 
itzungsberichte. Philos.-hist. Classe. Bd. 143. 1901. 8^. 

Mathem.-naturwissensch. Classe. 1900/01. 8^. 

Abtlg. I, Bd. 109, Heft 8-10; Bd. HO, Heft 1—4. 

, IIa, . 109, , 10; , 110, , 1-7. 

. IIb, , 110, , 1-7; 

. III, . 109, . 8-10. 

Denkschriften. Mathem.naturwissenschaftl. Classe. Bd. 69. 78. 1901. 4^. 

irchiv für österreichische Geschichte. Bd. 89, 2. Hälfte; Bd. 90, 1. und 

2. Hälfte. 1901. 8<>. 
'ontes rerum Austriacarum. II. Abtlg., Bd. 52—54. 1901. 8®. 

K. K. geologische Beichsanstalt in Wien: 

ahrbuch. Jahrg. 1901, Bd. 51, Heft 5; Jahrg. 1902, Bd. 52, Heft 1. 4P, 
''erhandlungen 1901, No. 15—18; 1902, No. 1—6. 4<>. 
Abhandlungen. Bd. XVII, Heft 5; Bd. XIX, Heft 1. 1901/02. fol. 
litteilungen der Erdbebenkommission. N. F., No. 1—6. 1901. 8^ 



22* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 

K. K. Central anstält für Meteorologie und Erdmagnetismus in Wien: 
Jahrbücher. Jahrg. 1899 und 1900, N. F., Bd. 36. 37. 1900/02. 4®. 

K, K. Gesellschaft der Aerzte in Wien: 
Wiener klinische Wochenschrift. 1902, No. 2—28. 4®. 

Anthropologische Gesellschaft in Wien: 
Mitteilungen. Bd. 31, Heft 6. 1901. 49, 

Zoologisch-botanische Gesellschaft in Wien: 

Verhandlungen. Bd. 61 (Jahrg. 1901), No. 9. 10; Bd. 52 (Jahrg. 1902), 

Heft 1—6. 8«. 
Abhandlungen. Bd. I, Heft 3. 4. 1902. 4®. 

K, K. Hofbibliothek in Wien: 
Tabulae codicum manuscriptorum. Vol. 10. 1899. 8®. 

K. K. naturhistorisches Hofmuseum in Wien: 
Annalen. Bd. XVI. No. 1-4. 1901. 4». 

p. Kuffner'sche Sternwarte in Wien: 
Publikationen. Bd. VI, Teil 1. 1902. 40. 

Verein für Nassauische Altertumskunde in Wiesbaden: 

Annalen. 32. Bd. 1901. 1902. 40. 
Mitteilungen 1901/02, No. 1—4. 1902. 4^. 

Physikalisch-mediziniscTie Gesellschaft in Würzburg: 

Verhandlungen. N. F.. Bd. 34, No. 7-11; Bd. 35, No. 1. 1901/02. ^. 
Sitzungsberichte. Jahrg. 1900, No. 5; Jahrg. 1901, No. 1—4. 1901. 6«. 

Schweizerische meteorologische CentraHanstalt in Zürich: 
Annalen 1899. 36. Jahrg. 1901. 40. 

Antiquarische Gesellschaft in Zürich: 
Mitteilungen. Bd. XXV, Heft 2. 3. 1901/02. 4». 

Naturforschende Gesellschaft in Zürich: 

Neujahrsblatt auf da« Jahr 1902. 104. Stuck. 40. 
Vierteljahrsschrift. 46. Jahrg. 1901, Heft 3 und 4. 1902. 8". 

Sternwarte in Zürich: 
Astronomische Mitteilungen, No. 93. 1902. S®. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. ^S* 



Von folgenden Privatpersonen: 

Vincenzo Alhanese di Boterno in Modica: 

Discorso sul divorzio Modica. 1902. 8^. 

Prince Albert I de Monaco: 

Rdsaltats des campaji^es seien tifiques. Fase. XXI. 1902. fol. 

St, d'Äristarchi in Constantinopel: 

Photii Patriarchae Gonstantinopeleos Orationes et homiliae. 2 Voll. 
1900. 4P. 

Verlag von Joh. Amhrosius Barth in Leipzig: 
Beiblatter zu den Annalen der Physik. Bd. 26. 1902, No. 1—7. 1902. 8<>. 

Cl. Freiherr v. Bechtohheint in Münclien: 
Die primären Naturkräfte. Berlin 1902. 4<>. 

Hugo Bermühler^s Verlag in Berlin: 
Forschungen zur Geschichte Bayerns. Bd. IX. 1901. 8^. 
Lorenzo Michelangelo Bülia in Turin: 
Difendiamo la famiglia, saggio eontro 11 divorzio. 1902. 8^. 

Th. Bredikhine in St. Petersburg: 
Snr la comete. 1901, I. 1901. 4». 

Rud. Burckhardt in Basel: 
Die Einheit des Sinnesorgansystems bei den Wirbelthieren. Jena 1902. 8^. 

E. Dütnmler in Berlin: 
Jahresbericht über die Herausgabe der Monumenta Germaniae historica. 
1902. 4«. 

Arthur J. Evans in London: 
The Palace of Enossos. Athens 1901. 4^. 

Beginald Fessenden in Washington: 
ßecent Progress in practical and experimental Electrieity. 1901. 8®. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena: 
Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Bd. 17. 1902, No. 15—39. 4^ 

Paul Fournier in Crrenohle: 
Observations sur diverses recensions de la collection canonique d'Anselme 

de Lucqnes. 1901. 8^ 
fitudes sur les Penitentiels. I. IL III. Macon 1901-02. 8«. 

Leon Fredericq in Liege: 
Travanx da Laboratoire de Leon Fredericq. Tom. VI. 1900. 8^. 

H. FritscJie in St. Petersburg: 
Die tätliche Periode der erdmagnetischen Elemente. 1902. 8^. 



24* FmWefcm« der erngdaufenen Drucludmften. 

Adolf OarbeU in Berlin: 

Langenscheidt's Briefe für das Selbststudiam der Russischen Sprache. 
No. 1—12. 1902. 80. 

Albert Oaudry in Paris: 
Snr la Similitade des dents de rhomme et de quelques animauz. (Dea- 
xifeme Note.) 1901. S». 

Madame V^ Godin in Paris: 
Le Devoir. Tom. 26. Janvier— Juin 1902. Guise. 8®. 

Philipp Holitscher in Budapest: 
Märchendichtungen Breslau 1902. ^. 

A, V, Koelliker in Würzburg: 
Weitere Beobachtungen über die Hofmann'schen Kerne am Mark der 
Vögel. (Sep.-Abdr.) Jena 1902. 8«. 

Karl Krumbacher in München: 
Byzantinische Zeitschrift. Bd. XI, Heft 1 und 2. Leipzig 1902. 09, 

Imprimerie Albert Lanier in Auxerre: 
La Chronique de France- 2® annde 1901. 8^. 

Ernst Leyst in Moskau: 
Ueber den Regenbogen in Russland. 1901. 8^. 

Lucy A. Mallory in Portland: 
The Worid*8 Advance-Thought and the Universal Republic. 1902. 8*». 

F. J, Modestov in St, Petersburg: 
Vvedenie v rimskuju istoriju. Gast pervaja. 1902. 8®. 

Gabriel Monod in Versailles: 
Revue historique. Ann^e XXVII. Tom. 78, No. L II et Table gdn^ral« 
1896—1900; Tom. 79, No. I. II (Janvier— Aoüt 1902). 8«. 

Fridtjof Nansen in Christiania: 
Some Oceanographical Resultats. Preliminary Report. 1901. 8®. 

Friedrich Ohlenschlager in München: 
Römische üeberreste in Bayern. Heft 1. 1902. 8^. 

G. Omboni in Padua: 
Appendice alla nota sui denti di Lophiodon del Bolca. Veneiia 1903. 8*. 

Michele Rajna in Mailand: 
Süll' escurzione diurna della dechinazione magnetica a Milano. 1902. 8*. 

Comte Camillo Eazoumovsky in Troppau: 
Comte Grccroire Razoumovsky (1759—1837). Oeuvres scientifiques post- 
humes. 1902. 

Verlag voyi Dietrich Reimer in Berlin: 
Zeitschrift für afrikanische, oceanische und ostasiatische Sprachen. 
VI. Jahrg., Heft 1. 1902. S». 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 25* 

S. Riefler in München: 

Das Nickelstahl-Compensations-Pendel D.K.P. No. 100870. 1902. 8<>. 

Dr. Fritz Sano in Antwerpen: 

Handelingen yan het IV^« Vlaamsch Natuur- en Geneeskundig Congres 
te Brüssel. SO. Sept. 1900. Gent 1900. 49, 

L, Scher man in München: 
Orientalische Bibliographie. XIV. Jahrg. II. Halbjahreshefb. Berlin 1901. B^. 

Heinrich von Segesser in Luzern: 
Die Quadratur des Kreises. 1902. 8<>. 

Verlag von Seitz & Schauer in München: 
Deutsche Praxis. 11. Jahrg. 1902. No. 1—13. 8». 

Verlag von B. G. Teubner in Leipzig: 

Archiv der Mathematik und Physik. III. Reihe, Bd. 2, Heft 1—4. 

1901/02. 80. 
Thesaurus linguae latinae. Vol. I, fasc. 4; Vol. II, fasc. 8. 1901. 4<>. 

Ä, Thieuilen in Paris: 

Technologie ndfaste, industrie de la pierre tailläe aux temps pr^sto- 

riques. 1902. 4®. 
Varia. Os travailläs ä Täpoque de Chelles. 1901. 4^. 

B. Virchoto in Berlin: 
Portrait-Münzen und Grafs hellenistische Porträt-Gallerie. 1902. 49. 

N. Wecklein in München: 

Duripidis fabulae ed. R. Prinz und N. Wecklein. Vol. 8, pars 6, Rhesus. 
1902. 80. 

E. V. Wölfflin in München: 

Archiv für lateinische Lexikographie. Bd. XII, 4. 1902. 9fi. 



27* 



Yerzeichnis der eingelaufenen Drackseliriften 

Juli bis Dezember 1902. 



Die yorehrliehen GeaellsehAften und Insütote, mit welchen unsere Akademie in 
Tauschverkehr steht, werden gebeten, nachstehendes Verzeichnis zugleich als Empfkngs- 
bestätigung zu betrachten. 



Von folgenden Gesellsohaften und Instituten: 

Südslavische Akademie der Wissenschaften in Ägram: 
Ljetopis. XVL 1901. 1902. S^. 
Rad. Vol. U8. 149. 1902. 8». 
Scriptorea. Vol. 4. 1902. 8^ 
Zbornik za narodni iivot. Bd. VII, 1. 1902. 8^. 

K. hroat'slavon.-dälmatinisches Landesarchiv in Ägram: 
Vjestnik. Bd. 4, Heft 2. 1902. 4«. 

KroatiscTie archäologische Gesellschaft in Agram: 
Vjestnik. N. Ser. Sveska 6. 1902. 40. 

New- York State Library in Alhany: 
New- York State Library. Annual Report Vol. 82. 83 (1899. 1900). 1901. 8». 

University of the State of New- York in Alhany: 
New- York State Museum. Report Vol. 52, 1898, part 1. 2; Vol. 53, 1899, 

part 1. 2. 1900—1901. 8«. 
3^ Annual Report of the College Department 1900. 1901. 8». 
Bulletin of the New- York State Museum. Vol. VII, No. 33—36; Vol. VIII, 
No. 37-43; Vol. IX, Nr. 45-51. 1900. 4». 

Allegheny Ohservatory in Allegheny: 
Miscellaneous scientific Papers No. 4 — 7. 1902. 8^. 

Naturforschende Gesellschaft des Osterlandes in Altenburg: 
Mitteilungen aas dem Osterlande. N. F. Bd. X. 1902. 8». 

Society des Antiquaires de Picardie in Amiens: 
La Picardie historique et monumentale. Tom. II, No. 1. 1901. fol. 
Monographie de Teglise Notre-Dame, Cathddrale d* Amiens Tom. I. 1901. fol. 
Bulletin. Annäe 1900, trim. 1—4; 1901, trim. 1—3. 8^. 

3 



28* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 

K. Akademie der Wissenschaften in Amsterdam: 
Verhandelingen. Afd. Natuurkande I. Sectie. üeel IV u. VIII, No. 1. 2; 

II. Sectie. Deel VIII, No. 1-6; Deel IX, No. 1—3. 1902. 4®. 
Zittingsverslagen. Afd. Natuurkunde. Jaar 1901/02. Deel X. 1902. 4«. 
Verslagen. Afd. Letterkunde. 4^ Reks, Deel IV. 1901. 8». 
Jaarboek voor 1901. 1902. 8^. 
Prysvers Centurio. 1902. &<>. 

Historischer Verein in Ansbach: 
49. Jahresbericht. 1902. 4P. 

Historischer Verein für Schwaben und Neuburg in Augsburg: 
Zeitschrift. 28. Jahrg. 1901. 8«. 

Naturwissenschaftlicher Verein in Augsburg: 
35. Bericht. 1902. 8». 

Johns Hophins üniversity in Baltimore: 
Circulars. Vol. XXI, No. 169. 160. 1902. 4». 
Bulletin ofthe Johns Hopkins Hospital. Vol. XIII, No. 136-141. 1902. 4« 

Peapody Institute in Baltimore: 
35th Report 1901/02. 1902. 8«. 

Maryland Geological Survey in Baltimore: 
Maryland Geological Survey. Vol. IV. 1902. 8^. 

Historisch-antiquarische Gesellschaft in Basel: 
Basler Chroniken. Bd. VI. Leipzig 1902. S^, 
Basler Zeitschrift für Geschichte. Bd. 2, Heft 1. 1902. &>. 

Universitätsbibliothek in Basel: 
Schriften der Universität aus dem Jahre 1901/02 in 4» u. 8®. 

Bataviaasch Genootschap van Künsten en Wetenschappen in Batavia: 
Tijdschrift. Deel 46, afl. 3. 4. 1902. 8«. 
Notulen. Deel 39, afl. 4, 1901; Deel 40, afl. 1. 1902. S^. 
Verhandelingen. Deel 52, stuk 1. 2, 1901 ; Deel 54, stuk 1 ; Deel 55, stuk 1. 

1902. 40. 
Anno 1674. 1902. 4^. 

Observatory in Batavia: 
Observations. Vol. 23. 1900. 1902. fol. 
Regenwaarnemingen. 23. Jaarg. 1901. 1902. 4^. 

K. natuurkundige Vereenigung in Nederlandsch Indie zu Batavia: 
Natuurkundig Tijdschrift. Deel 61. Weltevreden 1902. 8». 

K. Serbische Akademie der Wissenschaften in Belgrad: 
Glas. No. 63. 64. 1901 — 1902. 8«. 
Godischniak. XIV. 1900. 1901. S^. 
Sbornik. Bd. I. 1902. 8^. 
Srpski etnografski Sbornik. Bd. III. IV und Atlas. 1902. 8^. (Atlas in fol.) 

Museum in Bergen (Norwegen): 
Aarbog für 1902. Heft 1 und 2. 8^ 
G.O.Sars, Anacroant on thol.'rustaceaofNorway. Vol.4, ]>art7 — 10. 1902. 4*. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 29* 

K. preuss. Akademie der Wissenschaften in Berlin: 
Sitzungsberichte. 1902, No. 23—40. 1902. 8®. 

Das prenssische Münzwesen im 18. Jahrhundert. Beschreibender Teil. Heft I. 
1902. 40. 

K, geolog. Landesanstalt und Bergakademie in Berlin: 
Jahrbuch für 1900. 1901. 8«. 

Zenträlbureau der internationalen Erdmessung in Berlin: 
Ergebnisse der Polhöhenbeatimmungen in Berlin in den Jahren 1889—1891. 
Von A. Marcuse. 1902. 4<^. 

Deutsche chemische Gesellschaft in Berlin: 
Berichte. 36. Jahrg., No. 13-20. 1902. 8». 

Deutsche geologische Gesellschaft in Berlin: 
Zeitschrift. Bd. 54, Heft 1. 2. 1902. 8^. 

Deutsche physikalische Gesellschaft in Berlin: 
Die Fortschritte der Physik im Jahre 1901. 3 Bde. Braunschweig 1902. 8^. 
Verhandlungen. Jahrg. 3, No. 11— 14, 1901; Jahrg. 4, No. 1-18, 1902. 
Leipzig. 8®. 

Physiologische Gesellschaft in Berlin: 
Zentralblatt für Physiologie. Bd. XVI, No.8-20. Leipzig 1902. 8« 
Verhandlungen. Jahrg. 1901—1902, No. 5-16. 8». 

Kaiserlich deutsches archäologisches Institut in Berlin: 

Jahresbericht über das Jahr 1901. 1902. gr. 8^ 
Jahrbuch. Bd. XVII, Heft 2. 3. 1902. 4«. 

K. preuss. geodätisches Institut in Berlin: 
Jahresbericht für das Jahr 1901/02. 1902. S». 
Veröffentlichung. N. F. No. 9. 1902. 40. 
Lotabweichungen. Heft 2. 1902. 4». 

K, preuss, meteorologisches Institut in Berlin: 

Bericht über das Jahr 1901. 1902. 8». 

Ergebnisse der magnetischen Beobachtungen in Potsdam im Jahre 1900. 
1902. 40. 

Ergebnisse der Arbeiten am Aeronautischen Observatorium in den Jahren 
1900 und 1901. 1902. 4^ 

Deutsches meteorologisches Jahrbuch für 1901. Heft 2. 1902. 4^. 

Kegenkarte der Provinzen Schleswig-Holstein und Hannover von G. Hell- 
mann. 1902. 8^. 

Jahrbuch über die Fortschritte der Mathematik in Berlin: 

Jahrbuch. Bd. 31, Heft 1-3. 1902. 8^ 

Verein zur Beförderung des Gartenbaues in den preuss. Staaten 
in Berlin: 
Gartenflora. Jahrg. 1902, Heft 14-24. 8^. 

Verein für Geschichte der Mark Brandenburg in Berlin: 
Forschungen zur Brandenburgischen und Preussischen Geschichte. Bd. XIII, 
1. und 2. Hälfte. Leipzig 1900. 1902. 8«. 

3* 



30* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 

Zeitschrift für Instrumentenkunde in Berlin: 
Zeitschrift. XXII. Jahrg., Heft 7— 12. 1902. 4«. 

Allgemeine geschichtsfarschende Gesellschaft der Schweiz in Bern: 
Jahrbuch für Schweizerische Geschichte. 27. Bd. Zürich 1902. 8®. 

Sociite d' Emulation du Doübs in Besangon: 
M^moires. VII« Särie. Vol. 6. 1900. 1901. 80. 

Ohservatorio astronomico nacional in Bogota: 
El Cometa de 1901. 1901. 4». 

R. Deputazione di storia patria per le Provincie di Romagna 
in Bologna: 
Atti e Memorie. Serie III. Vol. XX, fasc. 1—3. 1902. 8<>. 

Niederrheinische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in Bonn: 
SitzuDgsberichte 1902. S^. 

Universität in Bonn: 
Schriften aus dem Jahre 1901/02 in 4^ u. 8^. 

Verein von Altertumsfreunden im Rheinlande in Bonn: 
Bonner Jahrbücher. Heft 108. 109. 1902. 4». 

Naturhistorischer Verein der preussischen Rheinlande in Bonn: 
Verhandlungen. 59. Jahrg., I. Hälfte. 1902. Q^. 

Sociite des sciences physiques et naturelles in Bordeaux: 
Procbs-verbaux des sdancea. Annde 1900—1901. Paris 1901. 8®. 
Memoires. VIe Sdrie. Tom. 1. 1901. 8^. 
Observations pluviomdtriques 1900—1901. 1901. 8®. 

Societe Linnienne in Bordeaux: 
Actes. Vol. 56. 1901. 8^. 

Societe de geographie commerciäle in Bordeaux: 
Bulletin. 1902. No. 15—24. S«. 

American Academy of Arts and Sciences in Boston: 
Proeeedings. Vol. 87, No. 15—23. 1902. 8». 
Memoirs. Vol. XII, 5. Cambridge 1902. 4P. 

Meteorologisches Observatorium in Bremen: 
Meteorologisches Jahrbuch. XII. Jahrg. 1901. 1902. 4^. 

Schlesische Gesellschaft für vaterländische Kultur in Breslau: 

70. Jahresbericht. 1901. 1902. S^. 

Landesmuseum in Brunn: 

Zeitschrift. Bd. 2, Heft 1. 2. 1902. gr. B«. 
Casopsis. Bd. II, Heft 1. 2. 1902. gr. 8«. 

Deutscher Verein für die Geschichte Mährens und Schlesiens 
in Brunn: 
Zeitschrift. Jahrg. G, Heft i. 1902. 8®. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 31* 

Äcadimie Boyale de midecine in Brüssel: 
Memoires couronnäs. Tom. XV, fasc. 9. 1902. 8®. 
Bulletin. V« S^rie. Tom. 16, No. 6—9. 1902. 8^. 

ÄcadSmie Boyale des sciences in Brüssel: 

Memoires des membres in 4®. Tom. 64, fasc. 6. 1902. 4^. 
Memoires couronn^s in 4^. Tom. 59, fasc. 3. 1902. 49, 
Memoires couronnds in S^. Tom. 62, fasc. 1—3. 1902. 8®. 
Bulletin, a) Classe des lettres 1902, No. 4—8. 8«. 

b) Classe des sciences 1902, No. 4—8. S^. 
Documents pour servir k Thistoire des prix par H. van Hontte. 1902. 4''. 
Le Register de Franciscus Lixaldius pub. par Rachfahl. 1902. 8^. 

Jardin hotanique de Vetat in Brüssel: 
Bulletin. Vol. 1, No. 1—8. 1902. ^. 8». 

SociHe des Bollandistes in Brüssel: 
\nalecta Bollandiana. Tom. XXI, 3—4. 1902. 8«. 

SociHi beige de gSologie in Brüssel: 

Bulletin. Tom. XVI ann^e; Tom. XIII, fasc. 3; Tom. XVI, fasc. 2. 3. 
1902. 8« 

K, ungarische Akademie der Wissenschaften in Budapest: 

^Imanach. 1902. 8^. 

^yelytndom^nji Közlem^nyek. (Sprachwissenschaftliche Mitteilungen.) 

Bd. XXXI, 3. 4; Bd. X'XXII, 1. 1901—1902. 8«. 
Tört^nettud. Ertekezösek. (Hiator. Abhandlungen.) XIX, 6— 9. 1901/02. 8». 
^.rchaeologiai Ertesitö. Üj folyam. (Archäolog. Anzeiger.) XXI, 3—5; 

XXII. 1-8. 49. 
I^jelvtudomän. firtekezdsek. (Sprachwissenschaftliche Abhandlungen.) 

XVII 9. 10. 1902 8^ 
5röf Eszterhdzy von Thaly K4lmä,n. 1901. 8^. 
Achmed Dzsevdet Evlija Czelebi. Sziacbat Nameszi (in türk. Sprache); 

Kar4csonyi J.: A magyar nemzets^gek. Bd. IL 1901. 8^ 
tfargalits E.: Repertorium Croaticum. Vol. II. 1902. 8^ 
tfathematikai Ertesitö. (Mathemat. Anzeiger.) XIX, 3—5; XX, 1. 2. S^. 
^athematikai Közlemenyek. (Mathem. Mitteilungen.) XXVIU, 1. 1902. 8<>. 
il athematische und naturwissensch. Berichte aus Ungarn. XVII. Bd. 1899. 

Leipzig 1901. 8^ 
lapport. 1901. 1902. 8«. 

K. Ungar, geologische Änstcdt in Budapest: 

Mitteilungen aus dem Jahrbuche. Bd. XIV, Heft 1. 2. 1902. 8®. 

i^öldteni Közlöny. Bd. 32, Heft 5-9. 1902. 8». 

i Magyar Kir. földtani intt^zet ävkönyve. Bd. XII, Heft 1. 1902. 8^ 

Officina meteorologica Argentina in Buenos Aires: 
Inalef. Tom. 14. 1901. fol. 

Deutsche akademische Vereinigung in Buenos Aires: 
Teröffentlichungen. Bd. I, Heft 6. 1902. 8". 



32* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 

Botanischer Garten in Buitenzorg (Java): 
Verslag over het jaar 1901. Batavia 1902. 4». 
Mededeelingen. No. LVI-LVIII. 1902. 4«. 
Bulletin. No. XII-XV. 1902. 4«. 

Academia Romana in Bukarest: 
Analele. a) Partea administrativa. Serie U. Tom. 24. 1901—1902. 

b) Memoriile sec^iunic sciin^ifice. Serie IL Tom. 23. 1900—1901. 

c) Memoriile sec^iunic istorice. Serie II. Tom. 23. 1900—1901. 

d) Memoriile 8ec|iunic literare. Serie II. Tom. 23. 1900—1901. 
Discursurc de recepjiune. XXIV. 1902. 49. 

Monumentele epigrafice §i sculpturali. Part I. 1902. fol. 

Dim. Cantemir, Operele. Tom. 8. 1901. 8^. 

Acte §i Documente rel. la istoria renascerei Romaniei. Tom. IX. 1901. 8®. 

Memoriu despre Starea Moldovei la 1787 de Comitele d'fianterive. 1902. 4'. 

Istoria Romana de Titua Livius. Tom. II, cartile 7 — 10. 1901. gr. 8®. 

Rumänisches meteorologisches Institut in Bukarest: 
Analele XV anul 1899. 1901. fol. 

Meteorölogical Department of the Government of India in CalctUta: 
Handbook of Cyclonic Storms. Text and Plates. 2 Vola. 1901. 8®. 
Monthly Weather Review 1902. Febr.— June. fol. 
Indian Meteorölogical Memoirs. Vol. XII, part 3. 4. 1902. fol. 
Memorandum on the meteorölogical Conditions prevailing in the Indian 

Monsoon Region. Simla 1902. fol. 
Report on the Administration in 1901/02. 1902. fol. 

Äsiatic Society of Bengal in Calcutta: 
Bibliotheca Indica. New Ser. No. 1006—1014 1902. 8®. 
Journal. No. 891; 392; 395—899 und Plates. 1902. 8®. 
Proceedings. 1901, No. IX— XI; 1902, No. I-V. 8®. 

Museum of comparative Zoology at Harvard College in Cambridge^ Miiss.: 

Bulletin. Vol. 88; Vol. 39, No. 4. 5; Vol. 40, No. 2. 3; Vol. 41, No. 1. 

1902. 80. 
Annual Report for 1901/02. 1902. 8» 
Memoirs. Vol. XXVII, 2. 1902. 4». 

Ästronomical Ohservatory of Harvard College in Cambridge, Mass.: 
Annais. Vol. 37, No. 2; Vol. 38 und 39, No. 8. 9. 1902. 4«. 

Philosophical Society in Cambridge: 
Proceedings. Vol. XI, part 6. 1902. S^. 
Transactions. Vol. XIX, 2. 1902. 4®. 

Geological Commission, Colony of the Cape of Good Hope 
in Cape Town: 

Annual Report for 1900. 1901. 4". 

Accademia Gioenia di scienze naturali in Catania: 
BuUettino mensile. Nuova Ser., fasc. 78. 1902. 8^. 

K. sächsisches 7veteorologisches lustitut in Chemnitz: 
Dekaden-Monatsberichte. 1901. Jahrg. IV. 1902. 4». 
Jahrbuch 1899. Jahrg. XVII, Abtlg. 111. 1902. 4^. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 33* 

Sociite des sciences naturelles in Cherbourg: 
M^moires. Tom. 82. Paris 1901—1902. 8». 

Academy of sciences in Chicago: 
Bulletin. Vol. II, No. III, No. IV, part. 1. 1900. S«. 

Field Columbian Museum in Chicago: 
Publications. No. 61, 1901 ; No. 64. 65. 1902. S^. 

Zeitschrift „Ästrophysical Journal^ in Chicago: 
Vol. XV, No. 6; Vol. XVI, No. 1—6. 1902. ^r. 8«. 

Fridtjof Nansen Fund for the advancement of science in Christiania: 
The Norwegian North Polar-Expedition 1893—1896. Scientific Reaulta. 
Vol. III. 1902. 40. 

Gesellschaft der Wissenschaften in Christiania: 
Forhandlingar, aar 1901. 1902. 8«. 

Skrifter. I. Mathem.-naturwisg. Classe 1901, No. 1 — 5. II. Histor.-filos. 
Claase 1901, No. 1—6. 1901. 8«. 

Naturforschende Gesellschaft Grauhündens in Chur: 
Jahresbericht. N. F. Bd. 45. 1901/02. 1902. 8°. 

Lloyd Museum and Library in Cincinnati: 
Bulletin. No. 4. 5. 1902. 8«. 
Mycological Notes No. 9. 1902. 8<>. 

Naturhistorische Gesellschaft in Colmar: 
Mitteilungen. N. F. Band. VI. Jahrg. 1901 und 1902. 1902. 8«. 

Westpreussischer Geschichtsverein in Danzig: 
Mitteilungen. Jahrg. 1. 1902. No. 1-4. 8«. 

Academy of natural sciences in Davenport: 
Proceedings. Vol. VIII. 1901. 8». 

Colorado Scientific Society in Denver, Colorado: 
The Proceedings. Vol. VI. 1897—1900. 1901. 8°. 

Verein für Änhaltische Geschichte in Dessau: 
MitteUungen. Bd. IX, 4. 1902. 8». 

Union geographique du Nord de la France in Doiiai: 
Bulletin. Vol. 23, trimestre 2. 1902. 8^. 

K, sächsischer Altertumsverein in Dresden: 
Neues Archiv für sachsische Geschichte. Bd. XXIII. 1902. 8«. 

Verein für Erdkunde in Dresden: 
F. V. Bellingshausens Forechungsfahrten im Südlichen Eismeer 1819—1821. 
Leipzig 1902. 8^. 

Boy dl Irish Academy in Dublin: 
Proceedings. III^ Series. Vol. VI, part 4; Proceedings. Vol. 24, Section A, 

part 1; Section B, part. 1. 2. 1902. S®. 
Transactions. Vol. 32, Section A, parte 3-5; Section B, part 1. 1902. 4». 



84* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 

Pollichia in Dürkheitn: 
Mitteilungen. Jahrg. 1902, No. 15—17. 1902. 89. 

American Chemicdl Society in Easton, Pa.: 
The Journal. Vol. XXIV, No. 7—12. 1902. 8». 
26*1» Anniversary. 1902. S^. 

Eoyal Observatory in Edinburgh: 
Annais. Vol. I. 1902. 40. 

Royal Society in Edinburgh: 
Proceedings. Vol. XXIV, No. 3. 1902. 8». 

Eoyal Physical Society in Edinburgh: 
Proceedings. Session 1900—1901. 1902. 8^ 

Verein für Geschichte der Grafschaft Mansfeld in Eisleben: 
Mansfelder Blätter. 16. Jahrg. 1902. 8^. 

Naturforschende Gesellschaft in Emden: 
86. Jahresbericht für 1900/01. 1902. 8<\ 

K, Universitätsbibliothek in Erlangen: 
Schriften aus dem Jahre 1901/02 in 4<^ u. 8^. 

Bedle Accademia dei Georgoßi in Florenz: 
Atti. IV. Serie. Vol. 25, disp. 2. 1902. 80. 

Societä Asiatica Itdliana in Florenz: 
Giomale 1902. Vol. XV. 8^ 

Senckenbergische naturforschende Gesellschaft in Frankfurt ajM.: 
Abhandlungen. Bd. XXV, 3; Bd. XX VIT, 1. 1902. 4P. 
Bericht. 1902. 8». 

Physikalische Gesellschaft in Frankfurt alM.: 
Jahresbericht für 1900—1901. 1902. 8^. 

Breisgau- Verein Schau-ins-Land in Freiburg t. Br.: 
Schau-ins-Land 1902. 29. Jahrg. Halbband I. 1902. fol. 

Kirchengeschichtlicher Verein in Freiburg i. Br.: 
Freiburger Diözesan- Archiv. Register zu Bd. I— XXVII. 1902. 8®. 

Universität in Freiburg i. Br,: 
Schriften aus dem Jahre 1901/02 in 4<* u. 8<>. 

Universität Freiburg in der Schweiz: 
Collectanea Friburgensia. Fase. XIII. 1902. 8^. 
Universität in Genf: 
Schriften aus dem Jahre 1901/02. 

Sociale de physique et d^histoire naturelle in Genf: 
Memoires. Vol. 34, fasc. 2. 1902. 4« 

Universität iyi Giessen: 
Schriften aus dem Jahre 1901/02 in 4« u. 8^. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 35* 

Oberhessischer Geschichtsverein in Giessen: 
Mitteilangen. N. F. Bd. XI. 1902. Q^. 

K. Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen: 

Göttingische gelehrte Anzeigen. 1902, No. 6—12. Berlin, gr. 8. 
Abhandlungen. N. F. 

a) Philol.-hist. Classe. Bd. V, No. 3. 4; Bd. VI, No. 1—3. 

b) Math.-phya. Classe. Bd. II, No. 3. Berlin 1902. 4<>. 
Nachrichten, a) Philol.-hist. Classe. 1902, Heft 3. 4 und Beiheft. 4^. 

b) Math.-phy8. Classe. 1902, Heft 4. 5. 4». 

c) Geschäftliche Mitteilungen. 1902, Heft 1. 4^. 

K. Gesellschaft der Wissenschaften in Grothemburg: 

Göteborgs Högskolas Arsskrift. Bd. YII. 1901. 1901. 8<>. 
Handlingar. 4. Folge. Bd. 4. 1902. S^. 

Scientific Laboratories of Bension üniversity in Granvüle^ Ohio: 
Bulletin. Vol. XI, 11; Vol. XII, 1. 1902. 8^. 

Universität in Graz: 
Die feierliche Inauguration des Rektors für das Jahr 1901/02. 1902. S^. 

Natunoissenschaftlicher Verein für Steiermark in Graz: 
Mitteilungen. Jahrg. 1901, Heft 38. 1902. S^. 

Eügisch'Pommerscher Geschichtsverein in Greifswald: 
Pommerische Jahrbücher. Bd. 3. 1902. 89, 

Naturwissenschaftlicher Verein für Neu- Vorpommern in Greif swdld: 
Mitteilungen. 88. Jahrg. 1901. Berlin 1902. S^. 

K, Instituut voor de TaaU, Land- en Volkenkunde van Nederlandsch Indie 

im Haag: 
Bijdragen. VI. Reeks. Deel X, afl. 3. 4. 1902. 8^. 
Naamlijst der leden. 1902. 8^. 

Teyler^s Genootschap in Haarlem: 
Archiveg du Musde Teyler. Sdr. II. Vol. 8, partie 1. 1902. 4°. 

Sociiti Hollandaise des Sciences in Haarlem: 
Archives N^erlandaises des sciences exactes. S^rie II. Tom. 7, livr. 2—5. 

1902. 80. 
Herdenking van het 150jarig bestaan. 1902. 8^. 

Kaiseri. Leopcldinisch-Carolinische Deutsche Akademie der Naturforscher 

in Halle: 
Leopoldina. Heft 38, No. 6— 11. 1902. 40 

Deutsche morgenländische Gesellschaft in Halle: 
Zeitschrift. Bd. 66, Heft 3. Leipzig 1902. 8<>. 

Abhandlungen fQr die Kunde des Morgenlandes. Bd. XI, 4. Leipzig 
1902. 8*>. 

Universität Halle: 
Schriften aus dem Jahre 1901/02 in 49 u. 8^^. 



86* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 

Thüringisch-sächsischer Verein zur Erforschung des vaterländischen 
Altertums in Halle: 
Neue Mitteilungen. Bd. XXI, 2. 1902. 8«. 

Stadtbibliothek in Hamburg: 
Veröffentlichungen aus dem Jahre 1901 in 4^ u. 8^. 

Verein für Hamburgische Geschichte in Hamburg: 
Zeitschrift. Bd. XI, 2. 1902. 8^. 

Naturwissenschaftlicher Verein in Hamburg: 
Abhandlungen. Bd. XVII. 1902. 4^. 

Historischer Verein für Niedersachsen in Hannover: 
Zeitachrift. Jahrg. 1902. Heft 1—3. S». 

Universit ät Heidelberg : 
Schriften der Universität aus dem Jahre 1901/02 in 4'^ u. 8®. 

Historisch-philosophischer Verein in Heidelberg: 
Neue Heidelberger Jahrbücher. Jahrg. XI, Heft 2. 1902. 8^ 

Naturhistorisch-medizinischer Verein zu Heidelberg: 
Verhandlungen. N. F. Bd. VII, 2. 1902. 8«. 

Geschäftsführender Ausschuss der Rcichslimeskommission in Heidelberg: 
Üer Obergermanisch-Raetische Limes des Römerreiches. Liefg. XVII. 
1902. 40. 

Commission giologique de Finlande in Helsingfors: 
Bulletin. No. 12. 13. 1902. 8». 

Carte geologique ä 1:400,000. Section C 2. St. Michel 1902. 8^ 
Meddelanden fran Industristyrelsen Finland. No. 32. 33. 1902. 8®. 

Universität Helsingfors: 
Schriften aus dem Jahre 1901/02 in 4<^ u. 8®. 

Siebenhürgischer Verein für Naturwissenschafteyi in Hermannstadt: 
Verhandlungen und Mitteilungen. 61. Jahrg. 1901. 1902. 8^. 

Verein für Sachsen-Meiningische Geschichte in Hildburghausen: 
Schriften. Heft 41 und 42. 1902. 8«. 

Ferdinandeum in Innsbruck: 
Zeitschrift. 3. Folge. Bd. 46. 1902. 8». 

NaturtvissenschaftUch-medizinischcr Verein in Innsbruck: 
Horichte. XXVII. Jahrg. 1901/02. 1902. S». 

JoHrnal of Phgsical Chemistnj in Ithaca, N.Y.: 
Tho Journiil. Vol. 6, No. 4—9. 1902. gr. S«. 

Mcdizinisch-naturwisse7ischaftUche Gesellschaft in Jena: 
Denkschriffon. Bd. IX, Liefg. 1. Text und Atlas. 1902. fol. 
JenaiHche Zeitschrift für Naturwissenschaft. Hd. 30, Hett 3. 4; Bd. 37, 
Heft 1. 1902. 8^ 



VereeichfUs der eingelaufenen Druckschriften. 37* 

Gelehrte Estnische Gesellschaft in Jurjew CDorpat): 
Sitzungsberichte 1901. 1902. 8». 

Naturforschende Gesellschaft bei der Universität Jurjew (Dorpat): 
Archiv fttr die Naturkunde Liv-, Ebst- und Kurlands. II. Serie. Bio- 
logische Naturkunde. Bd. XII, 1. 1902. ^\ 

Badische Historische Kommission in Karlsruhe: 
Oberrheinische Stadtrechte. I. Abt., Heft 6. Heidelberg 1902. 8^. 
Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins. N. F. Bd. XVII, 3. 4. 

Heidelberg 1902. 8^. 
Neujahrsblätter 1903. Heidelberg. 8». 
Bericht Über die 21. Plenarversammlung. Heidelberg 1902. 8^. 

Zentralbureau für Meteorologie etc. in Karlsruhe: 
Jahresbericht für das Jahr 1901. 1902. 4<). 

Crrossherzoglich technische Hochschule in Karlsruhe: 
Schriften aus dem Jahre 1901/02 in 4« u. S^. 

Grossh. badische Staats- Altertümer Sammlung in Karlsruhe: 
Veröffentlichungen. 3. Heft. 1002. 4». 

Naturwissenschaftlicher Verein in Karlsruhe: 
Verhandlungen. XV. Band. 1901-1902. 1902. 8«. 

Sociite physico-matMmatique in Kasan: 
Bulletin. 11« S^rie. Tom. XI, No. 1— 4; Tom. XII, No. 1. 1901—1902. 8«. 

Universität Kasan: 
Schriften aus dem Jahre 1901/02 in 4<> u. 8^. 
ütachenia Sapiski. Bd. 69, Heft 5-8. 11. 1902. 8^. 

Verein für Naturkunde in Kassel: 
Abhandlungen und Bericht XLVII. 1902. 8». 

Societc mathematique in Kharkow: 
Communications. 2« Serie. Tom. VII, No. 6. 1902. gr. 8^ 

Universite Imperiale in Kharkow: 
Annales 1902. Vol. 2—4. 8». 

Gesellschaft für Schleswig- Holsteinische Geschichte in Kiel: 
Zeitschrift. Bd. XXXII. 1902. 80. 

Kommission zur wissenschaftl. Untersuchung der deutschen Meere in Kiel: 
Wissenschaftliche Meereauntersuchungen. N. F. Bd. VI. Abteilung Kiel. 
1902. fol. 

K Universität in Kiel: 
Schriften aus dem Jahre 1901/02 in 4^ u. 8^. 

Naturwissenschaftliche Gesellschaft in Kiew: 
Sapiski. Bd. XVII, 1. 1901. 8«. 

Botanischer Garten in Kiew: 
Index Kewensis. Fase. II. Bruzelles 1902. 4^. 



38* Verzeichnis der eingelaufenen Dmckschriffen, 

Universität in Kiew: 

Iswestija. Vol. 42, No. 3. 6-10. 1902. 8». 

Oeschichtsverein für Kärnten in Klagenfurt: 

Jahresbericht über 1901. 1902. 8». 
Carinthial. 92. Jahrg. No. 1-6. 1902. S^. 

Siehenbürgischer Museumsverein in Klausenhurg : 

Sitzungsberichte der medizlD.-naturwissenschaftl. Sektion. 27. Jahrg. 
Bd. XXIV, Abt. I, Heft 1. 2. 1902. B^. 

Stadtarchiv in Köln: 
Mitteilungen. Heft 31. 1902. S». 

Universität in Königsberg: 

Schriften aus dem Jahre 1901/02 in 4^ u. 8^. 

K, Akademie der Wissenschaften in Kopenhagen: 

Oversigt. 1902. No. 2— 5. 8^. 

M^moires. Section des sciences. Sörie VI®. Tom. X, 4; Tom. XI, 2—4; 
Tom. XII, 1. 2. 1902. 4». 

Akademie der Wissenschaften in Krakau: 

Anzeiger. Juni und Juli 1902, 4 Hefte. 8®. 

a) histor.-filoz. Serie II. Tom. 16. 18. 

b) matemat. Serie II. Tom. 19. 1902. 8«. 
Sprawozdanie. Vol. VII, 7. 1902. 8». 

Katalog literatury naukowej polskiej. Tom. II, 1. 2. 1902. 8^. 

Historischer Verein in Landshut: 
Verhandlungen. 38. Bd. 1902. 8^ 

Societe Vaudoise des sciences naturelles in Lausanne: 
Bulletin. 4« S^rie. Vol. 38, No. 144. 1902. 8». 

Societe d^histoire de la Suisse romande in Lausanne: 
M^moires et Documents. II. Serie. Tom. 4, livr. 2; Tom 5. 1902. S«. 

Kansas University in Lawrence, Kansas: 
Bulletin. Vol. 2, No. 8. 1902. 8^. 

Maatschappij van Nederlandsche Letterkunde in Leiden: 

Tijdschrift. N. S. Deel XX, 3. 4; Deel XXI, 1. 2. 1901-1902. 8^. 
Handelingen en Mededeelingen, jaar 1901 — 1902. 1902. S«. 
Levensberichten 1901-1902. 1902. 8^ 

Sternwarte in Leiden: 

Annalen. Bd. VIII. Haag 1902. 4». 

Unterauchunp^en über den Lichtwechsel Algols von Anton Pannekoek. 

1902. 40. 
Catalogus der Bibliothek. s'Gravenhage 1902. 8®. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 39* 

K, Gesellschaft der Wissenschaften in Leipzig: 
Abhandlangen der math.-phys. Claase. Bd. XXVII, No. 7—9. 1902. 4^. 
Berichte der philol.-hist. Claase. Bd. 64, No. 1. 2. 1902. 8°. 
Bericht© der math.-phys. Clasae. Bd. 64, No. 3— 5 und Sonderheft. 1902. 8®. 

üniversity of Nebraska in Lincoln: 
15tb annual Report. 1902. 8^. 
Bulletin. No. 69. 70; 72—74. 1901-1902. 8». 

Verein für Geschichte des Bodensees in Lindau: 

Bodensee-Forschungen. IX. Abschnitt (die Vegetation des Bodensees). 
II. Teil. Lindau 1902. 8°. 

Museum Frandsco-Carolinum in Linz: 

60. Jahresbericht. 1902. 8^. 

Boyal Institution of Great Britain in London: 

Proceedings. Vol. XVI, 3. 1902. 8«. 

The English Historical Review in London: 

Historical Review. No. 67 und 68; Vol. XVII. 1902. 8". 

Boyal Society in London: 

Report to the Malaria Gommittee. 7^ Series. 1902. 8^. 

Proceedings. Vol. 70, No. 463—469. 1902. S». 

Philosophical Transactions. Series A. Vol. 197. 198; Series B. Vol. 174. 

1901. 40. 

B. Ästronomicdl Society in London: 

Monthly Notices. Vol. 62, No. 8. 9; Vol. 63, No. 2. 1902. 8». 

Chemical Society in London: 

Journal. No. 477 (August 1902) bis No. 482 (Jan. 1903). 8<>. 
Proceedings. Vol. 18, No. 255-257. 1902. 8«. 

Linnean Society in London: 
Proceedings. IW^ Session November 1901 to June 1902. London. 8®. 
TheJoumaL a) Botany. Vol. 35, No. 245; b) Zoology. Vol. 28, No. 179 

bis 180. London 1902. 8». 
The Transactions. 2od Series. Zoology. Vol. VIII, part 6 — 8; Botany. 

Vol. VI, part 2. 3. 1902. 4«. 

B, Microscopical Society in London: 
Journal 1902. Part 4—6. 8». 

Zoological Society in London: 

Proceedings. 1902. Vol. I, part 1. 2; Vol. II, part 1 und Index. 1891—1900. 

1902. 8^. 

Transactions.' Vol. XVI, 6. 7. 1902. 8». 

Zeitschrift „Nature" in London: 
Nature. No. 1705—1730. 4». 

Societe geologique de Belgique in Lüttich: 
Annales. Tom. 29, livr. 3. 1902 8«. 



40* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 

Societe Boy die des Sciences in Lüttich: 
M^moires. .111« Serie. Tom. 4. Bruxelles 1902. 8«. 

Universität in Lund: 
Acta üniversitatia Lundensia. Tom. XXXVII, Abt. I. II. 1901. 40. 

Historischer Verein der fünf Orte in Luzern: 
Der Geschichtsfreund. Bd. 57. Stane 1902. 8^. 

Äcademie des sciences in Lyon: 
Le deuxidme Centenaire de TAcadämie des sciences de Lyon. 2 Yols. 

1900—1901. 8^. 
Memoires. Sciences et Lettres. III« Sörie. Tom. 6. Paris 1901. S^. 

Societe d'agriculture, science et industrie in Lyon: 
Annales. VII« S^r. Tom. 7, 1899; Tom. 8, 1900. 1901. 8«. 

Societe Linneenne in Lyon: 
Annales. Tom. 47. 48 (1900. 1901). 1901. S«. 
Universite in Lyon: 
Annales. I. Sciences. Fase. 8. 9. 1902. 8^. 

B. Äcademia de la historia in Madrid: 
Boletin. Tom. 41, cuad. 1—6. 1902. 8». 

Naturwissenschaftlicher Verein in Magdeburg: 
Jahresbericht und Abhandlungen 1900—1902. 1902. 8®. 

B. Istituto Lombardo di scienze in Mailand: 

Rendiconti. Serie. II. Vol. 34. 1901. 8«. 

Memorie. Classe di scienze matematiche. Vol. 19, fasc. 5 — 8. 1902. 4®. 

Comitato per le Onoranze a Francesco Brioschi in Mailand: 
Opere matematiche di Francesco Brioschi. Tom. II. 1902. 4®. 

Societä Italiana di scienze naturdli in Maüand: 
Atti. Vol. 41, fasc. 2. 3. 1902. 6^. 

Societä Storica Lombarda in Mailand: 
Archivio Storico Lombardo. Serie III, fasc. 34. 35. Anno 29. 1902. 6®. 

Liter ary and philosophical Society in Manchester: 
Memoirs and Proceedings. Vol. 47, part 1. 1902. 8^. 

Universität in Marburg: 
Schriften aus dem Jahre 1901/02 in 4^ u. 8«. 

Facultc des sciences in Marseille: 
Annales. Tom. XII. Paris 1902. 40. 

JTennehergischer altertums forschender Verein in Meiniyigen: 
Neue Beiträge zur Geschichte deutschen Altertums. Heft 16 und 17. 
1902. 8^ 

Boyal Society of Victoria in Melbourne: 
Proceedings. Vol. XV. (New Series.) Part 1. 1902. BP. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 41* 

Observatorio meteorolögico-magnUico central in Mexico: 
Boletin mensual. 1901. Agosto— Octobre. 4P, 

Observatorio astronömico nacional de Tacubaya in Mexico: 
Informes presentados a la Secretaria de fomento. 8 voll. 1902. 8^. 

Sociedad cientifica „Antonio Alzate^ in Mexico: 
Memoria« y revista. Tomo XVI, No. 4—6. 1902. 8®. 

University of Missouri: 
Studies. Vol. I, No. 2. Columbia 1902. 8« 
Internationales Tausch-Bureau der Bepublik Uruguay in Montevideo: 
Propiedad j tesoro de la Re'publica Oriental del Uruguay deade 187G 
ä 1881. 1886. 40. 

Academie de sciences et lettres in Montpellier: 
Me'moircB. Section des sciences. 2® S^rie. Tom. III, No. 1. 1901. 8®. 
Catalogue de la Bibliotbbque. 1901. 8®. 

Lazarev'sches Institut für Orientalische Sprachen in Moskau: 
Arbeiten zur Kunde des Ostens (in russ. Sprache). Bd. XI. 1902. 8®. 

Sociite Imperiale des Naturalistes in Moskau: 
Bulletin. Ann^e 1901, No. 3. 4. 1902. gr. 8«. 

Mathematische Gesellschaft in Moskau: 
Matematitscbeskij Sbornik. Bd. XXII, 2—4; Bd. XXIII, 1. 2. 1901 bis 
1902. 80. 

Lick Observatory in Mount Hamilton, California: 
Bulletin. No. 20-26. 1902. 4«. 

Statistisches Amt der Stadt München: 
Münchener Jahresübersichten für 1901. 1902. 4<>. 
Die Volk- und Wohnung-Zählung. Teil III. 1902. 40. 

Hydrotechnisches Bureau in München: 
Jahrbuch 1901. Teil II, Heft 4; 1902, Heft 1—3. 4«. 

Generaldirektion der k. b. Posten und Telegraphen in München: 
Preisverzeichnis der Zeitungen. I. Abt. und 7 Nachträge. 1902. fol. 

K. bayer. technische Hochschule in München: 
Personalstand. Winter- Semester 1902/03. 1902. 8^. 

Metropolitan- Kapitel München-Freising in München: 
Amtsblatt der Erzdiözese München und Freising. 1902, No. 17—30. 8®. 

Universität in München: 
Schriften aus dem Jahre 1902 in 4^ u. 8^. 
Amtliches Verzeichnis des Personals. Winter-Semester 1902/03. 1902. 8®. 

Aerztlicher Verein in München: 
Sitzungsberichte. Bd. XI, 1901. 1902. 8^. 

Bayer, Dampf kesselrevisions' Verein in München: 
Jahresbericht für das Jahr 1901. 1902. gr. 8^. 



^ä.> 



42* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 

Historischer Verein in München: 
Oberbayerisches Archiv. Bd. 51, Heft 2. 1902. S^, 
Altbayeriache Monatsschrift. Jahrg. III, Heft 6. 1902. 4<>. 

Verlag der Hochschtd-Nachrichten in München: 
Hochschul-Nachrichten. No. 142—144. 146. 147. 1902. 4P. 

Äcademie de Stanislas in Nancy: 
M^moires. Ann^e 151. 6« S^rie. Tom. 18. 1901. 8®. 
SocUte des sciences in Nancy: 
Bulletin. S^rie III, tom. 2, fasc. 3. 4; tom. 8, fasc. 1. 1901—1902. 8<>. 

Accademia delle scienze fisiche e matematiche in Neapel: 
Rendiconto. Serie III. Vol. VII, fasc. 6. 7. 1902. Q^. 

Historischer Verein in Neuburg a/D.: 
Neuburger Eollektaneen-BIatt. 64. Jahrg. 1902. 8^. 

Institute of Engineers in New-Castle (upon-TyneJ: 
Transactions. Vol. 51, part 3. 4; Vol. 62, part 1. 1902. 8<>. 
Annual Report for the jear 1901/02. 1902. S^. 

The American Journal of Science in New-Haven: 
Journal. IV. Ser. Vol. 14, No. 80-84. 1902. 8». 

American Oriental Society in New-Haven: 
Journal. Vol. XXII, 1. 1902. 8«. 

American Museum of Natural History in New -York: 
Bulletin. Vol. XVII, 1 und 2. 1902. 80 
Annual Report for the year 1901. 8®. 

American Geographical Society in New -York: 
Bulletin. Vol. 34, No. 3. 4. 1902. 8«. 

Nederlandsche botanische Vereeniging in Nijmegen: 
Prodromus Florae Batavae. Vol. I, pars 2. 1902. 8«. 
Nederlandsch kruidkundig Archief. III. Serie. Deel 2, stuk 3. 1902. 8«. 

Archaeological Institut of America in Norwood, Mass.: 
American Journal of Archaeology. II. Series. Vol. VI, 2 — 4 und Suppl. 
zu Vol. VI. 1902. 80. 

Naturhistorische Gesellschaft in Nürnberg: 
Abhandlungen. Bd. IV. 1902. S«. 
Jahresbericht für 1900. 1901. 8«. 

Verein für Geschichte und Landeskunde in Osnabrück: 
Mitteilungen. 26. Bd., 1901. 1902. 8^. 

Geological Survey of Canada in Ottawa: 
Catalogue of Canadian Plauts. Part VII. 1902. 8^. 
The Dominion of Canada Western Sheet No. 733. 1902. 

Royal Society of Canada in Ottawa: 
Proceedinga and Transactions. 11'^ Series. Vol. VIT. 1901. 8^. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 43* 

B. Äccademia dt seiende in Padua: 
Riviata periodica. No. 86-66 (1870-1884). 8^ 
Indice generale zu 1779—1899/1900. 1901. 8^. 
Elenco delle Poblicazioni periodiche dal 1779 al presente. 1902. 8^. 
Atti e Memorie. Anno 269 (1893—1894). Naova Serie. Vol. 10. 1894. 8°. 

Bedaction der Zeitschrift „Bivista di starica antica" in Padua: 
N. S. Anno VI, fasc. 3. 4. 1902. 80. 

Beäle Äccademia di scienze, lettere e belle arti in Palermo: 
Atti. Serie III. Vol. 6. Anno 1900—1901. 1902. 4«. 
Circolo matematico in Palermo: 
Rendiconti. Tomo XVI, 3-6. 1902. 8«. 

Collegio degli Ingegneri in Palermo: 
Atti 1902. (Genaaio- Luglio.) 1902. 4P, 

Äcadimie de midecine in Paris: 

Bapporii annuel de la commission de Thygidne pour l'annäe. 1900 et 

1901. 8®. 
RappoHi Bur les Taccinations pour Tannäe 1899 et 1900. Melun 1900 bis 

1901. 8^. 

Bulletin 1902. No. 27—43. S^. 

Äcadimie des sciences in Paris: 
Comptes renduB. Tom. 136, No. 1—26. 1902. 4^. 

jßcole polytechnique in Paris: 
Journal. 2« Sörie. Cahier 7. 1902. 4« 

Comiti international des poids et mesures in Paris: 
Trayanx et Mömoires. Tom. XII. 1902. 4». 
Procfes-verbaux des s^ances. II« Serie. Tom. 1. Session de 1901. 1902. 8®. 

Institut de France in Paris: 
Annuaire pour 1902. 8^. 

Comiti du Cinquantenaire scientifique de M. Berthelot ä Paris: 
Cinquantenaire scientific de M. Bertbelot. 24. Novembre 1901. 1902. AP. 

Moniteur Scientifique in Paris: 
Moniteur. Livr. 728-732. 1902. 4©. 

Musee Guimet in Paris: 
Annalea in 4« Tom. XXX, 1. 2. 1902. 40. 
Annales. Biblioth^ue d'ätudes. Tom. 10. 13. 1901. 8^. 
Revue de Thistoire des r^ligions. Tom. 43, No. 3; Tom. 44, No. 1 — 3; 
Tom. 46, No. 1. 3. 1901—1902. B». 

Musium d'histoire naturelle in Paris: 
Bulletin. Annde 1901, No. 4— 8; 1902, No. 1— 4. 1901-1902. 8°. 
Nouvelles Archives. IV« Särie. Tom. 2 und 3; Tom. 4, fasc. 1. 1900 bis 

1902. 49. 

Sociite d'anthropologie in Paris: 
Bulletins. 5« S^rie. Tom. 2, 1901, fasc. 2—6; 1902, fasc. 1. 2. 8^. 

4 



44* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschrißen, 

SociSti de giographie in Paris: 
La Geographie. Annde 1902, No. 7. Jaillet. 4^ 

SociiU mathimatique de France in Paris: 
Bulletin. Tom. 30, fasc. 2. 3. 1902. S«. 

Äcadimie Imperiale des sciences in St. Petersburg: 
Comptes rendus des sdances de la Commission Sismiqaae. Aniii^e 1902. 

Livr. 1. 1902. 4P. 
Catalogue de rAcad^mie Imp. des sciences I. 1902. 8^. 
Annuaire du Musde zoologique. 1902. Tom. VIT, No. l — 2. 8^. 
Iswestija. Tom. 13, No. 4. 6; Tom. 14, No. 1-5; Tom. 15, No. 1-5; 
Tom. 16, No. 1—3. 1900-1902. 4«. 

Comite geologique in St. Petersburg: 
Bulletins. Vol. XX, No. 7-10; Vol. XXI, No. 1—4. 1901-1902. 8^ 
Memoires. Vol. XV, 4; Vol. XVII, 1. 2; Vol. XVIII, 3; Vol. XIX, 1 et 
XX, 2. 1902. 40. 

Kaiserl. Botanischer Garten in St. Petersburg: 
Acta. Vol. XIX, fasc. 3. 1902. gr. 8«. 

Kaiserl. mineralogische Gesellschaft in St. Petersburg: 
Verhandlungen. II. Serie. Bd. 39, Liefg. 2. 1902. 8^. 

Physika!. -chemische Gesellschaft an der kais. Universität St. Petersburg: 
Schurnal. Tom. XXXIV, Heft 5-8. 1902. 8^ 

Physikalisches Zentral-Observatorium in St, Petersburg: 
Annalen 1900. Teil I. II. 1902. 4». 

Historisch-philologische Falkultät der kaiserlichen Universität 
St. Petersburg: 
Sapiski. Bd. L, No. 3; Bd. LIV, No. 2. 3; Bd. LXIV; Bd. LXV, No. 1-3; 
Bd. LXVl. 1902. 40. 

Academy of natural Sciences in Philadelphia: 
Proeeedings. Vol. 53, part 3; Vol. 54, part 1. 1902. 8« 

Histoncal Society of Pennsylvayiia tn Philadelphia: 
The Pennsylvania Magazine of History. Vol. 26, No. 103. 1902. 8°. 

Alumni Association of the College of Pharmacy in Philadelphia: 
Alumni Report. Vol. 38, No. 7—12. 1902. S». 

American PhilosophicaL Society in Philadelphia: 
Proeeedings. Vol. 41, No. 168. 169. 1902. S^. 

1\. ScHola normale superiore di Pisa: 
Annali. Filosona e filologia. Vol. XV. 1902. S«. 

Socictn Toscana di scienze naturali in Pisa: 
Atti. Memorie. Vol. XVIII. 1902. 40. 

Socicta Jfahaua di fisica in Pisa: 
II nnovo Cimento. Serio V. Tom. 3 (Juni); Tom. 4 (Juli— Nov.). 1902. 8«. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschrißen, 45* 

Ältertumsverein in Plauen: 
Mitteilungen. 16. Jahresschrift für 1901—1902. 1902. 8^. 
Das Amt Plauen von C. v. Raab. 1902. 8®. 

Maharaja Takhtasingji Observatory in Poona: 
Poblications. Vol. I. Bombay 1902. 4«. 

Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur 

in Prag: 

Czapek, Untersuchungen Über die Stickstoffgewinnung der Pflanzen. 

Braunschweig 1902. 8^. 
Czapek, Zur Kenntnis der Stickstoffversorgung bei Aspergillus niger. 

Berlin 1902. 8». 
Bibliothek deutscher Schriftsteller aus Böhmen. Bd. 13. 1902. 8^. 

Museum des Königreichs Böhmen in Prag: 
Bericht för das Jahr 1901. 1902. 80. 
Öasopis. Bd. 76 (1902), Heft 2-4. 8». 

Societe des amis des antiquites bohemes in Prag: 
Jan Herain et J. Matiegka, Tycho Brahe. 1902. 8®. 

Verein für Geschichte der Deutschen in Böhmen in Prag: 
Mitteilungen. Bd. 40, Heft 1—4 und Festschrift zum 40jährigen Bestände. 
1902. 80. 

Verein für Natur- und Heilkunde in Pressburg: 
Verhandlungen. Bd XXXII. Jahrg. 1901. 1902. 8«. 
Naturforscher- Verein in Biga: 
Korrespondenzblatt. No. XLV. 1902. S^. 

Museu nacional in Bio de Janeiro: 
Archivos. Vol. X. XI. 1899—1901. 4«. 

Bibliotheca nacional in Bio de Janeiro: 
Magalhäes, A Confedera9uo dos Tamoyos. Poema 1856. 4^. 
Relatorio apresentado pelo Director da Bibliotheca Nacional em 1901. 

1901. 40. 

Observatorio in Bio de Janeiro: 

Annuario 1902, Anno XVII. 8«. 

Boletim mensal. Julho-Dez. 1901; Janeiro— Junho 1902. 1902. 4®. 

Beaie Accademia dei Lincei in Born: 
Atti. Serie V. Classe di scienze morali. Vol. X, parte 2, fasc. 4—9. Notizie 

degli scavi. 1902. 4^. 
Rendiconti. Classe di scienze morali. Serie V, Vol. XI, fasc. 5 — 10. 

1902. 80. 

Atti. Serie V, Rendiconti. Classe di scienze fisiche. Vol. 40, 1^ semestre, 

fasc. 12; 2® semestre, fasc. 1—11. 1902. 40. 
Rendiconto deir adunauza solenne del 1. Giugno 1902. Vol. II. 1902. 4^. 

Accademia Pontificia de' Nuovi Lincei in Born: 
Atti. Anno 55. 1901—1902. Sessione 1— VII. 1902. 4«. 



46* Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 

B. Comitato geologico d'Italia in Born: 
ßollettino. Vol. 33, No. 1—8. 1902. 8». 

Kaiserl, deutsches archäologisches Institut (röm, Abt) in Born: 
Mitteilungen. Bd. XVII, Heft 1. 2 und Register zu Bd. I— X. 1902. 8°. 

Ufficio centrale meteorologico itäliano in Born: 
Annali. Seriell. Vol. XIII, 1; Vol. XVIH, 1. 1901—1902. 40. 

K, itcUienische Begierung in Born: 
Le Opere di Galilei. Vol. XII. Firenze 1902. 4®. 

B, Societä Bomana di storia patria in Born: 
Archivio. Vol. XXV, fasc 1. 2. 1902. 8». 

Universität Bostock: 
Schriften aus dem Jahre 1901/02 in 4^ u. 8®. 

Äcademie des sciences in Bouen: 
Trdcis des travaux. Annöe 1900-1901. 1902. 8^. 

B. Accademia di scienze degli Agiati in Bovereto: 

Atti. Serie III. Vol. 8, fasc. 2. 1902. 8^. 

£cole frangaise d' Extreme-Orient in Saigon: 

Bulletin. Tom. IV, No. 2. 3. Hanoi 1902. gr. Q^. 

Gesellschaft für Salzburger Landeskunde in Salzburg: 

Mitteilungen. 42. Vereinsjahr. 1902. 8«. 

Historischer Verein in St. Oallen: 

Mitteilungen zur vaterländischen Geschichte. Bd. XXVIII. 3. Folge. 

1902. 8®. 
Neujahrsblatt 1902. 4». 

Missouri Botanical Garden in St, Louis: 
13th annual report. 1902. 8^ 

Institute y Observatorio de marina de San Fernando (Cadiz): 

Almanaque nautico para el ano 1904. 1902. 4®. 

Californio Academy of Sciences in San Francisco: 

Occasional Papera. Vol. VIII. 1901. 8^. 

Proceedings. Zoology, Vol. II, No. 9—11; Vol. III, No. 1—4; Botany, 
Vol. II, No. 3—9. 1902. 8«. 

Verein für mecklefthurgische Geschichte in Schwerin: 

Jahrbücher und Jahresberichte. 67. Jahrg. 1902. 8®. 

K. K. archäologisches Museum in Spalato: 

Bullettino di Archeologia. Anno XXV, 1902, No. 6— 11. ^. 

K. Vitterhets Historie och Äntiquitets Alademie in Stockholm: 

Mc\nad8blad. 26. Jahrg. 1897. 1902. 09. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 47* 

K. Akademie der Wissenschaften in Stockholm: 
kc. Benelins-Själfbiografiska Anteckningar. 1902. 8®. 
innefesten öfver Berzelius. 1901. 8^. 
. C. Dunör, Tal . . Tycho ßrahe. 1901. S». 
eteorologiska Jakttagelser i Sverige. 1897, Bd. 89. 1902. 49. 
Fversigt. Vol. 58 (1901). 1901—1902. 8». 
andlingar. N. F. Bd. 85. 1901—1902. 8». 
hang til Handlingar. Vol. 27. 1901—1902. 8». 

Geologiska Förening in Stockholm: 

Srhandlingar. Bd. 24, Heft 5—6. 1902. 8». 

Institut Boyäl geölogique in Stockholm: 

reriges geologiska nndersOckning. Sär. Aa, No. 115. 117; Ser. Ac, No. 1 
bis 4. 6; S^r. Ba, No. 6; Sär. Bb, No. 9; Ser. C, No. 172. 180. 183 
bis 192; Sär. Ca, No. 1. 2. 1902. 8«. 

Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Strasshurg: 
onatsbericbt. Tom. 86, 1902, No. 6—9. 8^. 

Kaiserl. Universität in Strasshurg: 
^hriften ans dem Jahre 1901/02 in 4^ u. 8^. 

JT. toürttemberg, Kommission für die internationale Erdmessuug 
in Stuttgart: 
elative Schweremessungen II. von K. R. Eoch. 1902. 8^. 

Württemhergische Kommission für Landesgeschichte in Stuttgart: 

ierteljahreshefte für Landesgeschichte. N. F. XI. Jahrg., 1902, Heft 1 
bis 4. 8<>. 

K, württemh, statistisches Landesamt in Stuttgart: 

Türttembergische Jahrbücher für Statistik und Landeskunde. 1902. 4^. 
tatistisches Handbuch für das Königreich Württemberg. 1902. 8^. 

West Hendon House Ohservatory in Sunderland: 
ablications No. IL 1902. 4^. 

Department of Mines and Agriculture of New-South- Wales in Sydney: 
nnnal Report for the year 1901. 1902. fol. 

andbook to the Mining and Geological Museum, by George W. Card. 
1902. 80. 

Geological Survey of New-South- Wales in Sydney: 
ecords. Vol. VII, 2. 1902. 49. 

Boyal Society of New-South- Wales in Sydney: 

)umal and Proceedings. Vol. 85. 1901. 8®. 

Linnean Society of New-South- Wales in Sydney: 

he Proceedings. Vol. XXV, 1—4; Vol. XXVI, 1—4; Vol. XXVII, 1. 1900 
bis 1902. 80. 

Earthqudke Investigation Committee in Tokyo: 
ablications Nq. 8. 9. 1902. 4^, 



48* Verzeichnis der eingelaufenen Dmckschriften, 

Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens in Tokyo: 
Geschichte des Christentums in Japan von Hans Haas. Teil 1. 1992. 8®. 
Mitteilungen. Bd. IX, Teil 1. 1902. 80 
Festschrift zur Erinnerung an das 25jährige Stiftungsfest. 1902. 8^. 

Kaiserl. Universität Tokyo (Japan): 

The Journal of the College of Science. Vol. XVF, 2—14; Vol. XVII, 8 

und No. 7— 10; Vol. XVII, part II. 1902. 4<>. 
The Bulletin of the College of Agriculture. Vol. 5, No. 1. 2. 4. 1902. 40. 

üniversity of Toronto: 
Studies. Biological, Series No. 2. 1901. 4®. 
Review of Historical Publications rel. to Canada. Vol. VI. 1901. 4®. 

üniversite in Toulouse: 
Annales du Midi. XI V® Ann^e, No. 51—54. 1902. 4^. 
Annales de la faculte des sciences. II® S^rie. Tom. 3; Tom. 4, fasc. 1. 2. 

Paris 1901—1902. 4». 
Bibliotheque m^ridionale. 2® Sörie. Tom. 7. 

Biblioteca e Museo coniunale in Trient: 
Archivio Trentino. Anno XVII, fasc. und Indice zu I— XVI. 1902. 8^ 

Kaiser Franz Josef-Museum in Troppau: 
Jahresbericht 1901. 1902. 8^. 

Universität Tübingen: 
Wilh. Schmid, Verzeichnis der griech. Handschriften der üniveraitäts- 

bibliothek Tübingen. 1902. 49, 
Christian Seybold, die Drusenschrift Kitkb alnoqat. Kirchheim 1902. 4'. 

Tufts College Library in Tufts Coli. Mass,: 
Studies. No. 7. 1902. S». 

B. Äccademia delle scienze in Turin: 
Atti. Tom. 37, disp. 11—15. 1902. S» 

K. Universität in Upsala: 
Bidrag tili Sveriges Medeltidshistoria, tillegnade. C. G. Malmström. 

1902. 80. 
Eranos. Acta philologica suecanea. Vol. 4, fasc. 2—4. 1902. 8®. 
Urkunder och Töfattningar angaende Donationer vid Upsala K. UniFeraitet. 

1902. 8». 
Schriften aus dem Jahre 1901/02 in 4^ u. 8^. 

Provincial Utrechtsch Genootschap in Utrecht: 
Aanteekeningen 1902. 8^. 
Verslag 1902. S». 

Physiologisch Laboratorium der Hoogeschool in Utrecht: 
Onderzoekingen. V. Reeks. IV, 1. 1902. 8^. 

Ätcneo Veneto in Venedig: 
L'Ateneo Veneto. Anno XXI, Vol. 1, fasc. 3; Vol. 2, fasc. 1—3; Anno XXII, 
"'ol. 1, fasc. 1-3; Vol. 2, fasc. 1-3. 1898—1899. 8«. 



Verzeichnia der eingelaufenen Druckschriften, 49* 

JR, latituto Veneto di scienze in Venedig: 
Atti. Tom. 56, disp. 8—10; Tom. 58, disp. 1—5; Tom. 69, diep. 1. 2 und 

Suppl. al Tom. 57. 1897-- 1898. 8». 
Memorie. Vol. XXVI, No. 3—5. 1899. 4» 

Accademia di Scienze in Verona: 
Atti e Memorie. Serie IV. Vol. II. 1901-- 1902. gr. 80. 

Mathematisch-physikalische Gesellschaft in Warschau: 
Prace Matematyczno-fizycne. Tom. 13. 1902. 8^ 

National Academy of Sciences in Washington: 
Memoirs. Vol. VIII, 6*1» Memoir. 1902. 4^ 

Bureau of Ämerica/n Ethnology in Washington: 
Bulletin. No. 26. 1902. 4«. 

ü, S, Departement of Ägriculture in Washington: 
North American Fauna. No. 22. 1902. 8®. 
Yearbook 1901. 1902. 8«. 

Smithsoman Institution in Washington: 
Annual Report of the ü. S. National Museum. 1899—1900. 1902. 8". 
SmithsonianMiscellaneousCollections. No. 1174. 1259. 1312— 1314. 1902. 8<^. 

ü. S, Naval Observatory in Washington: 
Publications. Vol. II. 1902. 4«. 

Ü.S.Coast and Geodetic Survey in Washington: 
Report 1899/1900. 1901. 4°. 
Annual Report for 1901. 1902. 4^. 
The Eastern oblique Are of the United State«^. 1902. 4^. 

United States Geölogical Survey in Washington: 
Bulletins. No. 177—190; No. 192—194. 1901—1902. 8». 
21«> Annual Report 1899—1900. Part 5 und 7. 1900. 4«. 
The Geology and Mineral Resources of the Copper River District, Alaska. 

1901. 40. 
Reconnaissances in the Cape Nome and Nordon Bay Regions, Alaska, 

in 1900. 1901. 4«. 
Mineral Resources of the United States 1900. 1901. 8^. 

K. Akademie für Landwirtschaft und Brauerei in Weihenstephayi: 

Bericht für das Jahr 1901/02. Freising 1902. 8^. 

Savigny-Stiftung in Weimar: 

Zeitschrift für Rechtsgeschichte. 23. Bd. der romanistischen und der 
germanistischen Abteilung. Weimar 1902. 8^. 

Kaiserh Akademie der Wissenschaften in Wien: 
Sndarabische Expedition. Bd. III. IV. 1901. 4^. 
Sitzungsberichte. Mathem.-naturwissensch. Classe. 
Abt. I, Bd. 110, Heft 5— 7. 

, IIa, , 110, , 8-10. 

, IIb, , HO, , 8. 9. 

, III, .110, , 1-10. 1901. 80. 
Denkschriften. Philos.-hist. Classe. Bd. 47. 

Denkschriften. Mathem.-naturwissensch. Classe. Bd. 70. 1902. 4^. 
Archiv fTir österreichische Geschichte. Bd. 91, 1. Hälfte. 1902. 8^. 



50* Verzeichnis der eingelaufenen Dmeksehriflen. 

K, K, geologische Reichsanstalt in Wien: 
Verhandlungen 1902. No. 7—10. 4^ 
Abhandlungen. Bd. VI, Abt. 1, Suppl.-Heft. 1902. fol. 
Mitteilungen der Erdbebenkommission. N. F. No. 7. 8. 1902. 8^. 

K. K. Zentralanstalt für Meteorologie in Wien: 
Jahrbücher. Bd. 47. Jahrg. 1902. (N. F. Bd. 89.) 1902. 40 

K, K. Gesellschaft der Aerete in Wien: 
Wiener klinische Wochenschrift. 1902, No. 29—62. 4^. 

Zoologisch-botanische Gesellschaft in Wien: 
Verhandlungen. Bd. 62, Heft 6—10. 1902. 8«. 
Abhandlungen. Bd. II, Heft 1. 1902. 4®. 

K. K. Oesterr, archäologisches Institut in Wien: 
Sonderschriften. Bd. IIJ. Eleinasiatische Münzen von F. Imhoof-Blamer. 
1902. 40. 

K. K. müitär-geographisches Institut in Wien: 
Astronomisch-geodatische Arbeiten. Bd. XVIII. Wien 1902. 4**. 

K, K, naturhistorisches Hofmuseum in Wien: 
Annalen. Bd. XVII, 1. 2. 1902. gr. 8^. 

K, K, Universität in Wien: 
Schriften aus dem Jahre 1901/02. 

K, K. Sternwarte in Wien: 
Annalen. Bd. XIV. XVII. 1900-1902. 4». 

Nassauischer Verein für Naturkunde in Wiesbaden: 
Jahrbücher. Jahrg. 55. 1902. 8». 

Physikalisch-medizinische Gesellschaft in Würzburg: 

Verhandlungen. N. F. Bd. XXXV, No. 2. 3. 1902. ^. 
Sitzungsberichte. Jahrg. 1901, No. 5-7; 1902, No. 1. 2. 1901—1902. 8*. 

Schweizerische meteorologische Zentralanstalt in Zürich: 
Annalen 35. Jahrg. 1900. 4^ 

Naturforschende Gesellschaft in Zürich: 
Vierteljahrsschrift. 47. Jahrg., Heft 1. 2. 1902. 8<». 

Schweizerische geologische Kommission in Zürich: 
Materiaux pour la carte g^ologique de la Suisse. N. S^r. Livr. XIII. Bernd 
1902. 4". 

Schweizerisches Landesmuseum in Zürich: 
Anzeiger für Schweizerische Altertumskunde. N. F. Bd. IV, No. !• 

1902. gr. 8«. 
J.R.Rahn, Zur Statistik Schweiz. Kunstdenkmäler. Bogen XV. 1902. gr-Ö**. 
10. Jahresbericht 1901. 1902. 8» 

Sternwarte des eidgenössischeyi Polytechnikums in Zürich: 
Publikationen. Bd. III. 1902. 4». 

Universität ifi Zürich: 
•iften aus dem Jahre 1901/02 in 4^ u. 8^. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, bV 



Von folgenden Privatpersonen: 

Henrik Afzelius in Stockholm: 
rik Benzelius II. Stockholm 1902. 8^. 

Buchhandlung Joh, Ämbrosius Barth in Leipzig: 
eiblätter"zu den Annalen der Phyaik. 1902, No. 8 — 12. Leipzig 1902. 8^, 
mrnal für praktische Chemie. N. F. Bd. 65, Heft 11; Bd. 66, Heft 1-10. 
Leipzig 1902. 8^. 

Franz Bayherger in München: 
eographische Studien über das nordwestpfalzische LauterthaL Dürk- 
heim 1902. S«. 

Verlagsbuchhandlung Gustav Fischer in Jena: 
aturwisaenscliaftliche Wochenschrift. 1902, Bd. 17, No. 41—52; Bd. 18, 
No. 1— 13. Jena. 4». 

W. Oallenkamp in München: 

ine neue Bestimmung von Eapillaritätskonstanten mit Adhäsionsplatten 
Leipzig 1902. 80. 

P. J, M, van Güs in Herzogenroth fEheinprovinz) : 
uaestiones Euhemereae. Amsterdam 1902. 8^. 

M*^ Godin in Guise (Aisne): 
3 Devoir. Tom. 26 (Juli— Dec). 1902. 8°. 

Ernst Haeckel in Jena: 
unstformen der Nator. Liefg. VII. Leipzig 1902. fol. 

Adolf Harnack in Berlin: 
ie Mission nnd Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahr- 
hunderten. Leipzig 1902. 8^. 

G. N, Hatzidakis in Athen: 
xadtjfieixa avayvwaiJiaxa, Tom. 1. 1902. 8^. 

Lachiche Hugues in Fort-Louis, Maurice: 
n seul Champignon sur le globel (sur les maladies des plantes). Port 
Louis. 1902. 80. 

Charles Janet in Paris: 
otes sur les fourmis et les guepes. Extraits des Comptes rendus des 
S^ances de TAcad^mie des Sciences. Paris 1894—1900. 4P. 

0, Kienitz und K. Wagner in Karlsruhe: 
iteratur der Landes- und Volkskunde des Grossherzogtums Baden. 
Karlsruhe 1901. 8^. 

A, Kölliker in Würzburg: 
eher die oberflächlichen Nervenkerne im Marke der Vögel und Rep- 
tilien. Leipzig 1902. 8<>. 



52* Verzeichnia der eingelaufenen Druekschriften, 

Karl Krumhacher in München: 

ByzanÜDische Zeitschrift. Bd. XI, Heft 8. 4. Leipzig 1902. 8^. 
Byzantinisches Archiv. Heft 3. 1903. 8^. 

Langenscheidi'aehe VerleigshueiMiandlung in Berlin: 

Brieflicher Sprach- und Sprechunterricht für das Selbststudium der 
Russischen Sprache. Liefg. 1—28. Berlin. S^. 

0, Loeto in Tokyo: 

4 Separatabdrücke (zur Landwirtschaftskunde). 1902. 4®. 

Paul Maas in München: 

Studien zum poetischen Plural bei den Römern. Leipzig 1902. 8^. 

Arthur Macdonald in Washington: 

A Plan for the Study of Man. 1902. 8». 

Gabriel Monod in Versaiües: 

Revue historique. Annäe XXVH, Tom. 80, 1902, 1., Sept.— Oct; IL, No?. 
— Däc. Paris. 8». 

Ghistav Niederlein in Philadelphia: 

Resources väg^tales des Colonies Fran9ai8e8. Paris 1902. fol, 

Eugen Oberhummer in München: 

Konstantinopel unter Suleiman dem Grossen. München 1902. fol. 
Die Insel Cypem. München 1903. 8^. 

Friedr, Attg. Otto in Düsseldorf: 
Ein Problem der Rechenkunst. Düsseldorf 1902. 8®. 

Carlo Pascal in Catania: 
1. De Metamorphoseon locis quisbusdam. 2. Osservazioni sul primo libro 
di Lucrezio Puntata I. 8. Di una fönte greca del Somnium Scipionis 
di Cicerone. 1902. 8^. 

Verlagsbuchhandlung Dietrich Beimer in Berlin: 

Zeitschrift für afrikanische, ozeanische und ostasiatische Sprachen. Jahr- 
gang VI, Heft 2. 3. Berlin 1902. 8». 

Gustav Betifius in Stockholm: 
Anthropologia Suecica. Stockholm 1902. fol. 

Saint'Lager in Lyon: 

Histoire de TAbrotonum. Paris 1900. 8^. 

La Perfidie des Synonymes ddvoilde ä. propos d'un Astragale. Lyon 1901. 8*^. 

Lucian Scherman in München: 
Orientalische Bibliographie. Jahrg. XV, Heft 1—3. Berlin 1902. 8®. 

Verlag der vereinigten Druckereien u. Kunstanstalten, vorm. Schön dt Maison 

in München: 

Monatsberichte über Kunstwissenschaft und Kunsthandel. Jahrg. % Heft 4 
bis 12. 40 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften, 53* 

Bichard Schröder in Heidelberg: 

Lehrbach der deutschen Rechtsgeschichte. 4. verbesserte Auflage. Leipzig 
1902. 8«. 

Franz Eühard Schulze in Berlin: 
An Account of the ludian Triazonia. Galcutta 1902. 4^. 

Verlag von Seitz dt Schauer in München: 
Deutsche Praxis. 1902, No. 14—24. München. &>, 

B. G. Teubner in Leipzig: 

Encjklopädie der mathematischen Wissenschaften. Bd. III, Heft I; Bd. IV, 1 , 

Heft 2; Bd. I, Heft 7. Leipzig 1902. 8». 
Archiv der Mathematik und Physik. III. Reihe, 3. Bd., Heft 3. 4; Bd. 4, 

Heft 1. 2. Leipzig 1902. gr. ^, 
Thesaurus linguae latinae. Vol. I, fasc. 6 und Vol. II, fasc. 4. Lipsiae 

1902. 4«. 

E, V. WÖlfflin in München: 
Archiv für lateinische Lexikographie. Bd. XIII, 1. Leipzig 1902. 8^. 

A. Wolfer in Zürich: 
Revision of Wolts Sun-Spot relative numbers (Sep.-Abdr.). 1902. 4^. 







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